/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Des Siegers bittere Tränen

Heinz Konsalik


Des Siegers bittere Tränen

Heinz G. Konsalik

1981

Inhaltsverzeichnis

Die Zigeuner sind da …

Sizilianische Liebe

Besuch um Mitternacht

Das Liebesschloß der Gräfin B.

Die »ehrenwerten Männer«

Der blinde Kurier

Ungarische Erinnerungen

Flucht durch die Wüste

Der Sprung durch das Feuer

Der Judomeister

Fünfzigtausend Dollar Lösegeld

Das Mörderturnier

Das Erdbeben von Manila

Die Zigeuner sind da …

Die Lagerfeuer loderten, Holzkloben prasselten in den Flammen, der Wind trieb die Funken hoch in den Nachthimmel, es roch nach gebratenem Fleisch, verschwitzten Kleidern und nach fremdem, romantischem Abenteuer.

Zigeuner waren ins Dorf gekommen. Zehn chromblitzende große Wagen mit Wohnanhängern, geräumig wie kleine Bungalows. Langsam waren sie am Vormittag durch die stille Dorfstraße von Barsfeld gezogen, bestaunt von den Kindern, argwöhnisch beobachtet von den Bauersfrauen, die sofort ihre auf den Leinen hängende Wäsche ins Haus holten.

Aber sie kamen nicht unangemeldet, die Zigeuner. Ein »Quartiermacher« war am Tag vorher in Barsfeld gewesen und hatte um Erlaubnis nachgesucht, zwei Tage irgendwo mit seiner Sippe rasten und einen Kinderzirkus vorführen zu dürfen.

»Haben wir gutes Pferd«, sagte der dunkel gelockte Mann mit dem wetterbraunen zerfurchten Gesicht. Er trug einen eleganten Maßanzug, italienische Schuhe, einen französischen Schlips und einen englischen Hut. Zigeuner kommen heute nicht mehr in Lumpen, wie man sie aus Operetten oder Klischeefilmen kennt … sie sind Handelsleute, besitzen einen Wandergewerbeschein und zahlen Steuern — auf die letztere Feststellung legen sie besonderen Wert. So blätterte auch der abenteuerlich aussehende Mann dem Bürgermeister von Barsfeld seine Papiere auf den Tisch: Paß, Sozialversicherungskarte, Gewerbeschein als Zirkusunternehmer und Textilvertreter, letzte Abmeldung von der Behörde in Ebbenrode, das lag vierzig Kilometer nördlich von Barsfeld. Sogar ein Brief des Bischofs von Paderborn war dabei, in dem dieser bestätigte, daß die Sippe Zugan Kalman eine im Glauben an Christus gefestigte kleine Gemeinde sei.

Das gab den Ausschlag. Der Bürgermeister von Barsfeld wies den Zigeunern ein gemeindeeigenes Wiesenstück am Flüßchen Bars zu. Ortspolizist Jens Bisterfeld erhielt den Auftrag, für Ordnung zu sorgen.

Nun waren sie da — eine Karawane von teuren Autos und Wohnwagen. Eine Demonstration der Geschäftstüchtigkeit. »Wie bei ’ner Versammlung von Industriebossen«, sagte der Bauer Rumpfe, der mit seinem Trecker um das Zigeunerlager herumgekreist war und den Barsfeldern die ersten Nachrichten brachte. »Sitzen da wie die dicken Wilhelms, verrückt, sage ich euch. Anzüge wie aus ’nem Neckermannkatalog und dann ein Lagerfeuer wie im Mittelalter.« Und unter der Hand, augenzwinkernd: »Und schicke Weiber heben se dabei. So schwarzgelockte, wißt ihr … mit Feuer im Hintern.« Er lachte glucksend, rieb sich die Handflächen an der Hose ab und trank noch einen Schnaps. In der Schankstube von Gasthof und Hotel Zur Eiche, der einzigen Wirtschaft von Barsfeld, verbreitete sich Spannung. Was hatte Barsfeld schon zu bieten? Saftige Weiden, eine Ziegelei, einen guten Wald, Rehwild und H. H.

Dieses H. H. bedeutete Horst Hartung. Er war das Renommierstück von Barsfeld, die einzige Verbindung zur großen, weiten Welt, denn Hartung besaß nicht nur ein Mustergut — nicht groß, aber gepflegt wie ein Schmuckkästchen —, eine kleine Pferdezucht und eine Reitschule, sondern er war auch ein international bekannter Reiter. Immer, wenn irgendwo ein Preisspringen stattfand und das Fernsehen den Kampf um Hindernishöhe und Sekunden übertrug, saß Barsfeld vor dem Bildschirm und starrte auf seinen Bürger Horst Hartung. Gewann er, trank man auf sein Wohl, verlor er, überschüttete man ihn mit bitterer Kritik. Man sieht — Barsfeld kann überall liegen. Seine Einwohner sind so wie alle Menschen.

Das war aber auch alles, was der kleine Ort zu bieten hatte. Das große Leben floß an ihm vorbei wie ein ferner Strom, die Politik endete im Gemeinderat, und außer hin und wieder einem Sterbefall gab es wenig Abwechslung im täglichen Einerlei.

Nun aber waren Zigeuner gekommen. Hübsche schwarzgelockte Frauen, Männer, die völlig frei und ungebunden wirkten — eine Karawane aus dem Morgenland gewissermaßen. Sie bauten ihre chromblitzenden Autos wie eine Wagenburg auf — die Barsfelder kannten das vom Fernsehen, so machten es die Trecks im Wilden Westen auch, aus den Wohnwagen erklang Radiomusik, ein kleines Zeltdach wurde hochgezogen; es erinnerte an einen Zirkus, dessen Romantik immer mehr stirbt, vier Pferde wieherten an den Pflöcken, der Bauer Muckemann lieferte Strohballen und eine große Schütte Heu, hielt sofort die Hand auf und bekam auch sofort sein Geld. Und dann wurde es Abend, die Lagerfeuer loderten auf, die ersten Besucher umstanden das Zigeunerlager und starrten auf die fremden Menschen aus einer anderen Welt.

Um zwanzig Uhr — so hatten die Zigeuner durch Handzettel bekanntgegeben — war die erste Vorstellung. Gemeindepolizist Bisterfeld begutachtete die Sicherheitsvorkehrungen und wunderte sich über die Kombination von Zirkus und Textilverkauf. Denn neben der ‘Manege’, einer kreisrunden Bahn aus Sand — ihn lieferte der Bauunternehmer Vierbach, zum Sonderpreis von 10,- DM je Tonne frei Manege —, bauten die Zigeuner Stände mit Unterwäsche, Schürzen, Kittelkleidern, Cordhosen, Oberhemden, Tischdecken, Federbetten, Steppdecken und Teppichen auf.

»Sie bleiben eben Gauner«, sagte Bisterfeld leise zum Bürgermeister, der als Ehrengast geladen war. »Aber die Kerle haben den Dreh ’raus wie kein anderer. Wetten, die machen bei uns ein Bombengeschäft!«

Die Zirkusvorstellung war schlecht. Siffa, eine bildhübsche junge Zigeunerin im engen Trikot, hüpfte vom Boden auf ein trabendes Pferd und wieder hinunter, kniete auf dem Rücken des Gaules, streckte das linke Bein von sich und lächelte so verführerisch, daß sie Applaus bekam, als habe sie einen dreifachen Salto geboten. Dann kam Zugan Kalman, der Sippenchef, in die Manege, schluckte Feuer und spie es wieder aus, verschluckte zehn flammende Fackeln, blies dann einen Berg Papier an und steckte ihn damit in Brand.

»’n alter Hut«, sagte Polizist Bisterfeld leise zu seinem Bürgermeister. »Das wär ’ne Nummer — Flammen schlucken und durch den Hintern wieder ausblasen.«

Die Umstehenden lachten und klatschten. Zugan verbeugte sich und bot als Zugabe noch ein kleines Feuerwerk.

Dann trabten alle vier Pferdchen in das Rund, und für eine Mark durfte jeder drei Runden reiten. Obzwar man in Barsfeld umsonst reiten konnte, denn die meisten Bauern besaßen noch Pferde, drängte man sich in die Manege. Siffa, die temperamentvolle Schöne aus dem Süden, half jedem in den Sattel. Und das war schon eine Mark wert.

Unbemerkt von den meisten war während der bescheidenen Vorstellung auch Horst Hartung zum Zigeunerlager gekommen. Er erschien zu Pferd, so, wie man ihn kannte, in hellen Reithosen, braunen Stiefeln und einer karierten Jacke. Auf den braunen Haaren trug er eine braune Sportmütze. Bei dem Stand für Tischwäsche stieg er ab und warf seinem Pferd die Zügel über den Kopf. Es blieb stehen, scharrte mit dem rechten Vorderhuf im Gras und sah dann mit hochgestellten Ohren auf die lodernden Lagerfeuer neben der Manege.

Auf der Sandbahn trabten die vier Pferde. Immer im Kreise, mit hängenden Köpfen, geduldig und im dressierten Schritt. Zugan Kalman stand in der Mitte, ließ ab und zu die lange Peitsche knallen, schrie: »Hoi! Hoi!« und verbreitete damit Spannung. Gleich mußten die Zigeunerpferdchen losrennen — Peitschenknallen und Schreie, das mußte sie wild machen. Aber sie trabten lammfromm weiter, hoben nur ab und zu den Kopf und blähten die Nüstern. Das einzige Zeichen von Temperament.

Hartung lehnte sich an einen der Wohnwagen und beobachtete die armen Pferde. Von Pferden verstand er so viel, daß man in Barsfeld behauptete, wenn es eine Seelenwanderung gäbe, müßte Horst Hartung früher ein Pferd gewesen sein. Seine Zucht war berühmt, und seine beiden Springpferde kannte die ganze Welt. In der Wohnhalle seines Hauses blitzten in meterlangen Glasschränken die errittenen Trophäen: Becher, Kelche, Teller, Pokale, Medaillen, Figuren, eine Galerie von Silber und Gold. »Er denkt sogar wie ein Pferd«, behaupteten die Barsfelder. »Deshalb heiratet er auch nicht. Was soll eine Frau mit einem Mann, der im Bett wiehert?«

Das war zwar übertrieben, aber eines stimmte: H. H. war der eisernste Junggeselle zwischen Hamburg und Münster. Warum — darüber sprach er nicht. Im Wirtshaus hatte man versucht, seinen Pferdepfleger und Vertrauten Pedro Romanowski auszuhorchen, aber Romanowski, Ostpreuße, in Berlin aufgewachsen, starrte nur dumpf ins Glas, sagte: »Leckt mich …« und schwieg wieder. Aber soviel bekam man doch heraus: Irgendwann einmal war Horst Hartung verlobt gewesen, eine Komteß soll es sogar gewesen sein, aber die große Liebe zerbrach an den Pferden. Immer unterwegs, immer Turniere, immer nur Pokale sammeln, Ruhm und Anerkennung, das war zuviel gewesen. Eine junge Frau will geliebt werden, aber nicht immer nur ihren Geliebten im Sattel sehen, zwar mit Siegeslorbeeren umkränzt, doch weit von ihrem Bett. Seitdem ging H. H. den Frauen nicht aus dem Weg, aber er umgab sein Herz mit einem undurchdringlichen Panzer.

Das hatte Romanowski nach vielen Wirtshausbesuchen langsam von sich gegeben. Überhaupt Pedro Romanowski — von ihm wird noch eine Menge zu erzählen sein.

Die Zigeunerpferdchen machten eine Pause. Die Reiter, meistens halbwüchsige Jungen, stiegen ab, die schöne, glutäugige Siffa zeigte noch ein Kunststück: Sie sprang auf den Rücken einer goldschimmernden Stute, breitete die Arme aus und ließ sich zweimal um die Manege tragen. Dann sprang sie mit einem einfachen Salto auf den Boden.

Horst Hartung beobachtete mit zusammengekniffenen Augen nicht die verführerische Siffa, bei der man beim Salto ein gut Teil ihrer festen Brüste sehen konnte, sondern die goldschimmernde Stute.

Sie hatte einen schönen, ebenmäßigen Kopf mit einer leichten Rammsnase, große, braune, ausdrucksvolle Augen, einen wunderbaren gebogenen Hals beim Trab, einen selten anmutigen stechenden Schritt und eine so kräftige Hinterhand, daß Hartung dachte: Damit müßte sie über die Hindernisse fliegen, als gäbe es gar keine Höhen und Weiten.

Er stieß sich von der Wohnwagenwand ab, trat näher an das Stallzelt heran und steckte die Hände in die Taschen seiner Reithosen.

Die goldschimmernde Stute gab eine Sondervorstellung. Sie stellte sich auf die Hinterhand, tanzte nach einer Tonbandmusik durch den Sand und wieherte laut. Aber das war kein einstudiertes Wiehern, sondern ein hoffnungsloser, verzweifelter Protest. Hartung verstand ihn sofort, er sah die Augen der Stute, die Stellung der Ohren, die Haltung des Halses, die Beine stampften im Sand, die Vorderhufe schlugen durch die Nachtluft, die Peitsche Zugan Kalmans knallte, und das Pferd tanzte, um sein Futter zu verdienen, es wieherte seinen Protest hinaus, und alle, die ihn hörten, klatschten Beifall, weil es ‘so schön’ klang.

Dann war die Vorstellung zu Ende. Die Zuschauer gingen zurück nach Barsfeld, die meisten in das Wirtshaus Zur Eiche, denn Zuschauen macht durstig. Die Frauen umlagerten die Verkaufsstände, das eigentliche Geschäft begann zu laufen. Nur vier junge Burschen hielten aus, sie drückten sich in der Nähe des Wohnwagens herum, in dem die schöne Siffa wohnte. Erst als Geza Bodvany erschien, ein Bulle von Zigeuner, mit den Händen wedelte und »Weg! Weg!« sagte, verschwanden auch sie in Richtung Barsfeld.

Zugan Kalman betrachtete nachdenklich den Mann in Reitkleidung, der neben dem Pferdezelt stand und keine Anstalten machte, wegzugehen. Drei Pferde waren schon im Zelt angepflockt, nur die goldschimmernde Stute blieb noch in der Bahn. Sie lief jetzt an einer Longe im Kreis, und es war ein anderes Laufen als während der Zirkusvorstellung. Hier entfaltete sich Temperament, lief sich die ungenutzte Kraft müde.

Zugan ließ die Longe fallen und kam auf Hartung zu. Die Stute, befreit von allem Zwang, begann zu galoppieren. Ein herrlicher Galopp, kraftvoll, ein Spiel der Muskeln, eine Lebenslust, die ansteckte.

»Schönes Pferdchen, was?« sagte Zugan und schnalzte mit der Zunge. »Ist echtes Araber.«

»Lügen Sie nicht.« Hartung lächelte breit. »Die Stute ist ein Hannoveraner mit einem Schuß Holsteiner.«

»Oh!« Zugan Kalman rollte die schwarzen Augen und klemmte die lange Peitsche unter den Arm. »Sie verstehen Zucht von Pferde?«

»Ich züchte selbst. Woher haben Sie die Stute?«

»Ist gekommen aus Spanien von bestes Freund, der ist großes Pferdekenner.«

»Und das soll ich Ihnen glauben?«

»Warum nicht?« Kalman lächelte. Sein zerknittertes braunes Gesicht mit dem dünnen Bärtchen auf der Oberlippe verzog sich und wurde fast schön. »Wissen Sie anderes?«

»Natürlich nicht. Wie alt ist die Stute?«

»Fünf Jahre. Ehrlich.«

»Das wiederum glaube ich Ihnen unbesehen. Darf ich einmal in die Bahn? Ich möchte sie mir näher ansehen.«

»Sie wird Sie umrennen, Herr! Ein wildes Vieh ist sie. Rennt Sie einfach um!«

Hartung schüttelte den Kopf. Er trat aus der Dunkelheit des Zeltes in die kümmerliche Manege und blieb in der Mitte stehen. Er tat nichts, er stand nur da und beobachtete das Pferd, das um ihn herumgaloppierte.

Die Stute blickte zu ihm hin. Ihre großen braunen Augen musterten ihn, während des Galoppierens drehte sie den Kopf nach ihm, als wolle sie sagen: Nun sieh mich an. Bin ich nicht schön? Ist mein Tritt nicht voller Kraft? Und beachte, wie ich meinen Hals halte! Sie wieherte, und diesmal klang es anders, lockender, befreiter.

Die goldschimmernde Stute blieb plötzlich stehen. Ihr Fell dampfte in der Nachtluft, glänzte wie Seide und war wie mit rötlichem Gold überpudert. Hartung streckte die rechte Hand aus. Das Pferd nickte und kam langsam näher. Drei Schritte vor dem fremden Menschen blieb es stehen und sah ihn an, die Ohren weit zurückgelegt.

»Weg!« schrie Zugan Kalman und hüpfte auf beiden Beinen. »Weg, Herr, ein Teufel ist sie! Gleich kommt sie!«

Und die Stute kam wirklich. Nur galoppierte sie nicht auf den Mann, sondern machte fast zierlich die letzten drei Schritte vorwärts, hob den herrlichen Kopf und legte ihn Hartung dann auf die Schulter. Die heiße Luft aus ihren Nüstern blies ihm in den Nacken, der Schweiß des goldenen Felles näßte seine Wange.

Hartung griff in die Rocktasche, holte eine Mohrrübe heraus und hielt sie hoch. Mit weichem Maul nahm die Stute den Leckerbissen und begann zu kauen. Ihre Augen sahen dabei Hartung mit fast menschlicher Dankbarkeit an.

»So ein Aas!« schrie Zugan Kalman vom Zelt. »So ein Schauspieler. Mein Herr, gehen Sie weg! Sie versauen mir mein bestes Pferd.«

Hartung und die Stute blickten sich stumm an. Nur wer Pferde kennt und liebt, wer ihre Seele erforscht hat und weiß, daß auch sie zu Empfindungen fähig sind, nur wer wie die Araber in einem Pferd eine Gnade Allahs sehen und behaupten kann: Aus der Sonne, ihr Götter, habt ihr ein Pferd gemacht! — nur der kann verstehen, was in diesen Sekunden zwischen Hartung und der goldschimmernden Stute vorging. Es war Liebe auf den ersten Blick, es war ein stummer Bund fürs Leben.

»Was kostet sie?« fragte Hartung und legte beide Hände um die weichen Nüstern. Zärtlich leckte ihm die Stute die Handflächen.

»Kostet?« Zugan Kalman rannte wie ein Irrer in die Manege. »Unverkäuflich! Mein Broterwerb ist sie. Was soll ich ohne sie?«

»Nennen Sie einen Preis!«

»Sie ist wert soviel wie hundert andere normale Pferde.«

»Sie ist soviel wert wie ein Pferd.«

»Sie kann tanzen, im Walzertakt, Foxtrott, Samba, Cha-Cha-Cha!«

»Sie soll bei mir leben wie ein Pferd.«

Zugan Kalman verdrehte die Augen, als würge ihn jemand. »Fünftausend«, sagte er heiser. »Und mein Herz bricht dabei.«

»Zweitausend. Und Ihr Herz jubelt.«

»Soll ich mich selbst umbringen?« brüllte Kalman. »Soll ich mich jedesmal, wenn ich in einen Spiegel schaue, anspucken? Viertausend, und ich weine sechs Wochen lang.«

»Dreitausend! Auf die Hand. Und Sie lachen ein ganzes Jahr.«

»Dreitausend. O heiliger Sankt Georg! O blutende Madonna von Toledo! Hört euch diesen Barbaren an! Er zerreißt mich in Stücke!« Zugan Kalman begann zu weinen. Wirklich, dicke Tränen rollten aus seinen Augen. Fasziniert von diesem Schauspiel starrte Hartung ihn an. »Dreitausend. Meine Kinder werden mich verachten, meine Frau wird sich mir entziehen! Aber ich bin ein guter Mensch, viel zu gut für diese Welt! Nehmen Sie Pferd für dreitausend. Sie machen mich zwanzig Jahre älter vor Kummer!«

Er streckte die rechte Hand aus, und Horst Hartung schlug ein. Der Kauf war perfekt — wie überall auf der Welt galt der Handschlag als unlösbarer Vertrag über einen Pferdekauf. Zugan Kalman hörte auf zu weinen und wurde sachlich wie ein Finanzbeamter. »Wo bekomme ich Geld?«

»Kommen Sie mit zu mir. Ich reite voraus.«

»So machen wir es. Ich folge Ihnen mit Laska.«

»Laska heißt sie also?« Hartung streichelte die Stute zwischen den Augen. Sie preßte den Kopf gegen seine Hände, eine Liebkosung, in der Kraft und Anschmiegsamkeit zugleich lagen. »Willst du zu mir, Laska?«

Die Stute schien ihn zu verstehen. Sie ging ein paar Schritte zurück und scharrte im Sand. Die Nüstern hoben sich, es war, als lächelte sie.

»Das werde ich dir abgewöhnen«, sagte Hartung ruhig. »Von heute ab bist du kein Zirkuspferd mehr. Du sollst laufen und springen lernen. Du sollst leben wie ein richtiges Pferd.«

»Oh, sie kann springen!« rief Kalman und klatschte in die Hände. »Über jeden Zaun springt sie! Ist das nicht viertausend wert?«

»Dreitausend, und keinen Pfennig mehr.« Hartung drehte sich um und ging zu seinem wartenden Pferd. Es sah zu der fremden Stute hin, die Hartung folgte, als gäbe es keinen Zugan Kalman mehr, der schimpfend neben ihr herlief. Erst als Zugan aufsaß, warf Laska den Kopf in den Nacken und stemmte die Vorderbeine ins Gras.

»Sehen Sie sich den Teufel an!« brüllte Kalman und hieb die Stiefelabsätze in die Flanken der Stute. »Reiten Sie bloß los, sonst kriege ich das Vieh nicht mehr von der Stelle.«

Es war wirklich so, als warte Laska auf Hartungs Abreiten. Als er im leichten Trab in die Nacht hineinritt, folgte sie ihm, als säße Zugan gar nicht auf ihrem Rücken. Sie stach die Beine vor, holte Hartung ein und setzte sich neben ihn. Dann spielte sie mit den Ohren, betrachtete die Stute, auf der Hartung saß, wieherte dunkel und kurz und hatte damit das andere Pferd gewarnt.

Sieh dich vor, hieß dieser dunkle Laut. Spiel dich nicht auf! Ich liebe den Herrn, ich allein! Wer mir in die Quere kommt, wird erleben, wer der Stärkere ist. Ich bin ungezähmt aufgewachsen, sieh dich vor!

Auch Hartung verstand dieses kurze Wiehern. Zwischen uns wird es noch manchen Kampf geben, dachte er. Nicht alles ist eitel Liebe, wir werden miteinander arbeiten müssen, bis wir schweißgetränkt sind. Du mußt alles vergessen, was du in deinem bisherigen fünfjährigen Leben gelernt hast. Du mußt als Pferd neu geboren werden. Aber wir werden es schaffen, nicht wahr, wir haben aufeinander gewartet, irgendwann mußten wir uns begegnen. Wir werden einmal die Welt das Staunen lehren. Wir werden gemeinsam kämpfen und siegen. Nicht umsonst heißt du Laska. Laska ist ein tschechisches Wort und heißt ‘Die Liebe’.

Seite an Seite trabten Hartung und Laska durch die Nacht, als sei es immer so gewesen.

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Zugan Kalman bekam seine dreitausend Mark, trank noch zwei Gläser Kognak, bewunderte das kleine Gut Hartungs, besichtigte die Ställe, deren schön sterile Sauberkeit er in den höchsten Tönen lobte, begrüßte Pedro Romanowski, der — obgleich Hartung ihm eine Wohnung zur Verfügung gestellt hatte — in einer mit einem Bett und einem Tisch eingerichteten Box im Pferdestall schlief, und ließ es sich gefallen, daß Romanowski ihn mit »Aha, der Roßtäuscher« begrüßte (für dreitausend Mark muß man auch mal schwerhörig sein). Ja, und dann nahm Kalman Abschied von Laska, warf sich an ihren Hals, heulte wie ein Schloßhund, schrie Worte in einer seltsamen kehligen Sprache und riß sich dann los, mit einer Dramatik, die selbst Romanowski in Erstaunen versetzte.

Ins Zigeunerlager zurückgekehrt, empfing ihn seine gesamte Sippe wie einen Sieger. Zugan wedelte mit den Geldscheinen, die alte Emelga, die Spezialistin für Bettwäsche und Handlesen war, stieß ein heiseres Geheul aus, Siffa umarmte ihr Väterchen, und der bärenstarke Geza Bodvany rief: »Freunde, das war ein guter Abend! Laßt uns feiern.« Auch die anderen der Sippe fanden, daß Zugan wieder einmal sein Genie gezeigt habe, und umarmten den Alten reihum.

»Warten wir jetzt ab«, sagte Kalman, als sie alle im Pferdezelt standen, und blickte auf seine goldene Armbanduhr. »In spätestens drei Stunden ist Laska wieder hier. Buschi« — das war der Sohn von Zugans Schwester —, »du versteckst sie sofort auf der anderen Seite des Flusses im Wald und wartest, bis wir morgen in Steinfels sind.« Er rieb sich die Hände, lachte in die Runde und ließ sich einen Schnaps einschenken. »Das ist das fünfzehnte Mal, daß Laska verschwindet und wieder zurückkommt. Habe ich nicht ein gutes Auge gehabt, meine Lieben, als ich sie dem Roßschlächter in Celle abkaufte? Fohlenfleisch wollte er aus ihr machen, der kleine Idiot! Und was haben wir gemacht? Wir haben mit Laska schon 42.000 Mark verdient. Immer ist das treue Viecherl zurückgekommen.« Er sah wieder auf die Uhr. »Noch drei Stunden, und dreitausend Mark hat sie uns gebracht, mein goldenes Schätzchen!«

Die Feuer brannten nieder und wurden ausgestampft. In den Wohnwagen erloschen die Propangaslampen. Stille senkte sich über die kleine Zigeunerwagenburg. Schlaf. Zufriedenheit.

Nur Kalman und Buschi blieben auf, saßen draußen im Dunkeln am Pferdezelt auf zwei Klappstühlen, rauchten und warteten auf Laska.

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»Ein Grund mehr, eifersüchtig zu werden«, sagte Angela Diepholt. Sie stand im Stall hinter Laska und lehnte sich gegen die zurückgeschobene Gittertür.

Zwischen Angela Diepholt und Horst Hartung bestand seit fünf Jahren ein merkwürdiges Verhältnis. Sie liebten sich, und während Angela immer wieder ihre Liebe zeigte, wich Hartung ihr aus und flüchtete gewissermaßen zu seinen Pferden. Die bittere Erfahrung seiner ersten großen Liebe war fast zu einem Trauma geworden. »Erst wenn ich vom Pferd falle und nicht mehr aufsteigen kann«, sagte er einmal, »habe ich Zeit für eine Frau. Bis dahin wird jede Frau meine Pferde hassen, weil sie mich ihr wegnehmen.«

Angela Diepholt bestritt das. Ihr Vater war Professor für Mineralogie an der Universität Göttingen, sie besaßen ein großes Landhaus bei Barsfeld, und es war selbstverständlich gewesen, daß Angela den berühmten Springreiter Hartung zuerst bewunderte und dann, bei näherer Bekanntschaft, auch zu lieben begann. Siebenmal — Romanowski hatte es mitgezählt — standen sie kurz vor der offiziellen Verlobung, dann kam ein Turnier dazwischen, H. H. reiste in der Welt herum, und als er mit seinen Silberpokalen und Goldmedaillen nach Barsfeld zurückkehrte, sprach niemand mehr von Verlobung. Bis zur nächsten großen Liebesszene, bis zur nächsten Katastrophe. Fünf Jahre ging das hin und her, Angela Diepholt machte ihr Diplom als Ökonomin, nur mit dem Ziel, einmal das Gut Hartung gut verwalten zu können.

»Ich habe ihn irgendwann mal soweit, Vater«, sagte sie immer wieder, wenn Zweifel an ihrer Zukunft aufkamen. »Wir lieben uns. Horst ist — um in seiner Sprache zu reden — das schwierigste Tier auf dem Parcours. Und ich habe einen Plan, wie ich ihn kleinkriege.«

Nun stand sie neben Laska, bewunderte das goldschimmernde Pferd und hatte soviel Verstand und Gefühl, um zu wissen, daß es berechtigt war, auf dieses Tier eifersüchtig zu sein. Hartung saß vor Laska auf dem Krippenrand und sah zu, wie sie genüßlich im gemahlenen Hafer wühlte.

»Ein schönes Pferd«, sagte Angela. »Aber ob du es fertigbringst, ihr die Zirkusmanieren abzugewöhnen? Sie wird immer im Kreis traben, und wenn sie Musik hört, wird sie zu tanzen beginnen. Stell dir das vor — auf dem Parcours in Aachen ein Pferd, das um die Hindernisse tänzelt.«

»Wir werden trainieren auf Teufel komm ’raus.« Hartung streichelte Laska die lange, ungeschnittene Mähne. »Sieh dir ihre Hinterhand an. Was da für eine Sprungkraft sitzt! Zwei, drei Jahre, und sie erobert alle Turnierplätze der Welt.«

»Zwei, drei Jahre«, wiederholte Angela gedehnt und hob fragend die Stimme. »Ich werde in alle Ewigkeit deine unsterbliche Geliebte sein!«

»Angi!« Hartung drückte Laskas Kopf zur Seite. Mit haferverschmierten Nüstern versuchte sie, ihn zu küssen. »Müssen wir uns wieder darüber streiten? Ich tauge nicht für den sogenannten häuslichen Herd. In vierzehn Tagen bin ich schon wieder in London, dann in Rom, am Ende des Monats in Madrid. Angi!« Hartung ging um Laska herum, legte den Arm um Angela und küßte sie auf die Augen. »Laß uns vernünftig sein.«

»Ich liebe dich, Horst«, sagte sie leise. »Mein Gott, ich kann nichts dafür, ich liebe dich eben. Auch dagegen kann man nichts machen.«

Sie küßten sich, und sie wußten, daß sie diese Nacht wieder zusammen sein würden, Mann und Frau und dennoch eins, aber am Morgen verflog die Illusion der Einheit wie die Nebelschleier über den Weiden in der Morgensonne.

Die Pferde! Die verdammten Pferde! Und jetzt auch noch Laska, schön und eifersüchtig wie eine Nebenbuhlerin.

Laska drehte den Kopf nach hinten, als Hartung Angela küßte. Sie wieherte, trat gegen die Seitenwand, donnerte den Huf gegen das Holz.

»Es fängt schon an«, sagte Angela tief atmend. »Laska und ich, wir werden uns hassen.«

Schnell schob Hartung die Boxentür zu und verließ mit Angela den Stall. Hinter ihnen krachte es. Laska stieg hoch und hieb mit den Hufen gegen die Wände. Vor ihren Nüstern stand Schaum.

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Keiner wußte, wie sie es geschafft hatte, aber als Pedro Romanowski aus dem ersten Schlaf erwachte und wie immer über die Boxen hinblickte, war die Tür zu Laskas Box aufgeschoben und das Pferd verschwunden.

»Ein Luder!« schrie Romanowski. »Ein verfluchtes Luder! Det wird noch ’ne Arbeet mit der!« Er rannte aus dem Stall, aber draußen war natürlich nichts zu sehen und zu hören. Die Frühnebel stiegen aus den Weiden empor, die Sonne schwamm in einer weißlichen Dunstschicht. Nur das Krähen von Emil, dem Hahn, einem bunten Italiener, unterbrach die Morgenstille.

Romanowski fluchte, wusch sich unter der Pumpe im Hof, und stellte sich dann unter das Schlafzimmerfenster Hartungs. Es muß sein, dachte er. Auch wenn er noch so weich in ihren Armen liegt. Laska, das Aas, ist auf und davon. Jetzt hilft keine Diskretion mehr.

»Herrchen!« schrie er. »Aufwachen, Herrchen!« Es war eine der Besonderheiten des Ostpreußen Romanowski, da er zwar in Berlin aufgewachsen war, aber an den Denkweisen seiner Heimat festhielt. Für ihn war Hartung die halbe Welt, die andere war der Pferdestall. Alles andere war für ihn nur eine Randerscheinung.

»Herrchen! Laska ist weg! Det Luder ist ausjebrochen!«

Am Fenster erschien Hartung. Hinter ihm, ungeniert, tauchte der Kopf Angelas auf. Wie Romanowski gehörte sie auf diesen Hof, und Romanowski erkannte das an.

»Weg is se!« schrie er. »Boxentür uff, und jehört hab ick ooch nischt. Det fangt ja jut an, Herrchen!«

Zehn Minuten später saßen Hartung und Romanowski im Sattel und ritten zum Zigeunerlager.

Dort herrschte echte Trauer. Zugan rannte herum wie von Sinnen, Buschi und Geza Bodvany waren heiser vom lauten Rufen, die alte Emelga hockte auf einem Campingstuhl und legte zum siebtenmal die Karten. »Sie kommt nicht wieder!« schrie sie zu Zugan hinüber. »Die Karten sagen es.«

»Ich fresse die verdammten Karten auf!« brüllte Kalman und drehte sich um sich selbst. »Sie muß kommen! Vierzehnmal ist sie ausgerissen, warum nicht jetzt.«

»Sie liebt ihren neuen Herrn.«

»Liebt! Als ob ein Gaul eine Seele hat! Ist sie nicht darauf dressiert, auszureißen und zurückzukommen? Spätestens jetzt, wo der Stall offen ist, muß sie kommen. Bis jetzt hat sie noch jeden umgerannt.«

»Sie kommt nicht!« sagte die alte Emelga stur. Sie warf die Karten hin und hustete. »Die Karten lügen nicht.«

»Reiter!« schrie Geza, der außerhalb der Wagenburg stand. »Der Mann, der Laska gekauft hat. Und dieser schreckliche Knecht. Zugan, Laska ist doch weg!«

»Aber wo ist sie?« brüllte Kalman und hielt sich den brummenden Schädel. »Warum ist sie nicht hier? Mein Gott, man hat sie auf dem Weg zu mir geklaut. Der heilige Stephan verfluche den Dieb! Meine schöne, treue Laska!«

Hartung und Romanowski trafen auf eine Zigeunersippe, die äußerst erstaunt tat, als man sie fragte: »Ist das Pferd hier?«

»Wieso?« fragte Kalman mit bebender Stimme zurück. »Sie haben es gekauft, mein Herr. Warum soll es hier sein? Ist Laska weg? So eine Tragödie! Sie waren es nicht wert, ein solches Pferd zu besitzen! O Gott, o Gott, hätte ich sie doch nie verkauft!« Der letzte Satz war ehrlich und klang aufrichtig verzweifelt.

Romanowski kümmerte sich nicht um den Protest der Zigeuner. Er sah sich um, im Zelt, zwischen den Wohnwagen, verfolgt von den finsteren Blicken der Männer. Sie sollten ihm Angst einjagen, aber wer bekam es schon fertig, Romanowski Angst zu machen? Und wäre der Teufel persönlich gekommen, er hätte mit ihm Skat gespielt und ihm auch noch den letzten Dukaten abgenommen.

»Nischt«, sagte Romanowski nach Erkundung des Lagers. »Det Luder is im Jelände. Fangen wir an mit de Suche.«

Horst Hartung mobilisierte ganz Barsfeld, nach Laska zu suchen. Mit Treckern und Autos, auf Fahrrädern und zu Pferde durchstreifte alles die Gegend. Der rote Wagen der Freiwilligen Feuerwehr beteiligte sich ebenso wie der Polizist Jens Bisterfeld, der auf einem Motorrad, mit Sturzhelm und Sprechfunkgerät, durch die Waldschneisen brauste und schließlich in einem Sumpfloch steckenblieb.

Zugan Kalman und seine Zigeunersippe schwärmten aus und durchkämmten das Gelände. Ihre Rufe »Laska! Laska! Laska!« schallten weithin über das stille Land.

Aber Laska blieb verschwunden. Pferdespuren gab es genug, doch damit konnte in Barsfeld keiner etwas anfangen. Man hatte selber zu viele Pferde im Ort.

»Sie ist weg!« sagte Zugan nach mehrstündiger Suche und weinte. »Einfach weg. Wer weiß, wo sie auftaucht. Ein Pferd, das Gott geküßt hat. Ein Jammer!«

Und dabei blieb es. Die Suchaktion wurde eingestellt, Hartung stiftete für alle Beteiligten Schnaps und Bier im Wirtshaus Zur Eiche, am nächsten Morgen zogen die Zigeuner weiter. Sie waren tiefbetrübt und begriffen nicht, daß Laska zwar ausgebrochen war, aber dann vergessen hatte, zurückzukehren.

»Auf nichts ist mehr Verlaß«, klagte Zugan Kalman. »Nicht mal auf ein Pferd.«

»Nur auf die Karten!« sagte die alte Emelga, und diesmal widersprach ihr niemand.

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Romanowski schlief fest und schnarchte wie eine Baumsäge, als leise die Stalltür aufgedrückt wurde und ein großer Schatten fast lautlos hereinkam. Es klapperte leise auf dem Steinboden, ein verhaltenes Schnauben, dann beugte sich ein schmaler Kopf mit großen, glänzenden braunen Augen hinunter zu Romanowski. Weiche Nüstern glitten über sein Gesicht und zwickten ihn dann in die Schulter.

Mit einem Schrei schoß Romanowski hoch.

»Du Luder!« schrie er und umarmte den Hals, der vor ihm hin und her pendelte. »Du verdammtes rotes Aas! Du, du …« Er preßte den Pferdekopf und bekam keine Luft mehr vor Freude und Glück. »Wo kommste denn her?« stammelte er Laska ins Ohr. »Mädchen, wo warste denn? O Jott, haste mir Kummer jemacht!«

Am Morgen erlebte Hartung sein schönstes Frühstück. Er saß auf der kleinen Terrasse des Herrenhauses und schnitt gerade ein Brötchen auf, als Romanowski um die Ecke geritten kam. Unter ihm tänzelte eine in der Sonne golden schimmernde Fuchsstute.

»Laska!« rief Hartung und sprang auf. Der Tisch fiel dabei um, er setzte über die Scherben des Geschirrs hinweg und rannte auf das Pferd zu. »Laska!«

Das Pferd hob den herrlichen Kopf und wieherte triumphierend. Dann stieg es vorne hoch, Pedro Romanowski stieß einen Urlaut aus und flog in hohem Bogen auf die Erde. Halb betäubt blieb er dort hocken. Er sah, wie Laska auf Hartung zutrabte und den Kopf auf seine Schulter legte. Demütig, glücklich, ja verliebt. Ihre Nüstern streichelten seine Wange.

»Hol dich der Deibel!« schrie Romanowski auf der Erde. »Herrchen, mit der erleben wir noch unser blaues Wunder! Det is ja keen Pferd nich. Det hat der Satan ausjeschissen!«

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Eine Stunde später fuhr Angela Diepholt mit ihrem kleinen Sportwagen auf den Innenhof von Gut Hartung. Als sie Laska vor dem Stall stehen sah, gesattelt, in der Sonne glänzend wie bronziert, blieb sie im Auto sitzen und hupte nur dreimal. Hartung erschien in der Stalltür.

»Ich sehe, die Geliebte ist zurückgekommen!« rief sie ihm zu. »Dann kann ich ja wieder fahren?«

»Blödsinn. Steig aus und trink mit mir Kaffee. Ich habe das erste Frühstück auf die Erde gekippt.«

»Laska wird auch das zweite Frühstück umwerfen.« Sie schwang sich aus dem Wagen. Laska legte die Ohren zurück. Ihr Blick wurde böse. Hartung bemerkte die Veränderung des Tieres und packte es an der Trense.

»Das hört auf, mein Mädchen«, sagte er ernst. »Angi gehört zu uns, wie du jetzt zu uns gehörst. Es gibt keine Feindschaft, sonst rasseln wir beide aneinander. Und das wird schlimm für dich, mein Liebling. Benimm dich also.«

Er ließ die Trense los. Laska senkte den Kopf, scharrte über den Boden und sah Hartung nicht mehr an. Nur als Romanowski kam und sie wegführen wollte, stieß sie den Kopf nach vorn und schnaubte laut. Romanowski blieb in respektvollem Abstand vor ihr stehen.

»Deibel!« knurrte er leise. »Deibel verfluchter!«

Es war eine Haßliebe zwischen den beiden, wie es sie selten zwischen Mensch und Pferd gibt.

Langsam setzte sich Laska in Bewegung. Romanowski folgte ihr, eine aufgerollte Longe über dem rechten Arm. Laska ging um das Haus herum, immer im gleichen Abstand von Hartung und Angela, und blieb unterhalb der Treppe zur Terrasse stehen. Von dort blickte sie unverwandt auf Hartung, wie er mit Angela Kaffee trank, sein Frühstück aß und die Morgenpost öffnete. Wie ein vergoldetes Denkmal stand sie da, unbeweglich, nur der Wind spielte in ihrer Mähne, und ab und zu verscheuchte ein Schwanzschlag die Fliegen.

»Ich bringe keinen Bissen ’runter«, sagte Angela leise und legte beide Hände auf Hartungs Rechte. »Sie sieht mich an wie ein Mensch. Sie wird mir unheimlich.«

»Das stimmt. So ein Pferd habe ich noch nie gehabt.« Hartung stand auf, brach ein großes Stück Brot und hielt es Laska hin. Sie nahm es ganz vorsichtig, mit weichen Nüstern und voll Zärtlichkeit.

»Wann beginnst du mit dem Training?«

»Morgen.«

»Morgen schon?« Angela sah Laska fast mit Schaudern an. »Glaubst du, daß du sie noch umerziehen kannst?«

»Ja.« Hartung setzte sich wieder. Der Blick Laskas war voller Sanftmut. »Es wird einen mörderischen Kampf geben. Auf Biegen und Brechen. Der Stärkere wird siegen, wie immer. Und der andere wird sich unterordnen müssen.«

»Und du wirst der Stärkere sein?«

»Ja.«

»Und wenn nicht?«

»Ich muß es sein. Laska und ich werden einmal die Reiterwelt erobern.«

»Und wenn sie doch die Stärkere ist?«

Hartung blickte auf Laska. Ihr Kopf war erhoben, die Nüstern blähten sich, es war, als rieche sie die Sonnenstrahlen.

»Wir werden kämpfen, bis uns der Atem wegbleibt«, sagte er. »Und morgen früh beginnen wir.«

Sizilianische Liebe

Sie hieß Luisa Gironi, und ihr langes, lockiges schwarzes Haar fiel offen bis auf die Schultern. Sie trug enge, kurze Röcke und riesige Sonnenbrillen, beide farblich aufeinander abgestimmt. Wenn sie ging, wiegte sich der ganze Körper wie nach einer unhörbaren Melodie. Sie war auf allen Turnierplätzen bekannt, stand vor den Springprüfungen am Rande der Abreitplätze und beobachtete die Reiter mehr als die Pferde. Später tauchte sie dann auf den Haupttribünen auf, immer auf den teuersten Plätzen, von den Männern bewundert, von den Frauen mit hochgezogenen Augenbrauen mißbilligend gemustert.

Man wußte von ihr eigentlich nur, daß sie Italienerin war, genauer Sizilianerin, aus Palermo, der Stadt der heißesten Liebe und der blutigsten Blutrache. Sie mußte reich sein, aber woher ihr Geld kam, war ebenso unbekannt wie ihr sonstiges Leben. Zu keiner Zeit sah man sie in männlicher Begleitung auf den Turnieren, sie kam allein und ging allein. Was man munkelte, von ihren Nächten nämlich, war und blieb Gerücht. Immer lächelte sie, still in sich versunken, geheimnisvoll.

Auch an diesem Tag, einem sonnigen Vormittag, stand Luisa Gironi schon lange vor Öffnung des Turnierplatzes von Aachen an der Holzeinzäunung des Abreitfeldes und sah den Vorbereitungen der Reiter zu. Die deutsche Equipe hatte gerade ihre Arbeit aufgenommen. Die Pferde wurden im leichten Arbeitstrab locker gemacht, galoppierten an, wurden durch Tempowechsel in Trab und Galopp, Paraden, Rückwärtsrichten und Hinterhandwendungen gehorsam, gelöst und geschmeidig für den schwierigen Parcours. Ein herrliches Bild.

Fallersfeld hatte beide Hände in den Taschen seiner braunweiß karierten Reithose versenkt und die Sportmütze tief ins Gesicht gezogen. In ihrem Schatten sah er hinüber zu der jungen Frau mit den langen, im Morgenwind wehenden schwarzen Haaren und der großen, runden Sonnenbrille. Sie war orangefarben wie ihr enger, kurzer Rock. Lange, schlanke Beine, ein Körper wie ein Modell, unter dem spitzenähnlichen Stoff der Bluse die Wölbungen der Brüste. Fallersfeld zog deutlich hörbar die Luft ein.

»Was will die denn hier?« fragte er den Platzwart Fritz Schmitz.

Schmitz sah hinüber zu Luisa Gironi. Sie hatte die Arme auf die obere Latte des Zaunes gelegt, warf jetzt den Kopf zurück und lachte, als einer der Reiter bei einem Probesprung schief im Sattel landete.

»Dat is en Pferdche, wat?« sagte Schmitz anerkennend. »Die is mir lieber als die Halla.«

»Was will sie hier?« fragte Fallersfeld kurz.

»Die steht schon seit ’ner halben Stunde rum.« Fritz Schmitz blickte auf seine Uhr. »Dat hätten Sie mal sehen soll’n, die Italiener! Dat war dat reinste Schaureiten. Aber die, keine Miene verzojen, wie ’ne Puppe im Schaufenster. Und der Brasilianer hat sojar en Jespräch mit ihr bejonnen. Und wat macht die? Läßt den steh’n. Jeht einfach weiter, een paar Meter, und stellt sich wieder hin.«

Luisa Gironi hob den Kopf. Sie nahm die Arme vom Zaun, ihr Körper spannte sich.

Auf den Platz kam, zu Fuß, Horst Hartung. Hinter ihm führte Pedro Romanowski am kurzen Zügel ein goldbraun glänzendes, tänzelndes, unruhiges Pferd — Laska.

»Aha!« sagte Fallersfeld. »Nun wissen wir es! Horst Hartung soll abgeschossen werden. Auch das noch! Schmitz, wenn ich vorzeitig weiße Haare bekommen habe, dann nur, weil ich so wahnsinnig war, mich zum Vater dieser Reiter zu machen. Und sehen Sie sich Laska an, verdammt, mit dem Gaul will H. H. über den Parcours! Das ist kein Pferd mehr, das ist bloß noch ein hinterhältiges Nervenbündel.«

Er wandte sich ab, vergrub die Hände noch tiefer in den Hosentaschen und ging Horst Hartung entgegen. Romanowski hatte Laska abseits geführt, sie beobachtete mit ihren schönen, großen Augen die anderen Pferde, blähte die Nüstern und schnaubte verhalten, aber voll Kampfeslust. Mit dem rechten Vorderhuf kratzte sie das Gras auf.

»Nu dreh nich wieder durch, olles Luder«, sagte Romanowski leise und zog Laskas Kopf herunter. »Auswechseln tut er dir, det sach ich! Warum haste ihn och jebissen, du Rindviech? Beißt man ’nen Equipenchef?«

Fallersfeld und Horst Hartung trafen sich mitten auf dem Abreitplatz. Der Baron hatte kurz vorher sein Monokel ins linke Auge geklemmt, ein Zeichen, daß er amtlich und unter Vermeidung des vertrauten Du mit Hartung sprechen wollte. Man kannte das in der deutschen Equipe: Wenn Fallersfeld sein Monokel zog, hieß es: Jetzt holt Papa die Rute ’raus!

»Wer ist diese Frau?« fragte Fallersfeld ohne Einleitung. Seine Stimme hatte den zackigen Klang angenommen, von dem alte Kavallerieoffiziere nie loskommen. Hartung atmete auf. Diesmal also nicht Laska, dachte er. Eine Frau. Welche Frau?

»Ist Angela doch gekommen?« fragte er zurück.

»Hartung, spielen Sie nicht den Tugendbold. Mein Gott, ich wünschte, Angela wäre hier. Die Frau dort am Zaun. Sagen Sie bloß nicht, Sie kennen sie nicht. Wer Pferde studiert hat, begreift auch die Frauen. Sie hat den Kopf in den Nacken geworfen, als Sie auf den Platz kamen. Nur gewiehert hat sie noch nicht. Wer ist sie?«

»Sie heißt Luisa Gironi.« Hartung schielte hinüber zur Umzäunung. Luisa lehnte daran in der stolzen Haltung einer sizilianischen Rächerin.

»Und weiter?«

»Weiter nichts, Baron.«

»Das soll Ihnen einer glauben? Bin ich ein Trottel?«

»Warum wollen Sie mich zur Beantwortung dieser Frage zwingen, Baron?«

»Sie kennen diese Gironi?«

»Flüchtig.«

»Was heißt bei Ihnen flüchtig?«

»Sie hat mich vorgestern und gestern eingeladen, sie auf ihrem Zimmer im Hotel Kurpark zu besuchen.«

»Oha!« Fallersfeld schnaubte wieder durch die Nase. »Und das nennen Sie flüchtig? Wo fängt bei Ihnen massiv an?«

»Ich bin nicht hingegangen, Baron.«

»Warum nicht?«

»Laska war zu nervös.«

»Mein Gott, ja, Laska. Dieses Aas!« Fallersfeld klemmte das Monokel fester ins Auge. »Ich habe beschlossen, Laska heute als Reservepferd …«

»Bevor Sie weitersprechen, Baron, eine Feststellung.« Hartung sagte es leichthin, ohne Nachdruck, aber Fallersfeld kannte ihn zu gut, um die folgenden Worte leichtzunehmen. »Ich reite heute Laska über den Parcours oder überhaupt nicht.«

»Hartung, das ist Auflehnung. Die Anordnungen des Equipenchefs sind …«

»Ich weiß, ich weiß. Baron, Laska hat Sie einmal gebissen. Das war vor einem Jahr.«

»Sie beißt alles und jeden! Sie ist das unverträglichste Luder, das ich kenne. Sie hat keine Disziplin, einen ungeheuren Dickschädel, macht, was sie will, und Sie, Hartung, Sie sind nicht ihr Herr, sondern ihr Sklave geworden. Ihre Liebe zu dem Gaul ist fast schon pathologisch!«

»Ich habe zwei Jahre mit ihr gearbeitet. Zwei Jahre, die ein ständiger Zweikampf waren. Und Sie wissen, was Laska kann. Sie selbst waren es, der sagte: Ich habe solch ein Pferd noch nicht gesehen!«

»Das kann man nach allen Seiten interpretieren!« Fallersfeld drückte das Kinn an den Hemdkragen. »Sehen Sie sich ihren Liebling an. Wenn Romanowski sie jetzt losließe, würde sie über den Platz fegen und alle anderen Pferde vom Rasen verjagen. Wollen Sie heute die große Blamage Ihres Lebens erreiten? Ein Reiterclown beim ›Großen Preis von Aachen‹? Ihre Laska wird Sie lächerlich machen. Zugegeben, sie springt wie eine Heuschrecke, aber sie benimmt sich wie ein Bock!«

»Lassen wir es darauf ankommen. Versuchen wir es, Baron.«

»Versuchen! Ein Großer Preis ist kein Experiment! Hartung, ich prophezeie Ihnen: Wenn Sie heute Laska gegen meinen — sagen wir es milde — Vorschlag doch reiten und die deutsche Equipe kommt um den Sieg durch Ihre Laska, wird das eine Suspendierung nach sich ziehen.«

»Einverstanden.« Horst Hartung drehte sich etwas zur Seite und verbeugte sich leicht zu Luisa Gironi hin. Sie antwortete ihm mit einer flüchtigen Handbewegung. »Ich nehme an. Versagt Laska, werde ich aus der Equipe ausscheiden …«

»Hartung!« Fallersfeld ließ das Monokel in die hohle linke Hand fallen. Es sah sehr imposant aus. »Ich wollte, es wäre Nacht oder Angela käme!«

Hartung ging hinüber zu Laska und Romanowski. Sie streckte den Kopf vor, als sie Hartung sah, und ihre schönen Augen glänzten. Aber in ihrem herrlichen goldglänzenden Körper zitterten Unruhe und Spannung. Die Flanken bebten.

»Wir sollten uns ’ne einsame Ecke aussuchen«, sagte Romanowski vorsichtig. »Ick trau ihr nich.«

»Fängst du jetzt auch noch an? Der Baron singt schon Schauerarien.«

»Denken Sie an die neunzehn Vorturniere.« Romanowski warf die Zügel über Laskas Kopf und hielt Hartung den Steigbügel hin. Hartung schwang sich in den Sattel. Laska rührte sich nicht. Sie stand wie ein Denkmal, nur die Ohren zuckten vor und zurück. »Sie hat fünfzehn davon gewonnen«, sagte Hartung.

»Und sieben Pferde gebissen, vier getreten und zweimal ’ne Keilerei im Stallgang anjefangen. Ick hab zwei Rippen anjebrochen, eene Platzwunde an der rechten Hüfte …«

»… und schläfst doch jede Nacht neben ihr in der leeren Box.«

»Sonst wird se noch duller!« schrie Romanowski, als Hartung anritt, zunächst im Schritt, dann im leichten Trab. Romanowski lief noch ein Stück nebenher. »Dat Luder spürt, was heute für’n Tag is.«

Hartung ritt zwei Runden um den Abreitplatz, leicht, elegant, auf einer Laska, die schwerelos wirkte, völlig entkrampft und ruhig. Nach der zweiten Umrundung hielt er vor Luisa Gironi an. Sie hatte das Kinn auf beide Hände gestützt und sah Hartung von unten herauf an. Hinter den dunklen Gläsern der großen Sonnenbrille konnte man ihre feurigen Augen nur ahnen.

»Sie sind nicht gekommen«, sagte sie in jenem singenden Deutsch, das den Reiz südländischer Frauen noch vermehrt. »Nun komme ich zu Ihnen.«

»Ich habe Ihnen einen Brief geschickt, Signorina.«

»Und ich habe ihn zerrissen, ohne ihn gelesen zu haben.«

»Das war ein Fehler. Er hätte Ihnen Auskunft gegeben.«

»Ich will keine Auskunft«, sagte Luisa ungehemmt, »sondern Sie.«

»Signorina Gironi!«

»Soviel von Pferden verstehen Sie, und so wenig von Frauen?« Sie warf den Kopf hoch, und ihre Hände klammerten sich plötzlich um den Zaun. Ihr schönes Gesicht, geteilt von der Sonnenbrille, war voller Leidenschaft. »Ich habe zweimal auf Sie gewartet, habe auf meinem Bett gelegen, bis es Morgen wurde, habe das Bett und die Kissen und mich selbst geschlagen, bis ich keine Luft mehr bekam. Glauben Sie, daß eine Frau wie ich das erträgt?«

Horst Hartung zog Laskas Kopf zurück. Fast unmerklich hatte sie ihn nach vorn gestreckt und schob jetzt die Nüstern hoch. Bevor sie zubeißen konnte, riß Hartung an der Olivenkopftrense. Luisa Gironi bemerkte es nicht, sie achtete nur auf Hartung.

»Wären Sie jetzt auf Sizilien, wären Sie schon tot!« sagte sie gepreßt. »Und ich werde Sie noch töten. Um 14 Uhr beginnt das Turnier, ich warte auf Sie bis 12 Uhr auf meinem Zimmer. Kommen Sie nicht, leben Sie von da an mit dem Tod zusammen.«

Sie drehte sich brüsk um und ging davon. Langsam, wiegend, eine der schönsten Frauen, die Hartung je gesehen hatte. Verblüfft starrte er ihr nach. Dann lachte er vor sich hin und ritt weiter. Mit der Pistole ins Bett, dachte er und schüttelte den Kopf. Verrückt. Schade um so viel Schönheit, wenn dahinter nichts als Exaltiertheit und Launen stecken. Wie ein Kind, das nur diese Puppe haben will. Nur diese eine Puppe!

Hartung trieb Laska in einen vollen Galopp. Mit gestrecktem Körper schoß sie über den Platz. Fallersfeld, der neben Romanowski stand, räusperte sich.

»Beim Zeitspringen gewinnt sie immer«, sagte er unwillig. »Vorausgesetzt, sie kommt über die Hindernisse. Ein schneller Gaul. Sssst!« Er schob die Sportmütze in den Nacken. Laska war über ein Übungs-Doppelriek geflogen, weit über den Stangen, elegant und langgestreckt. »Aber zu unruhig, viel zu unruhig.« Fallersfeld nahm die Mütze ab, er schwitzte plötzlich, wenn er an das Turnier dachte. Ein Windstoß zerzauste seine schneeweißen Haare. »Romanowski, kennen Sie das verdammte Weib da drüben, das eben weggeht?«

»Nee, Herr Baron. Aber wo Herr Hartung is, sind ooch die Weiber.«

»Leider, Pedro, leider. Kommt eigentlich Angela?«

»Ick weeß nich, Herr Baron. Da hat’s Krach jejeben. Zwee Jahre nur Arbeit mit der Laska und kaum Zeit für die Liebe, det macht ooch een Engel wie Angela nich mehr mit.«

Hartung probierte Laska durch. Verschiedene Gänge, Gehorsamsübungen, kurze, schnelle Wendungen. Sie gehorchte wie eine gut geölte Maschine. Und Hartung vergaß alle Warnungen und vor allem den sizilianischen Racheschwur: Ab zwölf Uhr leben Sie mit dem Tod zusammen!

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Auf den Turnierplatz von Aachen schien die strahlendste Sonne dieses Vorsommers. Die Tausende von Menschen, das Farbenspiel der flatternden Fahnen, das weite Rund des Parcours mit den Hindernissen, an denen noch letzte Korrekturen vorgenommen wurden, die kleine Gruppe von Schiedsrichtern, an der Spitze Turnierleiter Graf Hellberg, die jedes Hindernis abschritten und kontrollierten, dieses ganze Fluidum von spannungsgeladener Erwartung auf einen Kampf von Pferd und Reiter um einen der begehrtesten Preise des Turniersports, diese geballte Erregung verlor sich völlig hinter dem Stadion, wo die Reiter zusammenstanden und die Pferdehalter die gesattelten Stars herumführten, bewegten und wie kostbare Juwelen bewachten.

Auch Romanowski war dabei, aber er führte Laska immer abseits hin und her.

»Hau ab mit deinem Saubiest«, hatten die anderen Pferdehalter ihm zugebrüllt, als er mit Laska herankam. Sie tänzelte, hatte die Nüstern hochgeschoben und wieherte mit blanken Zähnen. Ein Kampfschrei: Aus dem Weg — jetzt komme ich!

Romanowski griff fester in die Trense und ging mit Laska abseits. »Wat biste bloß für’n Bock?« sagte er heiser. »Nu benimm dich schon, du olle Zippe!«

Fallersfeld war zufrieden. Seine Equipe hatte alle Chancen, den Großen Preis zu gewinnen. Die Pferde waren topfit, die Reiter gesund, und außerdem war Angela Diepholt angekommen. Hartung wußte es noch nicht, sie saß im weißen Gebäude der Turnierleitung neben Graf Hellberg und ließ sich erzählen, daß man mit einer Sensation, allerdings im negativen Sinn, rechnete.

»Ich verstehe Fallersfeld nicht«, sagte Graf Hellberg. »Ein Pferd wie Laska gehört noch nicht auf eine solche internationale Entscheidung. Sieben Jahre — zu jung. Dann die Eigenwilligkeit, die Streitsucht, der ständige Kampf um die Disziplin, das ist kein Turnierpferd. Aber Hartung schwor darauf, und Fallersfeld läßt sich überrollen! Hartung ist genauso dickköpfig wie sein Pferd.«

»Wem sagen Sie das?« Angela blickte über den sonnenüberfluteten Platz. Ein Farbenspiel, das fast die Augen blendete. Eine Musikkapelle der Bundeswehr war auf dem Parcours eingezogen und spielte Märsche und Schlager. Die Erwartung stieg, auf der Tribüne nahmen die Ehrengäste Platz. Minister, der Oberbürgermeister von Aachen, der Regierungspräsident und — inkognito — eine königliche Hoheit eines westeuropäischen Landes. Die Turnierleitung gab die ersten Durchsagen, die Stimme aus dem Lautsprecher übertönte die Musikkapelle. Graf Hellberg blickte erwartungsvoll auf die automatische Uhr im Kontrollzentrum des weißen Turmes.

Noch zwanzig Minuten bis zur Eröffnung.

Das A-Springen. Der Nachwuchs. Dann folgte der Große Preis von Aachen mit den internationalen Stars im Sattel.

Und Horst Hartung auf Laska.

Graf Hellberg zwang sich, nicht daran zu denken. Vom Abreit- und Warteplatz kamen die Meldungen: Alles in Ordnung. Keine besonderen Vorkommnisse. Romanowski hat Laska isoliert. Sie benimmt sich wie eine Verrückte, seitdem die Musik begonnen hat.

»Was soll das?« schrie Hellberg nervös ins Telefon. »Sollen wir wegen diesem Gaul auf dem Kamm blasen lassen?«

Zehn Minuten vor der Eröffnung stand plötzlich Luisa Gironi vor Horst Hartung. Niemand hatte sie kommen sehen, nicht einmal der wachsame Romanowski. Sie war plötzlich da, wie aus dem Boden gewachsen. Ihrer Stimmung entsprechend trug sie ein enges schwarzes Kostüm und einen großen, breitrandigen roten Hut. Ihre Sonnenbrille war ebenfalls schwarz. In der rechten Hand hielt sie eine kleine Pistole, ein Spielzeug fast. Horst Hartung, der gerade noch einmal die Länge der Steigbügelriemen maß, fuhr herum, als er die ernste Stimme hinter sich hörte.

»Ich habe gewartet«, sagte Luisa Gironi mit einem traurigen Unterton. »Ich habe sogar gebetet, daß du kommst. Du hast mich tödlich beleidigt.« Sie hob die Waffe und winkte mit der linken Hand Romanowski, neben Hartung zu treten.

»Die is verrückt!« sagte Romanowski und ließ Laskas Zügel los. Gehorsam stellte er sich neben Hartung und hob die Arme.

»Luisa, was Sie tun, ist wirklich Wahnsinn«, sagte Hartung laut.

»Du bist der erste Mann, der mich so beleidigt hat.«

»Man wird den Schuß hören und Sie verhaften. Wollen Sie als Mörderin im Zuchthaus enden?«

»Ich werde zweimal schießen. Wir sterben zusammen.«

Vom Turnierplatz ertönte die Stimme des Oberbürgermeisters. Er begrüßte die Ehrengäste und eröffnete das Springturnier. Tausendfaches Händeklatschen. Musik. Laska hob den Kopf, spitzte die Ohren und blähte die Nüstern.

Horst Hartung blickte in die kleine, dunkle Mündung. Er sah, wie Luisa den Zeigefinger krümmte. Ihre Hand war ganz ruhig. Der Schuß mußte ihn zwischen die Augen treffen, wenn sie die Pistole in dieser Richtung ließ.

Hartung riß den Mund auf. Er wollte schreien, um das langsame Krümmen des Fingers aufzuhalten. Aber er brachte keinen Ton heraus. Dafür hörte er überlaut die Stimme Romanowskis.

»Die macht ja ernst, det dämliche Frauenzimmer!« schrie er. »Herrchen, jetzt passiert’s!«

Er warf sich mit einem heftigen Schwung vor Hartung und verdeckte ihn mit seinem breiten Körper. Es war genau die Sekunde, in der Luisa Gironi abdrücken wollte. Der Sprung Romanowskis verwirrte sie, sie ließ die Pistole sinken, machte ihrerseits einen Sprung zur Seite, um aus einem anderen Winkel Hartung doch noch treffen zu können, und prallte dabei gegen Laska, die zwei Schritte zurückgetänzelt war. Mit dem Ellenbogen stieß sie das Pferd in die Flanke und hob wieder die Waffe.

Romanowski hatte die Arme nach hinten geworfen und hielt Hartung an seinen Rücken gepreßt fest. »Hilfe!« schrie er. »Hilfe!« Es war das einzige, was er tun konnte, aber niemand hörte ihn. Die Musikkapelle spielte wieder, alles stand mit dem Rücken zu ihnen und sah der Eröffnungsfeier zu.

Doch es kam Hilfe. Wo kein Mensch eingreifen konnte, handelte der Instinkt des Tieres.

Laska hatte sich herumgedreht. Ihre großen braunen Augen sahen ihren Herrn, sahen eine fremde Frau und den aufgeregten Romanowski. Und sie spürte den Stoß in die Flanke, ein unbekanntes Gefühl, das sie reizte.

Ohne einen Laut warf sie den Kopf hoch, stieg dann auf die Hinterbeine und streckte die Vorderbeine zum tödlichen Schlag. Entsetzt starrte Romanowski auf den goldglänzenden, gespannten, zur Vernichtung ausholenden Pferdeleib.

»Laska!« schrie er. »Laska!«

Luisa Gironi reagierte wie eine Katze. Als Laska mit vollem Gewicht nach unten kam, warf sie sich zur Seite und entging nur um Zentimeter dem tödlichen Hufhieb. Sie rollte ins Gras, und schon war Romanowski über ihr, hieb ihr auf den Knöchel. Sie ließ mit einem spitzen Schrei die Waffe fallen und lag dann ausgestreckt und mit geschlossenen Augen auf dem Boden.

Hartung wischte sich den Schweiß ab, küßte Laska auf die Nüstern, klopfte ihr den Hals und kniete sich neben Luisa.

»Haben Sie sich verletzt, Signorina?« fragte er.

Luisa antwortete nicht. Die Sonnenbrille war heruntergerutscht. Hartung sah, daß die Partie um beide Augen und der obere Teil der Nase mit dicken Narben bedeckt waren. Die Lider fehlten, über den Augen hingen schrecklich aussehende, rötliche Hautreste.

Ohne ein Wort nahm Luisa die große Sonnenbrille und schob sie wieder über ihre verbrannte Augenpartie. Dann weinte sie plötzlich, lehnte den Kopf an Hartungs Brust und umklammerte ihn wie eine Ertrinkende.

Vom Parcours klang donnernder Applaus herüber. Das A-Springen hatte bereits begonnen, der erste Reiter hatte die Hindernisse hinter sich.

»Wer liebt mich mit diesen Augen?« schluchzte Luisa Gironi. »Immer ist es dasselbe, bei allen Männern. Irgendwann gelingt es ihnen, mir die Brille vom Gesicht zu reißen, und dann erstarren sie, ich sehe, wie entsetzt sie sind, und ich schreie, schreie. Und dann laufen sie weg, als sei ich ein Scheusal. Aber vorher sind sie alle angeschlichen gekommen wie die Kater, sind über meinen Körper hergefallen und haben Liebesworte gestammelt, bis sie meine Augen sahen, meine fürchterlichen Augen.«

Sie weinte lauter, und Hartung hatte alle Mühe, sie festzuhalten. Sie wollte aufspringen und weglaufen. Wenn ich sie jetzt loslasse, dachte Hartung, geschieht etwas Schreckliches. Sie ist jetzt zu allem fähig.

Romanowski hatte Laska fest in der Hand und führte das zitternde Tier hin und her. Immer wieder drehte es den Kopf und starrte zu Hartung hinüber.

»Wie — wie ist das passiert?« fragte Hartung leise und drückte Luisas Kopf an sich.

»Ich war siebzehn Jahre alt, mein Vater ist Chemiker, ein berühmter Chemiker in Italien. Die Gironi-Werke. Ich spielte in seinem Privatlabor — er hatte immer neue Ideen, die er auch ausführte —, und plötzlich explodierte etwas. Ich weiß nicht mehr, was es war, aber ein Flammenstrahl traf meine Augen, nur diese eine Partie in meinem Gesicht und fraß mir die Lider weg. Zehn Jahre renne ich seitdem von Arzt zu Arzt, immer neue Adressen, zehn Jahre lang immer wieder Hoffnung. Aber es gibt keinen Arzt, der neue Lider einsetzen kann. Und zehn Jahre kämpfe ich gegen den Wahnsinn, gegen die Angst, nicht mehr geliebt zu werden. Ich nehme mir jeden Mann, der mir gefällt, auch wenn er hinterher wegrennt, wie vom Teufel gejagt. Nur du bist nicht gekommen.« Sie umarmte ihn und sah ihn an. Ihr ebenmäßiges Gesicht war tränenüberströmt. Die dunkle Sonnenbrille verdeckte wieder die Tragödie ihres Lebens. »Hast du — hast du vorher gesehen, wie häßlich ich bin?«

»Sie sind die schönste Frau, Signorina, die ich je gesehen habe.«

»Mit dieser Brille, diesem Ungetüm vor meinen Augen!«

»Ein Mensch besteht nicht nur aus Augen!«

»Aber ich war nicht schön genug, um dich zu mir zu locken.«

»Darüber könnte man viel sagen, Luisa.« Hartung wischte ihr die Tränen vom Gesicht. »Vielleicht hatte ich nur Angst vor deiner Schönheit.«

»Du lügst geschickt.«

»Und dann war Laska da. Sie spürt, was der heutige Tag für sie bedeutet. Seit Tagen ist sie unruhig, ich mußte immer um sie sein.«

»Sie haben mir das Leben gerettet. Vergiß das nicht.«

»Du hättest wirklich geschossen?« Unwillkürlich war auch Hartung in das vertraute Du gefallen. Luisa nickte. Dann blickte sie suchend nach ihrer Waffe. »Die Pistole hat Pedro eingesteckt. Es ist besser so.«

»Ich habe noch eine andere im Hotel.« Sie lächelte schwach. »Es ist so einfach, eine Pistole zu bekommen. Ja, ich hätte dich erschossen.«

»Und dann auf dich selbst?«

»Nein!« Sie wollte aufstehen, und Hartung half ihr auf die Beine. Dabei legte sie die Hände um seinen Nacken. Von weitem sah es aus, als küsse sie ihn leidenschaftlich. »Ich wäre fortgelaufen, und keiner hätte gewußt, wer den großen Reiter Hartung erschossen hat.«

»Pedro.«

»Ihn hätte der zweite Schuß getroffen. Warum sollte ich mich töten? Es genügt, wenn die Männer sterben, die mich verachten. Mit siebzehn, als der Unfall geschah, war ich verlobt. Luigi hieß er, Luigi Baldini. Wir wollten bald heiraten. Als er meine zerstörten Augen sah, lief er weg, lief einfach weg, ohne ein Wort, und kam nie wieder. Für ihn müssen alle Männer büßen!« Sie klopfte ihr schwarzes Kostüm ab, ordnete die Haare und schob die Sonnenbrille näher vor die Augen.

»Wohin gehst du jetzt?« fragte Hartung.

»Ins Hotel und dann nach Rom.«

»Zur Coppa d’Italia?«

»Ja.«

»Ich werde dort auch springen.«

»Ich weiß, aber wir werden uns nicht wiedersehen.«

Sie drehte sich um, starrte Laska an, die nervös an der Hand Romanowskis tänzelte, und ging dann mit schnellen Schritten in Richtung auf die Tribüne davon.

»Det jibt noch ’n Nachspiel, Herrchen«, sagte Romanowski und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Det jnädige Frollein hat hinten an der Ecke jestanden und alles jesehen. Nu is se weg.«

»Angela?« Hartung fuhr herum. »Pedro, du Idiot, warum hast du nichts gesagt?«

»Man soll die Dinge nicht noch mehr komplizieren, Herrchen. Weeß ick, wie die italienische Verrückte reagiert hätte?«

___________

Auf dem Parcours sprangen die letzten Reiter der A-Prüfung. Ein Pferdehalter der deutschen Equipe rannte über den Rasen und winkte mit beiden Armen.

»Herr Hartung, wo bleiben Sie? Der Herr Baron läßt Sie überall suchen. Letzte Besprechung vor dem Start.«

Hartung sah Romanowski mit einem verkniffenen Lächeln an. »Er versucht noch mal, Laska in die Reserve zu schieben. Pedro, ’rüber zum Sattelplatz! Jetzt siegt der dickste Kopf.«

»Und den haben wir drei, Herrchen.«

Hartung hatte sich durchgesetzt, er durfte mit Laska springen. Seine Startnummer war dreizehn, und Fallersfeld sah das als eine wirkliche Katastrophe an.

»Laska und dann die dreizehn, das geht ins Auge!« jammerte er. »Ein Glück, daß ein Pferd nicht abergläubisch ist. Aber ich bin’s, Horst. Und da hilft auch kein dreimal über die Schulter spucken mehr. Ich flehe dich an, nimm ‘Parade’. Er ist eingesprungen und in bester Form. Und ruhig wie ein Lamm. Sieh ihn dir an, wie er dasteht, und dagegen diese verdammte Laska!«

Es war alles richtig, was Fallersfeld sagte. ‘Parade’ stand abseits und kaute verträumt an seinem Olivengebiß. Laska mußte abseits stehen, weil sie um sich trat und jedes Pferd, das in ihre Nähe kam, sofort angriff. Romanowski hing mehr in den Zügeln, als er stand, fluchte und warf mit Ausdrücken um sich, bei denen selbst alte Pferdeknechte noch rot wurden.

Zwei Reiter der deutschen Equipe waren schon im ersten Umlauf mit vier Fehlern abgeritten. Fallersfeld hatte seine Mütze zerknautscht und sich nur damit trösten können, daß kein anderer Reiter weniger als vier Fehler auf dem schweren Parcours gelassen hatte.

»Noch haben wir eine Chance«, sagte er, heiser vor Erregung. »Horst, wenn du auch nur vier Fehler machst und d’Inzeo und Pessoa, die nach dir kommen, ebenfalls, dann kannst du im Stechen mit ‘Parade’ noch den Sieg holen.«

»Ich reite mit Laska«, sagte Hartung laut und endgültig. »Und, wenn es sein muß, auch ins Stechen.«

»Dann sitz auf!« Fallersfeld faltete die Hände. »Wenn du das drittemal reißt, bete ich, daß es Scheiße regnet.«

Sechs Minuten später war es soweit, aus den Lautsprechern tönte die Stimme Graf Hellbergs:

»Als nächster mit Nummer dreizehn am Start: Horst Hartung auf ‘Laska’. Deutschland.«

Es war, als senke sich über das herrliche, große Rund des Turnierplatzes plötzliches Schweigen. Die Menschenmenge schien den Atem anzuhalten. Wer hier bei glühender Sonne aushielt, wußte: Laska, das bisher unbekannte Pferd von H. H., sprang zum erstenmal eine internationale Konkurrenz. Eine Premiere in einem hoffnungsvollen Pferdeleben.

Hartung ritt ein. Er kannte den Parcours genau, er hatte ihn vorher abgeschritten, von Hindernis zu Hindernis, hatte dabei jeden Sprung berechnet, sich jeden Anreitewinkel gemerkt, Bruchteile von Sekunden entdeckt, wenn es wirklich in ein Stechen ging. Er wußte genau, wo Laska mit ihrer ungeheuren Sprungkraft abstoßen mußte, wo sie flach zu springen hatte oder steil über das Hindernis gezogen werden mußte. Vor allem die Dreierkombination war schwierig. Hier mußte Hartung Laskas Temperament zügeln, mußte sie hart in die Hand nehmen, sonst hing sie mit ihrer Sprungweite todsicher mitten im dritten Oxer.

Graf Hellberg auf seinem Sitz in der Turnierleitung wurde unruhig. Er sah unten am Gitter der Einreiteschneise Fallersfeld stehen, barhäuptig, mit wehenden weißen Haaren, wie ein Fakir, der zur Selbstverbrennung geht. Dann wanderte sein Blick zu Hartung und Laska, und bleicher Schrecken ergriff Hellberg. Schon beim Vorreiten und Vorstellen hatte Hartung Mühe, das Pferd in den Griff zu bekommen. Mit hochgerecktem Hals und geblähten Nüstern tänzelte Laska unter ihm, ein einziges Nervenbündel.

Hartung zog seine Kappe und verneigte sich kurz. Applaus klang auf, aber gedämpfter als sonst. Die Spannung hielt auch die Zuschauer wie in einem Schraubstock fest.

Elegant wendete Hartung auf der Hinterhand und trabte leicht zum Start. Dann fiel Laska in einen leichten Aufgalopp und passierte die Startfahne.

Es gab kein Zurück mehr. Der alte Reiterspruch wurde wieder Wahrheit: Wirf erst das Herz hinüber — der Reiter folgt dann nach!

Fallersfeld lehnte sich an das weißlackierte Gitter und strich die weißen Haare von den Augen. Neben ihm standen Romanowski und Platzwart Fritz Schmitz.

»Der Galopp ist gut«, sagte Schmitz.

Und Romanowski knurrte: »Ach Gott, halt doch die Klappe, Mensch.«

Laska galoppierte weich und elegant. Hartung spürte sie kaum, und das war ihm selbst neu. Ganz schnell klopfte er ihren Hals und beugte sich etwas vor.

»Brav, mein Mädchen«, sagte er. »Zeig es ihnen allen! Nach diesem Turnier sollen sie an uns glauben wie die Astrologen an die Sterne.«

Das erste Hindernis — ein Gatter. 1 Meter 50 hoch.

Es war, als gäbe es dieses Hindernis gar nicht. Laska flog darüber, ein langgestreckter golden leuchtender Pfeil.

»Bravo!« sagte Fallersfeld und begann heftig zu schwitzen. »Aber dieses Gatter springen noch blinde Urgroßmütter.«

Es war eine Wonne, dieses Pferd über den Parcours fliegen zu sehen. Mit einer Weichheit, als sei sie aus Gummi, sprang Laska ab, kam sie wieder auf und setzte ihren Galopp fort.

Der Wassergraben.

Kein Problem. Hartung hatte mit Laska schon breitere Bäche übersprungen, bei der Ausbildung im Geländeritt, Bäche, deren Ufer mit Holzstangen erhöht worden waren.

Aber genau hier passierte es.

Als Hartung das Hindernis anritt, kam er nahe an den Zuschauern vorbei. Irgendjemand — es war eine Männerstimme — brüllte plötzlich vor Begeisterung »Hurra! Hurra!« und klatschte in die Hände.

Laskas Ohren fuhren zurück. Hartung spürte, wie ihr Rücken sofort bretthart wurde, wie sie aus dem Takt kam, ausbrechen wollte, sich verkrampfte unter seinem zwingenden Zügelzug und seinem Schenkeldruck.

Der Absprung.

Zu früh, dachte Hartung sofort, als Laska gegen seinen Willen hochflog. Mein Mädchen, viel zu früh, das schaffst du nicht. Und ausgerechnet der Wassergraben!

Es war, als strecke sich Laska noch einmal in der Luft, als spüre sie jetzt selbst, daß sie sich verschätzt hatte. Aber es nützte nichts, sie trat mit den Hinterhänden ins Wasser und kassierte dafür vier Punkte.

»Aus!« sagte Fallersfeld und setzte seine Mütze auf. »Ich hab’s gewußt! Die Dreierkombination schafft sie nie! Leute, der Sieg ist im Eimer! Den Großen Preis kassiert Italien.«

»Schnauze halten!« sagte Romanowski dunkel. »Noch hat sie vier Sprünge vor sich.«

Hartung wendete auf die letzte Bahn ein. »Ruhig, mein Mädchen«, sagte er dabei. »Ganz ruhig. Ja, es hat gebumst, aber kümmere dich nicht darum.«

Verstand Laska ihn? Sie kam wieder in den richtigen Rhythmus, weich und schwerelos. Tausende von Menschen hielten den Atem an, als sie auf die Mauer zugaloppierte. Graf Hellberg preßte sein durchnäßtes Taschentuch gegen die Stirn.

»Die geht mitten durch«, stöhnte er. »Leute, ich mach die Augen zu, wenn’s kracht.«

Aber es krachte nicht. Kurz vor der Mauer zog Hartung das Pferd hoch. Wie abgeschossen schnellte Laska über die Mauer, zog die Hinterbeine an und schleifte nur ganz leicht mit den Sprungglocken über die Mauerkrone. Nichts fiel herunter, es verschob sich sogar nichts. Ein glatter Sprung.

Ein vieltausendfaches Seufzen klang auf. Fallersfeld griff sich ans Herz.

»Die nächste Kur bezahlt Hartung«, sagte er mit zitternder Stimme. »Das hält kein Herz aus.«

Ein hoher Buschoxer — hinüber.

Die Dreierkombination.

»Betet, Leute«, sagte Fallersfeld aufgeregt. »Mein Gott, betet doch!«

Hartung hatte Laska fest in der Hand. Er hielt sie zurück, er wußte, wie eng die Sprünge waren. Und er spürte auch, wie Laska ausbrechen wollte, daß sie dieses Hindernis als ein Ganzes ansah und damit unweigerlich wie eine Granate mitten drin landen würde.

Der erste Oxer — hinüber.

Nummer zwei hinüber.

Der letzte Dreiersprung.

Hartung riß an den Zügeln. Zu weit aufgekommen, Laska, viel zu weit. Wir haben keinen Platz mehr für den dritten Absprung. Mädchen, acht Fehler, jetzt werden sie uns auseinandernehmen.

Obwohl er nicht mehr daran glaubte, dieses Hindernis zu überwinden, drückte Hartung zum dritten Sprung ab. Und Laska folgte seinem Befehl. Fast senkrecht stieg sie empor, stieß sich mit ihren kräftigen Hinterhänden ab, zog sie dann eng unter den Bauch und wälzte sich über die lose liegenden Stangen. Es war die Sekunde, in der Tausenden das Herz stillstand. Dann aber brach ein Jubel los, in der der letzte Sprung und das Ausreiten völlig untergingen.

Graf Hellberg sank auf seinen Korbsessel zurück. Man mußte ihn daraufhinweisen, daß er vor dem Mikrophon saß und die Ansage machen mußte.

»Nummer dreizehn, Horst Hartung auf Laska, vier Fehler«, sagte er erschöpft. »Der nächste Reiter mit der Nummer 14: Nelson Pessoa auf ‘White Star’, Brasilien.«

Dann stand er auf, winkte einem anderen Herrn der Turnierleitung und verließ den Glaskasten der Schiedsrichter.

Fallersfeld hatte die Mütze schief auf dem Kopf, als Hartung absprang und die Zügel Romanowski zuwarf.

»Nun sind Sie aber stolz, was?« brüllte er. »Aber nun kommt das Stechen! Da reiten Sie ‘Parade’.«

»Das geht nach den Regeln ja gar nicht.«

»Wollen Sie mich ins Grab reiten? Ihre Mauer und der Dreier, ich habe keine Luft mehr gekriegt.«

Hartung reagierte nicht und ließ Fallersfeld stehen. Er rannte Romanowski nach, der Laska zum Warteplatz führte. »Wo ist Angela?« rief er. »Hast du sie gesehen?«

»Ja, sie sitzt in der Turnierleitung und will nischt von Herrchen wissen.«

»Und Luisa?«

»Die Verrückte sitzt auf der Tribüne und zerknüllt Taschentücher.«

»Ich muß Angela sprechen.«

»Geht nich, Herrchen. Da kommt der Graf.«

Hellberg stürzte auf Hartung zu und umarmte ihn. »Eine Meisterleistung«, rief er verzückt. »Ein Wunderpferd. Springt aus dem Stand!«

»Ich habe es selbst nicht geglaubt, es war also nicht mein Verdienst.« Hartung griff in die Tasche und zog ein Stück Papier heraus. »Haben Sie etwas zu schreiben?«

»Bitte.« Hellberg gab Hartung seinen Kugelschreiber, und Hartung warf schnell ein paar Zeilen auf das Papier. Er faltete es zusammen und reichte es Hellberg hin. »Graf, tun Sie mir den Gefallen und geben diesen Brief Angela. Ich weiß, daß sie bei Ihnen im Turm hockt.«

»Dicke Luft, Hartung?«

»Dick wie Erbsensuppe. Aber alles nur Irrtümer.«

»Das sagte die Maus auch und liebte den Elefanten. Geben Sie her, und viel Glück beim Stechen.«

Graf Hellberg lief zum Turnierturm zurück.

Bis zum Beginn des Stechens wartete Hartung auf eine Antwort Angelas. Vergebens. Romanowski, den er losschickte, kam zurück wie ein geprügelter Hund.

»Sauer wie Jurken aus Jroßmuttas Topf«, sagte er und putzte Laska die schaumigen Nüstern aus. »Ick jloobe sojar, die hat jeheult.«

___________

Das erste Stechen begann.

Es war, als habe Laska den Verstand eines Menschen, so wenigstens kam Hartung die Reaktion des Pferdes vor, als sie beim zweiten Umlauf wieder ein Hindernis riß, und zwar einen leichten Plankenoxer. Fallersfeld stöhnte auf und ließ sich einen Kognak reichen. Er sparte sich dabei das Glas und trank direkt aus der Taschenflasche.

»Noch’n Stechen«, sagte er. »Wenn Pessoa auch vier Fehler macht.«

Und Pessoa riß den letzten Oxer der Dreierkombination.

Dritter Umlauf. Umbau der Hindernisse, Erhöhung aller Stangen und der Mauer.

Wieder schrieb Hartung ein paar Zeilen an Angela. Er sah ihren Kopf hinter dem Glas der Werterkabine neben dem dicken Schädel Graf Hellbergs. Er winkte zu ihr hinauf, aber sie blickte konstant in eine andere Richtung.

Ich liebe Dich, schrieb er, das Papier auf Laskas Sattel gelegt. Laß uns miteinander sprechen. Alles ist ein Irrtum. Warum glaubst Du mir nicht?

Und diesmal brachte Romanowski eine kurze Antwort.

Wann heiraten wir?

Die Schicksalsfrage, vor der Hartung blind und taub wurde. Er faltete den Zettel zusammen und steckte ihn in die Rocktasche. »Was soll ich tun, Laska?« fragte er. »Wenn wir hier gewinnen, frißt uns der Betrieb auf. Wie können wir da heiraten?«

Der dritte Umlauf begann mit einem Sturz von d’Inzeo. Piero Laborta aus Argentinien riß zweimal. Die Engländerin Miss Haughs mußte vom Parcours, weil ihr Pferd ‘Blue Bell’ dreimal verweigerte. Der Deutsche Bornemann riß einmal, dann lahmte sein Pferd, und er mußte ebenfalls aus der Bahn.

Nummer dreizehn. Horst Hartung auf ‘Laska’.

Nur drei Hindernisse. Die Mauer mit 1 Meter 90, ein Steilsprung mit 1 Meter 80, ein Oxer mit 1 Meter 80.

Und wieder riß Laska, den letzten Sprung, nur ein Antippen der Stange. Sie war so lose gelegt, daß sie sofort fiel.

Aber auch Pessoa riß, und so blieben sie allein übrig für das dritte Stechen, den vierten Umlauf.

Nur ein einziges Hindernis, das Ende dieses nervenzermürbenden und kräftefressenden Kampfes.

Die Mauer.

Zwei Meter zehn hoch.

Wer sie überwand, war Sieger. Wenn beide sie rissen, gab es zwei Sieger. Wenn beide sie überwanden, gab es zwei Sieger. Es war unmenschlich, was man den Pferden jetzt zumutete. Ein neues Stechen war unmöglich.

Zur Verblüffung der Zuschauer ritt Pessoa zuerst ein. Sofort schwirrten wilde Gerüchte durch die aufgeregte Menschenmenge.

Laska hat sich verletzt. Hartung tritt nicht mehr an. Aber warum dann noch dieser Ritt? Wenn keiner mehr reitet, ist Pessoa doch Sieger.

‘White Star’ unter Pessoa umkreiste die riesige Mauer. Man sah dem Reiter an, daß er vor Nervosität bebte. Darum hatte er auch um den ersten Sprung gebeten. Seine Nerven zersprangen fast. Graf Hellberg hatte Hartung um Erlaubnis gebeten, und Hartung hatte gesagt: »Gut, soll er vorher springen. Ich habe die Nerven dazu.«

Dann stand er am Fuß des Turnierleiterturms und sah Pessoa zu. Neben ihm stand Romanowski mit Laska. Sie trug plötzlich eine rote Rose hinter dem linken Ohr. Hartung entdeckte sie, als er Laska den Hals klopfen wollte.

»Was soll das?« fragte er.

»Kam plötzlich jeflogen wie ’n Vogel«, sagte Romanowski und lächelte breit. »Oder wie ’n Engel.«

»Angela?« Hartung zog die Rose aus dem Riemen und einen kleinen Zettel dazu.

Ich zittere mit Dir. Ich verzeihe Dir alles, wenn Du gewinnst.

»Hörst du das, Laska?« sagte Hartung leise und las dem Pferd die Worte vor. »Jetzt mußt du in den Himmel springen.«

Pessoa ritt an. ‘White Star’ streckte sich, hob ab, flog in herrlicher Haltung durch die Luft, aber er schaffte die zwei Meter zehn nicht. Polternd fiel die obere Mauerreihe ab.

Pessoa legte sich tief über den Hals seines Pferdes und ritt hinaus. Er war erlöst.

Horst Hartung saß auf. Fallersfeld gab ihm die Hand. »Junge, ich möchte dir ins Gesicht spucken, wenn es Glück bringt«, sagte er. Seine Stimme klang plötzlich greisenhaft.

Nummer dreizehn. Horst Hartung auf ‘Laska’.

In dem weiten Rund des Aachener Springplatzes herrschte Stille wie vor einem Taifun. Langsam ritt Hartung an der Haupttribüne vorbei. Er sah Luisa Gironi ganz vorn sitzen. Ihr breitkrempiger roter Hut leuchtete hell zwischen dem Weiß der Hemden und den hellen Damenkleidern. Ihre Blicke trafen sich, und langsam, ganz langsam nahm sie die Sonnenbrille ab und zeigte ihr zerstörtes Gesicht.

Hartung nickte, wendete und ritt auf die drohende, unüberwindliche Mauer zu.

Zwei Meter zehn.

So hoch war Laska noch nie gesprungen. Auf diese Höhen hatte er sie nicht trainiert. Sie waren Mord an einem so jungen Pferd. Jetzt aber, ein einziges Mal, galt es, die Gesetze der Vernunft zu durchbrechen.

»Mein Mädchen«, sagte Hartung leise und beugte sich zu Laskas Ohren vor. Sie wedelte mit ihnen, als verstehe sie jedes Wort. »Wenn du da ’rüberkommst, gehören wir zusammen, bis einer von uns umfällt. Und nun los, du liebes Luder.«

Der Angalopp, zuerst langsam, dann schneller, immer schneller. Ein goldener fliegender Pfeil. Die Mauer, mein Gott, die Mauer. Nie kommen wir da rüber, nie. Laska, brich aus, brich zur Seite aus. Tu mir den Gefallen, spring nicht. Renn an dieser verfluchten Mauer vorbei. Wir brechen uns den Hals. Laska, mein Schätzchen, mein Liebling, spring nicht.

Hartung gab die Zügel frei. Jetzt bricht sie aus, dachte er. Jetzt ist sie sich selbst überlassen. Und jedes Pferd hat Angst vor einem solchen Sprung. Laska, nicht springen!

Es war, als schwebte Hartung plötzlich. Er hielt sich im Sattel, warf sich instinktiv nach vorn und umklammerte die Zügel. Das ist nicht möglich, dachte er dabei. Das träume ich jetzt. Sie hat Flügel bekommen. Laska. Laska.

Der Boden hatte sie wieder. Der Aufprall warf Hartung zurück, wie betäubt ritt er weiter, umbraust von einem Jubelschrei, der über ihm zusammenschlug wie eine riesige Woge.

Zwei Meter zehn. Wer kann das begreifen?

Er ritt vom Platz, rutschte aus dem Sattel in die Arme von Fallersfeld und vergrub sein Gesicht an dem schweißnassen Hals von Laska. Er hörte Romanowski brüllen wie einen Stier, und er hörte Angelas Stimme, die immer wieder rief: »Laßt ihn doch in Ruhe! Laßt ihn doch! Er kann nicht mehr, seht ihr das denn nicht?«

Hartung legte beide Arme um Laskas Hals, und wie immer in den vergangenen zwei Jahren streichelte sie mit ihren weichen Nüstern seinen Nacken.

Das Wunderpferd Laska war geboren. Die Welt lag offen vor ihnen — eine Welt, die sie feierte, als hätten sie einen neuen Planeten erobert.

Eine gnadenlose Welt, die jetzt nur noch Siege sehen wollte.

Besuch um Mitternacht

Seit Tagen sprach man in Rom von nichts anderem als von der »Coppa d’Italia«, dem größten Reiterpreis, den Italien zu vergeben hat. Kolonnen von Anstreichern und Gärtnern brachten das Stadion auf Hochglanz, die Tribünen glänzten weiß in der Sonne, die amphitheatralisch aufsteigenden Sitzreihen wurden repariert, an hundert Fahnenstangen flatterten die Fahnen von siebzehn Nationen im heißen römischen Wind.

Mit Güterzügen und in langen Wagenkolonnen trafen die Pferde und Reiter ein. Auf den Flugplätzen landeten die schweren Transportmaschinen. Vermummte, bandagierte Tiere kletterten vorsichtig aus den Spezialboxen. Pferde, behütet wie wertvolle Diamanten, betreut von Pflegern, die nichts auf der Welt kannten als ihren Pflegling, wurden umgeladen in die fast luxuriösen Transporter. Millionenwerte auf vier Beinen — oder Stolz des Landes, das sie auf dem Parcours vertraten.

Im Zimmer neunzehn des Hotels Michelangelo saßen um diese Zeit vier ehrenwerte Herren. Sie tranken Fruchtsäfte, rauchten ägyptische Zigaretten, fächelten sich mit Zeitungen Luft zu und schwitzten ausgiebig. Vor der Zimmertür hing ein Schild »Bitte nicht stören«, und bei dem, was diese Herren besprachen, durften sie auch nicht gestört werden.

»Wir haben vierzig Millionen Lire zu verlieren«, sagte ein dicker, kleiner Mann mit krausem schwarzem Haar. Er saß in einem Sessel, hatte die Beine weit von sich gestreckt und sprach mit einer Zigarette im Mundwinkel. Im Gästebuch des Hotels stand hinter dem Namen Ricardo Bonelli bescheiden: Großhändler. Er war vor dem Michelangelo mit einem sündhaft teuren Maserati vorgefahren; die Geschäfte schienen also gut zu gehen, sein Anzug besaß das gewisse Etwas eines vorzüglichen Schneiders, und seine Sprache war frei von irgendwelchen Dialektanklängen. Ein wahrer Ehrenmann, wie die drei anderen, die abwechselnd tranken und sich den Schweiß abwischten.

»Vierzig Millionen«, wiederholte Bonelli eindringlich. »Und ich habe die Absicht, den Einsatz um weitere zwanzig Millionen zu erhöhen, wenn wir uns jetzt einig werden, Signori. Ich habe auf ›Franco‹ unter Locatelli gesetzt, ein verdammt sicherer Tip, denn wer kann Locatelli in seiner heutigen Form schlagen? Wo gibt es ein Pferd wie ›Franco‹?«

»Auf der ganzen Welt nicht«, sagte ein mittelgroßer, schlanker Mann, der mitten auf dem Kopf eine kahle Stelle hatte wie eine Priestertonsur. »Wozu Ihre Aufregung, Bonelli?«

»So dämlich fragt ein Kind, das in die Hose gemacht hat: Mama, was ist das?« Bonelli hielt eine Zeitung hoch. »Haben Sie noch nicht gelesen?«

»Sofia Loren soll wieder schwanger sein«, sagte der Mann mit der teilweisen Glatze. »Mein Gott, es ist Sauregurkenzeit!«

»Stefano, Sie bringen mich um mit Ihrer Ruhe.« Bonelli fuchtelte wild mit der Zeitung. »Wissen Sie, wen die deutsche Equipe mitbringt?«

»Immer der alte Hut. Winkler, Schockemöhle, Jarasinski, Steenken — das reißt Sie vom Stuhl, Ricardo?«

Bonelli warf die Zeitung auf den Teppich. Hastig trank er einen Schluck. »Hartung mit ›Laska‹ ist auch gemeldet.«

»Hartung, naja.« Stefano Grazioli blinzelte den anderen zu und lächelte geringschätzig. »Sein Wallach ›Prinz‹ kann ‘Franco’ nicht gefährlich werden.«

»Madonna!« Bonelli griff sich an den Kopf. »Ich habe nicht ›Prinz‹, sondern ›Laska‹ gesagt. ›Laska‹, Signori.«

Sie sahen Bonelli erstaunt an. Der Name sagte ihnen gar nichts, er war unbekannt. »Na und?« fragte Grazioli.

»Nichts von Aachen gehört?« schnaufte der dicke Bonelli.

»Nein, da war ich in New York. Wozu studieren Sie alle Parcoursmeldungen? Sie sind der Fachmann, wir legen nur das Geld auf den Tisch. Was ist mit dieser ›Laska‹?«

»Ein Wunderpferd!«

»Blödsinn!« Grazioli winkte lächelnd ab. »Jedes Jahr erscheint auf irgendeinem Parcours ein neues Wunderpferd. Beim nächsten Turnier stolpert es über seine eigenen Beine. Seit ›Meteor‹ und ›Halla‹ gibt es keine Wunder mehr auf den Springplätzen. Auch diese ›Laska‹ — in Aachen war es, sagen Sie — wird in Rom untergehen! Unsere einzige Gefahr ist Pessoa!«

»Signori, glauben Sie mir — wir müssen umdenken!« Bonelli beugte sich vor. »Vierzig Millionen Lire. Und nochmals zwanzig! Alle auf ›Franco‹ gesetzt, es gibt eine Katastrophe, wenn er nicht gewinnt.«

»Er wird siegen.« Grazioli stand auf und trat ans Fenster. Unten auf der Straße brauste der römische Sommerverkehr. Heiß lag die Luft über der Stadt, dick zum Schneiden, unbeweglich. Es war, als presse eine unsichtbare Riesenfaust die Sonne genau über Rom aus. Nur in den Außenbezirken wehte von Ostia herüber ein leichter Wind. »Ich wundere mich, Bonelli. Seit zwanzig Jahren verdienen Sie auf den Renn- und Springplätzen ein Vermögen und kennen jedes Pferd von den Ohren bis zur Schwanzrübe. Sie wissen, wenn ein Gaul hustet und ob er Verdauungsbeschwerden hat, und plötzlich sind Sie außer Rand und Band wegen eines unbekannten Kleppers. Das ist doch bloß ein Nervenkrieg, Bonelli, die Deutschen hauen auf die Pauke, damit man von ihnen spricht.«

»Das haben sie gar nicht mehr nötig. Signori, statt sich Luft damit zuzufächeln, sollten Sie die Zeitungen lieber lesen.« Bonelli war beleidigt, streckte sich im Sessel und trank sein Glas leer.

Die drei Männer falteten die Blätter auseinander, suchten den Sportteil und vertieften sich eine Weile in die Berichte. Zuerst blickte Grazioli auf. In seinen Augen stand Ratlosigkeit. Er warf die Zeitung weg und steckte sich eine neue Zigarette an. »Wenn das wahr ist«, sagte er gedehnt.

»In Aachen hat man kopfgestanden.« Bonelli strahlte Befriedigung aus. Endlich werden die Schwachköpfe wach, dachte er. Geld ist nicht immer ein Beweis von Intelligenz. »Stellen Sie sich vor — sie ist die zwei Meter zehn hohe Mauer gesprungen. Fast aus dem Stand heraus. Als jeder glaubte, jetzt rast sie mitten durch das Hindernis, hüpfte sie einfach hoch — und drüber. Selbst Hartung war sprachlos, er saß im Sattel wie ein Nachtwandler.« Bonelli machte eine Kunstpause und sagte dann wie ein dramatischer Schauspieler: »Und jetzt kommt sie nach Rom!«

»Laska.« Grazioli kaute den Namen wie eine heiße Kartoffel. »Wie kann ein Pferd so plötzlich ganz oben sein?«

»Warum brechen Vulkane aus, na?« Bonelli richtete sich gerade im Sessel auf. In lässiger Haltung kann man schlecht über Millionen reden. »Signori, wenn ›Laska‹ an den Start geht, rutschen uns die Hosen runter! Wir müssen etwas tun.«

»Vorschläge!« rief Grazioli vom Fenster.

»Wir bleiben beim Einsatz auf ›Franco‹. Er hat die einzige Gewinnchance. Auf ›Laska‹ umzubuchen wäre ein gewagtes Spiel, denn — wie Grazioli richtig sagte — wer weiß, ob sie die gleiche Form wie in Aachen hat. Hier ist ein Unsicherheitsfaktor. Hat sie aber die Form, dann gewinnt sie. Vorschlag — ›Laska‹ darf nicht zum Parcours antreten.«

»Immer diese alte Masche!« Grazioli winkte heftig mit beiden Hände ab. »Man wird diesen Gaul wie ein Juwel bewachen.«

»Auch Juwelen sind schon oft geklaut worden!«

»Sie können doch kein Pferd klauen, Bonelli! Aus den Turnierställen! Eher rauben Sie die römische Staatsbank aus.«

»Wer spricht von Stehlen?« Bonelli lächelte breit. »Ich habe mich gleich, als ich wußte, daß ›Laska‹ springt, erkundigt. Betreut wird sie von einem Pedro Romanowski.«

»Pedro? Ein Spanier?«

»Ein Deutscher. Stoßen Sie sich nicht an dem Namen Pedro, Grazioli. Es gibt Italiener, die heißen Siegfried. Also Romanowski pflegt sie. Ihn zu überwinden ist schwerer, als eine Stahlkammer aufzubrechen.«

»Na also.«

»Aber Sie kennen Adriana nicht, Signori.« Bonelli glänzte wie eine Sonnenölreklame.

»Wer ist Adriana?«

»Adriana Lucca. Rothaarig, mit Kurven wie die Rennbahn von Monza, Blicke wie Laserstrahlen. So etwas kennt auch ein Romanowski nicht. Adriana wird ihn ausschalten. Sie hat schon mehrmals für mich gearbeitet, und immer mit einem kompletten Sieg. Sie ist nicht ganz billig, aber ihr Erfolg bringt das Geld wieder herein.«

»Eine gute Idee, Bonelli. Legen Sie Adriana auf diesen Pedro. Und dann?«

»Dann schleicht sich Luciano Pavese in den Stall der Deutschen und gibt Laska ein Spritzchen.«

»Wer ist Luciano?«

»Ein Arztgehilfe. Er arbeitet für mich auf den Rennplätzen und dopt die Pferdchen. Bisher hat noch niemand was gemerkt — ein Fachmann, wie Sie sehen, Signori.«

»Und nach der Spritze wird diese verdammte ›Laska‹ umfallen?«

»Das wäre zu offensichtlich. Nein, sie wird müde.« Bonelli hob lächelnd beide Hände. »Die römische Hitze. Der Sommer. Die dicke Luft. Der Klimawechsel. So ein Pferd ist wie eine Primadonna, die im Durchzug steht. Wer kann es ›Laska‹ verübeln, wenn sie klimakrank wird? Wenn sie schläft, statt zu hüpfen? Bisher hat es noch keinen Tierarzt gegeben, der Lucianos Injektionen richtig diagnostiziert hätte. Am Morgen des Turniertages wird ›Laska‹ müde herumhumpeln und gegen Mittag sich zufrieden ins Stroh legen und die Äuglein schließen. Wer will dann ›Franco‹ hindern zu gewinnen?«

»Niemand.« Grazioli klatschte in die Hände. »Wir akzeptieren Ihren Plan, Bonelli.« Die anderen nickten wortlos. »Und wenn etwas schiefgeht?«

»Ausgeschlossen bei Adriana.«

Zehn Minuten später verließen drei gepflegte Männer das Hotel Michelangelo. Bonelli nahm das Schild »Bitte nicht stören« von der Klinke, warf es in den Vorraum und ging hinunter an die Bar, um einen eiskalten Campari zu trinken. Vorher aber hatte er noch Adriana, die rothaarige Sexbombe, angerufen.

»Neue Arbeit, mein Liebling«, sagte er. »Ein leichter Fall. Hunderttausend Lire auf die Hand. Handle nicht mit mir, ein unbedarfter Deutscher, bei dem brauchst du nichts weiter als kräftig mit dem Hintern zu wackeln.«

Zufrieden saß Bonelli später an der Bar und unterhielt sich mit dem Keeper über den neuesten Gesellschaftsklatsch. Zehn Millionen Lire sind mir sicher, dachte er dabei.

___________

Die deutsche Equipe war eingetroffen. Fallersfeld war als Quartiermeister schon seit einer Woche in Rom und empfing seine Reiter mit einem Fäßchen kühlem deutschem Bier. Die stehende heiße Luft war unerträglich geworden. Bei der geringsten Bewegung brach der Schweiß aus den Poren. Die Schiebetüren der Spezialgüterwagen standen weit offen, trotzdem dampften die Pferde und ließen die Köpfe hängen.

»Schwierigkeiten?« fragte Fallersfeld. »Hat alles geklappt?«

»Soweit ja.« Hans-Günther Winkler winkte ab. Die obligate Sonnenbrille verdeckte sein Mienenspiel. »Laska …« Er drehte sich um und ging zu dem Waggon, aus dem seine Pferde gerade über die hölzerne Rampe auf den Boden geführt wurden.

Fallersfeld ahnte Böses. Er seufzte und tupfte sich den Schweiß vom Gesicht. Immer diese Laska. Ein Aas von einem Gaul! Zänkisch, widerborstig, stur, undiszipliniert, unberechenbar — nur wenn Hartung bei ihr war, konnte sie sich benehmen wie ein Osterlämmchen.

»Was hat sie wieder angestellt?« fragte Fallersfeld, als er die Güterwagen erreicht hatte. Schockemöhle und Steenken wechselten einen schnellen Blick. »Nun redet schon!«

»Sie fährt allein«, sagte Steenken und deutete auf den übernächsten Wagen. »Es war nicht mehr auszuhalten. Wo wir sie auch hinsteckten, sie beißt, donnert gegen die Wände, rennt die anderen Pferde um, ein richtiger Satan.«

»Wo ist Horst?« schrie Fallersfeld. »Das geht zu weit, das geht entschieden zu weit!«

Horst Hartung und Pedro Romanowski blickten aus ihrem Waggon mit solch unschuldigen und fragenden Gesichtern, daß Fallersfeld, impulsiv wie immer, seine Sportmütze auf die Erde schleuderte.

»Willkommen in Rom«, sagte Hartung und sprang aus dem Waggon. »Das Klima bekommt Ihnen, Baron! Sie sind ja mit Temperament geladen.«

»Horst!« Fallersfeld streckte den Arm aus — ein Pfahl, der auf Laska zeigte. Ihr schöner Kopf erschien neben Romanowski in der Tür, die klugen großen Augen begrüßten die Sonne. Nur die Ohren spielten unruhig vor und zurück. »Was höre ich da?«

»Es stimmt. Ein eigener Waggon.« Hartung nahm ein Glas eisgekühltes Bier in Empfang, das ihm vom Fäßchenwagen herübergebracht wurde. Romanowski winkte mit beiden Armen. »Hierher!« schrie er. »Leute, det Faß steht falsch. Rollt man was näher!«

»Wer bezahlt den Waggon?« fragte Fallersfeld gefährlich leise. »Ich denke nicht daran, meinen Etat deines wilden Gaules wegen zu überschreiten. Kein Wort mehr, Horst. Die Gesänge kenne ich! Und wenn Laska siebenmal ein Wunderpferd ist — das ist ihr letzter Parcours, wenn sie keine Disziplin lernt. Ich schwöre es dir.«

»Polizei!« schrie Romanowski aus dem Waggon. »Polizei! Hier schwört einer Meineide!«

»Die Waggonmiete geht auf meine Kosten«, sagte Hartung. Er wartete, bis alle Pferde der deutschen Equipe ausgeladen waren, und winkte dann Romanowski. »Ich halte nur die Hand auf, wenn Laska die ›Coppa d’Italia‹ gewinnt.«

»Das ist Erpressung, Horst!« Fallersfeld wandte sich abrupt zum Gehen. Dann fiel ihm noch das Wichtigste ein, er starrte Laska an, die zögernd über die schräge Rampe den Eisenbahnwagen verließ und die Nüstern hob, als sie den Baron anblickte. »Sie mag mich nicht«, sagte Fallersfeld fast beleidigt.

»Wundert Sie das, Baron?« Hartung lachte und tätschelte Laskas Hals.

»Was ist mit dem Stall? Benötigt dein Bock etwa auch einen eigenen Stall?« Fallersfeld reckte das Kinn kampfeslustig vor. »Sie bekommt ihre Box neben ›Feuerwind‹. Die letzte in der Reihe. Da hat sie eine Steinwand, um Pauke zu spielen.«

Es wurde Abend, bis die deutsche Equipe mit dem Einrichten fertig war. Die Pferde wurden gefüttert und getränkt, abgerieben und vom Tierarzt untersucht. Dr. Rölle, der Equipenarzt, betrachtete Laska von weitem. Sie hatte den Kopf zurückgewandt und stand unbeweglich.

»Nicht mit mir!« sagte Dr. Rölle. »Ich falle nicht drauf ’rein. Pedro, wie fühlt sie sich?«

»Verdreht wie imma, Herr Dokta. Ick hasse det Biest. Se kostet mir zehn Jahre Leben.« Romanowski ballte die Fäuste.

»Aber jede Nacht schlafen Sie neben ihr, und wenn einer den anderen eine Stunde lang nicht sieht, fangen beide zu weinen an!«

»Det is es ja, Dokta.« Romanowski wischte sich über die Augen. »Wir hassen uns so, det wir uns jejenseitig brauchen, um jlücklich zu sein.«

Dr. Rölle bückte sich und betrachtete Laskas Hufe und Sprunggelenke.

»Keine Schwellungen?«

»Nich die Bohne.«

»Transportschäden?«

»Nervös wie imma.«

»Schon bewegt?«

»Dokta, bin ich’n Penner? Natürlich hab ick det Luder bewegt.« Romanowski klatschte Laska auf den Schenkel. Sie hob den Kopf, wieherte verhalten und musterte mit ihren großen sprechenden Augen den Arzt. Ich bin fit, sagte dieser Blick. Laßt mich jetzt in Ruhe. »Ick hab se uff’n Platz jeführt und jedacht, jetzt fällt se um, von wejen die Hitze. Und wat macht se? Reißt sich von der Longe los, ick rolle in’n Sand, und ab jeht die Post. Immer rund im Galopp wie ’n Mustang aus Wildwest. Erst als der Chef kam und schnauzte: ‘Hierher! Sofort!’, legt det Biest die Ohren an und ist zahm wie’n Karnickel. Von wejen Hitze! Die schluckt alles.«

Dr. Rölle zog die Augenbrauen hoch, blickte Laska in die braunen Augen und zuckte mit den Schultern. »Ich werde aus dem Pferd nicht klug«, murmelte er. »Irgendwo hat es einen Hirnfehler. So benimmt sich kein normaler Gaul.« Er hob seine Medikamententasche vom Boden und verließ den Stall.

Romanowski baute sein Schlafzimmer auf: eine Wolldecke über einen Haufen auseinandergezogenes Stroh, eine Batterielampe an einem Nagel in der Wand, Laskas Sommerdecke als Kopfkissen. Dann zog er den Rock aus, hängte ihn an Laskas Boxentür, zerrte sich die Stiefel von den Beinen, rieb sich die Zehen, warf sich auf sein Lager und seufzte laut. »Gute Nacht, olles Luder!« sagte er zärtlich.

Endlich Ruhe, endlich langliegen, endlich schlafen. Gibt es etwas Schöneres, als in einem Pferdestall zu schlafen? Der Geruch der Tiere, des Heus und des Strohs, die wohlige Wärme, die den Pferdeleibern entströmt, das behutsame Scharren der Hufe, das Schnauben und Rumoren, ab und zu ein leises Wiehern, als wenn eines der Pferde träumt — eine kleine glückliche nächtliche Welt, die Romanowski nicht gegen ein Prunkbett eingetauscht hätte.

Er streckte sich, knipste die Batterielampe an und begann, einen Kriminalroman zu lesen. Romanowskis Spezialität waren knallharte Gangsterjagden. Meistens aber ärgerte er sich über die Kriminalbeamten, denn er hätte solche Fälle ganz anders gelöst. Einfacher und schneller. Und weil er dieser Meinung war, verschlang er einen Kriminalroman nach dem anderen.

Gegen 23 Uhr schlief Romanowski ein. Für ihn war der Fall des ‘Moormörders’ gelöst. Dafür begann, ohne daß er es merkte, der ‘Fall Romanowski’.

___________

Am Abend landete auch Angela Diepholt in Rom. Horst Hartung holte sie mit einem großen Blumenstrauß ab. Fallersfeld hatte beim Abendessen im Hotel zu ihm gesagt: »Da man Kinder und Verrückte nie allein lassen darf, kommt Angela in einer Stunde an.«

»Mir ist, als werde ich verfolgt«, stellte Hartung fest, nachdem er Angela mit einem Kuß begrüßt hatte. Sie sah hinreißend aus in einem rosafarbenen Kostüm mit weißen Biesen und einem Chiffonschal um die langen Haare.

»Genauso ist es, mein Lieber.« Angela hängte sich bei Hartung ein. »Vier Wochen habe ich dich nicht gesehen.«

»Training. Ich mußte Laska auf den Coppa vorbereiten.«

»Natürlich. Und um dich daran zu erinnern, daß es mich auch noch gibt, bin ich hier.«

»Ich freue mich, Angi.«

»Du hast schon eleganter gelogen. Dein Kuß vorhin war eine Pflichtübung. Und die Rosen hat die Hotelsekretärin besorgt, nicht wahr?«

»Giftnudel!« Hartung führte Angela zu den Taxiständen. Eine geraume Zeit fuhren sie stumm über die breite Chaussee nach Rom. Landhäuser hinter hohen weißen Mauern. Pinienhaine. Zypressen ragten wie grüne Säulen in den Himmel. Blühende Büsche. Reklameschilder. Schreiende, spielende Kinder. Streunende Hunde. Autoschlangen, in deren Lücken die kleinen Fiats wie schwirrende Käfer hineinsausten. Das Häusermeer mit der heißen Dunstglocke darüber. Ruinen aus mehreren Jahrtausenden, das Forum Romanum, im Abendrot der Rundbau der Engelsburg, schwebend fast die Kuppel des Petersdoms.

»Roma!« sagte der Chauffeur höflich und blickte in den Rückspiegel. »Wohin, Signorina?«

»Hotel Terminus

»Was?« Hartung wandte sich um. »Nicht bei uns?«

Es waren die ersten Worte, die sie wieder sprachen. Bisher hatten sie sich nur wortlos angesehen.

»Nein.« Angela lehnte sich zurück. »Ich bin eine neutrale Rombesucherin, kein Equipenmitglied.«

»Und wann sehen wir uns?«

»Ruf mich an, wenn du Zeit hast.«

»Heute abend. Wir könnten heute abend bummeln gehen.«

»Und Laska, dein Augenstern?« Es klang bitter, angriffslustig.

»Pedro schläft bei ihr.«

»Übertreibt ihr das nicht? Dieser Kult um ein Pferd! Die heiligen Kühe in Indien sind ja Ausgestoßene dagegen.«

»Laska ist nervös.«

»Sie ist immer nervös, mein Lieber!« Angela drehte sich zu Hartung. »Hast du schon einmal gehört, daß eine vernachlässigte Braut auch nervös werden kann?«

»Ich appelliere an die Vernunft dieser Braut.«

»Dann sprich in gleicher Weise auch mal mit Laska. Angeblich versteht sie jedes Wort von dir.«

»Hotel Terminus!« rief der Fahrer und bremste.

Hartung beugte sich vor. »Fahren Sie noch einmal um den Block.«

»Si, signore. Capito.« Der Chauffeur winkte dem herbeistürzenden Hotelportier ab, gab Gas und fädelte sich tollkühn wieder in den Verkehr ein.

»Das ist Freiheitsberaubung«, sagte Angela und lächelte krampfhaft.

»Hier kann ich wenigstens mit dir reden, hier kannst du nicht einfach weglaufen.« Hartung holte aus der Rocktasche einen Bogen Papier und faltete ihn auseinander. Er war mit Namen und Daten dicht beschrieben. »Lies das einmal durch.«

»Warum?« Angela nahm das Blatt und überflog es. Ein Terminplan. Turnier auf Turnier. Berühmte Parcours-Namen. Preise, Ehrungen, Pokale, Nationenwertungen. Ein Geflecht aus Daten, das Hartung wie ein Panzer umschloß. Angela warf das Blatt auf den Sitz.

»Das ist ein uraltes Alibi mit riesigem Bart!« sagte sie. »Lebst du nur, um über Hindernisse zu springen?«

»Im Augenblick ja.« Hartung steckte den Terminkalender wieder ein. »Verstehst du das nicht?«

»Nein.«

»Das nie ausdiskutierte Problem. Ich bin kein Krautjunker, der Zuckerrüben anbaut oder Schweine mästet, sondern ich habe einen verdammt harten Job. Ich reite mir die Seele aus dem Leib, zum Ruhm des Pferdesports.«

»Du redest wie ein Marktschreier. Zum Ruhm! Welch ein Unsinn. Wer dankt dir das? Wenn du vom Pferd fällst und brichst dir irgendeinen Wirbel und mußt im Rollstuhl gefahren werden, wer kümmert sich dann um dich? Ein paar Zeitungsartikel, ein paar Bildreportagen und dann Schluß. Vergessen! Abgeschoben! In der nächsten Saison spricht schon keiner mehr von Horst Hartung. Nur der gilt, der noch im roten Rock im Sattel sitzt, der gelähmte Hartung ist dann längst mit dem Stalldung weggefegt. So ist das, Horst, und du weißt das ganz genau!«

»Darin sind wir nicht anders als Soldaten. Gehorchen, siegen oder untergehen!«

»Und das nennt ihr noch Sport!« Sie fuhren jetzt zum drittenmal am Hotel Terminus vorbei. Der Portier, der immer auf dem Sprung stand, tippte sich bei der dritten Runde an die Stirn. Der Fahrer zuckte mit den Schultern und hob beide Hände. Prego, amico — solange Verrückte zahlen, können sie bei mir machen, was sie wollen. Einfacher kann ich meine Lire nicht verdienen. »Laß mich ’raus, Horst.«

»Wir lieben uns doch, Angi.«

»Ist das Liebe, wenn wir irgendwo auf der Welt zusammenprallen wie zwei Gewitterwolken und dann weiterziehen? Genügt dir das? Mir nicht! Ich will mit dir leben und nicht eine Duftnuance des Stalldunstes sein.«

»Du bist heute wieder von einer umwerfenden Rhetorik.« Hartung lehnte sich seufzend zurück und tippte dem Fahrer auf die Schulter. Der kleine Italiener nickte stumm. »Ich habe dir versprochen — nach der Olympiade heiraten wir.«

»Mein Gott, das sind ja noch drei Jahre.« Angela schüttelte den Kopf. »Wir werden uns trennen, Horst.«

»Angi!« Hartung versuchte, ihre Hand zu ergreifen, aber sie zog sie abrupt zurück. Vor ihnen tauchten die Lichterketten der Hotels auf. Nur noch ein paar Sekunden. »Angi, soll ich jetzt, wo Laskas Stern aufgeht, alles hinschmeißen? Du weißt am besten, was in Laska steckt.«

»Pökele sie dir ein«, sagte Angela wütend. Sie riß die Tür des Taxis auf, als es noch vor dem Hoteleingang ausrollte, und sprang hinaus. Der Portier kam diesmal zu spät. Die fahren doch noch eine Runde, dachte er. Er war entsetzt, als die Signorina aus dem Wagen stürzte und sich nur mit größter Mühe auf den Beinen hielt. Die Bremsen kreischten. »Madonna mia!« schrie der Chauffeur und schlug die Hände zusammen.

»Angi!« Hartung beugte sich aus der offenen Tür. »So können wir nicht auseinandergehen. Ich hole dich in einer Stunde ab.«

Er wußte nicht, ob sie es gehört hatte. Sie lief ins Hotel, fegte durch die breite Glastür und verschwand. Der Portier holte die beiden Koffer aus dem Wagen, musterte Hartung wie einen Menschenjäger, tuschelte mit dem Taxichauffeur und schritt dann gravitätisch zur Tür der Hotelgepäckannahme.

Eine Stunde später sagte der Chefportier in der Rezeption zu Hartung in fließendem Deutsch: »Bedaure, mein Herr, die Dame ist ausgegangen.« Und am nächsten Morgen, am Telefon: »Bedaure, mein Herr, die Dame ist nicht im Haus.«

Am Mittag, nach einem harten Training: »Bedaure, mein Herr, die Dame hat hinterlassen, sie mache einen Ausflug auf der Via Appia.« Am Abend — Hartung hatte einen Smoking angezogen und zwei Opernkarten für eine Aufführung von La Bohème in der Tasche — die gleiche, stereotype Auskunft des eleganten Chefportiers mit den beiden gekreuzten Schlüsseln auf dem Samtkragen: »Bedaure, mein Herr, die Dame ist vor einer Stunde abgeholt worden.«

»Abgeholt worden?« Hartung war ratlos. »Haben Sie ihr meinen Brief gegeben?«

»Natürlich, mein Herr.« Der Chefportier verzog das Gesicht. Was für eine Frage!

»Und? Was geschah mit dem Brief?«

»Die Dame steckte ihn ein.«

»Ungelesen?«

»Meines Wissens — ja.«

»Wer holte sie ab?«

Der Chefportier musterte Hartung wie einen Bettler, der sich in diese heiligen Hallen des Geldadels verirrt hat. »Mein Herr«, sagte er betont, »unser Haus ist bekannt für seine Diskretion. Darf ich Ihnen durch den Boy eine Erfrischung bringen lassen?«

»Danke.« Hartung wandte sich ab. Im Hinausgehen zerknüllte er die Theaterkarten und warf sie in einen großen Aschenbecher. Dann bummelte er über die Via Veneto, trank drei Campari, wehrte vier entzückende, wohlgerundete, aber teure Mädchen ab, langweilte sich in einem Nachtclub bei mittelprächtigem Striptease, dessen Höhepunkte in flackernden roten Scheinwerfern untergingen — die römischen Behörden verlangten es so, und kam in sein Hotel zurück, als Fallersfeld mit den anderen Reitern der deutschen Equipe an der Bar zum Abschluß des Tages noch ein Bier trank.

»Unser Kulturpapst!« rief Fallersfeld ausgelassen. »Na, wie war’s? Wie eiskalt ist dies Händchen — hast du’s gewärmt, Horst?«

»Einen Kognak und ein Bier! Heute besauf ich mich«, verkündete Hartung düster. Er kletterte auf den Barhocker und sah mit bereits alkoholisiertem Blick in die Runde. »Wenn ich jetzt ans Reiten denke, könnte ich kotzen.«

»Morgen früh um acht Geländeübung.« Fallersfeld lachte dröhnend. »Vor nichts hat der Bengel Angst, nur vor dem Ja am Altar. Ein Kognak, ein Bier — mehr wird nicht erlaubt. Und übermorgen dürft ihr keine Nerven haben.«

___________

Die letzte Nacht vor dem Turnier.

Angela ließ sich weiter verleugnen. Jede freie Stunde rief Hartung im Hotel Terminus an, sie war immer unterwegs, nicht erreichbar, gerade ausgegangen. Schließlich sagte der Chefportier, wenn er Hartungs Namen hörte, nur noch: »Wie immer!« und legte den Hörer auf. Es hatte keinen Sinn, das Telefon weiter zu blockieren.

Romanowski war hundemüde. Das Training war zermürbend gewesen, Laska sprang wie ein altes Weib über eine Pfütze, ohne Haltung, ohne den Blitz im Leib, wie Fallersfeld es nannte. Die Hindernisse nahm sie ausgesprochen lustlos, latschte beim Abreiten wie eine triefäugige Kuh, war sichtlich beleidigt bei der Cavaletti-Arbeit und wurde nur munter, als Dr. Rölle sie abhorchen wollte. Fallersfeld rannte herum mit hochrotem Kopf.

»Das ist der letzte Parcours, das schwöre ich«, schrie er Hartung an. »Ich streiche Laska so lange von der Liste, bis sie Disziplin gelernt hat. Das ist das mindeste, was ich verlangen kann. Wir haben hier doch kein Rodeo!«

Nur Romanowski war trotz aller Müdigkeit und allen Kampfes mit Laskas Dickschädel glücklich. Er hatte eine Bekanntschaft gemacht.

Ein Mädchen, wie aus einem schwedischen Magazin. Überall rund, wo man es erwartete, rothaarig und eindeutig in Romanowski verliebt. Sie stand plötzlich überall dort, wo Romanowski mit Laska arbeitete, kullerte mit den Augen, drehte die Hüften in dem engen, kurzen Rock und schob die Brüste vor. Romanowski wurde es heiß unter der Mütze. Zuerst trank er Limonade, dann einen Whisky mit Eis, und als es gar nicht mehr auszuhalten war, sprach er die Rothaarige an.

»Signorina«, sagte er, ging in die Knie und wippte auf und ab. »Schön hoppehoppe?«

»Sär schön!« Die Rothaarige blinzelte Pedro an. »Isch libbä Pfärde.«

Sie kann deutsch, jubelte Romanowski innerlich. O ewiges Rom, jetzt breche ich einen Stein aus dir!

Adriana Lucca hatte ihren Auftrag begonnen.

Es war — wie Bonelli gesagt hatte — ein leichtes Spiel. Romanowski brannte schon nach dem ersten Satz, den Adriana sprach, nach fünf Minuten näherer Bekanntschaft loderte in ihm ein Vulkan.

Es ist eine alte Weisheit, daß Liebe die Hirnwindungen leerfegt und Männer rettungslos verblöden läßt. Wer dazu noch ein Mann wie Pedro Romanowski ist, dem freiwillig keine Frau nachläuft, ihn nicht einmal interessiert mustert, denn außer Kraft hatte die Natur ihm wenig mitgegeben, was ein Frauenherz entzückt, wer immer nur zugesehen und nie im Mittelpunkt gestanden hat, der überläßt sich glücklich der Leidenschaft, wenn ihn eine Frauenhand anders als abwehrend berührt.

Adriana verstand ihr Metier. Mit allen Wassern weiblicher Verführungskunst gewaschen, eroberte sie Romanowski im Sturm. Er begriff gar nicht, wie so etwas möglich sein konnte. Ausgerechnet ich, dachte er immer wieder. Da laufen Hunderte von Männern herum wie aus einem Modejournal, und mich stinkenden Pferdeknecht hat sie herausgepickt.

Beim Geländeritt fing es an. Hartung ritt Laska vorsichtig, er kannte die Tücken des Bodens nicht, versteckte Wurzeln, Mäuse- oder Kaninchenlöcher, Unebenheiten — alle möglichen Fallen, in denen sich ein Pferd den Fuß verstauchen konnte. Adriana trippelte neben Romanowski durchs Gelände, bestaunt von den anderen Reitern und Helfern, argwöhnisch beäugt von Fallersfeld, der noch genug hatte von Hartungs Affäre mit der schönen Luisa Gironi in Aachen. Er machte da keinen Unterschied zwischen Hartung und Romanowski — alle drei, mit Laska, bildeten eine Einheit. Wurde diese gesprengt, mußte es immer zu einer Katastrophe kommen. Die einzige Ausnahme war Angela. Sie würde die Dreieinigkeit bestimmt nicht zerstören, sondern sich völlig integrieren in diesen Block. Aber Hartung begriff das noch nicht.

»Madonna«, sagte Adriana am zweiten Tag, als Hartung über die Übungshindernisse sprang. »Und du machst Pfärd fit?«

»Wer sonst?« Romanowski warf sich in die Brust. Da war allerhand — ein Brustkasten wie eine Truhe, Schultern wie ein Brückenpfeiler. »Herrchen — so nenne ick meinen Chef — reitet bloß. Ick sorje für die Kondition von Gaul und Reiter. Det is eene Lebensaufjabe, Mädchen.« Er bemühte sich, ein verständliches Hochdeutsch zu sprechen, aber nach einigen Anläufen gab er die Bemühungen auf. Was se vastehen will, bejreift se ooch so, dachte er. Und wenn ick ihr um die Taille fasse, is det international. »Ohne mir jebe et keene Parcours nich. Ick bin sozusajen det Schmieröl im Motor. Vastehste mir?«

»Si, si.« Adriana Lucca lächelte ihn so zuckersüß an, daß Romanowskis Herz hämmerte. »Du großär Pfärdemann.«

Mir knallt det Herz noch um die Ohren, dachte Romanowski. Det is ’ne Puppe für morgens, mittags und abends, und ’n Mann wie ick kann ooch noch ’ne Zwischenmahlzeit vertragen. Pedro, hol mal tief Luft und dann hinein ins Wasser.

Er faßte Adriana um die Hüfte — der internationale Griff — und strahlte sie an. Adriana kicherte und bekam große Kulleraugen. Durch ihre roten Haare wehte der Wind. Romanowski geriet in Atemnot.

»Isch zeige dir Rom«, sagte sie und schmiegte sich an ihn. Eine Katze hätte nicht zärtlicher geschnurrt. »Via Véneto, kleine Bar, du und isch, ganz soletto!«

Romanowski versuchte einen Angriff. Er riß Adriana an sich, küßte sie wie ein Barbar, wunderte sich, daß sie quietschte wie eine Maus in den Krallen einer Katze, ließ sie los und holte tief Luft. Es war der erste Kuß seines Lebens, den er bis in die Zehenspitzen gespürt hatte. Ein völlig neues Lebensgefühl. Und ein gutes dazu.

»Morjen, Puppe«, sagte er keuchend. »Morjen. Heute Nacht muß ick Laska bewachen.«

»Heute. Soletto!« sagte Adriana. Sie hatte einen trotzigen Zug um den Mund. Ihre Augen blitzten. »Morgen nix! Jetzt.«

»Puppe, det Turnier.« Romanowski wurde abwechselnd heiß und kalt. Er sah sich um, zog Adriana hinter einen Busch und küßte sie wieder. Dabei legte er die Hand auf ihre Brust, und dieser Griff ins Volle entschied alles. Was ist eine Laska gegen solche Lebensfülle? Wo bleibt die Moral bei so massiver Versuchung? Sie verdorrt wie eine Blume in der Wüste. »Ick schlafe im Stall«, sagte Romanowski rauh, ließ seine Pranke auf der Brust und sehnte sich nach einem eiskalten Bier. »Wenn dir det zu popelig is?«

»Zu was?« fragte Adriana brav zurück.

»Popelig. Mein Jott, wie soll ick dir det erklären? Popelig is, wenn de Appetit auf ’n Kotelett hast und kriegst nur ’ne Schrippe mit Gummiwurst. Vastehste?«

»Alles«, sagte Adriana und hob sich auf die Zehenspitzen. »Un bacio«, bettelte sie. Und Romanowski verstand sie sofort.

»Um zehn Uhr im Stall«, sagte er später. Er hob beide Hände hoch. »Zehn! Dann sind se alle weg! Ick mach uns ’n Lager wie aus Tausendundeine Nacht. Verdammt Puppe, wie heeßt du eigentlich. Ick bin Pedro.«

»Il mio nome è Adriana.«

»Adriana — det is wie Musik.«

Er umarmte sie noch einmal mit seinen Pranken, küßte sie wie ein Verdurstender und hörte erst auf, als Hartung nach ihm rief.

»Det is Herrchen«, seufzte er und umfaßte mit einem langen Blick noch einmal seine unfaßbare Eroberung. »Mein Jott, wer hätte det jedacht? Jetzt muß ick mir zerreißen.«

___________

Was Romanowski tat, das tat er gründlich.

Er baute neben Laskas Box ein Liebeslager, wie es die Schweden im Dreißigjährigen Krieg nicht besser hatten. Viel Stroh, darüber weiche Decken, eine romantische Stallaterne, ein Brett mit Wurst, Schinken, Wein, Weißbrot und Orangen. Vor den Eingang nagelte er rechts und links eine Decke an den Balken fest, sie gab ein Gefühl von Abgeschlossenheit, von Intimität.

Nach dieser Einrichtung seiner Liebeslaube begann Romanowski, sich selbst aufzupolieren. Er wartete, bis der normale Stalldienst gegangen war, holte dann zehn Eimer Wasser, goß sie in einen Trog, zog sich nackt aus und badete. Es kostete Überwindung — er stand eine Zeitlang sinnend vor dem Wasser, fühlte mit der Hand, tauchte ein Bein hinein, zuckte, holte dann tief Atem, ballte die Fäuste und setzte sich in das kalte Wasser.

Alles für die Liebe, dachte er. Wenn sich bloß det Kalte nich auf anderes auswirkt!

Das Bad erfrischte, wie Romanowski verblüfft feststellte. Da er allein war, lief er nackt und triefend im Stallgang hin und her, machte ein paar Kniebeugen und glaubte dann, gerüstet für den Großkampf dieser Nacht zu sein. Er zog nur eine Unterhose an, rollte mit den Muskeln, blickte dann auf seine Armbanduhr und hatte noch eine halbe Stunde Zeit.

Adriana Lucca telefonierte unterdessen mit Bonelli. Es ging um eine Honorarerhöhung.

»Du Kretin!« fauchte sie Bonelli an. »Leichte Arbeit! Ein Riese ist das! Ein Urmensch! Eine Kreuzung zwischen einem Mammut und einem Saurier! Er wird mich bestimmt zerquetschen!«

»Dan dirigier ihn so, daß du immer oben liegst«, sagte Bonelli gelassen.

»Ich weigere mich!«

»Dann haue ich dir den schönen Hintern blau, cara mia. Schalte ihn aus, das ist dein Auftrag. Wie du das machst, ist deine Sache. Luciano wird draußen warten. Wenn du im Stallfenster die rote Lampe blinken läßt, ist alles nur eine Sache von Sekunden.«

»Laska wird ihn vor den Kopf treten.«

»Überlaß das uns. Sind wir Amateure? Kümmere du dich um deinen Saurier, mehr verlangt keiner von dir!«

Mit einem kleinen Fiat fuhren Adriana und Luciano Pavese hinaus zu den Ställen. Sie parkten ihn in der Nähe des Abreiteplatzes und schlichen im Schatten der hohen Transporter und Pferdeanhänger zu dem langgestreckten, dunklen Gebäude. Nur im letzten kleinen Fenster schimmerte ein einsames Licht. Romanowskis Liebeslampe.

»Bleib in der Nähe, Luciano«, bettelte Adriana. Sie hatte plötzlich ganz gemeine Angst. »Wenn ich schreie, sofort kommen und losschlagen. Hast du den Totschläger bei dir?«

»Immer. Luciano ist immer bereit.« Pavese lächelte töricht. Er war ein einfältiger Mensch, aber Sonderaufträge, die man ihm eingedrillt hatte, führte er mit der Präzision einer Maschine aus. Ein lebender Computer, der nur richtig programmiert zu werden brauchte. Für Bonelli tat er alles, denn Bonelli hatte ihn als erster wie einen Menschen behandelt.

Adriana schlüpfte in den Stall. Die Tür knarrte kaum, schattengleich und lautlos glitt sie in die Dunkelheit. Der Dunst von Pferdeschweiß und Urin und eine schwere Wärme schlugen ihr entgegen. Was Romanowskis Lebensinhalt war, traf sie wie eine Faust. Sie würgte kurz, fuhr sich mit zitternden Händen über das Gesicht und sah dann Romanowski kommen, unter einer Decke hervor, nackt bis auf seine kurze weiße Unterhose, ein Fleischberg, ein Muskelpaket auf zwei Beinen.

Man kann wirklich nicht behaupten, daß Adriana keine Vergleichsmöglichkeiten besaß, aber was sie jetzt sah, verschlug ihr glatt den Atem. Ihre Augen wurden tellergroß, und als Romanowski sie wortlos packte, auf die Arme nahm und zu seinen Lager trug, war sie zu jeder Abwehr völlig unfähig.

O Mamma mia, dachte sie bloß. Er wird mich zermalmen. Wenn er ernst macht, bricht er mir sämtliche Knochen. Luciano, komm her und ziehe ihm den Totschläger über den Schädel. Luciano!

»Zuerst essen und trinken wir«, sagte Pedro und setzte Adriana vorsichtig wie ein rohes Ei auf seinem Liebeslager ab. »Det kalte Buffet is garniert.« Er zeigte auf Wurst, Schinken, Brot und Wein auf dem Holzbrett und streckte sich wohlig aus. »Schwitzt de nich, Adriana? Zieh dir aus!«

Romanowskis »dolce vita« begann. Sein siebter Himmel wurde schon zum achten, denn Adriana knöpfte kühn ihre Bluse auf, streifte sie ab und enthüllte Formen, die Romanowski den Atem raubten.

Vor dem Stall wartete Luciano Pavese zehn Minuten. Als das rote Licht nicht aufleuchtete — Adriana hatte jetzt andere Sorgen, als mit einer Stablampe zu schwenken —, schlüpfte er in den Stallgang und wartete dort hinter der großen Futterkiste, geduckt, zum Sprung bereit, in der Hand den Totschläger. Um den Hals trug er einen Lederbeutel.

Im Stall herrschte Ruhe. Die Pferde waren müde. Training, Hitze, Luftveränderung — das kann auch ein Pferd nicht so schnell verkraften. Das Schaben der Pferdeleiber gegen die Boxenwände, ab und zu ein Hufschlag oder ein Schnauben waren die einzigen Laute. Doch nein — von hinten, vom Ende des Stalles, klang gedämpftes Kichern und Rascheln von Stroh. Luciano grinste breit, schlich weiter und blieb vor Laskas Box stehen. Daneben, bei abgeschirmter Lampe und hinter einer sich im Luftzug bewegenden Decke, wurde eine heiße Schlacht geschlagen.

Luciano handelte schnell. Er zog Romanowskis Stalljacke an, die neben der Box an einem Nagel hing, holte aus dem Lederbeutel um seinen Hals eine lange Spritze und schob leise die Tür zu Laskas Box auf. Laska stand still, nur die Ohren zuckten hin und her. Durch die Nüstern sog sie den vertrauten Geruch ein. Gehorsam trat sie ein paar Schritte zur Seite, als Luciano sie mit einem Klatschen gegen den Hals dirigierte. Ahnungslos, voll Vertrauen auf ihren Freund Pedro, zuckte sie bloß kurz zusammen und wandte den Kopf zurück.

Luciano tastete die Flanken ab, fand die richtige Stelle und stach ein. Ebenso schnell drückte er die Flüssigkeit in den warmen Pferdeleib, riß dann die Nadel heraus, rieb mit dem Handballen über die Einstichstelle und schlüpfte hinaus auf den Stallgang.

Laska schnaubte verwundert. Sie drehte sich, preßte den Kopf gegen das vergitterte Oberteil der Tür und sah Luciano an. Der zog Romanowskis Jacke wieder aus, hängte sie an den Nagel zurück, lüftete einen Zipfel der Decke und betrachtete kurz die verschlungenen Glieder auf dem Strohlager. Mit schnellem Griff riß er die Stallaterne an sich und blies sie aus.

Romanowski grunzte laut, fluchte und warf in der Dunkelheit das Brett mit Wein und Schinken um.

»Da hätt ick mir den Hintern verbrennen können!« sagte er und tastete nach der Laterne. »Mensch, Puppe, hast du ’n Schenkeldruck!«

Luciano rannte aus dem Stall. Unhörbar klappte die Tür zu. Ein paar Minuten später folgte Adriana. Romanowski hatte die Lampe wiedergefunden, angezündet und hockte nun auf seinem zerwühlten Strohlager, setzte die Weinflasche an den Mund und trank sie mit einem Zug leer.

Saufen — Himmeldonnerwetter, nur noch saufen! Jetzt ist sie davongelaufen. Einen Schock hat sie bekommen. Wenn unsereiner schon mal Glück hat, fällt die Lampe vom Nagel. Zum Kotzen, Leute …

Dann schlief er ein und träumte von roten Wolken, die alle das Gesicht von Adriana trugen. Erst als diese Wolken zu regnen begannen, sprang er mit einem Schrei auf.

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Hartung stand vor Romanowski und hielt noch den Eimer in der Hand, den er ihm über den Kopf geschüttet hatte. Nebenan in ihrer Box lag Laska auf der Seite und schlief.

»Was hast du mit Laska gemacht?« schrie Hartung. »Sie rührt sich nicht!«

»Mit La …?« Romanowski schüttelte sich wie ein nasser Hund, blickte über die Boxenwand und erschrak. Dann wurde er rot und holte tief Luft. »Aufstehen!« brüllte er, daß Hartung erschrocken zurückprallte. »Allez hop!«

»Bist du übergeschnappt?« stotterte Hartung. »Und besoffen bist du auch!«

»So weck ick det Luder imma!« schrie Romanowski. »Aufstehen!«

Aber Laska blieb liegen. Apathisch hob sie nur den Kopf, blinzelte und ließ ihn zurückfallen. Entsetzt starrte Romanowski auf den goldbraunen Fellberg. »Det macht se extra«, stammelte er. »Nu hat se ’ne neue Tour. Spielt tote Fliege. Herrchen, wenn se man bloß det Vieh nich jekauft hätten! Se bringt mir um den Verstand!«

Es war ein absolutes Rätsel. Laska blieb liegen, auch als Hartung ihr zuredete, mit der Peitsche drohte, ihr auf die Kruppe schlug, sie anschrie. Das einzige, was sie tat, war ein leises Schnauben, ein Hochstemmen auf die Vorderbeine, dann brach sie wieder ein und rollte sich zur Seite.

»Mein Gott, sie hat irgendeine Schwäche«, sagte Hartung leise. »Du siehst doch, daß sie nicht hoch kann.«

In den Stall kamen jetzt die anderen Pferdepfleger, Fallersfeld, Hartwig Steenken, Winkler und Schockemöhle. Romanowski tanzte um Laska herum, beschimpfte sie, lockte, kniete neben ihrem Kopf und hob ihn in seinen Schoß. Laska blieb ruhig. Aus müden, halbgeschlossenen Augen musterte sie die Welt. Hartung hatte sein Ohr auf ihren Leib gelegt und horchte sie ab.

»Einen Arzt!« schrie Fallersfeld, der sofort die Situation erfaßte. »Wo ist Dr. Rölle? Sofort hierher! Horst, hörst du was?«

»Nichts.« Hartung richtete sich auf. Winkler und Schockemöhle bemühten sich, Laska an der Trense hochzuziehen, Romanowski gab ihr Schläge auf die Kruppe. Es war, als wollte man einen Klumpen Fleisch das Tanzen lehren. Laska lag da und rührte sich nicht.

»Gehen wir systematisch vor!« sagte Fallersfeld mit bebender Stimme. »Wer hatte Stallwache?«

»Ich!« Romanowski stand stramm wie zum Rapport.

»Und?«

»Keine besonderen Vorkommnisse, Herr Baron.«

»Was machte Laska?«

»Se pennte, Herr Baron.«

»Das wissen Sie genau?«

»Ick hab imma über de Wand jeguckt, Herr Baron. Imma!«

»Und Sie haben nichts bemerkt?«

»Nix, nee, Herr Baron.«

»Der Mann ist nicht nur blöd, sondern auch blind!« schrie Fallersfeld. »Liegt so ein Pferd da?«

»Keen normales, Herr Baron.« Romanowski holte tief Luft. Er dachte an Adriana. Wenn die det wissen, kastrieren se mich, dachte er. Ein Jlück, det ick alles aufjeräumt habe. Den BH hat se verjessen. Den hab ick jetzt in der linken Hosentasche, ’n Fummel aus Spitzen. Wenn die bloß nich det Parfüm riechen! »Aba is die Laska een normales Pferd?« fragte er treuherzig.

Fallersfeld gab sich geschlagen. »Irgend etwas muß sie ja haben«, sagte er ratlos. »Falsches Futter?«

»Ausjeschlossen, Herr Baron.« Romanowski tat beleidigt. »Ick füttere ihr imma selber.«

»Eine Erkältung?«

»Bei der Hitze?«

»Gerade!«

»Dann tät se husten. Tut se det?«

Dr. Rölle stürzte in den Stall. Er war gerade gekommen und sofort zum Stall V gerufen worden. Mit deutlicher Zurückhaltung blieb er vor der Box stehen. »Ist sie auch wirklich zahm?« fragte er.

»Wenn sogar Hans-Günther neben ihr knien darf, dem sie keinen Sieg verzeiht!« rief Fallersfeld. »Doktor, sie liegt da wie gelähmt! Was kann das sein? Mein Pferdeverstand versagt.«

»Eine Kreislaufschwäche.« Dr. Rölle packte das Stethoskop aus, kniete neben Hartung und Winkler in den Häksel und tastete Laska ab. »Das Herz ist nur wenig langsamer, das kann es nicht sein«, sagte er erstaunt. »Aber wenn ich mir die Augen ansehe, das ist überhaupt kein Laska-Blick mehr. So schaut ein müder Esel drein.« Er schob die Nüstern zurück, eine mutige Tat, denn niemand hätte früher gewagt, außer Hartung und Pedro, Laskas Nüstern zu berühren, und starrte in das Maul. Die Zunge glänzte bläulich und dick. Dr. Rölle setzte sich entgeistert an die Wand und zog die Beine an. »Vergiftet«, sagte er langsam.

»Unmöglich!« brüllte Romanowski. »Ick war imma um se!«

»Aber sie ist vergiftet. Eine überstarke Schlafmitteldosis!« Dr. Rolle hob beide Hände, als Romanowski wieder losbrüllen wollte. »Pedro, waren Sie ohne Unterbrechung im Stall?«

»Ja!« schrie Pedro. Das war noch nicht einmal gelogen.

»Sie waren keine Minute draußen? Luft schnappen, pinkeln?«

Romanowski zog das Kinn an. Sein Gesicht fiel auseinander. »Wat der Mensch tun muß, muß er tun«, stotterte er. »Ick kann mir doch nich selbst ertränken.«

»Aha! Wo waren Sie?«

»Hinterm Stall. Aba nur drei Minuten. Sie sind ja Dokta. Rechnen Se mal aus, wie lang so ’ne menschliche Blase entleert werden kann. Mehr war nich.«

»Drei Minuten!« Fallersfeld fuhr sich erschüttert über die Augen. »Diese drei Minuten muß der Täter abgepaßt haben. In drei Minuten kann man ein Dutzend Spritzen setzen. Doktor, bekommen Sie Laska bis zum Mittag wieder auf die Beine?«

»Auf die Beine vielleicht. Aber für den Parcours fällt sie mit hundertprozentiger Sicherheit aus.«

»Prost, dein Onkel Otto!« rief Fallersfeld. »Horst, du wirst sofort ›Fahnenkönig‹ abreiten. Romanowski!«

Hackenknallen. Stramme Haltung. »Herr Baron!«

»Du wirst ab sofort innerhalb des Stalles an die Wand pinkeln, verdammt noch mal! Los, Jungs, an die Arbeit, um Laska wird sich der Doktor kümmern. In ein paar Stunden müßt ihr siegen.«

Bis zum Mittagessen war Laska durch Injektionen so weit gekräftigt, daß sie auf den Beinen stand. Sie schwankte wie eine Betrunkene, stieß mit dem Kopf überall an, und als sie an die Luft kam, begann sie zu zittern und wollte sich wieder hinlegen. Dann führte Romanowski sie herum, abseits von allen anderen Pferden. Er schämte sich. Da ist man einmal ausgerutscht, und schon hat’s solch eine Wirkung. Die Liebe ist eine verflucht gefährliche Sache.

Vom Turnierplatz klang Musik herüber. Hartung ritt »Fahnenkönig« ein, Fallersfeld und die deutschen Reiter schritten die Hindernisse ab. Winkler maß die Distanzen, rechnete sich die Schrittlängen und die besten Anreitewinkel aus. Die große Arena begann sich mit Menschen zu füllen. Eine Farbenpracht, die das Auge blendete. Wolkenlos blau dehnte sich der Himmel darüber mit einer glühenden Sonne.

»Was machste bloß«, klagte Romanowski. »Olles Luder, warum haste dir det Ding verpassen lassen? Ick weeß, ick weeß, meine Schuld is et! Siel mir da mit det rote Aas rum, und dich jeben se die Spritze. Du, det bleibt unter uns, wa? Meen liebes Luder!« Er umfaßte Laskas Hals und weinte in ihre Mähne hinein.

Dr. Rölle traf sie eine Stunde vor dem Turnier in der Nähe des Stalles. Romanowski hatte wie ein todesmutiger Löwenbändiger seinen Kopf halb in das offengehaltene Maul Laskas gesteckt und schnupperte vernehmlich. Es war, als wolle er mit der Nase den Mageninhalt analysieren. Dr. Rölle tippte Romanowski auf die Schulter. Erschrocken fuhr der zurück.

»Na?« sagte Dr. Rölle gemütlich. »Was sehen wir denn? Alles dunkel? Sicherlich Darmverschlingung.«

»Det is ’n uralter Hut, Dokta! Darüber haben schon Adam und Eva jelacht.« Romanowski hielt Laska kurz an der Trense. Sie hatte eine Abneigung gegen Dr. Rölle und tänzelte nervös herum. »Ick habe da so meene Idee.«

»Und die wäre?«

»Ick brauche ’nen jroßen Eimer Milch.«

»Was?«

»Milch!« Romanowski war in Erinnerungen versunken. »Meen Jroßvater sagte imma: ›Milch is det einzige Wunder, det man saufen kann.‹ Ick will Laska ’nen Eimer Milch geben.«

»Von mir aus. Mehr als auskotzen kann sie ihn nicht.« Dr. Rölle hob ratlos beide Arme. »Ich weiß nicht mehr weiter, Pedro. Die haben da ein Schlafmittel gespritzt, das allen Gegengiften widersteht. Morgen kann Laska wieder munter sein, bestimmt ist sie das, aber morgen ist es auch zu spät.«

Die deutsche Equipe kam noch einmal zur letzten Besprechung zusammen. Horst Hartung ritt »Fahnenkönig«, die Chancen der deutschen Reiter standen nicht schlecht, aber auch nicht auf Sieg. Was man im Training beobachtet hatte, wurde zur Gewißheit: Die Italiener traten mit einer Mannschaft an, die nicht zu schlagen war. Die Brüder d’Inzeo ritten Pferde, deren Sprungvermögen und Schnelligkeit sagenhaft waren.

Für Fallersfeld ging es jetzt nur darum, den ehrenvollen zweiten Platz zu belegen. Das hieß: Vieles wagen, aber nicht zu viel! Kein Vabanquespiel. Auf Sicherheit reiten. Zeitfehler hinnehmen, aber sauber über die Hindernisse.

Horst Hartung hatte noch einmal versucht, Angela zu erreichen. Als der Chefportier des Hotels wieder mit seinem Satz begann, legte er wortlos auf. Jetzt suchte Hartung mit dem Fernglas die Haupttribüne ab. Irgendwo mußte Angela sitzen, versteckt in der bunten Menge, aber er fand sie nicht.

Über den Parcours marschierte eine italienische Militärkapelle und spielte flotte Weisen. Eisverkäufer drängten sich schreiend durch die Sitzreihen. Über die Lautsprecher wurde die Mutter eines Kindes Lucia gesucht. Es war bei den Pferden gefunden worden und wußte nur, daß es Lucia hieß und Mama auch im Stadion sei.

Eine halbe Stunde vor dem Start. Die Pferdeburschen führten die wertvollen Pferde auf dem Abreiteplatz hin und her. Ricardo Bonelli und Stefano Grazioli, in hellgrauen Sommeranzügen vom besten römischen Schneider, besichtigten noch einmal die italienische Equipe, ehe sie zufrieden zu ihrer Loge gingen.

»Das wird ein Geschäft«, sagte Bonelli zuversichtlich. »Haben Sie gehört? Laska schläft wie ein Bär im Winter. Die Deutschen sind nur noch Außenseiter.«

»Noch hat das Turnier nicht begonnen.« Grazioli schätzte keine Prophezeiungen. Er war Realist, er glaubte nur, was er sah oder in der Hand hielt. »Erst wenn die italienische Hymne ertönt, drücke ich Ihnen die Hand, Bonelli.«

Romanowski rannte unterdessen herum und suchte Milch. Drei Milchverkäufer wiesen ihn ab, als er ihren ganzen Wagen kaufen wollte und seinen Eimer schwenkte. Ein vierter rief die Polizei, es war zum Verzweifeln.

Aufschluchzend lief er Angela entgegen, die plötzlich zwischen den Ställen auftauchte. »Ist das wahr?« rief sie schon von weitem. »Laska ist krank?«

»Vajiftet haben se ihr!« heulte Romanowski. »Jetzt will ick Milch, und keener jibt se mir. Mit Milch krieg ick se wieder hin. Wie jut, det ick an meenen Jroßvater dachte!«

Milch. Angela nahm den Eimer aus Romanowskis Hand und rannte davon.

»Die jeben Ihnen nischt!« brüllte Romanowski hinter ihr her. »Die rufen die Polizei, die Idioten!«

Diesmal gelang es. Angela legte einige große Scheine auf die Theke des Milchwagens, holte sich, unter dem sprachlosen Staunen der Italiener, aus der Kühlbox selbst zwanzig Literbeutel heraus, riß sie auf und schüttete die Milch in den Stalleimer.

»Un ’pazzo«, stammelte der Milchverkäufer, als Angela mit dem vollen Eimer davonrannte. »Madonna, un ’pazzo!« Er tippte sich an die Stirn und grinste den patrouillierenden Polizisten an.

Romanowski war außer sich vor Freude, als Angela mit dem überschwappenden Eimer um die Ecke bog. »Milch!« schrie er und zog Laskas Kopf herunter. »Milch, olles Luder! Die wirste jetzt saufen und springen wie ’ne Heuschrecke! Milch!«

Man weiß bis heute nicht, ob der Großvater Romanowskis mit seiner Therapie ein Allheilmittel entdeckt hatte, ob Laska selbst spürte, daß Milch jetzt genau die richtige Medizin war, oder ob tatsächlich das Gift in ihrem Körper nur durch Milch neutralisiert werden konnte. Mit Genuß soff sie ohne Unterbrechung den Eimer leer und stand dann prustend und mit Milchschaum vor den Nüstern in der Sonne. Romanowski rannte in den Stall, schleppte den Sattel heran und legte ihn auf.

»Luft ablassen!« kommandierte er, als er den Sattelgurt anzurrte. »Himmel, bläst sich det Aas wieder auf!«

Noch zehn Minuten bis zur offiziellen Eröffnung.

Rede des Oberbürgermeisters von Rom. Dann Ansprache des Präsidenten der CHIO.

Der erste Reiter: Harway Smith. Er stand schon bereit, saß auf seinem herrlichen Schimmel wie ein Standbild.

Noch zehn Minuten. Fallersfeld zog den Kopf tief zwischen die Schultern, als er zufällig zum Abreiteplatz blickte. Dort führte Romanowski seelenruhig Laska am langen Zügel, gesattelt, mit den ledernen Sprungglocken um die Hufe, die Startnummer elf vor dem Ohr.

»Wer einen Verrückten sehen will, der mache Augen links!« kommandierte Fallersfeld. »Horst, bleiben Sie hier! Horst! Verdammt! Zwei Verrückte, Jungs!«

Hartung lief über den Platz. Laska sah ihn, hob den Kopf und wieherte hell. Ein Triumphschrei war das. Ich bin hier! Wir können reiten! Verlaß dich auf mich! Ich springe ihnen allen davon! Sie tänzelte, scharrte mit den Vorderhufen und streckte den Kopf weit vor, als Hartung sie erreichte.

»Aufsitzen, Herrchen!« rief Romanowski. Er strahlte, als habe man ihn mit einem Metallputzmittel poliert. »Aufsitzen. Springen Sie denen was vor. De Augen sollen denen ausfallen!«

Hartung war mit einem Satz im Sattel. Romanowski warf ihm die Zügel zu und hüpfte zur Seite. Hartung riß Laska herum, galoppierte an, genau auf die Umzäunung des Abreiteplatzes zu, der deutschen Equipe entgegen, die wie ein roter Haufen zusammengedrängt am Geländer stand, Fallersfeld fuchtelte mit beiden Armen und stürzte dann zur Seite, als Hartung genau auf ihn zuritt. »Mein Mädchen«, sagte Hartung und beugte sich zu Laskas Ohr vor. »Mein liebes Mädchen, wenn du’s schaffst — ’rüber!«

Dann drückte er ab. Hoch flog der goldschimmernde Körper durch die Sonne, weit über den Zaun hinweg, landete weich neben den auseinanderspritzenden deutschen Reitern und stand dann wie aus Erz gegossen da. Selbst die Ohren bewegten sich nicht.

Horst Hartung zog seine schwarze Kappe. »Horst Hartung bittet, auf Laska reiten zu dürfen«, sagte er laut.

Fallersfeld schob die Mütze resigniert ins Gesicht. »Meldung an die Turnierleitung«, sagte er heiser zu einem der Pferdehalter. »Hartung reitet auf Laska. Und morgen gehe ich in Urlaub!«

Am Abend flüchtete Bonelli aus Rom. Er war pleite und wurde von seinen Gläubigern verfolgt.

Laska hatte hinter Piero d’Inzeo den zweiten Platz in der Gesamtwertung belegt, mit acht Fehlerpunkten. Aber sie rettete damit der deutschen Equipe den Sieg. Die »Coppa d’Italia« ging nach Deutschland.

Und während am Fahnenmast die deutsche Flagge hochgezogen und die deutsche Hymne gespielt wurde, senkte Laska ganz langsam den Kopf und schlief wieder ein …

Das Liebesschloß der Gräfin B.

Pünktlich um acht, wie es am Abend vorher bestellt worden war, brachte der Etagenkellner das Frühstück. Er klopfte an die Tür von Zimmer 245, wartete auf einen Zuruf, klopfte nochmals und drückte dann die Klinke herunter. Die Tür war unverschlossen.

»Monsieur, das Frühstück«, sagte der Etagenkellner und blieb im Vorraum stehen. Er stützte sich auf den kleinen Servierwagen und lauschte. Diskretion ist die Grundvoraussetzung für jeden Hotelberuf. Ob man ein Doppel- oder ein Einzelzimmer betritt, Überraschungen sind dazu da, übersehen oder am besten vermieden zu werden.

Der Kellner räusperte sich, klopfte an die gläserne Trenntür zum Schlafraum und wartete weiter. Mon Dieu, er hat einen gesunden Schlaf, dachte er. Vor einer halben Stunde ist er von der automatischen Weckanlage geweckt worden, und jetzt schläft er immer noch. Muß ein hartes Leben sein, so ein Reiterdasein.

In dem kleinen Hotelappartement war es still. Kein Geräusch des Wasserhahns, kein Planschen im Badezimmer, nur die Ruhe einer in den Morgen übergehenden Nacht.

Der Etagenkellner entschloß sich, die Glastür zu öffnen, den Servierwagen hineinzuschieben und schnell wieder zu verschwinden. Er hatte schon Situationen erlebt, die man gar nicht schildern konnte. Ein so berühmter Mann wie Horst Hartung, mit einem Aussehen, daß selbst die verwöhnten Zimmermädchen der zweiten Etage zu schwärmen begannen, warum sollte er anders sein als die meisten Männer, die allein nach Paris kommen?

Paris im Sommer, das ist der Inbegriff von Leben. Das sind sonnendurchglühte Boulevards, blühende Gärten, Angler an den Seineufern, durchsichtige Kleidchen, mit Menschen übersäte Wiesen, ein Troß von Kinderwagen, Kühle spendende Brunnen, ein Hauch von Blüten und heißen Benzindünsten.

Der Etagenkellner betrat das Zimmer. Nanu, dachte er. Das Bett ist unberührt, aufgeschlagen, wie es das Zimmermädchen abends herrichtet. Der Schlafanzug lag ausgebreitet, aber unbenutzt auf dem Kopfkissen. Monsieur Hartung ist gar nicht nach Hause gekommen. Wer weiß, wohin ihn das Glück verschlagen hat?

Er fuhr den Servierwagen mit dem Frühstück vor das Bett, denn bestellt ist bestellt, deckte den kleinen Tisch am Fenster, stellte eine kleine Vase mit blaßrosa Moosröschen zwischen Marmelade und Schinkenplatte — eine Aufmerksamkeit der Hotelleitung, denn Blumen am Morgen schaffen eine Atmosphäre von Zufriedenheit und Wohlbefinden, blickte dann noch einmal auf das unberührte Bett und verließ so diskret das Appartement, als habe er Hartung in den Armen einer unbekannten Schönen aufgeweckt.

Um neun Uhr rief Fallersfeld bei Hartung an. Er ließ dreimal klingeln und legte dann knurrend auf. »Das gibt es doch nicht«, sagte er. »In einer halben Stunde beginnt das Training.« Er steckte sich eine Zigarre an, rauchte vier Züge und machte sich dann auf den Weg zu Zimmer 245. Es lag auf einem anderen Gang. Fallersfeld spazierte an einer Reihe von Zimmern vorbei, deren Türen offenstanden und aus denen schon das Geräusch der Staubsauger klang, blieb dann vor Hartungs Zimmer stehen und klopfte laut an. Keine Antwort. Fallersfeld schüttelte den Kopf, hatte weniger Skrupel als der Etagenkellner, betrat ohne weitere Anmeldung das Appartement und sah sofort den Frühstückstisch und das nicht benutzte Bett.

»Das ist neu!« sagte Fallersfeld und setzte sich auf einen der roten Plüschsessel. »Er bummelt vor dem Turnier. Himmel, muß es ihn gepackt haben. Die ganze Nacht! Junge, dich kaufe ich mir!«

Er griff zum Telefon, ließ sich mit Winkler und dann mit Schockemöhle verbinden, fragte, ob sie Hartung gesehen hätten, und erfuhr, daß Hartung über Kopfschmerzen geklagt hätte und bald ins Bett wollte. Winkler sah ihn in der Hotelhalle noch mit einer eleganten Dame sprechen. Es schien, als wollte sie von ihm ein Autogramm haben.

»Aha!« rief Fallersfeld. »Meine Ahnung!«

»Ich glaube es nicht, Baron.« Winklers Stimme klang bestimmt. »Horst war in mieser Laune. Er wollte sich schlafen legen. Der hat sich gestern abend bestimmt nicht für eine Frau interessiert.«

»Aber er liegt nicht in seinem Bett! Hat die ganze Nacht nicht drin gelegen! Das Frühstück ist serviert, der Kaffee ist kalt.« Fallersfeld nahm mit spitzen Fingern eine Scheibe rohen Schinken, rollte sie zusammen und schob sie in den Mund. »Ganz zart und mild gesalzen.«

»Was?« fragte Winkler entgeistert. »Die Frau?«

»Der Schinken, Hans-Günther. Solltest du mal probieren.«

»Was ist mit Horst?«

»Weiß ich es? Er ist weg! Irgendwo in diesem schönen Paris wird er in einem nach Parfüm duftenden Weiberbett liegen.«

»Glauben Sie das, Baron?«

»Wo soll er sonst sein? Hier hat er jedenfalls mit Sicherheit nicht geschlafen.«

»Vielleicht ist wieder irgend etwas mit Laska los, und er hat im Stall übernachtet.«

»Das werden wir bald wissen.« Fallersfeld legte auf. Er seufzte, aß noch eine Scheibe Schinken und trank einen Schluck kalten Kaffee. »Laska«, sagte er gedehnt. »Dieser Name ist jedesmal wie ein Hammerschlag auf meinen Kopf. Natürlich ist wieder was mit Laska passiert.«

Aber das war ein Irrtum. Als die deutsche Equipe nach dem Frühstück auf dem für den »Prix Rothschild« hergerichteten neuen Turnierplatz im Park von Saint-Cloud erschien, waren alle Pferde bereits bei der Morgenarbeit. Romanowski ritt Laska wie immer etwas abseits von den anderen Pferden in allen Gangarten durch, lockerte sie und übte ein paarmal das Herumreißen während des Galopps. Hartung nannte es schlicht »fliegende Wende«, eine Spezialität von Laska, die beim Stechen immer wertvolle Zehntelsekunden damit herausholte.

Fallersfeld schob die Sportmütze in den Nacken. Sein rundes Gesicht war ratlos. »Fehlanzeige, Jungs«, sagte er. Zum erstenmal klang seine Stimme bedrückt. »Laska ist in Hochform, und Hartung ist verschollen! Mit dem Zug um zehn Uhr siebenundzwanzig trifft Angela auf dem Gare du Nord ein. Ich weiß, ich weiß, ihr habt jede Menge Ausreden parat und könnt Horst mit Alibis eindecken, aber Angela ist hellhörig für Lügen. Sie merkt alles, sie sieht es ihm einfach an. Und wenn er sich dreimal heiß badet, sie riecht das fremde Parfüm.« Fallersfeld winkte mit beiden Armen. »Pedro!«

Romanowski ritt im Arbeitstrab heran und ließ Laska vier Schritte vor Fallersfeld stehen. Die beiden haßten sich, es gab dafür keine Erklärung. Wer kann in eine Pferdeseele blicken? Romanowski hatte die Zügel fest in der Hand, die Ohren Laskas zuckten hin und her.

»Herr Baron?«

»Wo ist Hartung?«

»Weeß ick det? Ick denke, Se bringen ihn mit?«

»War er gestern noch spät abends im Stall?«

»Nee, Herr Baron.«

»Sie haben ihn nicht mehr gesehen?«

»Nich ’n Fatz von ihm.«

»Merkwürdig.« Fallersfeld wandte sich ab. Er schob die Unterlippe vor und dachte angestrengt nach. Es war das erstemal, daß Hartung unpünktlich war. Es würde auch das erstemal sein, daß er einer Frau wegen das Training versäumte. Aber alles passiert irgendwann zum erstenmal. »Wenn er um elf Uhr nicht hier ist«, sagte Fallersfeld und sah auf seine Armbanduhr, »haben wir Grund, unruhig zu werden.«

Es wurde elf, es wurde halb zwölf, Horst Hartung tauchte nicht wieder auf. Das Bewegungstraining war längst vorüber, die Pferde wurden gestriegelt und gefüttert, die Reiter standen am Rand des Parcours und sahen dem Aufbau der Hindernisse zu. Bei den Italienern wurde gefeiert, ein Sektkorken knallte, irgend jemand hatte Geburtstag. Die Engländer saßen abseits und hörten sich einen Vortrag ihres Trainers an. Die Schweden waren schon zu ihrem Hotel gefahren. Die Russen standen am Parcours und fotografierten die Hindernisse.

»Es ist etwas passiert«, sagte Fallersfeld. Seine Stimme klang brüchig. »So schön kann eine Frau gar nicht sein, daß Horst nicht mehr an seine Laska denkt. Mein Gott, wenn er doch noch ausgegangen und auf dem Montmartre schweren Jungs oder was weiß ich in die Hände gefallen ist! Jede Nacht werden erlebnishungrige Fremde niedergeschlagen und beraubt. Hamburg, London, New York oder Paris, in dieser Beziehung ist es überall dasselbe!« Fallersfeld sah sich im Kreise seiner Reiter um. »Polizei? Was meint ihr?«

Von den Ställen kam Romanowski gelaufen. Schon von weitem schrie er: »Nischt, Herr Baron. Im Hotel ist er nich! Aba er muß dajewesen sein.«

»Was sagen Sie da?« rief Fallersfeld. »Er war im Hotel?«

»In seinem Zimmer. Ick hab den Etagenkellner am Telefon jesprochen. ‘War in Zimmär’, sagt er. ‘Hat gegessen zwei Scheiben Schinken.’ Aba jesehen hat ihn keener.«

Fallersfeld verzog das Gesicht, nickte und wandte sich ab. Über den fehlenden Schinken gab er keine Erklärung ab. Das kann man den Ermittlungsbeamten immer noch stecken, dachte er. Polizei! Es bleibt uns keine andere Wahl. Horst Hartung ist in Paris verschollen.

Inspektor Jacques Labois nahm die Ermittlungen und Verhöre so diskret wie möglich auf. Er betrachtete kurz das unberührte Bett, hörte geduldig zu, wie Fallersfeld seinen Reiterstar Hartung als einen überkorrekten, pflichtbewußten, immer pünktlichen Menschen schilderte, dem es nie in den Sinn käme …

»Bon, très bien«, sagte Inspektor Labois. »Ein vollkommener Mensch ohne Fehler, den gibt es nicht.« Er sprach französisch mit Fallersfeld, denn der Baron beherrschte die Sprache, als sei er irgendwo an der Loire geboren. »Monsieur le Baron, denken wir zuerst daran, daß Monsieur Hartung einen Parisbummel machte.«

»Er kennt Paris. Er braucht nicht mehr zu bummeln! Und Montmartre interessiert ihn nur kunstgeschichtlich. Paris als Stadt der Liebe ist für ihn nicht existent.«

»Als Mann?« Labois lächelte milde. »Na, na.«

»Nicht na, na, Inspektor. Hartung ist verlobt, glücklich, seine Braut ist jung und hübsch.«

»Ich habe Männer kennengelernt, die waren mit der schönsten Frau verheiratet, besaßen Millionen, und ich holte sie aus schmierigen Hinterzimmern heraus, wo sie mit Weibern der übelsten Sorte … Bon, Ihr Hartung ist anders. Glauben wir es. Wo aber kann er dann sein? In Paris? Nachts? Mon cher Baron, ein unberührtes Hotelbett in Paris kann nur bedeuten …«

»Wir haben schon erlebt, daß man Reiter mit Entführung oder Tod bedrohte, wenn sie gewinnen!«

»Im Roman, im Kino«, grinste Labois. Fallersfeld begann zu schwitzen, ein untrügliches Zeichen, daß er innerlich kochte.

»In Chikago …«

»Wir sind aber in Paris, Monsieur le Baron.« Inspektor Labois setzte sich an den kleinen Tisch, öffnete seine Aktentasche, entnahm ihr einen Notizblock und drückte die Mine seines Kugelschreibers heraus. »Ich werde Ihnen beweisen, was in Paris bei allen Kriminalfällen immer am Anfang steht — oder am Ende: Cherchez la femme.«

Bis drei Uhr verhörte Labois das Hotelpersonal. Den Etagenkellner, die Zimmermädchen, den Nachtportier, die Nachtboys, den Barmixer, verschiedene Gäste, die sich nach Aussage der Schlüsselausgabe spät in der Hotelhalle aufgehalten hatten, die beiden Toilettenfrauen, sieben Nachtkellner. Aus allen Aussagen kristallisierte sich ein Bild heraus:

Horst Hartung war nach dem Abendessen gegen einundzwanzig Uhr zum letztenmal in der Hotelhalle mit einer auffallend eleganten Dame gesehen worden. Von da an nicht mehr, die ganze Nacht hindurch. Ob er mit der Dame das Hotel verlassen hatte, war nicht mehr festzustellen. Nach dem Essen herrscht so viel Betrieb, daß man auf einen einzelnen nicht mehr achten kann.

Labois klappte seinen Notizblock zu, als keiner mehr zu verhören war. »Bitte«, sagte er mit einem maliziösen Lächeln. »Da haben wir es: Cherchez la femme! Elegant, eine auffallende Erscheinung, aristokratisch, sagt der Chefportier. Auf sein Urteil ist Verlaß, er kennt die Menschen besser als der liebe Gott. Zweifeln Sie noch immer, Baron?«

Fallersfeld saß zusammengesunken in einem Sessel und starrte auf den Teppich. Er muß völlig den Verstand verloren haben, dachte er. Es gibt Frauen, die einem den letzten Funken Vernunft rauben. Aber Hartung, ausgerechnet Hartung — unbegreiflich. »Was — was gedenkt die Polizei zu unternehmen?«

»Nichts«, antwortete Labois.

»Das ist ja eine umwerfende Initiative!«

»Sollen wir mit Lautsprecherwagen durch Paris fahren und ausrufen lassen: ›Monsieur Hartung, aufhören mit Liebe! Kommen Sie zurück ins Hotel!‹ «

»Sehr witzig.«

»Monsieur Hartung wird kommen, wenn er von Liebe genug hat. Bei dem einen Mann geht das schnell, bei anderen dauert es länger.« Inspektor Labois ließ das Schloß seiner Aktentasche zuschnappen. »Ich kenne die Konstitution von Monsieur Hartung nicht.«

Er schickte sich an, zu gehen, als es klopfte und ein Page hereinkam. Er stand an der Tür stramm, stolz auf seine rote Uniform und auf das, was er zu melden hatte. »In der Halle steht die Dame, mit der Monsieur Hartung gestern abend gesprochen hat. Sie ist eben ins Hotel gekommen.«

»Allein?« schrie Fallersfeld und fuhr hoch.

»Oui, allein.«

»Sie will vielleicht ein frisches Hemd für ihn holen.« Labois schien nicht im geringsten überrascht zu sein. Fallersfeld rang nach Luft.

»Ihre Witze sind einsame Klasse«, stöhnte er. »Schnell, hinunter, ehe sie wieder weg ist!«

»Die Dame hat einen Tisch im Restaurant bestellt«, sagte der Page.

»Na, also.« Labois hob beide Hände und lächelte Fallersfeld beschwichtigend zu. »Wenn ein Franzose ißt, hat er viel Zeit. Wir brauchen nicht in die Halle zu fliegen, Baron.« Dann wurde er plötzlich ernst, wandelte sich so gründlich in einen Kriminalbeamten, daß Fallersfeld ihn verblüfft anstarrte. »Wissen Sie, daß wir wieder am Anfang stehen?«

»Natürlich weiß ich das!« fauchte Fallersfeld. Der hat Nerven, dachte er. Läßt einfach einen Vorhang vor sein Gesicht fallen, und damit wird die ganze Geschichte dramatisch. »Wenn Sie allein kommt, ist das ein Beweis, daß Hartung in der vergangenen Nacht nicht …«

»Es sei denn, sie ist wie eine Spinne, die das Männchen hinterher auffrißt.«

»Inspektor, ich bin mit den Nerven fertig. Noch ein solcher Witz, und mich trifft der Schlag. Wissen Sie, daß morgen der ›Prix Rothschild‹ ausgeritten wird? Um zwei Uhr beginnt der erste Umlauf. Ermessen Sie die Katastrophe, wenn Hartung dann immer noch verschwunden ist? Die gesamte Weltpresse wird über Sie herfallen!«

»Dann werde ich die Weltpresse auffordern, in Paris nach einem Mann zu suchen. Ich suche unterdessen ein zweiköpfiges Kalb. Wetten, daß ich es eher finde?« Inspektor Labois schüttelte tiefbetrübt den Kopf, klemmte die Aktentasche unter den Arm, schlug dem Pagen auf die schmale Schulter und ging dann über den langen, breiten Korridor zum Lift. Fallersfeld folgte ihm, den Kopf gesenkt wie ein angreifender Stier.

___________

Die Dame in der Hotelhalle — Fallersfeld genügte ein Blick, um jeden Verdacht fallenzulassen — hob erstaunt die Augenbrauen, als Inspektor Labois sie vor dem Zeitungsstand ansprach. Sie suchte aus einem Stapel Zeitschriften ein Modeheft heraus und war nicht einen Augenblick erschrocken, von einem Polizisten gebeten zu werden, ein paar Schritte zur Seite zu treten und einige Fragen zu beantworten.

Fallersfeld verbeugte sich knapp, ganz alte Schule, und bewunderte dieses Ebenmaß und die Vollkommenheit weiblicher Schönheit.

»Nur ein paar einfache Fragen, Madame«, sagte Labois. »Es ist mir peinlich, aber wenn ich Ihnen den Grund erkläre …«

»Fallersfeld.« Der Baron stellte sich vor. Donnerwetter, ist das eine Frau, dachte er begeistert. Lächerlich, sie zu verhören. Jetzt übertreibt Labois seinen Diensteifer. Das sieht doch jeder, daß die Dame zur ersten Gesellschaft gehört.

»Gräfin Elise de Béricourt«, antwortete sie. Sie hatte eine angenehme, warme Stimme. Ihre großen braunen Augen blickten fragend von Labois zu Fallersfeld. Augen wie Laska, dachte der Baron. Dieser Vergleich ärgerte ihn sofort. Augen wie eine Madonna von Raffael, berichtigte er sich. Das gefiel ihm besser.

»Gräfin«, ergriff Fallersfeld das Wort, »eine ganz dumme Geschichte. Sie kennen Horst Hartung? Verzeihen Sie, ich weiß, eine solch direkte Frage ist ungehörig, aber man hat Hartung gestern abend in Ihrer Gesellschaft gesehen, und seit gestern abend ist er spurlos verschwunden.«

»Nein!« Ein wohltemperierter Ausruf, nicht zu laut, aber auch nicht zu unterkühlt. Die Augen wurden noch größer, die schöngeschwungenen Lippen zitterten leicht. »Verschwunden? Wieso denn?«

»Monsieur Hartung ist verschollen.« Labois zog das Kinn ein und blinzelte wie ein Kurzsichtiger. »Es gibt eine Reihe von Zeugen, die Sie, Gräfin, und Monsieur Hartung hier in der Halle gesehen haben. Von da an verliert sich jede Spur.«

»Und nun soll ich ihnen sagen, wo er ist?« Sie lachte amüsiert. Fallersfeld bewunderte ihr weißes Gebiß. Eine Idiotie, sie zu fragen. »Bedaure, Messieurs, aber ich kann Ihnen nur spärliche Auskunft geben. Ich habe Monsieur Hartung um ein Autogramm gebeten. Wir kennen uns vom Turnier im vorigen Jahr her und haben noch ein paar Minuten miteinander geplaudert. Und dann ging er.«

»Er ging? Wohin?« Labois blinzelte stärker.

»Aus dem Hotel. Er wollte nach Saint-Cloud, zu seinem Pferd. Er sagte wörtlich — lassen Sie mich nachdenken, ja: ›Ich fahre noch einmal bei Laska vorbei. Wollen Sie mitkommen?‹ Ich lehnte ab, ich wollte mich hier mit Bekannten treffen. Mit dem Marquis de Lafourge und seiner Frau, Sie kennen ihn, Inspektor?«

Labois nickte gemessen. Lafourge war ein Alibi, das man nicht nachzuprüfen brauchte. Wer es trotzdem wagte, beging beruflichen Selbstmord.

»Und Hartung fuhr nach Saint-Cloud?«

»Ich nehme es an. Er verließ das Hotel. Das war alles, was ich sah.«

»Er ist aber nie in Saint-Cloud angekommen.« Fallersfeld war blaß geworden. Die Gräfin de Béricourt zeigte Ansätze von Besorgnis. Ihre Finger zerknüllten die Modezeitschrift. Ein Brillant, groß wie eine Haselnuß, blitzte auf.

»Das ist ja schrecklich«, sagte sie. »Befürchten Sie ein Verbrechen? Mon Dieu, wenn jemand in Paris verschwindet, wie soll man den jemals wiederfinden?«

Labois sah Fallersfeld herausfordernd an. »Meine Rede, Gräfin. Es gibt da nur drei Möglichkeiten: Der Mann taucht von allein wieder auf, der Mann wird gefunden, meistens ist er dann tot, oder der Mann bleibt verschwunden.«

»So einfach möchte ich die Welt auch einmal sehen«, sagte Fallersfeld betroffen. »Wenn das alles ist, was die Polizei kann!«

»O Baron, wir können mancherlei.« Labois blickte kurz auf seine Uhr. »Vierundzwanzig Stunden nach dem Zeitpunkt des Verschwindens kann ich eine umfassende Suchaktion starten. Rundfunk, Fernsehen, Pressebilder, Steckbriefe, Plakate, Belohnungen — irgendein Hinweis kann dann zu einer heißen Spur führen. Kann!« Labois räusperte sich. »Im Augenblick können wir nur abwarten. Stellen Sie sich vor, wir setzen den ganzen Fahndungsapparat in Bewegung, und plötzlich ist Monsieur Hartung wieder da, aufgetaucht aus irgendeinem Bett!«

Fallersfeld war konsterniert. Er schielte zur Gräfin de Béricourt. »Labois, Sie sind in Gesellschaft einer Dame!«

»Pardon, aber eine französische Gräfin wird für diese Art von Verschwinden das gleiche Verständnis haben wie jede Dame in Frankreich.« Labois winkte mit einer großen Geste. Einige Männer, die bisher nicht aufgefallen waren, strebten zum Ausgang. Erst jetzt merkte Fallersfeld, daß sechs Beamte in der Halle herumgestanden hatten. Plötzlich sah er Labois mit anderen Augen an. Das ist ein ganz Stiller, ein vorzüglicher Schauspieler! Während er den leicht Vertrottelten spielte, arbeitete sein Polizeiapparat auf Hochtouren. »Fahren wir hinaus nach Saint-Cloud.«

»Aber da war Hartung nicht!« rief Fallersfeld.

»Wissen Sie das so genau?«

»Auf Pedro ist Verlaß. Es gibt keine Mücke, die Pedro nicht sieht, wenn sie auf Laska sitzt.«

»Wir suchen auch keine Mücke, sondern einen Menschen.« Labois verabschiedete sich von der Gräfin mit einer leichten Verbeugung. »Ich habe das Gefühl, in Saint-Cloud sehen wir klarer.«

___________

Angela Diepholt war am Gare du Nord vom stellvertretenden Equipechef Hans Lommel abgeholt worden. Er begrüßte sie mit einem Blumenstrauß, den er im Automaten gezogen hatte.

»Weiß Horst, daß ich komme?« fragte Angela, nachdem sie sich gebührend für den Strauß bedankt hatte. Sie sah in dem chicen Sommerkleid bezaubernd aus.

»Natürlich nicht.« Lommel lachte jungenhaft. »Aber er würde sich wundern, wenn Sie nicht plötzlich am Parcours ständen.«

Sie blickte kurz auf die riesige Bahnhofsuhr. »Er trainiert jetzt?«

»Ja natürlich.« Lommels Stimme klang gedehnt.

»Fahren wir direkt hinaus nach Saint-Cloud?«

»Ich würde vorschlagen, erst ins Hotel zu fahren.« Lommel hielt die Tür des Taxis auf, das er bestellt hatte. »Der Baron möchte Sie sprechen.«

»Wieder Schwierigkeiten mit Laska?«

»Nein.« Lommel wich Angelas Blick aus, und das war etwas, das jede Frau nicht nur neugierig macht, sondern sie warnt.

»Lommel, Sie verschweigen mir etwas.« Angela klopfte dem Taxifahrer auf die Schulter. »Nach Saint-Cloud. Zum Turnierplatz.« Der Wagen fuhr an, Lommel ließ sich in die Polster zurückfallen.

»Der Baron frißt mich«, sagte er. »Ich soll Sie im Hotel abliefern. Aber wenn Sie unbedingt nach Saint-Cloud wollen! Ich kann Sie nur bitten, erst mit dem Baron …«

»Was ist passiert? Lommel, raus mit der Sprache! Ist Horst gestürzt, verletzt, ist beim Training etwas geschehen? Mein Gott, reden Sie schon, ich bin nicht aus Zucker.«

»Hartung ist weg«, sagte Lommel leise.

»Weg? Was heißt das?«

»Verschwunden. Irgendwo in Paris verschwunden. Keiner weiß etwas, niemand hat ihn gesehen. Er ist nach dem Essen gestern abend auf sein Zimmer gegangen. Aber das Bett war am Morgen unberührt, das Frühstück nicht angetastet.«

»Eine — eine andere Frau?« fragte Angela und wandte das Gesicht zur Straße. Lommel schüttelte den Kopf.

»Ausgeschlossen. Das — das wäre das erstemal …«

»Man kann einen Mann nicht verurteilen, wenn er in Paris schwach wird. Für die anderen ist das bitter, aber …« Ihr Kopf fuhr herum. »Zum Training war er nicht da?«

»Nein, und gerade das finden wir alle so merkwürdig. Ein Hartung, der Laska vergißt, das gibt es nicht.«

»Wem sagen Sie das, Lommel?« Angela Diepholt knetete die Tasche, die auf ihrem Schoß lag. Sie kann sich großartig beherrschen, dachte Lommel. Jede andere Braut, deren Bräutigam verschwindet, hätte anders reagiert: mit endlosen Fragen, mit Tränen, Beschuldigungen, Verdächtigungen. Angela sagte nur: In Paris kann ein Mann schwach werden. Eine bewundernswerte Haltung. Nur ihre Hände verrieten, wie es in ihrem Innern aussah.

Im Park von Saint-Cloud trafen sie Romanowski vor dem Stall an. Er saß in der Sonne, rauchte Pfeife und hatte eine heiße Schlacht siegreich geschlagen. Er hatte sieben Reporter abgewehrt, die von ihm wissen wollten, warum Hartung heute nicht trainiert hatte. Einen Tag vor dem »Prix Rothschild«, das war ungewöhnlich. Romanowski hatte eine simple Erklärung dafür: »Wenn eener so in Form is wie Herrchen, denn braucht er nich zu trainieren, wat?« sagte er. »Ick bin der Ansicht, die anderen brauchen erst jar nich zu springen — wir jewinnen den Pokal ja doch!«

Ein Reporter, der lange Zeit in Berlin gearbeitet hatte, übersetzte Pedros kernige Worte ins Französische, und damit war das Interview beendet. Später rief Fallersfeld noch einmal an, ob Hartung gekommen sei. Und nun erschien auch noch Angela auf dem Platz.

Romanowski steckte die Pfeife ein und rief schon von weitem: »Keene Sorje nich, Frolleinchen. Die spielen alle varrückt. Kann ja mal vorkommen, det man de Zeit vajißt. Ick reiß mir da keen Been aus.«

»Der Schatten seines Herrn.« Angela lächelte sarkastisch. »Aus dem quetscht niemand was heraus. Lommel, sparen Sie sich den anstrengenden Versuch, mich zu trösten. Wissen Sie etwas? Bitte ehrlich!«

»Wir wissen alle nur, daß er verschwunden ist.«

»Gut. Dann warte ich hier. Wenn Horst wieder auftaucht, wird er zuerst zu seiner Laska gehen.«

»Das allein ist völlig sicher.« Lommel nickte.

Romanowski nagte an der Unterlippe und vermied es, Angela anzusehen. Er blickte erst auf, als sie ihn mit der Faust anstieß.

»Und du, Pedro, brauchst erst gar keine Warnraketen steigen zu lassen. Du bleibst immer in meiner Nähe, verstanden? Ich will als erste und allein mit Horst sprechen, wenn er kommt!«

»Det is Ihr Recht.« Romanowski trollte sich zurück zum Stall. Er hatte ein ungutes Gefühl, nicht wegen Angela und den in der Luft liegenden Komplikationen, sondern wegen Hartung selbst. Er glaubte nicht mehr an eine durchbummelte Nacht. Die Angst um ‘Herrchen’ machte ihn fast verrückt, aber niemand sah es ihm an.

___________

Das Landschloß der Gräfin de Béricourt lag am Rande der Wälder von Chaville. Ein langgestreckter Spätrenaissancebau mit verzierten Giebeln, einem Wald von Schornsteinen, einer breiten, pompösen Freitreppe und einem Park mit Schwanenteich, Teehäusern, verschwiegenen Wegen, Bänken, Steinfiguren, Putten, einem Springbrunnen und einem Freigehege mit Fasanen. Ein Landsitz voller Romantik, efeuumwachsen, dornröschenhaft. Nur der elegante knallrote Sportwagen vor der Freitreppe wies auf die Gegenwart hin.

Elise de Béricourt bewohnte das Schloß allein, das heißt ohne Mann, ohne Verwandte. Die Angestellten zählten nicht, eine Köchin, ein Zimmermädchen, ein Gärtner, dreimal wöchentlich drei Putzfrauen, die dafür sorgten, daß das Schloß nicht verstaubte. Einmal im Monat glitzerten im Festsaal alle Kristallüster, dann gab Elise eine Party, von der man in eingeweihten Kreisen die widersprüchlichsten Dinge erzählte. Nach einer solchen rauschenden Nacht versank das Schloß wieder in Schlaf. Elise de Béricourt lebte zurückgezogen, fuhr allein nach Paris, kaufte ein, besuchte Theater und Oper, ihre elegante Erscheinung war auf den großen Einkaufsboulevards bekannt, ab und zu soupierte sie im Maxim, wo sich die Elite des Geldadels traf, von Gulbenkian bis Onassis. Nie sah man sie mit einem Mann, das war erstaunlich. Sie ist so kühl, wie sie schön ist, hieß es bald, nachdem sieggewohnte Kavaliere bei ihr abblitzten und die Playboys vom Dienst jämmerlich Schiffbruch erlitten. Eine unglückliche Liebe zu einem verheirateten Mann hat ihr Herz versteinert, flüsterte man später. Zweimal im Jahr verreiste sie mit unbekanntem Ziel, da wird sie sich austoben, wo keiner sie kennt. Geld genug hat sie ja als Erbin einer der größten Konservenfabriken Frankreichs.

Elise de Béricourt war vom Mittagessen in Paris zurückgekommen. Sie hatte den roten Sportwagen vor die Treppe gefahren, war ins Schloß gelaufen, als werde sie verfolgt, und stürzte nun in eines der großen Schlafzimmer im ersten Stockwerk. Ein Raum mit schweren Portieren, geschnitzten und goldverzierten Decken, einem riesigen Himmelbett, venezianischen Spiegeln an den seidenbespannten Wänden.

Elise warf die Tür hinter sich zu und lehnte sich an das geschnitzte Holz. »Sie suchen dich«, sagte sie triumphierend. »Diese Aufregung! Inspektor Labois will Rundfunk, Fernsehen, Presse und Plakate einsetzen! Ganz Paris wird dich suchen! Aber hierher werden sie nicht kommen. Ich habe mit Labois gesprochen. Eine Béricourt verdächtigt man nicht.«

Horst Hartung saß auf dem prunkvollen Bett, die Beine angezogen, neben sich einen Servierwagen mit Sandwiches und Gebäck und Flaschen mit Mineralwasser, Kognak, Whisky, Wein und Likör. Er hatte nichts angerührt, betrachtete jetzt mit auf die Hand gestütztem Kopf Elise wie einen exotischen Vogel und wartete auf weitere Berichte. Elise lachte dunkel, knöpfte das Kleid auf und begann, sich auszuziehen.

»Sie sind verrückt, Gräfin«, sagte Hartung. Er sprang auf und ging zum Fenster. Wundervolle schmiedeeiserne Gitter verhinderten einen Einbruch — aber auch eine Flucht. Der Blick über den Park war paradiesisch — der Teich mit den Schwänen, die Goldfasane, die Zypressen und Oleanderbüsche. Hartung seufzte und wandte sich wieder um. Elise stand völlig unbekleidet hinter ihm, ein vollendeter Frauenkörper. »Verzeihen Sie, aber ich finde kein anderes Wort dafür. Denken Sie nicht an den Skandal, wenn das alles herauskommt! Eine Frau entführt einen Mann!«

»Weil ich dich liebe!«

»Und das berechtigt Sie, mich einfach zu kidnappen?«

»Du bist sofort ein freier Mensch, wenn du mich geliebt hast.« Sie drehte sich vor ihm. Das Sonnenlicht schimmerte auf ihrer Haut. Ein lautloser Tanz, in dem jeder Schritt, jede Bewegung der Arme, der Beine, des Kopfes und des Rumpfes eine einzige Verlockung darstellte. Die großen braunen Augen waren weit geöffnet, glänzten feucht. »Bin ich so häßlich?« fragte sie. Ihre Stimme klang heiser.

»Ich habe eine ganze Nacht lang versucht, Ihnen zu erklären, warum ein Abenteuer zwischen uns zur Katastrophe werden muß. Sie wollen es nicht einsehen, sperren mich ein, als lebten wir im Mittelalter, was versprechen Sie sich eigentlich davon?«

»Ich lasse mich nicht beleidigen!«

»Beleidigen?« Hartung starrte sie ungläubig an.

»Ich stehe nackt vor dir, und du siehst mich an wie ein Stück Holz. Ohne Regung, ohne Gefühl, ohne ein Blitzen in deinen Augen, als hättest du da drinnen kein Herz, kein Herz, nur einen Klotz — einen widerlichen, verrostenden Eisenklotz!« Sie trommelte mit den Fäusten gegen seine Brust. Ihr nackter Körper war jetzt ganz nahe bei ihm, er brauchte ihn nur zu umfassen, an sich zu drücken, die samtweiche Haut zu streicheln, die bebenden Lippen zu küssen, und wenn er sie auf seine Arme nahm und zum Bett trug, wenn er Liebe heuchelte, ihr Erfüllung schenkte — was folgte dann?

Das Ringen um den Besitz, der Anspruch auf ihn, der Stolz der Siegerin, der Kampf gegen Angela und am Ende das Drama des Auseinandergehens.

Sie preßte sich an ihn. Ihre Brüste waren hart, und als er die Hand auf ihren Rücken legte, spürte er die Spannung ihrer Muskeln. »Bist du kein Mensch?« flüsterte sie. »Bin ich keine Frau? Fühlst du es nicht?« Plötzlich ergriff sie seine Hand, führte sie über ihre glatte kühle Haut, von den Brüsten bis zum Schoß. Sie dehnte sich wohlig, wand sich, stöhnte. »Du weißt nicht, wie gemein du bist«, stammelte sie. »Stehst da wie ein Stück Eisen! Ich möchte dich umbringen, hätte ich nur die Kraft, dich zu erwürgen!«

Hartung hob Elise hoch, trug sie zum Bett und ließ sie auf die Decken fallen. Sie zuckte, zerfetzte ein Kissen und warf schreiend die Federn in die Luft. Dann lag sie reglos da und ließ sich von dem Daunenregen zudecken.

»Vorbei?« fragte Hartung, nüchtern wie ein Arzt, der den Anfall einer Patientin beobachtet hat. »Können wir jetzt vernünftig miteinander reden?«

»Nein. Du bleibst bei mir, solange ich will.«

»Das ist doch Wahnsinn!« Hartung schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Sie können mich doch nicht tagelang …«

»Tagelang?« Sie hob den Kopf. »Ein ganzes Leben lang!«

»Gräfin —«

»Komm her und liebe mich.«

»Mir ist jetzt endgültig klar, daß alles Reden sinnlos ist.« Hartung blickte sich um. Das Fenster vergittert, die Tür aus schwerem, massivem Holz. Ein Gefängnis aus venezianischen Spiegeln, Marmorboden und einem riesigen Bett. Elise beobachtete ihn und streute spielerisch die Federn über ihren Körper.

»Kein Ausgang«, sagte sie. »Und um uns herum Einsamkeit. Wir sind die einzigen Menschen auf dieser Welt.«

»Morgen um 14 Uhr muß ich auf dem Parcours sein.«

»Du bleibst hier!«

»Ich werde die Tür aufbrechen!«

»Mit bloßen Händen? Bist du Samson?«

»Gräfin, ein letzter Versuch. Ich bitte Sie, vernünftig zu sein.«

»Liebe mich!«

Es hat keinen Zweck, dachte Hartung. Wozu noch reden? Der einzige Weg aus diesem Zimmer führt durch die Tür. Aber sie ist abgeschlossen, den Schlüssel hat sie in der Tasche ihres Kleides.

Mit einem Sprung war er an der Tür, wo auf dem Boden Elises Kleider lagen. Aber sie erkannte seine Absicht, sprang aus dem Bett, erreichte Hartung nicht mehr, warf sich vor die Tür und riß von der Wand ein langes ziseliertes Damaszenerschwert.

»Dieses Schwert hat eine Geschichte«, sagte sie leise. »Jean de Béricourt brachte es als Kreuzritter aus dem Orient mit. Der Henker in Caesarea hieb damit allen Christen die Köpfe ab. Die Klinge ist so scharf, daß sie Seidenpapier schneidet! Willst du’s sehen?«

Sie schleuderte mit dem Fuß ihr Unterkleid durch die Luft, führte einen Schwertstreich — ein Zischen, und das Hemd fiel in zwei Hälften auf den Marmorboden zurück.

»Was ist dagegen ein Hals«, sagte sie tonlos.

»Sie würden wirklich zuschlagen?« fragte Hartung ungläubig.

»Ohne Zögern! Du beleidigst mich jede Sekunde, in der du ruhig vor mir stehen kannst!«

»Sie werden nicht zuschlagen. Nein, das können Sie nicht.« Hartung schüttelte den Kopf und kam langsam näher. Elise hob wieder das Schwert. »Seien Sie vernünftig, Elise! Schließen Sie die Tür auf!«

»Bleib stehen, mein Gott, bleib stehen!« Elise preßte die Lippen zusammen. In ihren Augen war eine Härte, die Hartung zögern ließ. Noch einen Schritt, dann kam er in den Bereich der Waffe. Ein weiterer Schritt konnte den Tod bedeuten. »Bleib stehen!« schrie Elise. Die Klinge fuhr hoch, jeder Muskel des nackten Körpers war gespannt.

Hartung war nie ein Feigling gewesen. Was das Leben bisher von ihm gefordert hatte, war er angegangen, mutig, seine Chancen abwägend, direkt oder diplomatisch. Er hatte nie gekniffen. Er war nur ausgewichen, wo es die Klugheit befahl, um dann später um so energischer voranzugehen. Ein Gefühl von Angst hatte er nur dreimal erlebt — auf dem großen Treck von Ostpreußen nach dem Westen, verfolgt von sowjetischen Panzerkolonnen, ein kleiner Junge, der zusehen mußte, wie alte Männer und Frauen im Straßengraben erfroren. Zum zweitenmal überfiel ihn die Angst, als er während eines Urlaubes in Dalmatien an der felsigen Küste nach alten Amphoren tauchte und ein scharfer Stein seinen Atemschlauch zerriß. In den Sekunden, bis er die Meeresoberfläche wieder erreichte, hatte er alle Qualen der Verzweiflung durchgemacht. Das drittemal erwischte es ihn mitten in Berlin, auf der Joachimsthalerstraße, an einem trüben Regentag. Ein Lastwagen kam ins Schleudern, rutschte auf ihn zu, und er war von dem Anblick des auf ihn zuschlitternden Ungetüms so gelähmt, daß er sich nicht rühren konnte und das Bewußtsein, gleich zermalmt zu werden, jeden Gedanken auslöschte.

Jetzt, vor dieser zu allem bereiten nackten Frau mit dem Damaszenerschwert in der Hand, war es keine Feigheit, wenn er stehenblieb. Es war einfach die Erkenntnis, klüger zu sein als die von ihrer Leidenschaft getriebene, aller Vernunft beraubte Elise de Béricourt.

»Warten wir es also ab«, sagte er und ging rückwärts bis zum Fenster. Dort blieb er stehen und zeigte auf das Bett und das zerrissene Kissen. »Wenn schon Historie, Kreuzritterschwert und so — warum zwingen Sie mich nicht mit ihrer scharfen Klinge zur Liebe? Zerhackt werden oder lieben — aus dieser Alternative fände ich einen Ausweg.«

»Du sollst mich lieben, weil ich schön bin. Ich bin doch schön, nicht wahr?«

»Sie haben alles, was einen Mann begeistern kann. Einen herrlichen Körper, Temperament, Geist.«

»Und trotzdem?«

»Ja, trotzdem. Sie zu lieben bedeutet, Sklave zu werden. Ich könnte mir vorstellen, daß ein Mann der Sie einmal besessen hat, an nichts anderes mehr denken kann als an diese Stunde.«

»Ist das ein so schrecklicher Gedanke?«

»Ich habe eine andere Aufgabe, als von weiblichen Reizen zu träumen.«

»Ich weiß. Du mußt reiten, springen, siegen. Das alles kannst du auch hier haben. Ich richte dir den schönsten Parcours der Welt ein, du kannst die besten Pferde kaufen, ich werde dir zusehen, wenn du trainierst, wenn du die Hindernisse überwindest, du wirst immer der Sieger sein! Und nach jedem Turnier winkt dir ein Preis, wie du ihn noch nie gewonnen hast — ich!« Sie breitete die Arme aus. Über ihren schlanken nackten Körper tanzten die Sonnenstrahlen. »Es wird ein wundervolles Leben sein!«

»Und alles hier, in diesem Park, hinter den hohen Mauern?«

»Ein Paradies!«

»Eine blühende, duftende, vergoldete Hölle!« Hartung schlug mit der Faust gegen die Wand. »Ich werde jede Gelegenheit zum Ausbruch wahrnehmen.«

»Es wird keine Gelegenheit geben«, sagte Elise de Béricourt mit einer erschreckend nüchternen Stimme. Sie bückte sich, raffte ihre Kleider zusammen, klemmte das Schwert unter die Achsel — es sah unbeschreiblich komisch aus —, schloß die Tür auf und verließ den Raum. Deutlich hörte Hartung, wie sie von draußen wieder abschloß.

Er wartete ein paar Minuten, rannte dann zur Tür, rüttelte daran, untersuchte das Schloß, klopfte das Holz ab und strich sich resignierend über die Stirn. Vor ein paar Jahrhunderten baute man massiver als heute. Das Schloß war handgeschmiedet, die Tür aus massiven Eichenbrettern mit geschnitzten Ranken.

Versuchen wir es trotzdem, dachte er. Nach einem langen Anlauf ließ er sich gegen die Tür fallen, das einzige, was er damit erreichte, war ein heftiger Schmerz in der Schulter. Sie schwoll an, wurde dunkelrot, er konnte den Arm schon nach einer Minute kaum noch heben.

Irgend jemand muß mich doch hören, überlegte er weiter. Sie lebt doch nicht allein auf diesem riesigen Schloß. Es gibt Angestellte. Mädchen, einen Gärtner, vielleicht sogar mehrere. Einer allein kann diesen Prunk gar nicht pflegen, er müßte schon Tag und Nacht arbeiten. Wenn ich schreie, gibt es hier auch Ohren.

Er rannte zum Fenster, riß es auf und brüllte hinaus in den Park. Niemand antwortete, niemand erschien. Nur der Schwan auf dem Teich schlug mit den Flügeln, reckte den Hals und glitt majestätisch weiter. Ein leichter Wind rauschte in den Bäumen, wiegte die Blütenbüsche. Sonst Stille. Ein Paradies.

___________

Für Inspektor Labois kam die Stunde des Einsatzes. Vierundzwanzig Stunden waren verstrichen — von Horst Hartung noch keine Nachricht, aber auch keine Spur. Labois hatte im stillen weiterermittelt. Wettgangster schieden völlig aus — der »Prix Rothschild« war kein Nationalpreis, außerdem wettete man in Frankreich nur Galopp- oder Trabrennen, Drohungen oder Erpressungen lagen nicht vor, keine Lösegeldforderungen, nicht das leiseste Tatmotiv. Es war der rätselhafteste Fall, den die Pariser Polizei je untersucht hatte. Ein Mann, ein berühmter Springreiter, verschwindet spurlos aus einem Hotel, nachdem er noch detailliert sein Frühstück für den nächsten Morgen bestellt hat. Er gibt der Gräfin de Béricourt ein Autogramm, und von da ab ist er nicht mehr vorhanden.

Labois zögerte. In der Routinearbeit der Polizei ist die letzte Kontaktperson immer die wichtigste. Der letzte, der mit einem Vermißten gesprochen hat, kann — ohne es zu wissen — die Lösung in der Hand halten. Hier war es eine Béricourt, und Labois kam sich selbst lächerlich vor, die Gräfin noch einmal zu verhören. Er hatte vorsichtig Erkundigungen eingezogen — die Jungfrau von Orléans war verdächtiger als Elise.

Fallersfeld blieb bis zuletzt im Hotel, immer noch in der Hoffnung, einen Hinweis über Hartung zu erhalten. Dann fuhr er hinaus nach Saint-Cloud, bleich, übernächtigt, mit müden Augen.

Zehn Uhr. Um vierzehn Uhr begann der erste Umlauf zum Goldenen Pokal. Noch vier Stunden.

Die deutsche Equipe saß bedrückt auf dem Abreiteplatz. Noch war offiziell nichts bekannt, Laska mit Hartung stand noch auf der Startliste. Mit dem Nachtflugzeug war Jarasinski nach Paris geflogen, um für Hartung einzuspringen. Aber er weigerte sich, Laska zu reiten. Es nützte nichts, daß Fallersfeld brüllte und tobte, ihm den Befehl gab und Konsequenzen androhte.

»Ich mache mich lächerlich auf diesem Biest«, sagte Jarasinski. Es gab keinen deutschen Reiter, der ihm nicht beipflichtete. »Erinnern Sie sich an Hamburg beim M-Springen? Birkel saß auf Laska, weil Hartung eine Gastritis bekam. Vier Hindernisse nahm sie mit Bravour, dann buckelte sie mitten beim Anreiten, warf Birkel ab und machte den Parcours allein und ohne Reiter zu Ende. Null Fehler. Über Birkel hat alles wochenlang gelacht. Wir haben ›Odysseus‹ bei uns — den reite ich!«

»Odysseus ist in einer Form, daß er sich selbst in den Hintern tritt!« schrie Fallersfeld. »Ich brauche Laska!«

»Ohne mich.«

Was nun werden sollte, war noch nicht geklärt, als Fallersfeld endlich auf dem Platz erschien. Romanowski ritt Laska um das Viereck, sie wirkte ungemein locker, tänzelte, lief die saubersten Schritte seit Wochen, setzte über die Übungshindernisse, als springe sie über einen Ast. Fallersfeld stützte sich auf den Zaun und starrte Laska an.

»Das Aas ist in Superform«, sagte er, als Winkler sich neben ihn stellte. »Es ist, als wüßte sie, daß sie heute nicht geritten wird, und zeigt uns jetzt alles, was in ihr steckt. Ein perfides Stück! In dieser Form mit Hartung, der Pokal wäre schon im Schrank, bevor das Turnier beginnt! Mein Gott, womit habe ich das verdient?«

»Von Hartung nichts?« fragte Winkler leise.

»Keine Spur.«

»Was macht die Polizei?«

»Labois versucht, mich mit philosophischen Reden aufzuheitern. Ich könnte ihn erwüreen.«

»Wenn man ein Motiv wüßte!«

»Labois’ Rede. Selbst Raubmord schaltet aus. Hartungs Brieftasche mit allem Geld und allen Papieren liegt in seinem Zimmer. Er kann nur ein paar Francs in der Tasche gehabt haben.«

»Was wiederum beweist, daß er nicht die Absicht hatte, bummeln zu gehen. Er blieb im Hotel, wollte ja früh ins Bett.«

»Und hat das Bett nicht erreicht! Zum Verrücktwerden ist das!«

»Dann muß er nach dem Gesetz der Logik noch im Hotel sein!«

»Logik! Im Hotel kann doch keiner verschwinden! Jetzt sag bloß noch, der große Unbekannte hat ihn versteckt.«

»Die Zimmermädchen?«

»Kannst du dir vorstellen, daß Hartung zwei Tage in der Kammer eines Zimmermädchens bleibt und alles um sich herum vergißt? Es sei denn, er ist verrückt geworden. Außerdem hat Labois schon längst alle Angestelltenzimmer kontrolliert. Diese blöde Idee hatte er nämlich auch.« Fallersfeld schob plötzlich die Mütze korrekt zurecht und straffte sich. Verwundert folgte Winkler seinem Blick. Ein knallroter Sportwagen fuhr langsam zum Abreiteplatz. Ein breiter weißer Hut leuchtete hinter der Windschutzscheibe.

»Oha!« sagte Winkler und lächelte breit. »Besuch.«

»Eine Gräfin.« Fallersfeld fuhr sich schnell mit beiden Zeigefingern über die Augenbrauen. »Hartung hat zuletzt mit ihr gesprochen.«

»Sieh an, sieh an!«

»Keine dummen Bemerkungen, Hans-Günther. Ein Autogramm wollte sie. Du hast es doch selbst beobachtet.«

»Ach, die ist das?« Winkler blinzelte Fallersfeld zu. »Ich gehe zu Angela.«

»Mein Gott, Angela! Wo ist sie? Wie trägt sie es?«

»Tapfer. Sie sitzt im Stall und wartet.«

»Und weint.«

»Keine Träne. So wenig sie sich leiden mögen, im Grunde sind sie sich ähnlich, Laska und Angela. Sie haben unerschütterliches Vertrauen zu ihrem Herrn. Sie glauben einfach an kein Verbrechen. Und Romanowski, das ist der reine Holzklotz.«

Es war, als habe Romanowski das gehört. Er ritt auf Laska im leichten Trab heran, hielt und nahm seine Sportmütze ab, als bedanke er sich auf dem Parcours bei den Zuschauern. Fallersfeld schielte zu ihm hoch. »Na, Pedro?«

»Kann ick mit ihnen reden, Herr Baron?«

»Immer.«

»Lassen Sie mir reiten, Herr Baron.«

»Das tust du doch.«

»Für Herrchen auf dem Parcours.«

»Wohl durchgedreht, was?«

»Laska pariert mir und sonst keenem. Und wie se loofen kann, det haben Sie ja jesehen. Wenn ick mir in ’n roten Rock zwänge, ick jlobe, heute schaff ick es ooch. Det wäre die beste Lösung.«

»Und in Pulvermanns Graben liegste im Dreck, was?«

Romanowski ritt beleidigt weiter. Pulvermanns Graben — das war ein dunkler Punkt in seinem Reiterleben. Ein einziges Mal hatte er mit Laska eine Übungsrunde ganz durchgesprungen. In Ludwigsburg. Bei Pulvermanns Graben schoß er über Laskas Hals hinaus in den Sand und brach sich zwei Rippen an. Das Beschämendste aber war, daß Laska stehenblieb, umkehrte, ihn mit der Schnauze anstieß und triumphierend wieherte.

Der rote Sportwagen hielt mit leise quietschenden Bremsen. Fallersfeld riß die Mütze herunter, ließ seine weißen Haare im Wind wehen — er wußte, wie attraktiv das auf Frauen wirkte — und ging mit festen Reiterschritten auf den Wagen zu. Elise de Béricourt winkte mit beiden Händen und zeigte dann auf die Pferde im Abreiteviereck.

»Wo ist Laska?« rief sie. Ihre dunkle Stimme kam Fallersfeld wie Samt vor. Schwarzer Samt, nein, roter Samt, tiefroter Samt.

»Dort. Das goldrote Pferd. Pedro, das ist Hartungs Bereiter, steigt gerade ab.« Fallersfeld beugte sich über eine lange, kräftige Hand und küßte sie. Elise nahm es gar nicht wahr, sie blickte hinüber zu Laska. Ihre Lippen schoben sich vor. »Wer ist das Mädchen, das jetzt bei ihr steht?«

Fallersfeld war es eine Freude, darauf zu antworten. »Angela Diepholt, die Verlobte Hartungs.«

»Ach, er ist verlobt?«

»Seit Jahren. Nur vor der Heirat reitet er immer davon.« Fallersfeld lachte ausgiebig über dieses Bonmot. »Vor zwei Jahren war es fast soweit, wir putzten uns schon die Stiefel für die Kirche, da entdeckte er Laska. Bums, war alles wieder vorbei. Kein Ehrenspalier. Jetzt hat er nur noch Zeit für Laska.«

»Kann ich mir das Pferd näher ansehen?«

»Aber ja, Gräfin.«

»Ganz nah?«

»Warum nicht?« Fallersfeld führte Elise hinüber zu den Stallungen. Es waren Zelte, die man auf dem schönen Rasen des Parks von Saint-Cloud extra für das Turnier aufgeschlagen hatte.

Das also ist sie, dachte Elise, je näher sie Angela und Laska kamen. Laska und Angela, meine großen Rivalen. So schön wie ich bist du nicht, Angela. Derber, bäuerlicher, germanisch. Dir fehlt das Fluidum, der südliche Himmel, die Sonne. Meine Haut ist gepflegter, meine Brüste voller, meine Beine schlanker. Sieh dir meine Fesseln an. Mein Gang, meine Haltung, mein Temperament, meine Lebenslust. — Was hast du dagegen? Einen seelenvollen Blick. Wollen Männer so etwas? Du hast verloren, meine kleine Angela. Männer sind Eroberer, Forscher, Abenteurer — ich kann ihnen alles geben: Neuland, Wildnis und Kampf.

Und du, Laska? Von Pferden verstehe ich nicht viel, nur, daß man sie reiten kann und daß sie einen Sattel tragen. Bist du ein schönes Pferd? Ich weiß es nicht. Bist du ein kluges Pferd? Gibt es das? Pferde sind dumm, sagt man. Ihr Kopf ist größer als ihr Verstand. Wie kann man eine Frau wie mich gegen dich eintauschen? Gegen ein Tier!

Sie hob die Hand und streichelte Laska über die weichen Nüstern. Fallersfeld kam zu spät, das zu verhindern. Er riß ihr den Arm zurück, als sie Laska schon berührt hatte.

Laskas Kopf zuckte hoch. Die großen Augen wurden starr, die Ohren legten sich an, als seien sie plötzlich mit dem Fell verwachsen.

»Festhalten!« brüllte Romanowski, der mit dem Halfter aus dem Zelt kam. »Zur Seite! Weg!«

Elise de Béricourt spürte, wie Fallersfeld sie packte und wegriß. Im gleichen Augenblick stieg Laska hoch und schlug mit den Vorderhufen zu. Hätte Elise noch auf ihrem Platz gestanden, wäre der Huftritt ihr Ende gewesen.

Pedro war noch zu weit entfernt, um einzugreifen, Fallersfeld zerrte die Gräfin zum Auto, die deutschen Reiter waren verteilt über den Abreiteplatz. Grell wiehernd, den Kopf hochgereckt, setzte Laska zum Lauf an. »Olles Aas!« brüllte Romanowski. »Biste varrückt geworden?«

Ein Ruf, der bisher immer gewirkt hatte. Sagte Pedro ‘olles Aas’, blieb Laska stehen und wartete erst einmal ab. Aber heute war etwas stärker — ein Geruch, eine Ahnung, eine geheimnisvolle, unerklärliche Kraft. Laska riß sich aus den Zügeln, die Angela umklammerte, los und galoppierte auf den kleinen Wagen zu.

Fallersfeld, mit Pferden aufgewachsen, überblickte sofort die heranbrausende Katastrophe. Niemand hielt Laska mehr auf, es sei denn, man mußte sie erschießen. Aber selbst dazu war keine Zeit mehr. Er warf Elise fast in ihren offenen Wagen und schrie ihr zu: »Starten Sie! Weg! Sie sind schneller!«

Elise de Béricourt zögerte eine Sekunde, und diese Sekunde fehlte ihr. Laska erreichte den roten Wagen, als er anfuhr, aber es genügte noch zu einem Zusammenprall. Er war so heftig, daß das Heck herumschleuderte. Elise gab Vollgas und raste davon. In ihrem Gesicht stand panisches Entsetzen.

Fallersfeld lag auf dem Boden und hielt die Arme schützend über den Kopf gelegt. Aber um Fallersfeld kümmerte sich Laska nicht, sie starrte dem roten Wagen nach, den Kopf hochgeworfen und schnuppernd, jeder Nerv vibrierte. Angela erreichte sie im letzten Moment. Sie konnte noch aufspringen, klammerte sich am Sattel fest und wurde dann mitgerissen in einem Galopp, wie ihn Laska noch nie gelaufen war.

»Seit wann wird sie denn bei Rot wild?« brüllte Fallersfeld, noch immer auf der Erde liegend. »Ist sie mit einem Bullen gekreuzt? Ihr nach! Fangt sie ein! Angela wird sich den Hals brechen!«

Laska galoppierte. Aus dem anfänglichen harten Schritt wurde ein weiches, kräftesparendes Vorwärtsschnellen. Unter ihren Hufen wirbelte der Sand hoch, später ganze Ballen Grasnarben, als sie quer durch den Park raste, gelenkt von Angela, die damit dem roten Wagen den Weg abschneiden wollte.

»Du weißt, wo Herrchen ist«, sagte Angela und umklammerte den Hals des Pferdes. Sie beugte sich zu den anliegenden Ohren und küßte sie. »Hast du ihn gerochen? Nein, du bist kein Hund, ein Pferd hat keine Witterung, sagt man. Aber du hast Herrchen entdeckt. Lauf, mein Mädchen, lauf, sie entkommt uns nicht!«

Es war, als strecke Laska sich. Erwachte die Erinnerung an die Zigeuner? Weite Koppeln, ein unendlicher Himmel, man flog mit den Schwalben um die Wette …

Im Rückspiegel sah Elise, wie das Pferd sie verfolgte. Eine wilde Angst überfiel sie. Das ist nicht möglich. Ein Pferd kann nicht riechen. Ein Pferd hat keinen Verstand. Aber es verfolgt mich. Sie trat den Gashebel durch, schleuderte auf die Chaussee von Sèvres, der Wind riß ihr den Hut vom Kopf, sie beugte sich tief über das Steuerrad und lachte hysterisch. Hundertsiebzig Stundenkilometer … Kann ein Pferd so schnell laufen? Bevor es das Schloß erreichte, war Hartung längst abtransportiert. Nach Verrières, in ein stilles, mitten im Wald gelegenes Jagdhaus.

Der rote Punkt auf der Chaussee wurde immer kleiner. Laska rannte mit donnernden Hufen, Funken sprühten aus dem Asphalt. Vergeblich versuchte Angela, sie zu zügeln. Ihre Beine, dachte sie, ihre wertvollen Beine. Nach dieser wahnsinnigen Jagd über die Chaussee wird sie nie wieder springen können. Ihre Gelenke werden anschwellen wie Ballons. Auf dieser Chaussee stirbt das Wunderpferd Laska …

Elise atmete auf. Sie war allein auf der Straße. Laska war abgehängt, mit jeder Minute vergrößerte sich der Abstand, gewann Elise das ungleiche Rennen. Sie machte schon wieder Pläne. Antibes — die kleine weiße Villa am Mittelmeer. Ererbt von ihrer Mutter, das war ein Liebesnest, wo niemand sie aufstöbern würde. Ein Adlerhorst in den Felsen mit einem Schwimmbecken, in das jeden Tag frisches Meerwasser gepumpt wurde.

Lastwagen kamen ihr entgegen, flogen an ihr vorbei wie Schemen. Schneller, schneller — es geht um Minuten. Hartung muß fort sein, wenn sie das Schloß erreicht. Keiner hat ihn gesehen, keiner. Sie hat nur ein Pferd — ich habe hundertachzig unter der Motorhaube …

Aber Elise blieb nicht lange allein. Eine große schwarze Limousine überholte sie, rauschte an ihr vorbei und verschwand langsam vor ihr im welligen Gelände. Drei unbekannte Männer saßen darin, der vierte, den Elise kennen mußte, hatte den Kopf eingezogen und sich hinter der breiten Schulter seines Nebenmannes versteckt. Wie erwartet warf sie den Kopf herum, als der schwere Wagen sie überholte, aber da es keine Personen vom Turnierplatz waren — die waren anders gekleidet —, wandte sie sich wieder der Straße zu.

Labois setzte sich wieder hoch, als sie Elise aus dem Rückspiegel verloren hatten. »Wer hätte das gedacht?« sagte er kopfschüttelnd. »Man soll die Dame nicht vor dem nächsten Morgen loben!«

Es war alles ziemlich schnell gegangen. Labois hatte mit seinen Leuten gerade den Turnierplatz erreicht, als Laska auf den kleinen roten Wagen sprang und Elise de Béricourt flüchtete. Einer Eingebung folgend, hatte Labois gerufen: »Dem roten Bonbon nach! Lassen Sie das Pferd in Ruhe, das ist mein bester Detektiv!« Dann war die wilde Jagd in vollem Gange, und Labois hielt dabei einen Vortrag über das Seelenleben der Pferde. Es war erstaunlich, was er darüber wußte, denn er hatte nie eine Stunde geritten und außerdem Angst vor Pferden.

Der kleine rote Wagen schleuderte in die Auffahrt von Schloß Béricourt, durchraste den Weg bis zur großen Freitreppe und stoppte dort mit kreischenden Bremsen.

Die große schwarze Limousine wartete bereits. Vier Männer standen davor und zogen höflich die Hüte wie bei einem Begräbnis, wenn der Sarg herankommt. Elise erkannte Inspektor Labois sofort.

»Madame«, sagte er mit allem pariserischen Charme, »es gibt ein Pferd, hundertachtzig Pferdestärken und zweihundertvierzig. Wir hatten zweihundertvierzig und haben gewonnen. Das Recht des Stärkeren. Wo finden wir Monsieur Hartung?«

Wortlos reichte ihm Elise den Schlüssel. Dann wandte sie sich ab, sprang wieder in ihren Wagen und brauste davon. Labois blickte ihr mit geneigtem Kopf nach. »Wem wird es je gelingen, eine Frau zu begreifen?« sagte er langsam. — »Oder ist das gerade das Besondere an den Frauen?«

___________

Um vierzehn Uhr neunzehn ritt Horst Hartung auf Laska zum ersten Umlauf auf dem Parcours. Laska ging etwas steifbeinig — die Chaussee mit ihrer Asphaltdecke lag ihr noch in den Gelenken.

»Oje«, sagte Fallersfeld und griff sich mit seiner typischen Geste an den Kopf. »Die ist hin! Ave, Laska!«

Sie trabte an, fiel in den Aufgalopp — steif, ganz steif, als sei sie aus Holz geschnitzt. »Ich mache die Augen zu«, stöhnte Fallersfeld. »Wer hält mir die Ohren zu?« Das erste Hindernis, ein Birkenoxer, ein Meter fünfzig hoch. Laska sprang ab, streckte sich in der Luft und flog hinüber, als sei der Boden aus Gummi und habe sie abgeschnellt.

Mit vier Fehlern in 65,7 Sekunden gewann Hartung auf Laska den »Prix Rothschild« von Paris. Im zweiten Stechen, als ihm niemand mehr eine Chance gab.

Erst im Stallzelt begann Laska zu zittern. Die vier Hufgelenke schwollen an. Und Romanowski, der starke, harte, ewig knurrende Riese Romanowski, kniete vor ihr, kühlte die Füße und weinte.

»Mein olles Biest«, schluchzte er. »Du dämliches Aas, wenn se dir jetzt bloß nich schlachten. Springen kannste nich mehr, aba ick stell mir vor dir! Erst müssen se den Romanowski vor de Rübe hauen!«

»Ich sehe schwarz«, sagte Dr. Rölle vor dem Zelt. »Hartung, ich brauche Ihnen nichts über Pferde zu erzählen. Hält das, was Laska hinter sich hat, ein Pferd aus?!«

Hartung antwortete nicht. Er wandte sich ab und ging allein um das Zelt herum in die Dunkelheit.

Es wird heute noch behauptet, daß Hartung hinter dem Zelt gebetet hat.

Die »ehrenwerten Männer«

»Die Deutschen kommen«, sagte Bruno Salti und drückte auf den Knopf, der das Radio zum Schweigen brachte. »Jetzt ist es sicher! Sie landen morgen auf dem Flugplatz, fangen übermorgen ihr Training an und siegen am Sonntag beim ›Grand National Cup‹. Leute, es muß was geschehen. Die Deutschen werfen unser ganzes Programm durcheinander. Erst hieß es, sie kommen nicht. Dann wieder, sie kommen doch! Vor drei Tagen — die Pferde können sich nicht so schnell akklimatisieren, das harte Turnier in Paris, der Flug, das ist eine Quälerei. Und nun sind sie doch da!«

Bruno Salti blickte aus dem riesigen Panoramafenster. Vor ihm rauschte der Pazifik, seine Wellen brachen sich an den Klippen, schäumten hoch, übergossen die Felsen mit Gischt und zerrannen dann im Geröll. Wenn die Sonne abends versank, war das Meer rot, und oft stand Salti dann an diesem Fenster und genoß mit einem prickelnden Schaudern die Illusion, Blut sprühe gegen sein Haus.

Der Gedanke war gar nicht so abwegig. Mit Blut hatte Salti sein Imperium in San Franzisko aufgebaut. Vor genau vierunddreißig Jahren war er aus Sizilien herübergekommen, ein armseliger Bauarbeiter, der in seinem Dorf Terrasole mehr Staub als Nahrung schluckte, der neun kleine Geschwister miternähren mußte und die Großeltern dazu. Da schrieb ihm Giorgio Brusco aus New York. »Komm ’rüber, Bruno. Hier braucht man Jungs wie Dich. Steine und Mörtel brauchst Du nicht mehr zu schleppen, hier gibt es Möglichkeiten, von denen Du nicht einmal träumst.« Und Bruno Salti war ausgewandert, Giorgio hatte zusammen mit einem Unbekannten namens Jim Brazzer für ihn gebürgt, und plötzlich stand er in der Steinwüste von New York, bewohnte ein Zimmer für sich allein — was bis dahin für ihn unvorstellbar war —, erhielt sofort hundert Dollar Handgeld und lernte einen Haufen Leute kennen, die alle arme Schweine wie er gewesen waren.

Aber das Leben ist hart, ob auf Sizilien oder in New York. Jim Brazzer, so stellte sich heraus, hatte nicht nur aus Menschenfreundlichkeit gebürgt, sondern verlangte Gegendienste. Bruno Salti geriet in die Kolonne, in der auch Giorgio arbeitete: Er verkaufte in den Nachtbars Heroin. Das ging so lange gut, bis Salti sich ausrechnete, daß er erbärmlich bezahlt wurde, während die anderen einen fast tausendfachen Gewinn einsackten. Eines Nachts holte er von der »Zentrale« für hunderttausend Dollar »Stoff« ab, fuhr statt zu den Bars zum Flugplatz und verschwand. Jim Brazzer erschoß daraufhin den unschuldigen Giorgio, aber das erfuhr Salti erst viel später und erregte sich nicht sonderlich darüber. Er schickte einen guten Mann nach New York, der Jim Brazzer in den Hafen lockte und mit vier Zentnern Beton an den Füßen versenkte.

Zu dieser Zeit war Bruno Salti in San Franzisko schon ein großer Mann. Er hatte mit seinem Startkapital eine Maklerfirma gegründet, handelte mit Grundstücken, die er billig erwarb, indem er die Besitzer unter Druck setzte, billig zu verkaufen oder selbst in die Erde zu kommen (was dreimal geschah, und die Witwen verkauften sofort), baute am Strand des Pazifiks südlich von San Franzisko kleine Bungalows, ganze Kolonien, die man später »Salti-Stadt« nannte und vollzog einen Zusammenschluß, der ihn unangreifbar machte: Er wurde Mitglied der »Cosa Nostra«. Zwar knabberte die Vereinigung der »ehrenwerten Männer« an seinem Gewinn, aber niemand belästigte ihn mehr, er brauchte keine eigenen Schutztruppen mehr, er meldete unliebsame Zeitgenossen dem Liquidationskommando, dessen Einfallsreichtum in bezug auf Todesarten unerschöpflich war, stiftete ein Waisenhaus, wurde Präsident mehrerer Wohltätigkeitsvereine und schuf sich eine weiße Weste, wie sie reiner nicht sein konnte. Selbst seinen Alleingang in New York verzieh man ihm, denn er zahlte der Mafia die hunderttausend Dollar zurück.

Bruno Salti, das war ein Name, bei dem der Gouverneur von Kalifornien sich immer die Hände rieb. Und am Pazifik baute und baute die Firma Haus nach Haus — weiße, kleine Villen für die biederen Amerikaner, die gern das Meer rauschen hören und mit der Angel zwischen den Felsen sitzen.

Das war die eine Seite. Die andere war unbekannt und lag in Chinatown und am Hafen. Hier gehörten Salti jede Menge von Nachtlokalen, Bordellen und Spielsalons, die Dirnen lieferten seinen Kassierern die vereinbarten Prozente ab, von Mexiko landeten Schmuggelschiffe in einsamen Buchten, wo die Firma Salti gerade mit Ausschachtungen für neue Ferienkolonien begonnen hatte, und in den Wettbüros für Football und Pferderennen zogen die Buchmacher schon gleich von ihrem Gewinn die Anteile für Salti ab.

Bruno Salti war überall. Er besaß sogar vier Springpferde, war ein Pferdenarr und hatte seinen Wallach »White Star« als Favorit im »Grand National Cup« gemeldet. Es war undenkbar, daß er verlor, die Wetten liefen auf Hochtouren, und wenn Salti das Geld auch nicht mehr nötig hatte — er setzte seinen Stolz darein zu gewinnen. Er mußte gewinnen! Und wenn ein Salti das sagt, gibt es gar keine andere Möglichkeit.

Aber jetzt kamen die Deutschen. Nicht Winkler, Schockemöhle, Steenken oder Jarasinski, sondern eine neue Equipe mit Nachwuchsreitern. Nur einer war darunter, dem ein Ruf vorausging, daß selbst Salti die Ruhe verlor: Horst Hartung mit seinem Pferd Laska.

Salti wandte sich vom Schauspiel der sich an den Klippen brechenden Ozeanwellen ab und trat in das saalartige Zimmer zurück. In einem Sessel, mit echtem französischem Gobelin bezogen, hockte ein Mann mit dem Gesicht eines Frettchens. Er rauchte, indem er die Zigarette vom linken zum rechten Mundwinkel wandern ließ und bisher stumm dem nervösen Salti zugehört hatte. Er zog die Brauen hoch, als Salti vor ihm stehenblieb und laut sagte: »Hartung darf nicht gewinnen!«

»Nichts leichter als das.« Das Frettchen grinste breit. »Man wird glauben, er sei verdunstet.«

»Blödsinn, Joe.« Salti schüttelte den Kopf. Joe Brollio war noch ein Gefährte aus den alten Tagen des Aufbaus. Irgendwie hing Salti an ihm, obgleich er die anderen Freunde im Laufe der Jahre verunglücken ließ, weil sie zuviel wußten. Nur Brollio blieb übrig, klein, schmal, fast knochig, vertrocknet, obwohl er literweise trinken konnte. Er arbeitete bis zur Stunde für seinen Herrn, ein Dackel, der in jeden Fuchsbau kriecht. Salti verschonte ihn vielleicht, weil er aus Chivinaro kam, dem Nachbarort von Saltis sizilianischem Heimatdorf. Manchmal leistete er sich solche Sentimentalitäten, wie er auch immer in Tränen ausbrach, wenn er irgendwo ein Bild von Sizilien entdeckte.

»Ich habe im Leben alles erreicht, weil alle meine Geschäfte so abliefen, daß die Polizei nie auf meinen Namen stieß — höchstens bei Stiftungen für ihre Waisenkasse.« Joe Brollio lachte leise. »Wir müssen Hartung anders ausschalten. Mit Ideen!«

»Die beste ist immer noch eine Frau!«

»Er soll in dieser Richtung stur wie ein Panzer sein.«

»Wir machen das Pferd krank.«

»Das ist schon in Rom mißlungen. Denk an unseren armen Bonelli. Um über diesen Pedro Romanowski an Laska zu kommen, muß man ihn schon in die Luft sprengen. Genau das wollen wir nicht. ›White Star‹ soll so siegen, daß jeder daran glaubt. Er wird gegen Laska antreten! Und gewinnen, mit Bravour gewinnen!«

»Dann flieg nach Rom, bete im Petersdom und bitte um ein Wunder«, spottete Brollio. Er konnte sich das leisten, Salti nahm ihm nichts übel. Er lachte höchstens.

»Ich habe Waldon Harris herbestellt.« Salti goß sich ein Glas Rotwein ein und leerte es langsam und genußvoll. »Waldon ist der Turnierleiter. Ein anständiger Mann, nur hat er eine Geliebte, die viel Geld kostet. Jane Shrivers.«

»Oha! Etwas anderes konnte er sich nicht aussuchen?« Brollio drückte die Zigarette aus. »In Hollywood erfolglos, aber bekannt in allen Betten.«

»Waldon braucht immer Geld. Ich könnte ihn kaufen.«

»Springt Harris über die Hindernisse oder Laska?«

»Wir sollten uns etwas einfallen lassen, Joe.«

»Mit Waldon? Der steht im Glaskasten und quasselt ins Mikrophon. Warum sollten wir diesen Hartung sich nicht in San Franzisko verirren lassen?«

»Und wie, mein kluger Junge?«

»Wir haben doch Betty.«

»Himmel noch mal, er macht sich nichts aus Weibern! Er ist glücklich verlobt und einer jener deutschen Typen, die morgens nach dem Duschen die Treue unters Hemd schnallen. Idee gestorben.«

»Wir werden ihm Betty nicht im Bett servieren, natürlich nicht.« Brollio beugte sich vor. Wenn er dachte, wurde sein Gesicht noch runzliger, jetzt bestand es nur noch aus Falten. »Er wird bei Betty den deutschen Helden spielen! Das ist eine Rolle, der kein Deutscher ausweicht. Der Ritter vom goldenen Schwert!«

»Joe, trink einen, du redest irr!«

Brollio sprang aus dem Sessel. Er reichte Salti bis zur Schulter und war so dünn wie ein Hosenbein seines Herrn.

»Fünftausend Dollar.«

Salti tippte sich an die Stirn. »Wofür?«

»Ich bringe Hartung mit Betty zusammen, und er verschläft das Turnier.«

»Angenommen. Und ich kümmere mich mit Waldon Harris um eine Möglichkeit, daß ›White Star‹ gegen Laska siegt. Das heißt, daß du verlierst und Hartung reiten wird.«

Joe Brollio blickte Salti versonnen an. Zum erstenmal hatte er ein merkwürdiges Gefühl in der Brust. Eine Wette ohne Gegenleistung — das war nicht Saltis Art.

»Was kann ich verlieren?« fragte er vorsichtig.

»Fünftausend Dollar.«

»Sonst nichts?«

Salti lächelte breit. Er verstand die Frage. »Du wirst an Altersschwäche sterben, Joe, genügt dir das?«

Joe Brollio nickte und verließ mit eingezogenem Kopf das Zimmer. Ein Insekt, dachte Salti, wahrhaftig ein Insekt. Wer glaubt ihm, daß er siebzehn Menschen auf dem Gewissen hat?

Das Ausladen der Pferde, die Kontrollen auf Transportschäden, das Tränken und das Umladen in die breiten, gepolsterten Turnierwagen war beendet. Romanowski zwängte sich zu Laska in den Transporter und winkte mit beiden Händen dem Fahrer ab, der auf ihn einbrüllte.

»Quatsch du man nur amerikanisch«, sagte er gemütlich. »Ick vasteh dir nich. Ick bleibe bei Laska, ooch wenn dir de Zunge rausfällt.«

Fallersfeld hatte seine Reiter um sich versammelt und wartete auf den Kleinbus, der sie zum Hotel bringen sollte. In der Hitze flimmerten die Santa-Cruz-Berge. Das Wasser der San-Franzisco-Bay schien zu verdampfen. In der Ferne, dort, wo die Riesenstadt lag, schwebte eine Dunstglocke zwischen dem stahlblauen Himmel und den Betonklötzen. Fallersfeld wedelte sich mit einem großen Taschentuch Luft in sein gerötetes Gesicht. Der Wind, der vom Pazifik herüberwehte, brachte kaum Kühlung, nur einen warmen Luftstrom, der den Schweiß aus den Poren trieb. »Zustand der Pferde?« fragte er knapp.

»Bisher gut. Sie haben den Transport gut überstanden.« Hartung, als Ältester so etwas wie »Sprecher« der Equipe, strahlte Zuversicht aus. Fallersfeld preßte das Taschentuch an die Stirn. In der Ferne hoppelte ein weißes Etwas heran, der Bus, vom Hotel zum Flugplatz geschickt.

»Und Laska? Es ist ihr erster großer Flug, nicht wahr?«

»Pedro war bei ihr, die ganze Zeit.«

»Hat er ihr auch einen Schnuller gegeben?« Fallersfeld dachte an den Abflug in Frankfurt. Wohlwollend hatte er Laska auf die Kruppe geklopft, und sie hatte sich bedankt, indem sie nach ihm schnappte, so schnell, daß sein Ärmel zwischen ihren Zähnen blieb.

»Für mich ist dieses Vieh gestorben!« hatte er geschrien. »Himmel noch mal, warum muß gerade dieses Aas so herrlich springen?«

»Pedro hat ihr Geschichtchen von einem Baron Fallersfeld erzählt«, antwortete Hartung. »Laska hat so gelacht, daß sie den Flug gar nicht gemerkt hat.«

»Sehr witzig.« Fallersfeld atmete auf, als der Bus vor ihnen hielt. Hotel Sun, stand in großen roten Buchstaben auf dem weißen Lack. Dazu ein gemaltes Bild von einem Palmengarten mit einem riesigen ovalen Schwimmbecken. »Sehr verlockend!« rief er. »Kühles Wasser. Ich springe vom Bus direkt in den Swimming-pool! Jungs, ob die Pferde diesen Klimawechsel aushalten?«

Die deutsche Equipe stieg ein, die Türen schlugen zu, das Kühlgebläse rauschte, es wurde angenehm kälter, dann raste der Bus über die Betonpiste zum Seitenausgang des Platzes.

Dort stand im Schatten ein schneeweißer flacher Cadillac. Hinter dem Lenkrad, kaum sichtbar, hockte Joe Brollio, neben ihm saß eine üppige Blondine in einem Minikleid, das eine Provokation darstellte. »Das ist er, Schatz«, sagte Joe und nickte zum Hotelbus. »Der da am zweiten Fenster. Mit den leicht ergrauten Haaren. Merke dir sein Gesicht gut.«

»Ein interessanter Mann.« Betty Simpson blickte dem Bus nach. »Wenn ein Mann mir gefällt, vergeß ich ihn nicht.«

Der weiße Cadillac bog langsam und lautlos in die Straße ein und folgte dem Hotelbus in weitem Abstand. Vor dem Hotel Sun hielt er hinter ihm, und Betty hatte Gelegenheit, Hartung genau zu betrachten. Sie schien auf den ersten Blick verliebt zu sein. »Er könnte mich schwach machen, Joe«, sagte sie.

»Das ist genau, was er nicht soll.« Brollio stieß Betty mit dem Ellbogen in die Rippen. »Du sollst ihn ausschalten, und dabei mußt du die Stärkere sein. Baby, mach keinen Quatsch. Das kostet mich fünftausend Dollar und dich eine Woche Krankenhaus und ein neues Gesicht.«

»Schon gut.« Betty zog einen Flunsch und lehnte sich zurück. »Fahr ab, Kanaille, ich brauche einen Drink, um ins Gleichgewicht zu kommen.«

Auf der Treppe des Hotels blickte Hubert Ludens dem weißen Cadillac nach und hielt Hartung fest, der an ihm vorbeiging.

»Hast du den Wagen gesehen, Horst?« Ludens war ein Nachwuchsreiter, die neue Generation, die in den Trainingscamps heranwuchs. Seine Pferde »Frühlingswind« und »Edda« galten als die kommenden Favoriten.

»Nein.« Hartung blickte dem schnell davonschießenden Wagen nach. »Eines dieser Riesenschiffe. Gutgeschneidertes Blech.«

»Mensch, Horst, was drin saß! Weißblond! Stromlinie!«

»Gefärbt und Schaumgummi. Junge, du bist zum erstenmal in den Staaten. Hier sind Ersatzteile vier Fünftel des Lebens. Was glaubst du, wie manche Engel aussehen, wenn sie abends abschnallen?«

»Die nicht. Da war alles echt!« Ludens blieb auf der Treppe, bis der Cadillac um die nächste Ecke verschwunden war. Erst dann folgte er Hartung ins Hotel.

Sie sollten Betty noch nahe genug kennenlernen.

___________

Das Training hatte begonnen. Die Stallzelte, die Waldon Harris der deutschen Equipe gegeben hatte, waren unter hohen Bäumen aufgebaut, verhältnismäßig kühl und groß genug, um das gesamte Material aufzunehmen. In einem Nebenzelt wohnten die Stallknechte und Dr. Rölle, der es ablehnte, sein Hotelzimmer zu beziehen. »Ich bleibe bei den Pferden«, sagte er. »Ich habe von Rom noch die Nase voll. Ein Tierarzt hat bei den Tieren zu sein — daher der Name.«

Ein weiser Ausspruch, über den Fallersfeld ein schiefes Gesicht zog und antwortete: »Sie waren schon mal witziger, Doktor. Aber gut, pennen Sie im Betreuerzelt. Ehrlich — mir ist’s auch eine Beruhigung.«

Romanowski richtete sich neben Laska ein. Das war selbstverständlich, und zu den amerikanischen Stallknechten, die wie Cowboys herumliefen, mit Lederhosen, Stetsons, breiten Gürteln, engen Stiefeln und riesigen Radsporen, sagte er, als sie lachten: »Leckt mir am Arsch, ihr nachjemachten Typen, an meene Laska kommt keener ran.«

Aber auch Romanowski akklimatisierte sich. Er kaufte sich am Abend noch einen riesigen weißen Stetson, zerbeulte ihn, als sei er schon zehn Jahre alt, und stolzierte dann im Camp herum, lässig, mit schleppendem Schritt, wie ein alter Texasrancher. Selbst Laska lachte — als Pedro mit seinem Cowboyhut in den Stall kam, wieherte sie hell, warf den Kopf hoch und bleckte die Zähne.

»Keen Jeschmack haste!« schrie Romanowski sie an. »Wat kann ma von ’nem Jaul wie dir ooch anders erwarten!«

Das tägliche Üben, die Arbeit an der Longe, an den Cavalettis, den Hindernissen, im Gelände. Die Pflege der Pferde, die Futterzusammenstellung, für die Dr. Rölle maßgebend war, das Gewöhnen an das neue Klima, die Gehorsamsübungen und immer wieder Lockerungstraining, leichte Sprünge, das Entkrampfen der Muskeln — vier Tage lang, morgens und nachmittags, unter den wachsamen Augen Fallersfelds und des Trainers Hein Adams. Am Morgen ritt Hartung selbst seine Laska, am Nachmittag saß Romanowski im Sattel, ein Bild, das jeder der deutschen Equipe filmte, denn Pedro ritt mit seinem großen weißen Cowboyhut und tippte sich vor jedem, der lachte, an die Stirn.

Vier Tage lang beobachteten Joe Brollio und Betty Simpson die deutschen Springreiter aus der Ferne. Schließlich wußten sie die genauen Trainingszeiten und die Stunden, in denen Hartung das pflegte, was er »Privatleben« nannte. Sie fuhren ihm unbemerkt nach und stellten fest, daß Hartung systematisch die Riesenstadt San Franzisko erkundete. Er fuhr mit den an einem Drahtseil gezogenen Straßenbahnen die steilen Straßen hinauf, stand über eine Stunde auf der Golden Gate Bridge und beobachtete den Schiffsverkehr, bummelte durch die verschiedenen Viertel und fotografierte das bunte Menschengewimmel und die oft bizarren Fassaden der Häuser und Lokale.

»Das ist deine Chance, Betty«, sagte Joe Brollio am vierten Tag. »Morgen muß die Sache klappen. Wenn du ihn vierundzwanzig Stunden festhältst, ist dein Näschen um tausend Dollar goldener.«

Bruno Salti war davon nicht so überzeugt. »Wo ist seine Braut?« fragte er, als Joe ihm Bericht erstattete.

»Braut?« Brollio staunte ehrlich. »Nichts gesehen.«

»Aber sie kommt. Sie reist ihm zu jedem Turnier nach. Ich habe genaue Informationen aus Europa. Eine bittersüße Liebesgeschichte. Sie will, er will, aber die Reiterei läßt ihnen keine Zeit. So taucht sie überall auf, wo er ist, um zu zeigen, daß sie zumindest Zeit hat. Steter Tropfen, der den Stein höhlen soll. Und gerade hier ist sie nicht aufgekreuzt?«

»Wir haben Hartung nur allein gesehen.«

»Sehr verdächtig. Wenn sie heute oder morgen erscheint, ist dein Plan nur ein müdes Lächeln wert.«

»Morgen ist Hartung schon mit Betty zusammen.«

»Abwarten. Ich habe meine Sicherungen schon eingebaut.« Salti rieb sich die Hände. Manchmal konnte er sich kindlich freuen über etwas, das eigentlich banal war und das er sich ausgedacht hatte. »Waldon Harris steckt bis zu den Haarwurzeln in Schulden. Als ich ihm fünftausend Dollar anbot, hätte er fast ein Hallelujah gesungen. Er ist zu allem bereit, wenn es nur nicht auffällt. Und dafür habe ich gesorgt. Komm mal mit.« Salti führte Brollio in einen Nebenraum. Dort war das Modell eines Springhindernisses aufgebaut, ein Oxer mit drei Stangen. Joe verzog das faltige Gesicht.

»Springst du da jetzt drüber? Trimm dich, Bruno!«

Salti grinste zurück. Für diese Art von Humor hatte er Verständnis. Er winkte Brollio und dirigierte ihn an die Seite des Hindernisses. »Siehst du etwas, Joe?«

»Nein. Doch — ja. Wenn ich die obere Stange antippe, fällt sie ’runter. Sie liegt nur lose in der Halterung.«

»Idiot. Das ist normal. Sonst gäbe es ja keine Abwürfe. Aber jetzt nimm einmal an, diese Laska hüpft drüber. Immer ein paar Zentimeter höher als die Stangen, was dann?«

»Null Fehler und Sieg.«

»Normalerweise — ja. Aber hier nicht. Sie kann über die Hindernisse fliegen wie eine Taube, die Stange fällt.«

»Vom Luftzug?«

»Joe, du bist ein Mensch ohne Phantasie. Auf dem Parcours stehen vierzehn Hindernisse. An jedem Hindernis passen zwei Mann auf, daß auch alles in Ordnung ist. Diese achtundzwanzig Burschen hat Waldon Harris engagiert. Jeder von ihnen erhält ein Pflaster von hundert Dollar, dafür sind sie stumm wie Maulwürfe. Sie haben nur eine Aufgabe — immer eine Stange mehr fallen zu lassen als bei den anderen Reitern, wenn Laska auf dem Platz ist. In der Praxis: Macht ›White Star‹ vier Fehler, macht Laska acht. Eine einfache Rechnung. Und bei allen anderen Pferden ist’s genauso. Jedes macht mehr Abwürfe als ›White Star‹.«

»Sollen die Jungs die Stangen anpusten oder ›huh-huh‹ machen, wenn die Pferde drüberspringen?«

»Viel einfacher, Joe.« Salti war sichtlich stolz auf seine Idee. Er zeigte auf einen fast unsichtbaren Nylonfaden, der aus dem Gewirr der Stangen und Büsche heraushing. Wer es nicht wußte, bemerkte ihn nie.

»An diesem Fädchen hängt alles, nämlich die obere Stange. Setzt Laska über das Hindernis und hat einen Abwurf gut, zieht der Bursche am Hindernis ganz kurz am Faden, und die Stange fällt. Da er mit seinem Kollegen die Stange wieder auflegt, ist niemand da, der das merkt. In der Tasche haben alle achtundzwanzig Boys einen Summer, der von mir ferngesteuert wird. Soll das Hindernis fallen, brummt es bei ihnen, und sie wissen: Hundert Dollar, Junge — zieh an dem Nylonfaden.« Salti führte es vor — ein unsichtbarer Ruck, und die Stange polterte auf den Boden. »Na?« fragte er stolz.

Brollio starrte auf die gefallene Stange, auf die so blödsinnig einfache Konstruktion und schüttelte den Kopf. »Genial«, sagte er.

»Und was soll das Kopfschütteln?«

»Daß ich nicht darauf gekommen bin!«

Bruno Salti lachte zufrieden, faßte Brollio um die Schulter und schob ihn aus dem Zimmer. Dann tranken sie Campari und waren sich sicher, daß »White Star« den »Grand National Cup« gewinnen würde. Das gewettete Geld war unwichtig, es ging nur um den Triumph.

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Chinatown ist ein Stadtteil von San Franzisko, durch den am Tage und auch in der Nacht ein Weißer spazieren kann, ohne Gefahr, für immer zu verschwinden oder krankenhausreif geprügelt zu werden. Ganz im Gegensatz zu New Yorks Harlem, wo ein Weißer allein nur ein Selbstmörder sein kann. Die Chinesen sind freundliche Menschen, nur auf ihr Geschäft bedacht, sie wollen verdienen, weiter nichts. Warum auch? Der große Laotse hat gesagt, daß Friedfertigkeit eine Stufe der Glückseligkeit auf Erden ist. Und so duftet Chinatown tagaus, tagein rund um die Uhr nach allen Gerüchen Asiens, nach gebratenem Fisch und Hühnern, Curryreis und Pfefferschoten, gedämpfter Ananas und gesottenem Hammelfleisch.

Horst Hartung bummelte durch diesen bunten Stadtteil, fotografierte, trank bei einem alten Chinesen, der sich ein dutzendmal verbeugte, ein Glas Dortmunder Bier, besuchte ein chinesisches Schattentheater und nahm sich dann vor, in einem der Lokale chinesisch zu Abend zu essen.

Morgen war das Turnier. Es sollte ein kurzer Abend werden. Hartung schlief gern lange vor einem Parcours, um Kraft zu sammeln für die Stunden, in denen Millionen Augen auf ihn gerichtet waren, im Stadion, vor den Fernsehgeräten, in den Illustrierten und Zeitungen.

Horst Hartung auf Laska — vier Worte, die bereits die ganze Welt kannte.

Er hatte gerade das Schattentheater verlassen und ging langsam die Straße hinunter, als ein blondes Mädchen mit flatternden, aufgelösten Haaren um die Ecke lief, mit ausgebreiteten Armen auf ihn zustürzte und sich laut weinend und verzweifelt an ihn klammerte.

»Hilfe!« schrie das Mädchen. In ihren Augen stand Angst. »Hilfe! Bitte helfen Sie mir, Sir. Zwei Männer … sie kommen gleich … sie wollten mich …« Ihre Stimme erstickte in Schluchzen. »In einem Hausflur wollten sie … Ich konnte mich losreißen, aber sie rannten hinterher, zwei Gelbe. Hilfe! Hilfe!« Zitternd preßte sie das Gesicht an seine Brust.

Wie Joe Brollio vorausgesagt hatte, regte sich in Hartung die Ritterlichkeit. Er legte die Arme um das weinende Mädchen und wartete auf die beiden Verfolger. Aber die kamen nicht. Hartung war darum nicht böse, denn er hatte keine Lust, sich hier in Chinatown mit zwei Chinesen zu prügeln.

»Es ist alles vorbei«, sagte er. Sein Englisch war so vorzüglich, als sei er irgendwo in den Staaten geboren. »Sie kommen nicht mehr.«

»Sie schneiden uns den Weg ab! Sie kennen die Gelben nicht! Ganz Chinatown ist eine Höhle. Plötzlich stehen sie in irgendeiner Haustür und fallen über uns her.« Das Mädchen zitterte noch stärker. »Ich habe Angst, Sir, Angst. Bitte, bitte bringen Sie mich nach Hause!« Sie hob den Kopf. Ihr tränenüberströmtes Gesicht war puppenhaft. Erst jetzt spürte Hartung ihre vollen, straffen Brüste, die sich gegen ihn preßten. »Ich wohne am Meer. Ein kleiner Bungalow. Bitte, lassen Sie mich nicht allein!«

Es klang so ängstlich, daß Hartung aus voller Überzeugung den Ritter weiterspielte. Er winkte einem Taxi, und beide stiegen ein. Der Fahrer schwieg. Ein heulendes Girl, ein Kavalier — sorry, wen geht das was an? Sie sah nicht so aus, als habe sie gerade die Unschuld verloren.

»Zur Playa da Sole«, sagte das Mädchen. Sie putzte sich die Nase und lächelte Hartung dankbar an. Das Taxi raste zum Meer. Der Fahrer wußte Bescheid. Die weißen Häuschen am Felsstrand — Ruhesitze von Beamten und Liebesnester von teuren Girls. Eine verrückte Mischung. Moralverein und Bordell nebeneinander. Eine typische Salti-Siedlung.

»Ich heiße Betty Simpson«, sagte sie, als das Schluchzen aufhörte. Es war eine Glanzleistung von Betty, aber Hollywood hatte sie immer noch nicht entdeckt.

»Horst Hartung.«

»Oh!« Sie riß die blauen Augen weit auf. »Sie sind das?«

»Sie kennen mich?«

»Aus der Zeitung, vom Fernsehen. Der Reiter aus Germany, nicht wahr? Sie haben vorgestern ein Interview für die BFC gegeben?«

»Stimmt.«

»Ich bewundere Sie. Ich habe die Trainingssprünge gesehen. Phantastisch. Wissen Sie, ich liebe Pferde, und wenn sie so über die Hindernisse fliegen. Und ausgerechnet Sie — das ist Glück im Unglück, Sir.«

Der Fahrer lächelte still vor sich hin. Die versteht ihr Geschäft. In fünfzehn Minuten säuselt sie ihm die Dollar aus der Tasche. Sie fuhren jetzt auf der Küstenstraße nach Süden. Die ersten Kolonien der weißen Bungalows tauchten schon zwischen den Klippen auf.

Horst Hartung genoß ahnungslos die Fahrt, die Gegenwart des Mädchens, das unverbindliche Abenteuer, wie er dachte. Angela Diepholt kam nicht nach San Franzisko. Sie hatte ein Telegramm geschickt. Vater krank. Muß leider hierbleiben. Zum erstenmal war sie nicht am Rande des Parcours. Hartung kam sich irgendwie verwaist vor, auch wenn er immer geschimpft hatte über diese ‘Verfolgung aus Liebe’. Nun fuhr er mit einer lebendigen Puppe am Pazifik entlang, und er hatte sie vor zwei Wüstlingen gerettet.

Der Wagen stoppte. »Ist es hier?« fragte der Fahrer.

»Ja, hier können Sie halten.« Betty sprang aus dem Auto, Hartung bezahlte vier Dollar und wollte gerade sagen: »Warten Sie!«, als das Taxi anfuhr und wegbrauste. Wer hier ausstieg, hatte Zeit.

»Sie waren so nett zu mir«, sagte Betty. Ihr Augenaufschlag hätte geeiste Butter geschmolzen. »Darf ich Sie zu einem Drink einladen? Man trinkt nicht jeden Tag mit einem Horst Hartung.«

Hartung sah auf seine Armbanduhr. Eine Stunde höchstens, dachte er. Dann ins Bett, fest geschlafen bis neun Uhr früh, gut gefrühstückt und hinaus zum Platz. Dort brauche ich meine Nerven, denn Laska spürt sofort, wenn etwas nicht stimmt. Sie ist empfindlich wie ein Seismograph.

Betty verstand den Blick auf die Uhr falsch. »Nur ein Gläschen«, flötete sie. »Ich bin ja so froh, in Sicherheit zu sein.« Sie ging voraus, wippte mit dem Po und zog alle Register. Hartung folgte ihr. Sein Blick streifte über die Schönheit der Küste, die Klippen, das anbrandende Meer, die weißen Jachten auf dem Pazifik. Dann wunderte er sich über die Einrichtung des kleinen Bungalows. Sie war teuer, geschmackvoll, modern und farblich aufeinander abgestimmt. Salti hatte den besten Innenarchitekten mit der Ausstattung beauftragt. Hier verbrachte er ab und zu eine Nacht mit einem Girl, das für ihn nicht mehr bedeutete als ein Glas Wein. Mädchen, die er auf der Straße oder in den Lokalen auflas. Zufallsbekanntschaften, die auch so behandelt wurden. Aber der Rahmen mußte nach »Salti riechen«, wie er sagte.

»Wunderschön«, meinte Hartung und setzte sich auf die breite weiße Ledercouch. Der Blick auf das Meer durch das große Terrassenfenster war hinreißend. »Sie leben allein hier?«

»Ich bin Mannequin.« Betty mixte an der Bar zwei Cocktails in langen, schlanken Gläsern. Long Drinks, die mit viel Eis jetzt gerade richtig waren. Für Hartungs Glas benutzte sie ein Mixrezept, das von Joe Brollio stammte. Um die Gläser nicht zu verwechseln, steckte sie einen roten Rührquirl hinein. Mit strahlendem Gesicht setzte sie sich neben Hartung.

»Ich zittere innerlich noch vor Aufregung«, sagte sie. »Nie mehr gehe ich allein durch Chinatown! Wenn Sie nicht zufällig … Cheerio!«

Sie prostete ihm zu, Hartung nahm sein Glas, es fühlte sich herrlich kalt an, die Eiswürfel schwammen auf der rosa Flüssigkeit. »Wie heißt das Getränk?« fragte er.

»Mexikanische Nacht.«

»Klingt verlockend. Auf Ihre Rettung, Miss Simpson.«

Hartung trank. Es tat ihm gut, erfrischte, belebte ihn. Mit drei Zügen war das Glas leer, nur die Eiswürfel klirrten noch. Betty beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Nanu, er fällt nicht um? Hat Joe ein falsches Fläschchen erwischt? Stimmte die Zusammensetzung nicht? Wenn irgend etwas schieflief — Angst kroch in ihr hoch, denn Joe war ein Mann, den ein praller Busen nicht von Grausamkeiten ablenkte.

Hartung war fröhlich. Er erzählte vom Turniersport, von Abenteuern, die Betty mit »Oh« und »Ah« kommentierte — und plötzlich, als habe man den Tonarm von einer Schallplatte genommen, verstummte er und fiel seitlich von der Couch auf den dicken Teppich.

»Endlich!« sagte Betty erlöst. »Da hat er wieder ein Teufelsding auf Lager gehabt.«

Sie ließ Hartung liegen, schob ein Eisengitter vor die Terrassentür, ließ alle Fensterläden, die elektrisch reagierten, herunter und nahm den Schlüssel der Schaltung an sich. Um ganz sicher zu gehen, knüpfte sie um Hartungs Hände und Füße zwei Stricke und verließ dann das Haus.

Oben auf der Straße wartete ein weißer Cadillac. Joe Brollio steckte den Kopf durch das heruntergekurbelte Fenster.

»Alles okay, Baby?« rief er.

»Alles. Er träumt selig. Tausend Dollar her, Joe.«

»Bei Salti. Er wird sauer sein wie eine eingelegte Gurke.«

Aber Bruno Salti war durchaus nicht sauer, zahlte aber auch die fünftausend Dollar nicht.

»Nach dem Sieg von ›White Star‹, Freunde«, sagte er jovial. »Bis morgen mittag kann noch viel passieren. Ich zahle bei solchen windigen Geschäften nie im voraus.« Manchmal hat man eben Vorahnungen.

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Horst Hartung schlief fest bis zum nächsten Morgen. Niemand vermißte ihn, denn jeder in der Equipe wußte, daß er den Rest des Tages mit »Landerforschung« ausfüllte, wie es Fallersfeld nannte. Er war vor seinem Ausflug nach Chinatown noch auf dem Abreiteplatz gewesen, hatte Laska begrüßt, ein paar Runden geritten und war zufrieden mit ihr. Sie hatte den Flug gut überstanden, ging gehorsam, sprang wie ein Floh und ärgerte sogar Romanowski nicht.

Dr. Rölle untersuchte sie zum letztenmal, hörte sie ab, kontrollierte Hufe, Fesseln und alle Sprunggelenke. »Topfit«, sagte er. »Aber mir gefällt sie trotzdem nicht. Haben Sie gesehen? Ich durfte ihren geheiligten Körper berühren, ohne daß sie nach mir biß oder trat. Irgendwie ist sie doch nicht in Ordnung.«

Hartung und alle anderen Reiter lachten. Sogar Fallersfeld, der schon viermal gebissen worden war. Die Stimmung war also blendend, und die Chancen der deutschen Equipe stiegen. In der Presse wurden sie zu den heimlichen Favoriten.

Es war fast zehn Uhr morgens, als Hartung erwachte. Zunächst wußte er gar nicht, wo er war, dann spürte er Kopfschmerzen und Ohrensausen, Übelkeit und Schlaffheit in allen Gliedern. Er versuchte, sich zu erheben, aber die Fesseln ließen das nicht zu — er rollte zurück. Da erst wurde er völlig wach, erinnerte sich und erkannte klar seine Lage. »Ich Rindvieh«, sagte er. »Tappe in diese Falle wie ein Blinder.« Er beugte sich vor, sah auf seine Uhr und erschrak. In einer Stunde mußte er auf dem Parcours sein. Longieren, abreiten, Lockerungsübungen, noch einmal Schrittübungen über die Cavalettis.

Er versuchte es zunächst mit Gewalt, zerrte an den Fesseln, aber sie gaben nicht nach, obwohl Betty sie dilettantisch geknüpft hatte. Dann rollte er sich über den Teppich zu einem schweren Schrank und begann, die Fesseln an den Vorsprüngen der geschnitzten Schrankfüße zu lockern. Immer und immer wieder, mit verzweifelter Geduld, schabte er die Stricke über das Schnitzwerk und spürte, wie sich die Fesseln um die Handgelenke lockerten. Schließlich konnte er hinausschlüpfen und befreite auch seine Füße.

Aber das Haus selbst erwies sich jetzt als Gefängnis. Stahlrolläden, ein Scherengitter, dicke Türen. Hier wäre man selbst mit einem Brecheisen nicht weitergekommen.

Hartung lief durch den kleinen Bungalow und suchte ein geeignetes Werkzeug. Ein lächerlicher kleiner Hammer lag im Werkzeugkasten, eine Zange, ein Schraubenzieher. Aber auch ein Lötkolben. Hartung steckte die Schnur in die Steckdose, heizte den Kolben auf und begann dann, um das Haustürschloß herum das Holz wegzubrennen.

Wer jemals mit einem Lötkolben gearbeitet hat, kann ermessen, wie mühsam das war. Das Holz wurde zunächst nur braun, der verbrannte Lack stank bestialisch, aber von einem tieferen Einbrennen war keine Rede.

Doch Hartung gab nicht auf. Er arbeitete sich durch das Holz, es war, als weiche er es auf, um es dann mit dem Schraubenzieher weiter zu durchbohren. Endlich, nach über einer Stunde, war er durch — ein Loch, so groß wie der Schraubenzieher. Aber der Weg war frei. Mit dem Hammer schlug er jetzt das Schloß heraus, wobei er den Schraubenzieher als Meißel benutzte. Als die Tür aufsprang, war er schweißgebadet und völlig ausgepumpt. Die Betäubung lag ihm noch in den Gliedern — die ersten Schritte in der Morgenluft waren wie Gehübungen eines Schwerkranken.

Sie sind schon alle auf dem Platz, dachte er, als er wieder auf seine Uhr blickte: Fallersfeld wird dumme Witze machen. Kaum ist seine Braut nicht da, entdeckt Hartung den Wüstling in sich. Mein lieber Baron, wenn du wüßtest, was für ein Riesenrindvieh ich gewesen bin!

Er schwankte über die Straße in Richtung San Franzisko. Neun Wagen überholten ihn, der zehnte hielt an, und ein junger Mann mit Beatlemähne sah aus dem Fenster. »Trainieren für Marathonlauf?« fragte er.

»Nein. Ausgesetztes Waisenkind.«

»Dann steigen Sie ein, Mister. Ich habe auch keinen Papa und keine Mama mehr.«

So kam Hartung nach San Franzisko zurück. Der junge Mann, er war Graphiker bei einer Werbefirma, setzte ihn am Bahnhof ab. Mit aufheulendem Motor brauste er weiter.

Hartung nahm ein Taxi, fuhr zum Hotel und stellte sich unter die kalte Brause. Dann trank er ein Kännchen Mokka, rasierte sich, zog seine Turnierkleidung an und fuhr mit dem Lift hinunter in die Halle. Dort stand — immer zur unrechten Zeit — Fallersfeld und unterhielt sich mit einem älteren Herrn, der sehr vornehm aussah.

»Oh, Hartung!« rief der Herr begeistert, und Fallersfeld fuhr herum. Sein Blick auf die Hoteluhr sagte alles.

»Passen Ihnen die Stiefel noch, Hartung, oder fallen sie ’raus?« knurrte er. »Nicht, daß Ihnen beim ersten Sprung der Puder aus den Ohren fliegt.«

Hartung schwieg. Er machte eine kleine Verbeugung vor dem vornehmen Herrn, rannte aus dem Hotel und fuhr mit dem Taxi zum Parcours. Romanowski arbeitete Laska durch, der gute, treue Pedro. Er hielt sofort an, als er Hartung sah. »Herrchen«, rief er und rieb sich die Hände, »det war’n Erlebnis. Ick schlafe bei dem ollen Luder hier, und plötzlich steht eener im Stall. Vor meener Box. Ick raus wie’n geölter Furz, keene Frage, knall ihm eene in de Fresse, der Kerl schlägt ’nen Purzelbaum, und weg is er. Ick habe darauf det Licht anjelassen und mit mich selber Skat jespielt bis zum Morgen. Die Halunken. Wollen det so machen wie in Rom! Nich mit Romanowski!«

»Schon gut, Pedro. Red nicht drüber.«

»Tu ick ooch nicht. Wollen Herrchen jetzt aufsitzen?«

»Nein. Reite du Laska ab.« Hartung lehnte sich an einen Baum. Trotz kalter Dusche und Mokka war die Müdigkeit noch in ihm. Er streichelte Laska die Rammsnase, küßte sie auf die weichen Nüstern und sagte: »Guten Morgen, mein Mädchen!«

Laska schnaubte, rieb den Kopf an seiner Brust und leckte ihm die Hand. Es war eine Liebe zwischen den beiden, wie es sie selten gab.

Nach dem Abreiten blieb Hartung in der Nähe Laskas. Fallersfeld suchte ihn, fand ihn natürlich und fragte knapp:

»Alles weg aus dem Kreuz?«

»Alles drin, Baron.«

»Horst, kein Weibsbild?«

»Keins.«

»In Ordnung.« Fallersfeld lächelte. »Es gibt für Laska nur einen Gegner. ›White Star‹.«

»Ich weiß.«

»Er springt wie ein Gummiball.«

»Der Parcours wird’s zeigen.«

»Dann Hals- und Beinbruch, Horst. Die Auslosung hat ergeben, daß du immer nach ›White Star‹ reitest.«

Auf dem riesigen Platz, in typisch amerikanischen Ausmaßen, saßen bereits Tausende von Menschen. Eine Militärkapelle spielte Märsche. Dazu paradierte eine Kompanie bunt uniformierter Mädchen und exerzierte mit goldlackierten Stäben.

Auf der Haupttribüne, in seiner Loge, trat Bruno Salti ein. Joe Brollio und Betty folgten ihm. Waldon Harris, der Turnierleiter, begrüßte ihn von weitem mit Handzeichen, die nur er und Salti verstanden. Alles okay. Die Hindernisse sind präpariert. Die Nylonschnürchen baumeln. Die achtundzwanzig Jungen sind auf dem Posten.

»Er hat die doppelte Dosis bekommen«, sagte Joe leise zu Salti. »Betty, das Schaf, hat ein großes Glas gemixt. Hartung wird bis morgen mittag schlafen, wenn er überhaupt wieder aufwacht. Weiß man, wie stark sein Herz ist?«

»Das ist euer Problem.« Salti setzte sich und winkte einer Eisverkäuferin. »Mich interessiert jetzt nur noch ›White Star‹.«

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Die ersten Umläufe waren vorbei. Acht Fehler, zwölf Fehler, ein Ausscheiden wegen zweimaliger Verweigerung, acht Fehler, vier Fehler. Salti notierte sich das sofort. Roger Delange, Frankreich. Beim zweiten Umlauf bekam er unter Garantie zwölf Fehler.

»White Star.«

Er sprang wie ein weißer Blitz. Der Reiter, James Hucheby, führte den Wallach vorzüglich. Das Publikum jubelte, schrie bei jedem genommenen Hindernis auf, klatschte wie verrückt, als »White Star« mit null Fehlern aus der Bahn trabte.

»Jetzt kommt die große Pleite«, flüsterte Salti. Er schwitzte wie in der Sauna. »Jetzt gehen die Deutschen baden.«

Im Turnierturm versuchte Waldon Harris vergeblich, Kontakt mit Salti zu bekommen. Für einen Boten war es zu spät, selbst zu laufen war zu auffällig, die Summergeräte in den Taschen übermittelten nur Befehle, die Stangen fallen zu lassen. O Himmel, dachte Harris. Wenn jetzt die Ansage kommt — Salti wird verrückt.

Die Stimme im Lautsprecher klang klar und nüchtern.

»Als nächster Reiter mit der Nummer fünfzehn: Horst Hartung auf Laska.«

Salti saß unbeweglich, starr, wie versteinert. Er wurde nicht verrückt, er tobte nicht. Dafür erbleichte Joe und kniff Betty in den Oberschenkel. »Was ist da los?« zischte er.

Betty schossen die Tränen in die Augen. »Weiß ich es? Vielleicht ist es ein Bluff.« Es war kein Bluff. Hartung ritt ein. Laska tänzelte.

»Fünftausend Dollar im Eimer«, sagte Salti trocken. »Joe, du wirst doch alt. Ich hatte wieder mal recht. Verlaß dich nie auf Weiber! Jetzt bin ich am Zug.«

Überflüssig zu sagen, wie Laska sprang, wie Hartung sie führte. Es war ein Augenschmaus. Sie nahm die Hindernisse, als seien sie gar nicht vorhanden das war ein federnder Galopp, ein Schweben in der Luft, ein zierliches Aufsetzen, daß die vierzigtausend Zuschauer zu trampeln begannen.

Der Oxer. Das Holsteiner Tor. Die Steinmauer. Wassergraben. Hochweitsprung. Buschoxer. Doppelrick. Der Wall. Die Ziegelmauer. Der Zaun.

Null Fehler. Und in der Zeit »White Star« auch voraus.

Salti drückte auf eine Stelle an seinem Jackett. Irgendwo da unten auf dem Parcours brummte in der Tasche eines Burschen der Summer. Nylonfädchen ziehen.

Die Dreierkombination. Laska überflog sie unter vieltausendstimmigen Jubelschreien. Und da — beim letzten Oxer fiel die Stange. Totenstille senkte sich über das Stadion. Hartung blickte zurück, begriff das nicht. Tatsächlich, die Stange lag auf dem Rasen und wurde gerade wieder aufgelegt. Auch Laska wackelte mit den Ohren. Ich war es nicht, nein, ich war es nicht.

»Ruhe, Mädchen, Ruhe«, sagte Hartung zu ihr. »Kann ja vorkommen. Wir haben noch einen Umlauf.«

Noch vier Hindernisse. Ein Steilsprung von ein Meter fünfundziebzig.

Genaue Berechnung der Schritte, jetzt, Laska, jetzt, Absprung! Ein Strecken des Körpers, das Gefühl der Schwerelosigkeit — hinüber. Und die oberste Stange fiel.

»Er hat se nich berührt!« brüllte Romanowski an der Sperre. »Die nich und die erste ooch nich. Ick hab’s jenau jesehen! Laska is drüber, ick hätt die Hand drunter halten können. Da is’n Trick jelaufen! Protest, Protest!«

Acht Fehler für Hartung mit Laska. Es gab keinen Zweifel, die Stangen lagen unten. Das allein gilt, nichts anderes. Nicht, was einer gesehen hat, sondern was herunterfiel.

Acht Fehler. Hartung stieg ab und sprang fast in die Arme Fallersfelds.

»Also doch Weiber!« knirschte er. »Keine Kraft mehr, den Gaul ’rüberzudrücken. Der Sieg ist weg, retten wir den zweiten Platz!«

Bruno Salti war zufrieden. Sein System funktionierte vorzüglich. Kein Pferd hatte null Fehler, nur »White Star«.

»Das laß ich mir durch die Cosa Nostra patentieren«, sagte er fröhlich zu Joe Brollio. »Damit kann man Millionen machen!«

Der zweite Umlauf. »White Star« sprang acht Fehler — eine Katastrophe, die Salti gelassen hinnahm. Von jetzt an summte es rundherum an allen Hindernissen, die Stangen fielen wie reife Birnen, die Rundfunk- und Fernsehreporter sprachen von einem mörderisch schweren Parcours, der den Pferden alles abverlangte, und als Laska erschien, senkte sich wieder gespanntes Schweigen über die Menschen.

Sie muß es schaffen. Das Wunderpferd aus Germany. Aber San Franzisko schien es in sich zu haben. Laska riß dreimal — zwölf Fehler gegen acht von »White Star«.

Der Sieger stand fest.

Hinter der Sperre tanzte Romanowski herum wie ein Irrer. »Schiebung!« brüllte er. »Ick hab uffjepaßt. Wie’n Schießhund. Laska hat nie berührt. Beim Doppeloxer fiel de Stange, da war se schon uff’n Weg zum Wassergraben. Schiebung!«

»Seien Sie still, Pedro«, knurrte Fallersfeld. »Man muß auch verlieren können. Kopf hoch, Jungs. Der dritte Platz ist ganz schön. Immer nur siegen ist langweilig, sagte schon Napoleon.«

Nach der Siegerehrung rannte Romanowski auf den Parcours. Beim Doppeloxer, wo er’s genau gesehen haben wollte, stellten sich ihm die beiden Hinderniswärter in den Weg.

Aber wer kann einen Romanowski aufhalten, wenn er wie ein Stier ankommt? Es gab ein Handgemenge, die beiden Burschen flogen zur Seite, und ehe sie Romanowski erneut festhalten konnten, war er beim Hindernis und sah sofort den dünnen Nylonfaden. Er zog daran — und siehe da, die Stange polterte ins Gras, ohne daß ein Pferd in der Nähe war. »Det habt ihr euch jut ausjedacht«, sagte Romanowski leise. Er duckte sich, schlug zweimal zu und hatte danach Ruhe.

Die Sensation am nächsten Tag war groß. »White Star« wurde nachträglich disqualifiziert, aber auch die Ergebnisse der anderen Reiter galten nicht, denn alle Fehler waren ja manipuliert gewesen. An eine Wiederholung war nicht zu denken, das Stadion gehörte jetzt den Football-Kämpfen. So wurde der riesige Pokal wieder in einen Tresor verschlossen. »Bis zum nächsten Jahr«, hieß es.

Die Presse stürzte über diese Schiebung her, Rundfunk und Fernsehen hatten ihre Millionenberichte. Aber alles verlief im Sand. Wer die Idee mit den Nylonfäden gehabt hatte, man erfuhr es nie. Die achtundvierzig Hinderniswarte schwiegen wie die Fische. Mit Salti als Feind war das Leben verdammt kurz.

Aber die Amerikaner waren clever. Fünf Rundfunkanstalten finanzierten ein Privatturnier. Auf einer Wiese, die einem Fernsehboß gehörte, wurden die gleichen Hindernisse wie auf dem Parcours aufgebaut, dann surrten die Kameras, und vierzig Millionen Fernsehzuschauer erlebten mit, wie Horst Hartung mit Laska diese Hindernisse fehlerlos nahm.

»Das ist die Wahrheit«, sagte der Fernsehkommentator. »Wir sind es unserem Land schuldig, das festzustellen. Wir danken der deutschen Mannschaft, sie waren wirkliche Sportsleute.«

Gibt es in Amerika ein größeres Lob?

Der blinde Kurier

Das Ausladen hatte begonnen. Mitten in einem Güterzug standen die vier hohen Transportwagen auf flachen Waggons, durch Seile zusätzlich gesichert, hölzerne Ställe, auf deren lackierten Seiten in großen Buchstaben gemalt stand: Achtung! Turnierpferde. Jetzt wurden Laufstege an die Waggons gelegt. Zuerst sollten die Pferde auf festen Boden geführt werden, dann würde man die Spezialwagen von den Ladeflächen rollen und an die großen Zugtraktoren ankoppeln, die ausgerichtet wie zu einer Militärparade auf der breiten Betonrampe warteten.

Pedro Romanowski stand draußen auf der eisenbeschlagenen Ladefläche und wartete, daß es weiterging. Laska war schon losgebunden und äugte nervös durch die heruntergelassene Luftklappe in den Himmel und über den großen Güterbahnhof.

Nun standen die Pferde der deutschen Springreiterequipe zum erstenmal auf russischem Boden. Moskau. Sawjolowski-Bahnhof. Ein paar hundert Meter vom Dynamo-Stadion entfernt, dieser riesigen modernen Arena, in der es zum Wettstreit zwischen sowjetischen und deutschen Reitern kommen sollte.

Seit Wochen waren die Karten ausverkauft, seit vier Tagen berichteten alle Moskauer Zeitungen über dieses Ereignis. Ein Name wurde immer wieder genannt, um einen Namen rankten sich Spekulationen, ein Name war bald allen Moskauern ebenso bekannt wie die der Astronauten: Laska, das Pferd, das »Liebe« hieß. Noch bevor sie in Moskau eingetroffen war und Zeitungen und Fernsehen die ersten Bilder von ihr gebracht hatten, war Laska zum Liebling der Russen geworden.

Aber das alles spielte sich außerhalb des Sawjolowski-Bahnhofs ab. Worüber Millionen Russen sprachen, ließ einen Mann kalt, der wartend vor den schnellen Zugtraktoren stand und ein Kommando gab, die Pferdetransporter zu öffnen und die Pferde über die Laufstege aus den Waggons zu holen: Leutnant der Miliz Igor Michailowitsch Stupkin. Vor den flachen Güterwagen waren seine Leute postiert. Keiner der Pferdepfleger durfte die Rampe betreten. In den Wagen wieherten die Pferde, schlugen gegen die gepolsterten Holzwände. Sie wußten: Wir sind da, wir können raus, wir bekommen Hafer und Heu, Wasser und werden gestriegelt. Warum fällt die große Türklappe nicht?