/ Language: Deutsch / Genre:thriller

Zwillingspark

John Darnton


Zwillingspark

John Darnton

1999

1

Auf einer einsamen Insel vor der amerikanischen Ostküste lebt der junge Skyler zusamnen mit Gleichaltrigen in einer Art wissenschaftlichem Paradis. Hier, in ihrer abgeschlossenen Welt, fühlen sie sich sicher und zufrieden. Sie wissen, dass sie als Pioniere an einem großartigen Experiment beteiligt sind. Für diese Forschungsabenteuer nehmen sie regelmäßige körperliche Untersuchungen und tägliche Medikamenteinnahmen widerspruchslos auf sich. Bewahrt es sie doch vor dem Leben auf jener »anderen Seite«, dem Festland, wo Gewalt den Alltag bestimmt. Und doch wird Skyler von Zweifeln geplagt. Ist dieses Paradies nicht eher ein Gefängnis? Unter dramatischen Umständen gelingt ihm schließlich die Flucht aufs Festland. Schnell bemerkt er, daß er in eine völlig unbekannte Welt geraten ist, deren Spielregeln er nicht kennt. Doch da entdeckt er in einer Zeitun ein Bild, das ihm den Atem stocken läßt: Ein Mann, der genauso aussieht wie er.

Jude Harelye ist ein bekannter New Yorker Journalist. So bekannt, das er öfters in der Zeitung abgebildet wird. Eines Abends, als er nach Hause kommt, steht er im Hausflur plötzlich einem Mann gegenüber, der genauso aussieht wie er. Nach dem ersten Schock nimmt er den verstört wirkenden fremden Zwilling bei sich auf. Skyler erzählt ihm von der einsamen Insel, von der er geflohen ist.

Jude ist völlig verwirrt, spürt aber, dass Skyler eine Verbindung in seine eigene Vergangenheit herstellt, die teilweise im Dunkeln liegt. Er beschließt, Skyler zu helfen und dem Geheimnis seiner Herkunft auf die Spur zu kommen. Schon bald entdeckt er Hinweise auf einen Geheimzirkel elitärer Wissenschafter, die sich den selbstherrlichen Traum von der eigenen Unsterblichkeit zu erfüllen suchen. Doch die Natur hat der menschlichen Überheblichkeit längst ein schreckliches Schnippchen geschlagen…

Inhaltsverzeichnis

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EPILOG

DANKSAGUNG

Für Kyra, Liza und James,

die auf altmodiscbe Weise gezeugt wurden,

mit Erinnerungen an Jingo und das Haus

der 1000 Zimmer.

Und für Nina mit niemals endender Liebe.

Der Jüngste Tag

Sicherlich steht eine Offenbarung bevor,

Sicherlich steht der Jüngste Tag bevor.

Der Jüngste Tag! Kaum sind die Worte entschlüpft,

Ist meine Sicht verstört von einem ungeheuren Bild,

Ausspiegelung des Spiritus Mundi:

Irgendwo im Wüstensand nähert sich

Die Gestalt eines Löwenleibs mit dem Kopf eines Menschen,

Einem Blick, blank und mitleidlos wie die Sonne,

Bewegt ihre Schenkel, umschwungen

Von dem Schatten der zornigen Wüstenvögel.

Langsam senkt sich die Dunkelheit nieder.

Doch jetzt weiß ich: zwei Jahrtausende steinernen Schlafes

Sind aufgerührt zu Alptraum durch eine schaukelnde Wiege:

Welche wüste Bestie, deren Stunde gekommen ist,

Schlampt gegen Bethlehem in ihre Geburt?

W. B. Yeats

1

Skyler und Julia schlichen zum Kellereingang des Großen Hauses und sahen sich unterwegs um, um sich zu vergewissern, dass sie nicht beobachtet wurden. Eine Brise bewegte die schwülwarme Luft und ließ das Spanische Moos rascheln, das von den alten Eichen herabhing, die sich über die ehemalige Zufahrtsstraße wölbten. Das Moos machte ein trockenes, flüsterndes Geräusch.

Wenigstens war die Abenddämmerung herabgesunken, was bedeutete, dass sie im Schatten des alten Herrenhauses schwer zu erkennen sein würden — aber nicht allzu schwer, wenn jemand hinten ums Haus herumging.

Skyler fühlte die Angst als ein Kribbeln im Unterleib; von dort aus breitete es sich durch seinen Körper aus und erreichte Arme und Beine.

Was wir machen, ist verrückt, dachte er.

Wenn sie hier erwischt wurden er konnte sich die Strafe nicht einmal vorstellen. So etwas war im Labor noch nie passiert.

Sie hatten keinen richtigen Plan, außer dass sie ins Archiv einbrehen und nach Hinweisen darauf suchen wollten, was Patrick zugestoßen war. Sie mussten etwas tun, mussten versuchen, etwas zu finden, denn sonst würde der Grund für sein Verschwinden nie bekannt werden. Es würde für immer ein Geheimnis bleiben — wie im Fall der anderen auf der Insel, die irgendwann aus ihrer Mitte gerufen worden waren, um nie wieder zurückzukommen.

An diesem Morgen hatte Patrick noch gesund und munter gewirkt. Er hatte mit den anderen in der Altersgruppe gefrühstückt und war dann mit ihnen zu Leibesübungen und Arbeitsdienst aufgebrochen. Am frühen Nachmittag hatten sie jedoch Gerüchte gehört: Patrick war zu einer Untersuchung gerufen worden — nicht zur wöchentlichen Routineuntersuchung, sondern zu einer speziellen Untersuchung. Das war ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmte, dass vielleicht eine lebensgefährliche Krankheit festgestellt worden war, und tatsächlich hatten die Arztältesten vor dem Abendessen eine Versammlung einberufen, um ihnen mitzuteilen, Patrick sei »abberufen« worden. Dieser Ausdruck hatte mehrdeutig geklungen wie jedes Mal: einerseits traurig, denn die Ärzte hatten ihn geliebt, wie sie alle ihre Schützlinge liebten, andererseits aber auch mit einem Anflug von Ehrfurcht — als habe Patrick irgendein edelmütiges Opfer gebracht.

An der Kellertür trat Skyler dichter an Julia heran. Er roch den vertrauten Duft ihres Haars, der ihm wieder Mut machte. Seine Hand ergriff den Türknopf, drehte ihn langsam nach links und drückte gleichzeitig gegen die Tür. Zunächst geschah nichts. Er hielt den Knopf fest, während er mit der anderen Hand rhythmisch verstärkten Druck auf die Tür ausübte, bis sie plötzlich nachgab. Sie war also nicht abgesperrt gewesen. Das war verständlich: Die Leiter des Labors hatten keinen Grund, um die Sicherheit ihrer Einrichtungen besorgt zu sein.

Wer wäre schließlich töricht genug gewesen, diese Tür zu öffnen?

Er schlüpfte hinein und hörte ihre leichten Schritte hinter sich. Ihr Atem kam in langen Stößen. Dunkelheit umfing sie, als er die Tür schloss. Über ihren Köpfen konnten sie auf den alten Fußbodendielen knarrende Schritte und dazu undeutliches Stimmengemurmel hören. Skyler horchte aufmerksam; er konnte sie jedoch nicht identifizieren. Eine der Stimmen war ziemlich hoch und klang wie Baptistes Stimme, wenn er aufgeregt oder zornig war. Skyler spürte vielfältige Emotionen und ein eigenartiges Gefühl der Sehnsucht in sich aufsteigen. Was wäre passiert, wenn sie einfach hinaufmarschiert wären und alles zu erfahren verlangt hätten? Er warf einen raschen Blick nach draußen. Der Wind hatte aufgefrischt und bewegte die langen Moosflechten im Geäst der alten Eichen. Über der Insel lag die Abenddämmerung.

Wonach suchen wir?

Julia hatte den Raum schon durchquert. Er hastete zu einer Reihe Karteischränke und versuchte eine Schublade aufzuziehen, die sich jedoch nicht öffnen ließ. Dann sah er, dass sie durch eine vorgelegte Eisenstange mit seitlich angebrachtem Vorhängeschloss gesichert war. Er sah fragend zu Julia hinüber. Sie kannte diesen Raum, das Archiv, von ihrer nachmittäglichen Berufsförderungsarbeit. Sie kam hier herein, um aufzuräumen und Staub zu wischen, wobei sie natürlich weder die Maschinen noch die Karteien, nicht einmal die dicken wissenschaftlichen Wälzer in den Bücherregalen an den Wänden anfassen durfte. Aber während sie den Fußboden aufwischte, den Papiervorrat der Drucker ergänzte und die Papiere auf den Schreibtischen zu ordentlichen Stapeln zusammenschob, hatte sie viel mitbekommen. Sie hatte sich einen Sport daraus gemacht, die am Computer Arbeitenden heimlich zu beobachten, und als sie einmal allein gelassen worden war, hatte sie sogar versucht, die Maschine zu bedienen.

Bevor Skyler sich richtig umgesehen hatte, saß Julia bereits am Computer. Als sie das Gerät einschaltete, füllte sofort ein grünliches Leuchten den Raum. Verdammt! Das hatten sie nicht vorausgesehen! Julia zog ihre Bluse aus — was macht sie da? —, und Skyler begriff, was sie vorhatte, als sie die Bluse über den Bildschirm hängte und ihren Kopf daruntersteckte. Nun blieb der Lichtschein innerhalb des kleinen Zelts, das bei jeder ihrer Bewegungen erzitterte.

Skyler trat einige Schritte zurück und hielt an die Wand gelehnt Wache. Seine Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, und er betrachtete den Archivraum um sich herum. Für die Innenwände waren weiß gestrichene Natursteine verwendet worden, während die Außenmauern aus Hohlblocksteinen bestanden. Der Fußboden war mit Linoleum ausgelegt, die Decke mit weißen gelochten Akustikdämmplatten verkleidet, die in einer Ecke des Raums große braune Wasserflecken aufwiesen. Die Einrichtung war spärlich: der Computer, an dem Julia saß, ein weiterer an einem nüchternen Holzschreibtisch, Karteischränke aus Stahlblech, Bücherregale, eine Stehlampe und ein Sessel mit grünem Kunstlederbezug, der an einer Armlehne eingerissen war.

Er blickte zu Julia hinüber, die eigenartig ruhig wirkte, seit sie am Computer saß, und bewunderte ihre Gelassenheit. Er war bisher noch nie im Archiv gewesen und hatte das Gefühl, sich auf verbotenem Terrain zu bewegen.

Skyler behielt die Fenster im Auge, um zu sehen, ob sich draußen etwas bewegte, aber er wusste, dass ihnen die größte Gefahr von der Treppe her drohte. Falls sie entdeckt wurden, lag das höchstwahrscheinlich daran, dass eine der Personen dort oben beschloss, ins Archiv hinunterzugehen. Was war, wenn ein Pfleger etwas holen sollte? Er versuchte, diesen Gedanken zu verdrängen. Julias Kopf war noch immer unter ihrer Bluse verborgen; er konnte sie fast denken hören, während sie mit zwei Fingern tippte und verschiedene Kombinationen ausprobierte. Dann zog sie ihre Bluse vom Bildschirm und sah in dem grünlichen Lichtschein, der ihr Gesicht geisterhaft beleuchtete, zu ihm hinüber.

»Sky, komm her«, flüsterte sie.

Er war mit wenigen raschen Schritten bei ihr und sah über ihre nackte Schulter auf den leeren Bildschirm.

»Ich kann nichts rauskriegen«, sagte sie enttäuscht. »Ich weiß nicht, wie man mit dem Ding umgeht. Die Sache ist aussiehtslos.«

Als Julia den Computer abschaltete, schrumpfte das grüne Leuchten zu einem Punkt zusammen und verschwand. Sie stand auf und zog ihre Bluse wieder an. Nach einem letzten Blick ins Freie trat Skyler an die zweite Tür des Raums. Als er sie entdeckt hatte, wusste er sofort, dass er sie würde öffnen müssen. Vermutlich führte sie in einen Raum, über den er schon als Kind wilde Gerüchte gehört hatte. In ihrer Kindheit hatte er einem bedrohlichen Schatten in den dunkelsten Ecken ihrer angstvollen Phantasien geglichen.

Er drehte den Türknopf nach links und zog die Tür auf.

In der Mitte des Raums stand ein weißer Metalltisch, über dem helle Lampen mit gewölbten Schirmen brannten. Der weiß geflieste Fußboden führte leicht geneigt zu einem Abfluss. An den Wänden reihten sich Glasschränke voller chirurgischer Instrumente. Neben der Liege in einer Ecke des Raums standen Gasflaschen mit Gummischläuchen und einer Gesichtsmaske. Der Raum war makellos sauber — sauberer als jeder andere, den er bisher gesehen hatte.

Skyler trat langsam über die Schwelle, und Julia folgte ihm. Die Luft war warm und abgestanden. In die Rückwand des Raums war eine weitere Tür eingelassen: eine massive, schwere Tür wie die eines Kühlraums. Er durchquerte den Raum und legte den Verschlusshebel der Tür um, die geräuschlos nach innen aufging und den Blick in eine eiskalte schwarze Höhle freigab. Seine Hand ertastete einen Lichtschalter und betätigte ihn. Das grell aufflammende Licht blendete ihn — barmherzigerweise —, bevor er den schrecklichen Anblick registrierte, der sich ihm bot. Denn auf einer Steinplatte vor ihm lag ein Toter.

Auf den ersten Blick wirkte er wie eine kleine Statue — blass und eigenartig geschrumpft. Er lag auf dem Rücken. Die Füße waren wie in Ruhelage leicht nach außen gedreht. Unter dem Hals zeichnete sich eine gelblich-grüne Verfärbung ab, die in Halbkreisen bis unter die Achseln reichte. Prall mit Körperflüssigkeit gefüllte männliche Geschlechtsteile lagen zur Seite gekippt. Skyler bemühte sich, den Brustkorb nicht anzusehen, der seinen Blick jedoch wie magisch anzog. Die Brust war verschwunden. An ihrer Stelle gähnte ein Loch wie im Leib eines ausgenommenen Fischs. Quadratische Hautlappen hingen links und rechts wie Fensterläden herab, und der Rand des Lochs, in dem Brustbein und Rippen fehlten, war dunkelrot von getrocknetem Blut.

Der Tote war Patrick.

Skyler fuhr zusammen, als Julia, die ihm lautlos gefolgt war, leicht seinen Arm berührte. Er fühlte, wie sie beim Anblick der Leiche erstarrte, und hörte sie dicht neben seinem Ohr erschrocken tief Luft holen.

»Sieh nur«, sagte er mit gepresster Stimme. »Sein Herz ist weg.«

Er hörte Julia langsam ausatmen. Sie starrte den Toten sekundenlang an.

»Aber warum?«, fragte sie.

Er wusste keine Antwort.

Sie gingen rückwärts hinaus, knipsten das Licht aus und schlossen die Tür des Kühlraums. Im Archiv hielt Skyler erneut Wache, während Julia, deren Hände sichtbar zitterten, Computer und Schreibtisch überprüfte, um sich zu vergewissern, dass sie keine Spuren hinterlassen hatten. Als sie wieder im Freien standen und die Tür hinter sich schlossen, sahen sie sich rasch um, ob sie etwa beobachtet wurden.

Sie rannten, so schnell sie konnten, und blieben erst stehen, als sie tief in dem jetzt schon fast nachtdunklen Wald waren. Selbst hier, an dem einzigen Zufluchtsort, den es auf der Insel für sie gab, fühlten sie sich nicht mehr sicher.

Skyler und Julia blieben keuchend und nach Atem ringend stehen. Sie setzte sich auf den Waldboden; er lehnte an einem Baum. Als sie sprach, war ihre Stimme so leise, dass er zugleich das Rascheln kleiner Tiere im Unterholz hören konnte, und er versuchte, auf beides zu horchen. Er hielt Wache.

»Das verstehe ich nicht«, sagte sie. »Warum haben sie alles aus ihm rausschneiden müssen? Was hat er gehabt?«

»Keine Ahnung, aber es muss absolut tödlich gewesen sein. Schnell wirkend und tödlich.«

»Woher wissen wir das?«

»Warum hätten sie ihn sonst so aufgeschnitten?«

»Glaubst du, dass er irgendeine schreckliche Krankheit gehabt hat?«

»Vielleicht haben sie versucht, das rauszukriegen.«

»Glaubst du, dass seine Krankheit ansteckend ist? Vielleicht haben wir sie jetzt auch.«

»Wir sind nur ein paar Sekunden drin gewesen.«

»Sein Herz hat gefehlt — das hast du gesehen. Wo ist es geblieben? Warum haben sie’s rausgenommen?«

»Keine Ahnung — aber vielleicht wollen sie es untersuchen oder so was.«

Sein Tonfall klang nicht gerade überzeugend, stellte er fest, als er sich reden hörte.

»Ich weiß nicht recht«, sagte sie, stand auf und ging vor ihm auf und ab. »Das Ganze ist mir unheimlich — es macht mir Angst. Es gibt so vieles, was wir nicht wissen. Hier geht irgendwas vor.«

Skyler wusste, was das bedeutete, worauf sie hinauswollte. Ihre Zweifel und ihr Verdacht hatten seit Monaten zugenommen, sogar noch schneller als seine. Und wenn sie zu ihren Geheimtreffen zusammenkamen, die ihnen beiden immer riskanter erschienen, brachte sie früher oder später dieses Thema zur Sprache. Sie war geradezu besessen davon.

»Patrick ist nicht der Erste, der gestorben ist…«, Skyler fiel auf, dass sie Raisin nicht namentlich erwähnte, und war ihr wenigstens dafür dankbar, »…und er ist auch nicht der Erste, der zu einer speziellen Untersuchung beordert wurde. Warum wird bei den regelmäßigen Untersuchungen nie etwas Schlimmes entdeckt?«

»Keine Ahnung. Manchmal finden sie was.«

»Aber nicht immer. Und wenn, dann sieht es so aus, als wüssten sie schon vorher, dass irgendwas nicht in Ordnung ist, oder?«

Sie hatte Recht. Und wie so oft, wusste er es, ohne darüber nachdenken zu müssen. Auf irgendeiner Ebene seines Bewusstseins hatte er den gleichen Gedanken gehabt, aber sich nur nicht damit beschäftigt, bis sie ihn aussprach. So war Julia immer; ihr Verstand arbeitete rasch, unerbittlich präzise. Sie hatte den Mut, über Dinge nachzudenken, von denen er sich lieber abwandte.

Er nickte und musterte sie im letzten Licht des schwindenden Tages. Ihr langes dunkles Haar hing in Strähnen über ihre Wangen, und er sah den helleren Flaum unter ihren Achseln, als sie jetzt die Arme hob.

»Es ist schrecklich«, sagte sie, »einfach schrecklich.«

Sie schlang die Arme um seinen Hals, und sie hielten sich umklammert. Das hatten sie schon Hunderte von Malen getan, aber trotzdem durchzuckte es sie jedes Mal wie ein Blitz — das Bewusstsein, etwas Verbotenes zu tun. Das Labor gestattete Jungen und Mädchen keinen Umgang miteinander, und da sie nun älter waren, drohte bei einem Verstoß gegen dieses Verbot eine Strafe, die so schwer war, dass niemand sich auch nur vorstellen konnte, worin sie bestand. Keiner hatte je dieses Gebot übertreten. Sie waren die Ersten.

»Wir müssen zurück«, sagte Julia, hielt ihn auf Armeslänge von sich weg und sah ihm in die Augen. »Sie werden uns in den Schlafsälen vermissen. Was ist, wenn jemand kommt?«

Skyler wusste, dass das gefährlich war, was sie taten, aber er wollte sie nicht gehen lassen. Es widerstrebte ihm, mit seinen Gedanken allein zu sein.

Sie hielten sich an den Händen, bis sie den Rand des Campus erreicht hatten. Dort trennten sie sich und liefen zu ihren jeweiligen Unterkünften, wobei sie das Große Haus in der Ferne passierten. Der Vollmond ging gerade auf, und Skyler konnte das Herrenhaus im Schatten der Eichen sehen, von denen es umgeben war. Die von ihren Ästen herabhängenden langen Moosflechten verdeckten Teile der Fassade, aber der Mondschein spiegelte sich in den oberen Fenstern, als brenne dahinter Licht.

Als Skyler sich noch einmal umwandte, sah er Julia, die hinter einem Baum hervorkam und zum Sockel einer griechischen Götterstatue hinüberhuschte. Ihre vom Mondschein flüchtig beleuchtete Gestalt prägte sich ihm für alle Zeit ein: so graziös und verletzbar.

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Im Bett, auf der dünnen Matratze liegend, die seine hölzerne Koje bedeckte, horchte Skyler auf die Atemgeräusche der anderen, die schon schliefen — Geräusche, die er sein ganzes Leben lang gehört hatte —, und versuchte, nicht an Patrick zu denken. Er bildete sich ein, die Geräusche hätten sich leicht verändert, als lasse sich akustisch feststellen, dass einer fehlte.

Ein Trauergottesdienst würde stattfinden, und Baptiste würde wie bei den früheren Gottesdiensten sprechen. Auch an diese anderen wollte Skyler sich lieber nicht erinnern.

Stattdessen versuchte er, an die Vergangenheit zu denken, in der er jung, in der alles anders gewesen war. Die Insel war sein Universum gewesen, das er mit Begeisterung erforscht hatte. Wie er die wissenschaftlichen Exkursionen in den Wald, die eifrige Suche nach Insekten und Pflanzen geliebt hatte! Wie glücklich er bei den seltenen Anlässen wie Baptistes Geburtstag gewesen war, zu denen die Türen des Großen Hauses für sie geöffnet worden waren. Wie er die Nächte genossen hatte, in denen sie im Freien übernachtet hatten, um die Sterne erklärt zu bekommen und den Nachthimmel mit Teleskopen zu erforschen; morgens war er dann früh aufgewacht und hatte still in seinem Schlafsack gelegen, die Vögel anhand ihrer Rufe identifiziert und darauf gewartet, dass das Wasser im Licht der ersten Sonnenstrahlen erglänzte.

»Jimminies«, so wurden die Kinder genannt, obwohl sie nie erfuhren, woher dieses Wort kam oder was es bedeutete. Sie waren alle etwa gleich alt, höchstens ein bis zwei Jahre auseinander, nicht mehr. Deshalb standen sie sich besonders nahe.

Sie waren zufrieden gewesen und hatten sich sicher gefühlt, während sie im Labor aufgewachsen waren. Weder Skyler noch einer der anderen hatte jemals ernsthaft hinterfragt, warum sie keine Eltern hatten, obwohl sie wussten, dass Kinder auf dem Festland — auf »der anderen Seite«, wie es hieß — welche besaßen. Tatsächlich waren alle Arztältesten ihre Eltern, hatte man ihnen erklärt, Und sie konnten von Glück sagen, »nicht nur zwei, sondern zwanzig« Respektspersonen zu haben, die sie nach wissenschaftlichen Prinzipien erzogen und alle gleich behandelten.

Und außerdem waren Skyler und die anderen Jimminies etwas Besonderes. Sie waren »Pioniere der Wissenschaft«, Mitwirkende an einem edlen Experiment. Durch ein auf geistiger Reinheit und körperlicher Gesundheit basierendes System würden sie in ihrem Inselparadies ein langes, lohnendes Leben führen. Wenn sie Glück hatten, würden sie »die andere Seite«, diesen Sündenpfuhl aus Schmutz und Gewalt, nie kennen lernen. Sie würden ihm niemals näher kommen als in den ausgewählten Filmen und Fernsehsendungen, die sie bei besonderen Anlässen sehen durften.

Dass ihr Leben ihnen jedoch nicht immer paradiesisch erschien, lag an den endlosen ärztlichen Untersuchungen, den Pillen und Impfungen, den Blut- und Urinproben, den Leibesübungen und dem Verbot aller Spiele, die als gefährlich galten. Und außerdem gab es die Pfleger, drei von ihnen, die einander so ähnlich sahen und jeweils eine auffällig weiße Haarsträhne besaßen. Sie herrschten wie strenge ältere Brüder über sie, und es war schwer, sie nicht zu verabscheuen.

Skyler erinnerte sich deutlich an den lange zurückliegenden Zeitpunkt — vor mehr als zehn Jahren —, als ihn erstmals eine Unruhe überkam. Damals war er vierzehn Jahre alt gewesen. Wie so viele seiner Erinnerungen war’ auch diese mit seinem besten Freund verknüpft: Johnny Ray oder Raisin, wie Skyler ihn nannte.

Angefangen hatte alles an einem Sommertag nach dem Naturkundeunterricht im Lehrsaal, dem aus einem einzigen Raum bestehenden Holzbau, der hoch auf einem Fundament aus Hohlblocksteinen stand. Obwohl die Fenster an beiden Längswänden geöffnet waren, bewegte die schwüle, stickige Luft sich kaum. Über der Tafel hing der passende Zweizeiler in schöner handgeschriebener Druckschrift:

Die Natur und ihre Gesetze sah man im Dunkel nicht;

Bacon sagte: »Lasst Newton sein!«, und es ward Licht.

Sie hatten im Chor Rincons Erstes Gesetz aufgesagt, das der Laborgründer Dr. Rincon formuliert hatte, der nicht auf der Insel lebte und den sie nur aus seinen Lehren und seiner Forschungsarbeit kannten: »Allein das menschliche Leben ist heilig; seine Erhaltung und Verlängerung ist unser Auftrag.« Wissenschaftliche Fakten wurden ihnen eingebläut, bis sie durch gemeinsames Aufsagen und Auswendiglernen saßen. Sie lernten das periodische System der Elemente, die Namen aller Teile des Körpers, die biologischen Ordnungen und Familien, alle bekannten Planeten aller bekannten Sonnensysteme und sogar die mit vier Buchstaben kodierten DNA-Sequenzen von hundertzwanzig Krankheitsgenen. An diesem speziellen Tag bekamen sie Arbeiten zurück, die sie geschrieben hatten — die meisten mit guten Noten. Draußen vor dem Lehrsaal zog Raisin Skyler beiseite.

»Das ist alles Schwindel, weißt du — diese ganze Sache.«

»Was soll Schwindel sein?«

»Arbeiten schreiben, Noten kriegen. Sie lesen sie nicht mal.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe sie auf die Probe gestellt. Nach den beiden ersten Absätzen habe ich den Rest erfunden. Ich habe völligen Blödsinn geschrieben.«

Er zeigte Skyler seine Arbeit und die Note, die er darauf bekommen hatte: Unter die letzte Zeile war Sehr gut! gekritzelt.

»Ich glaube nicht, dass sie sich etwas daraus machen, ob wir was lernen oder nicht — hast du dieses Gefühl nicht auch manchmal?«

Tatsächlich, das merkte Skyler jetzt, hatte er dieses Gefühl auch schon gehabt; er hatte es nur nie ausgesprochen.

»Aber wozu unterrichten sie uns dann?«

Raisin zuckte mit den Schultern. »Weiß ich nicht. Vielleicht, damit wir beschäftigt sind.«

Danach setzte Raisin seine Tirade noch tagelang fort. Er kritisierte die Einschränkungen, die ihr Leben bestimmten: Bücher in der Bibliothek, die sie nicht lesen durften, weil sie »unpassend« waren, angezeigte Fernsehsendungen, die sie nicht sehen durften, Kampfspiele, die ihnen streng verboten waren, und Fragen, die ihnen die Arztältesten nie beantworteten.

An einem heißen Nachmittag hörten sie, wie es manchmal geschah, durch die offenen Fenster fernes Geschrei, das der Wind zu ihnen herübertrug — den Lärm der jüngeren Kinder, die im Hort spielten. Der Kinderhort lag auf einer kleinen benachbarten Insel, die bei Ebbe über eine schmale Sandbank zu erreichen war. Aber die Jimminies durften dort nicht hinüber. Und die Kleinen wurden auch nie auf ihre Insel gebracht.

»Hast du dich nie gefragt«, wollte Raisin später wissen, »warum wir sie nie zu sehen bekommen? Was könnte das schon schaden?« ‘

Es gab eine weitere Gruppe, mit der die Jimminies keinerlei Kontakt haben durften: die Gullah, eine winzige Gemeinschaft schwarzer Menschen. Raisin und Skyler hatten gehört — woher, wussten sie nicht mehr —, dass sie von Sklaven abstammten und einige Dutzend von ihnen vor vielen Jahren die Südhälfte der Insel geerbt hatten. Jetzt waren nur noch etwa ein Dutzend übrig, hauptsächlich Fischer, die in Hütten an der Westküste lebten. Die wenigen von ihnen, die Fische ins Große Haus brachten, faszinierten die Jimminies: geheimnisvolle, schweigsame Gestalten, die über die Fußwege schritten und feuchtglänzende Blaubarsche und Gelbschwanzmakrelen auf langen fächerförmigen Palmwedeln trugen.

»Sie haben Boote«, sagte Raisin. »Warum haben wir keine Boote? Warum liegt das einzige Boot des Labors im Bootshaus hinter Schloss und Riegel?«

Skyler fuhr Raisin schließlich an, er solle bloß aufhören, seine dummen, lästigen Fragen zu stellen. »Warum tust du das?«, schrie er.

Raisin lächelte. »Fragen zu stellen, ist angeblich ein Element der Wissenschaft«, antwortete er. »Das nennt man die wissenschaftliche Methode. Schon mal gehört?«

Und dann passierte allmählich etwas Seltsames: Auch Skyler begann sich Fragen zu stellen — anfangs nur kleine, dann immer größere.

An einem Sonntagmorgen blickte er beim Dogma zu Baptiste auf und hatte eine ungewohnte Empfindung. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte ihn das Dogma fasziniert. Die Gottesdienste hatten seiner Woche Struktur verliehen, wie die Wissenschaft seinem Leben Sinn gab. Noch bevor er die volle Bedeutung der Worte verstand, hatte er Baptistes Rhetorik geliebt — wie er die Worte vortrug, indem er leise begann und allmählich die Stimme erhob, wobei er mit beiden Händen das Rednerpult umklammerte, bis er praktisch kreischte. Skyler war jedes Mal wie verzaubert gewesen.

Aber an diesem Tag empfand er nichts. Er betrachtete das Symbol an der Wand: die doppelköpfige Schlange, die sich um einen Stab wand. Er betrachtete das vergrößerte Foto, das Dr. Rincon in seinem weißen Labormantel zeigte und auf dem er so zuversichtlich wirkte, als blicke er in eine Zukunft, in der Vernunft und Wissenschaft triumphieren würden. Und er betrachtete Baptiste, dessen glatt nach hinten gekämmtes rabenschwarzes Haar eng an seinem auffällig schmalen Schädel anlag. Und er empfand nichts.

Der leitende Arztälteste sprach.

Er sprach über die »Schönheit von Vernunft und Ordnung im Gegensatz zum Chaos aus Aberglauben und Religion«. Was meinte er damit? Er sprach über »das Pendel des historisch-kulturellen Zyklus, das zu unseren Gunsten ausschlägt«. Die Worte klangen hohl. Früher hatte Skyler sich privilegiert gefühlt, wenn er all dieses Gerede über ihren Sonderstatus, über ihre Erziehung im Labor zu Jüngern der Wissenschaft gehört hatte. Ein auserwählter Stamm — stärker, gesünder, reiner, langlebiger. Und darüber, dass sie von »der anderen Seite« fern gehalten wurden, um zu verhindern, dass die Vereinigten Staaten, »das Babylon unserer Zeit«, sie anstecken konnte. Aber jetzt wusste er nicht, was er empfinden sollte — er empfand überhaupt wenig.

Wie seltsam das war! Baptiste sprach weiter, aber Skyler blendete seine Worte aus. Er starrte diesen Mann an, um den sein Leben wie um eine Sonne gekreist hatte, so lange er zurückdenken konnte. Und dabei stieg langsam ein bemerkenswertes Gefühl in ihm auf: Während er ihn ansah, begann Baptiste kleiner zu wirken, gebrechlich, mit grauen Strähnen im Haar und Krähenfüßen um die Augen. Er wirkte sogar — war das möglich? — ein wenig lächerlich.

Skyler beugte sich leicht nach vorn und drehte den Kopf zur Seite, um zu Raisin hinüberzusehen. Seine in sich zusammengesunkene Haltung, als wolle er etwas verbergen, zeigte ihm, dass in seinem Freund etwas Ähnliches vorging. Ihre Blicke trafen sich, und Skyler sah ein trotziges Aufblitzen in seinen Augen. In dieser Sekunde tauschten die beiden ein unausgesprochenes, unaussprechliches Geheimnis aus — Abtrünnigkeit.

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Im Jahr darauf wurde die Ruhelosigkeit schlimmer. Die Fragen wurden immer drängender. Merkwürdige Dinge passierten. Ein Mädchen namens Jenny verschwand für sechs Tage im Krankenrevier, und als sie zurückkam, hieß es, ihr linkes Auge sei unheilbar krank gewesen und habe entfernt werden müssen; an seiner Stelle trug sie jetzt ein Glasauge. Ein Junge wurde am helllichten Tag weggerufen, verbrachte zwei Tage im Krankenrevier und wurde auf ebenso rätselhafte Weise wieder entlassen — von einer Krankheit geheilt, wie die behandelnden Ärzte behaupteten.

Raisin, groß und schlaksig, mit Haaren, die wie ein Tierfell nach allen Richtungen abstanden, wurde immer seltsamer. Er war schon immer anders gewesen. Zum Beispiel war er ein Epileptiker, der unter plötzlich auftretenden Ohnmachtsanfällen litt. Obwohl das nie deutlich ausgesprochen wurde, wussten Skyler und er, dass seine Krankheit den Arztältesten Sorgen machte — alles, was nicht nach perfekter Gesundheit aussah, galt als Fehlschlag.

Außerdem hatte Raisin aufgehört, die Pille zu schlucken, die alle Jimminies täglich beim Abendessen erhielten. Er war davon überzeugt, dass sie ihm seine Vitalität raubte. Er zeigte Skyler stolz, wie er sie unter seiner Zunge versteckte, bis der Pfleger weitergegangen war, und sie dann für die Sammlung aufhob, die er in einer unter dem Bett versteckten Blechdose angefangen hatte. Wohin er auch ging, trug er heimlich ein Kinderspielzeug mit sich herum: einen zehn Zentimeter großen Holzsoldaten, der so angestoßen und abgegriffen war, dass seine blau-rote Lackierung größtenteils fehlte; selbst wenn sie auf Gewaltmärschen um den Campus gehetzt wurden, hatte Raisin ihn in der Tasche; er holte ihn manchmal nachts heraus, wenn die anderen schliefen, spielte mit ihm und ließ ihn nur Skyler sehen.

Raisin stand kurz davor, offen aufzubegehren. Er wurde zum Hauptziel der Angriffe bei den Versammlungen, bei denen öffentlich Selbstkritik geübt wurde. Die Pfleger zeigten ihn wegen aller möglichen Vergehen an, und er verbrachte viele Stunden beim Arztpsychologen. Raisin wurde dreimal wegen Ungehorsams bestraft und musste die Nacht hungrig und allein in »der Kiste« verbringen — dem alten Hühnerstall, hinter dem fünfzehn Meter hohe Rottannen aufragten. Die Geräusche von Tieren, die in der Dunkelheit auf Beutesuche waren, machten ihm Angst. Am nächsten Morgen wurde er von der Gruppe herzlich wieder aufgenommen und bekam ein besonders nahrhaftes Frühstück. Dann benahm er sich einige Tage, aber lange hielt das nicht an.

Das einzig Erfreuliche war, dass Skyler und Raisin und viele der anderen Jimminies fünfzehn wurden, sodass sie nicht mehr zur Schule gehen mussten, sondern Arbeiten für die Gemeinschaft übernahmen. Skyler war Ziegenhirt. Er holte jeden Morgen seine Herde magerer Tiere aus dem Hof vor der Scheune ab, trieb sie auf entfernte Weiden und brachte sie erst am Spätnachmittag zurück, wenn die Sonne tief am Himmel stand. Dabei genoss er ein gewisses Gefühl von Freiheit.

Raisin erhielt die weniger angenehmen Aufträge, aber einer davon erwies sich als unerwartet segensreich. Er wurde jede Woche einmal losgeschickt, um Honig aus den Bienenstöcken im Wald zu holen — eine Arbeit, für die nur wenige andere tapfer genug waren —, und nutzte diese Gelegenheiten listig für seine Zwecke. Raisin ließ die Honiggläser stehen und traf sich mit Skyler. Da sie weit vom Labor entfernt waren, konnten sie tun und lassen, was sie wollten.

Waren die beiden im Wald allein, hatte Raisin manchmal einen epileptischen Anfall, und Skyler lernte, sich um ihn zu kümmern. Während sein Freund auf der Erde liegend um sich schlug, klemmte Skyler ihm einen Stock zwischen die Zähne, damit er sich nicht die Zunge abbiss. Anschließend hielt er Raisins Kopf und murmelte beruhigende Worte, bis sein Freund wieder das Bewusstsein erlangte: aus dunklen Tiefen auftauchend, ohne Erinnerung und leicht verwirrt. Diese Anfälle hielten die beiden natürlich geheim.

Weit nördlich im Wald entdeckte Skyler eines Tages eine versteckte Wiese, die nur durch einen von einer Schlucht abzweigenden Felsspalt zu erreichen und von Felsblöcken und Bäumen gesäumt war, deren Zwischenräume er so mit Ästen und Buschwerk ausfüllte, dass ein provisorischer Ziegenpferch entstand. Sperrte er seine Herde dort ein, konnte er frei durch die Wälder streifen. Traf er sich nun mit Raisin, war ihr Aktionsradius ungleich größer. Auch wenn sie stets wachsam sein mussten, hatten sie die Wildnis im Norden jeweils für einige Stunden ganz für sich allein. Sie erkundeten die unwegsamen Sümpfe und dichten Wälder, indem sie den Pfaden von Wildschweinen und Weißwedelhirschen folgten. Sie tobten über freie Flächen und kletterten auf Bäume, die so hoch waren, dass man von ihren Wipfeln aus die Schaumkronen auf dem Meer sehen konnte. Dass solche gefährlichen Aktivitäten verboten waren, machte sie umso attraktiver.

An einem denkwürdigen Frühlingstag, an dem die vorgelagerten Spartgrasfelder in der Seebrise wogten und die Weihrauchkiefern harzig dufteten, erlebten die beiden etwas Außergewöhnliches.

Nachdem die Ziegen sicher in ihrem Pferch eingesperrt und die Honiggläser bereits voll waren, lagen sie auf einer Wiese, als Raisin, der einen Strohhalm wie eine Zigarette zwischen den Lippen hielt, zu Skyler hinübersah und ankündigte, er wolle die Westküste erforschen.

»Aber dort sind die Gullah!«, protestierte Skyler.

»Genau darum, verdammt noch mal!«, antwortete Raisin, der diesen einen Fluch im Fernsehen aufgeschnappt hatte.

Und bevor Skyler weitere Einwände erheben konnte, war er auf den Beinen und rannte los. Skyler sprang auf und folgte ihm, aber er hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Sie tobten einen Pfad in Richtung Küste entlang und platschten durch einen Sumpf, dass das Wasser hoch aufspritzte. Raisin vergrößerte seinen Vorsprung stetig. Skyler sah ihn vor sich zwischen den Bäumen verschwinden, dann hörte er plötzlich einen Schrei, dem ein lang gezogenes Stöhnen folgte. Er wusste sofort, was das bedeutete — das Einsetzen eines epileptischen Anfalls. Bis er seinen Freund erreicht hatte, wand Raisin sich schon auf dem Rücken liegend in Krämpfen und verdrehte die Augen, sodass nur noch das Weiße der Augäpfel sichtbar war.

Skyler warf sich rasch auf ihn und schob ihm einen Stock zwischen die Zähne. Er drehte seinen Kopf zur Seite, packte Raisin mit aller Kraft und versuchte, sich möglichst schwer zu machen, während er ihn wie ein Ringkämpfer unter sich festhielt. Allmählich spürte er, wie die Krämpfe nachließen und der Körper unter ihm schlaff wurde. Als er sich von ihm herunterwälzte, traf etwas seinen Arm — etwas Dünnes, Kräftiges wie eine Peitsche. Im ersten Augenblick dachte er, Raisin sei ein Schwanz gewachsen. Dann sah er, was es war, und als er aufsprang und den Körper seines Freundes zur Seite wälzte, hing die Schlange da und hatte ihre Zähne in die Rückseite von Raisins Oberschenkel geschlagen. Skyler nahm einen Ast und schlug auf sie ein, bis sie losließ und sich zusammenrollte. Dann zerschmetterte er ihren Kopf, bis sie sich nicht mehr bewegte, und beugte sich wieder über Raisin.

»Lass ihn so liegen, Kind!«

Der Befehl kam über seine linke Schulter. Skyler gehorchte augenblicklich, ohne auch nur darüber nachzudenken. Er wurde zur Seite geschoben, und ein Paar pechschwarzer Hände riss die Naht von Raisins Hosenbein auf, sodass in der milchig weißen Haut eine rote Schwellung und zwei winzige blauschwarze Löcher zu sehen waren. Dann wurde ein scharfes Messer gezückt, das rasch zwei kreuzförmige Schnitte in das Fleisch machte. Der grauhaarige Alte beugte sich über die Wunde, presste seine Lippen darauf und saugte die Wunde mit schlürfendem Geräusch aus. Dann drehte er den Kopf zur Seite, spuckte das Gift aus, saugte noch mehrmals und hatte nun den Mund voll Blut, das er auf die Blätter eines Beerenstrauchs spuckte. Raisin fing an, sich wieder zu bewegen.

»Halt ihn fest«, verlangte der Mann, und Skyler tat wie geheißen. Der Alte machte tiefere Schnitte und drehte Raisin zur Seite, sodass er auf die Erde blutete.

»Lohnt nicht, da was zu riskieren«, sagte er. »Das ist keine gewöhnliche, sondern ’ne Mokassinschlange, die im Wasser lebt.«

Raisin kam bald wieder zu Bewusstsein, und Skyler erhielt Anweisung, ihn zu tragen. Er nahm ihn über die Schulter und folgte dem hoch gewachsenen Alten, der ein übergroßes Sweatshirt und eine blaue Tuchhose mit ausgestellten Beinen trug. Sie folgten dem Weg, bis sie endlich eine Lichtung erreichten, auf der es bei einsetzender Ebbe nach Schlick roch. Vor ihnen erhob sich ein Zypressenwäldchen, unter dessen Bäumen eine Hütte in der Größe einer Garage stand, die mit blau gestrichenen Holzschindeln verkleidet war. Als er Raisin hineintrug, sah Skyler nach links, wo eine Wasserfläche bis zu dem mit Gras bewachsenen Strand reichte. Dort gab es einen alten hölzernen Bootssteg, an dem — Skylers Herz schien vor Aufregung einen Satz zu machen — ein Boot mit Außenbordmotor vertäut lag.

»Leg ihn hier drauf«, forderte der Mann ihn auf und zeigte auf ein durchgelegenes eisernes Bettgestell, dessen Matratze mit einem Quilt bedeckt war. Skyler hätte ihn am liebsten mit Fragen bestürmt — er war noch nie in einem Raum dieser Art mit so vielen aufregend neuen und rätselhaften Gegenständen gewesen —, aber er beherrschte sich und schwieg, während der Alte Raisins Wunde verband und sogar sein Hosenbein wieder zunähte.

»Kein Grund rumzulaufen und von dieser Sache zu erzählen«, sagte er dabei. »Diese Leute, bei denen ihr lebt, die mögen’s nicht, wenn ihr mit Fremden redet. Erzählt ihr jemand was davon, bekommt ihr’s mit mir zu tun — und ich hab meine Methoden.«

Der Mann warf Skyler, der schweigend in einem alten Sessel hockte, einen durchdringenden Blick zu, und in diesem Augenblick erkannte der Junge ihn als einen der Fischer, die ihre Fänge ans Küchenfenster des Großen Hauses brachten.

»Wir halten dicht, versprochen«, sagte er.

»Klar tun wir das!«

Raisin setzte sich plötzlich auf, was beide überraschte.

Der Alte führte Skyler zu einem Fenster und zeigte auf eine von hohem Unkraut überwucherte gerodete Fläche hinter der Hütte, die mit allerhand Motorteilen einem Schrottplatz glich. An ihrem Rand stand ein Sumpfahorn, von dessen Ästen über ein Dutzend runder, glänzender Gegenstände herabhingen — Radkappen, wie Skyler später feststellte. Sie blitzten, während sie sich im Sonnenschein drehten.

»Ich hab meine Methoden«, wiederholte der Alte. »Schon mal von Juju gehört?«

Skyler schüttelte den Kopf.

»Zauber. Du willst über diese Sache reden, und plötzlich bist du stumm. Du machst den Mund auf, aber es kommt nichts raus.«

Raisin fragte ihn neugierig nach seinem Namen.

»Den erzähl ich keinem, bevor ich nicht eure Namen weiß.«

Sie stellten sich ihm unbeholfen vor. Das hatten sie noch nie getan.

»Ich bin Kuta.«

»Wie kommt’s, dass du so genannt wirst?«, fragte Raisin.

»Wie kommt’s, dass du Raisin genannt wirst?«

»Keine Ahnung. Das ist nur ein Spitzname.«

»Meiner ist mehr als ein Spitzname. Dahinter steht eine Geschichte.«

Und der Alte machte es sich in dem Sessel bequem. Skyler setzte sich neben Raisin aufs Bett.

»Kutas Gulla, so nennen mich manche Leute hier, obwohl euch das natürlich nichts sagt. Das heißt Schildkröte. Man nennt mich so, weil ich bei meiner Geburt so winzig gewesen bin, dass die Hebamme mich auf dem Rücken liegend in ihrer Handfläche gehalten hat, und ich bin so klein gewesen, dass keiner geglaubt hat, dass ich durchkommen würde. Und sie sagte: ’He, der Kleine ist nicht größer als ’ne Schildkröte.‘ Und damit hat sie Recht gehabt. Aber ich hab zu strampeln angefangen und mich ans Leben geklammert und nicht mehr lockergelassen. Aber dieser Name ist mir auch als Erwachsener geblieben.«

»Und was ist das?«, fragte Raisin, indem er auf eine an einem Wandhaken hängende Trompete deutete.

Skyler wusste, dass Raisin dieses Instrument kannte; sie hatten im Fernsehen Musikkapellen spielen gesehen.

»Das«, sagte Kuta stolz, »das ist mein Instrument.« Er starrte Raisin an. »Fragst du immer so viel — oder ist das die Schlange, die aus dir spricht?«

Aber er wartete Raisins Antwort nicht ab, sondern erzählte ihnen eine lange Geschichte, wie er in jungen Jahren als Jazztrompeter bei Bands auf dem Festland gespielt hatte. Er erzählte von Jazzkneipen in New Orleans und dem Leben auf Tournee, von zehn Dollar Lohn pro Abend, die man verspielte, um dann vielleicht neben einer schönen Frau aufzuwachen, an deren Namen man sich nicht erinnern konnte.

»Nichts geht über das Leben auf Tournee«, behauptete er und rieb sich den grauen Bart, der auffällig von seiner lederartigen schwarzen Haut abstach. »Weitet den Horizont. Gut für die Seele. Ein junger Mensch braucht das, wie ein Fisch das Meer braucht.«

Und während der Alte sprach, blickte Skyler zu Raisin hinüber und sah, dass auch er wie verzaubert war.

An diesem ersten Tag blieben sie über eine Stunde. Kuta verabschiedete sie auf der Schwelle stehend an den Türrahmen gelehnt, während Raisin ihm eine abschließende Frage stellte: Durften sie wiederkommen? Kuta rieb sich nachdenklich seinen grauen Bart.

»Ihr wisst, dass ihr eigentlich nicht herkommen dürft …«

Wieder eine Pause. Schließlich musterte der Alte sie prüfend, als versuche er sie einzuschätzen.

»Na ja, kann wahrscheinlich nicht schaden, bloß erzählen dürft ihr niemandem was davon, am allerwenigsten diesen Pflegern. Ich will keine Schwierigkeiten kriegen, verstanden?«

Während des Rückwegs ins Labor, auf dem Raisin wegen des Schlangenbisses hinkte und Skyler ihn nach Kräften zu stützen versuchte, sprachen sie aufgeregt miteinander. So hatte Skyler seinen Freund schon lange nicht mehr erlebt. Eine ganz neue Welt schien sich vor ihnen aufgetan zu haben.

»Wir müssen vorsichtig sein«, meinte Skyler, als sie sich dem Campus näherten. »Schaffst du’s zu gehen, ohne dabei zu hinken?«

»Darauf kannst du Gift nehmen!«

Und er schaffte es tatsächlich.

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Sechs Tage später kamen die Jungen zurück. Kuta saß unter einer Palme und flickte ein Fischernetz, das vor ihm ausgebreitet lag. Raisin ging zu dem Alten hinüber, setzte sich ungefähr eineinhalb Meter von ihm entfernt auf einen Felsblock und beobachtete schweigend, wie die knochigen schwarzen Hände eine drei Zoll lange Nadel vor und zurück durch das Drahtgeflecht schoben. Skyler ließ sich neben Raisin nieder, und die beiden schwiegen eine Weile verlegen, bis Kuta endlich das Wort ergriff.

»Was findest du so interessant, Kind?«

Raisin zuckte mit den Schultern, lächelte schwach und sagte einfach: »Dich.«

»Was ist los? Hast du noch keinen Menschen arbeiten gesehen?«

»Nicht im Sitzen.«

Und das war der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft.

Skyler und Raisin besuchten Kuta ungefähr einmal pro Woche, wenn es ihnen gelang, gemeinsam das Labor zu verlassen, und sie es wagten, einen Abstecher zu machen. Dann folgten sie vorsichtig dem schmalen Fußweg zu seiner Hütte. Der Alte lebte allein. Er war zweimal verheiratet gewesen, aber seine Exfrauen wohnten auf dem Festland, und er hatte sie schon jahrelang nicht mehr gesehen. Kuta schien beide in bester Erinnerung zu haben und erzählte gern von ihnen — vor allem davon, wie gut sie im Bett gewesen waren.

Solche Erzählungen faszinierten Skyler und Raisin, weil sie seit einem Jahr von den Mädchen getrennt untergebracht waren und jegliche Anspielung auf Sex im Labor verboten war. Die beiden stellten so viele Fragen zu diesem Thema, dass der Alte sich eines Tages lachend auf die Schenkel schlug und ihnen versprach, sie in ein Bordell in Charleston zu führen — eine Aussicht, die ihnen fast den Atem verschlug.

Raisin griff den Vorschlag freudig auf und war dann beleidigt, als Kuta ihm erklärte, das sei nur ein Scherz gewesen. Er wollte immer den Alten dazu bringen, sie mit seinem Boot mitzunehmen — »bloß mal zum Angeln«, bettelte er, obwohl Skyler vermutete, dass dahinter mehr steckte —, aber Kuta hatte stets irgendwelche Ausreden: Sein Boot musste repariert werden, der Motor hatte einen Ventilschaden, der Gezeitenstrom war zu stark. Eines Tages sah er Raisin schließlich offen ins Gesicht und erklärte ihm: »Du weißt, dass die Leute im Großen Haus mich dafür skalpieren würden. Denen gehört fast die ganze Insel. Wozu willst du mich verleiten, Kind?«

Trotzdem schien der Alte seine Rolle als Lebensberater zu genießen. Er füllte ihre Köpfe mit Überlieferungen der Gullah — zum Beispiel mit der Geschichte seiner Vorfahren, die auf eben dieser Insel von Bord eines Sklavenschiffs gegangen waren und prompt kehrtgemacht hatten, um durchs Meer direkt nach Afrika zurückzumarschieren, wobei sie in Massen ertrunken waren. Manchmal, wenn er über das Labor sprach, wurde er ernst, schüttelte den Kopf und behauptete, seine starren Doktrinen seien »irgendwie unvernünftig«. Er hielt es für eigenartig, dass sie dauernd Spritzen bekamen — »sie machen Nadelkissen aus euch, für was?«, fragte er. Und es machte ihm Spaß, subversives Gedankengut zu verbreiten.

»Ich find’s normal, sich in der Welt umzusehen«, pflegte er zu sagen. »Ein Junge muss rumkommen, wenn er ein Mann werden soll. Und was kann daran falsch sein, die Insel zu verlassen? Mir kommt’s unvernünftig vor, euch fürs ganze Leben hier einzusperren.«

Für sie verkörperte der Alte ein Fenster zur Außenwelt — der einzige Mensch, den sie jemals kennen gelernt hatten, der nicht im Labor lebte. Sie liebten diese verbotenen Stunden in seiner Hütte, indem sie nebeneinander auf dem Bett mit den gebrochenen Spiralfedern saßen und an seinen Lippen hingen. Die Trompete befand sich stets an ihrem Platz an der Wand, und bei besonderen Anlässen — das heißt, wenn der Geist ihn beflügelte — nahm Kuta das Instrument herunter, um ein paar Riffs zu spielen, wobei er seine Backen wie ein Ochsenfrosch aufblies.

Er besaß einen Fernseher, aber sie hörten bei ihm lieber Radio. Nachmittags hatte Kuta die Sendung eines DJs namens Bozman eingestellt, der seine Ansagen im melodischen Singsang der Gullah machte.

»Disya one fa all ob de oomen. Dey a good-good one fa dancin.«

Und Kuta übersetzte für sie: »Dieser Titel ist für alle Frauen dort draußen. Das ist gute Tanzmusik.«

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Skyler entging nicht, dass all dieses Gerede über Freiheit und Sex Raisins Unzufriedenheit steigerte. Er sprach immer häufiger von seinem Traum, »die andere Seite« zu besuchen. Als die Monate vergingen, wurde er rebellischer und steckte dauernd in irgendwelchen Schwierigkeiten. Er begann, sich gegen die Pfleger aufzulehnen, widersprach ihnen und gebärdete sich widerspenstig. Und die Strafen begannen ihre Wirkung zu verlieren. Sein Kopf wurde kahl geschoren, was ihn demütigen sollte, aber Raisin schien seine Glatze wie eine Auszeichnung zu tragen. Und als er des Öfteren von den Mahlzeiten ausgeschlossen wurde, magerte er ab, ohne sich jemals darüber zu beklagen oder sein Verhalten zu ändern.

Eines Morgens wurde Raisin ins Große Haus gerufen, wo der Arztpsychologe ihn erwartete. Gegen ihn lag eine Meldung vor, er sei beim Masturbieren beobachtet worden, was er nicht abstritt. Er gab auch zu, die nach dem Abendessen ausgegebenen Tabletten nicht eingenommen, sondern versteckt zu haben; es schien ihm sogar Spaß zu machen, einen aus den drei Pflegern gebildeten Suchtrupp anzuführen, der geradewegs in die Unterkunft marschierte und das Tablettenversteck unter seinem Bett entdeckte.

Die Ältesten untersagten ihm, den Campus zu verlassen — die Aufgabe, Honig sammeln zu dürfen, war ihm längst entzogen worden —, was bedeutete, dass Raisin sich nicht mehr wegschleichen konnte, um Kuta zu besuchen. Skyler war klar, dass dieses Verbot schwer zu ertragen sein würde. Eines Nachmittags wurde Raisin im Wald entdeckt; nur Skyler wusste, wo er gewesen war. Er wurde aus der Gemeinschaftsunterkunft verbannt und zu drei Nächten Einzelhaft in »der Kiste« verdonnert. Skyler wollte seinen Freund dort besuchen. In der ersten Nacht kam er nahe genug heran, um hören zu können, wie Raisin Selbstgespräche führte und mit seinem Soldaten spielte, musste dann aber verschwinden, als jemand auf einem Kontrollgang vorbeikam. In der nächsten Nacht zeigte sich, dass die Pfleger die Wachhunde bei der Hütte angekettet hatten, und ihr wildes Kläffen hielt ihn fern.

Schon bald sah Skyler seinen Freund nur noch gelegentlich und erkannte Raisin aus der Ferne an seinem kahl geschorenen Kopf, wenn er Abfälle aus dern Speisehaus trug, die Toiletten putzte oder sich irgendeiner anderen Strafarbeit unterzog. Er hatte oft tagelang Hausarrest im Keller des Großen Hauses — nachts in einem Kellerraum eingesperrt, wie es gerüchteweise hieß. Das erfuhr Skyler von Patrick, der es ihm aus Respekt für seine Freundschaft mit Raisin schonend beibrachte.

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An einem heißen Morgen durchquerte Skyler auf dem Campus die Wiese neben dem Gemüsegarten, als er eine Stimme hörte, die seinen Namen flüsterte. Er drehte sich um, sah aber niemanden. Dann hörte er die Stimme erneut. Sie kam aus dem mannshohen Mais neben ihm.

Skyler verschwand im Mais und stand plötzlich vor Raisin, der hier Unkraut jäten sollte. Gesicht und Hände waren mit Erde verschmiert; sein Haar wuchs in hässlichen Büscheln nach; seine Augen waren gerötet und wässrig; sein Körper war beängstigend abgemagert. Sein Blick hatte etwas Wildes an sich.

»Ich muss von hier weg«, sagte er, indem er Skylers Arm mit fast schmerzhaftem Griff umklammerte. »Und du musst mitkommen! Die Dinge, die ich erfahren habe — drunten im Keller des Großen Hauses. Du hast keine Ahnung, was hier vorgeht! Schreckliche Dinge. Wir müssen alle von hier flüchten.«

Davon wollte Skyler nichts hören. Er hatte Angst. Raisin benahm sich so seltsam — er hatte kleine Speichelblasen in den Mundwinkeln und schien vor Aufregung fast zu brabbeln, so dringend wollte er seine Mitteilung loswerden. Die anderen würden jeden Augenblick nachkommen, und Skyler wusste, dass ihn Unannehmlichkeiten erwarteten, wenn er im Gespräch mit Raisin erwischt wurde.

»Ich will, dass du mitkommst«, drängte Raisin ihn. »Ich kann ausbrechen. Morgen Nacht. Wir treffen uns am Bootshaus und nehmen den Kahn. Wir fahren zum Festland hinüber. Dann sind wir hier raus — endgültig. Dort sind wir sicher.«

Skyler nickte hastig. Angst lag ihm wie ein Klumpen im Magen. Er hörte die anderen bereits kommen.

»Zehn Uhr«, flüsterte Raisin. »Um zehn am Bootshaus. Komm nicht zu spät!«

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Am nächsten Abend fühlte Skyler sein Herz jagen, als die vereinbarte Stunde näher rückte. Er horchte aufmerksam auf den Stundenschlag der Standuhr im Großen Haus und hörte sie siebenmal schlagen. Er packte ein kleines Bündel — zwei Hemden, ein Paar Socken zum Wechseln, ein kleines Taschenmesser und ein Taschenbuch über Charles Darwin —, das er mitnehmen wollte.

Das Festland! Wie würde es ihnen dort ergeben?

Seine Hände und Füße waren vor Angst eiskalt. Ich bin ein guter Freund, sagte er sich — ein treuer Freund.

Dann passierte etwas Unvorhergesehenes. Irgendwo in der Ferne war ein Geräusch zu hören: ein helles Klirren wie von zersplitterndem Glas. Es konnte vom Großen Haus herübergekommen sein, obwohl er sich seiner Sache nicht sicher war. Er horchte angestrengt, aber danach blieb alles still.

Etwa zehn Minuten später hörte er schwere Schritte, die auf dem Fußweg zur Unterkunft der Jungen näher kamen. Die Tür öffnete sich, und einer der Pfleger trat ein. Sein Blick glitt über den Schlafsaal, dann zog er sich einen Stuhl an die Tür und ließ sich mit verschränkten Armen darauf nieder. Die anderen Jimminies waren verblüfft; so etwas hatte es noch nie gegeben.

Dann beruhigten sie sich allmählich. Skyler hörte, wie einer nach dem anderen einschlief, nahm ihre gleichmäßigen Atemzüge wahr. Unter seiner Bettdecke hervor warf er heimliche Blicke zu dem Pfleger hinüber, der mit undurchdringlicher Miene Wache hielt.

Skyler wartete. Er beobachtete. Dann schlief auch er ein.

Er wachte irgendwann am frühen Morgen auf. Der Stuhl neben der Tür war leer. Ansonsten hatte sich nichts verändert. Er sprang aus dem Bett, zog sich an und ging zur Tür. Sein Bündel ließ er unter dem Bett zurück. Als er ins Freie trat, sah er, dass im Osten bereits der Tag anbrach.

Er rannte zum Bootshaus. Und dann machte sein Herz einen Freudensprung. Das Schloss war aufgebrochen — die Tür stand einen Spalt weit offen. Skyler schlich darauf zu, legte zögernd eine Hand auf den Riegel, zog die Tür weiter auf und warf einen Blick ins Bootshaus. Im Inneren war es noch finster. Er sah den Bootsliegeplatz zwischen den beiden schmalen Holzstegen an den Wänden, hörte den Wellenschlag an den ins Wasser gerammten Balken. Und auf der dem Meer zugewandten Seite stand das zweiflügelige Tor offen — er konnte ungehindert auf die Bai hinaussehen. Das Boot war fort!

Auf dem Boden gleich hinter der Tür sah er einen kleinen Gegenstand liegen. Skyler bückte sich, um ihn genauer zu betrachten, und hob ihn dann auf. Er hielt Raisins Spielzeugsoldaten in der Hand.

Am Nachmittag dieses Tages erfuhr er, dass Raisin es doch nicht zum Festland hinüber geschafft hatte. Er habe sich in den Sümpfen verirrt, wurde ihnen erklärt, und bei einsetzender Flut sei das Boot von gefährlichen Strömungen erfasst worden. Es war gekentert, und Raisin war ertrunken. Das Boot war eine halbe Meile vor der Inselküste treibend entdeckt worden, und als man es aufgerichtet hatte, war Raisin darin gefunden worden: die Lunge voller Wasser, sein Gesicht blau angelaufen und ein Bein unter der hölzernen Sitzbank eingeklemmt.

Beim Trauergottesdienst stellte Baptiste Vermutungen darüber an, der Fluchtversuch könnte einen epileptischen Anfall ausgelöst haben. Immerhin sagte er einiges Gute über Raisin. Julia, Patrick und viele der anderen Jimminies weinten. Irgendetwas an Raisins Leben und Tod brachte in ihnen eine Saite zum Klingen, und sie spürten, dass sie nie mehr so sein würden wie früher. Was Skyler betraf, war er viel zu erschüttert, um auch nur eine einzige Träne vergießen zu können. Er hatte das Gefühl, seinen Bruder verloren zu haben.

Einen Teil der Schuld an Raisins Tod gab er Kuta. Nachdem er die Hütte eine Weile gemieden hatte, stellte er jedoch fest, wie sehr ihm der Alte fehlte, und nahm seine gelegentlichen Besuche wieder auf. Skyler genoss weiter seine Gesellschaft, aber etwas schien jetzt anders zu sein. Als sie zu dritt gewesen waren — der Alte, der unaufhörlich redete, und die beiden Jungen, die seine Worte gierig aufnahmen —, hatten sie einer Familie geglichen.

In seinem Bett liegend staunte Skyler über den menschlichen Verstand. Er hatte versucht, nicht an Raisin und seinen Tod vor einem Jahrzehnt zu denken. Er hatte versucht, Barrieren dagegen zu errichten — aber sein Verstand hatte ihn auf verschlungenen Pfaden geradewegs wieder dorthin geführt.

Skyler spürte, dass seine Hände und Füße kalt wurden, genau wie in jener schicksalshaften Nacht.

Er griff unter sein Bett und tastete nach dem Gegenstand. Als er ihn nicht gleich fand, fürchtete er schon, er sei verschwunden, aber dann entdeckte er ihn doch. Er hob den hölzernen Spielzeugsoldaten auf und legte ihn neben sich unter die dünne Bettdecke.

Raisin tot. Nun auch Patrick. Wer würde der Nächste sein? Wie viele würden noch sterben? Hatte Raisin Recht gehabt — war keiner von ihnen sicher?

2

Jude Harley war wegen eines Interviews ohnehin auf der West Side unterwegs gewesen und hatte deshalb beschlossen, zu Fuß in sein Redaktionsbüro in der Fifth Avenue zurückzugehen. In der West 46th kam er an einem Stau vorbei und hörte einen Taxifahrer wütend hupen. Weiter vorn wurde die Fahrbahn durch einen Tieflader mit Stahlträgern blockiert, auf denen drei Bauarbeiter mit gelben Schutzhelmen standen und nach oben sahen. Jude folgte ihrem Blick. Dreißig Stockwerke über ihnen baumelte ein Stahlträger, der von einem Kran hochgezogen wurde. Der Taxifahrer hupte erneut.

Jude konnte die neue, glitzernde Midtown nicht ausstehen. Nicht dass er sich die schlechte alte Zeit mit Dealern und Nutten zurückgewünscht hätte — er fand nur allzu viele der neuen Geschäfte gesichtslos und langweilig. Krasser Kommerz hatte wieder einmal triumphiert. Er kam an einem Laden vorbei, warf einen Blick ins Schaufenster, in dem Nachbildungen des Empire State Building, Statuen von Miss Liberty, Teller mit der New Yorker Skyline und dreißig Zentimeter hohe Figuren von Charlie Chaplin, Madonna und Elvis ausgestellt waren. Vor nicht allzu langer Zeit war dies noch eine seiner Lieblingsbars gewesen: eine finstere Kneipe mit hölzernen Sitznischen, einer Musikbox mit Songs von Frank Sinatra und einem Gemälde an der Wand, das so rauchgeschwärzt war, dass nur alte Stammgäste wussten, dass es Joe Louis zeigte, wie er Max Schmeling k.o. schlug.

Das war ein weiteres Problem bei Veränderungen — sie bewirkten, dass man sich alt fühlte. Und im reifen Alter von dreißig Jahren, in dem man die Jugend endlich hinter sich hatte, in halbwegs sicherer Stellung war, ungehunden oder frei — je nachdem, wie man es sah — und mitten im Getümmel der großartigsten Stadt der Welt, wollte er vor allem eines nicht: sich alt fühlen.

Er ging an den hoch aufragenden Bürotürmen in der Sixth Avenue vorbei nach Osten bis zur Fifth Avenue, wo er sich in Richtung Uptown wandte. Für Samstagmorgen herrschte nicht allzu viel Betrieb, aber der Fußgängerverkehr wurde stärker, als er das Rockefeller Center erreichte. Da er es nicht eilig hatte, in die Redaktion zu kommen, ging er die Passage hinunter, die von Fluggesellschaftsbüros, Buchhandlungen und Süßwarenläden gesäumt war. Sein Spiegelbild hielt in den Schaufensterscheiben mit ihm Schritt.

Jude Harley hatte ein schmales, kantiges Gesicht und langes dunkles Haar, das ihm in die Stirn fiel, wenn er sich über eine Computertastatur beugte, um eine Story zu tippen. Sein Aussehen sei proteisch, hatte eine Frau ihm einmal erklärt: manchmal fast durchschnittlich, aber bei anderen Gelegenheiten — wenn er mit hochgeschlagenem Mantelkragen an einer Straßenecke stand, in ein Buch vertieft am Kaminfeuer saß oder bei einem Dinner einen geistreichen Witz erzählte — konnte er Blicke auf sich lenken und förmlich strahlen. Er hatte diese Beschreibung als schmeichelhaft empfunden. Aber wie kam es dann, dass er seit nunmehr einem Vierteljahr allein war?

Er erreichte die vertieft angelegte Plaza, auf der sich jetzt nicht wie im Winter eine Eislauffläche, sondern ein Wald aus Sonnenschirmen befand. Zu schade. Er liebte es, den Schlittschuhläuferinnen zuzusehen, die graziös ihre Figuren liefen und ihren Exhibitionismus auslebten. Aber etwas an diesem Ort beunruhigte ihn auch; schon als er vor Jahren in die Großstadt gezogen war, hatte er ihre Anonymität als bedrückend empfunden.

Er ging die Fifth Avenue entlang. Was seinen Beruf betraf, lief in letzter Zeit alles bestens. Er bekam vom New York Mirror genug Aufträge. Jede Woche erschienen dort drei bis vier mit seinem Namen gezeichnete Artikel. Wenn er so weitermachte, würde eine Kolumne wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen. Ihm gefiel der oft improvisierte Arbeitsstil einer Boulevardzeitung, und er wusste, dass er gute Arbeit leistete. Er konnte sich auf seinen Instinkt verlassen. Einmal hatte er sich um eine Stelle bei der New York Times beworben, aber die Selbstgefälligkeit des Redakteurs und die Sterilität der Redaktion, die einem Versicherungsbüro glich, hatten ihn abgeschreckt. Ein vereinbartes zweites Gespräch hatte er abgesagt.

Dazu kam noch etwas anderes: ein Roman, den er vor Jahren geschrieben und erfolglos allen möglichen Verlagen angeboten hatte, war endlich erschienen. Zu seiner großen Überraschung verkaufte er sich sogar gut, was mit auf die energische Werbekampagne des Verlags zurückzuführen war. Er musste zugeben, dass es ein schönes Gefühl war, eine Buchhandlung zu betreten und dort den Verkaufsständer mit dem vertrauten Einband zu sehen: ein dunkelblauer Schutzumschlag mit einem grotesken Gesicht aus weißem Gips. Der Titel — Death Mask — war in erhabenen silbernen Lettern gedruckt.

In der 54th Street blieb Jude bei einem Kaffeewagen stehen, einem mit Aluminiumblech ausgekleideten Anhänger, in dem der Afghane Bashir hinter der Theke stand. Bashir redete gern — am liebsten über die Taliban, die islamischen Fundamentalisten, die in seiner Heimat die Macht ergriffen hatten. Jude war in Afghanistan gewesen, um eine Serie von Artikeln über die dortigen Flüchtlingslager zu schreiben — vor zwei Jahren, als der Mirror einmal versucht hatte, sich durch Nachrichten aus dem Ausland einen Anstrich von Seriosität zu geben —, und Bashir war begeistert gewesen, jemanden zu finden, der zumindest die Namen der Provinzhauptstädte kannte. Er behandelte Jude als speziellen Freund.

Aber weil Jude heute nicht zum Reden aufgelegt war, legte er sein Geld für den Kaffee wortlos nickend auf die Theke.

Bashir fragte ihn in seinem melodischen New Yorker Singsang, ob er gehört habe, dass ein wichtiges Dorf im Norden — der Name war schwer zu verstehen — gefallen sei.

Jude schüttelte den Kopf.

»Sie kontrollieren jetzt neunzig Prozent des Landes«, erklärte Bashir ihm betrübt. »Die Lage ist sehr schlimm.«

Jude nickte mitfühlend.

»Ich weiß nicht, was passieren wird. Mein armes Land! Wie sie die Menschen behandeln, ist schrecklich.«

»Ja, ich weiß«, sagte Jude und nahm seinen Kaffee in Empfang.

Sie schwiegen einen Augenblick.

»Schönen Tag noch!«, rief Bashir plötzlich aus, wobei er lächelte und einen Goldzahn sehen ließ.

»Danke, gleichfalls«, antwortete Jude.

Während er das Verlagsgebäude betrat, dachte er an Bashir und an Leute wie ihn, die wirklich Probleme hatten und kämpfen mussten, um finanziell über die Runden zu kommen. Aber trotzdem beneidete er den Mann — um seine Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein, um seine Strebsamkeit und sogar um seine politischen Überzeugungen, die seinem Leben Struktur und Ordnung gaben. Am meisten beneidete er ihn um seine Leidenschaftlichkeit.

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Der Mirror belegte drei Stockwerke in dem Gebäude 666 Fifth Avenue, einem architektonisch uninteressanten Wolkenkratzer, der aber immerhin so hoch war, dass seine rote Neonnummer in dem Dunst leuchtete, der manchmal über Manhattan hing. Der Anblick der Zahl 666 hoch am Himmel hatte einen Witzbold mit Bibelkenntnissen dazu bewogen, die Zeitung »das Biest« zu nennen. Belesene erinnerte dieser Spitzname auch an die Zeitung in Evelyn Waughs Presseroman Scoop, deshalb war er dem Mirror geblieben.

Der Mirror gehörte R. P. Tibbett, einem New Yorker Immobilienmogul, der dabei war, ein Medienimperium aufzubauen, und seinen Firmensitz nach Washington, D.C., verlegt hatte, um den Politikern, die er finanzierte, näher zu sein. Er benutzte das Boulevardblatt schamlos für Rachefeldzüge und politische Kampagnen. Der Mirror war weniger das Flaggschiff von Tibbetts Flotte, als vielmehr ihre Müllschute. Um sich nicht vor sich selbst schämen zu müssen, redeten seine Reporter sich ein, ihr Blatt habe das Ohr am Puls der Zeit und »Kontakt mit dem Mann auf der Straße« — was immer das bedeutete.

Jude kam an einem stummen Zeitungsverkäufer in der Eingangshalle vorbei — Tibbett war sogar zu geizig, den Mirror den Leuten zu schenken, die ihn produzierten — und zuckte vor der Schlagzeile KILLERGRIPPE üBERFäLLT NEW YORK auf der Titelseite zusammen. Offenbar lagen mindestens zwei Personen im Krankenhaus.

Der Aufzug hielt im zweiten Stock. Judes Herz sank, als er lange, schlanke Finger sah, an denen ein Opalring prangte. Betsy trat in die Kabine. Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung.

»Oh, du bist’s«, sagte sie eisig.

Jude war ratlos. Er wusste nie, was er auf diese Feststellung antworten sollte. Also sagte er einfach nur: »Hallo.«

Betsy schwieg und starrte auf die Kabinentür. In der Stille konnte er die Aufzugkabel knarren hören. Betsy war eine Reporterkollegin beim Mirror; er hatte fast ein Jahr lang mit ihr zusammengelebt, bevor sie ihn vor einem Vierteljahr hinausgeworfen hatte — oder genauer gesagt, bevor Jude beschlossen hatte, sie zu verlassen, ihr aber die Möglichkeit zu geben, ihren Stolz zu wahren, indem sie ihm die Tür wies. Er erinnerte sich, wie wütend sie bei ihren letzten Auseinandersetzungen vor der Trennung gewesen war, in deren Verlauf sie ihn einmal sogar ins Gesicht geschlagen hatte, sodass ihr Ring eine kleine blutende Wunde hinterließ. Sie hatte ihn angekreischt, er sei außer Stande, Gefühle zu empfinden, er sei »emotional zurückgeblieben«. Was hätte sie angesichts seiner schrecklichen Kindheit auch anderes erwarten sollen?, hatte sie gefragt. Und dann hatte sie geweint, was er nicht ausstehen konnte.

Trotzdem hatten sie körperlich phantastisch harmoniert. Bei gemeinsamen Nachtdiensten in der Redaktion hatten sie sich oft in die Bibliothek geschlichen, um sich zwischen den Kisten mit mikroverfilmten Zeitungen zu lieben. Er beobachtete sie aus dem Augenwinkel heraus. Als der Aufzug in ihrem Stockwerk hielt, verabschiedete sie sich mit angestrengtem Lächeln und einem ausdruckslosen, aber halbwegs freundlichen »Goodbye«, als wollte sie sagen: Du bist mir jetzt so gleichgültig, dass ich dich wie jeden anderen behandeln kann. Jude war erleichtert, als sie die Kabine verließ.

Die Aufzugtüren öffneten sich, und er trat in sein Stockwerk hinaus.

»Morgen, Berry«, begrüßte er den jungen Mann an der Rezeption, dessen mit Bartwichse gezwirbelter, weit ausladender Schnurrbart ihm das Aussehen eines Wasserbüffels verlieh.

»Na, wenn das nicht der große Romancier ist.«

Jude ächzte innerlich. Er war nicht in der Verfassung, um mit Sarkasmus umzugehen.

In der Redaktion herrschte die für Samstage typische Atmosphäre: Leute in Freizeitkleidung, die hofften, irgendwo werde sich eine Katastrophe ereignen — aber bitte nicht genau bei Redaktionsschluss. Nur etwa ein Dutzend Reporter waren da.

Jude hatte das Bedürfnis nach einer guten, sensationellen Story. Das Interview, das er soeben geführt hatte, war ein Flop gewesen. Davor hatte er einen Artikel über die Notwendigkeit schärferer Waffenbesitzkontrollen geschrieben… mit herzzerreißenden Storys von Kindern, die im Elternhaus geladene Revolver gefunden und damit ihre Geschwister erschossen hatten. Und jetzt wollte er eine knappe, klare Story — »gewöhnlich und schmutzig«, lautete der in der Redaktion übliche Ausdruck —, die seine Synapsen wieder reinigen würde.

Jude sah zur Lokalredaktion hinüber. Leventhal, der an Wochenenden verantwortliche leitende Redakteur, beriet sich mit seinen Unterredakteuren. Das war kein gutes Zeichen. Als Jude zum Mirror gekommen war, hatte er die Bemerkung eines altgedienten Kollegen gehört, eine Redakteursbesprechung habe noch nie zu einer guten Story geführt, und seine eigenen Erfahrungen bestätigten dies. Trotzdem mochte Leventhal ihn oder schien zumindest seine Arbeit zu respektieren. Falls er einen guten Auftrag zu vergeben hatte, würde er ihn vielleicht bekommen.

Jude setzte sich an seinen Schreibtisch und schaltete den Computer an. Als der Bildschirm aufleuchtete, loggte er sich ein und stieß dann einen lauten Fluch aus. Das Nachrichtenfeld blinkte, und er wusste, was das bedeutete: Fragen zu seinem noch unveröffentlichten Artikel. Die folgenden drei Stunden verbrachte er damit, seine Notizen durchzusehen, Fakten zu überprüfen und Informanten anzurufen, die von der Idee, den Samstagmorgen am Telefon zu verbringen, nicht gerade begeistert waren. Um sich dafür zu rächen, blieb er länger als sonst zum Mittagessen weg.

Als er zurückkam, klingelte sein Telefon. Der Anrufer war Clive, der junge Assistent der Lokalredaktion am anderen Ende des Raums, der in verschwörerischem Tonfall ins Telefon flüsterte. Clive war ihm etwas schuldig — Jude hatte ihm mehr als einmal geholfen, eine Story in eine vernünftige Form zu bringen —, und als ihre Blicke sich begegneten, empfing Jude ein stummes Signal: Clive wollte sich revanchieren.

»Ein Mord, klingt gut«, sagte Clive hastig. »Weiß nicht viel darüber, aber die Agenturen nennen ihn eigenartig. Verstümmelung. Vielleicht ein Ritualmord, vielleicht ein Auftragsmord der Mafia.«

»Wer ist das Opfer?«

»Noch nicht identifiziert.«

»Wo?«

»Nicht weit weg. Tylerville. Bei New Paltz.«

Jude überlegte rasch. Er konnte in anderthalb, vielleicht zwei Stunden dort sein, brauchte eine Stunde Zeit für Nachforschungen und eine halbe, um die Story zu schreiben. Gerade noch rechtzeitig vor Redaktionsschluss. Die Montagsausgabe war immer gut: Sie wurde von Leuten gelesen, deren Arbeitswoche begann und die etwas suchten, über das sie im Büro schwatzen konnten.

Er schlenderte zur Lokalredaktion hinüber und blieb neben Leventhal stehen, der ihn ignorierte, bis er sich räusperte.

»He«, sagte Leventhal nonchalant.

»Ich bin mit der Durchsicht des Artikels über Waffenbesitzkontrollen fertig«, sagte Jude in neutralem Tonfall.

»Sind Sie heute Morgen nicht wegen einer Story unterwegs gewesen — wegen welcher?«

»Die Story mit der Hellseherin, die an der Börse reich geworden ist. War leider nichts. Sie wohnt in Hell’s Kitchen, in einer Mietskaserne an den Bahngleisen. Falls Sie nichts für mich haben, möchte ich etwas früher gehen. Ich muss heute Abend nach Norden rauffahren.«

»Nach Norden — wohin?«

»New Paltz.«

»New Paltz.« Leventhal hob leicht die Augenbrauen. »Was machen Sie dort?«

»Bin bei Freunden zum Abendessen eingeladen.«

Leventhal machte eine Pause und tat so, als denke er angestrengt nach.

»Nun, wenn Sie in der dortigen Gegend sind…«

Er blätterte demonstrativ raschelnd in den Papieren auf seinem Schreibtisch, obwohl die Agenturmeldung ganz obenauf lag. Schließlich ergriff er sie und übergab sie Jude wortlos, mit einer raschen Bewegung aus dem Handgelenk heraus, die besagen sollte: keine große Sache, aber vielleicht lässt sich was daraus machen.

Auf dem Rückweg zu seinem Schreibtisch gratulierte Jude sich zu seiner Kriegslist. Er hatte gewusst, dass sie Erfolg haben würde, weil sie für einen Redakteur in zweifacher Hinsicht attraktiv war: Man konnte jemandem einen Auftrag anhängen und obendrein noch das Privatleben eines Reporters stören. Als er seine Jacke und ein frisches Notizbuch mitnahm und zum Ausgang hastete, sah er zu Clive hinüber und machte das Siegeszeichen.

3

Skyler lag im Bett, horchte auf die verschiedenen Vogelstimmen. Er hörte das lebhafte Schwatzen des Gelbbrustlaubsängers und stellte ihn sich vor, wie er von Zweig zu Zweig hüpfte. Irgendwo aus der Nähe kam das Flöten des Guamhuhns; er wusste, wie es aussah, wenn es sein Gefieder sträubte, um den Morgentau abzuschütteln. Und in weiter Ferne war der melodische Ruf des Weißaugenvireos zu hören — des »Säufervogels«, wie Kuta ihn nannte, weil er Quick with the beer check! zu rufen schien.

Beim Aufwachen hatte er sofort wieder an Patrick denken müssen, wie jeden Morgen, seit Julia und er die Leiche entdeckt hatten. Das Bild, wie sie geschrumpft und ausgeweidet auf der kalten Steinplatte lag, erschien von selbst vor seinem inneren Auge. Ein Teil seines Ichs — jener Teil, der so eifrig den Vogelstimmen lauschte — bemühte sich, dieses Bild wieder zu verdrängen. Aber das war unmöglich.

Vielleicht würde heute etwas geschehen, das die verwirrende und erschreckende Kette von Ereignissen zu einem positiven Abschluss brachte. Patricks Tod hatte sämtliche Zweifel, die Skyler im Lauf der Jahre zu unterdrücken versucht hatte, wieder geweckt. Natürlich hatte ein Trauergottesdienst für ihn stattgefunden. Sein schlichter Holzsarg war unter dem Foto Dr. Rincons aufgestellt worden, und Baptiste hatte den Nachruf gesprochen. Aber Skyler hatte nicht zugehört. Stattdessen hatte er sich die grässliche Brustwunde des Toten vorgestellt, die Fragen aufwarf, von denen ihm schwindelte.

Zum Glück gab es noch Julia. Der Gedanke an sie war Balsam für seine überreizte Phantasie. Er schien sie mehr denn je zu brauchen, seit seine Welt auf den Kopf gestellt war und Menschen, denen er einst vertraut und die er geliebt hatte, zu Objekten von Angst und Misstrauen geworden waren.

Skyler stellte sie sich jetzt vor — ihr langes schwarzes Haar, ihr helles Lachen, ihren wohl geformten Körper und ihren scharfen Verstand.

Seit wann liebte er sie? Das ließ sich unmöglich sagen. Schon immer, so schien es ihm.

Er erinnerte sich daran, wie Julia als junges Mädchen gewesen war, wie oft sie Raisins und seine Nähe gesucht hatte und wie sein Freund und er ohne sie in den Wald davongelaufen waren. Einmal hatten die beiden Julia in den Wald gelockt und dort allein gelassen. Sie hatten gelacht und waren auf den Campus zurückgekehrt. Aber als die nachmittäglichen Schatten länger wurden und Julia noch immer nicht aufgetaucht war, hatte Skyler Angst bekommen. Er hatte den Waldrand beobachtet, ohne mit jemandem seine wachsende Besorgnis teilen zu können, bis er endlich in der Abenddämmerung einen winzigen weißen Fleck — ihre Bluse! — entdeckt und jäh solche Freude und Erleichterung empfunden hatte, dass er einen richtigen Freudensprung machte.

Nicht lange danach hatte er zum zweiten Mal, aber noch viel mehr Angst um sie gehabt.

Eines Abends kam er zum Essen ins Speisehaus — das war in der Zeit, in der Jungen und Mädchen noch miteinander verkehren durften — und sah, dass Julia nicht da war. Am nächsten Morgen zog er ein Mädchen aus der Altersgruppe beiseite und erkundigte sich nach ihr. Das Mädchen senkte seine Stimme zu einem Flüstern.

»Hast du das nicht gehört? Sie ist zu einer Untersuchung gerufen und dann sofort operiert worden. Niemand weiß, was sie hat, aber es scheint schlimm zu sein.«

Skyler tat fünf Nächte lang kaum ein Auge zu und magerte sichtlich ab. Sogar im Naturkundeunterricht dachte er an nichts anderes als an Julia. Am Abend des fünften Tages hielt er die Ungewissheit nicht mehr aus. Beim Abendessen gab er vor, Magenschmerzen zu haben, und wurde in die Unterkunft zurückgeschickt. Während die anderen aßen, schlich er sich hinaus, lief zum Großen Haus hinüber und fand das Fenster des im Erdgeschoss liegenden Krankenreviers. Er stieß es auf, kletterte hinein und sah Julia vor sich, die in ihrem Bett saß und ihm strahlend zulächelte.

»Ich hab Glück gehabt«, erklärte sie ihm. »Sie haben was gefunden, das nicht in Ordnung war, aber sie haben es operiert, und nun geht’s mir besser als vorher.«

Sie drehte sich im Bett um und zog ihre Schlafanzugjacke hoch, um ihm den Rücken zu zeigen, der mit einem breiten Verband bedeckt war.

»Davon behalte ich eine große Narbe.«

Als Julia sich wieder aufsetzte, streckte er seine Hand aus und ergriff ihre. Es war ein Schock, sie in seiner zu halten — die Ältesten hatten bereits durchblicken lassen, Kontakte zwischen Jungen und Mädchen seien unerwünscht und würden in naher Zukunft ganz untersagt werden —, und sein Herz schlug schneller, als sie den Druck seiner Hand erwiderte.

Von diesem Augenblick an war alles anders.

Skyler versuchte nicht, seine Gefühle für Julia zu benennen, denn das wäre zu kompliziert und beunruhigend gewesen, aber er war sich darüber im Klaren, dass sie einen wichtigen Platz in seiner Wertordnung einnahm. Was sich verändert hatte, machte er seinem; Freund unmissverständlich klar: In Zukunft würden Raisin und er Julia nicht mehr ausschließen; sie waren jetzt offiziell ein Trio. Raisin akzeptierte diese Veränderung aber nicht so leicht, wie Skyler gehofft hatte; manchmal schwelgte sein Freund in Erinnerungen an die gute alte Zeit.

Dann tat das Labor selbst etwas, das die drei noch enger zusammenschweißte. Gemeinsam mit einigen anderen wurden sie dafür ausgewählt, an einem Versuch teilzunehmen, bei dem Geschichten erzählt wurden. In Abständen von einigen Tagen wurden sie aus dem Unterricht geholt und in einen Raum des Großen Hauses geführt. Dort legten sie sich auf Feldbetten, und eine Krankenschwester gab ihnen Injektionen mit einer großen Nadel, die ziemlich schmerzten. Aber dann durften sie dort liegen bleiben und sich Geschichten anhören, die eine Tonbandstirnme erzählte. Sie fürchteten die Spritzen, aber es machte Spaß, hier zu faulenzen, während die anderen lernen mussten. Und sie waren alle stolz darauf, etwas Besonderes zu sein, an »einem Experiment innerhalb des Experiments« teilzunehmen, wie Baptiste es ausgedrückt hatte.

Nachträglich gesehen war das eine herrliche Zeit gewesen, die sorgenfreien Jahre zu dritt, bevor all die Fragen und Zweifel aufgetaucht waren.

Und dann war Raisin tödlich verunglückt.

Da sein Tod Julia ebenso tief getroffen hatte wie Skyler, hatten sie sich gegenseitig getröstet. Es war ganz natürlich, dass sie die Nähe des anderen suchten und sich heimlich trafen, als klar wurde, dass solche Zusammenkünfte verboten waren.

»Wie kann das Unrecht sein?«, fragte Julia einmal. »Die Vorschriften haben sich geändert, nicht wir. Wir tun doch auch nichts anderes als sonst.«

Aber das taten sie natürlich. Sie hatten angefangen, einander zu berühren und Hand in Hand zu gehen. Und als Skyler eines Morgens neben ihr auf dem Rücken im Gras lag, fragte Julia ihn, warum er sie damals im Krankenrevier besucht habe. Und während er nach Worten suchte, um ihr seine Motive darzulegen, beugte sie sich über ihn und küsste ihn. Skyler war schockiert und. ängstlich und begeistert zugleich. Und er wollte mehr.

Sie begannen sich regelmäßig zu treffen. Julias Arbeit brachte es mit sich, dass sie an zwei Tagen in der Woche etwas freie Zeit hatte — wenn sie die Post zu dem kleinen Flugplatz an der östlichen Ausbuchtung der Insel beförderte —, und Skyler wartete in der Nähe des Platzes. Dann berührten und küssten sie sich, sobald sie im Wald waren. Das Labor stand auf dem Standpunkt, Sex sei Unrecht, aber Kuta predigte etwas anderes, und was er sagte, klang vernünftig. Skyler folgte Raisins Beispiel: Er nahm die kleine Pille, die abends ausgegeben wurde, nicht mehr, und Julia hörte ebenfalls damit auf. Bald fühlten ihre Körper sich anders an — sensibler, lebendiger und offen für erregende neue Triebe.

An einem heißen, stillen Nachmittag erforschten sie die Südspitze der Insel, an der sie noch nie gewesen waren. Sie folgten einer noch schwach erkennbaren alten Straße mit tiefen Spuren von Wagenrädern, die zwischen Ginsterbüschen und Weihrauchkiefern hindurch zu einer Düne führte. Als die beiden um sie herumgingen, bot sich ihnen ein erstaunlicher Anblick. Vor ihnen auf einer felsigen Landzunge ragte ein aus Ziegeln gemauerter zwölf Meter hoher Turm auf. Er war einst rot und weiß gestrichen gewesen, aber das Rot der Bänder war zu Pastellrosa verblichen. Auf dem Turm saß ein rundes Glashaus, das von einem Laufgang umgeben war und ein gewölbtes Metalldach besaß. Dies war ein ehemaliger Leuchtturm.

Sie rannten darauf zu. Skyler stieß die Holztür auf, und sie traten über die Schwelle. Plötzlich schwirrte die Luft um sie herum, als Dutzende von Vögeln aufflatterten, kreisten und durch die leeren Fensterhöhlen davonflogen. Das Turminnere war düster und roch beißend nach Vogelmist, der alles bedeckte. Eine Wendeltreppe führte nach oben. Skyler und Julia folgten ihr. Auf halber Höhe fehlten mehrere Stufen. Sie überwanden diese Stelle, indem sie sich an den ins Mauerwerk eingelassenen Streben festhielten.

Sie stiegen weiter und erreichten zuletzt die lichtdurchflutete runde Glaskuppel. In ihrer Mitte stand eine riesige Laterne mit vier geschliffenen Linsen, die auf ihrem Laufkranz festgerostet war. Sie traten ins Freie hinaus. Ein starker Wind zerrte an ihrer Kleidung. Sie konnten meilenweit über grün-goldene Marschen, sich schlängelnde braune Priele und weit entfernte Schlickflächen sehen — bis zum Festland hinüber.

Dann gingen sie wieder hinein, umarmten sich und streckten sich auf dem warmen Betonboden aus. Während Vögel sich draußen auf dem Geländer des Laufgangs niederließen, küssten sie sich. Dann zogen sie sich gegenseitig langsam und mit zitternden Händen aus und verschmolzen miteinander. Skyler liebkoste ihren Körper, und Julia liebkoste seinen. Sie wussten instinktiv, wo und wie sie einander berühren mussten. Skyler fühlte Julias Atem heiß an seinem Ohr, presste sie fest an sich und sagte ihr, dass er sie liebe. Julia drückte ihn ebenfalls an sich und versicherte ihm, sie liebe ihn auch …mehr als alles andere auf der Welt, mehr als ihr eigenes Leben.

Sie liebten sich. Danach nahmen sie ihre Körper genau in Augenschein, alle Linien und Kurven. Skyler war überrascht, dass ihn kein schlechtes Gewissen, keine Schuldgefühle plagten. Er hatte im Gegenteil das Gefühl, etwas Richtiges getan zu haben. Und tief in seinem Inneren wusste er auch, dass es nun kein Zurück mehr geben konnte.

Der Leuchtturm wurde ihr Refugiurn, ihr Zufluchtsort. Sie suchten ihn auf, wann immer sich die Gelegenheit bot. Und wenn sie sich geliebt hatten, saßen sie in enger Umarmung in ihrem kleinen Glashaus ganz oben und blickten sehnsüchtig zum Festland hinüber, wie zwei Schiffbrüchige im Krähennest eines gestrandeten Seglers.

Auf dem Campus ignorierten sie einander bewusst, wodurch ihre heimlichen Treffen im Leuchtturm umso leidenschaftlicher ausfielen. Um sie zu vereinbaren, entwickelten sie einen Geheimkode, für den sie einen faustgroßen glatten Kiesel am Fuß einer alten Eiche benutzten: Legte einer von ihnen den Stein von der rechten Seite des Baums auf die linke, war das eine Aufforderung, an diesem Nachmittag zum Leuchtturm zu kommen.

Es dauerte nicht lange, bis ihre Treffen subversiv wurden. Nachdem sie sich geliebt hatten, sprachen sie über alles Mögliche — auch über ihre Zweifel und Ängste. Sie waren nicht nur ein Liebespaar, sondern wurden auch Verschwörer.

Einmal erschreckte sie ihn, als sie, zur fernen Küste hinüberblickend, sagte: »Weißt du, ich hab in letzter Zeit immer mehr das Gefühl, wir sollten dorthin gehen.«

Nach Patricks Tod hatte Julia den Beschluss gefasst, die Wahrheit herauszufinden. Sie versuchte eifriger denn je, im Archiv zu spionieren, und hatte einen Blick in einige Ordner im Karteischrank werfen können, die anscheinend die Ergebnisse ihrer regelmäßigen Untersuchungen enthielten. Und durch genaue Beobachtung hatte sie auch einige Computerbefehle mitbekommen. Aber sie müsse noch die richtigen Passwörter herausfinden, sagte sie — zwei Passwörter. Ohne diese kam sie nicht weiter.

Die Gefahr, in die Julia sich dabei begab, machte Skyler krank vor Angst. Er versuchte, ihr die Risiken einer Entdeckung vor Augen zu führen. Sie konnte jeden Augenblick am Computer erwischt werden, der möglicherweise sogar aufzeichnete, wann er benutzt wurde. Aber davon wollte Julia nichts hören. Sie ging so in ihrer Jagd nach der Wahrheit auf, dass sie alle Vorsicht vergaß.

___________

Skyler stand auf und zog seine Jeans an, während die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne durch die Fenster des Schlafsaals fielen. Die übrigen Jirnminies begannen sich zu regen, zu räuspern und andere Aufwachgeräusche von sich zu geben. Benny, der kleine Junge, der im Bett über Skyler schlief, so lange er zurückdenken konnte, ließ wie immer einen Arm über den Rand seiner Koje baumeln. Skyler betrachtete ihn und stellte fest, dass er wieder einmal schmutzig war. Benny bekam häufig Schwierigkeiten, weil er sich nicht oft genug wusch.

Von draußen war das metallische Scheppern der Ranchglocke zu hören: das Wecksignal, das weitere Bewegungen in den Kojen auslöste. Sie hatten es an so vielen Morgen gehört, dass sie fast unbewusst darauf reagierten.

Skyler kämmte sich vor dem Spiegel. Er betrachtete sein Spiegelbild — seine dunklen Augen, das volle schwarze Haar und die breite Stirn. Bevor er sich in Julia verliebt hatte, hatte er sich nie Gedanken über sein Aussehen gemacht. Es gefiel ihm, wenn Julia ihm in seinen Armen liegend versicherte, er sei attraktiv, aber er wusste nicht recht, ob er ihr das glauben sollte.

Er sah zu der Ecke hinüber, in der Patricks Bett gestanden hatte; es war verschwunden. So war es auch vor Jahren mit Raisins Bett gewesen. Er fragte sich, wer derartige Entscheidungen traf, wie jemand so gefühllos sein konnte.

Tyrone, der junge Mann im nächsten Bett, hustete, fuhr sich mit einer Hand durch sein feuerrotes Haar und richtete sich auf einem Ellbogen auf.

»Früh auf den Beinen — wie immer«, sagte er.

Das war eine nichts sagende Feststellung, die freundlich gemeint war, aber Skyler reagierte darauf nur mit einem Nicken. Er konnte Tyrone nicht leiden und traute ihm nicht. Gelegentlich fragte er sich, woher die Arztältesten so gut über die Stimmungen und Befindlichkeiten der Jimminies Bescheid wussten und ob es in ihrer Mitte etwa einen Spitzel gab. Als sie sich einmal eine Fernsehsendung über den Zweiten Weltkrieg angesehen hatten, hatten die Pfleger ohne ein Wort der Erklärung die Sendung ausgeschaltet, als ein Spion auf der Bildfläche erschienen war. Falls es hier einen solchen gab, war Tyrone mit seinem starken Bedürfnis, geliebt und von den Ältesten anerkannt zu werden, Skylers Kandidat dafür.

Aber vielleicht war das unfair. Seit er seinen Feldzug mit dem Ziel begonnen hatte, das Geheimnis ihrer Existenz auf der Insel zu lüften, staunte er selbst darüber, wie sehr er sich verändert hatte — wie häufig ein Verdacht sein Denken beeinflusste und wie weit er sich von den anderen in seiner Altersgruppe entfernt fühlte. Sie waren Fremde für ihn … und er für sie.

Er trat ins Freie. Hinter ihm schloss die Fliegengittertür sich mit lautem Knall. Der Morgenhimmel war bewölkt, und es blies ein heftiger Wind. Wieder einmal stand die Hurrikansaison bevor. Aber dieser Sturm würde bald vorüber sein. Weit im Westen sah Skyler bereits blaue Lücken in den Wolken.

Die Fliegengittertür knallte erneut, als andere Jimminies aus der Unterkunft kamen und sich ihm anschlossen. Alle wuschen sich das Gesicht in einem abgestoßenen weißen Emailbecken, das in eine Betonplatte eingelassen war. Das Wasser war so kalt, dass es sie erschauern ließ. Ab und zu richtete einer der Jungen sich auf, um den Pumpenschwengel drei- bis viermal zu bewegen, damit aus der rostigen Öffnung frisches Wasser ins Becken plätscherte. Das war eine Routine, der sie sich allmorgendlich unterzogen, ohne weiter darüber nachzudenken.

Aber der heutige Tag würde vielleicht anders sein, dachte Skyler — das spürte er in seinen Knochen.

Auf ihrem Weg ins Speisehaus gesellte sich Benny zu ihm. »Alles in Ordnung mit dir?«, fragte er in seinem charakteristischen schleppenden Tonfall.

»Mir ist’s schon besser gegangen«, antwortete Skyler.

Benny war der Einzige aus der Altersgruppe, dem Skyler so weit traute, dass er ihm einige seiner Geheimnisse anvertraute. Er hatte ihm erzählt, wie Julia und er ins Archiv eingedrungen und dabei auch Patricks Leiche entdeckt hatten. Benny war leichenblass geworden.

»Er muss schwer krank gewesen sein«, hatte er dann gemeint. »Sonst lässt sich das nicht erklären.«

Skylers Antwort hatte lediglich aus einem Schulterzucken bestanden.

Benny sagte, er habe Angst, Skyler werde Schwierigkeiten bekommen — »große Schwierigkeiten, ernste Schwierigkeiten«.

»Du weißt ja, wie Raisin war …vor seinem Tod. Irgendwie scheinst du jetzt ein bisschen wie er zu werden«, sagte er stockend und ohne seinen Freund dabei anzusehen.

Als sie am Großen Haus vorbeikamen, schwieg er.

Skyler sah zu dem allmählich verfallenden Herrenhaus hinüber. Sein Anblick erfüllte ihn mit unbestimmter Angst. Risse durchzogen den ausgebleichten rosa Verputz, der an einigen Stellen dunkle Flecken aufwies. Von den vier hohen Säulen, die das Vordach über dem Eingang trugen, blätterte die Farbe in Streifen ab. Der Boden des stets leeren Swimmingpools war aufgewölbt; dort wucherten einen halben Meter hohe Unkräuter, deren Wurzeln kleine Erdkegel aufgeworfen hatten. Die alten Marmorstatuen am Beckenrand ‘ waren fleckig und hatten in ihren Vertiefungen grünlich schwarzen Schimmel angesetzt.

Sein Blick wurde von der Kellertür angezogen, die wie immer geschlossen war — undurchdringlich.

Als sie weitergingen, kamen sie zum Speisehaus, das erhöht auf Holzstützen in Betonfundamenten stand. Es war auf drei Seiten offen, aber mit Fliegengittern versehen; angebaut war eine primitive Küche mit einem Herd, der Holz verbrannte, einem Kühlschrank und einem ehemaligen Bücherschrank, der als Anrichte diente. Wie jeden Morgen machten die jungen Männer sich ihr Frühstück selbst, indem sie Getreideflocken aus Holzfässern schöpften und in den Obststeigen nach Früchten suchten, die nicht angeschlagen oder überreif waren. Die frische Milch war kuhwarm.

Sie aßen eher schweigsam, was ungewöhnlich war. Alle sind noch wegen Patricks Tod durcheinander, sagte Skyler sich.

Sie hatten kaum Zeit, ihr Frühstück zu beenden, als einer der Pfleger seitlich mit der Faust an die Tür schlug — Zeit für ihre Morgengymnastik. Er stand im Gegenlicht, sodass anfangs nicht zu erkennen war, um welchen der drei Pfleger es sich handelte. Er erwies sich als Timothy, der am unbeliebtesten war.

Unter Timothys Führung marschierten sie zu der abgetretenen Rasenfläche des Exerzierplatzes, wo sie in Reih und Glied antraten. Er klappte einen Holzstuhl auf, setzte sich darauf und brüllte seine Kommandos. Skyler hielt sich zurück, führte die Übungen mit halber Kraft aus und strengte sich nur an, wenn der Pfleger zu ihm herübersah. Trotzdem war er in der schwülwarmen Luft bald in Schweiß gebadet.

Endlich kam der Augenblick, auf den er gewartet hatte.

»Liegestütze!«, kommandierte der Pfleger. Die jungen Männer machten linksum kehrt und ließen sich zu Boden fallen, und in dieser Stellung konnte Skyler die Unterkunft der Frauen in Augenschein nehmen. Er sah sie endlich als Gruppe herauskommen und ins Speisehaus gehen. Sie schwatzten miteinander und verschwanden unterwegs immer wieder für kurze Zeit hinter Büschen und Bäumen.

Skyler fühlte schon Panik in sich aufsteigen, aber dann entdeckte er Julia endlich doch. Beim Anblick ihrer vertrauten Gestalt war er erleichtert.

Im nächsten Augenblick stand Timothy auf und klatschte in die Hände — ihre Morgengymnastik war beendet. Skyler und die anderen schlenderten über den Campus davon und stießen an einer Wegkreuzung auf die Frauengruppe. Skyler kam so dicht an Julia vorüber, dass er sich hätte zu ihr hinüberbeugen und sie küssen können. Als er an ihr vorbeigehen wollte, flüsterte sie ihm rasch zu: »Ich glaub, ich hab’s! Ich kenne das Passwort!«

Skyler war vor Verblüffung sprachlos. Als die Frauen weitergegangen waren, sah er, wie sich in den Marschen die letzten Schleier des Morgennebels auflösten. Wahrscheinlich würde es doch Sturm geben.

4

Als Jude in Tylerville die Main Street entlangfuhr, hatte er keine Mühe, die dortige Polizeistation zu finden: ein quadratischer Klinkerbau im Stadtzentrum, kaum anders als Dutzende anderer Gebäude dieser Art in heruntergekommenen Kleinstädten im Dunstkreis New Yorks. Er stellte seinen Wagen auf dem mit Ölflecken übersäten Parkplatz hinter dem Gebäude unter einem schmalen Fenster ab, das zu einer Haftzelle zu gehören schien, und ging nach vorn, um die Polizeistation durch den Haupteingang zu betreten. Cops reagierten manchmal komisch, wenn man sich erlaubte, in ihrem Revier Abkürzungen zu nehmen.

Der Wachhabende ignorierte ihn, indem er ohne aufzusehen weiter in einer Ausgabe von People las. Jude legte eine Hand so auf die Theke, dass der Cop seine Anwesenheit zur Kenntnis nehmen musste. Jude zog seinen Presseausweis hervor und nannte sein Anliegen.

»Darüber müssen Sie mit Sergeant Kiley reden.«

Kein gutes Zeichen. PR-Beamte waren meist Sergeanten.

»Mit wem?«

»Kiley. Er ist für Öffentlichkeitsarbeit zuständig.«

Der Wachhabende las weiter.

»Wer leitet die Ermittlungen?«

»Darüber müssen Sie mit Sergeant Kiley reden.«

Jude wollte gerade das schmuddelige Wartezimmer betreten, als er darin einen Daily-News-Reporter, den er kannte, mit dem Rücken zur Tür sitzen sah. Er verließ das Gebäude und ging zur nächsten Straßenecke, an der er eine Telefonzelle gesehen hatte. Er wählte die Nummer der hiesigen Zeitung und verlangte den Redakteur vom Dienst. Manche Lokalblätter mochten es, wenn ein New Yorker Reporter in ihrer Stadt war, und fühlten sich geschmeichelt; andere empfanden ihn als Konkurrenten und weigerten sich, mit ihm zusammenzuarbeiten. Diesmal hatte Jude jedoch Glück. Er stellte sich vor und wurde mit der für diese Story zuständigen Reporterin — eine Kollegin namens Gloria — verbunden, die ihm erklärte, sie wolle eben den Leichenbeschauer aufsuchen, und ihn einlud, sie zu begleiten.

___________

Zehn Minuten später stand er neben Gloria, einer jungen, hübschen Frau etwa in seinem Alter auf der Veranda vor der Praxis von Dr. Norman McNichol, dem Leichenbeschauer im Ulster County. McNichol hatte seine Praxis in einem weißen Holzhaus in der Broad Street, einer von Ulmen gesäumten Wohnstraße.

Idyllisches Kleinstadtamerika, dachte Jude, als Gloria einen Finger mit blassgrünem Nagellack auf einen perlweißen Klingelknopf drückte. Drinnen war ein gedämpft anschlagender Gong zu hören. Neben der Klingel stand auf einem dezenten Messingschild MCNICHOL — BESTATTUNGEN.

»Der Leichenbeschauer betreibt also nebenbei ein Bestattungsunternehmen«, sagte Jude. »Auf diese Weise kann er sich selbst Aufträge zuschanzen — da scheint ein ziemlich klarer Interessenkonflikt vorzuliegen.«

»Oh, McNichol ist okay. Ein echtes Original. Er hat hier schon Generationen bestattet. Eltern, Kinder… alle. Er ist einfach nicht unterzukriegen.«

McNichol, ein großer, hagerer Mann unbestimmten Alters, der einen gepflegten Kinnbart trug, öffnete die Haustür und küsste Gloria zur Begrüßung nach europäischer Art auf beide Wangen. Als er Jude kräftig die Hand schüttelte, spürte dieser sofort, dass Gloria Recht hatte: McNichol war okay.

»Wir müssen nach Poughkeepsie fahren«, erklärte er ihnen. »Dort wartet unser Junge auf uns.«

Er verschwand im Haus und kam dann mit einer altmodischen Arzttasche aus schwarzem Leder zurück.

»Springen Sie in Ihren Wagen«, sagte er, als er mit elastischen Schritten die Verandatreppe hinunterlief. »Sie können hinter mir herfahren.«

McNichol raste wie ein Verrückter — typisch für jemanden, sagte Jude sich, für den der Tod etwas Alltägliches war. So dauerte es nicht lange, bis sie vor einem imposanten Klinkergebäude mit halbkreisförmiger Auffahrt hielten, in deren Mitte eine massive Metalltafel mit großen Lettern verkündete, dies sei das POUGHKEEPSIE PRESBYTERIAN HOSPITAL.

Sie hielten sich in McNichols Kielwasser, als er am Empfang vorbeistürmte und auf eine Treppe im rückwärtigen Teil der Eingangshalle zusteuerte. Sie führte zu den Autopsieräumen im Keller unter der Wöchnerinnenstation. KEIN ZUTRITT FüR UNBEFUGTE! warnte ein großes rotes Schild am Haupteingang. Sie betraten die Abteilung durch ein Nebenbüro, gingen zwischen wabenförmigen Glaskästen mit grauen Metallschreibtischen für die Krankenhausärzte hindurch und betraten den Desinfektionsraum. Seine Wände verschwanden hinter Spinden, Wäscheschränken und zwei tiefen Porzellanbecken. In den offenen Schränken lagen Stapel von ausgebleichten grünen Chirurgenkitteln, dicken weißen Schürzen, Gesichtsmasken und weißen Schuhüberzügen. Auf einem Tisch standen zwei Spenderboxen rnit cremeweißen Latex-handschuhen.

»Schutzkleidung anlegen«, befahl McNichol ihnen.

Jude hängte sein Jackett auf, schob seine Geldbörse in die Hosentasche und schlüpfte in den hinten zu schließenden Chirurgenkittel. Da er noch nie an einer Autopsie teilgenommen hatte, trat er an eines der großen Waschbecken und sah fragend zu McNichols hinüber.

»Los!«, sagte der Gerichtsmediziner aufmunternd. »Jetzt schrubben Sie sich die Hände für ihn. Um ihn vor all den mikroskopisch kleinen Tierchen an Ihnen zu schützen. Auf dem Hinausweg schrubben Sie sich die Hände nochmals — das ist dann für Sie. Um Sie vor ihm zu schützen. Der zweite Waschgang ist wichtiger, würde ich sagen.«

Er verschwand durch die zweiflügelige Schwingtür.

Jude wandte sich an Gloria, die ihren Kittel mit einer hübschen Schleife geschlossen hatte.

»Das verstehe ich nicht«, sagte er, »will er uns tatsächlich zusehen lassen?«

»Oh, das macht er öfter. Er ist, wie gesagt, ein Original. Und weil bei uns nicht viele Morde passieren, gibt er gern ein bisschen an.«

Sie folgten dem Doktor und kamen in einen kühlen und feuchten Vorraum. Vor ihnen befanden sich zwei Türen. An einer hing ein Computerausdruck mit der Aufforderung: Bitte geben Sie »ohne Kopf« an, wenn das Gehirn betroffen ist. Danke.

»Das ist der Isolierraum«, sagte McNichol. »Quarantäne. Für Leichen mit ansteckenden Krankheiten. Damit meine ich ernstlich ansteckende Krankheiten. Natürlich kann praktisch jede Krankheit von einem Menschen auf andere übertragen werden. Dort hinein kommen Leichen mit Tuberkulose, bestimmten Fieberarten, Creutzfeldt-Jakob-Krankheit… das ist Rinderwahnsinn. Aber zum Glück haben wir noch keinen CJK-Fall gehabt.« Er streckte die rechte Hand aus und klopfte mit einem Fingerknöchel auf die Rückenlehne eines Stuhls.

Dann sah er, dass Jude die Ohne-Kopf-Notiz las. »Die soll eine Beseitigung — in diesen speziellen Fällen — ohne besondere Vorsichtsmaßnahmen verhindern.«

Sie benutzten die andere Tür, die in den Sezierraum führte.

Das Erste, was Jude dort entgegenschlug, war der Geruch: eine Kombination aus Desinfektionsmitteln und etwas anderem, das bewirkte, dass seine Magennerven sich verkrampften und einen Brechreiz auslösten. Das sei Formalin, ein Fixativ, erklärte McNichol ihnen. Sie befanden sich in einem Raum mit abblätternder gelber Wandfarbe, grünen Kacheln, die bis zur halben Höhe der Wände hinaufreichten, und langen Neonleuchten an der Decke. Zwei der Wände verschwanden hinter Glasschränken mit Flaschen, sterilisierten Instrumenten und verschiedenen Glasbehältern, in denen Gegenstände schwammen, die Jude lieber nicht genau in Augenschein nahm. An einer dritten Wand befanden sich große Ausgüsse, an die sich eine Arbeitsfläche aus Edelstahl anschloss, auf denen fünf riesige Plastikkanister mit Chemikalien standen.

McNichol gab Jude ein blaues Glasgefäß mit Vaseline und forderte ihn auf, sich etwas davon in die Nase zu tupfen. »Ein alter Insidertrick«, erklärte er ihm. »Das betäubt den Geruchssinn. Ich brauche das Zeug nicht. Ich rieche hier unten schon lange nichts mehr.« Das klang fast so, als bedaure er dies.

Gloria verzichtete darauf, sich aus dem blauen Glasgefäß zu bedienen. Jude war beeindruckt. Wie viele Leichen mochte sie schon gesehen haben?

In der Mitte des Sezierraums standen zwei L-förmige Tische aus Edelstahl, deren Längsseiten parallel zueinander angeordnet waren. Die langen Schenkel der Tische hatten gelochte Oberflächen, durch die Flüssigkeiten in kleine Ausgüsse im Winkel der L-förmigen Flächen abfließen konnten. Die kurzen Schenkel boten Platz für verschiedene Werkzeuge und kleine Tupperware-Behälter, die für Gewebeproben bestimmt waren. Daneben standen zwei Metallboxen, die McNichol »Särge« nannte; beide waren mit Formalin gefüllt und würden entnommene Organe aufnehmen.

McNichol trat an die Rückwand des Raums, in die große weiße Schubfächer eingelassen waren. Er schob eine fahrbare Krankentrage darunter, zog eines der Schubfächer ganz auf, klappte das hochgestellte Schutzgitter herunter und trat auf die andere Seite, um die Fahrtrage mit einer Hüfte fixieren zu können.

»Heute ist kein einziger Gehilfe im Dienst«, sagte er. »Dabei wären sie für den Transport der Leiche aus dem Kühlfach auf den Tisch zuständig. Eigentlich dürfte ich das hier gar nicht machen.«

Er beugte sich nach vorn, griff nach einem schwarzen Leichensack und zog das Kopfende mit einem kurzen Ruck auf die Fahrtrage. Noch zwei rasche Bewegungen, dann lag die Leiche auf dem Wagen.

»Wenn Sie so freundlich sein wollen, mir etwas zur Hand zu gehen…«

McNichol nickte zu dem Handschuhspender hinüber. Das verblüffte Jude, denn Außenstehende zur Mithilfe bei einer Autopsie aufzufordern, verstieß bestimmt gegen ärztliche Regeln. Aber Gloria stand bereits an der Arbeitsplatte, stäubte ihre Hände mit Talkumpuder ein und rollte die dünnen Handschuhe mit geübtem Griff über die Finger nach unten. Also folgte Jude ihrem Beispiel, ohne sich seine Überraschung anmerken zu lassen.

Sie halfen McNichol, den Leichensack auf den L-förmigen Tisch zu heben. Er öffnete den Reißverschluss und zog die weißen Laken heraus, mit denen der Tote verhüllt war. Dann halfen sie ihm, die Leiche aus ihrem Plastikkokon zu schälen und auf der kalten Metallfläche auszustrecken. Jude war entsetzt und fürchtete jeden Augenblick, sich übergeben zu müssen. Der Körper des Toten war bläulich weiß. Das Gesicht des Mannes war zerschmettert, sodass es nur noch aus einer Masse aus geronnenem Blut, Knochen und rötlichen Muskeln bestand. Die Augen fehlten, als seien sie ausgestochen oder herausgerissen worden; sogar die Ohren waren abgerissen. Nur die dunkle Höhle des Mundes war erkennbar. Die Zunge in ihr war geschwollen und schien in einer rötlichen Flüssigkeit zu schwimmen.

»Mein Gott!«, rief Gloria erschrocken aus.

McNichol schwieg, weil er schon mit den Einzelheiten der routinemäßigen äußerlichen Untersuchung beschäftigt war. Er machte mit seinem Kugelschreiber Eintragungen auf dem Autopsiebogen und kommentierte gleichzeitig seine Befunde: »Ein Weißer, vermutlich zweiundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahre alt, Gewicht fünfundsiebzig Kilo, Größe ein Meter achtzig …« Er inspizierte jeden Quadratzentimeter des Körpers, drehte ihn von einer Seite auf die andere und suchte nach äußerlichen Kennzeichen, Narben und Verletzungen. Dann maß er Kopf- und Brustumfang sowie Länge und Umfang der Extremitäten.

Er entnahm Hautproben. Er kratzte Schmutz unter den Fingernägeln heraus, wischte mit Wattebäuschen über die Verletzungen, wog die Proben und steckte sie in kleine Glasfläschchen. Schließlich trat er vom Tisch zurück, um den Gesamteindruck auf sich wirken zu lassen.

»Nun«, meinte er nachdenklich, »die Augäpfel kann ich jedenfalls nicht untersuchen.«

Er schien die Leiche erstmals ganz zu betrachten und ihre grotesken Verstümmelungen wahrzunehmen.

»Derartige Verletzungen habe ich schon ein paar Mal gesehen«, sagte er in unheilvollem Tonfall. »Aber diese hier sind ein wenig anders.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Jude.

»Na ja, normalerweise sind Verstümmelungen ein Zeichen von Wut. Der Mörder hasst das Opfer — hasst es leidenschaftlich. So sehr, dass er es angreift und verstümmelt und manchmal sogar weitermacht, wenn das Opfer längst tot ist. Fast als wolle er es ausradieren, vom Angesicht der Erde tilgen. Und es gibt noch ein weiteres Szenarium, das eng mit dem ersten zusammenhängt. In diesem Fall empfindet der Täter plötzlich Reue und verstümmelt die Leiche — fast als versuche er, seine Tat ungeschehen zu machen —, um alle Spuren zu Verwischen. In beiden Fällen ist Leidenschaft im Spiel, bestimmt sehr starke Gefühle. Das lässt im Allgemeinen auf eine enge Beziehung zwischen Opfer und Täter schließen. Und das erleichtert der Polizei die Arbeit ungemein. Ein Ehemann, ein Liebhaber, ein Spanner. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass der Mord binnen achtundvierzig Stunden aufgeklärt wird, worauf der Täter in Handschellen auf die Polizeistation gebracht wird, wo er in Tränen aufgelöst zusammenbricht und sein scheußliches Verbrechen gesteht.«

McNichol verstummte.

»Und was ist mit diesem Fall?«, fragte Jude.

»Der junge Mann ist offenbar verstümmelt worden, damit er nicht identifiziert werden kann.«

»Woher wissen Sie das?«

»Erstens ist der Täter methodisch vorgegangen.«

McNichol berührte den Schädel des Toten an der leicht gewölbten Stirn, wo der Knochen freilag. »Hier und hier sind Einschnitte gemacht worden, um die Haut wie Schinkenstreifen abziehen zu können. Sehen Sie, wie sorgfältig gearbeitet worden ist? Geduldig, pedantisch. Der Mörder — wenn wir annehmen, dass der Täter sein Opfer selbst verstümmelt hat — hat sich reichlich Zeit gelassen. Und dazu kommt die Sache mit den Händen.«

Er hob die Arme des Toten und drehte sie so, dass sie mit nach oben gekehrten Handflächen auf dem Metalltisch lagen. Jude, der immer weniger empfindlich wurde, je mehr ihn diese Geschichte fesselte, beugte sich darüber. Die Finger- und Daumenspitzen waren blasig schwarz.

»Versengt«, fuhr McNichol fort. »Davon kann niemand mehr Fingerabdrücke nehmen — außer vielleicht einen Teilabdruck von diesem hier.« Er packte den Ringfinger der linken Hand und zog ihn hoch. »Unser Täter scheint alle möglichen Tricks gekannt zu haben. Ganz zu schweigen von dem Eigenartigsten überhaupt.«

McNichol wartete. Er wollte gefragt werden, und Jude tat ihm diesen Gefallen.

»Und was ist das?«

»Hier, sehen Sie sich das an.« McNichol trat ans untere Ende des Seziertischs, hob den rechten Fuß der Leiche an und drehte ihn etwas nach außen, sodass die geschwollenen Genitalien des Toten hochgedrückt wurden und die rosa Innenseite seines rechten Oberschenkels deutlich sichtbar war. In ihrer Mitte war ein fast exakt runder Ausschnitt von der Größe eines halben Silberdollars zu sehen.

»Weiß der Himmel, was das zu bedeuten hat. Aber auch hier wurde methodisch und präzise vorgegangen.« Der Gerichtsmediziner ließ den Fuß sinken, trat an den Oberschenkel des Toten und fuhr mit seinem Zeigefinger den Wundrand entlang. »Jemand hat ein Messer schräg hineingestoßen und im Kreis herumgeführt, als wolle er eine Auster heraushebeln.«

Jude wünschte sich, er würde es unterlassen, solche kulinarischen Metaphern zu gebrauchen.

»Vielleicht hatte er dort ein Muttermal, eine Narbe oder sonst ein unveränderliches Kennzeichen«, schlug Gloria vor.

»Schon möglich. Aber das ist keine sichtbare Stelle. Und man kann sich schwer vorstellen, dass es darüber irgendwelche Aufzeichnungen geben soll. Wozu sich also die Mühe machen, etwas in dieser Art zu entfernen?«

»Was ist die Todesursache?«, fragte Jude.

»Ah«, sagte McNichol, als habe der Klassenbeste endlich die entscheidende Frage gestellt. »Schuss in den Hinterkopf. Professionell ausgeführt. Wahrscheinlich mit einer Waffe Kaliber 32, aber das wissen wir noch nicht bestimmt. An seinen Handgelenken sind Einschnürungen und Druckstellen zu erkennen. Ich denke, er hat gefesselt auf dem Boden gekniet, als die Kugel von schräg oben abgefeuert wurde. Er ist erst erschossen und dann verstümmelt worden.«

Vielleicht doch ein Auftragsmord der Mafia, dachte Jude. Aber dann fiel ihm ein, dass in der Agenturmeldung gestanden hatte, die Leiche sei im Unterholz eines Waldes aufgefunden worden. Wollte die Mafia einen Mord geheim halten, endete der Tote nicht an einem Ort, wo er entdeckt werden konnte — und erst recht nicht auf dem Seziertisch eines Gerichtsarztes.

In einer Ecke des Raums stand ein durchsichtiger Plastikbeutel, der Kleidungsstücke zu enthalten schien. Jude glaubte, obenauf ein rotes Polohemd zu sehen. McNichol folgte seinem Blick.

»Seine Kleidung«, erklärte er. »Die nehmen wir uns später einzeln vor.«

Jude schaute auf seine Uhr. »Sonst noch irgendwas Sehenswertes?«

»Eine weitere Sache, aber da müssen Sie noch warten.«

McNichol arbeitete eine halbe Stunde lang mit einem Skalpell mit langem Griff und einer Becton-Dickerson-Klinge Nr. 22 an der Leiche, wobei er jeden Schnitt kommentierte, als schildere er eine Ausflugsfahrt durch eine exotische Landschaft.

»Der erste Schnitt führt von der Vorderseite der Achselgrube der vorderen Axillarlinie folgend unter den Brustwarzen vorbei zum Schwertfortsatz des Brustbeins. Von dort aus bewegen wir uns mit einem kleinen Bogen um den Nabel nach Süden weiter, bis wir die Schambeinfurche erreichen, die hier liegt.«

Der Gerichtsmediziner sah zu Gloria auf.

»Übrigens sollte ich hinzufügen, dass dieses Verfahren nicht empfehlenswert ist, wenn der Tote im offenen Sarg aufgebahrt werden soll.«

Er arbeitete weiter.

»Wie Sie sehen, haben wir uns damit den Zugang zu Brust- und Bauchraum geschaffen.«

Jude hielt die Luft an. Der Anblick war weniger schlimm als befürchtet. McNichol durchtrennte Hautlappen und die Bauchmuskulatur. Dann griff er nach einer Stichsäge, trennte Schlüsselbeine und Rippen keilförmig durch und hob die Brustplatte ab wie ein Oberkellner, der den Deckel von einer Platte mit dem Hauptgang nimmt.

Diesmal war der Anblick widerwärtig. Das Herz, das an ein festgebundenes Stück rotes Fleisch erinnerte, die erbärmlich zusammengeschrumpfte Lunge, die Brustdrüse — alles in einer Brühe aus Schleim und Körperflüssigkeit schwimmend. Jude bekam weiche Knie und stützte sich unauffällig mit einer Hand auf dem Rand des Metalltisches ab.

McNichol arbeitete rasch weiter. Er benutzte eine große Spritze, um die seröse Flüssigkeit zwischen den Organen des Brustraums und dem Zwerchfell abzusaugen, und füllte sie in einen Plastikbehälter. Er fotografierte Herz und Lunge und hielt das Größenverhältnis zwischen Herz und Brustraum fest. Als Nächstes band er die Koronargefäße ab, klemmte Luft- und Speiseröhre ab, schnitt durch Zwerch- und Rippenfell und nahm zuletzt Herz und Lunge ganz heraus.

McNichol sah tief in den Bauchraum und machte weitere Aufnahmen. Dann entfernte er die Eingeweide, klemmte den Darm ab, zertrennte ihn zwischen den beiden ersten Abschnitten des Dünndarms und unmittelbar vor dem Rektum und legte ihn für spätere Untersuchungen beiseite. Dann griff er mit beiden Händen in den Bauchraum und hob eine Vielzahl von Verdauungsorganen heraus: Leber, Gallenblase, Bauchspeicheldrüse, Speiseröhre, Magen und Zwölffingerdarm.

Jude konnte nun bis unter die Bauchdecke sehen. Er hatte jedoch kaum Zeit, das Harnsystem — Nieren, Harnleiter und Harnblase — zu identifizieren, bevor es als Ganzes herausgenommen wurde.

»Sehen Sie mal auf den Vordruck«, forderte McNichol Jude auf. »Für wie alt habe ich diesen Kerl geschätzt?«

»Auf zweiundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahre.«

Der Gerichtsmediziner wirkte sekundenlang leicht verwirrt — das erste Mal, dass seine Selbstsicherheit ins Wanken zu geraten schien.

»Zu jung. Das sehe ich bei einem Blick auf diese Organe — das ist viel zu jung. Wie kann ich mich so getäuscht haben?«

McNichol untersuchte jedes Organ eingehend wie ein Juwelier, der Edelsteine unter die Lupe nimmt. Sie wurden einzeln von Blut und Fett gesäubert, gewogen, fotografiert und wie ein Laib Brot in Scheiben geschnitten. Jedes Organ wurde von Flüssigkeiten leergesaugt und lieferte dann eine Gewebeprobe von der Größe eines Silberdollars, die in einem mit Formalin gefüllten Plastikeimer landete. Von diesen Proben würden hauchdünne Schnitte angefertigt, sagte McNichol, um bei der histologischen Untersuchung unter dem Mikroskop begutachtet zu werden.

Schließlich kam der Clou — das Gehirn. McNichol führte einen halbkreisförmigen Schnitt von Ohr zu Ohr übers Schädeldach und klappte die Haut zurück. Dann setzte er die Stichsäge ein, um mit schrillem Geräusch und Brandgeruch den Schädel aufzuschneiden, nahm die Schädeldecke ab und legte sie geistesabwesend zur Seite.

McNichol griff nach einem Messer mit Wellenschliff, zerschnitt die harte Hirnhaut, griff tief in den Schädel und durchtrennte die Blutgefäße am Hirnstamm. Er hob das Gehirn heraus, hielt es hoch und sagte: »Da haben wir’s.« Sein behandschuhter Zeigefinger stocherte in einem Loch herum, bis ein kleines Geschoss mit stumpfer Spitze herausfiel. Das Gehirn legte er in einen großen Behälter mit Formalin.

Jude, der das Gefühl hatte, der unerbittlich näher rückende Redaktionsschluss sitze ihm im Nacken, sah erneut auf die Uhr. McNichol schien mit Aufräumarbeiten beschäftigt zu sein. Er legte Schädeldach und Brustplatte an ihren Platz zurück und säuberte den Toten mit einem blauen Tuch.

»Ich will nicht drängeln«, sagte Jude, »aber was ist diese Sache, auf die es sich zu warten lohnen sollte?«

»Ich hab sie nicht vergessen«, antwortete McNichol.

Der Gerichtsmediziner stand hinter dem Kopf der Leiche. Er beugte sich nach vorn, öffnete den jetzt freien Mund und forderte Gloria und Jude auf, einen Blick hineinzuwerfen. Das taten sie, ohne zu erkennen, was er ihnen zeigen wollte.

»Was soll das?«, fragte Gloria. »Ich sehe nichts.«

»Genau«, antwortete McNichols, der sich vor Stolz aufzuplustern schien. »Sie sehen nichts. Keine einzige Plombe. Jeder Zahn kräftig und makellos. Bei einem erwachsenen Mann Mitte Zwanzig. Wann haben Sie zum letzten Mal ein solches Gebiss gesehen?«

Jude und Gloria wechselten einen Blick.

»Natürlich«, fuhr der Gerichtsmediziner fort, »trägt das nur dazu bei, das Problem zu vergrößern.«

»Das Problem?«

»Seine Identifizierung. Vermutlich ist er nie beim Zahnarzt gewesen. Kein Zahnschema, keine Röntgenaufnahmen. Das macht eine Identifizierung praktisch unmöglich.«

___________

Jude bat darum, ein Büro mit Telefonanschluss benutzen zu dürfen, und bekam eines im ersten Stock mit Blick auf den rückwärtigen Parkplatz des Krankenhauses. Eine Sekretärin brachte ihm sogar eine Tasse Kaffee, die er durstig trank.

Er schaltete seinen Laptop ein und tippte das Schlagwort für die Story: Slay, das traditionelle Kennwort für den sensationellsten Mord des Tages. In einer halben Stunde war die Story fertig. Jude schrieb siebenhundert Wörter und legte besonderes Gewicht auf das forensische Material — die verbrannten Fingerspitzen, die perfekten Zähne —, weil solche Details erkennen ließen, dass er der Autopsie persönlich beigewohnt hatte. Außerdem achtete er darauf, McNichol als eine Art Helden zu schildern, wobei er sich an den Rat eines längst verstorbenen Redakteurs hielt, der immer gesagt hatte: »Es lohnt sich, zu Leuten großzügig zu sein, die einem eines Tages nützlich sein können.« Er schloss sein Modem an die Telefonleitung an, hörte das pfeifende Hicksen, mit dem die Verbindung hergestellt wurde, und schickte seine Story zur 666 Fifth Avenue.

Als Jude an diesem Abend nach New York zurückfuhr, dachte er an Gloria. Er hatte sie in ihrer Redaktion abgesetzt, nachdem seine Story fertig war.

»Gehen wir später noch essen?«, hatte sie mit etwas mehr als nur kollegialer Wärme gefragt. »Ich kenne ein gutes Naturkostrestaurant, falls Sie auf diesem Trip sind.«

Das war er nicht. Er hatte den Verdacht, ihr Angebot bedeute mehr als nur ein gemeinsames Abendessen, aber wenn er an seine lange Heimfahrt, an die grausigen Bilder im Seziersaal und aus irgendeinem Grund sogar an Betsy und die Beleidigungen dachte, di sie ihm vor Monaten an den Kopf geworfen hatte, verging ihm die Lust, es anzunehmen.

Jude hatte ihr seine Hand hingestreckt, um sich zu verabschieden. Gloria hatte sie geschüttelt und dabei wissend gelächelt.

»Sie haben’s eilig, was? Reporter großer Zeitungen kommen gern mal für einen Tag zu uns rauf. Dann helfen wir euch, aber das Erstaunliche ist, dass ihr’s trotzdem schafft, irgendetwas falsch zu machen.«

Das hatte gesessen.

Trotzdem, fand er, war die Story, die er abgeliefert hatte, nicht schlecht gewesen. Und er hatte nichts falsch gemacht, davon war er überzeugt. Er begann, sich Schlagzeilen auszudenken — ein beliebter Zeitvertreib. »Opfer im Blutrausch verstümmelt?« oder »Leiche gibt Rätsel auf« oder »Gesichtsloser Horror in N.Y. State«.

Er fühlte sich nicht schlecht. Ganz und gar nicht schlecht.

___________

Als Jude am nächsten Morgen in Shorts und T-Shirt hinunterlief, um sich den Mirror vom Zeitungsstand zu holen, erlebte er einen Schock. Die Story stand nicht nur nicht auf Seite eins, sondern er konnte sie überhaupt nicht finden! Er legte die Zeitung auf einen Briefkasten, begann mit Seite drei und blätterte den ganzen Mirror durch, wobei sein Zorn mit jedem Umblättern zunahm. Schließlich entdeckte er sie — ganz hinten auf Seite zweiundvierzig, zwischen Anzeigen für BHS eingeklemmt. Und sie war auf vier Absätze zusammengeschrumpft. Kaum genug für die Erwähnüng seines Namens.

Jesus!

So viel Arbeit. Nach Tylerville rauffahren, den Gerichtsmediziner beschwatzen, damit er einen bei der Autopsie zusehen ließ, die Daily News austricksen…

So viel Arbeit — und jemand hatte seine Story verstümmelt and im Blattinneren vergraben.

Er rannte wieder in seine Wohnung, zog sich um und fuhr in die Redaktion. Als er quer durch den Raum Leventhal erkannte, brüllte er seinen Namen.

Leventhal winkte ihn in sein Goldfischglas-ähnliches Büro, dessen eine Seite voll verglast war, damit er in die Redaktion hinaussehen konnte. Das Dumme war nur, dass die Redaktion auch hineinsehen konnte. Aber das war Jude in seiner Empörung egal.

»Ich kann’s nicht glauben!«, schrie er. »Meine Story ist Klasse gewesen! Warum zum Teufel haben Sie sie gekürzt?«

Leventhal starrte ihn ausdruckslos an und mimte den Ahnungslosen. Schließlich dämmerte ihm etwas.

»Oh. Sie meinen die Sache in New Paltz. Brüllen Sie deshalb wie ein Verrückter herum?«

»Ja, verdammt noch mal! Die hätte auf die Titelseite gehört!«

»Titelseite?«

Leventhal sah sich nach der heutigen Zeitung um und warf sie mit dramatischer Geste auf den Schreibtisch.

»Das ist was für die Titelseite!«

Jude las die Schlagzeile: DOPPELTES DILEMMA FüR POLIZEI. Darunter stand in kleinerer Schrift: Eineiige Zwillinge wegen Mordverdachts verhaftet. Welcher ist’s gewesen?

Er las den ersten Absatz. Die Story handelte von zwei Anwälten, die Zwillingsbrüder waren; einer von ihnen wurde verdächtigt, in der Upper East Side eine Blondine erwürgt zu haben. Der andere würde ihn vertreten, sobald die Frage ihrer Identität geklärt war.

Jude gestand sich das nicht gern ein, aber Leventhal hatte Recht.

»Trotzdem hätten sie meine Story nicht ganz hinten vergraben mussen.«

»Vergraben? Sie hat so viel Platz bekommen, wie sie verdient, Harley. Klar, sie enthält ein paar grausige Details, aber vorläufig handelt sie nur von einem anonymen Toten. Sehen Sie zu, dass Sie seinen Namen rauskriegen, dann verbreiten wir Ihre Story in ganz Amerika. Okay?«

Jude bemühte sich, seinen Zorn neu zu schüren, aber Leventhals Schlag hatte zu gut gesessen. Er blickte auf und versuchte die Kollegen zu zählen, die hereinstarrten und ihn beobachteten. Es waren mindestens ein halbes Dutzend. Auch Leventhal sah sie und lief puterrot an.

»Verdammt noch mal!«, brüllte er los. »Ich bin der Wochenendredakteur, und ich entscheide, was in die Montagsausgabe kommt. Ich hab’s satt, dass Leute meine Entscheidungen in Frage stellen. Und jetzt raus mit Ihnen!«

Jude verließ den Raum. Aber als er später darüber nachdachte, kam ihm die Sache merkwürdig vor. Leventhal war sonst nicht der Typ, der einen anbrüllte. Irgendwie hatte er sich zu sehr aufgeregt. Jude sprach mit Clive darüber, um seine Meinung zu hören, aber der junge Redaktionsassistent zuckte lediglich mit den Schultern.

5

Skyler klopfte an die Tür von Kutas Hütte. Er wusste, dass der Alte zu Hause war, denn er hatte sein Boot, dessen verölter Außenbordmotor zu einer der vielen Reparaturen auf einem Baumstumpf in der Nähe festgeschraubt war, am Steg vertäut gesehen. Draußen in der kleinen Bucht begann der Wind, den Wellen kleine Schaumkronen aufzusetzen.

Ihm war schon den ganzen Tag ängstlich zumute — seit er morgens Julia begegnet war und sie ihm das mit dem Passwort zugeflüstert hatte. Er hatte in der Nähe des Flugplatzes auf sie gewartet, so lange er nur konnte. Als sie nicht aufgetaucht war, hatte er ihr im Briefkasten eine Nachricht hinterlassen, sie solle sich heute Nachmittag mit ihm bei Kuta treffen — das erste Mal, dass Skyler es wagte, so etwas vorzuschlagen, und ein Beweis dafür, wie verzweifelt er war. Jetzt würde er hier auf sie warten, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass sie in Sicherheit war. Aber er hatte ein schlechtes Gefühl bei der ganzen Sache.

Die Tür wurde geöffnet, und Kuta starrte ihn mit blutunterlaufenen Augen an.

»Kind, du siehst verstört aus. Was ist passiert?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er in den Wohnraum voraus. Drinnen war es angenehm kühl.

»Setz dich«, sagte er und nickte zu dem Sessel hinüber. Er füllte einen Kessel mit Teewasser.

Skyler saß einige Zeit schweigend da, dann vertraute er sich Kuta an. Er erzählte von Patricks Tod und wie Julia und er die Leiche in dem Kühlraum im Keller entdeckt hatten; er berichtete von dem Gedenkgottesdienst und Julias Detektivarbeit. Er sprach ganz allgemein über seine Ängste um sie, aber das war schwierig — er schien dabei immer einen Kloß im Hals zu haben. Zuletzt schwieg er bedrückt.

Kuta schüttelte langsam den Kopf.

»Da geht viel Merkwürdiges vor«, meinte er schließlich. »Das sage ich schon seit Jahren. Haufenweise komische Dinge. Und das hier ist der Gipfel. Es ist nicht natürlich, dass ein Junge in seinem Alter plötzlich stirbt. Die Leute im Labor sind irgendwelche Teufelsanbeter, glaub ich. Da ist irgendein Antichrist am Werk.«

Kuta war in den letzten Jahren gläubig geworden und hatte sogar versucht, Skyler Bibelstunden zu erteilen, um ein Gegengewicht zu »all den falschen Lehren«, wie er sie nannte, zu schaffen.

Er stand auf, nahm zwei angeschlagene Becher von einem Regal, hängte einen Teebeutel in den ersten und goss heißes Wasser in die Becher. Nach einer Minute gab erden Teebeutel in den zweiten.

»Das ist die Erklärung für das Flugzeug«, fuhr er fort. »Anscheinend startet die kleine Maschine jedes Mal, wenn’s einen dieser Todesfälle gegeben hat. Ich hab sie vor kaum zwei Stunden zurückkommen hören.« Er sprach von dem Sportflugzeug, das in einem Wellblechhangar neben der Startbahn des Flugplatzes abgestellt war. Skyler hatte es zu verschiedenen Zeiten gehört, aber nie besonders darauf geachtet.

»Was meinst du mit Erklärung? Was tut das Flugzeug deiner Ansicht nach — außer Post zu befördern?«

»Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich es immer wegfliegen sehe, wenn’s irgendwelche Schwierigkeiten gibt — du weißt schon, einen medizinischen Notfall.«

»Wie meinst du das? Was willst du damit sagen?«

Skyler wurde immer aufgeregter. Er bedauerte, hergekommen zu sein.

»Ich sage gar nichts. Und ich meine überhaupt nichts. Halt jetzt den Mund und trink deinen Tee.«

Eine Minute später stellte Kuta eine Frage.

»Glaubst du, dass sie ihn operiert haben?«

»Patrick?«

»Ja.«

Skyler nickte. Er wollte sich nicht auf gemeinsame Spekulationen mit dem Alten einlassen. Kuta stand ihm nahe, näher als jeder andere außer Julia. Aber er schreckte davor zurück, die Befürchtungen und Verdachtsmomente, die ihn so sehr beschäftigten, in Worte zu fassen — alles das gehörte zu dem Teil seines Lebens, den er nur mit ihr teilen wollte. Und er hatte erst recht keine Lust, jetzt darüber zu sprechen, wo sie vielleicht irgendwo dort draußen umherirrte.

Er stand auf und schaltete das auf dem alten Kühlschrank stehende Radio ein. Aus dem Lautsprecher kam Musik von einem Trio aus Geige, Gitarre und Akkordeon — Zydeco, sagte Kuta dazu. Dann setzte sich Skyler wieder in den Sessel und wartete auf Julia.

___________

Nach dem dritten Stück gelangte er zu der Überzeugung, irgendetwas sei schief gegangen. Er sah zum hundertsten Mal auf die an der Holzwand hängende alte Küchenuhr, deren dicke schwarze Zeiger nur langsam vorankrochen. Julias tägliche Arbeitszeit im Archiv war vor über einer Stunde zu Ende gegangen.

Skyler stand mit einem Ruck auf und stellte das Radio ab. Er musste losgehen und sie suchen. Als er sich an Kuta vorbeidrängte, sah er seinen besorgten Gesichtsausdruck, hatte aber erneut keine Lust, ihm etwas zu erklären — diesmal, weil er keine Zeit mehr verlieren wollte, denn seine Besorgnis war plötzlich in Angst umgeschlagen. Er bildete sich ein, in seinem Kopf eine leise Stimme — ihre Stimme — zu hören, die ihn um Hilfe rief.

Er war mit einem Satz aus der Tür. Und jetzt schien die Stimme in seinem Kopf laut zu kreischen.

Auf halber Strecke des Pfades glaubte er, jemanden in den Büschen zu sehen, ein überraschtes Gesicht, das ihn beobachtete — Tyrones Gesicht unter seinem feuerroten Haarschopf. Vielleicht war er ihm gefolgt, hatte ihn bespitzelt. Ihn kümmerte das nicht. Er rannte quer durch den Wald, wich Bäumen aus und sprang über abgebrochene Äste. Der Sturm nahm zu. Er fühlte sein Herz rasen. Irgendetwas ist schrecklich schief gegangen. Seine zur Gewissheit werdende Angst trieb ihn vorwärts, und er rannte, so schnell er nur konnte.

Als er den Campus erreichte, fing es bereits zu regnen an. Er sah sich rasch um, während er über das Gelände spurtete, über einen kleinen Bach sprang und den Exerzierplatz überquerte. Zum Glück war keiner der Altesten in der Nähe. Er erreichte die Männerunterkunft, riss die Fliegengittertür auf und stürmte hinein. Bis auf einige junge Männer, die in einer Ecke Musik hörten, lagen die meisten in ihren Kojen. Sie starrten Skyler an, als er nach Atem ringend vor ihnen stand.

»Julia«, keuchte er. »Wo ist sie? Habt ihr sie gesehen?«

Er las die Antwort in ihren verwirrten Blicken, machte auf dem Absatz kehrt und rannte wieder hinaus. Der Regen wurde stärker, als er erneut den Exerzierplatz überquerte. Er konnte nicht mehr laufen, sondern nur noch schnell gehen, weil er schmerzhaftes Seitenstechen hatte. Er glaubte fast, die Blicke der anderen, die sich hinter der Fliegengittertür der Männerunterkunft zusammendrängten, in seinem Rücken zu spüren.

Was er tat, war geradezu unerhört. Kein Mann der Altersgruppe hatte jemals die Frauenunterkunft betreten.

Er hörte wieder die flehende Stimme in seinem Kopf. Hilfe! Hilf mir!

Als er zu den Frauen hineinstürmte, wichen sie erschrocken vor ihm zurück, und eine kleinere Gruppe drängte sich übertrieben melodramatisoh in einer Ecke des Schlafsaals zusammen. Aber er wusste, erkannte sofort, dass sie den Grund seines Kommens errieten, und etwas an ihrer Reaktion und ihrem Gesichtsausdruck sagte ihm, dass seine Angst durchaus begründet war. Etwas war nicht in Ordnung. Und ein rascher Blick in die Runde zeigte Skyler, dass sich Julia nicht unter ihnen befand.

»Wo ist sie?«, fragte er laut.

Manche sahen unsicher zu Boden, andere wandten sich ab. Aber eine der Frauen, Julias Freundin Sarah, näherte sich ihm mitfühlend, während sie sprach.

»Julia ist nicht hier«, sagte sie leise. »Sie ist gegen Mittag abgeholt werden. Mit ihren Untersuchungen sei irgendwas nicht in Ordnung gewesen, haben sie gesagt.«

Ihre Worte trafen Skyler wie Peitschenhiebe. Das hatte er die ganze Zeit über befürchtet, ohne es sich selbst eingestehen zu wollen. Irgendwas nicht in Ordnung! Das sagten sie immer. Er fühlte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte und zu erstarren schien. Vor seinem inneren Auge erschien Patrick, der tot und kalt auf einer Steinplatte lag. Warum hatte er sie das tun lassen? Warum, warum, warum?

Er machte kehrt und rannte aus der Tür in den Sturm hinaus. Den Regen und das Seitenstechen nahm er gar nicht mehr wahr. Er hatte nur einen Gedanken: Julia. Er musste sie finden. Er musste sie sehen. Er musste sie retten.

Skyler betrat den Keller des Großen Hauses durch dieselbe Tür, die Julia und er erst vor wenigen Tagen benutzt hatten. Diesmal kümmerte ihn nicht, ob er gesehen wurde oder etwa Spuren gewaltsamen Eindringens hinterließ. Er drehte den Türknopf nach links und drückte die Tür mit einer Schulter auf.

Drinnen war es dunkel, und er knipste das Licht an. Das Archiv sah nicht anders aus als neulich. Auf einem der Schreibtische lag ein hoher Stapel Papiere, der mit einem runden Stein beschwert war. Er bewegte sich jetzt langsam — nicht aus Angst, sondern aus Furcht davor, was er entdecken könnte. Er durchquerte den Raum in die Richtung, in die er gegangen war, als Julia vor dem Computer gesessen hatte.

Skyler kam an die Tür des kleinen Operationssaals, fühlte die Kälte des Messingknopfs in seiner Hand, wappnete sich und stieß die Tür auf.

Sein Blick fiel sofort auf die Tote.

Ein blasser Lichtkegel beleuchtete sie von oben, tauchte sie in einen gelblichen Schimmer. Sie lag nackt auf dem Rücken. Ihr schön gerundeter Hals war leicht zur Seite geneigt. Ihr dunkles Haar lag um ihren Kopf herum ausgebreitet und floss über den weißen Metalltisch, als treibe sie auf dem Rücken liegend in einem See. Ihre Gesichtszüge waren heiter und kalt wie Porzellan: die Stirn faltenlos, die Augen geschlossen, die klassisch schöne Nase leicht nach oben gebogen. Sie sah aus, als wollte sie im nächsten Augenblick sprechen.

Skyler konnte nicht denken, konnte nichts empfinden. Er machte benommen einen langsamen Rundgang um den Metalltisch, trat in den auf ihn gerichteten Lichtkegel und blickte auf die Tote herab — auf den einzigen Menschen, den er mehr als sein Leben geliebt hatte. Und dabei reagierte er merkwürdig distanziert, gefühllos, als weigere sein Gehirn sich, die von seinen Augen gelieferten Informationen zu verarbeiten. Er streckte eine Hand aus und berührte ihre Schulter. Sie fühlte sich nicht kalt an.

Nun erst sah er den Einschnitt, eine dunkelrot klaffende Wunde, die nicht weit oberhalb der Taille auf dem Rücken begann. Sie zog sich bis über den Bauch, und es sah so aus, als hätte man ihr Organe entnommen. Bei näherer Betrachtung wirkte ihr Körper deshalb so klein und zusammengeschrumpft. Und da sein Gehirn jetzt wieder auf niedrigstem Level funktionierte, begannen auch seine Augen zu sehen. Sie nahmen Einzelheiten, wie die kleine Blutlache unter der Wölbung ihres Rückens wahr und die Stelle, wo es auf die Bodenfliesen getropft war und einen kleinen roten Bach bildete, der zu dem Ablauf auf der anderen Seite des Tisches floss.

Skyler konnte nicht hören. Er konnte nicht atmen. Er war in einem Kokon aus Benommenheit gefangen — aber er stand kurz davor, ihn zu durchbrechen. Er spürte, wie ein Zittern ihn durchlief. Es begann tief unten im Kreuz, schraubte sich durch die Wirbelsäule nach oben und explodierte zuletzt mit einem grellweißen Lichtblitz im Gehirn. Hilfe!, schien die Stimme in seinem Kopf Wieder zu rufen. Hilfe, Hilfe! Aber sie rief nicht mehr für Julia um Hilfe, sondern für ihn.

Er versuchte zu denken, ruhig nachzudenken. Sie war operiert worden, das war offensichtlich. Aber warum? Die Frau, die er liebte, ihr kostbarer Leib …von Händen aufgeschnitten, die sich in ihm bewegten, die nach ihren Organen griffen, sie heraushoben. Diese Barbaren!

Vorbei. Sie ist tot.

Und während er das dachte, hatte er das Gefühl, aus betäubend kalten Meerestiefen aufzutauchen. Er wusste, dass sie als Nächstes kommen würden, um ihn zu ermorden.

Skyler spürte, dass er weiche Knie bekam, und lehnte sich an einen Tisch hinter ihm. Sein Blick glitt über Julia hinweg, nahm jetzt alles bewusst wahr. Auf der Arbeitsplatte sah er chirurgische Instrumente, Gläser mit Flüssigkeiten, Wattebäusche, Spritzen und eine kleine Säge, deren Zähne mit Blut verklebt waren. Er griff nach einem Skalpell, hielt es hoch und sah, dass seine Klinge ebenfalls blutig war. In einer Ecke des Raums stand ein fahrbares Metallgestell, an dem ein halb leerer Plastikbeutel hing, aus dem ein langer dünner Schlauch herausführte. Daneben befand sich eine weitere Arbeitsplatte, über der ein Kellerfenster mit oben angebrachten Scharnieren in die Wand eingelassen war.

Dann fiel sein Blick wieder auf die Leiche, und die Realität ihres Todes traf ihn wie ein Keulenschlag. Skyler taumelte und hielt sich krampfhaft am Rand der Arbeitsplatte fest. Er fühlte den Drang, etwas zu tun. Sollte er sie vom Tisch heben? Sollte er sie in irgendetwas einhüllen und forttragen? Aber wohin?

Plötzlich hörte er ein Geräusch: Schritte auf der Treppe. Er rannte quer durch den Raum zur Tür, drehte den Schlüssel und hörte das Schloss klicken. Auf der anderen Seite der Tür kamen die Schritte näher. Jemand versuchte, den Türknopf zu drehen — erst einmal, dann ein zweites Mal, und danach rüttelte dieser Jemand daran. Skyler lief durch den Raum, sprang auf die Arbeitsplatte und entriegelte das Fenster. Es ließ sich nach außen öffnen. Dicke Regentropfen klatschten gegen die Scheibe. Er warf das Messer voraus, hechtete in die Fensteröffnung, stemmte sich auf beide Ellbogen und schlängelte sich durch den Fensterrahmen. Seine wild um sich schlagenden Füße trafen den IV-Ständer, der krachend umfiel. Ein weiterer Ruck, dann war er draußen. Noch auf den Knien, sah er sich ein letztes Mal nach der in dem gelblichen Lichtkegel liegenden Toten um. Als die Tür aufflog, kam er gerade auf die Beine — einen Augenblick zu früh, um sehen zu können, wer hereinkam. Er hob das Messer auf, hielt es senkrecht in der Hand und rannte durch den Regen davon.

Er wollte nach Norden in Richtung Wald flüchten, aber zuerst musste er noch etwas erledigen. Er stürmte in den Vortragssaal, der leer und dunkel vor ihm lag, und lief im Mittelgang nach vom zum Podium. Er blieb vor dem Porträt Dr. Rincons stehen und starrte einen Augenblick lang das unergründliche Gesicht an. Dann hob er das Messer und stieß es bis zum Heft durchs Glas, das klirrend zersplitterte. Er hatte Mühe, die Klinge wieder herauszuziehen. Bevor er sich abwandte, fiel ihm auf, dass ein kleiner roter Blutfleck — von ihrem Blut — auf dem Schwarzweißfoto zurückgeblieben war. Man hätte meinen können, den guten Doktor habe ein tödlicher Messerstich mitten ins Herz getroffen.

Wäre das nur wahr gewesen!

6

Jesus, murmelte Jude vor sich hin, während er auf dem Weg zu seinem Interview die York Avenue entlangging.

Vor einer Stunde hatte der Lokalredakteur höchstpersönlich die Lautsprecheranlage benutzt, um ihn zu sich zu rufen. Das war eine besonders erniedrigende Methode, einen Auftrag zu erteilen, die der Mirror zur Perfektion entwickelt hatte. So wurde der Reporter zu einem Spießrutenlauf durch die Reihen seiner Konkurrenten gezwungen, die ihm nichts Gutes wünschten.

»Dead Man Walking«, murmelte ein vierzigjähriger Kollege aus dem Mundwinkel heraus, als Jude an ihm vorüberging.

Die üble Laune, die hinter dieser Bemerkung steckte, war ein Hoffnungsschimrner — vielleicht wusste der andere, um welchen Auftrag es sich handelte, und war nur neidisch —, aber ein Blick auf Ted Bolevil, den Lokalredakteur, genügte, um alle Hoffnungen fahren zu lassen. Seine Stirn war gerunzelt. Bolevil, ein kleiner, rotgesichtiger Australier, galt als Tibbetts Laufbursche und war deshalb in der Redaktion verhasst. Sein Spitzname war natürlich »Boll Weevil« — Die bevorzugte Kurzförm lautete »The Weevil«, weil sie an »Wiesel« erinnerte.

»Harley. Ich möchte, dass Sie mir einen Hintergrundartikel schreiben. Eineiige Zwillinge. Ihr Verhalten und die Gründe dafür.«

»Was?« Jude wusste, dass das ein mieser Auftrag war. Der Mirror versuchte, die Story mit dem mörderischen Zwilling und seinem ehrbaren Bruder auszuwalzen; nachdem sich herausgestellt hatte, dass einer der beiden nebenbei Rennpferde züchtete, hatte die heutige Schlagzeile gelautet: WELCHEM ZWILLING GEHöREN DIE PFERDCHEN? Die Story lief sich allmählich tot, und Bolevil wollte sie mit Hintergrundartikeln aufpeppen. Jude hatte keine Lust, seine Zeit mit Recherchen zu vergeuden. Er wollte den rätselhaften Mord in New Paltz weiterverfolgen.

»Sie haben gehört, was ich gesagt habe. Das interessiert die Leute. Eineiige Zwillinge. Vielleicht bei der Geburt getrennt. Sie kennen solche Features? Zwei Fotos von Leuten, die genau gleich aussehen. Sie wissen schon — wie Tony Blair und der Eseltreiber aus Pinocchio.«

Jude starrte ihn einfach nur an. Bolevil wurde unruhig.

»Aber Ihr Artikel sollte seriös sein. Wissenschaftlich. Was wird aus ihnen? Wieso ergreifen beide den gleichen langweiligen Beruf? Oder heiraten Blondinen… irgendwas in dieser Art. Sie wissen, was ich meine?«

Das wusste Jude leider nur allzu gut.

»Streuen Sie neue Forschungsergebnisse ein«, verlangte Bolevil. »Wissenschaftler forschen wie verrückt. Bahnbrechende Erkenntnisse. Warum ist einer gut und einer böse? Wie stellt man fest, wer die schlechten Anlagen hat? Sie wissen schon, solche Sachen.«

Seine Art, in bruchstückhaften Sätzen zu sprechen, war nur eine seiner irritierenden Angewohnheiten, aber bei weitem nicht die störendste.

»Das gibt gute Bilder«, fügte er hinzu. »Haben wir nur einen Zwilling, können wir ihn zweimal knipsen … haha.«

Bolevil kehrte Jude den Rücken zu und begann mit einem kleinen Seufzer, der andeuten sollte, welche Bürde auf den Schultern eines führenden Zeitungsmachers lag, in seinem Einlaufkorb herumzuwühlen. Ende der Diskussion.

Eseltreiber in Pinocchio!

___________

Jude fand die Adresse, die er suchte, 1230 York, den Toreingang zur Rockefeller-Universität. Er ging einen Hügel hinauf, kam an Männem vorbei, die das Gras mähten, und betrat die von Efeu überwucherte Founders Hall. Eine Büste von John D. begrüßte ihn. Er lehnte sich an die Empfangstheke, angelte einen Zettel aus der Tasche und las den Namen, den er im elektronischen Archiv seiner Zeitung gefunden hatte.

»Dr. Tierney, Forschungsabteilung«, sagte er zu der uniformierten Dame am Empfang. Als sie den Mund öffnete, kam er ihrer Frage zuvor, indem er ihr mitteilte: »Sie erwartet mich.«

Er wurde aufgefordert, Platz zu nehmen. Nach den in New York üblichen zehn Minuten Wartezeit — nicht lange genug, um unhöflich zu sein, aber ausreichend, um ihn spüren zu lassen, dass er ein unerwünschter Eindringling war — wurde er in den dritten Stock hinaufbegleitet. Dort nahm er gegenüber einer Sekretärin Platz, die mit zwei Fingern tippte. Sie musterte ihn von oben bis unten, dann nahm sie gemächlich den Telefonhörer zur Hand.

»Der Gentleman vom Mirror«, sagte sie mit langen Pausen zwischen den Worten.

Eine Tür ging auf, und heraus kam eine aparte junge Frau, die über einem blauen Rock einen weißen Laborkittel trug, in dessen Brusttasche eine Brille steckte. Sie hatte langes schwarzes Haar, das bis auf die Schultern fiel, und interessante Ringe unter den Augen.

»Ich bin Dr. Tierney«, sagte sie, während sie ihn musterte und ihm ihre Hand hinstreckte, die sich kräftig und warm anfühlte. »Elizabeth Tierney«, fügte sie hinzu.

»Jude Harley.«

»Tut mir Leid, dass Sie warten mussten. Mir hat niemand gesagt, dass Sie da sind.«

Die Sekretärin zog leicht die Augenbrauen hoch.

Jude gefiel diese Entschuldigung. Die Frau war offenbar nicht von hier, und ihre Aussprache klang nach Mittlerem Westen. Sie war ungefähr dreißig, schätzte er, etwa in seinem Alter.

Sie standen sich einen Augenblick schweigend gegenüber, bevor sie sich leicht abwandte und ihn aufforderte: »Wollen Sie nicht hereinkommeh?«

In ihrem Büro mischte sich Dienstliches mit Privatem: medizinische Wälzer neben Lyrikbänden. Jude erspähte Yeats, Blake und Baudelaire, um nur ein paar zu nennen. Überall lagen Stapel von Computerausdrucken zwischen persönlichen Dingen — Briefe, ein Sportwagen aus Drahtkleiderbügeln, eine übervolle Telefonkartei und gerahmte Fotos auf dem Fensterbrett. An der Wand hingen ein Dartboard mit Einsteins Gesicht, ein Kandinsky-Druck, ein großes Poster von einer menschlichen Zelle, gerahmte Diplome und eine Pinnwand mit angehefteten Ansichtskarten, viele davon mit tropischen Stränden. Über Dr. Tierneys Schreibtisch waren zwei geschnitzte afrikanische Statuetten angebracht.

»Möchten Sie einen Kaffee?«, fragte sie, indem sie Jude mit einer Handbewegung Platz anbot.

Er nickte dankend, fügte hinzu, er trinke ihn mit Milch und Zucker, und freute sich, als er sah, dass sie ihn selbst aus einer Art Teeküche nebenan holte. Zwei Punkte.

Angenehm überrascht war er auch, dass sie sich bei ihrer Rückkehr nicht hinter ihrem Schreibtisch verkroch, sondern in einem Sessel am Kopfende des Couchtischs Platz nahm, sodass sie ihm gegenübersaß. Räumliche Nähe erleichtert jedes Interview, dachte er, während er ein winziges Diktiergerät aus der Tasche zog und das eineinhalb Zentimeter große Mikrofon auf seinem kleinen Metallständer ihr zugewandt aufbaute.

»Das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme«, erklärte er ihr. »Für den Fall, dass Sie sich zu theoretisch und wissenschaftlich ausdrücken. Aber wenn es Sie stört, benutze ich es nicht.«

»Nein, das stört mich überhaupt nicht«, erwiderte sie, und ihr Tonfall zeigte, dass sie es ernst meinte. An Selbstbewusstsein mangelte es ihr jedenfalls nicht.

»Ich vermute, dass Sie wegen des Mordfalls hier sind, in den die beiden Anwälte verwickelt sind«, begann sie. »Eine grässliche Sache.«

»Allerdings. Aber je grässlicher, desto besser für unser Blatt, fürchte ich.«

Sie nickte zustimmend. »Das trifft wohl auf alle zu. Trotzdem gefällt mir Ihr Sportteil.«

Nun war er wirklich beeindruckt. Drei Punkte.

Jude betrachtete die auf massiven weißen Blöcken montierten afrikanischen Statuetten an der Wand, die im Licht der Deckenstrahler glänzten. Sie waren etwa zwanzig Zentimeter hoch, aus Ebenholz geschnitzt und spiegelglatt poliert. Auf den ersten Blick wirkten sie identisch: unverhältnismäßig große Köpfe mit weit aufgerissenen ovalen Augen, Schmucknarben auf den Wangen und sorgfältig geschnitzten, blau bemalten kleinen Mützen. Beide waren mit einem Perlengürtel, einem Messingring am linken Handgelenk und einem Schultercape aus Kaurimuscheln geschmückt. Aber ihre übergroß dargestellten Genitalien zeigten, dass es sich um einen Mann und eine Frau handelte.

Dr. Tierney folgte seinem Blick.

»Iloeji«, sagte sie. »Sie kommen aus Nigeria, aus dem Jorubaland im Süden. Die Joruba schnitzen sie bei jeder Zwillingsgeburt.«

Er war fasziniert und überlegte, wie er die Figuren in seinen Artikel einarbeiten könnte. Sie bemerkte sein Interesse und fuhr fort in ihrer Erklärung.

»Die Eltern bestellen sie bei Meisterschnitzern und geben dafür Viel Geld aus, denn je reicher verziert diese Statuen sind, desto besser. Jede stellt einen der Zwillinge dar. Die ibeji werden sorgfältig aufbewahrt, aber sobald die Zwillinge erwachsen sind, haben sie ihren Zweck erfüllt und sind wertloser Plunder, der weggeworfen oder heutzutage meist für einen lächerlich geringen Betrag an einen Händler verscherbelt wird, der sie dann für teures Geld an Touristen weiterverkauft.

Sollte jedoch einer der Zwillinge sterben — ein Fall, der sehr häufig eintritt —, erhält die ihn verkörpernde Statue einen großen spirituellen Wert. Sie wird wie das Kind gekleidet, bekommt zu essen, wird abends zu Bett gebracht und nimmt bei allen Geburtstagen und Zeremonien seinen angestammten Platz ein. Man glaubt, der fehlende Zwilling könne nur auf diese Weise besänftigt werden. Sonst wird er eifersüchtig und zornig und erscheint, um den überlebenden Zwilling mit sich ins Totenreich hinabzuziehen.«

Sie lächelte. »Das kommt daher, weil die beiden Zwillinge sich eine gemeinsame Seele teilen müssen. Zumindest lautet so die Theorie.«

Jude betrachtete die beiden genauer — die sanft gewölbten Bäuche, das heitere Lächeln, die ovalen Augen. Sie wirkten geheimnisvoll und majestätisch, als existierten sie in einer anderen, in einer zeitlosen Welt. Auf seltsame Art erinnerten sie an Feten.

»Sie sind schön«, sagte er.

»Ich freue mich, dass sie Ihnen gefallen«, erwiderte sie aufrichtig erfreut. »Ich finde sie auch schön.«

Nach kurzer Pause, schaltete Jude das Diktiergerät ein, zog sein Notizbuch heraus und meinte: »Nun, wir sollten allmählich anfangen, glaube ich.«

Er begann mit einigen Aufwärmfragen. Ihr Alter: dreißig. Ihre Heimatstadt: White Fish Bay, Wisconsin. Ihre Eltern: Ihr Vater war Arzt, ihre Mutter Hausfrau. Ihre Ausbildung: University of California in Berkeley, dann University of Minnesota als Postgraduierte und drei Jahre Medical School an der Duke University.

Sie sei keine praktizierende Ärztin, erklärte sie ihm, sondern forsche als Biologin mit Zusatzausbildung als Medizinerin. Für Zwillingsforschung interessiere sie sich erst seit einigen Jahren beruflich.

Er notierte sich ihre Antworten. Sein Notizbuch war eher eine Requisite, weil das Diktiergerät jedes Wort aufzeichnete. Jude hatte gelernt, den Informationsfluss mit Hilfe seiner Notizen zu steuern — er konnte den Hahn aufdrehen, indem er enthusiastisch mitschrieb, und wieder zudrehen, indem er gelangweilt mit dem Kugelschreiber aufs Blatt tippte. Aber er merkte sehr schnell, dass diese Frau wenig Ermutigung brauchte, um über ihre Forschungsarbeit zu sprechen.

»Wissen Sie, warum Wissenschaftler so begeistert von eineiigen Zwillingen sind? Wir fahren jedes Jahr zu ihrem Treffen nach Twinsburg in Ohio, bauen dort Stände auf und verfolgen sie unerbittlich, um sie dazu zu bringen, sich für alle möglichen Studien zur Verfügung zu stellen. Wissen Sie, warum wir das tun?«

Jude nickte leicht; das konnte »ja« oder »bitte weiter« bedeuten. Sie fuhr fort.

»Zwillingsstudien sind ein wertvolles Forschungsmittel.«

Das notierte Jude sich.

»Monozygote Zwillinge — Zwillinge, die einer befruchteten Eizelle entstammen, die sich geteilt hat — sind ein Zufallsprodukt der Natur. Sie sind ein kleiner Ausrutscher, ein Sprung im Spiegel, durch den wir sehen können, was dahinter liegt. In ihnen stehen uns zwei Menschen gegenüber, die genetisch absolut identisch sind. Ihre Gene sind nach allen Kriterien hundertprozentig gleich.«

»Ja, ich verstehe.« Jude hörte auf, sich Notizen zu machen.

»Wir haben es also mit zwei identischen Menschen zu tun, die in Bezug auf ihr Erbgut gleich, aber in Bezug auf ihre Lebensumstände unterschiedlich sind. Das ist ein Miniexperiment, mit dem wir versuchen, die alte Frage zu beantworten: Was zählt mehr — Veranlagung oder Erziehung? Angeborene Verhaltensmuster oder anerzogene?«

»Ich erinnere mich«, sagte Jude. »Biologie, Kurs 201.«

»Eher Kurs 101, der Einführungskurs. Vermutlich kennen Sie die Kernpunkte der einschlägigen Untersuchungen. Alle diese Zufälle, die unglaublich erscheinen und immer wieder gern zitiert werden: Wie zwei identische Jungen oder Mädchen, die in verschiedenen Städten aufwachsen, ohne Verbindung zu haben oder auch nur voneinander zu wissen, letztlich Leben führen, die sich auf fast unheimliche Weise gleichen. Wissenschaftler lieben es, solche Fälle zu studieren, Zeitungen lieben es, darüber zu berichten, und wir alle lieben es, solche Geschichten zu lesen.«

Sie stand auf, trat an ihren Schreibtisch und wühlte in einer Schublade. »Hier, sehen Sie sich das an«, sagte sie und reichte Jude einen vergilbten Zeitungsausschnitt. »Ein alter Beitrag aus einem Konkurrenzblatt.«

Vor ihm lag ein Artikel aus der New York Post vom 9. Mai 1979 über eineiige Zwillinge, die 1939 in Piqua, Ohio, als unehehche Kinder zur Welt gekommen waren. Die beiden Jungen waren von verschiedenen Familien adoptiert worden und hatten sich erst vierzig Jahre später wieder gesehen. In dem Artikel wurden erstaunliche Ähnlichkeiten aufgezählt. Jude notierte sich, was einer der Zwillinge gesagt hatte: »Als ich meinem Bruder zum ersten Mal begegnet bin, ist’s mir so vorgekommen, als sähe ich in einen Spiegel.«

»Vorsicht!«, sagte Dr. Tierney. »Dieses Zeug kann süchtig machen. Der dänische Psychologe Juel-Nielsen hat sogar einen Namen dafür erfunden: monozygote Monomanie.«

Sie lächelte, lehnte sich zurück und sah, dass er sich weiter Notizen machte.

»Ich will mich nicht in Ihre Arbeit einmischen«, sagte sie, »aber dürfen Sie das?«

Jude blickte auf und stellte fest, dass sie sein Notizbuch anstarrte.

»Oh, weil ich das alles aus der Post abschreibe? Sie wissen doch, wie’s bei uns heißt: ›Gute Autoren machen Anleihen, große Autoren klauen.‹«

Als sie nicht wie erwartet lächelte, fügte er rasch hinzu: »Nein, das ist Völlig in Ordnung, solange man die Quelle nennt.«

Sie nickte und sprach dann weiter.

»Viele Untersuchungen, die sich rnit getrennt aufgewachsenen Zwillingen befassen, sind an der University of Minnesota durchgeführt worden, was in den Twin Citys nahe liegt. Dort lehrt Professor Thomas J. Bouchard, mit dem ich — allerdings leider nur kurz — zusammengearbeitet habe. Er hat ein Zentrum für Zwillings- und Adoptionsforschung gegründet. Bouchard befasst sich seit 1979 mit Zwillingen — seit ihm ein Artikel über diese Zwillinge, von denen Sie in der Post gelesen haben, in die Hände gefallen ist.

Jim Lewis und Jim Springer. Die beiden hatten zufällig denselben Vornamen erhalten. Äußerlich sind sie sich sehr ähnlich gewesen: schlaksig, einen Meter achtzig groß, etwa achtzig Kilo schwer, dunkles Haar, braune Augen. Nicht alle monozygoten Zwillinge weisen ein so hohes Maß an körperlicher Übereinstimmung auf. Aber die eigentliche Überraschung kam erst, als die Brüder anfingen, ihre Lebensgeschichten zu vergleichen: Beide hatten eine Frau namens Linda geheiratet, waren geschieden worden und hatten danach eine Frau namens Betty geehelicht. Jim Lewis hatte seinem ersten Sohn den Namen James Alan — A-l-a-n — gegeben. Jim Springer nannte seinen ersten Sohn James Allen — A-l-l-e-n.

Wirklich faszinierend war die Übereinstimmung in vielen kleinen Dingen, aus denen ihr Alltag bestand. In ihrer Jugend hatten beide einen Hund, der Toy hieß. Ihre Adoptivfamilien fuhren in den Ferien an den gleichen Strand in Florida. Beide arbeiteten im Strafvollzug. Sie hatten die gleichen Hobbys: Blaudrucken, Zeichnen und Tischlern. Sie tranken sogar das gleiche Bier — Miller — und rauchten beide Salem. Und ihre Ergebnisse bei verschiedenen Tests waren so identisch, als hätte ein Mann die Testbogen zweimal ausgefüllt.«

Jude notierte sich alles. Das war gutes Material. Natürlich war es schon veröffentlicht worden — zum Teil vor zwei Jahrzehnten —, aber vielleicht konnte er doch einiges davon für seine Story übernehmen.

»Sie brauchen sich keine Notizen zu machen«, sagte Dr. Tierney. »Ich will Sie nicht entmutigen, aber das alles hat erst vor ein paar Jahren in einem Zeitungsartikel gestanden.«

Judes Herz sank. Sie stand auf, blätterte in einem Stapel in ihrem Bücherregal, zog ein Magazin heraus und kam mit einem Exemplar von The New Yorker zurück. Er warf einen Blick aufs Titelblatt und schrieb sich das Datum auf: 7. August 1995.

»Augenblick, ich suche Ihnen die Stelle über Bouchards frühe Arbeiten heraus.« Sie schlug eine Seite auf, die mit einer Büroklammer markiert war, und fasste ihren Inhalt für Jude zusammen.

»Zu den ersten Zwillingspaaren, mit denen Bouchard sich beschäftigte, gehörten zwei Frauen: Daphne Goodship und Barbara Herbert. Die beiden waren adoptiert worden und lebten neununddreißig Jahre lang im Großraum London. Als sie sich 1979 auf einem Bahnhof begegneten, trugen beide ein beiges Kleid und eine braune Samtjacke. Sie hatten Dutzende von kleinen Ähnlichkeiten — zum Beispiel verkrümmte kleine Finger, die beide daran gehindert hatten, mit zehn Fingern Schreibmaschme zu schreiben oder Klavier spielen zu lernen. Beide hatten seit einem Treppensturz im Alter von fünfzehn Jahren empfindliche Knöchel. Beide waren mit sechzehn zu einer Tanzveranstaltung gegangen, auf der sie ihren späteren Mann kennen gelernt hatten. Beide hatten bei ihrer ersten Schwangerschaft eine Fehlgeburt erlitten; beide hatten danach zwei Jungen und ein Mädchen bekommen. Sie hatten die gleichen kleinen Ticks und Gesten — beispielsweise die Angewohnheit, sich beim Lachen die Nasenspitze mit einem Zeigefinger zu reiben, was sie ›rubbeln‹ nannten. Und so fort. So geht’s von Zwillingspaar zum anderen weiter.«

Jude stellte rasch eine Frage: »Aber müsste man nicht auf jeden Fall mit einigen verrückten Zufällen rechnen, wenn man bedenkt, wie viele Menschen — und Zwillinge — es gibt? Ich meine, wenn Sie und ich unsere Leben genau vergleichen würden … würden wir da nicht auch auf fast unheimliche Übereinstimmungen stoßen? Wir sind 1986 beim selben Rockkonzert gewesen, wir benutzen die gleiche Zahnpasta, wir haben Onkel mit den gleichen Vornamen. Vor allem, wenn man Übereinstimmungen sucht. Und wir würden natürlich alle Unstimmigkeiten ignorieren, die nicht in dieses Schema passen.«

Dr. Tierney lächelte. »Ich finde Ihre Skepsis lobenswert — bei einem guten Reporter gehört sie vermutlich zum Handwerk. Und ich habe anfangs ganz ähnlich gedacht.«

Sie schlug die Beine übereinander, und Jude hatte Mühe, sich wieder auf sein Interview zu konzentrieren.

»Aber das Universum aus Menschen, von denen wir reden, ist klein. Seit es Hormonbehandlungen bei Unfruchtbarkeit gibt, wächst die Zahl der monozygoten Zwillinge, aber ihre Zahl ist weiterhin überschaubar. Statistisch gesehen kommen auf tausend Geburten etwas mehr als drei Zwillingsgeburten. Und die Zahl der aus unterschiedlichen Gründen getrennt aufwachsenden Zwillinge ist verschwindend klein. Als Bouchard mit seiner Forschungsarbeit begonnen hat, waren nur neunzehn getrennte und wieder vereinte Zwillingspaare bekannt. Heutzutage sind es mehr. Die Fachliteratur enthält Hinweise auf hunderteinundzwanzig, über die bisher über dreißig Bücher und Artikel geschrieben wurden. Trotzdem sind das nicht allzu viele, und das Bemerkenswerte sind die sehr zahlreichen Übereinstimmungen bei einer so kleinen Gruppe.

Ja, zwei etwa gleichaltrige Menschen — wie Sie und ich, sagen wir mal —, wir könnten uns hinsetzen und unser Leben, unsere Gewohnheiten und unsere Vorlieben vergleichen, bis wir viel Gemeinsames gefunden hätten.«

Sie lächelten sich an, und er fragte sich: Meint sie vor allem sich und mich?

»Das habe ich übrigens schon getan — ich meine, ich habe Kontrollgruppen mit zwei willkürlich ausgewählten Versuchsteilnehmern gebildet, um zu sehen, was ihnen alles einfallen würde. Sperrt man sie längere Zeit zusammen, ist’s oft erstaunlich, mit welch verblüffenden Gemeinsamkeiten sie aufwarten. Aber nicht so viele wie voneinander getrennte Zwillinge und nicht in so verschiedenen Lebensbereichen. Interessant an diesen Untersuchungen ist auch, dass die Gemeinsamkeiten sich auf bestimmten Gebieten häufen, als gebe es gewisse Kategorien, in denen sie zulässig seien. Man könnte fast glauben, die Ähnlichkeiten seien vorausbestimmt. Eine Veranlagung zu Alkoholismus, Rauchen oder Selbstmord — ist sie bei einem Zwilling vorhanden, kann man damit rechnen, sie auch beim anderen zu finden. Warum sollten sie ebenso oft heiraten und sich scheiden lassen? Oder den gleichen Beruf und die gleichen Hobbys haben? Selbst viele ihrer gesellschaftlichen und politischen Ansichten sind gleich. Wieso sollten Zwillinge ähnliche Ansichten zu Fragen wie Todesstrafe, arbeitende Mütter oder Apartheid haben? Wieso sollten sie in Bezug auf Kaffee den gleichen Geschmack haben? Nicht jedoch — versuchen Sie mal, das zu enträtseln — in Bezug auf Tee?«

Ihre Handbewegung galt seiner leeren Tasse.

»Weil wir gerade von Tee sprechen … möchten Sie noch einen?«

Jude schüttelte dankend den Kopf. Er wollte nicht, dass sie jetzt noch einmal wegging.

»Was Sie wirklich verblüffen wird, sind die Parallelen in der körperlichen Entwicklung. Zwillinge leiden oft im gleichen Alter an den gleichen Krankheiten — okay, das könnte man erwarten. Aber die Parallelen gehen noch viel weiter. Es gibt Fälle, in denen beide gleichzeitig einen Mitesser an der gleichen Stelle ihrer Nase bekommen haben. Wie soll man das erklären? Existiert irgendwo ein bösartiges kleines Gen, dessen einziger Zweck es ist, Heranwachsenden für gewisse Zeit das Leben schwer zu machen? Verbringen wir unser gesamtes Dasein etwa in einer riesigen ferngesteuerten Zeitkapsel?«

Ihre Augen blitzten jetzt.

»Was ist der kausale Faktor dafür — wieso passiert das alles? Welche Erklärung gibt es für solche Parallelen? Zwischen allen von uns gibt es Ähnlichkeiten, das gebe ich zu. Aber bei eineiigen Zwillingen gehen sie weit über den Durchschnitt hinaus und treten gehäuft in denselben Bereichen auf. Kaffee, aber nicht Tee wie lässt sich das alles erklären?«

Die Sekretärin klopfte. Dr. Tierney musste zu einer Besprechung.

»Die dauert nur ein paar Minuten«, erklärte sie Jude. Sie warf ihm das Exemplar von The New Yorker zu.

Der von Lawrence Wright verfasste Artikel trug die Überschrift . »Double Mystery«. Er begann mit einer Beschreibung der eineiigen Zwillingsschwestern Amy und Beth, die in den sechziger Jahren in New York zur Welt gekommen und von verschiedenen Familien adoptiert worden waren. Die beiden Mädchen, »Blondinen mit hellem Teint, kleinen ovalen Gesichtern und leichten Stupsnasen«, müssen hübsch gewesen sein. Wie es der Zufall wollte, waren die Adoptivfamilien, die nicht wussten, dass ihr Kind eine Zwillingsschwester hatte, sich äußerlich ähnlich: jüdische Familien, in denen die Mutter nicht arbeitete und die Kleine einen älteren Bruder hatte. Aber Beth schien es besser getroffen zu haben. Ihre Familie war wohlhabender und solider. Noch wichtiger war, dass ihre Adoptivmutter sie liebevoll behandelte; sie war in ihre neue Tochter vernarrt, nahm sie in den Schoß der Familie auf und las ihr alle Wünsche von den Augen ab. Auch ihr Adoptivvater war aufmerksam und liebevoll.

Amys Mutter hingegen litt unter Übergewicht, fühlte sich unsicher und fing an, in ihrer Tochter eine bedrohliche Rivalin zu sehen. Die Familie — Mutter, Vater und Sohn — verbündete sich gegen das Adoptivkind und schloss es als Fremdling aus. So war es kein Wunder, dass sich bei Amy Probleme einstellten: Sie kaute Nägel, weinte, wenn sie allein gelassen wurde, war Bettnässerin und hatte Albträume. Mit zehn Jahren ließ sie alle Symptome eines vernachlässigten Kindes erkennen: Sie war schüchtern und unsicher, erfand Krankheiten, lebte in einer Phantasiewelt, die ihr Rollen eingab, die sie dann spielte, war verwirrt in Bezug auf ihre sexuelle Identität und hatte große Lernschwierigkeiten. Was hätte man angesichts ihrer Familienverhältnisse auch anderes erwarten sollen?

Aber was war mit Beth, die doch alle Vorteile auf ihrer Seite gehabt hatte?

Dies war der Teil der Story, der Jude verblüffte. Denn auch Beth ließ als kleines Kind die gleichen Anzeichen für innere Unruhe erkennen: Sie lutschte am Daumen, kaute Nägel, klammerte sich an ihre Decke und machte ins Bett. Später wurde sie ebenfalls ängstlich und hypochondrisch, spielte Rollen und hatte Probleme mit ihren Freundinnen und in der Schule. Natürlich gab es gewisse Unterschiede zwischen den beiden Schwestern. Aber im Grunde genommen spielten die sichere und liebevolle Familie, die materiellen Vorteile und die bessere gesellschaftliche Stellung keine allzu große Rolle, wenn es darauf ankam, die inneren Dämonen zu besiegen.

Jude war fasziniert. Weshalb sollte Beth ebenso verstört sein wie Amy? Das widersprach allem, was Vernunft und gesunder Menschenverstand sagten. Gab es so etwas wie ein biologisches Schicksal? Beeinflusste es die Charakterbildung stärker als alles andere, stärker als Familienleben, Erziehung,ßildung, eingeimpfte Werte, Zufall? Und wo blieb dabei der freie Wille des Menschen? Die tief in uns allen verwurzelte Überzeugung, dass wir unsere Entscheidungen tatsächlich selbst treffen und uns ändern können, wenn wir uns genug Mühe geben? Jude hatte sein Leben lang geglaubt, er wäre vielleicht ein anderer Mensch geworden, wenn er statt bei Pflegeeltern bei seinen richtigen Eltern aufgewachsen wäre: vielleicht weniger einsam, dafür selbstsicherer und gebender, wie Betsy es ausgedrückt hätte. War diese Annahme falsch gewesen?

Dr. Tierney kam zurück, und er legte die Zeitschrift beiseite. Sie hatte ihren weißen Arztkittel gegen eine Tweedjacke vertauscht, unter der sie eine Seidenbluse trug, deren offener Kragen den Blick auf eine dezente Perlenkette um ihren schlanken Hals freigab. Sie musste offenbar fort. Jude war enttauscht — er hatte angenommen, dass ihnen mehr Zeit für das Interview bleiben würde.

»Tut mir Leid, aber ich fürchte, ich hätte noch ein paar Fragen, wenn das nicht zu unverschamt ist.«

»Natürlich.« Sie lächelte. »Sorry, ich muss jetzt weg — leider ist etwas dazwischengekommen. Aber Wir können uns gern noch einmal treffen.«

»Vielleicht schon morgen? Ich musste den Artikel spatestens übermorgen abliefern.«

»Ja, das lässt sich machen.«

»Wir könnten uns auch anderswo treffen, wenn das für Sie einfacher ist. Ich rufe Sie an.«

Sie nickte.

»Danke, Dr. Tierney. Damit tun Sie mir einen großen Gefallen.«

»Bitte …Tizzie. So nennen mich die meisten Leute.«

»Also gut, Tizzie.«

Sie gaben sich die Hand.

Jude sah sich ein letztes Mal in ihrem Arbeitszimmer um. Mit frisch geschärftem Blick erkannte er, dass die meisten der gerahmten Fotos ein älteres Paar zeigten — vermutlich ihre Eltern. Auf weiteren Aufnahmen waren ein schöner Irish Setterund eine Gruppe junger Leute, die mit einem Schlauchboot unterwegs war und vor einem Kabrio posierte, zu sehen. Aber er konnte kein Foto von Tizzie allein mit einem Mann entdecken.

Als er später wieder auf der Straße stand, fragte er sich, warum das wichtig zu sein schien.

7

Skyler rannte durch den Regen, war vor Schmerz wie von Sinnen und merkte kaum, dass seine völlig durchnässten Sachen, die an Brust und Beinen klebten, wie Gewichte an ihm hingen. Er wusste nicht, wohin er gehen sollte. Er hatte keinen Plan, sondern wollte nur weg von hier, wollte alles hinter sich lassen und einen Zufluchtsort finden, an dem er sich verkriechen und in Ruhe über sein zukünftiges Leben nachdenken konnte. In dessen Mittelpunkt würde etwas stehen, das sich tief in sein Herz eingebrannt hatte der Wunsch, Julia zu rächen. Sie würden für ihren Tod büßen, dafür würde er sorgen. Nur das zählte jetzt noch.

Seine Füße trugen ihn nach Norden, dorthin, wo der Wald lag. Er kannte sich dort aus, wusste, wie er sich Schlangen, Rotwild und Wildschweinen gegenüber verhalten musste. Er würde sich im Wald verstecken und anfangen, seine Rache zu planen. Er erinnerte sich an den Muschelwall, auf dem Raisin und er manchmal gespielt und den Indianer angeblich vor Hunderten von Jahren als Verteidigungswall erbaut hatten. Dort konnte einen niemand überraschen. Dorthin wollte er als Erstes.

Dann hörte er die Hunde.

Anfangs war ihr Bellen nur ein undeutliches Geräusch, das mit dem Wind an- und abzuschwellen schien. Aber der nächste Donnerschlag schien die Luft zu reinigen, sodass das heisere Gekläff der Meute jetzt deutlich zu hören war. Wenn die Pfleger ihn aufspürten, war er erledigt. Sie waren im Stande, ihn auf der Stelle umzubringen und zu verscharren. Oder sie würden ihn gefesselt und geknebelt ins Große Haus zurücksehaffen, damit er aufgeschnitten werden konnte wie Julia. Er rannte schneller, aber er wusste, dass er dieses Tempo nicht mehr lange würde durchhalten können.

Er verließ den Weg und platschte durch knietiefes Sumpfwasser weiter, verlor den Boden unter den Füßen und versank bis zur Brust in schlammigem Wasser. Er rappelte sich wieder auf und bewegte sich nun langsamer vorwärts. Er spürte etwas Kaltes in seiner rechten Hand, und als er hinuntersah, stellte er überrascht fest, dass er noch immer das Messer umklammert hielt.

Als der Sumpf tiefer wurde, kam er nur noch im Kriechtempo voran. Er stolperte über einen versunkenen Baumstamm und klatschte der Länge nach ins Wasser. Als er wieder aufgestanden war, schleppte er sich weiter und erreichte eine winzige Insel, die sich um einen einzelnen Baum herum gebildet hatte, zog sich an ihm hoch, blieb an den Stamm gelehnt stehen und holte keuchend Luft. Der Regen bildete jetzt eine fast undurchdringliche Wand. Die Sichtweite betrug nur wenige Meter — aber die Hunde waren noch immer zu hören. Ihr Kläffen klang letzt heller, irgendwie enttäuscht, als würden sie durch etwas daran gehindert, die Fährte weiter zu verfolgen. Vielleicht hatten sie seine Spur verloren und würden ihr nicht durchs Wasser folgen können. Dieser Gedanke ließ ihn neue Hoffnung schöpfen. Er sprang ins Wasser, bewegte sich mit weit ausholenden Armbewegungen und langen Schritten vorwärts. Bald verfiel er in einen Rhythmus, der ihn schneller voranbrachte. Trotz Regen und Kälte war er in Schweiß gebadet.

Von Zeit zu Zeit durchzuckte ihn wieder die Erinnerung an Julias Leichnam, wie er da starr und ausgeweidet vor ihm gelegen hatte, und dieses Bild erfüllte ihn mit Zorn und bestärkte ihn in seiner Entschlossenheit, dem Unwetter zu trotzen und seinen Verfolgern zu entkommen. Die Zeit verging. Skyler hatte längst zu denken aufgehört und watete mechanisch weiter.

Dann kam er abrupt zu sich. Der Regen war schwächer und das Wasser seichter geworden — es reichte ihm nur noch bis zu den Knien. Er ging weiter, bis er wieder festes Land unter den Füßen spürte. Der Sumpf lag hinter ihm. Er brach erschöpft zusammen und blieb lange so liegen, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können.

Skyler setzte sich ruckartig auf. Seine Benommenheit war von ihm abgefallen. Wie lange war er schon hier? Seine Muskeln schmerzten. Er horchte angestrengt, aber das Kläffen der Hunde war nicht mehr zu hören. Als er durch die Zweige über sich sah, stellte er fest, dass die Sturmwolken sich verzogen hatten. Die Abenddämmerung sank herab. Er würde einen sicheren Unterschlupf für die Nacht finden müssen.

Er dachte über seine Lage nach, die äußerst misslich war. Sie würden nicht aufhören, Jagd auf ihn zu machen — das wusste er. Sie würden niemals aufgeben und ihm auf den Fersen bleiben, auch wenn er sich noch so weit in die nördlichen Wälder flüchtete. Und früher oder später würden sie ihn aufspüren. Irgendein Zufall würde ihnen zur Hilfe kommen — der verräterische Rauch eines Feuers, oder er würde ihnen in die Arme laufen, während er ein Stück Wild verfolgte. Oder die Hunde würden die Wälder durchkämmen und seine Spur aufnehmen. Er hatte nur eine Chance, wenn er von der Insel flüchtete. Aber wie? Raisin hatte es versucht und war dabei umgekommen — in der heimtückischen Strömung vor den Marschen ertrunken.

Die Antwort kam so plötzlich, als habe sein Unterbewusstsein sie längst bereitgehalten: Kutas Boot. Es war wegen seines defekten Außenbordmotors nicht benutzbar, aber Kuta konnte ihn reparieren und wusste vor allem auch, auf welchem Weg man durch die Untiefen zum Festland hinüberkam. Der Alte war der Einzige, an den Skyler sich wenden konnte; Kuta würde ihn bestimmt nicht abweisen, wenn er ihm erklärte, dass es um Leben und Tod ging. Auf dem Festland konnte Skyler untertauchen und seine Rache planen. Irgendwie würde er es schon schaffen zu überleben. Aber die Vorstellung, zur »anderen Seite« überzusetzen, erfüllte ihn mit Angst. Er wusste nicht, was ihn dort drüben erwartete.

Als Erstes musste er Kutas Hütte erreichen. Es war notwendig, die Dunkelheit abzuwarten, bevor er umkehren und einen Bogen um den Sumpf machen konnte, um zur Wiese zu gelangen. Von dort aus würde es möglich sein, den Campus zu umgehen und zuletzt den schmalen Küstenstreifen zu erreichen, auf dem die Gullah lebten.

Der Abend kam rasch. Skyler schlich lautlos durch das Unterholz und benutzte gelegentlich sein Messer, um sich einen Weg zu bahnen. Schließlich stieß er auf einen Pfad, der in die von ihm gewünschte Richtung führte. Überall um sich herum hörte er das tiefe Quaken von Ochsenfröschen. Der klare Abendhimmel über ihm wurde jetzt dunkel, und durch die Zweige funkelten bereits die ersten Sterne.

Der schmale Weg, auf dem er sich befand, kreuzte einen breiteren, der spitzwinklig von ihm wegführte. Skyler folgte ihm etwa eine halbe Stunde, bis er die Wiese erreichte. Er machte an ihrem Rand Halt. Sie wirkte fast unirdisch friedlich. Der niedrig über dem Horizont stehende Mond warf seinen silbrigen Glanz über das hohe gelbe Gras, das der Nachtwind sanft bewegte. Skyler überquerte die Wiese. Er fühlte sich verwundbar und ausgeliefert. Aber allmählich schwand die Angst, und es war ihm, als sei er losgelöst von Zeit und Raum. Er machte sich keine Sorgen mehr darüber, was ihm zustoßen könnte.

Am jenseitigen Rand der Wiese trat er wieder in den Wald und verschmolz mit den Schatten der Bäume. In der Ferne sah er die Lichter der Unterkunftsgebäude. Die Fenster strahlten gelbliches Licht in die Nacht hinaus und wirkten so warm und behaglich, als wollten sie ihn anlocken. Er machte entschlossen kehrt, ging in Gegenrichtung davon, blieb aber immer wieder horchend hinter Bäumen stehen.

Bald befand er sich auf dem Pfad zu Kutas Hütte. Wenig später tauchten ihre dunklen Umrisse vor ihm auf. Hinter dem Fenster brannte Licht. Skyler machte einen Bogen um das Gebäude, um an das im Mondschein silbern schimmernde Wasser zu gelangen. Er sah etwas aufblitzen, ein metallisches Glänzen. Das war der Außmbordmotor, der noch immer auf dem Baumstumpf aufgebockt war. Aber als Skyler den Bootssteg erreichte, fiel sein Blick auf etwas, das ihn erschrecken innehalten ließ. Kutas Boot war voll gelaufen — es lag noch immer am Steg vertäut, aber mindestens eine Handbreit unter Wasser. Er konnte das gezackte Loch im Bootsboden und den scharfkantigen Felsbrocken, der es verursacht hatte, ganz deutlich erkennen.

Skyler drehte sich langsam um und sah hinter sich. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Eingangstür der Hütte nach innen eingedrückt war und nur noch an der oberen Angel hing. Er schlich lautlos zur Hütte zurück, duckte sich zuerst unter das Fenster, um sich dann aufzurichten und hineinzusehen.

Dort drinnen saß einer der Pfleger! Er kehrte Skyler auf dem Bett sitzend den Rücken zu. Er hockte unbeweglich da und schien auf jemanden zu warten — auf mich, wurde Skyler schlagartig bewusst.

Er sah sich rasch in der Hütte um. Kuta war nicht da oder zumindest nirgends zu entdecken. Und in der Hütte schien bis auf die Tür und den alten Teppich, der zusammengeschoben in einer Ecke lag, alles unverändert zu sein.

Skyler wich lautlos zurück, machte dann kehrt und lief davon. Auch als er den Wald erreichte, behielt er sein Tempo bei. Sie sind also gekommen. Jemand hat mich früher hier gesehen — Tyrone Aber was haben sie mit Kuta gemacht? Haben sie ihm etwas angetan? Er fürchtete sich davor, seine eigene Frage zu beantworten. Diese Menschen, die er sein ganzes Leben lang gekannt, denen er vertraut und die er sogar geliebt hatte — sie waren Ungeheuer. Sie waren zu allem fähig. Aber warum? Worauf haben sie es abgesehen? Und warum haben sie Julia ermordet — weil sie etwas im Computer entdeckt hat?

Sein Selbsterhaltungstrieb sagte ihm, was er zu tun hatte: Er musste fliehen. Er rannte auf dem Weg zurück, bis er wieder die Lichter der Unterkünfte sah und den Rand der Wiese erreichte. Dort blieb er stehen. Sein Blick glitt über die wogenden gelben Halme und alle dunklen Stellen im Gras hinweg, bis er sich sicher war, dass dort niemand lauerte. Dann suchte er die Schatten unter den Bäumen am jenseitigen Rand der Wiese ab. Als auch dort nichts Verdächtiges zu erkennen war, setzte er sich erneut in Bewegung.

Kaum hatte er den Schutz der Bäume verlassen und war ins Freie hinausgetreten, überkam ihn ein Gefühl der Angst und unmittelbaren Bedrohung. Er blieb erneut stehen, um seine Umgebung in Augenschein zu nehmen, sah nichts Verdächtiges und hastete weiter. Warum hatte er die Wiese nicht weiträumig im Wald umgangen? Sein Herz jagte, und das Alarmsignal in seinem Kopf schrillte so laut, dass er im Gras in Deckung ging. Aber es war nichts zu hören als das leise Rascheln des wogenden Grases.

Er stand auf, ging rasch weiter und starrte aufmerksam nach vorn, während er darauf baute, dass sein Gehör ihn vor einem Überfall von hinten schützen würde. Sofort stieg wieder Angst in ihm auf. Er begann zu rennen, so schnell er nur konnte. Je schneller er lief, desto ängstlicher wurde er … und desto verzweifelter bemühte er sich, alles um sich herum zu vergessen und sich nur auf den Weg vor ihm zu konzentrieren.

Dann nahm er rechts neben sich einen aus dem Gras kommenden Schatten wahr. Eine blitzschnelle Bewegung, dann ein Geräusch, ein heiseres Knurren. Skyler konnte gerade noch rechtzeitig erkennen, dass ein Hund mit gefletschten Zähnen sich auf ihn stürzte. Skyler kehrte ihm instinktiv eine Schulter zu, hörte das Knurren tiefer werden und spürte einen brennenden Schmerz am Oberarm. Er riss ohne nachzudenken die Hand hoch und stieß das Messer, das er immer noch hielt, tief in den Hals des Hundes. Dei rasiermesserscharfe Klinge durchtrennte seine Halsschlagader, sodass der Hund innerhalb kürzester Zeit verblutete.

Skyler trat zwei Schritte zurück und starrte den Hund erschrocken an. Er tastete seine Schulter ab — sein Hemd war zerfetzt, und er blutete am Oberarm, aber das schien nur eine kleine Wunde zu sein. Er hatte unglaubliches Glück gehabt. Er sah sich um, machte kehrt und lief so schnell er konnte über die Wiese auf den Waldrand zu.

Er rannte und rannte, bis seine Lungen brannten. Der Hund war einer aus der Meute gewesen, die nahe der Unterkunft der Pfleger in einem Zwinger mit hohem Maschendrahtzaun gehalten wurde. Das Tier hatte sich so leise angeschlichen, als habe es auf ihn gewartet. Skyler fragte sich, ob noch weitere Hunde auf ihn angesetzt waren. In diesem Fall hatte er ihnen die Aufgabe erleichtert, indem er eine deutliche Spur hinterlassen hatte. Er erreichte einen Weg, dem er nach Norden in Richtung Wald folgte, und musste seine Geschwindigkeit auf Schritttempo verringern, weil Seitenstechen ihm zusetzte.

Nach ungefähr einer Viertelstunde erreichte er eine weitere freie Fläche, lang und schmal und frisch gemäht. Am jenseitigen Ende stand ein großer Wellblechschuppen. Skyler wusste sofort, wo er war — am Flugplatz. Aber wie war er hierher gekommen? Er musste die falsche Richtung eingeschlagen haben. Jetzt war er völlig verwirrt. Er ging auf den Wellblechschuppen zu, in dessen Seitenwand eine kleine Tür eingelassen war. Zu seiner Überraschung ließ sie sich mühelos öffnen, als er die Klinke herunterdrückte.

Drinnen war es dunkel, aber Skyler fand einen Lichtschalter und betätigte ihn. Das Flugzeug, eine elegante Maschine, sah selbst mit vorgelegten Bremsklötzen und abgedeckter Cockpitscheibe abflugbereit aus. Er öffnete die Klappe im hinteren Teil des Flugzeugrumpfs, ging noch einmal zurück, um das Licht auszuknipsen, und tastete sich im Dunkel zu der Maschine vor. Er kletterte in den Frachtraum, schloss die Klappe hinter sich und entdeckte dort im Heckteil ein Abteil, in dem zwei kleine Koffer lagen. Er kroch hinein und fand eine Plane, die er wie eine Decke über sich zog.

Dort blieb er erschöpft zusammengerollt liegen und horchte auf seine keuchenden Atemzüge. Er war müde, fand aber keinen Schlaf, weil er glaubte, das Kläffen der Hundemeute zu hören. Oder bildete er sich das nur ein? Härte er das Gekläff wirklich und kam es dann näher, oder entfernte es sich sogar? Aber vielleicht spielte sein übermüdeter Körper ihm nur einen Streich.

8

»Wo sind wir also stehen geblieben?«, fragte Tizzie, die den Stiel ihres Chardonnayglases zwischen Daumen und zwei Fingern hielt, und starrte Jude prüfend an.

»Hmm, lassen Sie mich nachdenken«, erwiderte Jude, während er einen kleinen Schluck Scotch trank und geschäftsmäßig zu wirken versuchte.

»Sie haben mir von der Zwillingsforschung in Minnesota erzählt. Nach unserem gestrigen Gespräch bin ich in der Bibliothek gewesen und habe einiges darüber gelesen.«

»Und?«

»Und?«

»Ich weiß jetzt, was Sie meinen. Diese Sache mit den Zwillingen ist faszinierend. Ich verstehe jetzt, weshalb Wissenschaftler sich zu ihr hingezogen fühlen.«

»Nicht nur Wissenschaftler — auch Dichter und Schriftsteller. Shakespeare und Dostojewski, um nur zwei zu nennen.«

»Das ist verständlich. Die Storys sind teilweise wirklich spannend — wie Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Ich denke zum Beispiel an die japanischen Zwillingsbrüder, die beide an Tuberkulose erkrankt sind und zu stottern angefangen haben …«

»Kazuo und Takua.«

»Richtig. Und der eine wird Priester, und der andere schließt sich einer Verbrecherbande an und kommt ins Gefängnis.«

»Und trotzdem sind sie im Grund ihres Wesens gleich. Beide waren haltlose, willensschwache Männer, die das Bedürfnis hatten, angeleitet und geführt zu werden. Deshalb haben sie Sich Organisationen ausgesucht, die ihnen die Lebensplanung abnahmen.«

»Und Tony und Roger, die sich nach vierundzwanzig Jahren wieder gefunden haben, zusammengemgen sind und angefangen haben, sich so gleich zu kleiden und zu benehmen, dass sie praktisch zu einem einzelnen Menschen verschmolzen sind.«

»Auch wieder zwei schwache Menschen. Keiner hat sich ohne den anderen vollständig gefühlt, deshalb hat jeder versucht, in dem anderen aufzugehen.«

Diesmal verzichtete Jude darauf, das Tonbandgerät einzuschalten, sondern hatte nur sein Notizbuch aufgeschlagen. Um mit Dr. Tierney in lockerer Atmosphäre sprechen zu können — was für ein Interview dieser Art besser war —, hatte er vorgeschlagen, sich nach der Arbeit auf einen Drink zu treffen. Sie war einverstanden gewesen. Und so saßen sie nun an einem warmen Juniabend an einem der Tische auf dem Gehsteig vor dem Café-Restaurant Lumi in der Lexington Avenue. Die leichte Brise ließ die Blätter des Ginkgobaums rascheln, der aus einem ins Pflaster eingelassenen Pflanzbeet wuchs, das mit Grasbüscheln bedeckt und durch ein Eisengitter geschützt war.

Tizzie hatte ein dunkelblaues, zweireihiges Nadelstreifenkostüm an. So weit Jude sehen konnte, trug sie darunter keine Bluse. Sie sah zum Anbeißen aus, das musste er zugeben.

Aber du bist zum Arbeiten hier, ermahnte er sich selbst.

»Welche Erklärung gibt es für die Beobachtungen in Bezug auf die Persönlichkeit eineiiger Zwillinge?«, fragte er. »Für die Tatsache, dass sie einander so ähnlich sein können, auch wenn sie getrennt voneinander aufgewachsen sind?«

»Das ist kompliziert. Die Literatur ist verwirrend. Bouchard hat 1988 einen grundlegenden Artikel geschrieben, auf dem noch heute alle anderen aufbauen. Er hat damals getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge mit zusammen aufgewachsenen eineiigen Zwillingen verglichen und festgestellt, dass zwischen ihnen keine prinzipiellen Unterschiede bestehen — sie haben mehr oder weniger das gleiche Bündel Persönlichkeitsmerkmale.«

»Da haben wir’s wieder! Das widerspricht dem gesunden Menschenverstand.«

»Es kommt noch schlimmer. Einige Untersuchungen sind zu dem Schluss gekommen, getrennt aufgewachsene Zwillinge seien sich tatsächlich ähnlicher als miteinander aufgewachsene.«

»Ähnlicher? Wie ist das möglich?«

Sie lächelte, nahm einen großen Schluck Wein und stellte ihr Glas ab.

»Wir können nur vermuten, dass Zwillinge, die gemeinsam aufwachsen, sich manchmal große Mühe geben, sich voneinander abzuheben und unterschiedlicher zu werden, als sie tatsächlich sind. Sie wollen eine eigene Identität gewinnen, was ganz natürlich ist. Die emotionale Dynamik zwischen zusammen aufwachsenden Zwillingen ist komplizierter, als wir uns je vorstellen können.«

»Aber das ist paradox! Wie können Zwillinge, die sich nach Jahrzehnten erstmals wieder sehen, mehr miteinander gemeinsam haben als Zwillinge, die in derselben Familie aufwachsen? Das widerspricht allem, was wir glauben — dass Charakter durch Erfahrung, durch Familie und Erziehung geformt wird.«

»Ich gebe zu, dass das nicht leicht zu akzeptieren ist. Könnte es sein, dass dieser ganze Kram — Erziehung, Familienleben, Schulbildung — letzten Endes überraschend wenig bewirkt? Spielt es praktisch keine Rolle, ob wir Eltern haben, die uns bedingungslos lieben oder vernachlässigen, Geschwister, die uns unterstützen oder unterminieren, Großeltern, die Traditionen und Wertvorstellungen weitergeben oder schon im Grab liegen? Prägt uns das alles vielleicht doch nicht so unwiderruflich?«

»Es muss uns prägen. Ich denke, dass zwei Menschen, die in gleicher Umgebung aufwachsen, eine viel größere Chance haben, ähnlich zu werden. Bedenken Sie die Einflüsse — sie gehen in denselben Kindergarten, hören dieselben Sonntagspredigten und bekommen die gleichen Umarmungen von Mom und die gleichen Prügel von Dad. Zählt denn das alles nicht?«

»Das müsste man annehmen«, bestätigte sie. »Die Alternative ist, dass das alles nur minimalen Einfluss auf die Charakterbildung eines Menschen hat. Was wir sind, hängt im deterministischen Sinn von anderen Variablen ab.«

»Beispielsweise?«

Sie trank einen kleinen Schluck Wein. »Da gibt’s wieder zwei Möglichkeiten. Die eine ist, dass unsere Persönlichkeit viel mehr von unseren Genen bestimmt wird, als wir wahrhaben wollen, sodass sie sich mehr oder weniger ohne unser Zutun entfaltet. Diese Hypothese ist etwas beängstigend, weil sie nicht viel Raum für Veränderungen oder Varianten lässt — also für das, was wir gern als freien Willen bezeichnen.«

»Und die andere?«

»Sie besagt einfach, dass wir die formenden Variablen noch nicht entdeckt haben. Vielleicht handelt es sich dabei um prägende Erfahrungen aus frühester Kindheit, die stärker als die Einflüsse sind, an die wir normalerweise denken. Vielleicht unterschiedliche Wege, das eigene Ich zu definieren, Verluste zu überwinden oder den Tod naher Angehöriger zu verarbeiten. Oder möglicherweise etwas, das vom menschlichen Verstand und seiner Interaktion mit der Außenwelt abhängt, etwas in der Art, wie wir Erfahrungen verarbeiten. Äußerlich betrachtet könnten die Lebensumstände zweier Menschen sehr, sehr ähnlich sein. Aber innerlich leben diese beiden möglicherweise in zwei völlig getrennten und ganz verschiedenen Welten. Für sie wären ihre Lebensumstände dann nicht einmal entfernt vergleichbar.«

Tizzie hob einen Finger und stieß einen der Eiswürfel in Judes Scotch an.

»Ich weiß nicht, ob Sie eineiige Zwillinge kennen gelernt haben. Die meisten Leute kennen welche. Das Merkwürdige ist, dass man sie, obwohl sie sich so ähnlich sind, immer unterscheiden kann, sobald man sie kennt. Ihre Persönlichkeiten sind wirklich ganz verschieden. Und dafür gibt es natürlich einen klaren Beweis.«

»Der wäre…?«

»Der wäre, dass es offenbar möglich ist, sich in nur einen Zwilling zu verlieben. Ich kenne niemanden, der sich in beide verliebt hätte. Die Ehepartner eineiiger Zwillinge sind gute Talk-Show-gäste — wie sie sich beherrschen müssen, weil sie sich zu dem anderen hingezogen fühlen, irgendwas in der Art. Aber im richtigen Leben passiert das nicht oft. Viel interessanter ist es — jedenfalls für die Zwillingsforscher, die daraus Schlüsse ziehen wollen —, die Dinge aus der Sicht von Zwillingen zu betrachten. Fühlen getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge sich zu demselben Menschentyp hingezogen?

Was ihr Sexualleben angeht, gibt es auffällig viele Übereinstimmungen. Sie fangen etwa gleichzeitig an, sich fürs andere Geschlecht zu interessieren, leiden unter den gleichen sexuellen Verklemmungen und Fehlfunktionen, werden ähnlich oft geschieden und bekommen sogar — wenn es sich um Frauen handelt — zur gleichen Zeit ihre erste Periode. Aber nach welchen Kriterien sie ihre Sexualpartner wählen, ist noch unklar. Bisher hat sich keine Theorie durchsetzen können. Eine in Minnesota durchgeführte Untersuchung scheint darauf hinzudeuten, dass der Trend zu höchst unterschiedlichen Ehepartnern geht. Andererseits hört man interessante Geschichten über mentalen Partnertausch — was aber vielleicht nur bedeutet, dass Liebe letztlich doch rätselhaft bleibt.«

Jude betrachtete ihr inzwischen leeres Glas. Sie folgte seinem Blick, hob fragend die Augenbrauen, winkte den Ober heran und bestellte noch einen weiteren Weißwein Und einen Scotch.

»Auf diesem Gebiet ist noch sehr viel ungeklärt«, fuhr sie fort. »Vermutlich gefällt es mir deshalb so gut. Wir befinden uns noch immer im Stadium der Grundsatzfragen. Nehmen wir zum Beispiel zweieiige Zwillinge… wir wissen alle, dass sie entstehen, wenn zwei Eier gleichzeitig befruchtet werden. Aber haben Sie gewusst, dass selbst solche Zwillinge körperliche Gemeinsamkeiten haben, die über die bei Geschwistern üblichen hinausgehen? Beispielsweise sind ihre Zähne symmetrischer. Warum, um Himmels willen, sollte das so sein?

In manchen Fällen kommt das vielleicht daher, dass ein einzelnes Ei sich vor der Befruchtung teilt. Das wissen wir nicht. Wir wissen nicht einmal wirklich, warum es überhaupt zu Zwillingsgeburten kommt — was daran schuld ist, dass zwei Eier in die Gebärmutter gelangen oder ein Ei sich teilt. Aber wir wissen zumindest, dass das weit häufiger vorkommt, als man früher angenommen hat.«

»Wie meinen Sie das?«

»Seitdem es Ultraschalluntersuchungen zur frühen Beobachtung von Schwangerschaften gibt, wissen wir, dass Zwillinge weit häufiger vorkommen, als man aufgrund der Geburtenhäufigkeit annehmen könnte. Bei ungefähr jeder neunzigsten Lebendgeburt kommen Zwillinge zur Welt. Auch wenn das unglaublich klingen mag, beginnt etwa jede achte Schwangerschaft mit Zwillingen.«

»Erstaunlich!«

»Das kann man wohl sagen. Redet man heutzutage mit Gynäkologen, hört man interessante Geschichten. Eines Tages kommt eine Frau zu ihm, er untersucht sie mit Ultraschall und sieht deutlich zwei winzige Embryos. Einen Monat später erscheint sie wieder, und er sieht nur noch ein Ungeborenes.«

»Das andere hat nicht überlebt.«

»Richtig.«

»Also haben einige von uns im Mutterleib Geschwister gehabt, von denen sie nichts wissen.«

»Nicht nur einige. Schätzungsweise zehn bis fünfzehn Prozent von uns so genannten Einzelkindern hat das Leben in utero mit einem Bruder oder einer Schwester begonnen, die sich an uns geschmiegt, uns weggestoßen oder sogar geküsst hat — was dort drinnen übrigens alles passiert.«

»Wir sind nur die glücklichen Sieger.«

»Ja. Der große darwinsche Überlebenskampf. Er beginnt mit dem Wettschwimmen der Samenfäden zur Eizelle, aber er hört damit noch lange nicht auf. Er geht während der Schwangerschaft weiter.«

»Unglaublich.«

»Aber wahr. Das ist schon seit undenklichen Zeiten so gewesen, aber natürlich hat das niemand geahnt. Die werdende Mutter hat ein paar Tage lang eine kleine Blutung, denkt sich nicht viel dabei, und das war’s dann — ein Leben ist vorbei, bevor es richtig beginnen konnte. Dieses Phänomen hat sogar einen eigenen Namen.«

»Verschwindende Zwillinge.«

Jude notierte sich den Ausdruck.

»›Verschwindende Zwillinge‹. Das gefällt mir. Dramen im Mutterleib.«

Sie warf ihm einen durchdringenden Blick zu und sprach weiter. »Erstaunlich viele Menschen haben das vage Gefühl, sie könnten irgendwann einen Zwillingsbruder oder eine Zwillingsschwester gehabt haben. Das ist kein bestimmter Verdacht, nur dieses Gefühl, es gebe irgendwo einen Menschen, der ihnen unglaublich nahe gewesen ist — oder es habe ihn gegeben. In seltenen Fällen erweist sich, dass sie Recht gehabt haben, wenn der andere Zwilling, von dem sie ohne ihr Wissen getrennt worden sind, wieder auftaucht. Aber in den übrigen Fällen … wer weiß? Vielleicht sind das pränatale Erinnerungen. Bestimmt kann unser Gehirn schon in der Gebärmutter Sinneseindrücke registrieren.

Im Übrigen«, fuhr sie fort, »fällt mir natürlich auf, dass Sie mit der linken Hand schreiben, wenn Sie sich Notizen machen. Sie sind offenbar Linkshänder.«

»Genau. Und?«

»Interessant.«

»Was ist daran interessant?«

»Ich will Sie nicht mit Theorien langweilen«, antwortete sie, »aber ich habe mir gerade überlegt … Linkshändigkeit tritt bei Zwillingen gehäuft auf, wissen Sie. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis jemand behauptet, jeder Linkshänder sei das Spiegelbild eines verschwundenen Zwillings.«

Jude hörte zu schreiben auf. Er starrte Tizzie prüfend an, konnte aber nicht beurteilen, ob sie nur einen Scherz machte, aber in einem ihrer Mundwinkel sah er schalkhafte Lachfältchen.

Ihre Drinks kamen. Er nahm einen Schluck von seinem Scotch und genoss das angenehm warme Brennen. Sie fuhr sich mit den Fingern einer Hand durchs Haar, das sich nach außen bauschte und in sanften Wellen bis auf die Schultern fiel.

Einen Augenblick lang herrschte unbehagliches Schweigen, und Jude beschloss, es zu brechen.

»In der Bibliothek habe ich sogar ein paar Ihrer Arbeiten gelesen, wissen Sie.«

»Oh, tatsächlich«, sagte Tizzie angenehm überrascht. »Und was halten Sie davon?«

Er machte ein nachdenkliches Gesicht. »Nicht schlecht.«

»Das ist alles? Nicht schlecht?«

»Lässt viel versprechende Ansätze erkennen. Mir gefällt Ihr Stil.«

»Ich verstehe«, sagte sie, hob ihr Glas und sah ihn über den Rand hinweg an. »Mein Schreibstil, nehme ich an.«

»Natürlich. Der Gebrauch von Metaphern, die lebhafte Darstellung, das dramatische Element, all die sprachlichen Finessen. Ich wusste nicht, dass The Journal of Personality and Social Psychology so fesselnd sein kann.«

»Was ist mit meiner Charakterentwicklung?«

»Ich glaube, ihr Charakter entwickelt sich sehr gut.«

Das ignorierte sie. »Nun, Bescheidenheit gebietet mir, darauf hinzuweisen, dass ein guter Redakteur Wunder bewirken kann.«

»Was Sie nicht sagen.« Er machte eine Pause. »Ich selbst bin noch keinem begegnet.«

»Wem? Einem guten Redakteur?«

»Tatsächlich habe ich diese beiden Worte noch niemals in einem einzigen Satz gehört.«

»Aha!«, rief sie aus. »Was haben wir da — einen Anflug von professioneller Animosität?«

»Das wäre übertrieben. Vielleicht eher Hass.«

»Ja, ich verstehe. So ist’s bei ungleichen Beziehungen immer. Die eine Seite hat die Macht, die andere nur ihren …«

»… Charme.«

Sie lächelte.

»Dazu fällt mir ein Witz ein…«, begann Jude, dann meinte er verlegen: »Gott, ich kann nicht glauben, dass ich Ihnen einen dämlichen Witz erzählen wollte.«

Er verstummte.

»Nein, nur zu«, forderte sie ihn auf. Das klang ehrlich.

»Also gut. Ein Redakteur und ein Reporter schleppen sich, schon halb verdurstet, durch die Wüste. Plötzlich kommen sie zu einer Oase mit einem See. Der Reporter stürmt voraus, trinkt sich mit Wasser voll, schwimmt im See, hat einen Riesenspaß. Dann dreht er sich um — und was sieht er? Der Redakteur steht am Ufer und pinkelt ins Wasser. ›He, was zum Teufel machen Sie da?‹ schreit er. Der Redakteur richtet sich würdevoll auf und antwortet: ›Ich verbessere seine Qualität.‹«

Tizzie lachte, während er sein Glas leerte.

»Möchten Sie noch einen Drink?«, fragte sie. »Vielleicht sollten Sie sich zu Ehren Ihres verschwundenen Zwillings einen doppelten Scotch gönnen.«

9

Das Scheppern des großen Metalltors ließ Skyler aus unruhigem Schlaf aufschrecken — dieser Lärm und das durchs geöffnete Tor einfallende Tageslicht. Er brauchte nur eine Sekunde, um sich daran zu erinnern, wo er war, und schon stürmten die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden wieder auf ihn ein und fügten sich wie Teile eines Puzzlespiels zu einem albtraumhaften Ganzen. Dazu kam das Gefühl bohrenden Hungers.

Er zog sich die Plane über den Kopf und versuchte die Geräusche zu deuten, die durch den Wellblechschuppen hallten. Als auch der zweite Torflügel schepperte, wusste Skyler, dass der Hangar jetzt ganz offen war. Er hörte Schritte, die sich der Maschine näherten, sich entfernten und wieder zurückkamen. Ein metallisches Klappern, dann gluckerte eine Flüssigkeit, und er roch Benzindämpfe. Schließlich hörte er einen dumpfen Schlag, nach dem etwas über den Betonboden schlitterte — ein Bremsklotz, den der Mann mit einem Fußtritt zur Seite befördert hat, vermutet er. Sekunden später wiederholte dieses Geräusch sich, und das Flugzeug schwankte dabei kaum spürbar. Dann setzte es sich in Bewegung, und er vernahm eine Männerstimme, die überraschend laut durch die dünne Beplankung des Flugzeugrumpfs drang und eine Flut von Verwünschungen ausstieß.

»Jesus, bist du heute schwer! Verdammte Scheißkiste!«

Die Worte wurden nur eine Handbreit von seinem Ohr entfernt gesprochen. Skyler erkannte die Stimme nicht. Er horte Hände auf Metall klatschen und eine Reihe von Grunzlauten. Mit einem letzten Ruck überwand das Fahrwerk der Maschine die Hangar-Schwelle. Als das Flugzeug auf die leicht abfallende Startbahn hinausrollte, wurde es von selbst schneller, sodass die Hände erneut zupacken und es unter weiteren Verwünschungen zitternd zum Stehen bringen mussten.

Dann hörte Skyler, wie eine Tür geöffnet wurde und ein Stiefel an eine Metallleiter stieß. Er hielt den Atem an, erstarrte unter der Plane und spannte alle Muskeln an. Er musste auf alles vorbereitet sein. Falls der Mann die Plane anhob und ihn entdeckte, würde er aufspringen und ihn angreifen. Überraschung war sein einziger Verbündeten Ihm stockte das Herz. Wo ist das Messer? Dann erinnerte er sich, dass es neben dem verendeten Hund liegen geblieben war.

Die Tür wurde zugeknallt, und er hörte Schritte auf der Tragfläche; dann wurde eine weitere Tür geöffnet und wieder geschlossen. Weitere Grunzlaute, weitere Flüche, das Einschnappen des Sitzgurts. Danach Stille, die eine, vielleicht zwei Minuten anhielt, bevor Kippschalter betätigt, ein Schiebefenster geöffnet und endlich der Motor angelassen wurde. Das Flugzeug vibrierte heftig, und Skyler roch die Abgase des laufenden Triebwerks.

Wenig später holperte das Flugzeug schwerfällig von einer Seite zur anderen schwankend die Startbahn entlang. Und dann, während der Motor aufheulte, als wolle er im nächsten Augenblick explodieren, und das ganze Flugzeug kurz davor zu sein schien, seinen Geist aufzugeben, hob es plötzlich auf wundersame Weise ab und stieg in den Himmel auf. Skylers Magennerven verkrampften sich.

Er horchte lange auf das Arbeitsgeräusch des Motors, das leiser wurde, als das Flugzeug Höhe gewann. Als Skyler vorsichtig die Plane wegzog, sah er vor sich eine Trennwand aus Metall, deren abgestoßene cremefarbene Lackierung die grüne Grundierung erkennen ließ; sie trennte sein winziges Abteil von der Kabine ab. Er blinzelte im Licht und blickte auf die beiden kleinen Lederkoffer hinab. Sein Versteck befand sich hinter einer halbhohen Trennwand im Gepäckabteil des Flugzeugs. Skyler hob den Kopf, um einen Blick über den Rand zu werfen. Vor sich hatte er vier leere rote Ledersitze, die auf beiden Seiten des schmalen Mittelgangs angeordnet waren. Über den Sesseln befanden sich kleine geknüpfte Hängematten, die offenbar zur Aufbewahrung von Gegenständen dienten, und in ihrer Nähe kleine nach unten gerichtete Düsen. Ganz vorn waren die Rückenlehnen zweier schwarzer Sitze zu erkennen; der linke war besetzt, der rechte frei. Unter dem linken Sitz war ein roter Feuerlöscher montiert.

Skyler konnte den Hinterkopf des Piloten sehen, dessen Baseballmütze von einem Kopfhörer mit dicken schwarzen Hörmuscheln festgehalten wurde. Er saß vor einem Instrumentenbrett mit Zeigergeräten, Schaltern und gelb blinkenden Ziffern. Der Pilot hielt ein U-förmiges Steuerhorn mit beiden Händen fest; ein zweites Steuergerät vor dem leeren Sitz machte wie von Geisterhand geführt alle Bewegungen des ersten mit. Durch das große Fenster darüber konnte Skyler den Himmel und gewaltige weiß-graue Wolken sehen, die sich wie gefrorener Rauch auftürmten.

Als der Pilot die Maschine in eine Kurve legte, veränderte sich das Bild, und Skyler erkannte eine mit weißen Schaumkronen bedeckte endlos weite dunkelblaue Fläche — das Meer von oben, wie er verblüfft feststellte. Angst erfasste ihn, aber sie wurde durch Staunen und Verwunderung gemildert. Am rechten Bildrand kam etwas Grünes in Sicht, und er brauchte eine Weile, um es als Land zu identifizieren … ja, das waren Wälder und Felder, die ein Muster wie die Falten einer Bettdecke erzeugten, und das Ganze war von Felsen und Marschen umgeben. Das war eine Insel — vielleicht sogar seine eigene kleine Insel —, und die Erkenntnis, dass er seine Welt, den einzigen Ort, den er je gekannt hatte, schon hinter sich gelassen hatte, traf ihn wie ein Keulenschlag. Er war zur »anderen Seite« unterwegs, in das Land, das er nur aus dem Radio und aus Kutas Erzählungen kannte… nach Babylon, wie Baptiste es nannte, wenn er geifernd über Amerika herzog, das von Religion und Aberglauben besessen sei.

Dieser Gedanke berauschte ihn einige Zeit und hielt ihn wach, aber allmählich wurde seine Müdlgklt doch starker. Er ließ sich zurügksinken und rollte sich m dem beengten Gepackabteil unter der Plane zusammen. Das Brummen des Motors und das leichte Schwanken des Flugzeugs lullten ihn bald ein, sodass er diesen Flug in ein neues Land, der das wichtigste Ereignis seines bisherigen Lebens hätte sein sollen, zum größten Teil verschlief.

10

Jude war angenehm überrascht, als Tizzie am nächsten Tag anrief, um ihm zu sagen, sein Artikel habe ihr gefallen. Wie viele Journalisten äußerte er sich geringschätzig über seinen Beruf — es war nicht cool, in irgendeiner Weise idealistisch zu sein, vor allem nicht beim Mirror, dessen Journalisten sich als »Lohnschreiber« bezeichneten —, aber innerlich sah die Sache anders aus. Er war der Überzeugung, Zeitungen versuchten gut zu sein, was ihnen manchmal auch gelang.

»Vor allem haben Sie die Tatsachen richtig wiedergegeben, was an sich schon verdienstvoll ist«, sagte sie. »Und dazu kommt Ihr Stil — er gefällt mir. Nüchtern, prosaisch, ohne den Bockmist, den andere schreiben.«

»Nun, Sie mögen meinen Stil, und ich mag Ihren. Das ist ein guter Anfang, finde ich.«

Und es war tatsächlich einer. Bevor sie auflegen konnte, hatte Jude seinen ganzen Mut zusammengenommen und stammelnd eine Einladung zum Abendessen herausgebracht. Zu seiner großen Überraschung hatte Tizzie sie nach kurzem Zögern angenommen. Und so war es weitergegangen. Jetzt schlenderten sie in Brighton Beach über die Promenade und hatten links von sich den langen, menschenleeren Strand mit beigem Sand und rechts eine Ansammlung von Knish Shops, Tastee-Freez—Ständen, Schnellimbissen und Hunderten von Leuten, die meisten im Rentenalter, die sich sonnten und in einem halben Dutzend verschiedener Sprachen unterhielten. Die beiden kamen eben von einem ausgedehnten Lunch im Primorsky, einem russischen Restaurant im Schatten der Hochbahngleise, das zu Judes Lieblingslokalen gehörte; sobald man es betrat, fühlte man sich durch alles — von den offenen Wodkaflaschen und traurigen kleinen Rote-Bete-Salaten bis zu den toupierten Frisuren der stämmigen Frauen und ihren bestickten Kleidern in Farben, die nicht recht zusammenpassten — nach Moskau zurückversetzt. Das Primorsky hatte nicht enttäuscht.

Dies war kein eigentliches Rendezvous, sondern mehr ein entspannter Sonntagnachmittag, den sie gemeinsam verbrachten. Schließlich hatten sie sich erst vor einer Woche kennen gelernt. Tizzie war noch nie in Brighton Beach gewesen, und Jude, der sich dort auskannte, seit er beim Mirror an einer Artikelserie über die Russenmafia beteiligt gewesen war, hatte sich erboten, den Fremdenführer zu spielen.

Tizzie setzte sich auf eine Bank und sah aufs Meer hinaus. Jude nahm neben ihr Platz.

»Das bringt alles in die richtige Perspektive, nicht wahr?«, sagte sie und sah aufs Meer hinaus.

»Was?«

»Oh, einfach alles. Arbeit, Liebesleben, Eltern, Freunde, das Ozonloch …«

Wie schon mehrmals zuvor hatte Jude den Verdacht, sie sei schwer zu enträtseln.

»Irgendwas macht dir Sorgen«, wagte er zu sagen.

»Nein«, erwiderte sie, dann: »Ja.«

»Erzähl mir davon.«

»Da gibt’s eigentlich nicht viel zu erzählen. Es geht um meine Eltern. Sie werden alt und gebrechlich — vor allem mein Vater. Das ist schwierig, wenn man mit der Vorstellung aufgewachsen ist, sie würden ewig leben.«

Jude nickte und folgte ihrem Blick übers Wasser. Über ihnen segelten Möwen, und die Luft roch stark nach Salz und Tang.

»Deshalb musste ich neulich weg — an dem Tag, an dem du mich interviewt hast. Ich versuche, sie in einem Pflegeheim unterzubringen. Telefonisch lässt sich das nicht so ohne weiteres arrangieren.«

»Wo leben sie?«

»Wisconsin. White Fish Bay, das liegt außerhalb von Milwaukee. Herrliche Gegend, grüne Rasenflächen, weiße Holzhäuser und alles, was dazugehört. Ich bin dort aufgewachsen — eine Tochter Suburbias. Eine idyllische amerikanische Kindheit.«

»Das klingt sarkastisch.«

Sie lachte. »He, das ist unfair! Du hast mich bereits interviewt. Du weißt alles über mich, aber ich habe praktisch nichts über dich erfahren.«

»Da gibt’s nicht viel zu erfahren.«

»Das Urteil musst du schon mir überlassen«, meinte sie und ließ ihre Hand auf seiner ruhen. Ihr Tonfall klang aufmunternd.

»Fangen wir mit deinem Vornamen an. Der ist ungewöhnlich. Wie sind deine Eltern auf ihn gekommen?«

Er überlegte kurz, versuchte einen Scherz zu machen, was ihm aber nicht gelang.

»Das weiß ich leider selbst nicht.« Er machte eine Pause. »Und ich kann sie nicht danach fragen.«

Sie hob die Augenbrauen.

»Meine Eltern sind tot.«

Sie legte ihm tröstend die Hand auf den Arm. »Oh, das tut mir Leid, Jude. Wie ist das passiert? Wie alt bist du gewesen?«

Also holte er tief Luft, erzählte ihr alles und stellte dabei fest, dass es überraschend leicht war, mit ihr darüber zu reden. Er schilderte ihr die Geschichte seines Lebens genau so, wie sie sich abgespielt, wie er sie damals empfunden hatte. Er berichtete von seiner frühen Kindheit in Arizona, wo seine Eltern — woran er sich nur sehr vage erinnern konnte — einer in den Bergen lebenden Sekte angehört hatten. Das sei Ende der sechziger Jahre gewesen, wo man solche Dinge tat.

Tizzie nickte.

Jude berichtete, wie seine Eltern sich dort kennen gelernt hatten. »Später habe ich gehört — ich weiß allerdings nicht mehr, wer mir das erzählt hat, und vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet, aber ich glaube, dass es stimmt —, dass sie auf Befehl des Sektenführers geheiratet haben. Er war einer dieser Leute, die eine perfekte Welt errichten wollen und sie zuletzt wie ein geisteskranker Diktator regieren, denke ich. Jedenfalls bin ich auf diese Weise entstanden. Dann ist meine Mutter gestorben — an irgendeiner Krankheit, die ich nicht richtig mitgekriegt habe.«

»Wie alt bist du damals gewesen?«

»Noch keine fünf Jahre. Ich kann mich nicht an sie erinnern. Ich weiß nicht einmal mehr, wie sie ausgesehen hat, und habe kein Foto oder ein Bild, das mir dabei helfen könnte.«

Jude sah zu ihr hinüber und dann wieder aufs Meer hinaus. So fiel ihm das Reden leichter.

»Das Merkwürdige ist, dass ich früher oft mit aller Macht versucht habe, sie mir vorzustellen. Ich habe im Bett gelegen und mich ganz darauf konzentriert, mir ihr Aussehen ins Gedächtnis zurückzurufen. Aber es ist mir nicht gelungen. Manchmal jedoch habe ich mich an einen Duft erinnert. Aber eigentlich ist’s kein Duft, sondem mehr ein Geruch gewesen. Es klingt verrückt, aber es war kein guter Geruch. Er war stark, durchdringend, fast antiseptisch.«

Er spürte wieder Tizzies Hand auf seinem Arm, holte tief Luft und fuhr fort.

»Nach dem Tod meiner Mutter hat mein Vater sich allmählich von der Sekte gelöst. Ich weiß nicht, was ihn dazu bewogen hat, aber vielleicht konnte er diesen Verlust nicht überwinden — wenigstens habe ich das immer geglaubt. Das wäre nur logisch, wenn er sie wirklich geliebt hat. Und ich nehme an, dass so was auch in Ehen passiert, die von anderen arrangiert werden. Wir sind nach Phoenix gezogen. Und dann ist auch er gestorben, mit dem Auto tödlich verunglückt. Ein grässlicher Unfall nachts an einer Kreuzung zweier Landstraßen. Der Fahrer des anderen Wagens ist betrunken gewesen.«

»Wie alt warst du damals?« Tizzie schien tief bewegt zu sein.

»Sechs, vielleicht sieben Jahre alt. Das weiß ich nicht genau.«

»Und was ist dann passiert?«

»Nachbarn aus unserer Straße haben mich bei sich aufgenommen. Das Ehepaar Armstrong. Sie ist Anwältin gewesen, und er … ich weiß nicht, was er gemacht hat, aber ich glaube, er ist Versicherungsvertreter gewesen. Ich habe die Armstrongs gehasst. Ich weiß, dass das unfair ist, sie waren vermutlich anständige Leute… ich meine wer würde sonst schon einen kleinen Jungen bei sich aufnehmen? Aber trotzdem habe ich das Leben in ihrem Haus gehasst. Sie haben in getrennten Zimmern geschlafen, nicht nur in getrennten Betten. Ich erinnere mich an endlos lange Mahlzeiten, bei denen sie an beiden Enden des Tisches gesessen haben, während mein Platz in der Mitte war, an die quälend langen Gesprächspausen, in denen man nur sein Gebiss klicken hörte, während er aß. Das ist ein unglückliches Haus gewesen — als Kind hat man ein Gespür für solche Dinge. Ich habe die beiden nie streiten sehen, aber sie haben sich ständig mit irgendwas gepiesackt. Und als ich erfahren habe, dass sie sich scheiden lassen wollen, bin ich erleichtert gewesen, glaube ich. Ich bin dann in ein Pflegeheim gekommen.«

Jude sah zu ihr hinüber und kam ihrer Frage zuvor. »Ich bin damals vierzehn gewesen. Wenig später habe ich ein Stipendium für ein teures Internat an der Ostküste erhalten. Für die Phillips Academy in Andover, Massachusetts. Ich weiß nicht, wie ich dazu gekommen bin. Aber jedenfalls habe ich dort die Schule besucht, und das Internat ist wohl meine Rettung gewesen. Ich kann nicht sagen, dass es mir dort besonders gut gefallen hat, obwohl mich der Laden anfangs nicht allzu sehr störte. Lauter Kinder reicher Leute, gut erzogen, Söhne und Töchter von Republikanern, alles in dieser Art. In den Ferien bin ich im Internat geblieben und habe in der Cafeteria mit dem Personal gegessen. Oder irgendein Schulfreund hat mich zu sich nach Hause eingeladen, und ich habe beim Thanksgiving Dinner mit am Tisch gesessen, habe mich bemüht, manierlich zu essen, und bin vor Verlegenheit ganz rot geworden, wenn die Eltern mich mitfühlend nach meiner Vergangenheit gefragt haben. Ich kann nicht sagen, dass ich dort reinpasste, aber jedenfalls habe ich eine erstklassige Ausbildung genossen.«

Jude war mit seinem Bericht fast zu Ende. Das Erzählen war nicht schmerzlich gewesen, ganz im Gegenteil, es hatte sogar gut getan.

Aber Tizzie wollte noch mehr wissen. »Du kannst dich also an gar nichts aus deiner frühen Kindheit in Arizona erinnern?«

»Nein, nicht wirklich. Nur an Kleinigkeiten, bedeutungslose Nichtigkeiten.«

»Zum Beispiel?«

»An die Hitze, wenn wir in die Wüste runtergefahren sind. Wir haben oben in den Bergen gelebt, wo die Tage erträglich waren, aber dort unten sind sie elend heiß gewesen — und die Nächte dafür eiskalt. Dort hat’s ein altes Bergwerk gegeben.«

»Bergwerk?«

»Yeah, Gänge und Schächte, ich weiß noch, dass ich darin gespielt habe — dass ich sie erforscht, mich in der Dunkelheit versteckt und Steine in abgrundtiefe Schächte geworfen habe. Ich war viel mit einem Mädchen unterwegs.«

»Wer ist das gewesen?«

»Ein Wildfang, fast ein Junge — deshalb habe ich ihr den Spitznamen Tommy gegeben. Ihre Eltern haben ebenfalls der Sekte angehört. Wir sind oft zusammen gewesen. Wir…« Jude sprach nicht weiter.

»Was wolltest du noch sagen?«

»Mir ist eben was Seltsames eingefallen. Als meine Mutter gestorben ist, habe ich nicht geweint. Als mein Vater verunglückt ist, habe ich nicht geweint. Aber als wir von dort weggezogen sind, habe ich mir fast die Augen ausgeweint. Alles nur wegen dieses Mädchens. Tommy ist neben unserem Auto hergerannt, als wir abgefahren sind, und wir haben beide Rotz und Wasser geheult. Ich habe durchs Heckfenster nach hinten gestarrt und beobachtet, wie sie in der Ferne immer kleiner geworden ist. Unterwegs haben wir in einem Motel übernachtet, und ich weiß noch, dass ich nächtelang geweint habe. Ich dachte, mein Leben sei zu Ende.«

Jude sah zu Tizzie hinüber, die seufzte und seinen Arm drückte. Dann standen sie auf und gingen die Strandpromenade entlang auf die in der Ferne vorbeiratternde Hochbahn zu.

11

Die Valdosta Baptist Church war ein niedriger Holzbau, dessen einzige Verzierung ein kaminförmiger Glockenturm mit quadratischem Querschnitt war, in dem jedoch keine Glocke hing. Die Fensterscheiben waren mit Farbfolien in grellen Rot-, Blau- und Grüntönen beklebt, die mit dazwischen aufgemalten schwarzen Linien die Pracht der Bleiglasfenster in den mittelalterhchen Domen und Kathedralen Europas imitieren sollten.

Im Untergeschoss, in dem es trotz eines Klimageräts, das ächzend arbeitete und ständig Kondenswasser auf die draußen stehenden Mülltonnen tropfen ließ, schwülheiß war, lag Skyler auf einem Feldbett. Es war unbequem, denn es bestand nur aus Segeltuch, das zwischen den x-förmigen Beinen straff gespannt war, sodass es sich wie alle übrigen Betten leicht zusammenklappen und verstauen ließ, wenn die kreischenden Kinder der Vormittagsgruppe in den Kinderhort kamen und die Obdachlosen rasch ihren Teller Corn-flakes erhielten, bevor sie auf die Straße zurückgeschickt wurden.

Skyler war deprimiert. Er hatte allen Grund, deprimiert zu sein. Er war schon seit Tagen hier, bestimmt länger als eine Woche. Er war hungrig und verzweifelt durch die Großstadt geirrt und hatte versucht, sich in dieser verrückten neuen Welt zurechtzufinden, in die er so unbedacht geflüchtet war. Er kam sich wie ein Reisender von einem anderen Planeten vor. Die Hektik, der Lärm, der Schmutz — das alles stürmte auf ihn ein, überforderte ihn hoffnungslos. Ihm ging es nicht darum, diese neue Welt zu verstehen, er wollte nur darin überleben. Die rasenden Autos, die überfüllten Gehsteige, die Gefahren für Leib und Leben, die in jedem Schatten zu lauern schienen… das alles schien direkt aus den schlimmsten Fernsehsendungen zu stammen, die sie auf der Insel hatten sehen dürfen.

An seinem ersten Tag, nachdem er den Flugplatz verlassen und sich durch eine Hecke gezwängt hatte, hatte er ein kleines Mädchen angesprochen, um zu fragen, wo er sich befand, aber es war einfach weggelaufen. Kinder verspotteten ihn wegen seiner altmodischen Kleidung; Hunde bellten ihn an. Das Ganze hatte schlecht begonnen und war rasch schlimmer geworden.

Dieser erste Vormittag hatte sich ihm unauslöschlich eingeprägt. Das Flugzeug brummte noch immer gleichmäßig vor sich hin, als er plötzlich aufschreckte; Panik stieg in ihm auf. Nach seinem kurzen Schlummer fühlte er sich orientierungslos und ausgeliefert. Er empfand den unwiderstehlichen Drang, sich einen Überblick über seine Lage zu verschaffen, und hob daher vorsichtig den Kopf, um nach vorn in die Kabine zu sehen.

Über der Rückenlehne des linken Sitzes ragte nach wie vor der Hinterkopf des Piloten auf. Aber die Szene außerhalb des Cockpits hatte sich völlig verändert. Die weite blaue Wasserfläche war verschwunden. An ihrer Stelle war jetzt nur Land zu sehen — ungeheuer weite Flächen! Es erstreckte sich nach allen Seiten, so weit das Auge reichte: dunkelgrüne Flecken, die anscheinend Wälder waren, und lange braune Streifen, die wie frisch gepflügtes fruchbares Ackerland aussahen. Schmutzigbraune Wasserläufe schlängelten sich zwischen sanften Hügeln hindurch, und die ganze Landschaft war in Nebelschwaden gehüllt, die Einzelheiten verschwinden und dann wieder auftauchen ließen.

Die Landschaft war von endlos langen schwarzen Bändern — Straßen — durchzogen, auf denen Autos fuhren, die langsamer als das Flugzeug waren; sie bogen hierhin und dorthin ab, als seien sie kleine Tiere, die ihrem eigenen Willen folgten. Und als die Maschine weiterflog, erreichten sie ein dichter besiedeltes Gebiet mit Dächern und Straßen und einem hellgrünen Feld mit braunen Wegspuren, das ihm zunächst rätselhaft war, bis er erkannte, dass es sich um ein Baseballfeld handelte. Sie flogen jetzt tiefer, und er sah mehr Häuser, mehr Straßen, mehr Autos und einen großen runden Holzturm mit einer Aufschrift. Wozu diente der? Dann kurvte das Flugzeug ein, und Skyler erkannte etwas Großes und Dunkles, das sich auf der Erde unter ihnen bewegte, und fand es beängstigend, bis ihm dämmerte, dass dies nur der Schatten des Flugzeugs war.

Plötzlich sagte der Pilot etwas. Skyler duckte sich erschrocken und blieb starr vor Angst liegen. Der Pilot sprach erneut, aber seine Stimme klang so lässig und unaufgeregt, dass Skyler vermutete, sie habe nichts mit ihm zu tun. Als er nochmals einen Blick über die Trennwand riskierte, sah er den Piloten, diesmal im Halbprofil. Und er erkannte ihn als Bryant, den Koch im Großen Haus. Dieses Wissen schien alles realer und noch beängstigender zu machen. Bryant hielt ein Mikrofon in der Hand, und Skyler nahm an, dass er mit jemandem auf dem Boden sprach.

Wenig später kurvte die Maschine erneut ein — diesmal zum Landeanflug — und setzte mit einem kräftigen Stoß rumpelnd auf. Sie wurde rasch langsamer, bog von der Landebahn nach links ab und rollte mit gedrosseltem Motor weiter, bis sie anhielt und der Pilot den Motor abstellte. Skyler hörte weitere Geräusche — das Klicken, mit dem Schalter betätigt wurden, das Klappern des Gurtschlosses und dann Schritte, die auf ihn zukamen. Er wusste genau, dass Bryon praktisch über ihm stand, und glaubte fast, seinen Blick auf sich zu spüren Er hielt den Atem an und fühlte seinen Puls in den Schlafen härnmern. Dann bewegte die Plane sich über ihm plötzlich. Skyler wollte schon aufspringen und nahm alle seine Kraft zusammen, um sich auf Bryant zu stürzen, als er die Kabinentür aufgehen hörte. Seine tastende Hand stellte fest, dass der Koffer, der neben ihm gelegen hatte, verschwunden war. Bryant war inzwischen ausgestiegen.

Seine Schritte verhallten, und Skyler wartete, bis alles ruhig war. Dann stieg er ebenfalls aus der Maschine und blieb einen Augenblick auf dem Vorfeld im Schatten eines offenen Hangars mit Wellblechdach stehen. Er schaute sich nach allen Seiten um: Nirgends ein Mensch zu sehen. Ganz in der Nähe stand ein dreigeschossiger Turm mit riesigen quadratischen Fenstern im obersten Stock und einem sich drehenden Metallobjekt auf dem Dach. Dahinter entdeckte Skyler ein großes Klinkergebäude und einen Parkplatz voller Autos. Links von sich hatte er einen Drahtgitterzaun, vor dem eine Hecke gepflanzt war, durch die er eine Straße erkannte. Es war bereits brütend heiß.

Skyler sprintete los. Er rannte so schnell er konnte auf dem kürzesten Weg zu dem Zaun, setzte mit einem Satz über ihn hinweg, wobei er sich am Stacheldraht den linken Arm verletzte, und kämpfte sich dann durch die Hecke. Auf der Straße hastete er noch ein Stück weit, bevor er stehen blieb und sich umsah. Niemand verfolgte ihn. Überall gab es riesige Schilder auf Stelzen. Auf einem mit der Aufschrift AQUALAND waren Kinder abgebildet, die rnit offenbar ängstlich aufgerissenen Mündern auf einer Wasserrutsche unterwegs waren. Auf einem anderen Schild wurde eine Tankstelle angekündigt. An einer Straßenkreuzung befand sich eine auf Gummirädern angebrachte Tafel, auf der in roter Schrift auf gelbem Untergrund stand: WIR LADEN SIE ZUM ABENDESSEN EIN. Aber er sah niemanden, der dieses Versprechen hätte einlösen können. Dann versuchte er das kleine Mädchen anzuhalten und um Hilfe zu bitten, aber es wandte sich erschrocken ab und flüchtete vor ihm.

Skyler war zwei Tage lang durch die Stadt geirrt, hatte sich aus den Mülltonnen von Restaurants ernährt und auf der Straße um Kleingeld gebettelt, was er schnell hatte lernen müssen. Sein Gesicht wurde stoppelbärtig, sein Magen schmerzte ständig, seine Haut war ungesund blass, und er magerte ab. Als er eines Morgens auf einer Parkbank aufwachte, sah er, dass der Himmel sich bewölkt und der Wind erheblich aufgefrischt hatte. Ein Sturm war im Anzug. Die Straßen leerten sich rasch, und als wolkenbruchartiger Regen einsetzte, fuhr ein Streifenwagen vorbei und nahm ihn mit in die Obdachlosenunterkunft im Keller der Kirche.

Der Sturm war nicht nur irgendein Unwetter, sondern ein Hurrikan, ein wahrhaft erschreckendes Erlebnis. Während draußen der Wind heulte und der Regen niederprasselte, stritten sich drinnen die Männer. In der Unterkunft wurde viel getrunken und gestohlen, was Skyler ängstigte. Der Mann im Feldbett neben ihm, der einen Namen gegrunzt hatte, der wie »Smokey« klang, zeigte ihm am ersten Abend, wie er seine Klamotten zu einem Bündel zusammenrollen und darauf schlafen musste, damit sie ihm nicht abhanden kamen. Skyler begann sich zu fragen, ob Baptiste etwa doch Recht gehabt hatte — vielleicht war das Festland wirklich ein einziger großer Sündenpfuhl.

Die Kirchenleute, die sich um die Obdachlosen kümmerten, schenkten ihm ein zweites Hemd und eine Hose und bestanden darauf, dass er die Gottesdienste besuchte. Skyler staunte über das Kruzifix auf dem Altar und wunderte sich über die Inbrunst, mit der aus der Bibel vorgelesen wurde. Aber die Kirchenlieder gefielen ihm.

Seine Schlafgenossen zeigten ihm, wie man sich ein paar Dollar damit verdienen konnte, dass man im Supermarkt die Einkäufe der Kunden in Tüten packte, bei Hausbesitzern Unkraut jätete und Fenster putzte oder Flaschen sammelte, um im Winn-Dixie Market das Flaschenpfand zu kassieren. Skyler sparte Sich eine Hand voll Münzen zusammen und lebte von dem Frühstück, das es in der Obdachloseflunterkunft gab, und dem Brot und den Fritten, die er sich aus den Mülltonnen hinter Karla’s Fish & Crab holte.

Für zwei Tage schlossen Smokey und er sich einer kleinen Gruppe von Mexikanern und Salvadorianern an, die Pfirsiche pflückte. Am ersten Morgen machten sich alle über ihn lustig, weil er zu ängstlich war, um auf die Ladefläche des Lastwagens zu klettern, der sie zur Arbeit bringen sollte.

»Junge, wo kommst du bloß her?«, rief der Farmer, der Pflücker brauchte, und schob seinen breitkrempigen Strohhut in den Nancken. »Ich hab schon viele Hinterwäldler gesehen, aber noch keinen wie dich!«

Als er wegfahren und ihn zurücklassen wollte, flüsterte Smokey den beiden anderen Männern etwas zu, und sie sprangen vom Lastwagen und hievten Skyler auf die Ladefläche. Die Obstplatage lag meilenweit außerhalb der Stadt. Smokey zeigte ihm, wie er seine lange weiße Leiter auf der Schulter tragen musste, und eine junge Mexikanerin mit einem verkrüppelten Daumen brachte ihm bei, wie man Pfirsiche pflückte. Sie bekamen Karten mit einer Nummer, und sobald sie einen Korb gefüllt hatten, trugen sie ihn zum Vorarbeiter, der die Früchte begutachtete und mit einer Zange eine Loch in ihre schmutzige Karte knipste. Skyler genierte sich, weil die kleinsten Kinder mehr Körbe füllten als er. Von der anstrengenden Arbeit bekam er Rückenschmerzen; Pfirsichflaum setzte sich an seiner Haut fest, sodass er das Gefühl hatte, Hunderte von mikroskopisch kleinen Splittern in seine Stirn zu reiben, wenn er sich mit dem Handrücken den Schweiß abwischte.

Am ersten Tag gab es kein Geld, sodass sie am nächsten Morgen wiederkommen mussten. An diesem Tag kontrollierte der Vorarbeiter endlich die gelochten Karten und zahlte ihnen mürrisch ihren Lohn aus; es gab lauter Eindollarscheine, die noch druckfrisch rochen, aber niemand beschwerte sich darüber. Smokey nahm nicht nur seinen, sondern auch Skylers Lohn in Empfang, aber dann wurden sie getrennt, und er blieb zwei Tage lang verschwunden. Als er mit einer schrecklichen Ginfahne zurückkam, konnte er Skyler nur noch zwölf Dollar geben.

Am nächsten Morgen zog Skyler seine besten Sachen an und ging vier Straßenblocks weit zur Hill Street, wobei er an der Southern Salvage Company, einem Army & Navy Store, und CUrrie’s Body Shop vorbeiging, bis er ein unbebautes Grundstück erreichte, auf dem zwei riesige verrostete Silos mit je einem hohen Fahnenmast standen, von dem die Stars und Stripes schlaff herabhingen. Darunter stand eine blau-orangerote Tafel mit der Inschrift HARDEE’S — VALDOSTA’S PLACE TO EAT. Und darunter stand in kleinerer Schrift: Essen, so viel Sie wollen, sonntags mit Soße. Aber es gab erst Frühstück. Und als er später wieder auftauchte, bestand die Kellnerin darauf, dass er sein Geld — sogar die Münzen — auf der Theke ausbreitete, bevor man ihm einen Platz zuwies. Er wurde an den Katzentisch neben der Tür zur Küche gesetzt. Skyler schlug sich heißhungrig den Magen voll, aber als er in seine Unterkunft zurückkehrte, wurde ihm furchtbar schlecht.

Smokey, der viel herumgekommen war, erzählte gern Geschichten, in deren Mittelpunkt er selbst stand und die beweisen sollten, dass er sich in der Welt auskannte.

»Weißt du«, vertraute er eines Abends Skyler an, der auf dem Feldbett neben ihm lag und die Akustikdämmplatten über sich anstarrte, »diese Stadt schenkt dir Geld, bloß damit du von hier verschwindest. Ungelogen! Du meldest dich auf der Polizeistation, und sie gehen mit dir zum Busbahnhof rüber und kaufen dir ’ne Fahrkarte, wohin du willst. Der einzige Haken dabei ist, dass du nicht mehr zurückkommen darfst.«

Skyler flüchtete sich in Wachträunie. War er abends von den Mortadella- und Erdnussbuttersandwiches, die es in der Unterkunft gab, halbwegs satt, streckte er sich auf seinem Feldbett aus, legte einen Arm über die Augen und verbrachte Stunden damit, sich an sein früheres Leben auf der Insel zu erinnern. Er wusste nicht einmal, wie sie hieß oder wie weit sie von hier entfernt war, und hatte keine Lust, Smokey oder sonst jemandem von ihr zu erzählen.

Meist träumte er von seiner frühen Jugend, in der das Leben ihm noch einfach, unkompliziert und schön erschienen war. Er dachte viel an Raisin, aber an Julia mochte er noch nicht denken — die Erinnerung an sie war zu schmerzlich.

Eines Abends wurden Skylers Wachtraurne unsanft unterbrochen. Big A1, der in der Unterkunft die Aufsicht fuhrte, ein Mann, der meistens bis zur Taille nackt herumlief und einen riesigen Bauch und dicht behaarte breite Schultern zur Schau stellte, kam herein und versetzte einem Bein von Skylers Feldbett einen Tritt.

»Mitkommen!«, knurrte er. :

Skyler gehorchte wortlos, stand auf und folgte dem großen Mann in sein winziges Büro. Dort setzte er sich ohne eine Aufforderung abzuwarten vor den mit Telefonbüchern, Zeitungen, Papieren, einer Schreibgarnitur und einem Teddybären überladenen Schreibtisch. Die Wände waren mit bunten Reklamekalendern geschmückt, auf denen Frauen sich nach vorn beugten, um ihren Busen zu zeigen, oder lasziv ihre Hüften nach vorn schoben.

»Ich kapier’s einfach nicht«, sagte Al und schüttelte den Kopf, als sei er aufrichtig verwirrt.

Tatsächlich war Skyler derjenige, der durcheinander war. Und Als Tonfall ließ nichts Gutes ahnen.

»Ihr Leute kommt hier runter und nutzt die Gastfreundschaft des Südens aus.«

Skyler blickte ihm in die Augen, aber er sah darin nur Zorn und Empörung.

»Du hälst das wahrscheinlich für cool. Der große Schriftsteller lässt sich ’nen Bart wachsen, kommt hier runter und spielt einen, der er nicht ist.«

Al lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, wirkte jetzt etwas nachdenklicher und verfiel in einen belehrenden Tonfall.

»Pass auf, ich hab nichts dagegen, wenn jemand arm ist, das ist schließlich kein Verbrechen. Aber ich kann’s nicht vertragen, wenn jemand sich für was ausgibt, das er nicht wirklich ist. Vor allem nicht, wenn er vergibt, schlechter zu sein, als er in Wirklichkeit ist. Weil ihn das genauso schlecht macht, wie er zu sein versucht. Du verstehst, was ich meine?«

Skyler konnte nur in stummer Verständnislosigkeit den Kopf schütteln.

Al beugte sich nach vorn und stützte seine Ellbogen auf die Schreibtischplatte.

»Du sammelst Zeug für ein neues Buch, stimmt’s? Hast wohl schon jede Menge — wie sagt man gleich wieder? — Material gesammelt?«

Skyler merkte, dass er sich irgendwie dazu äußern musste.

»Ich verstehe nicht, was du meinst, Al. Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.«

»Oh, wir haben keine Ahnung, was?«

Mit diesen Worten griff A1 nach einer Zeitung und warf sie über den Schreibtisch. Sie traf Skyler an der Brust und fiel auf seine Knie. Er starrte die aufgeschlagene Seite an, ohne zu begreifen, worauf Al hinauswollte.

»Sieh dir das Bild an!«, forderte Al ihn auf. Skyler sah es sich an. Das Foto zeigte einen Mann, der ihm sehr ähnlich sah.

»Du hättest mich fast reingelegt, das muss ich zugeben. Dieser ganze Scheiß, dass du langsam und verwirrt bist. Dafür hättest du glatt ’nen Oscar verdient. Das muss man echt anerkennen.«

Er starrte Skyler feindselig an und schüttelte den Kopf. »Ich geb dir fünf Minuten Zeit, dein Zeug zusammenzupacken und zu verschwinden.«

Wenig später fand Skyler sich mit seinem kleinen Bündel unter dem Arm auf der Straße wieder.

»Hier!«, rief Big Al ihm nach. »Nimm die als Erinnerung an deinen Aufenthalt im Süden mit!« Er warf Skyler die Zeitung vor die Füße und knallte die Tür zu.

Skyler hob die Zeitung auf. Sie hieß USA Today. Er betrachtete das Foto erneut und stellte fest, dass der Mann zwar nicht genau wie er aussah, aber ihm doch so ähnlich war, dass Außenstehende sie verwechseln konnten. Das Foto gehörte zu einer Anzeige für ein Buch mit dem Titel Death Mask. Darin wurde erwähnt, der Autor lebe in New York. Skyler las seinen Namen, riss die Seite heraus, faltete sie zusammen und steckte sie ein. Dann schlurfte er in Richtung Polizeistation davon.

12

Jude hatte es eilig, in die Redaktion zu kommen, deshalb schreckte er vor dem Gedanken zurück, von Bashir in ein längeres Gespräch verwickelt zu werden. Er war versucht, sich seinen Morgenkaffee im Delicatessen nebenan zu holen, aber dabei hätte der Afghane ihn vermutlich gesehen, weil sein Kaffeewagen so aufgestellt war, dass er die Konkurrenz im Auge behalten konnte. Das wäre Verrat gewesen und hätte ihre Beziehung schwer belastet.

»Morgen, Bashir«, sagte er.

Der kleine Mann lächelte.

»Morgen, Boss.«

So nannte Bashir ihn oft.

Der Afghane wischte sich die Hände an seiner Schürze ab, nahm einen Kaffeebecher von der umgekehrt aufgetürmten Säule, stellte ihn unter den Hahn und zog den kleinen schwarzen Hebel zurück, wobei er sich leicht nach hinten lehnte.

»Na«, fragte er, »alles okay?«

»Alles bestens. Und wie geht’s Ihnen?«

»Alles mit Butter.«

»Alles in Butter.«

»Okay.«

Über das attraktive dunkle Gesicht schien ein Schatten zu ziehen. Bashir tratt einen Schritt näher und beugte sich über die Theke.

»Boss, ich muss Sie was fragen …« Er senkte im Verschwörertonfall die Stimme. »Ist bei Ihnen alles in Ordnung? Oder stecken Sie im Schwierigkeiten?«

Jude verstand nicht, worauf er hinauswollte. »Was?«

»Stecken Sie in Schwierigkeiten?«

»Nein, natürlich nicht.« Jude war ehrlich verwirrt. »Wie kommen Sie darauf?«

»Ach, nur so, nur so.«

Bashir zögerte, als schrecke er davor zurück, eine unsichtbare Grenzlinie zu überschreiten. Aber dann entschloss er sich doch dazu.

»Ich sehe bloß manchmal was.«

»Was denn?«

Bashir flüsterte jetzt fast und sah sich dabei übertrieben vorsichtig um.

»Ich glaube, dass Sie beschattet werden.«

»Unsinn!«

»Doch, ganz im Ernst! Der Kerl ist mir schon mehrmals aufgefallen. Groß, muskulös, bösartig aussehend. Er hat vorn eine Strähne wie von weißer Farbe im Haar. Die ist gar nicht zu übersehen.«

»Wieso glauben Sie, dass er mich beschattet?«

»Weil ich ihn gesehen habe. Mehr als einmal.«

Jude winkte lachend ab.

»Ehrlich! Er bleibt im Hintergrund und beobachtet Sie — und dann geht er Ihnen nach.«

»Hören Sie, soll das ein Witz sein?«

Aber ein Blick auf Bashirs Gesicht zeigte ihm, dass diese Warnung ernst gemeint war. Der kleine Mann glaubte wirklich, was er sagte.

Als Jude mit seinem Kaffee weiterging, schüttelte er über die Absurdität dieser Vorstellung den Kopf. Trotzdem war es Bashir Ernst damit gewesen. Der Afghane hatte sich diese Geschichte nicht ausgedacht. Bevor Jude das Redaktionsgebäude des Mirror betrat, drehte er sich rasch um und suchte den Gehsteig hinter sich ab. Dort war niemand zu sehen… oder vielmehr eine Menge Leute, aber kein großer, muskulöser Mann mit einer auffälligen weißen Strähne im Haar.

___________

An seinem Schreibtisch sitzend musste Jude sich eingestehen, dass er etwas in Sorge war. Wer wäre das nicht, wenn er hört, dass er beschattet wird? Er ließ sich die einzelnen Möglichkeiten durch den Kopf gehen. Jemand, den ich durch einen Artikel verärgert habe? Der Freund irgendeiner Frau, die sich von mir belästigt fühlt? Ein alter Feind? Alles recht unwahrscheinlich, deshalb gab er zuletzt auf. Daran ist bestimmt nichts. Bashir neigt eben zu orientalischen Übertreibungen …

Er würde sich bestimmt besser fühlen, wenn er einen anständigen Auftrag bekäme. Aber seit fast zwei Wochen hatte er keinen mehr erhalten — seit der Sache mit der verstümmelten Leiche droben in New Paltz. Das war eine gute Story gewesen: blitzschnell recherchiert und wie im Traum hingeschrieben, auch wenn Leventhal sie dann erbärmlich zusammengestrichen hatte. Immerhin war die Story, welche die seine von Seite eins verdrängt hatte, nicht ganz wertlos gewesen — sie hatte ihn zu Tizzie geführt. Und Sie war das Beste, was ihm seit langem widerfahren war.

Nach ihrem Sonntagsspaziergang an der Strandpromenade hatte er sie zu ihrem Apartment in die West Side zurückgefahren, und sie hatte ihn eingeladen, noch zu einer Tasse Kaffee mit hinaufzukommen. Noch bevor sie die Kaffeedose öffnen konnte, lagen sie schon auf der Couch. Seine Enthüllungen hatten sie anscheinend sehr bewegt. Sie war leidenschaftlich, aber seinem Gefühl nach trotzdem ‘ etwas zurückhaltend gewesen. Was Jude betraf, war er aufgeregt wie ein Jugendlicher gewesen. Aber er hatte nichts überstürzen wollen — dafür war ihm die Sache viel zu wichtig. Er wollte, dass diesmal alles klappte.

Sie hatten sich liebevoll verabschiedet und waren gleich am nächsten Abend zusammen durch die Clubs in Greenwich Village gezogen. Heute Abend wollten sie wieder ausgehen. Mit drei Verabredungen innerhalb einer Woche war sein gesellschaftlicher Terminkalender fast übervoll.

Er beobachtete, wie die Redakteure sich besprachen, und nahm sich vor, die Story in New Paltz im Auge zu behalten, um herauszufinden, ob sich dort etwas ereignet hatte, über das sich zu berichten lohnte.

Jude beschloss, den FBI-Agenten Raymond La Barrett anzurufen, der eine seiner besten Quellen in Polizeikreisen war — in Wirklichkeit seine einzige Quelle dort. An sich gehörte er nicht zu den Leuten, die sich auf Anhieb gut mit Cops oder Feds verstanden. Kennen gelernt hatte er Raymond vor drei Jahren bei Recherchen zu einem Artikel über die zehn größten New Yorker Drogenhändler, die ihr Gewerbe mehr oder minder öffentlich betrieben. Ihre Zusammenarbeit war eng gewesen und hatte vorausgesetzt, dass beide Seiten einander vertrauten, um Klagen wegen übler Nachrede zu vermeiden und genügend Informationen über die Gangster in der Öffentlichkeit zu verbreiten, um die New Yorker Polizei unter Druck zu setzen. Sein Artikel hatte zu sechs Anklagen und vier Verurteilungen geführt. Jude und Raymond hatten sich zu einer kleinen Siegesfeier bei McSorley’s getroffen, sich bei ein Paar Drinks ein paar Witze erzählt und eine für beide Seiten gedeihliche Zusammenarbeit vereinbart…

Raymond, der acht Jahre älter war, nutzte diesen Altersvorsprung um Jude »Kid« zu nennen. Bis der FBI-Mann letztes Jahr nach Washington versetzt worden war, wo er die Leitung einer Abteilung mit der bedrohlich klingenden Bezeichnung »Special Operations« übernahm, hatten sie sich alle sechs bis acht Wochen getroffen und waren zweimal zum Angeln in den Norden gefahren. Sie hatten bei mehreren Storys zusammengearbeitet und sogar eine Art Kode für Telefongespräche erfunden: Schlug einer von ihnen vor, es sei wieder »Zeit für ein Bier«, trafen sie sich an diesem Abend — abwechselnd in einer Bar in der Nähe von Judes oder Raymonds Apartment. »Dämlich genug, um zu funktionieren«, hatte Raymond angemerkt.

Jude wusste seine Telefonnummer auswendig.

»Special Ops.«

Sein Anruf wurde von einer Sekretärin angenommen, die ihn weiterverband.

»Yeah.«

»Raymond, hier ist Jude.«

»Wie geht’s immer, Starreporter?«

»Bestens. Und dir?«

»Gut. Du arbeitest noch immer bei demselben alten Revolverblatt?«

»Mehr oder weniger. Und du vergeudest noch immer Steuergelder, wie ich sehe.«

»Ich schmeiße sie zum Fenster raus, so schnell ich kann. Okay, was gibt’s?«

»Nichts Besonderes. Ich frag mich, ob du mir wegen einer Mordgeschichte hier in der Gegend helfen könntest. Ein merkwürdiger Fall, der vor ein paar Wochen passiert ist.«

»Du weißt, dass wir dafür nicht zuständig sind. Das sind rein lokale Ermittlungen. Außer der Fall weist irgendeinen Aspekt auf, der uns betrifft.«

»Ich hoffe, dass es einen gibt. Ich stecke ehrlich gesagt in einer Sackgasse. Aber möglicherweise könntest du was haben.«

»Also los. Frag mich.« Raymonds Tonfall klang zweifelnd.

»Es geht um einen Mord in einem Nest namens Tylerville bei New Paltz. Der Ermordete konnte bisher noch nicht identifiziert werden. Sein Gesicht ist verstümmelt worden, und die Fingerkuppen fehlen — zumindest alle bis auf eine.«

»Was ist daran so merkwürdig?«

»Nun, ich habe noch keinen Toten dieser Art gesehen.«

»Du hast ihn gesehen?«

»Yeah, der Gerichtsmediziner hat mich an der Autopsie teilnehmen lassen. Ich hab den Kerl praktisch mit einbalsamiert.«

»Jesus! Das ist nicht koscher.«

Durch Raymonds Dienstzeit in New York hatte sein Vokabular sich vergrößert.

»Richtig, aber was jemand mit dem Toten angestellt hat, ist auch nicht koscher gewesen.«

»Was noch, außer dass man ihm das Gesicht verstümmelt und die Fingerkuppen abgesengt hat?«

»Aus der Innenseite seines rechten Oberschenkels ist ein Stück Fleisch herausgeschnitten worden. Ungefähr so groß wie ein halber Dollar.«

»Und das soll ich dir glauben? Hör zu, du hast schon seit zwanzig Jahren keinen halben Dollar mehr gesehen.«

»Willst du den genauen Durchmesser?«

Jude blätterte in seinem Notizbuch.

»Was ist das dieses Geräusch?«, fragte Raymond.

»Nichts. Bloß mein Notizbuch.«

»Er hat dich zusehen lassen. Und er hat dich Notizen machen lassen — wer war der Kerl?«

»Er heißt McNichol. Den Vornamen hab ich vergessen.«

»Norman McNichol.«

»Genau! Woher hast du das gewusst? Kennst du ihn?«

»Ob ich den kenne? Scheiße, den kennt jeder! Der Kerl ist plemplem. Das Ungeheuer vom Ulster County.«

Raymond senkte seine Stimme etwas und fügte hinzu: »Ganz im Vertrauen gesagt — dem Kerl ist nicht zu trauen. Er ist ein Spinner, der dich gewaltig in die Irre führen kann.«

»Ah, ich hab’s. Das Loch hat einen Durchmesser von drei Komma sechs Zentimeter gehabt. Fast genau kreisrund.«

»Und was soll das beweisen? Dass jemand ihn wie eine Flasche Wein entkorkt hat?«

»McNichol glaubt, dass es irgendwas mit einem unveränderlichen Kennzeichen zu tun gehabt hat.«

»Das sieht ihm ähnlich. Hör zu, Kid, das kann alles Mögliche gewesen sein. Eine Verletzung, die er sich zugezogen hat, ein Unfall beim Transport der Leiche. Darauf würde ich nicht allzu viel geben.«

»Könnte das ein Mafiamord gewesen sein?«

»Klar doch. Woher zum Teufel soll ich das wissen? Hätten sie ihm den Pimmel abgeschnitten und in den Mund gestopft, würde ich sagen, dass du auf der richtigen Fährte bist. Aber eine kleine Wunde am Oberschenkel? Damit ist nicht viel anzufangen.«

»Fragst du mal bei euch nach? Ob ihr irgendwas darüber wisst?«

»Gut, wird gemacht, aber gib dich keiner allzu großen Hoffnungen hin. Und alles, was mit McNichols zusammenhängt, ist sowieso beschissen.«

»Danke. Du baust einen echt auf.«

»He, Kid, mich interessiert noch was anderes — nimmst du dieses Gespräch auf?«

»Du weißt, dass ich’s tue. Das ist das Standardverfahren bei allen meinen Storys.«

»Aber das ist nicht unser Standardverfahren, kapiert? Lass also den Blödsinn.«

»Okay, dann sind wir nächstes Mal nur zu dritt: du, ich und wer gerade bei euch mithört.«

»Sehr witzig, Kid. Ich melde mich wieder.«

»Vorläufig besten Dank.«

»Schon gut.«

Am anderen Ende wurde aufgelegt.

Judes Neugier war geweckt, und er fragte sich, ob er sich verhört haben konnte. Er klemmte das Verbindungskabel zum Hörer ab, die Schublade auf, spulte das Tonband zurück und hörte sich die Aufnahme an. Es dauerte eine Weile, bis er die richtige Stelle fand. Aber dann hörte er Raymonds leicht näselnde Stimme fragen: »Was noch, außer dass man ihm das Gesicht verstümmelt und die Fingerkuppen abgesengt hat?«

Merkwürdig, sagte sich Jude und spielte das Tonband noch einmal von vorne ab, um ganz sicherzugehen. Ich habe ihm nie erzählt, die Fingerkuppen seien abgesengt worden. Ich habe nur gesagt, dass sie fehlen.

Er zuckte mit den Schultern. Vielleicht hatte Raymond das nur zufällig richtig erraten. Aber dieser kleine Zwischenfall trug nicht dazu bei, Jude mit all den Ungereimtheiten zu versöhnen, von denen er plötzlich umgeben zu sein schien. Tatsächlich empfand er genau das Gegenteil. Er war regelrecht eingeschüchtert.

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Jude wickelte sich in einen flauschigen karierten Bademantel von El Corte Ingles in Madrid, schlüpfte in Sandalen mit aus Stroh geflochtenen Sohlen aus dem Eritrean Shop in Greenwich Village und latschte zum Kühlschrank, um den Wein zu holen. Er fühlte sich ziemlich gut.

Diesmal hatten sie sich noch heißer geliebt. Tizzie war alles andere als zurückhaltend, sondern wild und leidenschaftlich gewesen. Und Jude hatte sich gehen lassen und nichts mehr wahrgenommen außer ihrer beider Körper, die sich synchron bewegten. Jetzt schüttelte er verwundert den Kopf, während er mit einer Hand nach der halb vollen Flasche Chablis und mit der anderen nach zwei Gläsern griff.

Verdammt. So hatte er sich schon lange nicht mehr gehen lassen.

Als er zurückkam, saß Tizzie mit dem Gesichtsausdruck einer Sphinx ans Kopfende gelehnt in seinem Bett. Jude blieb neben ihr stehen und schenkte beiden ein halbes Glas Wein ein. Als sie nach dem ihren griff, rutschte die Bettdecke herunter und ließ ihre Brüste sehen: klein, aber wohl geformt und mit aufgerichteten Spitzen. Er nickte anerkennend und hob sein Glas, um ihr zuzuprosten.

»Ich seh dir in die Augen, Kleines.«

Tizzie streckte die Hand aus, zog den Gürtel seines Badernamtels auf und erwiderte seinen Toast.

»Und auf dich, Louis«, sagte sie. »Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.«

Jude lächelte, ging ums Bett herum und setzte sich neben sie. Sie fragte ihn nach allen möglichen Gegenständen in seinem Schlafzimmer, und er erläuterte, wo er sie aufgestöbert hatte und warum er sie mochte. Er sprach über Gemälde, eine kleine Bronzeskulptur und allen möglichen Krimskrams von Flohmärkten. Es machte ihm Spaß, darüber zu reden, weil sie Fragen stellte und interessiert wirkte. Und wieder einmal stellte er fest, wie ungezwungen er mit ihr reden konnte. Trotzdem registrierte er auch, dass dies nicht das intime Gespräch war, das er nach dem Sex erwartet hatte.

»Und was ist damit?«, fragte sie mit einer Handbewegung zum halb offenen Kleiderschrank, in dem ein schwarzes Negligé hing. Es gehörte Betsy.

»Das ist der letzte Rest einer Geschichte, die vermutlich nie hätte passieren sollen und jetzt ohnehin vorbei ist.«

»Denk nicht, dass ich eifersüchtig bin«, sagte sie. »Ich bin’s nämlich nicht.«

»Weil du nicht der Typ dafür bist oder nur jetzt nicht?«

»Beides.« Sie trank einen kleinen Schluck Wein und machte ein nachdenkliches Gesicht. »Sie muss ganz schön sauer gewesen sein, wenn sie’s nicht mehr abgeholt hat.«

»Da hast du Recht.«

»Ein entscheidender Fehler … Kleidungsstücke zurückzulassen. Man weiß nie, wer sie später mal trägt. Beispielsweise könnte das Negligé mir passen.«

»Bitte, bedien dich«, sagte er.

»Tatsächlich kannst du’s nicht verschenken, stimmt’s?«

Das klang tadelnd, deshalb schwieg Jude und zog es vor, seinen Arm um sie zu legen. Mit seiner freien Hand fuhr er den Umrissen ihres Körpers nach und folgte den Kurven und Vertiefungen, bis er auf etwas stieß, das sich wie eine Naht anfühlte. Er zog die Bettdecke etwas herunter und sah, dass Tizzie oberhalb des linken Becgenknochens eine lange weiße Narbe hatte.

»Woher kommt die?«, fragte er.

»Von einer Operation.«

»Das hab ich mir gedacht. Von welcher Operation?«

»Vor Jahren, vor vielen Jahren bin ich krank gewesen und habe eine Niere verloren.«

»Eine Niere — wie?«

»Man hat mir ein Antibiotikum verschrieben, das ich nicht vertragen habe. Es heißt Gentamyzin — ein häufig verordnetes Mittel. Man bekommt es gegen Blasenentzündung, die ich damals gehabt habe. Aber in sehr seltenen Fällen tritt akutes Nierenversagen auf. Die Niere ist unheilbar geschädigt. Deshalb habe ich eine neue gekriegt.«

»Mein Gott!«

»Keine große Sache. Außerdem liegt alles schon lange zurück. Ich denke nicht einmal mehr daran. Die Narbe gefällt mir jetzt sogar.«

»Mir gefällt sie auch«, sagte er und beugte sich hinunter, um sie zu küssen.

Nach einem weiteren Glas Wein und ungezwungener Unterhaltung stellte Jude überrascht fest, dass er wieder erregt war. Er ließ seine Hand über ihren Körper gleiten, und sie liebten sich noch einmal.

Danach verfiel er in eine Art Wachtraum. Vor seinem inneren Auge liefen die Ereignisse dieses Tages ab. Er überlegte, ob er Tizzie von Bashirs eigenartiger Warnung und seinem Telefongespräch mit Raymond erzählen sollte, aber das erschien ihm jetzt alles töricht und belanglos. Hier war etwas viel Wichtigeres passiert.

Er wollte sie in seinen Armen halten, aber nach kurzer Zeit löste sie sich aus seiner Umarmung. Sie könne so nicht schlafen, erklärte sie ihm.

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Am nächsten Morgen, einem Freitag, hatte Jude eine Auseinandersetzung mit Jenks Simons.

Simons war einer dieser unerträglich überheblichen Typen — von denen es bei jeder Zeitung einen gibt —, die ihren ganzen Ehrgeiz daransetzen, über alles Bescheid zu wissen — nicht etwa über Ereignisse in der City Hall oder an Brennpunkten des Weltgeschehens, sondern in der Redaktion. Seine Leidenschaft galt nicht Nachrichiten, sondern Klatschgeschichten. Angeblich ließ er in seinen Storys manchmal bewusst wichtige Einzelheiten aus — zum Beispiel, dass die Polizei wusste, dass der Mord von einem Mann verübt worden war, weil auf der Unterseite des WC-Sitzes ein blutiger Fingerabdruck entdeckt worden war —, um sie bei einem Dinner, zu dem er eingeladen war, zum Besten zu geben. Er liebte es, im Mittelpunkt zu stehen, und zu allem Überfluss besaß er auch noch journalistisches Talent.

Jude begegnete ihm an der Tür zur Herrentoilette — er kam heraus, Simons ging hinein.

»Aha«, sagte Simons hämisch grinsend, was aus dieser Nähe leicht grotesk wirkte, »jetzt wissen wir also, warum Sie den Auftrag bekommen haben, über Zwillinge zu schreiben.«

»Was? Wovon reden Sie überhaupt?«

Aber Simons war schon nach drinnen verschwunden, sodass Jude draußen auf einem der belebten Gänge der Redaktion auf ihn warten musste. Und er musste lange warten — so lange, dass er anfing auf und ab zu gehen, was normalerweise genügte, um das Gerücht in Umlauf zu setzen, ein Reporter habe Probleme mit einer Story.

Als Simons endlich wieder auftauchte, war er sichtlich zufrieden, dass Jude auf ihn gewartet hatte. Aber Jude war das egal — er wollte nur rausbekommen, was Simons wusste.

»Okay, wie haben Sie das vorhin gemeint?«

Simons spielte den Überraschten. »Gemeint?«

»Die Sache mit den Zwillingen. Was zum Teufel wollten Sie damit sagen?«

»Dass auf der Hand liegt, warum Sie den Auftrag bekommen haben. Weil Sie selbst einen Zwillingsbruder haben.«

Jude war sprachlos. Er fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen.

»Falls Sie keinen Zwillingsbruder haben, müssen Sie wohl der Mann gewesen sein, der gestern im Central Park die Mülltonnen durchwühlt hat. Zumindest hat das Helen gesagt — Helen vom Immobilienteil. Sie hat gesagt, er habe Ihnen sehr ähnlich gesehen. Natrürlich auf seine Kleidung, die offenbar nicht Ihrem Standard entsproochen hat. Außerdem hat sie gesagt, er… ich denke, dass ich Recht habe, wenn ich er statt Sie sage … ich meine, im Zweifelsfall müssen wir doch zu einem Kollegen halten…«

»Simons, sehen Sie sich vor, sonst sorge ich dafür, dass Ihnen das Grinsen vergeht!«

»Schon gut, schon gut. Beruhigen Sie sich. Helen hat gemeint, Sie hätten erbärmlich ausgesehen. Wie ein geprügelter Hund, so hat sie’s ausgedrückt.«

Jude ballte die Faust, als wolle er ihm einen Kinnhaken verpassen.

»Okay, okay, bloß nicht aufregen. Sie haben also keinen Zwillingsbruder. Aber Sie sollten wissen, dass in der Stadt jemand herumläuft, der Ihnen verdammt ähnlich sieht.«

Jude wandte sich ab und ging davon, aber Simons verschoss einen letzten Giftpfeil, der ihn dazu brachte, sich noch einmal umzudrehen.

»Na, sehen Sie, hat es sich nicht doch gelohnt, darauf zu warten?«

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Mittags lief Jude in der Cafeteria Betsy über den Weg. Er hatte eben einen Berg Spaghetti verdrückt, als er sah, wie sie an der Kasse zahlte und in den euphemistisch Speisesaal genannten Bereich kam, wobei sie ihr Tablett so hoch trug, als sei es mit Opfergaben beladen. Er beschäftigte sich vergeblich mit seinen Pfirsichen, aber sie entdeckte ihn und setzte sich ihm gegenüber. Er lächelte, aber nicht lange, denn was er in Betsys Miene las, war beunruhigend: aufrichtige Besorgnis.

»Jude, sag mal, geht’s dir gut? Ich meine, du würdest mir doch sagen, wenn’s anders