/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Wer stirbt schon gerne unter Palmen

Heinz Konsalik


Wer stirbt schon gerne unter Palmen

Heinz G. Konsalik

1972

Werner Bäcker, ein nach Auckland ausgewanderter Architekt, startet mit Familie auf seiner neuen Jacht in die Südsee. Ein furchtbarer Orkan bereitet der Traumreise ein jähes Ende. Werner, der einzige Überlebende, wird am Strand einer unbewohnten Insel angeschwemmt.

Nach einem neuen Sturm, bei dem ein Flugzeug ins Meer stürzt, ist er plötzlich nicht mehr allein. Ein Mann und eine Frau, ein Polizist und eine angebliche Mörderin, retten sich auf seine Insel.

Drei Menschen leben auf einer Insel. Sie genügen, um aus einem Paradies eine Hölle zu machen

Inhaltsverzeichnis

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Teil I

1

1

Sie schaukelte auf der Dünung, tauchte weg, wenn die Wellen, sich überschlagend, an Land rollten, ritt auf den Wellenkämmen und wurde zusammen mit abgerissenem Tang, einem Kistenbrett, einer Coladose, Bananenschalen, zwei angefaulten Äpfeln und drei Blauquallen auf den Sand gespült: eine ganz gewöhnliche, weiße, jetzt von grünbraunen Algen glitschig überzogene Limonadenflasche mit einem Klemmverschluß.

In der Nacht hatte es gestürmt. Dröhnend hatte die Flutwelle der Nordsee den Oststrand von Norderney überrannt, die zu nahe ans Meer gebauten Strandburgen niedergerissen und den Boden wieder geebnet. Man kannte das hier auf der Insel. Von Radio Norddeich war die Sturmwarnung rechtzeitig gekommen. Die Strandwärter hatten die Strandkörbe in die schützenden Dünen geschleppt und die Attraktion des Oststrandes — die alten, bunten Badekarren — weggeschoben.

Das Meer eroberte den Strand mit urweltlichem Getöse.

Nun, am Morgen, lag die See glatt unter der noch milchigen Sonne. Lars Lüders war schon um fünf Uhr aufgestanden, um seine Arbeit zu tun: die Säuberung des Strandes, bevor die ersten Kurgäste mit Luftmatratzen, Liegestühlen, Fahnen, Ballons, Kofferradios und aufblasbaren Gummitieren kamen, ihre zerstörten Burgen wieder besetzten, als eroberten sie Feindesland, sich wieder eingruben in den weißen Sand, hohe Wälle schaufelten, ihre Bollwerke mit Muscheln kennzeichneten, sie »Köln«, »Darmstadt«, »Wanne-Eickel« oder — sehr persönlich — »Villa Mathilde« und »Kleine Möwe« nannten, an Bambusstangen (beim Strandwärter zu leihen oder je nach Größe von 4,– DM bis 7,- DM zu kaufen) die deutsche Fahne hißten und mit den Kindern aus den Nachbarburgen Krach begannen, wenn diese beim fröhlichen Spiel dem Kunstwerk des Sandwalles und der Ordnung im Festungsbetrieb zu nahe kamen. Dann zeigte sich der Deutschen Begabung für Angriff und Verteidigung und ihre seelentiefe Verwurzelung mit erobertem Lebensraum.

Jetzt, in dieser frühen Stunde, waren Meer und Strand von einer überwältigenden Stille und Schönheit.

Lars Lüders schlurfte mit einer wannenartigen Eisenkarre durch den feinen weißen Sand und kehrte den angespülten Meeresmüll weg. Ein paarmal blieb er stehen, sortierte Schwemmholz aus, das noch zu gebrauchen war, setzte sich dann nach einer jeden Morgen genau berechneten Wegstrecke in einen der Strandkörbe, rauchte eine Pfeife und blickte über das Meer.

Diese Minuten der Ruhe waren jeden Morgen die schönsten des Tages. Er war allein mit seinem Meer. Allein mit dem weiten Himmel. Allein mit der Erinnerung.

Das mit der Erinnerung war so eine Sache für sich.

Bis vor zehn Jahren war er noch selbst zur See gefahren, mit einem Bananendampfer von der Karibischen See bis Bremerhaven. Immer hin und zurück, immer Bananen, manchmal auch ein paar Passagiere, die die Romantik eines Trawlers genießen wollten und verdammt harte Arbeit mit fröhlichem Seemannsleben im Stile der »Haifischbar« verwechselten.

Dann kam der neunte Oktober. Lars Lüders fiel im Hafen von Port of Spain von einem Ladebaum, brach sich dreimal das linke Bein und vier Rippen und wurde auf Kosten der Reederei zurück nach Bremerhaven geflogen.

Die große Reise über die Meere war für ihn vorbei.

Damals rannte er von Arzt zu Arzt, beschäftigte auf eigene Kosten, von seinem ersparten Geld, eine Reihe von Knochenexperten, schaltete in einem Anflug von sturem Gerechtigkeitssinn sogar das Seeschiffahrtsamt ein, kämpfte verbissen um seine Lebensaufgabe — die Bananenroute Karibische See / Bremerhaven — belästigte jedes zuständige Amt, das sich erstaunlicherweise dann als nicht zuständig entpuppte. — Aber alles Rennen und Untersuchen, alle Aufenthalte in den Kliniken, fachärztliche Gutachten und ein Berg von Eingaben und Beschwerden halfen nichts. Lüders hinkte — und auch in der modernen christlichen Seefahrt ist ein hinkender Matrose so etwas wie ein blinder Flieger.

Mit zweiundfünfzig Jahren amtlich anerkannter Invalide, kehrte er nach Norderney zurück, fuhr ein Jahr lang mit einem geerbten Krabbenfänger hinaus ins Watt, nur um den Klugscheißern in den Ämtern zu beweisen, daß ihn keine Welle umwarf und er mit seinem lahmen Bein genauso fest auf Deck stand wie die jungen Rotznasen. Aber auch das mißlang eines Tages … bei völlig ruhiger See, einer See, bei deren Anblick man gähnen kann und die Augen schläfrig werden, rutschte er auf den Planken aus, auf einer Bananenschale, Gott sei’s geklagt, und brach sich das Bein noch einmal.

Lars Lüders resignierte und aß auch keine Bananen mehr. Nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus in Norden, wo man den komplizierten Bruch heilte, zwar so vortrefflich, daß Lüders nur noch andeutungsweise hinkte (aber er blieb amtlich anerkannter Invalide und seeuntauglich), wurde er Arbeiter der Kurverwaltung, schleppte Strandkörbe hin und her, verlieh Bambusstangen für die lustigen Fähnchen (und das Hissen der deutschen Flagge), Liegestühle und Strandzelte, verkaufte gegen gutes Geld Pensionsadressen attraktiver junger Damen an ältere, gutsituierte Herren, säuberte jeden Morgen den Sand von den haufenweisen Überresten der Zivilisation und der guten Erziehung zur Sauberkeit der Umwelt, ließ sich einen Bart wachsen, wild, windzerzaust und von einer geradezu aufreizenden Weiße (natur, nicht gebleicht!) und wurde für die Kurgäste im Laufe der Jahre zum Inbegriff des alten Seemannes.

Manchmal erzählte Lüders auch von wahnwitzigen Abenteuern in der Südsee (die er nie gesehen hatte, nur das Bananenschiff, sein großes Schicksal), berichtete im Kreis ehrfurchtsvoll lauschender Kurgäste von Taifunen und Haifischkämpfen, bis er selbst unter seinen Norderneyern nur der »Südsee-Lars« hieß.

Und langsam wurde er mit diesem Leben zufrieden.

Kurz nachdem er heute seine Pfeife ausgeklopft hatte — er benutzte dazu seinen Stiefelabsatz —, entdeckte er die Flasche. Lüders kehrte sie auf seine breite Schaufel, ließ sie in den Eisenkarren rutschen und wollte weitergehen, als er durch die Algen hindurch etwas in der Flasche aufleuchten sah. Er griff in den Karren, zog sie unter dem Müll hervor, hielt sie gegen die Sonne und schnaufte dann erstaunt durch die Nase.

In der Flasche lag ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Bräunlich, wie von der Sonne gegerbt. Lüders putzte mit dem Ärmel seiner Jacke die Algen fort, versuchte den Klemmverschluß aufzudrücken, aber der war oxydiert und verrostet und wie mit dem Glas verschmolzen. Da steckte er die Flasche in seine Rocktasche, knurrte: »Wart man, di krieg ich open!« und kehrte weiter den Strand.

Er war heute mit der Zeit zurück. Die ersten Kurgäste erschienen oben in den Dünen. Die Frühaufsteher, in der Mehrheit Nacktbader.

Sie irrten durch die Sandhügel und suchten ihre vor der Flut geretteten Strandkörbe.

2

Erst gegen Mittag hatte Lars Lüders Zeit, sich an seinen Fund zu erinnern. Mit den anderen Strandwärtern saß er in einem Aufenthaltsraum der Strandgaststätte, rauchte seine Pfeife, las die Zeitung und wurde durch die Reklame einer Limonadenfirma angeregt, an die linke ausgebeulte Tasche seiner Jacke zu fassen. Die Flasche war noch da. Er zog sie heraus, stellte sie auf den Tisch, tippte mit dem Zeigefinger auf den verrosteten Verschluß, hüstelte, damit die anderen Kollegen aufmerksam wurden, und schob die Flasche näher ans Licht, zum Fenster.

»Wat segst di nun?« fragte er und blickte sich um.

Die anderen warfen einen Blick auf die Flasche und lachten. Bei Lüders wußte man nie, was nach solchen Fragen kommen würde … Lachen war daher immer richtig.

»Am Morgen schon ’ne Buddel Köm?« fragte ein dürrer Mensch, der Ludwig Sickers hieß.

»Kiek genau hin!« Lüders hielt die Flasche gegen das Sonnenlicht. »Da is’n Brief drin!«

»Us de Südsee, Lars?« Der dicke Enno, Vorarbeiter bei der Kurverwaltung und als einziger in der Runde fest angestellt, nicht nur in der Sommersaison, lehnte sich zurück und streckte die Beine von sich. »Bestimmt! Lars, mach de Buddel auf. Das is bestimmt so’n Liebesbrief von deiner Hawaiibraut …«

»Und so’n praktisches Mädchen«, rief ein anderer. »Ohne Porto …«

Lüders tat es leid, seine Flasche überhaupt gezeigt zu haben. Er hob sie wieder gegen die Sonne … das vergilbte Papier drehte sich wie ein Gegenstand im luftleeren Raum. Es schwebte wie schwerelos zwischen dem Glas.

»Sieht so verdammt echt aus …«, sagte er und hielt die Flasche dem dicken Enno hin. »Man sollte sie zur Polizei bringen …«

»Zur Post!« Der dicke Enno grinste unverschämt. »Da fehlt die Nachgebühr, Lüders. Per Eilboten und Einschreiben …«

Die anderen Strandwärter brüllten los. Lüders sah sie böse an, steckte die Flasche wieder in seine Tasche und sprang auf.

»Idioten!« sagte er steif, trat die Tür auf und ging.

Den ganzen Tag trug er die Flasche mit sich herum, stellte sie unter die Theke, als er Ausgabedienst für Liegestühle und Sandschaufeln hatte, widerstand der Versuchung, einen Kurgast, der Prof. Dr. Pütz hieß und als Professor sicherlich einen Rat geben konnte, zu fragen und seinen Fund zu zeigen. Und er fragte ihn nur deshalb nicht, weil sich Lüders nicht ganz sicher war, ob er sich mit seiner Flasche nicht doch lächerlich machen würde. Aber als er am späten Nachmittag abgelöst wurde und mit dem Rad nach Hause, in sein kleines hinter die Dünen geducktes Klinkerhaus gefahren war, wurde in ihm ein unerklärbarer Drang mächtiger und bestimmender.

Er stellte die Flasche auf den Tisch, setzte die Lampe daneben, umkreiste den Fund wie ein Forscher eine ausgegrabene ägyptische Vase, strich sich durch den Bart und beschloß nach langem Nachdenken, die Flasche doch der Polizei zu zeigen. Nur zeigen, nur um einen Rat zu hören, obwohl er wußte, daß ihm auch dort ein verhaltenes Grinsen antworten würde. Der Südsee-Lars mit einer Flaschenpost … eine neue Kursensation?

Lüders hockte sich auf einen Stuhl vor die Flasche und starrte auf das zusammengeknüllte bräunliche Papier. Wirf sie weg, dachte er. Sie macht dich lächerlich. Gestern hat sie ein Junge in die See geworfen, und du alter Idiot fischst sie heute raus und läßt dich übertölpeln.

Aber es waren erzwungene Gedanken. Etwas anderes in ihm behielt die Oberhand: ein nicht greifbarer Drang, eine unhörbare Warnung, dieses Glas mit dem vergilbten Papier nicht wieder zu dem anderen Strandmüll zu werfen.

»Hol di steif!« sagte er nach langem Nachdenken zu sich. »Lars, laß sie lachen!«

Er steckte die Flasche in einen Plastikbeutel, auf dem »Inselbraun durch Solecreme« stand, sicherte durch einen Spalt der Haustür, daß niemand in der Nähe war, und hinkte im Schutz der Dunkelheit und auf Umwegen zur Polizeistation.

3

»Die Übermittlung der Post per Flasche ist seit Einführung der Briefmarke kaum noch möglich«, grinste Hauptwachtmeister Karl Bergsen, der Nachtdienst hatte und sich mit einer Kanne Tee beschäftigte. Er vermied es dadurch, noch fröhlicher zu werden, denn Lüders hatte gleich an der Tür gesagt:

»Korl, ’ne Dienstsache. Lach nich … mir is ernst damit.«

Bergsen schüttete sich erst eine Tasse Tee ein, zelebrierte das Eingießen von Sahne und die Zugabe von Kandiszucker — eine Tee-Zeremonie, die einen Friesen eigentlich eng mit einem Japaner oder Chinesen verbinden müßte, denn allen dreien ist das Teetrinken eine sakrosankte Handlung —, trank einen vorsichtigen Schluck des heißen, qualmenden Getränkes und kümmerte sich dann notgedrungen um die Flasche. Lüders klopfte mit dem Knöchel gegen das Glas — man konnte das Thema nicht wechseln und gnädig mit ihm sein.

»Sag bloß, die kann echt sein …« Bergsen umging damit die Aufforderung, mitsamt der Flasche die Polizeiwache zu verlassen.

»Die Nachtflut —«, sagte Lüders. »Korl, die Nachtflut hat sie gebracht.«

»Die bringt viel. Davon lebste doch, Lars.«

»Ich hob so’n komisches Gefühl. Mach de Buddel auf, Korl. War voller Algen und Tang, als se an Land kam. Von gestern ist sie nich.« Er tippte mit dem Zeigefinger auf den Verschluß. »Ganz verrostet —«

»Das geht im Meerwasser schnell, Lars, das weißte doch. Salz, die Luft, und dann oxydiert alles … Korrosion nennen sie das.« Bergsen holte die Flasche auf seinen Schreibtisch, streckte den Kopf vor, betrachtete den Zettel genau und versuchte den Klemmverschluß herumzudrücken. Obwohl Bergsen ein kräftiger Mann war, gelang es ihm nicht.

»Wenn das so einfach wäre … ja …«, sagte Lüders gedehnt.

»Dann zerkloppen wir se … amtlich!« sagte Bergsen. »Von den alten Phöniziern wird die Flasche nicht sein … die kannten noch keinen Bügelverschluß.« Er zog die Schublade auf, holte einen kleinen Hammer heraus — warum Hauptwachtmeister Bergsen einen Hammer in seinem Schreibtisch liegen hatte, weiß keiner, mit der mangelhaften Bewaffnung der deutschen Polizei hatte es sicherlich nichts zu tun — und visierte die Flasche an.

»Vorsicht, Korl!« brüllte Lüders. »Das Papier!«

Bergsen holte aus. Das Glas klirrte, die Splittet spritzten über den Tisch. Der zusammengefaltete Zettel flatterte wie ein kranker Vogel, fiel über die Scherben und brach an der linken Ecke ab.

»Morsch wie Zunder!« sagte Bergsen verblüfft.

»Von vorgestern ist er also nich«, sagte Lüders mit Triumph in der Stimme. »Und Papier rostet nich … aber es wird brüchig … Wat segst di nu?«

Mit spitzen Fingern, ganz vorsichtig, versuchte Bergsen das Blatt aufzufalten. Er schob sogar einen weißen Bogen unter, um die Papierstückchen, falls der Brief auseinanderbrechen sollte, aufzusammeln.

Es dauerte über eine Minute, bis das vierfach geknickte Papier ohne Beschädigung aufgeschlagen war. Lüders beugte sich vor. Er atmete heftig.

»Blas nich wie’n Walroß!« sagte Bergsen laut. »Wenn du das blödsinnige Papier an de Wand pustest, war alles umsonst.«

Es war tatsächlich ein Brief. Von der Sonne ausgedörrt, mit Bleistift geschrieben. Buchstaben wie bleiche kleine Gerippe.

»Na also —«, sagte Lüders leise. Seine Stimme war unsicher. »Aber immer müßt ihr lachen …«

»So was kann man fälschen.« Bergsen drehte die Tischlampe an ihrem Schwenkarm direkt über den Brief. »Da gibt es ganz andere Sachen, Lars. Madonnen, die man in feuchte Erde eingräbt und nachher die Holzwurmlöcher mit Schrot reinschießt und sie als Funde aus dem 17. Jahrhundert verkauft … Da ist so’n Brief ’ne Kleinigkeit. Außerdem ist er deutsch geschrieben. Sehr verdächtig, Lars. Nenn mir mal ’ne deutsche Flaschenpost! Alle echten historischen Flaschenposten stammen von den Engländern, Spaniern oder Portugiesen. Und sind mit Lack verschlossen. Mit Teerkorken. Aber deutsch? Nie!«

»Lies vor!« sagte Lüders. »Mensch, Korl, quatsch nicht soviel …«

Es machte Mühe, die kleinen grauen Skelette zu entziffern. Bergsen las so, wie er die Worte zusammensetzen mußte, langsam, stockend. Von Wort zu Wort wurde seine Kehle trockener.

»29. April 1965. Ich, Werner Bäcker aus Lübeck, bin an eine kleine Insel im Pazifischen Ozean angeschwemmt. Meine Motorjacht hat ein Sturm zerschlagen, sie ist gesunken. Meine Frau und meine drei Kinder sind ertrunken. Nur ich allein lebe noch. Ich danke Gott dafür. Aber helft mir, helft! Helft sofort! Das Trinkwasser geht zu Ende, die wenigen Lebensmittel reichen nur noch ein paar Tage. Irgend jemand soll mich abholen. Mein Bein ist gebrochen, ich kann nicht ins Innere der Insel. Ich bin hilflos. Rettet mich! Die Insel liegt, glaube ich, Länge 140 Grad West, Breite 12 Grad Süd.

Hilfe, Hilfe! Rettet mich!«

Bergsen legte ein sauberes Blatt Papier über den vergilbten Brief. Er schluckte ein paarmal, griff zur Teetasse, nahm einen tiefen Schluck, sah Lüders an und zwang sich, die durch nichts zu erschütternde Haltung eines Polizisten zu bewahren.

»Blödsinn!« sagte Bergsen rauh. »1965. Vor sechs Jahren! Wo ist das überhaupt: 140 Grad West, 12 Grad Süd?«

Er stand auf, holte aus dem Wandschrank einen Schulatlas (er gehört nicht zur Standardausrüstung der deutschen Polizei), schlug die Weltkarte auf, suchte die Gradeinteilung der Erde ab und grinste dann breit. Lüders ahnte Schreckliches.

»Wo?« fragte er.

»Südsee! Mitten drin!« Bergsen schlug den Atlas mit einem Knall zu. »Frag mal Enno, wer die Flasche in die See geworfen hat …«

Lüders starrte das weiße Blatt an, unter dem der morsche Brief lag. Das unerklärliche Gefühl, das ihn den ganzen Tag über begleitet hatte, stieg wieder in ihm hoch. Er stützte sich auf den Tisch, drückte die rechte Hand dabei in einen Glassplitter und spürte es gar nicht vor Aufregung.

»Gib ihn weiter —«, sagte er leise. »Korl, bei Gott … gib’s weiter.«

»Und wenn Enno wirklich dahintersteckt? Die Insel wackelt ja vor Vergnügen, wenn das rauskommt. Überleg doch mal, Lars: Von der Südsee bis Norderney … das läuft doch gar nicht. Das ist ja fast rund um die Erde, Mann. Soviel Strömung gibt’s doch gar nicht.«

»Gib mir’n Schluck, Korl.« Lüders griff zu Bergsens Teetasse, trank sie leer, schob vorsichtig das weiße Blatt zur Seite und starrte auf das vergilbte Papier. Es war, als röche man aus ihm die Sonne der Jahre und das Verdorren eines Menschen.

»Schick es weg —«, sagte Lüders noch einmal. »Ich bitte dich, schick es weg. Und wenn sie mich auslachen und für den größten Idioten von Norderney halten —«

4

Ein junger Wasserpolizist, der sich an die Stirn tippte, als Bergsen ihm den Auftrag erteilte, brachte das morsche Stück Papier mit dem ersten Schiff am nächsten Tag von der Insel zum Kommissariat nach Norden.

Auch dort las man Karl Bergsens Bericht mit mildem Lächeln und echter Skepsis, betrachtete die Flaschenpost unter einer Lupe und war sich einig, daß hier eine riesige Seifenblase ins Behördengetriebe gerutscht war.

»So etwas gibt es nicht!« sagte Kommissar Fleischmann nach dieser nicht gerade wissenschaftlichen Prüfung. »Vor allem gibt es keine so einsamen Inseln mehr, daß jemand nicht entdeckt würde. Im Urwald … zugegeben, da kann einer, wenn er mit einem Flugzeug abstürzt — nur als Beispiel — rettungslos verloren sein. Aber im Pazifik? Da wimmelt es von Booten, und in der Luft ist auch allerhand los. Und Länge 140 Grad West und Breite 12 Grad Süd, bei so präziser Auskunft dürfte dieser Werner Bäcker längst wieder Tee trinken … auf jeden Fall ein phantasiebegabter Erfinder.«

Aber damit war der Fall nicht abgetan. Der Brief war eine Dienstsache geworden und lief nun seinen amtlichen Weg.

Zwischen zwei schützenden Pappdeckeln wurde er auf die Reise geschickt, machte einen Abstecher zur Staatsanwaltschaft, wo man ihn laut und erheitert vorlas und dankbar war für dieses sommerliche Intermezzo, reiste dann noch durch einige Amtsstuben und traf fünf Tage später beim Landeskriminalamt in Hannover ein. Mehr als Kuriosum denn als ernsthafte Ermittlungssache.

Der zuständige Kriminalrat sagte denn auch ziemlich humorlos: »Mit so einem Blödsinn muß man sich nun beschäftigen!« und gab den Brief an das Labor weiter.

Der Kriminalrat war gallenkrank und vergaß die Flaschenpost völlig.

Nicht so das Labor, das an Absonderlichkeiten gewöhnt war. Wer Unterhosen von Lustmördern auf Spermaflecke untersucht und aus dem Nageldreck mikroskopisch feine Partikel von Kopfhautzellen analysiert, für den ist ein schöner, breiter, morscher Brief eine Fundgrube.

Das Papier wurde untersucht, die Schrift, die Bleizusammensetzung des benutzten Bleistiftes, das Papieralter nach dem Bleichzustand in pazifischer Sonnenintensität berechnet — es wurde nichts ausgelassen, um ein grandioses Gutachten zu erstellen.

Nach vier Tagen schickte das Labor den Brief zurück.

Er war echt.

Im Landeskriminalamt schüttelte man die Köpfe. Aber vorsichtshalber fragte man beim Einwohnermeldeamt in Lübeck an. »Ich wette«, sagte der gallenkranke Kriminalrat, »es gibt tatsächlich einen Werner Bäcker, und der sitzt jetzt beim Bierchen und denkt nicht mehr an den Quatsch, den er vor sechs Jahren vielleicht auf Borkum in die Nordsee geworfen hat. Wir werden ihn ermahnen, nicht noch mal so einen dämlichen Text zu schreiben. — Was der Brief schon jetzt an Steuergeldern gekostet hat, nicht zu sagen! Meine Herren, da sehen Sie mal, welche ungeahnte Folgen so ein kleiner Urlaubsulk haben kann … Wir nehmen aber auch alles so bierernst auf.«

Nach wiederum vier Tagen lag die Antwort des Einwohnermeldeamtes von Lübeck in Hannover vor. Nüchterne Worte, die den Weg einer Familie in ein neues Leben festhielten:

»Am 13.2.1962 abgemeldet von Lübeck nach Auckland (Neuseeland) wegen Antritts einer neuen Stelle:

Werner Bäcker, Dipl.-Ing. Architekt, geb. 14.5.1930 in Lübeck,

Viktoria Bäcker geb. Plannitz, Ehefrau, geb. 26.10.1933 in Grevesmühlen,

Kinder:

Holger, geb. 4.3.1955 in Lübeck

Peter, geb. 20.11.1956 in Lübeck.

Marion, geb. 17.8.1958 in Lübeck«

»Das ist ungeheuerlich!« sagte Kriminalrat Busse, als er die mittlerweile mit einer Registriernummer versehene Akte sofort bekam. Alles, was »heiß« war, lief über seinen Schreibtisch. Er war der Fachmann für Fälle, von denen sich andere, der Undankbarkeit der Aufgabe wegen, drückten. »Das ist kein Witz mehr! Das ist einfach ungeheuerlich —«

Wenig später tickten die Funksprüche nach Auckland in Neuseeland: Wer und wo ist Werner Bäcker?

5

Auch Zeitungsreporter müssen Urlaub machen.

Wer ständig in der Welt herumfliegt und mit dem Menschen in seiner ganzen erschreckenden Vielfalt konfrontiert wird, sehnt sich nach ein paar Wochen Ruhe, um sich von diesem ständigen Anprall von Unzulänglichkeiten zu erholen. Einmal allein sein …das ist etwas Herrliches in unserer Welt.

Fritz Hellersen hatte sich auf Norderney bei der Familie des Gemüsehändlers Freese verkrochen. Hier gab es kein Telefon, aber Hellersen war sich nicht sicher, ob die Redaktion des »Globus« im Ernstfall nicht doch auf seine Spur kam und nachbarliche Telefone belästigte.

»Wenn Sie einen ruhigen Mieter haben wollen, der nicht die Tapeten von den Wänden kratzt«, sagte er beim Einzug in sein kleines Zimmer zu Gemüsehändler Freese, der von Kurgästen viel gewohnt war und nun seine Erfahrungen mit einem Journalisten bereicherte, »dann sagen Sie jedem, der mich an irgendeinem Telefon sprechen will: Es gibt hier keinen Hellersen, Sie haben mich nie gesehen! Ich will wie die drei heiligen Affen leben: nichts hören, nichts sehen, nichts sprechen, Himmel, muß das schön sein!«

Jens Freese stimmte dem zu und verlangte die Miete für zwei Wochen im voraus. Wer nichts hören, sehen und sprechen will, kann eines Tages selbst nicht mehr da sein … Hellersen bezahlte, und Freese versicherte, er habe ab sofort den Namen Hellersen nie gehört. Nur der Kurverwaltung müsse er ihn melden.

Eine Woche lang hielt Hellersen dieses Eremitenleben aus. Konsequent sonderte er sich von allen anderen Menschen ab, wanderte jeden Morgen in aller Frühe zur Weißen Düne und noch ein Stück weiter, hinter den Leuchtturm, wo die Insel so einsam wurde, daß sich ein einzelner Mensch in dieser hügeligen Landschaft verlor. Hier konnte man in den Sandschluchten und im harten Gras nackt unter der Sonne liegen. Das Rauschen des Meeres schläferte ein, und das schrille Schreien der Möwen vermischte sich damit in solch grandioser Vollkommenheit, daß Hellersen dachte: Es wäre gut, wenn die Zeit jetzt stehenbliebe. Ein Mann braucht diese laute Ruhe der Natur. Sie ist der Strom, der den Akku in uns auflädt.

Ab und zu spielte er sein Fitneß-Programm durch, rannte die Dünen hinauf und hinunter, turnte nackt bestimmte Übungen, die die Muskeln lockerten und alle Sehnen in Bewegung brachten, schwamm viel im offenen Meer, warf sich in die Brandung und ließ sich vom Wasser peitschen. Dann sammelte er Treibholz, das jede Nacht angeschwemmt wurde, baute sich daraus zwischen den weißsandigen Dünen eine kleine Hütte. Aber als sie fertig war, erinnerte sie ihn fatal an einen Bambusunterstand in Vietnam. Vor sieben Monaten hatte er mit einer Gruppe GIs im Dschungel gelegen und hatte es nur einem unverschämten Glück zu verdanken, dem letzten Vietkong-Angriff entkommen zu sein. Er saß hoch oben in einer dichten Baumkrone und fotografierte die Gegend, als unter ihm die GIs innerhalb von zehn Minuten getötet wurden. Wie ein Spuk brachen die Vietkong aus den Büschen, und wie ein Spuk verschwanden sie wieder. Als Hellersen in der Nacht erst aus seinem Baum kletterte, fand er seine Bambushütte unversehrt vor …aber an die Wände hatte man mit zugespitzten Bambusstangen vier amerikanische Soldaten aufgespießt.

Die Erinnerung daran verdarb Hellersen den Spaß an seiner Treibholzhütte …er riß sie sofort wieder ein.

Nach einer Woche absoluter Ruhe wurde Hellersen unruhig. Es erging ihm so wie vielen Menschen, die vor sich flüchten und sich doch immer wieder einholen, weil ihr Schatten mitläuft. Am achten Tag zog Hellersen seine Badehose an, schlang das Badetuch um seine Schultern und wanderte am Meer entlang zum Oststrand. Hier traf er — neun Tage nach Auffinden der Flaschenpost — auf den Strandwärter Lars Lüders.

Es war wieder einer der frühen Morgen, an denen Lüders mit seiner Eisenkarre den Strand abging und reinigte. Mit einem Seitenblick, ohne seine Kehrarbeit zu unterbrechen, musterte er Hellersen und saugte an seiner Pfeife. Um fünf Uhr früh ein zweiter Mensch am Meer — und dazu noch ein Kurgast —, das konnte nur bedeuten, daß man seinen Alkoholkopf ausdunsten wollte. Meistens waren diese Übriggebliebenen wortkarg und knurrig.

»Schöner Tag, nöch?« sagte Lüders und blieb stehen. »Mann bannig heiß schon so früh. Gibt’n sonnigen Tag, nöch?«

Hellersen nickte unlustig. Die Unruhe in ihm wuchs. Das völlige Abschalten ist doch nicht das richtige, dachte er. Es kribbelt einem bis in die Fingerspitzen und Haarwurzeln. Ich muß etwas tun, irgend etwas Produktives, nicht bloß Turnen und Hütten bauen, die an Vietnam erinnern und wieder eingerissen werden müssen. Man kommt nicht von sich selbst los; es ist wie bei der Hydra, wo man ein Stück abhackt, wachsen zwei neue Stücke nach.

»Hallo —«, sagte er. Er musterte den bärtigen Mann und dachte sofort an das Heimatmuseum. Eine gute Type, dachte er. Als ob man einer dieser Museumsfiguren Leben eingehaucht hätte, und nun läuft sie hier herum, sammelt Papier und Limoflaschen auf und bekommt als Fremdenverkehrsattraktion die Stunde 5,50 DM, Frühstück eingeschlossen.

Hellersen blieb stehen, drehte sich um und kam zu Lüders zurück. Auch Lüders blieb stehen und lehnte sich an seinen Eisenkarren.

»Hallo —«, sagte auch er.

Das wäre eine Abwechslung, dachte Hellersen. Ein Interview mit einem alten Seemann. Das ist nichts Neues und wirft keinen Zwerg um, aber mit einigen verrückten Erlebnissen aus der Seemannskiste kann man die »Saure-Gurken-Zeit« beim »Globus« unterpflügen. Das Geheimnis des Meeres ist ebensogut an den Mann zu bringen wie die Erinnerungen eines Arztes. Es kommt auf die Schreibe an; der eine kocht Blumenkohl, und er schmeckt wie Rüben, und ein anderer kocht auch Blumenkohl, und der zerfließt auf der Zunge, wie aus Sahne gemacht.

Hellersen griff in den umgehängten bunten Bademantel, holte eine Packung Gauloises heraus und hielt sie Lüders hin. Der nickte, bediente sich, riß sein sturmsicheres Feuerzeug an und blies dann den Rauch durch die breiten, behaarten Nasenlöcher.

Eine Weile rauchten sie wortlos, standen nebeneinander im Sand und blickten über die See. Die Wellen rollten bis zu einer flachen Sandbank, brachen sich dort und glitten müde an den Strand. Ein träger, heißer Tag.

»Ebbe, nöch?« sagte Lüders zuerst.

Hellersen nickte. »Waren Sie auch mal Matrose oder so was Ähnliches?«

»Vierzig Jahre Bananendienst, jawoll.« Lüders lehnte sich an seine Eisenkarre und benutzte den Schaufelstiel als Stütze für seine schweren Hände.

Vierzig Jahre, dachte er plötzlich. Mein Gott, ist das eine Zeit! Das überfällt einen ja richtig, wenn man darüber nachdenkt. Vierzig Jahre auf hoher See …und jetzt lachen sie mich alle aus, weil ich eine alte Flasche gefunden und bei der Polizei abgegeben habe. Das Leben ist beschissen!

»Bananen? Fast ein halbes Jahrhundert Bananen? Mann, da haben Sie ja Europa mit den gelben Dingern überschwemmt!« Hellersen setzte sich auf den gewölbten eisernen Karrenrand. Das gibt eine gute Story, dachte er. Ein Mann schippert ein halbes Leben lang Bananen nach Deutschland, und jetzt im Alter fegt er den Wohlstandsmüll vom Strand. Eine Story mit sozialem Aufwärtshaken. Die Langeweile verflog aus ihm. »Erzählen Sie mal. Das kann eine Geschichte werden: Überschrift: ›Bananen-Willi‹.«

»Ich heiße Lars Lüders«, sagte Lüders. Er sog an der Gauloise und hüstelte. »Und wieso Geschichte?«

»Lars heißen Sie? Noch besser!« Hellersen begann wieder in Schlagzeilen zu denken. »Das riecht nach Tang und Teer. — Kennen Sie den ›Globus‹?«

»Ich habe die Schule bis zur achten Klasse besucht«, sagte Lüders steif. »Und bei Meiers steht einer im Fenster.«

»Nicht der! Die Zeitschrift ›Globus‹.«

»Die auch. Bei Meiers im Fenster. Meiers verkauft hier auf der Insel Zeitschriften.«

»Ich bin Reporter«, sagte Hellersen.

»Aha —«

»Und ich verspreche Ihnen hundert Mark, wenn Sie mir ein paar Stories aus Ihrem Leben erzählen. Stories, die meine Leser auf den Boden hauen. Wahr brauchen sie nicht zu sein — es genügt, wenn sie nur so klingen. Das sind die besten Geschichten.«

»Sie sind also Reporter?« fragte Lüders nachdenklich. In seinen alten, hinter Falten und Runzeln verborgenen Augen, in denen noch der Wind von vierzig Jahren hoher See hockte, leuchtete es auf. Etwas wie Hoffnung brach aus ihnen. Hoffnung, endlich einmal ernst genommen zu werden. »Ich habe etwas Besseres für Sie. Etwas Wahres. Garantiert hier passiert, vor neun Tagen, dort drüben, wo jetzt der Korb Nr. 218 steht.«

»Zwei Körbe waren zusammengeschoben und wackelten rhythmisch — alter Hut, mein Lieber.«

»Nein, ich sag’s Ihnen … aber alle anderen lachen mich aus. Sie lachen nicht, nicht wahr? Sie sind doch Reporter.«

»Eine Aphrodite entstieg dem Meer, was?« sagte Hellersen sauer.

»Quatsch! Eine Flaschenpost kam an Land.«

Er wartete auf eine Reaktion, sah Hellersen an mit geradezu bettelnden hündischen Augen. Junge, eine Flaschenpost, begreifst du das? Ein Brief war drin, sechs Jahre alt. Verdorrt in der Sonne. Wenn du jetzt auch lachst, schlage ich dir die Schaufel über den Schädel.

Hellersen überlegte schnell. Flaschenpost ist ein gutes Thema, dachte er. Da ist es wieder: das Geheimnis des Meeres. Ein Feld der Phantasie, das nie ganz durchzuackern ist; immer bleibt ein Fleckchen Neuland übrig. Da kann man allerhand drumherum schreiben, das Meer auf dem Papier ist weit und geduldig.

Er war sich darüber klar, daß Lars Lüders’ Flaschenpost eine völlig unreale Sache war, ein Scherz allenfalls, aber die Idee war brauchbar für eine gute Sommerstory.

»Das ist genau das, was ich suche«, sagte Hellersen und zertrat den Zigarettenrest im Sand. Lüders bückte sich und kehrte ihn sorgfältig auf seine Schaufel. »Haben Sie Zeit, Seemann? Daraus kann etwas werden.«

Lüders blickte übers Meer, den Strand, in den Himmel und dann erst auf seine Uhr. Alles stimmte.

»Gehn wir zum Liegestuhlverleih«, sagte er. »Dort sind wir um diese Zeit noch allein. Der Betrieb fängt erst in einer Stunde an.« Er drückte seine Zigarette an der Innenseite des eisernen Karrens aus und warf Besen, Kratzer und Schaufel in die Eisenwanne. »Und ich schwöre Ihnen, es ist alles wahr. Aber keiner will’s glauben —«

Er stellte sich zwischen die Holme des Karrens, packte sie mit seinen großen Händen, stemmte die Beine in den Sand und begann zu ziehen. Es war schwer, der Weg führte durch die Dünen hinauf. Hellersen beugte sich vor und drückte von hinten nach.

Gemeinsam schoben sie die Karre durch den Sand.

6

Um zehn Uhr morgens klingelte bei dem Chefredakteur des »Globus« das Telefon. Nervös blickte er auf die Uhr, legte die Hand auf den Hörer und holte tief Luft, um die Sekretärin in seinem Vorzimmer anzubrüllen. Er wollte nicht gestört werden … seit zwei Tagen liefen Bildberichte von Agenturfotografen bei den verschiedensten Redaktionen ein, und es schien, als würde in der nächsten Ausgabe der »Globus« von seinem Konkurrenzblatt »Rund um die Welt« an Aktualität übertroffen werden.

Der Chefredakteur — er hieß Otto Otto, sein Vater mußte ein Komiker gewesen sein oder ein zum Vater gezwungener Kinderfeind, denn als Otto Otto begreifen lernte, was man ihm da mit seinem Namen angetan hatte, lebte sein Vater schon nicht mehr und war deshalb allen Vorwürfen unerreichbar geworden — riß den Hörer hoch und schrie: »Ruhe!«

»Hellersen ist am Apparat«, sagte die Sekretärin im Vorzimmer unbeirrt. »Aus Norderney.«

»Das ist doch nicht möglich —« Otto Otto lehnte sich zurück und atmete heftig durch die Nase. »Marlenchen, stellen Sie durch. Wissen Sie, wie lange ich den Kerl suche? Seit vier Tagen!« Es klickte im Hörer, und Otto Otto wußte, daß er jetzt mit Norderney verbunden war. Er sah Hellersen vor sich, wie er jetzt am Apparat sitzen würde, in einem Hotelzimmer, in der Badehose, neben sich einen eiskalten Drink, hinter sich im Bett eine Blondine, morgens um zehn, mit dicken roten Augen, gähnend und lendenlahm, die Gauloise im Mundwinkel. »Hellersen?« brüllte Otto Otto. »Sie verdammter Tauchkünstler! Wie oft soll ich predigen: Wer sich verduftet, soll wenigstens die Richtung seines Gestankes hinterlassen! Auf Norderney stecken Sie? Mensch, ich brauche Sie. Dringend! Sofort! Sie müssen nach Irland. Dort rappelt es aus allen Fenstern und Kellern. Sofort nach Londonderry! Was? Sie sagen noch was? Sie sind noch da? Hellersen, ich brauche bis Mittwoch einen Exklusivbericht aus Irland. Erschossenes Kind im Rinnstein, schwangere Mutter von Terroristen mißhandelt … Ich schicke Böhme als zweiten Fotografen rüber. — Hellersen, nun sagen Sie mal was!«

»Ich fliege in die Südsee —«, sagte Hellersen artikuliert. Mit Otto Otto mußte man wie mit einem Partner auf der Bühne sprechen, klassische Betonung aller Konsonanten; später hieß es sonst, Otto Otto habe nur die Hälfte verstanden. »Hören Sie mir bitte erst zu, ehe Sie Ihr bekanntes NEIN brüllen. Hier wurde vor neun Tagen eine Flaschenpost angeschwemmt …«

Otto Otto unterbrach das Gespräch mit einem Seufzer und legte auf. »Die Sonne ist zu heiß«, sagte er laut in das leere Zimmer. »Und Hellersen läuft immer ohne Hut herum, das wissen wir alle —«

Am Nachmittag erschien Hellersen in der Redaktion des »Globus«, gebräunt, voll frischer Nordseeluft, innerlich gekräftigt, mit Otto Otto jeden nur möglichen Kampf aufzunehmen.

»Sie können hinein, ohne anzuklopfen«, sagte Marlene im Vorzimmer.

»So schlimm?«

»Noch schlimmer. Die ›Aktuelle Redaktion‹ will Essiggurken anbauen und sich dazwischen legen.«

»Und alles meinetwegen?«

»›Rund um die Welt‹ hat einen phantastischen Irlandbericht. Wir wissen das jetzt genau. Der Chef guckt durch eine undichte Stelle. Los, gehen Sie rein —«

Otto Otto saß hinter seinem mit Manuskripten und Fotos, Druckfahnen und Büchern, Andrucken und Fernschreiben übersäten Schreibtisch und zog sofort das Kinn an, als Hellersen durch die Tür kam. Allein schon die Gesundheit, die Hellersen ausstrahlte, regte ihn auf.

»Mann —«, sagte er laut. »Die Kosten für ein Sanatorium bezahlt der ›Globus‹ Ihnen nicht. Sie haben ein verbranntes Hirn, Hellersen! In Irland sollten Sie sein —«

»Kennen Sie Länge 140 Grad West und Breite 12 Grad Süd, Chef?«

Otto Otto drückte sofort auf die Sprechtaste vor sich. »Einen Arzt, sofort!« brüllte er. Aber als Marlene im Vorzimmer es wiederholte, schrie er dazwischen: »Warten Sie noch, Marlenchen. Vielleicht findet gleich ein Tötungsdelikt im Affekt statt.« Er ließ die Sprechtaste los und warf sich in seinen Schreibtischsessel zurück.

»Fünf Minuten, Chef«, sagte Hellersen völlig ruhig. »Dann steht es Ihnen frei, mit Aschenbechern zu werfen. Hören Sie bitte zu.«

Otto Otto blickte auf die Uhr an der Wand. Morgen um elf war Imprimatur. ‘Rund um die Welt’ war nicht mehr einzuholen. »Legen Sie los«, sagte er voll Resignation. »Ich habe genau neun Minuten Zeit für Sie.«

»Fünf genügen.« Hellersen holte sein Notizbuch aus der Tasche und begann vorzulesen. Und noch während er die Bedeutung des Fundes zu erklären versuchte, griff Otto Otto zum Telefon und alarmierte die Dokumentar- und Recherchier-Abteilung. Als Hellersen aufhörte, sprach Otto Otto noch immer mit allen möglichen Leuten im Hause und gab gezielte Anweisungen.

»Das wär’s!« sagte Hellersen laut.

Otto Otto warf den Hörer weg, als sei er zu heiß geworden. »Die Sache läuft«, sagte er langsam, schob Hellersen eine Packung Zigaretten über den Papierhaufen zu und faltete die Hände vor der Brust. »Wenn das alles stimmt, gönne ich ›Rund um die Welt‹ ihren Irlandtriumph. Ich habe eben schon Beimann nach Londonderry geschickt — er soll die Stoppeln nachlesen, vielleicht bringt er noch ein paar Körnchen. Aber Sie, Hellersen, Sie sind journalistisch tot, wenn Sie mich auf einer dicken Ente reiten lassen. Ist das klar?«

»Ganz klar, Chef.« Hellersen lächelte zufrieden. Auch wenn man es nicht sah, er hatte Otto Otto überzeugt, man mußte hinter den Worten seine Sanftheit hören. »Das ist alles zu schön, um bloß erfunden zu sein.«

Im »Globus« begann das große Arbeiten.

Bis zum Abend lagen die ersten Meldungen auf Otto Ottos Schreibtisch. Fast militärisch — wie eine Geheime Kommandosache — sammelte er sie in einem roten Schnellhefter. Hellersen hockte seit Stunden am Telefon, sprach mit der Polizei in Norddeich, Norden und Hannover, zankte sich mit untergeordneten und ahnungslosen Beamten herum, aber er hatte die Spur des Flaschenbriefes aufgenommen und blieb wie ein Bluthund auf der Fährte. Gegen 19 Uhr lief er gegen eine Wand des Schweigens. Von jetzt ab sprach er nur noch mit Beamten, die von nichts wissen wollten.

»Ab nach Hannover«, sagte Hellersen zu Otto Otto. »Sie mauern sich zu. Mein Gefühl, es hat mich noch nie verlassen. Ich rufe aus Hannover an.«

7

Im Landeskriminalamt war Hellersen nicht unbekannt. Um allen Diskussionen auszuweichen, verwies man ihn gleich an den härtesten Stein der Mauer allen Schweigens, an Kriminalrat Busse. »Die schnelle Truppe des ›Globus‹«, sagte Busse, als Hellersen zu ihm vorgelassen wurde. »Wie ist das eigentlich bei euch Journalisten: Habt ihr auch eine besondere Riechausbildung hinter euch? Examensaufgabe: Wer wittert in Ecuador einen Rebellen? — Nehmen Sie Platz. Was kann ich für Sie tun?«

Hellersen setzte sich und lächelte Busse freundlich an. »Es riecht hier nach Frangipani-Blüten.«

»Wieso?« fragte Busse überrascht.

»Südsee, Herr Kriminalrat. Zum Beispiel Tahiti.«

»Beim Gehalt eines deutschen Beamten ein ewiger Traum.«

»Hören Sie zu, Herr Kriminalrat.« Hellersen beugte sich vor. Er sprach jetzt sehr ernst. »Sie kennen mich. Sie wissen, daß Sie sich auf mich verlassen können. Wenn Sie mir sagen, daß eine Sache streng vertraulich ist, dann halte ich den Mund. Sogar meiner Zeitung gegenüber — ich stehe Gewehr bei Fuß. Ist das ein Angebot? Sie brauchen mir also nicht zu sagen, daß nichts geschehen sei. Das habe ich jetzt oft genug gehört.«

»Ich hätte nicht gedacht, daß eine Flaschenpost die Presse so alarmiert«, sagte Busse deutlich verschlossen. Hellersen war zufrieden mit der Antwort — der erste Stein war aus der Mauer gebrochen.

»Aus der Südsee?« hakte er ein. Busse nickte.

»Ja. Aber jetzt stopp! Machen Sie nicht gleich eine Sensation daraus, Hellersen. Denken wir nüchtern: Im 20. Jahrhundert ein Brief per Flasche, ganz gleich woher er kommt, das ist doch eine Sache für Spinner und Romantiker. Oder für Journalisten, denen der Stoff ausgegangen ist. Sommerzeit! Das Ungeheuer von Loch Ness ist schon bemoost — aber so eine Flaschenpost kann ein paar Zeilen füllen. Nein, Hellersen, alle Aufregung ist umsonst.«

»Angenommen, Sie haben recht, Herr Rat … noch eine Frage?«

»Bitte!« Busse paßte höllisch auf. Hellersens Fragen waren immer Fallgruben.

»Ist der Brief in der Flasche ein Fahndungsvorgang geworden?«

»Er hat als Dienstsache natürlich eine Laufnummer.«

Hellersen grinste verhalten. Busse wich aus, wie ein Boxer wollte er wegtänzeln. Aber Hellersen setzte nach, unbarmherzig, mit einem Ziel, das fast offen und ohne Deckung war.

»Ich sagte Fahndung, Herr Rat. Läuft eine Fahndung?«

»Sie sind der klettenhaftigste Zeitgenosse, den ich kenne, Hellersen. Ja, es läuft eine Fahndung.«

»Dann besteht das Landeskriminalamt Hannover also aus lauter Spinnern und Romantikern?«

»Man hätte Sie am Hauseingang fesseln sollen, Hellersen.« Busse zog unter dem Schreibtisch aus einer Schublade die neue Akte heraus. »Ja, es gibt einen Werner Bäcker. Architekt in Lübeck. Ausgewandert nach Auckland auf Neuseeland. Wir sind gerade dabei, feststellen zu lassen, ob der Schreiber der Flaschenpost mit diesem Bäcker identisch ist. Alles deutet darauf hin. Wir haben diesen mysteriösen Brief ja auch erst seit einigen Stunden in Händen, nachdem die Laboruntersuchungen seine Echtheit bewiesen haben. Hier ist er.«

Busse schob die Mappe zu Hellersen. Der beugte sich über den vergilbten Brief und las langsam die kaum noch entzifferbaren Worte. Ein verzweifelter Hilferuf aus der Flasche. Dahinter lag die Auskunft des Lübecker Einwohnermeldeamtes.

»Und dabei bleiben Sie so ruhig?« fragte Hellersen leise. Aus dem von der Sonne verbrannten Papier wehte ihn die Ungeheuerlichkeit eines um Erlösung schreienden menschlichen Schicksals an.

»Wir müssen genaue Daten haben. Alles ist im Fluß, Hellersen. Alles, was für Antworten zuständig ist, haben wir angefragt. Die Recherchen laufen. Mehr kann ich Ihnen auch nicht bieten, Hellersen.«

»Das ist genug.« Hellersen klappte den Aktendeckel zu. Das elektrisierende Gefühl in seinem Inneren verstärkte sich. »Wenn alles, was in dem Brief steht, stimmt, werde ich diesen Werner Bäcker in der Südsee suchen.«

»Im Auftrag des ›Globus‹?«

»Ja.«

»Nach sechs Jahren?«

»Ich werde mindestens seine Knochen finden.«

»Sind Sie so sicher?«

»Ja. Männer meines Berufes — Sie sagten es selbst — haben ein Gespür dafür. Eine Art Wolfsinstinkt. Wenn es diesen Werner Bäcker wirklich gegeben hat, wenn es der Architekt aus Lübeck wirklich ist, dann finden wir ihn auch.«

Kriminalrat Busse legte die rote dünne Mappe zurück in sein Schreibtischfach. Hellersen sah ihm an, daß er noch etwas verschwieg. Er spürte, wie ihm heiß wurde.

»Herr Rat —«, sagte er leise.

»Wir wissen mehr —«, sagte Busse und sah Hellersen dabei nicht an. »Seit einer Stunde. Werner Bäcker, seine Frau Viktoria und seine drei Kinder sind wirklich ertrunken …«

»Aber die Flaschenpost —?«

»Das letzte Zeichen … eine Art Abschied, ein Aufschrei vor dem Nichts.«

Hellersen verbarg nicht seine Erschütterung. »Das riecht nach einer Tragödie«, sagte er leise.

»Es ist eine Tragödie.« Busse legte die Hände flach auf den Tisch. »Aus Auckland wissen wir, daß sechs Jahre Schweigen Endgültigkeit bedeutet. Bleiben Sie hier, Hellersen —«

8

Bis weit nach Mitternacht arbeitete im »Globus« ein kleiner Stab Redakteure um Chefredakteur Otto Otto. Man hatte begonnen, ein Bild des Werner Bäcker zusammenzusetzen. Als Hellersen aus Hannover zurückkam, waren alle Möglichkeiten der Recherchen durchgespielt worden. Fernschreiber, eigene Korrespondenten in Australien und Neuseeland, deutsche Behörden, neuseeländische Ämter, Einwanderungsstellen, Werner Bäckers Arbeitgeber in Auckland, die »Central Building Corporation«, seine Nachbarn in der Titirangi Street, wo er einen schönen, hölzernen, weißgestrichenen Bungalow bewohnt hatte, die Firma, bei der er seine Motorjacht »Viktoria« gekauft hatte — wie üblich auf Abzahlung —, alle wurden gefragt und erinnerten sich mehr oder weniger an den großen blonden Deutschen, der in Auckland Häuser gebaut hatte. Die beste Auskunft kam vom Hafenmeister: Er konnte sich genau erinnern, wie die neue, schneeweiße, mit Fähnchen geschmückte »Viktoria« Auckland verlassen hatte. Eine Frau und drei Kinder waren an Bord gewesen.

Zum erstenmal in seinem Leben schien Otto Otto vollauf zufrieden zu sein. Er spendierte seinen müden Redakteuren eine Flasche Whisky und einen Kasten Bier.

Am nächsten Morgen um zehn fand die ausschlaggebende Redaktionskonferenz statt. Auf Otto Ottos Schreibtisch und den Nebentischen quollen die Aschenbecher über, es roch stark nach Whisky in dem ungelüfteten Raum. Mit dicken Augen saß Hellersen neben dem Chefredakteur. Er hatte in dieser Nacht eine große Schlacht geschlagen und sie gewonnen.

»Hier haben wir Werner Bäcker —«, sagte Otto Otto und legte seine Hände auf einen Berg von Fernschreiben und Notizen. »Fassen wir zusammen, wie er vor uns steht: Er wandert nach Neuseeland aus, um dort Fabriken und Wohnblocks zu bauen. Nach drei Jahren hat er so viel Geld verdient, daß er sich einen langen Urlaub leisten kann. Am 14. Februar 1965 geht er mit seiner Motorjacht in See, eine Kreuzfahrt durch die polynesische Inselwelt, bis hinüber nach Tahiti, Tuamotu und den Marquesas-Inseln. Zum Hafenmeister sagt er, es sei ein Traumurlaub. Es ist seine erste Fahrt mit einem flammneuen Schiff — ein Kapitänspatent für kleine Fahrt hat er schon in Deutschland gemacht. Er gilt er erfahrener und klardenkender Mann, ist mutig, schnell entschlossen, ein fanatischer Arbeiter, die Arbeiter in Auckland nannten ihn ›Mr. Roboter‹. Als Seemann stellt ihm das Schiffahrtsamt Lübeck ebenfalls ein gutes Zeugnis aus — er ist sogar schon mal kurz nach seinem Steuermannspatent aus purer Freude auf einem Seenotrettungskreuzer gefahren. Alles in allem — ein toller Hirsch!«

Otto Otto holte Luft, trank einen Schluck Mineralwasser (Whisky konnte er seit vier Uhr morgens nicht mehr riechen) und blätterte weiter in den vor ihm liegenden Papieren.

»Auf diese Traumreise in den Urlaub — sie soll drei Monate dauern — nimmt Bäcker die ganze Familie mit: seine Frau Viktoria und seine drei Kinder. Er erreicht mit seiner Jacht Papeete und Tahiti und fährt weiter in die Welt der Archipele. Von da ab sind er und seine Familie verschollen. Natürlich sucht man sie, soweit das da drüben möglich ist, bei diesen unvorstellbaren Ausdehnungen und Entfernungen. Man findet nichts, nicht mal ein Brett der Jacht ›Viktoria‹. Nach dem Gesetz der Logik — und dem Gesetz der Südsee — dürfte Bäcker jetzt nach sechs Jahren nicht mehr leben. Trotz Brief in einer Flaschenpost. Frage: ›Sollen wir einen Toten suchen?‹ Antwort: ›Ja, wir suchen ihn!‹ Hellersen fliegt, als Fotograf reist Alfred mit.«

Alfred Buddke, Starfotograf des »Globus«, langmähnig, der letzte progressive Kommunarde in der Redaktion trotz seiner dreißig Jahre, warf die Arme hoch.

»Unmöglich!« rief er. »Chef, Freunde, Mitbürger, hört mich an: Ich will in vierzehn Tagen heiraten!«

»Blödsinn!« sagte Otto Otto.

»Ich muß, Leute!«

»Buddke-Kinder haben Zeit.« Der Chefredakteur winkte ab. Wenn Otto Otto mit der Hand wedelte, war niemand da, der sie festhalten konnte. »Aber Bäcker hat keine Zeit. Ich weiß, ich weiß … sechs Jahre — eben darum! Ihr fliegt morgen schon. Marlene hat die Tickets bereits im Kasten. Eine Organisation ist das! Hellersen, wie stellen Sie sich das alles vor?«

»Wenn die Angaben in der Flaschenpost stimmen, wurde Bäcker auf einer Insel zwischen den Tuamotu- und Marquesas-Archipelen angeschwemmt. Ich werde also Station in Atuana auf Hiva Oa machen.«

»O Himmel, so weit weg«, sagte Buddke und dachte an Hanni, die in sechs Wochen ihr Kind bekam.

»Atuana besitzt einen winzigen Flugplatz, aber der reicht. Von Hiva Oa werden wir mit einer Chartermaschine systematisch jedes Riff abfliegen, jede Insel, jede Lagune, jedes Korallenatoll, jeden Fleck im Meer.« Hellersen blickte Otto Otto fordernd an. »Was wir dringend brauchen, ist ein Haufen Geld vom Verlag. Das alles kostet eine Menge.«

»Der Verleger wird weinen, aber ich boxe es für euch heraus.« Otto Otto sprang aus seinem Sessel. Man konnte über seinen Namen lächeln — wer ihn jetzt ansah, war das Kaninchen, das der Blick der Schlange lähmt. »Viel Glück, Hellersen, aber kommen Sie mir nur wieder unter die Augen, wenn Sie von Bäcker wenigstens einen Zahn gefunden haben. Ich kann schlimmer sein als ein Hai!«

Es war keiner da, der das bezweifelte.

Am nächsten Morgen flogen Hellersen und Buddke ab.

Teil II

2

1

Es gab keinen Himmel und kein Meer, keine Erinnerung an die Erde und keine Hoffnung auf ein Morgen mehr. Es gab nur noch ein Brüllen und Kreischen, Berge aus Wasser, die zerbarsten und heulend herunterstürzten auf das kleine, weiße Schiff. Es gab nur noch Wellenfelsen, die donnernd aus riesigen Tälern geboren wurden, und schwarze brüllende Tiefe, in die man hineinstürzte, um wieder hinaufgeschleudert zu werden in eine Welt, die aus salzigem Gischt und tosendem Wasser bestand.

Sie hatten sich zusammengebunden: der Mann, die Frau und die drei Kinder. Mit dicken Schiffstauen und guten Knoten waren sie aneinandergefesselt, umklammerten das Gestänge unterhalb des Ruderhauses, ein Klumpen Leben inmitten brüllender Vernichtung. Und sie glaubten mit einer verzweifelten Hoffnung an die Worte des Mannes, als der Taifun über sie hergefallen war:

»Wir kommen durch! Wir schaffen es! Wir haben ein gutes Schiff!«

Es war der 27. April 1965, mittags 14 Uhr.

Seit drei Stunden schlug die Riesenfaust des Pazifiks das kleine weiße Schiff zusammen.

Es hatte ganz harmlos begonnen … mit Sonnenschein, einem postkartenblauen Meer, das sich in langen ruhigen Wellen bewegte.

Viktoria Bäcker lag unter dem aufgespannten Sonnensegel und las in einem Roman. Die Kinder Marion und Peter spielten auf dem Vorderdeck Seeräuber, Holger, der Älteste, hockte bei seinem Vater im Ruderhaus und übte das Spleißen von Knoten. Das Schiff machte gute Fahrt, es glitt über die See ohne jegliche Erschütterung, so als berühre es gar nicht das Wasser. Nur das hohle, tuckernde Stampfen der beiden Dieselmotoren durchbrach die völlige Lautlosigkeit des Tages.

Die Wochen, die hinter ihnen lagen, waren wie ein Märchen gewesen. Sie hatten die Tubai-Inseln und Tahiti besucht, waren kreuz und quer durch den übersichtlichen Korallen-Archipel der Tuamotu-Inseln geschippert und fuhren jetzt in einem vernünftigen Reisetempo den Marquesas entgegen, ihrer letzten Station in drei Monaten Ferien. Von Hiva Oa sollte es dann in direkter, schneller Fahrt zurück nach Auckland gehen.

Drei Monate allein mit Sonne, Meer und Wind. Drei Monate das herrliche Gefühl genießen, durch ein Paradies zu gleiten, dem letzten dieser Erde. — Nur schwimmen konnte man nicht. Seit Wochen begleiteten die Haie das Schiff; sie lösten sich ab in der Verfolgung, schwammen bis zum Ende ihres Reviers und übergaben das Schiff dem neuen Rudel, so wie man eine Stafette von Hand zu Hand weiterreicht. Wenn Viktoria Küchenabfälle über Bord warf, schossen die spitzen Rückenflossen durch die See, und sie sahen in dem klaren Wasser die torpedoschnellen, langen Fischleiber mit den kleinen, tückischen, mordgierigen Augen neben dem Schiff entlanggleiten. Ein lautloser, vom sicheren Deck aus beobachteter geradezu eleganter Tod.

Gegen 10 Uhr starb auch der letzte Windzug. Die Fahnen am Mast hingen schlaff im Seil, unter dem Sonnensegel brütete die feuchte Hitze, im Ruderhaus staute sie sich und drückte wie ein riesiges Gewicht auf den Schädel. Bäcker schob alle Fenster zur Seite, aber es gab kaum einen merkbaren Durchzug, selbst der Fahrtwind verlor sich wie in einer Wand aus Watte.

Der Pazifik rollte in dieser Stille mit einem untergrundigen, noch kaum vernehmbaren Grollen. Die Wellen verwandelten sich, bekamen weißglitzernde Kronen und kräuselten sich, als begännen sie zu frieren. Gnadenlos brannte die Sonne.

»Ein herrliches Wetter«, rief Viktoria unter ihrem Sonnensegel. Mit dem Buch, in dem sie las, fächelte sie sich Luft zu. »Nur diese Schwüle! Wenn man jetzt schwimmen könnte —«

Sie blickte über Bord, sah wieder die dreieckigen Rückenflossen und dachte, daß auch das letzte Paradies unvollkommen sei. Kühles, stahlblaues Wasser, in dem sich der Tod tummelte.

Werner Bäcker starrte auf die Instrumente im Ruderhaus. Der Luftdruck fiel und fiel, ins Uferlose. Es war, als sauge der messingfarbene Himmel den letzten Sauerstoff auf. Das Atmen wurde immer schwerer, Schweiß brach aus allen Poren.

»Mir gefällt das Wetter gar nicht!« rief Werner Bäcker durch das offene Frontfenster des Ruderhauses. Er stellte das Ruder fest auf Fahrt geradeaus, klopfte seinem Sohn Holger, der sich mit einem komplizierten Schifferknoten beschäftigte, auf die Schulter und kletterte über die kleine Brückentreppe hinunter zu seiner Frau. Er blieb vor Viktoria stehen, lehnte sich an das verchromte Gestänge des Sonnensegels und beobachtete das träge, sich fortwährend in der Farbe verändernde Meer.

Als er mit dem Seenotrettungskreuzer der Küstenwacht über die Ostsee gefahren war, hatte er auch schon einen starken Wind, so um die Stärke 8 herum, erlebt — aber eine richtige Sturmfahrt ist etwas anderes, er hatte sie noch nicht durchgestanden, und einen Orkan in der Südsee kannte er bisher nur von der Landseite her.

In Auckland hatte er es mehrmals erlebt, und es war unbegreiflich, was ein Sturm anrichten konnte. Mit unberechenbarer Gewalt knickte er Bäume wie morsche Zweige, deckte Häuser ab, schleuderte Autos wie Bälle durch die Luft und trieb in die Häfen und über das Land Flutwellen, gegen die es keine Dämme gab.

Bei seinen Bauten in Neuseeland hatte er diesen neuen, in Europa kaum bekannten Faktor der Statik berechnen müssen: Stabilität bei Taifunen. Die Werte des Winddrucks, die dabei herauskamen, hatten ihn als Architekten fasziniert. Welch eine Kraft in der Natur, gegen die der Mensch sich stemmen muß!

»Es wird Sturm geben«, sagt er bewußt leichthin. »Das geht hier schnell, Viktoria.«

»Bei dieser Sonne? Dieser Schwüle?«

Sie lächelte ihm zu. Ihr Lächeln ist schöner als alles auf der Welt, dachte er. Warum fahren wir hier herum — man hätte genug zu tun, Vickys Lächeln zu genießen.

»Eben wegen der Schwüle. Und sieh sie dir an, diese Sonne … wie eine Scheibe aus Messing. Ich schlage vor, wir machen das Schiff sturmdicht. Wir sollten nicht warten, bis der Wind da ist … das geht hier schnell.«

Er drehte sich um und spreizte die Beine. Wie ein Kapitän zog Bäcker eine Trillerpfeife aus der Tasche und pfiff. Der schrille Ton durchschnitt die lähmende Stille um sie herum. Für die Kinder war das ein herrliches Vergnügen, und Bäcker dachte: Ich muß sie warnen. Ich muß ihnen die volle Wahrheit sagen. Der Schritt vom Paradies zur Hölle ist nur ein kleiner Hüpfer, aber sie werden es nicht begreifen. Wer kann das schon?

Vom Ruderhaus schallte Holgers helle Jungenstimme. »Aye aye, Sir! Welche Befehle, Käpt’n?«

Vom Vorderdeck liefen Peter und Marion heran. Viktoria klappte den Liegestuhl zusammen.

Das Meer schimmerte grünlich mit weißen Schaumkrönchen.

»Sturmappell!« schrie Bäcker. In seiner Stimme, die unbeschwert klingen sollte, schwang etwas mit, was die anderen nicht hörten: Angst.

Angst vor diesem Meer, das sich von Minute zu Minute weiter verwandelte, das die Glätte abspülte, das Blau des Paradieses, den Goldglanz der Sonne und sich häutete zu einem grünen Ungeheuer.

Bäcker überblickte seine Familie, wie sie jetzt jeden Handgriff, den sie wochenlang im Hafen geübt hatte, ausführte. »Wer die See erobern will, muß erst lernen, ihre Tücken zu begreifen«, hatte er gesagt. Dann hatte er an Bord exerziert, mit militärischer Präzision; er hatte die Unwetterlektionen durchgepaukt, das Wassern der Notinsel aus Gummi und Nylon, das Anhaken an den Griffstangen, die richtige Lage beim Schwimmen mit umgeschnallten, aufgeblasenen Schwimmwesten — er hatte das Überleben immer und immer wieder geübt, bis es allen zum Hals heraushing.

»Sollen wir Freude an der Jacht haben, oder wollen wir Seeleute werden?« hatte Viktoria einmal gefragt, nachdem sie und die Kinder müde auf Deck hockten, mit Haken an die Sturmstange gefesselt.

Und Bäcker hatte geantwortet: »Beides. Wir werden hier nicht über den Bodensee fahren, sondern über ein Weltmeer.«

Jetzt machten sich diese Übungen bezahlt. Jeder Handgriff saß, von Deck wurden alle beweglichen Teile entfernt, Viktoria und die Kinder legten die Schwimmwesten an. Die wie ein großes orangefarbenes Paket wirkende Rettungsinsel aus Gummi wurde mit Karabinerhaken in einer Ablage vor dem Ruderhaus vertäut. Gegenseitig schnallten sich Viktoria und die Kinder die breiten Gurte mit den großen Stangenhaken um.

»Bei Sturm bleibt keiner unter Deck!« hatte Bäcker bei jeder Übung gesagt. »Lieber naß werden, aber im Notfall an der richtigen Stelle sein.«

Das Meer kräuselte sich stärker ohne ersichtlichen Grund. Die Luft, jetzt völlig unbewegt, machte das Atmen schwer. Es gab kaum noch etwas Sauerstoff, den die Lungen aufsaugen konnten.

»Kommt ein Taifun, Papi?« rief Marion. Sie stand neben Viktoria, zierlich, schwarzlockig, in ihrer gelben Schwimmweste wie ein fremdartiges Insekt wirkend. Holger turnte auf dem Aufbau herum und zurrte das Sonnensegel ein.

Bäcker schüttelte langsam den Kopf.

»Bloß das nicht, Kaninchen.«

Als sie noch ganz klein war, hatte er sie Kaninchen genannt, weil sie so sanfte Augen hatte und am liebsten an Äpfeln und Mohrrüben nagte.

»Hoffen wir, daß es vorübergeht. Es wird uns nur ein wenig anblasen.«

»Also der Ernstfall, Sir? Keine Übung?« rief Holger fröhlich vom Dach des Ruderhauses.

Bäcker entschloß sich, seinen sorglosen Ton aufzugeben. »Ja, mein Junge. Der Ernstfall!« sagte er laut. »Blickt mal in die Sonne —«

Sie hoben alle die Köpfe. Die Sonne war zu einer Scheibe geworden, die in einem milchigen Himmel schwamm. Noch nie hatten sie die Sonne so gesehen, so fahl, so drohend, so verwaschen, wie hinter einem blinden Fenster.

Und das Meer wurde dunkelgrün und flach wie ein Brett.

Noch einmal überdachte Werner Bäcker alles, was er gelernt hatte für das Patent »Große Küstenfahrt«. Es blieb ihm nichts mehr zu tun. Jetzt mußte er warten. Warten auf den Wind, warten auf die brüllende See, warten auf das Glück, daß sich das Schiff vielleicht nur am Rande eines Sturmes bewegte. Er hätte um diese Möglichkeit auch beten können. Aber Bäcker war nicht der Mann, der Gott für eine Not verantwortlich machen wollte. Er hatte das Beten verlernt, aber die Kinder, sie waren Gott noch näher, und Viktoria besuchte sogar in Auckland die Kirche, obgleich es dort keine lutherische Gemeinde gab.

Die Kinder! Und Vicky! Meine Familie, dachte er. Eine Handvoll Glück — das habe ich im Leben wirklich erreicht. Wer kann das so uneingeschränkt von sich behaupten? Eine schöne Frau, die ich liebe, drei Kinder, die ich beinahe noch mehr liebe, Erfolg im Beruf, ein Haus und ein Schiff … man sollte sich bei seinem Leben bedanken. Und — verdammt sei dieses Meer! — ich werde sie alle gesund nach Hause bringen.

Plötzlich, wie ein riesiges Gebläse, das angestellt worden ist, war der Sturm da. Er fiel über sie her, drückte sie gegen die Aufbauten, und die schwammige Sonne zerfloß, unbegreiflich und grauenerregend schön.

»Anhaken!« schrie Bäcker.

Er selbst rannte ins Ruderhaus, holte ein langes Nylontau und warf es Vicky zu.

»Festhalten! Ich komme gleich!«

Er band das Ruder fest, schaltete die Motoren aus und schob die Fenster zu.

Das Meer brüllte auf.

Als hebe ein Vulkan es aus der Tiefe herauf, wallte das Wasser hoch wie ein Haus, formte sich zur riesigen Welle, unübersehbar breit, phosphoreszierend den Himmel in sich hineinsaugend, und stürzte dann auf das kleine Schiff.

Die erste Faust der entfesselten Natur traf die Jacht von vorn. Sie ächzte in allen Nieten, tauchte weg unter dem ungeheuren Druck und bohrte sich in diese schreiende Woge. Bäcker wurde gegen die Wand des Ruderhauses geschleudert und hielt sich an der Kompaßsäule fest. Sein Rückgrat schmerzte, einen Augenblick war er wie gelähmt und dachte: Jetzt hat’s mich erwischt, schon bei der ersten großen Welle. Sie hat mir das Kreuz zerschlagen, ich werde lahm zusehen müssen, was aus uns wird.

Er stemmte sich hoch, nachdem der augenblickliche Schmerz nachgelassen hatte, wurde bei einem neuen Schlingern nach vorn zum Fenster getragen und prallte mit dem Gesicht gegen die triefende Scheibe.

»Ich bin nicht lahm!« sagte er laut. »Ich kann noch gehen, du Saustück von einem Meer! Das ist ein armseliger Mann, den der erste Schlag schon umwirft!«

Er starrte hinunter aufs Deck und dann hinaus auf die See.

So also sieht eine Welt aus, wenn sie untergeht, durchfuhr es ihn. Aber kann sie überhaupt so gründlich untergehen? Immer hat es Überlebende gegeben. Immer! Auch die Sintflut war nicht Vernichtung … es gab einen Noah. Verdammtes Meer, hörst du mich? Ich werde ein neuer Noah sein. Ich werde dich überleben, Natur! Ich, Viktoria und die Kinder! Brülle nur auf, du mistiges Meer … ich brülle zurück!

Er sah Vicky und die Kinder unterhalb des Ruderhauses stehen. Das Wasser lief an ihnen herunter, und sie schienen zusammenzuschrumpfen unter diesem ersten Schlag.

Als das Schiff in ein Wellental glitt, stürzte er hinaus und rutschte die Brückentreppe hinunter. Neben Vicky hieb er seinen Gürtelhaken in die massive Haltestange.

Viktoria und die Kinder hingen mit ihren Gurten sicher am Ruderhaus. Die kleine Marion drückte ihr Gesicht gegen den Leib der Mutter. Holger, der Älteste, umklammerte die Leine der Rettungsinsel, bereit, sie aus ihrer Verankerung zu reißen. Nur Peter weinte plötzlich, in seinen weit aufgerissenen Jungenaugen stand die Angst. Er streckte die Arme nach seinem Vater aus, und Bäcker ergriff ihn und zog ihn zu sich heran.

Das Meer war kein Meer — es verwandelte sich zum kreischenden Schlund.

»Nicht den Mut verlieren!« schrie Bäcker. »Haltet die Köpfe hoch! Die Münder zu!« Er faßte nach Vicky, zog ihren Kopf mit den triefenden Haaren zu sich und küßte ihre zitternden Lippen. »Mut!« sagte er in ihre entsetzten Augen hinein. »Mut, Vicky! Das ist das einzige, was wir noch haben — aber es ist genug, um durchzukommen!«

Sie nickte. Über ihren verzerrten Mund stürzte in Bächen das salzige Wasser. Sie warf die Arme um seinen Hals und drückte ihr Gesicht gegen seine breite Schulter. Zwischen ihnen wimmerte Marion vor Angst.

Mein Gott, mein lieber Gott, ich liebe ihn, dachte sie. Alles an ihm liebe ich: sein blondes, verwuscheltes Haar, seine kantige Stirn, die hellen Augen, den zärtlichen Mund, das feste Kinn, den kräftigen, muskulösen Körper. Wir haben drei Kinder miteinander, und es hätte ein viertes gegeben im nächsten Jahr, weißt du es, mein Gott, diese Nacht auf Tahiti, als die Ukeleles klangen und die Vahines ihren Tamure-Tanz tanzten. Mein Gott, mein lieber Gott, laß uns zusammenbleiben! — Nimm ihn mir nicht! — Laß uns alle zusammen überleben! Gott, ich rufe dich —

Laut aber sagte sie an Bäckers Hals: »Das Schiff, Werner! Das Schiff … wenn es zerbricht —«

»Schwimmwesten aufblasen!« brüllte Bäcker gegen den tosenden Orkan. »Gummiinsel bereit machen!«

»Und die Haie?« schrie Vicky zurück.

»Bei solchem Sturm kommen sie nicht an die Oberfläche.«

»Sicher?«

Er nickte. Er wußte es nicht, aber er wußte ganz sicher, daß es sie beruhigte, und das allein war wichtig. Eigentlich war es logisch — wie kann ein Hai in einem solchen kochenden Meer noch nach Beute jagen?

Immer, wenn sie in eines der abgrundtiefen Wellentäler fielen, in ein entsetzliches luftleeres Nichts, arbeitete Bäcker weiter. Er schlang das lange Nylontau um sich und seine Familie, fesselte sie alle zusammen, und als sie, angehakt an die Stange in der Wand des Ruderhauses und aneinander festgeklammert, ein Klumpen mit fünf Köpfen und zehn Händen waren, atmete Bäcker auf.

»Uns zerreißt nichts mehr!« schrie er gegen den Sturm an. »Wir kommen durch! Wir schaffen es! Wir haben ein gutes Schiff —«

Es war ein Schrei gegen das Schicksal, und das kümmerte sich nicht darum.

Das Meer brüllte dazu, dröhnend, kreischend, heulend. Bäcker breitete die Arme weit aus, umfaßte das Bündel seiner zusammengebundenen Familie, küßte Viktoria das von den Salzwellen wie zerstörte Gesicht und starrte dann auf die See, die keine See mehr war, sondern nur noch urweltlicher Untergang.

Mehr konnte er nicht tun. Was ist ein einzelner Mann gegen das Meer? Er konnte nur noch warten und wußte nicht, worauf er warten sollte. Es gab keine Wunder mehr.

Es war eine Welle, breit und hoch und gezackt wie ein Gebirge, die das Schiff zerplatzen ließ. Mit einem kreischenden Aufschrei brach es auseinander.

Bäcker und Holger umklammerten die Gummiinsel, das Ruderhaus und ein Teil des Decks hielten noch zusammen.

»Haken los!« brüllte Bäcker. »Haken los!« Und noch im Untergang gehorchten Viktoria und die Kinder.

Zehn Hände lösten die Haken von der Stange, dann wurden sie weggeschleudert in das tobende Meer.

Fast hoheitsvoll, widerlich ruhig entfaltete sich die Rettungsinsel, aus den Preßluftflaschen zischte die Luft in die einzelnen Schwimmkammern. Ein orangenfarbener Fleck in schwarzgrünen, zerberstenden Wellen. Oben auf dem Kamm eines Wassergebirges zerflatterte plötzlich das Ruderhaus. Bäcker hing an der Gummiinsel, und an ihm hing seine Familie. Vor ihnen, der mit Leuchtstoff bespannte Fleck, war das Leben. Mein Gott … Leben!

»Aufpassen!« schrie Bäcker. »An den Gurten festklammern! Bleibt zusammen!«

Die kleine Strecke zum Leben stand ihnen bevor, diese lächerlichen fünfzig Zentimeter bis über den Rand der Rettungsinsel. Aber sie mußten überwunden werden — einzeln mußte man sich aus dem Wasser stemmen und hinüberrollen in die Sicherheit.

Bäcker löste das Nylontau, das sie zusammenfesselte, und griff zuerst nach Marion. Sie war mit Viktoria wie verschmolzen, ihr Köpfchen hing zur Seite, und Bäcker wußte nicht, ob sie schon ohnmächtig war.

»Vicky!« brüllte er. »Hinein!«

Er drückte nach, und er mußte dabei das Tau loslassen.

Das Meer war stärker. Im gleichen Augenblick, da Viktoria den Inselrand ansprang, zerriß eine neue, wie tausend Dampfloks schnaufende Woge das Bündel Mensch aus fünf Köpfen und zehn Händen.

Bäcker sah, wie Viktoria hoch auf einen Wellenkamm geworfen wurde, er sah, wie Holger und Peter mit weitaufgerissenen Mündern in einem brüllenden Tal versanken, und er sah Marion, einer zerbrochenen Puppe gleich hoch in die Luft fliegen und irgendwo in dem heulenden Brodeln aufschlagen. Noch einmal erkannte er Vicky — mit hocherhobenen Armen verschwand sie in einem tosenden Himmel. Durch alles hindurch aber — vielleicht ließ der Wind eine Lücke der Stille, damit er es hörte — vernahm er ihren Schrei. Und was das Meer nicht schaffte, erreichte diese Stimme — den Gipfel des Entsetzens.

»Die Haie! Hilfe! Die Haie! Werner —«

»Nein!« schrie er, und er schrie immer weiter, so sinnlos es war, schrie jede Woge an, schrie mit vom Wasser zerschlagenem Mund, schrie ins Meer und in den Himmel hinein, schrie: »Nein! Vicky! Holger! Peter! Marion! Nein! Nein! Nein!«

Zum letztenmal erkannte er vier helle, gelbliche Punkte im Wasser, Spielbälle der Vernichtung, dann rauschte eine neue Welle heran und pflügte auch die Punkte unter. Was blieb, war der brüllende Gischt, war das Salzschaum des Meeres, war ein Himmel, fahlgelb, mit Phosphor bestrichen.

Bäcker zog sich schreiend hoch, wälzte sich über den Wulstrand in die Rettungsinsel, umklammerte seinen Kopf, und es gab für ihn nichts mehr, als alles aus sich wegzuschreien. Und so schrie und schrie er ohne Unterlaß, keine Worte mehr, nur noch Töne, nur noch blanken Schmerz, nur noch unfaßbare Verzweiflung.

Dann fiel er nach hinten, starrte mit irren Augen noch einmal auf das mordende Meer und verlor das Bewußtsein.

2

Er erwachte, weil die Sonne auf der Haut brannte und sein Körper sich mit juckendem Salz überzog.

Er lag auf einem flachen Sandstrand, vier Meter vom Meer entfernt, so wie ihn eine Welle an Land gespült haben mußte. Zehn Meter weiter lag die Gummiinsel, zusammengesunken, beim Sturz auf die spitzen Steine einer Klippe aufgeschlitzt.

Die See war ruhig, glatt, eine Scheibe aus Kobalt mit goldenen Sonnentupfen. Ein Zaubermeer.

Werner Bäcker wollte sich aufrichten und fiel stöhnend zurück. In seinem linken Bein brannte der Schmerz, als habe man ihm einen Spieß ins Fleisch gestoßen. Es hing an ihm wie ein sinnloser Lappen. Er tastete das Bein ab und fühlte unter seinen aufgerissenen Fingerkuppen den Bruch und die Splitter, die in den Muskeln staken.

Er ließ sich zurückfallen, schloß die Augen und lag mit ausgebreiteten Armen da, der Schmerz ließ nach, oder nein — er verteilte sich bloß, durchzog den ganzen Körper und machte sich daran, das Herz und das Gehirn zu zerstören.

Er hielt den Atem an, um dem Sterben entgegenzukommen, aber so leicht starb es sich nicht. Über sich hörte er den Flügelschlag eines großen Vogels, und der Luftzug seiner Schwingen warf pulverfeinen Sand über sein Gesicht.

Ich lebe, dachte er. Ich lebe wirklich. Es ist keine Vision …ein Vogel bewirft mich mit Sand.

Warum lebe ich? Ich allein? Was hat das für einen Sinn? Das Meer hat mich ausgespuckt wie einen faulen Fisch, und da liege ich nun herum mit einem gebrochenen Bein, irgendwo auf einer Koralleninsel, völlig sinnlos, denn was ist dieses verfluchte Leben noch wert, jetzt hier in der Einsamkeit, ohne Viktoria, ohne die Kinder.

Er warf die Hände vor das salzverkrustete Gesicht und weinte wieder, haltlos laut, von Schluchzen durchrüttelt, und jedes Schluchzen teilte sich seinem Bein mit und stach in ihm bis hinauf zum Herzen und später bis unter die Hirnschale.

Ein Mann, wenn er weinen muß, weint nicht lange. Auch Bäcker wurde ruhiger, die guten, klaren Gedanken kehrten zu ihm zurück. Aber die Augen öffnete er noch nicht wieder. Es denkt sich besser ohne einen Blick auf diese Welt.

Was soll das, dachte er. Bin ich an Land geworfen worden, um hier zu verrecken? Dieses verdammte Bein wird mich umbringen. Der Durst wird mich austrocknen, und die Sonne wird mich dörren, bis ich nur noch ein Haufen Knochen und Leder bin. Das hat keinen Sinn, du verfluchtes Meer, durch diese Rechnung mache ich dir einen Strich. Es stimmt, ich will nicht mehr leben, aber ertrinken ist schöner als verdursten.

Er riß die Augen auf. Die Lider brannten, das Salz biß in die Schleimhäute der Nase und des Gaumens. Er sah die Sonne über sich, wie von einer goldenen Aura umgeben. Der Tod mit einem Heiligenschein. Und als er den Kopf um ein paar Zentimeter hob, sah er das Meer, eine Scheibe von tiefem, strahlendem, anmaßendem, höhnischem Blau.

Dahin gehöre ich, dachte er. Zu Viktoria und den Kindern. Mach dich bereit, Meer, ich komme. Es ist ein wundervolles Wetter, um zu sterben.

Er versuchte wieder, sich zu bewegen.

Das Bein stach und brannte, und der Schmerz füllte ihn randvoll aus.

Ein Mann muß leiden können, dachte er schwer atmend. Verdammt, für ein paar Meter bis zur ewigen Ruhe lohnt es sich, vor Schmerz zu brüllen. Dann wird Stille sein. Wunderbare Stille.

Er wälzte sich auf den Bauch, biß vor Schmerz in den feinen, gelbweißen, wie Pulver aufstäubenden Sand, ruhte sich nach dieser Anstrengung wieder aus und sammelte neue Kraft für sein Vorwärtskriechen in den Tod.

Es sind nur vier oder sechs große Schritte, dachte er. Wie wertvoll so ein Schritt werden kann. Da geht man fünfunddreißig Jahre lang aufrecht durch dieses Leben und weiß gar nicht, wieviel sechs Schritte wert sind. Aber man schafft sie, du Satan Meer …man kann sie schaffen, auch mit einem zertrümmerten Bein. Und weißt du, wie? Ich werde es umklammern und mich wegrollen, ich werde mich mit dem rechten Bein abstoßen, brüllen und rollen …bis zu dir, du Scheißmeer, bis ich in deinem Wasser liege, und wenn der Boden zu flach ist, werde ich dich aussaufen, ich werde dich zwingen, mich zu ersäufen …

Über ihm war jetzt wieder der Flügelschlag des großen Vogels. Werner Bäcker hob den Kopf, beugte sich nach hinten und sah in den Himmel. Ein weißer Vogel umkreiste ihn, schwanengroß, mit weitgespannten, segelnden Flügeln.

Vier Meter in der Spannweite werden es sein, dachte er völlig sinnlos. Ein Albatros. Nisten sie hier auf der Insel? Sieh gut zu, Albatros. So stirbt ein Mann. Du wirst so etwas nicht oft zu sehen bekommen.

Er begann auf dem Bauch zu kriechen wie ein Wurm. Zog sich zusammen, streckte sich, wühlte eine breite Furche durch den Sand und eroberte Stück für Stück den Weg zum Meer.

»Es geht«, keuchte er. »Du kannst dich nicht zurückziehen, wie ich vorwärtskomme, du verdammtes, stilles, sanftes, mit deinen Wellen den Strand streichelndes Meer!«

Ab und zu hielt er inne, klapperte mit den Zähnen vor Schmerzen. Der Schweiß löste das Salz an seinem Körper auf und floß als ätzende Brühe über ihn. Er legte den Kopf auf die Unterarme und überlegte, ob man nicht sterben kann, wenn man den Kopf in diesen heißen Sand steckte und sich an ihm vollfraß, bis man erstickte.

Ich schaffe es nie, dachte er, und war nahe daran, vor Wut und Qual aufzuheulen. Fünf Meter nur noch, dann durch das flache Wasser. Aber das ist mein Freund, es trägt bereits und macht es leicht, hinaus in die Tiefe zu kommen, in die ich hinunter will. Aber so schaffe ich es nie. Mein Bein hindert mich daran, ein Mann zu sein.

Vier Meter vom Meer entfernt blieb er wieder liegen. Mit offenem Mund ruhte er sich aus, und der leichte Wind, der über die Insel strich, war gut und roch nach irgendeinem Gewürz, das er nicht kannte. Er wälzte sich auf den Rücken zurück und betastete seine Füße, die Unterschenkel, die Muskeln bis zur Hüfte. Überall brannte es in ihm; jetzt war es schwer, genau zu sagen, wo das linke Bein gebrochen war. Er wußte nur, daß dieses verfluchte Bein an ihm hing und ihm doch nicht mehr gehörte.

»Gut, du glattes Meer, leben wir weiter!« sagte er heiser. Das Salz brannte ihn auch von innen aus, und wenn der Schmerz etwas nachließ, überfiel ihn der Durst mit schrecklicher Sehnsucht. Dann dachte er flehend: Hör nicht auf, Schmerz. Bleib bei mir. Du bist ein besserer Kamerad als der Durst. Dich kann ein Mann ertragen.

»Gut«, sagte er noch einmal. »Im Augenblick bist du stärker, Meer. Warten wir noch eine Weile. Nur so lange, bis ich besser kriechen kann. Zum Sterben ist immer Zeit, man braucht da nicht den Minuten nachzurennen.«

Er stützte sich auf den Ellenbogen und blickte um sich.

Landeinwärts sah er einen vom Meer angenagten Hang. Ein paar hohe, schlanke Kokospalmen fächerten ihre Blätter im Wind, gewaltige Bambuswedel bogen sich in der Luft, die mild und lind war wie Seide. In den Zweigen weiß und rot blühender Gestrüppe saßen wie große, dunkle Zapfen Scharen von Vögeln.

Überall ist Leben, dachte er. Der Wind trägt es weg über Tausende von Meilen und lädt es einfach ab. Und dann ist ein Flecken Erde da, und es wächst und wächst und weiß nicht, warum es wächst. Vielleicht, damit die Vögel darin nisten.

Ich bin kein Vogel.

Er setzte sich unter Zähneknirschen, umklammerte sein zerschmettertes Bein und blickte böse über das ruhige Meer.

»Ich will sterben!« brüllte er und wunderte sich, wie stark noch seine Stimme war. »Ich komme zu euch, Vicky, Holger, Peter, Marion … Laßt mir nur Zeit, mein Bein zu besiegen. Ich schaffe es schon …«

Dann war der Albatros wieder da, umkreiste ihn, zerteilte die Sonnenstrahlen mit seinem Gefieder und zeigte mit unwissender Grausamkeit, wie schön das Leben ist.

Werner Bäcker wartete, bis er soweit war, daran zu glauben, sich an den nie abreißenden Schmerz gewöhnt zu haben. Er wälzte sich auf die gesunde Seite, hielt das gebrochene Bein mit beiden Händen umklammert und rutschte am Ufer entlang zu der zerfetzten Gummiinsel. Er erreichte sie mit knirschenden Zähnen und einem kaskadenartigen Flimmern vor den Augen, legte den Kopf auf das heiße Gummituch und merkte erst jetzt, daß etwas Seltsames mit ihm geschehen war. Er blickte die Strecke zurück, die er überwunden hatte, und begriff nicht, wie es möglich war, sie zu schaffen. Sie war um das Doppelte länger als die Strecke bis zum Meer, wo er versagt hatte.

»Der Drang zum Leben ist stärker als zum Tod, das ist es«, sagte er laut. »Aber glaubt nicht, daß ich da mitspiele. Ich überliste dich, Natur. Ich will nur leben, um mich für das Sterben fit zu machen.«

Die Rettungsinsel hatte nicht nur ihn an Land gebracht, sie war auch mit dem gesamten Inhalt ihrer verschiedenen Packtaschen auf die Insel geschleudert worden. Nun lag sie da, wie eine beim Untergang heruntergefallene Sonne leuchtend, und Bäcker tastete sie ab und verfluchte die Versuchung, der er immer mehr erlag.

Er wälzte sich auf ihren noch unversehrten Boden, sah, daß drei Luftkammern aufgeschlitzt waren, und schlug mit der flachen Hand auf den Gummi.

»Du den Bauch, ich das Bein … wir gehören zusammen. Wir werden gemeinsam krepieren, nur ist es um dich schade, denn du warst eine gute Insel, aber ich war ein schlechter Kapitän. Natürlich, Kumpane sind wir auch … du warst dabei, als ich meine Frau und die drei Kinder tötete. Nein, widersprich nicht. Sag nicht, das Meer hat sie ersäuft. Oder: Die Haie haben sie zerrissen. Das ist zu einfach, Vetter! Ich habe sie auf dieses Saumeer gebracht, und als der Sturm kam, konnte ich nichts als brüllen. Das ist zuwenig für einen Mann! Und deshalb müssen wir jetzt sterben.«

Aus den wasserdichten Taschen der Gummiinsel holte er heraus, was er vor Wochen hineingepackt hatte: einen Wassertank aus Plastik und Lebensmittel in Büchsen für zwei Wochen. Verbandszeug, einen Werkzeugkasten, eine Signalpistole mit weißen und roten Raketen, eine Seekarte des südwestpazifischen Bassins, ein ausrollbares Stoffband, auf dem in roter Leuchtfarbe SOS geschrieben stand, zwei Decken und einen kleinen Sextanten.

Er breitete alles vor sich aus wie ein arabischer Händler seine Ware im Basar, ordnete alles mit einer höhnischen Akkuratesse, legte Stück neben Stück in den weißen Sand, und dann saß er davor und rang mit einem widerwärtigen Gefühl von Hoffnung.

Eine Zange, einen Beutel Nägel, einen Hammer, einen Zollstock und ein Beil — das hatte ein Neandertaler nicht, als er zu leben begann. Und trotzdem erschlug er Mammuts und wurde der Vater aller Menschen.

Werner Bäcker setzte den Sextanten an die Augen und maß den Sonnenwinkel. Die Seekarte auf den Knien, zog er mit einem Bleistift einen Kreis mitten in das Meer.

»Länge 140 Grad West, Breite 12 Grad Süd …«, sagte er dabei laut. Es war gut, seine eigene Stimme zu hören. Er war so gut, dieser Klang, daß er die Worte mehrmals wiederholte und auf ihn lauschte. Nach einer Weile schrie er: »140 West und 12 Süd!« und sah sich um, wo die Töne blieben.

Sie zerfaserten schon dicht vor seinen Lippen.

»Mein Gott«, sagte er da. »Wie einsam bin ich hier.«

Es war das erste Mal, daß er Gott beim Namen nannte.

Er knüllte die Gummiinsel zu einem Paket zusammen, breitete eine der Decken aus, zog sie über das Paket und beschwerte die Auflage mit Sand. Dann kroch er einen halben Meter weiter, schaufelte mit den Händen Sand zu einem kleinen Hügel und legte mit großer Mühe das andere Ende der Decke darüber. Auch hier beschwerte er sie mit einem Sandhaufen, stellte noch den Werkzeugkasten darauf und prüfte mit der flachen Hand die Stabilität der gespannten Decke.

In dieses winzige Tal zwischen Gummiinsel und Sandhügel, unter das Dach einer Decke, legte er seinen Kopf.

Mein erstes Zelt im neuen Leben, dachte er. Dreißig Zentimeter über dem Sand. Ein flacher, erbärmlicher Schatten, aber er bedeckt den Kopf. Ihn brauche ich noch, um das Meer zu überlisten. Früher habe ich Hochhäuser gebaut, Betonpaläste und gläserne Hallen. …Wo war das, Gummiinsel? Sind wir von einem anderen Stern gefallen?

Er streckte sich vorsichtig. Das Bein signalisierte Schmerz, es knirschte in den Knochen.

Um besser atmen zu können, werde ich mit dem Hinterkopf eine Kuhle in den Sand bohren, dachte Bäcker. Ich werde leben wie eine Viper.

Er streckte sich vollends aus, empfand den heißen Schatten unter der gespannten Decke als wohltuend und schlief erschöpft ein.

3

Als er erwachte, hatte er die Erinnerung an die Zeit verloren. Er mußte lange und gut geschlafen haben, denn er lag auf dem Bauch, und seine Erschöpfung war so tief gewesen, daß selbst die Schmerzen im Bein ihn nicht zurück an die Oberfläche rissen.

Jetzt fühlte er sich frischer, aber als er den Versuch machte, sich umzudrehen, schlug ihm der Schmerz mit geballter Faust in das Herz.

»Oho, Bein —«, keuchte er. »Fängst du schon wieder an? Ich habe mich erholt und du auch, nun geht’s in die nächste Runde? Na warte, ich zeig es dir!«

Er riß den Hammer an sich, biß in den Stiel, wälzte sich herum mit dumpfem Brüllen und lag dann auf dem Rücken, Holzsplitter zwischen den Zähnen.

Die Sonne schien noch immer — oder schon wieder, er wußte es nicht, und auch der schöne, große Albatros war wieder da, schwebte lautlos über ihn hinweg und strich dicht am Meer den Strand entlang.

»Wärst du ein Geier —«, sagte Bäcker und verfolgte den Flug des Vogels, »würde ich mit der Signalpistole auf dich schießen. Ob ich dich treffen würde, weiß ich nicht, es ist eine Kunst, mit einer Signalpistole nach einem Geier zu schießen, wer hat das schon versucht — aber du bist ein friedlicher Vogel, Albatros, ein Freund. Ich danke dir, daß du da bist.«

Der Vogel kam vom Meer zurück, setzte sich in sicherer Entfernung vorsichtig vor Bäcker in den Sand und beäugte ihn. Der Wind blähte sein Gefieder. Er sah herrlich aus.

»Worauf wartest du?« sagte Bäcker und setzte sich gerade. »Ein Logenplatz für das Schauspiel: Wie verreckt ein Mensch, was? Ein langweiliges Theater, Vogel, laß es dir gesagt sein. Wenn ihr sterbt, stürzt ihr ins Meer, und selbst euer Tod sieht noch grandios aus. Aber ein toter Mensch, Albatros, ist etwas Häßliches. Ein Haufen Fleisch, das verfault und stinkt. Es lohnt sich nicht zu warten …«

Er sprach und sprach und merkte dabei nicht die Wandlung, die sich in ihm vollzog.

Er merkte nicht, daß er weiterleben wollte …

4

Auf den Knien, den Deckel des Verbandskastens als Unterlage, schrieb er später, als die Schmerzen im Bein etwas nachließen, einen Brief. Die Decke hatte er als Sonnenschutz über seine Schulter gezogen, es war heiß darunter. Die Haut juckte und begann, sich an vielen Stellen zu röten, große, vom Salz verätzte Flächen, und während er schrieb, dachte er: Die Natur ist eigentlich gründlich, das muß man ihr zugestehen. Sie läßt einen mehrmals sterben, um ganz sicher zu sein. Mein Bein kann mich umbringen, der Durst und jetzt auch noch die Haut. Das Salz und die Sonne verbrennen sie, und da ein Mensch nicht nur durch Nase und Mund und mit der Lunge atmet, sondern auch durch seine Haut, werde ich ersticken. Ich kann es mir aussuchen: freie Auswahl für den Tod. Aber es bleibt dabei … aus dem Meer bin ich gekommen, zum Meer kehre ich zurück.

Den Brief schrieb er auf ein Blatt, das er aus einem Schulheft riß. Auch dieses Heft lag in der Gummiinsel, sicherlich als Grundlage für eine Art Tagebuch, in das man hineinschreiben sollte: am soundsovielten Schiffbruch, Treiben auf dem Meer, alles wohlauf. Das ist eine gute Insel. Wir hoffen, daß uns jemand sieht und aus der See fischt … So ähnlich stellt man es sich vor, aber keiner denkt an ein verdammtes, zerschmettertes Bein, an den Durst und das die Haut verbrennende Salz.

Was er zu sagen hatte, schrieb er mit Bleistift auf das Schulheftblatt, holte eine Flasche aus der Gummiinsel, füllte den Inhalt, warmes, gurgelnd sprudelndes Mineralwasser, in einen Plastikbeutel um, und schwang dann die verschlossene Flasche, nachdem er den Zettel, mehrmals gefaltet, hineingesteckt hatte, einige Male über seinem Kopf. Mitten im Schwung ließ er sie los, in der Sonne aufblitzend flog sie davon, klatschte tatsächlich ins Wasser und schaukelte dann träge in der schwachen Dünung.

»Natürlich kommst du nie an«, sagte Bäcker laut. »Die Strömung steht zur Insel. Wäre ich sonst hier gelandet? Ich weiß das alles, aber es ist gut, zum letztenmal zu schreiben, das Leben hat’s verdient, denn mein Leben hatte es immer gut mit mir gemeint. Man soll nicht undankbar sein, gerade nicht in der letzten Stunde.«

Das Schreiben und das Wegwerfen der Flasche hatte ihn sehr angestrengt. Er legte sich vorsichtig zurück — Bein, halt still, halt bloß still, dachte er dabei —, zog die Decke über seinen Kopf und beschloß, sich auszuruhen. Da er entdeckt hatte, wie schön es war, mit sich selbst zu reden, sagte er nach einer Weile:

»Du mußt zuerst eine Schiene für dein Bein machen. Gib nicht auf, mein Junge. Laß dich von deinem Bein nicht einfach unterkriegen. Kämpfe! Und später mußt du dir Krücken machen. Es ist alles nur eine Frage der Zeit, denn jeder Knochen wächst einmal zusammen. Auf Krücken und auf einem Bein läßt es sich leben. Weißt du noch, wie sie aus dem Krieg zurückkamen, die zusammengeschossenen Krüppel, die man vorher Helden nannte und jetzt Sozialfälle? Diese ausgebluteten, dem Tod von der Schippe gesprungenen Jungs, denen man damals Orden und Blumen auf die Brust legte und um die sich heute keiner mehr kümmert. Doch ja, man kümmert sie noch um sie. ›Na Opa, du Kriegskrüppel?‹ sagt die neue Generation und schlägt sie mit Fahrradketten zusammen. Damals, als sie zurückkehrten, bis zum Kotzen voll vom Krieg, war ich ein Kind, aber wie sie da auf ihren Krücken vor dem Lübecker Bahnhof standen, das vergeß ich nie. Und sie lachten, das war am ergreifendsten, sie lachten ohne Beine und ohne Arme und waren irgendwie auf rätselhafte Art glücklich, zu leben. Soll ich jetzt weinen, nur weil ich ein zertrümmertes linkes Bein habe?«

Er blickte hinüber zu den hohen Palmen auf dem Hang und dem Bambuswald und dem blühenden Gestrüpp. Eine geballte Masse gesunden Lebens.

»Dort hinauf muß ich«, sagte er und zeigte dem um ihn herumhüpfenden Albatros die Böschung. »Dort wächst Holz für Schiene und Krücke. Und ich habe ein Beil. Ein Beil! Damit kann man alles machen. Aber um dort hinaufzukommen, müßte ich fliegen können wie du, Albatros.«

Er winkte dem stillen Vogel zu und schätzte die Entfernung und die Höhe der Böschung.

Der Mond war näher … und trotzdem beschloß er, den Wald zu erobern.

5

Die ersten Versuche mißlangen kläglich.

Kaum bewegte er sich, warf ihn der Schmerz im Bein wieder um. Aber jetzt war es ein verräterischer Schmerz … Er zeigte ihm deutlich, wo das Bein gebrochen war. Eine Handbreit überm Knie, er konnte es deutlich tasten, und er erinnerte sich an die erste Stunde nach seiner Wiederkehr ins Leben, wo er meinte, den Bruch bereits schon einmal gefühlt zu haben. Jetzt war es ganz klar: Der abgeknickte Knochen stach durch den dicken Muskel. Eine Lanzenspitze, die bei jeder Bewegung ins tiefe Fleisch hackte.

»Das ist ein ganz verfluchter Bruch!« sagte Bäcker laut. »Eine kompliziertere Stelle konntest du dir wohl nicht aussuchen, Bein?« Er legte sich zurück, bettete den Kopf auf die Gummiinsel und legte ein Mulltuch aus dem Verbandskasten über seine Augen.

Die Sonne glitzerte im Meer, die funkelnde Scheibe des trägen Wassers blendete ihn und trieb Tränen unter den vom Salz geschwollenen Lidern hervor.

»Nummer vier —«, sagte Bäcker wie ein Buchhalter, der Zahlen addiert. »Man kann blind werden. Ein blinder, verdurstender Krüppel mit verbrannter Haut … Du bist tüchtig, Natur. Du denkst an alles, um sicherzugehen. Unter zivilisierten Menschen würde man den Bruch jetzt nageln oder eine Stahlplatte über den Bruch legen und den Knochen daran festschrauben. Das sind keine Wunder mehr, denn solche Wunder werden jetzt von Menschen gemacht. Die Götter haben sich zurückgezogen.« Er faltete die Hände über die Brust, aber er hatte nicht die Absicht zu beten. Er dachte nur, wenn man schon mit Gott spricht, weil hier nichts ist außer einem großen Vogel, einem selbst und eben Gott, sollte man so höflich sein und die Hände falten. Er ist’s so gewöhnt, mag sein, daß er’s auch gerne sieht. Warum soll man nicht höflich sein? »Ich aber bin jetzt allein«, sagte er laut. »Der einzige Mensch. Gott, wenn du das Wunder verlernt hast, laß mich ein kleines menschliches Wunder tun …«

Er war schon froh, daß das spitze Knochenende nicht irgendeine Arterie in seinem Schenkel aufgerissen hatte, aber das hieß nicht, daß es nicht noch passieren konnte, wenn er sich zuviel bewegte. Dann würde er von innen verbluten. Sein Bein würde anschwellen zu einem Ballon aus Blut, bis alles, was sein Herz herauspumpte, sich in seinem Schenkel gesammelt hatte. Die Lanze war da, um jederzeit zuzustechen, er trug sie mit sich herum, sie war in ihm angewachsen.

»Nummer fünf!« sagte Bäcker nüchtern. »Natur, du wirst mir unheimlich mit deiner Gründlichkeit.«

Er überlegte eine lange Zeit, wie man das spitze Knochenende entschärfen konnte, aber er fand nichts, was gut dazu wäre. Drei Meter neben ihm im Sand saß der große Albatros, majestätisch schön mit seinem im Wind geblähten Gefieder und den klugen runden Augen. Langsam war er näher gekommen, Zentimeter um Zentimeter, und Bäcker lag ruhig, beobachtete ihn und war gerührt, wie der Vogel sich seine Freundschaft erschlich. Jetzt stand er mit dem Kopf zur Windrichtung, riß ab und zu den Schnabel auf und stieß einen gurrenden Laut von sich.

»Das Leben kann auch im Bein liegen, das hast du auch noch nicht gewußt, was, mein Vogel? Solche Weisheiten lernt man, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Da hat man seine Beine fünfunddreißig Jahre lang am Körper, und außer daß man sie wäscht und die Nägel schneidet, beachtet man sie nicht und nimmt hin, daß sie ihre Pflicht tun und gehen und rennen und springen und schwimmen und tanzen und wer weiß, was sonst noch ertragen müssen. Und dann gibt es hinterhältige Beine, die sich einmal bei bester Gelegenheit rächen. Mein Bein ist so eines. Was soll ich tun, Vogel? Es ist ein verdammtes Spiel mit dieser Lanze in meinem Schenkel. Wenn ich ein Stück Holz hätte, ein kleines, schmales Brett, ein paar Bambusstangen … ha, ich würde dieses Bein besiegen! Siehst du, Albatros … jetzt ein Stück Holz zu haben, das ist ein Wunder.«

Er wagte nicht mehr, sich zu rühren, nachdem er die Knochenspitze so nahe an seiner Arterie gefühlt hatte, aß etwas Schiffszwieback aus einer Vakuumdose, wo er sich jahrelang frisch hielt, trank zwei Schlucke Mineralwasser aus dem Plastikbeutel, untersuchte den Wasserkanister und rechnete aus, daß diese zehn Liter immerhin eine ganz vernünftige Galgenfrist waren, in der ein Mann Ideen haben konnte, wie er sich selbst hilft, legte beide Hände auf den anschwellenden Schenkel und faltete sie wieder, denn der hatte vor, wieder mit Gott zu reden.

Da er aber nur Klagen hervorzubringen hatte, schwieg er lieber, starrte über das tintenblaue Meer und dachte an Viktoria und die Kinder. Er weinte eine Weile, ergriffen von diesen Gedanken, und wunderte sich gleichzeitig, woher ein austrocknender Körper die Flüssigkeit nimmt, um Tränen zu produzieren.

Nach einer halben Stunde hüpfte der Albatros um ihn herum, zog immer nähere Kreise und blieb dann so nahe vor ihm stehen, daß Bäcker ihn hätte mühelos greifen können. Er spreizte die Flügel und gurrte dunkel. Vielleicht fragte er — man weiß nicht, ob ein Vogel fragen kann.

»Du hast noch nie einen Menschen gesehen, stimmt es?« fragte Bäcker leise, um den Albatros nicht durch seine Stimme zu erschrecken. Es kann sein, dachte er, daß eine menschliche Stimme für ein Tier scheußlich klingt. Unser Geruch ist es, aber ich weiß nicht, ob ein Albatros riechen kann, auf jeden Fall kann er hören.

»Das ist nun ein Mensch, Vogel!« sagte er weiter. »Es lohnt sich, ihn zu betrachten. Er hält sich für das Größte und Klügste auf dieser Welt, er baut diese Welt auf und vernichtet sie wieder, und keiner kann sagen, warum er soviel Sinnloses tut und auch noch stolz darauf ist und Orden und Preise dafür bekommt. Es muß nicht viel her sein mit seiner Größe und Klugheit, Vogel — er ist einfach zu dumm, sich selbst zu begreifen. Und dann liegt er eines Tages da wie ich, den Tod im Bein oder im Herzen, oder im Hirn, oder im Magen, oder in den Gedärmen — es bleibt sich gleich, Vogel —, und weiß nicht einmal, wie er urinieren soll, ohne sich selbst vollzupissen. Bei mir ist es jetzt soweit, Albatros, und das ist ein großes, neues Problem —«

Er umklammerte wieder sein Bein, wälzte sich auf die Seite, knöpfte seine Hose auf und hielt den Blechdeckel des Verbandskastens, nachdem er ihn abgebrochen hatte, unter sich. In den blechernen Deckel schlug er sein Wasser ab und schwabbte dann den Urin so weit von sich weg, wie seine Kraft reichte.

Es war nicht sehr weit, der Urin wurde von dem pulverfeinen Sand sofort aufgesogen, aber das war trügerisch, und Bäcker dachte: Wenn ich hier auf einem Fleck drei oder vier oder fünf Wochen liege, werde ich mich mit Fäkalien ummauert haben. Eine Festung aus Scheiße. Ein Wall aus verdampfendem Urin. Himmel, wo hat es schon eine solche Burg gegeben?

Mit seinem großen Sinn für Reinlichkeit wusch er den Verbandskistendeckel sauber, indem er ihn mit dem feinkörnigen, goldenen, von verwitterten winzigen roten Korallenstäbchen durchsetzten Sand ausscheuerte. Das machte ihm Freude, er zeigte dem Vogel den glänzenden Deckel und klappte ihn dann wieder auf den Verbandskasten.

»Das ist Kultur!« sagte er und lachte vergrämt. »Darauf ist der Mensch stolz, Vogel. Aber genau betrachtet pinkelt auch ein Hund nicht die Stelle voll, auf der er schläft.«

Ihm blieb in den kommenden Stunden nichts übrig, als sich umzusehen und an vieles zu denken, was man machen könnte. Er starrte wieder hinüber zu dem Hang mit dem Kokospalmenwald und der wogenden Bambuswand, den leuchtenden Blütenbüschen und dem Gestein der Anhöhe. Wo Bäume wachsen und Blumen blühen, muß auch Wasser sein, dachte er. Süßwasser. Es hilft alles nichts — ich muß dort hinauf. Aber vorher muß ich die Lanze in meinem Schenkel überlisten, diesen gnadenlosen, spitzen, feindlichen, gemeinen, hinterhältigen Knochen, der mich unbedingt umbringen will.

Er faltete schnell die Hände und hob den Kopf in den grenzenlosen blauen Himmel. Gott da oben, dachte er, du weißt, wie wenig ich von dir halte. Du hast in letzter Zeit herzlich wenig von dir gegeben, vielleicht hast du geschlafen, die Menschen haben dich so verdammt müde gemacht, und du hast recht, es ist abscheulich, immer und immer nur auf die Menschen herabzublicken und sich sagen zu müssen: Mein Gott, das habe ich nun geschaffen! — Trag’s mir nicht nach, Gott, laß einmal mit dir reden: Laß mich ein Wunder tun! Dort hinauf … den Hang … hilf mir wenigstens ein bißchen …

Er leerte den Verbandskasten aus, verstaute den Inhalt in die Seitentaschen der Gummiinsel, schob den Kasten unter seinen linken Oberschenkel, legte den Hammer und das Beil an die Innen- und die Außenseite und begann, alles mit einem starken Bindfaden aus der Werkzeugkiste zu umwickeln.

Das Bein wehrte sich, er spürte es ganz deutlich.

Zuerst raste Schüttelfrost durch seinen Körper, dann löste eine Hitzewelle das Kältegefühl ab, und trotzdem klapperte er mit den Zähnen, denn so heiß alles in ihm war, er fror erbärmlich. Mitten in seinen Gedanken: Aha, jetzt beginnt der Kampf. Bein, ich bin auf dem Posten. Nur zu, nur zu, wir stehen es durch … trübte sich plötzlich sein Blick, er sah den großen Vogel wie eine bizarre Schleiertänzerin um sich herumhüpfen, und als er mit Gewalt den Kopf hochwarf, verschmolzen vor ihm Himmel und Meer zu einer kompakten Masse flüssigen Bleis.

»Nein! Du bringst mich nicht um, du Knochen!« schrie er. »Du nicht! Das Meer — ja! Die Sonne — angenommen! Der Durst — akzeptiert! Der Hunger — komm nur ran! Der Wahnsinn der Einsamkeit — ich weiche nicht aus! Aber du, mein eigener Knochen? Nie! Nie! Ein Mann sollte nie eines lächerlichen Todes sterben.«

Am Abend erkannte er nichts mehr um sich herum.

Er lag unter seiner Decke, fror wie auf Eis gelegt, hatte die geballten Fäuste gegen das Bein gepreßt, wußte nicht mehr, ob der große, schwankende Fleck vor seinen Augen die untergehende Sonne oder der aufsteigende Mond war und stammelte immer wieder: »Du verfluchter Knochen, du! Du Mistknochen! Du Satan von einem Knochen! Mich kriegst du nicht unter. Du nicht! Du Saukerl von einem Knochen!«

Das Fieber nahm ihn endlich weg aus dieser Welt. Er glitt in die Bewußtlosigkeit im Augenblick des schönsten Triumphes, als er die Schmerzen plötzlich nicht mehr spürte und dachte: Siehst du, ich habe es geschafft, du lächerlicher Knochen!

Er lag im Sand herum wie Treibholz, reglos, dem Verdorren preisgegeben.

Über das Bein wehte der Korallenstaub. Ein Bein, eingeklemmt zwischen Blechkasten, Hammer und Beilstiel. Ein Bein mit roten Flecken vom Salz verätzter Haut.

Der große Vogel Albatros umhüpfte Bäcker, kam dann heran, beäugte ihn ganz aus der Nähe, senkte den Kopf, stieß ihn mit dem Schnabel an, tastete ihn ab, als röche er dieses Gebilde, das Mensch hieß, gründlich in sich hinein, hockte sich dann neben ihn, einer Wache gleich, und hockte sich so hin, daß sein großer, vom Wind aufgeblähter Vogelkörper das Gesicht des Menschen mit Schatten bedeckte und damit die Sonne besiegte. Nur am frühen Morgen und am dämmernden Abend strich der Vogel mit sanften, schwebenden Flügelschlägen über die Insel, tauchte ins seichte Meer und suchte seine Nahrung.

Irgendwie war Gott in der Nähe.

6

Werner Bäcker erwachte aus dem Delirium seines Fiebers an einem Morgen, als die Sonne aus dem Meer tauchte wie eine gewaltige Apfelsine. Es war kühl, ein harter Wind blies durch die Palmen, bog die Wedel des Bambus und trieb den Ufersand in kleinen, wirbelnden Streifen landeinwärts gegen die Böschung. Das Meer zitterte … er spürte es fast körperlich bis in seinen letzten Nerv.

Plötzlich stieg etwas Seltsames aus dem Wasser, eine graue Wand, der Wind begann zu rauschen, aber es war gar nicht der Wind, wie Bäcker ratlos sah, sondern der Himmel rauschte, alles roch nach Feuchtigkeit, nach herrlicher, glatter, kühler lebensspendender Feuchtigkeit. Und dann brach der Himmel auf und tränkte die Erde.

»Regen —«, stammelte Bäcker. »Regen! Es regnet … es regnet …«

Dann brüllte er vor Freude, riß die Decken von sich, streckte sich aus, breitete die Arme von sich, lag wie gekreuzigt unter den rauschenden Tropfen und lachte, lachte, lachte.

»Ich lebe!« schrie er in den Regen hinauf. »Ich lebe! Du verfluchter schiefer Knochen in meinem Bein … ich lebe!«

Das Wasser rann ihm in Bächen über Gesicht und Leib, er riß den Mund weit auf und ließ den Regen in sich hineinströmen, er trank dieses neue Leben, und je stärker das Wasser über ihn stürzte und die Tropfen seinen wunden Körper schlugen, um so betrunkener wurde er von diesem himmlischen Wasser. Es floß und floß über ihn und in ihm, und es war das köstlichste Fließen, das er je gespürt hatte.

Herrliche Kühle und eine neue, verbissene und unbeugsame Kraft wuchsen aus diesem Regen. Die Reste des Fiebers schwemmte er aus Bäcker fort, er schien durch und durch gereinigt zu werden, durchgespült mit einer ständig sich immer mehr aufladenden Energie.

Als der Himmel wieder blau war und die Sonne wieder eine Sonne, saß er im nassen Sand und sagte aus tiefstem Herzen: »Ich danke dir, du da oben.«

Dann begann er, gegen seinen Knochen zu arbeiten. Er griff in den nassen Sand, gipste sein gebrochenes Bein rundherum mit dieser pappigen Erde ein, wickelte ein Handtuch darum und winkte der nun wieder glühenden Sonne zu.

»Nun mach es hart wie ein Lehmziegel, Sonne«, rief er. »Zeig es dem Teufelsknochen! Schweiß ihn zusammen! Du, der Regen, der Sand und ich … wir kriegen ihn klein!«

Er aß aus einer Büchse, die er mit dem Beil aufschlug, kalte Nudeln mit Gulasch, und es schmeckte ihm so gut wie nichts bisher in seinem früheren Leben. Er trank dazu das Regenwasser, das sich in der Mitte der Gummiinsel gesammelt hatte, und das brachte ihn auf einen neuen Gedanken.

Ich werde nicht verdursten, solange er, solange es regnet. Das gute Wasser spare ich auf für eine Notzeit, wenn es überhaupt nichts mehr zu trinken gibt. Aber wenn es jetzt regnet, lege ich mir ein Wasserreservoir an, einen kleinen, eigenen Wasserturm aus orangenfarbenem Gummi. Es ist zwar eine fade Brühe, dieses Regenwasser, aber es ist das Herrlichste, was Gott je erfunden hat.

»Kompliment, Gott da oben«, sagte er und blickte in den wieder blaustrahlenden, wolkenlosen Himmel. »Du hast Überzeugungskraft. Vielleicht geht es wirklich nicht ohne dich!«

Von diesem Tage an regnete es immer. Meistens am Abend, aber immer früh genug, daß die Sonne vor dem Untergehen noch den Strand und den kleinen Menschen im Sand trocknen konnte. Es war ein wundervoller Rhythmus, aus dem Kraft strömte und eine unbändige Hoffnung.

So lag Bäcker herum im köstlichen Regen und in der heilenden Sonne. Jedesmal nach dem Regen umwickelte er sein Bein mit frischem, nassem Sand. Das kühlte den Bruch und das heiße, aufgetriebene, entzündete Fleisch, wurde später hart wie ein Panzer und zerfiel am Morgen wieder zu Staub. Aber dann kam ein neuer Regen und mit ihm ein neuer Verband, und Bäcker sagte am vierzehnten Tag:

»Du hast keine Chancen mehr, Knochen. Gib es auf! Wachse zusammen! Vielleicht werde ich zeit meines Lebens hinken und auf der linken Seite kürzer sein, was schadet das? Mich bringst du jedenfalls nicht mehr um, Knochen!«

In der vierten Woche konnte er herumkriechen wie eine Robbe. Er spürte keine Schmerzen mehr, wenn er das Bein hinter sich herzog durch den staubenden Sand, und er weinte und lachte vor Glück.

Schweigsam, immer zwischen ihm und der Sonne, begleitete ihn der große, schöne Vogel.

7

Die ersten Ausflüge brachten ihn hinunter zum verhaßten Meer, den Strand entlang, in dessen Sand die Ebbe ein Muster aus zierlichen Wellen hinterließ, wo Muschelschalen und leere Krebsgehäuse lagen, manchmal ein paar stinkende tote Fische, die aber schnell zu Leder austrockneten, Reste von abgerissenen Palmblättern, Bambuslaub und weggewehten Blütenblättern.

Bevor Bäcker diese kleinen Strecken abkroch, hatte er lange darüber nachgedacht, wie sich ein Mensch mit einem nutzlosen Bein, das man außerdem noch schonen mußte, fortbewegen könne, ohne Stütze, ohne Krücken, allein auf einem Sandstrand, wo nicht einmal ein Pfahl war, an dem man sich auf sein gesundes Bein aufrichten konnte.

Ein Zufall brachte ihn darauf, seine Schwimmweste zu benutzen.

Der Gedanke war ihm plötzlich gekommen, als er die gummierte Nylonweste, mit dem Mund mühsam aufgeblasen, als Unterlage für seinen mit dem nassen Sand verbundenen Schenkel benutzte. War der Verband hart, schob er die Weste weg … sie glitt über den weißen Sand wie ein Ski über den Schnee.

»Das ist es!« sagte er zu dem Albatros, der neben ihm stand und mit dem Schnabel klapperte. »Man könnte aus ihr einen Schlitten machen. Was hältst du davon, Vogel?«

Er sprach jetzt in jeder Situation mit dem Albatros. Der Vogel war ein guter Partner, er hörte zu, widersprach nicht, war klug, lobte alles, was Bäcker tat, durch Flügelschlagen oder durch gurrende Laute, und außerdem war er das Leben schlechthin, etwas, was man ansprechen konnte und nicht so stolz war wie die Sonne, das Meer, der Himmel und der Wind.

An dem Vogel schliff Bäcker seine Panik ab, für immer allein zu sein und allein zu bleiben. Ein Mann braucht einen Freund, ein Mensch etwas anderes Lebendes … völlig allein zu sein ist mehr als die Hölle.

Für Bäcker war der große Vogel da, ein stiller Freund, und es war ein Rätsel, was Vogel und Mensch so eng miteinander verkettete, daß jeder den anderen nicht mehr aus den Augen ließ. Flog der Albatros morgens und abends übers Meer und suchte seine Nahrung, wartete Bäcker ungeduldig, bis er das majestätische Flügelrauschen wieder hörte, und der Albatros hüpfte nervös um Bäcker herum, wenn dieser unter seiner Decke lag und schlief zu einer Zeit, wo man eigentlich etwas tun mußte.

So wurde mit den Wochen Bäckers Einsamkeit wie ein runder Kiesel, der keine Wunden mehr aufreißen konnte, sondern mit dem man zu spielen begann. An die Flaschenpost dachte er nicht mehr. Sie war zwar mit der Ebbe im Meer verschwunden, aber wer die Maßlosigkeit des Pazifiks mit der Armseligkeit einer Mineralwasserflasche verglich, hörte auf, an Hoffnungen zu glauben.

Mit seiner Schwimmweste aber hatte Bäcker eine gute Idee gehabt.

Er wälzte sich ganz langsam über das nur halb gefüllte Luftpolster, legte sich auf die Seite, nahm die Zange und den Zollstock aus dem Werkzeugkasten und stakte sich mit ihnen durch den Sand. Es war mühsam, schweißtreibend, ein verbissener Kampf um Zentimeter, aber es war eine Flucht von der Stelle, eine Loslösung vom Endgültigen.

»Es geht, Vogel!« keuchte Bäcker, nachdem er ein paar Meter sich mit Zange und Zollstock vorwärts gestoßen hatte. Der Albatros lief neben ihm her und schrie leise und klagend. »Ich bewege mich! Damit fing alles an — mit einem Gedanken und einer Bewegung.«

Er glitt auf seiner Schwimmweste bis zu der Stelle, wo er an Land geworfen worden war und blieb hier liegen, den Kopf zum Meer, das leise herankam, wie schleichend, voller Untertänigkeit, wie um ihn zu streicheln.

»Geh weg!« sagte er voll Haß. »Geh bloß weg! Ich kenne dich! Du bist eine tödliche Geliebte.«

Nach diesem Ausflug zu seinem Feind wurde Bäcker mutiger. Er rutschte auf seinem »Jeep«, wie er seine Schwimmweste jetzt nannte, am Strand herum, in immer größeren Kreisen, und er erreichte sogar den Fuß der Böschung und lag hier zum erstenmal im Schatten von Bäumen. Über ihm standen drei Kokospalmen, riesengroß aus dieser Wurmperspektive, schlank und hochmütig. Ein Fächer aus Zweigen, der sich einschläfernd rauschend bewegte, und unter ihm das gefilterte, streifige Licht und ein bläulicher, kühlerer Fleck Erde.

Bäcker legte sich in diesen Schatten und fühlte wieder ein Stück seines Menschseins zurückkommen. So geht es jetzt weiter, dachte er, Stück um Stück baue ich mich auf. Ich erschaffe mich neu, auch wenn’s die alten Steine sind. Es ist noch gar nicht so lange her, wo man aus Ruinen und Trümmern ganze Städte baute. Ich war zertrümmert wie sie … aber ich werde jetzt Stein auf Stein aufeinandersetzen, bis der Werner Bäcker wieder steht.

Hier im Schatten der stolzen Palmen nahm er auch das Taschentuch von den Augen, diesen einzigen Schutz vor dem Erblinden. Das Meer reflektierte das fast weiße Licht und schleuderte Strahlenbündel wie aus einem Brennglas gegen die Augen.

Er untersuchte die Böschung und wunderte sich. Der ganze Hügel bestand aus Korallen, deren obere Schicht zu fruchtbarem Boden verwittert war. Unter den Korallen aber — er schlug mit dem Beil einen Schlitz in den Hang — traf er auf hartes Gestein und etwas weiter auf porösen Fels, in den die Erosion eine Menge kleine Höhlen gewaschen hatte.

»Der Hang ist nicht höher als vier Meter, Vogel«, sagte Bäcker. Der Albatros stieß sich ab, flog hinauf und setzte sich oben auf den Rand der Böschung. »Siehst du, du kannst es. Machst die Flügel breit und hinauf geht’s. Wenn ich stehe und die Arme ausstrecke, habe ich über die halbe Strecke erreicht, und wenn ich die kleinen Höhlen als Stütze nehme, kann man mit Leichtigkeit hinaufklettern. Aber ich kann nicht stehen und schon gar nicht klettern, und daran scheitert alles. So ist das mit den Menschen, Vogel. Unsere herrliche Größe scheitert an den Kleinigkeiten. Als Gott mit dem Teufel um den Menschen pokerte, wem dieser Mensch nun am ähnlichsten sehen sollte, hat der Teufel diese Biesterei gewonnen.« Er lehnte sich an die zerklüftete Böschung, wartete, bis der Albatros vom Hang wieder herunterkam und sich vor ihn und das Meer stellte. In seinem Gefieder lag golden der Sonnenglanz.

»Warum, Vogel, bist du auf dieser einsamen Insel kein Urvogel?« sagte Bäcker weiter. »Es wäre dann deine Pflicht, mich in deine Krallen zu nehmen und den Hang hinaufzutragen. Dort oben ist Wasser, weißt du das? Kein Leben ohne Wasser. Hast du schon Blumen gesehen, die auf totem Boden blühen? Es gibt gar keine andere Wahl, mein Lieber … ich muß da hinauf!«

Auf seinem »Jeep« rutschte er die Böschung entlang, und obwohl er jetzt im Schatten der hochmütigen Palmen blieb, war es ein weiter Weg, er brauchte drei Tage dafür, bis er an der Biegung lag, die er schon vom Strand gesehen hatte und hinter der er die ganze Größer der Insel erst vermutete.

Er war enttäuscht, als er sein Ziel erreicht hatte … Der Hang ging in einen kahlen, dunklen, zum Meer hin mit weißem Vogelkot überzogenen Felsen über, der gezackt wie ein Drachenrücken weit in die See hineinstieß.

»Das ist die Grenze«, sagte er. »Was dahinter liegt, wird lange unbekanntes Land für mich bleiben. Aber was ich gesehen habe, genügt. Die neue Welt scheint in Ordnung zu sein.«

Er ruhte sich lange aus und aß und trank mit großem Genuß. Wie für eine große Fahrt hatte er sich vorher ausgerüstet, schleppte, wie eine Schildkröte ihren Panzer, einen Plastiksack mit Keksen, zwei Fleischbüchsen, zwei Zinkflaschen mit Wasser, Hammer, Zange und Beil auf dem Rücken und kam sich reich ausgerüstet vor. Nachts drückte er sich zum Schlafen eng an die brüchige Hangwand und schlief sofort ein.

Am vierten Tag entdeckte er ein Stelle, wo das Meer einmal in seiner schrecklichen Wut einen Keil in die Böschung geschlagen hatte. Hier stieg die Insel sanfter an, wie durch einen Hohlweg konnte man ins Innere des Landes gelangen … eine verfilzte, von Dornbüschen abgeriegelte Straße in die Jahrhunderte.

»Siehst du, Vogel —«, sagte Bäcker, als er an dieser Stelle lag, »es ist nichts umsonst, was ein Mensch tut, auch wenn’s manchmal so aussieht. Nun werden wir auch den Hang besiegen.«

Er schob sich weiter, ein kurzes Stück in den Hohlweg hinein, aber vor der Steigung, die dann begann, kapitulierte er klaglos. Er sah vor sich den Wald aus Palmen und Bambus und eine Fülle von Blüten, deren Anblick ihn vor Freude fast betäubte. Ein süßer Duft zog zu ihm hinunter, er war unerklärlich schön und ekelerregend zugleich, eine Mischung, die er sich nicht erklären konnte. Ein Hauch von Verwesung schien aus allen Blumen zu strömen. Vielleicht riechen sie hier anders, die Hibiskussträucher, die Frangipani-Blüten und die betörenden Tiare-Blumen, dachte er. Das hier ist eine Insel aus der Urwelt — da haben auch die Blumen das Recht, anders zu duften.

Er blieb auf seiner Schwimmweste liegen, drehte den Kopf nach rückwärts und sah den Vogel am Beginn des Hohlweges stehen, mit gespreiztem Gefieder und aufgerissenem Schnabel.

»Hier fängt die Welt wieder an!« schrie Bäcker. »Und du hast Angst, Vogel? Komm her, Genosse … du willst mich doch nicht an einem großen Tag allein lassen?«

Ein großartiges Gefühl durchrann ihn. Er begann, die Entdecker zu begreifen, wenn sie auf ihrem Neuland niederknieten und beteten.

Später stakte er sich wieder zurück zum Strand, machte es sich an der Böschung, im Schutz der stolzen Palmen, gemütlich, musterte seine mitgeschleppten Bestände und rechnete aus, daß Kekse, Fleisch und Wasser noch gut drei Tage reichen würden. Er aß und trank und bezog dann Posten vor dem Hohlweg.

Ich werde es wagen, dachte er. Verdammt, ich werde meinen Knochen einfach zwingen. Alles habe ich bei mir: eine Zange, einen Zollstock, um das Bein als Stütze gewickelt einen Hammer und ein Beil. In der rechten Hosentasche habe ich eine Handvoll Nägel. Was ich brauche ist nur noch die Kraft, mich aufzurichten. Dann stehe ich, verdammt, dann stehe ich aufrecht, wie es einem Menschen zukommt.

Die Wandlung vom Lurch zum Aufrechtgeher … ich werde sie neu durchmachen.

8

Er lag zwei Stunden auf seinem »Jeep« vor dem Hohlweg, noch voll von Freude, hoffte auf eine Süßwasserquelle dort oben im Palmenwald und dem blühenden Garten, dachte an eine Höhle in den Felsen, wo er beginnen konnte, wie ein Urmensch zu leben, als über ihm sich eine dunkle, flatternde Wolke bildete.

Sie wehte zu ihm hin, verdichtete sich zu einem schreienden, kreischenden Klumpen, senkte sich zu ihm hinab und zog in niedriger Höhe über ihn hinweg. Kot bespritzte ihn wie Regen, er riß die Hände hoch, um seine Augen vor diesem ätzenden Seevogelkot zu schützen, aber diese plötzliche Bewegung machte den Schwarm noch wilder, die flatternden Leiber stürzten auf ihn herunter und hackten beim Hochziehen nach seinen Armen, seinem Gesicht, seinen Beinen.

Es sind Kampfmöwen, durchfuhr es ihn. Ich weiß nicht, ob sie so heißen, aber ich habe von ihnen gelesen. Sie sind wie die Geier, stürzen sich auf verendendes Leben, zerhacken die Wehrlosen mit ihren messerscharfen gebogenen Schnäbeln und reißen Fetzen aus ihren Körpern.

Die schreiende Wolke über ihm wurde dichter, das Gekreische ohrenbetäubend. Hunderte aufgerissener Schnäbel, Hunderte gebogener Krallen, Hunderte starrer, mordlustiger Augen schossen auf ihn herab.

Ich bin Aas für sie, durchfuhr es ihn. Ein auf dem Boden liegendes, über den Sand kriechendes Etwas, ein zuckendes Stück Fleisch, weiter nichts. Sie spüren das, sie sehen es mit ihren starren, kalten Augen, sie kennen es nicht anders. Die Natur ist grausam und gerecht zugleich, was schwach ist, wird vernichtet, es liegt da in Demut und wartet darauf, daß es weggeschafft wird … mein Gott, ist es schon soweit mit mir?

Er kroch in sich zusammen und dachte daran zu schreien, laut zu schreien, um dieser Wolke aus Mord da droben zu zeigen, daß er gar nicht daran dachte, Aas zu sein. Wenn sie alle zur gleichen Zeit über mich herfallen, bin ich erledigt. Jeder Schnabelhieb ist eine Wunde, jedes Zuhacken bedeutet ein Stück Fleisch aus meinem Körper. Und wenn sie Blut merken, sind sie nicht mehr zu halten … ich weiß nicht, ob sie wie Haie reagieren, für sie ist der Geruch des Blutes das Signal zum Wahnsinn … Wer weiß denn, ob ein Vogel riechen kann, ich weiß es nicht, aber ist es nicht möglich, daß sie alle über mich herfallen, wenn sie mir die erste Wunde in den Leib gerissen haben? Wer kann hundert, tausend dieser Hiebe von Krallen und spitzen Schnäbeln aushalten?

»Nein!« brüllte er, als die Wolke sich wieder über ihn senkte. »Nein! So nicht! Noch bin ich kein Aas! Noch nicht! Ihr verfluchten Biester, ich kann mich wehren!«

Er riß seine »Schiene« aus Beil und Hammer vom Bein, rutschte stöhnend an die Böschung, umklammerte die Werkzeuge, die jetzt zur Waffe wurden, und legte alle Kraft, die er noch hatte, in beide Arme.

Kommt, dachte er. Kommt nur. Ich bin bereit.

Und sie kamen. Der Himmel verdunkelte sich von schlagendem Gefieder, das fürchterliche Kreischen klang wie Triumphgeheul.

Die erste Welle …

Sie greifen tatsächlich in Wellen an, dachte Bäcker. Militärisch exakt, wie einexerziert, in Schützenlinie, zwar etwas veralteter Kampfstil, aber in der Natur immer noch die beste Formation: Konzentration auf das Ziel, Überrennen des Gegners, Vernichtung durch geballte Kraft. So greifen die Russen und Chinesen an … die Überlegenheit der Zahl.

Bäcker riß die Arme hoch. Die ersten herunterstürzenden Schnäbel hackten nach ihm. Mit Beil und Hammer hieb er gleichzeitig zu, hinein in diese flatternde Masse, immer hinein in diesen weichen, kreischenden Berg, der auf ihn herunterfiel, und er traf, er konnte gar nicht verfehlen, denn um ihn herum gab es nichts mehr als Vögel.

Ein paar der Riesenmöwen fielen in den Sand, taumelten benommen, brachen in sich zusammen und blieben liegen. Andere schwankten zum Meer, legten sich auf das Wasser, mit ausgebreiteten Flügeln, als könne jede Welle ihre Wunden heilen.

Die zweite Angriffswoge. Dichter aufgeschlossen, mutiger, eine Mauer aus Schnäbeln. Bäcker hieb um sich, ließ beide Arme kreisen, sein Beil schlug Schneisen in die Wolke, sein Hammer dröhnte gegen Köpfe und Körper. Und dabei brüllte er, seine Stimme überschlug sich, bis er glaubte, daß seine Lungen platzten.

»Nicht mit mir!« schrie er. »Nein! Nein! Da, wieder eine! Und du! Und du! Ihr Mistbrut! Ha, das war dein Kopf, nicht meiner! Und noch einmal! Verfluchte Bande! Verfluchte! Verfluchte! Nur zu, nur zu! Und noch einer! Und du auch! Ich habe ein Beil! Jeder Schlag ist ein Treffer! Seht ihr nun, daß ich noch kein Aas bin?!«

Seine Arme begannen zu schmerzen, Schnabelhiebe trafen ihn trotz seiner unentwegt kreisenden Hände. Blut brach aus den Wunden, die diese schreienden, schnellen, gefiederten Mörder in seinen Kopf schlugen. Blut rann ihm über die Augen, verklebte den Blick, machte ihn fast blind. Aus seinen Mundwinkeln floß es über seine Lippen, und der süßliche Geschmack signalisierte ihm die Wahrheit: Du hast verloren! Sie zerhacken dich bei lebendem Leib! Dein Blut macht sie wahnsinnig. Sie sind wirklich wie Haie … Haie mit Flügeln …

Er spürte seine Arme nicht mehr, und als die zweite Angriffswelle elegant abdrehte und der dritten Platz machte, der letzten, alles vernichtenden Flut, gegen die es keinen Widerstand mehr gab, merkte er, daß er gar nicht mehr um sich schlug, sondern nur dasaß, Hammer und Beil in den Händen hielt und keine Kraft mehr in ihm war, sie auch nur einen halben Meter hochzuheben.

»So geht’s nun zu Ende«, sagte er schwach. »Nicht das Meer, nicht die Sonne, nicht der Durst, nicht du, verfluchtes Bein … sondern Vögel! Ich werde begraben werden unter Vogelscheiße … Herr im Himmel, welch ein Tod! Habe ich den verdient?«

Er ließ Hammer und Beil in den Sand fallen, schlug die Hände vor die Augen und zitterte hemmungslos vor Angst. Schweiß rann über ihn wie Regen und vermischte sich mit dem Blut, biß in den Wunden und machte diese letzten Minuten zu einer wahren Höllenqual. Der Kopf fiel ihm auf die Brust — er war der kraftloseste Mensch auf der Welt.

Kommt, dachte er, kommt doch. Macht ein schnelles Ende. Ihr seht doch, ich ergebe mich. Soll ich mich wie ein Tier auf den Rücken werfen und Arme und Beine von mir strecken? Wie ist dieses Sterben überhaupt? Lebt man, bis sie einem das Herz heraushacken, oder wird der Tod so gnädig sein und sie eine Schlagader treffen lassen? Verbluten, so heißt es, ist ein sanfter Tod. Die große Müdigkeit schleicht über einen hinweg, man entgleitet dem Leben mit einer geradezu perversen Leichtheit. Mein Gott, so kommt doch endlich. Wo bleibst du denn, du dritte Welle?

Das Kreischen der Kampfmöwen wurde noch schriller, gellender. Aber seltsamerweise spürte er ihre scharfen Schnäbel nicht mehr, ihre Flügel schlugen ihn nicht mehr wie mit Peitschen. Er senkte den Kopf, kroch in sich zusammen und fror vor Grauen. Es gibt ein Stadium, dachte er, wo man den Schmerz nicht mehr spürt. So wie das Ohr eine Tongrenze hat, hinter der es nichts mehr hört, so hat auch der Schmerz eine Grenze, hinter der die Weite des Nichts liegt. Aber ich denke noch, mein Gott, ich kann noch klar denken … das ist die merkwürdigste und größte Entdeckung: ein schon im Tode Stehender kann klar denken!

Plötzlich war die kreischende tödliche Wolke weg. Das Rauschen der Flügel entfernte sich. Bäcker sah nicht, wie sich die dritte Angriffswelle wie auf ein Kommando drehte, exakt abschwenkte und sich hoch in den heißen Himmel hob. In einem weiten Bogen zog sie davon und strich um die Felsnase herum zu einem anderen Teil der Insel. Dafür blieb ein einsames, dunkleres, kräftiges, fast trompetendes Kreischen zurück.

Das große Halali, dachte Bäcker. Und ich denke noch immer …

Dann war plötzlich Stille. Bäcker lag reglos an der Böschung und wunderte sich, daß sich die Stille mit sanften, neuen Geräuschen auffüllte.

Das Rauschen des Meeres, das Singen des Windes in den Palmen, ein paar zaghafte Vogelstimmen. Das Paradies ist wirklich so wie in den Kinderbüchern, dachte er. Es gibt ein blaues Meer, eine warme, immer strahlende Sonne, einen köstlichen Wind und pulverfeinen Sand. Er krallte die Finger neben sich in den Boden und begriff erst nach einer ganzen Weile, daß er noch lebte.

Er wagte es, die Augen aufzuschlagen, und das kostete eine große Überwindung, weil er sich noch immer nicht im klaren war, ob er noch auf der Erde war oder in einem anderen Leben, von dem so viel in den Kirchen gesprochen wurde und an das er nie geglaubt hatte. Gab es das nun wirklich, war er bereit, Abbitte zu tun und zu bereuen.

Er war auf der Erde. Vor ihm lag der Pazifik, hinter ihm war die Insel, über ihm wogten die Fächer der Palmen, der Hohlweg ins Innere des Landes war da, die Felsenbarriere, der Strand, rechts von ihm, erstaunlich weit entfernt, der orangen leuchtende Fleck der Gummiinsel … Es hatte sich nichts verändert, nur das Blut tropfte noch aus vielen Rissen und Wunden seines Körpers.

Dann sah er den Albatros. Er stand im Schatten und rupfte seine blutbesudelten Federn. Brust und Hals des schönen weißen Gefieders waren rot und verklebt, er hatte ein Bein angezogen, stand auf dem anderen Bein gegen den Wind und blickte ab und zu zur Seite auf den elenden Menschen im Sand. Als Bäcker matt die Hand hob, nickte er und zog wieder die Federn durch seinen Schnabel, um so das Blut von ihnen abzustreifen.

»Du also warst es«, sagte Bäcker gerührt. »Du hast dich allein einem ganzen Heer entgegengeworfen. Welch ein Mut, Vogel! Wärest du jetzt ein Mensch, gäbe es ein großes Trara. Orden, vaterländische Reden, Beförderungen, Heldenlieder, Denkmäler, Ehrentafeln, Aufnahme in Schulbüchern, Alibis für Politiker, Themen für Schulaufsätze … und du stehst nur da, reinigst dir die Federn und hast nichts getan, als eben ein Freund zu sein. Das ist es, Vogel — man braucht einen Freund! Du hast mir das Leben gerettet — ich werde es dir nie vergessen. Nur danken kann ich es dir nicht … ich habe nichts.«

Er war so gerührt über den Albatros, daß er den Arm ausstreckte, ihn mit den Fingerspitzen gerade berühren konnte und die weichen Federn streichelte. Der Vogel ließ es geschehen und zupfte weiter an seinem Gefieder.

»Danke —«, sagte Bäcker leise.

Und er vergaß dabei völlig, daß er eigentlich, wenn er kräftig genug war, sterben wollte.

9

Um wieder zurück zur Gummiinsel und seinem flachen Deckenzelt zu rutschen, fühlte sich Bäcker zu elend. Er beschloß, den Rest des Tages und die Nacht hier an der Böschung neben dem Hohlweg zu bleiben, sich auszuruhen, seine Wunden mit dem gesammelten Regenwasser zu kühlen und auszuwaschen und morgen früh, gleich nach Sonnenaufgang, den Rückweg anzutreten.

Er umfaßte mit beiden Händen sein Bein, legte es unter Stöhnen und Zähneknirschen zurecht, packte es wieder in nassen Sand und lehnte sich gegen den Hang. Vom Meer her zogen tiefe dunkle Wolken, das Wasser wurde grünlich, der Wind rauschte durch die Zweige und der Albatros hüpfte davon, stellte sich eng an die Böschung und senkte den Kopf.

»Es gibt einen Sturm, was?« sagte Bäcker. »Und Regen, viel Regen! Ich kann’s gebrauchen, Vogel. Er spült mir die ganze Vogelscheiße von der Haut und den Schweiß aus den Wunden. Oh, ich möchte mich jetzt vom Regen durchweichen lassen. Ich sehne mich nach Wasser. Wie das Meer sich verändert! Jetzt wird es wieder ein Ungeheuer —«

Die Wolken schoben sich zusammen, öffneten sich dann und gossen den Regen aus wie aus Eimern. Der Wind verdichtete sich zum Sturm, aus dem Sturm kreißte heulend ein Orkan, das Meer brüllte auf, und Bäcker hob die Fäuste und drohte zurück und brüllte: »Du Miststück von einem Meer! Jetzt bist du wieder so, wie du mir Viktoria und die Kinder genommen hast!«, und er preßte den Rücken gegen den Hang, schüttelte die geballten Fäuste, verfluchte das Donnern der Wellen, das Heulen des Sturmes und den rasenden Himmel. Alle Bilder seines eigenen Unterganges kehrten zurück und tobten in ihm mit dem Wind um die Wette. Dabei saß er im strömenden Regen und badete sich in der belebenden Kühle, ließ alles von sich abspülen und rieb seinen Körper ab.

»Jetzt erwischst du mich nicht mehr!« schrie er dem Meer entgegen, das weit über den Strand brandete, bis nahe an die einsame Gummiinsel. »Du müßtest schon den Himmel ersäufen, um mich zu kriegen!«

Es war ein Wunder, wieviel Mut und Kraft zum Leben mit diesem Regen in ihm geboren wurde, aber er merkte es nicht in seiner Wut gegen das Meer.

Er schlief sogar erschöpft ein, lag im rauschenden Regen, und so lag er auch noch am Morgen, als die Sonne — schon in dieser Frühe mit einer weißglänzenden Glut — emporstieg und das nasse Land sich in silbrigen Dunst hüllte. Aus Tausenden von Blüten über dem Hang strömte ein süßer Duft des satten Lebens.

Bäcker blickte um sich. Ein Teil der Palmen über ihm waren zerschunden und zerrupft, durch den dichten Bambuswald hatte eine Sense des Windes einen Weg geschlagen und die langen, zierlichen Stämme über den Strand verstreut. Dicke Äste, ausgerissene Büsche, knorriges Wurzelwerk und Palmenblätter, die wie riesige grüne Federn aussahen, bedeckten weithin den Sand. Nahe dem Hohlweg, der wie ein Trichter gewirkt haben mußte, stapelte sich ein Haufen langer Bambusstangen. Unten am Meer zog sich ein Streifen Treibholz entlang, an den Felsen erschlagene Schildkröten und Ballen von Blasentang. Und auch der Albatros war wieder da, sein Gefieder war vom Blut reingewaschen, es leuchtete weiß und seidig in der Sonne, er hüpfte wieder auf beiden Beinen und klapperte mit dem langen Schnabel.

Von Bäckers Körper dampfte die Feuchtigkeit, er hatte sich mit Regen vollgesogen wie ein Schwamm.

»Jetzt siehst du, Vogel, was eine Schöpfung ist«, sagte Bäcker und dehnte sich im Sitzen. Es tat gut, diesen neuen, völlig veränderten Tag zu erleben. »Es kam ein Sturm, es brüllte das Meer, der Himmel zerbarst … aber sie brachten mir Holz. Weißt du, was das für mich bedeutet? Holz! Ich brauche nicht mehr diesen verdammten Hang zu erklettern, ich kann mir jetzt Schienen machen, Stützen, Krücken, mein Bein kann ich besiegen … ich kann mir ein Dach bauen, auf schönen festen Pfosten, und mit den Blättern decke ich es ab. Ich beginne ganz von vorn. Vogel, ich habe gesiegt!«

Er aß und trank von seinem Vorrat und machte sich dann an die Arbeit.

Zuerst konstruierte er eine Schiene aus Bambusrohr. Das war eine einfache Sache. Stangen fest um das Bein gewickelt, rund herum, ein Röhrenkorsett von den Knöcheln bis zu den Hüften, gebunden mit den langen biegsamen Palmwedeln, deren Fasern einen guten Zug aushalten konnten. Nach dieser Arbeit hatte er Hammer und Beil frei, beugte sich vor, hieb das Beil in einen dickeren Ast vor sich und zog ihn heran. Mit beiden Händen rammte er ihn in den Sand, so tief, daß er von allein stehenblieb, umklammerte ihn dann und blickte an seinen Armen vorbei auf den Albatros.

»Jetzt, Vogel, kommt der große Moment!« sagte er. »Erschrick nicht, wenn es mir gelingt. Jetzt bist du noch größer als ich, aber wenn ich stehe, bin ich ein Riese für dich, Lauf nicht weg, Vogel, bleib mein Freund, auch wenn ich aus dem Sand aufgetaucht bin …«

Er atmete tief ein, biß die Zähne zusammen und zog. Das gesunde Bein stemmte er in den Boden und zog sich langsam in die Höhe. In seinem gebrochenen Bein raste wieder der Schmerz, aber er übertönte ihn, indem er zu brüllen begann. »Ruhe!« brüllte er. »Ruhe da drinnen! Es nützt dir nichts. Ich bin stärker als du, stärker!«

Und dann stand er. Zum erstenmal seit fünf Wochen stand er aufrecht, klammerte sich an den in den Boden gerammten Ast, nahm noch zwei dicke Bambusrohre zur Hilfe, drückte die Stirn gegen das knorrige Holz und atmete laut und pfeifend und mit weit offenem Mund.

Er war wieder ein Mensch! Er konnte sich dehnen und recken, den Rücken durchdrücken und den Kopf frei nach allen Seiten drehen. Er konnte im Wind stehen und kam sich der Sonne so nahe vor, daß er die rechte Hand ausstreckte, den Arm hochwarf und das Gefühl hatte, in die Sonne zu greifen.

»Sieg!« brüllte er dabei. »Sieg! Herrgott, sieh auf mich herab! Ich stehe! Verdammt, ich habe dich immer verleugnet … nimm zur Kenntnis, daß ich deine Anwesenheit ahne. Ich danke dir.«

Er riß das Taschentuch von seinem Kopf, knotete es an eine der Bambusstangen und schwenkte es hoch über sich wie eine Fahne.

»Leben, ich grüße dich!« schrie er aus voller Brust. Tränen rannen ihm über das Gesicht, und sein dichter, verfilzter Bart sog sie auf. »Ich komme dir entgegen, Leben! Himmel, Sonne, Meer, Sand, Bäume und du, Vogel, seht mich an: Ich fange an zu gehen …«

Er klemmte den dicken Ast unter die linke Achsel, stützte sich darauf, zog das gebrochene Bein in seiner Bambusschiene etwas an und begann mit dem ersten Schritt. Erst das rechte Bein, dann links auf dem Ast ein Stück vorwärts, der Knochen, der den Kampf verloren hatte, pendelte mit … dann wieder einen Schritt vor mit rechts, abgestützt, links mit dem Ast weiter … und so ging es langsam voran … ein Schritt … zwei Schritte … drei Schritte … an der Böschung entlang, durch die abgerissenen Palmblätter, über die Bambusrohre, vorbei an den zerfetzten Büschen, den Ästen, den Wurzeln, den vom Wind geköpften Blüten … vorwärts, vorwärts … Meter um Meter … den Kopf in dem Nacken … und der Albatros lief nebenher, schrie gellend, schlug mit den breiten Flügeln und klagte gegen den Wind.

»Meine Welt!« schrie Bäcker und stapfte weiter. »Meine ganze große Welt! Hier bin ich: Werner Bäcker!« Er blickte zur Seite und lachte, als er den nervösen Albatros herumhüpfen sah. »Komm, Vogel, komm! Das hier wird eine herrliche Welt werden. Was weißt du, wieviel wert ein geschenktes Leben ist!«

Nach zwanzig Schritten blieb er erschöpft stehen, lehnte sich an die Böschung, stützte sich auf den Ast, legte den Kopf auf die Unterarme und schloß die Augen.

Er verstand, warum Gott bei der Schöpfung am siebten Tag ausruhen mußte.

10

Gegen Mittag war er wieder kräftig genug, um zu seiner Gummiinsel zurückzukehren. Es war ein stolzer Augenblick, dem Meer, diesem verhaßten, mörderischen Meer aufrecht gegenüberzustehen, und Werner Bäcker blieb hoch aufgerichtet, stumm und mit verkniffenen Augen am Ufer stehen, als wolle er nichts, als diesem Meer zu zeigen: Sieh her, hier bin ich! Unser Kampf geht in die nächste Runde.

Bis in die Nacht hinein schleppte Bäcker seine Vorräte bis dicht an die Böschung hinauf, aus der Reichweite der See hinaus. Er schwang sich auf seinem dicken Ast hinunter zum Ufer und hinauf zum Hang, holte die Werkzeugkiste, die Apotheke, die Beutel und Flaschen, den Kanister und zuletzt die Gummiinsel selbst, eine verdammte mühselige Arbeit, bei der er außer Atem kam und seine letzte Kraft für diesen Tag verbrauchte. Die Nacht verbrachte er sitzend am Hang, aber so müde er war, er konnte nicht schlafen.

Ich stehe, dachte er immer wieder. Wer denkt daran, welch ein Glück es ist, aufrecht zu stehen …

Am nächsten Morgen holte er die letzten Sachen vom Strand und hatte nun alles, was er besaß, nahe unter dem Hügel und den weitausladenden, stolzen Palmen. Die Sonne brannte gnadenlos, am Nachmittag regnete es eine Stunde, dann trocknete die Hitze noch einmal alles aus, bevor die Glut in herrlichen, goldgestreiften Farben im Meer versank. Es war ein jetzt immer wiederkehrender Rhythmus, und Bäcker paßte sich ihm an.

Er arbeitete nur in den Morgen- und Abendstunden und in der Nacht, wenn die Sterne und der Mond eine ständige tiefblaue Dämmerung hervorzauberten und ihr Abglanz in der jetzt spiegelglatten See schimmerte.

Bäcker sammelte und schleppte alles heran, was jetzt herumlag: Palmblätter, Äste, Bambusrohre, Wurzeln, Dornbüsche, Zweige von Büschen, biegsam wie Weiden und bestens zum Flechten geeignet. Aus allem baute er auf vier Stützen ein Dach und davor eine grüne Wand, die seinen Lagerplatz verdeckte. Wenn er hier lag, empfand er ein Gefühl der Sicherheit. Er war, in die Landschaft hineingekrochen, irgendwie unsichtbar geworden … selbst vom Meer aus sah man nur Holz und Palmblätter. Er überzeugte sich davon, schwang sich auf seinem Ast hinunter zum Strand und freute sich über sein Werk.

»Das ist der Anfang, Vogel —«, sagte er zu dem Albatros, der das Dach neugierig betrachtete und draußen in der Sonne blieb, als Bäcker fröhlich im Schatten saß. »Weißt du, ich habe gelernt, Häuser zu bauen. Das ist ein schöner Beruf … man schafft kleine eigene Welten, und das wäre eigentlich der Sinn vom Paradies auf Erden, wenn es nicht immer wieder jemand gäbe, der das alles wieder zerstört. Warum? Frage das nicht, Vogel … darauf weiß kein Mensch eine Antwort. Wir bauen etwas auf, um es später wieder einzureißen. Für soviel methodischen Wahnsinn gibt es keine Erklärungen. Wir aber, mein Freund, machen es anders. Wir werden uns hier ein Haus für die Ewigkeit bauen. Eine begrenzte Ewigkeit, Vogel. Wenn alles gutgeht, werde ich noch vierzig Jahre leben, aber in diesen vierzig Jahren wird Frieden sein. Vierzig Jahre Frieden … das ist für einen Menschen fast undenkbar!«

So gingen die Tage und Nächte dahin mit Schlafen und Arbeiten, mit Herumschleppen von Bambus und Ästen und Blättern, mit Hammerschlägen und Beilhieben und der Beobachtung des Beines. Es hing noch immer in der Hüfte wie ein Fremdkörper, und Bäcker dachte: Es wächst nie zusammen. Das ist seine einzige Rache. Ich werde es mit mir herumschleppen wie eine schwere Wurst.

Sorge machten ihm seine Vorräte. Die Konserven gingen bei aller Sparsamkeit zu Ende, das gute Wasser war aufgebraucht, er lebte jetzt nur noch von dem Regen, fing das Wasser auf in seiner Gummiinsel und füllte es in Flaschen und den Kanister ab, bohrte in dem Hang die Höhlen breiter und schuf somit eine Art Vorratskammern, in die er alles verstaute, was gegen die sengende Sonne zu schützen war. Später kam ihm eine gute Idee: Er rammte sechs Pfähle in den Sand — eine Arbeit, für die er zwei Tage brauchte, und jeder Pfahl kostete ihn eine seiner Lungen, wie er dachte — und spannte die Gummiinsel zwischen ihnen auf. So fing er das Regenwasser auf, schuf sich damit ein Wasserreservoir und hatte nach fünf Tagen so viel Wasser gesammelt, daß er sich den Luxus leistete, am Mittag, nach dem Essen, mit Hilfe eines durchlöcherten Plastikbeutels ein Brausebad zu nehmen.

»Und das alles auf einem Bein, Vogel —«, sagte er zu dem Albatros. »Man soll es nicht für möglich halten.«

Bei einem erneuten Ausflug zu dem Hohlweg fand Bäcker einen schönen, langen, dicken Ast mit einer Gabelung. Er hieb ihn mit dem Beil auf die richtige Länge zurecht, schob ihn unter die Achsel und hatte jetzt den festen Halt, den er immer gesucht hatte. Er stapfte ein paarmal hin und her, es ging sich viel besser damit, der Körper konnte sich in der Gabel ausruhen, und das Bein blieb immer in der gleichen Entfernung vom Boden.

»Auch wenn du still bist«, sagte Bäcker, »ich weiß, du lauerst nur darauf, daß ich auftrete. Aber den Gefallen tue ich dir nicht, Bein! Du bist ein hinterhältiger Knochen, und wenn du jetzt wieder auseinanderbrichst, bin ich erledigt. Ich werde mich hüten.«

Aber nach fünf Wochen wagte er es doch ein paarmal, senkte das Bein ganz langsam auf den Sand und trat so vorsichtig auf, als hauche er auf den Sand. Der Knochen reagierte sofort. Er signalisierte seinen Unwillen … der Schmerz kletterte empor bis zur Hüfte.

»Meckere nicht!« sagte Bäcker. »Gewöhne dich daran, Knochen, mir wieder zu gehorchen. Das Fundament des Lebens ist die Ordnung. Was Chaos hinterläßt, hast du gesehen, du Mistbein! Sei kein Spinner, Knochen … wachse weiter zusammen —«

11

Eines Tages stand er im Meer und fischte.

Er hatte sich eine Angel gemacht aus Bambusrohr, die Schnur aus Nylon hatte er von einer Plastikbeutelverschnürung genommen, als Köder hängte er an einem krummgebogenen Nagel ein Stück Gulasch aus der Konservendose. Aber das war ein sinnloses Warten, wie er bald einsah. Kein Fisch biß an, und er sagte sich, daß Fische wohl kein Gulasch mochten, wenn das Meer voll von frischen Nahrungsmitteln war. So holte er sich eine lange, dünne Bambusstange, schnitzte das dünne Ende zu einer nadelfeinen Spitze und zeigte dem Albatros stolz sein Werk.

»Ein Speer —«, sagte er. »Paß auf, was man mit ihm machen kann. Du hast es einfacher, du hast zwei Flügel und deinen Schnabel.«

Schon der erste Versuch gelang. Er stach einen Fisch aus den Wellen, trug ihn wie eine Trophäe an Land, opferte ein Streichholz, machte ein Feuer und briet den Fisch auf einem hölzernen Stecken. Es war der herrlichste Fisch seines Lebens.

Auch an diesem Tage stand er im Meer, über dem Kopf ein Handtuch, die Augen zusammengekniffen. Bis zum Gürtel ließ er das Wasser an sich heran, stemmte sich gegen die lang anrollenden Wellen, die ihn trotz ihrer Sanftheit umwerfen konnten, denn nur langsam kam seine volle Kraft zurück, und jeden Tag verbrauchte er sie wieder.

Er stand da, beobachtete das Meer und wartete auf einen großen, leichtsinnigen Fisch. Manchmal kamen sie bis ans Ufer, schwammen im seichten Wasser, und ihre schlanken Leiber glitzerten silbern. Sie, die Großen, hatten hier keine Feinde. Einen Menschen kannten sie nicht. Aber nun war ein Mensch da, und sie schienen nicht zu begreifen, daß ihr Leben sich damit verändert hatte.

Mit dem Bambusspeer stoßbereit in der Hand, wartete Bäcker auf seinen Fisch. Er suchte das Meer ab, sah — zu weit von sich entfernt — die glänzenden Leiber hin und her schnellen und dachte: Kommt näher, meine Lieben. Das Feuer brennt schon oben neben meinem Dach. Ich habe Hunger, und es ist unbeschreiblich, wie gut euer weißes, heißes Fleisch schmeckt.

Aber da war plötzlich ein Ton, der nicht in diese Welt paßte. Hoch oben in der Luft hing er, war nicht erklärbar, zerschnitt die Einsamkeit und brach in die Ordnung ein, in der sich Bäcker eingelebt hatte. Der Ton war auf einmal da, mischte sich in das Rauschen des Meeres, er war wie ein Schnurren, als kraule man eine Katze hinter den Ohren.

Bäcker hob den Kopf und lauschte.

Der Ton kam näher, schneller, als ob ein Wind anwächst, übertönte das Meer, stand massiv in der klaren Luft … und da begriff Bäcker, was es war, auch wenn er nicht verstehen konnte, wie so etwas möglich sein konnte. Er ließ den Bambusspeer fallen, drehte sich im Meer und suchte alle Richtungen des Himmels ab.

Da war es … ein Fleck im strahlenden Blau, von Sonnenglanz getroffen und plötzlich aufblitzend … ein träge unter dem Endlosen dahinziehender Punkt. Und dieser Punkt kam näher, wuchs und nahm Formen an — ein Rumpf, zwei Flügel, breite Schwimmer, eine gläserne Kanzel —, und das Brummen füllte jetzt alles aus und nahm Besitz von Insel und Meer.

»Halt!« brüllte Bäcker und warf beide Arme empor. »Halt! Nicht so schnell! Hierher! Hierher! Halt!« Er faltete die Hände, hob sie hoch empor und stützte sich verzweifelt auf seine Gabelkrücke. »Mein Gott, laß ihn auf mich zukommen! Auf mich zukommen! Mein Gott, hilf mir! Ein Flugzeug! Es ist nicht zu fassen! Hier ein Flugzeug! Halt! Halt!«

Er humpelte aus dem Meer, so schnell er es mit seiner Krücke konnte. An Land schwang er sich über den Strand, winkte mit dem rechten Arm und brüllte sinnlose Worte in den Himmel. Das Flugzeug zog an ihm vorbei … Er sah, daß die Schwimmer gelb lackiert waren, daß auf den Tragflächen die französische Kokarde leuchtete, daß die gläserne Kabine vier Fenster hatte — so greifbar nahe flog die Freiheit an ihm entlang und sah ihn nicht.

»Halt!« schrie er wieder. Er winkte mit der Krücke, balancierte auf einem Bein, fiel dann wieder auf die Krückengabel, als ihn das Gleichgewicht verließ, und das Flugzeug donnerte über ihn hinweg, und er brüllte, streckte die rechte Hand und bettelte in den Himmel hinauf um einen Blick herunter auf die Erde. »Halt doch!« schrie er immer wieder. »Halt! Laß mich an meine Signalpistole kommen! Rote Kugeln … Hilfe … Hilfe …«

Die Pistole lag in einem Plastikbeutel in einer der schützenden Höhlen der Böschung. Er hatte sie nicht ausgepackt, weil es sinnlos war. Warum sollte er hier Signale verschießen? Nun, da er sie brauchte, als es um die wertvollsten Minuten seines Lebens ging, wo die Freiheit mit glitzernder Glaskanzel und breiten gelben Schwimmern über ihn hinwegflog, war die Pistole so weit entfernt wie die Sonne.

»Halt!« brüllte er noch einmal. Er konnte es nicht begreifen, daß man auf einem einsamen gelben Strand nicht einen winkenden, verzweifelten Menschen erkennen konnte. Es kann doch kein Blinder im Cockpit sitzen, dachte er. Oder blickte er nur hinauf in den Himmel, oder ist dieses Fleckchen Erde hier so elend, daß es Verschwendung wäre, auf es hinunterzublicken? Aber hier lebt ein Mensch, du Mensch da oben. Hier ist einer, der sich die Lunge rausschreit, ein lahmer, armseliger Kerl mit einem verfluchten Bein, das noch nicht aufgegeben hat, ihn umbringen zu wollen.

Er blieb stehen … die Strecke bis zur Böschung war jetzt ein Weg ins Grenzenlose. »Seht mich doch!« schrie er in den Himmel. »Seht mich doch! Nur einen Blick lang … das genügt doch! Gott im Himmel, nur einen Blick sollen sie herunterwerfen! Stoß sie an, Gott, die da oben, schick einen Windstoß, laß sie nicht vorbeifliegen —«

Er hakte sich durch den Sand, den Strand hinauf zur Böschung. Vielleicht drehen sie bei, dachte er mit einem verzweifelten Glauben. Sie ziehen eine Schleife und kommen zurück. Im letzten Augenblick haben sie mich gesehen, und ein Flugzeug kann ja nicht bremsen und stehenbleiben wie ein Auto. Bestimmt kommen sie wieder, sie fliegen schon langsamer, sie drehen zurück aufs Meer …

Er erreichte die aufgespannte Gummiinsel, diesen orangen leuchtenden Fleck, den man überall sehen sollte, die Signalfarbe, der Schrei nach Überleben. Er stolperte auf seiner Krücke zum Hang, schnellte sich auf dem gesunden Bein vorwärts und schleppte das gebrochene nach; der strömende Schweiß biß in die Augen, sein Bein begann zu zittern und schien von innen aufzuweichen, die Armmuskeln erschlafften, und er hatte das Bedürfnis, einfach umzufallen, alle viere von sich zu strecken und dann zu krepieren … Und über ihm zog der schimmernde Punkt, Flügel mit der französischen Kokarde, Glaskanzel und gelbe Schwimmer, am wolkenlosen blauen Himmel dahin, und er wußte, die Menschen da oben hinter den Fenstern hätten seine roten Raketen gesehen, jetzt, genau jetzt, da die Insel unter ihnen lag, diese verdammte Insel, die für alle unbewohnt war.

»Nicht so schnell —«, keuchte Bäcker. »Gott, schick ihnen einen Gegenwind! Nicht so schnell.«

Er konnte nicht weiter, er stand neben der Gummiinsel, vier Meter von der Höhle mit dem Plastiksack und der Signalpistole entfernt, der Strand drehte sich vor seinen Augen, die Sandkörner glitzerten in allen Farben, die Welt verwandelte sich in bunte, zerfließende Formen.

»Fliegt doch langsamer …«, stammelte er. »Langsamer … nur noch ein paar Meter, nur noch ein paar Atemzüge. Hilfe! Hilfe!«

Die letzten Schritte legte er ohne seinen Willen zurück. Er wachte aus der zerfließenden Welt erst auf, als er vor der Höhle kniete und mit zitternden Fingern die Pistole aus dem Plastikbeutel riß. Er steckte eine rote Raketenhülse auf den Lauf, streckte den Arm hoch empor und starrte in den Himmel.

»Hierher!« brüllte er.

Der Himmel war leer, der brummende Punkt verschwunden. Zwar lag noch der Widerhall der Motoren in der Luft, aber es war ein elender Nachklang, ein Abschiedsgruß, ein Hohngelächter, das schwächer und schwächer wurde.

Bäcker heulte wie ein hungernder Wolf. Er schoß, die rote Rakete zischte in den Himmel, beschrieb eine leuchtende Parabel, weithin sichtbar, und stürzte dann ins Meer. Es war ein vergeudeter Schuß … Wer blickt in einem Flugzeug nach rückwärts?

»Ich schieße dich herunter, Sonne!« schrie Bäcker. Seine Verzweiflung war so groß, daß er mit den Fäusten in den Sand schlug, ihn mit beiden Händen hochschleuderte und sich mit dem goldenen Staub bewarf. »Oder soll ich mich erschießen? Ist das der Sinn? Soll ich jetzt aufgeben? Willst du das? Warum hast du das zugelassen, Gott? Warum?«

Er zuckte vor Verzweiflung, preßte die Hände gegen die Ohren, um dieses verfluchte ganz ferne Brummen der Motoren nicht mehr zu hören, riß dann eine Decke über seinen Kopf und vergrub sich völlig vor allen Tönen.

Aber von diesem Tage an trug er die Signalpistole geladen immer im Gürtel.

Er wartete auf ein zweites Wunder.

12

Es dauerte drei Tage, bis er den Schock überwunden hatte. Drei Tage, in denen er herumlag, kaum aß, sich bei dem abendlichen Regen aus dem Blätterdach ins Freie rollte und sich in die rauschenden Wassermassen legte, und die ganzen hellen, heißen Tage über betrachtete er von seinem Deckenlager aus den Strand, das Meer, den Himmel und die Korallenbänke und den großen Vogel, der unruhig vor ihm hin und her hüpfte.

»Geh weg —«, sagte er zu ihm. »Auch mit dir spreche ich nicht mehr. Ihr habt mich alle verraten. Vielleicht werde ich wahnsinnig. Dann reiß aus, Vogel, du hast noch keinen wahnsinnigen Menschen gesehen …«

Aber am Morgen des vierten Tages war alles vorüber. Er hatte tief und gut geschlafen, und als er sich an seiner Krücke hochzog, sagte er zu dem schon wartenden Vogel: »Nimm’s nicht tragisch, Albatros. Menschen sind launische Biester. Die Krise ist vorbei. Ich mache weiter. Gehen wir zum Meer und waschen wir uns.«

Er schwang sich hinunter zum Strand, stakte bis zu den Hüften in die See, schöpfte mit einer leeren Konservenbüchse Wasser und schüttete es sich über den Kopf. Es war herrlich, sich zu waschen … Nachher würde er sich noch einmal unter das gesammelte Regenwasser stellen und das Salz von der Haut spülen. Was machen wir nachher, dachte er und rieb sein Gesicht. Bauen wir das Dach weiter aus und ziehen Wände herum, bis es eine richtige Hütte ist, oder soll man mit den Möbeln beginnen? Ein Tisch, ein Hocker, ein Bettgestell … oder zwei, drei Hocker … wenn man Besuch bekommt.

Er lachte über diesen Gedanken und drehte sich zurück zum Land. Das Bein, frei im Wasser hängend, schmerzte jetzt nicht mehr … das Meer trug es, das verdammte Meer, das es zerschmettert hatte.

Bäcker stützte sich auf seine Krücke und strich mit der rechten Hand das Wasser von seinem Gesicht und aus seinem verwilderten Bart. Bald muß ich ihn schneiden, dachte er. Das wird ein Problem werden. Eine Schere habe ich nicht, gerade sie fehlt in dem Sanitätskasten, irgend jemand muß sie einmal herausgenommen haben und hat sie nicht wieder hineingelegt. Vielleicht war’s sogar Viktoria … Frauen suchen immer Scheren, sie haben immer irgend etwas damit zu tun.

Viktoria. Er starrte auf die Insel. Sie lag vor ihm im Sonnenglast, goldgelb und grün betupft, wie gerade erschaffen, und um sie herum Himmel und Meer, wie Eltern, die wohlgefällig ihr Kind betrachten.

Meine Insel, dachte Bäcker. Du gehörst mir. Mir allein. Du bist mein Land. Ich werde auf dir bleiben und eines Tages vertrocknen. Dich habe ich eingetauscht gegen Viktoria und die Kinder. Das ist ein Grund, dich zu hassen und zu lieben.

»Du hast noch keinen Namen, Insel —«, sagte Bäcker laut. »Aber wir werden nun zusammenbleiben müssen, und deshalb sollst du einen Namen haben. Ich muß wissen, wie ich dich anreden muß, denn es flucht sich leichter, wenn man jemanden beim Namen nennen kann.«

Er schöpfte mit der Konservendose Wasser aus einer flach anrollenden Woge, schwang sich durch die See zurück ans Ufer und blieb im Sand stehen, den rechten Fuß noch umspült, noch im Meer stehend, eine Handbreit vom Trockenen entfernt.

Langsam ließ er das Wasser des Meeres aus der Konservenbüchse auf den Strand laufen, und es war ihm in diesem Augenblick sehr feierlich zumute. Die Erinnerung an Viktoria und die Kinder zerwühlte sein Herz, und seine Augen brannten, und es war nicht nur das Salzwasser und die weißliche Sonne.

»Ich taufe dich, Insel —«, sagte er, »- und ich taufe dich auf den Namen, der mir am teuersten ist auf der ganzen Welt: Du sollt VIKTORIA-EILAND heißen!«

Er schüttete die Konservendose ganz aus und warf sie dann ins Meer. »Und das ist für dich!« schrie er. »Wir werden ewig Feinde bleiben!«

An diesem Abend fing er seinen bisher größten Fisch. Ein silbern schillerndes Exemplar von fast einem Meter Länge. Als er ihn mit seinem langen, spitzen Bambusspeer aus dem Meer stach und Mühe hatte, den schweren, zappelnden Fisch an Land zu bringen, kam es ihm vor, als habe er zum erstenmal gemordet. Er wartete darauf, daß der Fisch schreien würde, aber er starb stumm, und das war gut so. Er hätte ein Schreien nicht ertragen. Mit größter Überwindung schlitzte er den Fisch mit dem Beil auf und warf die Eingeweide zurück ins Meer.

»Ich töte, Vogel«, sagte er zu dem Albatros, der ihm mit klugen Augen zusah und mit den Flügeln schlug, als Bäcker den Fisch aufschnitt. »Ich töte, um zu leben. Siehst du, es fängt schon wieder an. Das Leben normalisiert sich. Man bringt den Schwächeren um, um nicht selbst umgebracht zu werden. Irgend etwas hat Gott bei der Schöpfung falsch gemacht.«

Er briet den Fisch und war zufrieden.

Wenn er alles zusammenzählte, fehlte ihm nichts, um eine Zivilisation zu beginnen: ein Dach, ein Stapel Holz, ein Feuerzeug, zwei Päckchen Streichhölzer, ein Hammer, ein Paket Nägel, ein Schraubenzieher, ein paar Werkzeuge, eine Menge Plastikbeutel, ein Beil und zwei Hände. Das war schon verdammt viel. Feuer, Wasser und ein Gehirn — damit begann der Mensch.

Und mit noch etwas … Werner Bäcker holte es am nächsten Tag nach.

Er fertige seine erste richtige Waffe an.

Bogen und Pfeile aus Bambus.

Der Fortschritt war auch auf Viktoria-Eiland nicht mehr aufzuhalten.

13

Nach zwölf Wochen trat Werner Bäcker zum erstenmal mit seinem gebrochenen Bein auf.

Es war ein wichtiges Datum, auf das er sich gewissenhaft vorbereitet hatte. Von dem Tage an, da ihn das Meer hier an Land gespien hatte, führte er einen genauen Kalender. Der Tag des Schiffsuntergangs stand fest. Wie lange er ohnmächtig auf der Insel gelegen hatte, oder wie lange er in der Rettungsinsel auf See getrieben war, wußte er nicht, aber er gab sich zwei Tage Vergessen — das erschien ihm reichlich — und rechnete von da an.

»Zwei Tage weniger in einem neuen Leben —«, sagte er zu dem Albatros, »vielleicht auch drei — was macht das aus? Wieviel Tage lebt ein Mensch in seinem Leben sinnlos, und er zählt sie alle mit. Vergessen wir also diese zwei, drei Tage. Wir holen sie auf durch intensiveres Leben.«

Aus einem gespaltenen Baumstück, das er mit seinem Beil so glatt hieb, wie es möglich war, machte er einen Dauerkalender, ein ganz primitives Tagezählen, und malte für jeden begonnenen Tag mit dem Bleistift einen Strich. Danach war jetzt Ende Juli, nach der Zeitrechnung von Viktoria-Eiland. Wenn sechs Tage abgestrichen waren, zog er einen Strich quer über die Tage, das hieß Sonntag, der siebte Tag, Ende einer Woche.

»Die Einsamkeit habe ich mir schrecklicher vorgestellt«, sagte er, als die zwölf Wochen auf dem Brett voll waren. »Wo man auch ist … die Zeit hat ihr Wesen verloren, sie rast überall. Das ist beruhigend. Man rennt in das Alter hinein und vergißt darüber die Trostlosigkeit.«

Für diesen wichtigen Tag hatte er sich den frühen Morgen ausgesucht. Er hatte sich an der Gummiinsel mit dem weichen Regenwasser gewaschen, hatte auf dem Deckel der Arzneikiste zwei Vogeleier gebraten und kalten, am Vorabend gebackenen Fisch gegessen. Die Sonne schwamm noch dicht über dem Meer, der Albatros war eben von den Brutplätzen auf dem Felsen herübergekommen, die Kühle der Nacht war noch nicht aufgesogen, vom Hang duftete der Atem der herrlichen Blumenfelder, die Bäcker zwar sehen, aber noch nicht erreichen konnte.

»Fangen wir an, du verdammter Knochen!« sagte Bäcker. »Glaub nicht, daß ich Angst habe! O nein!« Er sagte es sehr laut, weil es gelogen war, denn er hatte Angst, einfache, tierische Angst, daß sein Bein sofort wieder brach, wenn er ihm gleich die Last des Körpers zumutete.

Er wickelte die Bambusstützen, dieses Korsett aus starren Bambusrohren, von seinem Bein, hielt sich an einem Pfosten des Daches fest und sog die Luft laut durch die Nase ein.

»Ich weiß nicht, wie du da drinnen aussiehst, Knochen«, sagte er, »aber ich weiß, was du gleich für eine Aufgabe hast. Das allein ist wichtig. Du hast zwölf Wochen Zeit gehabt, es dir zu überlegen, jetzt mußt du die Wahrheit sagen. Paß auf, Knochen, gleich stützt sich wieder ein Mensch auf dich.«

Er schob die Gabel der Krücke unter seine linke Achsel, stemmte sie in den Boden, setzte den linken Fuß in den Sand und verlagerte vorsichtig sein Gewicht auf das gebrochene Bein.

»Lauf nicht weg, Vogel, wenn gleich jemand schreit«, sagte er zu dem Albatros, der einen Meter vor ihm stand und leise gurrte. »Bleib hier. Ich brauche jemanden, den ich umarmen kann, wenn ich zehn Schritte gegangen bin, oder der neben mir steht, wenn ich besiegt werde.« Er sah an sich herunter. Das Bein, zum erstenmal seit Wochen entblößt, war bleich, schmal, dürr, häßlich durch den Muskelschwund, armselig. »Bist du bereit, Knochen?«

Er belastete das Bein, hieb die Zähne aufeinander, wartete auf den stechenden Schmerz, der bis unter die Hirnschale zucken mußte. Die Zehen krümmten sich und krallten sich in den Sand — aber nichts geschah, nur ein Zittern durchflog ihn von den Augen bis zu den Fußsohlen und das erstaunliche Gefühl, links wie auf einer dünnen Säule aus Gummi zu stehen.

Natürlich, dachte er. Zwölf Wochen nur ein Anhängsel am Körper, da verkümmern die Muskeln, da ist kein Saft mehr im Fleisch. Er bewegte die Zehen stärker als vorher, freute sich, daß die Sehnen gehorchten, daß er sich wie ein Vogel in den Sand krallen konnte, atmete noch einmal tief auf und machte dann den ersten Schritt.

Die Knie gaben nach, er fing sich mit der Krücke auf, warf sich auf die Gabel, wartete auf ein Knirschen im Bein, auf den alles vernichtenden Schmerz — jetzt, dachte er, jetzt, das Bein ist selbst erstaunt, aber jetzt muß es durchbrechen — aber er stand, seine linke Fußsohle drückte sich deutlich in den Sand, sein Körper ruhte auf beiden Beinen.

»Kapitulation!« schrie er da. »Kapitulation! Mein lieber Knochen, wir gewöhnen uns wieder aneinander.«

Nach einer Stunde humpelte er, unterstützt von einem Stock aus Bambusrohr, vor dem Dach und der Böschung herum. Er ging hinunter zum Meer und brüllte: »Ich gehe! Ich gehe!« Er ging hinüber zum Hohlweg und schrie ins Innere der Insel hinein: »Ich gehe! Ich gehe!« Er stellte sich vor den Albatros hin, warf den Bambusstock weg und lief vier, fünf Schritte völlig frei und breitete dabei die Arme aus.

»Ich gehe, Vogel, ich gehe! Ich habe den Knochen besiegt!«

Er trank eine ganze Flasche voll Wasser, aß kalten Fisch, sammelte neue Kraft und humpelte dann wieder los, die Böschung entlang, immer nahe genug, um sich an ihr abzustützen oder anzulehnen. Er zwang sein Bein zu begreifen, daß es wieder eine Funktion zu übernehmen hatte.

Und das Bein gehorchte.

14

Am nächsten Tage begann er, seinen großen Plan zu verwirklichen: Er baute eine Hütte. Er nahm endgültig Besitz von Viktoria-Eiland.

Alles, was an Holz, Palmblättern, Wurzelwerk und Bambusrohr herumlag, schleppte er zur Böschung. Mit dem Beil hieb er in der Nähe der Felsen schlanke rötliche Korallensäulen aus den Riffen, wenn die Ebbe die bizarren Korallenbänke freigab.

»Vogel, das wird mein schönster Bau!« sagte er. »In Auckland habe ich Fabriken gebaut, Hochhäuser, Kirchen, Wohnsiedlungen, Schulen … McKindley wird sie jetzt nach meinen Plänen weiterbauen und vielleicht wird man einen dieser Klötze nach meinem Namen nennen, nach dem im Pazifik verschollenen Werner Bäcker. Welche Ehre! Soll ich stolz darauf sein? Nein, Vogel, hierauf bin ich stolz … auf diese Hütte … sie ist mein schönstes Werk!«

Nach einer Woche war die Hütte fertig. Aus einem Raum bestand sie, zwölf Quadratmeter groß, groß genug für einen Mann, der darin nur schlafen und sich erinnern wollte. In der dem Meer zugewandten Seite hatte er in der Bambuswand ein Fenster ausgespart, durch das er den Strand beobachten konnte und jeden Morgen nach dem Aufstehen und jeden Abend vor dem Niederlegen das Meer beschimpfte. Den Boden legte er dicht mit Palmblättern aus, in vier Schichten, und es wurde ein weicher, grüner Teppich.

Als die Hütte fertig war, ruhte er zwei Tage aus, stach wieder einen großen silbernen Fisch, der gebraten ein paar Tage reichte, und begann dann, die Inneneinrichtung anzufertigen.

Auch hier nahm er vor allem Bambusrohr und biegsame Zweige der Büsche, die über die Böschung hingen. Er hackte die einzelnen Bambusstangen auf die richtige Länge, band sie mit Bastfasern zusammen oder verband sie mit dem Zweiggeflecht. So zimmerte er Tisch und Hocker und eine Kiste, in die er alles legte, was immer zur Hand sein mußte — Werkzeuge, Verbandkasten, die Signalpistole, einen Kanister mit Wasser, eine Seekarte — so sinnlos sie jetzt auch war —, den Sextanten und den hölzernen Kalender.

Für die Liege verwendete er besonders dünne Bambusstäbe, die biegsam waren und nachgaben, wenn man sich darauf legte. Er spannte sie eng zusammen, breitete die Decken darüber, und als er sich zum erstenmal auf das Bett legte, federte es ganz wundervoll. Es war ein Genuß, darauf zu liegen und dem harten Boden entronnen zu sein.

»Der Luxus fängt schon wieder an, Vogel«, sagte Bäcker am nächsten Morgen. »Ich habe geschlafen wie auf Daunenkissen. Ein Mensch, das mußt du dir merken, ist nie zufrieden. Er verbessert immer alles — nur nicht sich selbst.«

Am schwierigsten war die Herstellung der Tischplatte. Sie sollte glatt sein, denn er hatte vor, darauf zu schreiben. Er besaß in seiner Notausrüstung drei Schulhefte, und wenn man sie eng beschrieb, konnte man allerhand erzählen, was vielleicht einmal die Nachwelt interessieren würde. Außerdem verblödete man nicht … Wer schreibt, beschäftigt seinen Geist — man sollte es wenigstens annehmen.

Bäcker widmete der Tischplatte fast eine ganze Woche. Mit dem Beil bearbeitete er die angeschwemmten dickeren Hölzer so lange, bis sie brettdünn waren. Er teilte sie dann in 1,50 Meter Länge, schnitzte in die Kanten mit dem Schraubenzieher Nut und Feder hinein, fügte die Bretter zu einer Platte zusammen, opferte ein paar Nägel, die er zu Bügeln bog und einschlug, und umhumpelte dann stolz den Tisch, ein wahres Prunkstück seiner Hütte.

»Komm herein, Vogel —«, sagte er erschöpft und hielt die geflochtene Tür auf. Er hatte nun zwei Wochen lang vom Sonnenaufgang bis zur Dämmerung gearbeitet, er hatte gestanden und war herumgelaufen, und sein Bein war still geblieben. Noch immer ging er mit einem Stock, verlegte das Gewicht seines Körpers mehr auf das rechte Bein und hielt das gebrochene beim Stehen immer etwas hochgezogen, in den Knien leicht angewinkelt. Er traute seinem Knochen nicht.

Der Vogel blieb draußen. Wenn Bäcker arbeitete hockte er an der Böschung, zupfte an seinen Federn flog ab und zu übers Meer, stieß ins Wasser hinunter holte sich kleine Fische aus den Wellen und kam satt und zufrieden zurück.

»Du hast es gut«, sagte Bäcker. »Aber warte, ich werde mich anpassen. Wenn mein Haus fertig ist, sehe ich mir meine neue Welt an.«

An diesem Abend, als er den Tisch aufgestellt hatte, begann er mit der ersten Seite seines Berichtes. Er schrieb in das Schulheft:

»Heute ist nach dem Kalender von Viktoria-Eiland der 9. August 1965. Ich habe ein Haus, einen Tisch, einen Stuhl und ein Bett … Ich bin wieder ein Mensch.«

15

Zwei Tage später nahm er seinen Bambusspeer und ging hinunter ans Meer. Die Ebbe war gelaufen, im gewellten Sandboden waren Krebse und Muscheln zurückgeblieben, man brauchte sie nur aufzusammeln und ins kochende Wasser zu werfen, um zu leben wie im Hilton. Manchmal waren es Dutzende von Krebsen, ab und zu auch eine Schildkröte; es war, als wolle das Meer sich bei Bäcker entschuldigen für alles, was es ihm angetan hatte.

Jedesmal aber, gerade bei Ebbe, konnte Bäcker die besten Fische stechen. Er wußte nicht, warum … wenn sie bei laufender Flut herangekommen wären, würde er das als logisch betrachtet haben, aber wenn das Meer zurückweicht und die Fische drängen zum Land, dann ist das verwunderlich.

An diesem Tag zog er seine Schuhe aus, klemmte den Bambusspeer unter den Arm und watete ins Meer. Er suchte nach den Fischen, die man fast mit der Hand greifen konnte; es waren oft Schwärme, silbernen Wolken unter Wasser gleich.

Aber heute war das Meer leer. Erstaunt blickte er sich um, suchte die schnellen, eleganten, schuppigen Leiber und watete weiter in die See, so tief, daß ihn die flachen Wellen bis über den Gürtel trafen.

Und da sah er ihn … Zwei Meter von ihm entfernt schwamm ein großer, grauschimmernder Fisch mit einem breiten Maul und kleinen, böse glitzernden Augen. Nur ein kleiner Teil von ihm ragte aus dem Wasser … ein dreieckige Rückenflosse.

Werner Bäcker blieb stehen und schob den Bambusspeer in beide Fäuste. Er begann zu zittern und betrachtete den Fisch mit fürchterlichem Haß. Der Albatros schwamm hinter ihm, das Gefieder aufgebläht, den Kopf mit dem scharfen Hakenschnabel zum Angriff vorgestreckt.

»Das ist er, Vogel!« sagte Bäcker heiser vor Haß. »Das ist der Mörder, der Vicky umgebracht hat und Holger und Peter und Marion. Den Orkan hätten sie vielleicht überlebt, sie hatten gute Schwimmwesten an, sie trieben auf dem Meer, sie konnten nicht ertrinken, es war ganz unmöglich. Aber dann kam er, schoß aus der Tiefe herauf, trotz Sturm, trotz Wellen so hoch wie ein Haus, und fraß sie stückweise auf. Sie hingen in ihren Schwimmwesten hilflos vor seinem Maul, wie zur Fütterung hingeworfen, und sie haben geschrien, Vicky, Holger, Peter und Marion. Ich habe es gehört, sie haben fürchterlich geschrien, und je mehr sie schrien, um so blutgieriger wurde er. Und jetzt ist er wieder da, der Mörder! Siehst du ihn, Vogel? Er ist krank, sonst wäre er nicht im seichten Wasser, er wird sicherlich sterben — aber ich gönne ihm keinen ruhigen Tod! Er soll zahlen mit allen Schmerzen dieser Welt für Vicky und meine Kinder.«

Er watete ein paar Schritte weiter ins Wasser, den Speer vor sich gesenkt, und der Hai sah ihn an, schlug mit der Ruderflosse, kreiste in der See und kam langsam zurück und auf ihn zu.

»Greif an!« stammelte Bäcker. Er war bleich vor Wut, und jedes Wort brannte ihm im Hals. »Greif an, du Mörder! Du oder ich — es gibt nichts anderes mehr zwischen uns. Komm her, ich habe keine Angst vor dir …«

Der Hai blieb fast auf der Stelle stehen, betrachtete den Menschen mit kalten, schrecklichen Augen und öffnete wie gähnend sein Maul. Die Zahnreihen, spitz wie Stacheln und dreieckig wie die Rückenflosse, bleckten dem selbstmörderischen Feind entgegen.

»Komm doch —«, sagte Bäcker und watete noch zwei Schritte dem Hai entgegen. »Komm endlich, du verfluchtes Aas! Wenn du nicht angreifst, tu’ ich es.«

Er zielte auf das klaffende Maul, bog sich zurück, umklammerte mit beiden Händen den Bambusspeer und stieß dann zu. Sein ganzes Körpergewicht legte er hinein, und es war ihm gleichgültig, ob er sich nach diesem Stoß wieder auffangen konnte.

Er traf den Hai in die Nase, spürte, wie der Speer in den Körper drang, sah die Wunde aufreißen, das Wasser färbte sich rot, und der Fisch schien aus den Wellen zu schnellen, als wolle er sich breitseitig auf den Menschen stürzen, warf sich in der Luft noch herum, löste sich von der Speerspitze, klatschte ins Meer zurück, warf sich erneut herum und schoß auf den Feind zu. Wie ein Torpedo griff er an, die Rückenflosse durchschnitt das Meer wie ein Messer.

»So ist es gut!« schrie Bäcker. »Renn in deinen Tod, du Vieh!«

Er stemmte sich gegen den Speer, hielt ihn so, daß der Hai in seiner blinden Wut genau auf die Spitze losschoß … »Ha!« brüllte Bäcker. »Ich stehe! Ich stehe!« — Der Anprall war fürchterlich, der Speer bohrte sich in das Fischfleisch, Bäcker roch das Blut, und er meinte sogar, den Hai zu riechen, faulig, nach Aas, nach Verwesung … er stemmte sich gegen den Druck des großen Fisches. Wenn er jetzt umfiel, war es das Ende, aber er stand, zog den Speer aus dem Fischleib, stieß wieder zu, immer wieder und schrie bei jedem Stoß: »Ich bring’ dich um, du Satan! Das ist für Vicky … und das für die Kinder und das für mein vernichtetes Leben und das …« Seine Stimme zerbrach, er sah den Hai noch einmal kommen, senkte noch einmal den Speer und ließ ihn hineinrennen. Das Meer wurde zu einem kochenden Kessel voll Blut.

»Hab’ ich dich endlich?« keuchte Bäcker. Er konnte den Fisch nicht mehr sehen. Der Druck hatte nachgelassen, also war er wieder weg. Mit dem Speer stach er blindwütend um sich, suchte in dem aufgewühlten Wasser nach dem zerstochenen Leib, aber der Hai war nicht mehr da.

Bäcker stieß den Speer in den Meeresboden und hielt sich an ihm fest. Er schwankte, die Erschöpfung leerte ihn aus. Aber er gab nicht auf, er suchte weiter die Meeresfläche ab und holte tief Atem, um zu brüllen.

»Flüchte nicht, du Mörder!« brüllte er. »Vicky und die Kinder konnten auch nicht flüchten! Wo bist du, du verdammtes Aas?!«

Er wartete, watete dann müde an Land und fiel in die Knie. Plötzlich weinte er, umfaßte die blutige Spitze des Speeres und zerrieb das Blut des Hais zwischen seinen Händen.

»Du Feigling …«, stammelte er. »Du erbärmlicher Feigling. Frauen und Kinder kannst du zerreißen, aber vor einem Mann bist du feige. Doch ich habe dich getroffen, du blutest, du wirst nicht weiterleben. Stirb … stirb …«

Am nächsten Tag lag der Hai am Strand, in der Nähe der Klippen. Noch im Tode sah er fürchterlich aus.

Bäcker ließ ihn liegen, den Raubmöwen zum Fraß. Er brachte es nicht über sich, diesen Mörder zur eigenen Nahrung zu zerteilen und zu braten. Er spuckte den Kadaver an, trat nach ihm. Aber als er wegging zu seiner Hütte, war der Stolz des Siegers nicht in ihm. Dazu war sein Haß zu groß.

16

An einem Sonntag — nach dem Kalender von Viktoria-Eiland mußte es ein Sonntag sein — hängte Bäcker sich seinen Bogen über die Schulter, band den Pfeilköcher um und nahm den Bambusspeer in die Hand. Dann winkte er dem Albatros zu, der vom Fischfang zurückgekommen war, gegen den Wind stand und seine Federn trocknete.

»Es ist soweit«, sagte er. »Erobern wir die neue Welt. So ist das nun, mein Bester — kaum kann man laufen, wird einem der Platz, auf dem man hockt, zu klein. Man könnte hier bleiben, natürlich, alles zum Leben ist da: der Strand, die Bucht, der Hang, das Meer, die Bäume, die Hütte … mehr als genug! Wenn man sich hinlegen will und verrecken, spielt die Platzfrage gar keine Rolle mehr — aber ein Mensch muß erobern! Immerzu. Du, Vogel, hast dein Nest, deine See, dein Stückchen Sand, du bist zufrieden. Aber der Mensch ist nie zufrieden. Er ist Gottes mißlungenstes Geschöpf!« Er winkte, und der Albatros hüpfte auf ihn zu. »Gehen wir.«

Er humpelte die Böschung entlang und in den Hohlweg hinein, überwand mit Schweißausbrüchen und großer Angst, sein Knochen könne das übelnehmen, die leichte Steigung und stand dann zum erstenmal oben auf dem Hang. Die drei stolzen Palmen, denen vor Wochen noch seine ganze Sehnsucht galt, rauschten mit ihren breiten Fächern im Wind. Er ging zu ihnen, umfaßte mit beiden Händen einen der Stämme und war glücklich, die Handflächen an der Rinde schaben zu können. Ich bin gesund, dachte er, ich bin wirklich gesund. Und wenn ich im Inneren der Insel Wasser finde, will ich hier leben und dankbar sein für jede Stunde.

Er ließ den Blick weit über die Insel gleiten und war sicher, das Paradies gefunden zu haben.

Die Sonne brannte aus einem wolkenlosen Himmel, der Passatwind ging ihm ins Blut und erfüllte ihn mit Sehnsucht nach etwas Unbekanntem, Unerklärbarem. Wie ein König durch einen Park stieg er zwischen den Palmen, Büschen und Farnen weiter den Hügel hinauf, stützte sich auf seinen Speer und fühlte sich so stark wie nie. Von der Kuppe des Hügels übersah er die ganze Insel: sie war nicht groß, fast rund, am Rande durch sanfte Buchten ausgefranst, bis auf die Sandstrände dicht bewachsen und glich einer Riesenschildkröte, auf derem bemoosten Panzer er jetzt stand. Nur der dunkle Felsen, der links von ihm ins Meer schnitt, störte die Harmonie. Er war wie ein stählerner Griff, eine Zange, die dieses Paradies im Meer festhielt. Jenseits der Klippen war eine andere, halbkreisförmige Bucht mit rötlichem Korallensand und Erdnestern ihm unbekannter Vogelarten.

»Da hinunter, Vogel —«, sagte Bäcker. »Wohnst du dort? Du hast mich besucht — machen wir bei dir einen Gegenbesuch.«

Auf dem Weg zur Bucht, der sanft den Hang hinabführte, durchbrach er Mangrovengebüsch, entdeckte Yam- und Tarowurzeln und erinnerte sich daran, daß man sie essen konnte und daß sie von gutem Geschmack waren. Er kam an Flächen von Tiare- und Frangipani-Blumen vorbei und atmete den starken, aufreizenden Geruch der Essenzpflanzen ein und die verschwenderische Süße des Hibiskus.

»Aber kein Wasser!« sagte Bäcker zu dem Albatros. »Siehst du Wasser, Vogel? Eine Quelle? Einen Bach? Nichts! Vielleicht irgendwo dort hinten auf der anderen Seite? Wir werden sehen. Zuerst in diese Bucht und zu den Felsen. Ein böser Felsen. Er ist wie ein Messer, das man in die Insel gestoßen hat.«

Das Wasser floß träge heran und spülte müde über den rötlichen Korallensand. Scharen von Vögeln bedeckten den Strand, und sie flogen nicht auf, als Bäcker am Waldrand erschien, sie drehten nur die Köpfe zu ihm und starrten ihn an. Sie kannten keinen Menschen, sie hatten keine Feinde. Sie hatten nie die Furcht gelernt, es waren glückliche Geschöpfe.

Das flache Wasser, von der Sonne erwärmt wie eine Brühe, wimmelte von Fischschwärmen. Hier war es nicht nötig, sie aus der See zu stechen oder mit einer Angel zu überlisten, man griff nur ins Wasser, und sie schwammen einem in die Hände wie im Märchen vom Schlaraffenland.

Bäcker ging ein paar Schritte ins Meer hinein. Von den Felsen wuchsen wundersame Gebilde in die See und ließen die anrollenden Wellen brechen. Myriaden von Korallentierchen hatten hier in Jahrmillionen bizarre Türme und Bögen aufgehäuft, steinerne Gärten von zauberhafter Filigranarbeit. Aber sie waren gefährlich. Ihre Oberfläche war wild gezackt, und die Spitzen scharf wie Messer. Wen das Meer in seiner Wut hier dagegen warf, dessen Körper wurde zerrissen, als würde man ihn über ein Nagelbrett ziehen.

Bäcker blieb im seichten Wasser stehen. Die Fischschwärme umringten ihn. Glitzernde, pfeilschnelle Leiber schossen an seinen Beinen entlang, und die Vögel umkreisten ihn mit ahnungsloser Vertrautheit.

»Ist das hier wirklich das Paradies, Vogel?« fragte Bäcker. Er fing mit der Hand einen Fisch, hielt den zappelnden Leib in die Sonne und warf ihn dann zurück ins Meer. »Arme Natur, es wird sich alles ändern! Ein Mensch ist gekommen!«

Es fing damit an, daß Bäcker ungewöhnlich große Vogeleier sammelte, wie er sie bisher noch nicht kannte — vielleicht waren es sogar Albatroseier —, mit dem Speer ein Loch hineinbohrte und eines austrank. Es schmeckte etwas herb, fischig, und er sagte sich, daß man sie besser braten oder kochen müsse. Dann nahm er einen Pfeil aus dem Köcher, legte ihn auf die Nylonschnursehne, spannte den Bogen und schoß auf ein entenartiges Tier, das nahe an ihm vorbeiflatterte. Er traf es gleich beim erstenmal. Es stürzte in den Sand, und es war das erste Blut, das durch Menschenhand auf dieser Insel floß.

Nach vier Stunden — es war sein längster Ausflug, und er wunderte sich, daß sein Bein das aushielt — humpelte er durch den Wald zu seiner Hütte zurück, nahm die Ente aus, rupfte sie, würzte sie mit Meersalz und briet sie an einem Bambusspieß.

»Du hast es vorher gewußt, Vogel«, sagte er zu dem Albatros, der mit vorgestrecktem Kopf das gebratene Fleisch roch, wenn er überhaupt riechen konnte. Auch das war neu auf der Insel … der Geruch von über dem Feuer gedrehtem Fleisch. »Kokospalmen, Bambus, Dornen, das Meer, die Sonne, der Himmel, Blumen, ein rundes, volles Paradies — aber kein Süßwasser! Daran muß man sich gewöhnen, das muß man erst verkraften, Vogel. Alles hier lebt nur vom Regen. Wir sind vollkommen in Gottes Hand. Darauf muß man sich einstellen. Ein Leben durch Gnade …«

Aber die Gnade blieb: Es regnete. Jeden Tag oder jeden zweiten Tag, dann blieb der Regen vier Tage aus, aber es war immer genug, um mit der Gummiinsel das Wasser aufzufangen, die Plastikbeutel und den Kanister zu füllen. Die Gummiinsel hing jetzt aufgespannt an acht starken Pfählen, und Bäcker nannte sie »mein Wasserwerk«.

Mitte August konnte Bäcker frei, ohne Stock, gehen. Nur ab und zu stützte er sich auf seinen Speer und streckte das zusammengeheilte linke Bein voll aus. Da erst merkte er, daß er hinkte. Mit dem Zollstock maß er seine Beine nach, von der Ferse bis zum Hüftgelenk, dann hatte er Klarheit: Das linke Bein war zwei Zentimeter kürzer geworden.

»Damit wirfst du mich nicht um, Knochen!« knurrte er. »Ist das deine ganze Rache? Billig, Knochen, billig! Was sind zwei Zentimeter. Ich werde mir eine dicke Holzsohle schnitzen und sie mir unter den Fuß binden. Du machst dich lächerlich, Knochen —«

Er hatte sich in den langen Tagen angewöhnt, immerzu und mit allem, was ihm begegnete, zu sprechen. Er redete mit dem Wind und dem Meer — das er allerdings nur beschimpfte —, mit dem Sand und den Bäumen, den Blumen und den Fischen, seinen Gliedmaßen und den Kaurimuscheln, seinem Freund, dem Albatros, und dem Regen, der ihn am Leben hielt, seiner Hütte und seinem Bett, seinen Pfeilen und seinem Speer. Es war die einzige Möglichkeit, nicht zu verblöden.

Solange er an der Arbeit war und seine Hütte und seine Möbel baute, war der Rhythmus seiner Bewegungen Sprache genug, und selbst da sprach er mit dem Beil und dem Hammer, der Zange und den Nägeln; aber wenn er dann herumsaß wie ein reicher Faulenzer vor seiner Bambushütte und unter dem Palmblätterdach, fehlte ihm der Ton einer menschlichen Stimme im Konzert aus Meeresrauschen, Windgebläse, Vogelschrei und Ästeknarren. Dann sprach er mit seinem Paradies wie mit einer Gesellschaft von Menschen; später, mindestens einmal am Tag, sang er laut, aus voller Brust, im Sand stehend, Sonne, Himmel und Meer als Zuhörer. Zuerst sang er Volkslieder, dann Operettenlieder und am Ende Opernarien, ab und zu auch Schlager, aber in dieser herrlichen, grandiosen und verdammten Einsamkeit klangen sie ausgesprochen blöd. Er fand, daß Arien wie »Land, so wunderbar« oder »Im fernen Land, unnahbar euren Schritten …« oder vor allem »Dich, teure Halle, grüß ich wieder …« am besten klangen. Von allen Arien kannte er nur den Anfang des Textes und sang dann mit lalala weiter, später machte er einen eigenen Text dazu und dachte: Den sollte man vorschlagen zur Opernerneuerung. Das sind Worte, die aus dem vollen kommen.

Wenn er sang, war er selbst ergriffen von seiner Stimme, deren Wohllaut er erst jetzt entdeckte. Er hatte sich nie darum gekümmert … Er hatte Häuser entworfen und gebaut, Geld verdient und das Leben genossen, aber nie gesungen. Jetzt hörte er, daß er etwas verpaßt hatte.

Im August baute er seine einsamen Darbietungen aus. Er stellte regelrechte Programme zusammen und gab abends Konzerte und Rezitationsvorstellungen. Er begrüßte seine Zuhörer, sang ein ganzes, ausgewähltes Programm herunter, deklamierte Balladen von Schiller, Goethe und Uhland und spielte einmal sogar den Wilhelm Teil, so gut er die Handlung im Kopf hatte. Den großen Monolog vor Geßlers Tod konnte er noch von der Schulzeit fast vollständig auswendig, den anderen Text dichtete er dazu und durchsetzte ihn mit Schillerzitaten aus anderen Dramen. So hielt er sich geistig beweglich und trainierte nicht nur seine Muskeln.

»Nichts ist schlimmer, als völlig allein zu sein«, sagte er dem Albatros nach einem ‘Opernabend mit Verdi-Melodien’. »Es ist alles Blödsinn, was man von der ‘göttlichen Ruhe’ sagt. Ein Mensch ganz allein auf einer leeren Welt würde verrückt. Es wäre die armseligste Kreatur überhaupt. Aber wir sind hier besser dran, Vogel: Du bist da, tausend Geräusche sind um uns — wir werden nicht verrückt, Vogel!«

17

Immer wenn ein Sturm das Meer hob und donnernde Schlünde aufriß, wenn die Wogen gegen die Insel anrannten und die Palmen sich bogen wie Riesenähren, wenn der Strand im heulenden Wasser versank und der Gischt bis vor die Hütte spritzte, der Himmel zerplatzte und die ganze Welt nur ein wimmernder Aufschrei war, nahm Bäcker die Herausforderung der Natur an.

Dann stand er draußen im Orkan, umklammerte zwei tief in die Erde gerammte Pfähle, ließ den Wind über sich herfallen und starrte in das mordende Meer. Es waren für ihn die Stunden des Requiems, dann dachte er an Viktoria und die Kinder, dann weinte er und brüllte dem anschäumenden Wasser zu: »Du Mörder! Du Mörder!« Und immer von neuem begriff er gerührt das Wunder, daß er noch lebte.

Auch an diesem Tage — in der Mitte des August — war es so. Eine Sturmwand war aus dem Meer aufgestiegen, brauste über die Insel hinweg und versuchte erneut, das kleine Paradies zu zertrümmern. Bäcker bezog seinen Kampfplatz zwischen den starken Pfählen, beschimpfte das Meer und brüllte gegen den Sturm und war erleichtert wie nach einem befreienden Kotzen, als der Wind sich legte und er wieder zurück in seine Hütte kriechen konnte.

»Mich wirfst du nicht mehr um, Natur«, sagte er stolz. »Ich bin zu einem Felsen gebacken worden.«

Der nächste Morgen stieg aus dem stürmisch bewegten Meer wie ein Schöpfungstag, der Boden dampfte in der Sonne, der große, stille Vogel strich von den Klippen herüber, aber er ließ sich nicht wie sonst vor der Hütte nieder und begrüßte wie jeden Morgen seinen Menschenfreund mit leisem Schnabelklappern, sondern zog einen weiten Bogen unter dem Himmel, strich am Ufer entlang und drehte dann ab aufs Meer.

»Nanu, Vogel!« rief Bäcker ihm nach. »Wohin denn? Hat dich der Sturm verrückt gemacht? Der Frühstückstisch ist gedeckt. Komm, Vogel!«

Er hinkte hinunter zum Strand, fand in der Brandung jede Menge Äste und Tang, ein paar Schildkröten und tote Fische und erkannte weiter draußen, jenseits der Uferströmung und der schmalen Korallenbarriere, einen tanzenden Fleck im Meer. Die Wellen spielten mit ihm, warfen ihn vor sich her, bis er so nahe war, daß er Gestalt annahm. Es war eine in der Sonne schimmernde, silberne Scheibe, ein merkwürdiges Ding, ähnlich einem großen, mit Metallfarbe bestrichenem Brett. Es trieb mit der Strömung, das es jetzt erreicht hatte, an der Insel entlang, von der laufenden Ebbe zurückgehalten — ein rätselhafter Gruß von irgendwoher.

Wäre Flut gewesen, hätten die Wellen es über die Korallenbänke hinweg an den Strand geworfen, so aber lief Bäcker eine Weile am Ufer neben dem blinkenden Ding her, zur anderen Inselhälfte hin, die er noch nicht erforscht hatte und wohin er am nächsten Montag — nach Viktoria-Zeit — zu einer Expedition aufbrechen wollte. Der Strand zog sich anscheinend wie ein Kranz um die Insel — von der Höhe des Hügels aus hatte er es nur in Andeutungen gesehen —, ein Sandkragen gewissermaßen, den nur der nackte, dunkle Felsen links von ihm durchschnitt.

Meine Insel ist eine runde Sache, dachte er. Ein abgeschliffener Kiesel im Meer. Und auf so etwas lebe ich nun. Verdammt, es lebt sich gut darauf.

Er blickte zurück. Seine Hütte war nur noch ein Tupfer im gelben Sand, die ausgespannte Gummiinsel ein orangefarbener Klecks. Der Albatros war auch wieder da, hüpfte vor ihm her, blieb ab und zu stehen, plusterte sein Gefieder, breitete die Flügel aus wie Arme und benahm sich sehr nervös.

Halt, konnte das heißen. Nicht weiter. Kehr um, mein Freund!

Bäcker ging weiter. Das glitzernde Ding verschwand, die Strömung war schneller als er, aber dann hieb es gegen ihn wie ein Schlag. Er blieb stehen und glaubte nicht, was er sah.

Vor ihm, aus dem Meer kommend, waren Eindrücke im noch feuchten Sand. Deutliche Spuren, tief in den Sand getreten. Daneben eine breite flache Spur, als ob man jemanden über den Strand geschleift hätte.

Menschenfüße.

»Das ist doch nicht möglich«, sagte Bäcker. »Vogel, ich werde wahnsinnig. Sag, daß ich verrückt bin! Ich sehe Menschenspuren. Hier auf meiner Insel. Sie kommen direkt aus dem Meer. Das gibt es doch gar nicht. Hier bin ich doch allein auf der Welt!«

Er sah sich um, kniete nieder, untersuchte die Eindrücke und stellte fest, daß es keine nackten Füße gewesen waren, sondern Abdrücke von Männerschuhen. Vom Meer zum Land, und daneben eine Schleifspur.

Das elektrisierte ihn geradezu. Er sprang auf, legte einen Pfeil auf die Bogensehne, klemmte den Speer unter die linke Achsel und ging langsam den Spuren nach. Vor ihm, etwas höher gelegen, unterhalb der kranzförmigen Böschung, hatte die Natur begonnen, den Sand zu erobern. Büsche wuchsen hier, dorniges Gestrüpp, kleine, windzerzauste, armselige Palmen. Der Wald hatte zur Eroberung der Einsamkeit angesetzt und klammerte sich im Boden fest.

Der Albatros blieb stehen, spreizte wieder die Flügel und hielt Bäcker damit auf. Er vertrat ihm regelrecht den Weg und streckte den Kopf mit halbgeöffnetem Schnabel vor.

»Ich weiß, Vogel —«, sagte Bäcker leise. »Das ist eine mistige Entdeckung. Aber wir müssen das klären. Viktoria-Eiland gehört mir!«

Nach ein paar Schritten hörte er plötzlich Stimmen. Unartikuliert, lallend, als stieße jemand Töne aus, nur der Töne wegen.

Bäcker duckte sich, winkte dem Vogel, daß er zurückbliebe, und schlich nach vorn gebückt, den Bogen gespannt, auf die Buschgruppe zu, die sich zwischen Böschung und Meer geschoben hatte.

Die Stimme wurde deutlicher, eine männliche Stimme, von Schwäche überwältigt, unterbrochen von Keuchen und Husten.

»Leben Sie?« fragte die Stimme. »Geben Sie Antwort! Sie sind gerettet. Verdammt, ich weiß nicht, ob Sie wirklich noch ohnmächtig sind. Sie sind zäh wie eine Katze. Sie überleben alles! Wachen Sie endlich auf, Sie können nicht immer so daliegen. Glauben Sie, ich lasse Sie einfach wegschwimmen? Das wäre zu ungerecht gewesen. Vor einem Mord kann man nicht einfach davonschwimmen. Wachen Sie auf!«

Die Stimme ging wieder in Keuchen über. Der Mann hustete, spuckte aus, Sand knirschte — jetzt will er aufstehen, dachte Bäcker —, aber er fiel schon nach der ersten Bewegung wieder in sich zusammen.

Bäcker blieb in seiner Deckung jenseits des Busches. Das Wort »Mord« hatte ihn zusammenzucken lassen. Er drehte sich nach dem Albatros um. Der Vogel stand dicht hinter ihm, unbeweglich, mit hängenden Flügeln. Es ist merkwürdig, dachte Bäcker. Kaum ist ein Mensch da, fällt das Wort Mord. Es scheint an ihm zu kleben wie sein Geruch.

Er legte den Bogen in den Sand, umklammerte seinen Bambusspeer und bog ganz langsam die Zweige auseinander.

Im Sand, zum Schatten hingekrochen und geschleift, ohne ihn erreicht zu haben, lagen ein Mann und eine Frau. Sie trugen Schwimmwesten umgeschnallt, von denen noch das Wasser troff. Der Kopf der Frau lag in den Sand gewühlt, ihr schwarzes Haar klebte um ihr Gesicht wie verbrannter Tang. Der Mann lag auf dem Rücken und hatte die Arme ausgebreitet, als wolle er sich der Sonne ergeben. Er war mittelgroß und breitschultrig, sein Haar war streichholzkurz geschnitten. Hemd und Hose waren so zerfetzt, daß man die breiten Muskeln deutlich sehen konnte. Ein paarmal hob der Mann den Kopf, man merkte, wie große Mühe er damit hatte, er sah die Frau an und fiel dann wieder in den Sand zurück. Wie große, umgekippte Schildkröten lagen sie, die Sonne brannte ihre verzerrten Gesichter aus, und wenn sie hier liegenblieben, würden sie verdunsten wie Quallen.

»Geben Sie Antwort —«, sagte der Mann mühsam. »Sie stellen sich nur tot! Ich weiß, daß Sie leben. Leider —«

Die Frau rührte sich nicht. Der Mann versuchte, sich auf den Bauch zu wälzen. Es gelang ihm, er kroch zu der Frau, faßte ihre Arme und begann mit sinnlosen, schwachen Wiederbelebungsversuchen. Nach viermaligem Pumpen stöhnte er auf und klatschte kraftlos neben der Frau in den Sand.

Das war der Augenblick, in dem Werner Bäcker durch den Busch brach. Der Mann hob den Kopf, Entsetzen riß seine Augen auf, er stöhnte laut und wollte die Fäuste zur Abwehr heben. Was da vor ihm aufwuchs, war für ihn wie eine Geistererscheinung. Ein Wesen, das aufrecht ging, eine Gestalt von menschenähnlichen Maßen, aber sonst nichts Menschliches mehr … ein gegerbtes, von wilden Haaren überwuchertes Gesicht, ein Riese, von unten betrachtet, ein Fossil aus der Vorzeit.

Der Mann versuchte noch einmal, die Arme zur Abwehr hochzuwerfen, aber sie bewegten sich nicht mehr, sie zuckten nur noch.

»Oh!« stöhnte der Mann. »Oh! Oh!« Immer nur: »Oh!« Mehr hatte das Grauen nicht übriggelassen. Dann fiel er in Ohnmacht.

Bäcker atmete schwer. Die Begegnung mit zwei Menschen auf seiner Insel hatte ihn mehr mitgenommen, als er erwartet hatte. Er ließ sich erschöpft neben den beiden Ohnmächtigen in den Sand fallen und betrachtete die Frau vor sich.

Sie war sehr schön. Zwischen den langen schwarzen Haaren, die das Gesicht verklebten, sah er ihren Mund. Volle, weiche, sensible Lippen.

Die Frau trug ein dünnes Kleid, das durch die Nässe eng an ihrem schlanken Körper klebte, die Brüste und die weichen Rundungen der Schenkel zeichneten sich deutlich ab. Es ist dumm, sie so anzusehen, dachte er. Sie braucht Hilfe, aber wie sie so vor mir liegt, ist es merkwürdig, daß es in all den Wochen auf der Insel hundert verschiedene Dinge gegeben hat, an die man dachte, die man ersehnte, die man vermißte — nur an eine Frau habe ich nie gedacht. Doch ja, an Viktoria habe ich gedacht, es waren traurige Momente. Aber wie diese fremde Frau jetzt vor mir liegt, wäre es ein neues Erlebnis, sie zu berühren und die Linien ihres Körpers mit den Händen nachzuzeichnen.

Bäcker erhob sich, hob die Frau aus dem Sand und trug sie zu seiner Hütte. Sie war schwerer, als er gedacht hatte. Er hielt ein paarmal an, erholte sich, wunderte sich, daß sein Knochen das mitmachte, warf dann den zierlichen Frauenkörper über die Schulter und spürte ihre mädchenhafte Brust an seinem Rücken, umklammerte ihre langen schlanken Beine — Antilopenläufe, dachte er völlig sinnlos — und stampfte weiter durch den Sand. In der Hütte legte er sie auf die Decke, strich die Haare von ihrem Gesicht und bewunderte wieder die Feingliedrigkeit ihres Körpers.

Verrückt, dachte er. Kaum ist eine Frau da, verändern sich alle Gedanken. Wir müssen jetzt lernen, auf Viktoria-Eiland zu dritt zu überleben. Es wird nicht einfach sein. Das bedeutet dreifaches Wasser, dreifaches Essen, dreifaches Wohnen und dreifach die Chance, sich von der Verzweiflung anstecken zu lassen. Eine Frau wird nie die Nerven haben, Einsamkeit zu ertragen.

Er trocknete ihr schmales Gesicht, kämmte mit seinen gespreizten Fingern die nassen Haare nach hinten, betrachtete wieder ihren Körper und rang erneut gegen den Gedanken, daß er einen weiblichen Körper vermißt hatte, aber es bisher nie wissen wollte.

Er riß sich von dem Anblick los, hinkte zurück zu der Buschgruppe am Strand und überlegte, was er mit dem Mann machen sollte. Er würde ihn nie tragen können, und ihn an der Schwimmweste durch den Sand zu ziehen war eine viehische Anstrengung, die ihn selbst umwerfen mußte.

»Machen wir es so, Vogel —«, sagte er zu dem Albatros, der aufgeregt hin und her lief und mit dem Schnabel klapperte. »Er ist ein Mann und muß die Zähne zusammenbeißen können.«

Er brach einige große Farne ab, steckte sie in den Boden und schuf damit ein bißchen Schatten, in den er den Mann hineinzog. Er legte noch ein großes Palmblatt über das mit Salz überkrustete Gesicht und lief dann zurück zur Hütte.

Mehr konnte Bäcker nicht tun. Er hatte für ihr Leben und für Schatten gesorgt. Dem, was jetzt folgte, stand er mißtrauisch gegenüber.

»Sie werden Hunger haben, wenn sie aufwachen«, sagte er zu dem Vogel. »Und einen Mordsdurst. Der letzte Regen war gut, wir haben genug Wasser für uns alle.«

Er briet vier Fische an einem Stecken über dem Feuer, kühlte einen Beutel mit Wasser, indem er ihn an einem Strick, befestigt an einem dicken Ast, hin und her pendeln ließ, ein guter Trick, denn der Luftzug, den die Schwingungen erzeugten, wirkte wie eine Kühlung.

Dann wartete er. Sah die Frau, lauschte zum Strand hin, ob er den Schritt des Mannes hörte, tippte an die Stirn, als der Albatros wie ein Kind zu jammern begann.

»Stell dich nicht so an«, sagte er leise. »Wir bleiben Freunde. Ob diese Menschen unsere Freunde werden, ist noch gar nicht sicher …«

18

Die Frau war die erste, die erwachte.

Sie blieb liegen, hob nicht einmal den Kopf, nur ihre großen dunklen Augen bekamen Leben und sahen Bäcker an. Er merkte das erst, als er den vierten Bratfisch vom Stecken nahm und auf die Holzplatte legte, die er als Teller benutzte.

»Wer sind Sie?« fragte sie.

Sie hatte eine dunkle, warme Stimme, die gar nicht zu ihr paßte. Sie hätte kindlich klingen müssen, so zart wie ihr Körper war, so feingliedrig wie Hände, Füße, Brüste — wie ihr Körper unter dem nur langsam trocknenden, wie eine zweite Haut anliegenden geblümten Kleid. Sie sprach englisch, aber sie war keine Engländerin. — Bäcker hörte das sofort. Er selbst sprach englisch auch nicht wie ein Engländer, und Viktoria hatte es fast genauso gesprochen wie diese Frau. Es war ein Zwischenklang darin, der ihm vertraut war.

»Ich heiße Werner Bäcker —«, sagte er auf deutsch. Es war eine Eingebung. Natürlich kann sie kein Deutsch, dachte er. Sie könnte eine Französin sein dem Typ nach, aber sie sprach englisch, also wiederholen wir es so. »I am Werner Bäcker«, sagte er noch einmal. Und er freute sich, als die Frau schwach lächelte.

»Ein Deutscher. Hier ein Deutscher! Alles ist verrückt auf der Welt, nicht wahr?«

Jetzt sprach auch sie deutsch, und Werner Bäcker war nicht einmal erstaunt darüber. Hier verlernt man das Sich-Wundern, dachte er bloß.

»Sie auch?« fragte er. »Natürlich … es ist total verrückt. Mitten im Pazifik auf einer unbewohnten Insel sprechen zwei Menschen deutsch.«

»Ich heiße Anne Perkins.« Die Frau stützte sich auf die Ellenbogen, richtete sich auf, lehnte sich gegen einen der Hüttenpfosten und legte die Hände gegen die Blendung des Meeres über die Augen. Bäcker kniete vor ihr, tauchte einen Lappen in ein Holzgefäß mit Wasser, wusch ihr das letzte Salz vom Gesicht und legte dann den Lappen auf ihre Augen. Sie hielt still, streckte ihm den schmalen Kopf entgegen wie ein Kind, das gewaschen wird, preßte auch wie ein Kind die Lippen aufeinander und kniff die Augen zusammen, als Bäcker mit dem Lappen, die Salzkristalle aus den Augenwinkeln holte. Und wie ein Kind lächelte sie, als sie hinterher sagte:

»Fertig?«

»Ja. Lassen Sie das Tuch über Ihren Augen. Gewöhnen Sie sich an die Helligkeit. Diese Sonne ist schrecklich und macht blind. Ich habe zehn Wochen gegen sie gekämpft, bis wir uns aneinander gewöhnten. Jetzt geht es.«

Sie nickte, preßte mit beiden Händen den Lappen auf die Augen und saß da mit zurückgelegtem Kopf. Das Kleid spannte über ihren Brüsten … es waren schöne, jugendliche Brüste, rund und fest.

»Ich heiße Perkins«, sagte sie, »aber geboren bin ich in Düsseldorf. Damals hieß ich Hartmann. Annamaria Hartmann.«

»Annamaria —«, sagte er und legte die Hände aneinander. Er wußte plötzlich nicht, was er mit ihnen beginnen sollte. »Wie schön —«

»Wie kommen Sie hierher?« fragte sie.

»Wie Sie, Annamaria. Dieses verfluchte Meer! — Ich hatte mal ein Schiff, eine Frau und drei Kinder. Dann kam der Sturm. Er zerschlug alles, nur mich nicht. Als ich am Strand dieser Insel aufwachte, mit einem zerbrochenen Knochen, der mich wochenlang töten wollte, war ich allein.«

»Eine schreckliche Geschichte.« Sie schwieg, nahm das Tuch von den Augen und sah ihn an. Ihr Blick war von einer Sanftheit, die ihn zerstörte. Er wich den Augen aus und goß Regenwasser aus dem gekühlten Plastikbeutel in eine kleine Schüssel aus Palmholz. »Wir saßen in einem Flugzeug, als der Blitz einschlug. Das Flugzeug stürzte ins Meer und zerplatzte. Shirley und ich schwammen in einem Teil des Rumpfes herum. Wir hatten gerade noch Zeit, die Schwimmwesten umzulegen. Damit erreichten wir einen Teil des Flügels, er trug uns wie ein Floß … und kurz darauf versank auch der Rumpf.«

»Das blinkende Ding da draußen auf der See war also ein Stück vom Flugzeugflügel? An alles hätte ich gedacht — aber ein Flugzeug hier im vergessensten Winkel der Erde?« Bäcker reichte ihr die Schüssel mit Wasser. Sie trank, und er sah, wie es ihr guttat. »Und die Haie?« fragte er.

»Wir haben nie daran gedacht.« Sie stellte die Schüssel ab und sah ihn wieder mit den sanften Augen an. Es ist schrecklich, dachte er. Ich lege ihr das Tuch wieder über das Gesicht. Man muß diese Augen zudecken, sie machen einen verrückt. Diese großen, runden, braunen, sanften Rehaugen.

»Wir hatten gar keine Zeit, daran zu denken«, sagte sie weiter. »Erst als Shirley das Ufer sah und mir zuschrie: ‘Jetzt kann uns kein Hai mehr fressen!’ fing ich vor Angst an zu schreien.«

»Er heißt also Shirley?« fragte Bäcker und blickte hinüber zu der Buschgruppe. Dort rührte sich noch nichts. Er ist umgefallen wie ein gefällter Baum, dachte Bäcker. So ein Kerl mit Muskeln wie ein Stier. Es werden noch viele Probleme auf uns zukommen. »Ihr Mann?«

»Ich heiße Perkins.«

»Shirley kann ein Vorname sein.«

»Er heißt Paul Shirley. Mein Mann hieß Yul. Er ist tot.«

»Dieses verdammte, dreimal verdammte Meer!«

»Nein, er ist nicht ertrunken. Yul starb schon früher.« Sie nahm die Haare mit den Händen und warf sie nach hinten über den Rücken. »Vor einem halben Jahr …«

»Ist Paul Ihr Freund?«

Die Frage tat ihm weh, schmerzte im Herzen, und er nannte sich einen Idioten.

»So kann man das nicht nennen«, sagte sie. »Aber er paßt auf mich auf. Er wird es Ihnen schon erklären, wenn er kommt.« Sie schielte zu dem Holzteller. Der Duft des gebratenen Fisches war köstlich. »Kann ich einen Fisch essen?« fragte sie.

»Natürlich! Ich habe sie für Sie und Shirley gebraten.«

Er gab ihr einen Fisch, heiß von der glühenden Holzasche. Sie wußte nichts damit anzufangen, sah ihn bittend an, und er zeigte ihr, wie man einen Bratfisch in beide Hände nimmt und von ihm abbeißt, das saftige Fleisch von den Gräten zieht, ganz so, wie man an einem Maiskolben oder an einem Hühnerbein nagt.

Sie lachte dunkel, biß in das duftende Fleisch und aß. Dabei war es, als blühten ihre Lippen auf.

Bäcker schien es, als höre er draußen Schritte. Er stand auf und ging aus der Hütte. Paul Shirley kam vom Strand herauf. Er schien die Gefahren der Sonne zu kennen, hatte sich ein Stück vom Hemd abgerissen und hielt es vor seine Augen. Anne kam aus der Hütte, setzte sich in den Schatten des Blätterdaches und nagte weiter an ihrem Fisch.

Shirley blieb stehen, lüftete das Tuch etwas von seinen Augen und blickte auf den vor ihm stehenden Bäcker und dann hinüber zu Anne Perkins.

Sie hatte jetzt den Fisch gegessen, warf die Gräten weg und schabte im Sand das Fett von ihren Händen.

»Entschuldigen Sie —«, sagte Bäcker. »Ich mußte Sie liegen lassen. Sie waren zu schwer, um Sie wegzutragen.«

»Schon gut.« Shirley nickte. »Ich bin froh, daß ich nicht mehr mit dieser Frau allein bin.« Er deutete mit dem Kopf zu Anne. »Sie haben mit ihr gesprochen?«

Er sprach leise, sein Atem roch nach Salz.

»Ja.«

»Eine faszinierende Frau, nicht wahr?«

»Ich weiß es nicht.« Bäcker ärgerte sich, daß sein Herz rascher schlug. Ich habe es geahnt, dachte er. Er ist ein unangenehmer Mensch. »Vielleicht …«

»Bestimmt sogar!« Shirley lächelte grimmig und drückte den Hemdfetzen wieder gegen seine Augen. »Sehr faszinierend … und sie ist eine Mörderin.«

»Danach sieht sie nicht aus«, sagte Bäcker. Er wunderte sich, daß ihn die Mitteilung weder erschreckte noch tiefer ergriff. Sie ist eine schöne Frau, dachte er bloß. Weiter soll sie auch nichts sein. Was interessiert mich, was gewesen ist! Hier ist ihr altes Leben zu Ende, und das neue fängt gerade an. Auch dieser Paul Shirley wird umdenken müssen.

Sie wurden unterbrochen. Der Albatros kam um die Hütte herum, wo er bisher vorsichtig gewartet hatte. Er schlug mit den Flügeln und klapperte aufgeregt mit dem Schnabel. Shirley riß seinen Lappen von den Augen.

»Das ist mein Freund«, sagte Bäcker und wies auf den Vogel. »Einen Namen hat er nicht. Er heißt einfach Vogel.«

Shirley schüttelte den Kopf. »Verrückt, einen Vogel zum Freund zu haben.«

»Manchmal ist ein Vogel wertvoller als ein Mensch. Wollen Sie auch einen gebratenen Fisch haben?«

»Nein … wenn Sie einen Schluck Wasser hätten … Ich kann jetzt nichts essen. Übrigens — die wenigsten Mörder sehen wie Mörder aus. Das wäre eine schöne Sache, wenn man es ihnen von der Nase ablesen könnte.«

Bäcker gab Shirley die Schale mit Regenwasser, und Shirley trank ein paar kräftige Schlucke.

»Eine fade Brühe —«, sagte er, als er die Schale zurückgab.

»Regenwasser. Hier auf der Insel gibt’s keine Quelle.«

»Es hätte mich auch gewundert. Wer in die Scheiße fällt, muß stinken.« Er blickte zu Anne Perkins hinüber, die regungslos unter dem Blätterdach saß.

»Sie hat einen Fisch gegessen«, sagte Bäcker.

»Da sehen Sie, was für Nerven sie hat. Bringt ihren Mann um, stürzt mit dem Flugzeug ab, schwimmt zwischen den Haien herum, wird an Land geworfen; ich denke, sie ist nun endlich tot, aber kaum ist sie an Land, geht sie zum Lunch und ißt, als sei sie im Claridge. Ich sage Ihnen: Was auch geschieht, sie verzieht keine Miene. Eine Maske, eine steinerne Maske! Als das Flugzeug abstürzte, auf dem Meer aufschlug, der Rumpf auseinanderbrach und vierzehn Menschen um sie herum ertranken, hat sie das nicht berührt. Sie hockte auf dem Rumpfende, band sich die Schwimmweste um und rief:›Los, Shirley, angeln Sie sich das Flügelstück da! Ertrinken können wir immer noch!‹ So eine Type ist sie.«

Shirley lehnte sich gegen die Böschung. Er hatte getrunken und fühlte sich frischer. Er stand jetzt im Schatten der hohen Palmen und atmete kräftig durch. »Geben Sie mir doch einen Fisch«, sagte er. »Der Salzgeschmack ist widerlich und geht mit dem Regenwasser nicht weg.«

Bäcker holte einen Fisch, und Shirley aß ihn, indem er ihn der Länge nach mit dem Fingernagel aufschlitzte und dann das helle, saftige Fleisch fast aufsaugte.

»Hat sie gestanden?« fragte Bäcker.

In seinem Nacken spürte er den Blick von Anne Perkins. Sie lag jetzt langgestreckt in der Sonne und ließ sich trocknen.

»Nein.« Shirley warf die Gräten weg, nachdem er sie gründlich abgenagt hatte. »Die gesteht nie!«

»Wer sind Sie überhaupt?« fragte Bäcker.

»Paul Shirley. Inspektor der Polizei von Papeete.«

»Sind Sie Deutscher?«

»Amerikaner.«

»Ein Amerikaner auf Tahiti, der so gut Deutsch spricht?«

»Meine Mutter war Deutsche. Ich bin auf Tahiti geboren. Zum Pflanzer, wie mein Vater einer war, hatte ich keine Begabung, da wurde ich Polizist. Ein ruhiger Job auf Tahiti. In fünf Jahren vierzehn Einbrüche und drei Morde. Alle drei Ritualmorde. Wissen Sie, da opfert man Jungfrauen, um den Regengott zu versöhnen. Eine leichte Sache, das aufzuklären. Die Menschen in der Südsee sind die ehrlichsten der Welt. Nur wo die Zivilisation hinkommt, werden sie versaut. Alkohol und unsere Doppelmoral — das bringt sie um! Man lebt als Polizist in Papeete, als sei man mit dreißig Jahren schon in Pension. Bis diese Anne Perkins auf Atuana ihren Mann Yul umbrachte. Ich wurde in Marsch gesetzt, um sie nach Papeete zu bringen. Und da muß auf dem Rückflug dieser Mistorkan kommen! Wo sind wir denn hier?«

»Auf Viktoria-Eiland, Shirley.«

»Nie gehört. Verflucht einsam hier, was? Unbewohnt?«

»Nein. Es wohnen drei Menschen auf der Insel.«

»Machen Sie keinen Blödsinn! Wie heißen Sie?«

»Bäcker. Werner Bäcker.«

»Drei Menschen? Wir also? Man wird uns suchen und finden.«

»Seit fast vier Monaten habe ich nichts von der übrigen Welt gesehen. Auch wenn man Teile des Flugzeugwracks findet, wird man Sie abschreiben, Shirley. Wer hier ins Meer fällt, ertrinkt, oder die Haie fressen ihn. Auf jeden Fall hat er aufgehört zu existieren. Da lohnt sich keine Suche.«

»Vielleicht haben Sie recht. Aber wir sind zu dritt, das ist viel wert. Was meinen Sie, Bäcker?«

»Eine seltsame, aber typische Mischung von Mensch, ein getreues Spiegelbild unserer Welt: ein Zerschlagener, eine Mörderin und ein Polizist. Wir könnten damit einen eigenen Staat gründen.«

»Sie haben einen verdammt unter die Haut kriechenden Humor, Bäcker. Ich will hier nicht mit Ihnen Robinson spielen — ich muß Anne Perkins nach Papeete bringen. Man wird ihr einen fairen Prozeß machen, aber der Ausgang ist klar.«

»Lebenslänglich, nicht wahr?«

»Oder die Todesstrafe. Für einen Mord aus Liebe oder Eifersucht hat ein französischer Richter immer ein weiches Herz, aber Anne hat ihren Mann aus Habgier umgebracht.«

»Das weiß man genau?«

»Die Indizien sind lückenlos. Was ist eigentlich los mit Ihnen, Bäcker?« Shirley trat einen Schritt zur Seite, von Bäcker weg. »Sie fragen wie ein Verteidiger im Kreuzverhör. Verdammt, ich wußte es, als ich aufwachte und das Weib war weg und bei Ihnen im trauten Heim: Es hat Sie umgehauen, als Sie Anne sahen. Was für eine Frau! Sie sieht unschuldig aus wie ein Engel von Botticelli. Aber dieser Engel hat seinem Mann den Hals durchgeschnitten, mit einem Malaiendolch. Dazu gehören Nerven, mein Lieber.«

Shirley hatte das Sprechen doch sehr angestrengt. Er legte sich in den Schatten unter die Palmen, breitete den Hemdlappen wieder über sein Gesicht, schob die Arme unter seinen Kopf und schien bequem zu liegen.

»Sie haben nicht zufällig einen Malaiendolch in Ihrem Gepäck?« fragte er sarkastisch.

»Nein. Ein Beil.«

»Das genügt auch. Wir sollten uns absprechen, Bäcker. Wenn der eine schläft, sollte der andere Wache halten. Die bringt es fertig und hackt uns beiden den Kopf ab. Auf Schutzengel ist nicht immer Verlaß.«

Er rückte sich zurecht, legte die Hände über den Bauch, atmete tiefer, und es schien, als sei er sofort eingeschlafen. Bäcker stand auf, ging zu dem glimmenden Feuer, holte einen Fisch aus der heißen Asche und aß ihn mit großer Nachdenklichkeit. Der Albatros stand vor ihm. Er hatte sich wieder beruhigt; in seinen Federn glänzte die Sonne.

»Hast du das gehört, Vogel?« fragte Bäcker leise. »Ein Polizist und eine Mörderin. So kommt die Zivilisation nach Viktoria-Eiland. Paß gut auf, du lernst — ein Glücksfall ist das nicht! — die Entwicklung einer normalen Welt kennen. Mit der Ruhe wird es jetzt vorbei sein, das kann ich dir versprechen. Du wirst die seltsamsten Lebewesen dieser Erde aus nächster Nähe beobachten können: die Menschen. Wetten, daß du froh sein wirst, ein Vogel zu sein?«

Er wusch sich die Hände mit Regenwasser und Sand, hinkte in seine Bambushütte, holte eine leichte Decke und ging zu Anne Perkins. Sie lag noch immer mit geschlossenen Augen im Sand. Die Sonne hatte ihr Kleid getrocknet, die Formen ihres Körpers verwischten sich wieder, aber Schenkel, Bauch und Brüste waren deutlich unter dem dünnen Stoff zu unterscheiden.

Sie lag ganz still, als Bäcker die Decke über sie breitete, aber sie schlief nicht. Er sah es sofort … ihre Lippen und die Lider zuckten.

»Sie sind durchgeweicht, Anne«, sagte er. »Die Sonne dörrt Sie aus. Sie ist nicht Ihr Freund, sie ist Ihr Feind. Alles hier ist Ihr Feind, nur der Regen nicht. Von ihm werden wir leben, von ihm allein! Sie sollten sich mit dem Regenwasser abspülen, Anne. Die Salzkruste auf Ihrem Körper wird Ihnen sonst schwer zu schaffen machen. Es wird heiß unter der Decke werden, aber das ist besser, als so direkt in der Sonne zu braten. Wollen Sie nicht in meine Hütte kommen?«

Er wartete auf ihre Antwort. Es dauerte lange, aber dann schüttelte sie den Kopf und sagte: »Nein.«

»Warum nicht?«

Sie rührte sich nicht, nur ihre schlanken Finger gruben sich in den Sand. Das bewies ihre angestaute Nervosität.

»Er hat Ihnen von mir erzählt?« fragte sie.

»Ja.«

»Er ist ein sturer, gefühlloser Mensch.«

»Als Polizist kann er sich keine Gefühle leisten.« Bäcker zog die Decke wieder weg. »Kommen Sie in den Schatten, Annamaria. Die Sonne ist für Sie tödlich.«

»Als ob das noch wichtig wäre …« Sie richtete sich auf, dehnte sich und hielt mit beiden Händen ihr Haar fest, in das der Wind fuhr und wie eine Piratenfahne, in hundert Stürmen zerfetzt, schwarz und glänzend um ihren Kopf wehen ließ. Ihr Körper beugte sich nach hinten, das Kleid spannte sich über den Brüsten, wie eine Bogensehne war der Leib, dem Wind entgegengereckt. »O dieses Leben«, sagte sie langsam. Es war ein herrlicher Satz.

Er ging voraus zu seiner Hütte und hörte, daß sie aufstand und ihm folgte. Unter dem Blätterdach, in der gedämpften Helligkeit, baute er aus einer zweiten Decke, seiner Schwimmweste und einem Handtuch ein zweites Lager auf dem mit Palmwedeln bedeckten Boden. Im Vergleich zu draußen war es hier drinnen kühl. Es atmete sich angenehm.

»Sie nehmen das Bett —«, sagte Bäcker. »Ich schlafe auf der Erde.«

Er ging hinaus, sah nach Shirley, aber der lag noch immer im Schatten unter den Palmen an der Böschung und schien fest zu schlafen. Als Bäcker zurückkam, lag sie auf seinem Bett, und er fand das ganz natürlich, es beglückte ihn sogar in seinem unruhig gewordenen Inneren.

»Sie hinken?« fragte sie.

»Ich hatte mir das Bein gebrochen, als ich hier an Land geworfen wurde. Oder vielmehr: Es wurde mir gebrochen. Der Knochen war gesplittert. Er wollte mich umbringen, dieser Knochen! Spitz wie eine Lanze war er und zielte auf die Oberschenkelarterie. Aber ich habe ihn besiegt. Es war ein verfluchter Kampf zwischen uns, doch schließlich gab der Knochen auf und heilte zusammen. Aber eines ist ihm doch gelungen: Er machte mein Bein um zwei Zentimeter kürzer. Einen Kampf ohne Spuren — das gibt es eben nicht.«

»Sie haben einen starken Willen, nicht wahr?«

»Es scheint so. Es gehört was dazu, mich umzuwerfen. Bisher habe ich es nicht gewußt, aber hier lernt man es.«

Sie richtete sich auf. Die großen braunen Augen, die ihr schmales Gesicht beherrschten, sahen ihn forschend an. Wenn man in diese Augen blickte, fragte man sich, warum man die Sterne bewundert mit ihrem kalten Gefunkel. Es gibt Schöneres.

»Glauben Sie, was Shirley sagt?« fragte sie.

»Was soll ich glauben?« fragte er zurück. Eigentlich gab es gar nichts zu fragen. Er hatte diesen Augenblick gefürchtet von dem Moment an, als ihm Shirley von Anne erzählte. Nun war es soweit, die Frage war da … es war sinnlos, auszuweichen. Sie würde immer wieder nachsetzen, es kam ihr auf seine Meinung an.

»Glauben Sie, daß ich meinen Mann umgebracht habe?« fragte sie prompt.

Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht.«

»Glauben Sie das?«

»So dürfen Sie mich nicht fragen, Anne. Das ist nicht fair. Shirley hat mir nichts Genaues gesagt. Nur so allgemein. Es reicht nicht, um sich ein Bild zu machen.«

»Aber es könnte möglich sein, nicht wahr?«

Er war verärgert. Sie sollte so nicht fragen, dachte er. Sie provoziert. Wenn er ja sagte, war es ein Urteil, eine Verdammung. Wenn er es verneinte, nahm er offen für sie Partei, aber auch das wollte er nicht. Er begriff ihre Gedanken. Sie suchte Schutz bei ihm, sie wollte ihn als einen Schild vor sich herschieben gegen Shirley. Was soll man tun, dachte er, Schönheit allein ist kein Beweis, keine Mörderin zu sein.

Es waren mistige Gedanken.

Er machte eine vage Handbewegung und setzte sich an seinen mächtigen Tisch. »Wir haben uns daran gewöhnt«, sagte er, »mit Unmöglichkeiten zu leben, die dann doch möglich werden. Der heutige Mensch ist kaum noch zu überraschen. Nehmen wir Sie, Anne. Wer Sie ansieht, würde schwören, daß Sie unmöglich eine Mörderin sind. Und dann kommt jemand und blättert Beweise auf den Tisch. Wie soll man da sich vorher festlegen? Das geht nicht gegen Sie, Anne, ich glaube Ihnen alles … aber auch Ihnen wird es kaum gelingen, mich zu überraschen, wenn es anders wäre.«

Eine Weile war Schweigen. Sie schien nachzudenken. Dann legte sie die Hände auf die kleine Brust, wie eine Buddhistin, die ihre Räucherstäbchen entzündet hat und nun mit den Ahnen und den Göttern allein ist. Ihr Blick sah durch Bäcker hindurch.

»Ich war es nicht —«, sagte sie. »Es ist alles so hoffnungslos, wenn einem keiner glaubt. Bitte, glauben Sie mir wenigstens, Werner. Ich bin keine Mörderin …«

19

Bäcker nahm sich vor, das alles nachzuprüfen.

Es hatte keinen Sinn, mit Anne darüber zu diskutieren, ob eine Frau, die schöne Augen hat, eine Mörderin sein kann oder nicht. Sie hat nicht mit den Augen gemordet, dachte er, sondern mit einem Malaiendolch ihrem Mann die Kehle durchgeschnitten. Dazu gehört mehr Härte, als Shirley und ich zusammen haben. Ich könnt’s nicht. Und was heißt das: die Augen?! Da sagt man, in den Augen spiegele sich die Seele, und vielleicht war das mal so, als der Mensch noch wirklich glaubte, eine Seele zu haben. Aber das hat sich alles geändert, man ist heute verdächtig, wenn man von Seele spricht, und noch nie hat es so viele Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten gegeben, die alle davon leben, daß keiner mehr weiß, ob er eine Seele hat.

Bis zum Abend vermied es Bäcker, mit Anne oder mit Shirley zu sprechen. Auch die beiden gingen sich aus dem Weg … Shirley ging zum Meer, besichtigte den Wald auf der Anhöhe und sah Bäcker zu, wie er Vogeleier suchte; Anne saß meistens unter dem Blätterdach, starrte über die See, sprach ein paarmal mit dunkler zärtlicher Stimme auf den Albatros ein, der neugierig und ohne Scheu vor ihr hin und her hüpfte, aber nicht näher als bis auf zwei Meter an sie herankam.

Nach der kurzen Abenddämmerung standen alle unschlüssig herum, bis Bäcker die Situation löste und in seine Hütte ging. Wenn Anne hinterherkam, war es gut. Sie auffordern wollte er nicht — er scheute die erneute Diskussion und ihre bohrende Frage: »Glauben Sie, daß ich meinen Mann umgebracht habe?«

Anne Perkins kam nicht in die Hütte. Sie legte sich unter die aufgespannte Gummiinsel, zog die Decke, die ihr Bäcker gegeben hatte, über sich, verkroch sich unter sie und schlief. Paul Shirley suchte sich einen Platz hinter der Hütte, von wo er Anne sehen konnte. Als er Bäcker in der Hütte rumoren hörte, klopfte er gegen die Bambuswand.

»He —«, sagte er leise. »Hören Sie mich, Bäcker?«

»Ja. Was wollen Sie, Shirley?«

»Wie ist das mit unserer abwechselnden Wache?«

»Blödsinn ist das! Was soll passieren?«

»Ich habe nicht gern meinen Kopf zwischen den Beinen liegen.«

»Das Beil liegt unter meinem Bett. Sie können ruhig schlafen.«

»Ruhig! Sie Gemütsathlet! Und wenn sie ins Meer rennt?«

»Was soll sie da?«

»Sich das Leben nehmen. Sie weiß, was sie in Papeete erwartet.«

»Es gibt schönere Todesarten, als sich von Haien zerfleischen zu lassen. Außerdem macht sie nicht den Eindruck, daß sie unbedingt darauf erpicht ist zu sterben. Das hätte sie beim Flugzeugabsturz leicht haben können —«

»Stimmt. Meine Nerven sind noch elektrisiert, Bäcker. Entschuldigen Sie. Schlafen Sie gut.«

»Sie auch, Shirley.«

Bäcker legte sich in sein federndes Bambusbett, aber es dauerte lange, bis er einschlief.

Natürlich kann sie ihren Mann getötet haben, dachte er. Was haben da schöne Augen und weiche Lippen zu sagen? Es ist unfaßbar, daß so eine Frau mit einem Dolch einem Mann die Kehle durchschneidet, mit diesen schlanken, feingliedrigen Händen, die man kaum zu drücken wagt. Vielleicht war es Notwehr, oder irgend etwas trieb sie dazu … Er drehte sich auf die Seite, ärgerte sich, daß er sich dabei ertappte, an Annes Schuld zu glauben, und klopfte mit den Fingerknöcheln an die Hauswand.

»Shirley?« rief er.

Aber Shirley schlief. Draußen rauschte das Meer … die Flut lief.

Mit diesem ewigen Rauschen kam auch über ihn der Schlaf.

Bei Sonnenaufgang erhob sich Bäcker und verließ seine Hütte. An der Böschung schnarchte Shirley … unter der Gummiinsel, völlig unter der Decke vergraben, lag Anne Perkins. Der Albatros wartete schon vor der Tür, sein Gefieder war naß, er hatte im Meer gebadet und seine Portion Fische gestoßen.

»Es wird verdammt unruhig werden, Vogel«, sagte Bäcker. »Gestern haben wir drei Menschen uns einander nur vorgestellt … aber heute werden wir uns kennenlernen.«

Er nahm Pfeil und Bogen, ging etwas abseits den Strand entlang zu den Felsen und Korallenriffen und schoß dort wieder einen entenähnlichen Vogel. Der Albatros, der ihn wie immer begleitet hatte, stieß einen Schrei aus und wandte sich ab, als sei er angewidert.

»Sei nicht ungerecht«, sagte Bäcker und zog den Pfeil aus der toten Flugente. »Du lebst auch von Fischen, die du aus dem Meer holst und noch lebend verschlingst. Stell dich nicht so an, Vogel!«

Er ging zur Hütte zurück, entfachte das mit Steinen und Blättern abgedeckte Feuer, indem er kräftig in die Glut blies und gleichzeitig trockene Zweige in die Asche steckte, sengte dann über der aufzüngelnden Flamme die Federn ab und nahm die Ente aus. Während er den Balg über dem Feuer drehte, blickte er über das ruhige, in der Morgensonne gleißende Meer und dachte an Anne Perkins. Er dachte immer an sie, er kam nicht davon los.

»Sie ist eine schöne Frau«, sagte er zum Meer hinüber. »Es ist merkwürdig, wie sich die Welt verändert, wenn plötzlich eine Frau auftaucht. Nicht daß ich mit ihr sofort schlafen möchte, nein, daran denke ich nicht. Und du brauchst dich auch nicht abzuwenden, Vicky. Dich und die Kinder vergesse ich nie. Wer kann euch vergessen?! Aber eine Frau, die plötzlich da ist, einfach nur so da, versteht ihr, ein schönes Lebewesen, etwas Atmendes, Sprechendes, Lachendes, Weinendes, ganz einfach etwas Schönes, kann alle Gedanken in eine neue Richtung lenken. Die Welt rundet sich wieder. Das ist eigentlich eine Erkenntnis von ergreifender Großartigkeit.«

Er blickte hoch. Ein Schatten fiel über den Federbalg des Vogels. Shirley stand da, breit, gedrungen, die Hände in den Hosentaschen, nur mit dem zerrissenen Unterhemd über der breiten Brust. Jetzt, da Bäcker ihn zum erstenmal richtig auf den Beinen sah, ausgeschlafen, sichtlich erholt, nicht mehr von der See aufgeweicht und entnervt, wirkte Shirley gar nicht wie ein Polizist, eher wie ein Kerl aus grauer Zeit, als man mit Steinhämmern und Meißeln Runen in Felsplatten schlug.

Der hat Kraft, dachte Bäcker. Seine Oberarme sind voller Muskeln, zwei runde Pakete. Man sollte sie nicht übersehen und schon gar nicht unterschätzen.

»Für eine Suppe?« fragte Shirley.

»Wenn Sie Nudeln dazu besorgen, Paul …«

»Mr. Holdson, der Laden um die Ecke, bekommt die neue Sendung erst nächste Woche herein.«

»Also braten wir den Vogel.«

Eine dumme Unterhaltung, dachte Bäcker. Was will er? Natürlich über Anne sprechen, was sonst? Warum aber die Umwege? Er mißtraut mir, das ist klar. Er glaubt, ich bin verrückt auf die Frau und warte nur darauf, sie im Bett zu haben. Und damit bin ich auch sein Feind, es geht gar nicht anders. Wir drei allein auf Viktoria-Eiland, das kann die Hölle sein. Drei Menschen, die da anfangen, wo Gott vor sieben Tagen aufgehört hat, und keiner von ihnen hat eine Chance, wegzulaufen. Wir müssen uns ertragen, mit unseren Lüsten und Leidenschaften, unserer Dummheit und unserem Haß.

Es gibt keine Paradiese, es gibt nur maskierte Höllen.

»Anne hat Ihnen gesagt, daß sie unschuldig ist?« fragte Shirley.

»Das ist ihr gutes Recht.«

»Sie behauptet das seit drei Monaten.«

»So lange sitzt sie schon in Haft?«

Shirley winkte lässig ab. »Hat sie Ihnen erzählt, wie alles gekommen ist? Die Sache mit dem blutigen Kleid, das ein Hund aus dem Garten gebuddelt hat?«

»Sie hat gar nichts erzählt, Paul. Es interessiert mich auch nicht.«

»Warum lügen Sie, Werner? Natürlich interessiert es Sie. Sie denken an nichts anderes. Sie werden ab jetzt jede Nacht davon träumen.«

»Also gut, wenn Sie durchaus wollen: Ja, es interessiert mich. Zufrieden?«

Bäcker nahm den Vogel vom Feuer, dehnte den Bauchschnitt aus und rieb das Fleisch von innen mit Meersalz ein.

»Sie sollten dort oben nach Bambussprößlingen suchen«, sagte er dabei und zeigte auf die Böschung. »Sie wissen doch, wie köstlich sie schmecken.«

»Ein Festmahl!« Shirley blieb in der Sonne stehen, breitnackig, gedrungen, mit Beinen wie kleine Säulen. »In der Zelle von Atuana hat sie Reis und gekochten Fisch bekommen. Drei Monate lang. Ich fürchte, sie wird sich den Magen verderben an diesem Luxusessen.«

»Heute ist Sonntag —«, sagte Bäcker. »Wußten Sie das?«

»Beim Himmel, nein! Führen Sie einen Kalender?«

»Ich will wissen, wie alt ich auf meiner Insel werde. Eine völlig egoistische Statistik.«

»Soll das heißen, daß Sie für immer hierbleiben wollen?«

Shirleys Stimme bekam einen härteren Klang. Er schien zu ahnen, daß mit seiner Rettung aus dem Meer die Schwierigkeiten erst begonnen hatten.

»Danach fragt mich keiner, Shirley. Ich bin hier, und ich sehe keine Möglichkeit, wie ich von hier wegkommen kann. Ich habe um alles und gegen alles gekämpft … nur diese eine Tatsache ist nicht zu besiegen.«

»Allein wird es nicht gelingen, da haben Sie recht. Aber jetzt sind wir zu dritt. Ich garantiere — wir kommen hier weg!« Shirley zeigte auf die Gummiinsel zwischen den acht Pfählen. »Damit zum Beispiel.«

»Sie hat auf dem Boden einen breiten Riß. Über drei Luftkammern hinweg. Mit Spucke kann man das nicht kleben. Oder haben Sie zufällig einen Plastikkleber in der linken Hosentasche?«

»Scheiße, Werner. Dann bauen wir uns ein Floß!«

»Eine pikante Situation, Shirley. Ein Polizist ist auf die Hilfe einer Mörderin angewiesen, um zu überleben. Ich finde, das Schicksal beweist einen teuflischen Humor.«

»Wieso? Sie haben ein Beil, eine Zange, einen Hammer, einige Nägel —«

»Ach! Sie haben meinen Werkzeugkasten untersucht?«

»Natürlich. Während Sie für Anne Enten braten, denke ich weiter. Ich muß doch wissen, womit ich rechnen kann. Vor Hunderten von Jahren haben die Papuas und die Malaien diese Inselwelt mit ihren Einbäumen und Flößen entdeckt. Sollten wir jetzt weniger erfindungsreich sein als sie? Sind wir dämlicher? Außerdem haben Sie eine Signalpistole. Das bedeutet schon 75 Rettung. Wir fangen morgen mit dem Floßbau an!«

»Das klingt alles sehr gut. Man merkt, daß Sie kommandieren gewohnt sind. Der stramme Inspektor Shirley aus Papeete.« Bäcker legte die Ente auf ein großes Palmblatt und deckte sie mit einem anderen Blatt zu. Mit Sand rieb er das Salz von seinen Handflächen. »Das Kommandieren haben Sie gelernt, aber nicht sehr viel Logik. Sie vergessen eins, Paul: Es ist mein Beil, es ist meine Zange, es ist mein Hammer —«

»Das spielt doch in dieser Lage gar keine Rolle mehr!«

»Und es ist meine Insel! Viktoria-Eiland. Ich habe diese Insel gefunden — vielmehr, sie hat mich gefunden —, ich habe sie erobert, ich habe sie in Besitz genommen, ich bin dabei, sie zu kultivieren. Sie war freies Land —«

»Es gibt kein freies Land auf dieser Welt, reden Sie keinen solchen Unsinn, Werner!« Shirley lachte grollend. Er ahnte bereits, worauf Bäcker hinaus wollte. »Alles ist aufgeteilt. Es gibt keine herrenlosen Flecken. Theoretisch gehört diese Insel, die zwischen den Marquesas und den Tuamotus liegt, zu Frankreich.«

»Theoretisch, Paul. Aber praktisch bin ich der Herr! Sie gehört mir — wer will sie mir wegnehmen? Die Grande Nation? Soll ich lachen? Sie und Anne sind Gäste in meinem Land, das sollten Sie begreifen. Und ich habe etwas gegen Gäste, die befehlen. Das erinnert mich zu penetrant an zivilisatorisches Gewohnheitsrecht.«

»Ich habe es geahnt!« Shirley blickte Bäcker verächtlich an. »Sie hängen bereits an Annes Rockschoß. Nein, Sie sind schon untern Rock gekrochen. In Ihrem Bett lag sie schon, allein … wann kriechen Sie dazu?«

»Ich werde Sie vorher um Erlaubnis bitten, Paul.«

»Die können Sie jetzt schon haben! Hopp hopp — hinein! Aber Sie werden mich nicht daran hindern, Anne nach Papeete ins Gefängnis zu bringen. Das ist mein Job, und darauf bin ich vereidigt.«

»Man hat einmal ein ganzes Volk auf einen Wahnsinnigen vereidigt, und keiner hat gefragt, ob es richtig sei. Später hat man dann die eingelocht, die geschworen haben, weil sie eben hätten fragen müssen. Eine irre Situation, wenn man gesehen hat, was aus dem Ei ausgebrütet worden ist … vorher, als es noch ein Ei war, hat man’s ja nicht erkannt. Sehen Sie, Shirley, und so ist auch Ihr Job Ihr Problem. Ich habe auch eins. Ich werde fragen: Ist Anne wirklich eine Mörderin?«

»Sie spinnen, Werner. Das ist Sache des Gerichts.«

»Halten wir diesen wichtigen Satz fest, Shirley.« Bäcker betrachtete seine Hände, sie waren durch den Sand zwar sauber gescheuert, aber zwischen den Fingern klebte noch Blut der Wildente. Unwillkürlich dachte er an Anne und an einen Malaiendolch. Wenn man einem Menschen die Kehle durchschneidet, spritzt das Blut. Auch über die Hände, zwischen die Finger … »Haben Sie schon überlegt, Paul«, sagte er weiter, »daß ich als Herr dieser autonomen Insel Viktoria-Eiland auch oberster Gerichtsherr bin?«

»Lassen Sie Ihren Blödsinn bloß nicht Polka tanzen, Bäcker!« Shirley schnaufte durch die Nase. »Ich warne Sie —«

»Ich halte es für einen guten Gedanken, Anne Perkins vor ein Gericht zu stellen. Vor ein völlig neutrales, unbefangenes Gericht —«

»Jedes Gericht ist unbefangen.«

»Sie auch, Shirley? Für Sie ist Anne eine Mörderin!«

»Ich bin kein Gericht, ich bin Polizist! Ich habe die Beweise gesammelt.«

»Was Sie Beweise nennen.«

»Sie würden sich wundern, wenn Sie sie kennen würden. Nichts, sagt man, ist im Leben hundertprozentig. Diese Beweise sind es!«

»Sehen Sie nun, wie interessant Ihr Satz war: Ein Gericht muß entscheiden?!« Bäcker machte eine weite Handbewegung über Insel und Meer. Shirley verstand sie sofort: Das alles gehört mir. »Wenn ich meiner Insel eine Verfassung geben würde, so stände das Recht an erster Stelle. Kein verwässertes Recht, kein Recht mit Hintertüren oder tiefenpsychologischen Purzelbäumen, sondern ein einfaches, lächerlich simples Recht: Bist du ein guter Mensch — oder bist du ein schlechter Mensch? — Das genügt.«

»Damit könnten Sie die Erde entvölkern, Sie Narr!« Shirley nickte hinauf zu der Anhöhe mit den drei großen Palmen und dem Bambuswald. »Ich gehe Bambussprößlinge suchen — weil heute Sonntag ist.« Er klopfte sich ein paar Sandflecken von der Hose und steckte dann die Hände in die Taschen. »Wieviel gute Menschen, glauben Sie, gibt es unter den drei Milliarden, die unseren Planeten bevölkern?«

»Ich weiß es nicht.«

»Nicht viele. Und Sie gehören auch nicht dazu! Sie sind dabei, mit tönenden Phrasen eine Mörderin zu schützen, weil sie Ihnen gefällt und Sie von ihrem Leib träumen. Sie sind in diese Frau verliebt, und deshalb werden Sie tausend Entschuldigungsgründe für sie finden. Das nennen Sie dann Recht — eine Heuchelei, die zum Heulen ist. Eine Moral, deren Wurzel in Ihrer Hose liegt! Sie guter Mensch! Braten Sie Ihre Ente, ich suche das Gemüse dazu —«

Er stampfte die Anhöhe hinauf, die Hände noch immer in den Taschen, bullig und sehr stark.

Bäcker sah ihm nach. Er hat ja recht, dachte er. Verdammt, er kennt mich besser als ich mich selbst. Ich bin dabei, mich in diese großen braunen Augen zu verlieren, selbst auf die Gefahr hin, daß es die Augen einer Mörderin sind. Es ist unheimlich, wie eine Frau durch ihre bloße Gegenwart alles verändert …

Am Mittag aßen sie die Ente. Sie hockten vor der Hütte, beschäftigten sich mit dem saftigen Fleisch, kauten die gegarten Baumbussprößlinge und tranken Tee aus getrockneten Hibiskusblüten. Shirley machte ein Gesicht, als wollte er seine Entenbrust samt den Knochen verschlingen, Anne Perkins hatte sich etwas abseits gedreht und blickte beim Essen übers Meer, Bäcker gab nach einigen Worten, die Shirley nur mit einem dunklen Knurren beantwortete, die Bemühungen auf, ein Gespräch anzufangen.

Auch gut, dachte er, Schweigen ist keine Lösung von Problemen. Sie verdichten sich nur, blähen sich dann auf, und man zerplatzt schließlich. Warten wir es ab. Shirley wird platzen — er sieht aus, als fräße er mit jedem Bissen Dynamit in sich hinein.

Nach dem Essen hinkte Bäcker hinunter zum Meer, um allen Gesprächen auszuweichen. Er tat es jetzt bewußt, er ließ Anne und Shirley allein, und es mußte zwischen ihnen knistern wie zwischen aufeinanderprallenden elektrischen Strömen.

Er humpelte am Strand entlang, suchte Krebse und Muscheln, fand eine Schildkröte, tötete sie, sprach mit seinem Freund, dem Albatros, über Anne und Shirley und sagte: »Vogel, denk nicht schlecht über mich … aber so eine Frau kann keinem anderen Menschen die Kehle durchschneiden. Ich glaube es nicht! Ich wehre mich dagegen! Ob ich sie liebe? Glotz mich nicht so an, Vogel — ich weiß es selber nicht. Sie interessiert mich, das ist es. Weiter nichts. Nur Interesse! Verdammt … Shirley hat recht: Es ist doch nur Heuchelei!«

Er kam bis zum Abend nicht zur Hütte zurück, er scheute jede Auseinandersetzung, aber als die Dämmerung aufs Meer fiel, mußte er zurück. Er hatte Zeit genug gehabt, sich allerlei auszudenken, doch als er dem Hang immer näher kam, verflogen alle schönen Redewendungen. Es blieb die nackte Tatsache.

Anne lag wieder auf seinem Bett, und es sah nicht so aus, als würde sie für diese Nacht wieder aus der Hütte gehen und außerhalb schlafen. Shirley hatte es sich auf Bäckers zweiter Decke vor der Bambustür gemütlich gemacht. Er lag mit angezogenen Beinen da und las die Gebrauchsanweisung des Medikamentenkastens.

Als er Bäcker herankommen sah, grinste er breit.

»Gehen Sie nur hinein, und genieren Sie sich nicht«, sagte er. »Liebesgeräusche stören mich nicht.«

»Ich könnte Sie in die Fresse schlagen, Shirley!«

Shirley winkte ab. »Ist das Ihre Art, auf Viktoria-Eiland Recht zu sprechen? Hoher Herr, das ist eines Obersten Gerichtes unwürdig! Außerdem unterschätzen Sie mich, Werner. Ich sehe zwar nicht imposant und ziemlich dämlich aus, aber ich war Boxmeister von Papeete. Mittelgewicht. Einige gute Schläge beherrsche ich noch immer.«

Bäcker wandte sich ab und ging den Hang entlang. Durch den Hohlweg hinkte er hinauf in den Wald und setzte sich dort an den Rand der Böschung. Er konnte von hier aus seitlich unter sich das Dach seiner Hütte sehen. Der Mond warf Silber über sie.

»Der Frieden ist hin!« sagte er laut gegen den immer wehenden Wind. »Mein Gott, man kann doch nicht für jeden Menschen eine Insel machen …«

20

Auch in dieser Nacht schlief er kaum.

Er saß auf der Böschung, allein, sah die Flut kommen und den Mond wandern und vermißte seinen treuen Albatros. Jetzt hätte er viel mit ihm zu reden gehabt, aber nachts flog der Vogel weg, zurück zu seinem Schwarm jenseits der Felsennase. Er hatte dort sein Nest, und sicherlich gab es dort auch eine Menge Weibchen. Der Himmel mochte wissen, dachte Bäcker, warum er lieber bei mir, einem Menschen, ist als bei seinesgleichen. Vielleicht gibt es auch bei Vögeln so etwas wie Perversitäten, und dieser Albatros ist ein Schwuler. Man sollte das mal erforschen.

»Jetzt, gerade jetzt brauche ich dich, Vogel«, sagte Bäcker in die Nacht hinein. »Und jetzt bist du nicht da. Mit keinem Menschen kann man sich so unterhalten wie mit dir. Die Juden sind kluge Menschen, sie haben ihre Klagemauer, ihr können sie alles sagen, und sie hört immer zu, ist geduldig, sanftmütig, beruhigend. Sie saugt alle Probleme in ihren Steinen auf, bis der Mensch sich frei fühlt wie ein gefegter Ofen. So etwas fehlt uns: In jeder Wohnung eine Wand, an der man sich abreagieren kann.«

In der Nacht sah er, wie Shirley einmal aufstand, die Böschung ein Stück entlangging, fast genau unter ihm stehenblieb, die Hose aufknöpfte und pinkelte. Er schwankte dabei, etwas schlaftrunken, voll Vertrauen auf den Frieden um sich herum.

Wenn ich ihm jetzt einen Stamm auf den Kopf rolle, dachte Bäcker, habe ich ein Problem weniger. Dann sind wir nur noch zwei. Ein Mann und eine Frau. Damit hat alles begonnen, das ist gottgewollt. Aber dann wird eines Tages doch jemand kommen, ein Flugzeug oder ein Schiff, man wird uns zurückholen in die laute Welt, und siehe da: Aus dem Paradies kehren zwei Mörder zurück! Das wäre die verrückteste Geschichte vom Frieden.

Er ärgerte sich über diesen Gedanken, empfand sogar so etwas wie Scham, bat Shirley insgeheim um Verzeihung und ließ ihn wieder zurück zur Hütte wanken.

»Vogel, du fehlst mir —«, sagte Bäcker leise und warf sich zurück in die weichen Farne. »Wenn du wüßtest, wie groß die Versuchung ist, zu Anne in die Hütte zu schleichen —«

Er dachte daran wie an ein herrliches Märchen und schlief darüber ein.

Anne Perkins weckte ihn. Ihr Haar war naß und klebte um das schmale Gesicht. Die braunen Augen glänzten. Sie hatte nackt im Meer gebadet, im goldenen Sonnenaufgang, und er hatte es verschlafen.

Vielleicht war es gut so, dachte er und schielte auf ihre jugendlichen Brüste unter dem geblümten Kleid. So bleibt sie mir noch fremd. Der Anblick ihres nackten Körpers hätte mich zu ihrem Komplizen gemacht.

»Wo ist Shirley?« fragte er.

»Er schläft noch vor der Tür. Ich bin über ihn weggestiegen, und er hat sich nicht gerührt. Als Wächter taugt er nichts.« Sie setzte sich neben ihn. Die Sonne trocknete ihr Haar. Er konnte es riechen und es roch gut. »Sie wollen ein Floß bauen?«

»Hat er das gesagt?«

»Ja. Ein Floß bedeutet für mich den Tod oder lebenslänglich.«

»Noch sind Sie nicht verurteilt, Anne.«

»Das ist nur eine Frage der Zeit.«

Er sah sie forschend an. »Haben Sie Yul Perkins ermordet?«

»Nein.«

»Mit einem Malaiendolch?«

»Ich habe nie einen Malaiendolch in der Hand gehabt. Ich habe genug von ihnen gesehen, und ich habe sie immer gehaßt. Sie sehen nach Mord aus.«

»Ich werde es tun!« sagte Bäcker laut und stand auf. Anne blickte an ihm hoch. Sie hat einen schönen Mund, der sich ungeheuer beherrschen kann, dachte er.

»Was?« fragte sie.

»Ich werde mit Shirley sprechen.«

»Was wollen Sie mit ihm sprechen?«

»Sie werden es bald erfahren, Anne. Bleiben Sie hier oben, bis ich Sie rufe. Ich wecke Shirley.«

21

»Sie hat gebadet —«, sagte Shirley. Er lag auf der Decke und gähnte. »Früher hätte mich das aufgeregt; heute ist es mir egal. Von mir aus können sie die Haie fressen.« Er stützte den Kopf auf die rechte Hand und lachte leise. »Sie hält mich für blöd, aber ich merke es sofort, wenn jemand über mich steigt. Als sie sich auszog, habe ich weggeguckt. Ehrenwort. Mich interessiert die Frau nicht, nur der Mord, den sie begangen hat. Haben Sie sie nackt gesehen, Werner?«

»Nein.« Bäcker lehnte sich gegen den dicken Türpfosten. »Ich habe mit Ihnen zu reden, Shirley.«

»Als Staatspräsident von Viktoria-Eiland, als Annes Genosse, als zukünftiger Liebhaber oder als was sonst noch?«

»Als alles auf dieser Insel«, sagte Bäcker ernst. »Ich möchte ein objektives, gerechtes, faires Strafverfahren gegen Anne Perkins. Ich will wissen, was gegen Anne vorliegt. Sie, Shirley, sollen alles sagen, was Sie wissen. Anne muß das Recht haben, sich zu verteidigen. Ist das klar?«

»Von mir aus. Und wie denken Sie sich das?«

»Als Herr dieser Insel ernenne ich Sie zum Staatsanwalt, Shirley. Sie klagen an.«

»Und Sie spielen den hohen Richter, was?«

»Ja.«

»Das ist doch Idiotie, Werner!«

»Ich muß mir über Anne ein Urteil bilden können — verstehen Sie das nicht?«

»Nur bis zu einem bestimmten Punkt. Ich stimme Ihnen zu: Es ist ein verdammt kitzeliges Gefühl, nicht zu wissen, ob man nun zwischen den Beinen einer Mörderin oder eines Engels liegt.«

»Man sollte Sie doch in die Fresse hauen, Shirley!«

»Wenn’s Ihnen Spaß macht?« Shirley machte eine verächtliche Handbewegung. »Was soll das Theater? Sie haben Anne ja schon freigesprochen.«

»Wenn Ihre Beweise lückenlos sind, Shirley, dann werden Sie mich überzeugen können, das verspreche ich Ihnen.«

»Und wenn Sie Mrs. Perkins für schuldig befinden müssen, was dann?«

»Dann bauen wir ein Floß —«

»Hoho!« Shirley lachte abgehackt. »Und wenn Sie zu dem völlig unsinnigen Spruch kommen: Nicht schuldig! — Was dann?«

»Bauen wir auch das Floß … aber Sie besteigen es allein!«

»Darauf lasse ich es ankommen.« Shirley sprang auf. »Vor oder nach dem Frühstück, Euer Ehren?«

Es sollte spöttisch klingen, aber Bäcker ging nicht darauf ein. Er verdarb Shirley damit die Freude.

»Danach —«

Er drehte sich um, legte die Hände wie einen Trichter vor den Mund und rief die Böschung hinauf.

»Anne, kommen Sie herunter!«

Sie erschien am Rande des Hanges und winkte mit beiden Armen. Ihr Haar war getrocknet und wehte im Wind.

»Die Venus der einsamen Hölle«, sagte Shirley. »Sie tun mir leid, Werner. Aber gut, spielen wir’s durch. Sie sollen Ihr dämliches Theater haben. Eine Gerichtsverhandlung. Was zahlen Sie für den Auftritt?«

»Ihr Leben!« sagte Bäcker ernst, und Shirley begriff, wie teuflisch die Lage geworden war.

Sie aßen kalten Braten, tranken Tee aus Hibiskusblüten und Regenwasser und vermieden es wieder, miteinander zu sprechen. Es war schließlich Shirley, der mit einem höhnischen Grinsen sagte:

»Der Herr der Insel will Ihnen den Prozeß machen. Was halten Sie davon, Anne?«

Ihr Kopf flog zu Bäcker herum. »Was soll das heißen?« Ihre Augen funkelten, aber außer Zorn brannte in ihnen auch Verzweiflung. »Sie wollen mich verurteilen?«

Bäcker schüttelte den Kopf.

»Ich will wissen, mit wem ich diese Insel teile, wer in meiner Hütte schläft, wer an meinem Feuer sitzt und mit mir ißt. Es kann mir nicht gleichgültig sein, wenn einer von uns dreien des Mordes beschuldigt wird. Ich habe ein Recht, alles zu erfahren. Ich will jeden anhören … hier ist eine Insel der Gerechtigkeit.«

»Machen Sie mit, Anne?« Shirley sprang auf. »Die einen spielen Blindekuh, wenn’s ihnen zu langweilig wird — wir spielen Mord und Gericht. Also —?«

»Ich habe es nicht getan«, sagte Anne.

»So geht es nicht.« Paul Shirley runzelte mißmutig die Stirn. »Wenn Sie nur Beteuerungen hören wollen, Werner, kann ich gehen, und Sie spielen dieses Affentheater allein! Ich bin gewohnt, mich an Tatsachen zu halten.«

»Dann lassen Sie Ihre Tatsachen hören«, sagte Bäcker.

»Okay!« Shirley baute sich vor Bäcker auf, ein Bündel stämmiger Energie. »Wann tritt das Hohe Gericht von Viktoria-Eiland zusammen?«

»Sofort.« Bäcker hinkte zu seiner Bambushütte. Er hatte ein flaues Gefühl im Magen. »Folgen Sie mir!«

Sie hatten sich auf Wurzelstöcke gesetzt, die der letzte Sturm aus dem Boden oben im Hang gerissen und über den Strand geschleudert hatte. Bizarre Stühle, so verrückt wie die Gerichtsverhandlung, die jetzt beginnen sollte.

Bäcker saß vor der Hüttentür, zwei Meter links von ihm hockte Shirley mißmutig und faltete die Hände zwischen den gespreizten Knien, zwei Meter rechts von Bäcker saß Anne Perkins, gerade, aufrecht, in einer aufreizend stolzen Haltung. Sie hatte sich mit gespreizten Fingern gekämmt und das lange Haar mit einem Bindfaden im Nacken zusammengebunden. Das betonte ihr schmales, madonnenhaftes Gesicht. Vor Gericht muß man einen guten Eindruck machen, auch auf der einsamsten Insel der Welt.

Bäcker räusperte sich. Shirley blickte hoch, sein Grinsen war schief, von der inneren Erregung verzerrt.

»Ich eröffne die Verhandlung gegen Anne Perkins, geborene Hartmann aus Düsseldorf, zuletzt wohnhaft in Nuku Hiva im Marquesas-Archipel«, sagte Bäcker ernst. »Einwände?«

»Quatsch«, knurrte Shirley.

»Sie ist angeklagt des Mordes an ihrem Mann Yul Perkins.« Er beugte sich zu Anne vor. »Bekennen Sie sich schuldig, Anne?«

»Nicht schuldig —«, sagte Anne mit tiefem Ernst.

»Die Anklage hat das Wort. Paul Shirley, beginnen Sie mit der Anklage.«

Shirley erhob sich. Er raffte seine Hose höher, schob das Tuch, das er als Sonnenschutz über seinen Kopf gelegt hatte, zurück und wischte sich mit einem Hemdzipfel den Schweiß von der Stirn. Sein Blick zeigte deutlich, was er von dieser »Gerichtsverhandlung« hielt. Aber er begann doch mit seiner Anklage.

»Am 12. Mai ließ der Diener Hawakami den deutschen Schäferhund der Familie Perkins in den Garten. Wie jeden Morgen führte er ihn in einen bestimmten Teil des großen Grundstückes, aber an diesem Morgen riß sich der Hund los und schien mit gesenkter Nase eine Spur zu verfolgen. Er rannte in einen Winkel des Parks, begann zu scharren und bellte. Der Diener Hawakami wunderte sich, half beim Buddeln und zog ein nur oberflächlich, in sichtbarer Eile vergrabenes Frauenkleid heraus. Ein Kleid voller eingetrockneter großer Blutflecke. Stimmt das, Mrs. Perkins?«

»Ja.«

»Es war Ihr Kleid?«

»Ja. Aber ich habe es seit über einem Jahr nicht mehr getragen. Es hing vergessen in einem der vielen Schränke, die wir im Haus hatten. Ich konnte es auch gar nicht mehr tragen, es war zu weit geworden. Ich hatte zehn Pfund abgenommen.«

»Wir schickten das Kleid nach Papeete«, fuhr Shirley fort. »Dort haben wir einen Gerichtschemiker. Er untersuchte die Flecken: Es war Menschenblut der Gruppe B, Rhesus negativ. Drei Monate vorher war Yul Perkins verschwunden. Angeblich war er mit seinem Boot nach Atuana gefahren. Aber dort ist er nie angekommen. Außerdem lag sein Schiff noch im Hafen. Hier nun passierte der jungen Witwe die erste Panne: Im Schreibtisch von Yul Perkins fanden wir seinen Impf- und Blutgruppenpaß. Die Analyse von Papeete und die Eintragungen stimmten überein. Es war Yul Perkins’ Blut!«

»Und der Dolch?« fragte Bäcker heiser. Er wagte nicht, Anne anzusehen.

»Der wurde unter der Matratze von Anne Perkins’ Bett gefunden. Sie hatte Monate seelenruhig auf der Mordwaffe geschlafen.«

Bäcker wollte eine Zwischenfrage stellen, aber Shirley winkte beidhändig ab. Sein Bericht erregte ihn sichtlich.

»Es war die Mordwaffe!« rief er. »An der Schneide klebte das gleiche Blut. Dann fanden wir auch die Leiche. Ein Malaienkellner gab uns einen Hinweis. Er hatte in einer Nacht gesehen, wie eine Frau einen Sack aus einem Pferdekarren zog. Das war in der Nähe der Riffe. Wir suchten an der angegebenen Stelle und holten den Sack aus dem Wasser. Er hatte sich in den Riffen festgeklemmt. Yul Perkins war schon sehr verwest, aber es konnte eindeutig festgestellt werden, daß man ihm den Hals durchgeschnitten hatte. Das blutige Kleid, der Dolch im Bett, die Frau an den Klippen … es genügte vollauf, um Anne Perkins zu verhaften.«

»Ich war es nicht!« schrie Anne.

Sie sprang auf, streckte die Arme nach Bäcker aus und wankte leicht. In ihren Mienen, in den schönen, großen braunen Augen spiegelte sich helle Verzweiflung. Wenn sie es wirklich getan hatte, war sie eine großartige Schauspielerin.

»Glauben Sie mir doch! Ich habe das Kleid nicht getragen. Ich habe den Dolch nie gesehen. Ich war nie an den Klippen! Ich weiß gar nicht, wo sie sind —«

»Das ist aber merkwürdig.« Shirley grinste breit. Er zog aus seiner Hose eine Brieftasche heraus. »Außer unserem nackten Leben habe ich auch das gerettet und gestern vorsichtig zum Trocknen in den Schatten gelegt. Schauen Sie sich das an, Euer Ehren Werner Bäcker.« Dicker Hohn troff aus seinen Worten. »Diese Bilder hat der Fotograf Bolula aus Nuku Hiva gemacht. Sie zeigen Anne Perkins, wie sie auf diesen Klippen liegt und sich sonnt.«

Von diesem Augenblick an begann Bäcker Shirley zu hassen.

22

Das Foto war eindeutig. Bäcker starrte es an und empfand gleichzeitig große Lust, Shirley in die grinsende Visage zu schlagen. Ein schönes, scharfes Farbfoto, und Bäcker verfluchte das Meer, daß es dieses Bild nicht mit seinem Salzwasser zerstört hatte: Anne Perkins lag auf dem Felsen, und sie trug einen Bikini, so knapp und von der Sonne durchleuchtet, daß ihr Körper wie nackt wirkte.

Er betrachtete das Bild länger, als es notwendig war. Shirley unterbrach ihn und schnitt seine Gedanken ab, wie man Anne hier noch heraushelfen könne.

»Um Ihrer im Herzen rotierenden Frage gleich vorher die Antwort zu geben —«, sagte Shirley mit dem richtigen Gespür —, »es gibt auf Nuku Hiva nur diese Klippenlandschaft. Nur diese eine. Was sagen Sie nun: Anne will sie nicht kennen —«

Bäcker legte die Fotos vor sich in den Sand, beschwerte sie mit einer Muschel und sah Shirley wie etwas Ekelhaftes an.

»Weiter —«, sagte er. »Sprechen Sie weiter, Paul.«

»Das wäre schon alles. Wir haben einen ganzen Sack voll Indizien … und Anne hat nur ein einziges Gegenargument: ihre stereotype Beteuerung: Ich bin es nicht gewesen. Das sagen seit sechstausend Jahren alle Mörder, bis man sie überführt.«

Bäcker sah zu Anne hinüber, mit einem flehenden Blick, als ginge es um seinen Kopf und nicht um ihren. Für jeden Richter auf der Welt war die Lage klar, da hatte Shirley recht. Aber hier war man auf Viktoria-Eiland, er war der Herr der Insel, und ihm mußte man Annes Schuld erst lückenlos beweisen. Hier gab es keine starren Paragraphen, nur den guten Menschen und den schlechten Menschen.

Und das versprochene Floß wartete.

Anne saß vor Bäcker auf ihrem Stuhl aus Wurzeln, griff mit der Hand in den Sand und ließ ihn über ihre nackten Beine rieseln. Ein dummes, kindisches Spiel in dieser Situation. Oder eine Geste völliger Hilflosigkeit …?

»So sagen Sie doch etwas!« bat Bäcker.

Anne Perkins schüttelte den Kopf. Ihre braunen Augen lagen hinter einem Schleier aus Traurigkeit.

»Was soll ich sagen? Ich kann Sie nur bitten: Glauben Sie mir.«

»Da haben Sie’s!« rief Shirley triumphierend. »Der Appell ans Herz! Wenn sie wenigstens weinen würde! O nein, die weint nicht! Nie weint die! Sie sitzt steinern da wie ein Fetisch. Nerven hat sie. Nerven, sage ich Ihnen! Drei Monate lang hat sie in einem Loch von Zelle gelebt, Spinnen und Würmer krochen da herum. Jeder andere wäre krepiert vor Ekel oder hätte ein Geständnis abgelegt. Sie nicht! Sie hat geschlafen, gegessen, ist in ihrem heißen Käfig herumgewandert und hat keine Träne vergossen. So hart ist kein Massenmörder!«

»Vielleicht ist sie keine Mörderin, Shirley?«

»Aha! Der hohe Gerichtsherr wird zum Verteidiger! Die Dame hat Sie mit ihren großen braunen Rehaugen angesehen, und schon steht für Sie fest: Anne Perkins hat ihren Mann Yul nicht umgebracht! — Das ist Ihr objektives Verfahren! Bäcker, ich scheiße darauf! Schluß mit der Verhandlung!«

»Nein!«

»Was nein?!«

»Ich spreche Anne nicht vom Mord frei, Shirley —«

Anne Perkins zuckte hoch. »Sie verurteilen mich also auch? Sie glauben mir nicht?« Es war wie ein