/ Language: Deutsch / Genre:det_crime

Die weiße Löwin

Henning Mankell


Die weiße Löwin

Henning Mankell

1993

(Deutsch von Erik Gloßmann, 1995)

≫Solange wir fortfahren, die Menschen in unserem Land aufgrund ihrer Hautfarbe unterschiedlich zu bewerten, werden wir an dem leiden, was Sokrates die Lüge in der Tiefe unserer Seele nennt.≪

Südafrikas Premierminister Jan Hofmeyr, 1946

≫Angurumapo simba, mcheza nani?≪

(Wer wagt zu spielen, wenn der Löwe brüllt?)

Afrikanisches Sprichwort

Inhaltsverzeichnis

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Prolog

Südafrika 1918

Am späten Nachmittag des 21. April 1918 trafen sich drei junge Männer in einem unauffälligen Café im Johannesburg Stadtteil Kensington. Der jüngste, Werner van der Merwe, hatte gerade seinen neunzehnten Geburtstag hinter sich. Der älteste, Henning Klopper, war zweiundzwanzig. Der dritte Mann in der Gesellschaft hieß Hans du Pleiss und würde in wenigen Wochen zweiundzwanzig werden. Gerade an diesem Tag hatten sie sich zusammengefunden, um seine Geburtstagsfeier zu planen. Keiner von ihnen dachte daran oder hatte auch nur die leiseste Ahnung, daß ihr Treffen in dem Café in Kensington historische Bedeutung erlangen sollte. Hans du Pleiss’ Geburtstagsfeier kam an diesem Nachmittag gar nicht zur Sprache. Nicht einmal Henning Klopper, der jenen Vorschlag machte, der in der Perspektive die ganze südafrikanische Gesellschaft verändern würde, hatte eine Vorstellung vom Umfang oder den Konsequenzen seiner eigenen, noch nicht ausgereiften Gedanken.

Sie waren drei junge Männer, die sich in Charakter und Temperament sehr unterschieden. Etwas aber hatten sie gemeinsam. Etwas ganz Entscheidendes. Sie waren Buren. Alle drei stammten sie aus Familien, deren Vorfahren mit einer der ersten großen Einwanderungswellen heimatloser holländischer Hugenotten in den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts nach Südafrika gekommen waren. Als der englische Einfluß in Südafrika wuchs und schließlich die Form offener Unterdrückung annahm, hatten sich die Buren mit Ochsenwagen auf ihre lange Fahrt in das Innere des Landes begeben, zu den unendlichen Ebenen in Transvaal und Orange. Für diese drei jungen Männer wie für alle Buren waren Freiheit und Unabhängigkeit die Voraussetzung, daß ihre Sprache und Kultur nicht untergehen würden. Die Freiheit garantierte, daß keine unerwünschte Verschmelzung mit der verhaßten englischstämmigen Bevölkerung erfolgte oder gar mit den Schwarzen oder der indischen Minderheit, die sich vor allem vom Handel in Küstenstädten wie Durban, Port Elizabeth und Kapstadt ernährte.

Henning Klopper, Werner van der Merwe und Hans du Pleiss waren Buren. Das war eine Tatsache, die sie nie vergessen oder verdrängen konnten. Das war vor allem etwas, worauf sie stolz waren. Von frühester Kindheit an hatten sie gelernt, daß sie zu einem auserwählten Volk gehörten. Aber gleichzeitig waren das Selbstverständlichkeiten, die sie selten berührten, wenn sie sich täglich in dem kleinen Café trafen. Das Bewußtsein ihrer Herkunft existierte einfach, als eine unsichtbare Voraussetzung ihrer Freundschaft und Vertrautheit, ihrer Gedanken und Gefühle.

Sie trafen sich nach Feierabend in dem kleinen Café, weil sie alle als Büroangestellte bei der Südafrikanischen Eisenbahngesellschaft arbeiteten. Gewöhnlich sprachen sie über Mädchen, über Zukunftsträume, über den großen Krieg, der in Europa seinen Höhepunkt erreicht hatte. Aber gerade an diesem Tag saß Henning Klopper in gedankenvolles Schweigen versunken. Die anderen sahen ihn verwundert an, denn sonst war er immer der Gesprächigste von ihnen gewesen.

≫Bist du krank?≪ fragte Hans du Pleiss. ≫Hast du Malaria?≪

Henning Klopper schüttelte abwesend den Kopf, ohne zu antworten.

Hans du Pleiss zuckte die Schultern und wandte sich Werner van der Merwe zu.

≫Er denkt nach≪ sagte Werner. ≫Er überlegt, wie er schon in diesem Jahr sein Gehalt von vier auf sechs Pfund im Monat erhöhen kann.≪ Das war eines ihrer ständig wiederkehrenden Gesprächsthemen, wie sie ihre unwilligen Chefs davon überzeugen konnten, ihre mageren Bezüge aufzubessern. Keiner von ihnen zweifelte daran, daß ihre Karrieren bei der Südafrikanischen Eisenbahngesellschaft sie auf längere Sicht auf verschiedene Spitzenpositionen bringen würden. Alle drei verfügten über ein gesundes Selbstvertrauen, waren intelligent und energisch. Ihr Problem war, daß es unerträglich lange dauerte, bis sie erreichten, was ihnen ihrer Auffassung nach zustand.

Henning Klopper nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Mit den Fingerspitzen prüfte er, ob sein hoher weißer Kragen richtig saß. Dann strich er sich langsam über das ordentlich gekämmte, in der Mitte gescheitelte Haar.

≫Ich möchte euch etwas erzählen, was sich vor vierzig Jahren zugetragen hat≪ sagte er langsam.

Werner van der Merwe starrte ihn durch seine randlosen Brillengläser an.

≫Du bist zu jung, Henning≪, sagte er. ≫In achtzehn Jahren kannst du uns Geschichten von vierzig Jahren zuvor erzählen. Aber jetzt noch nicht.≪

Henning Klopper schüttelte den Kopf.

≫Es geht nicht um meine Erinnerungen≪ erwiderte er. ≫Es geht weder um mich noch um meine Familie. Ich rede von einem englischen Sergeanten namens George Stratton.≪

Hans du Pleiss unterbrach seinen Versuch, ein Zigarillo anzuzünden.

≫Seit wann interessierst du dich für Engländer?≪ fragte er. ≫Ein guter Engländer ist ein toter Engländer, egal ob Sergeant, Politiker oder Grubenaufseher.≪

≫Er ist tot≪ sagte Henning Klopper. ≫Sergeant George Stratton ist tot. Du brauchst dir keine Gedanken zu machen. Gerade von seinem Tod will ich ja erzählen. Er starb vor vierzig Jahren.≪

Hans du Pleiss öffnete den Mund, um einen weiteren Einwand vorzubringen, aber Werner van der Merwe legte ihm schnell die Hand auf die Schulter.

≫Warte≪, sagte er. ≫Laß Henning erzählen.≪ Henning Klopper trank noch einen Schluck Kaffee und tupfte sich den Mund und den dünnen, hellen Schnurrbart sorgfältig mit einer Serviette ab.

≫Es war im April 1878≪, begann er. ≫Während des britischen Krieges gegen die aufrührerischen afrikanischen Stämme.≪

≫Der Krieg, den sie verloren haben≪, sagte Hans du Pleiss. ≫Nur die Engländer können einen Krieg gegen Wilde verlieren. Bei Isandlwana und Rorke’s Drift zeigte die englische Armee, wozu sie in Wahrheit taugt. Nämlich, sich von Wilden massakrieren zu lassen.≪

≫Laß ihn doch weiterreden≪, sagte Werner van der Merwe. ≫Unterbrich doch nicht immer.≪

≫Was ich erzählen will, geschah irgendwo in der Nähe des Bufalo Bufalo River≪ fuhr Henning Klopper fort. ≫Die Eingeborenen nennen den Fluß Gongqo. Die Abteilung Mounted Rifles, für die Stranon verantwortlich war, hatte auf einem freien Feld unweit des Flusses ihr Lager aufgeschlagen und war in Stellung gegangen. Vor ihnen lag ein Höhenzug, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere. Hinter dem Berg jedoch wartete eine Gruppe Xhosakrieger. Sie waren nicht viele und schlecht ausgerüstet. Strattons Soldaten mußten sich nicht beunruhigt fühlen. Ausgesandte Späher hatten versichert, daß das Xhosaheer unorganisiert war und einen Rückzug vorzubereiten schien. Außerdem erwarteten Stratton und seine Offiziere an diesem Tag Verstärkung durch mindestens ein Bataillon.

Aber plötzlich geschah etwas mit Sergeant Stratton, der sonst bekannt dafür war, daß er nie die Ruhe verlor. Er begann umherzulaufen und sich von seinen Soldaten zu verabschieden. Alle, die ihn sahen, haben berichtet, daß es schien, als sei er von einem plötzlichen Fieber befallen worden. Dann zog er seine Pistole und schoß sich in den Kopf, vor seinen Soldaten. Er war sechsundzwanzig, als er am Buffalo River starb. Vier Jahre älter, als ich heute bin.≪

Henning Klopper verstummte abrupt, als ob das Ende der Geschichte auch ihn überrascht hätte. Hans du Pleiss formte aus dem Rauch seines Zigarillos einen Ring und schien eine Fortsetzung zu erwarten. Werner van der Merwe schnippste mit den Fingern nach dem schwarzen Servierer der im anderen Winkel des Lokals einen Tisch abwischte.

≫War das alles?≪ fragte Hans du Pleiss.

≫Ja≪ antwortete Henning Klopper. ≫Reicht das nicht?≪

≫Ich glaube, wir brauchen mehr Kaffee≪, sagte Werner van der Merwe.

Der schwarze Servierer der auf einem Bein hinkte, nahm die Bestellung mit einer Verbeugung entgegen und verschwand durch die Schwingtür zur Küche.

≫Warum erzählst du von einem englischen Sergeanten, der einen Sonnenstich bekommt und sich erschießt?≪ fragte Hans du Pleiss.

Henning Klopper betrachtete erstaunt seine Freunde.

≫Versteht ihr nicht? Versteht ihr wirklich nicht?≪

Seine Verwunderung war echt, da gab es nichts Gespieltes oder Aufgesetztes. Als er die Geschichte über Sergeant Stratton zufällig in einer Zeitschrift in seinem Elternhaus entdeckt hatte, war ihm sofort klargeworden, daß sie ihm etwas bedeutete. Es schien ihm, als könne er in Sergeant Strattons Schicksal sein eigenes sehen. Der Gedanke hatte ihn anfangs verwirrt, weil er so unwahrscheinlich war. Was konnte er mit einem Sergeanten der englischen Armee, der ganz offensichtlich wahnsinnig geworden war und die Revolvermündung auf die Stirn gerichtet und abgedrückt hatte, gemeinsam haben?

Eigentlich war es nicht die Beschreibung von Strattons Schicksal, die seine Aufmerksamkeit gefesselt hatte. Es waren die letzten Zeilen des Artikels. Ein einfacher Soldat, der Zeuge des Vorfalls gewesen war, hatte viel später berichtet, Sergeant Stratton habe an seinem letzten Tag pausenlos einige Worte vor sich hin gemurmelt, immer wieder, als handele es sich um eine Beschwörung. Lieber begehe ich Selbstmord, als lebend in die Hände der Xhosakrieger zu fallen.

Genau so konnte Henning Klopper seine eigene Situation als Bure in einem immer mehr von den Engländern dominierten Südafrika verstehen.

Es war, als ob er plötzlich einsah, daß ja auch er vor Sergeant Strattons Wahl stand.

Unterwerfung, hatte er gedacht. Nichts kann schlimmer sein als unter Verhältnissen leben zu müssen, die man selbst nicht beherrscht. Mein ganzes Geschlecht, mein Volk, wird gezwungen, unter englischen Gesetzen, englischer Anmaßung, englischer Verachtung zu leben. Überall wird unsere Kultur bedroht und organisierter Erniedrigung ausgesetzt. Die Engländer werden systematisch versuchen, uns in die Knie zu zwingen. Die größte Gefahr an der Unterwerfung ist, daß sie zur Gewohnheit wird, zur Resignation, die sich wie ein lähmendes Gift ins Blut schleicht, vielleicht sogar ohne daß man es selbst merkt. Dann ist die Unterwerfung vollendet. Die letzte Bastion ist gefallen, das Bewußtsein ist getrübt und beginnt langsam abzusterben.

Bisher hatte er noch nie mit Hans du Pleiss und Werner van der Merwe über seine Gedanken gesprochen. Aber er hatte gemerkt, daß sie in ihren Gesprächen immer öfter in bittere und ironische Kommentare verfielen, wenn es um Untaten der Engländer ging. Der Zorn, der nur allzu natürlich gewesen wäre, der einst seinen Vater in den Krieg gegen die Engländer gezwungen hatte, fehlte.

Das hatte ihm angst gemacht. Wer sollte den Engländern in Zukunft Widerstand entgegensetzen, wenn nicht seine Generation? Wer würde die Rechte der Buren verteidigen, wenn nicht er? Oder Hans du Pleiss oder Werner van der Merwe?

Die Geschichte von Sergeant Stratton hatte ihm etwas klargemacht, was er bereits wußte. Aber es war, als ob er seiner Einsicht nicht länger entkommen konnte.

Lieber begehe ich Selbstmord, als mich zu unterwerfen. Weil ich aber leben will, müssen die Ursachen der Unterwerfung eliminiert werden.

So einfach und so schwer, aber so eindeutig waren die Alternativen.

Er wußte selbst nicht, warum er gerade diesen Tag gewählt hatte, um seinen Freunden von Sergeant Stratton zu erzählen. Plötzlich hatte er gefühlt, daß er nicht länger warten konnte. Die Zeit war reif, sie konnten sich nicht mehr nur mit Zukunftsträumen und Plänen für Geburtstagsfeiern beschäftigen, wenn sie ihre Nachmittage und Abende im Stammcafé verbrachten. Es gab etwas, das wichtiger war als alles andere, etwas, das eine Voraussetzung für die Zukunft überhaupt war. Engländer, denen es in Südafrika nicht gefiel, konnten in ihr Mutterland zurückkehren oder sich andere Vorposten in dem scheinbar unendlichen britischen Imperium suchen. Aber für Henning Klopper und andere Buren gab es nichts anderes als Südafrika. Einst, vor fast 250 Jahren, hatten sie alle Brücken hinter sich abgebrochen, waren den religiösen Verfolgungen entkommen und hatten Südafrika als das verlorene Paradies gefunden. Ihre Entbehrungen hatten ihnen das Gefühl eingegeben, ein auserwähltes Volk zu sein. Hier, im äußersten Süden des afrikanischen Kontinents, lag ihre Zukunft. Entweder diese oder eine Unterwerfung, die eine langsame, aber unerbittliche Vernichtung bedeutete.

Der alte Servierer hinkte mit einem Kaffeetablett heran. Mit zitternden Händen räumte er das benutzte Geschirr ab und stellte neue Tassen und eine Kanne Kaffee auf den Tisch. Henning Klopper zündete eine Zigarette an und sah seine Freunde an.

≫Versteht ihr nicht?≪ sagte er noch einmal. ≫Begreift ihr nicht, daß wir vor derselben Wahl stehen wie Sergeant Stratton?≪

Werner van der Merwe nahm seine Brille ab und putzte sie mit einem Taschentuch.

≫Ich muß dich deutlich sehen, Henning Klopper≪, sprach er. ≫Ich muß sichergehen, daß wirklich du es bist, der mir gegenübersitzt.≪

Henning Klopper wurde plötzlich wütend. Warum verstanden sie nicht, was er sagen wollte? Konnte es wirklich möglich sein, daß er so allein war mit seinen Gedanken?

≫Seht ihr nicht, was rund um uns geschieht?≪ fragte er. ≫Wenn wir nicht bereit sind, unser Recht, Buren zu sein, zu verteidigen, wer sonst wird es tun? Soll unser ganzes Volk zum Schluß so niedergedrückt und schwach sein, daß George Strattons Weg als die einzige Möglichkeit übrigbleibt?≪

Werner van der Merwe schüttelte langsam den Kopf. Henning Klopper meinte einen entschuldigenden Unterton herauszuhören, als er antwortete.

≫Wir haben den großen Krieg verloren. Wir sind zu wenige, und wir haben zugelassen, daß die Engländer zu viele wurden in diesem Land, das einmal unser war. Wir werden gezwungen sein zu versuchen, in irgendeiner Form von Gemeinschaft mit den Engländern zu leben. Alles andere ist unmöglich. Wir sind zu wenige, und wir werden zu wenige bleiben. Selbst wenn unsere Frauen nichts anderes mehr täten, als Kinder zu gebären.≪

≫Es geht nicht darum, ausreichend viele zu sein≪, antwortete Henning Klopper aufgebracht. ≫Es geht um Glauben. Um Verantwortung.≪

≫Nicht nur≪, sagte Werner van der Merwe. ≫Jetzt verstehe ich, was du mit deiner Geschichte sagen wolltest. Und ich denke, du hast recht. Sogar ich muß daran erinnert werden, wer ich bin. Aber du bist ein Täumer, Henning Klopper. Die Wirklichkeit ist nun einmal wie ist. Daran können auch deine toten Sergeanten nichts ändern.≪

Hans de Pleiss hatte aufmerksam zugehört, während er rauchte. Nun legte er sein Zigarillo im Aschenbecher ab und sah Henning Klopper an.

≫Du denkst an etwas Bestimmtes≪, stellte er fest. ≫Was meinst du, was wir tun sollen? Uns wie die Kommunisten in Rußland bewaffnen und als Partisanen auf die Drakensberge steigen? Du vergißt außerdem, daß nicht nur die Engländer zu zahlreich in diesem Lande vertreten sind. Die große Bedrohung für unsere Art zu leben geht von den Eingeborenen aus, den Schwarzen.≪

≫Die werden nie etwas zu bedeuten haben≪, gab Henning Klopper zurück. ≫Die sind uns so unterlegen, daß sie immer tun werden, was wir sagen, und denken, was wir wollen. In Zukunft geht es um den Kampf zwischen uns und dem englischen Einfluß. Nichts anderes.≪

Hans du Pleiss trank seinen Kaffee aus und rief nach dem alten Servierer der regungslos an der Tür zur Küche wartete. Sie waren fast allein in dem Café, von einigen älteren Männern abgesehen, die ganz in eine ausgedehnte Schachpartie versunken waren.

≫Du hast nicht auf meine Frage geantwortet≪, stellte Hans du Pleiss fest. ≫Du denkst an etwas Bestimmtes?≪

≫Henning Klopper hat immer gute Ideen≪, sagte Werner van der Merwe. ≫Vor allem, wenn es um die Verbesserung der Rangierbahnhöfe der Südafrikanischen Eisenbahngesellschaft oder das Anquatschen hübscher Frauen geht.≪

≫Vielleicht≪, antwortete Henning Klopper und lächelte. Es schien, als hätten seine Freunde endlich begonnen zuzuhören. Obwohl seine Gedanken noch unfertig und verschwommen waren, beschloß er zu berichten, worüber er so lange nachgegrübelt hatte.

Der alte Servierer war an den Tisch getreten.

≫Drei Glas Portwein≪, befahl Hans du Pleiss. ≫Es widerstrebt einem ja, etwas zu trinken, was die Engländer so mögen. Aber es ist dennoch ein Wein, der in Portugal hergestellt wird.≪

≫Den Engländern gehören viele der größten portugiesischen Portweindestillationen≪, wandte Werner van der Merwe ein. ≫Die sind überall, diese verdammten Engländer. Überall.≪

Der Servierer hatte begonnen, die Kaffeetassen vom Tisch zu räumen. Als Werner van der Merwe über die Engländer sprach, stieß er gegen den Tisch. Ein Sahnekännchen kippte um und bespritzte sein Hemd.

Um den Tisch herum wurde es still. Werner van der Merwe starrte den Servierer an. Dann sprang er hastig auf, packte den alten Mann am Ohr und schüttelte ihn brutal.

≫Du hast mein Hemd bekleckert≪, rief er.

Dann gab er dem Servierer eine Ohrfeige. Der Mann taumelte, so kräftig war der Schlag. Aber er sagte nichts, sondern beeilte sich, den Portwein aus der Küche zu holen.

Werner van der Merwe setzte sich und wischte sich das Hemd mit einem Taschentuch ab.

≫Afrika könnte ein Paradies sein≪, sagte er. ≫Wenn es die Engländer nicht gäbe. Und die Eingeborenen nicht zahlreicher wären, als wir sie gebrauchen können.≪

≫Wir werden Südafrika in ein Paradies verwandeln≪ sagte Henning Klopper. ≫Wir werden führende Männer bei der Eisenbahn, aber wir werden auch führende Buren sein. Wir werden alle in unserem Alter daran erinnern, was von uns erwartet wird. Wir müssen unseren Stolz wiedergewinnen. Die Engländer müssen einsehen, daß wir uns niemals unterwerfen. Wir sind nicht wie George Stratton, wir fliehen nicht.≪

Er unterbrach seine Rede, während der Servierer drei Gläser und eine halbe Flasche Portwein auf den Tisch stellte.

≫Du hast nicht um Verzeihung gebeten, Kaffer≪, sagte Werner van der Merwe.

≫Ich bitte um Entschuldigung für meine Ungeschicklichkeit≪, antwortete der Servierer auf englisch.

≫In Zukunft wirst du lernen, afrikaans zu sprechen≪ sagte Werner van der Merwe. ≫Jeder Kaffer, der englisch spricht, wird vor ein Standgericht gestellt und wie ein Hund erschossen werden. Geh jetzt. Verschwinde!≪

≫Soll er uns doch zum Portwein einladen≪ schlug Hans du Pleiss vor. ≫Er hat dein Hemd bespritzt. Da ist es doch mehr als gerecht, daß er den Portwein von seinem Lohn bezahlt.≪

Werner van der Merwe nickte.

≫Hast du verstanden, Kaffer?≪ fragte er.

≫Ich werde natürlich für den Wein bezahlen≪ antwortete der Servierer.

≫Mit Vergnügen≪, fügte Werner van der Merwe hinzu.

≫Mit Vergnügen werde ich für den Wein bezahlen≪ wiederholte der Servierer.

Als sie wieder unter sich waren, kehrte Henning Klopper zum Thema zurück. Die Episode mit dem Servierer war bereits vergessen.

≫Ich dachte mir, wir sollten einen Verband bilden≪ sprach er. ≫Oder vielleicht einen Klub. Natürlich nur für Buren. Da können wir diskutieren und mehr über unsere eigene Geschichte lernen. In diesem Klub darf niemals englisch gesprochen werden, nur unsere eigene Sprache. Dort werden wir unsere eigenen Lieder singen, unsere eigenen Schriftsteller lesen, unsere eigenen Speisen zu uns nehmen. Wenn wir hier in Kensington, in Johannesburg, beginnen, vielleicht wird es sich ausbreiten. Nach Pretoria, Bloemfontein, King William’s Town, Pietermaritzburg, Kapstadt, überall. Was notwendig ist, ist eine Erweckungsbewegung. Eine Erinnerung daran, daß Buren sich niemals unterwerfen, ihre Seelen sich niemals besiegen lassen, mag der Körper auch sterben. Ich glaube, daß viele nur darauf warten, daß etwas geschieht.≪

Sie erhoben ihre Gläser.

≫Deine Idee ist ausgezeichnet≪, sagte Hans du Pleiss. ≫Aber ich hoffe, daß wir trotzdem noch ein wenig Zeit übrig haben, um ab und zu hübsche Frauen zu treffen.≪

≫Natürlich≪, erwiderte Henning Klopper. ≫Alles wird so sein wie gewöhnlich. Aber wir fügen etwas hinzu, was wir verdrängt haben. Etwas, das unserem Leben einen ganz neuen Inhalt geben wird.≪

Henning Klopper merkte, daß seine Worte feierlich, vielleicht pathetisch klangen. Aber gerade jetzt erschien ihm das ganz richtig so. Hinter den Worten standen große Gedanken, eine Entscheidung für die Zukunft des ganzen Burenvolkes. Warum sollte er da nicht feierlich gestimmt sein?

≫Meinst du, daß auch Frauen dabeisein sollten?≪ fragte Werner van der Merwe vorsichtig.

Henning Klopper schüttelte den Kopf.

≫Das ist nur für Männer≪ antwortete er. ≫Unsere Frauen sollen nicht zu Versammlungen rennen. Das ist niemals unsere Tradition gewesen.≪

Sie stießen an, Henning Klopper wurde plötzlich klar, daß sich seine beiden Freunde bereits benahmen, als sei es eigentlich ihre Idee gewesen, etwas von dem wieder aufleben zu lassen, was in dem Krieg vor 16 Jahren verlorengegangen war. Aber es irritierte ihn nicht. Im Gegenteil, er fühlte eine gewisse Erleichterung. Seine Gedanken waren also nicht ganz verkehrt.

≫Ein Name≪, sagte Hans du Pleiss. ≫Statuten, Aufnahmeregeln, Versammlungsformen. Du hast dir doch sicher schon alles ausgedacht.≪

≫Es ist noch zu früh≪ antwortete Henning Klopper. ≫Wir müssen erst noch überlegen. Gerade heute, wo es Zeit wird, das Selbstgefühl der Buren wieder aufzurichten, ist es wichtig, Geduld zu haben. Wenn wir zu schnell vorgehen, kann alles mißlingen. Und wir dürfen nicht scheitern. Ein Verband junger Buren wird die Engländer irritieren. Sie werden alles tun, um uns zu hindern, zu stören, abzuschrecken. Wir müssen gut gerüstet sein. Laßt uns lieber beschließen, daß wir innerhalb von drei Monaten einen Beschluß fassen. Während dieser Zeit werden wir unsere Gespräche fortsetzen. Wir treffen uns hier ja jeden Tag. Wir können Freunde dazu einladen und ihre Meinungen hören. Aber vor allem müssen wir uns selbst überprüfen. Bin ich bereit, das zu tun? Bin ich bereit, mich für mein Volk zu opfern?≪

Henning Klopper verstummte. Sein Blick wanderte zwischen den Freunden hin und her.

≫Es wird langsam spät≪ sagte er. ≫Ich bin hungrig und will nach Hause, zu Abend essen. Morgen aber laßt uns das Gespräch fortsetzen.≪

Hans du Pleiss leerte den Rest des Portweins in die drei Gläser. Dann erhob er sich.

≫Laßt uns auf Sergeant George Stratton trinken≪ sprach er. ≫Laßt uns die unüberwindliche Stärke der Buren dadurch zeigen, daß wir auf einen toten Engländer trinken.≪

Die anderen standen auf und hoben ihre Gläser.

Im Dunkeln vor der Küchentür stand der alte Afrikaner und beobachtete die drei jungen Männer. Der drückende Schmerz über das erlittene Unrecht bohrte in seinem Kopf. Aber er wußte, daß das vorübergehen würde. Zumindest würde es dem Vergessen anheimfallen, das alle Sorgen betäubte. Am Tag darauf würde er den jungen Männern wiederum ihren Kaffee servieren.

Einen reichlichen Monat später, am 5. Juni 1918, bildete Henning Klopper zusammen mit Hans du Pleiss, Werner van der Merwe und weiteren Freunden einen Verband, den sie Das junge Südafrika zu nennen beschlossen.

Einige Jahre später, als die Mitgliederzahl erheblich gestiegen war, schlug Henning Klopper vor, daß der Verband in Zukunft Broederbond, Bruderschaft, heißen sollte. Jetzt war es auch nicht mehr nur Männern unter 25 Jahren vorbehalten, sich anzuschließen. Frauen hingegen sollten niemals zu Mitgliedern gewählt werden dürfen.

Die wichtigste Änderung aber erfolgte in einem Konferenzraum im Hotel ≫Carlton≪ in Johannesburg, am späten Abend des 26. August 1921. Da wurde beschlossen, daß die Bruderschaft ein Geheimbund werden sollte, mit Initiationsriten und dem Gebot an seine Mitglieder, den wichtigsten Zielen des Verbandes unverbrüchliche Treue zu halten: die Rechte der Buren, des auserwählten Volkes, zu verteidigen, in Südafrika, dem Heimatland, über das man eines Tages wieder uneingeschränkt herrschen würde. Die Bruderschaft sollte von Schweigen umgeben sein, ihre Mitglieder würden im verborgenen wirken.

Dreißig Jahre später übte die Bruderschaft über die wichtigsten Teile der südafrikanischen Gesellschaft einen beinahe totalen Einfluß aus. Niemand konnte Präsident im Land werden, ohne Mitglied der Bruderschaft zu sein oder deren Wohlwollen zu besitzen. Niemand konnte der Regierung angehören oder eine der einflußreichsten Positionen der Gesellschaft erreichen, ohne daß die Bruderschaft hinter der Ernennung oder Beförderung stand. Priester, Richter, Professoren, Zeitungsbesitzer, Geschäftsleute; alle Männer von Einfluß und Macht waren Mitglied der Bruderschaft, alle hatten Treue geschworen und den Eid abgelegt zu schweigen angesichts der großen Aufgabe, das auserwählte Volk zu schützen.

Ohne diesen Verband hätten die Apartheidgesetze, die 1948 angenommen wurden, niemals verwirklicht werden können. Aber Präsident Jan Smuts und seine United Party brauchten nicht zu zögern. Mit der Bruderschaft im Rücken konnte die Trennung in sogenannte niedere Rassen und das weiße Herrenvolk durch ein aggressives System von Gesetzen und Verordnungen geregelt werden, das ein für allemal garantieren sollte, daß sich Südafrika entwickelte, wie die Buren es wünschten. Es konnte nur ein auserwähltes Volk geben. Das war und blieb der Ausgangspunkt für alles weitere.

1968 wurde in aller Heimlichkeit das 50jährige Jubiläum der Bruderschaft gefeiert. Henning Klopper, der einzige Überlebende der Gründer von 1918, hielt eine Rede, die mit den Worten schloß: ≫Verstehen wir wirklich, in der Tiefe unseres Bewußtseins, welche unerhörten Kräfte heute abend hier in diesen vier Wänden versammelt sind? Zeigt mir eine0rganisation mit größerem Einfluß in Afrika. Zeigt mir eine Organisation mit größerem Einfluß irgendwo auf der Welt!≪

Ende der 70er Jahre verringerte sich der Einfluß der Bruderschaft auf die südafrikanische Politik dramatisch. Die Anatomie des Apartheidsystems, die sich auf die systematische Unterdrückung der Schwarzen und Farbigen im Lande stützte, hatte angefangen, aufgrund der ihr innewohnenden Unsinnigkeit zu verwittern. Liberale Weiße wollten oder konnten angesichts der sich nähernden Katastrophe nicht mehr untätig bleiben und begannen zu protestieren.

Aber vor allem die schwarze und farbige Majorität hatte genug. Das unerträgliche Apartheidsystem hatte die letzte Grenze überschritten. Der Widerstand wurde immer stärker, die Konfrontation rückte immer näher.

Inzwischen hatten jedoch schon andere Kräfte unter den Buren begonnen, sich in Richtung Zukunft zu orientieren.

Das auserwählte Volk würde sich niemals unterwerfen. Lieber sterben, als sich irgendwann mit einem Afrikaner oder einem Farbigen an einen Tisch zu setzen und eine Mahlzeit mit ihm zu teilen, war ihr Ausgangspunkt. Die fanatische Botschaft war trotz der geminderten Bedeutung der Bruderschaft nicht untergegangen.

1990 wurde Nelson Mandela von Robben Island freigelassen, wo er fast 30 Jahre als politischer Gefangener eingesperrt gewesen war.

Während die Welt jubelte, betrachteten viele Buren Nelson Mandelas Freilassung als eine unsichtbar ausgestellte und unterschriebene Kriegserklärung. Präsident de Klerk wurde zu einem gehaßten Verräter.

In äußerster Heimlichkeit traf sich zu diesem Zeitpunkt eine Anzahl Männer, um die Zukunft der Buren in die Hand zu nehmen. Es waren schonungslose Männer. Aber sie waren der Meinung, ihren Auftrag von Gott erhalten zu haben. Sie würden sich niemals unterwerfen. Auch nicht handeln wie Sergeant George Stratton.

Sie waren bereit, das Recht, das sie für heilig ansahen, mit allen verfügbaren Mitteln zu verteidigen.

Heimlich trafen sie sich und faßten einen Beschluß. Sie würden einen Bürgerkrieg provozieren, der nur auf eine Weise enden konnte. In einem vernichtenden Blutbad.

Im selben Jahr starb Henning Klopper, 94 Jahre alt. In der letzten Zeit seines Lebens hatte er in seinen Träumen immer wieder gemeint, mit Sergeant George Stratton zu verschmelzen. Jedesmal, wenn er im Traum die Mündung der Pistole gegen seine Stirn gerichtet hatte, war er in kalten Schweiß gebadet in dem dunklen Schlafraum erwacht. Auch wenn er alt war und sich nicht mehr darum kümmerte zu verfolgen, was um ihn herum geschah, war ihm doch klar, daß in Südafrika eine neue Zeit angebrochen war. Eine Zeit, in der er sich niemals würde heimisch fühlen können. Wach lag er im Dunkeln und versuchte sich vorzustellen, wie die Zukunft aussehen würde. Aber die Finsternis war undurchdringlich, und manchmal fühlte er eine große Unruhe in sich. Wie in einem fernen Traum sah er sich selbst zusammen mit Hans du Pleiss und Werner van der Merwe in dem kleinen Café in Kensington sitzen, und er konnte seine eigene Stimme hören, die über Verantwortung für die Zukunft der Buren sprach, die bei ihnen lag.

Irgendwo, dachte er, sitzen auch heute junge Männer, junge Buren, an Cafétischen und reden darüber, wie die Zukunft erobert und verteidigt werden wird. Das auserwählte Volk wird sich niemals unterwerfen, sich niemals selbst aufgeben.

Trotz der Unruhe, die er manchmal nachts in dem dunklen Schlafraum fühlen konnte, starb Henning Klopper in der Gewißheit, daß seine Nachkommen niemals wie Sergeant George Stratton handeln würden, damals am Flußbett des Gongqo an einem Tag im April 1878.

Das Volk der Buren würde sich niemals unterwerfen.

Kapitel 1

1

Die Immobilienmaklerin Louise Akerblom verließ die Sparbank in Skurup am Freitag, dem 24. April, kurz nach drei Uhr. Sie blieb einen Augenblick auf dem Bürgersteig stehen und sog die Lungen voll frische Luft, während sie darüber nachdachte, was sie tun solltee. Am liebsten hätte sie den Arbeitstag jetzt schon abgebrochen und wäre direkt heim nach Ystad gefahren. Aber sie hatte am Vormittag den Anruf einer Witwe bekommen und versprochen, bei einem Haus vorbeizufahren, das die Frau verkaufen wollte. Sie überlegte, wieviel Zeit das in Anspruch nehmen würde. Eine Stunde vielleicht, entschied sie. Kaum mehr. Dann mußte sie Brot kaufen. Für gewöhnlich pflegte ihr Mann Robert das Brot, das sie brauchten, selbst zu backen. Aber gerade in dieser Woche hatte er es nicht geschafft. Sie überquerte den Marktplatz und hielt sich links, wo die Bäckerei lag. Eine alte Glocke bimmelte, als sie die Tür öffnete. Sie war allein im Geschäft, und die Frau hinter dem Ladentisch, die Elsa Person hieß, würde sich später daran erinnern, daß Louise Akerblom gut gelaunt zu sein schien und davon gesprochen hatte, wie schön es sei, daß der Frühling endlich käme.

Sie kaufte ein Roggenbrot und beschloß, die Familie zum Nachtisch mit Blätterteigtörtchen zu überraschen. Dann ging sie zur Bank zurück, wo ihr Wagen auf der Rückseite geparkt war. Unterwegs traf sie das junge Paar aus Malmö, dem sie gerade ein Haus verkauft hatte. Sie waren noch in der Bank geblieben, hatten den Abschluß perfekt gemacht, den Verkäufer bezahlt sowie die Kauf- und Kreditverträge unterzeichnet. Sie konnte die Freude der jungen Leute über das eigene Haus verstehen. Gleichzeitig aber machte sie sich Gedanken. Würden sie mit der Tilgung des Kredits und den Zinsen klarkommen? Es waren harte Zeiten, kaum ein Arbeitsplatz war mehr sicher. Was würde geschehen, wenn er seinen Job verlor? Trotzdem hatte sie die wirtschaftliche Situation des jungen Paares akribisch studiert. Im Unterschied zu vielen anderen hatten sie eine Verschuldung durch gedankenlose Kreditkartenkäufe vermieden. Und die junge Hausfrau schien von der sparsamen Sorte zu sein. Sie würden ihren Hauskauf schon durchstehen. Wenn nicht, würde das Haus schon bald wieder zum Verkauf ausgeschrieben sein. Vielleicht würde sie selbst oder Robert die Sache dann übernehmen. Es war gar nicht mehr so ungewöhnlich, daß sie im Verlauf weniger Jahre dasselbe Haus zwei- oder dreimal verkaufte.

Sie schloß das Auto auf und wählte am Funktelefon die Nummer des Büros in Ystad. Aber Robert war bereits nach Hause gegangen. Sie lauschte seiner Stimme vom Anrufbeantworter, die mitteilte, daß Akerbloms Immobilienvermittlung über das Wochenende geschlossen hatte, am Montagmorgen um acht aber wieder öffnen würde.

Zuerst wunderte sie sich darüber, daß Robert so zeitig nach Hause gegangen war. Aber dann erinnerte sie sich, daß er sich an diesem Nachmittag mit ihrem Wirtschaftsprüfer treffen wollte. Sie sprach ≫Hej, ich schau mir nur noch ein Haus bei Krageholm an, dann fahre ich nach Ystad, es ist jetzt Viertel nachdrei, um fünf bin ich zu Hause≪ auf das Band des Anrufbeantworters und klemmte das Mobiltelefon wieder in seine Halterung. Es war ja möglich, daß Robert nach seinem Gespräch mit dem Wirtschaftsprüfer noch einmal ins Büro zurückging.

Sie nahm eine Plastikmappe vom Sitz und suchte die Geländeskizze heraus, die sie nach der Beschreibung der Witwe angefertigt hatte. Das Haus lag an einer Abzweigung zwischen Krageholm und Vollsjö. Es würde etwa eine Stunde dauern, hinauszufahren, Haus und Grundstück zu besichtigen und dann den Heimweg nach Ystad zu nehmen.

Dann begann sie, ihren Entschluß noch einmal zu überdenken. Das kann warten, dachte sie. Ich nehme die Küstenstraße für die Heimfahrt und genieße eine Weile die Aussicht aufs Meer. Ich habe heute schon ein Haus verkauft. Das muß reichen.

Sie begann, einen Psalm zu summen, ließ den Motor an und fuhr aus Skurup heraus. Als sie zur Abfahrt nach Trelleborg kam, änderte sie ihren Entschluß jedoch noch einmal. Weder am Montag noch am Dienstag würde sie dazu kommen, das Haus der Witwe zu besichtigen. Vielleicht wurde die Dame wütend und bot ihr Eigentum einem anderen Makler an? Das konnten sie sich nicht leisten. Die Zeiten waren schon schwer genug. Die Konkurrenz wurde immer härter. Keiner konnte auf angebotene Objekte verzichten, wenn eine Vermittlung nicht gerade völlig aussiehtslos erschien. Sie seufzte und bog in die andere Richtung ab. Die Küstenstraße und der Strand mußten warten. Dann und wann schielte sie auf die Skizze. In der nächsten Woche würde sie einen Kartenhalter kaufen, damit sie nicht immer zur Seite schauen mußte, wenn sie die Pahrtroute überprüfte. Aber das Haus der Witwe konnte nicht so schwer zu finden sein, auch wenn sie die Abzweigung, die die Frau beschrieben hatte, noch nicht gefahren war. Das Gelände jedoch kannte sie in- und auswendig. Im kom-menden Jahr würden sie und Robert das zehnte Jubiläum ihres Unternehmens feiern können.

Sie erschrak bei dem Gedanken. Schon zehn Jahre. Die Zeit war so schnell vergangen, allzu schnell. In diesen zehn Jahren hatte sie zwei Kinder geboren und zusammen mit Robert verbissen und hart daran gearbeitet, das Immobilienbüro zu etablieren. Als sie anfingen, hatten günstige Zeiten geherrscht, das war ihr klar. Heute wäre es ihnen nicht mehr gelungen, auf den Markt zu kommen. Sie konnte zufrieden sein. Gott hatte es mit ihr und ihrer Familie gut gemeint. Sie würde noch einmal mit Robert darüber reden, ob sie nicht ihre Spenden für ≫Rettet die Kinder≪ erhöhen sollten. Natürlich würde er zögern, er sorgte sich mehr um ihre Finanzen als sie. Aber schließlich würde sie ihn schon überzeugen können, wie immer.

Plötzlich merkte sie, daß sie sich verfahren hatte, und sie bremste. Die Gedanken an die Familie und die zehn vergangenen Jahre hatten bewirkt, daß sie die erste Abzweigung verpaßt hatte. Sie lachte, schüttelte den Kopf und schaute sich um, bevor sie wendete und denselben Weg zurückfuhr, den sie gekommen war.

Schonen ist eine schöne Landschaft, dachte sie. Weit und schön. Aber auch geheimnisvoll. Alles, was im ersten Augenblick so eben wirkte, konnte sich schnell in tiefe Senken verwandeln, in denen Häuser und Höfe wie isolierte Inseln lagen. Sie hörte niemals auf, sich darüber zu wundern, wie sich die Landschaft veränderte, wenn sie umherfuhr, um Häuser zu besichtigen oder sie möglichen Käufern zu zeigen.

Als sie Erikslund passiert hatte, fuhr sie auf den Seitenstreifen und kontrollierte die Wegbeschreibung der Witwe. Sie stellte fest, daß sie richtig gefahren war. Sie bog nach links ab, in die hügelige Straße nach Krageholm, die sich anmutig durch den Wald schlängelte. Durch die Laubbäume glitzerte der See. Sie war diesen Weg viele Male gefahren, aber er würde ihr niemals langweilig werden.

Nach ungefähr sieben Kilometern begann sie, nach der letzten Abzweigung Ausschau zu halten. Die Witwe hatte diese als einen Traktorweg beschrieben, ohne Schotterbelag, voll befahrbar. Sie bremste, als sie die Abfahrt erreicht hatte, und bog rechts ab. Das Haus sollte nach etwa einem Kilometer zur Linken liegen.

Nach drei Kilometern endete der Weg plötzlich, und ihr wurde bewußt, daß sie sich trotz allem verfahren hatte. Einen kurzen Augenblick lang war sie versucht, das Haus warten zu lassen und statt dessen direkt nach Hause zu fahren. Aber sie verwarf den Gedanken und wendete, um zur Straße nach Krageholm zurückzukehren. Ungefähr fünfhundert Meter weiter nördlich bog sie erneut nach rechts ab. Aber auch hier fand sich kein Haus, das auf die Beschreibung paßte. Sie seufzte, wendete und beschloß, sich nach dem Weg zu erkundigen. Kurz zuvor war sie an einem Haus vorbeigekommen, das durch eine Raumgruppe hindurch geschimmert hatte.

Sie hielt an, schaltete den Motor ab und stieg aus dem Auto. Die Bäume rochen frisch. Sie ging auf das Haus zu, eines vom schonischen Typ, weiß gestrichen. Es war jedoch nur ein Giebel übrig geblieben. Mitten auf dem Hof stand ein Brunnen mit einer schwarz angemalten Pumpe. Sie zögerte. Das Haus wirkte völlig verlassen. Vielleicht sollte sie doch lieber nach Hause fahren und hoffen, daß die Witwe es nicht übelnahm.

Ich kann wenigstens anklopfen, dachte sie. Das kostet nichts.

Bevor sie das Haus erreichte, kam sie an einem großen, rot gestrichenen Nebengebäude vorbei. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, einen Blick durch die halb geöffneten hohen Türen zu werfen.

Was sie sah, verwunderte sie. In dem Gebäude standen zwei Autos. Sie kannte sich in dieser Beziehung nicht besonders aus. Aber zweifellos handelte es sich um einen äußerst teuren Mercedes und einen nicht minder wertvollen BMW.

Jemand ist also zu Hause, dachte sie und setzte ihren Weg fort, hinauf zu dem weiß gekalkten Haus.

Jemand, der eine Menge Geld haben muß.

Sie klopfte an die Tür, aber nichts geschah. Sie klopfte noch einmal, diesmal etwas lauter, jedoch erhielt sie wiederum keine Antwort. Sie versuchte, durch ein Fenster neben der Tür in das Haus hinein zu schauen, aber die Gardinen waren zugezogen. Sie klopfte ein drittes Mal, bevor sie um das Haus herum ging, um festzustellen, ob es eine Hintertür gab.

Sie kam in einen verwilderten Obstgarten. Die Apfelbäume waren gewiß zwanzig, dreißig Jahre nicht mehr geschnitten worden. Unter einem Birnbaum standen ein paar halb verrottete Gartenmöbel. Eine Elster flatterte auf. Sie fand keine Tür und kehrte zur Frontseite des Hauses zurück.

Einmal klopfe ich noch, dachte sie. Wenn keiner kommt und aufmacht, fahr ich nach Ystad zurück. Ich habe immer noch Zeit, eine Weile am Meer zu verbringen, bevor ich nach Hause muß, um das Abendessen vorzubereiten.

Sie wummerte kräftig gegen die Tür.

Wieder keine Antwort.

Sie hörte nicht, sie ahnte nur, daß jemand den Hof hinter ihr betreten hatte. Hastig drehte sie sich um.

Der Mann war ungefähr fünf Meter von ihr entfernt. Er stand regungslos und beobachtete sie. Sie sah, daß er eine Narbe auf der Stirn hatte.

Plötzlich bekam sie Angst.

Woher war er gekommen? Warum hatte sie ihn nicht gehört?

Der Hof war mit Schotter ausgelegt. Hatte er sich an sie herangeschlichen?

Sie ging ihm einige Schritte entgegen und versuchte, ganz normal zu klingen.

≫Entschuldigung, wenn ich störe≪, sagte sie. ≫Ich bin Immobilienmaklerin und habe mich verfahren. Ich wollte nur nach dem Weg fragen.≪

Der Mann antwortete nicht.

Vielleicht war er kein Schwede, vielleicht verstand er nicht, was sie sagte? Etwas Fremdes war in seinem Aussehen, und sie glaubte, daß er vielleicht Ausländer war.

Plötzlich war ihr klar, daß sie weg mußte. Der regungslose Mann mit seinen kalten Augen machte ihr angst.

≫Ich will nicht länger stören≪ sagte sie. ≫Entschuldigung, daß ich hier so eingedrungen bin.≪

Sie wollte loslaufen, blieb aber sofort wieder stehen. Der regungslose Mann war plötzlich lebendig geworden. Er zog etwas aus seiner Jackentasche. Zuerst konnte sie nicht erkennen, was es war. Dann sah sie, daß es eine Pistole war.

Langsam nahm er die Waffe hoch und ziehe auf ihren Kopf.

Lieber Gott, konnte sie noch denken.

Lieber Gott, hilf mir. Er will mich umbringen. Lieber Gott, hilf mir.

Es war Viertel vor vier am Nachmittag des 24. April 1992.

Kapitel 2

2

Als der Erste Kriminalkommissar Kurt Wallander am Morgen des 27. April, einem Montag, ins Polizeigebäude von Ystad kam, war er wütend. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt eine so schlechte Laune gehabt hatte. Die Wut hatte sogar Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, in Form eines Pflasters auf der einen Wange, wo er sich beim Rasieren geschnitten hatte.

Mürrisch antwortete er den Kollegen, die ihm einen guten Morgen wünschten. Als er sein Zimmer erreicht hatte, warf er die Tür hinter sich zu, nahm den Telefonhörer ab und setzte sich, um aus dem Fenster zu starren.

Kurt Wallander war 44 Jahre alt. Man hielt ihn für einen fähigen Polizisten, hartnäckig und manchmal auch scharfsinnig. An diesem Morgen aber fühlte er nur Wut und einen wachsenden Mißmut. Der Sonntag war ein Tag gewesen, den er am liebsten völlig vergessen wollte.

Eine der Ursachen war sein Vater, der allein in einem Haus im Flachland vor Löderup wohnte. Sein Verhältnis zum Vater war immer kompliziert gewesen. Daran hatten die Jahre nichts geändert, weil Kurt Wallander mit wachsendem Unbehagen erkennen mußte, daß er ihm immer mehr zu ähneln begann. Er versuchte, sich sein eigenes Alter wie das des Vaters vorzustellen, und der Gedanke verdarb ihm die Laune. Sollte auch er sein Leben als ein mürrischer und unberechenbarer Greis beschließen? Der plötzlich etwas tun konnte, was reineweg verrückt war.

Am Sonntag nachmittag hatte Kurt Wallander ihn wie gewöhnlich besucht. Sie hatten Karten gespielt und dann draußen auf der Veranda in der Frühlingssonne gesessen und Kaffee getrunken. Ohne Vorwarnung hatte der Vater mitgeteilt, daß er heiraten würde. Kurt Wallander glaubte zunächst, daß er sich verhört habe.

≫Nein≪, hatte er gesagt. ≫Ich will nicht heiraten.≪

≫Ich spreche nicht von dir≪, antwortete der Vater. ≫Ich spreche von mir.≪

Kurt Wallander hatte ihn mißtrauisch angesehen.

≫Du bist fast achtzig Jahre≪, hatte er gesagt. ≫Du wirst nicht heiraten.≪

≫Ich bin noch nicht tot≪, unterbrach ihn der Vater. ≫Ich mache, was ich will. Frag lieber, wen.≪

Kurt Wallander gehorchte.

≫Wen?≪

≫Kannst du dir doch selbst ausrechnen≪, sagte der Vater. ≫Ich dachte immer, die Polizei wird dafür bezahlt, Schlußfolgerungen zu ziehen?≪

≫Du kennst doch gar keine Gleichaltrige? Du hast doch sonst keinen Umgang?≪

≫Ich kenne eine≪, berichtigte der Vater. ≫Und wer sagt denn, daß man eine Gleichaltrige heiraten muß?≪

Plötzlich erkannte Kurt Wallander, daß es nur eine Möglichkeit gab: Gertrud Anderson, die fünfzigjährige Frau, die dreimal in der Woche kam und für den Vater saubermachte und ihm die Wäsche wusch.

≫Willst du Gertrud heiraten?≪ erkundigte er sich. ≫Hast du sie überhaupt gefragt, ob sie will? Da sind dreißig Jahre Altersunterschied zwischen euch. Wie, glaubst du, solltest du mit einem anderen Menschen zusammenleben können? Das hast du doch nie gekonnt. Nicht einmal mit Mutter ging es gut≪

≫Ich bin verträglicher geworden auf meine alten Tage≪, erklärte der Vater milde.

Kurt Wallander weigerte sich zu glauben, was er hörte. Sein Vater sollte heiraten? ≫Verträglicher geworden auf die alten Tage?≪ Er war unmöglicher als je zuvor.

Dann war es zum Streit gekommen. Zum Schluß hatte der Vater seine Kaffeetasse ins Tulpenbeet geschleudert und sich in das Giebelhaus eingeschlossen, wo er seine Bilder mit immer demselben, sich ständig wiederholenden Motiv malte: Sonnenuntergang in einer Herbstlandschaft, mit oder ohne einem Auerhahn im Vordergrund, ganz nach dem Geschmack des Auftraggebers.

Kurt Wallander war nach Hause gefahren, viel zu schnell. Er mußte das wahnsinnige Unternehmen stoppen. Wie konnte es sein, daß Gertrud, die trotz allem ein Jahr lang beim Vater gearbeitet hatte, nicht einsah, daß es unmöglich war, mit ihm zu leben?

Er hatte den Wagen in der Mariagatan im Zentrum von Ystad geparkt, wo er wohnte, und sich vorgenommen, sofort seine Schwester Kristina in Stockholm anzurufen. Er würde sie bitten, nach Schonen herunterzukommen. Den Vater würde keiner beeinflussen können. Aber vielleicht konnte man Gertrud ein wenig Vernunft beibringen.

Es kam nicht zu dem Anruf bei seiner Schwester. Als er an seine Wohnung kam, die im obersten Stockwerk lag, sah er, daß die Tür aufgebrochen worden war. Ein paar Minuten später konnte er konstatieren, daß die Diebe seine neue Stereoanlage, den CD-Player, alle seine Platten, Fernseher und Video, Uhren und eine Kamera weggeschleppt hatten. Eine ganze Weile saß er wie gelähmt auf einem Stuhl und fragte sich, was er tun sollte. Schließlich rief er seine Arbeitsstelle an und bat darum, mit Martinson, einem der Kriminalinspektoren, sprechen zu dürfen, von dem er wußte, daß er an diesem Sonntag Dienst hatte.

Er mußte lange warten, bis sich Martinson endlich am Telefon meldete. Wallander schätzte, daß er mit einigen Polizisten, die gerade von einer großen Verkehrskontrolle Pause machten, zusammengesessen, Kaffee getrunken und sich mit ihnen unterhalten hatte.

≫Hier ist Martinson. Worum geht es?≪

≫Hier Wallander. Am besten, du kommst her.≪

≫Wohin denn? In dein Zimmer? Ich dachte, du hättest heute frei?≪

≫Ich bin zu Hause. Komm her.≪

Martinson begriff, daß es wichtig war. Er stellte keine weiteren Fragen.

≫Ja≪ sagte er. ≫Ich komme.≪

Der Rest des Sonntags war für die Kriminaltechnik und den Untersuchungsbericht draufgegangen. Martinson, einer der jüngeren Polizisten, mit denen Wallander zu tun hatte, war manchmal sowohl schluderig als auch impulsiv. Aber Wallander arbeitete trotzdem gern mit ihm zusammen, nicht zuletzt, weil er sich oft unerwartet scharfsinnig gezeigt hatte. Als Martinson und der Polizeitechniker endlich gegangen waren, brachte Wallander die Tür äußerst provisorisch wieder in Ordnung.

Nachts hatte er überwiegend wach gelegen und gedacht, daß er die Diebe zusammenschlagen würde, wenn sie ihm irgendwann unter die Finger gerieten. Als er über den Verlust aller seiner Platten fürs erste hinweg war, grübelte er mit wachsender Resignation darüber nach, was er in bezug auf seinen Vater unternehmen sollte.

Im Morgengrauen stand er auf, kochte Kaffee und suchte nach seiner Hausratsversicherung. Am Küchentisch sah er die Papiere durch und versuchte, mit der unbegreiflichen Sprache des Versicherungsunternehmens klarzukommen. Zum Schluß schob er die Papiere beiseite und ging sich rasieren. Als er sich geschnitten hatte, überlegte er, ob er anrufen, sich krank melden und sich dann wieder hinlegen und die Bettdecke über die Ohren ziehen sollte. Aber der Gedanke, sich in der Wohnung aufzuhalten und nicht einmal eine Platte auflegen zu können, war unerträglich.

Jetzt war es halb acht, und er saß in seinem Büro hinter verschlossener Tür. Mit einem Stöhnen zwang er sich, wieder Polizist zu sein, und legte den Hörer auf die Gabel.

Sofort klingelte das Telefon. Es war Ebba, unten aus der Rezeption.

≫Das ist ja unglaublich, dieser Einbruch bei dir≪, sagte sie.

≫Haben sie wirklich alle deine Platten mitgenommen?≪

≫Ein paar 78er haben sie mir dagelassen. Ich dachte, ich könnte sie mir vielleicht heute abend anhören. Wenn ich ein altes Grammophon auftreibe.≪

≫Schrecklich.≪

≫Es ist, wie es ist. Weshalb rufst du an?≪

≫Hier steht ein Mann, der unbedingt mit dir reden will.≪

≫Worüber denn?≪

≫Über jemanden, der verschwunden ist.≪

Wallander betrachtete den Aktenstapel auf seinem Schreibtisch.

≫Kann Svedberg das nicht übernehmen?≪

≫Svedberg ist draußen und jagt.≪

≫Wonach denn?≪

≫Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Er ist unterwegs und sucht nach einem Bullenkalb, das von einem Hof bei Mars-vinsholm ausgerissen ist. Es rennt auf der E 14 herum und bringt den Verkehr durcheinander.≪

≫Darum kann sich wohl die Verkehrspolizei kümmern? Was ist denn das hier für eine Arbeitsteilung?≪

≫Björk selbst hat Svedberg geschickt.≪

≫Herrgott!≪

≫Also kann ich dir den Mann hier reinschicken, der eine Vermißtenanzeige aufgeben will?≪

Wallander nickte in den Telefonhörer.

≫Meinetwegen.≪

Das Klopfen an der Tür einige Minuten später war so diskret, daß Wallander zunächst nicht sicher war, überhaupt etwas gehört zu haben. Aber als er ≫Hereinl≪ rief, wurde die Tür sofort geöffnet.

Wallander war immer der Meinung gewesen, daß der erste Eindruck von einem Menschen der entscheidende sei.

Der Mann, der Wallanders Büro betrat, war in keiner Beziehung auffällig. Wallander schätzte, daß er ungefähr fünfunddreißig Jahre alt war. Er trug einen dunkelblauen Anzug und eine Brille, das helle Haar war kurz geschnitten.

Gleichzeitig bemerkte Wallander etwas anderes.

Der Mann war offenbar sehr beunruhigt. Es schien, als sei Wallander nicht der einzige gewesen, der eine schlaflose Nacht hinter sich hatte.

Wallander erhob sich und streckte die Hand aus.

≫Kurt Wallander. Kriminalkommissar.≪

≫Ich heiße Robert Akerblom≪ sagte der Mann. ≫Meine Frau ist verschwunden.≪

Wallander war von der Direktheit des Mannes überrascht.

≫Fangen wir mit dem Anfang an≪ sagte er. ≫Setz dich. Leider ist der Stuhl kaputt. Die linke Armlehne löst sich immer. Achte einfach nicht darauf.≪

Der Mann setzte sich.

Plötzlich begann er zu weinen, herzzerreißend, verzweifelt.

Wallander blieb betroffen hinter dem Schreibtisch stehen. Dann beschloß er zu warten. Der Mann auf dem Besucherstuhl beruhigte sich nach einigen Minuten. Er wischte sich das Gesicht ab und schneuzte sich.

≫Ich bitte um Entschuldigung≪, sagte er. ≫Aber Louise muß etwas geschehen sein. Sie würde niemals freiwillig verschwinden.≪

≫Willst du eine Tasse Kaffee?≪ fragte Wallander. ≫Wir können vielleicht auch einen Happen zu essen auftreiben.≪

≫Nein, danke≪, antwortete Robert Akerblom. Wallander nickte und kramte einen Notizblock aus einer Schreibtischschublade. Er verwendete gewöhnliches Schreibpapier, das er auf eigene Kosten im Laden kaufte. Er hatte niemals gelernt, mit der Sturmflut unterschiedlicher Formulare umzugehen, mit der die Reichspolizei das Land überschwemmte. Einmal hatte er daran gedacht, eine Eingabe an die Schwedische Polizei zu schreiben mit dem Vorschlag, daß die, die sich die Vordrucke ausgedacht hatten, auch gleich vorgedruckte Antworten zur Verfügung stellen sollten.

≫Bitte fang mit deinen persönlichen Angaben an≪ hat Wallander.

≫Ich bin Robert Akerblom≪, wiederholte der Mann. ≫Gemeinsam mit meiner Frau Louise betreibe ich Akerbloms Immobilienvermittlung.≪

Wallander nickte, während er schrieb. Er wußte, daß das Geschäft direkt neben dem Kino ≫Saga≪ lag.

≫Wir haben zwei Kinder≪, fuhr Robert Akerblom fort, ≫vier und sieben Jahre alt. Zwei Mädchen. Wir wohnen in einem Reihenhaus, Akarvägen 19. Ich bin hier in der Stadt geboren. Meine Frau kommt aus Ronneby.≪

Er brach ab, holte ein Foto aus der Innentasche des Jacketts und legte es vor Wallander auf den Tisch. Es zeigte eine Frau von alltäglichem Aussehen. Sie lächelte in die Kamera, und Wallander merkte, daß die Aufnahme in einem Atelier gemacht worden war. Er betrachtete ihr Gesicht und dachte, daß es irgendwie zu ihr paßte, Robert Akerbloms Frau zu sein.

≫Das Bild ist erst drei Monate alt≪, sagte Robert Akerblom. ≫Genau so sieht sie aus.≪

≫Und sie ist also verschwunden?≪ fragte Wallander.

≫Am Freitag war sie in der Sparbank in Skurup und schloß ein Immobiliengeschäft ab. Dann wollte sie noch ein Haus besichtigen, das zum Verkauf stand. Ich selbst habe den Nachmittag zusammen mit unserem Wirtschaftsprüfer in seinem Büro verbracht. Bevor ich nach Hause fuhr, ging ich allerdings noch einmal in unser Geschäft zurück. Da hatte sie angerufen und eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, daß sie um fünf zu Hause sein würde. Sie sagte, es sei Viertel nach drei. Seitdem ist sie verschwunden.≪

Wallander runzelte die Stirn. Heute war Montag. Sie war also schon fast drei Tage weg. Drei Tage, mit zwei kleinen Kindern, die zu Hause auf sie warteten.

Wallander fühlte instinktiv, daß es sich hier um kein gewöhnliches Verschwinden handelte. Er wußte, daß die meisten Menschen, die verschwanden, früher oder später wieder auftauchten, und daß es für diese Fälle bald eine natürliche Erklärung gab. Zum Beispiel war es sehr verbreitet, daß Menschen einfach vergaßen zu sagen, daß sie einige Tage oder eine Woche verreisten. Aber er wußte auch, daß relativ wenige Frauen ihre Kinder verließen. Und das beunruhigte ihn.

Er machte sich einige Aufzeichnungen auf seinem Notizblock ≫Ist die Mitteilung auf dem Anrufbeantworter erhalten geblieben?≪ fragte er.

≫Ja≪, antwortete Robert Akerblom. ≫Aber ich habe nicht daran gedacht, die Kassette mitzubringen.≪

≫Das klären wir später≪, sagte Wallander. ≫War zu hören, von wo aus sie anrief?≪

≫Vom Autotelefon aus.≪ Wallander legte seinen Stift auf den Tisch und betrachtete den Mann auf dem Besucherstuhl. Seine Unruhe wirkte durch und durch echt.

≫Du hast keine denkbare Erklärung für ihr Fernbleiben?≪ fragte Wallander.

≫Nein.≪

≫Sie kann nicht bei Freunden zu Besuch sein?≪

≫Nein.≪

≫Verwandte?≪

≫Nein.≪

≫Es gibt keine andere Möglichkeit, die dir einfällt?≪

≫Nein.≪

≫Ich hoffe, du bist mir nicht böse, wenn ich eine persönliche Frage stelle?≪

≫Wir haben uns nie gestritten. Wenn das die Frage war?≪

Wallander nickte.

≫Das war es, wonach ich fragen wollte≪ bestätigte er.

Er begann noch einmal von vorn.

≫Du sagst, sie ist am Freitag nachmittag verschwunden. Trotz- dem hast du drei Tage gewartet, bis du zu uns gekommen bist?≪

≫Ich wagte es nicht.≪

Wallander sah ihn erstaunt an.

≫Zur Polizei zu gehen, hieße zu akzeptieren, daß etwas Furchtbares geschehen ist≪ fuhr Robert Akerblom fort. ≫Deshalb wagte ich es nicht.≪

Wallander nickte langsam. Er verstand sehr gut, was Robert Akerblom meinte.

≫Du warst natürlich unterwegs und hast nach ihr gesucht≪ , forschte er weiter.

Robert Akerblom nickte.

≫Was hast du noch unternommen?≪ erkundigte sich Wallandier, während er wieder begann, sich Aufzeichnungen zu machen.

≫Ich habe zu Gott gebetet≪, antwortete Robert Akerblom einfach.

Wallander unterbrach sein Gekritzel.

≫Zu Gott gebetet?≪

≫Meine Familie gehört zur Methodistenkirche. Gestern haben wir mit der gesamten Gemeinde und Pastor Tureson dafür gebetet, daß Louise nichts Böses geschehen sein mag.≪

Wallander spürte, wie sich in seinem Magen etwas drehte. Vor dem Mann auf dem Besucherstuhl versuchte er seine Unruhe zu verbergen.

Eine Mutter zweier Kinder, die einer freikirchlichen Gemeinde angehört, dachte er. So eine verschwindet nicht von selbst. Wenn sie nicht gerade von akuter Geistesverwirrung geplagt wird. Oder religiösen Grübeleien. Eine Mutter zweier Kinder läuft kaum in den Wald hinaus und nimmt sich das Leben. Das kommt vor, aber sehr selten.

Wallander wußte, was das bedeutete.

Entweder war ein Unglück geschehen. Oder Louise Akerblom war Opfer eines Verbrechens geworden.

≫Du hast natürlich die Möglichkeit in Betracht gezogen, daß ein Unglück geschehen sein kann≪, sagte er.

≫Ich habe jedes Krankenhaus in Schonen angerufen≪, antwortete Robert Akerblom. ≫Sie ist nirgends eingeliefert worden. Außerdem würde sich ein Krankenhaus wohl von selbst melden, wenn etwas geschehen wäre. Louise hatte immer ihre Ausweiskarte bei sich.≪

≫Was für einen Wagen fährt sie?≪ fragte Wallander.

≫Einen Toyota Corolla. Baujahr 1990. Dunkelblau. Die Nummer ist MHL 449.≪

Wallander schrieb mit.

Dann begann er noch einmal von vorn. Methodisch ging er im Detail durch, was Robert Akerblom über die Pläne seiner Frau für Freitag, den 24. April, nachmittags, wußte. Sie schauten sich alles auf der Karte an, und Wallander spürte, wie das Unbehagen in ihm wuchs.

Um Gottes willen, nicht noch einen Frauenmord am Hals, dachte er. Alles, nur das nicht.

Viertel vor elf legte Wallander den Stift beiseite.

≫Es gibt keinen Anlaß, nicht zu glauben, daß Louise Akerblom wieder auftauchen wird≪, sagte er und hoffte, daß seine Zweifel nicht zu hören sein würden. ≫Aber wir werden natürlich auch deine Anzeige ernst nehmen.≪

Robert Akerblom war auf dem Stuhl zusammengesunken. Wallander befürchtete, er würde wieder beginnen zu weinen. Der Mann in seinem Büro tat ihm plötzlich unendlich leid. Am liebsten hätte er ihn trösten wollen. Aber wie hätte er das tun können, ohne zu offenbaren, wie besorgt er war?

Er stand auf.

≫Ich würde gern ihre Telefonnachricht hören≪, sagte er. ≫Dann werden wir nach Skurup fahren und die Bank aufsuchen. Übrigens, hast du zu Hause jemanden, der dir mit den Mädchen helfen kann?≪

≫Ich brauche keine Hilfe≪, sagte Robert Akerblom. ≫Ich schaffe das selbst. Was, glaubst du, ist mit Louise geschehen?≪

≫Ich glaube erst mal gar nichts≪, antwortete Wallander. ≫Nur, daß sie bald wieder zu Hause ist.≪

Ich lüge, dachte er.

Ich glaube nicht. Ich hoffe.

Wallander fuhr hinter Robert Akerblom her in die Stadt. Sofort nachdem er die Nachricht auf dem Anrufbeantworter abgehört und in ihre Schreibtischschubladen geschaut hatte, würde er zum Polizeigebäude zurückfahren und mit Björk sprechen. Auch wenn es bestimmte festgeschriebene Handlungsabläufe dafür gab, wie die Suche nach verschwundenen Personen abzulaufen hatte, wollte Wallander so schnell wie möglich alle erreichbaren Kräfte zur Verfügung haben. Louise Akerbloms Verschwinden wies von Anfang an auf ein Verbrechen hin.

Akerbloms Immobilienvermittlung war in einem ehemaligen Kolonialwarengeschäft untergebracht. Wallander erinnerte sich an den Laden aus seinen ersten Jahren in Ystad, wohin er als junger Polizist aus Malmö gekommen war. In dem alten Verkaufsraum standen zwei Schreibtische sowie Schaukästen mit Fotografien und Beschreibungen verschiedener Immobilien. Auf einem Tisch, der von Besucherstühlen umstellt war, lagen Aktenordner, wo Interessenten sich in die Anatomie der verschiedenen Objekte vertiefen konnten. An der Wand hingen zwei Generalstabskarten, mit verschiedenen farbigen Stecknadeln gespickt. Hinter dem eigentlichen Büro gab es eine kleine Kochnische.

Sie hatten das Haus vom Hof aus betreten. Trotzdem war Wallander das handgemalte Schild am zur Straße hin gelegenen Kundeneingang nicht entgangen: Heute geschlossen.

≫Welcher Schreibtisch ist deiner?≪ fragte Wallander.

Robert Akerblom zeigte auf ihn mit dem Finger. Wallander setzte sich auf den Stuhl vor den anderen Schreibtisch. Abgesehen von einem Kalender, einer Fotografie der Töchter, einigen Aktenordnern und einem Schreibtischset, war er leer. Wallander hatte den Eindruck, daß er erst kürzlich abgewischt worden war.

≫Wer macht hier sauber?≪ fragte er.

≫Wir haben eine Putzfrau, die dreimal in der Woche kommt≪ , antwortete Robert Akerblom. ≫Aber wir pflegen täglich selbst Staub zu wischen und die Papierkörbe zu leeren.≪

Wallander nickte. Dann sah er sich im Zimmer um. Ihm fiel bis auf ein kleines Kruzifix neben der Tür zur Küche nichts Ungewöhnliches auf.

Dann nickte er in Richtung des Anrufbeantworters.

≫Es geht gleich los≪, sagte Robert Akerblom. ≫Es war der einzige Anruf nach drei Uhr am Freitag nachmittag.≪

Der erste Eindruck ist entscheidend, dachte Wallander wieder. Jetzt aufgepaßt!

≫Hej! Ich schau mir nur noch ein Haus bei Krageholm an. Dann fahre ich nach Ystad. Es ist jetzt Viertel nach drei. Um fünf bin ich zu Hause.≪

Fröhlich, dachte Wallander. Sie klingt eifrig und fröhlich. Nicht bedroht, nicht ängstlich.

≫Noch einmal≪, bat Wallander. ≫Aber zuerst möchte ich hören, was du selbst auf dem Band mitteilst. Wenn es noch drauf ist?≪

Robert Akerblom nickte, ließ das Band zurücklaufen und drückte auf einen Knopf.

≫Guten Tag. Hier Akerbloms Immobilienvermittlung. Leider sind wir gerade geschäftlich unterwegs. Aber ab Montag morgen, acht Uhr haben wir wieder geöffnet. Sie können nach dem folgenden Signal gern eine Mitteilung hinterlassen oder ein Telefax senden. Vielen Dank für Ihren Anruf.≪

Wallander konnte hören, daß Robert Akerblom Hemmungen gehabt hatte, in das Mikrofon des Anrufbeantworters zu sprechen. Seine Stimme klang gepreßt.

Dann ließ er sich Louise Akerbloms Mitteilung noch einmal verspielen. Wieder und wieder mußte der Mann das Band zurückspulen.

Wallander versuchte, eine Botschaft herauszuhören, die sich hinter den Worten verbarg. Er hatte keine Ahnung, worum es sich dabei handeln konnte. Trotzdem suchte er. Als er das Band etwa zehnmal gehört hatte, nickte er Robert Akerblom zu, daß er nun genug hatte.

≫Ich muß die Kassette leider mitnehmen≪ sagte er. ≫Im Labor können wir die Hintergrundgeräusche verstärken.≪

Robert Akerblom nahm die kleine Kassette aus dem Gerät und reichte sie Wallander.

≫Du könntest mir einen Gefallen tun, während ich mir ihre Schreibtischschubladen vornehme≪, sagte Wallander. ≫Schreib mir bitte alles auf, was sie am Freitag getan hat. Wen sie treffen wollte, und wo. Notier bitte auch, welchen Weg sie gefahren ist oder gefahren sein könnte. Und die Uhrzeiten dazu. Und dann brauche ich noch eine genaue Beschreibung, wo das Haus liegt, das sie sich bei Krageholm ansehen wollte.≪

≫Damit kann ich nicht dienen≪, sagte Robert Akerblom.

Wallander sah ihn fragend an.

≫Louise hat den Anruf der Frau angenommen, die das Haus zum Verkauf angemeldet hat≪, erklärte Robert Akerblom. ≫Erst heute wollte sie die Unterlagen in einer Akte zusammenfassen. Wenn wir die Vermittlung übernommen hätten, wären sie oder ich noch einmal hingefahren und hätten es fotografiert.≪

Wallander dachte einen Augenblick nach.

≫Mit anderen Worten, bisher weiß nur Louise, wo das Haus liegt≪ stellte er fest.

Robert Akerblom nickte.

≫Wann wollte die Anruferin wieder von sich hören lassen?≪ erkundigte sich Wallander.

≫Heute im Laufe des Tages≪, antwortete Robert Akerblom.

≫Deshalb wollte Louise sich das Haus ja noch am Freitag ansehen.≪

≫Wichtig ist, daß du hier bist, wenn sie anruft≪ sagte Wallander. ≫Sag ihr, daß deine Frau das Haus besichtigt hat, heute aber leider krank sei. Bitte sie, dir den Weg noch einmal zu beschreiben, und laß dir ihre Telefonnummer geben. Ruf mich an, sobald sie sich gemeldet hat.≪

Robert Akerblom nickte. Er hatte verstanden. Dann setzte er sich, um aufzuschreiben, worum ihn Wallander gebeten hatte.

Wallander öffnete die Schubladen, eine nach der anderen. Er fand nichts Bemerkenswertes. Keine wirkte geleert. Er hob die grüne Schreibunterlage an. Dort lag ein Rezept für Beefsteaks, aus irgendeiner Zeitschrift herausgerissen. Dann sah er sich die Fotografie der beiden Mädchen an.

Er stand auf und ging in die Küche. An der einen Wand hingen ein Kalender und ein eingerahmtes Bibelzitat. Auf einem Regal stand eine kleine, ungeöffnete Kaffeebüchse. Daneben gab es viele verschiedene Sorten Tee. Er öffnete den Kühlschrank. Darin befanden sich ein Liter Milch und eine angerissene Packung Margarine.

Er dachte an ihre Stimme und was sie auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte. Er war sicher, daß das Auto nicht in Fahrt war, als sie angerufen hatte. Die Stimme hörte sich gleichmäßig an. So hätte sie nicht geklungen, wenn Louise nebenbei auf den Verkehr hätte achten müssen. Bei einer späteren Überprüfung im Polizeilabor sollte sich zeigen, daß er recht gehabt hatte. Außerdem stand fest, daß Louise Akerblom ein vorsichtiger und gesetzestreuer Mensch war. Sie hätte niemals ihr oder das Leben anderer riskiert, indem sie während der Fahrt telefonierte.

Wenn die Zeitangaben stimmen, ist sie in Turup, dachte Wallander. Sie hat ihre Angelegenheiten in der Bank erledigt und wird gleich nach Krageholm fahren. Aber erst will sie ihren Mann anrufen. Sie ist zufrieden, daß es in der Bank so gut gelaufen ist. Außerdem ist es ein Freitagnachmittag, und der Arbeitstag ist zu Ende. Und das Wetter ist schön. Sie hat jeden Grund, glücklich zu sein. Wallander ging zurück, setzte sich wieder an ihren Schreibtisch und blätterte in dem Kalender, der auf der Arbeitsplatte lag. Robert Akerblom reichte ihm einen Zettel, auf dem er alles wie von Wallander gewünscht notiert hatte.

≫Eine Frage habe ich jetzt noch≪, sagte Wallander. ≫Eigentlich ist es gar keine Frage. Aber es ist wichtig. Was ist Louise für ein Mensch, ich meine, neigt sie zu gewissen Stimmungen?≪

Er achtete darauf, in der Gegenwart zu sprechen, als sei nichts geschehen. In seinen Gedanken aber war Louise Akerblom bereits ein Mensch, den es nicht mehr gab.

≫Alle mögen sie≪ antwortete Robert Akerblom einfach. ≫Sie ist ausgeglichen, lacht oft, findet schnell Kontakt zu anderen. Eigentlich meint sie, daß es schwer sei, Geschäfte zu machen. Wenn es um Geld und komplizierte Verhandlungen geht, überläßt sie mir den Fall. Sie ist leicht gerührt. Und aufgeregt. Sie nimmt Anteil an den Problemen anderer Menschen.≪

≫Hat sie irgendeine spezielle Eigenheit?≪ .

≫Eigenheit?≪

≫Wir haben alle unsere Macken≪, erklärte Wallander.

Robert Akerblom dachte nach.

≫Nicht, daß ich wüßte≪, sagte er dann.

Wallander nickte und erhob sich. Es war schon Viertel vor zwölf. Er wollte noch mit Björk sprechen, bevor dieser zum Essen nach Hause fahren würde.

≫Ich melde mich später wieder, am Nachmittag≪, sagte er. ≫Mach dir nicht zu viele Gedanken. Überlege, ob du etwas vergessen hast, was ich wissen sollte.≪

Wallander verließ das Haus auf demselben Weg, wie er gekommen war.

≫Was ist geschehen?≪ fragte Robert Akerblom, als sie sich die Hand gaben.

≫Vermutlich gar nichts≪, antwortete Wallander. ≫Alles hat sicher seine natürliche Erklärung.≪ ’

Wallander traf Björk, als dieser gerade auf dem Weg nach Hause war. Wie immer wirkte er gehetzt. Wallander hatte den Eindruck, daß sein Chef um seinen Job auch nicht zu beneiden war.

≫Tut mir leid, das mit dem Einbruch≪, sagte Björk und zog ein mitfühlendes Gesicht. ≫Ich hoffe, die Zeitungen schreiben nicht darüber. Das würde keinen guten Eindruck machen, wenn herauskäme, daß man bei einem Kriminalkommissar in die Wohnung eingebrochen ist. Unsere Aufklärungsquote ist schlecht. Die schwedische Polizei rangiert ziemlich weit unten in der internationalen Statistik.≪

≫Es ist, wie es ist≪, sagte Wallander. ≫Aber ich muß ein paar Minuten mit dir reden.≪

Sie standen im Korridor vor Björks Büro.

≫Und bitte noch vor dem Mittagessen≪, fügte Wallander hinzu.

Björk nickte, und sie gingen in sein Zimmer.

Wallander erklärte ihm den Sachverhalt und berichtete ausführlich über sein Treffen mit Robert Akerblom.

≫Eine religiöse Mutter zweier Kinder≪ stellte Björk fest, als Wallander geendet hatte. ≫Seit Freitag verschwunden. Klingt nicht gut≪

≫Nein≪, bestätigte Wallander. ≫Das klingt überhaupt nicht gut.≪

Björk sah ihn aufmerksam an.

≫Du vermutest ein Verbrechen?≪

Wallander zuckte die Schultern.

≫Ich weiß nicht. Vielleicht. Aber es ist kein gewöhnliches Verschwinden. Da bin ich sicher. Deshalb Sollten wir von Anfang an umfassende Mittel einsetzen. Nicht nur die gewöhnliche, abwartende Prozedur bei Vermißtenfällen in Gang setzen.≪

Björk nickte.

≫Du hast recht≪, sagte er. ≫Wen willst du haben? Vergiß nicht, daß wir unterbesetzt sind, solange Hanson fort ist. Offensichtlich hat er sich genau zum falschen Zeitpunkt ein Bein gebrochen.≪

≫Martinson und Svedberg≪ antwortete Wallander. ≫Übrigens, hat Svedberg das Bullenkalb gefunden, das auf der E 14 herumrannte?≪

≫Ein Bauer hat es zum Schluß mit einem Lasse eingefangen≪, sagte Björk düster. ≫Svedberg verrenkte sich den Fuß, als er in einen Entwässerungsgraben stürzte. Aber er ist im Dienst.≪

Wallander stand auf.

≫Ich fahre jetzt nach Skurup. Wir sollten uns um halb fünf treffen und zusammentragen, was wir haben. Aber die Fahndung nach ihrem Auto muß sofort beginnen.≪

Er legte einen Zettel auf Björks Tisch.

≫Toyota Corolla≪ sagte Björk. ≫Ich werde mich darum kümmern.≪

Wallander fuhr von Ystad nach Skurup. Weil er Zeit zum Nachdenken brauchte, trödelte er die Uferstraße entlang.

Es war windig geworden. Wolkenfetzen jagten über den Himmel. Er sah eine Fähre von Polen, die gerade in den Hafen einlief.

Als er nach Mossby Strand kam, fuhr er zu dem verlassenen Parkplatz hinunter und hielt an dem verrammelten Kiosk. Er blieb im Wagen sitzen und dachte an das vergangene Jahr, als an dieser Stelle ein Schlauchboot mit zwei toten Männern an Land gespült worden war. Er dachte an die Frau, Baiba Liepa, die er in Riga getroffen hatte. Er dachte daran, daß er sie immer noch nicht vergessen konnte, obwohl er es versucht hatte.

Nach einem Jahr dachte er immer noch ständig an sie.

Was er am wenigsten gebrauchen konnte, war gerade jetzt ein Frauenmord. Er brauchte Ruhe.

Er dachte an den Vater, der heiraten wollte. An den Einbruch und die Plattensammlung, die weg war. Es war, als hätte ihm jemand einen wichtigen Teil seines Lebens gestohlen.

Er dachte an seine Tochter Linda, die in Stockholm eine Volkshochschule besuchte, und zu der er, wie er meinte, langsam den Kontakt verlor.

Es war zuviel auf einmal.

Er stieg aus dem Auto, zog den Reißverschluß der Jacke hoch und lief zum Strand hinunter. Die Luft war kalt, und er fröstelte.

Im Kopf ging er noch einmal durch, was Robert Akerblom ihm berichtet hatte. Wieder prüfte er verschiedene Theorien. Konnte es trotz allem eine natürliche Erklärung geben? Hatte sie vielleicht Selbstmord begangen? Er dachte an ihre Stimme am Telefon. ihren Eifer.

Kurz vor eins verließ Kurt Wallander den Strand und fuhr in Richtung Skurup weiter.

Sein Entschluß stand fest.

Jetzt war er sicher, daß Louise Akerblom tot war.

Kapitel 3

3

Kurt Wallander wurde von einem immer wiederkehrenden Alptraum geplagt, den er, wie er vermutete, mit vielen Menschen teilte. Er träumte, daß er einen Bankraub beging, der die Welt in Erstaunen versetzen würde. In diesem Traum fragte er sich auch, wieviel Geld eigentlich für gewöhnlich in einer normalen Bankfiliale verwahrt wurde. Weniger als man glaubte? Aber mehr als genug? Wie er genau vorgehen sollte, wußte er nicht. Aber der Traum vom Bankraub kam ständig wieder.

Bei dem Gedanken lächelte er vor sich hin. Aber das Lächeln erstarb bald wieder, es bereitete ihm ein schlechtes Gewissen.

Er war sicher, daß sie Louise Akerblom niemals lebendig wiederfinden würden. Er hatte keine Beweise, keinen Tatort, kein Opfer. Er hatte absolut nichts. Dennoch wußte er es.

Immer wieder mußte er an die Fotografie der beiden Mädchen denken.

Wie erklärt man, was nicht zu erklären ist, dachte er. Und wie kann Robert Akerblom weiter zu seinem Gott beten, der ihn und seine beiden Kinder so grausam im Stich gelassen hat?

Wallander schlenderte durch den Schalterraum der Sparbank in Skurup und wartete auf den Bankangestellten, der Louise Akerblom am Freitag nachmittag bei dem Immobiliengeschäft assistiert hatte. Er war gerade beim Zahnarzt. Zuvor hatte Wallander mit dem Bankdirektor Gustav Hallden gesprochen, dem er bei anderer Gelegenheit schon einmal begegnet war. Er hatte ihm frei heraus gesagt, daß er Hinweise im Zusammenhang mit dem Verschwinden einer Frau benötigte. Aber gleichzeitig bat er Hallden, die Angelegenheit vertraulich zu behandeln.

≫Wir wissen ja nicht sicher, ob etwas Ernstes geschehen ist≪ , hatte Wallander erklärt.

≫Ich verstehe≪, antwortete Hallden. ≫Ihr glaubt nur, daß etwas geschehen ist.≪

Wallander nickte. Genau so war es. Aber wie sollte man sie eigentlich bestimmen, die Grenze zwischen Glauben und Wissen?

Er wurde in seinen Gedanken unterbrochen, als ihn jemand ansprach.

≫Sie wollten mich sprechen?≪ Die Stimme des Mannes hinter seinem Rücken klang unsicher.

Wallander drehte sich um.

≫Filialleiter Moberg?≪ fragte er.

Der Mann nickte. Er war jung, erstaunlich jung, jedenfalls gemessen an den Vorstellungen Wallanders, wie alt ein Filialleiter sein sollte. Aber es war etwas anderes, das sofort seine Aufmerksamkeit erregte.

Die eine Wange des Mannes war auffällig geschwollen.

≫Es fällt mir immer noch schwer zu sprechen≪ nuschelte Filialleiter Moberg.

Wallander verstand nicht, was der Mann sagte.

≫Besser zu warten≪, wiederholte er. ≫Es ist vielleicht besser zu warten, bis die Betäubung nachläßt?≪

≫Versuchen wir es trotzdem≪ schlug Wallander vor. ≫Ich habe leider nicht viel Zeit. Wenn es beim Sprechen nicht allzu weh tut?≪

Filialleiter Moberg schüttelte den Kopf und wies den Weg in einen kleinen Versammlungsraum, der im hinteren Teil der Bankhalle gelegen war.

≫Hier haben wir gesessen≪, erklärte Filialleiter Moberg. ≫Sie sitzen auf Louise Akerbloms Platz. Hallden sagte, daß es um sie geht. Ist sie verschwunden?≪

≫Sie ist als vermißt gemeldet≪, sagte Wallander. ≫Vermutlich ist sie nur bei Freunden zu Besuch und hat vergessen, zu Hause Bescheid zu sagen.≪

An Filialleiter Mobergs geschwollenem Gesicht konnte er sehen, daß dieser seine Zurückhaltung mit großer Skepsis aufnahm. Natürlich, dachte Wallander. Verschwundene Menschen sind verschwunden. Man kann nicht halb verschwunden sein.

≫Was wollen Sie wissen?≪ fragte Filialleiter Moberg und trank ein Glas Wasser aus der Karaffe auf dem Tisch.

≫Was am Freitag nachmittag geschah≪, sagte Wallander. ≫Im Detail. Uhrzeit, was sie sagte, was sie tat. Ich brauche auch die Namen des Verkäufers und der Käufer des Hauses, falls ich sie später befragen muß. Kannten Sie Louise Akerblom von früher?≪

≫Ich habe sie bei verschiedenen Gelegenheiten getroffen≪, antwortete Filialleiter Moberg. ≫Wir haben bei insgesamt vier Immobiliengeschäften miteinander zu tun gehabt.≪

≫Berichten Sie, was am Freitag geschah.≪

Filialleiter Moberg zog seinen Taschenkalender aus dem Jackett hervor.

≫Wir hatten uns für Viertel nach zwei verabredet≪, sagte er. ≫Louise kam einige Minuten zeitiger. Wir wechselten ein paar Worte über das Wetter.≪

≫Wirkte sie gespannt oder unruhig?≪ fragte Wallander.

Moberg dachte nach, bevor er antwortete.

≫Nein≪, sagte er. ≫Im Gegenteil, sie schien fröhlich zu sein. Früher hatte ich sie trocken und zugeknöpft erlebt. Aber nicht am Freitag.≪

Wallander nickte ihm zu, er möge fortfahren.

≫Die Kunden kamen, eine junge Familie Nilson. Und der Verkäufer, ein Repräsentant einer Erbengemeinschaft in Sövde. Wir setzten uns hier an den Tisch und gingen die ganze Prozedur durch. Dabei gab es nichts Ungewöhnliches. Alle Papiere waren in Ordnung. Grundbucheintragungen, Hypotheken, Darlehen, ein Wechsel. Es ging sehr schnell. Dann trennten wir uns. Ich nehme an, alle wünschten einander ein schönes Wochenende. Aber daran erinnere ich mich nicht.≪

≫Hatte Louise Akerblom es eilig?≪

Filialleiter Moberg dachte nach.

≫Vielleicht. Das ist möglich. Aber ich bin nicht sicher. Etwas anderes dagegen weiß ich bestimmt.≪

≫Was?≪

≫Sie ging nicht direkt zu ihrem Auto.≪

Filialleiter Moberg wies auf das Fenster, das auf einen kleinen Parkplatz hinausging.

≫Das ist der Parkplatz der Bank. Ich sah, daß sie den Wagen dort abstellte, als sie kam. Als sie die Bank verließ, dauerte es aber eine Weile, bis sie abfuhr. Ich war hier drinnen sitzen geblieben und telefonierte. Deshalb konnte ich sie beobachten. Ich glaube, sie hatte eine Tüte in der Hand, als sie zum Auto kam. Außer ihrer Handtasche.≪

≫Eine Tüte?≪ erkundigte sich Wallander. ≫Wie sah die aus?≪

Filialleiter Moberg zuckte die Schultern. Wallander merkte, daß die Betäubung nachzulassen begann. ≫Wie eine Tüte eben aussieht. Ich glaube, es war eine Papiertüte. Keine aus Plastik.≪

≫Und dann fuhr sie los?≪

≫Vorher rief sie über das Autotelefon jemanden an.≪

Ihren Mann, dachte Wallander. Soweit stimmt alles.

≫Es war kurz nach drei≪, fuhr Filialleiter Moberg fort. ≫Ich hatte den nächsten Termin halb vier und mußte mich vorbereiten. Mein eigenes Telefongespräch zog sich in die Länge.≪

≫Konnten Sie sehen, wie sie losfuhr?≪

≫Da war ich wohl schon wieder in meinem Büro.≪

≫So sahen Sie sie zuletzt, als sie in das Autotelefon sprach?≪

Moberg nickte.

≫Was für einen Wagen fuhr sie?≪

≫Ich verstehe nicht viel von Automarken. Aber es war schwarz. Oder vielleicht dunkelblau.≪

Wallander klappte seinen Notizblock zusammen.

≫Wenn Ihnen noch etwas einfällt, möchte ich, daß Sie sich sofort bei mir melden. Alles kann wichtig sein.≪

Wallander verließ die Bank, nachdem er Namen und Telefonnummern des Verkäufers und der Käufer erhalten hatte. Er nahm die Vordertür und blieb auf dem Marktplatz stehen.

Eine Papiertüte, dachte er. Das klingt nach einer Konditorei. Er erinnerte sich an eine Konditorei, die in der Straße lag, die parallel zu den Bahngleisen verlief. Er überquerte den Platz und bog dann nach links ab.

Das Mädchen hinter dem Ladentisch hatte am Freitag gearbeitet. Aber sie erkannte Louise Akerblom nicht wieder, als Wallander ihr die Fotografie zeigte.

≫Es gibt ja noch eine andere Bäckerei≪, sagte sie.

≫Wo liegt die?≪

Das Mädchen erklärte, und Wallander merkte, daß die Entfernung von der Bank ungefähr dieselbe war. Er dankte und verließ den Laden. Nach einigem Suchen entdeckte er die Bäckerei, die links vom Marktplatz lag. Eine ältere Frau erkundigte sich nach seinen Wünschen, als er den Verkaufsraum betrat. Wallander stellte sich vor und reichte die Fotografie über den Ladentisch.

≫Vielleicht erkennen Sie sie wieder. Es könnte sein, daß diese Frau am Freitag kurz nach drei hier bei Ihnen war.≪

Die Verkäuferin holte sich ihre Brille und studierte das Bild aufmerksam.

≫Ist etwas passiert≪ fragte sie neugierig. ≫Wer ist das?≪

≫Beantworten Sie bitte nur meine Frage≪ sagte Wallander freundlich.

Die Frau nickte.

≫Ich erinnere mich an sie. Ich glaube, sie kaufte ein wenig Gebäck. Ja, daran erinnere ich mich genau. Blätterteig. Und ein Brot.≪

Wallander dachte nach.

≫Wieviel Gebäckstücke?≪

≫Vier. Ich erinnere mich, ich wollte sie noch in einen Karton packen. Aber sie sagte, es würde reichen mit einer Tüte. Sie schien es eilig zu haben.≪

Wallander nickte.

≫Sahen Sie, wohin sie ging, als sie das Geschäft verließ?≪

≫Nein. Da waren noch andere Kunden, die warteten.≪

≫Danke≪, sagte Wallander. ≫Sie haben mir sehr geholfen.≪

≫Was ist denn eigentlich passiert?≪ fragte die Frau.

≫Nichts≪, antwortete Wallander. ≫Reine Routine.≪

Er verließ das Geschäft und ging zur Rückseite der Bank, wo Louise Akerblom ihr Auto abgestellt hatte.

Bis hierher und nicht weiter, dachte er. Hier verlieren sich die Spuren. Von hier aus macht sie sich auf den Weg, um ein Haus zu besichtigen, von dem wir immer noch nicht wissen, wo es liegt, nachdem sie auf einem Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen hat. Sie ist guter Laune, sie hat eine Tüte mit Gebäck bei sich und will um fünf zu Hause sein.

Er schaute auf die Uhr. Drei Minuten vor drei. Genau drei Tage, seit sich Louise Akerblom an ebendieser Stelle befunden hatte.

Wallander ging zu seinem Wagen, der an der Vorderseite der Bank geparkt war, schob eine Musikkassette ein, eine der wenigen, die ihm nach dem Einbruch noch verblieben waren, und versuchte sich an einer Zusammenfassung. Placido Domingos Stimme erfüllte das Coupé, und er dachte, daß vier Stück Blätterteiggebäck genau für die vier Mitglieder der Familie Akerblom reichten. Dann fragte er sich, ob sie wohl auch vor dem Verzehr von Kuchen ein Tischgebet sprachen. Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man an einen Gott glaubt?

Gleichzeitig hatte er eine Idee. Ein Gespräch würde er noch führen können, bevor sie sich im Polizeigebäude versammelten, um den Fall durchzugehen.

Was hatte Robert Akerblom gesagt?

Pastor Tureson?

Wallander ließ den Motor an und fuhr in Richtung Ystad. Als er die E 14 erreichte, hielt er sich genau an die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit. Er rief Ebba in der Rezeption des Polizeigebäudes an und bat sie, Pastor Turesons Telefonnummer herauszusuchen und ihm mitzuteilen, daß Wallander ihn in Kürze treffen wollte. Pastor Tureson hielt sich in der Methodistenkirche auf und würde Wallander gern empfangen, lautete die Antwort.

≫Es schadet überhaupt nichts, wenn du von Zeit zu Zeit eine Kirche besuchst≪, scherzte Ebba.

Wallander fielen die Nächte ein, die er vor einem Jahr mit Baiba Liepa in einer Kirche in Riga verbracht hatte. Aber er sagte nichts. Auch wenn er wollte, jetzt hatte er keine Zeit, an sie zu denken.

Pastor Tureson war ein älterer Mann, groß und stark, mit buschigen weißen Haaren. Wallander spürte einen kräftigen Händedruck, als sie sich begrüßten.

Der Kirchenraum war einfach. Wallander hatte nicht das erdrückende Gefühl, das ihn oft ankam, wenn er eine Kirche betrat.

Sie setzten sich auf Sprossenstühle, die vorn am Altartisch standen.

≫Ich habe Robert vor einigen Stunden angerufen≪, sagte Pastor Tureson. ≫Armer Mann, er ist ganz verstört. Haben Sie sie immer noch nicht gefunden?≪

≫Nein≪, antwortete Wallander.

≫Ich verstehe nicht, was da geschehen sein kann. Es war nicht Louises Art, sich Gefahren auszusetzen.≪ ,

≫Manchmal ist es nicht zu vermeiden≪, sagte Wallander.

≫Was meinen Sie damit?≪

≫Es gibt zwei Sorten Gefahren. Der einen setzt man sich aus. Der anderen ist man ausgesetzt. Das ist nicht dasselbe.≪

Der Pastor machte eine resignierende Handbewegung. Seine Unruhe wirkte echt, sein Mitgefühl mit dem Mann und den Töchtern aufrichtig.

≫Erzählen Sie von ihr≪, bat Wallander. ≫Wie war sie? Kennen Sie sie schon lange? Wie war die Familie Akerblom?≪

Pastor Tureson sah Wallander ernst an.

≫Sie stellen mir Fragen, als ob es schon vorbei wäre.≪

≫Das ist eine schlechte Angewohnheit≪, entschuldigte sich Wallander. ≫Ich meine natürlich, daß Sie mir erzählen sollen, wie sie ist.≪

≫Ich bin jetzt seit fünf Jahren Pastor dieser Gemeinde≪, begann Tureson. ≫Wie Sie hören können, komme ich ursprünglich aus Göteborg. Die Familie Akerblom ist die ganze Zeit über Mitglied dieser Kirche gewesen. Beide stammen aus Methodistenfamilien, sie haben sich durch die Kirche getroffen. Und nun lassen sie ihre Kinder im rechten Glauben heranwachsen. Robert und Louise sind tüchtige Menschen. Arbeitsam, sparsam, großzügig. Es ist schwer, sie auf andere Art zu beschreiben. Es ist überhaupt schwer, von ihnen als einzelnen Personen zu sprechen. Sie gehören zusammen. Die Gemeindemitglieder sind bestürzt darüber, daß sie verschwunden ist. Das fühlte ich bei unserer gemeinsamen Fürbitte gestern.≪

Die perfekte Familie. Kein Riß in der Mauer, dachte Wallander. Ich kann mit tausend Leuten sprechen, und alle werden mir dasselbe erzählen. Louise Akerblom hat keine Schwächen, absolut keine. Die einzige Besonderheit: Sie ist verschwunden. Da stimmt etwas nicht. Nichts stimmt.

≫Woran denken Sie, Herr Kommissar?≪ erkundigte sich Pastor Tureson.

≫Ich denke an Schwäche≪ antwortete Wallander. ≫Ist das nicht ein grundlegender Zug in allen Religionen? Daß Gott uns helfen wird, unsere Schwäche zu überwinden?≪

≫Ganz recht.≪

≫Mir scheint es nun aber, als habe Louise Akerblom keine Schwächen gehabt. Ihr Bild ist so perfekt, daß ich beinahe mißtrauisch werde. Gibt es wirklich Menschen, die so durch und durch gut sind?≪

≫Louise ist ein solcher Mensch≪, erwiderte Pastor Tureson.

≫Sie gleicht beinahe einem Engel?≪

≫Nicht richtig≪ sagte Pastor Tureson. ≫Ich erinnere mich, daß sie einmal Kaffee für den Gemeindeabend kochte. Sie verbrühte sich die Finger. Ich konnte hören, wie sie tatsächlich fluchte.≪

Wallander versuchte es noch einmal von vorn.

≫Es ist unmöglich, daß es zwischen ihr und ihrem Mann ein Zerwürfnis gab?≪ fragte er.

≫Absolut unmöglich≪, antwortete Pastor Tureson.

≫Kein anderer Mann?≪

≫Natürlich nicht. Ich hoffe, Sie stellen diese Frage nicht Robert.≪

≫Kann sie von religiösen Zweifeln geplagt sein?≪

≫Das halte ich für ganz ausgeschlossen. Davon hätte ich gewußt.≪

≫Kann sie einen Grund gehabt haben, Selbstmord zu begehen?≪

≫Nein.≪

≫Kann eine akute Sinnesverwirrung sie ergriffen haben?≪

≫Warum? Sie ist ein durch und durch harmonischer Mensch.≪

≫Die meisten Menschen haben Geheimnisse≪, sagte Wallander nach einer Pause. ≫Können Sie sich vorstellen, daß Louise Akerblom ein Geheimnis hat, das sie mit niemandem teilt, nicht einmal mit ihrem Mann?≪

Pastor Tureson schüttelte den Kopf.

≫Gewiß, alle Menschen haben Geheimnisse≪ antwortete er. ≫Oft sehr dunkle Geheimnisse. Aber ich bin überzeugt davon, daß Louise keines hat, das sie dazu bringen könnte, ihre Familie zu verlassen und diese ganze Unruhe auszulösen.≪

Wallander hatte keine Fragen mehr.

Es stimmt nicht, dachte er wieder. Etwas an diesem perfekten Bild stimmt nicht.

Er erhob sich und dankte Pastor Tureson.

≫Ich werde mit den anderen Gemeindemitgliedern sprechen. Falls Louise nicht zurückkehrt.≪

≫Sie muß kommen≪, sagte Pastor Tureson. ≫Alles andere ist unmöglich.≪

Es war fünf nach vier, als Wallander die Methodistenkirche verließ. Es hatte angefangen zu regnen, und er fröstelte im Wind. Im Auto blieb er einen Moment sitzen und fühlte, daß er müde war. Es war, als hielte er den Gedanken nicht aus, daß zwei kleine Mädchen ihre Mutter verloren haben sollten.

Punkt halb fünf waren sie in Björks Zimmer im Polizeigebäude versammelt. Martinson lümmelte auf dem Sofa, Svedberg lehnte sich gegen die Wand. Wie immer kratzte er sich die Glatze und schien zerstreut nach den verschwundenen Haaren zu suchen. Wallander hatte auf einem Holzstuhl Platz genommen. Björk stand über den Schreibtisch gebeugt und führte ein Telefongespräch. Schließlich legte er den Hörer auf und gab Ebba Bescheid, daß sie in der nächsten halben Stunde nicht gestört werden wollten. Außer, wenn es Robert Akerblom wäre.

≫Was haben wir?≪ begann Björk. ≫Wo wollen wir anfangen?≪

≫Wir haben nichts≪, antwortete Wallander.

≫Ich habe Svedberg und Martinson informiert≪, fuhr Björk fort. ≫Wir haben ihren Wagen zur Fahndung ausgeschrieben. Alles Routinemaßnahmen, die wir ergreifen, wenn wir ein Verschwinden als ernst einschätzen.≪

≫Nicht einschätzen≪, korrigierte Wallander. ≫Es ist ernst. Ginge es um einen Unglücksfall, hätten wir inzwischen irgend etwas erfahren. Haben wir aber nicht. Also handelt es sich um ein Verbrechen. Ich bin leider überzeugt davon, daß sie tot ist.≪

Martinson wollte eine Frage stellen, aber Wallander unterbrach ihn und berichtete statt dessen, was er an diesem Tage unternommen hatte. Er war bemüht, seinen Kollegen begreiflich zu machen, was er selbst eingesehen hatte: Ein Mensch wie Louise Akerblom verschwindet nicht freiwillig und läßt die Familie im Stich. Jemand oder etwas mußte sie davon abgehalten haben, wie per Anrufbeantworter angekündigt, um fünf zu Hause zu sein.

≫Das klingt zweifellos ernst≪, äußerte sich Björk, als Wallander geendet hatte.

≫Immobilienmakler, Freikirche, Familie≪, sagte Martinson. ≫Vielleicht ist es ihr zu viel geworden? Sie kauft beim Bäcker ein und macht sich auf den Heimweg. Plötzlich dreht sie um und fährt statt dessen nach Kopenhagen.≪

≫Wir müssen das Auto finden≪, sagte Svedberg. ≫Das ist die einzige Möglichkeit.≪

≫Vor allem müssen wir das Haus ausfindig machen, das sie besichtigen wollte≪, wandte Wallander ein. ≫Hat Robert Akerblom nicht angerufen?≪

Keiner hatte ein Gespräch entgegengenommen.

≫Wenn sie wirklich zu diesem Haus irgendwo in der Nähe von Krageholm gefahren ist, könnten wir ihrer Spur folgen, bis wir sie gefunden haben oder die Spur endet.≪

≫Peters und Noren haben die Nebenstraßen um Krageholm abgesucht≪, sagte Björk. ≫Aber keinen Toyota Corolla gefunden. Dafür einen gestohlenen Lastwagen.≪

Wallander holte die Kassette aus dem Anrufbeantworter hervor. Nach einigem Suchen gelang es ihnen, ein passendes Abspielgerät aufzutreiben. Sie standen im Kreis um den Schreibtisch und lauschten der Stimme Louise Akerbloms.

≫Das Band muß untersucht werden≪ sagte Wallander. ≫Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, was die Techniker noch finden könnten, aber auf alle Fälle.≪

≫Eines ist klar≪, sagte Martinson. ≫Als sie diese Mitteilung gesprochen hat, war sie weder bedroht noch gezwungen, ängstlich oder unruhig, verstört oder unglücklich.≪

≫Also ist etwas geschehen≪, sagte Wallander. ≫Zwischen drei Uhr und fünf Uhr. Irgendwo zwischen Skurup, Krageholm und Ystad. Vor gut drei Tagen.≪

≫Wie war sie angezogen?≪ erkundigte sich Björk.

Wallander merkte plötzlich, daß er vergessen hatte, ihrem Mann eine der elementarsten Fragen zu stellen. Er gestand sein Versäumnis. ≫Ich glaube trotzdem, daß es eine natürliche Erklärung geben kann≪, sagte Martinson nachdenklich. ≫Es ist, wie du selbst gesagt hast, Kurt. Sie ist nicht der Typ, der freiwillig verschwindet. Überfall und Mord sind nach wie vor selten, trotz allem. Ich meine, wir sollten wie gewohnt arbeiten und nicht in f Hysterie verfallen.≪

≫Ich bin nicht hysterisch≪, sagte Wallander und merkte, daß er wütend wurde. ≫Aber ich weiß, was ich glaube. Gewisse Tatsachen, meine ich, sprechen für sich.≪

Björk wollte gerade eingreifen, als das Telefon klingelte.

≫Ich sagte doch, daß wir nicht gestört werden wollen≪, rief er in den Hörer.

Wallander griff hastig nach dem Hörer.

≫Das kann Robert Akerblom sein. Soll ich nicht lieber mit ihm reden?≪

Er übernahm das Gespräch und nannte seinen Namen.

≫Hier ist Robert Akerblom. Habt ihr Louise gefunden?≪

≫Nein≪, antwortete Wallander. ≫Noch nicht.≪

≫Die Witwe hat inzwischen angerufen≪, teilte Robert Akerblom mit. ≫lch habe eine Karte. Ich werde selbst hinausfahren und suchen.≪

Wallander dachte nach.

≫Fahr mit mir≪, schlug er vor. ≫Das ist gewiß am besten. Ich komme sofort. Kannst du die Karte ein paarmal kopieren? Fünf reichen.≪

≫Ja≪, antwortete Robert Akerblom.

Wallander dachte, daß religiöse Menschen oft sehr gesetzestreu und autoritätsgebunden waren. Niemand hätte Robert Akerblom daran hindern können, loszufahren und seine Frau auf eigene Faust zu suchen.

Wallander ließ den Hörer auf die Gabel fallen.

≫Jetzt haben wir eine Karte≪, teilte er den anderen mit. ≫Wir fangen mit zwei Wagen an. Robert Akerblom will dabeisein. Er kann mit mir fahren.≪

≫Sollen wir nicht ein paar Streifenwagen dazunehmen?≪ fragte Martinson.

≫Dann müßten wir in Kolonne fahren≪, sagte Wallander. ≫Erst sollten wir uns die Karte anschauen und einen Plan machen. Dann können wir alle verfügbaren Wagen losschicken.≪

≫Ruf mich an, wenn sich etwas tut≪ sagte Björk. ≫Hier oder zu Hause.≪

Wallander rannte fast über den Gang. Er hatte es eilig. Er mußte herausbekommen, ob die Spur im Nichts endete. Oder ob Louise Akerblom sich irgendwo da draußen befand.

Sie hatten die Karte, die Robert Akerblom nach der Beschreibung am Telefon angefertigt hatte, auf der Motorhaube von Wallanders Wagen ausgebreitet. Svedberg hatte sie mit einem Taschentuch trockengewischt, denn am frühen Nachmittag war ein Regenschauer niedergegangen.

≫E 14≪, sagte Svedberg. ≫Bis zur Abfahrt Katslösa und Kadesjö. Nach links Richtung Knickarp, dann nach rechts, wieder links, und dann nach einem Traktorenweg suchen.≪

≫Nicht so hastig≪, sagte Wallander. ≫Wenn ihr in Skurup gewesen wärt, welchen Weg hättet ihr genommen?≪

Es gab mehrere Alternativen. Nach einer kurzen Diskussion wandte sich Wallander an Robert Akerblom.

≫Was meinst du?≪ fragte er.

≫Ich glaube, Louise hätte eine kleinere Straße genommen≪, antwortete er, ohne zu zögern. ≫Sie mochte die Raserei auf der E 14 nicht. Ich glaube, sie wäre über Svaneholm und Brodda gefahren.≪

≫Auch, wenn sie es eilig hatte? Wenn sie um fünf zu Hause sein wollte?≪

≫Auch dann≪, sagte Robert Akerblom.

≫Ihr nehmt diesen Weg≪, sagte Wallander zu Martinson und Svedberg. ≫Wir fahren direkt zu dem Gehöft hinauf. Wir nehmen Verbindung auf, wenn es notwendig wird.≪

Sie fuhren aus Ystad hinaus. Wallander ließ Martinson und Svedberg vorbei, die die längere Strecke zu bewältigen hatten. Robert Akerblom starrte vor sich hin. Wallander warf ihm hin und wieder einen Blick zu. Er preßte die Hände unruhig gegeneinander, als könne er sich nicht entscheiden, sie zu falten.

Wallander spürte die Spannung im Körper. Aber was konnten sie eigentlich erwarten zu finden?

Er bremste vor der Abzweigung nach Kadesjö, ließ einen Lastwagen vorbei und erinnerte sich daran, daß er denselben Weg eines Morgens vor zwei Jahren gefahren war, als ein älteres Bauernpaar auf einem abgelegenen Hof getötet worden war. Er schauderte bei der Erinnerung und dachte wie so oft an seinen Kollegen Rydberg, der vor einem Jahr gestorben war. Jedesmal, wenn Wallander mit einem Verbrechen konfrontiert war, das außerhalb des Üblichen lag, vermißte er die Erfahrung und den Rat des älteren Kollegen.

Was geht nur vor in unserem Land, dachte er. Wohin mögen all die altmodischen Diebe und Betrüger verschwunden sein? Woher kommt diese ganze sinnlose Gewalt?

Die Karte lag neben der Gangschaltung.

≫Sind wir richtig?≪ fragte er, um das Schweigen im Auto zu brechen.

≫Ja≪, antwortete Robert Akerblom, ohne den Blick von der Straße zu wenden. ≫Hinter dem nächsten Hügelkamm müssen wir links abbiegen.≪

Sie fuhren in den Wald von Krageholm ein. Der See lag zur Linken und schimmerte durch die Bäume. Wallander verlangsamte die Fahrt, und sie hielten Ausschau nach der Abzweigung.

Robert Akerblom entdeckte sie. Wallander war bereits daran vorbeigefahren. Er bremste und hielt an.

≫Bleib im Auto sitzen≪, sagte er. ≫Ich seh’ mich nur mal um.≪

Die Abfahrt war fast zugewachsen. Wallander kniete nieder und entdeckte schwache Abdrücke von Autoreifen. Er spürte Robert Akerbloms Augen im Nacken.

Er ging zum Wagen zurück und rief Martinson und Svedberg an. Sie hatten gerade Skurup erreicht.

≫Wir sind bei der Abzweigung≪ teilte Wallander mit. ≫Vorsicht, wenn ihr abbiegt. Zerstört die Reifenspuren nicht.≪

≫Verstanden≪ antwortete Svedberg. ≫Wir machen uns auf den Weg.≪

Wallander bog vorsichtig in die Ausfahrt ein und vermied es, die Spuren zu kreuzen.

≫Zwei Wagen≪, dachte er. ≫Oder ein und derselbe, der hin- und zurückgefahren ist.≪

Sie schaukelten langsam den zerfahrenen, pfützenbestandenen Weg entlang. Das zum Verkauf stehende Haus sollte einen Kilometer entfernt sein. Zu seiner Verwunderung hatte Wallander auf der Karte gesehen, daß der Hof den Namen Einsamkeit trug.

Nach drei Kilometern endete der Weg. Robert Akerblom schaute verständnislos auf die Karte und dann auf Wallander.

≫Falscher Weg≪, sagte Wallander. ≫Wir können das Haus nicht übersehen haben. Es soll unmittelbar an der Fahrspur liegen. Wir müssen zurückfahren.≪

Als sie die Hauptstraße erreicht hatten, fuhren sie langsam weiter. Nach etwa fünfhundert Metern entdeckten sie die nächste Abfahrt. Wallander wiederholte seine Untersuchung. Im Gegensatz zu dem vorigen Weg gab es hier verschiedene Reifenspuren, die einander kreuzten. Die provisorische Straße schien auch in einem besseren Zustand und häufiger befahren zu sein.

Aber auch hier konnten sie das richtige Haus nicht finden. Zwar sahen sie hinter den Bäumen einen Hof, doch da er mit der Beschreibung überhaupt nicht übereinstimmte, fuhren sie vorbei. Nach vier Kilometern hielt Wallander an.

≫Hast du die Telefonnummer dieser Witwe Wallin bei dir?≪ fragte er. ≫Ich habe den starken Verdacht, daß sie über keinen ausgeprägten Ortssinn verfügt.≪

Robert Akerblom nickte und zog ein kleines Telefonbuch aus der Innentasche. Wallander sah, daß ein Lesezeichen in Form eines Engels zwischen den Seiten lag.

≫Ruf sie an≪, sagte Wallander. ≫Erklär ihr, daß du dich verfahren hast. Bitte sie, die Wegbeschreibung noch einmal zu wiederholen.≪

Es dauerte lange, bis Frau Wallin sich meldete.

Es zeigte sich, daß Frau Wallin tatsächlich nicht sicher war, was die Anzahl Kilometer bis zur Abfahrt betraf.

≫Bitte sie, einen anderen Orientierungspunkt zu benennen≪, sagte Wallander. ≫Es muß doch etwas geben, wonach wir uns richten können. Sonst müssen wir ein Auto schicken und sie holen.≪

Wallander ließ Robert Akerblom mit Frau Wallin sprechen, ohne den Lautsprecher zum Mithören einzuschalten.

≫Eine Eiche, in die der Blitz eingeschlagen hat≪, sagte Robert Akerblom, als das Gespräch beendet war. ≫Kurz vor dem Baum sollen wir abbiegen.≪

Sie fuhren weiter. Nach zwei Kilometern entdeckten sie die Eiche, deren Stamm vom Blitz gespalten war. Hier gab es auch eine Abfahrt, die nach rechts führte. Wallander rief das andere Auto an und gab die Wegbeschreibung durch. Dann stieg er zum dritten Mal aus, um nach Spuren zu suchen. Zu seiner Verwunderung fand er keinerlei Anzeichen, die darauf hindeuteten, daß kürzlich ein Auto hier abgebogen war. Das mußte gar nichts bedeuten, die Reifenspuren konnten vom Regen weggespült worden sein. Trotzdem fühlte er so etwas wie Enttäuschung.

Das Haus befand sich genau an der richtigen Stelle, nach etwa einem Kilometer Fahrt direkt am Weg. Sie hielten an und stiegen aus. Es hatte angefangen zu regnen, der Wind war böig geworden.

Plötzlich rannte Robert Akerblom auf das Haus zu, wobei er mit gellender Stimme nach seiner Frau rief. Wallander blieb am Auto stehen. Das Ganze war so schnell gegangen, daß er völlig überrumpelt worden war. Als Robert Akerblom hinter dem Haus verschwand, eilte er ihm nach.

Kein Wagen, dachte er beim Rennen. Kein Wagen und keine Louise Akerblom.

Als er Robert Akerblorn erreichte, wollte der gerade einen Ziegelstein in ein Fenster auf der Rückseite des Hauses schleudern. Wallander fiel ihm in den Arm.

≫Das lohnt sich nicht≪ sagte Wallander.

≫Vielleicht ist sie da drinnen≪, rief Robert Akerblom.

≫Du sagtest doch, daß sie keine Schlüssel zu diesem Haus besaß≪, gab Wallander zurück. ≫Laß den Stein fallen, dann können wir nachsehen, ob irgendwo eine Tür aufgebrochen ist. Aber eigentlich kann ich dir jetzt schon sagen, daß sie nicht hier ist.≪

Robert Akerblom sank plötzlich auf dem Boden zusammen.

≫Wo ist sie?≪ fragte er. ≫Was ist nur geschehen?≪

Wallander bekam einen Kloß im Hals. Er wußte nicht, was er erwidern sollte. Dann nahm er Robert Akerbloms Arm und half ihm aufzustehen.

≫Wenn du hier sitzen bleibst, wirst du krank≪, sagte er. ≫Jetzt schauen wir uns erst einmal um.≪

Aber es gab keine aufgebrochene Tür. Sie sahen durch die gardinenlosen Fenster in leere Räume. Da war nichts. Als sie das endlich eingesehen hatten, bogen Martinson und Svedberg in den Hof ein.

≫Nichts≪, informierte sie Wallander. Gleichzeitig legte er einen Finger diskret auf den Mund, ohne daß Robert Akerblom es sehen konnte.

Er wollte nicht, daß Svedberg und Martinson anfingen, Fragen zu stellen.

Er wollte nicht sagen, daß Louise Akerblom vermutlich niemals bis zu diesem Hof gekommen war.

≫Bei uns auch nichts≪, sagte Martinson ablenkend. ≫Kein Wagen, nichts.≪

Wallander sah auf die Uhr. Zehn Minuten nach sechs. Er wandte sich an Robert Akerblom und versuchte zu lächeln.

≫Ich glaube, du bist jetzt zu Hause bei deinen Mädchen am nützlichsten≪, sagte er. ≫Svedberg fährt dich nach Hause. Wir Polizisten setzen die Suche systematisch fort. Versuche, dich nicht zu beunruhigen. Sie kommt sicher zurück.≪

≫Sie ist tot≪, sagte Robert Akerblom mit leiser Stimme. ≫Sie ist tot und kommt nie mehr zurück.≪

Die drei Polizisten schwiegen.

≫Nein≪, sagte Wallander schließlich. ≫Es gibt keine Veranlassung zu glauben, daß es so schlimm ausgehen muß. Svedberg fährt dich jetzt heim. Ich verspreche, daß ich dich später anrufen werde.≪

Svedberg fuhr los.

≫Jetzt wird es ernst≪ verkündete Wallander entschlossen. Er spürte, wie die Unruhe in ihm unablässig wuchs.

Sie setzten sich in seinen Wagen. Wallander rief Björk an und forderte, daß sich alle verfügbaren Kräfte mit Fahrzeugen an der zersplitterten Eiche sammeln sollten. Gleichzeitig hatte Martinson begonnen, einen Plan zu entwerfen, wie alle Straßen und Wege im Umkreis des Hofes am schnellsten und effektivsten durchkämmt werden konnten. Wallander bat Björk, darauf zu achten, daß alle mit ordentlichen Karten ausgerüstet wurden.

≫Wir suchen, solange es noch hell ist≪ sagte Wallander. ≫Morgen, wenn es Tag wird, machen wir weiter, falls wir heute zu keinem Resultat kommen. Dann mußt du auch Kontakt zum Militär aufnehmen. Wir müssen überlegen, ob wir eine gemeinsame Suchaktion starten.≪

≫Hunde≪, sagte Martinson. ≫Wir brauchen Hunde, heute abend schon.≪

Björk versprach, selbst zu kommen und persönlich die Verantwortung zu übernehmen.

Martinson und Wallander sahen sich an. ≫Laß uns zusammenfassen≪, sagte Wallander. ≫Was glaubst du?≪

≫Sie ist niemals bis hierher gekommen≪ antwortete Martinson. ≫Sie kann hier in der Nähe gewesen sein oder weit weg. Was geschehen ist, weiß ich nicht. Aber wir müssen den Wagen finden. Und da ist es richtig, hier zu beginnen. Jemand müßte ihn ja übrigens gesehen haben. Wir müssen uns überall erkundigen. Björk sollte morgen eine Pressekonferenz abhalten. Wir müssen bekanntgeben, daß wir diesen Vermißtenfall ernst nehmen.≪

≫Was kann geschehen sein?≪ fragte Wallander.

≫Etwas, was wir uns lieber nicht vorstellen wollen≪, antwortete Martinson.

Der Regen trommelte gegen die Scheiben und das Dach. ≫Zum Teufel≪, sagte Wallander.

≫Genau≪, bekräftigte Martinson.

Kurz vor Mitternacht sammelten sich die müden und durchnäßten Polizisten wieder auf dem Hof des Hauses, das Louise Akerblom wahrscheinlich nie besucht hatte. Sie hatten keine Spur des dunkelblauen Wagens gefunden, und natürlich auch keine von Louise Akerblom. Das interessanteste war noch, daß eine Hunde-patrouille zwei Elchkadaver gefunden hatte. Außerdem war ein Polizeiauto beinahe mit einem Mercedes zusammengestoßen, der einen der schmalen Wege entlanggeprescht kam, als sie sich auf dem Rückweg zum Treffpunkt befunden hatten.

Björk dankte für den Einsatz. Er hatte sich schon mit Wallander beraten. Die müden Polizisten konnten heimgeschickt werden mit dem Hinweis, daß die Suche am nächsten Morgen Punkt sechs Uhr fortgesetzt werden würde.

Wallander war der letzte, der sich wieder in Richtung Ystad auf den Weg machte. Von seinem Mobiltelefon aus hatte er Robert Akerblom angerufen und ihm mitgeteilt, daß er leider keine Neuigkeiten zu berichten hätte. Obwohl es schon spät war, hatte Robert Akerblom Wallander gebeten, ihn noch in der Reihenhauswohnung zu besuchen, wo er nun mit den Töchtern allein war.

Bevor Wallander den Wagen anließ, rief er noch seine Schwester in Stockholm an. Er wußte, daß sie abends immer lange aufblieb. Er erzählte ihr, daß ihr Vater sich mit der Haushaltshilfe verheiraten wollte. Zu Wallanders großer Verwunderung fing sie schallend an zu lachen. Aber dann war er erleichtert, als sie versprach, Anfang Mai nach Schonen herunterzukommen.

Wallander packte das Telefon wieder in die Halterung und fuhr in Richtung Ystad. Regenschauer peitschten gegen die Windschutzscheibe.

Er suchte, bis er Robert Akerbloms Adresse fand. Es war eine Villa, die aussah wie tausend andere auch. Im Erdgeschoß brannte Licht.

Bevor er ausstieg, lehnte er sich im Sitz zurück und schloß die Augen.

Sie ist nie angekommen, dachte er.

Was geschah unterwegs?

Irgend etwas stimmt nicht an diesem Verschwinden. Ich versteh es nicht.

Kapitel 4

4

Der Wecker neben Kurt Wallanders Bett klingelte Viertel vor fünf.

Er stöhnte und zog das Kopfkissen über das Gesicht.

Ich bekomme viel zu wenig Schlaf, dachte er resigniert. Warum kann ich kein Polizist sein, der die Arbeit vergißt, wenn er nach Hause kommt?

Er blieb liegen und ließ in Gedanken noch einmal den Besuch bei Robert Akerblom am vergangenen Abend ablaufen. Es war eine Qual gewesen, sein flehendes Gesicht zu sehen und nur sagen zu können, daß es ihnen nicht gelungen war, seine Frau zu finden. Kurt Wallander hatte das Haus, sobald er konnte, verlassen und sich gar nicht wohl gefühlt, als er nach Hause fuhr. Dann hatte er bis um drei schlaflos gelegen, obwohl er müde war und an der Grenze zur allgemeinen Erschöpfung.

Wir müssen sie finden, dachte er. Jetzt, bald. Tot oder lebendig. Nur finden müssen wir sie.

Er hatte mit Robert Akerblom vereinbart, daß er sich am Vormittag wieder melden würde, sobald die Suche weiterging. Wallander wußte, daß er Louise Akerbloms persönliche Sachen durchgehen mußte, um herauszufinden, wer sie war. Irgendwo in Wallanders Kopf kreiste die ganze Zeit das Gefühl, daß etwas an ihrem Verschwinden mehr als sonderbar war. Die meisten Vermißtenfälle hatten eigenartige Begleitumstände. Aber diesmal gab es etwas, das sich von seinen früheren Erfahrungen unterschied, und er wollte wissen, was es war.

Wallander quälte sich aus dem Bett, setzte Kaffee auf und wollte das Radio anstellen. Als er sich an den Einbruch erinnerte, fluchte er. Ihm war klar, daß er unter den jetzigen Umständen keine Zeit haben würde, sich um diese Ermittlung zu kümmern.

Er duschte, zog sich an und trank Kaffee. Das Wetter war nicht geeignet, seine Laune zu verbessern. Es regnete anhaltend, und der Wind war stärker geworden. Es war das denkbar schlechteste Wetter für eine Suchaktion. Müde und mißgelaunte Polizisten, Hunde mit herunterhängenden Schwänzen und wütende Rekruten aus dem Regiment würden an diesem Tag die Felder und Wälder rund um Krageholm füllen. Aber das war Björks Sache. Er selbst würde sich mit Louise Akerbloms persönlicher Habe beschäftigen.

Er setzte sich ins Auto und fuhr hinaus zu der gesplitterten Eiche. Björk lief am Straßenrand unruhig auf und ab.

≫Was für ein Wetter≪, sagte er, ≫Immer muß es regnen, wenn man draußen unterwegs ist und Leute sucht.≪

≫Ja≪, bestätigte Wallander. ≫Das ist seltsam.≪

≫Ich habe mit einem Oberstleutnant Hernberg gesprochen≪, fuhr Björk fort. ≫Er schickt um sieben zwei Busse mit Rekruten. Aber ich denke, wir können am besten schon jetzt mit der Suche beginnen. Martinson hat das Ganze vorbereitet.≪

Wallander nickte zufrieden. Martinson verstand es, eine Suchaktion zu organisieren.

≫Ich hatte gedacht, um zehn eine Pressekonferenz eibzuhalten≪, sagte Björk. ≫Es wäre gut, wenn du dabeisein könntest. Bis dahin brauchen wir ein Foto von ihr.≪

Wallander gab ihm das Bild aus seiner Jackentasche. Björk betrachtete das Gesicht Louise Akerbloms.

≫Süßes Mädchen≪, sagte er. ≫Hoffentlich finden wir sie lebend. Ist es ähnlich?≪

≫Ihr Mann behauptet es.≪

Björk steckte das Foto in eine Plastikhülle die er in einer Tasche seines Regenmantels aufbewahrte.

≫Ich fahre zu ihrem Haus≪, sagte Wallander. ≫Ich glaube, dort kann ich nützlicher sein.≪

Björk nickte. Als Wallander sich seinem Wagen zuwenden wollte, legte ihm Björk die Hand auf die Schulter.

≫Was glaubst du?≪ fragte er. ≫Ist sie tot? Haben wir es mit einem Verbrechen zu tun?≪

≫Eine andere Möglichkeit kommt kaum noch in Frage≪, antwortete Wallander. ≫Wenn sie nicht irgendwo verunglückt ist. Aber daran glaube ich eigentlich nicht.≪

≫Das ist gar nicht gut≪, sagte Björk. ≫Gar nicht gut.≪

Wallander fuhr nach Ystad zurück. Das graue Meer trug weiße Schaumkronen.

Als er in die Villa am Akarvägen kam, sahen ihn zwei Mädchen mit ernsten Augen an.

≫Ich habe ihnen gesagt, daß du von der Polizei bist≪, sagte Robert Akerblom. ≫Sie wissen, daß Mama fort ist und daß ihr nach ihr sucht.≪

Wallander nickte und versuchte zu lächeln, obwohl er einen Kloß im Hals hatte. ≫Ich heiße Kurt≪, sagte er, auch an Robert Akerblom gewandt. ≫Und wie heißt ihr?≪

≫Maria und Magdalena≪, antworteten die Mädchen im Chor.

≫Das sind feine Namen≪, sagte Wallander. ≫Ich habe auch eine Tochter, die heißt Linda.≪

≫Sie werden heute bei meiner Schwester sein≪, sagte Robert Akerblom. ≫Sie kommt bald und holt sie. Darf ich dir eine Tasse Tee anbieten?≪

≫Gern≪, sagte Wallander.

Er legte den Mantel ab, zog die Schuhe aus und ging in die Küche. Die beiden Mädchen standen in der Tür und schauten ihm zu.

Wo fange ich an? dachte Wallander. Und wird er verstehen, daß ich jeden Schrank öffnen und in all ihren Papieren blättern muß?

Die beiden Mädchen wurden abgeholt, und Wallander trank seinen Tee.

≫Um zehn werden wir eine Pressekonferenz abhalten≪, sagte er. ≫Das bedeutet, daß wir den Namen deiner Frau öffentlich nennen und an alle appellieren, die sie gesehen haben können, sich zu melden. Das bedeutet natürlich auch, daß wir nicht mehr ausschließen können, daß es sich um ein Verbrechen handelt.≪

Wallander hatte sich vorgestellt, daß Robert Akerblom eventuell zusammenbrechen könnte und anfangen würde zu weinen.

Aber der bleiche, hohläugige Mann, tadellos in Anzug und Schlips gekleidet, schien an diesem Morgen gefaßt zu sein.

≫Wir müssen weiter glauben, daß alles seine natürliche Erklärung hat≪, sagte Wallander. ≫Aber wir können anderes nicht länger ausschließen.≪

≫Ich verstehe≪, sagte Robert Akerblom. ≫Ich habe die ganze Zeit verstanden.≪

Wallander schob die Teetasse von sich, dankte und erhob sich.

≫Ist dir noch etwas eingefallen, was ich wissen sollte?≪ fragte er.

≫Nein≪, antwortete Robert Akerblom. ≫Es ist ganz unerklärlich.≪

≫Am besten, wir gehen das Haus gemeinsam durch≪, schlug Wallander vor. ≫Ich hoffe, du verstehst, daß ich ihre Kleider, Schubladen, alles, was von Bedeutung sein kann, durchsuchen muß.≪

≫Sie hat ihre Sachen in Ordnung≪, erwiderte Robert Akerblom.

Sie begannen im Obergeschoß und arbeiteten sich hinab bis in den Keller und die Garage. Wallander fiel auf, daß Louise Akerblom lichte Pastellfarben besonders mochte. Nirgends sah er dunkle Gardinen oder Tischdecken. Das Haus atmete Lebensfreude. Die Möblierung bot eine Mischung aus Alt und Neu. Bereits beim Teetrinken hatte er festgestellt, daß die Küche gut ausgerüstet war. Ihr materielles Leben wurde eindeutig nicht von übertriebenem Puritanismus geprägt.

≫Ich müßte für eine Weile ins Büro≪, sagte Robert Akerblom, als sie ihren Rundgang beendet hatten. ≫Ich nehme an, daß ich dich jetzt allein lassen kann.≪

≫Das geht in Ordnung≪, sagte Wallander. ≫Ich warte mit meinen Fragen, bis du zurückkommst. Oder ich rufe an. Kurz vor zehn fahr ich zum Polizeigebäude wegen der Pressekonferenz.≪

≫Bis dahin bin ich zurück≪, versicherte Robert Akerblom.

Als Wallander allein war, begann er mit seiner methodischen Durchsuchung des Hauses. Er öffnete Schubladen und Schränke in der Küche, schaute in Kühlschrank und Gefrierfach.

Über etwas in der Küche wunderte er sich. In einem Fach unter dem Spültisch entdeckte er einen umfangreichen Schnapsvorrat, der nicht zu dem Bild paßte, das er sich von der Familie Akerblorn gemacht hatte.

Als nächstes war das Wohnzimmer dran, doch er fand nichts Bemerkenswertes. Dann stieg er ins Obergeschoß hinauf. Das Zimmer der Mädchen ließ er aus. Zuerst widmete er sich dem Bad, studierte die Beschriftungen der Medikamente und machte sich einige Notizen. Er stellte sich auf die Personenwaage und grinste, als er das Ergebnis sah. Dann nahm er sich das Schlafzimmer vor. Er fühlte sich immer unbehaglich, wenn er die Kleider einer Frau durchsuchte. Es war, als ob er von jemandem beobachtet wurde, ohne daß er es wußte. Er durchstöberte Taschen und Pappkartons in den Kleiderschränken. Dann kam die Kommode an die Reihe, in der sie ihre Unterwäsche aufbewahrte. Er fand nichts, was ihn verwirrte, nichts, was ihm etwas sagte, das er nicht schon wußte. Als in er fertig war, setzte er sich auf die Bettkante und schaute sich im Zimmer um.

Nichts, dachte er. Absolut nichts.

Er seufzte und ging in den nächsten Raum, ein häusliches Büro. Er setzte sich an den Schreibtisch und zog ein Schubfach nach dem anderen auf. Er versank in Fotoalben und Briefbündeln. Er entdeckte kein einziges Foto, auf dem Louise Akerblom nicht lächelte oder lachte.

Er legte alles wieder ordentlich in die Fächer zurück und machte weiter. Deklarationen und Versicherungspapiere, Schulzeugnisse und Maklerbescheinigungen, nichts, was ihn reagieren ließ.

Erst als er das unterste Schubfach im letzten Seitenteil des Schreibtisches öffnete, erlebte er eine Überraschung. Zunächst glaubte er, daß der Kasten nur weißes Schreibpapier enthielt. Als er jedoch den Boden abtastete, stießen seine Finger auf einen metallischen Gegenstand. Er zog diesen hervor und blieb mit gerunzelter Stirn sitzen.

Es handelte sich um ein Paar Handschellen. Keine Attrappen zum Spielen, sondern richtige Handschellen. Hergestellt in England.

Er legte sie vor sich auf den Tisch.

Das muß nichts zu bedeuten haben, dachte er. Aber sie waren sorgfältig versteckt. Und ich frage mich, ob Robert Akerblom sie nicht an sich genommen hätte, wüßte er von ihrer Existenz.

Er schob das Fach wieder zu und steckte die Handschellen in die Tasche.

Dann waren die Kellerräume und die Garage an der Reihe. Auf einem Regal über einer kleinen Hobelbank fand er einige mit Geschick gebastelte Flugmodelle aus Balsaholz. Er stellte sich Robert Akerblom vor. Vielleicht hatte der einst einen Traum gehabt, Pilot zu werden?

Von fern klingelte ein Telefon. Er beeilte sich und nahm den Hörer ab.

Es war inzwischen neun Uhr.

≫Ich würde gern mit Kriminalkommissar Wallander sprechen≪, hörte er Martinson sagen.

≫Am Apparat≪, meldete sich Wallander.

≫Am besten, du kommst her≪ sagte Martinson. ≫Sofort.≪

Wallander spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann.

≫Habt ihr sie gefunden?≪ fragte er.

≫Nein≪ antwortete Martinson. ≫Weder sie noch den Wagen. Aber ein Haus in der Nähe fing plötzlich an zu brennen. Oder besser gesagt, es explodierte. Ich dachte, es könnte da eventuell einen Zusammenhang geben.≪

≫Ich komme≪, sagte Wallander.

Er schrieb eine Mitteilung an Robert Akerblom und legte den Zettel auf den Küchentisch.

Auf dem Weg nach Krageholm versuchte er zu verstehen, was Martinson eigentlich gemeint hatte. Ein Haus war explodiert? Aber welches Haus?

Er überholte drei Lastzüge hintereinander. Der Regen war so stark geworden, daß es die Scheibenwischer kaum noch schaffen konnten.

Kurz vor der gesplitterten Eiche ließ der Regen etwas nach, und eine schwarze Rauchfahne zeigte sich über den Bäumen. An der Eiche wartete ein Polizeiauto auf ihn. Einer der Polizisten machte ihm ein Zeichen, er solle wenden. Als sie von der Hauptstraße abbogen, erkannte Wallander, daß es sich um die Abfahrt handelte, die er am Tag zuvor fälschlicherweise gewählt hatte, um den Weg mit den meisten Reifenspuren.

Noch etwas anderes war an diesem Weg bemerkenswert, aber er kam nicht so schnell darauf, was es war.

Als sie die Brandstelle erreichten, erinnerte er sich an das Haus. Es lag zur Linken, vom Weg aus kaum zu sehen. Die Feuerwehr war bereits bei den Löscharbeiten. Wallander stieg aus dem Auto und spürte sofort die Wärme des Feuers. Martinson kam ihm entgegen.

≫Menschen?≪ fragte Wallander.

≫Keine≪ antwortete Martinson. ≫Soweit wir wissen. Es ist ganz und gar unmöglich, da hineinzukommen. Die Hitze ist enorm. Alles muß gleichzeitig angezündet worden sein. Das Haus stand über ein Jahr leer, seit der Besitzer verstarb. Ein Bauer kam her und hat es mir erzählt. Die Erben haben sich offenbar nicht entscheiden können, ob sie vermieten oder verkaufen wollen.≪

≫Weiter≪, forderte Wallander ihn auf, während er die mächtige Rauchwolke betrachtete.

≫Ich war draußen auf der Hauptstraße≪ fuhr Martinson fort. ≫Eine der Suchketten des Militärs war in Unordnung geraten. Plötzlich knallte es. Es war wie eine Bombenexplosion. Erst glaubte ich, ein Flugzeug sei abgestürzt. Dann sah ich den Rauch. Ich habe bis hierher höchstens fünf Minuten gebraucht. Alles brannte. Nicht nur das Wohnhaus, sondern auch die Scheune.≪

Wallander versuchte nachzudenken.

≫Eine Bombe≪, sagte er, ≫Kann es eine Gasleitung gewesen sein?≪

Martinson schüttelte den Kopf.

≫Nicht einmal zwanzig Gasrohre hätten eine solche Detonation erzeugen können≪ sagte er. ≫Die Obstbäume auf der Rückseite des Hauses sind umgebrochen. Wenn sie nicht sogar mitsamt der Wurzeln aus der Erde gerissen wurden. Das war kein Zufall.≪

≫In der Gegend wimmelt es von Polizei und Militär≪ gab Wallander zu bedenken. ≫Nicht gerade eine günstige Gelegenheit für eine Brandstiftung.≪

≫Genau diesen Gedanken hatte ich auch≪, sagte Martinson. ≫Deshalb vermutete ich sofort einen Zusammenhang.≪

≫Hast du eine Idee?≪ fragte Wallander.

≫Nein≪ antwortete Martinson. ≫Überhaupt keine.≪

≫Finde heraus, wem das Haus gehört≪, sagte Wallander. ≫Wer die Erben vertritt. Ich glaube auch, daß das hier kein Zufall ist. Wo ist Björk?≪

≫Er war bereits auf dem Weg ins Polizeigebäude, um die Pressekonferenz vorzubereiten≪, sagte Martinson. ≫Du weißt, daß es ihn nervös macht, mit Journalisten zu sprechen, die niemals das schreiben, was er sagt. Aber er weiß, was geschehen ist. Svedberg hat mit ihm gesprochen. Und er weiß, daß du hier bist.≪

≫Ich muß mir das hier genauer ansehen, wenn der Brand gelöscht ist≪ sagte Wallander. ≫Aber es wäre gut, wenn du Leute einteilen könntest, die die Umgebung hier besonders gründlich durchsuchen.≪

≫Nach Louise Akerblom?≪ fragte Martinson.

≫Vor allem nach dem Wagen≪, antwortete Wallander.

Martinson ging, um noch einmal mit dem Bauern zu sprechen. Wallander blieb stehen und schaute auf den lodernden Brand.

Wenn es einen Zusammenhang gibt, welchen? dachte er. Eine verschwundene Frau und ein Haus, das explodiert. Mitten in einer großen Suchaktion?

Er sah auf die Uhr. Zehn Minuten vor zehn. Er winkte einen Feuerwehrmann heran.

≫Wann kann ich mit der Untersuchung beginnen?≪ erkundigte er sich.

≫Das brennt noch eine Weile≪ sagte der Feuerwehrmann. ≫Am Nachmittag wird es wohl auf alle Fälle möglich sein, in die Nähe des Hauses zu gelangen.≪

≫Das ist gut≪, sagte Wallander. ≫Es scheint ja ein ordentlicher Knall gewesen zu sein.≪

≫Ein Streichholz hat da nicht gereicht≪, pflichtete ihm der Feuerwehrmann bei. ≫Ich tippe auf hundert Kilo Dynamit.≪

Wallander fuhr nach Ystad zurück. Er rief Ebbe in der Rezeption an und bat sie, Björk mitzuteilen, daß er auf dem Weg sei. Dann fiel ihm plötzlich ein, was er vergessen hatte. Am Abend zuvor hatte sich jemand von den Besatzungen der Streifenwagen darüber beschwert, daß sie beinahe von einem Mercedes angefahren worden wären, der den Weg entlanggeprescht kam.

Wallander war sicher, daß es sich um den Weg gehandelt hatte, der an dem Haus vorbeiführte, das explodiert war.

Viel zu viele Zufälle, dachte er. Wir müssen bald etwas finden, das den Zusammenhang herstellt.

Björk wanderte in der Rezeption des Polizeigebäudes unruhig auf und ab, als Wallander kam.

≫An Pressekonferenzen werde ich mich wohl nie gewöhnen können≪ sagte er. ≫Was ist mit dem Großbrand, von dem Svedberg am Telefon sprach? Er drückte sich sehr komisch aus, muß ich sagen. Er teilte mit, das Haus und die Scheune seien explodiert. Was meinte er damit? Um welches Haus geht es eigentlich?≪

≫Svedbergs Beschreibung war völlig korrekt≪ antwortete Wallander. ≫Aber da diese Angelegenheit kaum etwas mit der Pressekonferenz zu Louise Akerbloms Verschwinden zu tun hat, schlage ich vor, daß wir im Anschluß darüber sprechen. Dann haben die Kollegen draußen vielleicht schon ein paar Informationen mehr besorgt.≪

Björk nickte.

≫Dann machen wir das hier jetzt ganz einfach≪ sagte er. ≫Kurzer und klarer Bericht über ihr Verschwinden, Verteilen der Fotos, allgemeiner Appell. Die Fragen nach den Ergebnissen der Suchaktion beantwortest du.≪

≫Es gibt kaum Ergebnisse≪, sagte Wallander. ≫Wenn wir wenigstens ihr Auto gefunden hätten. Aber wir haben nichts.≪

≫Irgend etwas muß dir einfallen≪ sagte Björk. ≫Polizisten, die zugeben, daß sie mit leeren Händen dastehen, sind Freiwild. Vergiß das nie.≪

Die Pressekonferenz dauerte eine reichliche halbe Stunde. Abgesehen von den Regionalzeitungen und dem örtlichen Rundfunk hatten sich die Lokalkorrespondenten von ‘Expressen’ und ‘Idag’ eingefunden. Jedoch niemand von den ‘Stockholmer Blättern’.

Die kommen erst, wenn wir sie gefunden haben, dachte Wallander. Natürlich nur, wenn sie tot ist.

Björk eröffnete die Pressekonferenz und teilte mit, daß eine Frau verschwunden sei, unter Umständen, die die Polizei als ernst ansehen mußte. Er gab ihre Beschreibung sowie die des Wagens und verteilte die Fotografien. Dann erkundigte er sich, ob es Fragen gäbe, nickte Wallander zu und setzte sich. Wallander betrat das kleine Podium und wartete.

≫Was glaubt ihr, ist geschehen?≪ fragte der Reporter der örtlichen Radiostation. Wallander hatte ihn nie zuvor gesehen. Der Sender schien seine Mitarbeiter ständig zu wechseln.

≫Wir glauben gar nichts≪, antwortete Wallander. ≫Aber die Umstände bringen es mit sich, daß wir Louise Akerbloms Verschwinden ernst nehmen müssen.≪

≫Dann berichte über die Umstände≪, forderte der Vertreter des Rundfunks.

Wallander holte tief Luft.

≫Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß die meisten Menschen, die in diesem Land hier auf die eine oder andere Weise verschwinden, früher oder später wieder auftauchen. Bei zwei von drei Fällen gibt es eine ganz natürliche Erklärung. Eine der häufigsten ist Vergeßlichkeit. Aber manchmal gibt es auch Anzeichen, die auf etwas anderes hinweisen. Solche Fälle nehmen wir sehr ernst.≪

Björk hob die Hand.

≫Das sollte natürlich nicht so verstanden werden, als würde die Polizei nicht alle Vermißtenmeldungen ernst nehmen≪, verdeutlichte er.

Herrgott, dachte Wallander.

Der Reporter von ‘Expressen’, ein junger Mann mit rotem Bart, meldete sich und bat um das Wort.

≫Könnt ihr nicht etwas konkreter werden≪, sagte er. ≫Ihr schließt nicht aus, daß es sich um ein Verbrechen handeln könnte. Warum schließt ihr es nicht aus? Ich meine auch, daß es höchst unklar ist, wo sie verschwand und wer sie zuletzt gesehen hat.≪

Wallander nickte. Der Journalist hatte recht. Björk war in vielen wichtigen Punkten zu ungenau gewesen.

≫Sie verließ die Sparbank in Skurup kurz nach drei am Freitag nachmittag≪, sagte er. ≫Ein Bankangestellter sah sie von dort abfahren, Viertel nach drei. Das steht fest. Danach hat sie niemand mehr gesehen. Wir sind außerdem ziemlich sicher, daß sie einen von zwei möglichen Wegen gewählt hat. Entweder die E 14 Richtung Ystad. Oder sie ist über Slimminge und Rögla in die Gegend von Krageholm gefahren. Wie ihr bereits wißt, ist Louise Akerblom Immobilienmaklerin. Sie kann sich entschieden haben, ein Haus anzusehen, das zur Besichtigung und zum Verkauf stand. Oder sie kann den direkten Weg nach Hause genommen haben. Wir wissen nicht, wie sie sich entschieden hat.≪

≫Welches Haus?≪ erkundigte sich einer der lokalen Zeitungsjournalisten.

≫Diese Frage kann ich aus fahndungstechnischen Gründen nicht beantworten≪, sagte Wallander.

Damit war die Pressekonferenz zu Ende. Der lokale Radiosender interviewte Björk. Wallander sprach auf dem Flur mit einem Mitarbeiter einer örtlichen Zeitung. Als er allein war, holte er sich eine Tasse Kaffee, ging in sein Zimmer und rief seine Kollegen an der Brandstelle an. Er erwischte Svedberg, der mitteilen konnte, daß Martinson bereits eine Gruppe der an der Suchaktion Beteiligten umorganisiert hatte, die sich auf das brennende Anwesen konzentrierten.

≫Ich habe noch nie so einen Brand gesehen≪, sagte Svedberg. ≫Da bleibt nicht ein Dachbalken übrig, wenn das vorüber ist.≪

≫Ich komme heute nachmittag raus≪ informierte ihn Wallander. ≫Ich fahre noch einmal zu Robert Akerblom. Ruf mich dort an, wenn irgend etwas passiert.≪

≫Wir rufen an≪, versicherte Svedberg. ≫Was haben die Journalisten gesagt?≪

≫Nichts von Interesse≪, antwortete Wallander und legte auf.

Im selben Augenblick klopfte Björk an die Tür.

≫Das lief ja richtig gut≪, sagte er. ≫Keine Provokationen, nur vernünftige Fragen. Hoffen wir, daß sie auch schreiben, was wir wollen.≪

≫Morgen werden wir einige Leute abstellen müssen, um am Telefon zu antworten≪, sagte Wallander, der keine Lust hatte, diesen Kommentar zur Pressekonferenz auch noch zu kommentieren. ≫Wenn eine religiöse Mutter zweier Kinder verschwindet, befürchte ich, daß viele anrufen werden, die überhaupt nichts gesehen haben, aber die Polizei segnen und für sie beten wollen. Außer denen, die wirklich etwas zu berichten haben.≪

≫Wenn sie heute nicht wieder auftaucht≪, sagte Björk.

≫Daran glauben wir wohl beide nicht≪ meinte Wallander.

Dann informierte er Björk über den seltsamen Brand und die Explosion. Björk lauschte mit bekümmerter Miene.

≫Was hat das alles zu bedeuten?≪ fragte er.

Wallander hob die Arme.

≫Ich weiß nicht. Aber ich fahre jetzt noch einmal zu Robert Akerblom und rede mit ihm.≪

Björk öffnete die Tür und wollte gehen.

≫Um fünf bei mir zur Beratung≪ sagte er noch.

Als Wallander gerade sein Zimmer verlassen wollte, fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, Svedberg um etwas zu bitten. Er rief noch einmal an der Brandstelle an.

≫Erinnerst du dich, daß ein Polizeiauto gestern abend beinahe mit einem Mercedes zusammengestoßen wäre?≪ fragte er.

≫Ich erinnere mich schwach≪, antwortete Svedberg.

≫Bringe alles über diesen Vorfall in Erfahrung≪, fuhr Wallander fort. ≫Ich habe das Gefühl, daß der Mercedes etwas mit dem Brand zu tun hat. Ob dieser wiederum mit Louise Akerblom zu tun hat, ist weniger sicher.≪

≫Ich habe es notiert≪ sagte Svedberg. ≫Noch etwas?≪

≫Wir treffen uns Punkt fünf Uhr≪, informierte ihn Wallander und legte auf.

Eine Viertelstunde später war er wieder in Robert Akerbloms Küche. Er saß auf demselben Stuhl wie einige Stunden zuvor und trank eine weitere Tasse Tee.

≫Manchmal wird man durch plötzliche Einsätze gestört≪, sagte Wallander. ≫Ein großer Brand ist ausgebrochen. Aber jetzt ist er bereits unter Kontrolle.≪

≫Ich verstehe≪, versicherte Robert Akerblom höflich. ≫Es ist sicher nicht leicht, Polizist zu sein.≪

Wallander betrachtete den Mann auf der anderen Seite des Tisches. Gleichzeitig tastete er mit der Hand nach den Handschellen in der Tasche. Er freute sich nicht gerade auf das Verhör, das er jetzt gleich führen würde.

≫Ich habe einige Fragen≪, begann er. ≫Wir sitzen hier wohl genauso gut wie irgendwo anders.≪

≫Gewiß doch≪, sagte Robert Akerblom. ≫Stelle nur alle Fragen, die du hast.≪

Wallander merkte, daß ihn der milde, aber gleichzeitig unmißverständlich ermahnende Ton in Robert Akerbloms Stimme irritierte.

≫Bei der ersten Frage bin ich unsicher≪, sagte Wallander. ≫Hat deine Frau irgendwelche medizinischen Probleme?≪

Der Mann sah ihn verwundert an.

≫Nein≪, sagte er. ≫Wieso?≪

≫Ich dachte nur, daß sie eventuell erfahren haben kann, daß sie eine schwere Krankheit hat. Ist sie in letzter Zeit beim Arzt gewesen?≪

≫Nein. Und wenn sie krank gewesen wäre, hätte sie es mir erzählt.≪

≫Es gibt gewisse schwere Krankheiten, über die Menschen manchmal lieber nicht sprechem≪, sagte Wallander. ≫Zumindest brauchen sie ein paar Tage, um ihre Gefühle und Gedanken zu ordnen. Es ist ja oft so, daß der Kranke denjenigen trösten muß, der die Nachricht empfängt.≪

Robert Akerblom dachte nach, bevor er antwortete.

≫Ich bin sicher, daß es nicht so ist≪, sagte er.

Wallander nickte und fuhr fort.

≫Hatte sie Alkoholprobleme?≪ forschte er.

Robert Akerblom zuckte zusammen.

≫Warum stellst du eine solche Frage?≪ erkundigte er sich nach einer Weile des Schweigens. ≫Keiner von uns trinkt auch nur einen Tropfen Alkohol.≪

≫Trotzdem ist der Schrank unter dem Abwaschbecken voller verschiedener Schnapsflaschen≪, bemerkte Wallander.

≫Wir haben nichts dagegen, wenn andere Alkohol trinken≪, sagte Robert Akerblom. ≫In angemessenen Mengen natürlich. Wir haben von Zeit zu Zeit Gäste. Auch eine kleine Immobilienvermittlung wie die unsere hat manchmal einen Bedarf an dem, was man Repräsentation nennt.≪

Wallander nickte. Er hatte keine Veranlassung, diese Antwort in Zweifel zu ziehen. Er holte die Handschellen aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Dabei achtete er genau auf Robert Akerbloms Reaktion.

Wie er erwartet hatte, schaute der ihn verständnislos an.

≫Willst du mich verhaften?≪ fragte er.

≫Nein≪, antwortete Wallander. ≫Aber ich fand diese Handschellen im unteren linken Schreibtischfach, unter einem Bündel Schreibpapier, in deinem Büro im Obergeschoß.≪

≫Handschellen≪, sagte Robert Akerblom. ≫Ich habe sie nie zuvor gesehen.≪

≫Da eure Töchter kaum in Frage kommen, muß sie wohl deine Frau da hingelegt haben≪, sagte Wallander.

≫Ich verstehe das nicht≪, stammelte Robert Akerblom.

Plötzlich merkte Wallander, daß der Mann auf der anderen Seite des Küchentisches log. Ein kaum hörbares Beben in der Stimme, eine leichte Unsicherheit in den Augen reichten aus, und Wallander war im Bilde.

≫Kann jemand anderes sie dort hingelegt haben?≪ forschte er weiter.

≫Ich weiß nicht≪, sagte Robert Akerblom. ≫Zu uns kommen nur Gemeindemitglieder. Abgesehen von geschäftlichen Besuchern. Aber die haben ja im Qbergeschoß nichts zu suchen.≪

≫Niemand sonst?≪

≫Unsere Eltern. Ein paar Verwandte. Spielkameraden der Kinder.≪

≫Das ist eine ganze Menge≪, bemerkte Wallander.

≫Ich versteh das nicht≪, wiederholte Robert Akerblom.

Vielleicht verstehst du nur nicht, wie du vergessen konntest, sie da wegzuräumen, dachte Wallander. Die Frage ist doch jetzt, was sie zu bedeuten haben.

Zum ersten Mal stellte sich Wallander die Frage, ob Robert Akerblom seine Frau umgebracht haben konnte. Aber er verwarf den Gedanken. Die Handschellen und die Lüge reichten nicht aus, seine bisherigen Eindrücke zu revidieren.

≫Bist du sicher, daß du für die Handschellen hier keine Erklärung hast?≪ fragte Wallander noch einmal. ≫Ich sollte vielleicht darauf hinweisen, daß es keinesfalls verboten ist, Handschellen im Haus zu haben. Man benötigt keine Lizenz. Natürlich darf man nicht einfach Leute fesseln, wie man will.≪

≫Glaubst du, daß ich die Unwahrheit sage?≪ fragte Robert Akerblom.

≫Ich glaube gar nichts≪, entgegnete Wallander. ≫Ich will nur wissen, warum diese Handschellen in einem Schreibtisch versteckt sind.≪

≫Ich habe bereits gesagt, daß ich nicht verstehe, wie sie in dieses Haus gekommen sind.≪

Wallander nickte. Es hatte keinen Sinn, ihn weiter auszuquetschen. Jedenfalls nicht jetzt. Aber Wallander war sicher, daß er gelogen hatte. War es möglich, daß sich hinter dieser Ehe ein abnormes und vielleicht dramatisches Sexualleben verbarg? Konnte dieses wiederum Louise Akerbloms Verschwinden erklären?

Wallander schob die Teetasse von sich, zum Zeichen, daß das Gespräch beendet sei. Die Handschellen steckte er wieder in die Tasche, eingewickelt in ein Taschentuch. Eine technische Untersuchung konnte vielleicht mehr darüber in Erfahrung bringen, wozu sie benutzt worden waren.

≫Das war’s erst mal≪, sagte Wallander und erhob sich. ≫Ich lass’ von mir hören, sobald ich etwas weiß. Und du solltest darauf gefaßt sein, daß es bereits heute abend rundgehen wird, wenn die Abendzeitungen erschienen sind und der Lokalsender seine Nachrichten bringt. Aber wir erhoffen uns natürlich Hilfe.≪

Robert Akerblom nickte, ohne zu antworten.

Wallander drückte ihm die Hand und ging hinaus zu seinem Wagen. Das Wetter schien sich zu ändern. Es nieselte, und der Wind war abgeflaut.

Wallander fuhr hinunter zu Fridolfs Konditorei am Busbahnhof, aß ein paar belegte Brote und trank Kaffee. Es war bereits halb eins, als er wieder im Auto saß, auf dem Weg zur Brandstelle. Er hielt, kletterte über die Absperrung und konnte feststellen, daß Haus und Nebengebäude rauchende Ruinen waren. Es war jedoch noch zu früh, daß die Polizeitechniker ihre Arbeit aufnehmen konnten. Wallander trat näher an den Brandherd heran und sprach mit Peter Edler, dem Leiter der Brandbekämpfung, den er gut kannte.

≫Wir tränken mit Wasser≪, sagte er. ≫Viel mehr können wir nicht tun. War es Brandstiftung?≪

≫Ich habe keine Ahnung≪, antwortete Wallander. ≫Hast du Svedberg gesehen, oder Martinson?≪

≫Ich glaube, die sind essen gefahren≪, sagte Edler. ≫In Rydsgard. Und der Oberstleutnant hat sich seine durchgeweichten Rekruten geschnappt und ist zum Regiment abgezogen. Aber sie kommen wieder.≪

Wallander nickte und ging weiter.

Ein paar Meter entfernt stand ein Polizist mit einem Diensthund. Der Polizist kaute an einer mitgebrachten Stulle, während der Hund mit der Pfote eifrig in dem feuchten und rußigen Kies scharrte.

Plötzlich begann der Hund zu jaulen. Der Polizist zog ein paarmal unwirsch an der Leine und schaute dann nach, was der Hund ausgegraben hatte.

Dann sah Wallander, wie er zusammenzuckte und die Stulle fallen ließ.

Wallander wurde neugierig und trat näher.

≫Was hat der Hund denn gefunden?≪ erkundigte er sich.

Der Polizist wandte sich Wallander zu. Er war leichenblaß und zitterte.

Wallander beugte sich herunter.

Vor ihm im Matsch lag ein Finger.

Ein schwarzer Finger. Kein Daumen und kein kleiner Finger. Aber der Finger eines Menschen.

Wallander spürte, wie ihm schlecht wurde.

Er wies den Polizisten mit dem Hund an, Svedberg und Martinson unmittelbar zu benachrichtigen.

≫Sie sollen sofort kommen≪, sagte er. ≫Auch wenn sie mitten beim Essen sind. Auf dem Rücksitz meines Wagens liegt eine leere Plastiktüte. Hol sie her.≪ Der Polizist ging.

Was ist nur los? dachte Wallander. Ein schwarzer Finger. Der Finger eines schwarzen Menschen. Abgehackt. Mitten in Schonen.

Als der Polizist mit der Plastiktüte zurückkam, bastelte Wallander einen provisorischen Regenschutz für den Finger. Das Gerücht hatte sich verbreitet, und die Feuerwehrleute versammelten sich um den Fund.

≫Wir müssen in den Ruinen nach Leichenresten suchen≪, sagte Wallander zum Leiter des Löschzuges. ≫Gott weiß, was hier geschehen ist.≪

≫Ein Finger≪, stammelte Peter Edler ungläubig.

Zwanzig Minuten später kamen Svedberg und Martinson und liefen zum Fundort. Verständnislos und unbehaglich betrachteten sie gemeinsam den schwarzen Finger.

Keiner hatte etwas zu sagen.

Schließlich brach Wallander das Schweigen.

≫Eines ist sicher≪ sagte er. ≫Das ist kein Finger, der zu Louise Akerblom gehört.≪

Kapitel 5

5

Punkt fünf Uhr waren sie in einem der Konferenzzimmer im Polizeigebäude versammelt. Wallander konnte sich nicht erinnern, jemals eine so gedrückte Zusammenkunft erlebt zu haben.

Mitten auf dem Tisch, eingeschlagen in Plastik, lag der schwarze Finger.

Er konnte sehen, daß Björk, um sich den Anblick zu ersparen, den Stuhl weggedreht hatte.

Alle anderen betrachteten den Finger. Niemand sagte ein Wort.

Nach einer Weile kam ein Auto aus dem Krankenhaus und holte den abgetrennten Körperteil ab. Erst als der Finger weg war, ging Svedberg hinaus und holte ein Tablett mit Kaffeetassen, und Björk eröffnete die Versammlung.

≫Ich bin völlig durcheinander≪ begann er. ≫Kann mir jemand das Ganze mal erklären?≪

Keiner antwortete. Die Frage war sinnlos.

≫Wallander≪, sagte Björk und versuchte einen neuen Anfang. ≫Gib uns eine Zusammenfassung.≪

≫Das wird nicht leicht≪, entgegnete Wallander. ≫Aber ich kann es versuchen. Ihr anderen dürft gern ergänzen.≪

Er schlug sein Notizbuch auf und blätterte.

≫Louise Akerblom verschwand vor fast exakt vier Tagen≪, begann er. ≫Noch genauer, vor 98 Stunden. Danach hat sie, soweit wir wissen, niemand mehr gesehen. Während unserer Suche nach ihr und gleichermaßen nach ihrem Wagen explodiert ein Haus genau in dem Gebiet, wo wir sie vermuten. Wir wissen jetzt, daß das Haus einer Erbengemeinschaft gehört. Vertreten wird sie durch einen Rechtsanwalt, der in Värnamo wohnt. Er behauptet, von dem Geschehenen völlig überrascht zu sein. Das Haus ist seit mehr als einem Jahr unbewohnt. Die Erben haben sich noch nicht einigen können, ob das Haus verkauft werden oder in der Familie bleiben soll. Die Möglichkeit besteht auch, daß einer der Erben die anderen auszahlt. Der Rechtsanwalt heißt Holmgren. Wir haben die Kollegen in Värnamo gebeten, ein bißchen mehr von ihm in Erfahrung zu bringen. Zumindest wollen wir die Namen der übrigen Erben und deren Adressen wissen.≪

Er trank einen Schluck Kaffee, bevor er fortfuhr.

≫Der Brand brach um neun aus≪, sagte er. ≫Vieles spricht dafür, daß eine starke Sprengladung mit Zeitzünder verwendet wurde. Es gibt keinen Grund anzunehmen, der Brand könne durch andere, natürliche Ursachen entstanden sein. Rechtsanwalt Holmgren vermeinte nachdrücklich, daß sich zum Beispiel Gasflaschen im Haus befunden haben könnten. Die elektrischen Leitungen sind auch erst vor einem Jahr erneuert worden. Während der Löscharbeiten scharrt einer unserer Polizeihunde einen abgehackten Finger aus, der etwa fünfundzwanzig Meter vom Haus entfernt liegt. Es handelt sich um den Zeige- oder Mittelfinger einer linken Hand. Aller Wahrscheinlichkeit nach gehörte er einem Mann. Wir wissen auch, daß der Mann schwarz ist. Unsere Techniker haben diesen Teil der Brandstelle und des Hofes genau unter die Lupe genommen, ohne jedoch weitere Entdeckungen zu machen. Auch die Hunde haben nichts weiter gefunden. Wir haben die Umgebung genauestens abgesucht, ohne Erfolg. Das Auto ist verschwunden, Louise Akerblom ist verschwunden. Ein Haus ist explodiert, und wir haben einen Finger gefunden, der einem Neger gehört hat. Das ist alles.≪

Björk zog eine Grimasse.

≫Was sagen die Ärzte?≪ wollte er wissen.

≫Maria Lestadius vom Krankenhaus hat ihn sich angeschaut≪, sagte Svedberg. ≫Aber sie möchte, daß wir uns an das kriminaltechnische Labor wenden. Sie meinte, ihr fehle es an Kompetenz, aus dem Finger zu lesen.≪

Björk schwenkte auf seinem Stuhl herum.

≫Noch einmal≪, bat er. ≫Aus dem Finger zu lesen?≪

≫So hat sie sich ausgedrückt≪, bestätigte Svedberg resigniert. Es war eine wohlbekannte Marotte Björks, sich manchmal auf das Unwesentliche zu konzentrieren.

Björk ließ die Hand schwer auf den Tisch fallen.

≫Das ist ja entsetzlich≪, stellte er fest. ≫Mit anderen Worten: Wir wissen gar nichts. Hat nicht wenigstens Robert Akerblom irgend etwas beizutragen, was uns weiterhelfen kann?≪

Wallander beschloß schnell, bis auf weiteres nichts über die Handschellen verlauten zu lassen. Er befürchtete, sie könnten dadurch ihre Gedanken in Bahnen lenken lassen, die gerade jetzt nicht von unmittelbarem Interesse waren. Außerdem bezweifelte er, daß die Handschellen direkt mit Louise Akerbloms Verschwinden zu tun hatten.

≫Nein≪ antwortete er. ≫Mir scheinen die Akerbloms die glücklichste Familie des Landes zu sein.≪

≫Ist bei ihr vielleicht eine Art religiöser Wahnsinn ausgebrochen?≪ fragte Björk. ≫Man liest ja so viel von diesen verrückten Sekten.≪

≫Die Methodistenkirche kann man wohl kaum als verrückte Sekte bezeichnen≪, entgegnete Wallander. ≫Sie ist eine unserer ältesten Freikirchen. Aber ich muß zugeben, daß ich nicht genau weiß, welche Auffassungen sie vertritt.≪

≫Das muß untersucht werden≪, sagte Björk. ≫Welche Vorstellungen habt ihr, wie wir weiter vorgehen werden?≪

≫Wir können nur auf morgen hoffen≪, meinte Martinson. ≫Daß die Leute anfangen anzurufen.≪

≫Ich habe schon Leute eingeteilt, die die Telefonanrufe entgegennehmen≪, gab Björk bekannt. ≫Können wir noch etwas tun?≪

≫Wir haben etwas, womit wir arbeiten können≪, sagte Wallander. ≫Wir haben einen Finger. Das bedeutet, daß es irgendwo einen schwarzen Mann gibt, dem an der linken Hand ein Finger fehlt. Außerdem braucht er die Hilfe eines Arztes oder Krankenhauses. Wenn es nicht bereits geschehen ist, so wird er auf alle Fälle früher oder später auftauchen. Wir können ebensowenig ausschließen, daß er Kontakt zur Polizei aufnimmt. Niemand schlägt sich selbst einen Finger ab. Zumindest geschieht das äußerst selten. Jemand hat ihm also Gewalt angetan. Natürlich können wir auch nicht ausschließen, daß er das Land bereits verlassen hat.≪

≫Fingerabdrücke≪, sagte Svedberg. ≫Ich weiß nicht, wie viele Afrikaner sich in diesem Land aufhalten, legal oder illegal. Aber die Möglichkeit besteht, daß der Abdruck in einem unserer Register gespeichert ist. Außerdem können wir eine Anfrage an Interpol hinausschicken. Soviel ich weiß, haben viele afrikanische Staaten in den letzten Jahren brauchbare Kriminalregister aufgebaut. Vor ein paar Monaten stand ein Artikel darüber in ‘Svensk Polis’. Ich glaube, Kurt hat recht. Auch wenn wir keinen Zusammenhang zwischen Louise Akerblom und dem Finger erkennen können, müssen wir die Möglichkeit doch immer im Auge behalten.≪

≫Sollen wir das Ganze der Presse mitteilen?≪ fragte Björk. ≫Das gäbe doch herrliche Schlagzeilen: Wem gehört der Finger?≪

≫Warum nicht?≪ meinte Wallander. ≫Wir können dadurch nichts verlieren.≪

≫Ich werde darüber nachdenken≪, versprach Björk. ≫Laßt uns abwarten. Aber ich bin einverstanden, daß wir die Krankenhäuser landesweit benachrichtigen. Ärzte haben doch wohl auch eine Pflicht zur Anzeige im Falle des Verdachts, ein Schadensfall könnte durch eine verbrecherische Handlung verursacht worden sein?≪

≫Sie unterliegen ebenso der Schweigepflicht≪, gab Svedberg zu bedenken. ≫Aber natürlich müssen die Krankenhäuser informiert werden. Kliniken, alles, was wir haben. Weiß jemand, wie viele Ärzte es in diesem Land gibt?≪

Keiner wußte es.

≫Bitte Ebba, sich darum zu kümmern≪, sagte Wallander.

Ebba brauchte zehn Minuten, um den Sekretär des Schwedischen Ärzteverbandes zu erreichen.

≫Es gibt gut fünfundzwanzigtausend Ärzte in Schweden≪, teilte Wallander mit, als Ebba die Information weitergegeben hatte.

Sie schauten sich betroffen an.

Fünfundzwanzigtausend Ärzte.

≫Wo sind die nur alle, wenn man sie mal braucht?≪ wunderte sich Martinson.

Björk begann ungeduldig zu werden.

≫Gibt es noch etwas?≪ fragte er. ≫Wenn nicht, so haben wir alle viel zu tun. Morgen früh um acht treffen wir uns wieder.≪

≫Ich werde die Sache in die Hand nehmen≪, sagte Martinson.

Sie hatten gerade ihre Papiere zusammengenommen und waren aufgestanden, als das Telefon klingelte. Martinson und Wallander waren schon draußen auf dem Flur, als Björk sie zurückrief.

≫Durchbruch≪, keuchte er, hochrot im Gesicht ≫Sie glauben, sie haben das Auto gefunden. Es war Noren, der angerufen hat. Ein Bauer war an der Brandstelle aufgetaucht und hatte gefragt, ob die Polizei an etwas interessiert sei, was er in einem Tümpel in einigen Kilometern Entfernung entdeckt habe. In Richtung Sjöbo, hat er, glaube ich, gesagt. Noren fuhr hin und sah eine Radioantenne aus dem Sumpf ragen. Der Bauer namens Antonson war sicher, daß das Auto vor einer Woche noch nicht dagewesen war.≪

≫Das Auto muß heute abend noch geborgen werden≪, sagte Wallander. ≫Wir können nicht bis morgen warten. Wir müssen Scheinwerfer und Kranwagen anfordern.≪

≫Ich hoffe, daß sich niemand in dem Auto befindet≪ sagte Svedberg.

≫Das werden wir bald wissen≪, meinte Wallander. ≫Komm jetzt.≪

Der Tümpel lag nördlich von Krageholm, an der Straße nach Sjöbo, unzugänglich neben einem kleinen Gehölz. Es dauerte über drei Stunden, bis die Polizei Scheinwerfer und Kranwagen an Ort und Stelle hatte. Halb zehn war es ihnen endlich gelungen, ein Drahtseil an dem Auto zu befestigen. Wallander war dabei ausgerutscht und halb im Wasser gelandet. Noren lieh ihm einen Overall, den er im Auto hatte. Wallander merkte kaum, daß er durchnäßt war und zu frieren begonnen hatte.

Seine ganze Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf den Wagen im Wasser.

Seine Gefühle waren zwiespältig. Er hoffte, es möge das richtige Auto sein. Aber er fürchtete auch, daß sich Louise Akerblom darinnen befinden würde.

≫Eines ist in jedem Falle klar≪, sagte Svedberg. ≫Es war kein Unglücksfall. Der Wagen wurde in den Teich gefahren, um ihn zu verbergen. Vermutlich in tiefster Nacht. Denn der, der ihn loswerden wollte, hat nicht gesehen, daß die Antenne aus dem Morast ragte.≪

Wallander nickte. Svedberg hatte recht.

Langsam straffte sich das Seil. Der Kran rückte an und begann zu ziehen.

Allmählich tauchten die hinteren Kotflügel auf.

Wallander schaute zu Svedberg der ein Experte in Sachen Autos war. ≫Ist es das richtige?≪ fragte er.

≫Warte noch ein bißchen≪, antwortete Svedberg. ≫Ich kann noch nichts erkennen.≪

Dann löste sich das Seil. Der Wagen verschwand wieder im Sumpf.

Sie mußten noch einmal von vorn beginnen.

Eine halbe Stunde später begann der Kran erneut anzuziehen. Wallander ließ den Blick zwischen dem allmählich sichtbar werdenden Auto und Svedberg hin- und hergehen.

Der nickte plötzlich.

≫Das ist der richtige Wagen. Ein Toyota Corolla. Kein Zweifel.≪

Wallander drehte an einem Scheinwerfer. Nun sah man, daß das Auto dunkelblau war.

Langsam tauchte der Wagen aus dem Schlamm auf. Der Kran stand still. Svedberg sah zu Wallander. Dann gingen sie näher heran und schauten von beiden Seiten hinein.

Das Auto war leer.

Wallander öffnete den Kofferraum.

Nichts.

≫Der Wagen ist leer≪, informierte er Björk.

≫Sie kann noch im Morast liegen≪, sagte Svedberg.

Wallander nickte und betrachtete den Tümpel. Der Umfang betrug ungefähr hundert Meter. Da die Antenne zu sehen gewesen war, konnte er nicht besonders tief sein.

≫Wir brauchen Taucher≪, sagte er zu Björk. ≫Jetzt, sofort.≪

≫Ein Taucher würde bei der Dunkelheit nichts erkennen können≪, wandte Björk ein. ≫Das muß bis morgen warten.≪

≫Sie brauchen bloß mit Netzen zwischen sich auf dem Grund langgehen≪, sagte Wallander. ≫Ich will nicht bis morgen warten.≪

Björk gab nach. Er ging zu einem der Polizeiwagen und telefonierte. Währenddessen hatte Svedberg die Fahrertür geöffnet und leuchtete rnit einer Taschenlampe. Vorsichtig löste er das nasse Autotelefon.

≫Die zuletzt gewählte Nummer wird normalerweise abgespeichert≪, sagte er. ≫Sie kann ja noch woanders angerufen haben als den Anrufbeantworter im Büro.≪

≫Gut≪, lobte Wallander. ≫Gute Idee, Svedberg.≪

Während sie auf die Taucher warteten, unternahmen sie eine erste Durchsuchung des Wagens. Auf dem Rücksitz fand Wallander eine Tüte mit aufgeweichtem Gebäck.

Soweit ist alles klar, dachte er. Aber was geschah danach? Unterwegs? Wen hast du getroffen, Louise Akerblom? Jemanden, mit dem du eine Verabredung hattest?

Oder einen anderen? Einen, der dich treffen wollte, ohne daß du es wußtest?

≫Keine Handtasche≪, stellte Svedberg fest. ≫Keine Schreibmappe. Im Handschuhfach nur Zulassung und Versicherungskarte. Und eine Ausgabe des Neuen Testaments.≪

≫Suche nach einer Kartenskizze, handgezeichnet≪, sagte Wallander.

Svedberg konnte sie nicht finden.

Wallander ging langsam um das Auto herum. Es war nicht beschädigt. Louise Akerblom war nicht das Opfer eines Verkehrsunfalls geworden.

Sie setzten sich in einen der Streifenwagen und tranken Kaffee aus einer Thermoskanne. Es hatte aufgehört zu regnen, und der Himmel war fast wolkenlos.

≫Liegt sie im Morast?≪ fragte Svedberg.

≫Ich weiß nicht≪, antwortete Wallander. ≫Vielleicht.≪

Zwei junge Taucher kamen in einem Einsatzfahrzeug der Feuerwehr. Wallander und Svedberg begrüßten sie, sie kannten sich von früher.

≫Wonach sollen wir suchen?≪ fragte einer der Taucher.

≫Vielleicht nach einem Körper≪, antwortete Wallander. ≫Vielleicht nach einer Schreibmappe, einer Handtasche. Oder nach anderen Sachen, von denen wir nichts wissen.≪

Die Taucher legten ihre Ausrüstung an und stiegen in das schmutzige, morastige Wasser. Zwischen sich hatten sie Zugleinen gespannt.

Die Polizisten schauten schweigend zu.

Martinson kam, als die Taucher den Teich zum ersten Mal durchquert hatten.

≫Wie ich sehe, ist es das richtige Auto≪, sagte er.

≫Vielleicht liegt sie da unten≪, teilte ihm Wallander mit.

Die Taucher arbeiteten gründlich. Ab und zu blieb einer von ihnen stehen und zog an der Leine. Verschiedene Gegenstände sammelten sich am Ufer. Ein verschlissener Fußabtreter, Teile einer Dreschmaschine, verrottete Äste, ein Gummistiefel.

Inzwischen war Mitternacht vorbei. Immer noch gab es keine Spur von Louise Akerblom.

Viertel vor zwei in der Nacht stiegen die Taucher aus dem Wasser.

≫Mehr ist nicht zu finden≪, sagte einer von ihnen. ≫Aber wir können das Ganze morgen noch einmal wiederholen, wenn ihr glaubt, daß es etwas bringt.≪

≫Nein≪, sagte Wallancler. ≫Sie ist nicht hier.≪

Sie wechselten noch ein paar Worte und fuhren dann nach Hause, jeder in seine Richtung.

Wallander trank ein Bier und aß ein paar Zwiebäcke. Er war so müde, daß er nicht mehr denken konnte. Um das Ausziehen kümmerte er sich nicht mehr; er legte sich angezogen auf das Bett und zog eine Decke über sich.

Punkt halb acht, am Mittwoch, dem 29. April, war Wallander wieder im Polizeigebäude.

Ein Gedanke hatte ihn beschäftigt, als er im Auto saß. Er suchte sich die Telefonnummer Pastor Turesons heraus. Der war selbst am Apparat. Wallander entschuldigte sich für den zeitigen Anruf. Dann bat er um ein Treffen im Laufe des Tages.

≫Geht es um etwas Besonderes?≪ fragte Tureson.

≫Nein≪ antwortete Wallander. ≫Es sind nur ein paar Fragen, auf die ich gern eine Antwort hätte. Alles kann von Bedeutung sein.≪

≫Ich habe den Lokalsender gehört≪, sagte Tureson. ≫Und ich habe die Zeitungen gesehen. Gibt es Neuigkeiten?≪

≫Sie ist immer noch verschwunden≪, antwortete Wallander.

≫Leider darf ich aus Gründen der Geheimhaltung nicht allzu viel über unsere Ermittlungen verraten.≪

≫Ich verstehe≪, sagte Tureson. ≫Entschuldigung, daß ich gefragt habe. Aber ich bin natürlich beunruhigt über Louises Verschwinden.≪

Sie verabredeten, daß sie sich um elf in den Räumen der Methodistenkirche treffen würden.

Wallander legte den Hörer auf und ging in Björks Zimmer. Svedberg saß da und gähnte, während Martinson an Björks Apparat telefonierte. Björk trommelte mit den Fingern nervös auf dem Tisch herum. Mit einer Grimasse legte Martinson den Hörer auf.

≫Die ersten Hinweise treffen ein≪, sagte er. ≫Bisher scheint nichts Brauchbares dabei zu sein. Aber einer hat angerufen und steif und fest behauptet, er habe Louise Akerblom letzten Donnerstag auf dem Flugplatz von Las Palmas gesehen. Also am Tag, bevor sie verschwand.≪

≫Fangen wir jetzt an≪, unterbrach ihn Björk. Der Polizeichef hatte in dieser Nacht offensichtlich schlecht geschlafen. Er wirkte müde und zerstreut.

≫Wir machen weiter, wo wir gestern aufgehört haben≪, sagte Wallander. ≫Der Wagen muß gründlich untersucht, die Anrufe sofort nach Eintreffen bearbeitet werden. Ich selbst werde noch einmal zur Brandstelle hinausfahren und schauen, was die Techniker herausgefunden haben. Der Finger ist auf dem Weg zur kriminaltechnischen Untersuchung. Die Frage ist, ob wir die Öffentlichkeit informieren oder nicht.≪

≫Wir tun es≪, sagte Björk unerwartet bestimmt. ≫Martinson kann mir helfen, eine Pressemitteilung zu formulieren. Ich glaube, das wird ganz schön viel Unruhe in die Redaktionen bringen.≪

≫Besser, wenn Svedberg das übernimmt≪, meinte Martinson.

≫Ich bin dabei, fünfundzwanzigtausend schwedische Ärzte zu informieren. Plus eine unendliche Anzahl Kliniken und Unfallstationen. Das braucht Zeit.≪

≫Gut, in Ordnung≪, sagte Björk. ≫Ich selbst werde mich um diesen Rechtsanwalt in Värnamo kümmern. Wir sehen uns heute nachmittag, wenn nichts passiert.≪

Wallander ging hinaus zu seinem Wagen. Es würde ein schöner Tag in Schonen werden. Er blieb stehen und sog die frische Luft ein. Zum ersten Mal in diesem Jahr hatte er das Gefühl, daß der Frühling in der Luft lag.

Als er die Brandstelle erreichte, erwarteten ihn zwei Überraschungen.

Die Arbeit der Polizeitechniker war in den ersten Morgenstunden erfolgreich gewesen. Er traf auf Sven Nyberg, der erst vor einigen Monaten zur Ystader Polizei gekommen war. Vorher hatte er in Malmö gearbeitet, aber nicht gezögert, als zufällig eine Stelle in Ystad frei wurde. Wallander hatte bisher nicht allzuviel mit ihm zu tun gehabt. Es hieß, Nyberg sei ein fähiger Spezialist für Tatortuntersuchungen. Daß er mürrisch und kontaktscheu war, hatte Wallander schon bemerkt.

≫Ich glaube, du solltest dir ein paar Sachen ansehen≪, sagte Nyberg.

Sie gingen zu einem kleinen Regenschutz, der zwischen vier Pfählen aufgespannt war.

Auf einer Plastikplane lagen einige verformte Metallteile.

≫Eine Bombe?≪ fragte Wallander.

≫Nein≪, antwortete Nyberg. ≫Von der haben wir nicht einmal eine Spur gefunden. Aber das hier ist mindestens ebenso interessant. Was du hier siehst, sind die Überreste einer großen Funkanlage.≪

Wallander starrte ihn verständnislos an.

≫Ein kombiniertes Sende- und Empfangsgerät≪, erklärte Nyberg. ≫Zu Typ oder Marke kann ich keine Angaben machen. Aber es war definitiv keine Anlage für Amateurfunker. Es ist schon ein wenig seltsam, daß sich so etwas in einem abgelegenen Haus findet. Das außerdem in die Luft gesprengt wurde.≪

Wallander nickte.

≫Du hast recht≪, sagte er. ≫Darüber möchte ich gern mehr wissen.≪

Nyberg nahm ein anderes Metallteil von der Plane.

≫Das hier ist nicht minder interessant≪, behauptete er. ≫Erkennst du, was es ist?≪

Wallander schien, es sehe aus wie ein Pistolenkolben.

≫Eine Waffe≪, sagte er.

Nyberg nickte.

≫Eine Pistole≪, bestätigte er. ≫Wahrscheinlich enthielt sie ein geladenes Magazin, als das Haus in die Luft flog. Es zerriß die Pistole, als das Magazin explodierte, durch die Druckwelle oder das Feuer. Ich habe außerdem den Verdacht, daß das hier ein ganz ungewöhnliches Modell war. Der Kolben ist ausgezogen, wie du sehen kannst. Das war definitiv keine Luger oder Beretta.≪

≫Was dann?≪ fragte Wallander.

≫Zu früh, um schon eine Antwort geben zu können≪ meinte Nyberg. ≫Aber du bekommst Bescheid, sobald wir etwas wissen.≪

Nyberg stopfte seine Pfeife und zündete sie an.

≫Was denkst du über das Ganze hier?≪ fragte er.

Wallander schüttelte den Kopf.

≫Ich habe mich selten so unsicher gefühlt≪, antwortete er aufrichtig. ≫Ich finde keine Zusammenhänge, ich weiß nur, daß ich nach einer verschwundenen Frau suche und dabei die ganze Zeit auf die seltsamsten Sachen stoße. Ein abgehackter Finger, Teile eines leistungsfähigen Funkgerätes, seltene Waffen. Vielleicht sollte ich gerade vom Ungewöhnlichen ausgehen? Ganz im Gegensatz zu meinen Erfahrungen als Polizist?≪

≫Geduld≪, riet Nyberg. ≫Irgendwann wird der Zusammenhang erkennbar werden.≪

Nyberg widmete sich wieder seiner mühsamen Puzzlearbeit. Wallander streifte noch eine Weile auf der Brandstelle umher und versuchte noch einmal, für sich selbst eine Zusammenfassung zu formulieren. Schließlich gab er auf. ’

Er setzte sich ins Auto und rief im Polizeigebäude an.

≫Gibt es viele Hinweise?≪ erkundigte er sich bei Ebba.

≫Es kommen ununterbrochen Anrufe≪, antwortete sie. ≫Gerade kam Svedberg vorbei und sagte, daß einige Informationen glaubwürdig und interessant seien. Mehr weiß ich nicht.≪

Wallander gab ihr die Telefonnummer der Methodistenkirche und beschloß, nach seinem Gespräch mit dem Pastor Louise Akerbloms Schreibtisch im Immobilienbüro gründlich zu durchsuchen. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er es bisher bei einem ersten oberflächlichen Durchstöbern hatte bewenden lassen.

Er fuhr zurück nach Ystad. Weil er bis zu seinem Treffen mit Pastor Tureson noch Zeit hatte, parkte er am Markt und betrat ein Rundfunkgeschäft. Ohne lange nachzudenken, unterschrieb er einen Ratenkaufvertrag für eine neue Stereoanlage. Dann fuhr er nach Hause in die Mariagatan und stellte sie auf. Eine CD hatte er gekauft, Puccinis ‘Turandot’. Er legte sie ein, lümmelte sich aufs Sofa und versuchte, an Baiba Liepa zu denken. Aber Louise Akerbloms Gesicht drängte sich ständig dazwischen.

Mit einem Ruck wachte er auf und sah auf die Uhr. Er konnte einen Fluch nicht unterdrücken, als er erkannte, daß er bereits vor zehn Minuten in der Methodistenkirche hätte sein müssen.

Pastor Tureson erwartete ihn im Hinterzimmer der Kirche. Es war eine Mischung aus Lagerraum und Büro. An den Wänden hingen Wandbehänge mit verschiedenen Bibelzitaten. In einer Fensternische stand eine Kaffeemaschine.

≫Tut mir leid, daß ich mich verspätet habe≪, entschuldigte sich Wallander.

≫Ich verstehe sehr gut, daß die Polizei viel zu tun hat≪, erwiderte Pastor Tureson.

Wallander setzte sich auf einen Stuhl und zog seinen Notizblock hervor. Tureson fragte, ob er Kaffee haben wolle, aber er lehnte dankend ab.

≫Ich versuche, mir eine Vorstellung davon zu machen, wer Louise Akerblom eigentlich ist≪, begann er. ≫Alles, was ich bisher in Erfahrung bringen konnte, scheint mir in eine Richtung zu weisen. Nämlich, daß Louise Akerblom ein durch und durch harmonischer Mensch ist, der niemals freiwillig Ehemann und Kinder verlassen würde.≪

≫So kennen wir sie alle≪, bestätigte Tureson.

≫Gleichzeitig macht mich das mißtrauisch≪, fuhr Wallander fort.

≫Mißtrauisch?≪

Tureson schien verwundert.

≫Ich glaube ganz einfach nicht, daß es so fehlerfreie und harmonische Menschen gibt≪, erklarte Wallander. ≫Alle haben ihre dunklen Flecken. Die Frage ist nur, welche hat Louise Akerblom. Ich setze voraus, daß sie nicht freiwillig verschwunden ist, weil sie ihr eigenes Glück nicht mehr ausgehalten hat.≪

≫Der Kommissar würde dieselbe Antwort von allen Mitgliedern unserer Gemeinde erhalten≪, sagte Tureson.

Wallander gelang es später nie herauszufinden, was eigentlich geschehen war. Aber irgend etwas an Pastor Turesons Antwort schärfte plötzlich seine Aufmerksamkeit. Es war, als ob der Geistliche das Bild Louise Akerbloms verteidigte, obwohl es doch durch nichts in Frage gestellt war als durch Wallanders allgemeine Äußerungen. Oder verteidigte er etwas anderes?

Wallander reagierte schnell und stellte eine Frage, die früher weniger wichtig erschienen war.

≫Erzählen Sie von der Gemeinde≪, bat er. ≫Warum wird man Mitglied der Methodistenkirche?≪

≫Unser Gottesglaube und unsere Bibeldeutungen sind die richtigen≪, antwortete Pastor Tureson.

≫Ist es so?≪ bohrte Wallander.

≫Nach meiner Auffassung und der meiner Gemeinde ist es so≪, beharrte Pastor Tureson. ≫Aber das wird natürlich von anderen Glaubensgemeinschaften angezweifelt. Das ist nicht weiter verwunderlich.≪

≫Gibt es jemanden in der Gemeinde, der Louise Akerblom nicht leiden kann?≪ fragte Wallander und hatte sofort das Gefühl, daß der Mann ihm gegenüber zu lange mit seiner Antwort zögerte.

≫Das kann ich mir nicht vorstellen≪, antwortete Pastor Tureson. Da ist es wieder, dachte Wallander. Etwas Ausweichendes, Gleitendes in seiner Antwort.

≫Wie kommt es, daß ich Ihnen nicht glaube?≪ fragte er.

≫Sie sollten mir glauben≪, erwiderte Tureson. ≫Ich kenne meine Gemeinde.≪

Wallander fühlte sich plötzlich sehr müde. Er sah ein, daß er seine Fragen auf andere Art stellen mußte, wenn er den Pastor aus der Reserve locken wollte. Also Frontalangriff.

≫Ich weiß, daß Louise Akerblom Feinde in der Gemeinde hat≪, provozierte er. ≫Woher ich es weiß, spielt keine Rolle. Aber ich würde gern Ihre Meinung hören.≪

Tureson sah ihn lange an, bevor er antwortete.

≫Keine Feinde≪, sagte er. ≫Aber es ist richtig, daß es ein Mitglied der Gemeinde gibt, das ein unglückliches Verhältnis zu ihr hat.≪

Er stand auf und trat an ein Fenster.

≫Ich schwankte die ganze Zeit≪, gestand Pastor Tureson. ≫Gestern abend war ich nahe daran, Sie anzurufen. Aber ich tat es nicht. Wir hoffen ja alle, daß Louise Akerblom zurückkommt. Daß alles eine natürliche Erklärung findet. Aber gleichzeitig wuchs meine Unruhe. Auch das muß ich zugeben.≪

Er setzte sich wieder.

≫Ich habe ja ebenso eine Verantwortung für all die anderen Gemeindemitglieder≪, sagte er. ≫Ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, jemanden in ein schlechtes Licht ”gerückt zu haben. Etwas behauptet zu haben, was sich später als völlig falsch erweist.≪

≫Dieses Gespräch hier ist kein offizielles Verhör≪, beruhigte ihn Wallander. ≫Was Sie erzählen, bleibt bei mir. Ich schreibe kein Protokoll.≪

≫Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll≪, zögerte Pastor Tureson. ≫Sagen Sie, wie es ist≪, ermutigte Wallander. ≫So ist es am einfachsten.≪

≫Vor zwei Jahren kam ein neues Gemeindemitglied zu uns≪, begann Pastor Tureson. ≫Er war Maschinist auf einer der Polenfähren, und er begann, unsere Versammlungen zu besuchen. Er war geschieden, fünfunddreißig Jahre alt, freundlich und bescheiden. Sehr bald wurde er von der Gemeinde geachtet und geschätzt. Aber ungefähr ein Jahr später hat Louise Akerblom mich um ein Gespräch. Sie war sehr besorgt, ihr Mann Robert könne davon etwas erfahren. Wir saßen hier in diesem Raum, und sie erzählte mir, daß unser neues Gemeindemitglied angefangen hatte, sie mit Liebeserklärungen zu verfolgen. Er schickte Briefe, verfolgte sie, rief an. Sie versuchte, ihn so freundlich wie möglich zurückzuweisen. Aber er machte weiter, und die Situation wurde schließlich unerträglich. Louise bat mich, ich solle mit ihm sprechen. Ich tat es. Es war plötzlich, als würde er ein ganz anderer Mensch. Er hatte einen furchtbaren Wutanfall, behauptete, Louise hätte ihn verraten und daß ich es sei, der einen schlechten Einfluß auf sie ausübe. Eigentlich würde sie ihn lieben und wolle ihren Mann verlassen. Das war völlig absurd. Er kam nicht mehr zu unseren Versammlungen, kündigte seinen Job auf der Fähre, und wir glaubten, er sei im Guten gegangen. Zur Gemeinde sagte ich nur, er sei umgezogen und zu schüchtern gewesen, sich zu verabschieden. Für Louise war es natürlich eine große Freude. Aber ungefähr vor drei Monaten begann es von neuem. Eines Abends entdeckte Louise, daß er vor ihrem Haus auf der Straße stand. Das war natürlich ein mächtiger Schock für sie. Wieder begann er, sie mit Liebeserklärungen zu verfolgen. Ich muß gestehen, Kommissar Wallander, daß wir ernsthaft erwogen, Kontakt zur Polizei aufzunehmen. Heute ärgere ich mich natürlich, daß wir es nicht getan haben. Das kann natürlich ein Zufall sein. Aber mit jeder Stunde, die vergeht, werde ich unruhiger.≪

Endlich, dachte Wallander. Jetzt habe ich etwas, woran ich mich halten kann. Auch wenn ich in bezug auf schwarze Finger, gesprengte Funkstationen und seltene Pistolen im dunkeln tappe. Jetzt habe ich auf alle Fälle etwas.

≫Wie heißt der Mann?≪ forschte er.

≫Stig Gustafson.≪

≫Haben Sie eine Adresse?≪

≫Nein. Aber seine Personennummer. Er hat einmal die Rohrleitungen der Kirche repariert und erhielt die Arbeit bezahlt.≪

Tureson ging zu einem Schreibtisch und blätterte in einem Ordner.

≫570503—0470≪, sagte er.

Wallander machte sich eine Notiz.

≫Sie taten ganz recht daran, mir von der Sache zu erzählen≪, sagte er. ≫Früher oder später wäre ich sowieso darauf gestoßen. So sparen wir Zeit.≪

≫Sie ist tot, oder?≪ sagte Tureson plötzlich.

≫Das weiß ich nicht≪, antwortete Wallander. ≫Ehrlich gesagt, auf diese Frage weiß ich keine Antwort.≪

Wallander gab dem Pastor die Hand und verließ die Kirche. Es war Viertel nach zwölf.

Jetzt, dachte er, jetzt habe ich endlich eine Spur.

Er eilte zu seinem Wagen und fuhr auf dem schnellsten Wege zum Polizeigebäude. Sobald er in seinem Büro war, rief er seine Kollegen zu einer Besprechung zusammen. Als er gerade hinter dem Schreibtisch Platz genommen hatte, klingelte das Telefon. Es war Nyberg, der sich immer noch an der Brandstelle aufhielt.

≫Neue Funde?≪ fragte Wallander.

≫Nein≪, antwortete Nyberg. ≫Aber ich weiß inzwischen, was für eine Pistole das war, zu der wir den Kolben gefunden haben.≪

≫Schieß los≪, forderte Wallander ihn auf und griff nach seinem Notizblock.

≫Ich hatte richtig vermutet, daß es sich um eine ungewöhnliche Waffe handelt≪ fuhr Nyberg fort. ≫Ich glaube kaum, daß es allzu viele Exemplare davon hier im Lande gibt.≪

≫Um so besser≪ sagte Wallander. ≫Das vereinfacht die Suche.≪

≫Es handelt sich um eine 9 mm Astra Constable≪, verriet Nyberg. ≫Ich habe sie einmal auf einer Waffenausstellung in Frankfurt gesehen. Und ich habe ein ganz gutes Gedächtnis, wenn es um Waffen geht.≪

≫Wo wird sie hergestellt?≪ fragte Wallander.

≫Das ist ja das Seltsame≪, sagte Nyberg. ≫Soweit ich weiß, wird sie nur in Lizenz in einem einzigen Land produziert.≪

≫In welchem?≪

≫In Südafrika.≪

Wallander legte den Stift beiseite.

≫Südafrika?≪

≫Ja.≪

≫Wie kommt das?≪

≫Weshalb eine Waffe in einem Land populär wird, nicht jedoch in einem anderen, das kann ich nicht beantworten. Es ist eben. so.≪

≫Verdammt. Südafrika?≪

≫Das läßt Schlüsse zu auf den Finger, den wir gefunden haben.≪

≫Was macht eine südafrikanische Pistole hier im Land?≪

≫Das herauszufinden ist dein Job≪, sagte Nyberg.

≫Gut≪, meinte Wallander. ≫Gut, daß du gleich angerufen hast. Wir müssen dann noch einmal ausführlicher über die Sache reden.≪

≫Ich dachte nur, damit du Bescheid weißt≪, sagte Nyberg und beendete das Gespräch.

Wallander stand auf und ging zum Fenster hinüber.

Nach einigen Minuten hatte er sich entschieden.

Vor allem würden sie sich darauf konzentrieren, Louise Akerblom zu finden und Stig Gustafson zu kontrollieren. Alles andere mußte erst einmal warten.

So sieht es aus, dachte Wallander. So sieht es aus, 117 Stunden nach Louise Akerbloms Verschwinden.

Er nahm den Telefonhörer ab.

Die Müdigkeit war plötzlich wie weggeblasen.

Kapitel 6

6

Peter Hanson war Dieb.

Er war kein besonders erfolgreicher Verbrecher. Aber es gelang ihm meistens, die Aufträge auszuführen, die ihm sein Besteller und Arbeitgeber, der Hehler Morell in Malmö, erteilte.

Gerade an diesem Tag, dem Vormittag der Walpurgisnacht, war Peter Hanson jedoch regelrecht wütend auf Morell. Er war davon ausgegangen, daß er wie alle anderen ein paar freie Tage haben würde, und hatte sogar einen kleinen Ausflug nach Kopenhagen eingeplant. Aber dann hatte Morell ihn am vorangegangenen Abend angerufen und mitgeteilt, daß er einen eiligen Auftrag zu erledigen habe.

≫Du mußt vier Wasserpumpen besorgen≪, hatte Morell gesagt. ≫Vom alten Typ. Wie sie draußen auf dem Lande auf jedem Hof stehen.≪

≫Das kann ja wohl bis nach den freien Tagen warten≪, hatte Peter Hanson eingewendet. Er war schon im Bett gewesen, als der Anruf kam, und er mochte es gar nicht, wenn er geweckt wurde.

≫Das kann nicht warten≪, hatte Morell erwidert. ≫Es geht um eine Person, die in Spanien wohnt und übermorgen mit dem Wagen dort runterfährt. Er will die Pumpen mitnehmen und an andere Schweden verkaufen, die da unten wohnen. Die sind völlig sentimental und bezahlen gut dafür, alte schwedische Wasserpumpen vor ihren Haciendas stehen zu haben.≪

≫Wie soll ich denn vier Wasserpumpen auftreiben?≪ hatte Peter Hanson gemault. ≫Du hast wohl vergessen, daß freie Tage bevorstehen? Morgen fahren alle hinaus in ihre Sommerhäuschen.≪

≫Das kriegst du schon hin≪, hatte Morell geantwortet. ≫Wenn du dich früh genug auf den Weg machst.≪

Dann war er dazu übergegangen zu drohen.

≫Sonst bin ich gezwungen, in meinen Papieren nachzusehen, was mir dein Bruder noch schuldet.≪

Peter Hanson hatte den Hörer auf die Gabel geschmettert. Er wußte, daß Morell dies als eine positive Antwort werten würde. Weil er geweckt worden war und längere Zeit nicht mehr einschlafen konnte, zog er sich an und fuhr von Rosengard, wo er wohnte, in die Stadt hinunter. Er ging in eine Kneipe, um Bier zu trinken.

Peter Hanson hatte einen Bruder namens Jan-Olof. Er war Peter Hansons großes Unglück. Jan-Olof spielte Reichstoto in Jägersro und zwischendurch auch auf anderen Trabrennbahnen des Landes. Er spielte viel, und er spielte schlecht. Er verlor mehr, als er verkraften konnte, und landete so in Morells Fängen. Da er keine Sicherheiten bieten konnte, mußte Peter Hanson als lebende Garantie einspringen.

Morell war vor allem Hehler. Aber in den letzten Jahren hatte er eingesehen, daß er, wie andere Unternehmer auch, mit der Zeit gehen mußte. Entweder würde er seine Tätigkeit weiter profilieren und sich spezialisieren. Oder er konnte seine Basis verbreitern. Er hatte die zweite Möglichkeit gewählt.

Auch wenn er ein weites Netz von Bestellern hatte, die sehr genau wußten, was sie wollten, hatte er sich doch entschlossen, in das Geschäft mit Darlehen einzusteigen. Auf diese Weise, so rechnete er sich aus, würde er seinen Umsatz kräftig steigern können.

Morell war gut fünfzig Jahre alt. Nach einer zwanzigjährigen Tätigkeit in der Betrugssparte hatte er das Metier gewechselt und seit Ende der siebziger Jahre ein Hehlerimperium in Südschweden aufgebaut. Auf seinen unsichtbaren Lohnlisten standen über dreißig Diebe und Chauffeure, und jede Woche gingen Transporter voll mit gestohlener Ware in sein Lager im Freihafen von Malmö, von wo aus sie an Empfänger im Ausland weitergeleitet wurden. Aus Småland kamen Stereoanlagen, Fernsehapparate und Mobiltelefone. Aus Halland rollten Karawanen gestohlener Autos in Richtung Süden, zu wartenden Käufern in Polen und, inzwischen, auch in der ehemaligen DDR. Er sah, wie sich mit den baltischen Staaten ein neuer bedeutender Markt öffnete, und er hatte auch schon einige Luxuslimousinen nach Tschechien geliefert. Peter Hanson war eines der kleinsten Rädchen im Getriebe seiner Organisation. Morell war, was seine Fähigkeiten betraf, immer noch im Zweifel und setzte ihn meist bei Einzelbestellungen ein. Vier Wasserpumpen waren ein idealer Auftrag für ihn.

Deshalb also saß Peter Hanson am Vormittag der Walpurgisnacht fluchend in seinem Wagen. Morell hatte ihm den Feiertag verdorben. Außerdem machte er sich des Auftrages wegen Gedanken. Es waren zu viele Leute unterwegs, als daß er damit rechnen konnte, ungestört zu arbeiten.

Peter Hanson war in Hörby geboren und kannte Schonen. Es gab keine Nebenstraße in dieser Gegend, die er nicht schon gefahren wäre, und er verfügte über ein gutes Gedächtnis. Er arbeitete nun vier Jahre für Morell, seit er neunzehn war. Er dachte manchmal an all die Sachen, die er schon in seinen rostigen Lastwagen geladen hatte. Einmal hatte er zwei Stierkälber gestohlen. Zu Weihnachten kam es oft vor, daß Schweine bestellt wurden. Schon oft hatte er Grabsteine geschleppt und sich gefragt, wer der offenbar kranke Besteller war. Er hatte Haustüren davongetragen, während die Hauseigentümer schliefen, und zusammen mit einem Kranführer eine Kirchturmspitze herabgeholt. Wasserpumpen waren nichts Ungewöhnliches. Aber der Tag war schlecht gewählt.

Er hatte beschlossen, in der Gegend östlich vom Flugplatz Sturup anzufangen. Österlen konnte er sich aus dem Kopf schlagen, dort würde heute jedes Wochenendhaus bevölkert sein.

Wenn er Glück haben wollte, dann im Gebiet zwischen Sturup, Hörby und Ystad. Dort gab es einige abgelegene Höfe, wo er vielleicht in Ruhe arbeiten konnte.

Gleich hinter Krageholm, an einer kleinen Straße, die sich durch einen Wald schlängelte und in Sövde endete, fand er seine erste Pumpe. Es war ein halbverfallener Hof, der vor Blicken gut geschützt lag. Die Pumpe war rostig, aber ganz. Er begann, sie mit einem Brecheisen zu lösen. Doch nicht die Befestigungen der Pumpe gaben nach, sondern das ganze verrottete Fundament. Er legte die Brechstange zur Seite und versuchte, die Pumpe von den morschen Brettern der Brunnenabdeckung loszubrechen. Vielleicht war es doch nicht ganz unmöglich, Morell vier Pumpen zu verschaffen. Noch drei Höfe, und er konnte am frühen Nachmittag wieder in Malmö sein. Es war ja erst zehn Minuten nach acht. Vielleicht würde er am Abend doch noch nach Kopenhagen fahren.

Dann brach er die rostige Pumpe los.

Gleichzeitig brach das Bretterfundament zusammen.

Er warf einen Blick in den Brunnen.

Dort unten im Dunkeln lag etwas. Etwas Hellgelbes.

Dann sah er mit Entsetzen, daß es ein Menschenkopf mit blondem Haar war.

Im Brunnen lag eine Frau.

Ein zusammengepreßter, verrenkter Körper.

Er ließ die Pumpe los und rannte davon. Mit heulendem Motor raste er die schmale Straße entlang. Nach einigen Kilometern, kurz vor Sövde, hielt er an, öffnete die Tür des Wagens und erbrach sich.

Dann versuchte er nachzudenken. Er wußte, daß es keine Einbildung gewesen war. Dort im Brunnen hatte eine Frau gelegen.

Eine Frau, die in einem Brunnen liegt, ist bestimmt ermordet worden, dachte er. Da wurde ihm klar, daß er auf der Pumpe seine Fingerabdrücke hinterlassen hatte.

Und seine Fingerabdrücke waren im Archiv registriert.

Morell, dachte er verwirrt. Das muß Morell in Ordnung bringen.

Er fuhr durch Sövde, viel zu schnell, und bog dann in Richtung Süden, nach Ystad, ab. Er würde nach Malmö zurückfahren und Morell die Angelegenheit überlassen. Der Mann, der nach Spanien fahren wollte, mußte ohne seine Pumpen auskommen.

Ungefähr an der Abfahrt zur Müllkippe von Ystad war die Reise zu Ende. Als er sich mit zitternden Händen eine Zigarette anzünden wollte, kam er ins Schleudern. Es gelang ihm nur teilweise, das Auto wieder in seine Gewalt zu bringen. Der Wagen trudelte in einen Zaun, demolierte eine Reihe von Briefkästen und kam dann zum Stehen. Peter Hanson hatte den Sicherheitsgurt angelegt und wurde deshalb nicht durch die Frontscheibe geschleudert. Der Äufprall machte ihn dennoch benommen, so daß er unter Schock hinter dem Lenkrad sitzen blieb. Ein Mann, der in seinem Garten den Rasen mähte, hatte beobachtet, was passiert war. Er rannte erst über die Straße, um sich zu vergewissern daß niemand schwer verletzt worden war. Dann eilte er zu seinem Haus zurück, rief die Polizei an und stellte sich dann neben den Wagen, um zu verhindern, daß der Mann am Steuer fliehen konnte. Der muß völlig besoffen sein, dachte er. Wie kann man sonst auf einer geraden Strecke die Gewalt über sein Fahrzeug verlieren?

Nach einer Viertelstunde kam ein Streifenwagen aus Ystad. Peters und Noren, zwei der erfahrensten Polizisten aus dem Bezirk, hatten den Anruf entgegengenommen. Als sie sicher waren, daß keiner zu Schaden gekommen war, begann Peters, den Verkehr an der Unglücksstelle vorbeizuleiten, während Noren sich mit Peter Hanson auf den Rücksitz des Streifenwagens setzte, um herauszufinden, was eigentlich geschehen war. Noren ließ ihn ins Röhrchen blasen, aber es zeigte nichts an. Der Mann wirkte total verwirrt und überhaupt nicht daran interessiert zu erklären, wie es zu dem Unfall gekommen war. Noren fing an zu glauben, daß er einen Geisteskranken vor sich hatte. Er erzählte unzusammenhängend wirres Zeug über Wasserpumpen, einen Hehler in Malmö und einen einsamen Hof mit Brunnen.

≫Da liegt eine Frau im Brunnen≪, behauptete er.

≫Aha≪, sagte Noren. ≫Eine Frau in einem Brunnen?≪

≫Sie war tot≪, murmelte Peter Hanson.

Plötzlich fühlte Noren, wie Unbehagen ihn beschlich. Was versuchte der Mann ihm zu sagen? Daß er im Brunnen eines einsamen Hauses eine tote Frau gefunden hatte?

Noren wies den Mann an, im Auto sitzen zu bleiben. Dann eilte er zu Peters, der am Straßenrand stand und Autofahrer vorbeiwinkte, die neugierig bremsten und stehenbleiben wollten.

≫Er behauptet, eine tote Frau in einem Brunnen gefunden zu haben≪, teilte Noren mit. ≫Mit blonden Haaren.≪

Peters ließ die Arme sinken.

≫Louise Akerblom?≪

≫Ich weiß nicht. Ich weiß ja nicht einmal, ob es stimmt.≪

≫Ruf Wallander an≪, sagte Peters. ≫Sofort.≪

Unter den Kriminalpolizisten im Polizeigebäude von Ystad herrschte an diesem Vormittag der Walpurgisnacht eine abwartende Stimmung. Sie hatten sich um acht im Versammlungsraum getroffen, und Björk hatte die Besprechung sehr kurz gehalten. An diesem Tag konnte er sich nicht nur um eine verschwundene Frau kümmern. Dieser Abend war traditionell einer der unruhigsten im ganzen Jahr, und es mußte noch jede Menge vorbereitet werden, bevor die Nacht kam.

Die Besprechung drehte sich ganz und gar um Stig Gustafson. Am Donnerstag nachmittag und abend hatte Wallander seine Truppen ausgeschickt, nach dem früheren Maschinisten der Polenfähre zu suchen. Als er über sein Gespräch mit Pastor Tureson berichtet hatte, waren alle der Meinung gewesen, daß sie kurz vor einem Durchbruch standen. Sie hätten auch eingesehen, daß der abgehackte Finger und das gesprengte Haus warten mußten. Martinson war sogar der Meinung gewesen, daß es sich vielleicht trotz allem um einen Zufall handelte. Daß es einfach keinen Zusammenhang gab.

≫Das ist ja schon früher vorgekommen≪, hatte er gesagt. ≫Daß wir schwarzgebrannten Schnaps beschlagnahmen wollen. Und beim Nachbarn ein Diebeslager finden, als wir nach dem Weg fragen.≪

An diesem Freitag morgen war es ihnen noch nicht gelungen herauszufinden, wo Stig Gustafson wohnte. ≫Wir müssen das heute in Erfahrung bringen≪, sagte Wallander. ≫Wir finden ihn vielleicht nicht. Aber wenn wir die Adresse haben, wissen wir auf alle Fälle, ob er eventuell ganz eilig verschwunden ist.≪

Im selben Augenblick klingelte das Telefon. Björk nahm ab, lauschte kurz und gab den Hörer dann an Wallander weiter.

≫Noren ist dran≪, sagte er. ≫Er befindet sich an einer Unfallstelle irgendwo außerhalb der Stadt.≪

≫Das kann doch ein anderer übernehmen≪, maulte Wallander irritiert.

Aber dann nahm er doch den Hörer und hörte zu, was Noren zu sagen hatte. Martinson und Svedberg, die Wallanders Reaktionen sehr wohl kannten und hellhörig für seine wechselnden Stimmungen waren, erkannten sofort, daß das Gespräch wichtig war.

Wallander legte den Telefonhörer langsam nieder und sah seine Kollegen an.

≫Noren steht draußen an der Abfahrt zur Müllkippe≪, teilte er mit. ≫Ein kleiner Verkehrsunfall. Da sitzt aber ein Mann, der behauptet, er habe eine Frau gefunden, die man in einen Brunnen gestopft hat.≪

Sie warteten gespannt darauf, daß Wallander weitersprach.

≫Wenn ich richtig verstanden habe≪, fuhr er fort, ≫liegt dieser Brunnen weniger als fünf Kilometer von dem Haus entfernt, das Louise Akerblom besichtigen sollte. Und noch näher an dem Tümpel, wo wir ihr Auto gefunden haben.≪

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Dann sprangen sie alle auf einmal auf.

≫Willst du sofort die ganze Mannschaft?≪ fragte Björk.

≫Nein≪, antwortete Wallander. ≫Erst brauchen wir die Bestätigung. Noren hat uns gewarnt, allzu optimistisch zu sein. Er meinte, der Mann sei verwirrt.≪

≫Das wäre ich wohl auch≪, sagte Svedberg. ≫Wenn ich eine tote Frau in einem Brunnen gefunden hätte. Und dann noch der Unfall.≪

≫Genau das denke ich auch≪, bestätigte Wallander.

Sie verließen Ystad in Einsatzfahrzeugen. Wallander hatte Svedberg mit im Wagen; Martinson fuhr allein. An der nördlichen Ausfahrt stellte Wallander die Sirenen an. Svedberg sah ihn erstaunt an. ≫Es ist doch kaum Verkehr≪, sagte er.

≫Trotzdem≪, beharrte Wallander.

Sie hielten an der Abfahrt zur Müllkippe, ließen den bleichen Peter Hanson hinten einsteigen und fuhren nach seinen Anweisungen weiter.

≫Das war ich nicht≪, sagte er wieder und wieder.

≫Was warst du nicht?≪ forschte Wallander.

≫Ich habe sie nicht getötet≪, erklärte er.

≫Was hast du denn dort gemacht?≪ fragte Wallander weiter.

≫Ich sollte nur die Pumpe stehlen.≪

Wallander und Svedberg sahen sich an.

≫Morell hat gestern abend spät noch angerufen und vier Wasserpumpen bestellt≪, murmelte Peter Hanson. ≫Aber ich habe sie nicht getötet.≪

Wallander begriff gar nichts. Aber Svedberg schien plötzlich zu verstehen.

≫Ich glaube, ich habe kapiert≪, sagte er. ≫Es gibt einen Hehler in Malmö, der Morell heißt. Wir sagen unbekannt, weil ihn die Kollegen dort niemals zu fassen kriegen.≪

≫Wasserpumpen?≪ fragte Wallander mißtrauisch.

≫Antiquitäten≪, erklärte Svedberg.

Sie bogen in den abgelegenen Hof ein und stiegen aus dem Auto. Wallander dachte flüchtig daran, daß es wohl eine schöne Walpurgisnacht werden würde. Der Himmel war wolkenlos, kein Lüftchen wehte, und obwohl es erst neun Uhr war, zeigte das Thermometer sicher sechzehn, siebzehn Grad.

Er betrachtete den Brunnen und die abgerissene Pumpe, die davor auf der Erde lag. Dann atmete er tief durch, trat näher heran und schaute hinunter. Martinson und Svedberg warteten zusammen mit Peter Hanson im Hintergrund.

Wallander sah sofort, daß es Louise Akerblom war.

Sogar im Tode trug sie ein starres Lächeln im Gesicht.

Dann wurde ihm plötzlich schlecht. Er wandte sich schnell ab und hockte sich nieder.

Martinson und Svedberg gingen zum Brunnen. Beide zuckten heftig zurück.

≫Pfui Teufel≪, sagte Martinson.

Wallander schluckte und zwang sich, tief zu atmen. Er dachte an Louise Akerbloms Töchter. Und an Robert Akerblom. Er fragte sich, ob sie wohl weiter an einen guten und allmächtigen Gott würden glauben können, wenn sie erfuhren, daß ihre Mutter und Ehefrau zusammengekrümmt in einem Brunnen lag.

Er erhob sich und ging zum Brunnen zurück.

≫Sie ist es, kein Zweifel.≪

Martinson rannte zu seinem Wagen, telefonierte mit Björk und forderte die Spurensicherung an. Um Louise Akerbloms Körper aus dem Brunnen zu bergen, würden sie außerdem die Feuerwehr benötigen. Wallander setzte sich mit Peter Hanson auf die verfallene Veranda und hörte sich seine Geschichte an. Dann und wann stellte er eine Frage und nickte, wenn Peter Hanson geantwortet hatte. Er wußte bereits, daß das, was er sagte, die Wahrheit war. Eigentlich sollte die Polizei ihm dankbar sein, daß er losgezogen war, um Pumpen zu stehlen. Sonst hätte es wahrscheinlich sehr lange dauern können, bis Louise Akerblom gefunden worden wäre.

≫Nimm seine Personalien auf≪, sagte Wallander zu Svedberg, als das Gespräch mit Peter Hanson beendet war. ≫Laß ihn dann laufen. Aber kümmere dich darum, daß dieser Morell seine Geschichte bestätigt.≪

Svedberg nickte.

≫Welcher Staatsanwalt hat Dienst?≪ erkundigte sich Wallender.

≫Ich glaube, Björk erwähnte Per Akeson≪ antwortete Svedberg.

≫Nimm Kontakt zu ihm auf≪, sagte Wallander. ≫Informiere ihn, daß wir sie gefunden haben. Und daß es um Mord geht. Ich werde ihm später am Nachmittag einen Bericht geben.≪

≫Was machen wir mit Stig Gustafson?≪ fragte Svedberg.

≫Den mußt du erst einmal allein übernehmen≪, antwortete Wallander. ≫Ich will Martinson hier haben, wenn wir sie hinaufholen und die erste Untersuchung durchführen.≪

≫Ich bin froh, daß ich das nicht mit ansehen muß≪, gestand Svedberg.

Er verschwand in einem der Autos.

Wallander atmete noch ein paarmal tief durch, bevor er wieder zum Brunnen ging.

Er wollte nicht allein sein, wenn er Robert Akerblom mitteilte, wo sie seine Frau gefunden hatten.

Es dauerte zwei Stunden, Louise Akerbloms toten Körper ans Tageslicht zu befördern. Verantwortlich waren dieselben jungen Feuerwehrleute, die zwei Tage zuvor den Tümpel abgesucht hatten, wo ihr Auto gefunden worden war. Sie hievten sie mit einem Rettungsseil hoch und legten sie in ein Zelt, das neben dem Brunnen aufgestellt worden war. Bereits beim Hinaufziehen des Körpers hatte Wallander erkannt, wie sie gestorben war. Ihr war in die Stirn geschossen worden. Wieder wurde ihm schemenhaft bewußt, daß an diesem Fall nichts natürlich war. Stig Gustafson hatte er immer noch nicht getroffen, wenn der es denn war, der Louise Akerblom getötet hatte.

Aber hätte er ihr direkt von vorn in den Kopf geschossen? Etwas stimmte hier nicht.

Er fragte Martinson nach seiner ersten Reaktion.

≫Ein Schuß direkt in die Stirn≪, sagte Martinson. ≫Das läßt mich nicht gerade an Kontrollverlust durch Erregung und unglückliche Liebe denken. Das sieht eher nach kaltblütiger Hinrichtung aus.≪

≫Genau das denke ich auch≪, bestätigte Wallander.

Die Feuerwehrleute pumpten das Wasser aus dem Brunnen. Dann stiegen sie hinunter, und als sie wieder auftauchten, hatten sie Louise Akerbloms Handtasche, die Schreibmappe sowie einen Schuh bei sich. Der andere steckte noch auf ihrem Fuß. Das Wasser hatten sie in einem schnell aufgebauten Plastikbecken gesammelt. Martinson entdeckte nichts Interessantes mehr, als sie das Wasser filterten.

Die Feuerwehrleute stiegen noch einmal auf den Grund des Brunnens hinunter. Sie leuchteten ihn mit starken Lampen ab, fanden aber lediglich das Skelett einer Katze.

Der Arzt war bleich, als er aus dem Zelt kam.

≫Das ist ja schrecklich≪, sagte er zu Wallander.

≫Ja≪, bestätigte Wallander. ≫Wir wissen das Wichtigste, daß sie erschossen worden ist. Von den Pathologen in Malmö will ich vor allem zwei Auskünfte: zum einen alles über die Kugel, zum anderen einen Bericht, ob sie weitere Verletzungen hat, die auf Mißhandlungen hindeuten oder darauf, daß sie gefangengehalten wurde. Alles, was du finden kannst. Und natürlich will ich wissen, ob sie einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen ist.≪

≫Die Kugel sitzt noch im Kopf≪, sagte der Arzt. ≫Ich kann kein Austrittsloch entdecken.≪

≫Noch eine Sache≪, fügte Wallander hinzu. ≫Ich möchte, daß man ihre Handgelenke und Fußknöchel untersucht und nach Spuren von Handschellen sucht.≪

≫Handschellen?≪

≫Genau≪, wiederholte Wallander. ≫Handschellen.≪

Björk hatte sich, während der Körper geborgen wurde, im Hintergrund gehalten. Als die Leiche auf eine Bahre gelegt und durch eine Ambulanz ins Krankenhaus gefahren wurde, nahm er Wallander beiseite.

≫Wir müssen ihren Mann verständigen≪, sagte er.

Wir und wir, dachte Wallander. Du meinst, ich soll es tun.

≫Ich werde Pastor Tureson mitnehmen≪, entschied er.

≫Du mußt versuchen herauszubekommen, wie lange er braucht, um alle nahen Verwandten zu benachrichtigen≪, fügte Björk hinzu. ≫Ich befürchte, wir werden es nicht besonders lange geheimhalten können. Außerdem begreife ich nicht, wie ihr diesen Dieb so ohne weiteres laufenlassen konntet. Er kann zu einer Abendzeitung gehen und einen Batzen Geld einstreichen, wenn er erzählt, was er hier gesehen hat.≪

Björks schulmeisternder Tonfall irritierte Wallander. Gleichzeitig mußte er zugeben, daß die Sorge nicht unbegründet war.

≫Ja≪, gab er zu. ≫Das war dumm. Meine Schuld.≪

≫Ich dachte, es war Svedberg, der ihn freiließ≪, wunderte sich Björk.

≫Es war Svedberg≪ erwiderte Wallander. ≫Aber die Verantwortung liegt auf alle Fälle bei mir.≪

≫Du brauchst nicht gleich böse zu werden, wenn ich das zur Sprache bringe≪, sagte Björk.

Wallander zuckte die Schultern.

≫Ich bin böse auf den, der Louise Akerblom das angetan hat≪, antwortete er. ≫Und ihren Töchtern. Und ihrem Mann.≪

Der Hof war abgesperrt, die Untersuchung wurde fortgesetzt. Wallander setzte sich ins Auto und rief Pastor Tureson an. Er antwortete fast unmittelbar. Wallander informierte ihn. Pastor Tureson schwieg lange, bevor er antwortete. Er versprach, vor der Kirche auf Wallander zu warten.

≫Wird er zusammenbrechen?≪ fragte Wallander.

≫Er hat seinen Trost in Gott≪, antwortete Pastor Tureson.

Wir werden sehen, dachte Wallander. Wir werden sehen, ob das ausreicht.

Aber er sagte nichts.

Pastor Tureson stand mit gebeugtem Kopf an der Straße.

Auf dem Weg in die Stadt war es Wallander schwergefallen, seine Gedanken zu sammeln. Nichts fiel ihm so schwer, wie Angehörige zu benachrichtigen, wenn jemand in der Familie plötzlich umgekommen war. Eigentlich machte es keinen Unterschied, ob der Tod durch einen Unglücksfall, Selbstmord oder eine Gewalttat eingetreten war. Seine Worte waren unbarmherzig, so vorsichtig und rücksichtsvoll sie auch vorgebracht wurden. Er war der tragische Botschafter, hatte er gedacht. Er erinnerte sich, was Rydberg, sein Freund und Kollege, gesagt hatte, einige Monate, bevor er starb. ‘Es wird nie eine geeignete Art und Weise für Polizisten geben, die Botschaft von einem plötzlichen Tod zu überbringen. Deshalb werden wir weitermachen und es nie jemand anderem überlassen. Wir sind vermutlich geduldiger als andere, haben mehr von dem gesehen, was lieber niemand sehen müssen sollte.’

Auf dem Weg in die Stadt hatte er auch darüber nachgedacht, daß das ständige Gefühl, etwas an der ganzen derzeitigen Ermittlung würde schieflaufen, bald eine Begründung finden mußte. Er würde Martinson und Svedberg fragen, ob sie seine Unruhe teilten. Gab es einen Zusammenhang zwischen dem abgehackten schwarzen Finger und Louise Akerbloms Verschwinden und Tod?

Oder war es nur ein Spiel unberechenbarer Zufälle?

Er dachte daran, daß es mich noch eine dritte Möglichkeit gab. Daß jemand bewußt Verwirrung stiftete.

Aber warum plötzlich dieser Todesfall, überlegte er. Das einzige Motiv, das wir bisher finden konnten, war unglückliche Liebe. Aber der Schritt, einen Mord zu begehen, ist sehr weit. Und dann noch so kaltblütig zu handeln, Wagen und Körper an ganz verschiedenen Stellen zu verstecken.

Wir haben vielleicht noch keinen einzigen Stein gefunden, den zu wenden sich lohnen würde. Was tun wir, wenn sich Stig Gustafson als uninteressant erweist?

Er dachte an die Handschellen. An Louise Akerbloms stetes Lächeln. An die glückliche Familie, die es nicht mehr gab.

War das Abbild zerstört oder die Realität?

Pastor Türeson stieg ins Auto. Er hatte Tränen in den Augen. Auch Wallander bekam sofort einen Kloß im Hals.

≫Sie ist also tot≪, sagte Wallander. ≫Wir haben sie auf einem abgelegenen Hof in der Nähe von Ystad gefunden. Mehr kann ich noch nicht sagen.≪

≫Wie ist sie gestorben?≪

Wallander überlegte kurz, bevor er antwortete.

≫Sie wurde erschossen.≪

≫Ich habe noch eine Frage?≪, sagte Pastor Tureson. ≫Abgesehen von der, wer so eine Wahnsinnstat begehen konnte. Mußte sie sehr leiden, bevor sie starb?≪

≫Das weiß ich noch nicht≪, gestand Wallander. ≫Aber selbst wenn ich es anders wüßte, ihrem Mann würde ich sagen, daß der Tod sehr schnell und damit ohne Schmerzen eingetreten ist.≪

Sie hielten vor der Villa. Auf dem Weg zur Methodistenkirthe war Wallander am Polizeigebäude vorbeigefahren und hatte seinen eigenen Wagen geholt. Er wollte jedes Aufsehen vermeiden.

Robert Akerblom öffnete fast unmittelbar die Tür, als sie klingelten. Er hat uns gesehen, dachte Wallander. Immer, wenn auf der Straße ein Auto gebremst hat, ist er zum nächsten Fenster gerannt.

Robert Akerblom führte sie ins Wohnzimmer. Wallander lauschte. Die beiden Mädchen schienen nicht zu Hause zu sein.

≫Ich muß dir leider mitteilen, daß deine Frau tot ist≪, begann Wallander. ≫Wir haben sie auf einem verlassenen Grundstück unweit von Ystad gefunden. Sie ist ermordet worden.≪

Robert Akerblom sah ihn an, ohne eine Miene zu verziehen. Es war, als warte er auf eine Fortsetzung.

≫Es tut mir leid≪ fuhr er fort. ≫Aber ich kann nichts anderes tun als sagen, wie es ist. Ich muß dich leider auch bitten, sie zu identifizieren. Aber das kann warten. Es muß nicht heute sein. Es wäre auch in Ordnung, wenn Pastor Tureson es übernehmen würde.≪

Robert Akerblom starrte ihn immer noch an.

≫Sind die Töchter zu Hause?≪ fragte Wallander vorsichtig. ≫Das wird ja furchtbar für sie werden.≪

Er sah den Pastor flehend an.

≫Wir werden aushelfen≪, versprach Tureson.

≫Danke dafür, daß ich Bescheid weiß≪, sagte Robert Akerblom plötzlich. ≫Diese ganze Unsicherheit war so schwer zu ertragen.≪

≫Es tut mir wirklich sehr leid≪, bekräftigte Wallander. ≫Wir alle, die wir an dem Fall arbeiten, hatten gehofft, daß es eine natürliche Lösung geben würde.≪

≫Wer?≪ fragte Robert Akerblom.

≫Wissen wir nicht≪, antwortete Wallander. ≫Aber wir werden ’ nicht aufgeben, bevor wir es wissen.≪

≫Ihr werdet es niemals schaffen≪, sagte Robert Akerblom. Wallander sah ihn fragend an.

≫Warum glaubst du das?≪

≫Niemand kann die Absicht gehabt haben, Louise zu töten≪, erklärte Robert Akerblom. ≫Wie könnt ihr da einen Schuldigen finden?≪

Wallander wußte nicht, was er darauf entgegnen sollte. Robert Akerblom hatte ausgesprochen, was ihr größtes Problem war.

Einige Minuten später erhob er sich. Pastor Tureson folgte ihm in den Flur.

≫Jetzt sind ein paar Stunden Zeit, die nächsten Angehörigen zu benachrichtigen≪, sagte Wallander leise. ≫Ich bin telefonisch zu erreichen. Wir können es nicht wer weiß wie lange geheimhalten.≪

≫Ich verstehe≪, sagte Pastor Tureson.

Dann senkte er die Stimme.

≫Stig Gustafson?≪ fragte er.

≫Wir suchen noch nach ihm≪, antwortete Wallander. ≫Wir wissen nicht, ob er der richtige ist.≪

≫Gibt es noch weitere Spuren?≪

≫Vielleicht≪, wich Wallander aus. ≫Aber ich kann die Frage leider nicht beantworten.≪

≫Aus ermittlungstechnischen Gründen?≪

≫Genau.≪

Wallander merkte, daß der Pastor noch eine Frage hatte. ≫Ja, bitte. Nur zu!≪

Pastor Tureson dämpfte die Stimme so sehr, daß Wallander Mühe hatte, ihn zu verstehen.

≫Ist es ein Sexualverbrechen?≪ flüsterte er.

≫Das wissen wir noch nicht≪, antwortete Wallander. ≫Aber es ist natürlich nicht ausgeschlossen.≪

Eine eigenartige Mischung aus Hunger und Unbehagen machte Wallander zu schaffen, als er die Akerblomsche Villa verließ. An einer Imbißbude auf dem Österleden hielt er an und würgte einen Hamburger hinunter. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt gegessen hatte. Dann beeilte er sich, zum Polizeigebäude zu kommen. Dort wurde er von Svedberg erwartet, der mitteilen konnte, daß Björk in aller Eile eine Pressekonferenz hatte improvisieren müssen. Weil er Wallander während des Überbringens der Todesnachricht nicht stören wollte, mußte Martinson einspringen.

≫Kannst du dir denken, wie es herausgekommen ist?≪ fragte Svedberg.

≫Ja≪, antwortete Wallander. ≫Peter Hanson?≪

≫Falsch. Einmal darfst du noch raten!≪

≫Einer von uns?≪

≫Diesmal nicht. Sondern Morell. Der Hehler in Malmö. Er sah seine Chance, für seinen Tip bei einer Abendzeitung ein bißchen Geld abzuzocken. Ein richtiger Schweinehund, ganz offensichtlich. Aber jetzt können die in Malmö ihn wenigstens endlich festsetzen. Jemanden zu beauftragen, vier Wasserpumpen zu stehlen, ist strafbar.≪

≫Er kriegt nur Bewährung≪, meinte Wallander.

Sie gingen in den Speiseraum und holten sich jeder seine Tasse Kaffee.

≫Wie hat Robert Akerblom es aufgenommen?≪ erkundigte sich Svedberg.

≫Ich weiß nicht≪, sagte Wallander. ≫Es muß ihm wohl so vorgekommen sein, als verlöre er die Hälfte seines eigenen Lebens. Das kann sich wohl keiner vorstellen, der nicht selbst schon etwas Ähnliches durchmachen mußte. Ich kann es nicht. Ich weiß nur eines: Sobald diese Pressekonferenz vorüber ist, müssen wir uns alle zusammensetzen. Bis dahin setze ich mich in mein Zimmer und versuche mich an einer Zusammenfassung.≪

≫Ich dachtegmir, ich könnte eine Übersicht erarbeiten, was für Hinweise bisher bei uns eingegangen sind≪, erklärte Svedberg. ≫Es ist ja möglich, daß Louise Akerblom am Freitag mit einem Mann gesehen wurde, der mit Stig Gustafson identisch sein könnte.≪

≫Tu das≪ sagte Wallander. ≫Und gib uns alles, was du hast über den Mann.≪

Die Pressekonferenz zog sich in die Länge. Nach anderthalb Stunden war sie endlich zu Ende. Inzwischen hatte Wallander versucht, seine Zusammenfassung in Stichpunkten niederzulegen und einen Plan für die nächste Phase der Ermittlungen zu entwerfen.

Björk und Martinson waren völlig erschöpft, als sie den Versammlungsraum betraten.

≫Jetzt versteh ich, wie du dich immer fühlst≪, sagte Martinson und sank auf einen Stuhl. ≫Das einzige, was sie nicht gefragt haben, war, welche Farbe ihre Unterwäsche hatte.≪

Wallander reagierte unmittelbar.

≫Das war unnötig≪, sagte er.

Martinson hob entschuldigend die Hände.

≫Ich werde versuchen zusammenzufassen≪ begann Wallander. ≫Den Anfang der Geschichte kennen wir, den überspringe ich. Nun haben wir also Louise Akerblom gefunden. Sie ist ermordet worden, durch die Stirn geschossen. Ich gehe außerdem davon aus, daß sie aus nächster Nähe erschossen wurde. Aber das werden wir später mit Sicherheit erfahren. Wir wissen nicht, ob sie das Opfer eines Sexualverbrechens wurde. Wir wissen auch nicht, ob sie mißhandelt oder gefangengehalten wurde. Außerdem nicht, wo sie getötet wurde und wann. Aber wir können davon ausgehen, daß sie bereits tot war, als sie in den Brunnen geworfen wurde. Wir haben außerdem ihr Auto gefunden. Es ist wichtig, daß wir so schnell wie möglich einen vorläufigen Bericht aus dem Krankenhaus bekommen. Mindestens, ob es ein Sexualverbrechen war. Dann können wir anfangen, uns einschlägig bekannte Personen vorzunehmen.≪

Wallander trank einen Schluck Kaffee, bevor er weitersprach.

≫Was das Motiv und den Täter angeht, haben wir bisher nur eine einzige Spur. Der Maschinist Stig Gustafson hat sie mit hoffnungslosen Liebeserklärungen verfolgt und beunruhigt. Wir wissen noch nicht, wo er sich aufhält. Du bist da besser informiert, Svedberg. Du kannst uns auch einen Überblick geben, welche Hinweise eingegangen sind. Was die ganze Ermittlung weiter erschwert, sind der abgehackte schwarze Finger und das explodierte Haus. Leichter wird es auch dadurch nicht, daß Nyberg Reste eines leistungsstarken Funkgerätes in der Brandruine gefunden hat, samt Kolben einer Pistole, die zumeist in Südafrika verwendet wird, wenn ich ihn recht verstanden habe. An und für sich könnte man ja einen Zusammenhang zwischen dem Finger und der Waffe vermuten. Aber deshalb wird noch lange nichts klarer. Nicht einmal, ob es einen Zusammenhang zwischen den beiden Geschehnissen gibt.≪

Wallander war mit seinen Ausführungen am Ende und sah zu Svedberg, der in seinen Unterlagen blätterte.

≫Wenn ich mit den Hinweisen beginne, So möchte ich zuerst einmal sagen, daß ich irgendwann ein Buch zusammenstellen werde, das ‘Leute, die der Polizei helfen wollen’ heißen könnte. Damit werde ich viel Geld verdienen. Wie immer haben uns Flüche, Lügen, gute Wünsche, Geständnisse, Träume, Halluzinationen sowie der eine oder andere vernünftige Tip erreicht. Soweit ich es überblicken kann, ist aber leider nur ein einziger Hinweis von unmittelbarem Interesse. Der Verwalter von Rydsgards Hof behauptet bestimmt, daß er Louise Akerblom am Freitag nachmittag vorbeifahren sah. Auch zeitlich würde das gut hinkommen. Das bedeutet, däß wir wissen, welchen Weg sie nahm. Aber ansonsten haben wir unerwartet wenige sachdienliche Hinweise bekommen. Nun wissen wir ja, daß die besten Tips meist erst nach einigen Tagen eintreffen. Eben von Leuten mit Urteilsvermögen, die zögern, ehe sie sich melden. Im Falle Stig Gustafson ist es uns nicht gelungen, seinen Aufenthaltsort zu ermitteln. Aber er soll eine unverheiratete Verwandte in Malmö haben. Leider wissen wir ihren Vornamen nicht. Und im Telefonbuch stehen die Gustafsons reihenweise. Wir teilen also die Namen unter uns auf und machen weiter. Das war’s, was ich sagen wollte.≪

Wallander schwieg einen Augenblick. Björk schaute ihn auffordernd an.

≫Wir sollten uns konzentrieren≪, sagte Wallander schließlich. ≫Wir müssen Stig Gustafson finden, das ist die Hauptsache. Wenn es keinen anderen Weg gibt als über die Verwandte in Malmö, dann müssen wir so vorgehen. Jeder hier im Hause, der einen Telefonhörer halten kann, wird einbezogen. Ich werde selbst mitmachen, wenn ich im Krankenhaus angerufen habe.≪

Dann wandte er sich an Björk.

≫Wir nutzen auch den ganzen Abend. Es ist notwendig.≪

Björk nickte zustimmend. ≫Macht das≪, sagte er. ≫Ich werde hier zu finden sein, wenn etwas Entscheidendes geschieht.≪

Svedberg begann, die Suche nach der Verwandten des Maschinisten Stig Gustafson in Malmö zu organisieren. Wallander ging in sein Zimmer. Bevor er im Krankenhaus anrief, wählte er die Nummer seines Vaters. Es dauerte lange, bis sich jemand meldete. Wallander vermutete, sein Vater habe draußen im Atelier gestanden und gemalt. Er hörte sofort, daß der Alte schlechte Laune hatte.

≫Hej, ich bin’s.≪

≫Wer?≪ fragte der Vater.

≫Das weißt du sehr wohl, wer≪, sagte Wallander.

≫Ich habe vergessen, wie deine Stimme klingt≪, behauptete der Vater.

Wallander zwang sich, der Lust zu widerstehen, den Hörer auf die Gabel zu werfen.

≫Ich arbeite≪, sagte er. ≫Ich habe gerade eine tote Frau in einem Brunnen gefunden. Eine Frau, die ermordet wurde. Ich schaff es heute nicht, dich besuchen zu kommen. Ich hoffe, du hast Verständnis dafür.≪

Zu seiner großen Verwunderung klang der Vater plötzlich freundlich.

≫Dafür habe ich Verständnis. Das klingt ja gar nicht gut.≪

≫So ist es auch≪, bestätigte Wallander. ≫Aber ich wollte dir jedenfalls einen schönen Abend wünschen. Ich versuche, morgen rauszukommen.≪

≫Nur, wenn du Zeit hast≪, sagte der Vater. ≫Jetzt muß ich aber Schluß machen.≪

≫Warum denn?≪

≫Ich erwarte Besuch.≪

Wallander hörte, wie das Gespräch abgebrochen wurde. Den Telefonhörer in der Hand, blieb er sitzen.

Besuch, dachte er. Gertrud Anderson besucht ihn also auch, wenn sie nicht arbeitet?

Er schüttelte lange den Kopf.

Ich muß bald Zeit für ihn finden, dachte er. Das wäre die reine Katastrophe, wenn er heiraten würde.

Er stand auf und ging zu Svedberg. Nachdem er eine Liste mit Namen und Telefonnummern erhalten hatte, kehrte er in sein Zimmer zurück und wählte die erste Nummer. Gleichzeitig fiel ihm ein, daß er den diensthabenden Staatsanwalt am Nachmittag erreichen mußte.

Um vier Uhr hatten sie Stig Gustafsons Verwandte immer noch nicht gefunden.

Halb fünf erwischte Wallander Per Akeson in dessen Wohnung. Er berichtete, was passiert war, und teilte mit, daß sie sich jetzt darauf konzentrierten, Stig Gustafson zu finden. Der Staatsanwalt hatte nichts einzuwenden. Er bat Wallander, sich am Abend noch einmal zu melden, wenn es etwas Neues gab.

Viertel nach fünf holte sich Wallander bei Svedberg seine dritte Liste. Immer noch kein Erfolg. Wallander stöhnte darüber, daß es ausgerechnet der Abend der Walpurgisnacht sein mußte. Viele Leute waren gar nicht zu Hanse. Sie waren des freien Tages wegen verreist.

Unter den ersten beiden Nummern antwortete niemand. Die dritte gehörte einer älteren Dame, die nachdrücklich verneinte, einen Stig in der Verwandtschaft zu haben.

Wallander öffnete das Fenster und spürte, daß er bald Kopfschmerzen bekommen würde. Dann wandte er sich wieder dem Telefon zu und wählte die vierte Nummer. Er ließ es mehrmals klingeln und wollte gerade auflegen, als jemand abnahm. Er hörte eine jüngere Frau sprechen, stellte sich vor und erklärte, was er von ihr wollte.

≫Ja sicher≪, sagte die Frau, die Monica hieß. ≫Ich habe einen Halbbruder namens Stig. Er ist Schiffsmaschinist. Hat er etwas angestellt?≪

Wallander fühlte alle Müdigkeit und Verdrossenheit verschwinden.

≫Nein≪, sagte er. ≫Aber wir müssen schnellstens Kontakt zu ihm aufnehmen. Weißt du vielleicht, wo er wohnt?≪

≫Klar weiß ich, wo er wohnt. In Lomma. Aber er ist nicht zu Hause.≪

≫Wo ist er denn?≪

≫Auf La Palma. Morgen kommt er aber zurück. Die Maschine landet früh um zehn in Kopenhagen. Ich glaube, das Reisebüro heißt Spies.≪

≫Prima≪, sagte Wallander. ≫Wenn du mir seine Adresse und Telefonnummer geben könntest, wäre ich dir sehr dankbar.≪

Der Wunsch wurde ihm erfüllt, er entschuldigte sich für die Störung und beendete das Gespräch. Dann sprintete er zu Svedberg. Auf dem Wege holte er schnell noch Martinson ab. Niemand wußte, wo Björk sich aufhielt.

≫Wir fahren selbst nach Malmö≪, entschied Wallander. ≫Die Kollegen in der Stadt können uns helfen. Bewachung mit Paßkontrolle an allen ankommenden Fähren. Das muß Björk organisieren.≪

≫Hat sie gesagt, wie lange er weg war?≪ fragte Martinson.

≫Wenn er eine Wochenreise hatte, heißt das, daß er seit vergangenen Donnerstag unterwegs ist.≪

Sie sahen sich an. Es war klar, was Martinsöns Hinweis bedeutete.

≫Ich meine, ihr solltet jetzt nach Hause gehen≪, sagte Wallander. ≫Morgen müssen wenigstens ein paar von uns ausgeruht sein. Wir treffen uns morgen früh hier, um acht. Dann fahren wir nach Malmö.≪

Martinson und Svedberg fuhren heim. Wallander sprach mit Björk, der versicherte, seinen Kollegen in Malmö anzurufen und sich um die von Wallander gewünschten Maßnahmen zu kümmern.

Viertel nach sechs rief Wallander im Krankenhaus an. Der Arzt konnte nur vage Antworten geben.

≫Der Körper weist keine sichtbaren Verletzungen auf. Keine blauen Flecken, keine Frakturen. Oberflächlich gesehen scheint es auch kein Sexualverbrechen gewesen zu sein. Aber da will ich mich noch nicht festlegen. Ich finde keine Spuren an den Hand- oder Fußgelenken.≪

≫Das ist gut≪, sagte Wallander. ≫Vielen Dank erst mal. Ich laß morgen wieder von mir hören.≪

Dann verließ er das Polizeigebäude.

Er fuhr nach Kaseberga hinaus, setzte sich eine Weile auf die Höhe und schaute über das Meer.

Kurz nach neun war er zu Hause.

Kapitel 7

7

Im Morgengrauen, kurz bevor er erwachte, hatte Kurt Wallander einen Traum.

Er hatte entdeckt, daß seine eine Hand schwarz war.

Aber es war kein schwarzer Handschuh. Es war die Haut. Sie war dunkler — geworden, so daß die Hand der eines Afrikaners glich.

Im Traum war Wallander zwischen Reaktionen des Entsetzens und der Zufriedenheit gesehwankt. Rydberg, sein früherer Kollege, der nun fast zwei Jahre tot war, hatte die Hand mißbilligend betrachtet. Er hatte Wallander gefragt, warum nur die eine schwarz war.

≫Etwas muß noch morgen geschehen≪, hatte Wallander im Traum geantwortet.

Als er erwachte und sich an den Traum erinnerte, war er im Bett liegengeblieben und hatte über die Antwort nachgedacht, die er Rydberg gegeben hatte. Was hatte er eigentlich gemeint?

Dann war er aufgestanden und hatte durch das Fenster gesehen, daß der 1. Mai dieses Jahr in Skane ein wolkenloser und sonniger, aber auch sehr windiger Tag werden würde. Es war sechs Uhr.

Obwohl er nur zwei Stunden geschlafen hatte, fühlte er sich nicht müde. An diesem Morgen sollten sie erfahren, ob Stig Gustafson für den Freitag nachmittag der vergangenen Woche, an dem Louise Akerblom höchstwahrscheinlich ermordet wurde, ein Alibi hatte.

Wenn wir das Verbrechen bereits heute aufklären, ist es erstaunlich einfach gegangen, dachte er. Zuerst hatten wir tagelang keine Spur. Dann ging alles sehr schnell. Eine Ermittlung folgt selten dem Rhythmus des Alltags. Sie hat ihr eigenes Leben, ihre eigene Bewegung. Die Zeit kann dabei durcheinandergeraten, stillstehen oder davonrasen. Das kann man vorher nie wissen.

Sie trafen sich Punkt acht Uhr im Versammlungsraum, und Wallander nahm das Wort.

≫Es gibt keine Veranlassung für uns, die dänische Polizei einzuschalten≪, begann er. ≫Wenn wir uns auf seine Halbschwester verlassen können, wird Stig Gustafson mit einem Scanairflug in Kopenhagen um zehn landen. Svedberg, das kannst du kontrollieren. Er hat dann drei Möglichkeiten, nach Malmö zu gelangen. Über Limhamn, mit den Flugbooten oder mit dem SAS-Luftkissenfahrzeug. Wir werden alle Wege überwachen.≪

≫Ein alter Schiffsmaschinist nimmt wohl die große Fähre≪, sagte Martinson.

≫Vielleicht hat er gerade genug davon≪, gab Wallander zu bedenken. ≫Wir werden an jedem Posten zu zweit sein. Er muß unbedingt gefaßt und über den Anlaß informiert werden. Ein gewisses Maß an Vorsicht kann angebracht sein. Dann wird er hierher überstellt. Ich dachte, daß ich der erste sein sollte, der mit ihm redet.≪

≫Zwei Personen, das scheint mir zuwenig≪, sagte Björk. ≫Können wir nicht wenigstens einen Streifenwagen im Hintergrund haben?≪

Wallander stimmte zu.

≫Ich habe mit den Kollegen in Malmö gesprochen≪, fuhr Björk fort. ≫Wir bekommen alle Hilfe, die gebraucht wird. Ihr müßt selbst bestimmen, auf welche Weise euch die Paßkontrolle ein Signal geben soll, wenn er auftaucht.≪

Wallander schaute auf die Uhr.

≫Wenn es keine weiteren Bemerkungen mehr gibt, dann brechen wir jetzt auf, damit wir rechtzeitig in Malmö sind.≪

≫Der Flug kann vielleicht ein wenig Verspätung haben≪, sagte Svedberg. ≫Wartet, bis ich mich informiert habe.≪ Wenig später konnte er mitteilen, daß das Flugzeug von La Palma bereits zwanzig Minuten nach neun in Kastrup erwartet wurde.

≫Es ist bereits in der Luft. Und sie haben Rückenwind.≪

Sie fuhren nach Malmö, sprachen mit ihren Kollegen und verteilten die Posten. Wallander übernahm zusammen mit einem Polizeiaspiranten namens Engman den Terminal für Luftkissenfahrzeuge. Engman war als Ersatzmann für Näslund geschickt worden einen Polizisten, mit dem Wallander viele Jahre lang zusammengearbeitet hatte. Näslund war Gotländer und hatte nur auf eine Möglichkeit gewartet, in seine Heimat zurückkehren zu können. Als in Visby eine Stelle frei wurde, hatte er nicht gezögert. Wallander vermißte ihn manchmal, vor allem seine ständig gute Laune. Martinson und ein Kollege waren für Limhamn verantwortlich, während Svedberg an den Flugbooten stand. Sie hielten über Walkie-talkies Kontakt miteinander. Halb zehn war alles organisiert. Wallander gelang es, von den Kollegen vom Terminal Kaffee für sich selbst und den Polizeiaspiranten zu ergattern.

≫Das ist der erste Mörder, bei dessen Ergreifung ich dabei bin≪, verkündete Engman.

≫Wir wissen nicht, ob er es war≪, berichtigte ihn Wallander. ≫In diesem Land hier ist man unschuldig, bis man überführt ist. Vergiß das nicht.≪

Mit Unbehagen registrierte er seinen schulmeisterlichen Tonfall. Er dachte, daß er ihn durch eine freundliche Bemerkung wettmachen sollte. Aber ihm fiel nichts ein.

Halb elf kam es bei den Flugbooten zu einer unspektakulären Aktion. Svedberg und seine Kollegen nahmen Stig Gustafson fest, einen kleinen, hageren, dünnhaarigen Mann, braungebrannt nach seinem Urlaub.

Svedberg teilte ihm mit, daß er des Mordes verdächtig sei und in Ystad verhört werden würde, und legte ihm Handfesseln an.

≫Ich verstehe nicht≪, sagte Stig Gustafson. ≫Warum bekomme ich Handschellen angelegt? Warum soll ich nach Ystad gebracht werden? Wen soll ich getötet haben?≪

Svedberg notierte, daß der Mann ehrlich verwundert schien. Ganz kurz kam ihm der Gedanke, daß Stig Gustafson vielleicht unschuldig war.

Zehn Minüten vor zwölf nahm Wallander in einem Vernehmungszimmer im Polizeigebäude von Ystad Stig Gustafson gegenüber Plätz. Vorher hatte er bereits den Staatsanwalt Per Akeson über die Ergreifung Gustafsons informiert.

Er begann damit, Stig Gustafson zu fragen, ob er wohl Kaffee haben wolle.

≫Nein≪, lautete die Antwort. ≫Ich will nach Hause. Und ich will wissen, weshalb ich hier bin.≪

≫Ich möchte mich mit dir unterhalten≪, sagte Wallander. ≫Und deine Antworten werden entscheiden, ob du nach Hause fahren kannst oder nicht.≪

Er begann ganz von vorn. Notierte sich Stig Gustafsons persönliche Angaben, daß er mit dem zweiten Vornamen Emil hieß und in Landskroyna geboren war. Der Mann war offensichtlich nervös, und Wallander sah, daß er am Haaransatz zu schwitzen begann. Aber das mußte nichts bedeuten. Manche Leute hatten Angst vor der Polizei, andere vor Schlangen.

Dann leitete er das eigentliche Verhör ein. Wallander kam sofort zur Sache, gespannt auf die Reaktion seines Gegenübers.

≫Du bist hier, um Fragen im Zusammenhang mit einem brutalen Mord zu beantworten. Dem Mord an Louise Akerblom.≪

Wallander merkte, wie der Mann erstarrte. Hat er nicht damit gerechnet, daß der Körper so schnell gefunden werden würde? dachte Wallander. Oder ist er wirklich überrascht?

≫Louise Akerblom verschwand am vergangenen Freitag≪, fuhr er fort. ≫Ihr Körper wurde vor einigen Tagen entdeckt. Wahrscheinlich wurde sie bereits in der zweiten Tageshälfte des Freitags ermordet. Was hast du dazu zu sagen?≪

≫Geht es um die Louise Akerblom, die ich kenne?≪ fragte Stig Gustafson.

Wallander merkte, daß der Mann jetzt Angst hatte.

≫Ja. Du hast sie bei den Methodisten kennengelernt.≪

≫Ist sie ermordet worden?≪

≫Ja.≪

≫Das ist ja schrecklich!≪

Wallander hatte im selben Augenblick das Gefühl, daß hier etwas falsch war, verdammt falsch. Stig Gustafsons Aufregung schien durch und durch echt zu sein. An und für sich wußte Wallander aus Erfahrung, daß es für die schlimmsten Verbrechen Täter gab, die vollkommen glaubwürdig ihre Unschuld beteuern konnten.

Dennoch bohrten Zweifel in ihm.

War er einer Spur gefolgt, die von Anfang an kalt war?

≫Ich will wissen, was du am vergangenen Freitag gemacht hast≪, forderte Wallander. ≫Fang mit dem Nachmittag an.≪

Die Antwort überraschte ihn.

≫Ich war bei der Polizei≪, sagte Stig Gustafson.

≫Bei der Polizei?≪

≫Ja, bei der Polizei. In Malmö. Ich wollte doch am nächsten Tag nach La Palma fliegen. Und ich hatte gemerkt, daß mein Paß abgelaufen war. Ich war bei der Polizei in Malmö, um mir einen neuen Paß ausstellen zu lassen. Als ich hinkam, war die Expedition bereits geschlossen. Aber die waren freundlich und halfen mir trotzdem. Punkt vier Uhr erhielt ich meinen Paß.≪

Im Innersten stand für Wallander in diesem Augenblick fest, daß Stig Gustafson aus dem Spiel war. Aber es war, als wollte er sich nicht einfach so ergeben. Sie mußten diesen Mordfall so schnell wie möglich lösen. Außerdem wäre es ein direkter Fehler im Dienst gewesen, sich im Verhör von seinen Gefühlen steuern zu lassen.

≫Ich hatte am Bahnhof geparkt≪, fuhr Stig Gustafson fort.

≫Kann jemand bezeugen, daß du am Freitag gleich nach vier in die Kneipe gegangen bist?≪

Stig Gustafson dachte nach.

≫Ich weiß nicht≪, antwortete er schließlich. ≫Ich habe allein dagesessen. Vielleicht erinnert sich jemand von der Bedienung an mich? Aber ich gehe sehr selten in die Kneipe. Ich bin nicht gerade ein bekanntes Gesicht, sozusagen.≪

≫Wie lange warst du da?≪

≫Eine Stunde vielleicht. Länger nicht.≪

≫Ungefähr bis halb sechs? Stimmt das?≪

≫Ich glaube, ja. Ich wollte ja noch zum Systemladen und Schnaps kaufen, bevor er zumachte.≪

≫Welche Filiale?≪

≫Die hinterm ‘NK’-Kaufhaus. Ich weiß nicht, wie die Straße heißt.≪

≫Und dahin bist du gegangen?≪

≫Ich habe nur ein paar Bier gekauft.≪

≫Kann das jemand bezeugen?≪

Stig Gustafson schüttelte den Kopf.

≫Der Verkäufer hatte einen roten Bart≪, erinnerte er sich. ≫Aber vielleicht habe ich den Kassenzettel noch. Es steht ja ein Datum darauf, oder nicht?≪

≫Erzähl weiter≪, sagte Wallander und nickte.

≫Dann holte ich den Wagen≪, erinnerte sich Stig Gustafson. ≫Ich wollte draußen bei Jägersro, im ‘B&W’-Supermarkt, eine Reisetasche kaufen.≪

≫Gibt es dort jemanden, der dich wiedererkennen könnte?≪

≫Ich kaufte ja gar keine Tasche≪, korrigierte Stig Gustafson. ≫Sie waren zu teuer. Ich beschloß, noch eine Weile meine alte zu benutzen. Es war eine Enttäuschung.≪

≫Was tatest du dann?≪

≫Ich aß da draußen bei ’McDonald’s‘ einen Hamburger. Aber dort servieren ja nur Halbwüchsige. Die können sich doch bestimmt an nichts erinnern, oder?≪

≫Junge Menschen haben oft ein gutes Gedächtnis≪, sagte Wallander und dachte an eine Bankangestellte, die ihm vor einigen Jahren in dieser Hinsicht eine große Freude bereitet hatte.

≫Ich erinnere mich übrigens an eine andere Sache≪, äußerte Stig Gustafson plötzlich. ≫Die passierte, als ich in der Kneipe war.≪

≫Was?≪

≫Ich ging runter zur Toilette. Dort unterhielt ich mich eine Weile mit einem Typen. Er beklagte sich, daß es keine Papierhandtücher zum Händeabtrocknen gab. Er war ein bißchen betrunken. Aber nicht sehr. Er sagte, er heiße Forsgard und habe ein Blumengeschäft in Höör.≪

Wallander schrieb mit.

≫Wir werden dem nachgehen≪, sagte er. ≫Kehren wir erst mal zu ‘McDonald’s’ in der Nähe von Jägersro zurück. Inzwischen muß es halb sieben gewesen sein.≪

≫Das könnte stimmen.≪

≫Was hast du dann gemacht?≪

≫Ich fuhr zu Nisse, und wir spielten Karten.≪

≫Wer ist Nisse?≪

≫Ein alter Zimmermann, mit dem ich viele Jahre auf See war. Er heißt Nisse Strömgren. Wohnt in der Föreningsgatan. Wir spielen ab und zu Karten. Ein Spiel, das wir im Fernen Osten gelernt haben. Es ist sehr kompliziert. Aber unterhaltsam, wenn man es kann.≪

≫Wie lange bist du dort gewesen?≪

≫Es war bestimmt fast Mitternacht, als ich nach Hause fuhr. Es war reichlich spät, da ich ja zeitig aufstehen mußte. Der Bus fuhr schon um sechs vom Bahnhof ab. Der Bus nach Kastrup, meine ich.≪

Wallander nickte. Stig Gustafson hat ein Alibi, dachte er. Wenn es stimmt, was er gesagt hat. Und wenn Louise Akerblom wirklich am Freitag getötet wurde.

Es gab zu diesem Zeitpunkt keine ausreichenden Gründe, Stig Gustafson festzuhalten. Der Staatsanwalt würde einem derartigen Antrag niemals stattgeben.

Er ist es nicht, dachte Wallander. Wenn ich ihn wegen der Verfolgung Louise Akerbloms in die Zange nehme, kommen wir auch nicht weiter.

Er erhob sich.

≫Warte hier≪, sagte er und verließ den Raum.

Sie trafen sich im Versammlungsraum und lauschten niedergeschlagen dem Bericht Wallanders.

≫Wir müssen das, was er gesagt hat, überprüfen. Aber ich glaube, ehrlich gesagt, nicht mehr daran, daß er der richtige ist. Das war ein Blindgänger.≪

≫Ich meine, du gehst zu übereilt vor≪, wandte Björk ein. ≫Wir wissen doch quasi nicht einmal, ob sie wirklich am Freitagnachmittag starb. Stig Gustafson könnte von Lemma nach Krageholm gefahren sein, nachdem er den Kartenspieler verlassen hatte.≪

≫Das klingt sehr unwahrscheinlich≪, sagte Wallander. ≫Was sollte Louise Akerblom so spät noch da draußen gehalten haben? Vergiß nicht, daß sie auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen hatte, sie sei um fünf zu Hause. Das müssen wir ernst nehmen. Irgend etwas ist vor fünf geschehen.≪

Alle schwiegen.

Wallander ließ den Blick von einem zum anderen gehen.

≫Ich muß mit dem Staatsanwalt sprechen≪, sagte er. ≫Wenn niemand Einwände hat, werde ich Stig Gustafson laufenlassen.≪

Keiner äußerte sich dazu.

Kurt Wallander ging in den anderen Flügel des Polizeigebäudes hinüber, wo die Anklagebehörde ihre Büros hatte. Er wurde zu Per Akeson hereingebeten und gab ihm einen kurzen Bericht des Verhörs. Jedesmal, wenn Wallander Akeson besuchte, fiel ihm die erstaunliche Unordnung auf, die in dessen Büro herrschte. Papiere lagen stapelweise auf Tisch und Stühlen, der Papierkorb quoll über. Aber Per Akeson war ein fähiger Staatsanwalt. Niemand hätte außerdem je behaupten können, daß ihm ein einziges Schriftstück von Wert weggekommen wäre.

≫Ihn können wir nicht festhalten≪, sagte er, als Wallander geendet hatte. ≫Ich nehme an, daß es nicht lange dauert, bis ihr sein Alibi bestätigt bekommt?≪

≫Ja≪, sagte Wallander. ≫Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht, daß er es war.≪

≫Welche Spuren verfolgt ihr noch?≪ erkundigte sich Akeson.

≫Das ist sehr vage≪, gestand Wallander. ≫Wir haben uns gefragt, ob er vielleicht jemanden angeheuert hat, um sie zu ermorden. Wir werden das jetzt am Nachmittag ordentlich durchsprechen, bevor wir weitergehen. Aber andere Personenspuren, denen wir nachgehen könnten, haben wir nicht. Wir müssen weiter in der Breite arbeiten. Ich lass’ von mir hören.≪

Per Akeson nickte und schaute Wallander aus halbgeschlossenen Augen an.

≫Wieviel schläfst du eigentlich?≪ fragte er. ≫Beziehungsweise: wie wenig? Hast du dich mal im Spiegel gesehen? Du siehst schrecklich aus!≪

≫So fühle ich mich auch≪, gestand Wallander und erhob sich.

Er ging den Flur entlang zurück, öffnete die Tür zum Vernehmungszimmer und trat ein.

≫Wir werden dich nach Lomma bringen lassen≪, verkündete er. ≫Aber wir werden uns sicher wieder melden.≪

≫Bin ich frei?≪ fragte Stig Gustafson.

≫Du bist immer frei gewesen≪, erwiderte Wallander. ≫Verhört zu werden heißt noch lange nicht, daß man ein Gefangener ist.≪

≫Ich habe sie nicht getötet≪, erklärte Stig Gustafson. ≫Ich verstehe nicht, wie ihr das glauben konntet.≪

≫Nicht?≪ fragte Wallander. ≫Obwohl du ihr hin und wieder nachgeschlichen bist?≪

Wallander sah, wie ein Schatten von Unruhe über Stig Gustafsons Gesicht glitt.

Jetzt weiß er wenigstens, daß wir wissen, dachte Wallander.

Er begleitete Stig Gustafson zur Rezeption und sorgte für seinen Heimtransport.

Den sehe ich nie wieder, dachte er. Den können wir abschreiben. Nach dem Essen trafen sie sich wieder im Versammlungsraum. Wallander hatte die Pause genutzt, um zu Hause in der Küche ein paar belegte Brote zu essen.

≫Wo sind all die gewöhnlichen Diebe?≪ seufzte Martinson, als alle Platz genommen hatten. ≫Das hier scheint ja eine reine Räubergeschichte zu sein. Alles, was wir haben, ist eine tote, freireligiöse Frau, die man in einen Brunnen geworfen hat. Und ein abgehackter schwarzer Finger.≪

≫Ganz meine Meinung≪, gab Wallander ihm recht. ≫Aber so gern wir auch wollen, wir dürfen diesen Finger nicht übersehen.≪

≫Da sind zu viele lose Enden, die sich nicht verknüpfen lassen≪, meinte Svedberg irritiert und kratzte sich die Glätze. ≫Wir müssen zusammentragen, was wir haben. Und zwar gleich. Sonst kommen wir nie weiter.≪

Wallander ahnte in Svedbergs Worten eine versteckte Kritik an seiner Art, die Ermittlungen zu leiten. Aber auch jetzt konnte er nicht glauben, daß sie ganz ungerechtfertigt war. Es bestand immer die Gefahr, sich zu schnell auf eine einzige Spur zu konzentrieren. Svedbergs Bildersprache widerspiegelte nur allzu gut die Verwirrung, die er fühlte.

≫Du hast recht≪, sagte Wallander. ≫Laßt uns also sehen, was wir haben. Louise Akerblom wurde ermordet. Wir wissen nicht genau, wo und von wem. Aber wir wissen ungefähr, wann. In der Nähe des Fundortes explodiert ein leerstehendes Haus. In der Brandruine findet Nyberg Teile einer modernen Funkanlage und einen verkohlten Pistolenkolben. Dieser Waffentyp wird als Lizenz in Südafrika hergestellt. Außerdem finden wir im Hof einen abgehackten schwarzen Finger. Außerdem hat jemand versucht, Louise Akerbloms Auto in einem Tümpel zu versenken. Reine Glückssache, daß wir den Wagen so schnell gefunden haben. Das gilt auch für ihren Körper. Weiterhin wissen wir, daß ihr direkt in die Stirn geschossen wurde und daß das Ganze wie eine Hinrichtung wirkt. Ich habe gerade noch einmal im Krankenhaus angerufen. Nichts deutet darauf hin, daß sie einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen ist. Sie ist ganz einfach erschossen worden.≪

≫Das alles muß in eine Reihe gebracht werden≪, sagte Martinson. ≫Wir müssen mehr Material haben. Über den Finger, das Funkgerät, die Pistole. Dieser Nachlaßverwalter in Värnamo muß sofort kontaktiert werden. Jemand muß doch in dem Haus gewesen sein.≪

≫Wir teilen das zwischen uns auf, bevor wir wieder an die Arbeit gehen≪, entschied Wallander. ≫Ich selbst habe eigentlich nur zwei Gedanken, die ich darlegen möchte.≪

≫Fangen wir damit an≪, entschied Björk.

≫Wer könnte Louise Akerblom erschossen haben?≪ begann Wallander. ≫Ein Sexualverbrecher, das wäre denkbar gewesen. Sie ist jedoch laut vorläufiger Aussage des Arztes nicht vergewaltigt worden. Es gibt keine Spuren einer Mißhandlung sie wurde auch nicht gefesselt. Sie hat keine Feinde. Was ich mir also denken kann, ist, daß das Ganze eine Verwechslung war. Sie wurde anstelle einer anderen Person getötet. Eine andere Möglichkeit ist, daß sie etwas gesehen oder gehört hat, was sie nicht sollte.≪

≫Dazu würde das Haus passen≪, unterbrach Martinson. ≫Es lag in der Nähe der Immobilie, die sie besichtigen sollte. Und irgend etwas ging zweifellos in diesem Haus vor. Sie kann etwas gesehen haben und wurde erschossen. Peters und Noren haben das Haus besucht, das sie eigentlich besichtigen wollte, das der Witwe Wallin. Sie meinten beide, daß es sehr gut möglich sei, sich bei den Wegen zu irren.≪

Wallander nickte.

≫Weiter≪, forderte er auf.

≫Viel mehr ist nicht≪, sagte Martinson. ≫Aus irgendeinem Grunde wurde ein Finger abgehackt. Falls es nicht im Zusammenhang mit der Sprengung passiert ist. Was eigentlich bei dem Schaden nicht sein kann. Bei einer solchen Explosion wird ein Me