/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Tal ohne Sonne

Heinz Konsalik


Tal ohne Sonne

Heinz G. Konsalik

1990

Leonora Patrik, eine junge Ärztin, glaubt nicht an den Tod ihres Vaters. Obwohl er seit zehn Jahren im unerforschten Hochland von Papua-Neuguinea vermißt ist, hat sie sich in den Kopf gesetzt, nach seinen Spuren suchen. Leonora findet fünf Abenteurer, die sich ihrem waghalsigen Unternehmen anschließen: ein Missionar, ein Geologen, einen Fotograf, einen Student. Im Dickicht des tropischen Regenwaldes beginnt ein Kampf auf Leben und Tod. Gelingt es Leonora und ihren Gefährten, die »Lehmmenschen« davon zu überzeugen, daß die Weißen keine bösen Geister sind? Als der Fotograf einer Papua-Frau nachstellt, droht eine tödliche Gefahr…

Inhaltsverzeichnis

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Der, die ich liebe

und die mein Leben ist

1

Die einmotorige, zweisitzige kleine Maschine, ein Hochdecker vom Baujahr 1970, kreiste über dem Urwaldtal. Links und rechts ragten die dicht bewachsenen Hänge der hier über zwölfhundert Meter hohen Berge in den fahlblauen Himmel, der ständig seine Farbe wechselte, vom Hellgrau bis zum sonnendurchfluteten Azurblau, wenn die Nebelschwaden über dem tiefen Tal die Sicht verdeckten oder Löcher in die glänzende Weite freigaben. Sie kreisten in etwa achthundert Metern Höhe über dem lehmigen Fluß, der sich in Millionen Jahren durch die Berge gefressen hatte und nun die Schlucht durchzog wie ein gelber Faden. Nur diesen Fluß gab es, die eingeschnittenen Abhänge, überwuchert von riesigen Bäumen, Riesenfarnen, miteinander verfilzten haushohen Sträuchern und undurchdringlichem Dschungel, der in das lehmige Wasser hineinwuchs. Ein Stück Urnatur, unberührt, unbekannt, unerforscht, voller Geheimnisse … Lebten dort unten Tiere, die man noch nicht kannte, Überbleibsel aus längst vergangenen erdgeschichtlichen Zeiten, die hier, im nie zu erobernden Urwald, die Jahrmillionen überlebt hatten? Gab es da unten Menschen aus der Steinzeit, Menschen, die völlig anders aussahen als die Menschen unseres Jahrhunderts, Menschen auf der untersten Entwicklungsstufe oder Menschen mit geheimnisvollen Kulturen, mit grausamem Götterglauben, versteckt und begraben unter der grünen Decke des Urwaldes? Der knatternde Riesenvogel, der jetzt über ihnen kreiste, mußte für sie ein schrecklicher Dämon sein, ein donnernder, böser, gefährlicher Gott, den man nur versöhnen konnte durch ein Opfer, durch Demut, durch Unterwerfung. Durch Menschenopfer?

Das kleine Flugzeug flog jetzt dem Flußlauf nach, bog vor einer neuen grünen Bergwand ab und kehrte nach einer engen Schleife in das Tal zurück. Es sank bis auf sechshundert Meter, fast greifbar ragten die Baumriesen zu beiden Seiten an ihm hoch.

James Patrik starrte durch die Nebelschwaden hinunter zum Fluß. »Als ob das Tal dampft«, sagte er. »Ob wir jemals bis dahin vordringen können?« Steward Grant, der Pilot, warf einen kurzen Blick in das wilde Tal. Ihn interessierte jetzt mehr ein Geräusch im Motor, das nicht normal war. Ein kaum wahrnehmbares Stottern, aber er hörte es, und sein fragender Blick strich über die Instrumententafel. »Zu Fuß bestimmt nicht«, antwortete er und lauschte wieder angestrengt auf das Klopfen im Motor. »Sich von Kopago über die Berge und durch den Urwald durchzuschlagen ist unmöglich. Das sehen Sie doch nun ein, Professor. Das da unten ist ein Land, das für immer unerforscht bleiben wird. Da kommt keiner von uns hin.«

»Wenn man Zeit hat und zäh genug ist, Steward? Die großen Entdecker besaßen beides, und mit unseren technischen Möglichkeiten —«

»Das Land ist stärker. Es frißt jeden auf.«

»Man könnte mit Fallschirmen landen.«

»Und dann?«

»Hubschrauber würden alles überwachen.«

»Und wo sollen sie landen? In den Baumwipfeln?«

»Man könnte am Fluß einen kleinen Landeplatz freischlagen, eine Art Basislager. Auch das Distriktshauptquartier Kopago war einmal tiefster Urwald.«

»Und es hat Blut genug gekostet. Giftpfeile, Speere, Fallgruben, und dann wurden Köpfe abgeschlagen und zu Schrumpfköpfen gedörrt und die Körper in steinernen Kochgruben gesotten und gefressen. Auch zwei Missionare waren dabei … Aber da muß Gott gerade geschlafen haben — er hat sie nicht vor den Kannibalen beschützt.«

»Ich weiß. Ich habe die Geschichte aller Missionen und der Eroberung des unbekannten Landes studiert.«

»Und trotzdem wollen Sie unbedingt in diese noch unerforschten Gebiete vordringen? Wozu?«

»Es ist mein Beruf, Steward.«

»Da unten gibt es weder Gold, Silber, Diamanten noch andere Bodenschätze. Kein Öl und kein Kupfer. Nur Urwald.«

»Woher wissen Sie das?«

»Warum soll es dort anders sein als in anderen Teilen des Landes?«

»Es kann unbekannte Tiere und Menschenrassen geben.«

»Und die entdeckt man dann, steckt sie in einen Zoo, und den Wilden bringt man die Segnungen der Zivilisation, die Bibel und den Schnaps. So war’s bei den Azteken, den Mayas, den Inkas, den Australiern, den Indianern, und die Papuas werden’s auch nicht überleben. Professor, lassen Sie die Kopfjäger, Menschenfresser, oder was sich da unten im Urwald versteckt, sein, was sie sind. Sie leben dort seit Tausenden von Jahren, warum wollen Sie sie in die Neuzeit katapultieren?«

»Sie halten nicht viel von Forschung, Steward?«

»Ich halte sehr viel davon, wenn wir jetzt umkehren, Sir. Der Motor spielt verrückt. Er fängt zu stottern an.«

»Du lieber Himmel, kein Benzin mehr?« James Patrik starrte den Piloten betroffen an. Er sah, wie Grants Gesicht kantig und verkniffen geworden war.

»Der Tank ist noch halb voll. Damit kämen wir bis Wabag, wenn wir wollten.«

»Die Benzinleitung?«

»Ich weiß es nicht. Da, hören Sie … O du Scheiße! Scheiße!« Der Motor begann jetzt, laut zu spucken und zu knattern. Als käme der Treibstoff nur noch in Stößen in die Zylinder, so wurde das kleine Flugzeug wie von Schlägen gerüttelt. Die Drehzahl des Propellers sank rapide.

»Müssen wir notlanden, Steward?« Patrik starrte wieder nach unten auf den lehmgelben Fluß, auf den Mangrovendschungel und die undurchdringliche grüne, wogende, den Berg hinaufziehende Wand der Riesenbäume. »Wo denn?«

»Es gibt bessere Fragen, Professor. Wo? Hier nicht. Wenn wir Glück haben, hält der Motor durch bis zur nächsten Siedlung. Das sind noch über neunzig Meilen. Und dann werden wir mit Bruch landen … Das ist das einzige, was ich sicher weiß. O Scheiße!«

»Und wenn wir kein Glück haben?«

Das Flugzeug begann zu schwanken, der Motor setzte jetzt in kürzeren Abständen aus und knatterte dann wieder laut auf, eine fettige Ölwolke ausstoßend. Verbissen drehte Grant an Schaltern und Hebeln, klopfte mit der Faust gegen das Instrumentenbrett, aber es änderte sich nichts.

»Wie stehen Sie zu Gott, Professor?«

»So la la … Aber Gott ist kein Flugzeugmechaniker … Steward, wir verlieren an Höhe!«

»Wissen Sie, daß ich eine Frau und drei Kinder habe?«

»Nein.«

»Eine hübsche blonde Frau und zwei Jungen und ein Mädchen. Es hat dieselben blonden Haare wie seine Mutter, die gleichen blauen Augen, dasselbe Lächeln. Hör auf mit dieser Fliegerei über das wilde Land, hat Lisa immer zu mir gesagt. Einmal passiert es, und was wird dann aus uns? Und ich habe immer geantwortet: Noch ein Jahr, mein Schatz, dann haben wir Geld genug, um nach Goroka oder Madang zu ziehen, und dort machen wir ein Café auf, mit Kuchen und Sandwichs und abends zwei verschiedenen Suppen — wird das ein schönes Leben werden, mein Frauchen. Nur noch ein Jahr, dann haben wir’s geschafft. Das Jahr wäre in zwei Monaten herum. Und Jim, der Älteste, wäre auf ein College gekommen. Ein wacher, kluger Junge, will einmal Physik studieren, Atomphysik — er hat das Zeug dazu. Ich bin stolz auf ihn. Stolz auf sie alle. Nur noch zwei Monate …«

James Patrik schwieg. Was war dazu zu sagen? Er wußte, daß Grants Worte eine Art Nachruf waren, ein Abschied, eine Bitte um Verzeihung. Das Flugzeug sank immer tiefer, ratterte jetzt den Flußlauf entlang, die vielleicht einzige Möglichkeit, zu landen, sich ins Wasser fallen zu lassen und damit dem Aufprall auf den Bäumen oder der Bergwand zu entgehen.

»Wen lassen Sie zurück, Professor?« fragte Graut. Seine Stimme war fest, kein Zittern, keine gepreßte Heiserkeit.

»Eine Tochter. Sie wird im November neunzehn. Wird Medizin studieren.« Patrik klammerte sich am Armaturenbrett fest. »Wir schaffen es nicht, nicht wahr?«

»Nein, wir schaffen es nicht. Es kann sein, daß wir überleben, und dann sind wir auf einem Fleckchen Erde, das niemand kennt. Sie muß das doch glücklich machen, Professor. Wir landen im Fluß, das kann gut gehen, aber wie kommen wir hier jemals wieder raus?«

»Man wird uns suchen, wenn wir am Abend nicht wieder im Lager sind.«

»Darüber wird eine Nacht vergehen.«

»Was ist schon eine Nacht, Steward?«

»Ich denke an eine Expedition vor neun Jahren, hier im Hochland. Sie verschwand spurlos. Vier Weiße, ein Missionar aus Port Moresby und vierzehn Träger mit einem Führer, alles Papuas. Nur durch einen Zufall wurde das Rätsel gelöst. Bei einem großen Sing Sing in Wabag sah man Angehörige eines Bergstammes, die Schrumpfköpfe tauschten. Schrumpfköpfe sind verboten, die Polizei fing die Papuas ein und entdeckte unter den Köpfen auch vier weiße Schädel. Wen wollte man bestrafen? Wer waren die Mörder? Die Papuas erzählten, daß sie diese Köpfe auch eingetauscht hätten. Wer konnte das Gegenteil beweisen?«

Der Motor des kleinen Flugzeuges spuckte noch einige Male und schwieg dann. Grant schwebte genau über der Mitte des lehmigen Flusses. Er war breiter, als er es aus der Höhe geglaubt hatte, mit einer quirligen Strömung und durchsetzt mit großen, glatten, abgeschliffenen Steinen.

»Es wird Bruch geben«, rief er zu Patrik hinüber. »Halten Sie sich fest, Professor, stemmen Sie die Beine gegen den Boden und ziehen Sie den Kopf zwischen die Schultern. Achtung, jetzt kracht es gleich …«

Die Räder berührten die Wasseroberfläche, stießen gegen die Steine, ein wildes Schütteln durchfuhr die Maschine, sie wurde hochgeworfen, kippte aber nicht um, fiel zurück auf das Fahrgestell, ein Radgestänge brach mit einem Laut, der wie ein heller Aufschrei klang, dann klatschte sie in die Strömung, bohrte sich zwischen zwei große Steine und blieb dort wie eingeklemmt hängen.

Patrik schlug mit der Stirn gegen die Frontscheibe, ohne sich zu verletzen, nur etwas benommen hing er in den Sicherheitsgurten und schüttelte sich dann wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt.

Grant lehnte sich zurück und wischte sich mit beiden Händen über das schweißnasse Gesicht. »Wir leben«, sagte er dumpf.

»Ist das nun ein Wunder oder nicht?« Patrik atmete ein paarmal tief durch.

»Nein, fliegen muß man können.«

»Und in zwei Monaten können Sie mit Frau und Kindern nach Madang ziehen.«

»Vorausgesetzt, man findet uns hier. Allein kommen wir hier nicht wieder raus!« Grant stieß die Tür auf, sprang hinaus und stand neben dem großen, glatten, wie polierten Stein knietief im Fluß. Zu beiden Seiten ragten die Urwaldwände auf und kletterten die Berge hinauf. Am Flußrand hatten die Mangrovenbüsche eine undurchdringliche Dschungelwand gebildet. Ein Schwarm Paradiesvögel war aufgeschreckt in den dunstigen Himmel geflattert. Ihre farbenprächtigen Federn leuchteten.

Auch Patrik stieg aus und hangelte sich um das schief liegende Flugzeug herum zu Grant hin. »Das ist ein merkwürdiges Gefühl«, sagte er.

»Was?« — »Daß wir hier die einzigen Menschen sind.«

»Sind Sie so sicher?« Grant lauschte angestrengt, aber das quirlige Rauschen des Flusses verschluckte jeden anderen Ton.

Patrik fuhr sich mit beiden gespreizten Händen durch das Haar. Obwohl er erst neunundvierzig Jahre alt war, überwog das Weiß im Hellbraun des Haars; es war lange nicht geschnitten worden und hing ihm bis auf die Schultern. Auch der gestutzte Bart war weiß und überwucherte ein von Sonne und Wind gegerbtes Gesicht. In dem scharfkantigen Schädel fielen die Augen auf. Sie waren von einem tiefen Blau und konnten in erregenden Situationen leuchten, als knipse Patrik von innen einen Scheinwerfer an. Auch jetzt leuchteten seine Augen, als er sich wie Grant umblickte, ein Gefangener in einer Welt, die noch nie ein Weißer betreten hatte. »Hier lebt keiner außer uns jetzt«, sagte er. »Steward, haben Sie Trinkwasser und etwas Eßbares an Bord?«

»Zwei Flaschen Mineralwasser, zu essen nichts. Wir wollten ja in vier Stunden wieder im Camp sein. Dort braten sie heute abend ein Schweinchen am Spieß.«

»Aber Waffen haben wir bei uns.«

Grant schielte zu Patrik hinüber. Auch er trug einen schweren Revolver am Gürtel, der jetzt neben dem Pilotensitz auf dem Boden lag. Bei Flügen über das unbekannte Hochland nahm er immer eine Waffe mit, stets daran denkend, daß er einmal notlanden müßte und unbekannte Papuastämme ihn angriffen. Aber was waren schon ein Revolver oder ein Gewehr wert, wenn die Kopfjäger von allen Seiten angriffen und ihn mit einem Hagel von Giftpfeilen zudeckten. Selbst eine Gruppe schwer bewaffneter Polizisten, die einen Mörder im Dschungel jagen wollte, verschwand wie so manche Gruppe von Abenteurern und Missionaren, und sie hatten Maschinengewehre und automatische Waffen bei sich. »Was wollen Sie hier mit einer Waffe, Professor?« fragte er.

»Einen Braten schießen.«

»Dazu müßten Sie an Land gehen, durch den Ufersumpf. Und ob es hier Tiere gibt, ist auch unsicher.«

»Sie wollen hier am Flugzeug bleiben?«

»Auf jeden Fall.« Grant hielt sich am Gestänge der Maschine fest. »Die Strömung ist nicht stark genug, um es wegzureißen, und es ist verdammt rüttelfest eingeklemmt. Hier sind wir sicher, halbwegs sicher. Was da drüben ist«, er stieß mit dem Kinn in Richtung des rechten Ufers, »wissen wir nicht. Es kann sein, daß uns jetzt schon hundert Augen beobachten.«

»Hier kann niemand leben. Auch die primitivsten Stamme bauen ihre Dörfer auf Lichtungen, roden den Boden, legen Felder an — haben Sie aus der Luft so etwas in dieser Gegend gesehen? Und wo keine Menschen sind — die grausamsten Feinde —, gibt es noch genug Tiere.«

Patrik kletterte ins Flugzeug zurück und kam mit einem Gewehr zurück. Aus einer Pappschachtel schüttete er Ersatzmunition in die hohle Hand und steckte sie in die Tasche seiner Khakijacke.

Grant lehnte am Rumpf der Maschine und beobachtete das Ufer. »Ich stifte drei Riesenkerzen für die Kirche«, sagte er, »wenn hier keine Wilden im Gebüsch hocken.«

»Gäbe es hier Kopfjäger, hätten sie sich längst gezeigt. Ich habe darin Erfahrung, Steward. Ich habe es oft genug erlebt: Stärker als ihre Angst ist ihre Neugier. Hier ist etwas Geheimnisvolles, Donnerndes vom Himmel gefallen, und zwei unbekannte, weiße, menschenähnliche Wesen stehen vor dem Wunderding herum. Glauben Sie mir: Sie wären längst aus ihrem Versteck gekommen, um uns näher anzusehen.«

»Sie haben wirklich recht, Professor«, sagte Grant mit plötzlich rauher Stimme. Er wandte sich um, zur Tür, wo sein Gürtel mit der Pistole neben dem Sitz lag. »Da sind sie schon.«

»Wo?« Patrik fuhr herum und riß sein Gewehr in Anschlag.

»Links vor Ihnen in den Mangroven.«

Und dann kamen sie: kleine, schwarzbraune Gestalten, nackt, die Köpfe und die Körper mit roter, weißer, gelber und blauer Pflanzenfarbe bemalt, mit langen krausen Haaren und Stirnbändern aus Baumrinde, in denen bunte Vogelfedern staken. Geduckt schlichen sie aus dem Dschungel hervor, blieben im kniehohen Wasser des Flusses stehen und starrten hinüber zu dem fliegenden Dämon, der zu ihnen heruntergekommen war.

Patrik hob die rechte Hand zum Gruß und machte einen Schritt vorwärts. Es war, als gäben die bemalten Wilden einen grunzenden Laut von sich, Bewegung kam in ihre Reihen, Bogen und Speere tauchten plötzlich auf.

»Zurück ins Flugzeug!« schrie Grant und hechtete zu seiner Tür. Er riß sie in der richtigen Sekunde hinter sich zu, dann klickten auch schon die Pfeile gegen den Aluminiumrumpf.

Patrik hatte unverschämtes Glück; ihn traf kein Pfeil. Aber bevor die Wilden neue auf die Sehnen ihrer Bogen legen konnten, rannte er um das Flugzeug herum und kletterte hinein.

Grant wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. »Das mit dem Umzug nach Madang wird wohl doch nichts«, sagte er mit tonloser Stimme. »Professor, wir werden eine Menge von ihnen töten können, aber dann sind wir dran. Oder haben Sie genug Munition bei sich?«

»Vierzig Schuß.«

»Und ich zwanzig. Macht sechzig. Ein paarmal danebenschießen werden wir auch.« Grant starrte zu den bemalten Wilden hinüber, die nun begannen, durch den Fluß auf sie zuzuwaten. »Professor, lassen Sie uns eine Minute ganz still sein, bevor wir schießen. Ich möchte noch einmal an meine Frau und die Kinder denken …«

In einem weiten Halbkreis kamen die kleinen bemalten Gestalten auf sie zu, und dann schwangen sie ihre Speere und heulten auf, und dieses Heulen erfüllte das ganze Tal und ließ das Blut in den Adern erstarren.

2

Sir Anthony Lambs bewohnte ein weitläufiges weißes Haus im britischen Kolonialstil auf einer Anhöhe von Waigani, dem Stadtteil von Port Moresby, in den man im Laufe der letzten Jahre viele Behörden verlegt hatte, weil der alte Verwaltungsstadtteil Konedobu an der Hafenbucht zu eng geworden war. Früher war Sir Anthony hier in den Hügeln fast allein gewesen, umgeben von einem Garten, den jeder Besucher bewunderte, einem Blumenmeer, in dem die weiße Villa wie ein Luxusschiff schwamm. Südlich des Hauses hatte er nur auf den Golfclub geblickt, dessen Anlage er für die schönste auf der Welt hielt und auf der er seine achtzehn Löcher spielte, bedächtig, ohne Ehrgeiz, über ein Handicap von achtundzwanzig zu kommen, wie er überhaupt alles, was »ausartete«, wie er es nannte, geradezu mit Verachtung strafte. Jetzt aber war alles um ihn herum zugebaut: Die Universität von Papua-Neuguinea hatte ein Gelände bezogen, größer als die Altstadt von Port Moresby, das Nationalmuseum war errichtet worden, der Premierminister hatte seine Residenz hierher verlegt, Behördenbauten und Beamtenwohnhäuser schossen empor und verringerten Sir Anthonys Aussicht in die Ferne, und wenn er abends auf der von Säulen gestützten, überdachten Terrasse saß, in einem der Korbsessel, wie man sie überall in ehemaligen britischen Kolonialgebieten antrifft, trauerte er den Zeiten nach, wo in seinem Garten die Ameisenigel herumhuschten oder bei Anbruch der Dämmerung die Baumkänguruhs und die Hallstrom-Dingos, eine Abart des Urhundes, um das Haus schlichen.

Sir Anthony, pensionierter General der britischen Krone, war ein Mann, der wenig Kontakt zu anderen Menschen hielt. In seinem Haus arbeiteten ein Butler, eine Köchin, zwei Gärtner und zwei Boys, drei Hausmädchen und die Vorsteherin des gesamten Haushaltes, die sich stolz »Hausdame« nannte. Alle waren getaufte und zivilisierte Papuas oder Mischlinge, nur der Butler war ein stocksteifer Engländer und ehemaliger Feldwebel eines Eliteregiments, der General Lambs bei einer unverhofften Truppenbesichtigung auffiel, weil er beim Exerzieren mit einer Donnerstimme schrie: »Kopf hoch — Brust raus — Arsch rein! Der Hinterkopf und die Arschbacken bilden eine gerade Linie …« Als Sir Anthony pensioniert wurde, setzte er durch, daß Herbert Cook, so hieß der Feldwebel, aus der Armee entlassen wurde und in seine Dienste trat.

Mit diesen Menschen in seiner nächsten Umgebung hatte Lambs genug. Er besuchte keinen Club — außer dem Golfclub —, ging zu keiner privaten oder öffentlichen Einladung, saß dafür lieber in seinem Garten und las oder spielte mit Butler Herbert Schach, der dabei so klug war, den General dreimal gewinnen und dann einmal verlieren zu lassen, damit der Trick nicht auffiel. »Er ist ein mürrischer, verschlossener alter Herr!« sagte man über den General in Port Moresby. »Weiß der Teufel, was ihn so verbittert gemacht hat. Sein Leben war ja nun wirklich nicht langweilig. Und Sorgen hat er auch nicht.«

Um so verwunderlicher war es, daß an diesem Abend Butler Herbert einen Tisch für zwei Personen gedeckt und eine Flasche Champagner hatte kalt stellen müssen. Sir Anthony hatte Besuch bekommen — nicht nur zum Abendessen, sondern auch über Nacht. Ein Fremdenzimmer war hergerichtet worden, nach acht Jahren schlief wieder ein Fremder im Haus. Butler Herbert war wie die Hausdame und das gesamte Personal äußerst verwundert, als der Besuch vom Flughafen abgeholt und von Sir Anthony vor der Haustür, was man überhaupt noch nicht gesehen hatte, empfangen wurde. Sogar mit einem Handkuß. Daß General Lambs galant sein konnte, hätte nie jemand geglaubt.

»Und ich sage Ihnen nun zum zehntenmal: Es ist Wahnsinn. Absoluter Wahnsinn, Leonora!« rief Sir Anthony und warf seine Serviette auf den Teller. Sie hatten auf der Terrasse das Abendessen beendet, und Butler Herbert war im Salon damit beschäftigt, die Flasche Champagner formvollendet, ohne Korkenknall, zu öffnen. »Warum sehen Sie das nicht ein? Wo Geologen, Militärs, Geschäftemacher und sogar Missionare kapitulieren — und das will was heißen —, da wollen Sie als Frau etwas erreichen? Seien Sie doch vernünftig, bitte.«

Dr. Leonora Patrik war das, was man eine attraktive Frau nennt. Nicht mit Hilfe von Make-up, künstlichen Wimpern, Lidschatten und Augenumrandungen und unter Zuhilfenahme von raffinierten Modellkleidern, sondern in ihrem naturfarbenen Baumwollrock und der Khakibluse, mit kurzgeschnittenen, welligen blonden Haaren und hellbraunen, bei schrägem Lichteinfall sogar grünlich schimmernden Augen war ihre natürliche Schönheit allen Kosmetikhilfen überlegen. Sie war mittelgroß, und man sah ihrem Körper an, daß er sportlich trainiert und zu großen Leistungen fähig war. In London, Paris, Hamburg und New York hatte sie Medizin studiert, hatte sich dann auf Tropenmedizin spezialisiert und in Hamburg promoviert. Nach dreijährigem Klinikum am Tropeninstitut in Hamburg war sie wieder nach New York gezogen und hatte sich zu einem Lehrgang gemeldet, der ein Überlebenstraining bot. Dazu war man nach Brasilien, nach Manaus am Amazonas, geflogen und hatte die Teilnehmer nach einer gründlichen theoretischen Ausbildung mit Fallschirmen über dem Amazonasurwald abgeworfen, in einem Gebiet nördlich des Rio Negro; hier lebten noch Indianerstämme, die mit den Weißen nur wenig in Berührung gekommen waren. Jeder der Teilnehmer hatte eine Erklärung unterschreiben müssen, daß er dieses Überlebenstraining auf eigene Gefahr auf sich nehme.

Sie kamen alle zurück, fünf Männer und zwei Frauen, schlugen sich durch die Grüne Hölle, ernährten sich von Schlangen, Käfern, Würmern und Flußfischen, wurden von einem schwarzen Panther angegriffen, den sie mit Stockhieben und Peitschen aus Lianenschnüren vertrieben, sechs Wochen waren sie unterwegs durch Urwald, Riesenfarne und Sümpfe, und als sie wieder am Ufer des Rio Negro standen und mit einem Boot zurück nach Manaus fuhren, wußten sie, daß sie auf dieser Welt so schnell nichts mehr erschüttern konnte.

»Erzählen Sie mir nichts von Ihrem dummen Überlebenstraining!« sagte Sir Anthony erregt. »Was Sie da erlebt haben, für teures Geld, ist organisierter Nervenkitzel. Privates Hollywood! Und wenn auch — der brasilianische Urwald ist nicht Papua-Neuguinea! Er ist ein Wald zum Spazierengehen, verglichen mit der Hölle im Hochland von Papua.«

»Niemand hat sich damals, vor zehn Jahren, die Mühe gemacht, meinen Vater und seinen Piloten zu suchen. Verschwunden, hieß es lakonisch. Suche sinnlos. Das einzige, was wir können, ist abwarten, ob sie wieder auftauchen, obschon man wußte, wo sie ungefähr abgestürzt sein mußten.«

»Ungefähr — das ist in diesem Land zu wenig, Leonora. Das Gebiet, in dem Ihr Vater verschwunden ist, gehört zu den weißen Flecken auf der Landkarte. Da ist noch niemand gewesen, und dort wird auch in Zukunft nie jemand sein.«

»Irrtum, Sir Anthony — ich!«

»Sie sind verrückt.« General Lambs nahm sein Sektglas und stürzte mit einem einzigen Zug den Champagner in sich hinein. Einem Gourmet wäre eine Gänsehaut über den Körper gelaufen. Dann atmete er schwer auf und sah Leonora wieder an. Seine Augenbrauen, eisgrau wie sein übriges Haar, zogen sich zusammen. »Als Sie mir aus New York den ersten Brief schrieben, habe ich mich gefreut, Sie kennenzulernen und als meinen Gast in meinem Haus aufnehmen zu können. Die Tochter von Professor James Patrik. Ich erinnere mich gern an die Abende, die ich mit Ihrem Vater hier auf dieser Terrasse verbracht habe. Wissen Sie, was er zu mir gesagt hat, als ich ihm einen Whisky anbieten wollte? ›Nein, danke … Whisky schmeckt für mich wie ein ausgelutschter Lederhandschuh.‹ Ich werde das nie vergessen.«

»Mein Vater mochte keinen Whisky, das stimmt. Aber hat er Ihnen auch erzählt, warum? Er bekam als junger Doktor vor lauter Whiskytrinken eine Alkoholvergiftung.«

»Ja, James war ein toller Bursche. Aber er hörte auch nicht auf mich. Das haben Sie von ihm geerbt, diesen geradezu unheimlichen Dickschädel! Außerdem, solch eine Expedition kostet Geld, sogar viel Geld. Hoffen Sie nicht auf eine Unterstützung der Regierung. Niemand wird Ihnen einen Penny — der heißt hier Toea — geben für ein so sinnloses Unternehmen.«

»Ich habe Geld genug, Sir Anthony. Mein Vater hat mir ein Vermögen hinterlassen.«

»Ich glaube, ich muß grob werden!« Lambs sprang auf und schüttelte seinen eisgrauen Kopf. »Und wenn Sie vor Entsetzen ohnmächtig werden, ich muß es Ihnen sagen, vielleicht hilft das: Nach zehn Jahren Verschollenheit ist damit zu rechnen, daß James Patrik längst über dem Eingang einer Hütte hängt, als Schrumpfkopf.«

Leonora blickte den General ohne ein Zeichen von Erschütterung an. »Sie sehen, ich falle nicht vom Stuhl. Wenn sie meinen Vater getötet und seinen Kopf konserviert haben, dann will ich diesen Schrumpfkopf suchen und zurück nach England bringen.«

»Wahnsinn!«

»Sie helfen mir nicht dabei, Sir Anthony?«

»Ich kann Ihnen nur mit Ratschlägen helfen, und die kennen Sie.«

»Sie haben gute Verbindungen zur Regierung.«

»Wie man’s nimmt. Ich weiß genau, was in Ihrem Kopf rumort. Ich soll Ihnen die Genehmigung zu dieser idiotischen Expedition verschaffen.«

»Ja.«

»Und wie denken Sie sich dieses irre Abenteuer?«

»Ich habe die Aufzeichnungen meines Vaters immer wieder studiert, die er in der Station Kopago hinterlassen hat. Ich habe auf Spezialkarten die noch nicht erforschten Gebiete gefunden, die er besuchen wollte. Es liegen von ihm genaue Pläne vor, und ich weiß ungefähr, wo er verschwunden ist.«

»Wieder dieses Ungefähr! Leonora, tun Sie zuerst eins: Überfliegen Sie diese Gebiete und sehen Sie sich die Hölle von oben an. Wenn Sie nicht völlig verrückt sind, werden Sie erkennen, daß dieses Land auch Sie verschlingen wird. Diese Bergurwälder und Sumpftäler kann man nicht erobern. Da ist auch der hochtechnisierte Mensch hilflos.«

»Wir werden in eines dieser unbekannten Täler mit dem Fallschirm abspringen.«

»Das haben schon andere versucht. Und was kam dabei heraus? Mit Hubschraubern und an langen Strickleitern hat man die verzweifelten Kerle herausgeholt, ehe sie völlig am Ende ihrer Kraft waren und elend verreckten. Ich kann Ihnen eine Menge Erlebnisberichte vorlegen, in denen das Grauen festgehalten wurde. Aber nein, das waren ja alles schlappe Säcke, aber Sie, als Frau, am Rio Negro gestählt, Sie schaffen es allein!« Sir Anthonys Erregung war so groß, daß er auf der Terrasse hin und her lief, den Kopf gesenkt, die Hände auf dem Rücken, mit schnellen stampfenden Schritten. Butler Herbert hatte in den letzten sieben Jahren solch einen Ausbruch noch nie erlebt, hielt sich diskret im Salon auf und wartete darauf, daß der General eine zweite Flasche Champagner bestellte.

»Ich habe nie daran gedacht, allein in das unerforschte Gebiet zu fliegen«, sagte Leonora Patrik und hielt damit Sir Anthonys Wanderung über die Terrasse auf.

Er blieb ruckartig stehen. »Ah!« rief er. »Und Sie glauben, daß es einige Idioten gibt, die sich Ihnen anschließen?«

»Wenn es Ihnen gelingt, die Genehmigung der Regierung für diese Expedition zu bekommen, werden sich viele bei mir melden, die mitmachen wollen.«

»Sie rechnen also damit, daß ich Ihnen helfe?«

»Ganz fest rechne ich damit, Sir Anthony.«

»Und wenn ich nein sage?«

»Dann waren Sie nie der gute Freund meines Vaters, als den Sie sich bezeichnen.«

»Das ist Erpressung, Leonora! Gerade Ihr Vater hätte Ihren Plan nie gebilligt.«

»Bis jetzt ist es wirklich nur ein Plan. Erst wenn wir die Genehmigung haben, bereiten wir alles bis in die kleinste Einzelheit vor.«

»Wir? Wer ist wir?«

»Sie und ich, Sir Anthony.«

»Sie sind die hartnäckigste Frau, die ich je kennengelernt habe. Mein letztes Wort: Ich denke nicht daran, bei der Regierung ein gutes Wort für Sie einzulegen und damit mitschuldig zu werden, wenn auch Sie zu einem Schrumpfkopf werden.«

»Dann hänge ich wenigstens neben meinem Vater über der Tür einer Papua-Hütte. Sir Anthony, starren Sie mich nicht so wild an, setzen Sie sich wieder, trinken wir weiter Ihren vorzüglichen Champagner, und erzählen Sie mir von diesem Land. Wie lange leben Sie schon auf Papua-Neuguinea?«

»Vierzig Jahre. Von der britischen Krone freigegeben für den australischen Dienst.« General Lambs setzte sich wieder, goß die Gläser ein, bevor Butler Herbert aus dem Salon kommen konnte, und leerte das seine wieder mit einem Schluck. Seine Kehle war wie ausgetrocknet.

»Vierzig Jahre bei den Papuas. Das muß eine große Liebe sein.«

»Irrtum — ich hasse dieses Land!« Das Gesicht des Generals versteinerte sich. Die Backenknochen traten hervor, die Augen versanken fast unter den buschigen Brauen. »Nur weil ich dieses Land so hasse, bin ich hier geblieben.« Er hob die rechte Hand und winkte energisch ab. »Erzählen Sie lieber von sich, Leonora. Medizin haben Sie studiert, Tropenmedizin. Was ist Ihr Ziel?«

»Es gibt nur eins für mich: meinen Vater suchen.«

»Haken wir das ab. Sie finden ihn nie. Und dann?«

»Ich werde in einem Krankenhaus irgendwo in den Tropen arbeiten. In einem Gebiet, wo man Ärzte dringend braucht wie eine Handvoll Reis oder einen Maisfladen. Vielleicht bleibe ich sogar auf Papua-Neuguinea, auf irgendeiner Missionsstation — ›an der vordersten Front‹ würden Sie es nennen —, und helfe mit, daß die Papuas überleben und nicht durch die Zivilisation vernichtet werden.« Leonora beugte sich über den Tisch vor und blickte Sir Anthony tief in die Augen. »Warum hassen Sie dieses Land?«

General Lambs zog den Kopf zurück und fiel wieder in eine steinerne Haltung. »Verzichten Sie bitte auf diese Frage, Leonora«, sagte er mit Härte in der Stimme. »Es gibt Dinge, über die man nicht spricht.«

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Natürlich, und das braucht kaum erwähnt zu werden, bemühte sich Sir Anthony bei den zuständigen Stellen um eine Erlaubnis für eine Expedition in das unerforschte Gebiet nördlich von Kopago. Aber wo er auch vorsprach, schüttelte man den Kopf und sagte genau das, was auch er zu Leonora Patrik gesagt hatte.

»Grundsätzlich haben wir nichts dagegen, wenn eine Expedition auf eigene Gefahr in die unbekannten Gebiete vordringen will«, sagte der für Landforschung und Erschließung im Innenministerium Zuständige und legte die Hand auf die Karte, die das Gebiet darstellte, das Leonora Patrik angegeben hatte. »Aber wenn dann etwas passiert, ruft man nach Polizei und Militär, hängt uns den ganzen Fall an den Hals, kostet uns eine Menge Geld und vielleicht auch noch Menschenleben, und alles nur, um einer Wahnidee nachzujagen. Sir Anthony, es ist doch klar, daß Professor Patrik nicht mehr lebt nach zehn Jahren Verschollenheit.«

»Daran besteht kein Zweifel. Auch Leonora Patrik hat sich damit abgefunden. Daß ihr Vater noch lebt, hält auch sie für unwahrscheinlich, aber wenigstens seinen Schrumpfkopf will sie suchen und mitnehmen.«

»Du lieber Himmel, muß das ein hartgesottenes Mädchen sein! Will sie sich den Kopf ihres Vaters über den Kamin hängen?« Der Ministerialbeamte blickte auf das Gebiet nördlich von Kopago. Es gehörte zur Central Range und war nur durch Luftaufnahmen kartographiert worden. Den großen Flüssen hatte man Namen gegeben wie Logaiyo River, Lagaip River, Pori River oder April River. Die vielen kleinen Nebenarme, die in den dampfenden Tälern auftauchten und im Urwald wieder verschwanden, waren namenlos geblieben. Niemand wußte, wo sie in einen größeren Fluß mündeten, keiner entdeckte ihre Quellen, aus dem Dschungel tauchten sie auf und verloren sich wieder im undurchdringlichen Grün des Urwaldes. »Wir haben damals mit einem Hubschrauber dieses Gebiet abgeflogen und absolut nichts entdecken können. In diesen Schluchten und Tälern, an diesen Berghängen gibt es keinen Platz für eine Notlandung, das wissen Sie so gut wie ich. Wer da runtergeht, ist verloren, er hinterläßt keine Spur.«

»Die Suchaktion begann aber erst eine ganze Woche nach der Vermißtenmeldung.«

»Was soll das heißen, Sir?« fragte der Beamte etwas steif.

»In einer Woche kann man Trümmer wegräumen, das meine ich damit. Ein abgestürztes Flugzeug hinterläßt Trümmer, im Fluß, auf den Baumwipfeln, irgendwo. Aber man hat nichts gefunden, nicht ein Stückchen Blech.«

»So ist es.«

»Was beweisen könnte, daß irgendein unbekannter Papua-Stamm die Trümmer des Flugzeugs weggeräumt und den Wald gründlich von Spuren gesäubert hat.«

»Möglich ist alles. Da muß ich Ihnen recht geben, Sir.«

»Und es wäre sogar möglich, daß Professor Patrik überlebt hat.«

»Vielleicht. Und dann hat man ihn und den Piloten Grant aufgefressen; die besten Teile — Herz und Geschlechtsteile — hat der Häuptling bekommen. Das ist so sicher, wie Sie mir gegenüberstehen. Wie will denn Miss Patrik in die Täler kommen?«

»Mit dem Fallschirm.«

»Sir, ist die Dame verrückt? Bevor sie landet, ist sie mit Giftpfeilen gespickt. Für die wilden Stämme ist das, was da vom Himmel schwebt, ein böser Geist, den man vernichten muß. Bitte, verstehen Sie mich: Ich kann unter diesen Umständen keine Expeditionserlaubnis ausstellen. Wir unterstützen doch keine Selbstmörder. Machen Sie das der Dame klar.«

»Eine zwecklose Mühe. Miss Patrik birst geradezu vor Energie.« General Lambs nahm dankend den Whisky an, den ihm der Ministerialbeamte zuschob. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Genehmigen Sie die Expedition, aber ich verhindere sie mit allen Mitteln. Einmal wird auch Leonora Patrik vor dem Berg von Schwierigkeiten kapitulieren, den ich vor ihr aufbaue. Es gibt da hundert Möglichkeiten, das Unternehmen zu vereiteln.«

»Und wenn sie doch loszieht?«

»Dann lassen wir sie bis Kopago kommen, aber dort ist dann Endstation. Wo kein Flugzeug ist, kann auch kein Flugzeug fliegen. So einfach ist das. Aber sie hat die Befriedigung, alles nur Mögliche versucht zu haben. Eine ehrenhafte Kapitulation ist wie ein halber Sieg.«

Der Beamte starrte wieder auf die Landkarte. »Wenn Sie mir das garantieren, Sir«, sagte er gedehnt.

»Eine Garantie? Nein.« Sir Anthony winkte ab. »Aber ich verspreche Ihnen, mich mit aller Kraft dafür einzusetzen, daß die Expedition nicht stattfindet. Des Anscheins wegen aber wäre eine Genehmigung von Nutzen, dann haben wir Miss Leonora unter Kontrolle. Wenn dann später alles schiefgeht, ist es nicht unsere Schuld.«

»Also gut, schalten wir uns in den Irrsinn ein.« Der Ministerialbeamte seufzte tief. Es war fast ein klagender Laut. »Sie bekommen die Genehmigung. Aber wenn doch etwas passiert … Miss Patrik kann auf gar keinen Fall mit staatlicher Hilfe rechnen. Das werde ich in die Genehmigung hineinschreiben.«

»Einverstanden.«

Sir Anthony wartete geduldig, bis die Formulare ausgefüllt, unterschrieben und gestempelt waren.

Der Beamte lächelte säuerlich, als er die Papiere dem General überreichte. »Das ist eine Ausnahme, die ich nur Ihnen zuliebe mache«, sagte er. »Eigentlich müßte die Dame selbst hier vorsprechen.«

»Sie sind zum Dinner gerne eingeladen. Sagen wir, schon morgen abend?«

»Angenommen.« Der Beamte zwinkerte Sir Anthony zu. »Ist sie hübsch?«

»Sehr. Für einen alten Mann wie mich eine Augenweide und Anlaß zu Erinnerungen.«

»Und so etwas schicken wir in die Hölle des Hochlandes? Sir Anthony, geben Sie mir die Erlaubnis zurück.«

»Leonora wird nicht ins unbekannte Land gehen. Dafür werde ich schon sorgen. Es bleibt also bei morgen abend?«

»Ja.«

Als Sir Anthony in sein Haus in Waigani zurückkehrte, berichtete ihm Butler Herbert, daß Leonora nach Port Moresby gefahren sei. Sie hatte dazu den alten Rover des Generals benutzt und zu Herbert gesagt: »Ich sehe mir die Stadt etwas an und kaufe ein.«

Am Nachmittag kam sie zurück, den Wagen voller Kartons und Tragetaschen. Herbert trug sie ins Haus und stapelte sie in der weiträumigen Diele.

»Gibt es in Port Moresby noch ein Geschäft, das Sie nicht leergeräumt haben?« rief Sir Anthony. »Du lieber Himmel, was ist denn da alles drin?«

»Der Anfang meiner Ausrüstung.« Sie setzte sich auf einen der großen Kartons und lächelte wie ein kleines Mädchen, dem man seine Lieblingspuppe gekauft hat. »Ein Schlafsack, Decken, ein Gaskocher, Thermobehälter, Nylonseile, Halbstiefel mit dicken Profilsohlen, ein Jagdgewehr, ein Karabiner, zwei Pistolen.«

»Das hat man Ihnen so ohne weiteres verkauft?«

»Ich habe einen gültigen Waffenschein, Sir.«

»Und überall haben Sie erzählt, daß Sie ins zentrale Hochland wollen?«

»Ja. Eine Menge wertvoller Ratschläge habe ich bekommen.«

»Und dann hat man Ihnen Dinge angedreht, die Sie nie brauchen werden. Einen Schlafsack! Wozu? Hängematte und Moskitonetz sind wichtiger.«

»Habe ich auch.« Ihr Lachen war entwaffnend. »Auch Messer zum Schneiden, zum Enthäuten und Entknochen habe ich, Sägen und Beile, Macheten und Äxte …«

»Aufhören!« Sir Anthony hielt sich die Ohren zu. »Sie sind ja noch schlimmer als Ihr Vater. Sie werfen mit Geld um sich und wissen nicht einmal, ob Sie jemals eine Genehmigung bekommen!«

»Da vertraue ich ganz Ihnen, Sir Anthony.« Sie schlug die Beine übereinander und lehnte sich an das Treppengeländer zurück. »Wie hat man im Ministerium reagiert?«

»Sauer.«

»Sie haben nichts erreicht? Dann wende ich mich an den Ministerpräsidenten persönlich.«

»Ich habe es immerhin geschafft, daß man Sie registriert hat. Bitte.« General Lambs reichte ihr die Genehmigung hinüber. Sie nahm das Blatt, überflog es und stieß dann einen hellen Schrei aus. Mit einem Satz sprang sie auf und warf sich Sir Anthony in die Arme. »Das ist ja die Erlaubnis. O Sir Anthony, wie soll ich Ihnen danken? Wie soll ich …« Und plötzlich weinte sie, drückte das Gesicht an seine Brust und war wie ein kleines Mädchen, das Schutz sucht in den Armen eines starken Mannes.

Sir Anthony streichelte ihren Kopf, aber ihm war ziemlich unwohl dabei. Jetzt wird man viel zu tun haben, dachte er, um diese Wahnsinnsexpedition zu verhindern. Vor allem spätestens in Kopago, im Distriktshauptquartier, muß eine Mauer aus unüberwindlichen Schwierigkeiten das Unternehmen scheitern lassen. Kein Flugzeug, keine Hubschrauber, keine Papua-Führer als Dolmetscher und Fährtensucher, keine Träger — es gibt keinen Weg ins Unbekannte. Aber im Augenblick ist sie glücklich. Nur kostet dieses Glück eine Menge Geld, das sie sich sparen könnte.

Hinter Sir Anthony hüstelte Butler Herbert, eine diskrete Andeutung, daß er etwas mitzuteilen habe. »Auf der Terrasse ist gedeckt«, sagte er dann steif. »Der Tee, Sir.«

»Wir kommen, Herbert.« General Lambs schob Leonora von sich, holte sein weißes Taschentuch aus seinem Rock und tupfte ihr die Tränen aus den Augen, von der Nase und aus den Mundwinkeln. »Leonora, ein lauwarmer Tee schmeckt scheußlich.«

Sie nickte, nahm ihm das Taschentuch aus der Hand und schnupfte hinein. »Das … das werden die letzten Tränen sein, Sir Anthony, die Sie von mir sehen. Das hier«, sie hob die Genehmigung hoch empor, »wird mir eine ungeheure Stärke geben. Ich spüre es, ja, fast weiß ich es: Ich werde meinen Vater finden — oder wenigstens eine Spur von ihm.«

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Port Moresby ist zwar eine bedeutende Hafenstadt, die sich in den letzten zwanzig Jahren nach allen Seiten ausgedehnt hat, die Hügel hinaufgeklettert ist und eine große Landfläche besetzt hat, aber ein Dorf ist sie trotzdem geblieben. Vor allem unter den Weißen hat sich ein bestens funktionierendes Nachrichtensystem gebildet, der Klatsch blüht auf den Tennis-, Golf- und Krocket-Plätzen, im Jachtclub hat sich eine geheime Informationsbörse etabliert, Gerüchte und Tatsachen, Unwahrheiten und Intimes wechseln von Haus zu Haus.

Wen wundert es, daß es sich wie ein Buschfeuer quer durch die Stadt verbreitete: Aus Amerika ist eine Lady zu uns gekommen, die ins unbekannte zentrale Hochland möchte. Bei Wintera hat sie eingekauft, bei Chandra Sikh, bei Henderson und bei Yuschi Nakanawa. Expeditionsgegenstände. Sogar Waffen. Hat einen Waffenschein, die Lady. Sehr hübsch soll sie sein, aber ein energisches Persönchen, das weiß, was es will. Und wo sie wohnt? Bei General Sir Anthony Lambs in Waigani. Wie der an die Lady kommt? Das muß man noch erfahren. Evelyn, Charles, ladet sie doch in den nächsten Tagen mal zum Tee ein. Das ist ja eine Sensation in der dumpfen Stille dieser Stadt. Eine Lady will ins Hochland …

Der erste, der sich bei Sir Anthony meldete, war ein Holländer. Ein Geologe mit Namen Fred Kreijsman. Telefonisch bat er darum, empfangen zu werden; er habe etwas Außergewöhnliches zu erzählen.

General Lambs bestellte ihn für den Nachmittag des nächsten Tages. »Es geht schon los, meine Liebe«, sagte er mit einem sarkastischen Lächeln zu Leonora. »In Port Moresby brodelt die Gerüchteküche. Ich wette, daß man in der ›Gesellschaft‹ bereits genau weiß, was Sie eingekauft haben. Und jetzt kommen die Neugierigen aus ihren Löchern, die Sensationslüsternen, die Klatschweiber, die galanten Spinner, die Sprücheklopfer und Besserwisser, diese ganze Bande von Schmeißfliegen, die sich überall ankleben, wo sie Honig wittern. Spätestens morgen ist die Presse hier, und die macht eine Heldin aus Ihnen. Lieben Sie solchen Rummel?«

»Nein. Aber er könnte mir in diesem Falle nützlich sein.«

»Ich wüßte nicht, wie.«

»Vielleicht finden sich Interessierte, die an der Expedition teilnehmen wollen.«

»Verrückte gibt es überall.«

»Danke. Sie halten mich also für verrückt?«

»Das sage ich Ihnen unentwegt. Aber Sie hören ja nicht auf mich, Frau Doktor Patrik, Tropenärztin. Heiraten Sie, bekommen Sie Kinder, sehen Sie sich die ganze Welt an, aber flüchten Sie aus diesem Land Papua. Es wird Sie — das wiederhole ich immer wieder — auffressen!«

Nicht die Zeitungen meldeten sich von den Medien als erste, das Fernsehen war es, der TV-Sender von Port Moresby. Intendant Jeronie Hasselt war selbst am Telefon, als General Lambs den Hörer abhob.

»Hallo, Anthony«, rief er, als sei Lambs von einem anderen Stern zurückgekehrt. »Wie geht es Ihnen? Gesund wie immer, was? Stiefelwichse konserviert den ganzen Körper, was?« Er lachte dröhnend, Sir Anthony dachte: Idiot! und hörte geduldig weiter zu. »Wir haben uns lange nicht gesehen.«

»Und wohnen doch nur zehn Minuten voneinander entfernt.«

»Eine Schande, wahrhaftig unverzeihlich. Darum meine Frage: Wann sehen wir uns endlich wieder?«

»Jederzeit. Ich habe schon auf Ihr Filmteam gewartet.«

»Filmteam? Wieso, Anthony?«

»Jerome, Ihre Wiederentdeckung meiner Person ist doch keinem Gewissensbiß entsprungen! Sie wollen Leonora Patrik interviewen.«

»Leonora heißt sie also? Schöner Name. Und die Lady soll so schön sein wie ihr Name.«

»Noch schöner, Jerome.«

»Und sie will tatsächlich ins Hochland?«

»Ach! Das weiß man auch schon?« fragte Sir Anthony scheinheilig. »Es gibt hier doch eine Menge offener Ohren.«

»Sie hat es selbst überall erzählt. Da dröhnen natürlich die Buschtrommeln. Wann können wir kommen?«

»Morgen abend?«

»Einverstanden. Und — Garantie für ein Exklusivinterview.«

»Das kostet was, Jerome.«

»Anthony, wir sind doch Freunde …«

»Eine Expedition kostet Geld. Ihr könnt also dazu beitragen, indem ihr ein gutes Honorar bezahlt. Auf Dollarbasis. Überleg es dir, ruf wieder an, sonst kein Bildchen für deinen Sender!«

General Lambs legte auf, rieb sich die Hände und kehrte auf die Terrasse zurück. Leonora hatte sich auf einem Liegestuhl ausgestreckt und ließ sich von Butler Herbert mit einem Gin Tonic erfreuen. »Das Fernsehen kommt«, sagte Lambs und setzte sich auf einen Korbstuhl neben ihr. »In drei Tagen wird ganz Papua-Neuguinea von Ihnen sprechen. Ihre Expedition wird das Gespräch des Jahrzehnts sein.« Und mißlingen, dachte er dabei zufrieden. Spätestens in Kopago wird sie das Handtuch werfen, genau das, was alle von ihr im geheimen erwarten und ihr gönnen. »Was wissen Sie von Ihrem Vater?« fragte er und beugte sich zu Leonora vor.

»Eigentlich sehr wenig. Meine Mutter, eine Deutsche aus der Gegend von Stuttgart, starb, als ich zehn Jahre alt war, an Leukämie. Ich wuchs dann in Internaten auf und sah Vater praktisch nur in den Ferien. Und auch das nur tageweise. Er war immer unterwegs. Einmal mußte ich in den großen Ferien ihm bis Borneo nachfliegen. Dort wohnte ich in einem Camp, und Vater war tagelang im Urwald unterwegs, brachte kleine, nackte braune Menschen mit, die ihre Zähne spitz zugefeilt hatten, und sagte zu mir: ›Sieh sie dir an. Das sind echte Menschenfresser. Ich habe sie entdeckt.‹ Und dann gab es im Camp ein Trinkgelage, Affen wurden geschossen, und wenn sie aus dem Fell waren, sahen die Körper aus wie kleine Kinder. Dann mußten die Wilden uns zeigen, wie man bei ihnen das Fleisch zubereitet. Ich habe damals schrecklich geweint, weil es aussah, als fräßen sie tatsächlich gebratene Kinder. Er hat mich dann nie wieder zu einer seiner Forschungsreisen mitgenommen.« Sie schloß die Augen, als blicke sie jetzt nach innen und rufe die Erinnerung zurück. »Genaugenommen weiß ich wirklich wenig von meinem Vater. Als er vor zehn Jahren hier im Hochland verschwand, hatte ich ihn fast zwei Jahre nicht gesehen.«

»Das heißt ganz nüchtern: Seit zwölf Jahren haben Sie keinen Vater mehr, Leonora. Und trotzdem wollen Sie sich jetzt in dieses lebensgefährliche Abenteuer stürzen?«

»Nur, weil ich spüre, daß er noch lebt.«

»Unter den Kopfjägern? Ich wiederhole immer wieder: Das gibt es nicht! Das Flugzeug ist spurlos verschwunden, der Pilot — den Namen habe ich vergessen — ist nie wieder aufgetaucht, genau wie Ihr Vater.«

Sir Anthony wischte sich über die Augen und schüttelte den Kopf. »Aber warum sage ich das alles? Ich rede ja doch ins Leere. Sie werden Ihren Kopf durchsetzen.«

»Gut, wenn Sie das einsehen, Sir Anthony.« Leonora lachte, aber es klang etwas gepreßt. »Wir werden die Expedition bis in die kleinste Kleinigkeit vorbereiten. Ich habe viel Zeit mitgebracht, viel Zeit …«

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Der holländische Geologe Fred Kreijsman war ein langer, dürrer Mensch Ende der Dreißig, mit schon schütterem blonden Haar, einem schmalen Gesicht und merkwürdig stechenden graugrünen Augen. Auf den ersten Blick war er eine unsympathische Erscheinung, aber dieses Vorurteil legte sich, wenn er sprach. Seine Stimme war dunkel und weich, und was er sagte, war immer wohlüberlegt, logisch und eingebettet in großes Wissen.

Sir Anthony empfing ihn in seiner Bibliothek. Butler Herbert geleitete den Gast steif wie immer und mit deutlicher Kühle in den nach alter englischer Manier holzgetäfelten Raum und servierte sofort — auch das war Tradition — einen alten, trockenen Sherry, aus einer geschliffenen Kristallkaraffe natürlich.

»Der interne Nachrichtendienst klappt also«, sagte General Lambs, nachdem er Kreijsman mit Handschlag begrüßt hatte.

»Die ganze Stadt spricht schon darüber. Stimmt es, daß die Regierung die Genehmigung erteilt hat?«

»So ist es.«

»Erstaunlich. Mein Antrag läuft seit einem halben Jahr, und immer werde ich vertröstet.«

»Suchen Sie auch Ihren Vater?«

»Nein.« Kreijsmans Antwort war direkt. Er sah keinen Grund, sein Geheimnis zu verschweigen. »Diamanten.«

»Im Hochland?« Lambs sah den holländischen Geologen voller Zweifel an. »In Papua gibt es keine Diamanten. Sind Sie bei geologischen Studien auf dieses Vorkommen gestoßen? Das wäre eine Sensation.«

Kreijsman setzte sich in einen der verschlissenen Ledersessel der Bibliothek und wartete ab, bis Butler Herbert den Sherry serviert hatte und den Raum verließ. »Ich habe«, sagte er, »die alten Sagen der Papuas durchstudiert, so wie sie überliefert und von einigen Papua-Schriftstellern der Neuzeit wiedergegeben worden sind. Immer ist da die Rede von einem ›Glitzernden Berg‹, bei dessen Anblick man das Augenlicht verliert. In einer Sage ist die Rede von einer Höhle, deren Decke und Wände mit Sternen übersät sind und die von Dämonen bewacht wird. Das deutet alles auf ein Diamantenvorkommen hin, das man mit den Händen abbrechen kann wie einen Eiszapfen. Was ist der ›Glitzernde Berg‹? Gibt es wirklich im unerforschten Papua eine Diamantenmine ungeahnten Ausmaßes?«

»Die Papuas sind Meister im Umschreiben von Dingen, die einen Zauber auf sie ausüben. Ein ›Glitzernder Berg‹ kann auch ein vereister Berg sein.«

»Eine Eishöhle?«

»Warum nicht? Wir haben eine Menge Viertausender im Hochland. Den Mount Wilhelmina mit fast viertausendsiebenhundert Metern, den Mount Kubor und den Mount Giluwe mit über viertausend Metern. Da sind Eishöhlen ohne weiteres möglich. Muß ich das einem Geologen erzählen? Diamanten — nein!« Sir Anthony schüttelte den Kopf. »Das ist ein Hirngespinst wie die Hoffnung, Miss Leonoras Vater wiederzufinden.«

»Mag sein.« Kreijsman prostete Sir Anthony mit dem Sherryglas zu. »Aber mich reizt dieses Rätsel. Wenn Miss Patrik mich mitnimmt —«

»Bestimmt nimmt Leonora Sie mit«, antwortete Lambs etwas grob. »Sie sucht ja Verrückte.«

Kreijsman war weit davon entfernt, beleidigt zu sein. Er grinste, trank sein Glas leer und sprang auf, als Leonora die Bibliothek betrat. »Sie sind Miss Patrik, nicht wahr?« rief er überschwenglich. »Mein erster Blick sagt mir schon: Sie schaffen es!«

Es wurde ein Nachmittag mit viel Worten und noch mehr Plänen. Nachdem Kreijsman wieder gegangen war, lehnte sich Lambs in seinen Korbsessel auf der Terrasse zurück. »Es ist hochinteressant, Spinnern wie euch zuzuhören«, sagte er voll Sarkasmus. »Mit dem Mund habt ihr das Unbekannte bereits erobert. Ich sage Ihnen, Leonora: Es wird alles anders werden, als Sie planen. Und wenn Sie noch so viele Risiken einkalkulieren: Dort in den undurchdringlichen Urwäldern gibt es Probleme, die man nicht voraussehen kann, die man nach menschlichem Ermessen für unmöglich hält. Aber es gibt sie, denn dieses Land übertrifft jede Phantasie.«

Nach zehn Tagen intensiver Vorbereitung, der Aufstellung langer Listen, des Zusammentragens der Expeditionsausrüstung und des Kaufs von Fleisch in Dosen und von Fertiggerichten, vakuumverpackten Lebensmitteln und Kaffee und Tee, Trinkwasserfiltern und vor allem einer umfangreichen Medikamentensammlung für alle möglichen Krankheitsfälle — sogar eine Notoperationseinrichtung stellte Leonora zusammen, mit einem vollkommenen chirurgischen Besteck, bei dem nichts fehlte —, nach dem Kauf der vielen hundert Dinge, die man für nötig erachtete, sagte Sir Anthony eines Abends: »Es ist erhebend und geradezu überwältigend mitanzusehen, was man alles für eine Expedition braucht. Es kommt ein ganzer Güterwagen zusammen. Ich frage mich bloß: Wie wollt ihr das alles mitschleppen, wenn ihr euch Meter um Meter durch den Urwald schlagen müßt?«

»Wir werden ein Basislager einrichten, das man auf dem freigeschlagenen Weg schnell erreichen kann. Und dann rückt das Basislager immer weiter vor, von Woche zu Woche. Wir haben ja Zeit, Sir Anthony, wir sind von keiner Uhr mehr abhängig.«

»Und so gehen die Monate dahin, unwiederbringliche Monate, sinnlos vertan. Ich weiß nicht, warum ich Sie nicht einfach in den Keller sperre und allen sage, Sie seien plötzlich wieder abgereist. Hätten Angst bekommen vor den Schwierigkeiten, die Sie jetzt erst, hier vor Ort, erkannt haben. Jeder würde das glauben.«

»Wie lange, glauben Sie, leben Sie noch, Sir Anthony?« fragte Leonora. Ihr Lächeln war ehrlich und nicht gequält.

»Ich bin jetzt zweiundsiebzig.« Sir Anthony blickte in den Himmel. »Wenn Gott will, kann ich neunzig werden. Also noch achtzehn Jahre!«

»Sie wollen mich also achtzehn Jahre lang in Ihren Keller sperren?«

General Lambs starrte sie entgeistert an, lachte dann auch und beugte sich zu ihr hinüber. Er küßte sie auf die Stirn. »Ich gebe mich geschlagen, Leonora. Ein alter General muß wissen, wann er kapitulieren muß. Dennoch halte ich das alles für idiotisch.«

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Fred Kreijsman war nicht der einzige, der in Port Moresby aktiv wurde, als sich die Kunde von der genehmigten Expedition ins unbekannte zentrale Hochland verbreitete. Nacheinander meldeten sich verschiedene Bewerber, die sich dem Unternehmen anschließen wollten. Sir Anthony empfing sie alle, irgendwie fasziniert von diesen Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, bereit waren, ihr Leben wegzuwerfen.

Da erschien der Deutsch-Amerikaner John Hannibal Reißner, ein einunddreißigjähriger stämmiger Bursche mit einem schwarzen Lockenkopf und muskelbepackten Armen. Er nannte sich Fotograf, hatte auch eine Kamera um den Hals hängen und trug einen Leichtmetallkoffer mit Objektiven und anderem Kamerazubehör, aber Sir Anthony ahnte, daß dieses Köfferchen der einzige Besitz Reißners war. Schon eine zweite Hose wäre ein Luxus gewesen — die ausgebleichten, geflickten Jeans sahen nach Dauergebrauch aus.

John Hannibal Reißner kam ins Haus und begrüßte Sir Anthony wie einen alten Kumpel. Er lachte laut, klopfte ihm auf die Schulter, sagte: »Hallo, Tony!« und blickte Leonora zuerst auf die Brust und dann erst ins Gesicht. »Wenn Sie Referenzen verlangen«, rief er ohne Einleitung, »stelle ich Ihnen mein Dia-Archiv zur Verfügung: Afrika, Australien, Alaska, Nordindien, die Mongolei, Tibet und Feuerland, lauter Extremtouren. Jetzt fehlt mir nur noch Papua, um sagen zu können: Diese Welt ist verdammt schön und gefährlich zugleich. Schöne Lady, die Gefahr ist meine Geliebte. Mit mir machen Sie einen guten Fang.«

»Bei mir werden Sie kaum finden, was Sie suchen, John Hannibal.« Leonora musterte den stämmigen Kerl. Er hat die Muskeln, die nötig sind, wenn man sich mit der Machete durch den Dschungel schlagen muß, dachte sie. So einen braucht man immer. Kreijsman ist nicht der Typ, der nach großer Ausdauer aussieht. »Wir gehen mit Köpfchen vor, nicht allein mit Muskeln.«

»Wetten, Sie brauchen mich eher und öfter, als Sie jetzt glauben?«

»Und warum wollen Sie mit uns ins Unbekannte?«

»Eben weil es unbekannt ist. Und mit den Fotos von den letzten Steinzeitmenschen kann man eine Menge Dollars verdienen. Ein Bildbericht in ›Time-Life‹, und ich bin ein gemachter Mann! Ist das kein Grund?«

Leonora sagte Reißner die Mitnahme zu. »Was haben Sie zur Expedition beizutragen?« fragte sie aber vorher.

Sir Anthony war auf die Antwort sehr gespannt.

»Beitragen? Wieso?« Reißners verblüfftes Gesicht war von einer kindlichen Naivität.

»Wieviel Dollar?«

»Ich und Dollar? Sehe ich so aus?«

»Eben nicht. Darum frage ich ja.«

»Ich denke, Sie haben den ganzen Kram schon zusammengekauft?«

»Das habe ich. Man kann aber die Kosten trotzdem aufteilen.«

»Ich mache Ihnen einen Vorschlag, schöne Lady.« Reißner verströmte wieder seinen handfesten, rauhen Charme. »Ich stelle Ihnen meine Arbeitskraft zur Verfügung. Für jeden Meter Dschungelpfad, den ich Ihnen Freischlage, berechne ich zehn Dollar. Nein, werde nicht unverschämt, John Hannibal! Ich schlage Ihnen einen Freundschaftspreis von fünf Dollar vor. Das ist bares Kapital. Wenn wir am Ende die Meter zusammenzählen, bekomme ich noch etwas raus von meinem Anteil! Einverstanden?«

»Einverstanden!« Leonora erwiderte sein Lachen. »Verrechnen wir es so. Nur herausbekommen werden Sie nichts. Dafür dürfen Sie Fotos machen, so viel Sie wollen, ohne eine Honorarbeteiligung meinerseits.«

»Das ist eine knochenharte Lady!« sagte Reißner zu Sir Anthony. »Aber sie gefällt mir. Mit der ziehe ich sogar durch die Hölle und fotografiere den Teufel beim Kesselumrühren.«

»Dafür gefallen Sie mir nicht«, antwortete Sir Anthony. »Sie haben keine innere Bremse. Das ist bei einem solchen Unternehmen gefährlich.« Um weiteren Diskussionen auszuweichen, drehte er sich um und verließ das Zimmer.

Reißner blickte ihm betroffen nach. Er verstand nicht ganz, was der alte General meinte.

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Einen Tag später stellte sich Peter Paul Schmitz vor, ein schlaksiger Junge von dreiundzwanzig Jahren mit rötlichblonden Haaren, wachen blauen Augen und zartgliedrigen Händen. Seine Nase war übersät mit Sommersprossen, und wenn er sprach und man ihn dabei scharf ansah, knackte er mit den Fingern oder wippte auf den Zehen auf und ab.

»Sie sind also Medizinstudent«, sagte Leonora, nachdem Sir Anthony dem Jungen einen eisgekühlten Whisky hatte servieren lassen, den er tapfer trank und dann die Augen verdrehte.

»Ja.« Ein Wippen auf den Zehen und ein Knacken der Finger. »Ich bin Deutscher, Miss Patrik. Aus Köln. Schmitz, kölscher Adel. Ich bin für ein Jahr aus dem Studium ausgestiegen.« — »Sie wollen kein Arzt mehr werden?«

»Aber ja! Ich bin Mediziner aus Leidenschaft, wenn man es so ausdrücken darf. Ich habe mir nur gesagt: Pepau — so nennen mich meine Freunde, gebildet aus Peter und Paul —, wenn du einmal fertig bist, brauchst du Jahre, bevor du es dir leisten kannst, dir die weite Welt anzusehen. Vielleicht bist du dann schon ein alter Mann und humpelst rheumatisch durch Singapore oder Hongkong. Sieh dir die Welt an, solange du noch nichts am Hals hast, solange du jung bist und dahin gehen kannst, wo kein Ausflugsbus hinfährt und wo die Eingeborenen nicht eine halbe Stunde im Kostüm tanzen, dann zu ihren Autos gehen und wegfahren zu ihren Bungalows. Tja, und das habe ich gemacht. Mein alter Herr — so nennt man bei uns seinen Vater — hat seinen Segen dazu gegeben. Er ist auch Arzt, hat eine Praxis mit drei Assistenten und neun Sprechstundenhilfen und scheffelt Geld, hat aber nie Zeit. Das ist mir eine Warnung, Miss Patrik. Also bin ich los … Ein Vierteljahr in Ostafrika, zwei Monate in der Südsee, zwei Monate Japan, dort habe ich auf einem Luxusdampfer als Assistent des Schiffsarztes angeheuert und bin hier in Port Moresby wieder von Bord gegangen. Da hörte ich von Ihrer geplanten Expedition ins unbekannte Hochland und …«

»… und dachten sich: Das ist das Richtige für mich. Genau das fehlt mir noch! Ein Marsch in die Urzeit unserer Welt.«

»Genau so ist’s.«

»Und Sie glauben, ich nehme Sie mit?«

»Ich bin zäh, ich kann arbeiten, und als angehender Mediziner —«

»Ich bin selbst Ärztin, Mr. Schmitz.« Leonora gefiel der Junge. Er hat einen offenen Blick, ist ehrlich und voller Begeisterung. Aber er ahnt nicht, was ihn da draußen im Hochland erwartet. Hält er überhaupt die Belastungen aus? Wenn man seine zarten Hände betrachtet — die sollen eine Axt festhalten und einen Baum fällen können?

»Ich wäre Ihnen ein guter Assistent. Auf dem Schiff habe ich einige Erfahrungen gesammelt.«

»Ein Schiff ist kein Dschungel, Pepau.«

»Danke.«

»Wofür danke?«

»Daß Sie mich eben Pepau nannten. Das gibt mir Hoffnung.«

»Wenn ich Sie mitnehme, wird’s ein harter Job. Er kann tödlich werden.«

»Wenn Sie das auf sich nehmen, kann ich es auch.«

»Ich habe auch ein großes Ziel.«

»Sie wollen Ihren Vater suchen, ich weiß es.« Peter Paul Schmitz, war sehr ernst geworden. Sein Jungenlächeln verschwand, er sah plötzlich älter aus, energischer, selbstbewußt. »Ich möchte Ihnen dabei helfen. Ich glaube fest, daß ich Ihnen ab und zu nützlich sein kann und Ihnen kein Klotz am Bein bin.«

»Wenn Sie das wären, würde ich Sie nicht mitnehmen.«

»Das heißt also …« Er holte tief Atem. »Ich darf mit Ihnen?«

»Ja.«

»Ich danke Ihnen.« Er machte eine linkische Verbeugung und war wieder der große, noch nicht ganz erwachsene Junge. »Ich werde Sie nicht enttäuschen.«

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Wieder einen Tag später stellte sich Pater Lucius Delcorte vor. Er gehörte dem belgischen »Orden des Heiligen Opfers« an und trug eine bodenlange weiße Soutane. Sein von grauen Haaren umwucherter Kopf war rund wie eine Kugel, und seine Stimme war tief und klangvoll, als sei er ein Opernbaß. Wenn er sprach, klang es immer etwas pathetisch und hallend. Sir Anthony schätzte ihn auf etwa fünfzig Jahre, was genau zutraf.

»Sie werden sich wundern«, sagte Pater Lucius, als er wie alle anderen Besucher in einem der Korbsessel auf der Terrasse saß und von Butler Herbert mit einem Drink bedient wurde, »daß ich als Priester mich der geplanten Expedition anschließen möchte. Normal ist es ja, daß die jeweilige Mission ihre eigenen Expeditionen durchführt, in Zusammenarbeit mit Regierungstruppen oder Polizeieinheiten.«

»So ist es.« Sir Anthony nickte mehrmals. »Bisher sind Missionare auf eigene Faust losgezogen.«

»Unser ›Orden des Heiligen Opfers‹ ist eine noch kleine Gemeinde, die bisher nur zwei Urwaldkirchen gegründet hat und vier Missionsstationen betreibt, vor allem im Sepikgebiet. Wir sind eine im Verhältnis zu den anderen Missionen sehr arme Gemeinschaft, die von Spenden lebt. Als wir von der neuen Expedition ins unerforschte Hochland hörten, haben wir lange darüber gesprochen und beschlossen zu versuchen, mit dieser Expedition auch Gottes Wort in das unbekannte Land zu tragen. Man hat mich ausgewählt für diesen Versuch.« Pater Lucius hob die Hände und legte sie dann aneinander. »Das ist eigentlich alles sehr wenig und doch ungeheuer viel.«

»Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß die Expedition von Miss Patrik allein dem Zweck dient, ihren verschollenen Vater zu finden — oder das, was von ihm übriggeblieben ist. Sie werden wenig Gelegenheit haben, bei den Urzeitmenschen, auf die man stoßen wird, garantiert stoßen wird, Vorträge über Jesus zu halten.«

»Das klingt sehr spöttisch, Sir Anthony«, sagte Pater Lucius duldsam.

»Es ist nur die Wahrheit. Zum Missionieren braucht man Zeit und Geduld. Beides wird fehlen. Dafür wird es tausend Gefahren geben.«

»Und Gott wird seine Hand über uns halten.«

»Ich habe noch keinen Giftpfeil gesehen, der durch himmlische Fügung in eine verkehrte Richtung geflogen ist.«

»Sie sind ein Zweifler, Sir Anthony?«

»Ich bin ein Mensch, der allen Grund hat, nicht an den allwissenden Gott zu glauben. Aber darüber möchte ich nicht sprechen.« Sir Anthony winkte ab. »Überlassen wir die Entscheidung Miss Patrik! Wenn sie einen Priester mitnehmen will, ist das ihre Sache. Das wird überhaupt eine sehr bunte Gruppe, die da loszieht.« Er musterte den Pater, als habe er Zweifel, daß er wirklich ein Geistlicher sei und nicht vielmehr ein Abenteurer, der sich mit einer Soutane getarnt hatte. »Welchen Beitrag kann Ihr Orden zu der Expedition leisten?«

»Gottes Wort und Segen.«

»Das ist unbezahlbar, zugegeben. Aber Dollar wären uns lieber.«

»Wir stiften ein Tonbandgerät, eine Polaroidkamera und einen Zauberkasten.«

»Einen was?«

»Zauberkasten. Sie kennen doch so etwas, Sir Anthony. Eine Sammlung von kleinen Zauberkunststückchen. Außerdem bin ich ein guter Amateurzauberer.« Pater Lucius griff in seine Soutane, holte eine Münze hervor und zeigte sie dem General. »Sie haben eine Stimme, als hätten Sie einen Schnupfen. Das kommt aber nur davon, daß Ihre Nase verstopft ist. Ich werde sie freimachen.« Er berührte blitzschnell Sir Anthonys Nasenrücken und drückte ihn, und bei jedem Druck fiel eine Münze in Pater Lucius’ Handfläche. Es klirrte und klingelte. Nach der zehnten Münze hielt der Pater inne und hielt Lambs seine mit Münzen gefüllte Hand unter die Augen. »Ist das ein Wunder, Sir Anthony? Wenn Sie die Nase voller Geld haben, können Sie doch nicht frei atmen. Jetzt sprechen Sie nicht mehr, als hätten Sie einen Schnupfen.«

»Phänomenal!« Der General faßte an seine Nase und zog daran. »Machen Sie weiter, Pater, damit schließen wir unsere Finanzlücke.«

Sie lachten laut, und damit war eine Freundschaft geboren.

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Wieder zehn Tage später waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Das große Abenteuer konnte beginnen. Der Plan Sir Anthonys, die Expedition spätestens in Kopago enden zu lassen, war durch eine ganz einfache Handlung von Leonora Patrik verhindert worden: Sie hatte ein Privatflugzeug gechartert, eine alte, aber genügend große Maschine, die alle Expeditionsteilnehmer und auch das Gepäck aufnehmen konnte. Geflogen wurde sie von Donald Zynaker, einem amerikanischen Piloten, der seit neun Jahren über Papua-Neuguinea flog, einem typischen Buschpiloten, den nichts erschüttern konnte.

»Miss Patrik«, hatte Zynaker zu Leonora gesagt, als sie ihn und sein Flugzeug charterte, »ich kenne die Gegend, in die Sie wollen. Die Papuas nennen sie ›Tal ohne Sonne‹. In die engen Urwaldschluchten kommt kaum ein Sonnenstrahl, und wenn, dann beginnt das Tal zu dampfen, Nebel steigen hoch, nasses Schweigen deckt alles zu. Ich bin immer froh, wenn ich aus dieser Gegend weg bin oder sie nicht zu überfliegen brauche. Und wenn, dann in großer Höhe.«

»Wir aber müssen hinunter, Donald. Ins Tal hinein und dann mit Fallschirmen abspringen.«

»Ob das gelingt?« Zynaker kratzte sich die Nase. »Ich will’s versuchen.«

Zynaker war ein Typ, dem man aus dem Weg ging, wenn er einem begegnete. Die dicken buschigen Augenbrauen, die Boxernase, das Wiegen in den Schultern beim Gehen, die tellergroßen Hände und das kurzgestutzte dunkelbraune Haar ließen jeden darauf schließen, daß es angebracht sei, mit dieser Kampfmaschine nicht näher in Berührung zu kommen. Nur wer Zynaker besser kannte, wußte, daß der gute Donald zwar ein harter Bursche, sonst aber ein seelenguter Mensch war, ein Kerl, auf den man sich verlassen konnte, wenn man ihm einmal die Hand gedrückt hatte. Seine Ehe war in die Brüche gegangen in den Tagen, als seine erste Maschine, eine sechssitzige Piper, eine Bruchlandung im Sepikgebiet machte, er als vermißt galt, nach zwei Monaten wieder auf einer Mission auftauchte und, ohne Nachricht zu geben, nach Port Moresby zurückkehrte. Morgens um sechs schloß er seine Wohnung auf, tappte auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer und fand sein Bett mit einem blonden Jüngling besetzt. Mabel — das war Zynakers Frau — lag mit dem Kopf an des Blonden Schulter, beide schliefen selig, und natürlich waren beide auch nackt.

Zynaker tat darauf drei Dinge, die in ganz Port Moresby bekannt wurden und für wochenlange Unterhaltung sorgten: Er holte mit seinen Riesenhänden den blonden Jüngling und seine Mabel aus dem Bett, gab dem Liebhaber eine Ohrfeige, die ihn halb betäubte, schüttelte die kreischende Mabel wie einen Cocktailmixer, band die beiden Nackten mit Stricken zusammen, Vorderseite auf Vorderseite, so wie es für Liebende normal ist, trug das nackte Paket auf seiner Schulter hinaus zur Garage, warf sie in den Wagen und fuhr mit ihnen mitten in die Altstadt. Dort, auf dem Platz vor dem Papua-Jachtclub, holte er sie heraus, band die vor Entsetzen Stummen an eine Palme und fuhr dann zu seiner Wohnung zurück.

So etwas in Port Moresby! Die Zeitungen brachten Fotos der aneinandergefesselten Nackten, Magazine und Illustrierte — meist amerikanische druckten mit Wonne diese Fotos nach, das Fernsehen war diskreter und brachte nur Aufnahmen der verzweifelten Gesichter von Mabel und ihrem Liebhaber, und es ist wohl einmalig, daß man die gefesselten Nackten erst nach über einer Stunde von ihrem Elend befreite — bis man alle Fotos geschossen hatte. Erst dann alarmierte man die Polizei und einen Rettungswagen.

Zynaker hatte von da an nie wieder etwas von Mabel und dem blonden Jüngling gehört. Sie verschwanden, und man munkelte, sie seien nach Madang gezogen, wo Mabel eine Änderungsschneiderei aufgemacht habe.

Für Donald zahlte sich der Ruhm, ein rächender Ehemann zu sein, bestens aus. Er gab amerikanischen Magazinen Interviews, stellte sich als Busch- und Dschungelflieger dar, erzählte von haarsträubenden Abenteuern im unbekannten Papua und verdiente damit eine Menge Geld, das ausreichte, das neue Flugzeug anzuzahlen; den Rest finanzierte die Bank von Papua-Neuguinea und besaß damit eine große, unbezahlbare Reklame.

Sir Anthony sah mit Mißfallen, wie gut sich Zynaker mit Leonora unterhielt. Vor allem war ihm klar geworden, daß sie nun unabhängig von Flugzeugcharterfirmen war und man ihr in Kopago, der letzten Station vor dem Unbekannten, nicht sagen konnte: »Es gibt keinerlei Flugmöglichkeiten.«

»Nun sind wir eigentlich komplett«, sagte Leonora, als sich Zynaker nach dem Dinner verabschiedet hatte. »Wir sind sechs Teilnehmer, die Ausrüstung ist vollständig, wir haben ein Flugzeug, das die Verbindung zur Außenwelt aufrechterhält, Träger und Dolmetscher werden wir in Goroka oder Kopago bekommen. Die Suche nach James Patrik kann beginnen.«

Sir Anthony gab noch nicht auf. Er rief am nächsten Tag das Distriktshauptquartier in Kopago an und bekam einen Lieutenant namens Ric Wepper an den Apparat. In kurzen Worten wollte er die Absicht von Miss Patrik schildern, aber schon nach vier Sätzen unterbrach ihn Lieutenant Wepper: »Sir, ich bin unterrichtet. Das Ministerium hat uns alles mitgeteilt. Wir sollen die Expedition von Miss Patrik nach besten Kräften unterstützen.«

»Was heißt das?« bellte Lambs. »Sie machen den Blödsinn mit? Sie schließen sich an?«

»Nein. Wir helfen der Lady bis zum Abmarsch. Von uns wird sie keiner begleiten. Aber wir können sie beraten. Wir kennen das Gebiet aus der Luft und hören ab und zu, was sich da hinten alles tut. Kannibalen gibt es dort mit Sicherheit, aber an die kommt ja keiner ran.«

»Und Sie sehen mit treuherzigen Augen zu, wie Miss Patrik in einer Kochgrube landet?«

»Ich kann sie nicht zurückhalten.«

»Doch!« — »Nein. Sie hat eine Erlaubnis der Regierung.«

»Sie könnten zum Beispiel auf Ihrer Piste Startverbot geben.«

»Wer fliegt?«

»Donald Zynaker.«

»Ausgerechnet der tapfere Ehemann? Sir, den kann keiner von einem Verbot überzeugen, solange wir selbst fliegen.«

»Verhindern Sie Dolmetscher, Führer, Träger oder was weiß ich sonst. Du lieber Himmel, es wird doch nicht so schwer sein, eine Expedition zu sabotieren.«

»Das möchte ich nicht gehört haben, Sir«, antwortete Wepper steif. »Ich bin Offizier und kein Terrorist.«

»Sie sollen nur verhindern, daß dieser Wahnsinn stattfindet!« schrie Lambs ins Telefon. »Lieutenant, wenn Miss Patrik als Schrumpfkopf endet, haben Sie eine Mitschuld! Sie hätten es verhindern können. Denken Sie mal darüber nach.«

»Ich habe keinen Befehl dazu, Sir. Ich habe den Auftrag zu helfen, nicht zu verhindern.«

»Und Ihr gesunder Menschenverstand?«

»Haben Sie damals im Krieg, General, auch immer nur nach dem gesunden Menschenverstand gehandelt, oder haben Sie Befehle korrekt ausgeführt?«

»Das ist doch kein Vergleich.«

»Ich glaube doch, Sir. Damals waren Sie im Dienst, jetzt, in Pension, sehen Sie viele Dinge anders. Ich bin noch im Dienst und sehe die Dinge so, wie man es von mir verlangt.«

»Wenn Miss Patrik etwas passiert, empfinden Sie also keine Mitschuld?«

»Nein, durchaus nicht.«

Sir Anthony legte den Hörer auf. Ein sturer Militärhund, dachte er bitter. Was kann ich noch tun? Diesen Zynaker bestechen, daß er einen schweren Motorschaden an seinem Flugzeug vorgibt? Noch einmal mit dem Ministerium sprechen? Vielleicht war das ein Weg, der letzte, der überhaupt blieb.

Der Ministerialbeamte wunderte sich sehr, als General Lambs sich telefonisch meldete und ohne Einleitung sagte: »Können Sie die Genehmigung zu dieser Expedition nicht wieder zurücknehmen?«

»Ich sehe keinen Grund dazu.«

»Sie könnten anführen, daß man das Gebiet sofort sperren müsse, weil Flüchtlinge von blutigen Stammeskämpfen berichten.«

»Das ist aber nicht der Fall.«

»Die Wilden befinden sich immer im Kriegszustand und schlagen sich die Köpfe ab. Das weiß man doch. Man könnte sagen —«

»Sir, die Presse schreibt über Miss Patriks Expedition, im Rundfunk hat sie zwei Interviews gegeben, das Fernsehen hat darüber berichtet. Sollen wir uns blamieren mit der Rücknahme der Genehmigung? Außerdem waren Sie es doch, der die Genehmigung befürwortete.«

»Sie wissen genau, daß es nur geschah, um Miss Patrik hinzuhalten, bis wir unüberwindliche Widerstände aufgebaut hatten.«

»Das sieht man der Genehmigung nicht an, Sir. Auf eigene Gefahr — das entbindet uns von jeglicher Verantwortung. Können Sie sich vorstellen, welch einen Sturm es entfacht, wenn wir jetzt plötzlich nein sagen? Ich sehe keine Möglichkeit, Ihrem Wunsch nachzukommen.«

___________

Am Sonntag kamen alle Expeditionsteilnehmer im Haus von Sir Anthony zur letzten Besprechung zusammen. Das Fernsehen von Papua-Neuguinea war wieder dabei und filmte Butler Herbert, wie er mit starrer Miene, abgezirkelten Schritten und — trotz der schwülen Hitze — weißen Handschuhen auf der Terrasse Fruchtsäfte, Whisky und Gin Fizz servierte.

»Am Mittwoch, wie besprochen, fliegen wir mit der gesamten Ausrüstung erst nach Goroka«, sagte Leonora. »Fred, ist mit den Übernachtungen alles klar?«

»Wir wohnen im ›Goroka Lodge‹.« Kreijsman nickte. »Der Besitzer, ein Pieter van Dooren, ein Landsmann von mir, freut sich auf unseren Besuch.«

»Ich habe noch eine Maschinenpistole organisiert, mit zweitausend Schuß Munition.« Reißner blickte sich um, als erwarte er Beifall, aber Pater Lucius schüttelte den Kopf.

»Wir wollen die unbekannten Menschen aus ihrem Dunkel holen, aber nicht ausrotten. John Hannibal, wenn Sie das Mordsding wirklich mitbringen, bestehe ich darauf, daß Sie es mir aushändigen. Nur im Notfall gebe ich es dann heraus.«

»Bin ich ein Idiot?« knurrte Reißner.

»Nein, aber wer weiß jetzt schon, wie man reagiert, wenn die Papuas uns mit Geschrei, Pfeilen und Speeren empfangen? Auch Sie können dann die Nerven verlieren. Wir kommen als Boten des Friedens, der Nächstenliebe, so wie Jesus uns —«

»Warum muß ausgerechnet ein Priester dabeisein?« unterbrach ihn Reißner laut. »Sie singen noch von göttlicher Vergebung, wenn die Papuas Sie mit Pfeilen spicken.«

»Das wird ein fröhliches Unternehmen werden«, sagte Sir Anthony spöttisch. »Ihr seid noch nicht mal unterwegs, und schon geht der Krach los.«

»Sir Anthony hat recht.« Kreijsman schnitt damit eine Entgegnung Reißners ab. »Jeder von uns verfolgt bei dem Vordringen ins Unbekannte eigene Interessen. Aber wir haben uns, soll das Unternehmen gelingen, zu einer starken Einheit zusammenzuschließen und dem großen Ziel unterzuordnen.«

»Das ist doch selbstverständlich«, warf Schmitz ein. »Darüber braucht man doch nicht zu reden.«

»Miss Patrik ist die Leiterin der Expedition, und ihr Wort gilt. Seien wir uns darüber einig.« Kreijsman blickte Zustimmung heischend in die Runde. »Nur durch sie können wir unsere Wünsche realisieren.« Er sah Leonora mit einem langen Blick an und nickte ihr dann zu. »Die Suche nach Ihrem Vater hat natürlich Vorrang, wir alle wollen Ihnen dabei mit allen unseren Kräften helfen und Ihnen damit danken, daß Sie einen so bunten Haufen, wie wir es sind, mitgenommen haben.«

»Das war eine Predigt, wie sie der Pater nicht besser kann.« Sir Anthony klopfte Kreijsman auf die Schulter. »Es ist erstaunlich, wie vernünftig Verrückte reden können.«

Bis zum späten Abend blieben alle zusammen, tranken immer wieder auf das Gelingen der Expedition, gaben in der Bibliothek von Sir Anthony dem Fernsehen Interviews und verließen dann das Haus in heiterer Stimmung. Leonora winkte den abfahrenden Wagen nach, bis ihre Rücklichter hinter einer Kurve des absteigenden Weges erloschen.

Der General legte den Arm um Leonoras Schulter und ging mit ihr zurück zur Terrasse. »Wie fühlen Sie sich jetzt?« fragte er. »Wie ein Triumphator? Sie haben bis jetzt alles erreicht, was Sie sich vorgenommen haben. Ihr Herz muß doch im Glück schwimmen.«

»Nein.« Leonora setzte sich und senkte den Kopf. In diesem Augenblick sah sie schmal, wie zerbrechlich aus. »Ich habe Angst.«

»Angst?«

»Ja. Aber auch das geht vorüber, spätestens dann, wenn ich im Flugzeug nach Goroka sitze. Es ist die Angst, Sir Anthony, daß alles umsonst ist und sein wird.«

»Das weiß ich im voraus.« Sehr rauh und herzlos klang das, aber es war die Wahrheit.

Leonora blickte zu General Lambs empor. Die Traurigkeit in ihren Augen erschreckte ihn. »Noch ist es nicht zu spät«, sagte er und hatte das Gefühl, plötzlich eine Zunge aus Leder zu haben. »Noch können wir alles abblasen.«

»So war das nicht gemeint.« Sie atmete ein paarmal tief durch und richtete sich dann auf. »Es ist schon vorbei. Vergessen Sie, Sir Anthony, daß ich für eine kurze Zeit so etwas wie Schwachheit gezeigt habe. Das kommt auch bei euch Männern vor.«

___________

Zwei Tage später wurde das Flugzeug von Donald Zynaker beladen. Reißner und Pater Lucius, die dabei halfen, standen dann vor der vollgestopften Maschine, tranken Bier aus Flaschen und schwitzten aus allen Poren. Es war schwülheiß geworden, das typische Klima von Papua-Neuguinea, vierzig Grad Hitze bei fünfundneunzig Prozent Luftfeuchtigkeit. Wenn man nur den Arm hob, brach der Schweiß aus und lief den ganzen Körper hinunter.

»Die Kiste ist voll, Donald«, sagte Reißner und klopfte gegen die Verkleidung des Flugzeugs. »Jetzt noch wir sechs dazu — bekommst du da den Vogel überhaupt in die Luft?«

»Mit Beten ja. Wozu haben wir einen Priester an Bord?« Zynaker grinste breit. »Es reicht doch, wenn wir über die Berge, Flüsse und Sümpfe hüpfen. Ich frage mich überhaupt, wozu man so einen Berg von Ausrüstung braucht, wenn man durch den Urwald marschiert.«

»Das Basislager muß mit allem versorgt sein, da gebe ich Leonora recht.« Pater Lucius trank sein Bier aus und steckte die leere Flasche in seine Hosentasche. »Wir werden so schnell die Zivilisation nicht wiedersehen.«

»Wie lange wird es dauern?«

»Fragen Sie mich nicht, John Hannibal. Wenn wir die wilden Stämme erreicht haben, beginnt Gottes Arbeit, und da gibt es keine Zeit. Leonora hat sich auf ein halbes Jahr eingerichtet«, er hob zweifelnd die Schultern, »es kann aber auch kürzer oder länger dauern. Wer weiß das jetzt schon? Schon im ersten Dorf kann alles zu Ende sein.«

»Wenn unsere Köpfe präpariert werden, meinen Sie?« warf Reißner ein.

»Das glaube ich nicht. Wir werden zunächst als fremde weiße Götter zu den Steinzeitmenschen kommen. Erst wenn sie merken, daß wir auch Menschen sind, kann es gefährlich werden. Nein, ich denke, daß wir sehr schnell erfahren, was vor zehn Jahren geschehen ist — so etwas spricht sich von Stamm zu Stamm herum —, und daß es keine Spur mehr von James Patrik gibt. Auch keinen Schrumpfkopf. Dann hat die ganze Expedition keinen Sinn mehr.«

»Aber Sie bleiben dann bei den Papuas, Pater?« fragte Zynaker.

»Ja. Ich werde dort eine Kirche bauen.« Der Pater sah zur Seite auf Reißner. »Und Sie?«

»Ich werde, hoffe ich, ein paar fabelhafte Filme von den neuentdeckten Menschen drehen und eine Menge Fotos machen und damit in den USA und bei allen großen Illustrierten in aller Welt eine Menge Geld verdienen. Ich habe gestern mit ›Time-Life‹ telefoniert. Die Jungs sind ganz scharf auf diese Fotos. Und wenn du erst mal bei ›Time-Life‹ drin bist, steht dir die ganze Presse offen.« Reißner hatte sein Bier auch ausgetrunken und warf die leere Flasche auf die Wiese. Zynaker sah ihn strafend an, aber Reißner reagierte nicht darauf. »Was will eigentlich Kreijsman im Hochland?«

»Er ist Geologe.« Pater Lucius hob die Schultern. »Was weiß ich, was ein Geologe in einem unerforschten Land macht? Messungen, topographische Zeichnungen, Anlegen von Landkarten — eben das, was früher die Entdecker wie Kolumbus, Magellan oder Cook auch gemacht haben.«

»Braucht man dazu einen Motorhammer?«

»Hat er einen?«

»Ja. Vor vier Tagen kam er damit an. Ein Mordsding, betrieben mit einem Benzinmotor. Dazu ein ganzer Satz Stahlhämmer und eine Schleifmaschine, mit der man die stumpf gewordenen Schneiden wieder scharf macht. Allein schon sein Gepäck wird uns verdammt belasten.«

»Weiß das Leonora?«

»Keine Ahnung.« Reißner blickte in das vollgestopfte Flugzeug. »Ein Geologe mit einem Motorhammer ist nicht normal.«

»Vielleicht will er Bodenproben machen«, sagte Zynaker. »Steine aus den Bergen hämmern, um deren Alter zu bestimmen — das ist ja die ganz große Freude der Geologen — und später zu sagen: ›Dieser Stein hier ist zwanzig Millionen Jahre alt.‹ Das interessiert zwar keinen, aber die Erdforscher bekommen vor lauter Begeisterung fast einen Orgasmus.«

»Zynaker, Sie sind ein Ferkel!« Pater Lucius schüttelte mißbilligend den Kopf. »Forschung kommt jedem zugute.«

»Mich interessiert nur, daß die Propeller sich drehen und kein Flügel abbricht.«

»Kreijsman macht keine Erdbohrungen.« Reißner ließ nicht locker. »Da steckt mehr dahinter. Das riecht gewaltig nach Schatzgräberei.«

»In einem unerforschten Land?«

»Ich denke da an Sibirien. An die Taiga. Jahrhunderte hieß es: Da heulen nur die Wölfe. Da ist der Boden im Dauerfrost hart wie Fels. Da weinen die Füchse und beißen sich die Nerze vor Einsamkeit in den eigenen Schwanz. Und was ist jetzt? Erdgas und Erdöl hat man gefunden, Gold und Kupfer, Mangan und Uran und sogar Diamanten. Die Bodenschätze Sibiriens sind überhaupt nicht abzusehen und nur zu einem kleinen Teil abgebaut. Da liegt ein unfaßbarer Reichtum in der Erde. Warum sollte es in Papua anders sein? Kreijsman als Geologe muß da auf etwas gestoßen sein, wovon die Welt noch keine Ahnung hat.«

»Und zieht mit einem Motorhammer los … Verrückt!« Zynaker tippte sich an die Stirn. »Man kann Ölquellen nicht mit einem Einmeterhammer aufbohren.«

»Aber Goldadern. Diamanten. Andere Edelsteine.«

»Wenn’s so ist: Gratuliere, Fred Kreijsman!« sagte Zynaker. »Wir sind jetzt eine auf Leben und Tod verschworene Gemeinschaft.« Reißner kramte in seinen Taschen, zog eine zerknitterte und schweißfeuchte Zigarettenpackung hervor und steckte sich eine Zigarette an. »Die Expedition wird eine Gemeinschaftsarbeit werden, allein könnte bei allem Idealismus und allem Mut Leonora nie in die Wildnis vordringen. Wir alle, jeder von uns, ist auf den anderen angewiesen. Sie, Pater, wären allein nie in der Lage, Ihre neue Kirche bei den unbekannten Stämmen zu bauen, ich wäre ebenso hilflos, wenn ich allein loszöge, und auch Kreijsman kann seine Pläne nur verwirklichen, wenn wir alle mithelfen.«

»Und was soll das heißen?« fragte Pater Lucius naiv.

»Nichts anderes als das: Wenn Kreijsman wirklich Diamanten oder Gold oder sonst was findet, sollten wir alle daran beteiligt sein. Fünfzig Prozent für ihn, fünfzig Prozent aufgeteilt unter den übrigen. Das ist gerecht, nicht wahr?«

»Man müßte mal darüber sprechen.« Pater Lucius verabschiedete sich, stieg auf sein altes, zerbeultes Motorrad und preschte knatternd davon. Der Konflikt ist schon vorprogrammiert, dachte er, als er in die Stadt fuhr, in den Stadtteil Boroko, wo die Mission des »Ordens des Heiligen Opfers« ein kleines Haus mit einem Betsaal bezogen hatte. Die Spenden, die vom Mutterhaus in Gent in Belgien nach Port Moresby flossen, waren so karg, daß der Prior einmal sagte: »Wenn unsere Brüder, die Franziskaner, ein Bettelorden genannt werden, dann sind wir der erste und einzige Hungerorden.« Wenn es jetzt gelang, in dem unerforschten Gebiet des Hochlandes eine Kirche zu bauen und den Papuas das Wort Jesu zu verkündigen, wenn alle Welt von dieser Entdeckung sprach, würden auch die Spenden reichlicher fließen und der »Orden des Heiligen Opfers« allen bekannt sein. Wir sollten auf Reißner verzichten, dachte Pater Lucius weiter und ratterte über den Hubert Murray Highway nach Boroko hinein. Der Mann ist ein Abenteurer ohne Gewissen, eine Gefahr vielleicht, ein unberechenbarer Kerl, der die ganze Expedition in eine gefährliche Lage bringen kann. Die Sache mit Kreijsman stinkt — das kann der Anfang einer Katastrophe werden. Reißner wird nicht lockerlassen, und wenn Kreijsman wirklich findet, was er sucht, werden die Urinstinkte durchbrechen, die gegenseitige Zerfleischung. Da hilft auch das Kreuz nicht, das man dazwischenhält.

Pater Lucius kurvte in eine Seitenstraße ein und hätte bald eine Katze überfahren und einen Handkarren mit Fischen gerammt. Er riß sich zusammen, achtete mehr auf die Straße und ließ seine Hupe hören, um die auf der Straße spielenden Kinder zu verscheuchen. Ich muß mit Leonora darüber sprechen, nahm er sich vor. Was hindert sie, Reißner von der Expedition auszuschließen? Schließlich ist sie die Verantwortliche, ihr ganzes Vermögen steckt in dem Unternehmen. Was wir beitragen können, ist unsere Hilfe, unser Mut, unser Idealismus und unsere Tatkraft. Die Hauptlast trägt sie; wir sind eigentlich nur Parasiten, die sich bei ihr einnisten. Und Reißner — lieber Gott, paß auf uns auf! — ist der größte Parasit.

Im »Kloster« empfing ihn der Prior mit einer Nachricht aus Belgien. Sie waren hier in Port Moresby vier Patres, drei Laienbrüder und vier eingeborene Helfer, sie buken ihr Brot selbst, schlachteten Schweine und Lämmer, stellten Wurst und Schinken her, züchteten Blumen und verkauften alles auf dem Wochenmarkt am Fuße des Paga Hill. Am Sonntag wurde der Klingelbeutel von Hand zu Hand durch die Sitzreihen gereicht. In den Betsaal gingen nicht mehr als vierzig Gläubige hinein, und voll war er nie, meistens nur zur Hälfte besetzt. Wer kannte denn schon den kleinen Orden, der nicht einmal ein Harmonium oder ein Klavier, geschweige denn eine Orgel besaß. Pater Seraphin, ein knochiger Mann ohne Alter, begleitete die Gesänge und Psalmen auf einer alten, keuchenden und pfeifenden Ziehharmonika.

»Wir sind alle sehr fröhlich!« rief der Prior, als Pater Lucius von seinem Motorrad stieg und es in den Flur des Hauses schob. »Wir danken Gott aus ganzem Herzen, loben seine Güte und wollen dich umarmen, Bruder. Du hast mit deiner Idee, die Expedition mitzumachen, ein Tor aufgestoßen.«

»Was ist passiert?« fragte Pater Lucius vorsichtig.

»Das deutsche, belgische, holländische und französische Fernsehen haben den Bericht aus Port Moresby übernommen und ausgestrahlt. ›Zurück zur Urwelt‹, hieß die Sendung. Aus Gent kam ein Anruf vom Generaloberen: Von allen Seiten laufen Spenden ein.«

»In Gent!« Pater Lucius winkte ab, stellte das Motorrad an die Flurwand und legte einen Lappen unter, falls Öl auslaufen sollte. »Was sehen wir davon?«

»Eine Reihe bekannter Firmen will sich der Expedition anschließen und sie mitfinanzieren.«

»Ah! Ich ahne, welch eine Lawine da losgetreten worden ist. Man will die Expedition als Werbemittel für Produkte einsetzen.«

»Und das gibt Geld, Bruder.«

»Rechnen wir nicht damit! Rechnen wir um des Himmels willen nicht damit! Ich bin sicher, daß Miss Patrik jedes Angebot ablehnen wird.«

»Aber warum denn? Wer lehnt denn Geschenke ab?«

»Soll ich mit einem Schild auf der Brust und mit einem auf dem Rücken loslaufen? Vorn steht: ›Ich ziehe in die Steinzeit mit Butterkeksen von Slingfield‹, und auf dem Rücken steht: ›Bald werden auch die Papuas den Kaugummi von Wippineg kennen.‹«

»Man kann es diskreter machen, Bruder.« Der Prior schob die Hände in die weiten Ärmel seiner Kutte. »Der Abflug morgen wird natürlich im Fernsehen gezeigt werden. Ein paar Worte nur zur Ausrüstung — in Gent liegen fette Angebote vor. Überdenke es: Es kommt Geld in die Kasse.«

»Ohne Miss Patrik ist da gar nichts zu machen.«

»Sprich mit ihr, Lucius.«

»Heute noch?«

»Ja. Fahr sofort zurück zu ihr. Du wirst in der Ordensgeschichte einen Ehrenplatz bekommen. Du bist jetzt der einzige Magnet, der die Weltöffentlichkeit anzieht. Gott hat dich auserwählt.«

»Ich will sehen, was ich erreichen kann.« Pater Lucius schob sein klappriges Motorrad wieder hinaus auf die Straße. »Aber hegt keine großen Hoffnungen!«

»Wir werden für dich beten, Lucius. Halte dir immer vor Augen: Schon vier Markenartikelfinnen bescheren uns ein sorgloses Missionieren. Um Gottes Wort zu verbreiten, ist keine offene Hand eine Schande.«

___________

Leonora und General Lambs waren sehr erstaunt und warfen sich fragende Blicke zu, als Butler Herbert die Rückkehr von Pater Lucius meldete.

»Was hat er bloß?« fragte Sir Anthony. Es klang sehr besorgt. »Herbert, wie sieht er aus?«

»Wie immer, Sir. Einem Priester sieht man nie etwas an, sie gleichen sich der Umgebung an wie ein Chamäleon.« Der Butler verzog keine Miene, während er das sagte.

General Lambs lachte laut. »Er mag keine Pfaffen«, sagte er dann, »da seine Mutter mit einem anglikanischen Priester durchgebrannt ist und einen gebrochenen Ehemann und drei Kinder zurückgelassen hat. Sie ist nie wieder aufgetaucht.« Er nickte Herbert zu. »Lassen Sie Pater Lucius eintreten.«

»Sehr wohl, Sir.«

Pater Lucius war es sichtlich peinlich, noch einmal zurückgekommen zu sein. Man sah es ihm an, sein Hals war mit roten Flecken übersät, die er immer bekam, wenn er aufgeregt war. Der Aufforderung, sich in einen der Korbsessel zu setzen, kam er nicht nach, er blieb stehen und nagte an der Unterlippe. »Ich … ich hätte da noch eine Frage«, begann er zögernd, »die ich nicht in Gegenwart der anderen aussprechen konnte und wollte.«

»Irgendwelche Bedenken, die mit der Expedition zu tun haben?« fragte Leonora erstaunt.

»Ja. Das heißt …«

»Wo drückt der Schuh, Pater?« Sir Anthony goß ihm einen weißen Rum mit Orangensaft ein. »Suchen Sie keine höflichen Worte, sagen Sie es frei heraus.«

»Nun gut! Muß Mr. Reißner unbedingt dabeisein?«

»John Hannibal?« Leonora schüttelte verblüfft den Kopf. »Was haben Sie gegen ihn, Pater Lucius?«

»Er ist ein Abenteurer.«

»Das wissen wir. Das hat er uns lang und breit erzählt.«

»Er ist ein Mensch ohne Skrupel.«

»Das müßte erst bewiesen werden«, warf Sir Anthony ein. »Ein großes Mundwerk hat er, und einen Kursus für Benehmen hat er nie besucht, das stimmt alles. Aber er ist auch ein Kerl, den so schnell nichts umwirft. Urwalderfahren — er kann Miss Patrik bestimmt viel helfen.«

»Reißner fährt nur mit, um Geld aus der Expedition zu schlagen.«

»Wollen das — seien wir doch ehrlich! — nicht alle? Kreijsman sucht Diamanten, wo es keine Diamanten gibt, Zynaker fliegt nur, weil er dafür gute Dollars bekommt, Reißner will Fotos machen und Filme drehen und damit ins große Reportergeschäft kommen, Schmitz, der schwärmerische Junge, will die große Welt kennenlernen und wird vielleicht auch mal darüber schreiben, später, wenn er Arzt geworden ist, und Sie, Pater, ziehen mit, um im letzten Niemandsland unserer Erde Heiden zu bekehren, Gottes Wort zu verkünden und eine Kirche zu errichten. Außerdem wird es Ihrem armen Orden Geld einbringen. Jeder hat also seinen eigenen Vorteil im Auge. Was stört Sie da so an Reißner?«

Pater Lucius trank mit bebender Hand sein Glas Rum mit Orangensaft. Er umklammerte es so fest, daß man meinen konnte, er halte sich an dem Glas fest. »Auf meinen Orden komme ich noch zu sprechen.« Er stellte das Glas ab und wischte sich mit der Hand über die schwitzende Stirn. Es war ein schwüler Abend, wie sie in Papua-Neuguinea häufig sind. »Reißner hat natürlich herausgefunden, was Kreijsman in das unbekannte Land treibt. Er ist der Ansicht, daß — da wir alle eine Gemeinschaft sind und ohne uns auch Kreijsman nicht zu seinem Ziel kommen würde — Kreijsman von seinem Gewinn die Hälfte behält und die andere Hälfte unter den übrigen aufteilt. Damit ist das Drama schon geschrieben.«

»Hat Reißner das Ihnen selbst gesagt?« fragte Leonora betroffen.

»Ja. Ganz deutlich.«

»Das kommt natürlich überhaupt nicht in Frage!«

»Ich glaube nicht, daß Sie ihm das ausreden können.« Pater Lucius räusperte sich. Was er jetzt zu sagen hatte, klang verdammt nach einem billigen Kriminalroman. Aber oft ist die Wirklichkeit erschreckender als die trivialste Phantasie. »Ich traue Reißner ohne weiteres zu, Unfälle oder sonst was zu inszenieren, um schließlich die fünfzig Prozent von Kreijsman allein zu kassieren.«

»Du lieber Himmel! Sie trauen ihm Morde zu?« rief Sir Anthony entsetzt.

»Ja.«

»Das sagen Sie als Priester?«

»Ich kann Morde nicht verhindern, ich kann die Toten nur segnen — wenn ich nicht der erste bin auf seiner Liste.«

»So weit denken Sie bereits?« Leonora war aus ihrem Sessel aufgesprungen und lief unruhig auf der Terrasse hin und her. »Das sind doch Hirngespinste!«

»Sie haben seine Augen nicht gesehen, als er seinen Plan vortrug. Das sind Wolfsaugen, kalt, ausdruckslos, unergründlich, starr. Jeder Mensch hat lebende Augen, ein Stück seiner Seele spiegelt sich in ihnen — Reißner hat tote Augen, in denen keine Regung mehr liegt. Haben Sie das noch nicht bemerkt?«

»Nein. Ehrlich gesagt, ich habe ihm noch nie so tief in die Augen geschaut.«

»Das sollten Sie aber.« Pater Lucius leerte sein Glas; er spürte den Rum ein wenig im Kopf und fühlte sich nicht mehr so gehemmt. »Nun zu meinem Orden! Der möchte auch mitmachen.«

»Aber das tut er doch durch Sie.« Sir Anthony schüttelte den Kopf. »Soll noch ein Pater mitziehen?«

»Nein. Wir sollen bei Foto-, Film- und Video-Aufnahmen einige Markenartikelfirmen in den Vordergrund stellen. Zum Beispiel die Hersteller der Konserven, die wir mitnehmen. Oder den Hersteller der Zelte und Schlafsäcke. Wer hat das Schlauchboot geliefert? Wenn es im Fernsehen gezeigt wird, weiß es jeder.«

»Die Expedition von Miss Patrik als wandernde Reklametafel!« Sir Anthony war sichtbar empört. »Und deswegen kommen Sie noch einmal zurück? Warum werden Sie nicht glutrot vor Scham?«

»Ich schäme mich ja.« Pater Lucius hob beide Hände, als wolle er um Entschuldigung bitten. »Aber wenn mein Prior wünscht, daß ich mit Ihnen, Miss Patrik, spreche — Gehorsam ist eine Säule meines Ordens. Die Angebote der Firmen, die genannt werden möchten, sind verlockend und könnten unserer Mission sehr helfen. Bedenken Sie, daß wir mit dem Geld neue Christen erziehen könnten.«

»Das wäre ein Grund, sofort abzulehnen«, sagte Sir Anthony sarkastisch. »Warum wenden sich die Firmen nicht direkt an uns?«

»Der Orden hat über die kommende Mission ein Fernsehinterview gegeben, und das ist auch in Europa und den USA gesendet worden. So kamen alle Anfragen zu uns.«

»Wenn es den Patres hilft, sollten wir nicht nein sagen, Sir Anthony«, sagte Leonora und nickte Pater Lucius zu. »Nachdenklich macht mich, was Sie von Reißner berichten.«

»Sie sollten ihn nicht mitnehmen.«

»Ich kann ihn doch nicht einen Tag vor dem Abflug von der Expedition ausschließen! Wie soll ich das denn begründen? Ich kann doch nicht sagen: Ihre Wolfsaugen gefallen mir nicht. Oder: Pater Lucius hat mir von Ihren Planen erzählt. Er wird behaupten, daß das nur ein Scherz gewesen sei. Wer kann ihm das Gegenteil beweisen?«

»Wenn Kreijsman wirklich Diamanten entdeckt, kann es dramatisch werden. Dann bestimmt Reißner, was mit uns geschieht.«

»Wir werden uns wehren, Pater.«

»Womit denn? Sie haben ja gehört: Er hat eine Maschinenpistole organisiert. Schon das wäre Anlaß genug, ihn nicht mitzunehmen. Wir kommen in Frieden, nicht als Eroberer.«

»Die große Frage ist, ob die Papuas das auch so sehen.« Sir Anthony blickte hinaus in den Garten mit seinen Blütenbüschen, Fächerpalmen und Riesenfarnen. Er schwieg, schien an etwas Entferntes zu denken und zuckte mit den Wangenmuskeln. »Dieses Land und diese Menschen wird man nie begreifen. Jahrhunderte, Jahrtausende trennen uns von ihnen.«

»Wenn Reißner mitkommt, nehmen wir eine Bombe mit!« sagte Pater Lucius ziemlich dramatisch.

»Was will er denn? Wir werden, wenn es so kommt, wie Sie befürchten, alle gegen ihn sein. Er steht allein da.«

»Und er ist stärker als wir alle zusammen. Das ist es, Miss Patrik. Davor habe ich — ehrlich gesagt — große Angst.«

»Ich kann jetzt nichts mehr ändern, Pater.« Leonora hob die Schultern zu einem auch sichtbaren Bedauern. »Wir können nur abwarten und die Augen offenhalten — und uns wehren. Nicht nur Reißner kann gut schießen, ich kann es auch. Das habe ich beim Überlebenstraining gelernt.«

»Eine fabelhaft harmonische Expedition bei solchen Voraussetzungen!« sagte Sir Anthony spöttisch. »Es wäre doch praktischer — schon wegen der vorhandenen Spitäler —, sich gleich hier die Köpfe einzuschlagen. Dazu braucht man doch keine unerforschten Gebiete.«

»Ich glaube, wir sind alle ein wenig nervös, wenn wir an morgen denken.« Leonora versuchte ein Lachen, das aber kläglich mißlang. »Reisefieber … Das ist alles vorbei, wenn wir in Goroka landen. Sie werden sehen, Pater, dann sind wir alle wieder normal. Und Ihrem Prior sagen Sie, daß wir gern den Orden unterstützen und die Schleichwerbung mitmachen.«

»Sie sind fabelhaft, Miss Patrik!« Pater Lucius mußte sich zurückhalten, sonst hätte er sie umarmt und vielleicht sogar geküßt. »Wenn wir eine richtige Kirche bauen können, dann ist das mit Ihr Werk. Gott wird Sie dafür segnen.«

»Auf den letzteren würde ich mich nicht so absolut verlassen«, sagte Sir Anthony, als Pater Lucius aufstand, um auf seinem knatternden Motorrad nach Port Moresby zurückzufahren. »Wenn Er seine Gnade über alle ausschüttete, hingen nicht Dutzende von Missionaren als Schrumpfköpfe über der Hüttentür oder am Gürtel eines Wilden. Wenn ihr euch nicht selbst helft, hilft euch da draußen keiner.«

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Der nächste Tag wurde zu einem Ereignis, an dem über TV nicht nur ganz Port Moresby, sondern auch Papua-Neuguinea, alle umliegenden Inseln und sogar Neuseeland teilnahmen. Teams von ausländischen TV-Stationen wie aus Australien, den USA und sogar aus Deutschland belagerten schon Stunden vorher den Flugplatz von Port Moresby und die Maschine von Donald Zynaker. Der Prior des Klosters des »Ordens des Heiligen Opfers« war mit zwei Patres erschienen und ließ nach einer Liste, die er sich immer unter die Augen hielt, Kartons oder Kisten von Firmen, die für die unauffällige Werbung gute Dollars bereitgestellt hatten, vor dem Flugzeug aufbauen. Trotz der Kürze der Zeit waren es immerhin sechs Hersteller, die anständige sechstausend Dollar in die Klosterkasse scheffelten. Für den kleinen Orden war es ein Vermögen.

Pater Lucius erschien auf dem Flugplatz, im Meßgewand und flankiert von zwei Meßdienern, von denen einer das Kreuz und der andere den Weihrauchkessel trug. Er verzog gequält das Gesicht, als er die Kisten und Kartons erblickte.

Zynaker überprüfte in der Kanzel noch einmal alle Instrumente. Interviews für das TV lehnte er ab. »Was ist schon zu sagen?« ließ er sich hören. »Wir fliegen in ein unbekanntes Gebiet — na und?«

»Und Sie glauben, den verschollenen Dr. Patrik zu finden?«

»Fragen Sie Miss Patrik danach, nicht mich.«

»Aber Sie fliegen doch die Expedition. Warum?«

»Weil ich gutes Geld dafür bekomme — nur deshalb. Wenn Ihre TV-Gesellschaft hunderttausend Dollar bietet, fliege ich Sie auch auf den Mond!«

Die Reporter lachten, ließen aber Zynaker von da an in Ruhe. Um so größer wurde das Gedränge, als Leonora mit den anderen Expeditionsteilnehmern in zwei Wagen vorfuhr und neben dem Flugzeug ausstieg. Die Musikkapelle des »Christlichen Vereins junger Männer«, die der Prior engagiert hatte, spielte einen flotten Marsch.

General Lambs hatte sich überwunden und war gekommen, um den vollkommenen Blödsinn zu verabschieden. Sein Butler begleitete ihn und hielt einen großen Sonnenschirm über den Kopf des Generals. Eine brütende Hitze lag über der Stadt. Das Hinterland schien zu verdampfen.

Pater Lucius trat an einen kleinen Tisch, den Zynaker neben dem Einstieg des Flugzeugs aufgestellt hatte, griff in eine lederne Reisetasche, holte ein Kruzifix, einen Hostienbehälter und einen Weihwasserwedel hervor und legte sich dann eine Stola über die Schultern. Dann blickte er zu der Kapelle hinüber und nickte. Die jungen Männer intonierten einen Choral, und plötzlich wurde es sehr feierlich auf diesem abgelegenen Teil des staubigen Flugfeldes. Vor dem kleinen Tisch, der nun zum Altar geworden war, standen Leonora, Kreijsman, Reißner, Schmitz und Zynaker und hatten die Hände gefaltet.

»Muß das sein?« flüsterte Reißner zu Kreijsman hinüber. »Das ist doch ein verdammtes Theater!«

»Das kommt mir vor wie ein Feldgottesdienst, damals im Krieg.« Sir Anthony zog das Kinn an. »Da waren auch Priester, die segneten die jungen Soldaten, bevor man sie ins Sterben schickte, und sie segneten die Bomben unter den Flugzeugen und weihten die Kanonen, die tausendfachen Tod über die Menschen brachten. Lassen Sie die Hände gefaltet, Reißner. Auch für Sie wird jetzt gebetet, denn die Hölle liegt vor Ihnen.«

»Wir stehen vor einer großen Prüfung«, erhob Pater Lucius seine Stimme, »einer Prüfung, die wir auf uns genommen haben, weil die Liebe zu einem Menschen stärker sein soll als alle Gefahren, die uns umlauern werden.«

»Das klingt gut«, zischte Reißner und blickte Sir Anthony grinsend an. »Wie so ein Priester doch alles elegant hinbiegt! Den meisten von uns geht’s um Geld.«

»Mehr denn je werden wir auf Gottes Hilfe und seine Allmacht vertrauen müssen, werden wir Kraft aus unserem Glauben brauchen in der Urwelt, in die wir eintauchen werden. Lasset uns beten! Herr im Himmel, beschütze unser Werk, blicke auf uns hernieder und gib uns den Mut, die nächsten Monate durchzustehen. Segne unseren Marsch ins Ungewisse und laß es mit Deiner Güte geschehen, daß wir finden werden, was wir suchen.«

»Diamanten«, flüsterte Reißner und verzog das Gesicht.

»Herr, verlaß uns nicht. Wir geben uns in Deine Hand.« Pater Lucius hatte mit großer Ergriffenheit gesprochen. Jetzt drehte er sich um, hob die Arme und segnete das Flugzeug. Dabei schloß er die Augen, um nicht zu sehen, daß er gleichzeitig auch die Kisten der Konservenfabrik Pitts & Co. segnete, die genau vor ihm und voll im Bild der TV-Kameras standen, die diesen Segen natürlich in Großaufnahme filmten.

»Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes«, sagte Pater Lucius mit belegter Stimme, »segne ich dich und wünsche dir den ersehnten Erfolg. Amen.«

Er drehte sich wieder um, warf einen langen Blick auf die Reihe der Menschen vor sich, packte das Kruzifix und die anderen Geräte in die lederne Reisetasche, trat an die Flugzeugtür und warf die Tasche ins Innere. Ohne sich noch einmal umzusehen, stieg er ein und verschwand hinter den runden Fenstern.

Zynaker und der Prior luden die Kisten und Pakete mit den Reklameaufschriften schnell ein. Die TV-Kameras schwenkten auf Leonora, und die Reporter redeten auf sie ein.

»Haben Sie Hoffnung, Ihren Vater zu finden?«

»Nach zehn Jahren — ist das nicht eine Utopie?«

»Was machen Sie, wenn Sie seinen Schrumpfkopf finden?«

»Haben Sie keine Angst, von Kopfjägern überfallen zu werden?«

»Auf alle Fragen kann ich nur antworten: Wenn wir die Hoffnung nicht hätten, wäre das Leben ohne Sinn.« Leonora lächelte in die surrenden Kameras. In ihrem Khakianzug sah sie bezaubernd aus, mehr wie eine reiche Globetrotterin als wie ein Mensch, der weiß, daß er sein Leben verlieren kann. »Drückt mir alle die Daumen, ich hab’s nötig.«

Noch einmal umarmten sich Sir Anthony und Leonora, dann riß sie sich los und stieg schnell ins Flugzeug. Die anderen folgten, winkten noch einmal in die Kameras, und Zynaker zog als letzter die Tür zu. Die Propeller begannen zu kreisen, die beiden Motoren donnerten und heulten auf, langsam begann das Flugzeug sich zu bewegen und rollte auf die Startbahn zu. Dort gab Zynaker Vollgas, die Motoren dröhnten, wie mit einem Sprung schnellte die Maschine vor, raste über die Piste und erhob sich nach einer kurzen Anlaufstrecke.

Als das Flugzeug in einem ziemlich steilen Winkel in den heißen blauen Himmel stieß, wischte sich Sir Anthony über die Augen, senkte den Kopf und wandte sich ab, als wolle er das Entschwinden der Maschine nicht mehr sehen.

Der Butler sprach diszipliniert aus, was der alte General dachte: »Ob wir sie wiedersehen, Sir?«

»Nein.«

»Wir sollten daran glauben, Sir.«

»Da hilft kein Glauben, Herbert.« Sir Anthony wandte sich ab und ging mit langsamen Schritten zu seinem Wagen. Der Butler folgte ihm, den Sonnenschirm über den Kopf des Generals haltend. »Von da, wo sie hinwollen, käme selbst ein Bataillon nicht mehr zurück.«

Im flimmernden Blau des Himmels verschwand das Flugzeug als kleiner, sich auflösender Punkt.

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Pieter van Dooren hatte seinen Beruf von der Pike auf gelernt. Als Kochlehrling in Rotterdam, getrieben von den Ohrfeigen des Chefkochs, dem nichts recht zu machen war, hatte er angefangen, wurde dann Saucier und später Sous-Chef in Vlissingen, besuchte nach der Meisterprüfung einen Lehrgang auf der Hotelfachschule in Haarlem, übernahm die Leitung eines kleinen Kurhotels bei Noordwijk aan Zee, wechselte in die Schweiz, wo er stellvertretender Hoteldirektor in Montreux wurde, um schließlich einen Ruf nach Singapore anzunehmen, wo er das Hotel »Shari Dong« leitete. Eine kontinuierliche steile Karriere, die in Singapore ihren Höchststand erreicht hatte. Mehr als das »Shari Dong« konnte man nicht bekommen. Vielleicht noch das »Mandarin« in Hongkong oder das »Shangri-La« in Singapore oder das »Ritz« in Paris, aber so hoch dachte Pieter van Dooren nicht. Für ihn war der Gipfel erstiegen.

Um so mehr staunte jeder, der ihn kannte, daß er mit zweiundvierzig Jahren das herrliche »Shari Dong« verließ, den erklommenen Gipfel wieder hinunterstieg, nach Papua-Neuguinea auswanderte und dort, im unwirtlichen, wilden östlichen Hochland, in der Stadt Goroka das Hotel »Goroka Lodge« übernahm. Man munkelte, die unglückliche Liebe zu einer wunderschönen Singapore-Chinesin, die leider verheiratet war, habe Pieter van Dooren zu diesem verrückten Entschluß getrieben, aber wenn ihm schon Singapore verleidet war, warum dann ausgerechnet Papua-Neuguinea und nicht Hongkong, Bangkok, Manila oder Tokio, wo man europäische Hoteldirektoren sehr schätzte und mit offenen Armen aufnahm? Goroka, du lieber Himmel, das war eine Verbannung in Hitze, neunzigprozentige Luftfeuchtigkeit, unter fünfundzwanzigtausend typischen Papuas mit Federhüten, durchbohrten Nasenflügeln und Wildschweinhauern als Schmuck, weil man Schrumpfköpfe verboten hatte. Und es war auch die Heimat der geheimnisvollen ‘Lehmmenschen’, jener Eingeborenen, die ihren Körper mit weißem Lehm beschmierten und riesige, wild aussehende Köpfe aus Lehm über sich stülpten, um damit ihre Feinde zu erschrecken, die an fremde Götter glauben mußten, wenn die Gestalten auf sie zuschlichen und unter schaurigen Schreien gestikulierten. Hier im Hochland prallten Urkultur und Neuzeit aufeinander und verschmolzen sogar. Die Papuas fielen nicht mehr aufs Gesicht, wenn auf dem Flugplatz von Goroka die donnernden Riesenvögel vom Himmel sanken, sondern sie standen hinter dem hohen Drahtzaun und starrten auf die Weißen, die aus dem Leib der Vögel quollen und sofort zu fotografieren begannen. Der Tourismus hatte Goroka entdeckt, und die Papuas hatten das Geld entdeckt. Sie bildeten Tanzgruppen und führten in ihren alten, prächtig-bunten Federgewändern Kriegstänze und Götterbeschwörungen auf. Das reichlich fließende Geld erlaubte es ihnen nach und nach, aus ihren Dörfern mit Allradbussen japanischer Herkunft zu den Vorstellungen zu fahren.

Pieter van Dooren sprach mit niemandem über diesen verrückten Übergang vom Luxus in die Steinzeit. Sein »Goroka Lodge« wurde zum führenden Hotel der ganzen Provinz, es stand nie leer, weil die Air Niugini, die Fluggesellschaft von Papua-Neuguinea, laufend Touristen, vor allem Amerikaner, in das Hochland flog, und wenn in Port Moresby die großen Kreuzfahrtschiffe aus aller Welt ankerten, karrten die Flugzeuge dreihundert oder gar vierhundert Passagiere zu einem Tagesausflug nach Goroka, wo sie mit leichtem Erschauern die Tänze der »Wilden«, das Anschleichen der Lehmmenschen und ein grandioses kaltes Buffet im Garten des Hotels genossen. Pieter van Dooren hatte eine Goldgrube aufgemacht, um den Preis, am Ende der Zivilisation zu leben.

An diesem heißen Mittag stand nun van Dooren auf der Piste des Flugplatzes Goroka und rauchte einen langen schwarzen Zigarillo. Neben ihm lehnte der Flugplatzkommandant an der Mauer und kaute auf einem Fruchtgummi herum. Es roch nach Orange.

»Ich bin gespannt, wie die Verrückten aussehen«, sagte der Kommandant. »Das Bild in der Zeitung — die Lady muß eine Schönheit sein. Pieter, Sie haben doch eine Sammlung von grauslichen Dingen der Eingeborenen. Die sollten Sie ihr mal zeigen. Wenn sie in Ohnmacht fällt, gibt sie den Plan vielleicht doch noch auf.«

»Ich glaube nicht, daß sie sich von gegerbten Menschenhäuten, Trinkgefäßen aus Hirnschalen und getrockneten, aufgespannten Penissen beeindrucken läßt. Was General Lambs nicht geschafft hat, das kriege auch ich nicht hin. Frauen haben einen massiveren Dickkopf als Männer, das ist bekannt.« Van Dooren schwieg und streckte die rechte Hand aus. »Da kommen sie. Zynaker mit seiner alten Mühle. Daß er einen solchen Blödsinn mitmacht, das hätte ich nie gedacht. Wenn einer weiß, worauf sie sich da einlassen, dann ist es Donald.«

»Dann sollte man ihn überreden, Pieter.« Der Flugplatzkommandant spuckte seinen Kaugummi aus. »So einen kleinen Defekt an der Maschine kann man leicht konstruieren.«

»Dann chartert sich die Lady eine andere Maschine.«

»Von wem denn?«

»Es gibt in Madang noch so einen verrückten Flieger wie Zynaker. Einen Franzosen. Ich wette, daß die Lady längst von seiner Existenz weiß. Sehen Sie sich das an!« Van Dooren hob beide Hände in den Himmel. »Er schwebt herein wie zu einem Tiefangriff. Er stürzt auf uns zu. Ich sage ja, Zynaker gehört zu den Kerlen, die überhaupt keinen Respekt vor dem Leben haben — vor dem Tod schon gar nicht.«

Das Flugzeug kam ziemlich steil herunter, richtete sich aber vor der Landepiste wieder auf und schwebte über das Rollfeld. Weich setzte es auf und rollte dann aus. Auf einer Zubringerpiste verließ es die Startbahn.

»Fliegen kann er!« sagte der Kommandant anerkennend.

»Das hat er als Dschungelflieger in Vietnam gelernt.« Van Dooren beobachtete das Flugzeug, das jetzt in den hinteren Teil des Flugplatzes rollte und vor ein paar Lagerschuppen zum Stehen kam. »Gehen wir der Lady entgegen.«

Die Begrüßung war herzlich, so als kenne man sich schon seit Jahren. Van Dooren, der Leonora bisher nur von den Pressefotos kannte, war von ihrer Erscheinung fasziniert und betroffen zugleich. Der Gedanke, daß sie in den »Tälern ohne Sonne« für immer verschollen bleiben könnte, ließ sein Herz plötzlich schwer schlagen.

Reißner, wie immer alle übertönend, zeigte lachend auf die Papuas, die hinter dem Drahtzaun standen und zu ihnen herüberstarrten. »Genau so habe ich mir das vorgestellt: ein Haufen bekleideter Affen. In Australien laufen die Nigger genau so rum.«

»Wer ist denn das?« fragte van Dooren und sah fast erschrocken Leonora an.

»John Hannibal Reißner, ein Fotograf.«

»Der gehört auch zur Expedition?«

»Ja.«

»Mit dem werden Sie noch Spaß bekommen, tödlichen Spaß, Miss Patrik. Mit dieser Einstellung zu den Papuas redet er sich um den Kopf. Glauben Sie nicht, das seien dumme Wilde! Sie haben ein ungemein ausgeprägtes Feingefühl. Wenn es verletzt wird, bestimmen die Urinstinkte alle Handlungen. Das sollten Sie sich als Goldene Regel merken: Beleidigen Sie nie einen Papua — seiner Rache würden Sie nie entgehen.«

Mit einem Kleinbus fuhren sie zur Homate Street, wo in einem weiten, gepflegten Park mit Eukalyptusbäumen und großen Begonienbüschen das Hotel lag, ein weißer, langgestreckter, einstöckiger Bau im Stil der Kolonialzeit, mit Säulen, verglaster Terrasse, kurzgehaltenem englischen Rasen und einem halbrunden gläsernen Speisesaal. In einem Anbau befand sich die Wohnung von Pieter van Dooren. Von seiner Terrasse ging der Blick weit über das Land bis zum Zokizoi River und einer Ansiedlung mehrerer Papua-Familien. Langgezogene, wie auf Pfählen stehende Holzhäuser, strohgedeckt und mit buntbemalten, hochgezogenen spitzen Giebeln.

Nach dem Essen, bei dem sie von zwei weiß gekleideten Papuas bedient wurden, machten sich Reißner, Kreijsman und Pater Lucius auf, die Stadt Goroka und vor allem den Eingeborenenmarkt an der Kundiawa Road zu besichtigen. Zynaker kehrte zum Flugplatz zurück, um das Flugzeug nicht allein zu lassen und aufzutanken. Peter Paul Schmitz ließ sich mit einem Taxi zur Morchhauser Street fahren, um das McCarthy-Museum zu besuchen. Leonora und van Dooren blieben auf der Terrasse zurück und ließen sich einen starken Kaffee und Gebäck servieren.

»Sie haben bei General Lambs gewohnt?« fragte van Dooren, nachdem Leonora das schöne Hotel und den prächtigen Park gelobt hatte. »Er muß Sie für verrückt halten.«

»Das tut er.«

»Er haßt dieses Land.«

»Den Eindruck hatte ich nicht. Es schien, als fühle er sich wohl in Port Moresby.«

»Er fühlt sich wohl in seinem Haß — das ist es. Kennen Sie seine Geschichte?«

»Nein. Er sprach wenig, ja gar nicht über sich selbst.«

»Es ist über dreißig Jahre her.« Van Dooren hielt Leonora eine Schachtel Zigaretten hin. Sie schüttelte den Kopf, aber van Dooren nahm sich eine heraus und zündete sie an. »Damals machte seine Frau, Lady Mary, einen Ausflug auf dem Sepik. Sie waren eine Gruppe von sieben Personen, die Lady, ein Captain der Armee, zwei Korporale, der Motorbootführer und zwei Botaniker aus Neuseeland. Sie wollten von Ambunti bis Angoram fahren, durch die riesigen Sumpfgebiete der Ostprovinz und vor allem in das Pflanzenparadies des Lake Chambri, ein Dorado für Botaniker. Lady Mary war nämlich selbst eine große Botanikerin — irgendeine seltene Dschungelpflanze, die sie entdeckt hat, trägt ihren Namen Mary Lambs. Es war eine völlig ungefährliche Tour. Gerade an diesem Teil des Sepik reiht sich Dorf um Dorf an den Fluß, liegen Missionen, Polizeistationen und Sammelstellen von Händlern. Bei dem Dorf Suapmeri verließ das Boot den Sepik und fuhr auf einem Nebenarm zum Lake Chambri, wollte ihn durchqueren und bei dem Dorf Wombun für zwei Tage ein Lager beziehen. Das war keine Seltenheit, und weil der Ausflug so ungefährlich war, hatte Oberstleutnant Lambs — damals war er noch nicht General — seine Einwilligung gegeben. Von Suapmeri empfing die Garnison in Madang, wo Lambs damals das Kommando hatte, noch einen fröhlichen Funkspruch, in dem Lady Mary sagte, wie wundervoll hier die Landschaft sei, aber von da an verliert sich jede Spur. Das Boot mit den sieben Personen ist nie in Wombun angekommen. Lambs ließ mit seinem Militär das ganze Gebiet durchsuchen, ich glaube, nicht einen Meter des Lake Chambri ließ er unerforscht, immer und immer wieder verhörten die Soldaten die Eingeborenen und bekamen immer die gleiche Antwort: ›Wir haben nichts gesehen. Wir wissen nichts.‹ Keine Trümmer des Bootes, kein Kleiderfetzen wurde gefunden. Die kleine Gruppe hatte sich im Nichts aufgelöst. Da so etwas aber nicht möglich ist, schickte Lambs eine Strafexpedition aus. Sie brannte ein Dorf der Papuas nieder und drohte, alle Dörfer rund um den Lake Chambri zu verbrennen, wenn niemand die Wahrheit sagte — umsonst. Je mehr sie drohte, um so schweigsamer wurden die Papuas, um so starrer ihre Gesichter. Nach dem Niederbrennen des Dorfes war alles aus — die Papuas hätte man in Stücke schneiden können, und sie hätten dennoch geschwiegen.« Van Dooren atmete tief auf und goß sich noch eine Tasse Kaffee ein. »Das war vor dreißig Jahren. Man wollte Lambs versetzen — er weigerte sich. Im Gegenteil, er baute sich in Port Moresby das Haus, das Sie kennen, und blieb in Papua-Neuguinea, um nie seinen Haß zu verlieren und ihn zu pflegen wie einen kostbaren Gegenstand. Die Erinnerung an seine Frau wurde zu einer Wurzel, die ihn festhält.« Van Dooren sah Leonora nachdenklich an. »Und nun kommt eine Frau daher in der wahnsinnigen Absicht, in die ›Täler ohne Sonne‹ zu fliegen und dort ihren verschollenen Vater zu suchen. Ahnen Sie, was in Lambs’ Innerem vor sich gegangen ist? Er sieht in Ihrem Plan eine Wiederholung der damaligen Tragödie.«

»Ich werde nicht spurlos verschwinden, Pieter.« Leonora blickte über das Land und die Siedlung der Papuas. »Ich komme zurück, mit meinem Vater oder mit seinem Kopf.« Sie sagte es so betont und siegessicher, daß van Dooren darauf verzichtete, noch weiter über dieses Thema zu sprechen.

Am Abend meldete sich ein junger, fast schwarzhäutiger, krummbeiniger Papua, der seinem Namen alle Ehre machte, denn als 1526 die Portugiesen dieses Land entdeckten, nannten sie es ‘Ilha das papuas’, was so viel heißt wie »Insel der Krausköpfigen«.

Der Eingeborene prallte zunächst mit dem Portier des Hotels zusammen, einem Zweimeterbrocken, der auf den Kleinen hinabsah wie auf eine Maus.

»Du willst Masta sprechen?« schrie der Riese den Zwerg an. »Ein Käfer will Masta über die Hose krabbeln?«

Sie redeten miteinander in der Goroka-Sprache der »Lehmmenschen« aus dem Asaro-Tal, einer der siebenhundert verschiedenen Sprachen, die nicht Dialekte sind, sondern eigene Papua-Sprachen, so verschieden wie Französisch und Polnisch.

»Was soll ich mit seiner Hose?« schrie der Kleine zurück. »Ich habe etwas Wichtiges zu sagen. Man wird mich gebrauchen können.«

»Es gibt keine Arbeit mehr bei uns! Alles vergeben.«

»Sie werden dich später mit Stöcken schlagen, wenn du mich wegtreibst!«

»Zuerst bekommst du Prügel.«

»Es geht um die Fremden.«

»Wir haben hier nur Fremde.«

»Die mit dem Flugzeug gekommen sind.«

»Fast alle Fremden kommen mit dem Flugzeug.«

»Die, von denen man sagt, sie wollen ins Hochland.«

»Woher weißt du das, du Wurm?«

»Wenn einer es erfahren hat, weiß es bald jeder. Es ist wirklich wichtig. Laß mich zu Masta.«

Es war eine Glücksminute für den Kleinen, daß gerade in diesem Augenblick Pieter van Dooren durch die Eingangshalle ging, beim Anblick des mit einer ausgefransten kurzen Hose und einem zerschlissenen, ehemals hellblauen Hemd bekleideten Papuas stehen blieb und das »Laß mich zu Masta« hörte. »Was will er?« fragte er.

Der riesige Portier wedelte mit beiden Händen. Der Kleine zog den Kopf zwischen die schmächtigen Schultern.

»Ein Frosch bläst sich auf, Masta!«

Van Dooren ging auf den krummbeinigen Eingeborenen zu und musterte ihn erstaunt. »Warum wolltest du mit mir sprechen?« fragte er.

»Ich bin ein guter Spurensucher.« Der kleine Papua drehte die Hände nach oben, als wolle er um ein bißchen Essen betteln. »Ich kann neun Sprachen, ich habe sie auf der Missionsstation gelernt, ich bin geboren bei Kopago, im Dorf Hauwindi, der Pater Jakob hat mich mitgenommen nach Goroka, nun bin ich hier, aber ich kenne die Flüsse und die Berge, wohin die Fremden wollen, und ich spreche die Sprachen der Lagaip- und Ufei-Leute.«

»Das ist interessant.« Van Dooren wies mit dem Kopf nach hinten. »Komm mit. Vielleicht kann man dich wirklich gebrauchen.«

Der Kleine streckte sich, wölbte die Brust vor, warf einen Blick voll abgrundtiefer Verachtung auf den Portier und folgte dem »Masta« mit langen Schritten. Daß er zuvor mit aller Wucht gegen das rechte Schienbein des Riesen trat, war sicher nur eine Ungeschicklichkeit.

In einem kleinen Salon waren alle Expeditionsteilnehmer versammelt und tranken einen ausgezeichneten australischen Wein, als van Dooren mit dem kleinen Papua hereinkam. Während van Dooren zu dem großen runden Tisch trat, blieb der Papua an der Tür stehen und faltete die Hände, wie er es auf der Mission gelernt hatte.

Reißner rief fröhlich: »Wen haben Sie denn da, Pieter? Soll das Lockenköpfchen das Nachtgebet sprechen? ›Ich bin ein kleiner Papua und ruf von fern und auch von nah: Wenn Väterchen auch Köpfe schnitt, ich bin ein Christ und bete mit.‹«

»Finden Sie das witzig?« fragte Pater Lucius sauer. Er stand auf, hob das Kreuz, das vor seiner Brust an einer goldenen Kette baumelte, in der rechten Hand hoch und trat einen Schritt auf den Papua zu. »Wie heißt du?«

»Samuel, Masta.«

»Du bist getauft?«

»Ja.«

»Ich bin Pater Lucius.«

»Gott segne Sie, Vater.« Der Kleine schlug schnell ein Kreuz und faltete dann wieder die Hände. Seine schwarzen Augen glänzten. Für einen Papua aus dem Hochland hatte er einen schönen Kopf, ebenmäßige Gesichtszüge, schmale Lippen und nicht die breite klobige Nase, durch die sich seine Stammesgenossen Wildschweinzähne, schmale Knochen, Eisenstifte oder Federkiele bohrten. Auch er schien sich in frühen Jahren so geschmückt zu haben; seine Nasenlöcher zeigten noch die Narben der Durchbohrungen. Aber seitdem er ein Christ geworden war und auf den Missionsstationen gelebt hatte, den Namen Samuel trug und keine Sorgen um seinen Lebensunterhalt kannte, wurde er zu einem der zivilisierten Papuas in einer Welt, die er nur zur Hälfte verstand. »Ich kann euch helfen«, sagte er und versuchte dabei ein vertrauenerweckendes Lächeln.

»Er gibt an, neun Sprachen zu sprechen«, erklärte van Dooren. »Er kennt die Stämme der Hewa, Duna und Enga.«

»Ich bin ein Duna«, sagte Samuel stolz. »Ich kann euch hinführen, wohin ihr wollt.«

»Das ist ja fabelhaft!« Kreijsman war begeistert. »Ein einheimischer Führer, das ist genau, was wir noch brauchten. Da tappen wir nicht wie blinde Hühner durch die Gegend. Samuel, kennst du die Wälder und Täler zwischen dem Lagaip River und dem Pori River?«

»Da ist noch kein Mensch gewesen, Masta.«

»Aber dort leben Menschen?«

»Ich weiß es nicht. Keiner weiß das. Nur böse Geister gibt es da, das weiß man. Sie fassen die Menschen an, und dann werden sie zu Luft. Als Nebel fliegen sie in den Himmel.«

»Das sagst du als Christ, der Jesus kennt?« sagte Pater Lucius tadelnd. »Es gibt keine Geister, Samuel, keine bösen und keine guten. Es gibt nur den einzigen Gott.«

»Ich habe gehört, daß auch Jesus zu Luft wurde und in den Himmel schwebte.«

»Der Junge ist in Ordnung!« Reißner lachte laut. »Er gibt’s Ihnen gehörig, Pater! Den nehmen wir, nicht wahr, Miss Patrik?«

»Komm einmal her, Samuel.« Leonora winkte dem Papua zu.

Der Krummbeinige trat zögernd vor und blieb vor Leonora stehen. Seine unter den Brauenwülsten liegenden Augen flehten sie an. Nimm mich, hieß dieser Blick. Ich will dich hinführen in das wilde, unbekannte, geisterbewohnte Land. Und ich will meine Sippe wiedersehen, in Hauwindi bei den Yuma-Bergen, ein kleines Dorf, nur meine Sippe wohnt da, eine große Familie, siebenundfünfzig sind es, und ich bin der einzige Getaufte. Ich wollte mehr sehen als unsere Felder, unser Vieh, den Wald, die Flüsse zwischen den Bergen, die Pfahlhütten mit den Palmstrohdächern und den Wänden aus geflochtenen Matten. Darum bin ich mitgegangen mit dem Pater Missionar, damals vor neun Jahren. Ich war fünfzehn Jahre alt, hatte die Mutprobe der Krieger überstanden, hatte meinen Federhut, meine Lanze und die Bambuspfeile mit dem Bogen und der Tiersehne, und vor meiner bemalten Brust hing wie ein Schild das Schulterblatt eines Ebers, und seine Zähne staken in meinen Nasenlöchern. Ich war der beste Spurensucher meiner Sippe, ein guter Jäger, und als die Sippe der Kelebo uns überfiel und drei Mädchen raubte, habe ich sie über Berge und durch Täler, durch Flüsse und Dschungel verfolgt und vier von ihnen getötet. Ihre Köpfe konnte ich nicht abschneiden und mitnehmen, das hat der Distriktskommandant verboten; aber ich habe ihnen die Schwänze abgeschnitten und an meinen Gürtel gehängt. Ja, ich war ein großer Krieger, und trotzdem bin ich weggegangen von meiner Sippe, um etwas mehr von der Welt zu sehen. Nun bin ich hier in Goroka in der Mission und habe Sehnsucht nach meiner Sippe. Nimm mich mit, große Massa, ich bin der beste Spurenleser. Du kannst mich brauchen.

»Du hast keine Angst, in die ›Täler ohne Sonne‹ zu ziehen?«

»Keine Angst, Massa.« Samuel reckte sich, als wolle er seine Muskeln zeigen. »Ich bin ein großer Krieger.«

»So sieht er zwar nicht aus«, sagte Reißner und schüttelte den Kopf, »aber ich glaube, der Junge weiß genau, wovon er spricht. Was meinen Sie, Miss Patrik?«

»Kannst du so einfach weg von der Mission?« fragte Leonora und lächelte Samuel ermunternd zu. Es war wie eine halbe Zusage. »Was werden die Patres sagen?«

»Ich habe ihnen neun Jahre treu gedient, Massa. Nicht einen Tag Urlaub, wie die weißen Männer sagen, wenn sie plötzlich verschwunden sind und lange wegbleiben. Ich werde jetzt auch Urlaub machen.«

»Ich sag’s ja«, rief Reißner wieder und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Der Junge ist clever. Wir sollten ihn mitnehmen, er könnte sehr wertvoll sein.«

»Ich werde mit meinen Glaubensbrüdern sprechen.« Pater Lucius erhob sich von seinem Stuhl. »Sofort. Sie werden uns Samuel sicherlich mitgeben. Nach Plan fliegen wir übermorgen weiter nach Kopago zum Distriktshauptquartier. Sie nehmen Samuel mit, nicht wahr, Leonora?«

»Ja. Es wird sich zeigen, ob er wirklich das hält, was er uns verspricht, oder ob er nur umsonst zu seiner Sippe zurückkehren will.« Sie nickte Samuel zu, der sie mit glänzenden Augen anstarrte. »Ich will es mit dir versuchen — du kommst mit uns.«

»Danke, Massa.« Samuel machte eine tiefe Verbeugung. »Danke.« Dann sah er Pater Lucius an, machte eine Art Luftsprung, rief laut: »Halleluja!« und rannte aus dem Zimmer. Pater Lucius folgte ihm.

»Ich glaube, da haben Sie einen guten Fang gemacht, Miss Patrik«, sagte van Dooren. Er sagte es sehr ernst. »So ein Eingeborener kann eine Art Lebensversicherung sein.«

Nach zwei Stunden kam Pater Lucius wieder ins »Goroka Lodge« zurück. Samuel folgte ihm, einen Sack aus Zeltstoff über dem Rücken. Er enthielt seine ganze Habe: einen Anzug für den sonntäglichen Gottesdienst in der Kirche, etwas Unterwäsche, ein Paar derbe Lederschuhe mit dicken Sohlen, zwei alte Hemden, eine kurze, ausgefranste Hose aus Khakistoff, ein beidseitig geschliffenes Messer mit einem geschnitzten Holzgriff, ein Foto der Mission von Goroka, worauf man Samuel im Ornat eines Meßdieners sehen konnte, drei Heiligenbildchen mit frommen Sprüchen, ein Kruzifix aus silbergefärbtem Kunststoff, zwei Stirnbänder, mit bunten Perlen bestickt, und aus vergangener Zeit einen Buschen Paradiesvogelfedern und das Brustschild aus dem Eberschulterblatt. Das war das Wertvollste seines Gepäcks; wenn er nach Hauwindi zurückkehrte oder mit den Weißen in das unbekannte Land der »Täler ohne Sonne« zog, zeigte das Brustschild jedem, daß er ein großer Krieger war und keine Furcht kannte. Seine triumphale Beute, die vier abgeschnittenen Schwänze der Kelebo-Krieger, hatte man ihm auf der Missionsstation sofort abgenommen und am gleichen Tag noch verbrannt. Fast zehn Tage lang trauerte Samuel ihnen nach, dann erst war er bereit, sich von Jesus und der brüderlichen Liebe zu allen Menschen erzählen zu lassen. Wer aber Jesus wirklich war, hatte er bis heute noch nicht ganz begriffen. Die Hauptsache war, er lebte in einem schönen festen Haus und hatte immer zu essen und zu trinken, ohne stundenlang auf die Jagd gehen zu müssen.

»Alles klar!« sagte Pater Lucius und legte den Arm um Samuels Schulter. »Er bringt die besten Empfehlungen mit. Ein braver, fleißiger Bursche — sogar die lateinische Messe kann er auswendig.«

In der Nacht aber geschah etwas Merkwürdiges. Der riesige Portier wachte von dem unangenehmen Gefühl auf, jemand kratze ganz leicht über seine Brust. Er hob den Kopf, sah zunächst nichts, griff zur Seite, knipste das Licht an und lag dann regungslos, wie erstarrt auf dem Rücken. Er spürte, wie kalter Schweiß ihm plötzlich aus allen Poren drang, wie ein inneres Zittern ihn ergriff, wie sein Hals gewürgt wurde und seine Lungen nach Luft rangen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf seine breite, schwitzende Brust. Dort bewegte sich träge, oft anhaltend und den Gliederschwanz hochreckend, ein großer Skorpion und kroch langsam zu seinem Hals hinauf.

Der Riese hielt den Atem an, das Hämmern des Blutes in seinem Kopf betäubte ihn fast, die Angst verkrampfte seine Hände und Zehen, er starrte den Tod an, den noch hochgehobenen Giftstachel und wußte, daß er bei der geringsten Bewegung nach unten stieß, in ihn eindrang und das Gift in seinen Körper spritzte.

Der Skorpion kroch langsam weiter, am Hals entlang, über die rechte Schulter und ließ sich dann auf den Boden fallen. Mit einem dumpfen Schrei sprang der Portier von seinem Bett, rannte ins Zimmer, ergriff einen Kerzenleuchter aus dickem Messing — auf dem Markt von Mount Hagen hatte er ihn vor Jahren gekauft —, stürzte zurück zum Bett, sah den großen Skorpion über die Holzdiele kriechen und schlug zu, immer und immer wieder, auch als der Skorpion nur noch eine unförmige, zermalmte Masse war, und er hörte erst auf, als der Leuchter in der Mitte durchbrach.

Nein, es gibt keinen Grund anzunehmen, Samuel habe seine Hand im Spiel gehabt. Wie kann man einem Meßdiener so etwas zutrauen?

3

Lieutenant Ric Wepper kapitulierte: Gegen eine Frau wie Leonora Patrik kam er nicht an.

Seit Wochen bedrängte ihn General Lambs telefonisch mit der dringenden Bitte, die Expedition ins unbekannte Hochland zu verhindern. Jeder Trick war dazu gut genug, ja, sogar Sabotage an dem Flugzeug von Zynaker hatte der General vorgeschlagen … »Stoppen Sie den Wahnsinn!« hatte Sir Anthony immer wieder gerufen. »Sie sind die letzte Station, Wepper! Unternehmen Sie etwas! Als District Commander müssen Sie sich etwas einfallen lassen! Oder wollen Sie offenen Auges zusehen, wie Miss Patrik das gleiche Schicksal erleidet wir ihr Vater vor über zehn Jahren?«

Nun war Zynaker mit seiner alten Mühle gelandet, die Expedition wohnte in einem Seitengebäude der Polizeistation, Kreijsman lief schon, entnervt von vierzig Grad Hitze und achtundneunzig Prozent Luftfeuchtigkeit, wie ein mit Leim eingeschmierter Mensch, an dem alles kleben bleibt, herum, und Peter Paul Schmitz, der junge Medizinstudent, lag in einer Wanne mit kaltem Wasser und beneidete die kaltblütigen Fische. Richtig wohl fühlte sich eigentlich nur Samuel. Er hatte seine zivilisierte Kleidung weitgehend abgelegt, trug jetzt einen Lendenschurz aus Bast- und Lederstreifen und das Eberschulterblatt auf der nackten Brust. Er trug auch keine Schuhe mehr, sondern ging barfuß herum, was ihm sehr zu schaffen machte, denn wer neun Jahre lang in Schuhen herumgelaufen war, dessen Fußsohlen hatten die dicke Hornschicht verloren, die bei den Eingeborenen die Schuhsohle ersetzte und sie gegen alles schützte, gegen Dornen und Käfer, Splitter und messerscharfes Gras. Am ersten Tag schon mußte er aus seinen verweichlichten Füßen Dornen und Splitter herauspulen, und Schmitz klebte ihm unter beide Fußsohlen dicke, große Pflaster. Samuel betrachtete sie mit düsterer Miene und empfand es als eine Entehrung seines Kriegertums.

Noch einmal wurde die gesamte Ausrüstung durchgesehen und nach Vorschlägen von Lieutenant Wepper ergänzt. Man packte noch Hängematten aus unverwüstlichen Lianen ein und nahm zusätzlich zehn Plastikkanister mit Frischwasser und eine Motorkettensäge mit drei Ersatzketten und zwei Schwertern an Bord des Flugzeugs.

»Die werden Sie im Urwald gut brauchen«, hatte Wepper gesagt. »Das Monstrum, das Sie da rumschleppen, eignet sich für den Hausbau und dicke Stämme, aber wenn Sie Brennholz für das Lager brauchen, ist so eine kleine Säge besser als zehn Äxte. Denken Sie daran … Sie werden sich einen Weg durch die Wildnis schlagen müssen. Da steht vor Ihnen eine riesige grüne Wand, eine lebende Wand, durch die Sie hindurch müssen. Und sie ist nicht ein paar Meter dick, sondern Hunderte von Kilometern. Bergauf, bergab, durch Schluchten und überwucherte Felsen, durch Täler, in denen der feuchte Nebel liegt wie ein klebriges Tuch. Es weiß ja keiner, wie es dort aussieht — vom Flugzeug aus ist es eine dicke grüne Masse, nur durchschnitten von Flußläufen.«

Am zweiten Abend auf der Station zog sich Leonora zurück und blätterte in den Distriktsberichten, die Lieutenant Wepper ihr aus dem Archiv gegeben hatte. Sie glichen einer abenteuerlichen Erzählung von der Kolonisation eines Steinzeitlandes. Leonora blätterte zehn Jahre zurück und suchte die Eintragungen, die sich mit Dr. James Patrik befaßten.

Im Berichtsbuch war unter dem Datum 10. Februar notiert worden: »Ankunft von Mr. James Patrik. Amerikanischer Geologe. Will versuchen, in das unerforschte nördliche Hochland vorzudringen. Hat sich das Flugzeug von Steward Grant gechartert, um zunächst aus der Luft das Gebiet zu besichtigen. Von unserer Seite aus ist Mr. Patrik gewarnt worden. Er ist über die Gefahren eindringlich unterrichtet worden. Mr. Patrik wohnt im Gästehaus. Er will in den nächsten Tagen seine Ausrüstung ergänzen.«

Und einige Tage später, am 17 Februar, schrieb der Berichterstatter mit einem deutlichen Ton von Sorge: »Mr. Patrik ist nicht von seinem Plan abzuhalten. Auch die Patres der nahen Missionsstation von Kopago haben mit ihren Warnungen kein Glück. Drei ihrer Missionare sind mitsamt neun eingeborenen Trägern im Gebiet der ›Täler ohne Sonne‹ vor zwei Jahren verschollen. Flugaufnahmen dieses Gebietes zeigen keinerlei Hinweise auf menschliche Siedlungen, was nicht bedeutet, daß es unbewohnt ist. Mr. Patrik ist entschlossen, zusammen mit dem Piloten Grant dieses Land zu erkunden. Wir haben keine Möglichkeit, ihn von diesem Vorhaben abzuhalten.«

Und dann, am 10. April, die letzte Eintragung in das Berichtsbuch: »Mr. Patrik und Mr. Grant sind im Gebiet des Lagaip River und des Ufei River verschollen. Eine Suchexpedition aus der Luft entdeckte keine Flugzeugtrümmer oder irgendwelche Spuren. Es muß damit gerechnet werden, daß Mr. Patrik und Mr. Grant das gleiche Schicksal ereilt hat wie ihre Vorgänger. Sie werden nie wieder auftauchen.« Und dann eine ganz und gar persönliche Meinung des Berichterstatters: »Es ist ein verfluchtes Land!«

Leonora klappte das Berichtsbuch zu und starrte eine Weile stumm gegen die Wand ihres Zimmers. Sie haben aus der Luft gesucht, dachte sie. Sie haben es nicht gewagt, in den Urwäldern zu suchen. Was unter den Wipfeln der über dreißig Meter hohen Bäume geschah und auch jetzt geschieht, hat noch niemand erforscht. Warum nicht? In unserem hochtechnisierten Zeitalter muß es doch möglich sein, ein Stück Land — auch wenn es unbekannt ist — zu betreten und zu erforschen. Zum Mond können wir fliegen, vom Mars und Jupiter funken wir Fotos zur Erde, Hunderte von Satelliten umkreisen unsere Welt, aber vor Urwald, Bergen und Sümpfen zucken wir zurück. Ist das nicht lächerlich? Aber wen interessiert schon dieses Gebiet? Es bringt nichts ein, und warum ein Land mit Millionenbeträgen kultivieren, wenn es dort nur Holz, Felsen und wilde Wasser gibt? Ja, wenn man wüßte, daß dort Bodenschätze liegen, Gold und Kupfer, Uran oder Erdöl, dann würde man sich überlegen, wie man dieses Land erschließen könnte. Aber die Geologen sagen: »Da ist nichts. Die erdgeschichtlichen Formationen sagen nichts aus.« Wozu also Millionen investieren? — Und die Toten? Die Vermißten? Was ist mit denen? Was soll schon sein! Sie brachen auf eigene Verantwortung in diese Wildnis ein, gegen alle Warnungen. Begeisterte Selbstmörder, die man nicht zurückhalten konnte. Auch sie sind keine Millionen wert. Wer in die Gefahr hineinrennt, muß damit rechnen, in ihr umzukommen.

»Ich weiß, daß ich dich finden werde, Vater«, sagte Leonora plötzlich laut. »Ich bin deine Tochter, ich kann mich in dich hineindenken, und ich weiß, wo ich dich suchen muß!«

Lieutenant Wepper sah Leonora fragend an, als sie ihm die Berichtsbücher zurückbrachte. Er schloß sie wieder in den Stahlschrank ein. Als sie kein Wort sagte, rückte er doch mit der Frage heraus: »Macht Sie das nicht ein wenig nachdenklich, Miss Patrik?«

»Nein. Nur mutiger, Lieutenant. Aus allem lese ich, daß der damalige District Commander versagt hat. Blicken Sie mich nicht so vorwurfsvoll an — in zwei Tagen sind Sie mich los und können ins Buch eintragen: Es war unmöglich, Miss Patrik an der Ausführung ihres Planes zu hindern.«

»Und ich würde zu gerne schreiben: Miss Patrik ist heute aus den ›Tälern ohne Sonne‹ wohlbehalten zurückgekehrt.«

Sie lachte — es klang ein wenig gequält — und verließ das Büro der Polizeistation. Auf dem Platz vor dem Gebäude traf sie Samuel, der in ein erregtes Gespräch mit Papuas verwickelt war, die auf der Station arbeiteten, normale Kleidung trugen und Christen geworden waren. Daß Samuel jetzt wie ein Halbwilder herumlief, erregte ihr Erstaunen.

Als er Leonora aus dem Distriktsgebäude kommen sah, löste er sich aus dem Kreis seiner Landsleute und rannte auf sie zu. »Massa«, rief er und fuchtelte mit den Armen wild durch die Luft, »Massa, die Duna-Leute sagen, in den Bergen lebe der Gott des Donners und der Blitze. Wenn er die Hand hebt, spaltet sich der Himmel. Er streckt einen Finger aus, und die Affen fallen tot von den Bäumen. Massa, er regiert genau in dem Tal, zu dem wir wollen. Massa, seine Blitze werden uns erschlagen.«

»Das sagst du, der an den einzigen wahren Gott glaubt? Samuel, du weißt doch: Es gibt keine anderen Götter.«

»Das sagen die Patres, Massa.«

»Aber du glaubst das nicht?«

»Die Duna-Leute sagen: Man hat den Donnergott gesehen. Männer aus den Tälern haben ihm Opfer gebracht.«

»Es leben also Menschen in diesen Wäldern?« Leonora spürte, wie sich eine Klammer um ihr Herz legte.

»Sie sagen: Kleine braune Menschen mit gelb und rot bemalten Gesichtern und Ketten aus Knochen und Zähnen hätten einmal Schweine der Missionare gestohlen. Zwei hat man gefangen, bevor sie in den Tälern verschwanden. Sie haben das alles erzählt. Als die Patres ihnen Hosen und Hemden gaben und ihre bemalten Gesichter abwaschen wollten, haben sie sich die eigenen Giftpfeile in die Brust gestoßen und waren nach fünf Minuten tot. Sie haben auch erzählt, daß einer ihrer Krieger, der zu nahe herankam, von dem Donnergott mit dem Finger durchbohrt wurde. Er fiel um und hatte ein Loch im Kopf.« Durch Leonora zuckte es wie ein elektrischer Schlag. Mein Gott, wenn das wahr ist, wenn das wirklich keine Sage ist, dann ist das eine Spur, eine ganz deutliche Spur … »Er hatte ein Loch im Kopf?« wiederholte sie.

»Ja, Massa, und war sofort tot. Aus dem Finger des Gottes traf ihn der Blitz. Sie haben es gesehen, die Patres nicht!« Samuel zog den Kopf zwischen die Schultern. »Was soll man glauben, Massa? Hier Gott und Jesus und Maria, dort der Donnergott mit dem Blitz in den Fingern.«

»Und jetzt hast du Angst, mit uns ins Hochland zu ziehen?«

»Samuel hat keine Angst.« Der Kleine reckte sich und drückte die Brust heraus. »Ich war ein großer Krieger, Massa. Ich bin es noch! Ich bleibe bei Ihnen.«

Er tat, als sei er der mutigste Mensch der Welt, aber in seinen Augen lag deutlich die Angst. Ein Gott, aus dessen Fingern Blitze zucken, ist ein böser Gott. Man sollte ihn nicht reizen.

___________

»Ich habe von Samuel etwas erfahren, was unserer Suche einen ganz neuen Weg vorzeichnet«, sagte Leonora am Abend, als man im Gästehaus nach dem Essen noch zusammensaß und australischen Wein trank. Nur Zynaker trank Whisky, pur, ohne Eis, und er schüttete ihn in sich hinein, als tränke er Limonade.

»In der Gegend, wo mein Vater verschollen ist, gibt es einen Gott, der Blitze aus seiner Hand schleudert.«

»Blödsinn!« sagte Pater Lucius sofort.

»Nichts Neues.« Kreijsman winkte ab. »Das tat der alte Göttervater der Griechen, der Halunke Zeus, auch.«

»Nur sind wir hier nicht in Griechenland, sondern in Papua.« Leonora blieb ernst. »Dieser Gott, so erzählt man sich, streckte einen Finger aus, und der Blitz traf einen Krieger mitten in die Stirn. Ein kleines rundes Loch.«

»Verdammt, das sieht ganz nach einem Schuß aus!« Reißner schlug erregt die Fäuste gegeneinander. »Einem Schuß aus einer Pistole oder einem Revolver. Wenn das wahr ist — Leute, da lebt einer im unerforschten Land mit einer Schußwaffe. Das ist ja eine Weltsensation! Das ist unglaublich!«

»Genau das habe ich auch gedacht. Dieser Blitz in die Stirn des Eingeborenen war ein Schuß. Wer ist das, der dort im unbekannten Urwald lebt? Woher stammt er, wie ist er in das ›Tal ohne Sonne‹ gekommen? Warum lebt er dort, und keiner weiß etwas von ihm?«

»Leonora, bitte«, Pater Lucius hob beschwörend beide Hände, »verrennen Sie sich nicht in den Gedanken: Das ist mein Vater! Das ist unmöglich.«

»Ich habe durch diese Erzählung der Duna-Leute eine ungeheure Hoffnung bekommen.«

»Leonora, sehen wir das doch ganz nüchtern!« Pater Lucius schüttelte den Kopf. »Wenn James Patrik wirklich überlebt hat, dann hätte er alles mobilisiert, um wieder in die Zivilisation zurückzukehren. Zehn Jahre hätte er dazu Zeit gehabt. Glauben Sie nicht, daß ihn innerhalb von zehn Jahren ein Weg aus der Wildnis geführt hätte? Warum sollte Ihr Vater bei den noch unbekannten Menschen bleiben und einen Gott spielen? Das wäre doch irr! Und wenn man auf allen vieren kriechen müßte, innerhalb von zehn Jahren kommt man aus dem ›Tal ohne Sonne‹ heraus. Zehn Jahre! Da kann man auf dem Bauch rund um die Erde kriechen! Nein, Leonora, das sind Göttersagen der Wilden.«

»Aber den toten Krieger mit dem Loch in der Stirn hat es gegeben.«

»Wer sagt das?«

»Viele müssen ihn gesehen haben.«

»Wo sind sie? Denken Sie an die Nibelungen-Sage. Siegfried, der den Drachen erschlägt. Sogar den Ort will man kennen: den Drachenfels im Siebengebirge am Rhein, schräg gegenüber von Bonn. Man will sogar wissen, wo Siegfried geboren ist: in Xanten am Niederrhein. Aber was ist die Wirklichkeit? Alles ist nur eine Sage, die man zur Wahrheit gemacht hat. Und jetzt stellen Sie sich diese Urmenschen vor, die nie aus ihrem Urwald herausgekommen sind, deren Welt vielleicht drei Täler weiter aufhört. Für das, was um sie herum geschieht, für Donner, Blitz, Regen, Sonnenglut, Feuer, Erdbeben und Überschwemmungen, müssen sie eine Erklärung finden. Und diese Erklärung lautet wie bei allen Urvölkern: Es sind die guten und die bösen Götter. Die Geister, die die Welt regieren. So werden aus Mythen, wenn sie über Jahrhunderte erzählt werden, Tatsachen.«

»Immerhin wissen wir jetzt eins: In den unerforschten Gebieten leben wirklich Menschen. Wenigstens etwas.«

»Das ahnte man schon immer, nur hat sie bisher keiner zu Gesicht bekommen. Und wer nach ihnen gesucht hat, ist nie wieder zurückgekommen.«

»Wir werden sie sehen und wieder zurückkommen!« sagte Leonora fest. »Und eines ist mir jetzt sicher: Wir werden uns um diesen Donnergott kümmern. Pater Lucius, das muß Sie, als Missionar, doch reizen. Gewissermaßen ein Duell zwischen Gott und Gott, das Sie, sein Abgesandter, austragen müssen.«

»Da habe ich keine Sorge.« Pater Lucius lächelte in die Runde. »Ich werde den Donnergott mit seinen eigenen Waffen schlagen.«

»Und wie wollen Sie das anstellen?« fragte Reißner.

»Ich habe in meinem Gepäck auch einige Feuerwerkskörper. Eine Rakete, die in den Himmel rote Sterne zaubert, wird jeden Wilden überzeugen. So einfach ist das, meine Herren, für den Anfang. Später, wenn es an die Seele geht, wird’s schwerer. Welcher Kopfjäger begreift schon: Liebet eure Feinde — das fällt ja uns sogar schwer.«

___________

In dieser Nacht fand Leonora keinen Schlaf. Sie starrte an die Decke, wo sich die langen Flügel eines Ventilators mit einem leisen Brummen drehten, und dachte an den Donnergott, an seinen blitzeschleudernden Finger und an das kleine Loch in der Stirn des Papua-Kriegers. Das konnte keine Sage sein, keine Überlieferung aus grauer Vorzeit — der Tod durch einen Schuß in den Kopf war so genau geschildert, daß es keinen Zweifel geben konnte: Dort, in den dampfenden Bergen, lebte ein Mensch, der aus der Zivilisation in die Steinzeit gekommen war. Ein Einsiedler, der nie den Versuch gemacht hatte, aus dem Urwald zurückzukehren. Warum? Was hielt ihn in diesem Urland zurück? Wann und vor allem wie war er in das Tal gekommen? Niemand hatte ihn gesehen, und nun hatte er sich zum Gott der Wilden gemacht.

Welche Geheimnisse verbarg das Land noch?

Leonora schlief irgendwann ein, und als Reißner an ihre Tür klopfte und sie im Bett hochzuckte, war es ihr, als habe sie gerade erst die Augen geschlossen.

»Schöne Chefin«, hörte sie Reißners Stimme. »Aufstehen! Kommen Sie mit? Wir wollen zum Kopago-See fahren und schwimmen. Es sind schon jetzt sechsunddreißig Grad Hitze. Wenn Sie sich den Kopf kratzen, quillt schon der Schweiß aus allen Poren. In einer Viertelstunde fahren wir los. Mit zwei Jeeps. Lieutenant Wepper fährt auch mit. Der Kaffee dampft bereits in der Kanne.«

»Ich bleibe hier!« rief sie durch die Tür zurück. »Viel Vergnügen!«

»Danke. Schade, daß Sie nicht mitkommen — ich hätte Sie gern im Bikini gesehen.« Reißner lachte, klopfte noch einmal gegen die Tür, dann entfernten sich seine Schritte.

Leonora blieb noch zehn Minuten liegen, duschte sich dann, zog ein weites Baumwollkleid an und ging in den Gemeinschaftsraum des Gästehauses. Er war mit Korbmöbeln ausgestattet und hatte an der Längswand, getreu der britischen Tradition, sogar einen offenen Kamin, der noch nie angezündet worden war. Auch am Abend sank die Temperatur selten unter dreißig Grad.

In einer Nische am Fenster, das auf den verwilderten Garten hinausging, saß Zynaker und rauchte eine Zigarette. Er winkte, als er Leonora eintreten sah, und zeigte auf den Sessel neben sich. »Sie sind nicht mit an den See gefahren?« rief er. »Dann können wir endlich mal unter vier Augen miteinander reden. Immer ist ein Dritter dabei.«

»Gibt es etwas so Wichtiges?« Sie setzte sich neben Zynaker. In ihrer Frage lag ein sorgenvoller Ton. »Bedrückt Sie etwas, Donald?«

»Ja. Ihr Plan ist, daß Sie alle mit dem Fallschirm über dem Flußbett abspringen.«

»So haben wir uns geeinigt. Es ist die einzige Möglichkeit.«

»Und wie kommen Sie wieder aus dem Urwald heraus?«

»Auch das haben wir bis ins Kleinste besprochen. Wenn wir unser Ziel erreicht haben, geben wir über Funk Nachricht, und ein Hubschrauber holt uns über eine lange Strickleiter an Bord.«

»Das heißt: Ich fliege Sie hin und bin dann entlassen.«

»Entlassen klingt dumm, Donald.«

»Sagen wir so: Ich kann Ihnen nicht helfen, Leonora.«

»Sie fliegen uns in das ›Tal ohne Sonne‹.«

»Und überlasse Sie dann Ihrem Schicksal.«

»Das ist nun mal der Lauf der Dinge.«

»Ich … ich möchte aber bei Ihnen bleiben.« Zynaker blickte aus dem Fenster, nur um Leonora nicht ansehen zu müssen. Wie er es gesagt hatte, klang es wie das schüchterne Bekenntnis eines Jünglings. »Zwei Arme und zwei Augen mehr könnten vielleicht für Sie sehr wichtig sein.«

»Aber es ist doch unmöglich, Donald.«

»So, wie der Plan bisher läuft, mag das sein. Aber es gibt kein Unmöglich. Ich habe die ganze vergangene Zeit darüber nachgedacht. Müssen wir übermorgen starten?«

»Ich möchte nicht noch mehr Zeit verlieren, Donald.« Leonora beugte sich zu Zynaker hinüber und legte ihre Hand auf seinen Arm. Es war, als zucke er durch die Berührung innerlich zusammen. »Worüber haben Sie nachgedacht?«

»Können Sie noch ungefähr zehn Tage warten?«

»Ist mit der Maschine etwas nicht in Ordnung?« fragte sie plötzlich voller Betroffenheit.

»Die Maschine ist klar. Nur — ich möchte sie umbauen.«

»Umbauen? Wieso?«

»Ich möchte die Räder auswechseln gegen Schwimmer. Ich möchte aus ihr ein Wasserflugzeug machen. Leonora, bitte, sagen Sie jetzt noch nicht nein!« Zynaker hob beschwörend beide Hände. »Ich habe mir von Lieutenant Wepper die neuesten Luftaufnahmen unseres Suchgebietes geben lassen. Mit einem Hubschrauber haben sie den Fluß abgeflogen — er ist breit genug, daß man mit Schwimmern auf ihm landen könnte. Es gibt da ein paar Stromschnellen und Felsen im Wasser, aber es müßte gehen.«

»Und dann zerschellt Ihr Flugzeug an irgendeinem großen Stein im Fluß.«

»Ein Risiko ist immer dabei, Leonora. Es gibt im Leben nichts ohne Risiko. Genaugenommen ist jede Fahrt mit dem Auto auch eine Versuchung des Schicksals. Weiß man, was einem entgegenkommt, von links oder rechts? Ich habe gelesen, daß jemand in einem normalen Waschbecken ertrunken ist — er wurde ohnmächtig, fiel mit dem Gesicht in das handhohe Wasser und ertrank. Alles ist möglich …«

»Es hat noch niemand versucht, in solch einem Urwaldfluß zu landen.«

»Alles nimmt einmal seinen Anfang. Auch Sie wollen ja in ein unerforschtes Land vordringen.«

»Donald, Ihr Plan ist phantastisch, aber undurchführbar. Ich will nicht, daß Sie Ihr Flugzeug, Ihr einziges Kapital, verlieren. Sie werden ärmer sein als ein Bettler auf dem Markt von Port Moresby. Oder sind Sie versichert?«

»Nein, eine solche Prämie könnte ich nie bezahlen. Außerdem, keine Versicherung nimmt mich. Sie würden mich auslachen, wenn ich mit einem Antrag käme.«

»Also fliegen wir wie geplant. Übermorgen früh. Wenigstens Sie sollen von der Expedition übrig bleiben.«

»Wie Sie das so sagen, krampft sich mein Herz zusammen.«

Zynaker wandte den Kopf. Jetzt sah er sie voll an, und in seinem Blick lagen Entsetzen und Flehen. »Ich kann Sie nicht allein lassen, Leonora. Ich bin vielleicht ein primitiver Mensch, der mehr Muskeln als Hirn hat, der aussieht wie ein Bursche, der Nägel mit der bloßen Faust in die Wand schlägt, der säuft und herumrauft und eine Jahreskarte für einen Puff hat, und was man über mich erzählt, reicht für drei nicht jugendfreie Bücher — aber der Gedanke, Sie könnten als Schrumpfkopf über einer Häuptlingshütte enden, zerreißt mir das Herz.«

»Soll das eine Liebeserklärung sein, Donald?«

»Fassen Sie es auf, wie Sie wollen, Lady!« Zynaker sprang auf, stieß dabei den Korbsessel um und gab ihm auch noch einen Tritt, daß er gegen die Wand flog. »Es bleibt bei übermorgen?«

»Ja.«

»Und warum? Nur, weil es so im Plan steht?«

»Nein, ich will Sie nicht ruinieren, Donald.«

Sie sah zu ihm auf, mit einem langen Blick, dem er sofort auswich, indem er sich abwandte. »Schon gut. Ich habe verstanden. Noch einen schönen Tag, Leonora.« Er stapfte davon und schlug hinter sich die Tür des Zimmers zu. Erst draußen, vor dem Gästehaus, blieb er stehen, hieb die Fäuste gegeneinander und sagte laut in die flimmernde Hitze hinein: »Verdammt, ich liebe sie, ich liebe sie … Was bist du doch für ein Idiot, Zynaker!«

___________

Aus den Schluchten des Hochlands dampften noch die Morgennebel in den wolkenlosen, blaßblauen, sonnengebleichten Himmel, als Lieutenant Wepper Leonoras Hand drückte; zum letztenmal, dachte er dabei, sieh sie dir noch einmal genau an, du wirst ihr nie mehr gegenüberstehen. Die anderen waren schon im Flugzeug verschwunden und winkten durch die runden Fenster nach draußen. Zynaker wartete ungeduldig, um die Motoren anzulassen.

»Viel Glück«, sagte Wepper mit etwas belegter Stimme. Es kam ihm vor, als sei sein ganzer Hals innen aufgerauht. »Mehr ist nicht zu sagen. Geben Sie per Funk bitte sofort Nachricht, wenn Sie gelandet sind. Ich habe Ihnen übrigens verschwiegen, daß Sir Anthony gestern beim Premierminister gewesen ist und in letzter Minute Ihre Expedition verhindern wollte. Heute will sich der Premier entscheiden — aber da sind Sie ja schon längst weg. Nochmals: Viel Glück.«

»Danke, Lieutenant.« Leonora nickte Wepper zu und stieg dann in das Flugzeug. Peter Paul Schmitz zog hinter ihr die Tür zu und verriegelte sie.

Zynaker drehte sich im Cockpit zu ihr um und sah sie lange an. »Können wir?«

»Alles okay, Donald.«

»Na, dann los! Pater —«

»Was ist?« rief Pater Lucius zurück.

»Kein Gebet mehr vor dem Flug in die Hölle?«

»Sie Lästermaul! Werfen Sie Ihre Propeller an! Wie oft ich innerlich mit Gott spreche, wissen Sie ja nicht.«

Zynaker stellte die Motoren an. Ein donnerndes Gebrüll erfüllte den Raum, ein Ruck ging durch die Maschine, dann rollte sie an und fuhr langsam zu der schmalen und ziemlich kurzen Startbahn. Sie war nicht betoniert, sondern aus festgewalztem Schotter. Lieutenant Wepper winkte ihnen nach, mit einem erstarrten Gesicht — für ihn gab es kein Wiedersehen mehr.

Noch einmal heulten die Motoren auf, das Flugzeug raste über die Startbahn, die Passagiere wurden in die Sitze gedrückt, die Schnauze hob sich, und halsbrecherisch steil stieß die Maschine in den Himmel.

Reißner streckte seine Beine aus. »Ich sag’s ja immer wieder: Der Bursche kann fliegen. Der landet sogar in einem Sandkasten«, rief er.

Für seinen Humor hatte in diesem Augenblick keiner ein Ohr. Alle sahen aus den runden Fenstern hinunter auf die Station Kopago, über die Zynaker jetzt eine Schleife flog und dann Kurs auf das im Morgennebel liegende Hochland nahm. Und jeder von ihnen dachte: Nun gibt es kein Zurück mehr. Sehen wir diesen Flecken Erde wieder? Was wird in zwei Stunden sein? In zwei Stunden werden wir über den unbezwingbaren Bergen kreisen, über den dampfenden Tälern, über den sich durch den Urwald schlängelnden wilden Flüssen, über Urwald, der alles überwuchert, riesigen Bäumen, deren Kronen kaum Licht auf die Erde durchlassen, Schluchten, in denen der Nebel wallt — ein Urland wie vor Millionen Jahren. Und dann wird es unter uns liegen, das geheimnisvolle »Tal ohne Sonne«, und wir werden hinunterstarren und alle unsere Herzen schlagen hören, und die Beklemmung wird uns den Hals zudrücken und die Angst — ja, die Angst, warum es leugnen? — in uns hochsteigen und ein Gefühl der Lähmung hinterlassen.

Aus dem Tal wallten noch in zerrissenen Streifen die Nebel hoch, als Zynaker über den Bordlautsprecher bekanntgab: »Wir sind da! Da unten ist es. Nach der Karte und den Luftaufnahmen muß es die Stelle sein. Aber wir sind zu früh dran; bei dieser Sicht kann ich nicht tiefer runter und euch absetzen.«

Unter ihnen lag ein undurchdringliches, dichtes Grün, aus dem der Morgennebel wie Dampf emporstieg, ein Grün, das die Berge überwucherte, die Hänge bis hinunter zu dem Fluß, der jetzt gelb aussah und sich im Lauf des Tages in Hellgrau verfärbte, bis ein Schimmer Licht ihn wie Silber glitzern ließ.

Das Tal war so weit, daß das Flugzeug hineinfliegen und so tief gehen konnte, daß der Absprung mit den Fallschirmen möglich war. Es war ihnen klar, als sie jetzt den lückenlosen, dichten Urwald sahen, daß sie nur im Fluß landen konnten; wenn sie über den Wald abtrieben, stürzten sie in die riesigen Baumkronen, über dreißig Meter vom Boden entfernt. Noch wichtiger war es, daß die Materialfallschirme im Fluß niedergingen, denn was irgendwo in den Mammutbäumen hängen blieb, war verloren, nicht mehr erreichbar.

Zynaker schien ihre Überlegungen zu ahnen. Er sagte über das Mikrofon: »Zum Glück wird im Tal kaum ein Wind wehen, ihr könnt also nicht abtreiben. Ich gehe so tief wie möglich runter, damit ihr auf den Punkt abspringen könnt.«

»Wenigstens so hoch muß er bleiben, daß sich der Fallschirm öffnet«, sagte Reißner sarkastisch. »Mein höchster Sprung ins Wasser war vom Dreimeterbrett. Und da dachte ich schon: Junge, jetzt biste mit dem Kopf auf ‘nen Stein gefallen.« Während Zynaker über dem Tal zu kreisen begann, legten sie ihre Fallschirme an und halfen sich gegenseitig beim Festschnallen.

Nur Samuel weigerte sich, sich den Sack auf den Rücken binden zu lassen. »Ich bin noch nie gesprungen!« schrie er und starrte in die Tiefe. »Nein! Nein!« Er wich bis zum äußersten Ende des Flugzeugs zurück, als Pater Lucius mit dem Fallschirmsack zu ihm kam. »Ich sterbe! Ich sterbe!«

»Wie willst du Idiot denn auf die Erde kommen?« schrie Reißner. »Es ist doch ganz einfach. Wir werfen dich aus dem Flugzeug, die Reißleine ist an der Tür festgebunden, du fällst ein paar Meter, und dann gibt’s einen Ruck, und du schwebst sanft in den Fluß. Ist das klar?«

»Nein, Masta, nein!«

»Ich passe auf dich auf, Samuel.« Pater Lucius hängte Samuel die breiten Riemen um. »Ich springe sofort nach dir, es kann überhaupt nichts passieren. Nur naß wirst du werden. Paß auf. Hier ist der Zentralverschluß. Sobald du mit dem Boden Berührung hast, drückst du darauf, und der Schirm fällt von dir ab.« Er sah sich nach Leonora um, die bereits an der Tür stand, fertig zum Sprung.

Sie trug Hosen und Jacke aus Khakistoff, halbhohe Stiefel mit dicken Profilsohlen und im Gürtel ein langes, scharfes Messer. Sie wollte als erste springen und hatte deswegen schon Streit mit Reißner und Kreijsman bekommen. Sie argumentierten, daß es besser sei, zwei Männer sprängen als erste ab, um unvorhergesehene Gefahren auszuschalten. Es konnte ja sein, daß ihnen vom dicht verfilzten Ufer aus ein Hagel von Pfeilen entgegenflog, auch wenn man keine Anzeichen sah, daß in der Nähe ein Dorf war. Man wußte ja nichts, gar nichts von diesem Tal zwischen den Urwaldbergen.

Die Nebel lichteten sich etwas. Der gelbschimmernde Fluß wurde klarer. Sie sahen jetzt, daß große Steine aus dem Wasser ragten und damit Stromschnellen, Wirbel und Barrieren bildeten. Zynaker wölbte die Unterlippe vor und fragte sich, wo er hier mit anmontierten Schwimmern hätte landen können. Die Luftaufnahmen mußten viel weiter abwärts gemacht worden sein, oder der Fluß hatte nach einer Regenperiode Hochwasser geführt, das die meisten Felsen überspülte.

»Ich versuche jetzt den ersten Anflug«, sagte er über den Bordlautsprecher. »Noch nicht abspringen! Ich suche eine breite Stelle ohne diese Steine! Ich habe vorhin so eine Art Ausbuchtung gesehen, vielleicht geht es da. Ihr müßt in drei Gruppen abspringen, immer zu zweit, sonst landet ihr zu weit voneinander. Aufgepaßt, ich gehe auf steilen Sinkflug!«

Die Maschine kippte nach vorn weg, Leonora und die anderen klammerten sich fest. Reißner starrte Pater Lucius mit weiten Augen an. Der Priester hatte Samuel an seine Brust gedrückt.

»Daß wir abstürzen, davon war nicht die Rede«, sagte Reißner mühsam. »Verdammt, wenn er das Ding nicht mehr in die Waagerechte bekommt!«

»Dann sparen wir uns den Absprung aus der Tür«, antwortete Pater Lucius trocken. »John Hannibal, seit wann haben Sie Angst? Denken Sie an Ihren Namensvetter. Der zog im Winter mit tausend Elefanten über die Alpen.«

Die Maschine richtete sich wieder auf. Ein Blick aus den runden Fenstern ließ die Herzen schneller schlagen. Links und rechts ragten die Urwaldwände auf, unter ihnen gurgelte der gelbe Fluß über Steine und Geröll. Die Bäume, Riesenfarne und Lianen bildeten eine geschlossene Wand. Sie glänzte noch von der Feuchtigkeit der Nacht, die jetzt in Nebelfäden verdunstete.

Zynaker drosselte die Motoren auf ein Mindestmaß, gerade bis an die Grenze, um nicht wegzusacken. »Wir sind auf achtzig Meter Höhe«, sagte er durchs Mikrofon.

»Das reicht für einen Absprung?« fragte Reißner, aber nur Kreijsman und Schmitz, die neben ihm standen, hörten es.

»Wir müssen sofort die Reißleine ziehen, ein freier Fall ist nicht mehr möglich«, antwortete Schmitz.

»Aber wir müssen weit genug vom Flugzeug weg, sonst verfangen wir uns an den Flügeln oder im Leitwerk.« Kreijsman preßte das Gesicht ans Fenster. Neben ihm sauste der Urwaldhang vorbei.

Zynaker zog die Maschine wieder an und ging im Flußtal mehr auf Höhe. Dabei kippte er etwas über den linken Flügel. »Seht ihr die Bucht? Gleich kommen wir ran. Das wäre der beste Platz. Das Wasser scheint seicht zu sein. Außerdem gibt es da keine Steine. Achtung, da sind wir!«

Alle starrten an der linken Seite nach draußen. Wirklich hatte der Fluß hier eine kleine Bucht in das Land gerissen, sogar eine Art Ufer gab es, ein schmaler Streifen ohne Bewuchs, Geröll aus dunkelgrauen, vom Fluß geschliffenen und polierten Steinen, begrenzt von grauweißen, ausgeblichenen, toten Baumstämmen.

»Ein geradezu idealer Badeplatz!« höhnte Reißner, als sie die Bucht überquerten. »Dürfte eine große Zukunft haben. Platz genug für eine Strandbar, am Ufer eine Flotte aus Motor- und Tretbooten, Hubschrauberpendelverkehr von Kopago bis zur Kopfjägerbucht, und da hinten, am Waldrand, kann Ihre Kapelle stehen, Pater Lucius. Wird das ein Boom! Trauung im unerforschten Land. Da können Reno und Las Vegas nicht mehr mit. Das hier ist nun wirklich was für totale Snobs. Laßt uns einen Ferienclub gründen.«

»Fertig?« fragte Pater Lucius sauer.

»Ja.«

»Dann sehen Sie mal genauer hin.«

»Na und? Links könnten einige Bungalows stehen —«

»Hören Sie doch auf mit Ihren dämlichen Reden, John Hannibal!«

Zynaker hatte die Maschine noch höher gezogen, stieg über die Berggipfel hinaus, flog einen weiten Bogen und kehrte ins Tal zurück.

Pater Lucius hob seine Stimme, damit ihn alle hörten. »Habt ihr die toten Baumstämme gesehen?«

»Wie riesige Gerippe, auch in der Farbe«, sagte Schmitz. »Ich habe mal in Borneo einen abgestorbenen Wald in einem Sumpf gesehen — gespenstisch, wirklich wie aufrecht stehende Gerippe.«

»Das meine ich nicht. Ist euch nicht aufgefallen, wie ordentlich die toten Stämme am Waldrand neben- und übereinanderliegen? So schichtet kein Hochwasser die Stämme.«

»Pater, Sie haben recht. Ich werd’ verrückt.« Kreijsman spreizte die Beine, um das Gleichgewicht zu halten. »Sie meinen …«

»Ja.«

»Menschen? Die toten Bäume haben Menschen gesammelt und dahin gelegt? Als Vorrat an Feuerholz? Dann … dann wäre ja die Bucht …«

»Richtig, dann wäre sie bewohnt. Wir springen den Wilden direkt in die Arme.«

»Ich hänge mir meine Maschinenpistole um!« schrie Reißner. »Die liegt hinten irgendwo zwischen dem Gepäck. Suchen Sie sie mal.«

»Scheiße!«

Pater Lucius sah hinüber zu Leonora, die noch immer an der Tür stand, um als erste zu springen. »Haben Sie mich gehört?« rief er durch den Motorenlärm.

Leonora schüttelte den Kopf. Sie hob die Hand und zeigte aus dem Fenster. Sie hatte die gleichen Gedanken wie der Pater. »Menschen!« rief sie mit heller Stimme zurück.

»Sie hat’s also auch gesehen.« Er ließ Samuel los, der zitternd eine Sessellehne umklammerte, und tappte, hin und her geschleudert, zu Leonora hinüber. Als er neben ihr stand, sah er ihr fast versteinertes Gesicht. Das Erschrecken flog ihm in alle Glieder. »Was haben Sie, Leonora?«

»Das muß die Stelle sein, die auch mein Vater gefunden hat. Das ist sie, ich spüre es! Keiner weiß, was damals passiert ist, aber hier muß es gewesen sein. Und genau dort springen wir ab.«

»Wozu noch springen? Bringen wir uns doch gleich auf anständigere Weise um als durch Giftpfeile und Speere.«

»Sie haben noch nie vom Himmel schwebende Menschen gesehen. Sie werden denken, da kommen die Geister zu ihnen, und sie werden sich verkriechen und das Gesicht in die Erde drücken.«

»Sind Sie sich da so sicher?«

»Fast. Es ist die einzige Stelle, wo wir sicher runterkommen können und auch die Ausrüstung nicht in den Baumkronen landet. Donald hat recht, nur in der Bucht haben wir eine Chance.«

Zynaker stieß in das Tal hinab. Über den Bordlautsprecher sagte er ganz ruhig: »Die erste Gruppe fertigmachen. Reißleinen, wie geübt, an der Stange über der Tür befestigen. Wenn ich sage: ‘Hopp!’, dann sich abstoßen und mit ausgebreiteten Armen raus! Nach drei Sekunden gibt es einen Ruck, und ihr schwebt. Ich gehe sogar auf siebzig Meter runter. Ihr könnt die Bucht überhaupt nicht verfehlen.«

»Scheiße!« sagte Reißner laut. »O Scheiße! Mir zuckt die Muffe.«

»Dann bleiben Sie in der Maschine!« schrie ihn Kreijsman an. »Es geht auch ohne Sie.«

In diesen letzten Sekunden zerbrachen alle Dämme, die Aggressionen setzten sich frei, die Nervenanspannung war zu groß. In diesem Moment haßte jeder jeden, und keiner wußte, warum. Wenn sie auf der Erde gelandet waren, würde alles vergessen und vorbei sein. Aber diese Sekunden vor dem Sprung waren fürchterlich, die Nerven flirrten.

Pater Lucius schob Leonora zur Seite. Auch Kreijsman baute sich vor ihr auf.

»Was soll das?« rief sie. »Fred, wir hatten uns doch darauf geeinigt —«

»Als erste Gruppe springen ich und Fred!« schrie Pater Lucius durch den Motorenlärm.

»Nein!«

»Doch! Mit mir springt Gott. Er wird mich beschützen.«

»Haben Sie dafür eine Garantie?«

»Ja, meinen Glauben an die Liebe Gottes.« Pater Lucius sah Leonora mit einem langen, merkwürdigen Blick an, streckte dann den Arm aus, zog sie an sich und küßte sie auf die Stirn. »Der Herr beschütze dich —«

»Tür auf!« dröhnte Zynakers Stimme durch den Lautsprecher. »Reißleinen eingehakt? Achtung … Hopp!«

Als erster stieß sich Pater Lucius ab, schwebte mit ausgebreiteten Armen in der Luft, dann sank er weg, die Reißleine zuckte, der Fallschirm mußte sich geöffnet haben. Gleich darauf stürzte sich Kreijsman aus dem Flugzeug und verschwand in der Tiefe.

»Tür zu!« brüllte Zynaker. »Nächste Gruppe fertigmachen!«

Die Maschine zog wieder hoch, drehte sich. Reißner, Schmitz und Leonora sahen jetzt, wie Pater Lucius und Kreijsman genau in der Bucht niederschwebten und im seichten Wasser aufkamen. Von Papuas oder einem Hagel von Pfeilen war nichts zu sehen. Samuel hatte beide Hände vor das Gesicht gepreßt und zitterte wie im Schüttelfrost.

Reißner klatschte in die Hände. »Bravo!« brüllte er. »Fabelhaft! Gelandet! Gelandet!« Er hangelte sich zu Leonora an der Tür vor. »Jetzt sind wir dran, schöne Chefin! Übrigens, Pater Lucius hat kein Format. Der Papst hätte sofort den Boden geküßt.«

Zynakers Stimme unterbrach ihn.

»Die zweite Gruppe, fertigmachen! Einhaken! Ich fliege einen Bogen in hundertfünfzig Metern Höhe und gehe dann wieder hinunter. Die Landung von Pater Lucius und Kreijsman ist gelungen. Am Waldrand keinerlei Reaktion.«

»Sie scheinen recht zu haben.« Reißner blinzelte Leonora zu. »Die Wilden liegen jetzt mit dem Gesicht auf der Erde und bepinkeln sich vor Angst.« Er sah sich nach Peter Paul Schmitz um, der neben dem zusammengesunkenen Samuel stand. »Pepau, werfen Sie Samuel zuerst in die Luft, und dann folgen Sie als letzter.«

»Ich sterbe!« schrie der Papua und klammerte sich am Sitz fest. »Ich sterbe, Masta!«

Die Maschine flog wieder einen Bogen, die mit Urwald bewachsenen Bergwände kamen bedrohlich näher.

Reißner atmete tief aus, als sie nach vorn in die Tiefe kippte. »Achtung!« Zynakers Stimme war hart; er wußte, daß jetzt Leonora springen würde. »Einhaken!«

Reißner schluckte mehrmals.

»Damit büße ich siebzig Prozent meiner Sünden ab«, sagte er dumpf.

»Tür auf! Achtung … Hopp!«

Reißner stieß sich ab, die Reißleine zuckte, der Fallschirm öffnete sich. Sofort sprang Leonora hinterher, und es war ein unbeschreibliches Gefühl, wie schwerelos mit ausgebreiteten Armen durch die Luft zu stürzen. Dann der Ruck, der über die Gurte durch den ganzen Körper ging, und dann entfaltete sich über ihr der orange-weiß gestreifte Fallschirm und ließ sie über den Fluß schweben, genau auf den Strand der Bucht zu, wo Pater Lucius und Kreijsman standen und ihr mit beiden Armen zuwinkten.

Zynaker hatte noch gesehen, wie sich Leonoras Fallschirm öffnete. Er atmete aus, schloß einen Augenblick die Augen und war glücklich und zerrissen zugleich. Sie ist unten, dachte er, und ich bin hier oben und muß zurückfliegen nach Kopago. Aber das schwöre ich dir, Leonora, morgen lasse ich mich mit dem Hubschrauber des Distrikts hierher fliegen und springe auch ab. Ich lasse dich doch nicht allein in der Wildnis. Vor allem nicht allein mit diesem widerlichen Reißner und seinem schleimigen »Schöne Chefin«.

Leonora und Reißner kamen noch besser hinunter als Kreijsman und der Pater. Auf den Punkt genau kamen sie auf dem Uferstreifen auf, öffneten den Zentralverschluß und brauchten sich nicht einmal abzurollen. Kreijsman und Pater Lucius liefen ihnen entgegen und klatschten in die Hände.

»Das war eine Musterlandung wie aus dem Lehrbuch!« rief Kreijsman. »Willkommen am Eingang der Hölle!«

Reißner sah sich um und dehnte den Oberkörper. »Wieso Hölle? Es sieht mehr nach einem neuen Paradies aus.«

»Ich traue der Stille nicht.« Pater Lucius sah sich immer wieder zum Waldrand und den zusammengetragenen toten Baumstämmen um. »Seien wir in unserer Euphorie bloß nicht zu leichtsinnig! Mir wäre lieber, ich sähe die Wilden. Dann würde ich einen Trick loslassen.« Er klopfte gegen seine Hosentasche und lächelte verschmitzt.

»Was haben Sie da eingesteckt?« fragte Reißner.

»Einen Knallfrosch. So einen krachenden Donnerschlag. Wenn ich den loslasse, fällt jeder Wilde um. Aber man weiß dann, was man voneinander zu halten hat. Die Stille regt mich auf.«

Sie starrten empor in den Himmel, wo Zynaker eine gewagte Schleife zwischen den Berghängen zog. Erst von hier unten begriff man, was Zynaker wagte, wie phantastisch sein Flugkönnen war, wie er seine Maschine beherrschte und welcher Mut zu solchen Flugkunststücken gehörte. Jetzt drehte er wieder auf halber Berghöhe, kehrte zurück und setzte zum steilen Sinkflug an. Im Inneren machten sich jetzt Schmitz und der jammernde Samuel bereit und standen an der Tür, die Reißleinen in die Stange gehakt.

Aber plötzlich schien etwas schiefzulaufen. Hatte sich Zynaker verrechnet, oder klemmte ein Seitenruder? Was es auch war, das Flugzeug blieb nicht auf Kurs in der Mitte des Flusses, sondern schwenkte zum Urwaldhang hin.

»Was ist denn das?« schrie Reißner. »Ist Zynaker verrückt geworden? Das gibt’s doch nicht! Er ist viel zu nahe am Wald! Das muß er doch sehen! Die Bäume kommen ihm ja entgegen!« Leonora hatte die Fäuste gegen den Mund gepreßt und starrte fassungslos auf das Flugzeug. Auch sie begriff nicht, was sie sah. Zynaker schien die Gewalt über seine Maschine verloren zu haben, er drosselte zwar die Geschwindigkeit, man hörte es deutlich, aber das Flugzeug änderte nicht den Kurs, kam dem Urwald immer näher, und es war ein helles, knirschendes Geräusch, das bis auf die Knochen drang, als der linke Flügel die Baumwipfel streifte.

Wie von einer Riesenfaust wurde das Flugzeug herumgerissen, schleuderte in der Luft in den Fluß hinunter, fiel dann wie ein Stein in das Wasser und zerbrach an einer der im Fluß aufragenden Felsspitzen in zwei Teile. Keine Explosion folgte, kein lodernder Feuerball. Als habe ein Riese die Maschine über seinen Knien in der Mitte durchgebrochen und dann weggeworfen, so lag sie im Fluß, umgurgelt von den gelben Wassern. Nur die im Wasser liegenden beiden Motoren ließen das Wasser unter sich verdampfen und warfen weiße Dunststreifen über das Wrack.

»Das war’s nun«, sagte Reißner heiser. »Unsere Ausrüstung ist wohlbehalten angekommen. So gesehen, war es eine glatte Landung.«

Sie rannten zum Ufer der Bucht und warteten. Im Vorderteil wurde jetzt die Tür aufgedrückt, und ein Gegenstand plumpste ins Wasser.

»Das war Samuel!« stellte Pater Lucius fest. »Der Kerl hat sich vor Angst zusammengekrümmt. Und da kommt auch Pepau. Es ist also alles gut gegangen.«

Kreijsman und Reißner wateten den beiden durch den Fluß entgegen, um ihnen in der Strömung zu helfen. Nun kam auch Zynaker zum Vorschein und blieb in der Tür stehen. Er winkte zu Leonora hinüber und breitete beide Arme aus, als wolle er sagen: »Ich kann nichts dafür. Die Maschine hat mich verraten.« Darauf verschwand er wieder im Inneren und tauchte am Ende des abgebrochenen Teils auf, kletterte in den Fluß und watete zum hinteren Teil des Flugzeugwracks hinüber. Es hatte sich zwischen zwei Felsen in der Strömung geklemmt. Zynaker hatte Mühe, gegen das hier schäumende und strudelnde Wasser anzukommen; er zog sich an dem bizarr verbogenen Gestänge empor und bahnte sich einen Weg durch die Trümmer. Dort setzte er sich auf eine der Kisten und schüttelte den Kopf. Er begriff einfach nicht, wie sein Flugzeug mittendurch brechen konnte, so als habe man es zersägt und dann weggeworfen. Daß er alles, was er besaß, verloren hatte, daß dieser Absturz sein Ruin war, daß er nie mehr ein Flugzeug besitzen würde, denn keine Bank würde ihm den Kauf einer neuen Maschine finanzieren, daran dachte er in diesen Minuten nicht. Er dachte nur: Irgendwie muß das Schicksal Gedanken lesen, muß Worte verstehen, muß Gefühle erkennen — ich wollte Leonora nicht allein lassen, wollte zurückkommen und auch abspringen; nun bin ich bei ihr auf Leben oder Tod. Mein Gott, wie liebe ich sie! Und ich kann es ihr nicht sagen, sie würde mich ungläubig anstarren, ja, vielleicht sogar erschrocken sein und eine unsichtbare Wand zwischen uns errichten.

Er kroch durch den Frachtraum, stellte fest, daß doch einige Kisten und Kartons durch den Aufprall zerrissen und aufgeplatzt waren, aber das meiste der Ausrüstung war unbeschädigt und vielleicht in einem besseren Zustand, als wenn man sie mit den Fallschirmen abgeworfen hätte.

Schmitz und Samuel hatten nun die Bucht erreicht und sahen zu den Trümmern im schäumenden Fluß hinüber.

»Ich weiß nicht, wie das gekommen ist«, sagte Schmitz und hockte sich auf die rund geschliffenen Kiesel. »Plötzlich zog die Maschine nach links und streifte die Baumwipfel. Ich hörte noch Zynaker schreien: ›Scheiße!‹, da krachte es auch schon, wir wurden in den Fluß geschleudert, und dann brach die Maschine mittendurch. Wir hielten uns an den Sitzen fest.«

»Sind Sie verletzt, Pepau?« fragte Leonora und beugte sich über ihn.

»Nein. Vielleicht ein paar Prellungen. Im Augenblick spüre ich nichts.«

»Und du, Samuel?«

Der krummbeinige Papua bekreuzigte sich. »Nichts, Massa. Ich habe die Augen zugemacht, und dann lag ich auf Masta Pepau.«

Sie sahen zu dem Wrack hinüber und warteten, daß Zynaker wieder aus den Trümmern hervorkam. Unruhig drehte sich Pater Lucius ein paarmal zum Waldrand um, doch kein Laut und keine Bewegung zeigten die Anwesenheit von Menschen an. Aber der Wall aus aufgeschichteten toten Baumstämmen war deutlich genug. Sie waren nicht allein, und das Gefühl, daß Hunderte von Augen sie jetzt beobachteten, war wie kleine Stiche in Rücken und Nacken.

Endlich erschien Zynaker an der Abbruchstelle, ließ sich ins Wasser gleiten und watete mit rudernden Armen, um das Gleichgewicht zu behalten, durch den gurgelnden Fluß und seine schäumende Strömung. Reißner rannte sofort ins Wasser und kam ihm hilfreich entgegen.

»Man kann über John Hannibal sagen und denken, was man will«, sagte Pater Lucius, als Reißner außer Hörweite war, »ein Kumpel ist er doch. Er packt an, ohne Rücksicht auf seine eigene Person. Seht euch das an! Er nimmt Zynaker fast auf den Rücken und bringt ihn durch die Stromschnelle.«

Etwas erschöpft, vor allem aber geschockt durch den Absturz, erreichte Zynaker den Strand der Bucht und stützte sich dabei auf Reißners Schulter. Ein paarmal holte er tief Atem und wischte sich dann über das nasse Gesicht. »Verzeihung«, sagte er. Es klang bitter und resignierend. »Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Plötzlich klemmte das Seitenruder, und dann ging alles sehr schnell. Ihr habt’s ja gesehen.«

»Wir sollten sofort einen Funkspruch nach Kopago absetzen«, schlug Kreijsman vor.

»Das wollte ich.« Zynaker hob die Schultern. »Das Funkgerät tut’s nicht mehr.«

»Wir haben doch den Handfunk im Gepäck.« Pater Lucius zog sein Hemd und die Stiefel aus. »Wir brauchen es nur zu holen.«

»Das war mein erster Gedanke. Darum bin ich sofort hinüber zur Ausrüstung.« Zynaker ließ Reißners Schulter los, die Schwäche war überwunden. »Nach dem ersten Überblick sind neun Kisten und drei Kartons zerplatzt, darunter auch unsere Funkausrüstung — ausgerechnet die!«

»Dann sind wir also jetzt von aller Welt abgeschnitten!« sagte Reißner laut. »Wir können hier verfaulen, und niemand erfährt es.«

»So ist es.« Pater Lucius sprach es fast feierlich aus. »Wenn man uns morgen sucht, weil Zynaker nicht zurückgekommen ist, haben wir nur die einzige Hoffnung, daß man die Flugzeugtrümmer im Fluß entdeckt. Wenn nicht, sind wir verschollen, und man macht einen Strich durch unsere Namen. ›Wir haben es ja gewußt‹, wird man draußen sagen. ›Das Land hat sie gefressen.‹«

»Das heißt im Klartext: Hier kommen wir nie wieder raus!« sagte Kreijsman. Seine Stimme zitterte dabei.

Pater Lucius nickte. »Wenn wir nicht unverschämtes Glück haben … Wir sind an der Endstation angelangt.«

»Und das sagen Sie so ruhig?« rief Reißner erregt. »Verdammt nochmal, ich habe noch viel vor mit meinem Leben.«

»Das können Sie haben. Hier wird noch allerhand passieren. Langeweile werden Sie bestimmt nicht haben. In den nächsten vierundzwanzig Stunden wird sich entscheiden, ob wir leben oder Schrumpfköpfe werden.«

»Damit rechnen Sie?«

»Ja. Ich wette, daß uns jetzt eine Menge Augen beobachten und man abwartet, was wir tun. Ob wir Menschen oder Götter sind, das wird sich in den kommenden Stunden entscheiden.«

»Und wie müssen wir uns benehmen, wenn wir Götter sein wollen?« fragte Schmitz.

»Unangreifbar.«

»Das machen Sie mal den Wilden klar«, sagte Kreijsman sarkastisch. »Wenn einen von uns der erste Pfeil trifft und er umkippt, ist’s vorbei mit der unverletzbaren Gottheit.«

»Pater, Sie haben doch den Knaller in der Tasche.« Reißner wurde bei dem Gedanken an den Kanonenschlag sichtlich hoffnungsvoller. »Los, werfen Sie ihn zum Waldrand, und bumm-bumm — wir sind die unbesiegbaren Götter. Dagegen kommt sogar der geheimnisvolle Donnergeist mit den Blitzen aus seinen Fingern nicht an.«

»Warten wir ab, bis sie kommen«, sagte Pater Lucius.

»Wenn es vorher knallt, kommen sie erst gar nicht aus ihrer Deckung. Der Angriff ist immer besser als die Verteidigung. Der Angreifer diktiert das Geschehen. Das ist in tausend Jahren Krieg erprobt.«

»Wir wollen nicht abschrecken, sondern Vertrauen gewinnen. Wir sind ja hierher gekommen, um die unbekannten Menschen kennenzulernen, um mit ihnen zu sprechen, sie aus der Steinzeit herauszuführen, sie den wahren Gott zu lehren.«

»Es hat keinen Sinn, mit einem Priester zu diskutieren.« Reißner wandte sich resignierend ab. »Die singen noch ›Jesus, geh voran‹, wenn sie im Kochtopf schmoren. Ich schlage vor, wir reden nicht mehr viel, sondern holen die Ausrüstung an Land.«

»Das wollte auch ich gerade vorschlagen.« Leonora zog ihre Stiefel aus, ihnen folgte die Khakibluse. Es machte ihr gar nichts aus, daß sie keinen BH trug. Ihre Brüste waren rund und fest und von der Sonne gebräunt. Zynaker warf einen schnellen Blick darauf und wandte sich dann zum Fluß. »Zuerst die Zelte und die Kücheneinrichtung, die Konserven und die Wasserkanister. Das ist im Moment das Wichtigste.«

»Und meine Maschinenpistole!« sagte Reißner betont. »Ich werde der Gott der ratternden Blitze sein.« Er hielt Leonora am Arm fest, als sie zum Fluß gehen wollte. »Sie bleiben hier, schöne Chefin.«

»Natürlich gehe ich mit.«

»Nein. Sie waren nicht im Fluß. Aber ich kenne ihn jetzt. Da ist in der Mitte eine Strömung, die reißt Sie glatt mit. Wie ein Stück Holz treiben Sie ab. Sie und Samuel bleiben hier. Und lassen Sie sich von Pater Lucius seinen Knaller geben, falls die lieben Kopfjäger auftauchen, während wir drüben am Flugzeug sind.« Er streifte Hemd und Hose ab und lief in seiner knappen Unterhose in den Fluß. Dort drehte er sich um und rief Pater Lucius lachend zu: »Seien Sie nicht so schamhaft, Pater! Sie sehen nicht anders aus als wir, und in der Bibel ist genug von Nackten die Rede. Mit den nassen Klamotten am Leib haben Sie’s schwerer, durch den Fluß zu kommen.«

»Manchmal ist er ein richtiger Kamerad«, sagte Pater Lucius, »aber öfter ist er ein richtiges Ekel. Leonora, auch ich bitte Sie: Bleiben Sie hier.« Er zog ebenfalls seine Hose aus und reichte ihr den viereckigen Donnerschlag hin, dazu ein Feuerzeug, um die Lunte anzustecken. »Bitte, nur im Notfall zünden, hören Sie. Wir werden unseren Feuerwerkskörper noch gut gebrauchen können.«

Er streifte auch noch das Hemd ab und watete Reißner nach. Schmitz und Kreijsman folgten ihm, nur Zynaker blieb zögernd zurück. Samuel war ohnehin nicht dazu zu bewegen, noch einmal in den Fluß zu gehen.

»Sie haben mich vorhin so merkwürdig angesehen, Leonora«, sagte Zynaker stockend. »So als wollten Sie etwas sagen.«

»Sie irren sich, Donald.« Leonora blickte den Männern nach, wie sie sich gegen die Strömung stemmten und zu den Flugzeugtrümmern durchkämpften. »Ich war nur entsetzt über das plötzliche Unglück. Mir stand fast das Herz still.«

»Es war wirklich ein Schaden am Leitwerk, glauben Sie mir.«

»Wir haben es ja gesehen, wie die Maschine nicht mehr reagierte.«

»So etwas kann man auch spielen, provozieren.«

»Ich verstehe Sie nicht, Donald.«

»Ich habe einmal zu Ihnen gesagt, daß ich Sie nicht allein lassen will und bei Ihnen sein möchte, wenn Sie ins Unbekannte ziehen. Nun bin ich bei Ihnen. Glauben Sie nicht, daß ich den Unfall bewußt herbeigeführt habe, um bei Ihnen zu sein?«

»Mein Gott, Donald, wer wird denn so etwas denken! Das Flugzeug war doch Ihr einziger Besitz. Jetzt sind Sie bettelarm. Genaugenommen trifft mich die Schuld. Ich habe Sie überredet, uns in dieses Land zu fliegen. Ohne mich hätten Sie Ihr Flugzeug noch.«

»Was reden Sie da, Leonora! Es war mein Risiko, und ich wußte darum. Ich hätte ja auch ablehnen können. Ich wollte nur nicht, daß Sie denken —« Er sprach nicht weiter, drehte sich um, entledigte sich seiner Kleidung und rannte in den Fluß. Du dämlicher Hund, sagte er zu sich, welch einen Blödsinn hast du da wieder geredet! Sieh dir doch den Blick an, mit dem sie dich mustert! Für sie bist du eine gescheiterte Existenz, ein halbwegs kultivierter Halunke, ein Prolet, der nach Flugbenzin und Maschinenfett stinkt, ein ungebildeter, ungehobelter Klotz, ein Weiberheld und Whiskysäufer, ein Raufbold und Aufschneider. Soll ich ihr sagen: »Ich bin Donald Zynaker, Oberleutnant der Marineflieger, mehrfach ausgezeichnet und in Ehren aus der Navy entlassen, dreimal in Vietnam verwundet und bestens vertraut mit all den unsagbaren Greueln dieses Krieges. Das macht hart, Lady, das prägt einen jungen Menschen, das bleibt in den Knochen und im Blut. Man lernt, um sich zu schlagen, denn man hat gelernt, daß nur der überlebt, der zuerst zuschlägt. Man muß seinen Weg gehen und nie auf das zurückblicken, was man hinter sich gelassen hat, über was man hinweggestampft ist. Nur die Strecke vor einem ist wichtig, das, was man erreichen will und kann; nur die Gegenwart und die Zukunft zählen und das, was man darin anstellen kann. Überleben, das ist es, Lady, das haben wir begriffen in Vietnam. Überleben um jeden Preis. Um jeden Preis! Und so ist Donald Zynaker das geworden, was er jetzt ist. Verdammt nochmal, ja, ich liebe dich, Leonora, auch wenn du mir einen Tritt gibst. Ich bin Schmerzen gewöhnt, auch das haben wir gelernt.«

Er erreichte das Flugzeugwrack und ließ sich von Reißner in die Trümmer ziehen. Kreijsman, Pater Lucius und Schmitz kletterten zwischen den Kisten, Säcken und Kartons herum, und der Pater fluchte mit Worten, die man einem Priester nie zugetraut hätte. Am meisten erregte ihn, daß seine Spezialkonstruktion — ein Klappaltar — zwei Beine verloren hatte.

»Ich mache mir Gedanken, Donald«, sagte Reißner zu Zynaker, »wie wir das alles an Land bringen sollen. Auf dem Buckel? Diese schweren Kisten? Durch die Strömung? Das kann Tage dauern.«

»Haben wir jetzt nicht genug Zeit, John Hannibal? Mehr Zeit, als uns lieb ist? Wir können die Kisten ja auspacken und aufteilen. Außerdem haben wir ein Schlauchboot an Bord und eine Anzahl Schwimmwesten. Die können wir als Träger benutzen und brauchen nur zu schieben.«

»Nur … Sie haben Humor, Donald! Ich habe schon überlegt, ob wir nicht aus unseren Nylonseilen eine Art Transportlift bauen. Was in den Alpen möglich ist, muß auch hier gehen. Werkzeug und Material haben wir genug. Aus der Verkleidung des Flugzeugs hämmern wir offene Gondeln zusammen und lassen sie hin- und herschweben. Die leichteren Teile nehmen wir auf den Buckel.«

»Wichtig sind zuerst die Zelte, der Propankocher, Töpfe, Geschirr, Bestecke und Verpflegung.«

»Und meine MPi.«

»Lecken Sie mich doch am Arsch mit Ihrer MPi!«

»Sie werden mir bald dankbar sein, daß ich sie besorgt habe. Der Mensch überlebt in dieser Hölle nicht mit Essen und Trinken allein.«

»Meine Zauberkiste ist unversehrt!« jubelte von hinten Pater Lucius. »Gott sei’s gedankt! Unversehrt und trocken. Wenn man uns sucht, können wir wenigstens Raketen in den Himmel schießen und uns bemerkbar machen. Noch ist nicht alles verloren. Und die Fotoausrüstung hat auch überlebt, hören Sie, John Hannibal?«

Nach kurzer Beratung war man sich einig, auf den Bau eines Lifts zu verzichten und alles auf den Schultern oder mit dem Schlauchboot und den Schwimmwesten an Land zu bringen. Kreijsman und Schmitz begannen, mit einer Fußpumpe das Schlauchboot aufzublasen, Pater Lucius und Zynaker suchten die verpackten Zelte aus dem Gewühl des durcheinandergewirbelten Gepäcks. Reißner hatte seine Fotokiste ausgepackt und damit begonnen, die ersten Aufnahmen zu machen: das Flugzeugwrack, den Fluß, die Urwaldberge, die Bucht, die schwitzenden und schleppenden Kameraden, das Beladen des Schlauchbootes und den ersten Versuch von Kreijsman, Zynaker und Schmitz, das Boot gegen die Strömung an Land zu drücken. Das kostete Kraft und laugte die Körper aus. Als sie endlich die Bucht erreicht und das Boot ins seichte Wasser geschoben hatten, fielen sie auf den Kieselstrand, streckten alle viere von sich und lagen wie von einer Flut angespült da.

»Da ist jedes Foto tausend Dollar wert!« sagte Reißner und schoß eine ganze Serie Bilder. »Das sind Fotos, die einmal um die ganze Welt gehen werden.«

»Wenn wir hier rauskommen«, meinte Pater Lucius trocken. »Kann auch sein, daß spätere Generationen mal die Filme finden. Dann werden wir zu Helden gemacht. So dämlich wird die Nachwelt uns sehen.«

Der Pendelverkehr zwischen Flugzeugwrack und Strand dauerte bis zum Abend. Auf dem Propanherd kochte Leonora eine Suppe und wärmte vier Dosen Gulasch auf, aber die Männer waren zu erschöpft, um Hunger zu spüren. Um so mehr tranken sie kein Wasser, sondern Whisky und Gin, und Reißner rief, sich auf eine der Kisten setzend: »Leute, besauft euch! Dann sieht sogar dieses Mistland schön aus!«

Bis zum Einbruch der Dunkelheit hatten sie das Notwendigste an Land gebracht, vor allem die Zelte, die Verpflegung und die technischen Geräte — wie die Wasserfilter und die Motorsäge, auch die Apotheke. Dann lagen sie alle, am Ende ihrer Kräfte, auf der Erde. Allein Zynaker, durchtrainiert und anscheinend von nicht ermüdender Kraft, saß neben Leonora am Propankocher und aß aus einer Plastikschüssel die Suppe.

Am Waldrand, hinter den toten Baumstämmen, rührte sich nichts. Das machte Pater Lucius unruhig, er hob mehrmals den Kopf und starrte zu der hohen grünen Pflanzenwald hinüber.

»Sie sind da!« sagte er einmal. »Ich spüre es. Sie lauern in den Riesenfarnen und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Diese Stille ist zum Verrücktwerden.«

»Wir werden diese Nacht abwechselnd Wache halten müssen.« Zynaker stand auf und dehnte sich. Auch ihm lag die Anstrengung in den Knochen, aber er konnte sie besser verkraften als die anderen. »Auf, Jungs! Die Zelte aufstellen. Hier wird’s schnell dunkel. Wenn die Papuas jetzt nicht angreifen, haben wir Ruhe.«

»Wieso?« fragte Reißner und erhob sich ächzend. Er kam sich vor, als habe man ihm alle Knochen zerknickt.

»Die Wilden fürchten die Nacht. Für sie ist sie voller Geister. Erst beim Morgengrauen kann es gefährlich werden.«

»Und wenn dieser Stamm hier eine andere Einstellung zur Nacht hat?« fragte Kreijsman.

»Darum müssen wir Wache halten.«

»Und was tun wir, wenn sie kommen? Hände hoch und den Kopf hinhalten zum Abschneiden?« Reißner blickte auf seine MPi, die neben ihm auf den Kieseln lag.

»Wenn sie uns angreifen, dann nur nach einem Regen von Giftpfeilen, dem dann die Speere folgen. Erst dann wird man sie sehen, das heißt, wir sehen nichts mehr, denn dann sind wir mit Pfeilen gespickt.«

»Fabelhafte Aussichten!«

»Deshalb keine Müdigkeit mehr, Jungs!« Zynaker klatschte in die Hände. »Die Zelte aufbauen! Im Zelt sind wir halbwegs sicher vor den Pfeilen, da bleiben sie im Stoff hängen. Aber ich glaube nicht, daß sie in der Nacht kommen. Für sie sind wir unbekannte Dämonen.«

Es war schon dunkel, als endlich die drei Zelte standen. Zwei Batteriescheinwerfer erhellten den Platz, und schon das mußte für die Wilden ein göttliches Wunder sein, zwei Sonnen in der Nacht. Das können nur die Götter.

»Ich übernehme die erste Wache«, sagte Schmitz. »Wie lange?«

»Der Wechsel findet alle zwei Stunden statt«, antwortete Zynaker. »Der nächste wird Fred sein.«

Kreijsman nickte. Reißner gähnte wieder und sehnte sich nach seinem Schlafsack.

Schmitz sah ihn fordernd an. »Geben Sie mir Ihre Maschinenpistole.«

»Können Sie überhaupt damit umgehen?«

»Wenn man auf den Abzugshebel drückt, rattert sie los — das ist doch alles? Und wo die Sicherung ist, werden Sie mir zeigen.«

Reißner brummte etwas Unverständliches vor sich hin, hob die MPi von der Erde auf und hielt sie Schmitz hin. »Ballern Sie nicht sinnlos herum«, sagte er dabei, »wenn irgendwo im Gebüsch ein Affe raschelt. Ich habe nur zweitausend Schuß Munition bei mir, und keiner weiß, wie lange die reichen müssen.«

»Jetzt wird man sich in Kopago die Haare raufen.« Zynaker blickte in den Nachthimmel. Er ist schwarz, und hier ist es jetzt wie in einem Grab, dachte er. »Lieutenant Wepper wird nach allen Seiten Funksprüche hinausjagen. Zweimotoriges Flugzeug mit sieben Menschen an Bord im Hochland vermißt.«

»Und morgen früh wird die große Suchaktion gestartet.« Pater Lucius schien frohen Mutes zu sein. »Das ist etwas, was mich ungemein beruhigt. Die Flugzeugtrümmer kann man nicht übersehen. Man wird uns finden. So schnell verschwinden heute keine Menschen mehr. Gute Nacht allerseits! Ich werde für uns beten — auch für Sie, Reißner.«

»Verbindlichsten Dank.« Reißner machte eine kleine Verbeugung. »Grüßen Sie den alten Herrn von mir.«

»Auch Sie werden ihn einmal brauchen.«

»Vielleicht.« Reißner lachte laut. »Ich gebe Ihnen ein Zeichen, wenn’s soweit ist.« Er schlüpfte in das Zelt, das er mit Kreijsman teilte, glitt in den Schlafsack und war nach wenigen Minuten eingeschlafen.

»Er hat nur eine große Schnauze«, sagte Zynaker verächtlich, als Reißner im Zelt verschwunden war. »Das ist auch alles. Ich bin gespannt, wie er den Marsch durch den Urwald übersteht. Samuel?«

»Hier bin ich, Masta.« Samuel kam aus dem Schatten eines Zeltes hervor in den Lichtkreis der Lampe. Der Blick seiner schwarzen Augen irrte umher. Er schien sehr unruhig zu sein.

»Sind Papua-Krieger in der Nähe?«

»Ich weiß es nicht, Masta.«

»Ihr riecht euch doch sonst kilometerweit gegen den Wind.« Zynaker zeigte in die völlige Dunkelheit, in der jetzt der Wall aus toten Bäumen lag. »Hier waren doch Menschen. Ich denke, du bist der beste Spurensucher des Hochlands?«

»Morgen früh, Masta, werde ich suchen. Hatte ich heute dafür Zeit?«

»Da hat er recht, Donald«, sagte Leonora. »Haben Sie Angst?«

»Ja, um Sie …«

»Wir werden alle das gleiche Schicksal erleiden, Donald. Aber ich glaube, Sie sehen alles viel zu schwarz. Warten wir die erste Begegnung mit den Wilden ab — ich hoffe, die wird nicht so dramatisch, wie wir alle befürchten.«

»Sie hoffen …«

»Ohne Hoffnung wäre jedes Unternehmen sinnlos.« Leonora ging aus dem Schein der Batterielampe zu ihrem Zelt. Neben dem Eingang des Zeltes hatte es sich Samuel bequem gemacht; er hatte von Pater Lucius eine Decke bekommen, sie auf dem Boden ausgebreitet und saß nun mit hochgezogenen Knien auf der Erde wie ein Wächter.

Zynaker folgte Leonora schweigend, bis sie am Zelteingang stehenblieb. »Ich mache mir Vorwürfe«, sagte sie wieder. »Sie haben alles verloren, Donald.«

»Ich werde nicht verhungern. Arbeit gibt es überall, man muß sie nur suchen und nicht warten, bis sie zu einem kommt. Ich … ich bin kein Mensch, der sich von Schlägen kleinkriegen läßt, ich schlage zurück.«

»Das weiß ich. Trotzdem —«

»Trotzdem«, nahm er das Wort auf und blickte an Leonora vorbei, »bin ich ein Idiot.«

»Donald, wieso sind Sie ein Idiot? Sie sind …«

Er hob die Hand und winkte ab. Seine Stimme klang plötzlich gepreßt, als würge man ihn. »Vergessen Sie, was ich jetzt sage. Bitte, vergessen Sie es. Es ist das Idiotischste, was ein Mann wie ich sagen kann.« Er holte tief Atem und preßte die Worte aus sich heraus: »Ich habe mich in Sie verliebt. Und jetzt lachen Sie mich aus wie einen Narren!«

Leonora lachte nicht. Sie erwiderte aber auch nichts. Wortlos drehte sie sich um und betrat das Zelt.

Als der Vorhang hinter ihr zurückfiel, senkte Zynaker den Kopf und wandte sich ab. Das war’s, dachte er. Nun ist es heraus, und sie läßt dich stehen und geht ohne ein Wort davon. Hast du etwas anderes erwartet? Hast du gehofft, sie fällt dir in die Arme? Was bildest du dir ein, Donald? Aber nun weiß sie, wie es um mich steht. Ich bin ein ehrlicher Mann, vielleicht meine einzige gute Eigenschaft. Er ging zu den Lampen zurück und traf dort Schmitz an, der sich für seine Nachtwache einrichtete. Er hatte seinen Schlafsack zusammengerollt und saß darauf. »Wenn sie kommen«, sagte er und blickte zu Zynaker auf, »mehr als schreien kann ich nicht.« Er zog Reißners MPi an seine Hüfte. »Oder soll ich sofort schießen?«

»Zuerst in die Luft, das wird ihnen einen lähmenden Schrecken einjagen. Das wird sie an diesen geheimnisvollen donnernden Gott erinnern. Zielen Sie bloß nicht auf den Mann, Pepau! Dazu haben wir immer noch Zeit.«

»Und ich habe ja auch noch den Knaller von Pater Lucius.«

»Der wird eine ungeheure Wirkung haben.« Zynaker sah auf den jungen Medizinstudenten hinab. Er konnte nachempfinden, was jetzt in Schmitz vor sich ging. »Angst?« fragte er.

»Es gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, auf Kopfjäger zu warten.«

»Soll ich für Sie die Wache übernehmen?«

»Danke. Was hätte das auch für einen Nutzen — einmal bin ich ja doch an der Reihe. Außerdem: Ich bin kein Feigling.«

»Halten wir gemeinsam Wache, Pepau!«

»Dann wären Sie ja doppelt dran.«

»Mir macht’s nichts aus.« Zynaker sah sich nach allen Seiten um. Vier Zelte hatten sie aufgebaut, in einem Kreis standen sie um den Platz, der von den zwei Lampen erhellt war. Auch Pater Lucius hatte sich in sein Zelt zurückgezogen, durch die Leinwand drang ein Schimmer Licht von einer Taschenlampe. Er saß auf seinem Schlafsack, hatte das Brevier auf den Knien und betete. Neben ihm, griffbereit, mit offenem Deckel, stand seine »Zauberkiste« mit den Feuerwerkskörpern und anderen Dingen, darunter auch dieser kleine Kasten, aus dem er eine Fülle von bunten Kunstblumen hervorholen konnte.

Zynaker nahm sich aus einer der herumstehenden Kisten eine Decke, faltete sie zusammen und setzte sich neben Schmitz auf den Boden. Um sie herum herrschte völlige Stille, nur das Gurgeln des Flusses bewies, daß sie sich nicht in einem endlosen Raum befanden. Die Nachtgeräusche, die sonst einen Urwald beleben, das Schreien und Flattern von Nachtvögeln, das heisere Rufen von Affen, das Rascheln irgendwelcher Tiere im Unterholz, das alles gab es hier nicht. Hinter ihnen wuchs die dichte grüne Wand hoch in den Himmel, drohend und abweisend, wie ein gefräßiges Ungeheuer mit Hunderten von Mäulern und Hunderten von Armen.

Im Zelt von Pater Lucius erlosch die Taschenlampe. Das Abendgebet war gesprochen. Zynaker stemmte sich vom Boden hoch, ging zu den Lampen und knipste sie aus. Die Dunkelheit lag plötzlich wie eine erdrückende Last auf ihnen.

»Muß das sein?« fragte Schmitz in die plötzliche Schwärze hinein.

»Wir müssen mit den Batterien sparsam umgehen.«

»Wir haben einen kleinen Benzingenerator mit und ein Aufladegerät.«

»Und wie lange reicht der Benzinvorrat? Wissen Sie, wann wir hier wieder herauskommen? Außerdem, die völlige Dunkelheit hält die Papuas zurück. Im Licht sind wir für sie ein leichtes Ziel. Da trifft jeder Pfeil.«

»Diese Dunkelheit drückt mir aufs Herz.«

»In zehn Minuten haben Sie sich daran gewöhnt.« Zynaker setzte sich wieder neben Schmitz auf seine Decke und steckte sich eine Zigarette an. Der winzige glühende Punkt tanzte wie ein Leuchtkäfer durch die Nacht.

»Auch die Stille ist eine schwere Last«, sagte Schmitz plötzlich.

»So ist es, vor allem, wenn man auf etwas wartet. Legen Sie sich hin, Pepau, und machen Sie die Augen zu.«

»Wo denken Sie hin, Donald! Ich habe Wache.«

»Sie haben heute genug geschuftet, ruhen Sie sich aus. Ich passe für Sie mit auf.«

»Ich bin kein weicher Jüngling! Nur weil ich hier der Jüngste bin —«

»Sie werden sich wundern, wie hart Sie noch sein müssen. Vielleicht sind Sie der einzige, der durchhält, eben weil Sie jung sind. Dann werden wir Alten uns auf Sie stützen.« Zynaker schnippte die Asche seiner Zigarette weg. »Und jetzt hauen Sie sich hin. Das bleibt ein Geheimnis zwischen uns beiden.«

Er sah schemenhaft, wie Schmitz sich hinlegte und den zusammengerollten Schlafsack als Kopfkissen benutzte. Wenig später hörte er gleichmäßige Atemzüge, tief und ruhig. Pepau schlief.

Ein paarmal in diesen zwei stillen, dunklen Stunden erhob sich Zynaker, ging um die Zelte herum, näherte sich auch den aufgeschichteten Baumgerippen und blieb lauschend stehen. Einmal meinte er ein leises Rascheln gehört zu haben, aber es war so schnell vorbei, daß er nicht sagen konnte, woher es gekommen war.

Verdammt, sie sind da, sagte er sich und ging auf den Platz zwischen den Zelten zurück. Er legte den Finger auf den Lichtschalter und drehte die Lampen zu dem Baumwall, damit beim Aufflammen der Scheinwerfer die plötzliche Blendung einen Schrecken hervorrief. Aber dann war wieder die Stille um ihn, durchzogen vom Gurgeln und leisen Rauschen des Flusses.

Kommt doch, dachte Zynaker. Zeigt euch, dann haben wir klare Verhältnisse. Entweder wir sind Freunde, oder wir schlachten uns gegenseitig ab. Aber dieses Belauern zerfrißt einem die Nerven. Es dringt bis auf die Knochen. Kommt raus aus eurer Deckung!

Er setzte sich wieder auf seine zusammengefaltete Decke, hörte neben sich Schmitz mit tiefen Atemzügen schlafen und dachte darüber nach, was der morgige Tag bringen könnte.

Sie werden uns suchen, weil sie keine Funknachricht erhalten haben. Auf der Station haben wir zwei alte Hubschrauber, mit denen sie die »Täler ohne Sonne« ziemlich tief überfliegen können. Und wenn sie nicht ganz blind sind, müssen sie deutlich die Flugzeugtrümmer im Fluß sehen. Außerdem werden wir Notsignalraketen in den Himmel schießen, wenn wir die Motoren hören. Theoretisch kann gar nichts schiefgehen …

Eigentlich ist das Flugzeugwrack eine hervorragende Expeditionsbasis, ein ideales Standquartier. Das Hinterteil ist noch gut erhalten; wenn es uns gelingt, dieses abgebrochene Stück an Land zu bringen, haben wir das beste Quartier, das man sich wünschen kann. Sogar die Motoren könnten wir ausbauen und als Kraftwerk benutzen. Ich habe noch rund fünftausend Liter Benzin in den Tanks, die könnte man ansaugen und rüberschaffen. Und aus den Flügeln kann man auch noch eine Hütte bauen, Werkzeuge sind genug an Bord.

Er schrak hoch. Er hatte etwas Schleichendes gehört, so etwas wie gedämpfte Schritte, ein Anstoßen an die Kiesel. Er sprang auf, bückte sich, nahm Reißners MPi von Schmitz’ Seite und biß die Zähne aufeinander, als er den kalten Stahl in seinen Fingern spürte.

Vor ihm tauchte ein Schatten auf, der auf ihn zuzuschweben schien, und er wollte gerade einen Alarmruf ausstoßen, als er erkannte, daß aus dem Schatten Leonora Patrik wurde. Er senkte die MPi und wartete, bis sie dicht vor ihm stand. »Tun Sie das nicht noch mal«, sagte er heiser. »Um ein Haar hätte ich Sie mit Blei gespickt. Verdammt, warum schleichen Sie hier herum, Leonora?«

»Ich kann nicht schlafen«, antwortete sie leise.

»Dann bleibt man in unserer Situation im Zelt, aber wandert nicht durch die Finsternis.«

»Sie sind ja auch nicht in Ihrem Zelt. Sie haben erst die dritte Wache.«

»Ich habe meine Gründe.«

»Männer verschanzen sich immer hinter Gründen, das ist ihr liebstes Alibi. Nehmen wir an, auch ich hatte einen Grund, nicht in meinem Zelt zu bleiben.« Sie sah sich um, aber die Dunkelheit ließ keinen weiten Blick zu. »Hat nicht Pepau jetzt Wache?«

»Ja.«

»Und wo ist er?«

»Wenn Sie mir versprechen zu schweigen, sage ich’s Ihnen.«

»Versprochen. Wo ist er?«

»Drei Meter links von Ihnen auf der Erde. Er schläft.« Zynaker faßte Leonora am Arm und führte sie ein paar Schritte in die Dunkelheit. »Darf ich den Grund ihres nächtlichen Wandels erfahren?«

»Ich konnte einfach nicht schlafen. Das ist alles. Und Ihre Gründe?«

»Mir ging durch den Kopf, wie Sie entscheiden werden, wenn man uns morgen sucht und tatsächlich findet. Lieutenant Wepper wird darauf bestehen, daß wir sofort in die Hubschrauber steigen.«

»Da sage ich laut nein!«

»Er ist berechtigt, Ihnen die sofortige Rückkehr zu befehlen.«

»Mit welcher Begründung?«

»Die Expedition hat sofort mit einem Unglück begonnen.«

»Irrtum! Verunglückt sind Sie, und Sie gehören nicht zur Expedition. Alle Mitglieder sind unverletzt, die Ausrüstung ist gerettet. Es liegt gar kein Grund vor, die Expedition einzustellen.«

»Der Absturz des Flugzeugs allein genügt vollauf.«

»Dann soll Wepper Sie in den Hubschrauber verfrachten. Ich habe Sie gechartert, uns hierher zu bringen. Mit der Expedition haben Sie gar nichts zu tun. Sie waren lediglich unser Transportmittel.«

»Danke.«

»Wofür ›danke‹?«

»Für die Charakterisierung, die Sie für mich gefunden haben. Ich bin ein Transportmittel … Gut, das zu wissen.«

»Donald, ich habe Ihnen nur gesagt, was ich Lieutenant Wepper antworten werde, wenn er mir Befehle geben will. Er kann hundert Strickleitern runterlassen — von uns wird sie keiner angreifen. Natürlich sind Sie kein Transportmittel.«

»Was sonst?«

»Ein … ein lieber Freund.« Leonora hatte nach einem unverbindlichen Wort gesucht. Zynaker merkte es an ihrem Zögern. Aber gleichzeitig wußte er durch dieses Zögern auch, daß er mehr war als ein Freund. Wie ein heißer Strom zog es durch seinen Körper, aber er schaffte es, neben ihr starr in der Finsternis zu stehen, ihren Atem zu hören, ihre Nähe zu fühlen und den leichten Hauch eines herben Parfüms einzuatmen.

Parfüm im Urwald von Papua-Neuguinea. Ein diskreter Duft aus Paris im unerforschten Land. Der Mensch ist schon ein verrücktes Wesen …

»Danke«, sagte er noch mal.

»Wofür denn jetzt?«

»Für das Ziehen einer Grenze. Ich habe verstanden, Leonora. Ein lieber Freund kann auch ein Dackel sein, ein Mops.«

»Das sind Sie alles nicht, Donald. Sie sind ein Frosch, der laut quakt, aber sich im Schilf versteckt.«

»Ein Frosch, der quakt, erwartet Antwort. Warum quakt er sonst?«

»Bei Fröschen ist es wie bei Menschen. Manche quaken falsch.«

»Ich habe doch schon alles gesagt, Leonora.« Er atmete wieder ihr Parfüm ein und spürte ihre Nähe wie eine warme Strahlung. Er wußte, daß, wenn er jetzt die Hände ausstreckte und sie berührte, ihre Haut glatt und warm war, daß ihr Körper sich ihm entgegenbog, wenn er sie küßte, daß ihre Arme um seinen Nacken flogen und ihre Hände sich über seinen Rücken tasteten.

»Sie haben gesagt, daß Sie mich lieben …«

»Ja.«

»Es sind doch nur Worte.«

Da griff er zu, zog sie an sich, mit einem Ruck, der weh tun mußte, aber es war in ihm wie eine Explosion, er schlang die Arme um ihren Rücken und spürte, wie ihre Hände seinen Nacken umgriffen, und dann küßten sie einander und waren nur noch verschmelzende Sehnsucht.

Später, in ihrem Zelt, lagen sie schweißüberzogen auf den Decken, rauchten eine Zigarette. Ihre Körper berührten sich, sie spürten den Schauer und waren stumm vor Glück.

»Jetzt wird alles nur noch schwerer«, sagte Zynaker plötzlich.

»Sprich nicht davon, nicht jetzt, mein Schatz.«

»Deine Expedition ist Wahnsinn.«

»Das sagen alle, und ich weiß es auch.«

»Und trotzdem machst du sie?«

»Ich habe mir geschworen, meinen Vater zu suchen, oder das, was von ihm übriggeblieben ist. Und diesen Schwur halte ich. Er ist zum Sinn meines Lebens geworden.«

»Auch jetzt noch?«

»Verstehst du das nicht, Donald?«

»Ich soll dich in meinen Armen halten mit dem Wissen, daß morgen, übermorgen, in einer Woche oder in einem Monat alles unter den Giftpfeilen der Papuas zu Ende ist? Soll ich mitansehen, wie sie dich umbringen? Mein Gott, hast du denn keine Angst?«

»Doch. Aber jetzt bist du bei mir, und ich bin ruhiger, viel ruhiger.«

»Sollen wir es den anderen sagen?«

»Sie werden es von sich aus merken.«

Kurz vor Ablauf der Wachzeit zog sich Zynaker wieder an und verließ das Zelt. Schmitz lag noch immer in seinem Schlafsack und schlief. Er rüttelte ihn wach, Schmitz stieß einen dumpfen Laut aus und schlug im Halbschlaf um sich. Dann war er ganz wach und sprang auf. »Verdammt, ich habe wirklich geschlafen!«

»Und wie!«

»Ich bitte um Verzeihung.« Schmitz strich sich über die rötlichen Haare. »Donald, ich schäme mich.«

»Kein Grund, Pepau. Es weiß ja keiner.« In einem der Zelte wurde eine Taschenlampe angeknipst, der schwache Schein schwankte über die Leinwand. »Aha. Die Ablösung. Wer ist dran?«

»Ich glaube, Reißner ist es.«

»Und da kommt er auch schon.«

Von seinem Zelt her, den Weg mit der Taschenlampe ableuchtend, kam Reißner heran und richtete den Schein auf Zynaker und Schmitz.

»Danke«, sagte Zynaker mit Ironie. »Sie machen aus uns eine hervorragende Zielscheibe.«

»Ach Scheiße!« Reißner senkte den Lichtstrahl wieder zur Erde. »Haben wir ‘ne Doppelwache?«

»Ich bin zufällig hier«, sagte Zynaker.

»Haben sich verlaufen, was?« Reißner lachte und schwenkte mit der Taschenlampe in Richtung der toten Bäume.

»Lassen Sie das!« sagte Zynaker scharf. »Knipsen Sie endlich Ihre dämliche Lampe aus. Pepau, Sie können jetzt gehen. Legen Sie sich aufs Ohr.«

»Jeijeijei, das klingt ja, als ob hier einer was zu befehlen hat!«

»Ich kenne den Urwald, Sie nicht.«

»Irrtum. Ich habe schon am Amazonas in Baumhütten übernachtet.«

»Das ist ein Unterschied wie zwischen einem Grandhotel und einer Hausnische. In beiden kann man schlafen.«

»Ich gehe dann also«, sagte Schmitz und tappte durch die Dunkelheit zu seinem Zelt zurück.

Reißner ließ noch einmal kurz seine Taschenlampe aufblitzen. »Wo hat der Junge meine MPi?«

»Sie liegt neben Ihnen auf der Decke.«

»War etwas Verdächtiges zu hören?«

»Nein. Nicht mal ein Affe hat gefurzt.«

»So gefallen Sie mir, Donald.« Reißner lachte wieder. »Können Affen übrigens furzen?«

»Da sie Primaten sind wie wir, müßten sie es können. Gehört habe ich noch keinen.« Zynaker wandte sich ab. »In zwei Stunden löst Sie Kreijsman ab.«

»Ich weiß. Gute Nacht, Napoleon.«

Zynaker kroch in sein Zelt und schlüpfte in seinen Schlafsack, aber einschlafen konnte er nicht. Er dachte an Leonora, an diese kurze Stunde des Glücklichseins, an ihre Umarmungen und das wahnsinnige Gefühl, mit ihr ein Leib zu sein. Und wieder kroch die Angst in ihm hoch vor den kommenden Tagen, und er war wie gelähmt von der Sorge um Leonora. So lag er lange wach, starrte an die Leinwand über sich und sehnte den Morgen herbei, den Morgen, an dem vielleicht die Entscheidung über ihrer aller Schicksal fiel.

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Die letzte Wache hatte Pater Lucius. Er löste Zynaker ab, der nach einem kurzen unruhigen Schlaf von Kreijsman die Wache übernommen hatte.

»Nichts«, sagte Kreijsman bei der Ablösung. »Wir scheinen tatsächlich die einzigen Menschen zu sein. Das beruhigt.«

Zynaker vermied es, ihm seine gegenteilige Ansicht mitzuteilen.

Samuel, der neben Leonoras Zelteingang auf dem Boden lag und ihn bewachte, hatte Zynaker, als er Leonora verließ, zugeflüstert: »Männer sind da.«

»Wo?«

»Im Wald.«

»Ich höre nichts.«

»Ab und zu machen sie einen Vogelschrei nach und wissen dann, wo sie sind.«

»Du bist da ganz sicher?«

»Ich bin der beste Fährtenleser meines Stammes. Ich höre und rieche alles, Masta. Und ich sage: Sie sind da.«

Pater Lucius hob seine Armbanduhr an die Augen und las die Leuchtziffern ab. »In ungefähr einer Stunde wird es hell, Donald. Das ist eine kritische Zeit, wenn wir … wenn wir nicht allein sein sollten. Beim ersten Schein der Sonne geht man auf Jagd, ob auf Tiere oder Menschen, das bleibt sich hier gleich.«

»Dann legen Sie schon mal Ihre Knaller bereit, Pater.« Zynaker klopfte ihm auf die Schulter. »Mit Ihnen wacht doch jetzt auch Gott.«

»Verlassen Sie sich darauf, trotz Ihres Zynismus.«

Beim Rückweg zu seinem Zelt überlegte Zynaker, ob er zu Leonora gehen sollte, aber dann hielt er es für sinnvoller, wieder in sein eigenes Zelt zu kriechen. Der kommende Tag würde wieder hart werden … Er hatte sich entschlossen, nun doch die Flugzeugtrümmer auszuschlachten und alles, was man gebrauchen konnte, an Land zu schaffen.

Das erste Dorf in einem unbekannten Land, dachte er. Wände aus Aluminium und Kunststoffen, ausgestattet mit den Polstersesseln der Kabine, den Bodenteppichen, der kleinen Küche, dem Kühlschrank — nur, wie man genügend elektrischen Strom erzeugte, war noch ein Problem. Konnte man einen Flugzeugmotor in einen Generator umbauen?

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Pater Lucius schien wirklich auf Gott zu vertrauen. Er setzte sich auf einen der Klappstühle mit dem Markisenstoffbezug, stützte den Kopf in beide Hände und schlief nach einer Viertelstunde ein.

Er erwachte, weil es hell um ihn war, schrak hoch, sah sich von Nebelschwaden umhüllt, die vom Fluß herüber- und an den Berghängen hinaufzogen, und drehte sich mit einem plötzlich merkwürdigen Gefühl im Nacken zu der grünen Wand des Urwalds um.

Mit einem tiefen Erschrecken starrte er auf das Bild, das sich ihm bot.

Auf den toten Baumstämmen, diesen gebleichten Gerippen aus Holz, hockten kleine, fast schwarze Gestalten, mindestens hundert mochten es sein. Sie hockten stumm und bewegungslos da und blickten auf das Zeltlager. Ihre Gesichter waren rundum mit gelber Farbe bemalt, der Hals leuchtete rot, und Muschelketten in mehreren Reihen schlangen sich um den Nacken, Amulette aus Eberzähnen, Brustschilde aus Knochen; kunstvoll gesteckte bunte Federn türmten sich zu bizarren Gebilden auf den Köpfen. Viele hatten ihre Nasen mit dünnen langen Knochen durchbohrt, um die Hüften flatterte ein Lendenschutz aus langen, spitz zulaufenden Blättern, die von einem kunstvoll geflochtenen, bunten Bastgürtel gehalten wurden. Als Zierde hingen an diesen Gürteln größere Knochen, und um die Waden und die Unterarme hatten sie lederartige Manschetten geschnallt, zum Teil mit roter oder gelber Bemalung.

Pater Lucius rührte sich nicht. Er kam gar nicht auf den Gedanken, seinen Knaller zu zünden — regungslos starrte er auf die ebenso regungslosen Wilden und wußte: Die dicken Knochen sind Menschenknochen, und die Ledermanschetten sind gegerbte Menschenhaut. »Gott, jetzt kommt Deine Stunde«, flüsterte er in sich hinein. »In Deine Hände lege ich unser Leben.«

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Reißner war der erste, der im Zelt aufwachte, den Kopf durch den Eingangsschlitz steckte, die bemalten und geschmückten Papuas auf den toten Baumstämmen erblickte und sofort wieder im Zelt verschwand.

»O du Scheiße!« stöhnte er, beugte sich über Kreijsman und rüttelte ihn wach. »Fred, wachen Sie auf! Wie kann man nur so schlafen! Fred, sie sind da! Sie hocken auf den Baumstämmen wie große Hühner!«

»Was?« Kreijsman zuckte hoch, als habe man ihn in den Hintern gestochen. Mit einem geradezu irren Blick, der die Situation noch nicht voll begreifen konnte, stierte er Reißner an. »Was sagen Sie da?«

»Unsere Kopfabschneider warten auf uns.«

»Wo ist Leonora, wo sind die anderen?«

»Die schlafen noch. Ich bin der erste, der aus dem Zelt geblickt hat.«

»Und Pater Lucius, hat der nicht Wache?«

»Er wird jetzt niederknien und beten«, sagte Reißner mit plötzlich heiserer Stimme. Nein, du hast keine Angst, John Hannibal. Du hast eine MPi. Wo hast du sie? Bei Pater Lucius ist sie, und da kommst du jetzt nicht ran. O Scheiße, Scheiße! Nur keine Panik, hörst du, nur das nicht! Du hast keine Angst. Du mußt jetzt raus aus dem Zelt, zu Leonora hinübergehen und so tun, als seien die Wilden gar nicht vorhanden. Verdammt, warum hat der Pater keinen Alarm gegeben? Da sitzt er auf einer Kiste voller Feuerwerkskörper, und nichts geschieht. Reißner richtete sich auf und tat einen Schritt zum Zelteingang.

Kreijsman, der noch immer in seinem Schlafsack lag, hielt ihn am Hosenbein fest. »Wo wollen Sie hin?«

»Raus, zu Leonora.«

»Wollen Sie sich abschießen lassen?«

»Ob jetzt oder in zehn Minuten, das ist doch egal. Kommen Sie mit?«

Kreijsman nickte. Er erhob sich ächzend, zog seine Hose an, strich sich über das Stoppelkinn, zog den Eingangsschlitz auseinander, sah die zum Fürchten bemalten Papuas und zuckte, wie vorher Reißner, zurück.

»Nicht in die Hose scheißen!« sagte Reißner rauh. »Wer Diamanten suchen will, muß schon was ertragen können.«

»Warum rührt sich Pater Lucius nicht?«

»Was weiß ich. Vielleicht liegt er schon pfeilgespickt neben meiner MPi. Das ist ja der Mist. Wenn ich sie jetzt hier hätte, könnte ich losrattern, wenn der erste Pfeil uns entgegenfliegt. Ich frage mich nur: Worauf warten die Kerle? Warum greifen sie nicht an? Leichter, als uns im Schlaf umzubringen, bekommen sie es nie wieder.« Reißner hob den Eingangsvorhang auf.

Kreijsman spreizte die Finger, als habe er in etwas Klebriges gegriffen. »Sie wollen wirklich hinaus?«

»Wenn denen noch unklar ist, ob wir Menschen oder Götter sind, dann sollen sie’s jetzt wissen. Ich werde ihnen einen tollen Gott vorspielen.«

»Was haben Sie vor, John Hannibal?«

»Ich will zuerst zu meiner MPi. Wenn ich die in der Hand habe, ist mir wohler. Und dann sehen wir weiter.« Er schlüpfte ins Freie, warf nicht einen Blick auf die auf den toten Bäumen hockenden Papuas, sondern ging, als sei er ganz allein, mit ruhigen Schritten hinüber zu dem Platz, wo Leonora die Küche aufgestellt hatte. Dort sah er, wie Pater Lucius regungslos neben den Lampenständern stand, die MPi zu seinen Füßen.

»… und Lots Weib erstarrte zur Salzsäule«, sagte Reißner. »Geweihter Mann, warum haben Sie keinen Laut gegeben?«

»Ich will alles vermeiden, was die Wilden erschrecken könnte«, antwortete der Pater.

»Seit wann hocken sie denn da? Waren sie plötzlich da?«

»Ich weiß es nicht.« Das klang ausgesprochen kläglich.

Reißner sah Pater Lucius erstaunt an. »Sie haben nichts bemerkt?«

»Nein.«

»So lautlos waren sie?«

»Ich … ich habe geschlafen.«

»Warum auch nicht?« Reißner troff vor Spott. »Der liebe Gott hat sicherlich die Wache übernommen.«

»Ihr Sarkasmus hilft uns nicht weiter. Irgend etwas müssen wir tun.«

»Da haben Sie recht.« Reißner bückte sich und nahm seine MPi von der Erde auf.

Pater Lucius wedelte verzweifelt mit der rechten Hand. »Um Gottes willen, schießen Sie nicht, John Hannibal! Tote haben noch nie zur Verständigung beigetragen.«

»Ich schieße nur, wenn die Gelbgesichter zuerst anfangen. Aber eine Frage: Wozu haben Sie Ihren Kanonenschlag in der Tasche? Wenn Sie den jetzt werfen, fallen die Bemalten von ihren Baumstämmen.« Er streckte die Hand aus. »Geben Sie mir den Knaller! In zwei Minuten sind wir Götter.«

Zögernd griff Pater Lucius in seine Hosentasche, holte das verschnürte blaue Päckchen mit der kleinen Zündschnur hervor und drückte es Reißner in die Hand.

Reißner fingerte aus seiner Hose ein Gasfeuerzeug und hängte sich die Maschinenpistole an dem Lederriemen um den Hals.

»Und was tun Sie, wenn sie genau entgegengesetzt reagieren und angreifen?« fragte Pater Lucius gepreßt.

»Dann haben wir erstens Pech gehabt, und zweitens kommen sie an uns nur heran, wenn ich das Magazin leergeschossen habe. Das kostet sie eine Menge Krieger.« Reißner ließ das Feuerzeug aufschnappen, die kleine Flamme züngelte unruhig. Schon das mußte für die scharf beobachtenden Papuas ein Wunder sein: Aus den Fingern der seltsamen bleichen Gestalten wuchs Feuer.

Reißner hielt die Flamme an den Zünder und bog sich dann beim Werfen weit in den Hüften zurück. Zischend und kleine Sterne von sich schleudernd fiel der Knaller ungefähr vier Meier vor den toten Bäumen auf die Erde, und plötzlich hatten die Papuas grell bemalte Schilde in den Händen und hielten sie vor sich hin. Von irgendwoher gellte ein Schrei. Ein Kommando für die Krieger?

Der Donnerschlag war wirklich eine Wucht. Selbst Reißner zuckte zusammen, als der Knallkörper explodierte und sich beim Zerplatzen von der Erde abhob.

Die Papuas waren verschwunden — es war, als seien sie nach hinten von den Baumstämmen gekippt. Zynaker, Schmitz und Kreijsman stürzten aus ihren Zelten, Samuel riß den Vorhang zu Leonoras Zelt auf und verschwand im Inneren.

»Volltreffer«, sagte Reißner genußvoll. »Wenn ich schon erschrecke, muß bei den Wilden die Welt untergehen. Was haben Sie noch in Ihrer Zauberkiste, Pater? So einen im Zickzack herumzischenden Knallfrosch?«

Zynaker war der erste, der Lucius und Reißner erreichte. »Seid ihr verrückt geworden?« schrie er. »Wollt ihr die Kopfjäger anlocken?«

»Sie sind schon da.« Lucius wischte sich über die Augen. »Vielleicht hundert. Saßen auf den loten Stämmen.«

»Und liegen jetzt dahinter auf der Erde. Der Donnergott hat zugeschlagen.«

»Und jetzt?« brüllte Zynaker.

»Abwarten.« Reißner nahm seine MPi wieder in Anschlag. »Wir waren uns klar darüber, daß die erste Begegnung mit den Urmenschen dramatisch wird. Und wer zuerst zuschlägt, hat meistens die besten Chancen. Meistens.«

Nun kam auch Leonora aus ihrem Zelt, gefolgt von Samuel, der hinter ihr herschlich und nach allen Seiten sicherte wie ein verfolgtes Wildtier. Er hatte eine Machete in der Hand, aber was nutzt ein großes Haumesser gegen Pfeile und Speere?

»Samuel sagt, wir seien umzingelt«, sagte Leonora mit völlig ruhiger Stimme. Nicht einen Funken Angst sah man ihr an, im Gegensatz zu Kreijsman, der nervös an seinem Hemd und an seinem Gürtel zupfte.

»Das ist übertrieben. Sie saßen auf den toten Bäumen wie Hühner auf der Stange. Der Donnerschlag hat sie glatt weggefegt.« Reißner hob den Kopf und legte den Zeigefinger an den Abzug seiner MPi. »Achtung, die Götter werden besichtigt …«

Zwischen den bleichen Stämmen erschien eine Gestalt, die zunächst aussah wie ein großer, wandelnder Federbusch. Erst dann erkannte man inmitten der Federn, bemalten Baumrinden, Muschelketten, aufgereihten Zähne und ebenfalls bemalten, getrockneten, lanzenförmigen Blätter einen menschlichen Körper. Barfuß, die Beine ebenfalls mit Federn umwickelt, schlich die Gestalt langsam näher. Das Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit mit gelber, roter, weißer und blauer Farbe bestrichen; nur die schwarzen Augen stachen hervor und die wie eine blutende Wunde rot bemalten Lippen. Um die Stirn trug die Gestalt ein breites Band aus weißem Bast, aus dessen Mitte ein nach oben gebogener Knochen hervorragte. Bei jedem Schritt rasselten leise die Muschelketten um Hals, Leib und Beine. Es war wirklich schwer zu erkennen, daß da ein Mensch kam.

»Der Medizinmann«, sagte Pater Lucius mit hohler Stimme.

»Woher erkennen Sie das?«

»Nur ein Medizinmann kommt in einem solchen Aufzug. Das ist doch der Medizinmann, Samuel?«

»Ja, Masta.« Samuel betrachtete die Gestalt mit sichtlicher Ehrfurcht. Auch wenn er auf einer Mission aufgezogen worden war und gearbeitet hatte, auch wenn er einmal Meßdiener gewesen war — der uralte Geisterglaube war auch mit Jesus nicht ganz zu vertreiben, und ein Medizinmann bleibt ein auserwähltes, geheimnisvolles und mit den Geistern redendes Wesen.

»Sprich mit ihm«, befahl Pater Lucius. »Frag ihn, was er will. Sag ihm, wir kämen als Freunde.«

Der Medizinmann blieb in sicherer Entfernung vor ihnen stehen. Mit den bleichen großen Gestalten konnte er noch nichts anfangen, wohl aber mit Samuel. Er war ein Papua wie er, von einem fremden Stamm zwar, aber ein normaler Mensch. Wenn er mit den donnerschleudernden Wesen auskam, konnten es keine bösen Geister sein.

Zynaker stieß Samuel die Faust in den Rücken. »Rede!« zischte er.

Samuel nickte. In einer der Sprachen des südlichen Hochlandes stieß er ein paar Laute aus und dann Sätze von einer eigenartigen Sprachmelodie. Der noch immer in sich geduckte Medizinmann straffte sich, und jetzt sah man erst, daß er einen muskulösen, tiefbraunen Körper besaß, der auch mit gelben und roten Strichen bemalt war.

Zuerst bekam Samuel keine Antwort, nur die schwarzen Augen musterten die fremden Wesen.

»Er spricht eine andere Sprache«, sagte Leonora leise. »Gehen wir auf ihn zu, die Arme ausgestreckt, die Handflächen flach nach vorn! Das verstehen alle Völker als Friedenszeichen.«

Aber so weit kamen sie nicht. Der Medizinmann begann plötzlich mit einer hohen, singenden Stimme zu sprechen. Eine Art Zauberstab aus bemaltem Holz, an der oberen Hälfte mit einem Federbusch geschmückt, lag plötzlich in seiner Hand, er schwenkte ihn hin und her und auf und nieder und stieß dabei kurze, helle Schreie aus.

Reißner konnte es nicht lassen zu sagen: »Pater, sehen Sie sich das genau an. Wie bei Ihnen: Er schlägt ein Kreuz. Jetzt sind Sie dran, da steht ein Kollege von einer anderen Fakultät.«

»Was will er, Samuel?« fragte Pater Lucius.

»Er beschwört die guten Geister und bittet um Gnade.«

»Was sag’ ich!« Reißner rieb sich die Hände. »Was wollen Sie antworten, Pater? ‘Hosianna in der Höhe’?«

Pater Lucius tat genau das, was auch der Medizinmann getan hatte. Er öffnete sein Hemd, holte das um seinen Hals hängende, kleine silberne Kruzifix hervor, hob es hoch und schlug damit das Kreuz. Zauberstab gegen Zauberstab — der erste Schritt war getan.

Der Medizinmann straffte sich noch mehr. Seine Augen funkelten, er drehte sich ein paarmal um sich selbst, mit kleinen hüpfenden Schritten, die Muschelketten rasselten, die großen bunten Federn wippten, und immer wieder stieß der Kopf mit dem Stirnband und dem gebogenen Knochen nach vorn, wie ein hackender Geier.

Reißner klatschte in die Hände, was ihm strafende Blicke der anderen einbrachte. »Pater, da müssen Sie jetzt mithalten!« rief er spöttisch. »Schade, daß Sie kein Neger sind, dann hätten Sie jetzt ein tolles Gospel auf der Pfanne. Mit einem Choral schinden Sie hier keinen Eindruck. Leute, die Situation wird kritisch. Man erwartet Großes von uns.«

Der Medizinmann hielt plötzlich inne und stieß ein paar Laute aus.

Samuel nickte und übersetzte. »Er sagt, er heißt Duka Hamana.«

Lucius trat einen Schritt vor und zeigte mit der Hand auf seine Brust. »Ich bin Pater Lucius«, sagte er langsam und betont. »Und du bist Duka Hamana.« Dabei zeigte er auf den Medizinmann. Dann trat er näher an ihn heran, zeigte ihm eine kleine Silbermünze, die er aus der Tasche holte, drehte sie zwischen Daumen und Zeigefinger, griff Hamana an die Nase, und plötzlich rieselten zehn gleiche Silbermünzen aus dem Nasenloch des Medizinmannes. Ein uralter Zaubertrick, der bei Duka Hamana eine ungeheure Wirkung zeitigte.

Der Medizinmann machte drei Sprünge rückwärts, griff sich an die Nase, zog daran, aber da kam nichts mehr heraus. Entgeistert betrachtete er seine Hand, schüttelte sie und starrte dann Pater Lucius an.

»Aus der Nase«, sagte Reißner gedehnt. »Pater, Sie hätten ihn Geld scheißen lassen sollen. Dann würde er tagelang in der Hocke sitzen, und wir hätten Ruhe vor ihm.«

»Sie haben eine gottverdammte Schnauze, John Hannibal«, sagte Zynaker und blickte zu den Baumgerippen hinüber, aber dort zeigte sich kein Papua mehr. Sie warteten, was ihr Medizinmann bei den fremden Geistern ausrichtete. »In Wirklichkeit aber kneifen Sie vor Angst den Hintern zu.«

Der Medizinmann bückte sich jetzt, legte seinen federumwickelten Zauberstab auf die Erde und trat zwei Schritte von ihm zurück. Eine deutliche Geste: Ich unterwerfe mich den guten Geistern.

Pater Lucius verstand es sofort, aber er war nicht bereit, sein Halskreuz auch auf den Boden zu legen. Doch irgend etwas mußte er tun, um das Geschenk des Medizinmannes mit einem Gegengeschenk zu beantworten.

»Pepau«, sagte er ruhig, »wagen Sie es, in mein Zelt zu gehen und meine Zauberkiste zu holen?«

»Warum nicht?«

»Sie werden von zweihundert Augen beobachtet. Ihr Weggehen könnte als eine feindliche Handlung aufgefaßt werden. Außerdem kommen Sie dabei in den Rücken des Medizinmannes, und das mag er gar nicht, nehme ich an.«

»Ich will es versuchen, Pater. Ohne Ihre Zaubertricks sind wir doch verloren.« Schmitz warf einen Blick auf den lauernden Medizinmann, löste sich von der Gruppe und ging langsam zu Pater Lucius’ Zelt zurück. Als er durch den Eingang schlüpfte, ging ein Aufatmen durch die Wartenden. Am Waldrand rührte sich nichts, bis auf die Geräusche vom Fluß war kein Laut zu hören.

Wenig später trat Schmitz wieder aus dem Zelt. Er hatte die Kiste des Paters geschultert und kam ebenso ruhig zur Lagermitte zurück. Dort stellte er die Kiste vor den Füßen des Paters ab, klappte den Deckel auf und versuchte ein schiefes Lächeln. »Geglückt! Nun sind Sie dran, Pater.«

Pater Lucius bückte sich, wühlte zwischen den verschiedensten Dingen und zog dann einen roten Zylinder hervor, den er auf seinen Kopf drückte.

Reißner starrte ihn verblüfft an. »Die Paradiesvogelfedern von Duka Hamana sind schöner«, zischte er. »Mit so einem Karnevalszylinder imponieren Sie nie.«

»Abwarten.« Pater Lucius trat einen Schritt auf den Medizinmann zu, nahm den Zylinder ab und hielt ihn so hin, daß Duka Hamana ins Innere sehen konnte. Es war leer. Dann zog der Pater den Zylinder an sich heran, sprach ein paar laute Worte, völlig sinnloses Zeug wie »Rabanamana, Sumlasim-bum, hottehü«, griff dann in die leere Kopfbedeckung und holte einen Busch wundervoll leuchtender Blumen hervor. Natürlich waren es künstliche Blumen, aber die Wirkung war ungeheuer, als er den Strauß wegwarf und einen neuen aus dem Zylinder zauberte, einen dritten, einen vierten, einen fünften, einen sechsten, und alle warf er dem Medizinmann vor die Füße. Auch das war ein uralter Zaubertrick, aber ein Wesen, das aus dem Nichts sechs wunderschöne Blumensträuße werfen kann, muß etwas Überirdisches sein.

Duka Hamana griff nach einem der Sträuße, und das Wunder verstärkte sich. Blumen, die nicht aus dem Material waren, aus dem sonst Blumen sind. Blumen, die sich seltsam anfühlten, deren Blätter nicht zerrissen, deren Blüten nicht zwischen den Fingern zu Brei zerquetscht werden konnten, Blumen aus einer anderen Welt, dem Reich der Götter. Blumen, die nie verwelkten …

Duka Hamana bückte sich, hob seinen Stab vom Boden auf und begann, geduckt rückwärts gehend, die Götter nie aus den Augen lassend, den Rückzug zu der Barriere der toten Bäume. Einen der Kunstblumensträuße nahm er mit, als Beweis, daß sie nicht von dieser Erde stammten. Mit einem letzten großen Satz verschwand der Medizinmann zwischen einer Lücke in den Baumskeletten.

Kreijsman atmete laut aus, und auch Leonora fuhr sich mit bebenden Händen durch die Haare. »Das kann uns das Leben gerettet haben«, sagte sie stockend. »An so etwas hat mein Vater nicht gedacht, er hätte sonst zaubern gelernt und lebte heute noch.«

»Abwarten.« Pater Lucius legte seinen roten Zylinder zurück in die Kiste. »Auf jeden Fall haben wir Zeit gewonnen, der Kontakt zu den Wilden ist hergestellt, den wichtigsten Mann des Stammes haben wir verblüfft. Was jetzt kommt, können wir in Ruhe abwarten. Eins wissen wir jetzt: Sie wollen uns nicht töten, denn das hätten sie sonst längst getan.«

»Und so sollen wir nun hier herumstehen und warten?« Reißner hängte sich seine MPi wieder vor die Brust.

»Im Gegenteil.« Zynaker zeigte auf das Flugzeugwrack im Fluß. »Wir tun das, was wir besprochen haben, als gäbe es keine Papuas.«

»Sie haben vielleicht Nerven!« sagte Kreijsman tonlos.

»Ja, die müssen wir jetzt alle haben!« Zynaker wandte sich zum Gehen. »Wir müssen das Wrack ausschlachten und an Land holen, was man noch gebrauchen kann. Aus den Seitenteilen und den Flügeln können wir uns feste Hütten bauen, mit den Rädern können wir Karren konstruieren, die Sitze werden zu Sesseln werden … Leute, wir bauen hier eine Luxussiedlung!« Er blickte hinauf zu dem noch von Nebelschwaden verhangenen Himmel, hinter denen man die Sonne nur ahnen konnte. Die Hitze war da, der Urwald dampfte und gab die Feuchte der Nacht her. »Es kann auch sein, daß bald ein Hubschrauber über uns erscheint. In Kopago und Port Moresby hat man längst Alarm gegeben, weil ich nicht zurückgekommen bin. Sie werden uns suchen.« Er blickte von einem zum anderen, und jeder wußte, was er jetzt sagen würde. »Wer gerettet werden will, kann sich ja hochziehen lassen und in den Hubschrauber einsteigen.« Er sprach das »gerettet« wie ein Schimpfwort aus. »Jeder ist in seinen Handlungen frei.«

»Gut. Fangen wir an abzustimmen, wenn’s schon sein muß! Also angenommen, der Hubschrauber findet uns — Sie zuerst, Zynaker: Wie entscheiden Sie sich?«

»Ich bleibe bei Leonora.«

»Leonora, Sie?«

»Ich bleibe selbstverständlich hier. Welche Frage!«

»Pepau?«

Schmitz winkte ab. »Es ist mir zu blöd, darauf zu antworten. Aber Sie, John Hannibal?«

»Trauen Sie mir Fahnenflucht zu? Fred, wie ist’s mit Ihnen?«

»Leonora hat mein Wort.«

»Ich stelle fest«, sagte Reißner laut, »daß wir einstimmig beschlossen haben, verfluchte Helden zu sein. Wenn wir also einen Hubschrauber hören, volle Deckung! Keine Zeichen! Nichts! Kann man das so sagen?«

»Ja!« antwortete Zynaker ebenso laut. »Und jetzt hören wir mit der Quatscherei auf und fangen an zu arbeiten. Wie in der Nacht — einer bleibt immer als Wache an Land zurück und wird alle zwei Stunden abgelöst. Wer ist dagegen?«

»Die Papuas!« Reißner zeigte zu den Baumgerippen. »Neuer Besuch. Wir sollten ein Gästebuch anlegen.«

Zwischen der Lücke in den toten Baumstämmen, durch die der Medizinmann verschwunden war, erschien jetzt eine andere Gestalt. Im Gegensatz zu Duka Hamana war er nicht bis zur Unkenntlichkeit mit Federn und Ketten verkleidet. Er war eine muskulöse dunkelbraune Gestalt. Um sich hatte er nur den Blätterlendenschutz und eine Kette aus Sauzähnen geschlungen, während auf seinem kraushaarigen Kopf eine Art Hut aus Baumrinde und drei große Paradiesvogelfederbüsche wippten. Sein Gesicht war mit gelber Farbe vollkommen zugeschmiert, und über den Nasenrücken bis hinauf zum Haaransatz zog sich ein dicker roter Strich und teilte das Gesicht in zwei Hälften. Das Auffallendste aber waren die Schmuckstücke, die er über dem Lendenschulz an einem dicken geflochtenen Baststrick trug. Kreijsman schluckte mehrmals, aber selbst Reißner verlor sein loses Mundwerk und schnaufte nur durch die Nase.

Rund um den Leib, eben an dieser Bastschnur, baumelten, mit den Haaren an dem Gürtel verknotet, faustgroße menschliche Köpfe. Obwohl sie präpariert und zusammengeschrumpft waren, erkannte man deutlich die Stirn, die Augenhöhlen, die Nase, den Mund und die zusammengebundenen Falten des abgetrennten Halses.

Der einzige, den dieser Anblick nicht bis auf die Knochen frieren ließ, war Samuel. Im Gegenteil, es schien, als atme er im Gegensatz zu den Weißen befreit auf.

»Mir wird übel«, flüsterte Kreijsman.

»Halten Sie’s Maul«, knurrte Reißner.

»Das ist mein erster Schrumpfkopf!«

»Seien Sie froh, daß es nicht Ihrer ist.«

»Ich kotze gleich.«

»Götter kotzen nicht. Machen Sie bloß keinen Scheiß, Fred! Drehen Sie sich um, wenn Sie’s nicht sehen können.«

Samuel blickte mit strahlenden Augen zu Leonora hinauf, die hinter ihm stand. »Der Häuptling kommt selbst, Massa. Das ist eine große Ehre für uns.«

»Das wird sich zeigen.« Zynaker trat neben Leonora und schob sich dann schützend vor sie.

Der Häuptling blieb fünf Schritte vor ihnen stehen, spreizte die Beine und sah die fremden Götter furchtlos an. Dann sagte er mit tiefer Stimme ein paar Worte, die Samuel sofort übersetzte.

»Er heißt Dai Puino und begrüßt uns als Freund.«

»Das sollen wir ihm glauben, bei so einem eindrucksvollen Gürtel?« knurrte Reißner.

»Er meint es ehrlich, sonst wäre er nicht selbst gekommen«, sagte Zynaker. »Wir dürfen ihn nicht enttäuschen.«

»Selbstverständlich nicht. Beugt eure Köpfchen und laßt sie euch ehrenvoll abschneiden.«

»Bei den Naturvölkern ist Gastfreundschaft noch eine Ehre, die nicht verletzt werden darf.« Leonora ging um Zynaker herum, und ehe er sie am Arm festhalten konnte, war sie auf Dai Puino zugetreten und streckte ihre Hand aus.

Der Häuptling stand regungslos, starrte auf die weiße Hand und wußte nicht, was er tun sollte.

»Sag ihm«, wandte sich Leonora an Samuel, »daß auch wir als Freunde kommen und Dai Puino als Freund begrüßen. Wir kommen aus einem fernen Land, um seinen Stamm zu besuchen, und bringen Geschenke mit.«

Samuel übersetzte es. Dai Puino hörte aufmerksam zu, musterte die Fremden mit stummem, aber lauerndem Interesse und hob dann die Hand. Er zeigte zu den Baumgerippen vor dem Urwald und sprach wieder ein paar Worte.

»Er sagt, wir sollen mitkommen. Der ganze Stamm wird sich freuen.«

»Das glaube ich ihm aufs Wort.« Reißner lächelte den Häuptling breit an. »So schöne Festbraten haben sie lange nicht gehabt. Leonora, Sie werden dem Häuptling vorbehalten bleiben.«

»Himmel noch mal, man sollte Ihnen die Schnauze einschlagen!« knirschte Zynaker. »Sie am Spieß überm offenen Feuer müssen ein herrlicher Anblick sein.«

»Das hätten Sie nicht sagen sollen, Donald.« Reißner war plötzlich sehr ernst. »Darüber sprechen wir noch, wenn wir einen weiteren Überblick haben.«

»Gern. Jederzeit!«

»Wir sind eingeladen«, sagte Leonora und wandte sich den anderen zu. »Sollen wir mitgehen?«

»Ich denke, wir wollen das Wrack ausschlachten?« warf Kreijsman ein.

»Das können wir immer noch.« Pater Lucius setzte sich auf seine Zauberkiste. »Wichtiger ist jetzt der Kontakt mit den Papuas. Wenn wir ihr Vertrauen haben, ist der Weg frei für unsere Expedition. Vielleicht erfahren wir von Dai Puino sogar etwas über das Schicksal von James Patrik. Wenn er hier verschwunden ist, wie Leonora annimmt, muß Dai Puino etwas über ihn wissen, hat ihn gekannt, kann uns weiterhelfen …«

Samuel und der Häuptling hatten unterdessen miteinander einige Sätze gewechselt.

Samuel wedelte mit den Händen. »Er sagt, das Dorf ist eine halbe Tagereise von hier entfernt, mitten im Wald. Er will uns das beste Männerhaus geben. Er will eine große Feier veranstalten und sieben Schweine schlachten. Und er will Geschenke austauschen.«

»Jedem von uns seinen Schrumpfkopf.« Reißner lachte dumpf und sah Zynaker herausfordernd an. »Was haben wir zu bieten? Bunte Glasperlenketten, Büstenhalter für die Frauen, Gottes Wort und Whisky. Damit rotten wir sie aus! Gehen wir ins Dorf oder nicht?«

»Wir gehen«, sagte Leonora fest.

»Und lassen hier alles zurück?«

»Sie müssen uns Träger stellen.«

»Das machen Sie denen mal klar, Leonora. Was wir hier alles mitgeschleppt haben! Mir war immer ein Rätsel —«

»John Hannibal, das ist doch ganz einfach. Wir hatten uns ein Basislager vorgestellt, von dem aus die Expedition versorgt werden sollte.« Kreijsman sah die anderen fast flehend an. »Und so soll es bleiben. Ich bleibe hier und verwalte das Basislager.«

»Und Ihre Diamantensuche, Fred?« fragte Leonora.

»Wenn das Basislager später weiter ins Innere rückt, wenn wir einen endgültigen Standplatz haben, habe ich Zeit genug, nach meinen Aufzeichnungen zu suchen.«

»Das heißt: Wir holen die Kohlen aus dem Feuer, und dann kommt der liebe Fred nach und wärmt seinen Arsch daran.« Reißner schüttelte den Kopf. »Alle oder keiner.«

Leonora tippte Samuel auf die nackte Schulter. »Sag Dai Puino, daß wir seine Einladung annehmen. Aber um alles zu zeigen, was wir mitgebracht haben, brauchen wir viele Freunde, die es auf ihren Schultern wegtragen. Frag ihn, ob er uns Leute zum Tragen zur Verfügung stellen kann.«

»Jetzt bin ich gespannt«, röhrte Reißner.

Samuel übersetzte. Dai Puino hörte bewegungslos zu und antwortete dann mit schnellen Sätzen. Eine ganze Tirade prasselte auf Samuel herab, der ab und zu nickte und den Häuptling nicht unterbrach.

Als Dai Puino schwieg, drehte sich Samuel um. Er hatte große Augen. »Er sagt«, übersetzte er, »er habe Männer genug, die die Sachen tragen könnten. Er fragt, ob die Freunde noch mehr Wunder bei sich haben, denn er braucht sie als Hilfe gegen seinen Bruder Hano Sepikula. Im Stamm ist ein Streit ausgebrochen. Hano Sepikula sagt, Dai Puino sei zu alt für einen Häuptling, und will selbst Häuptling werden. Der halbe Stamm ist für Dai Puino, die andere Hälfte für Hano Sepikula. Wenn die Fremden zu Freunden von Dai Puino werden, können sie ihm helfen, mit Götterzauber über Hano Sepikula zu siegen.«

»Aha, Familienkrach!« Zynaker erkannte die große Chance, die sich jetzt allen bot. »Deshalb die Freundlichkeit. Er braucht uns. Er will mit uns seine Häuptlingsstellung zurückerobern. Etwas Besseres konnte uns gar nicht passieren. Dai Puino wird uns auf ewig dankbar sein, wenn er seinem Stamm zeigen kann, wie stark er mit uns ist.«

»Das kann aber auch ins Auge gehen«, warf Reißner ein.

»Nicht, wenn Pater Lucius ein Feuerwerk abbrennt und Raketen steigen läßt. Wir müssen nur immer aufpassen, daß wir Wesen aus einer anderen Welt und unangreifbar sind.«

»Ich will nicht Schrecken verbreiten, sondern Liebe.« Pater Lucius schüttelte den Kopf. »Ich bin als Mensch gekommen, um das Wort des Herrn zu verkünden, so wie Jesus als Mensch zu uns kam, um uns den wahren Glauben zu lehren. Jesus brauchte keine Raketen.«

»Er war auch nicht bei Kopfjägern und Menschenfressern!« Reißner fuhr sich mit beiden Händen durch die ungekämmten schwarzen Haare. »Auch das noch! Der pastorale Auftrag, wo es jetzt nur ums nackte Überleben geht. Pater, mit Ihrer Mission fangen Sie bitte an, wenn wir sicher sind, in keinem Kochtopf zu landen. Die Religion rennt uns nicht weg, aber unser Leben! Wenn wir Dai Puino als Verbündeten haben, ist das wie eine Garantieerklärung fürs Weiterleben. Sehe ich das richtig?«

»Völlig richtig.« Zynaker blickte den wartenden Samuel an. »Sag dem Häuptling, wir helfen ihm, wenn er uns hilft, sein Land kennenzulernen als echte Freunde. Und sag ihm, seine Männer sollen kommen. Wir werden jedem etwas zu tragen geben.«

Samuel wandte sich Dai Puino zu und sprach auf ihn ein. Der Häuptling nickte, hob seine rechte Hand Leonora entgegen und zeigte ihr seine Handfläche. Das Zeichen des Friedens und der Freundschaft.

Die erste Begegnung mit der Urzeit war überstanden. Die Menschen aus verschiedenen Jahrtausenden hatten sich gefunden …

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Der Marsch durch den Urwald, auf einem schmalen, in Gebüsch, verfilzte Lianen, Riesenfarne und ewig nasse, tropfende und andere miteinander verschlungene Dschungelpflanzen geschlagenen Pfad, war mühsam und kräftezehrend. Nur trübes Licht erhellte den Weg, denn über ihm schlugen die Äste der Bäume und das Netz der Schlingpflanzen wieder zusammen und ließen nur wenig Sonnenlicht durch. Hier herrschte immer ein Halbdunkel vor, eine bedrückende Dämmerung, der Boden war glitschig und glatt, jeder Schritt war ein Platschen der Stiefel, während man die nackten Füße der Papuas nicht hörte. Sie gingen durch das »Tal ohne Sonne«, als berührten sie gar nicht den Boden.

Dai Puino hatte, nachdem er zu seinen Kriegern hinter den toten Bäumen zurückgekehrt war, so etwas wie eine Rede gehalten. Erst hörte man seine laute Stimme mit der singenden Sprache, darauf ertönte ein Geschrei aus hundert Kehlen, das auf- und abschwoll, und dann quollen die gelbbemalten Männer durch die Lücken des Baumwalles, stimmten ein neues wildes Geschrei an und stießen ihre Speere in den Himmel. Es waren ganze Bündel von mannshohen Speeren mit scharfen Spitzen und Widerhaken, die sich in den Leib des Gegners bohrten und schreckliche Wunden rissen, wenn man ihn wieder zurückzog. Einen solchen Speerstoß überlebte keiner. Und war der Gegner von den Widerhaken zerfleischt, wurden die Buschmesser geschwungen und die Köpfe abgeschlagen — ein Mann ist erst ein Mann, wenn eine Kopftrophäe an seinem Gürtel hängt.

Reißner hatte das Heranstürzen der grell bemalten Männer mit zusammengekniffenen Augen beobachtet. Er schob seine MPi wieder schußbereit vor seine Brust. »So ganz überzeugend scheinen Sie nicht gewesen zu sein, Pater!« sagte er mit rauher Stimme, in der deutlich die Angst mitschwang. »Wenn der erste Speer fliegt, ziehe ich durch.«

»Das ist eine ausgesprochen freundliche Begrüßung.« Pater Lucius löste sich aus dem Kreis und ging an Leonora vorbei den Kriegern entgegen.

Reißner pfiff erregt durch die Zähne. »Der Kerl ist verrückt!«

»Er hat recht, John Hannibal.« Leonora drehte sich zu Reißner um. »Dai Puino hat seinen Leuten erzählt, daß wir ihm gegen seinen Bruder Hano Sepikula helfen. Jetzt sind alle unsere Freunde.«

»Und die andere Hälfte des Stammes zerstückelt uns.«

»Abwarten. Auch für sie sind wir zunächst Wesen aus einer anderen Welt.«

Die gelb bemalten Krieger mit ihren Blätterschurzen und Ketten aus Knochen und Muscheln umringten jetzt die merkwürdigen weißen Gestalten und hoben mit einem hellen Aufschrei wieder ihre schrecklichen Speere. An Samuels Gesicht konnte man ablesen, daß es kein Kriegsgeheul, sondern ein Freudenschrei war.

Dai Puino kam auf Leonora zu und sagte einige Sätze zu ihr.

Samuel übersetzte sofort. »Er sagt, wir sollen seinen Männern mitgeben, was sie tragen sollen. Jeder freut sich, etwas zu tragen.«

»Jetzt kommen wir in einen Entscheidungszwang.« Zynaker sah die anderen fragend an. »Was tun? Gehen wir mit, oder bleiben wir hier?«

»Natürlich gehen wir!« sagte Leonora.

»Und was nehmen wir mit?«

»Alles, was wir durch den Fluß geschleppt haben. Mit hundert Trägern kann man schon was abschleppen.« Reißner machte eine umfassende Handbewegung. »Hier liegt nichts rum, was wir entbehren könnten. Vor allem die Zelte können wir brauchen.«

»Nein, Masta.« Samuels Gesicht glänzte wie mit Fett eingerieben. »Wir sind Freunde des Stammes. Wir bekommen ein eigenes Haus.«

»Mit Flöhen, Wanzen und Kakerlaken?« Reißner schüttelte den Kopf. »Ich schlafe in meinem Zeit.«

»Das ist eine Beleidigung des Häuptlings.«

»Ich werde ihm einen Schlafsack anbieten. Du sollst sehen, wie schnell er die Zivilisation begreift.« Reißner warf einen Blick auf den wartenden Zynaker. »Ihr Flugzeugwrack, das wollten wir doch ausschlachten und ein Luxusdorf daraus bauen.«

»Wenn das Dorf wirklich nur einen halben Tagemarsch entfernt ist, können wir jederzeit zurück. Die Trümmer klaut keiner.«

»Nehmen Sie an.«

»Ja. Für die Wilden ist das etwas Unberührbares. Ein Ungeheuer, das sie verschlingen könnte. Es fiel mit uns vom Himmel herunter und wartet auf seine Opfer. Das Flugzeug rührt keiner von ihnen an.«

»Also denn.« Pater Lucius machte einer beginnenden Diskussion ein Ende. »Zelte abbauen. Alles wieder einpacken. Samuel, sag Dai Puino, daß sich seine Männer in einer Reihe hintereinander aufstellen und die Lasten aufnehmen sollen, die wir ihnen auf die Schulter packen.« Er sah Zynaker an. »Sie haben doch Erfahrung darin. Wieviel kann ein Mann tragen?«

»Zwanzig, fünfundzwanzig Kilogramm. Besser weniger als zu viel. Bei dieser feuchten Hitze wiegt alles zweimal so schwer. Wenn sie sagen: ›Einen halben Tagemarsch‹, dann ist es mit Gepäck ein ganzer Tag.«

Während sie die Zelte abbrachen und zusammenlegten, die Schlafsäcke einrollten und die »Küche« wieder in die Kisten packten, sahen die Papuas, auf ihre Speere gestützt, interessiert zu. Der Wall der gelb und rot bemalten Gesichter flößte keine Furcht mehr ein. Die Krieger lächelten die weißen Unbekannten an, sie lachten sogar, als Schmitz über einen Karton stolperte und fast hingestürzt wäre. Mit großen Gesten und auf- und abschwellenden Stimmen redeten sie aufeinander ein.

Es dauerte doch über eine Stunde, bis alles verpackt war und zum Transport bereit lag. Pater Lucius hatte seine Zauberkiste neben sich stehen, sie gab er nicht aus der Hand; der Träger, der sie auf seine Schultern nehmen würde, mußte ihm unmittelbar vorausgehen. Nicht nur Feuerwerkskörper und Zaubertricks lagen in der Kiste, sondern auch ein versilbertes Kruzifix, eine kleine vergoldete Monstranz mit einem Schmuck aus Bergkristall, ein Silberkelch und ein versilberter Weihwasserschwenkkessel. In einer länglichen, luftdicht abgeschlossenen, verchromten Dose verwahrte er die Hostien. Ein Glück, daß Reißner nicht wußte, daß die Altarausstattung auch in der Zauberkiste lag — seine hämischen Bemerkungen hätten Pater Lucius zur Weißglut getrieben. »Fertig«, sagte er. »Samuel, die Männer sollen antreten. Jeder eine Kiste, einen Sack oder zwei Kartons. Je Mann ein Zeltballen. Leonora, wieviel wiegt Ihre medizinische Ausrüstung?«

»Wir müssen sie auf vier Träger verteilen.«

»Du lieber Himmel!« Reißner warf einen Blick auf die Sanitätskisten. Auf ihre Deckel war das internationale Zeichen gemalt: ein rotes Kreuz. »Was schleppen Sie denn da herum?«

»Medikamente und ein Instrumentarium für alle Notfälle, einige Flaschen reinen Sauerstoff, ein Sterilisierungsgerät und —«

»Eine Herz-Lungen-Maschine, eine Röntgeneinrichtung, einen OP-Tisch, ein Narkosegerät, vielleicht sogar eine Ultraschall-Diagnostik …«

»Sie werden nicht mehr spotten, John Hannibal, wenn ich Ihnen — nur zum Beispiel — ein Bein amputieren müßte.«

»Wieso denn das?«

»Möglich ist alles. Wissen wir, welche unbekannten Tiere hier leben, die Sie anfallen könnten? Sie waren doch im bengalischen Dschungel. Was würde man tun, wenn ein Tiger Ihnen ein Bein zerfleischt bis auf die Knochen und Wundbrand eintritt?«

»Gewonnen.« Reißner lachte dumpf. »Können Sie amputieren?«

»Ich kann alles. Ich habe mich jahrelang auf diese Expedition vorbereitet.«

Sie ließ Reißner stehen und ging zu Pater Lucius und Samuel, die mit Häuptling Dai Puino verhandelten. Die Krieger begannen, sich hintereinander aufzustellen, für sie eine völlig fremde Ordnung. Sie waren gewöhnt, immer Mann neben Mann zu gehen, eine furchterregende Walze aus Körpern und Speeren und mannshohen, bemalten, dicken Holzschilden.

»Der Häuptling will zwei Läufer vorausschicken, um uns in seinem Dorf einen festlichen Empfang zu bereiten«, sagte Pater Lucius. »Es soll ein großes Essen werden.«

»Hoffentlich nicht Braten von Angehörigen eines feindlichen Nachbarstammes.« Leonora lachte Dai Puino an; er erwiderte es mit vorgewölbten Lippen und einem tiefen Grunzen. Es klang wie das Schnauben eines Wildschweins. Das gelb bemalte Gesicht aber blieb regungslos, eine farbige Maske.

Das Beladen der Krieger erwies sich als gar nicht so einfach. Sie waren zwar trotz ihrer Kleinwüchsigkeit stämmig und muskulös, aber sie hatten kein Gefühl für das Ausbalancieren der Last. Immer wieder fielen die Kisten oder Kartons von ihren Schultern oder rutschten ihnen den Rücken hinunter. Dann lachten sie wie spielende Kinder, zogen sogar ihren Vordermännern die Last von der Schulter und schnatterten dabei in einem hellen Singsang.

Zynaker war nahe daran, sich die Haare zu raufen. »Ich kann nicht hundert Mann einzeln zum Tragen ausbilden«, schrie er zu Pater Lucius hinüber. »Machen Sie dem Häuptling klar, daß wir hier keinen Vergnügungspark haben! So kommen wir nie weg.«

Es dauerte noch eine Zeit, bis die Papuas begriffen hatten, wie man eine Kiste auf der Schulter trägt, wie man die Balance hält, wie man ein Wegrutschen aufhalten kann. Als alle Lasten verteilt waren, blieben neununddreißig Krieger übrig, die nichts zu tragen hatten. Mit finsteren Gesichtern standen sie herum und waren beleidigt. Sie kamen sich entehrt vor; die fremden Götter — oder was sie waren — hatten ihre Hilfe abgelehnt. Sie standen außerhalb der Glücklichen, die den Göttern dienen durften. Im Dorf würde man sie auslachen, die Frauen würden spotten, die Kinder würden ihnen johlend nachlaufen und die alten Weiber ihnen in die Sojasuppe spucken.

Dai Puino erkannte die Gefahr, die von den neununddreißig übergangenen Kriegern ausging, sofort. Er kam zu Zynaker, begleitet von Samuel, und redete wild gestikulierend auf ihn ein. Die Neununddreißig standen mit finsteren Gesichtern und brennenden Augen um ihn herum.

»Er sagt, auch diese Männer müssen etwas tragen«, übersetzte Samuel sehr ernst. Er, als Papua aus dem Hochland, kannte genau das Ehrgefühl seiner Landsleute. »Wenn du ihnen keine Last gibst, bestrafst du sie. Warum? Es sind tapfere Krieger.«

»Es gibt nichts mehr zu tragen, Samuel.« Zynaker hob die Schultern. »Im Wrack liegt noch einiges, aber das müssen wir erst rüberholen oder ausbauen.«

»Dann tu das, Masta. Alle werden dir helfen.«

»Also gut.« Zynaker ging zu Leonora und Pater Lucius hinüber und breitete hilflos die Arme aus. »Es tut mir leid, aber heute kommen wir nicht mehr zum Dorf.«

»Unmöglich, wir müssen!« Pater Lucius starrte Zynaker verständnislos an. »Was ist denn los?«

»Wir haben neununddreißig tief Beleidigte, Pater, und das könnte sich auf uns alle auswirken. Wir müssen noch Tragbares aus dem Wrack holen.«

»Das ist doch idiotisch!« rief Pater Lucius.

»Wenn wir es nicht tun, hat Hano Sepikula neununddreißig Anhänger mehr, und die sind auch noch in unserem Rücken.«

»Was wollen Sie denn noch rüberholen?« fragte Leonora. An Zynakers Gesicht sah sie, daß sich die Lage wieder verschlechtert hatte.

»Wir haben noch einige Kisten mit Material drüben, Kanister mit Benzin und Petroleum, Propangasflaschen und vier Kisten mit Alkohol.«

»Die lassen Sie mal in den Trümmern liegen.« Pater Lucius blickte zu den neununddreißig Gelbbemalten und zu Dai Puino hinüber, der laut auf sie einsprach. Er versuchte sie zu beruhigen. »Meine spanischen Brüder besiegten zwar damals die Inkas und Mayas mit Kreuz, Schwert und Schnaps, aber das ist nicht mein Stil. Ich habe die Konquistadoren immer verachtet. Man schafft nicht das Reich Gottes, indem man die Ungläubigen ausrottet. Und Schnaps ist das Gift, das sie schnell krepieren läßt.«

»Wie lange wird es dauern?« fragte Leonora.

»Mindestens zwei Stunden.«

»Dann los, Donald! Zwei Stunden? Dann könnten wir es noch schaffen bis zum Dorf.«

»Bei zwanzig Kilogramm Last rechnet man mit einer Tagesstrecke von zwanzig, höchstens fünfundzwanzig Kilometern. Mehr ist nicht zu schaffen, vor allem, wenn es auf engen, glitschigen Urwaldpfaden dahingeht. Und nachts bewegt sich überhaupt niemand, aus Angst vor den bösen Geistern.«

»Du wirst es schon schaffen, Donald.« Zum erstenmal duzte sie ihn und merkte erst, als sie es ausgesprochen hatte, was sie damit verriet. Sie schielte zu Pater Lucius hinüber, aber der schien nichts gehört zu haben.

Er sprach mit Kreijsman, der immer noch sehr unruhig war und dem Frieden nicht traute. Reißner hatte neben seiner MPi nun zwei Kameras um den Hals hängen und fotografierte ununterbrochen. Die Papuas grinsten ihn an. Was der weiße Fremde da tat, war ihnen rätselhaft. Er hielt etwas vor das rechte Auge, und das Auge wuchs, kam aus dem Kopf heraus und war vielmal größer. Ab und zu knackte das Auge — wie lustig war das.

Samuel übersetzte Dai Puino, was Zynaker ihm vorsagte. Die Träger setzten ihre Lasten wieder ab und stützten sich wartend auf ihre schrecklichen Widerhakenspeere. Die Neununddreißig gingen zum Fluß hinunter und warteten dort, im Wasser stehend.

Nun hatte Zynaker Helfer genug. Man brauchte nicht alles mühsam durch die Strömung zu schleppen, immer in Gefahr, auszugleiten und in den gurgelnden Fluß zu stürzen, wo die Kisten und Kartons an den glattgeschliffenen Felssteinen aufbrachen und der Inhalt weggeschwemmt wurde. Die Träger bildeten eine Menschenkette vom Wrack bis zum Ufer, und von Hand zu Hand wurde das Gepäck weitergereicht zum Strand, wo Pater Lucius, Schmitz, Kreijsman und Samuel es in Empfang nahmen.

Reißner fotografierte. Er wußte, es waren Bilder, die einmal seinen Namen weltberühmt werden ließen. John Hannibal Reißner, einer der besten Fotografen der Welt. Er war jetzt einunddreißig Jahre alt. Mit fünfunddreißig würde er sich eine Villa in Palm Beach kaufen — davon träumte er. Eine Villa am Meer, ein Motorboot und das schönste Girl weit und breit. Man lebt ja nur einmal …

Als letztes Gepäckstück wurde durch die Menschenkette ein ausgebauter Flugzeugsitz getragen.

Reißner ließ den Fotoapparat sinken und wandte sich an Leonora. »Jetzt scheint der Sonnenstich zu wirken. Was will er denn mit dem Sessel?«

»Ich weiß es nicht.«

»Soll der etwa auch mitgeschleppt werden ins Dorf?«

»Fragen Sie ihn doch selbst, John Hannibal.«

»Darauf können Sie sich verlassen, Leonora. Nicht nur, daß er versucht, uns alle herumzukommandieren, jetzt verblödet er sogar!«

Die Papuas kamen aus dem Fluß zurück und umstellten die herangebrachten Waren, als wollte man sie ihnen wieder wegnehmen. Zynaker, der als letzter an Land kam, stieß auf Reißner, der ihn fotografierte, wie er durch den Fluß watete.

»Das wird das Bild eines vollendeten Spinners!« rief Reißner. »Sie wollen den Flugzeugsessel mitnehmen?«

»Ja.«

»Haben Sie nicht mehr alle auf der Reihe?«

»Abwarten, John Hannibal.« Zynaker kam an Land und schüttelte sich wie ein nasser Hund. »Was Ihnen fehlt, ist Phantasie. Dieser Flugzeugsessel ist vielleicht das Wichtigste, was wir mitschleppen.«

»Erklären Sie mir das.«

»Später.« Zynaker blickte auf seine Uhr. »Genau anderthalb Stunden. Wir könnten es bis zum Abend schaffen.«

»Wenn die Angaben von Dai Puino stimmen. Und vergessen Sie nicht: Hierher sind sie ohne Traglasten gehüpft, mit zwanzig Kilo auf dem Buckel wird’s langsamer.«

»Wir können«, sagte Zynaker, als er wieder bei Leonora und Pater Lucius stand. »Verteilen wir uns in der Reihe, oder gehen wir geschlossen voraus oder hinterher?«

»Pater Lucius und ich bilden mit Dai Puino die Spitze.« Leonora überblickte noch einmal die Reihe der gelb bemalten Krieger und das vor ihnen liegende Gepäck. »Schmitz und Kreijsman gehen in der Mitte, Reißner und Zynaker am Schluß.« Sie sagte es so unpersönlich wie möglich, wie bei einer Befehlsausgabe in einem Militärcamp.

Zynaker protestierte. »Ausgerechnet ich mit Reißner? Bis wir im Dorf sind, haben wir uns längst geprügelt.«

»Du lieber Himmel, Sie sind doch keine kleinen Kinder!« Pater Lucius sah Zynaker mit einem strafenden Blick an. »Wenn Reißner wieder große Töne spuckt, hören Sie einfach weg, Donald.«

»Das geht nur bis zu einer gewissen Grenze.«

»Auch wenn Sie mich lästig finden, Donald — ich frage auch: Was wollen Sie mit dem Flugzeugsessel? Bleibt nichts Wichtigeres im Wrack zurück?«

»Nein.«

Pater Lucius wandte sich staunend an Leonora. »Verstehen Sie das?« fragte er.

»Noch nicht. Aber wenn Donald es uns nicht sagen will, dann sagt er es auch nicht. Dann soll es eine Überraschung sein.«

»So ist es«, antwortete Zynaker. »Dieser Flugzeugsessel wird vielleicht sogar unser Leben garantieren.«

»Haben Sie ihn vielleicht als Schleudersitz präpariert?« fragte Lucius sauer.

Zynaker hob vielsagend die Schultern, wandte sich ab und ging zu der langen Reihe der Papuas. Samuel und Dai Puino warteten dort auf ein Zeichen.

»Wir können«, sagte Zynaker zu Samuel. Er überblickte die Gelbbemalten und vermißte den Medizinmann. »Wo ist Duka Hamana, Samuel?«

»Schon gegangen, Masta.«

»Zurück ins Dorf? Allein?« Zynaker zog die Stirn in Falten. »Das gefällt mir gar nicht.«

»Er wird uns anmelden, Masta.«

»Oder die anderen gegen uns aufhetzen. Er hat gegen Pater Lucius verloren, das wird er ihm nie verzeihen.«

»Mit uns ist Dai Puino stärker als alle anderen Stämme. Das wird man in alle Winde melden. Es wird keine Kriege mehr geben, solange wir da sind, Masta. Man wird nicht mehr die Frauen rauben und nach Köpfen jagen.«

»Hoffen wir es, Samuel.« Zynaker nickte den wartenden Kriegern zu. »Sag ihnen, jeder soll wieder seine Last aufnehmen.«

Samuel spreizte seine krummen Beine, reckte sich hoch empor und schrie ein Kommando. Die Papuas wuchteten die Kisten, Ballen und Kartons auf ihre Schultern. Besonders stolz war der Mann, der den Flugzeugsessel tragen durfte. Auch wenn es unbequem war, ihn auf Schulter, Nacken und Kopf zu laden, verzog er sein gelb und rot bemaltes Gesicht zu einem breiten Lachen. Neidlos sahen die anderen Papuas zu. Der Sesselträger war einer der besten Krieger des Stammes. Über der Tür seiner Hütte hingen neun Köpfe …

Die lange Kolonne formierte sich. An der Spitze Pater Lucius und Leonora mit Dai Puino, in der Mitte Kreijsman und Schmitz, am Ende Zynaker und Reißner. Samuel lief der Kolonne einige Meter voraus.

Wortlos gingen Zynaker und Reißner nebeneinander her, tauchten in den Weg ein, den man durch den Urwald geschlagen hatte und der wie eine grüne Röhre aussah, ewig feucht und glitschig. Vor ihnen, als letzter der Trägerkolonne, ging der große Krieger, bis zu den Waden verdeckt durch den Flugzeugsessel. Seine Hände umklammerten die Lehne, die er über den Kopf gezogen hatte. Schon nach einigen hundert Metern hörte man ihn keuchen, und ein halber Tag lag noch vor ihm.

»Eigentlich müßten Sie Ihren dämlichen Sessel tragen«, konnte sich Reißner nicht verkneifen zu sagen. »Der Kerl hält das doch niemals durch. Wenn sie ihn zu zweit trügen —«

»Das würde seine Kriegerehre verletzen. Und wenn er nachher im Dorf tot zusammenbricht — er bringt ihn ins Dorf. Haben Sie ein Foto von ihm gemacht?«

»Was denken Sie denn? Das sind Dokumente! Unbezahlbar. Wenn ich das erzähle und es nicht mit Fotos beweise, glaubt mir das doch kein Mensch. Eine Expedition ins Unbekannte mit einem Flugzeugsessel! Das geht ins Guinnessbuch der Rekorde ein, als Gipfelpunkt der Blödheit.«

»Abwarten, John Hannibal.« Zynaker war über den neuen Angriff gar nicht verärgert. »Sie werden den Sessel noch öfter fotografieren.«

Das alles war vor vier Stunden geschehen. Nun zog die schwer bepackte Kolonne noch immer durch die grüne Röhre aus Baumästen, Lianengewirr, Riesenfarnen und verfilztem Buschwerk, langsamer als zu Beginn der Wanderung, eingehüllt in ein hundertfaches leises Stöhnen und Keuchen, das sie wie eine Wolke umgab. Von Stunde zu Stunde wurden die Lasten schwerer, die Beine lahmer, die Rücken gebeugter, das Atmen mühsamer, aber niemand trat aus der Reihe heraus, setzte sich auf seine Last und versuchte, neue Kraft in sich hineinzupumpen. Die kleinen schwarzbraunen Krieger tappten auf ihren nackten Füßen weiter, zäh und gehorsam; an der Spitze ging ihr Häuptling, und ehe er nicht die Hand zum Rasten hob, mußte man weiterkeuchen, mit geschlossenen Augen und Schweiß über dem ganzen Körper, der unter den Farben auf der Haut brannte.

Nach Ablauf der vierten Stunde blieb die Spitze stehen. Wie eine Welle lief das Halten die lange Reihe hindurch, bis sie Zynaker und Reißner erreichte. Der tapfere Papua vor ihnen ließ den Flugzeugsessel von seiner Schulter rutschen, knickte in die Knie ein und ließ sich einfach zur Seite auf den Boden fallen.

»Endlich!« sagte Reißner mit völlig ausgedörrter Kehle. »Ich habe Beine wie aus Pudding. In meinem ganzen Leben bin ich noch nicht vier Stunden hintereinander marschiert. Und dann noch durch den Urwald! Erlauben Sie, daß ich mich in Ihren dämlichen Flugzeugsessel setze und mich ausruhe?«

»Er ist also doch zu etwas nütze. Bitte, nehmen Sie Platz.« Zynaker grinste zynisch. »Die Stewardeß kommt gleich mit Erfrischungen. Aber tätscheln Sie ihr nicht den Hintern …«

Reißner setzte sich in den Sessel, streckte die Beine von sich und verzichtete auf eine Antwort. Zynaker ließ ihn allein, kletterte über die sitzenden Papua-Krieger und die weggeworfenen Gepäckstücke nach vorn und traf zunächst auf Kreijsman und Schmitz. Sie lagen auf dem Boden, als seien sie auch weggeworfen worden.

»Das ist viehisch«, stammelte Kreijsman. Er hatte tiefliegende, hohle Augen bekommen. »Wie lange soll das noch so weitergehen?«

»Das müssen Sie den Häuptling fragen, Fred.«

»Wir erreichen das Dorf heute nie. Wetten?«

»Wir müssen! Kein Papua bleibt die Nacht über im Freien. Wegen der bösen Geister.«

»Das haben Sie jetzt schon zehnmal gesagt.«

»Und trotzdem glauben Sie es nicht.«

»Wieviel Kilometer haben wir denn schon hinter uns?«

»Keine Ahnung. Wer kann das auch bei diesem langsamen Tempo schätzen?«

Zynaker stieg weiter über Menschen und Gepäck und erreichte die Spitze der Kolonne. Auch Leonora und Pater Lucius saßen ausgepumpt auf der Erde, wie von einem Wall aus Kisten und Kartons umgeben. Dai Puino und Samuel saßen auf einem Zeltballen.

»Ich weiß nicht, was passiert, wenn die Nacht hereinbricht«, sagte Zynaker und ging neben Leonora in die Hocke. In ihr Gesicht hatte sich die Anstrengung eingegraben. Es sah fahl und verkrampft aus. Pater Lucius lag mit geschlossenen Augen da wie im Koma.

»Dai Puino scheint die gleichen Gedanken zu haben.« Auch Leonoras Stimme war verzerrt, als kämen die Töne aus einer zerklüfteten Kehle. »Er hat drei Läufer vorausgeschickt, um Verstärkung zu holen.«

»Wie weit ist das Dorf noch entfernt?«

»Ich weiß es nicht. Aus Dai Puinos Zeitangaben werde ich nicht klug. Ich nehme an, wir haben die Hälfte hinter uns.«

»Die nächste Hälfte schaffen wir nie! Das ist für mich sicher. Wenn sie merken, daß der Abend kommt, werden sie alles von sich werfen und wegrennen. Da hält sie auch ihre Kriegerehre nicht zurück.«

Pater Lucius schien aus dem Koma zu erwachen. Er hob den Kopf und stützte sich dann auf den Ellenbogen auf. »Vielleicht ist es heute anders«, sagte er.

»Warum?«

»Weil wir bei ihnen sind. Wir, die gütigen Götter.«

»Darauf würde ich mich nicht verlassen. Wer ist in ihren Augen stärker, die Nachtgeister oder wir?«

»Wir.«

»Das müssen Sie erst mal beweisen.«

»Das werde ich.«

»Und womit?«

»Mit einer simplen Taschenlampe. Wenn es dunkel wird, knipse ich sie an. Für diese Urmenschen halte ich damit die Sonne in der Hand. Und wenn wir erst einen unserer Batteriescheinwerfer aufstellen, verjagen wir jeden noch so grausamen Nachtgeist.«

»Und locken Schlangen, Giftspinnen, Skorpione und anderes Getier an. Mir ist lieber, wir erreichen das Dorf ohne Zauber. Wenn uns tatsächlich neue Träger entgegenkommen, kann es noch gelingen.«

»Dann sind wir alle dreiviertel tot.«

»Aber das letzte Viertel reicht fürs Überleben.«

»Ich werde zwei Tage und zwei Nächte schlafen«, sagte Leonora. Die Müdigkeit und die Anspannung schienen sie zu töten. »Ich weiß nicht, ob ich nachher überhaupt noch aufstehen kann. Ich möchte hier liegen bleiben.«

»Ich werde dich über meine Schulter hängen und tragen.«

»Und wer trägt mich?« Pater Lucius ließ sich wieder zurücksinken. »Wieso sind Sie so unanständig frisch, Donald?«

»Das bin ich gar nicht, das sieht nur so aus.«

»Wie ist es mit Reißner?«

»Der sitzt in meinem Flugzeugsessel und wartet auf die Stewardeß.«

Sie waren zu erschöpft, um zu lachen, und verzogen nur den Mund.

Samuel kam zu ihnen und hockte sich vor sie hin. »Dai Puino sagt, bald kommen neue Krieger.« Sein Gesicht glänzte wieder wie mit einer Speckschwarte eingerieben. »Dann sind wir schnell im Dorf.«

»Wenn ich das richtig verstehe, kann das Dorf nicht mehr allzu weit entfernt sein«, sagte Pater Lucius. »Was wird uns da erwarten?«

»Ein großes Fressen, das ist sicher.«

»Hoffentlich nicht wir als Festtagsbraten.«

»Wir sind Freunde auf ewig«, sagte Samuel feierlich. »Dai Puino sagt, wenn wir seinen Bruder Hano Sepikula besiegen …«

»Wenn … Darauf kommt es an! Wenn …«

»Warten wir es ab.« Zynaker ließ sich neben Leonora auf den Boden gleiten. Er berührte dabei ihre Schulter und ihre Hüfte und atmete tief durch. War es vergangene Nacht? dachte er. Wirklich erst gestern? Es kam ihm vor, als sei es schon immer so gewesen, daß sie an seiner Seite lag und er den Arm um ihren Hals schlang.

Und so warteten sie auf die Ankunft neuer, frischer Krieger.

4

Über Kopago lag lähmendes Entsetzen, als bei Einbruch der Dunkelheit Donald Zynaker mit seinem Flugzeug noch nicht gelandet war. Auch der Funkverkehr war unterbrochen. Auf alle Anfragen antwortete nur Schweigen.

Lieutenant Wepper lief wie ein gefangenes Tier in der Station hin und her, trank mehr Whisky, als er vertragen konnte, und blieb dennoch nüchtern. Ein Sergeant, der ihn mit den Worten: »Zynaker ist doch ein alter Hase!« trösten wollte, wurde niedergebrüllt. »Sie Idiot!« schrie Wepper unbeherrscht. »Auch alte Hasen können mal vor die Flinte laufen!«

»Sie sehen zu schwarz, Lieutenant. Er hat genug Benzin an Bord.«

»Und warum meldet er sich nicht?« Wepper starrte auf das Funkgerät. »Der letzte Funkspruch kam vor sieben Stunden! Sieben Stunden! ›Ich glaube, wir sind da‹, hat er gefunkt. ›Verdammte Nebelschwaden, aber wir schaffen es!‹ Ab da — nichts. Sie haben es nicht geschafft.«

Bei Einbruch der Dunkelheit stand es für Wepper fest, daß dort drüben in den unerforschten Bergen und Schluchten, die nie eines Weißen Fuß betreten würde, eine Tragödie abgelaufen war. Er saß vor dem Funkgerät, den Kopf in beide Hände gestützt, und dachte an die Worte von Sir Anthony: »Wenn etwas passiert, trifft auch Sie die Schuld! Sie müssen diesen Irrsinn aufhalten!«

»Glauben Sie noch immer, daß Zynaker zurückkommt?« fragte er den Sergeanten.

»Es … es sieht so aus, als wenn nicht.« Der Sergeant lehnte an der Wand und rauchte hastig eine Zigarette. »Aber vor morgen früh können wir nichts tun, Lieutenant.«

»Das weiß ich auch!« Wepper hob den Kopf. Der Alkohol rollte durch sein Gehirn. »Ich muß das Oberkommando benachrichtigen und General Lambs. Es hat doch keiner von mir verlangen können, daß ich das Flugzeug in die Luft sprenge! Und mit Worten war Miss Patrik nicht zurückzuhalten. Was ist da im Hochland bloß los? Warum kommt keiner mehr zurück?«

»Irgendwie muß ein Fluch über diesem Land liegen«, sagte der Sergeant. Er meinte es ernst. »Es heißt nicht umsonst: Der Urwald frißt den Menschen.«

Lieutenant Wepper starrte auf das Telefon, griff dann zum Hörer und wählte das Polizeioberkommando in Port Moresby. Es dauerte eine Weile, bis von dem Mädchen in der Telefonzentrale über drei verschiedene Dienststellen endlich der Leiter aller Polizeieinheiten am Apparat war. Er saß gerade in einer Konferenz mit dem Innenminister und besprach eine Verstärkung der Polizeitruppe. Die Kriminalität besonders unter den jugendlichen Papuas nahm sprunghaft zu. Es war die Generation ohne Arbeit. Sie lungerte herum, überfiel oder stahl, um überhaupt überleben zu können, eine Generation ohne Hoffnung und Zukunft. Wie ihre Väter und Großväter von dem zu leben, was ihnen das Land gab, hatten sie verlernt. Auch Papua-Neuguinea war in den Strudel der Weltwirtschaftskrise geraten. Auf der einen Seite prachtvolle Bankengebäude und ein moderner Flughafen, auf der anderen Seite, nur wenige Kilometer landeinwärts, die Pfahlbauten und Regenwaldhütten eines Volkes zwischen der Steinzeit und einer bewunderten Neuzeit, die viele noch nicht begriffen.

»Wer ist da?« fragte der Oberkommandierende ungehalten. »Ein Lieutenant Wepper? Aus — woher? Aus Kopago? Es wäre dringend, sagte man mir. Was ist in Kopago dringend? Machen Sie schnell, Lieutenant Wepper.«

»Sir«, Wepper schluckte einen Kloß, der ihm im Hals saß, mühsam hinunter, »ich habe eine Meldung zu machen. Die Expedition von Miss Leonora Patrik ist im Hochland verschollen.«

Schweigen. Der Oberkommandierende schien Mühe zu haben, das zu begreifen. »Verschwunden?« fragte er endlich.

»Ja, Sir. Die Expedition sollte mit einem zweimotorigen Flugzeug, Besitzer Donald Zynaker, über dem Hochland abgesetzt werden —«

»Das weiß ich, Lieutenant.«

»Sie haben heute morgen Kopago verlassen. Der letzte Funkspruch von Zynaker kam vor sieben Stunden. Er meldete, daß das Zielgebiet erreicht sei. Von da ab kein Funkverkehr mehr. Das Flugzeug ist bis jetzt nicht zurückgekehrt. Es ist unmöglich, daß es sich noch in der Luft befindet. Auch eine Notlandung ist in diesem Gebiet nicht möglich, nirgendwo gibt es freien Raum, wo es niedergehen könnte.«

Wieder langes Schweigen. Und dann die Stimme des Oberkommandierenden, sehr gepreßt und stockend: »Sie vermuten das Schlimmste, Lieutenant?«

»Ja, Sir. Es gibt keine andere Möglichkeit.«

»Wir werden eine große Suchaktion starten.«

»Darum wollte ich Sie bitten, Sir. Ich habe hier nur zwei kleine Hubschrauber zur Verfügung.«

»Morgen früh wird eine Staffel zu Ihnen kommen und das ganze Gebiet absuchen. Eine Zweimotorige kann ja nicht einfach verschwinden!«

»Auch das Flugzeug von Steward Grant mit Dr. Patrik an Bord ist bis heute spurlos verschwunden. Das ist zehn Jahre her. Vor vier Jahren versuchten drei Missionare ins Hochland vorzudringen — man hat nie wieder etwas von ihnen gehört. Und jetzt —« Wepper sprach den Satz nicht zu Ende. Er hörte nur, wie der Oberkommandierende tief atmete.

»Wir werden alles einsetzen, um sie zu finden, Lieutenant«, sagte er endlich. »Zunächst veranlasse ich eine absolute Nachrichtensperre. Nichts darf in die Presse oder in die Medien! Bei Anfragen heißt es: Alles verläuft planmäßig. Mehr nicht.«

»Jawohl, Sir. Darf General Lambs benachrichtigt werden?«

»Das übernehme ich. Was haben Sie jetzt vor, Lieutenant?«

»Nichts, Sir. Wir können bis morgen früh nichts tun. Diese Hilflosigkeit ist furchtbar.«

»Ich verstehe Sie sehr gut, Wepper. Mir geht’s nicht anders. Ich danke Ihnen, daß Sie so hartnäckig waren, mich aus der Konferenz zu holen.« Ein Knacken, der Oberkommandierende hatte aufgelegt.

Wepper lehnte sich in seinen Stuhl zurück. »Morgen kommt eine ganze Staffel zu uns«, sagte er mit müder Stimme zu dem Sergeant. »Wissen Sie, was dann morgen abend los ist? Nichts! Absolut nichts! Man wird nicht die geringste Spur entdeckt haben. Ich weiß es im voraus.«

___________

Es dauerte zwei Stunden, bis sie von weitem laute Schreie hörten, die schnell näher kamen. Dai Puino antwortete mit einem langgezogenen Schrei und wandte sich dann zu Leonora. Was er sagte, verstand sie auch ohne Übersetzung durch Samuel. Die neuen Träger kommen. Gleichzeitig rechnete sie: Da wir mit dem Gepäck viel langsamer gehen als die kommenden Krieger, könnten wir in drei Stunden im Dorf sein. Rechtzeitig vor dem Einbruch der Nacht.

Die Träger, die bisher links und rechts des aus dem Urwald herausgehauenen Pfades auf dem Boden gelegen hatten, waren nun auch aufgesprungen und stimmten ebenfalls ein lautes Geschrei an.

Pater Lucius stemmte sich von der Erde hoch. »Was wäre der Mensch ohne Glück«, sagte er. »Heute haben wir laufend Glück gehabt. Nehmen wir das als ein gutes Zeichen.«

Wenig später tauchten die ersten Papuas auf dem Pfad auf. Sie waren nicht gelb und rot bemalt und trugen auch keinen Schmuck, aber sie sahen nicht weniger furchterregend aus. Die meisten hatten ihre Nasen mit Bambusstäbchen, Knochensplittern und Vogelklauen durchbohrt, einige sogar mit den langen Hauern von Ebern oder Zähnen von anderen Tieren. Nur wenige hatten ihre braunen Körper mit unregelmäßigen weißen Strichen bemalt. Beim Anblick der Weißen blieben sie wie erschrocken stehen und glotzten sie mißtrauisch an.

Dai Puino begann auf sie einzureden. Mit großen Gesten schien er zu erklären, was sie zu tun hatten, immer wieder unterbrochen von dem Schnattern der gelbbemalten Krieger, die erzählten, was sie bisher mit den fremden Göttern erlebt hatten. Nach einer halben Stunde Palaver wurden die neuen Träger auf die Kolonne verteilt, das Gepäck für jeden vermindert, nur der große Krieger, der den Flugzeugsessel getragen hatte, weigerte sich, ihn einem anderen zu übergeben. Er hatte sich in der Wartezeit gut erholt, schrie seinen ihn ablösenden Stammesgenossen an und bedrohte ihn mit einem Speer, den er dem Nebenmann entriß.

»Du liebe Güte«, sagte Reißner, als Zynaker zu ihm zurückkehrte. »Sehen Sie sich das an! Auch bei den Urvölkern gibt es Idioten. Statt daß er froh ist, den Sessel nicht mehr zu tragen, macht er ein wüstes Theater.«

»Das verstehen Sie nicht, John Hannibal. Er würde eher sterben als den Sessel hergeben.«

Nach der Umverteilung der Lasten zog die Kolonne weiter. Es war, als hätte jeder neue Kraft bekommen. Sie begannen sogar zu singen, in auf- und abschwellenden Tönen, ohne feste Melodie, in Lauten, die sich fast willkürlich aneinanderreihten ein Singsang, der in die Beine fuhr, der vorantrieb, der die Muskeln aktivierte und das Gepäck auf Rücken und Nacken leichter werden ließ.

Die ersten Anzeichen, daß sie in die Nähe des Dorfes kamen, nach fast drei Stunden Marsch, waren Hühner und zwei schwarze Schweine, die über den Weg liefen und Reißaus nahmen. Vögel, die die Weißen noch nie gesehen hatten und die Tauben ähnelten, aber ein buntes Federkleid trugen, flatterten zwischen den Bäumen, der Wald wurde lichter, die Baumriesen, die Farne, die Lianen machten Bananenstauden und Kokospalmen Platz, der Weg führte jetzt steil den Berghang hinauf, aus einem Wasserfall entstand ein Fluß, der im Urwald verschwand. Und dann sahen sie das Dorf, umgeben von Sagopalmen und hochragenden Eukalyptusbäumen, Kokospalmen, die mit breiten Fächerkronen die Hütten wie grüne Schirme schützten, und ein Bananenfeld, wie eine Grenze zum Urwald, der unmittelbar dahinter wieder begann.

In Form von vier großen Hufeisen lagen die Häusergruppen unter den Blätterdächern: die mächtigen, auf niedrigen Pfählen ruhenden, langgestreckten Männerhäuser, mehr als vierzig Meter lang, mit aus Palmblättern, Lianen und Holzstäben geflochtenen Wänden und einem riesigen Dach aus Matten und Blättern, und auf der anderen Seite die entweder auf dem Boden gebauten oder auf hohen Baumpfählen errichteten, nur über eine Leiter erreichbaren Frauenhäuser, viel kleiner als die Männerhäuser, innen durch Baumrindenwände abgeteilt, so daß jede Frau ihr eigenes Zimmerchen hatte, wo sie zusammen mit den Kindern wohnte. Von Haus zu Haus, in weiten Bögen, schwangen endlos lange Girlanden aus breiten bunten Vogelfedern in einem sanften Wind, der von den Hängen auf das Plateau hinunterwehte. Braune und schwarze, hellgrüne, weiße und knallrote Federn, aufgereiht auf dünne Palmfasern, ergaben ein prächtiges Farbenspiel gegen das dichte Grün des Waldes.

Auf dem großen Platz, der von den hufeisenförmigen Häusergruppen gebildet wurde, wartete eine dunkelbraune Menge. Frauen und Kinder, die meisten nackt oder weißrot bemalt, die Alten mit weißen Kraushaaren, die Jungen mit langen schwarzen, zotteligen Haaren, starrten unbeweglich auf die Kolonne der Krieger, die aus dem dichten Busch, aus der grünen Röhre, heraustraten in den Wald aus Sagopalmen und Bananenstauden. Dai Puino erhob seinen langen, federgeschmückten Kriegsspeer hoch in die Luft, stieß die Spitze mit den schrecklichen Widerhaken in den Himmel und stieß einen schrillen Schrei aus. Getrennt von dem Block der Frauen und Greise standen in einer Reihe nebeneinander die Krieger vor den großen Männerhäusern, auf Speere und Schilde gestützt, mit Federschmuck und gelb gestrichenen Köpfen. Ganz allein, unter einer nach allen Seiten offenen kleinen Hütte, die über und über mit Federn, Muscheln, Girlanden und Knochen behangen war, saß der Medizinmann Duka Hamana auf einer Matte aus Palmstroh. Trotz der vielen Menschen lag große Stille über dem Dorf.

Pater Lucius war stehengeblieben und legte die Hand auf Leonoras Schulter. »So stellt man sich das Paradies vor«, sagte er schwer atmend, »wenn man nicht wüßte, daß sie Köpfe jagen und das Herz, die Leber und den Penis ihrer getöteten Feinde essen.«

Reißner kam von hinten, die Kamera schußbereit in den Händen. »Welch ein tolles Foto!« rief er. »Pater, haben Sie so etwas mitten im Unbekannten erwartet?«

»Nein. Das ist unglaublich. Und wir sehen es als erste, und vielleicht auch als einzige.«

»Ich denke, Sie wollen hier eine Kirche bauen? Eine Krankenstation, eine Schule?« — »So Gott will …«

Das Erscheinen von Reißner schien ein Signal zu sein. Plötzlich löste sich die braune Masse auf der Platzmitte auf. Frauen und Kinder stoben kreischend auseinander, die Greise wackelten in den Schutz der Hütten, Hunde ergriffen jaulend die Flucht. Ein dröhnendes Getrappel wie das einer Herde wilder Pferde stieg in die feuchtheiße Luft, der Boden schien zu vibrieren, das Geschrei der Kinder klang, als häute man sie bei lebendigem Leibe, nur die Reihe der Krieger vor den Männerhäusern blieb regungslos stehen, eine Mauer aus bemalten Schilden und Speeren.

Dai Puino machte das Zeichen zum Weitermarsch. Die Trägerkolonne lachte laut und rief zu den Flüchtenden hinüber, Hühner flatterten zwischen den Sagopalmen auf, aus einem Bananenwald preschte eine kleine Herde Schweine und versteckte sich hinter dem zweiten Männerhaus.

Auf dem großen leeren Dorfplatz legten die Träger ihre Lasten nieder und bildeten einen weiten Kreis darum. Die Krieger vor den Männerhäusern rührten sich noch immer nicht. Es waren offensichtlich die Männer, die zu Hano Sepikula hielten, dem feindlichen Bruder des Häuptlings.

»Wir scheinen nicht allen willkommen zu sein«, sagte Kreijsman. »Hat man uns nicht einen triumphalen Empfang versprochen? Das sieht eher nach Feindschaft aus.«

Samuel, der mit Dai Puino gesprochen hatte, kam zu Leonora. Sein Gesicht glänzte wieder, ein Beweis, daß er gute Nachrichten mitbrachte. »Er sagt«, berichtete er von Dai Puino, »daß ihr alle im Männerhaus zwei wohnen werdet und daß es morgen ein Fest gibt. Alle freuen sich, daß ihr bei ihnen seid.«

»Das sieht mir aber nicht so aus.« Reißner blickte kritisch zu den Männerhäusern hinüber. »Ins Männerhaus zwei — da müssen wir erst mal hinkommen. Solange die finsteren Knaben dort stehen, setze ich mich lieber auf eine Kiste. Pater?«

»Ja?« Pater Lucius drehte sich zu Reißner um. »Haben Sie eine Idee?«

»Ja. Noch mal einen Knaller loslassen.«

»Nein. Das bringt uns gar nichts. Dai Puino wird schon einen Weg finden.«

Und so war es. Ein Teil der Träger war im Männerhaus eins und drei verschwunden und kam nun mit Trommeln aus ausgehöhlten Baumstämmen und Schweinehaut zurück. Auch Klanghölzer, Stäbe, die man gegen einen dicken Baumast schlug und die verschiedene dumpfe Töne von sich gaben, hatten sie in den Händen, hockten sich vor den Hütten nieder und begannen ein Furioso von Getrommel und rhythmischem Lärm. Wie eine Glocke lag das Trommeln über dem Dorf, wie eine tönende Haube, die es gegen den Himmel abschloß.

Langsam, vorsichtig, wie sichernde Tiere, kamen aus den Hütten die Frauen und Kinder auf den Platz, kletterten an den Leitern der auf hohen Stelzen gebauten Frauenhäuser herab, schlurften die Alten herbei und schlichen sich die Hunde näher. Hellbraune, fast gelbe Hunde mit einem kurzhaarigen Fell, Peitschenschwänzen und Hängeohren. Auch in die stumme Kette der Krieger vor den Männerhäusern kam Bewegung. Die Mauer aus Schilden und Speeren löste sich auf und verschwand in den Eingängen der langen, mit einem buckligen Dach behelmten Häuser, die aussahen, als seien sie Riesentiere mit hohem Rücken, Kopf und Schwanz, die sich zwischen die Kokospalmen kauerten.

Plötzlich war die Scheu vor den fremden weißen Gestalten wie weggeblasen.

Die Kinder waren die ersten, die schreiend und lachend Leonora und die anderen umringten; sie betasteten die noch nie Gesehenen, strichen vertrauensvoll mit den Händen über den Stoff der Kleidung, umkreisten immer wieder die Fremden und redeten auf sie ein, tanzten um sie herum, zeigten auf sich und riefen anscheinend ihre Namen. Ein Junge mit laufender Rotznase baute sich vor Reißners Kamera auf, ohne zu wissen, was das war, und hob seinen gut entwickelten Penis mit beiden Händen hoch, so stolz, bald ein richtiger Mann zu sein, daß Reißner knurrte: »Für das Foto verlange ich einen Sonderpreis!«

Auch die Frauen kamen nun heran und brachten Eier mit, Bananenbüschel, Kokosmilch in Bambusbechern, Brocken von faulig riechendem Schweinefleisch, grüne Tabaksblätter, frisch gepflückt vom Strauch, und hellbraun gebackene Sagokuchen, noch warm und duftend.

Aus dem Männerhaus zwei wurden mit lautem Geschrei Kinder, Küken, Ferkel und Hunde herausgetrieben, Unrat, Küchenreste und zerfetzte Matten wurden ins Freie geworfen, ein großes Reinemachen schien begonnen zu haben. Samuel, der wie ein Wiesel hin und her lief, kam mit der Meldung zurück, die hohen Gäste könnten jetzt das Haus beziehen. Es gehöre ihnen.

»Das ganze lange Haus?« fragte Leonora zweifelnd.

»Ja. Das Gepäck muß ja auch Platz finden.«

»Und die Männer, die bisher in dem Haus wohnten?«

»Sie werden ein neues Haus für sich bauen. Sieh hin, Massa. Siehst du die schwarzen Pfähle und Wände? Sie wollten es abbrennen, die Pogwa, vor zwei Wochen, sie haben neun Mann getötet und dazu sieben Frauen geraubt. Pogwa, das ist der Stamm hinter der Bergkuppe. Aber sie haben sich gewehrt, die Alten und die Jünglinge. Die Uma sind tapfere Menschen. Uma, so heißt der Stamm, bei dem wir sind. Sie haben die Feuer gelöscht und die Pogwa vertrieben, viele sind verwundet worden von den Uma und werden vielleicht sterben. Die Pogwa sind gekommen, als fast alle Uma auf der Jagd waren und am Fluß, um zu fischen.« Samuel reckte sich, als sei auch er ein Uma. »Aber sie werden Rache nehmen. Sie werden die Pogwa auch überfallen und viele Köpfe erbeuten. Es ist jetzt die Zeit der Kopfjäger. Die Trockenzeit beginnt.«

»Na prost!« Reißner sah zu dem langen Männerhaus hinüber, das die Uma für sie geräumt hatten. »Da sind wir ja mittendrin. Köpfchen da, Köpfchen dort … Die Kopfjäger-Saison. So wie bei uns die Jagd auf Hasen, Rehe und Rebhühner freigegeben wird, so heißt es hier: Jagd frei auf die Menschen. Halali! Pater, nun machen Sie denen mal klar: Du sollst nicht töten. Liebet eure Feinde.«

»Sie werden es begreifen«, sagte Pater Lucius schlicht. »Gottes Wort hat noch jeder Mensch verstanden.«

»Gehen wir«, sagte Zynaker. »Ich bin neugierig, wie unser neues Zuhause innen aussieht.«

Sie gingen zu dem Männerhaus hinüber, an dessen schmalem Eingang, so breit und hoch, daß gerade ein Mensch durchschlüpfen konnte, die einzige Öffnung, die Licht und Luft hineinließ, einige Papuas warteten. Als auch Leonora sich in Bewegung setzte, wurde sie von einigen Frauen festgehalten. Schnatternd redeten sie auf sie ein, zogen an ihrer Khakijacke und zeigten immer wieder zu einem kleinen Haus hinüber, das auf einer hölzernen Plattform gebaut war, eines der Frauenhäuser, nur mit einer Leiter zu erreichen.

Leonora begriff sofort, was man von ihr wollte. »Donald!« rief sie Zynaker nach, der als erster dem Männerhaus zustrebte. »Donald, sie lassen mich nicht gehen! Ich soll in ein Frauenhaus.«

Zynaker kehrte um, während die anderen stehenblieben. »Natürlich betreten wir nicht unser Haus, wenn Leonora nicht mitkommt!« sagte Reißner laut. »Pater, Sie müssen doch noch einen Knaller werfen, um Respekt in die Bande zu donnern.«

Zynaker drängte sich durch das Gewühl der Weiber, schob sie mit den Händen weg und zog Leonora an den Schultern zu sich heran. »Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte er. »Dort oben in dem Haus bist du sicherer als wir.«

»Das ist es nicht. Ich habe keine Angst, aber ich will bei euch sein.«

»Es ist unmöglich, daß eine Frau im Männerhaus schläft. Wir können einen jahrhundertealten Brauch nicht mißachten. Es ist ja auch nur für eine Nacht.«

»Ich … ich möchte bei dir sein«, sagte sie leise. »Ich will in deinen Armen einschlafen. Ich liebe dich …«

»Liebling, im Männerhaus geht es doch auch nicht.«

»Aber du bist in meiner Nähe. Ich sehe dich, ich höre dich, ich kann dich anfassen …«

»Wenn wir hier bei den Uma bleiben, als Basislager gewissermaßen, können wir vielleicht etwas ändern. Für jeden von uns eine eigene Hütte, das werden wir Dai Puino vorschlagen.«

Sie nickte, zwang sich, ihm keinen Kuß zu geben, und ließ sich von den lachenden Frauen zu dem Frauenhaus auf Stelzen führen. Mißtrauisch betrachtete sie die Leiter, deren Sprossen mit Lianen an zwei Stangen festgebunden waren, aber als zwei der Frauen ihr vorauskletterten und die Leiter nicht zusammenbrach, stieg auch sie vorsichtig zu der Plattform hinauf.

Das Haus war sauber, luftig, mit einem glatten Boden aus Palmstrohmatten und durch Flechtwände in vier Zimmer eingeteilt. Außer den Strohmatten und ein paar ausgehöhlten Kürbissen, die als Wasserbehälter dienten, einer Reihe von Bambusbechern und — als Schmuck — einer Girlande aus Schweineknochen war das Zimmer, in das man sie führte, leer. Vier Frauen, die sie begleitet hatten, gackerten um sie herum, eine von ihnen holte aus dem Nebenzimmer einen Säugling und hielt ihn ihr hin. Sie nahm