/ Language: DE / Genre:sf

Heimkehr

Herbert Franke


Heimkehr

Ein Würfel kann sechs verschiedene Augenzahlen ergeben. Ein Schwärm von Atomen kann Millionen verschiedene Konstellationen einnehmen. Alle Atome der Welt haben eine Anzahl von Positionsmöglichkeiten, die jeden Mengenbegriff sprengt — aber auch diese Anzahl ist nur endlich.

Es gibt ein Gesetz der Mechanik, das aussagt, daß eine Verteilung von statistisch bewegten Massenpunkten nach einer gewissen, sehr langen Zeit in beliebiger Näherung wieder auftritt. Auf dieses Gesetz baut der einsame Mann im Raumschiff.

Mir kommen jetzt so viele Dinge bemerkenswert vor, die ich früher nie beachtet hatte. Wie wunderbar ist schon der Morgen und die Erkenntnis, daß es Tag geworden ist, daß die Sonne scheint oder auch daß Regen fällt, daß es Häuser gibt, Straßen und Gärten; daß ringsherum Menschen arbeiten, essen, schlafen; daß der Briefträger vorbeigeht und die Marktfrau ihren Stand aufschlägt; daß die Gassenjungen toben, sich die Hunde balgen; daß es Mittag wird, Nachmittag, Abend und wieder Nacht. Wie herrlich ist das, aber ich weiß es erst jetzt. Ich war weit fort...

Seit meiner frühesten Jugend zog es mich zu den Sternen. Ich hatte mit Bender oft darüber gesprochen. Und als er dann zu mir kam und mich fragte, ob ich mit auf Raumfahrt gehen wollte, da stimmte ich begeistert zu. Er hatte aber nicht hinzugefügt, wie lange die Reise dauern sollte.

Wir waren zu viert. Der älteste und zugleich der Chef des Unternehmens war Bender — Astrophysiker und Astronom. Sabrinus ging als Getriebeingenieur mit, Lux als Biochemiker. Ich sollte mich als Assistent von Bender betätigen, bald stellte sich allerdings heraus, daß ich eher eine Rolle als Laufbursche und Küchenmädchen zu spielen hatte. Aber es war mir alles recht: Ich war im Weltraum!

Dieses erhebende Bewußtsein hielt allerdings nicht lange an. Die Erde fiel rasend schnell hinter uns zurück und versphwand. Über uns war Himmel und unter uns Himmel. Ein dunkler Himmel, aber durch Myriaden Sterne aufgehellt. Es war wunderbar am ersten Tag, am zweiten und vielleicht noch am dritten.

Vielleicht werden Sie mich nicht verstehen — ein Blick zum Sternenhimmel ist sehr schön. Stellen Sie sich vor, Sie sehen überhaupt nichts mehr als Dunkelheit und Sterne! Was dann kam, war Langeweile. Traurige, öde, stinkende Langeweile.

Wir fuhren elf Monate lang. Noch immer waren wir unserem Ziel — einem Dunkelnebel im Schwan — nicht merklich näher gekommen. Eine gewisse Nervosität lag über uns allen. Eines Abends — wir saßen gerade beim Essen beisammen — sagte Lux zu Bender: „Manchmal habe ich verdammte Sehnsucht nach unserer alten Erde. Du mußt dir doch eine Vorstellung darüber machen, wie lange die Reise noch dauern soll?"

Bender zögerte einen Augenblick. Dann lachte er: „Jetzt kann ich dir's ja sagen. Und unser Baby wird es vielleicht auch interessieren. Zu unserer alten Erde kommen wir nie zurück."

Baby — das war ich. Lux und ich starrten ihn entgeistert an. Nur der immer finstere Sabrinus lächelte diesmal: „Ja, da staunt ihr! Wir fahren nahe bei der Lichtgeschwindigkeit. Während hier die paar Monate vergangen sind, ist die Erde um hundertzweiundsechzigtausend Jahre älter geworden. Aber um ein paar Jährchen kann ich mich auch irren."

Ich hatte nicht gewußt, daß wir uns so schnell bewegten. Als ich nun aber selbständig einige Messungen vornahm, überzeugte ich mich, daß er recht hatte.

Von dem Tag an wurde Lux stiller und stiller. Eines Tages fanden wir ihn tot im Magazin und eine große Blutlache um ihn herum. Er hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten.

Vierzehn Jahre brauchten wir, um die Dunkelwolke zu erreichen. In diesen und den nächsten Jahren kamen wir zu Ergebnissen über die Bewegung der Sterne, über die Entstehung der Spiralnebel, über den Aufbau des Weltalls wie kein Mensch vor uns. Wenn wir auf der Erde gewesen wären, wären wir berühmt gewesen. Aber wir waren nicht auf der Erde.

Dreiundzwanzig Jahre nach unserem Start wurde Bender ernstlich krank. Es dürfte Krebs gewesen sein. Er starb unter furchtbaren Schmerzen. Sabrinus und ich waren allein.

Sabrinus war nie ein angenehmer Zeitgenosse gewesen. Er litt unter einem furchtbaren Menschenhaß — wahrscheinlich hatte ihn das bestimmt, Bender Gefolgschaft zu leisten. Denn ihm als Raketentechniker hatte dieser die Zeitdilatation nicht vorenthalten können. Nun war ich das einzige Objekt seines Grimms. Es war kein beneidenswertes Leben. Und dann merkte ich, daß er sonderbar wurde. Er hielt Reden vor der Sichtluke und drohte den Sternen mit den Fäusten. Einmal schoß er ein ganzes Magazin seiner Schnellfeuerpistole gegen die Scheiben — mit großer Mühe konnte ich die Sprünge noch rechtzeitig abdichten.

Auch mit ihm nahm es ein schlimmes Ende. Ich saß gerade beim Astrospektrometer, als ich das Klingelzeichen hörte, das das Öffnen der Luftschleuse ankündigte. Ich lief hinaus und kam gerade noch zurecht, um eine zur Unkenntlichkeit aufgetriebene Gestalt vom Schiff wegsegeln zu sehen — Sabrinus war ohne Schutzanzug in den Raum gesprungen.

Nun war ich allein. Wissen Sie, was es heißt, allein zu sein? Milliarden von Kilometern, Millionen von Jahren von der Heimat entfernt? Ich glaube, daß es niemand nachempfinden kann. Und doch hielt mich etwas aufrecht. Zunächst kein Wissen. Nur eine schwache, zagende, ahnungsvolle Hoffnung. Ich beobachtete, trug Meßergebnisse ein, rechnete, ich saß vor meinen Blättern, studierte, überlegte, folgerte. Ich kam auf Dinge, die in meinem Zeitalter weltbewegend gewesen wären — jetzt dienten sie mir nur dazu, meine Hoffnung zum Wissen zu verdichten. Das Werden der Himmelskörper, der Kreislauf Masse — Energie, die Ursonne, der Dimensionen-wechsel, die Entropiepulsation, der Ursprung des Lebens, die Entwicklung der Intelligenz, die Zwangsläufigkeit der geschichtlichen Abläufe — alles Nebensache. Dann aber fand ich es bestätigt, und ich konnte auch den Zeitpunkt feststellen: So vielfältig auch die Kombinationen der Energiequanten und Elementarteilchen sind, da es sich um endlich viele handelt, ist auch ihre Vielfalt begrenzt. Einmal muß sich jede Konstellation wiederholen. Einmal mußte es wieder eine Erde geben, wie ich sie verlassen hatte. Einmal mußte meine Heimat wieder entstehen, das Dorf mit den alten Häusern, meine ahnungslosen, prächtigen Mitbürger. Einmal, nach einem unvorstellbar langen Zeitraum. Aber was spielte Zeit für eine Rolle für mich? Ich habe das Schiff so nahe an die Lichtgeschwindigkeit herangetrieben, daß die Zeit so gut wie stillstand. Ich mußte nur rechtzeitig mit der Rückstoßbeschleunigung anfangen.

Ich bin heimgekehrt. Ohne Aufsehen. Das Dorf ist wieder da. Die altbekannten Menschen leben darin. Ich habe es so eingeteilt, daß ich etwa vierzig Jahre nach der Zeit ankam, zu der ein junger Mann zu den Sternen aufgebrochen ist. Ein junger Mann, an den ich oft denken muß. Der uns alle um Äonen von Jahren überleben wird. Der jetzt so einsam ist, wie ich es einmal war.

Ich bin ein alter Mann. Ich rede nicht viel. Ich stehe zeitig auf und sehe, wie sich die Gassen mit Bewegung füllen. Ich gehe spazieren, in einen warmen Schal gehüllt, und es lebt um mich herum. Ich sehe zum Fenster hinaus, stundenlang.

Man achtet mich. Man hält mich für etwas seltsam. Aber niemand weiß, wie froh ich bin. Niemand weiß, wie wertvoll jeder Augenblick ist. Alles mögliche Große wünschen und erstreben sie. Ich lächle darüber. Wie unwichtig sind die großen Dinge, wie wunderbar die kleinen.