/ Language: Deutsch / Genre:thriller

Träume süß mein Mädchen

Joy Fielding


Träume süß mein Mädchen

Joy Fielding

2006

1

Jamie Kellog lebt in Florida und hat mit ihren beinahe dreißig Jahren noch immer Schwierigkeiten, das Leben in den Griff zu bekommen. Auch mit der Liebe hat es bisher nicht geklappt, denn Jamie hat ein ausgesprochenes Faible für charmante Herzensbrecher. Alles ändert sich aber an dem Abend, an dem sie Brad Fisher begegnet und zum ersten Mal das Gefühl hat, wirklich verstanden zu werden. An seiner Seite fühlt sie sich geborgen und sicher, sie schenkt Brad ihr ganzes Vertrauen. Als er ihr vorschlägt eine Reise nach Ohio zu übernehmen, ist sie selig — denn was wäre schöner, als einige Tage mit ihrem Geliebten unterwegs zu sein?

Schon bald beschleichen Jamie allerdings erste Zweifel an ihrem Glück, denn Brads unberechnbares Verhalten gibt ihr Rätsel auf. Und dann kommt der Tag, an dem sie die Augen nicht länger vor der schockierenden Wahrheit verschließen kann: Brad ist ein skrupelloser Killer — und Jamie wird plötzlich zum wehrlosen Spielzeug eines Psychopathen, der es mit perfiden Methoden versteht, sie sich gefügig zu machen…

Inhaltsverzeichnis

Prolog

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Danksagung

Für Novella

Prolog

Drei Uhr in der Früh. Seine liebste Tageszeit. Der Himmel war dunkel, die Straßen waren verlassen. Die meisten Menschen schliefen. Wie die Frau im Schlafzimmer am Ende des Flures. Er fragte sich, ob sie träumte, und lächelte bei dem Gedanken, dass ihr Albtraum erst beginnen sollte.

Er lachte, sorgfältig darauf bedacht, keinen Laut von sich zu geben. Es wäre sinnlos, sie zu wecken, bevor er entschieden hatte, wie er vorgehen wollte. Er stellte sich vor, wie sie sich im Bett rührte, aufrichtete, ihn näher kommen sah und wie üblich halb belustigt, halb geringschätzig den Kopf schüttelte. Er hörte die Verachtung in ihrer tiefen, kehligen Stimme. Das ist mal wieder typisch für dich, würde sie sagen, einfach blindlings loszuschlagen, dich in eine Sache zu stürzen, ohne alles vorher zu durchdenken.

Aber er hatte einen Plan, dachte er, streckte die Arme über den Kopf und bewunderte für einen Moment seinen schlanken Körper, den harten Bizeps unter dem kurzärmeligen schwarzen T-Shirt. Er hatte immer große Mühe auf sein Aussehen verwendet, und mit 32 war er in besserer Verfassung denn je. Das macht das Gefängnis mit einem, dachte er und lachte wieder in sich hinein.

Er hörte ein Geräusch, blickte zum offenen Fenster und sah, dass ein großer Palmwedel gegen die obere Hälfte der Scheibe schlug. Der stärker werdende Wind wehte die zarten Stores in mehrere Richtungen gleichzeitig, sodass die Gardinen aussahen wie flatternde Fahnen, deren rasende Bewegung er als Zeichen der Ermutigung und Anfeuerung nahm. Der Wetterbericht hatte bis zum Morgengrauen heftige Schauer im Großraum Miami angekündigt. Die hübsche blonde Ansagerin hatte sogar vor schweren Gewitterstürmen gewarnt, aber was wusste die schon? Sie las einfach ab, was auf den Texttafeln vor ihr stand, und diese dummen Vorhersagen waren in mindestens der Hälfte der Fälle falsch. Nicht, dass das irgendwie von Belang war. Morgen würde sie mit neuen unverlässlichen Prognosen wieder auf Sendung gehen. Nie wurde jemand zur Rechenschaft gezogen. Er formte eine Pistole aus seinen behandschuhten Fingern und drückte ab.

Heute Nacht schon.

Mit drei raschen Schritten schlich er auf Turnschuhen über das helle Parkett im Wohnzimmer und stieß mit der Hüfte gegen die spitze Kante eines hohen Ohrensessels, an den er nicht mehr gedacht hatte. Er fluchte leise — ein Schwall farbenprächtiger Schmähungen, die er von einem ehemaligen Zellengenossen in Raiford gelernt hatte — und zog das Fenster vorsichtig zu. Sofort übertönte das leise Summen der Klimaanlage das gequälte Heulen des Windes. Er hatte es gerade noch rechtzeitig ins Haus geschafft, dank eines Seitenfensters, das genauso leicht aufzubrechen war, wie er es immer vermutet hatte. Sie hätte mittlerweile wirklich eine Alarmanlage installieren lassen sollen. Eine allein lebende Frau. Wie oft hatte er ihr erklärt, wie leicht irgendjemand ihr Fenster aufstemmen könnte? Nun ja, sie konnte jedenfalls nicht behaupten, er hätte sie nicht gewarnt, dachte er, als er sich an die Abende erinnerte, als sie an ihrem Esstisch gesessen und Wein — oder in seinem Fall Bier — getrunken hatten. Aber selbst damals, ganz zu Beginn, als sie noch vorsichtig optimistisch war, hatte sie ihn unwillentlich wissen lassen, dass er in ihrem Haus eher geduldet als willkommen war. Und wenn sie ihn ansah, falls sie ihn überhaupt eines Blickes würdigte, zuckte unwillkürlich ihre hübsche kleine Stupsnase, als habe sie einen unangenehmen Geruch gewittert.

Dabei war sie die Letzte, die auf irgendwen herabblicken konnte, dachte er, während sich seine Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnten, sodass er das kleine Sofa und den Couchtisch aus Glas in der Mitte des Zimmers ausmachen konnte. Das musste man ihr lassen — sie hatte das Haus nett hergerichtet. Was sagten noch immer alle über sie? Sie hatte Geschmack. Ja, das stimmte. Geschmack. Wenn sie dazu auch noch halbwegs ordentlich kochen könnte, höhnte er, als er an die grässlichen vegetarischen Gerichte dachte, die sie einem als Abendessen verkauft hatte. Verdammt, sogar der Gefängnisfraß war besser gewesen als dieser gotterbärmliche Mist. Kein Wunder, dass sie keinen Mann gefunden hatte.

Obwohl er diesbezüglich auch so seine Vermutungen hatte.

Er ging in den winzigen, ans Wohnzimmer angrenzenden Essbereich und strich mit der Hand über die hohen Rückenlehnen mehrerer stoffbezogener Stühle, die um einen ovalen Glastisch gruppiert waren. Jede Menge Glas in diesem Haus, dachte er und streckte die Finger in seinen Latexhandschuhen. Er würde jedenfalls keine verräterischen Spuren hinterlassen.

Wer sagte, dass er immer blindlings losschlug? Wer sagte, dass er keinen Plan hatte?

Er blickte in die Küche zu seiner Rechten und überlegte, ob er im Kühlschrank nachsehen und sich vielleicht ein Bier nehmen sollte, wenn sie noch welches vorrätig hielt. Wahrscheinlich nicht, nachdem er nicht mehr zu ihren regelmäßigen Besuchern zählte. Er war der Einzige, der hier je Bier getrunken hatte. Die anderen Gäste blieben störrisch bei Chardonnay und Merlot oder wie die Plörre hieß, die sie ausschließlich tranken. Für ihn schmeckte das Zeug alles gleich — vage nach Essig und Metall. Er bekam davon nur Kopfschmerzen. Vielleicht kamen die aber auch von den Leuten, die sie eingeladen hatte. Er zuckte die Achseln, als er an die verstohlenen Blicke dachte, die sie sich zugeworfen hatten, wenn sie glaubten, er würde es nicht sehen. Er ist bloß ein Ausrutscher, hatten diese Blicke gesagt, in kleinen Dosen ja ganz amüsant, ansonsten aber nur ein müdes Lächeln wert. Er würde sich ohnehin nicht lange genug halten, als dass es von Belang wäre.

Aber er war geblieben.

Es war von Belang.

Und nun bin ich zurückgekommen, dachte er, und ein brutales Lächeln zerrte an seinen Mundwinkeln und den vollen Lippen.

Eine störrische Strähne seiner langen braunen Haare fiel ihm in die Stirn und ins Auge. Ungeduldig strich er sie hinter sein Ohr und ging den schmalen Flur zu dem Schlafzimmer auf der Rückseite des ordentlichen Bungalows entlang. Als er an der kleinen Kammer vorbeikam, wo sie ihre Yogaübungen machte und meditierte, stieg ihm ein leichter Weihrauchduft in die Nase, der an den Wänden klebte wie der Geruch von frischer Farbe. Sein Grinsen wurde breiter. Für jemanden, der mit aller Macht innere Ruhe finden wollte, war sie erstaunlich reizbar, stets bereit, über irgendetwas völlig Nebensächliches zu streiten. Sie nahm Anstoß, wo keine Kränkung beabsichtigt war, und ging ihm bei der leisesten Provokation an die Kehle. Obwohl es ihm durchaus Spaß gemacht hatte, sie zu provozieren.

Ihre Schlafzimmertür stand offen, sodass er vom Flur die Umrisse ihrer schlanken Hüfte unter der dünnen weißen Baumwolldecke ausmachen konnte. Er fragte sich, ob sie unter der Decke nackt war und was er tun würde, wenn sie es war. Nicht dass er sich in dieser Hinsicht für sie interessiert hätte. Für seinen Geschmack war sie ein wenig zu durchtrainiert und fragil, als könnte sie beim leichtesten Druck unter seinen Händen zerbrechen. Er mochte die Frauen weicher, fülliger und verwundbarer. Er mochte etwas, das man packen und in das man seine Zähne graben konnte. Trotzdem, wenn sie nackt war …

War sie nicht. Sobald er das Zimmer betreten hatte, sah er die blauen und weißen Streifen ihres Schlafanzugoberteils. Er hätte es sich eigentlich denken können, dass sie einen Männerpyjama trug. Jedenfalls überraschte es ihn nicht. Sie hatte sich schon immer eher wie ein Mann gekleidet und nicht wie ein Mädchen. Wie eine Frau, hörte er unweigerlich ihren Einspruch in seinem Kopf, als er sich dem großen französischen Bett näherte. Passend für eine Königin, dachte er, als er auf sie herabstarrte. Auch wenn sie in diesem Moment nicht besonders hoheitsvoll aussah. Sie lag auf der linken Seite halb in der Embryonalstellung zusammengerollt, ihre sonnengebräunte Haut wirkte im Schlaf blass, ihr kinnlanges Haar klebte an ihrer rechten Wange, die Spitzen ragten in ihren offen stehenden Mund.

Wenn sie nur gelernt hätte, diesen großen Mund zu halten.

Dann würde er heute Nacht vielleicht jemand anderen besuchen.

Oder er müsste womöglich niemanden besuchen.

Das letzte Jahr wäre vielleicht gar nicht passiert.

Nur dass es eben passiert war, dachte er, ballte die Fäuste und öffnete sie wieder. Und es war vor allem deshalb so gekommen, weil die dumme Gracie ihre dummen Gedanken und Ansichten nicht für sich behalten konnte. Sie war die Anstifterin gewesen, diejenige, die alle gegen ihn aufgestachelt hatte. Alles, was geschehen war, war ihre Schuld. Deshalb schien es nur passend, dass sie heute Nacht auch diejenige war, die es wieder gutmachen würde.

Er blickte zum Fenster auf der anderen Seite des Raumes und sah die Mondsichel, die zwischen den Lamellen der weißen Jalousie hindurchschimmerte. Draußen malte der Wind mit surrealem Pinselstrich ein Bild der Nacht, ein wahlloses Durcheinander von Farben und Formen; drinnen war alles still und friedlich. Einen Moment lang überlegte er, ob er sie ungestört weiterschlafen lassen sollte. Er würde wahrscheinlich auch so finden, wonach er suchte. Vermutlich fand sich die Information, auf die er aus war, in einer Seitenschublade des antiken Eichenholzschreibtischs, der zwischen Kommode und Fenster geklemmt war. Oder sicher in ihrem Laptop gespeichert. So oder so, er wusste, dass alles, was er wollte, griffbereit lag. Er musste es nur nehmen und wieder in der Nacht verschwinden, ohne dass jemand etwas bemerkte.

Aber wo blieb dabei der Spaß?

Er schob seine rechte Hand in die Tasche und tastete nach der harten Klinge seines Messers, die für den Augenblick noch sicher in dem Holzgriff schlummerte. Er würde sie zücken, wenn die Zeit gekommen war. Aber vorher gab es noch viel zu tun. Er konnte die Vorstellung ebenso gut beginnen lassen, dachte er und ließ sich vorsichtig auf dem Bett nieder. Die Matratze gab nach, und seine Hüfte streifte die ihre. Sie drehte sich instinktiv zum ihm um. »Hallo, Gracie«, gurrte er mit einer Stimme, die so sanft war wie weiches Fell. »Zeit zum Aufwachen, Gracie-Girl.«

Sie stöhnte leise, ohne sich zu rühren.

»Gracie«, wiederholte er lauter.

»Hm«, murmelte sie, hielt die Augen jedoch stur geschlossen.

Sie weiß, dass ich hier bin, dachte er. Sie spielt bloß mit mir. »Gracie«, bellte er.

Sie riss die Augen auf.

Und dann passierte, so schien es, alles auf einmal. Sie war wach, schrie und versuchte, sich aufzurichten, das grässliche katzenartige Gejaule schlug ihm auf die Ohren und hallte von den Wänden wider. Instinktiv schnellte seine Hand vor, um sie zum Schweigen zu bringen, seine Finger schlossen sich um ihren Hals, und ihr Schreien wurde unter dem stärker werdenden Druck auf ihren Kehlkopf zu einem Wimmern. Sie rang keuchend nach Luft, als er sie mit einem Arm mühelos hochhob und an die Wand hinter ihrem Bett drückte.

»Halt’s Maul«, befahl er ihr, während sie die Zehen ausstreckte, um Stand auf dem Bett zu finden. Mit den Fingern zerrte sie an seinen Handschuhen in dem vergeblichen Bemühen, sich aus seinem unnachgiebigen Griff zu befreien. »Willst du jetzt wohl die Klappe halten?«

Sie riss ihre Augen noch weiter auf.

»Was?«

Er spürte, wie sie versuchte, eine Antwort zu krächzen, aber sie brachte nur einen abgewürgten Schrei heraus.

»Ich nehme das mal als Ja«, sagte er, lockerte langsam seinen Griff und beobachtete, wie sie an der Wand auf ihr Kissen zurücksank. Er gluckste, als sie würgend nach Luft rang. Ihr Schlafanzugoberteil war hochgerutscht, und er konnte ihre einzelnen Wirbel ausmachen. Es wäre so leicht, ihr einfach das Rückgrat zu brechen, dachte er und genoss die Vorstellung, während er ihr Haar packte und ihren Kopf herumriss, sodass sie ihn direkt ansehen musste. »Hallo, Gracie«, sagte er und wartete auf das verächtliche Nasenzucken. »Was ist los? Hab ich dich aus einem schönen Traum gerissen?«

Sie sagte nichts, sondern starrte ihn nur angstvoll und ungläubig an.

»Überrascht, mich zu sehen, was?«

Ihr Blick zuckte zur Schlafzimmertür.

»Ich denke, den Gedanken solltest du am besten gleich vergessen«, sagte er ruhig. »Es sei denn, du willst mich wirklich wütend machen.« Er machte eine Pause. »Du erinnerst dich doch noch, wie ich bin, wenn ich wirklich wütend bin, oder nicht, Gracie?«

Sie schlug die Augen nieder.

»Sieh mich an.« Wieder packte er sie an den Haaren und riss diesmal ihren Kopf so heftig in den Nacken, dass ihre Kehle wie eine Faust hervortrat.

»Was willst du?«, stieß sie heiser hervor.

Als Antwort zog er noch fester an ihren Haaren. »Hab ich gesagt, dass du sprechen darfst? Hab ich das gesagt?«

Sie versuchte, den Kopf zu schütteln, doch sein Griff war zu fest.

»Ich nehme das mal als Nein.« Er ließ sie los, und ihr Kopf fiel auf ihre Brust, als hätte man sie enthauptet. Sie weinte jetzt, was ihn überraschte. Tränen hatte er nicht erwartet. »Und, wie geht’s, wie steht’s?«, fragte er, als wäre das eine völlig alltägliche Frage. »Du darfst antworten«, sagte er, als sie nicht reagierte.

»Ich weiß nicht, was du hören willst«, erwiderte sie nach einer langen Pause.

»Ich habe dich gefragt, wie es so geht und steht«, wiederholte er. »Die Antwort darauf wirst du doch wohl wissen.«

»Alles bestens.«

»Ach ja? Wie kommt’s?«

»Bitte. Ich kann nicht …«

»Klar kannst du. Man nennt es Unterhaltung. Es geht ungefähr so: Ich sage etwas, und dann sagst du etwas. Wenn ich dir eine Frage stelle, gibst du eine Antwort. Und wenn diese Antwort nicht zu meiner Befriedigung ausfällt, muss ich dir leider wehtun.«

Ein unwillkürlicher Schrei drang aus ihrer Kehle.

»Meine erste Frage war also, wie es dir so geht, und deine Antwort war ein ziemlich fantasieloses ‘Alles bestens’. Daraufhin habe ich gefragt: ‘Wie kommt’s?’ Und jetzt bist du wieder dran.« Er setzte sich aufs Bett und beugte sich vor. »Überrasch mich.« Sie starrte ihn an, als ob er komplett den Verstand verloren hätte, ein Blick, den er schon oft gesehen und der ihn jedes Mal wütend gemacht hatte.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

Er bemerkte einen Hauch von Trotz in ihrer Stimme, beschloss jedoch, ihn fürs Erste nicht zu beachten. »Also gut. Fangen wir mit der Arbeit an. Wie läuft es da?«

»Okay.«

»Bloß okay? Ich dachte, du unterrichtest für dein Leben gern.«

»Ich habe mir in diesem Jahr ein Sabbatjahr genommen.«

»Ein Sabbatjahr? Im Ernst? Ich wette, du denkst, ich weiß nicht, was das heißt.«

»Ich habe dich nie für dumm gehalten, Ralph.«

»Nicht? Wie man sich täuschen kann.«

»Was machst du hier?«

Er lächelte und schlug ihr dann mit der offenen Hand so hart ins Gesicht, dass sie auf das Kissen zurückfiel. »Hab ich gesagt, dass du mit Fragen dran bist? Nein, ich glaube, das habe ich nicht getan. Also setz dich hin und halt’s Maul«, brüllte er, als sie das Gesicht in den Händen vergrub. »Hast du mich gehört? Ich möchte es dir nicht noch einmal erklären.«

Sie rappelte sich in eine sitzende Position hoch und hielt eine zitternde Hand vor ihre rote Wange, wo seine Hand jeden Hauch von Trotz ausradiert hatte.

»Oh, und nenn mich nicht Ralph. Der Name hat mir nie gefallen. Ich habe ihn geändert, sobald ich aus der Haft entlassen worden bin.«

»Du bist entlassen worden?«, murmelte sie, zuckte zusammen und wich zurück, als wollte sie sich vor weiteren Schlägen schützen.

»Sie mussten mich freilassen. Ich mag gar nicht aufzählen, wie viele Fehler der Staatsanwaltschaft unterlaufen sind.« Er lächelte. »Mein Anwalt hat das Verfahren eine echte Justizposse genannt, und die Richter, die über seinen Revisionsantrag zu befinden hatten, mussten ihm einfach zustimmen. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, dein Sabbatjahr. Das klingt ziemlich langweilig. Glaube nicht, dass ich noch mehr davon hören will. Was ist mit deinem Liebesleben?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Was soll das heißen? Dass du kein Liebesleben hast oder dass du nicht mit mir darüber reden willst?«

»Da gibt es nichts zu erzählen.«

»Du bist mit niemandem zusammen?«

»Nein.«

»Ich frag mich, warum mich das nicht überrascht.«

Sie sagte nichts, sondern blickte zum Fenster.

»Bald kommt ein Gewitter«, sagte er. »Aber sonst kommt’s hier wohl keinem, was?« Er lächelte das jungenhafte Lächeln, das er stundenlang vor dem Spiegel geübt hatte und mit dessen Hilfe er noch jedes Mädchen rumgekriegt hatte, das er wollte. Ganz egal wie heftig sie sich sträubten, diesem Lächeln konnten sie am Ende nicht lange widerstehen. Gracie war für seinen Charme natürlich immer unzugänglich geblieben. Wenn er sie angelächelt hatte, hatte sie durch ihn hindurchgeblickt, als wäre er gar nicht da. »Wann bist du denn zum letzten Mal flachgelegt worden, Gracie-Girl?«

Sofort wich sie in ängstlicher Abwehrhaltung zurück.

»Ich meine, du bist doch eine einigermaßen attraktive Frau. Und du bist jung. Obwohl du nicht jünger wirst, was? Wie alt bist du überhaupt, Gracie?«

»Dreiunddreißig.«

»Tatsächlich? Älter als ich? Das habe ich nicht gewusst.« Er schüttelte in gespielter Verwunderung den Kopf. »Ich wette, es gibt jede Menge Dinge, die ich nicht von dir weiß.« Er streckte die Hand aus und öffnete den obersten Knopf ihres Pyjamaoberteils.

»Nicht«, sagte sie, ohne sich zu rühren.

Er machte den zweiten Knopf auf. »Was nicht?« Sie konnte nicht einmal bitte sagen, dachte er. Typisch.

»Das willst du doch nicht tun.«

»Was ist los, Gracie? Glaubst du, ich bin nicht gut genug für dich?« Beinahe mühelos riss er die restlichen Knöpfe auf und zog sie an beiden Enden des Kragens an sich. »Weißt du, was ich glaube, Gracie? Ich glaube, du denkst, kein Mann ist gut genug für dich. Vielleicht sollte ich dir beweisen, dass du dich irrst.«

»Nein, hör mal, das ist doch Wahnsinn. Du wirst wieder im Gefängnis landen. Das willst du doch nicht. Du hast eine zweite Chance bekommen. Du bist ein freier Mann. Warum willst du das aufs Spiel setzen?«

»Weiß nicht. Vielleicht weil du in deinem kleinen Lesbenpyjama so verdammt niedlich aussiehst.«

»Bitte. Es ist noch nicht zu spät. Du kannst immer noch gehen …«

»Oder vielleicht auch, weil ich ohne dich nicht die letzten zwölf Monate im Gefängnis gesessen hätte.«

»Du kannst mir doch nicht die Schuld dafür geben, was passiert ist …«

»Warum nicht?«

»Weil ich nichts damit zu tun hatte.«

»Ach wirklich? Du hast nicht alle gegen mich aufgehetzt?«

»Das musste ich gar nicht.«

»Nein, das musstest du nicht. Du konntest es nur einfach nicht lassen, was? Und schau dir an, was passiert ist. Ich habe alles verloren. Meinen Job. Meine Familie. Meine Freiheit.«

»Und du hattest mit all dem nichts zu tun«, stellte sie bitter und mit wieder erwachtem Trotz in der Stimme fest.

»Oh, ich will nicht sagen, dass ich völlig ohne jede Schuld bin. Ich bin ein bisschen jähzornig, das gebe ich zu. Manchmal verliere ich die Beherrschung.«

»Du hast sie geschlagen, Ralph. Tagaus, tagein. Jedes Mal, wenn ich sie getroffen hatte, hatte sie frische Blutergüsse und Prellungen.«

»Sie war eben ungeschickt. Was kann ich dafür, wenn sie ständig irgendwo dagegengelaufen ist?«

Gracie schüttelte den Kopf.

»Wo ist sie?«

»Was?«

»Sobald ich draußen war, bin ich schnurstracks nach Hause gefahren. Und wen treffe ich dort an? Einen Haufen Schwule, die sich in meiner Wohnung ausgebreitet haben, das treffe ich an. Und als ich sie frage, was aus der Vormieterin geworden ist, klimpern sie mit ihren mascaraverschmierten Wimpern und sagen, sie hätten absolut keine Ahnung. Absolut keine Ahnung«, wiederholte er eine glatte Oktave höher. »Genauso hat es mir die kleine dünne Schwuchtel erklärt, als ob er die beschissene Queen von England wäre. Ich hätte ihm beinahe gleich eine verpasst.« Mit der einen Hand packte er ihren Kragen fester, mit der anderen zog er das Messer aus der Tasche und ließ mit einem Daumendruck auf einen kleinen Knopf am Griff die Klinge herausschnappen. »Sag mir, wo sie ist, Gracie.«

Sie wehrte sich jetzt, strampelte panisch mit den Beinen und versuchte, ihn mit rudernden Armen zu treffen. »Ich weiß nicht, wo sie ist.«

Wieder gruben sich seine Finger in die weiche Haut ihres Halses. »Sag mir, wo sie ist, oder ich schwöre, ich breche dir deinen beschissenen Hals.«

»Sie hat Miami verlassen, direkt nachdem du ins Gefängnis gekommen bist.«

»Wohin ist sie gegangen?«

»Ich weiß es nicht. Sie ist weggezogen. Keiner weiß, wohin.«

Er warf sie auf den Rücken, hockte sich rittlings auf sie und schnitt mit dem Messer den Gummizug ihrer Pyjamahose durch, während sich seine andere Hand zu einem tödlichen Griff um ihren Hals schloss. »Ich zähle bis drei, und dann sagst du mir, wo sie ist. Eins … zwei …«

»Bitte tu das nicht.«

»Drei.« Er drückte ihr die Klinge an den Hals und zerrte ihr die Schlafanzughose herunter.

»Nein. Bitte. Ich sag es dir. Ich sag es dir ja.«

Lächelnd lockerte er seinen Griff, sodass sie eben wieder nach Luft schnappen konnte, und hielt ihr das Messer vor die Nase. »Wo ist sie?«

»Sie ist nach Kalifornien gegangen.«

»Nach Kalifornien?«

»Um in der Nähe ihrer Mutter zu sein.«

»Nein. Das würde sie nie tun. Sie weiß genau, dass ich darauf als Erstes kommen würde.«

»Sie ist vor drei Monaten weggezogen. Sie hat gedacht, nach all der Zeit wäre sie sicher, und sie wollte so weit wie möglich von Florida weg.«

»Das ist sicher wahr.« Er griff nach dem Reißverschluss seiner Hose. »Genauso wie ich mir sicher bin, dass du lügst.«

»Nein, ich lüge nicht.«

»Klar lügst du. Und das ziemlich schlecht.« Er setzte die Spitze der Klinge unter ihrem Auge an und zog sie bis zu ihrem Kinn herunter.

»Nein!«, kreischte sie und warf sich hin und her, als er sich zwischen ihre Beine drängte, sodass Blut aus der Schnittwunde in ihrem Gesicht auf ihr weißes Kopfkissen tropfte. »Ich sag dir die Wahrheit. Ich schwöre, ich sag dir die Wahrheit.«

»Warum sollte ich dir jetzt noch irgendwas glauben, was du mir erzählst?«

»Weil ich es dir beweisen kann.«

»Ach ja? Wie denn?«

»Weil ich es aufgeschrieben habe.«

»Wo?«

»In meinem Adressbuch.«

»Und das befindet sich wo genau?«

»In meiner Handtasche.«

»Ich verliere hier langsam die Geduld, Gracie.«

»Meine Handtasche ist im Kleiderschrank. Wenn du mich aufstehen lässt, hole ich sie für dich.«

»Was hältst du davon, wenn wir sie zusammen holen?« Er stieß sich von ihr ab, zog seinen Reißverschluss hoch und zerrte sie vom Bett Richtung Kleiderschrank. Sie versuchte, ihre Schlafanzughose festzuhalten, während er die Kleiderschranktür aufriss und den Inhalt überflog. Eine Reihe Blusen mit buntem Muster, ein halbes Dutzend Hosen, ein paar teuer aussehende Jacken, mindestens zehn Paar Schuhe und mehrere Lederhandtaschen. »Welche?« Er griff schon ins oberste Regal.

»Die orangefarbene.«

Mit einer Handbewegung schleuderte er die orangefarbene Tasche auf den Boden. »Mach sie auf.« Er stieß sie auf die Knie. Blut tropfte von ihrer Wange auf das helle Leder, als sie an dem Verschluss der Tasche herumfummelte. Ein weiterer Tropfen fiel auf den weichen weißen Florteppich. »Und jetzt gib mir das verdammte Adressbuch.«

Wimmernd befolgte sie seine Anweisung.

Er schlug das Buch auf und blätterte die Seiten durch, bis er den gesuchten Namen gefunden hatte. »Sie ist also doch nicht nach Kalifornien gezogen«, stellte er lächelnd fest.

»Bitte«, schluchzte sie leise. »Jetzt hast du doch, was du wolltest.«

»Was für ein Straßenname ist denn das? Mad River Road«, las er mit übertriebener Betonung vor.

»Bitte«, sagte sie noch einmal. »Geh einfach.«

»Du willst, dass ich gehe? Hast du das gesagt?«

Sie nickte.

»Du willst, dass ich gehe, damit du deine Freundin anrufen und warnen kannst, sobald ich weg bin?«

Sie schüttelte den Kopf. »Das würde ich nicht machen.«

»Natürlich nicht. Genauso wenig, wie du die Polizei alarmieren würdest, was?«

»Ich rufe niemanden an, ich schwöre es.«

»Wirklich nicht? Wieso kann ich das nur nicht recht glauben?«

»Bitte …«

»Ich denke, ich habe keine andere Wahl, Gracie. Ich meine, einmal abgesehen von der Tatsache, dass ich mich fast genauso darauf freue, dich umzubringen, wie ich mich schon darauf freue, sie zu töten, sehe ich wirklich nicht, was mir anderes übrig bleibt. Oder was meinst du?« Er zog sie grob auf die Füße und setzte ihr das Messer an den Hals. »Wohlan, gute Nacht, Gracie.«

»Nein!«, kreischte sie, schlug mit aller Kraft aus und rammte ihren Ellenbogen gegen seine Brust, sodass ihm die Luft wegblieb und sie sich seinem Griff entwinden konnte. Sie rannte in den Flur und hatte die Haustür beinahe erreicht, als sich die Zehen ihres rechten Fußes in dem Pyjamaunterteil verfingen, sie ins Stolpern geriet und der Länge nach auf das harte Parkett schlug. Doch sie gab noch nicht auf, sondern krabbelte weiter und schrie aus Leibeskräften, auf dass irgendjemand sie hörte und ihr zur Hilfe kam.

Amüsiert beobachtete er, wie sie nach dem Türknauf tastete, weil er wusste, dass er reichlich Zeit hatte, bevor sie sich endgültig aufgerappelt hatte. Sie war auf jeden Fall hartnäckig, dachte er nicht ohne Bewunderung. Und ziemlich kräftig für ein so dünnes Mädchen. Nicht zu vergessen, eine treue Freundin. Obwohl sie, als es ernst wurde, lieber ihre Freundin verraten hatte, als seine zugegebenermaßen nicht übermäßig romantischen Annäherungsversuche zu ertragen. Also vielleicht doch keine so gute Freundin. Nein, sie hatte ihr Schicksal verdient. Sie hatte es geradezu herausgefordert.

Er würde ihr allerdings nicht die Kehle durchschneiden, entschied er, schob das Messer wieder in die Tasche und packte sie, als ihre Hand gerade den Türknauf gefasst hatte. Nein, das machte viel zu viel Dreck und war überdies unnötig riskant. Alles wäre voller Blut, und jeder würde sofort wissen, dass ein Verbrechen geschehen war. Und dann würde es nicht allzu lange dauern, bevor er als Verdächtiger gesucht wurde, vor allem wenn bekannt wurde, dass er aus dem Gefängnis entlassen worden war, und die Polizei zwei und zwei zusammen zählte.

Sie wehrte sich kratzend und tretend und flehte ihn, als seine Hände sich um ihren Hals schlossen, mit ihren grünen Augen an, es nicht zu tun. Außerdem kreischte sie wie wild, was er im Eifer des Gefechts jedoch kaum wahrnahm. Er wollte die Sache mit den Händen zu Ende zu bringen. Es war so persönlich, so konkret. Es gab nichts Befriedigenderes, als unmittelbar zu spüren, wie das Leben aus einem anderen Körper wich.

Dass sie ein Sabbatjahr genommen hatte, war ein unerwartetes Glück für ihn. Es konnte Tage oder sogar Wochen dauern, bis irgendjemand sie als vermisst meldete, obwohl er wusste, dass er sich darauf nicht verlassen durfte. Gracie hatte jede Menge Freundinnen, und vielleicht war sie morgen mit einer von ihnen zum Essen verabredet. Er durfte also nicht allzu übermütig werden. Je eher er der Mad River Road einen Besuch abstattete, desto besser.

»Ich dachte, wir machen eine kleine Spazierfahrt an die Küste«, erklärte er Gracie, deren Augen mittlerweile aus ihrem Kopf zu quellen drohten. »Ich werfe dich unterwegs einfach in einen Sumpf, dann können sich die Krokodile an dir vergnügen.«

Selbst als ihre Arme schließlich schlaff herabsanken und er sicher wusste, dass sie tot war, drückte er ihren Hals noch eine volle weitere Minute zu und zählte stumm die Sekunden herunter, bevor er seine Finger einzeln löste und befriedigt lächelte, als ihr Körper vor seinen Füßen zu Boden sank. Er ging ins Schlafzimmer und zog das blutige Kopfkissen ab, bevor er das Bett machte und das Zimmer genauso verließ, wie er es angetroffen hatte. Er hob die achtlos auf den Boden geworfene Handtasche auf, steckte eine Hand voll Bargeld und ihre Kreditkarte ein und machte sich auf die Suche nach ihren Schlüsseln. »Du hast doch nichts dagegen, dass wir deinen Wagen nehmen?«, fragte er, als er zur Haustür zurückkehrte, wo er Gracies noch warmen Körper mit beiden Armen aufhob. Sie blickte mit kalten toten Augen zu ihm auf. Er lächelte. »Ich nehme das mal als Nein«, sagte er.

1

Jamie Kellogg hatte einen Plan. Der Plan war relativ einfach. Er bestand darin, in die nächste einigermaßen anständig aussehende Bar zu gehen, sich in eine dunkle Ecke zu setzen, wo keiner sehen konnte, dass sie geweint hatte, und ihren Kummer in ein paar Weißweinschorlen zu ertränken. Nicht so viele, dass sie davon betrunken oder auch nur beschwipst wurde, denn sie hatte schließlich noch die lange Rückfahrt nach Stuart vor sich. Sie musste ihre fünf Sinne beisammen halten und durfte auf keinen Fall riskieren, am nächsten Morgen verkatert zu sein. Nicht, wenn Mrs. Starkey ihr im Nacken saß wie ein Albatross.

Sie blickte die beinahe menschenleere Straße hinunter. In dieser Gegend eine einigermaßen vernünftige Kneipe zu finden, war relativ aussichtslos, obwohl die unmittelbare Nähe zu einem Krankenhaus doch die perfekte Lage gewesen wäre. Sie blickte sich noch einmal zu dem flachen Klinikbau um, dem Samariter-Krankenhaus, und verzog bei dem Gedanken an die Szene, die sich gerade auf der dortigen Intensivstation abgespielt hatte, das Gesicht. Erzähl uns nicht, dass dich das überrascht, konnte sie ihre Schwester und ihre Mutter in ihr Ohr flüstern hören, in perfekter Harmonie miteinander wie immer oder wie sie es gewesen waren, als ihre Mutter noch lebte.

»Natürlich war ich überrascht«, murmelte Jamie, ohne die Lippen zu bewegen. »Woher sollte ich es wissen?« Eine plötzliche Böe trug ihre Frage in die warme Abendluft davon. Wenigstens hatte es endlich aufgehört zu regnen. In den vergangenen zwei Tagen waren an der Ostküste Floridas heftige Gewitter niedergegangen, sodass einige Straßen, darunter die, in der sie wohnte, überflutet worden waren. Ja, ich weiß, das ist der Preis dafür, dass ich unbedingt eine Wohnung mit Blick aufs Wasser haben wollte, aber es ist doch nur ein kleines Bächlein. Ich wohne schließlich nicht in einem überteuerten Apartment an der Strandpromenade wie meine jüngere Schwester. Entschlossen stapfte sie auf den kleinen Parkplatz neben dem Krankenhaus, während sie im Kopf mit ihrer Schwester und ihrer kürzlich verstorbenen Mutter weiterstritt. Wer hätte auch gedacht, dass der verdammte Fluss über die Ufer tritt?

Das ist genau dein Problem, begann ihre Mutter.

Du denkst nicht nach, beendete ihre Schwester den Gedanken.

»Und ihr traut mir zu wenig zu«, flüsterte Jamie und setzte sich hinter das Steuer ihres alten blauen Thunderbird, das Einzige, was ihr nach ihrer Scheidung im vergangenen Jahr geblieben war. Sie fuhr vom Parkplatz herunter und hoffte, vor der Auffahrt zur Autobahn noch ein passendes Lokal zu finden.

Ihre Wohnung lag zum Glück im ersten Stock des dreigeschossigen Hauses, sodass ihr der Wasserschaden erspart geblieben war, der die weniger glücklichen Bewohner des Erdgeschosses getroffen hatte. Apropos Wasser, dachte sie, als sie im Rückspiegel ihre angeblich wasserfeste Wimperntusche überprüfte und dankbar feststellte, dass ihre Tränen keine bleibenden Spuren hinterlassen hatten. Stattdessen blickten ihre großen braunen Augen beinahe heiter gelassen zurück. Sonnengebleichte schulterlange Haare rahmten ein hübsches ovales Gesicht, in dem erstaunlicherweise nichts von ihrem inneren Aufruhr zu lesen war. Wessen tolle Idee war es überhaupt gewesen, ihn zu überraschen? Hatte er nicht mehrfach erklärt, dass er Überraschungen hasste?

Einem Impuls folgend bog sie links auf den Dixie Highway und fuhr Richtung Süden. Dann würde sie hinterher zwar einen längeren Rückweg haben, aber die City von West Palm Beach war nur ein paar Straßen entfernt, und die Lokale entlang der Clematis Street waren bestimmt einladender als die Bars am Palm Beach Lakes Boulevard. Und sie konnte, wenn es ihr in einem Laden nicht gefiel, einfach zum nächsten weitergehen, ohne dafür wieder ins Auto steigen zu müssen.

In der Datura Street fuhr ein hellroter Mercedes aus einer Parklücke, und Jamie setzte ihren alten blauen Thunderbird in den frei gewordenen Platz, sorgfältig darauf bedacht, eng am Randstein zu parken. Sie stieg aus, suchte in ihren Taschen nach Kleingeld und warf mehr Münzen als nötig in die Parkuhr. Sie hatte nicht vor, lange zu bleiben.

Als Jamie in die Clematis Street bog, kam ihr ein eng umschlungenes, an den Hüften scheinbar zusammengeschweißtes junges Paar entgegen. Die goldenen Stöckelschuhe des schlanken Mädchens klapperten laut über den Bürgersteig. Kurz vor der Straßenecke blieben sie stehen, um sich zu küssen, bevor sie bei Rot über die Ampel gingen. Auf dem Weg nach Hause, wo sie glücklich lebten bis ans Ende ihrer Tage, dachte Jamie und sah ihnen nach, bis sie in der Dunkelheit verschwunden waren. Statt Glück bis an ihr Lebensende würde sie sich schon mit einer Nacht voller Lügen zufrieden geben.

Für einen Mittwochabend war es im Watering Hole ziemlich voll. Jamie sah auf die Uhr. Sieben Uhr, Abendessenzeit, Anfang Mai. Warum sollte der Laden nicht voll sein? Es war ein beliebtes Lokal in einer schicken Straße, und auch wenn die so genannte Saison streng genommen vorbei war, gab es immer noch genug überwinternde Pensionäre, die zögerten, ihre Sachen zu packen und für den Sommer heim in den Norden zu fahren. Genau das sollte sie am besten machen, dachte sie. Einfach ihre paar Habseligkeiten zusammenpacken, auf die Rückbank ihres Wagens werfen und dann zusehen, dass sie die Stadt möglichst schnell hinter sich ließ. Wieder einmal.

Wer würde sie schon vermissen? Ihre Familie bestimmt nicht. Ihre Mutter war vor acht Wochen gestorben; ihr Vater lebte mit seiner vierten Frau irgendwo in New Jersey. Er hatte — unglaublich, aber wahr — zwei Joans geheiratet, eine Joanne und jetzt eine ehemalige Stewardess namens Joanna, die mit 36 nur sieben Jahre älter war als Jamie. Und ihre Schwester wäre wahrscheinlich sogar froh, wenn sie sie nicht mehr sehen müsste. (»Du bist schlimmer als meine Kinder«, hatte Cynthia gesagt, als Jamie sie zwei Tage zuvor angerufen hatte, um über den Dauerregen zu klagen.) Jamies Job als Schadensreguliererin bei einer Versicherungsfirma war langweilig und ohne jede Perspektive, ihre Chefin war eine unfreundliche Frau, die ständig wegen irgendwas auf hundertachtzig war. Jamie hätte schon vor Monaten gekündigt, wenn sie die Stelle nicht überhaupt nur auf Empfehlung von Cynthias Mann Todd bekommen hätte. Was ist bloß mit dir los? Kannst du nicht mal bei irgendwas bleiben?, konnte sie ihre Schwester tadeln hören, gefolgt von einem: Ich hätte es wissen müssen. Du und deine Flatterhaftigkeit. Des Weiteren gefolgt von: Wann hörst du endlich auf herumzudaddeln und fängst an, Verantwortung zu übernehmen? Um schließlich in Grund und Boden gerammt zu werden mit: Wer schmeißt schon kurz vor dem Examen das Studium, um irgendeinen Idioten zu heiraten, den sie kaum kennt? Und falls sie dann immer noch atmete: Du weißt, dass ich es nur gut mit dir meine. Es wird höchste Zeit, dass du dich der Realität stellst und dein Leben selbst in die Hand nimmst. Wirst du jemals so weit sein?

Jamie zog einen Hocker an der langen Bar vor und machte dem Barkeeper ein Zeichen, dass sie bestellen wollte. Warte nur, bis Cynthia von dem heutigen Fiasko erfährt, dachte sie und entschied sich kühn, anstatt der üblichen Weißweinschorle ein Glas offenen Burgunder zu bestellen. Sie spähte ins Halbdunkel und nahm den großen Raum mit einem Blick in sich auf. Er war lang und rechteckig mit einer Terrasse zur Straße hin. Eine Reihe gepolsterter Bänke säumte die Backsteinwand gegenüber dem Tresen, in der Mitte und im vorderen Teil standen ein Dutzend Tische. Der geflieste Fußboden verstärkte den Lärm der Gäste, überwiegend junge Frauen wie sie selbst.

Wo waren all die Männer, fragte Jamie sich gedankenverloren. An einem der Tische saßen ein paar Mitvierziger, die über ein neues Firmenlogo debattierten und nicht einmal aufgeblickt hatten, als sie sich in ihrer engen, tief sitzenden Jeans und ihrem noch engeren pinkfarbenen Pulli an ihnen vorbeigedrängt hatte. Und dann war da noch ein trübsinnig aussehender Mann mit einem ungepflegten Tom-Selleck-Schnauzer. Mehr Auswahl gab es nicht. Zumindest noch nicht. Jamie sah erneut auf die Uhr, obwohl seit dem letzten Mal kaum ein paar Minuten vergangen waren. Wahrscheinlich war es für Männer noch zu früh zum Ausgehen, vermutete sie. Um sieben Uhr würde sich ein Mann noch verpflichtet fühlen, eine Frau zum Abendessen einzuladen. Später müsste er ihr lediglich ein paar Drinks spendieren.

Der Barkeeper kam mit ihrer Bestellung. »Zum Wohl.«

Jamie nahm das Glas und trank hastig einen Schluck Wein.

»Harten Tag gehabt?«

»Mein Freund liegt im Krankenhaus«, antwortete Jamie und kam sich sofort ziemlich dämlich vor. Sie schüttete dem Barkeeper ihr Herz aus, Himmel noch mal. Aber wenn sie ihre traurige Leidensgeschichte dem Barkeeper erzählte, käme sie vielleicht nicht in Versuchung, sie ihrer Schwester zu erzählen. Und vielleicht würde der Barkeeper, der groß und niedlich war mit einer interessanten Narbe unter dem rechten Auge, sie später bitten zu warten, bis seine Schicht zu Ende war, und sie würden sich zusammen an den Brunnen am Ende der Straße setzen, und er würde sich als sensibel, witzig, intelligent und alles Mögliche erweisen … »Verzeihung. Haben Sie etwas gesagt?«

»Ich habe Sie gefragt, ob Ihr Freund krank ist.«

»Nein, er hatte auf der Arbeit einen Unfall und musste operiert werden.«

»Wirklich? Was für einen Unfall denn?«

»Er ist auf dem Weg zum Klo über einen Teppich gestolpert und hat sich den Knöchel gebrochen.« Sie lachte. Wie lächerlich war das!

»Echt Kacke«, meinte der Barkeeper.

Jamie lächelte, nahm einen großen Schluck Rotwein und wartete, bis der Barkeeper sich entfernt hatte, bevor sie wieder aufblickte. So viel zum Thema witzig und intelligent, dachte sie. Egal wie einsam und verzweifelt sie auch sein mochte, sie würde nie mit einem Typen ausgehen, der Echt Kacke sagte.

Sie warf einen verstohlenen Blick zu dem Mann mit dem Tom-Selleck-Schnurrbart, der schützend über seinem Drink kauerte. Er sah kurz auf, bemerkte ihren Blick und wandte sich mit scheinbar demonstrativem Desinteresse ab. »Der Schnurrbart sieht sowieso falsch aus«, murmelte Jamie in ihr Glas, für einen Moment fasziniert von ihrem Spiegelbild in der dunkelvioletten Flüssigkeit.

Im nächsten Moment sah sie sich die Eingangstreppe des Samariter-Krankenhauses hinaufgehen und eine äußerst gut aussehende Schwarze an der Rezeption nach der Zimmernummer von Tim Rannells fragen. »Er sollte heute Morgen am Knöchel operiert werden«, erklärte sie der Frau und packte das Geschenk, das sie für ihn mitgebracht hatte, fester, sodass die Plastiktüte zerknitterte.

Die Frau gab die Angaben in einen Computer ein, und ein besorgter Ausdruck legte sich auf ihre hübschen Gesichtszüge. »Ich fürchte, Mr.

Rannells ist in die Intensivstation verlegt worden.«

»In die Intensivstation? Wegen eines gebrochenen Knöchels?«

»Mehr kann ich Ihnen auch nicht sagen.«

Die Frau beschrieb Jamie den Weg, aber die Tür zur Intensivstation im zweiten Stock war verschlossen, und niemand reagierte auf ihr Klingeln, sodass Jamie etliche Minuten in dem sterilen Wartebereich auf und ab lief und sich fragte, wie ein gesunder 35-jähriger Mann, der wegen einer kleineren Operation ins Krankenhaus eingeliefert worden war, auf der Intensivstation landen konnte.

»Sie können sich auch ruhig setzen«, sagte eine Frau mittleren Alters mit blasser weißer Haut und müden blauen Augen, die auf einem der orangefarbenen Plastikstühle an der nackten Wand saß. »Ich glaube, die sind da drin ziemlich beschäftigt.«

»Warten Sie schon lange?«

»Ich warte eigentlich nur auf eine Freundin.« Sie ließ das People-Magazin, in dem sie gelesen hatte, in den Schoß sinken. »Sie ist da drinnen bei ihrer Tochter, die einen Autounfall hatte. Sie sind sich noch nicht sicher, ob sie durchkommt.«

»Wie furchtbar.« Jamie blickte sich um, aber es tat sich nichts. »Mein Freund sollte heute Morgen operiert werden«, sagte sie unaufgefordert. »Irgendwie ist er dann hier gelandet.« Sie ging wieder zu dem Klingelknopf und drückte ihn mehrmals rasch hintereinander.

»Ja?«, ertönte Sekunden später eine Stimme. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich heiße Jamie Kellogg. Ich möchte zu Tim Rannells«, brüllte Jamie in die Gegensprechanlage.

»Sind Sie eine Verwandte von Mr. Rannells?«

»Sie sagen besser ja«, riet ihr die Frau auf dem Plastikstuhl. »Sonst lässt man Sie nicht rein.«

»Ich bin seine Schwester«, sagte Jamie, ohne zu überlegen. Wahrscheinlich weil ihre eigene Schwester ständig in ihren Gedanken herumgeisterte. Sie lag ihr schon seit Wochen in den Ohren, dass sie vorbeikommen und mit ihr gemeinsam den Nachlass ihrer Mutter durchgehen sollte.

»Bitte nehmen Sie noch ein paar Minuten Platz«, sagte die Stimme und schaltete sich ab.

Jamie wandte sich wieder der Frau auf dem Stuhl zu. »Vielen Dank für den Tipp.«

»So sind halt die Regeln«, meinte sie achselzuckend. »Ich heiße übrigens Marilyn.«

»Jamie«, stellte Jamie sich vor. »Ich wünschte, jemand könnte mir sagen, was eigentlich los ist.« Sie starrte auf den Klingelknopf. »Sie glauben doch nicht, dass etwas Schreckliches passiert ist, oder?« Eine dumme Frage, wie ihr sofort klar wurde, was sie jedoch nicht davon abhielt, eine weitere zu stellen. »Oder dass er gestorben sein könnte?«

»Ich bin sicher, es wird jede Minute jemand kommen«, sagte Marilyn.

»Ich meine, er ist bloß wegen eines gebrochenen Knöchels eingeliefert worden.«

»Versuchen Sie, ruhig zu bleiben.«

Jamie lächelte, obwohl ihr schon Tränen in den Augen standen. Ihre Mutter hatte sie auch ständig ermahnt, ruhig zu bleiben. »Das hat meine Mutter auch immer gesagt«, wiederholte sie laut. »Sie meinte, ich wäre zu impulsiv und unbesonnen, ich würde dazu neigen, voreilige Schlüsse zu ziehen.«

»Na, das sind ja viele große Worte.«

»Meine Mutter war Richterin.«

»Klingt so, als würde es ihr Spaß machen, Leute zu verurteilen.«

Irritiert von Marilyns Bemerkung lehnte Jamie sich zurück. Sonst erinnerten sie die Leute ständig daran, was für eine großartige Frau ihre Mutter gewesen war. Sie war überrascht, nicht nur über den ungefragten Kommentar der Frau, sondern auch darüber, wie gut ihr diese Bemerkung tat.

»Tut mir Leid, ich hoffe, ich habe Sie nicht gekränkt.«

»Nein, überhaupt nicht.«

Die Frau wandte sich wieder der Zeitschrift auf ihrem Schoß zu.

»Ich habe auch eine Schwester«, fuhr Jamie unaufgefordert fort. »Sie ist ziemlich genau so, wie ich hätte sein sollen — Anwältin, verheiratet, zwei Kinder … perfekt eben.«

»Eine perfekte Nervensäge, meinen Sie.«

Jamie lächelte. Je mehr Marilyn redete, desto sympathischer wurde sie ihr. »Sie ist schon in Ordnung. Nur manchmal ist es schwer, weil ich die große Schwester bin. Sie sollte eigentlich zu mir aufblicken und nicht umgekehrt.«

Jamie wartete darauf, dass Marilyn sagte, ihre Schwester würde bestimmt auch zu ihr aufblicken, was, auch wenn es nicht wahr war, schön zu hören gewesen wäre, aber die Frau schwieg. Plötzlich ging die Tür zur Intensivstation auf, und eine gut aussehende Frau in schwarzer Hose und gelbem Pullover betrat mit grimmiger Miene den Wartebereich. Sie war mindestens fünf Zentimeter größer und einige Jahre älter als Jamie, und mit ihren kinnlangen, ein wenig zu schwarzen Haaren und dem zu roten Lippenstift wirkte sie auf eine aggressive Art attraktiv.

»Wer von Ihnen ist Jamie Kellogg?«

Jamie sprang auf. »Ich bin Jamie.«

»Sie sind Tim Rannells’ Schwester?«

War das Tims Ärztin, fragte Jamie sich und dachte, dass die Frau im Umgang mit Patienten und ihren Angehörigen unbedingt bessere Manieren an den Tag legen sollte. »Genau genommen seine Halbschwester«, hörte Jamie sich sagen und biss sich auf die Unterlippe, um diese Lüge nicht noch weiter auszuschmücken. Hatte ihre Mutter ihr nicht immer erklärt, dass man an der Menge der Details, die unaufgefordert zu berichten sich ein Zeuge gedrängt fühlte, erkennen konnte, ob er oder sie log.

»Tim hat keine Schwester. Auch keine Halbschwester«, sagte die Frau, und Jamie spürte, wie sämtliche Farbe aus ihrem Gesicht wich. »Also wer sind Sie?«

»Wer sind Sie?«, fragte Jamie zurück.

»Ich bin Eleanor Rannells. Tims Frau.«

Die Worte trafen Jamie wie eine riesige Faust, die alle Luft aus ihrer Lunge presste, sodass sie sich nur mühsam auf den Beinen halten konnte.

»Und ich frage Sie noch einmal: Wer zum Teufel sind Sie?«

»Ich bin eine Kollegin Ihres Mannes«, sagte Jamie und hätte sich beim letzten Wort fast verschluckt. »Das ist Marilyn«, sagte sie und wies auf die Frau auf dem orangefarbenen Plastikstuhl, die sofort ihre Zeitschrift fallen ließ und aufsprang.

»Angenehm«, sagte Marilyn und streckte die Hand aus.

»Sie arbeiten bei Allstate?«

»Ich bin Schadensreguliererin«, sagte Jamie. »Marilyn arbeitet in der Lohnbuchhaltung.«

»In der Lohnbuchhaltung«, bestätigte Marilyn.

»Das verstehe ich nicht. Was machen Sie hier? Und warum behaupten Sie, Tims Schwester zu sein?«

»Wir haben von Tims Unfall gehört«, erklärte Jamie. »Und da dachten wir, wir schauen mal vorbei und sehen, wie es ihm geht. Wir haben ihm ein Geschenk mitgebracht. Den neuen John Grisham.«

Eleanor nahm das Buch und klemmte es unter ihren Arm.

»Offenbar lässt man nur Verwandte auf die Intensivstation«, füllte Marilyn die entstandene Pause. »Also …«

»Also sind Sie zu der Schwester geworden, die Tim nie hatte«, sagte Eleanor zu Jamie.

Im Gegensatz zu der Frau, die er sehr wohl hatte, dachte Jamie und fragte sich, ob Eleanor ihnen irgendetwas von all dem abkaufte oder nur zu höflich war, um eine Szene zu machen. »Wie geht es ihm?«

»Er hat schlecht auf das Narkosemittel reagiert. Ein paar Minuten hing es am seidenen Faden, aber jetzt sieht es so aus, als wäre er außer Lebensgefahr. Aber er darf keinen Besuch empfangen.«

»Richten Sie ihm bitte unsere Grüße aus«, sagte Marilyn.

»Das werde ich tun.« Eleanor tätschelte das Buch unter ihrem Arm. »Und vielen Dank für das Buch. John Grisham ist sein Lieblingsautor. Woher wussten Sie das?«

»Bloß gut geraten«, sagte Jamie und sah zu, wie die Tür der Intensivstation hinter der Frau ihres Freundes ins Schloss fiel.

»Alles in Ordnung?«, fragte Marilyn irgendwo neben ihr.

»Er ist verheiratet.«

»Offensichtlich.«

»Er ist verheiratet!«

»Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?«

»Wir sind seit vier Monaten zusammen? Woher hätte ich wissen sollen, dass er verheiratet ist?«

»Glauben Sie mir«, sagte Marilyn. »Das passiert uns allen mal.«

»Ich bin so blöd!«, jammerte Jamie.

»Sie sind nicht blöd, sondern bloß auf den falschen Kerl reingefallen.«

»Das ist nicht das erste Mal.«

»Nein, und es wird wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal bleiben. Seien Sie nicht so streng mit sich selbst.«

»Der verlogene Mistkerl!« Jamie brach in eine Flut wütender Tränen aus.

»So ist es richtig. Das hört sich schon viel besser an.«

»Was soll ich denn jetzt machen?«

»Ich sag Ihnen, was Sie nicht machen sollen: Weinen Sie Typen wie ihm nicht mehr hinterher.« Sanft wischte Marilyn mit den Fingern die Tränen aus Jamies Gesicht. »Sie sind eine süße und liebenswerte junge Frau, und Sie werden im Handumdrehen einen Neuen finden. Jetzt fahren Sie nach Hause, gießen sich ein Glas Wein ein und lassen ein schönes heißes Schaumbad einlaufen. Danach werden Sie sich schon viel besser fühlen, das verspreche ich Ihnen.«

Jamie lächelte unter Tränen.

»Und hören Sie auf zu weinen. Sonst verläuft noch Ihre Wimperntusche.«

»Danke, dass Sie mich eben gerettet haben.«

»Es hat mir Spaß gemacht. Und jetzt gehen Sie. Raus hier.«

Jamie ging in Richtung der Fahrstühle, blieb dann aber stehen und drehte sich noch einmal um. »Ich hoffe, alles wird gut mit der Tochter Ihrer Freundin.«

»Danke.«

»Verzeihung, was?«, fragte Jamie, nachdem sie der Barkeeper zurück in die Gegenwart gerissen hatte.

»Ich sagte, der Herr am anderen Ende des Tresens fragt, ob er Sie zu einem Drink einladen darf.«

Wieso das denn, wunderte sich Jamie. Er hatte sie kaum eines Blickes gewürdigt, als sie sich gesetzt hatte. Und seine ganze Haltung hatte etwas düster Geheimnisvolles, so als wollte er etwas verbergen. Ein weiterer Mann mit Geheimnissen war das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Aber der Mann mit dem Tom-Selleck-Schnurrbart war verschwunden, und auf seinem Platz saß ein glatt rasierter Mann mit extrem kurz geschorenen Haaren und einem schrägen Lächeln.

Jamie stellte sich Tim Rannells in seinem Krankenhausbett vor, daneben seine Frau, die ihm aus dem Geschenk vorlas, das Jamie ihm mitgebracht hatte. Kurz darauf gesellten sich noch Jamies Schwester Cynthia und ihre Mutter an ihre Seite, und die drei schüttelten gemeinsam missbilligend den Kopf in Jamies Richtung. Wie kannst du etwas so Törichtes auch nur in Erwägung ziehen, wollten sie unisono wissen.

Jamie schüttelte das Bild der Frau mit einem extravaganten Schwung ihrer blonden Haare ab, leerte ihr Glas mit einem tiefen Schluck und drückte es dem Barkeeper in die Hand. »Sagen Sie ihm, ich trinke den offenen Burgunder«, antwortete sie.

2

»Und darf ich dich jetzt zum Essen einladen?«

Jamie lachte, raffte die Decke um ihre nackten Brüste und starrte den gutaussehenden Fremden an, den sie erst in ihre Wohnung und dann in ihr Bett eingeladen hatte. Er hatte weiche volle Lippen, eine feine, beinahe perfekte Nase und die blauesten Augen, die sie je gesehen hatte. Wie konnte ich nur so viel Glück haben, dachte sie. Sie, die stets von einer Katastrophe in die nächste, von einer verhängnisvollen Beziehung in die andere stolperte, war irgendwie auf den perfekten Mann getroffen. Ausgerechnet in einer Kneipe, in einem Anfall von Verzweiflung. Und er hatte sich nicht nur als noch attraktiver herausgestellt, als es ihr im düsteren Licht der Bar erschienen war, er hatte nicht nur den perfekt gemeißelten Körper eines griechischen Gottes — als er sein Hemd ausgezogen hatte, hatte ihr beinahe der Atem gestockt —, sondern er hatte sich auch als überraschend großzügiger und aufmerksamer Liebhaber erwiesen, dem ihr Vergnügen genauso wichtig gewesen war wie sein eigenes. Die letzten paar Stunden hatten sie immer und immer wieder miteinander geschlafen, und ihr Körper schmerzte buchstäblich vor Lust. Sie spürte das kribbelnde Wohlbehagen zwischen ihren Beinen und zog sich die Decke bis ins Gesicht, um ein selbstzufriedenes Grinsen zu verbergen. Sofort stieg ihr sein sauberer, männlicher Duft in die Nase. Er war überall — auf ihren Laken, ihrem Kopfkissen, an ihren Fingerspitzen und den Falten ihrer Haut. Es war ein wunderbarer Geruch, entschied sie, lehnte sich an das Kopfbrett und holte tief Luft. Alles an dem Mann war wunderbar. Sogar sein Name. Brad, wiederholte sie stumm. Brad Fisher. Jamie Fisher, ertappte sie sich. Mensch, Mädchen, fang gar nicht erst mit dem Blödsinn an. Das gibt doch jedes Mal nur Ärger. Immer schön langsam. »Willst du mich wirklich zum Essen einladen?«

»Das habe ich dir doch schon früher angeboten«, erinnerte er sie.

Es stimmte. Nach der ersten Runde Getränke hatte er tatsächlich vorschlagen, dass sie gemeinsam etwas essen gingen. Sie hatte abgelehnt. Sie müsse am nächsten Morgen früh auf der Arbeit sein, hatte sie erklärt, hin und her gerissen zwischen dem Impuls, wegzulaufen oder sich ihm in die Arme zu werfen.

»Na, dann lass mich dich wenigstens noch auf einen Drink einladen«, hatte er angeboten und sofort fast wie bei einem Zaubertrick ein neues Glas Wein in der Hand gehalten. Jamie blickte auf den Wecker neben dem knapp zwei Meter breiten Bett, das beinahe das gesamte Schlafzimmer einnahm. Das Bett war eine ihrer krasseren Neuerwerbungen der letzten Zeit. Sie hatte es nur gekauft, weil Tim ihr erklärt hatte, dass er mehr Platz zum Schlafen brauchte. Das war jedenfalls seine Ausrede dafür gewesen, dass er nie bei ihr übernachtete. Sie hatte daraufhin ihr schmales Doppelbett verkauft und es durch dieses teure Ungetüm ersetzt. Doch selbst als sie ihn damit überraschte — hatte er ihr nicht erklärt, dass er Überraschungen hasste? —, fand Tim weiterhin Entschuldigungen, warum er vor Mitternacht gehen musste: ein Arzttermin in Fort Lauderdale, eine Erkältung in den Knochen. Warum war sie nicht misstrauisch geworden? Was war bloß mit ihr los? Konnte sie nach allem, was sie in den letzten paar Jahren durchgemacht hatte, immer noch so naiv sein?

Blöd traf es wohl eher.

Ihre Schwester hatte sie noch gewarnt, dass ihr Schlafzimmer für ein Bett dieser Größe zu klein war, und sie hatte natürlich wieder mal Recht gehabt. Das Bett erdrückte seine Umgebung und ließ auf beiden Seiten höchstens 30 Zentimeter freien Platz bis zur Wand, sodass sich zwei Personen kaum gleichzeitig im Zimmer bewegen konnten.

»Was ist los?«, fragte Brad sie.

»Warum denkst du, dass irgendwas ist?«

Brad zuckte mit den Schultern und legte einen Finger auf seine fast perfekte Nase. »Du sahst auf einmal so traurig aus.«

»Wirklich?«

Ein schräges Lächeln, das zu gleichen Teilen Unschuld und Übermut ausstrahlte, schlich sich auf seine attraktiven Gesichtszüge. »Woran hast du gedacht?«

Jamie unterdrückte den Drang, ihm alles zu erzählen, ihr Herz auszuschütten. Stattdessen sagte sie: »Ich habe überlegt, welches Restaurant um diese Zeit noch geöffnet hat.«

»Wie wär’s mit einem Lieferservice?«

»Klingt super.«

»Pizza?«

»Klasse!« Erstaunlich, wie einfach das Leben sein konnte, dachte sie, während sie die Nummer des nächsten Pizzaservice auswendig herunterleierte. »Ich gehe nicht so oft aus«, sagte sie und spürte, wie sie rot wurde.

Brad streckte sich über ihren Körper hinweg nach dem Telefon, das neben dem Wecker auf einem winzigen weißen Plastiktisch stand. Dabei streifte sein muskulöser Unterarm ihre Brüste und löste damit in ihrem ganzen Körper eine Gefühlslawine aus, die sie zu begraben drohte. Sie strengte sich an weiterzuatmen, während er die Nummer eintippte und eine große Pizza bestellte. »Mit Salami und Pilzen, wenn das okay für dich ist?«, fragte er und streichelte ihre Brüste unter der Decke. Sie spürte, wie ihr der Atem stockte. »Dauert eine halbe Stunde«, sagte er. Er legte den Hörer auf die Gabel und stützte sich auf einen Ellenbogen. »Wenn es länger geht, kriegen wir die Pizza umsonst«, fügte er mit einem schelmischen Grinsen hinzu.

Irgendjemand sollte dieses Lächeln in Flaschen abfüllen, dachte sie.

»Und wie fühlst du dich?«, fragte er.

»Großartig. Und du?«

»Hab mich nie besser gefühlt. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich vor dem Nachhauseweg noch einen Drink genommen habe.«

»Und wo genau bist du zu Hause?«, fragte Jamie und hoffte, dass es nicht zu weit entfernt war und er nicht die Pizza herunterschlingen und sich eilig aus dem Staub machen würde.

Tut mir Leid, ich habe morgen früh eine Besprechung, einen Arzttermin in Fort Lauderdale, eine Erkältung in den Knochen.

»Im Grunde habe ich zurzeit gar kein richtiges Zuhause«, erklärte er ihr. »Die letzten paar Wochen habe ich im Breakers gewohnt.«

»Du wohnst im Breakers?« Das Breakers war das vornehmste und wahrscheinlich auch teuerste aller Luxushotels in Palm Beach.

»Es ist nur noch für eine Weile. Bis ich entschieden habe, was ich als Nächstes machen soll.«

»Womit?«

Brad lächelte, aber dieses Lächeln hatte nichts Schelmisches mehr, sondern wirkte älter und verhaltener. »Wie abgedroschen würde es sich anhören, wenn ich sagte ‘mit meinem Leben’.«

»Es klingt überhaupt nicht abgedroschen«, widersprach Jamie, obwohl das nicht stimmte. Ein bisschen abgedroschen klang es schon. Ihre Schwester Cynthia würde solche Gedanken auf jeden Fall banal finden. Andererseits würde Cynthia gar nicht erst einen attraktiven Fremden aufgabeln. Sie hätte sich von ihm nie auf einen Drink einladen lassen und ihn schon gar nicht mit in ihre Wohnung genommen, um sich ihm auf dem riesigen Doppelbett hinzugeben, das sie gekauft hatte, um ihrem verheirateten Liebhaber zu gefallen. Nein, Cynthia war viel zu vernünftig, um sich auch nur im Entferntesten auf so etwas einzulassen. Schließlich hatte sie Todd in der neunten Klasse getroffen, im zweiten Jahr an der Uni geheiratet und ihm noch vor Abschluss ihres Jurastudiums zwei Kinder geboren.

»Du musst praktischer denken«, hatte sie Jamie erklärt. »Wenn du dein Studium nicht abgebrochen hättest, hätten wir jetzt schon unsere eigene Kanzlei.«

»Das Problem ist nur, dass ich keine Anwältin sein will.«

»Du bist zu romantisch — das ist das Problem.«

»Du bist verheiratet. Oder?«, fragte Jamie Brad, obwohl sie die Antwort schon wusste. Natürlich war Brad Fisher verheiratet. Er machte wahrscheinlich nur eine Krise durch. Warum sollte er sonst im Breakers wohnen? Er und seine Frau hatten sich gestritten, er war vorübergehend ausgezogen, damit sich beide beruhigen und wieder zur Vernunft kommen konnten, was er wahrscheinlich auch tun würde, sobald er seine Pizza gegessen hatte.

»Verheiratet?« Lachend schüttelte Brad den Kopf. »Nein. Natürlich nicht.«

»Nicht?«

»Wäre ich sonst hier?«

»Ich weiß nicht. Wärst du?«

»Ich wohne im Breakers, weil der Mietvertrag für meine Wohnung abgelaufen ist, ich gerade meine Firma verkauft habe und jetzt beruflich an einer Art Scheideweg stehe …«

Was für ein Scheideweg? »Was machst du denn beruflich?«, fragte sie laut.

»Ich bin in der Kommunikationsbranche.«

Jamie fand es ironisch, dass ein Wort wie Kommunikation derart schwammig sein konnte, dass es praktisch bedeutungslos war. »Geht es vielleicht ein bisschen genauer?«

»Ich bin Computerprogrammierer«, erklärte er. »Außerdem habe ich eine Software entwickelt, durch die ein paar wichtige Typen im Silicon Valley auf mich aufmerksam geworden sind. Sie haben mir ein großzügiges Übernahmeangebot gemacht.«

»Das du angenommen hast?«

»Hey, ich bin vielleicht ein Computerfreak, aber bestimmt kein Idiot.«

Jamie glaubte nicht, dass irgendjemand Brad Fisher je als Freak oder Idiot bezeichnet hatte. Konnte der Mann überhaupt noch attraktiver sein, fragte sie sich und dachte, dass er tatsächlich mit jeder Minute besser wurde. Er war nicht nur umwerfend, sexy und ein fabelhafter Liebhaber, sondern auch noch irgendein genialer Erfinder. Außerdem war er ledig, fuhr ein schickes Auto und musste sich um Geld keinerlei Sorgen machen. Jedenfalls war er wohlhabend genug, um im Breakers zu wohnen, bis er entschieden hatte, was er mit seinem Leben anfangen wollte. Viel besser konnte es gar nicht werden, entschied Jamie. »Also ich muss gestehen, dass ich in puncto Computer praktisch Analphabetin bin«, sagte sie, damit man ihre Gedanken nicht von ihrem Gesicht ablesen konnte. »Mein Computer bei der Arbeit stürzt ständig ab. Es ist wirklich nervig.«

»Was machst du denn?«

»Ich bin Schadensreguliererin bei Allstate.«

Er nickte und sah sie aus seinen saphirblauen Augen an.

»Einmal habe ich einen ganzen Arbeitstag verloren«, redete sie weiter, bemüht, nicht ins Plappern zu verfallen, »und meine Vorgesetzte hat mich gezwungen, länger zu bleiben und alles noch einmal einzugeben. Ich habe bis Mitternacht dort gesessen.«

»Muss ja ziemlich wichtig gewesen sein.«

»Nichts, was nicht auch bis zum nächsten Morgen hätte warten können. Aber Mrs. Starkey hat behauptet, ich müsse etwas falsch gemacht haben, weil sonst niemand im Büro je Probleme mit Computerabstürzen gehabt hätte, und dass es meine Verantwortung wäre und erledigt werden müsse, deshalb …« Sie plapperte. Sie musste aufhören und zwar sofort, bevor sie alles kaputtmachte.

»Du bist geblieben und hast es erledigt.«

Jamie atmete tief ein und langsam wieder aus. »So knapp war ich noch nie davor zu kündigen.«

»Hört sich an, als wärst du schon ein paar Mal kurz davor gewesen.«

»Im Grunde jeden Tag.«

»So sehr hasst du deinen Job?«

»Es ist jedenfalls nicht das, was ich mir für den Rest meines Lebens vorgestellt hatte.«

»Was hast du dir denn vorgestellt?«

»Du lachst mich auch bestimmt nicht aus?«

»Warum sollte ich dich auslachen?«, fragte er.

Seufzend gab Jamie ihr Geheimnis preis. »Ich wollte immer irgendwie Sozialarbeiterin werden.«

Die Saphiraugen funkelten. »Du wolltest immer irgendwie?«

Jamie runzelte die Stirn. »Ich wollte es wirklich.«

Er kniff seine Saphiraugen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Und warum bist du es dann nicht geworden?«

»Meine Mutter hat gesagt, Sozialarbeiter verdienen nicht genug. Sie wollte, dass ich Anwältin werde.«

»Und du tust immer, was dir deine Mutter sagt?«

»Ich habe es jedenfalls weiß Gott versucht.« Jamie schüttelte den Kopf. »Aber das hat nicht gezählt — es war nie gut genug. Jedenfalls ist das jetzt alles eh egal. Sie ist vor zwei Monaten gestorben.«

»Dann kannst du jetzt ja aufhören, es zu versuchen«, meinte Brad seltsam schmunzelnd.

»Manche Gewohnheiten wird man schwerer los, als man denkt.«

»Bist du noch nicht so weit?«

Jamie lächelte traurig. »Warum fragen mich das immer alle?«

»Tut mir Leid.«

»Das muss dir nicht Leid tun. Es ist ja nicht deine Schuld, dass ich nicht weiß, was ich machen soll.«

»Ach, das findest du bestimmt bald heraus.«

»Klar — als Computergenie hast du gut reden.«

»Kündige deinen Job«, sagte Brad.

»Was? Das kann ich nicht machen. Meine Schwester würde einen Anfall kriegen.«

»Ich könnte eine gute Sozialarbeiterin gebrauchen.« Er beugte sich vor und küsste sie sanft.

Jamie lachte. »Mann, du kannst wirklich gut küssen«, meinte sie, als sie sich zum Luftholen widerwillig von ihm löste.

»Apropos Schwestern«, sagte Brad, und sein Lächeln wurde kryptisch. »Was glaubst du, wer mir beigebracht hat, so zu küssen?«

»Deine Schwester hat dir das Küssen beigebracht?«

»Meine Schwestern«, verbesserte er sie. »Ich hatte drei. Ich war der Jüngste in der Familie, und sie haben mich schamlos ausgenutzt.« Er lachte. »Als sie anfingen, mit Jungen auszugehen, probierten sie die ganzen Sachen an mir aus. ‘Wie war das, Bradley? Und wie war das?’ Und als sie dann ihre Freundinnen mitbrachten, wurde es richtig interessant.«

»Jede Wette.«

»Ja, denn dann konnte ich — wie würde es eine Sozialarbeiterin nennen — mehr Eigeninitiative zeigen. Ja, genau. Und sie fingen an, mir zu erzählen, was sie mochten. Sie sagten, es gäbe nichts Schlimmeres als die Typen, die versuchten, ihnen ihre Zunge halb in den Hals zu rammen, und dass es sanft und langsam viel besser wäre. Ungefähr so«, sagte er, zog Jamie erneut in seine Arme und berührte ihre Lippen mit seinen.

Sie spürte, wie seine Zunge an den Seiten ihres Mundes entlangtastete und sanft ihre Zunge berührte, bevor sie sich tiefer vorwagte. Er schlang seine Arme um sie, zog sie aufs Bett zurück und legte sich auf sie. Aber er drang nicht in sie ein. Stattdessen spürte sie, wie er sich langsam nach unten bewegte, mit seiner Zunge die empfindliche Linie zwischen ihrem Hals und ihren Brüsten nachzeichnete und immer weiter nach unten wanderte, bis sein Kopf zwischen ihren Beinen verschwand, wo seine Zunge wahre Wunder wirkte. Sie schrie laut auf, als ihr Körper unter Zuckungen erschauerte, wie sie sie noch nie erlebt hatte. »Bitte sag mir nicht, dass dir das auch deine Schwestern beigebracht haben«, sagte sie, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.

Er lachte. »Nein, das habe ich ganz allein herausgekriegt. Erzähl mir nicht, dass das noch nie jemand bei dir gemacht hat.«

»Jedenfalls noch nicht so.« Jamie dachte an ihren Exmann. Sie musste ihn förmlich anbetteln, es mit der Zunge zu machen, und die paar Male, die er sich murrend und widerwillig darauf eingelassen hatte, war er hinterher sofort aus dem Bett gesprungen, um sich die Zähne zu putzen und den Mund auszuspülen. Sie hatte ziemlich bald nicht mehr gefragt. »Und warst du je verheiratet?«, fragte sie.

»Ja«, sagte Brad leichthin, ohne es weiter auszuführen.

»Und?«

»Und es hat nicht funktioniert.«

»Du möchtest nicht darüber reden«, stellte Jamie fest.

»Ich habe nichts dagegen, darüber zu reden«, erwiderte Brad. »Da gibt es nur nicht allzu viel zu sagen. Die Ehe war erst gut und dann nicht mehr. Es war niemandes Schuld, und wir haben es zum Glück geschafft, Freunde zu bleiben. Wir telefonieren fast jede Woche miteinander.«

»Wirklich?«

»Nun ja, wir haben einen gemeinsamen Sohn.«

»Du hast einen Sohn?«

»Corey. Er ist fünf Jahre alt. Ich habe irgendwo ein Foto von ihm.« Brad strahlte sichtlich stolz, als er nach seiner Jeans am Ende des Bettes griff. Er nahm seine Brieftasche heraus und zog hinter einem Bündel glatter 20-Dollar-Scheine ein zerknittertes Foto hervor.

Ein hübscher flachshaariger Junge lächelte Jamie schüchtern entgegen.

»Das Bild wurde vor fast einem Jahr gemacht. An seinem vierten Geburtstag. Er ist inzwischen viel größer.«

»Er sieht aus wie du.«

»Findest du?«

»Er hat helleres Haar, aber er hat dein Lächeln.«

»Ja?« Brad steckte das Foto zurück in die Brieftasche und diese wieder in seine Jeans. »Leider hat seine Mutter kürzlich wieder geheiratet und ist in den Norden gezogen.«

»Sie hat Corey mitgenommen?«

»Wohl oder übel.«

»Und wie lang hast du deinen Sohn jetzt nicht mehr gesehen?«

»Fast drei Monate.«

»Das muss schwer für dich sein.«

»Na ja, Beth hat mich gebeten, ihm ein wenig Zeit zu lassen, bis er sich an sein neues Leben gewöhnt hat, und ich denke, das ist nur fair.«

Jamie schüttelte den Kopf. »Ich finde, du bist unglaublich.«

»Nein, eigentlich nicht«, wehrte er bescheiden ab.

»Ich kenne nicht viele Exmänner, die so verständnisvoll wären.«

»Deiner offensichtlich nicht.«

»Woher weißt du, dass ich verheiratet war?«

»So, wie du ‘Exmänner’ gesagt hast.«

Jamie lächelte. »Wie lange warst du verheiratet?«, fragte er.

»Nicht lange. Nicht mal zwei Jahre.«

»Keine Kinder.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Jamie wusste nicht, ob sie den Kopf schütteln oder nicken sollte. »Keine Kinder«, bestätigte sie.

»Deine Mutter war nicht mit dem Kerl einverstanden.«

»Das ist noch milde ausgedrückt.«

»Warum mochte sie ihn nicht?«

»Sie hat gedacht, er wäre der Grund, warum ich mein Jurastudium abgebrochen habe.«

»War er das nicht?«

Jamie schüttelte den Kopf. »Er war bloß der Vorwand, nach dem ich gesucht habe.«

»Du hast ihn nicht geliebt?«

»Ich habe ihn nicht gekannt.«

Brad lachte erneut, eine wunderbares Geräusch, das ihr versicherte, dass alles gut werden würde, solange er an ihrer Seite war.

»Nach der Scheidung hat meine Schwiegermutter allen Schmuck zurückverlangt, den ihr Sohn mir geschenkt hatte, einschließlich des Eherings. Sie sagte, es wären Familienerbstücke, und sie würde mich verklagen, wenn ich sie nicht zurückgebe.«

»Reizend.«

»Fand ich auch.«

»Und hast du ihn zurückgegeben?«

»Natürlich. Ich wollte die verdammten Klunker sowieso nicht behalten. Bis auf ein Paar Goldohrringe mit Perlen, die ich ständig getragen habe. Die zurückzugeben, hat mir wirklich wehgetan.« Jamie zog ein verdrießliches Gesicht. Warum redeten sie über ihren Exmann und seine Mutter? Das Bett war zwar extra breit, aber immer noch nicht breit genug für sie alle. »Egal. Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Sie sind aus meinem Leben verschwunden. Ich muss sie nie wiedersehen.«

»Du kannst tun und lassen, was du willst«, sagte Brad.

»Bei dir hört sich das so leicht an.«

»Es ist leicht.«

Jamie schloss die Augen, legte den Kopf auf seine Brust und ließ sich von seinen gleichmäßigen Atemzügen einlullen.

»Hast du je daran gedacht, einfach ins Auto zu steigen und zu sehen, wohin die Straße dich führt?«, fragte er.

»Daran denke ich dauernd«, sagte Jamie.

3

Sie träumte von der Beerdigung ihrer Mutter.

Aber in ihrem Traum waren die Sargträger nicht Freunde und Kollegen ihrer Mutter, sondern die diversen Ehefrauen ihres Vaters, jede in einem Brautjungfernkleid aus blass malvenfarbenem Chiffon und mit einem Strauß wohlriechender weißer Lilien in der Hand. Ihre Schwester stand neben dem Sarg, aufrecht und würdevoll in dem dunkelvioletten Kleid einer verheirateten Brautführerin, und blickte in regelmäßigen Abständen auf die Uhr. Sie wartet auf mich, begriff Jamie, und versuchte, sich unter den Trauernden auszumachen.

»Ich komme«, versuchte sie vom Rand ihres Bewusstseins zu rufen. »Wartet auf mich.« Jamie sah sich auf die Menge zulaufen, als der Sarg gerade langsam in die Grube hinabgelassen wurde. Oh mein Gott, ich bin nackt, wurde ihr mit einem Mal klar, und sie versuchte, ihre Blöße vor den entsetzten Blicken ihrer Schwester zu verbergen. Als sie über einen Stein stolperte und durch die Luft gewirbelt wurde, klappte der Sargdeckel weit auf, um sie zu empfangen.

In dem weißen, mit Samt ausgekleideten Sarg öffnete ihre Mutter die braunen, gold gefleckten Augen und sah sie vorwurfsvoll an. »Bist du jetzt so weit?«, fragte sie.

Jamie stieß einen lauten Schrei aus und fuhr im Bett hoch, Schweißperlen kullerten zwischen ihren nackten Brüsten hinunter, und ihr Atem ging schwer und unregelmäßig. »Verdammt«, murmelte sie, strich sich das Haar aus der Stirn und versuchte, Kontakt zu ihrer Umgebung und zur Realität herzustellen. Die Umgebung war leicht auszumachen: Sie befand sich im Schlafzimmer ihrer Wohnung in ihrem überbreiten Doppelbett. Die Realität war schon schwerer zu akzeptieren: Sie war eine 29-jährige Frau in einer beruflichen Sackgasse mit einem Exmann in Atlanta, einem verheirateten Liebhaber im Krankenhaus und einem praktisch Fremden in ihrem Bett.

Aber Brad Fisher lag nicht mehr neben ihr, wie sie jetzt begriff. Sie wusste nicht recht, ob sie lachen oder weinen sollte. Hatte sie den attraktiven Fremden auch nur geträumt?

Das Pochen zwischen ihren Beinen und der Abdruck von Brads Kopf auf dem Kissen neben ihr überzeugten sie schnell davon, dass er real gewesen war. »Verdammt«, sagte sie noch einmal und lauschte auf mögliche Geräusche im Nebenzimmer, bevor sie das Gesicht in den Händen vergrub, weil es keinen Zweifel mehr gab, dass er fort war.

Einerseits war sie erleichtert. So musste sie zumindest das verlegene Schweigen nicht ertragen, die falschen Versprechen, sich bald wiederzusehen, den schmerzlichen Kuss auf die Stirn, bevor er aus der Tür hastete. All das hatte er ihnen erspart. Sie sollte also dankbar sein. Andererseits konnte sie nicht anders, als sich verlassen, benutzt und sogar ein wenig missbraucht zu fühlen. Wieder mal. »Sei nicht albern!«, ermahnte sie sich. Du hast Brad Fisher ganz genauso benutzt wie er dich. Wie ging noch die alte Redensart? Über einen Mann kommt man am besten hinweg, wenn man unter einem neuen liegt. Sie hatte doch bestimmt nicht erwartet, dass aus einem One-Night-Stand eine hingebungsvolle Liebe fürs Leben werden würde.

Außer, dass sie tief in ihrem Innern genau das getan hatte.

Jamie fragte sich, wann genau Brad aus ihrem Bett und ihrem Leben gekrochen war. War er gegangen, sobald sie eingeschlafen war, oder hatte er sich den Luxus von ein paar Stunden Schlaf gegönnt, bevor er die Flucht ergriffen hatte? Er hatte schließlich bekommen, wofür er gekommen war. Oh ja, die lieben von uns Gegangenen, was richten sie nicht alles an, dachte sie und seufzte vernehmlich. Von ihrem Traum war inzwischen nur noch ein vages Unbehagen zurückgeblieben. Trotzdem wäre es nett gewesen, wenn Brad ihr wenigstens noch einen schönen Tag gewünscht hätte, fand sie und blickte zu dem Wecker neben dem Bett.

»Oh nein!«, rief sie, als die Ziffern der digitalen Anzeige in ihrem Gehirn ankamen. »Es ist Viertel nach acht!«, schrie sie das leere Zimmer an, denn sie wusste, egal wie rasch sie duschte und sich anzog, ganz gleich wie schnell sie fuhr und wie viele Ausreden sie vorbereitete, Mrs. Starkey würde stinkwütend sein.

»Du bist so ein Idiot«, schimpfte sie mit sich, während der tadelnde Finger ihrer Schwester ihr ins Bad folgte. »Wie konntest du nur vergessen, den Wecker zu stellen.«

Ich war ein wenig beschäftigt, dachte Jamie und unterdrückte ein Lächeln, als sie unter die Dusche trat, das Wasser aufdrehte, sich direkt unter die Düse stellte und unter dem plötzlichen Wasserstrom den Mund öffnete. »Du bist so ein Idiot«, sagte sie noch einmal Wasser spuckend, während Brads unsichtbare Hände langsam über ihren Körper glitten. Sie stellte sich vor, seine Finger würden für einen Moment auf ihren Brüsten und an ihrem Bauchnabel verharren, bevor sie zwischen ihren Beinen verschwanden. Herrgott, musste er auch so verdammt gut sein, fragte sie sich, als sie Sekunden später aus der Dusche sprang und sich mit einem großen gelben Handtuch beinahe die Haut wund rubbelte, um die Erinnerung an seine Berührung auszuradieren. Zu gut, um wahr zu sein, sagte sie sich, während sie sich die Zähne putzte und die Haare bürstete, um dann die erstbesten Klamotten anzuziehen, die sie in ihrem Kleiderschrank fand, wobei ihr zu spät bewusst wurde, dass sie den dunkelblauen Rock und die hellblaue Bluse schon gestern zur Arbeit getragen hatte.

Wenn einem etwas zu gut erscheint, um wahr zu sein, ist es das meistens auch, dozierte ihre Schwester, während Jamie sich ein übrig gebliebenes Stück kalte Pizza in den Mund stopfte und zur Wohnungstür hastete.

Kein Make-up?, fragte ihre Mutter.

Jamie rannte die Betontreppe zu dem Parkplatz hinter dem dreigeschossigen Gebäude hinunter und sah sich mehrmals nach Brads Wagen um, obwohl sie wusste, dass er nicht da war. Wie konntest du nur so bescheuert sein?, schimpfte sie weiter mit sich, während sie in der Handtasche nach den Autoschlüsseln kramte. Was hast du dir dabei gedacht? »Das ist es ja gerade. Du hast überhaupt nicht nachgedacht«, sagte Jamie, bevor ihre Mutter oder ihre Schwester es tun konnten.

Du denkst immer erst nach, wenn es zu spät ist, fügten sie trotzdem hinzu.

Jamie sah auf die Uhr. Zwanzig vor neun. »Und ob es zu spät ist. Mrs. Starkey bringt mich um.«

Aber Mrs. Starkey war nicht in ihrem Büro, als Jamie sich um zehn nach neun auf ihren Schreibtischstuhl fallen ließ. Die vier anderen Schadensreguliererinnen, mit denen sie das sonnendurchflutete Büro teilte, blickten kaum auf, als sie hereinkam, obwohl Jamie meinte, bei Mary McTeer ein leichtes Kopfschütteln bemerkt zu haben.

»Alles okay?«, fragte Karen Romanick, ohne von ihrem Computer aufzublicken. Karen war Jamies engste Freundin bei Allstate, obwohl sie kaum Vertraulichkeiten austauschten und sich außerhalb des Büros nie trafen. Sie war gertenschlank, ihre Frisur eine veritable Explosion krauser blonder Locken, die ihrer Erscheinung immer etwas leicht Hektisches verliehen. Das machte Jamie jedes Mal irgendwie nervös, wenn sie mit ihr zusammen war.

Jamie nickte. »Ist Mrs. Starkey noch nicht hier?«

»Und ob sie schon hier ist.« Karens Tonfall machte jeden weiteren Kommentar überflüssig. Mrs. Starkey war da, und sie war alles andere als erfreut.

»Na toll.« Jamie schaltete ihren Computer ein und öffnete eine Datei, an der sie am Vortag gearbeitet hatte.

»Warst du im Krankenhaus?«, fragte Karen aus dem Mundwinkel.

»Allerdings.«

»Und was ist mit Tim?«

»Tim ist verheiratet«, sagte Jamie nur und bemerkte dann den seltsamen Ausdruck in Karens schmalem, spitz zulaufendem Gesicht. »Du wusstest es?«, fragte Jamie sie ungläubig.

»Du nicht?«

Ich bin so ein Idiot, dachte Jamie noch einmal. War sie der einzige Mensch auf der Welt, der es nicht gewusst hatte?

Du siehst nur, was du sehen willst, hörte sie ihre Mutter sagen.

Das Telefon auf Jamies Schreibtisch klingelte. Vielleicht war das Brad, dachte sie unwillkürlich. Es tat ihm Leid, dass er so früh aufgebrochen war, und er wollte es wieder gutmachen. Jamie holte tief Luft und nahm dann beim zweiten Klingeln ab. »Jamie Kellogg«, verkündete sie hoffnungsvoll. »Was kann ich für Sie tun?«

Aber statt Brads sanfter Stimme, die ihr Entschuldigungen ins Ohr flüsterte, hörte sie den nasalen New Yorker Akzent von Selma Hersh, die Jamie beschimpfte, weil sie sie am Vortag nicht wie versprochen zurückgerufen hatte.

»Es tut mir schrecklich Leid«, erklärte Jamie der Frau, während sie versuchte, sich zu erinnern, um wen es sich handelte, und den Namen in den Computer eingab, um die entsprechende Datei zu finden. »Ich hatte gestern Probleme mit dem Computer und konnte deshalb nicht auf die benötigte Information zugreifen.«

Selma Hersh schnaubte wütend. »Wann kriege ich denn endlich meinen Scheck?«, bellte sie.

Rasch überflog Jamie die Akte der Frau. »Wie es aussieht, haben wir nach wie vor nicht alle nötigen Dokumente, Mrs. Hersh.«

»Wovon reden Sie?«

»Wir brauchen ein ärztliches Attest, in dem die genaue Todesursache Ihres Mannes bescheinigt wird.«

»Sie haben doch eine Kopie des Totenscheins. Warum brauchen Sie noch mehr?«

»So sind die Bestimmungen, Mrs. Hersh. Wir brauchen etwas Schriftliches von dem Arzt, der den Tod Ihres Mannes festgestellt hat. Darauf muss die offizielle Todesursache genannt sein.«

»Er ist an einer Lungenentzündung gestorben.«

»Ja, aber wir brauchen trotzdem ein Schreiben. Mit dem Briefkopf des Arztes …«

»Mein Mann ist im JFK Memorial Hospital gestorben. Woher soll ich wissen, welcher Arzt ihn für tot erklärt hat?«

»Ich bin sicher, das Krankenhaus kann Ihnen bei der Beschaffung dieser Information behilflich sein.«

»Das ist doch lächerlich.«

»Es tut mir Leid, Mrs. Hersh. Wenn Sie uns die Bescheinigung zusenden, können wir den Scheck unverzüglich freigeben.«

»Das ist absurd. Ich möchte mit Ihrem Vorgesetzten sprechen.«

»Ich werde ihr sagen, dass sie Sie zurückrufen soll, sobald Sie ins Büro kommt.« Die Verbindung wurde abrupt unterbrochen. »Schönen Tag noch«, sagte sie, als das Telefon erneut klingelte. Jamie atmete tief ein und zwang sich zu einem Lächeln. »Jamie Kellogg.«

»Jamie. Hallo.«

Sie erkannte Tims Stimme sofort, obwohl sie ungewohnt leise klang. Sie fragte sich, ob er noch auf der Intensivstation lag, unter strenger Bewachung seiner Frau. Leg auf, dachte sie.

»Leg nicht auf«, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Bitte, Jamie. Hör mich an.«

»Wie ich höre, lebst du noch«, sagte sie kühl.

»Es tut mir so Leid, Jamie«, setzte er mit zittriger Stimme an, als drohte er jeden Moment in Tränen auszubrechen.

Jamie schüttelte den Kopf und spürte, wie sie innerlich schwankte und versucht war, sich wieder einwickeln zu lassen. Schließlich waren sie mehr als vier Monate zusammen gewesen. Er war ihr Liebhaber, ihr Vertrauter und manchmal sogar ihr Freund gewesen. Und jetzt lag er im Krankenhaus, dem Tod knapp entronnen …

Was ist bloß mit mir los, schimpfte sie stumm mit sich und schlug mit der Faust auf die Tastatur des Computers, worauf der Bildschirm sofort leer wurde. Er war ein verheirateter Mann, Herrgott noch mal, und er hatte sie angelogen. Hatte sie denn gar keinen Stolz, keinen Selbsterhaltungstrieb? »Was tut dir Leid, Tim?«, fauchte sie und dachte dabei an Selma Hersh, von deren Schneid sie gerade jetzt ein wenig gebrauchen könnte, dachte sie. »Dass du mich angelogen hast oder dass du erwischt worden bist?«

»Beides«, gab er nach einer Pause zu.

»Was hat deine Frau dir erzählt?«

»Dass ich Besuch aus dem Büro hatte. Es war nicht allzu schwer, sich zusammenzureimen …«

»Lässt du dich scheiden?«, unterbrach Jamie ihn.

Es entstand eine weitere Pause, die etwas länger dauerte als die vorherige, bevor er sagte: »Nein.«

Arschloch, dachte Jamie. Wirklich ein verdammt guter Zeitpunkt, mir endlich die Wahrheit zu sagen.

»Das muss ja gestern Abend eine nette Begegnung gewesen sein«, sagte er leise lachend.

»Du Dreckskerl«, sagte Jamie langsam. »Du genießt das Ganze auch noch.«

Das Lachen schlug schnell in ein Hüsteln um. »Was? Nein, natürlich nicht.«

»Du fühlst dich geschmeichelt, du mieses Schwein.«

»Jamie, nun werde doch nicht hysterisch.«

»Geh zum Teufel.« Jamie knallte den Hörer auf die Gabel.

In der anschließenden Stille drangen nach und nach andere Geräusche an Jamies Ohr: das Summen des Computers, Mary McTeers leicht kratzende Stimme im Gespräch mit einer Kollegin, das Klicken von Karen Romanicks Fingernägeln auf ihrer Tastatur und das rhythmische Atmen einer Person, die direkt hinter ihr stand. Jamie drehte sich auf ihrem Stuhl um und wusste schon, wer es war, bevor sie die langen Finger mit den fein manikürten Nägeln sah, die Mrs. Starkeys Markenzeichen waren. Sie tippten ungeduldig auf den Ärmel ihrer beigefarbenen Seidenbluse.

»Welch überaus interessante Art, ein Kundengespräch zu führen«, bemerkte Mrs. Starkey und starrte Jamie aus haselnussbraunen Augen hinter einer eckigen Schildpattbrille an. »Kein Wunder, dass Sie so beliebt sind.«

»Es tut mir Leid«, begann Jamie, ohne recht zu wissen, wofür sie sich entschuldigte. Dafür, dass sie so ein Idiot war, dafür, dass sie eine Affäre mit einem verheirateten Mann hatte, dafür, dass sie mit einem Fremden geschlafen hatte, oder weil sie während der Arbeitszeit Privatgespräche führte? Eins davon oder alle zusammen? Egal, sollte Mrs. Starkey sich einfach etwas aussuchen. Jamie war ihr ganzes verkorkstes dummes Leben leid.

»In mein Büro«, fauchte Mrs. Starkey, drehte sich auf den flachen Absätzen ihrer braunen Schuhe um und stapfte davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

»Verdammt«, sagte Jamie und starrte auf den leeren Computer-Bildschirm. »Verdammt«, sagte sie noch einmal, unfähig, sich zu rühren.

»Geh einfach rein, und höre es dir ohne Widerworte an«, riet Karen ihr aus dem Mundwinkel.

»Ich glaube nicht, dass ich das jetzt ertragen kann.«

»Ich glaube, du hast keine andere Wahl.«

»Verdammt.«

»Du entschuldigst dich, kriechst vor ihr zu Kreuze und behältst deinen Job.«

»Ich will diesen Job nicht«, sagte Jamie laut.

»Was sagst du?«

Jamie stieß sich von ihrem Schreibtisch ab und sprang auf. »Ich sagte, ich will diesen Job nicht.«

»Was soll das?«

Jamie hatte begonnen, alle persönlichen Utensilien aus ihrem Schreibtisch zu räumen — ein Adressbuch, einen pinkfarbenen Lippenstift, einen Nagelschneider und eine Ersatzstrumpfhose. »Ich kündige.«

»Ohne mit Mrs. Starkey zu sprechen?«

»Sie ist eine intelligente Frau — sie wird es schon merken.« Jamie beugte sich herab, um ihre verblüffte Kollegin zu umarmen. »Ich ruf dich an, wenn der Staub sich gesetzt hat.« Und dann marschierte sie mit entschlossenen Schritten aus dem Büro.

»Willst du das wirklich machen?«, rief Karen ihr nach. »Ich meine, findest du das nicht ein bisschen überstürzt?«

Jamie sah, dass Mrs. Starkey sie aus ihrem Büro beobachtete, und genoss den fassungslosen Ausdruck auf ihrem Gesicht. »Schönen Tag noch«, rief sie in die Runde und ließ die Tür hinter sich zuknallen.

__________

Sie war vor zehn wieder zu Hause. Sie hatte kurz überlegt, beim Breakers vorbeizuschauen, sich aber eines Besseren besonnen. Wenn Brad sich mit ihr in Verbindung setzen wollte, wusste er genau, wo er sie finden konnte. Außerdem hatte er mit seinem verfrühten Aufbruch bereits alles gesagt. Und wer wollte ihm überhaupt einen Vorwurf machen? Es war ja schon schlimm genug, gleich am Abend der ersten offiziellen Verabredung mit einem Mann ins Bett zu gehen, aber sie hatte nicht mal so lange gewartet. Gleich bei der ersten Begegnung war es passiert, Herrgott noch mal. »Was ist nur mit dir los?«, murmelte Jamie, als sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufging. Sie winkte dem gebückten alten Mann am Ende des Flures zu, doch er starrte zurück, als hätte er keine Ahnung, wer sie war. Vielleicht wusste er es ja wirklich nicht, dachte Jamie, hörte ihren Magen knurren und erinnerte sich daran, dass sie außer ein paar Pizzaresten nichts zu essen im Haus hatte. Sie hätte auf dem Weg Cornflakes und Milch, vielleicht sogar ein paar Eier kaufen sollen. Ein Käseomelett könnte sie sich jetzt wunderbar vorstellen. Dazu einen getoasteten Sesam-Bagel und eine Tasse starken schwarzen Kaffee, dachte sie, als ihr auf dem Flur der verlockende Duft von frisch gekochtem Kaffee entgegenwehte. Schade, dass sie ihre Nachbarn nie kennen gelernt hatte, sonst hätte sie sich jetzt auf ein Tässchen unter Freundinnen einladen können.

Aber sie hatte keine Freundinnen. Sie hatte auch keinen Job mehr. »Und Kaffee habe ich auch keinen«, jammerte sie, schloss ihre Wohnungstür auf und betrat das Wohnzimmer.

Das Kaffeearoma umfing sie so vollständig, dass sie einen Moment lang dachte, sie wäre in der falschen Wohnung gelandet. Nur dass ihr alles so bekannt vorkam — das gebrauchte rote Sofa, das ihre Schwester ihr überlassen hatte, nachdem sie sich selbst neu eingerichtet hatte, der Ledersessel, den sie im Sonderangebot bei Sears erstanden hatte, und der teure Glascouchtisch ihrer Mutter, auf dem immer noch die aktuellen Ausgaben diverser Modezeitschriften herumlagen.

Es war also ihre Wohnung. Und der gut aussehende Mann, der aus ihrer Kochnische trat und mit einem dampfenden Becher Kaffee in der Hand auf sie zukam, war der Mann, mit dem sie die ganze Nacht wilden und leidenschaftlichen Sex gehabt hatte. Da stand er und las ihr immer noch jeden Wunsch von den Lippen ab. Sie musste offensichtlich träumen. Eigentlich war der ganze Morgen ein einziger Traum gewesen, ein Traum, der gerade anfing, gut zu werden. Nun war aber der Moment gekommen aufzuwachen, obwohl es das Letzte war, was sie wollte. Bitte, lass mich nicht aufwachen, dachte sie, als er ihr den Kaffee in die Hand drückte und sich herabbeugte, um sie sanft auf den Mund zu küssen.

»Da bist du ja wieder«, sagte er und küsste sie noch einmal.

Er fühlt sich so echt an, dachte Jamie. Er klingt so real. »Genau wie du«, hörte sie sich sagen, und ihre Stimme drängte aus der Fantasie zurück in die Wirklichkeit.

Brad Fisher war noch da.

»Ich bin früh aufgewacht und dachte, ich überrasche dich mit meinem Spezialfrühstück«, erklärte er ihr und wies mit dem Kopf Richtung Küche. »Die Schränke waren allerdings ziemlich leer, also bin ich zu Publix rüber und habe ein paar Bagels besorgt …«

»Du hast Bagels gekauft?«

»Ich dachte, ich schaffe es, bevor du zur Arbeit musst, aber ich hatte eine Autopanne. Der Wagen musste abgeschleppt werden, und als ich zurückkam, warst du schon weg.«

»Du hast Bagels gekauft?«

Er lächelte. »Klingt so, als hätte da jemand Hunger.«

Jamie stolperte zum Sofa, ließ sich auf das Polster sinken und nippte an ihrem Kaffee. Es war der beste Kaffee, den sie je getrunken hatte. »Wie bist du reingekommen?«, fragte sie.

Brad zuckte die Achseln. »Die Tür war nicht abgeschlossen.«

»Ich hab vergessen, die Tür abzuschließen?«

»Offensichtlich.«

»Erst vergesse ich, den Wecker zu stellen, und dann schließe ich meine Tür nicht ab. Meine Mutter hat immer gesagt, wenn er nicht angewachsen wäre, würde ich noch meinen Kopf vergessen.«

»Hat sie je irgendwas Nettes gesagt?«

»Sie meinte, ich hätte ein fixes Mundwerk.«

Er lachte. »Auch nicht gerade das, was ich im Sinn hatte.«

»Ich habe gekündigt«, jammerte Jamie.

»Wirklich. Das ist ja toll.«

»Toll? Nein, ist es nicht. Es war dumm und unüberlegt …«

»Du hast den Job doch gehasst.«

»Ich weiß, aber mit dem Geld konnte ich immerhin meine Rechnungen bezahlen.«

»Dann suchst du dir eben einen anderen Job.«

Jamie nippte erneut an ihrem Kaffee, während sich ein listiges Grinsen über Brads Gesicht breitete. »Was?«, fragte sie.

»Ich habe eine großartige Idee.«

Jamie spürte ein Kribbeln zwischen den Beinen. »Ach ja?«

»Ich finde, wir sollten einfach machen, wovon wir gestern Nacht geredet haben.«

Jamie legte den Kopf zur Seite. In ihren Erinnerungen an die vergangene Nacht kamen kaum Dialoge vor.

»Ich finde, wir sollten einfach ins Auto steigen und losfahren«, redete er weiter. »Wir müssten natürlich deinen Wagen nehmen, weil meiner in der Werkstatt ist.«

»Und wohin sollen wir fahren?«

»Egal.«

»Das ist nicht dein Ernst.«

»Doch, ich meine es sogar sehr ernst.«

»Das kann ich nicht machen«, sagte Jamie.

»Warum nicht? Wir sind beide arbeitslos und ungebunden. Nichts hält uns hier. Es ist der perfekte Zeitpunkt.«

»Du meinst es wirklich ernst.«

»Todernst.«

Das Telefon klingelte. Jamie nahm den Hörer ab und presste ihn an ihr Ohr. »Hallo?« Sofort legte Brad seine Hände auf ihre Brüste und drückte eine Reihe sanfter Küsse auf ihre Schultern.

»Was zum Teufel geht da vor?«, verlangte ihre Schwester zu wissen.

»Hallo, Cynthia. Wie geht’s?«

»Komm mir nicht mit ‘Hallo, wie geht’s’. Was glaubst du, was du tust, verdammt noch mal?«

Jamie fragte sich, ob Cynthia eine Überwachungskamera in ihrer Wohnung installiert hatte, mit der sie auch in diesem Moment beobachtete, wie Brad mit den Fingern zärtlich die Konturen ihrer Brustwarzen unter der blauen Bluse nachzeichnete.

»Todd hat mir gerade berichtet, dass er einen wütenden Anruf von Lorraine Starkey bekommen hat, in dem sie ihm von deinem dummen kleinen Auftritt erzählt hat …«

»Es war kein Auftritt.«

»Du hast einfach so deinen Job hingeworfen? Ohne irgendeine Frist zu beachten? Du hast keinerlei Erklärung gegeben …«

Brads Finger verschwanden unter ihrer Bluse, und Jamie stöhnte leise.

»Was war das? Hast du gerade gestöhnt?«

Jamie packte Brads Hand, um ihn zu bremsen, und ließ dabei den Hörer fallen.

»Jamie?«, rief ihr Cynthia aus ihrem Schoß entgegen. »Was ist da los?«

»Tut mir Leid. Ich habe den Hörer fallen lassen.«

»Ist da noch jemand?«, fragte ihre Schwester nach einer kurzen Pause.

»Was? Nein, natürlich nicht.«

Brad beugte sich vor, legte sein Kinn auf Jamies Schulter und belauschte das Gespräch.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Cynthia. »Du hast doch nicht irgendeine Art Zusammenbruch oder so?«

»Ich hab diesen Job wirklich gehasst, Cynthia.«

»Du weißt, dass du das nicht immer wieder tun kannst.«

»Ich kann mir einen anderen Job suchen.«

»Davon spreche ich nicht. Du weißt, was ich meine.«

»Ich bin mir nicht sicher.«

»Du kannst es nicht ständig vermasseln.«

»Das habe ich auch nicht vor.«

»Ruf einfach Mrs. Starkey an und sag ihr, dass es dir Leid tut.«

»Das kann ich nicht machen.«

»Warum nicht.«

»Weil es mir nicht Leid tut.«

»Okay, pass auf«, sagte Cynthia. »Im Moment ist offensichtlich nicht der ideale Zeitpunkt, darüber zu reden. Das können wir besprechen, wenn du hier bist.«

»Was soll das heißen, wenn ich da bin?«

»Was glaubst du, was das heißen soll?«

»Was?«

»Das ist echt super«, sagte Brad und konnte ein Kichern nicht unterdrücken.

»Was war das?«, wollte Cynthia wissen.

»Was war was?«

»Lachst du etwa?«

»Natürlich nicht.«

»Das ist nämlich nicht komisch.«

»Ich lache ja auch gar nicht.«

»Um wie viel Uhr kommst du? Und sag mir nicht, du hättest es vergessen und schon etwas anderes vor.«

Brad begann, eifrig zu nicken. »Du hast schon etwas anderes vor«, flüsterte er ihr ins Ohr.

»Was hast du gesagt?«, fragte Cynthia.

»Tut mir Leid, Cyn. Aber ich habe wirklich schon etwas anderes vor«, sagte Jamie.

»Das kannst du mir nicht antun«, protestierte ihre Schwester. »Du hast gesagt, du würdest vorbeikommen, damit wir zusammen Mutters Sachen durchgehen können. Du hast es mir versprochen.«

»Wir machen es ein anderes Mal. Morgen …«

Brad schüttelte den Kopf. »Morgen hast du keine Zeit«, sagte er.

»Was?«, fragte Cynthia.

»Nein, nicht morgen. Tut mir Leid. Morgen passt nicht so gut.«

»Und Sonntag auch nicht«, sagte Brad.

»Dieses Wochenende ist für mich insgesamt einfach nicht so gut«, sagte Jamie.

»Und wann passt es dir? Wir können es schließlich nicht auf ewig verschieben.«

Warum eigentlich nicht, fragte Jamie sich. Wozu die Eile, die Sachen ihrer Mutter zu entsorgen? Das war schließlich nichts Dringendes. Jamie lehnte ihre Wange an Brads und spürte seine Bartstoppeln. »Hör mal, ich glaube, ich fahre für ein paar Tage weg«, sagte sie und spürte, wie Brads Mund sich zu einem Lächeln verzog. »Vielleicht eine Woche oder so.«

»Was? Wovon redest du? Was soll das heißen, du fährst weg?«, fragte Cynthia wütend.

»Ich brauche einfach eine Pause.«

»Eine Pause?«

»Eine Woche. Vielleicht zwei«, fügte sie hinzu, als Brad Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand hochhielt.

»Das ist unglaublich. Wann hast du denn das beschlossen?«

»Ich ruf dich in ein paar Tagen an.«

»Ruf mich an, wenn du erwachsen bist«, zischte Cynthia, bevor sie auflegte.

Brad war sofort auf den Beinen. »Gut so, Jamie.«

»Sie ist richtig sauer.«

»Sie soll sich zum Teufel scheren.« Brad fasste ihre Hände und wirbelte sie durchs Wohnzimmer. »Komm, Jamie-Girl. Wir verschwenden nur Zeit. Auf geht’s: Die Show kann beginnen.«

»Aber wohin wollen wir denn fahren? Haben wir schon irgendeinen Plan?«

»Natürlich haben wir einen Plan. Wir fahren Richtung Norden und legen vielleicht einen kurzen Zwischenstopp in Ohio ein.«

»Ohio? Was ist denn in Ohio?«

»Mein Sohn. Warte, bis du ihn kennen lernst, Jamie. Du wirst ihn einfach mögen. Komm. Oder kriegst du plötzlich Schiss?«

Genau den hatte sie. Alles ging so schnell. Zu schnell. Hatte sie ernsthaft vor, mit einem Typen loszuziehen, den sie gerade erst getroffen hatte? Noch dazu in ihrem Wagen! Sie musste tief durchatmen und alles in Ruhe überlegen.

»Ich nehme das mal als Nein«, sagte Brad und küsste sie sanft auf den Mund.

Worüber machte sie sich Sorgen, fragte sie sich und verwarf ihre kleinmütigen Zweifel. »Wo denn in Ohio?«, fragte sie ihn.

»Dayton«, erklärte er ihr und strahlte sie mit seinem wunderbaren Lächeln an. »Eine Straße namens Mad River Road.«

4

Das zweistöckige Holzhaus in der Mad River Road 131 sah genauso aus wie alle anderen Häuser in der Straße: alt und ein wenig heruntergekommen. Die graue Farbe blätterte von den Mauern, und die vormals weißen Fensterläden, die die vier Fenster zur Straße rahmten, waren fleckig und hingen bedrohlich schief in den Angeln. Die Läden vor dem Schlafzimmerfenster mit ihrer jahrealten Schmutzschicht waren besonders marode und hielten sich nur noch mit knapper Not. Genau wie ich, dachte Emma und atmete die kühle Morgenluft ein, bevor sie widerwillig die sechs wackeligen Stufen zum Haus hinaufstieg. Auf der winzigen Veranda vor der zerrissenen Fliegengittertür blieb sie stehen. Dahinter befand sich eine weitere Tür, massiv mit schwarzem Anstrich, obwohl die Farbe verblasst und die Oberfläche verkratzt war. Jenseits der Schwelle fanden sich überall weitere Zeichen des Niedergangs und Zerfalls. Das alte Haus hatte definitiv schon bessere Tage gesehen. Emma zuckte die Achseln. Wer nicht? Und was erwartete sie außerdem für die Miete, die sie bezahlte?

Die komplette Straße war vor mehreren Jahren von einer Immobiliengesellschaft aufgekauft worden, die die bestehenden Häuser abreißen und durch eine Reihe teurer Stadthäuser ersetzen wollte. Stadtentwicklung, nannte man das, nur dass jemand im Stadtrat Widerspruch eingelegt hatte, sodass das Projekt auf Eis lag und in einem Sumpf scheinbar endloser juristischer Auseinandersetzungen feststeckte. Die Immobiliengesellschaft hoffte auf eine für alle Seiten zufrieden stellende Einigung und vermietete die Häuser einstweilen auf monatlicher Basis. Mit dem Ergebnis, dass die Mad River Road eine Art Zufluchtstätte für Frauen geworden war, deren Leben sich im Umbruch befand; Frauen mit trüber Vergangenheit, ungewisser Zukunft und festgefahrener Gegenwart, darunter kaum überraschend eine Reihe alleinerziehender Mütter mit ihrem Nachwuchs. Als Emma und ihr kleiner Sohn in die Stadt gekommen waren und eine billige Bleibe in einem sicheren Viertel gesucht hatten, hatte der Makler nur kurz überlegt, bevor er sie in die Mad River Road geschickt hatte. Gut, die Häuser waren nicht in erstklassigem Zustand, und der Mietvertrag konnte jederzeit mit nur zwei Monaten Frist gekündigt werden, aber die Bewohner der Straße hatten viel Mühe darauf verwendet, ihre Umgebung zu verschönern, indem sie die Vorgärten mit Blumen bepflanzt und die Fassaden ihrer Häuser in interessanten Pastellfarben gestrichen hatten. Und wo in der Stadt hätte man sonst ein Haus mit zwei Schlafzimmern zu diesem Preis mieten können? »Es ist ein charmantes kleines Haus«, hatte der Makler erklärt, »mit jeder Menge Möglichkeiten.«

Mit der Möglichkeit eines Neuanfangs, hatte Emma damals für sich gedacht. Das bisschen Bargeld, das sie vor ihrem Exmann hatte verstecken können, hatte sie in einem Wahnsinnstempo ausgegeben. Bald war nichts mehr übrig gewesen.

Sie strich sich ihre schulterlangen dunklen Haare hinter das rechte Ohr und lauschte dem Zwitschern der Vögel in den Bäumen. Was für Vögel und was für Bäume, fragte sie sich abwesend. Sie sollte eigentlich wissen, ob es Drosseln, Blauhäher oder Finken waren, die ihr Morgenlied anstimmten, wenn sie ihren Sohn zur Schule brachte. Sie sollte wissen, ob es Ahornbäume, Eichen oder Ulmen waren, die die lange Straße säumten und dunkle Schatten auf ihren kleinen Vorgarten warfen. So etwas sollte sie wissen, genau wie die Namen der Blumen — Anemone, Arnika, Akelei? —, die die alte Mrs. Discala vor kurzem vor ihrem Haus am Bürgersteig entlang gepflanzt hatte. Emma fischte den Hausschlüssel aus der Seitentasche ihrer Jeans, zog die Fliegengittertür auf und öffnete die Haustür. Beide Türen quietschten protestierend. Wahrscheinlich müssen sie geölt werden, dachte sie und fragte sich gedankenverloren, welches Öl man dafür eigentlich benutzte. Tierisch, pflanzlich, mineralisch?

Die Luft im Haus war stickig, aber Emma verwarf den Gedanken, ein Fenster zu öffnen. Die Temperatur passte ganz gut zu ihrer lethargischen bis depressiven Stimmung. Heute war der Tag, an dem sie sich auf Jobsuche machen wollte, aber ihr Sohn hatte in der Nacht nicht gut geschlafen — wieder ein Alptraum —, was natürlich bedeutete, dass sie auch nicht gut geschlafen hatte. Sie bezweifelte, dass die dunklen Ringe unter ihren normalerweise lebhaften blauen Augen bei einem potenziellen Arbeitgeber einen guten Eindruck machen würden. Ihre Augen hatten immer auf andere gewirkt. Sie waren groß und mandelförmig und betonten ihr außergewöhnlich hübsches Gesicht. Außerdem hatte sie noch gar nicht entschieden, was für einen Job sie eigentlich suchte. »Ich gucke später«, nahm sie sich mit Blick auf die Zeitung vor, die gleich hinter der Haustür auf dem Holzfußboden lag.

Sie ging durch den kleinen Flur, der das Haus in zwei uninteressante Hälften teilte, das Wohnzimmer zur Linken war nur geringfügig geräumiger als das Esszimmer zur Rechten und die Küche dahinter gerade groß genug, um den runden weißen Tisch und die beiden Klappstühle unterzubringen, die sie wie die meisten anderen Möbel in einem Trödelladen gekauft hatte. Ein seltsam geformtes braunes Sofa, das irgendwann einmal ein Designertraum von Modernität gewesen war, beherrschte fast das gesamte Wohnzimmer. Es stand vor dem Fenster zur Straße neben einem überraschend bequemen beige-grünen Sessel, dazwischen waren mehrere stapelbare Beistelltischchen gruppiert. Das Mobiliar des Esszimmers bestand aus vier grauen Plastikstühlen um einen mittelgroßen quadratischen Tisch, auf dem eine Tischdecke mit Blumenmuster lag, die Emma gekauft hatte, damit man die verkratzte Platte nicht sah. Die Wände im ganzen Haus waren mattweiß, und die nackten Fußböden schrien förmlich nach Teppichen. Aber Teppichböden zu verlegen, hätte bedeutet, sich dauerhaft hier einrichten zu wollen, und wie konnte sie daran denken, Wurzeln zu schlagen und nach vorne zu schauen, wenn sie immer noch in ständiger Angst lebte? Nein, es war noch zu früh. Vielleicht eines Tages … »Okay«, sagte Emma, »das reicht.« Sie stieg die steile Treppe in den ersten Stock hinauf. Jede Stufe rief ihr ins Gedächtnis, dass in der Mad River Road ein Tag ziemlich genau wie der nächste war. Emma betrat das Schlafzimmer, warf sich auf ihr ungemachtes Doppelbett und fragte sich, warum jemand eine Straße Mad River Road nannte, wenn der betreffende Fluss meilenweit entfernt war. Angeblich hatte es früher irgendwo in der Nähe einen Nebenfluss gegeben, der jedoch längst ausgetrocknet war. Und warum überhaupt Mad River? Hatte er wütend, wild und unkontrollierbar gewirkt, und könnte man mit denselben Adjektiven vielleicht auch die Bewohnerinnen der Straße beschreiben? Ein weiteres ungelöstes Rätsel des Lebens, entschied Emma und schloss die Augen. Sie hatte dringendere Sorgen.

Ihren Sohn, um nur eine zu nennen. Sie musste etwas wegen seiner Alpträume unternehmen. Sie traten immer häufiger auf, und sie brauchte jedes Mal länger, um ihn wieder zu beruhigen. Er bestand ohnehin schon darauf, die ganze Nacht bei brennendem Licht und laufendem Radio zu schlafen. Und nicht nur das, eine Reihe unsinniger Zu-Bett-Geh-Rituale nahm täglich mehr Zeit in Anspruch. Er putzte sich dreißig Sekunden lang die Zähne, fünfzehn Bürstenstriche oben, gefolgt von fünfzehn Bürstenstrichen unten; dann spülte er den Mund mit Wasser aus, das er von links nach rechts in seinem Mund bewegte, bevor er drei Mal ausspuckte; er berührte zwei Mal das Fußbrett seines schmalen Betts, bevor er unter die Decke schlüpfte, um anschließend an die Wand über seinem Kopf zu klopfen. Keine dieser Verrichtungen durfte ausgelassen oder in irgendeiner Weise verändert werden, weil er ansonsten die schlimmsten Konsequenzen fürchtete. Ihr Sohn fürchtete sich vor allem, dachte Emma, stöhnte laut auf und fragte sich, ob er schon immer so ängstlich gewesen war und es nur nicht gezeigt hatte.

Sicher, das letzte Jahr war nicht leicht für ihn gewesen; es war für keinen von ihnen leicht gewesen. Sie waren drei Mal umgezogen, und Dylan hatte noch immer nicht verstanden, warum sie ihr Zuhause überhaupt verlassen und alles, was vertraut und bequem war, zurücklassen mussten: seine Nana, sein Zimmer, seine Freunde, seine Spielsachen. Er fragte ständig nach seinem Vater und ob irgendwer auf ihn aufpassen würde. Außerdem mochte er ihre neuen Namen nicht, obwohl sie ihm erklärt hatte, dass sie ihn nach einer Figur aus ihrer Lieblingsserie Beverly Hills 90 210 benannt hatte. Und Emma hieß das Baby von Rachel aus Friends, hatte sie erläutert und ob er nicht auch fände, dass ihr neuer Name viel besser zu ihr passte als ihr alter. Er müsse gut aufpassen, ermahnte sie ihn regelmäßig, in Gegenwart von Fremden keinen Fehler zu machen und seinen alten Namen zu benutzen. Es sei sehr wichtig, schärfte sie ihm ein, ohne zu erklären, warum. Sie konnte ihm schließlich schlecht die Wahrheit über seinen Vater sagen. Er war noch zu jung, um es zu verstehen. Wenn sie wieder umziehen musste, würde sie ihn seinen Namen vielleicht selber aussuchen lassen.

Emma drehte sich vom Rücken auf die Seite, schlug die Augen auf und sah aus dem Fenster. Kleine Wolkenfetzen trieben an einem blauen, unbesorgten Himmel dahin. Der Ast eines Baumes, an dem vor kurzem Blätter gesprossen waren, wehte in Richtung Fenster. Für Mai war es kühl, die Luft noch feucht, als ob Regen drohte, was sie hasste. Emma nahm das Wetter sehr persönlich, obwohl sie wusste, dass das Unsinn war. Aber musste es deswegen die meiste Zeit so verdammt ungemütlich sein? Sie war an einem Ort mit Sonne und Wärme aufgewachsen, und vielleicht konnte sie eines Tages dorthin zurückgehen.

In der Zwischenzeit saß sie hier in der Mad River Road fest. Noch einen Monat, dann war die Schule vorbei. Was sollte sie dann mit Dylan machen? Selbst wenn sie das Geld gehabt hätte, ihn in ein Sommerferienlager zu schicken, würde er wohl kaum fahren. Und sie konnte ihn schließlich nicht zwei Monate lang mit zur Arbeit nehmen. Wie konnte sie da auch nur darüber nachdenken, sich einen Job zu suchen? Vielleicht konnte sie die alte Mrs. Discala überreden, auf ihn aufzupassen. Dylan mochte sie. Er sagte, sie erinnerte ihn an seine Nana.

Das war alles ihre Schuld, dachte Emma, während der Schlaf an ihren Lidern zupfte. Sie war der Grund, warum ihr Sohn so ängstlich war. Wenn sie nicht bald etwas unternahm, würden sie beide verrückt werden. Wirklich Mad River Road.

Sie sank in einen benommenen Halbschlaf, in dem sich Fantasie und Realität vermischten und seltsame Bilder zusammen mit tatsächlichen Ereignissen in ihr Bewusstsein trieben. In einer Minute packte sie panisch ihre Sachen und floh aus dem Haus, in der nächsten tauchte sie in einen reißenden Fluss. Vertraute Gesichter reihten sich an einem unbekannten Ufer, sie riefen ihr verschiedene Namen zu, warfen mit Stöcken und stampften mit den Füßen auf, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Einige hieben mit den Fäusten in die Luft, als wollten sie eine schwere Tür einschlagen.

Jemand war an der Tür, wurde Emma bewusst, als das Pochen lauter wurde. Wer ist das, fragte sie sich, beinahe zu erschrocken, um sich zu rühren. Sie erwartete niemanden, und es war auch nicht so, dass ihre Nachbarn die Angewohnheit hatten, uneingeladen vorbeizuschauen. In den paar Monaten, die sie jetzt in der Mad River Road wohnte, hatte sie sich auch nicht um Freundschaften bemüht und die höflichen Gesprächsbemühungen der anderen alleinerziehenden Mütter in der Straße abgewehrt. Es war besser so. Es hatte keinen Sinn, sich auf andere Menschen einzulassen, solange sie sich selbst auf so dünnem Eis befand, solange ein überraschender Anruf oder eine Zufallsbegegnung sie mitten in der Nacht erneut zur Flucht trieb. War es da wirklich überraschend, dass diese Haltung auf ihren Sohn abgefärbt hatte? Dylans Lehrerin Miss Kensit hatte häufig beklagt, dass er keine Freundschaften schloss. War sie es, die unten an die Tür klopfte? Wollte sie Emma mitteilen, dass ihrem Sohn etwas Schreckliches zugestoßen war? Hatte irgendjemand ihn verschleppt?

Emma fuhr im Bett hoch und versuchte, die Panik abzuschütteln, die ihren ganzen Körper erfasst hatte, doch der Schreck blieb ihr in den Gliedern stecken wie eine hartnäckige Erkältung.

Hatte er sie gefunden?

Sie sah auf die Uhr, stieß sich vom Bett ab und ging in den Flur. Sie hatte fast eine halbe Stunde geschlafen. War es möglich, dass sich ihre Welt in einer halben Stunde, in jenen dreißig Minuten Schutzlosigkeit, die sie sich erlaubt hatte, ein weiteres Mal und für immer verändert hatte? Alles ohne ihr Wissen und auf jeden Fall ohne ihre Zustimmung? »Ich will das nicht«, sagte sie, während sie sich an der Wand abstützend und schweißige Fingerabdrücke der Angst hinterlassend Stufe für Stufe die Treppe hinunterschlich. »Ich akzeptiere das nicht.« Emma atmete tief ein und hielt die Luft an, bevor sie die Haustür aufriss und durch das Fliegengitter starrte. Wenn es sein muss, bringe ich dich um, dachte sie, als sie den uniformierten Fremden sah. Ich bringe dich um, bevor ich zulasse, dass man mir meinen Sohn wegnimmt.

»Päckchen«, verkündete ein junger Mann mit einer großen Lücke zwischen den Schneidezähnen nonchalant. »Es hat nicht durch den Briefschlitz gepasst.« Emma stieß die Fliegengittertür auf, und der Mann, den sie jetzt als den Postboten erkannte, drückte ihr zusammen mit ihrer normalen Post einen großen Umschlag in die Hand, machte auf dem Absatz kehrt und sprang die Treppe zum Bürgersteig hinunter. Sie schloss eilig die Tür, riss den wattierten Umschlag auf und zog einen allem Anschein nach sehr langen, ordentlich in zweizeiligem Abstand getippten Brief heraus. Von wem, fragte sie sich, und der Umhang der Furcht legte sich erneut um ihre Schultern, als sie bis zur letzten Seite vorblätterte. Aber statt einer Unterschrift fand sie nur das Wort ENDE. »Was geht hier vor?«, fragte sie sich und blätterte wieder zur ersten Seite. Der Brief begann:

Sehr geehrte Ms. Rogers,

vielen Dank für die Einsendung der Geschichte »Die letzte Überlebende«. Wir fanden sie unterhaltsam und gut geschrieben, sind jedoch der Ansicht, dass sie nicht die passende Lektüre für die Leserinnen der Zeitschrift »Woman’s Own« darstellt. Wir wünschen Ihnen viel Glück für eine Veröffentlichung in einem anderen Magazin und hoffen, dass Sie auch in Zukunft an uns denken werden.

Mit freundlichen Grüßen…

Was zum Teufel ist das, fragte Emma sich und begriff im selben Moment, dass der Postbote den Umschlag an die falsche Adresse zugestellt hatte. Bei Licht betrachtet war die gesamte Post nicht für sie, sondern für eine Ms. Lily Rogers in der Mad River Road 113. 113, nicht 131. Emma wusste, wer Lily Rogers war. Sie wohnte neun Häuser weiter am Ende der Straße und winkte Emma jedes Mal zu, wenn sie sie sah. Sie hatte auch schon mehrfach versucht, ein Gespräch anzuknüpfen, aber Emma hatte sie immer abgebürstet und war davongeeilt. »Warten Sie«, rief sie, stieß beide Türen auf und sah sich nach dem Postboten um. Aber er war schon um die nächste Straßenecke verschwunden, und sie hatte nicht vor, ihm hinterherzurennen. Sie würde Lily Rogers die Post heute Nachmittag vorbeibringen, wenn sie ihren Sohn von der Schule abholte. Es drängte schließlich nicht. Niemand hatte es eilig, eine Ablehnung zu bekommen.

Emma hob den Absagebrief an, um einen Blick auf die Geschichte darunter zu werfen. »Die letzte Überlebende«, las sie. Von Lily Rogers.

Pauline Brody dachte an Lakritzstangen. Die langen, gewundenen, roten, die eigentlich gar nicht aus Lakritz waren, wie ihre Schwester ihr immer erklärt hatte, sondern aus irgendeinem Plastik mit einem schrecklichen roten Farbstoff, von dem sie Krebs bekommen würde, wenn sie groß war.

Igitt, dachte Emma, schob den Packen Papier wieder in den Umschlag und warf Lilys Post auf den Boden, als sie die Zeitung aufhob und mit in die Küche auf der Rückseite des Hauses nahm. Sonnenschein fiel durch das große Fenster über dem Waschbecken auf die glatte Kunststoffarbeitsplatte zwischen dem kleinen weißen Kühlschrank und dem Herd. Es gab weder eine Spülmaschine noch eine Mikrowelle und auch keinen schicken Grill, wofür Emma beinahe dankbar war. Sie brauchte all diese Dinge nicht. Während ihrer Ehe mit Dylans Vater hatte sie sie besessen, und sie vermisste sie nicht. Solange sie ihre Kaffeemaschine hatte, war sie glücklich. Sie spülte einen Becher aus und goss sich frischen Kaffee aus der Kanne ein, den sie am Morgen gekocht hatte. Na ja, vielleicht doch nicht so frisch, dachte sie, als sie einen großen Schluck trank, sich an den Küchentisch setzte und die Stellenanzeigen aufschlug. Genug gefaulenzt, sie brauchte einen Job.

Emma lehnte sich stöhnend auf dem Stuhl zurück und streckte die Hand nach der Schublade neben der Spüle aus. Sie konnte das nicht allein. Sie brauchte Verstärkung. Und die lag ganz hinten in der Schublade zwischen Geschirrtüchern und Putzlappen bereit: eine Packung Salems samt einem Streichholzbriefchen. Apropos Dinge, von denen man Krebs bekam, wenn man groß war, dachte Emma und zog eine Zigarette aus der Schachtel. Sie zündete sie an, inhalierte tief und schloss die Augen. Sie konnte sich schließlich nicht über alles Sorgen machen, und um ehrlich zu sein, rauchte Emma einfach gern. Sie liebte alles daran — den Geschmack von Tabak auf der Zunge, das schleichende Brennen bis in den Hals hinein, den köstlichen Druck in der Lunge, wenn sie sich mit Rauch füllte, und das zutiefst befriedigende Gefühl, langsam wieder auszuatmen. Emma war es egal, was die Experten sagten. Etwas, wobei man sich so gut fühlte, konnte unmöglich schlecht sein.

Natürlich hatte sie so irgendwann einmal auch über Männer gedacht.

Außerdem hatte sie Dylan versprochen aufzuhören. Ich schwöre, ich werde mit dem Rauchen aufhören. Nein, ich sterbe nicht. Ja, das war meine allerletzte Zigarette. Nein, ich rauche nie wieder eine. Siehst du? Mami schmeißt alle ihre fiesen Zigaretten weg. Da, alle weg. Hör auf zu weinen. Bitte, mein Schatz, hör auf zu weinen.

Bevor er nach Hause kam, musste sie das Zimmer lüften und sich die Zähne putzen. Fünfzehn Bürstenstriche oben, fünfzehn Bürstenstriche unten, dachte sie mit einem traurigen Lächeln, als sie sich Dylan und sein allabendliches Ritual vorstellte. Mein Gott, was sollte sie bloß mit dem Kind machen?

»Und was soll ich mit mir machen?«, fragte sie laut und begann, die Stellenanzeigen unter der Rubrik Dienstleistung Allg./Aushilfen durchzugehen.

SUPER TOP CHANCE, lautete die erste Überschrift. Auf der Suche nach einem coolen Job? Wir bieten ein tolles Arbeitsklima und großartige Verdienstmöglichkeiten.

»Klingt gut«, sagte Emma und las den Rest der Anzeige.

Expandierende Marketing-Agentur sucht 14 F/T Marketing-Reps. Kein Telefonmarketing!

»Was um Himmels willen ist ein F/T-Marketing-Rep.?«, fragte sich Emma, zog noch einmal an ihrer Zigarette und überflog die weiteren Anzeigen.

Reiseleitung (22 neue Positionen) 10 $ pro Stunde + 40- 100 $ täglich in bar …

Bäcker für portugiesische Bäckerei gesucht. Rufen Sie Tony oder Anita an …

18 Reisekaufleute für Reservierungsabteilung …

Programmdirektorin für Halfway House gesucht. Jahresgehalt: 50 000 $…

»Das klingt schon besser.«

… mind. 5 Jahre Berufserfahrung. E-Mail-Bewerbungen an …

»Sch-ade. Damit hätte sich das wohl erledigt.«

Es klopfte erneut an der Tür, und wieder hielt sie den Atem an.

»Sei nicht albern, das ist bloß der Postbote, der seinen Irrtum bemerkt hat.« Emma zog ein letztes Mal intensiv an ihrer Zigarette, bevor sie sie in die Spüle warf und mit dem Kaffeebecher in der Hand zur Haustür ging. Sie hob Lily Rogers’ Post vom Fußboden auf und öffnete die Tür.

Die Frau, die auf der anderen Seite des Fliegengitters stand, war jung, blond und auf eine schwerfällige Art hübsch, dachte Emma, als sie das runde Gesicht, die kleine Stupsnase und ihren mehr als üppigen Busen betrachtete. Es war eine Schande, dachte Emma. Wenn sie fünf Pfund abnehmen würde, wäre sie schön, wenn sie zehn schaffte, wäre sie umwerfend.

»Hi«, sagte Lily Rogers mit lächelnden braunen Augen. Sie hielt einen kleinen Packen Briefe hoch. »Die sind irrtümlich mir zugestellt worden. Ich glaube, der Postbote ist neu oder so«, fuhr sie fort, als Emma die Tür gerade weit genug öffnete, um die Post zu tauschen. »Der Typ, der sonst immer kommt, macht solche Fehler nicht. Oh«, sagte sie, als sie sah, dass der große Umschlag aufgerissen war.

»Es tut mir wirklich sehr Leid«, sagte Emma sofort. »Ich habe ihn geöffnet, bevor ich bemerkt habe …«

»Das macht nichts. Hoffentlich gute Nachrichten.«

Emma schwieg.

»Verdammt«, sagte Lily Rogers, ohne sich die Mühe zu machen, die Absage zu lesen.

»Da steht, die Geschichte wäre unterhaltsam und gut geschrieben«, tröstete Emma sie und fügte eilig hinzu: »Ich wollte nicht neugierig sein …«

»Das ist schon in Ordnung.«

So sah sie aber nicht aus, dachte Emma. Eher so, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Spende ihr ein bisschen Trost, und schick sie dann wieder ihrer Wege. »Möchten Sie einen Kaffee?«, hörte sie sich fragen und biss sich auf die Unterlippe. Was war mit ihr los? Sie wollte Lily Rogers nicht im Haus haben. Hatte sie sich nicht extra angestrengt, keine ihrer Nachbarinnen kennen zu lernen? Was tat sie? Sie wollte keine Freundin. Eine Freundin konnte sie sich nicht leisten.

»Das wäre super«, sagte Lily und folgte Emma in die Küche.

Emma warf ihre Post, zwei Rechnungen und einen Prospekt für eine Ferienanlage auf Cape Cod, wie sie mit einem Blick registrierte, auf den Küchentresen, goss Lily einen Becher Kaffee ein und bot der jungen Frau einen Stuhl an.

»Vielen Dank.« Lily ließ sich auf den nächsten Klappstuhl sinken und schlug die Beine übereinander. Sie trug einen wenig schmeichelhaften Jogginganzug mit dem Emblem des lokalen Fitnessclubs. »Ich arbeite vier Tage die Woche von zehn bis drei bei Scully’s«, sagte sie, als sie Emmas Blick bemerkte. »Während Michael in der Schule ist. Ich glaube, unsere Söhne sind in derselben Klasse. Miss Kensit?«

Emma nickte, griff in die Schublade neben der Spüle und zog eine weitere Zigarette heraus. »Auch eine?«

»Nein danke. Ich rauche nicht.«

Emma zündete nickend ihre zweite Zigarette des Tages an und blies Rauchkringel in die Luft. »Und was ist mit der Geschichte?«, fragte sie und wies mit dem Kopf auf den wattierten Umschlag, der vor Lily auf dem Tisch lag.

Lily zuckte die Achseln. »Wie heißt es so nett, Hoffnung keimet ewiglich …«

»Wollen Sie Schriftstellerin werden?«

»Ja, schon seit ich ein kleines Mädchen war. In der Schule war ich immer die, die ihren Aufsatz vorlesen sollte, weil alle ihn immer so toll fanden. In der 10. Klasse hat meine Englischlehrerin tatsächlich verkündet: ‘Dieses Mädchen wird eines Tages Schriftstellerin werden.«’

Lily zuckte noch einmal mit den Schultern. »Na ja, ich werd es weiter versuchen.«

»Das ist nicht die erste Absage?«

»Wahrscheinlich eher meine hunderterste. Ich könnte Ihre Wände damit tapezieren.«

»Nur zu!« Emma lachte und merkte, dass sie Spaß hatte. Wie lange war es her, dass sie sich mit einem anderen Erwachsenen bei einer Tasse Kaffee entspannt hatte. »Ich hab mal eine Geschichte veröffentlicht«, vertraute sie ihrer Nachbarin an.

Lily riss ihre braunen Augen auf und stellte den Becher auf dem Tisch ab. »Wirklich? Wo denn?«

»In der Cosmo.« Sie lächelte verlegen. »Das ist lange her. Und es war eine andere Art von Geschichte als die, die Sie schreiben. Es ging um meine Erfahrungen als Model.«

»Sie sind Model?«

Emma wünschte, Lily hätte nicht ganz so überrascht geklungen. »Eigentlich nicht. Jedenfalls nicht mehr. Vor ein paar Jahren habe ich ein bisschen gemodelt. Vor meiner Hochzeit.«

»Warum haben Sie damit aufgehört?«

Emma zuckte die Achseln. »Aus keinem besonderen Grund.«

Lily nickte, als würde sie verstehen.

Wie konnte sie, fragte Emma sich. »Haben Sie je Maybelline-Mascara benutzt?«

»Klar.«

»Erinnern Sie sich an die Verpackung?«, fragte Emma. »Die mit den riesigen blauen Augen, die einen angesehen haben.«

»Ja, ich glaube, ich erinnere mich.«

»Das waren meine.«

»Das waren Ihre Augen? Das ist nicht Ihr Ernst!«

Wieder wünschte Emma, Lily hätte nicht ganz so erstaunt geklungen. »Genau das hab ich auch gesagt, als mich eines Nachmittags dieser schmierig aussehende Typ bei McDonald’s ansprach und meinte, er sei Fotograf und ich hätte absolut unglaubliche Augen. Er gab mir seine Karte, und obwohl ich das Ganze nach wie vor für einen Witz hielt, habe ich sie meiner Mutter gegeben, sie hat den Typen angerufen, und es stellte sich heraus, dass er echt war. Und ehe ich mich versah, waren meine Augen auf jeder Maybelline-Verpackung.«

»Das ist ja toll.«

»Ja, ich hab noch ein paar andere Sachen gemacht, aber dann habe ich geheiratet und … Sie wissen ja, wie das ist.«

Lily nickte, als ob sie es wirklich wüsste.

Emma zog ein weiteres Mal intensiv an ihrer Zigarette. »Sind Sie verheiratet?«

»Ich bin verwitwet«, sagte Lily kaum hörbar.

»Verwitwet? Oh. Was ist passiert?«

»Ein Motorradunfall.« Lily schüttelte den Kopf, als wollte sie ein unangenehmes Bild loswerden. »Und Sie haben Ihre Model-Geschichte in der Cosmopolitan veröffentlicht?«, fragte sie, offensichtlich bemüht, das Thema zu wechseln. »Das ist fantastisch. Ich würde sie gern lesen.«

»Ich auch«, sagte Emma. »Leider musste ich alle Exemplare zurücklassen, als ich umgezogen bin.«

Lily schwieg nachdenklich, trank ihren Becher leer und sah auf die Uhr. »Ich sollte jetzt besser gehen, sonst komme ich zu spät zur Arbeit.« Sie sammelte ihre Post vom Tisch ein und stand auf. »Hören Sie«, sagte sie, als sie schon an der Haustür war, »ich habe vor ein paar Monaten einen Lesezirkel gegründet, nur ein paar Frauen aus der Straße und ein paar Leute von der Arbeit. Wir treffen uns heute Abend bei mir, wenn Sie vorbeikommen wollen.«

»Nein danke«, sagte Emma hastig. »Lesezirkel sind eigentlich nicht so mein Ding.«

»Na ja, falls Sie es sich noch anders überlegen …« Lily rannte die Stufen hinunter. Auf dem Bürgersteig blieb sie noch einmal stehen und hielt ihre Post hoch. »Halb acht«, rief sie. »Nummer 113.«

5

Jamie starrte aus dem Beifahrerfenster ihres Wagens, der auf dem Florida Turnpike nach Norden fuhr, und fragte sich, ob sie wohl völlig den Verstand verloren hatte. Sie hatte nicht nur ihren Job gekündigt und ihre Schwester vor den Kopf gestoßen, sondern auch den Schlüssel für ihren geliebten Thunderbird einem Mann ausgehändigt, den sie kaum kannte, und trotzdem hatte sie seit Beginn ihrer Reise vor beinahe drei Stunden nicht aufgehört zu lächeln. Und das, obwohl es entlang dieses langen und langweiligen Autobahnabschnitts absolut nichts Interessantes zu sehen gab und auch die endlose Folge von Reklametafeln für Yeehaw sie längst nicht mehr amüsierte, eine Stadt, deren Haupterwerbsquelle offenbar aus dem Verkauf von Discounttickets für Disneyworld und die Universal Studios bestand. MI-CKEY SEHEN ZUM MINNIE-PREIS, verkündete eins der Plakate stolz, ein paar Meter weiter hieß es nur BABY! Es folgten kurz hintereinander: VERLOCKENDE — SUPERAN-GEBOTE — IN YEEHAW. Jamie hatte den Eindruck, dass alle Reklametafeln nebeneinander gelegt wahrscheinlich eine größere Fläche bedecken würden als die kleine Stadt Yeehaw selbst.

Dazwischengestreut waren zahlreiche Werbetafeln für Orangensaft aus Florida — FÜR IHRE GESUNDHEIT — Bush Gardens, Sea World, diverse Naturschutzparks und eine Bequemlichkeit des modernen Lebens, die sich Sun Pass nannte und es einem erlaubte, durch alle Mautstellen auf der Strecke zu fahren, ohne sich in der Schlange einreihen zu müssen. ALTER WAGEN / NICHT PROMINENT / TROTZDEM BEKOMMT ER/ DAS VIP-TREATMENT, lautete die frohe Kunde auf vier aufeinander folgenden Plakaten. Des Weiteren gab es Werbetafeln, die die Botschaften diverser Interessengruppen in die Welt posaunten. Eine Tafel drängte die Fahrer: WÄHLE DAS LEBEN. Bevor ein weiteres Plakat wenige Meter weiter fragte: BIST DU NICHT FROH, DASS DEINE MUTTER ES GETAN HAT? Und wieder ein Stück weiter warnte eine andere Tafel: DIE UNO WILL EUCH EURE WAFFEN WEGNEHMEN.

Typisch Florida, dachte Jamie und beobachtete, wie die Beifahrerin des Cabriolets vor ihnen ihre langen braunen Beine in die Luft streckte und auf das Armaturenbrett legte, sodass man eine Reihe bunt bemalter Zehennägel bewundern konnte. Viele, viele, bunte Smarties, dachte Jamie und widmete ihre Aufmerksamkeit den zahlreichen personalisierten Nummernschildern eitler Fahrzeughalter, die an ihnen vorbeiglitten — LA GUTS, IWAIT4YOU, I-AM-NR-1 —, sowie den allgegenwärtigen Aufklebern stolzer Eltern und ihres akademische Ehren anstrebenden Nachwuchses. Auf dem überdimensionierten Kofferraum eines alten weißen Lincoln Continental prangte die schwarze Aufschrift: SIE IST EIN KIND UND KEINE WAHL, während ein Plakat im Heckfenster eines Dodge Caravan verkündete: SCHWERKRAFT ZIEHT ECHT RUNTER. Jamies persönlicher Favorit war jedoch ein gemaltes Schild im Rückfenster einer knallgelben Corvette, die die anderen Fahrer ermahnte: RETTE EIN PFERD, REITE EINEN COWBOY. Jamie schloss die Augen und merkte, dass sie vom ständigen Blinzeln in die helle Sonne Kopfschmerzen bekam. Eingelullt von den hypnotischen Refrains der Countrysongs im Radio, die unweigerlich von gebrochenem Herzen, heftigem Trinken und dergleichen handelten, wäre sie fast eingeschlafen, als ein Zwicken in der Blase sie daran erinnerte, dass sie seit Verlassen ihrer Wohnung nicht mehr auf der Toilette gewesen war.

Es war erst die dritte Stunde ihrer langen Reise, aber sie hatte schon Kopfschmerzen und fühlte sich müde und unwohl.

Trotzdem konnte sie sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal so aufgeregt gewesen war.

»Worüber lächelst du?«, fragte Brad und lächelte selbst.

Jamie schlug lachend die Augen auf. »Ich kann einfach nicht glauben, wie gut ich mich fühle.«

Brad nahm seine rechte Hand vom Steuer und streichelte ihren nackten Oberschenkel. »Und wie gut du dich anfühlst.«

Jamie wurde rot und blickte zu dem schwarzen Jaguar in der Spur neben ihr. Seit etlichen Kilometern überholten sich die beiden Wagen immer wieder abwechselnd. Das Nummernschild des Jaguars lautete: HOT DOC. Jamie fragte sich, ob der Mann hinterm Steuer ein viel beschäftigter Arzt oder gefragter Dokumentarfilmer war. Vielleicht auch ein gut aussehender Tierarzt oder ein Zahnarzt, der sich für etwas Besseres hielt. Sie fragte sich, ob er Brads Hand sehen konnte, die sich unter das Bein ihrer Shorts geschoben hatte. Aber der HOT DOC starrte stur geradeaus, scheinbar gebannt vom dichten Verkehr, weshalb er die erotischen Spielereien im Nebenfahrzeug offenbar gar nicht bemerkte.

»Zieh deine Shorts aus«, wies Brad sie an.

»Was?«

»Du hast mich gehört.«

»Das kann ich nicht machen.«

»Warum nicht?«

»Weil ich es nicht kann. Die Leute können ins Auto gucken.«

»Kein Mensch guckt. Außerdem komme ich so nicht an dich ran.«

Eine Reihe von leichten Stromstößen durchfuhr Jamies ganzen Körper, als sie widerwillig Brads Hand aus ihrer Shorts schob und demonstrativ die Beine übereinander schlug. »Du sollst dich auf die Straße konzentrieren.«

»Wie soll ich mich auf die Straße konzentrieren, wenn du neben mir sitzt und so verdammt köstlich aussiehst?«

Köstlich, wiederholte Jamie stumm und genoss den Klang. Wann hatte ihr irgendjemand je gesagt, sie sähe köstlich aus? Der Mann wurde mit jedem Moment besser. Sie atmete tief ein und unterdrückte einen Seufzer puren Wohlbehagens. Wie hatte sie nur so viel Glück haben können, fragte sie sich wie am Abend zuvor. Wie konnte aus einem spontanen One-Night-Stand das Beste werden, was ihr je passiert war? LOSLASSEN — GOTT WALTEN LASSEN, dachte sie, als ihr ein möglicherweise prophetischer Aufkleber wieder einfiel, den sie gelesen hatte, als sie Stuart verlassen hatten.

Seit die Entscheidung, die Stadt zu verlassen, getroffen war, war alles extrem schnell gegangen, als hätte irgendjemand auf einen unsichtbaren Schnellvorlauf gedrückt. Jamie hatte ihre Arbeitskleidung rasch gegen Shorts und ein orangefarbenes T-Shirt getauscht, ein paar Sachen in eine Reisetasche geworfen, die Brad im Kofferraum des Wagens deponiert hatte. Er riet ihr, nicht zu viel einzupacken, sondern mit leichtem Gepäck zu reisen, er könnte ihr kaufen, was immer sie unterwegs brauchte. Was immer sie brauchte. Was immer sie wollte. Wann immer sie wollte, hatte er gesagt. Das hatte noch niemand zu ihr gesagt, genauso wenig wie ihr je irgendjemand erklärt hatte, sie sei köstlich. Ihr Lächeln wurde breiter. »Ich sehe also köstlich aus?«, fragte sie in der Hoffnung, das Kompliment noch einmal zu hören.

»Zum Anknabbern«, sagte Brad verführerisch. »Ich glaube sogar, ich muss bei der nächsten Raststätte halten, um genau das zu tun.« Ohne ein weiteres Wort wechselte er in die linke Spur und setzte den Blinker, um anzuzeigen, dass er bei der nächsten Ausfahrt abfahren wollte.

»Was? Nein. Das kannst du nicht machen, Brad. Das ist nicht dein Ernst.«

»Oh, und ob das mein Ernst ist. Ich habe auf einmal einen gewaltigen Appetit.«

»Nein, Brad, das können wir nicht machen«, rief sie, als er von der Autobahn herunterfuhr.

»Warum nicht?«

»Ich würde mich einfach nicht wohl dabei fühlen.« Brad ignorierte ihre andauernden Proteste und folgte einem großen LKW über eine gewundene Straße, die vom Turnpike zu einer Raststätte in der Mitte der zweigeteilten Autobahn führte.

Zu der Raststätte, deren Parkplatz bereits ziemlich voll besetzt war, gehörte eine Selbstbedienungstankstelle mit einem kleinen Supermarkt. Jamie fragte sich, ob Brad es wirklich ernst meinte und ob er, falls dem so war, wenigstens vorhatte, so zu parken, dass man sie nicht bemerkte. Wollte er sie wirklich am helllichten Tag mitten auf dem Turnpike mitten in Amerika lecken, ein Akt, dessentwegen sie sicher unmittelbar in einer Arrestzelle landen würden? Und hatte sie vor, ihn zu lassen?

Trotz ihrer lautstarken Proteste fand Jamie die Vorstellung, sich an einem derart öffentlichen Ort zu lieben, eigenartig erregend. Eine Raststätte auch noch. Umringt von Autos und Reisenden, die ihre müden Glieder streckten. Sie lachte still in sich hinein. Mach mal Pause! Noch nie hatte sie etwas annähernd Vergleichbares getan und fragte sich, ob der Rat WÄHLE DAS LEBEN so gemeint gewesen war.

Aber genau das tat sie gerade, entschied sie auf einer neuen Welle der Euphorie gleitend, als Brad in die Spur neben dem Supermarkt einbog. Ich wähle das Leben, lasse los und lasse Gott walten. Oder auch Brad, verbesserte sie sich, hielt den Atem an und wartete angespannt, als er den Motor ausmachte und sich ihr zuwandte. Wollte er es wirklich gleich hier an Ort und Stelle tun?

»Ich wollte dich nur ein bisschen anmachen«, sagte er mit einem trägen Lächeln. »Du weißt doch, dass ich nie etwas tun würde, wobei du dich nicht wohl fühlst.«

»Das weiß ich«, sagte Jamie und hoffte, dass weder ihre Stimme noch ihre Miene ihre Enttäuschung preisgaben. Was war mit ihr los? Kannte sie überhaupt keine Scham?

Brad küsste sie auf die Wange, stieg aus und benutzte seine Kreditkarte, um die Zapfsäule in Betrieb zu nehmen, bevor er das teuerste Benzin wählte. »Musst du mal?«, fragte er und beugte sich wieder in den Wagen. »Dann wäre jetzt wahrscheinlich eine gute Gelegenheit.«

»Gute Idee.«

»Ich glaube, es ist auf der Rückseite«, wies er sie an, als sie aus dem Wagen stieg. »Wahrscheinlich braucht man einen Schlüssel.« Er zeigte zu dem Supermarkt.

Die Hitze prallte Jamie entgegen wie ein grob unaufmerksamer Fußgänger, und die schiere Wucht hätte sie um ein Haar auf das Pflaster geworfen. Sie stolperte über ihre eigenen Füße und sah sich verlegen zu Brad um, der neben dem Wagen stand, ihr mit einer Hand zuwinkte, mit der anderen die Zapfsäule bediente und ihr sein fabelhaftes Grinsen zuwarf, das sogar die brütend heiße Sonne Floridas überstrahlte. »Alles in Ordnung?«, rief er.

Sie nickte. »Willst du irgendwas? Cola oder Chips?«

»Eine Cola wäre super. Brauchst du Geld?«

Jamie hielt lachend ihre braune Leinenbörse hoch. »Meine Runde.« Sie betrat den kleinen Laden, wo ein angenehm kühler Luftstrom sie umfing. Sie hörte, wie eine Autotür zugeschlagen wurde, ein Motor heulte auf, Reifen quietschten. Da hat es aber jemand eilig, dachte sie und betrachtete die Reihen von Junkfood und Zeitschriften. Hinten in der Ecke, von einem Stapel unausgepackter Kartons verdeckt, stand ein alter kaputter Spielautomat. An der Wand reihten sich vier große Metallkühlschränke mit Molkereiprodukten und nichtalkoholischen Getränken. Sie nahm mehrere Getränkedosen heraus und trug sie an einem Ehepaar mittleren Alters vorbei, die über eine Straßenkarte gebeugt über eine verpasste Abfahrt stritten. »Was macht das?«, fragte Jamie die Kaugummi kauende junge Frau hinter der Ladentheke.

»Zwei Dollar, fünfzig Cent.«

Jamie gab ihr einen Fünfdollarschein und überschlug, während sie auf das Wechselgeld wartete, dass sie noch etwa hundert Dollar in bar bei sich hatte. »Kann ich den Schlüssel für die Toilette haben?«, fragte sie die Kassiererin.

»Man braucht keinen.« Das Mädchen ließ laut eine Blase ihres Kaugummis platzen, während sie die Cola-Dosen in eine Plastiktüte packte, die sie Jamie anreichte. »Das Schloss ist kaputt.«

Na toll, dachte Jamie, nahm die Tüte und zog den Kopf ein, bevor sie wieder hinaus in die heiße Sonne trat. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie einen Obdachlosen in Lumpen und zwei nicht zueinander passenden Turnschuhen, der schwankend neben einer Reihe von Zeitungsständern herumlungerte. Unheimlich, dachte Jamie und spürte, wie sich an ihrem Haaransatz kleine Schweißtröpfchen bildeten.

»Hey«, rief irgendjemand, und Jamie drehte sich um in der Hoffnung, Brad zu sehen. Doch es war nur ein Teenager, der einem anderen etwas zurief, während Brad Fisher und ihr blauer Thunderbird nirgendwo in Sichtweite waren. Sie drehte sich einmal um die eigene Achse, aber sowohl ihr treues Gefährt als auch ihr Märchenprinz blieben verschwunden.

Wo war er, fragte sie sich und drehte sich noch einmal in alle Richtungen um.

Wenn einem etwas zu gut erscheint, um wahr zu sein, ist es das meistens auch, deklamierten ihre Schwester und ihre Mutter im Chor.

Es ergab überhaupt keinen Sinn. Brad hatte seine Chance zu gehen heute Morgen gehabt. Ja, verdammt, er war sogar schon gegangen. Warum sollte er zurückkommen — noch dazu mit Bagels —, wenn er vorhatte, sie nur Stunden später sitzen zu lassen?

Die Antwort darauf wusste Jamie schon, bevor sie die Frage ganz formuliert hatte. Weil er ein Auto brauchte, erinnerte sie sich. Weil sein eigener Wagen kaputt war und er einen fahrbaren Untersatz brauchte, um nach Ohio zu kommen.

Weil das mit seinem Geld, dem Zimmer im Breakers und wer weiß was sonst noch gelogen war.

Weil es eine lange, langweilige Fahrt und sie eine nette Ablenkung war.

Weil sie ein Idiot war, dachte Jamie, als ihr Tränen in die Augen schossen und über ihre Wangen kullerten. Sie versuchte, sie zu ignorieren, und ging zur Toilette auf der Rückseite des Gebäudes. »Ein verdammter Idiot.« Sie riss die Tür mit der Aufschrift adies auf, das L wie Brad Fisher schon lange verschwunden.

Die Toilette war überraschend sauber, die mattweißen Wände rochen nach Desinfektionsmittel. Vor einem grünen Toilettentisch mit zwei abgestoßenen Emaillebecken stand ein großer grüner Plastikmülleimer, und irgendjemand hatte offenbar in dem Bemühen, den fensterlosen Raum ein wenig aufzuhellen, vor den Spiegel hinter den beiden Waschbecken eine Coca-Cola-Flasche mit einer Plastikblume gestellt. Wahrscheinlich dieselbe Person, die den Spiegel flüchtig abgewischt hatte, sodass das Glas jetzt von einer Reihe kunstvoller Wischer in ungleiche Flächen unterteilt war.

Jamie öffnete die erste der beiden Kabinen, legte ihr Portemonnaie und die Plastiktüte auf den Boden und ließ ihre Shorts herunter, obwohl die Stimme ihrer Schwester sie ermahnte, sich nicht auf den Toilettensitz zu setzen. Geh in die Hocke, wies Cynthia sie an.

Oder wisch wenigstens die Brille mit Toilettenpapier ab, drängte ihre Mutter.

Als Reaktion setzte sie sich einfach auf die Klobrille, ließ den Kopf in die Hände sinken und kämpfte mit den Tränen. »Was mache ich bloß? Was ist mit mir los?«

So blieb sie sitzen, auch lange nachdem sie fertig war, und blickte erst auf, als sie hörte, dass jemand hereinkam. Danach war es still. Keine Schritte, kein laufendes Wasser, die Tür zur Nachbarkabine wurde nicht geöffnet. Man hörte nur den regelmäßigen Atem eines anderen Menschen.

Es hörte sich an, als ob jemand wartete.

»Brad?«, fragte Jamie hoffnungsvoll. »Bist du das?«

Weiterhin kein Mucks.

Jamie zerrte ihre Shorts hoch und versuchte, durch einen Spalt in der Tür zu spähen, aber sie sah nur einen Streifen des Spiegels gegenüber und etwas Schwarzes, das sich darin spiegelte. Sie hielt die Luft an, als das Atmen vor ihrer Kabine lauter und abgerissener wurde. Unter der Kabinentür schlurften zwei zerfetzte und nicht zueinander passende Turnschuhe ins Bild. Der Penner vom Supermarkt war ihr hierher gefolgt. Er stand direkt vor ihrer Kabine und wartete, dass sie herauskam. Warum? Was hatte er vor?

Jamie blickte sich panisch um und überlegte, was sie tun konnte. Am sichersten war es vermutlich, gar nichts zu tun — einfach hocken bleiben und den Fremden aussitzen. Irgendwann musste schließlich jemand die Toilette benutzen. Oder sie konnte laut schreien und hoffen, dass sie bei dem Verkehrslärm irgendwer hörte. Vielleicht würden die Schreie zumindest den Mann in die Flucht treiben. Oder ihn zur Tat provozieren, wie ihr bewusst wurde. Vielleicht sollte sie die Flucht wagen. Obwohl Jamie den Mann nur mit einem Blick gestreift hatte, hatte sie den Eindruck, dass er nur mittelgroß und wahrscheinlich ein bisschen schwachsinnig war. Genau wie ich, dachte sie und hätte vielleicht sogar laut gelacht, wenn sie nicht solche Angst gehabt hätte. Sie setzte sich wieder auf die Klobrille und beschloss, den Eindringling auszusitzen. Aber eine Sekunde später war sie wieder auf den Beinen. Was, wenn der Penner versuchte, die Tür aufzubrechen? Ein kräftiger Stoß würde wahrscheinlich reichen. Oder er konnte versuchen darüberzuklettern.

Jamies Blick schoss zur Oberkante der Tür. Sie wappnete sich gegen den Anblick irrer Augen und eines unheimlichen zahnlosen Grinsens, aber die zerrissenen, nicht zueinander passenden Turnschuhe blieben fest auf dem Boden vor der Tür stehen. Gütiger Gott, was sollte sie bloß machen?

Jamie streckte instinktiv die Hand nach der Plastiktüte zu ihren Füßen aus. Mit ihrem Portemonnaie würde sie niemandem ernsthaften Schaden zufügen können, aber zwei Dosen Cola könnten vielleicht etwas ausrichten. Vorausgesetzt, sie konnte weit genug ausholen und auf den Kopf des Mannes zielen, bevor er sie überwältigte.

Bitte, hilf mir, irgendjemand, betete sie, hörte ein Wimmern und begriff, dass sie das war. Bitte. Gott. Lass ihn einfach weggehen. Ich verspreche, dass ich nie wieder etwas Dummes tun werde. Ich werde auf meine Schwester hören, nicht mit verheirateten Männern schlafen und keine Fremden in Kneipen aufgabeln. Ich suche mir einen neuen Job und bleibe dabei, egal wie langweilig er ist. Ich werde mich sogar bei Lorraine Starkey entschuldigen, wenn du mich nur aus diesem Schlamassel rausholst.

Und dann zogen die Schuhe sich plötzlich zurück. Die Außentür wurde geöffnet und wieder geschlossen. Jamie begriff, dass der Mann weg war und hielt sich vor Erleichterung den Magen. »Loslassen und Gott walten lassen«, flüsterte sie dankbar, bevor sie, das Portemonnaie in der einen, die Plastiktüte in der anderen Hand, vorsichtig die Kabinentür aufstieß.

Es war niemand da.

In der Mitte des stickigen Raumes blieb sie stehen und wartete, bis ihr Atem sich beruhigt hatte. War es möglich, dass sie sich das alles nur eingebildet hatte?

Jamie ging zu den Waschbecken, spritzte sich eine Hand voll kaltes Wasser ins Gesicht, zog ein braunes Papierhandtuch aus dem Halter und wischte sich die Tränen von der Wange und aus den Augen. Dann strich sie ihr Haar zurück und atmete tief durch. Ihr Martyrium war noch lange nicht vorüber. Sie hatte eine potenziell gefährliche Begegnung überstanden, um sich gleich mit der nächsten konfrontiert zu sehen, diesmal mit jemandem, der noch furchteinflößender war als ein geistesgestörter Fremder — mit ihrer Schwester. Jamie fragte sich, ob sie dafür bereit war, als sie die Außentür aufzog.

Er stand direkt vor der Tür, seine schwarzen Lumpen flatterten wie eine Blende vor der Sonne, und sein Gesicht lag im Schatten. Er hatte eine lange Nase, der Mund verschwand in einem formlosen ungepflegten Bart, und seine dunklen Augen starrten ins Leere. Die Augen eines Irren, dachte Jamie und hörte, wie ein Schrei die Luft zerriss. Ihr Schrei, wie ihr in diesem Moment bewusst wurde.

»Lassen Sie mich in Ruhe!«, rief sie mit neuen Tränen in den Augen. »Gehen Sie weg!«

Der Mann trat hastig den Rückzug an.

»Jamie. Alles in Ordnung«, versicherte eine Stimme ihr. »Dir ist nichts passiert. Alles okay.«

Jamie hörte auf zu weinen, wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen, bevor sie sie ungläubig aufriss. »Brad?«

»Wer denn sonst?«

Jamie fuhr herum und blickte in mehrere Richtungen gleichzeitig. »Da war so ein Mann. Hast du ihn nicht gesehen?«

»Ich habe einen Bettler gesehen, der sich in die Büsche geschlagen hat. Warum? Was ist passiert? Hat er dir was getan?«

»Nein«, gab Jamie zu und brauchte einen Moment, bis sie wieder bei Atem war. »Er hat mir nur Angst gemacht.« Sie schilderte, was passiert war.

»Klingt so, als hättest du ihm einen noch größeren Schrecken eingejagt.« Brad schüttelte scheinbar verwundert den Kopf. »Du hättest nicht allein hierher kommen sollen. Warum hast du mich nicht gleich gerufen, als du ihn gesehen hast?«

»Ich habe dich gesucht. Wo warst du?«

»Ich hab gesehen, dass einer der Reifen ein bisschen wenig Luft hatte. Und dann dachte ich mir, dass ich auch gleich selbst auf die Toilette gehen könnte. Und da war ich, als ich diesen grässlichen Lärm gehört habe …« Er verzog die Lippen zu einem durchtriebenen Lächeln. »Du bist schon ein ganz schön lebhaftes kleines Ding, was?«

War sie das, fragte sie sich. So hatte sie noch nie jemand genannt. Kopflos, ja. Stur, schon oft. Aber noch nie lebhaft.

»Lebhaft«, wiederholte Brad, drängte sie zurück in die Toilette und schloss die Tür hinter ihnen. »Und sehr sexy.« Er schob den großen grünen Mülleimer vor die Tür und blockierte damit Eingang wie Ausgang. »Sehr, sehr sexy.«

»Was machst du?«

»Was glaubst du denn, was ich mache?« Er zog sie an sich, drückte sie mit einer Hand an die Wand, während er mit der anderen den Reißverschluss an der Seite ihrer Shorts herunterzog. Im nächsten Moment hob er sie hoch und drang grob in sie ein.

Jamie schnappte nach Luft und konnte nicht glauben, wie schnell alles passierte. Im einen Moment war sie vollkommen verängstigt, im nächsten erleichtert und im übernächsten so erregt, dass sie kaum atmen konnte. Sie klammerte sich an Brads Schultern wie an ihr Leben, während er sie herumwirbelte und immer wieder hart in sie stieß. Einen Augenblick lang sah sie ihr eigenes Gesicht im Spiegel und konnte die Frau, die ihr entgegenblickte, kaum wiedererkennen, den Mund offen, den Kopf in wilder Selbstvergessenheit in den Nacken geworfen. Wer bist du, fragte Jamie sich. Und was machst du?

»Das ist alles deine Schuld«, sagte Brad später, nahm die Plastikblume aus der Flasche und steckte sie ihr hinters Ohr. »Du bist einfach so verdammt köstlich.«

Jamie folgte ihm mit gesenktem Kopf, wackeligen Beinen und weichen Knien aus der Toilette. Köstlich und lebhaft, wiederholte sie stolz für sich, als sie neben ihm zum Auto ging und bereitwillig alle Schuld auf sich nahm.

6

Ihre abgelehnte Geschichte ragte noch aus ihrer Einkaufstasche, als Lily exakt eine Minute vor zehn die dicke Doppelglastür zu Scully’s Fitnessstudio aufstieß. Das Studio lag in einer kleinen unauffälligen Einkaufspassage, die mit dem Bus nur ein kurzes Stück von der Mad River Road entfernt war. Lily begrüßte die tief gebräunte Frau hinter dem Empfangstresen mit einem breiten Lächeln und einem großen Café Latte.

»Du bist ein Schatz«, sagte Jan Scully, nahm den Kaffee entgegen, riss gierig den Deckel ab und schlürfte den heißen Schaum. »Woher wusstest du, dass ich mich den ganzen Morgen genau danach gesehnt habe?«

»Weil du dich immer danach sehnst«, erklärte Lily der 42-jährigen Besitzerin von Scully’s.

Alles an der Frau war prachtvoll übertrieben, angefangen mit ihrer Größe — Jan maß gut 1,80 Meter — über die vollen, regelmäßig aufgespritzten, orangefarbenen Lippen und den dick aufgetragenen, türkisfarbenen Lidschatten bis hin zu dem rauen Lachen, das wie Donnerhall durch ihren ganzen Körper dröhnte. An der Wand hinter dem Tresen hingen Fotos von Jan in ihrer Blütezeit — zumeist in knappen Bikinis irgendeinen Bodybuilding-Pokal über ihre Mähne extravaganter roter Locken reckend. Die Trophäen selbst — Messingschalen, Silberpokale, gravierte Steine — waren in einer verschlossenen Vitrine ausgestellt, die an der gegenüberliegenden Wand stand. Jan trug wie üblich ein ärmelloses graues T-Shirt, um ihre nach wie vor wohlgeformten Arme und ihren harten Bizeps zu zeigen, dazu eine tief sitzende Jogginghose, die ihren unglaublich flachen Bauch zur Geltung brachte. Auf Brust und Hintern prangte jeweils das knallpinkfarbene Scully’s-Logo, was die Botschaft vermitteln sollte, dass eine Mitgliedschaft in dem Studio mit einem ähnlich faltenfreien Körper wie dem ihren belohnt würde.

Lily verstaute ihre Einkaufstasche hinter dem Tresen, zog sich einen von zwei Barhockern heran und warf einen beiläufigen Blick in das eigentliche Fitnessstudio, das hinter einer Glaswand lag. Sie zählte insgesamt sechs Personen, fünf Frauen und einen Mann, die die diversen Geräte benutzten, und lächelte. Sie wusste, was die Leute nicht wussten: Auch wenn Jan für eine über 40-Jährige durch das regelmäßige Training einen wirklich tollen Körper hatte, waren die kürzlich erfolgte Bauchstraffung und die Brustvergrößerung ungleich effektiver gewesen, ganz zu schweigen von der umfänglichen Fettabsaugung an Hüften und Oberschenkeln. »Ab einem bestimmten Alter nützt einem Training allein auch nichts mehr«, hatte Jan ihr mit ihrer tiefen, heiseren Stimme anvertraut, die auf eine wilde, ausschweifende Jugend schließen ließ, und Lily zur Verschwiegenheit verpflichtet. Es hatte natürlich auch geholfen, dass Jan keine Kinder hatte, dachte Lily und tätschelte ihr eigenes Bäuchlein. Nein, Jans Kind war das Studio, das sie sich in einem verbissenen Sorgerechtsstreit mit ihrem zukünftigen Exmann erkämpft hatte, einem muskelstrotzenden, steroidbenebelten Mistkerl, der sie wegen der 23-jährigen Sprechstundenhilfe des Schönheitschirurgen verlassen hatte, der vor kurzem die Tränensäcke unter Jans ungläubigen Augen entfernt hatte.

Andere hätten sich möglicherweise an der Ironie der Geschichte erfreut, aber Lily weigerte sich, derart über andere herzuziehen. Jan hatte ihr einen Job gegeben, als sie neu nach Dayton gekommen war, obwohl sie keinerlei Berufserfahrung hatte vorweisen können. Allein dafür verdiente die Frau Lilys ganze Sympathie, genau wie den Café Latte, den Lily ihr jeden Tag kaufte. »Wie läuft’s?«, fragte Lily, als Jan ihren Kaffee ausgetrunken hatte und ihre Sachen zusammensuchte.

»Direkt nachdem ich aufgemacht habe, war ein Riesenbetrieb. Stan Petrofsky war sogar schon vor mir hier und hat an der Tür gerüttelt. Er hat bestimmt eine neue Freundin.« Sie lachte ihr dröhnendes Lachen und blickte zum Trainingsraum. »Seitdem hat der Andrang ein bisschen nachgelassen.«

Das Telefon klingelte, und Lily nahm ab. »Scully’s«, sagte sie lächelnd. »Ja, selbstverständlich haben wir geöffnet. Montag bis Samstag von sieben bis zweiundzwanzig Uhr und sonntags von acht bis sechs. Hm-hm. Ja, das kann ich auf jeden Fall machen«, fuhr Lily auf die Anfrage des Anrufers nach weiteren Informationen fort. »Nun, eine Mitgliedschaft kostet normalerweise eine Aufnahmegebühr von fünfhundert Dollar plus dreißig Dollar pro Monat, aber zurzeit gilt ein Sonderangebot mit einer ermäßigten Aufnahmegebühr von nur zweihundertfünfzig Dollar. Plus die dreißig Dollar im Monat, ja.«

»Vergiss nicht, den kostenlosen Kaffeebecher und das T-Shirt zu erwähnen«, sagte Jan.

»Und einen Kaffeebecher sowie ein T-Shirt gibt es gratis dazu«, fügte Lily gehorsam an.

»Lass dir den Namen geben«, ermahnte Jan Lily, was diese gerade tun wollte.

»Darf ich Ihren Namen notieren?« Lily nahm einen Stift und kritzelte Arlene Troper auf einen Zettel. »Ja, wir haben mehrere Stepper, einige Crosstrainer und eine große Auswahl an Gewichten und Hanteln.« Sie spähte durch die Scheibe auf die ziemlich dürftige Auswahl alter Geräte. »Außerdem gibt es Benchpress, ein Rudergerät und ein Ergometer. Nein, einen Gravitron haben wir nicht. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass einfache Geräte effektiver sind«, improvisierte Lily hastig. Was erwarten Sie für den Preis, wollte sie fragen, verkniff es sich aber. »Außerdem bieten wir eine persönliche Trainingsberatung und -begleitung an, um das Programm auf Ihre Bedürfnisse abzustimmen. Ja, das ist in der Aufnahmegebühr inklusive. Gut. Vielen Dank, Mrs. Troper. Dann freue ich mich, Sie zu sehen. Okay. Danke.« Sie legte auf. »Arlene Troper sagt, dass sie im Laufe des Nachmittags vorbeischauen will.«

»Es ist der kostenlose Kaffeebecher«, sagte Jan lachend. »Damit kriegt man sie jedes Mal.«

Obwohl Jan lächelte, erkannte Lily, dass sie sich Sorgen machte. Die Zahl der Mitglieder hatte spürbar abgenommen, seit Art Scully in einem Einkaufszentrum nur ein paar Straßen entfernt ein Konkurrenzstudio eröffnet hatte. Arts Studio war größer und warb mit neueren und besseren Geräten. Auch er lockte mit einer ermäßigten Aufnahmegebühr und einem kostenlosen T-Shirt — aber einen kostenlosen Kaffeebecher gab es bei ihm nicht, wie Jan eilig betonte.

Jan hängte ihre große geblümte Tasche über die Schulter, warf einen langen kritischen Blick auf ihr Spiegelbild in der Vitrine mit den Pokalen und ging zur Tür. »Wir sehen uns nachher«, sagte sie. »Welches Buch sollten wir für heute Abend gelesen haben?«

Lily seufzte. Die fünf Frauen, aus denen ihr Lesezirkel bestand, sollten eigentlich gut vorbereitet erscheinen, zumindest aber das zu diskutierende Buch gelesen haben. »Sturmhöhe«, erklärte Lily ihr.

»Oh super. Das habe ich in der Schule gelesen. Cathy und dieser Typ, Clifford …?«

»Heathcliff.«

»Genau. Gute Story. Egal. Ich bin jetzt weg. Drück mir die Daumen.«

»Wofür soll ich dir die Daumen drücken?«, fragte Lily.

Aber die Eingangstür war schon zugefallen, sodass ein Winken von Jans langen orangefarbenen Nägeln ihre einzige Antwort blieb.

»Viel Glück«, rief Lily ihr mit Verspätung nach und hoffte, dass Jan nicht im Begriff stand, eine Dummheit zu begehen. Zum Beispiel einen weiteren Arzt wegen einer Straffung der Stirn zu konsultieren, wie sie sie auf Zeitschriftenfotos von Catherine Zeta-Jones erkannt zu haben glaubte. Kein Mensch könne ohne chirurgische Hilfe so gut aussehen, hatte sie bemerkt.

»Das ist unnatürlich«, hatte sie verkündet und noch hinzugefügt: »So was kommt in der Natur nicht vor.«

Lily ging zu der kleinen schwarzen Ledercouch und ordnete die Zeitschriften, die achtlos auf dem quadratischen Beistelltisch aus Eichenholz verstreut waren. Von einem Titelbild lächelte Julia Roberts sie an, von einem anderen Gwyneth Paltrow. Beide wirkten unfassbar schön, obwohl Lily auch schon Fotos von Gwyneth im Jogginganzug und mit Yogamatte gesehen hatte, auf denen sie nicht ganz so umwerfend rüberkam, und selbst Julia wirkte bisweilen müde, blass und ausgezehrt, wenn sie nicht gestylt war.

»Eine wirklich schöne Frau erkennt man daran, dass sie nicht immer schön aussieht«, hatte Lilys Mutter ihr einmal erklärt.

Es war einer der Sinnsprüche ihrer Mutter, die auf den ersten Blick sehr tiefgründig klangen, bei genauerer Betrachtung jedoch nicht viel Sinn ergaben. Trotzdem fand Lily diese Worte immer tröstlich, so wie sie in der hausgemachten Weisheit und dem gesunden Menschenverstand ihrer Mutter immer Trost gefunden hatte. Wenn ich meinem Sohn nur halb so viel Trost geben kann wie meine Mutter mir, kann ich mich glücklich schätzen, dachte sie, wünschte sich, dass ihre Mutter jetzt bei ihr sein könnte, und spürte erneut die Endgültigkeit des Verlustes. So vieles war für immer verloren, dachte sie und kämpfte gegen plötzliche Tränen an. Ihre Mutter hatte alles zusammengehalten, nachdem Kenny in jener schrecklichen, regennassen Nacht die Kontrolle über sein Motorrad verloren hatte und ganz in der Nähe ihres Hauses gegen einen Baum am Straßenrand gerast war. Ihre Mutter war es gewesen, die sie in den Momenten ihrer tiefsten und dunkelsten Verzweiflung in den Armen gewiegt und ihr immer wieder versichert hatte, dass Kennys Tod nicht ihre Schuld war.

Und Lily hätte ihr beinahe geglaubt.

Beinahe.

Das Telefon klingelte, und sie kehrte zum Empfangstresen zurück. »Scully’s«, meldete sie sich mit falscher Fröhlichkeit. Es war wichtig, eine optimistische Fassade zu präsentieren und positiv zu klingen. »Ja, wir haben bis zehn geöffnet. Genau. Nein, ich fürchte, Sie müssen Mitglied werden, um unsere Geräte zu benutzen. Aber wir haben gerade ein spezielles Einführungsangebot … Hallo? Hallo?« Lily zuckte die Achseln und platzierte den Hörer wieder auf die Gabel, schon lange nicht mehr gekränkt, wenn jemand mitten im Satz auflegte. Die Leute waren schließlich beschäftigt. Sie hatten keine Zeit, ständig auf andere einzugehen, vor allem wenn ihnen bewusst wurde, dass sie das Angebot nicht interessierte. Sie hatte aufgehört, solch unhöfliches Verhalten persönlich zu nehmen, genau wie sie aufgehört hatte zu glauben, dass die zahlreichen Absagen bedeuteten, dass sie eine schlechte Schriftstellerin war. Lesen war eine subjektive Sache. Das hatte ihr Lesezirkel sie auf jeden Fall gelehrt. Was ein Mensch anregend und tiefgründig fand, war für einen anderen enttäuschend und schal. Man konnte es nicht jedem recht machen. Man sollte es gar nicht versuchen.

Lily beobachtete, wie Sandra Chan, eine attraktive Frau von Mitte bis Ende dreißig, vom Crosstrainer stieg und ein schmales weißes Handtuch um ihren ebenso schlanken Hals schlang und darauf wartete, dass ihre Freundin Pam Farelli auf dem Stepper fertig wurde. Wenige Minuten später kamen die beiden Frauen in ein angeregtes Gespräch vertieft durch die Tür, die den Trainingsraum von dem kleinen Empfangsbereich trennte, und gingen durch eine weitere Tür hinter dem schwarzen Ledersofa in die kleine Umkleidekabine, ohne auch nur einen Blick in ihre Richtung zu werfen. Für sie bin ich unsichtbar, dachte Lily. »Und das ist auch gut so«, erinnerte sie sich mit ihrer besten Martha-Stewart-Stimme.

Die Eingangstür ging auf, und herein kam ein kräftiger, leicht zerfurcht aussehender Mann mit schwarzen Haaren und gewaltigen Pranken, die aus den Ärmeln seiner Windjacke ragten. »Guten Morgen, Lily«, sagte er, während sie unter den Tresen griff, um ihm ein frisches Handtuch zu geben.

»Wie geht es Ihnen heute, Detective Dawson?«, fragte sie ihn wie jeden Montag, Mittwoch und Freitag, wenn der Kriminalbeamte zu seinem regelmäßigen 40-minütigen Training kam.

»Gar nicht schlecht«, kam die übliche Antwort. »Und es würde mir sogar noch besser gehen, wenn Sie sich heute Abend von mir zum Essen einladen ließen.«

Lily machte unwillkürlich einen Schritt zurück und wusste nicht, was sie sagen sollte. Dies war eine Abweichung von dem üblichen Geplänkel, und sie hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Nicht, dass sie Detective Dawson nicht attraktiv gefunden hätte. Das fand sie schon, seit er zum ersten Mal durch diese Tür gestürmt war, kurz nachdem sie bei Scully’s angefangen hatte. »Ist das Ihr weißer Impala? Der da draußen auf dem Behindertenparkplatz steht?«, hatte er gebellt. »Wenn ja, wird er nämlich gerade abgeschleppt.«

»Es ist nicht meiner«, hatte sie gestottert. »Ich habe kein Auto.«

»Nicht? Aber Sie haben ein schrecklich nettes Lächeln«, hatte er selber lächelnd rasch erwidert.

»Heute Abend ist mein Lesezirkel«, erklärte sie ihm jetzt.

Detective Dawson kniff seine dunkelblauen Augen zusammen und kräuselte seine zwei Mal gebrochene Nase, als ob er soeben auf finstere Machenschaften gestoßen wäre. »Ein Lesezirkel? Wie Oprahs Buchclub im Fernsehen?«

»Bis auf die Kamera und das siebenstellige Gehalt.« Lily lächelte, dachte, dass er sein Gewicht gut trug, und schüttelte ärgerlich den Kopf darüber, dass ihr das überhaupt auffiel. Eben weil sie ihn so attraktiv fand, konnte sie nie mit ihm ausgehen. Hatte sie nicht entschieden, dass dieser Teil ihres Lebens vorbei war? Sie hatte einen kleinen Sohn, an den sie denken, ein Leben, das sie neu aufbauen musste. Ein unschuldiger Flirt war eine Sache, aber sie hatte nicht die Kraft für alberne Kennenlern-Rituale, nicht die Zeit für die Launen der Singleszene, nicht die Geduld für die unvermeidliche Enttäuschung, nicht noch einmal die Kraft, solch eine Katastrophe durchzustehen, als alles um sie herum zusammenbrach.

»Wie wär’s dann morgen?«, fragte er.

»Morgen?«

»Halb acht? Bei Joso’s?«

Lily hatte noch nie in dem beliebten und teuren Restaurant in der Innenstadt gegessen, aber schon wunderbare Dinge darüber gehört. McDonald’s entsprach dieser Tage eher ihrem Geldbeutel. Und woher sollte sie auf den letzten Drücker einen Babysitter bekommen?

»Ich habe einen Sohn«, erklärte sie Jeff Dawson schlicht und suchte in seinem Gesicht nach einer Andeutung, dass ein solches Kombipaket mehr war, als er im Sinn gehabt hatte.

»Einen Sohn?«

»Michael. Er ist fünf.«

»Meine Töchter sind neun und zehn. Sie leben bei ihrer Mutter. Wir sind geschieden. Offensichtlich.« Er lachte verlegen. »Seit fast drei Jahren. Und Sie?«

»Verwitwet. Seit einem Jahr. Ein Motorradunfall«, stellte sie klar, bevor er fragen konnte.

»Das tut mir Leid.«

»Ich kann morgen Abend nicht mit Ihnen essen gehen«, sagte Lily.

Jeff Dawson nickte, als würde er verstehen. »Vielleicht ein anderes Mal«, sagte er leichthin und ging vom Tresen zum Trainingsraum, wo er beinahe mit Sandra Chan und Pam Farelli zusammenstieß, die fertig umgekleidet im Begriff waren zu gehen.

»Der ist aber süß«, sagte Pam vernehmlich, und Sandras Blicke folgten ihm. »Toller Trizeps«, fügte sie hinzu, als sie sah, wie der Detective seine Windjacke ablegte. Sein weißes T-Shirt spannte sich über einem muskulösen Oberkörper.

»Wir gehen immer zu früh«, schmollte sie. »Wer ist das überhaupt?«, fragte sie Lily, als ob sie ihre Anwesenheit in diesem Augenblick zum ersten Mal bemerken würde. »Ist er Stammkunde?«

Lily verspürte ein unerwartetes Stechen der Eifersucht und unterdrückte den Impuls, hinter ihrem Tresen hervorzukommen und die beiden Wilderer eigenhändig hinauszuwerfen. »Wie bitte?«, fragte sie stattdessen.

»Der Typ, der auf der Bank 200-Pfund-Gewichte stemmt, ohne auch nur ein bisschen zu schwitzen«, sagte Pam und wies mit dem Kinn auf den Trainingsraum. »Was wissen Sie über ihn?«

»Ist er verheiratet?«, fragte Sandra Chan.

»Ich weiß, dass er zwei Töchter hat«, sagte Lily und gab vor, mit irgendetwas unter dem Tresen beschäftigt zu sein. »Neun und zehn Jahre alt, glaube ich.«

Die Frauen zuckten gleichzeitig die Schultern. »Verdammt«, murmelte die eine.

»Die Guten sind immer verheiratet«, sagte die andere.

Nun, das war nicht direkt eine Lüge, dachte Lily, als die beiden Frauen die Eingangstür aufstießen und im strahlenden Sonnenlicht verschwanden. Er hatte zwei Töchter, die neun und zehn Jahre alt waren. Aber warum hatte sie den Frauen nicht einfach die Wahrheit gesagt? Sie nahm ein schwarzes Zopfgummi aus ihrer Einkaufstasche und band ihr Haar zu einem festen Pferdeschwanz, bevor sie die gestapelten weißen Handtücher glatt strich, obwohl die bereits absolut makellos aussahen, nur um ihren Blick von dem Trainingsraum abzulenken. Sie wollte den attraktiven, nur wenig älteren Mann in dem engen weißen T-Shirt nicht sehen, der zweihundert Pfund auf der Bank stemmte, ohne in Schweiß auszubrechen. Das war das Letzte, was sie sehen wollte, das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Männer wie Jeff Dawson könnten sie in schwachen Momenten natürlich schon auf gewisse Gedanken bringen, doch wichtiger war, der Realität ins Gesicht zu schauen. Lily zog den großen wattierten Umschlag aus ihrer Einkaufstasche und legte ihn auf den Tresen. Zur Realität gehört auch das, dachte sie und zog ihre Geschichte und den Absagebrief heraus.

Sehr geehrte Ms. Rogers,

Das wäre wohl ich.

vielen Dank für die Einsendung der Geschichte »Die letzte Überlebende«.

Bescheuerter Titel für eine Geschichte. Ich hätte sie anders nennen sollen.

Wir fanden sie unterhaltsam und gut geschrieben,

Und was ist daran bitte sehr verkehrt?

sind jedoch der Ansicht, dass sie nicht die passende Lektüre für die Leserinnen der Zeitschrift »Woman’s Own« darstellt.

Warum nicht, verdammt noch mal? Was ist daran nicht passend?

Wir wünschen Ihnen viel Glück für eine Veröffentlichung in einem anderen Magazin

In welchem anderen Magazin?

und hoffen, dass Sie auch in Zukunft an uns denken werden.

Wohl kaum.

Mit freundlichen Grüßen…

»Von wegen freundlich«, sagte Lily laut und schob den Brief und die Geschichte wieder in den Umschlag. Das war erst mal genug Realität für einen Tag, entschied sie, und ihr Blick schweifte trotz ihrer besseren Vorsätze wieder zum Trainingsraum. Ada Pearlman, deren feines graues Haar im Nacken zu einer eleganten Rolle aufgesteckt war, lief im Tempo von etwa dreieinhalb Stundenkilometern auf dem Laufband, womit sie immer noch schneller war als Gina Sorbara, eine beinahe fettleibige Frau mittleren Alters, die auf ihrem Laufband zu schlafwandeln schien. Jonathan Cartseris kämpfte mit dem Rudergerät, und Bonnie Jacobs, eine ältere Dame, bei der unlängst Osteoporose diagnostiziert worden war, stand vor dem Regal mit den Hanteln, als hätte sie keinen Schimmer, was sie hier machte. Nur Police Detective Jeff Dawson sah aus, als ob er hierher gehörte: Er lag auf dem Rücken, die Füße links und rechts neben der schmalen Bank auf dem Boden, die Oberschenkel unter seiner schwarzen Jogginghose angespannt, während er eine 200-Kilo-Hantel über seinem Kopf in die Luft stemmte. Lily ertappte sich gerade bei dem Gedanken, dass der Mann wirklich gut aussah, als ihr auffiel, dass Bonnie Jacobs ihr zuwinkte. Lily winkte lächelnd zurück, aber die Frau winkte weiter und bedeutete ihr hereinzukommen. Lily rutschte von ihrem Hocker und eilte in den Trainingsraum, sorgfältig darauf bedacht, den unter dem Gewicht nun doch stöhnenden Detective nicht anzusehen. »Irgendwas nicht in Ordnung, Mrs. Jacobs?«

»Der Arzt sagt, ich soll mit Freihanteln trainieren, aber ich habe keine Ahnung, was ich machen soll.« Sie griff mit jeder Hand nach einem Zehn-Pfund-Gewicht und wäre beinahe in die Knie gesunken.

»Oh nein, Mrs. Jacobs, das ist viel zu schwer für Sie. Am Ende tun Sie sich noch weh. Warum fangen Sie nicht mit denen an?« Sie nahm zwei Zwei-Pfund-Hanteln aus dem Regal und reichte sie Mrs. Jacobs vorsichtig an.

»Ist das genug?«

»Mehr brauchen Sie nicht. Vertrauen Sie mir«, sagte Lily und fragte sich, warum Mrs. Jacobs ihr vertrauen sollte, warum irgendwer ihr vertrauen sollte. Sie zeigte ihr mehrere leichte Übungen für Bizeps und Trizeps, eine für die Brustmuskeln sowie mehrere für Rücken und Schultern. »Wenn Sie wollen, kann ich sie Ihnen aufschreiben«, bot sie an und kehrte so schnell wie möglich in den Empfangsbereich zurück.

Die nächste halbe Stunde verstrich ereignislos — sie begrüßte die Kunden, die ins Sportstudio kamen, und verabschiedete diejenigen, die mit dem Training fertig waren, ging ans Telefon, wusch eine Maschine Wäsche und startete eine zweite. Sie fragte sich, wie es Michael in der Schule ging, der in der Erzählstunde seine neue Kermit-Puppe vorstellen wollte. Sie fragte sich auch, wofür Jan Glück brauchte und ob sie versuchen sollte, noch eine Geschichte zu schreiben. Sie hatte jede Menge Ideen, obwohl die meisten ziemlich weit hergeholt waren. Dabei hieß es doch immer, man solle über das schreiben, was man kannte. Sie fragte sich, ob sie das je könnte. Ob sie so mutig sein konnte? Oder so dumm?

Sie schüttelte den Kopf und blickte unwillkürlich zum Trainingsraum, als Jeff Dawson sich aufrichtete und rittlings auf die Bank hockte. Sofort wurde die Bank in ihrem Kopf zu einem Motorrad. Lily stockte der Atem, und sie schlug sich die Hand vor den Mund. Natürlich fuhr er Motorrad. Er war Polizist. Motorradfahren gehörte wahrscheinlich zu seinem Job. Sie wandte sich ab und weigerte sich, weiter darüber nachzudenken. Es war sowieso egal, da sie nicht die Absicht hatte, mit ihm auszugehen.

»Alles in Ordnung?«, fragte er plötzlich neben ihr.

Er bewegt sich elegant für einen so großen Mann, dachte sie. »Alles bestens. Warum fragen Sie?«

»Sie sehen ein bisschen blass aus. Wirklich alles okay?«

»Fahren Sie Motorrad?«, hörte sie sich fragen.

Falls ihn die Frage überraschte, ließ er sich nichts anmerken. »Nein. Nicht mehr, seit ich Kinder habe.«

Lily blickte nickend zum Telefon, als wollte sie es anflehen zu klingeln.

»Heißt das, dass Sie vielleicht noch mal darüber nachdenken, ob Sie morgen Abend mit mir ausgehen wollen?«, fragte er nach einer Pause.

»Ich kann nicht, es tut mir Leid«, sagte sie, als die Eingangstür aufging und ihre Nachbarin Emma Frost hereinkam. »Hi, Emma!«, sagte Lily und lächelte die Frau an, als wäre sie ihre beste Freundin. »Was machen Sie denn hier?«

»Ich dachte, ich schau mir mal an, wo Sie arbeiten, und überlege dann, ob ich Mitglied werde.« Mit ihren großen Augen musterte Emma unruhig das Terrain.

»Das ist super. Wir haben gerade ein spezielles Einführungsangebot. Nur zweihundertfünfzig Dollar Aufnahmegebühr plus dreißig Dollar pro Monat.«

»Zweihundertfünfzig Dollar?«, wiederholte Emma, während ihr Blick an Jeff Dawson hängen blieb.

»Verglichen mit anderen Studios in der Stadt ist das ein gutes Angebot«, stimmte Jeff ein.

»Und wer sind Sie?«

»Jeff Dawson. Gut angesehenes Mitglied.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Emma kokett und streckte die Hand aus. »Emma Frost.«

»Sind wir uns schon einmal begegnet?«, fragte Jeff Dawson, als er ihre Hand schüttelte und sie eindringlich ansah.

»Ich glaube nicht. Warum?«

»Sie kommen mir einfach irgendwie bekannt vor.«

»Emmas Augen waren früher auf allen Maybelline-Mascara-Packungen«, schaltete Lily sich ein.

»Ich benutze nur selten Wimperntusche«, sagte Jeff lachend. »Jedenfalls in letzter Zeit. Mein Boss sieht es nicht so gern.«

Emma schlug den Blick nieder. »Und was genau machen Sie, wenn ich fragen darf?«

»Jeff ist Detective bei der Polizei«, sagte Lily. Bildete sie sich das nur ein, oder war Emma bei dem Wort Polizei tatsächlich zusammengezuckt?

»Ich muss los«, erklärte Jeff und stieß sich vom Tresen ab. »Sie haben meine Nummer ja in den Unterlagen«, sagte er zu Lily. »Rufen Sie mich an, wenn Sie es sich anders überlegen.« Mit nur drei Schritten war er an der Eingangstür.

»Knackiger Arsch«, sagte Emma, als die Tür hinter ihm zufiel. »Wenn Sie sich was anders überlegen?«

Lily tat die Frage kopfschüttelnd ab.

»Haben Sie beide irgendwas laufen?«

»Nein. Natürlich nicht.«

»Und warum werden Sie dann ganz rot?«

»Tue ich gar nicht«, sagte Lily und klang wie ihr Sohn.

»Okay.« Emma zuckte die Achseln. »Vielleicht komme ich doch zu diesem Lesezirkel, von dem Sie heute Morgen gesprochen haben, wenn die Einladung noch gilt.«

»Klar. Super. Haben Sie zufällig Sturmhöhe gelesen?«

»Soll das ein Witz sein? Das ist eins meiner Lieblingsbücher.«

»Großartig. Dann sehen wir uns heute Abend.«

An der Tür blieb Emma stehen und drehte sich noch einmal um. »Mit einem Bullen sollte man sich lieber nicht einlassen«, sagte sie.

»Haben Sie was gegen die Polizei?«, fragte Lily bemüht beiläufig.

Emma zuckte die Achseln. »Fand sie bloß nie besonders nützlich.«

7

Der Hauptunterschied zwischen Florida und Georgia — so kam es Jamie zumindest auf diesem Abschnitt der Interstate 75 vor — war die Werbung auf den unzähligen Reklametafeln, die die flache Landschaft entlang der viel befahrenen Autobahn unterbrachen. Georgias reife Pfirsiche hatten Floridas saftige Orangen abgelöst; anstelle von Sun-Pass-Schildern gab es nun Vidalia-Zwiebeln, und es wurden nicht mehr ständig die Meilen bis Yeehaw heruntergezählt, sondern stolz Erdnüsse und Pekannüsse angepriesen. Außerdem tauchten auffallend viele Reklametafeln für Autohöfe auf, in denen Striptease geboten wurde: CAFÉ RISQUÉ — WIR LASSEN ALLE HÜLLEN FALLEN und das Schwesteretablissement CAFÉ EROTICA — WIR ZEIGEN ALLES, PAARE WILLKOMMEN warben auf diversen Plakaten für sich, während andere GUTES ESSEN in Kombination mit nackten Frauen in Aussicht stellten. Diese Frauen — STUDENTINNEN, wie ein Schild versprach, obwohl MINDERJÄHRIG der Sache vermutlich näher kam, zumindest nach den Bildern der schmollmundigen Mädchen mit auftoupierten Haaren zu urteilen, die einen von den Papptafeln anstarrten — standen zur Unterhaltung des müden Reisenden Tag und Nacht zur Verfügung zusammen mit einer großen Auswahl von XXX — TOYS & VIDEOS. Diese Oasen am Wegesrand waren 24 STUNDEN GEÖFFNET und servierten Monsterportionen FOOD & FUN.

Jamie schüttelte den Kopf angesichts der zahlreichen Wagen, die vor diesen Etablissements parkten. Es war schon fast sechs, obwohl der Himmel immer noch so blau und klar war wie zur Mittagszeit. Jamie streckte Beine und Rücken, drehte den Kopf in einem großen Halbkreis von links nach rechts und hörte diverse Knochen knacken und Muskeln ächzen. Sie war erschöpft, weil sie den ganzen Tag in einer Position gesessen hatte, dabei war Brad die ganze Zeit gefahren.

»Müde?«, fragte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

»Ein bisschen.«

»Wir können beim nächsten ‘erotischen Café’ halten.« Seine blauen Augen funkelten schelmisch.

»Ist das dein Ernst?«

»Du weißt, dass ich alles tun würde, um dich glücklich zu machen.«

Jamie lächelte. »Ich liebe es, wenn du so etwas sagst«, meinte sie, und er lachte. Jamie liebte es auch, wenn er lachte. Genau genommen gab es nichts an Brad Fisher, was sie nicht liebte. War es möglich, sich in so kurzer Zeit so Hals über Kopf zu verlieben? Nicht einmal 24 Stunden waren vergangen, um exakt zu sein. Ihre Schwester würde bestimmt einwenden, dass sie das Opfer einer momentanen leidenschaftlichen Verblendung war, noch unter dem Eindruck des traurigen Endes ihrer letzten unglückseligen Affäre, bei der es sich auch nicht um wahre Liebe gehandelt hatte, wie ihre Mutter hinzugefügt hätte. Wahre Liebe gründete sich auf ein Fundament aus Offenheit und Vertrauen. Sie brauchte Zeit, sich zu entwickeln, und fußte nicht nur auf Chemie, sondern auf gemeinsamen Zielen, Interessen und Respekt. Außerdem konnte jeder Idiot sich verlieben, wären sich beide einig gewesen. Schwierig war es, verliebt zu bleiben. »Und was hast du für Hobbys?«, fragte Jamie Brad, um ihr allwissendes Gezeter zum Verstummen zu bringen.

»Was meine Hobbys sind?«

»Hast du welche?«

»Du?«

»Eigentlich nicht«, musste sie nach einer Pause zugeben. »Das sollte ich wohl.«

»Warum?«

»Ich weiß nicht. Meine Mutter hat für ihr Leben gern Scrabble gespielt. Sie hat mich überredet, mit ihr zu spielen. Aber die Wörter, die ich gelegt habe, haben ihr nie gefallen — sie meinte, sie wären zu einfach, und ich müsste meine Buchstaben besser nutzen —, sodass sie am Ende immer Wörter für uns beide gelegt hat, und ich habe einfach danebengesessen, bis es vorbei war. Sie hat immer gewonnen. Und meine Schwester spielt Bridge. Sie drängt mich ständig, es zu lernen, aber ich weiß nicht. Sie und ihr Mann schreien sich immer an, wenn sie zusammen spielen. Als ich klein war, habe ich Barbie-Puppen gesammelt«, fuhr sie fort und lächelte bei der fernen Erinnerung. »Zählt das als Hobby?«

»Sammelst du sie immer noch?«

Jamie schüttelte den Kopf.

»Dann zählt es, glaube ich, nicht.«

Jamie runzelte die Stirn und fragte sich, was aus ihrer Barbie-Puppen-Sammlung geworden war. Seit sie bei ihrer Mutter ausgezogen war, hatte sie die Puppen nicht mehr gesehen und nicht einmal an sie gedacht. Wahrscheinlich waren sie noch da, dachte sie, sicher verstaut zwischen den Habseligkeiten ihrer Mutter. In ihrem Nachlass, den sie eigentlich heute Abend mit Cynthia hätte durchgehen sollen. »Jetzt bist du dran«, sagte Jamie zu Brad, während sie ihre Barbie-Puppen-Sammlung im Geiste aus dem Wagenfenster warf. Sie gehörte zu ihrer Vergangenheit. Der Mann neben ihr war ihre Gegenwart. Vielleicht sogar ihre Zukunft, erlaubte sie sich zu denken. »Ich habe genug geredet. Jetzt bist du an der Reihe.«

»Was möchtest du denn gerne wissen?«

»Ich weiß nicht. Irgendwas. Details.«

»Details?«

»Sagt man nicht, das Leben steckt im Detail?« Sagte man das? Oder war es Gott? Gott steckt im Detail? Oder der Teufel?

»Das Leben steckt im Detail«, wiederholte Brad. »Das gefällt mir.«

Jamie fühlte sich albern stolz. Sie hatte etwas gesagt, das ihm gefiel. Warum sollte sie sich da korrigieren? »Was machst du zum Beispiel sonst noch gerne? Außer … na ja, du weißt schon.«

»Außer Sex mit dir?« Er drehte sich zu ihr um, und seine Zunge spielte provokativ zwischen seinen Schneidezähnen.

»Ja, außer dem«, sagte Jamie hastig und spürte ein vertrautes Kribbeln zwischen den Beinen. »Achte auf die Straße.«

»Warum? Macht sie irgendwas Interessantes?«

Jamie lächelte. »Ich meine, ich weiß ja schon, dass du Computer magst.«

»Computer?«

»Nun, du entwickelst Software. Hast du das nicht gesagt?« Hatte sie ihn missverstanden?

»Tut mir Leid. Ich dachte, du hättest mich nach meinen Hobbys gefragt.«

»Und ich dachte, du hättest gesagt, du hättest keine.« Er lächelte. »Na ja, ich mag Filme.«

»Echt? Was für Filme denn?«

»Die üblichen Männerfilme. Action, Kriegsfilme, Thriller.«

»Thriller mag ich auch«, erwiderte Jamie. »Vielleicht können wir uns später einen ansehen. Vielleicht finden wir irgendwo ein Autokino.«

»Ein Autokino? Gibt es die noch?«

»Keine Ahnung. Vielleicht irgendwo entlang des Highway.« Sie starrte auf den Streifen ungemähter Wiese, der die beiden Fahrtrichtungen voneinander trennte, und sah kilometerweit nichts als Wagenkolonnen.

»Wie ist deine Mutter gestorben?«, fragte Brad plötzlich.

Jamie atmete tief aus. »Krebs. Er hat vor fünf Jahren in ihrer rechten Brust angefangen. Die Ärzte haben operiert und geglaubt, sie hätten ihn komplett entfernt. Aber er hat sich nur versteckt. In dieser Hinsicht ist Krebs sehr tückisch.«

»Er ist zurückgekommen«, stellte Brad fest.

»Diesmal direkt zwischen beiden Lungenflügeln, sodass man nichts mehr machen konnte.«

»Muss hart für sie gewesen sein.«

»Wahrscheinlich. Sie war ein Mensch, der nicht viel für Gejammer übrig hatte. Tatsachen waren Tatsachen, und man musste sie akzeptieren. Sie war Richterin«, fügte Jamie hinzu.

»Was für eine Richterin?«

»An einem Strafgericht.«

»Klingt wie eine verdammt harte Lady.«

»Sie war kein einfacher Mensch.« Jamie zuckte die Achseln. »Ich glaube, es ist schwer, wenn man eine solche Machtposition bekleidet und so viel Kontrolle über das Leben anderer Menschen hat. Man sagt den Leuten den ganzen Tag lang, was sie zu tun haben, und wenn man dann abends nach Hause kommt, hat man es mit einer neunmalklugen Tochter zu tun, die denkt, sie weiß alles. Ich meine, tagsüber sitzt die Frau im Gericht, wo es buchstäblich niemand wagt, ohne ihre Erlaubnis auf die Toilette zu gehen, und alle um sie herum fügen sich ihren Wünschen in der Hoffnung auf ein mildes Urteil, und zu Hause sitzt eine Halbwüchsige, die ihr nie zuhört, ständig widerspricht und keinen ihrer Ratschläge annimmt. Das muss schon hart gewesen sein.«

»Für euch beide, nehme ich an.«

»Sie hat dauernd die Hände in die Luft geworfen, ungefähr so.« Zur Illustration streckte Jamie die Hände in die Luft, als würde sie Konfetti schmeißen. »Und dann ist sie stampfend aus dem Zimmer gerannt und hat vor sich hin gemurmelt: ‘Gut. Wie du meinst. Dann mach doch, was du willst.’ Man konnte sich förmlich vorstellen, wie ihre schwarze Richterrobe hinter ihr herwehte.« Jamie schüttelte den Kopf. »Sie hat immer gesagt, ich wäre unverbesserlich.«

»Und das heißt?«

»Eigensinnig. Unkontrollierbar.« Sie seufzte. »Nicht resozialisierbar.«

»Nicht resozialisierbar«, wiederholte Brad lächelnd. »Das gefällt mir.«

»Ich weiß nicht. Ich würde gern von mir denken, dass ich ein guter Mensch bin.«

»Das ist genau dein Problem.«

»Was?«

»Du denkst zu viel.«

»Und was ist mit deiner Mutter?«, fragte Jamie, die es ein wenig seltsam fand, dass sie jedes Mal, wenn sie ihn etwas über sein Leben fragte, am Ende bei ihr landeten. War sie wirklich so egozentrisch?

Brads Lippen spannten sich, bevor sie sich zu einem gequälten Lächeln verzogen, und er fasste das Lenkrad fester. »Was ist mit meiner Mutter?«

»Na ja, du hast mir von deinen Schwestern erzählt, aber noch gar nichts über deine Eltern gesagt.«

»Das liegt daran, dass es nicht viel zu sagen gibt. Sie sind einfach ganz gewöhnliche, aufrechte, hart arbeitende Leute. Gottesfürchtige Bürger unseres großartigen Landes.«

»Meinst du das sarkastisch?«

»Wieso sollte ich das sarkastisch meinen?«

»Ich weiß nicht.«

»Du denkst schon wieder zu viel.«

»Wo wohnen sie?«, versuchte Jamie einen neuen Anlauf.

»In Texas.«

»Ich war noch nie in Texas.«

»Das soll wohl ein Witz sein?«

»Es gibt viele Orte, wo ich noch nicht war.«

»Dann muss ich irgendwann mit dir dorthin fahren.«

Jamie lächelte. »Das fände ich schön.«

»Hast du schon immer in Florida gelebt?«

»Die meiste Zeit. Meine Mutter wollte natürlich, dass ich nach Harvard gehe, aber ich habe mich für Florida entschieden. Eine Zeit lang habe ich in Atlanta gelebt«, fügte sie beinahe widerwillig hinzu.

»Was war denn in Atlanta?«

»Mein Exmann.«

»Und seine Mutter«, sagte Brad leise.

Am Ende lief es immer wieder auf die Mütter hinaus, dachte Jamie. »Lass uns nicht dorthin fahren«, sagte sie.

»Ganz im Gegenteil«, erwiderte Brad. »In ein paar Stunden kommen wir durch Atlanta. Vielleicht sollten wir Halt machen und kurz Hallo sagen. Wie würde dir das gefallen?«

»Gar nicht«, sagte Jamie. »Ist das ein Polizeiwagen?« Sie zeigte auf einen schwarz-weißen Kombi am Rand des Highway.

»Scheiße.« Brad trat auf die Bremse, um nicht in die Radarfalle zu rauschen.

Zu spät. Die Autobahnstreife folgte ihnen bereits mit flackerndem Blaulicht.

»Scheiße«, sagte Brad noch einmal und schlug mit der flachen Hand aufs Steuer.

Jamie hielt ängstlich den Atem an, als Brad den Wagen am Fahrbahnrand zum Stehen brachte, obwohl sie nicht wusste, warum. Sie fuhr auf ihrem Sitz herum, als der Polizist mit einer Sonnenbrille im Gesicht auf sie zukam. Brad ließ das Fenster herunter, und der Mann beugte sich in den Wagen.

»Zulassung und Führerschein, bitte.«

Brad griff in seine Tasche, während Jamie das Handschuhfach aufklappen ließ und die Zulassung herausholte.

»Nehmen Sie den Führerschein aus der Brieftasche, bitte«, wies der Polizist Brad an, der prompt gehorchte.

»Haben Sie eine Ahnung, wie schnell Sie gefahren sind?« Der Polizist nahm Führerschein und Zulassung entgegen.

»Ich weiß nicht genau«, sagte Brad. »Ich dachte nicht, dass ich …«

»Wir haben Sie mit einhundertfünfunddreißig Stundenkilometern geblitzt«, unterbrach ihn der Polizist. »Hier gilt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von einhundertzehn Stundenkilometern.«

»Ich habe nur versucht, mich dem Verkehrsfluss anzupassen«, erklärte Brad.

»Warten Sie hier«, wies der Polizist ihn an und kehrte zu seinem Wagen zurück.

»Drecksack«, murmelte Brad.

»Was macht er jetzt?«, fragte Jamie.

»Er überprüft, ob ein Haftbefehl gegen mich vorliegt.«

»Und?«, fragte Jamie. Sie hatte schon allerlei Geschichten über Polizeikontrollen in den Südstaaten gehört, zweifelhafte Legenden von Autofahrern, die exorbitante Strafzettel wegen überhöhter Geschwindigkeit bezahlen mussten und ins Gefängnis geworfen wurden, wenn sie den Betrag nicht in bar begleichen konnten. Sie fragte sich, ob ihr Wagen beschlagnahmt werden und wie sich eine Nacht in der Arrestzelle einer Kleinstadt anfühlen würde. Sie stellte sich vor, dass ihre Mutter die Ereignisse vom klaren blauen Himmel aus beobachtete, und sah sie missbilligend den Kopf schütteln. »Brad? Alles in Ordnung?«, fragte sie, als sie seine starre Haltung und sein grimmig vorgeschobenes Kinn bemerkte.

Er antwortete nicht.

»Brad?«, fragte sie noch einmal, als der Polizist wieder neben ihrem Wagen auftauchte.

Er gab ihnen den Führerschein und die Zulassung zurück. »Auf diesem Stück wird ziemlich häufig kontrolliert. Deshalb schlage ich vor, dass Sie es ein wenig langsamer angehen lassen, wenn Sie nicht noch einmal angehalten werden wollen.« Er schrieb einen Strafzettel aus und reichte ihn durchs Fenster. »Oh, Mr. Fisher«, fügte er schon im Gehen hinzu, »Ihr Hinterreifen sieht aus, als hätte er ein bisschen zu wenig Luft. Vielleicht sollten Sie in Tifton Halt machen und das nachsehen lassen.«

»Wird gemacht«, sagte Brad.

»Vielen Dank, Officer«, sagte Jamie, als sich der Polizist zurückzog. »Es war doch sehr nett von ihm, uns auf den Reifen aufmerksam zu …«

»Arschloch«, sagte Brad höhnisch und steckte Führerschein und Zulassung in seine Jeanstasche.

»Wie viel müssen wir bezahlen?«

Als Antwort zerriss Brad den Strafzettel in kleine Schnipsel und ließ sie auf den Boden regnen. »Ist doch egal.«

»Was machst du da?«, protestierte Jamie. »Dadurch wird er nicht einfach verschwinden.«

»Er ist soeben verschwunden.« Er ließ den Wagen wieder an und wartete auf eine Lücke im Verkehr, bevor er sich einfädelte, beschleunigte und schon bald wieder deutlich schneller fuhr als erlaubt.

Jamie schwieg. Er war offensichtlich wütend, und sie wollte ganz bestimmt nichts sagen, was ihn noch wütender machte. »Was glaubst du, was mit dem Reifen los ist?«, wagte sie ein wenig später trotzdem zu fragen.

»Woher soll ich das wissen? Es ist dein beschissenes Auto.«

Jamie schossen Tränen ihn die Augen, als hätte er sie geohrfeigt.

»Tut mir Leid«, sagte er sofort. »Es tut mir Leid, Jamie.«

»Ist schon okay«, stotterte sie.

»Nein, das ist es nicht. Ich hatte keinen Grund, dich so anzuherrschen.«

»Du warst wütend.«

»Das ist keine Entschuldigung. Es tut mir wirklich Leid.«

»Ich verstehe das nicht«, sagte Jamie. »Es war doch bloß ein Strafzettel wegen zu schellen Fahrens. Und wir waren zu schnell.« Sie linste zum Tachometer.

Brad bremste unverzüglich und hielt sich danach an das Tempolimit. »Tut mir Leid«, entschuldigte er sich noch einmal.

»Du magst wohl keine Bullen«, stellte Jamie fest.

Brad lachte, Jamie spürte, wie sich die Spannung sofort löste, und stimmte dankbar in sein Lachen ein. Alles war in Ordnung. Dank der Georgia State Police hatte sich auf dem Weg ein kleines Schlagloch aufgetan, aber jetzt war wieder alles normal.

»Ich hasse die Dreckskerle«, sagte Brad, den Frieden sofort wieder erschütternd.

Wieder stockte Jamie der Atem, und sie erstarrte am ganzen Körper. »Warum?«

Brad rieb sich mit dem Handrücken über die Nasenspitze und blickte mit schmalen Augen in den Rückspiegel. Er überlegte offensichtlich, wie viel er ihr erzählen sollte. »Als ich siebzehn war«, begann er, »hat mein Vater sich einen neuen Wagen gekauft. Einen Pontiac Firebird, knallrot, schwarze Ledersitze, Power Drive und alles Mögliche«, redete er sich langsam warm. »Es war ein echtes Schmuckstück, und er war so stolz darauf, er hat den Wagen ständig gewaschen und poliert. Gott behüte, dass man sich daranlehnte oder Fingerabdrücke hinterließ. Er wäre ausgerastet. Na ja, und was macht man natürlich, wenn man ein siebzehnjähriger Junge ist, der die Mädchen beeindrucken will und dessen Vater einen neuen, roten Firebird hat?«

»Das hast du nicht getan.«

Er sah sie aus den Augenwinkeln an. »Eines Abends habe ich gewartet, bis meine Eltern schliefen, und dann den frisch gewaschenen, funkelnagelneuen Wagen für eine Spritztour ausgeliehen, zusammen mit Carrie-Leigh Jones, meiner damaligen Favoritin, auf dem lederbezogenen Beifahrersitz.

Und ich habe gedacht, wenn ich sie so nicht rumkriege, kriege ich sie nie rum.«

Jamie lächelte, obwohl sie die Katastrophe schon ahnte.

»Wir sind eine Zeit lang herumgefahren — ich war echt vorsichtig, bin nicht zu schnell gefahren oder hab rumgeprotzt —, und dann haben wir uns auf den Weg zum ‘Passion Park’ gemacht. Jedenfalls haben wir ihn immer so genannt, weil man damals immer dorthin gefahren ist, um rumzumachen. In dieser Nacht war es sehr still, vielleicht weil es schon ziemlich spät war und die meisten Kids schon nach Hause gefahren waren. Wir haben also angefangen rumzuknutschen, und ich war gerade dabei, in den Strafraum zu kommen, wie wir damals immer gesagt haben, als ich höre, wie neben uns ein Wagen hält. Ich nehme an, dass es irgendein anderer Typ ist, der auch Glück gehabt hat, aber noch bevor ich richtig aufblicken kann, leuchtet mir jemand mit einer Taschenlampe ins Gesicht. Im nächsten Moment zerren mich zwei Bullen aus dem Wagen und prügeln mich windelweich, direkt vor Carrie-Leighs Augen.« In Erinnerung an das, was dann geschah, verfinsterte sich Brads Miene. »Ich bin kaum noch bei Bewusstsein, als mich einer der beiden Polizisten wie einen kleinen Jungen übers Knie legt und festhält, während sein Kumpel mich mit einem Ledergürtel schlägt. So doll, dass ich weine und flehe, sie sollen aufhören. Und dann höre ich, wie einer der Polizisten zu Carrie-Leigh sagt: ‘Warum suchst du dir nicht einen richtigen Mann?’ Und er verspricht ihr, dass sie nicht erzählen, wo sie sie aufgegriffen haben, wenn sie dafür den Mund hält und niemandem von der Sache hier erzählt.«

Jamie konnte kaum sprechen. »Und was ist dann passiert?«

Brad zuckte die Achseln. »Ziemlich genau das, was man erwarten konnte. Sie haben Carrie-Leigh nach Hause gefahren und mich einfach im Dreck liegen lassen.« Er machte eine lange Pause. »Irgendwie habe ich es bis nach Hause geschafft, immer in Panik, dass Blut auf die Scheißledersitze tropft. Ich war so dumm, immer noch zu hoffen, dass mein Vater schlief. Aber er erwartete mich schon an der Haustür. Es stellte sich heraus, dass er die Bullen angerufen und ihnen gesagt hatte, sie sollten mir eine ordentliche Lektion erteilen.«

»Er hat ihnen gesagt, sie sollen dich verprügeln?«

»Hat ihm die Arbeit erspart, nehme ich an.« Brad lächelte. »Als er mich sah, hat er gelacht und gesagt, wenn ich seinen Wagen je wieder anrühre, würde er mich mit bloßen Händen umbringen.« Brad lachte, ein freudloses Geräusch, das von den Wagenfenstern zurückprallte.

»Das ist ja schrecklich.«

»Nein, so ist einfach das Leben. Wie hat deine Mutter immer gesagt — Tatsachen sind Tatsachen, und man muss sie hinnehmen. Hey, guck mal!« Brad zeigte auf ein Schild an der Straße.

WILLKOMMEN IN TIFTON, verkündete das Plakat, DER LESE-HAUPTSTADT DER WELT.

»Ich frage mich, woher die das wissen«, sinnierte Brad.

»Vielleicht sollten wir eine Pause machen, etwas essen und den Reifen nachsehen lassen«, schlug Jamie vor.

Brad nickte. »Es tut mir wirklich Leid«, sagte er noch einmal.

Jamie griff nach seiner Hand. »Was denn?«, fragte sie.

8

»Okay, Dylan, komm jetzt hoch«, rief Emma die Treppe hinunter. Sie war in ein großes senffarbenes Badelaken gehüllt und hatte ein kleineres Handtuch um ihr nasses Haar gewickelt. »Zeit, dich bettfertig zu machen.«

Keine Antwort.

Emma tappte mit nackten Füßen durch den Flur im ersten Stock und spähte ins Zimmer ihres Sohnes. Kaum größer als eine Briefmarke, dachte sie mit einem Anflug von Depression, als ihr Blick über das pritschengroße Bett in der Mitte des Zimmers, den braunen weichen Badezimmerteppich, der als Läufer daneben lag, und die schlichte Holzkommode schweifte, die wackelig an der gegenüberliegenden Wand lehnte. An der Wand klebte als einziges Kunstwerk ein Bild, das Dylan in der Schule gemalt hatte, ungerahmt und mit Tesafilm befestigt — eine bunte Fantasie über das Thema »Was der Winter mir bedeutet« mit einem großen grünen Hügel, einem Strichmännchen im roten Mantel mit überdimensionierten Schlittschuhen, das freudig in die Luft sprang und lächelnd Arme und Beine spreizte, einer Sonne in der rechten Ecke sowie blauen und pinkfarbenen Smileys, die wahllos über das Bild verteilt waren. »Dylan. Komm, Schatz. Wo bist du?« Emma sah auf die Uhr. Es war erst kurz nach sieben. Damit blieb ihr noch eine halbe Stunde, um ihre Haare zu trocknen, sich anzuziehen und die diversen Zu-Bett-Geh-Rituale ihres Sohnes zu begleiten, bevor sie zu Lily aufbrechen musste. Hoffentlich schlief er schon, wenn Mrs. Discala kam. Vorausgesetzt natürlich, sie konnte ihn finden.

Im selben Moment packte sie eine Panik, die sie am ganzen Körper erstarren ließ. Was, wenn ihr Versteck entdeckt worden war? Was, wenn Dylans Vater sich, als sie singend unter der Dusche stand, Zugang zum Haus verschafft hatte? Was, wenn er mit ihrem Sohn in der Dunkelheit verschwunden war? Sie könnte sich nur selber die Schuld geben, dachte sie. Es war absolut unnötig gewesen, sich die Haare zu waschen. Es hatte auch vorher vollkommen in Ordnung ausgesehen. Warum versuchte sie, ein paar Frauen zu beeindrucken, die ihr so gut wie unbekannt waren und sie noch weniger kümmerten, Frauen, deren Gesellschaft sie ausdrücklich gemieden hatte, bis die vertauschte Post eine nette, bescheidene Frau vor ihre Tür geführt hatte, die ihr neuerlich die Möglichkeit eines Lebens angeboten hatte, das sich nicht in Weglaufen, Schlafen und erdrückenden Zu-Bett-Geh-Ritualen erschöpfte? Ein Leben mit Freundinnen und Gesprächen, dachte sie. Es war zu verlockend gewesen, um es abzulehnen. »Dylan!«, rief Emma noch einmal, gefährlich nahe am Rand der Hysterie.

»Ich verstecke mich«, ertönte eine kleine, gedämpfte Stimme aus seinem winzigen Kleiderschrank.

Emma atmete erleichtert aus. »Na, dann komm mal raus. Es ist Zeit, ins Bett zu gehen.«

»Du musst mich finden.«

Emma zupfte sich das Handtuch vom Kopf, warf es über ihre nackten Schultern und machte ein paar übertriebene Schritte in den kleinen Flur. »Ich muss dich finden? Aber du versteckst dich doch immer so gut. Das ist zu schwer.« Sie trampelte in ihr Schlafzimmer, öffnete die Tür ihres Kleiderschranks und schloss sie klappernd wieder. »Nein, da bist du nicht. Wo bist du dann? Kannst du mir einen kleinen Tipp geben?«

Gedämpftes Gelächter aus dem Nebenzimmer.

Emma kehrte in Dylans Zimmer zurück. »Und hier bist du auch nicht«, fuhr sie fort, nachdem sie ans Bett getreten war und die heraushängende, dünne, braun-weiß gestreifte Decke angehoben hatte. »Hm. Vielleicht hast du dich ja unterm Bett versteckt.« Sie machte eine Pause. »Nein, unterm Bett bist du auch nicht.«

»Probier’s mal im Kleiderschrank«, flüsterte ihr Sohn.

»Ich glaube, ich sehe mal im Kleiderschrank nach«, verkündete Emma laut, durchquerte das Zimmer mit zwei raschen Schritten, riss die Kleiderschranktür auf und entdeckte Dylan sofort. Er hockte zusammengerollt auf dem Boden in der Ecke, den Kopf unter einem Berg Wäsche begraben, die sie bei ihrem letzten Gang zum Waschsalon vergessen hatte. »Nein, hier bist du auch nicht«, sagte Emma, während sich die Wäsche vor Lachen schüttelte. »Wo kannst du nur sein?«

»Guck auf den Boden, Dummi.«

»Auf den Boden? Auf dem Boden liegt nur ein Haufen dreckiger Wäsche.« Emma bückte sich. »Die bringe ich wohl am besten gleich in den Waschsalon und stecke sie in eine Waschmaschine, bevor sie das ganze Haus verpestet.«

Dylan kreischte entzückt auf, steckte den Kopf aus der Wäsche und verteilte sie überall in dem beengten Raum. »Ich bin’s, Mommy«, rief er und sprang in ihre Arme.

Emma taumelte scheinbar schockiert nach hinten. »Nein! Sag nicht, dass du dich in der Wäsche versteckt hast!«

Dylan nickte eifrig. »Ich hab dich reingelegt.«

»Das kann man wohl sagen.«

»Jetzt bist du dran.« Dylan kletterte aus ihren Armen und sah erwartungsvoll zu ihr hoch.

»Oh, Schätzchen, ich kann jetzt nicht. Ich muss mich anziehen und die Haare trocknen.«

»Nein. Du musst dich verstecken.« Tränen schimmerten in seinen großen blauen Augen.

Emma wusste, dass man sich besser nicht auf einen Streit mit diesen Augen einließ. »Okay. Aber danach machst du dich bettfertig. Abgemacht?«

»Abgemacht«, willigte Dylan ein.

»Mach die Augen zu und zähl bis zehn.«

Er war schon bei fünf, bevor Emma aus der Tür war. Wo sollte sie sich dieses Mal verstecken, überlegte sie, rannte ins Bad, stieg in die noch feuchte Wanne und zog den Duschvorhang um ihren Körper. Was würde sie für eine separate Duschkabine geben, dachte sie, als ihr Sohn bei zehn angekommen war.

»Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein.«

Und ein Whirlpool, träumte Emma weiter, während sie darauf wartete, Dylans tapsende Schritte auf den Fliesen zu hören. Stattdessen stampfte er die Treppe hinunter. Wohin wollte er? Er musste doch wissen, dass sie sich in der Dusche versteckte. Dort versteckte sie sich jedes Mal. Was machte er? Sie zog den weißen Plastikvorhang beiseite, stieg vorsichtig aus der Wanne und schlich auf Zehenspitzen zur Treppe. Sie hörte ihn in den Küchenschränken herumkramen. Als ob ich mich in ein so winziges Fach zwängen könnte, dachte sie lächelnd und kehrte ins Bad zurück, wo sie sich die Haare kämmte und ein wenig Rouge und Wimperntusche auftrug. »Maybelline natürlich«, erklärte sie ihrem Spiegelbild und hörte, wie Dylan aus der Küche ins Esszimmer lief.

»Ich kann dich nicht finden, Mommy.«

»Du musst weitersuchen«, ermutigte Emma ihn, zeichnete mit einem Konturenstift ihre Lippen nach und trug zwei Schichten Lippenstift in einem dunklen Rosa auf, bevor sie nach dem Föhn unter dem Waschbecken griff. Während ein Strom warmer Luft ihre Haare aufwirbelte, ging sie im Kopf die Kleider in ihrem Schrank durch. Was trug man zu einem Lesezirkel, fragte sie sich. Ein Rock könnte zu förmlich wirken, während Jeans womöglich mangelnden Respekt bekundeten. Wahrscheinlich war eine schlichte schwarze Hose am sichersten, entschied sie, aber ihre einzige schwarze Hose war aus Wolle und für die Jahreszeit vielleicht schon ein wenig zu dick. Sie brauchte ein paar neue Sachen, beschloss sie, nichts Extravagantes oder Unpraktisches, nur ein paar Baumwollhosen und ein paar nette Oberteile. Dylan könnte natürlich auch neue Kleidung gebrauchen, dachte sie, als sie einen anklagenden Blick aus zwei blauen Augen spürte.

»Du hast dich gar nicht versteckt«, sagte Dylan mit zitternder Unterlippe.

»Doch, eben schon«, wollte Emma erklären, »aber …«

»Wir müssen es noch einmal machen.«

»Dylan …«

»Nicht Dylan!«, protestierte er wütend. »Ich heiße nicht Dylan.«

Sofort kniete Emma vor ihrem Sohn nieder und grub ihre Finger in die zarte Haut seiner dünnen Arme. »Doch, so heißt du. Dein Name ist Dylan Frost. Sag es.«

»Nein.«

»Weißt du nicht mehr, worüber wir geredet haben? Dass es sehr wichtig ist, dass du Dylan Frost bist. Zumindest noch eine Zeit lang.«

»Ich will aber nicht Dylan Frost sein.«

»Willst du, dass sie kommen und dich mir wegnehmen? Willst du das?«

Ihr Sohn schüttelte mit verängstigt aufgerissenen Augen heftig den Kopf.

Emma wusste, dass sie aufhören sollte, aber sie konnte nicht. Sie musste ihrem Sohn begreiflich machen, wie wichtig es war, dass sie ihre Scharade weiterspielten, dass ihr Glück und ihr Wohlergehen davon abhingen. »Du willst doch nicht bei irgendwelchen Fremden leben, oder?«

»Nein!«, rief ihr Sohn und kuschelte sich enger in ihre Arme, die kleinen runden Wangen feucht von Tränen.

»Okay, also wie heißt du?«

Die einzige Antwort war ein unterdrücktes Schluchzen.

Emma drückte ihren Sohn auf Armlänge von sich weg. »Wie heißt du, Junge?«, fragte sie wie irgendjemand, der ihn auf der Straße getroffen hatte.

»Dylan«, stotterte der Kleine schluchzend.

»Dylan und weiter?«

»Dylan Frost.«

»Dann ist’s ja gut.« Emma schloss die Augen, zog ihren Sohn an sich und wiegte in sanft in ihren Armen. »Das ist wirklich gut, Dylan. Du bist so ein braver Junge. Mommy ist so stolz auf dich.«

»Ich bin Dylan Frost«, bekräftigte er noch einmal.

»Ja, der bist du. Und weißt du, was?«

»Was?«

»Es ist fast Schlafenszeit, Dylan Frost. Wenn du also willst, dass ich mich verstecke, sollten wir uns beeilen. Bist du bereit?«

Er nickte, und eine Strähne seines hellbraunen Haares fiel in seine verstörten blauen Augen.

Wahrscheinlich wurde es auch Zeit, ihm die Haare nachzufärben, dachte Emma, beschloss jedoch, diesen Kampf auf einen anderen Tag zu verschieben. »Okay, fang an zu zählen.«

Dylan zählte noch einmal, Emma versteckte sich wieder hinter dem Duschvorhang, und Dylan rannte erneut nach unten, um in den Küchenschränken nachzusehen. Emma blickte auf die Uhr. In wenigen Minuten würde Mrs. Discala hier sein, und sie war noch nicht einmal annähernd fertig. Sie fragte sich, ob es die Etikette von Lesezirkeln erlaubte, zehn bis fünfzehn Minuten zu spät zu kommen. Sollte sie Kekse oder eine Flasche Wein mitbringen? Sie hatte weder noch, wurde ihr bewusst, als sie Dylans Schritte auf der Treppe hörte. Endlich, dachte Emma, als er ins Bad zurückkam, den Duschvorhang aufzog und ehrlich überrascht wirkte, sie dahinter vorzufinden.

»Du hast mich gefunden!«, jammerte Emma mit gespieltem Entsetzen.

»Noch mal!«, rief Dylan.

»Hm-hm. Jetzt ist es Zeit, ins Bett zu gehen«, erklärte sie entschieden. »Du ziehst dir deinen Schlafanzug an, während ich mich anziehe.«

Nach kurzem Schmollen gehorchte Dylan. Emma stieg aus der Wanne und trat sich die Füße an der abgewetzten pinkfarbenen Matte ab, bevor sie in ihr Zimmer zurückkehrte, den Kleiderschrank durchwühlte und schließlich die zu dicke schwarze Hose und einen nicht zu alten aprikosenfarbenen Pulli auswählte. Ihre Haare waren nur halb trocken, und etliche widerspenstige dunkle Strähnen begannen bereits, sich zu kräuseln. »Verdammt«, fluchte sie, weil sie wusste, dass sie keine Zeit mehr hatte, sie zu irgendeiner passablen Frisur zu bändigen. Es ist immer wieder dasselbe mit mir, dachte sie, als ihr Sohn in einem blauen Flanellschlafanzug hereingestürmt kam.

»Wohin gehst du?«, fragte er besorgt, als er sie sah.

»Ich gehe nirgendwohin«, sagte Emma und wünschte, sie müsste nicht lügen. Aber Dylan wurde panisch, wenn sie ohne ihn irgendwo hinging, und im Augenblick hatte sie einfach nicht die Zeit, ihm alles zu erklären. So war es für sie beide einfacher, weniger traumatisch.

»Und warum hast du dich dann fein gemacht?«

»Ich habe mich gar nicht fein gemacht.«

»Doch, hast du wohl.«

»Nun, ich gehe jedenfalls nicht aus«, log sie erneut. »Mrs. Discala kommt zu Besuch.«

»Warum?«

»Weil ich sie eingeladen habe.«

»Warum?«

»Darum«, sagte Emma entschlossen, weil sie keine Lust auf Warum-Spiele hatte. Sie hatte nur noch ein paar Minuten, um Dylan ins Bett zu bringen und zu warten, dass er einschlief, bevor sie gehen musste. So gewissenhaft Dylan seine Zu-Bett-Geh-Rituale befolgte, so schnell schlief er danach zum Glück auch ein, manchmal schon, bevor sein Kopf ganz auf dem Kissen gelandet war. Und meist schlief er fest bis zum Morgen durch. Wenn nicht ein böser Traum ihn mitten in der Nacht wachrüttelte. Aber das würde kein Problem sein, dachte Emma und führte ihren Sohn zurück ins Bad, wo sie beobachtete, wie er langsam die Zahnpastatube aufschraubte und das grün-weiß gestreifte Gel bedachtsam gleichmäßig auf den weichen Borsten seiner orangefarbenen Zahnbürste verteilte. Sie würde nur ein paar Stunden außer Haus und auf jeden Fall früh genug zurück sein, um ihn zu trösten, wenn ihn Albträume quälten.

Während ihr Sohn sich langwierig die Zähne bürstete, betrachtete Emma ihr Spiegelbild in dem kleinen rechteckigen Spiegel über dem Waschbecken und fand, dass sie müde aussah. Noch nicht ganz dreißig und schon blass und vorzeitig gealtert. Ich brauche Urlaub, entschied sie. Ein paar Tage für mich allein wären wundervoll, dachte sie, während sie stumm die letzten fünfzehn Bürstenstriche für den Oberkiefer mitzählte, die ihr Sohn penibel vollenden musste, bevor er mit dem Unterkiefer beginnen konnte. Sie unterdrückte den Impuls, ihm die Zahnbürste aus der Hand zu reißen, für ihn fertig zu putzen und ihn ins Bett zu scheuchen. Sie erinnerte sich noch, wie sie es einmal versucht hatte und dass die nachfolgende Szene sie beide um Tage zurückgeworfen hatte. Damals hatte sie sogar kurz überlegt, sich bei der Schulkrankenschwester Rat zu holen, die Idee aber rasch wieder verworfen. Eine Schulkrankenschwester kannte sich mit laufenden Nasen und aufgeschlagenen Knien aus, aber nicht mit zwanghaftem Verhalten. Und ein Therapeut kam nicht in Frage. Therapeuten kosteten Geld, das sie nicht hatte. Außerdem würde ein Therapeut jede Menge Fragen stellen, auf die Emma keine Antworten hatte. Zumindest keine, die sie jemandem mitteilen konnte.

Dylan füllte den kleinen Becher auf dem Waschbeckenrand bis zu einer dunklen Markierung in dem hellen Plastik halb mit Wasser und spülte sich erst die linke und dann die rechte Backe aus, bevor er drei Mal ins Waschbecken spuckte. Dann stellte er den Plastikbecher auf seinen exakt festgelegten Platz auf dem Waschbeckenrand zurück und wischte sich mit einem dünnen weißen Waschlappen die Mundwinkel ab. »Fertig«, verkündete er stolz wie jeden Abend.

Emma schob ihn mit einem liebevollen Klaps auf seinen kleinen Hintern aus der Tür und folgte ihm in sein Zimmer, wo sie zusah, wie er zwei Mal das Fußbrett seines schmalen Bettes berührte, bevor er unter die Decke schlüpfte und über seinen Kopf griff, um an die Wand zu klopfen. Vergewisserte er sich, dass sie noch da war? Suchte er nach etwas von Dauer und Beständigkeit, so gering es auch sein mochte? Und war sie verantwortlich für dieses irrationale Verhalten, fragte sie sich in ihrem eigenen abendlichen Ritual.

Nun, sie hatte seinen Namen geändert und ihm erklärt, dass Fremde ihn ihr wegnehmen könnten, erinnerte sie sich und schüttelte bedauernd den Kopf, als Dylan das Radio neben dem Bett einschaltete. Trotzdem konnte man nicht ihr die Schuld für ihre momentane Situation geben. Ja, ihr Lebensstandard war krass gesunken, und ja, sie war häufig angespannt und deprimiert, aber sie liebte ihren Sohn mehr als ihr Leben, und sie hoffte, dass er eines Tages verstehen würde, warum sie ihn bei Nacht und Nebel von allem hatte wegbringen müssen, was ihm lieb und vertraut war. Hatte sie die richtige Entscheidung getroffen? Auch ich habe Albträume, wollte sie ihm erklären, doch stattdessen sagte sie: »Gute Nacht, mein Schatz.« Sie strich ihm durchs Haar. »Schlaf schön.«

»Erzähl mir eine Geschichte.«

Das war ein neuer Trick, dachte Emma, vollkommen unerwartet. Er spürte, dass irgendwas anders war, dachte sie, sah auf die Uhr, stellte fest, dass es fast halb acht war, und fragte sich, wo Mrs. Discala blieb. »Ich kenne keine Geschichten«, erklärte sie ihm wahrheitsgemäß.

»Daddy kannte jede Menge Geschichten.«

Emma erstarrte. »Ich weiß, Schätzchen, aber …« Sie brach ab und kam sich mit einem Mal dumm und unzulänglich vor, so wie sie sich während ihrer Ehe mit Dylans Vater meistens gefühlt hatte.

»Aber was?«

Daddy war ein Lügner, wollte sie schreien, sagte jedoch stattdessen: »Wie wär’s, wenn ich dir morgen eine Geschichte erzähle? Vielleicht können wir sogar in den Buchladen gehen und ein Buch aussuchen …«

»Du sollst mir jetzt eine Geschichte erzählen«, beharrte Dylan.

Emma bemühte ihre Fantasie, aber ihr fiel nichts ein. Was war nur mit ihr los? Was für eine Mutter war sie, dass sie keine Geschichten kannte? »Okay, ich erzähle dir eine Geschichte, wenn du mir versprichst, dass du danach gleich einschläfst.«

Dylan nickte begeistert.

»Okay, nur eine«, sagte sie, um Zeit zu schinden. Sie musste sich doch an mindestens eine Geschichte aus ihrer Kindheit erinnern. Nur dass ihr nie jemand eine Gutenachtgeschichte erzählt hatte, wie ihr bewusst wurde.

»Mommy?« Dylan sah sie fragend an.

»Okay. Es war einmal ein kleiner Junge«, begann Emma.

»Wie heißt er?«

»Sein Name ist Richard.«

»Der Name gefällt mir nicht.«

»Nicht? Welchen Namen findest du denn schön?«

»Buddy.«

»Buddy?«

»Ja, in meiner Vorschulklasse heißt ein Junge Buddy, und der ist cool.«

»Cool?«

»Ja. Also, kann der Junge in der Geschichte Buddy heißen?«

Emma zuckte die Achseln, sah auf die Uhr und stellte fest, dass es Punkt halb acht war. »Also, meinetwegen Buddy.« Wo blieb Mrs. Discala? Sie war doch sonst immer so pünktlich.

»Mommy?«, drängte Dylan sie erneut.

»Was?«

»Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Buddy.«

»Genau. Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Buddy, der war fünf Jahre alt.«

»Wie sah er aus?«

»Buddy war gut einen Meter groß und hatte weiche braune Haare, die sehr gut zu seinen schönen blauen Augen passten.«

»Wie ich?«

»Ja, er sah genauso aus wie du.« Und was jetzt, fragte sie sich. Sie war in so etwas nie besonders gut gewesen, anders als Lily nie das Mädchen, das aufgefordert worden war, seinen Aufsatz vorzulesen. So funktionierte ihre Fantasie einfach nicht. Während sie problemlos über ihre eigenen Erlebnisse plaudern konnte — und da gab es weiß Gott reichlich Geschichten, die sie erzählen könnte —, waren Märchen und Kinderreime einfach nicht ihr Fach. »Und Buddy liebte Lakritzstangen«, fuhr sie mit einer Anleihe aus Lilys abgelehnter Geschichte munter fort. »Die langen, gewundenen roten, von denen seine Schwester ihm immer sagte, sie wären gar nicht aus Lakritz, sondern aus einer Art Plastik.«

»Aus Plastik?«

Mit einem schrecklichen roten Farbstoff, von dem er Krebs bekommen würde, wenn er groß war, zitierte Emma stumm weiter, ohne den Satz laut zu wiederholen. Dylan machte sich schon genug Sorgen. Warum hatte Lily nicht etwas Kinderfreundlicheres schreiben können?

»Buddy und seine Mutter lebten in einem kleinen Haus am Rande der Stadt.«

»Wo war Buddys Vater?«

»Buddy hatte keinen Vater«, sagte Emma kurz angebunden. Das Telefon klingelte. »Mach die Augen zu«, befahl Emma ihrem Sohn. »Ich bin sofort zurück.« Sie rannte in ihr Schlafzimmer und nahm den Telefonhörer beim dritten Klingeln ab. »Hallo?«

Es war Mrs. Discala, der es furchtbar Leid tat, dass sie heute Abend doch nicht zum Babysitten kommen konnte. Sie hatte sich am Nachmittag beim Pflanzen einiger neuer Rosensträucher in ihrem Garten den Rücken verrenkt und seitdem gelegen, weil sie dachte, dass es ihr bald besser gehen würde. Aber es ging ihr nicht besser, und sie hatte gerade mit ihrem Sohn, einem Rettungssanitäter, telefoniert, der ihr geraten hatte, ein paar Schmerztabletten zu nehmen, sich ein heißes Bad einlaufen zu lassen und anschließend ins Bett zu gehen. Es täte ihr wirklich Leid, Emma in letzter Minute abzusagen, aber sie könne sich beim besten Willen nicht vorstellen, auf ein kleines Kind aufzupassen, auch nicht auf ein so braves wie Dylan. Sie könnte einfach nicht, es täte ihr Leid, entschuldigte sie sich noch einmal.

»Das ist nicht schlimm«, sagte Emma, legte auf und brach in Tränen aus. »Verdammt!« Ihre Enttäuschung überraschte sie selbst. Sie hatte nicht geahnt, wie sie sich nach dem Austausch mit Erwachsenen gesehnt hatte, nachdem sie sich so lange dagegen abgeschottet hatte. Erst jetzt begriff sie, wie sehr sie sich auf den heutigen Abend gefreut hatte. Selbst wenn sie nur mit einem Haufen Frauen da gesessen und über ein Buch geredet hätte, das sie nie gelesen hatte.

Was hatte sie überhaupt geritten, Lily zu erzählen, Sturmhöhe wäre eines ihrer Lieblingsbücher? Einer ihrer Lieblingstitel vielleicht, denn viel weiter war sie in dem verdammten Buch nicht gekommen. Lesen hatte auf ihrer Prioritätenliste nie ganz oben gestanden. Wahrscheinlich lag das an der gehobenen Privatschule, auf der sie gewesen war — gehoben, verlogen, verbesserte sie sich —, wo die Schüler im Rahmen einer allgemeinen Bildungsoffensive ein Buch pro Woche lesen mussten. Aber wann hatte man in Wahrheit je etwas anderes gefördert als Egoismus und den Erhalt des Status quo? In der Bishop Lane School für Mädchen, auf der man sie widerwillig aufgenommen hatte, weil ihre Mutter zum Aufsichtspersonal gehörte, ging es weniger darum, wohin man wollte, als darum, woher man kam. Und da sie aus kleinen Verhältnissen kam, hatte man allgemein angenommen, dass aus ihr auch nichts Großes werden würde.

Deshalb war es wahrscheinlich besser, dass der heutige Abend so ausgegangen war, dachte sie. Sie hätte sich nur in Verlegenheit gebracht, etwas Dummes gesagt und sich selbst als Scharlatan und Hochstaplerin entlarvt. Die Frauen hätten sie gemieden wie ihre Klassenkameradinnen in Bishop Lane, wenn sie erst erfahren hätten, dass sie nur ein Sozialfall war. Die Hausmeistertochter, hatten sie sie nur genannt. Und es spielte keine Rolle, dass ihr Großvater mütterlicherseits einst so reich gewesen war wie jede von ihnen. Die Eltern der anderen Mädchen hatten letzten Endes ihr Erbe nicht verspielt, ihre Väter hatten sie nicht im Stich gelassen, als das Geld ausging, und ihre Mütter waren nicht gezwungen, zwei Jobs gleichzeitig zu machen, um die erdrückende Schuldenlast abzutragen, und einen dritten dazu, um die laufenden Kosten zu decken. War es da ein Wunder, dass ihre Mutter keine Zeit gehabt hatte, ihr vorzulesen, als sie klein war? War es ein Wunder, dass ihr Leben eine einzige Abwärtsspirale falscher Entscheidungen und noch üblerer Konsequenzen war?

Sie hatte fast dreißig Jahre lang gegen die Auffassung angekämpft, dass die Gene das Schicksal eines Menschen waren, hatte zahllose Hürden übersprungen, die ihr den Weg immer wieder aufs Neue verstellt hatten, entschlossen, ihrer vermeintlichen Bestimmung zu entrinnen. Aber welcher Straße sie auch folgte, sie gelangte letztendlich jedes Mal nur wieder zurück zum Ausgangspunkt. Vielleicht lagen die Städte Hunderte von Meilen voneinander entfernt, und die Straßen hatten andere Namen. Aber egal wie weit sie auch fuhr und wo sie sich schließlich niederließ, am Ende landete sie immer wieder in der Mad River Road.

Emma wischte sich die Tränen aus den Augen und atmete tief aus. Sie brauchte eine Zigarette. Ein Königreich für eine Zigarette, dachte sie und blickte sich im Zimmer um, sah den kleinen Fernseher in der Ecke und fragte sich, ob heute Abend etwas Vernünftiges lief. Sie sollte den Fernseher wahrscheinlich unten im Esszimmer aufstellen, damit Dylan besseren Zugang hatte, aber der Fernseher war für sie in Wahrheit genauso ein Schlafmittel wie das Radio für ihren Sohn.

Emma ging in Dylans Zimmer und wollte ihm als Ersatz für das Ende ihrer Geschichte eine halbe Stunde Fernsehen anbieten, aber er war zum Glück schon eingeschlafen.

»Danke, lieber Gott«, sagte sie leise, küsste die kühle Stirn ihres Sohnes und deckte ihn noch einmal gründlich zu. »Schlaf schön«, flüsterte sie auf der Türschwelle.

In der Küche zündete sie sich eine Zigarette an, ging nach draußen, beobachtete, wie ein alter Cadillac in eine Parklücke am Ende der Straße setzte und ein Frau mit roter Mähne und Leopardenmuster-Hose ausstieg und über die Straße hastete. Ganz offensichtlich eine Sturmhöhe-Liebhaberin, dachte Emma lächelnd. Wahrscheinlich sollte sie Lily anrufen und erklären, warum sie heute Abend nicht kommen konnte. Aber sie hatten keine Telefonnummern ausgetauscht, und Lily würde schon früh genug merken, dass sie nicht kam. Wenn sie sie das nächste Mal traf, würde sie sich entschuldigen.

Oder sie könnte jetzt rasch rüberlaufen und es erklären, dachte sie. Dylan schlief tief und fest, und sie würde das Haus nur für ein paar Minuten verlassen. In der Zeit konnte doch nichts passieren. Emma zog ein letztes Mal an ihrer Zigarette, trat die Kippe aus und hastete die Straße hinunter.

9

»Hier steht, dass Tifton der Geburtsort der Interstate 75 ist«, sagte Jamie begleitet von einer brüllenden Lachsalve am Nebentisch. Sie las aus einem Prospekt vor, den sie direkt am Eingang des Grillrestaurants eingesteckt hatte, in dem sie und Brad zu Abend aßen. Das Gelächter stammte von einer Gruppe junger Männer, die sich in der Nische hinter Brad um einen Tisch drängten.

»Du meinst, zusätzlich zu der Tatsache, dass es DIE LESEHAUPTSTADT DER WELT ist?«, fragte Brad, jede Silbe des stolzen Titels einzeln betonend. Das Ganze interessierte ihn offensichtlich nicht die Bohne.

Einer der Jungen auf der Bank hinter Brad stand auf, um die Aufmerksamkeit einer offensichtlich gestressten Kellnerin mittleren Alters zu erregen. »Hey, Pattie«, rief er. »Können wir hier noch ein paar Bier kriegen?«

»Setz dich, Troy«, erwiderte die Kellnerin, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Der junge, kaum zwanzigjährige Mann war sehr groß und ebenso dünn mit breiten knochigen Schultern und langen blauschwarzen Haaren, deren Strähnen in seine kleinen, eng zusammenstehenden dunklen Augen fielen. Boxershorts lugten aus seiner Jeans hervor, die so tief auf der Hüfte hing, dass Jamie fürchtete, er könnte sie ganz verlieren. Als er lässig wieder auf seinen Platz rutschte, fing er Jamies Blick auf und zwinkerte ihr zu.

Jamie wandte sich sofort wieder dem Prospekt zu. Sie war sich nicht sicher, meinte jedoch das Wort Schlampe gehört zu haben, das wie ein Penny gefallen und vor ihre Füße gerollt war. »Tifton hat 15 000 Einwohner, steht hier«, sagte sie lauter als beabsichtigt.

Brad demonstrierte sein Desinteresse an der Bevölkerung von Tifton, indem er ein Pommes frites in Ketchup tunkte und auf der Zungenspitze balancierte.

Jamie sah sich in dem kleinen Restaurant um, wobei sie die Jungen in der Nische hinter Brad sorgfältig mied und sich stattdessen auf die farblich nicht zueinander passenden Bodendielen, die dunkelgrünen Plastikbänke und die beigefarben glänzenden Kunststofftische konzentrierte. Unschuldige Gesichter mit großen, klaren Augen starrten von strategisch verteilten, samtschwarzen Leinwänden zurück. Auf einer großen Tafel an der gegenüberliegenden Wand waren die Tagesgerichte aufgelistet, für den heutigen Tag schwarze Bohnensuppe und eineinhalb Pfund Kalbsrippchen. Eine Klimaanlage gab es nicht, nur zwei große, in Höchstgeschwindigkeit rotierende Deckenventilatoren, die gegen die nach wie vor drückende Hitze ankämpften.

Aus den Augenwinken nahm Jamie eine Bewegung wahr, wandte den Kopf in die Richtung und sah den schlaksigen Jungen vom Nebentisch, der ihr mit seinen langen Fingern flirtend zuwinkte, einen Kussmund zog und vernehmlich schmatzte. Jamie überlegte, ob sie Brad darauf aufmerksam machen sollte, entschied jedoch, dass er schon gereizt genug war. Sie wollte ihn auf gar keinen Fall noch weiter aufregen.

Jamie wusste, dass Brad frustriert war, weil alle Reparaturwerkstätten bis zum nächsten Morgen geschlossen hatten, was bedeutete, dass sie in Tifton übernachten mussten. Zunächst hatte die Idee scheinbar noch übertriebene Vorfreude bei ihm ausgelöst, aber eine kurze Rundfahrt durch die Innenstadt, die aus insgesamt zwölf kurzen Straßenzügen bestand, hatte ihn davon überzeugt, dass Tifton die LESEHAUPTSTADT DER WELT war, weil hier, wie er ungeduldig erklärte, ABSOLUT NICHTS ANDERES los war. Jamie war da nachsichtiger. Sie liebte die großen, zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und 1930 erbauten Häuser, die zwischen den großen schattigen Bäumen lagen, die die Straßen säumten. Sie hoffte, dass sie am nächsten Morgen wenigstens einen Blick in eine der schönen historischen Kirchen oder sorgfältig restaurierten Gebäude werfen konnte. Hatten sie sich das nicht vorgenommen? Wollten sie nicht der Straße folgen, wohin sie sie auch führte? Nun, ein Reifen, der Luft verlor, hatte sie nach Tifton geführt. Warum nicht das Beste daraus machen? »Hier steht«, las Jamie, die andauernde Folge von Gesten am Nebentisch ignorierend, mit einer Stimme, die ihr sogar selbst spitz und schrill vorkam, weiter aus dem Prospekt vor, »dass Tifton der Geburtsort nicht nur der Interstate 75, sondern des gesamten Interstate-Netzes ist, weil es das erste staatenübergreifende Bauprojekt war, das von der Bundesregierung gebilligt und gefördert wurde. Das geschah, weil …« Jamie beobachtete, wie sich die beiden Begleiter des jungen Mannes am Nebentisch umdrehten, um einen besseren Blick auf die Person zu bekommen, der die Aufmerksamkeiten ihres Kumpels galten. Der eine hatte seine strähnigen, blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Der andere hatte einen kahl rasierten Schädel, und als er sie aus dem Mundwinkel angrinste, bleckte er die Zähne wie ein knurrender Hund.

Ohne etwas von den Aktivitäten hinter sich mitzubekommen, schob Brad seinen Teller in die Mitte des Tisches und beugte sich auf beide Ellenbogen gestützt vor. »Weil?«

»Weil die braven Bewohner von Tifton den ständig anschwellenden Verkehrsstrom von Wintertouristen offenbar eindämmen wollten«, las Jamie weiter und beschloss, ihre drei zweifelhaften Verehrer gar nicht zu beachten. Irgendwann würden sie schon das Interesse verlieren. »Also beschlossen sie, eine Umgehungsstraße zu bauen, die sie offenbar jahrelang planten und diskutierten, bis schließlich der Startschuss fiel, die Aufträge vergeben wurden und so weiter, und Bingo! — hätte man es gedacht? —, einen Monat später unterschrieb Präsident Eisenhower ein Gesetz, das offiziell das gesamte Interstate-Netz auf den Weg brachte.«

Brad schüttelte in gespieltem Erstaunen den Kopf und verdrehte, als die Kellnerin mit einem Tablett voll Bier aus der Küche kam, die Augen zur Decke.

»Und weil Tifton schon die ganze Vorarbeit geleistet hatte, beschloss man, hier anzufangen«, las Jamie. »Aber hör dir das an — damals durfte man gemäß den Planungsvorschriften der Bundesregierung nur alle acht Meilen eine Abfahrt bauen, während allein in Tifton bereits acht Abfahrten geplant waren. Deshalb hat Tifton auch mehr Interstate-Abfahrten als jede andere Gemeinde.« Sie lächelte Brad in der Hoffnung an, ihm im Gegenzug jenes strahlende Lächeln zu entlocken, das ihr versicherte, dass er sie, auch wenn es ihm schnurzegal war, was sie sagte, immer noch verdammt süß fand, weil sie es sagte. Doch er starrte aus dem langen Seitenfenster und hatte sich offenbar irgendwann in der letzten Minute mental für eine der vielen Abfahrten Tiftons entschieden. Auch die Jungen am Nachbartisch hatten das Interesse an ihr verloren und amüsierten sich jetzt damit, die Kellnerin zu schikanieren. »Tifton ist außerdem der Sitz von Prestolite Wire«, fuhr Jamie unsinnigerweise fort, als hoffte sie, Brads Aufmerksamkeit durch schiere Willenskraft wieder auf sich zu lenken, »Hersteller von Zündungssystemen für unter anderem Ford, Chrysler, Nissan und Honda. Brad?«

»Hm …«

»Tifton ist …«

»Was soll das, Jamie?«, fuhr er sie an.

»Was meinst du?«

»Soll ich mich wirklich einen Scheiß für irgendein Drecksnest interessieren, in dem wir über Nacht gestrandet sind?«

Jamie lehnte sich zurück, spürte, wie ihr T-Shirt an dem grünen Plastikpolster klebte, und wusste nicht, wie oder ob sie überhaupt reagieren sollte. Am Nebentisch hatte man Brad offenbar auch gehört, denn sie beobachtete, wie die Jungen erstarrten und vorsichtig den Kopf in ihre Richtung wendeten. Der Junge mit dem kahl geschorenen Kopf legte seinen heftig tätowierten Unterarm auf die Rückenlehne der Bank und kratzte sich am Ohr. Im Profil erkannte sie seine flache Stirn und die Hakennase. »So übel ist es auch nicht«, widersprach Jamie und fragte sich, ob sie Tifton oder sich selber verteidigte.

»So übel ist es auch nicht«, äffte Brad sie nach. »Was bist du, ein Tanzmariechen für die hiesige Handelskammer?«

Jamie schossen Tränen in die Augen, und sie senkte den Kopf, damit es niemand sah.

»Tut mir Leid«, entschuldigte Brad sich sofort. »Jamie?«

Jamie starrte weiter auf ihren Teller und konzentrierte sich ganz darauf, das Zittern ihrer Unterlippe zu unterbinden.

»Jamie?« Brad streckte die Hand über den Tisch aus und legte seine von den eineinhalb Pfund Rippchen noch klebrigen Finger um ihre. »Hast du mich gehört? Ich habe gesagt, es tut mir Leid.«

Jamie hob langsam den Blick und sah ihn an. »Ich verstehe bloß nicht, warum du so wütend bist«, flüsterte sie in dem Bemühen, das Gespräch privat zu halten. »Wir haben schließlich keinen engen Terminplan.«

»Ich weiß.«

»Ich dachte, es sollte Teil des Vergnügens sein, kleine abgelegene Orte wie diesen zu entdecken.«

»Tifton ist ja wohl kaum abgelegen«, meinte Brad mit einem spitzbübischen Lächeln, das sich von seinen Lippen bis zu den Augen erstreckte. »Bei acht Autobahnausfahrten.«

Jamie musste unwillkürlich lächeln.

Brad beugte sich über den Kunststofftisch und wischte eine verlorene Träne von Jamies Wange. Sie roch die scharfe Barbecuesauce an seinen Fingern und unterdrückte den Impuls, sie abzulecken. »Es tut mir wirklich Leid, Jamie.

Wahrscheinlich hab ich es bloß eilig, meinen Sohn wiederzusehen.«