/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Es wird immer wieder Tag

Herbert Geisler


Es wird immer wieder Tag

Herbert Geisler

1959

Inhaltsverzeichnis

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Die Männer schreckten aus dem Halbschlaf auf. Das Pfeifen der Lokomotive klang wie ein langgezogener Klagelaut.

Der Zug fuhr langsamer.

Hermann Küppers stand am Fenster, wandte den Kopf und blickte den Feldgeistlichen Franz Bruckner an, mit dem er sich während der nicht endenwollenden Fahrt oft unterhalten hatte.

»Die Düna«, sagte Küppers und zeigte hinaus.

Franz Bruckner dehnte die Arme und rieb sich die Augen. Endlich, dachte er, hört das Frieren auf. Seit Tagen waren sie schon unterwegs und hatten trotz der Decken und Mäntel die Kälte des Winters gespürt, hatten hinausgestarrt in die unendlichen Weiten und erlebt, wie das Land, je weiter sie nach Osten kamen, immer öder wurde.

Bruckner erhob sich. Der Körper wirkte von dem unentwegten Sitzen wie gerädert. Mit unsicheren Schritten trat er zum Fenster.

»Witebsk«, murmelte der Panzergrenadier Hermann Küppers neben ihm. »Endstation. Heute führen nicht mehr alle Wege nach Rom, Herr Pfarrer.«

Bruckner lächelte. »Umwege, nichts anderes als Umwege.«

Küppers antwortete nicht. Dachte er an sein Studium, das er vor einem halben Jahr unterbrechen mußte? Achtzehn Jahre alt, beherrschte er bereits fünf Sprachen, hatte sich der Slawistik verschrieben und wollte später einmal Universitätsdozent werden. Doch nach einer kurzen Ausbildung war er zusammen mit anderen Ersatzleuten nach Rußland in Marsch gesetzt worden, zur gleichen Panzerdivision, in der Franz Bruckner als Feldgeistlicher wirken sollte.

Der Zug hielt.

Auf dem Bahnsteig standen Posten der Feldgendarmerie und wiesen die jungen Panzergrenadiere ein. Bruckner drückte Küppers die Hand, dann verlor er ihn aus den Augen. Wenig später meldete er sich auf der Kommandantur, legte seinen Marschbefehl vor und fuhr dann, zusammen mit einem Hauptmann und einem Leutnant, in Richtung Süden.

In diesen Januartagen des Jahres 1944 verlief die Front nur wenige Kilometer östlich von Witebsk, einer Stadt, die bereits sechzehn Tage nach Beginn des Feldzuges gegen die Sowjetunion eingenommen worden war. Doch das lag zweieinhalb Jahre zurück. Der Kurt wird Augen machen, dachte Bruckner, als er in der Nähe von Babinowitschi ausstieg und auf das Haus zuschritt, in dem der Divisionsgefechtsstand untergebracht worden war.

Er hatte kein Glück. Weder seinen Freund, den Hauptmann Dr. Kurt Kluge traf er an, noch den General, bei dem er sich hatte vorstellen wollen.

Also warten!

Kurz entschlossen erkundigte er sich nach der Unterkunft des Freundes und suchte sie auf.

Ein Gefreiter guckte verwundert auf, knallte die Hacken zusammen und grüßte.

Bruckner zog den Mantel aus, rieb die Hände aneinander. »Lassen Sie sich nicht stören, mein Freund.«

Anton Michalke, der Bursche von Hauptmann Kluge, stierte ihn an. Mein Freund, hatte dieser hier gesagt. Merkwürdig, dachte er, andere Offiziere sagen das nicht. Vielleicht des Kuzifixes wegen, das er auf der Brust trägt? Ein Pfarrer! Jawohl, aber was wollte ein Pfarrer hier bei ihnen? Seit Jahr und Tag hatten sie keinen mehr gesehen. Drei Kilometer weiter lag der Iwan, und das Leben hier bestand aus einer Mischung von Abwehr und Warten, Essen und Schlafen, Wachen und Träumen. Brauchte man aber zu einer dieser Tätigkeiten einen Pfarrer?

Er zuckte mit den Schultern und wandte sich um. Mit List und Tücke hatte er ein Huhn organisiert, mit Geschick und Können es ausgenommen und auf den Herd gesetzt. Nun wartete er auf die Rückkehr des Hauptmanns und freute sich auf die Augen, die dieser machen würde.

So merkte er gar nicht, wie der Pfarrer neben ihn trat, über seine Schulter blickte, das Huhn in der goldgelben Brühe schwimmen sah und tief den Duft einsog.

Und als er die Hand entdeckte, war es bereits zu spät; das Huhn schwamm nicht mehr im Topf. Anton Michalke duckte sich, als wollte er zum Sprung ansetzen, um dem anderen das Huhn zu entreißen, doch Bruckner lächelte ihn an und versuchte mit wenigen Worten, ihm verständlich zu machen, daß auch ein verzehrtes Huhn seine Freundschaft mit dem Hauptmann nicht würde trüben können.

In diesem Augenblick betrat Hauptmann Dr. Kurt Kluge den Raum. »Das nenne ich eine Bescherung«, brüllte er los und streifte hastig die Pelzhandschuhe ab. Sein Bursche schlug die Hacken zusammen und stammelte ängstlich: »Herr Hauptmann, das Huhn. Ich glaubte, ich dachte … ein Offizier …«

»Und was für einer«, rief Kluge aus, schloß Franz Bruckner in die Arme und wandte sich seinem Burschen zu: »Hier, Peronnje, sieh ihn dir an. Jetzt kommen Geheimwaffen in den Mittelabschnitt. Ab heute kann uns der Iwan kreuzweise … Klar?«

»Jawohl, Herr Hauptmann!«

Doch der Blick des Gefreiten ließ erkennen, daß er sich vergeblich bemühte, die Ereignisse der letzten halben Stunde mit seiner Weltanschauung in Übereinstimmung zu bringen.

»Komm, setz dich, Franz.«

»Darf ich dir ein Stück Huhn anbieten, Kurt?« lachte Bruckner; »es ist wirklich vorzüglich. Wo hat der tapfere Gleiwitzer kochen gelernt?«

»Da fragst du noch! Bei mir natürlich! Du kennst eben meine Fähigkeiten nicht. Weshalb auch hast du mich nicht längst einmal in Berlin besucht? Es gab ja früher einmal ruhigere Zeiten, in denen noch nicht ein Feldzug denanderen jagte. Bist du auf der Herreise durch Berlin gekommen? Wie sieht es dort aus?«

Bruckner legte den blanken Knochen in eine als Aschenbecher dienende Konservendose. Er grinste. »Geschlafen habe ich, Kurt.«

»Fährst durch Berlin und schläfst. War es Nacht?«

»Keineswegs. Heller Tag. Ich war ganz einfach müde«

Kluge verzog die Mundwinkel. »Du bist und bleibst ein Bayer. Wie wir aus dir einen auch nur halbwegs brauchbaren Preußen machen können, ist mir schleierhaft.«

»Mich dagegen wundert, daß du noch so frisch und munter herumläufst.«

Kluge hob die Schultern.

»Man tut, was man kann.«

»Schießen die Russen nicht bei dem geringsten Lärm?«

»Mehr als unseren Nerven guttut.«

»Und doch leben die Berliner mit ihren großen Klappen noch?«

»Laß man gut sein, Franz, die gehen nicht unter. Dir aber gebe ich den guten Rat, dich nicht zu bayrisch aufzuführen. Hier sind alles waschechte Preußen!«

»Und dein Peronnje?«

Kluge tat empört. »Aber, aber! Wolltest einst Pauker werden und vergißt, daß es vor zweihundert Jahren um Schlesien ging und wir damals bereits die Urahnen meines Burschen zu Menschen machten. Das waren noch Zeiten!«

»Und heute kämpfen wir vereint, sitzen alle im gemeinsamen Schiff und —.« Bruckner stockte und blickte den Freund an.

Kluge war ernst geworden. »Weshalb sprichst du nicht weiter, Franz. Glaubst du, wir gehen baden?«

»In dieser Jahreszeit?«

»Franz, wie soll das enden! Siehst du einen Ausweg?«

»Das fragst du mich?«

»Was sagt dir dein Gefühl?«

Bruckner wehrte mit der Hand ab. »Habe mir abgewöhnt, mich darauf zu verlassen, es täuscht zu oft!«

»Einst hast du anders gesprochen!«

Bruckner wußte, was der andere meinte. Vor fast drei Jahren war er über Kreta abgesprungen, als die deutschen Truppen die Insel angegriffen und erobert hatten. Mit der ersten Welle. Ursprünglich von seinem Oberst zurückgestellt, hatte er seinen Kopf durchgesetzt und war dabeigeblieben. »Ich glaube«, sagte er langsam, »ich habe der Vaterlandsliebe zu sehr gefrönt.«

Kluges Gesicht war ernst geblieben. »Mag sein, Franz. Was wir hier erleben, hat mit dem früheren Begriff Krieg nichts mehr gemein. Diesen Kampf beendet nicht ein ausgehandelter Friede: nein, einer wird vernichtet, und der andere bleibt am Leben. Eine solche Alternative wirkt nicht gerade beruhigend!«

»Wie ist die Stimmung bei der Truppe?«

»Man ist ein wenig müde und setzt verschiedene Fragezeichen. Stalingrad war mehr als eine verlorene Schlacht. Heim, mir reicht’s, sagen die Landser und grinsen; greift aber der Iwan an, schlagen sie zurück. Schließlich macht sich jeder seine Gedanken. Rommel steht nicht mehr in Afrika, in Italien ist Rom bedroht, und weshalb werden unsere in Frankreich stationierten Divisionen nicht hier eingesetzt? Weil man täglich die Invasion erwartet, die berühmte zweite Front. Wir brauchen aber Reserven, Franz. Wir brauchen sie dringend. Ich verrate kein Geheimnis; denn auch der Iwan weiß es längst: im ganzen Mittelabschnitt stehen nicht mehr als 46 Divisionen, und sieh dir einmal an, was man heutzutage noch Division nennt! Besitzt sie fünfzig’Prozent ihrer Sollstärke, herrscht bereits eitel Freude. Und drüben? Steht das Vierfache, und greift der Iwan an einer Stelle an, massiert er in dem betreffenden Abschnitt seine Übermacht auf das Zehnfache. Schlimmer aber noch: als Kiew verloren ging, riß die Verbindung zum Südabschnitt ab, und seitdem geht es dort unverändert rückwärts. Neben uns klafft eine gewaltige Lücke, und wenn die Sowjets durchstoßen, dann sehe ich schwarz und uns in Sibirien. Woyna plenni! Kannst du schon so viel russisch?«

Bruckner griff eine Schachtel Zigaretten heraus und bot an. Wie oft hatte er versucht, das Rauchen aufzugeben! Doch immer wieder war das Verlangen stärker gewesen, dem Zigarettenqualm sinnend nachzublicken und in ihm sich auszuspannen.

»Deshalb holst du mich in dieses Land?«

Kluge lachte kurz auf. »Jetzt schlägt’s dreizehn. Ich dich geholt? Soll ich deinen Bettelbrief hervorholen, um schwarz auf weiß zu präsentieren, wer wen gebeten hat? Ich tat dir nur deinen Willen. Jetzt aber, da du vor mir sitzt: was um alles in der Welt hat dich hierhergetrieben? Hast du immer noch nicht genug?«

Bruckner klopfte mit dem Zeigefinger die Asche von der Zigarette, einmal, mehrmals. »Was ich hier will, Kurt? Wie soll ich dir das beantworten? Suche ich das Abenteuer? Vielleicht habe ich das einmal getan. Aber das ist lange her, liegt wie ein Jahrzehnt zurück. Nein, es ist etwas anderes. Selbst als ich mich entschloß, Priester zu werden, war ich meiner noch nicht so sicher, forderte ich noch nicht mit jedem Atemzug von mir, Gott und den Menschen einander näherzubringen. Vielleicht bin ich jetzt soweit Kurt.«

Kluge sprang auf, trat ans Fenster. Die Nacht war klar, unzählige Sterne standen am Himmel. Und alles war still, als gäbe es keine Front, kein Frieren, kein Hungern, kein Bangen, und nicht die drohende Frage in einem jeden, der auf dieser oder auf der anderen Seite einem neuen Tag entgegenhoffte, die Frage: wie wird es enden, für dich, für mich?

»Dann mußt du sehr viel Stärke mitgebracht haben, Franz«, murmelte Kluge, ohne sich umzudrehen; »hier in Rußland ist Gott schon lange tot. Und eine neue Heimstatt haben auch wir ihm nicht bereitet.«

2

Es war 3.12 Uhr morgens.

Die Bäume stöhnten und ächzten in der Kälte. Trocken wie Pulver war der Schnee, und wenn man über ihn schritt, gab er ein hartes, rollendes Knirschen von sich.

Müde und zerschlagen schritt Franz Bruckner, der Feldgeistliche der Panzerdivision, seiner Unterkunft entgegen. Wie lange hatte er nicht mehr geschlafen? Waren es Stunden oder Tage? Er wußte es nicht mehr, erinnerte sich nur, daß er von einer Stunde zur anderen vom Divisionsstab dem Feldlazarett zugeteilt worden war, und daß in der Nacht darauf die Sowjets das Feuer eröffneten, aus allen Rohren schossen und zum Angriff angetreten waren. Wenn es stimmte, daß man heute Dienstag schrieb, war er 42. Stunden auf den Beinen; denn die Offensive hatte an einem Sonntag begonnen, und ihr Stoß galt Witebsk, der letzten russischen Großstadt, die noch in den Händen der Deutschen war.

Bisher hatten die Russen keinen wesentlichen Einbruch erzielt, doch die Verluste wurden von Stunde zu Stunde größer. Ununterbrochen fuhren die Sankas.

»Schneller, Männer«, rief Hauptfeldwebel Meyer, sobald ein Auto hielt, und in seiner Stimme lag kein Befehl mehr, nur die Bitte, die oft leblos-steifen, glashart gefrorenen Körper sofort hineinzubringen, um zu retten, wo noch etwas zu retten war.

Er brauchte weder zu befehlen noch zu bitten. Die Sanitätssoldaten sprangen hinzu, und in ihren verschlossenen Gesichtern stand das Wissen, wie sehr es auf jede Minute ankam; eine einzige Minute entschied oft über Tod oder Leben derer, die man hierher brachte.

»Gut, daß wir Sie bei uns haben«, hatte Oberstabsarzt Dr. Jakoby Franz Bruckner begrüßt und nicht geahnt, wie sehr seine Worte die Erleichterung der nächsten Tage vorwegnahmen.

Zwei Ärzte, von Sanitätssoldaten unterstützt, kämpften einen verzweifelten Kampf um diese stöhnenden, leidenden, oft erschreckend still gewordenen Menschen.

Was aber bedeuteten zwei Ärzte gegen die immer größer werdende Zahl von Verwundeten, von denen mancher in dem ungeheizten Flur des früheren Schulhauses verbluten mußte.

Und so traf den Feldgeistlichen Franz Bruckner die Pflicht, im Dunkel der Gänge denen das Licht Gottes zu zeigen und die letzten Gebete zu sprechen, für die jede menschliche Kunst zu spät kam.

Ein paar Stunden nur die Glieder ausstrecken, wünschte er jetzt, für kurze Zeit nur die Augen schließen. Doch er konnte nicht einschlafen. Er mußte übermüdet sein oder lag es an der durch Mark und Bein dringenden Kälte? Als er sich auf die Seite drehte, verrutschte der als Kopfkissen benutzte Stiefel, das Handtuch, mit dem er das Gesicht bedeckt hatte, fiel herunter und sofort spürte er die Kälte wie einen eisigen Hauch. Jetzt stach es im Rücken, er konnte keine Ruhe finden.

Aus der Ferne — oder war es schon nähergekommen? — hörte er die dumpfen Abschüsse von Geschützen, dann das helle Rattern der MG 42 und die brummelnde, rollende Antwort sowjetischer Maschinengewehre.

Ein Geräusch vor dem Haus ließ ihn zusammenfahren. War ein neuer Verwundetentransport angekommen? Hörte es sich nicht anders an als sonst? Er hob den Kopf und lauschte angestrengt. Waren etwa gar die Sowjets bereits bis hierhergedrungen? Aber es blieb ruhig, sein Kopf sank zurück.

Schüsse, Rufe, Motorengeknatter, Gesprächsfetzen — wirre Träume zuckten durch sein Hirn. Schicksal um Schicksal war in den letzten Stunden an ihm vorübergezogen, und jetzt standen sie ihm noch einmal gegenüber, die Männer mit den ab gerissenen Armen, den heraushängenden Eingeweiden, grinsten ihn an und riefen: »Herr Pfarrer, wo ist er jetzt, dein Gott, wo steckt er? Sag es uns, wo? Weshalb läßt er uns verrecken, weshalb, weshalb?«

Ja, so hatten die Männer gerufen, und nicht das Denken hatte die Worte in ihren Mund gelegt, nur die Kreatur hatte sie herausgeschrien.

Er begriff sie wohl: aufgerissene Bauchwände und abgerissene Glieder, und doch soll Gott unser aller Vater sein? Hat Er nicht einmal gesagt: »Wenn alle dich vergäßen, und selbst deine Mutter dich vergäße, so will doch Ich dich nicht aus den Augen lassen. In Meine Hände habe ich deinen Namen geschrieben, daß du immer vor Mir bist.«

Und jetzt? Was nutzte ihm sein Glaube, wenn er keinen Weg sah, andere zu Gott hinzuführen? Wie lange würde er brauchen, um nur einen dieser Geschlagenen und Verzweifelten aufzurichten und ihn zu überzeugen, daß Gottes Gnade alles gutmacht, selbst die Schmerzen und das Leid, das der Teufel schickt, selbst unser eigenes schuldhaftes Handeln, und daß alles, Glück und Leid, nichts anderes sind als Durchgangsstadien und Geburtswehen eines neuen Daseins. Wird nicht auch jedes Samenkorn in der Erde schmerzvoll gesprengt, damit der neue Keim zum Licht dringen kann?

Jedem Menschen, davon war er zutiefst überzeugt, um dessen Seele er ränge und kämpfte, brächte er mit dieser Wahrheit auch Trost. Aber wie viele galt es zu umsorgen, und die Schwere der Arbeit umlastete abermals sein Herz.

Bruckner erwachte aus seinem Halbschlaf. Mühsam richtete er sich auf. Hatte er eben geschrien? Ja, der Schrei hallte noch nach, und er erschrak vor der Angst, die ihn erfüllte.

»Nein, nein, Gott lebt«, sprach er vor sich hin, als wollte er die Träume bannen; »Gott lebt, auch wenn ihr Ihn nicht versteht. Das Leid kommt nicht von Gott. Es ist das Werk des Menschen, der die Freiheit mißbraucht, die ihm von Gott geschenkt wurde. Gott lebt!«

Bruckner erhob sich. Sinnlos, noch schlafen zu wollen, der Schlaf war bitterer als die Wirklichkeit. Mit unsicheren Schritten taumelte er hinaus. Ein eisiger Wind schlug ihm entgegen. Weit unter −30 Grad mußte das Thermometer gefallen sein. Konnte er noch lächeln? Vorgestern hatte er einen Sanitätssoldaten gefragt, wie kalt es wäre. »−20 Grad im Schatten«, war die lakonische Antwort gewesen.

Jetzt schien es an der Front ruhig geworden zu sein, eine bedrückende Stille umfing ihn. Was war das für ein Land? Selbst in der Nacht dehnte sich der Horizont so weit, als gäbe es kein Ende, als würde er weder durch Höhen noch durch Seen oder Wälder begrenzt, und es gab doch der Seen und Wälder genug. Nein, nicht am Fehlen der Flora lag es, und auch Ortschaften gab es und Straßen — doch Häusern und Menschen, den Wäldern und auch den Feldern haftete etwas grenzenlos Einsames an. Jeder Blick wurde in die Ferne abgezogen und es schien, als nähme die Ferne den Menschen einen Teil ihres Selbstbewußtseins und erfüllte sie mit einer trostlosen Leere. Dieses Land besaß einen eigenen Rhythmus, und vielleicht hatten sie ihn gestört, und jetzt packte sie sein Sog, unheimlich, beängstigend, als könnte in jeder Minute die Erde sich neben ihnen auftun, um sie allesamt zu verschlingen. Bruckner blickte zur Seite, wo er Schritte hörte. Leichenblaß, seit Tagen unrasiert, mit dicken Säcken unter den Augen, taumelte ihm Dr. Jakoby entgegen, der Chef des Feldlazaretts dieser Panzerdivision. Respekt empfand er vor der Arbeitsleistung dieses Mannes, der seit Beginn der Offensive noch kein Auge zugetan und ununterbrochen operiert, verbunden und wieder operiert hatte.

Wie doch der Zufall spielt, dachte Bruckner, daß wir uns hier wieder begegnen mußten. Wie lange kannte er diesen Arzt? Seit dem Kretafeldzug. Damals war er, Franz Bruckner, noch Sanitätsunteroffizier in einem Fallschirmjägerregiment und für den bevorstehenden Einsatz der dritten Welle zugeteilt worden. Wie lange lag das zurück? Erst drei Jahre? Nein, zwischen damals und heute lag eine Ewigkeit. Würde er auch jetzt noch zum Kommandeur laufen und bitten und betteln und trotzen, um der ersten Welle zugeteilt zu werden? Wie einen Kranken hatte ihn Oberst Jordan behandelt, nachsichtig und verzeihend. Doch als sein bayrischer Dickschädel immer neue Argumente hervorholte, geriet Oberst Jordan in Wut, schimpfte ihn einen Rebellen und Gott weiß was, brüllte, er sollte froh sein, wenn er erst mit der dritten Welle abspränge, die erste würde 70 Prozent Verluste haben, die zweite 40 Prozent, und erst mit der dritten könnte man hoffen, Fuß zu fassen.

Bruckner sprang dann mit der ersten Welle. Vierundzwanzig; Stunden später wurde er zusammen mit anderen Verwundeten nach Griechenland geflogen und weitere zwei Tage später lag er im Reservelazarett II des Schwabinger Krankenhauses in München. Hier hatte er Dr. Jakoby kennengelernt, der ihn so meisterhaft zusammenflickte, daß er sich nur noch mühsam entsinnen konnte, wie wenig Hoffnung er sich nach der Verwundung gemacht hatte, jemals wieder ohne Stock laufen zu können.

War aber der Dr. Jakoby, der ihm jetzt gegenüberstand, noch der Dr. Jakoby von damals? In München hatte er die Sicherheit des erfolgreichen Arztes ausgestrahlt, war den Freuden des Lebens nicht abhold gewesen, liebte das Lachen und pflegte dem Leben mit einer immer wachen, feinen Ironie gegenüberzutreten. Jetzt wirkte sein Gesicht fahl und verquollen, um Jahre schien er gealtert; am schrecklichsten aber wirkten die Augen, wie ausgelöscht und verbrannt, wie die eines Toten.

»Guten Morgen, Doktor«, rief Bruckner ihm zu, »wie steht’s?«

Jakoby blieb stehen und blickte geistesverloren auf, als müßte er erst überlegen, wen er vor sich habe. Dann nickte er. »Ach, der Bruckner, unser Tröster. Wie es steht? Ich mache es kurz: beschissen. Unser hochwohllöblicher Führer hat sich für seine politischen Experimente dieses Rußland ausgesucht. Jetzt sind wir wirklich am Arm der Welt. Blicken Sie diese Rollbahn entlang. Führt sie nicht geradewegs in die Hölle? Wissen Sie, Pfarrer, was es für mich bedeutet, daß mir in den letzten zwei Tagen siebzehn Menschen unter den Fingern wegstarben? Ich bin schuld daran, war nicht schnell genug, fühlte lähmend die Grenzen meines Könnens. Und jetzt? Die Angehörigen erhalten alle den gleichen Text: Gefallen für Führer, Volk und Vaterland. Aus. Herrscht noch ein Rest von Ordnung, bekommen sie auch die letzten Habseligkeiten; sie streichen dann mit einer zarten Geste über ein verblichenes Notizbuch oder über eine stehengebliebene Uhr und wissen nicht, daß sie dem Mörder ihres Sohnes fluchen sollten: dem Dr. med. Heinrich Jakoby. Aber selbst wenn ich es ihnen sagte, würden sie mir nicht glauben und in das Lob einstimmen, das man in München dem Frauenarzt zollte. Auf jenen Obergefreiten Gentner würden sie hinweisen — erinnern Sie sich an ihn? —, dem vor Tobruk der Oberarmknochen abgeschossen wurde. Den chirurgischen Faustregeln folgend, hätte ich ihm den Arm abnehmen müssen. Ich tat es nicht. Zuerst versuchte ich es mit Knochen eines frisch geschlachteten Schweines, dann mit einem silbernen Knochen, aber immer wieder begann der Arm zu eitern. Schließlich nahm ich eine Speiche aus seinem linken Bein, setzte diese in den Arm ein, und heute kann der gute Mann, wenn auch gerade nicht boxen, so doch wieder einwandfrei im Büro arbeiten und mühelos mit beiden Händen essen. Hier aber, Bruckner, versage ich bei einfachen Kopfschüssen. Vielleicht bin ich auch ein schlechter Organisator. Gestern starben einige, weil ich zu spät eine Bluttransfusion einleitete. Sehen Sie, so groß ist meine Schuld. Und niemand nimmt sie mir ab. Sie haben es leichter. Sind Sie mit Ihrem Latein am Ende, schweigen Sie oder lassen Gott weitersprechen. Sie haben es in der Hand; Bleibt ein armer Teufel leben, hat Gott geholfen, und stirbt er, war es Gottes Beschluß.«

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Bruckner starrte den anderen an. Nie zuvor hatte er ihn so deprimiert erlebt, und selbst seine Stimme paßte sich jetzt der Landschaft an und klang grenzenlos einsam. Einst hatte er die Patienten für sich und die Heilung gewonnen, und das nicht zuletzt durch seinen Charme, der ihm als Frauenarzt eigen war.

Der jähe Aufschrei machte Bruckner für Sekunden hilflos. Was sollte er entgegnen? Sagen mußte er etwas, mehr als das, helfen mußte er, und war doch selbst müde und zerschlagen und hatte, als er Jakoby gesehen, gehofft, sich an dessen Stärke aufrichten zu können. Am liebsten wäre er weitergegangen, weiter ohne Ziel und Ende. Hart preßte er seine Lippen aufeinanderund zwang sich zu klaren Gedanken. Stockend begann er, zuerst leise und in den aufkommenden Worten selbst Kraft suchend; er erzählte einfach, was ihn zum Priester hatte werden lassen.

Wagte er nicht einen zu hohen Einsatz? Was blieb ihm noch zu sagen, wenn ihm der Arzt entgegenhielt: »Und wozu, Bruckner, hat es geführt? Ist nicht auch der Priester zur Passivität verurteilt? Müssen nicht auch Sie leidvoll miterleben, was Menschen aneinander verbrechen, Menschen, die doch alle von Gott geschaffen sein sollen?«

Doch Jakoby unterbrach nicht. Lauschte er dem Klang der Worte, um an dem bloßen Laut des Sprechens sich aufzurichten oder war es das Wort Mutter, das seine Gedanken aus der erbarmungslosen Weite heimführte zum Beginn alles Lebens?

Wie überall und immer auf Erden hatte eine Mutter Franz Bruckner das Leben geschenkt, doch sie hatte es im doppelten Sinn getan, ihn behutsam und unaufdringlich auch zum Glauben geleitet und den Wunsch in ihm auf keimen lassen, ausschließlich dem Glauben zu leben und zu dienen. Keine andere Überzeugungskraft besaß sie als die ihres Herzens, und wenn er damals auch noch nicht wußte, daß es eine stärkere nicht gibt, er fühlte sich angesprochen, und ihre Mahnung, ins Licht zu sehen und dem Licht zu dienen, weil es immer stärker wäre als das Dunkel, hatte gewirkt, bis jetzt.

Dr. Jakoby hatte ihn nicht unterbrochen, nur zweimal eine Zigarette herausgenommen, angesteckt und — ein Beweis, wie überreizt seine Nerven waren — sie nach wenigen Zügen fortgeworfen.

Jetzt richtete er sich auf. Seine Augen wurden heller, und Bruckner erwartete eine seiner ironisch-sarkastischen Außerungen. Doch der schon geöffnete Mund schloß sich zu einer bitteren, schmalen Linie, der Körper fiel in sich zusammen, und um seine Mundwinkel bildeten sich zwei messerscharfe Falten. Dann legte er seine Hand auf Bruckners Schulter.

»Schon gut, Pfarrer«, sagte er, und seine Stimme wehte wie ein Flüstern, »kämpfen wir halt weiter gegen das Dunkel.«

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Achtundvierzig Stunden später.

Wieder und wieder hatten die sowjetischen Truppen nach stundenlanger Artillerievorbereitung zum Sturm angesetzt, doch stets waren sie abgewehrt worden, und jetzt schien das Feuer nachzulassen.

Bruckner hob den Kopf, um den Geschützdonner mechanisch zu registrieren, aber denken konnte er an nichts anderes als an die nächsten Minuten. Angst hatte er, ganz gemeine, hundsföttische Angst vor dem, was ihm jetzt bevorstand. Deshalb zögerte er vor dem grauen Haus, in dem einst der Lehrer der gegenüberliegenden Schule gewohnt hatte, und in dem jetzt die Schwerstkrankenstation des Feldlazaretts untergebracht war. Angst hatte er, zu versagen und ein schlechter Diener des Herrn zu sein. Hier, in diesem Haus, lag Hermann Küppers, jener junge Panzergrenadier, mit dem er durch das schweigende Rußland gefahren war und der sich in Witebsk von ihm verabschiedet hatte.

Gestern war er eingeliefert worden.

Schnell hatte Bruckner alles erfahren. Von Witebsk aus waren Küppers und die anderen mit einem LKW in Richtung Front gebracht worden. Dann hieß es, »alles aussteigen, Endstation«, und bevor sie es begriffen, standen Küppers und weitere acht Panzergrenadiere, die zusammen einer Kompanie zugeteilt worden waren, hilflos auf der Straße. »Seid ihr eine Kostprobe der Ersatztruppen?« fragte ein Unteroffizier und ging weiter, mit dem freundlichen Hinweis, daß der Spieß sich ihrer gleich annehmen würde. Mit aufgerissenen Augen starrten sie auf das Treiben. Ganz anders hatten sie es sich vorgestellt. Mit welcher Selbstverständlichkeit doch diese alten Soldaten in das nächstbeste Haus gingen, um Quartier zu machen, und bei der Feldküche etwas organisierten! Sie sahen es, aber sie selbst konnten das noch nicht, begannen nur zu begreifen, weshalb die Obergefreiten, auch Oberschnapser genannt, als das Rückgrat der Armee bezeichnet wurden. Immer würde es auch Bruckner ein Rätsel bleiben, wie seinerzeit in Armawir am Kuban der Obergefreite Michel auf den von einem weisen Lächeln seines Hauptmanns begleiteten Befehl, ein Klavier und dreißig Stühle zu beschaffen, die Hacken zusammenschlug, grinsend sein »Jawohll« brüllte, und am Abend, zum Kompaniefest, tatsächlich ein Klavier und dreißig Stühle bereitstanden.

Aber die eben an der Front eingetroffenen Panzergrenadiere waren vor kurzem noch Zivilisten gewesen, und kein Weg war länger, als der vom Zivilisten zum Obergefreiten.

Endlich fanden sie eine Unterkunft, und in der Nacht darauf passierte es bereits. Einer der jungen Männer sah vor sich die Pistolentasche des neben ihm schlafenden Kradmelders liegen. Neugierig öffnete er sie, zog die schwere O8 heraus und spielte gedankenlos an den Hebeln. Plötzlich löste sich ein Schuß, und die Kugel traf den unweit von ihm liegenden Hermann Küppers so unglücklich in den Rücken, daß sämtliche Nervenstränge durchschossen wurden. Von einer Sekunde zur anderen war er zum Krüppel geworden. Aber nein, noch viel schlimmer. Arme und Beine besaß er, doch sie waren für ihn nichts anderes mehr als unnütze Anhängsel, die er nicht mehr bewegen konnte, und über Darm und Blase besaß er keine Macht mehr, lag wie ein Säugling ununterbrochen im eigenen Kot.

Hermann Küppers wurde von Helmut Hartmann betreut. Das war ein Mensch, der statt der Augen zwei dunkle Punkte besaß, die sich den Blick der anderen zu unterjochen versuchten, den der Kameraden, den der Vorgesetzten und auch den der Kranken und Verwundeten. Die Kameraden gingen ihm aus dem Wege. Hartmann machte das wenig aus; er war Einzelgänger und brauchte nicht das Gespräch. Vielleicht spürte er auch die Stärke seiner Stellung: vielen schien er unentbehrlich, und sie suchten, wenn nicht Sympathie oder Freundschaft, so doch sein Mittun. Oft genug war er bereit, zusätzlich eine Wache zu übernehmen, und mit dem Spürsinn des Landsknechtes wußte er stets, wann und wo es etwas zu organisieren gab. Was er tat, tat er sofort; er liebte keine langen Vorreden und wehrte hinterher hartnäckig jeden Dank ab.

Bei den Vorgesetzten war er nicht sonderlich beliebt; doch sie hatten an ihm nichts auszusetzen; er arbeitete sorgfältig und gewissenhaft, und wer hatte noch Zeit oder Muße, sich um zwischenmenschliche Beziehungen zu kümmern? Bruckner hatte es versucht, doch auch er hatte bisher keinen Ansatzpunkt gefunden. Dr. Jakoby hatte auf eine diesbezügliche Frage die Schultern gezuckt und Schiller zitiert: »Des Dienstes immer gleich gestellte Uhr« und dann hinzugefügt: »Ein Kauz, gewiß, doch mit einem harten Gefieder. Heutzutage besser als einer, der Nestwärme sucht. Härte reizt, spornt aber auch an.«

»Nihilismus soll Kraft geben? Wirkt er nicht vielmehr ansteckend und damit schwächend?«

Jakoby hatte sich aufgerichtet und die Brille abgenommen, seine Augen blitzten. »Bruckner, was wirvoneinander zu halten haben, wissen wir. Die Menschen aber sind nicht so, wie Sie sie sehen. Hartmann ist für mich ein Regulativ. Immer, wenn ich hoffen will, denke ich an ihn, an sein Wesen, seine Worte, und schon weiß ich, es gibt keine Hoffnung. Er ist der Typus des Menschen unserer Tage. Brutal von innen her, nach außen geschmeidig, gewandt, leb enstüchtig, wenn man darunter des Leben-bleiben-wollen versteht, und was er an Seelenresten in sich birgt, ist jederzeit zum Absprung bereit. Doch in einem Hartmann erzeugt das keine Spannung; dieser Typus Mensch kann warten. Verlassen Sie sich darauf, Bruckner, Hartmann überlebt diesen Krieg; denn er besitzt unerschöpfliche Reserven an Geduld, mehr als die Männer des gesamten Feldlazaretts zusammengenommen.«

Bruckner hatte einmal versucht, mit Hartmann in ein Gespräch zu kommen.

Mit dünnen Lippen antwortete Hartmann auf seine Fragen, doch als Bruckner das Wort Gespräch erwähnte, fragte er kurz zurück: »Dienstlicher Befehl, Herr Pfarrer?«

Und als Bruckner verständnislos blickte, fügte er hinzu: »Zu einem persönlichen Gespräch?«

Bruckner schüttelte den Kopf. Nein, das könne et nicht befehlen. In den Augen des Sanitätsfeldwebels lag ein Lauern. »Dann darf ich es also auch ablehnen?«

Bruckner nickte. Nur, das würde Hartmann verstehen, er hätte fix gern den Grund erfahren, weshalb.

Hartmann blickte an ihm vorbei. »Der Lügen wegen«, sagte er freimütig, »und weil diese mir zuwider sind.«

Bruckner hatte bei dieser Antwort zwar ein Aufbegehren seines Temperaments verspürt, aber es verging rasch. Jetzt nun verschwendete er keinen Gedanken mehr an Hartmann. Die Angst, Hermann Küppers gegenüberzutreten, erfüllte ihn ganz.

Was sollte er ihm sagen, ihm, der für sein ganzes Leben hilflos geworden war? Wie konnte er ihm, der auf nichts mehr hoffen konnte, von der Allmacht Gottes künden, von der Weisheit und der Gnade des Herrn und von der Hoffnung auf das ewige Leben?

Schon betrat er den Raum.

Hermann Küppers blickte ihm entgegen und in seinen Augen stand die Verzweiflung und die körperliche Pein; aber offensichtlich hoffte dieser junge Mensch noch, weil sein Bewußtsein die Unbeholfenheit, die unüberbrpückbare Kluft zwischen Wollen und Nichtkönnen noch nicht restlos begriff.

Weiter hinten am Bett eines anderen Verwundeten stand Sanitätsfeldwebel Hartmann und reichte Tee. Jetzt blickte er zu ihm herüber, deutete eine Ehrenbezeigung an und beugte sich zurück. Noch als Bruckner sich ganz Hermann Küppers zuwandte, glaubte er den Blick des Sanitätsfeldwebels zu spüren.

Die Augen des Jungen schienen ihm eine einzige Frage. Vor einem halben Jahr noch hatte er Puschkin und Lermontow gelesen, Russisch, Bulgarisch und andere slawische Sprachen studiert; eine glänzende Karriere war vor ihm gelegen. Und jetzt? Würde er jemals wieder sprechen und sich bewegen können?

Bruckner legte die Hand auf die Stirn von Küppers. Sie fühlte sich heiß an. Neben dem Bett stand eine Schnabeltasse. Bruckner nahm sie und flößte ihm kalten Tee ein. Als er auf die Bettdecke zeigte, nickten die Augen des Verwundeten. Vorsichtig und behutsam drehte Bruckner ihn auf die andere Seite und nahm das beschmutzte Tuch fort. Dann wusch er ihn und legte ihm ein neues Tuch unter.

Mit einem scheuen Lächeln dankte ihm Küppers, und als Bruckner die Hände faltete und ein Vaterunser sprach, blickte er ihn wie verklärt an, und für Sekunden war sein Gesicht frei von Gram und Schmerz und Leid.

Bruckner zwang sich zu einem Lächeln, mit dem er sich verabschieden wollte.

Was soll ich tun? Ich bete. Ich muß beten; doch kann das einer verstehen, der sich, wie dieser hier, den Tod als Erlösung ersehnt? Den Tod, der in nächster Nähe nach Tausenden greift und auch ihm schon so nahe war, und nun vielleicht noch zwanzig oder fünfzig Jahre auf sich warten läßt und dessen Vorbote ihn in das Gefängnis eines tunlos gewordenen Körpers bannt. Weshalb müssen die Jungen das Leid wie eine Strafe tragen? Sind sie denn schon alt genug für eine Sünde, die eine solche Strafe rechtfertigt? O Herr, ich bin Dein Diener, und gerade deshalb darf ich am wenigsten Fragen stellen, die im weltlichen Geschehen wurzeln. Du allein handelst; unser Schicksal kann nur allein im Glauben bewältigt werden. Du gewährst alle Gnade und auch die, daß dieser Junge zu solcher Lebensauffassung geführt werden kann, und sein Hirn unabhängig von allen weltlichen Einflüssen allein vom Herzschlag des Glaubens genährt wird. Möge ihm dieser Glaube die Überzeugung eingeben, daß auch sein Leben nicht sinnlos ist, weil alles Leid das Sein erneuert und daß er einst den Sinn erfahren und begreifen wird, und das um so deutlicher, je bewußter er der Not sich neigt.

Schweigend schritt Bruckner von Bett zu Bett, schweigend zur Tür. Dort stand Hartmann, als hätte er auf ihn gewartet und murmelte: »Ob das hilft?«

Bruckner blieb stehen.

»Daß der arme Kerl gereinigt wurde, sicherlich.«

Hartmann überhörte den Vorwurf. »Das andere also nicht?«

»Meinen Sie«, fragte Bruckner mit gedehnter Stimme zurück, »das Gebet, Feldwebel?«

Hartmann verzog spöttisch die Lippen. »Sie überraschen mich, Herr Pfarrer, wie schnell Sie schalten.«

Bruckner ging auf diesen Ton nicht ein. Vom Reglement der Dienstanweisung her hätte er Hartmann zurechtweisen können. Doch das hätte nur geschadet, das Herz des anderen vollends verschlossen. Jede Ordnung, dachte er, die nicht mehr anerkannt wird, nur mehr Selbstzweck ist, führt zum Gegenteil. Auch das Gebet. Doch wohin verirrten sich seine Gedanken! Wie ein Versucher stand dieser Feldwebel vor ihm.

»Auch das Gebet hilft, Hartmann, und gerade deshalb, weil jener mehr Hilfe braucht, als ein Mensch zu geben imstande ist.«

»Ihr Gebet wird also helfen. Und wie?«

Hatte er sich nicht eben die gleiche Frage vorgelegt? Aber aus dem Mund des anderen klang sie ganz anders, wie Versuchung, wie Gotteslästerung.

»Es hilft, Hartmann. Unser Gott hilft bereits, wenn er diesem unglücklichen Menschen den Beweis erbringt, daß es Menschen gibt, die ihm von ihrem eigenen Sein einen bescheidenen Teil abgeben und so ihn teilnehmen lassen am Leben. Wenn sie ihm nichts anderes sagen als das eine: Du bist nicht allein! Und mehr als Eltern oder Freunde können das Fremde sagen; denn bei diesen setzt er keine Gemeinschaft voraus, und eben deshalb bewahrt es vor dem Nichts.«

Hartmann lachte kurz auf.

»Das Nichts, von dem Sie da reden, steht allen bevor, Herr Pfarrer; er ist nur früher dahingelangt. Und wer sollen denn die Menschen sein, die davor retten? Solche, die ihn vom Dreck befreien, wie Sie es eben taten, einmal taten? Doch nur Pfleger und das Krankenpersonal.«

Bruckner atmete heftig durch. »Das meine ich nicht, Hartmann. Versorgt werden muß er, ja. Aber er braucht auch Menschen, die sich mehr um ihn kümmern, die nicht nur den Hilflosen in ihm sehen, denen es um den Menschen Küppers geht!«

Hartmann verzog die Mundwinkel.

»Schöne Worte, sehr schöne Worte. So kann nur ein Pfarrer sprechen. Oder ein General. Sie alle erteilen Anweisungen, befehlen Menschlichkeit, und was tun sie selber? Stellen Sie sich einmal täglich neben einen solchen Fall! Nach wenigen Wochen sprechen Sie weniger geschwollen. Einmal einen armen Teufel reinigen, was ist das schon? Die gleiche Geste, mit der Regierungschefs den ersten Spatenstich für eine Brücke oder eine Autobahn zelebrieren. Man tut, als wäre man verbunden. Und die Wahrheit: niemand ist verbunden, mit niemandem und mit nichts. Mit den Menschen nicht und mit der Arbeit schon lange nicht. Niemand schätzt den Dreck, jeder weicht ihm aus, und um das zu vertuschen, spricht er davon und verabreicht Mittelchen.«

An die letzten Tage dachte Bruckner, an die harte Arbeit, die sie geleistet hatten, und wie sie alle, bis zum Umfallen müde, ununterbrochen Verwundete getragen, verbunden, Holz für die Küche zerkleinert, Verpflegungsrationen aufgeteilt, Marschbefehle für die gehfähigen Verwundeten ausgeschrieben, Mullbinden sortiert und immer wieder tröstend mit den Menschen gesprochen, oft auch nur die Hand auf eine Stirn gelegt hatten, hinter der noch das Grauen das Hirn zermarterte.

Konnte er Hartmann mit diesen Argumenten überzeugen? Er sprach und sprach und sah doch am Lächeln des anderen, wie wenig Erfolg er hatte. Die schmalen, dunklen Augen des Sanitätsfeldwebels lachten; aber gerade dieses Lachen, vom Verstande genährt, schickte den Hohn. Solcher Hohn ging nicht zum Angriff über, weil er wußte, wie stark die eigene Bastion war.

»So reden alle, Herr Pfarrer, und — weichen der Arbeit aus. Eigentlich dürften nur jene über das Leben etwas aussagen, die tatsächlich arbeiten. Wer aber tut das denn? Die sich zu Hohem berufen fühlen, fliehen die Arbeit wie eine Seuche und überlassen sie den anderen. Damit keiner das merkt, sprechen sie ständig vom Schaffen und. Werken. Das Faszinierende: die meisten merken gar nicht, daß Arbeit durch schöne Worte ersetzt wird. Den Menschen wird zuviel Sand in die Augen gestreut. Alte Begriffe, längst überlebt, werden immer wieder benutzt; und aus der Mischung konservaticer Überzeugungen mit einigen modern gewordenen Phrasen formt sich die Weltanschauung der meisten. Das allein macht alles so leicht!«

»Und Sie, Hartmann? Leben Sie in Übereinstimmung mit Ihren Überzeugungen?«

Das Lächeln verschwand. »Keiner kann das ganz, Herr Pfarrer. Sie nicht, und auch ich nicht. Wir alle müssen teilnehmen am Ausverkauf einstiger Werte. Aber es kommt darauf an, sich auf das Später einzustellen.«

»Ach, auch der Nihilist Hartmann denkt an das Später! Und wie soll das aussehen?«

Hartmann krauste die Stirn. »Es gehört zu unserer Zeit, daß manche Antworten gefährlich sind und deshalb unterbleiben. Oder würde es Ihnen recht sein, mich wegen Wehrkraftzersetzung —«

»Hartmann«, unterbrach Bruckner, »glauben Sie, ich könnte Sie anzeigen?«

»Fühlen Sie sich nicht an diese Pflicht gebunden?«

»Ein Pfarrer, Hartmann, bleibt Pfarrer, auch wenn er Uniform trägt.«

Hartmann fand zu einem Lächeln zurück.

»Jetzt tischen Sie mir noch das Märchen vom Beichtgeheimnis auf, und ich schreie Hurra!«

»Schreien Sie es, aber nicht so laut, sonst wecken Sie die Schlafenden auf. Sie sind nicht katholisch?«

»Sehe ich so aus?«

»Wenn es nach dem Aussehen ginge, Hartmann! Mancher sieht aus wie ein Mensch und ist es nicht. Also sind Sie evangelisch?«

Hartmann lachte.

»Das war ich, Pfarrer, und um genau zu sein, man nannte sich einst Protestant. Doch hieran allein sehen Sie, wie vieles sich überlebt hat. Als es zu protestieren galt, als es wirklich notwendig war, suchte man den Kompromiß.«

»Und einen solchen, Hartmann, gibt es beim Beichtgeheimnis nicht. Kennen Sie den heiligen Nepomuk?«

»Das klingt nach Tschechisch.«

»Er lebte in Prag, wirkte dort, und als sein König befahl, auszusagen, was die Königin gebeichtet habe, weigerte er sich, und er weigerte sich, als man ihn folterte, und er blieb beharrlich in seinem Schweigen, bis man ihn in die Moldau stürzte und er so das Geheimnis der Beichte mit in den Tod nahm. Das, Hartmann, ist unsere Beichte; ihr Geheimnis ist unverletzlich und unantastbar.«

»Das mag alles wahr sein«, gab Hartmann zurück; »wozu aber die lange Vorrede? Wollen Sie mich bekehren?«

»Alles braucht seine Zeit, Hartmann. Vorerst aber sollten Sie wissen, daß es keinen Priester gibt, der es mit seinem Stande vereinbaren könnte, die Worte eines anderen diesem zum Galgen werden zu lassen.«

»Gut gesprochen, Herr Pfarrer«, sagte Hartmann, und für Sekunden lag unter der beabsichtigten Ironie ein Hauch Wärme, »doch Sie hörten: ich bin nicht katholisch. Wie könnte ich also das Beichtgeheimnis in Anspruch nehmen!«

Bruckner sah ihm fest in die Augen, als müßte es ihm gelingen, sie mit menschlicher Wärme zu erfüllen. »Wir stehen hier in einem fremden Land, führen das Dasein von Landsknechten. Keiner kann leben wie zu Hause, keiner nach einer Speisekarte verlangen, und ein jeder ist schon froh, wenn er dann und wann sich einmal aufwärmen kann. Alles ist anders, ungewohnt, erbarmungslos und vollzieht sich nach Gesetzen, die von jedem äußerste Anpassung verlangen. Auch der Pfarrer ist an sie gebunden, wenn er — Pfarrer sein will. Und er muß es sein, Hartmann; der gleiche Himmel wölbt sich über den Menschen wie daheim. Auch hier! Nur, daß die Menschen den Pfarrer nicht aufsuchen können, wenn sie nach ihm verlangen. Deshalb muß er zu ihnen kommen, und oft offenbart ein Gespräch mit einem Soldaten dessen Seele und Gedanken so sehr, daß ich mich nach einem raschen, stillen Gebete getraue, ihm die Absolution zu erteilen.«

Hartmann hatte etwas entgegnen wollen, wandte sich aber ab; doch dann schob er den Kopf noch einmal zurück: »Ich, Herr Pfarrer, werde bei Ihnen wohl kaum vorgemerkt sein.«

»Sie, Hartmann, beweisen Gott viel stärker als andere, die schweigen.«

Hartmann blähte die Wangen auf. »Aus gerechnet ich! Wie kommen Sie, verzeihen Sie den Ausdruck, auf eine solche Schnapsidee?«

»Wer gegen etwas kämpft, beweist dessen Existenz!«

Hartmann hob die Stirn in Falten und verzog den Mund, doch bevor er etwas antworten konnte, trat ein Sanitätssoldat hastig auf ihn zu.

»Herr Feldwebel, sofort alles fertigmachen. Das Feldlazarett wird verlegt!«

Hartmann blieb die Ruhe selbst. »Vorsichtig ausgedrückt, mein Lieber«, sagte er. »Weshalb melden Sie nicht kurz und bündig: Vorwärts, Kameraden, es geht zurück!«

3

Wenige Stunden später wurde der Befehl widerrufen.

»Blödsinn«, knurrte Dr. Jakoby, »Unteroffizier Perkonig soll den Divisionsstab anrufen!«

Der Führer des Nachrichtentrupps meldete wenige Minuten später, daß der erwartete neue Großangriff der Sowjets nicht erfolgt wäre und deshalb keine Veranlassung bestünde, das Feldlazarett zurückzunehmen.

Jakoby nickte grimmig. »Das hätte uns der Iwan auch gar nicht antun dürfen, nachdem wir diese Gebäude zu einem halbwegs brauchbaren Lazarett umgestaltet haben.«

Unteroffizier Perkonig stand noch da und blickte Bruckner an.

»Herr Pfarrer, Sie werden am Telefon verlangt. Hauptmann —«

»Kluge«, rief Bruckner und stürzte in den Nebenraum.

»Alter Freund«, hörte er die dröhnende Stimme Kluges, »schon tüchtig eingelebt? Recht viele Seelen aufgeheitert? Morgen kannst du meine vornehmen, ich muß den Onkel Doktor konsultieren. Ein Granatsplitter hat seine Flugbahn ausgerechnet an meinem rechten Oberarm beendet und ihn ein wenig aufgeritzt«. Und als Bruckner fragte, weshalb er nicht heute noch käme, wehrte er mit einem Lachen ab. »Unmöglich, Franz. Der General ist nach Witebsk gefahren, hat seinen Adjutanten mitgenommen, und wenn ich auch noch abmarschiere, fehlt der dritte Mann zum Skat.«

»Ihr scheint euch vor Arbeit kaum mehr auszukennen.«

»Nichts ist so eilig, das nicht durch längeres Liegen noch eiliger werden kann.«

»Manches erledigt sich dann von selbst.«

»Donnerwetter, Franz, du mauserst dich. Ich gebe die Hoffnung doch nicht auf.«

»Das soll man nie, Kurt, verlaß dich nur auf mich; ich werde deine schwarze Seele noch retten.«

»1:1 für mich«, lachte Kluge zum Abschied, und beide wußten nicht, wie schnell der Scherz zu blutigem Ernst werden sollte.

In der Nacht wurde Bruckner zu Hermann Küppers gerufen. Das Fieber stieg unaufhaltsam. Sollte es das Ende herbeiführen? Bruckner betete.

Ganz still war es um ihn, nur das Geräusch unregelmäßiger Atemzüge der Verwundeten erfüllte den Raum. Dann und wann schrie einer auf.

Ein Sanitäter blickte auf das Fieberthermometer. Küppers nahm nichts wahr. Das Fieber sank, die Krisis schien überwunden. Doch Bruckner beschloß, noch eine Weile bei ihm zu bleiben. Unruhig flackerte das Licht, dessen Docht in dem mit Wachs aus gegossenen kleinen Pappbecher steckte.

Hindenburgkerzen nannte man sie.

Weshalb, sinnierte Bruckner. Sicherlich war Hindenburg nicht mit solchen Lichtern in die Schlacht von Tannenberg gezogen. Hindenburg? Lag nicht seine Zeit jahrzehntelang zurück? Weshalb mußte er ausgerechnet jetzt an sie denken?

___________

War sie nicht von der Politik beherrscht worden, um die er sich bisher wenig gekümmert hatte? Er hatte einfach keine Zeit für sie gehabt, jede Stunde dem Studium und der Vorbereitung gewidmet. Als er Kurt Kluge kennenlernte, schrieb man 1930. Deutlich erinnerte er sich an den Jurastudenten, der hinter ihm stand, um, wie er, eine Karte für eine Aufführung der Missa solemnis zu erstehen. Sie waren ins Gespräch gekommen und »das war«, meinte Kluge später, »der erste Spatenstich für unsere Freundschaft«. Sie hatte die vielen Jahre überdauert. Allerdings, als Kluge nach dem eben glänzend bestandenen Staatsexamen Bruckners für den Oberlehrerberuf von der Absicht hörte, umzusatteln und sich dem Priestertum zu verschreiben, hatte er aufbegehrt.

»Auf fremde Kinder aufpassen willst du nicht«, hatte er in seiner derb-ironischen Art sich ereifert, »weshalb dann auf fremde Erwachsene? Franz, das alles ist Idealismus, purer Idealismus, und alle Idealisten werden eines Tages unglücklich oder Routiniers. Werde Bibliothekar oder noch besser: gehe zur Presse. Dort findest du den Spiegel unsere buntbewegten Lebens, Skandale, schöne Frauen, Intrigen, Klatsch aus aller Welt und kannst dir einreden, Tag für Tag und Jahr für Jahr, daß die Welt durch die von dir verbrauchte Druckerschwärze besser wird.«

Bruckner hatte sich nicht beirren lassen und hielt um so stärker an seinem Entschluß fest, als er überzeugt war, wie sehr seine Mutter mit ihm übereinstimmte. Sie war ganz das Gegenteil des Vaters, dessen Wesen vom Rhythmus seines Berufes als Zollbeamter mehr und mehr bestimmt worden war. »Wir sind auf dieser Erde, um unsere Pflicht zu tun«, hieß es bei ihm, »und die Pflicht, unserem Vaterland zu dienen, steht an erster Stelle!« Ja, Vater liebte das Große, und wenn er sich in Sätze verstieg, die das ausdrücken sollten, spürten die anderen förmlich, wie sein Gefühl sich erregte, das er im Alltagsleben und im Kreise der Familie nur selten zeigte. Mutter war ganz anders. Das Wort Pflicht hatteaus ihrem Munde niemand gehört; sie erfüllte sie einfach, still, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Und alles ertrug sie mit jener Geduld, um die so viele ringen, die sie aber nur selten erreichen, weil sie um ihre Wurzel nicht wissen. Auch er, ihr Sohn Franz, hatte sich oft gewundert und eines Tages gefragt. Hastig hatte die Mutter den Kopf geschüttelt, als wollte sie abwehren, daß man von so etwas überhaupt spräche. Erst als er in sie drang, hatte sie sich geäußert. »Was man liebt, Franz, begreift man, und was man begreift, mit dem hat man Geduld. Ich liebe euch, dich, deine Schwester und deinen Bruder, Vater, unsere kleine Wohnung, Senta unsere Schäferhündin, und weiß doch, daß ich keines besitze, keines behalte, Franzl, weil jedes seinen Weg geht. Eines aber besitze ich, den Glauben. Den Glauben an meinen Gott, der euch mir geschenkt hat und der mir bleibt, auch wenn ihr wieder von mir geht, und in Ihm bleibt auch ihr mir!« Er studierte also Theologie. Und als 1932 die Schatten des wirtschaftlichen Niedergangs auch den Bayrischen Wald erreichten, als die Gehälter der Beamten gekürzt, die Stipendien verringert wurden und das Studium in Frage gestellt war, ging er in die Kohlengruben im Ruhrgebiet, arbeitete unter Tage, lebte mit den Kumpels, sprach ihre Sprache, vernahm ihr Denken, erkannte die Wunschbilder der Männer, die unter Tage die besten Kameraden sein konnten und dann, wenn sie zum privaten Teil des Lebens übergingen, wie sie zu sagen pflegten, oft wie ausgewechselt waren. Hier, an diesen einfachen Männern, erfuhr Bruckner den Gegensatz, der in den Seelen der meisten jetzigen Menschen wohnte, erlebte fern der Hörsäle, unbeeinflußt von Büchern oder Abhandlungen, wie der Mensch, ohne daß er es selbst merkte, versklavt war. Nicht ein fremder Eroberer hatte ihn der Freiheit oder des Besitzes beraubt, nein, dem gefährlichsten Sklaventum war er verfallen, dem der eigenen Wünsche und Begierden, der Sehnsüchte und der Leidenschaften. Gegen fremde Usurpatoren finden sich und wenn es Jahre dauert, stets Kräfte, die zur Befreiung führen. Wer aber sollte die Menschenvon sich selbst befreien? Zwei Jahre später wurde er dann zum Priester geweiht. In jene Zeit fiel ein Ereignis, zu dem er innerlich Stellung nehmen mußte. Hitler führte die allgemeine Wehrpflicht ein. Bruckner zögerte nur kurz, meldete sich dann freiwillig, um das hinter sich zu wissen, was eines Tages doch an ihn herantreten würde. Die Erziehung seines Vaters hatte in ihm gewirkt, und der unglückselige Versailler Friedensvertrag, den auch nüchterne Naturen als Diktat bezeichneten, hatte den Geist des Geschichtsunterrichtes in den Schulen bestimmt. Auch durfte Bruckner, wenn er entschlossen war, als Priester inmitten der aufgewühlten Welt Gottes Wort zu verkünden, sich erst recht nicht von dem Leben und Treiben der Menschen zurückziehen, wollte er sie verstehen, begreifen und leiten.

Gleich nach Kriegsausbruch wurde er einberufen.

Nein hätte er nicht sagen können, aber doch das: ich bin Priester, gebt mir die Aufgabe der Betreuung. Er sagte es nicht. Er wollte nicht in Stäben herumsitzen, weit entfernt von der Front, an der sich, wie er damals dachte, das wirkliche Geschehen eines Krieges vollzog.

Während der sehr schweren Ausbildung als Fallschirmjäger machte er niemals schlapp; verstauchte er sich den Knöchel, sprang er am nächsten Morgen trotzdem wieder, als wäre nichts geschehen. Dabei sein wollte er bei jenen, die vorstürmten, als gelte es, die Zeit zu besiegen; er glaubte zu erkennen, daß mehr als das Wort die Tat die Menschen überzeugte.

In Kreta war er abgesprungen und anschließend in das Münchner Lazarett gekommen. Als er endlich wieder gehen konnte, standen die deutschen Truppen bereits am Dnjepr, weit in Rußland. Er fuhr ihnen nach, und in Rostow erreichte er sie gerade in jenem Augenblick, als Pioniere die Pontonbrücke über den Don geschlagen hatten und die Division im Verband der Heeresgruppe aufgebrochen war, den Siegesmarsch in Richtung Kaukasus anzutreten. Sie zogen durch Steppen und Kosakendörfer, Flüsse wurden überquert, Höhen erklommen, immer weiter, weiter! In der Ferne winkte der Elbrus, die deutsche Fahne wehte auf seiner 6000 m hohen Felsspitze: doch sie kannten keine Ruhe, wollten noch vor Ausbruch des Winters in Batum sein und erst an der Grenze zur Türkei »Das Ganze halt!« rufen.

Es kam anders.

Viele hatten gewarnt, aber auch sie nicht geahnt, daß von jetzt ab der Rückzug die einzige Bewegungsform der deutschen Truppen werden sollte.

Stalingrad fiel und mit dieser Stadt der Traum vom Sieg.

Bruckner mußte dann ein Lazarett aufsuchen. Mehrere Wochen brauchte er, um das Wolhynische Fieber zu überwinden. Danach erhielt er einen Marschbefehl — nach Deutschland.

Doch, sooft er ihn auch besah, es stand in ihm nichts von einer Rückbeorderung zu seiner Einheit, und wieder trat er vor Oberst Jordan. Doch der lächelte nicht mehr wie damals, als er ihn gebeten hatte, in Kreta mit in der ersten Welle abspringen zu dürfen.

»Sie fahren zurück nach Deutschland, Bruckner. Jeder hat seine Aufgabe zu erfüllen, und Sie sind Priester. In der nächsten Zeit, fürchte ich, werden jene besonders gebraucht, die zum Trösten bestimmt sind. Wollen Sie sich diesem Ruf versagen?«

Bruckner wollte auf begehren und davon sprechen, daß er auch als Sanitätsunteroffizier auf die Menschen einwirken und ihnen helfen könne.

Oberst Jordan schien seine Gedanken zu erfühlen.

»Kameradschaft, Bruckner, ist der letzte Sinn des Krieges. Vielleicht«, fügte er leise hinzu, »sein einziger. Die Männer aber brauchen jetzt etwas mehr, Bruckner. Oder haben Sie noch nicht bemerkt, wie das Lachen seltener wird, da es von der Ironie aufgesogen wird? Ironie aber lebt dicht neben der Skepsis. Helfen muß man den Leuten und Sie, Bruckner, verdienen einen größeren Wirkungskreis. Wollen Sie sich versagen? Wenn meine Worte Ihnen nicht genügen, fragen Sie einmal den Herrgott. Sie leben mit ihm auf einem vertrauten Fuß. Ob er aber seine helle Freude an einem Priester hat, der sein Leben aufs Spiel setzt, ohne an seinen Auftrag zu denken?«

Die Worte wirkten nach. Kaum in Deutschland angekommen, schrieb er seinem Freund, Dr. Kluge, der sich schon seit Jahren als Hauptmann in einem Divisionsstab irgendwo an der Ostfront befand, und. bat ihn, seine guten Verbindungen für sein Vorhaben einzusetzen.

Monate verstrichen. Dann wurde er zu einem Kriegspfarrerlehrgang abkommandiert und nach weiterem Warten jener Panzerdivision zugeteilt, der auch Kluge angehörte.

Sehr schnell hatte er erfahren, wie anders hier Stimmung und Atmosphäre waren. Der General, einer jener Offiziere, für die sich ein anderer Beruf gar nicht denken ließ, deren Vorfahren seit Generationen nichts anderes getan hatten als Truppen zu kommandieren und für Kaiser und Vaterland in den Krieg zu ziehen, wirkte hart und verschlossen. Beugte er sich über den Kartentisch, gab es für ihn kein anderes Problem mehr, als die Taktik seiner Regimenter in dem ihm anbefohlenen Teilstück mit der großen Strategie in Übereinstimmung zu bringen. Funk und Fernsprecher und gelegentlich auch Offiziersmelder übermittelten Befehl um Befehl. Der General warf meist nur einen kurzen Blick auf das Stück Papier und wußte sofort, ob es sich um eine Anweisung seines Armeekorps handelte oder aber einer jener Befehle war, wie sie immer zahlreicher aus dem Führerhauptquartier eintrafen und in Bausch und Bogen für alle an der Ostfront eingesetzten Divisionen gelten sollten.

Bruckner schrak hoch.

Die neben ihm stehende Hindenburgkerze war verloschen.

Mit leisen Schritten ging er hinaus, um eine andere zu holen. Vor der Tür bleib er einen Augenblick stehen. Neuer Schnee war gefallen, und noch immer tanzten unzählige Flocken zur Erde nieder, und die Augen sahen nichts anderes mehr als sie, und es schien, als wollte die Natur den Blick der Menschen auf sich lenken, um sie mit der Gewißheit zu erfüllen, daß Millionen Keime in dem schneebedeckten Boden auf den Frühling warteten und daß er kommen würde, so wie nach jeder Nacht ein neuer Tag anbricht.

Ja, Oberst Jordan, dachte er; jetzt weiß ich: Sie hatten Recht. Das hier, das ist meine Aufgabe.

Priester war er seit Jahren, doch wenn er genauer sein wollte, war er wohl ein deutscher Priester gewesen. Jetzt begann er zu zweifeln, ob nicht sein Wille, den Menschen, den Landsleuten, nahe zu bleiben, ihn ungewollt an die Leidenschaft irdischen Strebens herangeführt hatte. Niemals zwar hatte er mit heißen Wangen von Siegen und von zu erwerbenden Landen geträumt, aber die Nähe der Menschen, die er gesucht, hatte ihn die Uniform anziehen und sie auf dem vermeintlichen Wege zum Siege begleiten lassen.

Vielleicht hatte Oberst Jordan mehr sagen wollen, grübelte er weiter, als er damals aussprach. Nun würde er noch näher den Menschen sein, ihrem Schwitzen und Frieren, Dürsten und Hungern, Kämpfen und Sterben. Sie eilten nicht mehr von Sieg zu Sieg, gehorchten aber weiterhin den Befehlen und stemmten sich mit zusammengepreßten Lippen gegen die heranwogenden Menschenmassen. Aber ihre Augen leuchteten nicht mehr wie einst, als sie von Angriffsziel zu Angriffsziel geführt wurden. Und wir alle, dachte Bruckner, erfahren das, was der gute Thomas von Aquin längst bewiesen hat, daß auf die Dauer nur der Angriff zum Erfolge führt, und wie schwierig, fast ausweglos, das bloße Ausharren ist!

___________

Am nächsten Morgen erschien Hauptmann Kluge und ließ sich verbinden. Als er hörte, daß Bruckner die Nacht über am Bett eines Verwundeten gewacht hätte und noch schliefe, eilte er schnurstracks zu Bruckners Unterkunft, rüttelte den Freund wach und lachte in sein verdutztes Gesicht: »Das nenne ich die rechte KriegsbeSchäftigung für Pfarrer. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf, nicht wahr?«

Bruckner hielt sich die Ohren zu. Weshalb Kluge nur immer in einer Lautstärke sprach, die selbst den Iwan aus seiner Ruhe aufscheuchen mußte! Doch der Freund ließ sich nicht beirren; schon sprudelten seine Worte weiter, formten sich zu Sätzen, Ausrufen, und mit den Händen begleitete er lebhaft den Bericht von den Erlebnissen der letzten Tage, sprach vom General, der noch immer jene von höchster Stelle zu ihm gelangenden Befehle umfrisierte, um sie, wie er sagte, den Erfordernissen des Krieges anzupassen. »Gestern aber, das hättest du erleben müssen, ist ihm ein Lapsus passiert«, und es folgte eine detaillierte und zugleich beweiskräftige Geschichte, und ihre gute Gliederung ließ an seinen Beruf erinnern. Kluge war im Zivilleben Rechtsanwalt, besaß in Berlin eine gutgehende Praxis, war ein waschechter Berliner, der Geburt nach und ebenso im Denken und Handeln.

Dieser Kluge, dachte Bruckner, läßt sich verbinden, spricht von Bagatelle und hätte doch ein paar Tage im Lazarett bleiben können, treibt Konversation wie in einem Salon, und ein paar Stunden später steht er wieder im Divisionsgefechtsstand und führt, wenn Not am Mann, auch selber einen Offiziersspähtrupp an! Er gehörte eben zu jenen Menschen, die so selbstsicher wirkten, daß niemand glauben mochte, eine Kugel könnte ihnen etwas anhaben.

Schon verabschiedete er sich.

»Leb wohl, bayrischer Dickschädel.«

Bruckner begleitete ihn einige Schritte.

»Alles Berliner bei euch?« fragte er.

Kluge schüttelte den Kopf.

»In meinem engeren Bereich bin ich zu meinem Leidwesen der einzige.«

»Die armen Kameraden.«

Der andere sah ihn schief an.

»Wie meinst du das?«

»Ach, wie furchtbar, ständig eine Berliner Schnauze ertragen zu müssen.«

Kluge machte ein todernstes Gesicht. »Solche bösen Worte aus einem geheiligten Mund! Herr Pfarrer, Herr Pfarrer, Ihnen bekommt der Ostwind nicht.«

»Mein Mund spricht wahr, Hauptmann Kluge.«

»Und nebenbei frißt er anderen die Hühner fort, nicht wahr?«

Gut, daß er das sagt, dachte Bruckner; so hatte er doch endlich eine Gelegenheit, an die Flasche Kognak zu erinnern, die sich bei seiner Ankunft noch in seinem Gepäck befunden hatte, die aber, als er es später aus Kluges Unterkunft abholte, verschwunden ar.

»Und wer hat meinen Kognak ausgetrunken?« fragte er also.

Kluge blickte Bruckner an, als sähe er ihn zum ersten Male.

»Schon immer gesagt, der Krieg verdirbt die Menschen. Doch wenn Heraklit zehnmal sagt, der Krieg sei der Vater aller Dinge, daß er selbst einen Pfarrer in seinen unmoralischen Strudel hineinreißt, nein, nein, das hätte ich nicht annehmen können. Hör zu! Ad eins: Den Kognak habe nicht ich weggenommen, bin also juristisch nicht zu belangen. Ad zwei: Ich bin vielmehr zu belobigen, weil ich durch die restlose Vernichtung des Indizienstückes verhinderte, daß ein hochwürdiger Herr derart übles Zeug zu sich nimmt, das ihn sicherlich der Weltlichkeit gefügig gemacht hätte, und schließlich, wenn ich mein Plädoyer beenden darf, Herr Kamerad: Ich sehe schwarz für Ihre Zukunft. Mir graust bereits vor dem Anblick eines Mannes, der Siebzehnundvier zu spielen beginnt, und nachdem er sämtliche Angehörige des Feldlazaretts des Bargelds und aller hoffentlich wieder einmal zu uns gelangenden Marketenderware beraubt hat, sich anschickt, auch den Divisionsstab arm zu machen. Aber laß man, Franzl, wenn du so weitermachst, wirst du als ganz vernünftiger Mensch nach Hause kommen.«

Bruckner lächelte.

»Mich wundert nur, Kurt«, sagte er, »daß man in Berlin ohne dich auskommt.«

»Ach, Franz, Berlin! Das kommt ohne mich aus, das würde selbst ohne Menschen noch leben. Das Schlimme für einen Berliner ist ja, daß er ohne Berlin nicht recht leben kann.« Aber schnell streifte seine Stimme den versonnenen Klang wieder ab.

»Aber ich darf mich nicht beklagen. Zu Hause habe ich verteidigt, und hier tue ich nichts anderes, bin also doch in meinem Element. Nur im Unterschied zu hier pflegte ich zu Hause des Nachts zu schlafen. Erst allein. Meistens jedenfalls. Dann ehelichte ich mein teures Weib, und um mich wachzubekommen, verfiel sie auf eine tolle Idee. Weißt du, was sie tat? Sie rüttelte am Morgen sanft an der Schulter ihres geliebten Ehemannes undwedelte mit dem von der Morgenpost überbrachten Bankauszug vor seinen müden Augen. Hier tut das keiner. Habe das auch meinem Burschen erzählt, das mit dem Wecken. Du hast ja meinen Peronnje kennengelernt. Angestiert hat er mich, mit seinen liebevollen Kinderaugen, und dann gefragt, wo er hier einen Bankauszug herbekommen könne, ob vielleicht in Witebsk?«

Ein unverbesserlicher Kerl, dachte Bruckner und gab ihm die Hand; denn draußen warf der Kradfahrer, der Kluge hergebracht hatte, bereits den Motor an.

»Leb wohl«, sagte Kluge, »und wenn wir uns wiedersehen, spielen wir Siebzehnundvier. Einverstanden?«

»Wann wird das sein?«

Kluge hob die Schultern. »Sobald nicht. Im Südabschnitt ist immer noch kein Halt und auch im Norden braut sich einiges zusammen. Und daß wir im Mittelabschnitt auch nur noch ausgelaugten Kaffeegrund aufkochen, weißt du selbst.« Er schwang sich auf den Soziussitz. »Aber mach nur weiter wie bisher; allmählich wird aus dir schon ein ganz brauchbarer Zivilist werden.«

Bruckner lachte.

»Du weißt ja, Franz«, schrie Kluge, um das Knattern des Motors zu übertönen, »ein Deutscher ist großer Dinge fähig; aber es ist unwahrscheinlich, daß er sie tut.«

Langsam fuhr das Krad an.

Während der Fahrer vor ihm schaltete, drehte sich Kluge noch einmal herum. »Hat Nietzsche gesagt, aber der hat dich nicht mehr erlebt. Sonst hätte er — «

Bruckner konnte die letzten Worte nicht mehr verstehen. Schnee wirbelte hoch. Das Motorrad entschwand in seinem Dunst.

4

»Herr Pfarrer, Herr Pfarrer!« Aufgeregt klang es, und Bruckner stürzte hinaus. Vor ihm stand Schmidt II, der aus dem Schwabenländle stammte. Er war von Beruf Obersekretär in der Gemeindeverwaltung einer Kleinstadt und hier als Fahrer des Oberstabsarztes gleichzeitig Mädchen für alles.

»S’goht los, mir breche auf, der Doktor hot’s gseit.«

Bruckner stürzte zu Dr. Jakoby.

»Wieder eine Ente?« fragte er.

»Nein«, grinste Jakoby, »dieses Mal müssen wir unsere eigenen Enten gut verpacken. Wir verlassen unsere Division.«

Bruckner glaubte, nicht recht zu hören.

Doch es stimmte, draußen liefen die Männer durcheinander, die Fahrzeuge wurden beladen.

»Ein Glück nur, daß wir im Augenblick kaum belegt sind«, murmelte Jakoby.

Bruckner dachte an Hermann Küppers. Sicherlich war der Junge bereits in einem Heimatlazarett angelangt. Seine Eltern würden ihn dort besuchen und seine Schwester. Würden sie aber nicht auch die Erinnerung an sein früheres Leben heraufbeschwören und alles schwerer machen?

Doch jetzt blieb keine Zeit zum Nachdenken. Er telefonierte mit Kluge, der Freund wußte auch nichts Genaues; viel sagen konnte er am Feldfernsprecher ohnehin nicht.

Als Bruckner den Hörer auflegte, stand Hartmann hinter ihm. In der Hand hielt er eine kleine Karte, die er ständig mit sich führte, und zeigte auf einen Punkt. Bruckner beugte sich herunter. Der Zeigefinger wies auf den eingezeichneten Frontverlauf des Südabschnitts.

»Dort brennt’s lichterloh«, sagte er kurz. »Ich fürchte, wir spielen Feuerwehr.«

»Als Lazarett?«

»Eine Feuerwehr braucht nicht nur Männer, die an der Spritze stehen; es soll vorkommen, daß manche Rauch schlucken und dann versorgt werden müssen.«

Hartmann schien recht zu behalten.

Das Lazarett rollte westwärts. Nach einigen Tagen erreichten sie Minsk. Längst hatte man diese Stadt, die im Juli 1941 fast völlig zerstört worden war, wieder aufgebaut. An ihrem Westeingang reckte sich das kasernenartige, achtstöckige Leninhaus hoch; ursprünglich ein Parteigebäude, diente es jetzt als Heereslazarett. Davor stand ein leerer Sockel. Eine aus Gips geformte Leninfigur war von ihm herabgestürzt und daneben liegengelassen worden; doch als sie jetzt vorüberfuhren, schien es manchem, nicht nur Bruckner, als wenn ihre Trümmer auf den Tag warteten, an dem der Sockel nicht mehr leer sein würde …

Bald lagen die engen Straßen der Stadt hinter ihnen und auch das helle Gebäude der seitwärts auf einer Anhöhe gelegenen Minsker Oper.

Jetzt bogen sie nach Süden ab.

Ein Tag verlief wie der andere; am Abend machten sie Quartier, am nächsten Morgen ging es in aller Herrgottsfrühe weiter. Was haben sie nur mit uns vor? fragten die Männer. Niemand wußte es.

Endlich erfuhren sie mehr.

Die seit dem Verlust von Kiew ab gerissene Verbindung zwischen den Heeresgruppen Mitte und Süd war immer noch nicht wieder hergestellt worden; ein tiefer Riß klaffte in der Verteidigungsfront, der immer mehr zur tödlichen Bedrohung wurde. Dort lagen zwar die Pripjetsümpfe, aber die Sowjets waren südlich von diesen vorgestoßen und gefährdeten bereits Brest-Litowsk. Die nur hundert Kilometer südöstlich davon gelegene Stadt Kowel war überrollt und die deutschen Truppen, die die Stadt verteidigten, eingeschlossen worden…

Jetzt wurde von deutscher Seite ein Gegenstoß eingeleitet, mit dem Ziel, die unterbrochene Verbindung der Fronten wieder herzustellen, Kowel zu entsetzen und dann die Front des Mittelabschnitts zu verkürzen.

Inzwischen war es März geworden.

Früher als in den vergangenen Jahren wich der Winter, das Unternehmen lief an. Die Spitze der ersten Angriffswelle erreichte Kowel, doch hinter ihr schloß sich die sowjetische Umklammerung erneut. Erst nach schweren Kämpfen gelang es, die von Westen her nach Kowel führende Straße freizukämpfen. Über zweitausend Verwundete wurden sofort abtransportiert. Wieder hieß es für die Männer des Feldlazaretts: Arbeit, nochmals Arbeit und wenig Schlaf.

Erst im April war der Raum Kowel fest in der Hand der Deutschen, und sofort traten die hier vereinigten Divisionen den Vormarsch an. Würde es ihnen gelingen, den hier zurückspringenden Frontbogen gegen Osten vorzuschieben?

Nein. Alle Anstrengungen waren vergebens. Die Einheiten waren zu dezimiert, zu ausgelaugt und die Männer übermüdet; der Angriff blieb stecken, und als der Schnee schmolz, die Sümpfe ungangbar machte und die Flüsse weit über ihre Ufer treten ließ, trat hüben und drüben Ruhe ein, die nur gelegentlich durch Artilleriebeschuß und Spähtrupps unterbrochen wurde.

Wieder wurde das Feldlazarett in Marsch gesetzt.

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Es war 19 Uhr, als sie in Lenino in dem prunkhaften Parteigebäude Quartier bezogen. Lenino war eine kleine Stadt nördlich der Pripjetsümpfe. Ungarische Regimenter lagen hier. Mangelhaft ausgerüstet und nicht genügend ausgebildet, durften sie an der Front nicht eingesetzt werden und führten hier, im Rücken der Front, den Kampf gegen die Partisanen.

Müde ließ man sich auf den Boden fallen.

»Er hat auf Erden kein bleibend Quartier«, zitierte der Assistenzarzt; »sicherlich hat Schiller dabei an uns gedacht!«

Und wie er, überließen auch die andern es Dr. Jakoby oder seinem Hauptfeldwebel festzustellen, ob und wann es morgen weiterginge.

Eigenartig dieses Haus, ein nüchterner Betonbau, nur mit dem Prunk vieler Gipsfiguren erfüllt. Am Eingang hatte die übliche Stalinfigur gestanden. Jetzt lag sie umgestürzt daneben. Ein Soldat hatte dem unentwegt zum Himmel blickenden Stalin einen deutschen Stahlhelm aufgesetzt und damit dem Gesicht eine seltsame Physiognomie verliehen. Vor ihnen mußte eine größere Einheit in diesem Haus gelegen haben; in jedem Zimmer befand sich noch ein deutscher Feldfernsprecher und unten, in der Nähe des Eingangs, stand, noch völlig betriebsfertig, der Handvermittlungsschrank.

Zwei Stunden mußte Bruckner völlig erschöpft geschlafen haben. Plötzlich wurde er wach, eine unerklärliche Unruhe ließ sein Herz schneller schlagen. Ärgerlich drehte er sich auf die Seite. Der Ruhestunden gab es meist wenige, und heute, da sie einmal ausgestreckt in aller Bequemlichkeit hätten schlafen können, lag er wach! Kein Laut war zu hören. Oder war da doch ein Geräusch? Er richtete sich auf, lauschte. Schon legte er sich wieder zurück. Aber es gelang ihm einfach nicht, wieder einzuschlafen. Schließlich erhob er sich, trat vor die Tür und blickte die Straße entlang. Nachschubeinheiten zogen vorüber.

Jemand trat aus dem Dunkel zu ihm hin, eine Frau, eine Russin. Demütig neigte sie den Kopf, über den sie ein Tuch gezogen hatte.

Sie sagte nichts, stand und blickte ihn an.

Bruckner sah den Hunger in ihren Augen. Mit einer Handbewegung bedeutete er, daß sie warten möge und lief in sein Zimmer.

Auf dem Rückweg stieß er auf Künkel, der in der Halle herumsuchte.

Künkel war ihnen in Minsk zugeteilt worden. Im Zivilberuf war er Studienrat. Er stammte aus Hausach, einem kleinen Städtchen im Schwarzwald. Immer lief er mit einem Gesicht umher, das wie eine stete Mahnung wirkte: Nein, so etwas tut man doch nicht, nein, so etwas macht man nicht. Brachte man gar einen Verwundeten, den die Partisanen verstümmelt hatten, stand das hilflose Staunen eines Kindes in seinem Gesicht, so, als ob er an seinem und der anderen Verstand zweifelte.

Schnell hatte Bruckner diesen bald vierzigjährigen Mann in sein Herz geschlossen; er dünkte ihm als einer der letzten Samariter seiner Zeit.

»Na, Künkel, wohin des Weges?«

Künkel erschrak, als er so ganz unerwartet angesprochen wurde.

»Ach, Herr Pfarrer«, sagte er mit großen Augen. »Ich bin krank von dem Staub und dem Schmutz. In einem solchen Hause muß es doch eine Brause geben. Bisher habe ich noch keine gefunden. Bestimmt wird sie im Keller sein, und deshalb suche ich die dorthin führende Tür.«

Bruckner nickte ihm zu. Künkel war noch nicht lange bei dem Haufen. Die Alten benahmen sich fast schon wie Tiere, dachten nur noch an Essen und Schlafen, aßen kurzerhand nur noch mit dem Löffel, gleichgültig was die Feldküche zubereitet hatte, und murmelten von unnützem Zeitverbrauch und von Kasinomanieren, wenn einer von Messer und Gabel anfing! Die Neuen aber brachten immer wieder zivile Lebenssitten mit, und dann merkten auch die hartgesottenen Landser, wie sehr sie sich bereits vernachlässigten. Keiner aus der Sanitätskompanie kam mehr auf die Idee, mitten in der Nacht eine Brause zu suchen — bis auf Künkel. Jetzt bemerkte Künkel das Brot in den Händen des Pfarrers, und als er hörte, daß es für eine Russin bestimmt sei, bat er: »Einen Augenblick«, holte seine Verpflegungsration für den morgigen Tag und gab sie Bruckner.

Die Frau hatte geduldig gewartet, und als ihr Bruckner die Lebensmittel hinreichte, beugte sie sich nieder und versuchte, seine Hand zu küssen. Er wehrte ab, und dabei bemerkte sie das Kruzifix auf seiner Brust.

Wie angewurzelt stand sie da, mit Augen, die nichts als Demut zu kennen schienen, und jetzt gesellte sich zur Demut das Staunen. Ihr Blick hatte sich aufgehellt, nur einen Atemzug lang, dann wurde er traurig.

»Weshalb«, sagte sie und zeigte auf das Kruzifix, »nix alle Germanski dies hier«, sie wies auf die rechte Brust, auf der jeder Soldat das Hoheitsabzeichen trug, »dann Stalin nix zurück. Dann alles gut.«

Nichts mehr würde gut sein, dachte Bruckner, und die Hoffnung der Menschen würde umschlagen in wilde Enttäuschung. Wie herzlich waren sie im Kaukasus begrüßt worden! Von allen Teilen der siegreich vorstoßendendeutschen Truppen berichtete man: Sobald die Bevölkerung einen deutschen Geistlichen erkannte, wurde er bestürmt, die Messe zu lesen, die Kinder zu taufen, Ehen zu schließen. Was mochte jetzt aus jenen Gläubigen geworden sein, die wieder dem System unterstanden, das die Augen der Menschen mit Gewalt in das glanzlose Diesseits zu starren zwang und keinen, nicht einmal einen verstohlenen Blick in das Jenseits gestattete? Würden sie nicht Repressalien ausgesetzt sein und unter ständiger Bedrohung leben? Ließ ihn diese gute Frau nicht an Wladimir erinnern, dem er in Adamir am Kuban die Hand gedrückt hatte, als der Kaukasus aufgegeben werden mußte? Wladimir war Pope, und Bruckner hatte ihn bestürmt, zu fliehen, nicht zu bleiben. Doch Wladimir hatte den Kopf geschüttelt.

»Wohin soll ich gehen?« hatte er mit seiner tiefen Stimme gefragt. »Wen kann ich mitnehmen? Die Menschen? Die Stadt, die Kirche?«

»Die Kirche wird man schließen, wie man sie früher geschlossen hat. Und dich wird man verhaften.«

»Ich bleibe bei den Menschen, in der Heimat!«

»Man wird dich verschleppen oder dich hier erschießen.«

»Um so schneller gelange ich dorthin, wohin du und ich die Gedanken der Menschen mahnen und leiten.«

Nein, es war nichts zu machen gewesen. Das faltige Gesicht des Popen barg eine Ruhe, die nichts erschüttern konnte, kein Argument, kein Beweis und keine dräuende Gefahr. Er stand, lächelte gar, und nichts band ihn mehr an den irdischen Teil des Seins; nur Trauer erfüllte ihn, daß bald alles zunichte gemacht sein würde, was nach zweieinhalb Jahrzehnten Wartens während eines einzigen Herbstes aufgebaut worden war. Fünfundzwanzig Jahre hatten die Menschen gewartet, und als die Deutschen kamen, schien es ihnen, als hätte die Stunde der Befreiung geschlagen, als würde eine neue Zeit anbrechen. Und jetzt?

Beinahe das gleiche hatte der Pope damals ausgesprochen wie diese Frau vor ihm. Die vorrückenden deutschen Truppen hatten den Menschen die Freude geschenkt, und dann waren jene erschienen, die das Land dienstbar machen sollten, und hatten sie ihnen wieder genommen.

»Weshalb seid ihr Deutschen so grenzenlos dumm?« fragte Wladimir. »Kein Russe kann euch begreifen. Für uns besteht jeder Deutsche aus zwei Personen. Die eine trägt das Kreuz voran, und die andere wirft es auf den Boden. Wer soll das verstehen!«

Bruckner hatte nichts antworten können. Ständig bei der kämpfenden Truppe eingesetzt, hatte er nur wenig von den Übergriffen im rückwärtigen Teil des besetzten Gebietes erfahren; aber wenn allein das wenige stimmte, das zu ihnen durchsickerte, dann war die Liebe des russischen Volkes verspielt, und das wog schwerer als zehn verlorene Schlachten.

»Weshalb«, fragte noch einmal Wladimir, »habt ihr nicht den Papst gebeten, zu uns zu kommen, Kiew zu besuchen und Rostow? Sage nichts von der Trennung, dem Schisma. Euer Einmarsch hätte die Stunde herbeiführen können, in der unserem Land und seinen Menschen ein doppelter Friede beschert worden wäre. Der Friede mit der Welt und der Friede mit Gott. Wäre er, der Papst, gekommen, Franz, an den Straßen, auf denen er geschritten wäre, hätten dichtgedrängt Hunderttausende gestanden, wären in die Knie gesunken, und Tränen der Freude hätten das Land verwandelt und mit ihm die Menschen. Weshalb ist er nicht gekommen?«

Bruckner schwieg.

Viel hätte er nicht erwidern können und wäre gezwungen gewesen, es in umschreibende Sätze zu kleiden. Draußen auf der Straße mahnte man zum Aufbruch.

»Du schweigst«, hörte er den Popen. »Dann ist der Papst nicht auf eurer Seite. Mein Gott«, sagte er nach einer langen Pause, »auf eurer Seite steht er nicht, auf der unserer Sowjets kann er nicht stehen. Ihr führt keinen guten Krieg.« Dann küßte er Bruckner auf beide Wangen, murmelte: »Gott sei mit dir«, wandte sich um und verschwand.

Und jetzt stand diese Frau mit der gleichen Anklage vor ihm. Was sollte er ihr sagen?

Langsam legte er seine Hand auf ihr Haupt und sprach die Segensworte: »Gott sei mit dir, liebe Frau.«

Tief verneigte sie sich und schritt davon.

___________

Aufgewühlt suchte er sein Zimmer auf, öffnete die Tür und wurde im gleichen Augenblick von einem jähen Luftdruck zurückgerissen: ein gleißender Feuerschein stand um ihn, und von allen Seiten dröhnte es auf. Explosionen, zuckte es durch sein Hirn, der Druck nahm nicht ab, legte sich auf seine Brust, behinderte das Atmen, und bevor er schreien konnte, schwanden ihm die Sinne.

Als er zu sich kam und mühsam die Augen öffnete, blinzelte er in den grellen Strahl einer Taschenlampe. Wie lange hatte er gelegen, was war geschehen? Erwin Wagner beugte sich über ihn, der Kraftfahrer des Omnibusses, mit dem die leichteren Fälle des .Feldlazaretts jeweils zum rückwärtig gelegenen Heereslazarett gebracht wurden.

»Is noch mal jut jejangen, Herr Pfarrer«, sagte er, nachdem er Bruckners Körper fachgerecht abgetastet hatte. Wortreich berichtete er:

»Habe im Bus jeschlafen, Herr Pfarrer, wie immer. Dort is et jemütlicher. Plötzlich rumpst et, ick fahre hoch, sehe den Feuerschein und denke, mir laust der Affe. Meine Kollegen von den anderen Fahrzeugen hat es jenauso überrascht. Wir sofort in das Gebäude, betrachten uns die Bescherung aus der Nähe. Aber ein Glück, unsere Leute haben alle im vorderen Teil gepennt. Drüben, der Ostteil is nich mehr, völlig zerstört. Dort wäre keiner lebend herausgekommen. Wir schätzen, es war eine Mine, ausgesprochene Maßarbeit der Partisanen.«

»Niemand verletzt?« fragte Bruckner.

Erwin Wagner schüttelte den Kopf. »Kommen Sie, Herr Pfarrer, unsere ganze Meute steht in der Halle und alle klönen.«

Bruckner trat zu ihnen.

Doch einer fehlte: Künkel!

Wo war Künkel, wer hatte ihn gesehen?

Bruckner entsann sich, daß er ihm begegnet war, als er eine Brause gesucht hatte und in den Keller gegangen war.

Schon begann er die zum Keller führende Treppe zu suchen, da hörte er jemand aus der Pförtnerloge rufen.

»Hallo, was ist das hier? Da fällt eine Klappe herunter.«

Bruckner und die anderen stürzten in den Raum und starrten auf den Vermittlungsschrank, in dem noch die kleine weiße Klappe nachfederte.

»Perkonig«, schrie Dr. Jakoby, der Ruf pflanzte sich nach hinten durch, kurz darauf stand der Unteroffizier des Nachrichtentrupps neben ihnen, hörte, was geschehen war, trat an den Schrank, steckte einen Stöpsel in das Loch unterhalb der weißen Klappe und rief: »Hallo, wer dort?«

Aus der Muschel ertönte eine hastige Stimme, und dann kam die Antwort des Unteroffiziers: »Durchhalten, wir kommen!«

Mit weißem Gesicht meldete er, daß Gefreiter Künkel in einem der Kellerräume verschüttet sei und ein Wasserrohr gebrochen sein müßte. »Das Wasser steigt«, schloß Perkonig, und alle wußten sofort, was das bedeutete.

»Wie schnell?« fragte einer.

»Alle paar Minuten um Fingerbreite.«

In Gedanken überschlug Dr. Jakoby die’ihnen zur Verfügung stehende Zeit. In dreiviertel Stunden mußten sie Künkel befreit haben, sonst —

Der Oberstabsarzt schüttelte mehrmals den Kopf, als begriffe er noch nicht, fuhr sich mit seinen großen Händen durch das Haar und über das Gesicht. Dann trat er an den Vermittlungsschrank

»Hören Sie mich, Künkel?« rief er in die Muschel.

»Jawohl, Herr Oberstabsarzt. Bitte, helfen Sie mir. Das Wasser steigt schneller, es reicht mir schon bis an die Knie.«

Jetzt vernahm Jakoby einen starken Hustenanfall, ein Ächzen und Röcheln.

»Was ist los, Künkel? Sprechen Sie!«

Erst nach einer Weile drang die Stimme des Gefreiten wieder durch. »Mir ist nicht gut, Herr Oberstabsarzt, ich bekomme keine Luft.« Wieder hörte Dr. Jakoby rasselnde Atemzüge. Die nächsten Worte verstand er nicht, fragte zurück, erfuhr endlich Näheres. Der Raum, in dem Künkel steckte, war an die zweieinhalb Meter hoch. Wenn er nicht vorher an Luftmangel erstickte, hatte er noch gut eine Stunde zu leben.

Eben kamen die Kraftfahrer zurück. Jakoby hatte sie losgeschickt, einen Weg zu dem eingeschlossenen Künkel zu erkunden.

Sie hätten nichts zu melden brauchen, auf ihren Gesichtern war es zu lesen: kein Herankommen möglich! »Nein«, schüttelte einer den Kopf. »Ohne Preßbohrer kommen wir nicht durch. Der gesamte Ostflügel und mit ihm der Großteil des Kellers ist zusammengebrochen.«

Jakobys Blick wanderte zu Bruckner.

Sie sahen sich an, und beide dachten das gleiche: Künkel ist verloren.

Aber sie gaben nicht auf, liefen selber über die Straße; es mußte einen Weg geben. Doch die Kraftfahrer waren von dem gleichen Wunsch besessen gewesen, sie hatten sich schon erkundigt, ob eine Pioniereinheit im Ort stationiert war; denn wenn einer über Preßbohrer verfügte, dann waren dies Pioniere. Einer war sogar zur Standortkommandantur gefahren. Jetzt kam er zurück. »Vierzig Kilometer sind es bis zu den nächsten Pionieren, und bevor sie —«

Er sprach den Satz nicht zu Ende, aber jeder wußte: bis dahin würde Künkel ein toter Mann sein. Nicht im Kampf gefallen, sondern umgekommen wie eine Maus in der Falle.

Mit schweren Schritten ging Bruckner in sein Zimmer, holte ein Altartuch, breitete es auf dem Klappenschrank aus und stellte das Kreuz darauf, mit dem er schon so vielen Menschen den letzten Segen erteilt hatte.

Noch einmal blickte er auf seine Hände, ob sie nicht doch noch diesem Menschen das Leben erhalten könnten; dann aber begann er das einzige, was noch trösten konnte: zu beten.

Um ihn herum wurde es ganz still.

Jakoby stand abseits, mit ineinandergepreßten Händen, ein Sanitätssoldat kniete, lautlos bewegten sich seine Lippen, Unteroffizier Perkonig hatte Tränen in den Augen.

Bruckner hörte die Stimme’Künkels und fragte zurück, wie es ihm ginge.

Ächzend kam die Antwort. »Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte du für mich. Herr Pfarrer, das Wasser reicht bis an die Brust. Heiliger Antonius, bitte du für mich. Müde bin ich, Herr Pfarrer, ganz müde.« Stöhnend kamen die Worte und schwerfällig. »Grüßen Sie meine Frau und meine Kinder. Ich habe sie sehr geliebt. Schauen’s später einmal nach ihnen, Herr Pfarrer, wenn Sie heimkommen, daß aus den Kindern etwas wird, sie einen guten Weg gehen. Sagen Sie, daß Sie meinen Segen überbringen.«

Jetzt hörte Bruckner ein Gurgeln. »Herr Pfarrer, das Wasser reicht bis zum Hals. Gleich wird es aus sein. Ich stelle mich schon abwechselnd auf die Zehen. Mir ist so schwindlig. Mein Kopf tut weh, als wenn er zerspringen möchte.«

»Vater unser, der Du bist im Himmel«, betete Bruckner und hörte, wie Künkel mitbetete. Auch die Menschen um ihn beteten, keiner empfand mehr die Scheu, die im Alltag den Menschen einschnürt, ihn nicht über die letzten Dinge sprechen und nichts sichtbar werden läßt‘ von den Gedanken an die Ewigkeit. Doch jetzt beteten sie, das urplötzlich zur Tragik werdende Schicksal eines der Ihren löste die Zungen, ließ sie im lauten Gebet Kraft suchen, als dem einzigen Weg, auf dem ihm noch geholfen werden konnte.

Plötzlich fuhren alle zusammen. Neue Detonationen erschütterten die Luft.

»Partisanen«, murmelte einer. Immer häufiger regten sie sich in letzter Zeit, immer öfter flogen Brücken in die Luft, sanken Gebäude in sich zusammen, wurden Gleisanlagen zerstört.

Wie Blitze zuckten grelle Lichter durch die Dunkelheit. Dann wurde es wieder still.

Bruckner kniete noch immer. »Herr, mein Gott, Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden, jetzt und allezeit. Amen.«

»Amen«, tönte es wie aus weiter Ferne aus dem Klappenschrank. Sanft, wie eine Mutter zu ihrem schwerkranken Kinde, sagte Bruckner: »Künkel, der Herr ist bei dir, und gleich wirst du bei Ihm sein. Offen stehen die Himmelstore dem, der glaubt. Du, Künkel, glaubst. Nicht mehr beten, nur noch die Hände falten und fest glauben. Künkel, wir beten für dich.«

»Ich danke Ihnen, Herr Pfarrer. Ich weiß nicht, mir ist so schwindlig. Doch das Wasser steigt nicht mehr.«

»Sauerstoffmangel«, sagte Dr. Jakoby dicht an Bruckners Ohr.

»Aber ich kann stehen, ohne Wasser schlucken zu müssen.«

Unteroffizier Perkonig bekam wache Augen.

»Vielleicht haben ihn die Partisanen gerettet«, flüsterte er aufgeregt. »Das Wasser muß von einem Wasserturm zugeleitet werden; wenn dieser eben gesprengt worden ist, dann —«

Doch würde es so schnell abfließen und Künkel nicht vorher erstickt sein?

Die jäh emporquellende Hoffnung vermischte sich mit neuer Angst: Wird Künkel durchhalten?

Jetzt ergriff Dr. Jakoby die Initiative, schickte ein paar Männer hinaus, die Rettungsaktion vorzubereiten und schob Bruckner vom Klappenschrank fort.

»Vielleicht«, sagte er rauh, »kannst du Sterbliche unsterblich machen; wenn jedoch mit dem Tod gerungen werden muß, bin ich besser am Platz als du.« Sprach’s und nahm den Hörer. Niemand wunderte sich über das plötzliche Du, alle lauschten seiner Stimme. Eiskalt wirkte sie und das sollte sie. Es war überlegte, ganz bewußte Berechnung, und wohl die einzige Möglichkeit, Künkel das Rückgrat zu stärken, ihn zu zwingen durchzuhalten.

Bruckners letzte Worte mitanzuhören war furchtbar gewesen und hatte sie weinen lassen. Doch jetzt, als sie das Duell zwischen dem Arzt und dem Tod miterlebten, lief ihnen eine Gänsehaut den Rücken; herunter. Jakoby fluchte und flehte, beschwor und schimpfte, sprach zärtlich und brüllte jäh brutal und befehlend los.

Auf der einen Seite befand sich der Arzt, willens, den vor dem Zusammenbruch stehenden Künkel so lange wachzuhalten, bis das Wasser aus dem Raum abgeflossen war. Auf der anderen Seite hing ein Mensch, der, dem Ende nahe, bereits mit dem Leben abgeschlossen hatte — und beide waren durch nichts als ein bißchen Draht verbunden und dem Zufall, daß der Feldfernsprecher bei Künkel auf einem im Wasser schwimmenden Tischchen stand, und jener Nachrichtensoldat, der ihn einst montierte, dem zum Apparat führenden Draht genügend Länge gegeben hatte. Auf diese Weise reichte er aus, der Apparat wurde nicht ins Wasser gerissen.

Eigentlich hätten ja Hörkapsel und Mikrofon feucht und damit unbrauchbar werden müssen. Aber nichts war naß geworden. Das erfuhren sie erst nach vielen Stunden. Jakoby hatte sich telefonisch mit den Pionieren in Verbindung gesetzt, den Fall geschildert, und schon zwei Stunden später trafen drei Mann mit einem Preßluftgerät ein und gingen sofort an die Arbeit. Dann zogen sie Künkel heraus, blickten in den Kellerraum, bemerkten, daß das Wasser bis fast an die Decke gereicht und Künkel lange Zeit auf einem Stuhl gestanden haben mußte. Sie fanden den nassen Tisch, dessen Platte vollgesogen war, griffen nach dem Fernsprechapparat und dem herunterhängenden Hörer, und auch dieser, sie konnten es sich nicht erklären, war vollkommen trocken.

Ein kleines Wunder, dachten sie und schwiegen.

Doch es sollte nicht das letzte Wunder in diesem Kriege bleiben.

5

Als der Frühling die weiten Felder in leuchtendes Grün verwandelte, und die ersten Anzeichen des heißen, trockenen Sommers zu verspüren waren, lagen sie in Mogilew, unmittelbar am Dnjepr.

Hier stießen sie wieder zu ihrer alten Panzerdivision, die inzwischen aus der Gegend von Witebsk herausgenommen worden war, ein paar Wochen im rückwärtigen Gebiet gelegen und jetzt einen Frontabschnitt an der Pronja übernommen hatte, einem Fluß dreißig Kilometer östlich des Dnjepr.

»Wir leben entschieden zu spät«, sagte Dr. Jakoby, als er von einem Rundgang durch die Stadt zurückkehrte. »Mogilew! Wer von uns hat diese Stadt früher gekannt? Kein Mensch. Vor dreihundert Jahren aber war sie ein Begriff. Wo? In unserem guten Sachsenland. Enge Beziehungen bestanden und damals wurde hier das Magdeburger Recht eingeführt. Eine Zeitlang gehörte Mogilew den Polen. Und vor uns besaß Peter der Große die Liebenswürdigkeit, die Stadt zu zerstören. Damals verwendete man keine Brisanzgranaten, zündete einfach mitten im Sommer ein Haus an; das genügte dann für die ganze Stadt. Kennen Sie Katharina?« fragte er Bruckner und lächelte verschmitzt. »In einem Schloß in der Nähe dieser Stadt empfing sie Joseph II., bald nach seinem Regierungsantritt. Und wer empfängt uns? Kein Mensch. Mit Müh und Not habe ich erreichen können, daß uns ein paar Gebäude zugeteilt wurden. Ein Glück nur, daß vorn Ruhe herrscht.«

»Ruhe vor dem Sturm«, warf Bruckner ein.

Das Gesicht des Oberstabsarztes wurde ernst, er nickte.

»Mir ist nicht wohl, Bruckner.«

»Mir auch nicht.«

»Viel‘kann man über die Absichten unserer Gegner aus unseren Frontzeitungen nicht erfahren. Aber das wenige genügt, um zu wissen, wie bald man in Frankreich die Landung versuchen wird. Und dann?« ’

Beide schwiegen.

Der Krieg hatte sein Gesicht verändert. In den ersten Jahren lachten ihn selbst jene an, die mit Skepsis und Zurückhaltung hinausgezogen waren. Doch schnell war das Lachen gewichen; Augen, in die Schweiß floß, konnten nur noch grinsen; doch wenn sich in den Schweiß Tränen mengten und die Gedanken schwerer wurden, verschwand die alte Sicherheit und das Fragen hob an. Und wie sahen die Antworten aus? Sie durften nicht ins Bewußtsein treten, nicht mit Stimme erfüllt werden; niemand aber konnte hindern, daß die Menschen ratlos wurden, weil sie nicht mehr wußten, wie alles einmal enden sollte.

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Vorn herrschte Ruhe, und die Landser genossen sie aus vollen Zügen. Bruckner aber konnte sich über Mangel an Arbeit nicht beklagen.

Hierher wurde er gerufen und dorthin. Er fuhr zur Nachrichtenabteilung und zur Feldbäckerei, zur Feldpoststelle, zu den Pionieren, den Artilleristen und sprach mit den Männern der Sturmgeschützgruppe.

Überall traf er auf erstaunte Blicke.

Sicherlich, man hatte schon Feldgeistliche gesehen, aber meist nur bei der Vereidigung. Jetzt aber kam einer zu ihnen. Nicht gerade überall wurde er mit offenen Armen empfangen. Aber man sprach mit ihm, und nicht wenige baten, beichten zu dürfen und die Kommunion zu empfangen.

»Post für Sie«, sagte Jakoby eines Abends, als Bruckner zurückkehrte.

»Hat man aus dem Lazarett geschrieben, in dem Hermann Küppers liegt?« fragte Bruckner und griff nach der für ihn bestimmten Sendung. Doch schon der große dicke Umschlag ließ erkennen, daß es sich nicht um einen persönlichen Brief handelte und das Wort »Feldpostdienstsendung« war daraufgestempelt, und adressiert war es an »Dienststelle Katholischer Kriegspfarrer, Feldpostnummer 06749«.

Bruckner erbrach das Kuvert und begann zu stöhnen.

»Formulare, Doktor, Formulare —«

»Von der Wiege bis zur Bahre«, zitierte der Oberstabsarzt. »Von mir wollen sie auch alles wissen. Papier ist geduldig. Ich werfe . das stets meinem Spieß vor die Füße. Hebt er es auf, ist es gut, läßt er es liegen, ist es auch gut. Aber der gute Meyer hat den Diensteifer mit der Muttermilch eingesogen, er füllt alles aus. Wenn Sie wollen, wird er das auch für Sie erledigen.«

Bruckner lächelte. »Sehen Sie, was man alles wissen will: Wieviel Wehrmachtsgottesdienste fanden statt und wieviele im Lazarett? Vorbereitungsstunden auf den Fahneneid, Beerdigungen, Trauungen. Wollen Sie heiraten, Doktor? Dann könnte ich gleich eine eins dahinterschreiben.«

»Danke, Pfarrer, Frauenärzte bleiben besser ledig.«

»Waren Sie nicht auch Geburtshelfer?«

Jakoby witterte eine Falle und hielt den Kopf schief.

»Wollen Sie anzüglich werden?«

»Aber, Doktor, sollte ich schon so viel von Ihnen gelernt haben? Nein, ich wollte Sie nur daran erinnern, wie bedauerlich es wäre, wenn Sie eines Tages vor dem Zuspät stünden, die Harmonie Ihres Lebens —«

Jakoby unterbrach.

»Daß ausgerechnet Sie mich daran mahnen, Bruckner!« sagte er mit schwerer Stimme. »Doch weil wir gerade das Thema angeschlagen haben: schon oft habe ich mich gefragt, wie Sie den Ihnen auferlegten Zwang aushalten. Sie sind anfangs der Dreißig?«

»Vierunddreißig werde ich, Doktor, am 2. Dezember, falls Sie mir etwas schenken wollen.«

»Ich werde es mir merken! Aber Menschenskind, das ist doch noch Jugend, da schäumt man über, ein Kerl wie Sie, groß, kräftig, gesund, zwei braune Augen, die so manche Frau sich gern aus der Nähe angeblickt hätte.«

Bruckner erhob sich, nahm aus der auf dem Tisch liegenden Schachtel des Arztes eine Zigarette heraus und zündete sie an. Langsam schritt er durch den Raum.

»Ja, Doktor, Sie haben recht. Ich bin genauso ein Mensch wie jeder andere. Auch ich habe die Sehnsucht gekannt. Doch, und das gab den Ausschlag, das andere war stärker. Also hieß es, sich zu entscheiden. Entweder — oder. Ich habe mich entschieden.«

»Aber weshalb muß denn dieser Zwang herrschen? Bitte, mißverstehen Sie nicht. Ich komme nicht mit der These unserer Parteigrößen, wonach Sie ein bevölkerungspolitischer Blindgänger sind. Keine Angst. Mich stört einfach jeder Zwang.«

»Es ist notwendig, Doktor. Sagen Sie ehrlich, denken Sie beim Operieren an eine Frau?«

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie ständig im Dienst sind?«

»Das bin ich, Doktor, und dieser Dienst gilt den Menschen. Aber der Auftrag hierzu ist von Gott erteilt, und unser Gott ist ein eifernder Gott: Bei Ihm gilt nur das Entweder-Oder! Nicht die Menschen haben die Kirche gegründet; von Jesus Christus ist sie ihnen übergeben worden, und Er, Gottes Sohn, hat die ersten Priester geweiht und diese zur Liebe zu Gott und den Menschen verpflichtet. Wäre ich verheiratet, Doktor, würde ich eine Frau innig lieben, und ich würde sie mehr lieben als die anderen Menschen und somit diesen meine Liebe entziehen. Nein, Doktor, ich muß allen gehören, denn nur dann werde ich meinen Auftrag erfüllen!«

Dr. Jakoby schwieg.

Bruckner setzte sich wieder hin, legte die Formulare in den Umschlag zurück und blätterte in der Broschüre, die ebenfalls übersandt worden war und Anweisungen für die Kriegspfarrer enthielt.

»Bei Preußens wird alles geregelt«, murmelte er; »auch der Seelsorger erhält seine Anweisungen. Er darf, es ist ihm untersagt, er hat Meldung zu erstatten an … Ach, Doktor! Hier hören Sie: Ein Sonderfall gibt Veranlassung, darauf aufmerksam zu machen, daß es den Kriegspfarrern beim Zelebrieren in Kirchen des besetzten Feindgebietes nicht gestattet ist, sich in aufliegende Zelebrationsbücher einzutragen, da Eintragungen dieser Art u. U. wertvolle Quellen für den feindlichen Nachrichtendienst bilden, und außerdem die Namenszüge zu Fälschungen ausgenutzt werden können.«

Jakoby nickte; aber Bruckner merkte, er hatte gar nicht zugehört; etwas anderes beschäftigte ihn, und jetzt fragte er: »Ich wehre mich gegen jeden Zwang, Bruckner, und deshalb erlauben Sie mir eine Frage. Mich stört an Ihrem Glauben am meisten das Beichten, dieses Sichkleinmachen vor einem anderen, der genau wie wir nur ein Mensch ist. Weshalb gibt es diese Beichte? Warum wird es nicht einem jeden überlassen, auf welche Weise er mit dem eigenen Unvermögen und den eigenen Fehlern zu Rande kommt?«

»Ein Bündel von Fragen! Sie reden von einem Zwang, Doktor! Kein Mensch wird zur Beichte gezwungen, genauso wenig, wie Gott den Menschen zum Guten zwingt. Der Mensch ist frei, sonst wäre ja z. B. dieser Krieg nicht möglich, dieser Mißbrauch der Freiheit zum Guten. Nein, nein, Doktor, der Mensch ist frei zum Guten wie zum Bösen; allerdings muß er dann auch die Folgen seiner oder seiner Mitmenschen freien Entscheidung tragen und auskosten. Eine bittere Sache, die niemand wahrhaben will. Erst vor wenigen Tagen schrieen mich Schwerverwundete an: ›Wo ist nun dein ‘lieber Gott’, warum läßt er uns so verrecken?‹ Ich konnte nur beten und trösten. Was hätte es für einen Sinn gehabt, zu sagen: Seit Sinai hat Gott den Menschen befohlen: ›Du sollst nicht töten‹. Was hätte es für einen Sinn gehabt, den Sterbenden zu sagen, nicht Gott, sondern die Sünde — der Mißbrauch der gottgewollten Freiheit — hat eure Bäuche zerschossen.«

Dr. Jakoby stierte vor sich hin, machte einige heftige Züge an seiner Zigarette und setzte dann zum Angriff an:

»Warum gab dann Gott den Menschen diese gefährliche Freiheit? Er mußte doch in seiner Allwissenheit — wie Ihr sagt — voraussehen, daß sie zu groß für den Menschen ist!«

»Aber die Freiheit macht doch erst den Menschen aus, erhebt ihn über das Tier«, antwortete Bruckner vorwurfsvoll. »Weil der Mensch im zivilen Leben verunglücken kann, werden Sie doch nicht sagen, es wäre besser, es gäbe überhaupt keine Menschen, denn dann könnten sie auch nicht verunglücken. Und dann, Doktor: ohne Freiheit gäbe es keine Liebe. Haben Sie auch dies bedacht? Offenbar nimmt Gott den Mißbrauch der Freiheit in Kauf, damit der Mensch in eben dieser gleichen Freiheit lieben kann.«

»Aber Herr Pfarrer, um auf die Beichte zurückzukommen, gerade diese Freiheit macht es dem Menschen doch so schwer, sich vor einem anderen Menschen klein zu machen.«

»Niemand macht sich klein vor seinem Herrgott«, antwortete Bruckner.

»In dem Augenblick, da der Gläubigesein Inneres offenbart und seine Sünden beichtet, ist der Priester nicht Mensch, sondern sichtbarer Vertreter Gottes.«

»Ist das nicht Vermessenheit?«

»Nichts kann vermessen sein, was Gott selbst befohlen hat. Jesus Christus hat seinen Jüngern, den ersten Priestern unserer Kirche, die Lösegewalt übertragen bis zum Jüngsten Gericht. Gott wollte einen Stand, der die Erlösung am Kreuz dem Menschen offenbart, ihm eindeutig sagt: ›Deine Sünden sind nun ausgelöscht, sind nicht mehr, sind getilgt, du bist vor Gott schuldlos wie am — ersten Tag.‹

Aber noch eins ist wesentlich, Doktor. Die Beichte ist ein Sakrament, das der Kirche die Möglichkeit gibt, die wesentliche Aufgabe Jesu Christi fortzuführen, nicht die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder! Und damit ist sie zugleich lebendiger Beweis der unendlichen Liebe Christi zu den Menschen, und wenn Paulus sagt: ›Erneuert euch im Geiste eures Herzens‹, und an einer anderen Stelle: ›Lasset uns wandeln in der Neuheit des Lebens‹, so ist es die Vergebung der Sünden, die das erst möglich macht.«

Jakoby ließ seine Fingerspitzen aufeinanderprallen, wiegte den Kopf hin und her.

»Gut, gut. Wenn alles so wäre, wie Sie es sehen, Pfarrer, wäre ich einverstanden. Doch ist die Beichte nicht zugleich auch ein Anreiz zum Sündigen oder, besser ausgedrückt, macht sie das Sündigen nicht leicht? Entsteht dadurch nicht ein Zwiespalt im Menschen, wird er nicht falsch?«

Bruckner lächelte.

»Das ist die Auffassung der Nichtkatholiken schlechthin, jener, die von der göttlichen Gnadenkraft nichts wissen. Und meist projizieren sie die eigenen Überlegungen und Berechnungen in den ihnen unverständlichen Vorgang. Die Kirche lehrt klar und eindeutig, daß es keine Sündenvergebung ohne Reue und ohne den Vorsatz zur Besserung gibt. Die Beichte ist ein Sakrament, ich sagte es schon, und wer mit der Absicht beichtet, von der Sünde sich zu befreien, um sie erneut zu begehen, lädt die schwere Schuld auf sich: Spott getrieben zu haben mit einem Sakrament.«

»Demnach wären alle Katholiken bessere Menschen als —«

»Aber Doktor, der Wert eines Menschen hängt nicht allein von seinem Tun ab. Entscheidend ist unser Weg zu Gott. Aber er ist Aufgabe, und so mancher, den das Geschick zum Kinde katholischer Eltern werden ließ, versagt und wird zum Treibsand, den der leiseste Windstoß fortwehen kann, ohne Richtung, ohne Ziel.«

»Also, Pfarrer, ein Bekenntnis eigener Schwäche?«

Bruckner lächelte.

»Wahrheit, Doktor, ist nie Schwäche. Denn ganz unabhängig davon, ob Menschen straucheln und das Glück ihres Seins verspielen, lebt unsere Kirche als die von Gottes Sohn gegründete Gemeinschaft, und der Glaube, dem wir dienen, steht für sich und ist wahr, weil Gottes Wort wahr ist.«

___________

Müde kehrte Bruckner zurück.

Ein heißer Tag lag hinter ihm. In Tolotschin war er gewesen, einer kleinen Stadt, sechzig Kilometer von Mogilew entfernt, an der Bahnlinie Minsk-Orscha-Smolensk. Kurz vor dem Ort war in einem Waldstück ein Urlauberzug von Partisanen überfallen worden. Bruckner hatte es von Hauptmann Kluge erfahren und sich sofort auf den Weg gemacht. In einem Kübelwagen war er auf staubigen Straßen entlanggefahren. Viele Dörfer berührte er, und eines glich dem anderen, und ihre Häuser waren alle nach der gleichen Weise gebaut, ja aus dem gleichen Holz, und jedem Fenster sah man schon von weitem an, daß es sich nicht öffnen ließ, und das dunkle, verwitterte Grau der Häuserfronten verstärkte das eintönige Bild. Weithin dehnten sich die Felder und lenkten den Blick in die Ferne. Hier herrschte bisher noch Friede; aber niemand wußte, was bevorstand, was das Jahr und die Zeit bringen wird. Nur bange Beklemmung wuchs von Woche zu Woche. Freund Kluge hatte hier und dort ein Wort fallen lassen, davon gesprochen, daß nie zuvor ein derart genaues, beweiskräftiges Feindbild über die Zusammenziehung von Truppenmassen vorgelegen hätte und daß es ein Wahnsinn sei, tatenlos zuzusehen und nichts zu unternehmen, um der bevorstehenden Offensive zu begegnen.

»Was müßte geschehen?«

Kluge hatte mit dem Fuß aufgestampft. »Ein Jammer, daß ich im letzten Krieg zu jung war, um als Gefreiter mitzuwirken. Vielleicht wäre ich dann intelligent genug, die jetzige großartige Strategie zu erfassen und zu begreifen. Kennst du das Gefühl, Franz, wenn du einen Menschen zu kennen glaubst und plötzlich erfährst, wie sehr das Bild von ihm trügt, nicht nur nicht stimmt, sondern daß gerade das strikte Gegenteil wahr ist!«

Bruckner schwieg.

Kluge tobte weiter. »Nein, immer wieder nein heißt es, wenn wir darauf hinweisen, wie sehr der Frontvorsprung östlich des Dnjepr sich dem Iwan geradezu anbietet, unsere dortigen Verbände einzukesseln. Verlaß dich drauf, eines Tages kochen wir, und das wird erneut etliche Divisionen kosten. Verdammt und zugenäht, warum denke ich immer nur an die Verringerung unseres Kriegspotentials, anstatt die Schicksale unserer Männer zu bedenken? Verheizt werden sie, regelrecht verheizt. Und nur deshalb, weil einer in der Jugend nicht genug Geld hatte, um die Malerakademie zu besuchen und keine Lust hatte, ein ehrbares Handwerk zu erlernen. Frage meine Frau, wie oft ich ihr gesagt habe: Gebt den Menschen ordentliche Berufe, und ihr verhindert Revolutionäre.«

Kluge wußte, daß er zu ihm als Freund offen sprechen konnte. Würde er aber bei anderen seine Zunge stets im Zaume halten? Klugeverstand sofort die Andeutung und lachte geringschätzig auf.

»Werde mich hüten, alter Freund. Selbst im Divisionsstab laufen ein paar Heinis herum, die in den Winkeln ihrer germanischen Seelen überzeugt sind, daß die Untermenschen, wie sie die Russen nennen, am Ende ihrer Kräfte angelangt sind, und wir vor der großen Wende stehen. Aber ich werde dir sagen, welche Wendung uns bevorsteht: die Kehrtwendung.«

So hatte Kluge gesprochen, sich anschließend in den Humor gerettet, doch das täuschte nicht darüber hinweg, daß die Gedanken des Freundes immer schwerer wurden.

Bruckner mußte daran denken, als er Tolotschin erreichte und sich ihm dort ein Bild des Grauens bot. Hinter Krupki, der letzten Bahnstation vor Tolotschin, war der Zug inmitten eines dichten Waldstücks auf eine Mine gefahren, deren Detonation die Lokomotive hochgehoben und zur Seite gedrückt hatte. Längst setzte man stets vor die Lok einen leeren Wagen; doch die Partisanen wußten das, und so richteten sie den Zünder der Minen auf die größere Belastung durch die Zugmaschine ein.

Die vorderen Wagen waren entgleist, und im Augenblick der ersten Verwirrung hatten die Partisanen das Feuer eröffnet. Die aus dem Schlaf gerissenen Soldaten wehrten sich verzweifelt; aber sie besaßen nur Gewehre und Pistolen, und die anderen schossen mit leichten Maschinengewehren und aus dem Wald heraus, während sie selbst in und hinter den Wagen im fahlen Mondlicht ein gutes Ziel boten. Nicht einer wurde gefangengenommen, keiner blieb am Leben. Als der Zug überfällig war, suchten Soldaten einer schnell zusammengestellten Kampfgruppe die Strecke ab und fanden ihre Kameraden.

In einem Bahnhofsschuppen und der gegenüberliegenden Schule hatte man sie aufgebahrt.

Bruckner schritt von einem zum anderen. Sein Herz schlug schneller, und manchmal glaubte er, es müßte stehenbleiben. Mein Gott, mein Gott, dachte er, sind das noch Menschen, die so etwas tun? War nicht der gute Künkel im Recht, wenn er sagte, das Schreckliche könne nicht Wahrheit werden, weil es nicht geschehen dürfe? Er war im Recht, doch nur in seiner Forderung; die Wirklichkeit sah anders aus.

Dem einen Soldaten hatten die Partisanen die Augen ausgestochen, dem anderen die Ohren abgeschnitten, einem stak das Seitengewehr im Rücken; fast alle waren verstümmelt.

Dann las Bruckner für diese Menschen die Totenmesse.

Von den Männern des Bahndienstes und den Soldaten knieten viele nieder, andere standen mit gefalteten Händen und blickten starr vor sich hin. Die einen mochten an Rache denken, andere daran, wie sinnlos sich jede Rache erweist, weil sie stets neues Unrecht in sich birgt, sich fortzeugt und meist immer die Falschen trifft, so wie hier ihre Kameraden, die nichts anderes hatten sein wollen als Menschen, die aber an die irdische Verkettung von Pflicht und Gehorsam gefesselt waren.

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Ausgelaugt und fast krank war Bruckner zurückgekehrt. Doch schon verlangte man erneut nach ihm. Verwundete waren im Feldlazarett eingeliefert worden, und einer von ihnen lag im Sterben.

Als er von ihm zurückkehrte, begegnete er Hartmann.

»Herr Pfarrer«, sagte der, »abgesehen von heute, bitte, kommen Sie nicht mehr des Abends. Viele Männer regen sich unnötig auf, und das stört die Nachtruhe.«

»Wollen Sie in mein Amt eingreifen?«

Hartmann blieb kühl, unnahbar.

»Dazu bin ich zu gering, Herr Pfarrer. Ich würde schon; denn unnütze Hoffnung zu verbreiten bedeutet nur Grausamkeit, und also ist der Wert eines Pfarrers gleich Null.«

Bruckner konnte sich nicht mehr beherrschen.

»Ob Sie, Feldwebel Hartmann, den Wert eines Pfarrers hoch oder niedrig einschätzen, ist mir völlig egal. Sie haben mich verstanden?« fragte er heftig, als in den Augen des Feldwebels Ironie aufzuckte. »Immer braucht der Mensch den Priester, Hartmann, und auch dann, wenn er meint, auf ihn verzichten zu können, merken Sie sich das!«

»Nicht alle sind katholisch, Herr Pfarrer.«

»Alle Menschen sind von Gott geschaffen, Hartmann, und für alle wirkt der Priester, ohne zu fragen: woher kommst du. Wichtig allein ist, wohin er geht!« ’

»Und das Ergebnis, Herr Pfarrer? Womit helfen Sie den Kindern Gottes?«

»Sie sind doch Sanitäter. Weshalb begehren ausgerechnet Sie auf?«

»Sanitäter helfen mit Taten!«

»Helfen dem Körper; und nur daraus besteht wohl der Mensch, nicht wahr?«

»Ach, Herr Pfarrer, wenn Sie nur begriffen, wie die Menschen sind. Vor diesem Feldzug kam dann und wann einmal ein Pfarrer. Wissen Sie, was die Leute hinterher sagten? Schön gesprochen hat der Alte, und es war eine lustige Beerdigung, fünf Mann in einem Sarg, und jeder wollte einen Eckplatz haben. Das ist Landserjargon, und die es sagen, meinen es gar nicht böse. Ich auch nicht. Die Wahrheit hat eben oft einen bitteren Beigeschmack. Seltsam mag es klingen: ich will Ihnen die Augen öffnen. Der Laie dem Priester. Wahrheit oder Lüge, diese Frage steht vor einem jeden. Keine andere mehr. Nackt wird alles sein und wenig erbaulich. Vielleicht bewahre ich Sie vor der großen Enttäuschung.«

Bruckner lachte auf.

»Hartmann, verschonen Sie mich mit —«

Hartmann unterbrach. »Die Wahrheit muß als ein Faktum genommen werden; doch die meisten weichen ihr aus, behandeln sie wie einen ungebetenen Gast und überlegen, wie man diesen am schnellsten wieder loswerde. Doch die Wahrheit ist kein Gast. Sie ist das Absolute.«

»Wir treffen uns, Hartmann, die Wahrheit ist absolut«, antwortete Bruckner, »und deshalb kann sie nicht aus dieser Welt abgelesen werden, noch weniger aber aus den Worten und aus dem Tun der Menschen. Ihre Kurzsichtigkeit enttäuscht mich, Hartmann! Sind Sie Berufssoldat?«

»Wozu diese Frage? Mein Beruf ändert nichts an der Wahrheit und nichts an der Lüge. Was ich zu Hause war?« Er lachte auf. »Zu Hause, das ist Plusquamperfekt, bin erst sieben Jahre Soldat. Doch wenn es Sie interessiert! Gerichtsvollzieher war ich. Ein vortrefflicher Beruf, die menschliche Psyche zu studieren. Doch jetzt ist der Krieg unser Beruf. Jeder hat hier seine Funktion, ein MG, ein Schütze, ein Arzt, ein Sanitäter, selbst ein General. Doch Sie, Herr Pfarrer, hemmen Sie nicht den einen wie den anderen? Sie gehören zu der einen Seite und stehen doch eigentlich zwischen den Fronten! Sind Sie ehrlich und Ihrer Lehre treu, dann predigen Sie die Liebe und den Frieden und versuchen, das Töten zu verhindern. Doch tun Sie das konsequent, dann wird man Sie als Defaitisten an die Wand stellen. Also müssen Sie lügen, müssen Ihr Amt und Ihren Gott belügen. Habe ich deshalb nicht recht, wenn ich sage, Wehrmachtsgeistliche sind nichts anderes als eine aus Rücksicht auf traditionelle Gepflogenheiten befohlene Ladehemmung? Weshalb ziehen Sie nicht die Konsequenz hieraus? Weshalb hören Sie nicht auf, mal hier, mal dort herumzulaufen, um einen armen Teufel zu trösten und zu versuchen, ihm gar den Haß zu nehmen, die einzige Waffe, die ihm noch verbleibt? Im Stellenplan eines Feldlazaretts sind Sie doch gar nicht vorgesehen, und was bei Preußens in keinem Stellenplan steht, ist tot, zumindest überflüssig. Was also wollen Sie in diesem Krieg?«

Bruckner hatte ihn aussprechen lassen, mit geschlossenen Augen zugehört. Dieser Feldwebel kannte nichts aus seinem bisherigen Leben. Doch wenn er davon berichtete, begab er sich auf die Plattform dieses Mannes. Sollte er ihm seine Kriegserlebnisse erzählen, seine Seele entblößen? Nein, er würde nicht verstanden, nicht begriffen werden.

Doch als er die Augen öffnete und den stillen Triumph in dem Blick des anderen bemerkte, mußte er etwas entgegnen, und wenn er es sich zehnmal hinterher vorhalten sollte. Er hatte Demut gelobt, ja, doch Demut durfte nicht zur Schwäche werden, und das geschah, wenn der andere in seinem Schweigen ein Eingeständnis erblickte.

»Was ich in diesem Krieg will, Hartmann? Ich werde es Ihnen sagen. Den Feind erkennen. Und ich weiß, daß er nicht allein dort drüben steht.« Er zeigte gen Osten. »Nein, dort stehen verhetzte und verdummte Menschen. Der wahre Feind ist mitten unter uns. Mitten unter uns wird Jesus Christus verraten und mit Ihm die Liebe; und von vielen wird Er nicht des schnöden Mammons wegen verraten, sondern einfach aus Gedankenlosigkeit und Lauheit, einfach deshalb, weil die Menschen zu feige geworden sind, ihrem Herzen zu vertrauen, oder aber Angst haben, es zu zeigen — so wie Sie. Nein, Hartmann, der wahre Feind steht mitten unter uns!«

Bewirkte es der Ton seiner Stimme oder die Worte selbst? Hartmann erwiderte nichts, sah den Pfarrer mit einem langen Blick an und ging weiter.

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Mit dem Juni kam die Trockenheit. In wenigen Wochen würde man mit der Ernte beginnen.

Einige Male war Bruckner nach Orscha gefahren, auf der Straße, die entlang des Dnjepr führte. Gemächlich floß der Strom dahin, nur die vom jetzigen Ufer weit entfernt stehenden Eisbrecher erinnerten daran, wie weit er während der Schneeschmelze über seine Ufer zu treten pflegte. Rechts und links dehnten sich bis zum Horizont Weizen- und Roggenfelder aus.

Schmidt II saß am Steuer des Kübelwagens.

Schmidt II stammte aus Memmingen, und die Kameraden nannten ihn den Blitzschwaben. Alles war er in einer Person: Fahrer und Sanitätssoldat, zugleich auch Faktotum des Chefs, und sich selbst nannte er stolz den Adjutanten des Doktors. Von Oberstabsarzt Dr. Jakoby sprach er niemals anders als vom Doktor und mit »Jawoll, Herr Doktor« quittierte er dessen Befehle. Einige Dutzend Male hatte Jakoby ihm beizubringen versucht, erst schonend, dann mit vorgeblichem Zorn und schließlich im brüllenden Befehlston, daß er hier keine Praxis unterhielte und deshalb mit Oberstabsarzt angeredet werden müßte. Doch als er dann Schmidt II fragte, ob er auch verstanden hätte, reckte sich der Mann mit seinen 1,68 m hoch auf, verdrehte die gutmütigen Augen und brüllte: »Jawoll, Herr Doktor. Der Herr Doktor unterhält hier keine Praxis.«

Seit jenem Tage gab es Dr. Jakoby auf und ließ ihn gewähren.

Er hatte andere Sorgen, als einem Mann Unterricht über Dienstgradbezeichnungen zu erteilen, dessen Eifer auch dann nicht erlahmte, wenn alle anderen nur noch mit Fluchen und Stöhnen ihre Arbeit verrichteten.

Schmidt II liebte ein Schwätzchen über alles.

»S’isch koi Krieg mea, Herr Pfarrer«, begann er, »mir mache koine Gefangene mea, und mir wern immer weniger. Vor drei Johr no! Do wars a Krieg. Und …«

Bevor Schmidt II zum Feldlazarett kam, war er Fahrer des Majors einer Aufklärungsabteilung. Wortreich berichtete er vom Vormarsch. Rußland schien er besser zu kennen als seine Kinder, von denen das jüngste bereits ein Jahr alt war, ohne daß er es bisher in den Händen hatte halten können.

»Mei Major hot do g’seit, Schmidt II, nehme Sie diese sechs Gefangene und bringe Si’s zur Division. Des wor bei Roslawl. Net weit von hier, nur in östlicher Richtung. Werde mir nicht mehr seh’n in diesem Krieg, und wenn —« er warf Bruckner einen Blick aus seinen gutmütig-verschmutzten Augen zu. »I nehm die sechs Russe, sag’ ›dawai, dawai‹, und sie trotte nebe mir her. Die Sonne brennt, alle lasse mir die Köpf hänge; nach drei Stunde begegne i dem Adju des Generals. Er hält mich a. I tu mei Meldung mache, ganz zackig: ›Schmidt II mit sechs Gefangene auf dem Weg zur Division.‹ Da verziehen sich die Mundwinkel des Offiziers. ›Mit sechs Gefangenen?‹ fragte er. I denk bei mir, ka der dumme Mensch net amol bis sechs zähle, und wiederhol mei Meldung. Doch der Kerl grinst immer noch, fragt: ›Haben Sie genau gezählt?‹ I dreh mi um, und laust mich der Affe? Stat da ein ganzes Rudel Russe hinter mir. ›Wartens, Herr Hauptmann‹, sag i, geh die Reihe entlang, zähl ein nachm anderen, und mitm letzten warens zweiundneunzig. Sechsundachtzig Russen hatten sich unterwegs heimlich uns angschlosse! Des gab’s!«

Sie durchfuhren ein langgestrecktes Dorf und hielten neben dem Brunnen. Russenkinder hockten im Sand und sangen.

»Hörens, Herr Pfarrer?«

Bruckner nickte. Die Kinder sangen einen deutschen Text, und auch die Melodie kannte er, und wer kannte sie nicht! Diese Russenkinder sangen das Lied von Lili-Marleen.

Schmidt II winkte sie heran.

»Wo habt’r deutsch g’lernt?«

Die Kinder machten große Augen. Die Knaben unter ihnen waren kahlgeschoren, und alle grinsten.

»Ni panimaju, pan«, rief eine helle Mädchenstimme, und einer der Jungen: »Nix verstäh!«

Vielleicht deshalb, dachte Bruckner mit einem Seitenblick auf den guten Schwaben, weil sie nur deutsch verstehen. Aber er hütete sich, das auszusprechen. Erst vor ein paar Tagen hatte ein Kamerad Schmidt II gefragt, ob er gelegentlich auch einmal deutsch sprechen könne. Bei dessen Antwort rissen die Männer Mund und Nase auf. Der wackere Schwabe war in einen heiligen Zorn ausgebrochen, und von Schiller und Uhland ging seine Rede, und wie sehr das übrige Deutschland auf das Schwabenländle angewiesen sei. »Grod ihr mit euren Schnauzen«, hatte er geschlossen und seine sonst so gutmütigen Augen funkelten böse einen der Berliner an, »grod ihr könnt euch bei unserm Schiller bedanke! Mit seine Räuber hat er euch Luder salonfähig g’mocht! Wos anners seid ihr ohnehin net. Damit ihr’s aber wißt, als mir scho guate Christa ware, habe eure Leut’ die Missionar noch gfresse!«

Nein, Bruckner wollte den guten Mann nicht beleidigen und sich der Gefahr aussetzen, daß Schmidt II etliche Tage nicht mehr mit ihm redete.

Zwei Russinnen traten an den Brunnen, ließen den Eimer an der langen Kette herunter, um Wasser zu schöpfen.

Eine blickte jetzt zu ihnen hin, ihre Augen werden starr, zögernd tritt die Frau näher. Barfuß ist sie und trägt einen an vielen Stellen geflickten Kittel. Jäh greift sie nach Bruckners Hand, um sie zu küssen, und als er sie zurückzieht, verneigt sie sich tief. Endlich richtet sie sich wieder auf, und jetzt prasselt ein Wortschwall auf ihn ein, gegen das er nur ein bedauerndes Kopfschütteln setzen kann. Schon wendet sie sich an Schmidt II, spricht auf ihn ein.

Schmidt II kraust die Stirn. »Nix büstro«, bittet er, »nicht so schnell!« Schließlich erfährt er, worum es geht. Ein Kind ist gestern geboren worden, und ob nicht der fremde Pope es taufen möchte.

Schmidt II kratzt sich am Ohr und blickt den Pfarrer fragend an. Bruckner überlegte, dachte an die vor Jahren erlassene Anweisung des Führerhauptquartiers, wonach die Wehrmachtsseelsorge ausschließlich für die Soldaten bestimmt sei und den Kriegspfarrern jegliche kirchliche Amtshandlung gegenüber der Zivilbevölkerung ausdrücklich untersagt wäre.

Mit einem Ruck sprang Bruckner aus dem Wagen.

Er war Priester, nur Priester.

»Wenn du gerufen wirst«, hatte ein Domherr im Priesterseminar ihm ans Herz gelegt, »dann zögere nicht, ob du nun müde oder zerschlagen bist; steh auf und gehe zu dem, der dich ruft. Priester sein, Bruckner, besagt oft nichts anderes als ständiger Begleiter des Menschen nach der Unendlichkeit sein zu wollen.«

Schmidt II schritt neben ihm.

»Mir hobn abr koi Weihwasser, Herr Pfarrer.«

Bruckner lächelte über den Eifer des Mannes und beruhigte ihn: »Jegliches Wasser reicht aus«.

In einem der Häuser taufte er das Neugeborene. Auf den Tisch hatte er sein Altartuch ausgebreitet, das Kreuz daraufgestellt, und die Taufpaten traten mit dem Kindchen vor. Viele Frauen waren hinzugekommen. Dicht gedrängt knieten sie nebeneinander und verfolgten schweigend die heilige Handlung, mit Augen, in denen Hoffnung, Furcht und Hingabe sich vereinigten. Die Hoffnung war in ihnen, daß nicht die Gottlosigkeit in ihr Dorf zurückkehren möge, und zugleich die Furcht, daß auch die Germanski die Rote Armee nicht aufhalten würden, und obwohl sie viele Jahre keinen Geistlichen mehr erlebt hatten, war in ihnen ein stiller, tiefer Glaube. Nun sangen sie einen Choral. Unsicher zunächst, dann aber immer stärker anschwellend, schwangen sich die Stimmen frei von den Gedanken an das Heute und an das Morgen, lebten nur dem Einssein mit Gott und empfahlen jenem ihr Schicksal, der alles lenkte und alles lenkt und alles lenken wird bis an das Ende aller Tage.

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Düster und grau begonnen, endete der Tag mit einem rötlichen Aufflackern des Horizonts.

Bruckner hatte sich für einige Tage vom Feldlazarett verabschiedet, um Einheiten der vorderen Linie zu besuchen.

Als er in einem Bataillonsgefechtsstand anlangte, war es bereits dunkel.

»Ein seltener Besuch«, murmelte der nicht mehr junge Hauptmann, der das Bataillon führte, sich mit Fischer vorstellte und im Zivilberuf Landrat im Holsteinischen war. »Wollen Sie den Leuten den seelischen Puls fühlen? Doch wie Sie meinen, Herr Kamerad.«

Bruckner verstand den Hauptmann, in dessen Blick die Abgeschiedenheit der einst von ihm verwalteten Dörfer und Marschen lag, und der jetzt Bruckner mit knappen Worten die Lage erklärte. »Solange unsere neunte Kompanie die Höhe hält«, mit dem Finger tippte er auf die Karte, »geht alles gut. Rechts davon befindet sich ein großes Sumpfstück, durch dichte Minensperren ungangbar gemacht. Das wenigstens ist unsere Ansicht. Ob der Iwan sich daran hält, steht auf einem anderen Blatt. Das Wort von den kotzenden Pferden dürfte bereits auch zu Ihrer Umgangssprache gehören. Von diesen Viechern laufen auf dem östlichen Kriegsschauplatz eine ganze Menge herum.«

»Danke«, sagte Bruckner zu dem Adjutanten des Hauptmanns, der ihm einen Feldbecher voll heißen Kafees reichte.

Der Hauptmann winkte ab.

»Macht er nur, weil er katholisch ist. Indirekte Bestechung beim Jüngsten Gericht. Aber«, fuhr er sinnend fort, »vielleicht ist es für uns alle an der Zeit, ein paar Vorleistungen für unser Seelenheil vorzunehmen. Die Berichte unserer Feindaufklärung sprechen zu deutlich. Jammerschade, daß wir kaum noch eine Luftwaffe besitzen. Die Munitionsbestände der Roten böten sich unseren Stukas geradezu an …«

Sie unterhielten sich noch eine Weile; dann brach Bruckner auf; er wollte die neunte Kompanie besuchen und dann zurück nach Mogilew fahren. So hatte er es sich vorgenommen. Aber es kam anders, ganz anders.

6

Tiefziehende Wolken verdeckten den Mond und die Sterne, und es war stockdunkel, als Bruckner den Gefechtsstand der neunten Kompanie betrat, der am rückwärtigen Hang einer bewaldeten Höhe lag.

Der Kompanieführer blickte ihn befremdet und unsicher an. Bruckner unterdrückte den Ärger, der in ihm hochspülte. Nicht dieses Offiziers wegen war er ja gekommen, auch nicht, um seine Arbeit, oder die Disziplin seiner Leute zu überprüfen, und vielleicht hätte er auf den Besuch ganz verzichtet, wenn ihm nicht der Adjutant des Bataillons einen Mann ans Herz gelegt hätte, und dieser Soldat gehörte eben zur neunten Kompanie.

Deshalb hielt er sich nicht lange auf, erkundigte sich nur, wie er zu dem Obergefreiten Tingner käme. Ein Melder brachte ihn nach vorn. Das letzte Stück mußte er robben.

»Tingner?« flüsterte er, als er ein Erdloch erreicht hatte, indem ein Mann hockte.

Der andere nickte. Dann stand Bruckner neben ihm und starrte nach vorn. Und das Wissen, daß hier das Niemandsland begann, machte die Finsternis noch unheimlicher und geheimnisvoller. Dort, der Busch, hatte er nicht eben noch weiter links gestanden?

»Das kommt einem immer so vor«, flüsterte Tingner.

Ruhig atmete die Nacht. Ein leichter Wind wehte und ließ sie zusammenschauern.

Sommer und Winter ziehen an den Männern vorüber, dachte Bruckner; alle Jahreszeiten erleben sie, und wenn sie nicht kämpfen oder wachen, dann schlafen oder essen oder träumen sie, im Freien oder in Hütten, in Bunkern oder in Wäldern, unter Zweigen und Zeltplanen oder in einem Erdloch, einen Quadratmeter groß und einen Meter zwanzig tief, und es ist Wohn- und Schlafraum zugleich, aber auch Kampfstätte und oft auch das Grab.

So wandern die Männer durch die Tage, die Monate und die Jahre, und das Gepäck der Erinnerung wird immer leichter. Zwar arbeitetedie Feldpost wie am ersten Tag, zuverlässig und genau, doch bei vielen hat die Sehnsucht sich erschöpft und stur wie ein Panzer sind sie geworden und sprechen es aus, und doch ist das nichts anderes als ein Schutz, mit dem sie ihren Traum zu umgeben versuchen.

Das Dunkel weicht. Am Horizont steht das Dämmern des Morgens; in weiter Ferne und doch so deutlich nah, als ballte es sich zusammen, um mit einem jähen Anlauf über die Menschen zu kommen.

Aus der gleichen Richtung würde der Feind heranstürmen. Vielleicht noch nicht heute, auch morgen noch nicht. Jeder aber, der hier lag und sich in den Boden kauerte, wußte, daß sein Kommen gewiß war. Erst jetzt erlebte Bruckner am eigenen Leibe, wie sehr die Männer das Leben liebten, wie sehr sie sich an jede Hoffnung klammerten. Keiner dachte weiter, die Zukunft schien wie in ein Dunkel gehüllt, in das kein Licht fiel; aber alle wollten das Schwere überstehen. Mußte ein Krieg kommen, um die Menschen das Leben lieben zu lassen?

Mit aufgerissenen Augen starrten die Posten gen Osten. Und ihre Kameraden warteten unentwegt auf den Alarm. Wann würde es so weit sein? Instinktiv spürten sie, daß der Krieg stärker geworden war als sie. Einst hatten sie Krieg geführt, doch das Gesetz des Handelns war ihnen aus den Händen genommen worden. Und immer neue Hiobsbotschaften drangen zu ihnen. Erst schien es Gerücht, doch dann hörten sie es erneut: die Angloamerikaner waren in Frankreich gelandet, und wenn sie bislang gehofft hatten, daß die dort stationierten deutschen Divisionen hier bei ihnen, an der Ostfront, eingesetzt würden, jetzt war auch diese Hoffnung zunichte. Und das war schlimm; denn sie selbst waren nur noch mangelhaft ausgerüstet, und die Artillerie verfügte nicht mehr über genügend Munition. Zu wenig Divisionen standen im Osten, und doch noch zu viele für den Nachschub, der Tag für Tag zu ihnen rollen mußte. War es nicht ein Wunder, wie trotz der Partisanen, trotz der weiten Schienenwege immer wieder Verpflegung und Munition, Post und Ersatzteile, Fahrzeuge und Sprit herangeschafft wurde, als gelte es, wie im tiefen Frieden, den Fahrplan genau einzuhalten. An so vielen Stellen, die im Wehrmachtsbericht niemals erwähnt wurden, mühten sich Männer und weiter zurück auch Frauen und kannten keine freie Minute, nur Schweiß und Mühe und Sorge; und oft genug waren sie bedroht durch Angriffe aus dem Hinterhalt, aber sie dachten an jene, die weiter vorn dem Feind gegenüberlagen, einem Feind, vor denen es ihnen allen graute, denn er kannte weder Erbarmen noch Milde.

___________

Im frühen Morgengrauen wurde Tingner abgelöst. Sein Nebenmann übernahm die Wache; jetzt konnte Bruckner mit ihm sprechen.

Tingner, dreißig Jahre alt, stammte aus Dortmund, war Tischler von Beruf und seit sieben Jahren Soldat. Mit kurzen Worten antwortete er auf die Fragen; doch als ihn Bruckner mit Obergefreiter anredete, sang er halblaut vor sich hin: »Wenn vom Himmelszelt ein kleines Sternlein fällt«, zeigte auf den Stern oberhalb seiner Gefreitenwinkel. »Seit ein paar Tagen Stabsgefreiter, Herr Pfarrer. Das ist etwas Besonderes.«

Bruckner lächelte und sprach nicht lange um den heißen Brei herum.

»Sagen Sie, Tingner, Sie kennen den Fahnenjunker-Feldwebel von Willemer.«

Tingners Gesicht verschloß sich. Er nickte.

»Weshalb wollen Sie ihn bei der nächstbesten Gelegenheit umlegen?«

Die schwarzen Augen des Stabsgefreiten verschwanden hinter den Lidern.

»Habe ich das gesagt?« fragte er und blickte auf seine Fußspitzen.

»Bis zum Bataillon ist es gedrungen, Mann. Wozu das, was bringt es ein?«

Tingner pfiff durch die Zähne.

»Da schau her, da muß ein guter Kumpel gequatscht haben. Wieder mal ein Beweis, auf wie wenige man sich verlassen kann.«

»Ja«, nickte Bruckner und versuchte das linke Bein hin und her zu bewegen, das eingeschlafen war und jetzt zu stechen anhob.

»Am wenigsten auf sich selbst, Tingner, und deshalb möchte ich mit Ihnen sprechen.«

Tingner öffnete seine Patronentasche, nahm einen Ladestreifen heraus und wischte mit dem Taschentuch den Sand ab.

Bruckner sah ihm zu, wie er ganz vertieft in der Arbeit fortfuhr, als wäre niemand bei ihm, er ganz allein, und als hätte keiner etwas angerührt, das in den vergangenen Monaten sein Blut, mehr als ihm gut tat, zum Kochen gebracht hatte.

Bruckner holte Zigaretten heraus. »Rauchen wir«, brach er das Schweigen.

»Gut, Pfarrer«, begann Tingner nach kurzem Zögern, »ich werde Ihnen etwas erzählen. Nicht von mir. Doch es wird genügen.«

Langsam begann er, doch dann flossen die Sätze schneller aus seinem Mund.

»Vor drei Monaten, als die Division einige Wochen in Ruhe gelegen hatte, trafen Neue ein, alles junge Kerle. Ehe wir sie uns richtig ansehen konnten, brüllte einer von diesen jungen Hupfern los, ob wir Tomaten auf den Augen hätten und nicht grüßen könnten. Schwärzester Kasernenton. Längst überwunden, wie wir dachten. Dieser hier wollte uns wohl das Gegenteil beweisen. Wir guckten anfangs recht merkwürdig aus der Wäsche. Schließlich hätte das Milchgesicht ›Guten Tag‹ sagen können, wie es sich für Neuankömmlinge gehört. Aber Scheibenkleister! Um seine Autorität ging es ihm. Stammt aus einer Familie, die wohl dem Neugeborenen statt der Muttermilch Eiserne Rationen verabreicht, als Symbol soldatischer Tradition, und dieses Kerlchen schien davon überzeugt, daß der Rückschlag an der Ostfront nur auf den Mangel an Disziplin zurückzuführen sei. Was seine Person betraf, wollte er dem entgegenwirken, um den Krieg doch noch zu einem siegreichen Ende zu führen.

Wir aber lagen in Ruhe, hatten für seine Auffassung wenig Verständnis. Da war Exerzieren befohlen. Wird immer, wenn Ruhe herrscht. Jeder weiß das, auch jeder Unteroffizier; ein normaler befiehlt dann volle Deckung, hält nach Vorgesetzten Ausschau, und wenn sich einer nähert, brüllt er los und tut als ob. Doch dieser junge Schnösel kannte nicht die ortsüblichen Gepflogenheiten, und als ihn ein uralter Obergefreiter nachsichtig darauf aufmerksam machte, scheuchte er uns durch die Gegend, daß wir dachten, eine neue Rekrutenzeit bräche an.

So begann unsere Feindschaft. Mir hat er zehn Tage Bau eingebrockt. Sie kennen sicherlich solche Vergehen, die im Herzen und in der Überzeugung keine sind, die aber, wenn sie gemeldet werden, bestraft werden müssen. Schweren Herzens hat mich unser Alter eingekastelt, aber er mußte es tun, eben, weil dieser —.«

Tingner brach ab, warf die Hand durch die Luft.

»Aber von mir sollte doch nicht die Rede sein. Ständig schnüffelte also dieser Fahnenjunker-Feldwebel von Willemer bei den Männern — herum. Einmal trat er zu einer herumsitzenden Gruppe. ›Zwei Freiwillige, aber schnell.‹

Seine vollen Backen, vom Flaum seiner neunzehn Jahre umstanden, preßten sich zusammen, um Energie auszustrahlen. Doch seine Züge hafteten noch im Kindlichen; die Männer grinsten, keiner meldete sich.

›Wozu, Herr Feldwebel?‹ fragte dann ein Stabsgefreiter seelenruhig und blickte ihn an, ohne aufzustehen.

›Fahnenjunker-Feldwebel‹, brüllte von Willemer, ›wenn ich bitten darf!‹

›Sie dürfen, Herr Feldwebel‹, entgegnete lakonisch der Stabsgefreite.

Verhaltenes, glucksendes Lachen.

›Wir könnten eine Unterrichtsstunde über Benehmen gegen Vorgesetzte einlegen, Triebel!‹

Aha, dachte der, ein paar Namen kennt er schon und richtete sich im Sitzen auf. ›Stabsgefreiter Triebel, wenn ich bitten darf.‹

Willemer überhörte das Lachen.

›Zwei Freiwillige habe ich gesagt. Da sich keiner meldet: Sie kommen mit und Sie auch.‹

Hans Fuhrmann hob lässig den Kopf. ›Bedaure, Herr Feldwebel; als Melder bin ich u.k.‹

Willemer wollte aus der Haut fahren; aber da ihm das nicht gelang, paßte er sich dem Ton der Zeiten an.

›Das ist mir scheißegal, kommen Sie mit.‹

Doch Fuhrmann blieb sitzen. ›Befehl vom Hauptmann‹, erklärte er mit sanfter Stimme, ›mich als Melder zu keinem Sonderdienst heranzuziehen.‹

Das gab dem jungen Offiziersanwärter den Rest. Er begann zu schreien, und bald enthielt sein Vokabular gräusliche Dinge, Befehlsverweigerung, Kriegsgericht und so, und damit war nicht zu spaßen. Hatte er nicht kurz zuvor auch mich auf solche Weise fertiggemacht?

Also standen sie auf, langsam zwar, doch Willemer spitzte überlegen die Lippen. ›Weshalb nicht gleich so, meine Herren?‹

Sein Blick blieb auf Fuhrmann haften.

›Was sind Sie von Beruf?‹

›Student.‹

›Und was studieren Sie?‹

›Philologie.‹

›Aha.‹ Jetzt dachte er wohl an sein vorzeitiges, übereiltes und nachsichtig gewährtes Abitur und daran, daß er als werdender Offizier den Männern überlegen sein mußte. Aber hatte es dieser nicht weiter gebracht als er? Um sich die Frage nicht beantworten zu müssen, rettete er sich in billigen Spott.

›Haben wohl lieber in Büchern geschnüffelt als bei der Hitlerjugend mitgemacht?‹

Ein Lächeln wuchs in dem Blick Hans Fuhrmanns.

›Ich war Stammführer, Herr Feldwebel, und Sie?‹

Willemer biß sich auf die Lippen. Er hatte es nur bis zum Zugführer gebracht und hatte vor Stammführern strammstehen müssen. Ja, weshalb war aber dann dieser Fuhrmann nicht Offizier geworden?

Fuhrmann spürte die unausgesprochene Frage, aber er empfand keine Lust, darauf zu antworten und diesem hier schon gar nicht.

›Unser Nachwuchs‹, sagte er statt dessen, ›ist ja vortrefflich.‹

Willemer verstand sofort, drehte sich um, schrie ›Folgen!‹ und ging voraus.

›Der Herr Junker hat sich aber mächtig beeilt‹, lachte der Hauptmann, als sich Willemer bei ihm meldete. ›Wozu haben Sie den Melder der Neunten dabei?‹ fragte er und zeigte auf Fuhrmann. ›Hat er Ihnen nicht gesagt, was ich befohlen habe?‹

Willemer biß sich auf die Lippen. In diesem Augenblick tat er Fuhrmann leid. Doch er hatte ihn ja aufmerksam gemacht. Vielleicht ein wenig abseitig, nicht in jener Form, wie sie der junge Kerl auf der Kriegsschule erlernt hatte. Doch sie befanden sich hier nicht neben einem Sandkasten, und keiner konnte erwarten, daß sich die alten Hasen auf die von den Ersatztruppen mitgebrachten Vorstellungen vom Zusammenleben und Zusammenwirken einstellten!

Willemer mußte sich also noch einmal auf den Weg machen, sich einen zweiten Mann zu haschen, doch als ihn die Landser von weitem erspähten, verschwanden sie, und er mußte sehr lange suchen, bis er endlich in seiner Not sich den wild gestikulierenden zweiten Koch der Feldküche schnappte.

Als er dann auch diesen wieder laufen lassen mußte und an einem Tage somit zwei Zigarren einsteckte, verfolgte er von Stund an Hans Fuhrmann mit seinem Haß.

Kurz und gut, die erste Runde war an Fuhrmann gegangen. Die nächsten buchte Willemer für sich. Ein unterirdisch ausgetragener Kampf zwischen zwei verschiedenen Chargen neigt sich stets dem zu, der mehr Geld verdient. Fuhrmann erhielt als Gefreiter vierundzwanzig Reichsmark pro Dekade einschließlich der Frontzulage, Willemer mindestens das Doppelte.

Einmal platzte Fuhrmann der Kragen. Als Willemer ihm zum soundsovielten Male einen unsinnigen Befehl erteilte,blieb er stehen, als hätte er nichts vernommen.

›Melde Herrn Feldwebel, daß ich seit heute morgen eine Hörstörung zu verzeichnen habe.‹

Willemer schrie ihn an, er wünschte mit Fahnenjunker-Feldwebel angeredet zu werden.

Fuhrmann schwieg; doch als Willemer erneut brüllte, wandte er sich nach allen Seiten um, sich zu vergewissern, ob niemand ihre Worte mitanhören konnte. Dann knallte er die Hacken zusammen, legte die Hand an die Mütze, wie die Offiziere es bei einer Meldung zu tun pflegten. ›Bitte Herrn Feldwebel melden zu dürfen, daß mich der Fahnenjunker-Feldwebel kreuzweise am — — — kann!‹

Sprach’s in militärisch gedrechselter Redeweise und blieb stehen. Willemer wurde weiß, begriff sofort, weshalb der andere sich zuvor umgeblickt hatte: ein Zeuge war nicht vorhanden. Ein Offizier bekäme im Falle einer solchen Meldung wohl die Glaubwürdigkeit zugesprochen; doch er war erst auf dem Wege zum Offizier, und jeder Zwist, aktenkundig werdend, könnte diesen verlängern. Erst vor kurzem hatte sein Vater, der als Regimentskommandeur in Frankreich lag, angefragt, weshalb es bei ihm so lange dauere; früher wäre es schwerer gewesen, Offizier zu werden, und trotzdem sei es bei ihm schneller gegangen.

Die Wut über die eigene Ohnmacht spülte alle Beherrschung weg. ›Verdammter Hund‹, schrie er in die nachsichtig lächelnden Augen des anderen. Fuhrmann blieb ruhig. ›Zwergpinscher oder Schäferhund?‹ fragte er; ›im ersteren Fall würde ich es als Beleidigung empfinden und eine entsprechende Meldung zu erstatten gezwungen sein.‹

Willemer zog daraufhin die einzig mögliche Konsequenz; er ließ Fuhrmann stehen und ging seiner Wege.«

___________

Bruckner schwieg, als der andere nicht mehr weitersprach. Gespannt hatte er das wechselnde Mienenspiel verfolgt; ihm wurde klar, daß nicht Fuhrmann, sondern er, Tingner, den größeren Haß hegte. Er mußte also mehr erfahren.

»Zehn Tage Bau«, begann er, »sind eine schlechte Sache. Aber, Tingner, ein Mord wiegt schwerer.«

Der Stabsgefreite verschloß sich.

»Ich habe nicht gesagt, ich werde ihn umlegen. Doch wenn er stiften gehen sollte, wenn es brenzlig wird, dann überlebt er das nicht.«

Bruckner wollte etwas entgegnen; doch sie wurden unterbrochen.

»Verdammt«, fluchte Tingner neben ihm, als die erste Granate in ihrer Nähe einschlug. »Jetzt geht es los.«

Zuerst waren sie zusammengezuckt; jetzt hatten sie dazu gar keine Zeit mehr; mit einem Schlage schossen die Sowjets aus allen Rohren, Granate um Granate. Die Luft schien zu bersten, die Ohren schmerzten und die Lider zuckten. Nicht einmal vor Angst, obwohl auch sie unterdrückt werden mußte, als vielmehr aus der Absicht, wenn schon nichts anderes getan werden konnte, wenigstens irgendwie zu reagieren. Jetzt — ein Einschlag. Die Sowjets schossen sich ein. Was tun? Aber da war nichts zu tun, als zu warten und mit halb geöffnetem Mund der Dinge zu harren. Womit sollten sie die Spannung lösen? Mit Schreien? Dann wäre der Krieg nichts anderes als ein unaufhaltsames, wüstes Geschrei. Gab es noch Gedanken? Von Zeit zu Zeit rissen zwischen zwei Einschlägen durchgerufene Befehle aus der Hysterie der Nerven. Jeder aber wußte: ein solcher Feuerzauber würde nur Einleitung sein. So plötzlich, wie er über sie gekommen war, würde er aufhören und dann? Ja, dann würde der Ruf »Panzer von vorn« erschallen und hinter ihnen sowjetische Infanterie sich im Sprung vorarbeiten.

Bruckner preßte sich in das Loch. Ein Glück nur, daß dieses hier für ein Maschinengewehr bestimmt und deshalb etwas breiter war als die anderen. Trotzdem wurden die Glieder steif. Weshalb war er hierher gekommen? Kluge hatte ihn einmal als Geheimwaffe des Mittelabschnitts vorgestellt. Schöne Geheimwaffe, dachte er, nicht einen einzigen T34 würde er aufhalten. Und den anderen Mut zusprechen? Wen erreichte er denn jetzt? Und brauchte er nicht alle Kraft für sich selbst?

Immer neue Granaten schlugen ein, andere sausten über sie hinweg und ließen einen singenden Ton zurück.

Da, mit einem Male wurde es ganz still.

Vorsichtig lugten sie über den Grabenrand.

Jetzt würden die Sowjets vorstürmen.

Doch nichts geschah, alles blieb ruhig.

Doch nur für kurze Zeit. Dann vernahmen sie den Befehl: »Im Sprung vorarbeiten, nach links einschwenken!« Seitlich von ihnen war der Russe vorgestoßen und der Einbruch sollte abgeriegelt werden. Tingner sprang. Einen Augenblick zögerte Bruckner. Was sollte er tun? Mutterseelenallein liegen bleiben oder zum Kompanieführer hasten und ihm zuraunen, er habe genug; seelisch aufzurichten wäre im Augenblick keine Gelegenheit, also auf Wiedersehen, Herr Kamerad?

»Sanitäter«, schrie man weiter vorn. Das gab den Ausschlag. Bruckner biß die Zähne aufeinander und sprang zu dem Verwundeten. Im Liegen schnitt er ihm mit einem Taschenmesser den Ärmel der Uniformjacke auf und verband die Fleischwunde am Oberarm. In der Nähe fiel ein Munitionsschütze aus. Weiter vorn schrie man nach Munition. Bruckner hörte es. Wie in Trance griff er nach den Kästen, hastete weiter, um sie dorthin zu bringen, wo die eigenen Maschinengewehre in Stellung gegangen waren.

»Wenn Panzer kommen, sind wir im Eimer«, hörte er eine Stimme neben sich; es war die Tingners, der jetzt auf einen Soldaten zeigte, der sich mit schnellen Sprüngen zu ihnen heranarbeitete. »Fuhrmann«, schrie Tingner. Ja, Fuhrmann war es, der dem Zugführer von Willemer den Befehl überbrachte, seinen Zug auf die Ausgangsstellung zurückzunehmen. Bruckner konnte beobachten, wie der Fahnenjunker-Feldwebel den Kopf hob, mit der Hand zurückwinkte; in diesem Augenblick wurden sie erneut von dem Feuer der sowjetischen Artillerie eingedeckt. Willemer schrie auf. Die Erde bebte und ächzte und immer wieder gruben sich die Geschosse in ihren Boden, wühlten ihn auf. Bruckner hörte den Schrei, sprang vor, doch wieder mußte er sich an den Boden pressen. Ungünstig, dieser Stellungswechsel, dachte er. Besaß er aber einen Überblick? War nicht jedes Planquadrat ausgewogen und ein ganzes Regiment oder auch eine Kompanie nur zu oft der traurige Preis für den Bestand der größeren Einheit? Hieß das Maß des Krieges nicht Zweckmäßigkeit, die stets an das große Ganze dachte und den einzelnen Menschen mißachtete.?

Noch immer schrie Willemer und keiner sprang zu ihm. Zu dicht lag das gegnerische MG-Feuer. Sobald einer auch nur den Kopf hob, spritzte der Sand neben ihm auf.

Doch dort — einer näherte sich ihm. Vor vier Jahren noch hatte er bei Professor Spranger Vorlesungen über die »Ästhetische Erziehung der Menschen« gehört. Vor vier Jahren? Waren nicht vierzig Jahre seitdem verflossen? Löschte das Geschehen nicht alle Erinnerung und auch den Sinn aus, dem sie ihm einst gegeben hatten? Hans Fuhrmann liegt jetzt neben dem Fahnenjunker-Feldwebel von Willemer, dem ein Granatsplitter den Hinterkopf aufgerissen hat. Gottlob, nur eine Fleischwunde, denkt er und verbindet ihn. Willemer öffnet die Augen, sieht Fuhrmann, und in seinen Blick tritt das Staunen eines Tieres.

»Schlimm?« murmelt er.

»Jetzt nicht mehr«, antwortet Fuhrmann, »vier Wochen Lazarett, sechs Wochen Ersatzbataillon, dann sehen wir uns wieder.«

Er reißt ein neues Verbandspäckchen auf, damit der Verband hält, und um ihn fest zuzuziehen, richtet er sich ein wenig auf.

»Was ist?« stöhnt Willemer, als sich Fuhrmann auf ihn legt. Aber Fuhrmann antwortet nicht mehr. Fuhrmann ist tot. Ein Geschoß hat seine Stirn aufgerissen.

In diesem Augenblick springt Bruckner hinzu.

»Zurück, Willemer«, schreit er.

Der Fahnenjunker nickt; er starrt wie abwesend auf das Blut, das aus der Stirn in die Augen Hans Fuhrmanns rinnt.

Noch immer liegt das Sperrfeuer in ihrem Abschnitt, um plötzlich von einer Sekunde zur anderen aufzuhören, so jäh, daß die Nerven sekundenlang das Krachen und Bersten und Pfeifen und Heulen vermissen. Mürbe machen will er uns, denkt Bruckner, täuschen und narren, uns innerlich zerstören und seine Macht zeigen, damit wir nicht mehr an die eigene glauben.

»Vorwärts«, schreit er Willemer an, und es geht doch zurück.

Und Willemer springt. Bruckner beugt sich über den gefallenen Hans Fuhrmann, reißt die Erkennungsmarke ab, steckt das Soldbuch zu sich, seine Hände greifen ineinander, um ein Gebet zu sprechen. Doch schon hasten Soldaten zurück, an ihm vorbei. Franz, Franz, denkt er, als er dem zurücktorkelnden Willemer nachhetzt, wirst du so zum Routinier, der Gebete herunterleiert, um der Form zu genügen? Frißt der Krieg den letzten Rest des Seins?

Schnell verscheucht er solche Gedanken. Nein, jetzt war es seine Pflicht, dem Leben zu dienen; die Lebenden hatten mehr Anspruch auf Hilfe als die Toten.

7

»Der Herr Pfarrer! Da schau her. Genug vom Stahlbad? Hier haben Sie gefehlt!«

Bruckner blickte Dr. Jakoby ärgerlich an.

»Der Krieg findet überall statt, Doktor, und der Mensch —« Er beendete den Satz nicht; etwas Bitteres legte sich auf seine Zunge. Auch dieser Doktor betrachtete ihn, den Feldgeistlichen, nur als eine allerdings recht willkommene Verstärkung seines Lazaretts, als einen, den er mal hier, mal dort einsetzen konnte, wie es eben die Arbeit gerade erforderte. Hatte nicht dieser Hartmann in einer Beziehung recht? Alles besaß eine Funktion, dieses Feldlazarett hier genauso wie die Feldbäckerei und die Feldpostabteilung, überall wußte man um den Bereich der eigenen Aufgabe und kannte seine klar umrissenen Grenzen. Er aber lebte in allen und mit allen.

Jakoby hatte nichts erwidert, saß an einem Tisch und schrieb einen Brief. Unwirklich erschien Bruckner dieses Bild, zu sehr hatte er sich daran gewöhnt, Jakoby operieren zu sehen, zwischendurch mit Meyer, seinem Hauptfeldwebel, organisatorische Fragen besprechend und dabei eine Tasse Kaffee nach der anderen trinkend. Jetzt aber saß er hier, zwei Meter vor ihm, schrieb und schrieb und schien auf kein weiteres Wort mehr zu warten, faltete dann den Feldpostumschlag zusammen, leckte an seinen Enden und drückte ihn zu. Schmidt II würde den Brief mitnehmen. Auf diesen war Verlaß, mochte er denken; Schmidt II verschwand nicht eins, zwei, drei nach vorn! ’

Von der Front her erhob sich neuer Geschützlärm.

»Noch ein paar Tage«, sagte Dr. Jakoby. Weiter nichts. Nur diese paar Worte.

Bruckner schritt durch die Krankenräume. Nur wenige Betten waren belegt.

»Anordnung vom Herrn Doktor«, erklärte Schmidt II.

Auch die leichten Fälle waren sofort abtransportiert worden.

»Mir stehe abmarschbereit«, flüsterte der Schwabe, nachdem er sich umgedreht hatte, ob auch keiner seine Worte hörte.

»Hauptmann Kluge hot angrufa, mulmig, hot’r nur gseit.«

Der Geschützlärm nahm von Stunde zu Stunde zu und hielt auch am nächsten Tag unvermindert an. Verwundete über Verwundete wurden herangefahren; sie alle sagten keinen Ton, aber ihre Augen schrien alle das gleiche hinaus: Weshalb werden wir wehrlos einer solchen Übermacht ausgeliefert? Weshalb?

Jetzt stand Dr. Jakoby wieder ununterbrochen im Operationsraum. Bruckner half, reichte ihm das Notwendigste.

Die Stunden verrannen. Bahre um Bahre wurde hereingetragen. Der Morgen graute bereits, als sie aufhören konnten.

»Schluß für heute«, sagte Jakoby kurz. »Dank, Pfarrer.«

»Wofür, Doktor?«

»Für Ihr Schweigen.«

»Was kein Eingeständnis ist«, versuchte Bruckner zu scherzen. Jakoby blieb ernst, wandte den Kopf zurück.

»Vielleicht ist meines eins«, sagte er und war verschwunden, bevor Bruckner noch etwas nachrufen konnte.

Er suchte sein Lager auf und schlief sofort ein.

Doch zwei Stunden später rüttelte Schmidt II an seiner Schulter. »Aufsteha, Pfarrer, ’sch gauht zrick«, rief er und fühlte wohl, daß er noch ein tröstendes Wort hinzufügen sollte. »Dort habe imir mehr Ruh!«

Bruckner reckte sich hoch. »Schon gut«, entgegnete er. Wo gab es heutzutage noch Ruhe, dachte er dabei und wußte nicht, wie recht er behalten sollte.

___________

Gestaffelt hatte die sowjetische Offensive begonnen. Südlich von Witebsk wurde ein Durchbruch erzielt, und schon stießen sowjetische Panzer auch gegen Orscha vor, einen Tag später in Richtung Mogilew und weiter südlich gegen Bobruisk.

Seit Stunden bereits rollte das Feldlazarett in westlicher Richtung, und doch hörten die Männer, steckten sie die Köpfe während einer kurzen Rastpause aus den Fahrzeugen, immer noch den Lärm der Geschütze; ja, es dünkte ihnen, als würde er mit ihnen ziehen und eher an Stärke zu- als abnehmen.

Der Staub wirbelte hoch, die Sonne brannte, die Uniformen klebten am Körper, und der Staub hatte die schweißbedeckten Gesichter schwarz gefärbt. Rechts und links dehnten sich weithin reife Weizenfelder; aber sie hatten keinen Blick für das Land, sie fieberten, die Beresina zu überschreiten. Oft mußten sie anhalten, andere Einheiten benutzten die gleiche Straße, und je mehr sie sich dem Fluß näherten, um so größer wurde die Stauung.

»Die Brücke ist zerstört«, hieß es dann.

Doch das mußte ein Gerücht sein, denn langsam schoben sie sich an den Fluß heran. Und dann lag er vor ihnen, nicht breiter als fünfundzwanzig Meter, und jetzt sahen sie die von Pionieren errichtete Notbrücke.

Fliegeralarm! Sowjetische Jabos Strichen über sie hinweg, aber ihre Bomben verfehlten das Ziel und klatschten ins Wasser. Keiner sprach den Namen aus, und doch dachte jeder an Napoleon, dessen Truppen in der gleichen Gegend den Fluß überschritten hatten. Beim ersten Male in gegliederter Formation, bei dem Rückzug aber aufgelöst und von panischer Angst ergriffen, nur von dem einen Gedanken getrieben, aus einem Land zu fliehen, das ihnen nichts als Blut und Tränen beschert hatte.

Bruckner sann vor sich hin. Noch immer warteten sie darauf, die Brücke überschreiten zu können. Der Abend trieb die lastende Hitze fort. Geheimnisvoll wirkte die Dämmerung, als ginge über Steppen und Felder, durch die Dörfer und die Wälder ein Raunen.

___________

In der Nacht rollten sie über die Brücke. Mit einem ernsten, verbissen wirkenden Gesicht regelte der kommandierende General des den Übergang verteidigenden Armeekorps persönlich den Verkehr von Ufer zu Ufer. Und er blieb auch an seinem Platze stehen, als feindliche Jabos die Brücke angriffen.

So wichtig war plötzlich dieser Übergang geworden, einhundertfünfzig Kilometer westlich jener Stelle gelegen, an der vor Tagen noch die deutsche Front gestanden hatte.

Heute aber? Gerüchte jagten von Mann zu Mann, keiner aber

kannte die wirkliche Lage. Bobruisk ist verloren, hieß es.

Mogilew eingeschlossen, berichtete ein anderer.

Sowjetische Panzer sind an Orscha vorbeigestoßen!

Bruckner hörte es, Jakoby hörte es, und sie alle schüttelten die Köpfe. Das konnte einfach nicht stimmen. Gab es denn plötzlich keine deutsche Front mehr im gesamten Mittelabschnitt? Löste sich alles auf, bahnte sich ein neues Stalingrad an, ein Kessel, der ganze Armeen verschlingen würde? Mit schweren Gedanken fuhren sie in den grauenden Morgen.

___________

In einer langgestreckten Ortschaft rasteten sie am Abend des nächsten Tages. Verwundert hoben sie die Köpfe: die Häuser standen hier noch unversehrt, als gäbe es keinen Krieg und keine Zerstörung. Durch wieviel Dörfer waren sie in den letzten Stunden gefahren und immer vorbei an aus gebrannten Häusern, schwelenden Balken und den wie sinnlos sich hochreckenden Kaminresten.

»Benzin«, stöhnte Jakoby; »wo bekommen wir Sprit her? Noch dreißig Kilometer und dann ist Feierabend!«

Das Dorf war überfüllt. Nachschubeinheiten lagen hier, alle möglichen Dialekte schwirrten durcheinander. Alles war voller Unruhe und jedem Soldaten las man die Angst vom Gesicht ab. Am liebsten hätten sich alle zu Fuß aufgemacht, nach Westen, in Richtung Heimat, zu laufen.

Doch was war das?

Bruckner glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Auf der Straße standen mit hilflosen Blicken drei deutsche Mädchen, in der Tracht der Roten-Kreuz-Schwestern.

Er holte sie heran, sie konnten sich kaum noch auf den Beinen halten.

Dr. Jakoby trat hinzu, faßte die Mädchen an den Schultern und sagte entsetzt: »Schwestern, wo treibt ihr euch denn herum? Wo kommt ihr her?«

»Aus Minsk«, antwortete eine.

»Aus Minsk?« brüllte Jakoby und blickte Bruckner an. Der verstand den Blick sofort. Das konnte nichts anderes bedeuten, als daß Minsk bereits geräumt war. Wenn die Sowjets jedoch schon Minsk bedrohten, zeichnete sich eine Katastrophe für den gesamten Mittelabschnitt ab, eine Katastrophe von unübersehbaren Folgen. Minsk lag über zweihundertfünfzig Kilometer im Rücken der deutschen Frontlinie. Aber jetzt hörten sie aus dem kurzen Bericht der Schwestern, daß das noch nicht einmal das Schlimmste war! Von Minsk aus war es ihnen nicht mehr gelungen, in westlicher Richtung zu fliehen! In ihrer Not hatten sie sich einer Nachrichtenabteilung angeschlossen und versucht, die Sowjets zu umgehen. Als dann nicht weit von hier die Truppe einen Einsatzbefehl erhalten hatte, waren sie zu Fuß weitermarschiert.

»Ist denn der helle Wahnsinn plötzlich ausgebrochen?« tobte der Oberstabsarzt. »Werden wir denn nur noch von Klugscheißern geführt? Ja, zehnmal ja, die Sowjets besitzen eine riesige Überlegenheit. Aber anno 1941 waren sie zahlenmäßig genauso überlegen.«

Er schien sich nicht beruhigen zu können.

»Können wir bei Ihnen bleiben, Herr Oberstabsarzt?« fragte eine Schwester.

»Sie brauchen nicht zu bitten«, brummte Jakoby, rief seinen Hauptfeldwebel und befahl ihm, sich der Mädchen anzunehmen, ihnen erst einmal etwas zu essen zu geben.

Meyer kam, hörte und geleitete dann die Schwestern, als befände er sich unmittelbar vor einem Kasino, in das er lieben Besuch hineinbäte.

Jakoby blickte ihm nach. Was selbst Schmidt II nicht immer erreichte, Meyer strömte Ruhe in ihn ein, und in weniger aufregenden Zeiten hatte er es laut und deutlich verkündet, daß von allen Spießen dieses Erdkreises Meyer ihm der angenehmste sei, weil er ohne Lautstärke und ohne dickes Notizbuch alles wie geölt ablaufen lasse. Wollte Jakoby eine vorsorgende Anordnung treffen, war sie bereits ausgeführt, befahl er Statistik, überreichte ihm sein Meyerlein, wie er ihn bald nannte, die Aufstellung; Meyer schien alles voraus zu sehen und zu hören, und Meyer würde auch diesen Schwestern in einem der Fahrzeuge einen Platz anweisen.

Die Nacht war mit Warten angefüllt.

Jakoby konnte nicht schlafen und auch Bruckner nicht. Der eine dachte an den fehlenden Sprit, der andere an den Freund, dessen Schicksal jetzt mehr als ungewiß war.

Jakoby rauchte, drückte die Zigarette schnell wieder aus, blickte hoch, warf Bruckner einen kurzen Blick zu, dann nestelte er an seiner Pistolentasche, schlug die Klappe hoch, drückte sie wieder zu, minutenlang, ganz in Gedanken versunken.

»Schade«, sagte er endlich, »daß keine Wunder mehr geschehen«.

Bruckner schrak hoch. Eben war er daran gewesen, einzuschlafen.

»Wunder?« sagte er; »im Augenblick erscheint es mir ein Wunder, daß Sie nicht müde sind.«

»Alter Seelenfänger«, schnaubte Jakoby, »ich habe eine Frage gestellt, die in Ihr Ressort fällt. Also: Weshalb, obwohl so viele beten, zeigt sich nichts von Wundern, passiert nichts, um die zu stärken, die Gott dienen.«

»Ach, Doktor, der Herrgott hat den Menschen geschaffen und seinen Körper, seine Seele und seine Umwelt so eingerichtet, daß er bequem und gut ohne jedes Wunder auskommen kann.«

»Aber Sie sehen doch selbst —«

»Was sehe ich? Daß der Mensch versagt, immer wieder versagt; ja, nie zuvor ist mir dies so deutlich gewesen.«

»Und weshalb werden nicht die Hungrigen von sieben Broten gespeist, die das Wunder zu Tausenden werden läßt? Oder geben Sie zu, daß Jesus Christus diese Wunder nur für die Augen seiner Mitmenschen wirkte?«

»Wenn Sie jetzt noch hinzufügen, daß er wohl ein außergewöhnlicher Mensch war, mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet, daß er schließlich zum Begründer einer Religion wurde, daß aber alles, aber auch alles letzten Endes erklärbar wäre, weil er über geheime okkultistische und suggestive Kenntnisse verfügte — dann ja, dann, Doktor, stoßen Sie genau in das Horn unserer Zeit, und denken wie Millionen von — ja, ich muß es sagen — von Christen; die nur noch dem Papier nach Christen sind.«

Dr. Jakoby nahm seine Brille ab, hob sie hoch, putzte sie mit dem Taschentuch. »Ich bin mir im klaren, ein heißes Eisen anzurühren; schließlich sind Sie Priester. Und doch frage ich Sie: Sind Sie im tiefsten Herzen davon überzeugt, daß die Geschehnisse, die uns als Wunder Jesu Christi überliefert werden, sich auf eine vernünftige Weise nicht erklären lassen?«

»Ich bin nicht nur davon überzeugt, Doktor; ich weiß, daß die überlieferten Wunder Christi nichts anderes sind als das. Nicht aus einer einzigen Stelle der Bibel könnten Sie den Beweis erbringen, daß Christus auch nur einmal in tranceähnlichem Zustand gehandelt hat. Und könnte eine solche Anlage Dinge wie die Brotvermehrung, die Erweckung von Toten, die Stillung des Seesturms irgendwie erklären? Wie wollen Sie die Auferstehung Christi erklären? Meinen Sie, daß sich Aussätzige heilen lassen, Blinde sehend werden, wenn nicht Gottes Wille das bewirkt? Sie, Doktor, müßten das doch besser wissen!«

»Gut, Pfarrer, ich will Ihre Beweisführung annehmen, aber nun weiter. Weshalb gibt Gott nicht immer wieder mit einem Wunder den Menschen ein sichtbares Zeichen, weshalb überzeugt er sie nicht in jeder Generation erneut?«

Bruckner lächelte wehmütig.

»Weil es uns genügen muß, daß Jesus Christus von Gott auf die Erde gesandt wurde. Wir sind die gleichen Menschen wie jene. Was, Doktor, sind zweitausend Jahre? Nicht mehr als sechzig Generationen! Die Kraft des geschehenen Wunders, die Erlösung des Menschen durch Gottes Sohn kann nicht verwehen, kann nicht Erinnerung werden …«

»Liegt das Christentum nicht im Sterben?« warf Jakoby ein.

»Das Christentum kann niemals sterben, Doktor, weil Wahrheit Wahrheit bleibt. Doch die Menschen sind glaubensschwach geworden, und deshalb befindet sich die Christenheit in einer Krise.

Sie sprachen vorhin von den Menschen, die da beten und doch von Gott nicht erhört werden. Und hierzu gehören an erster Stelle die Ordensgemeinschaften, die Mönche, die Nonnen, und ich weiß, von wie vielen sie belacht und verhöhnt werden. Ihre Gebete aber, Doktor, bewirken unser Leben, und wenn jene, die so selbstherrlich von ihrem Müßiggang sprechen, wüßten, wieviel sie gerade diesen Hütern des christlichen Glaubens zu verdanken haben, wenn sie wirklich das ganze Ausmaß dieser Schuld erkennen könnten, schämen würden sie sich und demütig in die Knie sinken. Denn diese sind es, die mit ihren Gebeten und ihrem Tun immer wieder den Segen und die Gnade Gottes erflehen, und sie tun es für jene in erster Linie, die nichts von Gott und nichts vom Glauben wissen wollen. Und wenn einer sagt, na und was erreichen sie? Dann gibt es nur eine Antwort: wie sähe unsere Erde aus, wenn nicht jene ihre Gebete und ihr Sein aufopfern würden.«

Jakoby schwieg.

»Auch heute noch geschehen Wunder«, fuhr Bruckner leise fort. »Haben Sie schon einmal von Lourdes gehört? Von Fatima?«

Jakoby nickte.

»Was sich dort ereignet hat, Doktor, ist auf natürliche Weise nicht erklärbar. Das Wunder begegnet hier Menschenkindern, die gar nicht auf ein Wunder warteten, es gar nicht als Tribut für die eigene Bereitschaft zur Gläubigkeit forderten, sondern es als Liebesbeweis Gottes empfingen.«

Die beiden Männer fuhren zusammen.

Waren das nicht Abschüsse gewesen?

Sie stürzten hinaus.

Auf der Straße standen die Fahrzeuge einer Flakbatterie, die j auf neue Weisungen wartete. Ein Hauptmann trat zu ihnen.

»Alles halb so schlimm«, lachte er; »noch ein Stück zurück, und dann kann der Iwan sein blaues Wunder erleben!«

Jakoby und Bruckner schoben die Köpfe vor, um den Mann näher zu betrachten, der solches in aller Gelassenheit aussprach. Der Hauptmann spürte den Zweifel der anderen und lachte, und sein Lachen war nicht gekünstelt; nein, dieser Mensch glaubte an das, was er gesagt hatte.

»Neue Waffen sind entwickelt worden«, erklärte er; »seit Tagen schon wird England mit ferngelenkten Raketen beschossen. Ja, meine Herren, jetzt reißen Sie Mund und Nase auf. Das ist keine Parole, sondern Tatsache. Aber, und das ist wichtiger, das stellt erst den Beginn der Vergeltung dar. Der Endsieg ist uns gewiß!«

»Ihr Wunsch in Gottes Gehörgang«, murmelte Jakoby hinter dem Hauptmann her.

Endlich keuchte Schmidt II heran.

Jakoby winkte ihm zu. »Arg erregt, der gute Schwabe!«

»Woran sehen Sie das jetzt schon?« fragte Bruckner.

»Ist er immer, wenn seine Nase wackelt.«

Schmidt II stand atemlos vor ihnen. »Herr Doktor, Herr Doktor«, rief er, »mir müsse glei abfahre, hint’n am Dorfausgang schtoht ei Spritwage, hat Achsabruch, hab ihn glei beschlagnahmt!« Jakoby lachte und rüttelte den Schwaben an den Schultern.

»Mensch«, sagte er, »ist nur schade, daß ich nicht die Ritterkreuze verteile. Ihnen würde dann sofort eines um den Hals baumeln.«

»Des würde ober meiner Frau gor net passe, Herr Doktor«, wandte Schmidt II ernsthaft ein; »i’ mußte ihr verschpreche, mir keine Ord’n zu verdiene.«

Jakoby grinste und blickte auf das EK II und das Verwundetenabzeichen, das Schmidt II früher erhalten hatte.

Schmidt II warf die Hand durch die Luft. »Wann i auf Urlaub fahr, Herr Doktor, mach i das Zuig immer ab. Die Träger von de Eiserne Kreuz passiere ja net die Zeitunge.«

Lachend, mit federndem Gang, der bewies, daß er seine Energie wiedergefunden hatte, schritt Jakoby fort, um das Feldlazarett in Marsch zu setzen. Wenig später übernahmen sie den Sprit.

Noch waren nicht alle Fahrzeuge aufgetankt, als man von der anderen Seite des Dorfes schrie: »Die Russen kommen!«

»Alles fertig, Meyerlein?« brüllte Jakoby.

Doch Meyer war nicht da. Fremde Einheiten hatten ihre Verwundeten gebracht, und noch waren nicht alle eingeladen worden.

»Verfluchter Mist«, schrie Jakoby und begann niederzubrüllen, was sich an Unentschlossenheit ihm entgegenstellte.

»Das erste Fahrzeug soll anfahren!«

In diesem Augenblick sauste es heran. Ein Pfeifen erfüllte die Luft und lähmte den Willen. Da schlug es auch schon ein. Die Splitter flogen über die auf der Straße liegenden Männer. Bruckner hob den Kopf. Das war noch einmal gut gegangen. Doch nein, dort, dreißig Meter weiter, brannte eines ihrer Fahrzeuge, der LKW, in den die drei Schwestern verladen worden waren. Er sprang hinzu, riß eine Schwester herunter, eine andere war schon abgesprungen. Wo aber war die dritte, die Gertrud?

Schon sahen sie das Mädchen: es lag blutüberströmt am Straßenrand.

Erneut schlug es ein, doch nicht in ihrer unmittelbaren Nähe. Fahrzeuge fuhren an, luden die letzten Verwundeten ein.

Bruckner besann sich, riß die beiden Schwestern hoch, die noch laufen konnten, schob sie zu einem der noch dastehenden Wagen. »Zusammenrücken«, brüllte er mehr, als er bat, schob die beiden hinein und wandte sich zu Schwester Gertrud zurück.

Soldaten hasteten an ihm vorüber; keiner blickte zurück und keiner zur Seite, und erst jetzt wurde sich Bruckner bewußt, daß das Feldlazarett aufgebrochen und er allein mit dieser schwerverwundeten Schwester zurückgeblieben war.

»Volle Deckung, Panzer!« schrie jemand. Mechanisch warf sich Bruckner auf die Erde.

So sieht es also aus, wenn man in Gefangenschaft gerät, ging es ihm durch den Kopf. Sollte er das Kreuz von der Brust entfernen? Doch im Soldbuch steht, daß er Pfarrer ist. Und wenn er auch das fortwirft? Riskiert er dann nicht, daß man ihn für einen Sonderführer hält und ihn noch schlechter behandelt, als es ohnehin schon der Fall sein wird?

Aber gottlob, es war nur blinder Alarm gewesen.

»Stehen bleiben«, schrie er vorbeihastenden Soldaten zu. Aber erst als er sich ihnen in den Weg stellte, verhielten drei Mann den Schritt, und als sie hörten, daß sie anfassen sollten, die Schwester auf einer Zeltplane weiterzutragen, wanderte ihr Blick von der blutig gefärbten Brust der Schwester zu ihrem linken Bein, und das war nur noch ein Fleischklumpen.

»Hat keinen Sinn mehr, Pfarrer«, raunte ein Soldat Bruckner zu.

»Anfassen!« stieß Bruckner hervor und beugte sich nieder.

Schweigend schritten sie mit ihrer Last weiter.

»Sollen wir verrecken«, maulte einer der Soldaten, »um eine Sterbende ein paar hundert Meter weiterzutragen?«

Bruckner biß die Zähne aufeinander. Was sollte er tun? Sie einfach liegenlassen? Aber da sah er schon nahe vor sich einen LKW und neben ihm stand Dr. Jakoby. Gott sei Dank, dachte er, und jähe Freude stieg in ihm hoch.

Doch schnell erstarb sie. Jakoby hatte sich über die Schwester gebeugt, die noch immer ohne Bewußtsein war, sie untersucht. Dann ging er wortlos zum Führerhaus des Lastwagens. »Steigen Sie ein, Bruckner!« sagte er mit heiserer Stimme. »Steigen Sie ein!« brüllte er, als Bruckner auf die Schwester zeigte. »Lunge durchschossen, eine halbe Stunde noch. Höchstens. Nicht zu retten, selbst wenn ich sie sofort operieren könnte. Los!«

Rings um den Wagen versprengte Soldaten, die mitgenommen werden wollten.

»Zurück, Leute. Ich kann nicht. Wir sind gerammelt voll. Ein Platz noch für Sie, Bruckner; Sie gehören zu uns.«

»Ich gehöre hierher!«

»Franz!«

Bruckner fuhr zusammen, als er aus dem Munde des Oberstabsarztes seinen Vornamen hörte. Die Sorge des anderen schlug als menschliche Wärme an sein Herz. Noch einmal trat er zu der Sterbenden. In diesem Augenblick fiel die Entscheidung, und sie fiel nicht durch ihn und nicht durch Dr. Jakoby. Eine Maschinengewehrgarbe strich über sie hinweg. Wieder erscholl der Ruf: »Die Sowjets!« Auch der Fahrer des LKW hörte den Ruf und sah den Sand in seiner Nähe aufspritzen. Da handelte er selbständig, drückte den Gang hinein und das Gaspedal herunter, und der LKW fuhr an. »Halt«, schrie Dr. Jakoby; doch als der Fahrer dem Befehl nicht folgte, schlug er die Tür hinter sich zu.

Bevor Bruckner einen Entschluß fassen konnte, war das Fahrzeug schon fünfzig Meter von ihm entfernt. Jetzt war er zum zweiten Male allein, nur die Schwester blieb bei ihm. Die Männer, die eben noch; dem Fahrzeug nachgestarrt hatten, begannen zu laufen, um zu Fuß zu versuchen, was ihnen motorisiert nicht gelungen war: den heranstürmenden Sowjets zu entkommen.

Keiner kümmerte sich um ihn oder um die Schwester. Aber durfte Bruckner es ihnen übelnehmen? Hatten sie nicht selbst das Urteil eines Oberstabsarztes gehört: hoffnungslos?

Bruckner hockt, blickt den Soldaten nach. Gedanken schießen durch sein Hirn. Soll er bleiben, bei ihr bleiben? Um eine Sterbende den Sowjets zu übergeben? Hätte es einen Sinn gehabt, die Männer zu zwingen, noch einmal zuzupacken, um die Schwester mitzunehmen? Eine halbe Stunde noch hatte ihr Dr. Jakoby gegeben. Bis dahin würden die Sowjets hier sein. Von wo aus hatten sie geschossen? Er besaß keinen Feldstecher, und mit dem bloßen Auge konnte er noch nichts vom Feind erkennen. Soll er nicht lieber den flüchenden Soldaten nachlaufen, um nicht mutterseelenallein einem ungewissen Schicksal sich aufzuopfern?

Plötzlich verspürt er Angst um das eigene Leben, etwas ihm bisher Unbekanntes; hier, in der Krise des Entschlusses, stellt er fest, daß auch ihn Todesangst erfaßt. Kein Gedanke eilt zum Begriff der Kameradschaft, der Treue, der Hilfe; es ist ihm, als löse sich das bisherige Sein auf. Aber er will doch helfen, muß doch helfen! Dafür dann das eigene Leben einbüßen? Würden die Sowjets Gnade kennen? Jahrelang hatten sie die Schläge der Deutschen verspürt, sich auch hier, im Mittelabschnitt, die Zähne an der deutschen Verteidigung ausgebissen, und nun, durch den jähen Erfolg angestachelt, würden sie schonungslos niederwalzen, was auf dem Fluchtweg des verhaßten Gegners am Straßenrand liegen blieb, und keinen Pardon geben.

So dachte er, und danach wollte er handeln.

In diesem Augenblick kommt die Schwester zu sich, sieht, wie sich Bruckner erhebt, und schreit auf. Ihre Haube hatte sich gelöst, kastanienbraunes Haar fiel auf ihre Schultern.

Bruckner starrt sie verzweifelt an. Wäre sie ohnmächtig geblieben, würde alles leichter sein, denkt er, bleibt stehen.

»Herr Pfarrer«, flüstert sie, »muß ich sterben?«

Sie fragt und weiß, daß er darauf keine Antwort geben wird, weil sie selbst sie sich längst gegeben hat.

Er beugt sich zu ihr herunter, streicht über die schweißbedeckte Stirn.

Sekundenlang schließt sie die Augen. Weshalb muß man mit zweiundzwanzig Jahren sterben? An Minsk denkt sie, an die vielen Soldaten, die sie gepflegt hat, in der Nacht, am Tage, unentwegt, und oft schmerzten und stachen die Füße, und die Zähne haben sie alle aufeinandergebissen. Durchstehen müssen wir, denn die hier, denen wir helfen, haben die Hölle hinter sich. Haben für uns — ‘

Jetzt stocken ihre Gedanken. Und die Mutter in Dresden, würde sie jemals erfahren, wo ihre einzige Tochter gestorben ist? Würde sie es verstehen? Langsam findet sie in die Gegenwart zurück, sieht den Pfarrer an, mit einem Blick, der nur noch der eines jungen Mädchens ist, das sich nach dem Leben sehnt, nicht Abschied nehmen will von dem Himmel, der sich im kräftigen Blau des Sommers über sie spannt. Ihre Augen suchen die Sonne, die schon über die Spitzen der fernen Baumkronen gestiegen ist, und ihr Blick wandelt sich, verliert alles Mädchenhafte, als sei die Ferne des Himmels für sie nun keine weite Strecke mehr.

»Gehen Sie, Herr Pfarrer«, sagt sie mühsam, »bevor es zu spät ist. Gehen Sie, bitte!«

Bruckner hört die Worte, begreift ihren Sinn, aber er löst keine Ruhe in ihm aus. Der Ton ihrer Stimme ist es, der alles von ihm abfallen läßt. Schon kniet er neben ihr, betet. Fragt, hört von ihrer Mutter, nickt, als sie ihn bittet, ihr Nachricht zu geben. Den Namen muß er aufschreiben und die Adresse, und mit fester Hand tut er es. Niemand weiß, denkt er, ob ich jemals eine Nachricht werde geben können, doch versprechen will ich ihr, alles zu versuchen und zu tun.

Die Schwester zwingt sich zu einem Lächeln, mit dem sie ihm danken will.

Wortfetzen dringen an sein Ohr, mühsam gestammelt, der Atem geht schwerer, das Leben dieses Mädchens, Eltern, Geschwister, Beruf, steht vor ihm auf. Ja, denkt er, der Tod ist nur Übergang; heimgehen wird sie. Er schließt die Augen, dann blickt er sie an und spricht ein Gebet, und er spricht es versunken und fern aller Dinge dieser Erde. Er spricht es, als ob er in der Sicherheit des Friedens an das Bett eines Sterbenden gerufen sei, der auf den letzten Segen seines Priesters wartet.

Sie stößt ihn an, reißt ihn in die Gegenwart zurück.

Mit keinem Wort hat er sie nach ihrem Glauben gefragt, nur einen sterbenden Menschen gesegnet und ihn Gottes Barmherzigkeit anempfohlen. Die Stunde des Todes löscht jeden Irrtum aus.

»Gehen Sie«, fordert sie erneut. Langsam schüttelt er den Kopf, will nicht sagen: Nicht bevor du heimgegangen bist zu Gott.

»Bitte«, flüstert sie, »bitte. Meine … Mutter soll … es … wissen. Sagen Sie ihr, … ich … hätte einen … leichten … Tod gehabt. Sagen … Sie, ich … wäre … in … Frieden … gestorben.«

Und als er immer noch neben ihr kniet, legt sie ihre Hand in seine. »So … vielen … muß … noch geholfen werden, denen … ich … nur vorausgehe. Gehen Sie.«

Bruckner zuckt zusammen. Da war er wieder, der gleiche Gedanke, der ihn vor Tagen erst von der Leiche des gefallenen Hans Fuhrmann fortgerissen hatte, um den verwundeten Fahnenjunker-feldwebel von Willemer zu stützen. Wenn die Lebenden unsere Hilfe brauchen, müssen wir an den Toten vorüberschreiten, hatte sein Gewissen damals gesprochen, und jetzt fügte er hinzu, daß deswegen auch die Sterbenden allein gelassen werden müßten.

Als er sich erhebt, zittern seine Knie. Die Schwester preßt die Lippen aufeinander, versucht noch einmal zu lächeln.

»Bitte!« haucht sie. »Es wird … nicht … lange … dauern, nicht … wahr?«

»Nein, Gertrud.«

»Leben Sie wohl … und … vielen Dank!«

Bruckner schlägt das Kreuz über sie. Dann reißt er sich herum, schreitet langsam von ihr fort, und behutsam tritt er auf, als würde jedes laute Geräusch die Scham, die er nicht hindern kann, hochspülen und ihn zwingen, zurück an die Seite der Schwester zu treten, um bei ihr zu bleiben, bis sie die Augen schließt, für immer.

Seine Schritte werden schneller. Noch einmal wendet er sich um. Schwester Gertrud blickt ihm nicht nach, ihre Augen suchen den Himmel und lassen ihn nicht mehr los.

Unwirklich still ist es. Nichts ist vom Feind zu sehen und zu hören, und doch spüren die überreizten Nerven seine Nähe.

»Mutter«, hört er die Schwester seufzen, »weshalb bin ich so allein!«

Dann hört er nichts mehr.

Ein dichter Wald reicht bis in die Nähe der Ortschaft und nimmt ihn auf.

8

»Setz d’Brill auf, Künkel, sonscht siegst’n Wald vor lauter Bäum net!« Wie oft hatte das Schmidt II gesagt! Doch jetzt war kein Künkel, kein Schmidt II und kein Dr. Jakoby in der Nähe. Kein Mensch weit und breit, und das Gefühl der Einsamkeit beschlich Bruckner und ließ ihn an den Freund denken.

Anlaß dazu war ein Wegschild an einer Wegkreuzung: Berlin 1.500 km. Während des Vormarsches waren viele solcher Schilder aufgestellt worden. Auch im Kaukasus. Bis zu seinem Heimatort hatte ein Spaßvogel die Entfernung ausgerechnet und kurzentschlossen eine Tafel beschriftet: »Lobberich (Rheinland) 4.200 km, immer geradeaus, hinter Rostow links abbiegen!«

Bruckner blieb stehen und atmete durch.

Schweiß bedeckte seine Stirn. Warm war es, unerbittlich warm.

Wie sehr hatten sie im Winter gefroren. und jetzt! ‘

Land und Natur sind wie seine Menschen, dachte Bruckner, kennen keine Mitte, keinen Ausgleich und keine Harmonie. Das Widerstrebendste vereinigt sich in ihnen, bittere Kälte und brennende Hitze, die Weite der gelblichleuchtenden Kornfelder und das Dickicht der Wälder.

Bruckner schritt weiter. Weshalb hatte er sich nicht um eine Karte bemüht? Doch das hätte auch keinen Zweck gehabt; denn vor wenigen Tagen noch befand sich die deutsche Front am Dnjepr, und niemand hatte erwartet, so schnell zurückgeworfen zu werden. Minsk mußte nordwestlich liegen, und sicherlich würden dort die Sowjets bereits sein. Also mußte er sich westlich halten, vielleicht ein paar Strich Südrichtung zugeben. Auch einen Kompaß besaß er nicht, nur eine Armbanduhr, und mit ihr ließ sich die Himmelsrichtung nur recht grob bestimmen.

Vielleicht gelang es ihm, jene Soldaten einzuholen, die vor ihm als letzte die Ortschaft verlassen hatten. Doch welche Richtung hatten sie eingeschlagen? Sicherlich liefen sie westwärts wie er. Schneller also, dachte er, ich will es wenigstens versuchen.

Jäh blieb er stehen. Hatte es nicht im Dickicht geknackt, sich nicht dort etwas bewegt? Doch die Sinne mußten ihn genarrt haben, nichts rührte sich. Weiter!

Wäre ich Old Shatterhand oder Winnetou, versuchte er in einem Anflug grimmigen Humors zu lächeln, würde ich die Spuren der Kameraden selbst auf dem harten Sandboden lesen können. Doch er erlebte keinen Roman, und wenn er für Sekunden alles zu vergessen suchte, erinnerten ihn die schmerzenden und brennenden Füße, das Stechen im Rücken an die Wirklichkeit.

Plötzlich schoß es auf ihn zu, stampfte, brüllte auf. : Einen Herzschlag stöckte sein Atem. Dann stand sie vor ihm, eine Kuh. Aus ihrem vorgestreckten Kopf blickten die beiden dunklen Augen hilfesuchend ihn an und erneut öffnete sie das Maul, und ihr Brüllen zeigte die Not der Kreatur. Jetzt begriff er. Vor Tagen schon mußte sich das Tier losgerissen haben, war seitdem keinem Menschen mehr begegnet und nicht gemolken worden. Die Milch im Euter drückte und schmerzte.

Bruckner hockte sich nieder, und als die Kuh seine Finger am Euter spürte, blieb sie ruhig stehen. Unsicher begann er; denn, viele Jahre lag es zurück, daß er in der Jugend das Melken erlernte; doch dann strömte die Milch in regelmäßigem Rhythmus. Bald bildete sich auf dem Sandboden eine weiße Lache; er besaß ja keinen Eimer und nicht einmal einen Becher, und auch mit den Händen konnte er die Milch nicht auffangen; denn diese brauchte er, um der Kuh das Leben zu retten.

Was nun, fragte er und klopfte dem Tier auf den Nacken.

Die Kuh machte einen kurzen Satz, blieb dann wieder stehen. »Verstehst meine Sprache nicht«, fuhr er fort. »Dawai, dawai!« Und als er seinen Weg fortsetzte, trottete die Kuh hinter ihm her.

Stunden verrannen.

Blieb er stehen, um sich ein paar Minuten zu verschnaufen, wartete die Kuh geduldig, bis er sich erhob und weiterschritt, als wollte sie ihm mit solcher Anhänglichkeit ihren Dank beweisen.

Mechanisch setzte er einen Fuß vor den anderen und begann vor sich hinzuträumen, um sich abzulenken.

Lag es an den duftenden Buchenwäldern, die alle Lungenflügel mit Kraft erfüllten, oder an der Weite des Landes, die sofort nach ihm griff, wenn er den Wald verließ, daß hier der Traum nicht nur auf die Nacht beschränkt blieb? Mußte man deshalb, wollte man von der Realität der Gegenwart nicht erdrückt werden, dem Traume nahe sein, ihn als Weggenossen empfinden, weil die Seele nur mit ihm gemeinsam Herr dieses Raumes werden konnte?

Hatte deshalb der Bolschewismus den russischen Menschen überwältigt, weil er seine Ziele an den an die Not gewöhnten und zum Leiden bereiten russischen Menschen anpaßte und sie diesem, verwoben in die uralte Sehnsucht nach Erlösung als Traum vorgaukelte? Seit Jahrhunderten wartet der Russe auf den Frieden und auf die Erlösung von seinem Joch. Aber in seiner tiefen Demut will er, daß alle erlöst werden, und so ist geradezu der Russe der messianische Mensch. Vielleicht war das mit der Grund, daß der Bolschewismus so in diesem Volke wachsen konnte. Oder hatte er in kluger Berechnung den Tagbruder des Traums benutzt, den Rausch und mit ihm die Menschen mitgerissen? Ihnen die Lieder und die Wälder, die Seen und die Weite des Landes gelassen, alles aber mit dem neuen Glauben verbunden, ineinander aufzugeben, für alle etwas zu schaffen, etwas Neues: eine einzige große Heimat der Menschheit.

Immer hatte es im alten Rußland gegärt. Ukrainer und Usbeken, Mongolen und Kosaken hatten revoltiert und waren ausgebrochen, und die Antwort darauf war die Tscheka des Zaren gewesen. Auch unter den Sowjets hatte es Aufstände gegeben, aber sie waren grausamer niedergeschlagen worden als je zuvor; doch eines hatten die neuen Machthaber verstanden, dem Volk immer wieder neue Ziele zu setzen, ihm einzureden, um wieviel näher sie diesen gekommen wären, und blieben sie zehnmal unerreicht.

___________

Bruckner verhielt den Schritt. Ein Dorf breitete sich vor ihm aus. Bisher war er jeder Behausung ausgewichen. Doch die Kuh rieb ihr Maul an seiner Schulter.

Er sollte es nicht bereuen, dem Ratschlag des Tieres gefolgt zu sein.

Als er an den ersten Häusern vorbeilief, glaubte er, hinter den staubbedeckten Scheiben Frauengesichter zu erkennen. Niemand aber kam heraus.

Erst als er am Ausgang des Ortes angelangt war, rief ihn jemand an.

»E, Germanski!«

Er wandte sich um.

Ein alter Russe mit einem bis zur Brust reichenden weißen Bart näherte sich mit schwerfälligen Schritten.

»Germanski, tam!« sagte er und zeigte die Straße entlang.

»Spassiba«, antwortete Bruckner. »Weshalb hilfst du mir?«

»Da, da«, nickte der Alte und lachte.

Ja, ja, ist keine Antwort, dachte Bruckner und wiederholte seine Frage.

Endlich begriff der andere. »Ich in woyna, nix dieses woyna, lange zurück woyna, in Germanski. Plenni. O, gutt, sär gutt! Du zurück Germanski?«

Etwas anderes wird mir nicht übrigbleiben, dachte Bruckner und nickte.

»Mit Kuh?« fragte der Alte. Auch sie war stehengeblieben und zupfte an dem vor dem Hause wachsenden Gras.

Bruckner überlegte. Sollte er nicht besser die Kuh hierlassen? Trafen ihn Rotarmisten mit ihr, würden sie behaupten, er hätte sie gestohlen, und ihn sofort umlegen.

»Was kostet, wieviel Rubbel?« hörte er den Alten fragen.

Bevor er noch eine Antwort geben konnte, zog ihn der Bauer am Arm. »Komm«, sagte er, zwinkerte mit den Augen und ging voran. Hinter seinem Haus befand sich ein Schuppen. Er öffnete ihn, riß ein paar Fetzen alten Stoffs auseinander, und Bruckner erblickte ein Fahrrad. Auch ohne die Beschriftung auf dem Schutzblech hätte er sofort gewußt, daß es sich um ein deutsches Wehrmachtsfahrrad handelte; hier in Rußland gab es kaum Fahrräder und auf dem Lande schon gar nicht. Verdreckt war es und die Reifen fast ohne Luft, aber wie der Bauer sagte: »Es fährt noch!«

Kuh oder Fahrrad, das war hier die Frage und die Entscheidung schnell getroffen, und während der Bauer ihm mit ein paar Worten und lebhaften Gesten berichtete, wie er in den Besitz des Rades gelangt wäre, griff er schon nach der Lenkstange und zog es hinaus.

»Kommen Rußki Soldatt, finden Rad, sie sagen, wozu du Rad? Fort mit Rad. Kuh sieht aus wie jede andere; weshalb nicht meine Kuh?«

»Und wenn andere dich anzeigen?«

Der Alte starrte ihn an, begriff, und ein Schmunzeln glitt über sein faltiges Gesicht.

»Gät nicht, alle mit Germanski zusammengearbeitet. Ganz alle!«

Bruckner drückte ihm die Hand, winkte auch der Kuh ein i Lebewohl und stieg auf. Er war zwar lange nicht mehr radgefahren, aber es ging. Der Rücktritt hatte gelitten; aber bremsen wollte er ohnehin nicht, nur unentwegt in die Pedale treten! Noch einmal blickte er sich um, sah den Alten, der mit einem Lachen ihm nachschaute, neben ihm die Kuh, die den Kopf gehoben hatte, als könne sie nicht begreifen, weshalb ihr Lebensretter das Weite suchte und sie, die Kuh, deren Vorfahren schon seit Jahrtausenden die Menschen begleiteten, gegen ein modernes Gerät eintauschte, das keine Milch hergab, Mühe verursachte und außerdem entsetzlich quietschte.

Der Übergang zur Nacht erfolgte von einer Stunde zur anderen.

___________

Bruckner stieg ab und schob das Rad. Langsamer wurden seine Schritte, er war müde, hundemüde. Seitdem sie die Beresina überschritten, hatten sie nur noch, wie sie es nannten, auf Teilstrecke geschlafen. Zuletzt in einer der Russenhütten, und am nächsten Morgen hatte Schmidt II mit todernstem Gesicht verkündet, er hätte die ganze Nacht auf einer toten Wanze gelegen.

Was daran Besonderes sei, hatte man ihn gefragt.

Schmidt II hatte sie angesehen, einen nach dem anderen. »Nix«, hatte er dann geantwortet, »nur hot’s mi g’schtört, daß Hunderte : von Viechern anmarschierten, um ihre Schwester zu beklagen.« Schmidt II, wo mochte er jetzt stecken?

Immer wieder glitten die Gedanken zu den Menschen zurück, mit denen er das letzte halbe Jahr gemeinsam verbracht hatte. Wichtiger aber war im Augenblick, die eigene Lage zu klären. Er kam aber nicht weiter als zur Vermutung, daß Minsk jetzt nordöstlich von ihm liegen und er Obacht geben müßte, nicht nordwestliche Richtung zu nehmen, weil er dann die Rollbahn Minsk-Bialystok berühren und wahrscheinlich auf sowjetische Truppen stoßen würde. Wieviel Kilometer mochte er in den letzten Stunden zurückgelegt haben? Sechzig? Gewiß konnte er es nicht sagen, er war oft abgestiegen, um ein vor ihm liegendes Dorf zu umgehen.

Wieder schritt er durch dichten Wald.

Plötzlich stockte sein Herz. Dicht vor ihm sah er am Boden liegende Gestalten. Niemand aber rief ihn an, und kein Schuß fiel.

Zögernd legte er das Fahrrad zur Seite und näherte sich. Deutsche Uniformen trugen die Männer. Also Kameraden. Er rüttelte an einem, und dann wußte er, daß der keine Antwort mehr geben konnte, und wie er, auch die anderen acht Soldaten nicht. Keiner lebte mehr; sie konnten noch nicht lange tot sein, ihre Körper fühlten sich noch warm an.

Partisanen! war sein erster Gedanke. Eine andere Erklärung gab es nicht. Mit schleppenden Schritten lief er von einem zum anderen. Einer zuckte noch.

Bruckner beugte sich tief herunter. Über die Stirn rann Blut. Als Bruckner es vorsichtig abtupfte, hob der Soldat die Augenlider. »Gnade!« flüsterte er, »Gnade!«

Bruckner untersuchte die Wunden. Hier würde jede ärztliche Kunst zu spät kommen. Zwei Schüsse mußten aus nächster Nähe auf ihn abgegeben worden sein; sie hatten den Unterleib und den Kopf aufgerissen.

Bruckners Hand zitterte, als er sie auf das hellblonde Haar des Sterbenden legte, der bestimmt nicht älter war als zwanzig Jahre. Dann sprach er mit leiser Stimme den Todessegen. Minuten verrannen.

Der Junge richtete den Kopf noch einmal hoch.

»Ich will nicht sterben«, flüsterte er.

»Du wirst leben«, sagte Bruckner in das Ohr des Scheidenden, »leben in der Gerechtigkeit.«

»Kein Krieg mehr, kein Morden?«

»Nein, mein Junge, das ist vorbei!«

Ein Lächeln war die Antwort, und im fahlen Licht des hervorgetretenen Mondes sah Bruckner lichten Glanz auf dem Antlitz des Jungen und wußte, jetzt würde er sterben, und schon fühlte seine Hand das Erlöschen des Pulsschlags, das Ende.

Vorsichtig, als wollte er die Ruhe des Toten nicht stören, brach er die Erkennungsmarke durch, nahm das Soldbuch, schritt von einem Zum anderen und tat ein gleiches.

Als er das Fahrrad aufrichtete und es weiterschob, fühlte er, daß sein Körper so schwer wie Blei geworden war. Jeder Schritt schmerzte.

Um ihn herum dichter Wald, aus dem jederzeit das Verderben auf ihn zustoßen konnte, und über ihm, durch die Baumkronen nur undeutlich zu erkennen, der von Sternen weithin übersäte Nachthimmel.

Wie weit von den Menschen entfernt, dachte Bruckner in diesen Stunden, kann der Himmel sein, und im Grunde nur deshalb, weil niemand mehr seine Nähe spürt. Erst wenn der Mensch zur Gefahr für den Menschen wird, wandern die Blicke nach oben und suchen Hilfe außerhalb des Menschen, erst dann entsinnt er sich des Glaubens. Er entsinnt sich und schon fordert er die Hilfe, auf die er zuvor selbstherrlich verzichtete, weil er sich nur auf sich selbst verlassen wollte.

9

Später erfuhr Bruckner, daß der Hund die Schuld trug. Der Mann in der von Dickicht umstandenen Hütte wähnte keinen Deutschen in unmittelbarer Nähe, saß stumm über seinen Karten, wartete auf ein Zeichen des Funkgerätes, das neben ihm stand, und auf die Rückkehr seiner Leute.

Bruckner war beim ersten Morgengrauen weitergefahren; doch drei Stunden später entwich die Luft des Vorderreifens mit einem jähen Aufzischen. Das Rad stehen lassen? Weshalb? Gleich würde er wieder harten Sandboden unter sich haben, und sollte auch später die Felge zerbrechen, zuvor würde er ja doch einmal die eigenen Truppen erreichen; unmöglich, daß sich die gesamte Heeresgruppe Mitte in ein Nichts aufgelöst hatte!

Im Grund einer Mulde hatte er das Rad durch das Wasser geschoben und dann die Anhöhe erklommen. Eben wollte er wieder aufsteigen, da fuhr er zusammen.

Zwei Worte drangen an sein Ohr: »Rucki wjärchl« und die Maschinenpistole in der Hand des anderen ließ ihn blitzschnell die Möglichkeit verneinen, schneller anzufahren, als der andere schießen würde.

Der Mann, den er auf Mitte der Zwanzig schätzte, trug Zivil.

Bruckner nahm die Arme in die Höhe, und das Rad fiel seitlich von ihm auf die Erde. Mit geübten Griffen tastete der Russe seine Taschen ab. Mißtrauisch schob sich seine Stirn zusammen. Keine weitere Waffe besaß der verdammte Deutsche als eine Pistole, und selbst diese steckte so fest in der Tasche und war so staubig, daß man wirklich nicht annehmen konnte, ihr Besitzer hätte sie schon einmal benutzt.

»Dawai, dawai«, rief er und zeigte vor sich her.

Bruckner mußte sich bücken, um den herunterhängenden Zweigen auszuweichen; dann stand er auf einem freien Platz, unmittelbar vor einer Hütte.

Der Russe zeigte hinein.

Mit einer brutalen Bewegung griff er die Kette um Bruckners Hals, zog so daran, daß das Kreuz hin und her schwang.

»Haben die Deutschen keine Soldaten mehr?« fragte er, und daß er plötzlich deutsch sprach, ließ Bruckner zusammenfahren.

»Man schickt also bereits Popen in diesen Krieg.«

»Wir kämpfen nicht und tragen keine Waffen.«

»Doch«, nickte der Russe, und als Bruckner auf die Pistole zeigte, ob er sie meine, machte er eine wegwerfende Handbewegung. »Das hier«, sagte er heftig und zog erneut an der Schnur mit dem Kreuz. »Ist das keine Waffe? Glauben nicht viele Soldaten an dieses Kreuz und kämpfen sie nicht erbitterter gegen uns, wenn ihre Popen bei ihnen sind?«

Bevor Bruckner etwas antworten konnte, fragte er schon weiter: »Was ist das?« und hielt die Erkennungsmarken und die Soldbücher hoch, die er vorher abgenommen hatte.

»Ihre Besitzer leben nicht mehr.«

»Gefallen?«

Lag ein Lauern in seiner Stimme oder erschien es ihm nur so?

Bruckner nickte. Und als er das tat, sprang der Russe auf ihn zu, blieb dicht vor ihm stehen.

»Sie lügen. Diese Marken gehörten Männern, die von uns vernichtet wurden.«

Bruckner bleibt ruhig. »Sind sie deshalb nicht als Gefallene anzusprechen?«

Der Russe verzog die Lippen. Alles mögliche konnte das bedeuten, Anerkennung für die Antwort und Genugtuung über die eigene Frage. Dann lachte er höhnisch auf: »Kämen Sie zurück zu Ihren Leuten, würden Sie anders sprechen. Bestialisch ermordet von Partisanen. Oder nicht?«

»Im Kriege umgekommen«, erwiderte Bruckner leise, und vielleicht war es der Tonfall seiner Worte, der den anderen das Thema wechseln ließ.

»Woher kommen Sie?«

Bruckner zeigte gen Osten.

Der Russe schritt in dem kleinen Raum auf und ab. Zwei Meter hin, zwei Meter zurück. Weshalb gab das Funkgerät kein Zeichen, weshalb kehrten die Männer nicht zurück?

Bruckner wunderte sich indessen, weshalb der andere so viel fragte. Niemals würde er ihn weiterziehen lassen. Daß er Pfarrer war, verschlimmerte nur seine Lage. Denn als solcher verkündete er kraft seines Amtes jenen Gott, den das bolschewistische Regime als überflüssig, als verderblich und als gefährlich bekämpfte.

Schon in den ersten Minuten ihres Zusammentreflens hatte er gewußt, einem Partisanen gegenüberzustehen. Partisanen aber waren zu allem fähig, und Rücksichtnahme war ihnen fremd und ihre Herzen kannten kein Mitleid. War es erforderlich, brannten sie die Häuser der eigenen Landsleute nieder, obwohl sie eben von ihren Bewohnern Lebensmittel erhalten hatten. Wichtig allein war ihnen der dem Feind zugefügte Schaden. Sicherlich bedeutete er, Bruckner, auch in den Augen der Partisanen keine Erhöhung der Gefechtsstärke, aber weshalb ihn laufen lassen? Ein Toter konnte nicht mehr reden und nichts verraten und sich nicht später hinter ein Maschinengewehr hocken, um recht viele der Gottlosen auszulöschen. Vielleicht war er gar kein Pfarrer, trug das Kreuz nur zur Tarnung?

»Freimachen!« schrie der Russe und zeigte auf seinen Oberarm, und bevor Bruckner begriff, zerrte er an seiner Uniformjacke.

Bruckner zog sie aus, streifte das Hemd zurück, doch seine Blutgruppe stand auf der Erkennungsmarke und war nicht, wie bei Soldaten der Waffen-SS, in den Arm eingeritzt.

Der Russe nickt, setzt seine Wanderung fort.

Erst nach langen Minuten bricht er das Schweigen.

»Was erwarten Sie?«

»Nichts!«

Ein kurzer Blick huscht über Bruckner.

»Das ist sehr wenig.«

»Gibt es in unserer Zeit viel zu erwarten?«

Der Russe blickt ins Freie. »Vor drei Jahren hätten Sie wahrscheinlich nicht so gesprochen.«

War die Frage nicht berechtigt? Soll er zu langen Erklärungen ansetzen?

»Wahrscheinlich«, antwortet er kurz.

Der Russe hebt erstaunt die Augen. Jede Antwort hat er erwartet, nur diese nicht. Er lacht. Sein Lachen will den Hohn höchspülen. Hohn bleibt selten ohne Widerspruch, ohne Aufbegehren, und er will nicht der Demut oder dem Eingeständnis gegenüberstehen, sondern einem Feind, dessen Tod Befriedigung hinterläßt.

»Ja«, sagt er, »jetzt beginnt das große Laufen und niemand erwartet mehr etwas vom Leben. Pfarrer, Sie haben während des Vormarsches zu wenig gebetet zu Ihrem Gott. Jetzt grollt er Ihnen und hilft nicht weiter.«

»Immer wird zu wenig gebetet, aber —« Da zögert er, gewohnt, den anderen mit seinem Namen anzusprechen; der Russe hört den Klang, sieht die fragenden Augen, blickt sekundenlang auf den Boden. »Alexandrejew«, murmelt er. »An meinem Familiennamen zerbrechen Sie sich Ihre germanische Zunge.«

»Gott verläßt uns trotzdem nie, Alexandrejew.«

»Aber er straft den Hochmut. Weshalb waren Sie hochmütig?«

»Ich?«

»Sie sind ein Deutscher. Alle Deutschen sind hochmütig!«

»War es Hochmut, Alexandrejew?«

Der Russe macht eine unwirsche Handbewegung.

»Sträflicher, gedankenloser Hochmut. Nichts anderes. Weshalb habt ihr uns angegriffen? Unser Volk wollte nur den Frieden.«

Bruckner schwieg. Der Politik war er stets ausgewichen. Hart erschien sie ihm und brutal, unklar und unübersichtlich, mit tausend Fäden an die Vergangenheit geknüpft, aus denen sich wie an einem Webstuhl die Gegenwart und die Zukunft herausbildete.

Sicherlich hatte das Volk den Frieden geliebt, und seine Jugend hatte teilhaben wollen an seinen Früchten. Beherrscht aber wurde Rußland von dem Willen des einen, so wie auch Deutschland einem Diktator anheimgefallen war.

Behutsam erinnerte er Alexandrejew an die damaligen Ereignisse, an den Krieg der Sowjetunion gegen Finnland, an den Einmarsch in die baltischen Staaten, an den Übergriff in Bessarabien, und ob nicht überall seine Regierung immer mehr und weiteren Einfluß gefordert hätte, und das mitten im Frieden. Obwohl doch die Sowjetunion über genügend Land verfüge.

»Über ein Sechstel der Erde!«

»Und das reicht nicht aus?«

»Sollten wir zulassen, mitansehen, wie sieh unsere Gegner verbinden und über uns herfallen? Wir haben doch vor drei Jahren erlebt, wie berechtigt unsere Sorge war!«

»Alexandrejew, die Männer, die hier einzogen, gehorchten den ihnen gegebenen Befehlen, so wie Sie ebenfalls gehorchen. Das ist der Fluch, der auf uns allen lastet.«

Die Augen des Russen ziehen sich zusammen und wirken wie zwei schmale Falten. »Fluch?« wiederholt er sinnend. »Eine neue Zeit ist angebrOchen. Unser Volk ahnte es, aber es glaubte noch nicht fest an sie, war noch voller Zweifel. Wie sehr hat man die innere Unsicherheit unserer Menschen draußen verkannt! Ein Anstoß genügt, habt ihr Deutschen geglaubt, und schon fällt ein, was hier in jahrelanger, systematischer Arbeit aufgebaut wurde! Diesem Irrtum seid ihr unterlegen. Zugleich aber haben eure Stukas, eure vorstürmenden Panzer und eure Truppen unserem Volk einen großen Dienst erwiesen. Wir haben allerdings unsagbare Opfer bringen müssen. Die Deutschen haben den Sowjetmenschen restlos überzeugt, daß die neue Zeit begriffen und gelebt werden muß. Waren Sie dabei, als Ihre Truppen einmarschierten?«

Bruckner verneint.

»Unsere Kraft erwies sich als stärker«, fährt Alexandrejew fort, »und von Tag zu Tag nimmt sie mehr zu. Jetzt pulst ein einziges Bewußtsein durch die Herzen der Sowjetbürger: das Tor zum Westen zu öffnen, das uns Jahrhunderte hindurch verschlossen war. Pfarrer, glauben Sie, daß wir diesen Krieg gewinnen?«

Bruckner dehnt die Worte. »Den Krieg? Es sieht so aus!« Der schlichte Ton seiner Worte trifft den Russen, der den eigenen Worten noch nachlauscht, die mit den Gedanken an den Sieg auch die Zukunft näherrücken.

Er wendet den Blick von dem Pfarrer. Weshalb blickt ihm dieser Deutsche unentwegt in die Augen? Kann er denn wissen, daß er die gleichen Augen besitzt wie einst seine Mutter? Ach, seine Mutter! Wie elend war sie gestorben! Er war dabei, als sie zum Sturm auf Klin ansetzten, um diese Stadt den Deutschen wieder zu entreißen. Er war dort aufgewachsen und zur Schule gegangen, und dort lebte seine Mutter.

Er stürzte dann zu dem Haus, in dem sie wohnte. Sie lag krank, und es gab für sie keine Hoffnung mehr; kein Arzt hatte sich in den letzten Monaten mehr um sie gekümmert, und er fluchte den Deutschen; doch seine Mutter wollte hiervon nichts hören. Auch an Rache sollte er ihretwillen nicht denken. Auf das Ikonenbild zeigte sie und bat: »Nein, nicht rächen! Ich gehe zu Gott. Sein ist die Rache!«

Nicht rächen!

Er aber hatte sich eingeredet, daß er ihr kein Versprechen gegeben hatte, und meldete sich zum Partisanenkampf. Nach der Ausbildung wurde er über dem dichten Waldgebiet hinter Minsk abgesetzt, weit, unvorstellbar weit hinter den deutschen Linien.

Im Anfang war er fast allein gestanden; aber er hatte Schritt um Schritt die erhaltenen Weisungen befolgt, und sehr bald begannen die Deutschen seine Arbeit zu unterstützen, indem sie in der Bevölkerung Haß erzeugten, selbst bei jenen, die bereit gewesen waren, mit den Deutschen zusammen gegen Stalin zu kämpfen. Weshalb hatte man ihnen keine Selbstverwaltung zugebilligt? Weshalb mußten sie weiterhin Frondienste tun? Weshalb verschleppte man arbeitsfähige Frauen, ja ganze Familien, nach Deutschland? Weshalb hörte man immer wieder das Wort vom Untermenschentum? Russen waren sie und stolz, Russen zu sein, und wenn an Stelle von Stalins Knute die der Deutschen treten sollte, dann blieben sie lieber unter der eines Landsmanns. In dieser Stimmung erreichte sie nunmehr sein Ruf auch im Rücken der deutschen Front. Die Partisanenführer verteilten Gestellungsbefehle, und bald sprach es sich herum, wer sie nicht befolgte, dessen Leben war verwirkt. Und so kamen sie, erst wenige, später immer mehr. Eine ganze Kompanie hatte er auf diese Weise aufgebaut, und vor kurzem war aus Moskau die Weisung gekommen, daß er zwei weitere Partisanenkompanien befehligen sollte. Bald würde kein Deutscher mehr auf sowjetischem Bodenstehen, bald würde die Stunde des Einmarsches in das Land des verhaßten Feindes kommen, und war dies nicht mit sein Verdienst, sein Erfolg, das Ergebnis .seiner Arbeit?

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Alexandrejew gibt sich einen Ruck. Weshalb sich erinnern, weshalb nachsinnen? Die von ihnen zerstörten Gleisanlagen, die brennenden Benzinlager, die beschossenen Nachschubeinheiten ließen sich im Gedächtnis nicht mehr übersehen. Und darauf kam es im Augenblick auch nicht an.

»Was war Ihre Aufgabe?« fragt er.

Bruckner gibt Auskunft. Vom Lazarett, von den Männern, denen er half.

»Und Ihre Erfolge?«

Für den Bruchteil einer Sekunde muß Bruckner an Hartmann denken, der einmal gesagt hatte: »Wenn Sie konsequent bleiben, stehen Sie zwischen den Fronten; denn Sie predigen die Liebe, und die Liebe kennt kein Blutvergießen.«

So erwidert er: »Ich weiß das nicht, Alexandrejew.«

Das ist für den jungen Sowjet unverständlich. Da antwortet einer, nach den Erfolgen seiner Tätigkeit befragt, er wüßte es nicht. Ungeheuerlich deucht ihm dies.

Auf dem kleinen Tisch am Fenster liegt eine Handvoll Machorka. Von einer Zeitung reißt er ein Stück ab, dreht mit schnellen Fingern eine Zigarette und leckt mit der Zunge darüber. Schon brennt sie. Mit der Hand ladet er Bruckner ein, es ihm gleichzutun. Als er sieht, wie unbeholfen die Finger des anderen arbeiten, lacht er, dreht eine weitere Zigarette und gibt sie ihm.

Tief saugt Bruckner den Rauch ein.

»Wie oft mußten Sie auf meine Landsleute schießen?«

»Ich bin nicht in den Krieg gezogen, um zu schießen.«

»Und das durften Sie?«

Bruckner nickt.

Alexandrejew wandert auf und ab. Kein anderer Laut ist zu hören. Die Sonne neigt sich tief nach Westen, ihre Strahlen greifen nicht mehr nach den Buchenzweigen vor der geöffneten Tür.

Plötzlich bleibt Alexandrejew stehen, sieht Bruckner an. Noch zerkaut er den Gedanken auf den Lippen, dann ist er entschlossen, wendet sich zur Tür und brüllt los: »Dawai, dawai!« Er fällt in seine Muttersprache, und als Bruckner nicht sofort begreift, packt er den Pfarrer und schiebt ihn hinaus. Mit der Hand weist er die Richtung, Bruckner läuft. Jetzt wird er abdrücken, denkt er; mein Gott, die ganze Zeit habe ich mit ihm gesprochen und nicht mit Dir, als hätte ich nicht gewußt, daß es unter Menschen keine Gnade mehr gibt. Mein Gott! Über einen Baumstumpf stolpert er, fällt der Länge nach hin. Als er sich aufrichtet, steht Alexandrejew neben ihm.

»Schwören Sie, Pfarrer, daß Sie diese Hütte nicht verraten werden!«

»Ich schwöre es«, sagt Bruckner schlicht.

Alexandrejew zögert, sein Blick wandert über die Uniform des anderen, bleibt an dem Hoheitsabzeichen haften, dem Adler mit dem Hakenkreuz.

»Das genügt nicht«, erwidert er mit leiser Stimme; »zu viele Deutsche haben uns gegenüber ihr Versprechen gebrochen! Tun Sie es im Namen dieses —«. Seine Hand berührt flüchtig das Kruzifix.

Bruckner versteht den Russen, begreift ihn gut.

»Ich schwöre es im Namen Jesu Christi, daß ich dich nicht verraten werde, Alexandrejew!«

Der Russe hat die Augen geschlossen. Dann stößt er hastig hervor: »Viel kann ich für Sie nicht tun, Pfarrer. Ob Sie durchkommen, weiß ich nicht. Laufen Sie in diese Richtung, dort entlang sind von uns keine Männer eingesetzt. Doch Ihre Truppe müssen Sie selbst suchen. Im Augenblick herrscht ein-Durcheinander, hier in diesem Frontabschnitt sind die Deutschen nicht mehr stark.«

Bruckner blickt in die angegebene Richtung. Das muß Osten sein, denkt er, und dort sollen noch deutsche Truppen stehen? Alexandrejew muß sich irren. Soll er es ihm sagen? Doch der Russe wird ungeduldig. Jede Minute können seine Kameraden zurückkommen.

»Laufen Sie los«, murmelt Alexandrejew mit rauher Stimme.

Bruckner steht noch, blickt in das verschlossen wirkende Gesicht des jungen Russen, dessen Augenlider zu zucken beginnen. Seine Gedanken formen einen Segen. Doch Alexandrejew unterbricht.

»Los, Sie haben keine Zeit zu verlieren!« sagt er und verschweigt, daß seine Kameraden, würden sie erleben, daß er einem der verhaßten Deutschen das Leben schenkt, nachholen würden, was er ihrer Meinung nach versäumte.

Bruckner hastet den Weg entlang. Noch einmal blickt er sich um. Dann verliert er Alexandrejew aus dem Blick.

___________

Wie lange lief er schon? Tage schienen es ihm zu sein und waren doch nur Stunden. Jetzt war es Nacht. Dunkle Wolken standen am Himmel und behinderten die Sicht.

Mit vorgestrecktem Kopf blieb er stehen, einmal, mehrmals. Aber es rührte sich nichts.

Nur aus der weiten Ferne klang es nach Geschützdonner, doch zu weit entfernt, um sich nach ihm orientieren zu können.

Die Füße schmerzten mit jedem neuen Schritt mehr, doch er zwang sich, weiterzulaufen, nicht stehenzubleiben und nicht dem Verlangen nachzugeben, sich hinzulegen und einzuschlafen.

Dann steht er vor einem Fluß.

Schon zieht er Schuhe und Strümpfe aus und streckt die Füße in das Wasser, streift auch die anderen Sachen vom Körper, bindet sie zu einem Bündel zusammen und watet auf das andere Ufer zu. Tiefer wird das Wasser, ein paar Schwimmstöße, dann finden seine Füße wieder Grund.

Plötzlich durchbricht eine Stimme die Stille der Dunkelheit: »Halt‘ wer da?«

Verdutzt, erschreckt, begreift Bruckner erst in dem Augenblick, als bereits die Garbe einer Maschinenpistole dicht neben ihm in das Wasser spritzt, daß ein Landsmann ihm gegenüberstehen muß.

»Aufhören«, brüllt er zurück, »ich bin einer von euch!«

Schweigen, von Mißtrauen genährt, ist die Antwort. Bruckner rührt sich nicht.

Endlich ruft der andere ihm zu: »Ans Ufer kommen und dann stehenbleiben.«

Aus der Dunkelheit löst sich die Gestalt eines deutschen Soldaten, die MP im Anschlag; dann faltet Bruckner, immer noch im Adamskostüm, sein Bündel auseinander, erklärt mit hastigen Worten, woher er kommt und weshalb er versprengt war und wie froh er jetzt sei, endlich —

Der andere unterbricht mit einer Handbewegung, deutet auf das Kreuz und fragt: »Feldgeistlicher?« Und als Bruckner nickt, schreit er unvorschriftsmäßig laut seinen weiter zurück auf Posten liegenden Kameraden zu: »Leute‘ etwas Besonderes. Ein Feldgeistlicher, so wie der liebe Gott ihn geschaffen hat.«

Bruckner fiel in ihr Lachen ein; die Anspannung der letzten Tage und Stunden löste sich, am liebsten hätte er einen nach dem anderen umarmt und sie gebeten, mit dem Erzählen nicht aufzuhören, nur um sich sattzuhören an den deutschen Lauten. »Gebt mir mal ’ne anständige Zigarrette, Kumpels«, sagt er betont burschikos.

»Prachtvoll akklimatisiert, Pfarrer«, lacht einer und reicht ihm eine Schachtel, beugt sich dann tief auf die Erde herunter, und ein Kamerad tritt hinter ihn, um den Lichtschein des Zündholzes abzuschirmen.

Bruckner raucht, hält die Zigarette in der hohlen Hand.

Jetzt erst bemerkt er, daßdiese Soldaten hier das Hoheitsabzeichen nicht auf der Brust tragen, sondern auf dem linken Oberarm. Der Zufall hat ihn also zu einer Einheit der Waffen-SS geführt. Nun, als er sich angezogen hat und die bleierne Müdigkeit spürt, ist es ihm gleichgültig, bei wem er gelandet ist, die Hauptsache, daß er sein müdes Haupt hinbetten und für etliche Stunden in Ruhe die strapazierten Glieder ausstrecken kann.

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Er schlief und schlief. Manchmal schreckte er hoch, doch sobald er deutsche Laute um sich hörte, legte er sich wieder zurück und nahm kaum noch wahr, wie erleichtert er aufatmete.

Nach achtzehn Stunden wachte er auf. Sein Kopf schmerzte, er fühlte sich zerschlagen, und das Denken fiel schwer. Nun meldete sich auch der Hunger.

Er fragte nach einer Feldküche.

Der Küchenbulle machte ein verwundertes Gesicht.

»Wo kommst denn du her?« fragte er, goß Kaffee ein und schob ihm etwas zu essen hinüber.

Dann meldete er sich im Gefechtsstand der SS-Division, der in dem größten Haus des langgestreckten Dorfes untergebracht war. Hier herrschte emsiges Treiben, ein ständiges Kommen und Gehen. Niemand hatte recht Zeit für ihn. Offiziere blickten kurz hoch, murmelten eine Entschuldigung, und schon existierte für jeden nichts anderes mehr als die Karte, deren Einzeichnungen stärker als je zuvor ihr eigenes Schicksal demonstrierten.

Bruckner beugte sich über die Schulter des vor ihm sitzenden Mannes und versuchte, sich ein Bild von der Lage zu machen. Demnach war es immer noch nicht gelungen, den jähen Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte aufzufangen und eine neue geschlossene Verteidigungslinie aufzubauen.

Im Nebenraum saßen Ordonnanzoffiziere. Eben betrat ein Hauptmann den Raum, der wie er dem Heer angehörte.

Doch als Bruckner ihn ansprach, legte der andere die Hand an den Mund und beugte sich vor. Am Nebentisch fluchte ein Obersturmführer.

»Jetzt erleben wir die Bescherung. 14000 Liter Sprit im Eimer. Und weshalb? Weil unser General den Moralischen hat. Gestern schlug ich ihm vor, das ganze Dorf auszuräuchern. Nicht bloß mit erhobener Waffe das verdammte Packzeug fragen: Habt ihr Partisanen gesehen? Wo stecken sie? Nein, abzählen und jeden zehnten erst einmal umlegen. Was glaubt ihr, wie da die anderen angefangen hätten zu singen? Aber nein, unser General will human bleiben. Nur so, sagt er, entsteht ein neues Europa. Fürchte aber, wenn wir nicht andere Platten auflegen, wird es zu einem neuen Europa gar nicht kommen, und wir nicht mal die Trümmer des alten erleben, weil —«, er brach ab.

»Warum sinkt denn das alte Europa in Trümmer?« entgegnete Bruckner. »Schließlich«, grollte der andere, »ist ein Krieg kein Kirchgang.«

Schweigen breitete sich aus.

Mit Geschick und Umsicht hatte der General seine Division am Njemen, hinter den Nalibochiwäldern, zur Verteidigung eingerichtet und versuchte krampfhaft, nach beiden Seiten den Anschluß zu anderen deutschen Einheiten hermstellen. Bisher vergebens. Genauso wichtig aber war es, die durch den Zusammenbruch der Front verlorengegangene Verbindung zu den Nachschubeinheiten zu gewinnen. Eines war so schwierig wie das andere.

Zu viele Divisionen waren verlorengegangen, und schon tauchte die bange Frage auf, ob man nicht den Verlust von mehreren Armeen zu beklagen hätte, was schwerer wiegen würde als selbst die Niederlage bei Stalingrad.

Hier, am mittleren Dnjepr, an der Beresina und im Raum Minsk, vollzog sich alles in der Stille, wurde nicht der Name einer Stadt mit blutigen Lettern in die Geschichte des Krieges eingezeichnet. Doch wenn Stalingrad den Verlust der eigenen Offensivkraft bedeutet hatte, das hier riß das Denken aus der Illusion eines bisher noch für durchaus möglich gehaltenen Remis.

10

Der Hauptmann blickte Bruckner an. »Kommen Sie, Herr Pfarrer«, bat er, »wir gehen an die frische Luft.«

Der Anblick des Himmels ließ sie stehenbleiben. Im Osten hatten sich Wolkenberge zusammengeschoben, und die Abendsonne färbte sie glutrot. Kein Windhauch regte sich. Von den nahen Feldern drang der Duft frischer Ernte zu ihnen.

Ganz leise sprach. der Hauptmann: »Mir war, als ginge durch die Nacht, die atmende, ein rätselhaftes Rufen, und nirgends war ein Schlaf in der Natur.«

Bruckner sann noch der Wortmelodie nach, als sie schon von einer jähen Handbewegung des Hauptmanns zerstört wurde.

»Conrad Ferdinand Meyer«, sagte er. »Doch wozu erinnern? Vor fünfzig Jahren ist er gestorben, und jetzt stirbt er noch einmal, er und alles, was wir Kultur nennen.«

»Nichts stirbt!« erwiderte Bruckner.

Der Hauptmann spitzte die Lippen nach vorn. Mit schief gerichtetem Kopf blickte er Bruckner an. »Sie müssen so sprechen. Das ist Ihr Beruf, und Sie üben ihn auch jetzt aus. Ich habe einst Brücken und Straßen gebaut. Dann kam der Krieg. Mein zweiter bereits. Seitdem diene ich der Vernichtung. Haben Sie einmal erlebt, wie meine Werfer wirken? Noch nicht? Dann ersparen Sie mir Einzelheiten. Zunächst darf ich mich vorstellen, Langner, Kommandeur einer Nebelwerferabteilung, die auf Grund des Schlamassels am Dnjepr dieser Division hier unterstellt wurde.«

Bruckner nannte ebenfalls seinen Namen und berichtete mit kurzen Worten, welches Schicksal ihn in diese Gegend geführt hatte.

Sinnend betrachtete der Hauptmann den Pfarrer.

»Sie sind, wenn ich mich nicht sehr täusche, gut fünfzehn Jahre jünger als ich. Mit anderen Worten: die Skepsis des vorgerückten Alters ist Ihnen noch fremd. Deshalb frage ich mich: Was tun Sie, der Pfarrer, in diesem Krieg? Warum ich frage? Ich will es Ihnen sagen. Bisher bin ich draußen nur einem Feldgeistlichen begegnet; er gehörte zur gleichen Armee und galt als bester Skatspieler des Stabes, war als solcher unabkömmlich. Vielleicht ist er auch seinem Amt nachgegangen, ich jedoch habe ihn nur Karten spielen sehen.«

»Was ich in diesem Kriege suche, Hauptmann?« wiederholte Bruckner die Frage. »In einem Krieg, der mit jedem neuen Tag Leid und Schmerzen bringt und unsägliche Opfer fordert! Wer aber kann da noch eins werden mit sich und dem Herrgott, und es bleiben, wer noch beten und wer die Sakramente empfangen, wenn nicht einer neben ihm ist, dessen Hände vom Krieg nicht berührt sind und dessen Auftrag es ist, neben den gequälten Menschen auszuharren, um ihnen zur Seite zu stehen und ihnen zu sagen —«

»Daß alles sinnlos ist«, unterbrach der Hauptmann grob. »Oder erkennen Sie Vielleicht einen Sinn in dem Geschehen?«

»Nichts ist ohne Sinn, Hauptmann.«

»Und worin besteht er zum Beispiel, wenn die Bolschewiken siegen?«

»Siegen sie denn?«

Der Hauptmann zog die Augenbrauen Zusammen. Hatte er zuviel gesagt, sich in dem anderen getäuscht, glaubte etwa dieser Pfarrer noch an einen deutschen Sieg?

Bruckner lächelte seine Bedenken fort.

»Behalten Sie meine Worte in Erinnerung Pfarrer«, fuhr der Hauptmann fort. »Heute schreiben wir den 15. Juli 1944. In einem Jahr, spätestens in einem Jahr, ist alles vorbei.«

»Sie irren, Hauptmann. Niemals ist alles verloren. Erlauben Sie mir eine Frage: Sind Sie Christ?«

»Getauft und noch im kaiserlichen Deutschland gefirmt, kirchlich getraut, drei Söhne, die genauso aufgewachsen sind. Weitere Angaben zur Person erwünscht?«

»Danke, Hauptmann. Dann wissen Sie, wie sich das Christentum entwickelt hat. Glauben Sie, daß jene Menschen, die in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt lebten und sich Christen nannten, die Siege der Nichtchristen als sinnlos empfanden? Sie dachten an das Wort Jesu Christi: ›Sehet, ich bin bei euch, alle Tage, bis ans Ende der Welt‹. Sie wußten, wie sehr alles irdische Geschehen eingebaut ist in die unendliche Gerechtigkeit Gottes.«

»Ja, Pfarrer, das war damals. Wieviel aber hat sich seitdem verändert! Sind nicht die Menschen ganz andere Wesen geworden und haben sie sich nicht ihre Umwelt neu gestaltet?«

Bruckner schüttelte den Kopf. »Ihre Umwelt, ja, aber die Umwelt ist doch nur die Randkulisse des Seins! Vom Wesentlichen hat sich nichts geändert.«

Der Hauptmann lachte kurz auf. »Soll ich Ihnen tausend Beispiele in ein paar Sätze zusammendrängen? Vom Siegeslauf der Technik sprechen, von neuen Erkenntnissen, die Einblicke in philosophische, soziologische und naturwissenschaftliche Probleme gewähren, die noch vor vielen hundert Jahren tabu sein mußten. Hat das nicht dazu geführt, daß der Mensch sich seiner selbst und seiner Macht bewußt geworden ist?«

»Was hat sich denn dabei verändert, Hauptmann? Geburt und Tod begrenzen die kurze Spanne menschlichen Lebens nach wie vor.

Gut, die Naturwissenschaften haben da und dort den Menschen Erleichterungen gegeben, aber haben sie das Leben schlechthin verändert? Sie reden von der Macht des Menschen. Wie weit reicht sie denn, trotz aller Technik und neuen Erkenntnisse?

Sehen Sie diesen Grashalm, Hauptmann?« Bruckner deutet auf die Straße, wo sich — wunderliche Laune der Natur — inmitten des Sandes eine kleine Grasinsel erhob. »Da weiß doch z. B. der Chemiker ganz genau, wieviel Stickstoff und Kohlenstoff, wieviel Chlorophyll und welche Salze darinnen enthalten sind; ja sogar noch, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen, — und doch: Nimmt er nun diese Stoffe — ganz genau im rechten Verhältnis —, ist es dann ein Grashalm? Lebt er dann?

Sehen Sie, Hauptmann, nicht einmal zu einem hundsgewöhnlichen Grashalm reicht die von Ihnen so gepriesene Technik und Naturwissenschaft.

Wo ist also der Grund für diese Überheblichkeit und für diesen Machtanspruch des Menschen?

Müßte er nicht gerade wegen dieses Grashalms demütig werden?«

Der Hauptmann sah wortlos zu Boden.

»Sie meinen, ich müsse so sprechen, weil ich Pfarrer bin. Aber Hauptmann! Wenn Sie Ihren Soldaten bei einem Rataangriff ›Volle Deckung‹ befehlen, dann tun Sie es, doch nur, weil Sie das Leben Ihrer Männer erhalten wollen und nicht, weil Sie als Hauptmann so befehlen müssen.

Ein Pfarrer hat sich — dessen seien Sie gewiß —, bevor er Priester wurde, von den Grundlagen des Seins überzeugt, damit er nicht von vordergründigen Erscheinungsformen irregeführt wird.

Und, weil es mir nun weh tut, wenn andere Menschen — verzeihen Sie, Hauptmann, so wie Sie — sich von bloßen Formen oder einer scheinbaren Macht täuschen lassen, deshalb, allein deshalb spreche ich so.

Wir alle, Hauptmann, stehen, wenn wir ernsthaft zu denken beginnen, oft sehr schnell vor der Pflicht, eine Antwort zu geben auf die Frage: Was ist der Mensch? Und, weil niemand leugnen kann, daß alles Menschliche endlich ist, folgt die weitere: Wie überwinden wir das Endliche?

Für uns gibt es nur die eine Antwort: uns im Bewußtsein der Endlichkeit allen irdischen Lebens der unendlichen Liebe Gottes — anzuvertrauen. Der Mensch unserer Zeit aber leugnet seine Abhängigkeit, glaubt sich im Besitz aller Macht und zerreißt das Band, das ihn mit der Ewigkeit verbindet. Insgeheim aber ist ihm bewußt, wie sehr er dem Seiltänzer gleicht, und um das zu vergessen, betont er alles Diesseitige, und wer vom Jenseits spricht und mahnt, ist in seinen Augen ein Träumer oder eben ein Pfarrer. Er hebt zu lachen an über jene, die ihm immer wieder sagen: Wozu die Gier nach Besitz? Nichts kannst du mit hinübernehmen, nichts! Alles aber kannst du verlieren, dich nämlich, dich selbst!«

»Warten Sie noch ein Weilchen, Pfarrer! Dann wird sich jeder leicht von dieser Erde lösen können, weil keiner mehr etwas von ihr besitzt!«

»Im Gegenteil, Hauptmann! Gerade in der Not werden sich harte Herzen an das entsinnen, was sie einst besaßen und —«

»Und was sollten sie Ihrer Meinung nach tun?« unterbrach der andere.

»Nicht immer nur in Kriegen und Gefechten tapfer sein. Wozu nutzte die Tapferkeit im letzten Krieg? Und in diesem? Wo gibt es aber in unserem Volk noch Stärke und Treue im Glauben, wo noch Elan zu Höherem? Wer kennt noch Meister Ekkehard, der in seinen packenden Predigten versuchte, eine Brücke zu schlagen vom Dasein, wie wir es mit unserer Sinnenhaftigkeit führen, zum ewigen Leben? Bewußt empfand er das irdische Leben als bloßes Teilstück des Unendlichen. Und er hat recht: Nur diese Bescheidung führt zur wahren Erkenntnis und zur inneren Ruhe!«

»Dort, Pfarrer«, sagte der Hauptmann skeptisch und zeigte zu der Feldküche, an der Landser mit ihren Kochgeschirren standen und sich Essen geben ließen, »vollzieht sich das Leben. Lösen Sie nicht dieses Problem, werden Sie mit allem anderen nichts ausrichten.«

Bruckner zog die Stirn zusammen, sah den Hauptmann prüfend an. Dann lächelte er. »Die Brücken, die Sie einst bauten, Hauptmann, bauten Sie nicht auf Grund von statischen Berechnungen, nicht wahr? Nein, Sie sorgten für das leibliche Wohl aller am Bau beteiligten Arbeiter, und schon waren alle technischen Probleme gelöst!«

Der Hauptmann schwieg verdutzt.

»Ob man eine Brücke zum anderen Ufer eines Flusses schlägt, Hauptmann«, fuhr Bruckner leise fort, »oder mit dem Herzen zum Jenseits: der Unterschied in der Planung ist nicht groß; denn beides vollzieht sich auf Grund einer jederzeit beweisbaren Wahrheit. Niemand aber, der bei solchem Unternehmen Verantwortung trägt, kann und darf diese Wahrheit abhängig machen von der Gunst, der Gier, ja nicht einmal vom Glück der Menschen; denn wer da Kompromisse schließt, gefährdet das Leben. Weichen Sie auch nur einen Deut von Ihren Berechnungen ab, stürzt die Brücke ein. Und ein Priester, der sich den Menschen anzupassen versucht, der an ihrer Gottferne leidet und ihnen deshalb entgegenzukommen bereit ist, läuft Gefahr, seinen Auftrag zu verraten. Die ewige Wahrheit fordert vom Menschen immer das gleiche: Demut, Liebe, Glauben!«

Schwer lastete sein Sprechen; doch jetzt, als er schwieg und den Worten nachsann, war es ihm, als fände er in diesem Augenblick zu seinem Auftrag restlos zurück. Hatte er ihn denn jemals beiseitegestellt? War es nicht auch Trotz gewesen, der ihn hinausgetrieben hatte, und war dieser Trotz nicht gegen einen Menschen gerichtet gewesen, dessen Seele von höchstem priesterlichem Pflichtbewußtsein glühte? Ja, dieser Prälat in München hatte stets seine schillernden Ansichten bekämpft und das mit einer Beharrlichkeit, die ihn schließlich die Gegenwart dieses Fanatikers, wie er ihn damals nannte, hatte meiden lassen! Und jetzt? Wiederholte er nicht die Worte des einstigen Gegners? Wie stand es mit seinen früheren Vorwürfen über die Weltfremdheit des »überalterten Klerus«? Nicht der war fanatisch gewesen und vergreist, sondern er anmaßend, unduldsam und — fügte er entschuldigend hinzu — unerfahren.

Da riß ihn die Stimme des Hauptmanns aus dem Sinnen: »Vielleicht, Pfarrer, kommt einst der Tag, an dem Sie wieder vor Menschen treten können. Sie sind jung. Aber Sie werden lange, lange warten müssen. Denn in den Jahren nach diesem Kriege wird sich kaum einer den Luxus des Menschseins erlauben können. Eine Hölle wird auf sie warten, zu der die von Ihnen gezeigte ein Kinderspiel sein wird. Bitte, nehmen Sie den Sarkasmus nicht übel!«

»Es bleibt stets das gleiche, Hauptmann. Einem Herzen, das sich eins fühlt mit der Ewigkeit, kann auch die Not nichts anhaben.« »Pfarrer, wissen Sie denn überhaupt, was es bedeutet, wenn wir . diesen Krieg verlieren? Ich habe es damals erlebt, wie ein Friedensvertrag den Krieg insgeheim fortsetzt und einen neuen zeugt, der neues Elend bringt. Wird es jetzt anders sein?«

Bruckner schwieg und dachte an Alexandrejew, der auch gefragt hatte: Glauben Sie, daß die Sowjets diesen Krieg gewinnen!

»Oder sehen Sie, Pfarrer, noch eine Chance? Bald steht der Amerikaner am Rhein. Meinen Sie, er wird am westlichen Ufer stehenbleiben, die ›Wacht am Rhein‹ singen oder ›O alte Burschenherrlichkeit‹? In Italien ist Rom verloren. Bald wird Griechenland geräumt werden müssen. Und hier? Den Russen können wir nur mehr hinhalten, nicht aber aufhalten! Nein, nein, die Weichen sind gestellt. Räder rollen für den Sieg. Jawohl, sie rollen. Nur nicht für unseren!«

Bruckner hatte nicht mehr zugehört.

»Seltsam«, murmelte er.

»Was ist seltsam, daß die Räder für fremde Siege rollen?«

»Nein, nein, daß auch die Sowjets von ihrem Sieg überzeugt sind.«

»Ist das ein Wunder? Sie rücken ständig vor, merken, wie wir lahmen.«

»Nein«, sagte Bruckner, »aber wenn Sie es aus dem Munde eines Russen vernehmen und hören, wie viel Gläubigkeit in seiner Überzeugung liegt, berührt es doch eigenartig.«

Hauptmann Langner schüttelte den Kopf, als er von der Begegnung mit Alexandrejew hört. »Wenn Sie nicht vor mir stünden, Pfarrer, würde ich es nicht glauben. Sie haben einem Mann gegenübergestanden, dessen Leute uns das Leben zur Hölle machen. Gestern hat ein Kradmelder dran glauben müssen, heute früh das Spritlager. Sie haben vorhin den Bericht gehört. Und Sie hat er laufenlassen. Unwahrscheinlich, aber so sind die Russen eben. Von einer Minute zur anderen schlägt ihre Grausamkeit in Güte um.«

»Ich glaube«, sagte Bruckner, »ich verdanke mein Leben seiner Mutter, besser ausgedrückt, der Erinnerung an seine Mutter.«

»Mag sein, mag sein. Haben Sie den Vorfall gemeldet?«

»Wem gemeldet?«

»Hier, der Division. Man wird sofort eine Kampfgruppe losschicken und die Partisanen ausheben.«

Mein Gott, denkt Bruckner; habe ich zuviel gesagt? Sind denn alle nur noch von dem Gedanken an Vernichtung erfüllt, auch dieser hier, der vor Minuten Conrad Ferdinand Meyer zitierte?

»Ich habe geschworen, Hauptmann«, entgegnete er brüsk.

»Wem, diesem Alexandrejew?« Schon mischte sich Verachtung in die Stimme des Offiziers. »Darf einem Partisanenhäuptling gegenüber ein Schwur gelten?«

»Er ist Mensch wie wir, in einem anderen Land geboren und dessen Einfluß unterworfen. Auch unsere Soldaten haben sich bei der Geburt ihr Vaterland nicht aussuchen können und dennoch gehorchten sie, als sie den Befehl erhielten, gegen ein Land Krieg zu führen, dem eine Kriegserklärung nicht übergeben worden war.«

»Aber unsere Männer greifen nicht andere aus dem Hinterhalt an, töten nicht Wehrlose und verstümmeln keine Verwundeten!«

»Ich habe geschworen, Hauptmann. Man darf nicht fragen, wem man geschworen hat, sondern nur daran denken, was man geschworen hat.«

Der Hauptmann blickte ihn an; aber der Ton in der Stimme des Pfarrers ließ ihn schweigen.

Soldaten rannten an ihnen vorüber, und kurz darauf baute sich ein Melder vor dem Hauptmann auf.

»Da hören Sie es«, sagte der, als der Mann die Meldung gemacht hatte; »der Divisionsstab rückt ab, und mich, einen kleinen Hauptmann, ernennt man kurzerhand zum Ortskommandanten. Wenn ich dabei nur wüßte, wo ungefähr die Front verläuft!«

Die blauen Augen des Hauptmanns hellten sich auf, sein Gesicht, das im Ernst des Gesprächs beinahe alt gewirkt hatte, entspannte sich. Schon schrie er mit Stentorstimme nach seinem Adjutanten, um die notwendigen Befehle zu erteilen.

Für Bruckner erhob sich die Frage, wem er sich nunmehr anschließen sollte. Er fragte den Hauptmann.

Der nickte. »Lieber wär’s mir ja, Sie wären an einem Werfergerät ausgebildet; aber immerhin, auch eine moralische Reserve hat ihr Gutes!«

___________

Am nächsten Morgen lastete ungewohnte Stille über dem Dorf. Strahlend hell war die Sonne aufgegangen.

Bald schon wurde die Ruhe unterbrochen. Das dumpfe Dröhnen von Abschüssen drang zu ihnen, ohne daß es in der Nähe einschlug.

»Das alte Lied«, sagte Bruckner, der sich dem Hauptmann anschloß, als der seine vorgeschobenen Beobachter besuchen wollte.

»Die Hälfte seines Lebens wartet der Soldat vergebens.«

»Recht optimistisch«, erwiderte der Hauptmann; »sagen Sie besser: auch den letzten Rest des Lebens!«

Im gleichen Augenblick machte es »Pluck«, einmal, mehrmals, und Sekunden später zerbarsten Granaten inmitten der Ortschaft. Von vorn, dort, wo der Hauptmann eine Gruppe zur Sicherung des Dorfes eingewiesen hatte, erhob sich Stimmengewirr; dann hörten sie MG-Feuer.

»Mist verfluchter«, schimpfte der Hauptmann und rannte über die Straße zu seinem Gefechtsstand.

Jetzt drang auch von links Gefechtslärm auf.

MG-Garben strichen über das Dorf. Bruckner wollte dem Hauptmann folgen, da hörte er hinter sich ein mahlendes Geräusch. Panzer, schoß es sofort durch sein Hirn, und er preßte sich an den Boden. »Hauptmann«, schrie er; aber wenn er ihn noch warnen wollte, mußte er die Straße überqueren.

Vorsichtig späht er in Richtung des sich nähernden Geräusches, sieht dann das lange Geschützrohr, die Panzerung, springt auf: deutsche Sturmgeschütze sind es, die sich nähern, den Ort durchqueren, und wenig später ebbt der Gefechtslärm ab. Die Gefahr scheint vorüber.

Aber beim nächsten Male? Würden dann auch Sturmgeschütze zur rechten Zeit eintreffen? Immer wieder griffen ja die Sowjets an, und hatten sie heute Verluste, morgen waren diese schon wieder aufgefüllt. Weit über eine Million von ihnen waren anno 1941 in deutsche Gefangenschaft geraten, und das hatte zu dem Trugschluß geführt, daß damit für alle Zeiten den Sowjets die Offensivkraft genommen sei. Auch in den folgenden Jahren hatte der Feind Verluste und abermals Verluste erlitten, und immer wieder lebten die deutschen Soldaten in der Hoffnung, daß auch der Russe einmal am Ende sei.

Von Jahr zu Jahr aber wuchsen aus der unendlichen Weite der Sowjetunion neue Armeen heran.

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Bruckner stand auf der Straße, neben ihm der Hauptmann. Schneller als beide gedacht, schien die Abschiedsstunde gekommen. Ein Fahrzeug sollte gleich eintreffen, das Bruckner zu seiner Einheit zurückbringen würde.

Gerade liefen jene Soldaten an ihnen vorüber, die am Waldrand, vor dem Ort, den feindlichen Angriff abgewehrt hatten. Nicht alle aber kehrten zurück.

Ein Obergefreiter trat auf Bruckner zu. Vogel hieß er und stammte aus Stettin. Bruckner hatte sich einmal mit ihm unterhalten. Der stand nun vor ihm und grinste.

»Nun, Herr Pfarrer, Sprung auf — marsch, marsch. Zurück in die Sicherheit. Hier bleibt’s auch weiterhin brenzlig. Verlassen Sie sich auf den sechsten Sinn eines Obergefreiten, der trügt nie.« Und als Bruckner sagte, daß er eben auf sein Fahrzeug warte, nickte der Obergefreite ironisch, und seine Miene wurde bitter. »Pfarrer fallen nie, nein, nie. Es muß doch gut sein, Trost spenden zu können, in der Gewißheit, ihn selbst niemals zu brauchen!«

Der es sagte, war nicht alt, doch man konnte ihn auch nicht als jung bezeichnen. Er war einer jener Männer, die nach Beendigung der Dienstzeit statt nach Hause nach Polen und dann nach Frankreich marschierten, siegten und tranken, den ersten Frauen begegneten und den faden Beigeschmack mit vielen Aperitifs herunterspülten und anschließend von den Mädchen in der Heimat träumten, aus allen Träumen aber durch den Einsatz gegen die Sowjetunion herausgerissen wurden. Hier waren sie mit den Jahren müde geworden und doch verbissen und zäh und hart zugleich. Um ihre Seele hatten sie einen Panzer gelegt, der sich aus Ironie, Kaltschnäuzigkeit und bissigem Humor zusammensetzte. Einst hatten sie sich für einen Beruf entschieden. Doch wie lange war das her! Lernen hatten sie wollen und doch nichts anderes gelernt als zielen und schießen, und wenn es sein mußte, Handgranaten werfen, jeden Zentimeter Boden ausnutzen, und schließlich waren sie Fachleute für Rückzüge geworden, ob er jäh oder planmäßig, mit hinhaltendem Widerstand oder unbemerkt vom Feinde vonstatten gehen mußte.

Sie hatten sich daran gewöhnt, sich über nichts mehr aufzuregen, absolut über nichts mehr. So waren seine Worte nicht etwa böse gemeint, enthielten lediglich eine Feststellung, die ihn innerlich gar nicht sonderlich berührte. Sein Ohr war an das Singen der Granaten gewöhnt und geübt, beim Abschuß eines Granatwerfers herauszuhören, ob man sich in Deckung werfen mußte oder nicht. Aber der jahrelange Lärm hatte sein Denken vergröbert und in ihm die feinen Unterschiede der Begriffe getötet, ohne daß er es auch nur ahnte.

Bruckner strich sich über den Schädel, tat es noch einmal, als stärkte ihn die Erfahrung, daß seine Kopfhaut noch diesen Reiz verspürte. Konnte er noch denken? Zu viele Antworten bedrängten gleichzeitig die Stimmbänder, sie zu formulieren. Sollte er die langen Reihen gefallener Priester und Ordensleute aufzählen? Sollte er gar an die in den KZ’s schmachtenden Theologen erinnern, deren Schicksal sehr dunkel war? Doch alle möglichen Antworten wurden von dem Wissen überschattet, wie tief die Kluft zwischen den Menschen und dem Priester bereits war, und daß es nicht einmal an gutem Willen fehlte. Die wahre Ursache dafür, die der Krieg nur deutlicher werden ließ, lag wo anders. Seit Jahrzehnten trugen die Menschen an der Last ihrer immer größer gewordenen Gottferne. Jetzt rächte sich, daß für so viele die Kirchen nur mehr Zeugnisse europäischer Baukunst waren, nicht aber stete, steingewordene Mahnung, nicht mehr der Ort, in dem jegliches weltliches Anliegen vor dem Wissen um die Grenzen alles menschlichen Strebens zu schweigen hat und dieses Schweigen allein zur Demut, zur Bescheidung und zur Liebe führt.

»Vogel«, sagte Bruckner mit brüchiger Stimme, »ich habe selbst erlebt, wie sehr ein Gefecht den Menschen aufwühlt. Und wie der Mensch, um zu bestehen, sich mit Kraft aufbläht, und sicherlich ist das der einzige Ausweg, um durchzuhalten. Dann aber? Kommt nicht auch für Sie die Stunde, in der Sie Trost brauchen, und sogar nur Trost der eigenen Gedanken wegen?«

Aus seiner Jackentasche holte der Obergefreite eine halb zerdrückte Zigarette hervor, zündete sie an und sog genußvoll den Rauch ein. »Das ist Trost«, antwortete er. »Sie meinen gewiß einen anderen. Wenn wir ihn aber brauchen, gibt ihn uns keiner. Haben wir aber die Leere in uns überwunden, brauchen wir ihn dann noch? Wissen Sie, wie uns vorn zumute ist? Schlimmer als in der Hölle, wie wir sie uns einst vorstellten, als wir euren Sprüchen noch glaubten. Keiner hat uns damals gesagt, daß die Menschen sich selbst die Hölle bereiten. Aber alles bleibt logisch, bis zum Schluß. Da es nur eine Hölle geben kann, wird sie für jenen aufgehoben, der in diesem Ringen unterliegt!«

»Und wer wird das sein, Vogel?«

Jäh blickte der Obergefreite auf. Ein ferner Schimmer kroch in seinen Blick, als wäre es das erste Wort, das in sein Inneres drang.

»Das fragen Sie mich, den Oberschnäpser!«

Instinktiv legte Bruckner seine Hand auf die Schulter des anderen. »Meine Frage zielt woanders hin, Vogel. Spüren nicht auch Sie, daß die Gefahr von Jahr zu Jahr größer wird, daß bald alles Menschliche besiegt ist?«

Vogel blickte Zum Waldrand hin.

Langsam nickte er.

»Vor ein paar Stunden noch lag er frisch und gesund neben mir, Hermann Nelle. Seit mehr als einem Jahr lebten wir zusammen. Seinem Humor konnte die brennende Hitze des Sommers genauso wenig anhaben wie die eiskalten Wintermonate, und auch der Schlamm brachte ihn nicht aus der Ruhe. Als einziger von uns glaubte er an die Zukunft, baute ein Luftschloß nach dem anderen, und man konnte mit ihm über alles sprechen, als wäre die Endstation noch unendlich fern. Nun hat er sie hinter sich. Gehen Sie hin! Irgendwo liegt er, mit glasigen Augen. Hier, das ist sein unsterblicher Erdenrest.«

Bruckner blickte auf eine abgebrochene Erkennungsmarke.

»Pfarrer Bruckner«, hörte er eine Stimme. Neben ihm hielt ein Kübelwagen, der Fahrer beugte sich hinaus und rief erneut.

»Schnell, Herr Pfarrer«, sagte er hastig, als Bruckner an das Fahrzeug trat; »wir müssen sofort zurück.«

Bruckner blickte vom Fahrer zu dem Obergefreiten, dessen Augen wieder den harten Glanz trugen, den sie eben abgestreift hatten.

»Eine Stunde müssen Sie auf mich warten!« sagte Bruckner zu dem Fahrer. Doch der schüttelte heftig den Kopf.

»Unmöglich, Herr Pfarrer. Mein Befehl lautet, Sie unverzüglich zurückzubringen.« Seinem Gesicht war anzusehen, wie froh der Mann war, hinter dem präzisen Befehl den eigenen Wunsch verbergen zu können. Er ließ den Motor anlaufen.

»Noch kommen wir durch«, rief er Bruckner zu; »hinten stinkt’s!«

Bruckner begriff sofort. Mit anderen Worten: wenn er blieb, würde er inmitten eines Kessels stecken, und niemand wußte, ob er nicht von den Sowjets eingedrückt und vernichtet werden würde. Wieder wanderte sein Blick zu Vogel, der jedes Wort verstanden haben mußte.

»Steigen Sie ein, Pfarrer«, sagte jetzt auch er, trat vor und riß die Wagentür auf. Dann wandte er sich ab und blickte zum Waldrand hin.

Bruckner zögerte. Weit hinten wartete die Sicherheit, aber auch Kranke und Verwundete und Sterbende! Hier konnte er einigen Trost spenden, dort würden es viele, sehr viele sein! Immer noch lief der Motor des Kübelwagens neben ihm, erneut sprach der Fahrer auf ihn ein.

Mit einem kräftigen Ruck warf Bruckner die Wagentür zu.

»Fahren Sie zurück!«

Der Mann am Steuer machte ein blödes Gesicht. »Mein Befehl gilt auch für Sie«, versuchte er Bruckner umzustimmen.

»Meine Anweisung«, begann Bruckner und stockte, »erhalte ich vom Herrgott«, hatte er sagen wollen. Das aber hätte pathetisch geklungen und hier, an diesem Ort, in dieser Lage, war Pathos Gift und hätte tödlich gewirkt. »Meine Anweisung«, begann er von neuem, »ist es, dort zu heilen und zu pflegen und zu helfen, wo es am dringlichsten ist. Das ist im Augenblick hier.«

Noch einmal wollte der Fahrer widersprechen; als er aber in das Gesicht des Pfarrers blickte, verstummte er, lockerte mit einer resignierenden Handbewegung die Bremse, trat auf das Gaspedal, der Wagen zuckte an, ein Stück vor ihnen wendete er, noch einmal griff der verständnislose Blick des Mannes nach dem Pfarrer, dann fuhr er davon.

Vogel stand und blickte zum Waldstück hin.

Ohne sich umzuwenden, fragte er: »Glauben Sie wirklich, daß Sie hier nützen?«

»Wir sind wohl beide zu alt, Vogel«, antwortete Bruckner, »um noch Helden spielen zu wollen. Unsere Pflicht aber tun wir trotzdem. Nicht wahr? Kommen Sie! Wir haben nicht viel Zeit.«

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Zwei Stunden später lagen die Gefallenen in schnell ausgehobenen Gräbern. Bruckner stand davor und hinter ihm in einem offenen Halbkreis die Soldaten, stumm, mit Augen, die nicht zu begreifen schienen, daß ein Pfarrer die Toten einsegnete. Wie lange hatten sie das nicht mehr erlebt, wie viele Kameraden hatten sie sogar unbestattet in die Hand des nachsetzenden Feindes fallen lassen müssen!

Bruckner erhob die Stimme:

»… wundert euch nicht, denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, die Stimme des Sonnes Gottes hö’ren werden. Und es werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehnng des Lebens, die aber Böses verüben, zur Auferstehung des Gerichts.«

Dann, nach diesen Worten voller Verheißung und voller Grauen, hier so gegenwartsnah wie selten, wartete er regungslos. Nur seine Augen wanderten von einem Gesicht zum anderen und zwangen die Blicke aller in seinen Willen. Das Schweigen lastete. Jetzt begann er:

»Jeder Abschied, Kameraden, fällt schwer. Besonders dann, wenn man nicht weiß, oder nicht daran denkt, daß unser ganzes irdisebes Leben nichts anderes ist als ein ständiges Abschiednehmen.

Wir haben den Gefallenen die Totenmesse gelesen, und wir haben es bewußt getan. Wer bier liegt, ob katholisch, evangelisch oder ob er sich mit einem unüberlegten oder trotzigen Herzen zu keinem Glauben mehr bekannte, ein jeder von ihnen braucht die Fürsprache. Kalt sind die Körper unserer zur Ruhe bestatteten Kameraden, und ihre Herzen schlagen nicht mehr. Aber ihre Seelen sind vor Gott dem Richter.

Doch die Barmberzigkeit Gottes ist unendlich größer als unsere Vorstellungskraft. Mögen diese Menschen in ihrem Leben nicht viel an Gott gedaebt haben. Gott wägt mit dem Maß absoluter Gerechtigkeit, und Er wird zu ihnen sagen: Eure Sünden seien euch vergeben, denn ihr konntet nicht erkennen, wie ganze Völker mit Blindheit geschlagen werden.

Er wird ihnen nicht nachrechnen, was sie selbst niemals berechnet haben, da sie glaubten, was andere sagten, da sie erfüllt waren von einer Idee, und dabei die größte aller Ideen, die ewige Wahrheit, vergaßen.

Aber, Freunde, ihr Tod ist für uns Mahnung, Mahnung zum Gebet.

Wir dienen allem Menschlichen und zugleich auch unserem Volk, wenn wir die in uns wohnende Tapferkeit auch dort zeigen, wo sie so gänzlich geschwunden zu sein scheint, in der Zwiesprache mit Gott.

Beten wir! Bewegen wir nicht nur die Lippen, falten wir nicht nur die Hände, leiern wir nicht nur einen ehemals gelernten Text herunter. Versenken wir uns tief in unsere Seele, vergessen wir alle Umwelt und seien wir eins mit unserem Schöpfer. Beten wir nicht um Sicherbeit oder irdische Anliegen, beten wir um die Gnade des Herrn; denn nur mit ihr werden wir das Dunkel zurückhalten, das alles Licht auszulöschen droht.

In jeder Nacht wissen wir, daß es wieder Tag wird. Wir wissen es, weil wir gelernt haben, es sei ein Naturgesetz. Es ist mehr, es ist Symbol der Unendlichkeit Gottes; Ihm ist nicht nur der Mensch, ihm ist auch alle Natur unterworfen, und nichts anderes will Er uns sagen, als:

Glaube, du Mensch, und handle nicht mit Mir. Glaube und vertraue und ich werde Meinen Namen einzeiebnen in deine Hände und dich nicht fallen lassen. Ich werde bei dir sein, auch wenn du glaubst, alles habe dich verlassen. Und Ich werde bei dir sein, auch dann, wenn du von dieser Erde scheidest, und abermals auch dann, wenn du frühzeitig abberufen wirst, so wie unsere Kameraden hier, die in der Blüte ihrer Jahre sterben mußten.«

Bruckner schwieg.

In der ersten Reihe stand. Obergefreiter Vogel und verzog keine Miene. Auch die Augen der anderen blieben ausdruckslos. Doch — täuschte sich Bruckner? — alle Soldaten und alle Offiziere standen aufrechter als zuvor. Nicht in der eingedrillten Stillgestandenhaltung, nein, höher, freier blickten sie zu ihm hin.

»Und nun«, fuhr Bruckner fort, »laßt uns für diese Männer beten. Für sie und ihre Angehörigen, für ihre Brüder und Schwestern und«, einen Moment zögerte er und sein Blick streifte Vogel, »für ihre Freunde.«

Bruckner kniete nieder.

Und als Vogel seinem Beispiel folgte, sein Nebenmann unbeholfen es ihm gleichtat, griff es wie eine Welle von Reihe zu Reihe: die Soldaten knieten nieder und legten die Hände ineinander.

Nach dem Gebet erhob sich Bruckner und spendete den Segen. Dann entfernten sich die Männer, und merkwürdig still blieb es zwischen ihnen, als wären die Gedanken stärker als die Lust am Sprechen.

Vogel trat zu Bruckner.

»Ich möchte Ihnen sagen, Herr Pfarrer, vorhin, da am Auto, als Sie abfahren wollten, ich glaube, da habe ich recht dämliches Zeug geredet.«

»Sie kamen aus dem Gefecht, Vogel.«

»Ja«, sagt der Obergefreite sinnend; »das mag sein. Aber jetzt ist mir ebenfalls zumute wie nach einem Angriff, aber — ich will es Ihnen nicht verschweigen — ich habe nun meinen Gegner erkannt.«

»So?« fragt Bruckner.

»Ja«, nickt Vogel, »mein Gegner steht vor Ihnen. Ich selbst bin es.«

»Waren es, Vogel.«

Der Obergefreite blickt Bruckner an, und für Sekunden vergißt er die ganzen Jahre, in denen er weiter nichts getan hat als sich außerhalb der menschlichen Gesellschaft zu fühlen, Krieg zu führen, zu hungern, um dann wieder zu fressen, zu wachen, zu schießen und zu versuchen, nicht mehr dem Verstand und auch nicht dem Gefühl, sondern ausschließlich dem Instinkt zu leben. Seine Augen leuchten auf, und als Bruckner in sie sieht, schließt er sekundenlang die seinen; wie vor einer gleißenden, weithin leuchtenden Helle.

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Kradmelder fuhren vor, Männer eines Nachrichtentrupps zogen eine Kabelleitung und über