/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Kleiner Mann - was nun?

Hans Fallada


Kleiner Mann—was nun?

Hans Fallada

1932

Fassung von 1953.

Inhaltsverzeichnis

I   Vorspiel Die Sorglosen

Pinneberg erfährt etwas Neues über Lämmchen und faßt einen großen Entschluß

Mutter Mörschel — Herr Mörschel — Karl Mörschel Pinneberg gerät in die Mörschelei

Geschwätz in der Nacht von Liebe und Geld

II   Erster Teil Die kleine Stadt

Die Ehe fängt ganz richtig mit einer Hochzeitsreise an, aber — brauchen wir einen Schmortopf?

Pinneberg wird mystisch und Lämmchen bekommt Rätsel zu raten

Pinnebergs machen einen Antrittsbesuch, es wird geweint, und die Verlobungsuhr schlägt immerzu

Der Schleier der Mystik hebt sich, Bergmann und Kleinholz, auch warum Pinneberg nicht verheiratet sein kann

Was sollen wir essen? Und mit wem dürfen mir tanzen? Müssen wir jetzt heiraten?

Das Zwiebeln beginnt. Der Nazi Lauterbach, der dämonische Schulz und der heimliche Ehemann sind in Not.

Erbsensuppe wird angesetzt und ein Brief geschrieben, aber das Wasser ist zu dünn

Kleinholz stänkert, Kube stänkert und die Angestellten kneifen. Erbsen gibt es noch immer nicht

Pinneberg hat ja doch nichts vor, macht aber einen Ausflug, auf dem Augen gemacht werden

Wie Pinneberg mit dem Engel und Mariechen Kleinholz ringt und wie es doch zu spät ist

Herr Friedrichs, der Lachs und Herr Bergmann, aber alles ist umsonst: Es gibt nichts für Pinnebergs

Ein Brief kommt und Lämmchen läuft in der Schürze durch die Stadt, um bei Kleinholz zu heulen

III   Zweiter Teil Berlin

Frau Mia Pinneberg als Verkehrshindernis. Sie gefällt Lämmchen — mißfällt ihrem Sohn und erzählt, wer Jachmann ist

Ein echt französisches Fürstenbett, aber zu teuer. Jachmann weiß von keiner Stellung und Lämmchen lernt bitten

Jachmann lügt, Fräulein Semmler lügt, Herr Lehmann lügt und Pinneberg lügt auch, aber jedenfalls bekommt er eine Stellung und einen Vater obendrein

Pinneberg geht durch den kleinen Tiergarten, hat Angst und kann sich nicht freuen

Was Keßler für ein Mann ist, wie Pinneberg keine Pleiten schiebt und Heilbutt einen Tippel rettet

Von den drei Arten Verkäufern und welche Art Herr Substitut Jänecke liebt. Einladung zu einem Butterbrot

Pinneberg erhält Gehalt, behandelt Verkäufer schlecht und wird Besitzer einer Frisiertoilette

Lämmchen bekommt Besuch und sieht sich im Spiegel. Am ganzen Abend wird nicht von Geld gesprochen

Eheliche Gewohnheiten bei Pinnebergs. Mutter und Sohn. Jachmann immer der Retter

Keßler enthüllt und wird geohrfeigt. Aber Pinnebergs müssen doch ausziehen

Lämmchen sucht, kein Mensch will Kinder und sie wird ohnmächtig, aber es lohnt sich

Wohnung wie noch nie. Herr Puttbreese zieht und Herr Jachmann hilft

Ein Etat ist aufgestellt und das Fleisch wird knapp. Pinneberg findet sein Lämmchen komisch

Der parfümierte Tannenbaum und die Mutter zweier Kinder. Heilbutt meint: ihr habt Mut. Haben wir Mut?

Der Junge muß sein Mittag haben und Frieda sich ein Beispiel nehmen. Wenn ich sie nun nie wiedersehe?

Viel zu wenig Abwasch! Die Erschaffung des Murkel. Auch Lämmchen wird schreien

Pinneberg macht einen Besuch und läßt sich zur Nacktheit verführen

Wie Pinneberg über Frei-Körper-Kultur denkt und was Frau Nothnagel dazu meint

Pinneberg bekommt eine Molle geschenkt, geht Blumen stehlen und belügt am Ende sein Lämmchen

Die Herren der Schöpfung kriegen Kinder, und Lämmchen umarmt Puttbreese

Der Kinderwagen und die beiden feindlichen Brüder. Wann müssen Stillgelder gezahlt werden?

April schickt in die Angst, aber Heilbutt hilft. Wo ist Heilbutt? Heilbutt ist futsch

Pinneberg wird verhaftet und Jachmann sieht Gespenster. Rum ohne Tee

Logierbesuch wider Willen. Jachmann entdeckt die guten, nahrhaften Dinge

Jachmann als Erfinder und der Kleine Mann als König. Wir sind ja zusammen!

Kientopp und Leben. Onkel Knilli entführt Herrn Jachmann

Der Murkel ist krank. Junger Vater, was ist denn?

Gehuppt wie gesprungen. Die Inquisitoren und Fräulein Fischer. Noch eine Galgenfrist, Pinneberg!

Noch einmal Frau Mia. Das sind meine Koffer! Kommt die Polizei?

Der Schauspieler Schlüter und der junge Mann aus der Ackerstraße. Alles ist zu Ende

IV   Nachspiel Alles geht weiter

Soll man Holz stehlen? Lämmchen verdient groß und gibt ihrem Jungen Beschäftigung

Der Mann als Frau. Das gute Wasser und der blinde Murkel. Streit um sechs Mark

Warum Pinnebergs nicht wohnen, wo sie wohnen. Bilderzentrale Joachim Heilbutt. Lehmann ist abgesägt!

Pinneberg als Stein des Anstoßes. Die vergessene Butter und der Schupo. Keine Nacht ist schwarz genug

Autobesuch in der Siedlung. Zwei warten in der Nacht. Lämmchen kommt wirklich nicht in Frage

Busch zwischen Büschen. Und die alte Liebe

Teil I

Vorspiel Die Sorglosen

Pinneberg erfährt etwas Neues über Lämmchen und faßt einen großen Entschluß

Es ist fünf Minuten nach vier. Pinneberg hat das eben festgestellt. Er steht, ein nett aussehender, blonder junger Mann, vor dem Hause Rothenbaumstraße 24 und wartet.

Es ist also fünf Minuten nach vier und auf dreiviertel vier ist Pinneberg mit Lämmchen verabredet. Pinneberg hat die Uhr wieder eingesteckt und sieht erst auf ein Schild, das am Eingang des Hauses Rothenbaumstraße 24 angemacht ist. Er liest:

DR. SESAM

Frauenarzt

Sprechstunden 9-12 und 4-6

»Eben! Und nun ist es doch wieder fünf Minuten nach vier. Wenn ich mir noch eine Zigarette anbrenne, kommt Lämmchen natürlich sofort um die Ecke. Laß ich es also. Heute wird es schon wieder teuer genug.«

Er sieht von dem Schild fort. Die Rothenbaumstraße hat nur eine Häuserreihe, jenseits des Fahrdamms, jenseits eines Grünstreifens, jenseits des Kais fließt die Strela, hier schon hübsch breit kurz vor ihrer Einmündung in die Ostsee. Ein frischer Wind weht herüber, die Büsche nicken mit ihren Zweigen, die Bäume rauschen ein wenig.

»So müßte man wohnen können«, denkt Pinneberg. »Sicher hat dieser Sesam sieben Zimmer. Muß ein klotziges Geld verdienen. Er wird Miete zahlen …zweihundert Mark? Dreihundert Mark? Ach was, ich habe keine Ahnung. — Zehn Minuten nach vier!«

Pinneberg greift in die Tasche, holt aus dem Etui eine Zigarette und brennt sie an.

Um die Ecke weht Lämmchen, im plissierten weißen Rock, der Rohseidenbluse, ohne Hut, die blonden Haare verweht.

»Tag, Junge. Es ging wirklich nicht eher. Böse?«

»Keine Spur. Nur, wir werden endlos sitzen müssen. Es sind mindestens dreißig Leute reingegangen, seit ich warte.«

»Sie werden ja nicht alle zum Doktor gegangen sein. Und dann sind wir ja angemeldet.«

»Siehst du, daß es richtig war, daß wir uns angemeldet haben!«

»Natürlich war es richtig. Du hast ja immer recht, Junge!« Und auf der Treppe nimmt sie seinen Kopf zwischen die Hände und küßt ihn stürmisch. »Oh Gott, bin ich glücklich, daß ich dich mal wieder habe, Junge. Denke doch, beinahe vierzehn Tage!«

»Ja, Lämmchen«, antwortet er. »Ich bin auch nicht mehr brummig.«

Die Tür geht auf und im halbdunklen Flur steht ein weißer Schemen vor ihnen, bellt: »Die Krankenscheine!«

»Lassen Sie einen doch erst mal rein«, sagt Pinneberg und schiebt Lämmchen vor sich her. »Übrigens sind wir privat. Ich bin angemeldet. Pinneberg ist mein Name.«

Auf das Wort »Privat« hin hebt der Schemen die Hand und schaltet das Licht auf dem Flur ein. »Herr Doktor kommt sofort. Einen Augenblick, bitte. Bitte, dort hinein.«

Sie gehen auf die Tür zu und kommen an einer andern, halb offen stehenden vorbei. Das ist wohl das gewöhnliche Wartezimmer, und in ihm scheinen die dreißig zu sitzen, die Pinneberg an sich vorbeikommen sah. Alles schaut auf die beiden und ein Stimmengewirr erhebt sich: »So was gibt’s nicht!« — »Wir warten schon länger!« — »Wozu zahlen wir unsere Kassenbeiträge?!« — »Die feinen Pinkels sind auch nicht mehr wie wir.«

Die Schwester tritt in die Tür: »Seien Sie man bloß ruhig! Herr Doktor wird ja gestört! Was Sie denken, ist nicht. Das ist der Schwiegersohn von Herrn Doktor mit seiner Frau. Nicht wahr?«

Pinneberg lächelt geschmeichelt, Lämmchen strebt der andern Tür zu. Einen Augenblick ist Stille.

»Nu bloß schnell!«, flüstert die Schwester und schiebt Pinneberg vor sich her. »Diese Kassenpatienten sind zu gewöhnlich. Was die Leute sich einbilden für das bißchen Geld, das die Kasse zahlt …«

Die Tür fällt zu, der Junge und Lämmchen sind im roten Plüsch.

»Das ist sicher sein Privatsalon«, sagt Pinneberg. »Wie gefällt dir das? Schrecklich altmodisch finde ich.«

»Mir war es gräßlich«, sagt Lämmchen. »Wir sind doch sonst auch Kassenpatienten. Da hört man mal, wie die beim Arzt über uns reden.«

»Warum regst du dich auf?« fragte er. »Das ist doch so. Mit uns kleinen Leuten machen sie, was sie wollen …«

»Es regt mich aber auf …«

Die Tür öffnet sich, eine andere Schwester kommt: »Herr und Frau Pinneberg bitte? Herr Doktor läßt um einen Augenblick Geduld bitten. Wenn ich unterdes die Personalien aufnehmen dürfte?«

»Bitte«, sagt Pinneberg und wird gleich gefragt: »Wie alt?«

»Dreiundzwanzig.«

»Vorname: Johannes.«

Nach einem Stocken: »Buchhalter.«

Und glatter: »Immer gesund gewesen. Die üblichen Kinderkrankheiten, sonst nichts. — Soviel ich weiß, beide gesund.«

Wieder stockend: »Ja, die Mutter lebt noch. Der Vater nicht mehr, nein. Kann ich nicht sagen, woran er gestorben ist.«

Und Lämmchen …: »Zweiundzwanzig. — Emma.«

Jetzt zögert sie: »Geborene Mörschel. — Stets gesund. Beide Eltern am Leben. Beide gesund.«

»Also einen Augenblick noch. Herr Doktor ist sofort frei.«

»Wozu das alles nötig ist«, brummte er, nachdem die Tür wieder zufiel. »Wo wir doch nur …«

»Gerne hast du es nicht gesagt: Buchhalter.«

»Und du nicht das mit der geborenen Mörschel!« Er lacht. »Emma Pinneberg, genannt Lämmchen, geborene Mörschel. Emma Pinne …«

»Bist du stille! Oh Gott, Junge, ich müßte noch einmal ganz unbedingt. Hast du eine Ahnung, wo das hier ist?«

»Also das ist doch immer dieselbe Geschichte mir dir …! Statt daß da vorher …«

»Aber ich bin, Junge. Ich bin wirklich. Noch auf dem Rathausmarkt. Für einen ganzen Groschen. Aber wenn ich aufgeregt bin …«

»Also Lämmchen, nimm dich doch einen Augenblick zusammen. Wenn du wirklich eben erst …«

»Junge, ich muß …«

»Ich bitte«, sagt eine Stimme. In der Tür steht Doktor Sesam, der berühmte Doktor Sesam, von dem die halbe Stadt und die viertel Provinz flüstern, daß er ein weites Herz hat, manche sagen auch, ein gutes Herz. Jedenfalls hat er eine volkstümliche Broschüre über sexuelle Probleme verfaßt, und darum hat Pinneberg den Mut gehabt, ihm zu schreiben und sich und Lämmchen anzumelden.

Dieser Doktor Sesam steht also in der Tür und sagt: »Ich bitte.«

Doktor Sesam sucht auf seinem Schreibtisch nach dem Brief. »Sie haben mir geschrieben, Herr Pinneberg. Sie können noch keine Kinder brauchen, weil das Geld nicht reicht.«

»Ja«, sagt Pinneberg und ist schrecklich verlegen.

»Machen Sie sich immer schon ein bißchen frei«, sagt der Arzt zu Lämmchen und fährt dann fort: »Und nun möchten Sie einen ganz sicheren Schutz wissen. Ja, einen ganz sicheren …«

Er lächelt skeptisch hinter seiner goldenen Brille.

»Ich habe in Ihrem Buch gelesen«, sagt Pinneberg, »diese Pessoirs …«

»Diese Pessare«, sagt der Arzt, »ja, aber sie passen nicht für jede Frau. Und dann ist es immer etwas umständlich. Ob Ihre Frau das Geschick hat …«

Er sieht zu ihr hoch. Sie hat sich ein bißchen ausgezogen, nur so angefangen, die Bluse und den Rock. Mit ihren schlanken Beinen steht sie sehr groß da.

»Nun, gehen wir einmal rüber«, sagt der Arzt. »Die Bluse hätten wir nun dazu nicht auszuziehen brauchen, kleine junge Frau.«

Lämmchen wird ganz rot.

»Jetzt lassen Sie sie schon liegen. Kommen Sie. Einen Augenblick, Herr Pinneberg.«

Die beiden gehen in das Nebenzimmer. Pinneberg sieht ihnen nach. Der ganze Doktor Sesam reicht der ’kleinen jungen Frau’ nicht bis an die Schultern. Pinneberg findet wieder, sie sieht herrlich aus, das beste Mädchen von der Welt, das einzige überhaupt. Er arbeitet in Ducherow und sie hier in Platz, er sieht sie höchstens alle vierzehn Tage und so ist sein Entzücken immer frisch und sein Appetit über alles Begreifen.

Nebenan hört er den Arzt ab und zu halblaut etwas fragen, gegen einen Schalenrand klappert ein Instrument, das Geräusch kennt er vom Zahnarzt, es ist kein angenehmes Geräusch.

Nun fährt er zusammen, diese Stimme von Lämmchen kennt er noch nicht — sie sagt ganz laut, fast schreiend, sehr hell: »Nein, nein, nein!« Und noch einmal: »Nein!« Und dann ganz leise, aber er hört es doch: »Oh Gott!«

Pinneberg macht drei Schritte gegen die Tür — was ist das? Was kann da sein? Man hat schon gehört, daß solche Ärzte schreckliche Wüstlinge sind …Aber nun spricht Doktor Sesam wieder, nichts zu verstehen, und nun klappert wieder das Instrument.

Und dann lange Stille.

Es ist ein Hochsommertag, etwa Mitte Juli, herrlichster Sonnenschein. Der Himmel draußen ist dunkelblau, ins Fenster reichen ein paar Zweige, sie bewegen sich im Seewind. Da ist ein altes Lied aus Pinnebergs Kinderzeit, es fällt ihm eben ein:

Wehe-Wind, Puste-Wind,

Nimm den Hut nicht meinem Kind!

Sei gelind zu meinem Kind,

Wehe-Wind, Puste-Wind!

Die im Wartezimmer reden. Denen wird die Zeit auch lang. Eure Sorgen möcht ich haben. Eure Sorgen …

Die beiden kommen wieder. Pinneberg wirft einen ängstlichen Blick auf Lämmchen, sie hat so große Augen, wie von einem Schreck erweitert. Sie ist blaß, aber nun lächelt sie ihm zu, kümmerlich erst, und dann breitet sich das Lächeln voll aus über das ganze Gesicht und wird immer stärker und blüht auf …Der Arzt steht in der Ecke, er wäscht sich die Hände. Schräg schaut er hinüber zu Pinneberg. Dann sagt er eilig: »Ein bißchen zu spät, Herr Pinneberg, mit der Verhütung. Die Tür ist zu. Ich denke Anfang des zweiten Monats.«

Pinneberg ist ohne Atem. Das war wie ein Schlag. Dann sagt er hastig: »Herr Doktor, es ist doch unmöglich! Wir haben so aufgepaßt! Ganz unmöglich ist das. Sag doch selbst, Lämmchen …«

»Junge!« sagt sie. »Junge …«

»Es ist so«, sagte der Arzt. »Irrtum ausgeschlossen. Und glauben Sie mir, Herr Pinneberg, ein Kind ist für jede Ehe gut.«

»Herr Doktor«, sagt Pinneberg und seine Lippe zittert. »Herr Doktor, ich verdiene im Monat hundertachtzig Mark! Ich bitte Sie, Herr Doktor!«

Doktor Sesam sieht schrecklich müde aus. Was jetzt kommt, das kennt er, das hört er an jedem Tage dreißigmal.

»Nein«, sagt er. »Nein. Bitten Sie mich gar nicht erst darum. Kommt überhaupt nicht in Frage Sie sind beide gesund. Und Ihr Einkommen ist gar nicht schlecht. Gar — nicht — schlecht.«

»Herr Doktor!« sagt Pinneberg fieberhaft.

Hinter ihm steht Lämmchen und streicht ihm über die Haare: »Laß, Junge, laß! Es wird schon gehen.«

»Aber es ist ganz unmöglich …«, bricht Pinneberg aus — und wird still. Die Schwester ist hereingekommen.

»Herr Doktor werden am Apparat verlangt.«

»Sie sehen«, sagt der Arzt. »Passen Sie auf, Sie freuen sich noch. Und wenn das Kind da ist, kommen Sie sofort zu mir. Dann machen wir das mit der Verhütung. Verlassen Sie sich nicht auf’s Nähren. Also denn …Mut, junge Frau!«

Er schüttelt Lämmchen die Hand.

»Ich möchte gleich …«, sagt Pinneberg und zieht sein Portemonnaie.

»Ach ja«, sagt der Arzt, schon in der Tür, und sieht die beiden noch einmal an, schätzend. »Na, fünfzehn Mark, Schwester.«

»Fünfzehn …«, sagt Pinneberg gedehnt und sieht die Tür an. Doktor Sesam ist schon fort. Er holt umständlich einen Zwanzigmarkschein hervor, schaut mit gerunzelter Stirn zu, wie die Quittung ausgeschrieben wird, und nimmt sie in Empfang.

Seine Stirn hellt sich etwas auf: »Ich bekomme das von der Krankenkasse wieder, nicht wahr?«

Die Schwester sieht ihn an, dann Lämmchen. »Schwangerschaftsdiagnose, nicht wahr?« Sie wartet gar nicht erst auf die Antwort. »Doch nicht. Das ersetzen die Kassen nicht.«

»Komm, Lämmchen!« sagt er.

Sie steigen langsam die Treppe hinunter. Auf einem Absatz bleibt Lämmchen stehen und nimmt seine Hand zwischen die ihren. »Sei nicht so traurig! Bitte nicht! Es wird schon gehen.«

»Ja, ja«, sagt er, tief in Gedanken.

Sie gehen ein Stück Rothenbaumstraße, dann biegen sie in die Mainzer Straße ein. Hier sind hohe Häuser und viele Menschen, Autos fahren in Rudeln, die Abendzeitungen sind schon da, niemand achtet auf die beiden.

»Gar kein schlechtes Einkommen, sagt der, und nimmt mir fünfzehn Mark ab von meinen hundertachtzig, solch Räuber!«

»Ich schaffe es schon«, sagt Lämmchen. »Ich schaffe es schon.«

»Ach du!« sagt er.

Von der Mainzer Straße kommen sie in den Krümperweg, still ist das plötzlich hier.

Lämmchen sagt:

»Jetzt versteh ich manches.«

»Wieso?« fragt er.

»Ach nichts, nur daß mir morgens immer schlecht ist. Und es war überhaupt so komisch …«

»Aber du mußt es doch gemerkt haben?«

»Ich hab doch immer gedacht, es kommt noch. Wer denkt denn gleich an so was?«

»Vielleicht hat er sich geirrt!«

»Nein. Das glaube ich nicht. Es stimmt schon.«

»Aber möglich ist es doch, daß er sich geirrt hat?«

»Nein, ich glaube …«

»Bitte! Höre doch einmal zu, was ich sage! Möglich ist es doch!?«

»Möglich —? Möglich ist alles!«

»Also vielleicht kommt morgen schon die Regel. Dann schreib ich dem aber einen Brief —!« Er versinkt in Gedanken, er schreibt einen Brief.

Auf den Krümperweg folgt die Hebbelstraße, die beiden gehen fein bedachtsam durch den Sommernachmittag, in dieser Straße stehen schöne Ulmen.

»Meine fünfzehn Mark verlange ich dann aber auch zurück«, sagt Pinneberg plötzlich.

Lämmchen antwortet nicht. Sie tritt vorsichtig auf mit der ganzen Breite des Schuhs und sie sieht genau, wohin sie tritt, es ist alles so anders.

»Wohin gehen wir eigentlich?« fragt er plötzlich.

»Ich muß noch mal nach Haus«, sagt Lämmchen. »Ich habe Mutter nichts gesagt, daß ich wegbleibe.«

»Auch das noch!« sagt er.

»Schimpf nicht, Junge«, bittet sie. »Aber ich will sehen, daß ich um halb neun noch mal runterkommen kann. Mit welchem Zug willst du fahren?«

»Um halb zehn.«

»Dann bring ich dich zur Bahn.«

»Und sonst nichts«, sagt er. »Sonst wieder mal nichts. Ein Leben ist das.«

Die Lütjenstraße ist eine richtige Arbeiterstraße, immer wimmelt es von Kindern da, man kann keinen richtigen Abschied nehmen.

»Nimm es nicht so schwer, Junge«, sagt sie und gibt ihm die Hand. »Ich schaff es schon.«

»Ja, ja«, sagt er und versucht zu lächeln. »Du bist Trumpfas, Lämmchen, und stichst alles.«

»Und um halb neun bin ich unten. Bestimmt.«

»Und keinen Kuß jetzt?«

»Es geht wirklich nicht, es wird gleich weiter getratscht. Tapfer. Tapfer!«

»Also gut, Lämmchen«, sagt er. »Nimm du es auch nicht so schwer. Irgendwie wird es ja werden.«

»Natürlich«, sagt sie. »Ich verlier den Mut schon nicht. Tjüs derweile.«

Sie huscht schnell die dunkle Treppe hinauf, ihr Stadtköfferchen schlägt gegen das Geländer: klapp — klapp — klapp.

Pinneberg sieht den hellen Beinen nach. Hunderttausendmal ist ihm Lämmchen schon diese gottverdammte Treppe hinauf entschwunden.

»Lämmchen!« brüllt er. »Lämmchen!«

»Ja?« fragt sie von oben und sieht über das Geländer.

»Einen Augenblick!« ruft er. Er stürmt die Treppe hinauf, er steht atemlos vor ihr, er faßt sie bei den Schultern. »Lämmchen!« sagt er und keucht vor Aufregung und Atemnot. »Emma Mörschel! Wie wär’s, wenn wir uns heiraten würden —?«

Mutter Mörschel — Herr Mörschel — Karl Mörschel Pinneberg gerät in die Mörschelei

Lämmchen Mörschel sagte nichts. Sie machte sich von Pinneberg los und setzte sich sachte auf eine Treppenstufe. Plötzlich waren ihre Beine weg. Nun saß sie da und sah zu ihrem Jungen hoch. »Oh Gott!« sagte sie. »Junge, wenn du das tätest!«

Ihre Augen wurden ganz hell. Es waren dunkelblaue Augen mit einer Schattierung ins Grünliche; jetzt strömten sie geradezu über von strahlendem Licht.

Wie wenn alle Weihnachtsbäume ihres Lebens auf einmal in ihr brennten, dachte Pinneberg und wurde ganz verlegen vor Rührung.

»Also geht in Ordnung, Lämmchen«, sagte er. »Machen wir. Und möglichst bald, was?«

»Junge, du brauchst es aber nicht. Ich komme auch so zurecht. Nur, da hast du recht, besser ist es schon, wenn der Murkel einen Vater hat.«

»Der Murkel«, sagte Johannes Pinneberg. »Richtig, der Murkel.«

Er war einen Augenblick still. Er kämpfte mit sich, ob er Lämmchen nicht sagen sollte, daß er bei seinem Heiratsantrag gar nicht an diesen Murkel gedacht hatte, sondern nur daran, daß es sehr gemein war, an diesem Sommerabend drei Stunden auf sein Mädchen in der Straße zu warten. Aber er sagte es nicht. Statt dessen bat er: »Steh doch auf, Lämmchen. Die Treppe ist sicher ganz dreckig. Dein guter weißer Rock …«

»Laß den Rock, laß ihn sausen! Was kümmern uns alle Röcke von der Welt. Bin ich glücklich! Hannes! Junge!« Nun war sie wirklich auf ihren Beinen und fiel ihm wieder um den Hals. Und das Haus war gütig: von den zwanzig Parteien, die über diese Treppe aus- und eingingen, kam nicht eine, nachmittags nach fünfe in der Laufzeit, wo die Ernährer nach Haus kommen und alle Hausfrauen schnell noch eine vergessene Zutat fürs Essen holen. Keiner kam.

Bis Pinneberg sich frei machte und sagte: »Aber das können wir doch sicher oben auch — als Brautpaar. Gehen wir rauf.«

Lämmchen fragte bedenklich: »Gleich willst du mit? Ist es nicht besser, ich bereite Vater und Mutter vor, wo sie doch gar nichts von dir wissen —?«

»Was doch sein muß, tut man am besten gleich«, erklärte Pinneberg und wollte noch immer nicht auf die Straße. »Übrigens werden sie sich doch bestimmt freuen?«

»Na ja«, meinte Lämmchen nachdenklich. »Mutter sehr. Vater, weißt du, da darfst du dich nicht dran stoßen. Vater flaxt gerne, der meint das nicht so.«

»Ich werd’s schon richtig verstehen«, sagte Pinneberg.

Lämmchen schloß die Tür auf: ein kleiner Vorplatz. Hinter einer angelehnten Tür klang eine Stimme: »Emma! Komm gleich mal her!«

»Einen Augenblick, Mutter«, rief Emma Mörschel. »Ich zieh nur meine Schuh aus.«

Sie nahm Pinneberg bei der Hand und führte ihn auf Zehenspitzen in ein kleines Hofzimmer, wo zwei Betten standen.

»Leg deine Sachen dahin. Ja, das ist mein Bett, da schlaf ich drin. Im andern Bett schläft Mutter. Vater und Karl schlafen drüben in der Kammer. Nun komm. Halt, dein Haar!« Sie fuhr ihm schnell mit dem Kamm durch die Wirrnis.

Beiden klopfte das Herz. Sie nahm ihn bei der Hand, sie gingen über den Vorplatz, sie stießen die Tür zur Küche auf. Am Herde stand mit rundem krummem Rücken eine Frau und briet etwas in einer Pfanne. Pinneberg sah ein braunes Kleid und eine große blaue Schürze.

Die Frau sah nicht hoch. »Lauf schnell mal in den Keller, Emma, und hol Preßkohlen. Ich kann das dem Karl hundertmal sagen …«

»Mutter«, sagte Emma, »das ist mein Freund Johannes Pinneberg aus Ducherow. Wir wollen uns heiraten.«

Die Frau am Herd sah hoch. Es war ein braunes Gesicht mit einem starken Mund, einem scharfen gefährlichen Mund, ein Gesicht mit sehr hellen, scharfen Augen und mit zehntausend Falten. Eine alte Arbeiterfrau.

Die Frau sah Pinneberg an, einen Augenblick, scharf, böse. Dann wandte sie sich wieder ihren Kartoffelpuffern zu. »Dumm Tügs«, sagte sie. »Schleppst du mir jetzt deine Kerle ins Haus?! Geh und hol Kohlen, ich hab keine Glut.«

»Mutter«, sagte Lämmchen und versuchte zu lachen, »er will mich wirklich heiraten.«

»Hol Kohlen, sag ich, Deern«, rief die Frau und fuhrwerkte mit der Gabel.

»Mutter —!«

Die Frau sah hoch. Sie sagte langsam: »Bist du noch nicht unten? Willst du einen Backs?!«

Ganz rasch drückte Lämmchen ihrem Pinneberg die Hand. Dann nahm sie einen Korb, rief, so fröhlich es ging: »Gleich bin ich wieder da!« — und die Flurtür klappte.

Pinneberg stand verlassen in der Küche. Er sah vorsichtig gegen Frau Mörschel hin, als könnte sein Hinsehen sie schon reizen, dann gegen das Fenster. Man sah nur einen blauen Sommerhimmel und ein paar Schornsteine.

Frau Mörschel schob die Pfanne beiseite und hantierte mit den Herdringen. Es klapperte und klirrte sehr. Sie stocherte mit dem Feuerhaken in der Glut, dabei murrte sie vor sich hin. Höflich fragte Pinneberg: »Wie bitte —?«

Es waren die ersten Worte, die er bei Mörschels sagte.

Er hätte nichts sagen sollen, denn wie ein Geier schoß die Frau auf ihn nieder. In der einen Hand hielt sie den Haken, in der andern noch die Gabel vom Pufferwenden, aber das war nicht so schlimm, trotzdem sie damit fuchtelte. Schlimm war ihr Gesicht, in dem alle Falten zuckten und sprangen, schlimmer waren ihre grausamen und bösen Augen.

»Wenn Sie mir mein Mädchen in Schande bringen!« schrie sie außer sich.

Pinneberg trat einen Schritt zurück. »Ich will Emma ja heiraten, Frau Mörschel!« sagte er ängstlich.

»Sie denken wohl, ich weiß nicht, was ist«, sagte die Frau unbeirrt. »Seit zwei Wochen stehe ich hier und warte. Ich denke, sie sagt mir was, ich denke, sie bringt mir den Kerl bald an, ich sitze hier und warte.« Sie holte Atem. »Das ist ein gutes Mädchen. Sie Mann Sie, meine Emma, das ist kein Dreck für Sie. Die ist immer fröhlich gewesen. Die hat mir nie ein böses Wort gegeben — wollen Sie sie in Schande bringen?«

»Nein, nein«, flüstert Pinneberg angstvoll.

»Doch! Doch!« schreit Frau Mörschel. »Doch! Doch! Zwei Wochen stehe ich hier und warte, daß sie ihre Binden zum Waschen gibt — nichts! Wie haben Sie das gemacht, Sie?« Pinneberg kann es nicht sagen.

»Wir sind junge Leute«, sagt er sanft.

»Ach Sie«, sagt sie noch böse, »daß Sie mein Mädchen dazu gekriegt haben.« Plötzlich grollt sie wieder: »Schweine seid ihr Männer, alles Schweine, pfui!«

»Wir heiraten, sobald es mit den Papieren geht«, erklärt Pinneberg.

Frau Mörschel steht wieder am Herd. Das Fett brutzelt, sie fragt: »Was sind Sie denn? Können Sie denn überhaupt heiraten?«

»Ich bin Buchhalter. In einem Getreidegeschäft.«

»Also Angestellter?«

»Ja.«

»Arbeiter wäre mir lieber. — Was verdienen Sie denn?«

»Hundertachtzig Mark.«

»Mit Abzügen?«

»Nein, die gehen noch ab.«

»Das ist gut«, sagt die Frau, »das ist nicht so viel. Mein Mädchen soll einfach bleiben.« Und plötzlich wieder ganz böse: »Denken Sie nicht, daß sie was mitbekommt. Wir sind Proletarier. Bei uns gibt es das nicht. Nur das bißchen Wäsche, was sie sich selbst gekauft hat.«

»Das ist alles nicht nötig«, sagt Pinneberg.

Plötzlich ist die Frau wieder böse: »Sie haben doch auch nichts. Sie sehen doch auch nicht nach Sparen aus. Wenn man mit solchem Anzug rumläuft, bleibt nichts übrig.«

Pinneberg braucht nicht zu gestehen, daß sie ziemlich das Richtige getroffen hat, denn Lämmchen kommt mit den Kohlen. Sie ist bester Stimmung: »Hat sie dich aufgefressen, armer Junge?« fragt sie. »Mutter ist ein richtiger Teekessel, der kocht immer gleich über.«

»Sei nicht so frech, Ütz«, schilt die Alte. »Sonst kriegst du doch noch deinen Backs. — Geht in die Schlafstube und schleckt euch ab. Ich will mit Vater zuerst allein reden.«

»Na also«, sagt Lämmchen. »Hast du meinen Bräutigam auch schon gefragt, ob er Kartoffelpuffer mag? Heute ist unser Verlobungstag.«

»Weg mit euch!« sagt Frau Mörschel. »Und daß ihr mir nicht die Tür abschließt, ich sehe ein paar Mal nach, daß ihr keine Dummheiten macht.«

Sie sitzen sich an dem kleinen Tisch auf den weißen Stühlen gegenüber.

»Mutter ist ’ne einfache Arbeiterin«, sagt Lämmchen. »Die ist so derb, sie denkt sich nichts dabei.«

»Oh, sie denkt sich schon was dabei«, sagt Pinneberg und grinst. »Deine Mutter weiß Bescheid, verstehst du, was uns der Doktor heute gesagt hat.«

»Natürlich weiß sie das. Mutter weiß immer alles. Ich glaub’, du hast ihr gut gefallen.«

»Na, hör mal, so sah es aber nicht aus.«

»Mutter ist so. Mutter muß immer schimpfen. Ich hör’s schon gar nicht mehr.«

Einen Augenblick ist Stille, beide sitzen sich brav gegenüber, die Hände liegen auf dem Tischchen.

»Ringe müssen wir uns auch kaufen«, sagt Pinneberg gedankenvoll.

»Oh Gott ja«, sagt Lämmchen rasch. »Sag schnell, welche magst du lieber, glänzend oder matt?«

»Matt!« sagt er.

»Ich auch! Ich auch!« ruft sie. »Ich glaube, wir haben in allem den gleichen Geschmack, das ist fein. — Was werden die kosten?«

»Ich weiß auch nicht. Dreißig Mark?«

»So viel?«

»Wenn wir goldene nehmen?«

»Natürlich nehmen wir goldene. Laß sehen, wir wollen Maß nehmen.«

Er rückt zu ihr. Sie nehmen einen Faden von einer Garnrolle. Es ist schwierig. Einmal schneidet das Garn ein, und einmal sitzt es zu lose.

»Hände besehen bringt Streit«, sagt Lämmchen.

»Aber ich besehe sie ja gar nicht«, sagt er. »Ich küsse sie ja. Ich küsse ja deine Hände, Lämmchen.« —

Es klopft mit sehr hartem Knöchel gegen die Tür. »Rüberkommen! Vater ist da!«

»Gleich«, sagt Lämmchen und löst sich aus seinem Arm. »Schnell uns ein bißchen zurecht machen. Vater flaxt ewig.«

»Wie ist er denn, dein Vater?«

»Gott, du wirst ja gleich sehen. Ist ja auch egal. Du heiratest mich, mich, mich, ohne Vater und Mutter.«

»Aber mit dem Murkel.«

»Mit dem Murkel, ja. Nette unvernünftige Eltern bekommt er. Nicht eine Viertelstunde können sie vernünftig sitzen …« Am Küchentisch sitzt ein langer Mann in grauen Hosen, grauer Weste und einem weißen Trikothemd ohne Jacke, ohne Kragen. An den Füßen hat er Pantoffeln. Ein gelbes faltiges Gesicht, kleine scharfe Augen hinter einem hängenden Zwicker, ein grauer Schnurrbart, ein fast weißer Kinnbart.

Der Mann liest die »Volksstimme«, aber nun, da Pinneberg und Emma hereinkommen, läßt er das Blatt sinken und betrachtet den jungen Mann.

»Sie sind also der Jüngling, der meine Tochter heiraten will? Sehr erfreut, setzen Sie sich hin. Übrigens werden Sie es sich noch überlegen.«

»Was?« fragt Pinneberg.

Lämmchen hat sich auch eine Schürze umgebunden und hilft der Mutter. Frau Mörschel sagt ärgerlich: »Wo der Bengel nur wieder bleibt. Die ganzen Puffer werden zäh.«

»Überstunden«, sagt Herr Mörschel lakonisch. Und zu Pinneberg zwinkernd: »Sie machen auch manchmal Überstunden, nicht wahr?«

»Ja«, sagt Pinneberg. »Ziemlich oft.«

»Aber ohne Bezahlung —?«

»Leider. Der Chef sagt …«

Herrn Mörschel interessiert nicht, was der Chef sagt. »Sehen Sie, darum wär mir ein Arbeiter für meine Tochter lieber: wenn mein Karl Überstunden macht, kriegt er sie bezahlt.«

»Herr Kleinholz sagt …« beginnt Pinneberg von neuem.

»Was die Arbeitgeber sagen, junger Mann«, erklärt Herr Mörschel, »das wissen wir lange. Das interessiert uns nicht. Was sie tun, das interessiert uns. Es gibt doch ’nen Tarifvertrag bei euch, was?«

»Ich glaube«, sagt Pinneberg.

»Glaube ist Religionssache, damit hat ’en Arbeiter nischt zu tun. Bestimmt gibt es ihn. Und da steht drin, daß Überstunden bezahlt werden müssen. Warum krieg ich ’nen Schwiegersohn, dem sie nicht bezahlt werden?«

Pinneberg zuckt die Achseln.

»Weil ihr nicht organisiert seid, ihr Angestellten«, erklärt ihm den Fall Herr Mörschel. »Weil kein Zusammenhang ist bei euch, keine Solidarität. Darum machen sie mit euch, was sie wollen.«

»Ich bin organisiert«, sagt Pinneberg mürrisch. »Ich bin in ’ner Gewerkschaft.«

»Emma! Mutter! Unser junger Mann ist in ’ner Gewerkschaft? Wer hätte das gedacht! So schnieke und Gewerkschaft!« Der lange Mörschel hat den Kopf ganz auf die Seite gelegt und besieht seinen künftigen Schwiegersohn mit eingekniffenen Augen. »Und wie nennt sich Ihre Gewerkschaft, mein Junge? Nur raus damit!«

»Deutsche Angestellten-Gewerkschaft«, sagt Pinneberg und ärgert sich immer mehr.

Der lange Mann krümmt sich völlig zusammen, so stark überkommt es ihn. »Die DAG! Mutter, Emma, haltet mich fest, unser Jüngling ist ein Dackel, das nennt er ’ne Gewerkschaft! Ein gelber Verband, zwischen zwei Stühlen. Oh Gott, Kinder, so ein Witz …«

»Na, erlauben Sie mal«, sagt Pinneberg wütend. »Wir sind kein gelber Verband! Wir werden nicht von den Arbeitgebern finanziert. Wir zahlen unsern Bundesbeitrag selber.«

»Für die Bonzen! Für die gelben Bonzen! Na, Emma, da hast du dir ja den richtigen ausgesucht. Einen DAG-Mann! Einen richtigen Dackel!«

Pinneberg sieht hilfesuchend zu Lämmchen, aber Lämmchen sieht nicht her. Vielleicht ist sie es gewöhnt, aber wenn sie es gewöhnt ist, für ihn ist es doch schlimm.

»Angestellter, wenn ich so was höre«, sagt Mörschel. »Ihr denkt, ihr seid was Besseres als wir Arbeiter.«

»Denk ich nicht.«

»Denken Sie doch. Und warum denken Sie das? Weil Sie Ihrem Arbeitgeber nicht ’ne Woche den Lohn stunden, sondern den ganzen Monat. Weil Sie unbezahlte Überstunden machen, weil Sie sich unter Tarif bezahlen lassen, weil Sie nie ’nen Streik machen, weil Sie immer die Streikbrecher sind …«

»Es geht doch nicht nur ums Geld«, sagt Pinneberg. »Wir denken doch auch anders als die meisten Arbeiter, wir haben doch andere Bedürfnisse …«

»Anders denken«, sagt Mörschel, »anders denken, Sie denken genau so wie ein Prolet …«

»Das glaub ich nicht«, sagt Pinneberg, »ich zum Beispiel …«

»Sie zum Beispiel«, sagt Mörschel und kneift die Augen ganz gemein ein und feixt. »Sie zum Beispiel haben sich doch Vorschuß genommen?«

»Wieso?« fragt Pinneberg verwirrt. »Vorschuß —?«

»Na ja, Vorschuß«, grinst der andere noch mehr. »Vorschuß da, bei der Emma. Nicht sehr fein, Herr. Mächtig proletarische Angewohnheit …«

»Ich …«, fängt Pinneberg an und ist sehr rot und hat Lust, die Türen zuzudonnern und zu brüllen: Oh, so rutscht mir doch alle …!

Aber Frau Mörschel sagt scharf: »Ruhig bist du jetzt, Vater, mit deinen Flaxen! Das ist erledigt. Das geht dich gar nichts an.«

»Da kommt der Karl«, ruft Lämmchen, denn draußen klappte eine Tür.

»Also her mit dem Essen, Frau«, sagt Mörschel. »Und recht habe ich doch, Schwiegersohn, fragen Sie mal Ihren Pastor, unfein ist das …«

Ein junger Mensch kommt herein, aber jung ist nur eine Altersbezeichnung, er sieht völlig unjung aus, noch gelber, noch galliger als der Alte. Er knurrt: »N’Abend«, nimmt von dem Gast keinerlei Notiz und zieht Jacke und Weste aus, dann das Hemd. Pinneberg sieht es mit steigender Verwunderung.

»Überstunden gemacht?« fragt der Alte.

Karl Mörschel knurrt nur etwas.

»Laß doch jetzt die Scheuerei, Karl«, sagt Frau Mörschel, »komm essen.«

Aber Karl läßt schon das Wasser am Ausguß laufen und fängt an, sich sehr intensiv zu waschen. Bis zu den Hüften ist er nackt, Pinneberg geniert sich etwas, Lämmchens wegen. Aber die scheint nichts dabei zu finden, es ist ihr wohl selbstverständlich.

Pinneberg ist vieles nicht selbstverständlich. Die häßlichen Steingutteller mit den schwärzlichen Anschlagstellen, die halb kalten Kartoffelpuffer, die nach Zwiebeln schmecken, die saure Gurke, das laue Flaschenbier, das nur für die Männer dasteht, dazu diese trostlose Küche, der waschende Karl …

Karl setzt sich an den Tisch, sagt brummig: »Nanu, Bier …«

»Das ist der Bräutigam von Emma«, erklärt Frau Mörschel, »sie wollen bald heiraten.«

»Hat sie doch einen abgekriegt«, sagt Karl. »Na ja, einen Bourgeois. Ein Prolet ist ihr nicht fein genug.«

»Siehst du«, sagt Vater Mörschel, sehr befriedigt.

»Du, zahl man lieber dein Kostgeld, eh du hier den Mund aufreißt«, erklärt Mutter Mörschel.

»Was heißt siehst du«, sagt Karl gallig zu seinem Vater. »Ein richtiger Bourgeois ist mir noch immer lieber als ihr Sozialfaschisten.«

»Sozialfaschisten«, antwortet der Alte böse. »Wer wohl Faschist ist, du Sowjetjünger!«

»Na klar«, sagt Karl, »ihr Panzerkreuzerhelden …«

Pinneberg hört mit einer gewissen Befriedigung zu. Was der Alte ihm gesagt hatte, bekam er jetzt vom Sohn mit Zinsen. Nur die Kartoffelpuffer gewannen nicht sehr dadurch, es war kein nettes Mittagessen, er hatte sich seine Verlobungsfeier anders gedacht.

Geschwätz in der Nacht von Liebe und Geld

Pinneberg hat seinen Zug sausen lassen, er kann auch morgens um vier fahren. Dann ist er immer noch rechtzeitig im Geschäft.

Die beiden sitzen in der dunklen Küche. Drinnen in der einen Stube schläft Herr, in der andern Frau Mörschel. Karl ist in eine KPD-Versammlung gegangen.

Sie haben zwei Küchenstühle nebeneinander gezogen und sitzen mit dem Rücken nach dem erkalteten Herd. Die Tür zu dem kleinen Küchenbalkon steht offen, der Wind bewegt leise den Schal über der Tür. Draußen ist — über einem heißen, radiolärmenden Hof — der Nachthimmel, dunkel, mit sehr blassen Sternen.

»Ich möchte«, sagt Pinneberg leise und drückt Lämmchens Hand, »daß wir es ein bißchen hübsch hätten. Weißt du« — er versucht es zu schildern — »es müßte hell sein bei uns und weiße Gardinen und alles immer schrecklich sauber.«

»Ich versteh«, sagt Lämmchen, »ich versteh, es muß schlimm sein bei uns für dich, wo du es nicht gewöhnt bist.«

»So meine ich es doch nicht, Lämmchen.«

»Doch. Doch. Warum sollst du es nicht sagen, es ist doch schlimm. Daß sich Karl und Vater immer zanken, ist schlimm. Und daß Vater und Mutter immer streiten, das ist auch schlimm. Und daß sie Mutter immer um das Kostgeld betrügen wollen, und daß Mutter sie mit dem Essen betrügt …alles ist schlimm.«

»Aber warum sind sie so? Bei euch verdienen doch drei, da müßte es doch gut gehen.«

Lämmchen antwortet ihm nicht. »Ich gehör ja nicht rein hier«, sagt sie statt dessen. »Ich bin immer das Aschenputtel gewesen. Wenn Vater und Karl nach Haus kommen, haben sie Feierabend. Dann fang ich an mit Aufwaschen und Plätten und Nähen und Strümpfestopfen. Ach, es ist nicht das«, ruft sie aus, »das täte man ja gerne. Aber daß das alles ganz selbstverständlich ist, und daß man dafür geschuppst wird und geknufft, daß man nie ein gutes Wort bekommt, und daß der Karl so tut, wie wenn er mich mit ernährt, weil er mehr Kostgeld zahlt als ich …Ich verdien doch nicht viel — was verdient denn heute eine Verkäuferin?«

»Es ist ja bald vorbei«, sagt Pinneberg. »Ganz bald.«

»Ach, es ist ja nicht das«, ruft sie verzweifelt, »es ist ja alles nicht das. Aber, weißt du, Junge, sie haben mich immer richtig verachtet, du Dumme sagen sie zu mir. Sicher, ich bin nicht so klug. Ich versteh vieles nicht. Und dann, daß ich nicht hübsch bin …«

»Aber du bist hübsch!«

»Du bist der erste, der das sagt. Wenn wir mal zum Tanz gegangen sind, immer bin ich sitzen geblieben. Und wenn dann Mutter zum Karl gesagt hat, er solle seine Freunde schicken, hat er gesagt: wer will denn mit so ’ner Ziege tanzen? Wirklich, du bist der erste …«

Ein unheimliches Gefühl beschleicht Pinneberg. ’Wirklich’, denkt er, ’sie sollte mir das nicht so sagen. Ich hab immer gedacht, sie ist hübsch. Und nun ist sie vielleicht gar nicht hübsch …’

Lämmchen aber redet weiter:

»Siehst du, Jungchen, ich will dir ja nichts vorjammern. Ich will es dir nur dieses einzige Mal sagen, daß du weißt, ich gehör hier nicht her, ich gehör nur zu dir. Zu dir allein. Und daß ich dir ganz furchtbar dankbar bin, nicht nur wegen des Murkels, sondern weil du das Aschenputtel geholt hast …«

»Du«, sagt er. »Du!«

»Nein, jetzt noch nicht. — Und wenn du sagst, wir wollen es hell und sauber haben, du mußt ein bißchen geduldig sein, ich hab ja nie richtig kochen gelernt. Und wenn ich etwas falsch mache, dann sollst du es mir sagen, und ich will dich nie belügen …«

»Nein, Lämmchen, nein, es ist gut.«

»Und wir wollen uns nie, nie streiten. Oh Gott, Junge, was wollen wir glücklich sein, wir beide allein. Und dann der dritte, der Murkel.«

»Wenn es aber ein Mädchen wird?«

»Es ist ein Murkel, sage ich dir, ein kleiner süßer Murkel.« —

Nach einer Weile stehen sie auf und treten auf den Balkon. Ja, der Himmel ist da über den Dächern und seine Sterne in ihm. Sie stehen eine Weile schweigend, jedes die Hand auf der Schulter des andern.

Dann kehren sie zu dieser Erde zurück, mit dem engen Hof, den vielen hellen Fensterquadraten, dem Jazzgequäk.

»Wollen wir uns auch Radio anschaffen?« fragt er plötzlich.

»Ja, natürlich. Weißt du, ich bin dann nicht so mutterseelenallein, wenn du im Geschäft bist. Aber erst später. Wir müssen uns so furchtbar viel anschaffen!«

»Ja«, sagt er.

Stille.

»Junge«, fängt Lämmchen sachte an. »Ich muß dich was fragen.«

»Ja?« sagt er unsicher.

»Aber sei nicht böse!«

»Nein«, sagt er.

»Hast du was gespart?«

Pause.

»Ein bißchen«, sagt er zögernd. »Und du?«

»Auch ein bißchen«, und ganz rasch: »Aber nur ein ganz, ganz klein bißchen.«

»Sag du«, sagt er.

»Nein, sag du zuerst«, sagt sie.

»Ich …« sagt er und bricht ab.

»Sag schon!« bittet sie.

»Es ist wirklich nur ganz wenig, vielleicht noch weniger als du.«

»Sicher nicht.«

»Doch. Sicher.«

Pause. Lange Pause.

»Frag mich«, bittet er.

»Also«, sagt sie und holt tief Atem. »Ist es mehr als …«

Sie macht eine Pause.

»Als was?« fragt er.

»I wo«, lacht sie plötzlich. »Soll ich mich genieren! Hundertdreißig Mark hab’ ich auf der Kasse.«

Er sagt stolz und langsam: »Vierhundertsiebzig.«

»Au fein!« sagt Lämmchen. »Das wird grade glatt. Sechshundert Mark. Junge, was ein Haufen Geld!«

»Na …«, sagt er. »Viel finde ich es ja nicht. Aber man lebt schrecklich teuer als Junggeselle.«

»Und ich hab von meinen hundertzwanzig Mark Gehalt siebzig Mark für Kost und Wohnung abgeben müssen.«

»Dauert lange, bis man so viel zusammengespart hat«, sagt er.

»Schrecklich lange«, sagt sie. »Es wird und wird nicht mehr.«

Pause.

»Ich glaub nicht, daß wir in Ducherow gleich ’ne Wohnung kriegen«, sagt er.

»Dann müssen wir ein möbliertes Zimmer nehmen.«

»Da können wir auch für unsere Möbel mehr sparen.«

»Aber ich glaube, möbliert ist schrecklich teuer.«

»Also laß uns mal rechnen«, schlägt er vor.

»Ja. Wir wollen mal sehen, wie wir hinkommen. Wir wollen rechnen, als ob wir nichts auf der Kasse hätten.«

»Ja, das dürfen wir nicht angreifen, das soll ja mehr werden. Also hundertachtzig Mark Gehalt …«

»Als Verheirateter kriegst du doch mehr.«

»Ja, weißt du, ich weiß nicht.« Er ist sehr verlegen. »Nach dem Tarifvertrag vielleicht, aber mein Chef ist so komisch …«

»Darauf würde ich keine Rücksicht nehmen, ob er komisch ist.«

»Lämmchen, laß uns erst mal mit hundertachtzig rechnen. Wenn’s mehr wird, ist es ja nur schön, aber die haben wir doch erst mal sicher.«

»Also schön«, stimmt sie zu. »Nun erst mal die Abzüge.«

»Ja«, sagt er. »An denen kann man ja nichts ändern. Steuern 6 Mark und Arbeitslosenversicherung 2 Mark 70. Und Angestellten-Versicherung 4 Mark. Und Krankenkasse 5 Mark 40. Und die Gewerkschaft 4 Mark 50 …«

»Na, deine Gewerkschaft, das ist doch überflüssig …«

Pinneberg sagt etwas ungeduldig: »Das laß man erst. Ich hab von deinem Vater genug.«

»Schön«, sagt Lämmchen, »macht 22 Mark 60 Abzüge. Fahrgeld brauchst du nicht?«

»Gott sei Dank nein.«

»Bleiben also erst mal 157 Mark. Was macht die Miete?«

»Ja, ich weiß doch nicht. Zimmer und Küche, möbliert. Sicher doch 40 Mark.«

»Sagen wir 45«, meint Lämmchen. »Bleiben 112 Mark 40. Was denkst du, brauchen wir für’s Essen?«

»Ja, sag du mal.«

»Mutter sagt immer, 1 Mark 50 braucht sie für jeden am Tag.«

»Das sind 90 Mark im Monat«, sagt er.

»Dann bleiben noch 22 Mark 40«, sagt sie.

Die beiden sehen sich an.

Lämmchen sagt ganz schnell: »Und dann haben wir noch nichts für Feuerung. Und nichts für Gas. Und nichts für Licht. Und nichts für Porto. Und nichts für Kleidung. Und nichts für Wäsche. Und nichts für Schuhe. Und Geschirr muß man sich auch manchmal kaufen.«

Und er sagt: »Und man möchte doch auch mal ins Kino. Und am Sonntag ’nen Ausflug machen. Und ’ne Zigarette rauch ich auch ganz gerne.«

»Und sparen wollen wir doch auch was.«

»Mindestens 20 Mark im Monat.«

»Dreißig.«

»Aber wie?«

»Rechnen wir noch mal.«

»An den Abzügen ändert sich nichts.«

»Und billiger kriegen wir kein Zimmer und Küche.«

»Vielleicht fünf Mark billiger.«

»Naja, ich will mal sehen. ’Ne Zeitung möcht man sich aber auch halten.«

»Sicher. Können wir nur am Essen sparen, nun gut, zehn Mark vielleicht ab.«

Sie sehen sich wieder an.

»Dann kommen wir noch immer nicht aus. Und an Sparen ist auch nicht zu denken.«

»Du«, sagt sie sorgenvoll, »mußt du immer Plättwäsche tragen? Die kann ich nicht selber plätten.«

»Doch, das verlangt der Chef. Ein Oberhemd kostet sechzig Pfennig plätten und ein Kragen zehn Pfennig.«

»Macht auch wieder fünf Mark im Monat«, rechnet sie.

»Und Schuhe besohlen.«

»Auch das, ja. Das ist auch gemein teuer.«

Pause. »Also, rechnen wir noch mal.«

Und nach einer Weile: »Also streichen wir vom Essen noch mal zehn Mark ab. Aber billiger als für siebzig kann ich es nicht.«

»Wie machen es denn die andern?«

»Ja, ich weiß auch nicht. Furchtbar viel haben doch noch ’ne ganze Ecke weniger.«

»Ich versteh das nicht.«

»Da muß irgendwas nicht richtig sein. Laß uns noch mal rechnen.«

Sie rechnen und rechnen, sie kommen zu keinem andern Ergebnis. Sie sehen sich an. »Weißt du«, sagt Lämmchen plötzlich, »wenn ich heirate, kann ich mir doch meine Angestellten-Versicherung auszahlen lassen?«

»Au fein!« sagt er. »Das gibt sicher hundertzwanzig Mark.«

»Und deine Mutter«, fragt sie. »Du hast mir nie von ihr erzählt.«

»Da ist auch nichts zu erzählen«, sagt er kurz. »Ich schreib ihr nie.«

»So«, sagt sie. »Ja dann.«

Wieder Stille.

Sie kommen nicht weiter, also stehen sie auf und treten auf den Balkon. Es ist fast alles dunkel geworden im Hof, auch die Stadt ist still geworden. In der Ferne hört man ein Auto tuten.

Er sagt in Gedanken verloren: »Haarschneiden kostet auch achtzig Pfennige.«

»Oh du, laß«, bittet sie. »Was die andern können, werden wir auch können. Es wird schon gehen.«

»Hör noch mal zu, Lämmchen«, sagt er. »Ich will dir auch kein Hausstandsgeld geben. Zu Anfang des Monats tun wir alles Geld in einen Topf, und jeder nimmt sich immer davon, was er braucht.«

»Ja«, sagt sie. »Ich hab einen hübschen Topf dafür, blaues Steingut. Ich zeig ihn dir noch. — Und dann wollen wir furchtbar sparsam sein. Vielleicht lerne ich noch, Oberhemden plätten.«

»Fünf-Pfennig-Zigaretten sind auch Unsinn«, sagt er. »Es gibt schon ganz anständige für drei.«

Aber sie stößt einen Schrei aus: »Oh Gott, Junge, den Murkel haben wir doch ganz vergessen! Der kostet ja auch Geld!«

Er überlegt: »Was kostet denn solch kleines Kind? Und dann gibt es Entbindungsgeld und Stillgeld und Steuern zahlen wir auch weniger …ich glaub immer, die ersten Jahre kostet der gar nichts.«

»Ich weiß nicht«, sagt sie zweifelnd.

In der Tür steht eine weiße Gestalt.

»Wollt ihr nicht endlich ins Bett?« fragt Frau Mörschel. »Drei Stunden könnt ihr noch schlafen.«

»Ja, Mutter«, sagt Lämmchen.

»Es ist schon alles gleich«, sagt die Alte. »Ich schlaf heute bei Vater. Der Karl bleibt heute Nacht auch weg. Nimm ihn dir mit, deinen …« Die Tür schrammt zu, ungesagt bleibt, welchen deinen …

»Aber ich möchte wirklich nicht«, sagt Pinneberg etwas pikiert. »Das ist doch wirklich nicht angenehm hier bei deinen Eltern …«

»Oh Gott, Junge«, lacht sie. »Ich glaub, der Karl hat recht, du bist ein Bourgeois …«

»Aber keine Spur!« protestiert er. »Wenn es deine Eltern nicht stört.« Er zögert noch einmal: »Und wenn Doktor Sesam sich nun geirrt hat, ich habe nichts da.«

»Also setzen wir uns wieder auf die Küchenstühle«, schlägt sie vor. »Mir tut schon alles weh.«

»Ich komm ja schon, Lämmchen«, sagt er reumütig.

»Ja, wenn du nicht willst —?«

»Ich bin ein Schaf, Lämmchen! Ich bin ein Schaf!«

»Na also«, sagt sie. »Dann passen wir ja zueinander.«

»Das wollen wir gleich sehen«, sagt er.

Teil II

Erster Teil Die kleine Stadt

Die Ehe fängt ganz richtig mit einer Hochzeitsreise an, aber — brauchen wir einen Schmortopf?

Der Zug, der um 14 Uhr 10 an diesem August-Sonnabend von Platz nach Ducherow fährt, befördert in einem Nichtraucherabteil dritter Klasse Herrn und Frau Pinneberg, in seinem Packwagen einen »ganz großen« Schließkorb mit Emmas Habe, einen Sack mit Emmas Betten — aber nur ihr Bett, »für sein Bett kann er selber sorgen, wie kommen wir dazu« — und eine Eierkiste mit Emmas Porzellan.

Der Zug verläßt eilig die große Stadt Platz, am Bahnhof war keiner, die letzten Vorstadthäuser bleiben zurück, nun kommen die Felder. Eine Weile noch geht es an dem Ufer der glitzernden Strela entlang, und nun Wald, Birken an der Bahn lang.

Im Abteil sitzt außer ihnen nur noch ein grämlicher Mann, der sich nicht entschließen kann, was er nun eigentlich tun soll: Zeitung lesen, die Landschaft besehen oder das junge Paar beobachten. Überraschend geht er von einem zum andern über, und immer, wenn die beiden sich grade ganz sicher glauben, werden sie von ihm erwischt.

Pinneberg legt ostentativ seine rechte Hand aufs Knie. Der Reif schimmert freundlich. Jedenfalls sind es vollständig legitime Dinge, die dieser Grämling beobachtet. Er sieht aber nicht den Ring an, sondern die Landschaft.

»Macht sich gut, der Ring«, sagt Pinneberg zufrieden. »Kann man überhaupt nicht sehen, daß er nur vergoldet ist.«

»Weißt du, ein komisches Gefühl ist es doch mit dem Ring, ich fühl ihn immerzu und muß ihn ewig ansehen.«

»Bist ihn eben noch nicht gewöhnt. Alte Eheleute spüren ihn überhaupt nicht. Verlieren ihn, merken es gar nicht.«

»Das sollte mir passieren«, sagt Lämmchen entrüstet. »Ich werd ihn merken, immer und immer.«

»Ich auch«, erklärt Pinneberg. »Wo er mich an dich erinnert.«

»Und mich an dich!«

Sie neigen sich gegeneinander, immer näher, immer näher. Und fahren zurück, der Grämliche starrt geradezu schamlos.

»Keiner aus Ducherow«, flüstert Pinneberg. »Müßte ihn kennen.«

»Kennst du denn alle bei euch?«

»Was so in Frage kommt, natürlich. Wo ich früher bei Bergmann Herren- und Damenkonfektion verkauft habe. Da kennt man alles.«

»Warum hast du das denn aufgegeben? Das ist doch eigentlich deine Branche.«

»Hab mich verkracht mit dem Chef«, sagt Pinneberg kurz.

Lämmchen möchte weiter fragen, sie spürt, hier ist noch ein Abgrund, aber lieber läßt sie es. Alles hat Zeit, jetzt, wo sie richtig standesamtlich getraut sind.

Er hat scheinbar auch gerade daran gedacht: »Deine Mutter sitzt nun längst wieder zu Haus«, sagt er.

»Ja«, sagt sie. »Mutter ist böse, deswegen ist sie auch nicht mit zur Bahn gegangen. ’Ne Hundehochzeit ist das, hat sie gesagt, wie wir weggegangen sind vom Standesamt.«

»Soll ihr Geld sparen. So ’ne Festfresserei, wo alle nur dreckige Witze reißen, ist mir gräßlich.«

»Natürlich«, sagt Lämmchen. »Mutter hätte es nur Spaß gemacht.«

»Haben nicht geheiratet, damit Mutter Spaß hat«, sagt er kurz angebunden.

Pause.

»Du«, fängt Lämmchen wieder an, »ich bin so schrecklich gespannt auf die Wohnung.«

»Na ja, hoffentlich gefällt sie dir. Viel Auswahl ist nicht in Ducherow.«

»Also, Hannes, beschreib sie mir noch mal.«

»Schön«, sagt er und erzählt, was er schon öfter erzählt hat. »Daß sie ganz draußen liegt, hab ich schon gesagt. Ganz im Grünen.«

»Das finde ich grade so fein.«

»Aber es ist ein richtiger Mietskasten. Maurermeister Mothes hat ihn da draußen hingesetzt, hat gedacht, da kommen noch mehr. Aber keiner kommt und baut da.«

»Warum nicht?«

»Weiß ich nicht. Ist den Leuten zu einsam, zwanzig Minuten von der Stadt. Kein gepflasterter Weg.«

»Also die Wohnung«, erinnert sie ihn.

»Ja, also, wir wohnen ganz oben, bei der Witwe Scharrenhöfer.«

»Wie ist sie denn?«

»Gott, was soll ich sagen. Sie tat ja sehr fein, sie hat auch mal bessere Tage gesehen, aber die Inflation …Na, sie hat mir tüchtig was vorgeweint.«

»Oh Gott!«

»Sie wird ja nicht immer weinen. Und überhaupt, das ist ausgemacht, nicht wahr, wir sind schrecklich reserviert! Wir wollen keinen Verkehr mit anderen Leuten haben. Wir sind für uns genug.«

»Natürlich. Aber wenn sie aufdringlich ist?«

»Glaub ich nicht. Ist ’ne richtige feine alte Dame mit ganz weißen Haaren. Und sie hat schreckliche Angst um ihre Sachen, es sind doch noch die guten Sachen von ihrer Mutter selig, und wir sollen uns immer langsam auf das Sofa setzen, weil das noch die gute alte Federung hat, die verträgt keine plötzliche Belastung.«

»Wenn ich da man nur immer dran denke«, sagt Lämmchen bedenklich. »Wenn ich mich freue oder wenn ich schrecklich traurig bin und rasch mal heulen möchte, und ich setz mich hin, dann kann ich doch nicht an die gute alte Federung denken.«

»Mußt du«, sagt Pinneberg streng. »Mußt du eben. Und die Uhr unter dem Glassturz auf dem Vertiko, die sollst du nicht aufziehen und ich auch nicht, das kann sie allein.«

»Soll sie sich ihre olle eklige Uhr rausholen. Ich will in meiner Wohnung keine Uhr, die ich nicht aufziehen darf.«

»Es wird schon alles nicht so schlimm werden. Schließlich sagen wir, das Schlagen stört uns.«

»Aber gleich heute abend! Ich weiß ja nicht, solche vornehme Uhren, vielleicht müssen die nachts aufgezogen werden. — Also, sag endlich, wie ist es: man kommt die Treppe rauf und da ist die Flurtür. Und dann …«

»Dann kommt der Vorplatz, den haben wir gemeinsam. Und links gleich die erste Tür, das ist unsere Küche. Das heißt, ’ne ganz richtige Küche ist es nicht, früher ist es wohl nur so ’ne Dachkammer gewesen unter dem schrägen Dach, aber ein Gaskocher ist da …«

»Mit zwei Flammen«, ergänzt Lämmchen traurig. »Wie ich das machen soll, das ist mir noch schleierhaft. Auf zwei Flammen kann doch kein Mensch ein Essen kochen. Mutter hat vier Flammen.«

»Aber natürlich geht es mit zweien.«

»Nun paß doch mal auf, Junge!«

»Wir wollen ganz einfach essen, da reichen zwei Flammen vollkommen.«

»Wollen wir auch. Aber ’ne Suppe willst du doch haben: erster Topf. Und dann Fleisch: zweiter Topf. Und Gemüse: dritter Topf. Und Kartoffeln: vierter Topf. Wenn ich dann zwei Töpfe auf den beiden Flammen warm habe, sind unterdes die beiden andern kalt geworden. Bitte!«

»Ja«, sagt er gedankenvoll. »Ich weiß doch auch nicht …«

Und plötzlich, ganz erschrocken: »Aber dann brauchst du ja vier Kochtöpfe!«

»Brauch ich auch«, sagt sie stolz. »Damit komm ich noch nicht einmal aus. Einen Schmortopf muß ich auch haben.«

»Oh Gott, und ich hab nur einen gekauft!«

Lämmchen ist unerbittlich: »Dann müssen wir eben noch vier dazu kaufen.«

»Aber das geht doch nicht vom Gehalt, das geht doch schon wieder vom Ersparten!«

»Das hilft aber nichts, Junge, sei schon vernünftig. Was sein muß, muß doch sein, wir brauchen doch die Töpfe.«

»Das habe ich mir ganz anders gedacht«, sagt er traurig. »Ich denke, wir kommen vorwärts und sparen, und nun fangen wir gleich mit Geldausgaben an.«

»Aber wenn es sein muß!«

»Der Schmortopf ist ganz überflüssig«, sagt er erregt. »Ich eß nie Geschmortes. Nie! Nie! Wegen so ein bißchen Schmorbraten einen ganzen Topf kaufen! Nie!«

»Und Rouladen?« fragt Lämmchen. »Und Braten?«

»Also die Wasserleitung ist auch nicht in der Küche«, sagt er verzweifelt. »Wegen Wasser mußt du immer in die Küche von Frau Scharrenhöfer gehen.«

»Oh Gott!« sagt sie wieder einmal. —

Von weitem sieht eine Ehe außerordentlich einfach aus: zwei heiraten, bekommen Kinder. Das lebt zusammen, ist möglichst nett zueinander und sucht, vorwärts zu kommen. Kameradschaft, Liebe, Freundlichkeit, Essen, Trinken, Schlafen, das Geschäft, der Haushalt, sonntags ein Ausflug, abends mal Kino! Fertig.

Aber in der Nähe löst sich die ganze Geschichte in tausend Einzelprobleme auf. Die Ehe, die tritt gewissermaßen in den Hintergrund, die versteht sich von selbst, ist die Voraussetzung, aber beispielsweise: wie wird das nun mit dem Schmortopf? Und soll er gleich heute abend noch Frau Scharrenhöfer sagen, daß sie die Uhr aus dem Zimmer nimmt? Das ist es.

Dunkel fühlen es die beiden. Aber das sind noch keine dringenden Probleme, jeder Schmortopf wird über der Feststellung vergessen, daß sie jetzt allein im Abteil sind. Der Grämliche ist irgendwo ausgestiegen. Sie haben es gar nicht gemerkt. Schmortopf und Stutzuhr bleiben hinten, sie nehmen sich in die Arme, der Zug rattert. Ab und an holen sie einmal Atem, und dann küssen sie sich wieder, bis der langsamer fahrende Zug verrät: Ducherow.

»Oh Gott, schon!« sagen beide.

Pinneberg wird mystisch und Lämmchen bekommt Rätsel zu raten

»Ich hab ein Auto bestellt«, sagt Pinneberg hastig, »der Weg zu uns raus wäre doch zuviel geworden für dich.«

»Aber wieso denn? Wo wir sparen wollen! In Platz sind wir doch erst vorigen Sonntag zwei Stunden gelaufen!«

»Aber deine Sachen …«

»Die hätte uns auch ein Dienstmann bringen können. Oder jemand aus deinem Geschäft. Ihr habt doch Arbeiter …«

»Nein, nein, das mag ich nicht, das sieht dann so aus …«

»Na schön«, sagt Lämmchen ergeben, »wie du meinst.«

»Und noch eins«, sagt er eilig, während schon die Bremsen angezogen werden. »Wir wollen nicht so verheiratet tun. Wir wollen so tun, wie wenn wir uns nur ganz flüchtig kennen.«

»Aber warum denn?« fragt Lämmchen erstaunt. »Wir sind doch ganz richtig verheiratet!«

»Weißt du«, erklärt er verlegen, »es ist wegen der Leute. Wir haben doch keine Karten verschickt, überhaupt nichts angezeigt. Und wenn sie uns nun so sehen, sie könnten doch beleidigt sein, nicht wahr?«

»Das versteh ich nicht«, sagt Lämmchen verblüfft. »Das mußt du mir noch mal erklären. Wieso können die Leute beleidigt sein, wenn wir verheiratet sind?«

»Ja, ich erzähl dir das alles noch. Aber jetzt nicht. Jetzt müssen wir …Nimmst du deinen Stadtkoffer? Also bitte, tu so ein bißchen fremd.«

Lämmchen sagt nichts mehr, sondern sieht ihren Jungen nur zweifelhaft von der Seite an. Der entwickelt eine vollendete Höflichkeit, hilft seiner Dame aus dem Wagen, sagt verlegen lächelnd: »Also dies ist der Hauptbahnhof Ducherow. Wir haben nämlich auch noch die Kleinbahn nach Maxfelde. Bitte, hier.« Und er geht voran, die Treppe vorn Bahnsteig hinunter, wirklich ein bißchen zu rasch für einen so besorgten Ehemann, der sogar ein Auto bestellt hat, damit seiner Frau das Gehen nicht zuviel wird, immer zwei, drei Schritt vorweg. Und dann durch einen Seitenausgang. Da hält das Auto, ein geschlossener Wagen.

Der Chauffeur sagt: »Guten Tag, Herr Pinneberg. Guten Tag, Fräulein.«

Pinneberg murmelt hastig: »Einen Augenblick, bitte. Vielleicht schon einsteigen —? Ich besorge unterdes das Gepäck.« Und ist fort.

Lämmchen steht da und sieht den Bahnhofsplatz an, mit seinen kleinen zweistöckigen Häusern. Gerade gegenüber ist das Bahnhofshotel.

»Liegt hier auch das Geschäft von Kleinholz?« fragt sie den Chauffeur.

»Wo Herr Pinneberg arbeitet? Nee, Fräulein, da fahren wir nachher vorbei. Grade am Marktplatz, neben dem Rathaus.«

»Hören Sie«, sagt Lämmchen. »Können wir das Verdeck nicht aufmachen vom Wagen? Es ist doch heute ein so schöner Tag.«

»Tut mir leid, Fräulein«, sagt der Chauffeur. »Herr Pinneberg hat ausdrücklich geschlossen bestellt. Sonst hab ich das Verdeck doch auch nicht oben, diese Tage.«

»Na schön«, sagt Lämmchen. »Wenn es Herr Pinneberg so bestellt hat.« Und steigt ein.

Sie sieht ihn kommen, hinter dem Gepäckträger, der Koffer, Bettsack und Kiste auf einer Karre heranschiebt. Und weil sie ihren Mann seit fünf Minuten mit ganz anderen Augen ansieht, fällt ihr auf, daß er die rechte Hand in der Hosentasche hat. Das ist sonst seine Art nicht, so was macht er sonst gar nicht. Aber jetzt hat er jedenfalls die rechte Hand in der Hosentasche.

Dann fahren sie los.

»So«, sagt er und lacht ein wenig verlegen. »Nun bekommst du ganz Ducherow im Fluge zu sehen. Ganz Ducherow ist eigentlich eine lange Straße.«

»Ja«, sagt sie, »du wolltest mir auch noch erklären, warum die Leute beleidigt sein könnten.«

»Nachher«, sagt er. »Es redet sich wirklich schlecht jetzt. Das Pflaster ist miserabel bei uns.«

»Also nachher«, sagt sie und schweigt auch. Aber wieder fällt ihr etwas auf; er hat den Kopf ganz in die Ecke gedrückt, wenn jemand ins Auto sieht, kann er ihn sicher nicht erkennen.

»Da ist dein Geschäft«, sagt sie. »Emil Kleinholz. Getreide, Futter und Düngemittel. Kartoffeln en gros und en detail. — Da kann ich ja meine Kartoffeln bei dir kaufen.«

»Nein, nein«, sagt er hastig. »Das ist ein altes Schild. Wir haben Kartoffeln nicht mehr im Detail.«

»Schade«, sagt sie. »Ich hätte mir das so hübsch gedacht, wenn ich zu dir ins Geschäft gekommen wäre und hätte von dir zehn Pfund Kartoffeln gekauft. Ich hätte auch gar nicht verheiratet getan, du.«

»Ja, schade«, sagt auch er. »Es wäre wunderhübsch gewesen.«

Sie tippt mit der Fußspitze sehr energisch auf den Boden und tut einen empörten Schnaufer, aber sie sagt nichts weiter. — Gedankenvoll fragt sie später: »Haben wir hier auch Wasser?«

»Wieso?« fragt er vorsichtig.

»Nun zum Baden! Was heißt da Wieso?« sagt Lämmchen ungeduldig.

»Ja, Badegelegenheit gibt es hier auch«, sagt er.

Und sie fahren weiter. Aus der Hauptstraße müssen sie heraus sein. Feldstraße liest Lämmchen. Einzelne Häuser, alle in Gärten.

»Du, hier ist es hübsch«, sagt sie erfreut. »Die vielen Sommerblumen!«

Das Auto macht förmlich Sprünge.

»Jetzt sind wir im Grünen Ende«, sagt er.

»Im Grünen Ende?«

»Ja, unsere Straße heißt das Grüne Ende.«

»Das ist eine Straße?! Ich dachte schon, der Mann hat sich verfahren.«

Links ist eine stacheldraht-bewehrte Koppel, besetzt mit ein paar Kühen und einem Pferd. Rechts ist ein Kleeschlag, der Rotklee blüht grade.

»Mach doch jetzt das Fenster auf!« bittet sie.

»Wir sind schon da.«

Wo die Koppel zu Ende ist, hört auch das flache Land wieder auf. Hierhin hat die Stadt ihr letztes Denkmal gepflanzt — und was für eines! Schmal und hoch steht der Spekulationskasten des Maurermeisters Mothes im Flachen braun und gelb verputzt, aber nur von vorn, die Seitenmauern sind unverputzt und warten auf Anschluß.

»Schön ist es nicht«, sieht Lämmchen an ihm hoch.

»Aber drinnen ist es wirklich nett«, ermutigt er sie.

»Also gehen wir rein«, sagt sie. »Und für den Murkel wird es natürlich herrlich sein hier, so gesund.«

Pinneberg und der Chauffeur fassen den Korb an, Lämmchen nimmt die Eierkiste, der Chauffeur erklärt: »Den Bettsack bring ich nachher.«

Unten im Parterre, wo der Laden ist, riecht es nach Käse und Kartoffeln, im ersten Stock wiegt der Käse vor, im zweiten herrscht er unumschränkt und ganz oben unter dem Dach riecht es wieder nach Kartoffeln, dumpfig und feucht.

»Erklär mir das, bitte! Wie ist der Geruch am Käse vorbeigekommen?«

Aber Pinneberg schließt schon die Tür auf.

»Wir wollen gleich in die Stube, nicht wahr?«

Sie gehen über den kleinen Vorplatz, er ist wirklich sehr klein, und rechts steht eine Garderobe und links eine Truhe. Die Männer kommen kaum mit dem Korb durch.

»Hier!« sagt Pinneberg und stößt die Tür auf.

Lämmchen tritt auf die Schwelle.

»Oh Gott«, sagt sie verwirrt. »Was ist denn hier …?«

Aber dann wirft sie alles, was sie in Händen hat, auf ein umbautes Plüschsofa — unter der Eierkiste schreien die Federn auf —, läuft zum Fenster, es sind vier große strahlend helle Fenster in dem langen Zimmer, reißt es auf und lehnt sich hinaus.

Unten, unter ihr, das ist die Straße, der zerfahrene Feldweg mit Sandgleisen und Gras und Melde und Saudisteln. Und dann ist das Kleefeld da und jetzt riecht sie es, nichts riecht so herrlich wie blühender Klee, auf den einen ganzen Tag lang die Sonne geschienen hat.

Und an das Kleefeld schließen sich andere Felder, gelbe und grüne, und auf ein paar Roggenschlägen ist auch schon die Stoppel geschält. Und dann kommt ein ganz tiefgrüner Streifen — Wiesen — und zwischen Weiden und Erlen und Pappeln fließt die Strela, schmal hier, ein Flüßchen nur.

»Nach Platz«, denkt Lämmchen. »Nach meinem Platz, wo ich geschuftet habe und mich gequält, und allein gewesen bin, in einer Hofwohnung. Immer Mauern, Steine …Hier geht es immer weiter.«

Und nun sieht sie im Fenster neben sich das Gesicht ihres Jungen, der den Chauffeur mit dem Bettsack abgefertigt hat, und er strahlt sie selig und selbstvergessen an.

Sie ruft ihm zu: »Sieh doch nur dies alles! Hier kann man leben …«

Sie reicht ihm aus ihrem Fenster die rechte Hand und er nimmt sie mit seiner Linken.

»Der ganze Sommer!« ruft sie und beschreibt einen Halbkreis mit ihrem freien Arm.

»Siehst du das Zügel? Das ist die Kleinbahn nach Maxfelde«, sagt er.

Unten taucht der Chauffeur auf. Er ist wohl im Laden gewesen, denn er grüßt mit einer Flasche Bier. Der Mann wischt sorgfältig den Flaschenrand mit der Innenfläche der Hand ab, legt den Kopf zurück, ruft: »Ihre Gesundheit!« und trinkt.

»Prost!« ruft Pinneberg und hat Lämmchens Hand losgelassen.

»So«, sagt Lämmchen. »Und nun wollen wir die Schreckenskammer betrachten.«

Selbstverständlich ist so was ein Unding: man dreht sich von der Betrachtung des schlichten, klaren Landes um und sieht einen Raum, in dem …Nun, Lämmchen ist wirklich nicht verwöhnt. Lämmchen hat höchstens einmal in einem Schaufenster an der Mainzerstraße in Platz schlichte, gradlinige Möbel gesehen. Aber dies …

»Bitte, Junge«, sagt sie. »Nimm mich bei der Hand und führe mich. Ich hab Angst, ich stoß was um oder ich bleibe wo stecken und ich kann nicht mehr vor und zurück.«

»Na, so schlimm ist es doch auch nicht«, sagt er etwas gekränkt. »Ich finde, hier sind sehr gemütliche Winkel.«

»Ja, Winkel«, sagt sie. »Aber erzähl mir um Gottes Willen, was ist das? Nein, sag kein Wort. Wir wollen hingehen, das muß ich in der Nähe betrachten.«

Sie machen sich auf die Wanderschaft, aber wenn sie auch meistens hintereinander gehen müssen, Lämmchen läßt ihren Hannes nicht los.

Also: das Zimmer ist eine Schlucht, gar nicht mal so schmal, aber endlos lang, eine Reitbahn. Und während vier Fünftel dieser Bahn ganz vollgestellt sind mit Polstermöbeln, Nußbaumtischen, Vertikos, Spiegelkonsolen, Blumenständern, Etageren, einem großen Papageienkäfig (ohne Papagei), stehen im letzten Fünftel nur zwei Betten und ein Waschtisch. Aber die Trennung zwischen dem vierten und dem fünften Fünftel, die ist es, die Lämmchen lockt. Es ist eine Scheidung herbeigeführt zwischen Wohn- und Schlafgemach, aber mit keiner Rabitzwand, mit keinem Vorhang, mit keiner spanischen Wand. Sondern — also mit Leisten ist so eine Art Spalier gemacht, eine Art Weingeländer vom Boden bis zur Decke mit einem Bogen, durch den man gehen kann. Und diese Leisten sind nicht etwa einfache glatte Holzleisten, sondern schön braun gebeizte Nußbaumleisten, jede mit fünf parallelen Riefen in sich. Aber daß das Spalier nicht so nackt aussähe, sind Blumen hineingewunden, Blumen aus Papier und Stoff. Rosen und Narzissen und Veilchentuffs. Und dann sind da lange grüne Papiergirlanden, die man von den Bockbierfesten her kennt.

»Oh Gott!« sagt Lämmchen und setzt sich. Sie setzt sich, wo sie steht, aber es ist keine Gefahr, daß sie auf die Erde zu sitzen kommt, überall ist was da, immer ist was da, ihr Po stößt auf einen rohrgeflochtenen Klaviersessel, Ebenholz, der dort steht, ohne Klavier.

Pinneberg steht stumm dabei. Er weiß nicht, was er sagen soll. Ihm hat eigentlich beim Mieten alles so ziemlich eingeleuchtet, und das Spalier hat er ganz lustig gefunden.

Plötzlich beginnen Lämmchens Augen zu funkeln, ihre Beine haben wieder Kraft, sie steht auf, sie nähert sich dem Blumenspalier, sie fährt mit den Finger über eine Leiste. Diese Leiste hat Riefen, Rillen, Kerben, das ist schon gesagt, Lämmchen prüft ihren Finger.

»Da!« sagt sie und hält dem Jungen den Finger hin. Der Finger ist grau.

»Ein bißchen staubig«, sagt er vorsichtig.

»Bißchen!!« Lämmchen sieht ihn flammend an. »Du hältst mir ’ne Frau, ja. Mindestens fünf Stunden täglich muß hier ’ne Frau her.«

»Aber warum denn? Wieso denn?«

»Und wer soll das sauber halten, bitte? Die dreiundneunzig Möbel mit ihren Kerben und Knäufen und Säulen und Muscheln, na ja, ich hätt’s noch getan. Trotzdem es sündhaft ist, solche Quatscharbeit. Aber dieses Spalier, da habe ich ja allein jeden Tag drei Stunden damit zu tun. Und dann die Papierblumen …«

Sie versetzt einer Rose einen Schmiß. Die Rose fällt zu Boden, aber ihr nach tanzen durch den Sonnenschein Millionen grauer Stäubchen.

»Hältst du mir ’ne Frau, du?« fragt Lämmchen und ist gar kein Lämmchen.

»Wenn du’s vielleicht einmal in der Woche gründlich machtest?«

»Unsinn! Und hier soll der Murkel aufwachsen. Wieviele Löcher soll er sich an den Knäufen und Knorren rennen? Sag!«

»Bis dahin haben wir vielleicht ’ne Wohnung.«

»Bis dahin! — Und wer soll das heizen im Winter? Unter’m Dach? Zwei Außenwände! Vier Fenster! Jeden Tag einen halben Zentner Briketts und dann noch geklappert!«

»Ja, weißt du«, sagt er etwas pikiert, »möbliert ist natürlich nie so wie eigen.«

»Das weiß ich auch, du. Aber sag selbst, wie findest du das? Gefällt dir das? Möchtest du hier leben? Denk dir doch mal aus, du kommst nach Haus und dann rennst du hier zwischen Eiern rum und überall sind Deckchen. Aua! — dacht ich mir doch, mit Stecknadeln festgepiekst!«

»Aber wir finden nichts Besseres.«

» Ich finde was Besseres. Verlaß dich drauf. Wann können wir kündigen?«

»Am ersten September. Aber …«

»Zu wann?«

»Zum dreißigsten September. Aber …«

»Sechs Wochen«, stöhnt sie. »Nun, ich werde es überstehen. Mir tut nur der arme Murkel leid, der dies alles miterleben muß. Ich dachte, ich würde schön mit ihm spazieren gehen können hier draußen. Kuchen, Möbel polieren.«

»Aber wir können nicht sofort wieder kündigen!«

»Natürlich können wir. Am liebsten gleich, heute, diese Minute!« Sie steht da, ganz Entschlossenheit, die Backen rot, aggressiv, die Augen blitzend, den Kopf im Nacken.

Pinneberg sagt langsam: »Weißt du, Lämmchen, ich habe dich mir ganz anders gedacht. Viel sanfter …«

Sie lacht, sie stürzt auf ihn zu, fährt mit der Hand durch seine Haare. »Natürlich bin ich ganz anders, wie du gedacht hast, das weiß ich doch. Dachtest du, ich wäre Zucker, wo ich seit der Schule ins Geschäft gegangen bin, und bei dem Bruder, dem Vater, der Vorgesetzten, den Kollegen!«

»Ja, weißt du …«, sagt er nachdenklich.

Die Uhr, die berühmte Glasstutzuhr auf dem Ofensims — zwischen einem hämmernden Amor und einem Glaspirol —, schlägt hastig siebenmal.

»Marsch los, Junge! Wir müssen noch runter ins Geschäft, zum Abendessen einkaufen und für morgen. Jetzt bin ich ja nur gespannt auf die sogenannte Küche!«

Pinnebergs machen einen Antrittsbesuch, es wird geweint, und die Verlobungsuhr schlägt immerzu

Das Abendessen ist vorüber, ein Abendessen, eingekauft, zubereitet, durch ein Gespräch belebt, mit Plänen ausgefüllt von einem ganz veränderten Lämmchen. Es hat Brot und Aufschnitt gegeben, dazu Tee. Pinneberg war mehr für Bier gewesen, aber Lämmchen hatte erklärt: »Erstens ist Tee billiger. Und zweitens ist für den Murkel Bier gar nicht gut. Bis zur Entbindung trinken wir keinen Tropfen Alkohol. Und überhaupt …«

» Wir«, dachte Pinneberg wehmütig, fragte aber nur: »Und was überhaupt?«

»Und überhaupt sind wir nur heute abend mal so üppig. Zweimal die Woche mindestens gibt es nur Bratkartoffeln und Brot mit Margarine. Gute Butter —? Vielleicht sonntags. Margarine hat auch Vitamine.«

»Aber nicht dieselben.«

»Schön, entweder wollen wir vorwärtskommen oder wir brauchen allmählich das Ersparte auf.«

»Nein, nein«, sagt er eilig.

»So, und nun räumen wir ab. Abwaschen kann ich morgen früh. Und dann packe ich die erste Ladung zusammen und wir besuchen Frau Scharrenhöfer. Das schickt sich so.«

»Willst du wirklich gleich den ersten Abend —?«

»Gleich. Die soll sofort Bescheid wissen. Übrigens hätte sie sich längst sehen lassen können.«

In der Küche, die wirklich nichts weiter wie eine Bodenkammer mit einem Gaskocher ist, sagt Lämmchen noch einmal: »Schließlich gehen sechs Wochen auch mal vorbei.«

Ins Zimmer zurückgekehrt, entfaltet sie eine emsige Tätigkeit. Alle Deckchen und Häkeleien nimmt sie ab und legt sie fein säuberlich zusammen. »Rasch, Junge, hol eine Untertasse aus der Küche. Die soll nicht denken, wir wollen ihre Nadeln behalten.«

Endlich: »So.«

Sie legt das Paket mit den Decken über ihren Arm, sieht sich suchend um: »Und du nimmst die Uhr, Junge.«

Er zweifelt noch immer: »Soll ich wirklich —?«

»Du nimmst die Uhr. Ich gehe voran und mache die Türen auf.«

Sie geht wirklich voran, ganz ohne Furcht, erst über den kleinen Vorplatz, dann in einen kammerähnlichen Raum mit Besen und solchem Gemurks, dann durch die Küche …

»Siehst du, Junge, das ist eine Küche! Und hier darf ich nur Wasser holen!«

…dann durch ein Schlafzimmer, ein langes schmales Handtuch, nur mit zwei Betten …

»Hat die das Bett von ihrem Seligen stehen lassen? Besser, als wenn wir drin schlafen.«

…und dann in ein kleines Zimmer, das fast ganz dunkel ist, so dicke Plüschportieren hängen vor dem einzigen Fenster.

Frau Pinneberg bleibt in der Tür stehen. Unsicher sagt sie ins Dunkel: »Guten Abend. Wir wollten nur Guten Abend sagen.«

»Einen Augenblick«, sagt eine weinerliche Stimme. »Einen Augenblick nur. Ich mache gleich Licht.«

Hinter Lämmchen hantiert Pinneberg an einem Tisch, sie hört die kostbare Uhr leise klirren. Er bringt sie wohl rasch beiseite.

»Alle Männer sind feige«, stellt Lämmchen fest.

»Gleich mache ich Licht«, sagt die klagende Stimme, immer noch aus derselben Ecke. »Sie sind die jungen Leute? Ich muß mich nur erst zurechtmachen, ich weine abends immer ein bißchen …«

»Ja?« fragt Lämmchen. »Aber wenn wir stören …Wir wollten nur …«

»Nein, ich mache Licht. Bleiben Sie, junge Leute. Ich erzähl Ihnen, warum ich geweint habe, ich mach auch Licht …«

Und nun wird es wirklich Licht, was die alte Scharrenhöfer so Licht nennt: eine matte Glühbirne, ganz oben an der Decke, eine trübe Dämmernis zwischen Samt und Plüsch, etwas Fahles, Totengraues. Und in der Düsterkeit steht eine große knochige Frau, bleifarben, mit einer rötlichen langen Nase, schwimmenden Augen, mit dünnem, weißgrauem Haar, in einem grauen Alpakakleid.

»Die jungen Leute«, sagt sie und gibt Lämmchen eine feuchte, knochige Hand. »Bei mir! Die jungen Leute!«

Lämmchen drückt ihren Deckenpacken eng an sich. Daß die Alte ihn nur nicht sieht mit ihren trüben verweinten Augen. Gut, daß der Junge seine Uhr losgeworden ist, vielleicht kann man sie ohne Auffallen nachher wieder mitnehmen. Lämmchens Mut ist weg.

»Wir wollen aber wirklich nicht stören«, sagt Lämmchen.

»Wie können Sie stören? Zu mir kommt keiner mehr. Ja, als mein guter Mann noch lebte! Aber es ist recht, daß er nicht mehr lebt!«

»War er schwer krank?« fragt Lämmchen, und bekommt einen Schreck über ihre dumme Frage.

Aber die Alte hat es gar nicht gehört. »Sehen Sie!« sagte sie.

»Junge Leute, wir hatten vor dem Kriege gut und gern unsere fünfzigtausend Mark. Und nun ist das Geld alle. Wie kann das Geld alle sein?« fragt sie ängstlich. »Soviel kann eine alte Frau doch nicht ausgeben?«

»Die Inflation«, sagt Pinneberg vorsichtig.

»Es kann nicht alle sein«, sagt die alte Frau und hört nicht. »Ich sitze hier, ich rechne. Ich habe immer alles angeschrieben. Ich sitze, ich rechne. Da steht: ein Pfund Butter dreitausend Mark …kann ein Pfund Butter dreitausend Mark kosten.«

»In der Inflation …«, fängt auch Lämmchen an.

»Ich will es Ihnen sagen. Ich weiß jetzt, mein Geld ist mir gestohlen. Einer, der hier zur Miete gewohnt hat, hat es mir gestohlen. Ich sitze und überlege: wer war’s? Aber ich kann mir Namen nicht merken, es haben so viele hier gewohnt seit dem Kriege. Ich sitze, ich grüble. Er fällt mir noch ein, es ist ein ganz Kluger gewesen, damit ich es nicht merke, hat er mein Haushaltsbuch gefälscht. Aus ’ner drei hat er dreitausend gemacht, ich hab’s nicht gemerkt.«

Lämmchen sieht verzweifelt zu Pinneberg hin. Pinneberg sieht nicht hoch.

»Fünfzigtausend …wie können Fünfzigtausend alle sein? Ich hab hier gesessen, ich hab gerechnet, was ich alles angeschafft habe, die Jahre, seit mein Mann tot ist, Strümpfe und ein paar Hemden, ich hab ’ne schöne Aussteuer gehabt, ich brauch nicht viel, es ist alles angeschrieben. Keine Fünftausend sage ich Ihnen …«

»Aber da war doch die Geldentwertung«, macht Lämmchen einen neuen Versuch.

»Geraubt hat er es mir«, sagt die alte Frau kläglich und die hellen Tränen fließen mühelos aus ihren Augen. »Ich will Ihnen die Bücher zeigen, ich hab es jetzt gemerkt, die Zahlen sind nachher ganz anders, so viele Nullen.«

Sie steht auf und geht gegen den Mahagonisekretär.

»Es ist wirklich nicht nötig«, sagen Pinneberg und Lämmchen.

In diesem Augenblick geschieht es: die Uhr draußen, die Pinneberg im Schlafzimmer der Alten abgestellt hatte, schlägt silbern hell, eilig neun Uhr.

Die Alte bleibt halbwegs stehen. Den Kopf erhoben späht sie in das Dunkel, lauscht mit halboffenem Munde, mit zitternder Lippe.

»Ja?« fragt sie ängstlich.

Lämmchen faßt nach Pinnebergs Arm.

»Das ist die Verlobungsuhr von meinem Mann. Sie stand doch sonst drüben?«

Die Uhr hat zu schlagen aufgehört.

»Wir wollten Sie bitten, Frau Scharrenhöfer«, fängt Lämmchen an.

Aber die Alte hört nicht, vielleicht hört sie überhaupt nie auf das, was andere reden. Sie macht die angelehnte Tür auf: da steht die Uhr, selbst in diesem schlechten Licht deutlich sichtbar. »Die jungen Leute haben mir meine Uhr wiedergebracht«, flüstert die Alte. »Das Verlobungsstück von meinem Mann. Es gefällt den jungen Leuten bei mir nicht. Sie bleiben auch nicht bei mir. Keiner bleibt …«

Und wie sie das gesagt hat, fängt die Uhr wieder zu schlagen an, noch eiliger, noch glasheller beinahe, Schlag um Schlag, zehnmal, fünfzehnmal, zwanzigmal, dreißigmal …

»Das kommt vom Tragen. Sie verträgt das Tragen nicht mehr«, flüstert Pinneberg.

»Oh Gott, komm schnell!« bittet Lämmchen.

Sie stehen auf. Aber in der Tür steht die Alte, läßt sie nicht vorbei, sieht die Uhr an. »Sie schlägt«, flüstert sie. »Sie schlägt immerzu. Und dann schlägt sie nie wieder. Ich hör sie zum letzten Mal. Alles geht von mir weg. Das Geld ist auch weg. Wenn die Uhr schlug, dachte ich immer: die hat mein Mann noch gehört …«

Die Uhr steht still.

»Bitte, Frau Scharrenhöfer, es tut mir sehr leid, daß ich Ihre Uhr angefaßt habe.«

»Ich bin schuld«, schluchzt Lämmchen. »Ich ganz allein …«

»Gehen Sie, junge Leute, gehen Sie nur. Das soll so sein. Eine gute Nacht, junge Leute.«

Die beiden drücken sich vorbei, angstvoll, verschüchtert wie Kinder.

Plötzlich ruft die Alte klar und deutlich: »Vergessen Sie am Montag nicht die Anmeldung bei der Polizei! Sonst habe ich Scherereien.«

Der Schleier der Mystik hebt sich, Bergmann und Kleinholz, auch warum Pinneberg nicht verheiratet sein kann

Sie wissen nicht recht, wie sie in ihr Zimmer gekommen sind, durch all die dunklen übervollen Räume, angefaßt an der Hand wie Kinder, die sich ängstigen.

Nun stehen sie in ihrem Zimmer, auch das noch gespenstisch genug, nebeneinander, im Dunklen. Es ist, als ob das Licht ihnen widerstrebte, als könnte es ebenso trübe sein wie das funzlige Licht nebenan bei der alten Frau.

»Das war schrecklich«, sagt Lämmchen, tief Atem holend.

»Ja«, sagt er. Und nach einer Weile noch einmal: »Ja. Sie ist verrückt, die Frau, Lämmchen, aus Kummer um ihr Geld.«

»Das ist sie. Und ich …«, die beiden stehen noch immer angefaßt im Dunklen …»und ich soll den ganzen Tag hier allein in der Wohnung sein und sie kann immer zu mir hereinkommen. Nein! Nein!«

»Sei doch ruhig, Lämmchen. Neulich war sie ganz anders. Das war vielleicht nur einmal so.«

»Junge Leute …«, wiederholt Lämmchen. »Sie sagt es so häßlich, als wenn wir etwas noch nicht wüßten. Du, du, Junge, ich will nicht so werden wie die! Nicht wahr, ich kann nicht so werden wie die?! Ich hab Angst.«

»Aber du bist doch Lämmchen«, sagt er und nimmt sie in seinen Arm. Sie ist so hilflos, so groß und hilflos, und sie kommt zu ihm um Schutz. »Du bist doch Lämmchen und bleibst Lämmchen, wie kannst du werden wie die olle Scharrenhöfer?«

»Nicht wahr? Und für unsern Murkel kann es auch nicht gut sein, wenn ich hier wohne. Der soll sich nicht ängstigen, seine Mutter will immer fröhlich sein, damit er auch fröhlich wird.«

»Ja, ja«, sagt er und streichelt sie und wiegt sie. »Das kommt alles zurecht, das findet sich alles.«

»Das sagst du. Aber du versprichst mir nicht, daß wir ausziehen. Gleich!«

»Können wir es denn? Haben wir denn das Geld dafür, anderthalb Monate lang zwei Wohnungen zu bezahlen?«

»Ach, das Geld!« sagt sie. »Soll ich mich ängstigen, soll der Murkel schiech werden wegen ein bißchen Geld?«

»Ja, ach das Geld«, sagt er. »Das böse Geld. Das liebe Geld.«

Er wiegt sie in seinen Armen hin und her. Plötzlich fühlt er sich klug und alt, auf Dinge, auf die es bisher ankam, kommt es nicht mehr an. Er darf ehrlich sein: »Ich habe keine besonderen Gaben, Lämmchen«, sagt er. »Ich werd’ nicht hoch kommen. Wir werden nach dem Geld krampfen müssen.«

»Ach du!« sagt sie halb singend. »Ach du!«

Der Wind bewegt die weißen Vorhänge an den Fenstern. Das Zimmer ist von einem sanften Licht durchstrahlt. Magisch angezogen gehen die beiden Arm in Arm gegen das offene Fenster und lehnen sich hinaus.

Das Land liegt im Mondlicht. Ganz rechts leuchtet ein flackerndes, flimmerndes Pünktchen: die letzte Gaslaterne in der Feldstraße. Aber vor ihnen liegt das Land, schön aufgeteilt in freundliche Helle und in einen sanften, tiefen Schatten, wo Bäume stehen. So still ist es, sie hören bis hier herauf die Strela über ein paar Steine plätschern. Und der Nachtwind stößt ganz sanft gegen ihre Stirnen.

»Wie schön das ist«, sagt sie. »Wie friedlich!«

»Ja«, sagt er. »Das tut richtig gut. Zieh mal die Luft tief ein, nicht wie bei euch in Platz.«

»Bei euch …ich bin nicht mehr in Platz, ich gehöre nicht mehr nach Platz, ich bin am Grünen Ende bei der Witwe Scharrenhöfer …«

»Nur bei der?«

»Nur bei der!«

»Gehen wir noch mal runter?«

»Jetzt nicht, Junge, laß uns hier noch ein Weilchen liegen. Ich muß dich auch noch etwas fragen.«

»Jetzt kommt es«, denkt er.

Aber sie fragt nicht. Sie liegt da im Fenster, der Wind bewegt das blonde Haar in der Stirn, legt es bald so bald so. Er sieht dem zu.

»So friedlich …«, sagt Lämmchen.

»Ja«, sagt er. Und dann: »Komm ins Bett, Lämmchen.«

»Wollen wir nicht noch ein bißchen aufbleiben? Wir können morgen doch so lange schlafen, wo Sonntag ist. Und dann will ich dich ja auch noch etwas fragen.«

»Also frag schon!«

Es klingt ein wenig gereizt. Pinneberg holt sich eine Zigarette, brennt sie vorsichtig an, nimmt einen tiefen Zug und sagt wieder, aber merklich sanfter: »Frag schon, Lämmchen.«

»Willst du es nicht so sagen?«

»Aber ich weiß doch gar nicht, was du fragen willst.«

»Du weißt!« sagt sie.

»Aber bestimmt nicht, Lämmchen …«

»Du weißt.«

»Lämmchen, bitte, sei vernünftig. Frag schon!«

»Du weißt.«

»Also dann nicht!« Er ist beleidigt.

»Junge«, sagt sie. »Junge, erinnerst du dich noch, wie wir in Platz in der Küche saßen? An unserm Verlobungstag? Es war ganz dunkel und so viele Sterne, und manchmal gingen wir auf den Küchenbalkon.«

»Ja«, sagt er brummig. »Weiß ich alles. Und —?«

»Weißt du nicht mehr, was wir da besprochen haben?«

»Na, hör mal, da haben wir uns eine hübsche Menge zusammengequasselt. Wenn ich das noch alles wissen soll!«

»Aber wir haben etwas ganz Bestimmtes besprochen. Uns versprochen sogar.«

»Weiß ich nicht«, sagt er kurz.

Also da liegt nun dieses mondbeschienene Land vor Frau Emma Pinneberg, geborene Mörschel. Die kleine Gaslaterne rechts zwinkert. Und gerade gegenüber, noch an diesem Ufer der Strela, ist ein Hümpel Bäume, fünf oder sechs. Die Strela plätschert und der Nachtwind ist sehr angenehm.

Es ist alles überhaupt sehr angenehm und man könnte diesen Abend sein lassen, wie er ist: angenehm. Aber da ist etwas in Lämmchen, das bohrt, das keine Ruhe läßt, etwas wie eine Stimme: es ist ja Schwindel mit diesem Angenehmsein, es ist ja Selbstbetrug. Man läßt es angenehm sein und plötzlich sitzt man bis über die Ohren im Dreck.

Lämmchen kehrt mit einem Ruck der Landschaft den Rücken und sagt: »Doch, wir haben uns was versprochen. Wir haben uns in die Hand versprochen, daß wir immer ehrlich zueinander sein wollten und keine Geheimnisse voreinander haben.«

»Erlaube mal, das war anders. Das hast du mir versprochen.«

»Und du willst nicht ehrlich sein?«

»Natürlich will ich das. — Aber es gibt Sachen, die brauchen Frauen nicht zu wissen.«

»So!« sagt Lämmchen und ist ganz erschlagen. Aber sie erholt sich rasch wieder und sagt eilig: »Und daß du dem Chauffeur fünf Mark gegeben hast, wo die Taxe nur zwei Mark vierzig machte, das ist solche Sache, die wir Frauen nicht wissen dürfen?«

»Der hat doch den Koffer und den Bettsack rauf getragen!«

»Für zwei Mark sechzig? Und warum hast du die rechte Hand in der Tasche getragen, daß man den Ring nicht sieht? Und warum hat das Verdeck vom Auto zusein müssen? Und warum bist du vorhin nicht mit zum Kaufmann runtergegangen? Und warum können die Leute beleidigt sein, wenn wir verheiratet sind? Und warum …?«

»Lämmchen«, sagt er, »Lämmchen, ich möchte wirklich nicht —«

»Das ist ja alles Unsinn, Junge«, antwortet sie, »du darfst einfach keine Geheimnisse vor mir haben. Wenn wir erst Geheimnisse haben, dann lügen wir auch, dann wird es bei uns wie bei allen andern.«

»Ja, schon, Lämmchen, aber …«

»Du kannst mir alles sagen, Junge, alles! Wenn du mich auch Lämmchen nennst, ich weiß doch Bescheid. Ich hab dir doch gar nichts vorzuwerfen.«

»Ja, ja, Lämmchen, weißt du, es ist alles nicht so einfach. Ich möchte schon, aber …es sieht so dumm aus, es klingt so …«

»Ist es was mit einem Mädchen?« fragt sie entschlossen.

»Nein. Nein. Oder doch, aber nicht so, wie du denkst.«

»Wie denn? Erzähl doch, Junge. Ach, ich bin ja so schrecklich gespannt.«

»Also, Lämmchen, meinethalben.« Aber er zaudert schon wieder. »Kann ich es dir nicht morgen erzählen?«

»Jetzt! Auf der Stelle! Glaubst du, ich kann schlafen, wenn ich mir so den Kopf zerbrechen muß? Es ist was mit einem Mädchen, aber es ist doch nichts mit einem Mädchen …Es klingt so geheimnisvoll.«

»Also, dann hör schon. Mit Bergmann muß ich anfangen, du weißt doch, im Anfang war ich hier bei Bergmann?«

»In der Konfektion, ja. Und ich finde ja auch Konfektion viel netter als Kartoffeln und Düngemittel. Düngemittel — verkauft ihr auch richtigen Mist?«

»Also wenn du mich jetzt veralberst, Lämmchen —!«

»Ich höre ja schon.« Sie hat sich auf die Fensterbank gesetzt und sieht abwechselnd ihren Jungen an und dieses Mondland. Das kann sie jetzt auch wieder ansehen. Es ist alles ganz richtig angenehm.

»Also bei Bergmann war ich erster Verkäufer mit hundertsiebzig Mark …«

»Erster Verkäufer und hundertsiebzig Mark?!«

»Stille biste! Da habe ich immer den Herrn Emil Kleinholz bedienen müssen. Er hat viel Anzüge gebraucht. Weißt du, er trinkt. Das muß er schon von Geschäfts wegen mit den Bauern und Gutsbesitzern. Aber er verträgt das Trinken nicht. Und dann liegt er auf der Straße und versaut sich seine Anzüge.«

»Äx! Wie sieht er denn aus?«

»Hör schon. Also ich habe ihn immer bedienen müssen, der Chef nicht und die Chefin auch nicht, haben bei ihm was zu bestellen gehabt. War ich mal nicht da, haben sie ’ne Pleite geschoben, und ich immer feste verkauft. Und dabei hat er auf mich eingeredet, wenn ich mich mal verändern will, und wenn ich die Judenwirtschaft über habe, und er hat einen rein arischen Betrieb, und ’nen feinen Buchhalterposten, und mehr verdiene ich auch bei ihm …Ich hab’ gedacht: red’ du nur! Ich weiß, was ich hab, und der Bergmann ist gar nicht schlecht, immer anständig zu den Angestellten.«

»Und warum bist du dann doch von ihm weg zu Kleinholz?«

»Ach, wegen so ’nem Quatsch. Weißt du, Lämmchen, das ist doch hier in Ducherow so, daß jedes Geschäft am Morgen die Post durch seine Lehrlinge vom Amt abholt. Die andern auch von unserer Branche: der Stern und der Neuwirth und der Moses Minden. Und den Lehrlingen ist streng verboten, daß sie einander die Post zeigen. Auf den Paketen sollen sie gleich den Absender dick durchstreichen, daß die Konkurrenz nicht weiß, wo wir kaufen. Aber die Lehrlinge kennen sich doch alle von der Gewerbeschule her und dann quasseln sie miteinander und vergessen das Durchstreichen. Und manche haben auch richtig schnüffeln lassen, der Moses Minden vor allem.«

»Wie klein das hier alles ist!« sagt Lämmchen.

»Ach, wo es groß ist, ist es auch nicht anders. Ja, und nun wollte das Reichsbanner dreihundert Windjacken kaufen. Und wir vier Textilgeschäfte haben alle ’ne Anfrage bekommen, von wegen Angebot. Wir wußten, die schnüffeln, die wollen durchaus raushaben, von wo wir unsere Muster bekommen, die Konkurrenz. Und weil wir den Lehrlingen nicht getraut haben, hab’ ich zum Bergmann gesagt: ich gehe selbst, ich hol die Post diese Tage selbst.«

»Na? Und? Haben sie’s rausgekriegt?« fragt Lämmchen gespannt.

»Nein«, sagt er und ist schwer gekränkt, »natürlich nicht. Wenn ein Lehrling nur auf zehn Meter Entfernung nach meinen Paketen geschielt hat, habe ich ihm schon Katzenköpfe angeboten. Den Auftrag haben wir gekriegt.«

»Ach, Junge, nun erzähl doch endlich. Wann kommt denn nun das Mädchen, das nicht so ist, wie ich denke? Das alles ist doch kein Grund, daß du von Bergmann weg bist.«

»Ja, ich hab ja schon gesagt«, meint er ziemlich verlegen, »es ist alles so ein Quatsch gewesen. Zwei Wochen lang habe ich die Post selber geholt. Und das hat nun der Chefin so gut gefallen, ich hab zwischen acht und neun ja doch nichts im Geschäft zu tun gehabt, und die Lehrlinge haben in der Zeit, wo ich weg war, das Lager durchbürsten können, da hat sie einfach erklärt: ›Herr Pinneberg kann jetzt immer die Post holen.‹ Und ich hab gesagt: ›Nein, wie komm ich denn dazu? Ich bin erster Verkäufer, ich renn nicht mit Paketen durch die Stadt.‹ Und sie hat gesagt: ›Doch!‹ und ich hab gesagt: ›Nein!‹, und schließlich sind wir beide in Wut gekommen und ich hab ihr gesagt: ›Sie haben mir überhaupt nichts zu befehlen. Ich bin vom Chef engagiert!‹«

»Und was hat der Chef gesagt?«

»Was soll er sagen? Seiner Frau kann er doch nicht Unrecht geben! Er hat mir gut zugeredet und schließlich hat er ganz verlegen gesagt, wie ich immer beim Nein blieb: ’Ja, dann werden wir uns trennen müssen, Herr Pinneberg!’ Und ich hab gesagt, weil ich so richtig in Fahrt war: ’Schön, zum nächsten Ersten trennen wir uns.’ Und er hat gesagt: ’Sie werden sich’s überlegen, Herr Pinneberg.’ Und ich hätte es mir auch noch überlegt, aber unglücklich kommt grade den Tag Kleinholz ins Geschäft und merkt, daß ich aufgeregt bin, und läßt sich alles erzählen, und da bestellt er mich auf den Abend zu sich. Wir haben Kognak und Bier getrunken, und wie ich die Nacht nach Haus kam, war ich engagiert als Buchhalter mit hundertachtzig Mark. Wo ich von richtiger Buchführung kaum etwas wußte.«

»Oh Junge. Und dein anderer Chef, der Bergmann? Was hat der gesagt?«

»Leid getan hat es ihm. Zugeredet hat er mir: ’Machen Sie’s rückgängig, Pinneberg’, hat er immer wieder zu mir gesagt. ’Sie werden doch nicht und mit sehenden Augen rennen in Ihr Verderben?! Was wollen Sie die Schickse heiraten, wo Sie sehen, die Memme treibt den Vater schon in den Suff. Und die Schickse ist schlimmer als die Memme.«’

»Hat er wirklich so geredet, dein Chef?«

»Na, das sind doch hier noch olle richtige Juden. Die sind stolz darauf, daß sie Juden sind. ’Sei nicht so mies’, hat der Bergmann oft gesprochen, ’bist doch ä Jud!«’

»Ich mag die Juden nicht sehr gerne«, sagt Lämmchen. »Und was war das mit der Tochter?«

»Ja, denk dir, das war nun der Haken. Vier Jahre habe ich in Ducherow gelebt und habe es nicht gewußt, daß der Kleinholz seine Tochter mit Gewalt verheiraten will. Die Mutter ist schon schlimm, keift den ganzen Tag und zottelt so in Häkeljacken rum, aber die Tochter, Marie heißt das Biest!«

»Und die solltest du heiraten, armer Junge?«

»Die soll ich heiraten, Lämmchen! Der Kleinholz hat nur unverheiratete Leute, drei sind wir jetzt, aber auf mich machen sie am meisten Jagd.«

»Wie alt ist sie denn, die Marie?«

»Ich weiß nicht«, sagte er kurz. »Doch. Zweiunddreißig. Oder dreiunddreißig. Ist ja ganz egal. Ich heirat sie ja doch nicht.«

»Oh Gott, du armer Junge«, barmt Lämmchen. »Gibt es denn so was? Dreiundzwanzig und dreiunddreißig?«

»Natürlich gibt es das. Das gibt es sogar sehr«, sagt er mürrisch. »Und wenn du mich jetzt durch den Kakao ziehen willst, dann komm mir nur noch einmal mit alles erzählen …«

»Aber ich zieh dich doch nicht …Weißt du, Junge, das mußt du doch zugeben, ein bißchen komisch ist es doch. Ist sie denn eine gute Partie?«

»Das ist sie eben nicht«, sagt Pinneberg. »Das Geschäft bringt schon nicht mehr viel. Der olle Kleinholz säuft zu sehr und dann kauft er zu teuer und verkauft zu billig. Und das Geschäft kriegt der Junge, der ist erst zehn Jahre. Und die Marie kriegt nur ein paar tausend Mark, wenn sie die kriegt, und deshalb beißt ja auch niemand an.«

»So ist das also«, sagt Lämmchen. »Und das wolltest du mir nicht erzählen? Und darum bist du ganz heimlich verheiratet mit geschlossenem Verdeck und der Ringhand in der Hosentasche?«

»Darum, ja. Ach Gott, Lämmchen, wenn die rauskriegen, daß ich verheiratet bin, die Weiber ekeln mich ja in einer Woche heraus. Und was dann?«

»Dann gehst du wieder zu Bergmann!«

»Aber ich denke ja gar nicht daran! Sieh mal«, er schluckt, aber dann sagt er es doch, »der Bergmann hat es mir ja vorausgesagt mit Kleinholz, daß das schief gehen würde. Und dann hat er gesagt: ’Pinneberg, Sie kommen wieder zu mir! Wo sollen Sie hingehen in Ducherow wie zum Bergmann? Nein’, hat er gesagt, ’Sie kommen wieder zu mir, Pinneberg, und ich nehm Sie auch wieder. Aber ich laß Sie betteln, einen Monat müssen Se mir mindestens auf’s Arbeitsamt laufen und zu mir betteln auf Arbeit. Strafe muß sein für so ’ne Chuzpe!’ So hat Bergmann geredet und nun kann ich doch nicht wieder zu ihm. Ich tu und tu es nicht.«

»Aber wenn er doch recht hat? Du siehst doch selbst, daß er recht hat?«

»Lämmchen«, sagt Pinneberg flehentlich, »bitte, liebes Lämmlein, bitte mich nie darum. Ja, natürlich hat er recht und ich bin ein Kamel gewesen und das Paketetragen hätte mir gar nichts gemacht. Wenn du mich lange bitten würdest, ich würde hingehen, und er würde mich nehmen. Und dann war die Chefin da und der andere Verkäufer, das Dussel, der Mamlock, und immer würden sie sticheln und ich würd es dir nie verzeihen!«

»Nein. Nein. Ich will dich auch nicht bitten, es wird ja so gehen. Aber glaubst du nicht, es kommt doch raus, auch wenn wir noch so vorsichtig sind?«

»Es darf nicht rauskommen! Es darf nicht rauskommen! Ich hab alles so heimlich gemacht und nun wohnen wir hier draußen und in der Stadt sieht uns nie jemand zusammen, und wenn wir uns wirklich mal auf der Straße sehen, dann grüßen wir uns nicht.«

Lämmchen ist eine Weile still, aber dann sagt sie doch: »Wir können doch hier nicht wohnen bleiben, Junge, das siehst du doch ein?«

»Versuch es doch, Lämmchen!« bittet er. »Erst mal nur die vierzehn Tage bis zum Ersten. Vor’m Ersten können wir ja doch nicht kündigen.«

Sie überlegt es sich, ehe sie zusagt. Sie späht in den Reitsaal, aber dort erkennt man jetzt nichts, es ist zu dunkel. Dann seufzt sie: »Nun gut, ich will es versuchen, Junge. Aber du spürst doch selbst, daß dies nicht auf die Dauer ist, daß wir hier nie und nie ganz glücklich sein können?«

»Ach Dank«, sagt er. »Dank. Und das andere wird sich finden, muß sich finden. Nur nicht arbeitslos werden!«

»Nur nicht«, sagt sie auch.

Und dann sehen sie noch einmal auf das Land, dieses stille, mondbeglänzte Land, und gehen ins Bett. Die Vorgänge brauchen sie nicht zuzuziehen. Hier gibt es kein Gegenüber. Und in ihr Einschlafen meinen sie ganz schwach die Strela plätschern zu hören.

Was sollen wir essen? Und mit wem dürfen mir tanzen? Müssen wir jetzt heiraten?

Am Montag morgen sitzen Pinnebergs am Kaffeetisch, Lämmchens Augen glänzen ordentlich: »Also heute, heute fängt es richtig an!« Und mit einem Blick auf die Schreckenskammer: »Ich werde den ollen Möl schon klar kriegen!« Und mit einem Blick in die Tasse: »Wie findest du den Kaffee? Fünfundzwanzig Prozent Bohnen!«

»Da du fragst, weißt du …«

»Ja, Junge, wenn wir sparen wollen …«

Worauf Pinneberg ihr auseinandersetzt, daß er sich bisher morgens immer »richtigen« Bohnenkaffee hat leisten können. Und sie erklärt, daß zwei eben mehr kosten als einer. Und er sagt, er hat immer gehört, in der Ehe lebt man billiger, das Essen für zwei in der Ehe stellt sich billiger als das Gasthausessen für einen.

Eine längere Debatte setzt ein, bis er sagt: »Donnerwetter, ich muß ja fort! Und eiligst!!«

In der Tür Abschied. Er ist die halbe Treppe hinunter, da ruft sie: »Jungchen, halt, Jungchen! Was wollen wir denn heute überhaupt essen?«

»Ganz egal«, tönt es zurück.

»Sag doch! Bitte, sag doch! Ich weiß doch nicht …«

»Ich auch nicht!« Und die Tür unten klappt.

Sie stürzt ans Fenster. Da geht er schon, erst winkt er mit der Hand, dann mit einem Taschentuch, und sie bleibt so lange am Fenster, bis er an der Gaslaterne vorüber ist und verschwunden hinter einer gelblichen Hauswand. Und nun hat Lämmchen, zum ersten Mal in ihrem zweiundzwanzigjährigen Leben, einen Vormittag für sich allein, eine Wohnung für sich allein, einen Küchenzettel zu machen ganz allein. Sie geht ans Werk.

Pinneberg aber trifft an der Ecke der Hauptstraße den Stadtsekretär Kranz und grüßt ihn höflich. Dabei fällt ihm etwas ein. Er hat mit der rechten Hand gegrüßt und an der rechten Hand trägt er ja einen Ring. Hoffentlich hat Kranz den nicht gesehen. Pinneberg nimmt den Ring ab und steckt ihn sorgfältig in das »Geheimfach« seiner Brieftasche. Es widerstrebt ihm, aber was sein muß, muß sein. —

Unterdes ist man auch bei seinem Brotherrn Emil Kleinholz aufgestanden. Das Aufstehen ist dort an keinem Morgen erfreulich, denn direkt aus dem Bett ist man dort stets besonders schlechter Laune und geneigt, einander Wahrheiten zu sagen. Aber der Montag morgen ist meist besonders schlimm, am Sonntag abend neigt der Vater zu Eskapaden und die rächen sich dann beim Erwachen.

Denn Frau Emilie Kleinholz ist nicht sanft; soweit man einen Mann zähmen kann, soweit hat sie ihren Emil gezähmt. Und in der letzten Zeit ist es ein paar Sonntage auch gut gegangen. Emilie hat einfach die Haustür am Sonntag abend abgeschlossen, ihrem Mann zum Abendbrot einen Siphon Bier spendiert und ihm späterhin mit Kognak die nötigen Lichter aufgesetzt. Irgend so etwas wie ein Familienabend ist dann auch wirklich zustande gekommen, der Junge hat in einer Ecke gekauzt und gemauzt (der Junge ist Miesling), die Frauen haben mit Handarbeiten am Tisch gesessen (für Maries Aussteuer) und Vater hat die Zeitung gelesen und ab und an gesagt: »Mutter, laß noch einen sausen.«

Worauf Frau Kleinholz jedes Mal sagte: »Vater, denk an das Kind!«, aber dann doch einen aus der Buddel sausen ließ, oder auch nicht, ganz nach dem Gemütszustand des Gatten.

So war auch dieser letzte Sonntag abend verlaufen und alles war ins Bett gegangen, um zehn herum.

Um elf Uhr wacht Frau Kleinholz auf, es ist dunkel im Zimmer, sie lauscht. Sie hört nebenan die Tochter Marie fiepen, die fiept im Schlaf, der Junge zieht seine Töne am Fußende des väterlichen Bettes, nur Vaters Schnarchen fehlt im Chor.

Frau Kleinholz faßt unter ihr Kopfkissen: der Hausschlüssel ist da. Frau Kleinholz macht Licht: der Mann ist nicht da. Frau Kleinholz steht auf, Frau Kleinholz geht durch die Wohnung, Frau Kleinholz geht in den Keller, Frau Kleinholz geht über den Hof (das Klo steht auf dem Hof): nichts. Schließlich entdeckt sie, daß ein Bürofenster nur angelehnt ist, und sie hat es bestimmt zugemacht. So was weiß sie stets bestimmt.

Frau Kleinholz ist kochende, siedende Wut: eine viertel Flasche Kognak, ein Siphon Bier, umsonst! Sie kleidet sich notdürftig an, sie wirft den lila wattierten Schlafrock um, sie geht, ihren Mann suchen. Sicher ist er an der Ecke im Krug von Bruhn, einen heben.

Es ist ein altes gutes Geschäft, das Getreidegeschäft der Kleinholzens am Marktplatz. Emil ist schon die dritte Generation, die es hat. Es ist reell gewesen, anständig, es ist ein Vertrauensgeschäft gewesen mit dreihundert alten Bauernkunden, Gutsbesitzerskunden. Wenn der Emil Kleinholz gesagt hat: »Franz, das Baumwollsaatmehl ist gut«, dann hat Franz nach keiner Gehaltsanalyse gefragt, er hats gekauft, und siehe, es war gut.

Aber einen Haken hat solch ein Geschäft: es muß begossen werden, es ist von Natur her ein feuchtes Geschäft. Es ist ein Saufgeschäft. Bei jedem Wagen Kartoffeln, bei jedem Frachtbrief, bei jeder Abrechnung: Bier, Korn, Kognak. Das geht, wenn die Frau gut ist, wenn ein Haushalt da ist, ein Zusammenhalt, eine Gemütlichkeit, aber es geht nicht, wenn die Frau ewig schimpft.

Frau Emilie Kleinholz hatte von eh und je geschimpft. Sie wußte, es war falsch, aber Emilie war eifersüchtig, sie hatte einen schönen Mann geheiratet, einen wohlhabenden Mann, sie war ein armes Ding gewesen mit sieben Zwetschgen, sie hatte ihn allen andern entrissen. Nun fletschte sie die Zähne über ihm, nach vierunddreißigjähriger Ehe kämpfte sie noch um ihn wie am ersten Tag.

Sie zottelt auf ihren Hausschuhen, in ihrem Schlafrock bis zur Ecke, zu Bruhn. Ihr Mann ist nicht da. Sie könnte höflich fragen, ob er dagewesen ist, aber das ist ihr nicht gegeben, sie überschüttet den Krüger mit Vorwürfen: Säufern zu saufen geben, solche Lumpen. Anzeigen wird sie ihn, Verführung ist das zum Suff.

Der olle Bruhn mit dem Vollbart bringt sie selber raus, sie tanzt neben dem Hünen einen Wuttriller, aber er hat einen sicheren Griff.

»So, junge Frau«, sagt er.

Da steht sie draußen. Dies ist ein Kleinstadtmarktplatz mit Buckelpflaster, zweistöckige Häuser, mal Giebel, mal Fronten nach dem Platz, alle verhängt, alle dunkel. Nur die Gaslaternen fackeln und wackeln.

Jetzt nach Haus? So siehst du aus! Daß der Emil sie tagelang aufzieht, zum Narren hält, sie ist auf der Suche nach ihm gewesen und hat ihn nicht gefunden. Finden muß sie ihn jetzt, aus dem besten Suff, der versoffensten Gesellschaft herausreißen — aus dem schönsten Vergnügen.

Dem schönsten Vergnügen!

Plötzlich weiß sie es: Im Tivoli ist heute Tanz, da ist Emil. Da ist er! Da ist er!

Und so wie sie ist, zieht sie durch die halbe Stadt, Hausschuhe, Morgenrock, geht sie ins Tivoli, der Kassierer vom Verein Harmonie will eine Mark Eintritt von ihr, sie fragt nur:

»Willst ’nen Backs?«

Und der Kassierer will nichts mehr von ihr.

So steht sie im Tanzsaal, erst noch halb gehemmt, hinter einer Säule, spähend, aber dann schon ganz Wut. Da tanzt ihr immer noch schöner Emil mit dem blonden Vollbart, und er tanzt mit einem kleinen schwarzen Biest, sie kennt sie nicht mal, wenn man das tanzen nennen kann, dies besoffene Gestolper. Der Tanzordner sagt: »Meine Dame! Ich bitte Sie, meine Dame!«

Und dann begreift er, daß dies ein Naturereignis ist, ein Tornado, ein Vulkanausbruch, daß da Menschen machtlos sind. Und er tritt zurück. Eine Gasse entsteht zwischen den Tanzenden, zwischen zwei Menschenmauern geht sie auf das eine Paar zu, das da ahnungslos holpert und stolpert, das eine ahnungslose Paar.

Sofort kriegt er eine geklebt.

»Oh mein Schnucki!« schreit er auf und begreift noch nicht. Und dann begreift er …

Sie weiß, jetzt heißt es abgehen, mit Würde, mit Haltung. Sie gibt ihm ihren Arm: »Es ist Zeit, Emil. Komm jetzt.«

Und er geht mit. Er zockelt würdelos an ihrem Arm aus dem Saal, würdelos, wie ein großer verprügelter Hund sieht er sich noch einmal nach seiner kleinen netten, sanften Schwarzen um, Arbeiterin der Rahmenfabrik von Stössel, die verdammt auch nicht viel Glück in ihrem Leben gehabt und sich mächtig gefreut hat über den zahlungsfähigen, flotten Kavalier. Er geht ab, sie geht ab. Draußen ist plötzlich ein Auto da, soviel versteht der Vorstand von der Harmonie auch, daß bei solchen Gelegenheiten ein Auto am besten eiligst herantelefoniert wird.

Emil Kleinholz schläft schon auf der Fahrt fest ein, er wacht auch nicht auf, als ihn die Frau mit dem Chauffeur ins Haus bringt, ins Bett bringt, dies verhaßte Ehebett, das er vor netto zwei Stunden so unternehmungslustig verlassen hat. Er schläft. Und die Frau macht das Licht aus und liegt eine Weile im Dunkeln, und dann macht sie das Licht wieder an und betrachtet ihren Mann, ihren schönen, liederlichen, dunkelblonden Mann. Sie sieht unter dem gedunsenen fahlen Gesicht das Antlitz von dunnemals, als er hinter ihr her war, voll von tausend Kniffen und Streichen, immer lustig, immer saufrech, auf einen Griff an die Brüste kam es ihm nie an, freilich kam es ihm auch nie auf die Ohrfeige dafür an.

Und soweit ihr kleines, dummes Hirn denken kann, bedenkt sie den Weg von damals bis hierher, zwei Kinder, eine schieche Tochter, einen nöckrigen häßlichen Sohn. Ein halb vertanes Geschäft, ein verluderter Mann — und sie? Und sie?

Ja — schließlich kann man nur weinen, und das geht im Dunkeln auch, wenigstens das Licht kann man sparen, wo so viel verkommt. Und dann fällt ihr ein, wieviel er wohl heute in den zwei Stunden mal wieder verjuxt hat, und sie macht wieder Licht und sucht in seiner Brieftasche und zählt und rechnet. Und wieder im Dunkeln nimmt sie sich vor, von nun an nett zu ihm zu sein, und sie stöhnt und barmt: »Jetzt hilft es ja nichts mehr. Ich muß ihn noch kürzer halten!«

Und dann weint sie wieder und schließlich schläft sie ein, wie man immer schließlich einschläft, nach Zahnschmerzen und Kindergebären, nach Krach und nach einer seltenen großen Freude.

Dann kommt das erste Erwachen um fünf Uhr, und sie gibt nur schnell dem Futtermeister den Schlüssel zur Haferkiste, und dann das zweite um sechs, wenn das Mädchen klopft und den Schlüssel zur Speisekammer holt. Noch eine Stunde Schlaf! Noch eine Stunde Ruhe! Und dann das dritte endgültige Erwachen um dreiviertel sieben, der Junge muß zur Schule und der Mann schläft immer noch. Als sie um viertel acht wieder ins Schlafzimmer schaut, ist er wach, ist ihm übel.

»Ist dir ganz recht, was säufst du immer«, sagt sie und geht wieder.

Dann kommt er an den Kaffeetisch, schwarz, wortlos, verwüstet, »’nen Hering, Marie«, ist alles, was er sagt.

»Kannst dich auch was schämen, Vater, so rumzuludern«, sagt die Marie spitz, ehe sie den Hering holt.

»Gottverdammich!« brüllt er. »Die kommt mir jetzt aber sofort aus dem Haus!« brüllt er.

»Hast recht, Vater«, besänftigt die Frau. »Wozu fütterst du die drei Hungerleider?«

»Der Pinneberg ist der beste. Der Pinneberg muß ran!« sagt der Mann.

»Natürlich. Zieh ihm nur die Schrauben an.«

»Das will ich wohl besorgen«, sagt der Mann.

Und dann geht er rüber ins Büro, der Brotherr von Johannes Pinneberg, Herr über das Auskommen vom Jungen, dem Lämmchen und dem noch ungeborenen Murkel.

Das Zwiebeln beginnt. Der Nazi Lauterbach, der dämonische Schulz und der heimliche Ehemann sind in Not.

Der Angestellte Lauterbach ist am frühesten auf das Büro gekommen: fünf Minuten vor acht. Aber das ist keine Pflichttreue bei ihm, das ist wegen der Langeweile. Dieser kleine, dicke, semmelblonde Knubben mit den riesengroßen roten Händen war einmal landwirtschaftlicher Beamter. Aber auf dem Lande gefiel es ihm nicht. Lauterbach ging in die Stadt, Lauterbach ging nach Ducherow zu Emil Kleinholz. Da wurde er so eine Art von Sachverständiger für Saatgut und Düngemittel. Die Bauern sahen ihn nicht übermäßig gern auf dem Waggon, wenn sie Kartoffeln ablieferten. Lauterbach merkte sofort, wenn die Sortierung nicht stimmte, wenn sie zwischen gelbfleischige Industrie weißfleischige Silesia gemogelt hatten. Aber andererseits war Lauterbach auch nicht so schlimm. Zwar nahm er keinen Bestechungsschnaps — er trank nie Schnaps, denn er muß die arische Rasse vor diesen entarteten Rauschgiften schützen —, also er hob keinen, er nahm auch keine Zigarren. Er schlug den Bauern auf die Schultern, daß es krachte: »Oller Betrüger!« er zog ihnen zehn Prozent, fünfzehn Prozent, zwanzig Prozent vom Preise ab, aber, und damit machte er alles wieder bei ihnen gut, er trug das Hakenkreuz, er erzählte ihnen die schönsten jüdischen Witze, er berichtete von der letzten S.A.-Werbefahrt nach Buhrkow und Lensahn, kurz, er war teutsch, zuverlässig, ein Feind der Juden, Welschen, Reparationen, Sozis und der KPD. Das machte alles wieder gut.

Zu den Nazis war Lauterbach auch nur aus Langeweile gegangen. Es hatte sich gezeigt, daß Ducherow ebenso wenig wie das Land geeignet war, ihm seine freie Zeit zu verkürzen. Mit den Mädchen hatte er nichts im Sinn, und da das Kino erst abends um acht anfängt und der Gottesdienst schon halb elf zu Ende ist, blieb eine lange leere Zwischenzeit.

Die Nazis waren nicht langweilig. Er kam rasch in den Sturm, er erwies sich bei Zusammenstößen als ein außerordentlich besonnener junger Mann, der seine Pranken (und was gerade in ihnen war) mit einem fast künstlerischen Gefühl für Wirkung benutzte. Lauterbachs Lebenssehnsucht war gestillt: er konnte sich fast jeden Sonntag — und manchmal auch wochentags am Abend — prügeln.

Lauterbachs Heim aber war das Büro. Hier waren Kollegen, ein Chef, eine Chefin, Arbeiter, Bauern: ihnen allen konnte er erzählen, was sich begeben hatte, was sich begeben sollte, über Gerechte und Ungerechte ergoß sich der zähe, langsame Brei seiner Rede, belebt von den dröhnenden Gelächtern, wenn er schilderte, wie er es den Sowjetbrüdern besorgt.

Heute kann er zwar nichts derartiges melden, dafür ist aber ein neuer ‘Allgemeiner Sabe’ für jeden ‘Gruf’ gekommen, und nun wird es Pinneberg, dem pünktlich um Acht erschienenen Pinneberg versetzt: Die S.A.-Leute haben neue Abzeichen! »Ich finde das einfach genial! Bisher hatten wir nur die Sturmnummer. Weißt du, Pinneberg, arabisch gestickte Ziffer auf dem rechten Spiegel. Nun haben wir auch noch ’ne Zweifarbenschnur am Kragenrand gekriegt. Genial ist das, nun kann man immer schon von hinten sehen, zu welchem Sturm jeder S.A.-Mann gehört. Denk dir aus. was das praktisch bedeutet! Also, wir sind in ’ner Klopperei will ich mal sagen und ich seh nun, da hat einer einen in der Mache, und ich seh nun auf den Kragen …«

»Fabelhaft«, stimmt Pinneberg bei und sortiert Frachtbriefe vom Sonnabend abend. »War eigentlich München 387 536 ’ne Sammelladung?«

»Der Weizenwaggon? Ja. — Und denk mal, unser Gruf trägt jetzt ’nen Stern am linken Spiegel.«

»Was ist ’en Gruf?« fragt Pinneberg.

Schulz kommt, der dritte Hungerleider, kommt um acht Uhr zehn. Schulz kommt und mit einem Schlage sind Nazi-Abzeichen und Weizenfrachtbriefe vergessen. Schulz kommt, der dämonische Schulz, der geniale aber unzuverlässige Schulz, Schulz, der zwar 285,63 Zentner zu 3,85 Mark im Kopf ausrechnen kann, schneller als das Pinneberg auf dem Papier fertig bringt, der aber ein Frauenmann ist, ein bedenkenloser Wüstling, ein Schürzenjäger, der einzige Mann, der es fertig gebracht hat, Mariechen Kleinholz zu küssen, so im Vorbeigehen gewissermaßen, aus der Fülle seiner Gaben heraus, und der doch nicht auf der Stelle geheiratet wurde.

Schulz kommt, mit seinen schwarzen, gesalbten Locken über dem gelben, faltigen Gesicht, mit den schwarzen, großen, glänzenden Augen, Schulz, der Elegant von Ducherow mit der Bügelfalte und dem schwarzen Haarfilz (fünfzig Zentimeter Durchmesser), Schulz mit den dicken Ringen an den nikotingelben Fingern, Schulz, König aller Dienstmädchenherzen, Idol der Ladnerinnen, auf den sie abends vor dem Geschäft warten, den sie sich Tanz um Tanz streitig machen.

Schulz kommt.

Schulz sagt: »Morjen.« Hängt sich auf, sorgfältig auf einen Bügel, sieht die Kollegen prüfend an, dann mitleidig, dann voller Verachtung, sagt: »Na, ihr wißt natürlich wieder nichts!«

»Welche Deern hast du denn gestern wieder zur Schnuppe-Schnappe-Schneppe gemacht?« fragt Lauterbach.

»Nichts wißt ihr. Gar nichts. Ihr sitzt hier, ihr rechnet Frachtbriefe, ihr macht Kontokorrent, und dabei …«

»Na, was dabei —«

»Emil …Emil und Emilie …gestern abend im Tivoli …«

»Hat er sie mal mitgenommen? So was lebt nicht!«

Schulz setzt sich: »Die Kleemuster müßten auch endlich raus; Wer macht denn das, du oder Lauterbach?«

»Du!«

»Kleemuster bin ich doch nicht, Kleemuster ist doch unser lieber landwirtschaftlicher Sachverständiger. Mit der kleinen schwarzen Frieda aus der Rahmenfabrik hat der Chef gescherbelt, ich zwei Schritte ab, und plötzlich die Olle auf ihn nieder. Emilie im Morgenrock, darunter hat sie wohl nur das Hemd gehabt …«

»Im Tivoli —?!«

»Du sohlst ja, Schulz!«

»So wahr ich hier sitze! Im Tivoli, die Harmonie hatte Familien-Tanzabend. Militärkapelle aus Platz, fein mit Ei! Reichswehr mit Ei! Und plötzlich unsere Emilie, nieder auf ihren Emil, ihm eine geklebt, du oller Saufkopp, du gemeine Sau …«

Was heißt Frachtbriefe? Was heißt Arbeit? Büro Kleinholz hat seine Sensation.

Lauterbach bettelt:

»Also erzähl es noch mal, Schulz. Frau Kleinholz kommt also in den Saal …Ich kann mir das gar nicht recht vorstellen …durch welche Tür denn? Wann hast du sie zuerst gesehen?«

Geschmeichelt sagt Schulz: »Was soll ich denn noch sagen? Du weißt doch schon. Also sie kommt rein, gleich die Tür vom Gang her, hochrot, weißt du, sie wird doch so blau-lila-rot …Sie kommt also rein …«

Emil Kleinholz kommt rein, ins Büro nämlich. Die drei fahren auseinander, sitzen auf ihren Stühlen, Papier raschelt. Kleinholz betrachtet sie, steht vor ihnen, sieht auf die gesenkten Köpfe.

»Nischt zu tun?« krächzt er. »Nischt zu tun? Wer’ ich einen abbauen. Na, wen —?«

Die drei sehen nicht hoch.

»Rationalisieren. Wo drei faul sind, können zwei fleißig sein. Wie ist es mit Ihnen, Pinneberg? Sie sind der Jüngste hier.«

Pinneberg antwortet nicht.

»Na, natürlich, dann kann keiner reden. Aber vorher — wie sieht meine Olle aus, Sie oller Bock, blau-lila-rot? Soll ich Sie rausschmeißen? Soll ich Sie auf der Stelle rausschmeißen?!«

»Hat gelauscht, der Hund«, denken alle drei in fahlem Schrecken. »O Gott, o Gott, was hab ich gesagt?«

»Wir haben überhaupt nicht von Ihnen gesprochen, Herr Kleinholz«, sagt Schulz, aber nur sehr halblaut, nur so vor sich hin.

»Na und Sie? Sie?« Kleinholz wendet sich an Lauterbach. Aber Lauterbach ist nicht so ängstlich wie seine beiden Kollegen. Lauterbach gehört zu den paar Angestellten, denen es piepe ist, ob sie eine Stellung haben oder nicht. »Ich?« fragt er wohl. »Ich soll Angst haben? Bei den Pfoten? Ich mach alles, ich geh als Pferdeknecht, ich geh als Sackträger. Angestellter? Wenn ich so was höre! Die reine Augenverblendung!«

Lauterbach sieht seinem Chef also furchtlos ins gerötete Auge: »Ja, Herr Kleinholz?«

Kleinholz haut auf die Barriere, daß sie brummt. »Abbauen tu ich einen von euch Brüdern! Ihr sollt sehen …Und die andern sitzen deswegen noch lange nicht sicher. Von euch laufen genug rum. Gehen Sie auf den Futterboden, Lauterbach, sacken Sie mit dem Kruse hundert Zentner Erdnußkuchenmehl ein. Von dem Rufisque! Halt, nein, der Schulz soll gehen, der sieht heute wieder aus wie seine eigene Leiche, wird ihm gut tun, die Säcke heben.«

Schulz verschwindet wortlos, froh, entronnen zu sein.

»Sie gehen zur Bahn, Pinneberg, aber ein bißchen Trab. Für morgen früh sechse bestellen Sie vier Zwanzigtonner geschlossen, wollen den Weizen auf die Mühle verladen. Ab!«

»Jawohl, Herr Kleinholz«, sagt Pinneberg und trabt ab. Sehr schön ist ihr nicht zumute, aber es wird wohl nur Katergeschwätz von Emil sein. Immerhin …

Als er vom Güterbahnhof zurück zu Kleinholz geht, sieht er auf der anderen Seite der Straße eine Gestalt, einen Menschen, ein Mädchen, eine Frau, seine Frau …

Also geht er langsam über den Damm, auf dieselbe Straßenseite …

Da kommt Lämmchen daher, sie hat ein Einholenetz in der Hand. Sie hat ihn nicht bemerkt. Nun geht sie an das Schaufenster von Fleischermeister Brecht, bleibt dort an der Auslage stehen. Er geht ganz dicht an sie heran, einen prüfenden Blick wirft er über die Straße, an den Häusern hoch, was Gefährliches ist gerade nicht in Sicht.

»Was gibts denn heut zu präpeln, junge Frau?« flüstert er an ihrer Schulter, und schon ist er zehn Schritte weiter, sieht sich nur noch einmal um, in ihr froh erglänzendes Gesicht. Na, wenn Frau Brecht das vom Laden gesehen hat, die kennt ihn, hat er immer seine Wurst gekauft, wieder mal leichtsinnig gewesen, na, was soll man machen, wenn man so ’ne Frau hat. Also Töpfe hat sie scheinbar noch nicht gekauft, man wird doch sehr aufs Geld aufpassen müssen …

Im Büro sitzt der Chef. Solo. Lauterbach weg. Schulz weg. Mies, denkt Pinneberg, obermies. Aber der Chef achtet gar nicht auf ihn, die Stirn in einer Hand, rutscht die andere langsam, wie buchstabierend, die Zahlenreihen vom Kassabuch auf und nieder.

Pinneberg prüft die Lage. »An der Schreibmaschine«, denkt er, »ist es am schlausten. Wenn man tippt, wird man am wenigsten angequasselt.«

Aber er hat sich geirrt. Kaum hat er geschrieben: »Euer Hochwohlgeboren, gestatten wir uns hiermit ein Muster unseres Rotklees, diesjähriger Ernte garantiert seidefrei, Keimfähigkeit fünfundneunzig Prozent, Reinheit neunundneunzig Prozent …«

…Da legt sich eine Hand auf seine Schulter und der Chef sagt: »Sie, Pinneberg, einen Augenblick …«

»Bitte, Herr Kleinholz?« fragt Pinneberg und läßt die Finger von den Tasten.

»Sie schreiben wegen dem Rotklee. Lassen Sie das doch Lauterbach …«

»Och …«

»Mit den Waggons, das ist in Ordnung?«

»Ist in Ordnung, ja, Herr Kleinholz.«

»Müssen wir alle heute nachmittag feste ran und Weizen sacken. Meine Weiber müssen auch mithelfen. Säcke zubinden.«

»Ja, Herr Kleinholz.«

»Die Marie ist ganz tüchtig bei so was. Ist überhaupt ein tüchtiges Mädchen. Nicht grade ’ne Schönheit, aber tüchtig ist sie.«

»Gewiß, Herr Kleinholz.«

Da sitzen sie beide, einander gegenüber. Es ist gewissermaßen eine Pause im Gespräch. Herr Kleinholz will, daß seine Worte etwas wirken, sie sind sozusagen der Entwickler, wird sich ja nun zeigen, was für ein Bild auf der Platte ist.

Pinneberg sitzt und betrachtet gedrückt und sorgenvoll seinen Chef, der da in grünem Loden vor ihm hockt, die Beine in hohen Stiefeln.

»Ja, Pinneberg«, beginnt der Chef wieder und seine Stimme hat einen ganz rührseligen Klang. »Haben Sie sich das nun mal überlegt? Wie ist es denn nun damit?«

Pinneberg überlegt angstvoll. Aber er weiß keinen Ausweg. »Womit, Herr Kleinholz?« fragt er töricht.

»Mit dem Abbau«, sagt nach einer langen Pause der Brotherr, »mit dem Abbau! Wen würden Sie denn wohl an meiner Stelle entlassen?«

Pinneberg wird es heiß. So ein Aas. So ein Schwein, zwiebelt mich hier!

»Das kann ich doch nicht sagen, Herr Kleinholz«, erklärt er unruhig. »Ich kann doch nicht gegen meine Kollegen reden.«

Herr Kleinholz genießt den Fall.

»Sich würden Sie also nicht entlassen, wenn Sie ich wären?« fragt er.

»Wenn ich Sie —? Mich selbst? Ich kann doch nicht …«

»Na«, sagt Emil Kleinholz und steht auf. »Ich bin überzeugt. Sie überlegen sich die Sache. Sie haben ja wohl monatliche Kündigung. Das wäre dann also am 1. September zum 1. Oktober, nicht wahr?«

Kleinholz verläßt das Büro, Mutter berichten, wie er den Pinneberg gezwiebelt hat. Möglich, daß Mutter dann einen sausen läßt. Ihm ist eigentlich so.

Erbsensuppe wird angesetzt und ein Brief geschrieben, aber das Wasser ist zu dünn

Zuerst am Morgen hat Lämmchen eingekauft, nur schnell die Betten zum Lüften ins Fenster gelegt, und ist Einkaufen gegangen. Warum hat er ihr nicht gesagt, was es zum Mittagessen geben soll? Sie weiß es doch nicht! Und sie ahnt nicht, was er gerne ißt.

Die Möglichkeiten verringern sich beim Nachdenken, schließlich bleibt Lämmchens planender Geist an einer Erbsensuppe hängen. Das ist einfach und billig, das kann man zwei Mittage hintereinander essen.

»Oh Gott, haben’s die Mädchen gut, die richtige Kochstunde gehabt haben! Mich hat Mutter immer vom Herd weggejagt. Weg mit dir, Ungeschickt läßt grüßen!«

Was braucht sie? Wasser ist da. Ein Topf ist da. Erbsen, wie viel? Ein halbes Pfund reicht sicher für zwei Personen, Erbsen geben viel aus. Salz? Suppengrün? Bißchen Fett? Na, vielleicht für alle Fälle. Wieviel Fleisch? Was für Fleisch erst mal? Rind, natürlich Rind. Ein halbes Pfund muß genug sein. Erbsen sind sehr nahrhaft und das viele Fleischessen ist ungesund. Und dann natürlich Kartoffeln.

Lämmchen geht einkaufen. Herrlich, an einem richtigen Alltagsvormittag, wenn alles in den Büros sitzt, über die Straße zu bummeln, die Luft ist noch frisch, trotzdem die Sonne schon kräftig scheint.

Über den Marktplatz tutet langsam ein großes, gelbes Postauto. Dort hinter den Fenstern sitzt vielleicht ihr Junge. Aber er sitzt nicht dort, sondern zehn Minuten später fragt er sie über die Schulter, was es mittags zu präpeln gibt. Die Schlächterfrau hat sicher was gemerkt, sie ist so komisch, und für Suppenknochen verlangt sie dreißig Pfennig das Pfund, so was muß sie doch eigentlich zugeben, bloße blanke Knochen, ohne ein Fitzelchen Fleisch. Sie wird Mutter schreiben und fragen, ob das richtig ist. Nein, lieber nicht, lieber allein fertig werden. Aber an seine Mutter muß sie schreiben. Und sie fängt auf dem Heimweg an, den Brief aufzusetzen.

Die Scharrenhöfer scheint nur ein Nachtgespenst zu sein, in der Küche, als Lämmchen Wasser holt, sieht sie keine Spur, daß dort etwas gekocht ist oder wird, alles blank, kalt, und aus dem Zimmer dahinter dringt kein Laut. Sie setzt ihre Erbsen auf, ob man das Salz gleich reintut? Besser, sie wartet bis zum Schluß, dann trifft man es richtiger.

Und nun das Reinmachen. Es ist hart, es ist noch viel härter, als Lämmchen je gedacht hat, oh, diese ollen Papierrosen, diese Girlanden, halb verblaßt und halb giftgrün, diese verschossenen Polstermöbel, diese Winkel, diese Ecken, diese Knäufe, diese Balustraden! Bis halb zwölf muß sie fertig sein, dann den Brief schreiben. Der Junge, der von zwölf bis zwei Mittagspause hat, wird kaum vor dreiviertel eins hier sein, er muß erst aufs Rathaus zur Anmeldung.

Um dreiviertel zwölf sitzt sie an einem kleinen Nußbaumschreibtisch, ihr gelbes Briefpapier aus der Mädchenzeit vor sich.

Erst die Adresse: »Frau Marie Pinneberg — Berlin NW 40 — Spenerstraße 92 II.«

Seiner Mutter muß man schreiben, seiner Mutter muß man mitteilen, wenn man heiratet, zumal als einziger Sohn, als einziges Kind sogar. Wenn man auch nicht einverstanden mit ihr ist, weil man nämlich mit ihrem Lebenswandel nicht einverstanden ist, als Sohn.

»Mutter sollte sich was schämen«, hat Pinneberg erklärt.

»Aber, Jungchen, wenn sie doch nun schon zwanzig Jahre Witwe ist!«

»Egal! Und es ist nicht einmal immer derselbe gewesen.«

»Hannes, du hast doch auch schon mehr Mädchen als mich gehabt.«

»Das ist ganz was anderes.«

»Was soll denn der Murkel sagen, wenn er sich mal ausrechnet, wann er geboren ist und wann wir geheiratet haben?«

»Das ist noch gar nicht raus, wann der Murkel geboren wird.«

»Doch. Anfang März.«

»Aber wieso denn?«

»Laß schon, Jungchen, ich weiß. Und an deine Mutter schreib’ ich, das gehört sich so.«

»Tu, was du willst, aber ich mag nichts mehr davon hören.«

»’Sehr geehrte gnädige Frau’ — furchtbar dumm; nicht wahr? So schreibt man doch nicht. ’Liebe Frau Pinneberg’ — aber das bin ich doch selbst, und gut klingt es auch nicht. Der Junge liest sicher den Brief.«

»Ach was«, denkt Lämmchen, »entweder ist sie so, wie der Junge denkt, und dann ist es ganz egal, was ich schreibe, oder sie ist ’ne richtige nette Frau, und da schreibe ich lieber so, wie ich möchte. Also —:«

»Liebe Mutter! Ich bin Ihre neue Schwiegertochter Emma, genannt Lämmchen, und Hannes und ich haben vorgestern geheiratet, am Sonnabend. Wir sind glücklich und zufrieden, und würden ganz glücklich sein, wenn Sie sich mit uns freuen würden. Es geht uns gut, nur hat leider der Hannes die Konfektion aufgeben müssen und arbeitet in einem Düngemittelgeschäft, was uns nicht so gefällt. Es grüßen Sie

Ihre Lämmchen …«

Sie läßt den Raum frei. »Und du schreibst doch deinen Namen hin, mein Junge!«

Und weil nun noch eine halbe Stunde Zeit ist, kriegt sie ihr Buch, vor vierzehn Tagen gekauft, beim Wickel: ’Das heilige Wunder der Mutterschaft’.

Sie liest mit gerunzelter Stirne: »Ja, die glücklichen, sonnigen Tage sind da, wenn das Kindchen kommt. Das ist der Ausgleich, den die gottgewollte Natur den menschlichen Unvollkommenheiten schafft.«

Sie versucht, dies zu verstehen, aber es entwischt ihr immer, es scheint ihr schrecklich schwierig, und direkt auf den Murkel bezieht es sich wohl auch nicht. Aber nun kommen ein paar Verse, sie liest sie langsam, ein paar Male:

»O du Kindermund, o du Kindermund,

Unbewußter Weisheit froh,

Vogelsprache kund, Vogelsprache kund

Wie Salomo.«

Auch das versteht Lämmchen nicht ganz. Aber es ist so fröhlich, sie lehnt sich ganz zurück, es gibt jetzt Minuten, in denen sie ihren Schoß so schwer fühlt, reich, und sie wiederholt es in sich mit geschlossenen Augen: »Vogelsprache kund, Vogelsprache kund wie Salomo.«

»Es muß ungefähr das Fröhlichste sein, was es gibt«, fühlt sie. »Fröhlich soll er sein, der Murkel! Vogelsprache kund …«

»Mittagessen!« ruft der Junge, schon draußen auf dem Flur.

Sie muß ein wenig geschlafen haben, manchmal ist sie jetzt so müde.

»Mein Mittagessen«, denkt sie und steht langsam auf.

»Noch nicht gedeckt?« fragt er.

»Einen Augenblick, Jungchen, gleich«, sagt sie und läuft zur Küche. »Darf ich den Topf auf den Tisch bringen? Aber ich nehme auch gerne die Terrine!«

»Was gibt’s denn?«

»Erbsensuppe.«

»Fein. Na bring schon den Topf. Ich decke unterdessen.«

Lämmchen füllt auf. Sie sieht etwas ängstlich aus. »Scheint etwas dünn?« fragt sie besorgt.

»Wird schon so richtig sein«, sagt er und schneidet das Fleisch auf dem Tellerchen.

Sie probiert. »Oh Gott, wie dünn!« sage sie unwillkürlich. Und es folgt: »Oh Gott, das Salz!«

Auch er läßt den Löffel sinken, über dem Tisch, über den Tellern, über dem dicken braunen Emailletopf begegnen sich beider Blicke.

»Und sie müßte so gut sein«, klagt Lämmchen. »Ich hab alles richtig genommen: ein halbes Pfund Erbsen, ein halbes Pfund Fleisch, ein ganzes Pfund Knochen, das müßte eine gute Suppe sein!«

Er ist aufgestanden und bewegt nachdenklich den großen Auffüllöffel aus Emaille in der Suppe. »Ab und an begegnet man ’ner Schluse? Wieviel Wasser hast du denn genommen, Lämmchen?«

»Es muß an den Erbsen liegen! Die Erbsen geben rein gar nichts aus!«

»Wieviel Wasser?« wiederholte er.

»Nun, den Topf voll.«

»Fünf Liter — und ein halbes Pfund Erbsen. Ich glaube, Lämmchen«, sagt er geheimnisvoll, »es liegt an dem Wasser. Das Wasser ist zu dünn.«

»Meinst du«, fragt sie betrübt. »Hab ich zu viel genommen? Fünf Liter. Es sollte aber für zwei Tage reichen.«

»Fünf Liter — ich glaube, es ist zu viel für zwei Tage.« Er probiert noch mal. »Nee, entschuldige, Lämmchen, es ist wirklich nur heißes Wasser.«

»Ach, mein armer Junge, hast du schrecklichen Hunger? Was mache ich nun? Soll ich ganz schnell ein paar Eier raufholen und uns Bratkartoffeln und Spiegeleier machen? Spiegeleier und Bratkartoffeln kann ich bestimmt.«

»Also los!« sagt er. »Ich lauf selbst nach den Eiern.« Und ist fort.

Als er dann zu ihr in die Küche kommt, laufen ihre Augen nicht von der Zwiebel, die sie für die Bratkartoffeln geschnitten hat.

»Aber Lämmchen«, sagt er, »es ist doch keine Tragödie!«

Sie wirft beide Arme um seinen Hals. »Jungchen, wenn ich nun eine untüchtige Hausfrau bin! Ich möchte es gerne alles so nett für dich machen. Und wenn der Murkel kein richtiges Essen kriegt, kommt er auch nicht vorwärts!«

»Meinst du jetzt oder nachher?« fragt er lachend. »Glaubst du, du lernst es nie?«

»Siehst du, du veräppelst mich auch noch.«

»Mit der Suppe, das habe ich mir eben schon auf der Treppe überlegt. Der Suppe fehlt doch gar nichts, nur zu viel Wasser. Wenn du sie noch mal aufsetzt und ganz lange richtig kochen läßt, daß alles Wasser richtig auskocht, was zuviel ist, dann haben wir doch ’ne richtige gute Erbsensuppe.«

»Fein!« sagt sie strahlend. »Da hast du recht. Mach ich gleich heute nachmittag, dann essen wir noch einen Teller zum Abendessen.«

Sie ziehen mit ihren Bratkartoffeln plus je zwei Spiegeleiern ins Zimmer.

»Schmeckt es? Schmeckt es ganz richtig, wie du es gewöhnt bist? Ist es auch nicht zu spät für dich? Kannst du dich nicht noch einen Augenblick hinlegen? Du siehst so müde aus, Jungchen.«

»Nee. Nicht weil es zu spät ist, nein, ich kann heute doch nicht schlafen. Dieser Kleinholz …«

Er hat sich lange überlegt, ob er es ihr überhaupt erzählen soll.

Aber jedenfalls haben sie in der Sonnabendnacht verabredet, es soll keine Geheimnisse mehr geben. Und darum erzählt er ihr. Und dann tut es so gut, wenn man sich aussprechen kann! »Und was mach ich nun?« fragt er. »Wenn ich ihm nichts sage, kündigt er mir doch bestimmt am Ersten. Wenn ich ihm einfach die Wahrheit sagte? Wenn ich ihm sagte, daß ich verheiratet bin, daß er mich nicht auf die Straße setzen soll?«

Aber darin ist Lämmchen ganz die Tochter ihres Vaters: von einem Arbeitgeber hat ein Angestellter nichts zu erwarten. »Das ist ja dem so piepe«, sagt sie empört. »Früher, ja vielleicht, da gab’s noch ab und an ein paar anständige …Aber heute …wo so viele arbeitslos sind und durchkommen müssen, kann’s auf meine Leute auch nicht ankommen, denken die!«

»Schlecht ist der Kleinholz eigentlich nicht«, sagt Pinneberg. »Nur so gedankenlos. Man müßte es ihm richtig auseinandersetzen. Daß wir den Murkel erwarten und so …«

Lämmchen ist empört: »Das willst du dem erzählen! Dem, der dich erpressen will? Nein, Junge. Das tust und tust du nicht.«

»Aber was soll ich denn tun? Ich muß ihm doch was sagen.«

»Ich«, sagte Lämmchen nachdenklich, »ich spräch mal mit meinen Kollegen. Vielleicht hat er denen auch so gedroht wie dir. Und wenn ihr dann alle zusammenhaltet, allen dreien wird er ja nicht kündigen.«

»Das mag angehen«, sagte er. »Wenn sie einen nur nicht reinlegen. Lauterbach betrügt nicht, der ist schon viel zu doof dazu, aber Schulz …«

Lämmchen glaubt an die Solidarität aller Arbeitenden: »Deine Kollegen werden dich doch nicht reinreißen! Nein, Jungchen, es wird schon werden. Ich glaub immer, es kann uns gar nicht schlecht gehen. Warum denn eigentlich? Fleißig sind wir, sparsam sind wir, schlechte Menschen sind wir auch nicht, den Murkel wollen wir auch, und gerne wollen wir ihn — warum soll es uns da eigentlich schlecht gehen? Das hat doch gar keinen Sinn!«

Kleinholz stänkert, Kube stänkert und die Angestellten kneifen. Erbsen gibt es noch immer nicht

Der Weizenboden der Firma Emil Kleinholz ist eine olle verwinkelte Geschichte. Nicht einmal eine richtige Absackvorrichtung ist vorhanden. Alles muß noch auf Dezimalwaagen abgewogen werden, und aus einer Dachluke auf einer Rutsche läßt man die Säcke hinuntersausen in das Lastauto.

Sechzehnhundert Zentner sacken an einem Nachmittag, das ist wieder mal das richtige Kleinholz-Theater. Keine Arbeitseinteilung, keine Disposition. Der Weizen liegt schon eine Woche, schon zwei Wochen auf dem Boden, hätte man längst mit Absacken anfangen können, aber nein, an einem Nachmittag!

Es wimmelt von Menschen auf dem Boden, alles, was Kleinholz in der Eile hat auftreiben können, hilft mit. Ein paar Weiber kehren den Weizen wieder an die Haufen heran, drei Waagen sind in Tätigkeit, Schulz an der ersten, Lauterbach an der zweiten, Pinneberg an der dritten.

Emil rennt rum, Emil noch schlechterer Laune als am Vormittag, denn Emilie hat ihn völlig trocken gelegt, darum sind sie und Marie auch nicht auf den Boden gelassen. Über alle väterlichen Versorgungsgefühle hat die Wut des Tyrannisierten gesiegt. »Nicht riechen mag ich euch Biester.«

»Haben Sie Sackgewicht drauf, richtiges Sackgewicht, Herr Lauterbach? So ein Idiot! Ein Zweizentnersack wiegt drei Pfund, keine zwei Pfund! Genau zwei Zentner und drei Pfund werden gesackt, meine Herren. Und daß mir keiner ein Übergewicht gibt. Ich habe nischt zu verschenken. Ich wiege nach, mein schöner Schulz.«

Zwei Mann rutschen einen Sack zur Schurre. Der Sack geht auf, eine Flut rotbraunen Weizens prasselt auf den Boden.

»Wer hat den Sack zugebunden? Sie, Schmidten? Gottverdammich, Sie sollten doch mit Säcken umgehen können! Sie sind doch auch keine Jungfer mehr. Glotzen Sie nicht, Pinneberg, Ihre Waage hat Ausschlag! Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie Trottel, wir geben keinen Ausschlag?«

Nun glotzt Pinneberg wirklich, und zwar sehr böse auf seinen Chef.

»Kucken Sie nicht so dämlich! Wenn Ihnen hier was nicht paßt, bitte, Sie können gehen. — Schulz, Sie Bock, lassen Sie sofort die Marheinecke los. Will der Kerl auf meinem Weizenboden mit den Weibern loslegen.«

Schulz murmelt was.

»Halten Sie’s Maul! Sie haben die Marheinecke in den Hintern gekniffen. Wieviel Sack haben Sie jetzt?«

»Dreiundzwanzig.«

»Nicht vorwärts geht das. Nicht vorwärts! Aber das sage ich euch, keiner kommt mir vom Boden runter, bis die achthundert Sack fertig sind! Vesper gibt’s nicht. Und wenn ihr um elf Uhr nachts hier noch steht, das will ich doch mal sehen …«

Es ist drückend heiß unter den Dachpfannen, auf die mit aller Gewalt die Augustsonne niederprallt. Die Männer haben nur noch Hemd und Hose an und die Weiber auch kaum mehr. Es riecht nach trockenem Staub, nach Schweiß, nach Heu, nach der frischen, glänzenden Jute der Weizensäcke, aber vor allem nach Schweiß, Schweiß, Schweiß. Ein dicker Brodem von Körperlichkeit, ein Gestank nach schofelster Sinnlichkeit macht sich immer breiter. Und dazwischen gellt ununterbrochen wie ein dröhnender Gong die Stimme von Kleinholz: »Lederer, fassen Sie gefälligst die Schippe vernünftig an! Mensch, faßt man so ’ne Schippe an?! Halt den Sack ordentlich auf, du Fettsau, ’ne Schnauze muß er haben. So macht man das …«

Pinneberg bedient seine Waage. Ganz mechanisch läßt er die Sperre runter: »Noch ein bißchen, Frau Friebe. Noch eine Kleinigkeit. So, nun ist es wieder zu viel. Noch ’ne Handvoll raus. Ab dafür! Der nächste! Halten Sie sich ran, Hinrichsen, Sie sind jetzt dran. Sonst stehen wir noch um Mitternacht hier.«

Und im Gehirn geht es dabei, in Bruchstücken: »Lämmchen hat’s gut. Frische Luft …die weißen Vorhänge wehen. — Halt die Schnauze, verfluchter Hund! Ewig muß er kläffen. — Und um so was zittert man nun! So was will man um keinen Preis verlieren. Na, danke schön.«

Und wieder der dröhnende Gong: »Los mit Ihnen, Kube! Was haben Sie rausgewogen aus dem Haufen? Achtundneunzig Zentner? Hundert waren’s. Das ist der Weizen aus Nickelshof. Hundert Zentner waren das. Wo haben Sie die zwei Zentner gelassen, Schulz? Ich wiege nach. Los, wieder rauf mit dem Sack auf die Waage.«

»Ist zusammengeschnurrt in der Hitze, der Weizen«, läßt sich der alte Speicherarbeiter Kube vernehmen. »War höllisch zach, als er von Nickelshof kam.«

»Kauf ich zachen Weizen? Halt du die Schnauze, du! Will hier reden. Hast ihn nach Haus getragen zu Muttern, was? Zusammengeschnurrt, wenn ich das höre! Geklaut ist er, hier mausen doch alle.«

»Das ha ’ck nich nödig, Herre«, sagt Kube, »daß Sie mir hier was von Klauen sagen. Ick meld das dem Verband. Das ha ’ck nich nödig, das wollen wir mal sehen.«

Er kiekt über seinen grauweißen Schnauzbart dem Chef grell in die Visage.

»Oh Gott, ist das schön«, jubiliert Pinneberg innerlich. »Verband! Wenn man das auch so könnte! Aber bei uns? Neese.«

Kleinholz ist gar nicht sprachlos, Kleinholz ist so was gewöhnt. »Hab ich was gesagt, daß du ’nen geklaut hast? Keinen Ton hab ich gesagt. Mäuse klauen auch, Mäusefraß haben wir immer. Müssen wir mal wieder Meerzwiebeln legen oder Diphtherie impfen, Kube.«

»Sie haben gesagt, Herr Kleinholz, ich hab hier Weizen geklaut. Da sind se alle Zeuge für auf dem Boden. Ich geh zum Verband. Ich zeig Sie an, Herr Kleinholz.«

»Nichts hab ich gesagt. Kein Wort hab ich zu Ihnen gesagt. Heh, Herr Schulz, habe ich was zu Kube gesagt von Klauen?«

»Habe nichts gehört, Herr Kleinholz.«

»Siehst du, Kube. Und Sie, Herr Pinneberg, haben Sie was gehört?«

»Nein. Nichts«, sagt Pinneberg zögernd und weint innen blutige Tränen.

»Na also«, sagt Kleinholz. »Ewig du mit deinen Stänkereien, Kube. Das will ’nen Betriebsrat sein.«

»Machen Se’s sachte, Herr Kleinholz«, warnt Kube. »Sie fangen schon wieder an. Sie wissen doch von wegen. Dreimal sind Sie mit dem ollen Kube schon reingefallen vors Gericht. Ich geh auch viertens. Ich hab keine Bange, Herr Kleinholz.«

»Quasseln tust du«, sagt Kleinholz wütend, »du bist ja alt, Kube, du weißt ja nicht mehr, was du redest. So ein Mitleid hab ich mit dir!«

Aber Kleinholz hat es dicke. Außerdem ist es wirklich zu heiß hier oben, wenn man ununterbrochen hin und her läuft und brüllt. Er geht runter und macht Vesper.

»Ich geh mal auf’s Büro, Pinneberg. Passen Sie hier auf, daß weiter gemacht wird. Vesper gibt’s nicht, verstanden? Sie stehen mir dafür, Pinneberg!«

Er verschwindet die Bodentreppe abwärts, und sofort setzt allgemeine lebhafte Unterhaltung ein. Stoffmangel herrscht nicht, dafür hat Kleinholz gesorgt.

»Na, warum der heute so aus der Tüt ist, das weiß man ja.«

»Soll man einen auf die Lampe gießen, dann wird ihm schon anders.«

»Vesper!« brüllt der olle Kube, »Vesper!«

Emil kann noch nicht über den Hof sein.

»Ich bitte Sie, Kube«, sagt der dreiundzwanzigjährige Pinneberg zum dreiundsechzigjährigen Kube, »ich bitte Sie, Kube, machen Sie doch keine Geschichten, wo es Herr Kleinholz ausdrücklich verboten hat!«

»Is Tarif, Herr Pinneberg«, sagt Kube mit dem Walroßbart. »Vesper is Tarif. Das kann uns der Alte nicht nehmen.«

»Aber ich krieg den schlimmsten Krach …«

»Was geht mir das an!« Kube schnauft. »Wo Se nicht mal gehört haben, daß er mir Mausehaken geschimpft hat —!«

»Wenn Sie in meiner Lage wären, Kube …«

»Weeß ich. Weeß ich. Wenn alle so dächten wie Sie, junger Mann, dann dürften wir wohl wegen der Herren Arbeitgeber in Ketten schuften und für jedes Stück Brot ’nen Psalm singen. Na, Sie sind noch jung, Sie haben was vor sich, Sie werden ja auch noch erleben, wie weit Sie mit der Kriecherei kommen. — Also Vesper!«

Aber alles vespert längst. Die drei Angestellten stehen vereinsamt.

»Können ja weiter sacken, die Herren«, sagt ein Arbeiter.

»Sich ’nen weißen Fuß machen bei Emil!« der andere. »Dann läßt er sie vielleicht mal am Kognak riechen.«

»Nee, an Mariechen riechen!«

»Alle dreie?« Brüllendes Gelächter.

»Die nimmt alle drei, die is nich so.«

Einer fängt an zu singen: »Mariechen, mein süßes Viehchen.« Und schon singen die meisten.

»Wenn das gut geht!« sagt Pinneberg.

»Ich mach das nicht länger mit«, sagt Schulz. »Hab ich es nötig, mich hier vor allen Bock schimpfen zu lassen?! — Oder ich mach der Marie ein Kind und laß sie sitzen.« Er grinst schadenfroh und düster.

Und der starke Lauterbach: »Man müßte ihm mal auflauern, wenn er sich nachts besoffen hat, und ihn im Dunkeln gehörig vertrimmen. Das hilft.«

»Und tun tut keiner was von uns«, sagt Pinneberg. »Die Arbeiter haben ganz recht. Wir haben ewig Schiß.«

»Wenn du hast. Ich hab keinen«, sagt Lauterbach.

»Ich auch nicht«, sagt Schulz. »Ich hab überhaupt den ganzen Laden hier dicke.«

»Na, denn tun wir doch was«, schlägt Pinneberg vor. »Hat er denn mit euch nicht gesprochen heute früh?«

Die drei sehen sich an, prüfend, mißtrauisch, befangen.

»Ich will euch was sagen«, erklärt Pinneberg. Denn nun kommt es ja doch nicht mehr darauf an. »Mir hat er heute früh erst von der Marie was vorgequasselt, was sie für ein tüchtiges Mädchen ist. und dann, daß ich mich zum Ersten erklären soll, was, weiß ich eigentlich nicht, ob ich mich freiwillig abbauen lassen will, weil ich doch der Jüngste bin, also die Marie.«

»Bei mir war’s auch so. Weil ich Nazi bin, davon hat er solche Unannehmlichkeiten.«

»Und bei mir, weil ich mal mit ’nem Mädchen ausgehe.«

Pinneberg holt tief Atem: »Na, und?«

»Wieso und?«

»Was wollt ihr denn zum Ersten sagen?«

»Was sagen?«

»Ob ihr die Marie wollt?«

»Ganz ausgeschlossen!«

»Eher stempeln gehen!«

»Na also!«

»Was na also?«

»Dann können wir doch auch was verabreden.«

»Aber was denn?«

»Zum Beispiel: wir geben unser Ehrenwort darauf, daß wir zu der Marie alle drei Nein sagen.«

»Von der wird er schon nicht reden, so dumm ist Emil nicht.«

»Marie ist kein Kündigungsgrund.«

»Also dann, daß wir ausmachen, wenn er einen von uns kündigt, kündigen die beiden andern auch. Ehrenwörtlich ausmachen.«

Die beiden sehen bedenklich drein, jeder erwägt seine Chancen, gekündigt zu werden, ob sich das Ehrenwort für ihn lohnt.

»Alle drei läßt er uns sicher nicht gehen«, drängt Pinneberg.

»Da hat Pinneberg recht«, bestätigt Lauterbach. »Das tut er jetzt nicht. Ich geb mein Ehrenwort.«

»Ich auch«, sagt Pinneberg. »Und du, Schulz?«

»Meinetwegen, ich mach mit.«

»Vesper vorbei!« brüllt Kube. »Wenn die Herren Beamten sich bemühen wollen!«

»Also es ist fest?«

»Ehrenwort!«

»Ehrenwort!«

»Gott, wie wird sich Lämmchen freuen«, denkt der Junge. »Wieder für einen Monat Sicherheit.«

Sie gehen an ihre Waagen.

Es ist gegen elf, als Pinneberg nach Haus kommt. In der Sofaecke zusammengekuschelt, findet er schlafend Lämmchen. Sie hat ein Gesicht wie ein verweintes Kind, die Lider sind noch feucht.

»Oh Gott, bist du endlich da? Ich hatte solche Angst!«

»Aber warum denn Angst? Was soll mir denn passieren? Überarbeiten habe ich müssen, das Vergnügen habe ich alle drei Tage.«

»Und ich habe solche Angst gehabt! Hast du sehr Hunger?«

»Hunger noch und noch. Aber weißt du, es riecht so komisch bei uns.«

»Komisch, wieso?« Lämmchen schnuppert. »Meine Erbsensuppe!«

Sie stürzen gemeinsam in die Küche. Ein stinkender Qualm schlägt ihnen entgegen.

»Fenster auf! Rasch alle Fenster auf! Durchzug machen!«

»Sieh, daß du den Gashahn findest. Stell erst mal das Gas ab.«

Schließlich, etwas reinere Luft atmend, sehen die beiden in den großen Kochpott.

»Meine schöne Erbsensuppe«, flüstert Lämmchen.

»Irgendwas wie Kohlen.«

»Das schöne Fleisch!«

Sie starren in den Topf, dessen Boden und Wände von einer schwärzlichen stinkenden, klebrigen Masse bedeckt sind.

»Ich hab ihn um fünf aufgesetzt«, berichtet Lämmchen. »Ich dachte, du kämst um sieben. Damit das viele Wasser unterdes verkocht. Und dann kamst du nicht und ich kriegte solche Angst, und ich hab gar nicht mehr an den ollen dummen Pott gedacht!«

»Der ist auch hin«, sagt Pinneberg betrübt.

»Vielleicht kriege ich es wieder raus«, meint Lämmchen bedenklich. »Es gibt so Kupferbürsten.«

»Kostet alles Geld«, sagt Pinneberg kurz. »Wenn ich denke, was wir diese Tage schon für Geld veraast haben. Und nun alle diese Töpfe und Kupferbürsten und das Mittagessen — dafür hätte ich drei Wochen am Mittagstisch essen können. — Ja, nun weinst du, wo es doch wahr ist …«

Sie schluchzt sehr: »Und ich gebe mir ja solche Mühe, mein Junge! Nur wenn ich solche Angst um dich habe, kann ich doch nicht an das Essen denken. Und hättest du nicht eine einzige halbe Stunde früher kommen können? Dann hätten wir den Gashahn noch rechtzeitig zugedreht.«

»Na ja«, sagt Pinneberg und packt den Deckel auf den Topf. »Lehrgeld. Ich« …er entschließt sich heldenhaft …»ich mach auch manchmal Fehler. Darum brauchst du nicht zu weinen. — Und nun gib mir was zu essen. Ich hab so ’nen Hunger!«

Pinneberg hat ja doch nichts vor, macht aber einen Ausflug, auf dem Augen gemacht werden

Der Sonnabend, dieser schicksalhafte Sonnabend, dieser dreißigste August, entsteigt strahlend mit tiefer Bläue der Nacht. Beim Kaffee hat Lämmchen noch einmal wiederholt: »Also morgen bist du bestimmt frei. Morgen fahren wir nach Maxfelde mit der Bimmelbahn.«

»Morgen hat Lauterbach Stalldienst«, erklärt Pinneberg. »Morgen fahren wir los. Das versprech ich dir.«

»Und dann nehmen wir uns ein Ruderboot und rudern über den Maxensee, die Maxe hinauf.« Sie lacht. »Gott, Junge, was für Namen? Ich denke immer noch, du nimmst mich auf den Arm!«

»Tät ich gern. Aber ich muß los ins Geschäft. Tjüs, Frau!«

»Tjüs, Mann!«

Dann kam Lauterbach zu Pinneberg. »Du hör mal, Pinneberg, wir haben morgen Werbemarsch und mein Gruf hat mir gesagt, ich darf bestimmt nicht fehlen. Mach du mal für mich Futterausgabe.«

»Tut mir schrecklich leid, Lauterbach, morgen kann ich unter keinen Umständen! Sonst immer gerne.«

»Tu mir doch den Gefallen, Mensch!«

»Nein, wirklich nicht. Du weißt, sonst immer gerne, aber diesmal ausgeschlossen! Vielleicht Schulz?«

»Nee, Schulz kann auch nicht. Der hat was mit ’nem Mädchen, wegen Alimente. Also sei so gut.«

»Diesmal nicht.«

»Aber du hast doch nie was vor.«

»Und diesmal habe ich eben was vor.«

»Solche Ungefälligkeit — wo du sicher nichts vorhast!«

»Diesmal doch!«

»Ich mach zwei Sonntage für dich Dienst, Pinneberg.«

»Nein, ich will gar nicht. Und nun halt den Mund davon. Ich tu’s nicht.«

»Bitte, wenn du so bist. Wo es mein Gruf extra befohlen hat!« Lauterbach ist wahnsinnig beleidigt.

Damit fing es an. Damit ging es weiter.

Zwei Stunden später sind Kleinholz und Pinneberg allein auf dem Büro. Die Fliegen summen und burren schön sommerlich. Der Chef ist heftig gerötet, sicher hat er heute schon ein paar gekippt und ist darum guter Laune.

Er sagt auch ganz friedlich: »Machen Sie mal morgen Stalldienst für Lauterbach, Pinneberg. Er hat mich um Urlaub gebeten.«

Pinneberg sieht hoch: »Tut mir schrecklich leid, Herr Kleinholz. Morgen kann ich nicht. Ich hab das Lauterbach auch schon gesagt.«

»Das wird sich bei Ihnen ja verschieben lassen. Sie haben ja noch nie was Wichtiges vorgehabt.«

»Diesmal leider doch, Herr Kleinholz.«

Herr Kleinholz sieht seinen Buchhalter sehr genau an: »Hören Sie, Pinneberg, machen Sie keine Geschichten. Ich hab dem Lauterbach Urlaub gegeben, ich kann es nicht wieder ruckgängig machen.«

Pinneberg antwortet nicht.

»Sehen Sie, Pinneberg«, erklärt Emil Kleinholz den Fall ganz menschlich, »der Lauterbach ist ja ’ne doofe Nuß. Aber er ist nun mal Nazi und sein Gruppenunterführer ist der Müller Rothsprack. Mit dem möchte ich es auch nicht verderben, der hilft uns immer mal aus, wenn wir schnell was zu mahlen haben.«

»Aber ich kann wirklich nicht, Herr Kleinholz«, beteuert Pinneberg.

»Nun könnte ja mal der Schulz einspringen«, klamüsert Emil nachdenklich den Fall auseinander, »aber der kann auch nicht. Der hat morgen ein Familienbegräbnis, wo er was erben will. Da muß er hin, das sehen Sie ein, sonst nehmen die andern Verwandten sich doch alles.«

’So ein Aas!’ denkt Pinneberg. ’Seine Weibergeschichten.’

»Ja, Herr Kleinholz …«, fängt er an.

Aber Kleinholz ist aufgezogen. »Und was mich angeht, Herr Pinneberg, ich würde ja gerne Dienst machen, ich bin nicht so, das wissen Sie …«

Pinneberg bestätigt es: »Sie sind nicht so, Herr Kleinholz.«

»Aber wissen Sie, Pinneberg, morgen kann ich auch nicht. Morgen muß ich nun wirklich über Land und sehen, daß wir Kleebestellungen reinkriegen. Wir haben dies Jahr noch gar nichts verkauft.«

Er sieht Pinneberg erwartungsvoll an.

»Sonntags muß ich fahren, Pinneberg, sonntags treffe ich die Bauern zu Haus.«

Pinneberg nickt: »Und wenn der olle Kube mal das Futter rausgibt, Herr Kleinholz?«

Kleinholz ist entsetzt. »Der olle Kube?! Dem soll ich die Bodenschlüssel in die Hand geben? Der Kube ist schon seit Vatern da, aber den Bodenschlüssel hat er noch nie in die Hand bekommen. Nee, nee, Herr Pinneberg, Sie sehen’s ja jetzt ein, Sie sind der Mann an der Spritze. Sie machen morgen Dienst.«

»Aber ich kann nicht, Herr Kleinholz!«

Kleinholz ist aus allen Wolken gefallen: »Aber wo ich Ihnen eben erst auseinandergesetzt habe, Herr Pinneberg, daß keiner Zeit hat wie Sie.«

»Aber ich habe keine Zeit, Herr Kleinholz!«

»Herr Pinneberg, Sie werden doch nicht verlangen, daß ich morgen für Sie Dienst mache, bloß weil Sie Launen haben. Was haben Sie denn morgen vor?«

»Ich habe …«, fängt Pinneberg an. »Ich muß …«, sagt er weiter. Und ist still, denn es fällt ihm in der Eile nichts ein.

»Na also! Sehen Sie! Ich kann mir doch mein Kleegeschäft nicht verbuttern, bloß weil Sie nicht wollen, Herr Pinneberg! Seien Sie vernünftig.«

»Ich bin vernünftig, Herr Kleinholz. Aber ich kann bestimmt nicht.«

Herr Kleinholz erhebt sich, er geht rückwärts bis zur Tür und läßt kein betrübtes Auge von seinem Buchhalter. »Ich hab mich schwer in Ihnen getäuscht, Herr Pinneberg«, sagt er. »Schwer getäuscht.«

Und schrammt die Tür zu. —

Lämmchen ist natürlich völlig der Ansicht ihres Jungen.

»Wie kommst du dazu? Und überhaupt finde ich es schrecklich gemein von den andern, dich so reinzulegen. Ich an deiner Stelle hätte es dem Chef gesagt, daß der Schulz mit seinem Begräbnis gesohlt hat.«

»So was tut man doch nicht unter Kollegen, Lämmchen.«

Sie ist reuig: »Nein, natürlich nicht, du hast ganz recht. Aber dem Schulz würde ich es gründlich sagen. Ganz gründlich.«

»Tu ich auch noch, Lämmchen, tu ich noch.«

Und nun sitzen die beiden in der Kleinbahn nach Maxfelde. Der Zug ist proppenvoll, trotzdem es der Zug ist, der schon um sechs Uhr in Ducherow abfährt. Und auch Maxfelde mit dem Maxsee und der Maxe ist eine Enttäuschung. Alles ist laut und voll und staubig. Von Platz sind Tausende gekommen, ihre Autos und Zelte stehen zu Hunderten am Strand. Und an ein Ruderboot ist gar nicht zu denken, die paar Ruderboote sind längst vergeben.

Pinneberg und seine Emma sind jung verheiratet, ihr Herz dürstet nach Einsamkeit. Sie finden den Trubel schrecklich.

»Also marschieren wir los«, schlägt Pinneberg vor. »Hier gibt’s ja überall Wald und Wasser und Berge …«

»Aber wohin?«

»Ist ja ganz egal. Nur weg von hier. Wir finden schon was.«

Und sie finden etwas. Zuerst ist der Waldweg noch ziemlich breit und eine ganze Menge Leute sind auf ihm unterwegs, aber dann behauptet Lämmchen, daß es hier unter den Buchen nach Pilzen riecht, und sie lockt ihn wegab und sie laufen immer tiefer in das Grüne, und plötzlich sind sie zwischen zwei Waldhängen auf einer Wiese. Sie klettern auf der anderen Seite, sich bei den Händen haltend, hinauf, und als sie oben sind, stoßen sie auf eine Schneise, die sich welteneinsam immer tiefer, hügelauf, hügelab, in den Wald hineinzieht, und schlendern so weiter.

Über ihnen stieg die Sonne, langsam und allmählich, und manchmal warf sich der Seewind, weit, weit drüben von der Ostsee her, in die Buchenkronen, dann rauschten sie herrlich auf. Der Seewind war auch in Platz gewesen, wo Lämmchen früher zu Hause war, lang, lang ist’s her, und sie erzählte ihrem Jungen von der einzigen Sommerreise ihres Lebens: neun Tage in Oberbayern, vier Mädels.

Und er wurde auch gesprächig, und sprach davon, daß er immer allein gewesen sei, und daß er seine Mutter nicht möge, und sie hätte sich nie um ihn gekümmert, und er sei ihr bei ihren Liebhabern stets im Wege gewesen. Und sie habe einen schrecklichen Beruf, sie sei …Nun, es dauerte eine ganze Weile, bis er mit dem Geständnis herausrückte, daß sie eine Bardame sei.

Da wurde Lämmchen nun wieder nachdenklich und bereute fast ihren Brief, denn eine Bardame ist doch eigentlich etwas ganz anderes, trotzdem sich Lämmchen über die Funktionen dieser Damen gar nicht recht im klaren war, denn sie war noch nie in einer Bar gewesen, und was sie bisher von solchen Damen gehört hatte, schien wieder nicht zu dem Alter von ihres Jungen Mutter zu stimmen. Und kurz und gut, sicher wäre die Anrede »Verehrte gnädige Frau« besser gewesen. Aber mit Pinneberg jetzt darüber zu sprechen, war natürlich nicht möglich.

So gingen sie eine ganze Weile schweigend Hand in Hand. Aber gerade als dies Schweigen bedenklich wurde und sie voneinander zu entfernen schien, sagte Lämmchen: »Mein Jungchen, was sind wir glücklich!« und hielt ihm den Mund hin. —

Plötzlich wurde der Wald ganz hell vor ihnen, und als sie hinaustraten in die strahlende Sonne, standen sie auf einem ungeheuren Kahlschlag. Grade gegenüber lag ein hoher sandiger Hügel. Auf seiner Spitze hantierte ein Haufe Menschen mit einem komischen Gerät herum. Plötzlich hob sich das Gerät und segelte durch die Luft.

»Ein Segelflieger!« schrie Pinneberg. »Lämmchen, ein Segelflieger!«

Er war mächtig aufgeregt und versuchte ihr zu erklären, wieso dies Ding ohne Motor immer höher und höher kam. Aber da es ihm auch nicht ganz klar war, verstand Lämmchen es erst recht nicht, aber sie sagte folgsam: »Ja« und »Natürlich«.

Dann setzten sie sich am Waldrand hin und frühstückten ausgiebig aus ihren Paketen und tranken die Thermosflasche leer. Der große, weiße, kreisende Vogel sank und stieg und ging schließlich nieder, ganz, ganz weit draußen. Die Leute vom Hügelgipfel stürmten zu ihm, es war ein tüchtiger Weg, und als die beiden oben mit ihrem Frühstück fertig waren und Pinneberg seine Zigarette angebrannt hatte, fingen sie erst an, das Flugzeug wieder zurückzuschleppen.

»Jetzt ziehen sie ihn wieder auf den Berg«, erklärte Pinneberg.

»Aber das ist doch schrecklich umständlich! Warum fährt er nicht selbst?«

»Weil er keinen Motor hat, Lämmchen, er ist doch ein Segelflieger!«

»Haben die kein Geld, sich einen Motor zu kaufen? Ist ein Motor so teuer? Ich finde es schrecklich umständlich.«

»Aber Lämmchen …«, und er wollte wieder erklären.

Aber Lämmchen lehnte sich plötzlich ganz fest in seinen Arm und sagte: »Ach, es ist schrecklich gut, daß wir uns haben, was, Jungchen?«

In diesem Augenblick geschah es:

Auf dem Sandwege, der am Waldrand entlang führte, war leise und sacht wie auf Filzlatschen ein Automobil herangeschlichen, und als die beiden es merkten und verlegen auseinanderfuhren, war das Auto beinahe auf ihrer Höhe. Trotzdem sie nun eigentlich die Gesichter der Autoinsassen im Profil hätten sehen müssen, waren ihnen die Gesichter alle voll und ganz zugekehrt. Und es waren erstaunte Gesichter, strenge Gesichter, entrüstete Gesichter.

Lämmchen verstand nichts, sie fand, daß diese Leute doch schon gar zu blöde blickten, als hätten sie noch nie ein küssend Paar gesehen, und sie verstand vor allem ihren Jungen nicht, der, Unverständliches murmelnd, aufsprang und eine tiefe Verbeugung gegen das Auto machte.

Aber dort gingen, wie auf geheimes Kommando, alle Gesichter, plötzlich ins Profil, niemand nahm von der herrlichen Verbeugung Pinnebergs Notiz, nur das Auto tat mit seiner Hupe einen grellen Schrei, fuhr rascher, tauchte zwischen Bäume und Gebüsch, noch einmal sahen sie ein Stück der roten Lackierung aufleuchten und vorbei. Vorbei.

Der Junge aber stand da, leichenblaß, die Hände in den Taschen, und murmelte: »Wir sind erschossen, Lämmchen. Morgen schmeißt er mich raus.«

»Wer denn? Wer?«

»Na, Kleinholz doch! Ach Gott, du weißt es ja noch gar nicht. Das waren Kleinholzens.«

»Ach Gott!« sagte Lämmchen auch und tat einen ganz tiefen Atemzug. »Das nenne ich nun freilich Malesche.«

Und dann nahm sie ihren großen Jungen in den Arm und tröstete ihn, so gut es eben ging.

Wie Pinneberg mit dem Engel und Mariechen Kleinholz ringt und wie es doch zu spät ist

Jedem Sonntag folgt sein Montag auf dem Fuße, man kann am Sonntag vormittag um elf noch so fest glauben, er sei noch zwei Ewigkeiten ab.

Aber er kommt, er kommt sicher, alles geht seinen alten Trott, und an der Ecke vom Marktplatz, wo Pinneberg immer den Stadtsekretär Kranz trifft, sieht er sich um. Siehe da, dort naht auch schon Kranz, und als die beiden Herren beinahe auf gleicher Höhe sind, greifen sie an die Hüte und grüßen sich.

Sie sind aneinander vorbei, Pinneberg hält seine rechte Hand vor sich hin: der goldene Trauring funkelt in der Sonne. Langsam dreht Pinneberg den Ring vom Finger, langsam greift er nach seiner Brieftasche, und dann steckt er ihn trotzig und rasch wieder an. Aufrecht, den Trauring an der Hand, marschiert er seinem Schicksal entgegen.

Es läßt auf sich warten, dieses Schicksal. Nicht einmal der pünktliche Lauterbach ist an diesem Montag da, und von Kleinholzens läßt sich auch niemand sehen.

»Wird im Stall sein«, denkt Pinneberg und macht sich auf dem Hof zu schaffen. Da steht das rote Auto und wird gewaschen. »Wärest du doch gestern um zehn mit einer Panne zusammengebrochen!« denkt Pinneberg. Und sagt laut: »Der Chef noch nicht auf?«

»Schläft noch allens, Herr Pinneberg.«

»Wer hat denn gestern eigentlich Futter ausgegeben?«

»Der olle Kube, Herr Pinneberg, Kube.«

»Na also«, sagt Pinneberg und geht wieder auf’s Büro.

Dort ist Schulz eingetrudelt, es ist auch schon acht Uhr fünfzehn, ein grüngelber Schulz, sehr mißgelaunt. »Wo ist denn Lauterbach?« fragt er böse. »Spielt das Schwein krank, heute, wo wir so viel Arbeit haben?«

»Sieht so aus«, sagt Pinneberg. »Lauterbach kommt doch nie zu spät. — Guten Sonntag gehabt, Schulz?«

»Oh verdammich!« bricht Schulz aus. »Verdammich! Verdammich!« Er versinkt in Brüten. Dann wild: »Weißte, Pinneberg, ich habe dir mal erzählt, du wirst nicht mehr wissen, vor acht oder neun Monaten bin ich mal in Helldorf zum Schwoof gewesen, so ’nem richtigen Kuhschwoof mit den Bauerntrampeln. Und die behauptet jetzt, ich bin der Vater von dem Kind und soll blechen. Also ich denke gar nicht daran! Ich mache sie meineidig, die!«

»Wie willste denn das machen?« sagt Pinneberg und denkt, der hat auch Sorgen.

»Ich bin gestern den ganzen Tag in Helldorf rum und hab mich erkundigt, mit wem sie noch …Diese Bauerntöffel, alles hält zusammen. Die soll aber nur ihren Meineid schwören, wenn sie den Mut hat!«

»Und wenn sie den Mut hat?«

»Ich werd’ dem Richter schon Bescheid stoßen! Glaubst du denn das, Pinneberg, nun sag mal ehrlich, zweimal hab ich mit ihr getanzt und dann hab ich gesagt: ’Gnädiges Fräulein, es ist hier so rauchig, wollen wir mal rausgehen?’ Na, und da gleich, einen Tanz haben wir nur versäumt, verstehst du, und da soll ich der alleinige Vater sein? So doof!«

»Wenn du nichts beweisen kannst.«

»Ich mach sie meineidig! Der Richter wird es ja auch einsehen. Wie kann ich denn das auch, Pinneberg? Du weißt doch selber, bei unserem Gehalt?«

»Heut ist Kündigungstag«, sagt Pinneberg, still und beiläufig.

Aber Schulz hört gar nicht, er stöhnt: »Und mir wird immer so schlecht von Alkohol …!«

Acht Uhr zwanzig, Lauterbach tritt ein.

Oh Lauterbach! Oh Ernst! Oh du mein Ernst Lauterbach!

Ein blaues Auge, eins. Die linke Hand in einem Verband, zwei. Das Gesicht voll Schmarren, drei, vier, fünf. Am Hinterkopf so ein schwarzes Seidenfutteral und über dem Ganzen ein Chloroformgeruch, sechs, sieben. Und diese Nase, diese verschwollene blutrünstige Nase! Acht! Und diese Unterlippe, halb gespalten, dick, negerhaft. Neun! Knockout, Lauterbach! Kurz gesagt, am gestrigen Sonntag hat Ernst Lauterbach unter den Bewohnern des Landes eifrig und mit Hingabe für seine politischen Ideen geworben.

Die beiden Kollegen tanzen aufgeregt um ihn.

»Oh Mensch! Oh Manning! Dich haben sie aber in der Mache gehabt.«

»Oh Ernst, oh Ernst, daß du es niemals lernst!«

Lauterbach setzt sich, sehr steif und vorsichtig: »Das, was ihr seht, ist noch gar nichts. Meinen Rücken sollt ihr erst mal sehen.«

»Mensch, wie ist es nur möglich …?«

»So bin ich! Ich hätte ja heute ganz gut zu Haus bleiben können, aber ich hab an euch gedacht, daß heute so viel zu tun ist.«

»Und heute ist immerhin Kündigungstag«, sagt Pinneberg.

»Und wer nicht da ist, den beißen die Hunde.«

»Hör mal, das verbitt ich mir! Wir haben doch unser Ehrenwort …«

Emil Kleinholz tritt ein.

Kleinholz ist an diesem Morgen leider nüchtern, er ist sogar so nüchtern, daß er bis zur Tür Schulzens Schnaps- und Biergeruch riecht. Er gibt einen Auftakt, er macht einen Anfang, er sagt: »Na, wieder mal ohne Arbeit, meine Herren? Gut, daß heute Kündigungstag ist, einen von Ihnen werde ich abbauen.« Er grinst. »Arbeit ist knapp, was?«

Er sieht auf die drei, triumphierend, sie schleichen betreten zu ihren Plätzen. Schon fährt Kleinholz dahinter her: »Nee, mein lieber Schulz, das könnte Ihnen so passen, Ihren Rausch für mein teures Geld auf dem Büro ausschlafen. Feuchtes Familienbegräbnis gehabt, was? Wissen Sie?« Er sinnt. Dann hat er es. »Wissen Sie, Sie können mal auf den Anhänger von dem Lastwagen krabbeln und nach der Weizenmühle fahren. Und daß Sie mir fein die Bremse bedienen, es geht ganz hübsch bergauf und bergab, ich werd dem Chauffeur Bescheid sagen, daß er ein bißchen auf Sie aufpaßt und Ihnen eine klebt, wenn Sie’s Bremsen vergessen haben.«

Kleinholz lacht, er hat einen Witz gemacht, darum lacht er. Denn das mit dem Kleben ist natürlich nicht ernst gemeint, auch wenn es ernst gemeint ist.

Schulz will raus.

»Was wollen Sie denn ohne Papiere? Pinneberg, machen Sie dem Schulz die Bestellscheine fertig, der Mann kann ja heute nicht schreiben, hat ’nen Tatterich.«

Pinneberg schmiert los, froh, eine Arbeit zu haben.

Dann gibt er Schulz die Papiere: »Hier hast du, Schulz.«

»Einen Augenblick noch, Herr Schulz«, sagt Emil. »Sie können nicht bis zwölf zurück sein und bis zwölf kann ich Ihnen nur kündigen, nach unserem Vertrag. Wissen Sie, ich weiß noch immer nicht, wem von Ihnen dreien ich kündigen will, ich muß mal sehen …Und da kündige ich Ihnen vorsorglich, wissen Sie, da haben Sie zu kauen dran während der Fahrt, und wenn Sie dann noch tüchtig bremsen, ich denke mir beinahe, Sie werden nüchtern, Schulz!«

Schulz steht und bewegt lautlos die Lippen. Wie gesagt, er hat ein gelbes, faltiges Gesicht und diesen Morgen sieht er an und für sich nicht sehr gesund aus, aber was da jetzt für ein Haufen Elend und Asche steht …

»Ab dafür!« sagt Kleinholz. »Und wenn Sie wiederkommen, melden Sie sich bei mir. Dann sage ich Ihnen, ob ich die Kündigung zurücknehme oder nicht.«

Also ab dafür, der Schulz. Die Tür geht zu und langsam, mit zitternder Hand, an der der Ehereif blitzt, schiebt Pinneberg den Löscher von sich. Komme ich jetzt dran oder Lauterbach?

Aber beim ersten Wort merkt er: das ist Lauterbach. Dem Lauterbach gegenüber hat Kleinholz einen ganz anderen Ton: Lauterbach ist dumm, aber stark, wenn Lauterbach zu sehr gereizt wird, haut er einfach, Lauterbach kann man nicht so zwiebeln, bei Lauterbach muß man es anders machen. Aber Emil kann auch das.

»Wenn ich Sie so ansehe, Herr Lauterbach, das ist doch ein wahrer Jammer. Auge blau, Neese Mohn, mit dem Mund können Sie kaum reden und der eine Arm —: das soll nu ’ne vollwertige Arbeit sein, die Sie bei mir leisten. Vollwertiges Gehalt wollen Sie wenigstens, da lassen Sie nicht dran tippen.«

»Meine Arbeit klappt«, sagt Lauterbach.

»Sachte, Herr Lauterbach, sachte. Wissen Sie, Politik ist ganz gut, und Nationalsozialismus ist vielleicht sehr gut, werden wir sehen nach den nächsten Wahlen und uns danach richten, aber daß ausgerechnet ich die Kosten tragen soll …«

»Ich arbeit«’, sagt Lauterbach.

»Na ja«, sagt Emil sanft. »Werden wir ja sehen. Glaub nicht, daß Sie heute arbeiten, die Arbeit, die ich habe …Sie sind ja ’n kranker Mann.«

»Ich arbeite — — — alles«, sagt Lauterbach.

»Wenn Sie es sagen, Herr Lauterbach! Nur, ich glaub’s nicht ganz. Die Brommen hat mich nämlich im Stich gelassen und wir müssen die Wintergerste noch mal durch die Klapper jagen, und da dacht ich eigentlich, ich wollt Sie bitten, daß Sie die Klapper drehen …?«

Dies war selbst für Emil eine hohe Höhe von Gemeinheit. Denn erstens einmal war das Drehen der Klapper alles andere, nur keine Angestelltenarbeit, und zweitens brauchte man eigentlich zwei sehr gesunde und kräftige Arme dazu.

»Sehen Sie«, sagt Kleinholz. »Ich hab’s ja gedacht, Sie sind invalide. Gehen Sie nach Haus, Herr Lauterbach, aber Gehalt zahl ich Ihnen nicht für die Tage. Das ist keine Krankheit, was Sie haben.«

»Ich arbeite«, sagt Lauterbach trotzig und wütend. »Ich dreh die Windfege. Haben Sie man keine Angst, Herr Kleinholz!«

»Na schön, ich komme dann mal vor zwölf zu Ihnen rauf, Lauterbach, und sage Ihnen Bescheid wegen der Kündigung.«

Lauterbach murrt was Unverständliches und haut ab.

Nun sind sie beide allein. Nun geht es über mich her, denkt Pinneberg. Aber zu seiner Überraschung sagt Kleinholz ganz freundlich: »Das sind Kerle, Ihre Kollegen, ein Haufen Dung und ein Haufen Mist, einer wie der andere, Unterschied gibt’s nicht.«

Pinneberg antwortet nicht.

»Na, Sie sehen ja heute festlich aus. Ihnen kann ich wohl keine Dreckarbeit geben? Machen Sie mir mal den Kontoauszug für die Gutsverwaltung Hönow per einunddreißigsten August. Und passen Sie vor allem bei den Strohlieferungen auf. Die haben da mal Haferstroh statt Roggenstroh geliefert und der Waggon ist beanstandet.«

»Weiß Bescheid, Herr Kleinholz«, sagt Pinneberg. »Das war der Waggon, der an den Rennstall in Karlshorst ging.«

»Sie sind einer«, sagt Emil. »Sie sind richtig, Herr Pinneberg. Wenn man alles solche Leute wie Sie hätte! Na, machen Sie das dann. Guten Morgen.«

Und raus ist er.

»Oh Lämmchen!« jubelt es in Pinneberg. »Oh, du mein Lämmchen! Wir sind sicher, wir brauchen keine Angst mehr zu haben wegen der Stellung und wegen dem Murkel!«

Er steht auf und holt sich die Mappe mit dem Sachverständigen-Gutachten, denn der Strohwagen ist damals von einem Sachverständigen taxiert worden.

»Wie war also der Saldo per einunddreißigsten März? Debet. Dreitausendsiebenhundertfünfundsechzig Mark fünfundfünfzig. Also dann …«

Er schaut auf wie vom Donner gerührt: »Und ich Ochse habe mit den anderen ehrenwörtlich ausgemacht, daß wir kündigen: wenn einem von uns gekündigt wird. Und ich habe das selber angestiftet, ich Idiot, ich Hornvieh! Ich denke doch gar nicht daran …Der schmeißt uns ja einfach alle drei raus!«

Er springt auf, er läuft hin und her.

Dies ist Pinnebergs Stunde, seine Spezialstunde, in der er mit seinem Engel ringt.

Er denkt daran, daß er in Ducherow bestimmt keine Stellung wieder bekommt. Und sonst bei der jetzigen Konjunktur auf der ganzen weiten Welt auch keine. Er denkt daran, daß er, ehe er zu Bergmann kam, mal ein Vierteljahr arbeitslos war, und wie schrecklich das damals schon war, allein, und jetzt erst zu zweien, ein Drittes erwartend! Er denkt an die Kollegen, die er im Grunde nicht ausstehen kann, und die beide viel eher eine Kündigung tragen können als er. Er denkt daran, daß es gar nicht einmal sicher ist, daß die ihr Wort halten werden, wenn er gekündigt würde. Er denkt daran, daß, wenn er kündigt und Kleinholz läßt ihn gehen, er erstmal eine ganze Zeit kein Anrecht auf Arbeitslosenunterstützung hat, zur Strafe dafür, daß er eine Arbeit aufgegeben hat. Er denkt an Lämmchen, den ollen Textiljuden Bergmann, an Marie Kleinholz, plötzlich an seine Mutter. Dann denkt er an ein Bild aus den »Wundern der Mutterschaft«, ein Embryo im dritten Monat darstellend, so weit ist der Murkel jetzt, so ein nackter Maulwurf, gräßlich auszudenken. Daran denkt er ziemlich lange.

Er läuft hin und her, ihm ist schrecklich heiß.

»Was soll ich nur tun —? Ich kann doch nicht …Und die andern würden es bestimmt nicht machen! Also —? Aber ich will nicht lumpig sein, ich will mich nicht vor mir schämen müssen. — Wenn doch Lämmchen da wäre! Wenn ich die fragen könnte! Lämmchen ist so grade, die weiß genau, was man verantworten kann vor sich, ohne Gewissensbisse …«

Er stürzt zum Bürofenster, er starrt auf den Marktplatz. Wenn sie doch vorbeikäme! Jetzt! Sie muß doch heute früh vorbeikommen, sie hat gesagt, sie will Fleisch einholen. »Liebes Lämmchen! Gutes Lämmchen! Ich bitte dich, komm jetzt vorbei!«

Die Tür tut sich auf und Marie Kleinholz kommt herein.

Es ist ein altes Vorrecht der Frauen aus der Familie derer von Kleinholz, daß sie am Montag vormittag, wo doch niemand auf das Büro kommt, auf dem großen Tisch im Büro ihre Wäsche legen dürfen. Und es ist weiter das Recht dieser Damen, von den Angestellten verlangen zu können, daß sie diesen Tisch abgeräumt vorfinden. Das aber ist heute in der großen Aufregung nicht getan worden.

»Der Tisch!« sagt Marie Kleinholz mit Schärfe.

Pinneberg springt: »Einen Augenblick nur! Bitte um Entschuldigung, wird gleich bereit sein.«

Er wirft Getreidemuster in Schrankfächer, stapelt Schnellhefter auf die Fensterbank, weiß einen Augenblick nicht, wo er mit dem Getreideprober hin soIl.

»Trödeln Sie sich aus, Mensch«, sagt Marie streitsüchtig. »Ich steh hier mit meiner Wäsche.«

»Einen Augenblick noch«, sagt Pinneberg sehr sanft.

»Augenblick …Augenblick …«, nörgelt sie. »Das hätte längst gemacht sein können. Aber freilich, zum Fenster nach den Flittchen raussehen …«

Pinneberg antwortet lieber nicht. Marie packt mit einem Avec ihren Stoß Wäsche auf den frei gewordenen Tisch.

»Ein Dreck ist das! Grade reingemacht und wieder alles dreckig. Wo haben Sie’s Staubtuch?«

»Weiß nicht«, sagt Pinneberg ziemlich brummig und tut, als suche er.

»Jeden Sonnabend abend hänge ich ein frisches Staubtuch her, und am Montag ist es schon weg. Es muß doch einer direkt die Staubtücher klauen.«

»Das verbitte ich mir«, sagt Pinneberg ärgerlich.

»Was verbitten Sie sich? Gar nichts verbitten Sie sich. Hab ich was gesagt, daß Sie die Staubtücher klauen? Einer hab ich gesagt. Ich glaub gar nicht, daß solche Mädchen Staubtücher anfassen, das ist viel zu gewöhnliche Arbeit für solche.«

»Hören Sie, Fräulein Kleinholz«, beginnt Pinneberg. Und besinnt sich. »Ach was!« sagt er und setzt sich an seinen Platz zum Arbeiten.

»Ist auch besser, Sie sind still. Sich auf offener Straße mit so einer abzuknutschen …«

Sie wartet eine Weile, ob ihr Pfeil sitzt. Dann: »Ich hab wenigstens nur die Knutscherei gesehen, was sonst noch war …Ich red nur von dem, was ich verantworten kann …«

Sie schweigt wieder. Pinneberg denkt krampfhaft: »Nur Ruhe. Das ist gar nicht viel Wäsche, was die hat. Dann muß sie abnibbeln …«

Marie nimmt den Faden ihrer Plauderei wieder auf: »Schrecklich gewöhnlich sah die Person aus. So aufgedonnert.«

Pause.

»Vater sagt, er hat sie schon in der Palmengrotte gesehen, da war sie Kellnerin.«

Neue Pause.

»Na, manche Herren lieben das Gewöhnliche, das reizt sie grade, sagt Vater.«

Neue Pause.

»Sie tun mir leid, Herr Pinneberg.«

»Und Sie mir auch«, sagt Pinneberg.

Ziemlich lange Pause. Marie ist etwas verblüfft. Schließlich: »Wenn Sie hier frech zu mir werden, Herr Pinneberg, sage ich es Vatern. Der schmeißt Sie gleich raus.«

»Wieso frech?« fragt Pinneberg. »Ich hab genau das gesagt, was Sie gesagt haben.«

Und nun herrscht Stille. Endgültige Stille scheint es. Ab und zu klappert der Wäschesprenger, wenn ihn Marie Kleinholz schüttelt, oder das Stahllineal schlägt gegen das Tintenfaß.

Plötzlich stößt Marie einen Schrei aus. Triumphierend stürzt sie zum Fenster: »Da geht sie ja! Da geht sie ja, die olle Schneppe! Gott! Wie die gemalt ist! Da kann man sich ja schütteln vor Ekel!«

Pinneberg steht auf, sieht hinaus. Was da draußen geht, ist Emma Pinneberg, sein Lämmchen, mit dem Einholnetz, das Herrlichste, was es für ihn auf der Welt gibt. Und alles, was die von »gemalt« gesagt hat, ist Lüge, das weiß er.

Er steht und starrt auf Lämmchen, bis sie um die Ecke ist, in der Bahnhofstraße untergetaucht. Er dreht sich um und geht auf Fräulein Kleinholz zu. Sein Gesicht sieht ziemlich ungemütlich aus, sehr blaß, die Stirn ganz zerknittert von Falten, aber der Blick der Augen recht lebhaft eigentlich.

»Hören Sie, Fräulein Kleinholz«, sagt er und steckt als Vorsichtsmaßregel die Hände fest in die Taschen. Er schluckt und setzt noch einmal an. »Hören Sie, Fräulein Kleinholz, wenn Sie so was noch einmal sagen, schlage ich Ihnen ein paar in Ihre Schandschnauze.«

Die will was sagen, ihre dünnen Lippen zucken, der kleine Vogelkopf macht einen Ruck auf ihn zu.

»Halten Sie das Maul«, sagt er grob. »Das ist meine Frau, verstehen Sie das!!!!« Und nun fährt die Hand doch aus der Tasche und der blitzende Ehering wird ihr unter die Nase gehalten. »Und Sie können froh sein, wenn Sie je in Ihrem Leben eine halb so anständige Frau werden, wie die!«

Damit aber macht Pinneberg kehrt, er hat alles gesagt, was er zu sagen bat, er ist herrlich erleichtert. — Folgen? Was Folgen? Rutscht mir doch den Buckel runter, allesamt! Pinneberg also macht kehrt und setzt sich an seinen Platz.

Eine ganze Weile ist es still, er schielt hin zu ihr, sie sieht ihn gar nicht, sie bewegt ihren kleinen, armen Kopf mit den dünnen, aschblonden Haaren gegen das Fenster, aber die andere ist weg. Sie kann sie nicht mehr sehen.

Und dann setzt sie sich auf einen Stuhl und legt den Kopf auf die Tischkante und fängt an zu weinen, richtig herzbrechend zu weinen.

»Oh Gott«, sagt Pinneberg und schämt sich ein wenig seiner Brutalität (aber nur sehr wenig), »so schlimm war es nun auch wieder nicht gemeint, Fräulein Kleinholz.«

Aber sie weint ihren richtigen Törn runter, wahrscheinlich tut ihr das irgendwie gut, und dazwischen stammelt sie etwas, daß sie doch nichts dafür kann, wenn sie so ist, und sie hat ihn immer für einen grundanständigen Kerl gehalten, ganz anders wie seine Kollegen, ob er ganz richtig verheiratet ist, ach so, ohne Kirche, und dem Vater sagt sie bestimmt nichts, er soll sich nicht ängstigen, und ob »Seine« von hier ist, so sieht sie nicht aus, und was sie vorhin gesagt hat, das hat sie nur gesagt, um ihn zu ärgern, sie sieht sehr gut aus.

So geht es immer weiter und so wäre es wohl noch eine ganze Weile so weiter gegangen, wenn nicht draußen die scharfe Stimme Frau Kleinholzens erschollen wäre: »Wo bleibste denn mit der Wäsche, Marie?! Wir wollen doch rollen!«

Und mit einem entsetzten »Ach Gott!« fuhr Marie Kleinholz hoch von Kante und Stuhl, riß ihre Wäsche zusammen und stürzte hinaus, Pinneberg aber saß da und war eigentlich ganz zufrieden. Er pfiff etwas vor sich hin und rechnete sehr eifrig und dazwischen schielte er ein bißchen, ob Lämmchen noch nicht zurückkäme. Aber vielleicht war sie schon vorbei.

Und so wurde es elf und so wurde es halb zwölf und so wurde es dreiviertel zwölf und Pinneberg sang sein »Hosianna, gelobt sei mein Lämmchen, einen Monat haben wir wieder sicher«, und alles hätte gut gehen können, da trat fünf vor zwölf Vater Kleinholz ins Büro, besah seinen Buchhalter, ging ans Fenster, starrte hinaus und sprach ganz menschlich:

»Ich druckse hin und druckse her, Pinneberg. Am liebsten behielte ich Sie ja und ließe einen von den andern laufen. Aber daß Sie mir am Sonntag die Futterausgabe zugedacht haben, bloß damit Sie sich mit Ihren Weibern amüsieren, das kann ich Ihnen nicht verzeihen und darum will ich Ihnen kündigen.«

»Herr Kleinholz —!« setzte Pinneberg fest und männlich zu einer weit ausgreifenden Erklärung an, die bisher bis nach zwölf und damit über den möglichen Kündigungstermin hinaus gedauert hätte. »Herr Kleinholz, ich …«

Aber in diesem Augenblick schrie Emil Kleinholz wütend: »Verdammich, da ist das Frauenzimmer ja schon wieder! Sie sind zum 31. Oktober gekündigt, Herr Pinneberg!«

Und ehe Johannes Pinneberg nur ein Wort sagen konnte, war Emil raus und unter Türgedonner verschwunden. Pinneberg aber sah sein Lämmchen um die Marktplatzecke verschwinden, seufzte tief auf und sah auf die Uhr. Drei Minuten vor zwölf. Zwei Minuten vor zwölf sah man Pinneberg in Fahrt über den Hof auf den Saatgetreideboden preschen. Dort stürzte er sich auf Lauterbach und sagte atemlos:

»Lauterbach, sofort zu Kleinholz und kündigen! Denk an dein Ehrenwort! Er hat mir eben gekündigt.« Ernst Lauterbach aber nahm langsam den Arm von der Kurbel der Windfege, sah Pinneberg erstaunt an und sprach:

»Erstens ist es eine Minute vor zwölf und bis zwölf kann ich nicht mehr kündigen, und zweitens müßte ich ja auch erst mit Schulz sprechen und der ist nicht da. Und drittens habe ich vorhin von Mariechen gehört, daß du verheiratet bist, und wenn das wahr ist, bist du schön hinterlistig zu uns Kollegen gewesen. Und viertens …«

Aber, was viertens war, erfuhr Pinneberg nicht mehr: die Turmuhr tat langsam, Schlag um Schlag, zwölf Schläge, es war zu spät. Pinneberg war gekündigt und nichts mehr zu machen.

Herr Friedrichs, der Lachs und Herr Bergmann, aber alles ist umsonst: Es gibt nichts für Pinnebergs

Drei Wochen später — es ist ein trüber, kalter, regennasser Septembertag, sehr windig —, drei Wochen später schließt Pinneberg langsam die Außentür der Geschäftsstelle seiner Angestellten-Gewerkschaft. Einen Augenblick steht er auf dem Treppenabsatz und betrachtet gedankenlos einen Aufruf, der an das Solidaritätsgefühl aller Angestellten appelliert. Er seufzt tief und geht langsam die Treppe hinunter.

Der dicke Herr mit den trefflichen Goldzähnen auf der Geschäftsstelle hat ihm schlagend bewiesen, daß nichts für ihn zu machen ist, daß er arbeitslos zu sein hat, nichts sonst. »Sie wissen doch selbst, Herr Pinneberg, wie’s mit dem Textilfach hier aussieht in Ducherow. Nichts frei.« Pause. Und mit erhöhtem Nachdruck: »Und es wird auch nichts frei.«

»Aber die Gewerkschaft hat doch überall Geschäftsstellen«, sagt Pinneberg schüchtern. »Wenn Sie sich mit denen in Verbindung setzen würden? Ich hab doch so gute Zeugnisse. Vielleicht ist irgendwo«, Pinneberg macht eine klägliche Bewegung ins Weite, »vielleicht ist irgendwo was zu machen?«

»Ausgeschlossen!« erklärt Herr Friedrichs bestimmt. »Wenn so was frei wird! — und wo soll denn was frei werden, alle sitzen doch auf ihren Posten wie angefroren —, dann sind am Ort so viel Mitglieder, die darauf warten. Das wäre doch keine Gerechtigkeit. Herr Pinneberg, wenn wir die Mitglieder am Ort zurücksetzen würden für jemand von außerhalb.«

»Aber wenn der von außerhalb es nötiger hat?«

»Nein, nein, das wäre ganz ungerecht. Nötig haben es heute alle.«

Pinneberg geht auf die Frage mit der Gerechtigkeit nicht näher ein. »Und sonst?« fragt er hartnäckig.

»Ja, sonst …« Herr Friedrichs zuckt die Achseln. »Sonst ist auch nischt. Ein richtiger ausgebildeter Buchhalter sind Sie ja nicht, Herr Pinneberg, wenn Sie auch ein bißchen bei Kleinholz dareingerochen haben. Gott, Kleinholz, das ist auch so ein Betrieb …Ist es denn wirklich wahr, daß er sich jede Nacht besäuft und dann Frauenzimmer mit ins Haus bringt?«

»Weiß nicht«, sagt Pinneberg kurz. »Ich mach nachts keinen Dienst.«

»Neenee, Herr Pinneberg«, sagt Herr Friedrichs etwas ärgerlich. »Und die DAG ist auch sehr gegen solche Sachen: Das Rüberwechseln schlecht ausgebildeter Kräfte von der einen Branche in die andere. Das kann die DAG nicht unterstützen, das schädigt den Stand der Angestellten.«

»Ach Gott!« sagt Pinneberg bloß. Und dann hartnäckig: »Aber Sie müssen mir was verschaffen, zum Ersten, Herr Friedrichs. Ich bin verheiratet.«

»Zum Ersten! Das wären netto acht Tage. Also ganz ausgeschlossen, Pinneberg, wie soll ich das denn machen? Sie sehen das ja selbst ein, Herr Pinneberg. Sie sind ja ein vernünftiger Mensch.«

Pinneberg legt auf Vernunft keinen Wert. »Wir erwarten ein Kind, Herr Friedrichs«, sagt er leise.

Friedrichs sieht schräg zu dem Bittsteller hoch. Dann sehr gemütlich, tröstend: »Na ja, Kinder bringen Segen. Sagt man. Sie haben ja erst mal die Arbeitslosenunterstützung. Wie viele müssen sich mit weniger einrichten. Es geht, seien Sie sicher.«

»Aber ich muß …«

Herr Friedrichs sieht, er muß was tun. »Also, hören Sie zu, Pinneberg, ich seh ja ein, Sie sind in keiner schönen Lage. Hier — sehen Sie das? Ich schreib hier Ihren Namen auf meinen Notizblock: Pinneberg, Johannes, dreiundzwanzig Jahre alt, Verkäufer, wohnen? Wo Sie wohnen?«

»Grünes Ende.«

»Das ist ganz da draußen? Also! Und nun noch Ihre Mitgliedsnummer. Schön …« Herr Friedrichs betrachtet den Zettel gedankenvoll. »Den Zettel, den leg ich hier neben mein Tintenfaß, sehen Sie, so daß ich ihn immer vor Augen habe. Und wenn was kommt, dann denke ich zuerst an Sie …«

Pinneberg will was sagen.

»Also, ich behandle Sie bevorzugt, Herr Pinneberg, es ist ja eigentlich ein Unrecht gegen die andern Mitglieder, aber ich verantworte es. Ich tu das. Weil Sie in so schlechter Lage sind!«

Herr Friedrichs betrachtet den Zettel mit eingekniffenen Augen, einen Rotstift und fügt noch ein dickes, rotes Ausrufungszeichen hintendran. »So!« sagt er befriedigt und legt den Zettel neben das Tintenfaß.

Pinneberg seufzt und schickt sich an zum Gehen. »Also, Sie denken bestimmt an mich, Herr Friedrichs, nicht wahr?«

»Ich hab den Zettel. Ich habe den Zettel. Morgen, Herr Pinneberg.«

Pinneberg steht unschlüssig auf der Straße. Eigentlich müßte er jetzt wieder auf’s Büro zu Kleinholz, er hat nur ein paar Stunden frei für die Stellungssuche. Aber er ekelt sich davor, er ekelt sich am meisten vor den lieben Kollegen, die nicht gekündigt haben, die auch nicht daran denken zu kündigen, die aber teilnehmend fragen: »Na, noch keine Stellung, Pinneberg? Nu aber Dampf dahinter gemacht, die Kinder schreien nach Brot, du Flitterwöchner!«

»In die Fresse …« sagt Pinneberg nachdrücklich und schlägt den Weg zum Stadtpark ein.

Dieser kalte, windige, leere Stadtpark! Diese Beete, wie verwüstet! Diese Pfützen! Und ein Sturm, nicht mal ’ne Zigarette kriegt man an! Na, das ist nur gut, mit dem Zigarettenrauchen wird es nun auch bald vorbei sein. So ein Trottel! Kein Mensch braucht sechs Wochen nach der Heirat das Rauchen aufzugeben, nur er!

Ja also, dieser Wind. Wenn man an den Rand des Stadtparks kommt, wo die Felder anfangen, springt er einen richtig an. Er rüttelt an einem, der Mantel schlägt, den Hut muß man festtreiben mit einem Schlag. Es sind richtige Herbstfelder, naß, triefend, unordentlich, trostlos …Zu Hause — es geht eine dämliche Redensart hier in der Gegend: »Ist nur gut, daß die Häuser hohl sind, daß Menschen drin wohnen können.«

Also, das Grüne Ende. Und wenn es mit dem Grünen Ende zu Ende ist, kommt etwas anderes, Billigeres, jedenfalls vier Wände, ein Dach über dem Kopf, Wärme. Eine Frau, jawohl eine Frau. Es ist herrlich, in einem Bett zu liegen und jemand schnauft neben einem in die Nacht. Es ist herrlich, die Zeitung zu lesen und jemand sitzt in der Sofaecke und näht und stopft. Es ist herrlich, man kommt nach Haus und jemand sagt:

»Guten Tag, Jungchen. Wie war es heute? Ging’s?« Es ist herrlich, wenn man jemand hat, für den man arbeiten und sorgen kann, nun ja, meinethalben auch sorgen und arbeitslos sein. Es ist herrlich, wenn man jemanden hat, der sich von einem trösten läßt.

Plötzlich muß Pinneberg lachen. Also, dieser Lachs. Dieses Lachs-Viertel. Das arme Lämmchen, wie unglücklich sie war! Trösten, das ist es.

Eines Abends, sie wollten grade essen, erklärt Lämmchen, sie kann nicht essen, alles widersteht ihr. Aber sie hat heute im Delikatessengeschäft einen Räucherlachs gesehen, so saftig und rosarot, wenn sie den hätte!

»Warum hast du ihn denn nicht mitgebracht?«

»Aber was denkst du, was der kostet!«

Nun, sie reden hin und her, es ist natürlich Unvernunft, viel zu teuer für sie. Aber wenn Lämmchen doch nichts anderes essen kann! Sofort — das Abendessen wird eben um eine halbe Stunde aufgeschoben — sofort geht der Junge in die Stadt.

Aber kein Gedanke! Lämmchen geht selbst. Was er denkt. Das Laufen ist ihr sehr gesund und dann, glaubt er, sie soll hier sitzen in Bange, er kauft von einem falschen Lachs?! Sie muß ihn sehen, wie die Verkäuferin von ihm absäbelt, Scheibe für Scheibe. Also unbedingt geht sie.

»Nun gut. Gehst du.«

»Und wieviel?«

»Ein Achtel. Nein, bring schon ein Viertel. Wenn wir doch einmal so üppig sind.«

Er sieht sie losmarschieren, sie hat einen schönen, langen, strammen Schritt, und überhaupt sieht sie in diesem blauen Kleid glänzend aus. Er schaut ihr nach, aus dem Fenster lehnend, bis sie verschwunden ist, und dann wandert er auf und ab. Er rechnet, wenn er sich fünfzig mal durch das Zimmer hindurchgewunden hat, wird sie wieder in Sicht sein. — Er läuft ans Fenster. Richtig, eben geht Lämmchen ins Haus, sie hat nicht hoch gesehen. Also nur noch zwei oder drei Minuten. Er steht und wartet. Einmal ist ihm so, als sei die Flurtür gegangen. Aber Lämmchen kommt nicht.

Was in aller Welt ist los? Er hat sie ins Haus kommen sehen — und nun kommt sie nicht.

Er macht die Tür zum Vorplatz auf, und direkt im Türrahmen steht Lämmchen, an die Wand gedrückt, mit einem tränenüberströmten, ängstlichen Gesicht und sie hält ihm ein fettglänzendes Pergamentpapier bin, das leer ist.

»Aber, mein Gott, Lämmchen, was ist denn los? Hast du den Lachs aus dem Papier verloren?«

»Aufgegessen«, schluchzt sie. »Alles allein aufgegessen.«

»Du hast ihn so aus dem Papier gegessen? Ohne Brot? Das ganze Viertel? Aber Lämmchen!«

»Aufgegessen«, schluchzt sie. »Alles alleine aufgegessen.«

»Aber nun komm nur her, Lämmchen, erzähle doch. Komm rein, deshalb brauchst du doch nicht zu weinen. Erzähl mal der Reihe nach. Also du hast den Lachs gekauft …«

»Ja, und ich hatte solche Gier darauf. Ich konnte es gar nicht mit ansehn, wie sie abschnitt und abwog. Und kaum war ich draußen, da ging ich in den nächsten Torweg und nahm schnell eine Scheibe — und weg war sie.«

»Und weiter?«

»Ja, Jungchen«, schluchzt sie. »Das habe ich den ganzen Weg gemacht, immer wenn ein Torweg kam, habe ich mich nicht halten können und bin rein. Und zuerst habe ich dich auch nicht beschupsen wollen, ich hab genau geteilt, halb und halb …Aber dann hab ich gedacht, auf eine Scheibe kommt es ihm auch nicht an. Und dann hab ich immer weiter von deinem gegessen, aber ein Stück, das habe ich dir gelassen, das habe ich mit raufgebracht, bis hier auf den Vorplatz, bis hier vor die Tür …«

»Und dann hast du es doch gegessen?«

»Ja, dann habe ich es doch gegessen, und es ist so schlecht von mir, nun hast du gar keinen Lachs, Jungchen. Aber es ist nicht Schlechtigkeit von mir«, schluchzt sie neu. »Es ist mein Zustand. Ich bin nie gierig gewesen. Und ich bin schrecklich traurig, wenn der Murkel nun auch so gierig wird. Und …und soll ich nun noch mal schnell in die Stadt laufen und dir noch Lachs holen? Ich bring ihn, wahr und wahrhaftig, ich bring ihn her.«

Er wiegt sie in seinen Armen. »Ach du großes kleines Ding. Du kleines großes Mädchen, wenn es nichts Schlimmeres ist …«

Und er tröstet sie und begöscht sie und wischt ihr die Tränen ab und langsam kommen sie ins Küssen und es wird Abend und es wird Nacht —

Pinneberg ist längst nicht mehr in dem windigen Stadtpark, Pinneberg geht durch die Straßen Ducherows, er hat ein festes Ziel. Er hat es unterlassen, in die Feldstraße einzubiegen, er ist auch nicht zum Büro von Kleinholz gegangen, Pinneberg marschiert, Pinneberg hat einen großen Entschluß gefaßt. Pinneberg hat entdeckt, daß sein Stolz albern ist, Pinneberg weiß jetzt, alles ist gleichgültig, aber Lämmchen darf es nicht schlecht gehen und der Murkel muß glücklich sein. Was kommt auf Pinneberg an? Pinneberg ist so wichtig nicht, Pinneberg kann sich ruhig mal demütigen, wenn seine beiden es nur gut kriegen.

Gradewegs marschiert Pinneberg in Bergmanns Laden, gradewegs in das kleine, dunkle Vogelbauer, das einfach vom Laden abgeschlagen ist. Und wirklich sitzt der Chef da und zieht einen Brief auf der Kopierpresse ab. Das macht man noch bei Bergmann.

»Nanu, Pinneberg!« sagt Bergmann, »’s Leben noch frisch?«

»Herr Bergmann«, sagt Pinneberg atemlos. »Ich bin ein Riesenkamel gewesen, daß ich von Ihnen fort bin. Ich bitt’ um Entschuldigung, Herr Bergmann, ich will auch gerne immer die Post holen.«

»Halten Sie ein«, ruft Herr Bergmann. »Reden Sie keinen Stuß, Herr Pinneberg. Was Sie gesagt haben, hab ich nicht gehört, Herr Pinneberg. Sie haben nicht nötig, mich um Verzeihung zu bitten, ich stell Sie doch nicht wieder ein.«

»Herr Bergmann!«

»Reden Sie nicht! Betteln Sie nicht! Nachher schämen Sie sich nur, daß Sie gebettelt haben und es ist umsonst gewesen. Ich stell Sie nicht wieder ein.«

»Herr Bergmann, Sie haben damals gesagt, Sie wollten mich einen Monat zappeln lassen, bis Sie mich wieder einstellen …«

»Das hab ich gesagt, Herr Pinneberg, recht haben Sie, und leid tut mir das, daß ich Ihnen so was gesagt habe. Ich hab’s im Zorn gesagt, weil Sie so ein ordentlicher Mensch sind, ein gefälliger Mensch — bis auf die Post — und gehen zu solchem Saufaus und Schürzenjäger. Aus Zorn hab ich’s gesagt.«

»Herr Bergmann«, fängt Pinneberg wieder an. »Ich bin jetzt verheiratet, wir kriegen ein Kind. Kleinholz hat mir gekündigt. Was soll ich machen? Sie wissen, wie es hier ist in Ducherow. Arbeit gibt’s nicht. Stellen Sie mich wieder ein. Sie wissen, ich verdiene mein Geld.«

»Ich weiß. Ich weiß.« Er wiegt den Kopf.

»Stellen Sie mich wieder ein, Herr Bergmann. Bitte!« Der kleine häßliche Jude, mit dem der Herrgott bei seiner Erschaffung nicht sehr gnädig verfahren ist, wiegt mit dem Kopf: »Ich stell Sie nicht ein, Herr Pinneberg. Und warum? Weil ich Sie nicht einstellen kann!«

»Oh, Herr Bergmann!«

»Ehe ist keine leichte Sache, Herr Pinneberg, Sie haben früh angefangen damit. Haben Sie ’ne gute Frau?«

»Herr Bergmann —!«

»Ich seh’s. Ich seh’s. Möge sie auch gut sein auf die Dauer. Hören Sie, Pinneberg, was ich Ihnen sage, ist die reine Wahrheit. Ich möcht Sie einstellen, aber ich kann nicht, die Frau will nicht. Sie hat sich empört über Sie, weil Sie ihr gesagt haben, ’Sie haben mir nichts zu sagen’, sie verzeiht es Ihnen nicht. Ich darf Sie nicht wieder einstellen, es tut mir leid, Herr Pinneberg, es geht nicht.«

Pause. Lange Pause. Der kleine Bergmann dreht an der Kopierpresse, holt seinen Brief heraus und sieht ihn an.

»Ja, Herr Pinneberg«, sagt er langsam.

»Wenn ich zu Ihrer Frau ginge«, flüstert Pinneberg. »Ich würde hingehen zu ihr, Herr Bergmann.«

»Hat es einen Zweck? Nein, es hat keinen Zweck. Wissen Sie, Pinneberg, meine Frau wird Sie bitten lassen, immer wieder, wird Sie wieder herbestellen, sie will sich’s überlegen. Aber nehmen wird sie Sie doch nicht, ich müßte es Ihnen dann sagen zum Schluß, daß es doch nichts ist. Frauen sind so, Herr Pinneberg. Na, Sie sind jung, da wissen Sie noch nichts von. Wie lange sind Sie verheiratet?«

»Gut vier Wochen.«

»Gut vier Wochen. Rechnet noch nach Wochen. Nun, Sie werden ein guter Ehemann, man sieht das. Sie brauchen sich darum nicht zu schämen, wenn man einen andern um was bittet, das tut nichts. Wenn man nur freundlich ist zueinander. Seien Sie immer freundlich zu Ihrer Frau. Denken Sie immer, es ist nur ’ne Frau, sie hat den Verstand nicht so. Tut mir leid, Herr Pinneberg.«

Pinneberg geht langsam fort.

Ein Brief kommt und Lämmchen läuft in der Schürze durch die Stadt, um bei Kleinholz zu heulen

Es ist der sechsundzwanzigste September geworden, ein Freitag, und an diesem Freitag ist Pinneberg wie jetzt noch üblich auf dem Büro. Lämmchen aber macht sauber. Und als sie da nun so rumbastelt, klopft es an die Tür und sie sagt »Herein«, und der Postbote kommt und sagt: »Wohnt hier Frau Pinneberg?«

»Das bin ich.«

»Hier ist ein Brief für Sie. Müßte ein Schild draußen an der Tür sein. Ich kann das nicht riechen.«

Und damit entschwindet dieser Jünger Stephans.

Lämmchen aber steht da mit ihrem Brief in der Hand, einem großen Briefumschlag, lilafarben, mit einer großen krakeligen Hand. Es ist der erste Brief, den Lämmchen in ihrer Ehe bekommt, mit den Platzern schreibt sie sich nicht.

Dieser Brief kommt auch nicht aus Platz, dieser Brief kommt aus Berlin. Und als Lämmchen ihn umdreht, steht sogar ein Absender darauf, genauer eine Absenderin.

»Mia Pinneberg. Berlin NW 40, Spenerstraße 92 II.«

»Die Mutter vom Jungen. Mia, nicht Marie«, denkt Lämmchen. »Sehr beeilt hat sie sich eigentlich nicht.«

Den Brief aber macht sie nicht auf. Sie legt ihn auf den Tisch, und während sie weiter rein macht, sieht sie manchmal zu ihm hin. Da liegt er und bleibt liegen, bis der Junge kommt. Mit dem wird sie ihn gemeinsam lesen, das ist das beste.

Aber plötzlich tut Lämmchen das Staubtuch fort. Sie hat eine Vorahnung, es ist eine große Stunde, sie ist dessen gewiß. Sie läuft ganz schnell in die Küche der Scharrenhöfer und wäscht sich unter der Leitung die Hände ab. Die Scharrenhöfer sagt irgend etwas zu ihr, und Lämmchen sagt mechanisch ja, hat aber nichts gehört. Sie ist schon vor dem Spiegel, richtet sich das Haar, ob sie auch ein bißchen nett aussieht.

Und dann setzt sie sich in den Sofawinkel mit dem verbotenen energischen Rucks (die Feder macht Haaa-jupp!) und nimmt den Brief und macht ihn auf.

Und liest ihn.

Sie begreift etwas langsam.

Sie liest ihn zum zweiten Mal.

Aber dann ist sie auch auf den Beinen, sie zittern ein bißchen, macht nichts, bis Kleinholz kommt sie doch, sie muß gleich mit dem Jungen sprechen.

Oh Gott, sie darf sich nicht zu sehr freuen, das schadet dem Murkel.

»Allen heftigen Gemütsbewegungen ist unbedingt aus dem Wege zu gehen«, verordnen die ’Wunder der Mutterschaft’ »Oh Gott, wie kann ich dem aus dem Wege gehen? Will ich dem denn aus dem Wege —?«

Auf dem Büro bei Kleinholz ist eine gewissermaßen düsige Stimmung, die drei Buchhalter sitzen herum, und Emil sitzt auch herum. Es ist heute nichts Rechtes zu tun. Aber während die Buchhalter so tun müssen, als täten sie was, und zwar mit fieberhaftem Eifer, sitzt Emil nur so rum und erwägt, ob Emilie wohl noch mal einen sausen läßt. Zweimal ist es heute früh schon geglückt.

Und in diesem gelangweilten Büro fliegt plötzlich die Tür auf und eine junge Frau stürzt herein mit wehenden Haaren, blitzenden Augen, die Backen angenehm gerötet, aber, aber mit einer richtigen Haushaltsschürze um und ruft: »Jungchen, komm mal gleich raus! Ich muß dich sofort sprechen.«

Und als die vier etwas sehr erstaunt und blöde blicken, sagt sie plötzlich gefaßt: »Entschuldigen Sie, Herr Kleinholz. Mein Name ist Pinneberg, ich muß meinen Mann mal dringend sprechen.«

Und plötzlich schluchzt diese gefaßte junge Frau auf und bittet: »Jungchen. Jungchen, komm ganz schnell. Ich …«

Emil brummt etwas, der doofe Lauterbach quietscht. Schulz grinst frech und Pinneberg geniert sich wahnsinnig. Er macht eine hilflos entschuldigende Handbewegung, während er zur Tür geht.

Im Torweg vor dem Büro, dem breiten Torweg, durch den die Lastautos mit ihren Getreide- und Kartoffelsäcken fahren, fällt Lämmchen noch immer schluchzend ihrem Mann um den Hals: »Junge, Junge, ich bin so irrsinnig glücklich! Wir haben ’ne Stellung. Da lies!«

Und sie steckt ihm den lilafarbenen Brief in die Hand.

Der Junge ist ganz verdattert, er weiß gar nicht, was los ist. Dann liest er:

»Liebe Schwiegertochter, genannt Lämmchen, der Junge ist natürlich immer noch genau so töricht und du wirst deine liebe Last mit ihm haben. Was für ein Unsinn, daß er, den ich so gut habe ausbilden lassen, in ’Düngemitteln’ arbeitet! Er soll sofort hierher kommen und am ersten Oktober eine Stellung im Warenhaus von Mandel antreten, die ich ihm besorgt habe. Für den Anfang wohnt ihr bei mir.

Gruß Eure Mama.

Nachschrift: Ich wollte euch das schon vor vier Wochen schreiben, aber — ich bin nicht dazu gekommen. Nun müßt ihr telegraphieren, wann ihr kommt.«

»Oh Jungchen, Jungchen, was bin ich glücklich!«

»Ja, mein Mädchen. Ja, meine Süße. Ich ja auch. Trotzdem Mama, mit ihrer Ausbildung …Na ja, ich will jetzt nichts sagen. Geh gleich hin und telegraphiere.«

Es dauert aber noch einen Augenblick, bis sie sich trennen können.

Dann tritt Pinneberg wieder ins Büro, er setzt sich steif, schweigend und geschwollen.

»Was Neues vom Arbeitsmarkt?« fragt Lauterbach.

Und Pinneberg sagt gleichgültig:

»Habe Stellung als erster Verkäufer im Warenhaus von Mandel, Berlin. Dreihundertfünfzig Mark Gehalt.«

»Mandel?« fragt Lauterbach. »Natürlich Juden.«

»Mandel?« fragt Emil Kleinholz. »Passen Sie man auf, daß das auch ’ne anständige Firma ist. Ich an Ihrer Stelle würde mich erst mal erkundigen.«

»Ich hatte auch mal eine«, sagt Schulz nachdenklich, »die heulte immer gleich, wenn sie ein bißchen aufgeregt war. Ist deine Frau immer so hysterisch, Pinneberg?«

Teil III

Zweiter Teil Berlin

Frau Mia Pinneberg als Verkehrshindernis. Sie gefällt Lämmchen — mißfällt ihrem Sohn und erzählt, wer Jachmann ist

Eine Autodroschke fährt die Invalidenstraße hinauf, schiebt sich langsam durch eine Wirrnis von Fußgängern und Elektrischen, erreicht den freieren Platz vor dem Bahnhof und eilt, wie erlöst hupend, über die Auffahrt am Stettiner Bahnhof. Sie hält.

Eine Dame steigt aus. »Wieviel?« fragt sie den Chauffeur.

»Zwei sechzig, meine Dame«, sagt der Chauffeur.

Die Dame hat schon in ihrem Täschchen gekramt, nun zieht sie die Hand zurück. »Zwei sechzig für die zehn Minuten Fahrt? Nee, lieber Mann, ich bin keine Millionärin, soll mein Sohn die Sache bezahlen. Warten Sie.«

»Jeht nicht, meine Dame«, sagt der Chauffeur.

»Was heißt: geht nicht? Ich bezahl’s nicht, also müssen Sie warten, bis mein Sohn kommt. Vier Uhr zehn mit dem Zug von Stettin.«

»Darf ich nicht«, sagt der Chauffeur. »Wir dürfen hier nicht halten in der Auffahrt.«

»Dann warten Sie eben da drüben, Männeken. Wir kommen rüber, wir steigen da drüben ein.«

Der Chauffeur legt den Kopf auf die Seite und blinzelt die Dame an. »Sie kommen, meine Dame«, sagt er. »Sie kommen so sicher wie der nächste Lohnabbau. Aber wissen Se, lassen Se sich das Jeld von Ihrem Herrn Sohn wiedergeben. Das ist doch für Sie ville einfacher.«

»Wie ist das hier?« fragt ein Schupo. »Weiterfahren, Chauffeur.«

»Die Dame will, ich soll warten, Herr Hauptwachtmeister.«

»Weiterfahren, Chauffeur.«

»Die zahlt ja nicht!«

»Zahlen Sie bitte, meine Dame. Das geht hier nicht, auch andere Leute wollen abreisen.«

»Will ich ja gar nicht. Ich komme gleich wieder zurück.«

»Mein Geld will ich, Sie olle angestrichene …«

»Ich schreib Sie auf, Chauffeur!«

»Mensch, fahr vor, oller Dussel, oder ich rassele dir in deinen Bugatti …«

»Also, gnädige Frau, bitte zahlen Sie doch! Sie sehen doch selbst …« Der Schupo macht in seiner Verzweiflung eine Art Tanzstundenverbeugung, die Absätze knallen.

Die Dame strahlt. »Aber natürlich zahle ich. Wenn der Mann nicht warten darf, ich will doch nichts Verbotenes. Diese Aufregung! Gott, Herr Schupo, wir Frauen sollten so was regeln. Alles ginge so glatt …«

Bahnhofsvorraum. Treppe. Automat mit Bahnsteigkarten. »Nehme ich eine? Sind auch wieder zwanzig Pfennig. Aber nachher sind ein paar Ausgänge da und ich verpasse sie. Laß ich mir einfach wiedergeben von ihm. Teebutter muß ich auf dem Rückweg noch mitnehmen, Ölsardinen. Tomaten. Den Wein schickt Jachmann. Blumen für die junge Frau? Nee, lieber nicht, kostet alles Geld und verwöhnt bloß.«

Frau Mia Pinneberg wandert den Bahnsteig auf und ab. Sie hat ein weiches, etwas volles Gesicht mit merkwürdig blassen, blauen Augen, wie ausgebleicht sehen sie aus. Sie ist blond, sehr blond, hat gemalte, dunkle Brauen, und dann ist sie ein ganz klein wenig geschminkt, nur gerade für das Abholen von der Bahn. Sonst ist sie um diese Zeit nie unterwegs.

»Gott, der gute Junge«, denkt sie gerührt, denn sie weiß, sie muß jetzt etwas gerührt sein, sonst ist die ganze Abholerei nur lästig. »Ob er noch immer so töricht ist? Sicher. Wer heiratet denn ein Mädchen aus Ducherow? Und ich könnte so nett was aus ihm machen, wirklich gut könnte ich ihn gebrauchen …Seine Frau …helfen kann sie mir schließlich auch, wenn sie ein Puttchen ist. Grade, wenn sie ein Puttchen ist. Jachmann sagt immer, mein Haushalt ist viel zu teuer. Vielleicht schaff ich die Möller ab. Mal sehen. Gott sei Dank, der Zug …«

»Guten Tag«, sagt sie strahlend. »Siehst glänzend aus, mein Junge. Kohlenhandel scheint ’ne gesunde Beschäftigung. Du hast nicht mit Kohlen gehandelt? Warum schreibst du es mir dann? Ja, gib mir ruhig einen Kuß, mein Lippenstift ist kußecht. Du auch, Lämmchen. Dich hab ich mir nun allerdings ganz anders vorgestellt.«

Sie hält Lämmchen in Armeslänge von sich.

»Nun, Mama«, fragt Lämmchen lächelnd, »was hattest du denn gedacht?«

»Ach, weißt du, vom Lande und Emma heißt du und Lämmchen nennt er dich …Ihr sollt ja in Pommern noch Flanellunterwäsche tragen. Nein, Hans, wie du das fertig gebracht hast, dies Mädchen und Lämmchen …Eine Walküre ist das, hohe Brust und stolzer Sinn …Oh Gott, nun werde bloß nicht rot, sonst denk ich gleich wieder: Ducherow.«

»Aber gar nicht werde ich rot«, lacht Lämmchen. »Natürlich hab ich ’ne hohe Brust. Und einen stolzen Sinn habe ich auch. Heute besonders. Berlin! Mandel! Und so ’ne Schwiegermutter! Nur Flanell, Flanell habe ich nicht.«

»Ja, apropos Flanell — wie ist es denn mit Euern Sachen? Am besten laßt ihr sie durch die Paketfahrt kommen. Oder habt ihr Möbel?«

»Möbel haben wir noch nicht, Mama. Zum Möbelanschaffen sind wir noch nicht gekommen.«

»Eilt auch nicht. Ihr kriegt bei mir ein fürstlich möbliertes Zimmer. Ich sage euch: kuschlig. Geld ist besser als Möbel. Hoffentlich habt ihr recht viel Geld.«

»Woher denn?« brummt Pinneberg. »Woher sollen wir denn was haben? Was zahlt Mandel denn?«

»Wer? Mandel?«

»Na, das Warenhaus Mandel, wo ich Stellung habe.«

»Habe ich Mandel geschrieben? Das wußte ich gar nicht mehr. Mußt du heute abend mal mit Jachmann sprechen. Der weiß das alles.«

»Jachmann —?«

»Also nehmen wir schon ein Auto. Ich habe heute abend eine kleine Gesellschaft, sonst wird mir das reichlich spät. Lauf doch, Hans, da ist der Schalter von der Paketfahrt. Und sie sollen nicht vor elf schicken, ich mag nicht, daß bei mir vor elf geklingelt wird.«

Die beiden Frauen sind einen Augenblick allein.

»Du schläfst gern lange, Mama?« fragt Lämmchen.

»Natürlich. Du etwa nicht? Jeder vernünftige Mensch schläft gern lange. Ich hoffe, du kriechst nicht schon um acht in der Wohnung rum.«

»Natürlich schlaf ich gern lange. Aber der Junge muß ja rechtzeitig ins Geschäft.«

»Der Junge? Welcher Junge? Ach so, der Junge. Du sagst Junge? Ich sage Hans: Wirklich heißt er ja Johannes, das hat der olle Pinneberg noch gewollt, der war so. — Deswegen brauchst du aber doch nicht so früh aufzustehen! Das ist so ein Aberglaube von den Männern. Die können sich ihren Kaffee ganz gut alleine kochen und ihre Stullen selbst schmieren. Sag ihm nur, daß er ein bißchen leise ist. Früher war er immer schrecklich rücksichtslos.«

»Bei mir nie!« sagt Lämmchen entschieden. »Bei mir ist er immer der rücksichtsvollste Mensch von der Welt.«

»Wie lange verheiratet —? Red nicht, Lämmchen. Ach was, Lämmchen, ich muß mal sehen, wie ich dich nenne. — Alles erledigt, mein Sohn? Also Auto!«

»Spenerstraße zweiundneunzig«, sagt Pinneberg zum Chauffeur. Und als sie sitzen: »Du gibst heute eine Gesellschaft, Mama? Doch nicht —?« Er pausiert.

»Na was?« ermuntert die Mama. »Genierst du dich? Euch zu Ehren, wolltest du sagen, nicht wahr? Nein, mein Sohn, erstens habe ich für so was kein Geld, und zweitens ist es gar keine Gesellschaft, sondern ein Geschäft. Nur ein Geschäft!«

»Du gehst abends nicht mehr —?« Aber Pinneberg fragt wieder nicht zu Ende.

»Oh Gott, Lämmchen!« ruft seine Mutter verzweifelt aus. »Wie komme ich zu dem Jungen? Nun geniert er sich schon wieder. Er will mich fragen, ob ich nicht mehr in die Bar gehe. Wenn ich achtzig bin, wird er mich das noch fragen. Nein, mein Sohn, schon viele Jahre nicht mehr. Dir hat er doch sicher auch erzählt, daß ich in die Bar gehe, daß ich ein Barmädchen bin? Na, hat er nicht? Erzähl schon!«

»Ja, er hat so was …«, sagt Lämmchen zögernd.

»Also!« sagt Mama Pinneberg triumphierend. »Weißt du, mein Sohn Hans läuft sein halbes Leben lang herum und weidet sich und andere an seiner Mutter Lasterhaftigkeit. Ordentlich stolz ist er auf seinen Kummer. Ganz glücklich unglücklich wäre er erst, wenn er auch unehelich wäre. Aber da hast du kein Glück, mein Sohn, du bist ehelich und treu bin ich dem Pinneberg auch gewesen, ich Schaf.«

»Na, erlaube mal, Mama!« protestiert Pinneberg.

»Oh Gott, ist das schön«, denkt Lämmchen, »Das ist ja alles viel besser, als ich gedacht habe. Sie ist ja gar nicht schlimm.«

»Also, paß auf, Lämmchen. Wenn ich nur erst einen andern Namen für dich wüßte. Mit der Bar war es ganz anders. Erstens ist es schon mindestens zehn Jahre her und dann war es eine ganz große Bar mit vier oder fünf Mädchen und einem Mixer. Und weil die immer Schmuh mit den Schnäpsen machten und falsch anschrieben und die Flaschen stimmten nie am Morgen, da hab ich den Posten angenommen, aus Gefälligkeit für den Besitzer. Eine Art Aufsicht war ich, Repräsentation