/ Language: Deutsch / Genre:antique

Der Ungeliebte Mann

Hans Fallada


Der Ungeliebte Mann

Hans Fallada

1940

Inhaltsverzeichnis

I  Die jungen Mädchen

1 Das Haus schläft, und ein Mann geht vorbei

2 Er schweigt, und sie reden

3 Das Mädchen kommt, der Mann geht

4 Es wird geschwiegen—vom Zorn und von der Liebe

5 Der Chef singt, und Ilse entschließt sich

6 Herr Siebenhaar hat eine Freundin

7 Fern tönt Vaters Okarina

8 Küß mich nicht wie ein Fisch!

9 Ein Blinder sucht Augen

10 Zwei graue Augen werden entdeckt

11 Fritz erklärt sich, und Ilse küßt

12 Eine Mutter meint Nein, sagt Ja

13 Hier wird Skat gespielt!

14 Wir werden noch glücklich—!

II  Die Verlobten

15 Zwei Freundinnen sehen sich wieder

16 Faß den Lumpen, Bella—!

17 Dies muß ein Ende haben

18 Der Bräutigam singt wieder

19 Ich geh ihr nicht entgegen

20 Senden findet einen Leidensgefährten im Wasser

III  Die jungen Frauen

21 Dir ist wohl anders—?

22 Ich kann ihn nicht bezahlen!

23 Ilse erklärt den Krieg

24 Ein Bundesgenosse wird geworben

25 Er kann sich selbst nicht helfen!

26 Was sind Sie doch für ein Schuft!

27 Traute macht Schwierigkeiten

28 So kann man doch nicht leben

29 Zum Wachen bereit…

30 Ich habe Sie erwartet, Frau Bleesern!

31 Deine Mutter hat Krebs…

32 Alle Männer rühmen Ihre Frau—!

33 Fritz drängt sich vor

34 Wäre ich bloß nicht so dumm!

35 Wie meinst du das mit Herrn Siebenhaar?

36 Ich will nie wieder zu ihm

37 Ein blinder Mann sucht vergebens

38 Erich wird zum Retter…

39 Die leise Stimme ist hartnäckig

40 Beinahe brach das Eis—!

41 Hättest du ihn doch betrogen—!

42 Herr Siebenhaar droht und fleht

43 Ilse verspricht

44 —Und Fritz will nicht halten

45 Senden holt sich Rat

46 Fritz darf nicht gehen—!

47 Umsonst wird Sekt getrunken

48 Ein Wort zuviel gesagt

49 Ein Pastor wird aus dem Schlaf geläutet

50 Zwei finden sich endlich

51 Es geht um Geld

52 Ein Wagen fällt

53 Was Liebe ist…

IV   Die Verdammten und die Seligen

54 Das Haus schläft—und verfault

55 Es hat sich alles verändert

56 Wenn du damals…

Teil I

Die jungen Mädchen

Kapitel 1

Das Haus schläft, und ein Mann geht vorbei

Die glühende Sommersonne hatte das Dunkelblau des Himmels zu einem weißlichblauen Flimmern erhitzt. Regungslos, als atme es kaum noch, lag das Land. In den Kiefernwäldern am Horizont war die Luft voll vom Geruch des Kiens, der welkenden Nadeln, einem dumpfen, fauligen Brodem aus den Moorlöchern. Kleine Eidechsen lagen, ohne sich zu rühren, auf den flachen Steinen.

In den Feldern war kein Mensch, kein Luftzug bewegte das reifende Korn. Im Staub der Dorfstraße war noch die Spur des Bäckerwagens sichtbar, der um elf durchgefahren war—seitdem war alles still geblieben. Auf den Koppeln hinter den Häusern stand das Vieh regungslos, mit gesenktem Kopf. Die Flanken bewegten sich kaum, nur der Schwanz schlug träge nach den Fliegen, deren kriegerisches Summen die Sprache der Hitze selbst zu sein schien.

Ein wenig abseits vom Dorf, am Ufer des Sees, der in der Sonne wie mit tausend Spiegelscherben glitzert, liegt breit hingestreckt das gelbliche Landhaus—ohne sichtbares Leben. Die Feuerbohnen und Wicken, die seinen Zaun beranken, sind staubig und schlaff. Schlaff und staubig läßt der Flieder seine Blätter hängen, wie die Nußsträucher, wie alles Gewächs. Ein paar Fenster im Hause stehen offen, aber kein Laut ist zu hören.

Die Airedale-Hündin Bella hat sich unter der Spalierkirsche am Kücheneingang ein Loch gescharrt und liegt nun schläfrig in der kühleren Erde. Sie weiß, dieses Scharren an den Wurzeln der Bäume ist ihr verboten, aber die sengende Hitze hat ihren Willen zum Gehorsam gelähmt—wie sie alles Leben gelähmt hat.

In einem verdunkelten Zimmer im Erdgeschoß sitzt der Herr des Hauses an einem Tisch. Die jungen Mädchen haben ihm eine Schüssel mit Kirschen hingestellt—ab und an tastet er mit vorsichtigen Fingern nach den Kirschen. Er findet einen Zwilling, einen Augenblick zögert er, dann hängt er sich die Doppelkirsche fast trotzig übers Ohr. Er hat sich daran erinnert, daß er so tat, als er noch ein Kind war.

Er fühlt das glatte, kühlende Fruchtfleisch sanft an der Wange. So sitzt er da, im Halbdunkeln, mit eisengrauen Schläfen, und genießt eine eingebildete Liebkosung. Mehr gibt es nicht für diesen allein sitzenden Mann: er ist blind.

Seine Sekretärin, die Ilse Voß, von ihren Freunden meist ‘Itta‚ genannt, liegt oben, in der Stube über der Küche, auf ihrem Bett und schläft. Sie war todmüde, als sie nach dem Essen hinaufging: in den letzten Nächten war sie immer unterwegs, und am Tage war der Chef ungewöhnlich gereizt und anspruchsvoll und ließ ihr keine Ruhe. So hat sie sich aufs Bett geworfen, sobald sie von unten kam, und ist sofort in Schlaf versunken.

Aber der Schlaf, so tief er ist, scheint ihr keine Erleichterung zu bringen, die tiefe Falte über der Nasenwurzel hat sich nicht geglättet. Sie wirft sich unruhig mal auf die, nun auf die andere Seite. Einmal spricht sie auch etwas im Traum, erst sagt sie unwillig: ≫Ach, laß mich—nein, ich will nicht!≪— Dann: ≫Quäl mich doch nicht immer—sei lieb, du!≪

Ihre Freundinnen aber, eine Zimmertür weiter, schlafen nicht, obwohl auch sie auf den Betten liegen.

Lola Bergfeld, die Älteste von den drei Mädchen im Haus, aber noch nicht sehr alt, sondern erst einundzwanzig, hat ein Buch in den Händen und versucht, darin zu lesen. Es ist ein Buch, das ihr in keiner Weise gefällt, aber sie will es trotzdem lesen, denn der Chef hat es ihr als besonders gut empfohlen, und Lola hat einen Bildungstick.

So läßt ihr die Lektüre immer noch Zeit, häufig einen verstohlenen Blick auf Traute Kaiser zu werfen, die völlig angezogen still auf dem Rücken daliegt und mit offenen Augen zur Decke emporsieht. Traute ist die Jüngste der drei, kaum siebzehn, und die erlernt erst den ‘Haushalt‚, dem Lola vorsteht. Das gibt Lola ein großes Übergewicht, und ein paarmal liegt es ihr auf der Zunge, die Kleine zu fragen: ≫Was träumst du? Oder besser noch: Von wem träumst du?≪

Aber jedesmal besinnt sie sich noch und kehrt zu ihrem öden Buch zurück, in dem auf keiner Seite ein Wort von Liebe steht und mondänem Leben und prima Tanzmusik und schicken Kleidern. Übrigens heißt das Buch ‘Uli der Knecht‚ und ist von einem Manne namens Jeremias Gotthelf in einem unglaublichen Deutsch geschrieben. Wüßte Lola Bergfeld, daß dieser Mann den Beruf eines Pfarrers hatte, wäre ihr sofort klar, warum ihr die Art Liebe, die sie schätzt, von diesem Manne vorenthalten wird—aber so liest sie erst noch einmal weiter und hofft. Man weiß es ja nie bei den Männern, wie es weitergehen wird.

Plötzlich schlägt die Bella drunten auf dem Hof einmal kurz an. Lola läßt das Buch fallen und stürzt ans Fenster.

≫Du! Es geht einer vorbei, Traute!≪ ruft sie. Und sagt enttäuscht: ≫Ich habe nicht mal sehen können, wer es war…≪ ≫Jammervoll≪, antwortet Traute. ≫Wenn’s nun der alte August Schulz gewesen wäre, und du hättest ihn noch gesehen—das hätte dich viel glücklicher gemacht, wie?≪

≫Aber es hätte auch mein Leutnant sein können—! Da, horch mal, er pfeift! Wahrhaftig, der meint uns! Eine von euch—mein Leutnant kann es nicht sein, der pfeift immer aus der Walküre! Hör mal…≪

Und sie spitzt die Lippen.

≫Ach, laß mich bei dieser Hitze bloß zufrieden mit deinem Leutnant, sagt Traute Kaiser unwillig, steht aber von ihrem Bett auf. Erst mal ist er gar nicht Leutnant, sondern Unteroffizier—und dann geh’ ich jetzt noch mal ins Wasser. Ein bißchen kühler als hier ist’s im See doch! Kommst du mit—?≪

≫Du bist ja verdreht mit deiner Baderei! Viermal bist du heute schon im Wasser gewesen, und immer ohne Badekappe. Dein Haar ist bloß noch Zotteln. Und woher willst du übrigens wissen, daß mein Leutnant kein Leutnant ist—!? Du hast ihn ja bloß in Zivil gesehen! Mein Leutnant ist—≪ Aber Traute ist schon gegangen. Einen Augenblick hat sie hastig atmend auf dem dämmrigen Vorplatz gestanden, noch einmal unentschlossen über das, was sie eben doch fest beschlossen hatte.

Dann aber ist sie leise und rasch die Treppe hinuntergestiegen, vorsichtig bei jeder Stufe die Stelle benutzend, die, wie sie aus Erfahrung weiß, am wenigsten knarrt. Dabei überlegt sie, ob Lola wohl geglaubt hat, daß sie jetzt noch einmal zum Baden geht—? Ihr fällt Lügen ziemlich schwer, weil sie weiß, sie wird gleich rot dabei. Aber diesmal scheint es ihr doch gelungen zu sein.

≫Und wenn nicht, ist es auch noch so!≪ denkt sie trotzig. ≫Die haben mir alle gar nichts zu sagen—!≪

Leise öffnet sie jetzt die Tür von der Küche zum Hof. Bella sieht ihr erwartungsvoll entgegen und klopft freudig mit dem Schwanz auf die Erde. Traute aber flüstert leise: ≫Nein, Bella, nein! Diesmal nicht! Bleib schön hier—!≪

Wollte sie jetzt wirklich baden, müßte sie nach rechts durch den Garten zum See gehen. Aber nach einem raschen, prüfenden Blick auf die offen stehenden Fenster im Oberstock geht sie nach links. Sie öffnet das Hoftor, tritt auf den Weg und zieht die Tür leise wieder hinter sich zu.

Noch einmal wirft sie einen Blick zurück auf die Fenster, aber dann wendet sie sich ab und geht entschlossen den schmalen Feldweg hinauf, der Spur des Pfeifers folgend, der nicht aus der Walküre pfiff.—

Kapitel 2

Er schweigt, und sie reden

Einem Blinden entgeht nichts: der Mann in der verdunkelten Stube hat das Anschlagen des Hundes gehört, wie das Flöten; der vorsichtige Schritt auf der Treppe entging ihm nicht, und eben hörte er die Hoftür mit einem leichten Aufseufzen der Feder ins Schloß fallen. Er ist plötzlich des Spiels mit den Kirschen überdrüssig geworden, er ist auf gestanden und geht ruhelos in dem Zimmer auf und ab.

≫Ach ja! seufzt er, und: Freilich, das mußte einmal kommen!≪

Plötzlich fällt ihm ein, wie sehr er an diesem Vormittag seiner Sekretärin Ilse Voß zugesetzt hat: er wollte durchaus von ihr erfahren, welche Art Blau ein Kleiderstoff hatte, den sich Traute Kaiser gekauft hatte. Das sind seine Sorgen und Interessen, seit er blind wurde: er läßt die Ilse Voß alles aufschreiben, was er einmal sah, ehe es Nacht für ihn wurde, und er sucht alles zu erfahren, was andere heute sehen…

≫Also eine Art blasseres Kornblumenblau—?≪

≫Nein, nicht doch, Herr Siebenhaar! Mehr ein Bleu…≪

≫Bleu—lassen Sie mich zufrieden mit all den albernen Modefarben! Nennen Sie mir irgendwas Lebendiges, das diese Farbe hat! ≪

≫Ja, ich weiß doch auch nicht…≪ Sie suchte. Dann: ≫Etwa wie die blaue Strickjacke von Lola, da wo sie verschießt…≪

Trostloses Gewäsch, verdammtes! Aber das war jetzt—seit geraumer Zeit—sein Leben: Erinnerungen an Farben, an einst Erschautes. Nichts Lebendiges mehr: kein warmer Hauch auf der Wange, keine übermütig zausende Hand mehr im Haar—alles dies war ihm mit dem guten Licht des Himmels entflohen.

≫Ach ja!≪ seufzte er noch einmal, aber lauter. Das war wohl zu erwarten!

Dann geht er sachte aus der Stube, zum Keller hin.—

Auch Lola hat das leise Aufseufzen der Türfeder gehört. Freilich, sie stand hinter der Gardine und sah Traute mit gespannter Aufmerksamkeit nach. Nun, da sie sicher ist, die Kleine ging weder zum Baden noch ins Dorf, sondern den Weg in die Felder, läuft sie rasch aus dem Zimmer, reißt die Stubentür nebenan auf und ruft: ≫Los, Itta, guck mal schnell aus dem Fenster! Da kannst du Traute hinter einem Mann herziehen sehen! Und mir hat sie erzählt, sie geht zum Baden!≪

≫Was ist denn los?≪ fragt Ilse, verwirrt aus dem Schlaf hochfahrend. ≫Ist es denn schon wieder vier?≪ Und nach einem Blick auf die Uhr: ≫O Gott, grade erst halb drei! Kannst du mich denn nicht in Ruhe schlafen lassen?! Ich habe Schlaf so nötig!≪

≫Aber, Itta!≪ ruft Lola vorwurfsvoll. ≫Wo Traute eben mit einem Mann losgezogen ist! Komm doch bloß schnell ans Fenster!≪

≫Traute—? Mit einem Mann—?≪

≫Ja, mach bloß zu!—War es also doch richtig, daß ich dich weckte—!≪

Nebeneinander knien die beiden am Fenster und sehen gespannt auf die kleine Kuppe mit dem gelben Fleck der Sandgrube, an der vorbei sich der Weg schlängelt.

≫Ich sehe nichts!≪ sagt Ilse Voß enttäuscht.

≫Warte doch nur! Sie muß gleich kommen!—Hör zu! Erst hat es unten geflötet, ich habe gleich hinausgeguckt. Ein Mann ist es gewesen, wahrscheinlich Männe oder Paulchen Schönfeld…≪

≫Mit denen läßt sich doch Traute nicht ein—!≪

≫Es kann auch wer anders gewesen sein! Und erst tut sie so, als sei nichts, und dann sagt sie plötzlich, sie will noch mal ins Wasser, wo ihr Haar noch ganz feucht und zottelig vom letzten Baden war…Da kommt sie!≪

Lola faßt vor Aufregung ganz fest Ilses Arm. Aber das Bild hat eigentlich nichts Aufregendes: ein lebhaft gelber Fleck—Trautes Sportkleid—wandert an der gelben Sandgrube vorüber und verschwindet.

≫Allein—!≪ stellt Ilse fest.

≫Aber ich sage dir doch: er ist ihr mindestens vier Minuten voraus! Sie läuft ihm nach!≪

≫Sie werden sich bei der kleinen Brücke am Durchfluß treffen≪, überlegt Ilse Voß.

≫Weißt du was, Ilse?≪ schlägt Lola aufgeregt vor. ≫Wir nehmen das kleine Paddelboot und rudern am Schilf entlang und überraschen die beiden. Ich möchte doch zu gerne wissen, wer es ist!≪

≫Das weiß ich auch ohne Spionieren≪, sagt Ilse, ein ganz Klein wenig verächtlich. ≫Sie hat in den letzten Wochen drei Briefe hier aus der Gegend bekommen…≪

≫Sag doch von wem! Ich lasse mir auch bestimmt nichts merken! Bitte, Ilse!≪

≫Du hast dich auch mal mächtig um ihn bemüht≪, läßt Ilse sie zappeln. ≫Aber bei dir hat er nicht angebissen. Bei mir übrigens auch nicht≪, setzt sie, mehr zu sich selbst gesprochen, hinzu.

≫Der Zahn aus dem Getreidegeschäft?—Oder nein, der hübsche große Blonde, der seit zwei Wochen auf der Kistenfabrik ist?≪

≫Hast du den auch schon entdeckt?≪ fragt Ilse, etwas gereizt.

≫Aber Ilse—! Der ist doch schon allen Mädchen hier herum aufgefallen! Ich habe ihm neulich beim Tennisspielen zugesehen— einfach süß!≪

≫Mit wem hat er denn gespielt?≪

≫Ach, mit dem langen Reff, der Tochter vom Bürgermeister! Der mit den Pferdezähnen, weißt du!≪

≫Na also! Da weißt du ja Bescheid, wieviel er sich aus einem Wirtschaftsfräulein vom Lande machen wird!≪

≫Oder einer Klapperschlange…≪

≫Richtig, Lola, oder einer Klapperschlange…Im übrigen bin ich versehen…≪

≫Das glaubst du!≪ antwortet Lola, aber nur halblaut so daß unklar bleibt, ob Ilse sie verstanden hat.

Jedenfalls tritt erst einmal ein Augenblick Stille ein. Die beiden Mädchen knien noch immer am Fenster und starren fast benommen auf die sonnenglitzernde Landschaft hinaus, in der sich nichts rührt. Sie knien beide still und dicht nebeneinander: die einundzwanzigjährige dunkle Lola mit ihren in der ganzen Gegend berühmt schönen Beinen, die sie so gerne allen, allen zeigt, mit dunklem Haar und den fast schwarzen braunen Augen, die oft sehr töricht in die Welt sehen, und mit dem eine Spur geblähten Hals, der einen Fehler im Arbeiten ihrer Schilddrüse verrät. Daher kommt wohl ihr sprunghaftes Wesen, ihr wilder Arbeitselan, der so leicht ermattet.

Und neben ihr die zierliche, sehr blonde neunzehnjährige Ilse Voß, die mit ihren blauen Augen so kalt blicken kann, die ein trotziges Kinn und eine feine Nase hat, sie, die so herb erscheint, und von der nur die, denen ihre Liebe zuteil wurde, wissen, wie weich und zärtlich ihr innerstes Wesen ist. Ein Mädchen, das sich seit frühesten Kindertagen allein durchs Leben schlagen mußte, das gelernt hat, mit Weichheit kam man nicht weit, und das sich mit Energie durchkämpft, sein Herz versteckt—und dem sein zärtliches Herz doch immer wieder neue Niederlagen bereitet.

Sie knien nebeneinander, sehen in das besonnte Land, das der Ernte entgegenreift, wie auch sie immer reifer für das Leben werden, und plötzlich sagt Lola, indem sie sich behaglich reckt und streckt: ≫Ach, Itta, ist das alles schön! Ich weiß schon: mein Mann muß einmal dunkel sein…Und er muß wunderbar tanzen können, und einen prima Wagen muß er haben, und er darf nur seidene Oberhemden tragen…Und er müßte sich kirchlich trauen lassen, die Hochzeitsreise müßten wir in einem Wohnwagenanhänger machen…Ich denke mir das einfach schick, wenn man da so morgens auf einer Waldwiese aufwacht, und er wäre himmlisch zärtlich, und während ich Kaffee koche, spielte er die neuesten Tanzplatten. Ja, und ich würde so bezaubernde Shorts tragen…≪

≫Herrlich!≪ stimmt Ilse, wieder ein wenig ironisch, bei. ≫Und was müßte dieser Zukünftige sein? Millionär?≪

≫Ach, das wäre mir ganz egal! Meinetwegen kann er der kleinste Buchhalter sein, wenn er mich nur liebt!≪

≫Na ja≪, sagt Ilse trocken. ≫Die kleinen Buchhalter mit seidenen Hemden und Wohnwagen sind ja ziemlich häufig! —Du bist einfach ein Schaf, Lola!≪ sagt sie eilig, denn ihre Freundin will schon wieder eine neue schwärmerisehe Albernheit loslassen. ≫Und wenn du es nicht lernst, die Klappe zu halten, sondern all deinen Unsinn jedermann verzapfst, wirst du dich verplempern und nie einen vernünftigen Mann auch nur mit Hundertachtzig monatlich einfangen—auf die Dauer heißt das!≪

≫Du hast es grade nötig, von Verplempern zu reden!≪ fängt Lola zornig an, und ihre Augen sehen vor Empörung jetzt wirklich schwarz aus.

Aber mit Ilses Geduld ist es vorbei, und so sagt sie energisch: ≫Und jetzt ziehst du hier Leine, damit ich wenigstens noch eine Stunde schlafen kann. Die beiden kommen doch nicht so rasch zurück.—Und damit du mir wirklich Ruhe läßt≪, setzt sie hastig hinzu, ≫will ich dir sagen, was du durchaus wissen wolltest, aber längst wieder vergessen hast, daß Traute nämlich schon drei Briefe von dem jungen Inspektor in Schlicht bekommen hat…≪

≫Von dem Siegfried Senden in Schlicht—?! Traute, das kleine Bäh-Schaf—?! Das ist doch unmöglich! Du mußt dich irren, Itta!≪

≫Ich kenne doch seine Handschrift!—Nein, mir hat er nie geschrieben und dir auch nicht, aber von den Gutsabrechnungen her kenn’ ich sie!—Und ich bin froh≪, fährt sie eiliger fort, als sie merkt, daß Lola schon wieder unterbrechen will…≫Ich bin froh, daß es ein anständiger Junge ist. Ich mag Traute gerne, und es ist nicht nötig, daß jeder so reinfällt wie ich oder du!≪

≫Aber…≪ fängt Lola an.

≫Aber gar nichts! Und das sage ich dir, wenn du dir bei den Leuten im Dorf und ganz besonders bei Traute irgendwas merken läßt…!≪

≫Ich habe noch nie was ausgeschwatzt—!≪

≫Du hast noch immer alles, was du wußtest, ausgeschwatzt! Und leider auch das, was du nicht wußtest…≪

≫Oh, Itta, warum bist du so gemein zu mir—!≪ ruft Lola und bricht in Tränen aus.

≫Ich bin gar nicht gemein zu dir, gemein werde ich erst, wenn du wieder schwatzt!—So, und nun zieh ab, Heulliese, wein bei dir drüben, aber leise. Um drei Viertel vier weckst du mich, und bis dahin darfst du mir diese seidenen Strümpfe stopfen, zum Dank für alles, was ich dir geklatscht habe, damit du nicht allein spionieren gehst…≪

≫Deine seidenen Strümpfe—?≪ fragt Lola, ein Bild gemischt aus Jammer und Neugierde. ≫Willst du denn heute noch—???≪

≫Ja, ich will heute noch—! Ich will heute noch ins Städtchen—!≪

≫Aber du bist jetzt keine Nacht mehr hier, Itta. Wenn Herr Siebenhaar das merkt…≪

≫Aber ich bin jetzt keine Nacht mehr hier, stimmt! Ab mit dir! Schluß der Tratscherei!≪

Und damit schob sie Lola aus der Tür.—

Kapitel 3

Das Mädchen kommt, der Mann geht

Unterdessen ist Traute Kaiser, die Siebzehnjährige, den glutheißen Weg zwischen den reifenden Feldern entlang gewandert. Daß es so drückend heiß ist, daß sie um dieses Weges willen ihre Nachmittagsruhe, an der sie hängt, aufgeben muß, daß sie sich dem Spionieren und Spott ihrer Freundinnen aussetzt—all das erhöht noch ihren Zorn.

Sie hat die Lippen fest zusammengepreßt, ihre sonst hellen grauen Augen hat der Ärger verdunkelt, sie versucht sogar, auf ihrer glatten Mädchenstirn die Brauen zu runzeln. Sie ist ziemlich groß, vielleicht eine Spur zu voll für ihr Alter—sie kann sich schlecht etwas im Essen versagen—und das hat sie schon immer wütend gemacht, daß die Männer oft so unverschämt auf ihre etwas üppige Brust starren.

In der Tasche ihres gelben Sportkleides trägt sie seine drei Briefe, sie faßt nach ihnen und zerknittert sie zornig.

Keiner soll denken, daß sie eine Ilse oder gar eine Lola ist, wenn sie auch zehnmal wie Freundinnen in demselben Haus wohnen! Das würde denen so passen, wenn sie jetzt auch mitmachte, namentlich der Lola, die so gemein sein kann! Oh, was sie im Dorf für häßliche Geschichten von der Lola erzählen—! Sie, Traute, stürbe vor Scham, wenn Sie so in der Leute Mäuler wäre—!

Sie denkt sich ihr Leben ein wenig anders. Sie paßt von Anfang an auf, weil sie, Traute, mit ihren siebzehn Jahren, die Männer besser kennt! Nicht umsonst hat ihr Vater eine kleine Gastwirtschaft daheim in einem uckermärkischen Städtchen, sie ist unter Männern aufgewachsen, unter nüchternen, halb betrunkenen, völlig erledigten—nein, danke, nichts für sie! Sie hat’s an ihrer Mutter gesehen, wie schwer es eine Frau in solcher Umgebung, mit solchen Männern haben kann. Sie paßt auf, vom ersten Anfang an; vom ersten Anfang an will sie Sauberkeit, Ordnung, Klarheit…

Und dieser junge Bengel denkt, er kann ihr so einfach Briefe schreiben, drei Stück schon! Der Postsortierer auf dem Amt weiß es nun auch, daß er ihr schreibt, der Landbesteller ebenso, und Ilse, die im Hause die Post in Empfang nimmt, hat sich sicher auch schon längst ihren Vers gemacht. Vielleicht ist sie schon bei allen mit ihm im Gerede!

Dabei hat sie ihn nicht im geringsten ermuntert! Sie hat mit ihm auf dem Grenadierball dreimal getanzt, und als er sie bat, mit ihm vor die Tür zu kommen: ein bißchen Luft schnappen, hat sie es ihm rundweg abgeschlagen! Sie hat auch ihren Apfelsaft alleine bezahlt und sich nicht zu einem Likör von ihm einladen lassen. Und so ein Bengel denkt, er kann ihr gleich per ‘Mein liebes Mädchen‚ schreiben—!

Einfach lachhaft—! Und sofort noch mehr Zerknautschen von Briefen!

Der junge Feldinspektor von Schlicht, Siegfried Senden, sitzt unterdessen auf dem Brückengeländer über dem Durchfluß, wie brieflich mitgeteilt, und baumelt lässig mit den Beinen. Ganz so lässig ist ihm allerdings nicht zumute, er hat sogar schon zweimal auf die Uhr gesehen und eiligen Rückmarsch erwogen. An sich müßte er zur Stunde nämlich auf dem Rapsschlag des Rittergutes Schlicht, eine gute Stunde von hier entfernt, stehen, und mit Oberinspektor Brod ist bei Nachlässigkeiten im Dienst schlecht Kirschen essen!

Aber Brod hin und Kirschen her! Diese Traute Kaiser sieht mit ihren frischen, klaren Farben einfach fabelhaft aus! Schließlich besteht auch ein Inspektorenleben nicht nur aus Raps und rationeller Kuhfütterung. Was das Mädel tanzen kann—hinreißend! Verdammt noch mal, es kommt ihm fast so vor, als habe sein einundzwanzigjähriges hartes, sturmerprobtes Männerherz ein wenig Feuer gefangen! Sie steht im Ruf spröde und unter Umständen recht kratzbürstig zu sein, keine stille, sanfte Blume, O nein, sondern mit ihrem Kirschenmäulchen sehr auf dem rechten Fleck und mit unverfälschten uckermärkischen Redensarten darin!

Wie diese süße Kröte ihm Korb auf Korb versetzt hatte, sei es nun ein harmloser Likör oder eine nicht ganz so harmlose Abkühlungspromenade nach der heißen Tanzerei, wie sie seine Briefe gänzlich unbeantwortet ließ, und sie waren doch mit allem Gefühlsaufgebot eines liebeskundigen jungen Mannes, der ein humanistisches Gymnasium absolviert hat, erst in die Kladde und dann ins reine geschrieben worden; und wie sie ihn jetzt auf seinen dritten Brief hin auch wieder versetzen wird—das konnte einen wirklich ganz ernsthaft in Fahrt bringen—!

Siegfried Senden schaut zum drittenmal auf die Uhr, stellt fest, daß er den äußersten, mit seinem Pflichtgefühl vereinbarten Termin bereits um zwei Minuten überschritten hat, und beschließt, der Abrundung halber noch drei Minuten zuzulegen, im übrigen aber dem nicht mehr fernen Ernteball die weitere Entwicklung zu überlassen—als oben am Rande des Hohlwegs zwischen den grünen Haselbüschen ein gelbes Kleid auftaucht…

Er fährt mit einem Satz von seinem Brückengeländer hoch und stellt sich in Positur, ein Lächeln auf seinem Gesicht, die schilfleinene Feldmütze in der Hand. Ehrlich gestanden— dies hatte er nun doch nicht erwartet, sonst hätte er sich bestimmt einen schöneren Schlips umgebunden! Was soll er nun zur Begrüßung sagen—? Ach, ganz egal! Daß sie nun wirklich gekommen ist, beweist, daß es sich jetzt nicht mehr um Sagen handelt, er wird einfach zur Attacke vorgehen…

Überraschend schnell ist Traute Kaiser bei ihm. Ihr Schritt wurde immer schneller, je näher sie der kleinen Brücke und der schilfleinenen Gestalt kam, wie ein Stein immer rascher den Abhang hinabrollt, ehe er zur Ruhe kommt.

Mit einem Ruck bleibt Traute Kaiser vor Siegfried Senden stehen. Sie ist hochrot, aber nicht nur von dem heißen, eiligen Weg. Ehe er den Mund noch auftun kann, sagt sie, fast atemlos: ≫So, hier bin ich! Und nun sagen Sie mir, was Sie eigentlich von mir wollen!≪

Er ist völlig verblüfft. Er starrt sie mit weit offenen Augen an, zu plötzlich werden seine zärtlichen Hoffnungen zerstört. Beruhigend sagt er: ≫Aber warum denn so aufgeregt, mein Mädchen?≪

Und wie aus der Pistole geschossen kommt die Antwort: ≫Ich bin nicht Ihr Mädchen! Wie kommen Sie dazu, mich so zu nennen?!≪ Sie stampft mit dem Fuß auf. ≫Da—!≪ Sie zieht die zerknitterten Briefe aus der Tasche. ≫In denen haben Sie mich auch so genannt! Aber ich bin nicht Ihr Mädchen—und werde es auch nie sein! Nehmen Sie Ihr Geschmier wieder!≪

Mechanisch nimmt er seine mißhandelten Briefe zurück, aber dabei starrt er sie unverwandt an, unverhohlene Bewunderung im Blick. ≫Aber Trautchen≪, sagt er endlich. ≫Warum denn so böse—?! Es ist doch keine Beleidigung, wenn ein junger Mann ein junges Mädchen nett findet!≪

Langsam, aber mit großem Nachdruck setzt er hinzu: ≫Und ich finde dich wirklich nett…≪

Sie wird von seinem Blick und seinen Worten noch röter und zorniger.

≫Sie sollen mich nicht einfach du nennen, das ist schon wieder eine Beleidigung! Und was bilden Sie sich überhaupt ein≪, fährt sie noch rascher fort, ≫daß Sie mir so einfach Briefe schreiben und mich ins Gerede bringen—?! Was gibt Ihnen denn das Recht dazu?! Weil Sie dreimal mit mir getanzt haben? Lachhaft—und außerdem sind Sie noch ein ganz miserabler Tänzer!≪

Er übergeht diese offenkundige Lüge mit Stillschweigen— seine Tanzkunst ist in der ganzen Gegend berühmt.

≫Aber, Trautchen≪, sagt er vorwurfsvoll, ≫wie soll man es denn sonst machen? Wenn man ein Mädchen gern hat, muß man es ihr doch irgendwie sagen! Alle machen es so!≪

≫So, und das Mädchen muß sich dann einfach beglückt fühlen, wenn der Herr Senden aus Schlicht es nett findet—? Das Mädchen hat sich sein ganzes Leben nur darauf eingerichtet und nur darauf gelauert, damit der Herr Senden oder sonst ein Kavalier, dessen Herz gerade frei ist, geruht zu sagen: So, jetzt finde ich dich grade nett, komm mal hin zu der kleinen Brücke…≪

≫Aber, Traute—!≪ protestierte er schwach.

≫Es ist eine Unverschämtheit von euch Männern≪, sagt sie immer zorniger und spricht sich vom Herzen, was sie hundertmal im stillen gedacht hat, ≫daß ihr ewig denkt, wir haben nichts zu tun, als bloß auf euch zu lauern, und beglückt zu sein, wenn ihr winkt! Ich habe Ihnen klar und deutlich gezeigt, daß ich nichts mit Ihnen zu tun haben will. Ich habe Ihre Briefe nicht beantwortet, aber Sie bestellen mich einfach zu einem Stelldichein! Müssen Sie aber eitel sein! Ich möchte wohl wissen, was Sie von mir gehalten hätten, wenn ich gekommen wäre—!≪

≫Aber, Traute, du bist doch gekommen!≪

≫Sie wissen ganz genau, was ich meine! Wenn ich so gekommen wäre, meine ich, wie Sie sich das einbilden, mit weit offenen Armen! Was hätten Sie da mit mir gemacht?≪ Diese Frage zu erörtern, ist ihm im Augenblick peinlich. Er weicht aus.

≫Aber, Traute≪, sagt er, ≫verzeih bloß, daß ich immer noch Traute sage, aber ich habe mich in Gedanken so daran gewöhnt…≪

≫Gewöhnen Sie sich das bloß schnell wieder ab!≪ verlangte sie.

≫Aber, Traute, wie willst du denn da mal einen netten Mann kennenlernen, wenn du alle schon gleich im Anfang vor den Kopf stößt—?! Es ist doch nun mal so eingerichtet, daß der Mann es dem Mädchen sagt, wenn er es gerne hat— ebensogut könnte es natürlich umgekehrt sein…≪

≫Das möchtet ihr! Auch das noch!≪

≫…Aber wenn das Mädchen dann sagt, es will ihn nicht, dann ist der Fall eben erledigt. Dann zieht sich ein anständiger Mann wortlos zurück. In alldem liegt gar nichts Beleidigendes…≪

≫Ist das wirklich so, wie Sie sagen—?≪

≫Aber natürlich, Traute! Ich habe nie daran gedacht, daß ich dich mit meinen Briefen kränken könnte…≪

≫Ich will Sie nicht, Herr Senden!≪

≫Wie—?≪

≫Ich will Sie nicht!!!≪

≫Aber, Traute, erst wollen wir uns doch ein bißchen besser kennenlernen. Du hast ja noch keine Ahnung, wie ich bin, und ich weiß auch noch nicht…≪

Sie zitiert: ≫…Dann ist der Fall eben erledigt…≪

≫Ich meine natürlich, man muß erst eine Chance haben…≪

≫…Und ein anständiger Mann zieht sich wortlos zurück!≪

≫Traute, wir haben doch gar nicht richtig miteinander geredet! Ich will dir bloß noch eins sagen…≪

Sie stampft mit dem Fuß auf.

≫Seien Sie wenigstens jetzt ein anständiger Mann!≪

Er kämpft mit sich. Sie sieht reizender denn je aus, viel zu reizend für sein schon arg verwundetes Herz. Schließlich überwindet er sich.

≫Also gut, ich geh jezt, Traute. Aber ich darf dir wenigstens noch schreiben, was ich dir sagen wollte—?≪

≫Nein! Nein!! Nein!!!≪ ruft sie. ≫Ich will nichts von Ihnen wissen, verstehen Sie doch endlich!≪

≫Also gut≪, sagt er gekränkt. ≫Ich gehe also…≪

Er sieht sie an, aber sie gibt immer noch kein Zeichen, daß sie bereut.

≫Na, also denn!≪ bemerkt er recht verlegen. ≫Wird ein verdammt heißer Rückmarsch werden—bei der Hitze!≪

Noch einmal sieht er sie an und entschließt sich. Langsam geht er den Hohlweg zwischen den Haselsträuchern hoch.

Wenn er nur schneller ginge! Sie kämpft mit den Tränen— es ist einfach ekelhaft, was für ein Theater man mit diesen Männern hat! Wenn sie jetzt losheult bildet er sich womöglich ein, sie heult seinetwegen—!

Er ist schon fast verschwunden, da dreht er sich noch einmal um. Er sieht nach ihr hin, er winkt ihr!

≫Traute!≪ schreit er mit voller Kehle. ≫Traute, ich pfeif auf die Anständigkeit! Ich versuch’s noch mal! Und hundertmal! Ich habe dich nämlich—gerne!≪

Er verschwindet, nach nochmaligem, lebhaftem Winken.

Ihr Gesicht ist ganz hart und böse geworden: so sind die Männer, alle, alle! Wenn sie etwas nicht haben sollen, dann grade! Für die hat nur Wert, was sie nicht dürfen—und haben sie’s gehabt, ist es wertlos für sie. Aber bei ihr kommen sie an die Unrechte! Sie wird es ihnen zeigen, sie, Traute Kaiser! Der soll noch was erleben mit ihr, dieser Siegfried Senden!—

Kapitel 4

Es wird geschwiegen—vom Zorn und von der Liebe

In der Küche ist es ganz still, kein Wort wird gesprochen.

Traute hat das Bügeleisen in der Hand und plättet die Oberhemden des Chefs. Dabei lächelt sie still vor sich hin. Sie denkt wieder an ihre Unterredung bei der kleinen Brücke, sie wiederholt sich jeden Satz, den sie zum jungen Senden gesagt hat. Sie erfindet noch einige neue schlagkräftigere dazu und freut sich darüber.

Sie ist zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Nachmittagsfreistunde: den ist sie los! Wenn er zum Schluß auch wieder frech wurde, das hat nichts zu sagen! So was machen Männer immer—sie wollen nie zugeben, daß sie geschlagen sind!

Und weiterträumend versucht Traute sich vorzustellen, wie der Mann aussehen müßte, der ihr wirklich gefiele. Blond oder dunkel? Groß oder klein? Jedenfalls müßte er ganz grade Beine haben: Trautes Beine sind, wie die Beine der meisten Frauen, ein bißchen krumm, sie empfindet das als eine Schande. Ihre Kinder müssen einmal ganz grade Beine haben!

Ach, schließlich ist auch das nicht so wichtig, wenn er sie nur lieb hat! Darauf kommt es allein an. Manchmal, oft sehnt sich Traute schrecklich nach jemandem, der sie umfaßt, streichelt, an sich drückt. Der ihr einen Kuß gibt. Mutti, die es sonst noch manchmal tat, ist so weit weg, und die Freundinnen hier sind gar nicht für Zärtlichkeiten—unter Mädchen!

So allein, immer allein unter fremden Menschen—und wieder versucht Traute Kaiser sich den Mann vorzustellen, der sie umfaßt und abdrückt, wie es Mutti sonst tat. Vor ihr erscheint, sehr störend, das Bild des jungen Siegfried Senden, das Gesicht braunrot gebrannt, aber die hellen Augen unter den semmelbonden Haaren voller Licht, Frische, Jugend…Traute seufzt, dann schüttelt sie ärgerlich den Kopf. Und nun nimmt sie ein anderes Oberhemd aus dem Korb und plättet Siegfried Sendens Bild flach.—

Ilse Voß, die am Küchentisch Erbsen auspahlt, wirft immer wieder Blick auf Blick zu der heute so stillen Freundin. Traute hat nicht ihre lebhaften Farben, sie ist blaß, einmal lächelt sie, dann seufzt sie wieder. Ja, nun hat es auch Traute gehascht, keine entgeht diesem ersten herrlichen Verlieben! Es wird Ilse ganz bitter zumute, wenn sie daran denkt, wie es bei ihr war—sie war damals fünfzehn Jahre alt. (Traute hat mit ihren siebzehn Jahren lange gewartet—sie hat wohl nicht sehr viel Temperament.)

Ja, es war eine herrliche Zeit gewesen, aber so kurz, so rasch verronnen! Für die Waise Ilse war die Liebe ja eine überwältigende Entdeckung gewesen, sie, die kaum etwas Freundliches ihre ganze Kinderzeit hindurch erfahren hatte, sondern im besten Falle nur die Gleichgültigkeit, die öde Sachlichkeit aller, die sie zu betreuen hatten.

Sie hatte es mit vollen Zügen genossen, daß Menschen gut zueinander waren, daß es plötzlich jemanden gab, für den das Geringste, was sie tat und dachte, von Interesse war, daß da einer sich um ihre Gesundheit sorgte, ob sie auch warm genug angezogen war, daß sie auch genug aß, der ihr kleine Geschenke machte—ach, all diese ungewohnten Freundlichkeiten des Lebens, aus denen ein ganzes, ein wirkliches Glück sich schließlich aufbaut, die Gemeinsamkeit zweier Menschen, das beseligende Gefühl: du bist nie mehr und mit nichts allein auf dieser Welt! War das schön gewesen—!

Nur daß es bei Ilse Voß nie bis zu diesem ganz großen Glück kam. Es blieb immer nur bei den Anfängen dazu…Wenn man an ihr Herz rührte, verschwand sofort bei ihr all die für das tägliche Leben erlernte Kaltschnäuzigkeit. Sie war großzügig mit sich, sie verschenkte sich immer gleich. Und damit begann alles Unheil, nahm das Ende schon seinen Anfang…Einmal lag es an ihr, einmal lag es an den andern: sie konnte nichts halten, alle gingen sie bald wieder von ihr, niemand blieb bei ihr…

Doch nur um so eifriger suchte sie weiter; schon längst war sie nicht mehr so sehr in den Mann, sie war in die Liebe selbst verliebt, und sie jedenfalls hatte Temperament! Eine Weile konnte das etwas bedeuten, aber schon seit geraumer Zeit war ihr gewiß, daß sie sank, daß sie etwas Unwiederbringliches verloren hatte—Unschuld? Freude? Die wahre Fähigkeit zu lieben?

Noch immer wollte sie sich einreden: dieses Mal ist es der Rechte, dieses Mal wird es dauern, und wußte doch schon fast von Anfang an: auch dies wird vorübergehen, wie bald vielleicht! Im Beginn, der nun so gewohnt war, schmeckte sie bereits das Ende vor…

Und jetzt, in der letzten Zeit, war es ganz schlimm mit ihr geworden. Sie suchte angstvoll nach einem Ausweg, und fand doch nicht die Kraft, sich allein aus dem Sumpf zu befreien, in den sie geraten. Niemand wollte ihr helfen, alle wollten sie immer nur das Eine von ihr! Schon die Art, wie die Männer sie ansahen, auch was sie alles im Städtchen von ihr wußten, das machte ihre Lage so hoffnungslos!

Sie hätte fortgehen können, irgendwohin, wo noch keiner etwas von ihr wußte. Aber so ehrlich war sie doch gegen sich, daß sie sich sagte, Fortgehen, das war bloß Ausreißen. Und ein Ausreißen, das nichts änderte. Auch am neuen Ort würde es bald wieder das Alte sein, wenn sie sich nicht selbst änderte…

Flüchtig denkt Ilse Voß an eine andere Möglichkeit, an einen Mann, der ihr vielleicht helfen würde…Aber nein, das geht auch nicht, das nie—! Ihr wird schon ganz elend, wenn sie nur an diesen unausstehlichen, grauen, langweiligen Fritzen denkt! Ohne alle Liebe, nicht einmal mit Gleichgültigkeit, nein, mit offener Abneigung so etwas anfangen— nein, da wird es noch einen andern Ausweg geben. Und den muß sie finden, sehr bald, sonst geht sie zugrunde, sonst bleibt gar nichts mehr über von ihr, der Ilse Voß, die einmal etwas ganz anderes gewesen war als alle andern Mädchen! Und während sie über all dies—zum hundertsten Male!— nachgrübelt, sieht sie immer wieder auf die blasse Traute. Wenn Ilse nicht die Ilse wäre, wenn eine freudlose Kindheit nicht die Fähigkeit zur Aussprache von Herz zu Herz in ihr unterdrückt hätte, so würde sie jetzt Traute in den Arm nehmen und zu ihr sagen, was ihr nie jemand gesagt hat:

Ich weiß, wie dir jetzt ist. Nicht wahr, es ist herrlich? Genieße es, es ist das Schönste im Leben, und es kommt nie wieder so, wie es jetzt ist. Aber denke nicht an mehr, tu das Eine nicht, sei nicht neugierig! Du sollst wohl nicht zimperlich sein mit dir, aber tue es nicht eher, als bis du in dir fühlst: es muß sein, es geht nicht anders! Vorher prüfe ihn und dich —hundertmal, tausendmal. Warte, Traute, warte, und wenn es Jahre dauert!

Aber da Ilse Voß nun einmal so ist, wie sie wurde, spricht sie kein Wort. Sie sieht nur oft auf die blasse Freundin, die seufzt und lächelt, sie macht sich Sorgen um sie, denn sie mag Traute wirklich gerne—aber nicht einmal das hat sie sich bisher anmerken lassen—!

Kapitel 5

Der Chef singt, und Ilse entschließt sich

Die Tür zur Küche fliegt mit einem Ruck auf und sofort wieder knallend zu. Lola ist heimgekehrt von ihren Besorgungen im Dorf, und da sie Menschen gesehen, Neuigkeiten gehört und eine ganz große funkelnagelneue Neuigkeit verbreitet hat, ist sie in allerbester Stimmung.

≫Nanu, Itta!≪ ruft sie. ≫Hoher Besuch in der Küche—? Was verschafft uns denn die Ehre—?≪

≫Der Chef mochte nicht diktieren≪, erklärt Ilse kurz.

≫So—?!≪ ruft Lola, und ihre runden Augen weiten sich vor Neugierde. ≫Hat er etwa—?≪

Und sie macht die Bewegung des Glaseinschenkens.

Da es sich vor Lola doch nicht wird verheimlichen lassen, gibt Ilse es zu.

Ein bißchen, sagt sie, und man merkt ihr wohl an, daß sie nicht gerne davon spricht. Aber nicht schlimm.

Lolas Augen strahlen. Im Gegensatz zu den beiden andern freut sie das, wie sie eben jede Veränderung freut, sei sie auch dem Hause abträglich, für das Ilse und Traute sich immer verantwortlich fühlen.

≫Es war mir doch gleich so, als ich aus dem Dorf zurückkam, als wenn er sänge! Wartet mal! Leise—!≪

Sie öffnet die Tür von der Küche ins Eßzimmer, vom Eßzimmer in die Wohnstube. Unterdes tauschen Ilse und Traute einen Blick. Trautes Blick bittet: Verbiete du es ihr doch! Ilses Blick antwortet: Da kann man nichts machen!

Lola kehrt auf Zehenspitzen zurück.

≫Er singt sein Farbenlied≪, flüstert sie.

Die beiden andern hören es auch, deutlich klingt aus dem Arbeitszimmer des Chefs der etwas weinerliche, rührselige Gesang des Angetrunkenen herüber. Sie kennen von manchem Mal her jedes Wort; während sie weiterarbeiten, wiederholen sich die Zeilen in ihnen, sie singen sie gewissermaßen lautlos mit. Jetzt:

≫Schöne Welt, bunte Welt—

Lebend lieg’ ich im schwarzen Schrein—

Bunte Welt, schöne Welt—

Lebe tot in dir—ganz allein!≪

Wieder sehen sich Traute und Ilse rasch an, ein kurzer Blick des Verstehens. Trautes Lippen sind halb geöffnet, er rührt sie ja doch an, dieser rührselige Gesang. Sie ahnt etwas davon, wie verzweifelt der blinde Mann da drüben ist, dem vor anderthalb Jahren auch noch die Frau fortlief…Und nun:

≫Blau, Gelb, Grün

Sind nun dahin!

Weiß, Rosa, Rot

Sind für mich tot!

Alles Bunte starb,

Schwarz allein blieb—

Warum holst du mich nicht—Dieb?!≪

Mit einem Ruck schließt Traute die Türen, dabei sieht sie Lola herausfordernd an, Lola ist immerhin ihre Vorgesetzte. Trotzdem sagt sie: ≫Es ist nicht anständig…Ich mag das auch nicht anhören…≪

≫Natürlich magst du das nicht!≪ sagt Lola, sofort bereit, durch einen Streit ‘alles‚ aus Traute herauszulocken. ≫Nach solch schönem Bad ist man für alles andere natürlich nicht in Stimmung!≪

≫Lola!≪ sagt Ilse mahnend.

≫Ach, sie soll sich bloß nicht so haben!≪ ruft Lola im plötzlichen Ärger der Schilddrüsenkranken. ≫So ein Getue kann einen ja krank machen! Plätte lieber deine Oberhemden ordentlich—da auf der Brust sind lauter Fältchen!≪

Traute zieht es vor, zu schweigen, sie weiß, Streiten mit Lola ist völlig sinnlos. So plättet sie still weiter.

Statt ihrer fragt Ilse: ≫Gab’s was Neues im Dorf?≪

≫Ach nichts!≪ antwortet Lola, noch ärgerlich. ≫Doch— dem alten Leege haben sie zwei Hühner totgefahren. Immer trifft’s grade die Ärmsten! Ich habe ihm gleich drei Mark geschenkt!≪

≫Na, Lola≪, sagt Ilse kritisch. ≫Das hattest du doch wahrhaftig nicht nötig! Grade du, die nie mit ihrem Geld zurecht kommt!≪

≫Ich bin nun mal so!≪ erklärt sich Lola stolz. ≫Wir Bergfelds sind alle so—wir sind großzügig und schenken immer alles weg!—Und dann ist der Inspektor Senden aus Schlicht zweimal durchs Dorf gerast, puterrot—was der hier wohl bei uns zu suchen hat! Komisch, nicht?≪

Eine tiefe Stille brach unter den drei Mädchen in der Küche aus. Ilse hielt die Augen gesenkt und versuchte nicht mehr zu bremsen, was doch nicht zu halten war. (Und ein klein wenig neugierig war sie ja auch.) Lola sah mit spöttisch funkelnden Augen auf Traute, die das Plätteisen hoch erhoben in der Luft hielt, genau in der Haltung, wie sie der unvermutete Angriff überrascht hatte…

Dann setzte Traute mit einem Krach das Plätteisen nieder. ≫Du kannst den Leuten im Dorf erzählen, Lola≪, rief sie zornig, ≫daß sich Herr Senden mit mir getroffen hat! Übrigens hast du es ihnen natürlich längst geklatscht, denn daß du mir nachspioniert hast, habe ich den ganzen Weg gespürt!≪

≫O Traute!≪ rief Lola sehr vergnügt. ≫Ist das wirklich wahr? Hast du aber Schwein! Senden, der beste Tänzer im ganzen Kreis, und sein Vater soll ja ein Rittergut in der Neumark haben!≪

≫So!≪ ruft Traute und wird immer zornröter. ≫Und du denkst natürlich, wenn der Herr Rittergutssohn Senden winkt, dann springt die Traute Kaiser gleich?! Aber ich bin nicht du, Lola! Ich habe ihm so Bescheid gesagt—der fordert mich nicht noch einmal zu einem Stelldichein auf, und Briefe schreibt er mir bestimmt auch nicht wieder—!≪

Und jetzt ist sie es, die den beiden andern triumphierend ins Auge sieht.

≫Ja, da staunt ihr!≪ ruft sie noch einmal.

Sie blickt in die beiden verblüfften Gesichter. Und plötzlich —eben hat sie noch Stolz und Triumph empfunden—, plötzlich schlägt ihre Stimmung um. Aus den unbekannten Urgründen ihres Seins steigt Trauer auf. Sie schluckt, sie sagt mühsam: ≫Ach, das ist ja alles so ekelhaft! Als ob es nur das gäbe! Guckt mich bloß nicht so an, als sei ich das Kalb mit fünf Beinen! Ich will kein Wort mehr von der Sache hören!≪

Und sie fängt wütend wieder mit Plätten an.

Aber die beiden andern sind nicht gewillt, dieses brennend interessante Thema ohne weitere Diskussion aufzugeben. Vor allem fehlen noch die Einzelheiten. Lola, in deren Kopf noch nie der Gedanke aufgetaucht ist, daß man einem passablen Manne irgend etwas abschlagen könnte, ruft: ≫Du sohlst ja, Traute! Uns kannst du nicht auf den Arm nehmen!≪

Worauf Traute giftig erwidert: ≫Natürlich sohl ich! Wir haben uns die ganze Zeitlang abgeschleckt! Du mußt das doch gleich sehen!≪

Aber Ilse sagt langsam—sieht langsam von ihren Pahlerbsen zur plättenden Traute auf und sagt: ≫Traute, sag mal wirklich, warum hast du ihn denn so abfallen lassen? Er ist doch wirklich ein netter Kerl, der Senden. Und vor allem grundanständig!≪

≫Ach, laß doch, Itta!≪ bittet Traute.

Und Lola: ≫Glaubst du ihr etwa—? Das ist doch alles bloß Angabe von Traute! Oder sie hat Angst, wir nehmen ihr ihn weg!≪

≫Stille biste!≪ ruft Ilse empört. ≫Mußt du denn ewig dazwischenschnattern—?! Wir wollen deine Ansicht gar nicht hören!≪ ≫Das ist ja wunderbar!≪ sagt Lola giftig. ≫Ich darf also in meiner eigenen Küche nicht mehr reden?! So was finde ich prima! Dann brauche ich ja hier auch nicht rumzustehen, dann könnt ihr meine Arbeit machen! Bitte schön!! Und so was nennt sich Freundinnen!≪

Rumms! fliegt die eine Tür zu. Rumms! schlägt die nächste Tür zu. Holterdipolter geht es über die Treppe zum oberen Stockwerk. Fräulein Lola Bergfeld hat sich in ihre Privatgemächer zurückgezogen.

In der Küche herrscht tiefe Stille, nur unterbrochen von dem sanften Kullern der Erbsen in die Blechschüssel.

≫Traute!≪ fragt Ilse nach einer langen Weile. ≫Magst du ihn denn gar nicht?≪

≫Ach, laß doch, Itta!≪

≫Nein, wirklich, ich möchte es so gerne wissen. Magst du ihn einfach nicht?≪

≫Ich weiß doch nicht!—Vielleicht könnte ich ihn sogar mögen, aber…≪

≫Aber was—?≪

≫Ich will eben nicht, daß es so anfängt!≪

≫Wie denn anfängt—?≪

≫Ach, du weißt doch—mit der Knutscherei und so…≪

≫Nein, das willst du nicht? Wie soll es denn anfangen? Es fängt doch bei allen so an!≪

≫Eben!—Aber bei mir soll es nicht so anfangen!≪

≫Wie soll es denn sein—?≪

≫Ach, quäl mich doch nicht! Ich weiß doch auch nicht! Eben ganz anders müßte es sein…≪

Kopfschüttelnd sagt Ilse: ≫Ich versteh wirklich nicht, was du meinst, Traute.≪

≫Ach, was ist denn da schon schwer zu verstehen—?!≪ ruft Traute Kaiser aus und setzt das Plätteisen nun doch zurück auf den Asbestuntersatz. ≫Du weißt doch, wie die Männer sind, Itta! Nur danach sehen sie, und nur das wollen sie! Und der Senden wollte auch nur das…Aber so will ich es nicht! Das können die Männer bei jeder haben, dazu bin ich mir zu gut. Nur deswegen…≪

≫Aber…≪, fängt Ilse an.

Doch jetzt ist Traute in Gang.

≫Wenn einer etwas von mir will, Itta≪, sagt sie eifrig, ≫so soll er mich gerne mögen, mich, Traute Kaiser, und nicht bloß ein Mädchen, weil’s eben ein Mädchen ist. Das soll nicht so sein, daß er mich beim Tanzen bloß dreimal umfaßt und denkt: Die sieht ganz nett aus, die möchtest du gerne mal küssen!—Sondern er soll mich erst mal kennenlernen, so wie ich wirklich bin, und wenn wir uns dann beide liebhaben, dann bin ich auch nicht so…Ich bin nicht die Spur etepetete, ich hab’ schon als kleines Mädchen Bescheid gewußt, aber grade darum—!≪

Sie sieht einen Augenblick Ilse starr an, als brennten ihr die Augen. Dann greift sie zum Bügeleisen, tut ein paar verlorene Striche über das Oberhemd und sagt nachdenklich: ≫Aber nur so rumprobieren—ist’s der eine nicht, ist’s der andere und irgendeiner wird schließlich schon hängenbleiben —nein, dafür danke ich! Wohin man damit kommt, das siehst du an der Lola!≪

≫Und an mir—!≪ sagt Ilse trübsinnig.

≫Ach!≪ ruft Traute. ≫Nun mußt du dich auch nicht schlechter machen, als du bist! Bei dir spricht doch immer das Herz mit—nur vielleicht≪, sie zögert, dann aber sagt sie es doch, ≫nur spricht’s wohl gar zu leicht. Ja.—Aber Lola, die ist doch bloß gemein…≪

≫Ich weiß nicht…≪, sagt Ilse in Gedanken. ≫Es klingt alles ganz vernünftig, was du sagst. Aber ob man’s wirklich könnte? Ich verliebe mich immer wie der Blitz, und dann gibt es kein Halten mehr bei mir…≪

Sie verstummt.

Traute plättet jetzt wieder gleichmäßig, vielleicht hört sie auf das, was Ilse ihr erzählt, vielleicht aber denkt sie auch nur an ihre eigenen Sorgen.

≫Ich stecke so drin≪, sagt Ilse wieder, ≫aber vielleicht könnte ich doch noch einmal wieder ganz von vorne anfangen? Was du eben gesagt hast, hat mir richtig einen Stoß gegeben! Und schlau bin ich jetzt, ich kenne die Männer— mich kriegt keiner mehr rum, wenn ich nicht will. Was meinst du, Traute, soll ich es noch einmal versuchen?≪

≫Vor allem mußt du mit dem Erich Mutzbach Schluß machen, Ilse!≪ sagt Traute plötzlich energisch. ≫Der führt dich bloß an der Nase herum!≪

≫Ach, der Erich—!≪ meint Ilse und lächelt nun sogar, aber ein bißchen schief. ≫Was ihr alle bloß gegen den Erich habt! Ich weiß schon, er ist leichtsinnig—aber grade darum! Der Erich zählt nicht bei mir!≪

≫Jetzt lügst du!≪ erklärt Traute mit Bestimmtheit. ≫Wenn ich mal nachts an deiner Zimmertür vorbeikomme und höre dich weinen, dann weiß ich, du weinst, weil dich der Erich mal wieder versetzt hat, oder weil er roh zu dir war…≪

≫Ach, was du schon weißt!≪ sagt Ilse schnippisch. ≫Der Erich ist mir ganz piepe. Den habe ich überhaupt nicht auf der Rechnung!—Nein≪, sagt sie, ≫ich denke an ganz jemand anders, an den du nicht einmal im Traume denken würdest! Der würde mich vielleicht so gar heiraten, wenn ich es richtig anstellte…Dann wäre ich aus allem heraus und gut versorgt…≪

≫Magst du ihn denn—?≪

≫Das ist es ja eben! Ich mag ihn nicht—sehr…≪

≫Das ist doch die Höhe!≪ ruft Traute empört. ≫Ich predige dir, ich will mich mit keinem ohne richtige Liebe einlassen, und du sagst noch eben, das hat dir einen Stoß versetzt—und nun willst du sogar jemanden heiraten, den du gar nicht leiden magst—!≪

≫Das verstehst du nicht, Traute!≪ sagt Ilse entschieden. ≫Bei dir ist alles anders, du bist noch im Anfang, aber ich stecke schon mitten drin. Wenn ich noch rauskommen will, muß ich nehmen, was sich mir bietet, vor allem will ich endlich einmal Ruhe und Frieden haben! Und ich tu’s auch, ich tu’s noch heute abend! Ich habe alles über, ich will da raus! Jawohl hast du mir einen Stoß versetzt, jetzt weiß ich, daß ich es tun muß! Du hast ganz recht, entweder erst gar nicht rein oder aber raus…Und ich komme auch raus— heute abend noch!≪

Ihre Augen leuchteten, unwillkürlich warf sie einen Blick auf die Küchenuhr, als wollte sie die entscheidende Stunde von ihr ablesen.

Sie fuhr zusammen. ≫O Gott Traute gleich halb sieben! Schnell, setze dein Eisen fort, du mußt doch Abendessen fertigmachen! Eigentlich ist das allerhand von der Lola, uns so einfach hier sitzenzulassen und sich frei zu nehmen…≪

Traute stand unentschlossen da.

≫Was soll ich denn machen zum Abendessen? Ich weiß doch nicht, was Lola sich gedacht hat…≪

≫Ach, der Chef hat einen sitzen, der ißt doch nichts! Mach ein paar Bratkartoffeln, und dann nimmst du eine Büchse saure Heringe. Die tun ihm jedenfalls gut. Und hinterher gibst du Butter und Käse und ein paar Radieschen…≪

≫Schön!≪ sagte Traute, froh, daß ihr die energische Ilse die Entscheidung abgenommen hatte, und machte sich an die Arbeit.

Sie war grade dabei, die Kartoffeln zu braten, als die Tür aufging und Lola hereinkam, ziemlich verschlafen.

≫Mich ruft natürlich keiner!≪ sagte sie vorwurfsvoll. ≫Das Abendessen muß doch gemacht werden!—Was brätst du denn da, Traute? Bratkartoffeln? Wie ich das finde! Du weißt, der Chef ist molum, und Betrunkene mögen doch kein warmes Fett, aber du machst natürlich Bratkartoffeln! Schnell, weg damit! Wir machen ihm einen schönen Heringssalat…≪

≫Wir dachten, wir geben zu den Bratkartoffeln eine Büchse saure Heringe…≪

≫Ach, denkt bloß nicht! Ihr habt ja keine Ahnung, was Männer mögen, und nun gar angetrunkene—!—Ach, Traute, guck nicht so, sei mir bloß nicht mehr böse! Wie ich oben war, bin ich so traurig geworden, und wenn ich traurig bin, krieg’ ich stets Hunger…Da hab’ ich bei dir gestöbert und hab’ die Schachtel mit den Pralinen von deinem Geburtstag gefunden. Ich hab’ aber nur fünf Stück genommen, und die besten in Goldpapier habe ich alle liegengelassen…≪

≫Du hast in meinen Briefen gestöbert!≪ stellte Traute fest. ≫Die Pralinen lagen bei den Briefen…≪

≫Ich denke ja gar nicht daran! Was mich deine Briefe schon interessieren! Nein, ich hatte wirklich Hunger…≪

≫Du hast nach den Briefen von Senden gesucht! Aber da hast du dich geschnitten—die habe ich ihm längst wieder in die Hand gedrückt—!≪

≫Wer’s glaubt, zahlt einen Taler! Wetten, Traute, daß du schwindelst—?!≪

≫Kinder, fangt nicht schon wieder an!≪ rief Ilse mahnend. ≫Macht lieber das Abendessen fertig. Egal, ob Bratkartoffeln oder Heringssalat, irgend etwas muß jetzt schnell gemacht werden…≪

Kapitel 6

Herr Siebenhaar hat eine Freundin

Das Abendessen ging nicht erfreulich und nicht unerfreulich vorüber—wenigstens für die jungen Mädchen.

Zuerst war der blinde Herr Siebenhaar in jenem Zustand, in dem der Betrunkene sich einbildet, seine Umgebung merke nichts von seiner Trunkenheit, er verstehe es ausgezeichnet, sie zu verbergen. In dieser Periode sagte er noch ab und zu einen meist scherzhaft gemeinten Satz.

Die Mädchen aber nahmen alles mit völligem Stillschweigen auf. Denn Lola und Ilse hatten sich daran gewöhnt, die Blindheit ihres Arbeitgebers als etwas ganz Selbstverständliches, etwas Naturgegebenes hinzunehmen, an das jedes Gefühl verschwendet war. Für sie war Herr Siebenhaar mit den tausend Hilflosigkeiten und Ansprüchen des noch nicht lange Erblindeten ein besonders schwieriger Arbeitgeber, der zudem noch recht unangenehme und sie stets völlig überraschende Launen hatte. Am besten beachtete man ihn so lange gar nicht, als er nicht direkte Forderungen stellte. Irgendwelche Höflichkeit war an ihn, ihrer Ansicht nach, völlig verschwendet. Er nützte so was gleich aus, belegte einen mit Beschlag, war dann der reine Blutegel…alles Sprüche von Lola, denen Ilse nie widersprach.

Traute Kaiser dagegen wagte, besonders vor ihren Freundinnen, nie recht den Mund aufzutun, wenn der Blinde sie ansprach. Sie war noch nicht so lange wie die andern im Hause, noch immer hatte sie ein mit leisem Grauen vermischtes Mitleid für den blinden Mann. Manchmal, wenn sie grade an ihn dachte, versuchte sie, sich Blindsein vorzustellen. Sie kniff dann die Augen zu—für längstens drei Minuten, aber dies schon genügte vollkommen, ihr Mitleid wach zu halten.

Ihre Freundinnen hatten ihr wohl erzählt, wie unerträglich der eben Erblindete in der ersten tobenden Verzweiflung seine Frau behandelt hatte, bis sie ihn schließlich verließ— aber trotzdem wurde sie nie ganz frei von einem Gefühl der Anklage gegen diese unbekannte Frau, die ihren mit Blindheit geschlagenen Mann verlassen hatte.

Wenn sie ihn Stunden um Stunden in seinem Zimmer sitzen sah, in sich zusammengesunken, in der schwächlichen, ungeschickten Haltung der Blinden, die nie das Aussehen ihres Körpers kontrollieren können—wenn er endlose Zeit etwa einen Apfel betastete, immer wieder verzweifelt vor sich hinmurmelnd: ≫Ich lerne es nie! nie!≪ und aus Gesprächen wußte sie, er meinte das ‘Blindengefühl‚, den verfeinerten Tastsinn der Menschen, die nicht sehen können—wenn er beim Essen ungeschickt und unsauber war, und Lola platzte in ihrer Taktlosigkeit wieder einmal heraus und schalt: ≫Können Sie denn gar nicht aufpassen, Herr Siebenhaar?! Wieder ein Tischtuch verderben! Als wenn wir nicht schon genug Wäsche hätten!≪—so empfand sie dies alles als so ungerecht, so beschämend! Blindsein war schon schlimm genug, aber keinen Menschen haben, der einem diese Blindheit liebevoll erleichterte, so etwas durfte es eigentlich gar nicht geben! ,

Natürlich spürte auch der blinde Mann dies wärmere Gefühl des jungen Mädchens. Sagte er etwas, bat er um etwas, wandte er sich fast stets an Traute. Ihre Freundinnen hatten sie schon öfter damit auf gezogen: ≫Paß auf, womöglich verliebt er sich noch in dich! Was willst du—? Er ist erst siebenunddreißig, sehr vermögend, und sähe eigentlich ganz gut aus, wenn ihn nur jemand richtig anzöge. Er wäre eine fabelhafte Partie für dich, Traute—für die jungen Männer interessierst du dich ja doch nicht!≪

Das leise Grauen, das Traute stets vor dem blinden Mann empfand, das Schweigen, das sie ihm gegenüber fast wider Willen beobachtete, ihre ganze scheue Zurückhaltung kam vielleicht nicht nur aus der instinktiven Scheu vor dem ‘von Gott Geschlagenen‚, sondern auch aus der unverhüllten Sympathie des Blinden für sie, aus den Spötteleien der andern. Liebe—nein, so etwas war natürlich gar nicht möglich. Er war ja kaum noch ein Mann, lieben konnte man ihn nicht. Aber er hätte eine Mutter haben müssen oder irgendeinen alten guten Menschen, der immer um ihn war, der Geduld mit ihm hatte.—

Als der blinde Mann ein paarmal völlig erfolglos versucht hatte, eine Antwort aus den jungen Mädchen herauszulocken war auch er verstummt. Finster grübelnd hatte er auf seinem Teller herumgestoehert, die Brauen gerunzelt, das Gesicht tief gesenkt. Dann war er plötzlich ohne ein Wort auf gestanden und in sein Zimmer gegangen.

≫Gottlob!≪ hatte Lola gesagt. ≫Wenn er so ist, finde ich ihn noch ekelhafter. Immer hübsch den Mund halten, Traute, dann bekommt er es am ersten über! So haben wir wenigstens zeitig Feierabend. Ich geh ins Dorf. Kommst du mit, Itta?≪

Ilse, die tief in Gedanken am Tisch gesessen hatte, lehnte ab.

≫Nein, ich will noch ins Städtchen.≪

≫Dafür bin ich zu müde. Du hast auch einen Nerv, Itta! Ich glaube, es ist jetzt die achte Nacht, daß du unterwegs bist— Kommst du mit mir, Traute?≪

≫Nein, danke.—Du weißt, eine von uns soll immer im Haus bleiben.≪

≫Ach was, heute merkt er nichts. Er holt sich bestimmt noch eine Flasche aus dem Keller. Komm nur mit, Traute!≪

≫Nein, wirklich nicht. Ich bin auch zu müde.≪

≫Du bist für alles zu müde. Du verschläfst dein halbes Leben, und die andere Hälfte verträumst du!≪

≫Gute Nacht!≪ sagte Ilse plötzlich und stand auf. ≫Ich radle gleich los.—Oder nein, ich werde doch lieber gehen. Wenn es so klappt, wie ich es mir denke, werde ich nämlich im Auto nach Haus gebracht. Da kann ich kein Rad brauchen.≪

≫Was denkst du dir denn, Itta?≪ wollte Lola wissen. ≫Sag es doch, bitte, bitte!≪

≫So fragt man Leute aus≪, lachte Ilse. ≫Haltet mir den Daumen! Vielleicht bin ich morgen—≪

≫Was bist du, Ilse—? Sag doch schnell!≪

≫—noch nicht wieder zu Haus!≪ lachte sie und lief aus der Tür.—

Kapitel 7

Fern tönt Vaters Okarina

Ganz so optimistisch, wie sie vor ihren Freundinnen getan hatte, war Ilse Voß aber nicht. Im Gegenteil, eher war sie trübe, sie erinnerte sich einiger Stunden im Leben, da sie einen ähnlichen Entschluß gefaßt hatte, und es war doch alles unverändert weitergegangen, eher noch schlechter, eher noch tiefer hinein. So recht glaubte Ilse nicht mehr an die Möglichkeit eines Sieges über ihres Herzens Schwachheit.

So ließ sie sich, die es so eilig gehabt, von Tisch fortzukommen, viel Zeit bei der Auswahl von Kleidern und Strümpfen. Sie wusch sich lange und sorgfältig und zog, als sie endlich fertig war, dann doch wieder die hauehdünnen Seidenstrümpfe und das kurze Sommerkleid aus: ihr Entschluß war fester geworden und ihre Hoffnungen geringer. Sie glaubte plötzlich nicht mehr an einen Erfolg bei Erich Mutzbach. stärker rechnete sie nun auf den andern, den Ungeliebten, Verachteten, fast Verhaßten. Für ihn, oder genauer für seine Mutter, war es besser, sich nicht zu hübsch anzuziehen— diese Leute hatten keinen Sinn für etwas Hübsches!

Während all dieser Vorbereitungen hört sie die beiden andern heraufkommen. Natürlich streiten sie schon wieder. Lola möchte, daß Traute mit ins Dorf kommt, Traute aber verspricht der Lola ihre in Goldpapier gewickelten Pralinen, wenn sie heute abend zu Hause bleibt. Sie, Traute, graule sich so allein mit dem blinden angetrunkenen Mann im Hause. Lola findet Traute blöd und langweilig, und Traute sagt dafür der Lola, daß sie sich immer nur mit Männern herumtreiben wolle…

≫Ach, ihr!≪ denkt Ilse angeekelt und findet es komisch, an was andere denken, wenn man selbst solche Sorgen im Kopfe hat. ‘Keiner geht eigentlich den andern richtig was an‚, denkt sie langsam. ‘Ich möchte wohl wissen, ob einer dem andern je ganz nahe kommt. Ich jedenfalls bin immer allein geblieben; wie ich wirklich bin, habe ich nie jemandem zeigen dürfen—außer natürlich damals bei Vater—.‚

Sehr in Gedanken an den geliebten Vater schleicht sie langsam die Treppe hinunter, sie möchte jetzt um keinen Preis den andern begegnen. Lola würde sofort spöttische Bemerkungen über das ‘dowe Sommerfähnchen‚ machen, und Traute würde zu barmen anfangen über das Alleinbleiben mit dem blinden Mann.

Aber ganz ohne Begegnung kommt Ilse doch nicht aus dem Haus: auf dem Hof steht Herr Siebenhaar und krault der Hündin Bella die Kehle.

Herr Siebenhaar richtet die blinden Augen auf Ilse, als sie aus dem Hause tritt, und fragt: ≫Bist du das, Traute?≪

≫Nein, ich bin’s bloß, Herr Siebenhaar, die Ilse.≪

≫Bloß solltest du auch nicht sagen, Ilse. Du bist nicht weniger als die Traute. Niemand soll von sich selbst ‘bloß‚ sagen—bloß ein Blinder…≪ Er starrt sie tot an, mit zitternder Lippe.

Nein, er hat wohl nicht mehr getrunken, aber er scheint weinerlich-redselig geworden. Ilse steht mit zorniger Ungeduld neben ihm, denn sie hat es jetzt brandeilig…

≫Ist es schon spät, Ilse?≪

Herr Siebenhaar kann sich nicht in der ewigen Nacht zurechtfinden, in der er nun lebt. Er verwechselt ständig die Uhrzeiten. Manchmal stört er um drei in der Nacht die Mädchen aus dem Schlaf, es müsse doch schon seit Stunden Aufstehzeit sein …

≫Gleich neun Uhr, Herr Siebenhaar≪, sagt Ilse und sieht mit Abneigung auf ihren Brotherrn. Wie ungepflegt er wieder aussieht, beim Rasieren hat er die Hälfte der Stoppeln stehenlassen! Ach Gott, daß sie aus all dem erst heraus wäre! Sich immerzu mit Männern plagen, die einen nichts angehen, war zu langweilig!

Du willst ja sogar einen Mann heiraten, dem du nicht ausstehen kannst! spricht eine mahnende Stimme in ihr.

Aber Ilse beachtet diese Stimme nicht, Ilse will jetzt fort von hier. Sie hat Feierabend, sie hat es nicht mehr nötig, auf das Geschwätz ihres Chefs zu horchen, der Dienst ist zu Ende, und sie hat Eile! Darum hat sie ihm ja auch eine falsche Uhrzeit gesagt, denn es ist grade erst acht Uhr—aus so etwas macht sie sich kein Gewissen.

≫Du hättest wohl keine Lust, mit mir und der Bella noch einen kleinen Spaziergang durch die Felder zu machen?≪ fragte der Blinde zaghaft. Und setzt entschuldigend hinzu: ≫Die Bella ist heute den ganzen Tag noch nicht herausgekommen. Dann ist sie immer so wild hinter jeder Katze und hinterjedem Kaninchen her, und läßt mich irgendwo stehen, wo ich nicht wieder nach Haus finde …≪

≫Tut mir leid, Herr Siebenhaar≪, sagt Ilse kurz. ≫Ich muß noch nach Berga, ich habe eine wichtige Verabredung.≪

≫Geh! Geh!≪ sagt Herr Siebenhaar ganz friedlich. ≫Ich will dich doch nicht aufhalten, Ilse. Vielleicht mag eine von den beiden andern mit mir gehen.≪

≫Lola will noch ins Dorf≪, erklärt Ilse, völlig ungerührt.

≫Und Traute ist todmüde und will gleich ins Bett. Verderben Sie den beiden bloß den Abend nicht, Herr Siebenhaar! Am besten legen Sie sich gleich hin—Sie haben heute früh schon vor vier im Haus spektakelt, Sie müssen ja müde sein!≪

Damit läßt sie ihren Arbeitgeber stehen und macht sich auf den Weg ins Städtchen Berga, ohne sich weiter Gedanken wegen seiner Gefühle zu machen. Denn so ist sie, so ist sie in einer liebeleeren Welt geworden: zu hundeschnäuzig und zu liebebedürftig. Bis sie acht Jahre alt war, hatte sie eine fast sehr gute Zeit. Sie hatte zwar schon eine Stiefmutter, aber noch einen richtigen Vater, für den heute noch ein geheimer Schrein in ihrem Herzen errichtet steht …

Sie erinnert sich, die Stiefmutter hat immer mit Vater gescholten, aber Vater hat nie ein Wort dagegen gesagt. Wenn es ganz schlimm wurde, war seine einzige Sorge, daß sich die Kinder nicht ängstigten. Er war vielleicht kein starker Mann, aber in der Liebe zu seinen Kindern war er stark …

Wie oft hat er seine Itta an der Hand genommen, und Vater und Tochter sind der Schimpf- und Lärmhölle daheim entflohen, haben sich an den Waldrand gesetzt, und Vater hat eine Mundharmonika oder Okarina aus der Tasche gezogen und hat Lied um Lied geblasen, während Ilses kleine graue Hand auf seinen Knien lag …

Die Sonne ging zur Küste, von den Wiesen hob sich der sachte Abendnebel wie ein weißer Rauch, noch einmal rauschte der Wald ihnen im Rücken auf und schwieg still, noch einmal rief ein Vogel und verstummte …Aber Lied auf Lied kam aus Vaters Okarina, sie wurden leiser und trauriger, je enger die Dämmerung sie umschloß, bis schließlich Vater das Instrument sorgfältig abwischte, in die Tasche schob, aufstand und seufzend sagte: ≫Nun müssen wir wohl nach Haus, Itta!≪

Diese eine Leidenschaft hatte der stille Vater gehabt, unüberwindlich wie alle wahren Leidenschaften: er mußte ein wenig Musik machen können. Alles andere ertrug er ohne Klagen, aber dies bißchen Blasen, das mußte er haben. Und grade dies Blasen war der Stiefmutter verhaßt.

Vielleicht hatte sie sogar recht: es war eine ewig knappe Familie mit Kindern aus ihrer ersten Ehe, mit Kindern aus seiner ersten Ehe (darunter Ilse) und auch schon mit Kindern aus ihrer gemeinsamen Ehe—der Mann hätte gut am Feierabend der Frau ein bißchen helfen können: Holz hauen, Kohlen tragen, Wasser holen, das Gärtchen in Ordnung halten, aber er wollte nichts als dudeln!

Zu Beginn dieser zweiten Ehe hatte der Vater noch eine Trompete und ein Waldhorn besessen, aber die hatte die Stiefmutter rasch aus der Welt geschafft. So große Instrumente waren schlecht zu verstecken. Jetzt waren Mundharmonika und Okarina darangekommen, die man leichter verbergen konnte, aber dann und wann erwischte die Stiefmutter sie doch! Und da sie unerbittlich an jedem Freitagmittag Lohnbüro der Fabrik stand und dem Vater sofort den ganzen Wochenlohn abnahm, so hätte es mit dem Ersatz schlecht ausgesehen, wenn nicht der sanfte Vater in diesem einen Punkt ebenso hartnäckig gewesen wäre wie die Stiefmutter: er tauschte die Schuhe von den Füßen und das Hemd am Leibe gegen ein neues Instrument!

Aber dann die Szenen, wenn Vater so nach Haus kam! Die Stiefmutter merkte immer gleich, was fehlte, und ihre Wut war dann einfach schrecklich. Einmal ließ sie sich von dieser Wut so weit hinreißen, daß sie jedes Stück Geschirr in der Wohnung zerschlug: Es sei doch alles egal! Wenn der Mann die Wirtschaft verdudele, könne die Frau sie auch zerschlagen— es sei alles eins!

Ilse sieht ihren Vater noch am Holztisch sitzen, das blasse Gesicht mit den langen stoppligen Falten vornübergeneigt. Von seiner Braue läuft ein dünner Faden Blut, ein Scherben ist ihm dagegen gesprungen. Ilse hat zu tun, die verängsteten Kinder in ihren Betten ruhig zu halten, sie kann dem Vater nicht helfen. Aber da sitzt er, leichenblaß mit geschlossenen Augen, unter dem Geheul von tausend Anklagen und Flüchen, ohne ein Wort, still. Keine Musik …

Nicht anders hatte er ein halbes Jahr später auf seinem Totenbett gelegen—er war durchs Eis gebrochen und ertrunken, als er, zu spät daran auf seinem Frühweg in die Fabrik, der Abkürzung halber über einen Teich hatte laufen wollen. Zwischen Vaters Händen steckte eine dicke, rote, brennende Kerze, seine Nase stach hager aus dem zusammengefallenen, stoppligen Gesicht. Das war alles, was für sie vom Vater zurückgeblieben war…

Nicht lange später heiratete die Stiefmutter wieder, und Ilse bekam zur Stiefmutter auch noch einen Stiefvater. Da es nun noch mehr Kinder wurden, mußte sie bald hinaus, um Geld zu verdienen. Ja, sie hatte es erlebt, wie lieblos die Menschen grade zu denen sein können, die uns die liebsten sind. Die friedlichen Abende am Waldrand lagen nun längst weit dahinten, seitdem hatte sich ihr Herz verhärtet. Schmus rührte sie nicht mehr, ihr fehlte alle frauliche Milde, die einem Siebenhaar freundliche Worte und Mitleid gegönnt hätte: sorge jeder für sich allein!

Vage denkt sie auf ihrem langen Weg nach Berga an ihren Vater, aber mit ungeduldigem Kopfschütteln jagt sie die Erinnerungen immer wieder fort. Solche Männer wie Vater gibt es heute nicht mehr. Gäbe es solche, wäre alles einfach, sie hat das Gefühl, mit einem Mann wie Vater würde sie in der Ehe gleich milde und gut. Nein, solche Männer gibt es nicht mehr, und einen Mann, wie sie ihn eigentlich haben möchte, auch nicht, einen Mann, der stark ist, der sich nicht durch Mätzchen betören läßt, der weiß, was er will, zu dem sie aufsehen kann—! Bei dem wäre sie geborgen, sie, die trotz aller Kaltsehnäuzigkeit ein so weiches, schwaches Herz hat—!

Nun, da es aber beide Arten Männer nicht gibt, muß sie einen von denen nehmen, die zu haben sind. Am liebsten noch den Erich Mutzbach, und wenn es der nicht sein kann, eben den andern! Sie müßte nicht die Ilse Voß sein, wenn sie ihren Willen nicht durchsetzte!

Sie ist vom Seeufer emporgestiegen. Sie geht jetzt den Priesterweg—eine letzte kleine Steigung noch, und nun liegt Berga im tiefen Dämmern, aber schon mit einigen Lichtern blinkend, vor ihr. Berga, in dem noch niemand etwas vom Anmarsch der Ilse Voß und ihren Absichten ahnt, sich noch heute abend einen Ehemann zu erobern—!

Kapitel 8

Küß mich nicht wie ein Fisch!

Erich Mutzbach, ein junger, lediger Mann von immerhin schon neunundzwanzig Jahren, war der einzige Einwohner des Städtchens Berga, der sich eines möblierten Zimmers mit separatem Eingang rühmen durfte. Kamen Bergas Bürger auf diesen Umstand zu sprechen, so sagten sie entweder tadelnd oder schmunzelnd: ≫Da ist Witwe Timms Zimmer wenigstens an den Rechten gekommen! Einrosten läßt der die Tür bestimmt nicht!≪

Im übrigen aber hüteten sich grade die Bürger, gar zu schlecht von Herrn Mutzbach zu sprechen, denn man konnte nie wissen, ob man ihn nicht vielleicht eines Tages brauchen würde. Denn Herr Mutzbach war der Leiter der Bergaer Filiale der Kasse, zahlte aus und nahm ein, reichte Kreditanträge an seine Hauptstelle weiter und konnte auch bei einem Wechselchen mal Schwierigkeiten machen, man nahm sich in acht.

Und Erich Mutzbach war auch—trotz seines Separateinganges— bestimmt kein schlechter Mensch. Zugereist aus der großen Stadt Berlin, wo er auf einer Bankfiliale ein untergeordnetes und gänzlich unbeachtetes Dasein geführt hatte, war ihm die gehobene, allseits geachtete Stellung in der Kleinstadt ein wenig zu Kopf gestiegen—natürlich. Im Grunde hatte er kaum etwas zu sagen, bestimmt wurde alles von der Hauptstelle in der Kreisstadt, aber die Leute glaubten, daß er etwas zu sagen hätte, und das war ihm ebensoviel wert.

Ein bißchen frech, ein bißchen frei, mit Berliner Mundwerk und Berliner Schick war er bei den jungen Mädchen natürlich Hahn im Korbe. Stets ausgezeichnet angezogen, mit dem wunderbaren, in so exakten Locken liegenden Blondhaar, daß viele behaupteten, er lasse es sich heimlich vom Damenfriseur Walz in Wasserwellen legen, Besitzer eines Motorrades, eines Segelbootes, smarter Tennisspieler— und vielleicht bald Ehemann, wer hätte ihm da widerstehen mögen—?

Aber da von seinen vielen Mädelgeschichten nie etwas über den gegen die Alten verschworenen Kreis der Jugend hinausdrang, lächelten auch die Frauen nur und sagten: ≫Jugend will sich eben austoben! Es wird schon so schlimm nicht sein mit dem Herrn Mutzbach, man muß auch nicht alles glauben, was die Leute reden! Er sieht doch immer so adrett angezogen aus und hat diese frische Gesichtsfarbe— nein, liederliche Männer, dafür haben wir andere Beispiele hier in Berga—!≪

Ilse Voß war nicht mehr ganz so überzeugt von der Solidität des Erich Mutzbach, aber immerhin galt ihr erster Weg in Berge ihm. Sie kannte den separaten Eingang, so stieg sie über den Kirchberg, sah sich einen Augenblick auf dem fast dunklen Kirchplatz um und stieß dann rasch die Lattentür zum Gemüsegarten der Witwe Timm auf. Sie ging zwischen den Johannisbeerbüschen durch—gottlob brannte hinter seinen Fenstern Licht, meistens war er abends unterwegs— und kopfte leise an die Hintertür des Hauses.

Sie mußte aber noch ein paarmal und sehr viel lauter klopfen, ehe es sich in Erichs Stube rührte. Dann ging auch nicht die Tür, sondern ein Fenster auf, Erichs dunkler Kopf erschien, und recht mürrisch fragte er: ≫Was ist denn nun noch los—?! Ich gehe ins Bett!≪

≫Ich bin’s, Itta!≪ sagte Ilse leise.

≫Aber da staunt man doch!≪ rief Erich Mutzbach, etwas belebter, aber nicht sehr. ≫Wahrhaftig, die Itta! Mit dir haben wir ja lange nicht die Ehre gehabt, mein Mädchen!— Am Sonntag war mir’s so, als hätte ich dich mit dem langen Laban von Raiffeisen beim Zuckerbäcker tanzen gesehen, aber wer natürlich keine Augen für mich hatte, das war Itta, die Treulose!≪

≫Du hättest schon einen Tanz von mir haben können, wenn du nur Augen für mich gehabt hättest, Erich≪, sagte Itta wiederum sehr leise.

≫Aber das ist jetzt egal—wir haben uns beide nichts vorzuwerfen!—Erich, ich hätte dich gerne einen Augenblick gesprochen—mach mir bitte die Tür auf!≪

≫Muß das denn mitten in der Nacht sein?!≪ klagte er. ≫Wirklich, Itta, ich bin todmüde und habe einen rasenden Kopfschmerz. Die ganze letzte Nacht habe ich durchgebummelt— das heißt, wir haben in der Bahnhofswirtschaft Skat gedroschen …Ich verspreche dir heilig, ich komme morgen in der Mittagspause zu dir nach Lenzen hinaus—wenn es wirklich so dringend ist …≪

≫Es ist so dringend, Erich, daß es unbedingt jetzt sein muß!≪ forderte Ilse entschlossen. ≫Deine heiligen Versprechen kenn’ ich, ich würde morgen mittag umsonst auf dich warten!≪

≫Ich gebe dir mein großes Ehrenwort, Itta …≪

≫Auch deine Ehrenwörter kenn’ ich—bei Mädchen hältst du sie bestimmt nicht. Vielleicht bei Männern, ich weiß das nicht…≪

≫Also kurz und gut, Itta, ich will jetzt ins Bett und bin nicht mehr zu sprechen!≪

Mit diesen recht giftig gesprochenen Worten machte sich Erich Mutzbach daran, das Fenster zu schließen. Doch da stand Ilse Voß schon auf einer Spalierlatte, lehnte einen Arm auf die Fensterbrüstung und faßte mit dem andern nach seiner Hand.

≫Du wirst jetzt mit mir sprechen, Erich!≪ flüsterte sie drohend. ≫Oder ich mache Krach, ich schlage dir die Scheiben ein—!≪

Seine Hände legten sich gegen ihre Schultern. Einen Augenblick sah es so aus, als wollte er sie von der Spalierlatte hinunter in den Garten drücken (was ihm wenig genutzt hätte, denn Ilse war fest entschlossen, zu tun, womit sie ihm gedreht hatte)—dann glitten seine Hände von den Schultern ab und legten sich auf ihre Brust.

≫Itta!≪ sagte er fast schmeichelnd. ≫Itta! Immer noch mit dem Kopf durch die Wand, immer noch das alte Temperament—?! Nun, wenn es so dringend ist, bin ich natürlich sofort bei dir!≪

Seine Hände faßten sie noch einmal ganz fest, daß es schmerzte. Dann zog er sich zurück, aber er vergaß nicht, das Fenster zu schließen.

Itta sprang vom Spalier und stand schwer atmend im Garten. Nach der Gluthitze des Tages stieg ein wenig feuchter, kühler Dunst aus der Erde unter den Büschen auf—das tat ihr gut. Aber innerlich war ihr glühend heiß, als verbrenne alles langsam in ihr. Es war doch eine Schmach, daß sie, Ilse Voß, hier so stehen und um einen Lumpen betteln mußte! Und es hatte doch einmal schön angefangen—so schön und beglückend, wie nur echte Liebe sein kann! Also war es doch keine echte Liebe gewesen, da es so weiterging—? Wer sollte sich da auskennen—? Ahnungslose Traute—!

Es dauerte sehr lange, bis die Haustür in den Garten sich öffnete, es dauerte so lange, daß Ilse schon fest entschlossen war, wieder auf das Spalier zu klettern und gegen die Scheiben zu klopfen. Aber dann kam er. Er hatte sich, trotz der Dunkelheit erkannte es Ilse, seinen blauweißgestreiften Bademantel übergezogen, also war er wohl schon ausgezogen gewesen. Ihre Lippen schlossen sich fest, und das Kinn schob sie vor—oh, sie hatte eine Wut auf ihn, Wut mit tiefer Verachtung gemischt …

Schweigend sah sie ihm zu, wie er sorgfältig den separaten Eingang hinter sich verschloß. Dann drehte er sich um und rief halblaut: ≫Itta! Wo bist du denn?≪

≫Hier!≪ sagte sie und trat aus den Büschen. ≫Warum darf ich denn heute nicht auf dein Zimmer—?≪

≫Es ist so stickig drin …≪

≫Deswegen hältst du die Fenster sorgfältig geschlossen!≪

≫Und Frau Timm hat nebenan Besuch.≪

≫Ich bin zehnmal auf deiner Bude gewesen, wenn die Timm Besuch hatte!≪

≫Itta!≪ bat er und faßte sie zärtlich um. ≫Wollen wir uns denn streiten? Sieh mal, es kann so schön sein, das weißt du doch, sei ein bißchen nett zu deinem Erich!≪

Sie haßt diese schmeichelnd zärtliche Stimme, sie haßt diese starke Hand, die sich so gewohnt und herrisch um ihren Leib legt! Und doch rieselt wieder etwas durch sie: Süße und Schwäche …

≫Ach, Erich!≪ flüstert sie und lehnt, sie mag es wollen oder nicht, ihren Kopf gegen seine Schulter.

≫Na, siehst du, Kleines!≪ sagt er, völlig befriedigt von seiner Wirkung und seines Sieges schon gewiß. ≫Warum denn immer gleich so rauhbeinig? Wir kennen uns doch, Itta! —Und nun sag schnell, was du auf dem Herzen hast—ich habe wirklich solche Kopfschmerzen, daß ich mich sofort hinlegen muß!≪

Es war vielleicht nicht ganz richtig, Ilse grade in diesem Augenblick an seine Kopfschmerzen und das so eilige Ins-Bett-Gehen zu erinnern, aber ein großer Kenner der Frauenseele war Erich Mutzbach nie. Er fühlt, wie die hingehende Schwere aus ihr schwindet, wie sich ihr Leib strafft …

Aber dann sagt sie ganz friedlich: ≫Wir haben doch schöne Tage miteinander gehabt, was, Erich?≪

≫Stimmt, meine Süße!≪ sagt Erich fröhlich. Ilse hat nur eine sentimentale Anwandlung; irgendein anderer hat sie sitzen lassen, und nun ist sie zu ihm gekommen, um Erinnerungen zu feiern. Er kennt das.—≫Und ich denke, wir werden noch viele schöne Stunden haben …≪

≫Ja≪, sagt Ilse. ≫Aber warum ist es denn eigentlich nicht immer so geblieben mit uns, Erich—?≪

≫Keine Ahnung, meine Schönste! So ist das Leben eben: und her, auf und ab. Vielleicht bin ich nicht besonders beständig veranlagt—und du wohl auch nicht, entschuldige schon, Ilse!≪

≫Ich könnte es mir schon vorstellen, daß wir beide immer zusammenlebten, Erich, du und ich. Es könnte doch wieder schön sein, nicht wahr?≪

≫O Gott, sag doch bloß so was nicht, Itta!≪ bat er, sehenhaft klagend. ≫Ich stelle mir das einfach grauenhaft vor, immer zu zweien zusammenzuhocken. Wir stritten uns aus reiner Langeweile schon am ersten Tag!≪

≫Du hast es dir aber einmal schön vorgestellt, Erich!≪ sagte Ilse hartnäckig. ≫Du hast es mir auch versprochen!≪

≫Ach, Itta, wozu rührst du diese ollen Kamellen auf! Was denkt man sich nicht alles—vorher! Und was verspricht man nicht—vorher!≪

≫Du hast es aber versprochen! Du gibst es selbst zu. Und Versprechen soll man halten!≪

≫Aber, Itta!≪ ruft er, noch immer ganz ahnungslos. ≫Was redest du heute abend alles nur?! Du denkst doch nicht im Ernst—? Nein, das wäre ja lachhaft! Worauf willst du eigentlich hinaus?≪

≫Darauf, daß du dein Versprechen hältst! Ich will, daß wir uns heiraten!≪

Ilse wird es plötzlich gar nicht schwer, dies auszusprechen, und ebenso plötzlich erscheint ihr dieses Verlangen auch völlig gerecht und zweckmäßig.

Er aber ist wie vom Donner gerührt. Er läßt sie brüsk los und fragt atemlos: ≫Was willst du—?≪

≫Daß wir heiraten!≪

Er steht einen Augenblick schweigend, überlegend. Dann fragt er: ≫Bist du—?≪

Er wartet. Dann: ≫Ist es darum—?≪

Jetzt könnte Ilse lügen. Aber sie mag nicht lügen, es ekelt sie, auf Schwindel ein neues Leben aufzubauen. (Und nebenbei kennt sie ihn zu gut, um nicht zu wissen, daß auch dies ihn nicht umstimmen würde, wenn er nicht will. Er würde bloß neue Ausflüchte machen.)

≫Nein, das ist es nicht≪, sagt sie darum mit fester Stimme. ≫Aber ich finde, für uns beide ist es Zeit, mit dem Liederleben aufzuhören. Wir könnten einander gut helfen und ein schönes Leben führen …≪

Er hat aufgeatmet, als er hörte, seine ersten Befürchtungen trafen nicht zu. Nun aber sagt er ziemlich empört: ≫Erlaube mal, ich führe kein Liederleben, ich genieße mein Leben, wie es mir Spaß macht. Wenn du einen Kater hast, ist das noch lange kein Grund für mich, dich zu heiraten!≪

≫Du hast es mir aber versprochen!≪

≫Ach, sei doch endlich still von diesem albernen Versprechen! Ein Mann kann einem Mädchen tausend Dinge versprechen und braucht sie nicht zu halten. Das ist in der Liebe wie im Kriege. Jede List gilt.≪

≫Du willst mich also unter keinen Umständen heiraten?≪

≫Ich glaube, das habe ich dir schon ziemlich deutlich gesagt, meine Gute!≪

Eine Weile schweigt Ilse. Dann fragt sie halblaut: ≫Ist es wegen der, die du jetzt auf deiner Stube hast, Erich?≪

≫Ich habe niemanden auf meiner Stube! Ich will vorläufig überhaupt nicht heiraten!≪ schreit er wütend, dämpft aber angstvoll schon während des Schreiens seine Stimme.

≫Ist es die mit den Pferdezähnen, die Lisa vorn Bürgermeister, die du bei dir hast?≪ fragt sie hartnäckig.

≫Ich sage dir doch: ich habe niemanden oben, mein Ehrenwort!≪

≫Dein Ehrenwort! In der Liebe ist jede List und jedes Ehrenwort erlaubt, nicht wahr?≪

≫Ich habe niemanden oben!≪ Dann: ≫Und überhaupt, Ilse, das ist doch alles Unsinn! Wovon sollen wir denn heiraten? Du hast nichts, ich habe nichts …≪

≫Du hast ein sehr gutes Gehalt …≪

≫Erlaube mal! Du glaubst wohl auch, was sich die Bergaer einbilden? Ich habe zweihundertfünfzig Mark brutto, das heißt, zweihundertzwölf Mark werden mir ausbezahlt …≪

Sein Ton ist so empört, daß sie ihm dieses Mal wirklich glaubt. Aber: ≫Von zweihundertzwölf Mark müssen Zehntausende von Familien leben, zweihundertzwölf Mark sind gar kein schlechtes Einkommen, Erich!≪

≫Und die Schulden, die ich habe, die rechnest du wohl gar nicht, Ilse—?!≪ fragt er fast triumphierend. ≫An den Schulden habe ich schon als Junggeselle schwer genug zu kauen …≪

≫Ach, die paar Schulden in den Wirtschaften und beim Tabakhändler≪, sagt Ilse verächtlich, ≫die haben wir schnell abbezahlt. Du hastja keine Ahnung, wie gut ich sparen kann. Sparen, das habe ich gelernt …≪

≫Aber die Schulden meine ich ja gar nicht!≪ ruft er. Er freut sich, es ihr jetzt gründlich geben zu können. ≫All die Sachen, die ich auf Abzahlung gekauft habe, die sind es doch, die mich immer tiefer reinreißen! Jolie und Motorrad und Radio, sogar meine Anzüge gehen auf Raten! Wenn ich Ultimo mein Gehalt kriege, schicke ich hundertachtzig Mark Raten weg. Dann bleiben mir zweiunddreißig Mark für den ganzen Monat—und davon willst du heiraten! Du bist ja einfach lächerlich, Itta!≪

≫Wir könnten uns einschränken, Erich≪, sagt sie hartnäckig.

≫Von zweiunddreißig Mark im Monat auch noch einschränken! Du bist ja komisch! Und überhaupt will ich mich gar nicht einschränken! Ich will genau so leben, wie es mir Spaß macht. Ich habe ja sogar schon≪—seine Gier, sie endlich loszuwerden, reißt ihn zur Schwatzhaftigkeit hin— ≫über fünfhundert Mark aus der Kasse genommen. Da siehst du wohl, daß es mit Heiraten Essig ist!≪

Er schweigt, befriedigt, sie erledigt zu haben. Und doch fängt er schon an zu bereuen, was er eben erzählt hat. Diese verdammten Weiber, immer verleiten sie einen zu Unbesonnenheiten!

Nach einer langen Pause sagt Ilse leise: ≫Wenn ich auch nur neunzig Mark im Monat verdiene, so habe ich doch schon über achthundert Mark gespart. Mit denen helfe ich dir, Erich, und dann fangen wir zusammen ein ganz neues Leben an. Vielleicht kannst du dich von hier versetzen lassen, wo uns jeder kennt …≪

≫Das ist furchtbar nett von dir, Itta≪, sagt Erich Mutzbach ziemlich lebhaft und tritt ihr wieder einen Schritt näher. ≫Über diese Geldsache können wir einmal miteinander reden. Ich würde dir einen Schuldschein geben und dir das Geld anständig verzinsen. Sagen wir sieben Prozent, das ist das Doppelte von dem, was dir meine Kasse gibt …≪

≫Ich will aber keine Geldgesehäfte mit dir machen. Ich möchte gerne, daß wir uns heiraten …≪, sagt Ilse und hat doch schon das Gefühl des völlig Hoffnungslosen.

≫Aber Itta!≪ ruft er vorwurfsvoll. ≫Was ist nur in dich gefahren?! Fange doch nicht immer wieder damit an! Du bist ein Durchgänger, und ich auch, das kann doch nichts werden!≪

≫Wir können uns doch ändern, Erich. Ich will mich bestimmt ändern …≪

≫Du änderst dich auch nie! Jeder bleibt, wie er von Anfang an ist. Das ist so ein Gesetz. Und, Itta≪, sagt er hastiger, als er sieht, sie will schon wieder einen Einwurf machen, ≫ich würde nie ein Mädchen wie dich heiraten, von dem ich positiv weiß, es ist nicht treu …≪

Es war ihr, als hätte er ihr einen Schlag ins Gesicht gegeben. Schließlich fragt sie leise: ≫Und du—?≪ ,

≫Ach, mit Männern ist das ganz etwas anderes. Männer müssen nicht treu sein, von einem Mann verlangt man das gar nicht.—Und nun, Ittachen≪, sagt er und faßt sie zärtlich um, ≫du hast heute deinen Melancholischen, geh in den Preußischen Adler und trink zwei Schoppen Mosel. Du sollst sehen, wie du gleich anderer Stimmung wirst. Du lachst dann selbst über deine Heiratspläne! Die Itta und eine Ehefrau, das ist doch wirklich komisch!≪

Und er versucht zu lachen.

Aber sie lacht nicht mit. ≫Willst du wirklich, daß ich heute noch in den Preußischen Adler gehe?≪ fragt sie. Es scheint ihr so seltsam, daß ausgerechnet er sie dorthin schickt—zu dem andern.

≫Nun natürlich! Da ist der Wein am besten, und du sitzt ruhig, und der keusche Joseph, der Fritz Bleesern, wird dir schon nichts tun …≪

≫Begleit mich doch, Erich, bitte! Dann werde ich gleich anderer Stimmung.≪

≫Ganz unmöglich, meine Süße! Diese Kopfschmerzen …Komm her, gib mir noch einen Kuß, Itta! Aber küß mich doch nicht wie ein Fisch, ein wenig Feuer, wenn ich bitten darf, mein Kind!—Das war wieder nichts, nein, du bist heute wirklich nicht in Stimmung.—Und, Ilse, das mit der Kasse, das habe ich natürlich nur gesagt, um dich vom Heiraten abzuschrecken. Es ist nur halb so schlimm, oder es ist vielmehr gar nichts …≪

Sie schwieg. Er hielt sie umfaßt, aber zum erstenmal stand sie wie ein Pfahl in seinen Armen. Seine Liebkosungen ließen sie ganz kalt.

≫Und morgen abend will ich sehen, daß wir zusammenkommen. Ich rufe dich noch draußen an. Eigentlich habe ich eine Verabredung, aber die wird sich verlegen lassen. Wir können dann die Geldgeschichte in Ruhe besprechen. Es ist wirklich furchtbar nett von dir, daß du mir das angeboten hast. Ich bringe gleich den Schuldschein mit, und du denkst auch an das Geld …≪

≫Gute Nacht, Erich. Lebe wohl dann!≪ sagte sie zu ihm und ging langsam aus seinen Armen. Als sie aber erst durch die Gartenpforte war, lief sie immer schneller, ohne zu sehen. Sie lief durch die Büsche des Kirchbergs, aber nicht nur die Dunkelheit verschleierte ihr den Blick.

Schließlich hielt sie sich an einem Baum. Sie lehnte das Gesicht gegen die rauhe Rinde und weinte, weinte, wie sie noch nie in ihrem Leben geweint hatte, weinte sich gründlich aus.

Dann richtete sie sieh auf, noch schluchzte sie, aber schon sagte sie: ≫Tiefer geht’s nimmer, Itta! Nun muß es aufwärts gehen, wie schlecht dir’s auch schmeckt! Sonst bist du hopps!—≪

Kapitel 9

Ein Blinder sucht Augen

Nachdem seine Sekretärin Ilse Voß ihn mit der schnöden Empfehlung, nur brav ins Bett zu gehen, verlassen hatte, war der blinde Mann auf dem Hof stehengeblieben. Je mehr die Wirkung des Alkohols in ihm verflog, um so trauriger wurde er. Bella schmeichelte um ihn herum und bettelte um ihren Abendspaziergang, sie umkreiste ihn und bellte ihn aufmunternd an, aber er konnte sich nicht entschließen. Immer nur ein Tier zum Gefährten—er war doch ein Mensch, warum nur hielt es kein Mensch mehr bei ihm aus—? Hätte er damals schon so viel von der Verlassenheit eines blinden Mannes gewußt, wie er heute wußte, er wäre anders zu seiner Frau gewesen! Aber das Unglück war zu plötzlich, so völlig unerwartet über ihn hereingebrochen: ein Schwund des Sehnervs als ganz unerwartete Folge einer Schädelverletzung im Kriege. Er hatte es nicht glauben, er hatte sich nicht darein fügen wollen, dies konnte sein Schicksal nicht sein: ein Leben ohne Licht, ein ganzes langes blindes Leben! Er hatte dagegen angetobt, gegen seine ganze Umwelt hatte er getobt. Die Ärzte waren Nichtskönner, aber Beutelschneider, die Freunde hatten kein wahres Interesse und nicht die Spur von Hilfsbereitschaft, seine Frau—nun, seine Frau mußte für alles bezahlen! Das war ja auch nicht mehr als recht—sie hätte sich schon ein bißchen Gedanken um ihn machen dürfen, als diese rasenden Kopfschmerzen bei ihm einsetzten, die Vorboten des Erblindens. Er hörte noch ihre gereizte Stimme: ≫Du bist heute wirklich wieder ganz unerträglich, Peter! Nimm doch noch ein Pyramidon!≪ Und dann, später, als seine Blindheit nicht mehr zu leugnende Tatsache war, kam ihre läppische Art zu trösten: ≫Du mußt dich eben damit abfinden, Peter! Es ist doch nun einmal nichts daran zu ändern. Keiner trägt die Schuld—es ist eben Schicksal! Trage dein Schicksal wie ein Mann, Peter.≪

Ja—und wie hatte sie ihr Schicksal, die Ehefrau eines Blinden zu sein, getragen? Gewiß, heute sah er es ein, er hatte ihr das Leben nicht leicht gemacht, er hatte es ihr sogar verdammt schwer gemacht (heute würde er viel vorsichtiger mit ihr sein), aber mußte sie sich darum gleich in diesen jungen Laffen von Arzt vergaffen und ihn im Stich lassen—? Nein, heute wollte er nicht mehr behaupten, daß sie ihn betrogen hatte. So war Erna nie gewesen. Im Gegenteil, sie war immer offen gewesen, und sobald sie sich über diese neue Liebe klargeworden war, hatte sie ihm sofort gesagt, daß sie von ihm fort wolle …So und so, dies und jenes, das übliche Geschwätz von der jungen Frau, die noch ein ganzes Leben vor sich habe …Da sie ihm doch nichts helfen könne, ja, da ihre Anwesenheit seine Reizbarkeit nur zu verschlimmern scheine …

In seiner damaligen Stimmung hatte er nur mit Verdächtigungen und Wutausbrüchen auf dieses Gerede geantwortet. Sie solle sich nur zum Teufel scheren, es sei ein sauberes Heldenstück, einen blinden Mann zu betrügen! Er könne sie nicht mehr ertragen, sie könne gar nicht schnell genug aus seinem Hause kommen! Heute, wo er ‘Bescheid‚ wußte, heute hätte er sie nicht gehen lassen. Er würde bitten und betteln, er würde sich nicht schämen, an ihr Mitleid, ihr Anstandsgefühl zu appellieren, heute kannte er das Alleinsein!

Er konnte sich noch recht gut an die Zeit vor seiner Krankheit erinnern: eigentlich war er ein ganz normaler, gut gelaunter, tatkräftiger und arbeitslustiger Mann gewesen. Die Blindheit hatte ihm alles genommen: Arbeit und Frohsinn, Freude, Freunde und Frau. Er war nur noch ein kläglicher Überrest, etwas ganz anderes, als er gewesen, angewiesen auf die bezahlte Hilfe fremder Menschen, die ihn entweder bestahlen oder lieblos behandelten. Er war allen—und sich selbst—bloß noch lästig.

Und es gab keinen Ausweg! Es gab keine Rettung für ihn …Lola Bergfeld ist unterdes auch an ihm vorübergegangen; sie gab ihm nicht einmal Gelegenheit, seine Bitte um einen Abendspaziergang anzubringen, so schnell huschte sie an ihm vorbei. Nun steht er ganz allein auf dem Hof, auch Bella hat ihn verlassen, sie ist wohl hinter Lola drein gelaufen. Eine endlose Nacht hat er vor sich, das heißt, seine Nacht ist ja immer endlos, aber auch die Zeit bis zum nächsten Frühstück, da wieder Menschen in seiner Nähe sind, scheint ihm endlos. Traute Kaiser, die dritte im Hause, die einzige, die es gut mit ihm meint, liegt nun schon im Bett und schläft. Plötzlich fällt ihm ein, warum er heute nachmittag getrunken hat: er hörte sie die Treppe so heimlich hinabschleichen. Ja, nun ging auch sie wohl den Weg alles Fleisches, war für ihn verloren, hatte keine Gedanken und Gefühle mehr für ihn übrig—und sie war noch so jung, grade erst siebzehn! Und sie hatte ihm so wohl getan! Junge Süße— das war es!

Aber er kann hier nicht ewig stehen auf dem Hof, ihn fröstelt, es wird Nacht. Was soll er tun—? Er kann nicht schlafen! Er hat sich eine Arbeit für heute abend vorgenommen, er hat seine Bücher aus den Regalen geworfen. Das sollte seine Abendarbeit sein, sie wieder hineinzustellen, schön nach Einband und Größe geordnet. Das ist Arbeit für einen Blinden, die vier, fünf Stunden dauert, das ist die Art Arbeit, die er noch auf der Welt verrichten kann!

Er lacht höhnisch auf. ≫Was für ein Wrack ich bin!≪ sagt er bei sich. Und denkt mit Mißachtung an seine andere Arbeit, an die Erinnerungen, die er seiner Sekretärin Ilse Voß diktiert. Es sind eigentlich gar keine Erinnerungen, sondern es sind Angaben über all das, was er in seinem Leben an Farben sah, die Aufzeichnungen eines Blindgewordenen über die Buntheit der Welt, die er einst gesehen. Er hat sich einmal eingeredet, dies könnte etwas Großes, Dichterisches werden, es hat seinen Tagen bisher ein wenig Inhalt gegeben. Aber in der letzten Zeit wurde auch diese Illusion blasser, er weiß, er ist kein Dichter, er ist bloß ein Wrack. Ein Tannenast ist so und so grün, und eine Tannennadel ist an der Spitze anders grün wie an ihrem Ansatz—was für ein ödes Geschwätz!

Es scheint ihm seltsam, wie hellsehend er als Blinder für Schwächen und fromme Lügen geworden ist. Was er an Klarheit des Blicks naeh außen verlor, gewinnt er nach innen. Keine Mätzchen mehr—aber vergnüglicher wird das Leben nicht dadurch—o nein!

Der blinde Peter Siebenhaar steht noch immer am Fuß der Treppe und schwankt zwischen den drei Möglichkeiten, die ihm allein für diesen Abend verbleiben: Schlafengehen— Bücherordnen—Betrinken.

Dann tut er das Vierte, um das er die ganze Zeit schon innerlich mit sich gehandelt hat, er tut das Würdelose, er geht zu seiner Haustochter betteln. Er steigt leise und rasch die Treppe zum ersten Stockwerk hinauf, klopft an die Tür und tritt sofort ein.

≫Guten Abend, Traute≪, sagt er leise. ≫Ich störe dich sicher. Die andern sagten mir, du wolltest gleich schlafen gehen.≪

≫Nein≪, sagt Traute Kaiser, ein wenig verwirrt, denn es ist ja grade dies Alleinsein mit dem Blinden, vor dem sie sich gefürchtet hat. Zu dumm von ihr, daß sie vergaß, die Tür abzuschließen! Dann könnte sie jetzt ruhig behaupten, sie läge schon im Bett. Aber so—sagt sie lieber die Wahrheit!

≫Nein≪, antwortet sie darum, ≫ich habe mich noch nicht hingelegt. Ich schreibe grade noch an meine Mutter …≪

≫Dann will ich dich nicht länger stören, Traute≪, sagt Herr Siebenhaar. ≫Grüße deine Mutter schön von mir. Zu Haus ist doch alles wohl—?≪

≫Danke, Herr Siebenhaar.≪

≫Es ist nur—ich bin nur darum hier heraufgekommen, weil ich dich fragen wollte, ob du nicht ein Viertelstündchen mit mir spazierengehen möchtest? Ich bin heute noch gar nicht an die Luft gekommen. Und Bella ist mir auch untreu geworden. Ein Viertelstündchen würde nicht sehr lange sein, nicht wahr?≪

≫Gewiß, Herr Siebenhaar, ich gehe gerne mit Ihnen noch einen Augenblick. Vielleicht bis zum Spritzenhaus?≪

≫Selbstverständlich! Es ist furchtbar nett von dir, Traute!≪

Aber als sie aus dem Hof traten, wollte Herr Siebenhaar doch lieber in der andern Richtung gehen, den Weg in die Felder, den Traute heute mittag zornrot gegangen war, an der Sandgrube vorbei, bis zur kleinen Brücke.

≫Es ist frischer dort, Traute. Und du weißt doch, im Dorf sind um diese Stunde immer noch Leute vor den Türen …≪

Sie kennt seine Menschenscheu. Er mag nicht, daß die Leute, die ihn als aufrechten Mann gekannt haben, ihn nun am Arm geführt dahinschleichen sehen. So stimmt sie zu, trotzdem sie jeden andern Weg lieber ginge als grade diesen, der unangenehme Erinnerungen in ihr wachruft. (War sie nicht doch zu scharf gewesen?) Ein wenig bangt ihr auch vor dem völlig menschenfernen Beisammensein mit dem blinden Mann. Sie spürt—mit neuem Mitleid—seinen schiebenden, tastenden Schritt.

≫Ach Gott!≪ denkt sie. ≫Es ist unrecht von mir, vor ihm Angst zu haben. Er ist ja ganz hilflos—wenn ich ihn hier stehenließe, er fände vielleicht gar nicht mehr nach Haus!≪

Sie denkt an die vielen Seen, die hier rundum liegen, an all das Wasser, in das der Ahnungslose geraten kann. Sie schaudert, und rasch lenkt sie den Blick zum Himmel, der voll ausgestirnt ist.

Plötzlich zuckt sie zusammen, sie bleibt stehen, schweigt erst atemlos und ruft dann: ≫War das aber eine herrliche Sternschnuppe—haben Sie die gesehen, Herr Siebenhaar—? Ach Gott, verzeihen Sie doch …≪

≫Hast du dir denn auch etwas gewünscht bei der Sternschnuppe, Traute?≪

≫Aber klar—! Sie fuhr doch so lange über den Himmel, da konnte man sich alles wünschen, was das Herz begehrt!≪

≫Komm, nimm wieder meine Hand, Traute!—Ich frage mich≪, fragte Herr Siebenhaar fast fröhlich im Weitergehen, ≫was sich so ein junges Mädchen wie du wohl von Herzen wünscht?≪

≫Das ist wirklich nicht schwer zu raten, Herr Siebenhaar!≪

≫Nein—? Was ist es denn—? Schöne Kleider? Schmuck—? Nein? Einen recht guten Freund—? Es war mir doch so, als hörte ich heute nach dem Essen jemanden ganz leise die Treppe hinunterschleichen—?≪

≫Da bin ich aber bestimmt zu keinem guten Freund gegangen! Außerdem, wenn ich schon einen hätte, brauchte ich mir ja keinen mehr zu wünschen, Herr Siebenhaar!≪

≫Du hast dir also doch einen gewünscht, Traute—?≪

≫Ach!—Nun, wenn es Sie wirklich interessiert: ich habe mir einen netten anständigen Mann gewünscht, und eine gute Ehe mit vielen Kindern und dann—aber nein, das kann ich nun doch nicht erzählen, Herr Siebenhaar!≪

≫Mir kannst du alles sagen, Kind!≪

≫Nein, dies nicht. Es geht auch nur mich allein an.≪

≫Sag es schon, Traute, bitte! Denk mal, ich habe mit keinem Menschen rechten Umgang mehr. Es wäre wirklich eine Freude für mich, wenn ich wieder mal ein Geheimnis mit einem Menschen teilte!≪

(Er kam sich selbst schmählich vor, wie sehr er ihre Arglosigkeit und seine Blindheit mißbrauchte, aber er war so würdelos geworden in seinem Hunger nach einem bißchen Sympathie und Menschennähe …)

≫Ach, Herr Siebenhaar, wirklich?≪ fragte sie. ≫Aber mein dritter Wunsch ist doch nur eine Albernheit!≪

≫Er ist bestimmt keine Albernheit, Traute! Sag ihn mir nur ruhig!≪

≫Also ich habe mir gewünscht, daß …Aber nein, ich kann es doch nicht sagen!≪

Und sie brach in ein verlegenes Lachen aus.

≫Nun sag schon! Mach mir einmal die kleine Freude!≪

≫Also, ich habe mir gewünscht, daß meine Knöchel ein ganz klein wenig schlanker sind!≪

≫Deine Knöchel sind ganz bestimmt nicht zu dick! So was erzählen dir bloß deine Freundinnen. Glaube denen nur nicht zu viel!≪

≫Aber Sie können das doch gar nicht wissen, Herr Siebenhaar!≪ rief sie verblüfft aus. ≫Es ist wirklich so! Manchmal sehen meine Knöchel direkt plump aus!≪

≫Das hast du dir bloß einreden lassen. So etwas habe ich im Gefühl: du hast keine plumpen Fesseln. Dann würdest du einen ganz andern Gang haben. Wenn sie plump aussehen, liegt es oft nur am Schuhwerk, oder wie die Strümpfe gemustert sind …≪

Es beruhigte sie sehr, daß er nicht verlangte, ihre Beine zu betasten. Jeder zweite junge Mann hätte solch ein Verlangen gestellt. Sie ging jetzt sicherer neben ihm. Sie kamen an der Sandgrube vorüber und gingen nun bergab zur Kleinen Brücke hinunter. Sie konnte die Haselwildnis im Hohlweg wie ein riesiges geducktes Tier in all dem Nachtdunkel liegen sehen …

≫Also einen guten Mann und eine glückliche Ehe wünschst du dir≪, fing er auf einmal wieder an. ≫Das ist viel und wenig gewünscht. Es fragt sich eben, was du unter Glück verstehst, Traute?≪

≫Ach, Glück—jeder weiß doch, wenn er glücklich ist.≪

≫Ob du lieber glücklich machst oder dich lieber glücklich machen läßt—?≪

≫Ich bin am glücklichsten, wenn alle andern zufrieden sind≪, sagte sie nach einigem Nachdenken.

≫Das habe ich auch nicht anders erwartet≪, nickte er. ≫Und also hast du wenig gewünscht und kannst hoffen, daß deine Wünsche sich erfüllen.≪

≫Hoffen und Harren hält manchen zum Narren, Herr Siebenhaar!≪

≫Dich nicht, Traute! Dich nicht!≪

Und er sagte dies mit solchem Nachdruck, daß sie ihm nicht noch einmal widersprechen mochte. Es schmeichelte sie ja doch, daß solch erwachsener, älterer, reicher Herr sie und ihre Wünsche so wichtig nahm, sie, die Traute Kaiser aus einer kleinstädtischen Winkelkneipe!

≫Du kennst mich nur so, wie ich jetzt bin, Traute≪, fing Herr Siebenhaar plötzlich von sich zu sprechen an. ≫Aber so bin ich erst seit meiner Krankheit. Früher war ich meistens sehr vergnügt, was haben wir oft gelacht, Traute! Damals habe ich das Gut noch selbst bewirtsehaftet, das jetzt verpachtet ist— ich kann wohl sagen, ich war ein tüchtiger Landwirt, Traute!≪

≫Natürlich!≪ sagte Traute Kaiser gedankenlos. Sie hörte kaum zu, denn sie näherten sich jetzt der kleinen Brücke, und sie mußte an all das denken, was hier heute nachmittag gesagt worden war.

≫Aber daß ich mich so verändert habe, Traute≪, fuhr Herr Siebenhaar fort, ≫das liegt nicht nur an meiner Krankheit, das liegt auch an den Menschen. Bestimmt gibt es auch Blinde, die fröhlich sind. Aber die haben dann Menschen, die immer bei ihnen sind, die sie gerne haben. Mich haben alle im Stich gelassen, seit ich blind bin, darum habe ich mich so verändert.—Du hörst mir doch zu, Traute—?≪

≫Natürlich!≪ sagte Traute wieder.

Sie standen jetzt auf der kleinen Brücke, direkt vor der Stelle, an der Siegfried Senden gestanden hatte. Wie er sie da so selbstverständlich erwartet hatte, in seiner eingebildeten, männlichen Äffischkeit sicher, daß sie kommen würde, wenn er nur rief—nein, sie war jetzt wieder fest davon überzeugt, sie war nicht zu scharf gewesen. Ihm geschah ganz, wie er es verdiente!

Herr Siebenhaar sprach immer weiter.

≫Aber ich muß nicht so bleiben, Traute≪, sagte er jetzt. ≫Ich könnte doch wieder werden wie früher—ich fühle, es ist noch nicht zu spät. Es müßte sich nur eine finden, die mir ernstlich helfen wollte, die ein Interesse an mir nähme …Zu Anfang brauchte sie mich noch gar nicht so sehr gern zu haben—das würde schon von selbst kommen, wenn ich mich zurückverwandelte, ich meine, wenn ich wieder ein fröhlicher Mensch würde. Das verstehst du doch auch, Traute?≪

≫Ja≪, sagte sie ängstlich.

Und: ≫Wollen wir jetzt nicht lieber zurückgehen, Herr Siebenhaar …?≪

≫Einen Augenblick noch, Traute.—Du denkst vielleicht, ich könnte einem solchen Mädchen, das sich meiner erbärmte, nichts bieten? Aber das könnte ich vielleicht doch. Ich rede nicht von Geld und Reisen und schönen Kleidern und Autos—das alles wäre für sie selbstverständlich, denn ich bin ein sehr wohlhabender Mann. Ich rede auch nicht davon, daß dieses Mädchen dann die Macht hätte, allen, die um sie sind, zu helfen, vielleicht eine Mutter glücklich zu machen, der es nicht so gut geht, wie sie es eigentlich verdiente. Nein, von all diesen Dingen rede ich nicht, denn ich will das Mädchen ja nicht kaufen, dann wäre es ja auch nur eine bezahlte Hilfe…≪

Herr Siebenhaar schwieg einen Augenblick. Das Mädchen hatte zuerst an seinem Arm gezogen, als wollte es durchaus fort. Aber nun stand es still neben ihm und lauschte wie gebannt seinen Worten. Noch nie, schien es Traute, hatte ein Mann so freundlich und freimütig mit ihr gesprochen. Dieser Mann wollte sie nicht überlisten und bestehlen …

≫Es wäre ja ganz etwas anderes, was dieses Mädchen für sein ganzes Leben gewönne. Sieh einmal, die andern Männer, die gesunden, die wissen meistens gar nicht, was wirklich Liebe ist. Zu Anfang ist sie wunderschön, aber nach kurzer Zeit ist ihnen alles selbstverständlich geworden wie das tägliche Brot. Aber für diesen einen Mann—für mich, Traute!— wäre diese Liebe das eine auf der ganzen Welt! Er würde sie immer lieben und verehren, Traute, denn sie wäre ja seine Sonne, Traute, du wärest ja meine Sonne, mein Augenlicht, meine Augen selbst …≪

Er strich einmal rasch über ihre Hand.

≫Das wäre doch eine große schöne Aufgabe für dies junge Mädchen, einem Mann alles im Leben zu sein, alles Glück, alle Freude. Was du dir vorhin bei der Sternschnuppe gewünscht hast: einen guten anständigen Mann und eine glückliche Ehe—ich glaube, das könnte ich dem jungen Mädchen in die Hand geloben.—O Gott, wäre das Leben dann schön! Dann hätte ich doch wieder eine Freude, ein Licht …≪

Er schwieg einen Augenblick, und sie stand schweigend neben ihm. Mitleid und Abneigung stritten sich in ihrem Herzen: er war ja so erbarmungswürdig hilflos wie ein kleines Kind …Man nimmt doch ein verlaufenes Kind bei der Hand und führt es nach Haus zurück …

≫Komm, Traute≪, sagte er jetzt. ≫Wir wollen nun nach Haus gehen. Hoffentlich habe ich dich nicht zu sehr erschreckt. Nein, du sollst mir gar nichts antworten, ich will dich doch nicht überrumpeln. Du sollst dir alles in Ruhe überlegen. Du bist ja auch noch sehr jung, ich glaube erst siebzehn, wir müßten auch erst mit deinem Vater oder mit deiner Mutter sprechen, ob sie es für richtig halten …Mit wem möchtest du lieber, daß ich spräche—mit deinem Vater oder mit deiner Mutter?≪

≫Mit Mutti …≪

≫Nun, siehst du, das habe ich mir gleich gedacht: du bist die Tochter deiner Mutter! Ich denke, wir lassen sie am besten hierher kommen, wir schicken ihr den Wagen…≪

≫Ich möchte ihr aber lieber erst schreiben, sonst erschrickt sie.≪

≫Natürlich! Alles, wie du willst, Traute. Von nun alles, wie du willst. Schlaf schön, Traute—und vielen, vielen Dank für alles!—Und denke daran, du hast mir noch nichts versprochen, du bist noch ganz frei …≪

Kapitel 10

Zwei graue Augen werden entdeckt

Der Preußische Adler hatte für den täglichen Gebrauch zwei Gaststuben: das ‘Lederzimmer‚, dessen Sofas und Stühle mit Leder bezogen waren und in dem meist nur die Stadtfremden, die Honoratioren, und wenn es ganz leer war, gerne die Liebespaare saßen. Und dann die gewöhnliche Gaststube mit Holzstühlen und Holztischen und der Theke. Durch sie lief der Tagesverkehr, aber auch die einfachen Bürger spielten dort ihren Skat, ihnen war das Lederzimmer zu fein—sie nannten es nur ‘das kühle Grab‚.

So verzweifelt und voll zorniger Scham Ilse Voß auch war, so überlegte sie sich auf ihrem Wege zum Preußischen Adler doch sehr genau, in welches Zimmer sie sich setzen müsse, um ihr Ziel, den Sohn des Hotels, Fritz Bleesern, zu sprechen, auch zu erreichen. Nach längerem Hin und Het entschied sie sich für die Gaststube mit der Theke. Es war ein gewöhnlicher Wochentag, Fritz würde selbst die Gäste bedienen, da mußte man die paar Bürger und das bißchen Durchgangsverkehr eben in Kauf nehmen.

Als sie sich hinter den großen Ecktisch mit dem Plüschsofa setzte—das tiefe Plüschsofa dachte sie sich recht passend, nachher, für Fritz und sie—war niemand von den Wirtsleuten anwesend, und so durfte sie noch hoffen.

Ein paar Bürger: der Uhrmacher, einer von der Stadtverwaltung, der Böttcher und jemand aus der Umgegend, den sie nur vom Ansehen kannte, saßen am runden Tisch und spielten ihren Skat. Sie sahen nur flüchtig hoch, als Ilse hereinkam, und der Uhrmacher, der immer witzig sein mußte, rief: ≫Na, Fräulein Voß, er muß gleich wieder hier sein! Er hat schon dreimal nach Ihnen gefragt. Er rennt in einem Trab zwischen dem Wismarschen Hof und dem Adler hin und her. Ihm auch nicht genau zu sagen, wo Sie ihn treffen wollen—!≪

≫Halt den Betrieb nicht auf, Ernst!≪ sagte der Böttcher. ≫Hier sticht Schellen!≪

≫Immer mit den jungen Mädchen!≪ brummte Herr Tock von der Stadtverwaltung. ≫Daß du es nicht lassen kannst, Ernst! – Jetzt zeig mal lieber, ob du Jungens hast!≪

Und das Spiel ging weiter, ohne daß die Spieler noch auf das junge Mädchen achteten.

Ilse hatte sich ohne Antwort an ihren Tisch gesetzt und sah nach der Tür, durch die Fritz Bleesern kommen mußte.

Eigentlich wünschte sie, daß er noch nicht käme, sie fühlte sich so zerschlagen und abgekämpft, und sie war doch fest entschlossen, all ihre Reize zu entfalten. Sie wußte ja doch, daß er sie gerne hatte, er hatte es ihr manches Mal auf seine fischblütige Art zu verstehen gegeben—aber von einem einfachen Gernhaben bis zum Heiraten ist ein fast unmöglich weiter Schritt. Schließlich war sie ein ganz vermögensloses Mädchen von Nirgendwo mit einem nicht mehr sehr guten Ruf, und er war der einzige Sohn des altangesehenen Bergaer Hotels zum Preußischen Adler. Es gab da—außer dem Fritz Bleesern selbst—noch manche Position zu erobern! Vor allem war da seine weithin für ihr offenes Mundwerk gefürchtete Mutter—ach, sie mochte an all die Schwierigkeiten gar nicht denken! Am liebsten hätte sie erst in aller Ruhe ein oder zwei Schoppen Mosel getrunken, um ein bißchen in Gang zu kommen—!

Als Ilse so weit mit ihren Gedanken gekommen war, tat sich die Tür auf, und die unförmig dicke Frau Bleesern schob sich auf ihren immer geschwollenen, schmerzenden Füßen in die Gaststube.

≫Ach Gott! Ach Gott! Was ist das alles!≪ stöhnte sie. (Sie war eine gewerbsmäßige Stöhnerin, meinte es aber gar nicht so.) ≫Die Klingel ist vor fünf Minuten gegangen, und kein Mensch kommt und sieht nach der Kundschaft. Dabei hat man das ganze Hotel voll Personal, mehr Personal als Gäste! ’n Abend Fräulein—was soll’s denn sein—?—Und ihr vier sitzt auch wieder ohne Bier da, aber keiner meldet sich! Ihr könnt doch auch mal schreien; wenn einer ’nen Grand umgeschmissen hat, schreit ihr doch laut genug!—Also, was soll es sein, Fräulein? Einen Schoppen Mosel, schön, schön!—Sie sind aber noch spät unterwegs! Oder warten Sie auf jemand mit dem Zug—?≪

≫Jawohl!≪ log Ilse. ≫Wir erwarten einen Besuch von Herrn Siebenhaar …≪

≫So, bekommt der auch mal wieder Besuch—? Ich dachte, nach dem sieht kein Mensch mehr. Ich habe ihn neulich mal auf der Straße gesehen, sieht der Mann aber aus! Ihr seid doch drei Mädels im Haus und habt nur den einen Mann zu versorgen, ich würde mich an eurer Stelle was sehämen, meinen Brotherrn so schmuddelig und vollgekleckert rumlaufen zu lassen!≪

Ilse wurde sehr rot—das war ein schlechter Auftakt für ihr Vorhaben! Um so mehr, als Frau Bleesern eigentlich vollkommen recht hatte …

≫Wir sagen es ihm auch hundertmal!≪ verteidigte sie sich. ≫Aber Sie ahnen ja nicht, wie widerspenstig Herr Siebenhaar sein kann!≪

≫I wo!≪ sagte die Wirtin, war jetzt mit dem Bedienen fertig und kramte in ihrem Stehpult zwischen Papieren. ≫Widerspenstig— den kann man um den Finger wickeln, wenn man nur ein bißchen nett zu ihm ist! Aber freilich, wo das Interesse fehlt…≪

Mit dieser Spitze versenkte sich Frau Bleesern endgültig in ihre Tankstellenabrechnung und ließ Ilse noch viel trübseliger vor ihrem Glas Mosel. Sie hätte es gerne auf einen Zug leer getrunken, aber sie wagte das nicht, denn dann hätte sie Frau Bleesern schon wieder um ein neues angehen müssen, und ihre heilsame Scheu vor deren Mundwerk war nur noch gestiegen …

Überhaupt schien ihr auch dieses Unternehmen jetzt schon völlig verfahren. Seufzend sah sie auf die Wanduhr, die drei Viertel zehn zeigte—nun hatte sie sich festgelegt, daß sie zum Abendzug wollte, und der kam schon zehn Uhr zwanzig! Selbst wenn Fritz Bleesern hier noch auftauchte, war die Zeit viel zu kurz!

Ohne die im Lebenskampf erworbene Hartnäckigkeit wäre Ilse Voß auf der Stelle ausgerissen und hätte ihre festen Entschlüsse samt und sonders unausgeführt gelassen …

Aber so blieb sie dennoch sitzen, und nun ging wirklich die Tür auf, und Fritz Bleesern kam herein.

≫Mutter≪, sagte er, ohne Ilse Voß zu sehen, ≫in der Küche fragen sie, ob sie das Essen für Zimmer siebzehn noch immer warm halten sollen. Es geht jetzt schon auf zehn Uhr …≪

Der Blick auf die Wanduhr brachte auch Ilse Voß in sein Gesichtsfeld.

Sie nickte ihm lächelnd zu. Er lächelte ein ganz klein bißchen zurück, blieb aber bei seiner Mutter stehen.

≫I du meine Güte!≪ sagte die unwillig und sah von ihrer Tankrechnung auf. ≫Die Mamsell hat auch weniger Gedächtnis als ein Huhn! Siebzehn ist doch zum Angeln gefahren und vergißt darüber natürlich wieder Zeit und Essen! Sicher bringt er Barsche oder Hechte mit und will sie noch gebraten haben. Sage der Mamsell—≪

Sie sah ihren Sohn ärgerlich an.

≫Ach, mach du lieber die Tankabrechnung fertig, morgen kommt der Kesselwagen. Ich geh selber in die Küche! Auf keinen Menschen kann man sich verlassen! Wie ich jung war, sah jeder selbst nach seiner Arbeit …≪

Mit solchen und noch manchen andern Klagen schob sich Frau Bleesern aus der Stube. Der Sohn sah ihr einen Augenblick nach, streifte dann mit einem raschen Seitenblick die einsam hinter ihrem Mosel sitzende Ilse Voß und wandte sich dann den Papieren zu, ihr den Rücken kehrend.

Ohne irgendwie verwachsen zu sein, machte Fritz Bleesern doch mit seiner kleinen, schmächtigen Gestalt—trotz seiner zweiunddreißig Jahre—einen zurückgebliebenen, unentwickelten Eindruck. Vielleicht lag das auch an seinem Gesicht, das mit stark vorspringenden Backenknochen, tiefliegenden Augen und vorgewölbter Stirn etwas Totenkopfähnliches hatte, ein Eindruck, der noch durch die gelblichgraue Gesichtsfarbe verstärkt wurde.

Im übrigen hielt sich Fritz Bleesern sehr adrett. Er war immer in Grau oder Schwarz gekleidet, trug blendendweiße Wäsche, eine kleine, aber schöne Perle im grauschwarzgemusterten Schlips und einen roten Siegelring am Finger. Sein dunkles Haar war stets tadellos gescheitelt. Wirklich schön an ihm waren nur seine grauen, tiefen, sehr ehrlichen Augen —die aber hatte Ilse Voß bis dahin noch nicht entdeckt.

≫Das ist doch kein Mann, das ist bloß ein Männchen≪, dachte sie auch jetzt wieder mit Abneigung. Aber es half alles nichts, es gab keine Wahl mehr für sie, und so trank sie rasch ihren Schoppen aus und rief eilig: ≫Herr Bleesern! Ach bitte!≪

Er drehte sich an seinem Pult um, seine Stirn war nachdenklich gerunzelt, entschieden war er ungehalten über diese Störung seiner wichtigen Rechnerei. Sie war wütend, daß ihr Lächeln so wenig Wirkung auf ihn tat—er hatte sich gefälligst zu freuen, wenn sie ihn anlächelte, dieses jämmerliche Männcben, das!

≫Darf ich vielleicht noch einen Schoppen Mosel haben?≪ fragte sie, innerlich vergehend vor Zorn, äußerlich aber immer noch liebreich lächelnd.

≫Aber gewiß doch, Fräulein Voß! Entschuldigen Sie nur— ich saß da ganz in meiner Abrechnung drin—diese elende Tankkasse stimmt nie! Ich habe zwar Anweisung gegeben, daß alles Tankgeld sofort hineingelegt wird, aber ewig kommt sie mit der Büfettkasse durcheinander. Oder mit der Zigarettenkasse. Und dann verkaufen wir ja auch etwas Schokolade, und dann die Telefonbenutzung …≪

≫Ich sehe schon≪, sagte Ilse gereizt, ≫Sie haben einen unendlich komplizierten Betrieb, der Sie völlig in Anspruch nimmt, Herr Bleesern! So viel Kassen—da muß der Mensch ja auch zur Kasse werden! Darf ich gleich zahlen, ich muß nämlich noch zum Zuge.≪

Wie seine Mutter, wie er selbst vorhin, warf er sofort auf die Wanduhr einen Blick, als wenn er es nicht mehr wissen könnte, wieviel die Uhr eben erst war! Auch dieses mechanische Hinsehen fand Ilse abscheulich.

≫Sie haben noch gut fünf Minuten Zeit, Fräulein Voß≪, sagte er beruhigend. ≫Ja, danke, eine Mark zehn—vollkommen richtig.≪

Er stand noch einen Augenblick zögernd an ihrem Tisch, ungewiß, ob er gehen oder bleiben solle. Sie sah ihn nicht an. Sie hielt den Stiel des Glases gefaßt und ließ den Wein sanft kreisen.

Plötzlich sah sie hoch.

≫Ich möchte Sie nicht von Ihrer Kasse fernhalten, Herr Bleesern≪, sagte sie, und ihre Augen sahen ihn kalt an.

Er erwiderte diesen Blick. Plötzlich, zum erstenmal, sah sie, daß er graue Augen hatte und daß eine bezwingende Güte in dem Blick dieser grauen Augen lag. Plötzlich schien es ihr, als könne das Leben mit einem Menschen, der solchen Blick hatte, nicht hoffnungslos sein …

Aber es war doch hoffnungslos, denn er war bloß ein alberner Kaspar, der nichts von Mädchen verstand!

≫Habe ich Ihnen etwas getan, daß Sie so böse auf mich sind?≪ fragte er und sah sie immer noch ‘so‚ an.

≫Sie haben mir gar nichts getan!≪ sagte sie ärgerlich. ≫Aber ich glaube, ich muß jetzt gehen.≪

Und wahrhaftig, dieser Schafskopf ließ sie gehen! Erstens hatte sie noch ein paar Minuten Zeit, und zweitens hätte sie nie einen Jungen mitten in einer Auseinandersetzung gehen lassen, nicht um alle Züge in der Welt!

Aber er sagte bloß höflich: ≫Guten Abend, Fräulein Voß!≪ Und sie sagte ein wenig zornig und ein wenig verächtlich: ≫Guten Abend, Herr Bleesern!≪

Und nun schlug die Tür der Gaststube vorn Preußischen Adler hinter ihr zu, und sie stand zum zweitenmal auf der Straße, ungewiß, wohin sie gehen sollte …Besiegt!

Kapitel 11

Fritz erklärt sich, und Ilse küßt

Es geht nur schwer in einen Kopf wie den von Ilse Voß hinein, daß ein Mann nichts von ihr wissen will, nicht selig ist, wenn sie ihn anlächelt, nicht dankbar nimmt, was sie ihm bietet. Sie weiß doch, sie ist ungewöhnlich hübsch, sie hat eine gute Figur—sie ist nie in Verlegenheit um Freunde gewesen, und jeder Mann war noch glücklich, sie zur Freundin zu haben. Sie weiß, daß Liebe sie sanft und gut macht, sie kann so vieles geben—und nun wird sie verschmäht!

Ein Lump wie der Erich Mutzbach hört nicht auf ihr Bitten, und ein unbeholfener Schwächling wie der Fritz Bleesern ist gar nicht neugierig, sie kennenzulernen! Was bleibt dann noch von ihr, wenn sie nicht einmal mehr auf Männer wirkt—?! Immer war sie ihres Erfolges sicher!

Sie denkt nicht daran, daß diese Erfolge nichts wert waren, kleine Siege, die nichts galten. Sie vergißt, daß sie ja jetzt etwas ganz anderes als früher von den Männern erreichen möchte: Bindung und Verpflichtung, eine Gemeinschaft für das ganze Leben. Ihr fällt nicht ein, daß sie noch nie einen ihrer so leicht besiegten Freunde halten konnte; man löste sich so leicht, wie man sich band. Keiner von ihnen allen schreibt ihr heute noch, keiner scheint das Glück zurückzusehnen, das sie ihm geben konnte …

All dies macht sie sich nicht klar. Sie ist in ihrem Stolz verwundet, aber sie ist nicht mehr verzweifelt. Jetzt ist sie zornig, sie kommt wieder an dem Haus der Witwe Timm vorbei, diesmal an seiner Vorderseite. Sie bleibt davor stehen, sieht es an, ballt die Hände zu Fäusten und sagt bei sich: ≫Ich kriege dich doch noch!≪

Sie weiß wirklich nicht, was sie damit meint, denn sie möchte ihn gar nicht mehr haben, seit sie ihn so kennt wie jetzt. Aber ihr schwebt so etwas vor wie der Sieg ihrer Persönlichkeit, der Triumph über alle!

Als sie aber ein paar Minuten später beim ‘Zuckerbäcker‚, dem Café von Berga, vorüberkommt und die Radiomusik hört, nach der dort wochentags getanzt wird, verzieht sie doch verächtlich den Mund. Sie weiß, wenn sie einträte, würden alle Männer nach ihr schauen, sie hätte Tänzer genug und auch Kavaliere genug, die sie heimbrächten, ganz gleich, ob sie mit oder ohne Freundin ins Café kamen …

Bisher hat ihr so etwas Spaß gemacht, jawohl, ihr, Ilse hat es Vergnügen gemacht, Eifersucht zu säen, Unfrieden zwischen Liebenden zu stiften. Aber heute denkt sie verächtlich über all so etwas—was sind das schon für Männer, was sind das schon für Liebende—?!

O ja, es beginnt in ihr zu dämmern, sie kommt zwar nicht durch Denken zu ihren Erkenntnissen, aber plötzlich ist ihr der Appetit auf Dinge vergangen, die bisher recht gut schmeckten! In ihre Sprache übersetzt, würde sie sagen, daß sie es denen allen noch einmal zeigen würde, ein Männchen wie der Fritze Bleesern mit seinem ganzen Preußischen Adler ist ihr noch lange nicht gut genug! Und sie fängt an, darüber zu grübeln, wie der Mann aussehen und was er vorstellen müsse, mit dem sie ganz Berge und Umgegend imponieren wird!

Während all dieser meist zornigen Gedanken ist sie ganz mechanisch dorthin auf dem Wege, wohin gehen zu müssen sie an diesem Abend bereits zweimal behauptet hat: zum Bahnhof. Als sie das merkt, geht sie ruhig weiter. Es ist schon recht so. Vielleicht sieht sie am Bahnhof irgend jemanden, der sie auf andere Gedanken bringt. So will sie jedenfalls nicht nach Haus, sie würde sich totheulen in ihrem Bett, und schließlich erwartet zum mindesten Traute heute etwas Besonderes von ihr …

Sie kommt noch völlig zur Zeit—der kleine Bahnhof ist fast menschenleer. Ein paar Lämpchen brennen auf dem Bahnsteig, zu dem jeder freien Zutritt hat. Aber sie stellt sich nicht auf den Bahnsteig, sie hat jetzt keine Lust, sich anquatschen zu lassen. Jeder würde seine Witze mit ihr machen wollen, zu oft hat man sie Freunde zum Zug bringen oder von der Bahn holen sehen.

Am Ende des Bahnsteigs ist eine kleine Anlage mit Tannen und Kastanien; in das Dunkel solch einer Kastanie stellt sie sich, und da steht sie nun, allein wie nur je in ihrem Leben, ohne Aussicht, und wartet, bis sie ferne vom Walde her das Zügle läuten hört …

Nun tauchen schon die Lichter auf, der Zug stöhnt und klappert näher—und sie wünscht, sie wünscht so von Herzen, daß er ihr etwas mitbringen möge! Sie will sich jetzt doch ändern, sie wird gut und sanft werden—warum hilft man ihr nicht—?! Zum Leichten, zum Billigen, zum Schlechten kam sie stets ohne alle Hindernisse, und jetzt, wo sie gut werden will, verschwört sich alles gegen sie—?!

Der Zug läuft ein, und lärrnend stürzt aus ihm die Horde der Lehrlinge aus der Eisenbahnwerkstatt der Kreisstadt. Nun steigen ein paar Reisende aus, Besucher der weit gerühmten landschaftlichen Schönheiten Bergas, und ein paar Geschäftsreisende, in die sich schiedlich-friedlich die Hausdiener vom Preußischen Adler und Wismarschen Hof teilen. Und nun—

Nun läuft wahrhaftig noch, ein wenig verspätet und doch noch grade zur rechten Zeit, Frau Malermeister Schütt an den Zug. Ilse Voß sieht, daß Frau Schütt in andern Umständen ist, sie sieht, wie ihr Mann aus dem Zug steigt, wie sich die beiden einen Kuß geben …

Sie gehen eingehakt vom Bahnsteig, nahe an Ilse vorüber, und sie hört Walter Schütt so recht behaglich mit seiner tiefen Stimme sagen: ≫Gottlob, daß ich wieder zu Haus bin—!≪ Und Ilse wendet sich um, zum zweitenmal an diesem Abend umfaßt sie einen Baum, läßt ihre Tränen laufen. Eifersucht, Trauer, Sehnsucht nach Verlorenem bezwingen sie …

Denn an der Stelle von Frau Schütt hätte sie den Walter empfangen können, sie hätte die glückliche Frau sein können, die ein Kind erwartet! Es war doch keine ganz leicht vorüberwehende Freundschaft mit Walter Schütt gewesen, etwas Ernsteres, Tieferes hatte mitgespielt—plötzlich spürt sie es!

Als er damals von seiner Weihnachtsreise zurückgekommen war, und die Leute hatten ihm hinterbracht, wie es die Ilse Voß unterdes getrieben hatte, Wahres und Falsches, aber meistens Falsches, und er hatte es ihr vorgehalten, da hatte sie nur trotzig gesagt: ≫Glaub du nur alles, was die Klatschen ratschen! Und übrigens, wie kommst du dazu, mir Vorschriften zu machen—?! Ich mache dir ja auch keine Vorschriften! Wer weiß, was du alles über Weihnachten getrieben hast!≪

≫Ach, Ilse—!≪ hatte er nur gesagt und war gegangen.

Und später, als er sich gar nicht so lange danach verlobt hatte, und sie sah ihn auf der Straße und nahm sich zusammen, gab ihm die Hand und wünschte ihm Glück—da hatte er mit einem leisen, sanft bedauemden Lächeln gesagt: ≫Ja, Itta, das hättest du auch alles haben können—du hast aber nicht gewollt!≪

Sie hatte den Kopf trotzig zurückgeworfen und war gegangen. Es gab so viele Männer, sie bereute nichts!

Aber jetzt, am Stamm der Kastanie weinend, bereute sie. Sie hätte auch einen netten, freundlichen Mann haben können und Kinder—aber sie hatte nicht gewollt. Zu ihr sagte kein einziger Mensch auf der weiten Welt, daß es gut sei, wieder zu Haus zu sein, sie schickten sie mit einem einfachen Guten Abend auf die Straße! Und sie war dreimal hübscher als Frau Schütt!

Ilses Tränen flossen immer stärker, das unheimliche Gefühl peinigte sie sehr, daß sie völlig verlaufen sei, daß sie nie und nimmermehr zurückkönne—und daß es für sie nur noch bergab gäbe, immer tiefer in den Schmutz …

Eine sanfte Stimme sagte: ≫Warum weinen Sie denn so—? Ilse! Ist Ihr Besuch nicht gekommen—?≪

Sie fuhr zusammen, erschrecken und empört. In diesem jammervollen Zustande zu sein, war schlimm genug, daß aber ein Mann sie darin belauschte, das war völlig unerträglich!

≫Gehen Sie!≪ rief sie wild. ≫Es ist gemein von Ihnen, mit nachzuspionieren und mich zu belauschen, Herr Bleesern!≪

≫Aber ich wollte gewiß nicht hinter Ihnen spionieren. Ich machte mir nur Gedanken. Sie kamen mir so aufgeregt und unglücklich vor, und da ich doch wußte, Sie wollten zur Bahn …≪

≫Sie sollen gehen! Kein Wort glaube ich Ihnen! Sie wollen mich nur unglücklich sehen! Sie haben gleich gewußt, was ich wollte, als ich zu Ihnen in die Gaststube kam …Darum haben Sie mich auch so links liegen gelassen!≪

≫Ilse, weinen Sie doch nicht so schrecklich!≪ bat er. ≫Ich schwöre Ihnen, ich habe keine Ahnung, was Sie gewollt haben, wenn es etwas anderes war als die zwei Gläser Wein…≪

≫Sie Lügner! Und ich habe Sie so angelächelt!≪

≫Ja, einen Augenblick! Und dann haben Sie mich ganz schlecht behandelt; von Menschen, die zu Geldkassen werden, haben Sie geredet …≪

≫Sie sollen gehen—!≪ rief sie zornig.

Seine Worte riefen den ganzen Umfang ihrer Niederlage in ihr wach. Auf diesen pedantischen Rechthaber würde sie nie wirken.

≫Sie sollen gehen! Ich streite mich nicht mit Ihnen! Ich will nichts mehr von Ihnen wissen! Sie haben mich laufen lassen…≪

≫Ilse! Liebe Ilse! Hören Sie doch…≪

≫Nein, nein, ich will nichts hören! Ich habe Sie belogen! Jetzt will ich Ihnen die Wahrheit sagen, und dann lassen Sie mich zufrieden, verstanden—? Ich bin heute erst bei dem Erich Mutzbach gewesen, der war mein Freund, mein richtiger Freund, wenn Sie sowas überhaupt verstehen können, und da habe ich gebettelt, daß er mich heiratet, ich habe ihm sogar Geld angeboten—nicht deswegen, denken Sie bloß nicht das, nein, ich wollte einfach heiraten, ich wollte raus aus all dem …Aber der ist ja so ein Schuft! Und dann bin ich zu Ihnen—verstehen Sie wohl, ich mag Sie nicht leiden, aber Sie waren mein letzter Ausweg, und ich habe Sie mit meinem schönsten Lächeln angelächelt, und Sie haben mir Guten Abend gesagt und mich auf die Straße geschickt…

So, nun wissen Sie alles, und nun gehen Sie! Jetzt würde ich Sie nicht einmal heiraten, wenn Sie mir auf einem silbernen Tablett nachgetragen würden—!≪

Das letzte hatte sie fast hysterisch herausgeschrien, und nun, da alles gesagt war, wandte sie sich von ihm ab und weinte wieder, weinte wild und fassungslos. Sie mußte eigentlich nicht mehr weinen, nur weil sie einmal so weinte, nicht aufhören konnte, ließ sie ihre Tränen weiterfließen …

Der Mann aber stand eine lange Zeit im Dunkeln, stumm und still.

Auf dem Bahnhof hatten sie längst die Lampen gelöscht, die kleine Lokomotive war in ihren Schuppen gefahren, die beiden da unter den Bäumen waren ganz allein.

Nach einer langen Zeit, als das Weinen des Mädchens ruhiger geworden war, sagte Fritz Bleesern leise: ≫Ilse, Ilse— Sie wissen doch, daß ich Sie immer gerne gehabt habe …≪

Er wartete, aber sie schwieg.

Er fing wieder an: ≫Ich mag Sie noch gern, auch nach dem, was Sie mir eben gestanden haben. Aber ich hätte nie mit Ihnen davon gesprochen, weil …≪

Er brach wieder ab, und sie schwieg noch immer.

Es kam ihn schwer an, von sich selbst zu sprechen. Aber war es nun diese dunkle, weinende Stunde, war es ein immer niedergehaltenes Bedürfnis in der eigenen Brust, sich doch einmal auszusprechen, das nun laut werden wollte, diesmal mußte er sprechen.

≫Sehen Sie, Ilse≪, sagte er, ≫ich weiß doch, ich bin ein langweiliger Kerl, ich bin ein richtiger Pedant. Alles muß bei mir seine Ordnung haben, und ist etwas unordentlich oder liederlich, und ich kann’s nicht ändern, so bekomme ich Angst davor und will nichts damit zu tun haben. Darum hätte ich nie mit Ihnen gesprochen …≪

Fritz Bleesern sah nicht zu dem Mädchen hin, als er so sprach. Er schaute auf die Fenster des Lokomotivschuppens, in denen jetzt ein rot glühender Schein lag. Der Heizer hatte wohl das Feuerloch der Maschine geöffnet. Flüchtig dachte Fritz Bleesern, daß er jetzt zum erstenmal ein wenig von der großen Liebe und dem tiefen Schmerz sehen ließ—wie der rote Widerschein dort in den Fenstern—, die er für das kleine verbummelte Mädchen so lange schon empfand. Er bildete sich ein, sie müßte dies spüren. Ihr Schluchzen hatte aufgehört, sie lauschte wohl gespannt seinen Worten …

Tatsächlich achtete Ilse Voß kaum auf das, was der schwache, umständliche Mann da erzählte. Schon bei seinen ersten Worten hatte sie ja begriffen, daß nun—wider alles Erwarten! —doch nicht alles verloren war, daß er sie nicht wegjagte, nein, im Gegenteil!

Aber so waren die Männer, immer taten sie das Gegenteil von dem, was sie nach Sinn und Verstand hätten tun müssen. Sie hätte all ihre Hübschheit und all ihre Verführungskünste umsonst für ihn spielen lassen können—aber als sie ihm gestand, daß sie ihn als allerletzten Ausweg aus purer Berechnung zu einer Heirat verlocken wollte, da biß er an! Zu töricht!

Und trotz allen ehrlichen Schmerzes, trotz der großen Verzweiflung, die sie eben noch empfunden, trotz all der Demütigungen dieses Abends fing schon wieder die Eitelkeit an, sich in ihr zu rühren. ≫So sehr liebt er mich also≪, dachte sie, ≫so hübsch bin ich, daß er nach all dem, was ich ihm gesagt habe, mich doch noch haben will! Ich werde ihm gegenüber stets die Stärkere sein, weil ich gar nichts für ihn empfinde—außer Abneigung!≪

≫Man kann eine Ehe auf Liebe oder auf Wahrheit gründen≪, sagte er langsam, immer noch die rotleuchtenden Scheiben vor Augen. ≫Besser wäre es ja, wir hätten beide beides, aber ich glaube, man kann es auch mit der Wahrheit allein versuchen. Sie sind so wahr zu mir gewesen, Ilse, wie ein Mensch nur sein kann. Was meinen Sie: wollen wir es denn doch versuchen?≪

Ein sanft unwiderstehlieher Lachreiz kitzelte sie. O Gott, was war er doch für ein langweiliger, unausstehlicher Umstandskasten! Warum nahm er sie denn nun nicht einfach in im Arm und küßte sie gründlich ab, da er sie doch so sehr lebte?!—Jeder andere junge Mann hätte das getan, aber eben, er war gar kein richtiger junger Mann. Er hielt Vorträge über Wahrheit—er hatte eine Ahnung von dem, was junge Mädchen interessierte!

Der Lachreiz war schon wieder vergangen—etwas wie eine zornige Wut auf ihn erfüllte sie schon wieder. ≫Ich muß ihm doch antworten≪, dachte sie. ≫Er hat mir doch eben einen Antrag gemacht, das habe ich doch den ganzen Abend erstrebt! Es ist die letzte Chance—und ich bringe den Mund nicht auf!≪

Dann aber, als er eine Bewegung machte, überkam sie sofort eine Todesangst, er könne jetzt gehen …Nein, sie konnte ihn nicht anlügen, es wäre zu erbärmlich gewesen, gerade weil er so klein und dürftig und von ihr abhängig war! Und sie konnte ihn doch auch nicht gehen lassen—!

So tat sie, was eigentlich er hätte tun sollen: sie faßte ihn um, sie küßte ihn. Sie legte langsam die Arme um seinen Hals, führte mit den Händen sein Gesicht ihrem Mund entgegen, einen Augenblick suchten ihre Lippen—und nun…Nun schmeckte sie auf seinen Lippen das Salz der eigenen Tränen, ein bißchen Bitternis, ein wenig Süße …

Sie fühlte, wie es ihm einen Ruck gab, wie er sich von , ihr lösen wollte …Aber er liebte sie doch, so viel Gewalt mußte sie doch über ihn haben! Sie küßte ihn wieder und wieder …

Plötzlich fühlt sie, wie er sie wiederküßt. Sie hat gewonnen, seine Leidenschaft ist erwacht, ein bißchen Mann ist er doch …Und wenn es auch nur er ist, der Ungeliebte, so beseligt sie doch wieder das alte, oft geübte Spiel des Küsse-Nehmens und -Gebens. Sie küßt mit geschlossenen Augen, sie erinnert sich dabei an Erich Mutzbach, an Walter Schütt, an viele andere noch …Und dabei denkt sie: ‘Wie gemein ich geworden bin! Von der ersten Stunde an betrüge ich ihn, ich denke in seinen Armen nur an die andern …‚

Der Ekel vor sich selbst, wie sie geworden, steigt in ihr hoch. Aber mit diesem Ekel kommt zugleich der Entschluß zurück, sich von allem Vergangenen zu lösen. Man kann nicht Ekel vor sich selbst empfinden und weiterleben—wenn man erst neunzehn Jahre ist.

Der Entschluß, ein anderes Leben zu beginnen, erinnert sie wieder an den, der ihr dieses neue Leben erst ermöglicht, und zum ersten Male empfindet sie etwas wie Dankbarkeit für ihn. Zärtlich lachend gibt sie ihm den letzten Kuß, löst sich von ihm und sagt: ≫Findest du nicht, daß es für das erstemal nun genug ist, Fritz?≪

Er steht atmend im Dunkeln, wie sie ihn losgelassen hat, und erst nach einer langen Weile sagt er mit einer völlig veränderten schweren Stimme: ≫O Gott!—Ich hoffe, du wirst mich noch einmal gern haben lernen, Ilse!≪

Und noch später: ≫Sonst wäre es nicht zu ertragen …≪

Dies erschüttert sie nun doch. Also hat er gemerkt, daß ihre Küsse gar nicht ihm galten. Und also trägt er seine Liebe zu ihr wie etwas Schweres, nicht wie Glück, sondern wie ein Schicksal—wie sie ihre Liebe zu dem andern!

Kapitel 12

Eine Mutter meint Nein, sagt Ja

Ilse Voß hatte gedacht, sie werde nun nach Haus gehen können—müde genug war sie dafür. Aber mit ruhiger Bestimmtheit hatte Fritz Bleesern darauf bestanden, daß sie erst noch zu seiner Mutter gingen.

≫Ich bin nicht für Aufschieben≪, hatte er in seiner nun wieder ganz nüchternen Art gesagt. ≫Du kannst dir natürlich denken, daß Mutter einige Einwendungen haben wird. Es ist besser, wir bringen das gleich hinter uns. Ich schlafe dann ruhiger, und du vielleicht auch!≪

≫Wenn deine Mutter aber nicht einverstanden ist!≪ hatte sie gefragt. Sie war fast sicher, daß die massige, scharfzüngige Frau ihr schmächtiges Söhnchen am Bändel hatte.

Zu ihrer Überraschung hatte Fritz Bleesern ohne jede Erregung gesagt: ≫Mutter wird einverstanden sein, das laß meine Sorge sein. Und wenn sie dir heute abend ein paar unangenehme Sachen sagt, schluck sie ohne Mucken herunter. Von da ab wird Ruhe sein, dafür steh ich dir!≪

Es war doch seltsam, dies Männchen mit solcher Bestimmtheit reden zu hören. Und es war ebenfalls seltsam, fiel ihr grade ein, daß sie ganz selbstverständlich trotz all ihrer Müdigkeit mit ihm zu seiner Mutter ging. Er hätte das doch eigentlich auch allein regeln können!

Aber nein, sie ging widerspruchslos mit ihm, ihre Hand lose in seinem Arm, obwohl ihr vor den scharfen Augen und der noch schärferen Zunge der künftigen Schwiegermutter graute. Er war vielleicht doch nicht ganz aus Lappen gemacht, dieser kleine Mann Fritz Bleesern!

Seine Mutter saß auf ihrem Privatbüro hinter der Küche, zwischen Zuckersäcken, Kaffee- und Schokoladepackungen. An einer Wand war eine ganze Pyramide aus Rollen von Toilettenpapier errichtet. Sie saß vor einem großen Geschäftsbuch und hatte jetzt eine in schwarzes Horn gefaßte Brille auf der Nase, was ihrem fetten weißen Gesicht einen noch strengeren, fast queenhaften Ausdruck verlieh. Sie sah ohne Wort und Seufzen auf die beiden Eintretenden.

≫Fräulein Voß und ich sind übereingekommen, daß wir heiraten wollen, Mutter≪, sagte Fritz Bleesern ganz nüchtern, als sei es eine Sache, um die kein Aufheben gemacht werden müsse.

≫Also haben Sie doch nicht auf den Zug gelauert, Fräulein!≪ sagte die Hoteliere bissig. ≫Das habe ich mir doch gleich gedacht!≪ ≫Wenn du es gleich gedacht hast≪, erwiderte der Sohn, schwach lächelnd ≫so hast du es uns jedenfalls leicht gemacht, zusammenzukommen. Du hättest mich ja aus der Gaststube schicken können und mir nicht die Tankabrechnung zu überlassen brauchen.≪

Frau Bleesern machte eine Handbewegung, als wischte sie diese Worte fort. Sie richtete den dunklen Blick ihrer bebrillten Augen kalt auf Ilse Voß und fragte: ≫Sind Sie denn der Ansicht, daß Sie die Richtige für meinen Sohn sind, Fräulein?≪

Ilse Voß war verwirrt und gereizt. Schon das feindliche Fräulein, das Frau Bleesern übrigens betont ‘Frollein‚ sprach, irritierte sie.

≫Ich werde mir alle Mühe geben …≪, fing sie an.

≫Wischiwaschi!≪ rief Frau Bleesern böse. ≫Ich habe Sie nicht gefragt, ob Sie sich Mühe geben wollen. Ich will wissen, ob Sie sich für die Richtige halten! Nun, wie ist es damit? Sind Sie die Richtige für meinen Sohn—?≪

≫Nein!≪ sagte Ilse genau so feindlich, wie sie gefragt worden war.

≫Da hörst du es!≪ wandte sich Frau Bleesern triumphierend an ihren Sohn. ≫Wenn das Frollein es schon selbst sagt—!≪ Und zu Ilse: ≫Das war wenigstens ehrlich, Frollein!≪

≫Es kommt in diesem Fall nicht darauf an, was Fräulein Voß denkt, sondern was ich denke. Fräulein Voß will es mit mir wagen, und da ich der festen Überzeugung bin, daß sie mich eines Tages auch gerne haben wird …≪

≫Red du!≪ rief die Mutter ärgerlich. ≫Was verstehst du denn von Liebe, du trockener Batzen du—?! Da frag lieber das Frollein, das hat da mehr Erfahrung, und sie sagt: nein.≪

≫Ich habe dir gesagt, Mutter, wir wollen heiraten, und du weißt …≪

≫Ich weiß, ich weiß! Natürlich weiß ich, daß du mit dem Kopf durch die Wand gehst, wenn du etwas durchaus willst! So bist du schon als Kind gewesen. Wenn du dein Schaukelpferd am Schwanz aufzäumen wolltest, konnten Gott und die Welt kommen und dir zureden, der Kopf sei das Richtige —du nahmst den Schwanz!—Aber jetzt handelt es sieh nicht um deinen Dickkopf, jetzt handelt es sich darum, daß eine Mutter ihr einziges Kind nicht gerne sich unglücklich machen sieht …

Geh, Fritz, mit dir ist nicht zu reden, laß mich zehn Minuten mit dem Fräulein Voß allein …≪

Fritz sah von der Mutter zum Mädchen hin. Das Mädchen gab ihm kein Zeichen, aber die Mutter sah ihn sehr bittend und weich an.

≫Gut, Mutter≪, sagte er. ≫Aber du wirst nicht vergessen, daß Fräulein Voß jetzt meine Braut und bald deine Tochter ist, nicht wahr?≪

Damit ging er.

Die beiden Zurüekgebliebenen sahen einen Augenblick lang schweigend einander an. Dann sagte Frau Hotelbesitzerin Bleesern: ≫Nehmen Sie doch Platz, Frollein!≪ Und als Ilse sich vergebens nach einem Stuhl umsah, rief sie ungeduldig. ≫Da doch! Seien Sie bloß nicht so umständlich! Auf den Zuckersack da!!≪

Also setzte sich Ilse auf den Zuckersack, und wieder sahen sich die beiden schweigend an.

Dann sagte Frau Bleesern: ≫Warum wollen Sie meinen Fritz heiraten, Frollein?≪

Ilse schwieg, aber in ihren Augen funkelte es gefährlich. All ihr Eigensinn erwachte bei solchem Verhör. Der dürftige Fritz Bleesern erschien ihr plötzlich, da man ihr ‘so‚ kam, eines Kampfes wohl wert.

≫Wenn Sie ihn nämlich nur des Hotels, ich meine um der Versorgung willen heiraten wollen, da könnte ich Ihnen einen sehr viel besseren Vorschlag machen.≪

Sie sah Ilse gespannt an, aber Ilse gab kein Zeichen, daß sie sprechen wollte.

≫Ich würde Ihnen eine ganz hübsche Summe auszahlen, Frollein, sagen wir fünftausend Mark, wenn Sie auf meinen Sohn verzichten wollten. Es würde ganz unter uns bleiben, Sie müßten ihm nur sagen, daß Sie es sich anders überlegt haben.≪

≫Nein, danke!≪ stieß Ilse hervor.

Frau Bleesern überlegte einen Augenblick.

≫Ist es wegen der Höhe der Summe?≪ fragte sie dann. ≫Ich würde eventuell auch mehr geben.≪

≫Nein!≪ sagte Ilse Voß. ≫Ich will überhaupt kein Geld. Ich will Ihren Sohn heiraten!≪

Wieder einiges Überlegen, dann: ≫Sie sind aus guter Familie? Haben Vermögen zu erwarten?≪

≫Ich habe keine Eltern, und Vermögen habe ich auch nicht≪, stellte Ilse Voß fest. ≫Alles, was ich besitze, sind achthundertfünfzig Mark, die ich mir gespart habe.≪

≫So—gespart haben Sie also doch was—? Das hätte ich gar nicht von Ihnen gedacht!≪

≫Ich habe wahrscheinlich manches getan, was Sie sich nicht von mir gedacht haben≪, sagte Ilse kriegerisch. ≫Sie kennen mich überhaupt nicht!≪

≫Aber ich kenne Ihren Ruf, Frollein≪, sagte Frau Bleesern und sah plötzlich sehr traurig aus. ≫Für Ihren guten Ruf haben Sie bestimmt nicht viel getan!≪

Ilse schwieg einen Augenblick. Dann sagte sie fest: ≫Was gewesen ist, ist gewesen. Ich habe den festen Vorsatz, von nun gibt es davon nichts mehr. Mit allem Alten ist endgültig Schluß.≪

Der Ton der Frau Bleesern war milder, aber auch trauriger geworden.

≫An Ihren Vorsatz glaube ich schon, Fräulein Voß. Aber wie schwer so etwas durchzuführen ist, an einem Ort, wo einen alle kennen! Und nun noch an der Seite eines ungeliebten Mannes!—Sie lieben doch meinen Fritz nicht?≪

Mit festgeschlossenen Lippen schüttelte Ilse den Kopf.

≫Und er wird’s Ihnen nicht leicht machen, ihn zu lieben! Er ist so gar nicht, auf was ihr jungen Mädchen heute aus seid, kein Tanz- und kein Sportjüngling. Und steckt so voller Schrullen und Eigensinn, daß ich, seine eigene Mutter, jeden Tag dreimal die Geduld über ihn verliere. Sie aber wollen ihn sich für ein ganzes Leben aufladen—o Gott, Kind, Sie wissen ja gar nicht, was Sie tun wollen!≪

Wieder sah sie Ilse Voß an. Aber jetzt war das Strenge aus ihrem Gesicht fast ganz vergangen, etwas Freundliches, fast Mütterliches sah Ilse daraus an.

≫Aber er ist trotz aller Schrullen ein ganzer Mann≪, sagte die Mutter. ≫Wahrhaftig und mutig. Glauben Sie nie, daß Sie mit ihm spielen können—Sie würden der Verlierer sein.≪

Die Mutter sah fort von dem Mädchen, sie mochte es nicht mehr ansehen, lieber sah sie noch auf die blauen und roten Linien des Hauptbuchs. Denn der Mutter sah das trotzig vogeschobene Kinn des jungen Mädchens unheilvoll aus— sie ahnte schon die Zusammenstöße zwischen dieser kalten, berechnenden Person und ihrem liebenden Fritz, der sich daran verbluten würde. Und für die Mutter sahen auch Ilses Augen nicht blau aus, sondern ihr schienen sie grasgrün zu funkeln—: ‘Eine falsche Katze‚, dachte die Mutter. ‘Sie wird nur Unglück und Schande über unser gutes Haus bringen!‚

Aber die Mutter wußte auch, daß der Sohn starrköpfig war. Widerspruch würde ihn von nichts, das er einmal im Kopf—und nun gar im Herzen hatte, abbringen. So hatte sie sich denn bei der starr ablehnenden Haltung des Mädchens entschlossen, guten Willens Ja zu sagen, da ein Nein doch nicht möglich war, und zu hoffen, daß diese böse Sache doch noch wider alles Erwarten gut ausgehen möge. Dafür aber war notwendig, daß sie, die Mutter, nicht maulte.

Sie wollte gerade den Mund auftun und dem jungen Mädchen ihr Einverständnis sagen, als die Tür aufging, Fritz Bleesern eilig hereinkam und sagte: ≫Entschuldigt, daß ich euch störe! Ich weiß, an den zehn Minuten fehlen noch drei. Aber eben ist ein Auto gekommen, ein Ehepaar—wir könnten sie gut in 22 unterbringen, Mutter. Aber stelle dir vor, das Zimmer ist noch nicht gemacht, jetzt nachts um elf noch nicht, und keines von den Mädchen im Haus! Natürlich alle wieder bummeln! Ein Schlamperei ist das …≪

≫Das ist wieder die Miezi gewesen, na warte, der werde ich es morgen besorgen!≪ sprach Frau Bleesern und stand seufzend auf. ≫Halt die Herrschaften einen Augenblick in der Gaststube fest. Ich gehe gleich selbst rauf …≪

≫Lassen Sie mich raufgehen! Ich habe das Zimmer in fünf Minuten in Ordnung≪, sagte Ilse plötzlich eifrig.

Mutter und Sohn sahen sich an. Beide lächelten, aber die Mutter grimmig, der Sohn jedoch ein wenig bittend.

≫Na, denn geh, mein Mädchen≪, sagte Frau Bleesern plötzlich ganz freundlich. ≫Ich komme gleich nach und gebe dir die Bettwäsche raus …≪

Der Sohn lächelte, die Mutter seufzte schwer, Ilse lief schon treppauf. Ihr Herz war plötzlich ganz leicht. Ihr war klar geworden, daß es in ihrer Ehe nicht nur einen ungeliebten Mann, sondern auch Arbeit geben würde, viel Arbeit.

O Gott, war das schön, das Leben sah nicht mehr ganz so hoffnungslos aus! Nicht nur Arbeit für fremde Menschen, sondern Arbeit für sich selbst, vielleicht einmal für die eigenen Kinder —konnte das schön werden—!

Mitten auf der Treppe blieb sie stehen und legte ihre Hand auf das stark klopfende Herz. Vielleicht waren all die Demütigungen dieses Abends nicht ganz umsonst ertragen worden!

Kapitel 13

Hier wird Skat gespielt!

Wenn die Lenzener Dörfler etwas sehen wollen von der großen Welt, so haben sie es nicht nötig, in die bedeutende Stadt Berga zu gehen, sie brauchen nur ihren Dorfkrug zu besuchen. Da sitzen vom Frühjahr bis in den späten Herbst hinein immer ein paar Fremde herum, Petri-Jünger, Angler also, die ihren Urlaub auf den Seen um Berga herum verbringen und Fische angeln. Ihnen zu Ehren heißt der Dorfkrug ‘Zur Blauen Schleie‚.

Es ist kein sehr moderner Krug, es ist nicht einmal ein sehr sauberer Krug, aber die Angler finden ihn gerade so, wie er ist richtig: es müssen nicht zu viel Menschen in die bis dato noch unübertroffen fischreichen Bergaer Gewässer gelockt werden. Lieber ein paar Unbequemlichkeiten und auch ein bißchen Dreck als böse Konkurrenz!

Der Wirt, der unmäßig fette Hannes Strasen, weiß auch ganz gut, warum er seinen Krug trotz ausreichender Einnahmen nicht ein wenig auffrischt. Einmal scheuchte er sich damit seine Stammangler fort, Zum andern fänden seine Dörfler ihr Quartier nieht mehr so gemütlich, zum dritten müßte er sich für eine anspruchsvollere Kundschaft mehr anstrengen, als seinem Fett lieb ist, zum vierten aber pichelt es sich nirgends so gut und ausgiebig wie in einem Krug, wo’s ein bißchen liederlich zugeht. Nicht umsonst heißt der Strasensche Krug ‘Zur Blauen Sehleie‚!

Aber einen Nachteil hat solch ein Krug doch: er ist eine reine Männerwirtschaft. Die Frauen und noch mehr die jungen Mädchen setzen nicht gerne ihren Fuß über seine Schwelle. Sie haben einen zu guten Blick für schlecht ausgespülte Biergläser und Dreckhäufchen unter dem Sofa.

Sie scheuen auch den ein wenig wilden Lärm, der manchmal nach zwölf aus den Fenstern des Kruges schallt. Der Gesang ‘Nach Hause gehen wir nicht‚ erfüllt das Blut in ihren Adern nicht mit wilder Begeisterung. Sie meinen vielmehr, eigentlich sei es eine Schande, und wie der Ölkopf morgen seine Arbeit tun solle, sei nicht abzusehen—vom sinnlos vertanen Geld ganz zu schweigen!

Vielleicht ist Lola Bergfeld darum so unbeliebt bei allen Frauen und Mädchen des Dorfes, weil sie ganz ungescheut im dicksten Trubel des Kruges sitzt und sich dabei so wohl fühlt—wie eine Schleie in den Lenzener Seen. Sie singt mit den Männern, sie raucht mit den Männern, sie trinkt wie ein Mann. Unermüdlich legt sie Tanzplatten auf das asthmatisch rasselnde Grammophon des fetten Hannes Strasen und tanzt mit den Männern, mit den jungen wie mit den alten, mit den duhnen wie mit den nüchternen.

Ach, wie wohl sich Lola Bergfeld fühlt, wenn sie so als einziges weibliches Wesen zwischen lauter Mannsbildern sitzt, Dörflern und Städtern, wenn sie alle, alle jedes Wort, jedes Lächeln von ihr verschlingen, wenn sie der unbestrittene Mittelpunkt ist, wenn keiner sie anzweifelt—! Ihr Geltungsdrang und ihre Genußgier—beide kommen hier wie nirgend sonst auf ihre Rechnung—wie glücklich sie das macht!

≫Hast du denn gar keine Angst unter all den angetrunkenen Männern, Lola?≪ konnte Traute sie fragen, die doch von ihrem Elternhaus her auch einiges davon verstand.

≫Wovor soll ich denn Angst haben?≪ fragte Lola verächtlich dagegen. ≫Was soll mir denn eigentlich passieren, denkst du—?≪

Und damit hatte Lola Bergfeld eigentlich recht, zu verlieren hatte sie nichts mehr, auch nicht das allergeringste!

Wenn sie also an diesem Abend erst die Ilse Voß, dann die Traute Kaiser um ihre Begleitung in das Dorf, will sagen, in den Krug gebeten hatte, so natürlich nicht aus Angst, sondern darum, weil sie sich den Freundinnen irn Glanze einer neuen Könnerschaft hatte zeigen wollen.

An einem Abend in der Woche wurde im Krug Skat gespielt, nur an zwei Tischen, aber in einem Sonderzimmer, und in dieses Sonderzimmer keinen Einlaß zu haben, hatte Lola Bergfeld schon lange gewurmt. Denn da saßen dann die eigentlichen ‘besseren Herren‚, und so gerne auch Lola mit jeder Blume, die sich am Straßenrand pflücken ließ, vorliebnahm, ihr Drang nach dem Besseren war nicht zu verkennen. Ein Leutnant war natürlich unbedingt wünschenswerter als der netteste Unteroffizier, und der knickebeinige, angejahrte Sägemühlenbesitzer Schwarz, der in einem Achtzylinder fuhr, war seinem frischesten, jüngsten Arbeiter, der nur die Pedale seines Fahrrades trat, ohne Frage vorzuziehen. (Den Unteroffizier und den Arbeiter konnte man unter der Hand immer noch mitnehmen, aber sowas gab keinen Glanz, sowas hatten schließlich alle …)

Grade dieser Sägemühlenbesitzer Schwarz aber saß an jenem Skattisch, auf den Lola Bergfeld längst ein Auge geworfen hatte, und mit ihm saßen daran der Oberinspektor Brod aus Schlicht, der Viehhändler Hagen aus Berga und der Lehrer Mühlke aus Lenzen.

Als nun in der vergangenen Woche der Viehhändler Hagen erklärt hatte, er verreise für sechs Wochen nach Karlsbad, und die Frage seiner Stellvertretung eifrig diskutiert wurde, hatte Lola sich bereit erklärt, als vierter Mann einzuspringen. Sie spiele schon seit Jahren Skat, habe sich in Berlin mit den gerissensten Spielern abgegeben, und überhaupt …

Und dabei hatte sie so mit Handgrand, Solo, ohne Vier, Reizen bis in die Puppen um sich geworfen, daß sie die Herren vollständig von ihrer tiefen Kennerschaft überzeugt mne.

≫Na schön≪, hatte schließlich der Oberinspektor Brod gesagt, ≫versuchen können wir es ja mal. Aber das sage ich Ihnen, Lolachen, bei uns wird ernsthaft gespielt, da gibt’s keine Galanterie gegen Damen. Und Augenschmeißen gibt es auch nicht, Lolachen, und wir spielen um einen viertel Pfennig. Das wissen Sie ja, Spielschulden sind Ehrenschulden …≪

≫Das walte Gott!≪ krächzte Herr Schwarz.

≫Was Sie sich nur um Ihr bißchen Skat haben!≪ tat Lola sehr erstaunt. ≫Ich habe mit meinem Onkel, dem General Bergfeld, schon um ganze Pfennige gespielt …≪

≫Was das wohl für’n General ist, dein Onkel?≪ nörgelte eine angetrunkene Stimme in ihrem Rücken. ≫Wohl Generalvertreter, Lola?≪

Lola drehte sich um und maß den Sprecher mit einem niederschmetternden Blick. Dieser Jüngling, der ihre vornehme Verwandtschaft anzuzweifeln wagte, war für’s erste gänzlich bei ihr abgemeldet.

Es war für das Selbstvertrauen, in dessen Vollbesitz sich Lola Bergfeld befand, bezeichnend, daß sie sich nicht die geringsten Gedanken um den Ausgang ihrer Skatpartie machte, ja, sich sogar noch ihre Freundinnen als bewundernde Zuschauerinnen einlud. Denn in Wahrheit hatte sie natürlich noch nie in ihrem Leben Skat gespielt, die paar so erfolgreich angebrachten Fachausdrücke waren ihre ganze Wissenschaft von diesem Spiel.

Aber grade diese Fachausdrücke hatten ihr solchen Spaß gemacht, sie stellte es sich herrlich vor, wenn sie erst sagte: ‘Sie reizen mich!‚ oder ‘Ich habe mit drei Jungen gespielt!‚

Skatspielen konnte keine große Kunst sein, jeder Bauernjunge konnte es, da würde sie es auch schon fertigbringen. Und machte sie wirklich mal einen Fehler, nun, sie war eben eine Dame—bei ihr konnte man es nicht so genau nehmen. Sie würde einfach Herrn Schwarz anlächeln—Gott, wenn sie daran dachte, wie dessen Frau aussah, sowas mußte ja auf ihn wirken!

≫Also denn!≪ sprach Herr Mühlke, drehte dreimal seinen Stuhl um, klopfte unter den Tisch und setzte sich. ≫Wenn hier ein Schuster begraben liegt, habe ich ihn abgewendet. Das letzte Mal—hören Sie zu, Fräulein≪, sagte Herr Schwarz ganz kühl, ≫wir spielen mit Kontra und Re—natürlich Zahlenreizen …≪

≫Natürlich!≪

≫Gekucktes Null ist zulässig, einfaches tourniertes Karo wird geschenkt, alles klar—?≪

≫Aber natürlich, Herr Schwarz. Wir in Berlin, bei meinem Onkel, dem General Bergfeld …≪

Herr Schwarz hört gar nicht zu.

≫Also denn!≪ sprach auch er. ≫Sie schreiben an, Mühlke! —Strasen, sehen Sie doch, daß unser Bier endlich kommt, und die Aschenbecher sind auch wieder mal nicht leer gemacht. Sauwirtschaft!≪

Lola saß zwischen Mühlke und Brod, Herrn Schwarz gegenüber, so hatten es die gezogenen Karten ergeben.

≫Wenn das nur nicht ins Auge geht!≪ krächzte Herr Schwarz.

≫Hab’ noch nie mit ’nem Frauenzimmer zusammen gespielt, Skat heißt das.≪

Und er lachte, wie ein Geier krächzt.

Prickelnd vor Erwartung saß Lola an ihrem Platz. Oberinspektor Brod verteilte langsam und mit Bedacht die Karten.

Rasch sah Lola zum Nebentisch hinüber, wo die jüngeren Leute beim Skat saßen: Paulchen Schönfeld, Männe Zörrgiebel, Gerdi Godenswege und Ernst Kolk. Richtig, sie sahen alle zu ihr herüber. Sie fühlte sich selig, so zwischen lauter Männern, bei einem Männergeschäft …

≫Sie sind vorne, Lolachen≪, sagte Brod und sah rasch in den Skat. ≫Mühlke reizt sie!≪

≫Das soll ihm schwerfallen!≪ lachte Lola.

≫Achtzehn, zwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig≪, reizte Mühlke. ≫

>Fünfundzwanzig, dreißig, fünfunddreißig!< rief Lola, der dies Spaß machte.

>Dann muß ich passen<, sagte Mühlke mit Bedauern in der Stimme. >Ich habe eigentlich …<

>Ruhe!< befahl Brod. >In Ihrer Schule dürfen Sie Reden halten, Mühlke, hier nicht!<

>Übrigens ist fünfunddreißig gar kein Spiel<, bemerkte Herr Schwarz grämlich.

>Sie werden sie schon höher kitzeln!< lächelte Herr Brod.

>Also vierzig—haben Sie vierzig?< fragte Herr Schwarz.

>Natürlich!<

>Natürlich scheint mir das gar nicht.—Einundvierzig, vierundvierzig, sechsundvierzig—haben Sie auch? Großer Gott, was wollen Sie denn spielen?!<

>Sie sollen hier nicht reden, Herr Schwarz!< rief rachsüchtig der Lehrer Mühlke. >Auf Ihrer Mühle, da dürfen Sie reden, hier sollen Sie nur reizen!<

>Passe auch!< sagte der Sägemüller ärgerlich. >Zu dämlich, ich habe eine so schöne Karte …<

>Ruhe! Nun, Lolachen, was spielen Sie? Oder wollen Sie noch den Skat haben?<

Und Brod hielt ihr die beiden Karten hin.

>Natürlich!< sagte Lola wieder und nahm den Skat.

Soviel wußte sie, daß sie jetzt zwei Karten wegzulegen hatte. Sie entschloß sich für zwei der drei Siebener, die sie besaß—die galten ja doch nichts! Auf sechsundvierzig war gereizt—wie sich diese Männer anstellten! Sie spielten um einen Viertel Pfennig, konnte sie im schlimmsten Falle also zwölf Pfennig verlieren—! Nun, wenn schon—!

>Ich bin doch neugierig, was sie spielt<, sagte ärgerlich Herr Schwarz.

>Was soll sie spielen? Grand spielt sie!< rief Herr Mühlke.

>Erlauben Sie, Mühlke, sie kann auch noch Nullouvert spielen …<

>Ich spiele aber Grand<, erklärte Lola schon um Herrn Schwarz zu widersprechen, den sie immer unausstehlicher fand. Noch nicht einmal hatte er sie wohlwollend angeschaut! Sie trank ihren Grog aus und winkte Strasen, ihr einen neuen hinzusetzen.

>Na, nu spielen Sie schon!< rief Herr Schwarz ungeduldig. >Sie halten hier ja den Betrieb auf!<

>Nicht so stürmisch, junger Mann!< lachte Lola und warf den Herzbuben auf den Tisch. Sie fand’s nett, mit dem Herzbuben anzufangen.

>Zieht Jungen, und ihr seid fürs Alter versorgt<, sprach Herr Mühlke und warf den Pikjungen dazu.

>Ich sage Kontra<, sprach Herr Schwarz, warf den Treffjungen darüber und strich den Stich ein.

>Ohne zwei spielt sie<, stellte er fest und warf das Herzas hin.

Lola gab die Herzzehn dazu.

>Sechs und einundzwanzig macht siebenundzwanzig und nun der König macht einunddreißig. Wir danken, Fräulein Bergfeld. Aus dem Schneider sind wir schon.<

>Warten Sie nur ab, Herr Mühlke<, sagte Lola siegesgewiß. Es war zu spannend—und dabei dieser alberne Ernst der Männer—wegen zwölf Pfennigen!

>Herz ist Trumpf!< sprach Herr Schwarz und warf die Dame.

Lola gab ihre Herzneun dazu.

Herr Mühlke schmetterte, befriedigt meckernd, eine Pikzehn darauf.

>Vierundvierzig!< stellte er fest.

>Zählen Sie leise!< verwies es ihm Herr Brod.

>Herz ist Trumpfl< sprach wiederum Herr Schwarz und spielte die Herzacht.

Lola war des Herzens überdrüssig und warf die Pikdame hin.

Herr Mühlke fügte das Pikas dazu. >Neunundfünfzig!< sprach er, Triumph in der Stimme.

>Hören Sie mal, Fräulein!< sagte Herr Oberinspektor Brod fast drohend. >Sie haben nicht Farbe bedient, Fräulein! Sie haben da noch die Herzsieben in Ihren Karten!<

>Wollen Sie die lieber haben?< lachte Lola. >Natürlich, ihr Männer wollt immer Herz sehen. Da—!<

Und sie warf die Herzsieben auf den Tisch und griff nach der Pikdame …

>Wie—?!< fragte Herr Mühlke und sperrte das Maul weit auf.

>Sie hat tatsächlich nicht bedient!< entrüstete sich Herr Schwarz.

>Ich dachte, sie hätte die Sieben gedrückt …<

>Sagen Sie mal, Fräulein<, fragte Herr Oberinspektor Brod noch drohender, >haben Sie überhaupt eine Ahnung vom Skatspiel—? Haben Sie schon je in Ihrem Leben Skat gespielt—?<

>Na, erlauben Sie mal!< protestierte Lola. >Stellen Sie sich bloß nicht so an wegen einer dummen Herzsieben! Die zählt doch nicht einmal was! Und überhaupt—man kann doch wohl mal eine Karte übersehen!<

>Ich gucke und gucke in Ihre Karte, ich zerbreche mir den Kopf , worauf Sie den Grand eigentlich spielen wollen. Einen Jungen, kein einziges As …Nun mal raus mit der Sprache, Fräulein! Können Sie Skat spielen—?<

>Sie kann überhaupt nicht Skat spielen und will mit uns spielen! So eine Unverschämtheit!< rief Herr Schwarz.

>Ein Grand ohne Däuser—ja, diese schlauen Berliner!< frohlockte Lehrer Mühlke.

>Es war also alles Angabe—?< erkundigte sich Herr Brod.

>Aber nicht die Spur!< protestierte Lola völlig ungebrochen.

>Ich kann sehr gut Skat spielen! Natürlich spielen Sie ihn hier auf dem Dorf anders wie wir in Berlin, ich muß mich erst einspielen …<

>Sie muß sich erst einspielen—ohne Däuser!< jauchzte Herr Mühlke fast.

Lola saß mit ihrem reizendsten Lächeln da. Sie machte dazu ihr Kußmäulchen, aber keiner von den drei Männern sah es. Um so mehr sahen die vier Männer vom Nebentisch auf sie. Sie hatten zu spielen auf gehört, sie machten gespannte und dabei doch ein wenig betretene Gesichter.

Gott, waren diese Männer dämlich! Was stellten sie sich wegen so ein bißchen Skatspiel an! Lola trank ihren Grog auf einmal aus und bestellte sich einen neuen. Es machte ja doch Spaß, alle an der Nase herumzuführen!

Ihre drei Spielpartner hatten sich unterdes mit Blicken, Zwinkern und Anstoßen verständigt. Sie hatten einen Entschluß gefaßt …

>Schließlich hat Fräulein Lola ganz recht<, fing Herr Oberinspektor Brod an. >Sie muß sich erst einspielen …<

>In Berlin spielt man eben Grand ohne Jungens und Däuser, das ist doch ganz klar!< rief krähend Herr Mühlke.

>Ich habe eben Kontra gesagt, und wir spielen um einen viertel Pfennig<, stellte Herr Schwarz fest.

>Also spielen wir weiter<, schloß Herr Brod. >Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein—?<

Natürlich war es Lola recht. Sie war überzeugt, die Männer waren glücklich, sie zur Mitspielerin zu haben.

>Ein viertel Pfennig!< wiederholte Herr Schwarz nochmals. >Und Spielschulden sind Ehrenschulden …<

>Versteht sich!< sagte Lola stolz, und nun spielten sie weiter. Es war der reine bethlehemitische Kindermord—!

Lolas Spielpartner hatten rasch erfaßt, daß dem törichten Mädchen das ‘Reizen‚ den meisten Spaß machte. So trieben sie Lola mit ihren Zahlen immer höher, sie verlockten sie zu den unsinnigsten Spielen, sie sagten: >Na, einen werden Sie doch noch zulegen, Lolachen, so wie Sie gebaut sind!<

Ging dann das Spiel los, ‘half‚ der Strohmann ihr mit dem größten Eifer. Er riß ihr die Karten aus der Hand, prustend vor Lachen legte er ein offenes Null auf den Tisch mit blanken Däusern. Scheinheilig sagte er: >Da macht mal was! Ja, an Lola kann keiner tippen!<

Und hinterher kreideten sie ihr die Spiele an—völlig reell, ohne Mogeln—sie hatten es aber auch nicht nötig, zu mogeln!

Lola Bergfeld aber fand dies alles einfach schick, hinreisend interessant. Sie stieß kleine begeisterte Schreie aus, sie tat bedauernd: >Habe ich wieder nicht gewonnen? Na, macht nichts! Pech im Spiel und Glück in der Liebe!<

Es war ja so herrlich, daß sich drei Männer um sie bemühten, ihr ‘halfen‚, daß die jungen Skatspieler am andern Tisch ihre Partie abgebrochen hatten und bewundernd hinter ihrem Stuhl standen.

>Ach, laß mich in Frieden!< sagte sie ärgerlich, als der junge Männe Zörrgiebel, der Mitleid mit ihrer Torheit hatte, sie auf die Folgen solcher Spielerei aufmerksam machen wollte.

>Die paar Pfennige spielen bei mir wirklich keine Rolle. Ich bin nicht so knautschig wie—andere!<

Denn Männe Zörrgiebel war bekannt dafür, daß er sogar für sein Mädchen ungern ein Glas Wein bezahlte.

>Den!—Und den auch!—Und diesen auch für uns!—Und wie ist’s mit dem, Fräulein? Auch unser!—Wir danken, abserviert und erledigt!< sprach Herr Sägemühlenbesitzer Schwarz. >Wieder nicht ein Stich für Sie!—Gott, Fräulein, was sind Sie für ein Schaf!<

Und er starrte sie mit seinen kleinen dunklen Augen unter den buschigen Brauen hervor verächtlich an.

>Er hat mich Schaf genannt—ist er nicht süß—?!< jubelte Lola Bergfeld. >Und wie er mit seinem Kinnbärtchen wackelt! Ich finde Sie einfach süß, Herr Schwarz!<

>Hören Sie mal, Fräulein<, sagte Herr Schwarz drohend, >das verbitte ich mir! Das ist eine Unverschämtheit! Mich süß zu nennen!< Er wurde immer zorniger. >Ich werde Ihnen zeigen, wie süß ich bin!—Nein, ich spiele nicht mehr, Mühlke! Machen Sie die Aufrechnung, da wird sie sehen, wie süß ich bin!<

Er schoß scharfe, böse Blicke auf Lola.

>Süß!< murmelte er. >In meinem Leben hat mich noch kein Mensch süß genannt! Und diese zwanzigjährige Göre …<

>Bitte, einundzwanzig, Herr Schwarz!< stellte Lola ihn richtig, noch unerschüttert, aber doch schon etwas betreten über die unerwartete Wirkung ihres Kompliments. >Ich bin bereits mündig—<

>Gut für Ihre Spielschulden, da können Sie sich wenigstens nicht herausreden!<

>Ich will mich gar nicht herausreden!< sagte Lola spitz. >Ich habe mich nicht wegen so ein paar Kröten!<

>Um so besser!—Na, wieviel macht es, Mühlke?<

Herr Mühlke räusperte sich etwas verlegen.

>Es ist vielleicht doch ein bißchen zu viel geworden<, sprach er. >Fräulein Bergfeld—na, viel versteht sie nicht vom Skat …<

>Gar nichts!< sprach eine Stimme aus dem Hintergrund. >Rein gar nichts!<

Und beistimmendes Gemurmel wurde unter den jungen Leuten laut.

>Ich würde ja auch vorschlagen<, sprach wieder Herr Mühlke, >daß wir Fräulein Bergfeld vielleicht die Hälfte erlassen—?< Er sah auf Oberinspektor Brod, der beistimmend nickte.

Aber Lola Bergfeld verstand nie, wenn ihr einer helfen wollte.

>Danke bestens!< sagte sie stolz. >Aber ich zahle meine Spielschulden! So etwas ist bei mir Ehrensache! Ich möchte gar nichts geschenkt haben …<

>Da hören Sie es!< murmelte Herr Schwarz grimmig. >Dummheit und Stolz wachsen noch immer auf einem Holz. —Also, wieviel macht es?<

>Fräulein Bergfeld hat an Sie siebenunddreißig Mark achtzig, an Herrn Oberinspektor Brod vierunddreißig Mark sechsundneunzig, an mich sechsunddreißig Mark vierundvierzig zu zahlen, in Summa hundertneun Mark zwanzig. Aber wie, gesagt, ich für meinen Teil würde gerne …<

>Nun, mein Fräulein<, sagte Herr Schwarz spöttisch, >wie ist es? Die paar Kröten werden Sie doch bei sich haben?! Ich bin bereit zum Empfang von siebenunddreißig Mark und achtzig Pfennigen. Ich gebe Ihnen gerne auf vierzig Mark heraus.<

Lola stand wie angedonnert. Alle Farbe war aus ihrem sonst so blühenden Gesicht gewichen. Hundertneun Mark zwanzig—soviel verdiente sie knapp in anderthalb Monaten! In ihrem von vier oder fünf Grogs wolkig durchzogenen Gehirn versuchte sie einen klaren Gedanken zu fassen. ‘Haltung!‚ dachte sie. ‘Ich kann mich doch vor all diesen Männern nicht blamieren—!‚

Dann—ganz plötzlich—ließ ihre Schilddrüse sie im Stich, so vergnügt und obenauf sie eben noch gewesen war, so tief war jetzt ihre Verzweiflung.

>Hundertneun Mark zwanzig!< sagte sie weinerlich, und die Tränen standen ihr schon in den Augen. >Aber das ist ja unmöglich! Das kann doch nicht stimmen! Bei einem viertel Pfennig—!<

>Nun sagen Sie noch, daß wir falsch angeschrieben haben!< sprach Herr Schwarz drohend. >Dann können Sie aber was erleben!<

>Doch, Fräulein<, nahm Herr Mühlke eilfertig das Wort. >Es hat alles seine Richtigkeit, ich schreibe doch schon seit dreißig Jahren beim Skat an! Und außerdem bin ich Schullehrer —da muß ich doch richtig rechnen können!<

>Aber bei einem viertel Pfennig!< beharrte sie und wollte es noch immer nicht glauben.

>Aber den viertel Pfennig müssen Sie bei verlorenen Spielen an jeden von uns zahlen, macht schon dreiviertel Pfennig für den Punkt. Und die meisten verlorenen Spiele kosten doppelt. Und fast immer haben wir ‘Kontra‚ gesagt, und Sie haben ‘Re‚ geboten …<

>Was bedeutet denn das: Kontra und Re?<

>Das hätten Sie vorher fragen müssen!< sprach Herr Mühlke streng wie zu einem Schulkind, das seine Aufgabe nicht gelernt hat. >Wenn Sie ‘Re‚ sagen, bedeutet das, daß Sie das verlorene Spiel vierfach bezahlen müssen. Und meistens sind Sie auch noch ‘Schwarz‚ geworden …<

>Schwarz—?< fragte sie hilflos und sah den bösen Herrn Sägemühlenbesitzer Schwarz an, als sei er es, der sie geworden sei.

>Schwarz heißt, daß Sie nicht einen Stich …<, fing Herr Mühlke an.

Aber Brod unterbrach ihn.

>Machen Sie Schluß, Mühlke<, sagte er. >Sie können der Lola nicht jetzt noch das ganze Skatspiel erklären …<

>Ich möchte auch endlich wissen, woran ich bin<, meinte Herr Schwarz ungeduldig. >Zahlen Sie oder zahlen Sie nicht, Fräulein? Aber Spielschulden sind Ehrenschulden!< setzte er spöttisch hinzu.

Lola stand hilflos—sie mußte und konnte doch nicht!

>Ich würde ja auch dafür sein, Herr Schwarz<, legte sich zum auch Inspektor Brod ins Mittel, >daß wir nicht zu hart mit der Lola verfahren. Wenn sie die Hälfte zahlt—<

>Nichts da!< sagte Herr Schwarz. >Sie hat gewußt, um was es ging, wir haben es ihr ein paarmal gesagt. Aber sie hat behauptet, sie kann uns noch was beibringen mit ihrem Berliner Skatspiel. Das wird ihr eine Lehre sein, mit Dingen dicke zu tun, von denen sie keine Ahnung hat! Und es wird sie lehren, ältere Herren ‘süß‚ zu nennen! ‘Einfach süß‚ —!<

Dies hatte ihn tödlich verletzt.

>Also, Fräulein<, sagte er dann kalt. >Ich sehe schon, Sie haben das Geld nicht bei sich, und wie ich Sie jetzt kenne, werden Sie zu Hause wahrscheinlich auch keine Mark haben. Aber Sie werden bei Herrn Siebenhaar ja ein gutes Gehalt beziehen, lassen Sie sich also Vorschuß geben. Hier haben Sie die Nummer von meinem Postscheckkonto—in drei Tagen haben Sie mir siebenunddreißig Mark achtzig überwiesen— verstanden?< Er sah sie feindlich an.

>Und nun machen Sie, daß Sie hier aus dem Zimmer kommen! Hier wird nämlich nicht geliebäugelt und scharmunziert, hier wird ernsthaft Skat gespielt!<

>Ja, komm, Lola!< flüsterte auch Männe Zörrgiebel. >Wir namen uns vorne hin und trinken noch einen—zum Trost. Jetzt kommt es doch nicht mehr darauf an. Und das Geld brauchst du ihnen natürlich nicht zu zahlen. Wir sind alle Zeuge, daß sie dich geneppt haben …<

>Nicht wahr?< fragte Lola, schon halb getröstet. >Die haben mich bloß reingelegt, vor allem dieser eklige Schwarz. Ich hab’ von Anfang an eine Antipathie gegen ihn gehabt.<

Stolzer: >Aber schenken lasse ich mir von denen deswegen noch lange nichts—sein Geld soll er haben, und die andern auch! Ich lasse mir von solchen Leuten nichts nachsagen!<

Zu ihren vier Getreuen:

>Kommt, Jungens, ich bin ganz trübetümplig, aber jetzt wollen wir fidel sein, jetzt ist doch alles egal! Hundertneun Mark—und nichts dafür gehabt! Ich weiß—ich lade euch alle zu Sekt ein! Das soll noch ein fideler Abend werden—der Schwarz soll platzen, wenn er nachher durchkommt, und sieht uns hier im Sekt schwimmen!—Strasen, erst mal drei Flaschen Sekt—auf meine Rechnung! Und stellen Sie das Grammophon an—irgend was einfach Süßes, nach dem man tanzen kann! Und bringen Sie den Herren Zigaretten—von denen zu sechs! Heute bin ich ganz groß!<

Kapitel 14

Wir werden noch glücklich—!

Traute Kaiser lag schlaflos auf ihrem Bett. Schon lange hatte sie das Licht gelöscht, und nun versuchte sie, sich darüber klarzuwerden, warum sie in den Brief an ihre Mutter, der noch immer unvollendet auf dem Tisch lag, nicht jenen Nachsatz hatte hineinschreiben können, den Herr Siebenhaar gewünscht hatte: Daß Mutti einmal herüberkommen solle, daß Wichtiges zu besprechen sei, und eine Andeutung etwa von der Art dieses Wichtigen …

Sie hatte eine ganze Weile, das Ende des Federhalters zwischen den Zähnen, vor dem Brief gesessen. Sie wußte Satz für Satz, was sie schreiben wollte, aber sie hatte diese Sätze nicht zu Papier bringen können. Ganz so, als wäre das etwas, was sie Mutti nicht erzählen dürfe—und sie hatte ihrer Mutter doch noch immer alles erzählen können—!

Schließlich hatte sie den Federhalter fortgelegt und war ins Bett gegangen. Und nun lag sie hier im Dunkeln und versuchte, sich klarzuwerden über das, was sie eigentlich wollte. Es ist so schwer zu wissen, was man will, wenn man erst siebzehn ist, und bisher haben einem immer alle erzählt, was man zu tun hat! Will sie den Antrag von Herrn Siebenhaar annehmen? Es ist ein richtiger Antrag, genau wie sie ihn sich immer gewünscht hat, nicht so ein unverschämtes Geschreibsel: treffen wir uns dann und dann an der Kleinen Brücke!

Herr Siebenhaar hat auch richtig um sie geworben, mit jedem seiner sanften und eindringlichen Wortehat er ihr zu verstehen gegeben, daß sie etwas Kostbares ist, ein Geschenk —und das hat ihr sehr gefallen, denn sie hält ja etwas auf sich! Nicht so eine freche Aufforderung zur Abschleckerei, wie sie jedes Mädchen kriegen kann: gefällt’s uns, ist’s gut, mißfällt es uns, ist’s auch noch so!

Bei Herrn Siebenhaar findet sie auch ein ruhiges, gut eingerichtetes, sicheres Leben mit einem schönen Haus und Gut —sie muß sich keine Sorgen um das tägliche Brot machen! Und sie kann Mutti helfen—vielleicht können die Eltern diese eklige Wirtschaft auf geben und irgendwo in ihrer Nähe auf dem Lande leben, mit Hühnern und einem Obst- und Gemüsegarten. Gott, wäre das schön für Mutti! Mutti wollte immer schon gerne aufs Land zurück, sie ist ja in einem Dorf geboren und aufgewachsen.

Aber das alles ist noch nicht einmal das Wichtigste, so schön es auch ist! Das Wichtigste ist, daß sie Herrn Siebenhaar helfen und sein kann, als jede andere Frau ihrem Mann! Das ist etwas sehr Großes, sie sieht’s ja alle Tage an der Lola und auch an der Ilse, wie schnell solche Jugendverliebtheit verfliegt!

Und was bleibt dann zwischen zwei solchen, wenn das Feuer ausgebrannt ist? Streiterei, Abneigung, Klatsch! Aber bei Herrn Siebenhaar hat sie immer eine Aufgabe, alle Tage, sein ganzes Leben ist er auf sie angewiesen. Das bindet ihn an sie und sie an ihn. Es fängt vielleicht nicht mit einer großen Liebe an, bestimmt nicht, aber die Liebe verfliegt, Liebe hat keinen Bestand hier auf Erden!

Ja, aber da dem allen so ist, genau so ist, wie es ihr Herr Siebenhaar erklärt hat—warum kann sie dann an Mutti nicht davon schreiben? Als sei es etwas Schlimmes, was sie vorhat?!

So sehr sie auch nachdenkt, sie findet keinen einzigen Grund, der gegen die Verbindung mit Herrn Siebenhaar spricht, als eben den Mangel an Liebe. (Und, wie gesagt Liebe hat keinen Bestand—das ist kein Gegengrund!) Mit allem andern kann sie sich abfinden. Er wird appetitlicher aussehen, wenn sie sich täglich um ihn kümmert. Er wird auch andere Farben bekommen, wenn sie regelmäßig mit ihm spazieren geht. Er ist ja jetzt so vernachlässigt—aber Lola läßt ihr nie Zeit, ihn richtig zu versorgen. Sie ist schon eifersüchtig auf den freundlichen Ton, in dem Herr Siebenhaar mit ihr spricht …

(Übrigens, denkt sie, wenn ich ihn wirklich heirate, müßte mir die Lola sofort aus dem Haus! Die würde mich nie als Hausfrau anerkennen!—Und ein befriedigtes Gefühl überkommt sie, daß sie die eingebildete, tyrannische Lola wird fortschicken können.)

Sie kehrt zu ihren Überlegungen zurück, zu dieser ewigen Gedankenmühle, die immerfort die gleichen Gründe dafür sagt und keinen Gegengrund findet.

‘Aber warum kann ich denn nicht Mutti davon schreiben?‚ denkt sie wieder.

Sie wirft sich von einer Seite auf die andere, sie überlegt, was Ilse ihr raten würde und was Lola—der aber werde ich kein Wort davon sagen, soll sie unsere Verlobung erst in der Zeitung lesen!—, und sie weiß, daß beide Mädchen ‘Ja‚ sagen würden, bekämen sie von Herrn Siebenhaar solch einen Antrag— Lola bestimmt, bei Itta weiß man es so genau nicht …

Bella schlägt an, drunten auf dem Hof, und gleich darauf fängt sie an, wütend zu hellen …

Traute steht auf, horcht aus dem Fenster. Nun meint sie, ein paar dunkle Gestalten am Tor zu sehen.

>Wer ist denn da?< fragt sie halblaut um Herrn Siebenhaar nicht zu stören. >Willst du wohl ruhig sein, Bella!<

>Fräulein!< ruft ebenso gedämpft eine Männerstimme von unten. >Können Sie nicht mal runterkommen? Wir haben hier—<

Und plötzlich ganz schrill und ungedämpft die weinerliche Stimme Lolas: >O Traute, mach doch bloß schnell! Mir ist ja so schlecht!<

>Ich komme!< ruft Traute, zieht schnell ihren Bademantel über und schleicht auf nackten Sohlen die Treppe hinunter.

Sie schaltet das Licht in der Küche ein, und als sie nun die Tür zum Hof öffnet, sieht sie die drei da stehen: Männe Zörrgiebel und Gerdi Godenswege, und zwischen ihnen, mehr hängend als stehend, Lola Bergfeld …

>Ach, Traute, mach bloß schnell!—Ich kann nicht mehr stehen, mir ist so schwindlig! Mir dreht sich alles! Kannst du mich nicht ins Eßzimmer auf die Couch legen? Ich komme nie und nie die Treppe rauf!<

>Ihr solltet euch was schämen!< sagt Traute leise, aber sehr böse zu den beiden jungen Männern, die, halb verlegen und halb belustigt, ihrem Opfer zuhören. >Ihr wißt auch nichts Anständigeres, als ein junges Mädchen betrunken zu machen—?! Pfui Deibel, daß ihr euch nicht schämt—!<

>Nu mach aber einen Punkt, Trautecken<, sagt Männe Zörrgiebel, der auch nicht mehr nüchtern ist, nein, ganz im Gegenteil. >Duhn gemacht hat sie uns, sie war ja heute überhaupt nicht zu halten! Am liebsten hätte sie Strasens ganzen Laden unter Sekt gesetzt—wir haben nur immer bremsen müssen, sonst hätte sie statt sechzig Markt hundertsechzig Mark Zechschulden gemacht!<

>Schnaps habt ihr mir in den Sekt gegossen!< jammerte Lola. >O Gott, Traute, und hundertzehn Mark habe ich beim Skat verloren—nie kann ich die bezahlen, nie! Ach, Männe, ich bin ja so unglücklich, schmeißt mich doch lieber in den See, dann weiß ich von allem nichts mehr …<

>Kriegt ihr sie die Treppe rauf?< fragte Traute bedenklich. >Hier unten will ich sie nicht haben, da stört sie Herrn Siebenhaar bloß …<

>Ich stör keinen Menschen, ich habe noch nie einen Menschen gestört! Wie kannst du sowas sagen, Traute! Ich habe dich heute nachmittag auch nicht gestört, als du dein Rendezvous mit Siegfried Senden hattest! Itta wollte euch mit dem Paddelboot nachfahren, aber ich habe gleich gesagt: Man soll niemanden in seinem Glück stören!—Und nun redest du so gemein von mir!<

Die beiden jungen Männer waren ganz Ohr.

>Also wie ist es?< fragte Traute Kaiser angeekelt (und der Gedanke, diese ‘Vorgesetzte‚ entlassen zu können, näherte sie einem Entschluß). >Schafft ihr sie die Treppe rauf?<

>Aber natürlich, Traute! Einer nimmt sie bei den Beinen, einer unter den Armen, und wenn du dann noch ein bißchen nachschiebst, Mädchen—!<

>Also los!< kommandierte Traute.

Sie kamen aber nicht weit.

Denn plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, stand Herr Siebenhaar bei ihnen. Die jungen Männer bekamen einen solchen Schrecken, daß sie Lola einfach auf die Erde gleiten ließen.

Lola, die noch nicht begriff, wer hier dazugekommen war, jammerte los: >O Gott, warum laßt ihr mich denn fallen? Ich habe mir so weh getan! Aber du bist immer gleich roh, Männe!<

Und sie blieb hilflos auf der Erde sitzen.

>Traute<, sagte Herr Siebenhaar >laß Fräulein Bergfeld ins Badezimmer bringen. Dusch sie so lange ab, bis sie wieder ein wenig bei Verstand ist und die Treppen steigen kann …<

Es lag ein aufrichtiger Ton von freundschaftlichem Einverständnis in Herrn Siebenhaars Worten, der Traute wohltat. Er behandelte sie wie eine nahe Verbündete, die ‘Vorgesetzte‚ war keine Vorgesetzte mehr. In der Freude, die ihr dies machte, entging es Traute ganz, daß der hilflose Herr Siebenhaar noch nie so bestimmt gesprochen hatte. Es war ganz, als habe er neue Kraft bekommen …

>Hier hinein!< sagte Traute und öffnete die Tür zum Badezimmer.

Zörrgiebel und Godenswege faßten wieder an, aber Lola widersetzte sich ihnen plötzlich.

>Oh, Herr Siebenhaar!< rief sie und saß schon wieder auf der Erde. >Das ist aber schön, daß ich Sie treffe! Ich wollte sowieso mit Ihnen reden! Ich wollte um einen Vorschuß bitten. Die haben mich nämlich beim Skat reingelegt, das heißt, sie haben mich betrogen. Zweihundert Mark dachte ich. Morgen erstatte ich Strafanzeige. Alle sagen, es ist Betrug, und ich soll Anzeige erstatten …<

>Schön, schön, Fräulein Bergfeld<, antwortete Herr Siebenhaar. >Morgen sprechen wir darüber. Setzt sie jetzt ins Badezimmer—und dann verschwindet eiligst—!<

Die noch immer weiterschwatzende Lola wurde ins Badezimmer gebracht, und ihre Freunde machten dann, daß sie fortkamen. Traute schloß die Tür hinter ihnen und zog die ewig weiterjammernde, weiterschwatzende, weiterprotestierende Lola aus. Die Kleider warf sie einfach in eine Ecke. Das mußte alles gewaschen werden—es roch, oh, wie sie diesen Geruch kannte und haßte, aus der elterlichen kleinen Kneipe, diesen Gestank von kaltem Tabak und fuselig gewordenem Alkohol!

Manchmal, nach schlimmen Nächten, wenn Mutti viele Stunden hinter der Theke hatte stehen müssen, war dieser Geruch auch in Muttis Kleidern gewesen. Sie haßte ihn so sehr—Mutti hatte ihr dann keinen Kuß geben, keine Stulle schmieren dürfen, ehe sie sich nicht gewaschen und ganz frisches Zeug angezogen hatte.

Mit einer grimmigen Befriedigung zwang sie die widerspenstige Lola in die Badewanne. Ja, Herr Siebenhaar hatte ganz recht: soweit durfte man es nicht kommen lassen! Wenn man etwas auf sich hielt, faßte man lieber jeden andern Entschluß, als daß man in solche Verlotterung geriet!

Und mit einer wahren Wonne drehte sie den Brausenhahn auf und ließ das kalte Wasser über Lola herabbrausen. Lola stieß einen Angstschrei aus und wollte aus der Wanne fliehen. Aber sie rutschte aus, fiel zurück, und nun strömte das Wasser über sie, unablässig, während sie ununterbrochen weiterjammerte und weinte, aber doch keine Bewegung mehr machte, ihrem Schicksal zu entgehen.

‘Acht Grad wird das Wasser haben, mehr nicht‚, dachte Traute bei sich. ‘Das wird sie schon zur Besinnung bringen. Ja, weine du nur! Das ist für die schlecht geplätteten Oberhemden! Und das für das ausgequatschte Rendezvous! (Es war ja gar keines!) Morgen bin ich in allen Mäulern. Ach, jetzt kann es mir ja egal sein, wenn ich erst mit Herrn Siebenhaar verlobt bin!‚

Später, als Lola zu klappern anfing, ließ sie warmes Wasser in die Wanne. Sie gab ihr Seife, Waschlappen und Bürste.

>Da, scheure dich gründlich ab! Den Kopf wirst du dir auch waschen! Nachher putzt du dir auch noch die Zähne! Daß du dich nicht schämst—dich so gemein zu machen, vor all den Männern!<

>Sei du bloß ruhig!< sagte Lola schläfrig mit schwerer Zunge. >Manche sind eben heimlich. Aber ich bin nicht so, ich tue alles ehrlich und offen…<

Und dieser Satz zeigte, daß die alte Lola wieder aus dem Alkoholkater zu erwachen begann, ungebrochen, unbelehrbar, so unbarmherzige Ohrfeigen ihr das Leben auch schlug.

Traute saß auf dem Badehockerchen und sah der ‘Freundin‚ zu. Sie war trübe gestimmt, und sie war doch nicht ohne Hoffnung: es gab einen Ausweg aus alledem. Sie mußte nur wollen, und sie wollte schon—vielleicht …

Es klopfte gegen die Badezimmertür, und als sie öffnete, stand Herr Siebenhaar da.

>Nicht doch, Herr Siebenhaar! Lola sitzt noch in der Badewanne!<

>Aber ich bin doch blind, Kind, ich kann sie ja nicht sehen<, sagte er fast heiter. >Siehst du, ich werde ein Ehemann sein, der sich nicht in andere Frauen vergucken kann. —Also, was ich sagen wollte: hier hast du zwei Tabletten. Gib sie ihr, sobald ihr oben seid. Sie wird dann bestimmt gleich einschlafen, und du hast deine Ruhe. Diese Nacht ist ohnedies zu kurz für dich, du willst doch morgen frisch sein!<

>Ach, mir macht das nichts aus, Herr Siebenhaar! Ich kann immerzu schlafen, aber ich kann auch mal ganz ohne Schlaf auskommen!<

>Glückliche Jugend!< sprach er. >Für mich sind die Zeiten vorbei.—Hast du auch einmal daran gedacht, daß ich rund zwanzig Jahre älter bin als du? Überlege dir alles gut, Traute …<

>Doch, Herr Siebenhaar!<

>Du hast schon an den Altersunterschied gedacht—?<

>Ja—ich habe mir alles überlegt.<

>Und—? Traute! Und—?<

(Diese Angst in seiner Stimme! Diese rührende, wohltuende Angst—!)

>Ich glaube, ich sage ja<, flüsterte Traute ganz leise und zog rasch die Tür zum Badezimmer zu.

Sie saß wieder auf ihrem Hockerchen, sie lauschte nach draußen. Er sprach kein Wort, aber sie merkte, daß er noch lange, lange ohne Bewegung vor der Tür stand. Schließlich ging er ganz leise.

Nun war die Entscheidung gefallen! Sie hatte einen Menchen glücklich gemacht, sie hatte es doch gespürt! Also war Entschluß richtig gewesen—das leere oder zweiflerische Gefühl in ihr würde sich schon geben. Wenn man seine Pflicht tut, spürt man keine Leere! Eines Tages wird auch sie dieses Glücksgefühl empfinden!

Und sie versucht, sich diesen Tag auszumalen. Sie denkt sich Situationen mit Herrn Siebenhaar aus, erfindet kleine Gespräche, tut ihm eine Handreichung.

Aber seltsam! Alle diese Dinge, die sie sich da ausdenkt, haben nie auf den Mann Siebenhaar Bezug, sie kann sich einfach nicht vorstellen, daß sie ihn umfaßt und herzlich abküßt! Rein unmöglich! Sie denkt stets nur an den blinden Mann Siebenhaar, sie tut etwas, das ihm seine Blindheit erleichtert, liest ihm etwas vor oder sorgt dafür, daß seine Krawatten besser gebunden sind. Immer nur der Blinde, dessen barmherzige Schwester sie ist, er geschlechtslos, sie ohne Geschlecht. Nie der Mann, nie der Gatte—und ganz bestimmt nie der Vater ihrer Kinder …

‘Das kommt ja noch alles‚, denkt sie. ‘Jetzt liebe ich ihn ja noch nicht. Das weiß ich doch! Aber das darf ich Mutti nicht schreiben, sonst macht sie sich Kummer. Ich muß so etwas andeuten, daß ich ihn schätze und verehre—ach, ich werde schon das richtige schreiben! Und überhaupt—von jetzt an muß ich alles für mich allein erledigen. Ich hab’ alleine den Entschluß gefaßt und so will ich Mutti auch nichts davon aufladen, gar nichts! Auch ihm nicht, wenn es nicht so gut gehen sollte, wenn es mir schwer werden sollte— er darf es nie merken!‚

Sie geht mit der halb schlafenden Lola treppauf, bringt sie ins Bett. Als sie die Bettdecke um Lola stopft, schlägt die noch einmal die Augen auf und sagt ganz klar: >Das mit der kalten Dusche verzeih ich dir aber nicht so bald! Morgen früh kannst du gleich als erstes die Kellertreppe schruppen!<

Und schon schläft Lola.

Traute aber geht noch nicht ins Bett. Sie setzt sich wieder an den Tisch, vor ihren unvollendeten Brief, nimmt die Feder in die Hand, und kaum hat sie einen Augenblick nachgedacht, fängt sie schon an zu schreiben.

Ruhig und gleichmäßig geht die Feder ihren Weg; klar, ohne Zögern, ohne langes Überlegen reiht Traute Satz an Satz. Sie schreibt gar nicht so sehr viel. Der früher geschriebene Anfang des Briefes ist über zwei Seiten lang, der Schluß, der das große Ereignis der Nacht erzählt, umfaßt wenig mehr als eine Seite.

Sie setzt ihren Namen darunter, schreibt gleich noch den Briefumschlag aus und sitzt nun still vor dem fertigen Brief.

Sie liest ihn nicht noch einmal durch, denkt auch nicht mehr über ihn nach. Sie ist fertig damit, vollkommen fertig, und sie ist unendlich müde, als habe sie eine schwere Arbeit getan. Zum ersten Male, seit die Großgewordene die Freundin ihrer Mutter wurde, hat sie dieser Mutter nicht die Wahrheit gesagt. Aber auch damit ist sie fertig. Alles muß so sein, nun hilft kein Nachdenken mehr: Schicksal, nimm deinen Gang!

Sie sitzt noch so da, als die Tür sich leise öffnet, und Ilse Voß hereinschaut.

>Du hast noch Licht, Traute?<

>Ja. Die haben vor einer Weile die Lola gebracht—gänzlich molum!<

>Ich hab’s schon im Dorf gehört<, antwortet Ilse. >Ich sollte im Krug noch durchaus mitmachen, alle sind dort duhn!<

Sie sieht auf die Schlafende und sagt ärgerlich: >Die hat sich wieder mal unglaublich benommen!<

>Ja.—Laß sie. Schließlich ist es ihre Sache.<

>Es fällt auch aufs Haus zurück—und auf dich.<

>Dann ebenso auf dich.<

>Nicht lange mehr. Ich habe mich nämlich …<

>Nun, was hast du? Sag schon!<

Traute ist aufgestanden, sie sieht gespannt auf Ilse. Beide Mädchen sind sehr blaß.

>Ja …ich habe mich nun doch verlobt, Traute …<

>Ja—? Ich gratuliere dir schön!—Und mit wem?<

>Fritze Bleesern—der Kleine vorn Preußischen Adler, weißt du!<

>Mit dem—? Itta, mit dem—?! Ich denke, den kannst du gar nicht ausstehen?<

>Ja, mit dem habe ich mich verlobt.<

>So!< sagt Traute. Sonst nichts.

Lange schweigen sie, sehen einander nur an. Ilse wartet darauf, daß Traute noch irgendein Wort sagt …

Aber Traute scheint an etwas anderes zu denken. Nach einer langen Pause sagt sie: >Übrigens glaube ich, daß Herr Siebenhaar Lola entlassen wird …<

>Ach, der ist froh, daß er überhaupt jemanden hat!<

>Ich werde ihn darum bitten, daß er Lola wegschickt …<

>Warum willst du das—?<

>Ja—ich habe mich nämlich auch verlobt—mit Herrn Siebenhaar!<

>Du, Traute?! Du, mit dem blinden Mann—?!<

>Ja, ich mit dem blinden Mann!<

>Du, Traute, die nur aus Liebe heiraten wollte—?<

>Ja, ich…<

>Aber warum denn, Traute?! Du hast doch wirklich keinen Grund. Bei mir ist es doch ganz anders …<

>Ja, aber ich weiß nicht …Es scheint ja doch alles falsch, was man tut. Ich finde mich nicht zurecht. Ich habe Angst …<

>Vor was denn?<

>Daß ich einmal so reinrutsehen könnte—wie die …<

Und sie sieht nach Lolas Bett hin.

Entschiedener: >Ich hab’ mir ausgedacht, so ist es richtig.<

>Deine Verlobung mit Herrn Siebenhaar—?<

>Ja.<

Einen Augenblick stehen sie still voreinander, fast atemlos. Aber plötzlich fassen sie sich um, sie küssen sich, sie weinen beide …

>O Gott, Itta, Itta, was soll das nur alles noch werden—?!<

>Ruhig, Traute, nur ruhig! Es wird alles noch gut, bestimmt! Wir werden noch mal glücklich!<

>Glaubst du, Itta—?<.

>Bestimmt, Traute, bestimmt! Wir werden noch glücklich!<

Teil II

Die Verlobten

Kapitel 15

Zwei Freundinnen sehen sich wieder

An einem Spätsommernachmittag geht Ilse Voß langsam, ihr Rad schiebend, am Ufer des großen Lenzener Sees entlang auf Lenzen zu. Sie kommt nicht, wie früher so oft, von einem Besuch im Städtchen Berga zurück, nein, Bergas Einwohnerin stattet dem Dorf Lenzen einen Besuch ab, genau genommen den zweiten Besuch erst seit ihrer offiziellen Verlobung.

Denn als damals das große Geratsche und Getratsche über die Verlobung der mittellosen, fremden, nicht völlig wohlbeleumdeten Sekretärin mit dem vermögenden, eingesessenen Adlersohn einwandfreiesten Rufes losging hatte Frau Bleesern gemeint: die Leute redeten so und so, und da komme es auf ein bißchen mehr auch nicht an. Also setzte sie sich über die Regeln des feinen Bergaer Anstands fort und erlaubte es der Braut, im Hause des Bräutigams zu wohnen.

Ja, die dicke Frau Bleesern fuhr selbst im Auto nach Lenzen und bat ihre künftige Schwiegertochter ohne Einhaltung der Kündigungsfrist bei Herrn Siebenhaar frei. Herr Siebenhaar aber, der ja nun auch ein Bräutigam war, unter dessen Dach eine Braut hauste, hatte völliges Verständnis und gab Ilse frei, noch in der gleichen Stunde. Sie konnte sofort mit ihrer Schwiegermutter nach Berga fahren. So großzügig erwies sich Herr Siebenhaar …

Er hatte lächelnd gemeint, daß er nun eigentlich auch keine Sekretärin mehr brauche, da er seine Aufzeichnungen über farbige Erinnerungen nicht mehr fortzusetzen gedenke. Er habe jetzt nämlich einen andern Beruf ergriffen, den des Bräutigams und baldigen Gatten nämlich.

Trotz dieser Siebenhaarschen Erklärung hatte Ilse Voß in der letzten Zeit manchmal gedacht, daß Herr Siebenhaar vielleicht noch einen zweiten Grund hatte, über den er nicht so gern sprach, der ihn bewegen hatte, sie so rasch gehen zu lassen. Weil er nämlich Traute Kaiser ganz für sich allein haben wollte, weil er die vertrauten Aussprachen unter den beiden Freundinnen nicht gerne sah.

Seit Ilses Weggang hatten sich die beiden kaum noch gesehen. Ein paarmal war natürlich Traute zu Besorgungen in Berge gewesen, aber nie ohne Herrn Siebenhaar. Und einmal hatte auch Ilse Lenzen wieder auf gesucht, aber mit ihrem Verlobten, zu einem Kaffeeanstandsbesuch, Gelegenheit zu einer Aussprache, wie sie die jungen Mädchen lieben, hatten die beiden Freundinnen nicht mehr gehabt. Lola aber war noch immer in Lenzen …

Ilse Voß geht, ohne viel nach rechts und links zu schauen, dahin, ihr Rad schiebt sie dabei. Sie hat weder ein Auge für den See, an dessen Ufer ihr Weg entlang führt, und der heute seine berühmt schöne, tiefgrüne Färbung hat, noch achtet sie viel auf die Entgegenkommenden, selbst wenn es Lenzener Einwohner sind. Ja, schon gut, herzlichen Dank für den Glückwunsch, aber sie kann sich beim besten Willen nicht mehr so über ihre Verlobung aufregen. Sie ist schon ein ziemlich gewohnter Zustand geworden, den Ring an der linken Hand trägt sie nun schon die siebente Woche!

Wenn sie sich aber nicht aufs Rad schwingt und mit einfachem Treten ihren Gratulanten entflieht, so liegt das daran, daß dieses Rad mehr für den Heimweg gedacht ist. Sie hat da noch etwas Besonderes vor, etwas Wichtiges, von dem kein Mensch wissen darf—nur Traute wird sie es natürlich erzählen— eventuell! Über dieses Wichtige denkt sie angestrengt nach. Sie hat die senkrechte Grübelfalte zwischen den blonden, in der Sonne jetzt silbrig schimmernden Brauen. Ach, sie hat längst begriffen, daß eine auch noch so schwer erkämpfte Verlobung noch lange nicht die Lösung aller Probleme bedeutet! Es gibt noch manche schwere Nuß zu knacken für Ilse Voß!

Darum hat sie sich ja auch so nach einer Aussprache mit Traute gesehnt! Und da Herr Siebenhaar zwar blind, aber darum nicht weniger wachsam wie ein Drache über seinem Schatz wachte, haben die jungen Mädchen durch Milchkutscher und Landbriefträger mündliche Botschaften miteinander getauscht—und heute nachmittag wird es denn wohl endlich mit dem geheimen Rendezvous klappen, Gott sei’s getrommelt und gepfiffen!

Damit ist Ilse Voß bei der Windmühle am Eingang des Dorfes Lenzen angelangt, und nun schwingt sie sich doch aufs Rad, denn sie sieht sie schon alle in ihren Hoftoren, an ihren Stubenfenstern, in ihren Bodenlucken stehen, die guten Lenzener, die so begierig sind, festzustellen, wie ein junges Mädchen eigentlich jetzt ausschaut, da es einen so fetten Fisch geangelt.

Du meine Güte—Fritz ist im besten Fall nur ein magerer Weißfisch, obendrein mit sehr vielen Gräten! Und trocken— nicht zu sagen!

Sie gibt Gas, die Ilse Voß, sie trampelt mit achtzig Sachen durch das Dorf, sie schaut nicht hoch. Aber, als sie an die Abzweigung des Weges kommt, an dessen Ende Herrn Siebenhaars behäbiges Landhaus liegt, da biegt sie nicht ein, sondern braust geradeaus weiter, direkt in die Felder hinein. An der Kleinen Brücke wollen sie sich treffen, so hat es Traute ihr sagen lassen, und flüchtig denkt Ilse daran, daß es grade der Tag war, an dem Traute zur Kleinen Brücke ging, den jungen Senden abzuwimmeln, als diese Verlobungen ihm Anfang nahmen. Na ja, irgendwann und wo mußten sie ja wohl anfangen, die Kleine Brücke hat nichts damit zu tun.

>Tag, Itta!< sagt Traute und sieht auf die Uhr. >Na, endlich!<

>Wieso endlich—? Ich bin noch fünf Minuten zu früh!<

>So meine ich es ja gar nicht—ich dachte nur, er erwischt mich doch noch.<

>Wer soll dich denn nicht erwischen?<

>Herr Siebenhaar—wer denn sonst? Und dann ist noch was anderes, wo du mir helfen mußt, Itta. Aber das erzähl ich dir nachher.—Wie geht’s dir denn so im Hotelbetrieb? Mächtig blaß bist du geworden! Und abgenommen hast du auch schon wieder!<

>Dafür hast du aber zugenommen, Traute!<

>Sag es mir auch noch! Ich kann mich schon nicht mehr im Spiegel sehen, diese ollen Pausbacken!< Und sie kniff wütend hinein. >Und dann mein Po—es ist gemein, Itta, daß man immer grade da zunimmt, wo’s gar nicht hin soll!<

>Mußt du eben weniger essen!<

>Du hast gut reden! Ich wollte schon, aber er paßt ja so auf! Jeden Löffel zählt er. Und der Lola sagt er extra, sie soll viel Mehlspeisen machen, und das Biest tut es natürlich, mir grade zum Tort! Ich glaube, er schwärmt für dicke Frauen— puh!<

>Und die Lola ist also noch immer bei euch!<

>Ja, denke dir! Ich habe ihn so gebeten, und er ist auch sehr für ihre Entlassung. Er tut alles, was ich will, schenkt mir immerfort Kleider und Schmuck, ich finde mich aus all dem Zeug schon gar nicht mehr heraus. Meinen Eltern will er auch ein Höfchen kaufen, mit Mutti hat er sich gut angefreundet —er sucht bloß noch nach was Passendem …<

>Aber Lola hat er trotz deiner Bitten nicht fortgeschickt!<

>Nein—aber er hat’s doch vor! Er meint bloß, wo wir doch gleich nach der Hochzeit auf Reisen gehen, wollen wir vorher lieber nicht wechseln. Er sagt, Lola ist nun mal eingearbeitet. Wenn wir wieder zurück sind, will er sie gleich fortschicken.<

>Wie ist sie denn zu dir?<

>Na, ich kann dir sagen—! Manchmal möchte ich schreien, einfach schreien! Erst tat sie ja mächtig freundlich zu mir, aber mich kann man doch nicht für dumm kaufen, ich wußte doch, wie’s gemeint war. Daß sie innerlich vor Neid und Eifersucht platzt, war doch klar!<

>Natürlich!< sagt auch Ilse. >Lola will immer grade das haben, was eben eine andere gekriegt hat. Vorher hat sie Herrn Siebenhaar überhaupt nicht als Mann angesehen.<

>Und jetzt steckt sie immer hinter ihm! Ich weiß, sie klatscht ihm alles, und er, er hört leider auf sie. Er sagt zwar, ihr Gequatsche amüsierte ihn bloß, weil sie so furchtbar dumm ist, aber ich weiß, er will alles erfahren—namentlich über mich.<

Traute überlegte einen Augenblick. Dann sagt sie noch: >Er hat ihr auch dreihundert Mark geschenkt. Weißt du noch, sie war doch so in Druck von ihrem Saufabend her. Er sagt, daß war bloß ein Geschenk zur Feier unserer Verlobung. Findest du das richtig, Itta? Verlobungsgeschenke macht man doch eigentlich seiner Braut!<

>Vielleicht hat er gedacht, den Vorschuß bekommt er doch nie wieder zu sehen.—Was tut sie denn sonst noch, außer daß sie über dich klatscht?<

>Ach, so kleine Gemeinheiten, lauter schäbige, kleine Gemeinheiten! Ich hab’ jetzt das hübsche Gastzimmer mit dem Balkon bekommen, er wollte doch nicht, daß ich noch mit Lola in einem Zimmer schlief. Ich mach’s mir natürlich selber sauber, obwohl ich das eigentlich nicht soll—aber immer muß sie dann darin rumnuscheln. Leg ich mir ein frisches Nachthemd ins Bett, liegt abends ein schmutziges da. Einmal war meine Zahnbürste ganz voll Schuhputz. Dann ist plötzlich der Wasserkrug leer, wenn ich mich waschen will, und ich habe ihn doch bestimmt gefüllt! All solche Sachen— jeden Tag was anderes!<

>Na, weißt du!< sagt Itta mit zornfunkelndem Auge. >Der würde ich es aber besorgen! Sagst du denn Herrn Siebenhaar kein Wort davon?<

>Ich kann sie doch nicht verklatschen, wo wir Freundinen waren. Ach, Itta, ich denk oft, das alles ist ja nur kleiner Dreck. Darauf kommt es nicht an. Wir reisen doch bald, und wenn wir zurück sind, zieht sie …<

>Hat er dir das fest versprochen?<

>Ja—das heißt, er sagt ja nie was bestimmt. Er hat gesagt, wir müssen natürlich erst Ersatz haben. Aber einverstanden ist er!<

>So!< sagte Ilse Voß, und einen Augenblick versackte das Gespräch.

Traute sah auf ihre Uhr, dann zu den Haselsträuchern am Eingang des Hohlwegs. Sie seufzte. Nun fragte sie leise: >Du, Itta, sag mal, wird deiner auch manchmal zärtlich?<

>I wo!< sagte Ilse Voß gleichmütig und sah ihre Freundin nicht an, sondern auf den sonnenblitzenden See hinaus. >Meiner denkt bloß an sein Hotel. Warum der sich eigentlich mit mir verlobt hat, ist mir ewig schleierhaft. Wenn wir mal unter vier Augen sind—meistens paßt die Alte wegen des Anstands wie ein Drache auf—, aber wenn wir wirklich mal allein sind, gibt er mir Unterricht im Servieren oder erklärt mir sein Bon-System mit den Kellnern.—Er hat ja mal gesagt, er liebt mich, aber so ’ne komische Art Liebe habe ich bisher noch nicht kennengelernt …<

>Itta!< sagte nach einer ganzen Weile Traute Kaiser. >Itta, ich glaube, ich passe, was die Liebe angeht, besser zu deinem Fritz…<

>Aus einem Tausch kann aber nichts werden, Traute!< antwortete Itta lachend. >Zu deinem Siebenhaar passe ich noch schlechter als zu meinem Fritz …<

>Ach, Itta, mach jetzt keine Witze! Bitte nicht! Itta, ich glaube…ich habe mir das so überlegt …es ist schrecklich, aber ich glaube wirklich, ich bin pervers!<

>Was bist du, Traute—?! Du hast ja ’nen Vogel! Du bist ja verrückt, Traute!<

>Doch!< beharrte Traute. >Doch! Es stimmt schon.— Wenn er zärtlich wird und mich küßt, und manchmal faßt er mich auch an, er denkt, ich versteh nichts davon, aber ich weiß ganz genau, was er möchte—dann kriege ich direkt einen Schauder!<

Sie brach ab, dann sagte sie verzweifelt: >Ich ekle mich doch so, Itta!<

>Das ist aber nichts Perverses, Traute. Du liebst ihn eben einfach nicht.<

>Aber ich bin doch immer anders gewesen als ihr. Ich habe mich nie küssen lassen mögen.—Bestimmt, Itta, ich bin nicht normal. Manchmal tut er mir ja so leid …<

>Wer tut dir leid?<

>Na, der Peter! Herr Siebenhaar, mein ich! Ich finde, es ist nicht recht von mir, daß ich mich so kalt von ihm abküssen lasse, und innerlich schüttelt sich alles in mir…<

>Ich finde<, sagte Ilse Voß überzeugt, >du gibst ihm schon genug. Darüber mach dir bloß keine Gedanken! Und was das andere angeht—das findet sich schon. Bei mir ist es doch auch so: den einen Tag könnte ich mich von jedem Jungen abküssen lassen, und den nächsten Tag bin ich kalt wie ein Fisch!<

>Glaubst du wirklich, daß sich das findet, Itta?< fragte Traute ganz ängstlich. >So möchte ich nämlich nicht immer weiterleben!<

>Natürlich findet sich das<, sagte Ilse, trotzdem sie nicht voll überzeugt war. >Du magst ihn doch gerne—?<

>O ja. Doch. Natürlich mag ich ihn gerne. Er ist furchtbar nett zu mir, er schenkt mir alles, was ich will. Denke dir, ich soll auch einen eigenen Wagen bekommen und chauffieren lernen—wenn ich erst ein bißchen älter bin. Noch nie in meinem ganzen Leben ist ein Mensch so nett zu mir gewesen —außer Mutti natürlich.<

>Na, dann ist ja alles in Butter<, sagte Ilse Voß.

Aber Traute, die jetzt wohl von ihrem Gewissen wegen der vorgebrachten Beschwerden über Herrn Siebenhaar geplagt war, hatte nun das Bedürfnis, ihren Verlobten zu loben.

>Und dann bildet er mich jetzt alle Tage. Ich lerne ein bißchen Italienisch bei ihm, weil wir doch nach Italien reisen wollen, später fahren wir nach Spanien. Und dann hat er so viele Bücher über Malerei, aus denen muß ich ihm immerzu vorlesen. Mein ganzer Kopf ist schon durcheinander von all den komischen Malernamen: Raffaele Santi und Michelangelo und Fiesole—nein, Fiesole ist, glaube ich, eine Stadt…<

>Aber warum sollst du das denn alles lernen?< fragte Ilse Voß ganz erstaunt. >Er kann doch gar keine Bilder ansehen!<

>Ach, du weißt doch, wie er ist! Dir hat er immer von seinen Farben diktiert, und mit mir will er nun alle Bildergalerien abklappern. Davon gibt’s, glaube ich, in Italien eine ganze Menge. Und ich soll ihm dann jedes einzelne Bild schildern und ihm sagen, was ich dabei fühle …<

Sie seufzte.

>Es ist natürlich sehr interessant, aber aus den Abbildungen habe ich gesehen, daß viele von den Bildern nackige Menschen darstellen, Frauen und auch Männer …Und er hat mir erzählt, die Bilderausstellungen in Italien sind die berühmtesten von der ganzen Welt, und da kommen Deutche und Engländer und Franzosen und Amerikaner haufenweise zusammen …Wenn ich mir das so ausmale, ich stehe mit Peter vor so einem nackigen Bild und soll ihm vor all den Leuten erklären, was ich mir dabei denke—<

>Das tust du aber nicht, Traute!< rief Itta, die nicht mehr länger an sich halten konnte, mit all ihrem stürmischen Temperament. >Das tust du unter keinen Umständen! Das ist doch wieder eine richtige Männerdämlichkeit! Immer grade, was sie nicht können, das wollen sie! Ein Blinder und sich Bilder ansehen—so eine Verrücktheit!<

>Aber wenn er mich doch so bittet, Itta! Ich kann es ihm doch nicht abschlagen! Wo er so gut zu mir und meinen Eltern ist!<

>Wieso gut—? Weil er ein bißchen von all seinem Geld für dich ausgibt? Das ist doch kein Opfer, der Mann weiß ja gar nicht, wohin mit all seinem Geld! Nein, gut ist er zu dir, wenn er dich glücklich macht, und das tut er, wenn er deine Wünsche erfüllt!<

>Aber er denkt doch, es macht mich glücklich, all so was zu lernen!<

>Dann sage du ihm gefälligst, daß es dich unglücklich macht! Daß du lieber in einem Café sitzest und schöne Musik hörst, und daß du leidenschaftlich gerne tanzt …<

>Aber ich kann doch nicht mit einem blinden Manne tanzen!<

>Warum denn nicht—? Wenn du Bilder lernen sollst, kann er auch blind tanzen lernen! Du kannst ihn ja führen!—Nein, Traute, das sage ich dir, wenn du dich gleich zu Anfang so unterbruddeln läßt, dann bist du verloren! Sei bloß kein gutmütiges Schaf!—Und es ist alles auch ganz einfach<,— fuhr sie ruhiger fort, >auf der Reise ist er doch ganz auf dich angewiesen. Wenn du ihm sagst, du hast Kopfschmerzen und willst lieber in einen Park, so fahrt ihr eben in einen Park. Er muß doch mit dir mit, du nicht mit ihm!<

>Ja, das ginge vielleicht, das mit den Kopfschmerzen. Aber du meinst doch, ich soll es ihm jetzt schon sagen, daß ich das mit den Bildern nicht mag—?<

>I wo! Du bist ein richtiges Schaf! Das laß nur alles, bis ihr beide auf Reisen seid! Da muß er nach deiner Pfeife tanzen! Mach es genau so wie er, sag zu allem ja und tu, was dir paßt.<

>Aber so ist er gar nicht, Itta, nun mußt du ihm auch nicht Unrecht tun!<

>Natürlich ist er so, Traute, überleg doch bloß! Die Lola will er entlassen, aber jetzt nicht. Deinen Eltern will er einen Hof kaufen, aber er sucht noch. Chauffieren sollst du lernen, aber erst, wenn du älter bist. Alles doch bloß, damit er dich unter Aufsicht und am Zügel behält! Lehre du mich die Männer kennen! Vorher viel versprechen und hinterher gar nichts tun—so sind sie alle, alle!<

>Ach, Itta, das kommt dir doch nur so vor! Einen Hof kauft man sich doch nicht wie ein Paar Strümpfe! Und Chauffieren kann ich wirklich noch nicht lernen, ich bin doch erst siebzehn!<

>Und die Lola—? Warum entläßt er die nicht?< fragt Ilse herausfordernd.

>Ach, Itta, jetzt bist du aber häßlich zu mir!<

In Trautes Augen standen Tränen hilflosen Zorns.

>Lola ist doch wirklich eine eingearbeitete Vertretung! Es ist doch schon alles so schwer—und nun vermiest du mir auch noch Herrn Siebenhaar!<

>Ich will ihn dir doch nicht vermiesen, Kleines, Gutes!< rief Ilse reuig. >Ich sag kein Wort gegen Herrn Siebenhaar! Er meint’s bestimmt nicht schlecht. Er tut alles doch nur, weil er blind und hilflos ist, und weil ihm schon einmal eine Frau durchgegangen ist.—Ich weiß, so was würdest du nie tun— aber unterkriegen darfst du dich deswegen doch nicht lassen! Du bist doch auch ein Mensch, und willst ein eigenes Leben führen …<

>Ach, Itta, Itta!< rief Traute angstvoll, war ganz weiß geworden und starrte nach den Haselbüschen. >Da kommt er wirklich—!<

>Wer—?< fragte Ilse Voß herumfahrend. >Herr Siebenhaar—?<

>Nein! Herr Inspektor Senden!<

Traute weinte fast.

>Senden—?< flüsterte Ilse. >Hast du dich mit dem hier verabredet—? Na, Traute!<

>Nicht verabredet! Aber er hat mir doch durch Leute Brief auf Brief geschickt! Ich habe sie alle ungelesen verbrannt. Aber dann ist mir erzählt worden, daß er jeden Nachmittag hier unten sitzt, und weil Herr Siebenhaar es doch auch erfahren könnte, und Lola würde es ihm bestimmt nicht richtig erzählen, da habe ich gedacht: geh einmal hin und sage ihm gründlich Bescheid, daß dies ein Ende nimmt!— Aber du mußt dabei sein, Itta, ich fleh dich an, geh nicht weg! Bleib dabei, was er auch sagt, hilf mir!<

>Das werde ich bestimmt tun!< sprach Ilse Voß kriegerisch. >Der Junge soll was erleben—!<

Und sie blickte zornig auf den nun schon ganz nahen Inspektor Senden.

Kapitel 16

Faß den Lumpen, Bella—!

Ilse Voß war es auch, die zuerst das Wort ergriff, denn der junge Inspektor Senden war durch die Anwesenheit von zwei Schönen statt einer völlig verwirrt, und daß Traute ihm das erste Wort gegeben hätte, war natürlich völlig ausgeschlossen.

>Hören Sie mal!< sagte also Ilse Voß in einem sehr herausfordernden Ton. >Sie kennen mich ja wohl, ich heiße Ilse Voß und bin die Freundin von der Traute Kaiser! Sie hat mir gesagt, ich soll hier dabei sein, wenn Sie kommen. Wieso kommen Sie überhaupt? Sie haben ja wohl wie alle gelesen, daß Traute sich verlobt hat, und ich finde es gradezu gemein…<

>Ach, halten Sie den Mund!< sagte der junge Senden mürrisch, aber keineswegs entmutigt. >Es ist mir ganz egal, wenn Sie anhören, was ich der Traute zu sagen habe. Das sage ich aller Welt, daß es eine Schande ist für ein junges Mädchen, sich mit so einem Mann zu verloben!—Aber stille sollen Sie sein!< sagte er hitziger, als Ilse einen Ansatz machte, zu sprechen. >Gott im Himmel, ich will nicht Ihr Geschnatter hören, ich will mit Traute sprechen!<

>Ich will aber nicht mit Ihnen sprechen!< sagte Traute entschlossen, aber unlogisch. >Ich will Ihnen nur sagen, daß dies aufhören muß mit den Briefen, die ich doch ungelesen ins Feuer stecke…<

>Das habe ich mir gleich gedacht!< sagte Herr Senden, sehr zufrieden, die Debatte nun doch in Gang gebracht zu haben. >Darum habe ich in die letzten Umschläge auch nur ein weißes Blatt Papier gesteckt…<

>Da hört doch alles auf!< rief Ilse empört.

>Sie lügen ja!< rief Traute wütend. >Alles, was Sie sagen, ist gelogen! Ich habe es ja gesehen, daß was drauf stand!— Wie das Papier verbrannte—da habe ich es deutlich gesehen…<

>Na, vielleicht habe ich auch ein bißchen was drauf geschrieben,< sagte Herr Senden sehr zufrieden. >Zehnmal ‘Ich liebe dich‚ auf so einen Briefbogen zu kritzeln, kann ja nie falsch sein.<

>Sie sind ein gemeiner Mensch!< sagte Traute mit flammden Wangen. >Sie wissen, daß ich verlobt bin. Ein anständiger Mensch macht einer Braut keine Liebeserklärung!<

>Ich habe Ihnen schon mal gesagt, Traute<, antwortete Siegfried Senden, >daß ich Ihnen gegenüber nicht den geringsten Wert darauf lege, anständig zu sein. Bei Ihnen will ich nur erreichen, daß diese lächerliche Verlobung mit dem uralten Mann platzt…!<

Traute stampfte zornig auf.

>Er ist nicht uralt! Er ist in den besten Jahren!<

>Uralt! Mindestens dreimal so alt wie du! So sieht er jedenfalls aus! Und dazu noch blind…<

>Werfen Sie ihm nun auch noch seine Blindheit vor—!<

>Gar nicht! Aber wenn so ein Greis eben durchaus noch heiraten will, soll er sich eine alte Krankenschwester anheiraten, kein halbes Kind. Du bist hundertmal zu schade für ihn, Traute….<

>Aber das Kind ist nicht zu schade, sich von Herrn Siefried Senden verführen zu lassen, was?< fragte Ilse Voß hitzig.

>Stimmt!< sagte er ehrlich. Und mit einem plötzlichen Übergang: >Ach, Traute, ich mach ja alles falsch. Ich wollte doch gar nicht schimpfen. Die<, und er zeigte auf Ilse >hat mich nur gleich so in Fahrt gebracht. Ich will gar nichts für mich, ich wollte Sie nur anflehen: geben Sie diese wahnsinnige Verlobung auf, Sie machen sich bloß unglücklich…<

>Aber was geht das Sie an, ob ich glücklich oder unglücklich werde—?! Sie behaupten doch, Sie wollen nichts für sich!<

>Aber, Traute, ich liebe dich doch! Ich kann dich doch nicht mit sehenden Augen in dein Unglück rennen lassen!<

>Und Sie behaupten, Sie wollen nichts für sich—! Dabei machen Sie mir eine Liebeserklärung nach der andern!<

>Ich hab’s falsch gemacht<, sagte er aufrichtig. >Ich hab’s von allem Anfang an falsch gemacht! Wie ich Sie zuerst gesehen habe, und Sie waren so spröde, ich hab’ gedacht: die ist nett, die guck dir einmal näher an!—Ich habe Ihnen ein paar Briefe geschrieben, und weil Sie nicht antworteten, habe ich’s schon halb wieder aufgegeben. Da sind Sie hierher gekommen und haben mich abgekanzelt…<

>Und weil sie nichts mit Ihnen zu tun haben wollte, mußten Sie durchaus mit ihr zu tun kriegen!< sagte Ilse Voß spitz.

>Sehr richtig, mein kluges Fräulein,< antwortete er, nicht weniger spitz. >Aber nicht so, wie Sie es meinen. Sondern ich bin nach Haus gegangen, und wo ich war und was ich tat, immer standen Sie mir vor Augen, Traute. War ich auf dem Felde, hörte ich Ihre Stimme, und abends im Bett standen Sie in Ihrem gelben Sportkleid vor mir…Warum haben Sie das heute nicht wieder angezogen? Das hätte mir Freude gemacht!<

>Seien Sie nicht so gräßlich unverschämt! Ich will Ihnen gar keine Freude machen!<

>Schade!< sagte er und fuhr in seinem Bericht fort. >Ich hab’ aber immer noch nicht kapiert, was eigentlich los war. —Ich bin kein unbeschriebenes Blatt mehr, Traute, ich hab’ mich schon ein paarmal verknallt, aber das ist immer bald wieder vorbeigegangen.—Aber dann las ich Ihre Verlobung in der Zeitung, am Abendbrottisch bei Inspektor Brod, und Brod sagte plötzlich: ‘Mensch, Senden, wie sehen Sie denn aus? Ist Ihnen was?‚—Da war’s mir klargeworden, daß ich Sie liebe, liebe, liebe. Daß es eine ernste Sache ist, Traute, fürs Leben und so—wie man eben sagt. Und ich dachte immer: Sie will sich ins Unglück stürzen…Und ich liebe sie doch und könnte sie glücklich machen…All solches Zeug, was man da denkt…<

Er schüttelte sich und sah auf den See hinaus. Es war ihn schwer angekommen, so zu sprechen.

Diesmal war es Traute, die zuerst wieder redete.

>Es ist sehr nett von Ihnen, Herr Senden<, sagte sie, >und ich glaube Ihnen jetzt auch, daß Sie es ehrlich meinen und ein anständiger Mensch sind. Aber das hilft doch alles nichts. Ich—ich liebe meinen Verlobten und bin glücklich, daß ich ihm helfen kann…<

>Das glaube ich Ihnen, das letzte glaube ich Ihnen!< rief Senden eifrig. >Aber daß Sie diesen—Herrn lieben können, das glaube ich Ihnen nie im Leben!<

Er hatte sich schon wieder alles verdorben.

>Jedenfalls ist eines sicher<, sagte Traute mit erhobener Stimme, >daß ich Sie nicht liebe, Herr Senden!<

>Das bilden Sie sich bloß ein, weil Sie jetzt wütend auf mich sind<, sagte er unerschüttert. >Ach, Traute, ich verlange ja gar nichts von dir….<

>So sieht es wahrhaftig aus!< rief Ilse spöttisch.

>Aber haben Sie es doch nicht so eilig, warten Sie doch noch ein bißchen mit der ganzen Heiraterei! Gehen Sie eine Weile woanders hin, zu andern Menschen. Ich weiß, Ihnen werden dann schon die Augen aufgehen! Sie sind doch ein junger Mensch. Sie haben doch noch Blut in den Adern—was wollen Sie denn bei solchem abgewelktem Gespenst—?<

>Sagen Sie noch ein derartiges Wort über meinen Verlobten<, rief Traute, >und ich gehe auf der Stelle.<

>Aber er ist ein abgewelktes Gespenst!< schrie er, jetzt auch wütend. >Er ist bloß ein weißer Wurm, eine Made! Gehen Sie doch, das ist mir alles so egal! Ich werde Sie doch nicht in Frieden lassen, ewig werde ich Ihnen auf der Pelle sitzen! Ich werde nicht nur Ihnen, ich werde auch Herrn Siebenhaar Briefe schreiben, ich werde ihm die tollsten Lügen über uns beide erzählen…<

>Sie können gleich damit anfangen<, sagte Ilse Voß. >Da kommt Herr Siebenhaar…<

Wirklich, im Anfang des Hohlwegs war Herr Siebenhaar zu sehen. Die Airedale-Hündin Bella zog ihn an der Leine, zu hastig, denn sie hatte die jungen Mädchen wohl schon gewittert. Der blinde Mann stolperte hinter ihr her, jeden Augenblick schien es, als müsse er fallen. Mit dem Stock schlug er tastend gegen die Haselbüsche, deren Zweige ihm über das Gesicht fuhren…

>O Gott!< murmelte Traute und wurde schneeweiß.

>Gewiß, ich kann es ihm auch mündlich sagen, daß ich Sie liebe!< sagte Siegfried Senden herausfordernd und rückte die Mütze aus der Stirn.

Aber Traute wandte sich an ihn, namenlos erregt: >Herr Senden, wenn Sie nur ein bißchen für mich übrig haben, so sagen Sie nichts! Treten Sie schnell dort hinter die Büsche! Sagen Sie nichts!< rief sie dringender und faßte sogar nach seiner Hand. >Tun Sie einmal, worum ich Sie bitte! Denken Sie doch an ihn, er ist einsam und enttäuscht und schon einmal betrogen. Sie wollen doch einen blinden Mann nicht schlagen—?!<

>Sie werden mich für feige halten<, sagte Senden unschlüssig, >wenn ich mich so vor ihm verkrieche!<

>Ach, denken Sie doch einmal nicht daran, ob Sie feige oder mutig sind! Denken Sie einmal an mich! Es ist tausendmal mutiger, jetzt hinter die Büsche zu treten, als ihm und mir Kummer zu machen! Tun Sie es—und ich verspreche Ihnen, ich werde Sie in gutem Andenken behalten!<

Sie sah ihn an, er erwiderte diesen Blick.

Er überwand sich—in dieser Minute wurde aus dem jungen Senden ein Mann.

>Alles, was du wünschst, Traute—!< sagte er. >Aber ich hoffe weiter!<

Und er trat mit leisem Schritt an das Seeufer hinunter, hinter die Büsche.

Der Blinde war schon nahe. >Such, Bella, such! Wo ist das Frauchen?!< rief er eifrig und konnte doch kaum noch laufen.

>Such, mein guter Hund!<

>Hier bin ich ja, Peter<, sagte Traute, trat auf ihn zu und hielt ihn. >Ja, es ist gut, Bella! Hier ist das Frauchen!<

>Hast du mich vermißt, Peter? Ich dachte, du schliefest fest. Ich habe hier mit Ilse Voß gesessen und geschwatzt…<

>Ilse Voß—? Wo bist du, Ilse—? Melde dich doch, zum Donnerwetter, du weißt doch, ich kann nicht sehen…<

>Hier bin ich, Herr Siebenhaar. Es ist alles in Ordnung. Warum sind Sie denn so aufgeregt—?<

>Und du hast dich bei uns nicht im Haus gemeldet? Warum denn so heimlich? Darf ich denn nicht wissen, wenn ihr euch trefft? Ihr hättet euch doch auf die Veranda setzen können, keiner hätte euch gestört…<

>Doch, Herr Siebenhaar, Lola hätte uns bestimmt keine Ruhe gelassen. Und zwei junge Bräute haben nun einmal Sachen zu besprechen, die kein Dritter hören darf…<

Herr Siebenhaar stand da, den Kopf aufmerksam erhoben, auf Trautes Arm gestützt. Noch atmete er hastig von seinem eiligen Weg. Auch der Hund zog noch hechelnd an seiner Leine.

>Du bist ja so still, Traute<, sagte er. >Warum hast du mir nichts davon gesagt? Ich tue dir doch alles zuliebe. Ich hätte Lola schon fortgeschickt…<

>Sie sollten Lola überhaupt fortschicken, Herr Siebenhaar<, meinte Ilse Voß. >Lola ist hinter Ihrem Rücken sehr häßlich zu Traute…<

>Hast du dich über Lola bei Ilse beklagt, Traute?< fragte Herr Siebenhaar. >Ach, ihr Freundinnen—mal verstritten, mal versöhnt! Lola ist ein bißchen eifersüchtig, das kann man ja verstehen<, sagte er erklärend zu Ilse. >Traute hat es leicht, großmütig zu sein.<

Plötzlich ließ er die Leine des Hundes los.

>Such, Bella, such schön, apport!<

Der Hund schoß auf das Ufer zu, den Mädchen blieb das Herz vor Schrecken stehen…

Aber Bellas Leine verfing sich in den Haseln, zwei Schritte von Sendens Platz kam der Hund zum Stehen. Er bellte wütend los.

>Such, mein Hund!< rief Herr Siebenhaar aufmunternd. Und fast drohend zu den Mädchen: >Was ist da!? Wer ist da noch?! Wer war hierbei euch?<

Einen Augenblick tauchte zwischen den Büschen das Gesicht Sendens auf, zu einer Grimasse verzogen. Aber er nickte den beiden Mädchen beruhigend zu, legte den Finger auf den Mund.

Dann sahen sie ihn lautlos in den See gehen, tiefer und tiefer. Das rasende Bellen des Hundes übertönte das Plätschern des Wassers, nun schwamm Senden schon weiter draußen, dem gegenüberliegenden Ufer zu…

>Ich frage dich, Traute, wer hier bei euch ist?!< schrie Herr Siebenhaar fast und hielt Trautes Arm so krampfhaft umklamm ert, daß sie aufschrie. >Faß ihn, Bella, faß den Lumpen!<

>Aber Herr Siebenhaar!< sagte Ilse Voß, die sich zuerst gesammelt hatte. >Sie irren sich—bestimmt! Es ist eine Wasserratte, die der Hund anbellt, oder sowas. Ich kann es von hier nicht sehen. Überzeugen Sie sich selbst, ich gebe Ihnen die Leine in die Hand…<

>Ja, ich will selbst…gib mir die Leine!<

Traute, die schweigend die Leine aus den Haseln gelöst hatte, gab sie dem blinden Mann in die Hand. Sie war schneeweiß und zitterte. Ein Gefühl schrecklicher Schuld bedrückte sie.

>Such, mein Hund! Du hattest ihn doch schon—wo ist er? Sach doch!< rief Herr Siebenhaar.

Der Hund, dessem Blick der Feind entschwunden war, winselte kläglich und suchte an den Steinen herum.

>Sie werden fallen, Herr Siebenhaar!< rief Ilse. >Es liegt da alles voller Steine! Sie sehen doch, es war eine Ratte, die sich unter den Steinen verkrochen hat!<

>Ich trau dir nicht, Ilse!< sagte der Blinde. >Ich weiß doch von früher, dir darf man nicht trauen! Du hast keinen guten Einfluß auf Traute. Ich will diese heimlichen Zusammenkünfte nicht!—Warum bist du so still, Traute? Warum sagst du nichts?<

Traute warf einen hilflosen Blick auf Ilse, seufzte schwer und schwieg.

>Ah!< sagte der Blinde, der sich überzeugt hatte, daß der Hund vergeblich suchte, und kletterte wieder auf den Weg hoch. >Ah, Traute, habe ich dich gekränkt? Sei mir nicht böse—sich einmal, ich bin so hilflos! Ich kann nichts sehen, aber Gespenster sehe ich immer. Ich bin doch ganz in deiner Hand. Du könntest mich so leicht täuschen. Ich weiß, du würd