/ Language: Deutsch / Genre:prose_history

Das Spinoza-Problem

IrvinD. Yalom

Der jüdische Philosoph Spinoza und der nationalsozialistische Politiker Alfred Rosenberg – nicht nur Jahrhunderte liegen zwischen ihnen, auch ihre Weltanschauungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Der eine ein unbeugsamer Freigeist, der wegen seiner religionskritischen Ansichten aus der jüdischen Gemeinde verbannt wurde und heute als Begründer der modernen Bibelkritik gilt. Der andere ein verbohrter, von Hass zerfressener Antisemit, dessen Schriften ihn zum führenden Ideologen des nationalsozialistischen Regimes machten und der dafür bei den Nürnberger Prozessen zur Rechenschaft gezogen wurde. Und trotzdem gibt es eine Verbindung zwischen ihnen, von der kaum jemand weiß, denn bis zu seinem Tod war Rosenberg wie besessen vom Werk des jüdischen Rationalisten, als dessen »entschiedenster Verehrer« sich kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe bezeichnet. Fesselnd erzählt der große Psychoanalytiker Irvin D. Yalom die Geschichte dieser beiden unterschiedlichen Männer und entführt seine Leser dabei in die Welt der Philosophie und gleichzeitig auch in die Tiefen der menschlichen Psyche. Die amerikanische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »The Spinoza Problem« bei Basic Books, New York

Für Marilyn

Prolog

Spinoza fasziniert mich schon lange, seit Jahren wollte ich über diesen kühnen Denker des siebzehnten Jahrhunderts schreiben, der so ganz allein auf sich gestellt – ohne eine Familie, ohne eine Gemeinschaft im Hintergrund – Bücher schrieb, die wahrlich die Welt veränderten. Er ahnte die Säkularisation voraus, den liberalen, demokratischen politischen Staat, die zunehmende Bedeutung der Naturwissenschaften, und er ebnete den Weg für die Aufklärung. Die Tatsache, dass er im Alter von vierundzwanzig Jahren von den Juden exkommuniziert und für den Rest seines Lebens von den Christen zensiert wurde, faszinierte mich schon immer, vielleicht auch aufgrund meiner eigenen ikonoklastischen Neigungen. Und dieses seltsame Gefühl einer Seelenverwandtschaft mit Spinoza wurde noch von dem Wissen bestärkt, dass Einstein, einer meiner ersten Helden, ein Spinoza-Anhänger war. Wenn Einstein von Gott sprach, sprach er von Spinozas Gott – einem Gott, der eins ist mit der Natur, einem Gott, der alle Substanz in sich vereinigt, und einem Gott, »der nicht mit dem Universum Würfel spielt« – womit er ausdrücken wollte, dass alles, was geschieht, ausnahmslos den planmäßigen Gesetzen der Natur folgt.

Ich glaube auch, dass Spinoza ebenso wie Nietzsche und Schopenhauer, auf deren Leben und Philosophie zwei meiner früheren Romane basieren, vieles geschrieben hat, was für mein Gebiet der Psychiatrie und Psychotherapie hochrelevant ist – beispielsweise, dass Ideen, Gedanken und Gefühle von vorangegangenen Erfahrungen hervorgerufen werden, dass Leidenschaften leidenschaftslos untersucht werden können, dass Verstehen zu Transzendenz führt –, und ich wünschte mir, seine Beiträge mit einem philosophischen Roman zu feiern.

Aber wie über einen Mann schreiben, der ein so kontemplatives Leben führte, welches von so wenigen äußeren Ereignissen gekennzeichnet war? Er war außerordentlich introvertiert, und er ließ seine eigene Person in seinen Werken außen vor. Ich hatte nichts von dem Material zur Verfügung, das normalerweise Erzählungen färbt – keine Familientragödien, keine Liebesgeschichten, keine Eifersüchteleien, interessante Anekdoten, Fehden, Streitereien oder Versöhnungen. Er führte eine umfangreiche Korrespondenz, doch nach seinem Tod befolgten seine Kollegen seine Anweisungen und entfernten fast alle persönlichen Anmerkungen aus seinen Briefen. Nein, in seinem Leben gab es nicht viele öffentliche Dramen: Die meisten Gelehrten betrachten Spinoza als gelassene und sanfte Seele – manche vergleichen sein Leben mit dem Leben christlicher Heiliger, manche sogar mit Jesus.

Und so beschloss ich, einen Roman über sein Innenleben zu schreiben. Dabei konnte mir mein persönliches Fachwissen möglicherweise weiterhelfen. Schließlich war er ein menschliches Wesen gewesen und musste einfach mit den gleichen grundlegenden menschlichen Konflikten gekämpft haben, die mir und den vielen Patienten, mit denen ich über Jahrzehnte hinweg arbeiten durfte, zusetzten. Auf die Exkommunikation, die im Alter von vierundzwanzig Jahren von der jüdischen Gemeinde in Amsterdam gegen ihn ausgesprochen worden war, muss er stark emotional reagiert haben – ein unwiderrufliches Verdikt, das alle Juden, seine eigene Familie eingeschlossen, zwang, ihn für alle Zeiten zu meiden. Kein Jude würde jemals wieder mit ihm sprechen, mit ihm Handel treiben, seine Worte lesen oder sich ihm auf weniger als fünf Meter Abstand nähern. Und natürlich existiert niemand ohne ein Innenleben aus Phantasien, Träumen, Leidenschaften und der Sehnsucht nach Liebe. Etwa ein Viertel des Hauptwerks Spinozas, die Ethik, ist dem Thema »Über die menschliche Unfreiheit oder die Macht der Affekte« gewidmet. Als Psychiater war ich fest davon überzeugt, dass er diesen Abschnitt nicht hätte schreiben können, hätte er nicht einen bewussten Kampf mit seinen eigenen Leidenschaften ausgetragen.

Dennoch fehlte mir jahrelang die zündende Idee, und ich suchte vergeblich nach dem Drehbuch, das ein Roman braucht – bis eine Reise nach Holland vor fünf Jahren alles veränderte. Ich war zu einer Vortragsreihe eingeladen und erbat mir als Teil meines Honorars einen »Spinoza-Tag«, der mir auch gewährt wurde. Der Vorsitzende der Holländischen Spinoza-Gesellschaft und ein führender Spinoza-Philosoph erklärten sich bereit, mir einen Tag zu opfern und alle wichtigen Spinoza-Schauplätze mit mir zu besuchen – seine Wohnstätten, sein Grab und, die Hauptattraktion, das Spinoza-Museum in Rijnsburg. Und dort kam mir die Erleuchtung.

Mit gespannter Vorfreude betrat ich das Spinoza-Museum in Rijnsburg, das etwa eine Dreiviertelstunde mit dem Auto von Amsterdam entfernt liegt, und suchte – ja, was eigentlich? Vielleicht eine Begegnung mit Spinozas Geist. Vielleicht eine Geschichte. Aber nachdem ich das Museum betreten hatte, war ich sofort enttäuscht. Ich bezweifelte, dass dieses kleine, karge Museum mich Spinoza näherbringen konnte. Die einzigen entfernt persönlichen Gegenstände waren die einhunderteinundfünfzig Bände der Bibliothek, die Spinoza gehört hatten, und diesen wandte ich mich sofort zu. Meine Gastgeber gewährten mir freien Zugang, und ich nahm ein Buch aus dem siebzehnten Jahrhundert nach dem anderen aus dem Schrank, roch daran, wog es in der Hand und war begeistert, dieselben Dinge zu berühren, die Spinozas Hände einst berührt hatten.

Aber mein Gastgeber riss mich schon bald aus meinen Träumereien: »Natürlich wurden seine Habseligkeiten – das Bett, die Kleidung, die Schuhe, Schreibfedern und Bücher – nach seinem Tod versteigert, um die Kosten für das Begräbnis aufzubringen, Dr. Yalom. Die Bücher wurden verkauft und in alle Winde zerstreut, aber glücklicherweise hatte der Notar vor der Versteigerung eine vollständige Bücherliste angefertigt, und über zweihundert Jahre später suchte ein jüdischer Philanthrop die meisten dieser Titel wieder zusammen, nach Ausgabe, Jahreszahl und Ort der Veröffentlichung. Deshalb nennen wir sie die Spinoza-Bibliothek, obwohl es sich in Wirklichkeit nicht um die Originale handelt. Seine Finger haben diese Bücher nie berührt.«

Ich drehte der Bibliothek den Rücken zu und betrachtete das Portrait Spinozas, das an der Wand hing. Bald spürte ich, wie ich in diese riesigen, traurigen, mandelförmigen, müden Augen eintauchte, ein fast mystisches Erlebnis – etwas, das mir nicht oft passiert. Aber dann sagte mein Gastgeber: »Vielleicht wissen Sie es nicht, aber Spinoza sah nicht wirklich so aus. Der Künstler malte das Bild nach einer nur wenige Zeilen umfassenden Beschreibung. Sollte es von Spinoza zu seinen Lebzeiten Zeichnungen gegeben haben, so ist jedenfalls keine von ihnen erhalten.«

Vielleicht eine Geschichte über schlichte Unzugänglichkeit?, fragte ich mich.

Während ich mir die Gerätschaften für das Schleifen der Linsen im zweiten Raum ansah – wiederum nicht sein Originalwerkzeug, wie auf einem Schild im Museum stand, sondern nur eine ähnliche Ausrüstung –, hörte ich, wie einer meiner Gastgeber in der Bibliothek nebenan von den Nazis sprach.

Ich ging zurück. »Wie bitte? Die Nazis waren hier? In diesem Museum?«

»Ja – mehrere Monate nach dem Blitzkrieg in Holland fuhren die Soldaten vom ERR mit ihren großen Limousinen vor und stahlen alles – die Bücher, eine Büste und ein Portrait von Spinoza –, einfach alles. Sie karrten alles weg und versiegelten und enteigneten das Museum.«

»ERR? Was bedeutet das?«

»Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg. Die Taskforce von Reichsleiter Rosenberg. Alfred Rosenberg war der wichtigste antisemitische Ideologe der Nazis. Er hatte den Auftrag, Kriegsbeute für das Dritte Reich einzusammeln, auf Befehl Rosenbergs plünderte der ERR ganz Europa – zunächst nur jüdisches Eigentum und später dann alles, was irgendeinen Wert hatte.«

»Demnach sind diese Bücher Spinozas zweimal abhanden gekommen?«, fragte ich. »Meinen Sie damit, dass diese Bücher noch einmal neu angeschafft werden mussten und die Bibliothek ein zweites Mal zusammengestellt wurde?«

»Nein – die Bücher haben wie durch ein Wunder überlebt und wurden nach dem Krieg bis auf wenige verlorengegangene Exemplare wieder hierher zurückgebracht.«

»Unglaublich!« Das riecht nach einer Geschichte, dachte ich. »Aber warum kümmerte Rosenberg sich überhaupt um diese Bücher? Mir ist schon klar, dass sie einen gewissen Wert besitzen – immerhin stammen sie aus dem siebzehnten Jahrhundert oder sind noch älter –, aber warum sind die Leute nicht einfach ins Rijksmuseum von Amsterdam marschiert und haben sich einen Rembrandt unter den Nagel gerissen? Der wäre das Fünfzigfache der ganzen Sammlung wert gewesen.«

»Nein, darum ging es nicht. Geld hatte nichts damit zu tun. Der ERR hatte ein seltsames Interesse an Spinoza. Der Mitarbeiter Rosenbergs, der Nazi, der die Bibliothek auf seinen Befehl hin plünderte, hinterließ in seinem offiziellen Bericht einen vielsagenden Satz: ›Auch diese Bibliotheken … enthalten ausserordentlich wertvolle frühe Werke, die zur Erforschung des Spinozaproblems (sic!) von besonderer Bedeutung sind.‹ Sie können sich den Bericht im Web ansehen, wenn Sie wollen – er befindet sich in den offiziellen Dokumenten des Nürnberger Prozesses.«

Ich war wie vom Donner gerührt. »›Erforschung des Spinoza-Problems‹? Das verstehe ich nicht. Was meinte er damit? Was war das Spinoza-Problem der Nazis?«

Wie auf Kommando hoben meine Gastgeber gleichzeitig die Schultern und drehten ihre Handflächen nach oben.

Ich bohrte weiter: »Sie sagen also, dass sie wegen dieses Spinoza-Problems die Bücher in Sicherheit brachten und nicht wie so vieles in Europa einfach verbrannt haben?«

Sie nickten.

»Und wo wurde die Bibliothek während des Krieges gelagert?«

»Das weiß niemand. Die Bücher waren einfach fünf Jahre lang verschwunden und tauchten 1946 in einem deutschen Salzbergwerk wieder auf.«

»In einem Salzbergwerk? Nicht zu fassen!« Ich nahm eines der Bücher in die Hand – eine Ausgabe der Ilias aus dem sechzehnten Jahrhundert –, drückte es an mich und sagte: »Dann hat dieses alte Geschichtenbuch seine eigene Geschichte zu erzählen.«

Meine Gastgeber führten mich durch das übrige Haus. Ich war zu einer günstigen Zeit gekommen – nur wenige Besucher hatten jemals die andere Hälfte des Gebäudes zu sehen bekommen, in dem über Jahrhunderte Abkömmlinge einer Arbeiterfamilie gewohnt hatten. Das letzte Familienmitglied war aber vor kurzem gestorben, und die Spinoza-Gesellschaft hatte die Immobilie sofort gekauft und gerade mit der Restaurierung begonnen, um sie später dem Museum anzugliedern. Ich schlenderte inmitten von Bauschutt durch die bescheidene Küche und das Wohnzimmer und stieg dann die schmale, steile Treppe zum kleinen, unspektakulären Schlafzimmer hinauf. Flüchtig sah ich mich in der einfachen Kammer um und wollte gerade wieder hinuntersteigen, als mein Blick auf einem dünnen, quadratischen Riss in einer Ecke der Zimmerdecke hängen blieb, der etwa sechzig mal sechzig Zentimeter groß war.

»Was ist das?«

Der alte Hausmeister stieg ein paar Stufen hinauf, um nachzusehen, und sagte mir, es sei eine Falltür, die in einen winzigen Dachbodenraum führte, wo zwei Juden – eine ältere Mutter mit ihrer Tochter – während des Krieges vor den Nazis versteckt gehalten wurden. »Wir gaben ihnen zu essen und haben uns um sie gekümmert.«

Draußen ein Feuersturm! Vier von fünf holländischen Juden von den Nazis ermordet! Und währenddessen wurde oben im Spinoza-Haus rührend für zwei jüdische Frauen gesorgt, die sich den ganzen Krieg über auf dem Dachboden versteckt hielten. Und unten wurde das winzige Spinoza-Museum geplündert, versiegelt und von einem Beamten der Rosenberg-Einsatztruppe enteignet, der glaubte, dass seine Bibliothek den Nazis helfen könnte, ihr »Spinoza-Problem« zu lösen. Und was war ihr Spinoza-Problem? Ich fragte mich, ob dieser Nazi, Alfred Rosenberg, vielleicht seine eigenen Beweggründe hatte, um nach Spinoza Ausschau zu halten. Ich hatte das Museum mit einem Geheimnis betreten und verließ es nun mit deren zwei.

Kurz danach begann ich zu schreiben.

1

AMSTERDAM, APRIL 1656

Wenn sich die letzten Sonnenstrahlen im Wasser des Zwanenburgwal spiegeln, macht Amsterdam Feierabend. Die Färber sammeln ihre magenta- und purpurfarbenen Stoffe ein, die auf den Steinufern des Kanals trocknen. Händler rollen die Markisen ein und schließen die Läden ihrer Verkaufsstände. Ein paar Arbeiter, die nach Hause schlurfen, bleiben kurz an den Heringsständen am Kanal stehen, genehmigen sich einen schnellen Imbiss mit holländischem Gin und setzen dann ihren Weg fort. Amsterdam bewegt sich träge: Die Stadt ist in Trauer, sie erholt sich noch immer von der Seuche, die erst wenige Monate zuvor einen von neun Menschen dahingerafft hat.

Ein paar Meter von der Gracht entfernt, setzt in der Breestraat Nummer 4 der bankrotte und leicht angetrunkene Rembrandt van Rijn den letzten Pinselstrich auf sein Gemälde Jakob segnet die Söhne des Joseph, signiert es in der rechten unteren Ecke mit seinem Namen, wirft seine Palette auf den Fußboden, dreht sich um und steigt die schmale Wendeltreppe hinunter. Das Rembrandt-Haus, drei Jahrhunderte später dazu bestimmt, sein Museum und sein Denkmal zu werden, ist an diesem Tag Zeuge seiner Schmach: Es wimmelt von Bietern, die auf die Versteigerung sämtlicher Habseligkeiten des Künstlers warten. Er schiebt die Gaffer auf der Treppe unsanft zur Seite, tritt aus der Haustür, atmet die salzige Luft ein und stolpert auf das Wirtshaus an der Ecke zu.

In Delft, sieben Kilometer weiter südlich, geht der Stern eines anderen Künstlers auf. Der fünfundzwanzig Jahre alte Johannes Vermeer wirft einen letzten Blick auf sein neues Werk Bei der Kupplerin. Er begutachtet es von rechts nach links. Als erstes die Prostituierte mit der prächtigen, gelben Joppe. Gut. Gut. Das Gelb glänzt wie poliertes Sonnenlicht. Und die Gruppe von Männern, die sich um sie schart: Ausgezeichnet – jeder von ihnen könnte ohne weiteres aus der Leinwand heraustreten und ein Gespräch beginnen. Er beugt sich näher heran, um den angedeuteten und doch durchdringenden Blick des anzüglich grinsenden jungen Mannes mit dem geckenhaften Hut einzufangen. Vermeer nickt seiner eigenen Miniatur zu. Ausgesprochen zufrieden signiert er das Gemälde in der rechten, unteren Ecke mit seinem Namen und einem Schnörkel.

Zurück in Amsterdam, in der Breestraat Nummer 57, nur zwei Straßen von der bevorstehenden Versteigerung in Rembrandts Haus entfernt, macht sich ein fünfundzwanzig Jahre alter Kaufmann (nur wenige Tage älter als Vermeer, den er sehr verehren, aber nie persönlich treffen wird) daran, seinen Import-Export-Laden zuzusperren. Für einen Krämer ist er eigentlich zu schmal und zu hübsch. Seine Gesichtszüge sind perfekt, seine olivfarbene Haut makellos, die Augen groß, dunkel und schwermütig.

Er sieht sich ein letztes Mal um: Viele Regale sind so leer wie seine Taschen. Seeräuber haben seine letzte Lieferung aus Bahia abgefangen, und nun gibt es keinen Kaffee, keinen Zucker und auch keinen Kakao. Über eine Generation lang betrieb die Spinoza-Familie ein blühendes Handelsgeschäft, doch nun ist für die Spinoza-Brüder Gabriel und Bento nur noch ein kleines Einzelhandelsgeschäft übrig geblieben. In der staubigen Luft, die Bento Spinoza einatmet, macht er resigniert den übelriechenden Rattenkot aus, der den Duft der getrockneten Feigen, der Rosinen, des kandierten Ingwers, der Mandeln und der Kichererbsen begleitet und sich in die scharfen Dämpfe des spanischen Weines mischt. Er geht hinaus und stellt sich seinem täglichen Duell mit dem verrosteten Vorhängeschloss an der Ladentür. Eine unbekannte Stimme, die ihn gestelzt auf Portugiesisch anspricht, schreckt ihn auf.

»Sind Sie Bento Spinoza?«

Spinoza dreht sich um und sieht sich zwei Fremden gegenüber, jungen, erschöpften Männern, die anscheinend von weither angereist sind. Der eine, der ihn angesprochen hat, ist groß, und sein massiger, vierschrötiger Kopf ist vornübergebeugt, als sei er zu schwer, um ihn aufrecht zu halten. Seine Kleidung ist von guter Qualität, aber verschmutzt und verknittert. Der andere, in einer zerlumpten Bauerntracht, steht hinter seinem Gefährten. Er hat langes, verfilztes Haar, dunkle Augen, ein kräftiges Kinn und eine ebensolche Nase. Seine Körperhaltung ist steif. Nur die Augen bewegen sich, schießen wie verängstigte Kaulquappen hin und her.

Spinoza nickt vorsichtig.

»Ich bin Jacob Mendoza«, sagt der größere der beiden. »Wir müssen Sie sehen. Wir müssen mit Ihnen sprechen. Dies hier ist mein Vetter Franco Benitez, den ich gerade aus Portugal hergebracht habe. Mein Vetter …«, Jacob packt Franco an der Schulter, »… ist in einer Krise.«

»Ja«, antwortet Spinoza. »Und?«

»In einer ernsten Krise.«

»Ja. Und warum suchen Sie mich auf?«

»Uns wurde gesagt, dass Sie derjenige sind, bei dem wir Hilfe finden können. Vielleicht der Einzige.«

»Hilfe?«

»Franco hat allen Glauben verloren. Er zieht alles in Zweifel. Alle religiösen Rituale. Gebete. Sogar die Existenz Gottes. Er lebt in ständiger Furcht. Er schläft nicht. Er spricht davon, sich selbst zu töten.«

»Und wer leitete Sie so in die Irre, dass er Sie hierher schickte? Ich bin nur ein Kaufmann, der ein kleines Geschäft betreibt. Und kein sehr profitables, wie Sie sehen.« Spinoza deutet auf das staubige Fenster, hinter dem die halbleeren Regale zu erkennen sind. »Rabbi Mortera ist unser spiritueller Führer. Sie müssen zu ihm gehen.«

»Wir kamen gestern an, und heute Morgen wollten wir genau das tun. Aber unser Hausherr, ein entfernter Vetter, riet uns davon ab. ›Franco braucht einen Helfer, keinen Richter‹, sagte er. Er erzählte uns, dass Rabbi Mortera mit Zweiflern sehr streng umgeht. Er glaube, sagte mein Vetter, dass auf alle Juden in Portugal, die zum Christentum konvertierten, ewige Verdammnis warte, auch wenn sie gezwungen worden seien, sich zwischen Konversion und Tod zu entscheiden. ›Rabbi Mortera‹, sagte er mir, ›wird Francos Zustand nur noch verschlimmern. Geh zu Bento Spinoza. Er ist ein weiser Mann in solchen Angelegenheiten.‹«

»Was ist das für ein Gerede? Ich bin nichts weiter als ein Kaufmann …«

»Er behauptete, dass Sie der nächste große Rabbiner von Amsterdam geworden wären, wenn der Tod Ihres älteren Bruders und Ihres Vaters Sie nicht dazu gezwungen hätte, das Geschäft zu übernehmen.«

»Ich muss gehen. Ich muss zu einem Treffen, das ich nicht versäumen darf.«

»Gehen Sie zum Sabbatgottesdienst in die Synagoge? Ja? Wir auch. Ich nehme Franco mit, denn er muss wieder zu seinem Glauben zurückfinden. Dürfen wir Sie begleiten?«

»Nein, ich gehe zu einem anderen Treffen.«

»Zu welchem anderen Treffen?«, bohrt Jacob nach, nimmt sich dann aber sofort zurück. »Verzeihen Sie. Es geht mich nichts an. Dürfen wir Sie morgen aufsuchen? Wären Sie bereit, uns am Sabbat zu helfen? Das ist erlaubt, denn es ist eine Mitzwa. Wir brauchen Sie. Mein Vetter ist in Gefahr.«

»Sonderbar.« Spinoza schüttelt den Kopf. »Niemals wurde ein solches Ansinnen an mich herangetragen. Es tut mir leid, aber Sie irren. Ich habe Ihnen nichts zu bieten.«

Franco, der auf den Boden gestarrt hatte, während Jacob sprach, hebt nun die Augen und spricht seine ersten Worte: »Ich bitte nur um wenig, nur um ein paar Worte mit Ihnen. Wollen Sie sich einem jüdischen Mitbruder verweigern? Es ist Ihre Pflicht gegenüber einem Reisenden. Ich musste aus Portugal fliehen, genau wie Ihr Vater und Ihre Familie fliehen mussten, um der Inquisition zu entgehen.«

»Aber was kann ich …«

»Es ist gerade ein Jahr her, seitdem mein Vater auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Sein Verbrechen? Sie fanden Blätter der Thora, die in der Erde hinter unserem Haus vergraben waren. Der Bruder meines Vaters, Jacobs Vater, wurde kurz danach ermordet. Ich habe eine Frage: Sehen Sie sich diese Welt an, in der ein Sohn den Gestank des brennenden Fleisches seines Vaters riecht: Wo ist der Gott, der eine solche Welt erschaffen hat? Warum lässt Er so etwas zu? Werfen Sie mir vor, dass ich diese Frage stelle?« Franco sieht Spinoza einige Augenblicke lang tief in die Augen und fährt dann fort. »Gewiss wird ein Mann, den man den ›Gesegneten‹ nennt – Bento auf Portugiesisch und Baruch auf Hebräisch –, sich einem Gespräch mit mir nicht verweigern.«

Spinoza nickt ernst. »Ich werde mit Ihnen sprechen, Franco. Morgen Mittag?«

»In der Synagoge?«, fragt Franco.

»Nein, hier. Kommen Sie zu mir in den Laden. Er wird geöffnet sein.«

»Der Laden? Geöffnet?«, unterbricht Jacob. »Aber der Sabbat?«

»Mein jüngerer Bruder Gabriel vertritt die Familie Spinoza in der Synagoge.«

»Aber die Heilige Thora«, beharrt Jacob, der ignoriert, dass Franco ihn am Ärmel zieht, »belegt Gottes Willen, dass wir am Sabbat nicht arbeiten, dass wir diesen heiligen Tag mit Gebeten an ihn verbringen und Mitzwot leisten.«

Spinoza dreht sich um und fragt so nachsichtig, als spräche ein Lehrer mit einem jungen Schüler: »Sagen Sie, Jacob, glauben Sie, dass Gott allmächtig ist?«

Jacob nickt.

»Dass Gott perfekt ist? Niemand kommt ihm gleich?«

Wieder stimmt Jacob zu.

»Dann würden Sie mir sicherlich Recht geben, dass per Definition eine perfekte und vollkommene Substanz keine Mängel, keine Unzulänglichkeiten, keine Bedürfnisse und keine Wünsche hat. Ist es nicht so?«

Jacob denkt nach, zögert und nickt dann vorsichtig. Spinoza stellt fest, dass sich Francos Lippen zu einem Lächeln kräuseln.

»Dann«, fährt Spinoza fort, »konstatiere ich, dass Gott keine Wünsche hat, wie, ja selbst ob wir ihn preisen. Und daher gestatten Sie mir, Jacob, dass ich Gott auf meine Art liebe.«

Francos Augen weiten sich. Er dreht sich zu Jacob um, als wollte er sagen: »Siehst du? Siehst du? Das ist der Mann, den ich suche.«

2

REVAL, ESTLAND, 3. MAI 1910

Zeit: 16:00 Uhr.

Ort: Eine Bank im Hauptkorridor der Petri-Realschule  

vor dem Büro des Direktors Epstein.

Der siebzehnjährige Alfred Rosenberg wetzt unruhig auf der Bank hin und her; er weiß nicht so recht, weshalb er ins Büro des Direktors gerufen wurde. Alfreds Körper ist drahtig, seine Augen graublau, sein Gesicht wohlproportioniert, eine Locke seines kastanienfarbenen Haares hängt ihm im genau richtigen Winkel in die Stirn. Seine Augen sind nicht von dunklen Ringen umschattet – diese werden später kommen. Er hält sein Kinn hoch. Vielleicht ist er trotzig, doch seine Fäuste, die er immer wieder ballt und löst, signalisieren Besorgnis.

Er sieht wie alle und wie keiner aus. Er ist jetzt fast ein Mann und hat ein ganzes Leben vor sich. In acht Jahren wird er von Reval nach München reisen und ein äußerst reger antibolschewistischer und antisemitischer Journalist werden. In neun Jahren wird er bei einer Versammlung der Deutschen Arbeiterpartei die aufwühlende Rede eines neuen Hoffnungsträgers hören, eines Veteranen des Ersten Weltkriegs namens Adolf Hitler, und Alfred wird bald nach Hitler der Partei beitreten. In zwanzig Jahren wird er seinen Stift zur Seite legen und triumphierend lächeln, nachdem er die letzte Seite seines Buches Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts beendet hat. Als Bestseller mit Millionenauflage wird es viel vom ideologischen Fundament der NSDAP enthalten und eine Rechtfertigung für die Vernichtung der europäischen Juden liefern. In dreißig Jahren werden seine Truppen ein kleines, holländisches Museum in Rijnsburg stürmen und Spinozas persönliche Bibliothek mit einhunderteinundfünfzig Bänden konfiszieren. Und in sechsunddreißig Jahren wird er verwirrt aus seinen schwarz umschatteten Augen schauen und den Kopf schütteln, während der amerikanische Henker in Nürnberg ihn fragt: »Wollen Sie noch etwas sagen?«

Der junge Alfred hört das Echo sich nähernder Schritte im Korridor, und als er Herrn Schäfer, seinen Vertrauenslehrer und Deutschlehrer, erblickt, springt er auf die Füße, um ihn zu grüßen. Herr Schäfer runzelt nur die Stirn und schüttelt langsam den Kopf, geht an ihm vorbei und öffnet die Tür zum Büro des Direktors. Doch kurz bevor er eintritt, hält er inne, dreht sich zu Alfred um und flüstert ihm nicht unfreundlich zu: »Rosenberg, du hast mich und uns alle mit deiner Rede gestern Abend enttäuscht. Deine erbärmliche Bewertung ist nicht damit vergessen, dass du zum Klassensprecher gewählt wurdest. Selbst jetzt noch glaube ich daran, dass du kein ganz und gar hoffnungsloser Fall bist. Schon in ein paar Wochen wirst du deinen Abschluss machen. Sei jetzt nicht töricht.«

Die Wahlrede gestern Abend! Ach, das ist es also. Alfred schlägt sich mit der Hand an den Kopf. Natürlich deshalb haben sie mich hierher zitiert! Obwohl fast alle vierzig Mitschüler seiner Abschlussklasse versammelt waren – hauptsächlich baltische Deutsche, aber hier und da auch ein paar Russen, Esten, Polen und Juden –, hatte Alfred seine Wahlrede absichtlich ausschließlich an die deutsche Mehrheit gerichtet und sie aufgestachelt, indem er von ihrer Mission als Bewahrer der edlen deutschen Kultur sprach. »Haltet unsere Rasse rein«, hatte er ihnen zugerufen. »Schwächt sie nicht dadurch, dass ihr unsere edlen Traditionen vergesst, minderwertiges Gedankengut annehmt, euch mit minderwertigen Rassen mischt.« Vielleicht hätte er es dabei bewenden lassen sollen. Aber dann waren die Pferde mit ihm durchgegangen. Vielleicht war er zu weit gegangen.

Er wird aus seinen Gedanken gerissen, als sich die gut drei Meter hohe, massive Tür öffnet und Direktor Epsteins dröhnende Stimme erschallt: »Herr Rosenberg, bitte, herein.«

Alfred tritt ein und sieht seinen Direktor und seinen Deutschlehrer an einem Ende eines langen, schweren, dunklen Holztisches sitzen. Alfred kommt sich in Gegenwart des über einen Meter achtzig großen Direktors Epstein immer klein vor. Dessen würdevolle Haltung, die stechenden Augen und sein dichter, akkurat gestutzter Bart unterstreichen seine Autorität noch.

Direktor Epstein bedeutet Alfred, sich auf einen Stuhl am anderen Ende des Tisches zu setzen. Er ist merklich niedriger als die beiden großen Stühle mit den hohen Lehnen am gegenüberliegenden Ende. Der Direktor kommt ohne Umschweife direkt zum Punkt: »Nun, Rosenberg, ich habe jüdische Vorfahren, nicht wahr? Und meine Frau ist auch Jüdin, nicht wahr? Und Juden sind eine minderwertige Rasse und sollten Deutsche nicht unterrichten? Und wie ich vermute, ganz bestimmt nicht zum Direktor erhoben werden?«

Keine Antwort. Alfred atmet aus, versucht, sich in seinem Stuhl noch kleiner zu machen, und lässt den Kopf hängen.

»Rosenberg, stelle ich Ihre Auffassung richtig dar?«

»Herr Direktor … äh, ich sprach zu unüberlegt. Meine Anmerkungen waren nur ganz allgemein gemeint. Es war eine Wahlrede, und ich habe so gesprochen, weil es das ist, was die Leute hören wollten.« Aus den Augenwinkeln sieht Alfred, wie Herr Schäfer in seinem Stuhl zusammensinkt, die Brille abnimmt und sich die Augen reibt.

»Ach so, ich verstehe. Du hast nur allgemein gesprochen? Aber jetzt sitze ich hier vor dir, nicht allgemein, sondern tatsächlich.«

»Herr Direktor, ich sage nur, was alle Deutschen denken. Dass wir unsere Rasse und unsere Kultur bewahren müssen.«

»Und was mich und die Juden betrifft?«

Alfred lässt abermals stumm den Kopf hängen. Er möchte aus dem Fenster schauen, das sich etwa auf halber Länge des Tisches befindet, schaut stattdessen aber besorgt zum Direktor.

»Ja, natürlich kannst du nicht antworten. Vielleicht wird es deine Zunge lösen, wenn ich dir sage, dass mein Stammbaum und auch der meiner Frau rein deutsch ist und dass unsere Vorfahren im vierzehnten Jahrhundert ins Baltikum kamen. Und darüber hinaus sind wir auch noch strenggläubige Lutheraner.«

Alfred nickt langsam.

»Und dennoch nanntest du mich und meine Frau Juden«, fährt der Direktor fort.

»Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte nur, dass es Gerüchte gibt …«

»Gerüchte, die du zu deinem eigenen persönlichen Vorteil nur allzu gern ausgestreut hast. Und, sag mir, Rosenberg: Die Gerüchte beruhen auf welchen Tatsachen? Oder sind sie vielleicht gar aus der Luft gegriffen?«

»Tatsachen?« Alfred schüttelt den Kopf. »Äh, vielleicht Ihr Name?«

»Epstein ist also ein jüdischer Name? Alle Epsteins sind Juden, ist es das? Oder fünfzig Prozent von ihnen? Oder nur ein paar? Oder vielleicht nur einer von tausend? Was haben deine wissenschaftlichen Untersuchungen denn ergeben?«

Keine Antwort. Alfred schüttelt den Kopf.

»Du meinst, dass du dir trotz deiner wissenschaftlichen und philosophischen Ausbildung an deiner Schule nie überlegst, woher du weißt, was du weißt? Ist das nicht eine der wichtigsten Lehren der Aufklärung? Haben wir an dir versagt? Oder du an uns?«

Alfred ist sprachlos. Herr Epstein trommelt mit den Fingern auf den langen Tisch und fährt dann fort.

»Und dein Name Rosenberg? Ist dein Name auch ein jüdischer Name?«

»Nein. Ganz bestimmt nicht.«

»Da bin ich mir nicht so sicher. Ich will dir etwas über Namen erzählen. Während der Aufklärung in Deutschland …« Direktor Epstein hält kurz inne und bellt dann los: »Rosenberg, weißt du, wann und was die Aufklärung war?«

Mit Blick auf Herrn Schäfer und einem Stoßgebet in der Stimme antwortet Alfred zaghaft: »Achtzehntes Jahrhundert und … und es war die Ära … die Ära von Vernunft und Wissenschaft?«

»Ja, richtig. Gut. Nun, dann ist Herrn Schäfers Unterricht doch nicht gänzlich spurlos an dir vorübergegangen. Im Laufe jenes Jahrhunderts wurden in Deutschland Maßnahmen ergriffen, Juden zu deutschen Staatsbürgern zu machen. Sie wurden verpflichtet, deutsche Namen zu wählen und dafür zu zahlen. Hätten sie das nicht getan, hätten sie vielleicht so lächerliche Namen wie Schmutzfinger oder Drecklecker bekommen. Die meisten Juden erklärten sich also bereit, für einen hübscheren oder eleganteren Namen zu bezahlen, nach einer Blume vielleicht – wie Rosenblum – oder für Namen, die in irgendeiner Weise mit der Natur zu tun hatten, wie Grünbaum. Noch beliebter waren Namen von Adelsschlössern. So assoziierte man beispielsweise das Schloss Epstein mit einem Adelsgeschlecht. Es gehörte einer bedeutenden Familie des Heiligen Römischen Reiches, und sein Name wurde oft von Juden gewählt, die im achtzehnten Jahrhundert in dessen Nachbarschaft lebten. Einige Juden bezahlten geringere Summen für traditionelle jüdische Namen wie Levy oder Cohen.

Nun ist dein Name, Rosenberg, auch ein sehr alter Name. Aber seit mehr als hundert Jahren erlebt er einen Aufschwung. Er ist inzwischen ein häufiger jüdischer Name im Vaterland, und ich versichere dir, falls oder wenn du in das Vaterland reisen solltest, wirst du Blicke und Schmunzeln ernten, und du wirst Gerüchte über jüdische Vorfahren in deinem Stammbaum hören. Sag mir, Rosenberg, wenn das geschieht, was wirst du den Leuten antworten?«

»Ich werde Ihrem Beispiel folgen, Herr Direktor, und von meinen Vorfahren sprechen.«

»Ich persönlich habe die Ahnenreihe meiner Familie mehrere Jahrhunderte zurück verfolgt. Du auch?«

Alfred schüttelt den Kopf.

»Weißt du, wie man eine solche Forschung betreibt?«

Erneutes Kopfschütteln.

»Dann wird eines der Forschungsprojekte, die du vor deinem Abschluss vorlegen musst, darin bestehen, das Wesen der Ahnenforschung zu studieren und anschließend eine Suche nach deiner eigenen Herkunft durchzuführen.«

»Eines meiner Projekte, Herr Direktor?«

»Ja, es wird zwei Pflichtarbeiten geben, die meine sämtlichen Zweifel an deiner Befähigung zum Schulabschluss und deiner Befähigung zum Besuch des Polytechnikums ausräumen sollen. Nach unserer heutigen Unterhaltung werden Herr Schäfer und ich uns über ein weiteres erbauliches Projekt für dich unterhalten.«

»Ja, Herr Direktor.« Allmählich geht Alfred die prekäre Lage auf, in der er sich befindet.

»Sag mir, Rosenberg«, fährt Direktor Epstein fort, »wusstest du, dass gestern Abend auch jüdische Studenten auf der Versammlung waren?«

Ein kaum merkliches Nicken von Alfred.

Direktor Epstein fragt: »Und hast du deren Gefühle und deren Reaktion auf deine Worte, die Juden seien dieser Schule unwürdig, in Betracht gezogen?«

»Ich glaube, dass ich in erster Linie dem Vaterland verpflichtet bin und dazu, die Reinheit der großen arischen Rasse zu bewahren, der kreativen Kraft in allen Zivilisationen.«

»Rosenberg, die Wahl ist vorbei. Erspare mir deine Vorträge. Beantworte meine Frage. Ich fragte dich nach den Gefühlen der Juden unter deinen Zuhörern.«

»Ich glaube, dass die jüdische Rasse uns vernichten wird, wenn wir nicht auf der Hut sind. Sie sind schwach. Sie sind parasitär. Der ewige Feind. Die Antirasse zu arischen Werten und arischer Kultur.«

Überrascht von Alfreds heftiger Reaktion tauschen Direktor Epstein und Herr Schäfer besorgte Blicke aus. Direktor Epstein bohrt weiter.

»Mir scheint, als wolltest du der Frage, die ich stellte, ausweichen. Ich will versuchen, unser Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Die Juden sind eine schwache, parasitäre, minderwertige, kleine Rasse?«

Alfred nickt.

»Dann sag mir, Rosenberg: Wie kann eine so schwache Rasse unsere allmächtige arische Rasse bedrohen?«

Während Alfred eine Antwort zu formulieren versucht, fährt Herr Epstein fort: »Sag mir, Rosenberg, hast du bei Herrn Schäfer etwas über Darwin gelernt?«

»Ja«, gab Alfred zur Antwort. »Im Geschichtsunterricht von Herrn Schäfer und auch im Biologieunterricht von Herrn Werner.«

»Und was weißt du über Darwin?«

»Ich weiß von der Evolution der Arten und vom Überleben der Tüchtigsten.«

»Ach ja, die Tüchtigsten überleben. Nun hast du in deinem Religionsunterricht bestimmt das Alte Testament gründlich gelesen, nicht wahr?«

»Ja, im Unterricht von Herrn Müller.«

»Nun, Rosenberg: Dann wollen wir einmal die Tatsache betrachten, dass fast alle Völker und Kulturen, die in der Bibel beschrieben werden – und davon gibt es Dutzende –, inzwischen ausgestorben sind. Richtig?«

Alfred nickt.

»Kannst du mir einige dieser ausgestorbenen Völker nennen?«

Alfred schluckt: »Phönizier, Moabiter … und Edomiter.« Alfred wirft einen Blick auf Herrn Schäfers nickenden Kopf.

»Ausgezeichnet. Aber sie sind alle tot und verschwunden. Bis auf die Juden. Die Juden überlebten. Würde Darwin nicht behaupten, dass die Juden die Tüchtigsten von allen sind? Kannst du mir folgen?«

Alfred antwortet blitzschnell: »Aber nicht durch eigene Kraft. Sie sind Parasiten und haben die arische Rasse sogar an noch größerer Tüchtigkeit gehindert. Sie überleben nur, weil sie die Kraft, das Gold und den Reichtum aus uns heraussaugen.«

»Ach so, sie verhalten sich also nicht fair«, sagt Direktor Epstein. »Du willst damit sagen, dass es im großen Konzept der Natur Platz für Fairness gibt. Mit anderen Worten: Das edle Tier sollte sich in seinem Kampf ums Überleben weder tarnen noch aus dem Hinterhalt heraus jagen? Seltsam: Ich kann mich nicht erinnern, dass Darwin in irgendeiner Arbeit etwas über Fairness geschrieben hätte.«

Alfred, verwirrt, sitzt stumm da.

»Nun, lassen wir das«, sagt der Direktor. »Wenden wir uns einem weiteren Punkt zu: Sicherlich würdest du zustimmen, Rosenberg, dass die jüdische Rasse bedeutende Männer hervorgebracht hat. Denk nur an unseren Herrn Jesus, der als Jude geboren wurde.«

Wieder antwortet Alfred schnell: »Ich habe gelesen, dass Jesus in Galiläa auf die Welt kam und nicht in Judäa, wo die Juden waren. Auch wenn einige Galiläer irgendwann begonnen haben, den jüdischen Glauben zu praktizieren, floss kein einziger Tropfen israelitisches Blut in ihnen.«

»Wie bitte?« Direktor Epstein ringt die Hände, dreht sich zu Herrn Schäfer um und fragt: »Woher kommen nur solche Ideen, Herr Schäfer? Wäre er ein Erwachsener, würde ich fragen, ob er etwas getrunken hat. Unterrichten Sie solche Sachen in Geschichte?«

Herr Schäfer schüttelt den Kopf und wendet sich an Alfred. »Woher kommen solche Ideen? Du sagst, du liest darüber, aber bestimmt nicht in meinem Unterricht. Was liest du, Rosenberg?«

»Ein wunderbares Buch, Herr Professor: Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts.«

Herr Schäfer schlägt die Hand vor die Stirn und sinkt im Stuhl zusammen.

»Was ist das?«, fragt Direktor Epstein.

»Das Buch von Houston Stewart Chamberlain«, sagt Herr Schäfer. »Er ist Engländer und mittlerweile Wagners Schwiegersohn. Er strickt fantasievoll an der Geschichte. Das heißt, er schreibt über geschichtliche Ereignisse, die er sich eines ums andere ausdenkt.« Er wendet sich wieder an Alfred. »Wie bist du an Chamberlains Buch gekommen?«

»Ich habe bei meinem Onkel zu Hause darin geschmökert und es mir dann im Buchladen auf der Straße gegenüber gekauft. Sie hatten es nicht vorrätig, aber sie haben es mir bestellt. Ich habe es letzten Monat gelesen.«

»Was für eine Begeisterung! Ich wünschte nur, du hättest für deine Unterrichtstexte ebenso viel Begeisterung erkennen lassen«, sagt Herr Schäfer und weist mit dem Arm auf die Regale mit den ledergebundenen Büchern an den Wänden im Büro des Direktors. »Wenigstens für einen einzigen Text!«

»Herr Schäfer«, fragt der Direktor, »Sie sind mit diesem Werk, diesem Chamberlain, vertraut?«

»So sehr, wie ich mit irgendeinem Pseudohistoriker vertraut sein möchte. Er macht den französischen Rassisten Arthur de Gobineau populär, dessen Schriften zur grundsätzlichen Überlegenheit der arischen Rasse Wagner beeinflussten. Sowohl Gobineau als auch Chamberlain stellen aberwitzige Behauptungen über die arische Führerschaft in den großen griechischen und römischen Zivilisationen auf.«

»Sie waren aber wirklich groß!«, mischt Alfred sich plötzlich ein. »Bis sie sich mit minderwertigen Rassen vermischten – mit den bösartigen Juden, den Negern, den Asiaten. Daraufhin musste jede Zivilisation verfallen.«

Direktor Epstein wie auch Herr Schäfer sind verstört, dass ein Schüler es wagt, ihr Gespräch zu unterbrechen. Der Direktor wirft einen Blick zu Herrn Schäfer, als hätte dieser es zu verantworten. Herr Schäfer reicht den Rüffel an seinen Schüler weiter: »Ach, würde er diesen Eifer nur auch in der Klasse zeigen!« Er wendet sich an Alfred. »Wie oft habe ich dir das schon gesagt, Rosenberg? Du warst an deiner Weiterbildung immer so offensichtlich desinteressiert. Wie oft habe ich versucht, dich zur Mitarbeit an unserem Lesestoff zu bewegen? Und jetzt plötzlich stelle ich fest, dass dich tatsächlich ein Buch in Begeisterung versetzt. Wie dürfen wir das verstehen?«

»Vielleicht liegt es daran, dass ich ein solches Buch bisher noch nie gelesen habe – ein Buch, das die Wahrheit über die Vornehmheit unserer Rasse ausspricht, das sagt, dass die Gelehrten fälschlicherweise die Geschichte für den Fortschritt der Menschheit verantwortlich machten, während es in Wahrheit doch unsere Rasse war, die in den ganzen großen Imperien die Zivilisation geschaffen hat! Nicht nur in Griechenland und Rom, sondern auch in Ägypten, Persien und sogar in Indien. Alle diese Imperien verfielen erst, als unsere Rasse von den minderwertigen Rassen ringsherum verunreinigt wurde.«

Alfred schaut zu Direktor Epstein und sagt so respektvoll wie möglich: »Wenn ich mir erlauben darf, Herr Direktor, das ist die Antwort auf Ihre Frage von vorhin. Deshalb mache ich mir keine Sorgen um die verletzten Gefühle von ein paar wenigen jüdischen Studenten oder um die Slawen, die zwar auch minderwertig, aber nicht so organisiert sind wie die Juden.«

Direktor Epstein und Herr Schäfer tauschen abermals Blicke aus. Endlich erkennen sie den Ernst der Lage. Dieser junge Mann ist mehr als nur einfach ein alberner oder impulsiver Jugendlicher.

Direktor Epstein sagt: »Rosenberg, warte bitte draußen. Herr Schäfer und ich werden unter vier Augen konferieren.«

3

AMSTERDAM, 1656

In der Jodenbreestraat wimmelte es am Sabbat bei Einbruch der Dämmerung vor Juden. Alle hatten ein Gebetsbuch und einen kleinen Samtbeutel mit dem Gebetsschal bei sich. Alle sephardischen Juden in Amsterdam waren auf dem Weg zur Synagoge, nur einer nicht. Nachdem er die Tür seines Ladens verschlossen hatte, blieb Bento an der Türschwelle stehen, warf einen langen Blick auf den Strom seiner jüdischen Mitbrüder, atmete tief ein, tauchte in die Menge ein und strebte in die entgegengesetzte Richtung. Er vermied den Blick der Entgegenkommenden und flüsterte sich beschwichtigende Worte zu, um seine Unsicherheit zu beruhigen: Niemand kennt mich, niemand beachtet mich. Es ist ein gutes Gewissen, worauf es ankommt, nicht ein schlechter Ruf. Ich habe das schon so oft getan. Aber die schwachen Waffen der Vernunft prallten an seinem hämmernden Herzen ab. Dann versuchte er, die Außenwelt auszuschalten, sich in sich selbst zu vertiefen und damit abzulenken, dass er über dieses sonderbare Duell zwischen Vernunft und Gefühl staunte, ein Duell, in dem die Vernunft immer unterlag.

Als die Menschenmenge sich lichtete, schlenderte er entspannter weiter, bog an der Straße, die an der Koningsgracht West entlangführte, links ab und steuerte auf das Haus und die Schule Franciscus van den Endens zu, des genialen Lehrers für Latein und klassische Geschichte.

Obwohl das Zusammentreffen mit Jacob und Franco schon bemerkenswert gewesen war, so war es einige Monate zuvor zu einer noch denkwürdigeren Begegnung im Laden von Spinoza gekommen, als Franciscus van den Enden zum ersten Mal das Geschäft betreten hatte. Während Spinoza seinen Weg fortsetzte, schwelgte er in der Erinnerung dieses Zusammentreffens. Die Einzelheiten hafteten vollkommen klar in seinem Gedächtnis.

Am Vorabend des Sabbat setzt bereits die Dämmerung ein, als ein würdevoller, formell gekleideter Mann mittleren Alters in vornehmer Haltung sein Handelsgeschäft betritt, um die Waren zu begutachten. Bento ist zu sehr mit seinen Eintragungen in seinem Kassenbuch beschäftigt, um die Ankunft seines Kunden zu bemerken. Schließlich hüstelt van den Enden höflich, um auf sich aufmerksam zu machen, und bemerkt dann energisch, aber nicht unfreundlich: »Junger Mann, wir sind doch nicht zu beschäftigt, um einen Kunden zu bedienen, wie?«

Bento lässt seinen Stift mitten im Wort fallen und springt auf. »Zu beschäftigt? Wohl kaum, mein Herr. Sie sind heute mein allererster Kunde. Bitte entschuldigen Sie meine Unaufmerksamkeit. Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Ich hätte gern einen Liter Wein und – abhängig vom Preis – vielleicht ein Kilogramm dieser verhutzelten Rosinen da in der unteren Kiste.«

Während Bento ein Bleigewicht auf die eine Schale der Waage legt und die Rosinen mit einer abgenutzten, hölzernen Kelle auf die andere schaufelt, bis beide Schalen im Gleichgewicht schweben, fügt van den Enden hinzu: »Aber ich habe Sie beim Schreiben gestört. Was für ein erfrischendes und ungewöhnliches – nein, mehr als ungewöhnliches, ja geradezu einzigartiges – Erlebnis, in ein Geschäft zu treten und auf einen jungen Angestellten zu stoßen, der so mit Schreiben beschäftigt ist, dass er nicht einmal einen Kunden bemerkt. Als Lehrer erlebe ich normalerweise genau das Gegenteil. Ich stoße auf Schüler, die nicht schreiben und nicht denken, obwohl sie es tun sollten.«

»Die Geschäfte laufen schlecht«, antwortet Bento. »Und so sitze ich Stunde um Stunde hier und habe nichts zu tun außer zu denken und zu schreiben.«

Der Kunde deutet auf Spinozas Kassenbuch, das immer noch auf der Seite aufgeschlagen ist, die er gerade beschrieben hat. »Lassen Sie mich eine Vermutung darüber wagen, was Sie da aufschreiben. Die Geschäfte laufen schlecht, und so machen Sie sich zweifellos Sorgen über das Schicksal Ihres Inventars. Sie vermerken in Ihrem Kassenbuch die Ausgaben und Einnahmen, stellen ein Budget auf und listen mögliche Lösungen. Richtig?«

Mit rotem Kopf dreht Bento sein Journal um und legt es mit dem Rücken nach oben auf den Tisch.

»Sie brauchen nichts vor mir zu verbergen, junger Mann. Ich bin ein Meisterspion und kann Geheimnisse für mich behalten. Und auch ich denke verbotene Gedanken. Darüber hinaus bin ich Lehrer für Rhetorik von Beruf und könnte Ihre Niederschriften mit ziemlicher Sicherheit verbessern.«

Spinoza hält ihm sein Journal zum Lesen hin und fragt verschmitzt lächelnd: »Wie gut ist Ihr Portugiesisch, mein Herr?«

»Portugiesisch! Jetzt haben Sie mich aber erwischt, junger Mann. Holländisch ja, Französisch, Englisch, Deutsch ebenfalls ja und auch Latein und Griechisch. Ein eingeschränktes Ja sogar bei Spanisch und ansatzweise auch bei Hebräisch und Aramäisch. Aber Portugiesisch leider nein. Sie sprechen übrigens ausgezeichnet Holländisch. Warum schreiben Sie nicht auf Holländisch? Sie sind doch bestimmt hier geboren?«

»Ja. Mein Vater emigrierte als Kind aus Portugal. Obwohl ich bei meinen geschäftlichen Verhandlungen Holländisch spreche, bin ich im Schriftlichen nicht perfekt. Manchmal schreibe ich auch auf Spanisch. Und ich vertiefe mich gerade ins Studium der hebräischen Sprache.«

»Seit jeher sehne ich mich danach, die Heilige Schrift einmal in ihrer Originalsprache zu lesen. Leider war mein Hebräischunterricht bei den Jesuiten nur sehr unzulänglich. Aber Sie schulden mir noch immer eine Antwort darauf, was Sie da schreiben.«

»Ihre Folgerung, dass ich über Budgets und eine Verbesserung der Verkaufszahlen schreibe, basiert, wie ich annehme, auf meiner Bemerkung, dass die Geschäfte schlecht gehen. Eine verständliche Deduktion, aber in diesem speziellen Fall vollkommen unrichtig. Meine Gedanken beschäftigen sich nur selten mit geschäftlichen Dingen, und ich schreibe niemals darüber.«

»Ich nehme alles zurück. Aber bevor ich den Fokus Ihres Schreibens weiter verfolge, erlauben Sie mir bitte, kurz abzuschweifen – eine pädagogische Anmerkung, eine Angewohnheit, die ich nur schwer ablegen kann: Ihr Gebrauch des Wortes ›Deduktion‹ ist korrekt. Der Vorgang, auf bestimmten Beobachtungen aufzubauen, um eine rationale Schlussfolgerung zu ziehen, mit anderen Worten, aus bestimmten Beobachtungen von unten her eine Theorie aufzubauen, heißt Induktion, wohingegen eine Deduktion mit einer a-priori-Theorie beginnt und dann abwärts zu verschiedenen Schlussfolgerungen führt.«

Als van den Enden Spinozas nachdenkliches, vielleicht auch dankbares Nicken registriert, fährt er fort: »Wenn es nicht die Geschäfte sind, worüber schreiben Sie dann?«

»Ach, nur darüber, was ich vor dem Fenster meines Ladens sehe.«

Van den Enden dreht sich um und folgt Bentos Blick zur Straße hinaus.

»Sehen Sie. Alle sind in Bewegung. Sie hasten hin und her. Den ganzen Tag, ihr ganzes Leben lang. Mit welchem Ziel? Reichtum? Ehre? Sinnenlust? Solche Ziele weisen ganz sicher in die falsche Richtung.«

»Warum?«

Bento hat alles gesagt, was er sagen wollte, doch ermutigt von den Fragen seines Kunden fährt er fort: »Solche Ziele vervielfältigen sich. Jedes Mal, wenn ein Ziel erreicht ist, brüten sie nur weitere Bedürfnisse aus. Folglich noch mehr Hasten, noch mehr Suchen, ad infinitum. Der wahre Weg zu unvergänglichem Glück muss anderswo liegen. Darüber denke ich nach, und darüber schreibe ich.« Bento läuft puterrot an. Nie zuvor hat er solche Gedanken laut ausgesprochen.

Das Gesicht des Kunden verrät großes Interesse. Er stellt seine Einkaufstasche ab, tritt näher und starrt Bento ins Gesicht.

Das war der Moment – der Moment der Momente. Bento liebte jenen Moment, jenen überraschten Blick, jenes neue, wachsende Interesse und jene Wertschätzung im Gesicht des Fremden. Und was für ein Fremder er war! Ein Sendbote aus der großen Welt da draußen, aus der nichtjüdischen Welt. Ein offensichtlich einflussreicher Mann. Es war ihm unmöglich, sich jenen Moment nur ein einziges Mal in Erinnerung zu rufen. Vielmehr spielte er diese Begebenheit ein weiteres Mal und manchmal auch ein drittes und viertes Mal durch. Und jedes Mal, wenn er sie sich vor Augen führte, füllten sich seine Augen mit Tränen. Ein Lehrer, ein eleganter Mann von Welt, interessierte sich für ihn, nahm ihn ernst, dachte vielleicht: »Das ist ja ein außergewöhnlicher junger Mann.«

Nur mit Mühe riss Bento sich von diesem Moment der Momente los und fuhr mit seiner Erinnerung an dieses erste Zusammentreffen fort.

Der Kunde lässt nicht locker: »Sie sagen, dass unvergängliches Glück woanders liege. Erzählen Sie mir von diesem ›woanders‹.«

»Ich weiß nur, dass es nicht in vergänglichen Zielen liegt. Es ist die Seele, die bestimmt, was angstvoll, wertlos, wünschenswert oder unschätzbar ist, und deshalb ist es die Seele und nur die Seele, die einer Veränderung bedarf.«

»Wie heißen Sie, junger Mann?«

»Bento Spinoza. Auf Hebräisch werde ich Baruch genannt.«

»Und auf Lateinisch ist Ihr Name Benedictus. Ein schöner, gesegneter Name. Ich bin Franciscus van den Enden. Ich leite eine Lateinschule. Spinoza, sagen Sie … hmm, vom lateinischen spina und spinosus, was so viel wie ›Dorn‹ und ›voller Dornen‹ bedeutet.«

»D’Espinosa auf Portugiesisch«, sagt Bento und nickt. »›Von einem dornigen Ort.‹«

»Nun, die Art Ihrer Fragen dürfte sich für die orthodoxen, doktrinären Lehrmeister durchaus als dornig erweisen.« Van den Enden kräuselt die Lippen zu einem verschmitzten Lächeln. »Sagen Sie mir, junger Mann, sind Sie ein Stachel im Fleische Ihrer Lehrer?«

Bento lächelt ebenfalls: »Ja, früher einmal war das so. Doch nun habe ich mich von meinen Lehrern befreit. Ich beschränke meine Stacheligkeit auf mein Kassenbuch. Meine Art von Fragen ist in einer abergläubischen Gemeinde nicht willkommen.«

»Aberglaube und Vernunft waren noch nie gute Gefährten. Aber vielleicht kann ich Sie mit ähnlich gesinnten Weggefährten bekannt machen. Hier zum Beispiel ist ein Mann, den Sie kennen lernen sollten.«

Van den Enden greift in seine Tasche und zieht ein altes Buch heraus, das er Bento reicht. »Der Mann heißt Aristoteles, und dieses Buch enthält seine Erkundung Ihrer Art von Fragen. Auch er betrachtete die Seele und das Streben nach einer Vervollkommnung unserer Kräfte der Vernunft als oberstes und einzigartiges menschliches Vorhaben. Mit der Nikomachischen Ethik von Aristoteles sollten Sie sich als Nächstes befassen.«

Bento hält das Buch an seine Nase und atmet den Duft ein. Dann schlägt er es auf. »Ich weiß von diesem Mann und würde ihn gern kennen lernen. Aber wir könnten uns leider nicht unterhalten. Ich kann kein Griechisch.«

»Dann sollte Ihre Ausbildung auch Griechisch umfassen. Natürlich erst, nachdem Sie Latein beherrschen. Wie schade, dass Ihre gelehrten Rabbiner so wenig über die Klassiker wissen. So eng begrenzt ist ihr Horizont, dass sie oft vergessen, dass Nichtjuden sich ebenfalls mit der Suche nach Weisheit beschäftigen.«

Bento antwortet augenblicklich. Wie immer erinnert er sich seiner jüdischen Herkunft, wenn Juden angegriffen werden. »Das stimmt nicht. Rabbi Menassch und auch Rabbi Mortera haben Aristoteles in der lateinischen Übersetzung gelesen. Und Maimonides hielt Aristoteles für den bedeutendsten aller Philosophen.«

Van den Enden streckt sich. »Gut gesagt, junger Mann, gut gesagt. Mit dieser Antwort haben Sie die Aufnahmeprüfung bestanden. Eine solche Loyalität gegenüber alten Lehrern veranlasst mich, Sie formell zum Studium an meiner Schule einzuladen. Es ist nun an der Zeit, dass Sie nicht nur von Aristoteles wissen, sondern ihn auch selbst kennen lernen. Ich kann ihn Ihrem Verständnis zuführen und auch die Welt seiner Gefährten, wie Sokrates, Platon und viele andere.«

»Bleibt nur die Frage der Studiengebühren. Wie ich sagte, laufen die Geschäfte schlecht.«

»Wir werden uns bestimmt einigen. Zum einen werden wir sehen, was für eine Art Hebräischlehrer Sie sind. Meine Tochter und ich möchten unser Hebräisch verbessern. Und vielleicht entdecken wir ja auch andere Möglichkeiten von Tauschgeschäften. Für den Augenblick schlage ich vor, dass Sie zu meinem Wein und den Rosinen – aber nicht diesen verhutzelten da – noch ein Kilogramm Mandeln dazugeben. Lassen Sie mich die prallen Rosinen auf dem oberen Regal probieren.«

So überwältigend war diese Erinnerung an den Beginn seines neuen Lebens, dass Bento, in Tagträumen schwelgend, mehrere Straßen über sein Ziel hinauslief. Er schreckte hoch, orientierte sich schnell und ging den selben Weg zurück zu van den Endens Haus, einem schmalen, dreistöckigen Gebäude an der Singel. Als er zur obersten Etage hinaufstieg, wo der Unterricht stattfand, blieb Bento wie immer auf jedem Treppenabsatz stehen und spähte in die Wohnräume. Der aufwendig geflieste Fußboden des ersten Treppenabsatzes mit seiner Umrandung aus blauen und weißen Delfter Windmühlenfliesen interessierte ihn wenig.

Im ersten Stockwerk erinnerte ihn der Geruch von Sauerkraut und das beißende Aroma von Curry daran, dass er wieder einmal vergessen hatte, an das Mittag- oder Abendessen zu denken.

Im zweiten Stockwerk hielt er sich nicht damit auf, die glänzende Harfe und die Tapeten an den Wänden zu bewundern, sondern erfreute sich stattdessen an den vielen Ölgemälden, die dicht an dicht an den Wänden hingen. Mehrere Minuten lang studierte Bento ein kleines Gemälde mit einem gestrandeten Schiff. Aufmerksam registrierte er die Perspektive, die von den großen Gestalten am Strand und den beiden kleineren im Boot gebildet wurde – die eine stand im Vorschiff und die andere, noch kleiner, saß am Bug. Er prägte sich die Szene ein und nahm sich vor, noch am selben Abend eine Kohlezeichnung davon anzufertigen.

Im dritten Stockwerk wurde er von van den Enden und sechs weiteren Schülern der Akademie begrüßt; einer der jungen Leute lernte Latein, und fünf hatten sich schon zur griechischen Sprache vorgearbeitet. Van den Enden begann den Abend wie immer mit einem Lateindiktat, das die Schüler entweder ins Holländische oder Griechische übersetzen mussten. In der Hoffnung, seinen Schülern die Leidenschaft für die Beherrschung neuer Sprachen einzuimpfen, unterrichtete van den Enden anhand von Texten, die er nicht nur für interessant, sondern auch für unterhaltsam hielt. Ovid war der Text der letzten drei Wochen gewesen, und an diesem Abend las van den Enden einen Abschnitt aus der Geschichte des Narcissus.

Im Gegensatz zu den anderen Schülern zeigte Spinoza nur geringes Interesse an geheimnisvollen Geschichten über wunderliche Metamorphosen. Bald war es offensichtlich, dass er keine unterhaltsamen Texte brauchte. Stattdessen hatte er eine Leidenschaft fürs Lernen und eine atemberaubende Sprachbegabung. Obwohl van den Enden sofort gewusst hatte, dass Bento ein außergewöhnlicher Schüler wäre, erstaunte es ihn immer wieder, wie er jedes Konzept, jede Allgemeingültigkeit und jede grammatikalische Eigentümlichkeit schon begriff und sich merkte, bevor die Erklärungen die Lippen seines Lehrers verlassen hatten.

Die täglichen Lateinübungen wurden von van den Endens Tochter Clara Maria betreut, einer schlaksigen Dreizehnjährigen mit Schwanenhals, verführerischem Lächeln und gekrümmter Wirbelsäule. Clara war, was Sprachen anging, selbst ein Wunderkind und demonstrierte vor den anderen Schülern schamlos ihre Gewandtheit, indem sie stets zwischen mehreren Sprachen wechselte, wenn sie mit ihrem Vater den täglichen Unterricht für jeden Schüler besprach. Anfangs war Bento schockiert: Einer der jüdischen Grundsätze, die er nie in Frage stellte, war die Unterlegenheit von Frauen – weniger Rechte und weniger Verstand. Obwohl Clara Maria ihn in Erstaunen versetzte, betrachtete er sie gleichwohl als Kuriosität, als Laune der Natur, und er sollte seine Ansicht niemals ändern, dass Frauen im Allgemeinen den Männern intellektuell weit unterlegen waren.

Sobald van den Enden mit den fünf Schülern, die Griechisch lernten, den Raum verlassen hatte, begann Clara Maria mit einer bei einer Dreizehnjährigen fast schon komisch anmutenden Ernsthaftigkeit, mit Bento und einem deutschen Schüler, Dirk Kerckrinck, die Vokabeln und Deklinationen zu üben, die man ihnen als Hausaufgabe aufgegeben hatte. Dirk lernte Latein, eine Voraussetzung für seine Zulassung zum Medizinstudium in Hamburg. Nach den Vokabeln wies Clara Maria Bento und Dirk an, ein bekanntes holländisches Gedicht von Jacob Cats, in dem es um das anständige Benehmen junger, unverheirateter Frauen ging, ins Lateinische zu übersetzen. Clara Maria las das Gedicht ihren Schülern unvergleichlich charmant vor, und als Dirk ihre Darbietung beklatschte und Bento es ihm eilig nachtat, strahlte sie übers ganze Gesicht, stand auf und verbeugte sich.

Die letzte Stunde war für Bento immer der Höhepunkt des ganzen Abends. Alle acht Schüler kamen im größeren Klassenzimmer zusammen – dem einzigen mit Fenstern – und lauschten van den Enden, der einen Diskurs über die antike Welt hielt. Sein Thema an diesem Abend war die griechische Vorstellung von Demokratie, seiner Ansicht nach die perfekteste Regierungsform, selbst wenn er zugeben musste – und hier warf er einen kurzen Blick zu seiner Tochter, die an allen seinen Veranstaltungen teilnahm –, dass »die griechische Demokratie über fünfzig Prozent der Bevölkerung ausschloss, nämlich Frauen und Sklaven«. Er fuhr fort: »Bedenken Sie die paradoxe Stellung der Frau im griechischen Drama: Auf der einen Seite war es den Frauen überhaupt verboten, Aufführungen zu besuchen, und erst in späteren, aufgeklärteren Jahrhunderten wurden sie zwar in die Amphitheater vorgelassen, durften aber nur auf den Plätzen mit der schlechtesten Sicht sitzen. Und betrachten Sie auf der anderen Seite die Heldinnen im Drama – stahlharte Frauen, die Protagonistinnen der bedeutendsten Tragödien von Sophokles und Euripides. Ich will Ihnen drei der eindrucksvollsten Gestalten in der ganzen Literatur nennen: Antigone, Phaedra und Medea.«

Nach seiner Präsentation, während der er Clara Maria anwies, einige der stärksten Passagen Antigones auf Griechisch und Holländisch vorzulesen, bat er, nachdem die anderen gegangen waren, Bento darum, noch ein paar Minuten zu bleiben.

»Ich möchte ein paar Dinge mit Ihnen besprechen, Bento. Zum einen: Erinnern Sie sich doch noch an mein Angebot bei unserem ersten Treffen in Ihrem Geschäft? Mein Angebot, Sie mit gleichgesinnten Denkern bekanntzumachen?« Bento nickte, und van den Enden fuhr fort: »Ich habe es nicht vergessen, und ich werde mein Versprechen nun nach und nach einlösen. Ihre Fortschritte in Latein sind ausgezeichnet, und wir werden uns nun der Sprache des Sophokles und des Homer zuwenden. Nächste Woche wird Clara Maria mit dem griechischen Alphabet beginnen. Außerdem habe ich Texte ausgewählt, die Sie besonders interessieren dürften. Wir werden mit Abschnitten von Aristoteles und Epikur arbeiten, die sich auf genau die Themen beziehen, für die Sie bei unserer ersten Begegnung Interesse bekundet haben.«

»Sie meinen meine Einträge im Kassenbuch über vergängliche und unvergängliche Ziele?«

»Ganz genau. Als einen ersten Schritt, Ihr Latein zu perfektionieren, schlage ich vor, dass Sie Ihre Einträge ab sofort in dieser Sprache vornehmen.«

Bento nickte.

»Und noch eins«, fuhr van den Enden fort. »Clara Maria und ich sind nun so weit, unter Ihrer Anleitung Hebräisch zu lernen. Wäre es Ihnen angenehm, nächste Woche damit zu beginnen?«

»Sehr gerne«, gab Bento zur Antwort. »Es wäre mir eine große Freude und böte mir außerdem die Möglichkeit, meine große Schuld an Sie zurückzuzahlen.«

»Nun, dann sollten wir vielleicht über pädagogische Methoden nachdenken. Haben Sie Erfahrung im Unterrichten?«

»Vor drei Jahren bat mich Rabbi Mortera, ihm bei seinem Hebräischunterricht für die jüngeren Schüler zu assistieren. Ich habe mir viele Gedanken zu den Fallstricken der hebräischen Sprache aufgeschrieben und hoffe, eines Tages eine hebräische Grammatik zu verfassen.«

»Ausgezeichnet. Seien Sie versichert, dass Sie eifrige und aufmerksame Schüler haben werden.«

»Wie der Zufall es will«, fügte Bento hinzu, »wurde heute Nachmittag eine seltsame Anfrage nach pädagogischer Hilfe an mich herangetragen. Vor ein paar Stunden suchten mich zwei verzweifelte Männer auf und versuchten, mich als eine Art Berater zu gewinnen.« Bento erzählte von seinem Zusammentreffen mit Jacob und Franco.

Van den Enden lauschte gespannt, und als Bento geendet hatte, sagte er: »Ich werde ein weiteres Wort zu den Lateinvokabeln hinzufügen, die ich Ihnen heute als Hausaufgabe gegeben habe. Notieren Sie bitte: caute. Die Bedeutung können Sie von dem spanischen Wort cautela ableiten.«

»Ja, das heißt ›Vorsicht‹ – cautela auf Portugiesisch. Aber warum caute

»Auf Lateinisch bitte.«

»Sed cur caute

»Ich habe einen Spion, der mir erzählt, dass Ihre jüdischen Freunde nicht erbaut davon sind, dass Sie bei mir studieren. Ganz und gar nicht. Und sie sind nicht erbaut davon, dass Sie sich zunehmend von Ihrer Gemeinde distanzieren. Caute, mein Junge. Passen Sie auf, dass Sie ihnen nicht weiteren Kummer bereiten. Vertrauen Sie Ihre tieferen Gedanken und Zweifel keinem Fremden an. Nächste Woche werden wir sehen, ob Epikur Ihnen nützliche Ratschläge geben kann.«

4

ESTLAND, 10. MAI 1910

Nachdem Alfred hinausgegangen war, standen die beiden alten Freunde auf und streckten sich, während Direktor Epsteins Sekretärin einen Teller mit Apfel- und Walnussstrudel auf den Tisch stellte. Sie nahmen wieder Platz und bissen hin und wieder schweigend davon ab, während sie den Tee aufbrühte.

»Nun, Hermann, ist dies das Gesicht der Zukunft?«, fragte Direktor Epstein.

»Keiner Zukunft, die ich erleben möchte. Ich freue mich über den heißen Tee – es fröstelt mich in seiner Gegenwart.«

»Wie viele Sorgen sollten wir uns über diesen Jungen und über seinen Einfluss auf seine Klassenkameraden machen?«

Ein Schatten huschte vorüber. Ein Schüler ging draußen im Korridor vorbei, und Herr Schäfer stand auf und schloss die Tür, die halb offen geblieben war. »Ich bin schon sein Vertrauenslehrer, seitdem er hier angefangen hat, und ich hatte ihn in mehreren Fächern. Eigenartig, ich kenne ihn überhaupt nicht. Wie du siehst, wirkt er so mechanisch, so distanziert. Ich treffe die jungen Leute oft bei hitzigen Diskussionen an, aber Alfred gesellt sich nie zu ihnen. Er hält sich bedeckt.«

»In den letzten Minuten wohl kaum, Hermann.«

»Das war vollkommen neu. Das hat mich erschüttert. Ich habe einen anderen Alfred Rosenberg erlebt. Die Lektüre von Chamberlain hat ihm Mut gemacht.«

»Vielleicht hat das auch sein Gutes. Vielleicht stolpert er ja noch über andere Bücher, die ihn auf andere Art begeistern. Du sagst, dass er sonst nicht gerade ein Bücherwurm ist?«

»Seltsamerweise ist das schwierig zu beantworten. Manchmal glaube ich, dass er Bücher an und für sich gut findet oder jedenfalls deren Nimbus, vielleicht aber auch nur die Bucheinbände. In der Schule stolziert er oft mit einem Stapel Bücher unter dem Arm herum – Hauptmann, Heine, Nietzsche, Hegel, Goethe. Von Zeit zu Zeit nimmt dieses Gehabe schon fast komische Züge an. Anscheinend will er damit seine überlegene Intelligenz zur Schau stellen und damit prahlen, dass ihm Bücher wichtiger sind, als beliebt zu sein. Oft habe ich meine Zweifel, dass er die Bücher wirklich liest. Und jetzt weiß ich nicht mehr, was ich denken soll.«

»Eine solche Leidenschaft für Chamberlain«, sinnierte der Direktor. »Lässt er eine ähnliche Leidenschaft auch für andere Dinge erkennen?«

»Das ist die Frage. Er hält seine Gefühle immer sehr im Zaum, allerdings erinnere ich mich an ein Aufblitzen von Begeisterung für die Vorgeschichte in unserer Region. Hier und da nehme ich eine kleine Gruppe von Schülern zu archäologischen Ausgrabungen gleich nördlich der Kirche St. Olai mit, wo sie auch ein bisschen mitgraben dürfen. Alfred hat sich zu solchen Exkursionen immer freiwillig gemeldet. Bei einem dieser Ausflüge half er dabei, ein paar Steinzeitwerkzeuge und eine prähistorische Feuerstelle freizulegen, und er war begeistert!«

»Seltsam«, sagte der Direktor, der gerade Alfreds Akte durchblätterte. »Er hat sich für unsere Schule entschieden und nicht fürs Gymnasium, wo er die Möglichkeit gehabt hätte, die Klassiker zu studieren und anschließend auf die Universität zu gehen, um Literatur oder Philosophie zu studieren. Denn dort liegen anscheinend seine Interessen. Warum geht er aufs Polytechnikum?«

»Ich glaube, es sind finanzielle Gründe. Seine Mutter starb, als er noch ein Baby war, und sein Vater leidet unter Schwindsucht und arbeitet nur sporadisch als Bankangestellter. Der neue Kunstlehrer, Herr Purvit hält ihn für einen recht guten technischen Zeichner und ermutigt ihn, eine Karriere als Architekt anzustreben.«

»Er hält sich also abseits von den anderen«, sagte der Direktor und schloss Alfreds Akte. »Und trotzdem hat er die Wahl für sich entschieden. Und war er vor ein paar Jahren nicht auch schon einmal Klassensprecher?«

»Das hat wenig mit Popularität zu tun, denke ich. Die Schüler haben keine Achtung vor diesem Amt, und die beliebten Jungen scheuen sich normalerweise, Klassensprecher zu werden, weil es mit Arbeit und allerlei Mühen verbunden ist. Ich glaube nicht, dass die Jungen Rosenberg ernst nehmen. Ich habe nie gesehen, dass er mit einer Gruppe zusammengestanden oder mit anderen herumgealbert hätte. Vielmehr ist er oft Zielscheibe von Hänseleien. Er ist ein Einzelgänger; er läuft ständig allein und nur mit seinem Skizzenblock in Reval herum. Also würde ich mir keine allzu großen Sorgen machen, dass er hier seine extremistischen Ideen verbreiten könnte.«

Direktor Epstein stand auf und ging ans Fenster. Davor standen breitblättrige Bäume mit frischem Frühlingsgrün und weiter hinten stattliche, weiße Gebäude mit roten Ziegeldächern.

»Erzähl mir mehr von diesem Chamberlain. Meine literarischen Interessen liegen woanders. Welches Ausmaß hat sein Einfluss in Deutschland?«

»Er nimmt schnell zu. Alarmierend schnell. Sein Buch wurde vor etwa zehn Jahren publiziert, und seine Popularität steigt noch immer beträchtlich. Ich hörte, dass es sich über hunderttausend Mal verkauft hat.«

»Hast du es gelesen?«

»Ich habe damit angefangen, aber schnell die Geduld verloren und den Rest nur noch überflogen. Viele meiner Freunde haben es gelesen. Die studierten Historiker teilen meine Reaktion – ebenso wie die Kirche und natürlich die jüdische Presse. Allerdings wird es von vielen prominenten Leuten hochgelobt – von Kaiser Wilhelm, dem Amerikaner Theodore Roosevelt –, und viele führende ausländische Zeitungen haben positive und einige von ihnen geradezu verzückte Rezensionen geschrieben. Chamberlains Wortwahl ist pathetisch, und er gibt vor, unsere edleren Impulse anzusprechen. Aber ich glaube, dass er an unsere niedrigsten appelliert.«

»Wie erklärst du dir seine Popularität?«

»Er schreibt mit Überzeugungskraft. Und er beeindruckt die Ungebildeten. Auf jeder Seite finden sich tiefsinnig wirkende Zitate von Tertullian oder vom Heiligen Augustinus, vielleicht auch von Platon oder irgendwelchen indischen Mystikern des achten Jahrhunderts. Aber das hat nur den Anschein von Gelehrsamkeit. Tatsächlich hat er einfach wahllos irgendwelche Zitate aus der früheren Geschichte herausgepickt, die seine vorgefasste Meinung unterstützen sollen. Und seiner Popularität ist zweifellos zuträglich, dass er erst kürzlich Wagners Tochter geheiratet hat. Viele betrachten ihn als den Nachfolger von Wagners rassistischem Vermächtnis.«

»Demnach wurde er von Wagner gekrönt?«

»Nein, sie sind sich nie begegnet. Wagner starb, bevor Chamberlain seiner Tochter den Hof machte. Aber Cosima gab ihm ihren Segen.«

Der Direktor schenkte Tee nach. »Nun, unser junger Rosenberg scheint von Chamberlains Rassismus so eingenommen zu sein, dass es nicht ganz leicht sein dürfte, ihn wieder davon zu befreien. Aber ehrlich gesagt: Welcher unbeliebte, einsame, einigermaßen unbeholfene Heranwachsende würde nicht vor Vergnügen schnurren, wenn er erfährt, dass er von überlegener Herkunft ist? Dass seine Vorfahren die großen Zivilisationen begründet haben? Und erst ein Junge, der nie eine Mutter hatte, die ihn bewunderte, dessen Vater todkrank ist, dessen älterer Bruder kränkelt, der …«

»Ach, Karl, aus dir spricht dein Visionär, dieser Wiener Doktor Freud, der ebenfalls mit großer Überzeugungskraft schreibt, der ebenfalls in die klassische Geschichte eintaucht und niemals ohne ein köstliches Zitat wieder auftaucht.«

»Mea culpa. Ich muss zugeben, dass seine Gedanken mir zunehmend sinnvoller erscheinen. Beispielsweise sagtest du gerade, dass hunderttausend Exemplare des antisemitischen Buches von Chamberlain verkauft wurden. Wie viele von den Heerscharen von Lesern werden ihn wie du ablehnen? Und wie viele werden sich wie Rosenberg von ihm mitreißen lassen? Weshalb ruft ein und dasselbe Buch so breitgestreute Reaktionen hervor? Ein Leser muss irgendetwas Bestimmtes an sich haben, was bewirkt, dass er dieses Buch mit offenen Armen empfängt. Sein Leben, seine Psychologie, sein Bild von sich selbst. Es muss etwas sein, das tief in seiner Seele schlummert – oder wie dieser Freud es nennt, das Unbewusste –, das einen bestimmten Leser dazu bringt, einem bestimmten Schriftsteller zu verfallen.«

»Ein kerniges Thema für unsere nächste Diskussion beim Abendessen! Inzwischen wird sich mein kleiner Rosenberg da draußen vermutlich Sorgen machen und schwitzen. Was sollen wir mit ihm machen?«

»Ja, diskutieren können wir noch später. Wir haben ihm Hausarbeiten angekündigt und müssen uns nun welche überlegen. Vielleicht schießen wir ja über das Ziel hinaus. Besteht überhaupt der Hauch einer Chance, dass wir ihm eine Hausaufgabe geben, die in den paar Wochen, die uns noch bleiben, einen positiven Einfluss auf ihn ausüben könnte? Ich stelle bei ihm eine solche Bitterkeit fest, einen solchen Hass auf alle außer seinem Hirngespinst des ›wahren Deutschen‹. Ich glaube, wir müssen ihn von seinen Ideen abbringen und zu etwas Greifbarem hinführen, etwas, das er anfassen kann.«

»Einverstanden. Es ist schwieriger, eine Einzelperson als eine Rasse zu hassen«, sagte Herr Schäfer. »Ich habe eine Idee. Ich kenne einen bestimmten Juden, an dem ihm etwas liegen muss. Rufen wir ihn herein, und ich werde ihn damit ködern.«

Direktor Epsteins Sekretärin räumte das Teegeschirr ab und holte Alfred herein, der auf seinem Stuhl am Ende des Tisches Platz nahm.

Herr Schäfer stopfte bedächtig seine Pfeife, zündete sie an und stieß eine Rauchwolke aus. Dann begann er: »Rosenberg, wir haben noch ein paar Fragen. Ich bin mir deiner Gefühle zu Juden unter allgemeinen rassischen Gesichtspunkten bewusst, aber gewiss haben sich deine Wege auch mit großartigen Juden gekreuzt. Zufällig weiß ich, dass du und ich denselben Hausarzt haben, nämlich Herrn Apfelbaum. Wie ich hörte, hat er dich auf die Welt geholt.«

»Ja«, sagte Alfred. »Er ist schon mein ganzes Leben lang mein Arzt.«

»Und seit Jahren ist er auch ein sehr guter Freund von mir. Sag mir, ist er bösartig? Ist er ein Parasit? Niemand in Reval arbeitet härter als er. Als du noch ein Baby warst, habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass er Tag und Nacht gearbeitet und versucht hat, deine Mutter von der Tuberkulose zu heilen. Und ich hörte, dass er bei ihrer Beerdigung geweint hat.«

»Dr. Apfelbaum ist ein guter Mann. Er kümmert sich immer sehr um uns. Übrigens bezahlen wir ihn immer dafür. Aber es kann auch gute Juden geben. Das weiß ich. Ich spreche nicht schlecht über ihn als Menschen, sondern nur über die jüdische Saat. Es ist unbestreitbar, dass alle Juden die Saat einer verhassten Rasse in sich tragen und dass …«

»Schon wieder dieses Wort ›verhasst‹«, warf Direktor Epstein ein, um Fassung bemüht. »Ich höre eine ganze Menge über Hass, Rosenberg, aber ich höre gar nichts über Liebe. Vergiss nicht, dass die Liebe der Kern der Botschaft Jesu ist. Nicht nur Gott sollst du lieben, sondern auch deinen Nächsten wie dich selbst. Siehst du keinen Widerspruch zwischen dem, was du bei Chamberlain liest, und dem, was du jede Woche in der Kirche über die christliche Liebe hörst?«

»Ich gehe nicht jede Woche in die Kirche, Herr Direktor. Ich gehe da nicht mehr hin.«

»Und was sagt dein Vater dazu? Was würde Chamberlain dazu sagen?«

»Mein Vater sagt, dass er noch nie einen Fuß in die Kirche gesetzt hat. Und ich habe gelesen, das Chamberlain und auch Wagner behaupten, dass die Lehren der Kirche uns eher schwächen als stärken.«

»Du liebst unseren Herrn Jesus nicht?«

Alfred schwieg. Überall vermutete er Fallstricke. Dies hier war ein tückisches Terrain: Der Direktor hatte sich bereits als strenggläubigen Lutheraner bezeichnet. Solange er sich an Chamberlain hielt, war er auf der sicheren Seite, und Alfred strengte sich an, sich an die Worte in dessen Buch zu erinnern. »Ich bewundere Jesus ebenso sehr wie Chamberlain. Chamberlain nennt ihn ein moralisches Genie. Er hatte große Macht und großen Mut, aber unglücklicherweise wurden seine Lehren von Apostel Paulus judifiziert, der Jesus in einen leidenden Schwächling verwandelte. In jeder Kirche gibt es Gemälde oder Glasmalereien von der Kreuzigung Jesu. Keine einzige zeigt Bilder des mächtigen und des mutigen Jesus – des Jesus, der es wagte, sich mit korrupten Rabbinern anzulegen, des Jesus, der die Geldverleiher ganz allein aus dem Tempel warf!«

»Chamberlain sieht also Jesus, den Löwen, und nicht Jesus, das Lamm?«

»Ja«, sagte Rosenberg ermutigt. »Chamberlain sagt, dass es eine Tragödie war, dass Jesus ausgerechnet an jenem Ort und zu jener Zeit aufgetaucht ist. Hätte Jesus vor germanischen Menschen oder, sagen wir, vor indischen Menschen gepredigt, hätten seine Worte einen ganz anderen Einfluss gehabt.«

»Gehen wir zu meiner Frage von vorhin zurück«, sagte der Direktor, der erkannte, dass er den falschen Weg eingeschlagen hatte. »Ich habe eine einfache Frage: Wen liebst du? Wer ist dein Held? Der, den du vor allen anderen bewunderst? Abgesehen von diesem Chamberlain, meine ich.«

Alfred hatte nicht sofort eine Antwort parat. Er dachte lange nach, bis er antwortete: »Goethe.«

Sowohl Direktor Epstein als auch Herr Schäfer richteten sich ein wenig auf ihren Stühlen auf. »Interessante Wahl, Rosenberg«, sagte der Direktor. »Deine Wahl oder die Chamberlains?«

»Sowohl als auch. Und ich glaube, auch die Wahl von Herrn Schäfer. Er hat Goethe in unserer Klasse mehr gelobt als irgendeinen anderen.« Alfred warf einen um Bestätigung heischenden Blick auf Herrn Schäfer und erhielt ein zustimmendes Nicken.

»Und nun sag mir: warum Goethe?«, fragte der Direktor.

»Er ist das größte deutsche Genie aller Zeiten. Der größte aller Deutschen. Ein Genie als Dichter, als Gelehrter, als Künstler und als Philosoph. Er ist ein Genie in mehr Bereichen als irgendein anderer.«

»Eine ausgezeichnete Antwort«, meinte Epstein, plötzlich elektrisiert. »Und ich glaube, ich habe jetzt das perfekte Projekt vor dem Schulabschluss für dich gefunden.«

Die beiden Lehrer tauschten sich leise flüsternd aus. Direktor Epstein verließ den Raum und kam bald darauf mit einem großen Buch zurück. Er und Schäfer beugten sich über das Buch, blätterten mehrere Minuten darin und überflogen den Text. Nachdem der Direktor ein paar Seitennummern notiert hatte, wandte er sich an Alfred.

»Du bekommst folgende Aufgabe: Du wirst zwei Kapitel – vierzehn und sechzehn – der Autobiographie Goethes genau lesen und jede Zeile, die er über seinen persönlichen Helden schreibt, genau abschreiben. Es ist ein Mann, der vor langer Zeit gelebt hat und der Bento Spinoza heißt.

Bestimmt wirst du dich über diese Hausaufgabe freuen«, fuhr der Direktor fort. »Es wird dir eine Freude sein, etwas aus der Autobiographie deines Helden zu lesen. Goethe ist der Mann, den du liebst, und ich kann mir vorstellen, dass es dich interessieren wird, was er über den Mann sagt, den er liebt und bewundert. Richtig?«

Alfred nickt zögernd. Verblüfft von der guten Laune des Direktors witterte er eine Falle.

»Nun«, fuhr der Direktor fort, »wir möchten, dass du dir über deine Hausaufgabe absolut im Klaren bist, Rosenberg. Du wirst die Kapitel vierzehn und sechzehn der Autobiographie Goethes lesen, und du wirst jeden Satz, den er über Benedict de Spinoza schreibt, abschreiben. Du wirst drei Exemplare herstellen, eines für dich selbst und eines für jeden von uns. Wenn wir herausfinden, dass du in deiner schriftlichen Aufgabe einen seiner Kommentare über Spinoza übersehen hast, wirst du die ganze Arbeit so lange neu schreiben, bis sie fertig ist. Wir sehen uns in zwei Wochen. Dann werden wir deine schriftliche Arbeit lesen und alle Gesichtspunkte deiner Leseaufgabe diskutieren. Ist das klar?«

Abermaliges Nicken. »Darf ich eine Frage stellen, Herr Direktor? Vorhin sprachen Sie von zwei Aufgaben. Ich muss Familienforschung betreiben. Ich muss zwei Kapitel lesen. Und ich muss drei Exemplare der Passagen über Benedict de Spinoza schreiben.«

»Das ist richtig«, sagte der Direktor. »Und deine Frage?«

»Herr Direktor, sind das nicht drei Aufgaben statt zwei?«

»Rosenberg«, unterbrach Herr Schäfer, »selbst zwanzig Aufgaben wären noch gnädig. Deinen Direktor als nicht qualifiziert zu bezeichnen, seine Position zu bekleiden, weil er ein Jude ist, ist Grund genug, von jeder Schule in Estland oder im Vaterland verwiesen zu werden.«

»Ja, Herr Professor.«

»Warten Sie, Herr Schäfer. Vielleicht hat der Junge nicht ganz Unrecht. Die Goethe-Arbeit ist so wichtig, dass er sie mit besonderer Gründlichkeit erledigen soll.« Er wandte sich an Alfred: »Das Projekt Familienforschung wird dir hiermit erlassen. Konzentriere dich voll auf Goethes Worte. Dieses Gespräch wird vertagt. Wir sehen dich in genau zwei Wochen wieder hier. Zur selben Zeit. Und sorge dafür, dass du die Exemplare der schriftlichen Aufgabe am Tag zuvor bei mir einreichst, damit wir sie durchsehen können.«

5

AMSTERDAM, 1656

»Guten Morgen, Gabriel«, rief Bento, der gehört hatte, dass sein Bruder sich zur Vorbereitung auf den Sabbat-Gottesdienst wusch. Gabriel ächzte nur statt zu antworten, kam aber wieder ins Schlafzimmer und setzte sich schwer auf das imposante Himmelbett, in dem beide gemeinsam schliefen. Das Bett, das fast das ganze Zimmer ausfüllte, war das einzige vertraute Erinnerungsstück an ihr Elternhaus.

Ihr Vater Michael hatte Bento, dem älteren Sohn, den ganzen Familienbesitz hinterlassen, aber Bentos zwei Schwestern fochten den letzten Willen ihres Vaters mit der Begründung an, Bento hätte beschlossen, sich nicht wirklich in der jüdischen Gemeinde zu integrieren. Obwohl der jüdische Gerichtshof zugunsten von Bento entschieden hatte, verblüffte dieser anschließend alle, als er das ganze Familieneigentum augenblicklich an seine Geschwister weitergab und für sich selbst nur ein einziges Stück behielt – das Himmelbett seiner Eltern. Nachdem seine beiden Schwestern geheiratet hatten, blieben er und Gabriel allein in dem schönen, zweigeschossigen, weißen Haus wohnen, welches die Familie Spinoza auf Jahrzehnte hinaus gemietet hatte. Ihr Haus lag an der Houtgracht in der Nähe der belebtesten Kreuzungen im jüdischen Viertel von Amsterdam, nur eine Straße von der kleinen Beth-Jacob-Synagoge und den angrenzenden Unterrichtsräumen entfernt.

Bento und Gabriel hatten sich mit großem Bedauern zu einem Umzug entschlossen. Nachdem die Schwestern ausgezogen waren, war das alte Haus zu groß geworden und voller schmerzlicher Erinnerungen an die Toten. Und auch zu teuer: Der englisch-holländische Krieg von 1652 und Piratenüberfälle auf Schiffe aus Brasilien wirkten sich katastrophal auf das Importgeschäft der Spinozas aus und zwang die Brüder, ein kleines Haus zu mieten, das nur fünf Minuten Fußweg vom Ladengeschäft entfernt war.

Bento sah seinen Bruder lange an. Als Gabriel noch ein Kind war, nannten die Leute ihn oft den »kleinen Bento«, denn sie hatten das gleiche, lange, ovale Gesicht, die gleichen, durchdringenden Eulenaugen, die gleiche, kräftige Nase. Inzwischen war der voll ausgewachsene Gabriel aber vierzig Pfund schwerer als sein älterer Bruder, gut zehn Zentimeter größer und bedeutend stärker. Aber seine Augen blickten, wie es schien, nicht mehr hinaus in die Ferne.

Schweigend saßen die Brüder nebeneinander. Normalerweise liebte Bento die Ruhe und fühlte sich durchaus wohl, wenn er mit Gabriel am Tisch sitzen oder Seite an Seite mit ihm im Laden arbeiten konnte, ohne ein Wort zu wechseln. Aber die Stille an diesem Tag war drückend und gebar düstere Gedanken. Bento dachte an seine Schwester Rebecca, die in der Vergangenheit immer geschwätzig und quirlig gewesen war. Nun schwieg auch sie und wandte den Blick ab, wann immer sie ihn sah.

Und still waren auch die Toten, alle, die in diesem Bett gelegen hatten: seine Mutter Hanna, die vor zwanzig Jahren gestorben war, als er kaum sechs Jahre alt war, sein älterer Bruder Isaac vor sechs Jahren, seine Stiefmutter Ester vor drei Jahren und sein Vater und seine Schwester Miriam erst vor zwei Jahren. Von seinen Geschwistern – jener lärmenden, übermütigen Bande, die zusammen spielte, die sich balgte, die versuchte, ohne Mutter zurechtzukommen, um sie trauerte und mit der Zeit ihre Stiefmutter Ester lieben lernte – waren nur Rebecca und Gabriel übriggeblieben, die sich bald beide von ihm zurückzogen.

Bento schaute in Gabriels aufgedunsenes, bleiches Gesicht und brach die Stille: »Du hast wieder schlecht geschlafen, Gabriel? Ich habe gemerkt, wie du dich hin- und hergeworfen hast.«

»Ja, wieder einmal. Bento, wie soll ich denn schlafen? Nichts ist jetzt gut. Was soll man tun? Was muss man tun? Ich hasse die Probleme zwischen uns. Sieh her, ich kleide mich heute Morgen für den Sabbat an. Zum ersten Mal in dieser Woche scheint die Sonne, es gibt ein wenig blauen Himmel, und ich sollte wie jeder andere, wie die Nachbarn rechts und links von uns, Freude empfinden. Stattdessen ist mein Leben wegen meines eigenen Bruders – vergib mir, Bento, aber ich würde es nicht aushalten, könnte ich es nicht frei heraus sagen: Deinetwegen ist mein Leben erbärmlich. Ich empfinde keine Freude, wenn ich in meine Synagoge gehe, um meine Leute zu treffen und zu meinem Gott zu beten.«

»Es schmerzt mich, das zu hören, Gabriel. Ich sehne mich danach, dich glücklich zu sehen.«

»Worte sind eine Sache, Taten eine andere.«

»Was für Taten?«

»Was für Taten?«, rief Gabriel. »Allein der Gedanke daran, dass ich schon so lange, mein ganzes Leben lang, immer dachte, du wüsstest alles. Jedem anderen, der mir eine solche Frage stellte, würde ich antworten: ›Du machst Spaß‹, aber ich weiß, dass du niemals Spaß machst. Aber bestimmt weißt du, welche Taten ich meine.«

Bento seufzte.

»Nun, fangen wir damit an, dass du jüdische Gebräuche und sogar die Gemeinde ablehnst. Und dann damit, dass du den Sabbat entweihst. Und dass du dich von der Synagoge abwendest und in diesem Jahr so gut wie nichts gespendet hast – das sind die Taten, die ich meine.«

Gabriel sah Bento an, der immer noch schwieg.

»Ich will dir weitere Taten nennen, Bento. Erst vergangene Nacht die Tat, die Einladung zum Sabbatmahl bei Sarah zu Hause auszuschlagen. Du weißt, dass ich Sarah heiraten werde, aber du führst die beiden Familien nicht zusammen, indem du den Sabbat mit uns begehst. Kannst du dir vorstellen, wie ich mich dabei fühle? Wie unsere Schwester Rebecca sich fühlt? Welche Entschuldigung können wir anführen? Können wir sagen, dass unser Bruder es vorzieht, bei seinem Jesuiten Latein zu lernen?«

»Gabriel, das Sabbatmahl ist für alle leichter verdaulich, wenn ich nicht daran teilnehme. Das weißt du. Du weißt, dass Sarahs Vater abergläubisch ist.«

»Abergläubisch?«

»Ich meine extrem orthodox. Du hast selbst erlebt, dass allein meine Anwesenheit ihn zu religiösen Streitgesprächen herausfordert. Du hast selbst erlebt, dass jede Antwort, die ich gebe, nur weitere Dissonanzen sät, was dich und Rebecca noch mehr grämt. Meine Abwesenheit dient dem Frieden – daran habe ich keinen Zweifel. Meine Abwesenheit bedeutet Frieden für dich und für Rebecca. Über diese Gleichung denke ich immer häufiger nach.«

Gabriel schüttelte den Kopf. »Bento, erinnere dich, wie ich mich als Kind manchmal ängstigte, weil ich mir vorstellte, dass die Welt verschwindet, sobald ich die Augen schließe. Du hast mein Denken korrigiert. Du hast mich mit der Wirklichkeit und den ewig gültigen Gesetzen der Natur beschwichtigt. Doch nun begehst du den gleichen Fehler. Du stellst dir vor, dass die Dissonanzen wegen Bento Spinoza verschwinden, wenn er nicht da ist, um sie selbst mitzuerleben?«

»Der vergangene Abend war schmerzlich«, fuhr Gabriel fort. »Sarahs Vater leitete das Essen damit ein, dass er über dich sprach. Er war wieder einmal wütend, weil du unser lokales jüdisches Gericht übergangen und deinen Rechtsstreit an das holländische Zivilgericht weitergeleitet hast. Er könne sich an niemanden erinnern, sagte er, der das rabbinische Gericht auf diese Art und Weise beleidigt hätte. Das sei fast ein Grund für eine Exkommunikation. Ist es das, was du willst? Einen Cherem? Bento, unser Vater ist tot, unser älterer Bruder ist tot. Du bist das Oberhaupt der Familie. Und dennoch hast du uns alle beleidigt, indem du dich an das holländische Gericht wandtest. Und die Wahl des Zeitpunkts! Hättest du nicht wenigstens bis nach der Hochzeit warten können?«

»Gabriel, ich habe es immer wieder erklärt, aber du hast mir nicht zugehört. Nun höre noch einmal zu, damit du verstehst, worum es geht. Und vor allem versuche bitte zu verstehen, dass ich meine Verantwortung dir und Rebecca gegenüber ernst nehme. Berücksichtige mein Dilemma. Unser Vater, gesegnet sei er, war ein großzügiger Mann. Aber sein Urteilsvermögen ließ ihn im Stich, als er eine Bürgschaft für einen Schuldschein der trauernden Witwe Henriques unterschrieb, den dieser habgierige Wucherer Duarte Rodriguez in Händen hielt. Ihr Ehemann Pedro war nur ein Bekannter von Vater, nicht einmal ein Verwandter oder ein enger Freund, soviel ich weiß. Niemand von uns kannte ihn, und es ist mir ein Rätsel, weshalb unser Vater diese Bürgschaft übernommen hat. Aber du kennst Vater – wenn er Menschen in Not sah, streckte er sofort seine helfenden Hände aus, ohne an die Folgen zu denken. Als die Witwe und ihr einziges Kind im vergangenen Jahr an der Seuche starben, ohne die Schuld beglichen zu haben, versuchte Duarte Rodriguez – dieser erbärmliche Jude, der auf der Bima der Synagoge sitzt und dem bereits die Hälfte der Häuser in der Jodenbreestraat gehört –, seinen Verlust auf uns abzuwälzen. Er setzte das rabbinische Gericht unter Druck und forderte, dass die arme Familie Spinoza die Schuld von einem bezahlt, den wir nicht einmal kannten.« Bento hielt inne. »Das weißt du doch, Gabriel, oder?«

»Ja, aber …«

»Lass mich zu Ende erzählen, Gabriel. Es ist wichtig, dass du es weißt. Vielleicht wirst du eines Tages das Oberhaupt der Familie sein. Deshalb hat Rodriguez seinen Antrag beim jüdischen Gericht eingereicht, einem Gericht, in dem viele Mitglieder Vergünstigungen von Rodriguez empfangen, zumal er der bedeutendste Geldgeber der Synagoge ist. Sag mir, Gabriel: Würden sie ihn verärgern wollen? Natürlich verfügte das Gericht, dass die Familie Spinoza für die Schuld aufzukommen habe, weil ich, das älteste männliche Familienmitglied, das Alter von vierundzwanzig Jahren erreicht habe. Es geht dabei um eine Schuld, welche die Mittel unserer Familie bis an unser Lebensende abschöpfen wird. Sie verfügten auch, dass das Erbe, das unsere Mutter uns hinterlassen hat, für die Tilgung der Schuld an Rodriguez herangezogen werden soll. Kannst du mir so weit folgen, Gabriel?«

Nach einem Nicken von Gabriel fuhr Spinoza fort: »Deshalb wandte ich mich vor drei Monaten an das holländische Gericht, weil ich größeres Vertrauen zu ihm habe. Zum einen hat der Name Duarte Rodriguez vor diesem Gericht keine Bedeutung. Und die holländische Gesetzgebung will, dass das Oberhaupt der Familie fünfundzwanzig und nicht vierundzwanzig Jahre alt sein muss, um die Verantwortung für eine solche Schuld übernehmen zu können. Da ich noch keine fünfundzwanzig bin, könnte unsere Familie verschont werden. Wir brauchen die Vermögensschulden unseres Vaters nicht anzuerkennen, und wir können das Geld bekommen, das unsere Mutter uns zugesprochen hat. Und mit uns meine ich Rebecca und dich – ich beabsichtige, dir meinen Anteil zu übertragen. Ich habe keine Familie und brauche das Geld nicht.

Und noch ein Letztes«, fuhr er fort. »Die Wahl des Zeitpunkts. Da mein fünfundzwanzigster Geburtstag vor deiner Heirat liegt, musste ich jetzt handeln. Nun, sag mir, siehst du nicht ein, dass ich für die Familie durchaus verantwortungsvoll handle? Legst du keinen Wert auf Freiheit? Wenn ich nicht zur Tat schreite, werden wir unser ganzes Leben in Knechtschaft verbringen. Willst du das?«

»Ich ziehe es vor, die Angelegenheit in der Hand Gottes zu belassen. Du hast kein Recht, die Gesetze unserer religiösen Gemeinschaft anzuzweifeln. Und was die Knechtschaft betrifft, so ziehe ich sie der Ächtung vor. Abgesehen davon sprach Sarahs Vater nicht nur von diesem Rechtsstreit. Möchtest du hören, was er außerdem sagte?«

»Ich denke, dass du es mir erzählen möchtest.«

»Er sagte, dass das ›Spinoza-Problem‹, wie er es nennt, viele Jahre zurückverfolgt werden kann, bis zurück zu deiner Unverfrorenheit bei der Vorbereitung deiner Bar Mitzwa. Er erinnerte sich, dass Rabbi Mortera dich vor allen anderen Schülern bevorzugte. Dass er in dir seinen möglichen Nachfolger sah. Und dann nanntest du die biblische Geschichte von Adam und Eva eine ›Fabel‹. Als der Rabbi dich dafür tadelte, dass du Gottes Wort leugnetest, hättest du ihm geantwortet: ›Die Thora ist wirr, denn falls Adam der erste Mensch gewesen ist, wen genau hat dann Kain, sein Sohn, geheiratet?‹ Hast du das gesagt, Bento? Stimmt es, dass du die Thora als ›wirr‹ bezeichnet hast?«

»Es stimmt, dass die Thora Adam als den ersten Menschen nennt. Und es stimmt, dass darin steht, dass sein Sohn Kain geheiratet hat. Dann haben wir doch bestimmt das Recht, die offensichtliche Frage zu stellen: Wenn Adam der erste Mensch war, wie konnte es da jemanden für Kain zum Heiraten gegeben haben? Diese Frage – sie wird auch die ›prä-adamische Frage‹ genannt – wird seit über tausend Jahren in der Bibelforschung diskutiert. Wenn du mich also fragst, ob es eine Fabel ist, ist meine Antwort: Ja – ganz offensichtlich ist die Geschichte nur eine Metapher.«

»Du sagst das, weil du sie nicht verstehst. Übertrifft deine Weisheit etwa die von Gott? Weißt du nicht, dass es Gründe gibt, weshalb wir unwissend sein müssen, und dass wir es unseren Rabbinern überlassen müssen, die Schriften zu interpretieren und klarzustellen?«

»Diese Einstellung kommt den Rabbinern wunderbar gelegen, Gabriel. Männer der Kirche trachten seit Urzeiten danach, die einzigen legitimen Deuter von Mysterien zu sein. Das kommt ihnen sehr zupass.«

»Saras Vater sagte, dass diese Anmaßung, die Bibel und unsere religiösen Führer in Frage zu stellen, nicht nur für die Juden beleidigend und gefährlich ist, sondern auch für die christliche Gemeinde. Die Bibel ist auch ihnen heilig.«

»Gabriel, du bist der Meinung, dass wir die Logik verlassen sollten, dass wir unser Recht nachzufragen aufgeben sollten?«

»Über dein persönliches Recht auf Logik und dein Recht, das rabbinische Gesetz in Frage zu stellen, streite ich mich nicht. Ich stelle nicht dein Recht in Frage, die Heiligkeit der Bibel anzuzweifeln. Tatsächlich stelle ich nicht einmal dein Recht in Frage, Gott zu zürnen. Das ist deine Angelegenheit. Vielleicht ist es deine Krankheit. Aber du verletzt mich und deine Schwester mit deiner Weigerung, deine Ansichten für dich zu behalten.«

»Gabriel, dieses Gespräch mit Rabbi Mortera über Adam und Eva fand vor über zehn Jahren statt. Seitdem habe ich meine Ansichten für mich behalten. Aber vor zwei Jahren schwor ich mir, ein gottgefälliges Leben zu führen, was auch bedeutet, niemals mehr zu lügen. Und deshalb werde ich, falls mich jemand nach meiner Meinung fragt, wahrheitsgemäß antworten – und das ist der Grund, weshalb ich es abgelehnt habe, am Abendessen mit Saras Vater teilzunehmen. Aber vor allem anderen, Gabriel, denk daran, dass wir zwei unterschiedliche Menschen sind. Andere hier verwechseln dich nicht mit mir. Sie machen dich nicht für die Verirrungen deines älteren Bruders verantwortlich.«

Gabriel verließ kopfschüttelnd das Zimmer und murmelte: »Mein älterer Bruder redet wie ein Kind.«

6

ESTLAND, 1910

Drei Tage später ersuchte ein blasser und hektischer Alfred um eine Unterredung mit Herrn Schäfer.

»Ich habe ein Problem, Herr Professor«, begann Alfred, öffnete seine Schultasche und entnahm ihr Goethes siebenhundertseitige Autobiographie. Zwischen den Blättern ragten mehrere ausgefranste Papierstreifen heraus. Er schlug die erste markierte Stelle auf und deutete auf den Text.

»Herr Professor, Goethe erwähnt Spinoza hier in dieser Zeile. Und dann wieder hier, ein paar Zeilen weiter unten. Aber dann kommen mehrere Absätze, in denen der Name nicht aufscheint, und ich komme einfach nicht dahinter, ob es darin um ihn geht oder nicht. Eigentlich verstehe ich fast nichts davon. Es ist sehr mühsam.« Er blätterte weiter und zeigte auf einen weiteren Abschnitt: »Hier ist es das Gleiche. Er erwähnt Spinoza zwei oder drei Mal, dann kommen vier Seiten, ohne dass er erwähnt wird. Soweit ich es beurteilen kann, ist es nicht klar ersichtlich, ob er über Spinoza spricht oder nicht. Er spricht auch über jemanden namens Jacobi. Und das kommt noch an vier anderen Stellen vor. Ich habe den Faust verstanden, als wir ihn in Ihrem Unterricht durchnahmen, und ich habe Die Leiden des jungen Werther verstanden, aber hier in diesem Buch verstehe ich Seite um Seite rein gar nichts.«

»Chamberlain zu lesen ist da schon viel einfacher, was?« Augenblicklich bedauerte Herr Schäfer seinen Sarkasmus und beeilte sich, mit freundlicherer Stimme hinzuzufügen: »Mir ist bewusst, dass du vielleicht nicht den ganzen Text von Goethe begreifst, Rosenberg, aber du musst dir klarmachen, dass das hier kein straff organisiertes Werk ist, sondern eine Abfolge von Betrachtungen über sein Leben. Hast du jemals ein Tagebuch geführt oder über dein eigenes Leben geschrieben?«

Alfred nickte. »Vor ein paar Jahren, aber nur ein paar Monate lang.«

»Nun, dann betrachte es als so etwas wie ein Tagebuch. Goethe hat es gleichermaßen für sich selbst geschrieben wie auch für den Leser. Glaube mir, wenn du älter bist und Goethes Gedankenwelt besser kennst, wirst du seine Texte besser verstehen und würdigen können. Gib mir das Buch.«

Nachdem er die Seiten überflogen hatte, die Alfred markiert hatte, sagte Herr Schäfer: »Ich verstehe das Problem. Du schneidest eine legitime Frage an, und ich muss die Aufgabe überdenken. Gehen wir diese beiden Kapitel gemeinsam durch.« Herr Schäfer und Alfred steckten die Köpfe zusammen und brüteten lange über dem Text. Herr Schäfer notierte verschiedene Seitenzahlen und Zeilennummern auf einem Notizblock.

Er gab Alfred den Notizblock und sagte: »Das hier musst du abschreiben. Denke daran: drei Exemplare, leserlich geschrieben. Aber es gibt ein Problem: Das hier sind nur zwanzig oder fünfundzwanzig Zeilen, eine so viel kürzere Aufgabe, als der Herr Direktor ursprünglich vorgesehen hatte, und ich bezweifle, dass er sich damit begnügen wird. Du musst also zusätzlich etwas tun – lerne diese gekürzte Fassung auswendig und trage sie bei unserem Gespräch mit Direktor Epstein vor. Ich glaube, damit wird er sich zufrieden geben.«

Als Herr Schäfer daraufhin Alfreds finsteren Blick registrierte, setzte er hinzu: »Alfred, auch wenn es mir nicht gefällt, dass du dich so verändert hast – damit meine ich diesen Unsinn mit der Überlegenheit der Rasse –, stehe ich nach wie vor auf deiner Seite. Die vergangenen vier Jahre warst du immer ein guter und gehorsamer Schüler, auch wenn du – und das habe ich dir oft gesagt – durchaus fleißiger hättest sein können. Es wäre eine Tragödie, wenn du deine Chancen für die Zukunft verspielen und ohne Abschluss von der Schule gehen würdest.« Er ließ Alfred Zeit, die Worte zu verdauen. »Lege dein ganzes Herzblut in diese Aufgabe. Herr Direktor Epstein wird mehr erwarten, als nur Abschriften und auswendig gelernten Text. Er wird von dir erwarten, dass du die Lektüre verstanden hast. Also streng dich an, Rosenberg. Was mich betrifft, so möchte ich wirklich, dass du den Abschluss machst.«

»Und wollen Sie noch immer mein Exemplar haben, bevor ich die anderen zwei Abschriften mache?«

Herr Schäfer spürte einen Stich in der Brust, als er Alfreds mechanische Antwort hörte, sagte aber nur: »Wenn du meine Anweisungen auf dem Notizblock befolgst, wird das nicht nötig sein.«

Alfred ging davon, aber Herr Schäfer rief ihn noch einmal zurück: »Rosenberg, gerade eben versuchte ich, dir die Hand zu reichen. Ich sagte, du seist ein guter Schüler und ich würde mir wünschen, dass du den Abschluss machst. Hast du darauf keine Antwort? Immerhin bin ich seit vier Jahren dein Lehrer.«

»Ja, Herr Professor.«

»Ja, Herr Professor?«

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

»Schon gut, Alfred, du kannst gehen.«

Herr Schäfer packte seine Aktentasche mit den Hausaufgaben seiner Schüler, die er noch durchlesen musste, verbannte Alfred aus seinen Gedanken und dachte stattdessen an seine beiden Kinder, seine Frau und an die Spätzle mit Blutwurst, die sie ihm zum Abendessen versprochen hatte.

Verwirrt über die Aufgabenstellung ging Alfred davon: Hatte er seine Situation verschlimmert? Oder hatte er eine Verschnaufpause bekommen? Schließlich war Auswendiglernen kein Problem für ihn. Er merkte sich gerne Textpassagen für Theateraufführungen an der Schule und für Vorträge.

Zwei Wochen später stand Alfred an einem Ende des langen Tisches von Direktor Epstein, der ihm an diesem Tag noch größer und strenger erschien als je zuvor. Alfred wartete auf Anweisungen. Herr Schäfer war deutlich kleiner und gab Alfred mit ernster Miene ein Zeichen, mit seinem Vortrag zu beginnen. Nachdem er einen letzten Blick auf sein Exemplar mit Goethes Text geworfen hatte, stand er auf, nannte den Titel »Aus der Autobiographie von Goethe« und begann:

»›Dieser Geist, der so entschieden auf mich wirkte und der auf meine ganze Denkweise so großen Einfluss haben sollte, war Spinoza. Nachdem ich mich nämlich in aller Welt um ein Bildungsmittel meines wunderlichen Wesens vergebens umgesehen hatte, geriet ich endlich an die ‚Ethik‘ dieses Mannes. Hier fand ich eine Beruhigung meiner Leidenschaften, es schien sich mir eine große und freie Aussicht über die sinnliche und sittliche Welt aufzutun.‹«

»Nun, Rosenberg«, unterbrach ihn der Direktor, »was ist es, was Goethe bei Spinoza fand?«

»Äh, war es seine Ethik?«

»Nein, nein. Du lieber Gott, hast du nicht verstanden, dass Ethik der Name von Spinozas Buch ist? Was sagt Goethe, was er von Spinozas Buch bekommen hat? Was, glaubst du, meint er mit ›eine Beruhigung meiner Leidenschaften‹?«

»Etwas, was ihn beruhigt hat?«

»Ja, das ist es zum Teil. Aber fahre fort: Dieser Gedanke wird sehr bald abermals auftauchen.«

Alfred wiederholte die letzte Passage im Kopf, um den Faden wiederzufinden, und begann:

»›Was mich aber besonders an ihm fesselte, war die grenzenlose Eigennützigkeit, die aus jedem Satze hervor …‹«

»Uneigennützigkeit, nicht Eigennützigkeit«, bellte Direktor Epstein, der den Vortrag Wort für Wort in den Aufzeichnungen verfolgte. »Uneigennützigkeit bedeutet, nicht emotional gebunden zu sein.«

Alfred nickte und fuhr fort:

»›Was mich aber besonders an ihn fesselte, war die grenzenlose Uneigennützigkeit, die aus jedem Satze hervorleuchtete. Jenes wunderliche Wort: ‚Wer Gott recht liebt, muss nicht verlangen, dass Gott ihn wieder liebe‘, mit allen den Vordersätzen, worauf es ruht, mit allen den Folgen, die daraus entspringen, erfüllte mein ganzes Nachdenken.‹«

»Das ist eine schwierige Passage«, sagte der Direktor. »Ich will es dir erklären. Goethe sagt, dass Spinoza ihn lehrte, seinen Geist vom Einfluss anderer zu befreien, seine eigenen Gefühle und seine eigenen Schlüsse zu finden und dann danach zu handeln. Mit anderen Worten: Lass deine Liebe fließen und lass sie nicht von der Vorstellung der Liebe, die du vielleicht zurückbekommst, beeinflussen. Genau diesen Gedanken könnten wir auch auf Wahlreden anwenden. Goethe würde keine Rede auf der Grundlage der Bewunderung halten, die er von anderen erfährt. Und er würde auch nicht das sagen, was andere von ihm erwarten. Verstehst du? Hast du verstanden, worum es hier geht?«

Alfred nickte. Was er wirklich verstand, war, dass Direktor Epstein ihm eine tiefe Verachtung entgegenbrachte. Er wartete, bis der Direktor ihm bedeutete fortzufahren:

»›Übrigens möge auch hier nicht verkannt werden, daß eigentlich die innigsten Verbindungen nur aus dem Entgegengesetzten folgen. Die alles ausgleichende Ruhe Spinozas kontrastierte mit meinem alles aufregenden Streben, seine mathematische Methode war das Widerspiel meiner poetischen Sinnes- und Darstellungsweise, und eben jene geregelte Behandlungsart, die man sittlichen Gegenständen nicht angemessen finden wollte, machte mich zu seinem leidenschaftlichen Schüler, zu seinem entschiedensten Verehrer. Geist und Herz, Verstand und Sinn suchten sich mit notwendiger Wahlverwandtschaft, und durch diese kam die Vereinigung der verschiedensten Wesen zustande.‹«

»Weißt du, was er hier mit den verschiedensten Wesen meint, Rosenberg?«, fragte Direktor Epstein.

»Ich glaube, dass er Geist und Herz meint, oder?«

»Genau. Und was davon ist Goethe und was Spinoza?«

Alfred machte ein verwirrtes Gesicht.

»Das hier ist nicht nur eine Übung für deine Merkfähigkeit, Rosenberg! Ich möchte, dass du diesen Text verstehst. Goethe ist ein Dichter. Was ist er also? Geist oder Herz?«

»Er ist Herz. Aber er hatte auch einen großen Geist.«

»Ach so. Jetzt verstehe ich deine Verwirrung. Aber hier sagt er, dass Spinoza ihm ein inneres Gleichgewicht gibt, das es ihm erlaubt, seine Leidenschaft und seine übersprühende Vorstellungskraft mit der nötigen Ruhe und Vernunft in Einklang zu bringen. Und deshalb sagt Goethe, dass er der ›entschiedenste Verehrer‹ Spinozas ist. Verstehst du?«

»Ja, Herr Direktor.«

»Nun fahre fort.«

Alfred zögerte. Sein Blick verriet einen Anflug von Panik. »Ich habe den Faden verloren. Ich weiß nicht mehr genau, wo ich stehengeblieben bin.«

»Du machst das gut«, warf Herr Schäfer ein, der ihn zu beruhigen versuchte. »Wir wissen, dass es schwierig ist, mit so vielen Unterbrechungen auswendig vorzutragen. Du darfst deine Aufzeichnungen zu Rate ziehen, um dich zu orientieren.«

Alfred holte tief Luft, überflog kurz sein Manuskript und fuhr fort:

»›Zuerst sogleich wird der Mann als Atheist und seine Meinungen als höchst verwerflich angegeben, sodann aber zugestanden, daß er ein ruhig nachdenkender und seinen Studien obliegender Mann, ein guter Staatsbürger, ein mitteilender Mensch, ein ruhiger Particulier gewesen; und so schien man ganz das evangelische Wort vergessen zu haben: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! – Denn wie will doch ein Menschen und Gott gefälliges Leben aus verderblichen Grundsätzen entspringen?

Ich erinnerte mich noch gar wohl, welche Beruhigung und Klarheit über mich gekommen, als ich einst die nachgelassenen Werke jenes merkwürdigen Mannes durchblättert. Diese Wirkung war mir noch ganz deutlich, ohne daß ich mich des Einzelnen hätte erinnern können; ich eilte daher abermals zu den Werken, denen ich so viel schuldig geworden, und dieselbe Friedensluft wehte mich wieder an. Ich ergab mich dieser Lektüre und glaubte, indem ich in mich selbst schaute, die Welt niemals so deutlich erblickt zu haben.‹«

Alfred atmete hörbar aus, nachdem er die letzte Zeile beendet hatte. Der Direktor bedeutete ihm, Platz zu nehmen, und bemerkte: »Dein Vortrag war zufriedenstellend. Du hast eine gute Merkfähigkeit. Nun wollen wir dein Verständnis dieser letzten Passage prüfen. Sag mir, glaubt Goethe, Spinoza sei ein Atheist?«

Alfred schüttelte den Kopf.

»Ich höre keine Antwort.«

»Nein, Herr Direktor.« Alfred sprach laut. »Goethe glaubte nicht, dass er ein Atheist war. Aber andere hielten ihn für einen.«

»Und weshalb stimmte Goethe ihnen nicht zu?«

»Wegen seiner Ethik?«

»Nein, nein. Hast du schon wieder vergessen, dass Ethik der Name von Spinozas Buch ist? Noch einmal: Warum widersprach Goethe der Meinung der Spinoza-Kritiker?«

Alfred zitterte und blieb stumm.

»Du lieber Himmel, Rosenberg, schau in deine Aufzeichnungen«, stöhnte der Direktor.

Alfred überflog den letzten Absatz und spekulierte: »Weil er gut war und ein gottgefälliges Leben führte?«

»Ganz genau. Mit anderen Worten: Es kommt nicht darauf an, was man glaubt oder sagt, was man glaubt. Wie man lebt, darauf kommt es an. Nun, Rosenberg, eine letzte Frage zu dieser Passage. Sag uns noch einmal: Was bekam Goethe von Spinoza?«

»Er sagte, er bekam ein Gefühl von Frieden und Beruhigung. Er sagt auch, dass er die Welt niemals so deutlich erblickt hätte. Das waren die beiden wichtigsten Sachen.«

»Genau. Wir wissen, dass der große Goethe ein Exemplar der Ethik von Spinoza ein Jahr lang ständig bei sich trug. Stell dir das vor – ein ganzes Jahr lang! Und nicht nur Goethe, sondern auch andere große Deutsche. Lessing und Heine berichteten von der Klarheit und Ruhe, die aus diesem Buch sprachen. Wer weiß, vielleicht gibt es ja einmal eine Zeit in deinem Leben, wo auch du die Ruhe und Klarheit brauchst, die Spinozas Ethik vermittelt. Ich fordere dich nicht auf, das Buch jetzt zu lesen. Du bist zu jung, um seine Bedeutung zu begreifen. Aber ich möchte, dass du mir versprichst, es vor deinem einundzwanzigsten Geburtstag zu lesen. Oder vielleicht sollte ich sagen: Lies es, sobald du erwachsen bist. Habe ich dein Wort als guter Deutscher?«

»Ja, Herr Direktor, Sie haben mein Wort.« Alfred hätte ihm auch versprochen, die gesamte Enzyklopädie auf Chinesisch zu studieren, nur damit diese Inquisition endlich ein Ende hatte.

»Und nun wollen wir zum Kern deiner Aufgabe kommen. Ist dir bewusst, weshalb wir dir diese Leseaufgabe gegeben haben?«

»Äh, nein, Herr Direktor. Ich dachte, es wäre nur deshalb, weil ich sagte, ich würde Goethe am meisten von allen bewundern.«

»Teilweise stimmt das natürlich. Aber du hast bestimmt verstanden, worauf meine Frage wirklich abzielte?«

Alfred machte ein verständnisloses Gesicht.

»Ich frage dich: Was bedeutet es dir, dass der Mann, den du am meisten von allen bewunderst, einen Juden zu dem Mann wählt, den er am meisten von allen bewundert?«

»Einen Juden?«

»Wusstest du nicht, dass Spinoza Jude war?«

Schweigen.

»Du hast in den vergangenen Wochen nichts über ihn herausgefunden?«

»Herr Direktor, ich weiß nichts über diesen Spinoza. Das gehörte nicht zu meiner Aufgabe.«

»Und deshalb hast du gottlob den gefürchteten Schritt vermieden, etwas Zusätzliches zu lernen? Ist es so, Rosenberg?«

»Lass es mich anders ausdrücken«, warf Herr Schäfer ein. »Denk an Goethe. Was hätte er wohl in dieser Situation gemacht? Hätte jemand von Goethe verlangt, die Autobiographie eines ihm Unbekannten zu lesen, was hätte Goethe wohl getan?«

»Er hätte sich über diese Person informiert.«

»Ganz genau. Das ist wichtig. Wenn du jemanden bewunderst, eifere ihm nach. Lass dich von ihm führen.«

»Danke, Herr Professor.«

»Lass uns dennoch mit meiner Frage fortfahren«, sagte Direktor Epstein. »Wie erklärst du Goethes grenzenlose Bewunderung und Dankbarkeit einem Juden gegenüber?«

»Wusste Goethe, dass er Jude war?«

»Gütiger Gott. Natürlich wusste er es.«

»Aber Rosenberg«, sagte Herr Schäfer, der nun ebenfalls ungeduldig wurde, »denk über deine Frage nach. Was macht es für einen Unterschied, ob er wusste, dass Spinoza Jude war? Wieso stellst du diese Frage überhaupt? Glaubst du, ein Mann von Goethes Format – du selbst hast ihn als das größte Genie aller Zeiten bezeichnet – würde große Ideen nicht unabhängig von ihrer Quelle mit offenen Armen empfangen?«

Alfred schwirrte der Kopf. Noch nie war er so mit Fragen bombardiert worden. Aber Direktor Epstein, der eine Hand auf Herrn Schäfers Arm legte, zeigte kein Erbarmen.

»Meine hauptsächliche Frage an dich ist immer noch nicht beantwortet: Wie erklärst du dir, dass die Gedanken eines Angehörigen einer minderwertigen Rasse für das größte deutsche Genie aller Zeiten so hilfreich waren?«

»Vielleicht ist es so wie bei Herrn Dr. Apfelbaum. Vielleicht kann es durch Mutation einen guten Juden geben, auch wenn die Rasse an sich verdorben und minderwertig ist.«

»Das ist keine akzeptable Antwort«, sagte der Direktor. »Es ist eine Sache, über einen Arzt zu sprechen, der freundlich ist und seinen gewählten Beruf tadellos ausübt. Aber etwas ganz anderes ist es, so von einem Genie zu sprechen, das vielleicht den Lauf der Geschichte verändert hat. Und es gibt viele andere Juden, deren Genialität bestens bekannt ist. Denke an sie. Ich darf dich an die erinnern, die du selbst kennst, von denen du aber vielleicht nicht wusstest, dass es Juden waren. Herr Schäfer sagt mir, dass du im Unterricht die Gedichte von Heinrich Heine aufgesagt hast. Und er sagt mir auch, dass du Musik magst. Ich kann mir also vorstellen, dass du dir die Musik von Gustav Mahler und Felix Mendelssohn angehört hast. Richtig?«

»Das sind alles Juden, Herr Direktor?«

»Ja, und du weißt bestimmt, dass Disraeli, der große Premierminister von England, ein Jude war?«

»Das wusste ich nicht, Herr Direktor.«

»Ja. Und im Augenblick wird in Riga die Oper Hoffmanns Erzählungen aufgeführt, die Jakob Offenbach komponiert hat, ein weiterer Mann, der als Jude geboren wurde. So viele Genies. Was ist deine Erklärung dafür?«

»Ich kann die Frage nicht beantworten. Ich muss darüber nachdenken. Darf ich bitte gehen, Herr Direktor? Ich fühle mich nicht gut. Ich verspreche, dass ich darüber nachdenken werde.«

»Ja, du darfst gehen«, sagte der Direktor. »Und ich wünsche mir in deinem eigenen Interesse wirklich sehr, dass du nachdenkst. Denken ist gut. Denk über unser heutiges Gespräch nach. Denk über Goethe und den Juden Spinoza nach.«

Nachdem Alfred gegangen war, sahen sich Direktor Epstein und Herr Schäfer kurz an, bevor der Direktor das Wort ergriff. »Er sagt, er wird darüber nachdenken, Hermann. Wie stehen die Chancen, dass er das tun wird?«

»Nahe null, würde ich sagen«, meinte Herr Schäfer. »Lassen wir ihn den Abschluss machen, und dann sind wir ihn los. Ihm fehlt es an Neugier, was aller Wahrscheinlichkeit nach unheilbar ist. Wo immer wir seinen Geist anbohren, werden wir auf einen soliden Granit unbegründeter Überzeugungen treffen.«

»Du hast Recht. Ich habe keinen Zweifel, dass er Goethe und Spinoza schon jetzt, während wir hier sprechen, eiligst aus seinen Gedanken verbannt und dass sie ihn nie wieder beschäftigen werden. Gleichwohl bin ich erleichtert über das, was gerade geschehen ist. Meine Befürchtungen sind ausgeräumt. Dieser junge Mann hat weder die Intelligenz noch die seelische Kraft, andere auf seine Gedankenwelt einzuschwören und damit Unheil anzurichten.«

7

AMSTERDAM, 1656

Bento stand hinter dem Fenster und sah seinem Bruder nach, der zur Synagoge ging. Gabriel hat Recht: Ich füge denen Schaden zu, die mir am nächsten stehen. Meine Wahlmöglichkeiten sind grausam: Entweder muss ich mich zurücknehmen, mein eigenes Ich aufgeben und meiner Neugier Fesseln anlegen, oder ich muss denen Schaden zufügen, die mir am Nächsten stehen. Gabriels Erzählung über die Wut, die Bento beim Sabbatmahl entgegengeschlagen war, erinnerte ihn an van den Endens väterliche Warnung vor den zunehmenden Gefahren, die ihm von der jüdischen Gemeinde drohten. Fast eine halbe Stunde lang sann er über Fluchtszenarien aus dieser Falle nach, dann stand er auf, kleidete sich an, brühte sich einen Kaffee auf und ging mit der Tasse in der Hand durch die Hintertür in den Laden des Handelsgeschäfts der Spinozas.

Dort staubte er ab, fegte den Kehricht durch die Eingangstür auf die Straße und schüttete einen großen Sack duftender, getrockneter Feigen – eine frische Lieferung aus Spanien – in einen Behälter. Er setzte sich an seinen üblichen Platz am Fenster, schlürfte seinen Kaffee, bediente sich bei den Feigen und gab sich Tagträumen hin, die ihm durch den Kopf gingen. Seit kurzem praktizierte er eine Meditation, mittels derer er sich von seinem Gedankenfluss abkoppelte, sich seinen Geist als Theatersaal vorstellte und sich selbst als Zuschauer, der den Verlauf der Aufführung verfolgte. Augenblicklich tauchte Gabriels Gesicht mit seiner ganzen Traurigkeit und Verwirrung auf der Bühne auf, doch Bento hatte gelernt, den Vorhang fallen zu lassen und zum nächsten Akt überzugehen. Bald erschien van den Enden vor seinem geistigen Auge. Er lobte Bentos Fortschritte in Latein und drückte ihm dabei sanft und väterlich die Schulter. Diese Berührung – sie fühlte sich gut an. Aber wer wird mich nun jemals wieder berühren, dachte Bento, da Rebecca und nun auch Gabriel sich von mir abwenden?

Dann sah Bento in Gedanken sich selbst beim Hebräischunterricht mit seinem Lehrer und mit Clara Maria. Er lächelte, als er mit seinen beiden Schülern wie mit Kindern das aleph, bet, gimmel paukte, und er lächelte noch mehr bei der Vorstellung, wie die kleine Clara Maria ihrerseits mit ihm das griechische alpha, beta, gamma paukte. Er sah das klare, fast strahlende Bild Clara Marias vor sich – Clara Maria, dieser dreizehnjährige Kobold mit dem krummen Rücken, diese Kindfrau, deren verschmitztes Lächeln ihre Anstrengungen Lügen strafte, sich als erwachsene, ernsthafte Lehrerin auszugeben. Ein flüchtiger Gedanke huschte vorüber: Ach, wäre sie nur älter.

Zur Mittagszeit wurde seine ausgedehnte Meditation durch eine Bewegung vor dem Fenster gestört. In der Ferne sah er Jacob und Franco, die, im Gespräch vertieft, auf seinen Laden zusteuerten. Bento hatte sich fest vorgenommen, ihnen zuvorkommend zu begegnen; er wusste, dass es sich nicht gehörte, andere verstohlen zu beobachten, und ganz besonders andere, die möglicherweise über ihn sprachen. Doch er konnte seine Augen nicht von der seltsamen Szene abwenden, die sich vor seinen Augen abspielte.

Franco trödelte drei oder vier Schritte hinter Jacob her, woraufhin Jacob sich umdrehte, ihn an der Hand packte und versuchte, ihn hinter sich herzuziehen. Franco machte sich los und schüttelte heftig den Kopf. Jacob antwortete, und nachdem er sich umgeblickt hatte, um sicher zu gehen, dass keine Augenzeugen zu sehen waren, legte er seine riesigen Pranken auf Francos Schultern, schüttelte ihn grob und stieß ihn vor sich her, bis sie den Laden erreicht hatten.

Gebannt von diesem Schauspiel, beugte Bento sich kurz vor, kehrte aber bald wieder zu seiner Meditation zurück und brütete über das Rätsel Franco und Jacob. Ein paar Minuten später wurde er aus seinen Träumereien gerissen, als die Tür zu seinem Laden aufging und er Schritte im Verkaufsraum vernahm.

Er sprang auf, begrüßte seine Besucher und zog zwei Stühle für sie heran. Er selbst setzte sich auf einen riesigen Sack Kaffeebohnen.

»Kommen Sie gerade vom Sabbat-Gottesdienst?«

»Ja«, sagte Jacob, »einer von uns erfrischt und der andere noch aufgewühlter als zuvor.«

»Interessant. Dasselbe Ereignis zeitigt zwei unterschiedliche Reaktionen. Und die Erklärung für dieses sonderbare Phänomen?«, fragte Bento.

Jacob beeilte sich mit einer Antwort. »Die Angelegenheit ist nicht so interessant, und die Erklärung liegt auf der Hand. Anders als Franco, der keine jüdische Erziehung genossen hat, bin ich mit den jüdischen Traditionen und der hebräischen Sprache bestens vertraut und …«

»Gestatten Sie mir, Sie zu unterbrechen«, sagte Bento. »Aber Ihre Erklärung bedarf schon im Ansatz einer Erklärung. Kein Kind, das in Portugal in einer Familie von Marranen aufwuchs, ist mit Hebräisch oder mit jüdischen Ritualen vertraut. Das galt auch für meinen Vater, der erst Hebräisch lernte, nachdem er Portugal verlassen hatte. Er erzählte mir, dass in seiner Kindheit in Portugal gegen jede Familie, die ihre Kinder in der hebräischen Sprache oder in den jüdischen Traditionen unterrichtet hätte, exemplarische Strafen verhängt wurden. Hörte ich übrigens nicht erst gestern von einem geliebten Vater«, und damit wandte Spinoza sich an Franco, »der sterben musste, weil die Inquisition eine vergrabene Thora fand?«

Franco, der sich nervös mit den Fingern durch die langen Haare fuhr, sagte nichts, nickte aber kaum merklich.

Bento wandte sich wieder Jacob zu und fuhr fort: »Deshalb meine Frage, Jacob: Woher haben Sie Ihre Kenntnisse des Hebräischen?«

»Vor drei Generationen konvertierte meine Familie zum neuchristlichen Glauben«, beeilte Jacob sich zu sagen, »doch sie blieben Kryptojuden und fest entschlossen, den Glauben am Leben zu erhalten. Als Jugendlicher von elf Jahren wurde ich von meinem Vater nach Rotterdam geschickt, wo ich in seinem Handelsunternehmen arbeitete, und die folgenden acht Jahre verbrachte ich jeden Abend damit, mit meinem Onkel, einem Rabbiner, Hebräisch zu studieren. Er bereitete mich auf die Bar Mitzwa in der Rotterdamer Synagoge vor und setzte anschließend meine jüdische Erziehung bis zu seinem Tode fort. Die letzten zwölf Jahre lebte ich hauptsächlich in Rotterdam und kehrte kürzlich nur deshalb nach Portugal zurück, um Franco zu retten.«

»Und Sie«, Bento wandte sich Franco zu, dessen Blick auf den schlecht gefegten Fußboden des Spinoza-Ladens geheftet war, »Sie können kein Hebräisch?«

Aber Jacob antwortete an seiner Stelle: »Natürlich nicht. Wie Sie selbst gerade sagten, ist Hebräisch in Portugal nicht erlaubt. Wir alle lernen die Heilige Schrift auf Latein zu lesen.«

»Sie können also kein Hebräisch, Franco?«

Abermals schaltete Jacob sich ein: »In Portugal wagt es niemand, Hebräisch zu unterrichten. Er müsste nicht nur selbst mit seiner sofortigen Hinrichtung rechnen, sondern die Häscher würden auch auf seine ganze Familie Jagd machen. Während wir hier sitzen und miteinander sprechen, halten sich Francos Mutter und zwei seiner Schwestern in einem Versteck auf.«

»Franco …«, Bento beugte sich vor und sah ihm direkt in die Augen, »Jacob antwortet immer an Ihrer Stelle. Warum wollen Sie nicht selbst antworten?«

»Er versucht nur, mir zu helfen«, flüsterte Franco.

»Und Ihnen ist geholfen, wenn Sie selbst schweigen?«

»Ich bin zu aufgewühlt, um meinen Worten trauen zu können«, sagte Franco lauter. »Jacob sagt die Wahrheit. Meine Familie ist in Gefahr, und wie er sagt, habe ich abgesehen vom aleph, bet, gimmel, das er mich lehrte, keine jüdische Ausbildung genossen. Er schrieb die Buchstaben immer in den Sand. Und selbst diese musste er anschließend mit den Füßen sorgfältig verwischen.«

Bento drehte seinen Körper vollends zu Franco und damit bewusst von Jacob fort: »Sind Sie auch der Ansicht, dass der Gottesdienst Sie aufgewühlt hat, während Jacob sich danach erfrischt fühlte?«

Franco nickte.

»Und Sie waren weswegen aufgewühlt?«

»Wegen Zweifeln und Gefühlen.« Franco warf einen verstohlenen Blick zu Jacob. »So starke Gefühle, dass ich Angst habe, sie zu beschreiben. Nicht einmal Ihnen gegenüber.«

»Vertrauen Sie darauf, dass ich Ihre Gefühle verstehe und nicht beurteilen werde.«

Franco senkte den Kopf. Er zitterte.

»Was für eine Furcht«, bemerkte Bento und fuhr dann fort: »Ich will versuchen, Sie zu beruhigen. Zunächst wollen wir überlegen, ob Ihre Angst vernünftig ist.«

Franco verzog das Gesicht und sah Spinoza verwirrt an.

»Wir wollen feststellen, ob Ihre Angst begründet ist. Betrachten Sie diese beiden Fakten: Erstens stelle ich keine Bedrohung dar. Ich gebe Ihnen mein Versprechen, Ihre Worte niemals öffentlich zu machen. Außerdem zweifle ich ebenfalls an vielen Dingen. Möglicherweise teile ich sogar manche Ihrer Gefühle. Und zweitens droht hier in Holland keine Gefahr; hier gibt es keine Inquisition. Weder in diesem Laden hier noch in dieser Gemeinde, auch nicht in dieser Stadt und nicht einmal in diesem Land. Amsterdam ist seit vielen Jahren von der iberischen Halbinsel unabhängig. Das wissen Sie doch, oder?«

»Ja«, antwortete Franco zaghaft.

»Und trotzdem verhält sich ein Teil Ihrer Seele, den Sie nicht unter Kontrolle haben, so, als drohte eine große, unmittelbare Gefahr. Ist es nicht bemerkenswert, wie gespalten unsere Seele ist? Wie sehr unsere Vernunft, der vornehmste Teil unserer Seele, von unseren Emotionen geknechtet wird?«

Franco zeigte sich nicht beeindruckt.

Bento zögerte. Er empfand sowohl wachsende Ungeduld als auch das Gefühl, einen Auftrag, ja fast eine Pflicht erfüllen zu müssen. Aber wie fortfahren? Erwartete er von Franco zu viel zu schnell? Er rief sich viele Gelegenheiten ins Gedächtnis, als seine eigene Vernunft nicht in der Lage gewesen war, seine Ängste zu bezwingen. Erst am vorhergehenden Abend war es so gewesen, als er gegen den Strom der Menschen gegangen war, die auf dem Weg zum Sabbat-Gottesdienst in der Synagoge waren.

Schließlich beschloss er, seinen einzigen verfügbaren Hebel anzusetzen, und sagte so einfühlsam, wie er konnte: »Sie baten mich darum, Ihnen zu helfen. Ich war damit einverstanden. Aber wenn Sie meine Hilfe möchten, müssen Sie mir vertrauen. Sie müssen mir helfen, Ihnen zu helfen. Verstehen Sie?«

»Ja«, sagte Franco und seufzte.

»Nun, dann besteht Ihr nächster Schritt darin, Ihre Ängste auszusprechen.«

Franco schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht. Sie sind so schrecklich. Und sie sind gefährlich.«

»Nicht zu schrecklich, um dem Lichte der Vernunft zu widerstehen. Und ich zeigte Ihnen gerade, dass sie nicht gefährlich sind, wenn nichts zu befürchten ist. Nur Mut! Jetzt ist die Zeit, sich ihnen zu stellen. Wenn Sie es nicht tun, dann sage ich Ihnen nochmals« – Bentos Stimme wurde eindringlich –, »dass es keinen Sinn hat, dass wir uns noch einmal treffen.«

Franco holte tief Luft und begann: »Heute in der Synagoge hörte ich die Rezitationen der Heiligen Schrift in einer fremden Sprache. Ich verstand nichts …«

»Aber Franco«, unterbrach Jacob, »natürlich hast du nichts verstanden. Ich sage dir immer wieder, dass dieses Problem ein vorübergehendes ist. Der Rabbi erteilt Hebräischunterricht. Geduld, Geduld.«

»Und ich sage dir immer wieder«, schoss Franco zurück, und in seine Stimme mischte sich nun Wut, »dass es nicht nur die Sprache ist. Höre mir nur einmal zu! Es ist das ganze Spektakel. Heute Morgen in der Synagoge schaute ich mich um und sah alle mit ihren kostbar bestickten Scheitelkäppchen, den blauen und weißen Gebetsschals mit den Fransen, ich sah, wie sie ihre Köpfe wie Papageien am Fressnapf ruckartig vor und zurück bewegten und den Blick zum Himmel richteten. Ich hörte es, ich sah es, und ich dachte … Nein, ich kann nicht sagen, was ich dachte.«

»Sag es, Franco«, bat Jacob. »Erst gestern hast du mir bestätigt, dass das hier der Lehrer ist, nach dem du gesucht hast.«

Franco schloss die Augen. »Ich dachte: Was ist der Unterschied zwischen diesem Spektakel und dem Spektakel – nein, ich will es geradeheraus sagen – und dem Unsinn, der während der katholischen Messe stattfand, die wir Neuchristen besuchen mussten? Weißt du noch, Jacob, wie wir als Kinder nach der Messe immer über die Katholiken gespottet haben? Wir spotteten über diese absonderlichen Kostüme der Priester, über die endlosen, grausamen Darstellungen der Kreuzigung, die Anbetung der Knochensplitter von Heiligen, die Oblaten und den Wein, und dass sie das Fleisch aßen und das Blut tranken.« Franco erhob seine Stimme: »Jüdisch oder katholisch … es gibt keinen Unterschied … es ist Wahnsinn. Es ist alles Wahnsinn.«

Jacob setzte sein Scheitelkäppchen auf, legte eine Hand darauf und stimmte leise einen Gesang auf Hebräisch an. Auch Bento war erschüttert und suchte sorgfältig nach den richtigen, den behutsamsten Worten. »Solche Gedanken zu denken und dann zu glauben, dass Sie der Einzige sind. Sich mit Ihren Zweifeln allein zu fühlen. Das muss schrecklich sein.«

Franco fuhr hastig fort: »Es gibt noch etwas, einen noch viel schlimmeren Gedanken. Ich denke ständig daran, dass mein Vater für diesen Wahnsinn sein Leben geopfert hat. Für diesen Wahnsinn hat er uns alle in Gefahr gebracht – mich, seine Eltern, meine Mutter, meinen Bruder, meine Schwestern.«

Jacob konnte nicht an sich halten. Er trat näher, beugte seinen riesigen Kopf zu Francos Ohr und sagte nicht unfreundlich: »Vielleicht weiß der Vater mehr als der Sohn.«

Franco schüttelte den Kopf, öffnete den Mund, sagte dann aber nichts.

»Und denke auch darüber nach«, fuhr Jacob fort, »dass deine Worte dem Tod deines Vaters den Sinn nehmen. Solche Gedanken zu denken machen seinen Tod wirklich zu einem verschwendeten Tod. Er starb, um den Glauben für dich heilig zu halten.«

Franco sah zerknirscht aus und beugte den Kopf.

Bento wusste, dass er eingreifen musste. Zuerst wandte er sich an Jacob und sagte ruhig: »Noch vor einem Augenblick baten Sie Franco inständig, sich alles von der Seele zu reden. Und wäre es nun, da er genau das tut, was Sie wollten, nicht besser, ihn zu ermutigen, als ihn zum Schweigen zu bringen?«

Jacob trat einen halben Schritt zurück. Bento fuhr im gleichen, ruhigen Tonfall fort, diesmal an Franco gewandt: »In welchem Dilemma müssen Sie sich nur befinden, Franco. Jacob behauptet, der Märtyrertod Ihres Vaters sei ein verschwendeter Tod gewesen, wenn Sie nicht an etwas glauben, was Sie für nicht glaubwürdig halten. Und wer wollte seinem eigenen Vater schon Leid zufügen? Es ist ein steiniger Weg, selbständig zu denken. Ein steiniger Weg, uns zu vervollkommnen, indem wir unsere gottgegebene Fähigkeit nutzen, vernünftige Schlüsse zu ziehen.«

Jacob schüttelte den Kopf. »Moment, Moment, das, was Sie zuletzt über die gottgegebene Fähigkeit sagten – vernünftige Schlüsse zu ziehen? Das habe ich nicht gesagt. Sie verdrehen alles. Sie sprechen über Vernunft? Ich zeige Ihnen, was Vernunft ist. Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand. Öffnen Sie die Augen. Ich möchte, dass Sie vergleichen! Sehen Sie Franco an. Er leidet, er weint, er winselt um Gnade, er verzagt. Sehen Sie ihn?«

Bento nickte.

»Und nun sehen Sie mich an: Ich bin stark. Ich liebe das Leben. Ich kümmere mich um ihn. Ich habe ihn vor der Inquisition gerettet. Ich werde von meinem Glauben und der Gemeinde meiner jüdischen Glaubensbrüder getragen. Mich tröstet das Wissen, dass unsere Glaubensgemeinschaft und unsere Tradition fortbestehen. Vergleichen Sie uns beide mit Ihrer kostbaren Vernunft und sagen Sie mir, weiser Mann, was die Vernunft daraus schließt.«

Falsche Ideen liefern falschen und fragilen Trost, dachte Bento. Aber er hielt seine Zunge im Zaum.

Jacob bohrte weiter: »Und wenden Sie das auf sich selbst an, Gelehrter. Was sind wir, was sind Sie ohne unsere Gemeinde, ohne unsere Traditionen? Können Sie mutterseelenallein auf der Welt leben? Wie ich höre, werden Sie sich keine Frau zum Weibe nehmen. Was für ein Leben können Sie ohne Mitmenschen führen? Ohne Familie? Ohne Gott?«

Bento, der Konflikten immer aus dem Weg ging, war entsetzt von Jacobs Schmähworten.

Jacob wandte sich an Franco und sagte mit sanfterer Stimme: »Du wirst dich so geborgen fühlen wie ich, wenn du erst einmal den Text und die Gebete verstehst, wenn du verstehst, was alles bedeutet.«

»Mit dieser Aussage bin ich einverstanden«, sagte Bento und versuchte damit, Jacob zu beschwichtigen. »Zu Ihrem Schock, Franco, gesellt sich noch Fassungslosigkeit. Alle Marranen, die Portugal verlassen müssen, sind verwirrt; sie müssen erst einmal wieder lernen, Juden zu sein, müssen wie ein Kind ganz von vorne mit dem aleph, bet, gimmel beginnen. Drei Jahre lang war ich Assistent des Rabbiners bei seinen Hebräischkursen für Marranen, und ich versichere Ihnen, dass Sie schnell lernen werden.«

»Nein«, beharrte Franco, der nun wieder dem widerspenstigen Franco ähnelte, den Bento vom Fenster aus gesehen hatte. »Weder du, Jacob Mendoza, hörst mir zu, noch Sie hören mir zu, Bento Spinoza. Ich sage es noch einmal: Es ist nicht die Sprache. Ich kann kein Hebräisch, aber heute Morgen in der Synagoge las ich während des Gottesdienstes die spanische Übersetzung der heiligen Thora. Sie ist voller Wunder. Gott teilt das Rote Meer, er überschüttet die Ägypter mit Plagen, Er spricht in der Verkleidung eines brennenden Busches. Warum geschahen alle Wunder damals, zur Zeit der Thora? Sagt mir beide: Ist die Zeit der Wunder vorüber? Hat sich der große, allmächtige Gott schlafen gelegt? Wo war dieser Gott, als mein Vater auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde? Und aus welchem Grund wurde er verbrannt? Dafür, dass er das Heilige Buch eben dieses Gottes schützte? War Gott nicht mächtig genug, um meinen Vater zu retten, der ihn so sehr verehrte? Wenn es so war, wer braucht dann einen so schwachen Gott? Oder wusste Gott nicht, dass mein Vater ihn verehrte? Wenn es so war, wer braucht dann einen so unwissenden Gott? War Gott mächtig genug, um ihn zu schützen, beschloss aber, es nicht zu tun? Wenn es so war, wer braucht dann einen so lieblosen Gott? Sie, Bento Spinoza, den sie den ›Gesegneten‹ nennen, Sie wissen über Gott Bescheid, Sie sind ein Gelehrter. Erklären Sie mir das.«

»Warum hatten Sie Angst zu sprechen?«, fragte Bento. »Sie stellen wichtige Fragen, Fragen, welche die Frommen seit Jahrhunderten verwirren. Ich glaube, das Problem hat seine Wurzeln in einem fundamentalen und gewaltigen Irrtum, dem Irrtum nämlich anzunehmen, Gott sei ein lebendes, denkendes Wesen, ein Wesen nach unserem Ebenbild, ein Wesen, das denkt wie wir, ein Wesen, das über uns nachdenkt.

Die alten Griechen haben diesen Irrtum erkannt. Vor zweitausend Jahren schrieb ein weiser Mann namens Xenophanes etwa Folgendes: Hätten Ochsen, Löwen und Pferde Hände, mit denen sie Bilder ritzen könnten, würden sie Gott nach ihrem Ebenbild formen und ihm einen Körper wie den ihren geben. Ich glaube, wenn Dreiecke denken könnten, würden sie einen Gott mit dem Aussehen und den Attributen eines Dreiecks erschaffen, und Kreise würden kreisförmige …«

Wutentbrannt schnitt Jacob Bento das Wort ab: »Sie reden, als wüssten wir Juden nichts vom Wesen Gottes. Vergessen Sie nicht, dass wir die Thora haben, in der seine Worte stehen. Und Franco, glaube ja nicht, dass Gott ohne Macht wäre. Vergiss nicht, dass die Juden fortbestehen, dass wir fortbestehen, auch wenn man uns noch so viel antut. Wo sind die ganzen anderen Völker geblieben – die Phönizier, Moabiter, Edomiter – und so viele andere, deren Namen ich nicht einmal kenne? Vergiss nicht, dass wir uns von den Gesetzen leiten lassen müssen, die Gott selbst den Juden gegeben hat, die Er uns, Seinem auserwählten Volk, gegeben hat.«

Franco warf Spinoza einen Blick zu, als wollte er sagen: Sehen Sie, womit ich konfrontiert bin?, und sagte zu Jacob: »Jeder glaubt, dass Gott ihn auserwählt hat – die Christen, die Moslems …«

»Nein! Was schert es uns, was andere glauben? Worauf es ankommt, ist das, was in der Bibel steht.« Jacob wandte sich an Spinoza: »Geben Sie es zu, Baruch, geben Sie es zu, Sie Gelehrter: Sagt das Wort Gottes etwa nicht, dass die Juden das auserwählte Volk sind? Können Sie das leugnen?«

»Diese Frage habe ich jahrelang untersucht, Jacob, und wenn Sie wollen, werde ich Ihnen die Ergebnisse meiner Forschungen mitteilen.« Bento sprach so eindringlich auf ihn ein wie ein Lehrer, der mit einem wissbegierigen Schüler spricht. »Um Ihre Frage über die Besonderheit der Juden zu beantworten, müssen wir zum Ursprung zurückgehen. Möchten Sie mich bei der Erforschung der genauen Worte der Thora begleiten? Mein Exemplar liegt nur ein paar Minuten von hier entfernt bei mir zu Hause.«

Beide nickten, tauschten Blicke aus, erhoben sich und folgten Bento, der die Stühle wieder ordentlich zurückstellte und seinen Laden zusperrte. Dann führte er sie zu seinem Haus.

8

REVAL, ESTLAND, 1917–1918

Die Prophezeiung Direktor Epsteins, Rosenbergs begrenzte Neugier und Intelligenz würden ihn als harmlos erweisen, sollte sich als vollkommen falsch herausstellen. Und ebenfalls falsch war die Prophezeiung des Direktors, Goethe und Spinoza hätten sich augenblicklich aus Alfreds Gedanken verflüchtigt. Weit gefehlt: Alfred bekam das Bild des großen Goethe nicht mehr aus dem Kopf, der vor dem Juden Spinoza katzbuckelte. Immer wenn ihm Goethe und Spinoza (nun auf immer miteinander verschmolzen) in den Sinn kamen, hielt er diesem Missklang nur kurz stand und fegte ihn sogleich mit jedem ideellen Besen fort, den er gerade zur Hand hatte. Manchmal ließ er sich von Houston Stewart Chamberlains Argument überzeugen, dass Spinoza genau wie Jesus zwar der jüdischen Kultur angehörte, aber keinen Tropfen jüdischen Blutes in sich trug. Oder vielleicht war Spinoza ein Jude, der Ideen von arischen Denkern klaute. Oder vielleicht war Goethe verhext, von der jüdischen Verschwörung hypnotisiert worden. Oftmals zog Alfred in Erwägung, diesen Ansichten genauer nachzugehen und in Bibliotheken darüber nachzuforschen, doch er setzte seinen Vorsatz nie in die Tat um. Zu denken, wirklich zu denken, war so schwierig, war so harte Arbeit, als müsste er schwere Koffer auf dem Dachboden hin und her schleppen. Stattdessen wurde Alfred in der Kunst der Verdrängung immer versierter. Er lenkte sich ab. Er stürzte sich in viele Aktivitäten. Und am häufigsten redete er sich selbst ein, dass sich durch unbeirrbares Festhalten an Überzeugungen die Notwendigkeit von Nachforschungen erübrige.

Ein wahrer und edler Deutscher steht zu seinem Gelübde, und als sein einundzwanzigster Geburtstag nahte, erinnerte Alfred sich seines Versprechens an den Direktor, die Ethik von Spinoza zu lesen. Er wollte sein Wort halten, kaufte ein gebrauchtes Exemplar des Werkes und stürzte sich darauf, nur um gleich auf der ersten Seite mit einer langen Liste unverständlicher Definitionen konfrontiert zu werden:

»1. Unter Ursache seiner selbst verstehe ich etwas, dessen Wesen die Existenz einschließt, oder etwas, dessen Natur nur als existierend begriffen werden kann.

2. Endlich in seiner Art heißt ein Ding, das durch ein anderes von gleicher Natur begrenzt werden kann. Ein Körper z. B. heißt endlich, weil wir stets einen andern größeren begreifen. Ebenso wird ein Gedanke durch einen andern Gedanken begrenzt. Dagegen wird ein Körper nicht durch einen Gedanken noch ein Gedanke durch einen Körper begrenzt.

3. Unter Substanz verstehe ich das, was in sich ist und durch sich begriffen wird; d.h. etwas, dessen Begriff nicht den Begriff eines andern Dinges nötig hat, um daraus gebildet zu werden.

4. Unter Attribut verstehe ich dasjenige an der Substanz, was der Verstand als zu ihrem Wesen gehörig erkennt.

5. Unter Modus verstehe ich eine Erregung (Affektion) der Substanz; oder etwas, das in einem andern ist, durch welches es auch begriffen werden kann.

6. Unter Gott verstehe ich das absolut unendliche Wesen, d. h. die Substanz, welche aus unendlichen Attributen besteht, von denen ein jedes ewiges und unendliches Sein ausdrückt.«

Wer konnte diesen jüdischen Kram verstehen? Alfred schleuderte das Buch durch das Zimmer. Eine Woche später versuchte er es noch einmal, überschlug die Definitionen und blätterte zum nächsten Abschnitt, den Axiomen, weiter:

»I. Alles, was ist, ist entweder in sich oder in einem andern.

II. Was durch ein anderes nicht begriffen werden kann, muß durch sich selbst begriffen werden.

III. Aus einer gegebenen bestimmten Ursache folgt notwendig eine Wirkung, und umgekehrt: wenn keine bestimmte Ursache gegeben ist, kann unmöglich eine Wirkung folgen.

IV. Die Erkenntnis der Wirkung hängt von der Erkenntnis der Ursache ab und schließt dieselbe ein.

V. Dinge, welche nichts miteinander gemein haben, können auch nicht wechselseitig auseinander erkannt werden, oder der Begriff des einen schließt den Begriff des andern nicht ein.«

Diese Axiome waren ebenso unverständlich, und das Buch segelte wiederum in die Ecke. Später versuchte er es mit dem nächsten Abschnitt, den Lehrsätzen, die sich ihm ebenso wenig erschlossen. Schließlich dämmerte es ihm, dass jeder folgende Abschnitt logisch auf den vorangegangenen Definitionen und Axiomen aufbaute und dass ein weiteres Querlesen nichts brachte. Von Zeit zu Zeit nahm er den dünnen Band zur Hand, blätterte zum Portrait von Spinoza auf der Titelseite und war gebannt von diesem langen, ovalen Gesicht und den riesigen, gefühlvollen, jüdischen Augen mit den schweren Lidern (die ihm ständig in die Augen starrten, egal, wie er das Buch auch drehte). Werde dieses verfluchte Buch los, sagte er sich – verkaufe es (das würde allerdings nichts einbringen, zumal es nach mehrmaligen Wurfversuchen noch ramponierter war als vorher). Oder verschenk es oder wirf es einfach weg. Er wusste, dass er das tun sollte, aber seltsamerweise konnte Alfred sich nicht von der Ethik trennen.

Warum? Nun, das Gelübde war natürlich ein Grund, aber nicht der ausschlaggebende. Hatte der Direktor nicht gesagt, dass man erst ganz erwachsen sein müsse, um die Ethik zu verstehen? Und hatte er nicht eine jahrelange Ausbildung vor sich, bis er ganz erwachsen war?

Nein, nein, es war nicht das Gelübde, das ihn irritierte: Es war das Problem mit Goethe. Er verehrte Goethe. Und Goethe verehrte Spinoza. Alfred konnte sich dieses verfluchten Buches nicht entledigen, denn Goethe hatte es so sehr geschätzt, dass er es ein geschlagenes Jahr lang mit sich herumgetragen hatte. Dieser obskure jüdische Unsinn hatte Goethes ungebärdige Leidenschaften besänftigt und ihm eine klarere Weltsicht als je zuvor ermöglicht. Wie konnte das sein? Goethe sah etwas darin, was er selbst nicht erkennen konnte. Vielleicht würde er eines Tages den Lehrer finden, der ihm das erklären konnte.

Die tumultartigen Ereignisse des Ersten Weltkriegs rückten dieses Rätsel bald aus seinem Bewusstsein. Nachdem er den Abschluss an der Oberschule in Reval gemacht und sich von Direktor Epstein, Herrn Schäfer und seinem Kunstlehrer, Herrn Purvit, verabschiedet hatte, begann Alfred sein Studium am Polytechnischen Institut in Riga, Lettland, das ungefähr dreihundert Kilometer von seiner Heimatstadt Reval entfernt lag. Als die deutschen Truppen 1915 Estland und auch Lettland bedrohten, wurde das komplette Polytechnische Institut nach Moskau verlegt, wo Alfred bis 1918 lebte. Im selben Jahr legte er seine Abschlussarbeit vor – einen architektonischen Entwurf für ein Krematorium – und erhielt sein Diplom für Architektur und Ingenieurwesen.

Obwohl seine akademische Arbeit herausragend war, fühlte sich Alfred im Ingenieurwesen nie zu Hause und zog es stattdessen vor, seine Zeit mit der Lektüre von mythologischen Themen und Romanen zu verbringen. Er war fasziniert von den Erzählungen der nordischen Mythologie in der Edda und auch von den verwickelt konstruierten Romanen Dickens’ und den monumentalen Werken Tolstois (die er auf Russisch las). Er versuchte es mit Philosophie, überflog die wichtigsten Gedanken von Kant, Schopenhauer, Fichte, Nietzsche und Hegel und las wie früher mit Vergnügen philosophische Arbeiten bevorzugt an belebten, öffentlichen Plätzen.

Im Chaos der Russischen Revolution von 1917 empörte sich Alfred beim Anblick der Hunderttausende von aufgebrachten Demonstranten, die auf die Straße gingen und den Umsturz der bestehenden Ordnung forderten. Auf Grundlage von Chamberlains Werk glaubte er inzwischen, dass Russland alles dem arischen Einfluss zu verdanken hätte, namentlich den Wikingern, der Hanse und deutschen Immigranten, wie er selbst einer war. Der Zusammenbruch der russischen Zivilisation konnte nur eines bedeuten: Die nordischen Fundamente wurden von den minderwertigen Rassen – von den Mongolen, den Juden, den Slawen und den Chinesen – zum Einsturz gebracht, und die Seele des wahren Russland wäre bald schon verloren. Sollte dieses Schicksal auch das Vaterland ereilen? Würde rassisches Chaos und Degeneration auch nach Deutschland selbst überschwappen?

Der Anblick der wogenden Menschenmassen widerte ihn an. Die Bolschewiken waren Tiere, deren Mission darin bestand, die Zivilisation zu vernichten. Er informierte sich über ihre Führer und gelangte bald zu der Überzeugung, dass mindestens neunzig Prozent dieser Leute Juden waren. Von 1918 an sprach Alfred selten von den Bolschewiken: Immer waren es die »jüdischen Bolschewiken«, und dieses doppelte Epithet sollte später in die Nazi-Propaganda einfließen. Nach seinem Diplom im Jahr 1918 war Alfred außer sich vor Freude, als er den Zug bestieg, der ihn quer durch Russland und zurück in seine Heimatstadt Reval brachte. Während der Zug westwärts schnaufte, saß er Tag um Tag am Fenster und starrte auf die endlosen, russischen Weiten. Fasziniert von diesem unendlichen freien Raum – ach ja, der Raum –, dachte er an Houston Stewart Chamberlains Wunsch nach mehr Lebensraum für das Vaterland. Hier, vor seinem Zugfenster der zweiten Klasse, lag der Lebensraum, den Deutschland so dringend brauchte, und doch machte allein die unendliche Weite Russlands diesen Lebensraum uneinnehmbar, es sei denn … es sei denn, ein Heer russischer Kollaborateure würde Seite an Seite mit dem Vaterland kämpfen. Das Samenkorn eines weiteren Gedankens schlug Wurzeln: Diese unwirtliche, offene Ebene – was sollte man damit anfangen? Warum nicht die Juden dorthin verfrachten, alle Juden Europas?

Das Pfeifen der Lokomotive und das Anziehen und Lösen der Bremsen signalisierten ihm, dass er zu Hause angekommen war. In Reval war es so kalt wie in Russland. Er zog alle Pullover über, die er besaß, knotete sich den Schal fest um den Hals und spazierte im weißen Hauch seines eigenen Atems – das Gepäck in der Hand, das Diplom in der Tasche – die vertrauten Straßen entlang, bis er vor der Tür des Hauses seiner Kindheit stand, dem Anwesen Tante Cäcilies, der Schwester seines Vaters. Auf sein Klopfen hin wurde er mit lauten Rufen »Alfred! Alfred!«, strahlenden Gesichtern, männlichem Händeschütteln und weiblicher Umarmung empfangen. Schnell führte man ihn in die warme, duftende Küche, wo Kaffee und Streuselkuchen aufgetragen wurden. Augenblicklich schickten sie einen kleinen Neffen los, der Tante Lydia holen sollte, die ein paar Türen weiter die Straße hinunter wohnte. Kurze Zeit später tauchte sie auf, beladen mit Essen für ein großes Festmahl.

Sein Zuhause war überwiegend so, wie er es in Erinnerung hatte, und ein solches Festhalten an Altbewährtem verschaffte Alfred eine seltene Verschnaufpause von seinem quälenden Gefühl, keine Wurzeln zu besitzen. Der Anblick seines eigenen Zimmers, das nach so vielen Jahren noch so gut wie unverändert war, zauberte einen Ausdruck kindlicher Seligkeit auf sein Gesicht. Er ließ sich in seinen alten Sessel fallen, in dem er immer gelesen hatte, und schwelgte im vertrauten Anblick seiner Tante, die geräuschvoll das Kissen zurechtklopfte und die Daunendecke auf seinem Bett aufschüttelte. Alfred sah sich im Zimmer um: Da war der dunkelrote Gebetsteppich, auf dem Alfred vor Jahrzehnten (wenn sein gottloser Vater außer Hörweite war) einige Monate lang seine Gutenachtgebete verrichtet hatte: »Segne Mutter im Himmel, segne Vater und lass ihn wieder gesund werden, und mach meinen Bruder Eugen gesund, und segne Tante Erika und Tante Marlene, und segne meine ganze Familie.«

Drüben an der Wand hing das riesige Plakat von Kaiser Wilhelm, immer noch mit stechendem Blick und mächtiger Statur, sich des Wankens der deutschen Streitmacht damals glücklicherweise noch nicht bewusst. Und auf dem Regal unter dem Plakat standen seine Bleifiguren in Reih und Glied: Wikingerkrieger und römische Soldaten, die er nun vorsichtig in die Hand nahm. Er hockte sich hin und inspizierte das kleine Bücherregal, das mit seinen Lieblingsbüchern vollgestopft war. Alfred strahlte, als er feststellte, dass sie noch immer in derselben Reihenfolge standen, in der er sie so viele Jahre zuvor zurückgelassen hatte. Sein Lieblingsbuch, »Die Leiden des jungen Werther«, war das erste, dann kam »David Copperfield« und dann alle anderen Favoriten in absteigender Reihenfolge.

Beim Abendessen mit Tanten, Onkeln, Neffen und Nichten fühlte sich Alfred immer noch wie zu Hause. Aber als alle gegangen waren, Stille sich über ihn senkte und er sich unter seine Daunendecke legte, stellte sich seine vertraute Anomie wieder ein. Das »Zuhause-Gefühl« begann zu verblassen. Selbst das Bild seiner beiden immer noch lächelnden Tanten, die winkten und nickten, wich in immer weitere Ferne, und zurück blieb nur beängstigende Dunkelheit. Wo war sein Zuhause? Wo gehörte er hin?

Am folgenden Tag streifte er durch die Straßen von Reval und suchte nach vertrauten Gesichtern, auch wenn alle seine Spielkameraden aus der Kindheit inzwischen erwachsen waren, sich in alle Winde zerstreut hatten und er tief in seinem Herzen wusste, dass er nach Phantomen suchte – nach Freunden, die er wünschte, gehabt zu haben. Er schlenderte zur Oberschule, wo die Flure und die geöffneten Klassenzimmer ebenso vertraut wie abweisend aussahen. Er wartete vor dem Klassenzimmer des Kunstlehrers, Herrn Purvit, der früher immer so freundlich zu ihm gewesen war. Als die Schulglocke läutete, trat er ein, um vor der nächsten Schulstunde mit seinem alten Lehrer zu sprechen. Herr Purvit forschte in Alfreds Gesicht, gab ein Geräusch des Erkennens von sich und erkundigte sich auf so allgemeine Art nach seinem Leben, dass Alfred, der sich verabschiedete, als die Schüler zur nächsten Schulstunde auf ihre Plätze flitzten, bezweifelte, ob er ihn überhaupt erkannt hatte. Als Nächstes suchte er vergeblich nach dem Klassenzimmer von Herrn Schäfer, fand aber das von Herrn Epstein, der nicht mehr Direktor war, sondern Geschichtslehrer wie früher einmal. Mit abgewandtem Gesicht schlich er schnell vorbei. Er wollte weder gefragt werden, ob er sein Versprechen im Falle von Spinoza eingelöst hatte, noch wollte er das Risiko eingehen festzustellen, dass Alfred Rosenbergs Gelübde längst aus Herrn Epsteins Erinnerung verschwunden war.

Wieder im Freien, wanderte er zum Hauptplatz, wo er das Hauptquartier der deutschen Streitkräfte entdeckte und spontan einen Entschluss fasste, der vielleicht sein ganzes Leben verändern würde. Er sagte dem Diensthabenden auf Deutsch, dass er sich zum Militärdienst melden wolle. Er wurde an den Unteroffizier Goldberg verwiesen, einen massigen Mann mit großer Nase, buschigem Schnurrbart und dem unübersehbaren Stempel »Jude« auf der Stirn. Ohne von seiner Schreibarbeit aufzusehen, hörte der Unteroffizier Alfred kurz an und lehnte dann dessen Ansinnen ab. »Wir sind im Krieg. Das deutsche Heer ist für Deutsche da und nicht für Bürger kriegsbeteiligter, besetzter Länder.«

Niedergeschlagen und vom Benehmen des Unteroffiziers tief verletzt, suchte Alfred ein paar Türen weiter in einem Bierkeller Zuflucht, bestellte sich einen Krug Bier und setzte sich ans Ende eines langen Tisches. Als er seinen Krug zum ersten Schluck hob, bemerkte er einen Mann in Zivilkleidung, der ihn anstarrte. Ihre Blicke trafen sich kurz, und der Fremde hob seinen Krug und nickte Alfred zu. Alfred erwiderte zögerlich und sank dann wieder in sich zurück. Als er ein paar Minuten später aufschaute, sah er den Fremden, einen großen, attraktiven, schlanken Mann mit einem länglichen Schädel. Dieser starrte ihn aus tiefblauen Augen an, erhob sich schließlich, kam mit dem Krug in der Hand zu Alfred herüber und stellte sich vor.

9

AMSTERDAM, 1656

Bento ging mit Jacob und Franco zu dem Haus, das er mit Gabriel bewohnte, und führte sie in sein Arbeitszimmer. Zunächst durchquerten sie ein kleines Wohnzimmer, dessen Möblierung sichtlich die weibliche Hand fehlte – nur eine grobe Holzbank und ein Stuhl, ein Strohbesen in der Ecke und ein Kamin mit einem Blasebalg. In Bentos Arbeitszimmer standen ein grob behauener Schreibtisch, ein hoher Schemel und ein klappriger Holzstuhl. Drei seiner eigenhändig angefertigten Kohlezeichnungen mit Amsterdamer Grachtenszenen hingen an der Wand über zwei Regalen, die sich unter dem Gewicht von einem Dutzend Bücher mit strapazierfähigen Einbänden bogen. Jacob steuerte sofort auf die Regale zu, um die Buchtitel zu inspizieren, doch Bento bedeutete ihm und Franco, schon einmal Platz zu nehmen, während er eilig einen weiteren Stuhl aus dem angrenzenden Zimmer herbeischaffte.

»Machen wir uns an die Arbeit«, sagte er, nahm seine abgegriffene hebräische Bibel zur Hand, ließ sie schwer auf die Mitte des Tisches fallen und schlug sie vor Jacob und Franco auf. Dann besann er sich eines Besseren, ließ die Blätter wieder aufeinander fallen und klappte die Bibel zu.

»Ich will mein Versprechen halten und Ihnen genauestens darlegen, was unsere Thora darüber sagt oder nicht sagt, dass die Juden das auserwählte Volk sind. Aber ich beginne lieber mit meinen wichtigsten Schlussfolgerungen, die auf jahrelangem Bibelstudium gründen.«

Mit Jacobs und Francos Einverständnis begann Bento: »Die zentrale Botschaft der Bibel über Gott lautet, wie ich glaube, dass er vollkommen ist sowie absolute Weisheit besitzt. Gott ist alles und schuf aus sich heraus die Welt und alles auf ihr. Sind Sie damit einverstanden?«

Franco nickte schnell. Jacob überlegte, schob die Unterlippe vor, öffnete die rechte Faust, ließ seine Handfläche sehen und nickte langsam und bedächtig.

»Da Gott definitionsgemäß vollkommen ist und keine Bedürfnisse hat, schuf Er die Welt folglich nicht für sich selbst, sondern für uns.«

Von Franco erhielt er ein Nicken und von Jacob einen verblüfften Blick und nach oben gedrehte Handflächen, als wollte er sagen: »Worauf wollen Sie hinaus?«

Gelassen fuhr Bento fort: »Und da Er uns aus seiner eigenen Substanz heraus geschaffen hat, ist es Seine Absicht, dass wir alle – die wir wiederum Teil der Substanz Gottes sind – Glück und Segen finden.«

Jacob nickte heftig, als hätte er endlich etwas gehört, dem er zustimmen konnte. »Ja, ich hörte, wie mein Onkel vom göttlichen Funken in jedem von uns sprach.«

»Ganz genau. Ihr Onkel und ich sind vollkommen einer Meinung«, sagte Spinoza, und als er ein leises Stirnrunzeln auf Jacobs Gesicht feststellte, beschloss er, sich solcher Bemerkungen in Zukunft zu enthalten – Jacob war zu intelligent und zu misstrauisch, um sich gönnerhaft behandeln zu lassen. Er schlug die Bibel auf und blätterte darin. »Hier, fangen wir mit einigen Psalmen an.« Bento begann, langsam auf Hebräisch vorzulesen, und zeigte mit dem Finger auf jedes Wort, das er für Franco ins Portugiesische übersetzte. Schon nach wenigen Minuten unterbrach ihn Jacob, schüttelte den Kopf und sagte: »Nein, nein, nein.«

»Nein, was?«, fragte Bento. »Gefällt Ihnen meine Übersetzung nicht? Ich versichere Ihnen, dass …«

»Es sind nicht Ihre Worte«, fiel Jacob ihm ins Wort, »es ist Ihre Art. Als Jude fühle ich mich über die Art beleidigt, wie Sie mit unserem heiligen Buch umgehen. Weder küssen Sie es, noch ehren Sie es. Sie haben es praktisch auf den Tisch geworfen; Sie zeigen mit einem ungewaschenen Finger darauf. Und Sie lesen es weder singend noch mit irgendeinem Tonfall. Sie lesen es so, als würden Sie einen Kaufvertrag über Ihre Rosinen vorlesen. Diese Art zu lesen beleidigt Gott.«

»Beleidigt Gott? Jacob, ich bitte Sie, auf dem Pfad der Vernunft zu bleiben. Haben wir uns nicht gerade darauf verständigt, dass Gott vollkommen ist, keine Bedürfnisse hat und kein Wesen ist wie wir? Könnte ein solcher Gott sich überhaupt von einer solchen Trivialität wie meiner Art zu lesen beleidigt fühlen?«

Jacob schüttelte schweigend den Kopf, während Franco zustimmend nickte und seinen Stuhl näher an Bento heranrückte.

Bento fuhr fort, den Psalm laut auf Hebräisch vorzulesen und für Franco ins Portugiesische zu übersetzen. »›Der HERR ist nahe allen, die ihn mit Ernst anrufen.‹« Bento ging einige Verse im selben Psalm zurück und las weiter: »›Der HERR ist allen gütig und erbarmet sich aller seiner Werke.‹ Vertrauen Sie mir«, sagte er. »Ich kann eine Menge solcher Passagen finden, aus denen klar hervorgeht, dass Gott allen Menschen den gleichen Intellekt gab und auch ihre Herzen gleichermaßen formte.«

Bento wandte seine Aufmerksamkeit Jacob zu, der abermals den Kopf schüttelte. »Sind Sie mit meiner Übersetzung nicht einverstanden, Jacob? Ich kann Ihnen versichern, dass es ›alle‹ heißt; es heißt nicht ›alle Juden‹.«

»Dem kann ich nicht zustimmen: Die Worte sind Worte. Was die Bibel sagt, sagt die Bibel. Aber die Bibel hat viele Worte, und es gibt viele Lesarten und viele Interpretationen durch viele heilige Männer. Ignorieren Sie etwa die hervorragenden Kommentare von Rashi und Abarbanel oder kennen Sie sie vielleicht gar nicht?«

Bento blieb unbeeindruckt. »Die Kommentare und die Kommentare zu den Kommentaren wurden mir sozusagen mit der Muttermilch eingeflößt. Ich las sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Ich verbrachte Jahre damit, die heiligen Schriften zu studieren, und wie Sie mir selbst sagten, respektieren mich viele in unserer Gemeinde als Gelehrten. Vor einigen Jahren fasste ich mir selbst ein Herz, erlangte einen Doktortitel für Alt-Hebräisch und Aramäisch, legte die Kommentare anderer beiseite und studierte aufs Neue die Worte, die tatsächlich in der Bibel stehen. Um die Worte der Bibel wirklich verstehen zu können, muss man die alte Sprache kennen und sie mit einem frischen, unvoreingenommenen Geist lesen. Ich möchte, dass wir die genauen Worte der Bibel lesen und verstehen und nicht das, was irgendein Rabbiner dahinter vermutete, keine ominösen Metaphern, die Gelehrte zu entdecken glaubten, und keine geheime Botschaft, die Kabbalisten in bestimmten Wortmustern und numerischen Buchstabenwerten erkennen. Ich möchte wieder von vorn anfangen und das lesen, was wirklich in der Bibel steht. Das ist meine Methode. Möchten Sie, dass ich fortfahre?«

Franco sagte: »Ja, ich bitte darum«, aber Jacob zögerte.

Seine Erregung war offensichtlich, denn kaum hörte er, wie Bento das Wort »alle« betonte, da ahnte er schon, worauf Bento mit seinen Argumenten hinauswollte – er roch förmlich die gestellte Falle. Er versuchte es mit einem präemptiven Manöver: »Sie haben meine drängende und einfache Frage noch nicht beantwortet: ›Streiten Sie ab, dass die Juden das auserwählte Volk sind?‹«

»Jacob, Ihre Fragen sind die falschen Fragen. Offensichtlich habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt. Ich habe vor, Ihre gesamte Einstellung zu Autoritäten herauszufordern. Die Frage ist nicht, ob ich es bestreite oder ob irgendein Rabbiner oder ein anderer Gelehrter es behauptet. Wir wollen versuchen, nicht zu irgendeiner bedeutenden Autorität aufzuschauen, sondern uns die Worte unserer Heiligen Schrift ansehen, die uns sagen, dass wahres Glück und wahre Glückseligkeit allein darin liegen, Freude an dem zu haben, was gut ist. Die Bibel verlangt nicht von uns, stolz darauf zu sein, dass wir Juden allein glückselig sind, oder mehr Freude zu empfinden, weil andere das wahre Glück nicht kennen.«

Jacob gab nicht zu erkennen, dass er überzeugt war, und so versuchte Bento es mit einer anderen Taktik. »Ich will Ihnen ein Beispiel aus unserer eigenen Erfahrung geben. Vorhin, als wir im Laden waren, erfuhr ich, dass Franco kein Hebräisch kann. Richtig?«

»Ja.«

»Dann sagen Sie mir: Soll ich nun frohlocken, weil ich besser Hebräisch spreche als er? Macht seine Unkenntnis des Hebräischen mich plötzlich gelehrter, als ich noch eine Stunde zuvor war? Freude über unsere Überlegenheit gegenüber anderen ist nicht glückselig. Sie ist kindisch oder bösartig. Ist es nicht so?«

Jacob signalisierte Skepsis, indem er die Schultern einzog, doch Bento war in Fahrt. Jahrelang war ihm das gebotene Schweigen eine Last gewesen, doch nun genoss er die Möglichkeit, viele der Argumente auszusprechen, die er sich erarbeitet hatte. Er wandte sich an Jacob. »Sie werden mir bestimmt Recht geben, dass Glückseligkeit in der Liebe wohnt. Sie ist die überragende, die Kernbotschaft der gesamten Heiligen Schrift – und auch des christlichen Testaments. Wir müssen eine Unterscheidung zwischen dem treffen, was die Bibel sagt, und dem, was die religiösen Oberhäupter sagen, dass sie sagt. Zu oft fördern Rabbiner und Priester ihr Eigeninteresse durch voreingenommene Lesungen, durch Lesungen, die den Anspruch erheben, dass nur sie den Schlüssel zur Wahrheit in Händen halten.«

Aus den Augenwinkeln heraus sah Bento, dass Jacob und Franco erstaunte Blicke wechselten, doch er fuhr unbeirrt fort. »Hier, sehen Sie sich diese Passage in Könige 3:12 an.« Spinoza schlug die Bibel an einer Stelle auf, die er mit einem roten Faden markiert hatte. »Hören Sie sich die Worte an, die Gott zu Salomon spricht: ›Siehe, ich habe dir ein weises und verständiges Herz gegeben, daß deinesgleichen vor dir nicht gewesen ist und nach dir nicht aufkommen wird.‹ Und denken Sie beide nun einen Augenblick über diese Bemerkung Gottes über den weisesten Mann der Welt nach. Sicherlich ist dies ein Beweis dafür, dass die Worte der Thora nicht wörtlich genommen werden dürfen. Sie müssen im Kontext der damaligen Zeit …«

»Kontext?«, warf Franco ein.

»Ich meine die Sprache und die geschichtlichen Ereignisse jener Zeit. Wir können die Bibel nicht mit der Sprache von heute verstehen: Wir müssen sie mit dem Wissen über die Sprachkonventionen jener Zeit lesen, in der sie geschrieben und zusammengestellt wurde, und das war vor ungefähr zweitausend Jahren.«

»Wie bitte?«, rief Jacob aus. »Moses schrieb die Thora, die ersten fünf Bücher, vor weit mehr als zweitausend Jahren!«

»Das ist ein großes Thema. Darauf werde ich in ein paar Minuten zurückkommen. Lassen Sie mich zunächst mit Salomon fortfahren. Worauf ich hinaus möchte, ist, dass Gottes Bemerkung zu Salomon nur eine Redensart ist, die seine große, hervorragende Weisheit zum Ausdruck bringen soll, und sie zielt darauf ab, Salomons Glück zu vergrößern. Glauben Sie im Ernst, dass Gott von Salomon, dem weisesten aller Menschen, erwarten würde, sich darüber zu freuen, dass nach ihm keiner so intelligent sein würde wie er? Bestimmt hätte Gott sich in seiner Weisheit gewünscht, dass ein jeder mit den gleichen Fähigkeiten ausgestattet werde.«

Jacob protestierte. »Ich verstehe nicht, worüber Sie sprechen. Sie pflücken ein paar Worte oder Sätze heraus, aber Sie ignorieren die offensichtliche Tatsache, dass wir von Gott auserwählt wurden. Die Heilige Schrift sagt das immer und immer wieder.«

»Hier, sehen Sie, bei Hiob«, sagte Bento, der sich nicht beirren ließ und das Buch bei Hiob 28 aufschlug. »Gott sprach zu den Menschen, dass sie Gutes tun und das Böse meiden sollen. In solchen Passagen«, fuhr Bento fort, »liegt es klar auf der Hand, dass Gott die gesamte Menschheit im Sinn hatte. Und bedenken Sie auch, dass Hiob ein Heide war und Gott dennoch am wohlgefälligsten von allen. Hier steht es – lesen Sie selbst.«

Jacob weigerte sich, es anzusehen. »In der Bibel mögen einige solcher Worte stehen. Aber es gibt Tausende von gegenteiligen Worten. Wir Juden sind anders, und das wissen Sie. Franco ist gerade der Inquisition entronnen. Sagen Sie mir, Bento, wann hat es bei Juden jemals eine Inquisition gegeben? Andere schlachten Juden ab. Haben wir jemals andere abgeschlachtet?«

Bento blätterte ruhig weiter, diesmal zu Josua 10:37 und las: »›Und gewann sie und schlug sie mit der Schärfe des Schwerts und ihren König mit allen ihren Städten und alle Seelen, die drinnen waren; und ließ niemand überbleiben, allerdinge wie er Eglon getan hatte, und verbannete sie und alle Seelen, die drinnen waren.‹ Oder bei Josua 11:11 über die Stadt Hazor«, fuhr Bento fort: »›Und schlugen alle Seelen, die drinnen waren, mit der Schärfe des Schwerts und verbanneten sie; und ließ nichts überbleiben, das den Odem hatte; und verbrannte Hazor mit Feuer.‹ Oder wiederum hier, Samuel 18:6-7: ›Es begab sich aber, da David wiederkommen war von des Philisters Schlacht, daß die Weiber aus allen Städten Israels waren gegangen mit Gesang und Reigen dem Könige Saul entgegen mit Pauken, mit Freuden und mit Geigen. Und die Weiber sangen gegeneinander und spielten und sprachen: ‚Saul hat tausend geschlagen, aber David zehntausend.‘‹

Leider gibt es viele Beweise in der Thora, dass die Israeliten, als sie an der Macht waren, so grausam und so erbarmungslos waren wie jedes andere Volk. Sie waren nicht moralisch überlegener, rechtschaffener oder intelligenter als andere antike Völker. Sie waren nur insofern überlegen, als sie eine gut strukturierte Gesellschaft und eine bessere Regierung hatten, die es ihnen erlaubte, lange Zeit zu überdauern. Aber dieses antike hebräische Volk gibt es schon lange nicht mehr, und seit dieser Zeit stehen sie mit den anderen Völkern auf einer Ebene. Ich kann nichts in der Thora erkennen, woraus hervorgehen könnte, dass Juden anderen Völkern überlegen sein sollen. Gott ist allen gleichermaßen gnädig.«

Mit ungläubigem Gesichtsausdruck meldete sich Jacob zu Wort: »Sie sagen also, dass es nichts gäbe, was Juden von Nichtjuden unterscheidet?«

»Ganz genau, aber das sage nicht ich, sondern die Heilige Schrift.«

»Wie können Sie sich ›Baruch‹ nennen und solche Reden führen? Leugnen Sie tatsächlich, dass Gott die Juden auserwählt hat, dass er sie bevorzugte, dass er den Juden half, dass er viel von ihnen erwartete?«

»Noch einmal, Jacob, denken Sie darüber nach, was Sie sagen. Ich erinnere Sie noch einmal: Menschliche Wesen wählen aus, bevorzugen, helfen, werten, erwarten. Aber Gott? Hat Gott diese menschlichen Attribute? Denken Sie an meine Worte über den Trugschluss, sich Gott als unser Ebenbild vorzustellen. Denken Sie daran, was ich über Dreiecke und einen dreieckigen Gott sagte.«

»Wir wurden nach seinem Ebenbild geschaffen«, sagte Jacob. »Schlagen Sie die Schöpfungsgeschichte auf. Ich werde Ihnen diese Worte zeigen …«

Bento rezitierte sie aus dem Gedächtnis: »›Und Gott sprach: ‚Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kreucht.‘ Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie ein Männlein und Fräulein!‹«

»Ganz genau, Baruch, das sind die Worte«, sagte Jacob. »Ich wünschte, Ihre Frömmigkeit wäre so groß wie Ihre Merkfähigkeit. Wenn dies Gottes Worte sind, wie kommen Sie dann dazu, daran zu zweifeln, dass wir nach seinem Bilde geschaffen wurden?«

»Jacob, nutzen Sie Ihre von Gott gegebene Vernunft. Wir können solche Worte nicht buchstäblich nehmen. Es sind Metaphern. Glauben Sie wahrhaftig, dass wir Sterbliche – also auch Gehörlose, Krüppel, Elende, an Verstopfung Leidende – nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurden? Denken Sie an Menschen wie meine Mutter, die in ihren Zwanzigern starben, an die blind Geborenen, Deformierten oder Schwachsinnigen mit riesigen Wasserköpfen, an Menschen mit Skrofulose, an jene, deren Lungen versagen und die Blut spucken, an jene, die habgierig oder mordlüstern sind: Sind auch sie Ebenbilder Gottes? Sie glauben, Gott habe eine Mentalität wie die unsere, ließe sich gern umschmeicheln und würde eifersüchtig und rachsüchtig, wenn wir seinen Geboten nicht gehorchen? Könnten solch unreine, verstümmelte Gedankengänge in einem perfekten Wesen vorhanden sein? Das sind nur die Redensarten der Leute, welche die Bibel geschrieben haben.«

»Der Leute, die die Bibel geschrieben haben? Sie sprechen abfällig von Moses, von Josua und von den Propheten und den Richtern? Sie leugnen, dass die Bibel das Wort Gottes ist?« Jacobs Stimme wurde mit jedem Satz lauter, und Franco, der jedes Wort Bentos aufmerksam verfolgte, legte ihm eine Hand auf den Arm, um ihn zu beruhigen.

»Ich spreche von niemandem abfällig«, sagte Bento. »Diese Schlussfolgerung entstand in Ihrem Kopf. Aber ich sage tatsächlich, dass die Worte und Gedanken der Bibel dem menschlichen Geist entsprangen, dass sie von den Männern kommen, welche diese Abschnitte schrieben und sich vorstellten – nein, besser gesagt, sich wünschten, sie wären Gott ähnlich, sie wären nach dem Ebenbild Gottes geschaffen worden.«

»Sie leugnen also, dass Gott durch die Stimmen der Propheten spricht?«

»Es ist offensichtlich, dass alle Worte in der Bibel, die sich auf das ›Wort Gottes‹ beziehen, nur der Phantasie der verschiedenen Propheten entspringen.«

»Phantasie! Sie sagen Phantasie?« Jacob schlug erschreckt die Hand vor seinen Mund, während Franco versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken.

Bento wusste, dass jede seiner Äußerungen Jacob empörte, doch er schaffte es nicht, sich zurückzuhalten. Er war in Hochstimmung, endlich wollte er die Ketten seines Schweigens sprengen und alle Ideen geradeheraus aussprechen, die er im Geheimen ersonnen oder dem Rabbiner nur in sorgfältig verschleierter Form mitgeteilt hatte. Van den Endens Warnung »caute, caute« fiel ihm ein, doch ausnahmsweise hörte er nicht auf seine Vernunft und preschte weiter vor.

»Ja, es ist offensichtlich Phantasie, Jacob, und seien Sie nicht so entsetzt: Das steht ausdrücklich in der Thora.« Aus den Augenwinkeln registrierte Bento ein Lächeln auf Francos Gesicht. Bento fuhr fort: »Hier, Jacob, lesen Sie diesen Abschnitt mit mir aus dem 5. Buch Moses, 34:10: ›Und es stund hinfort kein Prophet in Israel auf wie Mose, den der HERR erkannt hätte von Angesicht zu Angesicht.‹ Nun, Jacob, überlegen Sie, was das bedeutet. Sie wissen natürlich, dass die Thora uns berichtet, dass nicht einmal Moses das Angesicht Gottes erblickt hat. Richtig?«

Jacob nickte: »Ja, so steht es in der Thora.«

»Nun, Jacob, wir haben die Anschauung Gottes ausgeschlossen, und das muss bedeuten, dass Moses Gottes wirkliche Stimme hörte und dass kein Prophet nach Moses seine wirkliche Stimme gehört hat.«

Jacob hatte keine Antwort.

»Erklären Sie mir«, bat Franco, der aufmerksam jedes Wort Bentos verfolgt hatte. »Wenn keiner der anderen Propheten die Stimme Gottes hörte, woher stammen dann die Prophezeiungen?«

Bento, der sich über Francos Mitarbeit freute, antwortete sofort: »Ich glaube, dass die Propheten mit einer ungewöhnlich lebhaften Vorstellungskraft, aber nicht unbedingt mit einem hoch entwickelten logischen Denkvermögen ausgestattet waren.«

»Dann glauben Sie also, Bento«, sagte Franco, »dass wundertätige Prophezeiungen nichts anderes sind als eingebildete Ansichten der Propheten?«

»Ganz genau.«

Franco fuhr fort: »Es ist, als gäbe es nichts Übernatürliches. Sie lassen es so aussehen, als sei alles erklärbar.«

»Das ist genau das, was ich glaube. Alles, und damit meine ich wirklich alles, hat eine natürliche Ursache.«

»Was mich betrifft«, sagte Jacob, der Bento wütend angefunkelt hatte, als er über die Propheten sprach, »gibt es Dinge, die nur Gott weiß, Dinge, deren Ursache nur im Willen Gottes liegen.«

»Je mehr Wissen wir erlangen können, desto weniger wird nur Gott allein bekannt sein. Mit anderen Worten: Je größer unser Unwissen ist, desto mehr schreiben wir Gott zu.«

»Wie können Sie es wagen …«

»Jacob«, unterbrach Bento. »Lassen Sie uns darauf zurückkommen, weshalb wir drei hier zusammensitzen. Sie kamen zu mir, weil Franco sich in einer spirituellen Krise befand und Hilfe brauchte. Ich habe Sie mir nicht ausgesucht – in Wahrheit riet ich Ihnen, lieber den Rabbiner zu konsultieren. Sie sagten, Ihnen sei zugetragen worden, dass der Rabbiner den Zustand Francos nur noch verschlimmern würde, wissen Sie noch?«

»Ja, das stimmt«, sagte Jacob.

»Was hilft es Ihnen oder mir dann, einen solchen Disput vom Zaun zu brechen? Tatsächlich gibt es nur eine einzige richtige Frage.« Bento wandte sich an Franco. »Sagen Sie mir, bin ich eine Hilfe für Sie? War irgendetwas, was ich sagte, hilfreich?«

»Alles, was Sie sagten, verschaffte mir Trost«, sagte Franco. »Sie helfen meiner geistigen Gesundheit. Ich war kurz davor, die Orientierung zu verlieren, und Ihr klares Denken, Ihre Art, nichts einfach hinzunehmen, was auf Autoritäten beruht – so etwas habe ich bis jetzt noch nie gehört. Ich höre Jacobs Wut, und ich entschuldige mich für ihn, aber was mich betrifft – ja, Sie haben mir geholfen.«

»Wenn das so ist«, sagte Jacob und stand abrupt auf, »haben wir bekommen, weswegen wir gekommen sind, und für uns ist die Sache hiermit erledigt.« Franco sah bestürzt aus und blieb sitzen, aber Jacob packte ihn am Ellbogen und schob ihn zur Tür.

»Danke, Bento«, sagte Franco, der im Türrahmen stand. »Sagen Sie mir bitte, stehen Sie für weitere Treffen zur Verfügung?«

»Ich stehe immer für eine vernünftige Diskussion zur Verfügung – kommen Sie einfach zu mir ins Geschäft. Aber«, und damit wandte Bento sich an Jacob, »für ein Streitgespräch, das keine Vernunft zulässt, stehe ich nicht zur Verfügung.«

Jacob grinste übers ganze Gesicht, sobald sie außer Sichtweite von Bentos Haus waren, legte den Arm um Francos Schulter und drückte sie. »Jetzt haben wir alles, was wir brauchen. Wir haben gut zusammengearbeitet. Du hast deine Rolle gut gespielt – fast schon zu gut, wenn du mich fragst –, aber darüber will ich kein Wort mehr verlieren, denn wir haben nun das vollbracht, was wir tun mussten. Was haben wir alles? Die Juden sind nicht von Gott auserwählt; sie unterscheiden sich überhaupt nicht von anderen Völkern. Gott hat uns gegenüber keine Gefühle. Die Propheten reimen sich alles zusammen. Die Heiligen Schriften sind nicht heilig, sondern ganz und gar Menschenwerk. Gottes Wort und Gottes Wille existieren nicht. Die Schöpfungsgeschichte und der Rest der Thora sind Mythen oder Metaphern. Die Rabbiner, selbst die Größten unter ihnen, besitzen kein besonderes Wissen, sondern handeln nur aus eigenem Interesse.«

Franco schüttelte den Kopf. »Wir haben nicht alles, was wir brauchen. Noch nicht. Ich möchte ihn noch einmal treffen.«

»Ich habe gerade seine ganzen Abscheulichkeiten aufgezählt: Seine Worte sind reine Ketzerei. Das war es, was Onkel Duarte von uns verlangte, und wir haben seinem Wunsch entsprochen. Die Beweise sind erdrückend: Bento Spinoza ist kein Jude: Er ist ein Anti-Jude.«

»Nein«, gab Franco zur Antwort, »wir haben nicht genug. Ich muss noch mehr hören. Ich werde nichts bezeugen, ehe ich nicht mehr habe.«

»Wir haben mehr als genug. Deine Familie ist in Gefahr. Wir haben mit Onkel Duarte einen Handel geschlossen – und niemand wird sich aus einem Handel mit ihm herauswinden. Genau das hat dieser Narr Spinoza versucht – ihn zu betrügen, indem er das jüdische Gericht überging. Nur den Kontakten des Onkels, den Schmiergeldern des Onkels und dem Schiff des Onkels hast du es zu verdanken, dass du dich nicht mehr in einer Höhle in Portugal verstecken musst. Und schon in zwei Wochen wird sein Schiff auch deine Mutter, deine Schwester und meine Schwester herausholen. Willst du, dass sie wie unsere Väter ermordet werden? Wenn du nicht mit mir zur Synagoge gehst und vor dem Vorstand aussagst, wirst du derjenige sein, der ihren Scheiterhaufen anzündet.«

»Ich bin kein Narr, und ich werde mich nicht wie ein Schaf herumkommandieren lassen«, sagte Franco. »Wir haben Zeit, und ich brauche mehr Informationen, bevor ich vor dem Vorstand der Synagoge meine Aussage mache. Ein zusätzlicher Tag macht keinen Unterschied, und das weißt du. Und dazu kommt noch, dass der Onkel verpflichtet ist, sich um seine Familie zu kümmern, selbst wenn wir nichts tun.«

»Der Onkel macht, was der Onkel will. Ich kenne ihn besser als du. Er folgt keinen Regeln außer seinen eigenen, und er ist nicht von Natur aus großzügig. Ich will deinen Spinoza jedenfalls nie mehr besuchen. Er verleumdet unser ganzes Volk.«

»Dieser Mann hat mehr Intelligenz als die ganze Kongregation zusammen. Und wenn du nicht mehr hingehen willst, werde ich allein mit ihm sprechen.«

»Nein, wenn du hingehst, komme ich mit. Ich werde dich nicht allein hingehen lassen. Der Mann hat eine zu große Überzeugungskraft. Ich bin ja selbst ins Wanken gekommen. Wenn du allein hingehst, sehe ich nicht nur einen Cherem für ihn, sondern auch für dich.« Als Jacob Francos verwirrten Blick bemerkte, fügte er hinzu: »Cherem bedeutet so viel wie Exkommunikation – noch ein hebräisches Wort, das du dir merken solltest.«

10

REVAL, ESTLAND, NOVEMBER 1918

»Guten Tag«, sagte der Fremde und streckte ihm die Hand hin. »Ich bin Friedrich Pfister. Kennen wir uns? Sie kommen mir bekannt vor.«

»Rosenberg, Alfred Rosenberg. Ich bin hier aufgewachsen. Kam gerade aus Moskau zurück. Habe erst letzte Woche mein Diplom am Polytechnikum gemacht.«

»Rosenberg? Ach ja, ja – das ist es. Sie sind Eugens kleiner Bruder. Sie haben seine Augen. Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

»Natürlich.«

Friedrich stellte seinen Bierkrug ab und setzte sich Alfred gegenüber an den Tisch. »Ihr Bruder und ich sind sehr gute Freunde, wir stehen immer noch in Kontakt. Ich habe Sie oft bei Ihnen zu Hause gesehen – ich habe Sie sogar huckepack getragen. Sie dürften, nun – sechs, sieben Jahre jünger als Eugen sein?«

»Sechs. Sie kommen mir auch bekannt vor, aber ich kann mich nicht wirklich an Sie erinnern. Ich weiß nicht, weshalb, aber ich habe kaum eine Erinnerung an meine Kindheit – sie ist wie ausradiert. Wissen Sie, ich war erst neun oder zehn, als Eugen zum Studium nach Brüssel ging. Seitdem habe ich ihn kaum mehr gesehen. Sie sagen, Sie stehen noch mit ihm in Kontakt?«

»Ja, erst vor zwei Wochen waren wir in Zürich zusammen beim Abendessen.«

»In Zürich? Er ist aus Brüssel fort?«

»Ja, vor ungefähr einem halben Jahr. Seine Schwindsucht ist wieder aufgeflammt, und er kam zur Liegekur in die Schweiz. Ich studiere momentan in Zürich und habe ihn im Sanatorium besucht. Er wird in zwei Wochen entlassen und zieht dann nach Berlin, wo er eine Weiterbildung im Bankwesen beginnt. Wie der Zufall es will, werde ich ebenfalls in ein paar Wochen zum Studium nach Berlin ziehen. Dann werden wir uns oft dort treffen. Sie wissen nichts davon?«

»Nein, unsere Wege haben sich getrennt. Wir standen uns nie besonders nahe und haben den Kontakt inzwischen so ziemlich verloren.«

»Ja, davon sprach Eugen – wehmütig, wie mir schien. Ich weiß, dass Ihre Mutter starb, als Sie noch ein Säugling waren – das war für Sie beide schwierig –, und ich erinnere mich, dass Ihr Vater ebenfalls in jungen Jahren starb, auch er an Schwindsucht?«

»Ja, er war erst vierundvierzig. Damals war ich elf. Sagen Sie, Herr Pfister …«

»Friedrich, bitte. Ein Bruder eines Freundes ist ebenfalls ein Freund. Wollen wir also Friedrich und Alfred zueinander sagen?«

Ein Nicken von Alfred.

»Und, Alfred, gerade wolltest du mir eine Frage …?«

»Ich hätte gern gewusst, ob Eugen je von mir gesprochen hat.«

»Nicht bei unserem letzten Treffen. Wir hatten uns drei Jahre nicht mehr gesehen und eine Menge nachzuholen. Aber davor sprach er häufig von dir.«

Alfred zögerte und platzte dann heraus: »Könntest du mir alles erzählen, was er über mich gesagt hat?«

»Alles? Ich will es versuchen, aber vielleicht darf ich zunächst eine Beobachtung äußern: Einerseits erzählst du mir so nebenbei, dass ihr, du und dein Bruder, nie eine enge Beziehung hattet und anscheinend nichts unternommen habt, um miteinander in Kontakt zu treten. Aber jetzt scheinst du begierig – ich würde sogar sagen, geradezu versessen – darauf, Neuigkeiten zu erfahren. Das ist ein bisschen paradox. Deshalb frage ich mich, ob du möglicherweise auf einer Art Suche nach dir und deiner Vergangenheit bist?«

Alfred zuckte kurz zurück: Diese scharfe Beobachtungsgabe erschreckte ihn. »Ja, das ist wahr. Ich bin verblüfft, dass dir das aufgefallen ist. Im Augenblick … nun, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll … ist alles ziemlich chaotisch. In Moskau sah ich marodierende Menschenmassen, die in Anarchie schwelgten. Und das alles breitet sich jetzt über Osteuropa, über ganz Europa aus. Meere von Vertriebenen. Und ich bin wie sie heimatlos, vielleicht sogar noch verlorener als andere … von allem abgeschnitten.«

»Und deshalb suchst du einen Anker in deiner Vergangenheit – du sehnst dich nach der Beständigkeit der Vergangenheit. Das kann ich verstehen. Aber nun will ich mein Gedächtnis nach Eugens Bemerkungen über dich durchforsten. Gib mir eine Minute Zeit zum Konzentrieren, bis ich die Bilder wieder hervorgekramt habe.«

Friedrich schloss die Augen und öffnete sie gleich wieder: »Es gibt ein Hindernis – meine eigenen Erinnerungen an dich funken mir dazwischen. Vielleicht sollte ich dir erst einmal davon erzählen, und anschließend werden mir Eugens Bemerkungen bestimmt wieder einfallen. Einverstanden?«

»Ja, einverstanden«, murmelte Alfred. Aber das war er eigentlich nicht wirklich. Ganz im Gegenteil: Diese ganze Unterhaltung war höchst merkwürdig. Jedes Wort, das aus Friedrichs Mund kam, war absonderlich und unerwartet. Und trotzdem vertraute er diesem Mann, der ihn schon gekannt hatte, als er noch ein Kind war. Friedrich verströmte den Duft von »Heimat«.

Friedrich schloss abermals die Augen und sprach dann mit entrückter Stimme: »Kissenschlacht – ich versuchte es, aber du wolltest nicht mitspielen … ich konnte dich nicht zum Spielen bewegen. Ernst – so, so ernst. Ordnung, Ordnung … Spielsachen, Bücher, Spielzeugsoldaten, alles sehr ordentlich … du liebtest deine Spielzeugsoldaten … todernster kleiner Junge … manchmal trug ich dich huckepack herum … ich glaube, du mochtest es … aber du bist immer schnell wieder heruntergesprungen … War es nicht richtig, Spaß zu haben? … Das Haus erschien mir kalt … mutterlos … Vater abwesend, depressiv … du und Eugen, ihr habt nie gesprochen … wo waren eure Freunde? … ich sah nie Freunde bei euch zu Hause … du warst ängstlich … ranntest in dein Zimmer … schlossest die Tür, ranntest immer zu deinen Büchern …«

Friedrich hielt inne, öffnete die Augen, trank einen großen Schluck Bier und richtete den Blick auf Alfred: »Das alles fließt aus dem Speicher meiner Erinnerungen an dich – vielleicht taucht später noch mehr davon auf. Ist es das, was du wolltest, Alfred? Ich möchte mir sicher sein. Ich möchte dem Bruder meines besten Freundes das geben, was er möchte und braucht.«

Alfred nickte und drehte dann schnell den Kopf zur Seite. Seine Verblüffung war ihm peinlich: Noch nie hatte er jemanden so sprechen hören. Obwohl Friedrichs Worte deutsch waren, war Friedrichs Sprache eine fremde.

»Dann will ich fortfahren und Eugens Bemerkungen über dich hervorkramen.« Friedrich schloss abermals die Augen und sprach einen Augenblick später mit der gleichen, entrückten Stimme: »Eugen, sprich mit mir über Alfred.« Dann wechselte Friedrich wieder zu einer anderen Stimme, die nun möglicherweise Eugens Stimme sein sollte.

»Ah … mein schüchterner, ängstlicher Bruder, ein begnadeter Künstler – alle Begabungen der Familie konzentrierten sich auf ihn – ich war vernarrt in seine Zeichnungen von Reval – der Hafen und all die Schiffe vor Anker, das teutonische Schloss mit seinem hoch aufragenden Turm – selbst in den Augen von Erwachsenen waren es vollkommene Zeichnungen, dabei war er erst zehn. Mein kleiner Bruder – immer mit der Nase in den Büchern – armer Alfred – ein Einzelgänger … so viel Angst vor anderen Kindern … nicht beliebt – die Jungen verspotteten ihn, nannten ihn ›den Philosophen‹ – nicht viel Liebe für ihn – unsere Mutter tot, unser Vater todkrank, unsere Tanten gutherzig, aber ständig mit ihren eigenen Familien beschäftigt – ich hätte mehr für ihn tun sollen, aber es war schwer, an ihn heranzukommen … und ich musste selbst sehen, wie ich meinen Hunger stillen konnte.«

Friedrich öffnete die Augen, blinzelte ein, zwei Mal und sagte dann mit seiner eigenen Stimme: »Daran erinnere ich mich. Ach ja, dann gab es da noch etwas, Alfred, und ich erzähle es dir mit gemischten Gefühlen: Eugen gab dir die Schuld am Tod eurer Mutter.«

»Mir die Schuld? Mir? Ich war doch erst ein paar Wochen alt.«

»Wenn jemand stirbt, suchen wir oft nach irgendetwas, nach irgendwem, dem wir die Schuld zuschieben können.«

»Das kann nicht dein Ernst sein. Oder? Ich meine, hat Eugen das wirklich gesagt? Das ergibt doch keinen Sinn.«

»Wir glauben oft, dass etwas keinen Sinn macht. Natürlich hast du sie nicht umgebracht, aber ich kann mir vorstellen, dass der Gedanke Eugen nicht loslässt, dass seine Mutter noch leben könnte, wenn sie nicht mit dir schwanger geworden wäre. Aber das ist nur eine Vermutung, Alfred. Ich kann mich nicht mehr an die genauen Worte erinnern, aber ich weiß bestimmt, dass er eine Abneigung gegen dich hegte, die er selbst als irrational bezeichnete.«

Alfred, der aschfahl geworden war, blieb mehrere Minuten lang stumm sitzen. Friedrich sah ihn an, trank sein Bier und sagte sanft: »Ich fürchte, ich habe vielleicht zu viel gesagt. Aber wenn ein Freund fragt, versuche ich, alles zu geben, was ich kann.«

»Und das ist auch gut so. Gründlichkeit, Aufrichtigkeit – gute, edle deutsche Tugenden. Das lobe ich mir, Friedrich. Und so vieles davon klingt richtig. Ich muss zugeben, dass ich mich manchmal frage, warum Eugen nicht mehr für mich getan hat. Und diese Spötteleien, ›kleiner Philosoph‹ – wie oft musste ich mir das von den anderen Jungen anhören! Ich glaube, das hat mich stark beeinflusst, und schließlich habe ich mich an allen dadurch gerächt, dass ich tatsächlich ein Philosoph wurde.«

»Am Polytechnikum? Wie ist das möglich?«

»Nun, nicht gerade ein studierter Philosoph – ich habe ein Diplom für Ingenieurwesen und Architektur, aber meine wahre Heimat war die Philosophie, und selbst am Polytechnikum fand ich einige Professoren vom Fach, die mich bei meinem Selbststudium begleitet haben. Mehr als alles andere verehre ich inzwischen die deutsche Klarheit des Denkens. Es ist meine einzige Religion. Und doch bin ich jetzt, in diesem Augenblick, in einer ziemlich verfahrenen Gemütsverfassung. Ich bin wie benommen. Vielleicht brauche ich einfach Zeit, um das alles in mich aufzunehmen, was du gesagt hast.«

»Alfred, ich glaube, ich kann erklären, was du fühlst. So etwas habe ich selbst erlebt, und ich habe es auch bei anderen gesehen. Du reagierst nicht auf die Erinnerungen, von denen ich dir erzählte. Es ist etwas anderes. Ich kann es vielleicht am besten auf philosophische Art und Weise erklären. Ich habe ebenfalls eine gründliche philosophische Ausbildung hinter mir, und es ist mir eine Freude, mit jemandem zu sprechen, der eine ähnliche Neigung hat.«

»Für mich wäre es auch eine Freude. Seit Jahren habe ich nur mit Ingenieuren zu tun, und nun sehne ich mich nach einem philosophischen Gespräch.«

»Gut, gut. Dann lass mich folgendermaßen beginnen: Denke an das Entsetzen und das Kopfschütteln angesichts Kants Enthüllung, dass die äußere Realität nicht so ist, wie wir sie gewöhnlich wahrnehmen – das heißt, wir konstituieren das Wesen der äußeren Realität kraft unserer inneren, geistigen Konstrukte. Du bist mit Kant vertraut, nehme ich an?«

»Ja, sehr vertraut. Aber seine Relevanz für meine derzeitige Gemütsverfassung ist …?«

»Nun, was ich meine, ist, dass deine Welt plötzlich – und nun beziehe ich mich auf deine interne Welt, die so sehr auf deinen vergangenen Erlebnissen gründet – nicht so ist, wie du glaubtest, dass sie sei. Oder anders ausgedrückt – hier möchte ich einen Begriff von Husserl verwenden – sage ich, dass dein Noema explodiert ist.«

»Husserl? Ich meide jüdische Pseudo-Philosophen. Und was ist ein Noema

»Alfred, ich rate dir, Edmund Husserl nicht links liegen zu lassen: Er ist einer von den Großen. Sein Begriff Noema bezieht sich auf das Ding, so wie wir es erleben, das Ding, wie es von uns strukturiert wurde. Stell dir zum Beispiel ein Gebäude vor. Und dann stell dir vor, dass du dich an ein Gebäude anlehnst und feststellst, dass das Gebäude nicht massiv ist und dass dein Körper direkt hindurchgeht. In diesem Moment explodiert dein Noema von einem Gebäude – deine Lebenswelt ist auf einmal nicht mehr so, wie du glaubtest, dass sie sei.«

»Ich respektiere deinen Rat. Aber bitte erkläre es mir näher – ich verstehe das Konzept einer Struktur, die wir der Welt aufdrängen, aber ich bin immer noch verwirrt über die Relevanz für Eugen und mich.«

»Nun, was ich sage, ist, dass deine Ansicht über die lebenslange Beziehung, die du zu deinem Bruder hattest, sich mit einem Paukenschlag verändert hat. Du hattest ein bestimmtes Bild von ihm, und plötzlich verschiebt sich die Vergangenheit nur um ein kleines Stück, und nun stellst du fest, dass er dir manchmal mit Ressentiments begegnete, selbst wenn diese Ressentiments natürlich irrational und unfair waren.«

»Du sagst also, dass ich mich deshalb benommen fühle, weil sich der feste Boden meiner Vergangenheit verschoben hat?«

»Ganz genau. Gut formuliert, Alfred. Dein Kopf ist überlastet, weil er ganz und gar damit beschäftigt ist, die Vergangenheit wiederherzustellen, und er hat nicht die Kapazität, seine normalen Tätigkeiten zu verrichten – wie etwa für dein Gleichgewicht zu sorgen.«

Alfred nickte. »Friedrich, das ist eine wirklich erstaunliche Unterhaltung. Du gibst mir eine Menge nachzudenken. Aber ich darf darauf hinweisen, dass ich diese Benommenheit zum Teil auch schon vor unserem Gespräch gespürt habe.«

Friedrich wartete gelassen, wartete ab. Offenbar wusste er zu warten.

Alfred zögerte: »Normalerweise gebe ich nicht so viel von mir preis. Eigentlich spreche ich kaum mit jemandem über mich, aber du hast etwas an dir, das ausgesprochen – wie soll ich sagen – vertrauenserweckend, einladend ist.«

»Nun, gewissermaßen gehöre ich zur Familie. Und natürlich weißt du, dass du mit alten Freunden nicht neu Freundschaft schließen kannst.«

»Mit alten Freunden nicht neu Freundschaft …« Alfred überlegte einen Augenblick und lächelte dann: »Ich verstehe. Sehr schlau. Nun, mein Tag begann damit, dass ich das Gefühl hatte, hier fremd zu sein – ich bin erst gestern aus Moskau zurückgekommen. Ich bin jetzt allein. Ich war kurz verheiratet – meine Frau hat Schwindsucht, und ihr Vater hat sie vor ein paar Wochen in ein Sanatorium in die Schweiz geschickt. Aber es ist nicht nur die Schwindsucht: Ihre wohlhabende Familie lehnt mich und meine Armut ganz und gar ab, und ich bin sicher, dass unsere sehr kurze Ehe damit zu Ende ist. Wir haben nur wenig Zeit miteinander verbracht, und wir korrespondieren auch kaum noch miteinander.«

Alfred trank hastig einen Schluck Bier und fuhr dann fort: »Als ich gestern hier eintraf, hatte ich den Eindruck, als freuten sich meine Tanten, Onkel, Nichten und Neffen, mich zu sehen, und ihr herzlicher Empfang tat mir gut. Ich hatte das Gefühl, als gehörte ich dazu. Aber das hielt nicht lange an. Als ich heute Morgen aufwachte, kam ich mir abermals fremd und heimatlos vor. Ich ging durch die Stadt auf der Suche nach … ja was? Vermutlich nach einem Zuhause, nach Freunden, vielleicht auch nur nach irgendwelchen bekannten Gesichtern. Aber ich sah nur Fremde. Sogar in der Realschule traf ich niemanden, den ich kannte, nur meinen Lieblingslehrer, den Kunstlehrer, und der hat nur so getan, als hätte er mich wiedererkannt. Und vor weniger als einer Stunde hat man mir dann den Todesstoß versetzt: Ich beschloss, dorthin zu gehen, wohin ich wirklich gehöre. Ich wollte nicht mehr im Exil leben, sondern wieder mit meiner Rasse zusammenleben und ins Vaterland zurückkehren. Ich wollte mich der deutschen Reichswehr anschließen und ging deshalb zum Hauptquartier der deutschen Armee auf der Straßenseite gegenüber. Dort hat mich der für die Einberufung zuständige Unteroffizier, ein Jude namens Goldberg, wie ein lästiges Insekt verscheucht. Er entließ mich mit den Worten, dass die deutschen Streitkräfte für Deutsche da sind und nicht für Bürger kriegsbeteiligter Nationen.«

Friedrich nickte verständnisvoll. »Vielleicht war dieser Todesstoß ja ein Segen für dich. Vielleicht hattest du das Glück der Begnadigung vor einem sinnlosen Tod in den morastigen Schützengräben.«

»Du sagtest, dass ich ein seltsam ernstes Kind war. Ich glaube, dass ich das immer noch bin. Beispielsweise nehme ich meinen Kant ernst: Ich betrachte es als moralischen Imperativ, mich freiwillig zu melden. Was würde wohl aus unserer Welt werden, wenn alle das tödlich verwundete Vaterland im Stich ließen? Wenn es ruft, müssen seine Söhne gehorchen.«

»Ist es nicht seltsam«, sagte Friedrich, »dass wir baltische Deutsche so viel deutscher sind als die Deutschen? Vielleicht haben wir alle, die wir vertriebene Deutsche sind, diese gleiche, starke Sehnsucht, von der du sprichst – die Sehnsucht nach Heimat, nach einem Platz, wo wir wirklich hingehören. Wir baltische Deutsche sind besonders schwer von der Seuche der Wurzellosigkeit betroffen. Das spüre ich in diesem Augenblick besonders stark, weil mein Vater Anfang dieser Woche gestorben ist. Deshalb bin ich in Reval. Und nun weiß ich auch nicht, wohin ich gehöre. Meine Großeltern mütterlicherseits sind Schweizer, aber dorthin gehöre ich auch nicht wirklich.«

»Mein herzliches Beileid«, sagte Alfred.

»Danke. In vieler Hinsicht hatte ich es leichter als du: Mein Vater war fast achtzig, und er war mein ganzes Leben lang immer für mich da. Und meine Mutter lebt noch: Im Augenblick helfe ich ihr gerade beim Umzug zu meiner Schwester. Eigentlich bin ich nur kurz ausgebüxt, während sie ein Nickerchen macht, und ich muss bald wieder zu ihr zurück. Aber bevor ich gehe, möchte ich dir sagen, dass das Thema Heimat wichtig und drängend für dich ist. Ich kann noch ein wenig länger bleiben, wenn du das noch weiter erforschen möchtest.«

»Ich weiß nicht, wie ich es erforschen soll. Ich bin wirklich verblüfft über deine Gabe, mit einer derartigen Leichtigkeit über tiefgreifende, persönliche Dinge zu sprechen. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der seine innersten Gedanken so offen ausspricht wie du.«

»Soll ich dir dabei helfen?«

»Wie meinst du das?«

»Ich meine damit, dass ich dir helfen möchte, deine Gefühle hinsichtlich der Heimat zu identifizieren und zu verstehen.«

Alfred machte ein misstrauisches Gesicht, aber nach einem ausgiebigen Schluck seines estnischen Bieres stimmte er zu.

»Versuche es einmal so: Mach genau das, was ich gemacht habe, als ich meine Erinnerungen an dich als Kind hervorgekramt habe. Und jetzt mein Vorschlag: Denk an die Worte ›nicht zu Hause‹ und sag sie dir mehrmals vor: ›Nicht zu Hause‹, ›nicht zu Hause‹, nicht zu Hause.‹«

Alfreds Lippen formten ein, zwei Minuten lang lautlos diese Worte, und dann schüttelte er den Kopf. »Es kommt nichts. Mein Kopf streikt.«

»Der Kopf streikt nie. Er arbeitet immer, blockiert aber oft unser Wissen darüber. Normalerweise ist es Befangenheit. In diesem Fall gehe ich davon aus, dass es Befangenheit mir gegenüber ist. Versuch es noch einmal. Ich schlage dir vor, die Augen zu schließen und mich zu vergessen, zu vergessen, was ich über dich denken könnte, zu vergessen, wie ich das, was du sagst, beurteilen könnte. Denk daran, dass ich dir helfen will, und denk auch daran, dass ich dir mein Wort gebe, dass dieses Gespräch unter uns bleibt. Ich werde es nicht einmal Eugen gegenüber erwähnen. Und jetzt schließ die Augen, lass deine Gedanken zu ›nicht zu Hause‹ in dein Gedächtnis fließen und verleihe ihnen dann eine Stimme. Sprich einfach aus, was dir einfällt – es muss keinen Sinn ergeben.«

Alfred schloss abermals die Augen, aber die Worte blieben aus.

»Ich höre dich nicht richtig. Lauter, ein bisschen lauter bitte.«

Leise begann Alfred zu sprechen: »Nicht zu Hause. Nirgendwo. Nicht bei Tante Cäcilie und auch nicht bei Tante Lydia … kein Platz für mich, nicht in der Schule, nicht bei den anderen Jungen, nicht in der Familie meiner Frau, nicht in der Architektur, nicht im Ingenieurwesen, nicht in Estland, nicht in Russland … Mütterchen Russland, was für ein Witz …«

»Gut, gut – mach weiter«, ermunterte Friedrich ihn.

»Immer draußen, immer hineinschauen, immer will ich es ihnen zeigen.« Alfred wurde still, öffnete die Augen. »Es kommt nichts mehr …«

»Du sagtest, du wolltest es ihnen zeigen. Wem zeigen, Alfred?«

»All denen, die mich verspottet haben. In der Nachbarschaft, in der Realschule, im Polytechnikum, überall.«

»Und wie wirst du es ihnen zeigen, Alfred? Bleib in deinem losen Gemütszustand. Es muss keinen Sinn ergeben.«

»Ich weiß nicht. Irgendwie werde ich sie dazu bringen, mich zu bemerken.«

»Und wenn sie dich bemerken, wirst du dann zu Hause sein?«

»Ein Zuhause gibt es nicht. Ist es das, was du mir zu zeigen versuchst?«

»Ich habe keinen festgelegten Plan, allerdings habe ich jetzt eine Idee. Es ist nur eine Vermutung, aber ich frage mich, ob du überhaupt irgendwo ›zu Hause‹ sein kannst, denn ›zu Hause‹ ist kein Ort, sondern ein Seelenzustand. Wirklich zu Hause zu sein bedeutet, sich in seiner eigenen Haut zu Hause zu fühlen. Und ich glaube nicht, Alfred, dass du dich in deiner Haut zu Hause fühlst. Vielleicht war das ja noch nie der Fall. Vielleicht hast du dein ganzes Leben lang am falschen Ort nach deinem Zuhause gesucht.«

Alfred war wie vom Donner gerührt. Seine Kinnlade klappte herunter, seine Augen hefteten sich auf Friedrich. »Deine Worte treffen mich mitten ins Herz. Wie kommt es, dass du solche Dinge weißt, solche unbegreiflichen Dinge? Du hast gesagt, dass du ein Philosoph bist. Ist es deshalb? Diese Philosophie muss ich lesen.«

»Ich bin ein Amateur. Ich hätte mir wie du gewünscht, mein Leben der Philosophie zu widmen, aber ich muss meinen Lebensunterhalt verdienen. Ich habe in Zürich Medizin studiert und eine ganze Menge darüber gelernt, anderen Menschen dabei zu helfen, über schwierige Themen zu sprechen. Und nun«, Friedrich erhob sich, »muss ich leider gehen. Meine Mutter wartet, und ich muss übermorgen wieder nach Zürich zurück.«

»Leider, leider. Das war sehr aufschlussreich, und ich habe das Gefühl, als hätten wir gerade erst angefangen. Hast du wirklich keine Zeit mehr für eine Fortsetzung, bevor du Reval verlässt?«

»Mir bleibt nur noch morgen. Meine Mutter legt sich am Nachmittag immer hin. Vielleicht zur gleichen Zeit? Sollen wir uns hier treffen?«

Alfred zügelte seine Begeisterung und seinen Wunsch, »Ja, ja« zu rufen. Stattdessen neigte er den Kopf in genau angemessener Weise: »Ich freue mich darauf.«

11

AMSTERDAM, 1656

In der Lateinschule van den Endens wurde am folgenden Abend Clara Marias gewissenhafte Latein-Paukstunde von ihrem Vater unterbrochen. Er verbeugte sich förmlich vor seiner Tochter und sagte: »Vergeben Sie mir, dass ich störe, Mademoiselle van den Enden, aber ich muss Herrn Spinoza kurz etwas mitteilen.« An Bento gewandt, sagte er: »Bitte kommen Sie in einer Stunde in den großen Alkoven zum Griechisch-Unterricht. Wir werden ein paar Texte von Aristoteles und Epikur diskutieren. Obwohl Ihr Griechisch noch immer rudimentär ist, haben diese beide Herren Ihnen etwas Wichtiges zu sagen.« Und an Dirk gewandt, sagte er: »Ich weiß, dass Sie wenig Interesse am Griechischen haben, da es für das Medizinstudium unglücklicherweise keine Voraussetzung mehr ist, aber vielleicht werden Sie entdecken, dass einige Aspekte dieser Diskussion sich für Ihre zukünftige Arbeit mit Patienten als nützlich erweisen könnten.«

Van den Enden verbeugte sich abermals förmlich vor seiner Tochter: »Und nun, Mademoiselle, werde ich Sie verlassen, damit Sie Ihre Schüler weiterhin auf Herz und Nieren prüfen können.«

Clara Maria fuhr fort, kurze Passagen von Cicero zu lesen, die Bento und Dirk abwechselnd ins Holländische übersetzten. Manchmal klopfte sie mit dem Lineal auf den Tisch, um den geistesabwesenden Bento zur Ordnung zu rufen, der, statt sich auf Cicero zu konzentrieren, von den entzückenden Lippenbewegungen Clara Marias bei den »m«s und den »p«s von »multa«, »pater« und »puer« und ganz besonders »praestantissimum« hingerissen war.

»Wo ist heute nur Ihre Konzentration geblieben, Bento Spinoza?«, fragte Clara Maria, sichtlich bemüht, ihr überaus angenehmes, dreizehnjähriges, birnenförmiges Gesicht in strenge Falten zu legen.

»Entschuldigen Sie, ich war einen Augenblick lang in Gedanken versunken, Fräulein van den Enden.«

»Zweifellos waren Sie mit Ihren Gedanken beim Griechisch-Symposium meines Vaters, wie?«

»Zweifellos«, heuchelte Bento, dessen Gedanken sicherlich mehr bei der Tochter als beim Vater waren. Auch war er noch immer von Jacobs wütenden Worten ein paar Stunden zuvor aufgewühlt, der ihm das Schicksal eines einsamen, isolierten Mannes prophezeit hatte. Jacob war starrsinnig und engstirnig und irrte in so vielem, doch hier hatte er Recht: In Bentos Zukunft würde es keine Frau geben, keine Familie, keine Gemeinschaft. Die Vernunft sagte ihm, dass sein Ziel die Freiheit sein müsse und dass sein Kampf, sich von den Zwängen der abergläubischen jüdischen Gemeinschaft zu befreien, zur Farce verkäme, wenn er sie einfach gegen die Fesseln einer Ehefrau und einer Familie eintauschte. Die Freiheit war sein einziger Schatz: die Freiheit, zu denken, zu analysieren, die brausenden Gedanken, die ihm im Kopf herumschwirrten, niederzuschreiben. Aber es fiel schwer, so schwer, seinen Blick von den zauberhaften Lippen Clara Marias zu reißen.

Van den Enden begann die Diskussion mit seinen Griechisch-Schülern mit dem Ausruf: »Eudaimonia. Lassen Sie uns die beiden Wortstämme untersuchen: ›eu‹?« Er hielt eine Hand an sein Ohr und wartete. Die Schüler riefen zaghaft: »gut«, »normal«, »angenehm.« Van den Enden nickte, wiederholte die Übung mit »daimon« und hörte einen selbstbewussteren Chor aus »Dämon«, »Kobold« und »Nebengott«.

»Ja, ja und ja. Alles ist richtig, aber wenn sich ›eu‹ dazugesellt, verschiebt sich die Bedeutung zu ›glückliche Fügung‹, und deshalb konnotiert eudaimonia normalerweise ›Wohlbefinden‹ oder ›Glückseligkeit‹ oder ›Wohlergehen‹. Sind diese drei Begriffe Synonyme? Zunächst scheint es so, aber in der Tat haben sich zahllose Philosophen mit deren Unterscheidungsnuancen beschäftigt. Ist eudaimonia ein Geisteszustand? Eine Lebensform?« Ohne auf eine Antwort zu warten, fügte van den Enden hinzu: »Oder ist es ein rein hedonistisches Vergnügen? Oder könnte es mit dem Begriff arete in Zusammenhang stehen, welcher was bedeutet?« Wiederum wartete er mit der Hand am Ohr, bis zwei Schüler gleichzeitig »Tugend« riefen.

»Ja, genau, und viele Philosophen der griechischen Antike beziehen Tugend in den Begriff eudaimonia ein, womit sie es vielleicht vom subjektiven Zustand, sich glücklich zu fühlen, zu einer höheren Würdigung hinführen, nämlich ein moralisches, tugendhaftes, wünschenswertes Leben zu führen. Sokrates war es damit besonders ernst: Erinnern Sie sich an unsere Lesung von letzter Woche aus Platons Apologia, in welcher er einen Athener Mitbürger anpöbelt und die Frage von arete mit diesen Worten aufwirft …« An dieser Stelle nahm van den Enden eine theatralische Pose ein, rezitierte Platon auf Griechisch und übersetzte dann den Text langsam für Dirk und Bento ins Lateinische: »›Schämst du dich nicht, für Geld zwar zu sorgen, wie du dessen aufs meiste erlangst, und für Ruhm und Ehre, für Einsicht aber und Wahrheit und für deine Seele, daß sie sich aufs beste befindet, sorgst du nicht, und hieran willst du nicht denken?‹

Und nun berücksichtigen Sie, dass Platons frühes Werk die Gedanken seines Lehrers Sokrates widerspiegelt, während wir in seinem späteren Werk, wie etwa Die Republik, das Auftauchen von Platons eigenen Gedanken sehen, welche absolute Standards für Gerechtigkeit und andere Tugenden auf dem Gebiet der Metaphysik betonen. Was ist Platons Vorstellung von unserem grundlegenden Lebensziel? Sie besteht darin, die höchste Form von Wissen zu erlangen, und das war seiner Ansicht nach die Idee des ›Guten‹, aus dem alles andere seinen Wert schöpft. Erst dann, sagt Platon, sind wir in der Lage, eudaimonia zu erlangen – seiner Vorstellung nach ein Zustand der Harmonie der Seele. Lassen Sie mich diesen Begriff ›Harmonie der Seele‹ wiederholen. Es lohnt sich, ihn sich zu merken: Er könnte Ihnen für Ihr weiteres Leben sehr nützlich sein.

Wenden wir uns nun dem nächsten großen Philosophen, Aristoteles, zu, der vielleicht zwanzig Jahre lang mit Platon gemeinsam studierte. Zwanzig Jahre. Das sollen vor allem diejenigen unter Ihnen nicht vergessen, die über meinen Lehrplan stöhnten, ihn als zu schwierig und zu umfangreich empfanden.

»In den Abschnitten der Nikomachischen Ethik, die Sie in dieser Woche lesen werden, werden Sie feststellen, dass auch Aristoteles feste Ansichten zum guten Leben hatte. Er war überzeugt davon, dass es nicht aus Sinnenlust oder Ehre oder Reichtum besteht. Was aber war für Aristoteles der Sinn unseres Lebens? Für ihn lag er darin, unsere innerste, einzigartige Funktion zu erfüllen. ›Was ist es‹, fragt er, ›was uns von anderen Lebensformen abhebt?‹ Diese Frage gebe ich an Sie weiter.«

Keine sofortigen Antworten von den Schülern. Schließlich sagte ein Schüler: »Wir können lachen. Das können andere Tiere nicht«, womit er bei seinen Klassenkameraden unterdrücktes Kichern erntete.

Ein weiterer Schüler: »Wir laufen auf zwei Beinen.«

»Lachen und Beine – ist das alles, was Ihnen einfällt?«, rief van den Enden. »Solche närrischen Antworten trivialisieren diese Diskussion. Denken Sie nach! Was ist das hauptsächliche Attribut, das uns von niedrigeren Lebensformen abhebt?« Plötzlich wandte er sich Bento zu: »Diese Frage stelle ich Ihnen, Bento Spinoza.«

Ohne zu überlegen sagte Bento: »Ich glaube, unsere einzigartige Fähigkeit ist es, logisch zu denken.«

»Ganz genau. Und demzufolge behauptete Aristoteles, dass der glücklichste Mensch derjenige ist, der genau diese Funktion am besten erfüllt.«

»Dann besteht also das höchste und glücklichste Streben darin, ein Philosoph zu sein?«, fragte Alphonse, der intelligenteste Schüler im Griechischunterricht, den Bentos wie aus der Pistole geschossene Antwort geärgert hatte. »Liegt es nicht im Eigeninteresse eines jeden Philosophen, diese Behauptung aufzustellen?«

»Ja, Alphonse, und Sie sind nicht der erste Denker, der diesen Schluss gezogen hat. Und genau diese Beobachtung leitet uns zu Epikur über, einem weiteren wichtigen griechischen Denker, der sich mit radikal unterschiedlichen Gedanken zur eudaimonia und zur Mission des Philosophen geäußert hat. Wenn Sie in zwei Wochen etwas von Epikur lesen werden, werden Sie feststellen, dass auch er vom guten Leben sprach, dafür aber ein vollkommen anderes Wort benutzte. Er spricht viel von ataraxia, was übersetzt so viel bedeutet wie …«, und wieder hielt van den Enden eine Hand an sein Ohr.

Alphonse meldete sich sofort mit »Stille«, und bald fügten andere »Ruhe« und »Seelenfrieden« hinzu.

»Ja, ja und ja«, sagte van den Enden, der an den Leistungen seiner Klasse offenkundig zunehmend Gefallen fand. »Für Epikur war ataraxia das einzig wahre Glück. Und wie erreichen wir es? Weder durch Platons Harmonie der Seele noch durch Aristoteles’ Erlangen von Vernunft, sondern schlicht durch das Ausschalten von Sorge und Furcht. Sollte Epikur in diesem Augenblick zu Ihnen sprechen, würde er Sie dazu anhalten, Ihr Leben zu vereinfachen. Sollte er heute hier stehen, würde er es etwa so formulieren …«

Van den Enden räusperte sich und sprach in kollegialem Ton: »Ihr jungen Leute, eure Bedürfnisse sind gering, sie sind einfach zu erlangen, und jedes notwendige Leiden kann leicht erduldet werden. Beschwert euer Leben nicht mit trivialen Zielen wie Reichtum und Ruhm: Sie sind die Feinde der ataraxia. Ruhm, zum Beispiel, besteht aus den Meinungen anderer und verlangt, dass wir unser Leben so leben müssen, wie andere es wünschen. Um Ruhm zu erlangen und zu bewahren, müssen wir mögen, was andere mögen, und das meiden, was immer sie meiden. Folglich ein Leben des Ruhms oder ein Leben in der Politik? Nehmt Reißaus davor. Und Reichtum? Meidet ihn! Er ist eine Falle. Je mehr wir erlangen, desto mehr begehren wir, und desto tiefer wird unsere Traurigkeit, wenn unsere Sehnsucht nicht erfüllt wird. Ihr jungen Leute, hört auf mich: Wenn ihr Glückseligkeit begehrt, verschwendet euer Leben nicht damit, um das zu kämpfen, was ihr gar nicht braucht.

Nun«, fuhr van den Enden fort und sprach mit normaler Stimme weiter, »merken Sie sich den Unterschied zwischen Epikur und seinen Vorgängern. Epikur glaubt, das höchste Gut bestehe darin, ataraxia durch Freiheit von aller Furcht zu erlangen. Irgendwelche Kommentare und Fragen dazu? Ah, ja, Herr Spinoza. Eine Frage?«

»Schlägt Epikur nur eine negative Herangehensweise vor? Ich meine, sagt er, dass es nur der Beseitigung aller Drangsal bedarf und dass der Mensch ohne belanglose Sorgen perfekt ist, naturgemäß gut, glücklich? Gibt es keine positiven Attribute, nach denen wir streben sollten?«

»Ausgezeichnete Frage. Und die Literatur, die ich ausgewählt habe, wird seine Antwort erhellen. Glücklicherweise werden Sie, Herr Spinoza, nicht darauf warten müssen, bis Sie Ihr Griechisch perfektioniert haben, denn Sie können die Gedanken Epikurs auf Latein lesen. Der römische Dichter Lucretius, der etwa zweihundert Jahre nach Epikur lebte, schrieb seine Gedanken auf. Ich werde Ihnen die entsprechenden Seiten baldmöglich heraussuchen. Heute wollte ich nur den zentralen Gedanken berühren, der ihn von anderen unterscheidet, dass nämlich das gute Leben aus der Beseitigung von Furcht besteht. Aber selbst ein kleiner Einblick in sein Werk wird zeigen, dass Epikur viel komplexer ist. Er ermuntert zu Erkenntnis, zu Freundschaft und zu einem tugendhaften, gemäßigten Leben. Ja. Dirk, Sie haben eine Frage? Mir scheint, meine Lateinschüler wollen mehr über die Griechen wissen als meine Griechischschüler.«

»In Hamburg«, sagte Dirk, »kenne ich ein Wirtshaus, das ›Die Epikurischen Wonnen‹ heißt. Demnach gehören guter Wein und gutes Bier also auch zu einem guten Leben?«

»Auf diese Frage habe ich gewartet – sie musste kommen. Viele verwenden seinen Namen fälschlicherweise, um auf gutes Essen oder guten Wein hinzuweisen. Wenn Epikur das wüsste, wäre er erstaunt. Ich glaube, dass dieser eigenartige Irrtum von seinem strikten Materialismus herrührt. Er glaubte, dass es kein Leben nach dem Tod gibt, und da demnach dieses Leben alles ist, was es gibt, sollten wir nach weltlichem Glück streben. Aber unterliegen Sie nicht dem Irrtum, daraus zu folgern, Epikur schlüge vor, wir sollten unser Leben mit sinnlichen oder lustvollen Handlungen verbringen. Ganz und gar nicht – er lebte und verfocht ein fast asketisches Leben. Ich wiederhole: Er glaubte, dass wir ein Maximum an Lebensfreude am besten durch eine Minimierung von Schmerz erlangen können. Eine seiner wichtigsten Schlussfolgerungen war, dass die Furcht vor dem Tod eine der wichtigsten Ursachen von Schmerz ist, und er verbrachte einen großen Teil seines Lebens damit, nach philosophischen Methoden zu suchen, um die Furcht vor dem Tod zu verringern. Weitere Fragen bitte.«

»Erwähnt er den Dienst an anderen und an seiner eigenen Gemeinde, oder erwähnt er die Liebe?«, fragte Dirk.

»Eine passende Frage von einem zukünftigen Arzt. Es wird Sie interessieren zu erfahren, dass er sich selbst als medizinischen Philosophen sah, der sich der Leiden der Seele genauso annimmt, wie ein Arzt sich der Leiden des Körpers annimmt. Er sagte einmal, dass eine Philosophie, die nicht in der Lage sei, die Seele zu heilen, so wenig Wert habe wie eine Medizin, die nicht in der Lage sei, den Körper zu heilen. Ich erwähnte bereits einige der seelischen Leiden, die aus dem Streben nach Ruhm, Macht, Reichtum und sexueller Lust entstehen, aber diese waren für ihn nur zweitrangig. Der Behemoth der Ängste, der allen anderen Sorgen zugrunde liegt und der sie nährt, ist die Furcht vor dem Tod und vor dem Leben nach dem Tod. Tatsächlich ist eines der ersten Prinzipien in dem ›Katechismus‹, den seine Schüler lernen mussten, dass wir sterblich sind, dass es kein Leben nach dem Tod gibt und wir daher nach dem Tod von den Göttern nichts zu befürchten haben. Sie werden sehr bald noch mehr darüber bei Lucretius lesen, Dirk. Jetzt habe ich vergessen, was Ihre andere Frage war.«

»Zunächst«, sagte Dirk, »muss ich sagen, dass ich das Wort ›Behemoth‹ nicht kenne.«

»Gute Frage. Wer hier kennt dieses Wort?«

Nur Bento meldete sich.

»Herr Spinoza, klären Sie uns auf.«

»Ein Gigant, ein Riesentier«, sagte Bento. »Aus dem Hebräischen b‘hëmãh, das in der Schöpfungsgeschichte und auch bei Hiob vorkommt.«

»Hiob, ach so. Das wusste selbst ich nicht. Danke. Aber nun zurück zu Ihrer Frage, Dirk.«

»Ich fragte nach Liebe und dem Dienst an der Gemeinschaft.«

»Soviel ich weiß, war Epikur nicht verheiratet, aber er glaubte an die Ehe und an Familie für manche Menschen – für diejenigen, die zu dieser Verantwortung bereit sind. Aber die vernunftwidrige leidenschaftliche Liebe lehnte er vehement ab, da sie den Liebenden versklave und am Ende zu mehr Schmerz als Freude führe. Er sagt, dass der Liebende, sobald seine lustvolle Verliebtheit gestillt wäre, Langeweile, Eifersucht oder beides empfände. Aber er legte großes Gewicht auf eine höhere Liebe, auf die Liebe unter Freunden, welche uns in einen Zustand der Glückseligkeit versetzt. Es ist von Interesse zu wissen, dass er aufgeschlossen war und alle menschlichen Wesen gleich behandelte: Seine Schule war die einzige in Athen, die auch Frauen und Sklaven aufnahm. Aber Ihre Frage nach dem Dienst am Nächsten ist wichtig, Dirk. Er vertrat die Ansicht, dass wir ein ruhiges, zurückgezogenes Leben führen, öffentliche Verantwortung meiden, keine Ämter bekleiden und auch keine andere Art von Verantwortung übernehmen sollten, welche unsere ataraxia bedrohen könnte.«

»Ich höre nichts über Religion«, sagte Edward, ein katholischer Schüler, dessen Großvater Bischof von Antwerpen gewesen war. »Ich höre von der Liebe unter Freunden, aber nichts von der Liebe Gottes oder von Gottes Rolle in seiner Vorstellung von Glück.«

»Du hast den Finger auf einen wichtigen Punkt gelegt, Edward. Epikur wirkt auf die Leser von heute verstörend, weil seine Formel für Glück so wenig Augenmerk auf das Göttliche legt. Er glaubte, dass Glück nur aus unserem eigenen Geist entspringt, und misst unserer Beziehung zu irgendwelchen übernatürlichen Dingen keine Bedeutung zu.«

»Wollen Sie damit sagen«, fragte Edward, »dass er die Existenz Gottes leugnete?«

»Sie meinen Götter, im Plural? Denken Sie an die damalige Zeit, Edward. Es war das vierte Jahrhundert vor Christus, und die griechische Kultur war, abgesehen von der hebräischen, wie jede frühe Kultur polytheistisch«, sagte van den Enden.

Edward nickte und formulierte seine Frage um: »Leugnete Epikur das Göttliche?«

»Nein, er war zwar kühn, aber er war nicht vermessen. Er wurde sechzig Jahre nach der Hinrichtung von Sokrates geboren, der sich der Ketzerei schuldig gemacht hatte, und er wusste, dass es der Gesundheit schadete, wenn man nicht an die Götter glaubte. Er entschied sich für eine sicherere Position und erklärte, dass die Götter existierten, glückselig auf dem Olymp wohnten, sich aber um das Leben der Menschen nicht kümmerten.«

»Aber was für ein Gott ist das? Wie kann sich jemand vorstellen, dass Gott nicht möchte, dass wir nach seinem Willen leben?«, fragte Edward. »Es ist unvorstellbar, dass ein Gott, der seinen eigenen Sohn für uns opferte, nicht von uns erwartet, unser Leben auf eine bestimmte, gottgefällige Art zu führen.«

»Es gibt viele Auffassungen des Göttlichen in den verschiedensten Kulturen«, warf Bento ein.

»Aber ich weiß aus tiefster Überzeugung, dass Christus, unser Herr, uns liebt, dass er einen Platz für uns in seinem Herzen hat und eine Absicht mit uns verfolgt«, sagte Edward und richtete den Blick himmelwärts.

»Die Stärke eines Glaubens steht in keiner Beziehung zu seiner Wahrhaftigkeit«, schoss Bento zurück. »Jeder Gott hat inbrünstige und erbitterte Gläubige.«

»Meine Herren, meine Herren«, intervenierte van den Enden, »lassen Sie uns diese Diskussion verschieben, bis wir die Texte gelesen haben und beherrschen. Aber Ihnen, Edward, möchte ich sagen, dass Epikur die Götter durchaus nicht auf die leichte Schulter nahm: Er baute sie in seine Definition der ataraxia ein und mahnte uns, die Götter in unseren Herzen zu behalten, ihnen nachzueifern und sie als Vorbild für ein Leben in seliger Gelassenheit zu nehmen. Und darüber hinaus legte er seinen Jüngern ans Herz« – und hier warf van den Enden einen kurzen Blick in Bentos Richtung –, »sich zur Vermeidung von Unstimmigkeiten unbeschwert an allen Aktivitäten der Gemeinde und damit auch an religiösen Zeremonien zu beteiligen.«

Edward war nicht besänftigt. »Aber zu beten, nur um Unstimmigkeiten zu vermeiden, ist für mich eine scheinheilige Observanz.«

»Diese Ansicht haben viele geäußert, Edward, doch Epikur schreibt auch, dass wir die Götter als perfekte Wesen verehren sollen. Darüber hinaus erlangen wir aus dem Nachsinnen über ihre perfekte Existenz ästhetische Wonnen. Es ist spät geworden, meine Herren. Das alles sind famose Fragen, und wir werden jede einzelne betrachten, während wir sein Werk studieren.«

Der Tag endete damit, dass Bento und seine Lehrer die Rollen tauschten. Er gab Vater und Tochter einen halbstündigen Hebräischunterricht, nach welchem van den Enden ihn bat, noch ein wenig länger zu einer privaten Unterredung zu bleiben.

»Erinnern Sie sich noch an unser Gespräch bei unserem ersten Treffen?«

»Ich erinnere mich noch sehr gut daran, und ich lerne bei Ihnen tatsächlich gleichgesinnte Gefährten kennen.«

»Zweifellos haben Sie bemerkt, dass einige der Kommentare Epikurs sehr gut zu Ihrem derzeitigen Dilemma mit Ihrer Gemeinde passen.«

»Ich habe mich schon gefragt, ob manche seiner Bemerkungen, wie diese, unbeschwert an den religiösen Zeremonien der Gemeinde teilzunehmen, auf mich abzielten.«

»So ist es. Und, haben sie ihr Ziel erreicht?«

»Beinahe, aber sie waren so von Widersprüchen belastet, dass sie nicht ins Schwarze trafen.«

»Wie das?«

»Ich kann mir für mich selbst nicht vorstellen, wie Gelassenheit aus dem Boden von Heuchelei sprießen sollte.«

»Sie spielen, wie ich annehme, auf Epikurs Rat an, alles Notwendige zu tun, um sich in eine Gemeinde einzufügen und folglich auch an öffentlichen Andachten teilzunehmen.«

»Ja, das nenne ich Heuchelei. Selbst Edward reagierte darauf. Wie kann innere Harmonie vorherrschen, wenn man sich selbst untreu ist?«

»Eigentlich wollte ich mich mit Ihnen hauptsächlich über Edward unterhalten. Was glauben Sie, wie er zu unserer Diskussion und zu Ihnen steht?«

Überrascht von dieser Frage, stutzte Bento. »Darauf habe ich keine Antwort.«

»Ich bitte um eine Vermutung.«

»Nun, er ist nicht glücklich mit mir. Er ist wütend, nehme ich an. Vielleicht fühlt er sich bedroht.«

»Ja, gut geraten. Höchst zutreffend, würde ich sagen. Und nun beantworten sie mir diese Frage: Ist es das, was Sie wollen?«

Bento schüttelte den Kopf.

»Und würde Epikur denken, dass Sie sich auf eine Art und Weise verhalten haben, die zum guten Leben hinführt?«

»Ich muss zugeben, dass er das nicht denken würde. In jenem Augenblick glaubte ich allerdings, dass ich klug daran tat, mich weiterer Äußerungen zu enthalten.«

»Welcher zum Beispiel?«

»Dass Gott uns nicht nach seinem Ebenbild geschaffen hat – wir haben ihn nach unserem Ebenbild geschaffen. Wir stellen uns vor, dass er ein Wesen ist wie wir, dass er unsere gemurmelten Gebete hört und dass es ihn interessiert, was wir uns wünschen …«

»Gütiger Gott! Wenn es das ist, was Sie fast ausgesprochen hätten, verstehe ich Ihren Standpunkt. Dann wollen wir sagen, dass Sie zwar unklug, aber nicht vollkommen töricht gehandelt haben. Edward ist strenger Katholik. Sein Onkel war katholischer Bischof. Von ihm zu erwarten, seinen Glauben auf der Grundlage von wenigen Bemerkungen abzulegen, auch wenn es vernünftige Bemerkungen sind, ist höchst irrational und vielleicht sogar gefährlich. Amsterdam genießt im Moment den Ruf, die toleranteste Stadt Europas zu sein. Aber denken Sie an die Bedeutung des Wortes ›tolerant‹ – es konnotiert, dass wir allen anderen Glaubensrichtungen gegenüber tolerant sind, auch wenn wir sie für irrational halten.«

»Ich komme immer mehr zu der Überzeugung«, sagte Bento, »dass jemand, der unter Menschen mit stark unterschiedlichen Glaubensrichtungen lebt, ihnen nur dann gerecht werden kann, wenn er sich selbst stark verändert.«

»Nun beginne ich, den Bericht meines Spions über den Aufruhr in der jüdischen Gemeinde über Sie zu verstehen. Erzählen Sie anderen Juden alle Ihre Gedanken?«

»Vor etwa einem Jahr beschloss ich, in meinen Meditationen immer wahrheitsgetreu …«

»Ah«, unterbrach van den Enden, »nun verstehe ich, weshalb Ihre Geschäfte so schlecht laufen. Ein Geschäftsmann, der die Wahrheit sagt, ist ein Oxymoron.«

Bento schüttelte den Kopf: »Oxymoron?«

»Aus dem Griechischen. Oxys bedeutet schlau; moros bedeutet töricht. Demnach bezieht sich Oxymoron auf ein Paradox in sich. Stellen Sie sich einmal vor, was ein wahrheitsliebender Kaufmann zu seinem Kunden sagen könnte: ›Bitte kaufen Sie diese Rosinen hier – Sie würden mir damit einen großen Gefallen tun. Sie sind schon Jahre alt, verschrumpelt, und ich muss sie loswerden, bevor nächste Woche die Lieferung mit den saftigen Rosinen kommt.‹«

Als van den Enden nicht das geringste Anzeichen von Heiterkeit bei Bento entdeckte, dachte er an etwas, was er schon früher festgestellt hatte: Bento hatte keinerlei Sinn für Humor. Er ruderte zurück: »Aber ich wollte damit nicht die ernsten Dinge herunterspielen, die Sie mir erzählen.«

»Sie fragten mich nach meiner Diskretion innerhalb der Gemeinde. Abgesehen von meinem Bruder und diesen beiden Fremden aus Portugal, die bei mir Rat suchten, habe ich meine Ansichten immer für mich behalten. Die beiden traf ich übrigens erst vor wenigen Stunden und gab ihnen freimütig Auskunft über meine Ansichten zu abergläubischen Überzeugungen, um dem einen zu helfen, der vorgab, in einer spirituellen Krise zu stecken. Ich ließ mich mit den beiden Besuchern auf eine kritische Lesung der hebräischen Bibel ein. Seit ich mich ihnen gegenüber offenbart habe, weiß ich nun, was es ist, was Sie ›innere Harmonie‹ nannten.«

»Sie hören sich so an, als hätten Sie sich lange Zeit Stillschweigen verordnet.«

»Nicht konsequent genug in den Augen meiner Familie oder meines Rabbiners, der ausgesprochen verärgert über mich ist. Ich sehne mich nach einer Gemeinschaft, die sich nicht sklavisch an falsche Überzeugungen klammert.«

»Und auch wenn Sie auf der ganzen Welt danach suchen, werden Sie doch keine Gemeinschaft finden, die nicht abergläubisch ist. Solange es Unwissen gibt, solange wird es ein Festhalten am Aberglauben geben. Unwissen zu beseitigen ist die einzige Lösung. Das ist der Grund, weshalb ich unterrichte.«

»Ich fürchte, das ist ein verlorener Kampf«, antwortete Bento. »Unwissenheit und abergläubische Überzeugungen breiten sich wie Flächenbrände aus, und ich glaube, dass religiöse Führer dieses Feuer nähren, um ihre Stellung zu sichern.«

»Das sind gefährliche Worte, die Ihr jugendliches Alter Lügen strafen. Ich sage Ihnen noch einmal, dass Verschwiegenheit vonnöten ist, um in irgendeiner Gemeinschaft bleiben zu können.«

»Ich bin überzeugt davon, dass ich frei sein muss. Wenn eine solche Gemeinschaft sich nicht finden lässt, dann muss ich vielleicht ohne sie leben.«

»Erinnern Sie sich daran, was ich zu ›caute‹ sagte? Wenn Sie nicht auf der Hut sind, könnte es sein, dass Ihre Wünsche, aber vielleicht auch Ihre Ängste in Erfüllung gehen.«

»Diesen Status ›könnte‹ habe ich bereits überschritten. Ich glaube, dass ich den Stein bereits ins Rollen gebracht habe«, antwortete Bento.

12

ESTLAND, 1918

Am Tag nach ihrem ersten Treffen behielt Alfred den Eingang des Bierkellers im Auge, und als er Friedrich entdeckte, sprang er auf, um ihn zu begrüßen. »Friedrich, schön, dich zu sehen. Danke, dass du dir Zeit für mich genommen hast.«

Sie holten sich ihr Bier am Tresen ab und setzten sich wieder an denselben ruhigen Ecktisch. Alfred hatte beschlossen, nicht wiederum im Mittelpunkt der gesamten Unterhaltung zu stehen, und begann: »Wie geht es dir und deiner Mutter?«

»Meine Mutter steht noch immer unter Schock. Sie versucht nach wie vor zu begreifen, dass mein Vater nicht mehr da ist. Zuweilen scheint sie zu vergessen, dass er tot ist. Zweimal glaubte sie, ihn in einer Menschenmenge draußen gesehen zu haben. Und die Realitätsverweigerung in ihren Träumen, Alfred, ist wirklich außergewöhnlich! Als sie heute Morgen aufwachte, sagte sie, es wäre schrecklich gewesen, die Augen zu öffnen: Sie war so glücklich gewesen, in ihrem Traum mit meinem Vater zusammen zu sein, dass es ihr widerstrebte, in einer Realität aufzuwachen, in der er noch immer tot war.

Was mich betrifft«, fuhr Friedrich fort, »so kämpfe ich genauso wie die deutschen Streitkräfte an zwei Fronten. Ich muss mich nicht nur mit der Tatsache seines Todes auseinandersetzen, sondern in der kurzen Zeit, in der ich hier bin, auch meine Mutter unterstützen. Und das ist verzwickt.«

»Was meinst du mit verzwickt?«, fragte Alfred.

»Um jemandem zu helfen, muss man in die Welt dieses Menschen eintauchen, glaube ich. Aber immer wenn ich das bei meiner Mutter versuche, flitzen meine Gedanken davon, und einen Augenblick später denke ich an etwas vollkommen anderes. Gerade vorhin weinte meine Mutter, und als ich ihr den Arm um die Schulter legte, um sie zu trösten, merkte ich, dass meine Gedanken zum heutigen Treffen mit dir wanderten. Einen Moment lang fühlte ich mich schuldig. Dann rief ich mir in Erinnerung, dass ich auch nur ein Mensch bin und dass Menschen zu ihrem Schutz einen eingebauten Verdrängungsmechanismus haben. Ich dachte darüber nach, warum ich mit meinen Gedanken nicht beim Tod meines Vaters bleiben kann. Ich glaube, es liegt daran, dass mich sein Tod mit meinem eigenen Tod konfrontiert, und mich mit dieser Perspektive zu befassen flößt mir einfach zu viel Furcht ein. Ich habe dafür keine andere Erklärung. Wie siehst du das?« Friedrich schwieg und starrte Alfred direkt in die Augen.

»Ich kenne mich mit solchen Dingen nicht aus, aber deine Schlussfolgerung scheint mir plausibel zu sein. Ich selbst gestatte mir nie, ernsthaft über den Tod nachzudenken. Es war mir immer zuwider, wenn mein Vater darauf bestand, mit mir zusammen ans Grab meiner Mutter zu gehen.«

Friedrich schwieg, bis er sicher war, dass Alfred nichts mehr sagen wollte. Dann: »Nun, Alfred, das ist eine sehr lange Antwort auf deine höfliche Nachfrage, wie es mir geht, aber wie du siehst, beobachte und diskutiere ich gerne über alle Mechanismen unseres Geistes. Habe ich dir eine ausführlichere Antwort gegeben, als du erwartet oder gewollt hast?«

»Es war eine längere Antwort auf meine Frage, als ich erwartet habe, aber sie war wahrhaftig, sie hatte Substanz, und sie kam von Herzen. Ich bewundere deine Art, Oberflächlichkeiten zu vermeiden und wie bereitwillig du deine Gedanken so ehrlich und so unbefangen äußerst.«

»Aber das gilt auch für dich, Alfred. Gegen Ende unserer gestrigen Unterhaltung hast du sehr tief in dich hineingehorcht. Irgendwelche Nachwirkungen?«

»Ich muss gestehen, dass ich unsicher bin. Ich versuche noch immer, unser Gespräch nachzuvollziehen.«

»Was davon war dir nicht klar?«

»Ich meine nicht die Klarheit von Gedanken, sondern das merkwürdige Gefühl, das ich hatte, als ich mit dir sprach. Ich meine, wir haben uns ja nur kurz unterhalten – nun, vielleicht eine Dreiviertelstunde. Und trotzdem gab ich so viel von mir preis, und ich fühlte mich so angesprochen, so seltsam … vertraut. Als würde ich dich schon mein ganzes Leben lang sehr gut kennen.«

»Und das ist ein unbehagliches Gefühl?«

»Es ist ein gemischtes Gefühl. Es war gut, weil es meinem Gefühl der Wurzellosigkeit die Schärfe nahm, meinem Gefühl der Heimatlosigkeit. Aber es war unbehaglich, weil unsere gestrige Unterhaltung so ausgesprochen eigenartig war – ich muss immer wieder sagen, dass ich ein so persönliches Gespräch bis jetzt noch nie geführt und einem Fremden noch nie so schnell vertraut habe.«

»Aber ich bin ja kein Fremder, schon wegen Eugen. Oder soll ich sagen, ich bin ein vertrauter Fremder, der Zugang zu den Privaträumen deines Elternhauses hatte.«

»Seit gestern gehst du mir nicht mehr aus dem Kopf, Friedrich. Eines gibt es noch, und ich hätte gern gewusst, ob ich dir eine persönliche Frage stellen darf …«

»Aber natürlich, natürlich. Du brauchst nicht zu fragen – ich mag persönliche Fragen.«

»Als ich dich fragte, wo du dir diese Fähigkeit, zu sprechen und die Gedanken zu erforschen, angeeignet hast, gabst du mir zur Antwort, dass es dein Medizinstudium war. Nun dachte ich an alle Ärzte, die ich kenne, und keiner, nicht ein Einziger, hat auch nur die Spur deiner verbindlichen Art. Denen geht es nur ums Geschäft – ein paar oberflächliche Fragen, keine einzige persönliche Nachfrage, schnell ein rätselhaftes Rezept auf Lateinisch hingekritzelt, gefolgt von ›Der Nächste bitte‹. Warum bist du so anders, Friedrich?«

»Ich war nicht ganz ehrlich, Alfred«, gab Friedrich zur Antwort und sah Alfred mit seiner üblichen Direktheit in die Augen. »Es stimmt, dass ich Arzt bin, aber ich habe dir etwas verschwiegen – ich habe auch eine abgeschlossene Ausbildung in Psychiatrie, und das war es, was mein Denken und meine Sprache geschliffen hat.«

»Das kommt mir so … so banal vor. Warum die Mühe, diese Tatsache zu verschweigen?«

»Heutzutage werden immer mehr Menschen nervös, schrecken zurück und schauen zur Tür, wenn sie erfahren, dass ich Psychiater bin. Sie haben die absurde Vorstellung, dass Psychiater Gedanken lesen können und alle ihre dunklen Geheimnisse kennen.«

Alfred nickte. »Nun, vielleicht ist das gar nicht so abwegig. Gestern kam es mir jedenfalls so vor, als könntest du meine Gedanken lesen.«

»Aber nein, nein, nein. Aber ich lerne, meine eigenen Gedanken zu lesen, und dank dieser Erfahrung kann ich dich dazu anleiten, deine eigenen Gedanken zu lesen. Das ist die Hauptrichtung meines Fachgebietes.«

»Ich muss zugeben, dass du der erste Psychiater in meinem Leben bist. Ich weiß nichts über dein Fachgebiet.«

»Nun, jahrhundertelang waren Psychiater in erster Linie Diagnostiker und betreuten in Krankenhäusern psychotische, fast immer unheilbare Patienten. Aber das hat sich im letzten Jahrzehnt geändert. Die Veränderung begann mit Sigmund Freud in Wien, der eine Gesprächstherapie namens Psychoanalyse erfand, die es uns erlaubt, Patienten zu helfen, psychologische Probleme zu überwinden. Heute können wir solche Leiden wie extreme Angst oder hartnäckige Schwermut oder eine Krankheit behandeln, die wir Hysterie nennen – ein Leiden, bei dem ein Patient psychologisch bedingte, physische Symptome wie Lähmungen zeigt oder sogar blind ist. Meine Professoren in Zürich, Carl Gustav Jung und Eugen Bleuler, sind Pioniere auf diesem Gebiet. Ich bin von diesem Ansatz fasziniert und werde bald in Berlin bei Karl Abraham, einem hoch angesehenen Lehrer, eine weiterführende Ausbildung in der Psychoanalyse beginnen.«

»Über die Psychoanalyse habe ich schon dies und das gehört. Wie ich hörte, soll es sich um eine neue, jüdische Intrige handeln. Sind deine Lehrer denn alle Juden?«

»Jung und Bleuler bestimmt nicht.«

»Aber Friedrich, warum engagierst du dich auf einem jüdischen Fachgebiet?«

»Es wird so lange ein jüdisches Fachgebiet bleiben, solange wir Deutsche uns nicht einmischen. Oder, um es anders zu sagen: Es ist zu gut, um es allein den Juden zu überlassen.«

»Aber warum sich damit beschmutzen? Warum ein Student von Juden werden?«

»Es ist ein wissenschaftliches Gebiet. Hör zu, Alfred, nimm zum Beispiel einen anderen Wissenschaftler, den deutschen Juden Albert Einstein. Ganz Europa liegt ihm zu Füßen – sein Werk wird das Gesicht der Physik für immer verändern. Du kannst bei modernen Physikern nicht von jüdischen Physikern sprechen. Wissenschaft ist Wissenschaft. An der Uni war einer meiner Lehrer für Anatomie ein Schweizer Jude – er lehrte mich keine jüdische Anatomie. Und wäre der große William Harvey ein Jude, würdest du doch trotzdem an den Blutkreislauf glauben, richtig? Wäre Kepler ein Jude gewesen, würdest du doch trotzdem glauben, dass die Erde sich um die Sonne dreht, oder? Wissenschaft ist Wissenschaft, egal, wer der Entdecker ist.«

»Bei den Juden ist es anders«, warf Alfred ein. »Sie korrumpieren, sie reißen alles an sich, sie saugen alles aus. Nimm die Politik. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie jüdische Bolschewiken die ganze russische Regierung unterminiert haben. Ich habe die Fratze der Anarchie auf den Straßen Moskaus gesehen. Nimm das Bankwesen. Du hast die Rolle der Rothschilds in diesem Krieg erlebt: Sie ziehen die Strippen, und ganz Europa tanzt danach. Nimm das Theater. Sobald sie an die Macht kommen, dürfen da nur noch Juden arbeiten.«

»Alfred, uns allen gefällt es, die Juden zu hassen, aber bei dir ist eine solche … solche Inbrunst dahinter. Das habe ich bei unseren kurzen Gesprächen so oft festgestellt. Lass mich überlegen … da war dein Versuch, dich beim jüdischen Unteroffizier zum Militärdienst zu melden, und dann Husserl, Freud und die Bolschewiken. Was hältst du davon, wenn wir diese Inbrunst philosophisch untersuchen?«

»Wie meinst du das?«

»Eines der Dinge, die ich an der Psychiatrie liebe, ist, dass sie sich im Gegensatz zu jedem anderen medizinischen Fachgebiet sehr nahe an die Philosophie anlehnt. Wie Philosophen stützen wir Psychiater uns auf logische Untersuchungen. Wir helfen Patienten nicht nur, Gefühle zu identifizieren und auszudrücken, wir fragen auch nach dem ›Warum‹. Was ist deren Ursprung? Warum entstehen bestimmte Komplexe im Kopf? Manchmal denke ich, dass unser Fachgebiet eigentlich bei Spinoza begann, der glaubte, das alles, selbst Gefühle und Gedanken, einen Ursprung hat, der durch sorgfältige Nachforschung entdeckt werden kann.«

Friedrich registrierte Alfreds verblüfften Gesichtsausdruck und fuhr fort: »Du siehst verwirrt aus. Ich will versuchen, es zu erklären. Betrachte unseren sehr kurzen Exkurs zu etwas, was dich verfolgt – dem Gefühl, nicht zu Hause zu sein. Gestern haben wir schon nach wenigen Minuten informellen Mäanderns mehrere Ursachen für dein Gefühl der Entwurzelung entdeckt. Erinnere dich – es war das Fehlen deiner Mutter und dein kranker, nicht greifbarer Vater. Dann sprachst du davon, dass du das falsche akademische Fachgebiet gewählt hättest, und nun ist es dein Mangel an Selbstwertgefühl, der dazu führt, dass du in deiner Haut nicht zu Hause bist – richtig? Kannst du mir folgen?«

Alfred nickte.

»Stell dir einfach einmal vor, wie viel reicher unsere Entdeckungen wären, wenn wir viele, viele Stunden über mehrere Wochen hinweg zur Verfügung hätten, um diese Ursachen genauer zu erforschen. Ist es nicht so?«

»Ja.«

»Darum geht es bei meinem Fachgebiet. Und was ich vorhin andeutete, ist, dass sogar dein besonders ausgeprägter Judenhass psychologische oder philosophische Wurzeln haben muss.«

Alfred zuckte ein wenig zurück und sagte: »Darin unterscheiden wir uns. Ich würde vielmehr sagen, dass ich mich glücklich schätze, so aufgeklärt zu sein, dass ich die Gefahren erkennen kann, die der Jude für unsere Rasse darstellt, und den Schaden, den er in der Vergangenheit großen Zivilisationen zugefügt hat.«

»Verstehe mich recht, Alfred, ich streite mich nicht mit dir über deine Schlussfolgerungen. Wir beide haben ähnliche Gefühle den Juden gegenüber. Was ich nur sagen will, ist, dass du so heftig und so außergewöhnlich leidenschaftlich reagierst. Und die Liebe zur Philosophie, die uns beiden gemeinsam ist, diktiert, dass wir die logische Ursache aller Gedanken und aller Überzeugungen untersuchen können. Stimmt das nicht?«

»Hier stimme ich dir nicht zu, Friedrich. Ich kann dir nicht folgen. Mir kommt es fast obszön vor, derart offensichtliche Schlussfolgerungen einer philosophischen Untersuchung zu unterziehen. Es ist so, als wolltest du analysieren, warum du das Gefühl hast, der Himmel sei blau, oder warum du Bier oder Zucker magst.«

»Nun, Alfred, vielleicht hast du Recht.« Pfister rief sich Bleuler in Erinnerung, der ihn bei mehr als nur einer Gelegenheit ermahnt hatte: »Junger Mann, die Psychoanalyse ist kein Rammbock: Wir hauen nicht einfach drauflos, bis erschöpfte Egos mit ausgefransten, weißen Flaggen der Unterwerfung wedeln. Geduld, Geduld. Gewinnen Sie das Vertrauen des Patienten. Analysieren und verstehen Sie Widerstände – früher oder später wird der Widerstand dahinschmelzen, und der Pfad der Wahrheit wird sich auftun.« Friedrich wusste, dass er das Thema fallen lassen sollte. Aber sein innerer, ungestümer Dämon, der es unbedingt wissen wollte, ließ sich nicht bremsen.

»Ich will nur noch auf einen letzten Punkt eingehen, Alfred. Betrachten wir zum Beispiel deinen Bruder Eugen. Du wirst mir zustimmen, dass er hochintelligent ist, in derselben Kultur aufgewachsen ist wie du, und zwar mit demselben Erbgut, in derselben Umgebung, mit denselben Verwandten, unter denen er lebte. Und dennoch betrachtet er das jüdische Problem ziemlich leidenschaftslos. Er ist nicht vom Deutschsein berauscht und zieht es vor, Belgien als seine wahre Heimat anzusehen. Ein faszinierendes Puzzle, Brüder mit denselben Lebensumständen und doch so unterschiedlichen Ansichten.«

»Wir hatten ähnliche, aber keine identischen Lebensumstände. Zum einen hatte Egon nicht das Pech wie ich, einen judenfreundlichen Direktor in der Realschule zu haben.«

»Wie? Direktor Peterson? Unmöglich. Ich kannte ihn gut, als ich selbst auf dieser Schule war.«

»Nein, nicht Peterson. Als ich die letzte Klasse besuchte, legte er ein Sabbatjahr ein, und Herr Epstein übernahm seinen Posten.«

»Einen Augenblick, Alfred – gerade fällt mir ein, dass Eugen mir eine Geschichte über dich und Herrn Epstein erzählt hat. Es ging um irgendein Schlamassel, in das du kurz vor deinem Abschluss geraten bist. Was genau ist damals passiert?«

Alfred erzählte Friedrich die ganze Geschichte – von seiner antisemitischen Rede, von Epsteins Wut, von seiner Hingabe für Chamberlain, von der ihm aufgezwungenen Aufgabe, Goethes Bemerkungen über Spinoza zu lesen, und von seinem Versprechen, Spinoza selbst zu lesen.

»Das ist ja eine Geschichte, Alfred! Ich würde diese Kapitel in Goethes Autobiographie gern einmal sehen. Und sag mir: Hast du dein Versprechen eingelöst und Spinoza gelesen?«

»Ich habe es immer wieder versucht, konnte mich aber nicht hineinfinden. So ein abstruses Gefasel. Und die unverständlichen Definitionen und Axiome am Anfang waren ein unüberwindbares Hindernis.«

»Ach, du hast also mit der Ethik begonnen. Ein großer Fehler. Es ist ein schwieriges Werk, wenn man es ohne Anleitung liest. Du hättest mit seiner einfacheren Abhandlung beginnen sollen, dem Theologisch-Politischen Traktat. Spinoza ist ein Ausbund an Logik. Ich habe ihn zusammen mit Sokrates, Aristoteles und Kant in meine Ruhmeshalle gestellt. Eines Tages müssen wir uns im Vaterland wiedersehen, und wenn du willst, werde ich dir dann helfen, die Ethik zu studieren.«

»Wie du dir vorstellen kannst, habe ich ein ziemlich gespanntes Verhältnis zur Lektüre des Werkes dieses Juden. Aber der große Goethe verehrte ihn, und ich gab dem Direktor mein Versprechen, ihn zu lesen. Du könntest mir also helfen, Spinoza zu verstehen? Dein Angebot ist sehr freundlich. Sogar reizvoll. Ich werde mich bemühen, dass sich unsere Wege in Deutschland kreuzen, und ich freue mich darauf, von dir etwas über Spinoza zu lernen.«

»Alfred, ich muss wieder zu meiner Mutter, und wie du weißt, reise ich morgen in die Schweiz ab. Aber ich möchte noch ein Letztes sagen, bevor wir uns trennen. Ich bin in einem gewissen Dilemma. Einerseits bist du mir wichtig, und ich wünsche mir für dich nur das Beste, aber andererseits belasten mich bestimmte Informationen, die dich möglicherweise schmerzen, dich aber, wie ich meine, am Ende zu einigen Wahrheiten über dich selbst führen werden.«

»Wie kann ich mich als Philosoph weigern, die Wahrheit zu verfolgen?«

»Ich habe nichts anderes als eine so großmütige Antwort von dir erwartet, Alfred. Was ich dir sagen muss, ist, dass dein Bruder all die Jahre und auch noch im letzten Monat stundenlang mit mir über die Tatsache diskutierte, dass die Großmutter seiner Mutter – deine Urgroßmutter – Jüdin war. Er sagte, dass er sie einmal in Russland besucht habe und sie, obwohl sie in ihrer Kindheit zum Christentum konvertiert war, ihre jüdischen Vorfahren eingeräumt habe.«

Alfred starrte stumm in die Ferne.

»Alfred?«

»Das bestreite ich entschieden. Das ist ein niederträchtiges Gerücht, das sich schon lange hält, und ich ärgere mich über dich, dass du es verbreitest. Ich bestreite es. Mein Vater bestreitet es. Meine Tanten, die Schwestern meiner Mutter, bestreiten es. Mein Bruder ist ein verwirrter Narr!« Alfreds Gesicht war wutverzerrt. Ohne Friedrichs Blick zu erwidern, fügte er hinzu: »Ich kann mir nicht vorstellen, weshalb Eugen sich diese Lüge zu eigen macht, warum er sie anderen erzählt und warum du sie mir erzählst.«

»Alfred, bitte.« Friedrich senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Erstens darf ich dir versichern, dass ich sie nicht verbreite. Du bist der einzige Mensch, dem gegenüber ich das erwähnt habe, und dabei bleibt es auch. Darauf hast du meinen Eid, meinen deutschen Eid. Und nun dazu, weshalb ich es dir gesagt habe – lass es uns gemeinsam durchdenken. Ich sagte dir, dass ich in einem Dilemma sei: Es dir zu erzählen erschien mir grausam, es dir nicht zu erzählen erschien mir allerdings noch schlimmer. Wie kann ich vorgeben, dein Freund zu sein, und es dir nicht erzählen? Dein Bruder erzählte es mir, und ich hatte den Eindruck, es sei für unsere Unterhaltung relevant. Gute Freunde, insbesondere Philosophenkollegen, können und sollten über alles reden. Ist deine Verärgerung über mich sehr groß?«

»Ich bin fassungslos, dass du mir das sagst.«

Friedrich dachte an seine Supervision mit Bleuler, der ihn oft gemahnt hatte: »Sie müssen nicht alles sagen, was Sie denken, Doktor Pfister. Therapie ist kein Forum, um belastende Gedanken loszuwerden und sich danach wohler zu fühlen. Lernen Sie, solche Gedanken für sich zu behalten. Lernen Sie, ein Vehikel für unpassende Gedanken zu sein. Die richtige Zeitwahl ist alles.« Er wandte sich an Alfred. »Dann irrte ich vielleicht und hätte es für mich behalten sollen. Ich muss lernen, dass es Dinge gibt, die ungesagt bleiben müssen. Vergib mir, Alfred. Ich habe es dir aus Freundschaft erzählt, aus meiner Überzeugung heraus, dass deine ungezügelte Leidenschaft sich am Ende als selbstzerstörerisch erweisen könnte. Erinnere dich, wie knapp du davor warst, von der Realschule verwiesen zu werden. Deine zukünftige Ausbildung, dein akademischer Grad, die strahlende Zukunft, die vor dir liegt, das alles wäre zunichte gewesen. Ich wollte das Meine tun, um zu verhindern, dass sich derartige Vorgänge in Zukunft wiederholen.«

Alfred sah alles andere als überzeugt aus. »Lass mich darüber nachdenken. Und nun musst du sicherlich los.«

Friedrich nahm ein gefaltetes Blatt Papier aus seiner Hemdentasche, reichte es Alfred und sagte: »Solltest du mich aus irgendeinem Grund wiedersehen wollen – vielleicht um irgendein Thema unserer Unterhaltung fortzusetzen oder dass ich dich bei der Lektüre von Spinoza unterstützen soll, egal, was – das hier ist meine momentane Adresse in Zürich und meine Kontaktadressen in Berlin, wo ich in drei Monaten sein werde. Alfred, ich hoffe sehr, dass wir uns noch einmal treffen. Auf Wiedersehen.«

Alfred blieb eine Viertelstunde lang missmutig am Tisch sitzen. Er trank sein Bier aus und erhob sich dann. Er entfaltete das Blatt Papier, das Friedrich ihm gegeben hatte, starrte auf Friedrichs Adressen, riss das Blatt dann in vier Teile, warf das Ganze auf den Boden und steuerte auf den Ausgang des Bierkellers zu. In dem Moment, als er den Ausgang erreichte, blieb Alfred stehen, überlegte kurz, ging zurück zum Tisch, bückte sich und hob die zerrissenen Blätter wieder auf.

13

AMSTERDAM, 1656

Gegen zehn Uhr am folgenden Morgen waren die Brüder Spinoza in ihrem Laden mitten bei der Arbeit: Bento fegte den Fußboden, und Gabriel öffnete eine frisch eingetroffene Kiste mit getrockneten Feigen. Sie wurden unterbrochen, als Franco und Jacob an der Tür auftauchten und zögernd stehenblieben, bis Franco sagte: »Wenn Ihr Angebot noch besteht, würden wir unsere Diskussion gern fortsetzen. Wir stehen jederzeit zur Verfügung, wann es Ihnen passt.«

»Ich freue mich darauf, das Gespräch fortzusetzen«, sagte Bento. Und an Jacob gewandt fragte er: »Sie wünschen das auch, Jacob?«

»Ich wünsche mir nur das, was für Franco das Beste ist.«

Bento dachte einen Augenblick über diese Antwort nach und gab dann zurück: »Warten Sie einen Moment bitte.« Nachdem er sich mit seinem Bruder im hinteren Teil des Ladens kurz besprochen hatte, verkündete Bento: »Nun stehe ich Ihnen zur Verfügung. Sollen wir zu meinem Haus gehen und unser Studium der Heiligen Schrift fortsetzen?«

Die wuchtige Bibel lag auf dem Tisch, und die Stühle standen so ausgerichtet, als habe Bento seine Besucher schon erwartet. »Wo sollen wir anfangen? Wir haben das letzte Mal viele Fragen aufgeworfen.«

»Sie wollten uns erzählen, dass Moses die Thora nicht geschrieben hat«, sagte Jacob, der sich weicher, konzilianter anhörte als am Tag zuvor.

»Ich habe dieses Thema über viele Jahre studiert. Wenn man die Bücher Mose sorgfältig und unvoreingenommen liest, sind darin, wie ich meine, eine Menge Hinweise darauf eingebaut, dass Moses unmöglich der Autor gewesen sein kann.«

»Hinweise eingebaut? Das müssen Sie mir erklären«, bat Franco.

»In der Geschichte von Moses gibt es Ungereimtheiten. Manche Teile der Thora widersprechen anderen Teilen, und viele Passagen halten sich nicht einmal an die einfachste Logik. Ich werde Ihnen Beispiele geben und mit einem offensichtlichen beginnen, das vor mir schon anderen Leuten aufgefallen ist. Die Thora beschreibt nicht nur, wie Moses starb und begraben wurde und die dreißigtägige Trauer der Hebräer, sondern vergleicht ihn zudem mit allen Propheten, die nach ihm kamen, und führt aus, dass er sie alle übertraf.

Es liegt auf der Hand, dass ein Mensch nicht darüber schreiben kann, was nach seinem Tod mit ihm geschieht, noch kann er sich mit anderen Propheten vergleichen, die noch nicht geboren sind. Deshalb ist es sicher, dass ein Teil der Thora nicht von ihm geschrieben worden sein kann. Ist das nicht so?«

Franco nickte. Jacob zuckte die Achseln.

»Oder sehen Sie hier!« Bento schlug die Bibel auf einer Seite auf, die mit einem Faden gekennzeichnet war, und zeigte auf einen Abschnitt aus dem Ersten Buch Mose 22. »Hier sehen Sie, dass der Berg Moriah der Berg Gottes genannt wird. Und Historiker berichten uns, dass er diesen Namen erst nach dem Bau des Tempels bekam, viele Jahrhunderte nach Moses’ Tod. Sehen Sie sich diesen Abschnitt an, Jacob: Moses sagt ganz klar, dass Gott irgendwann in der Zukunft einen Ort auswählen wird, der diesen Namen erhalten soll. Weiter vorn wird es so beschrieben und weiter hinten anders. Sehen Sie die eingebauten Widersprüche, Franco?«

Sowohl Franco als auch Jacob nickten.

»Darf ich Ihnen ein anderes Beispiel zeigen?«, fragte Bento, noch immer beunruhigt von Jacobs Wutausbrüchen bei ihrem letzten Treffen. Er sammelte sich: Er wusste, was er tun musste – eine wohldosierte Auswahl treffen und unwiderlegbare Beweise präsentieren. »Es ist unstreitig, dass die Hebräer zur Zeit Moses’ wussten, welche Gebiete dem Stamme Judah gehörten; sie kannten diese aber ganz bestimmt nicht unter dem Namen Argob oder Land der Riesen, wie es in der Bibel zitiert wird. Mit anderen Worten: In der Thora werden Namen verwendet, die erst viele Jahrhunderte nach Moses entstanden sind.«

Bento sah, dass beide nickten, und fuhr fort: »Mit der Schöpfungsgeschichte verhält es sich ähnlich: Sehen wir uns diesen Abschnitt an.« Bento blätterte zu einer weiteren, mit einem roten Faden markierten Seite und las Jacob den hebräischen Abschnitt vor: »›Denn es wohneten zu der Zeit die Kanaaniter im Lande.‹ Nun, dieser Abschnitt kann nicht von Moses geschrieben worden sein, weil die Kanaaniter erst nach dem Tod von Moses vertrieben wurden. Das muss jemand anderer geschrieben haben, der auf jene Zeit zurückblickte, jemand, der wusste, dass die Kanaaniter vertrieben worden waren.«

Als sein Publikum nickte, fuhr Bento fort: »Hier liegt ein weiteres offensichtliches Problem: Moses sollte eigentlich der Verfasser sein, doch der Text spricht von Moses nicht nur in der dritten Person, sondern legt auch Zeugnis von vielen Begebenheiten ab, die ihn betreffen, so zum Beispiel: ›Mose aber sprach zum Herrn‹; ›Aber Mose war ein sehr geplagter Mensch über alle Menschen auf Erden‹, und aus jenem Abschnitt, den ich gestern zitiert hatte: ›Der HERR aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht.‹

Das meine ich mit eingebauten Ungereimtheiten. Die Thora ist so voll davon, dass wir so sicher sein können, wie die Sonne jeden Tag aufgeht, dass die Bücher Mose nicht von Moses geschrieben sein können. Und es ist irrational, weiterhin zu behaupten, Moses selbst sei der Autor gewesen. Können Sie meinem Argument folgen?«

Abermals nickten Franco und Jacob.

»Dasselbe kann vom Buch der Richter gesagt werden. Niemand kann ernsthaft glauben, dass jeder Richter die Erzählung, die seinen Namen trägt, selbst geschrieben hat. So wie die verschiedenen Erzählungen miteinander verknüpft sind, kann man davon ausgehen, dass alle denselben Urheber haben.«

»Wenn das so ist, wer hat das Buch dann geschrieben und wann?«, fragte Jacob.

»Die Datierung wird durch Angaben wie folgende erleichtert …« Er blätterte zu einer Seite im Buch der Richter und ließ Jacob vorlesen: »›Zu der Zeit war kein König in Israel.‹ Fällt Ihnen die Formulierung auf, Jacob? Das bedeutet, dass dieser Abschnitt geschrieben worden sein muss, nachdem ein Königreich errichtet worden war. Ich vermute stark, dass Ibn Ezra ein wichtiger Verfasser/Sammler des Buches der Könige war.«

»Wer ist er?«, fragte Jacob.

»Ein priesterlicher Schreiber, der im fünften Jahrhundert vor Christus lebte. Er war derjenige, der fünftausend im Exil lebende Hebräer aus Babylon in ihre Heimatstadt Jerusalem zurückführte.«

»Und wann wurde die gesamte Bibel zusammengestellt?«, fragte Franco.

»Ich glaube, wir können sicher sein, dass es vor der Zeit der Makkabäer – also um 200 v. Chr. – keine offizielle Sammlung heiliger Bücher mit dem Namen Bibel gegeben hat. Anscheinend wurde sie von den Pharisäern zur Zeit der Restaurierung des Tempels aus einer Vielzahl von Dokumenten zusammengestellt. Bedenken Sie deshalb bitte, dass das, was heilig ist, und das, was nicht heilig ist, nur eine Sammlung von Ansichten einiger sehr menschlicher Rabbiner und Schreiber ist, von denen einige ernsthafte, gesegnete Männer waren, während andere vielleicht um ihren eigenen persönlichen Status rangen, kämpferische Emporkömmlinge in ihrer eigenen Kongregation, die der Hunger plagte, die ans Essen dachten und die sich um ihre Frauen und Kinder sorgten. Die Bibel wurde von Menschenhand zusammengesetzt. Es gibt keine andere mögliche Erklärung für die vielen Ungereimtheiten. Kein vernunftbegabter Mensch kann sich vorstellen, dass ein göttlicher, allwissender Verfasser in der Absicht schrieb, sich selbst nach Belieben zu widersprechen.«

Jacob, der zutiefst irritiert wirkte, versuchte zu parieren: »Nicht unbedingt. Gibt es nicht gelehrte Kabbalisten, die behaupten, dass die Thora absichtlich Fehler beinhaltet, welche viele versteckte Geheimnisse bergen, und dass Gott jedes Wort, ja sogar jeden Buchstaben der Bibel vor Verfälschung bewahrte?«

Bento nickte: »Ich habe die Kabbalisten studiert und glaube, dass sie gerne festschreiben möchten, dass sie allein im Besitz der Geheimnisse Gottes sind. Ich finde in ihren Schriften nichts, was ein göttliches Geheimnis ausstrahlt, sondern nur kindische Kopfgeburten. Ich möchte, dass wir die Worte in der Thora selbst untersuchen, nicht die Interpretation von Müßiggängern.«

Nach kurzem Schweigen fragte er: »Habe ich Ihnen nun meine Gedanken zur Urheberschaft der Bibel klar darzustellen vermocht?«

»Das haben Sie«, sagte Jacob. »Vielleicht sollten wir uns nun aber anderen Themen zuwenden. Zum Beispiel bitte ich Sie, Francos Frage zu Wundern anzusprechen. Er fragte, warum die Bibel voll davon ist, aber seit jener Zeit keine Wunder mehr geschehen. Erzählen Sie uns von Ihren Gedanken zu Wundern.«

»Wunder entstehen nur durch Unwissenheit der Menschen. In alten Zeiten wurde jeder Vorfall, der nicht mit natürlichen Ursachen erklärt werden konnte, als Wunder betrachtet, und je größer die Unwissenheit der Massen über die Vorgänge in der Natur, desto mehr Wunder gab es.«

»Aber es gibt große Wunder, die eine Vielzahl von Menschen gesehen haben: das Rote Meer, das sich für Moses teilte, die Sonne, die für Josua in ihrem Lauf anhielt.«

»›Gesehen von einer Vielzahl von Menschen‹ ist nur eine Redensart, ein Versuch, die Wahrhaftigkeit unfassbarer Ereignisse zu untermauern. Im Fall von Wundern bin ich folgender Ansicht: Je mehr Menschen behaupten, das Ereignis beobachtet zu haben, desto weniger glaubhaft ist es.«

»Wie erklären Sie dann diese ungewöhnlichen Ereignisse, die genau im richtigen Moment auftraten, wenn nämlich das jüdische Volk in Gefahr war?«

»Lassen Sie mich zunächst an die Millionen von genau richtigen Momenten erinnern, bei denen keine Wunder geschehen, wenn die frömmsten und rechtschaffensten Menschen sich in großer Gefahr befinden, wenn sie um Hilfe rufen und als Antwort nur Schweigen erfahren. Darüber haben Sie bei unserem ersten Treffen gesprochen, Franco, als Sie fragten, wo denn die Wunder waren, als Ihr Vater auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Richtig?«

»Ja«, bestätigte Franco leise und warf Jacob einen Blick zu. »Das habe ich gesagt, und ich sage es abermals: Wo waren die Wunder, als die portugiesischen Juden in Gefahr waren? Warum blieb Gott stumm?«

»Solche Fragen sollten gestellt werden«, ermunterte ihn Bento. »Darf ich Ihnen ein paar weitere Gedanken über Wunder vortragen? Wir müssen uns gewahr sein, dass es immer begleitende, natürliche Umstände gibt, die bei der Berichterstattung über Wunder verschwiegen werden. So heißt es beispielsweise im Zweiten Buch Mose: ›Da reckte Mose seine Hand aus über das Meer; und das Meer kam wieder vor Morgens in seinen Strom …‹, aber später im Lied von Moses lesen wir zusätzlich etwas: ›Da ließest du deinen Wind blasen, und das Meer bedeckte sie …‹ Anders gesagt: Manche Beschreibungen übergehen die natürlichen Ursachen, die Winde. Daher erkennen wir, dass die Schriften diese Phänomene in der Reihenfolge schildern, in der sie ihrer Meinung nach die größte Macht haben, Menschen, insbesondere ungebildete Menschen, zu beeindrucken.«

»Und die Sonne blieb mitten am Himmel stehen, damit Josua seinen großen Sieg erringen konnte? War das auch nur erfunden?«, fragte Jacob, sichtlich bemüht, ruhig zu bleiben.

»Dieses Wunder steht auf überaus wackeligen Beinen. Zunächst will ich Sie daran erinnern, dass in der Antike alle glaubten, dass die Sonne sich bewegt und die Erde still steht. Mittlerweile wissen wir, dass es die Erde ist, die sich um die Sonne dreht. Allein dieser Irrtum ist ein Beweis dafür, dass es der Mensch ist, der hinter den Worten der Bibel steht. Und darüber hinaus beruht diese bestimmte Art des Wunders auf politischer Motivation. Beteten Josuas Feinde nicht den Sonnengott an? Demzufolge ist das Wunder eine Botschaft, die hinausposaunte, dass der Gott der Hebräer mächtiger sei als der Gott der Heiden.«

»Das haben Sie wunderbar erklärt«, freute sich Franco.

»Glaube nicht alles, was du von ihm hörst, Franco«, mahnte Jacob. »Nun, Bento«, fragte er, »ist das die ganze Erklärung des Wunders bei Josua?«

»Es ist nur ein Teil davon. Der Rest der Erklärung liegt in der heutigen Ausdrucksweise. Viele sogenannte Wunder sind nur Ausdrucksweisen. Es ist die Art, wie die Menschen in jener Zeit sprachen und schrieben. Was der Schreiber von Josua vermutlich meinte, als er sagte, die Sonne habe stillgestanden, war einfach nur, dass der Tag der Schlacht besonders lang erschien. Wenn die Bibel anmerkt, dass Gott das Herz des Pharaos verhärtet hat, heißt das nur, dass der Pharao starrköpfig war. Wenn sie sagt, dass Gott für die Hebräer die Felsen spaltete und Wasser heraussprudeln ließ, heißt das nur, dass die Hebräer Quellen fanden und ihren Durst löschten. In der Heiligen Schrift wurde fast alles Ungewöhnliche einem Willensakt Gottes zugeschrieben. Selbst Bäume von ungewöhnlicher Größe werden Gottes Bäume genannt.«

»Und«, fragte Jacob, »Was ist mit dem Wunder, dass nämlich die Juden im Gegensatz zu anderen Völkern überlebt haben?«

»Darin sehe ich nichts Übernatürliches, nichts, was nicht mit natürlichen Ursachen erklärt werden könnte. Die Juden haben seit der Diaspora überlebt, weil sie sich immer weigerten, sich mit anderen Kulturen zu vermischen. Sie blieben aufgrund ihrer komplexen Riten, ihrer Speisevorschriften und des Zeichens der Beschneidung, welche sie peinlich genau einhielten, immer unter sich. Deshalb haben sie überlebt; aber das hatte seinen Preis: Mit ihrem beharrlichen Festhalten daran, sich abzusondern, zogen sie weltweit Hass auf sich.«

Bento hielt inne, und als er die entsetzten Gesichter Francos und Jacobs bemerkte, sagte er: »Verschaffe ich Ihnen etwa Magenschmerzen, weil ich Ihnen heute zu viel Schwerverdauliches zu schlucken gebe?«

»Machen Sie sich um mich keine Sorgen, Bento Spinoza«, meldete sich Jacob. »Sie wissen bestimmt, dass Zuhören nicht das Gleiche wie Schlucken ist.«

»Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube, Sie haben bei meinen Worten wenigstens dreimal genickt. Habe ich Recht?«

»Das Meiste, was ich höre, ist Arroganz. Sie glauben mehr zu wissen als zahllose Generationen von Rabbinern, mehr als Rashi, Gersonides, mehr als Maimonides.«

»Und trotzdem haben Sie genickt.«

»Wenn Sie Beweise vorbringen, wenn Sie zwei Aussagen aus dem Ersten Buch Mose zitieren, die einander widersprechen, kann ich das nicht bestreiten. Und selbst da bin ich mir sicher, dass es dafür Erklärungen gibt, die Ihr Wissen übersteigen. Ich bin sicher, dass Sie es sind, der irrt, und nicht die Thora.«

»Liegt in Ihren Worten kein Widerspruch? Einerseits respektieren Sie Beweise, gleichzeitig aber beharren Sie auf etwas, wofür es keinen Beweis gibt.« Bento wandte sich an Franco. »Und Sie? Sie waren ungewöhnlich still. Magenschmerzen?«

»Nein, keine Magenschmerzen, Baruch – stört es Sie, wenn ich Sie mit Ihrem hebräischen statt mit Ihrem portugiesischen Namen anspreche? Es ist mir lieber. Ich weiß nicht, weshalb. Vielleicht kommt es daher, weil Sie ganz anders sind als alle Portugiesen, die ich bisher kennengelernt habe. Keine Magenschmerzen – Sie bereiten mir eher das Gegenteil. Was könnte das sein? Besänftigung, denke ich. Besänftigung meines Magens. Auch Besänftigung meiner Seele.«

»Ich weiß noch, wie furchtsam Sie bei unserem ersten Gespräch waren. Sie riskierten so viel, als Sie uns von Ihrer Reaktion auf die Rituale in der Synagoge und in der Kathedrale erzählten. Sie bezeichneten diese Rituale allesamt als Wahnsinn. Erinnern Sie sich?«

»Wie könnte ich das vergessen? Aber zu wissen, nicht allein zu sein, zu wissen, dass andere – und ganz besonders Sie – meine Ansicht teilen: Das ist ein Geschenk, das meine geistige Gesundheit rettet.«

»Franco, Ihre Antwort gibt mir die Kraft, einen Schritt weiterzugehen und Ihnen mehr über Rituale zu erzählen. Ich kam zu dem Schluss, dass die Rituale in unserer Gemeinde nichts mit göttlichem Recht zu tun haben, nichts mit Glückseligkeit, Tugend und Liebe, aber alles mit öffentlichem Frieden und Aufrechterhaltung der rabbinischen Autorität …«

»Noch einmal«, unterbrach Jacob, und seine Stimme schwoll an: »Sie gehen zu weit. Hat Ihre Arroganz denn keine Grenzen? Jedes Schulkind weiß, dass die Heilige Schrift lehrt, dass die Einhaltung der Rituale das Gesetz Gottes ist.«

»Hier sind wir unterschiedlicher Ansicht. Noch einmal, Jacob: Ich bitte Sie nicht, mir zu glauben. Ich appelliere an Ihre Vernunft und bitte Sie nur, die Worte des Heiligen Buches mit eigenen Augen zu lesen. Es gibt viele Stellen in der Thora, die uns sagen, dass wir unserem Herzen folgen und Rituale nicht allzu ernst nehmen sollen. Betrachten wir Jesaja und Jeremia, die klar und deutlich lehren, dass das göttliche Gesetz eine wahrhafte Lebensweise kennzeichnet und nicht ein Leben der Einhaltung zeremonieller Bräuche. Jeremia bedeutet uns klar, einen Bogen um Opfer und Feste zu machen, und er fasst die Gesamtheit des göttlichen Gesetzes mit folgenden schlichten Worten zusammen …« Bento schlug die Bibel bei einem Lesezeichen im Buch Jesaia auf und las: »›Lasset ab vom Bösen! Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helfet dem Unterdrückten …‹«

»Sie sagen also, dass rabbinisches Gesetz nicht das Gesetz der Thora ist?«, fragte Franco.

»Was ich sage, ist, dass die Thora zwei Arten von Gesetzen kennt: Es gibt das moralische Gesetz, und es gibt Gesetze, die dazu bestimmt sind, Israel als Gottesstaat getrennt von seinen Nachbarn zusammenzuhalten. Leider haben die Pharisäer in ihrer Unwissenheit den Unterschied nicht verstanden und glaubten, dass die Einhaltung der Staatsgesetze auch die Summe der moralischen Gesetze beträfe, während solche Gesetze nur für das Wohlergehen der Gemeinde vorgesehen waren. Sie waren nicht dazu gedacht, die Juden anzuleiten, sondern sie vielmehr unter Kontrolle zu halten. Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen diesen beiden Gesetzen: die Einhaltung zeremonieller Gesetze führt nur zu öffentlichem Frieden, wohingegen die Einhaltung göttlicher oder moralischer Gesetze zu Glückseligkeit führt.«

»Nun«, warf Jacob ein, »höre ich richtig? Raten Sie Franco, die zeremoniellen Gesetze nicht zu beachten? Nicht die Synagoge zu besuchen, nicht zu beten, die jüdischen Speisevorschriften nicht zu beachten?«

»Sie missverstehen mich«, sagte Bento und zog sein kürzlich erworbenes Wissen über die Ansichten Epikurs zu Hilfe: »Ich negiere nicht die Bedeutung des öffentlichen Friedens, doch ich unterscheide sie sehr wohl von wahrer Glückseligkeit.« Bento wandte sich an Franco: »Wenn Sie Ihre Gemeinde lieben, wenn Sie ein Teil von ihr sein wollen, wenn Sie Ihre Familie hier gründen wollen, wenn Sie unter Ihresgleichen leben wollen, dann sollten Sie sich leichten Herzens an Veranstaltungen der Gemeinde beteiligen, und das schließt auch die Befolgung religiöser Pflichten ein.«

Und wieder an Jacob gewandt: »Soll ich mich noch klarer ausdrücken?«

»Ich höre, dass Sie sagen, dass wir rituelle Gesetze nur befolgen sollen, um den Schein zu wahren, dass das aber in Wirklichkeit nicht viel zählt, denn das Einzige, worauf es ankommt, ist dieses andere göttliche Gesetz, das Sie noch immer nicht definiert haben«, sagte Jacob.

»Unter göttlichem Gesetz verstehe ich das höchste Gut, die wahre Kenntnis von Gott und Liebe.«

»Das ist eine vage Antwort. Was ist wahre Kenntnis?«

»Wahre Kenntnis bedeutet die Perfektionierung unseres Intellekts, welche es uns erlaubt, Gott umfassender kennen zu lernen. Jüdische Gemeinden sehen Strafen für das Nichtbefolgen ritueller Vorschriften vor: öffentlicher Tadel durch die Gemeinde und den Rabbiner oder in extremen Fällen Vertreibung oder Cherem. Gibt es eine Strafe für das Nichtbefolgen göttlicher Gesetze? Ja, aber es ist nicht eine bestimmte Strafe: Es ist die Abwesenheit des Guten. Ich schätze die Worte Salomons, der sagt: ›Wo die Weisheit dir zu Herzen gehet, daß du gerne lernest … Dann wirst du verstehen Gerechtigkeit und Recht und Frömmigkeit und allen guten Weg.‹«

Jacob schüttelte den Kopf. »Diese wohlklingenden Worte können die Tatsache nicht verbergen, dass Sie grundlegendes jüdisches Gesetz anzweifeln. Maimonides höchstpersönlich lehrt, dass Gott diejenigen im Jenseits mit Seligkeit und Glück belohnen wird, die den Geboten der Thora folgen. Mit meinen eigenen Ohren hörte ich Rabbi Mortera höchstpersönlich nachdrücklich verkünden, dass jeder, der die Göttlichkeit der Thora leugnet, vom unsterblichen Leben mit Gott ausgeschlossen wird.«

»Und ich sage, dass diese Worte – ›das Jenseits‹ und ›unsterbliches Leben mit Gott‹ – Worte von Menschen und nicht göttliche Worte sind. Darüber hinaus sind diese Worte nicht in der Thora zu finden, es sind die Begriffe von Rabbinern, die Kommentare zu Kommentaren schreiben.«

»Nun«, hakte Jacob nach, »höre ich recht, dass Sie die Existenz des Jenseits leugnen?«

»Das Jenseits, unsterbliches Leben, glückseliges Leben nach dem Tod – ich wiederhole: Alle diese Begriffe sind die Erfindungen von Rabbinern.«

»Sie leugnen also«, beharrte Jacob, »dass die Rechtschaffenen immerwährende Freude und die Gemeinschaft mit Gott finden werden und dass das Böse geschmäht und ewiger Verdammnis anheimfallen wird?«

»Es widerspricht der Vernunft zu glauben, dass wir, so wie wir heute sind, nach dem Tode weiterbestehen. Der Körper und der Geist sind zwei Aspekte derselben Person. Der Geist kann nicht weiterbestehen, nachdem der Körper gestorben ist.«

»Aber«, Jacob sprach nun laut, er war sichtlich erregt, »wir wissen, dass der Körper auferstehen wird. Alle unsere Rabbiner lehren uns das. Maimonides hat es klar ausgeführt. Es ist eines der dreizehn Prinzipien jüdischen Glaubens. Es ist die Grundlage unseres Glaubens.«

»Ich muss ein schlechter Lehrer sein, Jacob. Ich dachte, ich hätte die Unmöglichkeit solcher Dinge erschöpfend erklärt, doch nun schweifen Sie abermals ins Land der Wunder ab. Ich darf Ihnen nochmals in Erinnerung rufen, dass all dies menschliche Ansichten sind; sie haben nichts mit den Gesetzen der Natur zu tun, und nichts kann im Gegensatz zu den feststehenden Gesetzen der Natur vorkommen. Die Natur, welche unendlich und ewig ist und alle Substanzen im Universum einschließt, wirkt im Einklang mit genau geregelten Gesetzen, welche nicht von übernatürlichen Mitteln abgelöst werden können. Ein verwester Körper, zu Staub zerfallen, kann nicht wieder zusammengesetzt werden. Das Erste Buch Mose nimmt dazu klar Stellung: ›Im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.‹«

»Heißt das, dass ich mit meinem Vater, der den Märtyrertod starb, nie mehr vereint sein werde?«, fragte Franco.

»Genau wie Sie sehne ich mich auch danach, meinen seligen Vater wiederzusehen. Aber die Gesetze der Natur sind, wie sie sind. Franco, ich teile Ihre Sehnsucht, und als ich ein Kind war, glaubte ich auch, dass es einmal das Jüngste Gericht geben würde und dass wir eines Tages nach unserem Tod wieder vereint sein werden – ich mit meinem Vater und meiner Mutter, obwohl ich damals, als sie starb, noch so klein war, dass ich mich kaum noch an sie erinnern kann. Und natürlich würden sie mit ihren Eltern und diese wiederum mit deren Eltern vereint werden, ad infinitum

»Doch nun«, fuhr Bento mit weicher, eindringlicher Stimme fort, »habe ich diese kindlichen Hoffnungen aufgegeben und sie durch das sichere Wissen ersetzt, dass ich meinen Vater in mir behalte – sein Gesicht, seine Liebe, seine Weisheit –, und auf diese Weise bin ich schon jetzt mit ihm vereint. Eine selige Wiedervereinigung muss in diesem Leben stattfinden, denn dieses Leben ist das Einzige, was wir haben. Es gibt keine ewige Seligkeit im Jenseits, weil es kein Jenseits gibt. Unsere Aufgabe, und ich glaube, dass uns die Thora das lehrt, ist es, Seligkeit in diesem Leben jetzt dadurch zu erlangen, dass wir ein Leben in Liebe leben und Gott kennen lernen. Wahre Frömmigkeit besteht aus Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und der Liebe zu seinem Nächsten.«

Jacob stand auf und stieß seinen Stuhl grob zur Seite. »Genug! Für heute habe ich genug Ketzerei gehört. Genug für ein ganzes Leben. Wir gehen. Komm, Franco.«

Als Jacob Francos Hand packte, sagte Bento: »Nein, noch nicht, Jacob. Es gibt noch eine wichtige Frage, die Sie zu meiner Überraschung noch nicht gestellt haben.«

Jacob ließ Francos Arm los und sah Bento argwöhnisch an: »Welche Frage?«

»Ich sagte zu Ihnen, dass die Natur ewig ist und unendlich, dass sie alle Substanzen einschließt und dass alles, was entsteht, ihren Gesetzen folgt.«

»Ja?« Jacobs Gesicht war gefurcht und fragend: »Welche Frage?«

»Und sagte ich nicht zu Ihnen, dass Gott ewig und unendlich ist und jede Substanz einschließt?«

Jacob nickte. Er war vollkommen verwirrt.

»Sie sagen, sie hätten zugehört, Sie sagen, Sie hätten genug gehört, und doch haben Sie mir die wesentlichste Frage nicht gestellt.«

»Welche Frage?«

»Wenn Gott und die Natur identische Eigenschaften besitzen, was ist dann der Unterschied zwischen Gott und der Natur?«

»Also gut«, sagte Jacob. »Ich frage Sie: Was ist der Unterschied zwischen Gott und der Natur?«

»Und ich gebe Ihnen die Antwort, die Sie bereits kennen – es gibt keinen Unterschied. Gott ist die Natur. Die Natur ist Gott.«

Jacob und Franco starrten beide Bento an, dann riss Jacob Franco wortlos vom Stuhl und zerrte ihn auf die Straße hinaus.

Als sie außer Sicht waren, legte Jacob den Arm um Franco und drückte ihn. »Gut, gut, Franco, wir haben genau das aus ihm herausgekitzelt, was wir brauchten. Und du hieltest ihn für einen weisen Mann? Was für ein Narr er doch ist!«

Franco riss sich aus Jacobs Umarmung. »Die Dinge sind nicht immer so, wie sie scheinen. Möglicherweise bist du der Narr, dass du ihn für einen Narren hältst.«

14

MÜNCHEN, 1918–1919

Charakter ist Schicksal. Die neue Welle psychoanalytischen Denkens, die Friedrich begeistert annahm, pflichtete Spinoza bei, dass die Zukunft von dem bestimmt wird, was ihr vorausging: von unserer physischen und psychologischen Veranlagung – unseren Leidenschaften, Ängsten, Zielen; unserem Temperament, unserer Selbstliebe, unserer Einstellung anderen gegenüber.

Aber betrachten wir Rosenberg, einen prätentiösen, abgehobenen, lieblosen, wenig liebenswerten Möchtegernphilosophen, der jegliche Neugier über sich selbst vermissen ließ und trotz seines nur eingebildeten Selbstbewusstseins mit einem dünkelhaften Gefühl der Überlegenheit auf Erden wandelte. Konnte Friedrich, konnte irgendjemand, der die Natur des Menschen studierte, den kometenhaften Aufstieg Alfred Rosenbergs voraussehen? Nein. Charakter allein reicht für eine Prophezeiung nicht aus. Es gibt eine weitere zentrale, nicht vorhersehbare Ingredienz. Wie sollen wir sie nennen? Glück? Zufall? Das schlichte Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein?

Die rechte Zeit? November 1918. Der Krieg ging zu Ende, und Deutschland, verwundet und entsetzt angesichts seiner Niederlage, befand sich im Chaos und wartete auf einen Retter. Und der rechte Ort? München. Bald schon sollte Alfred Rosenberg sich auf den Weg zu diesem auserwählten Ort machen, dessen dunkle Seitengässchen und beliebte Bierkeller ein Drama von großer Tragweite ausbrüteten und nur noch auf die Ankunft seiner pervertierten, bösartigen Ausgeburt warteten.

Alfred blieb weitere sechs Wochen in Reval und versuchte, sich mit Kunstunterricht an deutschsprachigen Schulen über Wasser zu halten. Er war verblüfft, als er bei einer Gelegenheit für zwei seiner Zeichnungen eine geringe Summe erzielte – das erste und einzige Geld, das er je mit seiner Kunst verdienen sollte. Am folgenden Abend platzte er in Feierlaune in eine Bürgerversammlung, stand verzückt im hinteren Bereich des Auditoriums und lauschte einer Debatte über die Zukunft Estlands. Aus einem Impuls heraus schritt er plötzlich wie in Trance zum Podium vor und hielt eine kurze, leidenschaftliche Rede über die Gefahren des jüdischen Bolschewismus, der im benachbarten Russland lauerte. Wurde er aus dem Konzept gebracht, als der jüdische Besitzer eines großen Warenhauses seine Rede störte und mit einer großen Gruppe von Juden unter Protest zum Ausgang strebte? Ganz und gar nicht. Alfreds Lippen kräuselten sich zu einem wissenden Lächeln, völlig überzeugt davon, dass es eine gute Sache war, seine Zuhörerschaft gesäubert zu haben. Er wünschte diesen Juden nichts Böses. Er hoffte, dass sie sich in ihren eigenen warmen Küchen wohl und behaglich fühlten. Er wollte einfach nur, dass sie aus Reval verschwanden. Allmählich keimte die Saat einer bedeutenden Idee: Sie sollten nicht nur aus Reval verschwinden, nicht nur aus Estland, sondern aus ganz Europa. Das Vaterland konnte nur sicher sein, nur gedeihen, wenn jeder einzelne Jude Europa verlassen hatte.

Mit jedem Tag wuchs sein Entschluss, nach Deutschland zu emigrieren: Er wollte nicht länger in einem unbedeutenden Land am Rande Europas hausen. Estland, inzwischen leergefegt von Deutschen, steuerte auf eine unstabile Zukunft als schwaches Land oder, noch schlimmer, auf eine unmittelbar bevorstehende Machtergreifung durch die jüdisch-russischen Bolschewiken zu. Doch wie ausreisen? Die Straßen Estlands waren gesperrt, und alle Züge waren vom Militär für die besiegten, nach Deutschland zurückkehrenden Truppen requiriert worden. Gefangen und richtungslos, klopfte die Glücksfee zum ersten Mal an Alfreds Tür.

In der Kneipe der Arbeiterklasse, in der Alfred oft zu Mittag aß, trank er sein Bier, aß Würste und las dabei die Brüder Karamasow. Er las sie auf Russisch, hatte aber daneben eine deutsche Übersetzung aufgeschlagen auf dem Tisch liegen. Von Zeit zu Zeit unterbrach er seine Lektüre und prüfte die Genauigkeit der Übersetzung. Bald störte ihn die lautstarke Heiterkeit an einem Nachbartisch, er stand auf und suchte sich eine ruhigere Ecke. Als er sich im Lokal umsah, hörte er zufällig an einem anderen Tisch eine Unterhaltung in deutscher Sprache.

»Ja, ja, ich ziehe von Reval weg«, freute sich ein Bäcker mittleren Alters mit einer weißen, mehlbestäubten Schürze, die sich um einen enormen Bauch spannte. Er lächelte breit, entkorkte für seine drei Kameraden zur Feier des Tages eine Flasche Schnaps, schenkte ein Glas ein, hob es hoch über seinen Kopf und prostete ihnen zu: »Ich erhebe mein Glas und sage euch Lebewohl, meine lieben Freunde. Ich hoffe, dass wir uns im Vaterland wiedersehen. Ein einziges Mal in meinem Leben habe ich etwas Schlaues gemacht – etwas Bäckerschlaues.« Er deutete auf seinen Kopf und dann auf seinen Bauch. »Ich habe dem Kommandanten des Militärs zwei Laibe meines deutschen Brotes und meinen besten Apfelstrudel gebracht, alles knusprig frisch, direkt aus dem Backofen. Sein Adjutant wollte mir den Schneid abkaufen und brummte nur, dass er selbst mein Geschenk beim Kommandanten abliefern wolle. Aber ich ließ mich nicht kleinkriegen und versprach ihm, später noch einen Strudel vorbeizubringen, der gerade im Backrohr sei. Und dann sagte ich noch, dass der Kommandant den ausdrücklichen Wunsch geäußert habe, dass ich die Sachen persönlich bei ihm abliefere – Gott sei Dank war mir das gerade noch eingefallen. Dann bin ich ins Büro vom Kommandanten, zeigte ihm mein Geschenk und flehte ihn an, mich nach Berlin ausreisen zu lassen. ›Wenn die Streitkräfte einmal fort sind‹, sagte ich zu ihm, ›habe ich bestimmt nichts mehr zu lachen. Die Esten werden mich als Kollaborateur behandeln, weil ich gutes, deutsches Brot und Kuchen für die Truppen backe. Hier, sehen Sie sich nur dieses Brot an! Schwer und knusprig ist es. Riechen Sie. Probieren Sie.‹

Dann brach ich ein Stück Brot ab und schob es ihm in den offenen Mund. Während er kaute, strahlten seine Augen vor Wonne, sag ich euch. ›Und jetzt riechen Sie am Strudel‹, und ich hielt ihn ihm unter die Nase. Er konnte von dem Duft des ofenwarmen Strudels gar nicht genug kriegen. Bald war er wie benommen; er rollte die Augen und schwankte hin und her. ›Und jetzt machen Sie den Mund auf und probieren Sie, wie der Himmel schmeckt.‹ Er machte den Mund auf, und ich fütterte ihn wie eine Vogelmama mit den Strudelstückchen, in denen besonders viele Rosinen waren. ›Ja, ja, ja‹, stöhnte er vor Wonne, und dann ließ er mir ohne ein weiteres Wort sofort einen Ausweis nach Deutschland für Härtefälle ausstellen. Und nun steige ich morgen früh in den Zug, und ihr, meine Freunde seid herzlich zu dem Brot eingeladen, das in diesem Augenblick, während wir hier sprechen, gerade im Ofen aufgeht.«

Alfred grübelte drei Tage lang über das Gehörte nach, und dann wachte er eines Morgens mit dem Entschluss auf, es dem dreisten Bäcker gleichzutun. Als er mit drei seiner besten Zeichnungen von Reval im Hauptquartier der Streitkräfte erschien, sagte er dem Adjutanten genau wie der Bäcker, dass er sein Präsent direkt beim Kommandanten abliefern wolle. Der Widerstand des Adjutanten löste sich schnell in Luft auf, als Alfred ihm eine seiner Zeichnungen als Geschenk anbot. Er wurde zum Kommandanten gebracht, dem Alfred seine Zeichnungen vorlegte und dazu bemerkte: »Das hier ist eine kleine Erinnerung an Ihre Zeit in Reval. Ich gebe den Deutschen hier Zeichenunterricht und wünsche mir nun nichts sehnlicher, als auch die Berliner mein Handwerk zu lehren.« Der Kommandant begutachtete Alfreds Arbeiten und schob anerkennend die Unterlippe vor. Als Alfred seine Rede bei der Bürgerversammlung und den Auszug der Juden aus der Zuhörerschaft schilderte, taute der Kommandeur noch mehr auf, stellte von sich aus fest, dass Alfred nach dem Abzug des Militärs in Estland möglicherweise nicht mehr sicher wäre, und bot ihm den letzten Platz in einem Zug nach Berlin an, der noch am selben Abend um Mitternacht abfuhr.

Nach Hause! Endlich nach Hause ins Vaterland! Ein Zuhause, das er nie kennengelernt hatte. Dieser Gedanke verdrängte das körperliche Unbehagen während der mehrtägigen, bitterkalten Zugfahrt nach Berlin. Als er dort ankam, bekam seine Hochstimmung beim Anblick der traurigen Parade der heimgekehrten, besiegten deutschen Streitkräfte über die Prachtstraße Unter den Linden einen merklichen Dämpfer.

Berlin, das lernte Alfred schnell, war nicht nach seinem Geschmack, und er fühlte sich einsamer als je zuvor. In der Auffangstation für Immigranten, die er aufsuchte, sprach er mit niemandem, sondern lauschte nur gierig deren Gesprächen. »München« war in aller Munde. Dort gab es Avantgarde-Künstler, auch antisemitische, politische Gruppierungen, und München war der Treffpunkt radikaler weißrussischer, antibolschewistischer Agitatoren. München übte einen unwiderstehlichen Sog aus. Überzeugt davon, dass sein Schicksal in dieser Stadt lag, ergatterte Alfred innerhalb einer Woche einen Platz auf einem Viehtransporter nach München.

In Anbetracht seiner schwindenden Geldmittel nahm Alfred das kostenlose Mittagessen in einer der Münchner Volksküchen des Emigrantenvereins in Anspruch. Dort gab es anständige Mahlzeiten, allerdings musste jeder seinen eigenen Löffel mitbringen. München war offen, sonnig, betriebsam, voller Galerien und Straßenkünstler. Betrübt musste er beim Betrachten der Aquarelle der Straßenkünstler feststellen, dass deren Arbeiten zwar deutlich besser waren als seine, sich aber dennoch nicht verkauften. Zuweilen machten sich Bedenken breit: Wovon sollte er leben? Wo würde er Arbeit finden? Doch meistens war er unbesorgt: Überzeugt davon, am rechten Ort zu sein, wusste er, dass seine Zukunft sich ihm früher oder später enthüllen würde. Und während er darauf wartete, brachte er seine Tage in Kunstgalerien und Bibliotheken zu, wo er alles las, was er über jüdische Geschichte und Literatur in die Finger bekam, und er begann, das Gerüst eines Buches mit dem Titel Die Spur des Juden im Wandel der Zeiten zu skizzieren.

Bei der Lektüre über jüdische Geschichte stieß er immer wieder auf den Namen Spinoza. Obwohl er nur mit einem Koffer aus Reval abgereist war, in den er seine ganzen Habseligkeiten gepackt hatte, befand sich darunter auch sein Exemplar von Spinozas Ethik. Doch er hatte Friedrichs Rat befolgt und darauf verzichtet, das Werk noch einmal lesen zu wollen. Stattdessen setzte er seinen Namen auf die Warteliste für Spinozas anderes Werk, den Theologisch-Politischen Traktat.

Als er durch Münchens Straßen schlenderte und erfolglos versuchte, ein paar Zeichnungen zu verhökern, schlug das Glück erneut zu. An einem Gebäude entdeckte er eine Tafel: Edith Schrenk: Tanzschule. Edith Schrenk – diesen Namen kannte er: Jahre zuvor waren seine geschiedene Frau Hilda und Edith Tanzschülerinnen in Moskau gewesen. Obwohl von Natur aus schüchtern und obwohl er nur ein- oder zweimal mit Edith gesprochen hatte, sehnte er sich nach einem vertrauten Gesicht und klopfte zaghaft an ihre Tür. Edith, bekleidet mit einem schwarzen Gymnastikanzug und einem eleganten, aquamarinfarbenen Tuch um den Hals, begrüßte ihn freundlich, bat ihn, Platz zu nehmen, bot ihm Kaffee an und erkundigte sich nach Hilda, die sie immer gemocht hatte. Während ihrer ausführlichen Unterhaltung erzählte Alfred von seiner ungewissen Zukunft, von seinem Interesse an der Judenfrage und von seinen Erfahrungen während der russischen Revolution. Als er darauf zu sprechen kam, dass er eine persönliche Einschätzung zu den Gefahren des jüdischen Bolschewismus verfasst hatte, legte Edith ihre Hand auf die seine.

»Nun, Alfred, dann musst du unbedingt meinen Freund Dietrich Eckart aufsuchen, den Herausgeber des Wochenblattes Auf gut Deutsch. Er hat ähnliche Ansichten wie du und ist vielleicht an deinen Beobachtungen der russischen Revolution interessiert. Hier ist seine Adresse. Erwähne auf jeden Fall, dass du von mir kommst, wenn du ihn siehst.«

Alfred verabschiedete sich hastig von ihr und machte sich unverzüglich auf den Weg zu einem Treffen, das sein Leben verändern sollte. Unterwegs zu Eckarts Büro versuchte er, an zwei Zeitungsständen ein Exemplar von Auf gut Deutsch zu erstehen, bekam aber die Auskunft, dass es ausverkauft sei. Als er die Treppe zu Eckarts Büro hinaufstieg, das im zweiten Stockwerk lag, fiel ihm ein, dass Friedrich ihn vor impulsiven, fanatischen Aktionen gewarnt hatte, die ihm das Genick brechen könnten. Doch Alfred schlug diesen Rat in den Wind, öffnete die Tür, stellte sich Dietrich Eckart vor, nannte Ediths Namen und platzte impulsiv heraus: »Können Sie einen Streiter gegen Jerusalem gebrauchen? Ich bin entschlossen, und ich werde kämpfen, bis ich falle.«

15

AMSTERDAM, JULI 1656

Zwei Tage später, als Bento und Gabriel am Morgen das Geschäft öffneten, kam ein kleiner Junge mit Scheitelkäppchen auf sie zugerannt, blieb keuchend stehen und sagte: »Bento, der Rabbi will dich sprechen. Jetzt sofort. Er wartet in der Synagoge.«

Bento war nicht überrascht: Er hatte diese Vorladung erwartet. Er nahm sich Zeit, den Besen wegzustellen, trank den letzten Schluck Kaffee aus seiner Tasse, nickte Gabriel zum Abschied zu und folgte dem kleinen Jungen schweigend zur Synagoge. Mit einem Ausdruck ernster Besorgnis im Gesicht trat Gabriel vor die Tür und sah den beiden nach, die in der Ferne verschwanden.

In seinem Arbeitszimmer im ersten Stockwerk der Synagoge trommelte Rabbi Saul Levi Mortera in Erwartung Baruch Spinozas ärgerlich mit seiner Schreibfeder auf den Schreibtisch. Er war im Stil eines wohlhabenden holländischen Bürgers gekleidet, Kamelhaarhose und Jacke sowie Lederschuhe mit silbernen Schnallen. Rabbi Mortera, ein hochgewachsener, sechzigjähriger Mann mit rasiermesserscharfer Nase, furchteinflößenden Augen, strengen Lippen und einem sorgfältig getrimmten, grauen Ziegenbart, war vieles – angesehener Gelehrter, überaus produktiver Schriftsteller, leidenschaftlicher intellektueller Kämpfer, siegreicher Streiter in erbitterten Schlachten mit konkurrierenden Rabbinern, beherzter Hüter der Heiligkeit der Thora – aber ein geduldiger Mann war er nicht. Fast eine halbe Stunde war es her, seit er seinen Boten, einen Jungen in der Bar-Mitzwa-Ausbildung, zu seinem missratenen, ehemaligen Schüler geschickt hatte.

Seit siebenunddreißig Jahren führte Saul Mortera majestätisch den Vorsitz der Amsterdamer jüdischen Gemeinde. 1619 war er in sein erstes Amt als Rabbiner von Beth Jacob, einer von drei kleinen sephardischen Synagogen in der Stadt, berufen worden. Als seine Gemeinde sich 1639 mit Neve Shalom und Beth Israel vereinigte, gab man Saul Mortera den Vorzug gegenüber anderen Kandidaten, und er übernahm das Amt des Oberrabbiners der neuen Talmud-Thora-Synagoge. Als mächtiges Bollwerk traditionellen jüdischen Rechts hatte er über Jahrzehnte seine Gemeinde vor der Skepsis und dem Säkularismus portugiesischer Immigranten geschützt, die in Wellen über Amsterdam hereinbrachen; unter ihnen waren viele, die gezwungen worden waren, zum Christentum zu konvertieren, und nur wenige hatten eine frühe traditionelle jüdische Ausbildung genossen. Er war müde: Erwachsene auf die alten Traditionen einzuschwören ist Schwerstarbeit. Die Lektion, die alle religiösen Lehrer irgendwann begreifen müssen, war ihm nur allzu vertraut: Es ist unabdingbar, Schüler einzufangen, solange sie noch sehr jung sind.

Als unermüdlicher Pädagoge entwickelte er einen umfangreichen Lehrplan, stellte viele Lehrer ein, unterrichtete persönlich täglich Hebräisch, die Thora und den Talmud für die älteren Schüler und trug endlose Zweikämpfe mit anderen Rabbinern aus, um seine Interpretationen der Gesetze der Thora durchzusetzen. Einen seiner erbittertsten Kämpfe hatte er fünfundzwanzig Jahre zuvor mit seinem Assistenten und Rivalen, Rabbi Isaac Aboab de Fonseca, ausgefochten. Es war um die Frage gegangen, ob reulose jüdische Sünder und selbst Juden, die die Inquisition unter Androhung der Todesstrafe gezwungen hatte, zum Christentum zu konvertieren, auf ein ewiges Leben im Jenseits hoffen durften. Rabbi Aboab, der wie viele Mitglieder der Gemeinde Conversos in seiner Familie hatte, die in Portugal geblieben waren, argumentierte, dass ein Jude immer ein Jude bliebe und dass alle Juden am Ende in die zukünftige himmlische Welt eintreten dürften. Jüdisches Blut sei unzerstörbar, behauptete er, und könne durch nichts ausradiert werden, nicht einmal durch Konversion zu einer anderen Religion. Paradoxerweise untermauerte er seine Behauptung mit einem Verweis auf Königin Isabella von Spanien, die große Feindin der Juden, welche die Unzerstörbarkeit des jüdischen Blutes anerkannte, als sie die Limpiezas de Sangre einführte, Blutgesetze, denen zufolge es »Neuchristen« – also jüdischen Conversos – verwehrt war, wichtige staatsbürgerliche und militärische Ämter zu bekleiden.

Rabbi Morteras Position als Hardliner entsprach seiner Physis – unnachgiebig, kompromisslos, oppositionell –, und er beharrte darauf, dass allen reulosen Juden, welche jüdisches Gesetz brachen, der Zugang zur zukünftigen himmlischen Welt für alle Ewigkeit verwehrt war und sie stattdessen ewige Verdammnis erleiden sollten. Gesetz war Gesetz, da gab es keine Ausnahmen, auch nicht für diejenigen Juden, die sich der portugiesischen und spanischen Inquisition nur deshalb unterwarfen, um der angedrohten Todesstrafe zu entgehen. Alle Juden, die nicht beschnitten waren, die die Speisevorschriften nicht einhielten, die den Sabbat oder andere der Myriaden von religiösen Vorschriften nicht befolgten, sollten ewige Verdammnis erleiden.

Morteras unversöhnliche Deklaration erzürnte die Amsterdamer Juden, die Conversos in ihrer Verwandtschaft hatten, welche noch immer in Portugal oder Spanien lebten, doch er ließ sich nicht erweichen. So erbittert und entzweiend war die anschließende Debatte, dass die ältesten Gemeindemitglieder das Rabbinat von Venedig anriefen und baten, zu intervenieren und eine endgültige Interpretation des jüdischen Gesetzes vorzulegen. Die venezianischen Rabbiner stimmten widerwillig zu und lauschten den oftmals hitzig vorgetragenen Argumenten der Delegierten beider Seiten in der festgefahrenen Debatte. Zwei Stunden lang brüteten sie über ihrer Antwort. Mägen knurrten. Das Abendessen wurde verschoben, und schließlich kamen sie zu der einstimmigen Entscheidung, dass sie keine Entscheidung trafen: Sie wollten sich nicht an dieser dornenreichen Debatte beteiligen und verfügten, dass das Problem innerhalb der Amsterdamer Kongregation selbst gelöst werden müsse.

Doch die Amsterdamer Gemeinde konnte keine Lösung finden, und um eine irreparable Spaltung zu verhindern, entsandten sie eilig eine zweite Notdelegation nach Venedig, welche mit noch mehr Nachdruck für eine Intervention von außen plädierte. Schließlich kam das venezianische Rabbinat zu einem Beschluss und unterstützte die Ansicht Saul Morteras (der, nebenbei bemerkt, in der Jeschiva in Venedig ausgebildet worden war). Die Delegation eilte mit dem rabbinischen Urteil nach Amsterdam zurück, und vier Wochen später standen viele Mitglieder der Kongregation mit düsteren Mienen am Hafen, während die Habseligkeiten von Rabbi Aboab auf ein Schiff nach Brasilien verladen wurden. Sie winkten dem niedergeschlagenen Rabbi und seiner Familie nach, der nun rabbinische Aufgaben in der fernen Hafenstadt Recife übernehmen sollte. Von diesem Zeitpunkt an würde kein Rabbiner in Amsterdam sich jemals wieder gegen Rabbi Mortera stellen.

An diesem Tag sah Saul Mortera sich mit einer weit persönlicheren, schmerzhaften Krise konfrontiert. Die Parnassim der Synagoge waren am Abend zuvor zusammengekommen, hatten eine Entscheidung zum Spinoza-Problem gefasst und ihren Rabbiner angewiesen, Baruch von seiner Exkommunikation in Kenntnis zu setzen, die zwei Tage später in der Talmud-Thora-Synagoge ausgesprochen werden sollte. Vierzig Jahre lang hatte Baruchs Vater, Michael Spinoza, zu einem der engsten Freunde und Unterstützer Saul Morteras gezählt. Michaels Name stand auf dem Treuhandvertrag für den Kauf von Beth Jacob, und über Jahrzehnte hatte er die Finanzen (aus denen das Gehalt des Rabbis bezahlt wurde) und weitere karitative Einrichtungen der Synagoge großzügig unterstützt. In dieser ganzen Zeit hatte Michael so gut wie nie bei den Mitgliederversammlungen der Krone des Gesetzes gefehlt, Rabbi Morteras Erwachsenenbildungsgruppe, die sich beim Rabbi zu Hause traf. Und unzählige Male hatte Michael, manchmal in Begleitung seines Sohnes, des Wunderkindes Baruch, zusammen mit nicht weniger als vierzig Leuten an seinem Tisch zu Abend gegessen. Darüber hinaus hatten Michael und auch Michaels älterer Bruder Abraham oft als Parnassim fungiert, als Mitglieder des Gemeindevorstandes, der obersten Instanz für die Lenkung der Synagoge.

Doch nun grübelte der Rabbiner: Jeden Augenblick … Wo blieb Baruch überhaupt? Er würde heute den Sohn seines lieben Freundes über die Kalamitäten unterrichten müssen, die ihn erwarteten. Saul Mortera hatte bei Baruchs Beschneidung die Gebete gesprochen, dessen makellosen Bar-Mitzwa-Vortrag beaufsichtigt und über die Jahre seine Entwicklung verfolgt. Welch erstaunliche Begabungen dieser Junge doch hatte, Begabungen wie kein anderer! Jeder Unterricht war ihm anscheinend zu einfach, er saugte alle Informationen wie ein Schwamm auf, und während die übrige Klasse sich mit dem normalen Lehrplan abmühte, gaben ihm die Lehrer immer fortgeschrittenere Texte zum Durcharbeiten. Manchmal sorgte Rabbi Mortera sich, dass der Neid der anderen Schüler in Feindseligkeit gegenüber Baruch umschlagen könnte. Aber dazu kam es nie: Seine Talente waren so offensichtlich, so außerhalb jeglichen Fassungsvermögens, dass er von den anderen Schülern ausgesprochen respektiert und geschätzt wurde, und oft fragten sie ihn und nicht die Lehrer um Rat, wenn verzwickte Probleme bei Übersetzungen oder Interpretationen zu lösen waren. Rabbi Mortera erinnerte sich, dass auch er Baruch bewundert hatte und Michael bei vielen Gelegenheiten bat, Baruch zum Abendessen mitzubringen, wenn er einem berühmten Gast etwas Besonderes bieten wollte. Aber nun seufzte Saul Mortera: Baruchs goldene Periode zwischen vier und vierzehn Jahren war längst vorüber. Der Junge hatte sich verändert, hatte eine falsche Richtung eingeschlagen; nun musste die gesamte Gemeinde der Gefahr ins Auge sehen, dass das Wunderkind sich in ein Monster verwandelte, das seinesgleichen verschlang.

Schritte knarrten auf der Treppe. Baruch war eingetroffen. Rabbi Mortera blieb sitzen, und als Baruch an seiner Tür auftauchte, drehte er sich nicht zu ihm um, um ihn zu begrüßen, sondern deutete nur auf einen niedrigen, unbequemen Stuhl neben seinem Schreibtisch und sagte schroff: »Setz dich dorthin. Ich habe dir katastrophale Neuigkeiten zu verkünden, Neuigkeiten, welche dein Leben für immer verändern werden.« Er sprach mit ihm auf Portugiesisch, leicht stockend zwar, aber annehmbar. Obwohl Rabbi Mortera von den Aschkenasen und nicht von den Sepharden abstammte und obwohl er in Italien geboren und aufgewachsen war, hatte er eine Marranin geheiratet und so passabel Portugiesisch sprechen gelernt, dass er am Sabbat Hunderte von Predigten vor einer Gemeinde mit überwiegend portugiesischer Herkunft halten konnte.

Bento sprach mit ruhiger Stimme: »Zweifellos ist folgendes geschehen: Die Parnassim haben beschlossen, mich zu exkommunizieren und Sie beauftragt, den Cherem alsbald in einer öffentlichen Zeremonie in der Synagoge zu verhängen.«

»Unverschämt wie immer, muss ich feststellen. Ich sollte mich inzwischen daran gewöhnt haben, doch bin ich nach wie vor verblüfft über die Wandlung eines weisen Kindes in einen törichten Erwachsenen. Mit deiner Vermutung hast du Recht, Baruch – genau das ist deren Anweisung an mich. Morgen wirst du tatsächlich unter Cherem gestellt und für alle Zeiten aus dieser Gemeinde ausgeschlossen. Aber ich widerspreche deinem nachlässigen Gebrauch des Verbs ›geschehen‹. Bilde dir nur nicht ein, der Cherem sei nur etwas, was dir ›geschehen‹ ist. Vielmehr bist du es, der den Cherem mit deinen eigenen Handlungen selbst auf sich geladen hat.«

Baruch öffnete den Mund, um zu antworten, aber der Rabbiner ließ sich nicht unterbrechen: »Dennoch ist vielleicht noch nicht alles verloren. Ich bin ein loyaler Mann, und meine lange Freundschaft zu deinem seligen Vater gebietet es, dass ich alles tue, was in meiner Macht steht, um dir Schutz und Führung anzubieten. Was ich nun von dir erwarte, ist, dass du einfach sitzen bleibst und zuhörst. Ich unterrichte dich schon, seit du fünf Jahre alt bist, und für einen weiteren Unterricht bist du noch nicht zu alt. Ich möchte dir eine ganz besondere Geschichtsstunde erteilen. Lass uns zum antiken Spanien, dem Land deiner Vorfahren, zurückgehen«, begann Saul Mortera so eindringlich wie in seinen Predigten. »Du weißt doch, dass die ersten Juden vor vielleicht tausend Jahren nach Spanien kamen? Und dass sie dort jahrhundertelang in Frieden mit den Mauren und den Christen lebten, obwohl sie überall sonst Anfeindungen ausgesetzt waren?«

Baruch nickte müde und verdrehte die Augen.

Rabbi Mortera registrierte es, ließ es aber durchgehen. »Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert wurden wir aus einem Land nach dem anderen vertrieben, zuerst aus England, dem Ursprung der vermaledeiten Ritualmordlegende, der zufolge wir beschuldigt wurden, mit dem Blut nichtjüdischer Kinder Matzen zu backen, dann warf uns Frankreich hinaus, dann die Städte in Deutschland, Italien und Sizilien – praktisch ganz Europa – außer Spanien, wo weiterhin die Convivencia galt und Juden, Christen und Mauren sich friedlich miteinander vermischten. Aber die schrittweise Wiedereroberung Spaniens durch die Christen leitete den Niedergang dieser goldenen Periode ein. Und du weißt vom Ende der Convivencia im Jahr 1391?«

»Ja, ich weiß von den Vertreibungen und von den Pogromen in Kastilien und Aragon im Jahr 1391. Das weiß ich alles. Und Sie wissen, dass ich das weiß. Warum erzählen Sie mir das heute?«

»Ich weiß, dass du es zu wissen glaubst. Aber es gibt Wissen, und es gibt wahres Wissen, Wissen tief in deinem Inneren, und diese Stufe hast du noch nicht erreicht. Ich bitte dich im Augenblick nur darum zuzuhören. Sonst nichts. Alles wird sich mit der Zeit aufklären.

Was an 1391 tatsächlich anders war«, fuhr der Rabbiner fort, »war, dass Juden nach dem Pogrom zum allerersten Mal in der Geschichte begannen, zum Christentum zu konvertieren – und sie konvertierten in hellen Scharen, zu Tausenden, zu Zehntausenden. Die spanischen Juden gaben auf. Sie waren schwach. Sie beschlossen, dass unsere Thora – das direkte Wort Gottes – und unser dreitausend Jahre altes Erbe den Preis einer fortwährenden Bedrohung nicht wert waren.

Diese massenhafte jüdische Konversion war von welterschütternder Bedeutung: Nie zuvor in der Geschichte hatten wir Juden unseren Glauben aufgegeben. Vergleiche das mit der Reaktion der Juden von 1096. Kennst du dieses Datum? Weißt du, worauf ich mich beziehe, Baruch?«

»Zweifellos meinen Sie die Juden, die bei den Pogromen während der Kreuzzüge abgeschlachtet wurden – das Pogrom in Mainz von 1096.«

»In Mainz und anderswo im ganzen Rheinland. Jawohl, abgeschlachtet. Und weißt du, wer die Schlächter anführte? Die Mönche! Wann immer Juden abgeschlachtet werden, finden sich die Männer des Kreuzes an vorderster Front der Meute. Ja, diese edlen Juden aus Mainz, diese wunderbaren Märtyrer, sie entschieden sich für den Tod statt für die Konversion – viele hielten den Mördern den Kopf hin, und viele andere schlachteten lieber ihre eigenen Familien ab, als sie von den Schwertern der Heiden schänden zu lassen. Sie starben lieber, statt zu konvertieren.«

Bento sah ihn ungläubig an. »Und das begrüßen Sie? Sie halten es für rühmlich, die eigene Existenz zu beenden und bei dieser Gelegenheit gleich auch die eigenen Kinder zu ermorden, um …«

»Baruch, du musst noch viel lernen, wenn du keinen Grund für würdig erachtest, dein eigenes, unbedeutendes Leben niederzulegen, doch es ist in diesem Augenblick zu wenig Zeit, um dich über solche Dinge zu unterrichten. Du bist heute nicht hier, um deine Unverschämtheiten zur Schau zu stellen. Dafür ist später noch genügend Zeit. Ob es dir gefällt oder nicht, du befindest dich nun am großen Scheideweg deines Lebens, und ich versuche, dir zu helfen, deinen Weg zu wählen. Ich möchte, dass du aufmerksam und schweigend meinem Bericht darüber lauschest, in welcher Gefahr sich unsere gesamte jüdische Zivilisation derzeit befindet.«

Bento hielt den Kopf aufrecht, atmete ruhig und nahm wahr, wie sehr die scharfe Stimme des Rabbiners ihn früher geängstigt hatte und wie wenig Schrecken sie jetzt auf ihn ausübte.

Rabbi Mortera holte tief Luft und fuhr fort: »Im fünfzehnten Jahrhundert gab es noch immer Zehntausende neuer Konversionen in Spanien, darunter waren auch Mitglieder deiner Familie. Aber der Blutdurst der katholischen Kirche war noch immer nicht gestillt. Sie behauptete, dass Conversos nicht christlich genug seien, dass manche von ihnen noch immer jüdische Gefühle hegten, und sie beschloss, Inquisitoren auszuschicken, die alles Jüdische zu Tage fördern sollten. Sie fragten: ›Was haben Sie am Freitag, am Samstag gemacht?‹, ›Zünden Sie Kerzen an?‹ ›An welchem Tag wechseln Sie die Bettwäsche?‹, ›Wie bereiten Sie Ihre Suppen zu?‹ Und wenn die Inquisitoren irgendwelche Spuren jüdischer Merkmale, jüdischer Bräuche oder jüdischer Speisezubereitungen entdeckten, verbrannten die freundlichen Priester diese Menschen bei lebendigem Leibe auf dem Scheiterhaufen. Aber selbst dann waren sie von der Reinheit der Conversos noch nicht überzeugt. Jede Spur des Juden musste ausgemerzt werden. Sie wollten nicht, dass der Blick eines Conversos auf einen praktizierenden Juden fiel, denn sie befürchteten, dass dadurch die alten Bräuche wieder aufleben könnten. Deshalb vertrieben sie 1492 alle Juden, jeden einzelnen von ihnen, aus Spanien. Viele, darunter auch deine eigenen Vorfahren, gingen nach Portugal, erfreuten sich dort aber nur einer kurzen Verschnaufpause. Fünf Jahre später verfügte der König von Portugal, dass jeder Jude sich zwischen Konversion oder Vertreibung entscheiden müsse. Und wiederum wählten Zehntausende die Konversion und waren für unseren Glauben verloren. Das war der geschichtliche Tiefpunkt des Judentums, ein solcher Tiefpunkt, dass viele, darunter auch ich, glaubten, die Ankunft des Messias stünde kurz bevor. Du erinnerst dich, dass ich dir die großartige, dreibändige Messianische Trilogie von Isaac Abrabanel geliehen hatte, in der genau dies postuliert wird?«

»Ich erinnere mich, dass Abrabanel kein rationales Argument vorbringt, weshalb die Juden an ihrem Tiefpunkt angekommen sein müssen, um dieses mythische Ereignis auszulösen. Nicht einmal eine Erklärung dafür, weshalb ein allmächtiger Gott nicht in der Lage sein soll, sein auserwähltes Volk zu schützen, und sie gar nicht erst zu diesem Punkt kommen lässt, noch weshalb …«

»Schweige still. Höre heute einfach nur zu, Baruch«, bellte der Rabbiner. »Befolge nur ein einziges Mal, vielleicht zum letzten Mal, genau das, was ich dir sage. Wenn ich dir eine Frage stelle, antworte nur mit ja oder nein. Ich habe dir nur noch ein paar Dinge zu sagen. Ich sprach gerade über den tiefsten Punkt in der jüdischen Geschichte. Wo konnten die Juden des ausgehenden fünfzehnten und des sechzehnten Jahrhunderts Schutz suchen? Wo in der ganzen Welt gab es einen sicheren Hort? Einige gingen nach Osten ins ottomanische Königreich oder nach Livorno in Italien, wo sie wegen ihrer wertvollen internationalen Handelsbeziehungen toleriert wurden. Und dann, als nach 1579 die nördlichen Provinzen der Niederlande ihre Unabhängigkeit vom katholischen Spanien proklamierten, fanden einige Juden den Weg hierher nach Amsterdam.

Wie nahmen uns die Holländer auf? Wie kein anderes Volk auf der ganzen Welt. Sie waren vollkommen tolerant gegenüber Religionen. Niemand fragte nach religiösen Überzeugungen. Sie waren Calvinisten, gestanden aber allen das Recht zu, ihren Glauben nach Gutdünken auszuüben – nur den Katholiken nicht. Ihnen gegenüber brachten sie nicht viel Toleranz auf. Aber das geht uns nichts an. Hier wurden wir nicht nur nicht drangsaliert, sondern sogar mit offenen Armen empfangen, denn die Niederlande wollten ein wichtiges Handelszentrum werden, und sie wussten, dass Marranen-Händler dabei helfen konnten, diesen Handel aufzubauen. Bald kamen immer mehr Immigranten aus Portugal ins Land und erfreuten sich einer Toleranz, die es seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben hatte. Und auch andere Juden kamen: Auch arme Aschkenaser Juden ergossen sich aus Deutschland und Osteuropa in Wellen über die Niederlande, um der herrschenden ausufernden Gewalt gegen Juden zu entfliehen. Natürlich fehlte diesen Aschkenaser Juden die Kultur der sephardischen Juden: Sie hatten weder eine Ausbildung noch irgendwelche Fähigkeiten, und die meisten wurden Hausierer, Trödler und Krämer. Aber dennoch hießen wir sie willkommen und gaben ihnen Almosen. Wusstest du, dass dein Vater der Aschkenaser-Spendenbüchse in unserer Synagoge regelmäßig großzügige Spenden zukommen ließ?«

Baruch, der weiterhin schwieg, nickte.

»Und dann«, fuhr Rabbi Mortera fort, »gestanden uns die Amsterdamer Behörden in Absprache mit dem großen Juristen Grotius nach ein paar Jahren offiziell das Recht zu, in Amsterdam zu leben. Anfangs waren wir bescheiden und folgten unserer alten Gepflogenheit, uns unauffällig zu verhalten. Deshalb verzichteten wir darauf, unsere vier Synagogen nach außen hin zu kennzeichnen, sondern hielten unsere Gottesdienste in Gebäuden ab, die wie Privathäuser aussahen. Erst als viele Jahre ohne Schikanen vergangen waren, begriffen wir wirklich, dass wir unseren Glauben offen praktizieren und sicher sein durften, dass der Staat unser Leben und unseren Besitz schützen würde. Wir Juden in Amsterdam haben das außerordentliche Glück, am einzigen Ort der ganzen Welt zu leben, wo Juden frei sein können. Stimmst du dem zu – am einzigen Ort der ganzen Welt?«

Baruch rutschte nervös auf seinem Holzstuhl hin und her und nickte zerstreut.

»Geduld, Geduld, Baruch. Hör nur noch einen Augenblick zu – ich wende mich nun genau den Themen zu, die für dich von äußerster Relevanz sind. Unsere bemerkenswerte Freiheit ist an bestimmte Auflagen geknüpft, welche der Amsterdamer Stadtrat explizit dargelegt hat. Zweifellos weißt du, welche Auflagen das sind?«

»Dass wir den christlichen Glauben nicht diffamieren und nicht versuchen, Christen zu bekehren oder zu heiraten«, antwortete Baruch.

»Es gibt noch mehr. Deine Merkfähigkeit ist erstaunlich, aber du erinnerst dich nicht an die anderen Auflagen. Warum? Vielleicht, weil sie dir nicht genehm sind. Dann will ich sie dir in Erinnerung rufen. Grotius verfügte auch, dass alle Juden über vierzehn Jahre ihren Glauben an Gott, an Moses, an die Propheten und an das Leben nach dem Tode erklären müssen und dass unsere religiösen und zivilen Instanzen garantieren müssen, dass keines unserer Gemeindemitglieder etwas sagt oder tut, was irgendeinen Aspekt der Lehre der christlichen Religion in Zweifel ziehen oder untergraben könnte. Andernfalls riskieren wir, unsere Freiheit zu verlieren.«

Rabbi Mortera hielt inne, wedelte mit dem Zeigefinger und fuhr dann langsam und eindringlich fort: »Diesen letzten Punkt möchte ich dir besonders ans Herz legen, Baruch – es ist ein entscheidender Punkt, den du begreifen musst. Atheismus oder die Missachtung religiöser Gesetze und Instanzen – seien es jüdische oder christliche – ist ausdrücklich verboten. Wenn wir den holländischen zivilen Behörden den Eindruck vermitteln, dass wir uns nicht selbst regieren können, werden wir unsere kostbare Freiheit verlieren und uns abermals der Herrschaft der christlichen Instanzen unterwerfen müssen.«

Rabbi Mortera hielt abermals inne. »Meine Geschichtsstunde ist damit beendet. Meine große Hoffnung ist nun, dass du verstehst, dass wir immer noch ein separiertes Volk sind, dass wir, obwohl wir heute eine begrenzte Freiheit genießen, niemals ganz und gar autonom sein können. Selbst heute ist es nicht einfach, uns als freie Menschen selbst zu erhalten, weil uns so viele Berufe verschlossen sind. Denk daran, Baruch, wenn du über ein Leben ohne diese Gemeinde nachdenkst. Es könnte sein, dass du den Hungertod wählst.«

Baruch wollte antworten, doch der Rabbiner brachte ihn mit erhobenem Zeigefinger zum Schweigen. »Es gibt noch einen Punkt, den ich ansprechen möchte. In diesen Tagen wird das eigentliche Fundament unserer religiösen Kultur angegriffen. Die Wellen von Immigranten, die noch immer aus Portugal über uns hereinbrechen, sind Juden ohne jegliche jüdische Ausbildung. Es war ihnen verboten, Hebräisch zu lernen; sie wurden gezwungen, die katholische Glaubenslehre zu lernen und den katholischen Glauben zu praktizieren. Sie stehen zwischen zwei Welten, mit einem unsicheren Glauben an die katholische Lehre einerseits und an jüdische Glaubensgrundsätze andererseits. Es ist meine Mission, sie zurückzugewinnen, sie wieder nach Hause zu holen, zurück zu ihren jüdischen Wurzeln zu führen. Unsere Gemeinde wächst und entwickelt sich: Wir bringen bereits Wissenschaftler, Poeten, Stückeschreiber, Kabbalisten, Mediziner und Drucker hervor. Wir stehen an der Schwelle zu einer bedeutenden Renaissance, und es gibt hier einen Platz für dich. Deine Bildung, dein wacher Geist und deine Begabung als Lehrer wären uns eine unendlich große Hilfe. Wenn du an meiner Seite unterrichtetest und meine Aufgaben übernähmest, wenn ich nicht mehr bin, würdest du die Träume deines Vaters erfüllen – und auch meine Träume.«

Verblüfft sah Baruch dem Rabbiner in die Augen: »Was meinen Sie mit ›meine Aufgaben übernehmen‹? Ihre Worte verwirren mich. Vergessen Sie nicht, dass ich ein Krämer bin, und ich stehe unter Cherem

»Der Cherem steht noch bevor. Er ist erst dann Wirklichkeit, wenn ich ihn in der Synagoge öffentlich ausgesprochen habe. Ja, die Parnassim sind die letzte Instanz, aber mein Einfluss auf sie ist groß. Zwei Marranen, Franco Benitez und Jacob Rodriguez, die sich uns gerade erst angeschlossen haben, legten gestern vor den Parnassim Zeugnis ab, ein Zeugnis, welches dich schwer belastet. Sie berichteten, du glaubtest, dass Gott nichts weiter als die Natur sei und dass es kein Leben nach dem Tod gebe. Ja, das war schwerwiegend, doch unter uns gesagt, misstraue ich ihrer Aussage, und ich weiß, dass sie deine Worte verzerrt haben. Sie sind Neffen von Duarte Rodriguez, der dir noch immer zürnt, weil du dich an das holländische Gericht wandtest, um deine Schuld an ihn nicht bezahlen zu müssen. Ich bin davon überzeugt, dass er sie zum Lügen anstiftete. Und glaube mir, ich bin nicht der Einzige, der das glaubt.«

»Sie haben nicht gelogen, Rabbi.«

»Baruch, besinne dich. Ich kenne dich seit deiner Geburt, und ich weiß, dass du wie jeder andere von Zeit zu Zeit auf törichte Gedanken kommen kannst. Ich flehe dich an: Studiere mit mir, lass mich deine Seele läutern. Und nun höre mir zu. Ich schlage dir ein Angebot vor, das ich niemandem sonst auf der Welt vorschlagen würde. Ich bin sicher, dass ich dir eine lebenslange Rente garantieren kann, welche dich auf Dauer vom Handelsgeschäft befreit und in ein Leben als Gelehrter führt. Hörst du? Ich biete dir das Geschenk eines Lebens für die Wissenschaft, ein Leben mit Lesen und Denken. Du darfst sogar verbotene Gedanken denken, während du in der rabbinischen Wissenschaft nach bestätigenden oder widersprüchlichen Hinweisen suchst. Denke über mein Angebot nach: ein Leben in vollkommener Freiheit. Es ist nur an eine einzige Bedingung geknüpft: Schweigen. Du musst zustimmen, dass du alle Gedanken für dich behältst, die unserem Volk Schaden zufügen.«

Baruch schien tief in Gedanken versunken. Nach langem Schweigen fragte der Rabbiner: »Was sagst du dazu, Baruch? Nun, wenn es an der Zeit ist, dass du sprichst, bleibst du stumm.«

»Öfter, als ich mich erinnern kann«, antwortete Baruch mit ruhiger Stimme, »sprach mein Vater von seiner Freundschaft zu Ihnen und seiner großen Wertschätzung für Sie. Er erzählte mir auch von Ihrer hohen Meinung, was meinen Verstand betrifft – ›grenzenlose Intelligenz‹, das waren die Worte, die er Ihnen zuschrieb. Waren das tatsächlich Ihre Worte? Hat er Sie korrekt zitiert?«

»Das waren meine Worte.«

»Ich glaube, dass die Welt und alles auf ihr nach natürlichen Gesetzen abläuft und dass ich meine Intelligenz dazu nutzen kann, das Wesen Gottes, die Wirklichkeit und den Weg zu einem glückseligen Leben zu entdecken, vorausgesetzt, ich setze sie auf vernünftige Weise ein. Das sagte ich Ihnen schon einmal, nicht wahr?«

Rabbi Mortera legte seinen Kopf in die Hände und nickte.

»Und dennoch schlagen Sie mir heute vor, dass ich mein Leben damit verbringen soll, meine Ansichten durch Hinzuziehen der rabbinischen Wissenschaft bestätigen oder widerlegen zu lassen. Das ist nicht meine Art, und das wird sie auch nicht sein. Die rabbinische Autorität beruht nicht auf der reinen Wahrhaftigkeit. Sie beruht nur auf den geäußerten Ansichten von Generationen abergläubischer Wissenschaftler, Wissenschaftler, die glaubten, dass die Welt eine Scheibe ist, die von der Sonne umkreist wird, und dass plötzlich ein Mann namens Adam aufgetaucht ist und zum Urvater der menschlichen Rasse wurde.«

»Du leugnest die Göttlichkeit der Schöpfung?«

»Leugnen Sie die Beweise, dass es bereits lange vor den Israeliten Zivilisationen gab? In China? In Ägypten?«

»Was für eine Gotteslästerung. Begreifst du nicht, dass du damit deinen Platz im Jenseits aufs Spiel setzest?«

»Es gibt keinen vernünftigen Beweis für die Existenz eines Lebens nach dem Tode.«

Rabbi Mortera war wie vom Donner gerührt. »Das entspricht genau dem, wie die Neffen Duarte Rodriguez’ dich zitierten. Und ich dachte, sie hätten auf Befehl ihres Onkels gelogen.«

»Ich glaube, Sie haben mich nicht gehört, oder Sie wollten mich nicht hören, Rabbi, als ich vorhin sagte: ›Sie haben nicht gelogen.‹«

»Und die anderen Behauptungen, die sie aufstellten? Dass du den göttlichen Ursprung der Thora leugnest, dass Moses die Thora nicht geschrieben hat, dass Gott nur auf eine philosophische Art existiert und dass zeremonielle Vorschriften nicht heilig sind?«

»Die Neffen haben nicht gelogen, Rabbi.«

Rabbi Mortera starrte Baruch an, und seine Seelenqual schlug in Wut um. »Jede einzelne dieser Behauptungen ist ein Grund für einen Cherem; zusammengenommen verdienen sie den größten Cherem, der jemals ausgesprochen wurde.«

»Sie waren mein Lehrer für Hebräisch, und Sie haben mich gut unterrichtet. Erlauben Sie mir, mich dadurch erkenntlich zu zeigen, dass ich den Cherem für Sie zusammenstelle. Sie zeigten mir einmal einige der brutalsten Cherems, die von der venezianischen Gemeinde verhängt wurden, und ich kann mich noch an jedes einzelne Wort erinnern.«

»Ich sagte vorhin, dass für deine Unverschämtheiten später noch Zeit genug sein wird. Jetzt stelle ich fest, dass es schon so weit ist.« Rabbi Mortera hielt inne, um sich zu sammeln. »Du willst mich töten. Du willst mein Werk vollkommen zerstören. Du weißt, dass mein Lebenswerk die zentrale Rolle eines Lebens nach dem Tode im jüdischen Gedanken und der jüdischen Kultur umfasst. Du kennst mein Buch She’erut Ha-Nefesh, das ich dir anlässlich deiner Bar Mitzwa überreicht habe. Du kennst meine große Debatte mit Rabbi Aboab über dieses Thema und dass ich den Sieg errungen habe?«

»Ja, natürlich.«

»Du tust das einfach so ab. Hast du überhaupt eine Vorstellung davon, was dabei auf dem Spiel stand? Wenn ich diese Debatte verloren hätte, wenn verfügt worden wäre, dass alle Juden einen gleichen Status im Jenseits hätten und dass Tugend unbelohnt bliebe und Übertretungen keine Strafe nach sich zögen: Kannst du denn die Auswirkungen auf die Gemeinde nicht vorhersehen? Wenn ihnen ein Platz im Jenseits zugesichert würde, was wäre dann wohl ihr Anreiz, wieder zum Judentum zu konvertieren? Wenn es keine Strafen für Verfehlungen gäbe, kannst du dir vorstellen, was die holländischen Calvinisten dann von uns denken würden? Wie lange würde unsere Freiheit wohl noch dauern? Glaubst du, das war ein Spiel für mich? Denk an die Folgen.«

»Ja, diese bedeutende Debatte – Ihre Worte haben mir gerade bewiesen, dass es in dieser Debatte nicht um spirituelle Wahrheit ging. Zweifellos war das venezianische Rabbinat darüber bestürzt. Sie beide haben sich über unterschiedliche Arten des Lebens nach dem Tod gestritten, und zwar aus Gründen, die nichts mit der Realität eines Jenseits zu tun hatten. Sie versuchen, das gemeine Volk mittels Angst und Hoffnung – den traditionellen Keulen der religiösen Führer aller geschichtlicher Epochen – unter Kontrolle zu halten. Sie behaupten wie alle rabbinischen Autoritäten weltweit, den Schlüssel zum Leben nach dem Tod in Händen zu halten, und Sie benutzen diesen Schlüssel, um politische Kontrolle zu erlangen. Andererseits vertrat Rabbi Aboab seinen Standpunkt, um sich der Seelenqualen seiner Kongregation anzunehmen, welche ihren Converso-Familien Hilfe anbieten wollte. Das war keine spirituelle Meinungsverschiedenheit. Es war eine politische Debatte, die in der Verkleidung einer religiösen daherkam. Weder Sie noch er führten irgendeinen Beweis für die Existenz eines Lebens nach dem Tode an, weder einen auf Vernunft gegründeten Beweis noch einen Beweis aufgrund der Worte in der Thora. Ich kann Ihnen versichern, dass der Beweis in der Thora nicht zu finden ist, und das wissen Sie.«

»Du hast offensichtlich nicht wahrgenommen, was ich dir über meine Verantwortung gegenüber Gott und dem Fortbestehen unseres Volkes gesagt habe«, erwiderte Rabbi Mortera.

»Vieles von dem, was religiöse Führer machen, hat wenig mit Gott zu tun«, antwortete Bento. »Im vergangenen Jahr verhängten Sie einen Cherem gegen einen Mann, der es vorgezogen hatte, sein Fleisch bei einem Aschkenaser Metzger statt bei einem sephardischen Metzger zu kaufen. Glauben Sie, dass das für Gott relevant ist?«

»Es war ein kleiner Cherem und ausgesprochen lehrreich für die Bedeutung des Zusammenhalts in der Gemeinde.«

»Und vergangenen Monat erfuhr ich, dass Sie eine Frau aus einem kleinen Dorf, in dem es keinen jüdischen Bäcker gab, anwiesen, sie dürfe ihr Brot nur dann bei einem nichtjüdischen Bäcker kaufen, wenn sie ein Stück Holz in seinen Ofen würfe und so am Backen des Brotes beteiligt wäre.«

»Als die Frau mich aufsuchte, war sie völlig durcheinander, und sie verließ mich erleichtert und glücklich.«

»Diese Frau verließ Sie noch verwirrter, als sie vorher war, noch unfähiger, für sich selbst zu denken und ihre rationalen Fähigkeiten zu entwickeln. Genau darum geht es mir: Religiöse Autoritäten aller Schattierungen trachten danach, die Entwicklung unserer rationalen Fähigkeiten zu verhindern.«

»Wenn du glaubst, dass unser Volk ohne Kontrolle und ohne Autoritäten überleben kann, bist du ein Narr.«

»Ich glaube, dass religiöse Führer ihre spirituelle Orientierung verlieren, wenn sie sich in Angelegenheiten des politischen Staates mischen. Ihre Autorität oder ihre Beratung sollte sich darauf beschränken, Ratschläge zur persönlichen Frömmigkeit zu erteilen.«

»Die Angelegenheiten des politischen Staates? Hast du nicht begriffen, was in Spanien und Portugal geschehen ist?«

»Genau darauf will ich hinaus: Das waren religiöse Staaten. Religion und Staatlichkeit müssen getrennt sein. Der denkbar beste Herrscher wäre ein frei gewählter Führer, der von einer unabhängig gewählten Ratsversammlung in seiner Macht beschränkt wird und der in Übereinstimmung mit dem öffentlichen Frieden, der Sicherheit und dem Wohl der Bürger handelt.«

»Baruch, es ist dir gelungen, mich davon zu überzeugen, dass du ein einsames Leben führen wirst und dass deine Zukunft nicht nur von Gotteslästerung, sondern auch von Verrat gekennzeichnet sein wird. Geh mir aus den Augen.«

Während er Baruchs Schritten nachhorchte, die sich auf der Treppe entfernten, hob Rabbi Mortera den Blick zum Himmel und murmelte: »Michael, mein Freund, ich habe für deinen Sohn getan, was ich konnte. Ich habe zu viele andere Seelen, die ich schützen muss.«

16

MÜNCHEN, 1919

Stellen Sie sich diese Szene vor: Ein schäbig gekleideter, arbeitsloser, jugendlicher Immigrant, der noch nichts veröffentlicht hat, den Löffel für die Suppenküche in der Brusttasche seines Hemdes, stürmt in das Büro eines bekannten Journalisten, Dichters und Politikers und platzt heraus: »Können Sie einen Streiter gegen Jerusalem gebrauchen?«

Der Beginn eines Bewerbungsgespräches, das bestimmt unter keinem guten Stern steht! Jeder verantwortungsvolle, wohlerzogene, kultivierte Chefredakteur würde den Eindringling schnell als kindisch, bizarr und vielleicht sogar gefährlich einstufen und vor die Tür setzen. Aber nein – wir schreiben das Jahr 1919, der Ort war München, und Dietrich Eckart war von den schönen Worten des Jugendlichen beeindruckt.

»Nun, junger Krieger, dann zeigen Sie mir Ihre Waffen.«

»Mein Geist ist mein Bogen, und meine Worte sind …« Er holte seinen Stift aus der Tasche, fuchtelte damit über seinem Kopf herum und rief aus: »Meine Worte sind meine Pfeile!«

»Gut gesagt, junger Krieger. Und nun erzählen Sie mir von Ihren Heldentaten, von Ihren Attacken auf Jerusalem.«

Alfred bebte vor Aufregung, als er seine Anti-Jerusalem-Attacken aufzählte: das fast auswendig gelernte Buch Houston Stewart Chamberlains, seine antisemitische Wahlrede als Siebzehnjähriger, seine Konfrontation mit dem Direktor und vermuteten Juden Epstein (allerdings verzichtete er darauf, Spinoza zu erwähnen), seine Ekelgefühle beim Anblick der jüdisch-bolschewistischen Revolution, seine neueste mitreißende antijüdische Rede auf der Bürgerversammlung in Reval, sein Vorhaben, einen Augenzeugenbericht über die revoltierenden jüdischen Bolschewisten zu schreiben, seine Geschichtsforschung über die drohende Gefahr durch jüdisches Blut.

»Ein ausgezeichneter Anfang. Aber nur ein Anfang. Nun müssen wir das Kaliber Ihrer Waffen inspizieren. Liefern Sie mir in vierundzwanzig Stunden tausend Wörter Ihres Augenzeugenberichts über die bolschewistische Revolution. Dann werden wir sehen, ob der Artikel eine Veröffentlichung verdient hat.«

Alfred machte keine Anstalten zu gehen. Er sah Dietrich Eckart an, einen imposanten Mann mit rasiertem Schädel, blauen Augen hinter einer dunkel gerahmten Brille, kurzer, fleischiger Nase und breitem, ziemlich brutalem Kinn.

»Vierundzwanzig Stunden, junger Mann. Höchste Zeit loszulegen.«

Alfred sah sich um; ganz offensichtlich widerstrebte es ihm, Eckarts Büro zu verlassen. Dann ein schüchternes: »Gibt es hier vielleicht einen Schreibtisch, eine ruhige Ecke und ein wenig Schreibpapier, das ich bekommen könnte? Ich habe nur die Bücherei, die momentan mit ungebildeten Flüchtlingen überfüllt ist, die eine warme Stube suchen.«

Dietrich Eckart gab seinem Sekretär ein Zeichen: »Führen Sie diesen Bewerber ins hintere Büro. Und geben Sie ihm Papier und einen Schlüssel.« Zu Alfred sagte er: »Es ist schlecht beheizt, aber ruhig und hat einen separaten Eingang. Sie können also notfalls die Nacht durcharbeiten. Auf Wiedersehen bis morgen früh um genau dieselbe Zeit.«

Dietrich Eckart pflanzte die Füße auf seinen Schreibtisch, klopfte seine Zigarre im Aschenbecher aus und lehnte sich zu einem kleinen Nickerchen in seinem Stuhl zurück. Obwohl erst Anfang fünfzig, zeugten schwabbelige Fleischmassen von einem nachlässigen Umgang mit seinem Körper. Als Sohn eines Rechtsanwalts und königlichen Notars in eine wohlhabende Familie hineingeboren, hatte er seine Mutter schon als Kind verloren und seinen Vater ein paar Jahre später. In seinen späten Teenagerjahren driftete er in ein Leben als Bohémien, verfiel den Drogen, und das Vermögen, das sein Vater ihm hinterlassen hatte, löste sich bald in Luft auf. Nach einer Reihe von Fehlstarts als Künstler, als Mitglied radikaler politischer Bewegungen und einem Jahr als Medizinstudent glitt er in eine schwere Morphiumsucht ab, die eine mehrmonatige Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik erforderte. Danach versuchte er sich als Dramatiker, doch keines seiner Werke schaffte es jemals auf die Bühne. Von seinen literarischen Fähigkeiten überzeugt, schob er die Schuld für sein Versagen den Juden zu, die, wie er glaubte, die deutschen Bühnen kontrollierten und sich von seinen politischen Ansichten angegriffen fühlten. Seinen Rachegelüsten entsprang schließlich eine Karriere als professioneller Antisemit: Als Journalist wiedergeboren, gründete er die Zeitschrift Auf gut Deutsch als letzte einer Reihe von Publikationen mit dem Ziel, gegen die Macht der Juden anzukämpfen. Das Jahr 1919 war glückverheißend, sein journalistischer Stil fesselnd, und bald wurde seine Zeitung Pflichtlektüre für diejenigen, die mehr über ruchlose jüdische Machenschaften erfahren wollten.

Obgleich es um Dietrichs Gesundheit schlecht bestellt war und es ihm an Energie mangelte, verspürte er eine unbändige Sehnsucht nach einem Wechsel. Gierig wartete er auf das Kommen des deutschen Heilands – auf einen Mann mit außerordentlicher Stärke und außergewöhnlichem Charisma, der Deutschland zu seiner rechtmäßigen ruhmvollen Position führen sollte. Er erkannte sofort, dass dieser junge, gutaussehende Rosenberg nicht dieser Mann war: Rosenbergs erbärmliches Trachten nach Anerkennung trat hinter seinem dreisten Auftreten allzu offensichtlich zutage. Aber vielleicht konnte er ja eine Rolle spielen, wenn es galt, für den, der da kommen sollte, den Weg zu ebnen.

Am folgenden Tag saß Alfred in Eckarts Büro, schlug die Beine ständig nervös übereinander und beobachtete den Journalisten, der die von ihm verfassten tausend Wörter las.

Eckart nahm die Brille ab und sah Alfred an: »Für einen, der ein Diplom in Architektur hat und noch nie eine solche Prosa geschrieben hat, würde ich sagen, dass diese Arbeit nicht völlig hoffnungslos ist. Es stimmt zwar, dass diese tausend Wörter nicht einen einzigen grammatikalisch richtigen Satz beinhalten, aber trotz dieser lästigen Tatsache besitzt Ihr Werk eine gewisse Kraft. Es hat Spannung, Intelligenz und Komplexität, und ich finde darin sogar ein paar, wenn auch nicht genügend anschauliche Beschreibungen. Hiermit darf ich Ihnen verkünden, dass Ihre journalistische Jungfräulichkeit ein Ende hat: Ich werde diesen Artikel veröffentlichen. Aber vor Ihnen liegt eine Menge Arbeit: Jeder einzelne Satz schreit geradezu um Hilfe. Schieben Sie Ihren Stuhl zu mir, Alfred. Wir werden Ihren Artikel Zeile für Zeile durchgehen.«

Eifrig rückte Alfred seinen Stuhl neben Eckart.

»Das hier ist Ihre erste Lektion in Journalismus«, fuhr Eckart fort. »Die Aufgabe eines Schreibers ist es zu kommunizieren. Doch ach, viele Ihrer Sätze sind sich dieses einfachen Diktums nicht bewusst und versuchen stattdessen, zu verschleiern oder zu vermitteln, dass der Autor viel mehr weiß, als er sagen will. Auf die Guillotine mit all diesen Sätzen. Sehen Sie, hier, hier und hier.« Dietrich Eckarts roter Stift tanzte mit schwindelerregender Schnelligkeit über den Text, und Alfred Rosenbergs Lehrzeit nahm ihren Anfang.

Alfreds redigiertes Werk wurde innerhalb einer Serie »Das Judentum in und außer uns« veröffentlicht, und bald schon verfasste er mehrere weitere Augenzeugenberichte über das bolschewistische Chaos, die nach und nach stilistische Verbesserungen aufwiesen. Nach ein paar Wochen stand er als Eckarts Assistent auf der Gehaltsliste, und nach wenigen Monaten war Eckart so zufrieden, dass er Alfred bat, das Vorwort zu seinem Buch Totengräber Russlands zu schreiben, das in blutrünstigen Einzelheiten schilderte, wie die Juden die zaristische Regierung in Russland unterminiert hatten.

Dies waren Alfreds glückliche Tage, und bis zu seinem Lebensende sollte er vor Freude strahlen, wenn er an die Zeit zurückdachte, als er Seite an Seite mit Eckart gearbeitet und ihn im Taxi begleitet hatte, wenn sie Eckarts feuriges Flugblatt An alle Werktätigen über ganz München verteilten. Endlich hatte Alfred ein Zuhause, einen Vater, eine Bestimmung.

Von Eckart ermuntert, schloss er seine Geschichtsforschung über die Juden ab und veröffentlichte innerhalb eines Jahres sein erstes Buch Die Spur des Juden im Wandel der Zeiten. Es barg die Saat dessen, was sich später zu den wichtigsten Motiven des nationalsozialistischen Antisemitismus entwickeln sollte: der Jude als Ursprung destruktiven Materialismusses, von Anarchie und Kommunismus, die Gefahren des jüdischen Freimaurertums, die heimtückischen Träume jüdischer Philosophen von Esra und Ezechiel bis Marx und Trotzki und vor allem anderen die Bedrohung höherer Zivilisationen durch eine Verschmutzung mit jüdischem Blut.

Unter Eckarts Führung machte Alfred sich zunehmend klar, dass der deutsche Werktätige, von jüdischen Wucherern schon in die Knie gezwungen, von christlicher Ideologie noch weiter unterjocht und geknebelt wurde. Eckart gewöhnte sich daran, sich bei geschichtlichen Zusammenhängen auf Alfred zu verlassen, nicht nur im Zusammenhang mit dem Antisemitismus, sondern auch wenn es galt, der Entwicklung des Jesuitentums aus dem Judentum des Talmud nachzuspüren, um damit auch mächtige, antichristliche Stimmungen zu schüren.

Eckart nahm seinen jungen Protégé zu radikalen politischen Kundgebungen mit und machte ihn mit einflussreichen Politikern bekannt. Bald stellte er sich für Alfred als Bürgen für eine Mitgliedschaft bei der Thule-Gesellschaft zur Verfügung und begleitete ihn zu dessen erster Versammlung dieses illustren Geheimbundes.

Nachdem Eckart Alfred mit mehreren Mitgliedern bekannt gemacht hatte, ließ er ihn allein, um sich mit mehreren Kollegen zu vertraulichen Gesprächen zurückzuziehen. Alfred schaute sich um. Dies war eine neue Welt – kein Bierkeller, sondern ein nobler Versammlungsraum im prächtigen Münchner Hotel Vier Jahreszeiten. Nie zuvor war er in einem solchen Saal gewesen. Er prüfte die flauschige Dicke des roten Teppichs unter seinen abgewetzten Schuhen und hob den Blick zur reich verzierten Decke, auf der sich Schäfchenwolken und pausbäckige Engel tummelten. Weit und breit war kein Bier in Sicht, also ging er zum Tisch in der Saalmitte und schenkte sich ein Glas süßen, deutschen Wein ein. Als er die anderen Mitglieder beobachtete, es waren vielleicht einhundertfünfzig, allesamt augenscheinlich wohlhabende, gutgekleidete, übergewichtige Männer, schämte er sich plötzlich seiner eigenen Kleidung, die er Stück für Stück in einem Gebrauchtkleiderladen erstanden hatte.

Wohl wissend, dass er offensichtlich der ärmste und schäbigste Mann im Saal war, bemühte er sich redlich, sich möglichst unauffällig unter seine Thule-Mitbrüder zu mischen. Er versuchte sogar, sich von ihnen abzuheben, indem er sich bei jeder passenden Gelegenheit als philosophischen Schriftsteller bezeichnete. Wenn er allein herumstand, übte er eifrig einen neuen Gesichtsausdruck: Er kräuselte leicht die Lippen, nickte kaum wahrnehmbar und schloss die Augen, womit er vermitteln wollte: »Ja, ich weiß genau, was Sie meinen – ich bin nicht nur im Bilde, sondern weiß sogar noch mehr, als Sie glauben.« Am späteren Abend prüfte er diesen Gesichtsausdruck im Spiegel der Herrentoilette und war zufrieden. Diese Miene sollte bald zu seinem Markenzeichen werden.

»Hallo! Sie sind Dietrich Eckarts Gast?«, fragte ein Mann mit durchdringendem Blick, langem Gesicht, Schnurrbart und dunkel gerahmter Brille. »Ich bin Anton Drexler. Ich bin Mitglied des Begrüßungskomitees.«

»Ja, Rosenberg, Alfred Rosenberg. Ich bin Schriftsteller und Philosoph bei Auf gut Deutsch, und ja, ich bin Dietrich Eckarts Gast.«

»Er hat mir schon viel Gutes über Sie erzählt. Sie sind ja heute zum ersten Mal da und haben bestimmt Fragen. Was darf ich Ihnen über unsere Organisation erzählen?«

»Alles Mögliche. Vor allem interessiert mich der Name ›Thule‹.«

»Um das zu beantworten, sollte ich vielleicht damit beginnen, dass unser ursprünglicher Name Studiengruppe für germanisches Altertum war. Thule, so glauben viele, war eine Landmasse, die es nicht mehr gibt – vermutlich in der Nähe von Island oder Grönland –, und die ursprüngliche Heimat der arischen Rasse.«

»Thule … ich kenne meine arische Vergangenheit sehr gut von Houston Stewart Chamberlain, aber ich erinnere mich nicht, dass irgendwo von Thule die Rede war.«

»Ach, Chamberlain ist Historiker und dazu noch einer unserer besten, aber hier geht es um Vor-Chamberlain und um Prähistorie. Um das Reich der Mythen. Unsere Organisation möchte unseren edlen Vorfahren, die wir nur durch mündliche Überlieferung kennen, ihre Reverenz erweisen.«

»Dann kommen alle diese eindrucksvollen Männer heute also zusammen, weil sie an Mythen und an Prähistorie interessiert sind? Nicht, dass ich das in Frage stelle – ich finde es im Gegenteil bewundernswert, eine solche Ruhe und akademische Hingabe zu sehen, und das in einer so unsteten Zeit, in der Deutschland jederzeit auseinanderbrechen kann.«

»Die Versammlung hat ja noch gar nicht begonnen, Herr Rosenberg. Sie werden noch früh genug erfahren, weshalb die Thule-Gesellschaft Ihre Artikel in Auf gut Deutsch so sehr schätzt. Ja, wir sind an der Frühgeschichte sehr interessiert. Aber noch mehr an unserer Nachkriegsgeschichte, einer Geschichte, die gerade jetzt geschrieben wird und über die unsere Kinder und Enkel eines Tages lesen werden.«

Alfred war von den Reden begeistert. Ein Vortragender nach dem anderen warnte vor der ernsten Gefahr, die Deutschland von den Bolschewisten und Juden drohte. Jeder Redner betonte die dringende Notwendigkeit zu handeln. Gegen Ende des Abends legte Eckart, leicht berauscht von einem unablässigen Strom deutschen Weines, Alfred den Arm auf die Schulter und rief: »Eine aufregende Zeit, was, Rosenberg? Und es wird noch aufregender. Nachrichten zu schreiben, Gesinnungen zu verändern, öffentliche Meinungen zu steuern – alles edle Bestrebungen. Wer wollte das leugnen? Aber die Nachrichten selbst zu machen, genau, die Nachrichten zu machen – darin liegt der wahre Ruhm! Und du wirst mit dabei sein, Alfred. Du wirst schon sehen, du wirst schon sehen. Vertrau mir, ich weiß, was kommt.«

Etwas Schicksalhaftes lag in der Luft. Alfred spürte es deutlich, und weil er zu aufgeregt war, um schlafen zu können, lief er noch eine Stunde lang auf Münchens Straßen herum, nachdem er sich von Eckart getrennt hatte. Der Rat seines Freundes Friedrich Pfister fiel ihm ein: Spannung abbauen! Er atmete tief und schnell durch die Nase ein, hielt die Luft ein paar Sekunden lang an und atmete dann langsam durch den Mund aus. Schon nach ein paar Atemzügen ging es ihm besser, und er war überrascht von der Wirksamkeit eines so einfachen Vorgangs. Es gab keinen Zweifel – Friedrich hatte etwas von einem Zauberer. Die Wendung ihres Gespräches zu einer möglicherweise jüdischen Linie in der Familie seiner Großmutter hatte ihm missfallen, und dennoch verband er positive Gefühle mit Friedrich. Er wollte, dass ihre Wege sich wieder kreuzten. Er würde dafür sorgen.

Als er nach Hause zurückkehrte, fand er einen Zettel auf dem Fußboden, den jemand durch den Briefschlitz seiner Tür gesteckt hatte. Darauf stand: »Die Hofbibliothek von München wird den Theologisch-politischen Traktat von Spinoza eine Woche lang am Ausgabeschalter bereithalten.« Alfred las den Text mehrere Male. Wie seltsam trostreich war dieser kleine, morsche Bibliothekszettel, der seinen Weg durch die unruhigen, gefährlichen Straßen von München in seine winzige Wohnung gefunden hatte.

17

AMSTERDAM, 1656

Bento schlenderte durch die Straßen von Vlooyenburg, dem Stadtteil Amsterdams, in dem die meisten sephardischen Juden lebten, und betrachtete alles mit einem Gefühl von Wehmut. Jedes einzelne Bild ließ er lange auf sich wirken, wie um es mit Beständigkeit zu erfüllen, damit er es später wieder abrufen könnte, auch wenn die Stimme der Vernunft ihm zuflüsterte, dass sich alles irgendwann in Luft auflösen werde und das Leben in der Gegenwart gelebt werden müsse.

Als Bento zum Laden zurückkehrte, ließ Gabriel den Besen fallen und lief ihm mit angstvollen Blicken entgegen. »Bento, wo warst du? Hast du die ganze Zeit mit dem Rabbi gesprochen?«

»Wir hatten ein langes, unfreundliches Gespräch, und danach lief ich noch durch die Stadt und versuchte, mich zu beruhigen. Ich werde dir alles erzählen, was geschehen ist, aber ich möchte es dir und Rebecca gemeinsam erzählen.«

»Sie wird nicht kommen, Bento. Und inzwischen ist nicht nur sie wütend auf dich – nun ist es auch ihr Gatte. Seit Samuel im letzten Jahr sein rabbinisches Studium abgeschlossen hat, ist seine Haltung immer starrer geworden. Und nun verbietet er Rebecca, dich überhaupt zu sehen.«

»Sie wird kommen, wenn du ihr sagst, wie ernst es ist.« Bento packte Gabriel mit beiden Händen an der Schulter und sah ihm in die Augen. »Ich weiß, dass sie kommen wird. Berufe dich auf das Gedenken an unsere selige Familie. Erinnere sie daran, dass wir die Einzigen sind, die noch leben. Sie wird kommen, wenn du ihr sagst, dass dies unser allerletztes Gespräch sein wird.«

Gabriel war sichtlich beunruhigt. »Was ist geschehen? Du machst mir Angst, Bento.«

»Ich bitte dich, Gabriel. Ich kann es nicht zweimal erzählen – das schaffe ich nicht. Bitte bring Rebecca her. Du findest schon einen Weg. Es ist meine letzte Bitte an dich.«

Gabriel riss seine Schürze herunter, warf sie auf den hinteren Tresen und rannte aus dem Laden. Zwanzig Minuten später kam er mit einer mürrischen Rebecca im Schlepptau zurück. Sie hatte sich Gabriels flehentlicher Bitte nicht verweigern können – schließlich hatte sie Bento nach dem Tod ihrer Mutter Hanna bis zur Wiederverheiratung ihres Vaters mit Ester drei Jahre lang aufgezogen –, aber sie bebte vor Wut, als sie den Laden betrat. Sie begrüßte Bento mit einem frostigem Nicken und ausgestreckten Handflächen. »Nun?«

Bento, der inzwischen eine Nachricht auf Portugiesisch und Holländisch an die Tür geheftet hatte, dass das Geschäft vorübergehend geschlossen sei, antwortete: »Gehen wir nach Hause. Dort können wir ungestört sprechen.«

Kaum hatten sie das Haus betreten, schloss Bento die Haustür ab und bedeutete Gabriel und Rebecca, Platz zu nehmen. Er selbst blieb stehen und lief nervös auf und ab. »So sehr ich es mir gewünscht hätte, dass es in der Familie bliebe, weiß ich nun, dass es nicht so sein wird. Gabriel hat mir deutlich zu verstehen gegeben, wie sehr meine Angelegenheiten die ganze Familie betreffen. Leider wird euch das, was ich euch jetzt zu erzählen habe, erschrecken. Es fällt mir schwer, aber ich muss euch alles erzählen. Ich möchte nicht, dass irgendjemand in der Gemeinde, wirklich niemand in der Gemeinde, mehr darüber weiß als ihr, was geschehen wird.«

Bento hielt inne. Er hatte die volle Aufmerksamkeit seines Bruders und seiner Schwester, die zu Salzsäulen erstarrt auf ihren Stühlen saßen. Bento holte tief Luft: »Ich komme direkt zum Kern der Sache. Heute Morgen sagte mir Rabbi Mortera, dass die Parnassim zusammengekommen sind und dass ein Cherem unmittelbar bevorsteht. Ich werde morgen exkommuniziert.«

»Ein Cherem?«, riefen Gabriel und Rebecca wie aus einem Mund. Beide waren aschfahl im Gesicht.

»Und es gibt nichts, was das verhindern könnte?«, wollte Rebecca wissen. »Rabbi Mortera wird sich nicht für dich einsetzen? Unser Vater war sein bester Freund!«

»Ich sprach gerade eine Stunde lang mit Rabbi Mortera, und er sagte mir, dass es nicht in seiner Hand läge – die Parnassim werden von der Gemeinde gewählt und halten die ganze Macht in Händen. Er hat keine andere Wahl, als dem Folge zu leisten, was sie verfügen. Allerdings sagte er auch, dass er mit ihrer Entscheidung einverstanden wäre.«

Bento zögerte. »Ich darf nichts verschweigen.« Er blickte seinem Bruder und seiner Schwester in die Augen und räumte ein: »In Wahrheit sagte er, dass es eine Möglichkeit gäbe. Er sagte, wenn ich alle meine Ansichten zurücknähme, wenn ich öffentlich widerriefe und erklärte, dass ich von nun an die dreizehn Glaubensartikel des Maimonides anerkenne, dann würde er die Parnassim mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln ersuchen, den Cherem noch einmal zu überdenken. Tatsächlich – und ich bin nicht sicher, ob er möchte, dass das bekannt wird, weil er es mir nur zugeflüstert hat – bot er mir eine lebenslange Rente aus dem Vermögen der Synagoge an, wenn ich gelobe, mein Leben dem respektvollen und stillen Studium der Thora und des Talmud zu widmen.«

»Und?« Rebecca sah Bento direkt in die Augen.

»Und …«, Bento senkte den Blick, »ich habe abgelehnt. Für mich ist Freiheit mit Geld nicht zu bezahlen.«

»Du Narr! Überleg doch, was du da tust.« Rebeccas Stimme überschlug sich. »Mein Gott, Bruder, was ist nur mit dir los? Hast du den Verstand verloren?« Sie beugte sich vor, als wollte sie aus dem Zimmer stürzen.

»Rebecca …«, Bento zwang sich, seine Stimme ruhig zu halten. »Dies ist das letzte Mal, das allerletzte Mal, dass wir zusammen sind. Der Cherem bedeutet absolutes Exil. Es wird euch verboten sein, jemals wieder mit mir zu sprechen oder euch auf irgendeine Weise wieder mit mir in Verbindung zu setzen. Nie mehr. Denkt daran, wie ihr euch, wie wir drei uns fühlen werden, wenn unser letztes Treffen in Verbitterung und Lieblosigkeit endet.«

Gabriel, den es nicht mehr auf seinem Stuhl hielt, stand auf und lief herum. »Bento, warum sagst du immer wieder ›das letzte Mal‹? Das letzte Mal, dass wir dich sehen, die letzte Bitte, das letzte Treffen? Wie lang wird der Cherem dauern? Wann wird er beendet sein? Ich habe von eintägigen Cherems oder einwöchigen Cherems gehört.«

Bento schluckte und sah seinem Bruder und seiner Schwester in die Augen. »Dies wird eine andere Art von Cherem sein. Ich kenne mich mit Cherems aus, und wenn sie es richtig machen, wird dieser Cherem nie beendet sein. Er wird ein Leben lang gelten, und er wird unumkehrbar sein.«

»Geh noch einmal zum Rabbi«, bat Rebecca. »Nimm sein Angebot an. Bento, bitte. Wir machen alle Fehler, wenn wir jung sind. Komm zu uns zurück. Ehre Gott. Sei der Jude, der du bist. Sei der Sohn deines Vaters. Rabbi Mortera wird dich dein ganzes Leben lang bezahlen. Du kannst lesen, studieren, du kannst alles machen, was du willst, alles denken, was du willst. Du musst es nur für dich behalten. Nimm sein Angebot an, Bento. Verstehst du nicht, dass er dich unserem Vater zuliebe bezahlt, damit du nicht Selbstmord begehst.«

»Bitte«, Gabriel drückte Bentos Hand, »nimm sein Angebot an. Mach einen neuen Anfang.«

»Er würde mich für etwas bezahlen, was ich nicht tun kann. Ich habe die Absicht, nach Wahrheit zu streben und mein Leben dem Wissen um Gott zu widmen, während das Angebot des Rabbis von mir verlangt, unaufrichtig zu leben und daher Gott nicht zu ehren. Das werde ich niemals tun. Ich werde keiner Macht auf Erden folgen, außer meinem eigenen Gewissen.«

Rebecca begann zu schluchzen. Sie legte die Hände hinter ihren Kopf, schaukelte vor und zurück und sagte: »Ich verstehe dich nicht, verstehe dich nicht, verstehe dich nicht.«

Bento ging zu ihr hin und legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie schüttelte sie ab, hob den Kopf und drehte sich zu Gabriel um: »Du warst damals zu jung, aber ich erinnere mich, als sei es erst gestern gewesen, wie unser seliger Vater damit prahlte, dass Rabbi Mortera ihm gesagt hätte, Bento sei der beste Schüler, den er je gehabt hätte.«

Sie sah Bento an, und Tränen strömten über ihr Gesicht. »Der schlaueste und der scharfsinnigste, hat er gesagt. Wie unser Vater strahlte, als er hörte, dass du vielleicht der nächste große Gelehrte, vielleicht sogar der nächste Gersonides sein würdest. Dass du den bedeutenden Thora-Kommentar des siebzehnten Jahrhunderts schreiben würdest! Der Rabbi glaubte an dich. Er sagte, dass dein Kopf nichts vergisst, was du je gelernt hast, und dass keiner der Gemeindeältesten dir bei einer Debatte das Wasser reichen könnte. Aber nun, trotz alledem, trotz deiner gottgegebenen Begabung, sieh an, was du angerichtet hast. Wie konntest du das alles wegwerfen?« Rebecca nahm das Taschentuch, das Gabriel ihr hinhielt.

Bento hockte sich vor Rebecca, um ihr direkt in die Augen sehen zu können, und sagte: »Rebecca, versuche bitte zu verstehen. Vielleicht verstehst du es jetzt noch nicht, doch irgendwann in der Zukunft wirst du vielleicht verstehen, was ich dir jetzt sage: Ich habe meinen eigenen Weg wegen meiner Begabungen gewählt, nicht trotz ihrer. Verstehst du? Wegen meiner Begabungen, nicht trotz ihrer.«

»Nein. Das verstehe ich nicht, und ich werde dich niemals verstehen, obwohl ich dich seit deiner Geburt kenne, obwohl wir drei nach dem Tod unserer Mutter so viele Jahre lang im selben Bett geschlafen haben.«

»Ich erinnere mich«, sagte Gabriel. »Ich erinnere mich, wie wir gemeinsam im Bett lagen und du uns Geschichten aus der Bibel vorgelesen hast, Bento. Und wie du Rebecca und Miriam heimlich das Lesen beigebracht hast. Ich erinnere mich, dass du sagtest, es sei so ungerecht, dass Mädchen nicht lesen lernen dürften.«

»Das habe ich meinem Gatten erzählt«, sagte Rebecca. »Ich sage ihm alles, ich erzählte ihm, dass du uns unterrichtet hast, dass du uns vorgelesen hast und alles in Frage gestellt hast, die ganzen Wunder. Und dass du immer zu Vater gelaufen bist und ihn gefragt hast: ›Vater, Vater, ist das wirklich passiert?‹ Ich erinnere mich, dass du uns von Noah und der Flut erzählt hast und dass du Vater fragtest, ob Gott wirklich so grausam sein konnte. Du fragtest: ›Warum hat er alle ertränkt? Und wie hat die menschliche Rasse wieder von vorn angefangen?‹ Und: ›Wen konnten Noahs Kinder denn heiraten?‹ Die gleiche Frage, die du zu Kain und Abel gestellt hast. Samuel glaubt, dass das die ersten Anzeichen deines Leidens waren. Ein Fluch von Geburt an. Manchmal denke ich, dass ich daran schuld bin. Ich habe meinem Gatten gebeichtet, dass ich bei deinen Bemerkungen, bei deinen gotteslästerlichen Reden, immer kichern musste. Vielleicht habe ich dich ermutigt, so zu denken.«

Bento schüttelte den Kopf. »Nein, Rebecca, du brauchst dir nicht die Schuld für meine Neugier zu geben. Sie liegt in meiner Natur. Warum wollen wir immer die Schuld für etwas auf uns nehmen, dessen Gründe außerhalb von uns liegen? Weißt du noch, wie Vater sich die Schuld am Tod unseres Bruders gegeben hat? Wie oft hörten wir ihn sagen, dass Isaak niemals die Pest bekommen hätte, wenn er ihn nicht in die anderen Stadtteile geschickt hätte, um Kaffeebohnen auszuliefern. Das ist der Lauf der Natur. Wir können sie nicht beherrschen. Die Schuld auf uns zu nehmen ist nur eine Methode, der Täuschung zu unterliegen, wir seien mächtig genug, die Natur zu beherrschen. Und, Rebecca, du sollst wissen, dass ich deinen Gatten achte. Samuel ist ein braver Mann. Es ist nur so, dass wir unterschiedlicher Meinung sind, was den Ursprung des Wissens angeht. Ich glaube nicht, dass Hinterfragen ein Leiden ist. Blinder Gehorsam, ohne nachzufragen, das ist das Leiden.«

Rebecca hatte keine Antwort darauf. Die drei verfielen in Schweigen, bis Gabriel fragte: »Bento, ein immerwährender Cherem? Gibt es so etwas überhaupt? Davon habe ich noch nie gehört.«

»Ich bin sicher, dass sie genau das tun werden, Gabriel. Rabbi Mortera sagte, sie müssen es tun, um den Holländern zu zeigen, dass wir uns selbst regieren können. Vielleicht ist es das Beste für alle. Diese Entscheidung wird dich und Rebecca wieder mit eurer Gemeinde vereinen. Ihr werdet euch den anderen anschließen müssen und den Cherem beachten. Ihr müsst euch an der Ächtung beteiligen. Ihr müsst wie alle anderen dem Gesetz gehorchen und mich meiden.«

»Das Beste für alle, Bento«, fragte Gabriel. »Wie kannst du so etwas sagen? Wie kann es für dich am besten sein? Wie kann es am besten sein, unter Menschen zu leben, die dich verachten?«

»Ich werde nicht hierbleiben; ich werde woanders leben.«

»Wo könntest du leben?«, fragte Rebecca. »Willst du vielleicht zum Christentum übertreten?«

»Nein. Da kann ich dich beruhigen. Ich finde viel Weisheit in den Worten Jesu. Sie ähneln der zentralen Botschaft in unserer Bibel. Aber ich werde mich niemals irgendwelchen abergläubischen Ansichten zu einem Gott verschreiben, der wie jeder andere Mensch einen Sohn hat und der ihn auf eine Mission schickt, um uns zu retten. Wie alle anderen Religionen, unsere eingeschlossen, stellen sich die Christen einen Gott vor, der menschliche Attribute besitzt, menschliche Wünsche und Bedürfnisse.«

»Aber wo wirst du leben, wenn du Jude bleiben willst?«, fragte Rebecca. »Ein Jude kann nur mit Juden zusammenleben.«

»Ich werde einen Weg finden, ohne jüdische Gemeinde zu leben.«

»Bento, du magst begabt sein, aber du bist auch ein einfältiges Kind«, sagte Rebecca. »Hast du das wirklich durchdacht? Hast du Uriel da Costa vergessen?«

»Wen?«, fragte Gabriel.

»Da Costa war ein Häretiker, über den Rabbi Modena, der Lehrer von Rabbi Mortera, einen Cherem verhängt hat«, sagte Rebecca. »Du warst damals noch ganz klein, Gabriel. Da Costa hat alle unsere Vorschriften in Frage gestellt – die Thora, das Scheitelkäppchen, die Tefillin, die Beschneidung, sogar die Mesusas an unserer Tür – genau wie dein Bruder. Und das Schlimmste von allem: Er leugnete die Unsterblichkeit unserer Seele und das Wiederauferstehen unseres Fleisches. Nacheinander verhängten weitere jüdische Gemeinden in Deutschland und Italien einen Cherem über ihn und verstießen ihn. Niemand wollte ihn hier haben, aber er flehte uns immer wieder an, ihn wieder aufzunehmen. Schließlich nahmen wir ihn wieder auf. Dann fing er wieder mit seinen Verrücktheiten an. Und wiederum bettelte er um Vergebung, und die Synagoge hielt eine Bußzeremonie ab. Du warst damals viel zu jung, Gabriel, aber Bento und ich haben diese Zeremonie gemeinsam gesehen. Weißt du noch?«

Bento nickte, und Rebecca fuhr fort: »In der Synagoge musste er sich entkleiden und bekam neununddreißig Peitschenhiebe auf den Rücken, und als die Zeremonie vorüber war, musste er sich auf die Türschwelle legen, und alle Mitglieder der gesamten Gemeinde traten auf ihn, als sie hinausgingen. Und alle Kinder rannten hinter ihm her und haben ihn angespuckt. Wir haben uns nicht daran beteiligt – Vater hat es nicht erlaubt. Kurze Zeit später nahm er eine Muskete und schoss sich in den Kopf.

Das geschieht mit solchen Leuten«, sagte sie und wandte sich Bento zu. »Es gibt kein Leben außerhalb der Gemeinde. Ihm ist es nicht gelungen, und dir wird es auch nicht gelingen. Wie willst du leben? Du wirst kein Geld haben – du wirst in dieser Gemeinde keinen Beruf ausüben dürfen –, und Gabriel und mir wird es verboten sein, dir zu helfen. Miriam und ich haben unserer Mutter geschworen, dass wir uns um dich kümmern werden, und Miriam bat mich auf dem Totenbett, auf dich und Gabriel achtzugeben. Aber nun kann ich nichts mehr tun. Wie wirst du leben?«

»Ich weiß es nicht, Rebecca. Ich habe nur wenige Bedürfnisse. Das weißt du. Sieh dich um.« Er wies mit dem Arm über das Zimmer. »Ich komme mit Wenigem zurecht.«

»Aber antworte mir: Wie wirst du leben? Ohne Geld, ohne Freunde?«

»Ich denke daran, mir mit Glasarbeiten meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Linsen schleifen. Ich glaube, dass ich das gut kann.«

»Glas wofür?«

»Brillen. Vergrößerungsgläser. Vielleicht sogar Teleskope.«

Rebecca sah ihren Bruder verblüfft an. »Ein Jude, der Glas schleift. Was ist nur mit dir los, Bento? Warum bist du so seltsam? Du hast kein Interesse am wirklichen Leben. Nicht an einer Frau, nicht an einer Gattin und auch nicht an einer Familie. Als wir noch Kinder waren, hast du ständig gesagt, dass du mich heiraten wolltest, aber seit Jahren – seit deiner Bar mitzwa – hast du nie wieder von Heirat gesprochen, und ich habe nie gehört, dass du dich für eine Frau interessiert hättest. Das ist unnatürlich. Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, du hast dich nie vom Tod unserer Mutter erholt. Du hast sie sterben sehen, hast gesehen, wie sie keuchte, wie sie um Luft rang. Es war schrecklich. Ich weiß noch, wie du auf dem Beerdigungskahn meine Hand hieltest, der ihre sterblichen Überreste zum Friedhof von Beth Haim in Ouderkerk brachte. Den ganzen Tag lang sprachst du kein Wort – du sahst immer nur wie gebannt auf das Pferd, das den Kahn den Kanal entlang zog. Die Nachbarn und Freunde jammerten und wehklagten so laut, dass die holländischen Vögte auf den Kahn stiegen und uns mahnten, leiser zu sein. Und während der ganzen Beerdigungsfeier hattest du die Augen geschlossen, als schliefest du im Stehen. Du hast nicht gesehen, wie alle Leute Mutters sterbliche Überreste sieben Mal umrundeten. Als sie in die Erde gesenkt wurde, musste ich dich zwicken, und du öffnetest die Augen, bekamst schreckliche Angst und wolltest weglaufen, als einer nach dem anderen begann, eine Handvoll Erde auf sie zu werfen. Vielleicht war das zu viel – vielleicht hat der Tod bei dir schreckliche Wunden hinterlassen. Noch Wochen später hast du fast nichts gesprochen. Vielleicht bist du nie darüber hinweggekommen, und nun willst du nicht riskieren, eine andere Frau zu lieben, du willst keinen weiteren Verlust riskieren, keinen weiteren Tod wie diesen. Vielleicht lässt du deshalb nicht zu, dass dir irgendjemand etwas bedeutet.«

Bento schüttelte den Kopf. »Das stimmt nicht, Rebecca. Du bedeutest mir etwas. Und Gabriel bedeutet mir etwas. Euch nie mehr wiederzusehen wird wehtun. Du redest, als sei ich kein menschliches Wesen.«

Rebecca sprach weiter, als hätte sie ihn nicht gehört. »Ich glaube, du hast dich von all den Todesfällen nicht erholt. Beim Tod unseres Bruders Isaak zeigtest du so wenig Gefühl, als hättest du es nicht einmal begriffen. Und dann, als Vater von dir verlangte, deine rabbinischen Studien abzubrechen, um das Geschäft zu übernehmen, hast du nur genickt. Mit einem Wimpernschlag hat sich dein ganzes Leben geändert, und du hast nur genickt. Als wäre es nicht wirklich von Bedeutung.«

»Das ergibt keinen Sinn«, sagte Gabriel. »Dass wir unsre Eltern verloren haben, ist nicht die Erklärung. Ich habe in derselben Familie gelebt, unter denselben Todesfällen gelitten, und ich denke nicht wie Bento. Ich bin gern Jude. Ich möchte eine Gattin und eine Familie haben.«

»Und«, sagte Bento, »wann hast du mich sagen hören, dass eine Familie unwichtig wäre? Ich freue mich für dich, Gabriel. Ich freue mich darüber, dass du deine eigene Familie gründen wirst. Es schmerzt mich zutiefst, wenn ich daran denke, dass ich deine Kinder niemals sehen werde.«

»Aber du liebst Gedanken, keine Menschen«, unterbrach Rebecca. »Vielleicht kommt es daher, wie Vater dich erzogen hat. Erinnerst du dich an das Honigbrett?«

Bento nickte.

»Woran?«, fragte Gabriel.

»Als Bento noch klein war, drei oder vier Jahre – ich weiß es nicht mehr genau –, versuchte Vater, ihm mit einer seltsamen Methode das Lesen beizubringen. Später sagte er mir einmal, dass dies vor Hunderten von Jahren eine übliche Unterrichtsmethode war. Er gab Bento ein Brett, auf dem das ganze aleph, bet, gimmel aufgemalt war, und strich Honig darauf. Dann ließ er Bento den Honig abschlecken. Vater glaubte, dass es Bento helfen würde, die hebräischen Buchstaben zu lieben.

Vielleicht hat es zu gut gewirkt«, fuhr Rebecca fort. »Vielleicht sind deshalb Bücher und Ideen von größerer Bedeutung für dich als Menschen.«

Bento zögerte. Alles, was er darauf antworten konnte, würde es nur noch schlimmer machen. Weder seine Schwester noch sein Bruder konnten ihre Seelen für seine Ideen öffnen, und vielleicht war es am Ende auch das Beste. Wenn es ihm gelänge, ihnen zu helfen, die Problematik eines blinden Gehorsams gegenüber der Autorität der Rabbiner einzusehen, stünde ihre Hoffnung auf Zufriedenheit in ihrer Ehe und in ihrer Gemeinschaft auf dem Spiel. Er würde sich ohne ihren Segen von ihnen trennen müssen.

»Ich weiß, dass du wütend bist, Rebecca, und auch du, Gabriel. Und wenn ich es von eurem Gesichtspunkt aus betrachte, verstehe ich auch, weshalb. Aber ihr könnt es nicht von meinem Gesichtspunkt aus betrachten, und es betrübt mich, dass wir uns trennen müssen, ohne uns verständigt zu haben. Auch wenn es nur ein schwacher Trost sein mag, so sind dies meine Abschiedsworte: Ich verspreche euch, dass ich ein heiliges Leben führen und die Worte der Thora beachten werde, indem ich meinen Nächsten liebe, niemandem etwas zuleide tue, dem Pfad der Tugend folge und meine Gedanken auf unseren unendlichen und ewigen Gott richte.«

Doch Rebecca hörte nicht zu. Sie hatte noch etwas zu sagen: »Denke an deinen Vater, Bento. Er liegt nicht neben seinen Frauen, weder neben unserer Mutter noch neben Ester. Er liegt in geheiligter Erde Seite an Seite mit den heiligsten Männern. Er liegt in seinem ewigen Schlaf, geehrt für seine Ergebenheit gegenüber der Synagoge und unseren Gesetzen. Unser Vater wusste von der bevorstehenden Ankunft des Messias, und er wusste von der Unsterblichkeit der Seele. Denke – denke darüber nach, was er von seinem Sohn Baruch halten würde. Denke darüber nach, was er von ihm hält, denn seine Seele stirbt nicht. Sie schwebt über uns, sie kann sehen, sie weiß um die Ketzerei seines auserkorenen Sohnes. Er verflucht dich in diesem Augenblick!«

Bento konnte sich nicht beherrschen: »Du tust genau dasselbe, was die Rabbiner und die Gelehrten tun. Und das ist genau der Punkt, an dem sich ihre und meine Wege trennen. Ihr alle verkündet mit einer solchen Gewissheit, dass die Seele unseres Vaters mich beobachtet und mich verflucht. Von woher kommt deine Gewissheit? Jedenfalls nicht aus der Thora. Ich kenne sie auswendig, und darin steht kein einziges Wort darüber. Es gibt keinen wie immer gearteten Beweis für deine Behauptungen über Vaters Seele. Ich weiß, dass du solche Märchen von unseren Rabbinern hörst, aber siehst du denn nicht, wie sehr das ihren eigenen Zwecken dient? Sie kontrollieren uns mit Furcht und Hoffnung. Furcht davor, was nach dem Tod passiert, und Hoffnung darauf – vorausgesetzt, wir leben auf eine ganz bestimmte Art und Weise, und zwar auf eine, die gut für die Gemeinde und für das Weiterbestehen der Autorität der Rabbiner ist –, dass wir uns im Jenseits eines glückseligen Lebens erfreuen dürfen.«

Rebecca hielt sich die Ohren mit den Händen zu, aber Bento sprach nur noch lauter. »Ich sage dir, wenn der Körper stirbt, stirbt auch die Seele. Es gibt kein Jenseits. Ich werde weder den Rabbinern noch sonst jemandem erlauben, mir zu verbieten, vernünftig zu urteilen, denn nur mittels Vernunft können wir Gott kennenlernen, und dieses Streben ist der einzige wahre Ursprung von Glückseligkeit in diesem Leben.«

Rebecca stand auf und machte sich zum Gehen bereit. Sie trat an Bento heran und sah ihm in die Augen. »Ich liebe dich so, wie du einmal in unserer Familie gewesen bist«, und sie umarmte ihn. »Und jetzt«, sie schlug ihm heftig ins Gesicht, »hasse ich dich.« Sie packte Gabriel an der Hand und zerrte ihn aus dem Zimmer.

18

MÜNCHEN, 1919

Als Alfred am folgenden Morgen in der Bibliothek in der Schlange stand und auf Spinozas Buch wartete, fiel ihm ein Traum ein, den er in der vergangenen Nacht geträumt hatte. Ich gehe mit Friedrich in den Wald. Wir unterhalten uns. Plötzlich verschwindet er, und ich bin allein. Ich komme an anderen Leuten vorbei, die mich anscheinend nicht sehen. Ich komme mir unsichtbar vor. Ich bin unsichtbar. Dann wird es dunkel im Wald. Ich habe Angst. Das war alles, woran er sich erinnern konnte. Es gab noch mehr, das wusste er, aber er konnte es nicht abrufen. Seltsam, sinnierte er, wie flüchtig Träume sein können. Er hatte nicht einmal gewusst, dass er geträumt hatte, bis ihm dieses Bruchstück plötzlich eingefallen war. Die Erinnerung war vermutlich durch die Verbindung zwischen Spinoza und Friedrich ausgelöst worden. Und nun stand er hier in der Warteschlange, um Spinozas Theologisch-Politischen Traktat abzuholen, das Werk, das Friedrich ihm zu lesen empfohlen hatte, bevor er sich an die Ethik wagte. Seltsam, dass er so oft an Friedrich dachte – schließlich hatten sie sich nur zwei Mal getroffen. Nein, das stimmte nicht ganz. Friedrich hatte ihn schon als Kind gekannt. Vielleicht war es ja auch nur die außergewöhnliche, seltsam vertraute Art ihrer Unterhaltung gewesen.

Als Alfred im Büro eintraf, war Eckart noch nicht aufgetaucht. Das war nicht ungewöhnlich, zumal Eckart jeden Abend ziemlich viel trank und am Morgen zu unregelmäßigen Zeiten erschien. Alfred überflog das Vorwort in Spinozas Buch, welches hielt, was er sich davon versprochen hatte. Dieses Buch zu lesen war kein Problem – die Prosa war glasklar. Friedrich hatte Recht: Es war ein Fehler gewesen, mit der Ethik zu beginnen. Schon die allererste Seite erregte Alfreds Aufmerksamkeit: »So närrisch macht den Menschen die Furcht; sie ist es, die den Aberglauben erzeugt, nährt und begünstigt«, las er. Und: »… so finden wir, daß vorzugsweise solche Menschen, welche nach unsicheren Glücksgütern recht heftiges Verlangen haben, jeder Art von Aberglauben zugethan sind und daß ferner so ziemlich alle Menschen, namentlich wenn sie in Gefahr schweben und sich nicht zu helfen wissen, mit Gebeten und weibischen Thränen die göttliche Hilfe erflehen.« Wie konnte ein Jude des siebzehnten Jahrhunderts so schreiben? Das waren die Worte eines Deutschen des zwanzigsten Jahrhunderts!

Auf der folgenden Seite beschrieb Spinoza, welch unsägliche Mühe darauf verwandt wurde, eine »Religion … durch Bräuche und gottesdienstliche Einrichtungen so auszuschmücken, daß im Geiste nicht der kleinste Raum für die gesunde Vernunft oder auch nur für den Zweifel bleibt«. Verblüffend! Und das war noch nicht alles! Spinoza fuhr fort, die Religion als Hort »alberner Geheimnisse« zu bezeichnen, welche diejenigen anlockt, »welche die Vernunft geradezu verachten«. Alfred schnappte nach Luft. Seine Augen wurden immer größer.

Die Hebräer Gottes »auserwähltes Volk«? »Unsinn«, sagte Spinoza. Er vertrat den Standpunkt, dass bei einer informierten und redlichen Lektüre des mosaischen Rechts klar werde, dass Gott die Juden nur insoweit bevorzugte, als er ihnen einen schmalen Streifen Land gab, auf welchem sie in Frieden leben konnten.

Und die Heilige Schrift »Gottes Wort«? Spinozas kraftvolle Prosa zerstreute diese Vorstellung in alle Winde, als er behauptete, dass die Bibel nur spirituelle Wahrheiten enthielt – namentlich die Ausübung von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit –, jedoch keine irdischen Wahrheiten. Alle diejenigen, die irdische Gesetze und Wahrheiten in der Bibel fänden, irrten oder verfolgten eigene Interessen, behauptete Spinoza.

Das Vorwort endete mit einer Warnung: »Die Menge also … lade ich nicht ein, dieses zu lesen«, und fährt mit der Erklärung fort, dass diejenigen, die meinen, »die Vernunft müsse die Magd der Theologie sein«, aus diesem Werk keinen Nutzen ziehen könnten.

Verblüfft von diesen Worten konnte Alfred nicht anders, als Spinozas Dreistigkeit zu bewundern. Im kurzen biographischen Abriss stand, dass, obwohl das Buch im Jahre 1670 anonym veröffentlicht wurde (Spinoza war damals achtunddreißig Jahre alt), die Identität des Autors weithin bekannt war. Im Jahr 1670 solche Worte zu schreiben bedurfte einigen Mutes: In jenem Jahr war es erst zwei Generationen her, dass Giordano Bruno wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, und nur eine einzige Generation, seit Galilei im Vatikan der Prozess gemacht wurde. In der Einleitung stand zu lesen, dass das Buch vom Staat, von der katholischen Kirche und von den Juden unverzüglich und kurz danach auch von den Calvinisten verboten wurde. Das alles sprach für dieses Werk.

An der außerordentlichen Intelligenz des Autors war nicht zu rütteln. Nun verstand Alfred endlich, endlich, weshalb der große Goethe und all die anderen Deutschen, die er so sehr liebte – Schelling, Schiller, Hegel, Lessing, Nietzsche –, diesen Mann verehrten. Wie konnten sie einen Geist wie diesen auch nicht bewundern? Aber natürlich hatten sie in einem anderen Jahrhundert gelebt und nichts von der neuen Rassenforschung gewusst, nichts von den Gefahren vergifteten Blutes – sie bewunderten schlicht und einfach diese Mutation, diese außergewöhnliche Blüte, die sich aus dem Morast erhoben hatte. Alfred betrachtete die Titelseite »Benedictus Spinoza« – hmm, Benedictus, ein Name mit größtmöglicher Ferne zu einem semitischen Namen. In der biographischen Kurzbeschreibung stand, dass Spinoza in seinen Zwanzigern von den Juden exkommuniziert worden war und danach nie mehr Kontakt zu einem Juden hatte. Also war er eigentlich gar kein Jude. Er war eine Mutation – die Juden stellten fest, dass er kein Jude war, und auch er musste das erkannt haben, weil er diesen Namen angenommen hatte.

Dietrich tauchte gegen elf Uhr auf und verbrachte die meiste Zeit des Tages damit, Alfred darin zu unterrichten, ein effektiverer Redakteur zu werden. Bald wurde ihm die Verantwortung übertragen, die meisten Arbeiten zu redigieren, die bei der Zeitung eingereicht wurden. Innerhalb weniger Wochen flitzte Alfreds Rotstift blitzschnell über die Seiten, während er mit sicherer Hand Stil und Aussagekraft der Arbeiten anderer verbesserte. Alfred betrachtete sich als Glückspilz: Er hatte nicht nur einen hervorragenden Lehrer, er war auch Dietrichs einziges »Kind«. Doch das sollte sich bald ändern. Ein anderer aus demselben Stall wie Alfred war im Anmarsch, ein Gesinnungsgenosse, der den ganzen Raum für sich in Anspruch nehmen sollte.

Der Wechsel wurde mehrere Wochen später, im September 1919, eingeleitet, als Anton Drexler, derjenige, der Alfred in der Thule-Gesellschaft willkommen geheißen hatte, in heller Aufregung im Büro erschien. Dietrich wollte gerade die Tür zu einem Gespräch unter vier Augen schließen, winkte dann aber mit Drexlers Einverständnis auch Alfred herein.

»Ich möchte dich auf den neuesten Stand bringen, Alfred«, sagte Drexler. »Du weißt bestimmt, dass kurz nach deiner ersten Versammlung bei der Thule-Gesellschaft einige von uns eine neue politische Partei, die Deutsche Arbeiterpartei, gegründet haben. Ich erinnere mich, dass du bei einem der ersten Treffen dabei warst, das allerdings nicht besonders gut besucht war. Aber nun sind wir bereit zu expandieren. Dietrich und ich wollen dich einladen, zu unserem nächsten Treffen zu kommen und einen Leitartikel darüber zu schreiben. Wir sind nur eine Partei in einer ganzen Legion von Parteien und müssen bekannter werden.«

Alfred warf Eckart einen Blick zu, dessen energisches Nicken andeutete, dass die Einladung mehr als eine Einladung war, und antwortete: »Ich werde selbstverständlich zum nächsten Treffen kommen.«

Damit war Drexler anscheinend zufrieden, und er bedeutete Alfred, die Tür des Büros zu schließen und Platz zu nehmen. »Nun, Dietrich, ich denke, wir haben den gefunden, auf den du gewartet hast. Ich will dir erzählen, was passiert ist: Du erinnerst dich natürlich daran, dass wir damals die Armee um Erlaubnis fragen mussten, als wir beschlossen, die Partei von einem Debattierclub von Thule-Mitgliedern zu einer aktiven Partei mit öffentlichen Versammlungen umzuwandeln? Und dass man uns darauf vorbereitet hat, bei unseren Versammlungen regelmäßig Besuch von Militärbeobachtern zu bekommen?«

»Ich erinnere mich daran und bin mit dieser Regelung vollkommen einverstanden. Es ist wichtig, dass die Kommunisten nicht ausscheren.«

»Nun«, fuhr Drexler fort, »letzte Woche hatten wir eine Versammlung mit fünfundzwanzig oder dreißig Leuten. Es war schon ziemlich spät, als ein ziemlich gewöhnlich aussehender, ärmlich gekleideter Mann auftauchte und sich in die letzte Reihe setzte. Carl, unser Leibwächter und Rausschmeißer, flüsterte mir zu, dass der Mann ein Beobachter der Reichswehr in Zivil sei, der schon auf anderen politischen Versammlungen, in Theatern und Clubs gesehen wurde, wo er nach gefährlichen Agitatoren Ausschau gehalten hat.

Nun, dieser Beobachter – er heißt Hitler und ist Gefreiter bei der Reichswehr, soll aber in ein paar Monaten ausgemustert werden – hat dem Hauptredner, der einen langweiligen Vortrag über die Beseitigung des Kapitalismus hielt, vollkommen regungslos zugehört. Bei der darauffolgenden Diskussionsrunde ging dann allerdings die Post ab. Einer im Publikum erklärte in epischer Breite, warum er diesen dummen Plan gutheißt, der im Augenblick in Bayern kursiert, dass Bayern sich vom Deutschen Reich abspalten und mit Österreich zu einem süddeutschen Staat verbinden soll. Was soll ich sagen: Dieser Hitler wurde fuchsteufelswild, sprang auf, marschierte zum Podium und lieferte eine beißende Attacke gegen diese Idee oder irgendeinen anderen Plan, der Deutschland bewusst schwächen würde. Mehrere Minuten lang zog er vernichtend über die Feinde Deutschlands her – sie würden sich mit den Versailler Kriminellen verbrüdern, die unser Land vernichten, uns aufsplittern und unserer ruhmreichen Zukunft berauben wollen – und so weiter.

Es war ein ausgewachsener Tobsuchtsanfall; er hat sich wie ein Verrückter gebärdet, als wollte er jeden Moment vollends ausrasten. Im Zuschauerraum rumorte es, und ich wollte Carl schon losschicken, um ihn an die Luft zu setzen – ich zögerte nur noch, weil, na ja, immerhin ist er bei der Reichswehr. Aber als hätte er meine Gedanken gelesen, riss er sich genau in diesem Augenblick zusammen, sammelte sich und lieferte eine Viertelstunde lang eine erstaunlich breitgefächerte Stegreifrede ab. Vom Inhalt her nichts Originelles. Seine Ansichten – antijüdisch, promilitärisch, antikommunistisch – entsprechen den unseren. Aber wie er es vermittelt hat, war schon verblüffend. Nach ein paar Minuten waren alle, ich meine, wirklich alle, wie erstarrt; gebannt schauten sie in seine lodernden blauen Augen und saugten jedes einzelne seiner Worte gierig auf. Dieser Mann hat eine besondere Gabe. Das war mir sofort klar, und nach der Versammlung bin ich ihm nachgelaufen, habe ihm das Flugblatt Mein politisches Erwachen und meine Visitenkarte in die Hand gedrückt und ihn eingeladen, sich mit mir in Verbindung zu setzen, damit ich ihm mehr über die Partei erzählen kann.«

»Und?«, fragte Eckart.

»Nun, gestern Abend hat er mich besucht. Wir unterhielten uns ausführlich über die Absichten und Ziele der Partei, und jetzt ist er Mitglied Nummer fünfhundertfünfundfünfzig und wird sich auf der nächsten Versammlung an die Parteimitglieder wenden.«

»Fünfhundertfünfundfünfzig?«, unterbrach Alfred. »Unglaublich! Ist die Partei schon so groß?«

»Äh, unter uns und nur unter uns, Alfred: In Wirklichkeit ist es die Nummer fünfundfünfzig«, raunte Drexler. »Für die Veröffentlichung legen wir allerdings Wert darauf, dass du eine Stelle dazutust und fünfhundertfünfundfünfzig daraus machst. Die Leute werden uns ernster nehmen, wenn sie uns für größer halten.«

Ein paar Tage später machten Eckart und Alfred sich gemeinsam auf den Weg, um den Gefreiten Hitler reden zu hören. Danach war ein Abendessen zu dritt bei Eckart zu Hause geplant. Hitler schlenderte selbstbewusst vor das vierzigköpfige Auditorium und begann ohne irgendeine Einleitung sofort mit einer leidenschaftlichen Warnung vor den Gefahren, die Deutschland von den Juden drohten. »Ich bin gekommen«, sagte er mit erregter Stimme, »um Sie vor den Juden zu warnen und eine neue Art von Antisemitismus zu fordern. Ich fordere einen Antisemitismus, der auf Tatsachen beruht und nicht auf Gefühlen. Der Antisemitismus aus rein gefühlsmäßigen Gründen wird seinen letzten Ausdruck finden in der Form von Pogromen. Das ist nicht die Lösung. Wir brauchen mehr, viel mehr als das. Wir brauchen einen Antisemitismus der Vernunft. Die Vernunft führt uns zu einem letzten, absolut unverrückbaren Ziel: der Entfernung der Juden überhaupt aus Deutschland.«

Dann gab er eine weitere Warnung aus: »Die Revolution, die das gekrönte Haupt Deutschlands von der Macht gefegt hat, darf dem Judäo-Bolschewismus nicht Tür und Tor öffnen.«

Alfred zuckte bei dem Begriff »Judäo-Bolschewismus« zusammen. Genau diesen Begriff hatte er selbst eine Zeit lang verwendet, und nun dachte dieser Gefreite genauso und benutzte dieselben Worte. Das war schlecht, aber auch gut. Schlecht, weil Alfred sich selbst als Urheber dieses Begriffs betrachtete, aber auch gut, weil er erkannte, dass er einen schlagkräftigen Verbündeten hatte.

»Ich will Ihnen mehr über die jüdische Gefahr erzählen«, fuhr Hitler fort. »Ich will Ihnen mehr über einen Antisemitismus der Vernunft erzählen. Es ist nicht wegen der Religion der Juden. Ihre Religion ist nicht schlechter als die anderen – sie sind alle Teil des gleichen, groß angelegten religiösen Schwindels. Und es ist auch nicht wegen ihrer Geschichte oder ihrer widerwärtigen, parasitären Kultur – obwohl ihre Sünden gegen Deutschland über Jahrhunderte hinweg legendär sind. Nein, das alles ist nicht der Grund. Worum es wirklich geht, ist ihre Rasse, ihr verseuchtes Blut, das jeden Tag, jede Stunde, jede Minute Deutschland schwächt und bedroht.

Das verseuchte Blut kann niemals rein werden. Ich werde Ihnen von den Juden erzählen, die sich haben taufen lassen, von den konvertierten christlichen Juden. Das sind die Schlimmsten. Sie sind die größte Gefahr. Sie werden unser großartiges Land genauso heimtückisch infizieren und zerstören, wie sie jede große Zivilisation zerstört haben.«

Bei dieser Aussage zuckte Alfred zusammen. Er hat Recht, er hat Recht, dachte er. Dieser Hitler erinnerte ihn an das, was er schon wusste. Das Blut kann nicht verändert werden. Einmal Jude, immer Jude. Alfred musste seine Einstellung zum Spinoza-Problem insgesamt überdenken.

»Für uns«, fuhr Hitler fort und schlug sich bei jedem Argument auf die Brust, »ist dieses Problem kein Problem, an dem man vorbeigehen kann mit verbundenen Augen, das nur gelöst wird durch kleine Zugeständnisse, für uns ist das ein Problem, das darüber entscheidet, ob unser Volk vor allem wieder innerlich gesundet, ob der jüdische Geist auch wirklich verschwindet. Denn denken Sie nicht, dass Sie eine Krankheit bekämpfen können, ohne nicht den Erreger zu töten, ohne den Bazillus zu vernichten, und denken Sie nicht, dass Sie die Rassentuberkulose bekämpfen können, ohne zu sorgen, daß das Volk frei wird von dem Erreger der Rassentuberkulose.«

Bei jedem Argument wurde Hitlers Stimme schriller, bei jedem Satz seine Tonlage höher, bis es sicher schien, dass sich seine Stimme irgendwann überschlagen würde – aber das trat nicht ein. Als er seinen letzten Satz ins Auditorium kreischte: »Das Wirken des Judentums wird niemals vergehen, und die Vergiftung des Volkes nicht enden, solange nicht der Erreger, der Jude, aus unserer Mitte entfernt ist«, sprangen die Zuhörer von ihren Sitzen und applaudierten frenetisch.

Das Abendessen fand an diesem Abend in Eckarts Haus in vertrautem Kreis mit nur vier Personen statt: Alfred, Drexler, Eckart und Hitler. Aber nun war es ein anderer Hitler – nicht der Hitler, der sich ständig auf die Brust trommelte, sondern ein höflicher, liebenswürdiger Hitler.

Eckarts Frau Rosa, eine kultivierte Dame, führte sie in den Salon, zog sich aber schon nach wenigen Minuten diskret zurück und überließ die vier Männer ihren vertraulichen Gesprächen. Mit großer Geste holte Eckart einen von seinen besten Weinen aus dem Keller, doch seine Überschwänglichkeit war bald gedämpft, als er feststellte, dass Hitler Abstinenzler war und Alfred niemals mehr als ein Glas trank. Noch ernüchterter war er, als er erfuhr, dass Hitler Vegetarier war und die dampfende, gebratene Gans, welche die Hausfrau stolz in das Esszimmer trug, unberührt ließ. Nachdem die Hausfrau schnell ein paar Rühreier und Kartoffeln für Hitler zubereitet hatte, speisten und plauderten die vier länger als drei Stunden.

»Nun, Herr Hitler, erzählen Sie uns doch von Ihrer momentanen Aufgabe und von Ihrer Zukunft bei der Reichswehr«, bat Eckart.

»Die Reichswehr hat keine große Zukunft, nachdem der Versailler Vertrag – den ich von ganzem Herzen verfluche – eine Höchstgrenze von hunderttausend Soldaten festgelegt hat, für unsere Feinde dagegen überhaupt keine Höchstgrenze. Diese Schrumpfung bedeutet, dass ich in etwa einem halben Jahr ausgemustert werde. Abgesehen von der Aufgabe, Versammlungen der gefährlichsten unserer fünfzig politischen Parteien zu beobachten, die es derzeit in München gibt, habe ich nur wenige Pflichten.«

»Und warum wird die Deutsche Arbeiterpartei als gefährlich eingestuft?«, wollte Eckart wissen.

»Wegen des Wortes ›Arbeiter‹. Das erregt den Verdacht eines kommunistischen Einflusses. Aber Herr Eckart, ich kann Ihnen versichern, dass die Reichswehr Ihnen nach meinem Bericht jede nur mögliche Unterstützung anbieten wird. Es ist für uns alle eine gefährliche Situation. Die Bolschewiken waren für die russische Kapitulation im Krieg verantwortlich, und jetzt sind sie entschlossen, Deutschland zu infiltrieren und uns zu einem bolschewistischen Staat zu machen.«

»Sie und ich haben uns gestern über die gegenwärtige Welle von Mordanschlägen gegen Führer der Linken unterhalten«, sagte Drexler. »Wären Sie eventuell bereit, Herrn Eckart und Herrn Rosenberg gegenüber zu wiederholen, wie die Reichswehr und die Polizei Ihrer Meinung nach darauf reagieren sollten?«

»Ich glaube, dass es viel zu wenige Mordanschläge gibt, und wenn ich das Sagen hätte, würde ich den Attentätern noch mehr Patronen geben.«

Diese Antwort quittierten Eckart und Drexler mit einem breiten Grinsen, und Eckart fragte: »Und was halten Sie bis jetzt von unserer Partei?«

»Mir gefällt, was ich sehe. Ich stimme dem Parteiprogramm voll und ganz zu, und nachdem ich gründlich darüber nachgedacht habe, bestehen meinerseits überhaupt keine Bedenken, mich auf die Seite Ihrer Partei zu schlagen.«

»Und unsere geringe Mitgliederzahl?«, fragte Drexler. »Alfred, unser Journalist, war ein wenig erschrocken, als er erfuhr, dass unsere ersten fünfhundert Soldaten eher aus dem Reich der Fabel stammen.«

»Nun, als Journalist«, damit wandte Hitler sich an Alfred, »hoffe ich doch, dass Sie mir eines Tages zustimmen werden, dass die Wahrheit das ist, was die Öffentlichkeit glaubt. Offen gestanden, Herr Drexler, betrachte ich unsere geringe Größe als Vorteil und nicht als Nachteil. Ich beziehe mein Gehalt von der Reichswehr, mein Kommandant hat kaum Aufgaben für mich, und in den nächsten sechs Monaten habe ich die Absicht, unermüdlich für die Partei zu arbeiten und, wie ich hoffe, ihr bald meinen Stempel aufzudrücken.«

»Darf ich mir die Freiheit erlauben, Sie um weitere Informationen zu Ihrem Militärdienst zu bitten, Herr Hitler?«, meldete sich Dietrich Eckart. »Was mich besonders interessiert, ist Ihr Rang. Sie haben ein so großes Führungspotential. Sie sollten einen hohen Rang bekleiden und sind dennoch Gefreiter?«

»Diese Frage müssen Sie meinen Vorgesetzten stellen. Ich vermute, sie werden Ihnen sagen, dass ich potentiell ein großer Führer gewesen wäre, mich aber zu sehr dagegen gesträubt habe, mich unterzuordnen. Aber worauf es eher ankommt, sind Tatsachen.« Er warf einen Blick zu Alfred, um sich zu vergewissern, dass er fleißig mitschrieb. »Mir wurden zwei Eiserne Kreuze für Tapferkeit verliehen. Lassen Sie sich das von der Reichswehr bestätigen, Herr Rosenberg. Ein guter Journalist muss Sachverhalte immer nachprüfen, auch wenn er sich von Zeit zu Zeit gegen ihre Verwendung entscheiden mag. Und ich wurde zweimal beim Fronteinsatz verwundet. Das erste Mal waren es Schrapnellverletzungen am Bein. Aber statt mir eine lange Erholungspause zu gönnen, bestand ich darauf, unverzüglich zu meinem Regiment zurückzukehren. Die zweite Verwundung war ein Geschenk unserer englischen Freunde: Senfgas. Mehrere in unserer Truppe erblindeten vorübergehend und überlebten nur, weil einer von ihnen nur halbblind war. Jeder von uns hielt den anderen an der Hand, und so führten wir uns von der Front zum Lazarett. Ich wurde im Krankenhaus in Pasewalk behandelt und ungefähr vor einem Jahr mit geschädigten Stimmbändern entlassen.«

Alfred, der fleißig mitschrieb, hob den Kopf und bemerkte: »Heute Abend haben sich Ihre Stimmbänder aber gesund und munter angehört.«

»Ja, das finde ich auch. Es ist seltsam, aber diejenigen, die mich vor meiner Verwundung kannten, behaupten, dass das Chlorgas meine Stimme wohl noch kräftiger gemacht hat. Glauben Sie mir, ich werde nicht zögern, sie gegen die französischen und britischen Kriminellen einzusetzen.«

»Sie sind ein hervorragender Redner, Herr Hitler«, meinte Dietrich Eckart, »und ich glaube, Sie werden für unsere Partei von unschätzbarem Wert sein. Sagen Sie, haben Sie die Kunst der öffentlichen Rede eigentlich gelernt?«

»Nur kurz bei der Reichswehr. Auf Grundlage einiger Stegreifreden vor anderen Soldaten erhielt ich ein paar Stunden Unterricht und dann den Auftrag, zurückgekehrte deutsche Kriegsgefangene über die wichtigsten Gefahren für Deutschland in Kenntnis zu setzen: den Kommunismus, die Juden, den Pazifismus und Ungehorsam. In meiner Militärakte gibt es einen von meinem Kommandanten verfassten Bericht, der mich als ›geborenen Redner‹ bezeichnet. Dem stimme ich zu. Ich besitze eine Begabung, und ich beabsichtige, sie in den Dienst unserer Partei zu stellen.«

Eckart stellte weitere Fragen zu Hitlers Ausbildung und Lesegewohnheiten. Alfred war überrascht, als er hörte, dass er früher Maler gewesen war, und er teilte seine Entrüstung über die Juden, die die Wiener Kunstakademie kontrollierten und ihm die Aufnahme an der Allgemeinen Malerschule verweigert hatten. Sie vereinbarten, bei Gelegenheit einmal gemeinsam zu malen. Als der Abend zu Ende ging und die Gäste sich zum Gehen anschickten, bat Eckart Alfred, noch zu bleiben, da er mit ihm noch einige berufliche Angelegenheiten besprechen wollte. Als sie allein waren, schenkte Eckart sich und ihm einen Brandy ein, ignorierte Alfreds Ablehnung und sagte: »Nun ist er tatsächlich angekommen, Alfred. Ich glaube, wir haben heute Abend die Zukunft Deutschlands gesehen. Er ist grob und ungeschliffen. Viele Defizite, ich weiß. Aber er hat Energie, viel Energie! Und genau die richtige Gesinnung. Stimmst du mir nicht zu?«

Alfred gab sich zurückhaltend: »Ich habe das gleiche Gefühl wie Sie. Aber denken Sie an die Wahlen: Ich könnte mir vorstellen, dass große Teile Deutschlands anderer Meinung sein könnten. Können sich die Leute mit einem Mann verbünden, der noch nie eine Universität von innen gesehen hat?«

»Eine Stimme für jeden Bürger. Wie für Hitler war für die große Mehrheit die Straße die Schule.«

Alfred wagte sich noch weiter vor: »Und doch glaube ich, dass die Größe Deutschlands von unseren großen Söhnen ausging – Goethe, Kant, Hegel, Schiller, Leibniz. Meinen Sie nicht auch?«

»Genau deshalb bat ich dich, noch zu bleiben. Er braucht … wie soll ich sagen?, Schliff, Vollendung. Er liest, aber ausgesprochen selektiv, und wir müssen seine Lücken füllen. Das, Rosenberg, wird unsere Aufgabe sein – deine und meine. Aber wir müssen geschickt und behutsam vorgehen. Ich habe das Gefühl, dass er ausgesprochen stolz ist, und die Herkulesaufgabe, die nun vor uns liegt, wird sein, ihn zu bilden, ohne dass er es merkt.«

Alfred ging mit schweren Schritten nach Hause. Die Zukunft war nun klarer. Ein neues Schauspiel kam auf die Bühne, und obwohl er inzwischen überzeugt war, dass er zur Besetzung gehörte, war die ihm zugedachte Rolle nicht die, die er sich erträumt hatte.

19

AMSTERDAM, 27. JULI 1656

Von außen sah die Talmud-Thora-Synagoge, die Hauptsynagoge der sephardischen Juden, wie jedes andere Haus in der Houtgracht aus, einer großen, geschäftigen Prachtstraße, in der viele der sephardischen Juden Amsterdams lebten. Aber im Innenbereich der Synagoge mit seiner aufwendigen, maurischen Möblierung befand man sich in einer anderen Welt. An der Seitenwand – derjenigen Wand, die Jerusalem am nächsten war – stand ein kunstvoll geschnitzter Heiliger Schrein, in welchem die Sefer Thora, die Thorarolle, verborgen hinter einem dunkelroten, bestickten Samtvorhang aufbewahrt wurde. Vor dem Schrein diente eine Bima aus Holz als Podium, auf dem der Rabbiner, der Kantor, der Vorleser des Tages und andere Würdenträger standen. Vor allen Fenstern hingen schwere, mit Vögeln und Ranken bestickte Vorhänge, die den Vorübergehenden den Blick in den Innenraum der Synagoge verwehrten.

Die Synagoge war jüdisches Gemeindezentrum, Hebräischschule und Gebetshaus für normale Frühgottesdienste, längere Sabbatgottesdienste und für die Feiern an hohen Festtagen.

Nicht viele Menschen nahmen regelmäßig an den kurzen, werktäglichen Gottesdiensten teil; oft waren es nur zehn Männer – der erforderliche Minjan –, und wenn auch diese Zahl nicht erreicht wurde, versuchte man schnell, die fehlenden Männer auf der Straße zusammenzutrommeln. Frauen gehörten selbstverständlich nicht zum Minjan. Am Morgen des 27. Juli 1656, eines Dienstags, fanden sich jedoch nicht nur zehn friedliche Gläubige, sondern fast dreihundert lärmende Gemeindemitglieder ein, die jeden Platz und jeden Quadratzentimeter der verfügbaren Stehplätze in Anspruch nahmen. Anwesend waren nicht nur die regelmäßigen Besucher der werktäglichen Gottesdienste und die Sabbatjuden, sondern auch die Gelegenheitsjuden, die sonst nur an hohen Festtagen den Weg in die Synagoge fanden.

Der Grund für den ganzen Wirbel und die stattliche Besucherzahl? Der Wirbel wurde vom gleichen Nervenkitzel, dem gleichen Grusel und der gleichen Sensationslust geschürt, die seit jeher Menschenmassen in Scharen zu öffentlichen Kreuzigungen, Erhängungen, Enthauptungen und Ketzerverbrennungen treibt. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet, dass Baruch Spinoza mit einem Bann belegt werden sollte.

Cherems waren in der jüdischen Gemeinde Amsterdams im siebzehnten Jahrhundert nichts Ungewöhnliches. Ein Cherem wurde alle paar Monate verhängt, und jeder erwachsene Jude hatte viele miterlebt. Aber die riesige Menschenmenge des 27. Juli erwartete keinen gewöhnlichen Cherem. Die Familie Spinoza war jedem Amsterdamer Juden gut bekannt. Baruchs Vater und sein Onkel Abraham waren oft Mitglieder des Maamad, des jüdischen Rates von Amsterdam, gewesen, und beide Männer lagen auf dem Friedhof in einem besonderen Bereich in geheiligtem Boden begraben. Jedoch ist es für die Menschen von besonderem Reiz, wenn hochgestellte Persönlichkeiten in Ungnade fallen: Die dunkle Seite der Bewunderung ist Neid, kombiniert mit der Verärgerung über die eigene Gewöhnlichkeit.

Historisch gesehen, wurden Cherems erstmals im zweiten Jahrhundert vor Christus in der Mischna erwähnt, der frühesten schriftlichen Sammlung mündlicher rabbinischer Überlieferungen. Ein systematisches Kompendium von Verstößen, die einen Cherem rechtfertigten, wurde im fünfzehnten Jahrhundert vom Rabbiner Joseph Karo in seinem einflussreichen Buch Der gedeckte Tisch (Schulchan Aruch) zusammengestellt, das vielfach gedruckt wurde und den Amsterdamer Juden des siebzehnten Jahrhunderts wohlbekannt war. Rabbi Karo listete eine große Anzahl von Verstößen, welche einen Cherem rechtfertigten, wie Glücksspiel, unzüchtiges Benehmen, Steuerschulden, öffentliche Beleidigungen gegen Mitglieder der eigenen Gemeinde, Eheschließung ohne elterliche Zustimmung, Bigamie oder Ehebruch, Missachtung einer Entscheidung des Maamad, Respektlosigkeit gegenüber einem Rabbiner, theologische Diskussionen mit Nichtjuden, Leugnen der Gültigkeit des rabbinischen Gesetzes und Zweifeln an der Unsterblichkeit der Seele oder der Göttlichkeit der Thora.

Es war nicht nur das Wer und das Warum des bevorstehenden Cherems, das die Neugier der Menge in der Talmud-Thora-Synagoge anstachelte; gerüchteweise wurde eine außerordentliche Schwere der Vergehen vorhergesagt. Die meisten Cherems waren milde, öffentliche Rüffel, die eine Geldbuße nach sich zogen oder eine Verbannung über Tage oder Wochen. In ernsteren Fällen, wie bei Ketzerei, war die Strafzumessung typischerweise länger – in einem Fall elf Jahre. Doch war eine Wiederaufnahme in die Gemeinschaft immer möglich, wenn der Betroffene die Bereitschaft zeigte, zu büßen und eine vorgeschriebene Strafe anzunehmen – im Allgemeinen eine hohe Geldbuße oder wie im Fall des berüchtigten Uriel da Costa, öffentliche Auspeitschung. Aber in den Tagen vor dem 27. Juli 1656 hatten Gerüchte über einen in seiner Härte noch nie dagewesenen Cherem kursiert.

Wie es Brauch bei einem Cherem war, war der Innenraum der Synagoge nur von schwarzen Wachskerzen beleuchtet, sieben davon auf einem großen, von der Decke hängenden Kronleuchter und zwölf in umgebenden Wandnischen. Rabbi Mortera und sein Helfer Rabbi Aboab, der nach dreizehn Jahren in Brasilien wieder zurückgekehrt war, standen Seite an Seite auf der Bima vor dem Heiligen Schrein, flankiert von den sechs Mitgliedern der Parnassim. Rabbi Mortera wartete mit ernster Miene, bis die Gemeinde verstummte, hielt ein hebräisches Dokument hoch und verlas mit dröhnender Stimme die hebräische Proklamation ohne Begrüßung oder einführende Worte. Die meisten Gemeindemitglieder lauschten schweigend. Die Wenigen, die das gesprochene Hebräisch verstanden, flüsterten ihren Nachbarn die Übersetzung ins Portugiesische zu, die ihrerseits die Information über die Sitzreihen weitergaben. Bis Rabbi Mortera zu Ende gelesen hatte, war die Stimmung in der Gemeinde ernüchtert, ja fast düster.

Rabbi Mortera trat zwei Schritte zurück, als Rabbi Aboab vortrat und das hebräische Cherem Wort für Wort ins Portugiesische übersetzte.

»Die Herren des Maamad tun euch zu wissen, daß sie schon vor einiger Zeit Nachricht von den schlimmen Meinungen und Handlungen des Baruch de Espinoza hatten und sich durch verschiedene Wege und Versprechungen bemühten, ihn von seinen schlimmen Wegen abzuziehen. Da sie dem nicht abhelfen konnten, im Gegenteil erhielten sie täglich mehr Nachrichten von den entsetzlichen Ketzereien, die er übte und lehrte, und von den ungeheuerlichen Handlungen, die er beging, und sie hatten davon viele glaubwürdige Zeugen, welche sie ablegten und bezeugten alles in Gegenwart des besagten Espinoza, dessen er überführt wurde. Da dieses alles in Gegenwart der Herren Chachamim geprüft wurde, beschlossen sie mit deren Zustimmung, daß besagter Espinoza sei gebannt und von Israels Nation getrennt …«

»Schlimme Wege?«, »Entsetzliche Ketzereien?«, »Ungeheuerliche Handlungen?« Ein Murren ging durch die Gemeinde. Verblüffte Mitglieder sahen sich fassungslos an. Viele kannten Baruch Spinoza ihr ganzes Leben lang. Die meisten bewunderten ihn, und niemand wusste von einer Verstrickung in boshafte Händel, ungeheuerliche Handlungen oder entsetzliche Ketzereien. Rabbi Aboab fuhr fort:

»Mit dem Beschlusse der Engel und dem Spruch der Heiligen bannen, trennen, verfluchen und verwünschen wir Baruch de Espinoza mit Zustimmung des gebenedeiten Gottes und dieser heiligen Gemeinde vor den heiligen Büchern der Thora mit ihren sechshundertdreizehn Vorschriften, die darin geschrieben sind, mit dem Banne, mit dem Josua Jericho gebannt, mit dem Fluche, mit dem Elisa die Knaben verflucht hat, und mit allen Verwünschungen, welche im Gesetze geschrieben sind.«

Im Männerbereich der Kirchengemeinde schaute Gabriel zum Frauenbereich hinüber: Er suchte Rebecca, um ihre Reaktion auf diese heftigen Verwünschungen gegen ihren Bruder mitzubekommen. Gabriel hatte schon mehrere Cherems miterlebt, aber noch keinen so erbarmungslosen. Und es kam noch schlimmer. Rabbi Aboab fuhr fort:

»Verflucht sei er am Tage und bei Nacht, verflucht beim Niederlegen und Aufstehen, beim Ausgehen und Einkehren. Adonaï wolle ihm nicht verzeihen, es wird seine Wut und sein Eifer gegen diesen Menschen entbrennen, und auf ihm liegen alle die Flüche, welche im Buche dieses Gesetzes geschrieben sind. Adonaï wird seinen Namen unter dem Himmel auslöschen und ihn trennen zum Übel von allen Stämmen Israels, mit allen Flüchen des Firmaments, die im Gesetzbuche geschrieben sind. Und ihr, die ihr festhaltet an Adonaï, eurem Gotte, ihr seid heute alle lebend.«

Als Rabbi Aboab zurücktrat, trat Rabbi Mortera vor und starrte die Gemeinde an, als wollte er jedem einzelnen Mitglied in die Augen sehen. Dann sprach er den Bann aus, langsam und mit Betonung auf jeder Silbe:

»Wir warnen, daß niemand mit ihm mündlich oder schriftlich verkehren, noch ihm eine Gunst erweisen, noch unter einem Dache, noch innerhalb vier Ellen mit ihm weilen, noch eine Schrift lesen darf, die von ihm gemacht oder geschrieben wäre.«

Rabbi Mortera nickte Rabbi Aboab zu. Wortlos hakten die Männer sich unter und traten gemeinsam von der Bima. Dann schritten sie, gefolgt von den sechs Mitgliedern der Parnassim, durch den Mittelgang und aus der Synagoge hinaus. Die Gemeinde brach in wütendes Gezeter aus. Nicht einmal die ältesten Gemeindemitglieder konnten sich an einen so unbarmherzigen Cherem erinnern. Kein Wort von einer Buße oder Wiederaufnahme. Alle in der Gemeinde schienen die Auswirkungen der Worte der Rabbiner verstanden zu haben: Dieser Cherem war immerwährend.

20

MÜNCHEN, MÄRZ 1922

In den folgenden Wochen änderte Alfred seine Einstellung zu der ihm zugeteilten Aufgabe. Sie war ihm keine Last mehr, sondern eine hervorragende Gelegenheit, die maßgeschneiderte Rolle für ihn, einen enormen Einfluss auf das Schicksal des Vaterlandes auszuüben. Die Partei war noch immer klein, aber Alfred wusste, dass es die Partei der Zukunft war.

Hitler wohnte in einer kleinen Wohnung in der Nähe des Büros und besuchte Dietrich fast täglich. Dietrich, der sich als Hitlers Mentor betrachtete, betreute seinen Protégé, wenn es darum ging, seinen Antisemitismus zu schärfen und seine politischen Visionen auszubauen, und er machte ihn mit prominenten Deutschen des rechten Flügels bekannt. Drei Jahre später sollte Hitler Dietrich Eckart den zweiten Band von Mein Kampf mit folgenden Worten widmen: »Und unter sie will ich auch jenen Mann rechnen, der als der Besten einer sein Leben dem Erwachen seines, unseres Volkes gewidmet hat im Dichten und im Denken und am Ende in der Tat: Dietrich Eckart.« Auch Alfred sah Hitler häufig, immer am späten Nachmittag oder am Abend, denn Hitler blieb gern lange auf und schlief dann bis Mittag. Sie unternahmen gemeinsame Spaziergänge und besuchten Galerien und Museen.

Es gab zwei Hitler: der eine war Hitler, der mitreißende Redner, der jedes Publikum, vor dem er sprach, elektrisierte und in seinen Bann zog. So etwas hatte Alfred noch nie erlebt, und Anton Drexler und Dietrich Eckart waren überglücklich, am Ende doch noch den Mann gefunden zu haben, der ihre Partei in die Zukunft führen sollte. Alfred war bei vielen der Gespräche anwesend, und derer gab es reichlich. Mit grenzenloser Energie sprach Hitler überall dort, wo es Zuhörer gab: an belebten Straßenecken, in vollen Straßenbahnen und vor allem in Bierkellern. Sein Ruhm als Redner sprach sich schnell herum, und seine Zuhörerschaft wuchs – zeitweise auf über tausend. Darüber hinaus schlug Hitler vor, die Deutsche Arbeiterpartei in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) umzubenennen, um ihr eine breitere Basis zu geben.

Gelegentlich hielt auch Alfred Reden vor Parteimitgliedern, denen Hitler normalerweise ebenfalls zuhörte und über die er sich danach immer lobend äußerte: »Die Gedanken waren wunderbar«, lobte Hitler ihn dann. »Aber mehr Feuer, mehr Feuer!«

Und dann gab es den anderen Hitler – den liebenswürdigen Hitler, den entspannten, höflichen Hitler, der Alfreds Betrachtungen zur Geschichte, zur Ästhetik, zur deutschen Literatur lauschte. »Wir denken genau gleich«, rief Hitler oft, ohne sich der Tatsache bewusst zu sein, dass es Alfred gewesen war, der viele der Saatkörner gesetzt hatte, die nun in seinem Kopf sprossen.

Eines Tages besuchte Hitler ihn in seinem neuen Büro beim Völkischen Beobachter und gab ihm einen Artikel über Alkoholismus, den er veröffentlicht haben wollte. Ein paar Monate zuvor hatte die Nazipartei den Münchener Beobachter, die Zeitung der Thule-Gesellschaft, erworben, sie sogleich umgetauft und an Dietrich Eckart übergeben, der sein altes Blatt einstellte und mit seiner bisherigen Belegschaft nun die neue Zeitung herausgab. Hitler wartete, bis Alfred den Artikel durchgelesen hatte, und war überrascht, als Alfred die Schublade seines Schreibtisches aufzog und den Entwurf eines Artikels herausnahm, den er zufällig selbst gerade über Alkoholismus schrieb.

Hitler überflog Alfreds Artikel, hob den Kopf und erklärte: »Sie sind identisch.«

»Ja, sie stimmen so genau überein, dass ich meinen Artikel zurückziehen werde«, antwortete Alfred.

»Nein, auf keinen Fall. Veröffentlichen Sie alle beide. Die Wirkung wird viel größer sein, wenn beide in derselben Ausgabe erscheinen.«

Als Hitler mehr Macht in der Partei übernahm, verfügte er, dass alle Parteiredner ihm vorab ihre Reden vorzulegen hatten. Später nahm er Alfred von dieser Pflicht aus – es sei unnötig, wie er sagte, da sich ihre Reden so sehr glichen. Aber Alfred stellte doch einige Unterschiede fest. Zum einen hatte Hitler trotz der unübersehbaren Wissenslücken aufgrund seiner begrenzten Schulbildung ein außerordentliches Selbstbewusstsein. Immer wieder verwendete Hitler Begriffe wie »unverrückbar«, womit er implizierte, dass er sich seiner Überzeugungen vollkommen sicher war und fest zu seinem Prinzip stand, niemals, unter gar keinen Umständen auch nur einen Aspekt seiner Überzeugungen zu ändern. Alfred kam aus dem Staunen nicht heraus, wenn er Hitler zuhörte. Woher nahm er bloß diese Sicherheit? Er, Alfred, würde für ein solches Selbstvertrauen seine Seele verkaufen, und es schauderte ihn, wenn er sich selbst beobachtete, wie er ständig nach der leisesten Anerkennung, der leisesten Zustimmung lechzte.

Und es gab noch einen Unterschied. Während Alfred oft von der Notwendigkeit sprach, Juden aus Europa »zu entfernen« oder »umzusiedeln« oder »zu verlagern«, verwandte Hitler eine andere Sprache. Er sprach vom »Ausrotten« oder »Ausmerzen« der Juden, ja sogar davon, sie allesamt an Laternenpfählen aufzuhängen. Aber das war bestimmt Rhetorik, das Wissen darum, wie man Zuhörer wachrüttelt.

In den folgenden Monaten erkannte Alfred, dass er Hitler unterschätzt hatte. Dies war ein Mann von beachtlicher Intelligenz, ein Autodidakt, der unersättlich Bücher las, sich alle Informationen merkte und eine große Schwäche für Kunst und Wagners Musik hatte. Dessen ungeachtet war die Basis seines Wissens angesichts der fehlenden systematischen akademischen Ausbildung brüchig und wies klaffende Lücken auf. Alfred tat sein Bestes, diese anzusprechen, aber es war eine Herausforderung. Hitlers Stolz war so ausgeprägt, dass Alfred ihm nie direkt sagen konnte, welche Bücher er lesen sollte. Stattdessen lernte er, ihn indirekt weiterzubilden. Denn Alfred hatte festgestellt, dass immer, wenn er ein Thema ansprach, Schiller beispielsweise, Hitler sich wenige Tage später in aller Ausführlichkeit und mit unerschütterlicher Sicherheit über Schillers Dramen unterhalten konnte.

An einem Frühlingsmorgen in jenem Jahr kam Dietrich Eckart an Alfreds Büro vorbei und schaute einige Augenblicke lang durch die Glasfüllung der Tür, hinter der sein Schützling eifrig einen Artikel redigierte. Er schüttelte den Kopf, klopfte an die Scheibe und bedeutete Alfred, ihm in sein Büro zu folgen. Dort zeigte er auf einen Stuhl.

»Ich muss dir etwas sagen – um Himmels willen, Alfred, schau doch nicht so besorgt. Du bewährst dich bestens. Ich bin mit deinem Einsatz voll und ganz zufrieden. Wenn ich dir überhaupt etwas raten könnte, dann höchstens ein bisschen weniger Einsatz, ein paar Bierchen mehr und öfters ein lockeres Gespräch mit anderen. Zu viel Arbeit ist nicht immer eine Tugend. Aber darüber reden wir ein andermal. Hör zu, du wirst für unsere Partei immer wertvoller, und ich möchte deine Karriere vorantreiben. Würdest du mir zustimmen, dass Redakteure, die etwas veröffentlichen, über das sie Bescheid wissen, im Vorteil sind?«

»Natürlich.« Alfred bemühte sich, weiterhin ein freundliches Gesicht zu machen, wusste aber nicht so recht, worauf Eckart hinauswollte. Er war überhaupt nicht einzuschätzen.

»Bist du schon viel in Europa herumgekommen?«

»Sehr wenig.«

»Wie kannst du über unsere Feinde schreiben, wenn du sie nicht mit eigenen Augen gesehen hast? Ein guter Krieger muss manchmal innehalten und seine Waffen schärfen. Hab ich Recht?«

»Ohne Frage«, bestätigte Alfred misstrauisch.

»Dann geh nach Hause und pack deinen Koffer. Dein Flug nach Paris geht in drei Stunden.«

»Paris? Flug? Drei Stunden?«

»Ja. Dimitri Popoff, ein Russe und zugleich einer der Hauptsponsoren der Partei, hat dort ein wichtiges geschäftliches Treffen. Er fliegt heute mit zwei Kollegen hin und hat sich bereit erklärt, bei der weißrussischen Gemeinde in Paris Gelder aufzutreiben. Er fliegt mit einer neuen Junkers F13, in der für vier Passagiere Platz ist. Ich wollte ihn eigentlich selbst begleiten, aber ein paar unangenehme Schmerzen gestern in der Brust haben das leider unmöglich gemacht. Mein Arzt und meine Frau verbieten mir die Reise. Ich möchte, dass du an meiner Stelle fliegst.«

»Es tut mir leid, dass Sie krank sind, Herr Eckart. Aber wenn Ihr Arzt Ihnen Ruhe verschrieben hat, möchte ich Sie nicht mit den nächsten beiden Ausgaben allein …«

»Von Ruhe hat der Arzt nichts gesagt. Er ist nur vorsichtig, weil er nur wenig über die Auswirkungen einer Flugreise auf diese Art von Beschwerden weiß. Die Ausgaben sind so gut wie fertig. Ich werde mich darum kümmern. Und du fliegst nach Paris.«

»Und was möchten Sie, dass ich dort mache?«

»Ich möchte, dass du Herrn Popoff begleitest, wenn er mit potentiellen Spendern zusammenkommt. Wenn er will, wirst du selbst uns bei den Spendern präsentieren. Es ist an der Zeit, dass du lernst, mit reichen Leuten zu sprechen. Danach wirst du gemächlich mit dem Zug nach Hause fahren. Nimm dir eine ganze Woche oder auch zehn Tage Zeit. Sei ein freier Mann. Fahre, wohin du willst, und beobachte nur. Schau dir an, wie unsere Feinde den Versailler Frieden auskosten. Mach Notizen. Alle deine Beobachtungen werden für die Zeitung von Nutzen sein. Übrigens war Herr Popoff auch damit einverstanden, dir genügend französische Francs zur Verfügung zu stellen. Du wirst sie brauchen. Die Deutsche Mark ist im Ausland dank der Inflation fast wertlos. Hier ist sie auch fast wertlos!«

»Ja, ein Laib Brot wird jeden Tag teurer«, bestätigte Alfred.

»Genau. Und ich schreibe gerade einen Artikel für die nächste Ausgabe, warum wir den Preis für die Zeitung schon wieder heraufsetzen müssen.«

Beim Start klammerte Alfred sich an die Armlehnen seines Sitzes und starrte aus dem Fenster, unter dem München von Sekunde zu Sekunde kleiner wurde. Amüsiert von Alfreds Angst, versuchte Herr Popoff, mit blitzenden Goldzähnen den Motorenlärm zu übertönen: »Fliegen Sie zum ersten Mal?« Alfred nickte und schaute aus dem Fenster, dankbar dafür, dass der Krach eine Unterhaltung mit Herrn Popoff und den anderen beiden Passagieren unmöglich machte. Er dachte an Eckarts Bemerkung über ein lockeres Gespräch … Warum fiel es ihm so schwer, eine unverbindliche Unterhaltung zu führen? … Warum war er so verschlossen? … Warum erzählte er Eckart nicht, dass er einmal mit seiner Tante in die Schweiz gereist war und dass er und seine damalige Verlobte Hilda vor wenigen Jahren kurz vor Kriegsausbruch in Paris gewesen waren? Vielleicht wollte er nur seine baltische Vergangenheit vergessen und als deutscher Bürger im Vaterland wiedergeboren werden. Nein, nein, nein – er wusste, dass es tiefer ging. Sich jemandem zu öffnen war für ihn schon immer bedrohlich gewesen. Genau deshalb waren seine beiden Gespräche mit Friedrich im Bierkeller ja so außergewöhnlich und so befreiend gewesen. Er versuchte, tiefer in sich hinein zu hören, verlor aber wie immer den Faden. Ich muss mich ändern … Ich werde Friedrich wieder besuchen.

Am nächsten Tag überließ Herr Popoff es Alfred, die Diskussion über das Parteiprogramm zu führen und zu erläutern, aus welchen Gründen diese Partei die einzige war, die den Judäo-Bolschewiken das Handwerk legen konnte. Ein Bankier mit funkelndem Diamantring am kleinen Finger fragte Alfred: »Wenn ich nicht irre, ist der offizielle Name Ihrer Partei jetzt Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei

»Ja.«

»Warum ein so sperriger und verwirrender Name? ›National‹ impliziert rechts, ›sozialistisch‹ links, ›Deutschland‹ rechts und ›Arbeiter‹ links! Das ist unmöglich. Wie kann Ihre Partei alles zugleich sein?«

»Das ist genau das, was Hitler will, alles für alle Menschen sein – außer natürlich für die Juden und die Bolschewisten. Wir haben einen langfristigen Plan. Unser erstes Ziel ist es, in den nächsten Jahren in großer Zahl ins Parlament zu kommen.«

»Parlament? Sie glauben, dass die unwissenden Massen regieren können?«

»Nein. Aber zuerst einmal müssen wir an die Macht. Unsere parlamentarische Demokratie ist durch den Einfall der Bolschewisten geschwächt, und ich verspreche Ihnen, dass wir am Ende mit diesem ganzen parlamentarischen System aufräumen werden. Hitler hat in meiner Gegenwart viele Male genau diese Worte gewählt. Und mit seiner neuen Plattform hat er die Ziele der Partei sehr klar formuliert. Ich habe Ihnen Abschriften des neuen Fünfundzwanzigpunkteprogramms mitgebracht.«

Nach Abschluss ihrer Besuche reichte Herr Popoff Alfred einen dicken Umschlag mit Französischen Francs. »Gute Arbeit, Herr Rosenberg. Diese Francs sollten für Ihre Reisen durch Europa reichen. Ihre Präsentationen waren exzellent, genau wie Herr Eckart es mir prophezeit hat. Und in einem so ausgezeichneten Russisch. Ein wunderbares Russisch. Alle waren ausgesprochen beeindruckt.«

Eine freie Woche lag vor ihm! Was für ein Vergnügen, einfach loszugehen, wohin er wollte. Eckart hatte Recht – er hatte zu viel gearbeitet. Als er durch die Straßen von Paris schlenderte, verglich Alfred die Lebensfreude und den allgegenwärtigen Überfluss mit dem drögen Berlin und der Armut und der Hektik in München. In Paris waren nur wenige Kriegsnarben zu sehen, seine Bürger schienen wohlgenährt, die Restaurants waren voll, und trotzdem saugte Frankreich zusammen mit England und Belgien den Deutschen mit drakonischen Reparationsforderungen das Blut aus. Alfred beschloss, zwei Tage in Paris zu bleiben – die Galerien und Kunsthändler lockten – und anschließend mit dem Zug Richtung Norden nach Belgien und schließlich nach Holland zu fahren. Spinoza-Land. Von dort würde er den großen Umweg mit dem Zug über Berlin nach Hause auf sich nehmen und sich bei Friedrich melden.

In Belgien war Brüssel nicht nach Alfreds Geschmack, und der Anblick des belgischen Parlamentsgebäudes widerte ihn an, wo Deutschlands Feinde unermüdlich neue Methoden ausbaldowerten, um das Vaterland auszuplündern. Am folgenden Tag besuchte er den deutschen Militärfriedhof in Ypern, wo die Deutschen im Weltkrieg so horrende Verluste erlitten hatten und wo Hitler so heldenhaft gedient hatte. Und dann ging es Richtung Norden nach Amsterdam.

Alfred hatte keine Vorstellung, was er suchte. Er wusste nur, dass er das Spinoza-Problem ständig im Hinterkopf hatte. Der Jude Spinoza faszinierte ihn noch immer. Nein, sagte er zu sich, er fasziniert dich nicht, sei ehrlich – du bewunderst ihn, genauso, wie Goethe ihn bewundert hat. Alfred hatte das Bibliotheksexemplar des Theologisch-Politischen Traktats von Spinoza nie zurückgegeben und las oft ein paar Absätze nachts im Bett. Er litt unter Schlafstörungen: Sobald er zu Bett ging, befiel ihn eine unerklärliche Unruhe, anscheinend kämpfte er ständig gegen den Schlaf an. Das war ein weiteres Thema, über das er mit Friedrich sprechen wollte.

Im Zug schlug er den Traktat an der Stelle auf, an der er vergangene Nacht eingeschlafen war. Und abermals beeindruckte ihn die Unerschrockenheit Spinozas, der es im siebzehnten Jahrhundert gewagt hatte, die religiösen Autoritäten herauszufordern. Beeindruckend, wie er auf die Ungereimtheiten in der Heiligen Schrift und auf die Absurdität hinwies, einem Dokument einen göttlichen Ursprung zuzuschreiben, das vor menschlichen Fehlern nur so wimmelte. Besonders diejenigen Passagen hatten es ihm angetan, in denen Spinoza die Priester und Rabbiner verhöhnte, die meinten, eine privilegierte Vision der Bedeutung von Gottes Wort zu besitzen.

»Glauben sie aber, daß derjenige ein Gotteslästerer sei, welcher die Bibel an irgendeiner Stelle für fehlerhaft erklärt, so frage ich, mit welchem Namen soll man sie selber nennen, welche der Bibel andichten, was ihnen beliebt? Welche die Verfasser der heiligen Geschichten dermaßen herabwürdigen, daß man glauben muß, sie scherzen nach Kinderart ins Blaue hinein und werfen alles durcheinander? …«

Und ebenfalls beeindruckend, wie Spinoza quasi aus dem Handgelenk heraus jüdische mystische Eiferer abfertigte:

»Ich habe auch einige windige Kabbalisten gelesen und sogar kennen gelernt und konnte mich über ihre Unsinnigkeiten nicht genug wundern.«

Wie paradox! Ein Jude, sowohl mutig als auch weise. Wie würde Houston Stewart Chamberlain auf das Spinoza-Problem reagieren? Was sprach eigentlich dagegen, ihn in Bayreuth zu besuchen und zum Spinoza-Problem zu befragen? Ja, das werde ich tun – und ich werde Hitler bitten, mich zu begleiten. Schließlich sind wir beide seine intellektuellen Erben, oder? Höchstwahrscheinlich wird Chamberlain zu dem Schluss kommen, dass Spinoza kein Jude war. Und er hätte Recht – denn wie konnte Spinoza ein Jude sein? Diese religiöse Indoktrinierung rund um die Uhr, und dennoch lehnte er den jüdischen Gott und das jüdische Volk ab. Spinoza besaß Seelenweisheit – er musste einfach nichtjüdisches Blut in sich tragen.

Doch im Rahmen seiner Ahnenforschung hatte er bislang nur herausgefunden, dass Spinozas Vater, Michael D’Espinoza möglicherweise aus Spanien gekommen war, zuerst nach Portugal und dann im frühen siebzehnten Jahrhundert nach Amsterdam immigrierte. Seine Nachforschungen hatten allerdings auch unerwartete, interessante Ergebnisse erbracht. Erst eine Woche zuvor hatte er entdeckt, dass Königin Isabella im fünfzehnten Jahrhundert Gesetze zur Reinheit des Blutes (limpiezas de sangre) erlassen hatte, wonach es konvertierten Juden untersagt war, einflussreiche Positionen in der Regierung und beim Militär zu bekleiden. Sie war eine weise Frau und hatte erkannt, dass die jüdische Bösartigkeit nicht auf religiösem Gedankengut beruhte – sie lag im Blut selbst. Und sie machte ein Gesetz daraus! Hut ab vor Königin Isabella! Nun änderte er seine bisherige Einstellung zu ihr: Er hatte sie immer mit der Entdeckung Amerikas in Verbindung gebracht – jener Jauchengrube rassischer Vermischung.

Amsterdam war Alfred sympathischer als Brüssel, vielleicht wegen der Neutralität der Niederlande im Weltkrieg. Alfred nahm an einer halbtägigen Besichtigungstour für Touristen teil, sonderte sich aber von den anderen ab; mit dem Boot ging es durch die Amsterdamer Kanäle; hin und wieder wurde ein Stopp an interessanten Sehenswürdigkeiten eingelegt. Die letzte Zwischenstation war an der Jodenbreestraat. Dort besuchten sie die Große Sephardische Synagoge, die ebenso scheußlich wie gewaltig war, zweitausend Menschen Platz bot und die jüdische Bastardisierung aufs Übelste präsentierte – ein schlimmes Durcheinander von griechischen Säulen, christlichen Bogenfenstern und maurischen Holzschnitzereien. Alfred stellte sich vor, wie Spinoza vor der zentralen Plattform stand, als ignorante Rabbiner ihn verfluchten und verdammten, und wie er dann beim Hinausgehen angesichts seiner Befreiung wahrscheinlich klammheimlich jubilierte. Doch diese Vorstellung musste er schon ein paar Minuten später verwerfen, als er in seinem Reiseführer las, dass Spinoza niemals einen Fuß in diese Synagoge gesetzt hatte. Sie war 1675 erbaut worden, ungefähr zwanzig Jahre nach Spinozas Exkommunikation, die ihm, wie Alfred wusste, den Zutritt zu allen Synagogen und auch jedes Gespräch mit einem Juden verwehrt hatte.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gab es eine große Aschkenaser Synagoge, düsterer, gedrungener und weniger prätentiös. Ungefähr eine Straße weiter hatte Spinozas Geburtshaus gestanden. Das Haus selbst war vor langer Zeit abgerissen und durch die wuchtige, katholische Moses-und-Aaron-Kirche ersetzt worden. Alfred konnte es kaum erwarten, Hitler darüber zu berichten. Sie war ein Beispiel dessen, was beide so stark vermuteten – dass das Judentum und das Christentum zwei Seiten derselben Medaille waren. Alfred lächelte, als ihm Hitlers treffender Kommentar einfiel: »Judentum, Katholizismus, Protestantismus – was macht das schon für einen Unterschied? Ist alles derselbe religiöse Schwindel.«

Am folgenden Morgen stieg er in eine Dampftram nach Rijnsburg, wo das Spinoza-Museum lag. Obwohl es nur eine zweistündige Fahrt war, kam sie ihm wegen der harten Holzbänke mit sechs Sitzplätzen viel länger vor. Die dem kleinen Dorf Rijnsburg nächstgelegene Haltestelle war noch immer drei Kilometer von seinem Ziel entfernt, das er schließlich mit einem Pferdefuhrwerk erreichte. Das Museum selbst war ein kleines Backsteingebäude mit der Hausnummer neunundzwanzig und mit zwei Schildern an der Außenwand.

HET SPINOZAHUIS

CHIRURGIJNSWONING UIT 1660; DE WIJSGEER

B. DE SPINOZA VERBLEEF HIER VAN 1660–1663.*

Auf dem zweiten Schild stand:

ACH! WAREN ALLE MENSCHEN

WIJS

EN WILDEN DAARBIJ WEL!

DE AARD WAAR HAAR EEN

PARADIJS,

NU ISSE MEEST EEN HEL.

Wie trivial, dachte Alfred bei sich. Spinoza war von Idioten umgeben. Als er um das Haus herumging, sah Alfred, dass die Hälfte des Hauses ein Museum war und die andere Hälfte von einer Familie aus dem Dorf bewohnt wurde, die einen separaten Eingang an der Seite benutzte. Ein alter Pflug in der Einfahrt ließ darauf schließen, dass es sich vermutlich um Bauern handelte. Die Tür zum Museum war so niedrig, dass Alfred beim Eintreten den Kopf einziehen musste. Dann musste er bei einem schäbig gekleideten, jüdischen Aufseher eine Eintrittskarte kaufen, den er anscheinend bei einem Nickerchen gestört hatte. Der Aufseher war wirklich ein denkwürdiger Anblick! Er hatte sich offensichtlich seit Tagen nicht rasiert, und unter seinen verschlafenen Augen hingen dicke Tränensäcke.

Alfred war der einzige Besucher, und er sah sich enttäuscht um. Das ganze Museum bestand aus zwei kleinen, drei mal dreieinhalb Meter großen Räumen mit je einem kleinen Fenster, das nach hinten hinaus zu einem kleinen Obstgarten mit Apfelbäumen ging. Das eine Zimmer war von geringem Interesse: darin gab es gewöhnliches Schleifwerkzeug aus dem siebzehnten Jahrhundert; aber das andere, dasjenige, das Alfred in helle Begeisterung versetzte, beherbergte an einer Seitenwand Spinozas persönliche Bibliothek in einem etwa zwei Meter langen Bücherschrank mit Glastüren, die dringend geputzt werden sollten. Eine dicke, rote, von vier Stützen gehaltene Quastenkordel versperrte den Zugang zum Bücherregal. Auf den Regalbrettern standen voluminöse Bände dicht an dicht, die meisten aufrecht, nur die größeren waren waagerecht übereinander gestapelt. Alle waren mit strapazierfähigen Einbänden versehen und datierten aus dem siebzehnten Jahrhundert und noch davor. Hier lag ein wahrer Schatz. Alfred versuchte, die Bände zu zählen: weit über hundert. Der Aufseher, der auf einem Stuhl in der Ecke saß, spähte über seine Zeitung und rief: »Hondered een en vijftig

»Ich verstehe kein Holländisch. Ich spreche nur Deutsch und Russisch«, antwortete Alfred, woraufhin der Aufseher augenblicklich auf ein ausgezeichnetes Deutsch umschaltete – »hunderteinundfünfzig« – und sich wieder seiner Lektüre zuwandte.

An der angrenzenden Wand stand eine kleine Glasvitrine mit den ersten fünf Auflagen des Theologisch-Politischen Traktats – genau des Werks, das Alfred in seiner kleinen Tasche bei sich trug. Jede Ausgabe war auf der Titelseite aufgeschlagen, und wie die Legende auf Holländisch, Französisch, Englisch und Deutsch verriet, hatten die Verleger dieses Buch für so aufwieglerisch befunden, dass weder der Verfasser noch der Verlag erwähnt wurde. Darüberhinaus stand in jeder Ausgabe eine andere Stadt als Veröffentlichungsort.

Der Aufseher winkte Alfred an den Tisch und bat ihn, sich ins Gästebuch einzutragen. Nachdem Alfred unterschrieben hatte, blätterte er das Gästebuch durch und überflog die Namen der anderen Besucher. Der Aufseher streckte den Arm aus, blätterte ein paar Seiten zurück, deutete auf die Unterschrift Albert Einsteins (datiert vom zweiten November 1920) und bemerkte mit Stolz in der Stimme: »Nobelpreis für Physik. Ein berühmter Wissenschaftler. Er war fast einen ganzen Tag lang hier und hat in dieser Bibliothek gelesen. Und er verfasste auch ein Gedicht an Spinoza. Sehen Sie, dort drüben.« Er zeigte auf ein kleines, gerahmtes Blatt Papier, das hinter ihm an der Wand hing. »Es ist seine Handschrift – er hat es für uns kopiert. Das ist die erste Strophe seines Gedichts.«

»Wie lieb ich diesen edlen Mann

Mehr, als ich mit Worten sagen kann.

Doch fürcht’ ich, dass er bleibt allein

Mit seinem strahlenden Heiligenschein.«

Alfred kam die Galle hoch. Noch trivialer. Ein jüdischer Pseudowissenschaftler, der einen Mann, der selbst alles Jüdische von sich wies, mit einem jüdischen Heiligenschein versah. »Wer betreibt dieses Museum?«, fragte Alfred. »Die holländische Regierung?«

»Nein, es ist ein privates Museum.«

»Von wem gesponsert? Wer bezahlt das?«

»Die Spinoza-Gesellschaft. Freimaurer. Private jüdische Spender. Dieser Mann hier hat das Haus und das meiste in der Bibliothek bezahlt« – der Aufseher blätterte in dem dicken Gästebuch an den Anfang zurück und zeigte auf die erste Unterschrift aus dem Jahr 1899: George Rosenthal.

»Aber Spinoza war kein Jude. Die Juden haben ihn exkommuniziert.«

»Einmal Jude, immer Jude. Warum stellen Sie eigentlich so viele Fragen?«

»Ich bin Schriftsteller und Hauptschriftleiter einer Zeitung in Deutschland.«

Der Aufseher beugte sich über das Buch und studierte die Unterschrift. »Aha, Rosenberg also? Bist an undzeriker

»Was ist das für eine Sprache? Ich verstehe das nicht.«

»Jiddisch. Ich fragte, ob Sie Jude sind.«

Alfred streckte sich. »Sehen Sie mich genau an. Sehe ich jüdisch aus?«

Der Aufseher musterte ihn von oben bis unten. »Nicht unbedingt«, murmelte er und schlurfte zu seinem Stuhl zurück.

Alfred stieß geflüsterte Verwünschungen aus, wandte sich wieder dem Bücherschrank zu und beugte sich, so weit er konnte, über die Absperrkordel, um die Titel von Spinozas Büchern zu entziffern. Ein wenig zu weit. Er verlor das Gleichgewicht und fiel schwer gegen den Bücherschrank. Der Aufseher, der auf seinem Stuhl in der Ecke saß, warf die Zeitung zur Seite und rannte herbei, um nachzusehen, ob die Bücher Schaden genommen hatten. Er schimpfte: »Was machen Sie denn da? Sind Sie verrückt? Die Bücher sind unbezahlbar!«

»Ich wollte nur die Titel lesen.«

»Warum wollen Sie die wissen?«

»Ich bin Philosoph. Ich möchte wissen, woher er seine Ideen genommen hat.«

»Zuerst sind Sie ein Zeitungsfritze, und jetzt sind Sie auf einmal ein Philosoph?«

»Sowohl als auch. Ich bin sowohl Philosoph als auch Hauptschriftleiter einer Zeitung. Kapiert?«

Der Aufseher starrte ihn feindselig an.

Alfred starrte zurück, starrte auf seine hängenden Lippen, die dicke, missgebildete Nase, die Haare, die aus seinen unsauberen, fleischigen Ohren sprossen. »Ist das so schwer zu verstehen?«

»Ich verstehe eine ganze Menge.«

»Verstehen Sie, dass Spinoza ein wichtiger Philosoph ist? Warum haben Sie die Bücher so weit hinten? Warum gibt es keinen Katalog der ausgestellten Bücher? Richtige Museen sollten die Exponate ausstellen und sie nicht verstecken.«

»Sie sind nicht hier, um mehr über Spinoza zu erfahren. Sie sind hier, um ihn zu vernichten. Um zu beweisen, dass er seine Ideen gestohlen hat.«

»Wenn Sie auch nur die geringste Allgemeinbildung hätten, wüssten Sie, dass jeder Philosoph von anderen Philosophen, die vor ihm lebten, beeinflusst und inspiriert wird. Kant hat Hegel beeinflusst; Schopenhauer hat Nietzsche beeinflusst; Platon hat alle beeinflusst. Es gehört zum Allgemeinwissen, dass …«

»Beeinflusst, inspiriert. Genau darum geht es, genau darum: Sie haben eben nicht ›beeinflusst‹ gesagt. Und Sie haben auch nicht ›inspiriert‹ gesagt. Sie haben genau gesagt: ›woher er seine Ideen genommen hat.‹ Das ist ein Unterschied.«

»Ach was. Soll das vielleicht ein talmudischer Disput werden? Das gefällt euch Leuten. Sie wissen verdammt gut, was ich meinte …«

»Ich weiß genau, was Sie meinten.«

»Was ist das hier eigentlich für ein Museum? Sie erlauben Einstein, einem von euch, den ganzen Tag hier herumzulungern, damit er sich die Bibliothek ansehen kann, und die anderen halten Sie auf einen Meter Abstand.«

»Ich verspreche Ihnen, Herr Philosoph-Verleger Rosenberg – sollten Sie einmal einen Nobelpreis gewinnen, können Sie jedes Buch in dieser Bibliothek gern an Ihre Brust drücken. Und jetzt schließt das Museum. Verschwinden Sie.«

Alfred hatte das Gesicht der Hölle gesehen: einen jüdischen Aufseher mit Amtsgewalt über einen Arier. Juden versperrten Nichtjuden den Zugang, Juden sperrten einen großen Philosophen ein, der Juden verachtete. Diesen Tag würde er niemals vergessen.

** Das Spinozahaus/Chirurgenwohnung von 1660; der Philosoph B. de Spinoza wohnte hier von 1660–1663.

21

AMSTERDAM, 27. JULI 1656

Zwei Straßen von der Talmud-Torah-Synagoge entfernt verstaute Bento mit Hilfe von Dirk, seinem Studienkollegen an der Lateinschule van den Endens, seine vierzehnbändige Büchersammlung in eine große Holzkiste und baute dann das Himmelbett der Spinoza-Familie ab. Anschließend schafften die beiden Bett und Bücher auf einen Lastkahn, der an der Nieuwe Herengracht lag, um die Fracht zu van den Endens Haus zu transportieren, wo Bento vorübergehend Unterkunft fand. Dirk stieg auf den Kahn, um Bentos Habseligkeiten zu begleiten, während Bento seine restlichen Sachen einpackte – zwei Hosen, die Schuhe mit den Messingschnallen, drei Hemden, zwei weiße Krägen, Unterwäsche, eine Pfeife und Tabak. Er stopfte alles in eine Tasche, die er selbst zu van den Endens Haus bringen wollte. Die Tasche wog nicht viel, und Bento schätzte sich glücklich, dass er so wenige Besitztümer hatte. Ohne das Bett und die Bücher konnte er ein vollkommen ungebundenes Nomadenleben führen.

Bento sah sich ein letztes Mal im Zimmer um, packte sein Rasiermesser, die Seife und das Handtuch ein und entdeckte dann auf einem oberen Regal seine Tefillin. Seit dem Tod seines Vaters hatte er sie nicht mehr angerührt. Er griff nach den zwei kleinen Lederkästchen mit den Riemen und nahm sie behutsam in die Hand – vielleicht zum letzten Mal, dachte er bei sich. Was für seltsame Gegenstände! Und auch seltsam, überlegte er, dass beide ihn einerseits abstießen und andererseits lockten. Er hielt die Lederkästchen hoch und betrachtete sie. An dem Kästchen, das mit Rosh – für den Kopf – markiert war, hingen zwei Lederriemen. Am Yad-Kästchen – für den Arm – war ein langer Riemen befestigt. In den hohlen Kästchen steckten Verse aus der Heiligen Schrift auf Pergament. Und natürlich stammte alles – das Leder, aus dem die Kästchen gefertigt waren, die Sehnen, die zur Befestigung dienten, das Pergament, die Riemen –, alles von koscheren Tieren.

Ein Vorfall von vor fünfzehn Jahren fiel ihm ein. Als Kind hatte er oft mit unbändiger Neugier zugesehen, wenn sein Vater vor dem Frühstück sein Tallit anlegte und die Tefillin band – ein Ritual, das sein Vater sein ganzes Leben lang am Morgen eines jeden Werktages praktiziert hatte (am Sabbat wurden Tefillin natürlich niemals angelegt). Eines Tages hatte sein Vater sich zu ihm umgedreht und gefragt: »Du möchtest wissen, was ich hier mache, wie?«

»Ja!«, hatte Bento gerufen.

»Damit folge ich wie bei allem anderen der Thora«, hatte sein Vater ihm erklärt. »Die Worte im fünften Buch Mose schreiben uns folgendes vor: ›Und sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sollen dir ein Denkmal vor deinen Augen sein.‹«

Wenige Tage später kam sein Vater mit einem Geschenk nach Hause – mit ebenjenen Tefillin, die Bento nun in der Hand hielt.

»Das ist für dich, Baruch, aber nicht für jetzt. Wir werden sie aufbewahren, bis du zwölf bist, und dann werden du und ich ein paar Wochen vor deiner Bar Mitzwa beginnen, gemeinsam Tefillin anzulegen.« So begeistert war Bento von der Aussicht, zusammen mit seinem Vater Tefillin anzulegen, und so häufig bombardierte er seinen Vater mit Fragen zu den einzelnen Handgriffen, dass er sich schon nach ein paar Tagen geschlagen gab. »Heute, aber nur dieses eine Mal, werden wir es üben, und dann, danach werden wir die Tefillin zur Seite legen, bis deine Zeit gekommen ist. Einverstanden?« Bento nickte aufgeregt.

Sein Vater fuhr fort: «Wir werden es gemeinsam üben. Du machst genau das, was ich auch mache. Du legst das Yad-Kästchen so auf deinen linken Oberarm, dass es zum Herzen zeigt, und dann wickelst du die Lederstreifen sieben Mal um deinen Arm bis zum Handgelenk. Sieh her – schau mir zu. Denk daran, Baruch, genau sieben Mal – nicht sechs Mal, nicht acht Mal –, denn das haben uns die Rabbiner gelehrt.«

Dann sang sein Vater den vorgeschriebenen Segen:

»Baruch Atah Adonai Eloheinu Melech Haolam Asher Kidishanu B’mitzvotav V’tziu L’haniach Tefillin.«

(Gesegnet seist du, Gott, unser Gott, Herrscher der Welt, der uns mit seinen Geboten geheiligt und uns befohlen hat, Tefillin anzulegen.)

Sein Vater schlug das Gebetsbuch auf, gab es Bento und sagte: »Hier: Du liest das Gebet.« Aber Bento nahm das Buch nicht. Stattdessen legte er den Kopf so weit in den Nacken, dass sein Vater seine geschlossenen Augen sehen konnte, und dann wiederholte er die Gebete genauso, wie sein Vater sie gesprochen hatte. Hatte Bento ein Gebet – oder irgendeinen anderen Text einmal gehört –, vergaß er es nie wieder. Sein Vater strahlte und setzte ihm einen zarten Kuss auf beide Wangen. »Ach, was für eine Mitzwa, was für ein Geist. In meinem Herzen weiß ich, dass du eines Tages einer der größten aller Juden sein wirst.«

Bento unterbrach seine Tagträume und ließ die Worte »größter aller Juden« auf sich wirken. Tränen flossen ihm über die Wangen, als er sich wieder seinen Erinnerungen zuwandte.

»Und nun lass uns mit dem Tefillin-shel-rosh-Kästchen fortfahren«, sagte sein Vater. »Stelle es genauso auf deine Stirn wie ich – hoch, direkt über den Haaransatz und genau zwischen die Augen. Dann legst du den festen Knoten genau so auf deinen Nacken, wie ich das tue. Und jetzt sprich das nächste Gebet.

»Baruch Atah Adonai Eloheinu Melech Haolam Asher Kidishanu B’mitzvotav V’tziu Al Mitzvat Tefillin.«

(Gesegnet seist du, Gott, unser Gott, Herrscher der Welt, der uns mit seinen Geboten geheiligt und uns befohlen hat, die Tefillin zu beachten.)

Und zum Entzücken seines Vaters wiederholte Bento das Gebet abermals Wort für Wort.

»Als Nächstes legst du die beiden hängenden Rosh-Riemen vor deine Schultern und passt auf, dass die geschwärzten Seiten nach außen zeigen und der linke Riemen genau bis hierher reicht …« Sein Vater legte einen Finger auf Bentos Bauchnabel und kitzelte ihn. »Und du musst darauf achten, dass der rechte Riemen ein paar Zentimeter tiefer liegt – genau an deinem kleinen Wasserspeier.

Nun aber zurück zum Tefillin shel yad: Binde es um deinen Mittelfinger und wickle es drei Mal herum. Siehst du, wie ich das mache? Dann wickle es um deine Hand. Siehst du, dass es an meinem Mittelfinger wie der Buchstabe shin aussieht? Ich weiß, das ist schwierig zu sehen. Wofür steht shin

»Shin ist der erste Buchstabe von Shaddai (der Allmächtige).«

Bento erinnerte sich an ein ungewöhnliches Gefühl der Ruhe, das sich einstellte, wenn er die Lederriemen um Kopf und Arme band. Das Gefühl der Einengung, das Binden, erfüllte ihn mit großer Befriedigung, und er fühlte sich fast verflochten mit seinem Vater, der auf gleiche Weise von den Lederriemen gebunden war.

Sein Vater schloss die Lektion ab: »Bento, ich weiß, dass du keinen dieser Handgriffe vergessen wirst, doch musst du dich hüten, Tefillin anzulegen, bevor du vor deiner Bar Mitzwa eine formelle Einweisung bekommen hast. Und nach deiner Bar Mitzwa wirst du an jedem Morgen für den Rest deines Lebens Tefillin anlegen, außer …?«

»Außer an Feiertagen und am Sabbat.«

»Ja.« Sein Vater küsste ihn auf die Wangen. »Genau wie ich, genau wie alle Juden.«

Bento ließ das Bild seines Vaters verblassen, kehrte zur Gegenwart zurück, betrachtete die bizarren, kleinen Kästchen und verspürte einen Stich, denn er würde niemals wieder Tefillin anlegen, niemals wieder dieses angenehme Gefühl der Einengung spüren. War er ehrlos, weil er dem Wunsch seines Vaters nicht entsprach? Er schüttelte den Kopf. Sein Vater, gesegnet sei sein Name, stammte aus einer Zeit, die von Aberglauben beherrscht war. Bento warf abermals einen Blick auf die rätselhaft verhedderten Rosh- und Yad-Riemen und wusste, dass er die für sich richtige Entscheidung getroffen hatte. Aber was sollte er mit dem Geschenk seines Vaters, mit seinen Tefillin anstellen? Er konnte sie nicht einfach zurücklassen; dann würde Gabriel sie finden. Er würde sie mitnehmen müssen und sich ihrer später entledigen. Für den Augenblick legte er die kleinen Kästchen in seine Tasche neben das Rasiermesser und die Seife, dann setzte er sich hin und begann, einen langen, liebevollen Brief an Gabriel zu schreiben.

Erst nachdem er fast fertig war, erkannte Bento seine Torheit. Inzwischen hatte man Gabriel und mit ihm der gesamten Gemeinde wegen des Cherem sicherlich schon verboten, irgendetwas zu lesen, was er geschrieben hatte. Bento zerriss seinen Brief, um seinem Bruder nicht noch mehr Kummer zu bereiten, und verfasste schnell eine wenige Zeilen lange Nachricht mit wichtigen Informationen, die er auf den Küchentisch legte:

»Ach, Gabriel, ein paar letzte Worte: Ich habe das Bett mitgenommen, das Vater mir in seinem letzten Willen hinterlassen hat, und auch meine Kleider, die Seife und die Bücher. Alles andere überlasse ich dir, auch unser ganzes Geschäft – so armselig es sein mag.«

Bento wusste, dass der Lastkahn wegen der vielen Zwischenstationen zwei Stunden bis zum Haus van den Endens brauchen würde. Zu Fuß konnte er die Strecke in einer halben Stunde bewältigen. Er hatte also noch Zeit, um ein letztes Mal durch die Straßen des jüdischen Viertels zu schlendern, in welchem er sein ganzes Leben verbracht hatte. Er ließ seine Tasche stehen und machte sich ziemlich gelassen mit forschen Schritten auf den Weg. Aber schon bald machte sich ein Gefühl von Beklommenheit breit, als er durch die schaurig ruhigen Straßen ging, die ihn daran erinnerten, dass fast alle, die er kannte, in diesem Augenblick in der Synagoge waren und zuhörten, wie Rabbi Mortera den Namen Baruch Spinoza verfluchte und ihnen befahl, ihn für alle Zeiten zu verstoßen. Bento stellte sich vor, wie es wohl gewesen wäre, hätte er diesen Spaziergang am folgenden Morgen unternommen: Alle würden seinen Blick meiden, und die Menschen auf den Straßen würden vor ihm zurückweichen, als wollten sie einem Leprakranken Platz machen.

Obwohl er sich monatelang auf diesen Augenblick vorbereitet hatte, erschrak er über den Schmerz, der ihn unerwartet durchzuckte – ein Schmerz von Heimatlosigkeit, ein Gefühl, verloren zu sein, zu wissen, dass er niemals mehr durch diese erinnerungsträchtigen Straßen der Jugend wandern würde, die Straßen Gabriels und Rebeccas und aller seiner Freunde und Nachbarn aus der Kinderzeit, die Straßen, über die all die geliebten Menschen gegangen waren, die nun niemals mehr einen Fuß auf irgendeine Straße dieser Erde setzen würden – sein Vater und seine Mutter, Michael und Hanna, seine Stiefmutter Ester und sein toter Bruder Isaac und seine tote Schwester Miriam. Bento ging weiter und kam an einer kleinen Geschäftszeile vorbei. Diese Straßen waren seine letzte greifbare Verbindung zu den Toten. Sie waren wie er über diese Straßen gewandert, und ihr Blick war auf dieselbe Szenerie gefallen: Mendozas koscherer Metzgerladen, Manuels Bäckerei, Simons Heringsstände. Doch nun würde diese Verbindung abreißen; nie wieder würde er seinen Blick auf etwas richten, was auch sein toter Vater, seine tote Mutter und seine Stiefmutter gesehen hatten. Einsamkeit – er spürte sie jetzt wie nie zuvor.

Fast augenblicklich beobachtete Bento ein entgegengesetztes Gefühl, das sich in seinem Kopf regte. »Freiheit«, flüsterte er. »Wie interessant!« Bento hatte diesen Gedanken nicht willentlich hervorgerufen – er hatte sich eingestellt, um dem Schmerz der Einsamkeit zu begegnen. Es war, als bemühte sein Geist sich automatisch um ein Gleichgewicht. Wie war das möglich? Gab es tief in seinem Innern eine Macht, unabhängig vom bewussten Wollen, eine Macht, welche Gedanken schuf, Schutz anbot und ihm erlaubte, erfolgreich zu sein?

»Ja, Freiheit«, sagte er – so lange schon hatte Bento es sich angewöhnt, langatmige Selbstgespräche zu führen –, »Freiheit ist das Gegenmittel. Endlich bist du von dem Joch der Tradition erlöst. Erinnere dich, wie sehr du dich nach Freiheit gesehnt hast. Freiheit von Gebeten, Ritualen und Aberglauben. Erinnere dich, wie sehr dein Leben von Ritualen eingeengt war. Die unzähligen, den Tefillin gewidmeten Stunden. Dreimal täglich die vorgeschriebenen Gebete in der Synagoge zu singen und immer wieder, wenn Wasser getrunken, ein Apfel oder sonst ein Happen gegessen wurde, wann immer es im Leben irgendein Ereignis gab. Erinnere dich an die endlosen Stunden, in denen du alphabetische Sündenlisten heruntergebetet, auf deine vollkommen unschuldige Brust geschlagen und um Vergebung gefleht hast.«

Auf einer Brücke über der Verwersgracht blieb Bento stehen, lehnte sich an das kalte Steingeländer, schaute ins tintenblaue Wasser und rief sich sein Studium der Kommentare zur Heiligen Schrift ins Gedächtnis. Tag um Tag, Nacht um Nacht, unzählige Stunden lang, hatte er über den Worten – manche banal, manche brillant – der unübersehbaren Armeen von Gelehrten gebrütet, die ihr ganzes Leben damit verbracht hatten, über die Bedeutung und die Auswirkungen der Worte Gottes in der Heiligen Schrift zu schreiben und über die Berechtigung und die Auswirkungen der vorgeschriebenen sechshundertdreizehn Mitzvot (Gebote), welche jeden Aspekt des jüdischen Lebens reglementierten. Und später, beim Studium der Kabbala mit Rabbi Aboab, wurden die Lektionen unendlich undurchsichtig, als er die geheimen Bedeutungen eines jeden Buchstabens und die Auswirkungen der einem jeden Buchstaben zugeordneten Zahlwerte gegenüberstellte.

Und dennoch hatte keiner der Rabbiner, die ihn ausbildeten, und auch keiner der Gelehrten früherer Zeiten jemals die Gültigkeit ihrer wesentlichen Texte angezweifelt und auch nicht, ob die Bücher Mose wirklich die Worte Gottes waren. Als er es vor mehr als einem Dutzend Jahren gewagt hatte, in einer Unterrichtsstunde über jüdische Geschichte nachzufragen, wie Gott ein Schriftstück mit so vielen Ungereimtheiten geschrieben haben konnte, hatte Rabbi Mortera langsam den Kopf gehoben, ihn ungläubig angestarrt und geantwortet: »Wie kannst du als einzelne Menschenseele, der du praktisch noch ein Kind bist, an Gottes Urheberschaft zweifeln und dich erdreisten, Gottes unendliche Weisheit und Gottes Absichten zu kennen? Weißt du nicht, dass die Verkündigung des Bündnisses mit Israel an Moses von Zehntausenden, ja Hunderttausenden, ja vom ganzen Volk Israel bezeugt wurde? Das haben mehr Menschen beobachtet als jedes andere Ereignis in der ganzen Geschichte.«

Der Tonfall des Rabbiners sollte der Klasse zu verstehen geben, dass kein Schüler jemals wieder eine so törichte Frage wagen sollte. Was auch niemand mehr wagte. Und niemandem außer ihm, so schien es Bento, war jemals aufgefallen, dass das Volk Israel mit seiner kollektiven, ehrfürchtigen Haltung gegenüber der Thora ebenjene Sünde begangen hatte, vor der Gott sie durch Moses am meisten gewarnt hatte: die Götzenanbetung. Die Juden auf der ganzen Welt huldigten nicht goldenen Götzen, sondern Götzen aus Papier und Tinte.

Als er einem kleinen Boot nachsah, das in einem Seitenkanal verschwand, hörte Bento, wie jemand auf ihn zugerannt kam. Er schaute auf und sah Manny, den Sohn des Bäckers, seinen pummeligen, leicht begriffsstutzigen, aber treuen Klassenkameraden und lebenslangen Freund. Reflexartig lächelte Bento und blieb stehen, um seinen Freund zu begrüßen. Doch Manny rannte unbeirrt weiter, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, über die Brücke und die Straße hinunter zur Bäckerei seines Vaters.

Bento erschauerte. Also war der Cherem nun tatsächlich verhängt worden! Natürlich hatte er gewusst, dass er Realität war – Rabbi Morteras feindseliger Blick hatte es ihm verraten und auch die leeren Straßen und Rebeccas Ohrfeige, die ihm immer noch auf der Wange brannte. Aber erst als Manny sich von ihm abgewandt hatte, brach die Realität mit voller Wucht über ihn herein. Er schluckte und dachte: Umso besser – sie zwingen mich nichts zu tun, was ich nicht aus freien Stücken getan hätte. Ich fürchtete das Aufsehen, aber da sie es so wollen, werde ich nun freudig den Weg beschreiten, der sich mir eröffnet hat.

»Ich bin kein Jude mehr«, murmelte Bento und lauschte dem Klang dieser Worte. Er wiederholte sie immer wieder: Ich bin kein Jude mehr. Ich bin kein Jude mehr. Ich bin kein Jude mehr. Er fröstelte. Das Leben erschien ihm kalt und herzlos. Aber das Leben war schon kalt gewesen, seit sein Vater und seine Stiefmutter gestorben waren. Von heute an war er kein Jude mehr. Vielleicht konnte er als exkommunizierter Jude nun denken und schreiben, wie er wollte, und würde mit Nichtjuden Meinungen austauschen können.

Mehrere Monate zuvor hatte Bento sich insgeheim geschworen, ein gesegnetes Leben von Aufrichtigkeit und Liebe zu führen. Als Nichtjude konnte er nun friedvoller leben. Die Juden hatten immer behauptet, dass wahre Meinungen und ein wahrer Lebensplan, geboren aus Vernunft statt aus prophetischen, mosaischen Schriften, auf dem Pfad der Glückseligkeit nichts zu suchen hätten. Gegen die Vernunft zu wettern ergab für Bento keinen Sinn, und weshalb sollte er nun, da er Nichtjude war, nicht ein Leben der Vernunft leben können?

Als er von der Brücke trat, dachte Bento plötzlich: Was bin ich? Wenn ich kein Jude bin, was bin ich dann? Er suchte in seiner Tasche nach dem Notizbuch, das er immer bei sich trug – dasselbe Notizbuch, in das er damals seine Eintragungen gemacht hatte, als er van den Enden kennen gelernt hatte. Er wandte sich nach rechts in eine kleine Straße, setzte sich ans Ufer der Gracht und suchte nach einer Antwort in seinen schriftlichen Aufzeichnungen der letzten beiden Jahre. Dann las er die Kommentare nach, die seinen Entschluss explizit unterstützten:

Wenn ich mich unter Individuen befinde, welche mit meiner Natur sehr wenig übereinstimmen, so werde ich kaum ohne größere Veränderung meiner selbst mich ihnen anbequemen können.

Der freie Mensch, der unter Unwissenden lebt, sucht,

so sehr als möglich, ihren Wohltaten auszuweichen.

Der freie Mensch handelt niemals arglistig, sondern stets aufrichtig.

Nur die freien Menschen sind einander höchst nützlich

und durch die festesten Bande der Freundschaft

miteinander verbunden.

Und es ist jedem nach dem höchsten Naturrecht erlaubt, klare Vernunft einzusetzen, um sich für ein Leben zu entscheiden, das ihm seiner Meinung nach zum Vorteil gereicht.

Bento klappte sein Notizbuch zu, stand auf und kehrte durch die verlassenen Straßen zu seinem Haus zurück, um seine restlichen Habseligkeiten zu holen. Plötzlich rief eine verzweifelte Stimme hinter ihm: »Baruch Spinoza, Baruch Spinoza.«

22

BERLIN, 1922

Berlin am ersten Frühlingstag war ungefähr so, wie Alfred es von seinem kurzen Aufenthalt im Winter 1919 in Erinnerung hatte. Unter einem granitgrauen Himmel mit beißend kaltem Wind und einem ständigen, leichten Regen, der nie den Boden zu erreichen schien, hockten griesgrämige, in mehrere Kleiderschichten eingemummte Ladenbesitzer in ihren ungeheizten Läden. Die Straße Unter den Linden war menschenleer, aber an jeder Kreuzung von Soldaten bewacht. In Berlin war es gefährlich: Gewalttätige, politische Demonstrationen und Attentate auf Kommunisten und Sozialdemokraten waren an der Tagesordnung.

Am Schluss ihres letzten Treffens vor vier Jahren hatte Friedrich »Krankenhaus Charité, Berlin« auf den Zettel geschrieben, den Alfred zerrissen und weggeworfen hatte, nur um ein paar Minuten später zurückzukehren und die verstreuten Papierfetzen einzusammeln. Alfred trat an einen Wachmann heran und erkundigte sich nach dem Weg zum Krankenhaus. Der Soldat musterte Alfred von Kopf bis Fuß und brummte: »Wo haben Sie Ihr Kreuz gemacht?«

Alfred war verwirrt: »Wie bitte?«

»Wen haben Sie gewählt?«

»Ach so.« Alfred richtete sich zu voller Größe auf. »Ich kann Ihnen sagen, wen ich in Zukunft wählen werde: Adolf Hitler und die komplette antijüdische-antibolschewistische Plattform der NSDAP.«

»Ich kenne keinen Hitler«, antwortete der Soldat, »und von der NSDAP habe ich noch nie gehört. Aber die Plattform gefällt mir. Also, die Charité, warten Sie – die können Sie gar nicht verfehlen –, das ist das größte Krankenhaus in Berlin.« Er deutete auf eine Straße zu seiner Linken. »Die Straße da hinunter, immer geradeaus.«

»Vielen Dank auch. Und merken Sie sich den Namen Hitler. Bald werden Sie nämlich Adolf Hitler wählen.«

Der Pförtner im Empfangsgebäude wusste sofort, wer Friedrich Pfister war. »Ja, natürlich, der Herr Doktor Pfister ist Facharzt für nervöse und seelische Störungen in der Ambulanz. Den Gang rechts hinunter, zur Tür hinaus und geradeaus zum nächsten Gebäude hinüber.«

Im Wartebereich im nächsten Gebäude drängten sich so viele junge und nicht mehr ganz so junge Männer, die noch immer ihre grauen Militärmäntel trugen, dass Alfred eine Viertelstunde brauchte, um sich zum Anmeldeschalter durchzuarbeiten, wo er schließlich die gestresste Sprechstundenhilfe auf sich aufmerksam machen konnte. Er lächelte höflich und rief: »Bitte, bitte, ich bin ein guter Freund von Doktor Pfister. Ich kann Ihnen versichern, dass er mich empfangen wird.«

Sie sah ihm direkt in die Augen. Alfred war ein gutaussehender, junger Mann. »Ihr Name?«

»Alfred Rosenberg.«

»Sobald er aus dem Sprechzimmer kommt, werde ich ihm sagen, dass Sie da sind.« Zwanzig Minuten später schenkte sie Alfred ein freundliches Lächeln und bedeutete ihm, ihr in ein großes Büro zu folgen. Friedrich, der ein Band mit Spiegel um den Kopf und einen weißen Mantel trug, aus dessen Taschen eine Taschenlampe, ein Stift, ein Ophthalmoskop, diverse hölzerne Zungenspatel und ein Stethoskop lugten, erwartete ihn bereits.

»Alfred! Was für eine Überraschung! Und eine angenehme noch dazu. Ich dachte schon, ich würde dich nie mehr wiedersehen. Wie geht es dir? Was hast du seit unserem Treffen in Estland getrieben? Was führt dich nach Berlin? Oder lebst du hier? An meinen dummen Fragen, mit denen ich dich bombardiere, merkst du schon, dass ich ein bisschen angespannt bin und eigentlich gar keine Zeit habe, mir die Antworten anzuhören. Das Wartezimmer ist wie immer gerammelt voll, aber ich bin hier um halb acht fertig – hättest du dann Zeit?«

»So viel du willst. Ich, also, ich bin eigentlich nur auf der Durchreise und wollte einfach mal mein Glück versuchen«, sagte Alfred und rügte sich insgeheim: Warum nennst du ihm nicht den wahren Grund, weshalb du hier bist?

»Gut, gut. Was hältst du davon, wenn wir uns beim Abendessen ein bisschen unterhalten? Ich würde mich freuen.«

»Ich auch.«

»Dann bin ich um halb acht an der Rezeption.«

Den ganzen Nachmittag bummelte Alfred durch die Stadt und verglich die eintönigen, spießigen Straßen Berlins mit den prächtigen Pariser Boulevards. Als es ihm draußen zu kalt wurde, zog er sich in die wärmeren Räume der ungeheizten Museen zurück. Um sieben Uhr stand er wieder im Warteraum des Krankenhauses, der sich inzwischen fast geleert hatte. Friedrich tauchte genau um halb acht Uhr auf und begleitete Alfred in den für die Ärzte reservierten Speisesaal, einen großen, fensterlosen Raum, in dem es nach Sauerkraut roch und wo viele Kellner hin und her flitzten, die die weißbemäntelten Herrschaften bedienten. »Wie du siehst, Alfred, ist es hier wie überall in Deutschland: viele Tische, viel Personal, aber wenig zu essen.«

Das Abendessen im Krankenhaus, ausnahmslos kalte Gerichte, bestand aus dünnen Scheiben Bierwurst, Leberwurst, Limburger Käse, kalten, gekochten Kartoffeln sowie Sauerkraut und Essiggurken. Friedrich entschuldigte sich. »Tut mir leid. Mehr kann ich dir nicht bieten. Hoffentlich hast du heute schon warm gegessen.«

Alfred nickte: »Eine Wurst im Zug. Hat nicht einmal schlecht geschmeckt.«

»Dafür dürfen wir uns auf den Nachtisch freuen. Ich habe den Koch gebeten, uns etwas Besonderes zu servieren – sein Sohn ist einer meiner Patienten, und nun backt er mir oft irgendwelche Leckereien. Aber nun«, Friedrich lehnte sich zurück und atmete erschöpft aus, »können wir uns endlich entspannen und plaudern. Zuerst muss ich dir von deinem Bruder erzählen. Gerade bekam ich einen Brief von Eugen, in dem er fragt, ob ich von dir gehört hätte. Wir haben uns in Berlin recht oft getroffen, aber vor ungefähr einem halben Jahr ist er nach Brüssel umgezogen. Er hat eine gute Stelle bei einer belgischen Bank. Seine Schwindsucht ist allmählich auf dem Rückzug.«

»O nein«, stöhnte Alfred.

»Wie? Dass sie sich zurückbildet, ist doch gut

»Ja, natürlich. Ich meinte aber ›Brüssel‹. Hätte ich gewusst, dass er dort lebt, wäre ich einen Tag geblieben.«

»Aber wie hättest du das wissen sollen? In Deutschland geht alles drunter und drüber. Eugen schrieb mir, dass er keine Ahnung hat, wo du lebst. Und auch nicht, wie. Alles, was ich ihm von unserem Treffen in Reval sagen konnte, war, dass du gehofft hattest, irgendwie nach Deutschland zu kommen. Wenn du willst, könnte ich vermitteln und eure Adressen austauschen.«

»Ja, ich würde ihm gern schreiben.«

»Gleich nach dem Abendessen hole ich seine Adresse. Sie ist in meinem Zimmer. Aber was hast du in Brüssel gemacht?«

»Willst du die ganze Geschichte hören oder eine Kurzfassung?«

»Die ganze Geschichte bitte. Ich habe viel Zeit.«

»Aber du bist bestimmt müde. Du musstest dir bestimmt den ganzen Tag die Probleme der Leute anhören? Wann hast du heute Morgen begonnen?«

»Ich arbeite seit sieben Uhr früh. Aber mit den Patienten zu sprechen ist etwas anderes, als mit dir zu sprechen. Du und Eugen, ihr seid alles, was mir von meinem Leben in Estland geblieben ist – ich war ein Einzelkind, und wie du dich vielleicht erinnerst, starb mein Vater, kurz bevor wir uns trafen. Meine Mutter ist vor zwei Jahren gestorben. Ich lege großen Wert auf meine Wurzeln – vielleicht sogar in einem irrationalen Maß. Und ich bedaure wirklich, dass wir uns das letzte Mal im Unfrieden getrennt haben – nur weil ich so gedankenlos war. Deshalb möchte ich die ganze Geschichte hören.«

Alfred erzählte bereitwillig über sein Leben in den vergangenen drei Jahren. Nein, er war mehr als bereitwillig: Während er erzählte, sickerte eine Wärme in seine Knochen, eine Wärme, die daraus entstand, dass er seine Lebensgeschichte jemandem erzählen durfte, der sie wirklich hören wollte. Er erzählte, wie er mit dem letzten Zug aus Reval herausgekommen war, von dem Viehtransporter nach München, von dem glücklichen Zufall, Dietrich Eckart getroffen zu haben, von seiner Tätigkeit als Zeitungsredakteur, davon, dass er der NSDAP beigetreten war, von seiner leidenschaftlichen Beziehung zu Hitler. Er sprach über seine wichtigsten Errungenschaften – über sein Werk Die Spur der Juden im Wandel der Zeit und über die Veröffentlichung der Protokolle der Weisen von Zion im vergangenen Jahr.

Die Protokolle der Weisen von Zion ließen Friedrich aufhorchen. Erst wenige Wochen zuvor hatte Friedrich bei einem Vortrag eines bedeutenden Historikers vor der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung, in dem es um die Frage gegangen war, weshalb die Menschen immer schon einen Sündenbock brauchten, von diesem Dokument gehört. Er hatte erfahren, dass die Protokolle der Weisen von Zion vorgeblich eine Sammlung von Vorträgen enthielten, welche im Jahre 1897 anlässlich des Ersten Zionistischen Kongresses in Basel gehalten wurden. Anhand dieser Vorträge wurde eine internationale jüdische Verschwörung aufgedeckt, die christliche Institutionen unterminieren, die Russische Revolution einleiten und den Weg zur jüdischen Vorherrschaft in der Welt ebnen sollte. Der Sprecher auf der psychoanalytischen Konferenz sagte, dass die Protokolle kürzlich in ihrer Gesamtheit von einer skrupellosen Münchner Zeitung neu aufgelegt worden waren, und zwar ungeachtet der Tatsache, dass mehrere bedeutende wissenschaftliche Institutionen überzeugend dargelegt hatten, dass es sich bei den Protokollen von Zion um einen Schwindel handelte. Wusste Alfred, dass sie ein Schwindel waren?, fragte sich Friedrich. Hätte er sie in diesem Fall trotzdem veröffentlicht? Aber darüber verlor er kein Wort. Im Lauf seiner intensiven persönlichen Psychoanalyse während der letzten drei Jahre hatte Friedrich zuhören gelernt, und er hatte auch gelernt, zuerst zu denken und dann erst zu sprechen.

»Eckarts Gesundheit lässt zu wünschen übrig«, fuhr Alfred fort und kam sogleich auf seine Ambitionen zu sprechen. »Das betrübt mich, weil er ein wunderbarer Mentor ist, aber gleichzeitig weiß ich, dass seine bevorstehende Pensionierung mir den Weg zum Herausgeber des Völkischen Beobachters eröffnen wird, der ja die nationalsozialistische Parteizeitung ist. Hitler selbst hat mir gesagt, dass ich offenbar der beste Kandidat bin. Das Blatt wächst zusehends und wird bald als Tageszeitung erscheinen. Aber noch wichtiger wäre mir, dass ich durch meine Position als Herausgeber und durch meine Nähe zu Hitler irgendwann eine wichtige Rolle in der Partei spielen kann.«

Alfred beendete seinen Bericht mit einem wohlgehüteten Geheimnis: »Ich bereite gerade ein wirklich wichtiges Buch vor, das ich Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts nennen werde. Ich hoffe, dass dieses Werk jedem denkenden Menschen das Ausmaß der jüdischen Bedrohung der westlichen Zivilisation vor Augen führen wird. Ich werde viele Jahre daran schreiben müssen, aber irgendwann rechne ich damit, dass es die Nachfolge der Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts antreten wird, dieses bedeutenden Werkes von Houston Stewart Chamberlain. Nun, das ist meine Geschichte bis 1923.«

»Alfred, ich bin beeindruckt, was du in so kurzer Zeit erreicht hast. Aber du hast noch nicht zu Ende erzählt. Was machst du im Augenblick? Was ist mit Brüssel?«

»Ja, richtig. Ich habe dir alles erzählt, nur das nicht, was du wissen wolltest!« Dann erzählte Alfred ausführlich von seiner Reise nach Paris, Belgien und Holland. Aus ihm unerfindlichen Gründen unterließ er es allerdings, seinen Besuch im Spinoza-Museum in Rijnsburg zu erwähnen.

»Was für ereignisreiche drei Jahre, Alfred! Du musst stolz auf das sein, was du erreicht hast! Es ist mir eine Ehre, dass du mir so sehr vertraust. Aber ich vermute stark, dass du das alles und ganz besonders deine Ziele bis jetzt noch niemandem erzählt hast. Stimmt’s?«

»Stimmt. Stimmt sogar sehr. Ich habe seit unserem letzten Gespräch kein so persönliches Gespräch mehr geführt. An dir ist etwas, Friedrich, das mir den Mut gibt, mich zu öffnen.« Alfred wollte Friedrich gerade erzählen, dass er einige grundsätzliche Dinge an seiner Persönlichkeit ändern wolle, als der Koch mit zwei großen Stücken noch warmer Linzer Torte auftauchte.

»Frisch aus dem Ofen für Sie und Ihren Gast, Herr Dr. Pfister.«

»Wie nett von Ihnen, Herr Steiner. Wie geht es übrigens Ihrem Sohn Hans? Wie fühlt er sich diese Woche?«

»Tagsüber geht es ihm besser, aber seine Alpträume sind immer noch schrecklich. Fast jede Nacht höre ich ihn schreien. Seine Alpträume sind inzwischen meine eigenen Alpträume geworden.«

»In seinem Zustand sind Alpträume normal. Haben Sie Geduld – sie werden nachlassen, Herr Steiner. Sie lassen immer nach.«

»Woran leidet sein Sohn?«, fragte Alfred, nachdem der Koch wieder verschwunden war.

»Ich kann mit dir nicht über einen bestimmten Patienten sprechen, Alfred. Das fällt unter das Arztgeheimnis. Aber so viel kann ich sagen: Erinnerst du dich noch an die vielen Männer, die du im Wartezimmer gesehen hast? Alle, jeder Einzelne hat das gleiche Leiden: Kriegsneurose. Und genauso sieht es in allen Wartezimmern an allen Krankenhäusern Deutschlands aus, die Nervenleiden behandeln. Und alle leiden sehr stark: Sie sind leicht erregbar, können sich nicht konzentrieren, werden von Panikattacken und Depressionen heimgesucht. Sie erleben ihr Trauma immer und immer wieder neu. Tagsüber gehen ihnen fürchterliche Bilder durch den Kopf. In der Nacht sehen sie in ihren Alpträumen, wie ihre Kameraden in Stücke gerissen werden, und sie sehen ihren eigenen nahenden Tod. Auch wenn sie sich als Glückspilze empfinden, weil sie dem Tod entronnen sind, leiden alle unter dem Überlebenden-Syndrom – dem Schuldbewusstsein, überlebt zu haben, während so viele andere starben. Sie grübeln ständig, was sie hätten tun können, um ihre gefallenen Kameraden zu retten, dass sie an ihrer Stelle hätten sterben sollen. Statt stolz zu sein, halten sich viele für Feiglinge. Das ist ein riesiges Problem, Alfred. Ich spreche von einer ganzen Generation deutscher Männer, die betroffen sind. Und natürlich kommt dazu noch die Trauer in den Familien. Wir haben drei Millionen Menschen im Krieg verloren, fast jede Familie in Deutschland hat einen Sohn oder Vater verloren.«

»Und das alles«, setzte Alfred schnell hinzu, »hat dieser vermaledeite, teuflische Friedensvertrag von Versailles noch viel schlimmer gemacht, weil dadurch ihr ganzes Leiden sinnlos geworden ist.«

Friedrich merkte, wie geschickt Alfred die Unterhaltung auf sein Wissensgebiet, die Politik, lenken wollte, ging aber nicht darauf ein. »Eine interessante Spekulation, Alfred. Bevor wir uns damit auseinandersetzen, müssten wir allerdings wissen, wie es in den Wartezimmern der Militärkrankenhäuser in Paris und London aussieht. Du bist vielleicht in genau der richtigen Position, um dieser Frage für deine Zeitung nachzugehen, und, ehrlich gesagt, würde ich mir wünschen, dass du darüber schreibst. Jede Öffentlichkeit, die wir bekommen können, ist hilfreich. Deutschland muss dieses Problem ernster nehmen. Wir brauchen mehr Ressourcen.«

»Du hast mein Wort. Gleich nach meiner Rückkehr werde ich einen Artikel darüber schreiben.«

Während sich beide mit Genuss ihrer Linzer Torte widmeten, wandte Alfred sich an Friedrich: »Du hast deine Fortbildung jetzt also hinter dir?«

»Meine eigentliche Ausbildung, ja. Aber die Psychiatrie ist ein seltsames Gebiet, denn im Gegensatz zu allen anderen medizinischen Fachrichtungen ist man eigentlich nie fertig. Das wichtigste Instrument bist du selbst, und die Arbeit am eigenen Selbstverständnis ist ein endloser Prozess. Ich lerne noch immer. Wenn dir etwas an mir auffällt, das mir helfen könnte, mehr über mich selbst zu erfahren, zögere bitte nicht, mich darauf hinzuweisen.«

»Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Was könnte mir schon auffallen? Was könnte ich dir sagen?«

»Alles, was du bemerkst. Vielleicht ertappst du mich ja dabei, dass ich dich komisch ansehe, dich unterbreche oder ein unpassendes Wort verwende. Vielleicht missverstehe ich dich oder stelle unbeholfene oder irritierende Fragen … einfach alles. Ich meine es ernst, Alfred. Ich will es hören.«

Alfred war sprachlos, fast aus dem Gleichgewicht gebracht. Es war schon wieder passiert. Er hatte abermals Friedrichs seltsame Welt betreten, in der radikal unterschiedliche Regeln der Gesprächsführung galten – eine Welt, die er sonst nirgendwo fand.

»Nun«, fuhr Friedrich fort, »du sagtest, dass du in Amsterdam warst und von dort aus nach München zurück wolltest. Nun liegt Berlin nicht gerade auf direktem Weg.«

Alfred griff in die Manteltasche und zog Spinozas Theologisch-Politischen Traktat heraus. »Eine lange Zugfahrt war die ideale Gelegenheit, das hier zu lesen.« Er hielt Friedrich das Buch hin. »Ich habe es im Zug ausgelesen. Du hattest so Recht, es mir zu empfehlen.«

»Ich bin beeindruckt, Alfred. Du bist ein wirklich eifriger Schüler. Es gibt nicht viele wie dich. Abgesehen von professionellen Philosophen gibt es kaum jemanden, der nach seinem Studium noch Spinoza liest. Ich dachte eher, dass du unseren alten Bento über deinem neuen Beruf und den Ereignissen, die ganz Europa erschüttern, inzwischen ganz vergessen hättest. Nun, was hältst du von dem Buch?«

»Einleuchtend, mutig, intelligent. Es ist eine vernichtende Kritik des Judentums und des Christentums – oder wie mein Freund Hitler es nennt, dieses ›ganzen religiösen Schwindels‹. Was ich allerdings wirklich in Frage stelle, sind Spinozas politische Ansichten. Er ist zweifellos naiv, wenn er Demokratie und individuelle Freiheit unterstützt. Du brauchst dir nur anzusehen, wohin uns solche Ideen in Deutschland gebracht haben. Mir scheint, als plädierte er geradezu für ein amerikanisches System, und wir wissen doch alle, worauf Amerika gerade zusteuert – auf ein von Mulatten-Mischlingen durchseuchtes Land.«

Alfred schwieg, und die beiden Männer machten sich über die letzten Bissen ihrer Linzer Torte her – eine wahre Delikatesse in jenen mageren Zeiten.

»Aber erzähl mir mehr über die Ethik«, fuhr er fort. »Das war schließlich das Buch, das Goethe so viel Ruhe und Weitblick vermittelt hat und das er ein ganzes Jahr lang mit sich herumgetragen hat. Weißt du noch, dass du mir angeboten hast, mich anzuleiten, mir zu helfen, wie ich es am besten anpacken soll?«

»Ja, das weiß ich noch, und mein Angebot steht. Ich hoffe nur, dass ich noch die nötigen Voraussetzungen mitbringe, denn mein Kopf ist momentan mit den kleinen und großen Gedanken angefüllt, die mein Beruf so mit sich bringt. Seit unserem letzten Treffen habe ich nicht mehr an Spinoza gedacht. Wo fange ich am besten an?« Friedrich schloss die Augen. »Ich versetze mich zurück in meine Studienzeit und höre die Vorlesungen meines Philosophieprofessors. Ich erinnere mich an seine Worte, dass Spinoza eine übermächtige Figur der Geistesgeschichte war. Dass er ein sehr einsamer Mann war, den die Juden exkommuniziert haben, dessen Bücher von den Christen verboten wurden und der die Welt verändert hat. Er behauptete, dass Spinoza die moderne Ära einleitete, dass die Aufklärung und die wachsende Bedeutung der Naturwissenschaften mit ihm begannen. Manche sehen Spinoza als den ersten Menschen des Abendlandes, der ganz offen ohne jede religiöse Zugehörigkeit lebte. Ich erinnere mich, dass dein Vater die Kirche öffentlich verhöhnte. Eugen erzählte mir, dass er sich weigerte, einen Fuß in eine Kirche zu setzen, und zwar nicht einmal zu Ostern oder zu Weihnachten. Stimmt das?«

Er sah Alfred in die Augen, und Alfred nickte: »Stimmt.«

»Also hielt dein Vater es in Wirklichkeit ähnlich wie Spinoza. Vor Spinoza wäre ein so offener Widerstand gegen die Religion undenkbar gewesen. Und du hast gut beobachtet, als du seine Rolle bei der Demokratiebewegung in Amerika erkannt hast. Die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung wurde vom britischen Philosophen John Locke inspiriert, und dieser wiederum ließ sich von Spinoza inspirieren. Mal sehen: Was noch? Ach ja, ich erinnere mich, dass mein Philosophieprofessor ausdrücklich Spinozas Festhalten an Immanenz betonte. Weiß du, was ich damit meine?«

Alfred hob unsicher die Schultern und drehte die Handflächen fragend nach oben.

»Es ist das Gegenteil von ›Transzendenz‹. Es steht für die Vorstellung, dass diese weltliche Existenz alles ist, was es gibt, dass die Gesetze der Natur alles lenken und dass Gott und die Natur identisch sind. Spinozas Leugnen jeglichen Lebens im Jenseits war für die Philosophie nach ihm von monumentaler Bedeutung, denn das bedeutete, dass die ganze Ethik, jeder Kodex über den Sinn des Lebens und das Verhalten in dieser Welt, in diesem Leben beginnen muss.« Friedrich hielt inne. »Das ist ungefähr alles, was mir einfällt … Ach ja, ein Letztes noch: Mein Professor behauptete, Spinoza sei der intelligenteste Mensch gewesen, den es je gegeben hat.«

»Diese Behauptung kann ich unterschreiben. Egal, ob man seine Ansichten teilt oder nicht, er ist auf jeden Fall brillant. Ich bin sicher, dass Goethe, Hegel und alle unsere großen Denker das erkannt haben.«

Aber wie konnten solche Gedanken von einem Juden kommen?, wollte Alfred hinzufügen, ließ es aber sein. Möglich, dass beide Männer das Thema vermeiden wollten, das bei ihrem letzten Treffen zu einer solchen Verbitterung geführt hatte.

»Nun, Alfred, hast du die Ethik noch?«

Der Koch trat an den Tisch und servierte den Tee.

»Halten wir Sie auf?«, erkundigte sich Friedrich, nachdem er sich im Speisesaal umgesehen und festgestellt hatte, dass er und Alfred die einzigen Gäste waren.

»Nein, nein, Herr Dr. Pfister. Ich habe noch zu tun. Ich bin bestimmt noch ein paar Stunden da.«

Nachdem der Koch verschwunden war, sagte Alfred: »Ja, die Ethik habe ich noch, aber seit Jahren nicht mehr in die Hand genommen.«

Friedrich blies auf seinen Tee, trank einen Schluck und wandte sich wieder Alfred zu. »Ich glaube, jetzt ist die Zeit gekommen, sie zu lesen. Es ist eine schwierige Lektüre. Ich habe ein einjähriges Seminar darüber besucht, und wir haben in der Klasse oft eine geschlagene Stunde damit zugebracht, eine einzige Seite zu diskutieren. Ich rate dir, es langsam anzugehen. Das Buch ist unbeschreiblich dicht und berührt fast alle wichtigen Aspekte der Philosophie – Tugend, Freiheit und Determinismus, das Wesen Gottes, Gut und Böse, persönliche Identität, das Verhältnis zwischen Körper und Geist. Vielleicht war nur noch die Politeia Platons so breit gefächert.«

Friedrich warf abermals einen Blick über den leeren Speisesaal. »Auch wenn Herr Steiner aus Höflichkeit das Gegenteil behauptet, denke ich doch, dass wir ihn hier aufhalten. Gehen wir in mein Zimmer. Wenn ich einen Blick in meine Aufzeichnungen werfe, kann ich meine Erinnerung vielleicht auffrischen. Dann kann ich dir auch gleich Eugens Adresse geben.«

Friedrichs Zimmer im Schlafbereich für die Ärzte war mit Bücherschrank, Schreibtisch, Stuhl und akkurat gemachtem Bett ziemlich spartanisch eingerichtet. Friedrich bot Alfred den Stuhl an und gab ihm sein Exemplar der Ethik zum Durchblättern, während er sich auf das Bett setzte und einen alten Aktenordner mit handschriftlichen Aufzeichnungen durchblätterte. Nach zehn Minuten begann er: »Nun, einige allgemeine Anmerkungen. Zuerst – und das ist wichtig – lass dich von dem geometrischen Stil nicht entmutigen. Ich glaube nicht, dass irgendein Leser gut damit zurechtgekommen ist. Mit diesen präzisen Definitionen, Axiomen, Aussagen, Beweisen und Schlussfolgerungen erinnert der Stil an Euklid. Der Text ist teuflisch schwierig zu lesen, und niemand weiß, warum er sich für eine solche Art zu schreiben entschieden hat. Ich erinnere mich, dass du sagtest, du hättest den Versuch aufgegeben, weil der Text dir undurchdringlich erschien, aber ich bitte dich sehr darum durchzuhalten. Mein Professor bezweifelt, dass Spinoza wirklich auf diese Art gedacht hat; er betrachtete es eher als anspruchsvolles pädagogisches Element. Vielleicht war es nur der natürliche Weg, seine fundamentale Idee zu präsentieren, dass nämlich nichts kontingent ist, dass alles in der Natur seine Ordnung hat, verständlich ist und von anderen Ursachen benötigt wird, um genau das zu sein, was es ist. Oder vielleicht wollte er, dass die Logik regiert und dass seine Schlussfolgerungen dadurch, dass er sich selbst vollkommen unsichtbar macht, von Logik untermauert und nicht von vornherein durch Rückgriff auf Rhetorik oder Autoritäten und auch nicht durch Verweis auf seine jüdische Herkunft präjudiziert werden. Er wollte sein Werk wie eine mathematische Aufgabe beurteilt wissen – durch die schiere Logik seiner Methode.«

Friedrich nahm Alfred das Buch wieder aus der Hand und blätterte es durch. ›Es ist in fünf Teile untergliedert‹, erklärte er. ›Über Gott‹, ›Über die Natur und den Ursprung des Geistes‹, ›Über den Ursprung und die Natur der Affekte‹, ›Über die menschliche Unfreiheit, oder die Macht der Affekte‹, ›Über die Macht der Erkenntnis, oder die menschliche Freiheit‹. Der vierte Abschnitt ›Über die menschliche Unfreiheit‹ interessiert mich am meisten, weil er die größte Relevanz für mein Fachgebiet hat. Vorhin sagte ich, dass ich seit unserem letzten Treffen nicht mehr an ihn gedacht hatte, aber jetzt, da wir darüber sprechen, fällt mir auf, dass das nicht stimmt. Wenn ich psychiatrische Abhandlungen lese oder Vorträge höre oder mich mit Patienten unterhalte, geht mir Spinozas weithin verkannter Einfluss auf mein Gebiet der Psychiatrie durch den Kopf. Und der fünfte Teil ›Über die Macht der Erkenntnis oder die menschliche Freiheit‹ ist für meine Arbeit ebenfalls relevant und sollte auch dich interessieren. Das ist der Abschnitt, von dem Goethe wohl am meisten profitiert haben dürfte.

Ein paar Gedanken zu den ersten beiden Teilen …« Friedrich warf einen Blick auf die Uhr. »Diese sind für mich die schwierigsten und abstrusesten Abschnitte, in denen ich bis heute nicht jeden Gedanken nachvollziehen kann. Hauptsächlich geht es darum, dass alles im Universum aus einer einzelnen, ewigen Substanz besteht, nämlich der Natur oder Gott. Und vergiss nicht, dass er diese beiden Begriffe synchron verwendet.«

»Der Name ›Gott‹ müllt wirklich jede Seite zu?«, fragte Alfred. »Ich dachte, er war nicht gläubig.«

»Dazu gibt es viele widersprüchliche Ansichten. Viele bezeichnen ihn als Pantheisten. Mein Professor sah ihn lieber als abweichlerischen Atheisten, der den Begriff ›Gott‹ wiederholt verwendete, um die Leser des siebzehnten Jahrhunderts bei der Stange zu halten. Und um seine Bücher und sich persönlich davor zu schützen, den Flammen übergeben zu werden. Bestimmt verwendet er ›Gott‹ nicht im konventionellen Sinn. Er zieht gegen die naive Behauptung von Menschen zu Felde, nach Gottes Ebenbild geschaffen worden zu sein. Irgendwo, ich glaube, in seinen Briefen, sagt er, dass, wenn Dreiecke denken könnten, sie einen dreieckigen Gott erschaffen würden. Alle anthropomorphischen Darstellungen Gottes sind einfach nur abergläubische Erfindungen. Aberglaube. Für Spinoza sind Natur und Gott Synonyme; man könnte sagen, dass er Gott naturalisiert.«

»Bis jetzt höre ich noch nichts über Ethik.«

»Da musst du auf die Teile vier und fünf warten. Zunächst stellt er fest, dass wir in einer deterministischen Welt leben, die voller Hindernisse für unser Wohlergehen ist. Was immer sich ereignet, ist ein Ergebnis der unveränderlichen Gesetze der Natur, und wir sind ein Teil der Natur und diesen deterministischen Gesetzen unterworfen. Weiterhin ist die Natur unendlich komplex. Wie er es ausdrückt, weist die Natur eine unendliche Anzahl von Modi oder Attributen auf, und wir Menschen können nur zwei davon begreifen, nämlich Gedanken und das Wesen der Dinge.«

Alfred stellte noch einige weitere Fragen zur Ethik, aber Friedrich merkte, dass er anscheinend nur darauf aus war, das Gespräch in Gang zu halten. Friedrich wartete geduldig den rechten Zeitpunkt ab und riskierte dann eine Beobachtung: »Du glaubst nicht, wie sehr ich es genieße, die Erinnerung an Spinoza aufzufrischen und mit dir zu diskutieren. Aber ich möchte sicher sein, dass ich nichts übersehen habe. Als Therapeut habe ich gelernt, auf meine Intuition zu achten. Und nun sagt mir meine Intuition etwas, was mit dir zu tun hat.«

Alfred hob die Augenbrauen und sah ihn erwartungsvoll an.

»Meine Intuition sagt mir, dass du nicht nur über Spinoza, sondern auch über etwas anderes mit mir sprechen wolltest.«

Sag ihm die Wahrheit, sagte Alfred zu sich. Erzähl ihm von deiner Anspannung. Von deiner Schlaflosigkeit. Davon, dass du nicht geliebt wirst. Davon, dass du immer ein Außenseiter bist, immer außen vor statt beteiligt. Aber stattdessen sagte er: »Nein, es war wunderbar, dich zu treffen, mich auf den neuesten Stand zu bringen und mehr über Spinoza zu erfahren – wann hat man schon die Möglichkeit, über einen Spinoza-Kenner zu stolpern? Und obendrein habe ich eine gute Story für die Zeitung. Wenn du mir irgendwelche medizinischen Abhandlungen über Kriegsneurosen geben könntest, würde ich im Zug nach München einen Artikel schreiben und ihn schon in der nächsten Wochenausgabe veröffentlichen. Ich schicke ihn dir dann zu.«

Friedrich ging zu seinem Schreibtisch und blätterte in mehreren Fachzeitschriften. »Hier, im Journal of Nervous Diseases, gibt es eine gute Besprechung. Nimm die Ausgabe mit und schick sie mir zurück, wenn du sie nicht mehr brauchst. Und hier ist auch Eugens Adresse.«

Als Alfred sich langsam, fast widerstrebend erhob, beschloss Friedrich, einen letzten Versuch zu riskieren – ein weiteres Werkzeug, das sein eigener Analytiker ihm gezeigt hatte und das er häufig bei seinen Patienten anwendete. Es wirkte fast immer.

»Bleib noch einen Augenblick, Alfred. Ich habe noch eine letzte Bitte: Ich bitte dich, dir etwas vorzustellen. Schließe die Augen und stelle dir vor, dass du dich jetzt von mir verabschiedest. Stelle dir vor, dass du unsere Unterhaltung beendest, dich dann in den Zug setzest und die lange Fahrt nach München antrittst. Sag mir Bescheid, wenn du glaubst, dass du im Zug sitzest.«

Alfred schloss die Augen und signalisierte kurz darauf, dass er bereit war.

»So. Und nun möchte ich, dass du Folgendes machst: Denke an unser Gespräch von heute Abend zurück und stelle dir folgende Fragen: Gibt es etwas, was ich im Zusammenhang mit dem Gespräch mit Friedrich bedauere? Gab es wichtige Themen, die ich nicht angeschnitten habe?«

Alfred hielt die Augen geschlossen, und nach langem Schweigen nickte er langsam: »Nun, ein Thema gibt es tatsächlich …«

23

AMSTERDAM, 27. JULI 1656

Als Bento seinen Namen hörte, fuhr er herum und sah einen in Tränen aufgelösten Franco, der sofort auf die Knie fiel und den Kopf so tief beugte, dass er das Straßenpflaster mit der Stirn berührte.

»Franco? Was machen Sie hier? Und was machen Sie da auf dem Boden?«

»Ich musste Sie aufsuchen, um Sie zu warnen, um Sie um Vergebung zu bitten. Bitte vergeben Sie mir. Bitte erlauben Sie mir, es zu erklären.«

»Franco, stehen Sie auf. Es ist gefährlich für Sie, wenn man Sie mit mir zusammen sieht. Ich bin gerade auf dem Heimweg. Folgen Sie mir mit Abstand und treten Sie dann einfach ohne zu klopfen ein. Aber überzeugen Sie sich vorher, dass niemand Sie sieht.«

In Bentos Studierstube fuhr Franco wenige Minuten später mit bebender Stimme fort: »Ich komme gerade aus der Synagoge. Die Rabbiner haben Sie verflucht. Bösartig – so bösartig waren sie. Ich verstand alles, weil sie es ins Portugiesische übersetzten – ich hätte mir nie vorgestellt, dass sie so bösartig sein können. Sie befahlen, dass niemand mit Ihnen sprechen, niemand Sie ansehen oder …«

»Deshalb sagte ich, dass es gefährlich ist, mit mir gesehen zu werden.«

»Sie wissen es schon? Woher können Sie es wissen? Ich komme geradewegs aus der Synagoge. Ich bin nach dem Gottesdienst sofort hinausgerannt.«

»Ich wusste, dass es so kommen wird. Es war vom Schicksal bestimmt.«

»Aber Sie sind ein guter Mensch. Sie haben mir Ihre Hilfe angeboten. Sie haben mir geholfen. Und sehen Sie sich nun an, was sie Ihnen angetan haben. Alles ist meine Schuld.« Franco fiel abermals auf die Knie, ergriff Bentos Hand und drückte sie an seine Stirn. »Es ist eine Kreuzigung, und ich bin der Judas. Ich habe Sie verraten.«

Bento entzog ihm seine Hand und legte sie einen Augenblick lang auf Francos Kopf. »Bitte stehen Sie auf. Ich muss Ihnen verschiedene Dinge sagen. Vor allem müssen Sie eines wissen: Es ist nicht Ihre Schuld. Man hat nach einem Vorwand gesucht.«

»Nein, es gibt Dinge, die Sie nicht wissen. Die Zeit ist gekommen: Ich muss gestehen. Wir haben Sie verraten, Jacob und ich. Wir gingen zu den Parnassim, und Jacob erzählte ihnen alles, was Sie zu uns gesagt haben. Und ich tat nichts, um ihn aufzuhalten. Ich stand nur da und nickte, während er berichtete. Und mit jedem Nicken schlug ich einen Nagel in Ihr Kreuz. Aber ich musste es tun. Ich hatte keine andere Wahl … Glauben Sie mir, ich hatte keine andere Wahl.«

»Es gibt immer eine andere Wahl, Franco.«

»Das hört sich schön an, aber es stimmt nicht. Das wirkliche Leben ist nicht so einfach.«

Verblüfft warf Bento einen langen Blick auf Franco. Dieser Franco war irgendwie anders. »Warum stimmt es nicht?«

»Was ist, wenn man nur zwei Möglichkeiten zur Auswahl hat, von denen jede tödlich ist?«

»Tödlich?«

Franco vermied Bentos Blick. »Sagt Ihnen der Name Duarte Rodriguez etwas?«

Bento nickte. »Der Mann, der versucht hat, meine Familie zu berauben. Der Mann, der nicht erst die Proklamation eines Rabbiners brauchte, um mich zu hassen.«

»Er ist mein Onkel.«

»Ja, das weiß ich, Franco. Das hat mir Rabbi Mortera gestern erzählt.«

»Sagte er Ihnen auch, dass mein Onkel mir zwei Möglichkeiten zur Auswahl anbot? Wenn ich mich bereit erklärte, Sie zu verraten, würde er mich aus Portugal herausholen, und sobald ich mein Versprechen eingelöst hätte, würde er sofort ein Schiff nach Portugal senden, um meine Mutter, meine Schwester und meine Tante, Jacobs Mutter, zu retten. Sie verbergen sich in einem Versteck und schweben in größter Gefahr. Sollte ich mich weigern, würde er sie in Portugal ihrem Schicksal überlassen.«

»Ich verstehe. Sie haben die richtige Wahl getroffen. Sie haben Ihre Familie gerettet.«

»Und trotzdem tilgt es meine Schande nicht. In dem Moment, in dem meine Familie in Sicherheit ist, will ich wieder zu den Parnassim gehen und gestehen, dass wir Sie dazu provoziert haben, diese Dinge zu sagen, die Sie gesagt haben.«

»Nein, tun Sie das nicht, Franco. Das Beste, was Sie im Augenblick für mich tun können, ist, Schweigen zu bewahren.«

»Schweigen?«

»Das ist das Beste für mich, für uns alle.«

»Warum ist es das Beste? Wir haben Sie wirklich mit Hinterlist dazu verleitet, das zu sagen, was Sie gesagt haben.«

»Aber das ist nicht wahr. Was ich sagte, sagte ich aus freiem Willen.«

»Nein, Sie haben nur Mitleid mit mir, Sie wollen nur meinen Schmerz lindern. Meine Schuld bleibt. Es war alles nur gespielt, alles war geplant. Ich habe gesündigt. Ich habe Sie hintergangen. Ich habe Ihnen großen Schaden zugefügt.«

»Franco, Sie haben mich nicht hintergangen. Ich wusste, dass Sie beide gegen mich aussagen würden. Ich sprach absichtlich frei von der Leber weg. Ich wollte, dass Sie Ihre Aussage machen. Ich bin derjenige, der sich der Täuschung schuldig gemacht hat.«

»Sie

»Ja, ich habe Sie benutzt. Und was das Schlimmste ist, ich tat es, obwohl ich eine Ahnung hatte, dass Sie und ich verwandte Seelen sein könnten.«

»Ihre Ahnung hat Sie nicht enttäuscht. Aber unsere gleiche Gesinnung macht meine Schuld nur noch größer. Als Jacob den Parnassim Ihre Anschauungen vortrug, schwieg ich, obwohl ich lauthals hätte schreien sollen: ›Ich stimme mit Baruch Spinoza überein. Seine Ansichten sind auch die meinen.‹«

»Hätten Sie das getan, wären Sie in des Teufels Küche geraten. Ihr Onkel würde sich rächen, Ihre Familie wäre in größter Gefahr, die Parnassim hätten mich dennoch exkommuniziert und Sie noch dazu.«

»Baruch Spinoza …«

»Bitte nennen Sie mich Bento. Einen Baruch Spinoza gibt es nicht mehr.«

»Gut, dann also Bento. Bento Spinoza, Sie sind mir ein Rätsel. Nichts von dem, was heute geschah, ergibt einen Sinn. Beantworten Sie mir eine einfache Frage: Wenn Sie aus dieser Gemeinde ausscheiden wollten, warum sind Sie nicht einfach aus freiem Willen gegangen? Warum luden Sie sich selbst eine solche Schande und ein solches Unglück auf? Warum sind Sie nicht einfach fortgegangen? Woandershin?«

»Wohin? Sehe ich holländisch aus? Ein Jude kann nicht einfach verschwinden. Und denken Sie an meinen Bruder und meine Schwester. Denken Sie daran, wie schrecklich es wäre, sie zu verlassen und sich dann immer wieder aufs Neue dafür entscheiden zu müssen, ihnen fernzubleiben. So ist es besser. Und auch besser für meine Familie. Jetzt brauchen sie sich nicht immer wieder neu zu entscheiden, ob sie mit ihrem Bruder sprechen wollen oder nicht. Der Cherem des Rabbiners hat ihnen und mir diese Entscheidung ein für alle Mal abgenommen.«

»Sie wollen damit also sagen, es wäre besser, sein eigenes Schicksal in die Hände anderer zu legen. Es wäre besser, sich nicht selbst zu entscheiden, sondern andere zu zwingen, die Entscheidung für einen zu treffen? Sagten Sie nicht gerade eben, dass man immer eine Wahl hat?«

Verblüfft sah Bento abermals diesen anderen Franco an, einen aufmerksamen, zugänglichen Franco, der keine Spur dieses schüchternen, tollpatschigen Franco erkennen ließ, den er von den vergangenen Treffen kannte. »In Ihren Worten liegt viel Wahrheit. Was brachte Sie dazu, so zu denken?«

»Mein Vater, der von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, war ein weiser Mann. Bevor sie ihn zur Konvertierung zwangen, war er Großrabbiner und Ratgeber unserer Gemeinde. Auch nachdem wir alle Christen waren, suchten die Leute vom Dorf ihn immer noch auf, um schwierige Alltagsprobleme mit ihm zu besprechen. Ich saß oft an seiner Seite und erfuhr viel über Schuld, Schande, Entscheidungen und Trauer.«

»Sie sind der Sohn eines weisen Rabbiners? Bei unseren Treffen mit Jacob haben Sie demnach Ihr Wissen und Ihre wirklichen Gedanken verschwiegen. Als ich über die Worte der Thora sprach, schützten Sie Nichtwissen vor.«

Franco senkte den Kopf und nickte. »Ich gebe zu, dass ich Ihnen etwas vorgespielt habe. Aber ich weiß wirklich nichts über die jüdische Religion. In seiner Weisheit und aus Liebe zu mir wünschte mein Vater nicht, dass ich in unserer Tradition erzogen wurde. Wollten wir am Leben bleiben, mussten wir Christen sein. Er brachte mir bewusst weder die jüdische Sprache noch jüdische Bräuche bei, denn die durchtriebenen Inquisitoren waren sehr geschickt darin, alle Spuren jüdischen Gedankengutes auszukundschaften.«

»Und Ihr Wutausbruch über den Wahnsinn der Religionen? War der auch gespielt?«

»Absolut nicht! Ja, Jacob hatte für mich vorgesehen, große religiöse Zweifel zu äußern, um Ihnen die Zunge zu lösen. Aber diese Rolle war einfach – bestimmt gibt es keinen Schauspieler, der je eine einfachere Rolle zu spielen hatte. Tatsächlich war es eine große Erleichterung für mich, diese Worte auszusprechen. Bis dahin hatte ich meine Gefühle noch nie preisgegeben. Je mehr christliche Glaubensgrundsätze und Geschichten über Wunder mir aufgezwungen wurden, desto klarer wurde mir, dass sowohl der christliche wie auch der jüdische Glaube auf kindischen, übernatürlichen Phantasien beruhen. Aber darüber konnte ich mit meinem Vater nicht sprechen. Einen solchen Schmerz konnte ich ihm nicht zufügen. Dann wurde er dafür ermordet, dass er Blätter aus der Thora versteckte, auf denen seiner Überzeugung nach die wirklichen Worte Gottes standen. Und wiederum konnte ich nichts sagen. Ihre Gedanken zu hören war so befreiend, dass ich fast nicht mehr das Gefühl hatte, Ihnen etwas vorzuspielen, wenngleich meine aufrichtige Zustimmung zu Ihren Worten in Wahrheit im Dienst der Täuschung stand. Ein komplexes Paradoxon.«

»Ich verstehe genau, was Sie sagen wollen. Während unserer Gespräche war es auch für mich ein erhebendes Gefühl, endlich die Wahrheit über meine Überzeugungen aussprechen zu können. Obwohl ich wusste, dass ich Jacob empörte, hielt ich mich nicht im Mindesten zurück. Ganz im Gegenteil: Ich gestehe, dass ich sogar Gefallen daran fand, ihn zu empören, obwohl mir die schlimmen Konsequenzen durchaus bewusst waren.«

Sie verfielen in Schweigen. Bentos beklemmendes Gefühl der vollkommenen Isolation, nachdem Manny, der Sohn des Bäckers, ihm aus dem Weg gegangen war, verblasste allmählich. Diese Unterhaltung, dieser Moment der Aufrichtigkeit mit Franco, berührte ihn und wärmte seine Seele. Wie es seine Art war, hielt er sich nicht lange mit Gefühlen auf, sondern wechselte zur Rolle des Beobachters, durchforschte seine Seele und spürte insbesondere die Milde, die ihn durchströmte. Obwohl er sich ihrer Flüchtigkeit voll bewusst war, kostete er diese angenehme Empfindung voll aus. Ach, Freundschaft! Das ist also der Klebstoff, der Menschen zusammenhält – diese Wärme, dieser die Einsamkeit vertreibende Seelenzustand. Dadurch, dass er an so vielem zweifelte, sich vor so vielem fürchtete, so wenig von sich preisgab, hatte er Freundschaft viel zu selten in seinem Leben erfahren.

Franco warf einen Blick auf Bentos gepackte Tasche und brach das Schweigen. »Sie reisen heute ab?«

Bento nickte.

»Wohin? Was werden Sie tun? Wovon werden Sie leben?«

»Hoffentlich führt mein Weg mich zu einem unbelasteten Leben der Besinnung. Vergangenes Jahr lernte ich bei einem hier ansässigen Linsenschleifer, Linsen für Brillen anzufertigen und, was mich noch viel mehr interessierte, auch optische Instrumente, also Teleskope und Mikroskope. Meine Bedürfnisse sind gering, und ich sollte in der Lage sein, meinen Lebensunterhalt ohne Schwierigkeiten zu bestreiten.«

»Werden Sie hier in Amsterdam bleiben?«

»Im Augenblick, ja. Ich werde im Haus von Franciscus van den Enden wohnen, der eine Lateinschule an der Singel führt. Irgendwann ziehe ich vielleicht in eine kleinere Gemeinde um, wo ich meinen eigenen Studien in einer ruhigen Umgebung nachgehen kann.«

»Werden Sie ganz allein auf sich gestellt sein? Ich kann mir vorstellen, dass das Stigma der Exkommunikation andere von Ihnen fernhalten wird?«

»Ganz im Gegenteil, es wird einfacher sein, als exkommunizierter Jude unter Nichtjuden zu leben. Vielleicht insbesondere als dauerhaft exkommunizierter Jude im Vergleich mit einem abtrünnigen Juden, der nur nichtjüdischen Umgang sucht.«

»Das ist also ein weiterer Grund, weshalb Ihnen ein Cherem nicht ungelegen kam?«

»Ja, das gebe ich zu, und es gibt noch etwas: Ich möchte irgendwann zu schreiben beginnen, und vielleicht bestehen größere Aussichten, dass eine breitere Bevölkerung das Werk eines exkommunizierten Juden liest als das eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde.«

»Das wissen Sie genau?«

»Reine Spekulation, aber ich habe bereits Beziehungen zu mehreren gleichgesinnten Kollegen geknüpft, die mich ermutigen, meine Gedanken aufzuschreiben.«

»Und das sind Christen?«

»Ja, aber eine andere Art von Christen als die fanatischen iberischen Katholiken, die Sie kennen. Sie glauben weder an das Wunder der Auferstehung, noch trinken sie beim Gottesdienst Jesus’ Blut oder verbrennen Menschen bei lebendigem Leib, die anders denken. Es sind liberal gesinnte Christen, die sich Kollegianten nennen und ohne Priester oder Kirchen selbständig denken.«

»Demnach haben Sie die Absicht, zu konvertieren und sich ihnen anzuschließen?«

»Niemals. Ich beabsichtige, ein religiöses Leben ohne den Einfluss irgendeiner Religion zu führen. Ich glaube, dass alle Religionen, sei es der Katholizismus, der Protestantismus, der Islam oder auch das Judentum, uns nur den Blick auf die religiösen Kernwahrheiten versperren. Ich hoffe, dass wir eines Tages in einer Welt ohne Religionen leben werden, in einer Welt mit einer universalen Religion, in welcher jeder Einzelne seine Vernunft einsetzt, um Gott zu erforschen und zu ehren.«

»Heißt das, dass Sie sich ein Ende des Judentums wünschen?«

»Ein Ende aller Traditionen, die das Recht des Einzelnen behindern, selbständig zu denken.«

Franco verfiel einige Augenblicke lang in Schweigen. Dann: »Bento, Sie sind so extrem, dass mir angst und bange wird. Es raubt mir den Atem, wenn ich mir vorstelle, dass unsere Tradition, nachdem sie nun Tausende von Jahren überlebt hat, verschwinden soll.«

»Wir sollten Dinge bewahren, weil sie wahr sind, nicht weil sie alt sind. Alte Religionen locken uns in die Falle, indem sie steif und fest behaupten, dass wir, wenn wir unsere Traditionen aufgeben, alle Gläubigen entehren, die vor uns lebten. Und falls einer unserer Vorfahren als Märtyrer sterben musste, sitzen wir erst recht in der Falle, weil unser Ehrgefühl uns dazu zwingt, den Glauben des Märtyrers fortzuführen, auch wenn wir wissen, dass er mit Irrtümern und Aberglauben befrachtet ist. Gaben Sie mir nicht zu verstehen, dass Sie nach dem Märtyrertod Ihres Vaters ähnlich empfanden?«

»Ja – dass ich seinem Leben den Sinn nähme, wenn ich genau das verleugnete, wofür er starb.«

»Aber wäre es nicht auch sinnlos, das einzige Leben, das Sie haben, einem falschen und abergläubischen System zu opfern – einem System, das nur ein einziges Volk auserwählt und alle anderen Wesen ausschließt?«

»Bento Spinoza, Sie strapazieren meinen Kopf zu sehr. Einen Schritt weiter, und er wird zerspringen. Ich habe es nie gewagt, über solche Dinge nachzudenken. Ich kann mir nicht vorstellen, ohne meine Gemeinde, ohne meine Gruppe zu leben. Warum fällt es Ihnen so leicht?«

»Leicht? Es ist nicht leicht, aber es ist leichter, wenn die eigenen Angehörigen tot sind. Meine lebenslange Exkommunikation stellt mich nun vor die Aufgabe, meine Identität vollkommen neu zu gestalten und zu lernen, ein Leben zu führen, ohne Jude, Christ oder Angehöriger irgendeiner anderen Religion zu sein. Vielleicht werde ich der erste Mensch sein, auf den das zutrifft.«

»Seien Sie auf der Hut! Es ist möglich, dass Ihre lebenslange Exkommunikation in Wirklichkeit nicht lebenslang sein wird. Andere Leute gestehen Ihnen vielleicht nicht den Luxus zu, kein Jude zu sein. Baruch, was wissen Sie über die limpiezas de sangre

»Die iberischen Blutgesetze? Nicht sehr viel, außer dass Spanien sie einführte, um konvertierte Juden daran zu hindern, zu viel Macht zu erlangen.«

»Wie mein Vater mir erzählte, begann es mit Torquemada, dem Großinquisitor, der Königin Isabella vor zweihundert Jahren davon überzeugte, dass der jüdische Makel im Blut auch nach einer Konversion zum Christentum bestehen bliebe. Da Torquemada selbst in der vierten Generation vor ihm jüdische Vorfahren hatte, verfügte er, dass die Blutgesetze bis drei Generationen rückwirkend anzuwenden seien. Daher stehen heutige Conversos und selbst diejenigen, die zwei oder drei Generationen älter sind, unter strengem Verdacht, und viele Karrieren bleiben ihnen versagt – in der Kirche, beim Militär, in vielen Gilden und in öffentlichen Ämtern.«

»Offenkundig willkürliche Überzeugungen, wie ›drei, aber nicht vier Generationen‹, wurden augenscheinlich erfunden, um dem Urheber einen Dienst zu erweisen. Falsche Überzeugungen wird es so lange geben, wie es Arme auf der Welt gibt, und ich kann nichts gegen ihr Fortbestehen tun. Und nun strebe ich danach, mich nur noch um die Dinge zu kümmern, die ich selbst beeinflussen kann.«

»Wie zum Beispiel?«

»Ich glaube, dass ich wirkliche Kontrolle nur über eines habe: über den Fortschritt meiner Erkenntnis.«

»Bento, mir liegt etwas auf der Seele, von dem ich weiß, dass es unmöglich ist.«

»Aber nicht unmöglich, es zu sagen?«

»Ich weiß, es ist unmöglich, aber ich möchte Sie begleiten! Sie denken bedeutende Gedanken, und ich weiß, dass Sie noch bedeutendere denken werden. Ich möchte Ihnen folgen, Ihr Schüler sein, Ihr Diener, ich möchte teilhaben an dem, was Sie tun werden, Ihre Manuskripte abschreiben, Ihnen Ihr Leben erleichtern.«

Bento sagte einen Augenblick lang nichts. Er lächelte und schüttelte dann den Kopf.

»Das, was Sie da sagen, ist schmeichelhaft, ja sogar verführerisch für mich. Lassen Sie mich darauf von innen her wie auch von außen her antworten.

Zuerst von innen her. Obwohl ich mir ein zurückgezogenes Leben wünsche und es unbedingt anstrebe, spüre ich, dass ein anderer Teil in mir sich nach Vertrautheit sehnt. Manchmal kann ich in eine unbeschreiblich starke Sehnsucht nach lange entbehrten Gefühlen abgleiten, nach Geborgenheit in einer trauten Familie, und dieser Teil von mir – der sich sehnende Teil – begrüßt Ihren Wunsch, möchte Sie am liebsten in die Arme schließen und ›ja, ja, ja!‹ rufen. Gleichzeitig schreit ein anderer Teil in mir, mein stärkerer und wichtigerer Teil, nach Freiheit. Es schmerzt mich, dass die Vergangenheit vergangen ist und niemals zurückkehren wird. Es schmerzt mich, daran zu denken, dass alle diejenigen, die mir Geborgenheit gaben, tot sind, und ich hasse auch diesen Schmerz, der mich in Ketten legt und mich bremst. Ich kann vergangene Ereignisse nicht beeinflussen, aber ich habe mich entschlossen, für die Zukunft starke Bindungen zu vermeiden. Ich werde mich niemals mehr in meine kindische Sehnsucht hüllen, geborgen sein zu wollen. Verstehen Sie das?«

»Ja, viel zu gut.«

»So viel zum Inneren. Lassen Sie mich nun von außen her antworten: Ich vermute, Ihr Wort ›unmöglich‹ bezog sich auf die Unmöglichkeit, Ihre Familie zu verlassen. Wäre ich an Ihrer Stelle, wäre es mir auch unmöglich. Mir selbst fällt es schon schwer genug, meinen jüngeren Bruder zu verlassen. Meine Schwester hat ihre eigene Familie, und um sie mache ich mir weniger Sorgen. Aber es ist nicht nur Ihre Familie, Franco, die Sie daran hindert, sich mir anzuschließen. Es gibt andere Hindernisse. Erst vor wenigen Minuten sagten Sie mir, dass Sie sich ein Leben ohne eine Gemeinde nicht vorstellen könnten. Doch mein Weg ist ein Weg der Einsamkeit, und, abgesehen von der vollkommenen Absorption in Gott, sehnt er sich nach keiner Gemeinschaft. Ich werde niemals heiraten. Und selbst wenn ich eine Heirat wünschte, wäre es nicht möglich. Als einzelgängerische Kuriosität kann ich vielleicht ohne Religionszugehörigkeit leben, aber es ist zweifelhaft, ob es selbst in Holland, dem tolerantesten Land der Welt, einem Paar gestattet wäre, ein solches Leben zu führen und Kinder zu erziehen, ohne einer Kirche anzugehören. Und mein einzelgängerisches Leben heißt auch: keine Tanten, keine Onkel, keine Vettern, keine Familienfeste, kein Pessachmahl, kein Rosh Hashanah. Nur Einsamkeit.«

»Ich verstehe, Bento. Ich verstehe, dass ich geselliger bin und vielleicht größere Bedürfnisse habe. Ich bewundere Ihre außerordentliche Selbstgenügsamkeit. Mir scheint, Sie wollen niemanden und brauchen niemanden.«

»Das habe ich schon so oft gehört, dass ich allmählich selbst daran glaube. Es ist nicht so, dass mir die Gesellschaft anderer Menschen keine Freude bereitete – in diesem Augenblick genieße ich unser Gespräch, Franco. Aber Sie haben Recht: Ein gesellschaftliches Leben ist für mich nicht lebenswichtig. Jedenfalls nicht so lebenswichtig, wie es für andere zu sein scheint. Ich erinnere mich, wie verstört meine Schwester und mein Bruder immer waren, wenn sie zu irgendeiner Veranstaltung mit ihren Freunden nicht eingeladen wurden. So etwas störte mich nie im Geringsten.«

»Ja«, nickte Franco, »Das stimmt. Ich könnte nicht so wie Sie leben. Das ist mir tatsächlich fremd. Aber überlegen Sie, Bento, welche andere Wahl mir bleibt. Vor Ihnen steht jemand, der so viele Ihrer Zweifel und auch Ihre Wünsche, frei von Aberglauben zu leben, mit Ihnen teilt, und doch ist es mein Schicksal, mich in eine Synagoge zu setzen, zu einem Gott zu beten, der mich nicht hört, törichten Ritualen zu folgen, als Heuchler zu leben, ein bedeutungsloses Leben anzunehmen. Ist es das, was mir bleibt? Ist es das, worum es im Leben geht? Werde ich selbst mitten unter Menschen nicht in ein einsames Leben gezwungen?«

»Nein, Franco, es ist nicht so trostlos. Ich beobachte diese Gemeinde schon sehr lange, und es wird für Sie eine Möglichkeit geben, hier zu leben. Jeden Tag strömen Conversos aus Portugal und Spanien nach Amsterdam, und viele, das stimmt, sehnen sich aus tiefstem Herzen danach, zu den jüdischen Wurzeln ihrer Vorfahren zurückzukehren. Da niemand von ihnen eine jüdische Erziehung genossen hat, müssen sie Hebräisch und das jüdische Gesetz wie Kinder lernen, und Rabbi Mortera arbeitet ohne Unterlass, um sie wieder ins Judentum heimzuführen. Viele werden ihm nacheifern und noch religiöser als der Rabbi werden, aber glauben Sie mir, es wird andere wie Sie geben, die durch ihre erzwungene Konversion zum Christentum von Religionen insgesamt enttäuscht sind und sich ohne religiösen Eifer der jüdischen Gemeinde anschließen werden. Wenn Sie nach diesen Menschen Ausschau halten, werden Sie sie auch finden, Franco.«

»Aber trotzdem, dieses So-tun-als-ob, diese Heuchelei –«

»Ich will Ihnen etwas über Epikurs Gedanken erzählen. Epikur war ein weiser griechischer Denker der Antike. Er glaubte, was jeder vernünftige Mensch glauben muss, dass es kein Weiterleben nach dem Tod gibt und dass wir unser einziges Leben so friedlich und freudvoll wie möglich leben sollen. Was ist der Zweck des Lebens? Seine Antwort war, dass wir nach ataraxia streben sollten, was vielleicht mit ›Seelenruhe‹ oder ›Freiheit von emotionaler Anspannung‹ übersetzt werden könnte. Er führte aus, dass die Bedürfnisse eines weisen Menschen gering und leicht zu befriedigen seien, wohingegen Menschen mit einer unerbittlichen Gier nach Macht oder Reichtum, wie etwa Ihr Onkel, niemals ataraxia erreichen können, weil Begierden sich vermehren. Je mehr man hat, desto mehr haben sie einen. Wenn Sie daran denken, sich hier ein Leben einzurichten, denken Sie daran, ataraxia anzustreben. Betten Sie sich in jenem Teil Ihrer Gemeinde ein, in dem Ihre Anspannung am niedrigsten ist. Heiraten Sie jemanden, der ähnlich empfindet wie Sie – Sie werden viele Conversos finden, die am Judentum nur deshalb festhalten, um in einer Gemeinde geborgen zu sein. Und wenn die anderen Mitglieder der Gemeinde mehrmals im Jahr Gebetsrituale absolvieren, dann beten Sie mit ihnen in dem Wissen, dass Sie es nur der ataraxia zuliebe tun und nur, um die Konflikte und die Spannungen zu vermeiden, die auftreten, wenn Sie nicht daran teilnehmen.«

»Wollen Sie mir etwas einreden, Bento? Ist es so, dass ich mich auf ataraxia einlassen soll, während Sie nach Höherem streben? Oder werden auch Sie nach ataraxia streben?«

»Eine schwierige Frage. Ich glaube …« Plötzlich läuteten die Kirchenglocken. Bento lauschte kurz dem Geläut, warf einen Blick auf seine gepackte Tasche und fuhr dann fort: »Ach, die Zeit, in sich zu gehen, ist kurz. Ich muss sehr bald fortgehen, bevor die Straßen zu voll werden. Nur noch schnell dies: Ich habe ataraxia nicht ausdrücklich zu meinem Ziel gewählt, sondern sehe es als mein Ziel an, meine Vernunft zu perfektionieren. Vielleicht ist das Ziel jedoch dasselbe, obwohl sich die Methode unterscheidet. Die Vernunft führt mich zu der außerordentlichen Schlussfolgerung, dass alles auf der Welt eine einzige Substanz ist, welche die Natur ist oder Gott, wenn Sie wollen, und dass alles ohne Ausnahme im Licht des Naturgesetzes verstanden werden kann. Während ich mehr Klarheit über das Wesen der Wirklichkeit gewinne, erlebe ich gelegentlich einen Zustand der Freude oder Glückseligkeit, obwohl ich weiß, dass ich nur ein Kräuseln auf der Oberfläche Gottes bin. Vielleicht ist das meine Variante von ataraxia. Vielleicht hat Epikur Recht, wenn er uns rät, nach Seelenruhe zu streben. Aber jeder Mensch muss nach den gegebenen äußeren Umständen, nach seinen natürlichen Begabungen und seinen inneren geistigen Eigenschaften seinen eigenen Weg finden, nach ataraxia zu streben.«

Abermals läuteten die Glocken.

»Bevor wir uns trennen, Franco, habe ich eine letzte Bitte an Sie.«

»Sprechen Sie. Ich stehe tief in Ihrer Schuld.«

»Ich bitte Sie nur darum zu schweigen. Ich habe Ihnen heute Dinge gesagt, die nichts als halbgare Gedanken sind. Vor mir liegt eine Menge Denkarbeit. Versprechen Sie mir, dass alles, worüber wir uns heute unterhalten haben, unser Geheimnis bleibt. Ein Geheimnis vor den Parnassim, vor Jacob, vor allen Menschen und für alle Zeiten.«

»Sie haben mein Versprechen, dass ich Ihre Geheimnisse mit ins Grab nehmen werde. Mein Vater, Gott habe ihn selig, lehrte mich viel über die Heiligkeit des Schweigens.«

»Nun müssen wir Abschied nehmen, Franco.«

»Warten Sie nur noch einen Augenblick, Bento Spinoza, denn auch ich habe ein letztes Anliegen. Sie sagten gerade, dass wir vielleicht ähnliche Ziele im Leben und ähnliche Zweifel haben, aber dass jeder von uns einen anderen Weg einschlagen muss. Deshalb werden wir auf gewisse Weise ein unterschiedliches Leben führen, das auf das gleiche Ziel zusteuert. Wer weiß, wenn das Schicksal und die Zeit nur eine winzige Wendung genommen und unsere äußeren Umstände und unser Temperament nur ein wenig verändert hätte, dann hätten Sie mein Leben führen können und ich das Ihre. Und nun mein Anliegen: Ich möchte von Zeit zu Zeit von Ihrem Leben erfahren, selbst wenn es nur einmal im Jahr, jedes zweite oder jedes dritte Jahr wäre. Und ich möchte, dass auch Sie wissen, wie sich mein Leben entwickelt. So können wir beide sehen, was hätte sein können – das andere Leben, das wir hätten führen können. Wollen Sie mir versprechen, in Kontakt mit mir zu bleiben? Ich weiß noch nicht, wie wir es anstellen können. Aber werden Sie mir von Ihrem Leben berichten?«

»Ich möchte es nicht weniger als Sie, Franco. Mein Verstand weiß um die Notwendigkeit, mein Zuhause zu verlassen, aber mein Herz schwankt stärker, als ich erwartet hatte, und ich begrüße Ihr verlockendes Angebot, mein alternatives Leben zu betrachten. Ich kenne zwei Menschen, die immer wissen werden, wo ich bin: Franciscus van den Enden und ein Freund, Simon de Vries, der an der Singel wohnt. Ich werde eine Möglichkeit finden, mich mit Ihnen über sie in Verbindung zu setzen, sei es mit Briefen oder persönlichen Treffen. Nun müssen Sie mich verlassen. Seien Sie auf der Hut, dass Sie nicht gesehen werden.«

Franco öffnete die Tür, spähte nach links und rechts und ging davon. Bento sah sich ein letztes Mal in seinem Heim um, legte die Notiz für Gabriel auf einen Stuhl am Eingang, damit er sie nicht übersehen konnte, öffnete mit der Tasche in der Hand die Tür und trat in ein neues Leben.

24

BERLIN, 1922

»Nun …«, Alfred zögerte. »Es gibt tatsächlich etwas, von dem ich bedauern würde, es nicht mit dir besprochen zu haben, aber … nun ja … ich weiß nicht recht, wie ich es anschneiden soll. Ich konnte schon den ganzen Abend nicht darüber sprechen.«

Friedrich wartete geduldig. Die Worte seines Supervisoren Karl Abraham dröhnten in seinen Ohren: »Wenn Sie sich festgefahren haben, vergessen Sie den Inhalt und konzentrieren Sie sich auf die Resistenz. Sie werden feststellen, dass Sie auf diese Weise sogar mehr über Ihren Patienten erfahren werden.« Dessen eingedenk, begann Friedrich: »Ich glaube, ich kann dir helfen, Alfred. Ich schlage dir Folgendes vor: Vergiss im Augenblick alles, was du mir sagen wolltest, und lass uns stattdessen alle Hindernisse besprechen, die dir im Weg stehen, es auszusprechen.«

»Hindernisse?«

»Alles, was dir im Weg steht, dass du mit mir sprichst. Zum Beispiel, was wären die Auswirkungen, wenn du mir sagst, was du mir sagen möchtest?«

»Auswirkungen? Ich weiß nicht genau, was du meinst.«

Friedrich war geduldig. Er wusste, dass Resistenz taktvoll und von allen Seiten her eingekreist werden musste. »Lass es mich so sagen. Du hast etwas, was du loswerden möchtest, aber du kannst es nicht aussprechen. Welche negativen Folgen könnten sich ergeben, wenn du darüber sprechen würdest? Denke daran, dass ich dabei eine zentrale Rolle spiele. Du versuchst, nicht etwas in einen leeren Raum hinein zu sagen – du versuchst, es mir zu sagen. Richtig?«

Ein zögerndes Nicken von Alfred. Friedrich fuhr fort: »Und nun versuche, dir vorzustellen, dass du mir gerade offenbart hast, was dich beschäftigt. Was glaubst du, wie ich dich einschätzen würde?«

»Ich weiß nicht, wie du reagieren würdest. Vermutlich wäre es mir einfach nur peinlich.«

»Aber um etwas als peinlich zu empfinden, bedarf es einer zweiten Person, und heute bin ich diese Person, jemand, der dich von Kindesbeinen an kennt.« Friedrich war sehr stolz auf seine sanfte Stimme. Dr. Abrahams Schelte, nicht immer wie ein wilder Stier gegen Resistenzen anzupreschen, zeigte Wirkung.

»Nun«, Alfred holte tief Luft und sprang ins kalte Wasser, »zum einen könntest du glauben, dass ich dich ausnutzen wollte, wenn ich dich um Hilfe bitte. Es ist mir peinlich, dich um deine psychologischen Dienste zu bitten, ohne dafür zu bezahlen. Und außerdem gibt es mir das Gefühl, der Schwache zu sein und du der Starke.«

»Das ist ein ausgezeichneter Anfang, Alfred. Genau das meinte ich. Und nun kann ich dein Dilemma nachvollziehen. Das muss dir alles sehr ungleich verteilt vorkommen. Ich würde mich einem anderen gegenüber auch nicht gern so verpflichtet fühlen. Aber andererseits hast du dich schon dadurch erkenntlich gezeigt, dass du einen Zeitungsartikel für mich veröffentlichen willst.«

»Das ist nicht dasselbe. Du bekommst nichts Persönliches.«

»Das verstehe ich. Aber sag mir, glaubst du, dass es mir widerstrebt, dir etwas anzubieten?«

»Ich weiß nicht – vielleicht. Schließlich ist deine Zeit kostbar. Du machst das den ganzen Tag lang gegen Bezahlung.«

»Und wenn ich dir darauf antworte, dass du für mich wie ein Familienmitglied bist: Ist das auch nicht relevant?«

»Stimmt. Ich verstehe das als Besänftigung.«

»Sag mir, wie ist es, wenn wir uns über Spinoza, über Philosophie unterhalten? Ich habe das Gefühl, dass du damit entspannter umgehst.«

»Ja, das ist anders. Obwohl du mir etwas beibringst, habe ich den Eindruck, dass dir philosophische Gespräche Spaß machen.«

»Ja, da hast du Recht. Während ich keinen Spaß daran hätte, dir zuzuhören, wenn du über dich sprichst?«

»Ich kann mir nicht vorstellen, was in aller Welt dir daran Spaß machen sollte.«

»Ich will dir sagen, was ich denke – es ist nur eine Vermutung: Vielleicht hast du dir gegenüber negative Gefühle, und du glaubst, dass ich ebenfalls negativ über dich denke, wenn du dich mir anvertraust?«

Alfred machte ein verwirrtes Gesicht. »Möglich. Kann sein, aber wenn es so ist, ist es nicht der Hauptgrund. Ich kann mir selbst nur einfach nicht vorstellen, für jemand anderen ein solches Interesse aufzubringen.«

»Das hört sich wichtig an, und ich stelle mir vor, dass es ein Risiko ist, mir das zu sagen. Sag, Alfred: Kommt das dem Thema nahe, von dem du bedauern würdest, es heute nicht angesprochen zu haben?«

Alfred grinste breit: »Mein Gott! Du kannst das wirklich gut, Friedrich! Ja, mehr als nahe. Das ist genau das Thema.«

»Erzähl mir mehr darüber.« Friedrich entspannte sich. Nun segelte er in vertrauten Gewässern.

»Also, kurz vor meiner Abreise rief mich mein Chef Dietrich Eckart in sein Büro. Er wollte einfach nur über meine Reise nach Paris sprechen, aber das wusste ich nicht, und das Erste, was er tat, als ich in sein Büro kam, war, mich zu schelten, weil ich ein so besorgtes Gesicht machte. Nachdem er mir versichert hatte, dass ich gute Arbeit leiste, sagte er dann, dass es mir viel besser anstünde, nicht so fleißig zu sein und dafür ein bisschen mehr zu trinken und unverbindlich zu plaudern.«

»Und diese Feststellung traf dich genau an deinem wunden Punkt.«

»Ja, weil es stimmt – das haben mir die Leute auf die eine oder andere Art schon oft gesagt. Und ich sage es mir selbst. Aber ich kann einfach nicht mit Hohlköpfen herumsitzen und über nichts reden.«

Eine Begebenheit kam Friedrich in den Sinn, eine Begebenheit vor fünfundzwanzig Jahren, als er erfolglos versucht hatte, Alfred huckepack zu tragen. Bei ihrem letzten Treffen hatte er Alfred davon erzählt und hinzugefügt: »Ich konnte dich nicht zum Spielen bewegen.« Dass solche Marotten ein Leben lang Bestand hatten, faszinierte Friedrich. Was für eine seltene Gelegenheit, die Entstehung der Persönlichkeitsbildung zu erforschen! Das könnte ein großer, beruflicher Durchbruch sein. Welchem anderen Analytiker bot sich schon jemals die Chance, jemanden zu analysieren, den er schon als Kind gekannt hatte? Und dazu kam noch, dass er die für den Patienten prägenden Erwachsenen kannte: Alfreds Vater, den Bruder und die Ersatzmutter, Tante Cäcilie, ja sogar Alfreds Arzt. Und er war mit dem Milieu vertraut: mit Alfreds Zuhause, dem Spielplatz. Und sie waren zur selben Schule gegangen und hatten dieselben Lehrer gehabt. Wie schade, dass Alfred nicht in Berlin wohnte, sonst hätte er eine umfassende Psychoanalyse mit ihm durchführen können.

»Und genau in diesem Moment, direkt nachdem Dietrich Eckart mir das gesagt hatte«, fuhr Alfred fort, »beschloss ich, dich aufzusuchen. Ich wusste, dass er Recht hat. Erst ein paar Tage vorher hatte ich zufällig mitbekommen, dass zwei Angestellte über mich sprachen und mich als ›Sphinx‹ bezeichneten.«

»Wie hast du das aufgenommen?«

»Mit gemischten Gefühlen. Das waren keine wichtigen Leute, nur Putzpersonal und Lieferanten, und normalerweise kümmere ich mich nicht um die Meinung solcher Leute. Aber in diesem Fall erregten sie meine Aufmerksamkeit, weil sie so Recht hatten. Ich bin verschlossen und unzugänglich, und ich weiß, dass ich diesen Teil von mir ändern muss, wenn ich bei der Nationalsozialistischen Partei erfolgreich sein will.«

»Du sagtest ›gemischte Gefühle‹. Was ist positiv daran, eine Sphinx zu sein?«

»Hmm, so genau weiß ich es auch nicht, vielleicht ist …«

»Warte, unterbrechen wir hier kurz, Alfred. Die Pferde sind mit mir durchgegangen. Das ist unfair dir gegenüber. Ich bombardiere dich mit persönlichen Fragen, und wir haben uns noch nicht einmal darüber verständigt, was wir hier eigentlich machen. Oder, um es mit einem Fachbegriff meines Berufsstandes auszudrücken, wir haben den Rahmen unserer Beziehung noch nicht definiert, stimmt’s?«

Alfred machte ein verwirrtes Gesicht: »Rahmen?«

»Lass uns einfach zurückgehen und eine Vereinbarung treffen, worauf wir eigentlich hinauswollen. Ich stelle die Vermutung an, dass du im Rahmen einer Therapie daran arbeiten möchtest, dich zu ändern. Ist das richtig?«

»Ich weiß nicht, was ›in einer Therapie arbeiten‹ genau heißt.«

»Es ist nichts anderes als das, was du in den letzten zehn Minuten so gut gemacht hast, nämlich offen und ehrlich über deine Anliegen zu sprechen.«

»Ich will auf jeden Fall etwas an mir ändern. Also gut: Ja, ich will eine Therapie. Und ich will auch mit dir arbeiten.«

»Aber eine Veränderung erfordert viele, viele Sitzungen, Alfred. Das heute Abend ist nur ein informelles Einführungsgespräch, und morgen fahre ich zu einer dreitägigen psychoanalytischen Konferenz. Ich denke an die Zukunft. Berlin und München sind weit voneinander entfernt. Wäre es da nicht sinnvoller, wenn du dir einen Psychoanalytiker in München nimmst, den du häufiger aufsuchen kannst? Ich kann dir eine gute Empfehlung …«

Alfred schüttelte heftig den Kopf. »Nein. Kein anderer. Ich kann unmöglich jemandem anderen vertrauen, und in München erst recht niemandem. Ich bin überzeugt, sehr fest überzeugt davon, dass ich eines Tages in diesem Land eine Machtposition ausüben werde. Ich werde meine Feinde haben, und jeder könnte mich ruinieren, der meine Geheimnisse kennt. Ich weiß, dass ich bei dir sicher aufgehoben bin.«

»Ja, bei mir bist du sicher aufgehoben. Nun, dann wollen wir uns einen Terminplan überlegen. Wann könntest du wieder nach Berlin kommen?«

»Das weiß ich nicht genau, aber ich weiß, dass der Völkische Beobachter demnächst als Tageszeitung erscheinen wird und dass wir mehr nationale und internationale Nachrichten bringen werden. In Zukunft werde ich vielleicht häufig nach Berlin kommen können und hoffe, dass ich dich dann zu einer oder zwei Sitzungen aufsuchen kann.«

»Wenn du mir eine gewisse Vorlaufzeit gibst, werde ich mich immer bemühen, mir Zeit für dich zu nehmen. Ich möchte, dass du weißt, dass ich alles, was du sagst, mit absoluter Vertraulichkeit behandeln werde.«

»Da bin ich mir sicher. Das ist das Allerwichtigste für mich, und es hat mich sehr beruhigt, dass du dich geweigert hast, mir irgendetwas Persönliches über deinen Patienten, den Sohn des Kochs, zu erzählen.«

»Und ich kann dir versichern, dass ich auch deine Geheimnisse niemandem erzählen werde, nicht einmal die Tatsache, dass du bei mir in Therapie bist. Das gilt übrigens auch für deinen Bruder. In meinem Fachgebiet ist Vertraulichkeit unerlässlich, und darauf gebe ich dir mein Wort.«

Alfred klopfte sich auf sein Herz und murmelte: »Danke. Vielen Dank.«

»Weißt du«, sagte Friedrich, »vielleicht hast du Recht. Ich glaube, unsere Vereinbarung würde besser funktionieren, wenn sie auf Augenhöhe stattfände. Ich denke, dass ich dir ab dem nächsten Mal das Standardhonorar für eine Analyse berechnen sollte. Ich bin sicher, dass du dir das leisten kannst. Was hältst du davon?«

»Perfekt.«

»Aber nun zurück an die Arbeit. Fahren wir fort. Vor ein paar Minuten, als wir darüber sprachen, dass die Leute dich ›Sphinx‹ genannt haben, sagtest du, du hättest ›gemischte‹ Gefühle. Nun hätte ich gern, dass du ›Sphinx‹ frei assoziierst. Damit meine ich, dass du versuchst, alles, was dir zu ›Sphinx‹ einfällt, zuzulassen und laut zu denken. Es braucht keinen Sinn zu ergeben.«

»Jetzt gleich?«

»Ja, nur ein paar Minuten.«

»Sphinx … Wüste, riesig, geheimnisvoll, mächtig, rätselhaft, vertraut sich niemandem an … gefährlich – die Sphinx erwürgte diejenigen, die ihre Rätselaufgabe nicht lösen konnten.« Alfred hielt inne.

»Mach weiter.«

»Wusstest du eigentlich, dass der griechische Wortstamm so viel wie ›Würger‹ bedeutet oder einer, der zudrückt? Der Begriff ›sphincter‹ für den Schließmuskel ist verwandt mit Sphinx – alle Schließmuskeln des Körpers klemmen irgendetwas … fest … verklemmt.«

»Nun«, fragte Friedrich, »mit ›gemischten Gefühlen‹ meintest du also, dass es dir nicht gefiel, als so still, so unnahbar und verklemmt angesehen zu werden, dass du aber nichts dagegen hattest, als rätselhaft, geheimnisvoll, mächtig, bedrohlich zu gelten?«

»Ja, das stimmt, das stimmt genau.«

»Dann stehen sich vielleicht die positiven Aspekte – dein Stolz darauf, mächtig und geheimnisvoll, ja sogar gefährlich zu sein – und eine ungezwungene Plauderei und Offenheit gegenseitig im Wege. Das bedeutet, dass du eine Wahl hast – entweder zu plaudern und dazuzugehören oder aber geheimnisvoll und gefährlich zu bleiben und ein Außenseiter zu sein.«

»Ich verstehe, worauf du hinauswillst. Es ist komplex.«

»Alfred, wenn ich mich recht erinnere, warst du auch in deiner Jugend ein Außenseiter, stimmt’s?«

»Ich war immer ein Einzelgänger. Hatte nie einen Freundeskreis.«

»Aber du sprachst auch davon, dass du dich mit dem Parteiführer, Herrn Hitler, sehr gut verstehst. Das ist bestimmt ein gutes Gefühl. Erzähl mir von dieser Freundschaft.«

»Ich verbringe viel Zeit mit ihm. Wir trinken Kaffee, wir unterhalten uns über Politik, Literatur und Philosophie. Wir besuchen Kunstgalerien, und letzten Herbst gingen wir einmal auf den Marienplatz – weißt du, wo der ist?«

»Ja, der Platz mitten in München.«

»Richtig. Fantastisches Licht dort! Wir stellten unsere Staffeleien auf und zeichneten stundenlang zusammen. Dieser Tag stach als einer meiner schönsten Tage hervor. Unsere Zeichnungen waren gut; wir lobten uns gegenseitig und stellten Ähnlichkeiten bei unserer Arbeit fest. Wir beide sind ziemlich gut, was architektonische Motive anbelangt, und ziemlich schwach bei menschlichen Figuren. Ich hatte mich immer gefragt, ob meine Unfähigkeit, Menschen zu zeichnen, vielleicht Symbolkraft hat, und war erleichtert, als ich feststellte, dass ihm die gleichen Grenzen gesetzt sind. Bei Hitler hat es ganz bestimmt keine Symbolkraft – niemand kann besser mit Menschen umgehen als er.«

»Hört sich an, als hätte es dir Spaß gemacht. Hast du danach noch einmal mit ihm gezeichnet?«

»Er hat es mir nie wieder vorgeschlagen.«

»Erzähl mir von anderen schönen Erlebnissen mit ihm.«

»Der allerschönste Tag in meinem Leben war vor ungefähr drei Wochen. Hitler ging gemeinsam mit mir einen Schreibtisch für mein neues Büro kaufen. Seine Geldbörse war mit Schweizer Franken vollgestopft – keine Ahnung, wie er an die gekommen ist, und ich frage niemals nach. Ich überlasse es lieber ihm zu entscheiden, was er mir wann erzählt. Eines Vormittags kam er in den Beobachter und sagte: ›Wir gehen einkaufen. Du kannst dir jeden Schreibtisch kaufen, der dir gefällt – und auch das ganze Zeug, was du daraufstellen willst.‹ Und dann zogen wir zwei Stunden lang durch die teuersten Möbelgeschäfte in München.«

»Der schönste Tag deines Lebens – das sagt viel aus. Erzähl mir mehr davon.«

»Zum Teil war es einfach die Begeisterung über das Geschenk. Stell dir vor, da geht einer mit dir los und sagt: ›Kauf dir jeden Schreibtisch, der dir gefällt.‹ Zu jedem Preis. Und dass Hitler sich so viel Zeit für mich genommen hat, war einfach göttlich!«

»Warum ist er so wichtig für dich?«

»Von einem praktischen Standpunkt aus gesehen, ist er inzwischen Parteivorsitzender, und meine Zeitung ist die Parteizeitung. Somit ist eigentlich er mein Chef. Aber ich glaube nicht, dass du das meintest.«

»Nein, ich meinte ›wichtig‹ in einem tieferen, persönlicheren Sinn.«

»Schwer in Worte zu fassen. Hitler hat einfach diese gewisse Ausstrahlung, nicht nur auf mich, sondern auf alle.«

»Er ging mit dir auf eine wunderbare Einkaufstour. Hört sich an, als hättest du dir das auch von deinem Vater gewünscht.«

»Du kanntest ja meinen Vater! Kannst du dir vorstellen, dass er mit mir losgegangen wäre und mir irgendetwas gekauft hätte, und wenn es nur ein Bonbon gewesen wäre? Ja, es stimmt, er hat seine Frau verloren, um seine Gesundheit war es wirklich schrecklich bestellt, und er hatte große Geldprobleme, aber ich habe trotzdem nichts, absolut nichts von ihm bekommen.«

»In diesen Worten schwingen viele Gefühle mit.«

»Alle Gefühle, die du dir denken kannst.«

»Ich kannte ihn. Und ich weiß, dass du von ihm als Vater so gut wie nichts hattest – und natürlich kanntest du nicht einmal deine Mutter.«

»Tante Cäcilie tat, was sie konnte. Ihr gebe ich wirklich keine Schuld – sie hatte ja selbst Kinder. Zu viele Köpfe, die sie streicheln musste.«

»Nun, dann kommt deine große Zuneigung zu Hitler vielleicht ein Stück weit daher, dass er dir den Vater ersetzt, den du nie hattest. Wie alt ist er?«

»Ach, er ist ein paar Jahre älter. Er ist ganz anders als alle, die ich bisher kennen gelernt habe. Im Krieg war er nur Gefreiter, wenn auch hoch dekoriert. Er hat keine finanziellen Mittel, keine Kultur, hat nie eine Universität besucht. Aber trotz allem fasziniert er alle. Nicht nur mich. Die Leute scharen sich um ihn. Alle suchen seine Gesellschaft und seinen Rat. Alle spüren, dass er ein Heilsbringer ist, der Polarstern für die Zukunft Deutschlands.«

»Du hältst dich also für privilegiert, mit ihm zusammensein zu dürfen. Entwickelt sich eure Beziehung zu einer engen Freundschaft?«

»Das ist genau der Punkt – sie entwickelt sich eben nicht. Abgesehen natürlich von diesem ›Schreibtisch-Tag‹. Hitler kommt nie von sich aus auf mich zu. Ich glaube, er mag mich, aber er liebt mich nicht. Er fragt mich nie, ob ich mit ihm essen gehe. Anderen Leuten steht er viel näher. Vorige Woche sah ich, wie er sich mit Hermann Göring ausgesprochen vertraulich unterhalten hat. Sie haben die Köpfe so dicht zusammengesteckt, dass sie sich sogar berührten. Sie hatten sich gerade erst kennengelernt, aber sie lachten und scherzten miteinander, liefen Arm in Arm herum und knufften sich gegenseitig in den Bauch, als wären sie schon ein Leben lang befreundet. Warum passiert mir so etwas nicht?«

»Deine Bemerkung ›Er liebt mich nicht‹ – denk darüber nach. Lass deine Gedanken um diese Worte kreisen. Denk laut nach.«

Alfred schloss die Augen.

»Ich kann dich nicht richtig hören«, sagte Friedrich.

Alfred lächelte. »Liebe. Jemand, der mich liebt. Diese Worte habe ich nur einmal gehört, als ich mit Hilda in Paris war, bevor wir geheiratet haben.«

»Du bist verheiratet! Ja, das hatte ich fast vergessen. Du sprichst so gut wie nie von deiner Frau.«

»Vielleicht sollte ich sagen, ich war verheiratet. Offiziell bin ich es wahrscheinlich immer noch. Sehr kurze Ehe, 1915. Mit Hilda Leesman. Wir waren zwei Wochen zusammen in Paris, wo sie auf die Ballettschule ging, und höchstens drei bis vier Monate in Russland. Dann erkrankte sie schwer an Schwindsucht.«

»Wie schrecklich. Wie dein Bruder, deine Mutter und dein Vater. Was ist dann passiert?«

»Wir haben schon lange keinen Kontakt mehr. Das Letzte, was ich von ihr hörte, war, dass ihre Familie sie in ein Sanatorium im Schwarzwald gebracht hat. Ich bin nicht sicher, ob sie noch lebt. Als du sagtest, ›wie schrecklich‹, gab es mir einen Stich, weil mir das nicht sehr nahe geht. Ich denke nie an sie. Und ich bezweifle, ob sie an mich denkt. Wir haben uns entfremdet. Ich erinnere mich, dass sie kurz vor unserer Trennung zu mir sagte, dass ich mich nie nach ihrem Leben erkundigt hätte, sie nie gefragt hätte, was sie den ganzen Tag macht.«

»Nun«, sagte Friedrich und schaute auf die Uhr, »sind wir wieder genau bei dem Grund, weshalb du mich aufgesucht hast. Wir begannen mit ›kein unbefangenes Plaudern‹, ›kein Interesse an anderen‹. Dann beschäftigten wir uns mit dem Teil von dir, der wie eine Sphinx sein möchte. Dann kehrten wir zu deiner Sehnsucht nach Hitlers Liebe und Zuwendung zurück und dazu, wie enttäuschend es für dich ist zu beobachten, dass er anderen den Vorzug gibt, während du außen vor bleibst und zusehen musst. Und schließlich sprachen wir über deine Distanz zu deiner Frau. Nehmen wir uns einen Augenblick Zeit, um Nähe und Distanz näher zu betrachten. Du sagtest, du fühltest dich hier sicher?«

Alfred nickte.

»Und wie fühlst du dich mir gegenüber?«

»Sehr sicher. Und sehr verstanden.«

»Und du hast den Eindruck, dass du mir nahe bist? Dass du mich magst?«

»Ja, sowohl als auch.«

»Darin liegt heute unsere große Entdeckung. Ich glaube, du magst mich tatsächlich, und ein Hauptgrund dafür liegt darin, dass ich an dir interessiert bin. Ich erinnere mich an deine Bemerkung von vorhin, dass du nicht glaubst, an anderen interessiert zu sein. Doch Menschen mögen nun einmal Menschen, die an ihnen interessiert sind. Das ist die wichtigste Botschaft, die ich heute für dich habe. Ich sage es nochmals: Menschen mögen Menschen, die an ihnen interessiert sind.

Wir haben heute gute Arbeit geleistet. Es ist unsere erste Sitzung, und du bist schon mittendrin. Es tut mir leid, dass ich jetzt Schluss machen muss, aber es war wirklich ein langer Tag, und meine Energie lässt allmählich nach. Ich hoffe wirklich, dass du mich oft besuchen kommst. Ich habe das Gefühl, dass ich dir helfen kann.«

25

AMSTERDAM, 1658

Innerhalb des folgenden Jahres unterhielt Spinoza – nicht mehr Baruch, sondern jetzt und für alle Zeiten Bento (oder Benedictus in seinen Schriften) – eine seltsame, nächtliche Beziehung zu Franco. Fast jede Nacht, wenn Bento in seiner kleinen Dachstube im Haus van den Endens in seinem Himmelbett lag und den Schlaf herbeisehnte, tauchte Francos Bild in seinen Gedanken auf. So nahtlos und verstohlen war sein Auftritt, dass Bento entgegen seiner sonstigen Art nie dahinterzukommen versuchte, weshalb er sich Franco so oft vergegenwärtigte.

Aber zu anderen Zeiten dachte Bento nie an Franco. Seine wachen Stunden waren mit intellektueller Arbeit vollgestopft, die ihm mehr Freude bereitete als irgendetwas, das er bisher erlebt hatte. Immer wenn er sich als gebrechlichen Alten vorstellte, der über sein Leben reflektierte, wusste er, dass er genau diese Zeit zu seiner besten Zeit wählen würde, diese Tage, geprägt von der Verbundenheit mit van den Enden und den anderen Schülern, mit denen er seine Latein- und Griechischkenntnisse perfektionierte und sich den großen Themen der antiken Welt zuwandte: Demokrits atomistischem Universum, Platons Form des Guten, Aristoteles’ Unbewegtem Beweger und der stoischen Ungebundenheit von Leidenschaften.

Sein Leben war schön durch seine Einfachheit. Bento stimmte mit Epikur vollkommen überein, der behauptete, die Bedürfnisse des Menschen seien gering und leicht zu erfüllen. Bento brauchte nur ein Zimmer mit Verpflegung, ein paar Bücher, Papier und Tinte. Die dafür notwendigen Gulden konnte er mit dem Schleifen von Linsen für Brillen an nur zwei Wochentagen und mit Hebräischunterricht für die Kollegianten verdienen, welche die Heilige Schrift in ihrer Originalsprache lesen wollten.

Die Lateinschule ermöglichte ihm nicht nur die Ausübung eines Berufes und gab ihm ein Zuhause, sondern bot ihm auch ein gesellschaftliches Leben – zuweilen mehr, als es Bento lieb war. Man erwartete von ihm, mit der Familie van den Enden und den in der Lateinschule beherbergten Schülern das Abendessen gemeinsam einzunehmen, doch stattdessen ging er oft mit einem Teller Brot und hartem holländischen Käse sowie mit einer Kerze in sein Zimmer und las. Sein häufiges Fehlen am Esstisch grämte Madame van den Enden, die ihn für einen gewandten Gesprächsteilnehmer hielt und erfolglos versuchte, ihn zu mehr Geselligkeit zu ermuntern. Sie bot ihm sogar an, seine Lieblingsgerichte zu kochen und auf koschere Zubereitung zu achten. Bento versicherte ihr, dass er sich in keiner Weise an Speisevorschriften hielte, sich aber nur nichts aus Essen machte und durchaus mit dem Einfachsten zufrieden wäre – mit Brot, Käse, seinem täglichen Glas Bier und seinem langstieligen Tonpfeifchen, das er zum Abschluss gern schmauchte.

Außerhalb der Unterrichtsstunden mied er die Gesellschaft seiner Kommilitonen mit Ausnahme von Dirk, der schon bald ausziehen wollte, um Medizin zu studieren, und natürlich der frühreifen, bewundernswerten Clara Maria. Doch im Allgemeinen zog er sich nach kurzer Zeit auch von diesen beiden zurück und gab der Gesellschaft der zweihundert gewichtigen, muffigen Bände in van den Endens Bibliothek den Vorzug.

Abgesehen von seinem Interesse an den wunderbaren Gemälden, die in den Kunsthandlungen der kleinen Gässchen ausgestellt waren, welche vom Rathaus abzweigten, hatte Bento für Kunst nicht viel übrig und widerstand van den Endens Bemühungen, seine ästhetische Sensibilität für Musik, Poesie und Erzählkunst zu steigern. Aber wenn es um die Leidenschaft des Direktors für das Theater ging, gab es kein Entrinnen. Klassisches Drama könne nur gewürdigt werden, betonte van den Enden stets, wenn es laut gelesen wurde. Also nahmen Bento und die anderen Schüler gehorsam an dramatisierten Lesungen der Klasse teil, auch wenn Bento zu schüchtern war, genügend Emotionen in seinen Text zu legen. Normalerweise stellte der Direktor des Amsterdamer Stadttheaters und van den Endens guter Freund der Lateinschule seine Bühne für wichtige Inszenierungen zur Verfügung, die vor kleinem Publikum, hauptsächlich Eltern und Freunden der Schüler, gezeigt wurden.

Im Winter 1658, über zwei Jahre nach Bentos Exkommunikation, wurde der Eunuchus von Terenz inszeniert. Bento spielte die Rolle des Parmeno, eines frühreifen Sklaven. Beim erstmaligen Durchlesen seines Texts musste er lächeln, als er den folgenden Abschnitt las:

»Wer diesen Hohn auf jegliche Vernunft

Methodisch zu betreiben dächte, käme

Wohl grad’ so weit wie einer, der verrückt

Sein wollte nach vernünftiger Methode.«

Bento wusste, dass van den Endens schräger Sinn für Humor im Spiel war, als er ihm diese Rolle zugewiesen hatte. Er hatte Bento ständig wegen seines hypertrophierten Rationalismus gescholten, der keinen Platz für ästhetische Sensibilität zuließe.

Die Aufführung war glanzvoll, die Schüler spielten ihre Rollen mit großem Vergnügen, das Publikum lachte oft und applaudierte lange (obwohl es von den lateinischen Dialogen wenig verstand), und Bento verließ das Theater in bester Stimmung und Arm in Arm mit seinen beiden Freunden Clara Maria (welche die Kurtisane Thaïs gespielt hatte) und Dirk (in der Rolle des Phaedria). Plötzlich trat ein Mann mit weit aufgerissenen Augen und irrem Blick aus der Dunkelheit und schwang ein langes Fleischermesser. Er brüllte auf Portugiesisch: »Herege, Herege!« (»Ketzer, Ketzer!«), stürzte sich auf Bento und zog ihm das Messer zweimal quer über den Bauch. Dirk kämpfte mit dem Angreifer und schlug ihn zu Boden, während Clara Maria Bento zu Hilfe eilte und seinen Kopf in ihren Armen barg. Dirk konnte mit seiner schmächtigen Statur dem Angreifer nichts entgegensetzen, der ihn abschüttelte und mit dem Messer in der Hand Hals über Kopf in die Dunkelheit floh. Van den Enden, ein früherer Arzt, eilte herbei und untersuchte Bento. Als er die beiden tiefen Schnitte in seinem schweren, schwarzen Mantel entdeckte, knöpfte er ihn hastig auf und sah, dass das Hemd ebenfalls zerfetzt und blutbefleckt war, das Messer aber nur die Haut geritzt hatte.

Bento, der unter Schock stand, konnte, gestützt von van den Enden und Dirk, die drei Häuserblocks auf eigenen Beinen nach Hause gehen und stieg langsam die Treppe hinauf in sein Zimmer. Die Baldriantropfen, die ihm der Lehrer/Arzt verabreichte, würgte er widerwillig hinunter. Er legte sich hin, Clara Maria setzte sich zu ihm ans Bett, hielt seine Hand, und bald fiel er in einen tiefen, zwölfstündigen Schlaf.

Am folgenden Tag regierte Chaos im Haushalt van den Endens. Frühmorgens klopften Beamte der Stadt an die Tür und holten Informationen über den Angreifer ein; später erschienen zwei Diener mit Briefen schockierter Eltern, die van den Enden vorwarfen, nicht nur ein skandalöses Stück über Sexualität und Transvestitismus aufgeführt, sondern auch einer jungen Frau (seiner Tochter) erlaubt zu haben, eine Rolle darin zu spielen – und noch dazu die einer Kurtisane. Der Schulleiter blieb jedoch bemerkenswert ruhig – nein, mehr als ruhig –, die Briefe erheiterten ihn vielmehr, und er lachte in sich hinein, als er daran dachte, dass Terenz sich angesichts dieser empörten, calvinistischen Eltern bestimmt köstlich amüsiert hätte. Bald beruhigte seine Heiterkeit die ganze Familie, und der Schulleiter machte sich wieder daran, seine Kurse für Griechisch und die Klassiker zu geben.

Oben in der Dachstube wurde Bento noch immer von Ängsten geplagt, er konnte die Beklemmung in seinem Brustkorb kaum aushalten. Ständig marterten ihn Bilder des Überfalls, die »Ketzer!«-Schreie, das blitzende Messer, der Druck der Klinge, die seinen Mantel durchschnitt, sein Sturz unter dem Gewicht des Angreifers auf das Straßenpflaster. Um sich zu beruhigen, nahm er seine bewährte Waffe zu Hilfe, das Schwert der Vernunft, doch an diesem Tag konnte es gegen seine Panik nichts ausrichten.

Bento gab nicht auf. Er versuchte, seine Atmung mit langen, bewussten Atemzügen zu verlangsamen, und beschwor bewusst das beängstigende Bild seines Angreifers herauf: dessen Vollbart, die aufgerissenen Augen und den Schaum vor dem Mund wie bei einem tollwütigen Hund. Er stierte so lange in das Antlitz dieses Mannes, bis das Bild sich auflöste. »Beruhige dich«, murmelte er. »Denke nur an diesen Augenblick. Verschwende keine Energie an etwas, das du nicht beeinflussen kannst. Du kannst die Vergangenheit nicht beeinflussen. Du hast Angst, weil du dir vorstellst, dieser vergangene Vorfall fände jetzt in der Gegenwart statt. Dein Geist erschafft das Bild. Dein Geist erschafft deine Emotionen auf das Bild. Konzentriere dich nur darauf, deinen Geist zu kontrollieren.«

Aber all die ausgefeilten Formeln, die er in seinem Notizbuch aufgeschrieben hatte, vermochten nicht, sein hämmerndes Herz zu beruhigen. Er fuhr fort, sich mit Vernunft zu trösten. »Vergiss nicht: Alles in der Natur hat eine Ursache. Du, Bento Spinoza, bist ein unbedeutendes Element in diesem riesigen Kausalzusammenhang. Denk an die lange Zeitlinie des Attentäters, die lange Kette von Ereignissen, die unausweichlich zu seinem Angriff führte.« Welche Ereignisse?, fragte sich Bento. Vielleicht aufrührerische Reden des Rabbiners? Vielleicht traurige Vorkommnisse im vergangenen oder im gegenwärtigen Privatleben des Angreifers? Über all diese Gedanken brütete Bento, während er in seinem Zimmer auf und ab ging.

Dann hörte er ein leises Klopfen. Er war nur einen Schritt von der Tür entfernt, streckte die Hand zur Klinke aus und öffnete abrupt. Clara Maria und Dirk standen im Eingang, ihre Hände berührten sich, ihre Finger waren ineinander verhakt. Schnell zuckten ihre Hände zurück, dann traten sie in sein Zimmer.

»Bento«, stammelte eine verwirrte Clara Maria. »Oh, Sie sind schon wieder auf den Beinen? Erst vor einer Stunde klopften wir schon einmal an, und als Sie nicht öffneten, schauten wir herein, und Sie schliefen tief und fest.«

»Äh, ja, wirklich, schön, dass Sie wieder auf den Beinen sind«, sagte Dirk. »Bis jetzt hat man den Verrückten noch nicht gefasst, aber ich konnte ihn mir genau ansehen und werde ihn wiedererkennen, wenn sie ihn fangen. Ich hoffe, dass sie ihn für lange Zeit wegsperren.«

Bento sagte nichts.

Dirk deutete auf Bentos Bauch. »Sehen wir uns die Wunde an. Van den Enden meinte, ich solle nachsehen.« Dirk kam näher und bedeutete Clara Maria hinauszugehen.

Aber Bento trat sofort einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Es geht mir gut. Nicht gerade jetzt. Ich wäre gern noch ein wenig allein.«

»Also gut, dann kommen wir in einer Stunde wieder.« Dirk und Clara Maria warfen sich fragende Blicke zu und verließen das Zimmer.

Nun fühlte sich Bento sogar noch schlechter: diese Hände, die einander berührten und wieder auseinanderzuckten, damit er es nicht sehen würde – dieser vertraute Blick zwischen den beiden. Wenige Minuten zuvor waren sie noch seine engsten Freunde gewesen. Erst vergangene Nacht hatte Dirk ihm das Leben gerettet; erst vergangene Nacht hatte er Clara Marias Schauspielkunst bewundert, war von jeder ihrer Bewegungen verzaubert gewesen, von jedem koketten Kräuseln ihrer Lippen und dem Flattern ihrer Augenlider. Und urplötzlich empfand er Hass gegen die beiden. Es war ihm unmöglich gewesen, sich bei Dirk zu bedanken, er konnte nicht einmal seinen Namen aussprechen oder Clara danken, dass sie vergangene Nacht bei ihm gesessen hatte.

»Beruhige dich«, murmelte Bento. »Tritt einen Schritt zurück und betrachte dich aus größerer Entfernung. Sieh doch, wie deine Gefühle Karussell fahren – zuerst Liebe, jetzt Hass, dann Wut. Wie wankelmütig, wie launenhaft Leidenschaften doch sind. Sieh nur, wie du von den Handlungen anderer herumgeworfen wirst, erst hierhin, dann dorthin. Wenn du erfolgreich sein willst, musst du deine Leidenschaften dadurch überwinden, dass du deine Gefühle an etwas Unveränderliches, etwas ewig Währendes heftest.«

Abermals ein Klopfen an der Tür. Das gleiche, sanfte Klopfen. Konnte sie es sein? Dann ihre melodiöse Stimme: »Bento, Bento, darf ich hereinkommen?«

Hoffnung und Leidenschaft flammten auf. Augenblicklich fühlte Bento sich beschwingt und vergaß alles ewig Währende und Unveränderliche. Vielleicht war Clara ja allein, verändert, reuig. Vielleicht würde sie wieder seine Hand halten.

»Treten Sie ein.«

Clara Maria trat allein ins Zimmer. Sie hielt einen Zettel in der Hand. »Bento, das hier hat mir ein Mann für Sie gegeben. Ein fremder, aufgeregter, recht kleiner Mann mit einem starken portugiesischen Akzent, der immer die Straße hinauf- und hinuntergesehen hat. Ich glaube, er ist Jude. Er wartet vorn am Kanal auf eine Antwort.«

Bento riss ihr den Zettel aus der ausgestreckten Hand, faltete die Nachricht auseinander und überflog sie schnell. Clara Maria beobachtete ihn neugierig: Noch nie zuvor hatte sie Bento so begierig einen Text lesen sehen. Er las ihr den portugiesischen Text auf Holländisch vor:

»Bento, ich habe von vergangener Nacht gehört. Die ganze Gemeinde weiß davon. Ich möchte Sie heute sehen. Es ist wichtig. Ich stehe nahe an Ihrem Haus vor dem roten Hausboot an der Singel. Können Sie kommen? Franco.«

»Er ist ein Freund, Clara Maria«, sagte Bento. »Mein einziger Freund, der mir aus meinem alten Leben geblieben ist. Ich muss ihn treffen. Ich kann allein die Treppe hinuntergehen.«

»Nein. Papa sagte, Sie dürfen heute noch keine Treppen steigen. Ich werde Ihrem Freund bestellen, dass er in ein, zwei Tagen wiederkommen soll.«

»Aber er schrieb ausdrücklich ›heute‹. Es muss etwas mit vergangener Nacht zu tun haben. Meine Wunden sind ja nur Kratzer. Ich schaffe das schon.«

»Nein, Papa hat Sie meiner Fürsorge anvertraut. Ich verbiete es Ihnen. Ich werde ihn heraufbringen. Ich bin sicher, dass Papa nichts dagegen hätte.«

Bento nickte. »Danke, aber achten Sie bitte darauf, dass niemand auf der Straße ist – niemand darf ihn eintreten sehen. Seit meiner Exkommunikation darf kein Jude mehr mit mir sprechen. Er darf nicht gesehen werden, wenn er mich besucht.«

Zehn Minuten später kehrte Clara mit Franco zurück. »Bento, wann soll ich wiederkommen und ihn hinausbegleiten?« Nachdem sie von den Männern keine Antwort bekam, die vollauf damit beschäftigt waren, einander in die Augen zu sehen, zog sie sich diskret zurück. »Ich bin dann im Nebenzimmer.«

Als die Tür leise ins Schloss fiel, trat Franco näher und packte Bento an den Schultern: »Sind Sie in Ordnung, Bento? Sie sagte mir, dass Sie nicht schwer verletzt sind.«

»Nein, Franco, nur ein paar Kratzer hier …« Er zeigte auf seinen Bauch. »Aber ein sehr tiefer Schnitt hier«, sagte er und deutete auf seinen Kopf.

»Es ist eine solche Erleichterung für mich, Sie zu sehen.«

»Für mich auch. Hier, nehmen Sie Platz.« Er deutete auf das Bett, und beide setzten sich, während Franco fortfuhr:

»Zuerst verbreitete sich in der Kongregation die Nachricht, Sie wären tot, niedergestreckt von Gott. Ich ging in die Synagoge, und dort herrschte Jubelstimmung – die Leute sagten, dass Gott ihre Rufe erhört und sein Gericht geschickt habe. Ich war vor Sorge fast außer mir, und erst als ich mit den Polizeibeamten sprach, die die Umgebung nach dem Attentäter absuchten, erfuhr ich, dass Sie verletzt wurden, natürlich nicht von Gott, sondern von einem verrückten Juden.«

»Wer ist er?«

»Das weiß niemand. Oder wenigstens sagt keiner, dass er es weiß. Ich hörte, dass er ein Jude ist, der gerade erst in Amsterdam eingetroffen ist.«

»Ja, er ist Portugiese. Er schrie: ›Herege!‹, als er sich auf mich stürzte.«

»Ich hörte, dass seine Familie von der Inquisition getötet wurde. Und vielleicht hegt er einen besonderen Groll gegen ehemalige Juden. Manche ehemalige Juden in Spanien und Portugal sind inzwischen die größten Feinde der Juden: Priester, die schnell befördert werden, wenn sie den Inquisitoren helfen, Täuschungsmanöver aufzudecken.«

»Ja, jetzt wird die Verknüpfung der Ursachen klarer.«

»Verknüpfung der Ursachen?«

»Franco, es ist schön, Sie wiederzusehen. Ihre besondere Art, mich immer wieder zu unterbrechen und Klarstellung zu fordern, gefällt mir immer wieder. Damit meine ich einfach nur, dass alles eine Ursache hat.«

»Selbst dieser Überfall?«

»Ja, alles! Alles unterliegt den Gesetzen der Natur, und mittels unserer Vernunft ist es uns möglich, diese Kette von Ursachen zu begreifen. Ich glaube, das gilt nicht nur für Gegenstände, sondern für alles Menschliche, und ich beginne gerade mit dem Projekt, menschliche Handlungen, Gedanken und Begierden so zu betrachten, als handelte es sich um Linien, Flächen oder Körper.«

»Wollen Sie damit sagen, dass wir die Ursache jedes Gedankens, jeder Begierde, jeder Laune, jedes Traumes kennenlernen können?«

Bento nickte.

»Heißt das, wir können nicht einfach entscheiden, ob wir bestimmte Gedanken denken? Ich kann nicht selbst entscheiden, ob ich den Kopf zuerst in die eine Richtung und dann in die andere drehe? Dass wir nicht einfach freie Wahl haben?«

»Genau das meine ich. Der Mensch ist Teil der Natur und deshalb dem Naturgesetz von Ursache und Wirkung unterworfen. Nichts in der Natur, und das gilt auch für uns, kann sich einfach nach Lust und Laune entscheiden, eine bestimmte Handlung auszulösen. Es kann keinen eigenen Staat innerhalb eines Staates geben.«

»Keinen eigenen Staat innerhalb eines Staates? Ich habe schon wieder den Faden verloren.«

»Es ist über ein Jahr her, Franco, seit wir zuletzt miteinander gesprochen haben, und ich rede sofort über Philosophie, statt mich ausführlich nach Ihrem Leben zu erkundigen.«

»Ach was. Nichts ist mir wichtiger, als solche Gespräche wie jetzt mit Ihnen zu führen. Ich komme mir vor wie einer, der kurz vor dem Verdursten ist und plötzlich doch noch eine Oase findet. Alles andere hat Zeit. Erzählen Sie mir von Ihrem Staat innerhalb eines Staates.«

»Ich meine damit Folgendes: Da der Mensch in jeder Hinsicht ein Teil der Natur ist, ist es nicht richtig zu glauben, dass der Mensch die Ordnung der Natur eher stört als ihr folgt. Es ist nicht richtig anzunehmen, dass er oder irgendein Wesen in der Natur einen freien Willen hätte. Alles, was wir tun, wird entweder von äußeren oder inneren Ursachen bestimmt. Erinnern Sie sich, dass ich Ihnen schon einmal darlegte, dass Gott oder die Natur die Juden nicht auserwählt hat?«

Franco nickte.

»Also ist auch wahr, dass Gott nicht beschlossen hat, die Menschheit solle etwas Besonderes sein, also außerhalb der Naturgesetze stehen. Diese Ansicht hat, wie ich glaube, nichts mit natürlicher Ordnung zu tun, sondern entstammt vielmehr unserem tiefen Bedürfnis, etwas Besonderes zu sein, unvergänglich zu sein.«

»Ich glaube, ich begreife, was Sie meinen – das ist ein gigantischer Gedanke. Keine Freiheit des Willens? Ich bin skeptisch. Das möchte ich anfechten. Es ist nämlich so: Ich denke, dass ich frei entscheiden kann zu sagen: ›Das möchte ich anfechten.‹ Dennoch habe ich keine Argumente parat. Bis zu unserem nächsten Treffen werde ich mir einige überlegen. Aber Sie sprachen vom Attentäter und einer Verknüpfung der Ursachen, als ich Sie unterbrochen habe. Bitte fahren Sie fort, Bento.«

»Ich glaube, es ist ein Naturgesetz, auf ganze Klassen von Dingen in gleicher Weise zu reagieren. Dieser Attentäter war vielleicht außer sich vor Trauer um seine Familie, hörte, dass ich ein ehemaliger Jude bin, und stellte mich mit anderen ehemaligen Juden, die seiner Familie Leid zugefügt haben, auf die gleiche Stufe.«

»Ihre Denkmethode erscheint mir logisch, aber sie muss auch den Einfluss anderer einbeziehen, die ihn vielleicht dazu ermutigt haben, so etwas zu tun.«

»Diese ›anderen‹ unterliegen ebenfalls einer Verknüpfung von Ursachen«, sagte Bento.

Franco überlegte und nickte. «Wissen Sie, was ich denke, Bento?«

Bento sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Ich glaube, das ist eine Lebensaufgabe.«

»Insoweit stimmen wir vollkommen überein. Und ich bin damit einverstanden, sehr einverstanden sogar, mein Leben dieser Aufgabe zu widmen. Aber was wollten Sie über den Einfluss anderer auf den Attentäter sagen?«

»Ich glaube, dass die Rabbiner ihn anstifteten und die Gedanken und Handlungen Ihres Attentäters steuerten. Das Gerücht geht um, dass er im Augenblick im Keller der Synagoge versteckt gehalten wird. Ich glaube, die Rabbiner wollten der Kongregation mit Ihrem Tod die Gefahren vor Augen führen, die jemandem drohen, der die rabbinische Autorität anzweifelt. Ich habe die Absicht, der Polizei zu sagen, wo er sich vielleicht versteckt hält.«

»Nein, Franco. Tun Sie das nicht! Denken Sie an die Folgen. Der Kreislauf aus Trauer, Wut, Rache, Strafe, Vergeltung ist endlos und wird Sie und Ihre Familie am Ende verschlingen. Wählen Sie einen religiösen Weg.«

Franco sah ihn entsetzt an: »Religiös? Wie können Sie den Begriff ›religiös‹ in den Mund nehmen?«

»Ich meine einen moralischen Pfad, einen tugendhaften Pfad. Wenn Sie diesen Kreislauf von seelischem Schmerz durchbrechen wollen, müssen Sie mit diesem Attentäter sprechen«, sagte Bento. »Beruhigen Sie ihn, lindern Sie sein Leid, versuchen Sie, ihn aufzuklären.«

Franco nickte langsam und saß schweigend da, während er Bentos Worte verdaute. Dann sagte er: »Bento, lassen Sie uns noch einmal zu dem zurückgehen, was Sie vorhin über Ihre tiefe Wunde im Kopf sagten. Wie ernst ist diese Wunde?«

»Ehrlich gesagt, Franco, bin ich vor Angst wie gelähmt. Mein Brustkorb fühlt sich so eng an, als wollte er gleich bersten. Ich kann mich nicht beruhigen, obwohl ich schon seit dem Vormittag daran arbeite.«

»Wie arbeiten Sie daran?«

»Nun, so, wie ich es Ihnen beschrieben habe – ich rufe mir in Erinnerung, dass alles eine Ursache hat und das, was geschah, notwendigerweise geschah.«

»Was bedeutet notwendigerweise

»Unter Berücksichtigung aller Faktoren, die sich vorher ereigneten, musste dieser Vorfall eintreten. Er war nicht zu verhindern. Und eines der wichtigsten Dinge, die ich gelernt habe, ist, dass es wider die Vernunft ist, etwas beherrschen zu wollen, das wir nicht beherrschen können. Das, und davon bin ich überzeugt, ist ein wahrer Gedanke, und dennoch kehren die Bilder dieses Überfalls immer wieder zurück und verfolgen mich.« Bento hielt einen Augenblick inne, als seine Augen seinen zerfetzten Mantel streiften. »Gerade eben kam mir in den Sinn, dass der Anblick dieses Mantels da drüben auf dem Stuhl das Problem verschlimmern könnte. Ein großer Fehler, ihn dort liegen zu lassen. Ich muss mich ein für alle Mal davon trennen. Einen Augenblick lang dachte ich daran, ihn Ihnen zu schenken, aber natürlich dürfen Sie nicht mit diesem Mantel gesehen werden. Es war der Mantel meines Vaters und ist leicht zu erkennen.«

»Ich bin anderer Meinung. Ihn aus dem Weg zu räumen ist keine gute Idee. Darf ich Ihnen wiedergeben, was mein Vater in sehr ähnlichen Situationen immer sagte? ›Wirf ihn nicht weg. Blockiere nicht einen Teil deines Geistes, sondern tu genau das Gegenteil.‹ Deshalb schlage ich Ihnen vor, Bento, dass Sie ihn immer dort hängen lassen, wo Sie ihn gut sehen können, irgendwo, wo Sie ihn immer im Blick haben, damit er Sie an die Gefahren erinnert, denen Sie ausgesetzt sind.«

»Ich verstehe die Weisheit dieses Rates. Es erfordert viel Mut, ihn zu befolgen.«

»Bento, es ist unbedingt notwendig, dass Sie diesen Mantel immer im Blickfeld haben. Ich glaube, Sie unterschätzen die Gefahren, die in Ihrer Situation nun auf Sie lauern. Gestern sind Sie fast umgekommen. Bestimmt fürchten Sie sich vor dem Tod?«

Bento nickte. »Ja. Obwohl ich daran arbeite, diese Furcht zu überwinden.«

»Wie? Jeder fürchtet sich vor dem Tod.«

»Die Menschen fürchten sich unterschiedlich stark davor. Einige Philosophen aus der Antike, die ich gerade studiere, suchten nach Wegen, um die Angst vor dem Tod zu vermindern. Erinnern Sie sich an Epikur? Wir sprachen einmal über ihn.«

Franco nickte. »Ja, der Mann, der sagte, der Zweck des Lebens bestehe darin, in einem Zustand der Seelenruhe zu leben. Was genau war der Begriff, den er benutzte?«

»Ataraxia. Epikur glaubte, dass der größte Störenfried von ataraxia unsere Furcht vor dem Tode sei, und er lehrte seine Schüler mehrere machtvolle Argumente, um sie zu verringern.«

»Was zum Beispiel?«

»Nun, er geht davon aus, dass es kein Leben nach dem Tod gibt und dass wir nach unserem Tod von den Göttern nichts zu befürchten haben. Dann sagte er, dass Tod und Leben niemals koexistieren können. Mit anderen Worten: Wo Leben ist, ist kein Tod, und wo Tod ist, ist kein Leben.«

»Das hört sich logisch an, aber ich bezweifle, dass es mitten in der Nacht zur Beruhigung taugt, wenn man gerade aus einem Alptraum erwacht, in dem man stirbt.«

»Epikur hat allerdings noch ein Argument, das Symmetrie-Argument, das sogar noch mächtiger sein könnte. Es postuliert, dass der Zustand des Nichtseins nach dem Tod identisch mit dem Zustand des Nichtseins vor der Geburt ist. Und obwohl wir den Tod fürchten, empfinden wir kein Grauen, wenn wir an jenen früheren, identischen Zustand denken. Daher haben wir auch keinen Grund, den Tod zu fürchten.«

Franco atmete hörbar ein. »Das weckt meine Aufmerksamkeit, Bento. Sie sagen die Wahrheit. Dieses Argument hat die Macht zu beruhigen.«

»Wenn ein Argument ›die Macht hat zu beruhigen‹, unterstützt das die Vorstellung, dass kein Ding an und für sich wirklich gut oder schlecht, angenehm oder beängstigend ist. Es ist nur unser Geist, der es dazu macht. Denken Sie daran, Franco – es ist nur unser Geist, der es dazu macht. Diese Vorstellung hat wahre Macht, und ich bin überzeugt davon, dass sie den Schlüssel zur Heilung meiner Wunde in Händen hält. Was ich tun muss, ist, die Reaktion meines Geistes auf den Vorfall von letzter Nacht zu verändern. Aber ich habe bis jetzt noch nicht entdeckt, wie das gehen soll.«

»Ich bin verblüfft, dass Sie selbst mitten in Ihrer Panik noch philosophieren können.«

»Ich muss es als eine Gelegenheit zum Verstehen betrachten. Was kann wichtiger sein, als aus erster Hand zu lernen, die Furcht vor dem Tod zu verringern? Erst vor wenigen Tagen las ich einen Satz eines römischen Philosophen namens Seneca, der sagte: ›Kein Grauen wagt es, in das Herz einzudringen, das sich selbst von Todesfurcht gereinigt hat.‹ Mit anderen Worten: Hat man einmal die Todesfurcht besiegt, besiegt man auch jede andere Furcht.«

»Allmählich beginne ich besser zu verstehen, weshalb Ihre Furcht Sie so sehr fasziniert.«

»Das Problem wird klarer, doch die Lösung liegt noch immer im Verborgenen. Ich frage mich, ob ich den Tod im Augenblick deshalb so besonders fürchte, weil ich mich so ausgefüllt fühle.«

»Wie bitte?«

»Ich meine, mein Geist ist ausgefüllt. In meinem Kopf schwirren so viele unentwickelte Gedanken herum, und der Gedanke daran, dass es vielleicht Totgeburten sein könnten, schmerzt mich über alle Maßen.«

»Dann passen Sie auf sich auf, Bento. Beschützen Sie diese Gedanken. Und beschützen Sie sich selbst. Obwohl Sie auf dem besten Weg zu einem großen Lehrer sind, sind Sie auf manche Art sehr naiv. Ich glaube, dass Sie dadurch, dass Sie selbst so wenig Hass empfinden, dessen Vorhandensein bei anderen unterschätzen. Hören Sie mich an: Sie sind in Gefahr und müssen Amsterdam verlassen. Sie müssen sich den Blicken der Juden entziehen. Führen Sie ein verborgenes Leben und schreiben Sie im Verborgenen.«

»Ich glaube, in Ihnen keimt ein Lehrmeister. Sie geben mir gute Ratschläge, Franco, und bald schon, sehr bald schon, werde ich sie befolgen. Aber nun müssen Sie mir von Ihrem Leben erzählen.«

»Noch nicht. Ich habe einen Gedanken, der Ihr Grauen lindern könnte. Ich habe eine Frage: Glauben Sie, dass Sie hier oben …« Franco zeigte auf seinen Kopf, »eine solche Wunde hätten, wenn der Attentäter nur irgendein Verrückter gewesen wäre und kein Jude mit einem besonderen Groll gegen Sie?«

Bento nickte: »Eine wirklich ausgezeichnete Frage.« Er lehnte sich an den Bettpfosten, schloss die Augen und dachte mehrere Minuten lang nach. »Ich glaube, ich verstehe, was Sie sagen wollen, und das ist wirklich sehr mitfühlend. Nein, ich bin sicher, dass die Wunde in meinem Kopf nicht so schmerzen würde, wenn er kein Jude wäre.«

»Ah«, sagte Franco, »und das bedeutet also …«

»Es muss bedeuten, dass es nicht nur meine Angst vor dem Tod ist. Sie hat eine zusätzliche Komponente, die mit meinem erzwungenen Exil von der jüdischen Welt verknüpft ist.«

»Das glaube ich auch. Wie sehr bekümmert Sie dieses Exil im Augenblick? Als wir zuletzt miteinander sprachen, drückten Sie nichts als Erleichterung darüber aus, dass Sie die abergläubische Welt verlassen konnten, und viel Freude angesichts der Aussicht, ein Leben in Freiheit zu führen.«

»Sie haben Recht. Und diese Erleichterung und Freude empfinde ich immer noch, aber nur in meinen wachen Stunden. Ich führe nun zwei Leben. Tagsüber bin ich ein neuer Mensch, der seine alte Haut abgestreift hat, der Latein und Griechisch liest und aufregende, freie Gedanken denkt. Doch während der Nacht bin ich Baruch, ein jüdischer Wanderer, der von meiner Mutter und meiner Schwester umsorgt wird, von den Älteren über den Talmud ausgefragt wird und der in den verkohlten Trümmern einer Synagoge herumstolpert. Je weiter ich mich vom hellwachen Bewusstsein entferne, desto mehr bewege ich mich zurück zu meinen Anfängen und klammere mich an diese Phantome meiner Kindheit. Und es mag Sie überraschen, Franco: Fast jede Nacht, wenn ich in diesem Bett liege und auf den Schlaf warte, kommen Sie mich besuchen.«

»Ich hoffe, ich bin ein guter Gast.«

»Ein viel besserer, als Sie sich überhaupt vorstellen können. Ich bitte Sie herein, weil Sie mir Beruhigung verschaffen. Und Sie sind heute ein guter Gast. Selbst während wir uns hier unterhalten, spüre ich, wie ataraxia wieder in mich hineinströmt. Und noch mehr als ataraxia – Sie helfen mir zu denken. Ihre Frage zu dem Attentäter – wie ich reagieren würde, wenn er kein Jude wäre – hilft mir, die Komplexität der Determinanten tatsächlich zu erfassen. Ich weiß, ich muss mich mehr mit Vorläufern befassen und Gedanken nicht vollkommen bewusst betrachten, nächtliche Gedanken wie auch die während des Tages. Dafür danke ich Ihnen.«

Franco strahlte über das ganze Gesicht und drückte Bentos Schulter.

»Und nun, Franco, müssen Sie mir aber von Ihrem Leben berichten.«

»Es hat sich viel ereignet, obwohl mein Leben weniger abenteuerlich ist als das Ihre. Meine Mutter und meine Schwester trafen einen Monat nach Ihrem Umzug hier ein, und mit Unterstützung der Synagoge fanden wir eine kleine Wohnung nicht weit von Ihrem Handelsgeschäft entfernt. Ich gehe oft vorbei und sehe Gabriel, der mir zunickt, aber nicht mit mir spricht. Ich glaube, er weiß wie alle anderen von meiner Rolle bei Ihrem Cherem. Er ist inzwischen verheiratet und lebt bei der Familie seiner Frau. Ich arbeite im Transportunternehmen meines Onkels und helfe ihm, seine ankommenden Schiffe zu inventarisieren. Ich lerne mit großem Eifer und gehe mehrmals die Woche mit anderen Immigranten zum Hebräischunterricht. Hebräisch zu lernen ist ermüdend, aber auch aufregend. Es tröstet mich und gibt mir eine Richtschnur in meinem Leben, ein Gefühl von Kontinuität mit meinem Vater und seinem Vater und dessen Vater über Hunderte von Jahren in die Vergangenheit zurück. Dieses Gefühl der Kontinuität wirkt ungemein stabilisierend.

Ihr Schwager Samuel ist mittlerweile Rabbiner und unterrichtet uns vier Mal die Woche. Andere Rabbiner und sogar Rabbi Mortera geben uns an den anderen Tagen abwechselnd Unterricht. Aus Bemerkungen von Samuel schließe ich, dass es Ihrer Schwester Rebecca gut geht. Was sonst noch?«

»Und was ist mit Ihrem Cousin Jacob?«

»Er ist wieder nach Rotterdam umgezogen, und ich sehe ihn kaum.«

»Und die wichtige Frage: Sind Sie zufrieden, Franco

»Ja, aber es ist eine melancholische Art von Zufriedenheit. Dadurch, dass ich Sie kennenlernen durfte, eröffnete sich mir eine andere Facette des Lebens, ein geistiges Leben, das ich nicht voll auslebe. Es beruhigt mich sehr zu wissen, dass es Sie gibt und dass Sie Ihre Forschungen weiterhin mit mir teilen. Meine Welt ist kleiner, und ich kann jetzt schon ihre zukünftige Gestalt erkennen. Meine Mutter und meine Schwester haben eine Frau für mich ausgesucht, ein sechzehnjähriges Mädchen aus unserem Dorf in Portugal, und wir werden in wenigen Wochen heiraten. Ich bin mit der Auswahl einverstanden – sie ist anmutig, umgänglich und zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht. Sie wird mir eine gute Frau sein.«

»Werden Sie mit ihr über alle Ihre Interessen sprechen können?«

»Ich glaube schon. Auch sie ist voller Wissensdurst. Wie die meisten Mädchen aus unserem Dorf kann sie nicht einmal lesen und schreiben. Ich habe begonnen, sie auszubilden.«

»Hoffentlich nicht zu viel Ausbildung. So etwas birgt Gefahren. Aber sagen Sie mir, Franco, spricht man in der Gemeinde über mich?«

»Bis zu diesem Vorfall hörte ich nichts dergleichen. Es ist, als habe man der Gemeinde nicht nur befohlen, Ihnen aus dem Weg zu gehen, sondern ihr auch verboten, Ihren Namen auszusprechen. Ich höre nie, dass jemand Ihren Namen ausspräche, obwohl ich natürlich nicht weiß, was hinter verschlossenen Türen gesagt wird. Vielleicht ist es nur meine Phantasie, aber ich glaube wirklich, dass Ihr Geist über der Gemeinde schwebt und vieles beeinflusst. Zum Beispiel sind unsere Hebräisch-Übungsstunden außerordentlich vollgepackt und lassen es nicht zu, irgendwelche Zweifel zu äußern. Es ist, als wollten die Rabbiner auf jeden Fall vermeiden, dass ein zweiter Spinoza geboren wird.«

Bento senkte den Kopf.

»Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen, Bento. Das war nicht freundlich von mir.«

»Sie können nur unfreundlich sein, wenn Sie die Wahrheit vor mir verbergen.«

Ein leises Klopfen an der Tür und dann Clara Marias Stimme: »Bento.«

Bento öffnete die Tür.

»Bento, ich muss bald fort. Wie lange bleibt Ihr Freund noch?«

Bento warf Franco einen fragenden Blick zu, der ihm zuflüsterte, dass er bald gehen müsse, da er keinen triftigen Grund habe, sich länger von der Arbeit zu entfernen. Bento antwortete: »Clara Maria, geben Sie uns nur noch ein paar Minuten, bitte.«

»Ich werde im Musikzimmer warten.« Clara Maria schloss leise die Tür.

»Wer ist sie, Bento?«

»Die Tochter des Direktors und meine Lehrerin. Sie unterrichtet mich in Latein und auch in Griechisch.«

»Ihre Lehrerin? Unmöglich. Wie alt ist sie?«

»Ungefähr sechzehn. Sie begann, mich zu unterrichten, als sie dreizehn war. Sie ist ein Wunderkind. Ganz anders als andere Mädchen.«

»Sie scheint Ihnen in Liebe und Zärtlichkeit zugetan zu sein.«

»Ja, das stimmt, und ich erwidere diese Gefühle, aber …« Bento zögerte: Er war es nicht gewohnt, seine intimsten Gefühle zu äußern. »Aber heute hat sie meine Not deutlich verschlimmert, als sie meinem Freund und Klassenkameraden sogar noch mehr Zärtlichkeit entgegenbrachte.«

»Ach, Eifersucht. Sie kann wirklich schmerzen. Es tut mir so leid, Bento. Aber sprachen Sie letztes Mal nicht davon, dass Sie ein Leben in Einsamkeit anstrebten und die Idee einer Gefährtin aufgäben? Sie schienen mir auf ein Leben allein so festgelegt zu sein oder sich damit abgefunden zu haben.«

»Festgelegt und damit abgefunden. Ich habe mich absolut auf ein geistiges Leben festgelegt und weiß, dass ich niemals die Verantwortung für eine Familie auf mich nehmen kann. Und ich weiß auch, dass es schon von Gesetzes wegen unmöglich ist, eine Ehe mit einer Christin oder Jüdin einzugehen. Und Clara Maria ist katholisch. Und noch dazu eine abergläubische Katholikin.«

»Es bereitet Ihnen also Schwierigkeiten, das aufzugeben, was Sie in Wahrheit nicht wollen und nicht haben können?«

»Richtig! Es gefällt mir, wie zielsicher Sie mitten in den Kern meiner Absurdität hineinbohren.«

»Und Sie sagen, dass Sie sie lieben? Und was ist mit Ihrem guten Freund, den sie vorzieht?«

»Bis zum heutigen Tag liebte ich auch ihn. Er half mir nach dem Cherem beim Umzug; er rettete mir letzte Nacht das Leben. Er ist ein guter Mensch. Und er beabsichtigt, Arzt zu werden.«

»Aber Sie wollen, dass sie Sie begehrt statt ihn, obwohl Sie wissen, dass Sie damit alle drei unglücklich machen würden.«

»Ja, das stimmt.«

»Und Ihre Verzweiflung, sie nicht haben zu können, wird umso größer sein, je mehr Sie sie begehren.«

»Ja, das kann ich nicht leugnen.«

»Aber Sie lieben sie und möchten, dass sie glücklich ist. Und wenn sie leidet, werden dann auch Sie leiden?«

»Ja, ja und ja. Alles, was Sie sagen, ist richtig.«

»Und eine letzte Frage: Sie sagen, sie sei eine abergläubische Katholikin? Und Katholiken lieben Rituale und Wunder. Was hält sie also von Ihren Ideen von Gott als Natur, von Ihrer Ablehnung von Ritualen und Aberglauben?«

»Über diese Gedanken würde ich niemals mit ihr sprechen.«

»Weil sie sie zurückweisen würde und Sie vielleicht gleich mit dazu?«

Bento nickte. »Jedes Wort, das Sie sagen, ist wahr, Franco. Ich habe mich so bemüht, habe so viel aufgegeben, um frei zu sein, und nun habe ich meine Freiheit aufgegeben und mich von Clara Maria bezaubern lassen. Wenn ich an sie denke, bin ich ganz und gar nicht in der Lage, andere, erhabenere Gedanken zu denken. Insoweit ist es offensichtlich, dass ich nicht mein eigener Herr, sondern von Leidenschaft versklavt bin. Obwohl der Verstand mir zeigt, was besser ist, bin ich gezwungen, dem zu folgen, was schlechter ist.«

»Das ist eine sehr alte Geschichte, Bento. Wir werden zeitlebens von der Liebe versklavt. Wie wollen Sie sich befreien?«

»Ich kann nur frei sein, wenn ich meine Verbindungen zu sinnlichem Vergnügen, Reichtum und Ruhm vollkommen durchtrenne. Wenn ich den Verstand nicht achte, werde ich immer der Sklave meiner Leidenschaft sein.«

»Und doch, Bento«, sagte Franco, stand auf und machte sich zum Gehen bereit, »wir wissen, dass der Verstand der Leidenschaft nichts entgegenzusetzen hat.«

»Ja, eine Emotion kann nur von einer noch stärkeren Emotion besiegt werden. Meine Aufgabe ist klar: Ich muss lernen, den Verstand zu einer Leidenschaft umzuwandeln.«

»Verstand zu einer Leidenschaft umwandeln«, flüsterte Franco, als sie zum Musikzimmer gingen, in dem Clara Maria wartete. »Eine gewaltige Aufgabe. Wenn wir uns das nächste Mal treffen, hoffe ich, von Ihren Fortschritten zu hören.«

26

BERLIN, 26. MÄRZ 1923

»Mit baltischen Familien habe ich vielfach Schwierigkeiten gehabt. Sie haben so etwas Negatives und grundsätzlich Überlegenes, wie ich das in meinem Leben sonst nicht kennengelernt habe, vor allem die Fähigkeit, alles zu können.«

Adolf Hitler über Alfred Rosenberg

Lieber Friedrich,

mit Bedauern muss ich meinen bevorstehenden Besuch absagen. Obwohl es jetzt schon das dritte Mal ist, bitte ich Dich, mich nicht fallenzulassen. Mein Wunsch, Dich zu konsultieren, ist wirklich ernst gemeint, aber meine Zeit wird zunehmend in Anspruch genommen. Vergangene Woche forderte Hitler mich auf, Dietrich Eckart als Herausgeber des Völkischen Beobachters nachzufolgen. Hitler und ich sind uns jetzt näher – er ist mit meiner Veröffentlichung der Protokolle der Weisen von Zionsehr zufrieden. Seit einem Monat ist der VB dank der Unterstützung eines generösen Spenders nun eine Tageszeitung und hat mittlerweile eine Auflage von 33000 (übrigens ist die Zeitung jetzt auch an den Zeitungsständen in Berlin erhältlich).

Tagtäglich gibt es von neuen Krisen zu berichten. Tagtäglich hängt die Zukunft Deutschlands buchstäblich in der Schwebe. So müssen wir im Augenblick beispielsweise entscheiden, wie wir mit den Franzosen umgehen, die in das Ruhrgebiet einmarschiert sind, um uns ihre kriminellen Reparationszahlungen abzupressen. Und tagtäglich bringt eine galoppierende Inflation unser ganzes Land an den Rand des Abgrunds. Du wirst es nicht glauben, aber ein US-Dollar, der noch vor einem Jahr vierhundert Mark wert war, ist heute früh bereits zwanzigtausend Mark wert. Du wirst es nicht glauben, aber die Arbeitgeber in München haben angefangen, ihren Arbeitern den Lohn drei Mal täglich auszuzahlen. Ist das in Berlin auch so? Die Frau begleitet ihren Mann zur Arbeit, dort wird ihnen in der Frühe der Lohn ausgezahlt, und sie rennt dann los und kauft fürs Frühstück ein, bevor die Preise steigen. Zu Mittag kommt sie wieder, holt den Lohn ab (der jetzt höher ist) und muss sich wieder sputen, um fürs Mittagessen einzukaufen. Für hunderttausend Mark, für die sie am Vortag noch vier Würste bekam, bekommt sie jetzt nur noch drei. Das Gleiche wiederholt sich dann ein drittes Mal zum Ende des Tages, wenn die Preise wieder gestiegen sind. Sobald dann die Märkte schließen, ist das Geld sicher, bis am nächsten Vormittag die Börse wieder öffnet. Es ist ein Skandal, eine Tragödie.

Und es wird noch schlimmer. Ich glaube, dass wir die größte Hyperinflation aller Zeiten bekommen werden: Alle Deutschen werden verarmen, bis auf die Juden natürlich, die selbstverständlich von diesem Alptraum profitieren. Die Geldschränke in ihren Firmen platzen vor Gold und Fremdwährungen aus allen Nähten.

Mein Leben als Herausgeber ist so hektisch, dass ich das Büro nicht einmal zum Mittagessen verlassen, geschweige denn in den Zug steigen kann, um die zehnstündige, zwanzig Millionen Mark teure Fahrt nach Berlin anzutreten. Bitte lass mich wissen, ob sich Dir irgendwann die Möglichkeit bietet, nach München zu kommen, damit wir uns hier treffen könnten. Dafür wäre ich Dir außerordentlich dankbar. Hast Du jemals daran gedacht, hier in München zu praktizieren? Ich könnte Dir behilflich sein: Denk an die vielen kostenlosen Anzeigen, die ich für Dich schalten könnte.

Dr. Karl Abraham las den Brief und gab ihn dann Friedrich zurück. »Und was wollen Sie ihm antworten?«

»Ich weiß es nicht. Das würde ich gerne heute in meiner Supervisionssitzung diskutieren. Sie erinnern sich an ihn? Ich hatte Ihnen von meinem Gespräch mit ihm vor ein paar Monaten berichtet.«

»An den Herausgeber der Protokolle der Weisen von Zion? Wie könnte ich den vergessen?«

»Seit damals habe ich Herrn Rosenberg nicht mehr getroffen. Nur ein paar Briefe gewechselt. Aber hier habe ich die gestrige Ausgabe seiner Zeitung des Völkischen Beobachters. Sehen Sie sich nur diese Schlagzeile an:

KINDESMISSBRAUCH IN WIENER BORDELL 

VIELE JUDEN BETEILIGT

Dr. Abraham warf einen Blick auf die Schlagzeile, schüttelte angewidert den Kopf und fragte: »Und die Protokolle – haben Sie die gelesen?«

»Nur einige Auszüge und ein paar Kritiken, die sie als Fälschung apostrophieren.«

»Eine offensichtliche Fälschung, aber eine gefährliche. Und ich habe keinen Zweifel, dass Ihr Patient Rosenberg das auch wusste. Vertrauenswürdige jüdische Gelehrte in meiner Gemeinde erzählen mir, dass die Protokolle von Sergei Nilus, einem verrufenen russischen Schriftsteller, ausgeheckt wurden, der den Zaren davon überzeugen wollte, dass die Juden Russland zu dominieren versuchten. Nachdem der Zar die Protokolle gelesen hatte, ordnete er eine Reihe blutiger Pogrome an.«

»Nun«, sagte Friedrich, »meine Frage ist: Wie kann ich eine Therapie mit einem Patienten machen, der derart abscheuliche Taten begeht? Ich weiß, dass er gefährlich ist. Wie gehe ich mit meiner Gegenübertragung um?«

»Ich ziehe es vor, Gegenübertragung als die neurotische Reaktion des Therapeuten auf den Patienten zu betrachten. In diesem Fall haben Ihre Gefühle eine rationale Grundlage. Damit wäre die korrekte Frage: ›Wie arbeitet man mit jemandem, der, vom objektiven Standard aus betrachtet, ein widerwärtiger, bösartiger Mensch ist, der viel Unheil anrichten kann?‹«

Friedrich sann über die Worte seines Supervisors nach. »Widerwärtig, bösartig. Starke Worte.«

»Sie haben Recht, Herr Dr. Pfister – das waren meine Begriffe, nicht die Ihren, und ich glaube, Sie spielen richtigerweise auf ein anderes Thema an – die Gegenübertragung des Supervisors –, die mit meiner Fähigkeit, Sie zu unterrichten, kollidieren könnte. Da ich selbst Jude bin, ist es mir unmöglich, diesen hochgefährlichen, antisemitischen Menschen persönlich zu behandeln, aber vielleicht könnte ich Ihnen trotzdem als Supervisor nützlich sein. Erzählen Sie mir mehr über Ihre Gefühle ihm gegenüber.«

»Obwohl ich kein Jude bin, stößt mich sein Antisemitismus persönlich ab. Schließlich sind die Menschen, die mir hier am nächsten stehen, fast alles Juden – mein Analytiker, Sie und die meisten Leute der Fakultät des Instituts.« Friedrich nahm Alfreds Brief zur Hand. »Sehen Sie. Er schreibt voller Stolz über seinen beruflichen Aufstieg und erwartet, dass ich mich darüber freue. Aber ich fühle mich im Gegenteil zunehmend von ihm angegriffen und ängstige mich um Sie, um alle zivilisierten Deutschen. Ich glaube, dass er böse ist. Und sein Idol, dieser Hitler, mag sogar die Inkarnation des Teufels sein.«

»Das ist die eine Seite. Aber in Ihnen gibt es noch eine andere Seite, die ihn gerne wiedersehen möchte. Warum?«

»Es ist das, worüber wir schon einmal diskutiert haben – mein intellektuelles Interesse daran, jemanden zu analysieren, der die gleiche Vergangenheit hat wie ich. Ich kenne seinen Bruder schon mein ganzes Leben lang. Ich kannte Alfred schon, als er noch ein kleines Kind war.«

»Aber, Dr. Pfister, es liegt doch auf der Hand, dass Sie niemals die Gelegenheit haben werden, ihn zu analysieren. Schon allein die Entfernung macht das unmöglich. Bestenfalls treffen Sie ihn in großen, unregelmäßigen Abständen zu einer Sitzung und werden niemals gründliche archäologische Arbeiten in seiner Vergangenheit durchführen können.«

»Richtig. Diese Idee muss ich fallen lassen. Es muss andere Gründe geben.«

»Ich erinnere mich, dass Sie einmal von Ihrem Eindruck einer ausradierten Vergangenheit sprachen. Es gibt nur noch Ihren guten Freund, den Bruder. Ich habe seinen Namen vergessen …«

»Eugen.«

»Ja. Nur Eugen Rosenberg ist übriggeblieben und zu einem viel geringeren Teil Eugens jüngerer Bruder Alfred, mit dem Sie nie eng befreundet waren. Ihre Eltern sind tot, es gibt keine Geschwister, Sie haben keine anderen Verbindungen zu Ihrem früheren Leben – weder Menschen noch Orte. Mir scheint, Sie wollen das Älterwerden oder die Vergänglichkeit leugnen, indem Sie nach etwas Unvergänglichem suchen. Damit beschäftigen Sie sich doch hoffentlich in Ihrer persönlichen Analyse?«

»Noch nicht. Aber Ihre Bemerkungen sind hilfreich. Ich kann die Zeit nicht dadurch anhalten, dass ich mich an Eugen oder Alfred klammere. Ja, Dr. Abraham, Sie stellen klar, dass meine Treffen mit Alfred meinen inneren Konflikten in keiner Weise dienlich sind.«

»Das ist so wichtig, Dr. Pfister, dass ich es wiederhole: Ihre Treffen mit Alfred Rosenberg sind Ihren inneren Konflikten in keiner Weise dienlich. Das richtige Forum dafür ist Ihre eigene Analyse. Richtig?«

Friedrich nickte resigniert.

»Deshalb frage ich Sie noch einmal: Warum wollen Sie sich mit ihm treffen?«

»Ich weiß es nicht genau. Ich stimme Ihnen zu, dass er ein gefährlicher Mann ist, der Hass verbreitet. Und dennoch sehe ich in ihm immer noch den kleinen Nachbarjungen und nicht den Mann, der böse ist. Ich betrachte ihn als fehlgeleitet, nicht als dämonisch. Er glaubt tatsächlich an diesen rassistischen Unsinn, und seine Gedanken resultieren in vollkommen konsequenter Weise aus den Vorgaben Houston Stewart Chamberlains. Ich glaube nicht, dass er ein Psychopath, ein Sadist oder ein gewalttätiger Mensch ist. Er ist eigentlich eher schüchtern, fast feige und unsicher. Er kann zu anderen nur sehr schlecht Beziehungen aufbauen und ist vollkommen auf die Hoffnung festgelegt, die Zuneigung seines Führers Hitler zu gewinnen. Aber dennoch scheint er sich seiner Grenzen bewusst zu sein und ist erstaunlicherweise zu therapeutischer Arbeit bereit.«

»Dann sind Ihre Therapieziele also …«

»Vielleicht bin ich naiv, aber ist es nicht so, dass er weniger Unheil auf der Welt anrichten wird, wenn es mir gelänge, ihn zu einer moralischeren Person zu verändern? Das ist bestimmt besser, als gar nichts zu tun. Vielleicht kann ich ihm ja sogar helfen, die Macht und die Irrationalität seines Antisemitismus wahrzunehmen.«

»Nun, falls Sie den Antisemitismus erfolgreich analysieren könnten, würden Sie dafür den Nobelpreis bekommen, der Freud bislang versagt blieb. Haben Sie eine Vorstellung, wie Sie das angehen würden?«

»Noch nicht – noch ist es in weiter Ferne, und mit Sicherheit ist es mein Ziel und nicht das des Patienten.«

»Und sein Ziel? Was will er?«

»Sein ausdrückliches Ziel ist es, einen effektiveren Zugang zu Hitler und zu den anderen Parteimitgliedern zu bekommen. Ich müsste etwas Erhabeneres als das hineinschmuggeln.«

»Sind Sie ein guter Schmuggler?«

»Blutiger Anfänger, würde ich sagen, aber ich habe eine Idee. Ich hatte Ihnen gegenüber erwähnt, dass ich ihm geholfen habe, sich in Spinoza einzulesen. Nun, im vierten Teil der Ethik, in dem Abschnitt, in dem es darum geht, die menschliche Unfreiheit abzustreifen, gibt es eine Passage, die meine Aufmerksamkeit erweckte. Spinoza sagt, dass die Vernunft der Leidenschaft nicht Paroli bieten kann und wir deshalb die Vernunft zu einer Leidenschaft machen müssen.«

»Hmm, interessant. Und wie wollen Sie das anstellen?«

»Ich habe keine präzise Methode parat. Aber ich weiß, dass ich seine Neugier auf sich selbst wecken muss. Hat nicht jeder ein intensives Interesse an sich selbst? Möchte nicht jeder alles über sich selbst wissen? Bei mir jedenfalls ist es so. Ich werde mich bemühen, Alfreds Neugier auf sich selbst anzufachen.«

»Ein interessanter Weg, die Therapie zu umreißen, Dr. Pfister. Ein origineller Weg. Wollen wir hoffen, dass er mitspielt, und ich werde tun, was ich kann, um bei der Supervision behilflich zu sein. Aber ich frage mich, ob Ihre Argumentation nicht irgendwo eine Schwachstelle hat.«

»Und welche?«

»Übergeneralisierung. Therapeuten sind anders. Wir sind komische Vögel. Die meisten anderen Menschen haben nicht wie wir diese leidenschaftliche Neugier auf die Seele. Bis jetzt höre ich, dass sein Ziel sich von dem Ihren eklatant unterscheidet: Was er möchte, ist, für seine Kumpane ein liebenswerterer Mensch zu werden. Unterschätzen Sie also nicht die Gefahr, dass eine Therapie für jeden Beteiligten auch alles verschlimmern könnte. Ich will es konkreter ausdrücken: Wenn Sie es tatsächlich schaffen, Rosenberg so zu ändern, dass Hitler ihm mehr Zuneigung entgegenbringt, dann haben Sie nur seine Bösartigkeit effektiver gemacht.«

»Ich verstehe. Meine Aufgabe ist es, ihn dazu zu bringen, ein anderes, ziemlich gegensätzliches Ziel anzustreben, nämlich sein verzweifeltes und irrationales Bedürfnis nach Hitlers Zuneigung zu verstehen und abzubauen.«

Dr. Abraham lächelte seinen jungen Schüler an. »Ganz genau. Mir gefällt Ihr Enthusiasmus, Friedrich. Wer weiß? Vielleicht gelingt es Ihnen ja. Nun, dann wollen wir uns darum bemühen, Sie zu der einen oder anderen Fachkonferenz nach München zu schicken. Bei dieser Gelegenheit könnten Sie dann ein paar Therapiestunden mit ihm vereinbaren.«

Bayreuth, Oktober 1923

Trotz seiner beruflichen Belastungen machte Alfred sein Vorhaben wahr, Houston Stewart Chamberlain zu besuchen. Er konnte Hitler mühelos davon überzeugen, ihn zu begleiten. Auch Hitler war von Chamberlains Werk Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts begeistert und sollte zum Ende seines Lebens behaupten, dass Chamberlain (neben Dietrich Eckart und Richard Wagner) seine vorrangigen intellektuellen Mentoren gewesen waren.

Chamberlain lebte mit seiner Frau Eva (Wagners Tochter) und Cosima, Wagners sechsundachtzig Jahre alter Witwe, in Wahnfried, Evas klobigem, altem Elternhaus in Bayreuth. Die zweihundertvierzig Kilometer lange Fahrt nach Bayreuth gestaltete sich für Alfred höchst angenehm. Es war sein erster Ausflug in Hitlers nagelneuem Mercedes und eine Gelegenheit, mehrere Stunden lang Hitlers ungeteilte Aufmerksamkeit zu genießen.

Ein Dienstbote hieß sie willkommen und führte sie die Treppe hinauf, wo Chamberlain sie in seinem Rollstuhl erwartete. Eine Decke mit blau-grünem Schottenkaro lag akkurat über seinen Beinen, und er schaute zum großen Fenster hinaus, das auf den Innenhof hinausging. Er litt an einer mysteriösen Nervenkrankheit, die ihn teilweise lähmte und unfähig machte, sich deutlich zu artikulieren. Chamberlain sah viel älter aus als die siebzig Jahre, die er war: Seine Haut war fleckig, seine Augen leer, die eine Hälfte des Gesichts krampfartig verzerrt. Den Blick fest auf Hitlers Gesicht geheftet, nickte Chamberlain von Zeit zu Zeit; anscheinend verstand er Hitlers Worte. Rosenberg würdigte er keines Blickes. Hitler beugte sich vor, brachte den Mund nahe an Chamberlains Ohr und sagte: »Ich schätze Ihre Gedanken in Ihrem bedeutenden Werk Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, wonach die germanische Rasse sich mit den Juden in einem Kampf auf Leben und Tod befindet, der nicht nur mit Kanonenkugeln, sondern im Herzen der Gesellschaft durch Ehen und so fort ausgefochten wird.« Chamberlain nickte, und Hitler fuhr fort: »Herr Chamberlain, ich verspreche Ihnen, dass ich der Mann bin, der diesen Krieg für Sie wagt.« Dann erläuterte er in epischer Breite sein Fünfundzwanzig-Punkte-Programm und seine durch nichts zu erschütternde Entschlossenheit, ein judenfreies Europa zu erreichen. Chamberlain nickte heftig und krächzte von Zeit zu Zeit: »Ja, ja.«

Später, als Hitler den Raum zu einer privaten Audienz bei Cosima Wagner verlassen hatte, blieb Rosenberg mit Chamberlain allein und erzählte ihm, dass er im Alter von sechzehn Jahren genau wie Hitler von den Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts verzaubert gewesen war und auch er Chamberlain sein Leben lang zu Dank verpflichtet sei. Dann beugte er sich, wie zuvor Hitler, nahe an Chamberlains Ohr und vertraute ihm an: »Ich beginne gerade, ein Buch zu schreiben, das, wie ich hoffe, Ihre Arbeit ins nächste Jahrhundert weiterführen wird.« Vielleicht lächelte Chamberlain – sein Gesicht war so verzerrt, dass es schwer zu sagen war. Alfred fuhr fort: »Ihre Ideen und Ihre Worte werden sich auf allen Seiten meines Buches finden. Ich habe gerade, erst angefangen. Es wird ein Fünfjahresprojekt werden – es ist noch so viel zu tun. Ich habe jedoch gerade einen Abschnitt für den Schluss geschrieben: ›Und die heilige Stunde des Deutschen wird dann eintreten, wenn das Symbol des Erwachens, die Fahne des aufsteigenden Lebens, das allein herrschende Bekenntnis des Reiches geworden ist.‹« Chamberlain grunzte. Vielleicht sagte er: »Ja, ja.«

Alfred lehnte sich im Stuhl zurück und sah sich um. Hitler war noch immer nicht in Sicht. Alfred beugte sich wieder zu Chamberlains Ohr: »Verehrter Lehrmeister, ich brauche Ihre Hilfe in einer Angelegenheit. Es geht um das Spinoza-Problem. Sagen Sie mir, wie es möglich ist, dass dieser Jude aus Amsterdam Werke schrieb, die von den größten deutschen Denkern, unter ihnen auch der unsterbliche Goethe, so sehr geschätzt wurden. Wie ist so etwas möglich?« Chamberlain zuckte erregt mit dem Kopf und artikulierte verworrene Geräusche, von denen Rosenberg nur »Ja, Ja« heraushören konnte. Kurz danach sackte Chamberlain zusammen und schlief tief und fest.

Auf der Heimfahrt sprachen die beiden Männer wenig über Chamberlain, denn Alfred hatte ein anderes Anliegen: Er wollte Hitler davon überzeugen, dass es nun an der Zeit sei, dass die Partei in Aktion trete. Alfred erinnerte Hitler an die grundlegenden Fakten: »Das Chaos hat ganz Deutschland erfasst«, sagte Alfred. »Die Inflation gerät außer Kontrolle. Vor vier Monaten war ein Dollar noch fünfundsiebzigtausend Mark wert, und gestern waren es hundertfünfzig Millionen Mark. Gestern hat ein Pfund Kartoffeln bei meinem Krämer um die Ecke neunzig Millionen Mark gekostet. Und ich bin mir völlig sicher, dass die Wertpapiermaschinen in Kürze Eine-Trillion-Mark-Scheine drucken werden.«

Hitler nickte müde. Das alles hatte er schon mehrmals von Alfred gehört.

»Und überall um uns herum gibt es Staatsstreiche«, fuhr Alfred fort. »Der Putsch der Kommunisten in Sachsen, der Putsch der Reservisten der Reichswehr in Ostpreußen, der Kapp-Putsch in Berlin, der Staatsstreich der rheinischen Separatisten. Aber das eigentliche Pulverfass, das zu explodieren droht, ist München und ganz Bayern. In München tummeln sich unzählige Parteien des rechten Flügels, die sich gegen die Regierung in Berlin stellen. Aber von denen sind wir bei weitem die stärkste, die mächtigste und die am besten organisierte Partei. Jetzt ist unsere Zeit gekommen! Ich heize die Stimmung des Volkes mit immer neuen Artikeln in unserer Zeitung an und bereite sie auf eine große Aktion der Partei vor.«

Hitler schien noch immer unsicher. Alfred drängte ihn: »Ihre Zeit ist gekommen. Sie müssen jetzt handeln, oder Sie verpassen diese einmalige Chance.«

Als der Wagen am Bürogebäude des Völkischen Beobachters anhielt, sagte Hitler nur: »Viel nachzudenken, Rosenberg.«

Ein paar Tage später besuchte Hitler Alfred in seinem Büro und wedelte grinsend mit einem Brief vor seiner Nase, den er von Houston Stewart Chamberlain erhalten hatte. Er las ihn ihm auszugsweise vor:

»7. Oktober 1923

Sehr geehrter und lieber Herr Hitler.

Sie haben alles Recht, diesen Überfall nicht zu erwarten, haben Sie doch mit eigenen Augen erlebt, wie schwer ich Worte auszusprechen vermag. Jedoch ich vermag dem Drange, einige Worte mit Ihnen zu sprechen, nicht zu widerstehen.

Es hat meine Gedanken beschäftigt, wieso gerade Sie, der Sie in so seltenem Grade ein Erwecker der Seelen aus Schlaf und Schlendrian sind, mir einen so langen erquickenden Schlaf neulich schenkten, wie ich einen ähnlichen nicht erlebt habe seit dem verhängnisvollen Augusttag 1914, wo das tückische Leiden mich befiel. Jetzt glaube ich einzusehen, daß dies grade Ihr Wesen bezeichnet und sozusagen umschließt: der wahre Erwecker ist zugleich Spender der Ruhe …

Daß Sie mir Ruhe gaben, liegt sehr viel an Ihrem Auge und an Ihren Handgebärden. Ihr Auge ist gleichsam mit Händen begabt, es erfaßt den Menschen und hält ihn fest, und es ist Ihnen eigentümlich, in jedem Augenblicke die Rede an einen Besonderen unter Ihren Zuhörern zu richten. Und was die Hände anbetrifft, sie sind so ausdrucksvoll in ihren Bewegungen, daß sie hierin mit Augen wetteifern. Solch ein Mann kann schon einem armen geplagten Geist Ruhe spenden! Und nun gar, wenn er dem Dienste des Vaterlandes gewidmet ist.

Mein Glauben an das Deutschtum hat nicht einen Augenblick gewankt, jedoch hatte mein Hoffen – ich gestehe es – eine tiefe Ebbe erreicht. Sie haben den Zustand meiner Seele mit einem Schlage umgewandelt. Daß Deutschland in der Stunde seiner höchsten Not sich einen Hitler gebiert, das bezeugt sein Lebendigsein; desgleichen die Wirkungen, die von ihm ausgehen; denn diese zwei Dinge – die Persönlichkeit und ihre Wirkung – gehören zusammen.

Ich durfte billig einschlafen und hätte auch nicht nötig gehabt, wieder zu erwachen. Gottes Schutz sei bei Ihnen!

Houston Stewart Chamberlain.«

»Er muss seine Sprache wiedergefunden und ihn diktiert haben – ein wunderbarer Brief«, sagte Alfred, der sich bemühte, seinen Neid nicht zu zeigen. Dann fügte er schnell hinzu: »Und vollkommen verdient, Herr Hitler.«

»Jetzt muss ich Ihnen aber wirklich ein paar Neuigkeiten erzählen«, sagte Hitler. »Erich Ludendorff hat sich uns angeschlossen!«

»Ausgezeichnet! Ausgezeichnet!«, antwortete Alfred. Ludendorff war, um es milde auszudrücken, exzentrisch, aber als Generalfeldmarschall im Weltkrieg noch immer allgemein angesehen.

»Er stimmt meinem Plan eines Putsches zu«, fuhr Hitler fort. »Er ist einverstanden, dass wir unsere Kräfte mit anderen rechten Gruppierungen bündeln, sogar mit den monarchistischen Gruppierungen und den bayerischen Separatisten, und dass wir die Zusammenkunft am Abend des achten November auflösen, mehrere bayerische Regierungsmitglieder in unsere Gewalt bringen und sie mit vorgehaltener Waffe zwingen, mich als ihren Führer anzuerkennen. Am darauffolgenden Tag werden wir alle durch das Stadtzentrum zum Kriegsministerium marschieren und mit Hilfe der Geiseln und der Reputation des Feldmarschalls Ludendorff die deutsche Armee auf unsere Seite bringen. Und dann werden wir uns Mussolinis Marsch nach Rom zum Vorbild nehmen, ins rote Berlin einmarschieren und die deutsche demokratische Regierung absetzen.«

»Ausgezeichnet! Jetzt geht es los.« Alfred war so glücklich, dass es ihm kaum etwas ausmachte, dass Hitler anscheinend vergessen hatte, dass es Alfred gewesen war, der ihm genau diesen Plan vorgeschlagen hatte. Er war daran gewöhnt, dass Hitler sich seine Ideen zu eigen machte, ohne ihn als Urheber zu nennen.

Aber alles lief schief. Der Putsch war ein komplettes Fiasko. Am Abend des achten November gingen Hitler und Alfred gemeinsam zum Treffen der Koalition der Parteien des rechten Flügels. Diese Parteien hatten noch nie zusammen getagt, und das Treffen lief so aus dem Ruder, dass Hitler irgendwann auf den Tisch sprang und mit seiner Pistole in die Zimmerdecke feuerte, um die Ordnung wiederherzustellen. Dann brachten die Nazis die Delegierten der bayerischen Regierung in ihre Gewalt, um sie als Geiseln zu nehmen. In dem Glauben, die Geiseln von ihrer nationalistischen Auffassung überzeugt zu haben, versäumten es die Entführer, sie ordentlich zu bewachen, und so entkamen sie bei Nacht und Nebel. Dennoch willigte Hitler ein, als Ludendorff darauf beharrte, am folgenden Morgen mit dem Massenaufmarsch fortzufahren, um, wie sie hofften, unter der Bevölkerung einen Aufstand zu provozieren. Ludendorff war sich sicher, dass weder die Reichswehr noch die Polizei es wagen würden, auf ihn zu schießen. Rosenberg eilte ins Büro zurück und bereitete die Schlagzeilen des VB vor, welche zu einem allgemeinen Aufstand aufriefen. Früh am Morgen des neunten November 1923 begann eine Kolonne von zweitausend Mann, viele bewaffnet, unter ihnen auch Hitler und Rosenberg, den Marsch in die Münchner Innenstadt. In der ersten Reihe marschierten Hitler, Feldmarschall Ludendorff mit vollem militärischen Ornat und seinem Pickelhelm aus dem Weltkrieg, ferner Hermann Göring, der volkstümliche Held des Krieges mit seiner kompletten Sammlung von Kriegsorden, sowie Scheubner-Richter, der Arm in Arm mit seinem guten Freund Hitler marschierte. Rosenberg befand sich in der zweiten Reihe direkt hinter Hitler. Rudolf Hess marschierte hinter Rosenberg, desgleichen Putzi Hanfstaengl (der Geldgeber, der es dem VB ermöglicht hatte, als Tageszeitung zu erscheinen). Ein paar Reihen weiter hinten marschierte Heinrich Himmler, der die Parteifahne trug.

Als sie einen offenen Platz erreichten, warteten dort schon die Truppen auf sie. Hitler rief ihnen zu, sich zu ergeben. Doch diese eröffneten stattdessen das Feuer, und es entspann sich ein dreiminütiger Schusswechsel, in dessen Verlauf sich die Demonstration sofort auflöste. Sechzehn Nationalsozialisten und drei Mitglieder der Truppe fanden den Tod. Unbeeindruckt von der Barrikade marschierte Ludendorff einfach weiter und stieß die Gewehre beiseite. Ein Offizier salutierte höflich vor ihm und entschuldigte sich dafür, dass er ihn in Schutzhaft nehmen müsse. Göring hatte zwei Schüsse in die Leiste abbekommen, schleppte sich aber in Sicherheit und wurde zu einem freundlichen jüdischen Arzt gebracht, der ihm eine hervorragende Behandlung angedeihen ließ, woraufhin er schleunigst außer Landes gebracht wurde. Scheubner-Richter, der Arm in Arm mit Hitler marschiert war, wurde auf der Stelle getötet, riss Hitler mit zu Boden und renkte ihm dabei die Schulter aus. Ein Leibwächter, Ulrich Graf, fiel über Hitler, steckte mehrere Schüsse ein und rettete Hitlers Leben.

Obwohl der Mann, der direkt neben Alfred stand, den Tod fand, blieb er selbst unverletzt, kroch zum Bürgersteig und aus dem Gemetzel heraus und mischte sich in die Menge. Er wagte es nicht, nach Hause oder ins Büro zu gehen – die Regierung schloss den VB sofort für unbestimmte Zeit und stellte Wachen vor die Büros der Zeitung. Schließlich überredete Alfred eine ältere Frau, ihm für die nächsten Tage Unterschlupf in ihrem Haus zu gewähren. Des Nachts schlich er jedoch durch München und versuchte, etwas über das Schicksal seiner Kameraden zu erfahren. Hitler war unter großen Schmerzen ein paar Meter weit gekrochen, wurde in ein wartendes Auto gezerrt und, begleitet von einem Arzt der Partei, zum Haus Putzi Hanfstaengls gebracht, wo seine Schulter behandelt und er dann auf dem Dachboden versteckt wurde. Kurz vor seiner Festnahme schrieb er schnell eine Nachricht an Alfred und bat Frau Hanfstaengl, sie zu überbringen. Sie fand Alfred am folgenden Tag und reichte ihm die Nachricht, die er sofort aufriss und mit großer Überraschung las:

LIEBER ROSENBERG,

VON JETZT AB WERDEN SIE DIE BEWEGUNG FÜHREN.

ADOLF HITLER

27

RIJNSBURG, 1662

Innerhalb weniger Tage hatte Bentos Furcht nachgelassen. Verschwunden waren der rasende Puls, die Beklemmung in der Brust und die verstörenden Visionen vom Überfall des Attentäters. Und was für eine wunderbare Erleichterung, wieder frei zu atmen und sich in seiner Haut sicher zu fühlen! Mit einer gewissen Sachlichkeit konnte er sich sogar das Gesicht des Attentäters wieder in Erinnerung rufen und auch den zerfetzten schwarzen Mantel ansehen, der, Francos Vorschlag entsprechend, gut sichtbar an der Wand seines Zimmers hing.

Nach dem versuchten Mordanschlag und Francos Besuch grübelte er noch wochenlang über die Mechanismen zur Überwindung von Furcht. Wie hatte er seinen Gleichmut wiedergefunden? War es nicht sein verbessertes Verständnis für die Ursachen der Motive des Attentäters gewesen? Bento tendierte zu dieser Erklärung – sie erschien ihm belastbar, sie erschien ihm vernünftig. Dennoch misstraute er seiner starken Bindung an die Macht des Verstehens. Schließlich hatte sie ihm zunächst nicht geholfen; erst nachdem Franco aufgetaucht war, hatte dieser Gedanke Gestalt angenommen. Je länger er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass Franco entscheidend zu seiner Besserung beigetragen hatte. Bento wusste, dass es ihm denkbar schlecht gegangen war, als Franco ihn besucht hatte, dass er sich anschließend aber sehr schnell erholte. Aber was genau hatte Franco dazu beigetragen? Vielleicht bestand sein hauptsächlicher Anteil darin, die Komponenten der Furcht zu analysieren und aufzuzeigen, dass vor allem eine Tatsache Bento erschüttert hatte, nämlich, dass der Attentäter Jude war. Mit anderen Worten, die Furcht wurde von seiner unterschwelligen Trauer über die Trennung von seiner Familie noch verstärkt. Das konnte Francos heilende Wirkung erklären: Er hatte nicht nur den Prozess der Vernunft beschleunigt, sondern, und das war vielleicht noch wichtiger, ihm schlicht seine Anwesenheit geschenkt – seine Anwesenheit als Jude.

Und Franco hatte Bento auch aus seiner quälenden Eifersucht geholt, indem er ihn mit der Irrationalität konfrontierte, sich nach etwas zu sehnen, was er weder wirklich anstrebte noch überhaupt gebrauchen konnte. Allmählich gewann Bento seinen Seelenfrieden zurück und erneuerte schon bald seine Freundschaft mit Clara Maria und Dirk. Dennoch zogen abermals dunkle Wolken in seiner Seele auf, als Clara Maria eines Tages mit einer Perlenkette auftauchte, die Dirk ihr geschenkt hatte. Die Wolken brauten sich wenige Tage später zu einem schweren Gewitter zusammen, als die beiden ihre Verlobung bekanntgaben. Aber diesmal behielt die Vernunft die Oberhand. Bento bewahrte sein inneres Gleichgewicht und ließ nicht zu, dass Leidenschaften die Beziehung zu seinen beiden guten Freunden zerstörten.

Trotzdem klammerte Bento sich an die sinnliche Erinnerung an Clara Maria, die die ganze Nacht nach dem Überfall seine Hand gehalten hatte. Und er rief sich auch in Erinnerung, wie Franco seine Schulter gedrückt und er und Gabriel einander oft an den Händen gehalten hatten. Von nun an würde es für ihn keine Berührungen mehr geben, so sehr sein Körper sich auch danach verzehrte. Manchmal stahlen sich Phantasien einer Berührung oder Umarmung Clara Marias oder ihrer Tante Martha in seine Gedanken, die er ebenfalls attraktiv fand, aber diese ließen sich leicht fortwischen. Mit seinen nächtlichen Sehnsüchten verhielt es sich allerdings anders: Weder konnte er Türen zusperren, die ihn am Betreten seiner Traumwelten hinderten, noch konnte er gegen den nächtlichen Samenerguss ankämpfen, der oftmals Flecken auf seiner Bettwäsche hinterließ. All das behielt er natürlich für sich, doch falls er Franco doch einmal davon erzählen sollte, wusste er dessen Antwort schon im Voraus: »Das war schon immer so – der Sexualtrieb gehört zu unserer Kreatürlichkeit; er ist die Macht, die unsere Art fortbestehen lässt.«

Obwohl Bento die Weisheit von Francos Rat erkannte, Amsterdam zu verlassen, blieb er dennoch mehrere weitere Monate dort wohnen. Seine linguistischen Fähigkeiten wie auch seine Gabe, logisch zu denken, führten dazu, dass viele Kollegianten sich an ihn wandten, wenn sie Hilfe bei der Übersetzung hebräischer und lateinischer Schriften brauchten. Bald riefen die Kollegianten einen Philosophie-Club ins Leben, dessen Vorsitzender sein Freund Simon de Vries war. Die Clubmitglieder trafen sich regelmäßig und diskutierten oft Gedanken, die Bento formuliert hatte.

Doch dieser wachsende Kreis von Anhängern, so heilsam es für sein Selbstwertgefühl auch war, nahm einen großen Teil seiner Zeit in Anspruch, was es ihm erschwerte, sich voll auf die Gedanken zu konzentrieren, die in seinem Kopf sprossen. Mit Simon de Vries sprach er über seinen Wunsch nach einem ruhigeren Leben, und bald fand Simon mit Hilfe anderer Mitglieder des Philosophie-Clubs ein Haus in Rijnsburg, wo er wohnen konnte. Rijnsburg, eine kleine Gemeinde am Fluss Vliet, vierzig Kilometer von Amsterdam entfernt, war nicht nur das Zentrum der Kollegianten-Bewegung, sondern lag auch angenehm nahe an der Universität Leiden, an welcher Bento, der die lateinische Sprache mittlerweile fast perfekt beherrschte, Philosophievorlesungen besuchen und die Gesellschaft anderer Wissenschaftler genießen konnte.

Rijnsburg war genau nach Bentos Geschmack. Das Haus war ein robustes Steinhaus mit mehreren kleinen Fenstern, von denen aus der Blick auf einen gepflegten Garten mit Apfelbäumen ging. An der Wand neben dem Eingang war ein kurzer Vers aufgemalt, der die Unzufriedenheit vieler Kollegianten über den Zustand der Welt ausdrückte:

Ach! Waren alle Menschen wijs

En wilden daarbij wel!

De Aard waar haar een Paradijs,

Nu isse meest een Hel.**

Bentos Quartier lag im Erdgeschoss und bestand aus zwei Zimmern. Eines benutzte er für seine Studien, die rasch wachsende Bibliothek und sein Himmelbett; das andere, kleinere, beherbergte die Werkstatt und seine Werkzeuge zum Linsenschleifen. Dr. Hooman, ein Chirurg, wohnte mit seiner Frau in der anderen Hälfte des Hauses, bestehend aus einer großen Wohnküche und einem Schlafzimmer im Obergeschoss, zu dem eine steile Treppe hinaufführte.

Bento bezahlte einen kleinen zusätzlichen Obolus für das Abendessen, das er normalerweise gemeinsam mit Dr. Hooman und seiner ausgesprochen sympathischen Frau einnahm. Manchmal freute er sich auf ihre Gesellschaft, wenn er den ganzen Tag zurückgezogen mit Schreiben und dem Schleifen seiner Linsen verbracht hatte. War er aber von einem Gedanken besonders gefesselt, fiel er auf alte Gewohnheiten zurück, nahm die Mahlzeiten in seinem Zimmer ein, betrachtete die reich tragenden Apfelbäume im Garten hinter dem Haus, dachte und schrieb.

So verging ein Jahr auf ausgesprochen angenehme Weise. An einem Morgen im September fühlte Bento sich beim Aufwachen nicht wohl, war antriebslos und hatte überall Schmerzen. Trotzdem beschloss er, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, nach Amsterdam zu reisen und einige sorgfältig geschliffene Teleskoplinsen bei einem Kunden abzuliefern. Zudem rechnete sein Freund Simon de Vries, der Vorsitzende des Philosophie-Clubs der Kollegianten, fest mit Bentos Anwesenheit auf einem Treffen, auf dem der erste Teil seines neuen Werks diskutiert werden sollte. Bento zog Simons letzten Brief aus der Tasche und las ihn durch.

Hochgeschätzter Freund!

Ich erwarte Ihre Ankunft mit Ungeduld. Ich beklage manchmal mein Los, dass wir durch eine so große Entfernung voneinander getrennt sind. Glücklich, ja, äußerst glücklich ist Dr. Hooman, der unter einem Dach mit Ihnen wohnt, der mit Ihnen über die besten Themen sprechen kann, beim Mittagessen, beim Abendessen und bei Ihren Spaziergängen. Doch wenn ich auch körperlich weit von Ihnen entfernt sein mag, sind Sie meinem Geist sehr häufig gegenwärtig, besonders mit Ihren Schriften, während ich sie lese und umblättere. Aber da nicht alle Ihre Schriften den Mitgliedern des Clubs klar verständlich sind, aus welchem Grund wir eine neuerliche Sequenz von Treffen begonnen haben, freuen wir uns nun auf Ihre Erläuterung schwieriger Passagen mit dem Ziele, unter Ihrer Führung die Wahrheit gegen diejenigen besser verteidigen zu können, die abergläubisch religiös sind, und den Angriffen der ganzen Welt widerstehen zu können.

Ihr ergebenster

S. DE VRIES

Als er den Brief wieder zusammenfaltete, empfand Bento sowohl Freude als auch Beklommenheit – Freude über Simons freundliche Worte, aber Misstrauen gegenüber seiner eigenen Sehnsucht nach einer bewundernden Zuhörerschaft. Zweifellos war der Umzug nach Rijnsburg eine weise Entscheidung gewesen. Noch weiser, stellte er sich vor, wäre es allerdings gewesen, noch weiter von Amsterdam fortzuziehen.

Er spazierte den kurzen Weg nach Oegstgeest, wo er für einundzwanzig Stuiver die morgendliche Trekschuit bestieg, einen von Pferden gezogenen Kahn, der Personen auf dem Trekvaart, dem erst kürzlich ausgehobenen Kanal, direkt nach Amsterdam transportierte. Für wenige zusätzliche Stuiver hätte er in der Kabine Platz nehmen können, doch es war ein schöner, sonniger Tag, und so setzte er sich an Deck und las den Anfang seiner Abhandlung über die Läuterung des Verstandes noch einmal durch, der am folgenden Tag in Simons Philosophie-Club diskutiert werden sollte. Er hatte damit begonnen, seine persönliche Suche nach dem Glück zu beschreiben.

»Nachdem die Erfahrung mich gelehrt hat, daß alles, was das gemeine Leben gewöhnlich bietet, eitel und unverläßlich ist und nachdem ich sah, daß alles, wovon und was ich fürchtete, Gutes und Schlechtes nur insofern in sich enthielt, als mein Gemüt davon bewegt wurde, beschloß ich endlich nachzuforschen, ob es etwas geben mag, das ein wahres Gut wäre, dessen man teilhaftig werden und von dem allein, alles übrige beiseitegesetzt, das Gemüt bewegt werden könnte; vielleicht gar etwas, durch welches, sobald ich es gefunden und erworben, ich mich einer beständigen und innigen Seelenheiterkeit erfreuen könnte.«

Als Nächstes beschrieb er die Unfähigkeit, sein Ziel zu erreichen, während er noch immer seinen kulturellen Überzeugungen nachhing, dass die höchsten Güter aus Reichtum, Ehre und Sinnenlust bestünden. Diese Güter, so behauptete er, seien der Gesundheit nicht zuträglich. Sorgfältig las er seine Kommentare zu den Begrenzungen dieser drei weltlichen Güter.

»Was die Sinnenlust betrifft, so geht der Geist in ihr so sehr auf, als wäre sie ein wirkliches Gut, das ihn vollständig befriedigen würde; was ihn am meisten hindert, an etwas anderes zu denken. Auf den Genuß jedoch folgt tiefe Verstimmung, welche den Geist, wenn auch nicht ganz verstört, so doch in Unordnung bringt und abstumpft.

Noch weit mehr aber wird der Geist durch Ehrsucht eingenommen; weil die Ehre immer für ein Gut an sich gehalten wird und als letzter Zweck, auf welchen alles übrige gerichtet wird. Sodann sind diese beiden nicht, wie die Sinnenlust, von Reue begleitet; vielmehr steigert sich die Freude an ihnen, je mehr man davon besitzt, und demzufolge fühlen wir uns immer mehr angespornt, den Besitz derselben zu vermehren. Werden aber unsere Hoffnungen einmal enttäuscht, so entspringt daraus große Traurigkeit.

Endlich ist aber die Ehrsucht hauptsächlich darum ein großes Hindernis, weil wir, um sie zu befriedigen, genötigt sind, unser Leben den Begriffen der anderen Menschen gemäß zu regeln, und also fliehen müssen, was andere zu fliehen pflegen, und nach dem streben müssen, wonach andere streben.«

Bento nickte; besonders zufrieden war er mit seiner Beschreibung des Problems der Ehrsucht. Nun zur Lösung: Er hatte seine Schwierigkeiten zum Ausdruck gebracht, das sichere und gewohnte Gut für etwas Ungewisses loszulassen. In der Folge hatte er diesen Gedanken sofort abgemildert und gesagt, dass es, da er nach einem feststehenden Gut, nach etwas Unveränderlichem suchte, natürlich nicht ungewiss in seiner Natur sei, sondern nur in seiner Erreichung. Obwohl er mit der Argumentationsfolge zufrieden war, fühlte er sich zunehmend unbehaglich, als er weiterlas. Vielleicht hatte er in mehreren Abschnitten zu viel von sich gesagt und preisgegeben:

»Ich sah nämlich, daß ich mich in einer sehr gefahrvollen Lage befand und darum genötigt war, nach einem, wenn auch noch ungewissen Hilfsmittel mit allen Kräften zu suchen; wie ein Todkranker, der seinen sicheren Tod voraussieht, falls kein Heilmittel angewendet wird, ein solches mit voller Kraft zu suchen sich genötigt sieht, weil eben seine ganze Hoffnung darauf beruht.«

Er spürte, wie ihm beim Lesen das Blut in den Kopf stieg, und murmelte leise: »Das ist keine Philosophie. Das ist viel zu persönlich. Was habe ich getan? Das ist nichts als eine leidenschaftliche Argumentation mit dem Ziel, Emotionen zu wecken. Ich beschließe … nein, ich beschließe nicht nur, ich gelobe, dass Bento Spinoza und seine Suche, seine Ängste und Hoffnungen in Zukunft unsichtbar sein werden. Ich schreibe falsch, wenn ich die Leser nicht ausschließlich durch die Vernunft meiner Argumente überzeugen kann.«

Er nickte und fuhr fort, Abschnitte zu lesen, in denen er darlegte, wie Menschen alles, sogar ihr Leben, opferten, um Reichtümer, Ehre und die Erfüllung von Sinnenfreuden zu erlangen. Und nun die Einleitung zur Lösung in kurzen, starken Passagen.

»Weiter schien es mir, daß der Ursprung dieser Übel in dem Umstand zu suchen wäre, daß alles Glück oder Unglück einzig und allein in der Beschaffenheit des Gegenstandes liegt, dem wir in Liebe anhängen. Denn um etwas, was man nicht liebt, wird niemals ein Streit entstehen, keine Trauer … kein Hass … mit einem Wort keinerlei Erregungen des Gemüts. Denn diese kommen nur vor in der Liebe zu solchen Dingen, welche untergehen können, wie diejenigen sind, von denen wir soeben gesprochen haben. Hingegen die Liebe zu einem ewigen und unbegrenzten Ding erfüllt das Gemüt nur mit Freude, und sie ist frei von jedweder Traurigkeit; was überaus wünschenswert und aus vollen Kräften zu erstreben ist.«

Er konnte nicht weiterlesen. Sein Kopf dröhnte – an diesem Tag fühlte er sich ganz und gar nicht wohl –, er schloss die Augen und döste eine gefühlte Viertelstunde lang vor sich hin. Das Erste, was er beim Aufwachen sah, war eine dichtgedrängte Gruppe von zwanzig oder dreißig Menschen, die am Ufer des Kanals entlangspazierten. Wer waren diese Leute? Wohin gingen sie? Er konnte den Blick nicht von ihnen wenden, während die Trekschuit sich der Gruppe näherte und sie dann überholte. An der nächsten Haltestelle, noch immer eine Stunde Fußmarsch zum Haus von Simon de Vries in Amsterdam entfernt, wo er die Nacht verbringen wollte, ertappte er sich dabei, dass er seine Tasche packte, vom Kahn sprang und zurück auf die Gruppe zuging.

Bald war er so nahe herangekommen, dass er sah, dass die Männer, die alle die holländische Tracht der Arbeiterklasse trugen, Yarmulkes aufgesetzt hatten. Ja, das waren zweifellos Juden, aber Aschkenaser Juden, die ihn nicht erkennen würden. Er ging noch weiter auf sie zu. Die Gruppe war auf einer Lichtung am Ufer des Kanals stehengeblieben und versammelte sich nun um ihren Anführer, ohne Zweifel ihr Rabbiner, der direkt am Wasser Gebete zu singen begann. Bento ging noch ein paar Schritte auf die Gruppe zu; er wollte hören, was der Rabbiner betete. Eine kleine, stämmige, ältere Frau, deren Schultern von einem schweren schwarzen Tuch bedeckt waren, beäugte Bento mehrere Minuten lang und kam dann langsam zu ihm herüber. Bento schaute in ihr faltiges, so freundliches, so mütterliches Gesicht und musste an seine eigene Mutter denken. Aber nein, seine Mutter war gestorben, als sie jünger war als er jetzt. Diese alte Frau war in dem Alter, in dem die Mutter seiner Mutter gewesen war. Sie kam auf ihn zu und fragte: »Bist an undzeriker?«

Obwohl Bento bei seinen beruflichen Verhandlungen mit Aschkenaser Juden nur ein paar Brocken Jiddisch aufgeschnappt hatte, verstand er ihre Frage sofort, konnte ihr aber nicht antworten. Schließlich schüttelte er den Kopf und flüsterte: »Sephardisch.«

»Ah, ihr zayt an undzeriker. Ot iz a matone fun Rifke.« (Ach, dann bist du einer von uns. Hier ist ein Geschenk von Rifke.) Sie griff in ihre Schürzentasche, drückte ihm einen Kanten Brot in die Hand und zeigte zum Kanal.

Er bedankte sich mit einem Nicken, und als sie fortging, schlug Bento sich vor die Stirn und murmelte: »Taschlich. Erstaunlich … es ist Rosh Hashanah – wie konnte ich das nur vergessen haben?« Er kannte die Taschlich-Zeremonie gut. Seit Jahrhunderten feierten jüdische Gemeinden den Gottesdienst an Rosh Hashanah an einem fließenden Gewässer, der damit endete, dass die Gläubigen Brot ins Wasser warfen. Die Worte der Heiligen Schrift fielen ihm wieder ein: »Der Herr wird sich unser wieder erbarmen, unsere Missetaten dämpfen und alle unsere Sünden in die Tiefe des Meers werfen.« (Micha 7:19).

Er trat noch ein paar Schritte näher, um dem Rabbiner zu lauschen, der seine Gemeinde, die Männer, die sich dichtgedrängt um ihn versammelt hatten, und die Frauen in einem äußeren Kreis, dazu aufrief, an alles zu denken, was sie im vergangenen Jahr bedauerten, alle lieblosen Taten, ihre unedlen Gedanken, ihren Neid, ihren Stolz und ihre Schuld, und er wies sie an, alles abzuschütteln, unwerte Gedanken ebenso fortzuwerfen, wie sie nun ihr Brot fortwarfen. Der Rabbiner warf sein Brot ins Wasser, und augenblicklich taten die anderen es ihm gleich. Bento griff einen kurzen Moment lang in seine Tasche, in die er sein Brot gesteckt hatte, zog dann die Hand aber wieder zurück. Es missfiel ihm, an irgendeinem Ritual teilzunehmen, und abgesehen davon war er nur Zuschauer und zu weit vom Kanal entfernt. Der Rabbiner sang die Gebete auf Hebräisch, und Bento murmelte die Worte reflexartig mit. Es war alles in allem eine angenehme und ausgesprochen gefühlvolle Zeremonie, und als die Gruppe sich zum Gehen wandte und den Rückweg zur Synagoge antrat, nickten ihm viele zu und wünschten: »Gut Yontef« (»Schöne Feiertage«). Er antwortete mit einem Lächeln »Gut Yontef dir« (»Dir schöne Feiertage«). Er mochte ihre Gesichter; das waren bestimmt gute Menschen. Auch wenn sich ihre Erscheinung von seiner eigenen sephardischen Gemeinde unterschied, erinnerten sie ihn doch an die Menschen, die er als Kind gekannt hatte. Einfach, aber rücksichtsvoll. Heiter und im Einklang miteinander. Er vermisste sie. Oh, wie sehr er sie vermisste.

Als er zu Simons Haus wanderte und dabei an Rifkes Brot knabberte, dachte Bento über dieses Erlebnis nach. Offensichtlich hatte er die Macht der Vergangenheit unterschätzt. Ihr Stempel ist unauslöschlich. Er kann nicht entfernt werden: Er färbt die Gegenwart und nimmt gewaltigen Einfluss auf Gefühle und Handlungen. Klarer als je zuvor verstand er, wie unbewusste Gedanken und Gefühle zur Verknüpfung von Ursachen gehören. So vieles wurde klar: die Heilkraft, zu der er Franco inspirierte, der starke, wehmütige Sog der Taschlich-Zeremonie, ja selbst der außergewöhnliche Geschmack von Rifkes Brot, das er bedächtig kaute, als wollte er jede einzelne Geschmacksnuance auskosten. Und darüber hinaus wusste er mit Gewissheit, dass seine Seele ganz bestimmt einen unsichtbaren Kalender barg: Obwohl er Rosh Hashanah vergessen hatte, hatte sich ein Teil seiner Seele daran erinnert, dass dieser Tag den Beginn eines neuen Jahres markierte. Vielleicht war es dieses verborgene Wissen, das der Unpässlichkeit zugrunde lag, die ihn schon den ganzen Tag plagte. Bei diesem Gedanken lösten sich das Schmerzgefühl und die Schwere in seinem Körper in Luft auf. Er beschleunigte seine Schritte, als er auf Amsterdam und das Haus von Simon de Vries zusteuerte.

** Ach! Wären alle Menschen weise

Und wollten Gutes noch dazu!

Dann wär die Welt ein Paradies

Jetzt ist sie meist eine Hölle.

28

FRIEDRICHS BÜRO, OLIVAER PLATZ 3, BERLIN, 1925

»Denn nicht Sie, meine Herren, sprechen das Urteil über uns, das Urteil spricht das ewige Gericht der Geschichte, das sich aussprechen wird über die Anklage, die gegen uns erhoben ist. … Mögen Sie uns tausendmal schuldig sprechen, die Göttin des ewigen Gerichts der Geschichte wird lächelnd den Antrag des Staatsanwaltes und das Urteil des Gerichtes zerreißen; denn sie spricht uns frei.«

Adolf Hitler, letzte Worte aus seiner Rede beim Prozess in München 1924

»Am 25. April 1925 war der VB wieder als Tageszeitung erschienen. Und wer wurde ungeachtet aller meiner Einwände und Argumente wieder als Hauptschriftleiter eingesetzt? –Rosenberg, der unerträgliche, engstirnige Möchtegernmythologe, der antisemitische Halbjude, der, und das behaupte ich bis heute, der Bewegung mehr Schaden zugefügt hat als irgendein anderer Mensch abgesehen von Goebbels.«

Ernst (Putzi) Hanfstaengl

»Hitlers Nachricht hat mich mehr als erstaunt. Hier, Friedrich, ich möchte, dass du dir das mit eigenen Augen ansiehst. Ich trage den Zettel immer in der Brieftasche bei mir. Ich habe ihn jetzt in ein Kuvert gesteckt – er fällt allmählich auseinander.«

Friedrich öffnete das Kuvert behutsam und las.

LIEBER ROSENBERG, VON JETZT AB WERDEN SIE DIE BEWEGUNG FÜHREN.

»Das hast du also nach dem fehlgeschlagenen Putsch bekommen – vor zwei Jahren?«

»Am Tag danach. Er schrieb es am zehnten November 1923.«

»Erzähl mir mehr über deine Reaktion.«

»Wie ich sagte, ich war mehr als erstaunt. Ich hatte nicht die blasseste Ahnung, weshalb er ausgerechnet mich zu seinem Nachfolger wählte.«

»Sprich weiter.«

Alfred schüttelte den Kopf. »Ich …« Er stockte einen Moment, fasste sich dann und platzte heraus: »Ich war fassungslos. Perplex. Wie konnte das sein? Vor dieser Nachricht hat Hitler niemals darüber gesprochen, dass ich die Partei führen sollte – und nachdem er sie geschrieben hat, ebenfalls nicht!«

Hitler sprach weder vorher noch nachher darüber. Friedrich versuchte, diesen seltsamen Gedanken zu verdauen, konzentrierte sich aber weiter auf Alfreds Gefühlsausbruch. Seine analytische Ausbildung hatte ihn in Geduld geübt. Er wusste, dass sich alles mit der Zeit auflösen würde. »Eine Menge Emotionen in deiner Stimme, Alfred. Es ist wichtig, seinen Gefühlen zu folgen. Was fällt dir dazu ein?«

»Mit dem Putsch fiel alles auseinander. Die Partei lag in Scherben. Die Führer waren entweder im Gefängnis wie Hitler oder außer Landes wie Göring oder untergetaucht wie ich. Die Regierung hat die Partei verboten und den Völkischen Beobachter für immer geschlossen. Erst vor ein paar Monaten wurde er wiedereröffnet, und jetzt habe ich meine frühere Stelle wieder.«

»Darüber möchte ich alles wissen, aber im Augenblick wollen wir deine Gefühle im Zusammenhang mit dieser Nachricht näher beleuchten. Versuch das Gleiche wie schon einmal: Stell dir die Situation vor, als du zum ersten Mal die Nachricht öffnetest, und sprich dann alles aus, was dir gerade in den Sinn kommt.«

Alfred schloss die Augen und konzentrierte sich. »Stolz. Großer Stolz – er hat mich auserwählt, mich vor allen anderen – er hat mir das Zepter übergeben. Es bedeutete alles für mich. Deshalb trage ich den Zettel immer bei mir. Ich hatte keine Ahnung, dass er mir so vertraute und mich so wertschätzte. Was noch? Große Freude. Es war vielleicht der stolzeste Augenblick in meinem Leben. Nein, nicht nur vielleicht, es war mein stolzester Augenblick. Wie habe ich ihn dafür geliebt! Und dann … und dann …«

»Und dann was, Alfred? Nicht aufhören.«

»Und hinterher war alles nur noch ein Haufen Scheiße! Diese Nachricht. Alles! Meine größte Freude wurde zur größten … zur größten Pestilenz meines Lebens.«

»Von Freude zu Pestilenz. Kläre mich über diese Verwandlung auf.« Friedrich wusste, dass er sich seine Kommentare hätte sparen können. Alfred war begierig darauf weiterzusprechen.

»Es ist so viel passiert, dass meine Zeit heute nicht reichen würde, dir alles im Einzelnen zu beantworten.« Alfred schaute auf seine Armbanduhr.

»Ich weiß, dass du mir nicht alles erzählen kannst, was in den letzten drei Jahren passiert ist, aber ich brauche wenigstens einen kurzen Überblick, wenn ich deine Verärgerung wirklich verstehen soll.«

Alfred schaute zur hohen Zimmerdecke in Friedrichs geräumigem Büro und sammelte seine Gedanken. »Wie soll ich es ausdrücken? Im Wesentlichen stellte mir diese Nachricht eine unmögliche Aufgabe. Ich wurde aufgefordert, einen traurigen Kader bösartiger Männer zu führen, die alle nach der Macht griffen, alle mit eigenen Vorstellungen, jeder Einzelne drauf und dran, mich zu vernichten. Jeder Einzelne seicht und dumm, jeder Einzelne von meiner überlegenen Intelligenz bedroht und vollkommen unfähig, meine Ausführungen zu verstehen. Und keiner von ihnen wusste über die Prinzipien Bescheid, für die die Partei stand.«

»Und Hitler? Er forderte dich auf, die Partei zu führen. Kam von ihm denn keine Unterstützung?«

»Hitler? Er macht mich vollkommen irre und macht mir das Leben noch schwerer. Hast du das Drama um unsere Partei nicht verfolgt?«

»Tut mir leid, aber ich bin über die politischen Vorgänge nicht mehr auf dem Laufenden. Ich werde noch immer von den neuen Entwicklungen in meinem Fachgebiet in Anspruch genommen und auch von den vielen Patienten, die mich aufsuchen – fast alles Ex-Soldaten. Abgesehen davon ist es am besten, wenn ich alles aus deiner Perspektive höre.«

»Dann werde ich dir eine Zusammenfassung geben. Wie du wahrscheinlich weißt, haben wir die Führer der bayerischen Regierung 1923 davon zu überzeugen versucht, sich uns auf einem Marsch nach Berlin anzuschließen, den wir uns von Mussolinis Marsch auf Rom abschauen wollten. Aber unser Putsch war ein absolutes Fiasko. Alle sind der Meinung, dass es nicht schlimmer hätte kommen können. Er war schlecht geplant und schlecht ausgeführt und fiel schon beim ersten Anzeichen von Widerstand in sich zusammen. Als Hitler mir diese Nachricht schrieb, versteckte er sich auf Putzi Hanfstaengls Dachboden und rechnete mit seiner sofortigen Festnahme und möglicher Ausweisung. Als Frau Hanfstaengl mir die Nachricht überbrachte, erzählte sie mir, was passiert war. Drei Polizeiautos waren vor dem Haus vorgefahren. Hitler ist ausgerastet, hat mit seiner Pistole herumgefuchtelt und geschrien, dass er sich lieber erschießen wolle, als sich von diesen Schweinen verhaften zu lassen. Glücklicherweise hatte Frau Hanfstaengls Gatte ihr Jiu-Jitsu beigebracht, und so war Hitler mit seiner lädierten Schulter kein ernstzunehmender Gegner für sie. Frau Hanfstaengl entwand ihm die Pistole und warf sie in ein großes, 200-Kilo-Fass Mehl. Nachdem er mir schnell eine Nachricht aufgeschrieben hatte, marschierte Hitler kleinlaut ins Gefängnis. Alle dachten, dass seine Karriere damit beendet wäre. Hitler war erledigt – er war eine nationale Lachnummer. Wenigstens schien es so. Aber genau an seinem Tiefpunkt zeigte sich sein wahres Genie. Er verwandelte das Fiasko in pures Gold. Ich will ehrlich sein: Er hat mich wie ein Stück Scheiße behandelt. Ich bin am Boden zerstört über das, was er mir angetan hat, aber in diesem Moment trotzdem überzeugter denn je, dass er unser aller Schicksal in der Hand hat.«

»Erklär mir das, Alfred.«

»Seine große Stunde schlug während der Verhandlung. Dort plädierten alle anderen Putschteilnehmer kleinlaut auf nicht schuldig im Sinne der Anklage, die auf Hochverrat lautete. Ein paar bekamen milde Strafen – Hess zum Beispiel sieben Monate. Ein paar andere, wie der unantastbare General Ludendorff, wurden für nicht schuldig erklärt und sofort auf freien Fuß gesetzt. Nur ganz allein Hitler beharrte darauf, sich des Hochverrats schuldig gemacht zu haben, und beeindruckte die Richter, die Zuschauer, die Reporter aller wichtigen deutschen Zeitungen mit einer wunderbaren vierstündigen Rede. Es war sein größter Moment – ein Moment, der ihn für alle Deutschen zum Helden machte. Du hast doch bestimmt davon gehört?«

»Ja. Alle Zeitungen haben vom Prozess berichtet, aber ich habe die eigentliche Rede nie gelesen.«

»Im Gegensatz zu den anderen Schwächlingen, die auf nicht schuldig plädierten, beharrte er immer wieder auf seiner Schuld. ›Wenn‹, sagte er, ›der Umsturz dieser Regierung von Novemberverbrechern, die der tapferen deutschen Armee den Dolch in den Rücken gestoßen haben, Hochverrat ist, dann bin ich schuldig. Wenn der Wunsch, die ruhmreiche Majestät unserer deutschen Nation wiederherzustellen, Hochverrat ist, dann bin ich schuldig. Wenn der Wunsch, die Ehre der deutschen Armee wiederherzustellen, Hochverrat ist, dann bin ich schuldig.‹ Die Richter waren so ergriffen, dass sie ihm gratulierten, ihm die Hand schüttelten und ihn am liebsten freigesprochen hätten, aber das konnten sie nicht: Er ließ es sich nicht nehmen, sich des Hochverrats schuldig zu bekennen. Schließlich verurteilten sie ihn zu fünf Jahren Festungshaft in Landsberg, sicherten ihm aber eine vorzeitige Entlassung zu. Und so wurde er an einem außergewöhnlichen Nachmittag von einem Schmalspurpolitiker und einer Lachnummer plötzlich zu einer allgemein bewunderten, nationalen Figur.«

»Ja, ich habe festgestellt, dass sein Name inzwischen allen bekannt ist. Danke, dass du mich auf den neuesten Stand gebracht hast. Aber etwas geht mir nicht aus dem Kopf, und darauf möchte ich gern zurückkommen – dein harter Begriff ›Pestilenz‹. Was ist zwischen dir und Adolf Hitler passiert?«

»Was ist vielmehr nicht passiert? Das Neueste – der eigentliche Grund, weshalb ich hier bin – ist, dass er mich öffentlich gedemütigt hat. Er hatte wieder einmal einen seiner größeren Anfälle, und dabei hat er mich wutschnaubend auf bösartigste Weise der Inkompetenz, Illoyalität und aller Verbrechen beschuldigt, die du dir nur vorstellen kannst. Frage mich nicht nach weiteren Einzelheiten. Ich habe sie verdrängt und erinnere mich nur bruchstückhaft, ungefähr so, wie jemand sich an einen flüchtigen Alptraum erinnert. Das ist jetzt zwei Wochen her, und ich habe mich noch immer nicht davon erholt.«

»Ich sehe ja, wie sehr dich das mitnimmt. Was war der Auslöser für diesen Wutanfall?«

»Parteipolitik. Ich beschloss, für die Wahlen zum Parlament 1924 ein paar Kandidaten aufzustellen. Unsere Zukunft liegt sonnenklar in dieser Richtung. Der katastrophale Putsch hat bewiesen, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als uns in das parlamentarische System einzubinden. Unsere Partei lag in Scherben und wäre andernfalls ganz auseinandergefallen. Da die NSDAP gesetzlich verboten war, schlug ich vor, dass unsere Mitglieder die Kräfte mit einer anderen Partei bündeln sollten, die von Generalfeldmarschall Ludendorff angeführt wurde. Ich habe das bei einem meiner vielen Besuche in der Haftanstalt Landsberg lang und breit mit Hitler diskutiert. Wochenlang hat er sich geweigert, eine Entscheidung zu fällen, und mich schließlich autorisiert, die Entscheidung zu treffen. So ist er – er trifft sehr selten eine Entscheidung über die Strategie und überlässt es lieber seinen Untergebenen, sie auszufechten. Ich traf die Entscheidung, und wir schnitten bei der Wahl gut ab. Als Ludendorff aber später versuchte, ihn an den Rand zu drängen, widerrief Hitler meine Entscheidung öffentlich und verkündete, dass niemand für ihn sprechen dürfe – womit er mir jegliche Autorität entzogen hat.«

»Das hört sich so an, als sei sein Ausbruch dir gegenüber so etwas wie displaced anger gewesen, was bedeutet, dass sich seine Wut an die falsche Adresse richtete, aber von anderen Quellen genährt wurde, nämlich insbesondere von der Aussicht, er könnte seine Macht einbüßen.«

»Ja, ja, Friedrich. Genau. Hitler beschäftigt momentan nur ein Thema, und das ist seine Position als Führer. Nichts anderes und ganz gewiss nicht unsere Grundprinzipien haben eine ähnliche Bedeutung. Nachdem er nach dreizehn Monaten in Landsberg begnadigt wurde, ist er ein anderer geworden. Er hat sich einen entrückten Blick zugelegt, als ob er etwas sehen könnte, was andere nicht sehen, als stünde er über und außerhalb irdischer Angelegenheiten. Und er beharrt darauf, dass alle ihn nur noch ›Führer‹ nennen. Er hat sich unbeschreiblich deutlich von mir distanziert.«

»Ich erinnere mich, dass du bei unserem letzten Treffen davon gesprochen hast, du hättest den Eindruck, er verhielte sich dir gegenüber immer sehr distanziert, und wie du dich darüber geärgert hast, als du mit ansehen musstest, wie viel vertrauter er mit anderen umging – war es Göring, von dem du gesprochen hast?«

»Ja, genau. Aber mittlerweile ist es noch viel schlimmer geworden. In der Öffentlichkeit wahrt er zu allen Leuten Abstand. Und dieser Knilch Göring hat großen Anteil an diesem Problem. Er ist nicht nur schmierig, stiftet Unfrieden und beleidigt mich ständig, auch sein offen zur Schau getragener Medikamentenmissbrauch ist eine Schande. Man hat mir zugetragen, dass er bei öffentlichen Treffen stündlich sein Tablettenfläschchen zückt und eine Handvoll Pillen einwirft. Ich habe versucht, ihn aus der Partei zu werfen, konnte Hitler aber nicht dafür gewinnen. Eigentlich ist Göring der andere Hauptgrund, weshalb ich heute hier bin. Obwohl er noch immer außer Landes ist, habe ich aus verlässlichen Quellen gehört, dass er das bösartige Gerücht streut, Hitler hätte mich während seiner Abwesenheit absichtlich mit der Leitung der Partei betraut, weil er wusste, dass ich der denkbar unpassendste Kandidat war. Mit anderen Worten, ich sei so unfähig, dass Hitlers eigene Position und Macht nicht gefährdet wären. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich könnte aus der Haut fahren.« Alfred sank in seinen Stuhl zurück und hielt sich die Hände vor die Augen. »Ich brauche deine Hilfe. Ich stelle mir ständig vor, dass ich mit dir spreche.«

»Und was stellst du dir vor, dass ich sage oder mache?«

»Da muss ich passen. So weit kommt es nie.«

»Versuche, dir vorzustellen, dass ich etwas zu dir sage, was deine Verzweiflung lindert. Sag mir, was ich dir idealerweise sagen müsste?« Dies war einer von Friedrichs Lieblingstricks, da es immer eine tiefere Erforschung der Therapeut-Patient-Beziehung nach sich zog. An diesem Tag allerdings nicht.

»Ich kann nicht, ich kann das nicht. Ich muss es von dir hören.«

Friedrich sah, dass Alfred zu erregt war, um in der Lage zu sein, richtig zu reflektieren, und bemühte sich redlich, ihm Unterstützung zu geben. »Alfred, ich will dir sagen, was ich während deiner Schilderung dachte: Zuerst einmal spüre ich, wie sehr dich das belastet. Das ist ja eine Horrorgeschichte. Du kommst mir wie in einer Schlangengrube vor, in der alle unfair und bösartig auf dich losgehen. Und obwohl ich genau aufpasse, habe ich aus keiner Quelle irgendeine Zustimmung gehört.«

Alfred atmete hörbar aus. »Du hast es bereits jetzt verstanden. Ich wusste, du würdest es verstehen. Niemand weiß zu schätzen, was ich mache. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, und der Führer verfolgt jetzt haargenau die Strategie, die ich vorgeschlagen hatte. Aber ich höre kein einziges Mal, wirklich kein einziges Mal, irgendein Lob.«

»Von niemandem in deinem Leben?«

»Ja, meine Frau Hedwig lobt mich – ich habe kürzlich wieder geheiratet –, aber ihr Lob ist mir nicht wichtig. Nur Hitlers Worte zählen.«

»Darf ich dich etwas fragen, Alfred? Die Beleidigungen, die du einstecken musst, die bösartigen Gerüchte, Hitlers erniedrigende Tirade, das völlige Fehlen von Anerkennung – warum lässt du dir das gefallen? Was hält dich gefangen? Warum hältst du immer wieder den Kopf hin? Warum kümmerst du dich nicht besser um dich?«

Alfred schüttelte den Kopf, als habe er diese Frage erwartet: »Es klingt vielleicht banal, aber ich muss leben. Ich brauche das Geld. Was kann ich sonst schon tun? Ich bin als radikaler Journalist bekannt, und andere Arbeitsmöglichkeiten gibt es nicht. Mit meiner beruflichen Ausbildung als Architekt finde ich keine Arbeit. Habe ich dir je erzählt, dass ich meine Dissertation über den Bau eines Krematoriums geschrieben habe?«

Als Friedrich den Kopf schüttelte, fuhr Alfred fort: »Nun, ich fürchte, dass im katholischen Bayern niemand nach dem Bau weiterer Krematorien ruft. Nein, ich habe keine anderen Arbeitsmöglichkeiten.«

»Aber dich von Hitler vor den Karren spannen zu lassen, solche Beleidigungen zu ertragen und zuzulassen, dass dein Selbstwertgefühl abhängig von seinen Launen ist, ist kein gutes Rezept für Stabilität oder Wohlbefinden. Warum bedeutet dir seine Anerkennung so viel?«

»So sehe ich das nicht. Es ist nicht nur seine Anerkennung, nach der ich strebe; es ist sein großer Einfluss. Meine raison d’être ist die Säuberung der Rasse. Tief in meinem Herzen weiß ich, dass dies mein Lebenswerk ist. Wenn ich will, dass Deutschland sich wieder erhebt, wenn ich ein judenfreies Deutschland und ein judenfreies Europa will, dann muss ich bei Hitler bleiben. Nur durch ihn kann ich das alles verwirklichen.«

Friedrich warf einen Blick auf die Uhr. Sie hatten immer noch genügend Zeit, denn sie hatten eine Doppelsitzung vereinbart und eine weitere Doppelsitzung für den folgenden Tag. »Alfred, ich habe einen Gedanken zu Hitlers verändertem Verhalten dir gegenüber. Ich glaube, es ist im Zusammenhang mit seinem veränderten Auftreten zu sehen, mit dieser visionären Haltung, die er jetzt zur Schau trägt. Es scheint, als wollte er sich selbst neu erschaffen, überlebensgroß werden. Und ich glaube, er möchte sich von all jenen distanzieren, die ihn schon kannten, als er noch ein ganz gewöhnliches menschliches Wesen war. Vielleicht ist das der Grund, weshalb er sich von dir absondert.«

Alfred überdachte diesen Gedanken. »Ich hatte es nicht ganz so gesehen. Aber ich glaube, in deinen Worten liegt viel Wahres. Er hat eine neue Clique, und wir alle, die wir in der Ex-Clique sind, müssen uns sehr anstrengen, um bei ihm Gehör zu finden. Mit der einzigen Ausnahme Göring hat er die ganze alte Garde abserviert. Es gibt einen ganz besonders bösartigen Neuen, Joseph Goebbels, der vermutlich der Mephisto unserer einstmals geradlinigen Bewegung werden wird. Ich kann ihn nicht ausstehen, und das beruht durchaus auf Gegenseitigkeit. Im Moment ist Goebbels der Chefredakteur einer NS-Tageszeitung in Berlin, und bald wird er alle NS-Wahlen organisieren. Und es gibt noch einen anderen im inneren Zirkel: Rudolf Hess. Er ist schon eine ganze Weile dabei und hat beim Putsch eine Abteilung der SA befehligt. Aber er trat trotzdem viel später in Hitlers Leben als ich. Er saß in einer Nachbarzelle in Landsberg und besuchte Hitler täglich. Er ist ausgebildeter Stenograph, weil er ursprünglich in das Unternehmen seines Vaters eintreten wollte, und jetzt diktiert ihm Hitler sein Buch Mein Kampf. Ich gebe zu, dass ich Hess beneide. Ich wäre liebend gern ins Gefängnis gegangen, wenn ich Hitler nur täglich hätte sehen können. Sie haben den ersten Band im Gefängnis beendet, und ich glaube, dass Hess ziemlich viel redigiert hat – viel davon sehr schlecht. Also, weißt du, ich bin der führende Intellektuelle der Partei und bei weitem der beste Schreiber – da hätte man doch annehmen können, dass er mich bittet, es zu redigieren. Ich hätte es wirklich deutlich verbessern können. Mit Sicherheit hätte ich ihm mehrere Passagen herausgestrichen, von denen er jetzt öffentlich bedauert, sie geschrieben zu haben – bestimmt jedenfalls diese Schnapsidee mit der Syphilis. Aber er hat mich kein einziges Mal gefragt.«

»Warum hat er dich nicht gefragt?«

»Ich habe den einen oder anderen Verdacht, über den ich außer mit dir mit niemandem sprechen kann. Zum einen glaube ich, dass er wusste, dass ich kein unvoreingenommener Redakteur gewesen wäre. Allein schon wegen der ganzen Ideen, die er mir geklaut hat. Siehst du, bevor er ins Gefängnis ging, war ich nämlich der offizielle Parteiphilosoph. Immerhin schrieben ein paar der linken Blätter regelmäßig so etwas wie: ›Hitler ist Rosenbergs Sprachrohr‹ oder ›Hitler befiehlt, was Rosenberg will.‹ Das hat ihn unglaublich gewurmt, und nun will er in aller Deutlichkeit klarstellen, dass er der einzige Urheber der Parteiideologie ist und ich nichts damit zu tun habe. In Mein Kampf drückt er das explizit aus. Ich habe mir den folgenden Satz gemerkt: ›Innerhalb langer Perioden der Menschheit kann es einmal vorkommen, daß sich der Politiker mit dem Programmatiker vermählt.‹ Er möchte als diese seltene Art von Führer angesehen werden.«

Alfred lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloss einen Moment lang die Augen.

»Du wirkst entspannter, Alfred.«

»Es ist hilfreich, mit dir zu sprechen.«

»Sollen wir dem auf den Grund gehen? Inwieweit bin ich hilfreich?«

»Du gibst mir eine neue Perspektive, das, was mir passiert ist, mit anderen Augen zu betrachten. Es ist eine Erleichterung, mit einem intelligenten Mitmenschen zu sprechen. Ich bin von einer derartigen Mittelmäßigkeit umgeben.«

»Es ist, als gäbe dir diese Umgebung hier, diese Art zu sprechen, eine Atempause von deiner Isolation. Richtig?«

Alfred nickte.

»Ja«, fuhr Friedrich fort, »und ich freue mich, dir das bieten zu können. Aber das ist nicht genug. Ich frage mich, ob es etwas gibt, womit ich dir etwas Substantielleres als Erleichterung bieten könnte. Etwas, das tiefer greift und länger anhält.«

»Da bin ich ganz dafür. Aber wie soll das gehen?«

»Lass es mich versuchen. Ich beginne mit einer Frage. Es gibt eine ganze Reihe negativer Gefühle, die von Hitler und vielen anderen auf dich zukommen. Meine Frage lautet: Welche Rolle spielst du dabei?«

»Das habe ich schon angesprochen. Ich spreche das ständig an. Ich werde wegen meiner überdurchschnittlichen Intelligenz abgelehnt. Ich habe einen komplexen Verstand, und die meisten Menschen können der Vielschichtigkeit meiner Gedanken nicht folgen. Es ist nicht meine Schuld, aber ich wirke auf die Leute einschüchternd. Weil sie meine Ideen nicht voll und ganz verstehen können, kommen sich viele dumm vor und schlagen dann auf mich ein, als sei es meine Schuld.«

»Nein, das ist nicht ganz das, worauf ich hinauswill. Ich versuche vielmehr, auf die Frage einzugehen: ›Was möchtest du an dir verändern?‹ Denn das ist es, was ich versuchen möchte – meinen Patienten zu helfen, sich zu ändern. Deine Antwort, dass dein Problem auf deinem überdurchschnittlichen Verstand gründet, führt uns in eine Sackgasse, weil du natürlich nichts von deinem überdurchschnittlichen Verstand opfern möchtest. Das möchte niemand.«

»Ich kann dir nicht mehr folgen, Friedrich.«

»Was ich meine, ist, dass eine Therapie aus Veränderung besteht, und ich möchte dir herausfinden helfen, was du an dir selbst verändern möchtest. Wenn du sagst, dass deine Probleme gänzlich von anderen Menschen hervorgerufen werden, habe ich keinen anderen therapeutischen Hebel, als dich nur zu beruhigen und dir zu helfen, Beleidigungen tolerieren zu lernen, oder dir vorzuschlagen, andere Weggefährten zu finden.« Friedrich versuchte es mit einer anderen Taktik, die fast immer Früchte trug: »Hör zu, lass es mich so versuchen: Zu welchem Prozentsatz, glaubst du, sind die Probleme, mit denen du dich konfrontiert siehst, von anderen verursacht? Sind es zwanzig, fünfzig oder neunzig Prozent?«

»Ich wüsste nicht, wie ich das berechnen sollte.«

»Natürlich, aber ich erwarte auch keine präzise Antwort. Ich möchte nur, dass du es ins Blaue hinein versuchst. Verrat es mir, Alfred.«

»Na gut, dann sagen wir neunzig Prozent.«

»Gut. Und das bedeutet demnach, dass du selbst zehn Prozent dieser ärgerlichen Vorfälle, die dir so zusetzen, zu verantworten hast. Damit hätten wir schon einmal eine Richtung. Du und ich müssen diese zehn Prozent erforschen und herausfinden, ob wir sie identifizieren und dann ändern können. Gehst du mit mir konform, Alfred?«

»Ich spüre jetzt wieder dieses leicht benommene Gefühl, das ich immer bekomme, wenn ich mich mit dir unterhalte.«

»Das ist nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen. Der Vorgang der Veränderung fühlt sich oft destabilisierend an. Nun aber zurück zur Arbeit. Untersuchen wir diese zehn Prozent doch einmal. Ich möchte wissen, welche Rolle du dabei spielst, dass dich andere so beleidigend behandeln.«

»Darüber sprach ich bereits. Ich sagte dir, dass es der Neid des gewöhnlichen Menschen auf Menschen mit überschäumender Vorstellungskraft und außergewöhnlichem Intellekt ist.«

»Dass dich Menschen wegen deiner Überlegenheit schlecht behandeln, gehört in die Neunzig-Prozent-Kategorie. Konzentrieren wir uns weiter auf die zehn Prozent – deinen Anteil daran. Du sagst, du fühlst dich ausgeschlossen, ungeliebt, als Opfer von Gerüchten. Was trägst du dazu bei, dass dies passiert?«

»Ich habe nichts unversucht gelassen, Hitler davon zu überzeugen, sich der Spreu, der Kleingeister, zu entledigen – der Görings, der Streichers, der Himmlers, der Röhms –, aber ohne Erfolg.«

»Aber Alfred, du sprichst von der Überlegenheit der arischen Blutlinie, und dennoch werden genau diese Männer, wenn Hitler sich durchsetzt, die arischen Machthaber sein. Wie ist das möglich, wenn sie Vertreter der arischen Blutlinie sind? Sie werden doch bestimmt irgendwelche Stärken, irgendwelche Tugenden haben?«

»Sie müssen ausgebildet und aufgeklärt werden. Das Buch, an dem ich gerade arbeite, wird die Ausbildung zur Verfügung stellen, die unsere zukünftigen arischen Führer brauchen werden. Wenn Hitler mir nur den Rücken stärken würde, könnte ich ihr Denken verbessern und läutern.«

Friedrich war wie benommen. Wie war es möglich, dass er die Macht von Alfreds Widerstand so sehr unterschätzt hatte? Er versuchte es noch einmal. »Letztes Mal, als wir uns trafen, sprachst du davon, dass andere in deinem Büro dich als ›Sphinx‹ bezeichneten und dass auch Dietrich Eckarts Kritik dich dazu bewogen hätte, dein Verhalten in wesentlichen Punkten ändern zu wollen. Weißt du noch?«

»Schnee von gestern. Diese Geschichte und der Einfluss von Dietrich Eckart sind vorbei. Er ist vor mehreren Monaten gestorben.«

»Das tut mir leid zu hören. Ein großer Verlust für dich?«

»Ja und nein. Ich verdanke ihm viel, aber unsere Beziehung verschlechterte sich, als Hitler befand, Eckart sei zu krank und zu schwach, um weiter als Herausgeber des VB zu arbeiten, und mich an seine Stelle setzte. Es war nicht meine Schuld, aber Eckart machte mich dafür verantwortlich. Obwohl ich alles versuchte, konnte ich ihn nicht davon überzeugen, dass ich nicht gegen ihn intrigiert hatte. Erst kurz vor seinem Tod schwächte sich sein Groll auf mich ab. Bei meinem letzten Besuch winkte er mich an sein Bett und flüsterte mir ins Ohr: ›Folge Hitler. Er wird der Tänzer sein. Aber vergiss nicht, dass ich derjenige bin, der die Musik spielt.‹ Nach seinem Tod hat Hitler ihn den ›Polarstern‹ der Nazi-Bewegung genannt. Aber genau wie bei mir hat Hitler ihm nie zugestanden, dass er ihm etwas Besonderes beigebracht hätte.«

Friedrichs Energie schwand zusehends, aber er versuchte es trotzdem weiter: »Gehen wir noch einmal zu dem Punkt zurück, den ich vorhin angesprochen habe: Als du für Eckart gearbeitet hast, sagtest du mir, dass du an dir selbst etwas ändern möchtest, dass du weniger Sphinx sein, ungezwungener plaudern möchtest …«

»Das war damals. Jetzt habe ich nicht die Absicht, mich selbst zu schwächen, um die Kleingeister zu hofieren, damit sie mich mögen. Tatsächlich halte ich diesen Gedanken inzwischen für widerlich. Genau diese Idee ist der Mikrokosmos des bedeutenden Themas, dem wir uns als Nation stellen müssen: Die Schwachen sind den Starken nicht gleichwertig. Wenn die Starken ihren Willen und ihre Macht verringern, wenn sie ihre Bestimmung als Führer aufgeben oder ihre Blutlinie durch eine Mischehe verschmutzen, dann unterminieren sie die wahre Größe des Volkes.«

»Alfred, für dich besteht die Welt nur aus Schwachen und Starken. Es gibt aber doch bestimmt andere Möglichkeiten, die Welt …«

»Unsere gesamte Geschichte«, unterbrach Alfred, und seine Stimme gewann an Kraft, »ist eine Geschichte der Starken und der Schwachen. Ich will offen mit dir reden. Die Aufgabe starker Männer wie Hitler, wie ich und wie du besteht darin, das Gedeihen der überlegenen arischen Rasse zu fördern. Du schlägst vor, die Geschichte ›anders‹ zu sehen. Du beziehst dich zweifellos auf die Art und Weise, wie die Kirche versucht, uns von Blutsbanden zu befreien und den unabhängigen Menschen zu erschaffen, der nichts als eine Abstraktion ist und dem Polarität oder Stärke fehlt? Alle Vorstellungen von Gleichheit sind Hirngespinste und wider die Natur.«

Friedrich erlebte an diesem Tag einen anderen Alfred – Alfred Rosenberg, den NS-Ideologen, den Propagandisten, den Redner bei Massenkundgebungen der Nazis. Ihm gefiel nicht, was er sah, doch er hielt reflexartig an seiner Rolle fest. »Ich weiß noch, als wir uns zum allerersten Mal als Erwachsene unterhielten, sagtest du, dass du größtes Vergnügen an einem philosophischen Gespräch hättest. Du sagtest mir, dass du über Jahre hinweg keine Gelegenheit dazu hattest.«

»Das ist bestimmt richtig. Es ist immer noch richtig.«

»Darf ich dir dann ein paar philosophische Fragen zu deinen Bemerkungen stellen?«

»Mit Vergnügen.«

»Alles, was du heute Morgen gesagt hast, beruht auf einer grundsätzlichen Annahme: dass die arische Rasse überlegen ist und dass große und drastische Anstrengungen unternommen werden müssen, um die Reinheit dieser Rasse zu verbessern. Richtig?«

»Sprich weiter.«

»Meine Frage ist schlicht die: Was sind deine Beweise? Ich zweifle nicht daran, dass jede andere Rasse, sollte sie danach gefragt werden, ihre eigene Überlegenheit proklamieren würde.«

»Beweise? Du brauchst dich nur bei den großen Deutschen umzusehen. Benutze deine Augen, deine Ohren. Hör dir Beethoven, Bach, Brahms, Wagner an. Lies Goethe, Schiller, Schopenhauer, Nietzsche. Sieh dir unsere Städte an, unsere Architektur, und schau dir die großen Zivilisationen an, die unsere arischen Vorfahren ins Leben riefen und die irgendwann untergingen, nachdem sie von schlechtem, semitischem Blut verschmutzt wurden.«

»Ich glaube, du zitierst Houston Stewart Chamberlain. Ich habe inzwischen ein wenig in seinen Arbeiten gelesen, und, offen gestanden, bin ich von seiner Beweisführung nicht beeindruckt. Sie stützt sich auf kaum mehr als auf die Behauptung, dass in Malereien ägyptischer, indischer oder römischer Höflinge blauäugige, blonde Arier zu sehen sind. Das ist kein Beweis. Die Historiker, die ich befragte, sagen, dass Chamberlain sich die Geschichten einfach zusammenphantasiert hat, um seine ursprünglichen Behauptungen zu unterstützen. Bitte gib mir substantiellere Beweise für deine Annahmen. Gib mir den Beweis, den ein Kant oder Hegel oder Schopenhauer respektieren würde.«

»Beweise, sagst du? Meine Beweise sind mein Gefühl für unser Blut. Wir echten Arier vertrauen unseren Leidenschaften, und wir wissen, wie wir sie nutzen können, um wieder unseren rechtmäßigen Platz als Führer einzunehmen.«

»Ich höre Leidenschaft, aber ich höre noch immer keinen Beweis. Auf meinem Gebiet forschen wir nach den Ursachen starker Leidenschaften. Ich möchte dir von einer Theorie aus der Psychiatrie erzählen, die für unsere Diskussion höchst relevant sein dürfte. Alfred Adler, ein Wiener Arzt, hat viel über die allbekannten Gefühle von Minderwertigkeit geschrieben, die schlicht darauf zurückzuführen sind, dass wir als Menschen aufgewachsen sind und eine längere Periode erlebten, während derer wir uns hilflos, schwach und abhängig fühlten. Es gibt viele, die dieses Gefühl von Minderwertigkeit nicht akzeptieren können und es damit kompensieren, dass sie einen Überlegenheitskomplex entwickeln, der nichts anderes als die Kehrseite derselben Medaille ist. Alfred, ich glaube, dass diese Dynamik bei dir mit im Spiel sein könnte. Wir haben darüber gesprochen, wie unglücklich du als Kind warst und dass du dich nirgends zu Hause fühltest, dass du unbeliebt warst und dich darum bemühtest, zum Teil auch deshalb Erfolg zu haben, um ›es ihnen zu zeigen‹ – weißt du noch?«

Keine Antwort von Alfred, der nur dasaß und ihn anstarrte. Friedrich fuhr fort: »Ich glaube, du machst den gleichen Fehler wie die Juden, die sich selbst zweitausend Jahre lang für ein überlegenes Volk, für Gottes auserwähltes Volk, gehalten haben. Du und ich, wir waren uns darin einig, dass Spinoza dieses Argument zerpflückt hat, und ich zweifle nicht daran, dass die Macht seiner Logik, wäre er heute noch am Leben, dein arisches Argument ebenfalls zerpflücken würde.«

»Ich habe dich davor gewarnt, dich auf dieses jüdische Gebiet zu wagen. Was weiß die Psychoanalyse schon von Rasse, Blut und Seele? Ich habe dich gewarnt, und jetzt muss ich befürchten, dass du auch schon korrumpiert bist.«

»Und ich sagte dir, dass dieses Wissen und diese Methode zu gut und zu mächtig sind, um sie allein den Juden zu überlassen. Ich und meine Kollegen haben die Prinzipien dieses Fachgebiets eingesetzt, um Legionen verwundeter Arier eine enorme Hilfe zukommen zu lassen. Und du bist auch verwundet, Alfred, aber trotz deiner eigenen Wünsche erlaubst du mir nicht, dir zu helfen.«

»Und ich dachte, ich unterhalte mich mit einem Übermenschen. Wie sehr habe ich mich getäuscht!« Alfred stand auf, zog ein Kuvert mit Reichsmark-Banknoten aus der Tasche, legte es mit größter Akkuratesse auf die Ecke von Friedrichs Schreibtisch und marschierte zur Tür.

»Ich sehe dich dann morgen zur selben Zeit«, rief Friedrich ihm nach.

»Nicht morgen«, rief Alfred vom Flur aus, »und niemals wieder! Ich werde dafür sorgen, dass diese jüdischen Gedanken Europa zusammen mit den Juden verlassen.«

29

RIJNSBURG UND AMSTERDAM, 1662

Während Bento nach Amsterdam trottete, lenkte er seine Gedanken bewusst von der Vergangenheit ab: Er löste sich von nostalgischen Bildern mehrerer Rosh Hashanahs, die er mit seiner Familie begangen hatte und die ihm die Aschkenaser Juden mit ihrer Taschlich-Zeremonie wieder in Erinnerung gerufen hatten. Er wandte sich dem zu, was vor ihm lag. In einer knappen Stunde würde er Simon wiedersehen, den lieben, großzügigen Simon, seinen glühendsten Unterstützer. Es war gut, dass Simon so nahe wohnte. So konnten sie einander gelegentlich besuchen. Aber es war auch gut, dass Simon nicht noch näher wohnte, zumal er bei mehreren Gelegenheiten zu erkennen gegeben hatte, die Freundschaft mit Bento vertiefen zu wollen. Ein Vorfall bei Simons letztem Besuch in Rijnsburg fiel ihm ein.

»Bento«, sagt Simon, »auch wenn wir enge Freunde sind, habe ich dennoch den Eindruck, als würden Sie sich mir entziehen. Tun Sie mir den Gefallen, mein Freund, und berichten Sie mir genau, wie Sie Ihre Tage verbringen. Den gestrigen, zum Beispiel.«

»Gestern war wie jeder andere Tag. Ich begann den Tag damit, Gedanken zu sammeln und aufzuschreiben, die sich während der Nacht in meinem Kopf angesammelt hatten, und die folgenden vier Stunden beschäftigte ich mich mit dem Schleifen meiner Linsen.«

»Was genau machen Sie? Erzählen Sie mir Schritt für Schritt, wie Sie vorgehen.«

»Was soll ich Ihnen erzählen? Ich werde es Ihnen zeigen. Aber es braucht Zeit.«

»Ich wünsche mir nichts mehr, als an Ihrem Leben teilzuhaben.«

»Begleiten Sie mich in das andere Zimmer.«

Im Labor deutet Bento auf eine große Glasplatte. »Damit beginne ich. Die Platte holte ich gestern in der Glasfabrik ab, die nur einen Kilometer von hier entfernt ist.« Er nimmt eine Bügelsäge in die Hand. »Sie ist scharf, aber nicht scharf genug. Ich reibe sie jetzt mit Öl und Diamantsand ab.« Bento schneidet ein rundes, drei Zentimeter großes Stück heraus. »Im nächsten Schritt schleife ich dieses Stück auf die richtige Wölbung und den richtigen Winkel. Zuerst fixiere ich es unverrückbar auf der Matrize – und zwar so.« Bento trägt mit größter Sorgfalt Schwarzpech auf und schiebt das Werkstück in Position. »Und nun schleife ich auf der Drehbank erst einmal mit Feldspat und Quarz vor.« Nach zehn Minuten Schleifen legt Bento das Glas in einen Formkörper auf einer schnell drehenden Holzscheibe. »Und zum Schluss kommt der Feinschliff. Dafür verwende ich eine Mischung aus Korund und Zinnoxid. Ich zeige Ihnen nur schnell den Anfang, sonst langweile ich Sie noch mit dem langen, ermüdenden Schleifvorgang.«

Er dreht sich zu Simon um: »Jetzt wissen Sie, wie ich meine Vormittage verbringe und auch, woher die Brillen kommen.«

Simon antwortet: »Wenn ich Ihnen zusehe, wohnen zwei Seelen in meiner Brust. Einerseits müssen Sie wissen, dass ich Ihre Geschicklichkeit und Ihre ausgefeilten Techniken sehr bewundere, doch andererseits beklagt sich die andere, wichtigere Seele lautstark: ›Überlass das den Kunsthandwerkern.‹ Jede Gemeinde in Europa hat ihre Kunsthandwerker. Es gibt Heerscharen von Kunsthandwerkern, aber wo in aller Welt gibt es einen zweiten Bento Spinoza? Machen Sie das, was nur Sie können, Bento. Bringen Sie das philosophische Werk zu Ende, auf das die ganze Welt wartet. All dieser Lärm, dieser Staub, diese schlechte Luft, diese Gerüche, all diese verschwendete kostbare Zeit. Bitte, ich flehe Sie noch einmal an, erlauben Sie mir, Sie von der Last dieses Handwerks zu befreien. Erlauben Sie mir, Ihnen ein lebenslanges, jährliches Stipendium zu gewähren – jede Summe, die Sie nennen –, damit Sie sich mit voller Kraft dem Philosophieren widmen können. Ich kann es mir ohne Weiteres leisten, und es würde mir größtes Vergnügen bereiten, Ihnen diese Hilfe zu gewähren.«

»Simon, Sie sind ein großzügiger Mann. Und Sie sollen wissen, dass ich Sie für Ihre Generosität verehre. Aber meine Bedürfnisse sind gering und leicht zu befriedigen, und zu viel Geld wird meiner Konzentration eher hinderlich als förderlich sein. Und dazu kommt – und, Simon, Sie mögen dies für unglaubwürdig halten, aber glauben Sie mir … Linsenschl