/ Language: Deutsch / Genre:sci_philosophy

Wir sind nicht nur von dieser Welt

Hoimar Ditfurth


Wir sind nicht nur von dieser Welt

Hoimar v. Ditfurth

1981

Kann man an die Existenz oder gar an die tätige Anwesenheit eines Gottes in einem Universum glauben, das sich nach einigen Jahrhunderten naturwissenschaftlicher Forschung unserem Verstand als erklärbar zu präsentieren begonnen hat? Mit dieser einfachen, aber alles entscheidenden Frage beschäftigt sich das neue Buch von Hoimar v. Ditfurth.

Jahrhundertelang hat sich die Kirche vehement gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisse gewehrt, in der Überzeugung, daß diese dem Glauben widersprächen. Nachdem die Gültigkeit dieser Erkenntnisse sich durchgesetzt und die Wissenschaft bewiesen hatte, daß sie ausgezeichnet auch ohne den »lieben Gott« funktioniert, gingen Kirche und Naturwissenschaft zu einer Art »friedlicher Koexistenz« über: Jeder pflegte und verteidigte »seine« Wahrheit. Theologen und Wissenschaftler stritten nicht mehr miteinander — sie schwiegen einander an. Was dabei auf der Strecke blieb, war das Ver langen der Menschen nach einer Antwort darauf, wie sie sich das Wirken Gottes in einer wissenschaftlich offenbar erklärbaren Welt vor zustellen hätten.

Hoimar v. Ditfurth zieht in seinem neuen Werk — Ergebnis langjähriger intensiver Auseinandersetzung — die Summe seines Denkens über jene Glaubensfragen, die uns alle im Innersten bewegen. Es handelt sich um nichts Geringeres als den Versuch einer Vereinigung der naturwissenschaftlichen Deutung der Welt und des Menschen mit ihrer religiösen Interpretation.

Er hat dieses Buch in der Überzeugung geschrieben, daß der Brückenschlag zwischen theologischem und wissenschaftlichem Weltbild ebenso lebensnotwendig wie überfällig und ohne fundamentale Widersprüche möglich ist.

Es gibt darüber hinaus heute auch schon Beispiele dafür, daß naturwissenschaftliche Entdeckungen und Denkmodelle uralte Aussagen der Religion auf eine unerwartete Weise bestätigen. Dazu gehört etwa die Tatsache, daß Evolution und Hirnforschung immer überzeugendere Hinweise auf die grundsätzliche Unabhängigkeit einer geistigen von der materiellen Kategorie liefern. Das Faktum der Evolution ist es andererseits aber auch, das einer modernen selbstkritischen Theologie die einschneidendsten Korrekturen ihres Denkens abfordert.

Einer der kühnen Gedanken dieses Buches besagt, daß die Evolution als der Augenblick der Schöpfung zu begreifen ist, d. h. daß es sich bei jenem Prozeß der kosmischen und biologischen Entwicklung, der sich unseren unvollkommenen Gehirnen als so quälend langsames Geschehen präsentiert, in Wahrheit um den Augenblick der Schöpfung handeln könnte.

Hoimar v. Ditfurth behandelt Fragen, die nicht nur Theologen interessieren, Fragen, die Millionen Gläubige stellen, die an ihrem Glauben zu zweifeln begonnen haben. Und er gibt Antworten, die Menschen, die ihren Glauben unter dem Eindruck ihrer naturwissenschaftlichen »Erkenntnis« längst zu den Akten gelegt hatten, dazu veranlassen werden, sich erneut mit religiösen Fragen auseinanderzusetzen.

Inhaltsverzeichnis

I  Evolution und Schöpfungsglaube

1 Evolution und Selbstverständnis

2 Kosmische Fossilien

3 Die Realität der biologischen Stammesgeschichte

4 Auf der Suche nach einem fossilen Molekül

5 Die Geschichte des Cytochrom c

6 Die Frage der Lebensentstehung

7 Darwins Konzept

8 Ordnung durch Zufall?

9 Anmerkungen zu einem Horrorbegriff: Der »Kampf ums Dasein«

10 Falsche Propheten

11 Evolution als Schöpfung

II  Objektive Realität und Jenseitserwartung

12 Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

13 Die Realität ist nicht greifbar

14 Einstein und die Amöbe

15 Die Utopie des »Positivismus«

16 Plädoyer für ein Jenseits

17 »Jenseits« — wo ist das?

III  Evolutive Zukunft und Jüngster Tag

18 Das Gespenst in der Maschine

19 Wie der Geist in die Welt kam

20 Der kosmische Rahmen

21 Evolution und Jenseits

22 Anmerkungen und Literaturhinweise

Für Jutta, Christian, Donata und York

Einleitung — Die Wahrheit ist unteilbar

Kann man an die Existenz oder gar an die tätige Anwesenheit eines Gottes in einem Universum glauben, das sich nach einigen Jahrhunderten naturwissenschaftlicher Forschung unserem Verstand als erklärbar zu präsentieren begonnen hat? Diese einfache, aber alles entscheidende Frage bildet den Hintergrund dieses Buchs.

Sie wird heute nur noch selten in so direkter Form gestellt[1]. Das ist eigentlich sonderbar, denn gleichzeitig redet alle Welt aus gutem Grunde von der Notwendigkeit einer »Sinnfindung«. Wie aber könnte es uns gelingen, einen Sinn unserer Existenz überzeugend zu formulieren, ohne Stellung zu beziehen zu unserer Eingangsfrage? Wie die Antwort im Einzelfall auch immer ausfallen mag, sicher ist, daß sich über den Sinn menschlicher Existenz sinnvoll nicht reden läßt ohne eine Entscheidung darüber, ob man diese Welt, unsere alltägliche Wirklichkeit, für in sich geschlossen, für aus sich selbst heraus erklärbar hält oder nicht.

Darüber aber, ob es nur das Diesseits gibt oder auch eine jenseitige Wirklichkeit, wie es alle großen Religionen von jeher behaupten, darüber wird zwischen Theologen und Naturwissenschaftlern schon seit langem nicht mehr ernstlich diskutiert. Nicht etwa, weil die Frage entschieden wäre. Der Theologe setzt das Jenseits voraus (Religion ist die Überzeugung von der Realität einer jenseitigen Wirklichkeit). Für den Naturwissenschaftler dagegen ist das Jenseits kein Thema (sondern allenfalls ein psychologisches oder religionssoziologisches Phänomen).

Daß heute zwischen den beiden Lagern äußerlich Friede herrscht, heißt also nicht etwa, daß man nach Jahrhunderten erbitterter Auseinandersetzungen schließlich zu einer gemeinsamen Auffassung gefunden hätte. Der Friede ist durch einen Kompromiß zustande gekommen. Er ist lediglich die Folge davon, daß man sich, des langen Streites müde, darauf verständigt hat, die Wahrheit für teilbar zu erklären.

Was für den Glauben wahr sei, könne für die Vernunft falsch sein und umgekehrt, so lehrte der Philosoph Siger von Brabant im 13. Jahrhundert[2]. Er hatte es möglicherweise als Ausflucht gemeint, um sich die Freiheit philosophischer Spekulation gegenüber theologischer Denkzensur zu erstreiten. (Es half ihm nichts, man hat ihn trotzdem eingekerkert.) Mit aller Entschiedenheit ernst gemeint war aber das trotzig-triumphierende »Credo quia absurdum« des Tertullian (um 160 — um 220 n. Chr.) (frei übersetzt: »Ich glaube es gerade deshalb, weil es meinem Verstand so unannehmbar erscheint«). Welchen Sinn der antike Theologe selbst seinem Ausspruch auch immer beigemessen haben mag, die moderne Religionskritik würde hier kühl und sachlich von einem typischen Fall von »Immunisierungsstrategie« sprechen.

Denn wer seinen religiösen Standpunkt so definiert, zieht sich auf eine Position zurück, auf der er von rationalen Argumenten grundsätzlich nicht mehr erreicht werden kann. Er »immunisiert« sich gleichsam gegen jeden denkbaren Einwand. Er beansprucht eine Wahrheit für sich, die unabhängig ist von dem Begriff, den unser Verstand von demselben Wort hat.

So wie »dichterische Wahrheit« einen Eigenwert beansprucht, obschon sie ausdrücklich nichts gemein haben will mit dem Wahrheitsbegriff unseres Alltags, so radikal unterscheidet sich nun auch nach der Auffassung vieler moderner, vor allem protestantischer Theologen »religiöse Wahrheit« von allem, was kritische Vernunft für wahr oder falsch, für beweisbar oder für widerlegbar halten kann[3].

Während die dichterische Wahrheit jedoch nicht vorgibt, mehr zu sein als ein übertragener, bildlich zu verstehender Begriff, nimmt religiöse Wahrheit das ganze existentielle Gewicht der ursprünglichen Wortbedeutung für sich in Anspruch.

So haben die Theologen die Wahrheit denn in Stücke zerlegt und mit den Wissenschaftlern geteilt. Nur so ließen sich, wie man offensichtlich meinte, die Widersprüche umgehen, vor denen man sich im theologischen Lager weitaus mehr fürchtete als auf der anderen Seite. Von da ab galten sorgfältig, man ist versucht zu sagen: ängstlich abgegrenzte Zuständigkeiten. Sobald uns die Frage nach dem Sinn unseres Lebens beschäftigt oder der Gedanke an unsere Sterblichkeit, immer dann auch, wenn wir unser Verhalten den Maßstäben von Gut und Böse unterzuordnen wünschen, gibt der Theologe uns die notwendige Auskunft. Wann immer wir dagegen an den Rätseln des Fixsternhimmels interessiert sind oder am Aufbau der Materie, an der Geschichte des irdischen Lebens oder den Geheimnissen der Funktion unseres Gehirns, werden wir auf jene anderen Wahrheiten verwiesen, die der Obhut der Naturwissenschaften unterstehen.

Beide Wahrheiten aber haben, damit suchen die Theologen uns und sich selbst zu beruhigen, nichts miteinander zu tun. So kommen sich die zwei Lager nicht länger ins Gehege. Man hat aufgehört, sich gegenseitig die Klientel abzujagen. Man ist dazu übergegangen, die Reviergrenzen einvernehmlich festzulegen. Das erspart, soviel ist sicher, eine Menge Streit[4].

Die Frage ist nur, ob sich ein Theologe eigentlich guten Gewissens damit zufriedengeben darf, auf diese Weise der Fortführung der alten Auseinandersetzungen enthoben zu sein. Wie will er es eigentlich rechtfertigen, daß er bereit ist, »die Welt« den Naturwissenschaftlern zu überlassen? Wie lange wollen die Theologen die Probleme noch ignorieren, die daraus entstehen, daß beide Wahrheiten, die des wissenschaftlichen Verstandes und die der Religion, letztlich dann doch in den Köpfen konkreter einzelner Individuen gemeinsam Platz finden müssen? Wie lange werden sie die kritische Einsicht verdrängen können, daß ihr rapide zunehmender Autoritätsverlust in der Öffentlichkeit die unvermeidliche Folge ihres Verzichts auf die Anerkennung einer einzigen, Welt und Jenseits in gleicher Weise umfassenden Wahrheit ist?[5]

Wie lange noch wollen sie die Augen vor der Tatsache verschließen, daß sie aufgehört haben, die diesseitige Welt als Schöpfung wahrhaft ernst zu nehmen, was doch nur heißen könnte, sie unter Einschluß auch all unseres wissenschaftlichen Wissens über sie ernst zu nehmen?

Es ist eine Sache, zu deklarieren, daß religiöse Wahrheit von gänzlich anderer Art sei als jede durch rationale Anstrengung erkannte Wahrheit dieser Welt. Und eine andere Sache ist es, in seinem Leben konkret zu erfahren, daß es dieselbe Welt ist, in der die Angst vor dem Tod und das Wissen vom Atom aufeinandertreffen oder die moralische Beunruhigung angesichts bestimmter gesellschaftlicher Strukturen in dieser Welt und das Wissen über die historischen Ursachen eben dieser Strukturen. Hat jemand, der ausdrücklich verkündet, daß die von ihm vertretene Wahrheit mit den in dieser Welt herrschenden logischen und natürlichen Gesetzen nichts, aber auch gar nichts zu tun habe, eigentlich Anlaß, sich zu wundern, wenn sein Anspruch, in dieser Welt mitzureden, auf skeptische Zurückhaltung stößt?

Was uns mit der Lehre von den »zwei Wahrheiten« zugemutet wird, ist nichts weniger als ein Leben in einer geistig gespaltenen Welt. In der einen Hälfte sollen wir glauben, was wir in der anderen aus logischen Gründen zu verwerfen haben. Und angesichts der Unvollkommenheit der weltlichen Hälfte sollen wir uns an jener ganz anderen Wahrheit orientieren, die mit der Natur dieser Welt, wie uns versichert wird, nicht das geringste zu tun hat. Verantwortlich fühlen sollen wir uns für Tatbestände in einer diesseitigen, von menschlicher Vernunft bestimmten Hälfte der Welt, auf die es dennoch, wie sofort hinzugefügt wird, letzten Endes überhaupt nicht ankommt.

Das alles ist mehr, als Menschen ertragen können. Daß uns diese Gewaltkonstruktion nicht so absurd erscheint, wie sie ist, läßt sich nur durch den Effekt langer Gewöhnung erklären.

Die unvoreingenommene Betrachtung der Szene ergibt denn auch, daß die Scheinlösung, ungeachtet aller offiziell geäußerten Zustimmung, in Wirklichkeit zu keiner Zeit akzeptiert worden ist. Von niemandem. Alle Versuche, sich selbst und den anderen das Gegenteil einzureden, haben zu nichts geführt. Sie haben nicht vermocht, bei irgendeinem der Beteiligten das untrügliche Gefühl zu ersticken, daß es nur eine Wahrheit geben kann und daß diese unteilbar ist.

Das Festhalten an einem gespaltenen Weltbild hat daher bedenkliche Konsequenzen. Denn in uns allen schlummert der Verdacht, daß nur eine der »beiden« Wahrheiten, auf die zugleich man uns einschwören will, wahr sein kann. Beim Naturwissenschaftler und all den Menschen, deren Weltbild in wesentlichen Zügen von der modernen Naturwissenschaft geprägt ist, führt das zu einer zunehmenden Hinwendung zum Atheismus, zu dem Versuch also, mit dem Diesseits und der eigenen Vernunft allein zurechtzukommen.

Aber nicht einmal die Theologen scheinen von der Schlüssigkeit der von ihnen propagierten Lösung allzuviel zu halten. Der Kompromiß hat ihnen zwar Ruhe vor den Attacken der Naturwissenschaftler verschafft. Ihr theologisches Gewissen aber hat er offensichtlich nicht beruhigt. Wie anders läßt sich das nach wie vor unübersehbar gestörte Verhältnis deuten, das tiefe Mißtrauen, das weite Teile der Kirche (und hier nun insbesondere der katholischen Kirche) heute noch immer gegenüber der Naturwissenschaft an den Tag legen?

Noch 1950 rügte Pius XII. es in der Enzyklika »Humani generis« als »verwegene Überschreitung« der für einen Katholiken zulässigen Meinungsfreiheit, so zu argumentieren, »als sei der Ursprung des menschlichen Körpers aus einer bereits bestehenden und lebenden Materie … bereits mit vollständiger Sicherheit bewiesen«. Aus der defensiven Stellungnahme spricht unüberhörbar die Sorge, daß die einschlägigen Erkenntnisse der Biologie denn doch mit der religiösen Wahrheit kollidieren könnten. Warum sonst die Warnung?

Anfang 1977 stellte der Vorsitzende der Glaubenskommission der deutschen katholischen Bischöfe, Kardinal Volk, fest, »daß die Ergebnisse der Naturwissenschaften in die theologische Aussage einbezogen werden können, ohne daß der Glaube damit angegriffen würde«. Überflüssig war diese gerade vier Jahre zurückliegende Versicherung offensichtlich nicht. Der Kardinal fuhr fort, aus dieser Einsicht ergebe sich die »keineswegs leichte Aufgabe« einer intensiven theologischen Aufarbeitung moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Bis 1977 hatte diese Aufarbeitung nach Ansicht des Kardinals also offensichtlich noch nicht einmal begonnen.

Kein Zweifel, bis auf den heutigen Tag fällt es dem gläubigen, kirchentreuen Christen schwer, zur Naturwissenschaft, insbesondere zur Biologie, ein unbefangenes Verhältnis zu finden. In seinem tiefsten Inneren läßt eben auch er nicht von der Überzeugung ab, daß wissenschaftliche Erkenntnisse, die sich auf die Schöpfung und ihre Kreaturen beziehen, nicht ohne Zusammenhang mit dem Schöpfer gesehen werden können, an den er glaubt. Zwei voneinander getrennte Wahrheiten, die nichts miteinander zu tun haben? Offensichtlich — und glücklicherweise glauben nicht einmal die Theologen selbst an eine solche Möglichkeit.

Damit sind wir da, wo wir waren, wo wir schon vor Jahrhunderten waren, als sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen religiöser und rationaler Deutung dieses einen Kosmos zum ersten Male stellte, dieser einen Welt, die zugleich Schöpfung ist und Gegenstand menschlicher Wissenschaft, nichts anderes. Die Frage ist noch immer unbeantwortet. Den Naturwissenschaftler braucht das nicht zu kümmern. Er hat sich auf ein methodologisch definiertes Spezialterrain zurückgezogen, auf dem er sich selbst genug ist. Der gläubige Mensch hat es da schwerer. Und wie ein Theologe mit dem existentiellen Schisma zurechtkommen kann, das unser augenblickliches Weltbild kennzeichnet, das bleibt sein Geheimnis.

Die Berührungsangst, die die Kirchen — und unter ihrem Einfluß so viele gläubige Menschen — naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gegenüber empfinden, hindert sie daran, zu erkennen, daß ihre Besorgnisse schon seit einiger Zeit überflüssig geworden sind. Die Züge, die das naturwissenschaftliche Weltbild während der letzten Schritte der Forschung angenommen hat, machen alle Befürchtungen gegenstandslos, zwischen der Welt als Schöpfung und der Welt als Objekt menschlicher Wissenschaft könnte ein unüberbrückbarer Gegensatz klaffen. Freilich muß man, um an dieser befreienden Einsicht teilzuhaben, bereit sein, dieses naturwissenschaftliche Weltbild auch vorurteilslos zur Kenntnis zu nehmen. Jedenfalls waren die Aussichten auf eine Harmonisierung von religiösem und naturwissenschaftlichem Weltbild seit dem frühen Mittelalter nicht mehr so günstig wie heute.

Diese, manchem im ersten Augenblick vielleicht kühn erscheinende Behauptung läßt sich begründen. Das wird im Ablauf des Buchs ausführlich geschehen. Hier vorab in kürzester Zusammenfassung nur so viel: Während des Mittelalters wurde in unserem Kulturkreis in einer gewaltigen, alle anderen Fragen hintan stellenden Anstrengung der Versuch unternommen, die Existenz Gottes und die Realität einer jenseitigen Wirklichkeit ein für allemal zu beweisen. Das Resultat bestand in der Erkenntnis, daß das grundsätzlich unmöglich ist.

Daraufhin trat die Wissenschaft auf den Plan. Da der Mensch zu Extremen neigt und dazu, nach eindeutigen, exklusiven Lösungen zu suchen, galten die folgenden Jahrhunderte in einer nicht weniger gewaltigen Anstrengung dem Versuch, Gott und das Jenseits zu widerlegen. Dem Versuch, den Nachweis zu führen, daß Natur und Diesseits auch ohne die »Hypothese Gott« funktionieren und daß sie für unseren Verstand durchschaubar sind. Das Ergebnis war die Einsicht, daß auch das unmöglich ist.

Zu Anfang dieses Jahrhunderts führte die Naturwissenschaft den endgültigen, unwiderlegbaren Beweis, daß unser Verstand nicht ausreicht, diese Welt zu verstehen. Als entscheidender Markierungspunkt läßt sich die Relativitätstheorie von Albert Einstein anführen[6].

So hat »die letzte Schlußfolgerung der Vernunft« uns die Einsicht beschert, »daß es eine Unzahl von Dingen gibt, die ihr Fassungsvermögen übersteigen«, ganz so, wie Pascal es mit seinem wissenschaftsgeschichtlich geradezu prophetisch wirkenden Ausspruch vor mehr als 300 Jahren vorausgesagt hatte[7].

Damit sind wir heute frei, die Frage nach der Vereinbarkeit religiöser und wissenschaftlicher Weltdeutung erneut aufzugreifen, unbelastet von den Vorwürfen und Vorurteilen der Vergangenheit. Das unnatürliche und gewiß nicht folgenlose Schisma unseres Selbstverständnisses erscheint nicht länger als unüberwindbar. Die Wiedergewinnung eines einheitlichen, in sich geschlossenen Weltbildes ist in greifbare Nähe gerückt[8].

Die Ansicht, daß naturwissenschaftliche Erkenntnisse notwendig im Widerspruch zu religiösen Aussagen ständen, hat sich endgültig als Vorurteil herausgestellt. Aber das ist noch nicht alles: Es gibt darüber hinaus heute auch schon Beispiele dafür, daß naturwissenschaftliche Entdeckungen und Denkmodelle uralte Aussagen der Religion auf eine unerwartete Weise bestätigen.

Die Begründung dieser Behauptungen bildet den Inhalt des vorliegenden Buchs. Es ist in der Überzeugung geschrieben, daß die Verbindung religiöser und wissenschaftlicher Aussagen über die Welt zu einem einheitlichen Weltbild heute möglich geworden ist. In der Überzeugung, daß sie nicht nur möglich, sondern auch dringend notwendig ist, wenn der Schwund an Glaubwürdigkeit, dem die religiöse Verkündigung heute in der breiten Öffentlichkeit ausgesetzt ist, nicht weiter fortschreiten soll[9].

So ist dieses Buch als ein Angebot an die Kirchen zu verstehen. Als ein Versuch, aus naturwissenschaftlicher Perspektive die Wege anzudeuten, auf denen sich heute vielleicht doch wieder gemeinsam gehen ließe, und die Brückenschläge zu skizzieren, mit denen die getrennten Standpunkte vielleicht doch wieder zu verbinden wären. Da der Verfasser Naturwissenschaftler ist, ist nicht auszuschließen, daß die Darstellung der theologischen Implikationen trotz aller Bemühungen hier und da Fehler enthalten könnte. So bedauerlich das wäre, das Prinzip des Vorschlags, der in diesem Buch entwickelt wird, würde davon nicht berührt. Im Zentrum der Darstellung steht das weit über den Spezialfall der Biologie hinaus geltende, für die gesamte heutige Naturwissenschaft grundlegende Konzept der Evolution. Bemerkenswerterweise liefert gerade dieses geistige Konzept einen entscheidenden Schlüssel zu einem besseren, in mancher Hinsicht ganz neuen Verständnis uralter theologischer Aussagen, bis hin zu der Behauptung von der Realität einer jenseitigen Wirklichkeit. Dieser Gedanke war der entscheidende Anstoß zur Entstehung des Buchs, das unter diesen Umständen mit einer relativ ausführlichen Darstellung des modernen Evolutionsbegriffs beginnt.

In Kenntnis der im religiösen Lager bestehenden Berührungsängste sei zuvor nochmals betont, daß niemand zu befürchten braucht, in einem der folgenden Kapitel werde von ihm verlangt, auch nur ein Quentchen seiner religiösen Überzeugung in Frage zu stellen. Die Einbeziehung des von den Naturwissenschaften zutage geförderten Materials über die Welt und den Menschen kann die Stabilität des Gebäudes der Theologie nicht gefährden, sondern nur festigen. Allerdings: Auch wenn nicht eine einzige tragende Wand eingerissen zu werden braucht — ganz ohne Umbauten läßt sich die Neueinrichtung nicht bewerkstelligen.

Teil I

Evolution und Schöpfungsglaube

Kapitel 1

Evolution und Selbstverständnis

Die einschneidendsten Korrekturen, zu denen sich ein selbstkritischer Theologe heute veranlaßt sehen müßte, ergeben sich aus der Tatsache der Evolution. Es ist notwendig, dieser Feststellung gleich eine Erläuterung hinzuzufügen. Hier lauern zwei Mißverständnisse, die zu beseitigen sind, wenn die Diskussion nicht von vornherein einen falschen Weg nehmen soll.

Das erste: Die Evolution hat in unserem Zusammenhang nicht deshalb eine zentrale Bedeutung, weil sie der religiösen Interpretation der Welt als göttlicher Schöpfung widerspräche. Da eine große Zahl, möglicherweise die Mehrzahl der sogenannten Gebildeten in unserem Kulturkreis, davon nach wie vor überzeugt zu sein scheint, ist es notwendig, bereits zu Beginn der Argumentation darauf hinzuweisen, daß es sich dabei um nichts anderes als um ein Vorurteil handelt. Da dieses ebenso verbreitet wie hartnäckig ist, werden wir darauf noch in einem eigenen Abschnitt ausführlich eingehen.

An dieser Stelle so viel: Evolution und Schöpfungsglaube stehen keineswegs im Widerspruch zueinander. (Dieses Buch wird, um es noch einmal, zum vorletztenmal, zu wiederholen, in der Überzeugung geschrieben, daß wissenschaftliche und religiöse Weltdeutung sich nicht gegenseitig ausschließen.) Ihr Aufeinandertreffen kann andererseits nicht ohne Folgen bleiben. So werden die Theologen, wenn sie mit der von ihnen angekündigten »Aufarbeitung« naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ernst machen, sehr bald darauf stoßen, daß viele ihrer Formulierungen von einem statischen, mittelalterlichen Weltbild abgeleitet sind, das nicht länger als gültig angesehen werden kann.

Ein einziges Beispiel möge das schon an dieser Stelle verdeutlichen. Ein statisches Weltbild geht von dem Bestehenden als unveränderlicher Realität aus. Es suggeriert damit unter anderem, ob ausgesprochen oder stillschweigend, daß die vom heutigen Menschen in seiner Umwelt festgestellten Strukturen und Rangordnungen endgültig und damit gewissermaßen das von den Faktoren oder Mächten, die diese Welt hervorgebracht haben, unbewußt oder gar bewußt angestrebte Ergebnis sind. Von hier ist es nicht mehr weit bis zu der Überzeugung, der Mensch sei der Gipfel, die »Krone« der Schöpfung. Als Beweis genügt dann der Hinweis auf die unbestreitbare Tatsache, daß der Mensch auf der Erde hier und jetzt den obersten Platz einnimmt.

Vor dem Hintergrund der Evolution stellt sich die Situation anders dar. Wer den historischen Charakter der Natur, ja des ganzen Kosmos erst einmal erkannt hat, für den läuft die eben skizzierte »statische« Beschreibung der Rolle des Menschen in der Welt auf die aberwitzige Behauptung hinaus, daß 13 oder mehr Milliarden Jahre kosmischer Geschichte zu nichts anderem gedient hätten als dazu, den heutigen Menschen hervorzubringen, einschließlich der Ost-West-Gegensätze und all der anderen Probleme, die wir als Folgen der Unvollkommenheit unserer Veranlagung anzusehen haben.

Derart zugespitzt formuliert, erscheint diese Annahme so absurd, wie sie ist. Das Gegenteil ist richtig. Die Entdeckung der Evolution schließt die Einsicht ein, daß unsere Gegenwart mit absoluter Sicherheit nicht das Ende (oder gar das Ziel) der Entwicklung sein kann. Daß diese Geschichte vielmehr auch in die Zukunft hinein über Zeiträume hinweg weiter ablaufen wird, die nicht weniger unermeßlich sind als jene, die sie schon hinter sich gebracht hat. Unsere Gegenwart — wir selbst und die uns umgebende Natur — erweist sich aus dieser Sicht als ein seinem Wesen nach vorübergehendes, vor dem Hintergrund der kosmischen Geschichte als flüchtig anzusehendes Phänomen. Als bloße Momentaufnahme einer Entwicklung, in der sie, betrachtet man die realen zeitlichen Proportionen einmal nüchtern, nicht mehr als einen winzigen Ausschnitt darstellt.

Damit aber erweist sich unser heutiger Rang ebenfalls als grundsätzlich provisorischer Natur. Lassen wir die Wahrscheinlichkeit der Existenz intelligenter Wesen auf anderen Planeten im Kosmos hier vorerst einmal beiseite. (Wir werden sie später noch in etwas anderem Zusammenhang zu diskutieren haben.) Die Tatsache der Evolution allein beweist, daß die Rolle des Homo sapiens in seiner uns gewohnten Besonderheit um nichts gültiger oder gar endgültiger sein kann als die des Neandertalers oder des Homo habilis. Es ist sicher, daß es uns nicht mehr geben wird, lange bevor die Geschichte des Universums zu ihrem Ende gekommen ist. Wir wissen nicht, ob wir einfach aussterben werden (womöglich von eigener Hand), ob wir genetische Nachkommen haben werden, die von uns so weit entfernt sind, wie wir vom noch sprachlosen Homo habilis, oder ob wir womöglich das Verbindungsglied zu nichtbiologischen Nachfahren ganz anderer Art darstellen[133].

Fest steht allein, daß, falls überhaupt jemand, so nicht wir das Ende oder Ziel der Entwicklung sein können. Das Universum käme auch ohne uns zurecht, und es wird eines Tages mit Gewißheit ohne uns auskommen müssen, ohne daß seine Geschichte deshalb ihren Sinn verlöre, wenn sie denn einen hat[10].

Diese Einsicht tut allenfalls unserem Stolz Abbruch, nicht jedoch unserer Würde. Beides sollten wir sorgfältig auseinanderhalten. Sie zwingt uns aber, das Wesen unserer Würde neu zu überdenken. Und sie gibt, das sei am Rande erwähnt, auch dem Neandertaler und all den anderen unserer evolutionären Vorläufer jenen Teil ihrer Würde zurück, den wir ihnen vorenthalten, wenn wir sagen, daß sie nichts gewesen seien als unsere Vorläufer. Denn, eingebettet in den Strom der alles, auch zukünftiges Leben umfassenden Evolution sind wir alle in der gleichen Lage.

Die evolutionistische Betrachtung zwingt nun unvermeidlich auch zu einer kritischen Überprüfung bestimmter religiöser, insbesondere christlicher Formulierungen. Dies gilt, um vorerst nur wieder ein Beispiel zu nennen, offensichtlich etwa für den zentralen christlichen Begriff der »Menschwerdung« Gottes. Es ist kein Zweifel daran möglich, daß Jesus Christus vom Neandertaler nicht als »Mitmensch« hätte begriffen werden können (eher schon als göttliches Wesen). Das gleiche gilt, vice versa, nun aber auch angesichts unserer zukünftigen Nachfahren.

Die Absolutheit, die dem Ereignis von Bethlehem im bisherigen christlichen Verständnis zugemessen wird, steht im Widerspruch zu der Identifikation des Mannes, der dieses Ereignis personifiziert, mit dem Menschen in der Gestalt des Homo sapiens. Es besteht Einigkeit darüber, daß der Mensch in seiner heutigen Gestalt auch unter biologischem Aspekt ein unvollkommenes, »unfertiges« Wesen ist. Er hat, entwicklungsgeschichtlich gesprochen, das Tier-Mensch-Übergangsfeld noch nicht völlig durchschritten, sich als wahrer Mensch noch nicht vollständig verwirklicht. Verhaltensforscher und Theologen haben keine Mühe, Widersprüchlichkeiten und Irrationalismen menschlichen Verhaltens aufzuzählen, welche die Folge dieser Tatsache sind.

Ist die Identifikation mit einem solchen Wesen einer historischen Relativierung wirklich für alle Zukunft enthoben? Man kann das Problem nicht etwa dadurch aus der Welt schaffen, daß man die noch in der Zukunft liegende, heute also noch nicht reale Existenz unserer evolutionären Nachfahren außer Betracht läßt. Denn »Absolutheit« meint ja gerade auch die Unabhängigkeit von aller zukünftigen Entwicklung. Meint die für alle Zeiten unveränderliche Bedeutung einer konkreten, historischen Person, die zugleich auch als Homo sapiens verstanden werden soll. Es geht hier, bekanntlich, um nichts weniger als um »ewige« Wahrheiten.

Ich sehe nicht, wie sich der Widerspruch anders beseitigen ließe als durch das Zugeständnis einer grundsätzlichen historischen Relativierbarkeit auch der Person Jesus Christus. Warum eigentlich sollte das nicht möglich sein, ohne daß die Substanz berührt wird, auf die allein es ankommt? Welche Formulierung dem Problem gerecht werden könnte, das herauszuarbeiten muß den Theologen überlassen bleiben. Ich kann nur darauf hinweisen, daß hier ein Problem besteht.

Das zweite Mißverständnis, das erwähnt werden muß, betrifft den Geltungsbereich des Begriffs »Evolution«. Die meisten denken dabei noch immer nur an die biologische Entwicklungsgeschichte. In den letzten Jahrzehnten aber ist immer deutlicher geworden, daß das Entwicklungsprinzip nicht nur für den Bereich der belebten Natur gilt. Es ist weitaus umfassender. Es ist, deutlicher gesagt, das umfassendste denkbare Prinzip überhaupt, denn es schließt den ganzen Kosmos ein.

Der Kosmos ist nicht, wie der Mensch jahrtausendelang glaubte, so etwas wie ein statisches Behältnis für die Gesamtheit aller Dinge dieser Welt. Er ist selbst ein sich entwickelnder, ein alle anderen Entwicklungen umgreifender historischer Prozeß. Alle Wirklichkeit, die uns umgibt, hat historischen, sich entwickelnden Charakter. Die biologische Evolution ist nur ein Teil des universalen Prozesses. Deshalb müssen wir, wenn wir ihre Realität begründen und ihre Gesetzlichkeit verstehen wollen, auch von diesem umfassenden, kosmischen Rahmen ausgehen. Das soll im folgenden Kapitel geschehen.

Es ist klar, daß die Tatsache der Evolution zu begründen ist, bevor wir uns ihren Konsequenzen zuwenden können. Eben weil die Konsequenzen gewichtig sind, muß das Fundament gesichert sein. Da aber, 100 Jahre nach Darwin und 200 Jahre nach Kant, dem Begründer der modernen Kosmologie, die Zweifel und Vorurteile in diesem Bereich noch immer überwiegen, muß das mit einiger Ausführlichkeit geschehen.

Zuvor aber möchte ich vorsorglich noch einmal, nunmehr zum letzten Male, wiederholen: Dies Buch wird in der Überzeugung geschrieben, daß die naturwissenschaftliche und die religiöse Deutung der Welt und des Menschen miteinander in Einklang zu bringen sind. Daher kann jeder der Argumentation der anschließenden Kapitel folgen, ohne die Sorge haben zu müssen, es werde von ihm verlangt, auch nur einen Bruchteil seiner religiösen Überzeugung in Frage zu stellen.

Kapitel 2

Kosmische Fossilien

Evolution gibt es nicht nur im Reich des Lebendigen. Es gibt auch eine kosmische Evolution. Aus diesem Grunde existieren Fossilien, also Relikte früherer, längst vergangener Entwicklungsstufen, auch nicht nur in der Paläontologie, der Wissenschaft von den Vorläufern der heutigen Lebensformen, sondern ebenso in der Kosmogonie, der Lehre von der Entstehung und Geschichtlichkeit des Kosmos. Was dem Paläontologen sein Knochenfund, das ist dem Kosmologen sein Helium.

Rund 7 Prozent aller im Weltall vorhandenen Atome liegen in der Form von Helium vor. Die Schätzung — die grundsätzlich natürlich nur für den von uns beobachtbaren Teil des Weltalls gilt — ergibt sich aus astronomischen, insbesondere auch radioastronomischen Beobachtungen. Warum gerade dieser Wert, warum nicht die Hälfte oder das Dreifache?

Bemerkenswerterweise gibt es auf diese Frage seit neuestem eine Antwort. In den letzten Jahren haben sich die Kosmologen die erstaunlichen Rechenkapazitäten der jüngsten Computergeneration zunutze gemacht, um den Zustand der Welt in den ersten Augenblicken ihrer Existenz zu berechnen[11]. Die Berechnungen sind außerordentlich schwierig, da in dem abnorm dichten Feuerball, aus dem das Universum im Anfang bestand, eine Fülle kompliziertester atomarer Umwandlungen mit ungeheurer Geschwindigkeit ablief.

Zu berücksichtigen ist ferner, daß die Temperatur in dem Feuerball des Anfangs als Folge seiner mit Lichtgeschwindigkeit erfolgenden Ausdehnung rapide abfiel: von 10 Billionen Grad eine Millionstelsekunde nach der Entstehung der Welt bis auf 10 Milliarden Grad nur wenige Sekunden später. Die Bedingungen für die Umwandlungen von Elektronen, Positronen und anderen Elementarteilchen ineinander oder in Strahlung in Form von Photonen änderten sich damit von einem Augenblick zum anderen, wobei das Tempo des Temperaturabfalls seinerseits wiederum von der Art der sich gerade abspielenden Teilchenprozesse unterschiedlich beeinflußt wurde.

Mit Hilfe der modernen Rechenmaschinen ist es trotzdem gelungen, einen ersten Blick in die blitzschnell wechselnden Strukturen des Urchaos zu werfen. Dabei stießen die Computer auf eine für die Kosmologen höchst interessante Konstellation.

Wenige Sekunden nach dem Anfang muß es, so zeigten die Berechnungen, eine Phase gegeben haben, in der das Wechselspiel von Teilchenprozessen und Ausdehnung des Feuerballs die Temperatur minutenlang bei knapp unter einer Milliarde Grad nahezu konstant hielt.

Das Universum war in dieser Phase weit genug abgekühlt, um Protonen und Neutronen zu Heliumkernen verschmelzen zu lassen. Bereits wenige Minuten später unterschritt die kosmische Temperatur jedoch die für derartige Kernverschmelzungen kritische Grenze (sie betrug jetzt »nur« noch einige Millionen Grad), bevor die Kerne schwererer Elemente hatten entstehen können.

Insgesamt ergaben die Berechnungen, daß die zur Kernverschmelzung geeignete Phase gerade lange genug gedauert haben dürfte, um etwa 7 Prozent der vorhandenen Protonen durch ihre Verbindung mit Neutronen in Heliumkerne umzuwandeln (während die übrigbleibenden Protonen im weiteren Ablauf durch den Einfang von Elektronen zu Wasserstoffatomen wurden). Aus diesem Szenario ergibt sich ferner, daß keines der im periodischen System an Helium anschließenden schwereren Elemente in dieser Anfangsphase des Universums entstanden sein kann. Sie alle sind vielmehr erst in den Zentren der sehr viel später entstandenen Sterne aus dem Wasserstoff des Uranfangs zusammengebacken und noch später durch Supernova-Explosionen wieder freigegeben worden.

Die von den Computern erstellten Modelle förderten also eine Jugendphase des Kosmos zutage, deren Dauer und physikalische Beschaffenheit zu der Entstehung einer Heliummenge von just 7 Prozent aller im Kosmos vorhandenen Materie geführt haben mußte. Daß diese Zahl mit der Heliummenge überein stimmt, welche die Astronomen heute, rund 13 oder mehr Milliarden Jahre später, im Kosmos tatsächlich finden, ist ein für den Kosmologen höchst erfreuliches Zusammentreffen.

Diese Übereinstimmung macht das heutige Helium in seinen Augen zu einem Überbleibsel, einer Spur jener Entwicklungsphase aus der Jugendzeit unseres Kosmos. Es beweist ihm die Realität dieser so unvorstellbar weit zurückliegenden Phase mit der gleichen Zuverlässigkeit, mit der ein heute gefundener Knochen einem Paläontologen das Vorkommen von Urelefanten im Rheintal vor etlichen Millionen Jahren belegen kann. Helium ist ein kosmisches Fossil![12]

Gäbe es nur diesen einen Fall, dann wären Zweifel vielleicht noch möglich. Aber wenn die Kosmologen mit kosmischen Fossilien auch nicht so reich gesegnet sind wie ihre paläontologischen Kollegen mit Knochenfunden, einzigartig ist der Fall des Heliums keineswegs.

Ein weiteres, sehr viel anschaulicheres Beispiel liefern die sogenannten Kugelsternhaufen. Bei ihnen handelt es sich um kugelförmige Sternsysteme, jedes einzelne bestehend aus einigen hunderttausend bis Millionen Sonnen. Zu unserer Milchstraße gehören etwa 300 dieser eigentümlichen Gebilde. Ihre Verteilung und ihre von denen aller anderen Sonnen unseres Systems grundsätzlich abweichenden Bewegungsbahnen sind ebenfalls eine noch heute feststellbare Spur der Tatsache, daß der Kosmos vor sehr langer Zeit ganz anders ausgesehen haben muß als heute. Daß sein heutiger Zustand also das Resultat einer Entwicklung ist, einer Geschichte, die auch in die Zukunft hinein weiterlaufen wird.

Die Sterne sind im Weltall bekanntlich nicht gleichmäßig verteilt oder regellos verstreut. Jede einzelne der unzähligen kosmischen Sonnen ist vielmehr mit vielen, mit bis zu mehreren hundert Milliarden anderen Sonnen Baustein einer sogenannten Galaxie, eines »Milchstraßensystems«. (Von ihnen gibt es, wie die Auswertung hochempfindlicher Fotoplatten ergeben hat, mindestens einige hundert Milliarden in den Tiefen des Raums, wobei die weitesten eine Milliarde und mehr Lichtjahre von uns entfernt sind.) Ein typisches Beispiel aus unserer Nachbarschaft ist der berühmte, unzählige Male abgebildete »Andromedanebel«. Mit dem damals größten Teleskop, speziellen Fotoplatten und extrem langen Belichtungszeiten ist es vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert erstmals gelungen, sein nebelartiges Aussehen »aufzulösen« und nachzuweisen, daß er in Wirklichkeit aus rund 200 Milliarden Sonnen besteht.

Diese sind so angeordnet, daß sie insgesamt eine kreisrunde, flache Scheibe bilden, im Zentrum etwas dicker als am Rand, also etwa vom Aussehen eines Diskus. Die von der Mitte, der Achse des Diskus, spiralförmig zum Rand verlaufenden »Arme« (die dem Gebilde den Namen Spiralnebel verschafft haben) und ebenso die Konzentration fast aller Sonnen, aus denen das System besteht, auf eine einzige, gemeinsame Ebene sprechen von vornherein dafür, daß es sich um eine Rotationsfigur handelt.

Der direkte Nachweis, daß ein Spiralnebel sich tatsächlich in der vom Verlauf seiner Arme angedeuteten Richtung um seine Achse dreht, ist jedoch erst relativ spät gelungen. Er wurde unter anderem dadurch erschwert, daß die riesigen Gebilde mit einer relativ zu ihrer Größe nur geringen Geschwindigkeit rotieren. Zwar legt eine Sonne am äußersten Rand des Andromedanebels (oder unseres eigenen Milchstraßensystems, zu dessen Bauelementen unsere Sonne gehört) infolge dieser Rotation in jeder Sekunde nicht weniger als 500 Kilometer zurück. Wegen des ungeheuren Umfangs eines galaktischen Systems (größter Durchmesser bis zu 100000 Lichtjahre) nimmt ein einziger kompletter Umlauf aber trotzdem so viel Zeit in Anspruch, daß die schnellsten von ihnen es seit ihrer Entstehung vor etwa 10 Milliarden Jahren erst zwanzigmal geschafft haben, sich um die eigene Achse zu drehen.

Abbildung 2.1: Durchschnittliche Verteilung der zu unserem Milchstraßensystem gehö renden Kugelsternhaufen. Das aus rd. 200 Mrd. Sternen bestehende scheibenförmige Milchstraßensystem ist hier von der Kante dargestellt, die Sternhaufen umgeben es in der Form eines kugelförmigen »Halo«. Einzelheiten im Text.

Das »fossile« Verhalten der Kugelsternhaufen besteht nun darin, daß sie diese Rotation als einzige Sonnen des ganzen Systems nicht mitmachen. Selbstverständlich umkreisen auch sie das galaktische Zentrum als gemeinsamen Schwerpunkt. Sie würden sonst, von keiner Zentrifugalkraft daran gehindert, in diesen Schwerpunkt hineinstürzen. Aber sie, und sie allein, verhalten sich wie Individualisten, die sich der gemeinsamen Wanderung aller anderen Sonnen entzogen haben. Nicht einmal zwischen ihnen selbst gibt es in dieser Hinsicht irgendeine Abstimmung. Jeder der etwa 300 Kugelsternhaufen unserer Milchstraße zieht seine Kreisbahn in einer anderen Ebene und in einer anderen Richtung als alle übrigen Mitglieder des Systems. Insgesamt erfüllen sie dabei einen Raum, der die Scheibe des Milchstraßensystems kugelförmig umgibt.

Die Erklärung für dieses seltsam eigenständige Verhalten ist nicht schwer zu finden. Der kugelförmige Raum, in dem die geschlossenen Sternhaufen ihre Kreise ziehen, entspricht offensichtlich etwa dem Raum, den die Materie unserer Galaxis vor Zeiten ausfüllte, als sie am Anfang ihrer Existenz noch eine turbulente Gaswolke war. Als diese Wolke dann, unter dem Einfluß ihrer eigenen inneren Massenanziehung, in sich zusammenzufallen begann, geriet sie in eine kreiselnde Bewegung, erst ganz langsam, dann immer schneller werdend.

Wie ein Eisläufer, der bei einer Pirouette die Arme eng an den Körper heranzieht, drehte sich die galaktische Wolke um so schneller, je kleiner ihr Durchmesser im weiteren Verlauf ihrer Kontraktion wurde. Immer mehr flachte sich dabei das ursprüngliche kugelförmige Gebilde unter dem Einfluß der zunehmenden Zentrifugalkräfte zu einer Scheibe ab. Bis schließlich ein Zustand erreicht war, in dem Massenanziehung und Zentrifugalkräfte sich gegenseitig die Waage hielten. Seitdem rotiert die Scheibe bis auf den heutigen Tag mit gleichbleibender Geschwindigkeit und in stabiler Gestalt.

Die inneren Anziehungskräfte der Riesenwolke wirkten aber keineswegs nur auf das Gebilde insgesamt. An zahlreichen Stellen bildeten sich auch lokale Schwerpunkte, die zur Materiekonzentration durch Anziehungskräfte führten. Aus diesen lokalen Verdichtungen gingen die ersten Sterne hervor. Auch diese Entwicklung verlief anfangs langsam, im weiteren Verlauf dann immer rascher. Es ist leicht einzusehen, daß sich zunehmend lokale Konzentrationen als Kristallisationskerne für die Entstehung von Sternen herausbildeten, während die Wolke sich immer mehr verdichtete.

Der ganze Prozeß lief bemerkenswert rasch ab. Die Spezialisten schätzen, daß vom Beginn der Kontraktion der ursprünglichen Wolke bis zur Entstehung des fertigen Milchstraßensystems nur einige 100 Millionen Jahre verstrichen. Das ist für einen Astronomen eine verhältnismäßig kurze Zeit.

Woher wissen wir nun, daß die Ereignisse etwa so abgelaufen sein müssen, wie sie hier skizziert wurden? Zum einen wieder aufgrund von Rekonstruktionen und Modellrechnungen mit der Hilfe von Computern. Woher aber können wir sicher sein, daß diesem von den Computern als physikalisch und rechnerisch möglich ermittelten Szenario vor rund 10 Milliarden Jahren ein realer Ablauf entsprach? Die Antwort lautet: unter anderem eben aus dem Verhalten der Kugelhaufen.

Dieses ist anders gar nicht zu verstehen. Ganz offensichtlich sind die Sterne dieser Haufen gemeinsam in einer sehr frühen Phase des geschilderten Prozesses entstanden. Zu einer Zeit, in der die galaktische Wolke noch gar nicht zu rotieren begonnen hatte. Nur so läßt sich erklären, daß die aus diesen Sternen bestehenden Haufen nicht in der Ebene der heutigen Milchstraße liegen und nicht ihrem Drehsinn unterworfen sind. Nur so läßt sich auch erklären, daß jeder dieser Haufen seine eigene, individuelle, von allen anderen Haufen gänzlich unabhängige Umlaufrichtung eingeschlagen hat. Über ihre Bahnen wurde eben aufgrund zufälliger, lokaler Schwerkrafteinflüsse und Eigenbewegungen entschieden, lange bevor das Gesamtsystem sich in Bewegung gesetzt und allen seinen Elementen eine gemeinsame Richtung aufgezwungen hatte.

Daß diese Deutung richtig ist, wird noch durch einen weiteren Befund bestätigt. Die Mitglieder der Kugelsternhaufen sind mit Abstand die ältesten Sterne, die wir kennen. Ihr Alter wird aufgrund verschiedener Indizien auf mindestens 10 Milliarden Jahre geschätzt. Sie stammen offensichtlich also wirklich aus der Geburtsphase unserer Milchstraße. Bei allen anderen Galaxien, die uns nahe genug sind, um eine Untersuchung der auch sie umgebenden Kugelsternhaufen zu gestatten, haben sich genau die gleichen Verhältnisse ergeben.

Kein Zweifel also: Der Kosmos hat nicht immer so ausgesehen, wie er sich uns heute darbietet. Er »entwickelt« sich, auch in diesem Augenblick und in alle Zukunft. Daß es der äußersten Anstrengung menschlicher Intelligenz bedurfte, diese Tatsache zu entdecken, liegt einzig und allein an unserer, gemessen an kosmischen Prozessen, extrem kurzen Lebensdauer. In den wenigen Jahrtausenden, während derer der Mensch sich Gedanken über die wahre Natur des Nacht für Nacht über seinem Kopf auftauchenden Sternenhimmels macht, ist freilich nichts Auffälliges geschehen. Trotzdem besteht an der Tatsache einer permanenten Veränderung, einer Entwicklung des Weltalls nicht mehr der geringste Zweifel. Es ist nicht notwendig, weitere Beweise dafür zusammenzutragen. Das neue Bild des Universums ist, nach zahlreichen Veröffentlichungen über das Thema, auch der breiteren Öffentlichkeit in allen wesentlichen Umrissen geläufig. Eine Wiederholung der Argumente ist hier auch deshalb unnötig, weil die Öffentlichkeit den Entwicklungsgedanken im Bereich kosmischer Prozesse ohne jegliches Zögern bereitwillig akzeptiert hat.

Das gleiche gilt auch noch für die sich anschließende planetare Evolution. Daß das Sonnensystem nicht seit Ewigkeit existiert, daß die Erde vielmehr zusammen mit den anderen Planeten erst vor rund 5 Milliarden Jahren entstand, diese Tatsache einzusehen und in das eigene Weltbild einzubauen, bereitet offensichtlich niemandem Schwierigkeiten. Auch darüber hinaus scheint jedermann bereit, die Geschichte der Entwicklung der Welt und der Natur noch ein Stückchen weiter widerspruchslos zur Kenntnis zu nehmen. Mir ist nie zu Ohren gekommen, daß jemand etwa auf den Gedanken verfallen wäre, die Geschichte der Erdkruste, so wie Physiker und Geologen sie rekonstruiert haben, für anstößig zu halten.

Daß dieses Kapitel der Entwicklungsgeschichte eben so verlief, daß auf der Oberfläche unseres Planeten schließlich alle physikalischen und chemischen Faktoren zusammentrafen, die als Voraussetzung für den anschließenden Übergang zu einer biologischen Fortsetzung der Geschichte ganz und gar unentbehrlich waren, diese Behauptung empfindet, soweit ich sehe, niemand als provozierend.

Das ändert sich erst, dann aber unvermittelt und radikal, wenn der nächste Entwicklungsschritt selbst zur Sprache kommt. Die Entwicklung der ersten Lebensformen als Fortsetzung der vorangehenden Entwicklungsphasen zu verstehen, fällt sehr vielen Menschen erfahrungsgemäß äußerst schwer. Insbesondere religiösen Menschen erscheint die Behauptung als Provokation, die Biogenese und die mit ihr einsetzende biologische Phase der universalen Evolution seien durch den Einfluß der gleichen Naturgesetze zu erklären wie alle anderen, vorhergehenden Abschnitte der Entwicklung auch. Die wissenschaftliche Aussage, daß es bei der Lebensentstehung und im Verlauf der biologischen Evolution ebenfalls naturgesetzlich zugegangen sei, also »mit natürlichen Dingen« in dem gleichen Sinne wie bei den vorangegangenen Kapiteln der kosmischen Evolution, kollidiert mit ihrer religiösen Überzeugung.

Hier, aber erst hier, glauben sie eine grundsätzliche Zäsur sehen zu müssen. An dieser Stelle zerfallen Welt und Natur für sie plötzlich in zwei Hälften: in eine, die von Naturgesetzen regiert wird, und eine andere, deren Entstehung und Existenz nicht mehr durch Naturgesetze allein, sondern nur durch einen zusätzlichen, über bloße Naturgesetzlichkeit hinausgehenden unmittelbaren Eingriff eines göttlichen Schöpfers erklärt und verstanden werden kann.

Diese Erfahrungstatsache ist der sehr einfache Grund, warum hier die kosmische Evolution und alle anderen Schritte nur relativ kurz erwähnt zu werden brauchen, während die biologische Evolution in einiger Ausführlichkeit behandelt werden muß. Dieses Buch hat ja nicht die Schilderung der natürlichen Geschichte der Welt zum Gegenstand[13], sondern das Problem der Vereinbarkeit von wissenschaftlicher und religiöser Wahrheit. Unter diesen Umständen haben wir uns hier auf die Steine des Anstoßes zu konzentrieren.

Die biologische Evolution ist ohne jeden Zweifel der gewichtigste von ihnen. Deshalb kommt sie auch als erstes zur Sprache. Wir haben dabei in einer gewissen Reihenfolge vorzugehen. Zunächst wollen wir uns die Belege und Argumente vor Augen führen, mit denen die Evolutionsforscher die Tatsache der biologischen Stammesgeschichte und die Gesetzlichkeit ihres Ablaufs begründen. Danach sollen die wichtigsten Einwände gegen diese Argumente betrachtet und kritisch untersucht werden. (Die kritische Würdigung dieser Einwände ist eben erst sinnvoll, wenn wir die Argumente der Evolutionsforscher kennengelernt haben.) Danach erst können wir uns der entscheidenden Frage zuwenden, ob und in welchem Sinne Evolutionslehre und Schöpfungsglaube sich miteinander vertragen. (Hier werde ich wortbrüchig und wiederhole vorwegnehmend zum allerletzten Male: Sie vertragen sich!)

Eines aber, ein einziges der Argumente, die in dem für unseren Zusammenhang entscheidenden letzten Kapitel dieses Teils erörtert werden müssen, will ich hier wenigstens andeutungsweise vorwegnehmen. Ich tue das in der Hoffnung, dadurch vielleicht doch den einen oder anderen Zweifler schon an dieser Stelle so weit nachdenklich stimmen zu können, daß er bereit ist, die in den folgenden Abschnitten vorgetragenen Argumente zunächst einmal zur Kenntnis zu nehmen, anstatt sie von vornherein beiseite zu schieben.

Ich will das Argument, an das ich denke, in die Form einer Frage kleiden: Sind sich die Menschen, die an einen Gott glauben (das tue ich auch) und daraus dann die Verpflichtung meinen ableiten zu müssen, die Möglichkeit einer naturgesetzlichen Erklärbarkeit der Lebensvorgänge grundsätzlich abzulehnen, sind sie sich eigentlich klar darüber, daß sie damit einen Teil der Welt und der Natur dem Schöpfungsbereich des von ihnen geglaubten Gottes entziehen?

Wenn ich die Natürlichkeit der kosmischen und aller anderen unbelebten Entwicklungsabläufe akzeptiere, um im nächsten Augenblick die Natürlichkeit der Lebensvorgänge mit dem Argument zu bestreiten, daß deren »Schöpfungscharakter« nur mit der Annahme einer übernatürlichen Verursachung in Einklang zu bringen sei, dann ist damit stillschweigend doch auch gesagt, daß Sonne, Mond und Sterne offenbar nicht Teil der göttlichen Schöpfung sind. (Jedenfalls nicht in dem Sinne wie die lebende »Kreatur«.) Müßte diese Konsequenz nicht eigentlich stutzig machen?

Aber ich lasse es bei diesem einen Hinweis bewenden. Es hilft nichts, wir müssen der Reihe nach vorgehen. Darum jetzt endlich zu den Fakten der biologischen Evolution.

Drei Fragen müssen wir dabei unterscheiden. Zunächst ist die Behauptung zu begründen, daß es überhaupt eine biologische Stammesgeschichte gegeben hat. Daß die heute auf der Erde lebenden Tier- und Pflanzenarten also nicht von Anfang an existiert haben, daß sie aber auch nicht simultan durch einen einmaligen Schöpfungsakt von einem Augenblick zum anderen entstanden sind. Daß sie vielmehr im Verlaufe sehr langer Zeiträume durch einen Prozeß hervorgebracht wurden, der von einfachsten Urformen des Lebens über zahllose Zwischenstufen bis zu den heute lebenden höheren Tieren und zum Menschen geführt hat.

Nach dieser Erörterung der Realität der biologischen Stammesgeschichte müssen wir uns dann dem Problem ihres Anfangs zuwenden. Unsere zweite Frage gilt also dem klassischen Problem der »Urzeugung«, der Art und Weise, wie man sich die Entstehung der ersten Lebensformen aus noch unbelebter Materie naturwissenschaftlich erklären könnte.

Das dritte Problem schließlich ist das der Evolutionsgesetze. Wenn es eine biologische Stammesgeschichte gegeben hat, die durch eine unter natürlichen Umständen erfolgte Lebensentstehung in Gang gesetzt worden ist, bleibt immer noch die Frage, ob auch der Verlauf dieser Geschichte, die, wie es scheint, zielstrebig zu immer komplizierteren, »höheren« Lebensformen führte, noch als das Ergebnis der Wirkung natürlicher Gesetze verstanden werden kann.

Kapitel 3

Die Realität der biologischen Stammesgeschichte

Es ist wahr: Niemand hat bisher einen biologischen Entwicklungsvorgang mit eigenen Augen gesehen. Das braucht uns jedoch nicht zu irritieren. Es hat uns ja auch bei früherer Gelegenheit nicht irritiert. Kein menschliches Auge hat jemals die Entstehung eines Milchstraßensystems verfolgen können. Trotzdem gibt es angesichts der vorliegenden »fossilen« Spuren und Indizien keinen vernünftigen Grund, daran zu zweifeln, daß und auf welche Weise die heute von uns beobachteten Milchstraßensysteme (Galaxien) das Resultat kosmischer Entwicklungsabläufe sind. Das gleiche gilt für die biologische Evolution.

Die Parallele besteht hier allerdings nur in der Tatsache, daß auch für uns (etwa aus Gründen extrem unterschiedlicher Zeitmaßstäbe) unwahrnehmbare Vorgänge dennoch real und auf indirektem Wege nachweisbar sein können. Die Fossilien jedenfalls, im ganz konkreten, ursprünglichen Sinn des Wortes, taugen im Zusammenhang mit unserer ersten Frage als Beweis weniger, als mancher glaubt.

Wer die Tatsache der Evolution (und ich werde das Wort im weiteren Text ohne Zusatz stets im Sinn von biologischer Evolution gebrauchen) heute noch bestreitet, für den sind Knochenfunde kein unabweisbares Argument.

Zunächst ein Wort zum Gewicht dieser Gegenstimmen, deren Stellenwert von vielen Nichtfachleuten erfahrungsgemäß maßlos überschätzt wird. Daß die Evolution eine realhistorische Tatsache ist, daß sich in den letzten 4 Milliarden Jahren auf der Erdoberfläche eine biologische Entwicklung konkret abgespielt hat, wird heute längst von der überwältigenden Mehrzahl selbst derer anerkannt, die Darwins Theorie, also der naturgesetzlichen Erklärung des konkreten Verlaufs dieser Geschichte, ablehnend gegenüberstehen. Aber auch heute gibt es noch Einzelgänger, die selbst das Faktum der Evolution bestreiten. Darunter ist immer wieder einmal auch ein mit einem akademischen Titel geschmückter Autor.

Als Wissenschaftspublizist bekommt man in fast regelmäßigen Abständen »antidarwinistische« Aufsätze zugeschickt. In den Begleitbriefen heißt es dann, meist vorwurfsvoll, man habe offenbar einen Autor übersehen, der gegenteiliger Meinung sei, und folglich die Existenz entgegengesetzter Auffassungen verschwiegen.

Die Absender derartiger Briefe können als Laien nicht wissen oder erkennen, daß es sich bei den heute mit wissenschaftlichem Anspruch auftretenden »antidarwinistischen« Autoren ausnahmslos um Außenseiter handelt, auch dann, wenn sie promoviert haben oder den Professorentitel tragen. Damit ist nichts gegen die grundsätzliche Möglichkeit gesagt, daß auch eine verschwindende Minorität einmal recht haben könnte. Wir werden daher in diesem Buch, das sich an die Öffentlichkeit wendet und nicht an Fachleute, die Argumente und Einwände dieser Anti-Propheten auch noch im einzelnen untersuchen.

Daß es sie gibt, das allein besagt nun allerdings überhaupt nichts. Es gibt keine noch so unsinnige Behauptung, welcher Art auch immer, für die sich nicht einzelne Zeugen anführen ließen. Bekanntlich verkünden heute sogar beamtete Pastoren von der Kanzel herab, sie glaubten nicht an die Existenz Gottes (und reagieren dann naiverweise noch beleidigt, wenn man sie daraufhin von der Kanzel entfernt). Gäbe das nun jemandem das Recht zu behaupten, die Frage, ob Gott existiere, sei offensichtlich »auch in der Kirche selbst in Wahrheit noch umstritten«?

In England, der Heimat schrulliger Käuze, existiert noch heute ein Club, dessen Mitglieder ihre Aufgabe darin sehen, die Ansicht durchzusetzen, daß die Erde in Wirklichkeit keine Kugel, sondern eine flache Scheibe sei. Dieser Vereinigung sollen sogar studierte Mitglieder angehören. Verpflichtet dieser Umstand nun jeden Autor einer erdkundlichen Veröffentlichung, die Kugelgestalt der Erde als »umstritten« anzusehen?

Die Zahl und der Rang (im Urteil der eigenen Fachkollegen) derer, die heute im Lager der Wissenschaft die Erklärungskraft der Evolutionstheorie ablehnen oder gar die Tatsache der Evolution bestreiten, sind, wenn man die Situation kennt und objektiv betrachtet, nicht anders einzuschätzen als in den angeführten Beispielen.

Auch der bei solchen Anlässen von Laien häufig geäußerte Hinweis auf die Möglichkeit, daß es sich um einen jener Fälle handle, in denen die »etablierte Wissenschaft«, wie in der Vergangenheit schon vorgekommen, einen neuen Gedanken eben seiner Neuartigkeit wegen nicht anerkennen wolle oder könne, zieht hier nicht. Und zwar gleich aus mehreren Gründen.

Zunächst einmal ist die Ablehnung der Evolution kein »neuer Gedanke«, sondern das genaue Gegenteil: der Versuch nämlich, einen neuen Gedanken abzulehnen und das Rad der Erkenntnis zurückzudrehen. Das mag in manchen Fällen durchaus angebracht sein, es rechtfertigt aber natürlich selbst dann nicht die Berufung auf die Ablehnung genialer Gedanken in der Vergangenheit.

Diese mag, zweitens, tatsächlich gelegentlich vorgekommen sein. Die Zahl der Beispiele ist jedoch sehr viel geringer, als es das Vorurteil wahrhaben will. Dafür, daß wirklich revolutionierende, geniale Gedanken jemals dem Unverständnis der »Lehrmeinung« zum Opfer gefallen waren, gibt es kein überzeugendes Beispiel. Widerstände hat es in jedem Fall gegeben, in keinem aber haben sie »Erfolg« gehabt.

Darwin ist bekanntlich nicht von seinen wissenschaftlichen Kollegen angefeindet worden, und weder Kopernikus noch Galilei wurden von den Astronomen ihrer Epoche bekämpft. Die Widerstände kamen, wie erinnerlich, aus einer ganz anderen Ecke.

Außerdem ist darauf hinzuweisen, daß selbst Fälle, in denen es dem »wissenschaftlichen Establishment« gelungen wäre, den Durchbruch eines neuen Gedankens vorübergehend aufzuhalten, keinen Umkehrschluß zulassen: Selbst wenn es vorgekommen sein sollte, heißt das nicht, daß jeder von der wissenschaftlichen »Lehrmeinung« abgelehnte Gedanke deshalb schon revolutionär oder überhaupt von irgendeinem Wert sein müßte. Von seltenen Ausnahmen abgesehen, geschieht das eben deshalb, weil er schlicht und einfach falsch ist.

Aber zurück zu der Frage nach den Argumenten, die die Tatsache einer biologischen Entwicklungsgeschichte auf der Erdoberfläche beweisen können. Fossilien, versteinerte Überreste ausgestorbener Lebensformen, gehören nicht dazu, so hatten wir gesagt. Jedenfalls nicht für jemanden, dem bloße, auch überwältigende Wahrscheinlichkeit nicht genügt, der vielmehr entschlossen ist, seinen Standpunkt auf Biegen oder Brechen, auch mit weit hergeholten Argumenten zu verteidigen. In der Tat, ein »Fundamentalist« strenger Observanz läßt sich durch noch so viele derartige Funde nicht in seiner Überzeugung irremachen, daß Gott alle existierenden Tier- und Pflanzenarten in jenem Zeitraum zugleich erschaffen habe, von dem die Genesis berichtet[14].

Was besagen schon die Funde von Saurierknochen? Der Zweifler könnte getrost einräumen, daß diese Reptilien einst die Erde beherrschten und vor sehr langer Zeit ausgestorben sind. Bestreiten würde er lediglich, daß es sie nicht vom Anfang der Schöpfung an gegeben habe und daß sie biologische Vorfahren von Säugetieren oder Vögeln sein könnten.

Natürlich wäre es ihm auch nicht möglich, die Existenz ausgestorbener menschenähnlicher Lebewesen von der Art des Neandertalers oder des Homo sapiens in Abrede zu stellen. Er müßte das auch gar nicht, um an seiner fundamentalistischen Position festhalten zu können. Wieder brauchte er nur den evolutionären Wandel zu bestreiten, der von einem dieser durch Knochenfunde belegten vormenschlichen Wesen zu anderen geführt hat, ihr Verhältnis von Vorfahre und biologischem Nachkommen also.

Das ist, wie mir scheint, überhaupt die tiefere Wurzel dieser heute schon lange nicht mehr logisch, sondern nur noch psychologisch zu erklärenden Opposition gegen den Evolutionsgedanken: die Einsicht, daß es, hat man sie einmal akzeptiert, ganz unvermeidlich ist, auch den Menschen, sich selbst also, in das Geschehen einzubeziehen. Die durch diese Vorstellung bei vielen Menschen auch heute noch ausgelösten Vorurteile und Mißverständnisse sind so mächtig, daß wir ihnen noch ein eigenes Kapitel widmen werden.

Welches Argument aber wäre denn nun stark genug, um auch einen eingefleischten Fundamentalisten nachdenklich zu stimmen — wenn es überhaupt gelingen sollte, ihn dazu zu bringen, es zur Kenntnis zu nehmen und darüber nachzudenken? Das einzige Argument, das dazu eigentlich ausreichen sollte, stützt sich auf die unbestreitbare Beziehung zwischen Ähnlichkeit und Verwandtschaft. Wir setzen diese Beziehung als selbstverständlich voraus, als keiner besonderen Begründung bedürftig, wo es um unsere verwandtschaftlichen Beziehungen innerhalb unserer eigenen bürgerlichen Familie geht. Daß Kinder ihren Eltern ähnlich sehen, entspricht unseren Erwartungen. Insbesondere dann, wenn es sich um eine Übereinstimmung mit dem Aussehen des Vaters handelt, erfüllt uns die Beobachtung mit Befriedigung, weil sie auch in diesem Falle für alle Augen unbezweifelbar macht, daß Blutsverwandtschaft vorliegt.

Für selbstverständlich halten wir es auch noch, abnehmende Grade der Verwandtschaft mit einer Abnahme derartiger Übereinstimmungen in Verbindung zu bringen. Wenn wir, umgekehrt, in alten Familienalben blättern, kommt keiner von uns auf den seltsamen Einfall, auch nur einen Augenblick in Zweifel zu ziehen, daß die sich auf den Fotos der Repräsentanten ganz verschiedener Generationen dokumentierenden Ähnlichkeiten eine Folge der Tatsache sind, daß die abgebildeten Personen nicht nur im zivilrechtlichen, sondern auch im biologischen Sinne ein und derselben Familie angehören und diese Ähnlichkeiten folglich das Vorliegen genetischer Verwandtschaft beweisen. Der Tatsache also, daß die fotografierten Individuen einen gemeinsamen Stammbaum haben, sie zueinander also im Verhältnis genealogischer Aufeinanderfolge stehen.

Auch einem Fundamentalisten müßte es nun eigentlich schwerfallen, alle diese Einsichten sofort zu vergessen, wenn es um unübersehbare Ähnlichkeiten zwischen dem Menschen und nichtmenschlichen — tierischen oder auch pflanzlichen — Lebensformen auf dieser Erde geht. Daß ein Affe zwei Augen und zwei Ohren hat, fünf Finger an jeder Hand und dieselbe Zahl von Rückenwirbeln wie wir auch, läßt sich für jemanden, der Wahrscheinlichkeiten als Argument gelten läßt, ebensowenig durch bloßen Zufall erklären wie die physiognomischen Ähnlichkeiten zwischen Vettern.

»Denken Sie bloß, meine Liebe, mit den Affen sollen wir verwandt sein! Hoffen wir, daß es nicht stimmt. Aber wenn es stimmen sollte, dann wollen wir beten, daß es sich nicht herumspricht!« So soll sich die Frau eines hohen englischen Geistlichen zu einer Freundin geäußert haben, als sie um die vergangene Jahrhundertwende erstmals in einen Vortrag über »Darwinismus« hineingeraten war.

Der Schreck, der der Lady in die Glieder fuhr, verbindet sie mit den heutigen Fundamentalisten. An kritischer Rationalität ist sie diesen jedoch haushoch überlegen. Denn während der Fundamentalist sich auf den Standpunkt zurückzieht, daß nicht sein kann, was (seiner Ansicht nach) nicht sein darf, zweifelte die Engländerin nicht einmal im ersten Schrecken daran, daß die Frage, ob die schockierende Entdeckung wahr sei oder nicht, völlig unabhängig von ihren eigenen Hoffnungen oder Befürchtungen sein müsse.

Wie anders als durch Verwandtschaft, durch die Abstammung von einem gemeinsamen Vorfahren, soll eigentlich die Tatsache zu erklären sein, daß alle Säugetiere sieben Halswirbel haben, vom Maulwurf mit seinem gedrungenen Hals bis zur Giraffe (die ihre sprichwörtliche Langhalsigkeit nicht einer Vermehrung der Wirbelzahl, sondern lediglich deren Verlängerung verdankt)? Oder daß die 5-Strahligkeit der Vorderextremität nicht nur für die menschliche Hand gilt, sondern ebenso für den Flügel der Fledermaus, die Grabschaufel des Maulwurfs oder die Flosse des Wals?

»Zufall, nichts als bloßer Zufall!« schallt es uns aus dem fundamentalistischen Lager entgegen, in dem man von statistischer Wahrscheinlichkeit nicht viel zu halten scheint. So haarsträubend unwahrscheinlich ein Zufall hier auch immer sein mag, er wird als Einwand ins Feld geführt und veranlaßt uns, in die Tiefe des biologischen Details hinabzusteigen, bis auf die molekulare Ebene. Dort werden wir Ähnlichkeiten begegnen, bei denen Zahlen ins Spiel kommen, welche die Möglichkeit einer bloß zufälligen Übereinstimmung rechnerisch ausschließen.

Es gäbe keine Fundamentalisten mehr, wenn sie sich diesem Beweis nicht ebenfalls noch durch eine letzte Ausflucht entziehen zu können glaubten. Diese aber ist, wie wir sehen werden, so weit hergeholt, daß man auf sie nichts mehr zu erwidern braucht.

Kapitel 4

Auf der Suche nach einem fossilen Molekül

Ein versteinerter Knochen — oder dessen Abdruck — ist die geläufigste Form eines Fossils, keineswegs jedoch die einzige. Wir hatten das schon bei der Erörterung der Besonderheiten des Verhaltens von Kugelsternhaufen erkannt. Ein Fossil ist einfach die heute noch auffindbare und identifizierbare Spur einer früheren Epoche der Entwicklung. Deshalb gibt es auch biochemische und molekulare Fossilien.

Die lebende Natur ist nicht weniger konservativ als die Erdkruste. Wie diese bewahrt sie Spuren ihrer Vergangenheit über fast beliebig lange Zeiträume. Der Grund ist mit ihrem Wesen eng verknüpft: Jede der entscheidenden »Erfindungen«, die das Leben auf der Erde gemacht hat, entspricht der Realisierung einer so kleinen Chance, einem Glückstreffer solchen Ausmaßes, daß die Natur an ihr mit all der Hartnäckigkeit festhält, die ihr der »Vererbung« genannte Mechanismus zur Verfügung stellt.

Dieser stellt so etwas wie ein Gedächtnis dar, einen Speicher für alle Erfolge, die das Leben jemals errungen hat. Die Niederlagen werden vergessen. Kein Fehler bleibt im genetischen Code bewahrt. Eben das ist der Grund dafür, daß die Natur aus ihren Fehlern nicht lernt, daß sie sie, wie ein lernunfähiges Kind, immer aufs neue wiederholt, ohne jede Rücksicht auf noch so viele Mißerfolge in der Vergangenheit.

Der Vergleich mit einem lernunfähigen Kind hinkt weniger, als Vergleiche das meist zu tun pflegen: Die Natur, die Evolution, ist außerstande, durch Erfahrung zu lernen, ihre Strategien der Erfolgsquote entsprechend zu variieren. Deshalb produziert sie zum Beispiel immer wieder und in zahllosen ihrer Linien Albinos. Ohne die geringste Chance, je lernen zu können, daß eine albinotische Amsel, ein weißer Hirsch oder eine weiße Maus in der freien Natur durch ihre Auffälligkeit von vornherein in der Hinsicht »unterprivilegiert« sind, auf die es vor allem ankommt: in der Fähigkeit zum Überleben[15].

Während die Evolution aus ihren Fehlern nicht lernt, hält sie an ihren »Treffern« mit einer Zähigkeit fest, die auch über Jahrmilliarden hinweg nicht erlahmt. Der Mechanismus, der sie dazu befähigt, ist der der Vererbung, der molekulare Apparat des genetischen Codes, dessen submikroskopischen Bau wir heute schon zum Teil zu verstehen begonnen haben. »Vererbung« heißt ja nichts anderes, als daß es dem Leben erspart bleibt, jede zu seinem Überleben notwendige Einrichtung eines Organismus in jeder Generation von neuem erfinden zu müssen.

Das wäre in der Tat eine unerfüllbare, eine im wahren Wortsinn tödliche Voraussetzung. Daß das Leben nun schon so lange auf der Erdoberfläche existiert, ist nur deshalb möglich, weil es dieser Vorbedingung enthoben ist. Dafür sorgt der von uns »Vererbung« genannte genetische Übertragungsmechanismus, indem er alle lebensnotwendigen Funktionen und Strukturen in der Gestalt eines »Codes« speichert und von Generation zu Generation »überliefert«. Vererbung ist nichts anderes als das Gedächtnis der Evolution. Vererbung, so könnte man auch sagen, ist genetische Tradition.

Nun hätte, und damit nähern wir uns dem Kernpunkt der Sache um einen weiteren Schritt, die Reihenfolge, in der die den Bauplan eines Lebewesens ausmachenden Strukturen und Funktionen in diesen genetischen Code aufgenommen worden sind, einer bestimmten Priorität unterliegen müssen. Wenn eine bestimmte Art eine Millionen von Jahren und Generationen umspannende Entwicklungsgeschichte durchlaufen hat, dann ist zwingend zu erwarten, daß sie die für die Lebensfähigkeit ihrer Mitglieder fundamentalen Funktionen früher speicherte als irgendwelche Spezialisierungen, die für die Art in ihrer heutigen Konstitution vielleicht charakteristisch sind.

Es ist ganz trivial: Bevor man sich den Luxus der Anschaffung von Flügeln, Antennen oder anderen Spezialausrüstungen leisten kann, müssen erst einmal die elementaren, lebenserhaltenden Funktionen, etwa die des Stoffwechsels, gewährleistet sein. Die »Generalien« des Lebens mußten früher verwirklicht werden als alle über das Notwendigste hinausgehenden speziellen Ausstattungen.

Das ist wirklich ganz trivial. Aus dieser Trivialität aber ergibt sich ein für unseren Gedankengang entscheidender Rückschluß. Ohne Zweifel gibt es Lebensfunktionen, die so elementar sind, daß sie bei allen Lebensformen nachweisbar sind. Dazu gehören zum Beispiel die zur Energieaufnahme und -umsetzung erforderlichen Stoffwechselfunktionen. Ein Lebewesen, das nicht in ständigem Energieaustausch mit seiner Umwelt steht, ist undenkbar.

Wenn es nun möglich wäre, für bestimmte Stoffwechselabläufe spezifische Funktionsträger zu finden, dann könnte man daraus eine Voraussage ableiten, deren Überprüfung die Frage, ob sich auf der Erde eine biologische Stammesgeschichte abgespielt hat oder nicht, eindeutig entscheiden ließe. Denn wenn es derartige spezifische Funktionsträger für elementare biologische Prozesse gibt, dann müßten diese sich, falls eine Evolution stattgefunden hat, bei allen heute existierenden Lebewesen in identischer Form nachweisen lassen, vom Einzeller bis zum Elefanten. Einfach deshalb, weil sie für Lebensfunktionen so elementarer Art verantwortlich sind, daß sie schon zu einer Zeit entstanden sein müssen, in der die evolutive Aufsplitterung der Nachkommen der Urzelle in die Vielzahl der heutigen Stammeslinien noch gar nicht eingesetzt hatte!

Diese spezifischen, für ganz elementare Lebensprozesse zuständigen Funktionsträger existieren nun tatsächlich. Es handelt sich um sogenannte Enzyme, kompliziert gebaute Moleküle, die, je nach ihrer individuellen Struktur, bestimmte einzelne Stoffwechselschritte auslösen. Und sie finden sich in der Tat bei allen, wirklich ausnahmslos allen Lebensformen, bei denen man bisher nach ihnen gesucht hat. Vom Elefanten bis zum Einzeller und vom Menschen bis zum Weizenkorn auf dem Acker.

Ihr komplizierter Bau macht jedes dieser Enzyme zu einem so unverwechselbaren »Molekül-Individuum«, daß ihre Identifizierung bei den verschiedensten Organismen mit absoluter Sicherheit möglich ist. Wir stoßen hier, mit anderen Worten, wiederum auf eine Ähnlichkeitsbeziehung, diesmal auf molekularer Ebene. Daß diese molekulare Ähnlichkeit nunmehr offensichtlich alle existierenden Lebensformen umgreift, beweist, daß diese alle miteinander verwandt sind. Sie alle gehören zu einem einheitlichen, alles irdische Leben umfassenden Stammbaum. Die Evolution ist eine Realität!

Wir können es hier natürlich nicht bei dieser Behauptung allein bewenden lassen. Das Gewicht dieser Aussage für unseren Gedankengang ist so groß, daß wir die Argumentation am Beispiel eines geeigneten Enzym-Moleküls im einzelnen durchführen müssen. Ich will das am Beispiel eines Enzyms tun, das die Wissenschaftler »Cytochrom c« nennen[16]. Dabei werden wir sehen, daß sich der »fossile« Charakter dieses Moleküls gerade aus minimalen Unterschieden ergibt, die zwischen seinen Kopien bei den verschiedenen Tier- und Pflanzenarten festgestellt wurden, so paradox das nach allem, was hier gesagt wurde, im ersten Augenblick auch klingen mag.

Daß das Cytochrom c »uralt« sein muß, ergibt sich aus seiner elementaren Funktion (Sauerstoffübertragung im Zellinneren). Die Tatsache, daß es bei allen Lebensformen diese gleiche Funktion nach demselben Prinzip erfüllt, beweist deren universale Verwandtschaft, ihre Abstammung von einem einzigen gemeinsamen Vorfahren, einer »Urzelle«, die diese Funktion vor langer Zeit erfand, woraufhin der Mechanismus der Vererbung sie an alle ihre Nachkommen weitergab. Die minimalen Abweichungen aber, die sich am Cytochrom-c-Molekül feststellen lassen, je nachdem, von welcher Art es stammt, erzählen darüber hinaus sogar den Ablauf der Geschichte selbst: Sie erlauben es uns heute noch, das Tempo, in dem die Entwicklung sich vollzog, ebenso zu rekonstruieren wie die Zeitpunkte, zu denen die verschiedenen Äste sich gabelten, und die Stellen des Stammbaums, an denen das geschah.

Kapitel 5

Die Geschichte des Cytochrom c

In allen der etwa 50 Billionen Zellen, aus denen unser Körper besteht, müssen in jeder Sekunde Hunderte von komplizierten chemischen Reaktionen ablaufen, wenn wir am Leben bleiben sollen. Das alles muß auf engstem Raum geschehen, bei nur wenig mehr als 37 C, mit Geschwindigkeiten, die für manche Reaktionen in der Größenordnung von Bruchteilen einer Zehntausendstelsekunde liegen, und so, daß keine der gleichzeitig nebeneinander ablaufenden Reaktionen die andere beeinflußt. Leben, wie wir es kennen, setzt die Lösung dieser Probleme im Inneren des Mikrokosmos einer jeden Zelle voraus.

Die Natur hat die nahezu unlösbar scheinende Aufgabe auf eine Weise gelöst, die relativ zur Kompliziertheit des Problems ebenso einfach wie genial anmutet. Sie hat eine Art molekularer »Schlüssel« entwickelt — der Wissenschaftler nennt sie »Enzyme«. Das sind Moleküle von so »unwahrscheinlicher« Gestalt, daß man sie hinsichtlich ihres Aussehens und ihrer Funktion mit der von Sicherheitsschlüsseln vergleichen kann.

Die Verläßlichkeit eines Schlüssels, die Sicherheit, die er seinem Besitzer und legitimen Benutzer verschafft, hängt vom Grade seiner »Spezifität« ab: von der Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit das Schloß, für das er gemacht ist, auch noch mit anderen (»fremden«) Schlüsseln zu öffnen ist. Bei primitiven Schlössern ist diese Wahrscheinlichkeit groß. Der nur aus einem simplen Viereck bestehende Bart des Schlüssels einer mittelalterlichen Haushaltstruhe paßt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in viele Schrankschlösser derselben Epoche. Er ist weitgehend »unspezifisch« und verschafft daher nur eine minimale Sicherheit.

Die Wahrscheinlichkeit, daß sich ein Schloß mit einem beliebigen Schlüssel öffnen lassen könnte, nimmt nun aus einsichtigen Gründen immer mehr ab, je komplizierter der Bart des Schlüssels für diesen Zweck geformt zu sein hat. (»Dietriche« sind absichtlich unspezifisch gestaltete, dafür aber auf jeweils ganz bestimmte gängige Schlössertypen hin entwickelte Instrumente, die die vom Bau eines Schlosses verlangte individuelle Kompliziertheit bis zu einer gewissen Grenze gleichsam zu unterlaufen gestatten.)

Alles in allem ergibt sich daraus, daß die Spezifität eines Schlüssels »negativ korreliert« ist mit der Chance, daß es unbeabsichtigt (»zufällig«) einen zweiten Schlüssel mit der gleichen Bartform geben könnte: Je geringer diese Chance, um so größer ist die Spezifität (die Sicherheit) des Schlüssels. Ganz kurz kann man also sagen, daß die Unwahrscheinlichkeit der Bartform eines Schlüssels der Gradmesser seiner Spezifität ist, der Sicherheit, mit der er das Schloß schützt, für das er gearbeitet worden ist.

Der sicherste (»spezifischste«) denkbare Schlüssel überhaupt wäre ohne Zweifel daher ein Schlüssel mit einem Bart, dessen Form auf dem ganzen Globus nur ein einziges Mal existiert. Das ist der Grund dafür, daß in Zukunft aller Voraussicht nach Sicherheitsschlösser entwickelt werden dürften, die aufgrund eines elektronischen Erkennungsmechanismus einzig und allein auf den Daumenabdruck der zum Öffnen befugten Person ansprechen. Nach aller daktyloskopischen, kriminologischen Erfahrung dürfte das Kriterium der Einmaligkeit gegeben sein, wenn der eigene Fingerabdruck die Funktion des Schlüsselbarts übernimmt.

Ob es heute einen mechanischen Schlüssel gibt, der diese Idealbedingung erfüllt, ist fraglich (unter praktischen Gesichtspunkten aber auch bedeutungslos, denn ein Safe wird nicht dadurch gefährdet, daß irgendwo auf der Erde vielleicht einige Dutzend Menschen, ohne es zu wissen, im Besitz von Schlüsseln sind, mit denen man ihn auch öffnen könnte). In molekularen Dimensionen aber existieren derartige »absolut spezifische« Schlüssel längst, und zwar schon seit Hunderten von Jahrmillionen.

Es sind die Enzyme. Beginnen wir damit, daß wir den Bau dieser für ganz bestimmte chemische Reaktionen innerhalb der Zelle zuständigen Moleküle etwas näher betrachten, um zu verstehen, warum und in welchem Sinne sie mit Recht als Schlüssel anzusehen sind.

Enzyme sind Eiweißkörper und bestehen, wie alle Eiweiße, aus Aminosäuren. Wie eine Aminosäure (eine stickstoffhaltige organische Säure) selbst zusammengesetzt ist, braucht uns hier nicht zu interessieren. Wichtig ist dagegen, daß von den Hunderten oder mehr verschiedenen Aminosäuren, die ein Chemiker sich ausdenken oder auch in seinem Labor herstellen kann, in allen irdischen Lebewesen nur 20 vorkommen. Alle Eiweißarten, die es in irgendeiner auf der Erde existierenden Zelle geben mag — und es gibt Abertausende verschiedener Eiweißarten! —, sind aus diesen immer wieder gleichen 20 Aminosäuren als Elementen oder Bausteinen zusammengesetzt.

Passender noch als der Vergleich mit einem Baustein ist der mit der Perle einer Kette, denn alle Eiweißkörper sind Kettenmoleküle — eine kettenartige Aneinanderreihung der erwähnten immer wieder gleichen 20 Aminosäuren in bunter, wechselnder Aufeinanderfolge. Die Länge der Ketten ist dabei von Eiweißart zu Eiweißart verschieden. Das Hormon Insulin zum Beispiel besteht aus Eiweißmolekülen von jeweils 51 Aminosäuren. (Auch hier sind es nur die genannten 20 verschiedenen Aminosäuren, von denen jede aber in mehrfacher Wiederholung an verschiedenen Stellen der Molekülkette auftreten kann.)

Das Enzym Cytochrom c, auf dessen Bau wir näher eingehen wollen, ist ein aus 104 Aminosäuren zusammengesetztes Kettenmolekül. In der Skizze ist sein Aufbau schematisch dargestellt. Jede der Aminosäuren, aus denen es besteht, ist darin durch ein bestimmtes graphisches Symbol gekennzeichnet. Konkret in dieser, und zwar genau in der hier abgebildeten Reihenfolge, sind diese Aminosäuren bei dem Molekül angeordnet, das die Biochemiker Cytochrom c getauft haben. Es ist, wie schon erwähnt, ein Enzym, ein »Stoffwechsel-Schlüssel«.

Im Unterschied zu einem gewöhnlichen Schlüssel läßt sich die Spezifität, die Sicherheit also, mit der Cytochrom c eine ganz bestimmte und nur diese eine chemische Stoffwechselreaktion auslöst (oder »aufschließt«), in konkreten Zahlen angeben. Sie entspricht, wie wir uns erinnern, der Wahrscheinlichkeit (bzw. Unwahrscheinlichkeit), mit der die gleiche Form, die der Schlüssel hat, rein zufällig noch an ganz anderer Stelle existieren könnte. Diese Wahrscheinlichkeit aber ist im Falle des Cytochrom c gleich Null!

Das läßt sich leicht beweisen. Die Wahrscheinlichkeit einer rein zufälligen »Wiederholung« entspricht hier der konkreten Chance, mit der das für Cytochrom c charakteristische Muster der Reihenfolge der Aminosäuren, die seine »Kette« bilden (seine »Aminosäure-Sequenz«), durch Zufall entstehen könnte. Einfacher ausgedrückt: Wie oft müßte man 104 Perlen der 20 richtigen Farben (entsprechend den 104 Aminosäure-Bausteinen des Enzyms) in eine Rille werfen, bis sie darin rein zufällig in der Reihenfolge nebeneinandergeraten würden, die der des Originals entspricht?

Die Frage läßt sich präzise, mit einer exakten Zahl, beantworten. Für die Anordnung von 20 verschiedenen Elementen innerhalb einer aus 104 Gliedern bestehenden Kette gibt es genau 20104 verschiedene Möglichkeiten. Von diesen ist die im Cytochrom c vorliegende eine einzige. Die Wahrscheinlichkeit, gerade sie durch reinen Zufall zu reproduzieren, beträgt damit 1 zu 20104 oder, auf die gewohnte Basis 10 umgerechnet, l zu 10130. Damit steht fest, daß der Enzym-Schlüssel Cytochrom c weder auf der Erde noch im ganzen Kosmos ein zweites Mal durch reinen Zufall entstanden sein kann.

Seit der Entstehung der Welt, seit dem »Ur-Knall«, sind erst 1017 Sekunden vergangen. (So groß sind Exponentialzahlen!) Wenn also mit den 104 Perlen in jeder seit Anbeginn der Welt vergangenen Sekunde 1mal gewürfelt worden wäre, gäbe es heute erst höchstens 1017 verschiedene Varianten der aus 104 Gliedern bestehenden Kette. Die des Cytochrom c wäre also gewiß noch nicht darunter. Selbst wenn jedes einzelne aller im ganzen Kosmos existierenden Moleküle eine andere Variante der 104gliedrigen Kette repräsentierte, selbst dann würde es im ganzen Kosmos so gut wie sicher noch immer kein einziges Molekül Cytochrom c geben, denn im ganzen Weltall sind nur rund 1080 Atome vorhanden!

Man wird zugeben müssen, daß die Möglichkeit einer rein zufälligen Wiederholung dieser speziellen molekularen Aminosäuresequenz auf dem relativ beschränkten Areal der Erdoberfläche unter diesen Umständen mit hinreichender Sicherheit ausgeschlossen werden kann. Dennoch aber begegnen wir ihr nun, davon waren wir ja ausgegangen, auf dieser Erde wieder und wieder, nämlich bei allen Lebewesen, die bisher darauf untersucht worden sind: nicht nur bei uns selbst, sondern bei Affen, Hunden und Ameisen, bei Fischen, Fröschen und Schmetterlingen und ebenso bei Schimmelpilzen, Weizen und der ordinären Bäckerhefe.

Wie ist das möglich, wenn der Zufall als Ursache einer solchen Übereinstimmung mit so großer Sicherheit ausgeschlossen werden kann? Wie ist die Übereinstimmung unter diesen Umständen anders zu erklären als durch eine Beziehung, die alle die Lebewesen miteinander verbindet, bei denen sich das gleiche, hochspezifische Enzym-Muster findet? Und wie anders wäre diese Beziehung zu verstehen als die einer durch Vererbung, durch »genetische Überlieferung« entstandenen Gemeinschaft von Organismen, die allen heute zwischen ihnen bestehenden Unterschieden zum Trotz sämtlich als die Nachkommen ein und derselben Urzelle angesehen werden müssen?[17]

Der Fundamentalist, entschlossen, die Realität der Evolution zu bestreiten, weil er (irrtümlich) davon ausgeht, daß sonst Abstriche an seinem religiösen Glauben unumgänglich seien, hat auch darauf noch eine Antwort.1 Sie lautet: Es war offenbar kein Zufall. Aber ein genetischer Zusammenhang ist auch damit keineswegs bewiesen, denn Gott hat es bei der Schöpfung eben so eingerichtet, daß alle von ihm geschaffenen Lebewesen mit diesen und unzähligen anderen identischen Enzymen ausgestattet worden sind.

Aber auch auf diesen Einwand läßt sich noch etwas erwidern. Hier kommen die minimalen »Abweichungen« ins Spiel, von denen schon kurz die Rede war. Wirklich absolut identisch sind die bei den verschiedenen Arten festgestellten Aminosäure-Sequenzen des Cytochrom c nämlich doch nicht. In dem Schema auf Seite 42 sind sie für den Menschen und 10 andere biologische Spezies zum Vergleich untereinandergestellt. Die Reihenfolge der Spezies untereinander entspricht dabei abnehmenden Graden der Verwandtschaft.

Es zeigt sich bei diesem Vergleich nun ein weiterer, außerordentlich interessanter Befund: Die Zahl der Unterschiede nimmt in dem Schema von oben nach unten zu. Zwischen der Aminosäure-Sequenz des vom Menschen stammenden Cytochrom c und der des Rhesusaffen (2. Zeile) besteht nur ein einziger Unterschied (auf der Position 58). Vergleicht man unsere »eigene« Sequenz mit der eines Hundes, dann stößt man schon auf elf Unterschiede — und so geht es fort. Je entfernter die Verwandtschaft, um so größer die Zahl der Unterschiede.

Genaugenommen müßten daher bei der Wahrscheinlichkeitsberechnung auf Seite 43 anstatt der nur bei dem Vergleich zwischen verschiedenen Menschenrassen gültigen Zahl 20104 je nach der Art, mit der verglichen wird, auch niedrigere Exponenten eingesetzt werden. Bei einem Vergleich mit dem Rhesusaffen eben 20103, im Falle des Hundes 2093 usw. Diese Korrekturen ändern aber, vor allem dann, wenn man sich nicht allein auf den Menschen bezieht, sondern die verschiedenen Arten untereinander vergleicht, an der Beweisführung grundsätzlich nichts. Die resultierenden Wahrscheinlichkeiten bleiben auch dann immer noch so extrem gering, daß die Möglichkeit, die Übereinstimmungen durch bloßen Zufall zu erklären, weiterhin ausscheidet.

Welche Ursache aber haben diese individuellen Abweichungen, in denen uns dieses seiner Abstammung nach ursprünglich identische Molekül bei den verschiedenen Arten begegnet? Der Antwort nähern wir uns, wenn wir uns einmal vor Augen halten, wie oft dieses Molekül wohl reproduziert, also »kopiert« worden sein mag, seit es von der Evolution vor unausdenklich langer Zeit erfunden wurde. Bei jeder Zellteilung mußte seine Bauanleitung in allen Einzelheiten verdoppelt werden. In jeder neuen Zelle mußte es anhand dieser mitgegebenen Bauplan-Kopie dann von neuem synthetisiert werden.

Nun funktioniert der molekularbiologische Apparat, der für diesen »Vererbungs«-Prozeß zuständig ist, zwar mit einer geradezu unglaublichen Präzision. Absolut perfekt, fehlerlos, ohne Rücksicht auf die Zahl der Atome, die er in jeder Sekunde in einer bestimmten Anordnung arrangieren muß, und ohne Rücksicht auf die unvorstellbaren Zeiträume, über die hinweg das von Augenblick zu Augenblick zu geschehen hat, gelingt das aber auch ihm nicht. Absolute Perfektion gibt es im Universum nicht. Auf molekularer Ebene verhindern das schon die natürliche radioaktive Strahlung der Umgebung und die von der unvermeidbaren Wärmebewegung ausgehenden Störungen.

Es schleichen sich also Fehler ein. Erstaunlich selten, wenn man die Subtilität der molekularen Reproduktionsabläufe bedenkt, aber im Laufe der Zeit sammeln sie sich eben an. Da sitzt dann plötzlich, nach der Neubildung des Moleküls in einer neu entstandenen Zelle, sozusagen eine Perle »falscher Farbe« an einem bestimmten Punkt der Kette: Eine Aminosäure ist durch eine andere ausgetauscht worden. Die Biologen bezeichnen eine solche Änderung des erblichen Materials bekanntlich als »Mutation«.

Ob der Austausch Folgen hat, hängt wiederum von der Stelle ab, an der die Änderung der Sequenz innerhalb der Molekülkette erfolgt ist. Betrifft die Mutation das sogenannte »aktive Zentrum« des Moleküls, dann sind die Konsequenzen — von verschwindenden Ausnahmen abgesehen — tödlich. Das aktive Zentrum ist so etwas wie der »Bart« des Enzym-Schlüssels, also der Teil des Moleküls, der für seine Stoffwechselfunktion entscheidend ist. Beim Cytochrom c besteht diese, wie schon erwähnt, in der Sauerstoffübertragung innerhalb der Zelle. Eine Mutation im Bereich des aktiven Zentrums von Cytochrom c führt daher in der Regel zum sofortigen Absterben der neu entstandenen Zelle als Folge innerer Erstickung: Die Mutation hat sich als »letal« erwiesen.

Die verschwindende Ausnahme bedeutete in diesem Fall, daß die neue Aminosäure, die da plötzlich innerhalb des aktiven Zentrums aufgetaucht ist, zu einer Verbesserung der Funktionsfähigkeit des Moleküls führte. Daß ihr Auftreten den »Bart« des Moleküls also rein zufällig in einer Weise veränderte, welche die Sauerstoffübertragung in irgendeiner Hinsicht verbessert, indem sie sie etwa schneller oder ergiebiger werden läßt. Es läßt sich leicht denken, daß das nur außerordentlich selten vorkommt. Andererseits steht ebenso fest, daß jeder einzelne derartige Fall einen »Erfolg« darstellt, an dem die Evolution von da ab hartnäckig festhalten wird.

Das geschieht einfach in der Form, daß ein Organismus, der durch einen solchen Glückstreffer in der Mutationslotterie eine Verbesserung seiner Ausstattung erfahren hat, bessere Überlebenschancen hat. Er wird daher — mit großer Wahrscheinlichkeit — eine größere Nachkommenzahl hinterlassen, die, da Mutationen erbliche Änderungen sind, mit dem gleichen Vorzug ausgestattet sind. Der neue Typ setzt sich daher in einem derartigen Fall auch zahlenmäßig gegenüber den weniger gut ausgestatteten Konkurrenten seiner eigenen Art innerhalb weniger Generationen durch.

Kein Biologe zweifelt heute mehr daran, daß die Spezifität eines Enzyms im Verlaufe längerer Zeiträume auf diesem Wege entstanden ist. Schritt für Schritt: Jeder »Glückstreffer« wurde festgehalten, alle Zellen mit einer negativ wirksamen Mutation innerhalb des aktiven Zentrums (und das war ohne Zweifel die überwältigende Mehrzahl) starben dagegen ab. Sie schieden aus, all ihre Spuren sind längst getilgt.

Daneben aber gab es nun noch die Mutationen, die nicht das aktive Zentrum des Moleküls betrafen, nicht den Bart, sondern sozusagen den »Griff«, den bloß statischen Teil des enzymatischen Molekülgerüsts. Sie sind ganz offensichtlich die Ursache der Verschiedenheiten, die wir heute zwischen den Cytochrom-c-Molekülen unterschiedlicher Herkunft — ob vom Menschen, einem Insekt oder einer Pflanze — finden. Von den »letalen« Mutationen gibt es keine Zeugnisse mehr. Die Träger dieser Mutationen konnten nicht überleben (und ihre negative Eigenschaft daher nicht in die »genetische Tradition« einführen). Die extrem seltenen positiven Mutationen führten zu der heute vorliegenden Spezifität und der kaum mehr überbietbaren Effektivität des »modernen« Cytochrom c. Alle an anderer Stelle des Moleküls erfolgenden Mutationen aber konnten sich im Ablauf der Zeit nach und nach ansammeln, da sie für die Funktion des Enzyms unerheblich waren.

»Nach und nach«, »im Ablauf der Zeit«, auf diesen Worten liegt die Betonung. Je mehr Zeit verging, um so größer wurde die Zahl der durch Mutationen ausgetauschten Aminosäuren an funktionell neutralen Stellen des Molekülgerüsts. Für die Funktion des Enzyms blieb das ohne Bedeutung. Allein deshalb konnten diese allmählich zunehmenden Unterschiede ja überhaupt vererbt werden. Für uns aber erweisen sie sich aufgrund dieser Zusammenhänge plötzlich als ein Evolutionskalender von erstaunlicher Präzision.

Je größer die Zahl der Unterschiede, um so mehr Zeit muß verstrichen sein: Aus dieser eben so beiläufig gezogenen Schlußfolgerung läßt sich, wenn es denn eine Evolution gibt, angesichts zweier verschiedener, konkret vorliegender Cytochrom-c-Typen der Zeitpunkt der Vergangenheit berechnen, zu dem es einen gemeinsamen Stammvater der beiden unterschiedlichen Organismen-Typen gegeben haben muß, in denen die verglichenen Moleküle heute vorkommen.

Innerhalb ein und derselben Art wird ein in durchschnittlichen Abständen von, sagen wir: Jahrhunderttausenden auftretender Aminosäure-Austausch früher oder später unweigerlich zum gemeinsamen Merkmal aller Mitglieder. Eine Art ist eine »Fortpflanzungsgemeinschaft«. Die sexuelle Durchmischung des gemeinsamen Genpools der Art, der Gesamtheit der für sie typischen Erbanlagen, sorgt für deren Verteilung über die ganze Population.

Sobald nun im Ablauf der Evolution aber eine neue Art zu entstehen beginnt, dadurch daß sich ein genetisch neuartiger Typ von der bis dahin gemeinsamen Abstammungslinie abspaltet, bedeutet das auch den Austritt des Neulings aus der bisherigen Erb-Gemeinschaft[18]. Auch genetisch hat die neue Art von nun an ihr eigenes, individuelles Schicksal.

Für unseren Zusammenhang heißt das: Die im weiteren Ablauf der Geschichte auch weiterhin an den verschiedensten Stellen des Cytochrom-c-Gerüsts zufällig erfolgenden Mutationen werden von jetzt ab zwischen den beiden Arten über die neu entstandene Artgrenze hinweg nicht mehr ausgetauscht.

Vom Zeitpunkt der evolutiven Aufspaltung ab entwickeln sich daher auch die Zufallsänderungen an den funktionell unwichtigen Stellen des Enzymgerüsts bei beiden Arten unabhängig voneinander weiter. Und eben deshalb, weil die zufälligen Kopierfehler, die ihre Ursachen sind, »im Ablauf der Zeit« langsam und Schritt für Schritt an Zahl zunehmen, ist ihre heutige Zahl ein Maß für die Zeit, die seit der Aufspaltung der beiden verglichenen Arten vergangen ist.

In der Realität des Labors ist die Ablesung des Evolutionskalenders, der sich aus diesen Zahlen ergibt, nun doch etwas schwieriger und unsicherer, als das relativ einfache Prinzip, das ich hier geschildert habe, zunächst vermuten läßt. Die bloßen Zahlen der Unterschiede in den Aminosäuresequenzen genügen allein noch nicht. Die Frage: »An wie vielen Stellen im Kettenmolekül unterscheiden sich die Aminosäuren der beiden Arten?« wäre zu einfach gestellt.

Die Wahrscheinlichkeit einer Zufallsmutation ist an den verschiedenen Stellen des Moleküls unterschiedlich groß. Vereinfacht könnte man sagen, daß die »Stabilität« des Molekülgerüsts nicht überall gleich groß ist. Ferner ist die Möglichkeit in Rechnung zu stellen, daß an einzelnen Orten der Kette wiederholte Mutationen erfolgt sind. Vielleicht ist dort eine Aminosäure mehrfach ausgetauscht worden. In diesem Falle müßte der an dieser Stelle heute zu registrierende »einfache« Unterschied bei der Zeitberechnung dann dementsprechend doppelt oder gar dreifach berücksichtigt werden.

Alle diese Faktoren und Einflüsse erschweren die Berechnung der Zeitspanne, die für den Austausch der einen oder anderen Aminosäure des Moleküls einzusetzen ist. Die Wissenschaftler bemühen sich, unter Berücksichtigung aller bekannten und denkbaren Einflüsse in der Rechnung die entsprechenden Korrekturen anzubringen. Trotzdem sind, wie kein Beteiligter bestreitet, die Resultate mit einer gewissen Reserve zu betrachten. So viel aber steht fest: Die Größenordnungen stimmen. Nur ist es denkbar, daß in dem einen oder anderen Fall das wirkliche Ergebnis von den Computerberechnungen um 20 oder auch 30 Millionen Jahre abweicht.

Unter diesem Vorbehalt sei hier wiedergegeben, daß sich aus dem Vergleich der Aminosäuresequenzen von Cytochrom c beim Menschen und beim Huhn ein Zeitraum von knapp 300 Millionen Jahren für die Dauer errechnen ließ, während derer das Enzym innerhalb der Ahnenreihe der beiden heutigen Arten isoliert, ohne wechselseitigen Austausch, im Ablauf der Generationenfolge kopiert worden sein muß. Kürzer und einfacher ausgedrückt heißt das nichts anderes, als daß am Beginn dieses Zeitraums, vor rund 300 Millionen Jahren also, ein Lebewesen existiert haben muß, das als Stammvater sowohl der anschließenden bis hin zu uns führenden Reptilien- und viel später dann Primatenreihe als auch der zu den heutigen Hühnern führenden Entwicklungslinie anzusehen ist.

Entsprechende Berechnungen ergaben weiter, daß sich unser amphibischer Urahn vor etwa 500 Millionen Jahren von den Fischen genetisch getrennt hat und daß sich die Vorfahren der Wirbeltiere und der Insekten vor rund 750 Millionen Jahren genetisch verselbständigt haben müssen.

Weit über eine Milliarde Jahre, wahrscheinlich 1,5 Jahrmilliarden sind vergangen, seit der gemeinsame Vorfahre existierte (eine urtümliche Zelle), der unsere bis auf den heutigen Tag mit dem Korn auf unseren Äckern bestehende Verwandtschaft begründete[19].

Die Vorbehalte, die hier angebracht sind, gelten allein für die genannten absoluten Zahlen. Diese können das wirkliche Datum innerhalb der schon erwähnten Fehlerbreite möglicherweise verfehlen. Am Prinzip des Arguments ändert das nicht das geringste. Auf jeden Fall gesichert ist die aus dieser Methode des Enzym-Vergleichs sich ergebende Aufspaltung eines ursprünglich einheitlichen Entwicklungsbaums und darüber hinaus auch noch die Chronologie der Reihenfolge, in der sich die Vorfahren der heute existierenden Arten nacheinander vom ursprünglichen Hauptstamm ablösten.

Der letzte Befund insbesondere liefert in unserem Zusammenhang einen neuen, nun wirklich schlagenden Beweis. Konstruiert man nämlich anhand der »Chronologie der Aufspaltungsfolge«, wie sie aus dem Enzym-Vergleich ablesbar ist, einen Stammbaum, so erweist sich das Produkt als identisch mit den Stammbäumen, die die Paläontologen schon vor langer Zeit aufgrund völlig anderer Indizien, nämlich anhand ihrer Fossilfunde, rekonstruiert haben.

Identische Schlußfolgerungen auf völlig unterschiedlichen Wegen — läßt sich ein überzeugenderer Beweis für die Realität der Stammesgeschichte denken? Auf der einen Seite die räumliche Verteilung versteinerter Überreste von ausgestorbenen Vorfahren heutiger Organismen, in den unterschiedlich alten Ablagerungen der Erdkruste just so verteilt, wie es ihrem entwicklungsgeschichtlichen Alter entspricht. Auf der anderen Seite der Vergleich unterschiedlicher Kopien eines sehr alten, »fossilen« Moleküls, dessen rechnerische Auswertung zu exakt der gleichen Chronologie des Entwicklungsablaufs führt. Kann man immer noch zweifeln?[20]

Abbildung 5.1: Dieser entwicklungsgeschichtliche Stammbaum wurde aus einer vergleichenden Untersuchung des molekularen Aufbaus von Cytochrom c bei den dargestellten Arten abgeleitet — er ist in allen Einzelheiten identisch mit dem anhand fossiler Makrofunde rekonstruierten Stammbaum! Einzelheiten im Text. (Aus: Margaret O. Dayhoff, Scientific American, Juli 1969, S. 86)

Wer sich aufgrund seiner Vorurteile gegen die Einsicht sperren will, läßt sich erfahrungsgemäß auch durch diese Argumentation nicht belehren. Seine letzte Ausflucht: Gott habe es in seinem unerforschlichen Ratschluß eben so gefügt, daß die bei den verschiedenen Arten nachweisbaren Enzym-Muster Abweichungen aufwiesen, die so beschaffen seien, daß ihr Vergleich den (irrigen!) Eindruck hervorrufe, die untersuchten Arten seien miteinander verwandt und in der durch den Vergleich vorgetäuschten Reihenfolge nacheinander auf eine ursprünglich gemeinsame Ahnenlinie zurückzuführen.

Sachlich läßt sich gegen diese Behauptung nicht mehr argumentieren. Aber vielleicht ist hier doch die Frage erlaubt, was von einer sich selbst noch als religiös verstehenden Einstellung zu halten ist, die es vorzieht, dem göttlichen Schöpfer eine im konkreten Detail derart konsequent durchgeführte Irreführung zu unterstellen, anstatt die eigene, vorgefaßte Meinung zu korrigieren.

Auf Argumente dieser Art hat seinerzeit schon der junge Immanuel Kant eine Antwort gegeben, die ebenso für diesen Fall gilt. In seiner »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels« geht er kurz auch auf die Kritiker ein, die dem Versuch, die Entstehung des Sonnensystems mit Hilfe der Naturgesetze zu erklären, mit »theologischen« Argumenten widersprachen, indem sie ihn als unzulässig und überdies aussichtslos ablehnten, weil das Sonnensystem als göttliche Schöpfung einer natürlichen Erklärbarkeit entzogen sei.

Es hat also, das möchte ich hier zunächst einmal einschieben, damals, vor 200 Jahren, doch noch so etwas wie eine »religiös motivierte« Ablehnung gegenüber der Möglichkeit einer wissenschaftlichen Erklärung astronomischer Tatbestände gegeben. Damals erschien nicht wenigen auch dieser wissenschaftliche Ansatz als ein Angriff auf ihr religiöses Weltbild, als Gefahr für ihren Glauben. Für uns Zeitgenossen des Apollo-Projekts und der Erforschung des planetaren Raums mit Robotersonden ist das nichts als eine historische Episode. Mir jedenfalls ist, wie schon erwähnt, ein ähnliches Bedenken aus heutiger Zeit nirgends begegnet, auch nicht in den Kreisen, die sich aus den gleichen Motiven heute nun gegen die Anerkennung der Evolutionslehre sträuben.

Könnte diese historische Reminiszenz uns nicht vielleicht helfen, einzusehen, daß es auch im Falle der biologisch-wissenschaftlichen Erkenntnis heute gar nicht wirklich um Glaubensfragen geht, sondern allein um die Aufgabe von Denkgewohnheiten? Keine Religion dieser Erde ist in ihrer Substanz davon berührt worden, daß das Sonnensystem sich im Verlaufe wissenschaftlicher Beobachtungen als ein mit physikalischen Begriffen umfassend beschreibbares Gebilde entpuppte. Niemand hat Anlaß und niemand sieht auch einen Grund, unser Planetensystem nicht mehr als einen Teil göttlicher Schöpfung zu betrachten, nur weil es uns gelungen ist, sein Verhalten naturgesetzlich zu verstehen.

Warum eigentlich sollen wir den gleichen Irrtum, dem die von Kant angesprochenen Kritiker nachweislich — wie wir heute, zwei Jahrhunderte später, rückblickend mit Sicherheit sagen können — erlegen sind, angesichts der Fortschritte der biologischen Wissenschaft in allen Einzelheiten wiederholen? Ist die historisch zu konstatierende Wanderung der Grenze, an welcher der religiös verbrämte Widerstand jeweils einsetzt und die sich in der seit Kant vergangenen Zeit von der Astronomie auf die Biologie verlagert hat, nicht in sich schon ein unübersehbarer Hinweis darauf, was sich hier in Wirklichkeit abspielt? Daß es sich nämlich überhaupt nicht um die Frage handelt, von welchem Punkt des Erkenntnisfortschritts ab die Substanz religiöser Aussagen berührt werden könnte (ohnehin eine höchst fragwürdige Vorstellung), sondern allein um den psychologischen Widerstand gegenüber der an der sich von Generation zu Generation verlagernden Frontlinie des wissenschaftlichen Fortschritts entstehenden Forderung nach der Korrektur bis dahin für gültig gehaltener Denkgewohnheiten?

Jetzt aber zu der Antwort, die Kant seinen Kritikern seinerzeit gab. Ihrer grundsätzlichen Gültigkeit wegen zitiere ich sie hier in einiger Ausführlichkeit:

»Wenn denn endlich Gott unmittelbar den Planeten die Wurfskraft ertheilet und ihre Kreise gestellet hätte, so ist zu vermuthen, daß sie nicht das Merkmal der Unvollkommenheit und Abweichung, welches bei jedem Produkt der Natur anzutreffen, an sich zeigen würden. War es gut, daß sie sich auf eine Fläche beziehen sollten, so ist zu vermuthen, er würde ihre Kreise genau darauf gestellt haben; war es gut, daß sie der Zirkelbewegung nahe kämen, so kann man glauben, ihre Bahn würde genau ein Zirkelkreis geworden sein, und es ist nicht abzusehen, weswegen Ausnahmen von der genauesten Richtigkeit selbst bei demjenigen, was eine unmittelbare göttliche Kunsthandlung sein sollte, übrig bleiben mußten.« (Allg. Naturgeschichte und Theorie des Himmels, Reclam, Leipzig o. J., S. 178)

Kant bezieht sich also auf die »minimalen Abweichungen«, die im regelmäßigen Bau des Sonnensystems zu beobachten sind. Auf die geringfügigen Unterschiede zwischen den Bahnebenen der einzelnen Planeten und die Abweichung dieser Bahnen selbst von der idealen Kreisform. Und das, was er über die Bedeutung dieser Abweichungen sagt, gilt nun ohne jede Einschränkung genauso für die in diesem Kapitel ausführlich erörterten »minimalen Abweichungen« im Bau des Cytochrom-c-Moleküls.

Dies sogar in einem zweifachen Sinne. Auch für Kant ist die Annahme absurd, Gott könne diese kleinen Fehler während einer »unmittelbaren göttlichen Kunsthandlung« gewissermaßen übriggelassen haben. Und zweitens sind auch für ihn diese Unregelmäßigkeiten in Wirklichkeit Hinweise, aus denen sich Rückschlüsse auf die Entstehungsgeschichte des Sonnensystems ableiten lassen — ganz so wie für die Biologen aus den »Unregelmäßigkeiten« in der Struktur des Cytochrom c.

Ich vermute überdies, daß das uneingestandene wirkliche Motiv derer, die nicht wahrhaben wollen, daß sich der Lauf der Geschichte des irdischen Lebens unter dem Einfluß der gleichen Naturgesetze abspielte, die auch den Ablauf aller kosmischen Prozesse regieren, erst hinter den (unbewußt) vorgeschobenen Argumenten liegen dürfte. Ich fürchte, daß allzu viele hier in Wahrheit mit dem Gedanken liebäugeln, den sich vor unserer Wahrnehmung so hartnäckig verbergenden Gott durch den Nachweis eines grundsätzlich unerklärbaren, der rationalen und naturgesetzlichen Faßbarkeit prinzipiell entrückten Phänomens in seiner Schöpfung konkret ertappen zu können.

Es erscheint mir wenig zweifelhaft, daß der oft mit so spürbarer Emotion vorgetragene Widerstand gegen die rationale Erklärung eines bis dahin für unerklärlich gehaltenen Naturphänomens auch als Ausdruck der Weigerung zu verstehen ist, auf eine Art »Gottesbeweis« zu verzichten, den man in Händen zu haben glaubt. Die Hoffnung, Gott auf diese Weise sozusagen dingfest zu machen, sich seiner Existenz in konkret-handgreiflicher Form versichern zu können, ist nun aber von vornherein verfehlt. Im Bereich wissenschaftlicher Forschung führt sie, konsequent durchgehalten, nur zu der Peinlichkeit, sich ständig von einer »Widerstandslinie« auf die nächste zurückziehen zu müssen. Und von den Theologen muß sich einer, der diese Position bezieht, sagen lassen, daß die von ihm für möglich gehaltene konkrete Beweisbarkeit eines Weltschöpfers dem Gottesbild aller großen Religionen der Menschheit widerspricht.

»Miracula non sunt multiplicanda« lautet ein bewährtes Prinzip der klassischen Scholastik. Frei übersetzt heißt das: Man suche nicht nach Wundern, wenn sich eine natürliche Erklärung anbietet. Oder, mit den Worten Martin Luthers: »Wir dürfen Gott nicht da suchen, wo wir ihn zu finden wünschen, sondern allein dort, wo er sich uns zu offenbaren geruht.«[21]

Kapitel 6

Die Frage der Lebensentstehung

An der Tatsache der biologischen Stammesgeschichte ist also kein vernünftiger Zweifel mehr möglich. Daran, daß die gegenwärtig auf der Erde existierenden Organismenarten nicht von Anfang an, seit dem Beginn der Geschichte des Lebens auf der Erde, unverändert bestehen, sondern daß sie das (vorläufige) Resultat einer langen, auch heute noch weiterlaufenden Entwicklungsgeschichte sind, zweifelt denn auch kein einziger ernstzunehmener Wissenschaftler auf der ganzen Welt.

Es ist fast müßig, zu sagen, daß sich andererseits natürlich und mit der gleichen Selbstverständlichkeit auch heute noch einzelne exzentrische Außenseiter vorweisen lassen, die der gegenteiligen Ansicht sind — oder sie jedenfalls vertreten. Was von den Argumenten zu halten ist, die sie, von den längst vorliegenden wissenschaftlichen Fakten unbeirrt, zu wiederholen nicht müde werden, wird uns in einem der folgenden Kapitel noch im einzelnen beschäftigen. Hier sei nur für den Nichtwissenschaftler schon klargestellt, daß die bloße Existenz dieser Außenseiter kein Argument darstellt. Die einzigen, die sie in der heutigen Wissenschaft noch ernst nehmen, sind sie selbst.

Die Anerkennung der biologischen Stammesgeschichte als historische Realität schließt nun die Einsicht in einen noch umfassenderen, noch bedeutsameren Zusammenhang ein: Wer ihre Realität eingesehen hat, dem öffnet sich der Blick auf ihren Zusammenhang mit der vorhergehenden kosmischen Entwicklung.

Denn es ist ja nicht so — wie eine ausschließliche Beschäftigung mit der biologischen Evolution es suggerieren könnte —, daß der Prozeß einer Entwicklung erst mit dem Beginn der biologischen Stammesgeschichte einsetzte. Es ist auch, noch wichtiger, nicht so, daß kosmische und biologische Entwicklung etwa nur das Wort »Entwicklung« gemein hätten, daß es sich in Wahrheit also um ihrem Wesen nach gänzlich verschiedene Prozesse handelte. Im Gegenteil: Zu den aufregendsten Resultaten moderner Naturforschung gehört die Tatsache, daß sich aus der riesigen Zahl der von ihr gelieferten Einzelresultate heute immer deutlicher, wie aus unzähligen Mosaiksteinen, das Bild einer Welt zusammenzufügen beginnt, in der alles mit allem zusammenhängt, das Größte mit dem Kleinsten, das Nächste mit dem Fernsten und so auch das Tote mit dem Lebendigen.

Eine einheitliche, in sich geschlossene Welt also. Eigentlich, nachträglich betrachtet, doch eine Selbstverständlichkeit. Und trotzdem wirkt die Entdeckung wie eine Überraschung. Mehr noch, die erste Reaktion, die sie bei vielen Menschen auslöst, ist ungläubige Skepsis, ja sogar inneres Widerstreben. Denn das Bild, das sich hier abzuzeichnen beginnt, widerspricht in seiner Geschlossenheit dem Bild, das wir uns jahrhundertelang von der Welt gemacht haben.

Seit langer Zeit hatten wir uns angewöhnt, die Welt in Zonen unterschiedlicher Gesetzlichkeit und ihren »Inhalt« in Kategorien zu unterteilen, die, wie wir glaubten, nichts miteinander zu tun hätten: auf der einen Seite die Weite des Universums und darin, winzig und verloren, unsere Erde, ohne Zusammenhang mit dem Ganzen, gleichsam nur ihrer Bedeutungslosigkeit wegen geduldet. Noch Jacques Monod, der französische Biologe und Nobelpreisträger, hatte sich verpflichtet gefühlt, die Trostlosigkeit, die Unüberbrückbarkeit dieses vermeintlichen Gegensatzes zu unterstreichen[22].

Oder: auf der einen Seite der Mensch und auf der anderen, wieder angeblich durch eine (durch keinen wie immer gearteten Zusammenhang überbrückbare) Kluft getrennt, die übrige belebte Natur. Und die irdische Umwelt selbst verkannten wir, wie sich gerade heute immer deutlicher herauszustellen beginnt, allzulange als unbeschränkt, beliebig und grenzenlos verfügbare Kulisse, dem Menschen ausgeliefert, der sich auf irgendeine Weise gleichsam »von außen« in sie hineinversetzt mißverstand und sich daher den in ihr geltenden Gesetzen enthoben wähnte.

All das stellte sich im Verlaufe naturwissenschaftlicher Forschung als Vorurteil heraus, als Mißverständnis angesichts der eigenen Position im Rahmen des Ganzen. Die Welt besteht nicht aus »Zonen« unterschiedlicher Gesetzlichkeit. Sie hat auch keinen »Inhalt«. Alles, was existiert, ist »Welt«, Teil der einen, einzigen, in sich geschlossenen Wirklichkeit und darin mit jedem anderen Teil des Ganzen im Zusammenhang.

Die Grenzen, die wir überall wahrzunehmen glauben, gehören nicht der Welt selbst an. Sie sind nichts als Projektionen unserer angesichts der Welt ganz und gar unzulänglichen Vorstellungsstrukturen, so etwas wie ein der Außenwelt von unserem Gehirn übergestülptes Gradnetz, mit dessen Hilfe wir uns in der Fülle der Erscheinungen die Übersicht zu erleichtern suchen. Auch das einer Wanderkarte aufgedruckte Gradnetz, das dem gleichen Zweck dient, gibt ja keine wirkliche Eigenschaft der abgebildeten Landschaft wieder.

Die Spezialisierung unserer naturwissenschaftlichen Forschung ist nicht die Folge einer Spezialisierung der Natur. Sie ist die Folge unseres Unvermögens, das Ganze zugleich im Blickfeld haben und untersuchen zu können. Das Mißverhältnis zwischen der Kompliziertheit der Welt und der begrenzten Kapazität unserer Gehirne läßt uns keine andere Möglichkeit als die, uns einzelne Details, spezielle Aspekte aus der Fülle der Erscheinungen herauszugreifen und isoliert zu betrachten. Wir bekommen diese Auswirkung unserer Inkompetenz aber doppelt zu spüren, wenn wir uns dazu verleiten lassen, aus der Aufsplitterung unserer Wissenschaften in immer zahlreichere Spezialdisziplinen auf eine entsprechende Aufsplitterung in der Natur selbst zu schließen.

Das gilt für alle derartigen »Grenzen«, die wir in der Natur zu sehen meinen. Für viele Kritiker, vor allem aus dem geisteswissenschaftlichen Lager, ist der bloße Gedanke an eine »Grenzüberschreitung« schon eine Todsünde. Natürlich gibt es, vor allem methodisch, unzulässige Grenzüberschreitungen. Dennoch muß man diesen Kritikern entgegenhalten, daß die wirklich gelungenen bisher identisch waren mit unseren bedeutendsten Einsichten in die Natur.

Die Aufhebung der noch vor wenig mehr als 100 Jahren ebenfalls für grundsätzlich gehaltenen Grenze zwischen den Gesetzen der klassischen Mechanik und denen der Theorie der Gase gab den Anstoß zur Entwicklung der modernen Thermodynamik und führte schließlich, über den Begriff der Entropie[23], zu einem tieferen Verständnis aller zeitlichen Abläufe der Natur.

Bis 1828 galt es als selbstverständlich, daß anorganische und organische Chemie durch eine unüberschreitbare Grenze voneinander getrennt seien. Organische Verbindungen würden sich, dies hielt jedermann, auch in der Wissenschaft, für selbstverständlich, im Gegensatz zu anorganischen Substanzen niemals »künstlich« im Laboratorium erzeugen lassen. Ihre Entstehung sei nur durch eine biologische Synthese in einem lebenden Organismus möglich. Bis Friedrich Wöhler dann die Möglichkeit der Laborsynthese von Harnstoff nachwies und damit das riesige neue Forschungsgebiet der organischen Chemie begründete.

Von der Entdeckung des Zusammenhangs zwischen den auf der Erde ermittelten Fallgesetzen und den Gesetzen der Planetenbewegung durch Newton bis zu der Überwindung der in unserer angeborenen Vorstellung so unüberschreitbaren Grenze zwischen Raum und Zeit in der Relativitätstheorie Albert Einsteins war es immer das gleiche. Man könnte die Geschichte der Naturerforschung auch schreiben als eine Geschichte der Überwindung irrtümlich für real gehaltener Grenzen zwischen Naturphänomenen, die sich unserer menschlichen Vorstellungsweise als grundsätzlich »verschieden« darstellen.

Diese Geschichte ist selbstverständlich keineswegs zu Ende. Unsere psychische Konstitution bringt es mit sich, daß die grundsätzlich gleiche Arbeit bei jeder neu ins Blickfeld rückenden Grenze von neuem geleistet werden muß. Auch dann, wenn die Bereitschaft, ihren illusionären Charakter von vornherein zu unterstellen, noch so groß ist, bleibt stets die ungeheure Arbeit der Beweisführung. Es gehört zu den größten geistigen Leistungen des Menschen überhaupt, die Wirklichkeit so zu erkennen, »wie sie ist« (ein Ziel, das, wie hier vorweggenommen sei, grundsätzlich nie vollständig wird erreicht werden können). Naturwissenschaft ist nichts anderes als der Versuch, auf diesem Weg so weit wie irgend möglich voranzukommen. Der Versuch, die uns angeborenen Strukturen der Weltdeutung zu überwinden, von ihnen im wahrsten Sinne des Wortes zu abstrahieren, um jenseits des subjektiven Augenscheins ein neues Stückchen objektiver, »wahrer« Natur freizulegen.

Die Grenze, um die es in der zeitgenössischen biologischen Grundlagenforschung seit einiger Zeit entscheidend geht, ist nun die zwischen der unbelebten und der belebten Natur. Wer ihre Realität in Zweifel zieht, wer also an die Möglichkeit eines »natürlichen« und damit grundsätzlich verstehbaren Übergangs von unbelebten zu lebendigen materiellen Strukturen glaubt, bekommt es alsbald mit den Einwänden der »Vitalisten« zu tun.

Mit dem Begriff des Vitalismus wird eine geistige Position bezeichnet, die alle Lebensvorgänge, insbesondere die Entstehung der ersten Lebensformen für naturwissenschaftlich grundsätzlich unerklärbar hält. Umgekehrt, positiv formuliert, ist Vitalismus die Überzeugung, daß Lebensprozesse sich von allen anderen Naturvorgängen, speziell von physikalischen und chemischen Abläufen, grundsätzlich unterscheiden und als Ausdruck einer weder naturwissenschaftlich noch auf andere Weise faßbaren speziellen »Lebenskraft« aufzufassen seien.

Der Einwand, wieder einmal von einer »Grenze in der Natur« abgeleitet, muß jedem, der die Geschichte der Naturwissenschaften einigermaßen übersieht und der sich zum Beispiel an die eben kurz skizzierten früheren Fälle erinnert, fast bis zum Überdruß bekannt vorkommen. Vitalisten aber lernen aus historischer Erfahrung nicht. Zwar befinden sie sich seit mehr als 100 Jahren permanent auf dem Rückzug, doch das tut ihrer Hartnäckigkeit keinen Abbruch.

Die Praxis zeigt, daß sich ein überzeugter Vitalist nur millimeterweise und immer erst dann zurückzieht, wenn die Fakten schließlich unabweisbar auf dem Tisch liegen.

Nun ist, und kein Biologe wird das bestreiten, der konkrete Beweis für die Natürlichkeit der Entstehung des Lebens auf der Erde, also den spontanen, von den uns bekannten Naturgesetzen gesteuerten Übergang von toter zu belebter Materie, bisher noch keineswegs lückenlos geführt. In dem Bild, das die Wissenschaftler in geduldiger Arbeit zusammenzusetzen begonnen haben, fehlt noch immer eine ganze Reihe wichtiger Mosaiksteine. Die Vitalisten saugen daraus unverdrossen ihren Honig. Die Umrisse des Bildes sind aber schon recht gut zu erkennen, und der nächste Rückzug ist vorhersehbar.

Sehen wir uns die Tatsachen und Befunde einmal an, die einen unvoreingenommenen Betrachter veranlassen müssen, vorsichtshalber damit zu rechnen, daß sich auch die uns so prinzipiell erscheinende Grenze zwischen unbelebter und belebter Natur früher oder später als illusorisch erweisen wird.

Beginnen wir mit der so oft schon erzählten Geschichte des Miller-Versuchs. 1953 schloß der junge amerikanische Chemiker Stanley Miller, ein Schüler des berühmten Nobelpreisträgers Harold Urey, die simplen anorganischen Moleküle in eine Glasapparatur ein, die es, wie sein Lehrer ihm gesagt hatte, in der Atmosphäre der Ur-Erde besonders reichhaltig gegeben haben sollte: Kohlendioxid, Methan, Ammoniak und molekularen Wasserstoff. Er ließ seine Lösung einige Tage lang in der Apparatur kreisen, dabei in stetem Wechsel verdampfen und sich wieder niederschlagen, und traktierte sie gleichzeitig mit elektrischen Entladungen als äußerer Energiequelle, womit er die heftigen Gewitter zu simulieren trachtete, die sich in der Atmosphäre der Ur-Erde abgespielt haben müssen.

Jedes Schulkind, das einen auch nur halbwegs ordentlichen Biologieunterricht genossen hat, weiß heute, was bei der Geschichte herauskam. Der so überwältigend simple Versuch Millers, die Verhältnisse auf der Oberfläche der noch unbelebten Ur-Erde in seiner Apparatur nachzuahmen, resultierte in der spontanen Entstehung einiger der wichtigsten biologischen Lebensbausteine, vor allem in der Gestalt von Aminosäuren. Nun hatte gerade die Entstehung derartiger »Biopolymere« unter nichtbiologischen Bedingungen bis dahin als besonders schwer erklärbar, wenn nicht sogar unmöglich gegolten. Sehr zu Unrecht, wie Miller mit seinem Versuch demonstrierte.

Der Bericht über dieses Experiment wirkte damals verständlicherweise als Sensation. Heute, nicht einmal drei Jahrzehnte später, ist der Millersche Versuch zu einem der Standardversuche geworden, mit denen, wie gesagt, ein gut geleiteter Biologieunterricht an der Oberstufe angereichert zu werden pflegt. Dieser kurze Weg von der Sensation zur Alltäglichkeit des Selbstverständlichen spiegelt die Lehre wider, die Millers Experiment enthält.

Es ist, wie sich kaum länger bezweifeln läßt, wieder einmal nur unser Vorurteil gewesen, das uns so lange die »absolute Rätselhaftigkeit« der Entstehung dieser und anderer Lebensbausteine voraussetzen ließ. Ein Vorurteil, das selbst unsere Wissenschaftler mit der vitalistischen Resignation liebäugeln und die Möglichkeit der grundsätzlichen Unerklärbarkeit einer nichtbiologischen Entstehung der zum Aufbau lebender Organismen unentbehrlichen Molekülbausteine ernstlich in Betracht ziehen ließ.

Alle diese Zweifel sind heute zu nichts zerstoben. Miller und seine Nachfolger haben gezeigt, daß die wirklichen Verhältnisse wieder einmal total anders sind, als unser Vorurteil uns weismachen wollte. Die spontane Entstehung von Lebensbausteinen oder Biopolymeren ist alles andere als rätselhaft oder unerklärlich, sie ist ganz im Gegenteil offensichtlich »die natürlichste Sache von der Welt«, im konkretest denkbaren Sinne dieser Redewendung.

Offenbar neigt die Materie aufgrund der Besonderheiten ihrer atomaren Struktur dazu, sich bevorzugt und sozusagen bei jeder sich ihr bietenden Gelegenheit zu den uns heute rückblickend als Lebensmolekülen geläufigen Verbindungen zusammenzufügen. Deren spontane Entstehung ist damit nicht nur nicht mehr rätselhaft, sie scheint unter dem Einfluß der das Verhalten dieser Materie bestimmenden Naturgesetze vielmehr geradezu unabwendbar, ja zwangsläufig zu sein. Schleunigst sei hinzugesetzt, daß die Angelegenheit damit keineswegs weniger wunderbar wird und daß sie letztlich auch jetzt noch immer ein Geheimnis bleibt, denn wie sollten wir jemals erklären können, warum die Materie so beschaffen ist, daß sie die chemischen Voraussetzungen zur Entstehung von Leben zwangsläufig hervorbringt?

Diese Deutung des Millerschen Versuchs und der in zahllosen Variationen wiederholten Nachfolge-Experimente (die im Laufe der Zeit die Möglichkeit einer abiotischen Entstehung praktisch sämtlicher benötigten Biopolymere demonstriert haben) wird nun noch durch höchst aufschlußreiche Entdeckungen gestützt, die in der Zwischenzeit in einer ganz anderen Wissenschaftsdisziplin gemacht worden sind, und zwar in der Astrophysik. Nach ersten Zufallsentdeckungen haben die Radioastronomen etwa seit 1970 systematisch damit begonnen, in den Tiefen des Weltraums, und zwar in den riesigen interstellaren Staubwolken, nach chemischen Verbindungen zu suchen.

Der Erfolg dieser Suche war überwältigend, sowohl was die Zahl als auch was die Art der entdeckten Moleküle betrifft. Eine neuere Zusammenstellung enthält nicht weniger als 30 organische Verbindungen, die in den früher für leer gehaltenen Weiten zwischen den Sternen unserer Milchstraße nachgewiesen wurden. Wenn man die Aufstellung näher betrachtet, registriert man mit zunehmendem Staunen, daß es sich in fast allen Fällen um Moleküle handelt, die den Biochemikern als Vorstufen von Lebensbausteinen geläufig sind.

So fand man in einer mehrere 1000 Lichtjahre entfernten hauchdünnen Gaswolke zum Beispiel die Moleküle Ameisensäure und Monoaminomethan. Die Verbindung dieser beiden Moleküle aber stellt nun Glycin dar, und Glycin ist die biologisch am häufigsten als Eiweißbaustein vorkommende Aminosäure! Ähnlich verhält es sich mit chemisch höchst speziellen Zuckermolekülen, die als Bausteine des komplizierten Erbmoleküls Ribonukleinsäure bei allen irdischen Organismen vorkommen.

Der englische Astronom Fred Hoyle weist mit Recht darauf hin, daß unter diesen Umständen anzunehmen ist, daß noch weitaus kompliziertere Moleküle (bis hin zu kompletten Aminosäuren und dem Erbmolekül Ribonukleinsäure selbst) in kosmischen Gaswolken spontan entstehen. Aus physikalischen Gründen lassen sich diese mit den heutigen radioastronomischen Methoden bis jetzt noch nicht feststellen[24].

So dünn diese Moleküle im interstellaren Raum auch verteilt sein mögen, eine sich über mehrere Lichtjahre hin erstreckende kosmische Wolke enthält gewaltige Mengen. Schon vor etlichen Jahren habe ich daher auf die Möglichkeit hingewiesen, daß die zur Entstehung des irdischen Lebens unentbehrlichen Molekülbausteine vielleicht gar nicht auf der Oberfläche der Ur-Erde entstanden, wie seinerzeit noch fast ausschließlich angenommen wurde. Vielleicht, so vermutete ich, werden sie unserem Planeten von allen Seiten aus dem Weltraum geliefert, in der Gestalt kosmischen Staubes oder durch Meteoritentransport. Wenn ein Planet mit Hilfe seiner Gravitation aus den ihn umgebenden kosmischen Räumen wie eine Art Kristallisationskern Moleküle auf sammelt, muß die Ausbeute gewaltig sein[25].

Fred Hoyle ist neuerdings über diese Möglichkeit noch weit hinausgegangen und hat die Hypothese formuliert, daß sich sogar die ersten zur Selbstreduplikation befähigten Ur-Organismen nicht auf der Erde, sondern möglicherweise in den Köpfen von Kometen bildeten. Nach deren (infolge der Gezeitenkräfte in den sonnennahen Bereichen unseres Planetensystems früher oder später unvermeidlichem) Zerbersten könnten sie dann im Inneren von Chondriten (Steinmeteoren) den Absturz durch die Atmosphäre und die Landung auf der Erdoberfläche lebend überstanden haben.

Diese Hypothese ist kürzlich durch die Untersuchungen eines amerikanischen Forscherteams gestützt worden. Die Amerikaner legten Beobachtungsdaten vor, die es als wahrscheinlich erscheinen lassen, daß in einem Kometenkopf »über biologisch hinreichende Zeitspannen hinweg« Umweltbedingungen herrschen, die die Entstehung und sogar die evolutive Entwicklung derartiger Lebenskeime begünstigen[26].

Da die Sonne wahrscheinlich von mindestens 100 Milliarden Kometen umkreist wird, ist die Zahl der hier vorliegenden biologischen »Versuchsansätze« so groß, daß Hoyles Theorie zur Zeit in Fachkreisen sehr ernsthaft diskutiert wird. Vielleicht also hat man sich die Entstehung des Lebens auf der Erde als die Folge einer kosmischen Aussaat vorzustellen.

Wenn man einmal angefangen hat, die Angelegenheit aus dieser Perspektive zu betrachten, fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Dann fällt einem zum Beispiel auf, daß die chemische Analyse von Steinmeteoriten eine wirklich atemberaubende Korrelation ergab: Die Häufigkeitsverteilung der in diesen Meteoriten enthaltenen Aminosäuren ist praktisch identisch mit der Verteilung, die bei allen Experimenten à la Miller spontan entsteht. (Ganz abgesehen davon ist es aufregend genug, daß sich bei diesen Untersuchungen im Kosmos entstandene Aminosäuren in großer Zahl und inzwischen einwandfrei haben nachweisen lassen.)

Einige Bespiele: Bei der chemischen Untersuchung des sogenannten Murchison-Chondriten (der Name weist auf den australischen Fundort hin) wurden nicht weniger als 17 Aminosäuren festgestellt. 10 von ihnen kommen bei irdischen Lebewesen nicht vor. Nicht weniger als ein Drittel des gesamten Aminosäuregehalts dieses buchstäblich vom Himmel gefallenen Steins entfielen nun aber auf die Aminosäure Glycin. An zweiter Stelle stand der Eiweißbaustein Alanin, und auf den Plätzen drei und vier folgten Asparaginsäure und Valin.

Bei allen bisher untersuchten Chondriten, in denen man Aminosäuren entdeckte, findet sich diese Reihenfolge grundsätzlich wieder. (Mitunter sind die Plätze eins und zwei vertauscht.) Das allein ist schon bemerkenswert genug. Denn alle diese Meteoriten stammen ja aus ganz verschiedenen Gegenden des Weltraums, je nach dem Zeitpunkt, an dem unsere Erde sie auf ihrer Reise mit der Sonne auflas. Müssen wir nicht auch hier wieder folgern, daß die im ganzen Kosmos gleichen Elemente sich überall zu den gleichen Verbindungen zusammenschließen und daß dabei bestimmte Verbindungen (etwa Glycin oder Alanin) offenbar leichter entstehen als andere?[24]

Diese Deutung erscheint unabweislich, wenn man nun außerdem noch berücksichtigt, daß diese bei den Meteoriten festgestellte Rangfolge just der Ergiebigkeit entspricht, mit der die gleichen Eiweißbausteine beim Millerschen Versuch (und allen seinen Variationen!) entstehen. Die Kette der Indizien schließt sich, wenn man dann noch berücksichtigt, daß diese Rangfolge der im Weltraum und in der künstlichen Umwelt des Labors entstehenden Lebensbausteine identisch ist mit der Rangfolge, die der Biochemiker in den Zellen aller irdischen Lebewesen vorfindet: Glycin ist bei allen Pflanzen, Tieren und auch in unserem eigenen Körper der am häufigsten verwendete Eiweißbaustein. Und Alanin folgt nun an zweiter Stelle nicht nur in den untersuchten Meteoriten, sondern auch bei der spontanen Laborsynthese und ebenso in jeder Zelle der irdischen Natur. Das gleiche gilt für die nächsthäufigen Bausteine Asparaginsäure und Valin.

Noch deutlicher kann man wohl beim besten Willen nicht mit der Nase auf ein Vorurteil gestoßen werden. Die Botschaft, die diese Resultate für uns enthalten, liegt auf der Hand. Wieder einmal hat sich eine angeblich grundsätzlich unbeantwortbare Frage als in Wirklichkeit gar nicht existent, als bloßes Hirngespinst entpuppt.

Die Frage war in diesem Falle die nach einer Erklärung der scheinbar »ganz und gar unbegreiflichen« Tatsache, daß zum Zeitpunkt der Entstehung des Lebens auf der Erde gerade die 20 Aminosäuren vollständig zur Verfügung standen, auf welche die Natur zum Aufbau lebender Organismen angewiesen zu sein schien. »Es gibt Hunderte und Aberhunderte der verschiedensten Aminosäuren«, so etwa lautete der Einwand, den man den Biologen entgegenhielt, »wie wollt ihr eigentlich jemals erklären, daß sich auf der noch toten Erde damals gerade die 20 ›richtigen‹ angesammelt haben, und die auch noch in der offenbar benötigten Mengenverteilung?«

Wieder einmal schienen die Vitalisten einen »wasserdichten Fall« vorweisen zu können, mit dem sich die Arbeitshypothese der Wissenschaftler von der Naturgesetzlichkeit aller Naturerscheinungen ad absurdum führen ließ. Denn tatsächlich, wie sollte sich auf diese Frage jemals eine »natürliche« Antwort finden lassen, eine Erklärung, die ohne übernatürliche Ursachen auskam?

Bis sich dann herausstellte, daß die Frage ganz einfach falsch gestellt worden war. So, wie ich sie im vorletzten Absatz wiedergegeben habe, ist sie in der Tat unbeantwortbar. Das ist zwar eindrucksvoll, taugt aber als Argument bloß so lange, wie man übersieht, daß sie in dieser Form völlig uninteressant ist. Sie hat mit der Wirklichkeit, die wir erklären und verstehen wollen, in Wahrheit nämlich nichts zu tun.

Es war eben wieder einmal ganz anders, als wir stillschweigend vorausgesetzt hatten. Es war nicht so, daß das Leben auf der Erde unter Hunderten von Möglichkeiten auf nur 20 ganz bestimmte Aminosäuren (und daneben auf zahllose andere Molekülbausteine) angewiesen gewesen wäre. Die Übereinstimmung der kosmischen mit der biologisch-irdischen Molekülpalette zwingt uns dazu, die Angelegenheit aus einer ganz anderen, und zwar der genau entgegengesetzten Perspektive zu betrachten.

Vorgegeben war im entscheidenden Augenblick der Erdgeschichte ganz offensichtlich nicht der spezifische Bedarf zukünftiger, noch gar nicht existierender Organismen, sondern das Material. Anders ausgedrückt: Wir müssen allem Anschein nach davon ausgehen, daß die hier diskutierten 20 Aminosäuren heute nicht etwa deshalb in allen Zellen der irdischen Organismen vorliegen, weil die Entstehung von Leben ausschließlich nur mit ihnen möglich gewesen wäre. Alle hier genannten Befunde sprechen vielmehr dafür, daß die irdischen Organismen allein deshalb mit ihrer Hilfe aufgebaut worden sind, weil sie aus den geschilderten Gründen reichlich vorhanden waren und sich deshalb als Bausteine anboten.

Die atomare Struktur der 92 im Kosmos vorkommenden Elemente ist individuell verschieden. Manche von ihnen neigen wenig oder gar nicht dazu, sich mit einem anderen Element zu verbinden. Sie gelten von alters her als »edel«, weil sie nicht die Tendenz haben, sich mit anderen Elementen »gemein« zu machen: Die Edelmetalle Gold und Silber gehören dazu, ebenso die Edelgase, wie zum Beispiel Helium oder Argon.

Andere Elemente sind genau entgegengesetzt veranlagt. Wasserstoff und Sauerstoff zum Beispiel schließen sich sozusagen bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit anderen Elementen zu molekularen Verbindungen zusammen. Daneben gibt es noch aus gesprochene Affinitäten zwischen bestimmten Elementen, die zur Bevorzugung bestimmter Reaktionspartner führen.

Diese unterschiedlichen konstitutionellen »Bereitschaften« kann der Physikochemiker heute einleuchtend mit bestimmten Besonderheiten der Struktur der Oberfläche der Atome verschiedener Elemente erklären. Vereinfacht ausgedrückt hat das Heliumatom zum Beispiel eine glatte, völlig geschlossene Oberfläche, die zur Anheftung eines zweiten Atoms gänzlich ungeeignet ist. Ein Sauerstoffatom dagegen besitzt eine Oberfläche, die optimale »Passungen« für eine ganze Reihe anderer Atome aufweist. Analog finden auch die erwähnten Affinitäten zwischen bestimmten Elementen durch bestimmte Übereinstimmungen im Bau ihrer äußeren Elektronenschalen eine heute längst experimentell nachprüfbare Erklärung.

Es liegt auf der Hand, daß diese Besonderheiten den Reaktionen, die sich aus einer Vermengung verschiedener Elemente ergeben, eine bestimmte Richtung geben müssen. »Edle« Elemente werden die Kontakte unbeteiligt überstehen, alle anderen werden sich, je nach den Umständen, mit geeigneten Reaktionspartnern zu Molekülen verbinden.

»Je nach den Umständen«, das heißt, daß Temperatur, Druck und Konzentration des Gemischs ebenfalls über den Ablauf der Ereignisse bestimmen. Kompliziert wird der hier in extremer Vereinfachung geschilderte Ablauf zusätzlich dadurch, daß sich die Reaktionseigenschaften und Affinitäten der laufend neu entstehenden niedermolekularen, nur aus wenigen, womöglich nur aus zwei oder drei Atomen bestehenden Moleküle von denen der in sie eingehenden Elemente unterscheiden und je nach der Zusammensetzung unvorhersehbar ändern.

Aus dem allen ergibt sich ein sehr komplizierter Ablauf, an dessen Ende unter geeigneten Bedingungen eine Fülle der verschiedensten zum Teil schon relativ komplizierten Verbindungen steht. Daß der Rahmen der »geeigneten Bedingungen« dabei keineswegs allzu eng zu denken ist, zeigt die Ergiebigkeit so simpler Versuchsanordnungen wie der von Stanley Miller und eben so die Tatsache des reichlichen Vorkommens derartiger Moleküle im freien Weltraum. Daß das Ergebnis cum grano salis »immer dasselbe« ist — bei Millers Versuch ebenso wie bei der kosmischen Synthese im Weltall —, spricht dafür, daß der Kurs der Ereignisse weitgehend festgelegt zu sein scheint, festgelegt durch die wiederholt erwähnten Struktureigentümlichkeiten der Elemente, aus denen das ganze Weltall aufgebaut ist, und durch die Ähnlichkeit der äußeren physikalischen Bedingungen im ganzen Kosmos.

»Das immer gleiche Ergebnis« besteht nun offensichtlich in der spontanen, in der angesichts der Eigenschaften der Materie und der Naturgesetze unausbleiblichen Entstehung von Biopolymeren, von Lebensbausteinen also. Das ist ein wahrhaft aufregendes Ergebnis der heutigen Forschung. Mit ihrer Hilfe wird hier der nahtlose Übergang von der kosmischen zu einer biologischen Evolution sichtbar. Es ist, um es zu wiederholen, ein und dieselbe Entwicklung, um die es sich hier handelt. Wir glaubten bloß, sie getrennt sehen zu müssen, weil wir — der besseren Übersicht halber — beide Phasen schon vor langer Zeit mit unterschiedlichen Namen belegt hatten, Jahrhunderte bevor wir die Chance bekamen, den Zusammenhang zwischen ihnen zu entdecken.

Es muß besonders betont werden, daß uns dieses sehr aufregende, dieses auch philosophisch ohne allen Zweifel höchst bedeutsame Resultat niemals bekanntgeworden wäre, wenn die Wissenschaftler dem Rat der Vitalisten nachgegeben hätten. Diese hatten ja von vornherein behauptet, daß die Entstehung der Lebensbausteine aus natürlicher Ursache »unmöglich« und unter diesen Umständen nur unter der Zuhilfenahme übernatürlicher Faktoren vorstellbar sei.

Die Liste der ungelösten Fragen (die von den Vitalisten stets so gleich zu »unlösbaren« Fragen erklärt werden) und der unangreifbar scheinenden Probleme war in der Tat einschüchternd groß. Resignation lag nahe. Sie wäre angesichts der hoffnungslos erscheinenden Aufgabe verständlich, sogar verzeihlich gewesen. Die Wissenschaftler resignierten trotzdem nicht. Sie hielten auch in diesem Falle hartnäckig an der all ihrer Arbeit zugrundeliegenden Absicht fest, zu ergründen, wie weit sie kommen würden in ihrem Bemühen, die Natur ohne die Zuhilfenahme von Wundern zu verstehen.

Und siehe da, auch in diesem Falle wurde ihr Festhalten an diesem Prinzip belohnt. Die Belohnung bestand abermals in einer Einsicht, die uns die Rolle des Menschen in der Natur, seine Stellung im Kosmos, neu zu sehen lehrte. Erstmals gibt es jetzt einen Befund, der auf einen konkreten Zusammenhang zwischen den Vorgängen im Kosmos und dem irdischen Leben hinweist. Erstmals wurden Zweifel gesät an der noch vor zehn Jahren von dem französischen Nobelpreisträger Jacques Monod mit suggestivem Pathos verkündeten »Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz« vor dem Hintergrund der fremdartigen kosmischen Wirklichkeit[22]. Jetzt zeigt sich, daß dieser angeblich so fremde, so lebensfeindliche Kosmos vielleicht sogar unsere Wiege sein könnte.

Das alles sind großartige, unser Weltbild um überraschende Perspektiven erweiternde und unser Selbstverständnis vertiefende Einsichten. Auf sie alle — und unzählige andere — müßten wir verzichten, wenn es Fundamentalisten und Vitalisten gelungen wäre, ihren Einfluß durchzusetzen. Achzelzuckend hätten wir uns dann schon vor 100 oder mehr Jahren mit der Auskunft begnügt, es liege eben »ein Wunder« vor. Ein Grund zu weiterer Suche, zur Fortsetzung der mühsamen Forschungsarbeit, hätte dann nicht mehr bestanden.

Was ist das nur für eine erbärmliche Hypothese, die Vitalisten und Fundamentalisten uns seit so langer Zeit aufzudrängen versuchen! Bei Lichte betrachtet ist es nicht einmal eine Hypothese, denn der Vitalismus hat gar keinen konkreten, greifbaren Inhalt. Er reduziert sich auf die bloße Tendenz, Phänomene, die noch unerklärt sind, als grundsätzlich unerklärbar auszugeben und daraus dann den »Beweis« für die Wirksamkeit übernatürlicher Kräfte abzuleiten.

Daß neue wissenschaftliche Entdeckungen ihn immer aufs neue widerlegen, schert einen Vitalisten nicht im mindesten. Schweigend und kommentarlos (und ohne schamrot zu werden) tritt er in einem solchen Fall einfach einen Schritt zurück, auf noch unerforschtes Gelände, und sagt seinen alten Vers von dort aus ohne Stocken von neuem auf. Es ist im ersten Augenblick kaum zu verstehen, warum diese vom Ablauf der Ereignisse offenbar gänzlich unbelehrbare Tendenz bis auf den heutigen Tag von so manchem immer noch für eine plausible philosophische Position gehalten wird und warum der monotone Text des Vitalisten ungeachtet seiner seit mehr als 100 Jahren zu verfolgenden millimeterweisen Widerlegung in Laienkreisen bis auf den heutigen Tag nicht geringen Zuspruch findet.

Die wichtigste Erklärung besteht wohl darin, daß der Vitalist seine Position als religiöse Position ausgibt. Er nimmt für sich in Anspruch, die religiöse Deutung der Welt gegen das Vordringen der »materialistischen« Wissenschaft zu verteidigen. In dem Maße, in dem es ihm gelingt, diesen Eindruck zu verbreiten, findet er (verständlicherweise) Anklang.

Aber die Behauptung, daß ein wissenschaftlich erklärter Sachverhalt aufhöre, möglicher Gegenstand der Bewunderung, auch der religiösen Bewunderung, zu sein, ist unsinnig. Die vitalistische Position würde uns, hätte sie sich jemals durchgesetzt, nicht nur um alle hier zitierten Erkenntnisse gebracht haben. Sie führt ebenso unweigerlich auch zu einer höchst fragwürdigen Theologie. Denn religiöse Aussagen beziehen sich auch auf den wirklichen Menschen und die wirkliche Welt. Wer den Menschen oder das Bild der Welt dadurch verfälscht, daß er Erkenntnisse unterdrückt, die ihre Wirklichkeit präziser zu erfassen gestatten, der verfälscht daher unvermeidlich auch den Gehalt der religiösen Aussagen, die sich ebenfalls auf diesen Menschen und auf diese Welt beziehen.

Der Vitalismus ist daher, ungeachtet der Sympathie, die ihm von bestimmten kirchlichen Kreisen allzulange entgegengebracht worden ist, nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die Theologie ruinös. Selbstverständlich bedarf diese Behauptung noch der ausführlichen Begründung. Sie wird im Kapitel 10 erfolgen.

Dies alles heißt, umgekehrt, nun aber natürlich nicht, daß der Wissenschaftler die Welt oder den Menschen für vollständig erklärbar hielte. Es heißt nicht, daß es nur eine Frage historischer Zeit sei, bis menschliche Wissenschaft alle Rätsel der Natur gelöst haben werde. Es mag in der sogenannten klassischen Epoche der modernen Naturwissenschaften um die Jahrhundertwende einzelne Köpfe gegeben haben, die mit dieser Möglichkeit spielten.

Gerade der modernen, und das heißt der evolutionistischen Betrachtungsweise muß der Gedanke jedoch regelrecht absurd erscheinen, daß unser Gehirn nach einer Äonen währenden Entwicklung ausgerechnet heute eine Entwicklungshöhe erreicht haben könnte, die es instand setzte, die Welt als Ganzes in ihrer objektiven Wirklichkeit in sich aufzunehmen. (Ebenso absurd der Gedanke an die Möglichkeit, daß es innerhalb zukünftiger historischer Zeit jemals so weit kommen könnte.) Daher ist von vornherein davon auszugehen, daß sich der Fortschritt unserer Wissenschaft nicht in alle Zukunft mit der gleichen Geschwindigkeit weiter vollziehen wird wie in den zurückliegenden Jahrhunderten.

Ganz sicher werden wir also früher oder später in Grenzbereiche vorstoßen, in denen die Natur für uns tatsächlich unerklärbar und endgültig unverstehbar wird. In manchen Bereichen, speziell in der Physik, scheint es heute schon erste Anzeichen dafür zu geben, daß wir uns einer solchen Grenze nähern.

Auch diese Erfahrung wäre dann aber eben nicht als Hinweis auf die Aufhebung der uns bekannten Naturgesetze durch »übernatürliche Faktoren« zu deuten, sondern lediglich als Folge der grundsätzlich zu erwartenden Unzulänglichkeit unseres Gehirns angesichts der Größe einer Natur, der wir auch außerhalb unseres beschränkten Erkenntnisvermögens getrost die Fähigkeit zum natürlichen Funktionieren zutrauen sollten. Daß er diese Möglichkeit überhaupt nicht berücksichtigt, ist ein weiterer Denkfehler des Vitalisten. Vitalismus ist eben auch schlechte Philosophie.

Von dem erwähnten (möglichen) Ausnahmefall abgesehen, ist eine definitive Grenze für unser Erkenntnisstreben bisher nirgendwo in Sicht. Ohne Zweifel ist der Raum, innerhalb dessen unsere Wissenschaft sich in der Natur weiter entfalten kann, vorerst noch unabsehbar groß. Auch für unser beschränktes Gehirn gibt es noch Fragen, Probleme und Rätsel in Hülle und Fülle, die zu bearbeiten sich lohnt und deren Lösung, Geduld und Ausdauer vorausgesetzt, letztlich nur eine Frage der Zeit ist[27].

So ist es eigentlich auch unnötig, besonders hervorzuheben, daß wir heute noch immer weit davon entfernt sind, die Entstehung des Lebens auf der Erde vollständig und in allen ihren komplizierten Teilschritten zu verstehen. Niemand hat das je behauptet. Der Vitalist, der ständig etwas »zu beweisen« glaubt, wenn er mit spitzem Finger und mühsam beherrschtem Triumphgefühl auf die unbestreitbare Fülle der noch offenen, ungelösten Fragen zeigt, delektiert sich in Wahrheit also an einem Tatbestand, der im Grunde völlig trivial ist.

Soviel aber kann heute schon gesagt werden: Alle, aber auch ausnahmslos alle Indizien sprechen dafür, daß die Hartnäckigkeit der Wissenschaftler in absehbarer Zukunft auch auf diesem Problemfeld belohnt werden wird. So wie im Falle der Biopolymere, der hier stellvertretend als Beispiel ausgewählt und etwas eingehender beschrieben wurde, zeichnet sich seit einigen Jahren auch bei den meisten anderen Problemen, die in diesem Zusammenhang zu lösen sind, die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Antwort ab.

Es ist in diesem Buch nicht möglich und nicht beabsichtigt, diese anderen Probleme nun ebenfalls mehr oder weniger vollständig abzuhandeln. Wer sich für den augenblicklichen Stand der Forschung auf diesem Gebiet besonders interessiert, sei daher auf die zahlreichen Bücher verwiesen, die zu diesem Thema in den letzten Jahren erschienen sind[28].

Nur zwei Fragen will ich zum Abschluß dieses Kapitels noch kurz anführen. Die eine betrifft ein in der Tat grundlegendes, bis vor ganz kurzer Zeit nahezu unangreifbar erscheinendes Problem, dessen Auflösung dem Göttinger Nobelpreisträger Manfred Eigen kürzlich gelungen zu sein scheint. Die zweite bezieht sich auf ein nebensächliches Scheinproblem. Beide aber sind in unserem Zusammenhang deshalb wichtig, weil sie in letzter Zeit von gewisser Seite mit besonderem Nachdruck als »Beweise« für die Unmöglichkeit einer natürlichen Lebensentstehung ins Feld geführt worden sind (mit dem Resultat einer beträchtlichen Verwirrung bei Nichtfachleuten).

Das erste Problem betrifft die Entstehung der genetischen Codierung der verschiedenen Aminosäuren. Einzelheiten können hier außer Betracht bleiben. Es genügt, daran zu erinnern — jeder hat heute schon einmal davon gehört, und sei es auch nur durch einen Zeitungsartikel —, daß das Erbmolekül Ribonukleinsäure, abgekürzt RNS, eine Art Schrift oder Chiffre (einen »Code«) enthält, nach deren Anweisung Aminosäuren aneinandergekettet und damit zu bestimmten Eiweißkörpern, etwa Enzymen, zu sammengebaut werden.

Die »Buchstaben« dieser Schrift bestehen aus bestimmten chemischen Verbindungen, sogenannten Basen. Verwendet werden von der Natur zum Niederschreiben des Bauplans nur vier verschiedene Basen. Bei der RNS sind es Adenin, Cytosin, Guanin und Uracil, bei der DNS ist es ebenso, mit der einzigen Ausnahme, daß hier anstelle von Uracil die Base Thymin die »Buchstabenfunktion« übernimmt. Die Biochemiker schreiben diese Basen der Einfachheit halber abgekürzt lediglich unter Verwendung der Anfangsbuchstaben, also A, C, G und U beziehungsweise (wenn es sich um DNS handelt) T.

Jeweils drei dieser Basen (ein sogenanntes Triplett) »bedeuten« nun in der chemischen Schrift des Erbmoleküls eine ganz bestimmte Aminosäure. Folgen in einer RNS-Kette zum Beispiel die Basen Cytosin, Uracil und Adenin aufeinander, so ist das identisch mit der Anweisung, an dieser Stelle des Bauplans die Aminosäure Leucin einzubauen. In dergleichen Weise »codiert« etwa die Reihenfolge (das »Triplett«) Guanin, Uracil, Guanin die Aminosäure Valin, oder die Folge Uracil, Cytosin, Guanin die Aminosäure Serin. In der abgekürzten Schreibweise der Biologen heißt das dann: das Triplett CUA codiert Leucin, GUG codiert Valin und UCG Serin.

Das alles ist seit vielen Jahren bekannt und längst Bestandteil des Biologieunterrichts der Oberstufe. In dieser Entdeckung steckte nun aber von Anfang an eine harte Nuß für alle die Wissenschaftler, die sich der schwierigen Aufgabe verschrieben hatten, die Entstehung des Lebens mit wissenschaftlichen Mitteln aufzuklären. Sie nämlich sahen sich jetzt mit dem Problem konfrontiert, erklären zu müssen, wie die verschiedenen Basentripletts eigentlich zu ihrer jeweiligen Bedeutung gekommen waren.

Warum, das war die Frage, codiert die Folge UCG gerade Serin (und nicht irgendeine andere Aminosäure)? Warum »bedeutet« GUG Valin, warum stellt die Basenfolge CUA die »Information« dar, die den Anbau von Leucin festlegt? Wie könnte es zu erklären sein, daß irgendein Triplett überhaupt eine Bedeutung im Sinne einer solchen Information erhalten hat?

Hier schien doch zwischen dem einzelnen Triplett und einer bestimmten Aminosäure eine Beziehung von der Art vorzuliegen, wie sie etwa beim Morsealphabet einer bestimmten Folge von Strichen und Punkten einerseits und einem ganz bestimmten Buchstaben unserer normalen Schrift andererseits besteht. Da bedeutet ein einzelner Punkt ein »e«, eine Folge von zwei Strichen ein »m«, während die Aufeinanderfolge von einem Punkt, einem Strich und zwei weiteren Punkten den Buchstaben »l«, wie man hier durchaus sagen könnte: »codiert«.

Der Vergleich macht unser Problem in aller Deutlichkeit anschaulich. Denn der Punkt des Morsealphabets ist ebenso wie alle anderen Zeichen der Morseschrift zu seiner konkreten Bedeutung natürlich allein durch willkürliche Festlegung, durch vorherige Verabredung zwischen denen gekommen, die sich dieses künstlichen Alphabets zu bestimmten Zwecken (etwa der Funktelegrafie) bedienen wollten. Zwischen den Zeichen des Morsealphabets und den Buchstaben unserer gewöhnlichen Schrift besteht, so könnte man den Sachverhalt (etwas hochtrabend) beschreiben, ein »semantischer« Zusammenhang. Die Information, die ein bestimmtes Morsezeichen enthält, ist, kurz gesagt, nur als Folge willkürlicher Festlegung denkbar.

Man sieht schon, worauf die Sache hinausläuft. Denn müßte es nun bei der molekularen Schrift des genetischen Codes nicht eigentlich genauso sein? Hat die Bedeutung eines bestimmten Basentripletts etwa keinen »semantischen« Charakter? Wie aber sollte sich dann das Zustandekommen der Information, die in dieser seiner Bedeutung enthalten ist, noch natürlich, noch naturgesetzlich erklären lassen? War nicht auch hier allein eine »Vereinbarung«, eine willkürliche Festlegung Voraussetzung für das Entstehen der Information? Aber: Wer hätte denn in diesem Falle irgend etwas »vereinbaren« oder »willkürlich festlegen« können?

Wen wundert es, daß sich die Vitalisten der Angelegenheit sofort annahmen. Insbesondere A. Ernest Wilder Smith und der Biologe Wolfgang Kuhn, im deutschen Sprachraum die publizistisch aktivsten Propagandisten einer vitalistischen Position, reiten seit Jahren auf dem »Argument« herum, in diesem Falle könne es nun wirklich nicht mit natürlichen Dingen zugegangen sein, wobei sie ganz offensichtlich wieder einmal der felsenfesten Überzeugung sind, diesmal endgültig einen unwiderlegbaren Einwand zur Verfügung zu haben.

Information, so etwa folgern beide, sei grundsätzlich nur auf grund einer Vereinbarung denkbar, die zwischen den Partnern, die die Information austauschen, vorher getroffen werden müsse. (Wilder Smith spricht in diesem Zusammenhang mit besonderer Vorliebe von der Notwendigkeit eines »know how«, eine Redewendung, die von ihm in diesem Zusammenhang nirgends präzise definiert wird, die den Laien aber beeindrucken muß und bei der man sich natürlich allerlei denken kann.) Da die Basentripletts von DNS und RNS nun aber, so etwa verläuft dann der weitere »Beweisgang«, wie die Biologen selbst festgestellt hätten, »eine« konkrete Information enthielten, müsse das auch für sie gelten. Ergo ergebe sich der Umkehrschluß, daß die Bedeutung des genetischen Codes bei der biologischen Eiweißsynthese nicht auf natürliche Weise spontan entstanden sein könne, sondern (Wilder Smith: »durch Gott«) festgelegt worden sei. »Sie können nicht nur an Gott glauben, Sie müssen unter diesen Umständen einfach an Gott glauben«, sinngemäß mit diesen Worten beendete Wilder Smith bezeichnenderweise denn auch vor einiger Zeit einen Vortrag über das Thema.

Aber ach, auch mit Hilfe des genetischen Codes läßt sich Gottes nicht auf so handgreifliche Weise habhaft werden (eine Feststellung, die keinen Theologen überraschen dürfte). Die »Beweisführung« der beiden genannten Autoren, in eine jeden Nichtfachmann unvermeidlich beeindruckende wissenschaftlich klingende Phraseologie verpackt, ist nämlich unhaltbar. Es muß hier, nicht um die beiden anzuschwärzen, sondern einfach zum Schütze des Laien vor Verwirrung, einmal in aller Deutlichkeit festgestellt werden, daß die Publikationen von Wilder Smith und Wolfgang Kuhn zu diesem Thema in Fachkreisen lediglich Kopfschütteln hervorrufen, soweit sie überhaupt noch registriert werden. Sie halten einer ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Kritik keinen Augenblick stand.

In dem vorliegenden Fall müssen sich beide Autoren vor allem vorhalten lassen, den wissenschaftlichen Informationsbegriff (und die wissenschaftliche Informationstheorie) nicht zur Kenntnis genommen oder nicht verstanden zu haben. »Information« im Sinne der Naturwissenschaft ist nämlich gerade nicht identisch mit »einer« Information im Sinne unserer Alltagssprache. Diese allerdings ist in der Tat nur dann gegeben, wenn die Bedeutung der die Information tragenden Zeichen dem Empfänger bekannt ist. In diesem Sinne enthält zum Beispiel ein chinesisch gesprochener Satz für einen westlichen Zuhörer in der Regel tatsächlich keine (verständliche) Information.

Diesen »naiven« Informationsbegriff nun aber in aller Unschuld auf den wissenschaftlichen Begriff etwa der genetischen Information anzuwenden, das ist ein Lapsus, den man allenfalls einem Nichtfachmann durchgehen lassen könnte und der einen Biologiestudenten heute schon in der Vorprüfung scheitern ließe[29].

»Information« im Sinne der wissenschaftlichen Informationstheorie ist nämlich gerade die unabhängig von jeglichem Inhalt festzustellende Abweichung der Signalverteilung vom statistischen Durchschnitt. Der »Gehalt« der so definierten Information hat mit dem »Inhalt« dessen, was wir in unserer Alltagssprache »eine« Information zu nennen gewöhnt sind, nicht das geringste zu tun. Er ist vielmehr durch das quantitativ feststellbare Maß der Abweichung vom Durchschnitt definiert.

Ich gebe zu, daß ein so abstrakter, im Sinne der Alltagssprache inhaltsleerer, rein mathematisch-statistisch formulierter Informationsbegriff nicht leicht zu verstehen ist. Es ist auch gänzlich unmöglich (aber auch unnötig), ihn hier in einigen Zeilen zu erklären und begreiflich zu machen, worin sein unschätzbarer Wert innerhalb der Wissenschaft besteht. Wer sich darüber informieren will, muß sich an eine der speziellen Einführungen halten[30]. Der Name »Informationstheorie« ist unter diesen Umständen ganz sicher wenig glücklich, wie auch Fachleute einräumen. Treffender wäre es wahrscheinlich gewesen, hier von einer Theorie der Signalverarbeitung oder -übermittlung zu sprechen.

Aus historischen Gründen ist es aber nun einmal zu der inzwischen fest eingebürgerten Bezeichnung gekommen. Daß sie den Nichtfachmann irreführt, ist begreiflich. Er braucht nicht zu wissen, daß das Wort »Information« in der modernen Wissenschaft einen völlig anderen Sinn hat als den ihm alltäglich vertrauten. Ein Wissenschaftler, der Kompetenz für sich beansprucht, muß das aber selbstverständlich wissen. Insbesondere dann, wenn er sich kritisch oder gar polemisch über seine Verwendung in einem bestimmten Forschungsbereich äußert. Ein Astronom, der die Milchstraße ihres Namens wegen für ein Molkereiprodukt hielte, würde sich lächerlich machen. Genau von dieser Art aber ist die Verwechslung, die den polemischen Attacken von Wilder Smith und Wolfgang Kuhn gegen die »offizielle Lehrmeinung« im Zusammenhang mit der im Zellkern wirksamen »Information« zugrunde liegt[31].

Basentripletts und Aminosäuren stehen eben nicht in einer Beziehung zueinander wie etwa der Absender und der Empfänger eines Telegramms. Die Information, um die es sich hier handelt, hat keinen »semantischen« Charakter. Sie wird zwischen den beiden Partnern auch nicht auf irgendeine Weise »ausgetauscht«. Da sie ferner keinen »Inhalt« im üblichen Sinne besitzt, scheidet eine irgendwie geartete Vereinbarung als Voraussetzung ihrer Wirksamkeit ebenfalls von vornherein aus.

Was bleibt dann eigentlich noch übrig, wird mancher jetzt fragen. Ein Wissenschaftler könnte darauf, stark vereinfacht, folgendermaßen antworten: Das im Kern einer lebenden Zelle steckende Molekül DNS enthält insofern Information, als die Aufeinanderfolge (Sequenz) der Basenglieder, aus denen es besteht, nicht einer bloßen Zufallsverteilung entspricht. Die Basensequenz der DNS weicht vielmehr in einem quantitativ, rechnerisch erfaßbaren Maß von der statistischen Durchschnittsverteilung ab.

Noch einfacher kann man sagen: Die Basenverteilung innerhalb eines DNS-Strangs entspricht nicht der eines »optischen Rauschens«, wie es etwa auf den Bildschirmen eines eingeschalteten Fernsehgeräts sichtbar wird, wenn der Sender abgeschaltet ist. Sie entspricht vielmehr der eines »erkennbaren Musters«. Am Rande sei angemerkt, daß diese nichtzufällige Verteilung der Basen eines DNS-Strangs sich nicht nur in der lebenden Zelle, sondern ganz spontan, unter dem Einfluß naturgesetzlicher Faktoren, auch dann einstellt, wenn ein künstlich im Labor synthetisierter DNS-Strang sich selbst überlassen wird und dann weiter wächst.

Berechnungen und Experimente, die in dem Institut von Manfred Eigen durchgeführt wurden, haben gezeigt, daß das einfach die Folge unterschiedlicher »Affinitäten« der verschiedenen Glieder der Molekülkette ist. Bestimmte Glieder an einer bestimmten Stelle des Moleküls verleihen diesem eine erhöhte Stabilität und damit eine größere »Überlebenschance« im Reagenzglas. Sie sind insofern anderen Anordnungen überlegen, bei denen sich die aneinandergrenzenden Kettenglieder chemisch weniger gut »vertragen« und die daher in dem wäßrigen Milieu rascher wieder zerfallen.

Hier findet also echte Evolution statt, im Reagenzglas, auf einer noch rein chemischen, vorbiologischen Ebene: zufällig entstehende Molekülvariationen werden von der Umwelt auf ihre Überlebensdauer hin selektiert! Dieser experimentelle Befund weist unübersehbar darauf hin, daß Evolution nicht, wie wir allzuoft gedankenlos voraussetzen, ein spezifisch und ausschließlich biologischer Prozeß ist.

Auch hier erkennen wir wieder die Wirksamkeit ein und desselben Prinzips über Grenzen hinweg, die wir selbst in die Natur hineinprojizieren. Auf diese Weise bilden sich im Reagenzglas also — und ganz gewiß auch in der Natur — DNS-Ketten mit ganz bestimmten Sequenz-Mustern in bevorzugter Häufigkeit. Da ein Wissenschaftler ein solches Muster als »Information« bezeichnet, »enthalten« diese Moleküle nunmehr also Information, und zwar, auch das ist wichtig, spontan entstandene Information.

Diese Information ist nicht nur absolut inhaltsleer (im Sinne der Alltagssprache), sie hat zunächst auch noch keinerlei »Bedeutung«. Entstanden ist lediglich ein Molekül, das sich, um es einmal ganz simpel auszudrücken, durch bestimmte »Auffälligkeiten« seines Baus vom Durchschnitt abhebt. Diese Besonderheiten der Struktur des DNS-Moleküls machen es so zu einer Art Schlüssel — für den zunächst noch kein Schloß existiert! Das Problem, das die Molekularbiologen hier zu lösen hatten, bestand also lediglich darin, herauszufinden, wie es der Natur gelungen sein könnte, diesem spontan entstandenen »Schlüssel« dadurch zu einer Nutzanwendung zu verhelfen, daß sie gewissermaßen ein passendes Schloß »erfand«, das ihm einen Verwendungszweck verschaffte.

Nicht mehr ist gemeint, wenn ein Biologe davon spricht, daß ein Basentriplett die »Information« zur Anheftung einer bestimmten Aminosäure »enthält«, und die Frage stellt, wie das Triplett die Eigenschaft erworben haben könnte, gerade diese eine Aminosäure und keine andere zu »codieren«. Das Ganze hat, wie man sieht, mit dem, was wir in der Alltagssprache eine Information nennen, überhaupt nichts zu tun. Zwischen Triplett und Aminosäure wird nichts ausgetauscht, schon gar keine Botschaft. Deshalb entfällt hier auch jegliche Notwendigkeit einer vorherigen »semantischen Übereinkunft«.

Deshalb zeugt es — das muß hier zum Schutz des Laien vor gezielter Verwirrung nochmals in aller Deutlichkeit betont werden — lediglich von entlarvender Ahnungslosigkeit, wenn Wilder Smith und seine Geistesgenossen etwa Manfred Eigen vorwerfen, er behaupte »Unsinn«, wenn er den Begriff Information in dem hier kurz erläuterten wissenschaftlichen Sinn benutzt [32]. Es kann dabei offenbleiben, ob hier schlichte Ignoranz vorliegt oder Schlimmeres, nämlich bewußte Irreführung im Interesse eines bestimmten ideologischen Vorurteils. Denn ob Vitalisten dieses Schlages den Informationsbegriff der Wissenschaften jemals begreifen oder zutreffend auslegen werden, das ist im Falle des hier diskutierten Problems inzwischen längst bedeutungslos geworden.

Manfred Eigen und seine Mitarbeiter haben nämlich die ersten Hinweise entdeckt, wie der »Informationszusammenhang«, Basentriplett-Aminosäure z u erklären sein dürfte. Der Befund ist ebenso simpel wie erhellend. Sie stellten als erstes fest, daß das Triplett GGC (also die Basensequenz Guanin — Guanin — Cytosin) von allen denkbaren Basenkombinationen chemisch das stabilste ist und zugleich das Triplett, dessen Molekülstruktur der aller anderen Kombinationen am wenigsten ähnelt (was es zum »spezifischsten« aller zur Verfügung stehenden Schlüssel, dem mit der geringsten Verwechslungsgefahr, werden läßt).

GGC aber codiert nun ausgerechnet Glycin: die am häufigsten vorkommende Aminosäure! Daß das kein Zufall sein dürfte, ergibt sich daraus, daß für den Informationszusammenhang zwischen dem Triplett GCC und der Aminosäure Alanin das gleiche gilt: GCC ist nach GGC das zweitstabilste und nächstspezifische Triplett und Alanin, wie schon erwähnt, die zweithäufigste Aminosäure in der belebten Natur. Die weiteren Untersuchungen ergaben für Asparaginsäure und Valin und die ihnen von der Natur zugeordneten Tripletts den gleichen Zusammenhang.

Es sieht demnach im Augenblick so aus, als habe sich die Evolution, Opportunistin, die sie ist, einfach die Häufigkeitsverteilungen der beiden Arten von Bausteinen zur Herstellung des zwischen ihnen heute bestehenden Codierungs-Zusammenhangs zunutze gemacht. Auch dieses noch vor kurzem so rätselhaft erscheinende Problem scheint damit kurz vor einer zwar gewiß wunderbar erscheinenden, dennoch aber naturgesetzlich einzusehenden Erklärung zu stehen. Jedenfalls läßt sich theoretisch leicht ableiten, wie es beim Zusammentreffen von Ribonukleinsäuren und Aminosäuren in der Anfangsphase der Lebensentstehung aufgrund der bloßen Wahrscheinlichkeit der Kontakte zu den heute fixierten Zuordnungen hat kommen können.

Ob sie es also nun begreifen (bzw. die Anerkennung der vorliegenden Argumente »ablehnen«) oder nicht, hier zeichnet sich ein konkreter Fortschritt in unserem Verständnis der Natur ab — letztlich der Gesetze, die uns selbst hervorgebracht haben —, der die Vitalisten dazu zwingt, ihrerseits erneut einen Schritt zurückzutreten. Es dürfte ihnen nicht schwerfallen. Sie haben Übung darin.

Das zweite Problem, auf das hier noch kurz eingegangen werden soll, kann sehr viel kürzer abgehandelt werden, weil seine Auflösung, wie schon erwähnt, höchst trivial ist. Es bedarf der Erwähnung aus dem einzigen Grunde, daß es von gewisser Seite ebenfalls mit großer publizistischer Aktivität als »Beweis« für eine übernatürliche Lebensentstehung, also ebenfalls als kaschierter »Gottesbeweis«, in der Öffentlichkeit vorgetragen wird.

Es besteht in der »Händigkeit«, aufwendiger formuliert: der »Chiralität« (von griech. cheir = Hand) bestimmter Lebensbausteine. Alle in der lebenden Natur vorkommenden Aminosäuren stellen nämlich linksgewendelte Spiralen dar (umgekehrt wie ein Korkenzieher) und die Nukleinsäuren aller irdischen Organismen dagegen (korkenzieherartige) Rechtsspiralen.

Nach Ansicht mancher Vitalisten kann das nun nicht auf natürliche Weise erklärt werden. Denn, so etwa lautet ihr Argument, bei einer natürlichen (spontanen) Entstehung beider Molekülarten im Reagenzglas oder in der unbelebten Natur resultierte immer ein »Razemat«. (So nennt der Chemiker ein Gemisch, in dem »Schraubenmoleküle« beider Drehrichtungen gleichmäßig verteilt enthalten sind.) Bis dahin ist das vollkommen richtig.

Aus diesem Grunde, so geht der vitalistische Einwand nun aber sinngemäß weiter, müsse auch hier wieder ein »Know-how« vorausgesetzt werden, ein »planender Geist«, der die zum Aufbau eines lebenden Wesens unentbehrlichen Links- bzw. Rechtsschrauben mühsam und kenntnisreich aus dem spontan entstandenen Gemisch hätte auslösen und zusammenfügen müssen. In den Lehrbüchern, so heißt es bei einem der Autoren sogar, werde das Problem meist verschwiegen, weil den Verfassern nur allzu bewußt sei, daß es ihrem »materialistischen Standpunkt« widerspreche[33].

Die Erklärung für dieses »Verschweigen« ist weit harmloser, als unterstellt wird. Sie besteht darin, daß das für die Frage der Lebensentstehung angeblich so entscheidende »Chiralitätsproblem« für einen Biologen in Wirklichkeit keine unlösbaren Fragen enthält. Deshalb braucht es in Fachveröffentlichungen nicht erwähnt zu werden. In dem wiederholt angeführten Buch »Das Spiel« von Eigen und Winkler, das auch für den Nichtfachmann geschrieben wurde, kann man die im Grunde sehr einfache Antwort dagegen in aller Ausführlichkeit nachlesen[34].

Sie lautet, abgekürzt: Die ersten zur Selbstreduplikation befähigten Systeme waren sicher noch nicht »lebendig« (im heutigen Sinne) und ganz gewiß keine Zellen. Wahrscheinlich waren es molekulare Systeme von der Art der von Eigen beschriebenen Hyperzyklen. Auch diese konkurrierten nun bereits untereinander, etwa um in ihrer Umgebung nur in beschränkter Zahl vorkommende Bauelemente, die sie zur Herstellung von Kopien ihrer selbst benötigten.

Auch bei ihnen setzten sich im Verlaufe dieser Konkurrenz die Molekülvarianten durch, die infolge zufällig entstandener Eigenschaftskombinationen weniger leicht zersetzlich (»langlebiger«) waren oder die eine überdurchschnittliche »Vermehrungsrate« erreichten, indem sie es fertigbrachten, sich schneller oder mit geringerem Aufwand zu verdoppeln als die Masse der übrigen an der Konkurrenz beteiligten Moleküle. Evolution findet eben auch schon auf vorbiologischer, molekularer Ebene statt! (Auf Seite 68 f. waren wir bereits auf einen ersten Fall dieser Art gestoßen.)

Diejenigen dieser Systeme, die sich zu ihrem Aufbau aus dem vorliegenden Razemat von sowohl links- wie auch rechtsgewendelten Aminosäuren (oder Nukleinsäuren) wahllos bedient hätten, wären von Anfang an hoffnungslos ins Hintertreffen geraten. Sie hätten für jeden einzelnen Schritt des Zusammenbaus von Eiweißkörpern aus einzelnen Aminosäuren nämlich zwei Enzyme (anstatt ein einziges) gebraucht. Enzyme sind, wie wir uns erinnern, räumlich gebaute Molekülschlüssel. Ein einzelnes von ihnen paßt daher nur entweder an eine links- oder eine rechtsgedrehte Aminosäure (oder Nukleinsäure).

Sie hätten schon während der allerersten Phase der Entwicklung, bevor noch Enzyme ins Spiel kamen, geringere »Überlebenschancen« gehabt. Denn ein aus einem razematischen Gemisch unterschiedlich gewendelter Aminosäuren zusammengeknüpftes Eiweiß ist, das leuchtet ohne weiteres ein, weniger stabil als eine »reinrassige« Links- oder Rechtsschraube. Deshalb und noch aus einigen anderen Gründen ist es äußerst unwahrscheinlich, daß derartige »Razematsysteme« an der molekularen Konkurrenz des Lebensanfangs überhaupt über einen nennenswerten Zeitraum hinweg beteiligt waren.

Daher ist anzunehmen, daß sich der Überlebenswettkampf der Moleküle in dieser Phase ausschließlich zwischen Systemen abspielte, deren Eiweiße und Nukleinsäuren jeweils entweder reine Links- oder Rechtsschrauben darstellten. Von diesen konkurrierenden Systemen ist ein einziges übriggeblieben: eines, dessen Eiweiß ausschließlich aus linksgedrehten Aminosäuren aufgebaut war und dessen Nukleinsäuren sich ausschließlich aus rechtsgedrehten Bausteinen zusammensetzten. Wir wissen das mit Bestimmtheit, weil auf der Erde heute nur noch Nachkommen dieser einen Variante zu finden sind.

Wir können dagegen nicht mehr feststellen, warum gerade dieses System seinerzeit als Sieger, als einziger Überlebender aus der Konkurrenz hervorging. Wir können nur sagen, daß das sicher zu einem sehr frühen, wahrscheinlich noch vor dem Beginn der eigentlichen biologischen Evolution gelegenen Zeitpunkt geschehen ist. Der Grund muß in einer Eigenschaft bestanden haben, die diese Variante im Vergleich zu ihren Mitbewerbern weit überlegen werden ließ. Dabei könnte es sich, um ein Beispiel zu nennen, um den Erwerb eines Enzyms gehandelt haben, das eine schnellere Verdoppelungsrate bewirkte, oder eines, das die Zuverlässigkeit des Kopiervorgangs erhöhte.

Wie schnell sich in einem solchen Falle der privilegierte Typ definitiv durchsetzen mußte, zeigten sehr anschaulich die von Eigen erdachten und in dem wiederholt genannten Buch beschriebenen »Evolutionsspiele«, mit deren Hilfe sich jeder vom Ablauf derartiger Prozesse selbst eine Vorstellung verschaffen kann. Jedenfalls gilt, ungeachtet aller auch in diesem Zusammenhang zweifellos noch bestehenden Probleme, die »Asymmetrie der Lebensbausteine« aller irdischen Lebewesen heute längst nicht mehr als »unlösbare Frage«[35].

Kapitel 7

Darwins Konzept

Seltsam, daß niemand sich darüber wundert, warum die Rotkehlchen bei uns nicht rapide an Zahl zunehmen. Daß niemand daran denkt, daß Rotkehlchen und Möwen, Krähen und Spatzen und ebenso alle anderen Vögel (und alle anderen Tiere!) sich eigentlich explosionsartig in kürzester Zeit zu Massen vermehren müßten, denen gegenüber sich die Schwärme, die Hitchcock in seinem Alptraumfilm »Die Vögel« vorgeführt, vergleichsweise harmlos ausnehmen würden.

Es gehört zu den wesentlichen Kennzeichen des Genies, daß es fähig ist, dort Fragen zu entdecken und nach Erklärungen zu suchen, wo wir Normalbürger aus Gewohnheit nichts als Selbstverständlichkeiten zu sehen glauben. Die »Rotkehlchen-Frage« ist ein lehrreiches Beispiel. Sie war es unter anderem, die Charles Darwin dazu brachte, seine kühne, unser Weltverständnis von Grund auf revolutionierende Theorie zu entwickeln.

Die Frage ist so einfach, daß man sie einem Schulkind klarmachen kann. Man muß eben bloß darauf kommen — und die Konsequenzen erfaßt haben! Es genügt das kleine Einmaleins: Ein Rotkehlchenpaar legt jährlich etwa 10 Eier. Bei seiner für das Leben in freier Wildbahn geltenden Lebenserwartung von rund drei Jahren produziert es insgesamt also 30 Eier.

Wenn aus jedem dieser Eier ein neues Rotkehlchen hervorgehen würde, müßte sich die Zahl aller Rotkehlchen innerhalb von nur drei Jahren folglich verfünfzehnfachen.1 Für die aus dieser Vermehrungsexplosion hervorgegangenen Rotkehlchenmasse gälte selbstverständlich dasselbe — also wiederum Verfünfzehnfachung ihrer Zahl innerhalb des genannten Zeitraums, und so weiter, alle drei Jahre. Innerhalb weniger Jahre wäre unser Himmel von Rotkehlchen verdunkelt. Warum kommt es nicht dazu?

Die Antwort darauf ist ebenfalls einfach: Aus 30 gelegten Rotkehlcheneiern werden eben nicht 30 neue Rotkehlchen. Manche Eier reifen nicht bis zum Schlüpfen. So mancher Jungvogel fällt aus dem Nest oder erfriert nach einem Wolkenbruch. Noch unbeholfen flatternde Jungvögel werden von Katzen gefressen und was der Gründe mehr sind. Das alles ist für niemanden neu. Aber wer hat schon einmal darüber nachgedacht, wie hoch die Verlustrate insgesamt wohl sein mag?

Die Zahl ist erschütternd: Aus 30 Eiern entstehen alles in allem nur 2 neue Rotkehlchen, die lange genug am Leben bleiben, um ihrerseits wieder 30 Eier legen zu können. Nur 2 von 30. Das ist eine Verlustquote von etwas über 93 Prozent!

Die Rechnung ergibt sich aus der Feststellung, daß die Zahl der Rotkehlchen (im großen und ganzen) über die Jahre hinweg konstant bleibt. Das kann nur dann der Fall sein, wenn jedes Pärchen, das nach drei Jahren stirbt, bei seinem Tode genau 2 Nachkommen hinterläßt, keinen mehr und keinen weniger. Genau die Zahl also, die den Tod des Elternpaares ausgleicht. Nur dann, wenn diese Relation das Durchschnittsresultat der lebenslangen Bruttätigkeit eines Rotkehlchenpaares ist, bleibt die Zahl der Rotkehlchen insgesamt konstant.

An der Höhe der Verlustquote gibt es also nichts zu deuteln. Man mag über die Zahl erschrecken (sie fügt sich schlecht in das idyllische Bild, das wir uns von der Natur gern machen), bestreiten läßt sie sich nicht. Auf der Hand liegt auch, daß ähnliche (bei den meisten niederen Tieren noch weitaus ungünstigere) Zahlen aus genau den gleichen Gründen für alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten ebenfalls gelten.

Das alles ist im Grunde völlig trivial und war den Biologen auch zu Darwins Zeiten selbstverständlich geläufig. Darwin jedoch stellte sich als erster die entscheidende weitere Frage, die Frage nämlich, ob sich nicht vielleicht irgendwelche Gründe angeben ließen, die darüber entscheiden, welche beiden Nachkommen eines Elternpaares bei konstanter Populationsgröße schließlich übrigbleiben.

War hier der reine Zufall im Spiel, oder verbarg sich dahinter ein Gesetz? Anders gesagt: War gänzlich unvorhersehbar, welche der Jungen in einem bestimmten Fall überleben würden, oder existierten ir gendwelche Faktoren, aufgrund derer es theoretisch möglich sein mußte, vorherzusagen, wer die »Gewinner« sein würden?

Wenn man über die Frage nachdenkt, geht einem schnell auf, daß die Annahme, der bloße Zufall entschiede über den Ausgang der Überlebenskonkurrenz, eine extrem unwahrscheinliche Voraussetzung enthält: die der grundsätzlichen Chancengleichheit aller an der Konkurrenz beteiligten Individuen. Nur unter dieser Voraussetzung würde es ja überhaupt einen Sinn ergeben, das Ergebnis als Produkt bloßen Zufalls zu bezeichnen.

Grundsätzliche Chancengleichheit aber ist nur als moralische Forderung denkbar, nicht als natürliche Gegebenheit. Keine Macht der Welt kann etwas daran ändern, daß die Ausgangsbasis einem behinderten Kind geringere Chancen einräumt als seinen gesunden Altersgenossen. Eben aus dieser natürlich auch in jedem anderen Falle (und auch zwischen gesunden Kindern) bestehenden Chancenungleichheit erwächst die moralische Verpflichtung, die jeweils Betroffenen vor den Konsequenzen soweit als möglich zu schützen.

So herrscht auch in einem Vogelnest natürlicherweise keine Chancengleichheit. Die Aussichten, zu den beiden Überlebenden zu gehören, die das Elternpaar drei Jahre später ersetzen werden, sind schon im Augenblick des Schlüpfens nicht für alle Nestlinge gleich groß. Natürlich spielt der Zufall im Ablauf der Einzelschicksale auch eine Rolle, und natürlich wäre es allein schon deshalb auch bei einem noch so sorgfältig kontrollierten Experiment keinem Wissenschaftler möglich, das Ergebnis zuverlässig vorauszusagen. Aber gleich sind die Chancen eben auch hier nicht. Da spielen, vom ersten Augenblick an, die körperlichen Kräfte eine Rolle: Wer am energischsten betteln kann, bekommt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit das meiste Futter ab. Da spielen aber auch, und dies ebenfalls vom ersten Augenblick an, Besonderheiten des Verhaltens eine wichtige Rolle: Wer sich fixer duckt, wenn ein fremder Schatten in Nestnähe auftaucht, vergrößert seine Überlebenschancen. Und etwas als »fremd« zu registrieren, das gelingt auch nicht jedem mit der gleichen Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit.

Im Verlaufe des späteren Lebens werden gerade diese individuellen Verhaltensunterschiede immer entscheidender, jedenfalls bei den höheren Tieren.2 Bedenken wir als einziges von wahrhaft unzähligen Beispielen nur einmal die Konsequenzen der genetisch festgelegten Ausgewogenheit zwischen den angeborenen Verhaltensprogrammen »Neugier« und »Angst«: Nicht zuwenig Bereitschaft zur Neugier darf vorhanden sein — sonst werden womöglich lebenswichtige Erfahrungen nicht oder zu spät gemacht —, aber auch nicht zuviel. Denn ein junger Vogel, bei dem die Neugier überwöge, wenn er zum erstenmal einer Katze begegnet, hätte seine Chancen bereits verspielt.

Darwin gelangte zu der Auffassung, daß individuelle Unterschiede dieser Art eine wesentliche Rolle spielen, was die Chancen eines Organismus betrifft, lange genug am Leben zu bleiben, um seinerseits wieder Nachkommen haben zu können, die ihn selbst ersetzen. Mit dieser äußerst einfachen, logisch unabweisbaren These war das Fundament gelegt zu einer Theorie, deren Erklärungskraft die Biologie revolutioniert hat.

Denn wenn man die Konsequenzen der These bedenkt, dann zeigt sich, daß die aus der Ungleichheit der individuellen Chancen resultierenden Faktoren nicht nur das Schicksal des jeweiligen Individuums bestimmen, sondern darüber hinaus unausweichlich auch das seiner ganzen Art. Die Population, die Fortpflanzungsgemeinschaft aller Individuen der gleichen Art, beginnt sich im Verlauf der Generationenfolge zu verändern. Langsam und unmerklich für jedes menschliche Auge, aber mit unwiderstehlicher Tendenz. Keine biologische Population ist imstande, die Folgen der »Auswahl«, die unter ihren Mitgliedern durch deren unterschiedliche Überlebenschancen getroffen wird, ohne Veränderung zu überstehen. Dies ist die große Entdeckung Charles Darwins.

Nachträglich sieht das alles wieder so einfach aus, daß man sich fragt, warum nicht schon früher jemand darauf gekommen ist. Aber hinterher ist man stets klüger. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten unserer psychischen Natur, daß es immer eines Genies in unserer Mitte bedarf, um hinter dem unseren Verstand ständig behindernden Gewirr von Meinungen, Vorurteilen und bloßen Denkmöglichkeiten die einfachen Wahrheiten herauszufinden, die dann, wenn sie erst ans Tageslicht gekommen sind, uns allen unmittelbar einleuchten. So auch hier.

Fassen wir die Situation noch einmal zusammen: Von den 30 (oder 5 oder 100) Nachkommen eines Elternpaares werden nur 2 wiederum zu Eltern mit gleicher Nachkommenzahl (jedenfalls dann, und diesen Regelfall hatten wir vorausgesetzt, wenn die Population konstant bleibt). Darüber, welche der 30 (oder 5 oder 100) Nachkommen dieses Ziel erreichen, entscheiden — neben Zufällen (der eine Jungvogel begegnet einer Katze, der andere vielleicht nicht) — Unterschiede hinsichtlich bestimmter Eigenschaften, individuelle Besonderheiten oder »Merkmale« also.

Lassen wir hier noch einmal beiseite, welcher Art die Merkmale sein können, die diese wichtige, wahrhaft schicksalsbestimmende Rolle übernehmen. Betrachten wir zunächst das Prinzip, sozusagen die Logik der hier entstehenden Situation, und nennen wir das Merkmal, das sie herbeigeführt hat, einfach »X«, ohne uns weiter den Kopf darüber zu zerbrechen, worin es besteht. Als einzige Voraussetzung soll lediglich gelten, daß »X« genetischer Natur, also erblich ist.

Da sind also 2 Nachkommen lange genug am Leben geblieben, um ihrerseits wieder 30 Eier bebrüten zu können. Übriggeblieben sind sie aufgrund eines erblichen Merkmals X, durch das sie sich — das war der Ausgangspunkt der ganzen Angelegenheit — von allen ihren Geschwistern unterschieden haben. Damit aber steht fest, daß eben dieses Merkmal X in der nächsten Generation — unter den Jungvögeln, die aus den Eiern dieser »übriggebliebenen« Eltern schlüpfen werden — stärker vertreten sein muß als in der Generation der Eltern (denn diese haben sich hinsichtlich dieses Merkmals ja von allen ihren Geschwistern unterschieden!)

Die Nachkommen stellen damit grundsätzlich einen neuen erblichen »Typ« dar (wenn die Abweichung in der Realität auch noch so unmerklich gering ist). Man sieht schon, wie es weitergeht: Der Überlebenswettkampf (Darwin nannte ihn bekannt lich »Kampf ums Dasein«) spielt sich in der neu entstandenen Generation aufs neue ab. Wiederum erfolgt eine Auslese von »2 aus 30« aufgrund bestimmter erblicher Merkmale (Unterschiede). In der nächsten Generation ist der genetische Unterschied abermals ein winziges Stückchen größer geworden: Die Population hat begonnen, ihren erblichen Charakter ganz langsam zu verändern.

Damit ist der Mechanismus, den Darwin als die Ursache, als den treibenden Motor des Artenwandels entdeckt hat, in seinen entscheidenden Grundzügen bereits beschrieben: ein »Überschuß« von Nachkommen in jeder Generation mit einer folglich entsprechend hohen Verlustquote. Die »Auslese« jener wenigen Individuen, die zu den Eltern der Nachfolgegeneration werden, aufgrund bestimmter genetischer Eigentümlichkeiten (»Selektion« und »Kampf ums Dasein«). Der züchterische Effekt dieses selbsttätig in der Natur sich abspielenden Prozesses, der die Entstehung neuer Arten zur Folge hat, durch die im Laufe der Generationenfolge resultierende allmähliche Verschiebung der für eine bestimmte Population typischen erblichen Merkmale (»Artenwandel« als Folge »natürlicher Zuchtwahl«)[36].

Darwin entdeckte damit in der freien Natur exakt das gleiche Prinzip wieder, nach dem menschliche Züchter seit dem Beginn der menschlichen Kultur instinktiv verfahren sind (einer der Gründe, aus denen Darwin den Begriff »natürliche Zuchtwahl« prägte). Die uns heute bekannten Haustiere sind ja ebenfalls ausnahmslos aus wildlebenden Arten dadurch hervorgegangen, daß schon der Urmensch begann, sich die Individuen herauszusuchen und zur Wiederaufzucht zu verwenden, deren körperliche und psychische Eigenschaften ihm für seine Bedürfnisse besonders geeignet schienen.

Wenn man gefangene Wölfe aufzieht und aus deren Nachwuchs einige Jahrhunderte lang jeweils die verträglichsten, am leichtesten »erziehbaren« Individuen zur Weiterzucht auswählt, kommt man schließlich — im wörtlichen Sinne! — auf den Hund. Im späteren Verlauf der Kulturgeschichte bestimmten dann auch noch ganz andere, nicht nur an praktischen Vorstellungen orientierte Gesichtspunkte die Auslese, etwa ästhetische Motive oder auch nur der typisch menschliche Wunsch nach etwas Neuem.

Keine Frage, daß auf diese Weise der Hund entstand und schließlich alle seine verschiedenen künstlichen Rassen, von der Dogge bis zum Zwergpinscher und vom Dackel bis zum Schäferhund. Keine Frage auch, daß Schleierfische und die üppige Palette der Ziervögel ihre Entstehung einer derartigen züchterischen Auslese der zur Fortpflanzung zugelassenen Individuen ebenso verdanken wie die unübersehbare Vielfalt unserer Gartenblumen.

An der »künstlichen« Zuchtwahl und ihren Ergebnissen zweifelt denn auch kein Mensch. Die von Darwin entdeckte »natürliche« Zuchtwahl will dagegen vielen noch immer nicht als Ursache der heutigen Artenfülle einleuchten. Warum eigentlich nicht? Worin besteht der Unterschied?

Nun, er existiert ohne Zweifel, und er erscheint vielen als so grundsätzlich, daß sie die Vergleichbarkeit von künstlicher und natürlicher Auswahl für fragwürdig halten. Er besteht darin, daß im ersten — kulturgeschichtlichen — Fall menschliche Züchter bewußt planend, also »gezielt« ausgelesen haben, während im zweiten — natürlichen — Fall niemand zu entdecken ist, dem sich eine solche Planung, eine züchterische Zielvorstellung, unterstellen ließe.

In Ermangelung eines Planes, eines absichtsvoll angestrebten Ziels, so folgern viele weiter, regiere daher im Fall der natürlichen Zuchtwahl allein der Zufall. Das aber lasse Darwins Erklärung hinfällig werden, denn aus Zufall könne die unbestreitbare und komplizierte Ordnung der belebten Natur nicht hervorgegangen sein.

Wir müssen den Einwand ernst nehmen und uns daher der Frage zuwenden, von wem und nach welchen Gesichtspunkten in der vom Menschen unbehelligten Natur eigentlich ausgelesen wird.

Kapitel 8

Ordnung durch Zufall?

Wie lange brauchte eine Horde Affen wohl, um durch wahlloses Herumhämmern auf einigen Schreibmaschinen rein durch Zufall auch nur eine einzige Zeile eines Sonetts von Rilke zu produzieren? Oder: Wie lange müßte man warten, bis ein Windstoß die auf einzelne Zettel geschriebenen Buchstaben des Alphabets zufällig zu einem sinnvollen Satz anordnen würde? Um dieses in zahllosen Variationen immer wieder vorgebrachte Problem geht es hier.

Wer es als Argument benutzt, kann in einem Vortrag vor Laien auf sicheren Applaus rechnen. Denn das Argument ist in sich logisch und widerspruchsfrei, es wirkt daher »schlagend«, und so etwas hören die Leute gern. Im Kreise von Wissenschaftlern verfehlt es dagegen jede Wirkung. Denn obwohl es aus einer in sich selbst schlüssigen Feststellung besteht, hat es einen zentralen Mangel: Es hat mit dem Sachverhalt, den es widerlegen soll, in Wahrheit nicht das geringste zu tun.

Es ist vollkommen richtig, daß die Affenhorde auf die beschriebene Weise niemals eine einzige Rilke-Zeile zuwege bringen wird. Auch der Wind kann nicht »schreiben«. (Und ebensowenig wird es jemals gelingen — dies eine weitere, oft gehörte Variante des gleichen »Arguments« —, einen Haufen von Metallatomen durch bloßes Schütteln »zufällig« zu einem Volkswagen werden zu lassen.)

Aber was besagt das schon? Mit Sicherheit nicht das, was diejenigen glauben, die Vergleiche dieser Art für Einwände gegen Darwins Konzept halten. Denn alle diese Bilder und Metaphern formulieren doch auf drastische Weise immer nur wieder die Binsenwahrheit: Ordnung kann nicht durch reinen Zufall entstehen. Das ist zwar vollkommen richtig. Es hat aber auch niemand etwas anderes behauptet, Darwin nicht und schon gar keiner der heutigen Wissenschaftler.

Es war bereits davon die Rede, daß die moderne Wissenschaft das Auftreten von Ordnung — zum Beispiel die Entstehung eines Musters — auf fundamentale Weise gerade als Abweichung von einer bloßen Zufallsverteilung definiert. Wie konnte es dann zu der verbreiteten Auffassung kommen, das Darwinsche Konzept schließe eine solche, im doppelten Sinne des Wortes aller Wahrscheinlichkeit hohnsprechende Behauptung ein? Es lohnt sich, dem Mißverständnis ein eigenes Kapitel zu widmen. Nicht nur, um es aufzuklären, sondern auch, weil wir dabei eine Reihe von Beispielen und Argumenten kennenlernen werden, die eine Ahnung von der Tiefe des Einblicks in die Natur vermitteln, die uns die Evolutionstheorie in ihrer heutigen Form verschafft[37].

»Zufall« ist ein vieldeutiges Wort mit schillernder Bedeutung, seine Verwendung provoziert regelrecht Mißverständnisse. »Zufall« meint auch Fehlen jeglicher Ordnung. Der Ausdruck bezeichnet unter anderem das Gegenteil von Sinn oder erkennbarer Gesetzmäßigkeit, insoweit also Unordnung, Sinnlosigkeit, Unberechenbarkeit. An diese Bedeutungen allein denkt, wer die Darwinsche Erklärung ablehnen zu müssen glaubt, weil sie unbestreitbar Zufallselemente enthält.

Die Kritiker, die so argumentieren, übersehen indes, daß der Begriff Zufall weit mehr Bedeutungen enthält als nur diese negativen Aspekte. Zufall hat zum Beispiel etwas mit Freiheit zu tun. Als »zufällig« bezeichnen wir einen Ablauf, wenn wir Grund haben zu der Annahme, daß er nicht gesetzlich festgelegt (determiniert) ist.

Wenn es den Zufall im Universum nicht gäbe, dann wäre diese Welt nichts anderes als eine gigantische, nach festliegenden Regeln ablaufende Maschine. Dann wären Vergangenheit und Zukunft in jedem Augenblick prinzipiell berechenbar, lückenlos zu rekonstruieren bis in die fernste Vergangenheit und in allen Einzelheiten voraussagbar bis zum Ende aller Tage. Dann wären Willensfreiheit, historische Verantwortung und Gesetz illusorische, da in Wahrheit überflüssige Begriffe, weil der durch Ursachenketten lückenlos festgelegte Weltlauf den Freiheitsraum gar nicht enthielte, der moralische Forderungen erst sinnvoll und notwendig werden läßt.

Bekanntlich gibt es extreme philosophische Positionen, von denen aus behauptet wird, daß es in Wahrheit so sei. Tatsächlich haben auch die Naturwissenschaftler, genauer: Naturphilosophen in einer früheren Epoche unter anderem auch dieses Bild einer lückenlos determinierten Welt als Möglichkeit entworfen. Man erinnere sich an die Modellvorstellung des Laplaceschen Dämons, der in der Lage sein müßte, jeden vergangenen oder zukünftigen Augenblick des Universums zu berechnen, wenn ihm nur das Wissen über den Bewegungsstand aller Atome des Weltalls in einem beliebigen einzigen Augenblick zur Verfügung stünde.

Inzwischen glauben nicht einmal mehr die Physiker an eine solche Möglichkeit. Der erste Schritt in die entgegengesetzte Richtung wurde mit der berühmten »Unschärferelation« von Heisenberg getan. Damit ist die Entdeckung gemeint, daß es grundsätzlich unmöglich ist, den Ort und den Impuls eines Elementarteilchens gleichzeitig genau zu bestimmen. Das liegt, wie Heisenberg bewies, nicht etwa an irgendwelchen methodischen Problemen bei der Beobachtung im subatomaren Bereich. Es ist vielmehr grundsätzlich unmöglich. Das heißt, daß nicht einmal eindeutig zu definieren ist, was eine gleichzeitige Festlegung von Ort und Impuls im Falle eines Elektrons oder eines anderen Elementarteilchens überhaupt aussagen soll. Letztlich hängt das mit der (für uns nicht mehr vorstellbaren) eigentümlichen Zwitternatur dieser Materiebausteine zusammen, die nur noch als »Zwischenwesen« von teils materieller (korpuskularer), teils wellenartiger Natur beschrieben werden können.

Da in diesem Falle also die Anfangsbedingungen grundsätzlich nicht feststellbar (in gewissem Sinne nicht einmal gegeben) sind, ist es ebenso grundsätzlich unmöglich, das weitere Verhalten eines solchen Teilchens vorauszuberechnen: Ein Elementarteilchen verhält sich »undeterminiert«.1 Der Laplacesche Dämon hat damit die Grundlage seiner Fähigkeit zur Prophetie eingebüßt.

Vorübergehend glaubten die Physiker, von dieser Entdeckung bleibe immerhin die kausale Determinierung des Makrokosmos unberührt. Bei allen makrokosmischen Ereignissen kommen ja immer so große Zahlen von Elementarteilchen ins Spiel, daß in diesem Bereich, dem wir selbst angehören, auf dem Umweg über statistische Mittelungen Berechenbarkeit und damit gesetzmäßige Vorhersagbarkeit gleichsam sekundär wieder eingeführt werden. Der oft zitierte Vergleich mit der Situation einer Lebensversicherungsgesellschaft veranschaulicht, was gemeint ist: Dem Mann, der die zur Deckung benötigten Prämien auszurechnen hat, ist grundsätzlich die Möglichkeit versagt, festzustellen, wann ein bestimmter Kunde seiner Gesellschaft sterben wird (welchen Betrag dieser Kunde also an Prämien insgesamt einzahlt). Trotz dieser prinzipiellen Ungewißheit aber kann er die erforderliche Prämienhöhe bis auf Stellen hinter dem Komma präzise ausrechnen, wenn seine Gesellschaft eine so große Zahl prämienzahlender Kunden hat, daß er mit statistischen Mittelwerten arbeiten kann.

Aber auch diese These von der »sekundären« Determiniertheit des Makrokosmos hielt nicht sehr lange. Manfred Eigen wies nach, daß Zufallsereignisse auf molekularer Ebene Schwankungen erzeugen können, die sich aufgrund von Verstärkungsprozessen bis in makroskopische Dimensionen auswirken. Der österreichische Physiker Roman Sexl berechnete vor einigen Jahren ein besonders anschauliches Beispiel: Die Heisenbergsche Unschärferelation hat die Konsequenz, daß bei einer Kollisionsfolge zwischen Billardkugeln auch unter idealen Bedingungen die siebte Kugel die achte nicht mehr mit Sicherheit trifft. Nach achtfacher Potenzierung hätte die aus der Unbestimmtheit der Lage der Moleküle an den Kugeloberflächen resultierende Unscharfe nämlich bereits das Ausmaß eines ganzen Kugeldurchmessers erreicht![38]

1977 schließlich bekam der belgische Physiker Ilya Prigogine den Nobelpreis für den Nachweis, daß die von Darwin schon mehr als 100 Jahre zuvor in genialer Intuition angenommenen Zufallsprozesse ebenso in der Physik, und zwar einschließlich der makrophysikalischen Dimension, wirksam sind. Damit ist, wie Prigogine feststellt, der Evolutionsbegriff zu einem zentralen Begriff für das Verständnis auch der physikalischen Welt geworden. Der Entwurf des Determinismus sei heute als Folge einer »übermäßigen Idealisierung« in der klassischen Mechanik durchschaut. Er müsse heute als der »grundlegende Mythos« der klassischen Wissenschaft angesehen werden[39].

Die Physiker haben dem Laplaceschen Dämon also nicht nur in der Welt der Atome seine den Weltlauf beherrschende Autorität wieder abgesprochen. Sie halten ihn heute nicht einmal mehr für einen unschlagbaren Billardspieler. Damit ist die Existenz menschlicher Willensfreiheit und Verantwortlichkeit natürlich noch nicht etwa bewiesen. Sie ist jedoch wenigstens als Möglichkeit wieder zugelassen.

Uns soll hier angesichts dieses kurzen Exkurses in die Physikgeschichte vor allem die Rolle interessieren, die der Zufall im Ablauf der Dinge gespielt hat: Zu Beginn hatten ihn die Physiker aus dem Universum verbannt. Da aber gerann der Kosmos zu einem auf festgelegter Bahn automatisch und sinnlos abschnurrenden riesigen Uhrwerk.

In dem Maße, in dem der Zufall dann wieder Eingang fand, das Element des unberechenbaren, nicht kausalgesetzlich Festgelegten den Weltlauf ebenfalls beeinflußte, wurde die Zukunft dieses Kosmos wieder zu einer »offenen« Zukunft. Zu einer Zukunft, die nicht von vornherein festgelegt (»determiniert«) war, hinsichtlich derer der Mensch daher nicht mehr bloß illusorische, sondern höchst reale Entscheidungen zu treffen hat, in der er sich bewähren muß (und in der er ebenso auch versagen kann).

Kein Zweifel: Aus einer Welt, aus der die Offenheit des Zufälligen verbannt wäre, verschwänden auch Entscheidung, Verantwortlichkeit und sittliches Gesetz als rein subjektive Illusionen. Wo nur noch das Gesetz herrscht, gibt es keine Freiheit mehr. All denen, die das Wort »zufällig« einseitig nur mit »sinnlos« übersetzen, muß man zu bedenken geben, daß die Welt ihren Sinn verlöre, wenn es in ihr nicht auch den Zufall gäbe.

Aber die Hinweise auf die Affenhorde oder den vom Wind zu sammengewehten Satz haben mit der Erklärung, die Darwin anbot, ohnehin gar nichts zu tun. Darwin hat das, was ihm mit die sen Vergleichen unterstellt wird, nie behauptet: daß Ordnung durch bloßen Zufall entstehen könne. Was also hat er dann gesagt? Wir müssen uns näher ansehen, welche Rolle der Zufall im Konzept der Evolutionstheorie wirklich spielt.

Es ist schon fast befremdlich, mit welcher Hartnäckigkeit die Kritiker zu übersehen (oder zu verschweigen) pflegen, daß der Zufall in der Evolutionstheorie nicht allein herrscht. Der Zufall als alleiniger Motor der biologischen Entwicklung, das freilich hätte niemals zur Entstehung auch nur eines einzigen funktionierenden Organismus führen können. Es hätte von allem Anfang an nur im völligen Chaos geendet. Niemand braucht das ausgerechnet einem Biologen zu sagen.

Der springende Punkt der darwinistischen Erklärung ist vielmehr das Zusammenwirken von Zufallselementen mit gesetzmäßigen Einflüssen. Der Zufall allein bewirkt sinnleeres Chaos. Das Gesetz allein bewirkt sinnleeren Automatismus. Zusammen aber erweisen sich beide, wie Konrad Lorenz es einmal formuliert hat, »als die beiden großen Konstrukteure« des Artenwandels. »Naturgesetze steuern den Zufall«, so lautet denn auch der Untertitel des hier schon wiederholt zitierten Buchs von Eigen und Winkler.

Der Zufall wird in der Evolution durch das Prinzip der Mutation repräsentiert. Das Gesetz kommt in das Geschehen durch das Prinzip einer ganz bestimmten Tendenzen folgenden Auslese hinein. Beides bedarf der Erklärung.

Was eine Mutation ist, wurde auf Seite 44 bereits ausführlich erläutert: ein »Fehler« beim anläßlich jeder Zellteilung notwendig werdenden Kopieren des im Zellkern steckenden Bauplans. Wenn ein, ein ganz bestimmtes »Muster« darstellendes Erbmolekül über Tausende oder Millionen Generationen hinweg millionenmal kopiert werden muß, dann sind gelegentliche »Übertragungsfehler« ungeachtet aller Perfektion des die Kopie besorgenden genetischen Mechanismus völlig unvermeidbar.

Für die Perfektion des Vorgangs spricht die äußerst geringe Fehlerquote. Sie muß sehr klein sein, weil sonst das »Gedächtnis der Art« (siehe Seite 35) seine konservative Aufgabe nicht erfüllen könnte, den Bauplan der Organismen einer bestimmten Art über die Jahrmillionen hinweg getreulich zu überliefern. Aber die Fehlerzahl darf auch nicht gleich Null und die Perfektion in der erblichen Überlieferung nicht absolut sein, denn absolute Konservativität würde absoluten Stillstand bedeuten. Hätte der genetische Reduplikationsmechanismus uneingeschränkt fehlerlos, völlig perfekt funktioniert, dann hätte sich die Erde bis heute und bis an das Ende ihrer Tage nur mit den uferlos sich vermehrenden identischen Kopien jenes ersten Molekülsystems füllen können, dem es als erstem gelungen war, sich zu verdoppeln.

Es leuchtet ein, daß es sich bei der Mutationsrate, also der durch schnittlichen Zahl der Fehler pro Kopiervorgang, um eine für die Geschichte des irdischen Lebens entscheidende Größe handeln muß. Eine Erhöhung der Rate würde den Ablauf der Evolution grundsätzlich zwar beschleunigen. Ab einem bestimmten Punkt aber stellte sie die ganze weitere Entwicklung in Frage, weil dann in jeder neuen Generation »zu viel experimentiert« werden würde. Eine bis dahin relativ stabile Art, deren Mutationsrate plötzlich emporschnellte, brächte innerhalb weniger Generationen mit einem Male eine Fülle der verwegensten Varianten, Mißwüchse und Monstren hervor und stürbe durch das Übermaß an genetischem »Traditionsverlust« sehr bald aus. Einige der schon in grauer Vorzeit von der Erdoberfläche verschwundenen Spezies scheint ein solches Schicksal getroffen zu haben.

Eine zu geringe Rate dagegen ließe die Art extrem »konservativ« werden. Das kann in Ausnahmefällen auch einmal gutgehen, dann nämlich, wenn es bei einer Art geschieht, die optimal an Umweltbedingungen angepaßt ist, die selbst konservativ sind, also über geologische Epochen hinweg konstant bleiben. Einige Arten von Schaben sehen heute noch so aus wie ihre Vorfahren vor Hunderten von Jahrmillionen. Es gibt noch einige weitere Beispiele für derartige »lebende Fossilien«[40].

In der Regel wirkt sich extreme Konservativität in der Natur aber ebenfalls tödlich aus. Eine allzu geringe Mutationsrate stellt einer Art eben auch eine ungenügende Zahl der Alternativen zur Verfügung, auf die sie angewiesen ist, sobald Veränderungen der Umwelt eine Umstellung der genetischen Anpassung erfordern.

Jedes der beiden Prinzipien für sich allein — der mutative Zufall wie die Tendenz zur fehlerlosen Kopie — würde folglich eine biologische Art so oder so in kürzester Zeit zugrunde richten. Der sich in der Mutationsrate ausdrückende Kompromiß zwischen ihnen aber ist die erste der Ursachen für den Erfolg, mit dem das Leben sich der Erdoberfläche bemächtigte.

Die zweite notwendige Ursache ist das Prinzip der Auslese: Mutationen allein, und sei ihre Zahl noch so wohldosiert, genügen nicht. Denn eine Mutation für sich ist nicht nur zufällig, sie ist auch ohne »Sinn«. Über ihn wird erst durch die Begegnung mit der Umwelt, durch »auslesende Bewertung« entschieden. Diesen Zusammenhang müssen wir uns jetzt näher ansehen.

Den Zufall repräsentiert eine Mutation gleich auf doppelte Weise. Zufällig ist sie einmal insofern, als sich die Störung des Kopierprozesses, die sie darstellt, auf atomarer Ebene abspielt. Der Bauplan, um dessen mutative Abwandlung an irgendeiner Stelle es sich handelt, liegt ja in der Form eines Moleküls (DNS oder RNS) vor. Und der Einbau einer »falschen« Base und damit die Abänderung der Codierung an einer bestimmten Stelle des Moleküls werden durch Prozesse vermittelt, die sich auf der Ebene von Elementarteilchen abspielen. Im Falle der natürlichen radioaktiven Strahlung, die für die Höhe der natürlichen Mutationsrate maßgeblich verantwortlich ist, handelt es sich zum Beispiel um Heliumkerne, Elektronen und Photonen.

Da sich das Verhalten derartiger Teilchen nun aber weder berechnen noch vorhersagen läßt — es ist »undeterminiert« —, ist eine Mutation grundsätzlich ein Zufallsereignis. Ein Molekularbiologe ist zwar in der Lage, bestimmte Wahrscheinlichkeiten anzugeben, mit denen an dieser oder jener Stelle des Erbmoleküls eine Mutation erfolgen kann. Wann das aber geschieht und worin sie besteht (welches im Original vorhandene Glied der Molekülkette in deren Kopie also gegen welches neue ausgetauscht werden wird), das ist gänzlich unvorhersehbar.

Eine Mutation ist im Rahmen des Evolutionsgeschehens aber noch in einem ganz anderen, grundlegenderen Sinn ein Zufallsereignis: Sie erfolgt nämlich prinzipiell ohne jegliche Berücksichtigung der Situation der Population, deren Genpool sie verändert. Ob die Zusammensetzung dieses Genpools, also die Summe aller Erbanlagen der Individuen, aus denen die Population besteht, an die herrschenden Umweltbedingungen optimal angepaßt ist oder nicht, spielt keine Rolle. Die Häufigkeit des Auftretens von Mutationen nimmt keineswegs ab, wenn das der Fall ist. Sie steigt ebensowenig an, wenn die Art neue Mutationen sozusagen dringend gebrauchen könnte, weil einschneidende Umweltänderungen eine beschleunigte genetische Anpassung wünschenswert machen.

Es ist leicht einzusehen, warum das — so zweckmäßig es zweifellos wäre — ganz unmöglich ist. Ein solcher Zusammenhang zwischen Bedarf und Mutationsrate (oder auch Mutationsrichtung) ist deshalb von vornherein ausgeschlossen, weil beide gänzlich verschiedene, in weit voneinander getrennten Bereichen der Natur wirkende Ursachen haben.

Biologisch bedeutsame Umweltänderungen bestehen zum Beispiel in einer langfristigen Klimaänderung. Diese kann astronomische Ursachen haben (etwa Schwankungen oder Sonnenaktivität) oder auch geologische (Änderung der Strahlendurchlässigkeit der Atmosphäre durch Vulkanausbrüche) oder zivilisatorische Gründe (Urwaldrodung, CO2-Anreicherung in der Atmosphäre). Sie kann eine Änderung der Vegetation und dadurch des Futterangebots bedeuten oder das Auftauchen eines neuen Konkurrenten, etwa infolge von Tierwanderungen, die ihrerseits wieder vielleicht klimatische oder geologische (Verschiebungen des Territoriums durch Gebirgsentstehung oder Überflutungen) Gründe haben.

Ganz anderer Art sind die Faktoren, die die Höhe der Mutationsrate (oder auch die Art der Mutation) bestimmen. Sie alle stammen aus dem atomaren, mikrokosmischen Bereich. In erster Linie handelt es sich bei ihnen um die physikochemischen Kräfte, von denen die Stabilität des Erbmoleküls an den verschiedenen Stellen seiner Struktur abhängt: um Bindungskräfte an der Oberfläche der verschiedenen Atome, aus denen es aufgebaut ist, oder um die physikochemische »Verträglichkeit« der Elektronenschalen benachbarter Kettenglieder. Von derartigen Faktoren hängt entscheidend ab, unter welchen Bedingungen das Erbmolekül an bestimmten Stellen eines seiner Glieder unter Umständen verlieren oder durch ein neues Glied ersetzen könnte.

Es bedarf keiner Begründung, warum diese Faktoren sämtlich unabhängig sind von den Umweltfaktoren, an die ein Organismus innerhalb bestimmter Grenzen angepaßt sein muß, wenn er überleben will. Die biologischen Erfordernisse einer bestimmten klimatischen Situation, eines bestimmten Jäger-Beute-Verhältnisses oder eines bestimmten Futterangebots liegen auf einer Ebene, von der aus keinerlei Verbindung besteht zu den physikalisch-chemischen Kräften, die über die Mutation eines RNS-Strangs entscheiden. Das eine hat mit dem anderen ursächlich nichts zu tun. Ein Zusammenhang ist nicht einmal theoretisch denkbar.

Daher ist eine Mutation nicht nur in dem Sinne »zufällig«, daß sie sich auf keine Weise vorhersagen läßt. Sie ist es auch insofern, als sie ohne jeden Zusammenhang mit den biologischen Bedürfnissen des Organismus erfolgt, dessen Erbgut sie verändert. Sie ist »blind« für die biologische Situation, über die sie mitentscheidet. Ist dieser Sachverhalt nun etwa nicht der Inbegriff von »Sinnlosigkeit«?

Aber auch hier hat die Natur wieder einen Ausweg gefunden, auf dem sich der Angelegenheit nachträglich doch noch ein Sinn abgewinnen läßt[41]. Das Genom (die Summe der Erbanlagen eines Organismus) ist zwar unbelehrbar, unfähig, aus der Umwelt Informationen zu beziehen und aus Fehlern mutativer Anpassung zu lernen. Daran läßt sich nichts ändern. Aus der Welt der Organismen gelangt keine Information in die Welt der Elementarteilchen. Aber die daraus resultierende Blindheit jeder einzelnen Mutation gegenüber der Situation des Organismus, an dessen Bauplan sie planlos herumspielt, hat immerhin auch einen Vorteil: Diese unvermeidliche Blindheit läßt die Art »offen« bleiben für noch gänzlich unvorhersehbare zukünftige Möglichkeiten.

Auf Seite 35 wurde schon gesagt, daß die Lernunfähigkeit des Genoms sich zum Beispiel darin äußert, daß bei den verschiedensten Arten immer wieder Albinos auftauchen: eine Mutation, die einem Hirsch, einer Amsel oder einer Maus unter normalen Umständen nichts als Nachteile einträgt. Unter den Bedingungen der freien Natur werden diese Varianten denn auch von der Umwelt sehr schnell wieder »ausgelesen«. Wenn sie ihrer Auffälligkeit wegen nicht ihren Feinden leichter zum Opfer fallen, dann sind sie womöglich in solchem Maße damit beschäftigt, sich in Sicherheit zu bringen, daß ihnen zur Aufzucht eigener Jungen nicht genügend Zeit bleibt. Nur dadurch aber könnte das neue, durch Mutation entstandene Gen »Albinismus« zum Dauerbesitz des Genpools der betreffenden Art werden.

Insofern ist es »sinnlos«, wenn der blinde Mechanismus der Mutation die gleiche albinotische Variante dennoch über Jahrmillionen hinweg immer wieder aufs neue produziert. Jedoch zeigt sich, daß die ohne alle Rücksicht auf die gegebenen Realitäten frei schweifende Phantasie des Mutationsprinzips, von der man hier sprechen könnte, unter ganz bestimmten Umständen für die Art plötzlich lebensrettend werden kann: dann nämlich, wenn sich die Umweltbedingungen so unvorhersehbar ändern, daß ein »sehender«, jeweils von den konkreten Erfordernissen der aktuellen Situation faszinierter Mutationsmechanismus von ihnen überrollt werden würde. In einer solchen Situation (und sie hat es allem Anschein nach in der Erdgeschichte fortwährend gegeben) kann ein Schuß ins Blaue plötzlich auch einmal zu einem Volltreffer werden, der einem sehenden Schützen niemals gelungen wäre, weil es gar keinen Anlaß zu geben schien, in eine Richtung zu zielen, die sich erst im nachhinein als die richtige erweisen sollte.

Eisbären, Schneehühner und Schneehasen verdanken ihre Existenz dieser Tatsache (vgl. Anm. [15]). Sie alle haben wir als die Nachkommen albinotischer Varianten anzusehen, die, blind und zufällig, in Epochen entstanden, in denen es ihre Population, aus welchen Gründen auch immer, in eine permanent schneebedeckte Umwelt verschlagen hatte: infolge der Verdrängung durch übermächtige Konkurrenten, durch großräumige Klimaänderung (Eiszeit) oder geologische Katastrophen.

Da erwies sich dann die sowohl sinnlos entstandene als auch nach ihrer Entstehung bis dahin stets sinnlos gebliebene Variante »Weiß« mit einem Male als überaus nützlich, als »sinnvoll im nachhinein«.

Dies Ergebnis — es ist für das Verständnis so wichtig, daß ich es noch einmal hervorheben möchte — war weder angezielt worden (das Genom kann nicht zielen: Mutationen erfolgen zufällig und ungerichtet!) noch vorhersehbar gewesen (Eiszeiten, geologische Katastrophen oder die Invasion überlegener Konkurrenten kündigen sich nicht vorher an). Vielleicht war der Treffer, das ist alles, was dazu gesagt werden soll, unter diesen Umständen allein als Folge gerade eines völlig ziellosen »Herumballerns« durch den Mutationsprozeß möglich geworden. Denn ein zum Zielen befähigter Schütze hätte, wie gesagt, die »richtige« Richtung womöglich planmäßig ausgespart, weil es dort noch gar nichts gab, worauf er in dem Augenblick, in dem er abdrückte, hätte zielen können.

Mit einer Eiszeit würde der Schütze unseres Beispiels vielleicht gerade noch zurechtkommen. Jedenfalls dann, wenn es stimmt, daß eine solche Kälteperiode sich wirklich allmählich im Verlaufe vieler Jahrtausende einstellt. (Es gibt bekanntlich Erklärungstheorien, die an sehr viel kürzere Zeitspannen denken lassen.) In den bei weitem meisten Fällen aber wäre es für den nach unserem Zeitmaßstab sehr langsam arbeitenden evolutiven Anpassungsprozeß aussichtslos, die sich in der biologischen Umwelt abspielenden Veränderungen einzuholen, wenn er wirklich auf sie reagierte, anstatt sie »auf gut Glück« vorwegzunehmen.

Darin steckt natürlich sofort das nächste Problem: die Frage, in welchem Umfang eine solche Vorwegnahme unvorhersehbarer Umweltänderungen durch Zufallsmutationen eigentlich möglich ist. Oder, anders formuliert, wie groß denn die Wahrscheinlichkeit ist, bei einem so grundsätzlich ziellosen Vorgehen noch in der Zukunft liegenden, unvorhersehbaren Anforderungen gerecht zu werden. Für viele Nichtbiologen, die der Evolutionstheorie kritisch gegenüberstehen, ist das eine rein rhetorische Frage. Sie sind davon überzeugt, daß sich die Darwinsche Erklärung spätestens an diesem Punkt endgültig festgefahren hat. Die Biologie hat aber auch auf diesen naheliegenden Einwand eine stichhaltige Antwort parat. Stellen wir sie einen Augenblick zurück. Zunächst noch einmal zu dem Verhältnis von Mutation und Selektion.

Es dürfte klargeworden sein, daß über den Wert einer Mutation immer erst nachträglich entschieden werden kann. Es ist ferner deutlich geworden, daß die Instanz, die darüber richtet, die Umwelt ist, in der sich der betreffende Organismus bewähren muß. Wir erinnern uns an die »geringfügigen individuellen Verschiedenheiten« zwischen verschiedenen Individuen, die Darwin als Ausgangspunkt seiner Erklärung postuliert hatte. Seinerzeit war noch nichts vom genetischen Code und von Mutationen bekannt. Heute wissen wir, daß es diese individuellen Verschiedenheiten tatsächlich gibt und daß sie auf Mutationen in den Keimzellen — und deren nachfolgende Durchmischung mit Hilfe der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung — zurückzuführen sind.

Wie eine Mutation zu beurteilen ist, positiv oder negativ, das hängt, ganz im Sinne Darwins, davon ab, ob sie die Chancen des Individuums, zu den wenigen Mitgliedern der nächsten Elterngeneration zu gehören, vermehrt oder herabsetzt. Ob das der Fall sein wird oder nicht, läßt sich der Mutation selbst niemals ansehen. Darüber entscheiden erst die Konsequenzen, die sie für die »Umweltbewährung« des betroffenen Organismus haben wird. (Ob ein albinotisches, weißes Fell eine positive oder negative Ei genschaft ist, ergibt sich erst, wenn der Besitzer eines solchen Fells oder Federkleids in eine Umwelt versetzt wird, in der sich die neu entstandene Eigenschaft, je nach den dort herrschenden Umständen, positiv oder negativ auswirkt.)

Der Wichtigkeit halber dazu noch ein weiteres Beispiel. Es erscheint, für sich betrachtet, zunächst als schlechthin sinnlos, wenn ein Lebewesen aufgrund einer bestimmten Mutation seinen Stoffwechsel so umstellt, daß es einen nennenswerten Teil der aufgenommenen Nahrung verpulvert zur Aufheizung seines Körpers über die Umgebungstemperatur hinaus. Tatsächlich hat sich eine in dieser Richtung wirkende Mutation auf der Erde denn auch in Hunderten und Aberhunderten von Jahrmillionen nicht durchsetzen können.

Während der ganzen langen Zeit, in der das irdische Leben ausschließlich im Wasser existierte, wurde jede solche Mutation, wurde jeder Ansatz zu einer Erbänderung in dieser Richtung schon im Keim erstickt. In der Umwelt eines Ozeans ergibt die Aufheizung des eigenen Körpers keinerlei Nutzen. Hier herrschen schon wenige Meter unter der Meeresoberfläche jahraus, jahrein die gleichen konstanten Temperaturen. In dieser Welt überwiegen daher bei weitem die Nachteile, die sich daraus ergeben, daß ein Großteil der Nahrung für eine Funktion geopfert wird, die nichts einbringt.

Sobald diese Mutation also auftrat (und angesichts des weiteren Ablaufs haben wir allen Grund zu der Annahme, daß das infolge der Unbelehrbarkeit des mutationserzeugenden Mechanismus wiederholt vorkam), wurde sie daher durch »negative Selektion« alsbald wieder ausgeschieden. Das geschah vermutlich einfach in der Weise, daß die entsprechend mutierten Individuen wegen ihres erhöhten Nahrungsbedarfs all ihren kaltblütig gebliebenen Artgenossen gegenüber so sehr ins Hintertreffen gerieten, daß ihre Chance, die neue Erbvariante an Nachkommen weiterzugeben, drastisch reduziert war. Dieses Bewertungs- und Ausleseprinzip ist gemeint, wenn ein Biologe von der Auslese »durch die Umwelt« spricht.

Trotzdem wäre es nun falsch und ein Zeugnis mangelnden Verständnisses, wenn man eine zur Erhöhung der Körpertemperatur führende Mutation deshalb grundsätzlich für negativ hielte. Die Bewertung kann allein unter Einbeziehung der Umwelt getroffen werden. Tatsächlich hat sich die zunächst so unsinnig erscheinende »Verpulverung von Nahrung« zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt der Erdgeschichte dann ja auch mit einem Male als sehr vorteilhaft erwiesen. Der Bewertungsmaßstab änderte sich in dem Augenblick, in dem sich die Umwelt, gänzlich unvorhersehbar, ebenfalls gewandelt hatte: als Konsequenz des allmählichen Übergriffs des Lebens auf das trockene Festland.

Die Mutation »Warmblütigkeit« scheint (aus Gründen, die wieder in der physikochemischen Struktur des Erbmoleküls zu suchen sind) relativ selten aufgetreten zu sein. Dies dürfen wir aus der Tatsache folgern, daß nach dem Auszug aus dem Wasser noch sehr viel Zeit verstrich, bevor sie sich in bestimmten Populationen auszubreiten begann. Schon vor etwa 400 Millionen Jahren wagten sich die ersten Tiere auf das Festland. Aber erst vor etwa 150 Millionen Jahren traten bei einigen Saurierarten die ersten Ansätze einer Erhöhung der Körpertemperatur auf.

Heute beherrschen die Erben der ursprünglich »unsinnigen« und daher auch fast eine Jahrmilliarde lang erfolglosen Mutation die Erde. Könnte man da nicht versucht sein, die unbelehrbare Blindheit des Mechanismus, der sie hervorbrachte, geradezu für einen glücklichen Umstand zu halten? Hätte ein zum Sammeln von Erfahrungen befähigter Entstehungsmechanismus nach einer so riesigen Zeitspanne mit ausschließlich negativen Ergebnissen auf die Wiederholung gerade dieser Mutation nicht etwa längst verzichtet, bevor das Leben sich den Bedingungen in der freien Luft anzupassen begann?

Denn hier, aber auch erst hier, brachte die gleiche Variante ihrem Besitzer nun mit einem Male Vorteile. Der Mehrverbrauch von Nahrung wurde jetzt mehr als wettgemacht durch den Gewinn, der sich daraus ergab, daß es dem so mutierten Organismus gelang, seine Aktivität unabhängig zu machen von den für das neue Milieu typischen Schwankungen der Außentemperatur. Die Kaltblüter, die die Erde bis dahin konkurrenzlos beherrscht hatten — wer dächte hier nicht an die 150 oder mehr Millionen Jahre uneingeschränkter Herrschaft der Saurier! —, sahen sich unversehens einem Konkurrenten gegenüber, dessen Agilität nicht mehr, wie die ihre, dem Rhythmus der Außentemperatur unterworfen war. Die Folgen sind bekannt. Die am meisten begünstigten Erben dieser »thermischen Emanzipation« sind wir selbst.

Man kann das Verhältnis von Mutation und Selektion folglich legitim mit dem zwischen einer knetbaren Materie und einer prägenden Form vergleichen. Die Mutationen sind es, die einer Art erst die Fähigkeit zu genetischer Anpassung (»Knetbarkeit«) verleihen. Gerade ihre Ziellosigkeit und Zufälligkeit bewirken dabei, daß die Anpassung in (fast) jeder beliebigen Richtung grundsätzlich möglich ist. (Das gilt natürlich nur cum grano salis, weil unter anderem auch der schon realisierte Bauplan der weiteren Entwicklung Grenzen setzt: Ein Pferd wird niemals zum flugfähigen Pegasus werden und der Mensch ganz sicher niemals mehr durch Kiemen atmen können.)

Der Vergleich trägt noch weiter. Zu viele Mutationen würden die Gestalten einer Art zu »weich« machen. Sie zerflössen, würden sich auflösen. Eine zu niedrige Mutationsrate dagegen ließe die selben Gestalten so hart werden, daß ihre Formbarkeit aufgehoben wäre.

Und selbstverständlich gilt auch, daß die Prägbarkeit allein noch keine hinreichende Ursache für die Entstehung von Gestalt ist. Zwar bildet sie eine unentbehrliche Voraussetzung. Zusätzlich jedoch bedarf es der prägenden Form. In dem gleichen Sinne sind Zufallsmutationen allein selbstverständlich außerstande, einen Organismus hervorzubringen. Sie sind die unerläßliche Voraussetzung dieser Möglichkeit. Diese jedoch kann erst durch den nach bestimmten Maßstäben selektierenden Eingriff der Umwelt realisiert werden. Niemand hat etwas anderes behauptet. Ob das einer der »Affenhorden-Argumentatoren« wohl jemals zur Kenntnis nehmen wird?

Ordnung kommt unter diesen Umständen in das Evolutionsspiel dadurch hinein, daß die Umwelt stets geordnete Strukturen enthält. Das gilt grundsätzlich, von allem Anfang an. Es gilt schon für die Entstehung von Galaxien, Planetensystemen und Sonnen aus dem Chaos der aus dem Urknall hervorgehenden Strahlungswolke. Auch diese kosmischen Gestalten konnten nur entstehen, weil konstante Naturgesetze und festliegende Strukturen des inneren Aufbaus der beteiligten Atome als ordnende Kräfte wirksam waren. Selbst hier also, dies sei am Rande hinzugefügt, greift der so häufig gehörte Einwand nicht, die Gesetze der Thermodynamik (das Prinzip der Entropie) ließen ausschließlich die Zerstörung von Ordnung zu, niemals dagegen ihre Entstehung[42].

Die von den vielfältigen Strukturen der Umwelt stets repräsentierte Ordnung wirkt also als prägende Form, die auch der knetbaren Substanz des Mutationsangebots Gestalt verleiht. Die ungeheure Fülle und Vielfalt der Arten des irdischen Lebens spiegelt folglich die unvorstellbar große Zahl der Möglichkeiten wider, auf der Erdoberfläche immer neue »Umwelten« zu entdecken und für sich nutzbar zu machen: immer neue, von allen bisherigen Konstellationen geringfügig abweichende Kombinationen äußerer Bedingungen, die noch von keinem anderen Konkurrenten »benutzt« werden.

Diesem Prinzip ist es zu verdanken, daß selbst die scheinbar so monotone, eigenschaftsarme Luft nicht nur Mücken, Schmetterlinge und Libellen, sondern Vögel und auch noch Fledermäuse neben unzähligen anderen Typen von »Fliegern« entstehen lassen konnte. Und bedenkt man noch, daß der Begriff der Umwelt selbstverständlich nicht auf die unbelebten Außenfaktoren beschränkt ist, sondern alle in der Umwelt eines Organismus existierenden anderen Lebewesen (einschließlich der Besonderheiten ihres Verhaltens!) einschließt, dann geht einem auf, daß die Evolution einen selbstverstärkenden Prozeß darstellt.

In dem gleichen Maße, in dem sie immer neue Formen und Gestalten hervorbrachte, vermehrte sie eben dadurch auch exponentiell die Komplexität der Umwelt und damit die Zahl zukünftiger Anpassungsmöglichkeiten. Die im Verlaufe der bisherigen Geschichte zu konstatierende Beschleunigung des Evolutionsablaufs dürfte in diesem Zusammenhang eine ihrer wesentlichen Erklärungen finden.

Wie eng das Zusammenspiel zwischen mutativer Plastizität und formender Umwelteinwirkung ist, zeigen schlagartig bestimmte Sonderfälle, die daher noch kurz erwähnt seien. Es sind spezielle Anpassungsformen, die ihre Besonderheit ausnahmsweise dem Verschwinden einer ihrer Umwelt ursprünglich eignenden Qualität verdanken. Das bekannteste Beispiel bilden bestimmte Höhlenbewohner, die nicht nur erblindet sind, sondern deren Augen sich in manchen Fällen sogar mehr oder weniger vollständig wieder zurückgebildet haben (Grottenolm, manche Höhlenfische, Höhlenspinnen und -insekten). Da es sich bei ihnen ausnahmslos um Verwandte von Arten handelt, die normalerweise im Hellen leben und ausgezeichnet sehen, ist zu vermuten, daß diese Populationen vor etlichen Jahrzehntausenden durch geologische Ereignisse (Anstieg des Wasserspiegels, Erdrutsch) in dem lichtlosen Höhlenmilieu eingeschlossen wurden, in dem wir sie heute entdecken.

Bemerkenswert ist nun der Umstand, daß dieses Schicksal offenbar zum Verlust der Sehfähigkeit und sogar zur Rückbildung der Augen geführt hat. Wir müssen daraus wohl den Schluß ziehen, daß es nicht nur zur Entstehung neuer Erbeigenschaften der Umwelt bedarf, sondern daß ihre permanente Mitwirkung sogar noch zu deren Erhaltung benötigt wird. Die genetische Bildbarkeit der Art fügt sich dem Einfluß der Umwelt auch dann noch, wenn diese eine der von ihr ursprünglich erhobenen Existenzbedingungen wieder streicht.

Wie hat man sich die Wirkungsweise der Auslese in einem solchen Fall eigentlich vorzustellen? Wenn das Selektionskonzept stimmt, müssen wir angesichts des genetischen Schicksals der Höhlentiere davon ausgehen, daß Augenlosigkeit oder Blindheit als neue Mutationen in einem lichtlosen Milieu offenbar irgendeinen Vorteil gegenüber normal sehenden Artgenossen verschaffen. Das klingt zunächst wenig einleuchtend. Worin könnte der Vorteil denn bestehen?

Die Biologen hatten von Anfang an vermutet, daß die Antwort wahrscheinlich vom Prinzip der Ökonomie in der Natur auszugehen habe. Der energetische Aufwand zum Betrieb eines Auges wird zur bloßen Belastung, wenn es für dieses Organ keine Aufgabe mehr gibt. Wer es fertigbringt, sich den nutzlos gewordenen Aufwand durch eine entsprechende Mutation vom Halse zu schaffen, lebt daher ökonomischer und effektiver als seine Konkurrenten. Auf Anhieb dürfte manchem auch diese konkretere Erläuterung noch immer etwas weit hergeholt scheinen. Daß sie nicht nur der Theorie der Selektionswirkung entspricht, sondern ganz offensichtlich auch richtig ist, wurde inzwischen durch ein hochinteressantes Experiment nachgewiesen, das die Evolutionsforscher mit einem primitiven Pilzorganismus durchführten[43].

Im Unterschied zu den echten Pflanzen können Pilze keine der von ihnen benötigten Molekülbausteine mit Hilfe der Sonnenenergie, durch Photosynthese, aus einfachen Verbindungen selbst herstellen. Ihnen fehlt das dazu notwendige Blattgrün (Chlorophyll). Einen Großteil der benötigten Substanzen müssen sie vielmehr fertig aufnehmen. Als Quelle dienen meist abgestorbene Pflanzen oder Tiere, was Pilze zu typischen Fäulnisorganismen macht.

Diese Eigentümlichkeit bildete die Grundlage des Experiments. Die Wissenschaftler arbeiteten mit zwei Mutanten des gleichen Pilzstamms, die genetisch identisch waren, mit einer einzigen Ausnahme: Der eine Stamm war in der Lage, eine bestimmte Aminosäure selbst herzustellen, der andere mußte auch diese aus der Umwelt fertig beziehen, um überleben und sich vermehren zu können. Die angeborenen Fähigkeiten des ersten Stammes, nennen wir ihn Stamm A, waren also größer als die von Stamm B. Hinsichtlich einer für beide Rassen lebensnotwendigen Substanz war er im Unterschied zu seinem Konkurrenten autark.

Man sollte daher auch annehmen, daß er in der evolutiven Konkurrenz im »Kampf ums Dasein« seinem weniger begabten Mitbewerber B überlegen sein müßte. Unter natürlichen Umständen dürfte das auch mit hoher Wahrscheinlichkeit richtig sein. Typ A hat einfach größere Chancen, auf einen für sein Gedeihen geeigneten Boden zu geraten, als der Konkurrent B, der nur in einer Umwelt überleben kann, die noch eine zusätzliche Bedingung erfüllt, indem sie auch die Aminosäure anbietet, die B im Unterschied zu A nicht selbst zu produzieren in der Lage ist.

Die Experimentatoren ließen die beiden Rassen nun aber nicht »unter natürlichen Verhältnissen« gegeneinander antreten. Sie setzten sie vielmehr auf einen künstlichen Nährboden, der alle von ihnen benötigten Substanzen enthielt — einschließlich der Aminosäure, die A aufgrund seiner größeren synthetischen Fähigkeiten überhaupt nicht brauchte. Das Ergebnis des nur wenige Tage dauernden Experiments war eindeutig. In dieser kurzen Zeit hatte B seinen scheinbar überlegenen Konkurrenten A völlig aus dem Felde geschlagen. Die Oberfläche des Nährbodens war komplett von ihm zugewuchert worden, der Konkurrent A vollständig verdrängt.

Sooft man das Experiment auch wiederholte, es lief — unter den geschilderten Bedingungen — immer wieder auf das gleiche Ergebnis hinaus. Auf diesem Nährboden war B dem Konkurrenten A haushoch überlegen. Warum? Es gibt darauf nur eine Antwort: A zog den kürzeren, weil sein genetisches Programm ihn dazu zwang, Energie in eine Fähigkeit zu investieren, die in dieser speziellen Umwelt überflüssig war. Das genügte. Der uns so minimal vorkommende Unterschied zwischen den beiden Konkurrenten, der lediglich darin bestand, daß der eine einen winzigen Bruchteil der von ihm mit der Nahrung aufgenommenen Energie ohne Nutzeffekt zu verbrauchen gezwungen war, genügte der Selektion, ihren alles entscheidenden Hobel anzusetzen. (Diese, die nächstliegende, Hypothese schließt selbstverständlich die Möglichkeit nicht aus, daß an dem Resultat auch noch andere, vielleicht sogar wirksamere Effekte beteiligt sind.)

Die Parallele zu den Fischen, die ein geologischer Zufall in die ewige Dunkelheit eines Höhlendaseins verschlug, liegt auf der Hand. Ebenso die absolute Verflochtenheit, die vollkommene Korrespondenz von mutativer Anpassungsbereitschaft auf der einen und prägender Gestaltungskraft der Umwelt auf der anderen Seite, die dieses Beispiel mit besonderer Eindringlichkeit unterstreicht.

Diese Vollkommenheit der Entsprechung von Mutationsangebot als prägbarer Materie und Umweltselektion als prägender Form bildet den Hintergrund für den erstmals von Konrad Lorenz betonten Abbildungscharakter aller biologischen Anpassungen: Die Flosse des Fisches ist Abbild des Wassers in dem gleichen Sinne, in dem der Huf des Pferdes ein Abbild des Steppenbodens ist und die Greifhand des Affen ein Abbild des Geästs[44]. Der Fisch könnte nicht schwimmen, das Pferd nicht galoppieren und der Affe nicht klettern, wenn es nicht so wäre.

Sowenig, wie wir etwas zu sehen imstande wären, wenn unser Auge nicht schon vor Jahrmillionen die von uns erst vor so kurzer Zeit mit großer Mühe analysierten optischen Eigenschaften der Erdatmosphäre und lichtbrechender Medien und schließlich auch noch die spektrale Zusammensetzung des Sonnenlichts »entdeckt« und in den Prinzipien seines Baus und seiner Funktionsweise »abgebildet« hätte — wenn es nicht, wie Goethe, den gleichen Gedanken ahnungsvoll vorwegnehmend, formulierte: »sonnenhaft« wäre.

Das alles ist über alle Maßen wunderbar und staunenswert. Aber es ist doch auch verständlich. Wir sollten auch die Tatsache getrost wunderbar und erstaunlich finden, daß wir, ohne irgendeinen Anspruch darauf, unbestreitbar in der Lage sind, diese Zusammenhänge zu entdecken und, wenigstens ein Stück weit, auch einzusehen. Wir sind während des hier Geschilderten sogar ausgekommen, ohne uns auf einen Plan oder ein Ziel des Evolutionsablaufs berufen zu müssen. Das dialektische Zusammenspiel von Mutation und Selektion hat alle unsere Fragen bisher ohne diesen Rückgriff auf von der Zukunft her wirkende (oder ein zukünftiges Ziel vorab wissende) Instanzen befriedigend beantwortet. Damit aber ist über die Frage, in welcher Beziehung die Evolution zu dem Prinzip steht, das wir »Geist« nennen, keineswegs entschieden. Wir dürfen sie nicht aussparen. Bevor sie sinnvoll zur Sprache kommen kann, muß aber noch einige Vorarbeit geleistet werden.

Zum Abschluß dieses Kapitels noch die bereits angekündigte Antwort auf die Frage, wie plausibel die Voraussetzung der heutigen Evolutionstheorie ist, daß sich auch gänzlich unvorhersehbare, in einer noch offenen Zukunft gelegene Bedingungen der Anpassung durch Zufallsmutationen vorwegnehmen lassen. Die begründete Antwort lautet: Diese Voraussetzung ist ganz sicher nicht absolut erfüllt, aber offensichtlich doch in einem weit höheren Maße, als viele es für möglich halten und als es unserem begrenzten Vorstellungsvermögen plausibel erscheinen mag.

Daß mutative Streuung »auf gut Glück« ganz sicher nicht in der Lage ist, alle im Schöße der Zukunft ruhenden Möglichkeiten vorwegzunehmen, entspricht unserer Erwartung. Sie findet ihre Bestätigung durch das Phänomen des Artentodes. Ammoniten und Säbelzahntiger, Wollnashorn, Mammut und unzählige andere Arten würden heute noch den Globus bevölkern, wenn es anders wäre.

Sie tun das nicht mehr, weil sie sich eines Tages neuen, auf welche Weise auch immer zustande gekommenen Umweltbedingungen gegenübersahen, auf die ihre Art keine Antwort mehr parat hatte, Konstellationen, denen gegenüber sich ihr Bauplan und das Repertoire ihrer Verhaltensprogramme als nicht mehr hinreichend angepaßt erwiesen, weil es dem mutationserzeugenden Mechanismus ihrer Art nicht gelungen war, auch die Erbvarianten durch Zufall zu produzieren, die in diesem Augenblick gebraucht wurden.

Da wir es intuitiv ohnehin als extrem unwahrscheinlich betrachten, daß sich Zukünftiges durch bloßen Zufall vorwegnehmen ließe, wundert es uns nicht, wenn wir erfahren, daß das Aussterben in der Evolutionsgeschichte ein außerordentlich häufiges Vorkommnis ist. Unter den Evolutionsforschern gilt es als Regel, daß keine Spezies beliebig lange zu überdauern vermag. Die Zahl der im Laufe der Erdgeschichte ausgestorbenen Arten ist ohne jeden Zweifel vielhundertfach größer als die der heute lebenden.

Das alles zu glauben haben wir keine Schwierigkeiten. Wir müssen aber auch die andere Seite der Medaille zur Kenntnis nehmen. Gänzlich ausgeschlossen ist die rein zufällig erfolgende Vorwegnahme zukünftiger Anforderungen keineswegs. Daß sie weitaus häufiger zu gelingen scheint, als es unserer Vorstellung von ihrer Wahrscheinlichkeit entspricht, ergibt sich aus der ebenfalls unbestreitbaren Langlebigkeit der meisten Arten. Ihre geologische Lebenserwartung liegt in der Größenordnung von Jahrmillionen. Über so lange Zeiträume hinweg ist die Annahme einer Konstanz der Umweltbedingungen nur noch in Ausnahmefällen eine ausreichende Erklärung.

Wir müssen hier auch noch etwas anderes in Rechnung stellen. Zwar sind zum Beispiel die Saurier von der Erdoberfläche verschwunden. »Ausgestorben« sind sie aber als Stammeslinie insofern eigentlich nicht, als sie sehr wohl heute noch lebende Nachkommen haben, unter anderem die Vögel. Hier ist eine Klasse also nicht durch Aussterben verschwunden, sondern gerade durch einen zukunftsträchtigen Wandel, der jedenfalls einigen ihrer Arten das Weiterleben in einer neuen Gestalt ermöglichte. Derartige Fälle müßten wir also ebenfalls noch zu den gelungenen Zufallstreffern rechnen.

Wie sehr die Erfolgsquote des Mutationsprozesses unsere intuitiven Erwartungen tatsächlich übertrifft, wird schlagend durch ein ebenso geistreiches wie einfaches Experiment bewiesen, das der amerikanische Nobelpreisträger Joshua Lederberg erdachte. Er ging von der klinischen Erfahrung aus, daß krankheitserregende Bakterien gegen Antibiotika eine spezifische Resistenz entwickeln können. Der Vorgang läßt sich auch im bakteriologischen Laboratorium leicht beobachten. Wenn man einer Bakterienkultur ein für sie tödliches Gift zusetzt, etwa Streptomycin, sterben gewöhnlich alle Erreger ab.

Gelegentlich kommt es aber vor, daß anschließend an einer punktfömigen Stelle des vom Streptomycin leergefegten Nährbodens mit einem Male eine kleine Bakterienkolonie von neuem zu wachsen beginnt, bis sie schließlich, wenn man ihr Zeit dazu läßt, innerhalb weniger Tage den Boden der ganzen Kulturschale bedeckt. Es handelt sich um Nachkommen desselben Erregerstamms, die sich aber nun mit einem Male als resistent, sozusagen als immun gegen Streptomycin erweisen.

Das Ganze ist ein Schulbeispiel von Evolution im Laboratorium. Die Erklärung des Verlaufs besteht darin, daß sich unter den Hunderten von Millionen Bakterien, die auf dem Nährboden wuchsen, als das Antibiotikum hinzugefügt wurde, an einer einzigen Stelle ein einzelnes Bakterium befunden haben muß, das zufällig eine Mutation aufwies, die es gegen das Gift schützte. Das aber war natürlich eine Mutation, die in der durch eben dieses Gift veränderten Umwelt einen wahrhaft durchschlagenden Überlebensvorteil darstellte. Während alle seine Artgenossen abstarben, wurde dieses eine zufallsbegünstigte Bakterium zur Elternzelle sämtlicher von nun an durch Teilung entstehenden und den Nährboden neu besiedelnden Folgegenerationen. Sie alle werden von dem Gift in keiner Weise mehr behelligt, denn sie alle haben die Mutation von der einen gemeinsamen Ausgangszelle mitbekommen.

In diesem Falle hat also ein einziges Individuum den genetischen Wandel seines Stamms herbeigeführt. Die Frage ist nur, ob die Mutation, die es dazu befähigte und die seine Chancen über die aller seiner Artgenossen erhöhte, wirklich zufällig erfolgt war, wie die Theorie es verlangt. Ist es wirklich denkbar, daß die sehr spezifischen genetischen Veränderungen, die einem Bakterium Resistenz gegen ein ganz bestimmtes Antibiotikum verleihen, zufällig zustande kommen können? Muß man hier nicht auch an die Möglichkeit denken, daß die Zellen die Resistenz vielleicht erst durch den Kontakt mit dem Streptomycin »erlernt« haben könnten (so, wie wir eine spezifische Immunität als Folge und Reaktion auf den Kontakt mit einer bestimmten Virusart erwerben)?

Nun, ob denkbar oder nicht, Lederberg konnte beweisen, daß es sich bei seinem Experiment um eine Zufallsmutation handeln mußte. Er verdoppelte dazu seine Originalkolonie durch »Überstempelung«, also durch die Herstellung einer identischen Kopie vermittels eines Abdrucks auf einer zweiten Kulturschale. Dann erst gab er das Antibiotikum zur ersten Schale dazu und wartete, ob an irgendeiner Stelle eine Kolonie mit resistenten Mutanten auftauchte.

War das der Fall, dann kam die zweite Schale an die Reihe. Sie sollte ihm den Beweis liefern, nach dem er suchte. Und tatsächlich, wenn er ihr Bakterien an der Stelle entnahm, die genau den Abdruck des Orts darstellte, an dem sich in der ersten Schale die resistente Kolonie entwickelt hatte, erwiesen sich auch die hier entnommenen Zellen sämtlich als resistent. Die von beliebigen anderen Punkten der zweiten Schale stammenden Bakterien dagegen fielen jedesmal dem Streptomycin zum Opfer. Keine von ihnen »lernte« es je, mit dem Gift auf irgendeine Weise fertig zu werden.

Damit war bewiesen, daß an dieser einen Stelle von Anfang an ein Bakterium gesessen haben mußte, das durch eine Mutation schon vor dem ersten Kontakt mit dem Antibiotikum gegen die ses resistent geworden war. Das Experiment — das sich beliebig oft, mit den verschiedensten Bakterienarten und den unter schiedlichsten Antibiotika mit gleichem Ergebnis wiederholen läßt — belegt folglich die Tatsache, daß eine Mutation die noch in der Zukunft liegenden Bedingungen vorwegnehmen kann, die beim Kontakt mit dem im Augenblick der Mutation noch unbekannten Gift von der Zelle erfüllt werden müssen, wenn sie überleben will.

Es gelingt bei weitem nicht immer, auch das zeigt das Experiment. Aber es ist eben doch nicht so unmöglich, wie es uns immer scheinen will. Es gelingt in der Realität nicht einmal selten, wie durch die Tatsache bewiesen wird, daß die Ausbreitung resistenter Bakterienstämme für unsere Kliniken und Ärzte seit vielen Jahren zu einem ernsten therapeutischen Problem geworden ist.

Man möchte wirklich ungläubig den Kopf schütteln, wenn man sich klarmacht, was das unter anderem bedeutet: daß auch vor Jahrtausenden schon bei den verschiedensten Bakterienarten immer wieder Mutationen aufgetaucht sein müssen, die eine Resistenz gegen Penicillin, Streptomycin oder eines der vielen anderen modernen Antibiotika verliehen hätten — wären sie damals schon vorhanden gewesen. Diese Mutationen gingen damals jedoch zweifellos rasch durch Selektion wieder verloren, da sie (noch!) »sinnlos« waren.

Ebenso sicher ist es, daß sich unter den astronomischen Zahlen von Mutationen, welche die gegenwärtigen Bakterienpopulationen in jedem Augenblick produzieren, heute schon einige befinden müssen, die eine Resistenz gegenüber Medikamenten vor wegnehmen, die es noch gar nicht gibt, die erst in ferner Zukunft, vielleicht in Jahrhunderten, von einer kommenden Medizin eventuell entwickelt werden.

Das alles ist schwer, für manchen wohl gar nicht mehr vorstellbar. Ich teile diese Ansicht. Wir dürfen nur nicht vergessen, daß die Frage, ob wir uns etwas vorstellen können oder nicht, gegenüber der Natur kein Argument darstellt. Es ist uns ja auch unmöglich, uns vorzustellen, daß das Weltall grenzenlos und dennoch nicht unendlich groß ist. Und trotzdem haben wir dieses Paradoxon leibhaftig vor Augen. Wir brauchen dazu nur den Kopf zu heben und in den Sternenhimmel zu blicken.

Welche Anmaßung liegt doch in der stillschweigenden Annahme, daß alle Rätsel der Natur in den Horizont unseres Vorstellungsvermögens hineinpassen müssen.

Kapitel 9

Anmerkungen zu einem Horrorbegriff: Der »Kampf ums Dasein«

Darwin war, wie wir uns erinnern, bei seiner Erklärung vom Prinzip der Auslese unter Individuen mit ungleichen Überlebenschancen ausgegangen: Das Phänomen des Artenwandels ist die Folge davon, daß in jeder Generation die Individuen ausgewählt oder ausgelesen werden, deren körperliche Ausstattung und Verhaltensmöglichkeiten den Risiken, aber auch den Möglichkeiten ihrer Umwelt am besten entsprechen. Es überlebt somit das am besten angepaßte Individuum. Darwin nannte das »the survival of the fittest«. Die übliche deutsche Übersetzung lautet bekanntlich »das Überleben des Tüchtigsten«. Für die Konkurrenz selbst, im Rahmen derer die Auslese stattfindet, prägte Darwin das berühmt gewordene Schlagwort vom »struggle for life«. Im Deutschen wurde daraus der »Kampf ums Dasein«. Beide Formulierungen erwiesen sich in der Folge als mißverständliche Begriffe mit verheerenden Folgen.

Es ist ganz unvermeidbar, daß sich bei der sprachlichen Erfassung eines objektiven Sachverhalts sachfremde Bedeutungen einschleichen. Diese legen nur allzu leicht bestimmte Schlußfolgerungen nahe, die mit dem Sachverhalt selbst nichts zu tun haben, oder präjudizieren sie sogar. Die Tatsache ist so unabänderlich, daß wir sie eben ihres alltäglichen Charakters wegen in der Regel überhaupt nicht registrieren.

Einer der Gründe besteht in der anthropozentrischen Struktur unserer Sprache. Diese ist ja nicht auf den Zweck hin entworfen worden, uns die Möglichkeit zu einer sachlich-objektiven Beschreibung der Welt in die Hand zu geben. Sie ist vielmehr historisch gewachsen und dies im Dienste der Ausdrucksfähigkeit und des Mitteilungsbedürfnisses erlebender Subjekte. Infolge dieser Entstehungsgeschichte setzt der Sprachbau eine Perspektive voraus, die identisch ist mit der des erlebenden und sich sprachlich mitteilenden Subjekts.

So beschreiben wir die allabendlich zu beobachtende Verringerung des Abstands zwischen der Sonnenscheibe und dem westlichen Horizont deshalb mit den Worten »die Sonne geht unter«, weil die sprachliche Identifikation mit der Perspektive des Beobachters die Berücksichtigung der Möglichkeit einer Bewegung auch des Subjekts von vornherein ausschließt. In welchem Maße diese Besonderheit der sprachlichen Struktur unser Urteil präjudiziert, geht unter anderem daraus hervor, daß es einer geistigen Revolution bedurfte, um die Anerkennung des objektiven Sachverhalts gegen sie durchzusetzen. Und wie extrem konservativ derartige Sprachstrukturen sind, zeigt sich darin, daß wir uns derselben Redewendung noch heute mit der größten Unbefangenheit bedienen — 400 Jahre nach Kopernikus, sozusagen wider besseres Wissen.

Es gibt zahlreiche weitere Arten derartiger sprachlicher »Vorurteile«. Unsere Sprache ist unter anderem syntaktisch so gebaut, daß dem Subjekt eines Satzes in jedem Falle unterstellt wird, daß es etwas tue oder erleide (sofern der Satz sich nicht auf eine bloße Aussage über die Existenz des Subjekts beschränkt). Wir sagen etwa, daß ein Baum »rausche«, obwohl in Wirklichkeit der Wind seine Blätter bewegt. (Aber selbstverständlich ist auch diese Redewendung, die nunmehr »dem« Wind eine handelnde Rolle zuerkennt, ebenfalls schon wieder irreführend.)

Diese Anmerkungen sollen hier lediglich dazu dienen, ein gewisses, höchst angebrachtes Mißtrauen gegenüber der Annahme zu säen, konventionell sprachliche Beschreibungen ließen sich auch dann noch ohne Einschränkung wortwörtlich verstehen, wenn sie sich auf Sachverhalte außerhalb unseres alltäglichen Erfahrungsbereichs beziehen. Die Kluft zwischen den durch unsere Alltagssprache faßbaren Bedeutungen und dem Wesen des zu erfassenden Sachverhalts wird um so größer, je weiter der zu beschreibende Tatbestand von unserem unmittelbaren Erfahrungsbereich entfernt ist. Die Physiker waren deshalb bekanntlich schon vor langer Zeit gezwungen, eigens eine mathematische Kunstsprache zu entwickeln, um über die erst hinter dem Augenschein faßbare mikrokosmische Wirklichkeit überhaupt noch Aussagen machen zu können, die deren Natur entsprechen.

Sowohl die Redewendung vom »Überleben des Tüchtigsten«, als auch der Begriff »Kampf ums Dasein« sind nun aber von einer wissenschaftsgläubigen Gesellschaft gerade in Deutschland mit konsequenter Gründlichkeit wortwörtlich aufgefaßt und auf gefährliche Weise mißverstanden worden. Das durch diese handlichen Sprachformeln scheinbar eindeutig definierte »natürliche« Gesetz allen Lebenserfolgs bot sich im Verständnis vieler verführerisch auch als Rezept des Erfolges gesellschaftlichen und politischen Lebens an.

Wer aber das Wort vom »Überleben des Tüchtigsten« in diesem Sinne wortwörtlich nimmt und als eine für alles Leben, auch gesellschaftliches »Leben«, gültige Offenbarung der Natur mißversteht, ist im Handumdrehen beim »Recht« des Stärkeren.

Von da ist es dann nicht mehr weit bis zum Begriff des »lebensunwerten« Lebens, das eben darum kein Recht auf Leben mehr habe. Oder zu der Annahme grundsätzlicher Wertunterschiede zwischen menschlichen Rassen, Kulturen oder Nationen. Alle diese Interpretationen und Schlußfolgerungen liefern letztlich einen von der Natur scheinbar legitimierten Maßstab von »Werten«, in deren Umfeld sittliche Normen und moralische Schranken sich leicht als Ausdruck sentimentaler Realitätsfremdheit, wenn nicht gar als Ausdruck von Feigheit verleumden lassen.

Diese kurzen Andeutungen genügen, um daran zu erinnern, welche entsetzliche Rolle das sozialdarwinistische Mißverständnis vorübergehend in der politischen Geschichte unserer Gesellschaft gespielt hat. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß die unüberbietbaren Greuel und Unmenschlichkeiten der nazistischen Epoche auch in einer sozialdarwinistischen Interpretation des menschlichen Zusammenlebens eine ihrer geistigen Wurzeln hatten.

Genügt das nun etwa nicht, den »Darwinismus« als unmenschliche Irrlehre zu entlarven? Die Überzeugung, daß das so sei, sitzt bei vielen Menschen dermaßen tief, daß es erfahrungsgemäß schwer ist, sie mit Argumenten überhaupt noch zu erreichen, die ihnen klarmachen könnten, daß sie mit einer solchen verdammenden Schlußfolgerung abermals einem Vorurteil aufsitzen. Ich möchte daher, bevor ich auf die Argumente im einzelnen eingehe, versuchen, die Unzulässigkeit einer moralisch begründeten Ablehnung der Darwinschen Theorie mit einer historischen Parallele deutlich zu machen.

Eine solche Parallele stellt das Grauen der mittelalterlichen Hexenverfolgung dar. In ihrem Verlauf wurden in Westeuropa Hunderttausende Frauen und Mädchen auf bestialische Weise gefoltert und umgebracht, weil sie auf irgendeine Weise, meist durch anonyme Denunziation, in den Verdacht geraten waren, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Das Motiv der Verfolgung war also religiöser Natur.

Zwar unterstand die Durchführung von Prozeß und Hinrichtung der weltlichen Macht. Der »Hexenhammer« aber, der die Verfahrensregeln (und in dem unter anderem die Anwendung der »endlosen Folter« bis zum Geständnis empfohlen wurde), stammte von zwei Dominikanermönchen, legitimiert durch eine päpstliche Bulle aus dem Jahre 1484. In dieser hatte Papst Innozenz VIII. das Hexenunwesen mit feierlichem Nachdruck als eine real existierende und zu bekämpfende Gefahr verkündet.

Ähnliches gilt für die Ketzerverfolgung, der allein in den Niederlanden während der Regierungszeit Karls V. mehr als 50000 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen. Auch hier — und in allen übrigen Ländern, in denen die Inquisition jahrhundertelang wütete — oblagen Prozeß, Folter und Hinrichtung weltlichen Rechtspflegern. Die aktive Aufspürung der Verdächtigen jedoch war Sache der Kirche. Schon 1215 hatte ein Konzil sie zu einer der wichtigsten bischöflichen Aufgaben erklärt, eine Anordnung, die erst im vergangenen Jahrhundert wieder aufgehoben wurde.

Ganz abgesehen davon, daß die von unserer eigenen Epoche zu verantwortenden Greuel uns das Recht nehmen, uns über diese historischen Fakten moralisch zu entrüsten, würde doch nur ein Übelwollender auf den Gedanken kommen, von diesen entsetzlichen Verirrungen auf das Wesen des Christentums selbst zu schließen. Das wäre nicht einmal dann zulässig, wenn feststünde, daß alle Beteiligten an einem Inquisitionsprozeß stets ausschließlich aus religiösen Motiven gehandelt hätten. Es ist sicher vorgekommen, daß Richter und vielleicht auch Henker nicht nur ehrlich davon überzeugt waren, einer kirchlich auferlegten Pflicht zu genügen, sondern sogar in dem Glauben handelten, das Beste auch für den Delinquenten zu tun, indem sie von dem vermeintlich einzigen Mittel Gebrauch machten, mit dem seine Seele vor ewiger Verdammnis bewahrt werden konnte.

Auch dann, wenn sie alle sich unter Berufung auf ihre christliche Überzeugung legitimiert oder sogar verpflichtet gefühlt haben sollten, würden wir ihre Haltung nicht als legitimen Ausdruck christlicher Religiosität ansehen. Auch dann bliebe sie für uns die Folge einer entsetzlichen Fehlinterpretation, einer Perversion dessen, was christliche Religiosität wirklich meint. Daran ändert selbst die Tatsache nichts, daß diese pervertierte Interpretation lange Zeit hindurch auch von kirchlichen Würdenträgern, einschließlich mehrerer Päpste, aus voller Überzeugung für die richtige gehalten worden ist.

Nicht anders vermag ich das Verhältnis zwischen den Verfechtern einer sozialdarwinistischen Interpretation menschlichen Zusammenlebens und dem zu sehen, was die auf Darwin zurückgehende Evolutionstheorie wirklich meint. Das Mißverständnis beginnt genaugenommen schon mit dem schiefen Wort »Darwinismus«. Termini mit dieser Endung pflegen wir gewöhnlich zur Kennzeichnung von Überzeugungen und Werthaltungen zu verwenden. Bei der Theorie Darwins handelt es sich aber um die Beschreibung eines objektiven Sachverhalts.

Mit der Unterscheidung ist kein Werturteil verbunden. Es geht um nichts anderes als um die klare Trennung gänzlich unterschiedlicher Kategorien. Wir reden ja auch nicht von »Kopernikanismus«, wenn es um die moderne Astronomie geht, oder von »Einsteinismus« im Falle der Relativitätstheorie.1 Aber wie auch immer: Die Perversion des Sozialdarwinismus kann man die Evolutionslehre nicht anlasten, auch dann nicht, wenn es namhafte Naturwissenschaftler gegeben hat, die sie ebenfalls vertraten. Wenn jemand den Fehler begeht, aus einer naturwissenschaftlichen Theorie Maximen für zwischenmenschliche Beziehungen abzuleiten, dann trägt daran nicht die Theorie die Schuld.

Vor allem aber darf man das Wort vom »Kampf ums Dasein« eben nicht so wörtlich verstehen, wie die Sozialdarwinisten das tun. Die Redewendung bezieht sich auf den relativ komplizierten, von der Forschung noch immer keineswegs vollständig aufgeklärten Mechanismus der natürlichen Auslese. So weit, wie dieser von unserer alltäglichen Erfahrung entfernt ist, so weit entfernt ist auch die wörtliche Bedeutung der unserer Alltagssprache entnommenen Bezeichnung von dem, was gemeint ist.

Einen ersten Beleg für diese Behauptung liefert ein Hinweis von Konrad Lorenz auf das Schicksal des australischen Beutelwolfs[45].

Es zeigt, »daß die Konkurrenz eines Berufsgenossen tödlicher wirkt als die Anschläge des gefährlichsten Feindes«.

Das Ende des Beutelwolfes zeichnete sich ab, als die ersten Einwanderer den Haushund in Australien einführten, der alsbald in großer Zahl zum Dingo verwilderte. Die Nahrung dieses neu auf den Plan getretenen, in der Wildnis als räuberischer Fleischfresser existierenden Konkurrenten bestand aus kleineren Beuteltieren. Von diesen hat der Dingo bis heute nicht ein einziges ausgerottet! Zum Opfer fiel ihm dagegen der Beutelwolf.

Dies geschah aber nun nicht in der blutigen Weise, die der für ausgemacht hält, der den »Kampf ums Dasein« wörtlich nimmt. In der Auseinandersetzung zwischen Dingo und Beutelwolf ist kein Tropfen Blut geflossen. Und trotzdem hat sie zur Ausrottung des Beutelwolfs geführt. Blut floß deshalb nicht, weil der Beutelwolf dem neuen Konkurrenten kämpferisch so haushoch überlegen war, daß der Dingo sich gehütet haben dürfte, ihn an zugreifen. Verloren war der Beutelwolf gleichwohl, weil das Geschick des Dingos als Jäger seine eigenen Fertigkeiten in solchem Maße übertraf, daß seine Chancen rasch schwanden.

Es ist nicht einmal anzunehmen, daß deshalb auch nur ein Beutelwolf verhungert wäre. Die Zusammenhänge dürften wesentlich verzwickter gewesen sein. Zu vermuten ist unter anderem, daß die Nahrungsbeschaffung sich für den Beutelwolf unter den neuen Umständen als so zeitraubend und mühsam erwies, daß sein Sexual- und Familienleben darüber zu kurz kam, mit der Folge, daß die Zahl seiner Nachkommen von Generation zu Generation abnahm. Das genügte vollauf.

Wie differenziert der Begriff des »Kampfs ums Dasein« in Wirklichkeit ist, geht besonders deutlich aus Beispielen hervor, bei denen individuelle Lebenserwartung und Selektionserfolg sogar negativ korreliert sind — ein Zusammenhang, der sich für das allzu grobe Verständnis eines Sozialdarwinisten geradezu paradox ausnehmen muß. Lorenz nennt in diesem Zusammenhang Fälle aus dem Bereich der sexuellen Zuchtwahl.

Bei zahlreichen Arten geht der eigentlichen Paarung eine längere Balz voraus, während derer der männliche Partner die Aufmerksamkeit eines weiblichen Mitglieds seiner Art auf sich zu ziehen sucht. Sehr häufig stehen dabei besondere optische Merkmale im Dienste des Balzerfolgs. Die Wissenschaftler sprechen von regelrechten »Balzorganen« in den Fällen, in denen aufwendige Merkmale entwickelt worden sind, die zu nichts anderem taugen als zum Balzen und die von dieser einen Funktion abgesehen dem Individuum nur Nachteile eintragen.

Dies gilt für das Geweih des Hirschs ebenso wie für die üppige Federkleidung eines Paradiesvogels oder den Schwanz eines Pfaus. Ein Hirsch wäre ohne Geweih als Individuum ganz sicher besser dran und ebenso ein Fasan ohne seinen aufwendigen Federschmuck. Beide würden ohne diese Zierde sicher leichter überleben. Aber, so wendet Lorenz mit Recht ein, sie hinterließen dann ganz sicher auch weniger oder gar keine Nachkommen, weil sie bei der Balzkonkurrenz durchfielen.

Allein auf die Zahl der Nachkommen aber kommt es an. Das kann man gar nicht oft genug wiederholen. (Nur dann kann ein erbliches Merkmal ja erhalten bleiben und sich in der Population womöglich sogar ausbreiten.) Letztlich entscheidet also der »Fortpflanzungserfolg« und nicht die unmittelbare Konfrontation mit einem Konkurrenten, jedenfalls nicht in dem Sinne eines tödlichen, einen der beiden Wettbewerber ausrottenden Kampfes. Die unmittelbare Konfrontation dient vielmehr, wo sie vorkommt, auch wieder nur der Entscheidung über die Fortpflanzungschancen.

Der Kampf der Konkurrenten, der über den Besitz eines bestimmten Weibchens entscheidet, ist bekanntlich aber, wie inzwischen jeder schon einmal gehört hat, ein ritualisierter »Komment-Kampf«. Die Natur hat sogar spezielle Verhaltensweisen (angeborene »Demutsgesten«) allein zu dem Zweck hervorgebracht, die Entscheidung bei solchen Auseinandersetzungen ohne tödliches Risiko zu ermöglichen. Dies möge doch bitte bedenken, wer den »Kampf ums Dasein« irrtümlich noch immer für einen Ausrottungskampf aller gegen alle hält[46].

Wäre wirklich das die Methode, nach der die Natur ausliest, dann wäre die Erdoberfläche heute ein Horror-Zoo, angefüllt mit Monstren, die von Angriffswaffen strotzen, und fast bis zur Unbeweglichkeit gepanzerten Riesenechsen. Sie ist es nicht. Und die über Erfolg oder Nichterfolg entscheidenden Neuerungen bestehen eben auch nicht in der Entwicklung immer schärferer Zähne und Klauen oder immer dickerer Panzerschuppen, sondern in Fortschritten ganz anderer, sehr viel subtilerer Art.

Unbestreitbar hat die Evolution auch Krallen und Zähne hervorgebracht. Diese dienen aber, wie allzu häufig übersehen wird, eben nicht der Tötung des Artgenossen, sondern — neben der Verteidigung — dem Fangen und Töten der Beute. Ganz sicher geht es in der freien Natur weit weniger idyllisch zu, als wir es uns gern ausmalen. Aber haben gerade wir wirklich das Recht, der Natur Grausamkeit vorzuwerfen? Die tödliche Auseinandersetzung mit anderen Mitgliedern der eigenen Art, geführt in bewußter Vernichtungsabsicht, diese äußerste Brutalität leistet sich von allen Lebewesen auf diesem Planeten einzig und allein der Mensch.

Sowenig es den vereinigten Bemühungen von Katzen und Raubvögeln bisher gelungen ist, das Aussterben der Mäuse herbeizuführen, sowenig hat die Fähigkeit, andere umzubringen (das an gebliche Naturgesetz vom »Recht« des Stärkeren), etwas zu tun mit den Eigenschaften, die ein Lebewesen überlebenstüchtig im Sinne der Darwinschen Erklärung machen. Und bei der den Artenwandel bewirkenden Konkurrenz zwischen Mitgliedern der gleichen Art sind es meist gerade nicht die konkreten, direkten Auseinandersetzungen, die über den Ausgang des »Kampfs ums Dasein« entscheiden.

Im Regelfall sehen sich die Individuen nicht einmal, zwischen denen sich die evolutionäre Auseinandersetzung abspielt, also der »Kampf«, den Darwin meinte. Günther Osche gibt ein an schauliches Beispiel[20].

Er beschreibt eine Auseinandersetzung, in deren Verlauf zwischen zwei Wieseln darüber entschieden wird, welches der beiden Individuen das »tüchtigere« ist. Beide sind an einem Waldrand auf Beutesuche, in größerem Abstand, ohne einander zu bemerken, als hoch über ihnen am Himmel die Silhouette eines Habichts auftaucht.

Das eine Wiesel ist so vom Jagdeifer beherrscht, daß es die Gefahr nicht registriert. Das andere dagegen sichert trotz allen Jagdfiebers regelmäßig, bemerkt den Schatten am Himmel und versteckt sich. Wenn der Vogel daraufhin das erste, unvorsichtige Wiesel schlägt, so hat in dieser Episode der Kampf im wörtlichen Sinn zwischen dem Habicht und dem ersten Wiesel stattgefunden. Der »Kampf ums Dasein« aber wurde in dieser Szene zwischen den beiden Wieseln ausgetragen und entschieden, obwohl sie sich nicht einmal gesehen haben.

Über den Erfolg im Evolutionsablauf entscheiden nicht Waffen, sondern sehr viel feinere, zukunftsträchtigere Neuerungen. Etwa eine geschicktere Sicherungsstrategie wie im Wiesel-Beispiel. Oder ein neues Enzym, das es gestattet, auf eine neue, bisher von keinem Konkurrenten benutzte Nahrungsquelle auszuweichen. Oder eine andere, zunächst womöglich sinnlos erscheinende Mutation, die eines Tages durch einen Wechsel der Umweltkonstellationen nachträglich zur erfolgversprechenden Neuerung wird. Fälle dieser Art hatten wir am Beispiel des Albinismus und der Warmblütigkeit schon erörtert.

Überhaupt muß man sich einmal klarmachen, daß die aus der Evolution hervorgegangene riesige Zahl verschiedener Arten, von der Mücke bis zum Elefanten, vom Skorpion bis zum Adler, gerade das Resultat einer ausgesprochenen Konfliktvermeidungsstrategie ist. Wo immer sich die Möglichkeit bietet, eine neue »Nische« in der Umwelt zu besetzen, in der man von Konkurrenten einigermaßen unbehelligt existieren kann, beginnt der Selektionsdruck in Richtung auf eine Anpassung an eben diese Nische, diese neuartige Konstellation von Umweltbedingungen zu wirken.

Die Kreativität der Evolution ist also nicht die Folge durch permanenten, konkreten Kampf herbeigeführter Entscheidungen, sondern ganz im Gegenteil das Ergebnis der vorherrschenden Tendenz, dem Konkurrenzdruck und damit potentiellen Konflikten durch das Ausweichen in immer neue Anpassungsformen aus dem Wege zu gehen. Die unübersehbare Zahl der verschiedenen Tierarten, die heute die Erde erfüllen, läßt Rückschlüsse zu auf die Zahl der Fälle, in denen dieser Versuch erfolgreich verlief.

Es gibt, wie abschließend noch festgestellt sei, tatsächlich auch legitime Parallelen zwischen den sich in der Evolution abspielen den Prozessen einerseits und Abläufen im zivilisatorisch-kulturellen Bereich auf der anderen Seite. Das trifft vor allem auf bestimmte technische Entwicklungen zu. Die Analogien sind hier so konkret, daß sogar erfolgreiche Versuche unternommen werden konnten, technische Entwicklungsprobleme mit Hilfe von Strategien zu lösen, die der Evolution abgeguckt sind[47].

Auch in diesen Fällen aber haben nun die Prozesse, welche die Einführung einer neuen Variante herbeiführen und einen Vorgängertyp »aussterben« lassen, nicht die geringste Ähnlichkeit mit jener Form der Auseinandersetzung, die der insofern höchst unglückliche Begriff vom »Kampf ums Dasein« zugegebenermaßen suggeriert.

Die Dampfschiffe haben im »Kampf ums Dasein« auf den Weltmeeren ohne Frage gesiegt. Sie haben den Großsegler »aussterben« lassen. Aber doch nicht in der Weise, daß sie ihn durch Rammstöße beseitigt hätten. Eine technische Innovation (»Mutation«), nämlich die Erfindung der Dampfmaschine, und die Nutzbarmachung der Kohle als Energiequelle ließen vielmehr einen neuen Schiffstyp entstehen, der von da ab bevorzugt »ausgelesen« (in Auftrag gegeben) wurde, weil er den Anforderungen des weltweiten Seehandels besser angepaßt war.

Wer weiß, ob damit schon das letzte Wort gesprochen ist. Vielleicht könnte eine weitere Änderung der Umweltbedingungen, etwa die völlige Erschöpfung fossiler Energiequellen, den Bewertungsmaßstab der »Auslese« abermals völlig umkrempeln. Vielleicht erleben wir dann doch noch eine Renaissance des vom Wind kostenlos angetriebenen Schiffstyps, der sich heute nur noch in speziellen Anpassungsformen, vor allem als Sportboot, hat behaupten können. Nicht einmal in der Technik also gibt es ausschließlich von vornherein festliegende, planmäßig anzu steuernde Ziele. Auch da entscheidet das Angebot der Umwelt.

Kapitel 10

Falsche Propheten

Es ist vollkommen unmöglich, sämtliche Einwände aufzuzählen, die heute von Außenstehenden noch immer gegen die Erklärungskraft der Evolutionstheorie angeführt werden. Die wichtigsten dürften zur Sprache gekommen sein. Mir ist nicht ein einziger von der Wissenschaft ernstgenommener Autor bekannt, der heute noch daran zweifelt, daß die Darwinsche Erklärung im Grundsatz richtig ist. Alle Entdeckungen seit den Tagen Darwins — und man bedenke nur das Ausmaß dieser Entdeckungen allein in den zu Darwins Zeiten noch völlig unbekannten Disziplinen Genetik und Molekularbiologie — haben sie immer aufs neue bestätigt und ihr nicht in einem einzigen Falle widersprochen.

Das heißt nicht, daß alle aus dem Phänomen der Evolution sich ergebenden Fragen heute schon beantwortet wären. Wie überall und grundsätzlich in der Wissenschaft gilt auch auf diesem Gebiet, daß die Forschung nicht abgeschlossen ist und wahrscheinlich auch in aller Zukunft nicht abzuschließen sein wird. Die Zahl der noch offenen Teilprobleme und Einzelfragen ist nach wie vor schier unübersehbar.

Selbst ohne aktuellen Hinweis auf eine solche Möglichkeit ist es ferner nicht prinzipiell auszuschließen, daß das Konzept der heute vorliegenden Evolutionstheorie eines Tages durch die Entdeckung eines neuen Evolutionsfaktors erweitert oder modifiziert wird. Auch bei diesem neuen Faktor aber könnte es sich wieder nur um ein objektives, naturwissenschaftlich faßbares Prinzip handeln. Und auch eine solche, im Augenblick völlig hypothetische Entdeckung würde die Evolutionstheorie in ihrer heutigen Fassung zwar weiter verbessern, aber nicht mehr widerlegen. So, wie auch Einsteins allgemeine Relativitätstheorie Newtons geniale Gravitationstheorie weiterentwickelt hat, ohne sie etwa ungültig werden zu lassen.

Es ist auch kein Widerspruch zu dem bisher Gesagten, wenn in der ganzen Welt zahlreiche Forscher all ihren Ehrgeiz daransetzen, bestimmte Einzelaspekte der Evolutionstheorie in Frage zu stellen, nach Widersprüchen zwischen einzelnen Aussagen zu suchen und nach Sachverhalten, die sich mit der Theorie in ihrer heutigen Form womöglich doch nicht vereinbaren lassen. Genau auf diese Weise vollzieht sich der Fortschritt der Wissenschaft.

Der berühmte Wissenschaftstheoretiker und Philosoph Karl R. Popper hat die Tendenz, die eigenen Resultate und Erkenntnisse ständig in Frage zu stellen und den Versuch zu machen, sie zu widerlegen, sogar als den eigentlichen Kern aller wissenschaftlichen Arbeit bezeichnet. Das mag einseitig und zugespitzt formuliert sein. Ein Wissenschaftler aber, der die ständige Bereitschaft zu selbstkritischem In-Frage-Stellen des bisher Gewußten aufgäbe, verlöre seine Kreativität und geriete in Gefahr, ideologischem Denken anheimzufallen.

Konrad Lorenz hat das gleiche Prinzip gelegentlich durch die Feststellung umschrieben, der gesundeste Frühsport für einen Wissenschaftler bestehe immer noch darin, jeden Morgen nach dem Frühstück eine Lieblingshypothese (versuchsweise) über Bord zu werfen. Die Empfehlung ist im Prinzip sicher richtig, als Rezept jedoch kaum allgemein praktizierbar. Denn um diese Art von Frühsport einigermaßen regelmäßig durchhalten zu können, bedarf es eben auch eines Ideenvorrats Lorenzschen Ausmaßes. Aber es ist klar, worauf die Pointe abzielt.

Die damit kurz skizzierte Situation in der Evolutionsforschung ist also keineswegs Ausdruck etwa noch bestehender Zweifel an der grundsätzlichen Richtigkeit des bisher Erreichten. Sie ist vielmehr charakteristisch für alle Wissenschaft. Absolute Wahrheit gibt es da in keinem Falle. Auch die am besten gesicherte Kenntnis behält immer den Charakter einer Theorie. Im günstigsten Falle eben den einer bewährten Theorie, der man weitgehend vertrauen kann.

Absolutes Vertrauen verdient in den Augen eines Wissenschaftlers keine einzige. Keine von ihnen darf jemals den Charakter eines jeglicher kritischen Überprüfung enthobenen Dogmas annehmen. Jede Theorie muß sich jederzeit durch neue Entdeckungen oder Einfalle überprüfen und gegebenenfalls korrigieren lassen. Das ist im Grunde leicht einzusehen. Denn nur durch die Erweiterung und »Überholung« der bis heute erarbeiteten Theorien und Erkenntnisse kann die Wissenschaft weiter fortschreiten und sich der — letztlich niemals vollständig erreichbaren — Wahrheit dieser Welt Schritt für Schritt weiter nähern.

Die Zahl der offenen Fragen, der zu weiterer geduldiger Suche einladenden Probleme ist also nach wie vor groß. Beherrscht von der Furcht, daß ein vollständiger »Sieg« der wissenschaftlichen Forschung jegliche Möglichkeit einer sich außerhalb der materiellen Ebene begründenden Sinngebung ausschließen könnte, klammern sich viele Menschen an diese ihnen tröstlich erscheinende Tatsache. Wer ernstlich damit rechnet, daß die Welt sich eines Tages rational restlos entschlüsseln lassen wird, der hat in der Tat allen Grund zur Furcht. Wer im stillen den Verdacht hegt, daß die Welt sich unter dem Zugriff der Wissenschaft einst als kausal lückenlos determiniert erweisen werde, muß dazu neigen, die Ergebnisse dieser Wissenschaft bereits abzulehnen, bevor er sie überhaupt kennt. Schon die bloße Möglichkeit eines solchen Endergebnisses wissenschaftlicher Forschung würde zu der Anerkennung auch der Möglichkeit zwingen, daß sich Begriffe wie Willensfreiheit, moralische Verantwortung oder auch der eines Sinns der Welt oder des eigenen Lebens als bloße Illusionen erweisen könnten.

Nun haben wir allerdings schon erste Gründe kennengelernt (weitere werden noch zur Sprache kommen), die dieser Aussicht widersprechen. Illusionär sind nicht die Möglichkeiten der Sinnfindung oder der Willensfreiheit (wenn umgekehrt auch wissenschaftlich nicht beweisbar). Illusionär ist in Wirklichkeit heute längst die Furcht vor der Möglichkeit ihrer wissenschaftlichen »Widerlegung«. Denn die Welt ist nicht kausal determiniert. Der Laplacesche Dämon ist endgültig abgesetzt. Der Alptraum ist in Wahrheit längst vorüber. Es hat sich, wie es scheint, bloß noch nicht genug herumgesprochen.

Von außen betrachtet ergibt sich damit eine eigentümlich paradox wirkende Situation. Die Philosophie ist es doch gewesen, die über die Jahrhunderte hinweg — neben anderen — die Möglichkeit einer mechanistisch, kausal-determiniert zu interpretieren den Welt diskutiert hat. Es blieb ihr, sozusagen, nichts anderes übrig, als auch dieses Weltmodell in ihrer Tradition zu bewahren. Philosophisch ließ sich der Fall nun einmal nicht entscheiden.

Nun ist zwar zuzugeben, daß sich das Selbstverständnis der Naturwissenschaft in einer jetzt mehrere Generationen zurückliegenden Epoche vorübergehend vor allem mit dieser einen Möglichkeit identifizierte. Im Verlaufe ihrer selbstkritischen Weiterarbeit hat aber diese selbe Wissenschaft inzwischen, und, wie es seit einigen Jahren scheint, ein für alle Male, nachweisen können, daß der Laplacesche Dämon bloß ein Gespenst war (s. S. 80). Trotzdem fürchten sich noch immer viele Menschen vor ihm. Und zwar, das ist das Paradoxe an der Sache, weil sie eine Beschäftigung mit den Argumenten der Naturwissenschaft aus Angst vor einer Möglichkeit ablehnen, die aufgrund eben dieser Argumente längst gegenstandslos geworden ist. Offenbar haben auch Naturwissenschaftler für die Sünden ihrer Väter bis ins dritte oder vierte Glied zu büßen. In dieser ein wenig verworrenen Situation finden nun »religiöse« Propheten Gehör, die den Leuten einreden, daß es eine deutlich sichtbare, eine sozusagen mit Händen zu greifende Grenze gebe, an welcher der allen Sinn unter sich begrabende Fortschritt der Wissenschaft endgültig zum Halt kommen müsse. Im Verständnis dieser Propheten und ihrer Anhänger scheint es sich dabei um eine Grenze zu handeln, die die Welt säuberlich in zwei Hälften teilt: in eine Hälfte, die von der Naturwissenschaft mit Erfolg naturgesetzlich erklärt worden ist, und eine andere Hälfte, in die einzudringen der Naturwissenschaft für alle Zeiten unmöglich sein soll, weil es in ihr angeblich nicht mehr naturgesetzlich zugeht.

In der ersten Hälfte hat, vom Standpunkt der Sinnerfüllung aus gesehen, die Wissenschaft sozusagen nichts als verbrannte Erde hinterlassen. Sie ist der mechanistische (oder, wie es meist heißt: der »materialistische«) Teil der Welt, der Teil, den man im Verlaufe der Zeit trotz heftigen Widerstands aufgeben, den man der Wissenschaft anheimfallen lassen mußte. Auf der anderen Seite der Grenze aber kann man sich sicher fühlen. Dort regieren Gesetze, die sich der Wissenschaft für immer verschließen werden, weil sie nicht mehr natürlicher, sondern übernatürlicher Art sind. Das bloße Vorhandensein dieser zweiten Hälfte aber beweise, das ist die hinter der ganzen Argumentation steckende Verheißung, die Existenz nicht nur von Willensfreiheit, von Sinn und Ziel der Schöpfung, sondern letztlich sogar auch die Existenz Gottes.

So etwa ließe sich die bereits ausführlich beschriebene Position des Vitalismus und der ihm verwandten Anschauungen (vor allem die des »Kreationismus« und der ihm verwandten Anschauungen zusammenfassen. Worin ihre theoretischen und logischen Mängel bestehen, wurde schon erörtert. Daß sie dem Selbstverständnis der modernen Wissenschaft um etwa 100 Jahre hinterherhinkt, ebenfalls. Trotzdem kann man diese geistige Richtung auch heute noch nicht mit einem Achselzucken übergehen. Denn sie findet in Laienkreisen noch immer ungebrochen Anklang, und ihre Behauptung, Gott selbst beweisen zu können, stellt eine Versuchung dar, vor der nicht einmal kirchliche Kreise gefeit sind[48].

Deshalb sollen hier die wichtigsten Gründe zusammengestellt werden, die belegen, daß die genannte Geistesrichtung, welche die Theologie zu verteidigen glaubt, die Theologie in Wirklichkeit ruiniert. Mit den Gründen sind nicht die Ursachen gemeint, die zu derart ruinösen Konsequenzen führen. Sie liegen auf der Hand. Wenn die Voraussetzungen so mangelhaft sind wie im Fall der vitalistischen Ideologie, dann können alle aus ihnen abgeleiteten Folgerungen ungeachtet aller womöglich angewandten Sorgfalt ebenfalls nur miserabel sein. Das braucht nicht extra bewiesen zu werden.

Ich will vielmehr versuchen zu zeigen, daß die vitalistischen Schlußfolgerungen, die vielen Menschen eben deshalb so anziehend erscheinen, weil sie durch sie ihren religiösen Glauben vermeintlich gestützt und bestätigt finden, in Wahrheit gerade aus religiösen Gründen abzulehnen sind. Im folgenden geht es also nicht mehr um eine wissenschaftliche Beweisführung, sondern um den Versuch, die Thesen der Vitalisten von einem religiösen Standpunkt aus kritisch zu überprüfen.

Wir müssen dabei mit der Grenze beginnen, von der soeben die Rede war. Der Glaube an ihre Existenz ist als das Axiom, die Grundlegung des Vitalismus anzusehen. Darin immerhin ist er dem Fundamentalismus einen Schritt voraus, daß er bereit ist, den unbelebten Teil der Welt der Wissenschaft zu überlassen. Die Gewißheit von hinreichend offenem Gelände (sprich: offenen Fragen) im Rücken, läßt er ungeachtet der Notwendigkeit ständigen Rückzugs nicht ab von seiner Überzeugung, in jener Hälfte der Welt zu stehen, die von übernatürlichen Gesetzen regiert wird und eben dadurch ihren Schöpfungscharakter unübersehbar offenbart.

Das ist der Angelpunkt. Der Entwurf übt nicht zuletzt deshalb auf viele Menschen eine starke Anziehungskraft aus, weil er einen kaschierten Gottesbeweis zu enthalten scheint. Eben der unübersehbare Schöpfungscharakter der von ihnen gleichsam besetzten Welthälfte ist in den Augen wohl der meisten Vitalisten zugleich auch ein handgreiflicher Beleg für die Existenz des Schöpfers.

Was ist dagegen nun vom religiösen Standpunkt aus einzuwenden? Zum ersten dies: Der Vitalist übersieht völlig, daß er den Gott, dessen er mit seiner Beweisführung in der belebten Hälfte der Natur habhaft zu werden hofft, mit derselben Methode aus der unbelebten Hälfte der Welt vertreibt. Er selbst also vollzieht in Wirklichkeit das, was er ursprünglich der Wissenschaft unterstellte, nämlich die Anerkennung einer »Hinauserklärbarkeit« Gottes aus dem Universum.

Da hilft kein Deuteln und kein Drumherumreden. Aus Gründen der Logik ist das eine ohne das andere nicht zu haben. Wenn ich die Unerklärbarkeit in dem einen Falle unterstelle und zum Beweis göttlicher Anwesenheit erkläre, muß ich die Erklärbarkeit im anderen Falle als Kriterium der Abwesenheit Gottes gelten lassen. Je überzeugender mir die Existenz des Schöpfers angesichts der Unerklärbarkeit bestimmter Naturphänomene offenbar zu werden scheint, um so fester muß gleichzeitig meine Überzeugung werden, daß erklärbare Naturphänomene auch ohne Gott funktionieren — oder doch wenigstens in einer größeren Ferne von ihm.

Auf diese Weise vertreibt der Vitalist den Schöpfer des Universums aus unserer Alltagswelt in entlegene Schlupfwinkel. In den subatomaren Bereich der Kernpartikel, da deren Welle-Korpuskel-Zwitternatur (siehe S. 80) für uns unerklärlich ist. In submikroskopische Bereiche des Zellkerns, dorthin, wo der molekulare Codierungsmechanismus wirksam ist, den Wilder Smith für nicht mehr auf natürliche Weise erklärbar hält. Oder in die Nierenkanälchen, in denen sich jene Konzentrationsprozesse abspielen, die nach Ansicht von Wolfgang Kuhn den Naturgesetzen zuwiderlaufen[31].

Das mag, der Deutlichkeit halber, zugespitzt formuliert sein. Falsch ist es nicht. Wenn ich behaupte, daß ich Gott in der (angeblichen) Unerklärbarkeit bestimmter Phänomene besonders nahe bin, kann ich den Umkehrschluß nicht zurückweisen, daß ich ihm dann besonders fern sein muß, wenn ich es mit mir verständlichen Phänomenen zu tun habe. Die Lebensentstehung erscheint im Lichte dieser Auffassung daher als Folge und Beweis göttlicher Schöpfung, die Entstehung des Sonnensystems dagegen nicht.

Der Vitalist übersieht, daß er mit der von ihm so hartnäckig propagierten Grenze eine zweifache Trennung vornimmt. Er zerlegt die Welt nicht nur in einen rational auflösbaren und einen überrationalen Bereich, sondern zugleich damit auch in eine Hälfte, die sich uns unübersehbar als göttliche Schöpfung darbietet, und eine andere, bei der das in dem gleichen Sinne offenbar nicht der Fall ist. Noch einmal: Wer die zuletzt genannte Konsequenz nicht akzeptieren will, muß die Beweiskraft der ersten Behauptung entsprechend zurücknehmen. Größere Nähe Gottes in dem einen Bereich ist unweigerlich gleichbedeutend mit seiner geringeren Nähe in dem anderen.

Die Welt des Vitalismus entpuppt sich bei näherer Betrachtung also als ein Kosmos, der nicht in allen seinen Teilen in gleichem Maße als göttliche Schöpfung wunderbar ist. Oder, andersherum: als eine Welt, in der es Phänomene gibt, die ihren Charakter als göttliche Schöpfung dadurch verraten, daß sie zu ihrer Existenz oder ihrer Funktion einer transzendentalen Hilfe bedürfen, und andere, die sozusagen auf Gott nicht (in dem gleichen Maße) angewiesen sind, weil sie aus sich selbst heraus funktionieren können. Es bedarf keiner näheren Begründung, warum eine solche Unterscheidung religiös inakzeptabel ist. Wenn Gott die Welt geschaffen hat, dann hat er die ganze Welt geschaffen, in allen ihren Teilen, in der gleichen göttlichen Weise, ohne Einschränkungen oder qualitative Unterschiede.

Aber es kommt noch schlimmer. Die Grenze, an welcher der Vitalist seine Weltanschauung aufhängt, ändert permanent ihren Verlauf. Sie unterliegt einem historischen Wanderungsprozeß. Der Erkenntniszuwachs der Naturwissenschaft bringt es mit sich, daß sie sich immer weiter in den Bereich des noch Unerklärten hinein verschiebt. Daraus ergäbe sich dann die Folgerung, daß der Einflußbereich des Schöpfers und Erhalters der Welt offenbar fortlaufend abnimmt. Eine wahrhaft groteske Folgerung.

Sie ist aber unabweislich. Der wissenschaftliche Fortschritt vergrößert die Zahl der Naturerscheinungen, die erklärbar sind, die also »ohne Gott funktionieren«. Aufs Ganze gesehen mag ihre Zunahme noch so winzig sein. Sie bleibt eine Tatsache. Daraus aber folgerte dann, daß der Einflußbereich des Schöpfers abhängig wäre vom jeweiligen Stand der Forschung etwa in der Biochemie oder in der Molekularbiologie oder in irgendeinem anderen naturwissenschaftlichen Fach.

Wenn das stimmte, dann wäre Gott also zu Lebzeiten Kants noch im Sonnensystem erkennbar gewesen, bis zur Entdeckung Wöhlers immerhin noch in der organischen Chemie, während unsere heutige Wissenschaft ihn bereits bis in den molekularen Mikrokosmos hinein vertrieben hätte. In dieser Weltanschauung, welche die Religion zu verteidigen vorgibt, wird Gott in Wirklichkeit also »zentimeterweise gemordet«, wie es ein englischer Philosoph treffend ausdrückte[49].

Wenn die Voraussetzungen der vitalistischen These stimmten, wäre das der Fall. Glücklicherweise stimmen sie nicht. Warum sie wissenschaftlich und logisch unhaltbar sind, braucht nicht wiederholt zu werden. Hier geht es allein um den Nachweis, daß die Propheten, die sich der Kirche aus diesem Lager andienen, falsche Propheten sind, mit denen die Kirche sich in ihrem eigenen Interesse nicht einlassen sollte.

Mobil ist die Grenze zwischen dem vom Menschen Verstandenen und dem noch Unbegriffenen übrigens nicht nur im Rahmen der Geschichte menschlicher Erkenntnis. Sie bewegt sich nicht erst seit den wenigen Jahrtausenden, seit denen es diese Geschichte gibt. Auf einer anderen Ebene ist sie schon seit unvergleichlich viel längerer Zeit in Bewegung. Das Unerklärliche gab es von jeher in zweierlei Gestalt. Einmal als das noch nicht Durchschaute, als das, was, obwohl grundsätzlich begreifbar, noch nicht entdeckt war. Als Beispiel könnte das Verhältnis aller uns vorausgegangener Generationen zur Rückseite des Mondes dienen oder auch die Verborgenheit des genetischen Codes bis zu seiner Entdeckung durch Crick und Watson im Jahre 1953. Zum anderen existiert außerdem noch das grundsätzlich Unbegreifbare. Als beispielhaftes Symbol für diese Kategorie könnte der von Sternen erfüllte Weltraum dienen, dessen grenzenlose Endlichkeit oder endliche Grenzenlosigkeit uns aus ganz anderer Ursache paradox erscheint als aus einem Mangel an grundsätzlich beschaffbaren, lediglich noch nicht herbeigeschafften Informationen. Hier wird eine Grenze sichtbar, über die hinaus wir nichts zu begreifen in der Lage sind, weil hinter ihr Bereiche der Welt liegen, auf welche die Strukturen unserer Anschauung und unseres Verstandes nicht mehr passen.

Auch an dieser Grenze aber läßt sich das vitalistische Argument nicht zuverlässig befestigen. Denn sie bewegt sich ebenfalls. Nicht merklich in historischer Zeit. Aber können wir daran zweifeln, daß sie für den Neandertaler oder noch frühere Ahnen unseres Geschlechts an anderer Stelle verlief als für uns heutige? Läßt sich bezweifeln, daß der Bereich des grundsätzlich Unbegreiflichen in der Welt des Neandertalers größer gewesen sein muß als in der unseren? Und sollen wir deshalb nun etwa annehmen, Gott sei in dieser vergangenen Welt unserer Stammesahnen gegenwärtiger gewesen als heute?

Der Einwand gilt ebenso in umgekehrter Richtung, hinsichtlich der Zukunft. Da sich kein Grund für die Annahme finden läßt, daß die Evolution nach vier Milliarden Jahren gerade heute, nach der Hervorbringung des Menschen in seiner jetzigen Gestalt, zum Stillstand gekommen wäre, haben wir uns als die Neandertaler der Zukunft anzusehen. Sollen wir deshalb etwa für glaubhaft halten, daß unsere Nachfahren, die uns eines fernen Tages rückblickend so sehen werden, der Macht Gottes im Vergleich zu uns in dem Maße entwachsen sein werden, in dem ihre Gehirne die unseren an Leistungsfähigkeit übertreffen?

In Voraussetzungen, die zu solch absurden Folgerungen führen, muß ein Denkfehler stecken. Im vorliegenden Falle scheint er mir in einer verhüllten Variante des tief in uns allen sitzenden anthropozentrischen Vorurteils zu bestehen. Es ist uns angeboren. Daran können wir nichts ändern. Aber wir sollten von der uns ebenfalls angeborenen Möglichkeit Gebrauch machen, es selbstkritisch von Fall zu Fall zu überwinden, auch wenn das schwerfällt.

Es ist buchstäblich Blut geflossen, bevor es einigen kritischen Köpfen schließlich gelang, die Menschen von der Überzeugung zu befreien, der ganze Fixsternhimmel drehe sich um sie als die Mitte des Universums. Unsere Sprache gestattet uns die Beschreibung von Vorgängen allein in der Form von Aussagen über das Tun oder Erleiden von Subjekten, weil allein dies unserem eigenen Erleben entspricht, in dem sich die ganze Welt als perspektivisch auf den Erlebenden hin geordnet spiegelt[50]. Wir sprechen daher selbst einem Stein die Fähigkeit zu, »zerspringen zu können«, ohne die animistische Komponente dieser den Sachverhalt insofern verfälschenden Formulierung in der Regel überhaupt zu bemerken. Und auch der Widerstand gegen Darwins Entdeckung speist sich zu einem nicht geringen Teil aus dem verbreiteten Widerstreben, die Überzeugung von der grundsätzlichen Andersartigkeit des Menschen gegenüber allen anderen Formen irdischen Lebens fahrenzulassen.

In verschleierter Form hat dieses uns angeborene anthropozentrische Vorurteil nun auch in der vitalistischen These seinen Niederschlag gefunden. Denn die Grenze, auf die sie sich beruft, existiert in der objektiven Welt eben gar nicht. Sie ist definiert allein durch den Horizont, bis zu dem unser Verstand die Welt begreifen kann, und sie erweitert sich mit ihm im Ablauf der historischen und der stammesgeschichtlichen Zeit. Wer sich auf den trügerischen Boden der vitalistischen Position locken läßt, der fällt folglich auch nur wieder auf eine Projektion seines eigenen Geistes herein. Er hält für objektive Realität, was in Wahrheit sein eigenes Produkt ist.

Das heißt: Gegen die hier kritisierte Ideologie ist vor allem einzuwenden, daß sie, unreflektiert, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, den Menschen wieder einmal zum Maß aller Dinge macht. Daß sie, konkret, den Wirkungsbereich einer von ihr gleichwohl als »allmächtig« angesehenen Instanz an die Reichweite des eigenen Intelligenzquotienten koppelt. Daß sie, mit anderen Worten, also den Versuch darstellt, Gott nach dem Ebenbilde des Menschen zurechtzuschneidern. In der Tat: falsche Propheten, falsche Freunde der Kirche.

Kapitel 11

Evolution als Schöpfung

Es wird Zeit für den Versuch einer Zwischenbilanz. Wohin hat uns der bisherige Weg geführt? Wie sieht die Plattform aus, die wir erreicht und die wir als Ausgangsbasis für unser weiteres Vorgehen anzusehen haben?

In den bisherigen Kapiteln wurde das Bild der Welt skizziert, wie es die Naturwissenschaft bis heute aus der Fülle ihrer Beobachtungen und Feststellungen zusammengesetzt hat. Das konnte ungeachtet aller Ausführlichkeit selbstverständlich nur in den aller gröbsten Umrissen geschehen, unter Beschränkung auf die für unsere Überlegungen wichtigsten Gesichtspunkte.

»In den allergröbsten Umrissen« — das heißt unter anderem auch, daß jemand, der noch einen Einwand gegen das hier skizzierte Weltbild in der Hand zu haben glaubt, der nicht zur Sprache kam, deshalb nicht schon annehmen darf, auf sein Bedenken gebe es keine Antwort. Wenn er mit Geduld und gutem Willen sucht, wird er die Antwort in einem der in den Anmerkungen zu diesem Zweck genannten Bücher schon finden. Hier ist einfach nicht der Platz für lückenlose Vollständigkeit.

Ich behaupte gleichzeitig, daß das hier skizzierte naturwissenschaftliche Weltbild richtig ist, daß es »stimmt«. Was heißt das? Daß es mit »der Wahrheit« über die Welt nicht identisch sein kann, wurde schon festgestellt. (Die Begründung wird in etwas anderem Zusammenhang noch nachgeliefert.) Daß es aber, andererseits, dieser Wahrheit näherkommt als alle anderen, vorangegangenen Entwürfe aus früheren Epochen der menschlichen Ideengeschichte, ist ebensowenig zweifelhaft.

Damit aber ist für unsere Überlegungen etwas Entscheidendes gesagt: Von diesem Weltbild, das die heutige Naturwissenschaft entworfen hat, führt kein Weg mehr zurück. Es ist unvollständig und vorläufig. Es bedarf der Weiterentwicklung durch unaufhörliche, kritische Überprüfung, die jedes seiner Details immer aufs neue in Frage stellt. Zukünftiger wissenschaftlicher Fortschritt wird es weiter und weiter hinter sich zurücklassen. Aber für alle Zukunft gilt auch, daß es nicht mehr insgesamt aufhebbar ist. Daß es niemals mehr einfach als »falsch« in toto verworfen werden kann.

Betrachten wir ein typisches Beispiel. Die Einsteinsche Entdeckung eines Zusammenhangs zwischen Raumgeometrie und Massenkonzentrationen hat uns eine völlig neue Theorie zum Verständnis des Wesens der Schwerkraft beschert: Vergleichsweise winzige Planeten laufen deshalb auf Kreisbahnen um vergleichsweise riesige Sonnen, weil diese mit ihrer Masse die Geometrie des sie umgebenden Raums so deformieren, daß die beobachteten planetaren Umlaufbahnen zu den kürzesten Wegen werden, denen ein Körper mit entsprechend geringerer Masse in einem auf diese Weise »gekrümmten« Raum folgen kann. Anders gesagt: Ein Planet folgt deshalb einer Kreisbahn um sein Zentralgestirn, weil diese unter den geschilderten Umständen einer »geodätischen« Linie entspricht, also der Linie, der ein bewegter Körper folgt, wenn er nicht durch äußeren Einfluß von seinem Trägheitskurs abgelenkt wird.

Das alles wäre nichts als bloße Spekulation, leistete diese Theorie nicht mehr als die klassische Gravitationstheorie Newtons. Sie erklärt alles, was Newton mit seiner Theorie auch erklären konnte. Aber sie erklärt darüber hinaus auch noch Phänomene, die im Licht der Newtonschen Lehre unverständlich geblieben waren: bestimmte Eigentümlichkeiten der Bahnbewegung des Merkur (dessen sogenannte Perihelbewegung), die Ablenkung des Lichts im Schwerefeld der Sonne (die aufgrund einer entsprechenden Vorhersage Einsteins überhaupt erst entdeckt wurde) und einige andere Erscheinungen.

Einstein hat Newton also zwar überholt und dessen Theorie hinter sich gelassen. Widerlegt aber hat er Newton nicht. Denn die Formeln, mit denen Newton die Bewegung der Planeten am Himmel erfaßte, gelten nach wie vor. Die Steuerungscomputer unserer Raumsonden werden mit ihrer Hilfe programmiert.

Das Verhältnis zwischen der Newtonschen und der Einsteinschen Theorie ist daher nicht das von »falsch« und »richtig«. Einsteins Erkenntnis hat die Situation eines Körpers in einem Schwerefeld lediglich präziser, unter Einschluß eines größeren Spielraums von Möglichkeiten (z. B. sehr großer Massenunterschiede, sehr hoher Geschwindigkeiten) erfaßt, als das Newton zu seiner Zeit möglich war. Einstein ist der »Wahrheit« des Kosmos damit ein Stückchen näher gekommen als irgendein Mensch vor ihm. Newtons Erklärung aber ist dadurch nicht falsch geworden. Sie wirkt im Licht der neuen Erkenntnis, rückblickend betrachtet, lediglich weniger umfassend, nicht in so weitem Rahmen gültig wie die neuere Erkenntnis. Sie ist durch wissenschaftlichen Fortschritt in die Rolle einer Theorie versetzt worden, die eine kleinere, speziellere Zahl von Phänomenen zu erklären vermag als das neuere Konzept.

Ähnlich verhält es sich nun in allen anderen Fällen naturwissenschaftlichen Fortschritts. Auf der Strecke bleiben lediglich die bloßen Spekulationen, die ad hoc erfundenen Hypothesen (von denen es natürlich auch in der Naturwissenschaft zu allen Zeiten gewimmelt hat). Jede Theorie aber, mit der es jemals gelungen ist, auch nur ein einziges, noch so winziges Beobachtungsdetail wirklich zu erklären, hat eben dadurch den Beweis erbracht, daß sie ein kleines Stückchen der Wirklichkeit richtig erfaßt hat. Das aber wird nachträglich durch keinen Fortschritt jemals wieder aufgehoben.

Die mythisch-animistischen Spekulationen, mit denen die Menschen der Steinzeit Vorgänge am nächtlichen Sternenhimmel zu erklären versuchten, interessieren heute allenfalls noch einen Prähistoriker oder Psychologen. Mit dem Steinzeitobservatorium aber, das sie vor mehr als drei Jahrtausenden bei Stonehenge in England bauten, läßt sich die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Mondfinsternis heute noch ermitteln: Die Periodizität des Umlaufs des sogenannten Mondknotens (des Schnittpunkts zwischen Sonnen- und Mondbahn am Himmel) und ihren Zusammenhang mit dem Erscheinen von Finsternissen hatten sie offensichtlich weitgehend richtig erkannt (wenn sie natürlich auch nicht die geringste Ahnung von den realen Vorgängen hatten, die dieser Periodizität zugrunde liegen)[51].

Wir sind nun, wie bereits erwähnt, nichts anderes als die Steinzeitmenschen einer Zukunft, die unser heutiges Wissen unvorstellbar weit hinter sich lassen wird. Wir haben daher allen Grund, unser heutiges naturwissenschaftliches Weltbild mit der dieser objektiven Situation angemessenen Bescheidenheit zu beurteilen. Trotzdem dürfen auch wir davon ausgehen, daß es keinem noch so unvorstellbaren wissenschaftlichen Fortschritt gelingen wird, die unserer Erkenntnisse wieder aufzuheben oder gegenstandslos werden zu lassen, die sich in Beobachtung und Experiment bewährt haben.

Deshalb eben gibt es von unserem heutigen naturwissenschaftlichen Weltbild kein Zurück. So lückenhaft es ohne allen Zweifel ist, so formuliert es doch gewissermaßen Minimalbedingungen, die unser Denken und Spekulieren zu respektieren hat, wenn wir Wert darauf legen, daß es einen Sinn haben soll. So überwältigend unsere Ignoranz angesichts der Größe des Kosmos auch immer sein mag, dem wenigen, das wir wissen, dürfen wir geistig nicht zuwiderhandeln, wenn unser Denken nicht zu bloßem Aberglauben verkommen soll.

Das gilt auch für religiöse Aussagen. Es gilt ebenso für die sprachlichen Formulierungen und Bilder, mit denen Theologen den Gehalt der von ihnen vertretenen Religion Anhängern oder Außenstehenden verkünden, also verständlich machen wollen. Nichts gegen metaphorische oder mythologische Umschreibungen anders nicht aussagbarer Inhalte![52] Sobald derartige Umschreibungen aber wörtlich gemeint sind oder mißverstanden werden, transportieren sie nichts mehr als reinen Aberglauben. Weil das so ist, sind auch theologische Aussagen dem Prüfstein ausgesetzt, den die vom heutigen naturwissenschaftlichen Weltbild formulierten Rahmenbedingungen für die Möglichkeit sinnvoller Aussagen darstellen. Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, daß die Krise, in der sich insbesondere die christlichen Kirchen heute nach Ansicht vieler ihrer Vertreter befinden, nicht zuletzt darauf beruht, daß sich eben diese Vertreter gegen diese Einsicht sträuben.

Da dieser Prüfstein gilt, halte ich auch die im ersten Kapitel bereits formulierten religionskritischen Einwände für stichhaltig. Sie ergeben sich zwingend aus dem von unserem naturwissenschaftlichen Weltbild gebildeten Rahmen. Daher sind die Einwände in dem gleichen Maße begründet, in dem es in den anschließenden Kapiteln möglich gewesen ist, die (relative) Gültigkeit dieses Weltbildes zu begründen. Deshalb ist zum Beispiel eine kritische Überprüfung des Begriffs »Krone der Schöpfung« zur Bestimmung der Rolle des Menschen im Kosmos durch die Kirche überfällig. Registriert eigentlich niemand in kirchlichen Kreisen, in welchem Maße diese und ähnliche Formulierungen Menschen heute ratlos machen?

Ein Kosmos, der endlich als historischer Prozeß erkannt ist, eine biologische Entwicklungsgeschichte, die (auf der Erde) seit mehreren Jahrmilliarden abläuft (und die gewiß nicht ausgerechnet in unserer Gegenwart abrupt zum Stillstand kommt) — wer den heutigen Menschen vor diesem Hintergrund noch als definitives Endergebnis oder Ziel aller bisherigen kosmischen Geschichte definieren will, der verstößt gegen die Realität in einem Maße, die zunehmend nur noch Verständnislosigkeit erwecken kann.

Man sage nicht, diese Behauptung gebe es nicht. Sie wird gegenwärtig, möglicherweise in einer Art intuitiver Vorsicht, vielleicht nicht mehr so unbefangen und ausdrücklich formuliert wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Dennoch ist das christliche Verständnis von Mensch und Natur bis auf den heutigen Tag von der Überzeugung geprägt, daß sich der ganze Kosmos um den Menschen drehe und daß es darum erst recht in der Heilsgeschichte unter Ausschluß aller übrigen Kreatur einzig und allein um den Menschen gehe.

Wie tief diese Prägung sitzt, läßt sich beispielhaft den Veröffentlichungen von Teilhard de Chardin entnehmen. Ihm gebührt das gar nicht hoch genug anzuerkennende Verdienst, den zu seiner Zeit wahrhaft revolutionären Versuch unternommen zu haben, das Faktum der Evolution in das Gebäude des christlichen Glaubens einzubeziehen. Er ist dabei sehr weit gegangen. So weit, daß seine Kirche, die Revolutionäre nicht liebt, ihn lebenslang hart reglementiert hat.

Aber auch dieser in vielen anderen Dingen so unkonventionell denkende Mann hat in einem bezeichnenden Punkt an der überlieferten Tradition festgehalten. Auch für ihn steht der Mensch noch unverrückbar im Mittelpunkt des kosmischen Geschehens. Nie könne der Mensch, so heißt es bei Teilhard (und er meint damit die ganze Menschheit!), ein vorzeitiges Ende finden … wenn nicht zugleich auch das Universum an seiner Bestimmung scheitern solle. Alle Zukunftshoffnungen der Entwicklung, auch die der Kosmogenese, seien an das Schicksal der Menschheit geknüpft! (Vgl. Anm. [10])

100 Milliarden Galaxien von der Größe unseres Milchstraßensystems allein in dem von uns beobachtbaren Teil des Kosmos — und gleichwohl die Überzeugung, daß das Schicksal dieses Kosmos abhängt vom Lauf der Dinge auf diesem einen Planeten, unserer Erde! In diesem einen Punkt erweist sich auch dieser Revolutionär von seiner theologischen Erziehung irreversibel geprägt. In diesem Punkt ist sein Denken »noch zu sehr von den Falten des Priestergewandes behindert«, wie Giordano Bruno es im Hinblick auf sein großes geistiges Vorbild Nikolaus von Kues bedauernd feststellte. So tief sitzt das!

Man sage auch nicht, das sei ohne Bedeutung, ein Überbleibsel mittelalterlichen Weltverständnisses, das sich ohne nennenswerte Folgen eleminieren oder uminterpretieren lasse. Wie konkret bestimmte Konsequenzen dieses wahrhaft kosmische Dimensionen einnehmenden anthropozentrischen Mißverständnisses in Wahrheit sein dürften, ergibt sich ebenfalls aus dem schon angeführten Text Teilhards.

Der Autor behandelt in dem Kapitel, aus dem das Zitat stammt, den »Endzustand der Erde« und diskutiert verschiedene Möglichkeiten der zukünftigen weiteren Entwicklung. In diesem Zusammenhang zählt er auch die dieser Entwicklung drohenden Gefahren auf, neben der Möglichkeit einer kosmischen Katastrophe vor allem Kriege, Revolutionen und andere Formen menschlichen Versagens. »Auf viele Arten kann es zum Ende kommen«, stellt er fest, um dann aber beruhigend fortzufahren, daß alle diese Gefahren zwar theoretisch möglich, in Wahrheit jedoch ausgeschlossen seien, da wir »eines höheren Grundes wegen sicher sein (können), daß sie sich nicht ereignen werden« (Hervorhebung im Original!).

Und dann folgt die Erläuterung dieses »höheren Grundes« in Gestalt der bereits zitierten Argumente. Hier wird von Teilhard also so etwas wie eine Überlebensgarantie für die Menschheit ausgesprochen mit dem ausschließlichen, für durchschlagend gehaltenen Argument ihrer zentralen kosmischen Stellung!

Wer die Lage der Menschheit in der augenblicklichen Welt bedenkt, die sich wie unbeeinflußbare Naturgewalten aufschaukelnden emotionalen Spannungen zwischen den verschiedenen auf unserem Globus existierenden Ideologien und Kulturen einerseits und die sich unaufhaltsam auf immer zahlreichere Kontrahenten ausbreitende Fähigkeit zum atomaren und chemischen und biologischen »Overkill« andererseits, dem kann die Frage nicht gleichgültig sein, ob diese Menschheit noch die Fähigkeit aufbringen wird, ihre Verantwortung für das eigene Überleben zu erkennen oder nicht. Der wird dazu neigen, den Glauben an seine sich transzendental begründende Überlebensgarantie in dieser Situation für gefährlich zu halten, weil er dazu beitragen könnte, die eigene Verantwortung weiterhin zu verdrängen.

Damit soll keinem Theologen und schon gar nicht dem von mir verehrten Teilhard unterstellt werden, er wolle von dieser Verantwortung ablenken. Die Hinweise sollen lediglich meine Behauptung untermauern, daß sich der Wunsch nach einer Überprüfung der Bestimmung des Menschen als »Krone der Schöpfung« auf ein Problem bezieht, das mehr ist als lediglich eine akademisch-theologische Streitfrage. Und ganz gewiß sollte die Bereitschaft zu dieser Überprüfung nicht erst der Besorgnis vor konkreten Nachteilen entspringen, sondern vor allem dem Bedürfnis intellektueller Ehrlichkeit.

Die Hartnäckigkeit, mit der diese längst überfällige Korrektur eines noch auf ein mittelalterliches Weltbild zurückgehenden Mißverständnisses hinausgeschoben wird, ist nicht ganz leicht zu verstehen. Vielleicht ist sie einfach die Folge jahrhundertelanger Gewöhnung. Sie darf man nicht unterschätzen. Ich sehe jedenfalls nicht, an welcher Stelle der Abschied von einer objektiv als überholt erkannten Interpretation in diesem Falle religiöse Substanz gefährden könnte. Auch unsere Würde geriete dabei nicht in Gefahr. Sie läßt sich auch anders auf unbezweifelbare Weise begründen. Voraussichtlich würde die Neubesinnung uns allerdings zwingen, zumindest in den Vorhof dieser Würde alle andere belebte Kreatur ebenfalls einzubeziehen. Darin aber kann ich keinen Nachteil sehen.

Außerdem erscheint ein längeres Hinauszögern im Interesse der Kirche selbst nicht ratsam. Die Folgen sind schon heute nachweisbar, und sie sind um so beklagenswerter, als sie vermeidbar wären. 1972 ließ die evangelische Kirche vom Allensbacher Institut unter ihren Mitgliedern eine Meinungsumfrage durchführen, in der unter anderem nach den Gründen gefragt wurde, die heute das Glauben erschwerten. Unter den angebotenen Antworten entschieden sich die meisten der Gefragten für das Argument: »Die Naturwissenschaften erklären die Welt ganz anders als das Christentum.«

Zweifelt jemand daran, daß das Unbehagen, das hier zum Ausdruck kommt, seine Ursachen nicht zuletzt auch in der mangelhaften Bereitschaft der Kirche hat, sich von einem objektiv längst überholten mittelalterlichen Weltbild zu lösen? Wer, und sei es aus noch so großer Pietät, darauf beharrt, seine Botschaft in eine Sprache zu kleiden, die einer längst untergegangenen Welt angehört, darf sich nicht wundern, wenn der Verdacht aufkommt, auch der Inhalt der Botschaft selbst könnte von gestern sein.

Es ist niemand unter uns, den die Sprache eines Psalms oder eines alten Kirchenliedes nicht ergriffe. Aber soll es mit dieser Ergriffenheit heute wirklich schon sein Bewenden haben? Sie ist doch nicht mehr als ein schwacher Abglanz der Empfindungen, die jene Menschen erfüllt haben müssen, für die dieselben Texte nicht vor allem Bestandteil einer liebgewonnenen, verehrungswürdigen Überlieferung waren, sondern eine konkrete, aktuelle Aussage.

Warum wagen es die Theologen nicht, in die Glut zu blasen, die da unter der Asche einer archaischen Sprache schwelt, um neu zum Leben zu erwecken, was sich unter einer dicken Schicht historischer Ablagerungen auch heute noch durch seine Ausstrahlung bemerkbar macht? Warum nur immer diese ängstliche Abwehr allen derartigen Ansätzen und Versuchen gegenüber? Warum soviel Kleinmütigkeit bei denen, die doch davon überzeugt sind, im Besitz einer unantastbaren, endgültigen Wahrheit zu sein?[53]

Ganz am Rande hier noch ein weiterer Punkt: Wer der Versuchung nicht widerstehen kann, seine transzendentale Botschaft schlichten Gemütern ganz bewußt mit handgreiflich-faßlichen Formulierungen möglichst attraktiv herzurichten, erweckt bei weniger schlichten Gemütern unweigerlich den Verdacht, die eigentliche Substanz seiner Botschaft könnte womöglich von der gleichen, angreifbaren Qualität sein. Ich spiele damit auf die in vielen, vor allem katholischen Schriften bis heute nachzulesenden Schilderungen an, in denen dem gläubigen Christen nach seinem Tode zum Beispiel ein »Auferstehungsleib« konkret in Aussicht gestellt wird, der zum »Schweben« oder zur Telekinese und anderen übernatürlichen Leistungen fähig sein soll, die sämtlich in peinlicher Weise an die Verheißungskataloge erinnern, wie sie heute von gewissen okkulten Sekten als Köder unters Volk gestreut werden.

Über die Qualität derartiger Traktate braucht man nicht zu diskutieren. Sie werden wohl auch nicht von der Kirche selbst produziert, aber, schlimm genug, von ihr geduldet und gelegentlich sogar durch das Imprimatur kirchlicher Behörden gleichsam legitimiert[54].

Man könnte darüber verzweifeln und sähe es wahrhaftig lieber, wenn die Kirche derartige Machwerke auf den Index setzte, anstatt sie durch ihren Stempel noch zu autorisieren. Denn solange auch nur der Anschein aufrechterhalten bleibt, daß der von der Kirche verlangte Glaube das Für-wahr-Halten auch derartiger Behauptungen einschließt, werden alle Menschen abgestoßen, die auf mehr hoffen als auf derart handgreifliche, abergläubische Angebote.

Bis zu diesem Punkt scheint der Schaden, der durch das hartnäckige Festhalten der Kirchen an einem objektiv längst überholten statischen Weltbild laufend verursacht wird, verhältnismäßig leicht behebbar. Er ist groß, bedauerlicherweise. Die Korrektur seiner Ursachen dürfte in den bisher genannten Fällen — die durch eine Reihe weiterer Beispiele leicht ergänzt werden könnten — aber ohne allzugroße Schwierigkeiten möglich sein.

Anders ist das, zugegebenermaßen, in dem letzten Fall, an den in diesem Zusammenhang noch einmal erinnert werden muß. Auch ihn habe ich im ersten Kapitel bereits diskutiert. Es handelt sich um das Problem der Christologie. Auf einer Erde, die in eine sich in kosmischem Rahmen abspielende Geschichte einbezogen ist, auf der das Leben in einer seit Jahrmilliarden ablaufenden Entwicklung seine Formen unaufhörlich abwandelt, kann das zu einem bestimmten, konkreten Zeitpunkt dieser Geschichte erfolgte Auftreten eines bestimmten Individuums nicht ohne Widerspruch als ein die Entwicklung insgesamt umfassendes Ereignis begriffen werden.

Konkreter und zugleich grundsätzlicher: Die Identifikation eines Gottessohnes mit dem Menschen in der Gestalt einer bestimmten von unzähligen vergangenen und zukünftigen Entwicklungsstufen läßt sich nicht als für alle diese verschiedenen Entwicklungsstufen in dem gleichen Sinne gültige Identifikation verstehen.

Sie ist ebenfalls aufzufassen als der Interpretationsversuch einer historischen Epoche, die von der Endgültigkeit und Unwandelbarkeit der menschlichen Konstitution in der Gestalt des Homo sapiens überzeugt war. Wir haben inzwischen gelernt, daß diese Voraussetzung nicht gegeben ist. Angesichts der stammesgeschichtlichen Entwicklung, die wir vor einem Jahrhundert entdeckt haben, bleibt uns daher die Frage nicht erspart, wie weit der Begriff der »Menschwerdung« angesichts der historischen Persönlichkeit Jesus unter diesen Umständen in der Zeit trägt. Schließt er den Neandertaler auch noch ein? Und den Homo habilis? Die gleiche Frage müssen wir angesichts der evolutiven Zukunft unseres Geschlechts stellen, welche die Möglichkeit von Nachfahren einer Konstitution einschließt, angesichts derer unser heutiger Begriff vom »Menschen« in ähnlichem Maße seinen Sinn verlieren dürfte.

Ich bin kein Theologe und werde mich daher vor der Anmaßung hüten, hier nun Überlegungen darüber anzustellen, welche konkreten Folgerungen sich aus dieser Situation für das kirchliche Christusbild ergeben könnten. Nur zwei Feststellungen noch zu diesem Punkt.

Die Kirche muß sich dem Problem stellen, wenn sie nicht hinnehmen will, daß die von so vielen, Anhängern wie Gegnern, unabhängig voneinander konstatierte Abnahme ihres Einflusses auf das Bewußtsein der Menschen — über die äußerlichen Anzeichen bloßer gesellschaftlicher Gewohnheit hinaus — weiter fortschreitet. Und: Die Wahrheit dessen, was mit der Formel von einer »Menschwerdung Gottes in der historischen Gestalt Jesus« gemeint ist, wird nicht angetastet durch den Versuch, sie aus einer sprachlichen Umhüllung zu lösen, die diese Wahrheit heute für uns mehr zu entstellen beginnt, anstatt sie zu bewahren, weil sie sich der Ausdrucksmittel einer Epoche bedient, die nicht mehr die unsere ist. Anders gesagt: Es geht gar nicht darum, die christliche Aussage in Zweifel zu ziehen, daß Jesus ein neues Verhältnis zwischen Gott und den Menschen gestiftet habe. Es geht lediglich um die Frage, ob es nicht sinnvoll sein könnte, darüber nachzudenken, wie sich diese Aussage in eine unserem heutigen Verständnis besser entsprechende Formulierung übersetzen ließe.

Eine letzte zusätzliche Bemerkung: Es ist angebracht, vor der Versuchung zu warnen, dem Problem durch semantische Scheinlösungen aus dem Wege zu gehen, sich ihm durch begriffliche Artistik zu entziehen. Die Tendenz dazu besteht vor allem in der evangelischen Kirche. Wenn Gott als »Chiffre des Seins« definiert wird oder die religiöse Wahrheit als »ein sich in der personalen Begegnung (mit Gott) existentiell realisierendes Phänomen«, das man von »andern Formen der Wahrheit« (etwa der der Naturwissenschaft) grundsätzlich zu unterscheiden habe, dann erspart man sich als Theologe zwar jede weitere Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaftlern[3, 4]. Den glaubensbedürftigen Menschen aber, der vom Theologen ja eigentlich erfahren wollte, wie er sich das Wirken Gottes in einer Welt vorzustellen hat, deren Funktionieren ihm die Wissenschaftler mit rationalen Modellen zu erklären begonnen haben, läßt eine so konsequente Strategie der Konfliktvermeidung mit leeren Händen vor der Kirchentür stehen.

Angesichts derartiger Formen verbaler Ausweichversuche muß man modernen Religionskritikern wie zum Beispiel Hans Albert beipflichten, der hier von einer »Immunisierungsstrategie« spricht, die es vor allem darauf anlege, den Gottesbegriff so vollständig zu entleeren, daß er mit keiner möglichen Tatsache mehr kollidieren könne. Dabei wird in Kauf genommen, daß die Grenze zwischen dem Glauben an einen »lebendigen Gott« und einem gebildeten Atheismus immer mehr verschwimmt[55].

Nun aber genug der naturwissenschaftlichen Theologenkritik. Ihr haftet immer ein etwas billiger Geruch an. Wer sie vorbringt, muß ferner ständig mit Beifall von der falschen Seite rechnen, die solche Kritik regelmäßig als Bestätigung ihres eigenen, atheistischen oder auch nur kirchenfeindlichen Standpunkts mißversteht. Trotz dieser Bedenken mußten die Einwände hier in aller Deutlichkeit vorgetragen werden. Denn ihr Verschweigen hätte nicht nur Zweifel an der Glaubwürdigkeit dessen begründet, was jetzt zur Sprache kommen soll. Eben diese Kritik schafft überhaupt erst den Raum für die anschließenden