/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Das goldene Meer

Heinz Konsalik


Das goldene Meer

Heinz G. Konsalik

1987

Was für viele Menschen in Vietnam die einzige Hoffnung darstellt, wird oft zu einer tödlichen Falle: Die alten Sampans oder maroden Dschunken sollen die verzweifelten Menschen über das Gelbe Meer bringen, denn sie alle wollen fort aus dem Elend, in dem sie bis dahin gelebt haben. So versucht auch der Lehrer Xuong mit einem kleinen hölzernen Flußboot 43 Menschen in die Freiheit zu geleiten. Sie alle hoffen darauf, daß ein Schiff auf dem »Goldenen Meer« sie aufnimmt, doch hunderte von Schiffen fahren vorbei, ohne sich um die zum Tode verurteilten zu kümmern. Erst als Xuong und die anderen Flüchtlinge keine Rettung mehr erwarten, taucht in der Ferne die »Liberty of Sea« auf, ein deutsches Rettungsschiff mit gut ausgebildeten Ärzten an Bord …

Inhaltsverzeichnis

1

2

3

4

Nachbemerkung

Europa und die Weltmächte sind in der Lage,

innerhalb kurzer Zeit ganze Armaden und

Armeen, ganze Geschwader und Luftflotten

aufzubauen, aber um einige Schiffe ins

Südchinesische Meer zu entsenden, um dort

dem Massensterben ein Ende zu bereiten —

dazu ist Europa nicht in der Lage.

(André Glucksmann im »L’Express«, Paris)

1

Neunzehn Nächte und neunzehn Tage waren sie auf dem Meer. Jetzt, in der zwanzigsten Nacht, wußten sie: Wir müssen sterben.

Sie waren dreiundvierzig Menschen auf einem flachen, seeuntüchtigen, halb verrotteten hölzernen Flußboot; zwölf Kinder, vierzehn Frauen und siebzehn Männer. In die Bootsmitte hatten sie einen niedrigen Holzverschlag gebaut. Darin lagen die kleineren Kinder, die schwächeren Frauen und die hochschwangere Thi Trung Linh, deren Mann Cuong am Heck neben dem stummen Motor saß und in die tiefschwarze Nacht starrte.

Bis zu dieser Nacht hatten Lam Van Xuong und die anderen gehofft, von einem der vielen Handelsschiffe, die auf der Schiffahrtsroute Singapur — Hongkong hin- und herfuhren, entdeckt und an Bord genommen zu werden. Aber die Hoffnung, diese verzweifelte Hoffnung, in ein neues Leben flüchten zu können, hatte sich als ein Irrtum erwiesen. Zwar war die Wasserstraße nach Hongkong oder Singapur wirklich eine Straße, auf der Tag und Nacht die großen Schiffe ihre Lasten transportierten. Doch nicht eines stoppte die Maschinen, um die winkenden, schreienden, weinenden Menschen aus dem winzigen Boot aufzunehmen, sie zu retten vor dem Verdursten, dem Verhungern, dem Ausdörren und dem Ertrinken.

Nicht, daß man die Verzweifelten in den Wellenbergen übersah. Man sah sie genau. Oft fuhren die Handelsschiffe in fünfzig oder sogar zwanzig Meter Entfernung an dem kleinen Flußboot vorbei. Die Winkenden und Schreienden konnten sehen, wie man sie von der Reling oder der Brücke aus betrachtete, wie sich die Ferngläser auf sie richteten, wie man auf sie zeigte und über sie sprach. Und dann rauschte das große Schiff an ihnen vorbei, schickte noch einige Wellen, die den Kahn gefährlich schaukeln ließen, und entfernte sich.

Das Leben flüchtete vor den Flüchtlingen. Neunzehn Tage und neunzehn Nächte lang. Xuong zählte zweiundvierzig Handelsschiffe und Tanker, die an ihnen vorbeizogen, ohne sie zu beachten. »Auch darauf sind Menschen«, sagte er einmal, als wieder ein Containerschiff in kaum dreißig Meter Entfernung an ihnen vorbeidröhnte, ohne die Maschinen anzuhalten. »Ich frage mich nur: Was für Menschen? Haben sie ein Herz in der Brust, oder nur noch ein Räderwerk?«

Lam Van Xuong konnte so sprechen — er war ein Lehrer, ein kluger Mann also, und weil er so klug war, hatte man ihn zum »Kommandanten« des Bootes gemacht. Er konnte auch den Kompaß lesen, und er war es gewesen, der vorgeschlagen hatte, zur Route Singapur — Hongkong zu fahren, wo man sie bestimmt an Bord nehmen würde. Begeistert hatten alle zugestimmt. Das war wirklich die Rettung von aller Qual und Verfolgung, von Willkür und Zwang. Menschen, die das Leid nachempfanden, würden sie mitnehmen in ein neues, freies Leben.

Und diese Menschen fuhren nun an ihnen vorbei … neunzehn Tage lang.

Vor vierzehn Tagen hatte eine große Welle, die über den Bug des Bootes schwappte, Xuong den lebenswichtigen Kompaß aus der Hand geschlagen. Seitdem benutzte Xuong seine Armbanduhr und die Sonne als Kompaß. Sie blieben in der Nähe der Seestraße, steckten nachts eine Fackel an, um auf sich aufmerksam zu machen, winkten mit Hemden, Kleidern und Tüchern, wenn ein Schiff an ihnen vorbeifuhr, und kauerten sich dann wieder entmutigt in ihrer Zehn-Meter-Holzschale zusammen.

Jetzt, in der zwanzigsten Nacht, fragte Cuong, der Mechaniker, den klugen Lehrer Xuong: »Wie machen wir es?«

»Was?«

»Das Sterben.«

»Wir haben noch für zwei Tage Wasser.« Xuong kam zum Heck und setzte sich neben Cuong auf den Holzkasten, unter dem der Motor montiert war. »Für jeden dreimal täglich drei Löffel voll Wasser.«

»Und dann? Wir treiben ab. Seit drei Tagen treiben wir ab. Wieder zurück zur Küste. Warum helfen uns diese Menschen nicht? Wenn sie uns nicht an Bord haben wollen, könnten sie uns doch ein Faß Benzin rüberwerfen. Aber sie fahren weiter. Xuong, sollen wir zuerst die Kinder töten, dann die Frauen und dann uns? Du bist ein kluger Mann, gib uns einen letzten Rat.«

»Du könntest Thi töten?«

»Es ist besser, als wenn sie und das Kind in ihrem Leib verdorren. Es gibt nur einen Tod, und wir können ihn uns aussuchen …«

»Hast du mit Thi darüber schon gesprochen?«

»Wer spricht davon? Der Tod sitzt bei uns, das wissen wir.« Cuong stützte sich auf das mit einem Seil festgebundene Steuerruder und starrte in die undurchdringliche Dunkelheit. Das flackernde Licht der Fackel drang nicht einmal bis zum Bug des kleinen Bootes, die Schwärze saugte es auf. Und doch war diese Fackel ein lautloser Schrei: Hier sind Menschen … helft uns, glücklichere Brüder! »Sie schläft und wird nichts merken. Sieh dir die Kinder an. Sie dörren aus. Ihre Haut schrumpft zu Leder wie bei einem Greis.« Er breitete die Arme aus und schüttelte die Hände. »Und die Schiffe fahren vorbei, Xuong, du hast zuviel von den Menschen erwartet.«

»Laß uns noch einen Tag abwarten … oder zwei …« Lam Van Xuong legte die Hände übereinander, lehnte sich an den Motorkasten zurück und blickte in die schwarze Nacht. Mit wieviel Hoffnung waren sie vor zwanzig Tagen aus dem kleinen Hafen Phu-winh im Mekong-Delta ausgelaufen. Wir haben ein Boot, endlich haben wir ein Boot! Nach einem Jahr Warten, bis man den Kaufpreis zusammengespart hatte, ein Jahr, in dem der Bootsbesitzer viermal den Preis erhöhte und freundlich lächelnd sagte: »Ich brauche nicht zu verkaufen, ihr müßt kaufen … dieser Unterschied ist eben teuer.«

Sie waren aus drei benachbarten Dörfern zusammengekommen. Xuong, der Lehrer, aus der Haft der politischen Polizei entlassen und mit Berufsverbot belegt, arbeitete als Holzfäller in einer Kommune, mußte die schwersten und dreckigsten Arbeiten übernehmen, vor denen sich die anderen Kommunarden drückten. Aber er blieb der »Lehrer«, wenn er an einem freien Tag die Dörfer besuchte, aus denen die Schüler früher zu ihm in das Schulgebäude von Nha-duc gekommen waren. Mit wehem Herzen sah er die Not seiner Freunde, die von Mal zu Mal größer wurde, hörte die klagenden Frauen an, deren Männer zur Zwangsarbeit abgeholt worden waren, sprach mit dem ehemaligen Bürgermeister Phan Kim Trong, den die Geheimpolizei vier Monate lang gefoltert hatte, nur auf den Verdacht hin, er habe vier Säcke Reis zur Seite geschafft und heimlich verkauft, was nie bewiesen werden konnte, da er es nicht getan hatte. Nun war Trong ein Krüppel, körperlich und seelisch, zerbrochen an einem System, das nur Mißtrauen und blinde Unterwürfigkeit kennt. Und bei einem dieser Besuche hatte Xuong beschlossen, ein Boot zu kaufen und über das Meer zu flüchten in eine Welt ohne Verfolgung und Folter, ohne Angst und ohne Schläge. Vielleicht nach Thailand oder nach Singapur, nach Sumatra oder den Philippinen, oder in eine weite Ferne, in einen anderen Teil dieser Erde, wo Menschen lebten, die wußten, was Menschlichkeit bedeutet. Humanität nannte es der kluge Lehrer. Die Frauen und Männer, die ihm zuhörten, hatten dieses Wort noch nie gehört, aber als er es ihnen erklärte, leuchteten ihre Augen.

Gab es das überhaupt? Humanität? Anerkennung der Würde aller Menschen, ganz gleich, welcher Rasse, aus welchem Staat, von welchem Stand? Vorbei mit aller Sklaverei unter einer diktatorischen Regierung? Politische Gleichberechtigung aller Auffassungen und Gedanken? Freie Gedanken? Freie Rede? Ein Mensch mit Menschenrechten … mein Gott, gab es das wirklich?! Keine Tritte und Schläge mehr, kein Arbeiten bis zum Umfallen für eine Schüssel Reis mit Fisch? War das nicht das Paradies, von dem der Pater immer predigte? Und das soll vor der Tür liegen, nur ein paar hundert Meilen weiter, jenseits der Linie, an der auf jeden geschossen wird? So nah, und doch so unerreichbar wie ein Stern …

Aber nein. Hört euch doch Xuong, den klugen Lehrer an. Hört, was er erzählt, was er vorschlägt, welchen Weg es gibt zu dieser sagenhaften Humanität: Über das Meer! Nur ein gutes Boot braucht man und etwas Mut. Und da draußen auf dem freien Meer werden die humanen Menschen die Flüchtlinge auffischen und in die Länder bringen, wo ein Mensch noch das Recht hat zu leben. Auch das hat der Pater gepredigt, und Xuong sagt es jetzt auch: Wir sind alle Brüder! Nur, die einen wissen es, und die anderen wissen es nicht. Laßt uns zu jenen flüchten, die es wissen!

Es waren zwanzig Männer, sechzehn Frauen und vierzehn Kinder, die Xuong die Hand drückten, Stillschweigen schworen und dann begannen, für dieses Paradies zu arbeiten und zu sparen. Ein Jahr lang, bis Xuong das kleine flache Flußboot kaufen konnte. Drei Männer starben in diesem Jahr, zwei Frauen und zwei Kinder. Man verkaufte auf dem Markt von Vinh-long, was sie hinterlassen hatten, und gab das Geld dem Lehrer.

Eines Tages sagte Xuong: »Im nächsten Monat, im Mai, wenn das Meer noch ruhig ist, können wir fahren. Das Boot liegt bereit, mittschiffs habe ich einen Raum aus Holz für die Frauen und Kinder bauen lassen. Nudeln, Fässer mit Frischwasser, Treibstoff, Reis, getrocknetes Obst und Spiritus besorge ich noch. Das Meer wird uns die Fische liefern. Töpfe und Pfannen und alles, was ihr braucht, bringt ihr selbst mit. Wenn wir die Schiffahrtsroute Singapur — Hongkong erreicht haben, sind wir gerettet. Es werden bis dahin nur ein paar Tage und Nächte sein. Beten wir alle, daß das Meer ruhig bleibt. Unser Boot ist flach, aber ein ruhiges Meer können wir bezwingen.«

Noch einen Monat, nur noch einen Monat! Wie sich die Tage dehnten, wie langsam die Nächte vergingen. Cuong, der Mechaniker, der in der Kommune einen Traktor fuhr, strampelte nachts auf einem Rad, das vor Alter quietschte und dessen Räder eierten, heimlich zum Hafen und reparierte den Motor des Bootes mit gestohlenen Schläuchen und Kupferleitungen, klagte mehrmals: »Der Verkäufer betrügt uns, Xuong! Schon bei halber Kraft wird der Motor auseinanderfallen!« Aber alles Protestieren half nicht. Im Gegenteil, der Verkäufer, ein dürrer Flußfischer, schraubte die Forderung noch einmal hoch.

Xuong bezahlte zähneknirschend, aber ohne den Mann zu verfluchen. Im Grunde verstand er ihn. Es ging darum, Geld zu verdienen, und von wem es kam, war von wenigem Interesse. Schließlich gab der Mann sein Boot her, würde es am Morgen nach Abfahrt der Flüchtlinge als gesunken melden, leckgeschlagen und untergegangen beim Fischen im Mekong, von der Strömung dann weggerissen. Das war glaubhaft, und Lap Quang Ky, der arme, lederhäutige Fischer, würde versuchen, von der Kommune der Fischer ein neues Boot zu bekommen, auf Abzahlung natürlich, vom Erlös des Fischens würde ihm gerade soviel übrigbleiben, daß er nicht verhungerte … Wer wußte denn, daß er in Wahrheit ein wohlhabender Mann war, der sich Fleischstückchen in seiner Reissuppe leisten konnte. Ein jeder will ein wenig besser leben, wem kann man das verübeln?

In diesem letzten Monat in der Heimat verkauften die Verschworenen nacheinander alles, was sie besaßen. Sogar nach Ho-Chi-Minh-Stadt fuhren sie mit den überfüllten, mit Menschentrauben behangenen Bussen und boten ihre Habe an; die letzten Tage hausten sie in leeren Zimmern und Hütten, schliefen auf der blanken Erde, arbeiteten aber wie immer, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen.

Dann endlich war die Nacht da, in der sie zum Fluß schlichen und über ein schwankendes Brett auf das Boot gingen. Zwölf Kinder von zwei bis dreizehn Jahren, vierzehn Frauen und sechzehn Männer. Das Boot war viel zu klein für sie alle … eng zusammengepfercht hockten sie auf dem Boden, die Kinder waren in den Holzverschlag gekrochen. Als Xuong das Brett, das sie noch mit der Heimat verband, wegtrat und das Boot lautlos von der Strömung erfaßt und weggezogen wurde, falteten sie alle die Hände und beteten, was sie bei Pater Matthias in der Mission gelernt hatten: Vater unser, der Du bist im Himmel …

Erst mitten auf dem Mekong warf Cuong den Motor an und lachte und klatschte in die Hände, als der wirklich gleichmäßig zu rattern begann. Durch das alte Boot ging ein Zittern, als sei es ein müdes Pferd, dem man einen heftigen Schlag versetzt hatte. Cuong mußte das Ruderrad fest in beide Fäuste nehmen und begriff plötzlich, was die Fischer immer sagten: Jeder Tag ist ein Kampf mit dem Fluß.

Wie mochte das mit dem Meer sein?

Er blickte Xuong an, der neben ihm stand und stumm zum kaum sichtbaren Ufer starrte. In die Freiheit, dachte er. Jetzt schwimmen wir in die Freiheit. Wir werden dich nie wiedersehen, wir werden nie wieder zu dir zurückkommen, schöne Heimat Vietnam. Irgendwo auf dieser Welt werden wir einen neuen Platz finden, wo unsere Kinder geboren und unsere Alten sterben werden, wo es keine Unterdrückung und keinen Haß gibt, wo wir die Arbeit unserer Hände behalten können und alle Menschen Brüder sind.

»Zwei schwere Tage kommen noch, Cuong«, sagte er. Mit einem Ruck riß er sich vom Anblick des Ufers los und wandte ihm den Rücken zu.

»Ich weiß, die Küstenwachboote der Marine.« Cuong gab noch etwas mehr Gas. Mit der Strömung machten sie gute Fahrt, der Kahn lag besser im Wasser, als man geglaubt hatte, er glitt fast über den Fluß mit seinem flachen Kiel, als sei er ein großer Schlitten. »Sie werden denken: Da ist ein mutiger Fischer, der sich aus dem Mekong hinauswagt. Vielleicht aber sieht uns auch niemand.«

In der Morgendämmerung verließen sie bei der Halbinsel Cua Cung-hau das Mekong-Delta und fuhren aufs freie Meer hinaus. Das Glück war mit ihnen. Kein Wachboot lief an diesem Tag seine Patrouille vor diesem Küstenstreifen, das Meer lag ruhig und bei den ersten Sonnenstrahlen wie vergoldet vor ihnen, es war ein Anblick, der das Herz jauchzen ließ.

Aus dem Holzverschlag zog der Duft von Tee über das Boot. Kim Thu Mai, ein junges Mädchen von achtzehn Jahren und Tochter von Cuongs Bruder Khoa, den man im Gefängnis zu Tode geprügelt hatte, brachte das Frühstück für Xuong und Cuong zum Ruderplatz. Tee, etwas Brot und einen kleinen Topf mit Ingwerhonig. Mai lachte, als sie den flachen Korb auf den Motorkasten stellte. Im Fahrtwind flatterten ihre schwarzen Haare, sie zeigte auf das Meer und schlug die Hände aneinander. Zum erstenmal sah sie das grenzenlose Wasser. »Wie schön!« rief sie. »Wie schön! Was sagst du dazu, Cuong?«

»Das Meer ist tückisch wie eine Schlange. Sie liegt da mit schimmernder Haut, du bewunderst sie, und plötzlich schnellt sie vor, beißt dich und du wirst sterben.« Er drosselte den Motor etwas, setzte sich auf die Motorverkleidung und überließ Xuong das Ruder. »Wie geht es Thi?«

»Sie liegt auf ihrer Decke und ist glücklich.«

»Keine Schmerzen im Bauch? Keine Übelkeit?«

»Sie sagt nein.«

»Und die Kinder?«

»Die meisten schlafen noch.«

Aus dem Verschlag krochen jetzt die anderen Frauen, um ihren auf dem Bootsboden hockenden Männern den Tee zu bringen. Das leichte Schwanken und das Balancieren der Teebecher begleiteten sie mit leisen, quietschenden Aufschreien, die Fröhlichkeit verbreiteten. Die Wellen des Meeres, auch wenn es wie glatt dalag, waren doch stärker als die des Mekong.

Xuong trank zwei Schlucke Tee, riß seine Brotscheibe in Streifen und tunkte sie in den Honig. Dieses goldene, glatte Meer gefiel ihm nicht. Man sah das Boot aus weiter Entfernung, es lag wie auf einem Tisch, und das war in dieser Gegend gefährlich. Später, wenn man zur Straße der großen Schiffe kam, konnte man ein ruhiges Meer gebrauchen. Jetzt aber erhöhte es die Gefahr.

Er wartete, bis Kim zurück zum Verschlag ging, und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. »Ich habe euch etwas nicht gesagt. Vielleicht war das ein Fehler, aber ihr solltet es doch wissen«, setzte er an. »Wir werden mit der Angst leben müssen, mindestens 150 Meilen von der Küste entfernt.«

»Der Himmel sieht nicht nach Sturm aus, Xuong.«

»Einem Sturm wäre zu widerstehen. Die Gefahr ist schneller als wir, besser ausgerüstet, grausamer als jeder Taifun, schlimmer als jeder Hai, und sie fährt auf guten, festen Schiffen mit starken Motoren. Wenn man sie sieht, gibt es kein Entrinnen mehr. Vor einem Tiger im Dschungel kann man mit viel Glück flüchten, vor ihr ist man hilflos. Und je ruhiger das Meer ist, um so größer ist diese Gefahr.«

Cuong warf einen Blick zur Seite auf Xuong, hob die Schultern und deutete damit an, daß er dieses Rätsel nicht verstehe. Für ihn war ein kaum bewegtes Meer ein Glücksfall, der gar nicht lange genug anhalten konnte. Schon der Gedanke an eine mäßig bewegte See erzeugte in ihm ein Übelkeitsgefühl. Ein flaches Flußboot auf weit heranrollenden Wellen, das ist nicht mehr als ein auf dem Wasser tanzendes Brett. Nur hockten auf diesem Brett 42 Menschen, die ein neues Leben suchten.

»Ich bin ein dummer Mensch«, sagte er schließlich, als Xuong seinen Blick nicht zu verstehen schien. »Beten wir, daß das Meer so sanftmütig bleibt.«

»Vor der Küste, besonders hier vor dem Mekong-Delta, lauern thailändische Fischerboote.« Xuong stellte seinen Becher Tee zur Seite, nahm seinen Kompaß aus der Tasche, klappte den Deckel hoch und kontrollierte die Fahrtrichtung. »Schnelle Schiffe.«

»Ist das wahr?« Cuongs Augen strahlten, über sein Gesicht breitete sich ein Lächeln der Freude. »Sie werden uns den Weg nach Thailand zeigen.«

»Sie sind als Fischerboote getarnt. Sie fischen nicht mit Netzen, sondern mit Enterhaken und Pistolen, Beilen und Eisenstangen, Messern und Würgestricken. Sie fischen Menschen.«

»Seit … seit wann weißt du das?« Cuong starrte den klugen Lehrer Lam Van an, so ungläubig, wie nur ein Ahnungsloser sein kann. Sie fischen Menschen — was bedeutete das? Was will man mit Menschen, wenn die Netze voller Fische sein können? Doch dann durchfuhr ihn ein entsetzlicher Gedanke. »Sie … sie fangen uns und liefern uns der Polizei aus? Bringen uns zurück an Land? Bekommen Geld dafür. Kopfgeld. Das kann nicht wahr sein, Xuong, es sind doch Thailänder!«

»Es sind Piraten, Cuong. Sie werden uns ausplündern, unsere Frauen vergewaltigen, die jungen und hübschen mitnehmen und in Thailand an die Bordelle verkaufen, und wenn wir uns wehren, werden sie uns erschießen, erstechen oder über Bord zu den Haien werfen.«

»Das … das hast du alles gewußt?«

»Seit über einem Jahr.« Xuong klappte den Deckel des Kompasses zu und sah jetzt Cuong voll in die unruhigen Augen. »Ich weiß nicht, wie viele Flüchtlingsboote sie schon überfallen haben, aber es sollen viele sein. Wir müssen um das Glück beten, nicht von ihnen gesehen zu werden. Ein glattes Meer wie heute ist ihr Verbündeter. Bei höheren Wellen sieht man uns nicht so leicht.«

»Wann können wir an der Schiffahrtstraße sein?« In Cuongs Stimme hörte man deutlich die Angst. Piraten. Sie würden Linh mißhandeln. Und alle Frauen im Boot … lauter junge, hübsche Frauen. Die Älteste war Ut, sie hatte ihre drei kleinen Kinder bei sich, und ihr Mann Tue war einer von jenen, die in dem Jahr des Wartens und Sparens gestorben waren. An einem Riesenfurunkel im Nacken, den niemand behandeln konnte. »Da kommt dein ganzes inneres Gift raus!« hatte der Kommunenarzt spöttisch gesagt, als Tue ihm das ungeheure Geschwür zeigte. »Du bist doch einer von denen, die immer unzufrieden sind. Geh und schmier dir deine Parolen in den Nacken.« Tue starb schließlich an Blutvergiftung. Ut, seine Witwe, verkaufte alles, was sie besaß, gab Xuong das Geld und glaubte seitdem, ein besseres Leben in einem anderen Land gewinnen zu können.

»Ich werde den Motor hochtreiben, Xuong!« sagte Cuong mit belegter Stimme. »Schaffen wir es in zwei Tagen?«

»Es können auch drei werden. Belaste den Motor nicht zu stark. Er ist wie ein alter Mann, der keucht, spuckt und nach Atem ringt. Jag ihn nicht in den Tod. Ohne Motor gibt es keine Hoffnung mehr.«

Cuong nickte, ließ den Motor gedrosselt und rang noch immer mit dem Entsetzen, das in ihm war. »Sollen wir es den anderen sagen?« fragte er.

»Nur den Männern. Nicht den Frauen.«

»Aber sie wird es am meisten treffen.«

»Vertrauen wir auf das Glück, das bis heute bei uns war.« Xuong stieß sich von dem Motorkasten ab, bahnte sich einen Weg durch die herumhockenden und essenden Männer und rutschte dann auf Knien in den Holzverschlag. So niedrig war er. Selbst ein kleines Kind konnte darin kaum stehen.

Am dritten Tag, nach Xuongs Berechnungen mußte man ganz in der Nähe der großen Schiffahrtsroute sein, sichteten sie ein kleines, treibendes Boot. Es tanzte auf den nun etwas höher gehenden Wellen, fiel in die Wellentäler, ritt auf den Wellenkämmen. Ein leeres Boot, so schien es, von irgendwoher abgetrieben, vielleicht schon Wochen im Südchinesischen Meer.

»Das können wir gut gebrauchen!« schrie Cuong gegen den Fahrtwind. »Alles, was schwimmt, ist für uns gut! Holen wir es längsseits?«

»Es ist ein schlechtes Zeichen«, sagte Xuong zögernd.

»Das verstehe ich nicht.«

»Ein so kleines Boot schlägt schnell voll Wasser und sinkt. Es ist noch nicht lange hier draußen, und es ist ein vietnamesisches Boot. Was beweist das?«

»Ich weiß es nicht, Xuong.«

Nun standen auch die Frauen und die größeren Kinder an Deck und starrten hinüber zu dem wellenreitenden Kahn.

»Das ist ein Überbleibsel«, sagte Xuong nachdenklich. »Ein Rest …«

»Wovon?«

»Von Menschen, die wie wir die Freiheit suchten. Entweder hat das Meer sie getötet oder die Piraten …«

»Das heißt, daß welche in der Nähe sind?« rief Cuong entsetzt. »Ändern wir sofort den Kurs!«

»Sie lauern aufgereiht wie eine Perlenschnur vor der Route Singapur — Hongkong. Sie wissen, jedes Flüchtlingsboot wird versuchen, in die Wasserstraße zu kommen. Nur dort ist Hoffnung auf Rettung. Warten wir hier, Cuong. Wirf den Treibanker aus. Versuchen wir in der Nacht, die Route zu erreichen.«

»Die großen Schiffe werden uns überfahren und unter Wasser drücken.«

»Wir werden sie von weitem wahrnehmen, sie sind alle hell beleuchtet. Und wir werden unsere Fackeln anzünden, wenn wir ihre Lampen sehen. Zwischen den großen Schiffen sind wir sicher. Da gibt es keine Piraten mehr.«

Cuong stellte den Motor ab, rief ein paar Worte über Deck, zwei Männer, die nur zerschlissene Hosen und durchnäßte, kurzärmelige blaue Hemden trugen, warfen den kleinen Treibanker über Bord und hielten dann das Tau fest. Das fremde, leere Boot tanzte näher, kam genau auf sie zu. Die Frauen klatschten in die Hände, als zwei anderen Männer mit langen Stangen, an deren Enden sich Widerhaken befanden, den Rand des Bootes packten und es heranzogen.

Es war nicht leer. Auf dem Boden lag ein junger Mann, besinnungslos, mit nacktem Oberkörper. Seine linke Schulter war blutverschmiert. Erbärmlich sah er aus, verhungert, ausgezehrt, dem Tode näher als dem Leben. Zusammengekrümmt hing er halb im Wasser, das die Wellen ins Boot geworfen hatten. Zu viert hoben sie den Ohnmächtigen über die Bordwand und betteten ihn auf eine Strohmatte, mit dem Kopf auf eine flache Kiste, die Fackeln enthielt. Xuong untersuchte sofort die blutige Schulter. Kim Thu Mai half ihm dabei. Sie hatte in der Kommune einen Lehrgang in Erster Hilfe mitgemacht. Sie wusch das Blut mit Meerwasser ab, was höllisch brennen mußte wegen des Salzgehaltes, aber der Verletzte spürte in seiner tiefen Bewußtlosigkeit ja nichts.

»Messerstiche!« sagte Xuong langsam, als die Wunden freilagen. »Einwandfrei Messerstiche. Er ist einer der Unglücklichen, die sich gewehrt haben.« Er richtete sich auf und warf einen Blick auf Cuong. »Jetzt wissen wir, was uns erwarten kann. Kann, sage ich! Wir müssen listiger sein als unsere Feinde.«

Kim Thu Mai hatte unterdessen dem Ohnmächtigen ein klein wenig Reisschnaps zwischen die Lippen geträufelt. Zwei kleine Korbflaschen hatten sie davon an Bord. Nicht um sich einen Rausch anzutrinken, sondern als Medizin, als eine Art Trost, wenn ihn jemand nötig hatte. Xuong hatte die beiden Korbflaschen mitgebracht … er kannte seine Mitmenschen besser als jeder andere. Er war ja ein Lehrer.

Man weiß, daß Reisschnaps das Gemüt anregt und einen fröhlichen Sinn schafft. Aber nun zeigte es sich, daß er auch einen entflohenen Geist zurückholen konnte. Der Verletzte stieß einen langen Seufzer aus, schlug dann die Augen auf und warf einen Blick voller Entsetzen auf die ihn umringenden Männer. Doch dann erkannte er, daß es keine neuen Piraten waren, daß er lebte und im Augenblick in Sicherheit war. Vor Freude begann er zu weinen und schämte sich nicht. Bei solchen Tränen verliert niemand sein Gesicht. Er hob den Kopf, es schmerzte ihn, das sah man an seinem sich verzerrenden Mund, aber dann blickte er Kim an und lächelte schwach.

Xuong beugte sich über ihn. »Wo haben sie euch überfallen?« fragte er ohne Umschweife.

»Sie haben unser Schiff versenkt … den Boden aufgehackt. Alle sind ertrunken. Vorher haben sie alle Frauen und sogar die kleinen Mädchen …« Er schluckte, sah Kim an und schloß dann die Augen. »Sie haben uns gezwungen zuzusehen. Als es vorbei war, gingen sie von einem zum anderen und stachen uns nieder. Die anderen hackten den Boden auf … Sie hielten mich für tot. Ich habe mich tot gestellt.« Seine Stimme klang heiser. Jetzt spürte er auch seine Wunden und knirschte mit den Zähnen.

»Und wie bist du in das Boot gekommen?« fragte Xuong.

»Das Tau des Beibootes hatten sie gekappt. Es schwamm nebenher. Sie warfen mich mit den Toten über Bord, ich tauchte unter und schwamm unter dem Boot durch auf die andere Seite, klammerte mich dort fest und wartete, bis unser Schiff mit den Frauen und Kindern unterging. Wie haben sie geschrien … ich werde es nie vergessen. Mit Musik aus einem Lautsprecher fuhren die Piraten weiter, ich hing an dem Boot, bis sie außer Sichtweite waren, um mich herum trieben die Leichen meiner Freunde, der Frauen und die Kinder, ein kleines Mädchen umklammerte noch seine Mutter. Da zog ich mich hoch, fiel in den Kahn … und weiß dann gar nichts mehr …«

Erschöpft von der langen Rede schloß der Verwundete wieder die Augen, begann stoßweise zu atmen und schien in erneute Bewußtlosigkeit zu fallen. Xuong holte ihn mit einem Schluck Reisschnaps wieder in die Gegenwart zurück.

»Wann war das?«

»Heute, gestern, vor drei Tagen … ich weiß es nicht. Ich habe das Zeitgefühl verloren.« Er sah wieder Kim an, mit einem langen Blick, als fließe von ihr neues Leben in ihn hinein. »Ich heiße Vu Xuan Le …«

»Du solltest noch nicht so viel sprechen, Le«, sagte Kim. »Gleich werden wir Reis bringen.«

»Ich kann nicht schlucken.« Er versuchte es, aber sein Gesicht verzog sich wieder. »Alles ist wie verbrannt …«

»Das Salzwasser.« Xuong richtete sich auf. »Wir kochen dir eine Suppe aus Hühnerfleisch. Die kannst du langsam trinken.«

Er überließ Le der Fürsorge von Kim. Sie umwickelte die Stichwunden mit einem gebleichten Baumwollappen und zog dem Verletzten ein Hemd über, das einer der Männer ihr gab. Le ergriff ihre Hand, drückte sie dankbar und legte sie auf sein Herz. Dann schien er einzuschlafen. Er atmete regelmäßig und tief und hatte die Augen geschlossen.

Am Heck saßen Cuong und Xuong wieder beisammen und suchten mit scharfen Augen den Horizont ab. Plötzlich konnte es auftauchen, das Piratenschiff, hochschießen aus einem Wellental. Dann gab es nur noch die Flucht mit voller Motorkraft, auch auf das Risiko hin, daß die Zylinder explodierten oder die Kurbelwelle brach.

»Er ist nicht lange getrieben«, sagte Xuong. Sein Gesicht lag in Falten, jetzt sah man ihm seine fünfundvierzig harten Jahre an. »Er sieht zu gut aus für einen Menschen, der schutzlos unter der Sonne auf dem Meer treibt. Hat er Verbrennungen? Nein. Sind seine Lider rot und geschwollen? Nein. Ist er mit getrocknetem Meersalz bedeckt? Nein. Ist seine Zunge dick und aufgequollen vor Durst? Nein. Tränen seine Augen unter dem Feuer der Sonne? Nein. Was folgerst du daraus, Cuong?«

»Du bist der Lehrer, Xuong. Ich bin nur ein Mechaniker.«

»Der Überfall hat erst gestern stattgefunden. Länger als eine Nacht und diesen halben Tag hat Vu Xuan Le nicht in dem Boot gelegen.«

»Du willst sagen, die Piraten sind in unserer Nähe?« In Cuongs Stimme schwang deutlich Angst mit.

»Sie liegen, wie ich geahnt habe, wie eine Kette vor der Schifffahrtstraße. Sie warten auf die Flüchtlingsboote.«

»Und wir schwimmen genau in ihre Netze …«

»Eben das müssen wir vermeiden.« Xuong musterte wieder den Horizont. Wenn dort etwas auftauchte, und sei es nur ein nicht zu bestimmender Punkt, gab es nur die Flucht zurück zur Küste. Das Gefängnis in Vinh-long konnte man überleben, die Revolver, Beile und Dolche der Piraten nicht. »Es bleibt dabei. Wir fahren nur in der Nacht. Ohne Licht. Wir werden zur Wasserstraße kommen, Cuong, ich fühle es. Und mein Gefühl hat mich noch nie betrogen.«

»Wir werden beten«, sagte Cuong. Er war, wie sie alle im Boot, ein gläubiger Christ und deswegen schon oft von den kommunistischen Funktionären geschlagen und verhöhnt worden. Am schlimmsten war es vor fünf Monaten gewesen. Da hatten ihn drei Funktionäre in ihr Dienstzimmer geführt und mit Fußtritten und Faustschlägen vor eine große hölzerne Marienstatue getrieben, die sie aus irgendeiner Kirche entführt hatten. Unten in die Figur hatten sie ein großes Loch gebohrt. Nun stellten sie Cuong davor, lachten, spuckten ihm ins Gesicht und befahlen hämisch: »Hol deinen Schwanz raus! Los, los, hol ihn heraus! Fick deine Gottesmutter! Willst du wohl die Hose öffnen!« Und als Cuong stehenblieb, rissen sie ihm die Hose herunter und schlugen mit der flachen Hand gegen sein Geschlecht. »Fick sie, sofort, oder wir schlagen dich tot! Zeig, wie’s ein guter Affe macht!«

»Schlagt mich tot!« hatte Cuong tapfer geantwortet. »Genossen, schlagt mich tot.«

Das Wort Genosse rettete Cuong. Sie traten ihn nur in den Hintern, hieben mit biegsamen Stöckchen gegen seinen Unterleib, steckten dann die Stöcke in das Loch der Marienstatue und grölten wüste, säuische Verse. Aber Cuong hatte überlebt …

Jetzt, an diesem gefährlichen Tag, knieten sie alle nieder, falteten die Hände und beteten um die Gnade der Rettung. Auch die Kinder beteten, die ganz Kleinen ohne zu wissen, was das bedeutete. Sie sprachen einfach die Worte ihrer Mütter nach. Vu Xuan Le lag auf dem Hinterdeck und beteiligte sich nicht an den Gebeten. Man nahm es ihm nicht übel. Er hatte wohl zuviel Grauenhaftes erlebt, um jetzt auch noch einen Gott anrufen zu können, der seinem Wesen völlig fremd war. Ein Gott, der den Menschen Liebe und Vergebung predigte … für Le mochte der Gedanke an Rache und Vergeltung näher und stärker sein.

Bis die Nacht hereinbrach, trieben sie am Anker auf dem Meer. Die Wellen wurden höher, ein warmer Wind blies von Land her. Das Boot begann zu schwanken und zu knarren, wurde empor- und wieder hinabgeworfen, es knirschte an allen Enden, als lösten sich Schrauben und Nägel. Voll Angst krochen die Frauen eng zusammen und preßten die Kinder an sich, einige würgten, umklammerten die Bordwand und spuckten in das Meer. Aber Xuong war zufrieden und sagte: »So ist es gut. Cuong, sobald es völlig dunkel ist, wirf den Motor wieder an.«

Die Nacht hindurch fuhren sie mit voller Kraft. Cuong und drei andere Männer lösten sich am Steuer ab. Nur Xuang schien keinen Schlaf zu brauchen. Er saß neben der Motorverkleidung auf dem Boden, hatte den aufgeklappten Kompaß zwischen seine Knie geklemmt und korrigierte ab und zu den Kurs. Le, das Piratenopfer, schlief an der Wand des Verschlages, zusammengerollt wie ein Hund. Man hatte ihm Tee und Reis, gebratenen Fisch und Sojasoße gegeben, vor allem aber — Kim kümmerte sich um ihn, verband zweimal seine Wunden, und obwohl das weh tat, verzog er keinen Muskel seines Gesichtes, sondern lächelte sie an. Ein winziger Held ist immer noch besser als ein Schwächling, der Mitleid sammelt.

»Wo kommst du her?« fragte er, als sie den dritten Verband anlegte.

»Aus Dien Ban Nam …«

»Und ich aus Muong-hanh.«

»Das ist ja gar nicht weit von uns!«

»Welch ein Zufall! Warum haben wir uns nicht früher gesehen?«

»Es gibt so viele Menschen. Man kann nicht alle anschauen.«

»An dir wäre ich nicht vorbeigegangen, Kim. Nur ein einziger Blick … ich wäre wie vom Blitz getroffen.«

Sie antwortete nicht, drehte den Kopf verlegen zur Seite und schob Les Hand weg, die über ihren Schenkel tastete. Im Holzverschlag weinten die Kinder; das rauhe Meer machte ihnen Angst, ließ sie über den Boden und gegen die Wände rutschen, sie klammerten sich an die noch nicht seekranken Frauen fest und waren nicht zu beruhigen. Das flache Flußboot konnte mit seinem Kiel nicht die Wellen durchschneiden, es ritt auf ihnen, und der armselige, alte Motor kämpfte schwer um jeden Meter.

»Wir werden auch heute noch nicht die Route erreichen«, sagte Xuong beim Heraufdämmern des Morgens. Er hatte nicht mehr als zwei Stunden geschlafen, sitzend und an den rappelnden Motorkasten gelehnt. Jetzt hielt er den Kompaß wieder auf den Knien und stellte fest, daß sie in der Nacht, während er geschlafen hatte, nach Westen abgetrieben worden waren. Man mußte scharf nach Süden drehen. In dieser Position waren sie den thailändischen Piraten näher als zuvor. Aber das sagte Xuong nicht.

Und wieder war es ein Morgen, dessen Sonne das Meer golden schimmern ließ, jetzt, bei bewegter See, mit weißen Schaumkronen, wie ein Goldhelm mit glitzernden Perlen nach dem anderen, ein Wogen aus flüssigem Metall.

Wieder warf Cuong den Treibanker aus, der bei diesem Seegang wenig nützte, aber die anderen Bootsinsassen beruhigte. Der morgendliche Tee wurde verteilt, die Seekranken lagen matt und mit grauen Gesichtern herum, tranken tapfer ihre Ration und erbrachen sie sofort wieder. Die Männer hockten im Vorschiff zusammen und hielten eine Beratung ab. Das Ergebnis überbrachten zwei jüngere Männer. Ehrfürchtig verneigten sie sich vor Xuong. Dann sagte der eine: »Wir haben eine Versammlung abgehalten, Lam Van Xuong, und mich haben sie zum Sprecher gewählt.« Es war ein stämmiger Bursche, der in der Kommune als Schmied gearbeitet und zwei Jahre im Gefängnis gesessen hatte, weil er den Vorarbeiter aufs linke Ohr geschlagen hatte, das danach taub blieb.

»Und was hat die Versammlung beschlossen?« fragte Xuong höflich zurück.

»Wir möchten auch am Tage fahren. Warum auf der Stelle liegen? Le sagt auch: Die Piraten sind weit weg.«

»Und wer von euch übernimmt die Schuld, wenn wir von ihnen verfolgt werden? Du als Sprecher? Da hinten an der Wand sitzt deine Frau Hoa. Sie ist schön genug, um in einem Bordell von Phuket die Touristen zu begeistern.«

»Eben darum sollten wir fahren, so schnell wir können.«

»Das ist nicht schnell genug. Ein lahmer Hase wird immer die Beute des Fuchses. Und wir sind lahm. Hast du gesehen, wieviel Benzin der Motor säuft? Bei voller Fahrt ist unser Vorrat bald verbraucht. Ohne Benzin aber …« Xuong hob die Schultern.

Der Sprecher der Versammlung verstand, was das bedeutete. »Wir warten also wieder … den ganzen Tag?« fragte er bedrückt.

»Was bedeutet ein Tag, wenn wir in Kürze frei und sicher sein können?«

Mit dieser Botschaft kehrte die Delegation zu den anderen Männern zurück. Sie begriffen es und fügten sich. Nur Vu Xuan Le sprach dagegen, behauptete, die Piraten könnten nicht überall sein, er habe gehört, daß sie näher zum Mekong-Delta fahren wollten, um dort den Flüchtlingsbooten erfolgreicher auflauern zu können. »Und wir sind weit weg vom Mekong!« rief Le und machte eine weite Handbewegung. »Alle Feinde sind hinter uns … vor uns ist das Meer offen und frei!«

Aber die meisten hörten nicht auf ihn, vertrauten Xuong mehr und richteten sich ein, einen weiteren langen, heißen Tag durchzustehen. Sie spannten eine Plane vom Verschlag bis zum Motorkasten, hockten sich darunter und spielten mit Karten, Dominosteinen oder dösten einfach vor sich hin. Die Frauen wuschen im Meer die Wäsche und hängten sie an Leinen auf. Wie bunte Wimpel flatterte die Wäsche fröhlich im Wind.

Gegen Mittag schrie Cuong plötzlich auf, sprang auf den Motorkasten und fuchtelte mit beiden Armen durch die Luft. »Ein Schiff!« brüllte er. »Da ist ein Schiff! Ein großes Schiff. Es kommt auf uns zu! Seht doch, seht doch … ein richtiges Schiff!«

Ein wildes Gedränge entstand. Alles stürzte zur Backbordseite, das Boot begann, gefährlich zu schaukeln und sich auf die Seite zu legen. Xuong schrie: »Zurück! Zurück! Wir kippen doch um! Seid ihr verrückt geworden?! Jeder auf seinen Platz! Verteilt euch!« Aber es dauerte eine Weile, bis sie die Gefahr begriffen. Erst als ein paar Wellen ins Boot schlugen, wurden sie vernünftig und kehrten auf ihre Plätze zurück. Nach einem wilden Schaukeln lag das Boot wieder flach auf dem Wasser.

Cuong starrte noch immer auf das Schiff. Für ihn war es, als schwimme das Paradies auf ihn zu. Sie waren gerettet, es gab keine Nachtfahrt mehr, keine Ungewißheit, keine Angst vor den Piraten … das Leben kam ihnen entgegen.

»Es ist ein Containerschiff«, sagte Xuong zufrieden.

Es kam schnell näher, man konnte schon deutlich die Aufbauten sehen, den langen Rumpf mit den gestapelten Containern, den weiß lackierten Block mit den Kabinen, die Brücke, die großen Kräne und das Radar. Aus dem Schornstein quoll der Rauch der Dieselmaschinen.

»Macht die Raketen fertig!« rief Xuong und löste die wasserdichte Plane von dem Raketenwerfer neben dem Motorkasten. Er hatte viel Geld gekostet, genau 300 Dong. Aber Xuong hatte gesagt, daß eine einfache Pistolenrakete nicht weit zu sehen sei. Doch so eine dicke Rakete, sogar mit einem Fallschirm, konnte nicht übersehen werden. Eine rote, strahlende Leuchtkugel, die am Himmel hing und langsam herabsank. Die 300 Dong waren gut angelegt!

Die Kiste mit den Raketen wanderte von Hand zu Hand vom Verschlag bis zu Xuong. Er öffnete den Kippverschluß, steckte eine der Raketen ins Rohr und drückte auf den Auslöser.

Es geschah nichts. Kein Knall, kein Emporzischen, kein rotes Licht, kein sich entfaltender Fallschirm … die dicke Hülse blieb im Abschußrohr sitzen. Xuong griff hinein, holte die Rakete heraus und sah, daß sie naß war. Mit zitternden Händen hob er eine Rakete nach der anderen aus der Kiste, warf sie mit Flüchen auf den Boden und fand endlich eine Hülse, die aussah, als könne sie gezündet werden.

Das Schiff war jetzt lang vor ihnen, ein Riesenschiff. »Das sind 20.000 Tonnen und mehr!« schrie Cuong und begann mit beiden Armen zu winken. »Sie müssen uns schon sehen. Winken! Alle winken! Die Wäsche von den Leinen und winken! Xuong, was ist mit deinen verdammten Raketen?«

»Jemand hat Wasser über die Kiste geschüttet!« schrie Xuong zurück. »Aber jetzt habe ich eine, die zünden wird.« Es gab einen dumpfen Knall. Die Rakete fuhr aus dem Abschußrohr und stieg zischend in den Himmel. Dann platzte sie, eine weithin leuchtende rote Kugel wurde frei und schwebte an einem Fallschirm träge zum Meer zurück.

»Das sehen sie!« brüllte Cuong und schlug sich mit beiden Fäusten vor Freude an die Brust. »Das sehen sie! Wir sind gerettet! Wir sind gerettet!«

Alle auf dem Boot begannen zu schreien, zu winken, schwenkten Tücher und Wäschestücke, einige Frauen weinten vor Freude, hielten ihre kleinen Kinder hoch und zeigten ihnen das große, herrliche Schiff.

Xuong lehnte am Motorkasten und wartete auf ein Zeichen. Nach einem roten Notsignal muß eine Antwort kommen. Entweder eine weiße Rakete oder das Heulen der Schiffssirene. Gleichzeitig würden die Maschinen gestoppt werden, und wenn solch ein Riesenschiff mit seinen Tausenden Tonnen Gewicht auch zunächst weiterglitt, ehe es anhielt — man würde sehen, daß dort alles für die Rettungsaktion vorbereitet wurde.

»Den Anker einholen!« schrie Cuong und warf die Maschine an. »In einer halben Stunde sind wir dort drüben an Bord! Wir haben es geschafft!« Kaum war der Treibanker eingeholt, ließ er den Motor aufheulen und fuhr auf den Containerfrachter zu.

Das Schiff aber stoppte nicht. Mit unverminderter Geschwindigkeit durchpflügte es das Meer, ja, es änderte sogar den Kurs und fuhr in einem Bogen von dem kleinen Boot davon.

Xuong stand neben seinem Raketenwerfer und starrte fassungslos auf dieses Manöver. »Das gibt es doch nicht«, stammelte er. »Das ist nicht wahr! Sie sehen uns und drehen ab! Sie fahren einfach vorbei … sie fahren weg! Sie … sie flüchten vor den Flüchtlingen!«

»Was ist das, Xuong?« schrie Cuong. Er begriff nicht sofort, wozu Menschen fähig sind. »Sie haben uns nicht gesehen! Noch eine Rakete … noch eine Rakete!«

Der alte Motor gab her, was er konnte. Das flache Boot hüpfte über die Wellen, bei jedem Eintauchen spritzte Wasser über die Insassen, durchnäßt schrien und winkten sie, schwenkten ihre Wäsche und konnten einfach nicht begreifen, was sie sahen. Im Verschlag klammerten sich die Kinder fest, bei jedem Wellenstoß durchgerüttelt, aber sie weinten nicht mehr. Nur noch eine kurze Zeit, und alles war vorbei.

»Sie haben uns gesehen«, sagte Xuong mit tonloser Stimme und stellte den Gashebel zurück auf halbe Fahrt. Den Blick von Cuongs Augen würde er nie vergessen, so entsetzlich war er.

»Noch … noch … eine Rakete …«, stammelte Cuong. Sein Gesicht zuckte wie unter Krämpfen. »Sie können uns nicht übersehen …«

»Sie wollen uns nicht sehen, Cuong! Das ist alles.«

»So etwas gibt es nicht! Das ist doch Mord!«

»Nein, das ist Feigheit. Weiter nichts als Feigheit. Der Mensch, Cuong, ist das feigste Wesen auf dieser Erde. Wo er fliehen kann, flieht er. Und er findet immer schöne Worte, um seine Feigheit zu verkleiden.«

»Aber wir sind doch auch Menschen!« schrie Cuong. Er starrte dem Containerfrachter nach, der sich schnell entfernte. Einer nach dem anderen ließ die Arme sinken, preßte die Tücher und die Wäsche unter den Arm und blickte stumm auf das entschwindende Schiff. Lautlos, mit weiten, fassungslosen Augen, fügten sie sich der Wahrheit: Wir sind Ausgestoßene. Niemand will uns. Treibholz ist wertvoller als wir. Wir sind ein Nichts.

Mit schweren Händen, als hinge Blei an ihnen, zog Xuong die Plane wieder über das Raketenabschußrohr und setzte sich dann auf den Motorkasten. Weit am Horizont verschwand das Containerschiff. Cuong stellte den Motor ab. Ohne Aufforderung warfen zwei Männer wieder den Treibanker über Bord. Dann gingen sie zurück zu den anderen, hockten sich nieder und stierten wie alle stumm vor sich hin. Nach der Freude über die gelungene Flucht aufs Meer hatten sie zum erstenmal die Verachtung derer erfahren, von denen sie Rettung erhofften. Rettung vor Verfolgung, vor Hunger und Durst, vor dem Ertrinken, wenn der Wind noch stärker wurde und die Wellen das flache Boot zerschlugen.

Doch eine Hoffnung blieb noch: Die Begegnung mit dem Frachtschiff bewies, daß sie nahe an der großen Route trieben. Waren sie erst mitten auf der Wasserstraße, würde von den vielen Schiffen eines anhalten. Wohin es dann fuhr, war ihnen gleich. Nur weg von Vietnam! Die Welt war doch groß und reich genug, um 43 arme Menschen aufzunehmen …

»Wie kommt das Wasser in die Kiste?« fragte Xuong. Er hatte die Raketen herausgenommen und zum Trocknen aufs Deck in die Sonne gelegt.

»Jemand wird Wasser verschüttet haben.« Cuong blickte noch immer auf den nun leeren Horizont, an dem der Container verschwunden war. »Bei diesen Wellen …«

»Es ist Seewasser, Cuong.« Xuong nahm eine Raketenhülse hoch und leckte daran. »Salz! Wie kommt Salzwasser in den Schlafraum?«

»Mindestens zehnmal sind Wellen ins Boot geschlagen.«

»Aber nicht in den Aufbau.«

»In den Bretterwänden sind breite Lücken. Einige Kinder sind naß geworden, warum nicht auch die Kiste? Sie stand doch an einer Wand.«

»Ich glaube das nicht.« Xuong drehte die Raketenhülsen um, damit sie gleichmäßig trockneten. Ob sie hinterher wieder zu gebrauchen waren, wußte er nicht. Er hoffte es. Auf der Wasserstraße der großen Schiffe hing ihr Leben an den roten Kugeln, vor allem nachts, wenn man von weitem die Retter auf sich aufmerksam machen mußte. Daß Fackelschein allein genügte, bezweifelte Xuong. Man mußte dann schon nahe an eines der Schiffe herankommen. Die tiefe Schwärze der Nacht schluckte jedes kleine Licht. Die Raketen aber durchdrangen jede Finsternis.

»Ein paar Tropfen durchnässen nicht alle Hülsen.«

»Sabotage?« Cuong schüttelte den Kopf. »Hier auf dem Boot? Das müßte ein Verrückter sein. Wir wollen doch alle in die Freiheit. Und einen Verrückten gibt es nicht unter uns. Wir sind doch alle Freunde, wir kennen uns seit Jahren. Wo hast du die Raketen gekauft?«

»In einem Geschäft für Schiffsausrüstungen in Vinh-long.«

»Dann haben sie dich dort betrogen. Sie haben dir alte, nasse Raketen verkauft.«

»Nein.« Xuong schüttelte den Kopf. Er erinnerte sich genau an den Kauf. Zehn rote und zehn weiße Raketen hatte er verlangt, und der Verkäufer hatte ihn noch mit einem Lachen gefragt: »Willst du ein Feuerwerk abbrennen? Was feierst du? Ist deine Schwiegermutter gestorben?« Und dann hatte er vor seinen Augen die Raketen in eine Kiste gepackt, sie waren einwandfrei und trocken gewesen. »Man hat sie hier auf dem Boot mit Wasser übergossen. Cuong, wir müssen die Augen offenhalten.«

An diesem Tag kam kein Schiff mehr in Sicht. In der Nacht fuhren sie wieder mit halber Motorkraft nach Südosten, die Männer wechselten sich in den Wachen ab, auch der verwundete Vu Xuan Le bot sich an, das Ruder zu übernehmen und zeigte Cuong, daß er etwas davon verstand. Er hatte sich sehr schnell von seinen Verletzungen und der Schwäche erholt, saß den ganzen Tag über am Heck, hatte vier Schnüren mit Angelhaken ausgeworfen und zog eine Menge Fische aus der See. Als Köder benutzte er zuerst kleine Stückchen Brot. Nachdem er den vierten Fisch damit gefangen hatte, zerhackte er die Fische in größere Stücke und preßte sie unter seine Achseln, um sie mit seinem Schweiß zu tränken. Das mußte die Fische verrückt machen … sie bissen an, sobald der Haken ins Wasser gefallen war.

»So was habe ich noch nie gesehen!« sagte Cuong anerkennend. »Woher kennst du diesen Trick?«

»Mein Vater fischte so. Woher er es wußte, weiß ich nicht. Andere, Freunde und Nachbarn, haben es auch versucht … nicht ein Fisch biß an. Aber bei Vater und mir sammelten sich ganze Schwärme. Wir haben einen besonderen Schweiß.«

In dieser Nacht erreichten sie die Route Singapur–Hongkong. Gleich fünf große Schiffe sahen sie hintereinander fahren, hell erleuchtet, ein Anblick, der ihre Herzen vor Freude fast zerspringen ließ. Sie fielen einander in die Arme, und Cuong kroch in den Verschlag, umarmte Thi, seine hochschwangere Frau, küßte ihre rauh gewordenen, aufgesprungenen Lippen und sagte zärtlich: »Unser Kind wird in der Freiheit geboren werden. Es wird nie erdulden müssen, was wir erlitten haben. Sein Leben wird schön sein.« Und Thi antwortete: »Ich danke dir, Cuong. Du bist ein tapferer Mann.«

Auf dem Motorkasten hatte Xuong das Raketenschußgerät aufgebaut und die inzwischen getrockneten Raketen daneben gelegt. Vier Fackeln erhellten das kleine Boot — eine gute Nachtwache auf den Handelsschiffen hätte diesen flackernden Lichtschein sehen müssen. Aber nichts deutete darauf hin, daß man sie bemerkte. Kein Leuchtzeichen, keine Suchscheinwerfer, kein Sirenensignal.

»Hoffen wir, daß die Raketen keinen Schaden gelitten haben«, sagte Xuong und steckte eine Patrone in den Abschußlauf. Die erste versagte nicht. Sie zischte in den schwarzen Himmel, gab die Leuchtkugel frei, und langsam schwebte der rote, grell leuchtende Ball an seinem Fallschirm aufs Wasser zurück. Alle im Boot starrten hinüber zu den hellerleuchteten großen Schiffen.

Keine Antwort. Unbeirrt zogen die Frachter dahin. Nicht ein einziges Blinken beantwortete die rote Notrakete.

Mit einem Gesicht wie aus Stein gehauen schoß Xuong die nächste Rakete ab. Auch sie versagte nicht, stieg in den Himmel und gab die rote Leuchtkugel frei. Rettet uns! Hilfe! Hier sind Menschen in Not! Hier kämpfen Menschen um ihr Leben! Hier suchen 17 Männer, 14 Frauen und 12 Kinder ein neues Leben. Hilfe — - —

Aber auch die zweite Rakete blieb ohne Wirkung. Wie zuvor das Containerschiff fuhren die Schiffe an ihnen vorbei … eins hinter dem anderen. Und jedes wurde ein Ungeheuer, das ein Stück Hoffnung auffraß.

»Ihr Teufel!« schrie Cuong in die Nacht hinaus. »Verflucht seid ihr! Habt ihr kein Herz?! Was habt ihr denn in der Brust?!«

»Wir sind nur Dreck«, sagte Xuong verbittert. »Dreck, der auf dem Meer schwimmt. Abfall. Daran müssen wir uns gewöhnen. Wir werden immer und überall Abfall sein, aber wenn wir in Freiheit und Frieden leben dürfen, läßt es sich auch als Dreck aushalten.« Er holte tief Atem und schrie dann über das Boot: »Hoffen wir weiter! Irgendwann wird man selbst Treibholz wie uns auffischen.«

Doch auch der Morgen änderte nichts. Cuong lenkte das Boot mitten in die Schiffsroute Singapur–Hongkong, stellte den Motor ab und ließ es treiben. An ein langes Stück Holz nagelten sie ein weißes Bettuch, auf dem in großen, schwarzen, deutlich lesbaren Buchstaben SOS stand, jeder Ausguck auf den Schiffen mußte dieses Signal der Not, mußte im Fernglas die verzweifelt winkenden Arme sehen. Und tatsächlich: Sechs Schiffe reagierten. Aber ihre Signalhörner stießen hallende, trompetende Töne aus, als führen sie durch Nebel: Achtung! Aus dem Weg! Warnung! Kommt uns nicht vor und unter den Kiel! Aus dem Weg …

Bis auf die vier ganz kleinen Kinder saßen nun alle auf Deck und betrachteten die Schiffe, die an ihnen vorbeifuhren. Cuong notierte sich die Namen und die Flaggen, unter denen sie fuhren, und stieß bei jedem Namen einen wilden Fluch aus.

»Warum schreibst du sie auf?« fragte Xuong. Er schien ganz ruhig, hatte das Winken aufgegeben und zwang sich, hart zu sein und das laute Weinen der Frauen nicht zu hören.

»Ich werde sie alle anzeigen, wenn wir gerettet sind!« schrie Cuong und ballte die Fäuste. »Ich werde ihre Namen in die Welt hinausrufen …«

»Und was erreichst du damit? Niemand wird dir zuhören … Vergiß nicht, Cuong: Du bist doch Dreck!«

Fünf Tage und Nächte trieben sie auf der Schiffahrtsstraße, und nicht ein Schiff drosselte seine Motoren. Das Meer war noch grober geworden, ein heftiger Wind trieb die Wellen empor. Sieben Männer waren jetzt dabei, das Boot mit Handpumpen leerzuschöpfen, denn die beiden Lenzpumpen, vom Motor betrieben, schafften es nicht mehr. Voller Verzweiflung versuchte Cuong eine andere Taktik: Er fuhr neben Tankern oder Frachtern her, so nahe an die hochaufragenden Bordwände heran, wie es möglich war, ohne in den Sog zu kommen. Aber auch dieses Manöver nützte nichts. Von der Reling sah man zu ihnen herab, aber niemand war zur Hilfe bereit.

Am vierzehnten Tag waren neununddreißig Schiffe an ihnen vorbeigefahren. Und bei jedem war ihr Lebenswille neu erwacht. Sie winkten und schrien und sanken dann in sich zusammen, wenn das Heck mit der dröhnenden Schraube an ihnen vorbeirauschte und sie mit ihrer Verzweiflung wieder allein ließ auf dem seit Tagen aufgewühlten Meer.

Xuong saß zusammengekauert neben dem Motorgehäuse, hielt den Kompaß zwischen den Händen und überlegte, ob man nicht weiter nach Nordosten fahren sollte, statt hier bettelnd von Schiff zu Schiff zu pendeln. Die Schulkarte vom Südchinesischen Meer, die er mitgenommen hatte, half ihm wenig. Sie zeigte nur, welche unüberwindbaren Weiten vor ihnen lagen und wo die Länder waren, die ihnen ein Weiterleben schenken konnten, die aber unerreichbar waren mit diesem kleinen, flachen, zehn Meter langen Flußboot. Nur die Gnade des Kapitäns eines der großen Schiffe konnte sie retten, sonst nichts.

Und der alte, schnaufende Motor ihres Bootes tuckerte immer hohler, immer hämmernder.

Da tauchte zum erstenmal der Gedanke ans Sterben auf. Nicht panikartig. Nein, mit einer schrecklichen, dumpfen Ergebenheit. Nur die Augen der Mütter, verrieten, was sie dachten.

»Was soll werden?« fragte Cuong, drosselte den Motor und ließ das Boot wieder treiben. »Unser Benzin geht zu Ende, Xuong. Ich spare, wo ich kann. Aber der Motor säuft wie ein Trinker. Wenn sie alle vorbeifahren …«

Das Ende des Satzes blieb unausgesprochen, aber jeder wußte, wie er weiterging.

»Reicht es noch für fünf Meilen, Cuong?«

»Ich weiß es nicht. Wo willst du hin, Xuong?«

»Nach Nordosten. Zu den Schiffen, die von Hongkong kommen. Zur Gegenfahrbahn, wenn man von einer Straße sprechen will.«

»Sehen uns da andere Menschen?«

»Wir dürfen den Glauben nicht verlieren. Versuchen wir es.«

Der Himmel, der Wind, das Meer schienen es zu hören. Nach einer Stunde kam ein Sturm auf. Das Boot tanzte auf den meterhohen Wellen, wer nicht an Deck vonnöten war, hockte im Holzverschlag, Körper an Körper, durchnäßt bis auf die Haut, vom Salzwasser gebeizt, übersät mit brennenden, aufgesprungenen Rissen. Immer wieder klatschten die Brecher ins Boot, ließen die Holzsparren ächzen und knacken. Ohne Pause pumpten die Männer, an der Bordwand angeseilt, das Wasser zurück ins tobende Meer.

Eine Welle, haushoch wie ihnen schien, folgte so schnell der vorangegangenen, daß das Boot nicht mehr auf ihren Kamm gehoben werden konnte. Mit voller Wucht brach sie über ihnen zusammen, krachte in das Boot, für ein paar Sekunden gab es keinen Himmel und kein Meer mehr, nur undurchsichtiges, alles mitreißendes Wasser. Xuong wurde gegen den Motorkasten geschleudert, hielt sich irgendwo mit beiden Händen fest, schloß die Augen, preßte die Lippen fest zusammen, fast platzten seine Lungen … Dann war der Schwall vorbei, er öffnete wieder die Augen, sah wieder den Himmel und das Meer und neben sich Cuong, der aufzutauchen schien.

Xuong holte tief Atem und hielt ihn dann an. Seine Hände, mit denen er sich festgeklammert hatte, waren leer. Sie hatten ihn gerettet, aber dabei den Kompaß losgelassen. Irgendwo in diesen Wellenbergen war er versunken.

Xuong zeigte seine leeren Hände, und Cuong begriff. Sie starrten sich stumm an, duckten sich unter einem neuen, kleineren Brecher und schüttelten dann wie nasse Hunde das Wasser von sich ab.

»Ist das unser Ende, Xuong?« fragte Cuong und klammerte sich an das Ruderrad.

»Ich habe noch meine Uhr. Ich werde mit meiner Uhr die Richtung bestimmen.«

»Kannst du das? Mit einer Uhr?«

»Ja, ich erkläre es dir später. Man kann mit einer Uhr notdürftig die Himmelsrichtung bestimmen.«

»Lehrer, du bist ein kluger Mann. In irgendeiner Ecke findest du immer noch ein Korn Hoffnung.«

»Ich habe euch auf das Meer geführt, ich bin für euch verantwortlich.«

»Keiner ist gezwungen worden, alle sind freiwillig mit dir gekommen. Mach dir darüber keine Gedanken, Xuong.«

Am sechzehnten Tag schnaufte der Motor noch einmal, röchelte wie ein Sterbender und stand dann still. Cuong drehte den Starterschlüssel herum. Es war am frühen Morgen, das goldene Meer schimmerte unter einer metallenen Sonne, das Unwetter war vorbeigezogen wie mittlerweile vierundvierzig Schiffe, noch war das Wasser sehr bewegt, aber die Wellen kamen länger und flacher heran, und der Wind war zu einem warmen Streicheln geworden.

»Das war der letzte Tropfen Benzin«, sagte Cuong und setzte sich auf die schmale Rückbank. »Jetzt sind wir am Ende. Auch die Verpflegung reicht nur noch für ein paar Tage, vor allem das Frischwasser wird knapp. Wir haben mit höchstens zehn Tagen gerechnet und mit der Menschlichkeit der Menschen.«

»Wer konnte das ahnen, was wir erlebt haben?« Xuong maß die Himmelsrichtung mit seiner Uhr: Die Zwölf zur Sonne, und der halbierte Zwischenraum von Zwölf und dem Stundenzeiger ergab Norden. Sie trieben jetzt wieder nach Westen ab und konnten es nicht ändern. »Haben wir noch ein großes weißes Tuch?«

»Ich weiß es nicht. Warum?«

»Wir spannen es auf und schreiben darauf in großen Buchstaben: ›Rettet 14 Frauen und 12 Kinder! SOS!‹ Daran kann niemand vorbeifahren.«

Wirklich nicht?

Noch drei Schiffe begegneten ihnen in zwei Tagen, nur drei, denn sie trieben hilflos von der Wasserstraße weg. Sobald man sie am Horizont auftauchen sah, spannten die Frauen das große weiße Tuch an den hölzernen Aufbau, und die Männer verschwanden in dem Verschlag. Winkend und ihre Kinder hochhaltend warteten sie auf das Stoppen der Maschinen. Man mußte sie doch sehen, die große Schrift auf weißem Grund, diesen Aufschrei der höchsten Not, die Mütter und die Kinder! Doch immer fuhren die Schiffe vorbei, wie es ihnen die Politiker diktiert hatten.

Nur einmal in diesen Tagen, auf dem Frachter Elena Holmsson, gab es eine Auseinandersetzung. Der 1. Offizier stürmte auf die Brücke und zeigte hinaus auf das elende, flache Boot mit den winkenden Menschen. »Da sind Schiffbrüchige!« rief er atemlos. »Herr Kapitän, wir müssen beidrehen.«

»Nein.« Der Kapitän blickte geradeaus auf das Meer und hatte die Hand auf den Maschinentelegrafen gelegt. »Nein.«

»Es … es ist unsere Pflicht, Seemannspflicht!« stotterte der 1. Offizier.

»Gehen Sie in Ihre Kajüte, Lars …«

»Menschen in Not auf See …«

»Es sind keine Schiffbrüchigen. Es sind Vietnamesen. Geflüchtete Vietnamesen.«

»Aber es sind doch Menschen, Herr Kapitän!«

»Angenommen, wir nehmen sie an Bord. Was geschieht mit ihnen? In keinem Hafen dürfen sie an Land ohne die Garantie eines Staates, sie für immer aufzunehmen. Aber diese Garantie gibt niemand. Oder glauben Sie, wenn wir in alle Welt funken: ›Wir haben soundso viele Vietnamesen an Bord, wer nimmt sie uns ab?‹, irgend jemand gäbe uns Antwort? Im Gegenteil — in jedem Hafen, den wir anlaufen, werden wir unter Quarantäne gestellt und scharf bewacht. Und was bedeutet das, Lars? Wir haben monatelang die Vietnamesen an Bord, kriegen sie nicht los, die Reederei macht uns zur Sau … und das alles unter tiefem Schweigen der Weltöffentlichkeit.«

»Es sind Frauen und Kinder, Herr Kapitän!«

»Ich bin kein Analphabet, ich kann lesen!«

»Sie haben auch eine Frau und vier Kinder, Herr Kapitän.«

»Aber sie sind Schweden.«

»Und Menschen — wie diese verzweifelten Flüchtlinge!«

»Schreien Sie das den Politikern ins Gesicht, aber nicht mir. Ich habe keine bindenden Beschlüsse gefaßt. Verlassen Sie die Brücke, Lars.«

»Sie stoppen also nicht, Herr Kapitän?«

»Nein.«

»Ich werde Sie noch in Hongkong anzeigen und abmustern!«

»Das können Sie, Erster. Und jetzt halten Sie den Mund! Seien Sie kein Don Quijote und rennen gegen Windmühlen an! Auch Sie fliegen aus dem Sattel. Und schlagen Sie sich den dusseligen Traum von Humanität aus dem Kopf. Davon spricht man nur vor den Wahlen —, hinterher geht es nur noch um nationale Interessen. Und die sehen so aus, wie Sie’s gerade erleben. Zum Teufel, warum rede ich so viel?! Verlassen Sie endlich die Brücke, Lars!«

Und auch die Elena Holmsson fuhr an dem kleinen Boot vorbei.

Xuong, der durch einen Spalt des Verschlages gespäht hatte, drehte sich weg und setzte sich zu den anderen. »Wie immer«, sagte er in die fragenden Gesichter hinein. »Verliert nicht den Mut. Einmal müssen wir auf einen Menschen treffen!«

Nun, in der zwanzigsten Nacht, bei dreimal drei Löffel Wasser am Tag, schimmeligem Brot und einer Handvoll Nudeln pro Person, gab es keine Hoffnung mehr. Sie waren von der Schiffahrtsstraße weggetrieben worden, sie sahen kein Schiff mehr, nur noch die Piraten konnten sie auffischen, und das war schlimmer als der Tod.

»Ja«, sagte Cuong mit fester Stimme. »Ich werde zuerst Thi und mit ihr das Kind in ihrem Leib töten und dann mich. Und so werden wir es alle tun.«

»Nur noch zwei Tage, wartet damit noch zwei Tage!« antwortete Xuong. »Ich verspreche dir: Ich gebe euch das Signal, indem ich mich zuerst mit dem Messer töte. Dann wißt ihr, es gibt wirklich keine Hoffnung mehr.«

»So soll es sein.« Cuong gab Xuong die Hand und drückte sie fest. »Du hast mehr getan, Lehrer, als sonst ein Mensch tun kann.«

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Dr. Starke kam von seinem Rundgang unter Deck zurück, setzte sich unter das Sonnensegel in einen Liegestuhl und sehnte sich nach einem kühlen Drink. Wenig Fruchtsaft und viel weißer Rum, das wäre jetzt das richtige. Die Sonne brannte aus einem Himmel, der wie geschmolzenes Blei aussah, das Meer lag schwach bewegt und blaugolden unter ihm, die träge Fahrt des Schiffes übertrug sich auf die Menschen und machte schläfrig. Tatsächlich war Dr. Starke im Augenblick zu faul, sich seinen ersehnten Drink aus der Bar im Speiseraum zu holen. Er blicktge über das Achterdeck, ob jemand kam, der ebenos von Langeweile erfaßt worden ar wie er und unter dem Sonnensegel einen luftigen Platz suchte.

Die tägliche Visite war vorbei. Seinen Patienten, neun Frauen und vier Kinder, ging es den Umständen entsprechend gut. Zwei Knochenbrüche waren dabei, ein Arm und ein Unterschenkel links, eine Fehlgeburt und eine Nierenentzündung. Bei der totalen Schwäche der Patientin war die Fehlgeburt schon ein Problem geworden. Dr. Anneliese Burgbach, die Anästhesistin, hatte Bedenken gehabt, eine Narkose einzuleiten.

»Sie ist so desolat, daß sie die Narkose womöglich nicht verkraftet«, hatte sie gesagt.

Und Chefarzt Dr. Herbergh hatte geantwortet: »Aber doch nicht bei Ihnen, Anneliese. Sie sind eine Künstlerin der Anästhesie.«

»Hier haben wir ein wirklich großes Risiko.«

»Ich kann doch nicht an einer Nichtnarkotisierten arbeiten. Das bringt sie völlig um in ihrem Zustand.«

Dr. Burgbach hatte es dann doch gewagt und die Narkose so gekonnt gesteuert, daß sie mit einem Mindestmaß des Gemischs aus Sauerstoff und Lachgas auskam. Die junge Frau blieb in einem halbwachen Zustand, aber sie spürte nichts von der Ausschabung des Uterus.

Anneliese Burgbach. Dr. Starke dehnte sich in seinem Liegestuhl und wünschte sich, eine gute Fee möge ihn jetzt fragen, welchen Wunsch sie ihm erfüllen könne. Anneliese soll kommen und sich neben mich legen, hätte er geantwortet. Und sie soll anhören, was ich ihr schon so oft gesagt habe, ohne abzuwinken und mit einem Lachen wegzugehen. Das wäre mein einziger Wunsch, gütige Fee.

»Das ist ja wieder ein wunderschöner Misttag«, ertönte eine tiefe Stimme hinter ihm. Dr. Starke faltete ergeben die Hände über seiner Brust. Stellinger, dachte er. Franz Stellinger. Oberbootsmann. Es gibt keine Wunschfeen mehr. Wo Stellinger auftauchte, gab es auch Karten. Siebzehnundvier war sein Lieblingsspiel, darin war er ein Meister. Er gewann fast immer, wurde laufend verdächtigt, mit gezinkten Karten zu spielen, was aber nie nachweisbar war, denn Siebzehnundvier ist ein wirkliches Glücksspiel. »Ich bin eben ein Kind des Glücks!« sagte Stellinger immer, wenn er gewann und das eingesetzte Geld einstrich. »Schon meine Mutter hat das gesagt: Ein Glück, daß du auf der Welt bist und dein Vater weggelaufen ist …«

Solch eine Fröhlichkeit steckt an. Vor allem, wenn man wochenlang auf dem Meer hin und her fährt, immer im gleichen Gebiet, und nur in gewissen Abständen Singapur oder Manila anläuft, um dort zu bunkern. Treibstoff, Nahrungsmittel, Frischobst und Frischgemüse für den Kühlcontainer, Seife, Zahnpasta, Waschmittel, Verbandszeug, Medikamente, Instrumente, Decken, Matten, Bretter, Ersatzteile für die immer wieder ausfallende Klimaanlage des OPs und der Bettenstation, Zigaretten und — heimlich — ein paar Kisten Whisky, Rum und Gin und Dosenbier. Bier aus Deutschland, stinkteuer in Manila und auch Singapur. Aber Stellinger und auch Hugo Büchler, der 1. Offizier, beteuerten überzeugend: »I sauf nur deitsches Bier, dös rein is. Vergift’n koan i mi oach anders …«

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Die Liberty of Sea war ein älteres, aus dem Frachtverkehr gezogenes Containerschiff. Einer der vielen unrentabel gewordenen Frachter, die in Abstellhäfen oder irgendwo auf Reede herumdümpelten und langsam vor sich hin rosteten. Als einen einmaligen Glücksfall sah es deshalb der Reeder Svenholm in Uppsala an, als drei Herren bei ihm erschienen, sich als Mitglieder eines »Komitees Rettet die Verfolgten« vorstellten und fragten, ob der Container zu chartern sei. Die Liberty lag damals in einem Seitenbecken des Hafens von Monrovia in Liberia, kostete jeden Tag gutes Geld und wartete auf Ladung. Zur Zeit der Hochkonjunktur auf See hatte Svenholm sich zwölf schöne Schiffe zugelegt, von denen jetzt nur noch acht über die Meere fuhren. Die anderen vier träumten vor sich hin, warteten auf einen Käufer, aber niemand wollte sie haben.

Für Svenholm war das »Komitee Rettet die Verfolgten« ein vager Begriff. Er hatte mal davon gelesen, daß dieses Komitee mit einem Schiff vor der Küste Vietnams kreuzte und Flüchtlinge auffischte, die mit elenden Booten ihr Land verließen, um irgendwo eine neue Heimat zu suchen. Ein Land, in dem man in Freiheit leben konnte, wo es keine Geheimpolizei und Bespitzelung gab, keine harte Planwirtschaft und die Diktatur von Parteifunktionären, wo das Leben noch lebenswert war und nicht die Angst in den Nacken drückte, Tag und Nacht.

»Boatpeople« nannte man diese Flüchtlinge. Ab und zu wurde in der Presse von ihnen berichtet, auch ein kurzer Fernsehfilm war einmal gelaufen —, aber sonst kümmerte sich kaum jemand um das Schicksal dieser Menschen. Vietnam, Asien, Südchinesisches Meer — du lieber Himmel, ist das weit weg! Wir haben selbst Probleme. 1,5 Millionen Tonnen Butterberg, ein Milchsee, eine Zuckerhalde, überflüssiges Obst und Gemüse, das vernichtet werden muß, um die Preise zu halten. Wahlen, Steuerreformen, Aufmärsche gegen die Atompolitik, Proteste gegen Atomraketen, die Not der Kohle- und Stahlindustrie, Streiks der Metallarbeiter, 35-Stunden-Woche, der Angriff der EG auf das Reinheitsgebot des deutschen Bieres … ein Haufen von Problemen! Da soll man sich auch noch um asiatische Flüchtlinge kümmern? Mein Lieber, haben Sie schon gehört: Jetzt will man den Butterberg abbauen, indem man aus der guten Butter Schuhcreme macht. Nein, sie wird nicht verbilligt auf den Markt geworfen, wo käme man denn da hin mit den Preisen … Schuhwichse wird daraus gekocht, oder man verkauft sie den Russen für einen Preis, mit dem man bei uns gerade einen Liter Milch bekommt. Das ist ein Skandal! Wie soll man da noch an die Boatpeople denken? So weit weg …

»Was haben Sie vor?« fragte Reeder Svenholm in Uppsala die Herren vom »Komitee Rettet die Verfolgten«. »Sie wollen meine Liberty chartern, um Vietnamesen aus dem Meer zu fischen? Das ist eine gute Sache, aber auch eine gefährliche.«

»Wir haben darin Erfahrung«, antwortete einer der Herren. Er hatte sich als Albert Hörlein vorgestellt, wohnhaft in Köln am Rhein, Beruf Architekt. Der andere Herr war ein Franzose, der dritte ein Holländer.

»Ich weiß. Sie waren schon einmal, vor zwei Jahren, wenn ich nicht irre, mit einem Schiff auf Rettungsaktion.«

»Ganz richtig. Wir haben damals 10 395 Flüchtlinge aus dem Südchinesischen Meer gerettet.«

»Zehntausend? Ungeheuer!« Svenholm hatte sich beeindruckt gezeigt. »Und die haben Sie alle untergebracht?«

»Unter größten Mühen. Kanada und Frankreich haben die meisten aufgenommen, Deutschland die wenigsten.« Albert Hörlein hatte aus seiner Aktentasche einige Papiere hervorgeholt und breitete sie auf der Schreibtischplatte aus. »Aber das entmutigt uns nicht. Im Gegenteil, es zwingt uns geradezu, dieser Sattheit in Mitteleuropa zuzurufen: Seht euch das an! Ihr rülpst vor Übersättigung, und dort kämpfen die Menschen ums nackte Überleben. Interessieren Sie Zahlen, Herr Svenholm?«

»Zahlen? Immer …« Das sollte ein Witz sein, aber das Lächeln auf Svenholms Gesicht gefror, als Hörlein vorzulesen begann.

»Seit 1975 sind aus Vietnam mehr als eine Million Menschen geflüchtet. 130 000 schlossen sich den abziehenden Amerikanern an, 263 000 sickerten auf dem Landweg nach China durch, 25 000 wanderten durch Laos und Kambodscha nach Thailand. Und 476 470 Flüchtlinge überlebten eine Flucht mit Booten, erreichten andere Küsten, gejagt von Piraten und Wachschiffen. Mit seeuntüchtigen, überfüllten, miserabel ausgerüsteten Booten wagen sie sich aufs Meer hinaus. Die großen Ziele: Thailand, Hongkong, Malaysia, Indonesien und Singapur. Sie ertrinken, verdursten, werden von Piraten ermordet, die Frauen werden verschleppt in die Bordelle. Wissen Sie, wie hoch man die Zahl der Menschen schätzt, die auf diese Weise auf See umgekommen sind? Zweihunderttausend, Herr Svenholm.«

»Und jetzt wollen Sie mit meiner Liberty die Aktion fortsetzen?«

»Wir werden aus ihr eine Art Lazarettschiff machen. Mit einem Operationssaal, einer Röntgenanlage, einer großen Apotheke und Liegeplätzen für ungefähr vierhundert Menschen. Die meisten aufgefischten Flüchtlinge brauchen dringend ärztliche Hilfe. Wir werden daher mindestens drei Ärzte und genug Krankenpfleger und Schwestern an Bord haben. Die Planungen sind abgeschlossen. Was wir noch brauchen, ist ein Schiff.«

»Und wie kommen Sie dabei gerade auf meine Liberty of Sea?«

»Ein großzügiger Spender, der kürzlich in Liberia war, hat uns auf Ihr Schiff aufmerksam gemacht.« Hörlein schob die Schriftstücke wieder zusammen und steckte sie in die Aktentasche zurück. »Unser Komitee lebt von privaten Spenden. Von staatlicher Seite ist kein Pfennig Unterstützung zu erwarten. Man subventioniert zwar Schweineberge, aber für Menschen ist kein Geld da. Wir gehen praktisch mit dem Hut in der Hand herum und betteln.«

Svenholm hatte damals diesen Satz in sich aufgesogen wie Gallensaft. Genau so gallig war dann auch seine Frage: »Wie wollen Sie überhaupt die Charter bezahlen, meine Herren?«

»Wie üblich in Dollar und für ein halbes Jahr.«

»Im voraus?«

»Monatlich.«

»Mit Bankgarantie?«

»Selbstverständlich. Warum soll es verschwiegen werden? Wir haben zur Zeit dank privater Spenden ein Bankguthaben von 2,5 Millionen. Damit können wir Ihre Liberty übernehmen und einrichten. Von den dann weiterhin einlaufenden Spenden werden wir den Unterhalt bestreiten. Die Verpflegung der Geretteten, ihre Versorgung, die Gehälter und Heuer, Treibstoffe, Nahrungsmittel — es ist uns bisher immer gelungen, über die Runden zu kommen. Auch jetzt werden wir nicht k. o. gehen.«

»Wann wollen Sie das Schiff übernehmen?« Svenholm hatte im stillen schnell durchgerechnet, wieviel Charter man verlangen konnte. In Monrovia verrottete die Liberty und kostete zudem noch gutes Geld. Wenn dieses Komitee sie übernahm, wurde sie gepflegt, sogar umgebaut und gefahren und brachte Dollars ein. Wieviel, das war nachher eine Verhandlungssache.

»Sofort. Die Umbauten sollen in Singapur vorgenommen werden.«

»Was ist mit der Crew?«

»Sie ist fast vollständig.«

»Mit einer Ausnahme. Den Kapitän stellen wir.« Svenholm sagte es so pointiert, daß jeder wußte: Hier war nicht mehr zu handeln.

Albert Hörlein nickte. »Angenommen. Es muß aber ein Kapitän sein, der die chinesischen Gewässer genau kennt.«

»Bei Ralf Larsson sind Sie in den besten Händen. Fünfzig Jahre, ein Seebär, wie man so sagt, seit fünfunddreißig Jahren auf allen Meeren zu Hause, hat mehr Taifune überlebt als er Jahre alt ist. Larsson ist durch nichts mehr zu erschüttern. Auch durch Vietnam-Flüchtlinge nicht.« Das sollte wieder ein Bonmot sein, aber Hörlein und die beiden anderen Herren blieben ernst. Das Elend der Gejagten und Ertrinkenden konnten sie nicht witzig finden.

»Kommen wir zum Charterpreis!« hatte Hörlein gesagt. »Nach unseren Erfahrungen mit dem ersten Schiff werden wir pro Tag achttausend Mark Unkosten haben. Einschließlich Charter.«

»Achttausend Dollar?«

»Deutsche Mark, Herr Svenholm.«

»Darin ist alles enthalten?«

»Alles.«

»Das klingt, als ob ich Ihnen das Schiff schenken soll. Umsonst ist nichts, meine Herren. Sogar der Tod ist nicht umsonst … er kostet das Leben. Was bleibt bei Ihren Berechnungen für mich übrig?«

»Sie können nicht eine Containerfracht zugrunde legen, Herr Svenholm. Die Liberty of Sea hat 1600 BRT und eine Traglast von rund 4000 Tonnen. Sie ist 1974 gebaut worden und fuhr 1975 ihre erste Fracht von Rotterdam nach La Guaira.«

»Sie sind ja hervorragend informiert.«

»Seit 1982 liegt sie ohne Fracht im Hafen von Monrovia, und es sieht nicht so aus, als wenn sie in den nächsten Jahren wieder flottgemacht werden würde. Die Handelsschiffahrt fährt durch ein anhaltendes Tief. Im Hinblick auf diese Situation sollten Sie uns ein faires Angebot machen.«

Es dauerte drei Tage, bis Svenholm und die Herren des »Komitees Rettet die Verfolgten« einig wurden. Der Vorteil dabei war, daß sie Kapitän Ralf Larsson kennenlernten, den Svenholm sofort aus seinem Landhäuschen nach Uppsala beorderte. Larsson war wortkarg, blickte mit wasserhellen Augen unter buschigen Brauen auf die neuen Eigner, hörte sich die Pläne an und sagte dann knapp: »Ich bin Kapitän, bekomme meine Heuer als Kapitän und führe mein Schiff, wie es sich für einen verantwortungsvollen Kapitän gehört. Ich sage es im voraus ganz klar: Ich werde mein Schiff nie in Gefahr bringen! Was Sie auch als Eigner vorhaben — das Kommando auf dem Schiff habe ich!«

»Uff!« Svenholm legte die Hände erstaunt zusammen. »Das war die längste Rede, die ich bisher von Larsson gehört habe. Aber das sollte Bestandteil unseres Vertrages sein: Die letzte Entscheidung bei ungewöhnlichen Dingen haben der Kapitän und in letzter Instanz ich! Auf keinen Fall lassen wir uns auf kriegerische Auseinandersetzungen ein.«

»Die hat es bisher nie gegeben.«

»Bisher heißt nicht, daß es in Zukunft so etwas nicht geben könnte. Was würden Sie tun, wenn Sie von vietnamesischen Kriegsschiffen angegriffen werden?«

»Das ist unmöglich. Wir befinden uns immer in internationalen Gewässern.«

»Vietnam ist ein kommunistischer Staat. Mit Kommunisten haben wir unsere Erfahrungen. Wissen Sie, wie viele sowjetische U-Boote schon in schwedischen Gewässern, ja sogar vor Stockholm, operiert haben, um unsere Seeverteidigung auszuspionieren? Was kümmern die internationale Gewässer, wenn sie sogar in nationale Zonen eindringen?« Svenholm warf einen kurzen Blick auf Kapitän Larsson, der regungslos in seinem Ledersessel hockte und nur ganz kurz mit den buschigen Augenbrauen zuckte. »Wie nahe gehen Sie an die vietnamesische Küste heran?«

»Zwischen 120 und 210 Seemeilen südöstlich vom Mekong-Delta. Das ist unser bevorzugtes Suchgebiet. Dort treiben auch die meisten Flüchtlingsboote. Und dort liegen die Piratenschiffe vor dem Mekong-Delta.«

»Kann es einen Kampf mit diesen Piraten geben?«

»Nein. Sie flüchten, wenn sie das Rettungsschiff sehen. Sie gehen kein Risiko ein. Sie überfallen nur die hilflosen Boatpeople. Die sind alle so erschöpft, daß sie keinen Widerstand leisten. Das goldene Meer müßte eigentlich das blutige Meer heißen. Deshalb brauchen wir ja ein Schiff, Hilfe durch Spenden, Plätze für die Überlebenden irgendwo auf der Welt. Und wenn wir nur einen Menschen retten, hat sich der Einsatz gelohnt. Aber es werden Tausende sein.«

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An einem Sonntagmorgen fuhr die Liberty of Sea in den Hafen von Singapur ein und ging dort in dem weitverzweigten, durch Inseln gebildeten Labyrinth auf Reede. Wer vom Mount Faber über die Stadt und das mit Eilanden bestreute Meer blickt, versteht, warum man Singapur einen der schönsten Häfen der Welt nennt.

In drei Wochen wurde die Liberty umgebaut, ein Kran von 23 Tonnen Gewicht wurde an Backbord montiert. Er war gemietet und kostete pro Tag 200 Mark. Kühlcontainer wurden auf Deck gehievt, die Klinikeinrichtung, Stapelholz und Sperrholzplatten für die Herstellung von rund 300 Liegeplätzen, Decken und Kopfkissen, Handtücher und Laken, 14 Rettungsinseln, 400 Schwimmwesten, vier Megaphone. Die Tanks wurden vollgepumpt und garantierten so eine versorgungsfreie Fahrt von 40 Tagen. Die Crew aus Liberia wurde ausgewechselt gegen die Mannschaft, die das Komitee angeheuert hatte, und auch die Ärzte kamen an Bord.

Kapitän Larsson empfing alle wortkarg und mit steifer Distanz. Er gab jedem die Hand, knurrte etwas von Willkommen an Bord und bestellte den 1. Offizier Hugo Büchler und den Oberbootsmann Franz Stellinger zu sich in die Kapitänskajüte. Auch der »Chief«, der Chefingenieur, der schon seit Monrovia an Bord war und die Maschine studiert hatte, Julius Kranzenberger aus St. Polten in Österreich, wurde nach oben gebeten.

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»Der Alte ist ein Eisenfresser«, sagte der Matrose Fritz Kroll, als er sich in seiner engen Kajüte einrichtete. Neben ihm wohnte der Matrose Herbert v. Starkenburg, ein semmelblonder Bursche mit dem Gesicht eines Botticelli-Engels. »Mit dem kriegen wir noch Spaß. So einen hatte ich mal auf der Evita. Der war den ganzen Tag trübsinnig, wenn er nicht die ganze Crew schon am Morgen zusammengeschissen hatte.«

»Wir werden es ertragen, Fritz«, antwortete Herbert. Er packte ein Radio mit Kassettendeck aus, einen Plattenspieler und eine Menge Schallplatten mit klassischer Musik, von Beethoven bis Tschaikowski, von Berlioz bis Wagner. Er stellte sie in ein Regal, als wären sie zerbrechliches Porzellan. »Man kann so viel ertragen.«

»In drei Tagen legen wir ab«, sagte Larsson knapp zu den drei wichtigsten Männern der Schiffsführung. »Meine Order erhalte ich von einer Leitstelle des Komitees in Singapur. Sie wissen, welche Aufgabe uns erwartet. Aber eins hat Vorrang: Die Sicherheit des Schiffes! Danke, meine Herren.«

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Ja, so war das damals gewesen, dachte Dr. Starke. Inzwischen hatten sie über vierhundert Boatpeople vor den Piraten, dem Verdursten und Ertrinken gerettet und auf den Philippinen abgesetzt, nachdem für die Flüchtlinge Aufnahmeplätze garantiert worden waren. Dort hausten sie im Lager Palawan in Puerto Princesa in einstöckigen Bambushütten, abgeschirmt durch einen hohen Maschendrahtzaun von der Umwelt und bewacht wie Aussätzige, bis sie zur Weiterreise ins ersehnte Ungewisse nach Kanada oder Frankreich, Belgien oder Luxemburg, Holland oder Deutschland herausgeholt wurden. Ein Kampf um jeden Platz … was soll man mit Vietnamesen anfangen?

Sie hatten sich alle zum erstenmal in Singapur, im Hotel Hilton, getroffen. Die ‘Medizin-Crew’, wie Hörlein sie begrüßte: Chefarzt Dr. Fred Herbergh, Dr. Anneliese Burgbach, Johann Pitz, der Krankenpfleger, Julia Meerkatz, die Krankenschwester, und er, Dr. Wilhelm Starke. Und schon bei ihrem ersten Blickwechsel wußte Dr. Starke: diese Anneliese Burgbach würde mehr sein als eine kameradschaftliche Kollegin, und Julia, das langhaarige, blauäugige, quirlige Temperament mit dem erotischsten Po, den er je gesehen hatte, würde das Biest sein, das die Männer an Bord ganz schön umeinandertreiben würde.

Die Kollegen waren allesamt Idealisten. Andere konnten es nicht schaffen, auf diesem Schiff ein Jahr durch das Südchinesische Meer zu fahren und halbtote, ausgedörrte Elendsgestalten an Bord zu heben. Nur mit dem starken Willen, um jeden Preis Leben zu retten, war so ein Einsatz möglich.

Dr. Fred Herbergh. Zweiundvierzig. Chirurg. Zuletzt Oberarzt in der Unfallklinik von Essen. 102 wissenschaftliche Veröffentlichungen, Vorträge auf Chirurgenkongressen, vor sich eine glänzende Laufbahn als Dozent und dann eine Professur. Unverheiratet, weil er keine Zeit hatte, eine Familie zu gründen. Ab und zu eine schnelle Affäre mit einer Frau, mehr aus biologischen Gründen als aus wirklicher Liebe. Ein verbissener Arbeiter ohne den bei Klinikärzten verbreiteten Akademikerdünkel, ein Kumpel, den man mitten in der Nacht aus dem Bett holen konnte, ohne angeknurrt zu werden. Ein blendender Operateur, der schon mal 28 Stunden durchgehend am OP-Tisch gestanden hatte und noch klar das Operationsfeld übersehen konnte, wenn es seinen Assistenten vor den Augen flimmerte. Dr. Fred Herbergh, ein Karrierebolzen, der von einem Tag zum anderen seine akademische Laufbahn unterbrach, als er eine Reportage über das »Komitee Rettet die Verfolgten« in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung las. Zur gleichen Stunde noch rief er Albert Hörlein in Köln an und stellte sich zur Verfügung. Auch das gehörte zu seinem Wesen: Spontaneität. Er konnte Entscheidungen blitzschnell fällen, privat und am OP-Tisch. Und immer hatte er das richtige Gespür. Nun saß er in der riesigen Halle des Hilton-Hotels von Singapur, rauchte einen Zigarillo und trank ein Glas Mai-Tai, den berühmtesten Cocktail im ganzen pazifischen Raum.

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Dr. Anneliese Burgbach. Dreißig. Anästhesistin. Mittelgroß, braune, halblange, modisch geschnittene Haare, blaßroter Lippenstift, angedeutete Lidschatten, wohlgeformte Beine mit dünnen Fesseln und kleinen Füßen, ein eher sportlicher als sinnlicher Körper, neigt beim Zuhören den Kopf etwas zur rechten Seite und bekommt grünbraun schimmernde Augen, wenn sie selbst mit Leidenschaft und einem kleinen Sington in der Stimme diskutiert. Eine Frau, die man länger als zwei Sekunden ansieht. Ihre Berufung an die Universitätsklinik für Gynäkologie und Intensivmedizin war für den Jahresanfang bereits ausgesprochen, als sie in einer Illustrierten Fotos vom Elend der Boatpeople sah. Sie rief Hörlein an, sprach mit ihm eine Stunde lang am Telefon, fuhr nach Köln, ließ sich alles zeigen, was das Komitee an Schicksalen gesammelt hatte, und sagte dann ganz schlicht: »Wenn Sie mich brauchen können … ich stelle mich zur Verfügung.«

»Sie werden den dritten Teil von dem verdienen, was Sie in der Uniklinik bekämen«, hatte Hörlein sie gewarnt. Und sie hatte geantwortet: »Das Geldverdienen kann ich hinausschieben. Ich bin ja noch jung. Ich habe Zeit, aber diese Menschen im Meer haben keine Zeit.« Jetzt saß sie neben Dr. Herbergh, trank ebenfalls einen Mai-Tai und bestaunte den Luxus und das Gewimmel von Menschen aller Rassen in der Hotelhalle.

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Dr. Wilhelm Starke. Fünfunddreißig. Groß, schlank, schwarzhaarig, eleganter hellgrauer Seidenanzug, in drei Tagen von einem malaiischen Schneider auf Maß gearbeitet, handgenähte Schuhe aus weichem Leder, Seidenhemd, offen getragen, Goldkettchen mit einem Medaillon um den kräftigen Hals. Schlanke, lange Finger ohne Ring, aber um das rechte Handgelenk ebenfalls ein Goldkettchen, links eine goldene Uhr der Luxusmarke, ein Mann, der Frauenblicke anzog und dessen Blick die Frauen auszog, ein Typ, den andere, weniger attraktive Männer verabscheuen, einer, der Neid hervorruft. Internist, mit einem Hang zur Naturmedizin, der ihn in einen Dauerkonflikt mit seinem Vater brachte, der eine Riesenpraxis in Hamburg leitete und die er einmal übernehmen sollte. Ein gemachtes Goldbett … wer kannte in Hamburg Prof. Dr. Ludwig Starke nicht? Bis zu dem Tag, an dem er vom »Komitee Rettet die Verfolgten« hörte, arbeitete Wilhelm Starke als Oberarzt der Inneren Abteilung im Klinikum Eppendorf, und sein Chef stöhnte einmal im vertrauten Kreis: »Wann übernimmt er endlich die Praxis des Kollegen Starke? Es gibt bald kein weibliches Wesen mehr in unserem Haus, das nicht schon in seinem Bett gelegen hat.«

Als Arzt war er das, was man ein As nennt, beliebt bei allen Patienten … bei den weiblichen, weil er in ihr Herz sprach, bei den männlichen, weil er immer einen knalligen Witz parat hatte. Seine Visite endete immer mit einem brüllenden Lachen der Männer. Selbst die Todkranken lächelten noch.

»Jetzt bist du vollends verrückt geworden!« bellte sein Vater ihn an, als er bekanntgab, daß ihn das Südchinesische Meer lockte. »Wo willst du hin? Auf ein Rettungsschiff? Nach Vietnam? Flüchtlinge auffischen? Sieh dich im Spiegel an und tipp dir an die Stirn! Gibt es hier keine Kranken, keine Aufgaben für dich?«

»Nicht solche, Vater. Diese Menschen brauchen Hilfe.«

»Eine Pankreatitis nicht?!« Es war typisch für Prof. Starke, keinen Namen zu nennen, sondern nur eine Krankheit. Namen gehörten auf die Karteikarte — nur die Krankheiten waren für ihn interessant.

»Es ist also dein letztes Wort, Wilhelm?« fragte der Vater hart, als sein Sohn den Kopf schüttelte.

»Ja.«

»Wann soll der Blödsinn losgehen?«

»In sechs Wochen. Ab Singapur.«

»Du kannst es dir leisten, Singapur zu sehen, ohne gleich auf ein Rettungsschiff zu steigen. Ein umstrittenes Schiff, das weißt du wohl? Die Bundesregierung sieht mit Mißfallen auf diese angeblichen Rettungen. Man spricht von einer Sogwirkung. Nur weil das Schiff da draußen herumfährt, verlassen die Menschen das Land und machen sich zu Flüchtlingen. Sie werden mit falschen Hoffnungen herausgelockt. Man bringt sie in einen völlig fremden Kulturkreis, in dem sie mit ihrer eigenen Mentalität nie heimisch werden.«

»So kann man es auch sehen, Vater«, sagte Wilhelm Starke sarkastisch. »Wie in deiner Praxis. Da hat jemand Tumorschmerzen und ist inoperabel, und du sagst freundlich zu ihm: ›Mein Lieber, das sind Nervenschmerzen. Das geht vorbei.‹ Vier Wochen später ist er tot — und es ist wirklich vorbei.«

»Du bist ein Narr! Ein Narr! Mit fünfunddreißig Jahren ein Narr! Wie kann man dir nur helfen?«

»Indem du den Mund hältst, Vater, und weiter praktizierst, bis ich deinen Laden hier übernehme.«

Das Wort Laden traf wie ein Degenstich. Der alte Starke wandte sich beleidigt ab, erwähnte Singapur mit keinem Wort mehr und blieb im Röntgenraum, als sich sein Sohn von den Mitarbeitern verabschiedete. Ohne väterlichen Händedruck flog Wilhelm Starke nach Fernost.

Jetzt, in der Halle des Hilton, saß er lässig, mit übergeschlagenem Bein, in seinem tiefen Sessel, rauchte eine Orientzigarette, trank einen Whisky ohne Eis und mit kaltem, abgekochtem Wasser und betrachtete mit Wohlwollen die herumtrippelnden Mädchen. Denn das muß man sagen: Es gibt kaum schönere Frauen als die Singapur-Chinesinnen. Porzellanpüppchen, die man dauernd streicheln möchte, die man einfangen möchte wie einen Schmetterling, an denen man sich wärmen kann. Das war das Locken der Geheimnisse Asiens von den lackschwarzen Haaren bis zu den zierlichen Füßchen. Schönheit, die verzaubert und ungeahnte Wünsche aufblühen läßt.

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Julia Meerkatz. Vierundzwanzig. Krankenschwester. Klein, schmalhüftig, eine Taille, die zwei große Männerhände umspannen könnten, blaue Kulleraugen, blonde, gestutzte Locken, Rehbeine, aber dann ein Po, der bei jedem Schritt mitschwang und ein Busen, dessen runde Wölbung den Verdacht erzeugte, daß alles, was Julia trug, zwei Nummern zu klein war. Grob ausgedrückt: Sie war ein Wonneproppen. In Stuttgart geboren, in einer absolut bürgerlichen Familie, in der Hausmusik gepflegt wurde und der Vater am Harmonium saß. Schon mit siebzehn Jahren, nach der Obersekundareife, brach Julia aus, bewarb sich als Lernschwester im Stuttgarter Evangelischen Krankenhaus, verführte vom lehrenden Professor über Oberarzt, Stationsarzt, Medizinstudent, Praktikanten, Zivildienstleistenden, Laboranten, Krankenpfleger und Nachtwächter alles, was genügend Mannbarkeit vorweisen konnte. Dreimal verlobt und wieder entlobt, ein Faustduell zwischen zwei Ärzten, Verweisung aus der Klinik, neue Stelle im Krankenhaus Cannstatt, Scheidung des 2. Oberarztes mit Julia als Scheidungsgrund, Flucht vor dessen Eifersucht nach Köln. Und dort hörte sie von dem »Komitee Rettet die Verfolgten«. Da sie sich selbst als Verfolgte vorkam, bewarb sie sich für das Schiff, froh, weit genug weg zu sein von dem ärztlichen Othello. Ins Südchinesische Meer würde er ihr nicht folgen. Hier war sie sicher. Als sie in Singapur zum erstenmal mit Dr. Herbergh, Dr. Starke und dem Krankenpfleger Johann Pitz zusammentraf, wußte sie, daß es eine lustige Seereise werden würde.

Jetzt saß sie neben Dr. Herbergh, wippte mit ihren zauberhaften Beinchen, hatte drei Knöpfe der Bluse über ihren Brüsten aufspringen lassen und trank — na, was denn? — einen Mai-Tai.

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Johann Pitz. Achtundzwanzig Jahre. Breite Schultern, rötliche Haare, großer Schnauzbart, stämmige Figur, Armmuskeln, die unter dem Hemd hervorquollen, Amateurboxer im Halbschwergewicht und auch noch Hammerwerfer. Sein Elternhaus war eine Katastrophe. Der Vater, ein Elektriker bei Krupp in Essen, versoff regelmäßig den halben Lohn und verprügelte dann seine Frau, was wesentlich dazu beitrug, daß Johann Boxunterricht nahm und dann seinen Vater k.o. schlug, wenn der wieder die Mutter attackierte. Die Schwester Conny lernte Schneiderin, verdiente aber ihr Geld als Callgirl, was man erst nach drei Jahren entdeckte, als man zufällig in ihrem Wäscheschrank ein Sparbuch über 32 000 Mark fand, einer Summe, die man als angestellte Schneiderin unmöglich verdienen kann. Der Vater schlug daraufhin sein Töchterchen halbtot, was wiederum Johann aufrief, seinen Vater krankenhausreif zu prügeln. Zustände, die man wirklich nicht geordnet nennen konnte. Als Krankenpfleger war Johann Pitz der beste Mann im Krupp-Krankenhaus, immer bereit, jedem zu helfen, nie wegen Krankheit fehlend, selbst dann nicht, wenn sein Vater eine gestochene Gerade gelandet und ihm ein blaues Auge verpaßt hatte. »Boxerpech!« erklärte Pitz dann seinen Patienten. »Man kann ja nicht immer siegen. Auch Schmeling hat sogar in seinen besten Jahren auf der Matte gelegen.«

Wie viele las auch Pitz von den Vietnamflüchtlingen und dem Gebot der Menschlichkeit, zu helfen. Das griff ihm ans Herz, aber er zögerte noch. Die Mutter lag auf der Chirurgischen, war operiert worden, ein Zervixkarzinom, viel zu spät erkannt, bereits in die Blasen- und Mastdarmwand gewuchert, Mediziner nennen das Stadium T4, die Operation war nur eine Entlastung. Dann starb die Mutter. Johann Pitz packte seine Sachen, dazu genügte ein Koffer, gab seiner Schwester Conny einen Kuß, hieb seinem Vater noch eine aufs Auge, weil er am Tage des Begräbnisses auch besoffen war — aus Kummer, wie er beteuerte — und fuhr nach Köln. Mit einem breiten Grinsen stand er am nächsten Tag im Büro von Hörlein und sagte ergreifend einfach: »Hier bin ich. Hier sind meine Papiere. Wann geht’s denn los?«

In der Halle des Hilton saß er jetzt Julia Meerkatz gegenüber, starrte auf ihren Busen, stellte ihn sich befreit von allen Textilien vor und bekam einen trockenen Gaumen. Er trank schon sein drittes Bier. Ein Jahr lang mit der auf einem Schiff, Kabine an Kabine … Junge, dagegen ist ein Boxring ein Sandkasten.

»Nachdem wir uns nun alle gegenseitig beschnuppert haben«, hatte Dr. Herbergh gesagt, »möchte ich Sie, bevor Herr Hörlein kommt und uns letzte Instruktionen gibt, als Ihr medizinischer Chef begrüßen. Das mit dem Chef nehmen Sie bitte nicht so genau. Wir sind keine Uniklinik, wo der Chef gottähnliche Züge zeigt. Ich weiß, wenn ich Sie so vor mir sehe, daß wir bestens zusammenarbeiten und miteinander harmonieren werden.«

»Ohne Zweifel, Herr Chefarzt.« Dr. Starke sah dabei Anneliese Burgbach herausfordernd an. »Auch mir geht es um ungestörte Harmonie. Wir werden sie nötig haben. Was uns da draußen auf dem Meer erwartet, verlangt Nervenkraft und Kameradschaft.«

»Das ›Chef‹ bitte ich ab sofort wegzulassen.« Dr. Herbergh trank seinen Mai-Tai aus. Sofort tauchte lautlos eine der wunderhübschen Bedienerinnen auf, lächelte süß und fragte: »Noch einen Mai-Tai, Sir?«

»Für uns alle, Lotosblüte!« Dr. Starke nahm Dr. Herbergh die Bestellung ab. »Und die Blume aus deinem Haar wirfst du in mein Glas …«

Dr. Herbergh und Johann Pitz lachten, Julia Meerkatz zog einen Flunsch und blickte dem wegtrippelnden Mädchen eifersüchtig nach, Dr. Anneliese Burgbach blieb die kühl Beobachtende. Ein Schwätzer ist er, dachte sie. Ein Schwätzer und so sehr von sich selbst überzeugt, daß er noch sein Spiegelbild bewundert. Der typische Frauenvernascher, der glaubt, ein Fingerschnippen von ihm genügt, und alle Röcke fallen. Und einen unverschämten Blick hat er. Impertinente Röntgenaugen. Playboy vom Dienst. Es wird ihm einsam werden auf dem Schiff. Oder — das traue ich ihm zu — er wird sich an die Vietnammädchen heranmachen und sie eine nach der anderen verführen. Er wird nicht lange bei uns bleiben, das zeichnet sich schon ab.

»Morgen kommt der Klinik-Container an Bord«, sagte Dr. Herbergh. »Ich habe mit dem Komitee die Ausrüstung zusammengestellt und mußte vieles aus Kostengründen streichen. Aber ich konnte durchsetzen, daß wir besser ausgerüstet sind als das erste Schiff.«

Dr. Starke nippte an seinem Whisky, stellte ihn auf den Tisch zurück und wechselte das übergeschlagene Bein. Dabei zupfte er die scharfe Bügelfalte seines Anzuges über die Mitte seines Knies. »Haben wir eine Schere an Bord?« fragte er.

»Natürlich.«

»Eine Klemme, eine Pinzette, eine Nadel, etwas Nähgarn« — er sagte tatsächlich Nähgarn — »und ein paar Streifen Leukoplast … dann kommen wir über das Gröbste hinweg.«

»Wir bekommen einen mittelprächtig ausgestatteten OP und eine gutsortierte Apotheke«, antwortete Dr. Herbergh. Starkes Spott gefiel ihm nicht, wie überhaupt dessen Auftreten so gar nicht zum Bild eines Arztes paßte, der in einem Gebiet der Verfolgung und des Elends arbeiten sollte. Wollte Starke etwa beim Auffischen der Halbtoten mit weißen Handschuhen an der Reling stehen, darauf bedacht, daß kein Fleck an seinen Anzug kommt? »Sie besitzen doch auch Kenntnisse in Röntgenologie?«

»Ich habe zwei Jahre in dem Fach gearbeitet.«

»Wir bekommen sogar eine Röntgenausrüstung aufs Schiff.«

»Davon habe ich gehört. Ist das wirklich wahr? Kaum zu glauben. Du lieber Himmel, da brauche ich ja noch eine Bleischürze. Ich möchte unbedingt der Gefahr der Impotenz entgehen …« Er lachte herzlich, sah dabei Anneliese fast herausfordernd an und registrierte das leise Kichern von Julia Meerkatz.

Dr. Burgbach wandte den Kopf zur Seite und blickte in die Menge, die durch die Hotelhalle wogte. Affe, dachte sie. Mann, bist du ein Affe! Mit diesem Pfaugehabe kannst du unbedarften Mädchen imponieren. Ein Frauenkenner willst du sein und merkst nicht einmal, wie lächerlich du dich machst.

Eine halbe Stunde später war Albert Hörlein gekommen, hatte sie alle offiziell im Namen des Komitees begrüßt, die letzten Informationen gegeben, und dann waren sie mit einem Motorboot durch die faszinierende Inselwelt Singapurs zu der Stelle gefahren, an der die Liberty of Sea ankerte. Die letzten Handwerker waren noch an Bord. Sie bauten auf dem Vorderteil des Hecks die Küchenanlage für die Flüchtlingsverpflegung. Zwei große Becken aus Edelstahl mit Wasseranschluß, sechs Gas-Kochstellen, zwei Dampfkochkessel, Regale und Schränke mit Magnetverschlüssen. Die Töpfe und Pfannen lagen noch verpackt in einer der großen Kisten. Der »Klinik-Container«, wie ihn Dr. Herbergh genannt hatte, stand auch noch verschlossen vor dem hochragenden Deckshaus.

Kapitän Larsson begrüßte sie, als sie die ausgefahrene Gangway emporstiegen. Hörlein stellte die Damen und Herren vor. Oberbootsmann Stellinger, der gerade half, Proviantsäcke in den vorderen Laderaum herunterzulassen, unterbrach seine Tätigkeit und starrte Julia Meerkatz wie hypnotisiert an. Sie kam als letzte an Bord und hatte Mühe, mit ihrem engen Rock die Gangway zu erklettern. Dabei rutschte ihr Rock bis über die Oberschenkel.

»Donnerwetter«, sagte Stellinger begeistert. »Das gibt dem ganzen Törn eine völlig andere Wendung.« Dann sah er wie Johann Pitz, der Muskelprotz, sich neben das Püppchen schob, und ahnte, daß neben dem Auffischen von Flüchtlingen noch andere Probleme an Bord entstehen würden.

Nach einem Begrüßungstrunk mit Kapitän Larsson, zu dem auch der 1. Offizier Büchler und Chief Kranzenberger eingeladen wurde, sagte Hörlein: »In drei Tagen wollen wir auslaufen. Zumindest das Hafengebiet verlassen, um die Liegegebühr zu sparen. Dann sind wir an Bord komplett. Schaffen Sie es, Dr. Herbergh, die Klinik in drei Tagen aufzubauen?«

»Wenn wir alle anpacken, kann es klappen. Sonst machen wir auf See weiter. Wir brauchen ja keine speziellen Hilfskräfte.« Er sah Dr. Starke an, der deutlich angewidert den schlechten Whisky, den Larsson eingeschenkt hatte, hinunterschluckte. »Doktor Starke, können Sie auch mit Hammer und Schraubenzieher umgehen?«

»Nicht so gut wie Sie. Ich bin kein Unfallchirurg.«

»Um so besser können Sie Pillenschachteln und Salbentuben sortieren«, konterte Dr. Herbergh mit einem maliziösen Lächeln. »Herr Kapitän, es wäre schön, wenn Sie uns jetzt das Schiff zeigen könnten.«

»Den Rundgang wird Herr Büchler machen.« Larsson erhob sich und verkorkte dabei die Whiskyflasche. »Ihre Kabinen sind bezugsfertig.«

»Wo haben Sie denn diesen Brummbär her?« fragte Dr. Starke, als man die Räume besichtigte, in denen die »Klinik« aufgebaut werden sollte.

»Wir mußten ihn mit dem Schiff übernehmen.« Hörlein hob die Schultern, als müßte er sich entschuldigen. »Der Reeder knüpfte diese Bedingung an die Charter.«

»Gab’s keinen anderen? Was wir für unseren Auftrag brauchen, ist unbedingte Zusammenarbeit, Kameradschaft, ja Freundschaft, aber kein steifes Denken: Ich bin der Kapitän, euer Herr und Halbgott!«

»Er wird sich bestimmt den gegebenen Situationen anpassen.« Hörlein versuchte ein beruhigendes Lächeln. »Larsson ist einer der besten Seeleute, die je auf einer Kommandobrücke standen. Und so einen brauchen wir. Was Ihnen noch alles bevorsteht, haben Sie in unseren Berichten und auf den Fotos gesehen. Aber man kann das alles nicht beschreiben oder fotografieren. Die Wirklichkeit wird viel härter und vor allem deprimierender sein.«

Nach drei Stunden Schiffsbesichtigung, in denen der Chief sie auch in den Maschinenraum führte, wo alles vor Sauberkeit blitzte, fuhren sie mit dem Motorboot zurück nach Singapur, um ihre Koffer zu holen.

»Jetzt trinken wir noch einen letzten Mai-Tai«, sagte Dr. Herbergh in der Halle des Hilton, »und dann adieu Zivilisation!«

Sie stießen miteinander an und tranken. Plötzlich fragte Dr. Starke: »Haben Sie bemerkt, Kollege Herbergh, was mit diesem Chief, dem Kranzenberger, los ist?«

»Ein hervorragender Maschineningenieur. Wichtiger als der Kapitän. Denn wenn’s im Bauch des Schiffes nicht stimmt, kann man auf der Brücke nur die Hände falten.«

»Mag sein …« Dr. Starke räusperte sich. »Kranzenberger ist schwul.«

»Na und? Den Kurbelwellen macht das nichts aus.«

»Wir haben sechs Decksmänner, einen zweiten Ingenieur und einen Koch an Bord. Und wir werden eine Menge junger Männer auffischen. Ich sehe Probleme auf uns zukommen.«

»Ich nicht.« Hörlein winkte ab. »Wir haben die Crew nach ihrem Können ausgesucht, nicht nach ihren ganz privaten Neigungen. Der Chief läßt seine Maschinen laufen — alles andere geht uns nichts an.«

»Ihr Wort in Gottes linkes Ohr.« Dr. Starke tupfte sich mit einem weißen Taschentuch über die Lippen. Deutlich sah man dabei die eingestickten Initialen WS. »Ich mache nur darauf aufmerksam, daß meiner Meinung nach die Moral an Bord mit das Wichtigste ist.«

»Sie handeln mit Moral, Herr Starke?« Zum erstenmal sprach Anneliese Burgbach ihn direkt an, und sofort war es ein Hieb.

Aber Starke steckte ihn mit einem breiten Lächeln weg.

»Sie nicht, schöne Kollegin?« fragte er zurück.

»Es gibt Differenzierungen in der Moral.«

»Interessant. Darüber müssen wir uns eingehender unterhalten. Ich dachte bisher immer: Entweder man hat sie — oder man hat sie nicht.«

»Und Sie zählen sich zu den letzteren?«

»Lebenslust und Lebensfreude sind keine Unmoral, schöne Kollegin. Und meine ganz persönliche, durchaus nicht maßgebende Einstellung: Ich mag keine Schwulen.«

»Nennen Sie mich bitte nicht immer schöne Kollegin.«

»Ich wäre ein Flegel, wenn ich Ihre Schönheit nicht preisen würde. Ich weiß, was Sie sagen wollen: Berühmte Persönlichkeiten waren Homos. Oscar Wilde oder Voltaire, André Gide oder Genet. Sänger, Schauspieler, Dirigenten, Komponisten, Schriftsteller, Virtuosen, Politiker, sogar Könige, wie unser geliebter ›Alter Fritz‹. Auch Michelangelo soll Jünglingen zugetan gewesen sein. Und zugegeben: Unser Denken hat sich gewandelt, zum Glück, der Mief ist raus aus den Stuben, wir haben ein freieres sexuelles Bewußtsein … nur ich, ich ganz persönlich, kann mit Schwulen nichts anfangen.«

»Chief Kranzenberger wird sich bestimmt nicht an Sie heranmachen«, sagte Anneliese angriffslustig. »Ein Problem wird eher sein, wie Sie die Anwesenheit hübscher Asiatinnen vertragen.«

»Danke. Das war ein tolles Kompliment.«

»Sie werden noch monatelang Zeit haben, diese Diskussion fortzusetzen!« Dr. Herbergh unterbrach ziemlich unwirsch das Rededuell. »Wir holen jetzt unsere Koffer, fahren zur Liberty zurück und beginnen mit der Arbeit. Kommen Sie noch mal mit, Herr Hörlein?«

»Ja. Ich bleibe bis zur Abfahrt an Bord und will mit anpacken. Über Radio Singapur stehen wir mit der Zentrale in Köln in Verbindung und werden den letzten Stand der Dinge erfahren.«

»Was für Dinge?« fragte Julia Meerkatz.

»Die Meinungen und Ansichten unserer Politiker, der Landesregierungen und der Bundesregierung über unser neues Unternehmen. Wir haben ein Rundschreiben verschickt und unsere neue Rettungsaktion erklärt. Bisher war die Reaktion sehr unterschiedlich. Einig ist man nur, daß man für uns kein Geld hat. Und — das ist erschütternd — daß unsere Rettung von Flüchtenden, von Piraten Beraubten und Verletzten, von Ertrinkenden und Verdurstenden nicht nötig sei! Es gäbe keine ›humanitären Gründe‹.«

»Das darf doch wohl nicht wahr sein!« Anneliese Burgbach starrte Hörlein fassungslos an. »Das schreibt ein deutscher Politiker?«

»Das ist die offizielle Meinung in Bonn und in einigen anderen Landeshauptstädten.« Hörlein machte eine vage Handbewegung. »Aber das ist unsere Arbeit. Ihre ist es, so viele Menschenleben wie möglich zu retten. Wir werden so etwas wie der stete Tropfen sein, der den Stein höhlt. Wir werden die Weltöffentlichkeit mobilisieren.«

Eine Stunde später trafen sie sich wieder in der Halle. Die Koffer, von den Hotelboys aus den Zimmern gebracht, standen ausgerichtet nebeneinander. Und eine kleine Überraschung gab es: Dr. Starke war nicht wiederzuerkennen. Verwaschene Jeans, buntes, offenes Hemd, Tennisschuhe — ein moderner Tramp.

»Er hat für alles eine Uniform«, sagte Anneliese Burgbach leise zu Dr. Herbergh. »Wetten, daß er bei den Rettungsaktionen eine Schwimmweste mit goldenem Monogramm trägt?«

»Sie mögen den Kollegen Starke nicht?« Etwas wie verborgene Freude klang in Herberghs Stimme mit.

»Er ist in sich selbst verliebt und glaubt, die ganze Umwelt müßte es auch sein. Ich mag solche Typen nicht.«

»Aber er ist ein hervorragender Internist.«

»Das wird sich zeigen, wenn wir die ersten Flüchtlinge aufnehmen.«

___________

Das alles lag eine ganze Weile zurück. Jetzt wohnten unter Deck auf den Holzplatten, Bambusmatten und Wolldecken schon wieder 137 Boatpeople, gerettet aus fünf alten, seeuntüchtigen, wassersaugenden Flußbooten. Menschen, die mit dem Leben bereits abgeschlossen hatten, die apathisch, weinend, mit letzter Kraft die Lotsentreppe hochgeklettert oder von Stellinger und den Decksmännern hinaufgetragen worden waren. Auch drei Verwundete waren darunter, mit klaffenden Fleischwunden auf den Schultern und den Armen; sie erzählten dem Dolmetscher Le Quang Hung, daß sie ein Piratenboot abwehren konnten, mit Stangen, Brettern und Knüppeln, und die Wunden rührten von den Enterhaken her, die auf sie geschleudert worden waren.

Zum erstenmal tauchte in diesem Bericht der Name Truc Kim Phong auf. Dolmetscher Hung, der kurz vor Auslaufen der Liberty an Bord gekommen war und sich damit entschuldigte, er hätte noch einen Verwandten im Hospital besuchen müssen — in Wahrheit hatte er die Abfahrtszeit bei einem zuckrigen Hürchen beinahe verschlafen — machte ein ernstes Gesicht und kratzte sich die Brust.

»Wenn der in der Nähe ist, wird es ernst, Sir«, sagte er zu Dr. Herbergh. »Truc Kim Phong ist der unmenschlichste Pirat, der jemals über das Meer gefahren ist. Keiner kennt ihn, aber jeder kennt seinen Namen. Die ihn gesehen haben, sind sofort getötet worden. Nur seine Mannschaft weiß, wie er aussieht. Truc Kim Phong — das ist der lebende Satan.«

Auf der Liberty of Sea wurden die Wachen verstärkt. In Abständen von vier Stunden wechselten die Posten. Immer zu zweit, Ärzte neben den Seeleuten, suchten sie mit starken Ferngläsern das Meer ab. Dieser Ausguck war das Wichtigste der ganzen Suche. Die Erfahrungen bei dem ersten Rettungsschiff hatten gezeigt, daß nur selten mit dem Radar eines der kleinen flachen Fluchtboote zu entdecken ist. Das Auge muß sie finden auf diesem schimmernden oder wildbewegten goldenen Meer.

Aber nach dem Boot mit den Verwundeten hatte man keine Flüchtlinge mehr gesichtet. Fünf Tage lang fuhr man vor dem Mekong-Delta hin und her, in einem Abstand von 160 Meilen zur vietnamesischen Küste, immer in den Gebieten von 9.15 bis 9.35 Nord/107.31 bis 107.59 Ost — dem Fluchtgebiet der Verzweifelten. Aber man sah kein Boot mehr.

»Das ist Truc«, sagte Dolmetscher Hung verbittert. »Mit seinem schnellen Schiff jagt er alles ohne Schwierigkeiten. Er kassiert die Menschen, als seien es Spielautomaten, die man entleert. Wir müssen näher an die Küste heran, Doktor. Wir müssen zwischen dem Mekong und Truc kreuzen. Truc fischt uns sonst alles weg.«

»So viele kann er mit seinem Schiff gar nicht aufnehmen.«

»Aufnehmen?« Hung verzog das breite, schon runzelig werdende Gesicht. »Er nimmt nur die jungen und hübschen Mädchen auf. Die anderen werden getötet oder mit ihren Booten versenkt. Er läßt die Böden aufhacken und die Insassen ersaufen …«

»Und keiner jagt diese Bestie?« rief Dr. Starke empört. Er lehnte an der Bordwand und blickte über die bewegte See.

»Jagen? Wer denn?« fragte Hung entgeistert. »Wer sollte denn Truc jagen?«

»Die vietnamesische Marine.«

»Der Regierung ist es doch gleichgültig, wie viele Menschen auf See ersaufen oder getötet werden. Wer flüchtet, muß damit rechnen. Außerdem fährt Truc unter thailändischer Flagge. Als Versorgungsschiff der Fischtrawler. Die Thailänder wissen angeblich von nichts. Wenn Truc in einem Hafen Brennstoff und Lebensmittel übernimmt, hat er die Mädchen längst in einem geheimen Versteck abgeliefert. Von dort bringt man sie ins Land. In die Bordelle. Sie werden verkauft. Ein gutes Geschäft, Doktor.«

Jetzt war es also der fünfte Tag. Dr. Starke lag faul unter dem Sonnensegel in einem Liegestuhl, hatte Sehnsucht nach Fruchtsaft mit weißem Rum und war durch Oberbootsmann Franz Stellinger aufgeschreckt worden.

»Wieso Misttag?« fragte er.

»Man steht herum, stiert auf das Meer, und nichts tut sich. Und diese Hitze! Ich habe Blei im Schädel.«

»Dagegen hilft ein guter Drink. Maracujasaft mit viel Rum … Franz, können Sie uns nicht ein Glas organisieren?«

»Eine gute Idee. Mit viel Eis, was?«

»Viel, viel Eis. Und nicht zu wenig Rum.«

Stellinger entfernte sich schnell, und Dr. Starke legte sich wohlig zurück. Das muß man können, sagte er zu sich und verzog den Mund beim inneren Lachen. Andere für sich arbeiten lassen, und die sind auch noch glücklich dabei. Er schloß die Augen, öffnete sie aber kurz darauf wieder, weil ein Schatten über ihn fiel. Anneliese Burgbach stand vor seinem Liegestuhl, in einem einteiligen, mit bunten Blumen bedruckten Badeanzug, einen großkrempigen weißen Hut auf dem Kopf. Starke richtete sich auf und grinste breit.

»Bitte nicht über Bord springen und ein paar Runden schwimmen«, sagte er. »Hier soll es Haie geben.«

Dr. Burgbach setzte sich auf den Liegestuhl neben Starke. Sie spürte, wie er ihre Brüste und die Schenkel musterte, ein Blick, der sie abtastete wie eine warme Hand. Sie hatte sich daran gewöhnt, es gehörte einfach zu ihm. Die vergangenen drei Wochen hatten ihr zwei verschiedene Starkes gezeigt: Den eitlen Fraueneroberer, der ungeniert ihre Zurückhaltung aufzuweichen versuchte, und den besessenen Arzt, der die 137 Geretteten gründlich untersucht hatte und sie nun betreute. Abwechselnd mit Julia und Johann Pitz hatte er sogar Nachtwache bei der Frau mit der lebensbedrohenden Fehlgeburt gehalten, bis die kritischen Tage überstanden waren. Nur, daß er beim Abendessen immer korrekt in einem vollständigen Anzug erschien, fand sie ausgesprochen affig.

»Hat Ihnen Hung auch von dem Piratenkönig erzählt, Wilhelm?« Sie nannten sich alle beim Vornamen, nur das Sie war nicht gefallen. Eine Ausnahme blieb Larsson, er war weiterhin der Herr Kapitän. Dr. Starke riß sich vom Anblick ihres Busens los und nickte.

»Truc Kim Phong. Den Namen habe ich mir gemerkt. Sind Sie ein gläubiger Mensch, Anneliese?«

»Nicht im kirchlichen Sinne. Ich glaube an eine schicksalsbestimmende Macht, ohne für sie einen Namen zu haben. Und Sie?«

»Ich komme aus einem sehr religiösen Elternhaus. Das hat mich immer gewundert. Mutter, na ja, sie lebte in der Tradition derer von Führbeck-Heidenstein. Aber Vater ist ein rauher Geselle, der typische ›Chef‹, der in seiner Praxis mit Absolutismus regiert. Sonntags jedoch geht er in die Kirche und singt Psalmen. Das habe ich nie begriffen. Ich selbst? Lachen Sie nicht, Anneliese: Ich glaube an Gott.«

»Warum sollte ich lachen. Sie haben mich nach meiner Einstellung gefragt.«

»Mir ist da manches durch den Kopf gegangen. Angenommen, wir stehen eines Tages diesem Truc gegenüber.«

»Kein guter Gedanke, Wilhelm.«

»Spielen wir ihn aber durch. Wir treffen auf ihn, er hat die eingefangenen Mädchen an Bord, wir fordern ihn auf, sie freizugeben. Und was macht er? Er wirft sie über Bord. Würde Gott es verzeihen, wenn ich ihn dann umbringe?«

»Wilhelm, woran denken Sie bloß! Sie könnten Truc töten?«

»Ja.«

»Womit denn?«

»Mit einer Smith & Wesson, Kaliber 9 Millimeter. Sie lag zwischen meinen Unterhosen, niemand hat sie bemerkt. Auf meinen Koffer hatte ich ein Rotes Kreuz gemalt. Vielleicht hat man ihn deshalb nicht genauer untersucht.«

»Das hätte ich Ihnen niemals zugetraut, selbst im Traum nicht.«

»Sie träumen von mir? Anneliese, Sie machen mich glücklich …«

Er wollte nach ihrer Hand greifen, aber sie zog sie schnell weg. So fiel seine Hand auf ihren linken Schenkel. Schnell schob sie seine Finger zur Seite.

Auf der Brückennock stand Dr. Herbergh und blickte mit zusammengekniffenen Augen zum Sonnensegel und den Liegestühlen hinunter. Er hatte in diesen drei Wochen Dr. Starke schätzengelernt, aber dessen Bemühungen um Anneliese Burgbach gefielen ihm gar nicht. Ein fremdes, unangenehmes, belastendes Gefühl hatte sich bei ihm entwickelt, immer, wenn er Starke und Anneliese zusammen sah. Er hatte keine Erklärung dafür. Es Eifersucht zu nennen, betrachtete er als völlig abwegig, ja blöd. Eifersucht erwächst aus Liebe, wenn sie im Zusammenhang mit einer Frau auftaucht. Wie aber konnte man behaupten, daß er Dr. Burgbach liebte? Es war angenehm, sie um sich zu haben, es war schön, sie anzusehen, es war beglückend, ihr helles Lachen zu hören, es war verzaubernd, in ihre Augen zu blicken …

Er hielt erschrocken seine Gedanken an. Welche Worte! Schön, beglückend, verzaubernd. So denkt ein heillos Verliebter! Das sind Vokabeln des Enthusiasmus. Und verdammt, jetzt legt der Kerl auch noch die Hand auf ihren Schenkel! Beugt sich zu ihr vor …

In Dr. Herbergh gab es so etwas wie einen Kurzschluß. Er riß das Fernglas hoch, streckte den linken Arm weit aus und schrie in das Steuerhaus hinein: »Ein Boot! Alarm! Alarm!«

Johann Pitz, der als zweiter Ausguck mit seinem Fernglas das Meer abtastete, sah nichts und starrte seinen Chef verwirrt an.

»Wo?« fragte er. »Wo denn?«

»Dort hinten. Backbord! Ein kleines Boot. Alarm!«

Pitz gehorchte. Er rannte zum Sirenenhebel und zog ihn herunter. Siebenmal kurz, einmal lang. Das Horn dröhnte über das Schiff. Stellinger, der gerade mit zwei Drinks aus dem Deckhaus kam, begann zu laufen, trank sein Glas im Rennen leer, warf Dr. Starke, der aus seinem Liegestuhl hochgesprungen war, das Glas fast zu und hetzte dann zurück zur Tür.

Bei Alarm saß jeder Griff, das hatten sie genug geübt. Schwimmweste umbinden, das Schlauchboot klarmachen, die Lotsentreppe auswerfen, die Strickleitern herablassen, Taue ins Boot, Enterstangen, Transportgurte, um die Gehunfähigen an Bord zu hieven, das Hospital für Notbehandlungen herrichten.

Dr. Starke stürzte seinen Drink herunter, sagte: »Schade, Anneliese, wir waren so gut im Gespräch …« und rannte in das Deckhaus. Sie folgte ihm, hetzte zum Hospital und traf dort auf Julia, die bereits die Schutzbezüge von OP-Tisch, Anästhesiegerät und Instrumentenschrank weggerissen hatte. Wenn der OP nicht benutzt wurde, war hier alles abgedeckt — die aggressive Seeluft fraß sich in alles hinein. Die Klimaanlage summte. Sie war das Sorgenkind der »Klinik« — sie hatte bisher neunmal versagt.

Auf der Brücke erschien Kapitän Larsson und stellte sich neben Dr. Herbergh auf die Nock. Drinnen, am Ruder, stand der zweite Steuermann Emil Pingels. Er hatte die Maschine auf langsame Fahrt gestellt.

»Wo?« fragte Larsson kurz und hob sein Fernglas.

»Backbord.« Herbergh zeigte in die Gegend. »Es tauchte zwischen den Wellen auf.«

»Ich sehe nichts.«

»Ganz deutlich habe ich das Boot im Glas gehabt.«

»Wer weiß, was Sie gesehen haben — im Glas.«

»Herr Kapitän, würde ich sonst Alarm geben?!« Dr. Herberghs Stimme wurde scharf. Was habe ich getan, dachte er dabei. Wie konnte es nur dazu kommen? Fred, bist du plötzlich übergeschnappt? Bist du total verrückt? Was ist aus dir in diesen drei kurzen Wochen geworden? Wozu hast du dich hinreißen lassen? Fred, das kannst du nicht verantworten! Diese Frau zerstört deinen Verstand.

»Natürlich kann ich mich irren«, sagte er mit der gleichen Schärfe. »Ich meine aber, ein Boot gesehen zu haben …«

»Sie meinen?!« Larsson ließ den Feldstecher sinken. Das ruhige Meer war gut überblickbar. Ein Boot war nicht zu übersehen. »Halten wir es ab sofort so, meine Herren: Alarm wird nur von mir gegeben, wenn auch ich sehe, was Sie sehen! Wer mir die Sirene anfaßt, dem schlage ich auf die Finger.«

»Das ist wohl kaum der richtige Ton!« sagte Herbergh erregt.

»Das ist meine Sprache, Herr Doktor. Ein Schiff ist kein Mädchenpensionat! Und auf See herrschen eigene Gesetze. Pingels, volle Fahrt voraus … nach Position 9.18 Nord/107.48 Ost.«

»Verstanden, Herr Kapitän.« Steuermann Pingels wiederholte die anzulaufende Position, signalisierte volle Fahrt und blickte Dr. Herbergh vorwurfsvoll an. Grußlos verließ Larsson die Brücke und ließ Herbergh einfach stehen.

Das darf nie wieder vorkommen, dachte Dr. Herbergh, über sich selbst zutiefst erschrocken. Nie mehr darf so etwas vorkommen! Aber diesen Starke könnte ich ohrfeigen. Verdammt ja — das könnte ich!

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Ein Brief des Matrosen Herbert v. Starkenburg an seine Mutter Elise v. Starkenburg-Fellingen.

Geliebte, kleine Mutter, mein Alles auf dieser Welt!

Den letzten Brief aus Singapur wirst Du noch nicht erhalten haben, die Post läßt sich Zeit, oder hast Du ihn doch schon? Dieser Brief heute wird in Manila eingesteckt werden, nach Plan in drei Wochen, und so kann ich hoffen, daß Du in sieben Wochen erfährst, wie es mir geht.

Die »Liberty of Sea« ist ein gutes Schiff, ich freue mich, daß ich auf ihm angeheuert habe, und zum wiederholten Male wirst Du mich jetzt fragen, kleines Muttchen, wie ich dazu gekommen bin, Seemann zu werden. Das ist eine lange Geschichte, und doch so kurz erzählt. Du wirst weinen, wenn Du das alles erfährst, aber ich will ehrlich zu Dir sein, wem soll ich es denn erzählen, wenn nicht Dir?

Es begann damit, daß René mich verlassen hat. René, den ich für den Treuesten der Treuen hielt. Einen Zettel hat er mir hinterlassen, einen lumpigen kleinen Zettel, auf dem Eßtisch. »Ich gehe«, stand darauf. »Mach’s gut!« Weiter nichts. Keine Begründung, keine Erklärung, keine Anklagen, kein besonderes Wort. Kannst Du das verstehen, Muttchen? Ich nicht. Ich habe tage- und nächtelang gegrübelt, habe nach einer Schuld gesucht, aber keine Schuld in mir gefunden. Was ich fand, war nur Verzweiflung.

Ich bin nie der Sohn gewesen, den Du Dir gewünscht hast, das weiß ich. Ich bin Dein einziges Kind, und nachdem Vater bei diesem gräßlichen Unfall auf der Autobahn Würzburg — Nürnberg gestorben war, auch Dein einziger Lebensinhalt. Wie du es für mich bist, kleine Mutter. Der Name v. Starkenburg sollte durch mich weiterleben, so wie in den Generationen vor uns, auf unserer Ahnentafel bis 1107. Aber bei meinem Wachsen in Deinem Leib muß etwas schiefgegangen sein, du kannst nichts dafür, o Gott, nein, so etwas zu denken, ist Frevel. — Aber schon nach meiner Geburt rief jeder aus, der sich über das Körbchen beugte: »Ist das ein hübsches Mädchen!« Und jedesmal hast Du gesagt: »Es ist ein Junge. Herbert heißt er.«

Weißt Du noch, wie ich — ich war damals fünf Jahre, stimmt das? — weinend zu Dir kam und verlangte, ich wolle keine Hosen mehr tragen, sondern ein Kleidchen wie Elena, die Tochter von unserem Nachbarn? Und als ich zwölf war, habe ich mir die Kleider von Mädchen geliehen, sie heimlich angezogen und mich vor dem Spiegel gedreht. Wie glücklich war ich da.

Du weißt, wie es weiterging, Muttchen. Du hast oft geweint. Du hast mit starren Augen zugesehen, wie ich Büstenhalter, Hüfthalter, Seidenstrümpfe und Stöckelschuhe anzog und als »junge Dame« abgeholt und in unser Transvestitenlokal gefahren wurde. Dort war ich eine Glanznummer der Gesellschaft. Aber mein Abitur habe ich gemacht, das war ich Dir schuldig … doch geworden ist aus mir nichts.

Du weißt es ja: Tänzer im »Eden-Salon«, Geliebter des Generaldirektors Korbmacher, nach dessen Herztod plötzlicher Sturz ins Milieu von München, Strichjunge auf Bahnhofstoiletten und Pissoirs, zwischendurch ein paarmal Wohngemeinschaften mit Hasch und LSD, aber an der Spritze habe ich nie gehangen und auch nie gekokst, drei Monate Knast wegen Ladendiebstahls — ich brauchte eine neue Hose und eine warme Jacke, es kam ja der Winter. Nach dem Knast bekam ich meine erste richtige Stelle: Ich wurde Marktschreier auf der Kaufingerstraße in München. Ich bot neuartige Nußknacker an, Spezialseife für Metallputz, verkaufte Glühwein und Zuckerwatte. Ich habe alles angenommen, was mir, dem Ungelernten, ein bißchen Geld brachte.

Aber das weißt Du ja alles, gutes Muttchen. In München traf ich René. Von ihm habe ich Dir wenig erzählt, kaum erzählt. Warum? Er war ein Mann zum Träumen. Das klingt komisch, wenn ein Mann das sagt, aber bin ich denn ein Mann? Anatomisch ohne Zweifel, aber sonst empfinde ich wie eine Frau. Und ich bin glücklich darüber. Ich kann wirklich lieben. Wer kann das noch von sich sagen?

René ist Architekt. Ein sehr bekannter Architekt in München. Oft brachte er seine wunderbaren Entwürfe mit, wir besprachen sie, ich konnte ihm sogar Anregungen geben. Wir harmonierten fabelhaft miteinander. Vier Jahre waren wir zusammen, stell Dir das vor, Muttchen. Vier ganze Jahre. Jahre ohne Sorgen, Jahre der Liebe, Jahre der Schwerelosigkeit. Und plötzlich, über Nacht, ist René weg. Ich erfahre, daß er heimlich unsere Villa verkauft hat, daß er weggeflogen ist nach Südamerika, in Paraguay soll er sein, daß er mir nichts hinterlassen hat, nur diesen elenden Zettel auf dem Eßtisch, daß ich innerhalb acht Tagen ausziehen muß, weil der neue Besitzer sich einrichten will … Muttchen, ich war soweit, mich von dieser Misterde zu verabschieden. Ich wollte nicht mehr. Ich habe mir 100 Schlaftabletten gekauft. Die werden reichen, habe ich gedacht. In die Isar zu springen, war sinnlos — ich kann zu gut schwimmen. Mich vom Rathausturm zu stürzen, dazu war ich zu feig. Sich aufzuhängen — das ist ein ekelhafter Tod. Erschießen? Womit? Ich habe keine Waffe. Also blieb mir nur der typisch weibliche Tod — Schlaftabletten. Er paßt zu mir. Einschlafen und nie mehr aufwachen. Gibt es einen schöneren Abschied von dieser grausamen Welt?

Ich habe es nicht getan, Muttchen. Nicht nur aus Feigheit, sondern weil ich eine Zeitung las. Das klingt verrückt, aber dieser Artikel berührte mich irgendwie. Ich las, daß man ein Schiff ausrüstet, um im Südchinesischen Meer Flüchtlinge aus Vietnam zu retten. Boatpeople. Vielleicht hast auch Du davon gelesen, Muttchen. Ich rief in Köln bei diesem »Komitee Rettet die Verfolgten« an, erfuhr, daß man noch Matrosen für das Schiff suche, und meldete mich. Ich ein Matrose! Es darf gelacht werden!

Aber mein Entschluß stand fest: Weg. Nach Vietnam. Nur weit weg von allem, was ich bisher erlebt und erduldet habe. Das wenige Geld, das ich noch hatte, reichte aus, um nach Hamburg zu fahren und mir gefälschte Seemannspapiere zu beschaffen. Man kann daran kommen, wenn man die Händler kennt, vor allem, wenn man schwul ist. Und so wurde Herbert v. Starkenburg ein Matrose, der seit zwölf Jahren zur See fährt, auf Schiffen, die er nie betreten hat und deren Namen er auswendig lernen mußte, denn jeder Seemann kennt ja die Pötte, auf denen er gefahren ist. Und auch die Kapitäne. Mit diesem auswendig gelernten Wissen fuhr ich wieder nach Köln, wurde aufgrund meiner hervorragenden Papiere sofort angestellt, bekam eine Flugkarte nach Monrovia in Liberia und meldete mich dort auf der schönen »Liberty of Sea« bei Kapitän Larsson.

Gutes Muttchen, ich bin glücklich. Natürlich wurde ich bei der Überfahrt nach Singapur seekrank, aber es soll Matrosen geben, denen das in den ersten Tagen auf See immer so geht.

Als ich das überwunden hatte, fühlte ich mich schon als richtiger Matrose und da ich, wie Du weißt, sehr lernfähig bin, hatte ich bald jeden Trick heraus, wie man sich an Bord die Arbeit erleichtern kann.

Das Wichtigste aber ist: Ich habe hier auf der »Liberty« einen guten Freund gefunden. Einen wirklichen Freund. Einen lieben Freund. Er heißt Julius Kranzenberger und ist der Chief des Schiffes. Chief bedeutet Chefingenieur. Er ist also der Mann, der dafür sorgt, daß alle Maschinen funktionieren. Man sagt, der wichtigste Mann an Bord.

Nun ist das Leben wieder schön. Ich sehe etwas von der Welt, bin weit weg von all dem vergangenen Mist, bin jetzt wirklich schon ein richtiger Matrose — hier sagt man Decksmann dazu — und helfe vor allem mit, die Flüchtlinge aus dem Meer zu bergen. Eine große Aufgabe und so erschütternd, daß einem jedesmal, wenn wir wieder einige gerettet haben, die Seele schmerzt.

Wir haben jetzt 137 Gerettete an Bord. Wir kreuzen zur Zeit vor dem Mekong-Delta. Sieh Dir das mal auf der Karte an, liebes Muttchen. Heute ist ein ruhiger Tag, und ich kann Dir diesen langen Brief schreiben.

An Bord ist allerhand los. Nicht so sehr mit den Vietnamesen, die sind glücklich, in Sicherheit zu sein. Aber es geschehen andere Dinge, die ich beobachte und deren Entwicklung mir kleine Sorgen macht. Nein, zwischen mir und Julius ist alles in bester Ordnung, aber

Da ist eine Krankenschwester an Bord, Julia, ein ungewöhnlich hübsches Mädchen mit einer sexuellen Ausstrahlung, die selbst ich spüre. Wie erst die anderen Männer auf dem Schiff! Drei sind hinter Julia her: der 1. Offizier, der Krankenpfleger und ein Arzt, Dr. Starke. Mit jedem hat sie schon geschlafen, aber keiner weiß das vom anderen. Wenn sie es erfahren, muß hier der Teufel los sein. Drei Wochen sind wir jetzt auf See, ein halbes Jahr ist zunächst geplant. Es ist unmöglich, daß ein halbes Jahr lang keiner merkt, daß er bei Julia nicht der einzige ist.

Heute gab es einen Fehlalarm. Ausgelöst von Chefarzt Dr. Herbergh. Nicht aus Irrtum, sondern bewußt. Du weißt, Muttchen, daß ich scharf beobachten kann. Und so habe ich bemerkt, daß der Chef sich in unsere Narkoseärztin, Dr. Anneliese Burgbach, verliebt hat. Nur er zeigt es nicht. Er will keine Konflikte an Bord. Aber heute drehte er plötzlich durch: Dr. Starke saß mit Dr. Anneliese unter dem Sonnensegel, der Chef stand auf der Nock. Da legte Dr. Starke seine Hand auf den Schenkel von Anneliese … und beim Chef muß eine Birne geplatzt sein: Er gibt Alarm und trennt damit auf dramatische Art die beiden. Ich hätte dem Chef so etwas nie zugetraut. Eigentlich weiß nur ich, wie der Alarm zustande kam, und ich werde natürlich schweigen. Auch hier ist also schon ein Konflikt vorgezeichnet: Der Chef und Dr. Starke werden nie Freunde werden, wie man es erwartet und wie es für unsere große, schwere Aufgabe auch notwendig ist.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Man sieht auch hier wieder, wie wir von unseren Gefühlen abhängig sind, wie sie uns regieren, wie sie uns zwingen, ob wir nun wollen oder nicht.

Mein geliebtes Muttchen, mein Alles, nun ist genug geplaudert. Freu Dich, daß es Deinem Sohn so gut geht, und hoffe mit mir, daß mein Leben hier eine andere, bessere Wendung bekommen wird.

Ich umarme und küsse Dich und sehe Dich immer vor mir — Deine weißen Haare, Deine gütigen Augen und Dein immer verzeihendes Lächeln.

Ich liebe Dich unendlich

Dein Sohn Herbert.

Truc Kim Phong saß in einem kunstvoll geflochtenen, mit Kissen aus Thaiseide und Brokat gepolsterten Rattansessel und studierte die Seekarte. Sein Schiff, vierundzwanzig Meter lang, vier Meter breit und mit zwei Motoren von je 350 PS Leistung ausgestattet, dümpelte auf dem schwach bewegten Meer. Die Mannschaft, siebzehn thailändische ehemalige Fischer, dösten auf dem Deck. Drei Wachen suchten mit schweren Ferngläsern die See ab, aus der offenen Tür der Kombüse kam der Geruch von gebratenem Fisch. Die Langeweile war greifbar und lähmend.

»Was hörst du von Land?« fragte Truc den Steuermann, der hinter ihm stand. Er trug um seinen schwarzen Lockenkopf ein breites, weißes Stirnband.

Der Steuermann hob ein Papier an seine Augen und las vor. »Der letzte Funkspruch meldete, daß in der Nacht neun Boote abgelegt haben. Im ganzen 315 Personen. Darunter sollen 90 Frauen sein. Sie haben von sechs verschiedenen Stellen abgelegt. Das größte mit 67 Menschen vom Mekong.«

»Ausrüstung?«

»Ein gutes, starkes Boot mit einem fast neuen Dieselmotor.«

»Wer kann sich das leisten?« Truc lehnte sich zufrieden zurück. »Dann muß Geld an Bord sein. Bei so einem guten Boot kostet die Ausreise mindestens vierzig Tael. Das sind achttausend Dollar pro Person. Keine armen Leute, Tran. Wir sollten besonders wachsam sein. Ein schwimmender Geldsack, das ist selten.«

Truc vertiefte sich wieder in die Seekarte und zog mit dem Zeigefinger eine Linie vom Mekong-Delta bis zur Schiffahrtsstraße Singapur–Hongkong. Sie wurde gekreuzt von der Straße Bangkok–Manila.

»Sie werden nach Hongkong fahren, das ist sicher. Für den, der mit vollen Taschen kommt, ist Hongkong ein Paradies. Sie werden den kürzesten Weg nehmen … auf dieser Route. Wir werden sie hier, im Gebiet 7.03 Nord/108.18 Ost treffen, 210 Meilen vom Delta entfernt werden sie glauben, in Sicherheit zu sein.« Truc lachte meckernd, gab die Karte über seine Schulter an den Steuermann zurück und erhob sich aus seinem Sessel.

Truc Kim Phong war ein schöner Mann. In einem Smoking hätte er die Damen der Gesellschaft in Singapur oder Bangkok ohne Zweifel entzückt. Er war nicht groß, aber durchtrainiert wie ein Sportler, sein glattes schwarzes Haar war konservativ geschnitten, im Nacken frei, mit angedeuteten Koteletten. Von seinem Gesicht war man fasziniert. Es war von der glatten Schönheit des Asiaten, in dem ein paar Tropfen malaiischen Blutes das Ebenmaß erhöhte. Nur seine Augen paßten nicht dazu. Sie waren schwarz, kalt, mit jenem mitleidlosen Schimmer, der ein Frieren verursacht. Und jeder Angeschaute spürte, daß hinter der Fassade dieses ungewöhnlich schönen Menschen die Eiseskälte der Unmenschlichkeit wohnt.

Vor sieben Jahren war Truc noch einer der armen Fischer gewesen, die mit klapprigen Booten vor der Küste Vietnams auf die Fischschwärme lauerten, ihre Netze auswarfen und den Fang dann mit Muskelkraft und angespornt durch einen monotonen Singsang aus dem Meer zogen. Eine Knochenarbeit. Wie alle anderen Fischer wohnte er in einer schilfgedeckten Hütte am Strand, ernährte mit seinen Fängen, die er bei der Kooperative abliefern mußte, mühsam seine Frau und zwei Kinder. Aber immer träumte er davon, irgendwann einmal Glück zu haben, ein im Taifun zerschelltes Schiff zu finden, es auszuschlachten und dann aufzusteigen in eine Klasse, die nicht nur Fisch aß, sondern auch einen Braten.

Das ersehnte Glück suchte Truc auf eine andere Art heim: Ein Fährmann vom Mekong, mit dem er sich bei einer Fahrt nach Vinh-long unterhielt, erzählte ihm, daß fast jede Woche regimefeindliche Landsleute mit kleinen Flußbooten vom Delta aus hinaus aufs Meer fuhren, um mit viel Glück Thailand, Malaysia oder Indonesien zu erreichen. Die Insel Pulau Laut war die nächstliegende Station, aber auch Natuna Besar wurde angesteuert. Viele aber hofften auf die Hilfe der westlichen Menschen. Sie versuchten die große Wasserstraße nach Hongkong zu finden, um sich dort von den großen Schiffen aufnehmen zu lassen. Der Fährmann kannte sogar einen Fischer, der seine Netze vor der Hütte hängen ließ und statt Fische nun Menschen fing. Ein gutes Geschäft — man brauchte dem Staat davon nichts abzuliefern, denn der Staat wußte es nicht.

Truc hatte sehr aufmerksam zugehört. Auf dem Rückweg von Vinh-long kaufte er sich, nach langem Herumfragen, von einem Messingtreiber eine guterhaltene amerikanische Maschinenpistole und zwei kleine Kisten Munition. Beim Abzug der Amerikaner waren unvorstellbar große Vorräte zurückgeblieben. Überdies hatte man genug Waffen bei Überfällen und Hinterhalten erbeutet, bei denen die gefallenen Amerikaner total ausgeplündert wurden. Wer damals klug und schnell war, hatte sich ein privates Waffenlager anlegen können und überhörte die mehrmals veröffentlichten Aufrufe der Regierung, alle Waffen an Sammelstellen abzuliefern.

Etwas Mühe hatte Truc, den Messingtreiber zu überzeugen, daß er die Maschinenpistole im Augenblick zwar nicht bezahlen konnte, sie aber dringend brauchte. Nach langem Handeln überschrieb Truc seine Fischerhütte und seine Frau als Pfand, die beiden Kinder sollten — falls Truc nicht zahlen konnte — in ein staatliches Kinderheim kommen oder in Ho-Chi-Minh-Stadt verkauft werden. Es gab dort Käufer genug, vor allem für das Mädchen, das einmal eine Kapitalanlage werden konnte, wenn es in einem Bordell arbeitete.

So also kam Truc in sein Dorf zurück, erzählte seiner Frau nichts von dem, was er abgeschlossen und vorbereitet hatte, sondern sagte nur, daß er in einigen Tagen länger auf dem Meer bleiben werde als sonst, man hätte Nachricht über große Fischschwärme bekommen, denen man auflauern wollte und die ein gutes Geschäft versprachen. So begann die Karriere des Piraten Truc Kim Phong.

Schon bei der ersten Fahrt vor dem Mekong-Delta traf er auf drei Flüchtlingsboote mit insgesamt 79 Frauen, Männern und Kinder, die keine Gegenwehr leisteten, weil sie ohne Waffen waren. Truc, mit seiner amerikanischen Maschinenpistole, war der Herr über Leben und Tod, und er setzte diese Macht skrupellos ein. Kaltblütig erschoß er alle Männer und ließ die Toten von den Frauen über Bord werfen, plünderte darauf die Boote aus und überließ sie dann ihrem Schicksal — ohne Lebensmittel, ohne Treibstoff. Nur das Wasser ließ er ihnen. Was aus ihnen geworden ist, weiß keiner. Man kann es nur ahnen.

Mit Truc kam das Grauen in das Südchinesische Meer.

Den zweiten Raubzug unternahm er schon mit drei Helfern. Sie schworen absolute Verschwiegenheit, auch wenn man sie gefangen nehmen sollte, sonst wäre ihr Leben keinen Dong mehr wert. Daß Truc es ernst meinte, bewies er drei Wochen später. Einer der drei Mitpiraten hatte irgendwo eine Andeutung gemacht, wieviel Geld da draußen auf dem Meer herumschwamm. Truc erfuhr davon, hielt bei der nächsten Fahrt plötzlich den Motor an, nahm seine Maschinenpistole unter den Arm und rief den Schwätzer auf das Vorschiff. Die beiden anderen sahen mit verkrampften Gesichtern zu.

»Chac«, sagte Truc ganz ruhig, »du bist ein Verräter. Du hast geredet. Du hast deinen Schwur gebrochen. Du bist keinen Dong mehr wert.«

»Ich habe es nur meinem Onkel gesagt!« schrie Chac. Entsetzen und Todesangst ließen seine Augen aus den Höhlen quellen. »Truc, hör mich an, mein Onkel ist ein schweigsamer Mann, er wird uns nie verraten!«

»Aber du bist nicht schweigsam und gehörst nicht mehr zu uns.« Truc hatte die Maschinenpistole gehoben und sie auf Chacs Brust gerichtet. »Spring über Bord!«

»Truc, hier sind Haie! Truc …«

»Spring!« Truc krümmte den Finger. Die Kugel schlug in den linken Arm ein und riß Chac fast von den Beinen.

»Ich schwöre, nie mehr etwas zu sagen!« heulte Chac und fiel vor Truc auf die Knie. Wie betend streckte er ihm die Hände entgegen. »Truc, hab Erbarmen! Truc …«

Wie konnte man mit Truc über Erbarmen reden? Das Wort hatte er aus seinem Wortschatz gestrichen. Der zweite Schuß traf den knieenden Chac in die Schulter und schleuderte ihn an die Bordwand. Das Blut sprudelte aus der Wunde, eine Arterie mußte zerrissen sein. Weinend lag Chac auf dem Boden und versuchte dann, auf Truc loszukriechen. Seine gestammelten Worte verstand keiner mehr, aber wer wollte sie auch noch hören. Und Trucs Stimme, kalt wie ein Schlag auf Eisen, sagte: »Spring!«

Chac heulte wieder wie ein Schakal, versuchte sich aufzurichten, aber es gelang ihm nicht mehr. Mit einer halben Drehung sah Truc hinüber zu den beiden anderen Helfern und winkte. Sie verstanden diese Geste sofort, aber sie zögerten. Chac war ihr Freund seit Kindertagen, sie hatten gemeinsam die Schule besucht, hatten später zusammen gefischt, hatten in den Reishütten die Mädchen geliebt … Truc, das kannst du nicht von uns verlangen.

»Ich habe genug Patronen im Magazin«, sagte Truc mit entsetzlich ruhiger Stimme. »Ich bin oft allein gefahren. Ich kann es auch jetzt.«

Er zeigte mit dem Lauf der MP auf den wimmernden Chac und machte wieder die eindeutige Bewegung. Langsam, ganz langsam, immer auf Truc starrend, kamen die beiden näher, beugten sich über Chac, hoben ihn hoch und warfen ihn über Bord. Dann wandten sie sich ab, fielen einander in die Arme und weinten.

Mit unbewegter Miene stand Truc an der Bordwand und sah zu, wie Chac versank, wie sein Blut einen roten Fleck auf dem Meer bildete, wie der Blutgeruch die Haie anlockte und die mächtigen schlanken Körper in die Tiefe stießen, um Chac zu zerreißen. Dann klemmte Truc die MP wieder unter den Arm, ging zurück zum Ruderhaus und ließ den Motor an. »Schrubbt das Deck!« schrie er den beiden zu. »Ich will, daß mein Schiff immer sauber ist!«

Die Geschichte sprach sich herum, und Truc wurde nun von allen gefürchtet.

Ein Jahr später bereits kaufte er sich ein größeres und schnelleres Schiff. Die Maschinenpistole war bei dem Messingtreiber in Vinh-long schon nach dem ersten Raubzug bezahlt worden, und weil das mit dem Kredit so gut geklappt hatte, zeigte der biedere Handwerker und heimliche Waffenhändler, was er noch verborgen hatte, nämlich ein schweres Maschinengewehr und eine leichte, vierläufige Flugabwehrkanone, kurz FLAK genannt. Im Krieg war sie auch im Erdeinsatz eine sehr gefürchtete Waffe. Neben der FLAK bot der Messinghändler auch noch zehn Kisten dazugehöriger Munition an und versprach, späterer Nachschub sei kein Problem.

Truc war ein vorsichtiger Rechner. Er kaufte das Maschinengewehr, zahlte die Kanone an und sagte, erst müsse er ein noch größeres Schiff haben, um die FLAK montieren zu können. Vielleicht in einem Jahr. Die Kanone sei jedenfalls gekauft.

Mit dem größeren Schiff konnte Truc nun endlich an die thailändische Küste fahren, dort fand er ein gutes Versteck auf der Insel Ko Kut und in dem kleinen Hafen Sattahip einen idealen Platz für die Aufnahme von Verpflegung und Treibstoff.

Und dann kam der dicke, schwitzende und keuchende Suphan Khok aus Bangkok angereist und vollzog mit Handschlag ein großes Geschäft mit Truc Kim Phong. Denn Suphan Khok verpflichtete sich, Truc alle Mädchen und Frauen bis zu 25 Jahren abzukaufen. Was mit ihnen geschah, wohin sie kamen, das war für Truc ohne Bedeutung. Suphan erklärte, er gebe sie an Bordelle weiter. Das war eine gute Erklärung, und Truc tat so, als glaube er das.

Nach drei Jahren hatte Truc so viel erbeutet, daß er das schöne, schnelle Schiff kaufen konnte, das er nun besaß. Es war auf einer thailändischen Werft gebaut, lief unter der Flagge Thailands, hatte elf Mann Besatzung — und die Vierlings-FLAK auf dem Vorderdeck montiert. Versenkbar natürlich. Wenn Truc ein Flüchtlingsboot gestellt hatte, fuhr die Kanone wie durch Zauberhand aus einer sich öffnenden Luke empor. Der Schrecken des Südchinesischen Meeres war unangreifbar geworden. Er war schneller als die vietnamesischen Patrouillenboote, fuhr nur in internationalen Gewässern, tauchte auf und verschwand wie ein Geisterschiff. Und hinterließ Tod und Verzweiflung.

Und noch eine Besonderheit zeichnete Trucs Schiff aus: Unter Deck gab es drei große Kammern mit Matten und Decken, Toiletten- und Waschanlagen und eine geräumige Küche. Hier lebten die geraubten Frauen, bis sie in Sattahip von dem fetten Suphan Khok übernommen wurden. Gegen Bargeld. In Dollarwährung.

Aus Truc Kim Phong wurde der gepflegte, elegante, reiche Mann, dem man überall auf der Welt die Hand geschüttelt hätte.

In Pattaya, dem mondänen Seebad südlich von Bangkok, besaß er eine Villa in einem Blütengarten und fuhr, wenn er an Land war, einen weißen Mercedes mit rotem Lederpolster. Auch wohnte er in seiner Villa nicht mit seiner Familie zusammen, sondern mit einer ungewöhnlichen Frau, einem Mischling aus thailändischem, malaiischem und chinesischem Blut, eine geradezu atemberaubende Schönheit. Chi-Chi, wie er sie nannte, glaubte, er verdiene sein Geld mit Exportgeschäften. Was noch nicht einmal so abwegig war, denn Truc exportierte ja vietnamesische Frauen nach Thailand. Seine Familie blieb in dem elenden Vinh-chau, aber er baute seiner Frau und den Kindern immerhin eine größere, feste Steinhütte und gab ihnen monatlich so viele Dongs, daß sie gut leben konnten und keine Sorge mehr um das Essen von übermorgen zu haben brauchten.

Wenn Truc von seiner Frau Nga gefragt wurde, wo und wie er sein Geld verdiene und wo er manchmal wochenlang bliebe, antwortete er: »Hast du Sorgen? Fehlt es dir an etwas? Hast du Wünsche? Lebst du nicht gut? Genieß es. Das Leben ist kurz. Es könnte durch Fragen noch kürzer werden.«

Und Nga schwieg. Auch über das, was man über Truc flüsterte und was man ihr erzählt hatte.

An diesem Tage nun, an dem sie auf die Position 07.03 Nord/ 108.18 Ost zusteuerten, um das »reiche« Flüchtlingsboot zu kapern, sprach Truc zunächst über Funk mit dem feisten Suphan und erkundigte sich, was er zahlen würde, wenn er Damen der Gesellschaft bekäme. Suphan war bereit, 20 Prozent mehr auszugeben. Damen der Gesellschaft waren meistens sehr gepflegt und für die besten Bordelle geeignet. Er hatte da seine Erfahrungen. Drei Töchter eines hohen Regierungsbeamten, der wegen heimlicher Kontakte zu China flüchten mußte, erwiesen sich im Nobelbordell von Bangkok als die gefragtesten und teuersten Gespielinnen. Vor allem deutsche Touristen zahlten jeden Preis. Neunzehn Deutsche hatten sie sogar schon mitnehmen wollen, aber Suphan gab sie nicht her.

Nach dem Gespräch ging Truc unter Deck und besuchte die 28 Mädchen, die er auf dieser Fahrt bereits eingesammelt hatte. Sie lagen im Raum II, lasen in bunten Magazinen, stickten kleine Deckchen oder hörten Musik aus dem Radio. Als Truc die Tür aufschloß und eintrat, starrten ihn 56 Augen erwartungsvoll, aber mit verborgener Angst an. Wen traf es heute?

Truc sah sich genüßlich und lange um, verglich und wies dann mit seinem Zeigefinger auf ein junges Mädchen. Es saß an der Wand und stickte. Gehorsam erhob es sich, legte das Deckchen zur Seite und verließ mit Truc den Raum.

»Wie heißt du?« fragte Truc. Er verschloß die Kabinentür und legte seine Hände auf die jungen, spitzen Brüste des Mädchens.

»Duong, Herr«, sagte sie ängstlich.

»Du bist schön, Duong.«

Das war genug. Mit einem Riß entblößte er ihre Brüste, der zweite Riß zerfetzte das dünne Kleid vollends. Mit einem Stoß schleuderte der Pirat Duong auf das Bett und warf sich dann über sie.

Ergeben, ein zitternder, schmaler, noch kindlicher Körper, ließ sie ihn gewähren. Ich lebe, dachte sie dabei. Ich werde weiterleben. Die anderen sind tot. Aber ich lebe … Ist das nicht viel, was mir geblieben ist? Leben …

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Der zwanzigste Tag.

Xuong war in dem hölzernen Verschlag gewesen. Nun saß er wieder neben dem Motorkasten und begann, Cuongs Vorschlag zu überlegen, erst die Frauen und Kinder und dann sich selbst zu töten. Noch zwei oder drei Tage hielt es niemand mehr aus. Die Kinder dörrten aus, wurden faltig, verschrumpelten und sahen wie winzige Greise aus. Die Frauen, die Haut vom Salzwasser zerfressen, lagen wie Mumien herum, mit weiten, übergroßen, hohlen Augen; wenn man sie ansprach, reagierten sie nicht mehr, gaben keinen Laut von sich und rührten sich nicht. Die Verpflegung bestand noch aus einem Säckchen Nudeln, einem kleinen Kanister Trinkwasser, einer Blechbüchse mit Tee und zwei Kilo Reis. Das Gas zum Kochen war verbraucht, was nutzten also Nudeln und Reis, man konnte sie ungekocht kauen, aber sie hatten alle keinen Speichel mehr, um sie im Mund aufzuweichen. Zwar fingen Vu Xuan Le und drei andere Männer mit Angeln und einem winzigen Netz Fische. Man schlang sie roh hinunter, aber der Durst wurde dadurch nur noch stärker. Die Kinder würgten, zum Schreien und Weinen waren sie bereits zu schwach.

Das Ende. Xuong legte beide Hände über seine Augen. 43 Menschen, die Frieden und Freiheit suchten, würden elend zugrunde gehen. 46 Schiffe, die neues Leben bedeutet hätten, waren an ihnen vorbeigefahren. Hatten sie einfach übersehen, bewußt übersehen. Waren geflüchtet vor der Verantwortung und vor den Schwierigkeiten mit den Heimatlosen.

»Wir könnten Blut trinken!« sagte Xuong zu Cuong, der sich neben ihn setzte.

»Blut?«

»Wenn jeder der siebzehn Männer Blut hergibt, könnten wir, zusammen mit dem Wasser vielleicht fünf Tage überleben.«

»Und dann, Lehrer?«

»Es werden einige von uns eines natürlichen Todes sterben. Das ist viel Blut, und wir werden auch nicht verhungern —«

»Du — du willst …« Cuong begann zu stottern, griff sich an den Hals und schluckte krampfhaft. »Ich — ich soll Thi aufessen? Und das Kind in ihrem Bauch …«

»Wer sagt dir, daß Thi zuerst sterben wird?«

»Sie ist die Schwächste von allen. Das Kind nimmt ihr alle Kraft weg.« Cuong starrte auf die vier Männer, die wie jeden Tag an der Bordwand lehnten und auf Fische lauerten. »Xuong, was gewinnen wir dabei, wenn wir uns gegenseitig auffressen? Die Schiffe werden weiterhin an uns vorbeifahren.«

»Einem Toten ist es gleich, ob wir ihn ins Meer werfen oder zwischen uns aufteilen. Im Meer fressen ihn die Haie. Uns kann er retten, es ist Verschwendung, die Toten den Haien zu überlassen. Später, irgendwo, wo man uns hinbringt, werden wir ihnen einen Altar bauen und sie als Heilige verehren.«

»Hast du das den anderen schon gesagt?« Cuongs Stimme war vor Grauen völlig ohne Klang.

»Nein. Ich wollte es zuerst mit dir besprechen.«

»Ich kann es nicht, Lehrer. Ich kann es nicht.« Cuong würgte. Der Gedanke, in ein Stück rohes Menschenfleisch zu beißen, drehte ihm den Magen um. »Dort kommt Kim. Könntest du Kim aufessen, Xuong?«

Xuong blickte auf Kim, die gerade aus dem Verschlag gekrochen war. Sie schwankte vor Schwäche. Der leichte Seegang schleuderte sie hin und her, sie hielt sich an der Bordwand fest, krallte die Finger um die Kante und atmete mit weit aufgerissenem Mund. Ihre Haut war gelblich-braun geworden, wie gegerbt, und an den Oberarmen eingerissen und mit einer dünnen Salzkruste überzogen. Ihre Schönheit war von Sonne, Wind und Meer aufgesaugt, von der Natur gefoltert.

»Komm her, Kim«, rief Xuong. »Komm her …«

Sie nickte, tastete sich an der Bordwand entlang und lehnte erschöpft neben Xuong am Motorgehäuse.

»Morgen werden drei Kinder und zwei Frauen tot sein …«, stammelte sie. Ihre aufgesprungenen Lippen waren kaum noch in der Lage, verständliche Worte zu formen. Der schöne Singsang der vietnamesischen Sprache war zu einem Röcheln geworden.

»Was würdest du tun, um zu überleben, Kim?« fragte Xuong und achtete nicht auf Cuongs Würgen.

»Alles, Lehrer.«

»Hast du noch Hoffnung?«

»Nein. Keiner hat mehr Hoffnung.«

»Aber wenn du weiterleben könntest …«

»Wie kann ich weiterleben?«

»Die Toten werden uns Leben geben.«

»Die Toten, Lehrer?«

»Ihr Blut, ihr Fleisch … verstehst du das, Kim?«

»Ja.« Sie starrte ihn aus hohlen, uralten Augen an. Glanzlose Kugeln. Blindes Glas.

»Könntest du das?«

»Die Toten werden uns deswegen nicht verfluchen, Lehrer.«

»Ich soll Thi auffressen?« schrie Cuong wieder. »Und mein ungeborenes Kind …«

»Du sollst Thi zu essen geben«, sagte Kim krächzend und würgte an jedem Wort. »Solange sie ißt, lebt sie.«

»Du bist ein kluges Mädchen, Kim.« Xuong legte seine Hand auf Kims aufgesprungenen, salzverkrusteten Arm. »Gib uns sofort Bescheid, wenn jemand gestorben ist. Sofort, ehe das Blut gerinnt. Wir müssen es mit Wasser verrühren.«

»Es wird Vu Hoang Yen sein.« Kim legte ihren Kopf auf Cuongs Schulter und schluchzte. Doch Tränen kamen nicht — wie soll ein ausgedörrter Körper Tränen haben? »Wer … wer kann sie aufteilen? Kannst du das, Lehrer?«

»Ich werde es müssen.«

»Du bist ein großer Mann.«

»Nein, Kim. Ich bin der Erbärmlichste von allen. Aber ich kämpfe gegen den Tod, solange ich einen Funken Leben in mir habe.«

Am Mittag wurden wieder löffelweise Wasser und Nudeln verteilt. Diesmal nur zwei Löffel Wasser für jeden und eine Handvoll Nudeln. Kims kleine Hand war das Maß — Xuongs Hand war zu groß. Nach diesem Essen lagen sie alle wieder apathisch herum, nur Vu Xuan Le angelte weiter, knetete seinen Schweiß in den Köder und hoffte auf einen großen, saftigen Fisch.

Und dann sank die Sonne. Das goldene Meer färbte sich violett, der Himmel wurde ein herrlich streifiges Feuer, in dem die Wolken zu braten schienen, der Horizont verbrannte und mit ihm der Tag.

»Ein Schiff …«, stammelte Cuong plötzlich. Er streckte beide Arme aus, beugte sich weit vor und wäre über Bord gefallen, wenn Xuong ihn nicht an der Hose festgehalten hätte. »Ein Schiff! Seht ihr auch das Schiff? Da ist ein Schiff! Ein Schiff!« Und dann — woher nahm er noch die Kraft? — brüllte er und alle schraken auf, taumelten hoch oder krochen an die Bordwand, um sich dort hochzuziehen. »Ein Schiff! Da ist ein Schiff!«

Xuong sah es auch. Ein dunkler Fleck vor der brennenden Himmelswand, ein Punkt, der langsam, ganz langsam wuchs und wuchs. Ein Punkt, der auf sie zukam.

Mit zitternden Händen riß Xuong die Plane von dem Raketenwerfer, schob die letzte rote Patrone ins Rohr und schoß die Kugel in den Himmel. Der Fallschirm entfaltete sich, der leuchtende rote Ball schwebte über ihnen, und sie standen alle an der Bordwand, klammerten sich fest und warteten, daß auch dieser dunkle Punkt am flammenden Horizont wieder verschwand.

»Er kommt näher …«, flüsterte Cuong, als könne seine Stimme das Wunder wieder verscheuchen. »Er … er kommt näher! Da! Da! Seht ihr das?! Sie haben uns gesehen! Sie antworten … sie antworten tatsächlich! Sie laufen nicht vor uns davon.«

Aus dem größer werdenden Punkt stieg etwas in den Himmel und zerplatzte dort. Eine Rakete, eine weiße Rakete, und das hieß: Wir kommen! Wir sehen euch! Haltet aus! Wir kommen!

»Lasset — lasset uns beten«, sagte Xuong mit schwankender Stimme. »Alle. Kniet nieder, faltet die Hände, blickt zum Himmel …« Und dann rief er laut, mit geschlossenen Augen: »Gott, wir danken Dir! Du hast die Menschen erschaffen … endlich findet uns ein Mensch.«

Und der Punkt kam näher und näher, zeigte einen Aufbau, einen Schornstein, einen Rumpf. Noch einmal zischte eine weiße Rakete in den jetzt fahlen Himmel.

Als das Schiff deutlich zu sehen war, hatten die Männer ihre Frauen und Kinder aus dem Verschlag geholt, stützten sie und zeigten ihnen das Schiff. Einige versuchten zu winken, aber nach zwei, drei Armschwenkungen verließen sie die Kräfte, und sie standen, sich aneinander klammernd, in dem kleinen Boot und warteten immer noch darauf, daß das Schiff abdrehte und ihnen davonlief. Am Bug, zwischen zwei Taurollen, standen Kim und Le, hielten sich gegenseitig fest und lasen laut den Namen des Schiffes, das mit gedrosselten Maschinen auf sie zufuhr.

Liberty of Sea.

Freiheit.

Leben.

Frieden.

Als eine Stimme, dröhnend durch das Megaphon, ihnen zurief: »In ein paar Minuten sind wir bei euch!«, eine Lotsenleiter die Bordwand herunterfiel, ein Schlauchboot mit einem Kran von Deck schwebte und drei Männer mit Schwimmwesten die Leiter herunterkletterten, breitete Xuong weit die Arme aus und wunderte sich, daß sein Herz nicht versagte.

___________

Hans-Peter Winter war ein guter Koch. So wenigstens stand es in seinen Seemannspapieren. Er fuhr seit seinem zwanzigsten Lebensjahr zur See, und das waren jetzt siebzehn Jahre. In Hamburg im Atlantik-Hotel hatte er gelernt, war dann in Zürich gewesen, im Zunfthaus der Zimmerleut, hatte einen Abstecher nach Ascona gemacht und im Hotel Tamaro international gekocht. Aber seine geheime Sehnsucht, zur See zu fahren, blieb ungebrochen. Kurz entschlossen heuerte er auf dem Luxusliner Bremen an, wechselte zur Europa über und fuhr mit ihr dreimal um die Welt. Er kannte fast jeden Hafen, sammelte in allen Ländern Rezepte, fing sich schließlich in Indien eine Malaria ein und mußte ein halbes Jahr pausieren.

Auch er hatte die Anzeige in einer Zeitung gelesen: »Das ›Komitee Rettet die Verfolgten‹ sucht für einen neuen Einsatz im Südchinesischen Meer eine Schiffs-Crew.« Was Winter am meisten anzog, war der Satz: »Wir suchen Mitarbeiter, die unter den gegebenen Umständen gut improvisieren können.« Improvisieren, das konnte er. Und »Rettet die Verfolgten« klang auch gut. Er bewarb sich, wurde eingestellt, kam wie die anderen in Monrovia auf die Liberty of Sea und stellte den Speiseplan nach seinen Ideen um.

Aber schon bei der Überfahrt nach Singapur gab es Krach an Bord. Oberbootsmann Stellinger meckerte herum, das Gulasch sei zu hart, das Gemüse zu verkocht. Und überhaupt, was nahm der Koch bloß als Würze?

»Das ist eine Komposition aus provençalischen Kräutern!« schrie Winter beleidigt. »Im Zunfthaus der Zimmerleut …«

»Wir sind Seemänner und keine Zimmerer!« hatte Stellinger zurückgebrüllt. »Ich will Pfeffer, Salz und Maggi haben!«

»Und Currysoße …«

»Auch!«

»Wohin bin ich bloß geraten«, klagte Winter später dem grinsenden Kroll. »Alles Banausen! Das sind keine Esser, das sind Fresser! Die verschlingen jeden Papp! Und ich war mal Chef im Tamaro …«

Was wahr ist, soll auch wahr bleiben: Winter kochte phantastisch. Nur mit Stellinger kam er nicht klar. Dem war eine steife Erbsensuppe lieber als ein Tournedos Rossini, und wenn es Huhn auf kantonesische Art gab, hielt er Winter an und fragte: »Soßenrührer, wann gibt’s denn endlich Spickbraten mit Knödel?« Aber da regte sich Winter schon nicht mehr auf. Er hatte Stellinger inzwischen erkannt und versöhnte ihn jedesmal mit einem Schokoladenpudding. Für Schokoladenpudding hißte Stellinger jedesmal die weiße Fahne der Kapitulation.

Heute nun hatte Winter bürgerlich gekocht, eine Linsensuppe. Aber was für eine Suppe! Nicht einfach Linsen mit geschnittenem Speck und eine Mettwurst darin, sondern eine Linsensuppe, wie man sie allenfalls in Nizza, im Hotel Negresco serviert. Eben anders gewürzt, pikant, gaumenstreichelnd.

Nach dem ersten Löffel fuhr Stellinger wie gestochen hoch, rannte in die Küche, ließ sich von dem Duft des Schokoladenpuddings nicht besänftigen und brüllte: »Das soll eine Linsensuppe sein?! Das ist eine Jauche!«

Weiter kam er nicht, auch Winters Gegenschrei ging unter: Die Alarmsirene dröhnte. Siebenmal kurz, einmal lang. Stellinger wirbelte aus der Tür, Winter griff nach seiner Schwimmweste — bei der Bergung von Flüchtlingen hatte jeder mitzuhelfen, ob Arzt oder Koch —, jede Hand wurde gebraucht.

Dr. Herbergh kam auf die Brücke und riß seinen Feldstecher hoch. Kapitän Larsson hatte eigenhändig den Alarm gegeben und zeigte nun hinaus auf das schimmernde Meer. »Da ging eine Leuchtkugel hoch!« sagte er mit der ihm eigenen Ruhe. »Eine rote! Noch sehe ich nichts. Muß ein winziges Boot sein. Auf dem Radar natürlich gar nichts. Ich drehe bei und steuere die Richtung an.«

Vom Heck zischte jetzt eine weiße Leuchtrakete in den Himmel. Die Maschinen stampften mit voller Kraft. Es war, als atme die Liberty auf und setzte dann zu einem Spurt an.

»Boot voraus!« rief der Ausguck, der Krankenpfleger Pitz. »Steuerbord! Nur ein Fleck im Wasser.«

»Wirklich, da sind sie!« Dr. Herbergh hatte den dunklen Fleck entdeckt. Wie immer, wenn sie ein Flüchtlingsboot sichteten, legte sich eine Art Ring um sein Herz. Was würde man vorfinden? Ausgeraubte, Mißhandelte, vergewaltigte Frauen, Verletzte, Tote … das geballte Elend trieb auf dem Goldenen Meer.

An dem startklaren Schlauchboot standen Stellinger, v. Starkenburg, Anneliese Burgbach und Dr. Starke. In der »Klinik« zog Julia wieder die Schutzüberzüge ab und bereitete alles für Notfälle vor. Fritz Kroll wartete auf dem Achterdeck, die geladene schwere Signalpistole in der Hand, auf ein Zeichen. Mit einer hohen Bugwelle rauschte die Liberty dem Boot entgegen, das jetzt deutlich zu sehen war. Es dümpelte auf und ab und rührte sich nicht vom Fleck.

»Sie können sich nicht bewegen«, sagte Büchler. Er hatte das Ruder übernommen, während Larsson mit Dr. Herbergh auf der Nock blieb. »Maschinenschaden oder kein Benzin. Wie lange treiben sie wohl schon herum?«

Am Schlauchboot machte sich Dr. Starke fertig, um mitzufahren. Er hatte Shorts an, ein fleckiges blaues Hemd und darüber die orangene Schwimmweste. Sein schwarzes Haar, in den drei Wochen länger geworden, flatterte im Fahrtwind.

»Endlich ist etwas los«, sagte er zu Anneliese Burgbach. »Ich war schon soweit, Ihnen einen Heiratsantrag zu machen. Stellen Sie sich das vor!«

»Ein Alptraum. Aber die Antwort kennen Sie ja.«

»Bin ich so ein Ekel, Anneliese?«

»Nein. Aber der Mann, den ich einmal heirate, muß anders sein.«

»Wie? Sagen Sie es mir, Anneliese. Ich bin unheimlich wandlungsfähig. Wie ein Chamäleon.«

»Haben Sie jetzt keine anderen Sorgen, Wilhelm? Gleich kommen Menschenwracks an Bord.«

»Die mich noch stärker daran erinnern, wie schön Sie sind. Warum laufen wir voreinander weg, Anneliese?«

»Ich laufe nicht weg … Sie laufen mir nach.«

»Das ist für einen Mann legitim.«

Fritz Kroll schoß die zweite weiße Rakete ab. Jetzt war das Boot mit dem bloßen Auge deutlich erkennbar. Die Punkte drin, das waren die Menschen. Aber sie bewegten sich nicht, sie winkten nicht wie die anderen Flüchtlinge, die man aufgefischt hatte. Sie blieben starre Punkte.

»Es ist wie ein Boot mit Geistern«, sagte Anneliese leise. »Nichts rührt sich. Sie sind wie gelähmt.«

»Oder Tote, die auf rätselhafte Weise aufrecht stehen.«

»Und Sie kündigen mir einen Heiratsantrag an«, Anneliese sah Dr. Starke mit einem langen Blick an. »Sie sind mir ein Rätsel, Wilhelm.«

»Lösen Sie es, Anneliese.«

»Dann nur auf die Art Alexander des Großen.«

»Auch dazu bin ich bereit. Spalten Sie mich. Sie werden zwei Bewunderer haben.«

Im Ruderhaus stellte Büchler die Maschinen auf langsame Fahrt. Chief Kranzenberger erschien auf der Brücke und setzte seinen Feldstecher an die Augen. Er sah, wie plötzlich alle Köpfe hinter der Bordwand verschwanden und nur ein Mann stehen blieb. Es war der Augenblick, in dem Xuong seinem Gott dankte, daß man Menschen getroffen hatte.

»Was ist denn da los?« fragte Kranzenberger. »Plötzlich ducken sich alle? Da stimmt doch was nicht. Sind das überhaupt Flüchtlinge?«

»An einem Stock flattert ein weißes Tuch mit SOS.«

»Kaum zu erkennen. Total zerfetzt. Vielleicht wollen sie damit nur andere Flüchtlinge anlocken. Die Halunken arbeiten mit allen Tricks.«

»Abwarten.« Büchler ließ die Maschinen stoppen. Die Liberty glitt jetzt, getrieben vom eigenen Gewicht, langsam auf das kleine Boot zu. Die Köpfe tauchten wieder über der Bordwand auf, ein Mann im Heck breitete die Arme weit aus.

»Mein Gott —«, sagte Kranzenberger und umklammerte seinen Feldstecher. »Wie sehen die aus! Die kommen nie die Leiter hoch. Die müssen wir einzeln tragen.«

Der Kran mit dem Schlauchboot schwenkte aus und ließ es zu Wasser. Stellinger, v. Starkenburg und Dr. Starke kletterten die Lotsenleiter hinunter und warteten, bis das Schlauchboot unter ihnen war. Stellinger sprang zuerst hinein und rutschte sofort zum Außenbordmotor, der ohne Verzögerung ansprang.

Dr. Starke, der sich einen Notarztbeutel um den Hals gehängt hatte, stieg als letzter in das Boot und zog die Schultern hoch. Was ihn von drüben, von dem kleinen, flachen Holzkahn, anstarrte, waren kaum noch Menschen. Er sah ein paar Männer, die ihre Frauen in den Armen hielten wie schlaffe Puppen. Er sah zwei Kindergesichter, die Hundertjährigen glichen. Und er sah einen Mann, der auf die Motorverkleidung eine hochschwangere Frau gelegt hatte, sie umarmte und mit zuckendem Körper weinte.

»Was ist denn los, Franz?!« brüllte er plötzlich. »Warum fahren Sie nicht?!«

»Erst wenn Sie sitzen, Doktor.« Stellinger gab Standgas, und Dr. Starke setzte sich auf das aufgeblasene Kissen. »Wenn Sie ins Wasser fallen, ist Ihr schöner Notbeutel hin. Dann also, los!«

Der Motor knatterte laut, das Schlauchboot legte ab. Dr. Herbergh verließ die Nock und ging in das Hospital. »Infusionen vorbereiten«, sagte er, von dem ergriffen, was er gesehen hatte. »Hoffentlich haben wir noch genug Flaschen.«

Als Dr. Starke als erster in das Flüchtlingsboot sprang, kniete Cuong vor ihm nieder und küßte ihm die Hände. Es war ihm peinlich, aber er konnte den ausgedorrten, weinenden, zerschundenen Mann verstehen.

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Aus dem Tagebuch von Hugo Büchler, 1. Offizier der Liberty of Sea.

07.04 Nord/108.18 Ost. Wir haben kurz nach 18 Uhr hiesiger Zeit ein Boot mit 43 Flüchtlingen gefunden. Noch nie habe ich so viel Elend und so viel Dankbarkeit bei Menschen gesehen, wie bei diesen halbtoten Flüchtlingen. Sie waren nicht mehr fähig, die Lotsenleiter allein hochzuklettern. Stellinger und Dr. Starke mußten die Frauen und die Kinder auf dem Rücken hinauftragen. Wir nahmen sie an Deck in Empfang und schleppten sie zu Dr. Herbergh ins Hospital. Einige ließen sich einfach auf die Planken fallen und lagen dann wie tot da, reagierten nicht mehr auf Anrufe, waren nicht mehr fähig, auch nur den Arm zu heben oder sich aufzurichten. Starkenburg fuhr mit dem Schlauchboot zwölfmal hin und her. Ein Glück, daß die See ruhiger war als bei anderen Rettungen.

Als letzter kam ein älterer Mann an Bord, der sich mir als Xuong vorstellte. Mit einer Salzkruste überzogen, mit verquollenen, entzündeten Augen, abgemagert zu einem Gerippe, das mit einer Lederhaut überspannt war, verbeugte er sich tief vor mir und sagte: »Mein Name ist Lam Van Xuong. Ich habe dieses Boot geführt. Wir waren zwanzig Tage auf dem Meer und wollten morgen sterben. Es gab für uns keine Hoffnung mehr. Aber es gab ein Wunder … und das ist Ihr Schiff. Gott wird das nie vergessen.« Dann verbeugte er sich noch einmal tief, sank in sich zusammen und wurde bewußtlos. Stellinger warf ihn sich über die Schulter und trug ihn an Deck.

Starkenburg fuhr noch einmal zu dem kleinen Flußboot. Er räumte zusammen, was die Flüchtlinge zurückgelassen hatten, denn niemand konnte auch nur noch eine Tasche tragen, einen Kleidersack oder einen aufgeweichten Karton schon gar nicht. Er brachte alles an Bord. Und dann geschah das, was leider unvermeidlich war: Wir versenkten das Boot. Eine kleine Sprengladung riß ein Loch in den Boden; in wenigen Minuten war der Kahn vollgelaufen und sank weg.

Unsere Ärzte und Pitz und Julia arbeiteten bis tief in die Nacht hinein. Auch Stellinger und Kroll halfen mit, der Dolmetscher Hung und sogar unser Chief. Auch ich bot mich an und wurde bei der Überwachung der Infusionen eingesetzt. Vierunddreißig Gerettete, darunter alle Frauen, bekamen einen Tropf, um ihren furchtbaren Flüssigkeitsverlust langsam wieder auszugleichen. Julia kümmerte sich um die Kinder, die wie verschrumpelte Greise aussahen. Ihnen gab sie mit Wasser verdünnte Milch, in die sie ein Vitamin-Granulat verrührt hatte, jedem Kind nur ein paar vorsichtige Schlucke, denn hätten sie alle soviel getrunken, wie sie mochten, sie wären an Magenkrämpfen eingegangen.

Julia … es ist fast frevelhaft, angesichts dieses Elends um uns herum an sie zu denken, aber ich kann nicht anders. Zugegeben, ich bin vielleicht ein Verrückter. Aber wer wird nicht verrückt, der schon einmal von Julias Armen umschlungen wurde, ihren von Lust durchbebten Körper umfing und sein Gesicht zwischen ihre herrlichen Brüste vergrub? Ich weiß, ich weiß, das klingt alles so ungeheuer kitschig, so klischeehaft, so heillos schwärmerisch. Aber wie soll man dieses selige Gefühl ausdrücken, das einen erfüllt, wenn man neben Julia liegt und sie ganz für sich hat?

Als sie in Singapur an Bord kam und wir uns zum erstenmal anblickten, war das bereits wie ein Schuß in mein Herz. Dann ging sie zum Deckhaus, mit diesen wiegenden Hüften und diesem lockenden Gesäß, sie drehte sich nach mir um, lachte mich an und warf dann die Haare mit einem Kopfschwung aus ihrem Gesicht. Von diesem Augenblick an wußte ich: Ich werde ihr verfallen. Nein, ich bin ihr bereits verfallen!

Am späten Abend — ich hatte Wache auf der Brücke — kam sie ins Ruderhaus, blickte mit ihren großen Kulleraugen um sich, schürzte ganz süß die Lippen und sagte: »Nun zeigen Sie mir mal Ihren Knüppel.«

»Was bitte?« habe ich irritiert zurückgefragt.

»Den Steuerknüppel.«

Da mußte ich laut lachen. »Ein Schiff ist kein Flugzeug!« habe ich gesagt. »Wir haben keine Steuerknüppel, wir haben ein Steuerrad für die Ruderanlage.« Ich habe dann versucht, ihr das komplizierte Führen eines Schiffes so zu erklären, daß sie es verstehen konnte. Doppelmaschinentelegraph, Bugstrahlruder, Decca-Navigator, Kreiselkompaß, Radaranlage, Echograph, Echolot, Umdrehungsanzeige der Motoren, Sollkurseinsteller. Sie hat aufmerksam zugehört, aber ich glaube, sie hat von allem nichts verstanden.

Immerhin sagte sie: »Da habe ich es einfacher. Sehen Sie sich doch mal mein Stationszimmer an.«

So unkompliziert ist sie. So mädchenhaft und doch so umwerfend gerissen. In der Nacht nach unserem Auslaufen aus Singapur liebten wir uns zum erstenmal. Ich bin jetzt 38 Jahre alt, davon 19 Jahre auf See, direkt nach dem Abitur habe ich einen Jugendtraum verwirklicht: Seeoffizier zu werden. Ich habe seitdem viel von der Welt gesehen, auf Passagierschiffen, Tankern, Containern und Frachtern der alten Sorte, ich habe so manches Mädchen im Arm gehalten und wirklich nichts vermißt, was ein Mann haben muß (wie man sagt), ich habe nie die Idee gehabt, einmal zu heiraten, denn diese Welt ist so voll von schönen Frauen, daß eine einzige sie nicht verdrängen könnte. Aber das gestehe ich ohne Scham: Noch nie hat eine Frau mich so beherrscht wie jetzt Julia. Bei ihr denke ich an nichts mehr als nur noch an unsere Vereinigung, unsere Erfüllung, unsere matte Seligkeit. Ich bin verrückt!

Seit zwei Wochen aber sehe ich, daß Dr. Starke über die medizinische Zusammenarbeit hinaus ein verdächtiges Interesse für Julia entwickelt. Ich bin, was ich noch nie war, was ich nie kannte und worüber ich bei anderen Männern lachte, eifersüchtig. Man stelle sich das vor: Hugo Büchler ist eifersüchtig! Vielleicht ist das alles unbegründet, sehe ich mehr, als dahinter ist. Aber wenn ein Arzt seiner Krankenschwester in den Po kneift und sie juchzt auf, dann ist das schon eine bemerkenswerte Vertrautheit. Oder nicht?

Natürlich habe ich Julia sofort gefragt. Sie hat befreiend gelacht und gesagt: »Das tut er immer. Der ist so ein Typ, der glaubt, alle Frauen fallen auf ihn herein. Auch Dr. Burgbach läßt er nicht in Ruhe. Was soll ich tun, Go?« (Sie nennt mich nicht Hugo, sondern nur Go.)

»Ihm auf die Finger hauen.«

»Und dann ein halbes Jahr oder noch länger mit ihm arbeiten und wie Hund und Katze sein?! Das halte mal aus. Das macht dich fertig. Du weißt gar nicht, wieviel Möglichkeiten ein Mediziner hat, einer Krankenschwester das Leben schwer zu machen. Du machst einfach alles falsch. Selbst ein einfaches Pflaster sitzt dann verkehrt. Dann lieber schon einen Kniff in den Hintern und dazu lachen.«

»Und wenn er mehr will?«

»Da bin ich Granit. Da muß er sich erst mal durchbeißen.«

Vor zehn Tagen war ich gegen zwei Uhr morgens an ihrer Kabinentür. Sie war verschlossen, aber Julia machte auch nicht auf, als ich unser verabredetes Zeichen klopfte. Fast zehn Minuten habe ich geklopft, dann habe ich es aufgegeben. Plötzlich war wieder Mißtrauen da und diese schreckliche, eisenklammerähnliche Eifersucht. Ich bin zu Dr. Starkes Kabine gegangen, habe auch dort geklopft und die Klinke heruntergedrückt. Dr. Starke lag nicht in seinem Bett. Zwar war das Bett benutzt, aber er war nicht da. Wo ist ein Arzt um fast zwei Uhr morgens auf einem Schiff? Das Naheliegendste: bei seinen Patienten.

Unter Deck, bei den Vietnamesen, war er nicht. Sie schliefen alle, nur ein älterer Mann saß an der Wand und hob grüßend die Hand. Auch im Hospital und im Verbandsraum war Dr. Starke nicht, weder an Deck, noch auf der Brücke. Wo, zum Teufel, war er um diese Zeit?

Und Julia öffnete auf mein Klopfen hin nicht ihre Kabinentür.

Die Eifersucht zerfrißt mich. Noch heute, zehn Tage nach dieser Nacht. Ich habe Julia nicht gefragt, aus Angst, sie könnte mich anlügen. Auch sie hat nichts gesagt. Es kann ja wirklich sein, daß sie mein Klopfen nicht gehört hat. Kann! Es ist auch möglich, daß Dr. Starke bei Dr. Burgbach gewesen ist, aber ich traue Anneliese nicht zu, sich an einen solchen Windbeutel zu hängen. Aber was heißt zutrauen? Man kann einem Menschen nur ins Gesicht sehen, nicht dahinter. Wer von uns weiß, welch ein Mensch Anneliese ist? Wer kennt hier überhaupt den anderen so genau, daß er ihn beurteilen könnte? Das trifft auch auf Julia zu. Mit ihr im Bett zu liegen, bedeutet noch nicht, ihr Wesen zu kennen. Ich kenne ihren Körper, ich kenne ihren Atem, ihr Seufzen, ihr Gestammel, ihre Lippen, ihr Haar und die Wirkung ihrer Fingernägel, wenn sie sich in meinen Rücken krallt — aber reicht das? Das sind nur Äußerlichkeiten. Den Menschen Julia, wie er wirklich ist, wird man nie ergründen. Es gibt keinen Menschen, der nicht zeit seines Lebens ein Geheimnis bleibt. Jeder Mensch ist unergründlich.

So ist das nun: Mit 38 Jahren verliere ich den Verstand wegen einer Frau. Ich ertappe mich, wie ich manchmal über das Meer stiere, ohne etwas anderes zu denken als an Julia. Selbst Kapitän Larsson fällt das auf. Und er ist ein Mann, der wahrhaftig nicht zart besaitet ist. »Was ist los mit Ihnen, Büchler?« fragte er mich vor drei Tagen. »Sie starren in die See, als wollten Sie Fische hypnotisieren. Bedrückt Sie was?«

Er fragt so etwas, dieser Mann, der ein Teil seines Schiffes ist und sonst nichts. Fragt mich tatsächlich: »Bedrückt Sie was?« Er spürt etwas. Wie weit ist es mit mir gekommen. Ich muß es immer wiederholen! Ich kenne mich selbst nicht mehr. Und dann die Frage, die jetzt immer in mir bohrt und bohrt und mich aushöhlt: Was mache ich, wenn Dr. Starke wirklich Julia ins Bett bekommen hat? Was mache ich bloß? Wir müssen noch über fünf Monate — wenn nicht mehr — zusammen auf diesem Schiff leben. Fünf Monate mit dem Wissen, daß Julia und Dr. Starke mir Hörner aufgesetzt haben, fünf Monte lang muß ich weiterhin sein süffisantes Gesicht sehen, sein Playboy-Gehabe, seine sarkastischen Reden hören, sein affiges Benehmen ertragen. Und jedesmal, wenn ich Julia ansehe, stelle ich mir vor, wie sie in seinen Armen liegt. Wer kann das ertragen? Fast ein halbes Jahr lang? Tag für Tag, Nacht für Nacht?

Ich weiß nicht, wie ich das aushalte. Soll ich Dr. Starke in einem günstigen Augenblick über Bord werfen?

Soll ich beim nächsten Bunkern in Manila oder Singapur abmustern? Aber das wäre eine Flucht vor der großen Verpflichtung, die ich übernommen habe. Flüchtet man wegen einer Frau vor der Verantwortung anderen Menschen gegenüber?

Fragen über Fragen, und keiner kann mir eine Antwort geben. Keiner einen Rat. Keiner einen Zuspruch. Ich muß allein durch diese Not.

Und ich liebe Julia.

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Vier Tage nach ihrer Rettung gebar Thi Trung Linh einen Jungen. Ein runzeliges Kerlchen, aber gesund, wie Dr. Herbergh dem glücklichen Vater Cuone bestätigte. Cuone bestand darauf, seinen Sohn »Duc« zu nennen — so heißt Deutschland auf vietnamesisch. Am nächsten Morgen nach der Geburt, es war ein Sonntag, taufte Lam Van Xuong den Kleinen mit Süß- und Meerwasser. Dann sangen alle Vietnamesen ein Heimatlied, ballten danach die Fäuste und riefen im Chor: »Nieder mit dem Kommunismus! Es lebe Vietnam!« Dazu schwenkten sie Fähnchen aus gelben und roten Stoffetzen, die sie genäht hatten, die Farben Südvietnams.

Dr. Starke, der abseits stehend der Feier zusah, sagte zu Hugo Büchler: »Kaum atmet der Mensch wieder richtig durch, wird er auch wieder Nationalist!«

»Die lieben ihre Heimat! Sie nicht, Doktor?«

»Ich bin dort zu Hause, wo ich mich wohlfühle. Zur Zeit auf diesem Schiff.«

»Es fährt unter deutscher Flagge.«

»Das ist äußerlich. Sie sagten eben Heimat. Was ist Heimat? Das Fleckchen, auf dem man geboren wurde? Das Land der Vorfahren? Das Stück Erde, auf dem man sein ganzes Leben verbringt? Ich kann Heimat nicht erklären.«

»Sie haben an nichts eine innere Bindung?«

»Ich wüßte spontan nichts zu nennen.«

»Ihr Vater?«

»Ich achte ihn. Früher habe ich ihn gefürchtet. Er war und ist ein Tyrann, ein absoluter Herrscher. Erzeugt das Heimatgefühle?«

»Ihre Mutter?«

»Ich liebe sie. Aber ich kann sie auch von Neuseeland oder Alaska aus lieben oder von Tonga. Heimat und Heimweh, das gehört ja wohl zusammen. Ich habe noch nie Heimweh gehabt.«

»Da fehlt Ihnen viel, Doktor. Auch nicht Heimweh nach einer Frau?«

»Das schon gar nicht.« Dr. Starke lachte laut. »Das wäre das Letzte, lieber Büchler. Eine Frau als Mittelpunkt meines Lebens … du guter Himmel, da müßte ich total verblödet sein. Dann vielleicht …«

Hugo Büchler ließ ihn stehen und ging zurück ins Deckhaus. Welch ein Widerling, dachte er mit Bitternis. Und so einer drängt sich zwischen Julia und mich? Wenn ich Beweise hätte — ich würde ihn erledigen.

»Eine eindrucksvolle Taufe, finden Sie nicht auch, Anneliese?« fragte Dr. Herbergh und legte wie zufällig den Arm um ihre Schulter. Sie wunderte sich darüber, ließ es aber geschehen.

»Keiner von uns kann das Glück ermessen, das sie jetzt erleben. Ihre Rettung, die Aussicht auf ein neues Leben. Wir können es kaum nachempfinden. Aber darf Xuong denn taufen?«

»Xuong sagt, er sei Christ, und ein Christ dürfe im Notfall auch taufen. Übrigens, wir haben über Radio Singapur ein Funktelegramm aus Köln bekommen, Anneliese. Von Albert Hörlein. In Deutschland hat bereits ein verbissener Politikerkampf gegen unsere Geretteten begonnen. Das Wort ›Asylbewerber‹ ist zum totalen Reizwort geworden. Die Halbtoten, die wir hier auffischen, werden als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet, nicht als politische Flüchtlinge. Man weigert sich, Aufnahmeplätze zur Verfügung zu stellen, man will keine Übernahmegarantie geben. Das heißt: Alle, die wir an Bord haben und die wir noch retten werden, sind heimatlos. Keiner will sie haben, und das wiederum bedeutet: Keiner darf an Land. Wo das noch hinführen soll, weiß ich nicht. Wir können doch nicht zu einem Gespensterschiff werden. Der Fliegende Holländer des goldenen Meeres.« Dr. Herbergh nickte zu den singenden Vietnamesen hinüber. Sie hatten den winzigen »Duc« umringt, und Cuong wiegte ihn nach dem Takt der Lieder in seinen Armen. Thi, nun schmal und klein und von der Geburt geschwächt, lag auf einer Decke im Kreis und lächelte glücklich. Die Infusionen hatten sie und das Kind gerettet. Dr. Starke sprach bewundernd von der Zähigkeit dieser Menschen.

»Sie ahnen nichts von dem, was auf sie zukommt«, sagte Dr. Herbergh bedrückt. »Vor drei Jahren noch war das anders. Aber jetzt laufen die Geschäfte mit Vietnam gut, und plötzlich ist der Kommunismus nicht mehr verdammenswert. Nicht in dieser asiatischen Ecke! Der Wert von Menschen richtet sich nach Ex- und Import.« Er schwieg.

Dr. Starke war zu ihnen getreten, und weil Dr. Herbergh seinen Arm um Annelieses Schulter gelegt hatte, hakte er sich bei ihr unter. Sie spürte die Notwendigkeit, etwas zu bemerken.

»Sollen wir uns nicht setzen?« fragte sie sehr höflich und sehr abweisend. »Die Herren sind anscheinend sehr erschöpft und müssen sich festhalten.«

Sofort zog Dr. Herbergh seinen Arm zurück, und auch Dr. Starke nahm die Hand aus Annelieses Armbeuge.

»Ich habe noch nach ein paar Kranken zu sehen!« sagte Dr. Herbergh steif. »Wilhelm, wie viele Infusionen haben Sie noch angeschlossen?«

»Neun, Chef.« Dr. Starke wußte, wie sehr sich Herbergh über diese Anrede ärgerte, aber immer, wenn Rivalität aufkam, am OP-Tisch, bei Diagnosen oder bei Anneliese, stieß Starke mit dem Wort »Chef« zu. »Darum kümmert sich ›Kätzchen‹.«

Damit war Julia Meerkatz gemeint. Niemand wußte, wer zum erstenmal für sie den Namen »Kätzchen« gebraucht hatte, — er war plötzlich da, wurde von allen akzeptiert und sofort übernommen. Auch Julia fand, daß es eine Schmeichelei sei, ein richtiger Kosename. Nur Johann Pitz, der Krankenpfleger, ärgerte sich darüber. Kätzchen, das klang so vertraut, so schmeichlerisch, so andeutungsvoll. Er gebrauchte ihn nie, wenn er sich mit Julia im Proviantbunker traf und sie auf einer Decke hinter Kisten, Kartons und Reissäcken liebte. In ihre Kabine, über Nacht, durfte er nicht. Zu gefährlich, man sieht uns, stell dir vor, es gibt Alarm und du kommst aus meiner Kabine. Pitz sah das ein und wurde so nie eine Gefahr für Hugo Büchler oder Dr. Starke, unter denen sie ihre Nächte aufteilte. Es war ein sehr anstrengendes und gefährliches Spiel, aber Julia blühte dabei auf wie eine exotische Blume.

Im Kreis, der Cuong, Thi und den kleinen Duc umringte, stand auch Oberbootsmann Stellinger. Er war der Freund aller Geretteten geworden, saß oft unten in den großen Wohnkammern bei ihnen und hörte ihre Geschichten an, soweit die Vietnamesen noch Französisch sprachen, aß sogar mit ihnen, was auf dem Achterdeck, in der neu gebauten Küche, einige Frauen kochten, und wurde von den Kindern Onkel genannt.

Stellinger, ein Bär von einem Mann, benahm sich auch wie ein tapsiger Bär. Sein besonderes Interesse galt einem hübschen, zierlichen Mädchen, das aussah wie einem fernöstlichen Gemälde entstiegen. Die langen, schwarzen Haare fielen meist über das schmale Gesicht mit den ausgeprägten Wangenknochen, wenn sie auf der Decke saß und Matten flocht, oder wenn sie das Essen austeilte, das vier Männer in dampfenden Henkelkesseln unter Deck schleppten. Oft stand sie auch auf dem Vorschiff und schaute aufs Meer, vor allem bei Sonnenauf- und Sonnenuntergang, als könne sie von dem Brennen des Horizonts und dem wogenden Gold der Wellen nicht genug bekommen. Wenn fliegende Fische das Schiff begleiteten, klatschte sie begeistert in die Hände; die durchsichtigen Flügelflossen der Fische schimmerten wie goldenes Filigran, wie hauchdünne, goldene Federn.

Von Xuong, den Stellinger beiläufig fragte, erfuhr er den Namen des Porzellanmädchens: Kim Thu Mai.

»Wie redet man sie an?« fragte er.

»Kim«, sagte Xuong und blickte Stellinger nachdenklich an.

»Mai finde ich schöner. Der Mai, weißt du, ist bei uns der schönste Monat im Frühling. Da beginnt alles zu blühen, im Mai verändert sich der Mensch, jedes Jahr. Verstehst du, was ich meine?«

Sie sprachen Englisch miteinander. Xuong, der Lehrer, war wirklich ein kluger Mann. Er konnte Französisch, Englisch, ein wenig Chinesisch und ein paar Worte Deutsch. Für einen Vietnamesen erstaunlich. »Deutsch?« hatte Stellinger verblüfft gefragt, als Xuong, nach drei Infusionen wieder kräftig genug, ihn mit einem gutturalen »Gutten Taag!« begrüßte.

»Ich — Kind —« hatte Xuong mit einem freudigen Lächeln geantwortet. »Damals … Français … Légion d’Etranger … beaucoup Deutsche … vill Deutsche …« Und dann hatte er mit noch rauher, kratzender, vom Salzwasser zerfressener Stimme gesungen: »Oin Männlain stett im Uwalde, ganz stilll und stümm …« Da hatte Stellinger Xuong umarmt und an sich gedrückt.

Nach Stellingers Erläuterung zum Namen Mai nickte Xuong. »Ich verstehe«, antwortete er. »Mai — Frühling — Liebe —«

»Das wollte ich damit nicht sagen!« Stellinger, der Bär, wurde verlegen. »Also Kim heißt sie.«

»Wenn du Mai zu ihr sagst und es ihr erklärst, wird sie nichts dagegen haben, daß du sie Mai nennst. Sie kann übrigens auch Englisch. Hat es auf einer Missionsschule gelernt.«

»Sie ist auch getauft?«

»Ja. Viele von uns. Das ist auch ein Grund, warum wir Vietnam verlassen haben. Über eine Million sind schon seit 1954 geflohen, ihres Glaubens wegen. Bis 1975, als die Amerikaner sich zurückzogen und Millionen meiner Landsleute mit ihnen flüchteten, hatten wir in Südvietnam 10 300 Schulen mit über 3 100 000 Schülern und über 1 Million Schüler an privaten Schulen. Dann wurde alles verstaatlicht und enteignet, vor allem die privaten und kirchlichen Schulen, jetzt ist das oberste Gebot der Erziehung der Marxismus-Leninismus.«

»Und warum bist du, als Lehrer, erst jetzt geflohen?«

»Ich liebe mein Land«, sagte Xuong einfach. »Aber sie töten alle Liebe, und eines Tages steht man da ohne Seele.«

Diese Unterredung beschäftigte Stellinger seitdem immer wieder. Er hatte Kim, die er heimlich Mai nannte, in diesen Tagen mehr als notwendig beobachtet, überwachte als Hilfskraft von Dr. Herbergh die Infusionen für sie, war ein rundum glücklicher Mensch, als sie schnell wieder so zu Kräften kam, daß sie aufstehen und ohne zu Schwanken herumgehen konnte und sofort das Austeilen der Mahlzeiten übernahm. Er brachte ihr Salbe für die aufgesprungenen Lippen, und als sie ihm ihren Mund hinhielt, strich er die Creme auf ihre Lippen, blickte in ihre tiefbraunen, fast schwarzen Augen und lag dann die ganze Nacht wach in seiner Kabine und dachte an sie.

Jetzt, bei dem Gesang für den kleinen Duc, stand er im Kreis der Vietnamesen und hörte ihre schöne, weiche Singsang-Stimme, die so ganz anders war als die Stimme, mit der sie sprach. Ab und zu drehte sie den Kopf zur Seite und blickte zu ihm auf. Stellinger war einen Kopf größer als sie, ein Turm neben ihrer zerbrechlich wirkenden Zierlichkeit. Sie lächelte, und Stellinger versuchte ein Grinsen, während ihm das Herz in der Kehle klopfte.

Fast eine Stunde dauerte der Gesang der Vietnamesen, bis Julia, das Kätzchen, in den Kreis brach und sagte: »Schluß jetzt! Die Mutter braucht Ruhe, das Kind erst recht! Cuong, bring beide zurück ins Hospital. Aber flott!«

Dolmetscher Hung übersetzte es, und die Vietnamesen lachten. Cuong legte Julia den kleinen Duc in die Arme, hob seine Frau Thi auf und trug sie zurück zum Deckhaus. Die Festversammlung zerstreute sich. Die meisten stiegen hinunter zu ihren Lagern. Kim blieb an Deck, allein mit Stellinger.

»Kim …«, sagte Stellinger heiser. Ihm preßte sein Herzschlag die Stimme ab. Schon dieses eine Wort kostete ihn eine zentnerschwere Überwindung. Früher, bei so vielen Liebschaften in den Häfen in aller Welt, war er flotter gewesen. Aber das waren Mädchen gewesen, die nach an Land gehenden Matrosen ausschauten, ihnen ein paar schöne Stunden schenkten und dann auf das nächste Schiff warteten. Kim war anders. Kim war eine Zauberblume, die er aus dem Meer gefischt hatte. Er hatte sie auf seinem Rücken die Lotsenleiter hinaufgetragen, und sie hatte sich an ihn geklammert und in seinen Nacken geweint.

»Ja?« sagte Kim. Sie sprach Englisch. Ihr Blick tastete über sein Gesicht.

»Kim, ich möchte Vietnamesisch lernen.«

»Bei mir?«

»Nur bei dir.«

»Warum willst du Vietnamesisch lernen?«

»Weil es deine Sprache ist, Mai.«

»Ich heiße Kim.«

»Aber für mich bist du Mai. Bei uns ist Mai ein Monat.«

»Ich weiß. Mai ist der Frühlingsmonat. Es gibt viel Gedichte über ihn. Ihr nennt ihn auch den Wonnemonat. Unser Pater hat uns ein Lied davon vorgesungen. Aber warum willst du mich Mai nennen?«

»Du … du bist der Frühling …« Stellinger spürte, daß Verlegenheit in ihm hochstieg und er sich benahm wie ein dummer Junge. »Sag nein, wenn du nicht willst.«

»Ich will. Ich bin jetzt Mai …«

»Danke.«

»Und wie heißt du?«

»Franz.«

»Oh! Das ist schwer zu sprechen. Ich werde dich Toam nennen.«

»Toam. Das ist ein schönes Wort.«

»Toam lernt bei Mai Vietnamesisch und Mai lernt bei Toam Deutsch …«

»Du willst Deutsch lernen? Aber wozu denn?«

»Weil es deine Sprache ist, Toam. Wie bei dir … Wann fangen wir an?«

»Wann du willst, Mai.«

»Heute abend, nach dem Essen?«

Stellinger nickte. Ein erdrückendes Glücksgefühl lähmte seine Stimme. Mit Mühe gelang ihm ein Wort: »Wo?«

»Wo du willst, Toam.«

»Auf dem Achterdeck? Neben der Küche? Ich werde zwei Liegestühle hinbringen. Ist das richtig?«

»Es ist alles richtig, was du tust, Toam.« Sie blickte ihn mit einem Lächeln und glänzenden Augen an und ging dann über das Deck zur Treppe in die Lagerräume. Stellinger sah ihr nach, atmete ganz flach und langsam und bezwang sich, nicht mit beiden Fäusten gegen sein Herz zu trommeln.

Am Ende der Treppe des Unterdecks wartete Vu Xuan Le auf Kim Thu Mai. Er trug einen dicken Salbenverband um die Schulter. Die Messerwunden hatten sich entzündet und waren aufgequollen. Es mußte sehr weh tun, aber Le verzog keine Miene. Erst wenn die Schwellungen zurückgegangen waren, wollte Dr. Herbergh die Wunden nähen.

»Was wollte er von dir?« fragte er ohne Umschweife.

»Er will Vietnamesisch lernen.«

»Bei dir?«

»Ja. Ich kann ja Englisch.«

»Er frißt dich mit den Augen, Kim. Seit zwei Tagen schleicht er dir nach wie ein Jaguar. Ich sehe alles.«

»Ich weiß es nicht. Aber wenn es stimmt — was geht es dich an, Le?«

»Ich habe Pläne für die neue Zeit, in die man uns bringt. Hast du schon über deine Zukunft nachgedacht?«

»Nein.«

»Ich um so mehr.«

»Keiner weiß, wohin wir kommen.«

»Aber irgendwohin kommen wir. In ein fremdes Land. Ob Deutschland oder Frankreich oder Kanada oder sonstwo — wir werden nirgendwo geliebt werden. Wir werden Freiheit und Frieden haben, aber allein sein. Allein unter Menschen, denen unser Gesicht nicht gefällt, die uns erdrücken mit ihrem Hochmut und ihrer Abneigung. Ich weiß das alles, und alles ist noch tausendmal besser, als weiter in Vietnam zu leben. Aber was bist du allein in dieser unbekannten Welt? Wir sollten zusammenbleiben, Kim. Du und ich. Dann haben wir ein Leben, das wir ertragen können.«

»Was hat das alles mit Toam zu tun?«

»Wer ist Toam?«

»Der Deutsche, der mich aufs Schiff getragen hat. Ich nenne ihn Toam, seinen richtigen Namen kann ich nicht aussprechen. Franz …«

»Aber du kannst ihn ja aussprechen, Kim!«

»Ich will es nicht. Ich will, daß er Toam heißt.« Kim blickte hart in die stechenden Augen des Mannes. »Geh zur Seite, ich will zu meinem Lager.«

»Mehr kannst du mir nicht sagen?«

»Hier auf der Treppe nicht.«

»Wann können wir über alle meine Pläne reden, Kim?«

»Ich weiß es nicht, Le.«

»Willst du sie überhaupt hören?«

»Ja.«

»Aber dem Deutschen wirst du Unterricht geben?«

»Und er mir. In Deutsch.«

»Das sagst du mir ohne Scham?«

»Worüber sollte ich mich schämen? Deutsch ist eine Sprache wie Französisch, Englisch oder Vietnamesisch.«

»Er wird dich in seine Kammer locken und über dich herfallen.«

»Aber danach werde ich ihm die Kehle durchschneiden.«

»Das würdest du tun, Kim?«

»Ich würde es bei jedem tun, der mich dazu zwingt.«

»Ich bin zufrieden.« Le gab die Treppe frei und ließ Kim an sich vorbeigehen. Mit einem zärtlichen Blick umfing er ihre wie schwerelos gehende, zierliche Gestalt. »Wenn du es tust, ersparst du mir die Arbeit. Er hat uns gerettet. Aber du bist nicht der Preis dafür.«

Le wartete, bis Kim im Gang zu den Lagern verschwunden war, dann stieg er an Deck und sah Stellinger an der Bordwand stehen. Er rauchte einen Zigarillo, blickte in die Ferne und war, wie Le zufrieden feststellte, ein gutes Ziel. An diesem Rücken konnte man nicht vorbeiwerfen. Le war ein hervorragender Messerwerfer. Was ihm nur fehlte, war ein gutes, ausgewogenes Messer. Er würde es sich in der Küche beschaffen und so mit Holzstückchen ausbalancieren, daß es gut in der Hand lag, waagerecht im Wurf blieb und mit der ganzen Klinge von hinten ins Herz drang.

Beruhigt stieg Le wieder unter Deck.

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Nach dem Abendessen — Koch Hans-Peter Winter hatte diesmal Klopse gekocht, nicht nach Art Negresco sondern à la Königsberg, und trotzdem meckerte Stellinger, das seien keine Klopse, wie seine Mutter sie gemacht habe, sondern das seien aufgeweichte Kanonenkugeln mit gesäuerten Wanzen, womit er die Kapern meinte — saßen Dr. Herbergh und Anneliese Burgbach im Untersuchungszimmer zusammen und gingen die Krankenberichte durch. Mit deutscher Gründlichkeit hatten sie von jedem Geretteten eine Karteikarte angelegt, als sei er ein normaler Patient in einer Klinik. Am Leuchtkasten hingen einige Röntgenbilder, eine Lungentuberkulose, ein Magen-Carzinom und zwei Osteochondrosis dissecans im Knie und im Ellenbogengelenk, ein typisches König-Syndrom. Die Tuberkulose war behandlungsfähig, die Knochenveränderungen kaum, das Magen-Ca nicht mehr. Es war inoperabel. Was Dr. Herbergh erstaunte, war das Phänomen, daß der Todkranke keinerlei Schmerzen empfand, auch nicht, wenn man auf den Magen drückte.

»Was halten Sie davon, Anneliese?« fragte Dr. Herbergh und zeigte mit einem Bleistift auf das Röntgenbild. »Kollege Starke meint, der erlebt die Landung in Manila nicht mehr. Ich habe noch kein Magen-Ca gesehen, das so schmerzfrei ist. Und Pitz berichtet sogar, daß der Mann mit Appetit seine Mahlzeiten ißt. Aber Magen ist Magen, ob in Deutschland oder Vietnam.«

»Und wenn es kein Ca ist?«

»Anneliese, die Röntgenbilder sind klar, sie lügen nicht. Da läuft einer mit einem massiven Tumor rum und spürt nichts. Das ist schulmedizinisch unmöglich. Der Mann besteht nur noch aus Haut und Knochen, seine Hautfarbe ist hepatitisch, das Blutbild ist geradezu miserabel, aber er frißt, wie sich Pitz ausdrückt, mit Genuß und das ohne Schmerzen. Kann man Schmerzen so verdrängen durch eine Art Selbsthypnose? Ich habe gelesen, daß im alten China Operationen bei vollem Bewußtsein stattfanden, und der Patient gab keinen Laut von sich, sondern lächelte. Das habe ich für ein medizinisches Märchen gehalten — haben wir so ein Märchen nun an Bord?«

»Wir sollten den Kranken genau beobachten. Vor allem nach dem Essen.«

»Eine gute Idee. Wollen Sie das übernehmen, Anneliese?«

»Wenn Sie das wünschen, Fred.« Sie nickte. »Gern.«

»Das klingt nicht sehr begeistert.«

»Ich will offen mit Ihnen reden.« Sie legte die Hände gegeneinander und blickte über die Fingerspitzen hinweg Dr. Herbergh an. »Wilhelm gefällt mir nicht.«

»Hat der Kollege Starke Sie belästigt?«

»Nein. Dagegen könnte ich mich wehren. Seine eindeutigen Reden überhöre ich.«

»Er macht Ihnen Anträge?« Dr. Herberghs Stimme blieb ruhig, aber unter seiner Hirnschale begann es zu klopfen. Also doch, dachte er. Starke stellt ihr nach. Ich werde beim Komitee einen Antrag stellen, ihn abzulösen. Schnell einen neuen Arzt zu bekommen, wird für Hörlein schwierig sein, aber der Frieden an Bord ist die Basis unserer Arbeit. Starke wirkt mit seiner enthemmten Art zerstörerisch, er muß weg vom Schiff!

»Das allein ist es nicht …« Sie zögerte weiterzusprechen, aber dann schien ihr die Wahrheit wichtig zu sein. »Ich möchte nicht, daß man denkt, ich petze. Ich verhalte mich nicht unkollegial, wenn ich Beobachtungen wiedergebe.«

»Was haben Sie beobachtet, Anneliese?«

»Wilhelm unternimmt nächtliche Ausflüge. Ich bin ihm nachts zweimal begegnet. Er hatte seinen Bademantel an — und ich möchte behaupten, darunter hatte er nichts an. Er grüßte mich sogar unbefangen, sagte: ‘Aha, meine schöne Kollegin! Auch noch unterwegs? Im weißen Kittel? Wer soll denn um diese Zeit verarztet werden?’, und ich habe geantwortet: ›Sie wissen, daß wir einen schweren Malaria-Fall haben und daß ich heute den Nachtdienst mache!‹ Ich habe mich dann gefragt: Wohin geht Wilhelm zu dieser nächtlichen Zeit?«

»Das ist ungeheuerlich«, sagte Dr. Herbergh leise. »Das ist wirklich ungeheuerlich. Ich werde ihn fragen, und dieses Mal in aller Härte als Chef.« Er trommelte mit dem Bleistift auf einen kleinen Packen Karteikarten und wußte schon jetzt, daß Dr. Starke ihm antworten würde: »Was geht das Sie an, Fred? Spioniere ich Ihnen nach? Ich bin Ihnen jedenfalls noch nicht an die Hose gegangen — erst dann dürfen Sie protestieren.« Ein handfester Krach lag in der Luft. »Was meinen Sie, Anneliese? Schleicht er zu Kätzchen?«

»Ausgeschlossen.«

»Warum ausgeschlossen?«

»Bei Julia hat Hugo Schlafrechte.«

»Unser Erster?« Dr. Herbergh warf den Bleistift hin. »Und das erfahre ich so nebenbei?! Büchler und die Meerkatz — das kann doch nichts werden!«

»Für sechs Monate reicht’s. Mehr soll es auch nicht sein.«

»Seit wann wissen Sie das, Anneliese? Warum haben Sie mir nichts gesagt, keine Andeutung gemacht?«

»Ich wollte nicht petzen. Jetzt habe ich es doch getan. Ich schäme mich, Fred. Aber ich dachte auch, Sie hätten das selbst bemerkt.«

»Das mit Büchler und Kätzchen nicht. Unangenehm berührt hat mich, wie Starke sich Ihnen gegenüber benimmt. Flegelhaft direkt. Neulich, als er seine Hände auf Ihre Schenkel legte …«

»Eine Hand auf einen Schenkel.«

»Das genügt!«

»Sie haben das gesehen, Fred? Und es hat Sie aufgeregt?«

»Und wie! Ich hätte Starke ohrfeigen können.« Dr. Herbergh brach abrupt ab. Er war sich bewußt, jetzt zuviel von dem verraten zu haben, was ihn im Inneren bewegte. Er hatte seine Gefühle gezeigt und erkannte in Annelieses Blick, daß sie ihn verstanden hatte. Das war ihm peinlich. Er hatte sich vorgenommen, erst bei der nächsten Landung in Manila mit ihr darüber zu sprechen, wenn er sich völlig darüber im klaren war, Anneliese zu bitten, seine Frau zu werden. Mit sich im klaren war er bereits, aber er wußte nicht, wie sie darauf reagieren würde. Das galt es zu erforschen. Eine Absage, vielleicht sogar ein schallendes Lachen hätte Narben auf seiner Seele hinterlassen. Jetzt hatte er sich hinreißen lassen und war ihrem forschenden Blick ausgesetzt.

»Das hätten Sie getan, Fred?« fragte sie mit einer geradezu provozierenden Kühle.

»Nur um der Disziplin an Bord willen.«

»Natürlich.« Sie lächelte nur andeutungsweise, aber Herbergh spürte dahinter ihr Lauern auf intimere Erklärungen. »Wie konnte es anders sein.« Sie wartete, ob Dr. Herbergh wenigstens jetzt die Brücke fand, die sie ihm baute, ob er die Gelegenheit ergriff, aus sich herauszugehen. Aber Herbergh blieb nach außen hin gelassen, igelte sich ein und pflegte weiter seine Angst vor einer Niederlage.

»Da Wilhelms nächtliche Besuche nicht unserem Kätzchen gelten, wo schleicht er hin?«

»Das ist eine heiße Frage, Anneliese.«

»Und deshalb zögerte ich zuerst, den Tumor-Patienten zu beobachten. Ich möchte wirklich nicht zur Verräterin werden. Aber: Wir haben unter den Vietnamesen drei ausgesprochen hübsche Mädchen. Eines, Phing heißt es, strahlt Wilhelm an mit großen, leuchtenden Kulleraugen. Sie ist 17 Jahre alt, gibt sie an, und hat einen schönen Körper. Genau das, was Wilhelm anlockt wie einen Honigsammler.«

»Sie vermuten, Starke schleicht zu dieser Phing?«

»Es wäre eine Möglichkeit. Sie bietet sich ihm an.«

»Und das soll keiner bemerkt haben? Die Vietnamesen sind doch sonst so wachsam.«

»Warum sollen sie etwas tun? Sie betrachten Phings Liebesdienst mit Wohlwollen in der Hoffnung, daß Wilhelms Vergnügen auch für sie Folgen hat. In Asien hat man eine andere Beziehung zum Sex als bei uns. Man ist freier. Vielleicht, weil es sonst keine andere Freiheit gibt. Wenigstens der Körper soll etwas Glück ins Leben holen.«

»Sie haben sich eingehend mit der Mentalität dieser Völker beschäftigt?«

»Ja.« Muffel, dachte Anneliese etwas enttäuscht. Jetzt hatte er eine massive Brücke und sah sie nicht. Man hält ihm den Steigbügel hin, aber er bleibt auf der Erde. O du Muffel! Wie bekommt man dich zum Reden? Soll ich etwa den Anfang machen und einfach sagen: »Fred, ich liebe dich.« Es kann sein, daß du dann verwirrt antwortest: »Ist das auch sicher, Anneliese?« Noch mal: Muffel!

»Und für Sie ist sicher, daß Starkes nächtliche Ausflüge dieser Phing gelten.«

»Nein. Es ist nur eine Möglichkeit. Und — ich möchte ihn nicht dabei überraschen.«

»Könnte man diese Phing unter irgendeinem Vorwand auf die Station holen? Eine Krankheit konstruieren?«

»Phing ist in bester Verfassung. Sie hat sich in den zwei Wochen blendend erholt, wie überhaupt alle Flüchtlinge. Nur die neuen sind noch in einer elenden Verfassung. Außerdem wäre keine Krankheit zu konstruieren, die Starke nicht sofort als Täuschung erkennt. Er ist ein hervorragender Internist.«

»Das ist es ja, Anneliese. Wir brauchen ihn an Bord. Wissen wir, wen man uns als Ersatz schickt? Bei Starke wissen wir, was wir haben. Aber seine Jagdleidenschaft ist unmöglich.«

»Wie gesagt, bezüglich Phing kann ich mich auch irren.«

»Zu Starkenburg schleicht er bestimmt nicht. Da gerät er in die Fäuste von Kranzenberger.«

»Wir sind schon ein merkwürdiges Schiff, Fred.«

»Ein völlig normales, Anneliese.« Dr. Herbergh schob die Karteiblätter hin und her, nur um etwas zu tun und Anneliese nicht ansehen zu müssen. »Was glauben Sie, was auf den großen Kreuzfahrern los ist? Auf diesen weißen Luxuskähnen. Ich habe als junger Arzt einmal eine Kreuzfahrt rund um Südamerika mitgemacht. Als 2. Schiffsarzt. Wirklich so richtig aus Neugier. Ich kann sagen: Meine Neugier wurde voll befriedigt. Ich habe dabei viel über die Menschen gelernt.«

»Sie waren Schiffsarzt, Fred?« Anneliese versuchte es zum letztenmal, sie baute ihm eine vergoldete Stahlbrücke. »Das wußte ich nicht. Dr. Herbergh, der Liebling aller Frauen an Bord?«

»Ich war nie ein Draufgänger.«

Ein Feigling bist du, dachte sie und lächelte dabei. Ein herrlicher Kerl voller Komplexe. Warum eigentlich? Du hast sie nicht nötig, gerade du nicht. Blick’ mir doch mal richtig in die Augen, dann weißt du, welch ein lieber Idiot du bist.

»Sie haben die Damen stehen oder vielmehr links liegen lassen? Fred, zerstören Sie bitte nicht alle schönen Märchen, die man von Schiffsärzten erzählt.«

»Zugegeben — es waren einige Abenteuer dabei.«

»Sie haben sich noch nie richtig verliebt?«

»Doch.« Dr. Herbergh begann wieder, die Karteikarten von links nach rechts zu legen, völlig ohne Sinn, aber mit einer wahren Verbissenheit.

»Und was ist daraus geworden?«

»Nichts. Die Dame spürte es nicht einmal, von Wissen kann gar keine Rede sein.«

»Sie haben einfach geschwiegen, Fred?«

»Ja.«

»Dann war es keine große Liebe. Nie und nimmer! So etwas gibt man nicht durch Schweigen auf.«

»Ich liebe sie noch immer. Aber ich finde die Worte nicht.«

»Dann schreiben sie ihr. Sie kann doch lesen, nicht wahr?«

»Sie ist Ärztin wie Sie, Anneliese. Eine hochintelligente, schöne Frau, von der ich nicht weiß, wie sie reagieren würde.«

»Wenn sie nichts ahnt, kann sie auch keine Antwort geben.«

»Sie meinen wirklich, ich sollte ihr schreiben?« Dr. Herbergh starrte an Anneliese vorbei auf die Röntgenbilder an der erleuchteten Mattglasscheibe.

»Unbedingt. Vielleicht wartet sie darauf.«

»So sicher bin ich mir nicht.«

»Um so notwendiger ist es, sich Klarheit zu verschaffen.« Sie erhob sich. Noch deutlicher zu werden, war auch für sie nicht mehr möglich. »Es braucht ja nur eine Zeile zu sein.« Sie legte ganz kurz die Hand auf seine Schulter, mit einem leichten, aber spürbaren Druck, und verließ dann schnell das Zimmer.

Herbergh atmete aus wie ein Gewürgter, der plötzlich Luft bekommen hat und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. »Du hast gut reden«, sagte er gegen die zugeschlagene Tür. »Wenn ich von dir bloß ein Zeichen bekäme …«

Ein Frauenkenner war Dr. Herbergh wirklich nicht.

___________

Bevor Dr. Burgbach hinab zum Unterdeck stieg, sprach sie mit Krankenpfleger Johann Pitz. Er war auf der Station damit beschäftigt, einem ausgemergelten Mann den Blutdruck zu messen. Kätzchen Julia verband eine Operationswunde; gestern hatte Dr. Herbergh hier einen Furunkel herausgeschnitten.

»Wo liegt unser Ca?« fragte Anneliese.

»Im Raum zwei, Frau Doktor.« Pitz unterbrach seine Blutdruckmessung und ließ die Luft aus der Manschette. »Dem geht es, wie immer, gut.«

»Hat er heute abend gegessen?«

»Gefressen! Zwei Schüsseln voll Nudelsuppe. Mir ist ein Rätsel, wo er das läßt.«

»Und er hat noch immer keine Schmerzen?«

»Nicht ein Stichelchen. Er sagt jedenfalls nichts. Wenn Hung ihn fragt, murmelt er etwas. Hung übersetzt es mit ›Leck mich am Arsch!‹. Verzeihung, Frau Doktor, aber das ist die Wahrheit. Ich wußte gar nicht, daß die Vietnamesen auch diesen Satz haben.« Pitz war plötzlich sehr verlegen, weil sich Julia hinter Annelieses Rücken an die Stirn tippte.

»Erbricht er das Essen oder einen Teil davon?«

»Nicht ein Nüdelchen, Frau Doktor. Hat der Kerl wirklich ein Magen-Carzinom?«

»Und was für eins. Inoperabel. Eigentlich müßte er schon unter Morphium stehen. Ist einem von euch etwas aufgefallen?« Eine dumme Frage, dachte sie sofort. Wenn wir Ärzte schon vor einem Rätsel stehen, wie können uns da Julia und Johann Auskunft geben? Der Kranke liegt unter Deck, wird nicht mehr behandelt, und wir alle warten darauf, daß er endlich Schmerzen bekommt und wir wenigstens etwas tun können. Eine makabre Situation: Ärzte warten auf Schmerzen. Das darf man in der übrigen Welt gar nicht erzählen.

»Nee, nichts Besonderes, Frau Doktor.« Pitz war durch Julias Idiotenzeichen vorsichtig geworden.

»Nichts Besonderes heißt: doch etwas. Was fiel Ihnen auf, Johann?«

»Immer, wenn ich an sein Lager komme, sitzt eine junge Frau bei ihm. Ut heißt die, und hat drei kleine Kinder. Sie war im ersten Boot, das wir fanden. Gestern war sie vier Wochen an Bord.«

»Und was macht Ut bei ihm?«

»Nichts. Sie sitzt nur neben ihm, ihre drei Kinder neben sich, und scheint darauf zu warten, daß er stirbt.«

»Woraus schließen Sie das denn?«

»Sie hat aus Papier eine Girlande geflochten und hinter seinen Kopf gelegt. Wenn er tot ist, wird sie die Girlande über seinen Kopf ziehen und auf die Brust legen.«

»Danke, Johann.« Anneliese klopfte ihm auf die Schulter und verließ die Krankenstation. Kätzchen Julia verzog ihr Puppengesicht.

»Du hast dich unmöglich benommen, Jo!« Anscheinend war es ihre Spezialität, die Namen ihrer Liebhaber abzukürzen. Go und Jo. Und Dr. Starke nannte sie einfach Wil. »Auch wenn’s eine Tatsache ist, man drückt das einer Dame gegenüber anders aus.«

»Ich werde mich bemühen, meine Dame.« Pitz machte eine leichte Verbeugung. »Gehen wir ins Vorratslager und testen die Beckenmuskeln?«

»Schon wieder?!«

»Das letztemal war vor zwei Tagen.«

»Es geht nicht!« Julia hatte den Verband fertig und deckte den Patienten zu. »Heute nicht und morgen nicht.«

»Du bist kein Kätzchen, sondern ein Folterknecht. Das sind ja vier Tage!«

»Genau das ist es, die Tage.«

Pitz atmete auf. Das ist es. Welcher Mann denkt daran und hat die Tage im Kopf? »Ein Glück, daß du sie noch hast«, sagte er. »Ich habe gar nicht darüber nachgedacht.«

»Typisch Mann. Wo kämt ihr hin, wenn wir Frauen nicht mitdenken würden?«

»Ich würde dich heiraten, Julia«, sagte Pitz mit angemessener Würde.

»Jo! Was ist mit dir los?! Meinst du das ernst?«

»Ganz ernst.«

»Soll das ein Heiratsantrag sein?«

»Wenn du glaubst, es könnte einer sein, dann ist es einer. Julia, wir passen doch gut zueinander. Du Krankenschwester, ich Krankenpfleger, da haben wir eine sichere Zukunft. Werden irgendwo in einer Klinik arbeiten, uns ein schönes Häuschen bauen, ein Auto, einen Kombi kaufen, denn ich will mindestens drei Kinder von dir haben, und überhaupt — ich liebe dich, Kätzchen.« Pitz wartete zehn Sekunden, doch Julia schwieg. »Warum gibst du keine Antwort?«

»Ich stelle mir vor: Ich und drei Kinder und mit der Hacke im Garten, die Gemüsebeete sauber halten, das Gras schneiden, die Blumen pflegen …«

»Ein herrliches Bild. Man könnte es malen …«

»… und das vierte Kind im Bauch — Jo, dafür bin ich nicht geboren.«

»Was stellst du dir denn vor?«

»Leben! Die Welt sehen. Arbeiten — natürlich. Aber nach der Arbeit will ich alles mitnehmen, was das Leben mir bieten kann. Ob Tokio oder Miami, Hawaii oder Tahiti — ich will alles genießen.«

»Und wenn du alt bist?«

»Wer denkt ans Alter, Jo?! Ich will ewig jung bleiben!«

»Das wäre das einzige, was dir keiner schenken kann. Kätzchen, wir werden zusammen glücklich und schön alt werden. Du weißt vielleicht nicht, wie wichtig es ist, im Alter zufrieden zu sein. Ich weiß es! Ich habe einen Vater, der sein Alter wegsäuft, der meine Mutter ins Grab gesoffen hat. Sie ist an Krebs gestorben, aber man kann auch durch Kummer Krebs bekommen, sagen einige Ärzte. Meine Mutter ist ein Beweis dafür. Ich möchte mit dir einen schönen Lebensabend haben. Wie alt bist du? Vierundzwanzig. In sechsundvierzig Jahren bist du siebzig. Was sind sechsundvierzig Jahre?! Sie sausen dahin.«

»Und ich will mit ihnen sausen, Jo! Du lieber Himmel! Sechsundvierzig Jahre Leben, und dann bin ich erst siebzig. Soll ich davon zehn Jahre im Wochenbett liegen und die anderen Jahre Möhren und Stangenbohnen züchten? Das nennst du schön?«

Pitz wurde nachdenklich. Er sah Julia lange an, dieses fabelhafte Geschöpf, mit dem schönsten Busen, den er je gesehen hatte, mit Augen wie glitzernde Steine, o verdammt, sie hatte recht. Sie war nicht das Hausmütterchen, sie war die ewige Geliebte, die Unersättliche. Auch das kann ein Leben sein — natürlich hatte sie recht. Julia, ich mache mit.

»An was denkst du jetzt?« riß sie ihn aus seinen Gedanken. »Bist du traurig?«

»Worüber sollte ich traurig sein?«

»Du denkst an siebzig Jahre, ich an morgen oder übermorgen. Das paßt nicht zusammen.«

»Wir werden heiraten, Julia, und dann so lange rund um die Welt fahren, bis du sagst: Jetzt hab’ ich es satt! Ich will nicht mehr nach Tahiti, ich will ein Häuschen in der Heide oder am Rhein oder auf einer bayerischen Wiese oder auf Mallorca oder Teneriffa.«

»Du liebst mich wirklich, Jo.«

»Ich kann es nicht beschreiben.«

»Wann willst du heiraten?«

»Wenn unser Einsatz hier beendet ist und wir in Hamburg an Land gehen. Einverstanden?«

Sie gab keine Antwort, aber sie nickte. Pitz bezwang sich, sie vor den Patienten, auch wenn es Vietnamesen waren, die kein Wort verstanden hatten, in die Arme zu nehmen und zu küssen. Er nickte zurück und rannte aus dem Krankenzimmer, stieß draußen einen Juchzer aus und stieg dann zur Brücke hinauf. Sein Wachdienst begann. Vier Stunden lang das Meer absuchen, in die Nacht hineinleuchten, mit einem kreisenden Schweinwerfer auf dem Dach des Deckhauses. Das Signal für alle Hoffnungslosen: Hier ist Rettung! Wir holen euch ins Leben zurück!

Büchler, der 1. Offizier, den er ablöste, gab ihm die Hand. »Alles ruhig, Johann«, sagte er. »Vor einer Stunde ein Licht an Steuerbord. Muß ein großer Trawler gewesen sein. Er war schnell wieder weg. Eine gute Nacht, Johann.«

»Ebenso, Erster. Hören Sie wieder Schallplatten?«

»Heute ›Carmen‹ mit der Migenes und Placido Domingo.«

»Ist mir kein Begriff. Ich bin ein Musikbanause. Ich bin aufgewachsen mit schweinischen Liedern, die mein Vater sang.«

»Sie sollten mal zu mir kommen und sich ein paar Platten anhören, Johann. Vielleicht kriegen Sie dann den Dreh.«

»Möglich. Bis morgen, Erster.«

Büchler ging. Pitz setzte den Feldstecher an die Augen und suchte das Meer nach Lichtern ab. Opern. Carmen. Ob Julia Opern mochte? Überhaupt diese Musik? Er hatte sie nie danach gefragt. So wenig kannte man den Menschen, mit dem man ein ganzes Leben zusammen bleiben wollte. Und es gab noch so viele Fragen, die man stellen konnte, ganz einfache Fragen, die aber eines Tages wichtig werden konnten wie etwa: »Gehst du gern spazieren« oder »Schwimmst du gern?«

Fritz Kroll, der mit ihm Wache hatte, hockte sich auf einen Klappstuhl und gähnte laut. »Hast du das auch gesehen?« fragte er.

»Was?«

»Stellinger mit dem Vietnam-Mädchen. Lag mit ihm im Liegestuhl neben der neuen Küche.«

»Na und?«

»Nichts.« Kroll grinste breit. »Juck ist schlimmer als Heimweh.«

»Arschloch!«

»Danke. Ohne das wäre ich übel dran.«

Kaum hatte Büchler die Brücke verlassen, ging er zum nächsten Telefon und rief Julia an. Sie war in ihrer Kabine.

»Mein Liebling …«, sagte Büchler zärtlich.

»Oh, Go! Wo bist du?«

»Auf dem Weg zu dir.«

»Heute geht es nicht, Schatz. Und morgen auch nicht.«

»Warum?« Das klang forschend und drängend.

»Überleg mal, Go! Womit schlägt sich eine Frau alle vier Wochen herum?«

»Ach so.« Büchler war beruhigt. Seine Eifersucht legte sich wieder. »Schlaf gut, Kätzchen. Hab einen schönen Traum.«

»Du auch, Go.«

»Ich liebe dich.«

»Vergiß es nie.« Sie schmatzte einen Kuß ins Telefon und legte auf.

Ein paar Minuten später klingelte das Telefon erneut. »Meine Honigbiene«, sagte eine bekannte Stimme. Es gab nur einen, der so übertrieben sprach.

»Wil!« Julia rieb die Fußsohlen gegeneinander. »Was ist los?«

»Ich habe die nächste Wache. Wir haben fast vier Stunden Zeit, Zeit für uns. Ich bin gleich bei dir. Mach dich schon frei, wie wir Ärzte sagen.« Sein Lachen trommelte im Telefon. »Ich bin heute in Hochform.«

»Ich nicht. Heute nicht und morgen nicht. Leider, Wil. Tut mir leid. Du in Hochform, das muß ein Erlebnis sein! Aber es geht nicht, Schatz.«

Dr. Starke verstand sofort. Seine Stimme verlor den Elan. »Welcher Tag?« fragte er dennoch.

»Der zweite, Wil.«

»Also, holen wir etwas Atem. Schlaf gut, Kätzchen. Träum von mir.«

»Das tue ich jede Nacht.« Auch diesmal schmatzte sie einen Kuß ins Telefon und warf dann den Hörer auf die Gabel. Jetzt war Ruhe. Nötige Ruhe. Zwei Tage Kräftesammeln. Welch eine gute Idee, sich hinter einer nicht vorhandenen Menstruation zu verstecken. Diese Lüge konnte kein Mann beweisen, ihm blieb nur der Glauben. Und wenn die Tage wirklich kamen, sagte man einfach: »Schrecklich. Die Luftveränderung, das Klima, der Streß.« Und auch das würde jeder glauben. Gelobt sei die medizinische Ausbildung!

Julia dehnte sich wohlig in ihrer Nacktheit auf dem Bett, knipste das Licht aus und schlief tatsächlich nach wenigen Minuten ein.

___________

Anneliese hatte sich im Unterdeck, Lager II, neben der Treppe mit angezogenen Beinen auf den Boden gesetzt und an die Wand gelehnt. Von der Decke gaben zwei schwache Glühlampen eine trübe Helligkeit, die gerade ausreichte, um den Weg zu den Toiletten zu finden, einfache Plumps-Klos, eine Holzkiste mit einem Loch darin. Es war heiß hier unter Deck, die Lüftung war wohl hörbar, die Ventilatoren saugten ab und bliesen hinein, aber die Ausdünstungen der Menschen waren stärker. An Leinen, quer durch den Raum gespannt, hing Wäsche. Oder die Stricke ersetzten Haken und Schrank — was man gerettet hatte, den letzten Besitz, hängte man an die Leinen. Die meisten schliefen schon, als Anneliese ihren Posten bezog. Das Atmen fiel ihr in den ersten Minuten schwer, die dicke, heiße, schweißdurchtränkte Luft schien an ihrem Gaumen zu kleben. Anneliese ärgerte sich, daß sie kein Fläschchen Kölnisch Wasser mitgenommen hatte, um damit ein Taschentuch zu beträufeln. Aber nach einigen Minuten ließ der Kampf mit der Luft nach, sie atmete unbeschwert durch. Die Lunge hatte sich an das Gemisch der Gerüche gewöhnt.

Der Mann mit dem Magen-Ca lag etwa vier Meter von ihr entfernt an der Steuerbordwand auf seiner Decke. Neben ihm hockte, wie Pitz berichtet hatte, die junge Frau, die Ut hieß. Ihre drei Kinder lagen hinter ihr und schliefen, zusammengerollt wie drei kleine Hunde.

Was erwarte ich eigentlich, dachte Anneliese. Warum sitze ich hier? Ist es nicht hirnverbrannt zu warten, ob der Kranke Schmerzen bekommt? Er ist ein medizinisches Phänomen, weiter nichts. Oder Metastasen haben die Schmerzleitung bereits abgedrückt — das gibt es, wenn auch selten. Freds Idee und Hoffnung, hinter ein Geheimnis zu kommen, ist absurd. Verzeih mir Fred …

Die Zeit verrann. Die Luft wurde noch dicker. Auch Ut schien jetzt zu schlafen, im Sitzen, ihr Kopf war nach vorn gesunken, in dieser Haltung erinnerte sie Anneliese an ein Foto, das sie vor Jahren in einer Illustrierten gesehen hatte: Eine mumifizierte weibliche Leiche.

Anneliese schreckte auf. Sie war eingeschlafen, aber ein ihr wohlbekanntes Geräusch drang in ihr Unterbewußtsein und verjagte den Schlaf sofort: Stöhnen! Qualvolles Stöhnen! Zu Lauten gewordene Schmerzen. Jede Nachtwache im Krankenhaus kennt es, das Röcheln, Stöhnen und in Wimmern eingebettete laute Atmen.

Ut, die junge Frau, beugte sich über den Todkranken und sprach flüsternd auf ihn ein. Er hob den Kopf, faltete die Knochenhände, ließ sich wieder zurückfallen und zog die Beine an. Der krampfartige, stechende, unerträgliche Schmerz durchflutete ihn wie eine Welle.

Ich kenne das, armer Mann, dachte Anneliese. Ich habe an genug Betten gesessen und Analgetika injiziert. Und ich höre sie noch schreien: Helfen Sie mir doch, Frau Doktor! Helfen Sie mir. Ich halte es nicht mehr aus! Lassen Sie mich doch sterben.

Und dann geschah das, worauf Anneliese gewartet hatte und was das große Geheimnis dieses Mannes war: Ut, die junge Frau, legte beide Hände auf den zuckenden Leib des Stöhnenden und begann mit kreisenden Bewegungen Magen und Bauch ganz leicht zu massieren. Jetzt muß er brüllen, dachte Anneliese. Jetzt muß er schreien, daß alles aufwacht. Mein Gott, Ut massiert seinen vom Tumor zerstörten Magen.

Aber der Kranke schrie nicht. Er wurde ruhiger, streckte die Beine wieder aus, lag da mit geschlossenen Augen, das wilde Zucken seines Gesichtes verebbte. Und er lächelte. Der Inoperable, der sich noch vor Minuten gekrümmt hatte vor unerträglichen Schmerzen, lag mit einem Lächeln da und ließ sich alles Leid wegstreicheln. Wegstreicheln mit Uts Händen, die immer und immer, im gleichen Tempo, wie eine Maschine, über seinen Leib glitten, über den Magen kreiselten und hinunterschwebten bis zum Nabel. Hände, die den Schmerz wegstreichelten, die ihn einzufangen schienen. Viermal unterbrach Ut ihr Kreiseln, preßte die Handhöhlen zusammen, als halte sie darin etwas fest, stieß die Hände dann in die Luft und öffnete sie dort.

Sie wirft die eingefangenen Schmerzen weg, dachte Anneliese wie gebannt. Sie läßt die Schmerzen wegfliegen wie Vögel. Sie hat die Schmerzen aus dem Körper gezogen und hält sie in den Händen. Fred hält mich für verrückt, wenn ich ihm das erzähle. Keiner glaubt mir das. Wie kann man auch so etwas Ungeheuerliches glauben?

Der Kranke lag jetzt ganz ruhig, atmete durch und schlief mit diesem glücklichen Lächeln ein. Ut wartete, bis er in tiefem Schlaf lag, richtete sich dann auf, warf noch einmal die eingefangenen Schmerzen in die Luft und tauchte die Hände bis zu den Ellenbogen in einen Krug mit Wasser. Völlig erschöpft legte sie sich darauf zwischen ihre Kinder, schob ein flaches Kissen unter ihren Nacken und schlief nach wenigen Sekunden ein.

Mit dem Gefühl, in eine andere Welt geblickt zu haben, deren Geheimnisse sie nie ergründen würde, stieg Dr. Anneliese Burgbach die Treppe hinauf an Deck und atmete die reine, kühle Seeluft ein. Der Scheinwerfer kreiste über dem Deckhaus, das Schiff machte kleine Fahrt. Mit gesenktem Kopf ging Anneliese über Deck, als fiele es ihr schwer, sich nach diesem Erlebnis in der realen Welt noch zurechtzufinden.

Noch nie hatte Franz Stellinger mit soviel Freude Liegestühle herumgeschleppt wie an diesem Abend. Er baute sie neben der hölzernen Küchenwand der Vietnamesen auf, holte noch einen Sonnenschirm und den schweren Betonfuß, einen Klapptisch und zwei Gläser und ging dann in die Kabine, wo Hans-Peter Winter, der Koch, auch die Getränke unter Kontrolle hatte.

Winter sah Stellinger mit zusammengezogenen Augenbrauen an. »Was ist?« fragte er. »Kein Schokoladenpudding mehr da.«

»Ich brauche Gin, Maracujasaft, einen Becher Eis, zwei Cocktaillöffel …«

»… ein Girl mit Riesentitten und Kraftpillen ›Immer ran‹.«

»Ich muß deine verklopsten Kanonenkugeln aufweichen!« sagte Stellinger.

Winter grinste breit. »In die nächsten Klopse mische ich dir Eisenspäne, darauf kannst du dich verlassen. Gin willst du? Wieviel?«

»Gib ’ne Flasche raus.«

Winter holte ein kleines Blechtablett, das mit einer holländischen Landschaft bemalt war, und stellte Gin, eine Kanne mit Maracujasaft und zwei Gläser mit zwei langen Löffeln darauf. »Sieht ganz nach einer Orgie aus«, sagte er dabei. »Nur die Titten fehlen.«

»Du bist eine ordinäre Sau!« brüllte Stellinger ihn an. Er nahm das Tablett, balancierte es auf Deck und trug es zu den Liegestühlen. Das Abendrot glühte wieder über dem ganzen Himmel und brannte im Meer. Diese wenigen Minuten des Abschied nehmenden Tages erweckten selbst bei Stellinger das Gefühl, daß so viel Schönheit nur stumm zu betrachten war.

Und dann kam Kim Thu Mai. Sie hatte sich, soweit das möglich war, festlich angezogen, trug eine hellblaue Bluse, einen langen Rock, ungebügelt und voller Falten, das schwarze Haar war mit einem roten Band zusammengehalten und an den zierlichen Füßen hatte sie die flachen Plastiksandalen, die jeder Gerettete an Bord erhielt. Die meisten Flüchtlinge waren barfuß gewesen, oder das Salzwasser hatte die billigen Schuhe aufgelöst und zerfressen.

»Mai, du siehst phantastisch aus!« sagte Stellinger mit stockendem Atem. Gegen den flammenden Himmel wirkte sie wie eine Traumgestalt.

»Mehr habe ich nicht mitnehmen können, Toam. Entschuldige, daß alles so zerknittert ist.«

»Auch wenn du Lumpen tragen würdest, bist du die Schönste.« Er zeigte auf einen Liegestuhl. »Setz dich.«

»Ich soll mich hineinlegen?« Sie blickte vom Liegestuhl zu Stellinger und zurück. Ihre braunschwarzen Augen zeigten Abwehr. »Ich setze mich neben dich auf den Boden.«

»Aber dafür ist doch der Stuhl da, Mai.«

»Ich kann mich nicht neben dich legen, Toam. Verstehst du?«

»Nein.«

»Neben einem Mann liegt nur seine Frau oder seine Geliebte.«

»Aber doch nicht in einem Liegestuhl!« Stellinger war verwirrt. Wie verdammt kompliziert ist das alles! Er ließ sich in seine Liege fallen und klopfte mit der Hand auf den Bezug des freien Stuhles. »Komm hierhin, Mai. Willst du etwas trinken?«

»Nein.« Sie setzte sich zögernd, sah wieder Stellinger an und schob dann so vorsichtig, als könne sie einbrechen, die Beine hoch. Sie lehnte sich zurück und ließ die Hände an den Seiten herunterhängen. »Es ist das erstemal, Toam.«

»Du hast noch nie in einem Liegestuhl gelegen?«

»Nein. In der Missionsschule gab es vier Stück. Aber die waren für den Pater, die Schwestern und für die Gäste da, die uns besuchten. Von uns hat sich niemand hineingelegt, auch nicht heimlich.«

»Dann müssen wir das jetzt unbedingt feiern!« rief Stellinger, richtete sich auf, griff nach Gin und Maracujasaft und mischte sie in den Gläsern. Zuletzt warf er die Eiswürfel hinein und rührte mit den Löffeln um. »Mai zum erstenmal in einem Liegestuhl. Prost!«

Er hielt Kim das Glas hin.

Sie nahm es und roch daran. »Was ist das, Toam?«

»Ein Cocktail.«

»Was ist ein Cocktail?«

»Ein Gemisch von — na, wie soll man sagen — von verschiedenen Getränken. Probier es, Mai, es wird dir gefallen.« Er hob sein Glas, prostete ihr zu und nahm einen langen Schluck. Kim schaute ihm zu, setzte dann vorsichtig das Glas an ihre Lippen und ließ die Zungenspitze vorschnellen. Wie bei einer tastenden Schlange sah es aus, mißtrauisch und doch neugierig. Erst darauf trank sie ein paar Tropfen des Cocktails und setzte das Glas schnell auf den Klapptisch zurück.

»Schmeckt das gut?« fragte Stellinger, der jede ihrer Bewegungen in sich aufnahm. Er starrte sie an, als könnten seine Augen sie aufsaugen.

»Es brennt auf der Zunge und im Hals.«

»Das ist der Gin. Alkohol.«

»Ich habe noch nie Alkohol getrunken, Toam. Der Pater sagte immer: Im Alkohol wohnt der Teufel. Das ist wahr. Ich habe so viele Männer gesehen, die haben Reisschnaps getrunken, prügelten sich dann, krochen über den Boden, schlugen ihre Frauen, stießen fremde Laute aus und waren nicht mehr die Männer, die wir kannten. Der Teufel war in ihnen.« Sie hob die Hand, tippte mit dem Zeigefinger an Stellingers Glas und sagte ganz ernst: »Schütte es weg, Toam. Ich will nicht, daß der Teufel in dich kommt.«

»So schnell ist er nicht da, Mai.« Stellinger lachte, stellte aber sein Glas zurück auf den Tisch. »Erzähl mir von dir, von deinem Dorf, wie du gelebt hast — ich will alles wissen. Und dann erzähle ich dir von mir.«

»Wir wollten lernen, Toam. Ich will deutsche Wörter lernen.«

»Das hat Zeit, Mai.«

»Nein, es hat keine Zeit. Wenn man mich nach Deutschland bringt, will ich sagen können: ›Guuutten Taaagg‹ …«

»Bravo!« Stellinger klatschte in die Hände und beugte sich zu Kim hinüber. Ein verflucht schlechter Platz, knurrte er innerlich. Jeder kann uns sehen. Bist ein Riesenrindvieh, Franz. Jetzt wäre die Gelegenheit gewesen, sie zu küssen. Aus Begeisterung, damit hätte man das entschuldigen können. Aber hier sitzen wir wie auf einer Bühne und müssen ein saudummes Theaterstück vorspielen. »Woher kennst du das?«

»Habe ich geübt bei Xuong, dem Lehrer. War es richtig?«

»Ich habe ›Guten Tag‹ nie so schön gehört.«

»Dann sag mir andere Wörter, Toam. Aber nicht lachen, wenn es falsch klingt.«

»Ich möchte dich für jedes deutsche Wort umarmen, Mai.«

»Tu es nicht.« Sie legte sich in den Liegestuhl zurück, aber so weit wie möglich von ihm entfernt. »Du bist ein großer Herr. Ich bin nur ein aufgefischter Körper.«

»Ein wundervoller Körper … und mehr, viel mehr … du bist Mai … und du sollst einmal glücklich werden, alles vergessen, was war.«

»Ich werde Vietnam nie vergessen, Toam. Wir alle werden das nicht. Und was ist Glück?«

»Ich werde es dir zeigen.« Stellinger holte tief Atem. Jetzt hätte ich sie küssen müssen, aber wer weiß, wieviel Augen uns zusehen? Läßt sie sich überhaupt küssen? Wird sie sich wehren, mit den Fäusten um sich schlagen, um Hilfe schreien? Hat ein Mann sie überhaupt schon mal geküßt?

»Glück ist, wenn man sagt: ›Verdammt, ist die Welt schön! Zum Teufel — ist das Leben herrlich! Und die Liebe ist Glück‹.«

»Warum verdammt und zum Teufel, Toam?«

»Ja, warum?« Stellinger kratzte sich den Kopf. »Wer hat jemals über so etwas nachgedacht? Man sagt das so, Mai. Das sind Ausrufe. Verdammt und Teufel haben da eine andere Bedeutung … eine besonders gute.«

»Eure Sprache ist eine schwere Sprache.« Sie richtete sich plötzlich auf, griff nach dem Glas und trank einen guten Schluck. Zwar hustete sie hinterher ein paarmal und ihre Augen bekamen einen wässrigen Glanz, aber sie sagte, atemholend: »Wenn Teufel nicht Teufel ist, kann ich auch trinken.«

Das war die Gelegenheit Nummer drei, sie zu küssen, fluchte Stellinger in sich hinein. Bist du ein Ochse, einen solchen Platz auszusuchen! Zwar wird es jetzt dunkel, der Himmel wird schon violett, das Meer wird grau, wir sitzen hier im tiefen Schatten, aber gleich gehen die Lichter an, nebenan in der Küche wird geputzt und das Essen für morgen zubereitet, überall ist es hell genug, um uns zu sehen.

»Fang an«, unterbrach Kim seine gegen sich gerichteten Haßgedanken.

»Womit?«

»Mit Deutsch.« Sie hielt das Glas hoch. »Was ist das?«

»Glas.«

»Glaaasss …« Sie zeigte auf sich. »Und das?«

»Mai …«

»Nein. Was bin ich?«

»Sprich nach: Ich bin deine Frau.«

»Ein so langes Wort?«

»Das Wichtigste für dich und mich. Fang an: Ich bin …«

»Isch biinnn …«

»… deine Frau …«

»… doeinne Frrrau.« Sie lachte ihn an, ihre Augen blitzten, und als sie sich im Liegestuhl reckte, sah er durch die dünne Bluse ihre Brüste, klein und spitz. Stellinger bekam einen Kloß im Hals und mußte schlucken.

»Ja, das bist du!« sagte er auf deutsch. »Meine Frau. Da gibt es gar kein Vertun mehr, das handelt sich nur noch um Monate … Ich liebe dich … und deinetwegen bleibe ich sogar an Land.«

»Was sagst du, Toam?« fragte Kim und trank wieder einen Schluck des Cocktails.

»Ich habe gesagt: Das war gut.«

»Ihr habt eine lange Sprache für so wenige Wörter.« Sie hob das Glas hoch, schwenkte es, und ihr Gesicht strahlte. »Das ist ein guter Teufel, Toam!«

Du lieber Himmel, sie wird betrunken! durchfuhr es Stellinger. Nach zwei Schlucken! Aber wer noch nie Alkohol getrunken hat — und die Mischung ist 1:1. Halb Gin, halb Maracujasaft, so wie ich’s gern habe. Auf Mai muß das wie ein Hammerschlag wirken.

Er nahm ihr das Glas aus der Hand und schob es an den Rand des Tisches.

»Warum nimmst du Teufelchen weg?« lachte sie. Mit hoch erhobenen Armen warf sie sich in den Liegestuhl zurück, die Bluse rutschte aus dem Rock, ein Teil ihres flachen, nackten Bauches wurde sichtbar. Sie trug wirklich nichts unter Bluse und Rock, und als sie sich jetzt wieder reckte, hob sich ihr winziger Bauchnabel ihm entgegen. Stellinger blähte die Nasenflügel und sah sich um.

Ihm war das plötzlich alles peinlich. Wer beobachtete sie? Er hatte ein Mädchen betrunken gemacht, und jeder, der das sah, würde sagen: Dieser Stellinger, der alte, geile Bock. Haut der Kleinen einen Hochprozentigen rein und macht sie damit willenlos. Eine ganz gemeine, hinterhältige Masche! Gleich schleppt er sie ab, und wenn die Kleine morgen früh in seiner Koje aufwacht, bekommt sie ein gutes Frühstück und vielleicht noch drei Zigaretten. So billig macht’s der Halunke. Stellinger, du bist ein Schwein.

Nebenan, in der Flüchtlingsküche, war man mit dem Reinigen fertig. Drei Frauen kamen heraus und gingen hintereinander zum Niedergang des Unterdecks. Die Liegestühle standen nun im Dunkel, im Schatten der Küchenwand. Man mußte schon scharfe Augen haben, um zu sehen, was dort geschah.

Kim beugte sich wieder vor und wollte nach dem Glas greifen. Aber Stellinger hielt ihren Arm fest. »Nicht mehr, Mai«, sagte er.

»Das Teufelchen ruft mich.«

»Du trinkst jetzt keinen Schluck mehr!«

»Warum bist du so böse, Toam?« Sie entriß ihm mit einem Ruck ihren Arm und warf sich wieder nach hinten in den Stuhl. Die Bluse rutschte hoch bis unter ihre Brüste. Ein schmaler, glatter Körper mit der Geschmeidigkeit einer Schlange.

»Ich bin nicht böse«, sagte Stellinger mit belegter Stimme. »Aber es ist besser, du gehst jetzt zu deinen Leuten.«

»Ich habe doch noch nichts gelernt, Toam.« Sie drehte sich auf die Seite und sah ihn mit glitzernden Augen an. »Glaaasss … und Isch biinnn doeinne Frrrau …«

»Das ist genug, Mai. Es ist schon dunkel.«

»Braucht man zum Lernen Licht?« Sie kicherte, wie nur eine Betrunkene kichern kann. »Was heißt Licht auf deutsch?«

»Licht.«

»Liechtt … Brauchen wir denn Liechtt, Toam?«

»Wir lernen morgen weiter.« Stellinger stand auf, beugte sich über Kim, griff nach ihren Armen und zog sie aus dem Liegestuhl hoch. Sie fiel gegen seine Brust, warf die Arme um ihn und klammerte sich an ihm fest. Ihr Lachen wehte über sein Gesicht.

»Ich bringe dich hinunter«, sagte Stellinger rauh. »Morgen, nach dem Frühstück, treffen wir uns wieder hier neben der Küche.«

»Du bist doch böse, Toam«, lallte sie und ging, auf Stellinger gestützt, zum Niedergang. »Was hat Mai getan … Isch biinnn doeinne Frrrau …«

Stellinger wartete, bis sie sich die Treppe hinuntergetastet hatte und in der Dunkelheit des Ganges verschwand. Dann ging er zurück zu den Liegestühlen, kippte beide Gläser in sich hinein und nahm die Ginflasche unter den Arm. Jetzt besauf’ ich mich, dachte er. Stellinger, das muß einfach sein. Du hast zwei Gründe, dich zu besaufen: Einmal — du wirst Mai nie wieder hergeben, und zum zweiten — du bist wirklich das größte Rindviech!

Unten, im Gang zu den Schlafkammern, wartete Vu Xuan Le auf Kim. Als sie an ihm vorbeiging, riß er sie herum und drückte sie gegen die Wand. »Du hast Alkohol getrunken!« zischte er ihr ins Gesicht. Er zitterte.

»Ja«, sagte Kim. Nur dieses eine Wort, aber wer in ihren Augen zu lesen verstand, brauchte nicht mehr weiterzufragen.

»Du hast dich benommen wie eine Hure.«

»Ja.«

»Du liebst ihn!«

»Ja!«

»Du wirst mit ihm huren.«

»Ja!«

Vor Les Augen zog ein roter Nebel. Er schlug zu, mit der flachen Hand in Kims Gesicht, in Kims Nacken, in Kims Halsbeuge, auf ihre Brüste, auf ihre Schultern. Er schlug und schlug, und Kim rührte sich nicht, nahm die Schläge hin, gab keinen Laut von sich, und lehnte, als er endlich aufhörte, den Kopf gegen die Wand.

»Ich töte ihn«, sagte Le mit einer geradezu feierlichen Stimme. Es klang wie ein Schwur. »Ich töte ihn.«

Dann riß er Kim von der Wand in den Gang und brachte sie zu ihrem Lager.

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Für Dr. Anneliese Burgbach war es eine schlaflose Nacht. Sie lag auf dem Bett, starrte gegen die Kabinendecke und rief sich immer wieder das ungeheure Ereignis ins Gedächtnis.

Eine junge Frau streichelt einem Kranken, der einen inoperablen Magen-Ca hat, die Schmerzen fort. Nein, sie holt die Schmerzen aus ihm heraus, sammelt sie in ihren Händen und wirft sie dann weg in die Luft. Und der Kranke, der eigentlich vor Schmerzen schreien müßte, schläft mit einem Lächeln ein.

Sie hatte schon viel gelesen von den philippinischen Wunderheilern, die mit der bloßen Hand operieren, Geschwüre aus dem Körper holen, und keine Narbe bleibt zurück. Sie hatte die Berichte über Dschuna studiert, dieses russische Phänomen, das mit den Händen Strahlen aussenden konnte, die Krankheiten verödeten, vom Rheuma in den Schultern bis zu einer Prostatitis, vom Lungenödem bis zum Magengeschwür, es wurde alles genau protokolliert und sogar gefilmt. Anneliese hatte immer an einen besonders raffinierten Trick gedacht. Sie hatte Bücher über Schamanen und Medizinmänner der Naturvölker durchgeblättert und immer nur den Kopf geschüttelt. Alles war psychosomatisch erklärbar, waren sogenannte hysterische Heilerfolge, Krankheiten, deren tiefere Ursache eine psychische Störung war, so wie Blinde an Wunderquellen wieder sehend werden oder Gelähmte aus ihrem Rollstuhl aufstehen. Für einen Schulmediziner gibt es keine Wunder, ist alles rational erklärbar, auch wenn immer wieder diese Wunderheilungen in der Presse auftauchen und Millionen Menschen daran glauben. Man kann keinen Krebs wegstreicheln, es gibt keine Hände, die durch Auflegen eine Lymphogranulomatose verschwinden lassen, es ist unmöglich, durch kreisende Handbewegungen eine Lungenfibrose zu beeinflussen. Und ein Tumorschmerz ist im Endstadium nur mit Morphium zu beherrschen.

Wirklich nur mit starken Opiaten? Ist das die Endstation der Medizin?

Die junge Frau, die Ut hieß, ein aus dem Meer gefischter Flüchtling, von dem noch keiner weiß, wer ihn aufnimmt, wohin er kommt, wo er weiterleben darf, wenn die Politiker überhaupt so gnädig sind, ihn wahrzunehmen und sich an Humanität zu erinnern, Ut, die hier auf einem umgebauten Containerschiff in einem Lagerraum unter Deck mit fünfzig anderen Geflüchteten auf einem Holzpodium mit Decken und Bambusmatten haust und so gläubig und dankbar zu ein paar deutschen Ärzten und deutschen Seemännern aufblickt, voll Vertrauen, daß dieses Schiff sie in eine neue Welt fährt — diese unbekannte Ut aus einem Fischerdorf am Mekong-Delta von Vietnam hebt ihre Hände und streichelt Tumorschmerzen weg.

Gibt es doch noch Wunder?

Beim Erwachen des Tages ging Anneliese an Deck und erlebte wieder die Geburt der Sonne und des goldenen Meeres. Auf der Brückennock stand die letzte Nachtwache, winkte fröhlich, beugte sich über die Brüstung und rief hinunter: »Guten Morgen, schöne Kollegin! Was treibt Sie so früh in den Wind?«

Sie antwortete nicht, starrte ins Meer und hatte immer wieder Ut vor Augen, wie sie den Todkranken von seinen unerträglichen Schmerzen befreite. Sie muß das täglich mehrmals tun, dachte sie. Wie Johann Pitz sagt: Der Kerl ißt nicht, er frißt. Wie kann man mit einem solch zerstörten Magen überhaupt etwas essen? Es müßte doch alles wieder ausgespien werden. Ihr fielen hundert Fragen ein, die nicht beantwortet werden konnten. Sie blieb an der Reling stehen, bis das Meer sich blau färbte und sich der wolkenlose Himmel in ihm spiegelte. Dann ging sie ins Deckshaus und zur Küche, wo Hans-Peter Winter damit beschäftigt war, frisch gebackene Brötchen aus dem Backofen zu holen.

»Sie sind schon wach, Frau Doktor?« staunte Winter. »Es ist erst sechs Uhr!«

»Ich habe den Duft Ihrer Brötchen gerochen und bin ihm nachgegangen. Dieser Brotgeruch ist für mich wie ein Magnet.« Sie griff in den Korb, aber bevor Winter rufen konnte »Vorsicht! Heiß!«, hatte sie schon in ein Brötchen gebissen und zerkaute es mit einem Wohlgefühl wie in Kindertagen. Es gab damals nichts schöneres für sie als ein heißes, duftendes, knackiges Brötchen, nebenan von Bäcker Beilcke.

»Dazu eine Tasse Kaffee, Frau Doktor?« fragte Winter.

»Haben Sie einen?«

»Ich bin seit vier Uhr auf. Da brauche ich einen Kaffee zum Ankurbeln.«

»Ich glaube, den habe ich jetzt auch nötig.«

Winter brachte eine hohe Tasse schwarzen Kaffee, entschuldigte sich, daß er kein besseres Geschirr habe und sagte, als Anneliese zu einem zweiten heißen Brötchen griff: »Ich hole sofort Butter und Wurst, Frau Doktor. Sie können doch nicht trockene Brötchen essen.«

»Bei frischen Brötchen brauche ich nichts.« Sie trank vorsichtig den heißen Kaffee, lehnte sich an die gekachelte Wand und kaute mit vollen Backen. Sie ist ein richtiger Kumpel, dachte Winter begeistert. Sie ist wirklich eine, mit der man Pferde stehlen kann. Nichts von Einbildung, kein akademisches Nasehochtragen, kein Lauttöner wie dieser Dr. Starke mit seinem affigen Gehabe … nein, sie ist ein Kumpel! Warum ist so eine tolle Frau noch nicht verheiratet?

»Was gibt’s für neuen Klatsch an Bord?« fragte sie nach dem zweiten Brötchen. Ich könnte noch eins essen, dachte sie, aber dann platzt mein Magen. Ich habe einen Hunger wie ein Wolf im Winter … woher kommt das bloß? »Sie wissen doch alles. Bei Ihnen in der Küche laufen doch alle Neuigkeiten zusammen. Wie bei uns Frauen beim Friseur.«

»Stellinger reißt die Kim auf!«

»Wie bitte?«

»Verzeihung.« Winter wurde verlegen. »Bei uns sagt man das so. Der Oberbootsmann zeigt ein großes Interesse für ein vietnamesisches Mädchen. Da drüben, neben der Küche, stehen noch die Liegestühle … da haben sie gestern im Dunkeln gelegen. Und geklaut wird an Bord.«

»Was? Das ist wirklich neu.«

»Mir fehlen ein schweres Metzgermesser und ein Wetzstein. Das ist doch verrückt. Wenn man Fleisch oder Wurst oder Käse oder sonst was Eßbares klauen würde, na ja, das wäre verständlich. Aber so ein Messer? Und ein Wetzstein! Ich habe Johann schon gefragt, ob sie im OP kein scharfes Messer mehr haben. Jesses, hat der geschimpft! Boxen wollte er mit mir. Ich bin doch kein Selbstverstümmler! Aber das Messer ist weg!«

»Haben Sie schon mal an die Vietnamesen gedacht?«

»Aber sofort. Ich habe ihre Küche durchsucht, von hinten bis vorn. Mein Messer war nicht dabei. Ich erkenne es sofort wieder. In den Holzgriff habe ich ein W geschnitzt.«

»Sie sollten das Stellinger melden.«

»Dem? Wissen Sie, Frau Doktor, was der sagen wird: ›Endlich hat einer den Mut, deine Schnitzel zu zerschneiden und nicht gleich über Bord zu werfen.‹ Vielleicht hat er das Messer sogar selbst! Ich habe auch noch keinen Krach geschlagen, ich bleibe ganz still, aber wenn ich das Messer finde, gibt es Rabbatz.«

Anneliese trank die Tasse aus, bezwang ihren Drang, doch noch eines der duftenden Brötchen mitzunehmen, und verließ die Küche. Im Treppenhaus hörte sie Pfeifen. Dr. Starke kam von der Nachtwache auf der Brücke zurück. Um ihm jetzt nicht zu begegnen, ging sie wieder hinaus aufs Deck. Dort sah sie Lam Van Xuong auf einer Taurolle sitzen und über das Meer blicken. Er sprang sofort auf, als er Anneliese auf sich zukommen hörte. Sein Gehör war wie das eines Tieres, geschult im Dschungel, wo gutes Hören oft das Überleben bedeutete.

»Guten Morgen«, sagte er und machte eine tiefe Verbeugung. »Darf ich Ihnen sagen, daß wir alle sehr glücklich und fröhlich sind?«

»Dann geht es euch besser als mir, Xuong.«

»Sie haben Kummer, Frau Doktor?«

»Man kann das nicht Kummer nennen. Eher Enttäuschung. Unser Koch ist bestohlen worden.«

»Nicht von meinen Leuten.« Er sagte das fest und überzeugend. »Ihre Dankbarkeit ließe einen Diebstahl nicht zu. Wäre ein Dieb unter ihnen, wir würden ihn hart bestrafen. Er würde nicht mehr zu uns gehören.«

Anneliese forschte nicht weiter, was das bedeutete. Sie ahnte es auch so und zog plötzlich schaudernd die Schultern zusammen. Wir sind aus zwei verschiedenen Welten, dachte sie. Es hat keinen Sinn, darüber zu diskutieren. Überhaupt keinen Sinn. Wir Menschen der westlichen Welt werden Asien nie ganz begreifen. Noch heute schlägt man auf öffentlichen Plätzen, vor einer jubelnden Menge, Köpfe ab. Aber tat man das bei uns nicht auch? Heinrich VIII. ließ seine Frauen enthaupten. Wir Deutschen ließen die Guillotine, dieses perfekte Köpfungsinstrument, sogar bis 1945 arbeiten. Das Richtschwert im Mittelalter, das Verbrennen der »Hexen« während der Inquisition, — wir sollten nicht so selbstherrlich sein. Wir haben sogar das Kreuz den schreienden Gefolterten vor das Gesicht gehalten und Priester beteten dazu.

»Was ist gestohlen worden?« fragte Xuong.

»Ein großes, schweres Messer und ein Wetzstein.«

»Ein Messer?« Xuong ließ sich nicht anmerken, daß nun doch große Sorge über ihn kam. »Das ist wirklich merkwürdig, Frau Doktor.«

»In den Messergriff ist ein W geschnitzt.«

»Ich werde die Augen offenhalten.« Xuong verbeugte sich wieder tief. »Gestatten Sie, daß ich Ihre Enttäuschung teile …« Er drehte sich um und stieg hinab ins Unterdeck. Herauf kamen dafür die Küchenfrauen und eilten zu dem hölzernen Aufbau, um den morgendlichen Tee zu kochen und Zwieback für das Frühstück auszupacken.

Anneliese schaute auf ihre Armbanduhr. Sieben Uhr. Wie schnell eine Stunde vergeht, und wieviel in ihr geschehen kann. Um halb acht war die erste Besprechung bei Dr. Herbergh. Diskutieren der aktuellen Fälle, Therapiemaßnahmen, Röntgenbilder-Demonstration. Wie in einer großen Klinik, nicht anders, auch wenn man auf einem Schiff im Südchinesischen Meer schwamm. Sie ging in ihre Kabine, duschte, zog Jeans und eine Bluse und darüber den weißen Kittel an und betrat Punkt halb acht Dr. Herberghs Zimmer im Hospital. Dr. Starke war schon da, gleich hinter ihr kamen Johann Pitz und Kätzchen Julia.

»Unsere Morgenrotanbeterin!« sagte Dr. Starke, als Anneliese ins Zimmer kam. »Wir haben Sie beim Frühstück vermißt. Wird man von der Sonne satt? Ich habe bisher nur gehört, daß man von ihr trunken werden kann.«

»Oder man bekommt einen Sonnenstich und redet dann dummes Zeug.« Sie setzte sich an den viereckigen Tisch und bemerkte, daß Dr. Herbergh in sich hineinlachte. Dr. Starke hob schnuppernd die Nase.

»Dieser Duft! Paradiesblüten! Benutzen Sie ein neues Parfüm, schöne Kollegin? Betäubend — wir werden Narkosemittel einsparen können. Da zeigt es sich, was eine fabelhafte Anästhesistin ist!«

»Zur Sache.« Dr. Herbergh klopfte mit dem Fingerknöchel auf den Tisch. »Julia, etwas Besonderes von Ihrer Station?«

»Nichts. Es läuft alles normal.«

»Bei Ihnen, Johann?«

»Normal.«

Dr. Herbergh blickte Anneliese an, etwas erstaunt, daß sie nichts von einer Beobachtung berichtete. Auch wenn sie nichts gesehen hatte, konnte man über den Fall sprechen. Er gab ihr ein Stichwort, so wie im Theater ein Dialog beginnt. »Was hört man von dem Magen-Ca?«

Dr. Starke war erstaunt. Für ihn war das kein Thema mehr. Der Mann würde die Ausschiffung in Manila nicht mehr erleben; was man für ihn noch tun konnte, war, sein Ende sanft zu machen. Aber er hatte ja ohnehin keine Schmerzen. Unverständlich, aber man mußte das hinnehmen.

»Nach jedem Essen bekommt er unerträgliche Schmerzen«, sagte Anneliese plötzlich. Es war, als schlüge sie mit der Faust auf den Tisch.

»Auf einmal?« Dr. Starke schüttelte den Kopf. »Noch gestern wurde gesagt — ich sehe ihn mir jeden Tag bei der Visite genau an — keine Anzeichen von Schmerz!«

»Er krümmt sich vor Schmerzen, schlägt mit dem Kopf auf den Boden, verkrampft sich völlig …«

»Gestern abend ist er an Deck spazieren gegangen. Zwei Freunde haben ihn gestützt, aber er ging!« rief Johann Pitz protestierend.

»Vor dem Essen, Johann.« Anneliese lehnte sich zurück. »Nach dem Essen ist er ein elendes Bündel Schmerzen.«

»Und das übersteht er ohne Injektionen?«

»Ja. Haben Sie ihm welche gegeben, Wilhelm?«

»Nein. Immer, wenn ich kam, war er völlig schmerzfrei. Niemand hat mir gesagt, daß …«

»Es wußte auch niemand. Ich habe es gestern abend gesehen. Ich habe in einer Ecke des Schlafraumes gesessen und ihn beobachtet. Als er vor Schmerzen hochschnellte, mußte ich mich bezwingen, ihm nicht zu helfen. Und dann ließen die Schmerzen nach.«

»Von allein?« fragte Dr. Herbergh. In seiner Stimme schwangen Ungeduld und Erwartung. »Das gibt es doch nicht! So stark kann keine Selbsthypnose sein, daß sie Tumorschmerzen wegscheucht. Was Sie da andeuten, Anneliese, hört sich ganz nach Selbsthypnose an.«

»Neben ihm auf der Matte saß eine Frau, eine Mutter von drei Kindern. Ut heißt sie. Eine noch junge Frau.«

»Sie war drei Tage auf Station.« Julia beugte sich vor. Pitz ärgerte sich, daß man dabei in ihren Ausschnitt und den Ansatz ihrer Brüste sehen konnte. Verdammt, warum trägt sie im Dienst keinen BH?! Für mich ist das nicht nötig, ich weiß, was sie hat. »Sie hat drei Infusionen bekommen und w