/ Language: Deutsch / Genre:adventure / Series: Amerika

Ein Grab in Oregon

J. Kastner

Das Jahr des Herrn 1863 ist eine düstere, hoffnungslose Zeit in Deutschland. Das einfache Volk ist verarmt. Wer Arbeit hat, schuftet für Groschen. Menschen sterben an Hunger und Epidemien. In dieser Zeit ist »Amerika« ein Wort der Hoffnung und Sehnsucht - ein Land, wo jeder sein Glück machen und zu Wohlstand kommen kann. Ein magisches Wort auch für den jungen Handwerksgesellen Jacob Adler, der zu Unrecht des Mordversuchs beschuldigt wird und aus Deutschland fliehen muss. Doch sein Leben in Amerika wird härter und gefahrvoller sein, als er es sich in seinen ärgsten Träumen vorzustellen vermag. Ein Abenteuer wartet auf Jacob Adler, wie es kaum ein zweiter je erlebt hat...

Ein kalter Wind, der von den Bergen kam und nach dem Schnee des nahen Winters roch, strich über den kleinen Friedhof, der auf einem Hügel am Ostrand des Städtchens Hoodsville lag. Er rupfte das letzte Laub von den Bäumen und wirbelte es so fröhlich herum, daß es angesichts dieses Ortes fast ungehörig wirkte.

Der einzige Besucher zu dieser frühen Morgenstunde stand vor einem einsamen Grab, weit abseits der anderen Begräbnisstätten, und war so in Gedanken versunken, daß er die eisige Schärfe, die in sein Gesicht biß, nicht bemerkte. Es war ein trostloses Grab, das nur aus einer Erdaufschüttung und einem schlichten, aus Brettern zusammengenagelten Holzkreuz bestand. Man merkte, daß es den Leuten nur darum gegangen war, den Toten und die Erinnerung an ihn möglichst rasch zu begraben. Der hagere, ganz in Schwarz gekleidete Mann schwor sich, daß ihnen das noch leid tun sollte. Sie würden noch bereuen, den Mann, der hier begraben lag, umgebracht zu haben.

*

»Vorwärts jetzt, schiebt!« rief Jacob Adler und zog gleichzeitig an den beiden Seilen, die um den schweren Baumstamm gebunden waren.

Unter ihm schoben Noah Koontz, Sam Kelley und dessen Schwager Jackson Harris den letzten der behauenen und zurechtgeschnittenen Stämme auf die beiden Balken.

Über ihnen standen Jacob, sein Freund Martin Bauer und der junge Halbindianer Billy Calhoun auf den Querbalken des neuen Blockhauses, das mit Ausnahme des Daches so gut wie fertig war. Nur dieser letzte Baumstamm mußte noch in die Wand eingefügt werden. Die beiden Deutschen und das Halbblut zogen mit gleichmäßigen Bewegungen an den Seilen und holten den Baumstamm über die vom Boden schräg nach oben führenden Gleitbalken hoch.

Als der Baumstamm oben war, bereitete es Jacob, Martin und Billy nur wenig Mühe, ihn in die Wand einzufügen. Jacob hatte das Zimmermannshandwerk bei seinem Vater und später, auf seiner dreijährigen Wanderschaft durch Preußen, bei vielen anderen Meistern gelernt und beherrschte es gut. Er hatte auf einen genauen Zuschnitt der Kerben in den Stämmen geachtet, damit sie sich fest ineinanderfügten und auch ohne Nägel zusammenhielten. Nägel waren Mangelware in diesem Teil Oregons und wurden nur eingesetzt, wo es unbedingt nötig war.

Jubel brandete unten auf, als auch dieser letzte Stamm eingefügt war. Die Auswanderer, die zum Bau der Hütte aus dem ganzen Tal zusammengekommen waren, warfen ihre Hüte und Mützen in die Luft und klopften Noah Koontz auf die Schultern.

Stolz blickte der dunkelhäutige Farmer, dessen Heim dieses Haus werden sollte, auf die festen Wände, die Wind und Regen, Hagel und Schnee von seiner Familie fernhalten sollten. Noch wohnten er, seine Frau und die fünf Kinder in dem durch ein angebautes Zelt erweiterten Planwagen, in dem sie die 2000 Meilen weite Reise auf dem Oregon Trail bewältigt hatten. In den vielen Monaten war der Prärieschoner für sie so etwas wie ein Heim geworden. Aber nun, wo der Winter nicht mehr fern war, freuten sie sich doch auf ihr Haus.

Auch Jacob spürte das Herannahen des Winters, als er oben auf den Baumstämmen kniete und sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß aus der Stirn wischte. Der Tag war für ihn mit harter Arbeit angefüllt gewesen, und er schwitzte. Doch zugleich fror er, als er den immer wieder auffrischenden Eiswind spürte, der von den Bergen kam. Jacob roch förmlich den Schnee, der bald auf Abners Hope, wie die Auswanderer ihre Siedlung genannt hatten, fallen würde.

Der junge Deutsche war sich sicher, daß er sich nicht täuschte. Er hatte eine Nase dafür. Wie damals, als er den überraschenden Wintereinbruch in den Rocky Mountains schon vorher gespürt hatte.

Zum Glück war der Schnee, der im Felsengebirge fiel, nach ein paar Tagen wieder geschmolzen, so daß der Treck, der sich in das von einem geheimnisvollen Indianervolk bewohnte Tal der heißen Wasser geflüchtet hatte, seine Reise fortsetzen konnte. Den Winter im Nacken und den Hungertod vor Augen, den ein Einschneien in den Bergen zur Folge haben würde, holten die Auswanderer das Letzte aus sich und ihren Zugtieren heraus. Und sie schafften es, die Rockies hinter sich zu bringen, ehe der Winter sich endgültig zwischen den schroffen Gebirgen niederließ.

Inzwischen mußte überall dort oben Schnee liegen. Und bald würde er auch in dem fruchtbaren Tal fallen, in dem die Auswanderer ihre neue Heimat, ihr Gelobtes Land, wie es Abner Zachary genannt hatte, gefunden hatten.

Zu Ehren des alten Predigers und Treck-Captains, der am Rand des Oregon Trails in den Bergen begraben lag, hatten die Siedler ihre Niederlassung Abners Hope getauft - Abners Hoffnung. Seine Hoffnung war es gewesen, in Oregon eine Stadt zu gründen, in der Menschen jeder Hautfarbe und jeder Religion im friedlichen Einvernehmen und in Freiheit zusammenlebten. Der alte Zachary und die Menschen, die ihn auf der langen, gefahrvollen Reise begleiteten, hatten genug von der in vielen Staaten Nordamerikas erlaubten Sklaverei.

Zwar tobte derzeit ein blutiger Krieg zwischen den Nord-und Südstaaten, in dem auch um die Aufhebung der Sklaverei gefochten wurde. Aber dieses Ziel lag noch in weiter Ferne. Noch war selbst in einigen Staaten des Nordens die Sklaverei erlaubt. Und Präsident Abraham Lincolns Proklamation zur Sklavenbefreiung betraf nur die feindlichen Südstaaten. Lincoln hatte so handeln müssen, um die Verbündeten nicht zu verprellen.

Jacob hoffte, daß sich der Traum des Predigers - der Traum dieser Menschen hier - erfüllte. Er hatte alles in seiner Macht Stehende getan, um dazu beizutragen. Nach Zacharys Tod hatte Jacob als neuer Captain den Treck geführt.

Hart hatte ihn der Verlust der sieben Wagen getroffen, die im Geistercanyon unter einer Steinlawine begraben lagen. Und mit ihnen sieben Auswandererfamilien. Sie hatten nicht länger unter Jacobs Führung auf dem Oregon Trail fahren wollen, sondern hatten sich vom übrigen Treck getrennt, um den California Trail zu nehmen. Die Berichte von großen Goldfunden in Kalifornien hatten ihnen den Kopf verdreht -und sie ins Verderben geführt.

Aber die anderen Auswanderer, die ihr Leben Jacob anvertrauten, hatte er durchgebracht, ohne auch nur einen Wagen und - was weit wichtiger war - ein Menschenleben zu verlieren. Dreißig Wagen waren vor knapp einem halben Jahr von Kansas City nach Oregon aufgebrochen. Zweiundzwanzig hatten das Ziel erreicht.

Jacob hatte auch das andere Versprechen gehalten, das er Abner Zachary gegeben hatte. Der Zimmermann hatte den Siedlern beim Bau ihrer Häuser tatkräftig zur Seite gestanden. Und es hatte ihm Spaß gemacht, nach vielen Monaten endlich wieder seinen Beruf auszuüben.

Gleichzeitig hatte es ihn schmerzlich daran erinnert, daß sein eigentliches Ziel noch weit entfernt lag. Er wollte nach Texas, um seinen Vater zu suchen, den Zimmermannsmeister Heinrich Adler. Vater und Geschwister lebten vermutlich auf der Plantage von Jacobs Onkel Nathan Berger. Und selbst diese Aufgabe konnte er erst in Angriff nehmen, wenn er Carl Dilger gefunden hatte.

Sein Blick wanderte nach unten, wo die Frauen unter einem großen Zeltdach das Festmahl zubereiteten, das es zur Feier der Hauserrichtung geben sollte. Irene Sommer rührte in einem großen dampfenden Kessel herum und behielt dabei ihren kleinen Sohn Jamie im Auge, der friedlich in einem mit warmen, weichen Decken ausgeschlagenen Korb schlief.

Jacob empfand für die beiden fast wie für seine eigene Frau und sein eigenes Kind. Aber er beherrschte seine Gefühle. Es durfte nicht sein. Carl Dilger war Jamies Vater und der Mann, den Irene heiraten wollte. Sie war nach Amerika ausgewandert, um zu ihm zu gelangen. Und Jacob wollte sicherstellen, daß dies gelang.

Auch wenn es ihn schmerzte.

Er tat es für Irene und das Kind.

Allerdings fragte er sich immer wieder, wie sie Dilger finden sollten. Unterwegs hatten sie stets ein klares Ziel vor Augen gehabt: Oregon. Aber jetzt, wo sie das fruchtbare Land am Pazifik erreicht hatten, schien ihm die Aufgabe, Dilger zu finden, auf einmal übergroß.

Sie wußten aus dem Brief, den Dilger in New York für Irene deponiert hatte, nur, daß er nach Oregon wollte. Aber was nutzte das? Das weite Amerika war ganz anders als das kleine enge Europa. Jacob und Irene konnten ihr ganzes Leben lang durch Oregon streifen, ohne den Gesuchten zu finden, der sich vielleicht im nächsten Tal aufhielt.

Auch Irene schien das immer stärker zu erkennen, und Jacob begann sich Sorgen um sie zu machen. Wann immer ein Fremder nach Abners Hope kam, bestürmte ihn Irene sofort mit der Frage nach Dilger. Aber bislang hatte sie niemanden getroffen, der auch nur von ihm gehört hatte. Jedesmal verwand sie die enttäuschende Auskunft schwerer. Vor wenigen Tagen erst, als ein fahrender Händler mit seinem Wagen durch das Tal gekommen war, hatte die junge Frau fast einen Zusammenbruch erlitten, als auch der weitgereiste Mann nichts von Dilger wußte. Er hatte, bevor er weiter nach Norden gefahren war, Irene versprochen, sich wegen Dilger umzuhören.

Auch Jacob hatte Irene ein Versprechen gegeben, um sie ein wenig aufzurichten. Er wollte selbst losziehen und versuchen, etwas über Dilger in Erfahrung zu bringen. Er wußte allerdings noch nicht, wie er das machen und wo er damit beginnen sollte.

Bald würde er es wissen müssen. Noah Koontz' Haus war das letzte, das es nach vielen Wochen harter Arbeit zu errichten galt. Die Siedler hatten bis zum Umfallen geschuftet, Land gerodet, Baumstämme gefällt und zugeschnitten. Als alles soweit war, wurde seit drei Wochen nichts anderes getan, als jeden Tag ein Haus zu bauen. In großer Zahl fanden sich die Menschen zu dieser Aufgabe zusammen.

Heute waren fast alle gekommen, um den Bau des letzten Blockhauses und damit die Fertigstellung ihrer über das ganze Tal verstreuten Siedlung bei einem Festmahl zu feiern. Natürlich war vieles an den eilends erstellten Blockhäusern noch ausbaubedürftig. Aber die Häuser würden ausreichen, um ihre Bewohner über den ersten Winter zu bringen. Oregon hatte ein verhältnismäßig mildes Klima, so daß die Siedler darauf hoffen durften, nicht völlig einzuschneien, wie es ihnen fast in den Rocky Mountains widerfahren wäre, hätte sie der Indianerhäuptling Mondauge nicht ins Tal der heißen Wasser geführt.

Die vier Wände von Noah Koontz' Haus standen gegen Mittag. Nun machte sich Jacob nach einer kleinen Rast daran, mit tatkräftiger Hilfe das Dach aus Holzsparren zu errichten, die auf unbehauene Stämme gesetzt wurden. Ein anderer Teil der Männer baute derweil den Kamin und zog den Schornstein hoch. Beides wurde aus Reisig errichtet und innen wie außen mit einer dicken Lehmschicht verschmiert.

Zwei Stunden vor Sonnenuntergang war das Haus fertig. Manch einer aus dem Osten der Vereinigten Staaten hätte vielleicht die Nase gerümpft über die aus groben Holzstämmen errichtete Behausung, die noch nicht einmal richtige Fenster hatte, weil es in Abners Hope keine Glasscheiben gab. Aber einfache, nachts und bei schlechtem Wetter verschließbare Luken taten es auch und sorgten zudem im Sommer für frische Luft. Im nächsten Winter würde Noah Koontz vielleicht schon Scheiben eingesetzt haben, sobald der Farmer mit seiner Ernte genug verdient hatte, um sich diesen Luxus leisten zu können. Von den Männern und Frauen aus Abners Hope rümpfte niemand die Nase, denn niemand besaß eine bessere Unterkunft. Ganz im Gegenteil, jeder war stolz auf sein mit eigener Hände Arbeit geschaffenes Blockhaus.

Als Jacob vom Dach kletterte, wurde er von einem dichten Menschenknäuel empfangen und in die Luft gehoben. Die Männer ließen den Zimmermann, der in den vergangenen drei Wochen so hart gearbeitet hatte wie kein anderer von ihnen, hochleben und trugen ihn dann auf ihren Schultern zu dem großen Zelt, wo er die riesige Obsttorte anschneiden sollte, die Mrs. Koontz und ihre Töchter aus eingemachten Früchten gebacken hatten. Die leckere Süßspeise fand reißenden Absatz. Dutzende von Händen streckten sich Jacob entgegen, sobald er ein neues Stück abgeschnitten hatte.

Als schon drei Viertel der Torte weg waren und Jacob sich mit einem besonders großen Stück umdrehte, sah er zu seiner Überraschung nur die Rücken der Leute. Niemand schien an dem Stück Torte interessiert zu sein. Dann erblickte er auch den Grund: fünf Fremde, die langsam auf Blockhaus und Zelt zugeritten kamen.

Es waren rauhe, bärtige, abgerissene Gestalten, denen man auf den ersten Blick ansah, daß sie lange Zeit in der Wildnis zugebracht hatten. Wo ihre Gesichter nicht von wild wucherndem Bartgestrüpp verdeckt waren, war die Haut von der Sonne tief gebräunt.

Sie waren Mountain Men. Männer, die in den Rockies auf Pelzjagd gingen. Jacob erkannte das an ihrer Kleidung, bei der Felle und Wildleder überwogen. Und an der Last ihrer Packtiere: frische Felle und Fallen.

Die Neuankömmlinge hielten ihre Pferde und Maultiere vor der Masse der Siedler an und grüßten.

»Ich habe schon gehört, daß hier eine Siedlung entstanden ist«, sagte laut ein wahrer Bär von einem Mann. »Aber ich wußte nicht, daß es so viele Leute sind. Da werden wir unsere Felle vielleicht alle los.«

Er war weit mehr als sechs Fuß groß und fast ebenso breit. Vielleicht wirkte er auch nur wegen seiner dicken Bärenfelljacke und dem voluminösen schwarzen Vollbart so wuchtig, überlegte Jacob. Jedenfalls hatte der große Braune, den er ritt, ganz schön an ihm zu tragen.

»Mit Ihren Fellen werden Sie bei uns nicht viel Glück haben, Mister«, erwiderte Sam Kelley. »Bis wir die erste Ernte eingefahren haben, sind die Dollars bei uns knapp.«

Der große Jäger sah enttäuscht aus.

»Schade. Bei meinen Freunden und mir sind die Dollars nämlich auch knapp. Die Jagd war hart und wenig ergiebig in diesem Jahr.« Er drehte sich um und zeigte auf die Packtiere. »Schließlich hatten wir doch noch einigen Erfolg. Wir hatten gehofft, bei euch etwas von unserer Ware loszuwerden.«

»Vielleicht möchten Sie trotzdem unsere Gäste sein«, bot Noah Koontz an. »Auch wenn wir nicht viel Geld haben, Essen und Trinken sind reichlich vorhanden.«

Das Gesicht des Bärtigen hellte sich auf. »Das ist ein Wort, Mister. Und ein Angebot, das wir nicht ablehnen können.«

Die fünf Fremden stiegen aus den Sätteln und waren bald von Siedlern umringt. Fremde bedeuteten Neuigkeiten und wurden deshalb mit Fragen bestürmt.

Irene bewegte sich, Jamie auf dem Arm, zielstrebig auf den großen Bärtigen zu, und Jacob folgte ihr. Er wußte, was sie den Jäger fragen würde.

»Darf ich Sie einen Augenblick stören, Mister?« erkundigte sich Irene und stellte sich vor.

Der Bärtige, der gerade das letzte Stück von Mrs. Koontz' Obsttorte mit großen Bissen verschlang, musterte die Frau mit sichtlichem Wohlgefallen und sagte: »Freut mich, Mrs. Sommer. Ich heiße Joe Haslip, aber sagen Sie ruhig Black Joe zu mir. Das tun alle.« Dabei strich er mit der linken Hand über seinen mächtigen schwarzen Bart und ließ keinen Zweifel daran, woher sein Spitzname stammte. »Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Miß Sommer«, korrigierte Irene, »nicht Mistress.«

»Oh, Verzeihung, das wußte ich nicht«, meinte Black Joe, doch die Neuigkeit schien ihn nicht zu betrüben, ganz im Gegenteil. Jetzt musterte er Irene noch intensiver.

»Ich suche meinen... meinen Verlobten«, fuhr Irene fort. »Vielleicht haben Sie ihn getroffen oder von ihm gehört? Er heißt Carl Dilger.«

Mehrmals fuhr Haslip überlegend durch sein Bartgestrüpp und brummte schließlich: »Dilger, der Name sagt mir überhaupt nichts. Was macht er denn? Wo soll er sich aufhalten?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Irene unsicher und sah verschämt zu Boden. »Ich weiß nur, daß er nach Oregon wollte.«

Black Joe stemmte die Hände in die Hüften, was ihn noch massiger wirken ließ, und lachte lauthals los.

»Was denken Sie denn, wie groß Oregon ist, Miß? Wenn Sie nichts Genaueres wissen, werden Sie Ihren Verlobten niemals finden. Er kann in den Wallowa Mountains sein, in den Blue Mountains, in der Cascade Range oder den Coast Ranges. Vielleicht ist er am Columbia River, am Klamath Lake, am Summer Lake, am Lake Albert oder am Malheur Lake. Oder irgendwo in den weiten Landstrichen dazwischen.« Er breitete die langen Arme aus. »Überall in diesem großen Land!«

Damit ließ er Irene stehen und wandte sich wieder der reichlich gedeckten Tafel zu.

Jacob trat vor Irene und legte sanft eine Hand auf ihre Schulter.

»Mach dir nichts aus seinen Worten. Wir sind so weit gekommen. Jetzt werden wir Carl auch finden!«

Als ihn Irene ansah, bemerkte Jacob das feuchte Glitzern in ihren grünblauen Augen. Sie bemühte sich, ihre Enttäuschung zu verbergen, und zwang ein Lächeln auf ihr ebenmäßiges, schönes Gesicht, das, umrahmt von in der Sonne golden schimmernden Locken, Jacob immer wieder aufs neue in seinen Bann schlug.

»Sicher, Jacob«, seufzte sie und lächelte tapfer. »Wir werden ihn schon finden.«

Aus ihrer Stimme sprachen Müdigkeit und Enttäuschung, die in einem krassen Gegensatz zu ihren Worten standen. Jacob hatte den Eindruck, das Lächeln würde aus ihrem Gesicht verschwinden und Irene würde in Tränen ausbrechen, sobald sie sich von ihm abwandte.

Er konnte nicht anders, als den Griff um ihre Schulter zu verstärken, sie dichter zu sich zu ziehen und zu sagen: »Wir werden Carl finden, Irene. Das verspreche ich dir!«

Jacob war ein Mann, der stets sein Wort hielt. Er fragte sich jedoch ernsthaft, ob das in diesem Fall auch so sein würde.

*

Nachdem der Hunger, den die Siedler nach ihrer schweren Arbeit zu Recht verspürt hatten, gestillt war, packten ein paar der Männer ihre Musikinstrumente aus und spielten zum Tanz auf. Den verschiedenen Nationalitäten der Menschen entsprechend wurden auch die verschiedensten Tänze aufgeführt: der Cotillon, die Polka, der Walzer, und natürlich immer wieder der in Amerika so beliebte Square Dance. Auch die Mountain Men mischten sich unter die Tänzer und gaben sich ganz unbefangen. Wer einen Tanz nicht beherrschte, wackelte einfach ordentlich hin und her. Die Hauptsache war, man hatte Spaß.

Urilla Anderson hatte ausgiebig mit Martin getanzt. Aber plötzlich, die Sonne versank allmählich hinter den westlichen Bergen der Cascade Range, hatten es die beiden Verliebten eilig, der herumwirbelnden Tänzerschar, zu entfliehen.

Jacob stand bei Irene, die ihren Jamie auf dem Arm trug und deshalb nicht tanzen konnte. Ihm fiel sofort auf, daß etwas nicht in Ordnung war. Urilla konnte kaum gehen und mußte von Martin gestützt werden.

»Mit Urilla stimmt etwas nicht«, sagte Jacob. »Ich schau mal nach, was los ist.«

Er fand Urilla und Martin ein ganzes Stück entfernt bei den Planwagen, mit denen ein Teil der Siedler zur Koontz-Farm gekommen war. Die junge Frau saß mit kreidebleichem Gesicht auf der Deichsel eines Prärieschoners, und Jacobs stämmiger Freund fächelte ihr in etwas hilflos aussehender Manier Luft mit der bloßen Hand zu.

»Was ist passiert?« erkundigte sich Jacob. »Ist dir mein tapsiger Freund etwa beim Tanzen auf die Füße getreten, Urilla?«

»Nein«, antwortete die wohlgerundete Schönheit mit der feuerroten Haarpracht, ähnlich wie zuvor Irene tapfer lächelnd. »Es ist nur ein kleiner Schwächeanfall.«

»Es kam ganz plötzlich«, fügte Martin hinzu, ohne den besorgten Blick von der Frau zu nehmen, die er heiraten wollte. »Eben haben wir noch fröhlich getanzt, und auf einmal fiel Urilla in meine Arme. Ich habe keine Ahnung, was es ist.«

»Aber ich«, sagte die Frau zur Verwunderung der beiden Männer und zog ihre neugierigen Blicke auf sich. »Es ist das Kleine.«

»Häh?« machte Martin verständnislos, während Jacob, der schneller begriffen hatte, zu grinsen begann. »Etwas Kleines? Wovon sprichst du, Urilla?«

Urilla hob den Kopf und blickte in Martins blaue Augen. »Von unserem Kind.«

Jetzt erbleichte auch Martin und hielt sich am Fahrerkasten des Prärieschoners fest. Er bewegte in der Aufregung die Lippen, ohne daß ein Laut über sie kam.

»Unser Kind?« wiederholte er endlich ganz langsam, jede Silbe betonend. Die starr auf Urilla gerichteten Augen fielen ihm fast aus dem Gesicht. »Du meinst, wir bekommen ein Kind? Wir beide?«

Urilla nickte.

»Einer allein hat das bis jetzt auch noch nicht fertiggebracht«, sagte Jacob lachend und schlug seinem Freund kräftig auf die Schulter. »Gratuliere, Martin. Das hätte ich dir gar nicht zugetraut.« Er sah Urilla an. »Andererseits, bei so einer hübschen Frau mußte es ja gelingen. Auch für dich meine Glückwünsche, Urilla. Seit wann weißt du es schon?«

»Noch nicht lange.«

»Noch nicht lange?« echote Martin. »Was heißt das? Weshalb hast du es mir nicht sofort gesagt?«

»Ich wollte auf die richtige Gelegenheit warten.« Sie schluckte. »Und jetzt hast du es so erfahren.«

»Besser so als überhaupt nicht«, brummte Martin und spielte den Gekränkten, vergaß dabei aber nicht, Urilla weiterhin Luft zuzufächeln.

»Du wirst es schon früh genug merken, Martin«, meinte Jacob. »Wenn dich der Kleine mitten in der Nacht aus dem Schlaf kräht.«

»Oder die Kleine!« meinte Urilla ein wenig schnippisch.

»Ja, genau«, entfuhr es Martin. »Was ist es denn, ein Junge oder ein Mädchen?«

Jetzt war es an Urilla, laut zu lachen. »Wenn ich das voraussagen könnte, würde ich auf dem Jahrmarkt auftreten und mit dieser Kunst viel Geld verdienen.«

»Brauchst du etwas, Urilla?« fragte Martin, auf einmal, nachdem er die erste Überraschung verwunden hatte, wieder sehr besorgt klingend. »Etwas zu trinken? Oder möchtest du lieber etwas essen? Willst du dich ein wenig hinlegen? Oder soll ich die Ochsen anspannen und dich nach Hause fahren?«

Urilla lächelte, von Martins aufgeregter Fürsorglichkeit amüsiert und zugleich erfreut darüber.

»Ich möchte einfach nur ein wenig hier sitzen und frische Luft schnappen. Geh schon mit Jacob zurück zu den anderen, Martin, und stoßt auf unser Kleines an. Ich komme gleich nach.«

Martin sah sie zweifelnd an. »Bist du ganz sicher, daß wir dich in deinem Zustand allein lassen können, Urilla?«

Urilla nickte. »Ganz sicher, Martin. Es waren schon andere Frauen schwanger, ohne daß ständig jemand um sie herum gewesen ist.«

Nur widerstrebend ließ Martin seine Braut allein und kehrte mit Jacob zum lauten Trubel der feiernden Siedler zurück. Jacob fiel die bekümmerte Miene seines Freundes auf.

»Du scheinst dich aber gar nicht über die Nachricht zu freuen, Martin.«

»Doch, ich freue mich schon. Es kommt nur so schnell.«

»Das liegt doch wohl auch an dir. Urilla allein ist nicht für ihren Zustand verantwortlich.«

Martin schüttelte sein rotblondes Haupt mit dem runden, offenem Sommersprossengesicht.

»Nein, Jacob, du verstehst mich falsch. Ich freue mich wirklich sehr, Vater zu werden. Ich wäre nur gern mit Urilla verheiratet, wenn unser Kind zur Welt kommt.«

»Wir haben gerade unsere Häuser gebaut. Du kannst nicht erwarten, daß sich schon ein Pfarrer hier niederläßt und seine Kirche errichtet. Noch nicht einmal die Leute drüben in Hoodsville haben eine Kirche oder einen Pfarrer, und die siedeln schon seit mehr als zehn Jahren hier. Früher oder später fahrt ihr nach Oregon City oder zu einer Missionsstation, und dann wird geheiratet. Wenn Abner Zachary noch lebte, hätten wir einen Prediger hier. Vielleicht kommt ja mal ein Wanderprediger nach Abners Hope.«

Als Jacob das sagte, ahnte er nicht, wie schnell die letzten Worte in Erfüllung gehen sollte. Hätte er es gewußt und auch, was damit zusammenhing, hätte er es nicht herbeigewünscht.

*

Urilla saß auf der Wagendeichsel und genoß die kühle, wohltuende Abendbrise. Der Wind spielte mit ihren Locken, die ein leichtes Kitzeln auf ihrer Haut hervorriefen. So wie Martin, wenn seine Hände mit einer Sanftheit, die man dem kräftigen Mann auf den ersten Blick nicht zutraute, über Urillas Haut strichen.

Sie konnte ihr Glück kaum fassen: einen Mann wie Martin Bauer und jetzt noch das Kind. Dabei hatte sie befürchtet, keine Kinder mehr bekommen zu können, nachdem sie das Ungeborene hatte wegmachen lassen. Es war zwar ihr Kind gewesen, aber auch das Kind ihrer Vergewaltiger, die zugleich die Mörder von Urillas Mutter und Urillas beiden Schwestern waren.

Etwas trübte Urillas Glück ein wenig. Es war der Gedanke, daß niemand von ihrer Familie mehr lebte. Ihre Geschwister würden nie ihren Neffen kennenlernen, ihre Eltern nie ihren Enkel. Fast hätte sie wieder einen Vater gehabt, aber Daniel Anderson war gestorben, kurz nachdem sie den seit fünf Jahren Verschollenen wiedergefunden hatte. Sein Grab war ein Steinhaufen in den Rocky Mountains.

Ein Geräusch riß Urilla aus ihren Gedanken: Schritte, die langsam näherkamen. Sie blickte auf, konnte aber niemanden sehen. Die Planwagen versperrten ihr die Sicht. Wahrscheinlich war es Martin, der es vor Aufregung und Sorge um sie nicht länger beim Fest ausgehalten hatte.

Doch es war nicht Martin. Das breite, junge und doch schon wettergegerbte Gesicht, dem sie sich plötzlich gegenübersah, hatte nichts mit Martins sympathischen, ehrlichen Zügen gemein. Die schmalen, heftig zwinkernden Augen über den unrasierten Wangen sahen Urilla in einer Art an, die sie nur zu gut kannte und die sie nie mehr zu spüren gehofft hatte. Sie drückten ein fast animalisches Begehren aus, das nichts mit der aufrichtigen Liebe zu tun hatte, die Urilla und Martin füreinander empfanden.

Der jüngste der fünf Mountain Men trat langsam näher, die aufgeworfenen Lippen halb geöffnet. Sein Blick war so starr auf Urilla fixiert, daß es ihr Angst einflößte. Sie wußte genau, was er vorhatte. Sie wollte schreien, um Hilfe rufen, aber es gelang ihr nicht. Angst schnürte ihr die Kehle zu.

»Was haben Sie, Miß?« fragte der kaum Zwanzigjährige in einem quäkenden Ton, der sich anhörte, als befände er sich noch im Stimmbruch. »Haben Sie Angst vor mir? Das müssen Sie nicht. Ich will Ihnen doch nichts tun. Ich will nur, daß Sie ein bißchen lieb zu mir sind.«

Er war jetzt so nah, daß er nur die Hand ausstrecken mußte, um Urilla zu berühren. Sein süßlicher, penetranter Atem streifte die Frau und rief Übelkeit in ihr hervor. Der faulige Gestank seiner dunklen, lückenhaften Zähne verband sich mit dem Geruch von Alkohol, den Urilla noch von ihrer Zeit als Animiermädchen im Lightheart Palace in deutlicher Erinnerung hatte.

Sie hatte diesen Geruch nie gemocht. Aber jetzt versetzte er ihren ganzen Körper in Rebellion. Vielleicht lag es an ihrer Schwangerschaft. Vielleicht an ihrer Angst vor dem Fremden. Vielleicht daran, daß sie gehofft und geglaubt hatte, sich nie mehr mit solchen Männern einlassen zu müssen.

»Ihre Freunde sagten, Sie haben keinen Ehemann«, quäkte der große, etwas aufgedunsen wirkende Trapper weiter. »Ich habe lange keine Frau gehabt. Ich finde, das sind zwei gute Gründe, damit wir uns zusammentun. Wir werden beide viel Spaß haben.«

Urilla schüttelte langsam den Kopf. Sie dachte an das Ungeborene in ihrem Leib, an Martin, und öffnete endlich die Lippen zu einem Hilferuf.

Die schmutzige, stinkende Hand des Trappers preßte sich auf ihre Lippen und erstickte jeden Laut. Urillas Übelkeit wuchs. Der Brechreiz in ihr löste ein Würgen aus.

Der Druck auf ihren Lippen lockerte sich ein wenig, ohne daß der Trapper seine Hand ganz fortnahm.

»Nicht!« bettelte Urilla. »Bitte, tun Sie das nicht, Mister. Ich... ich bin schwanger!«

In seinen dunklen, schmalen Augen blitzte es auf. Langsam ließ der Trapper seinen Blick an Urillas blauem Flanellkleid entlanggleiten, bis er sich fest auf ihren Leib heftete.

»So, schwanger also«, murmelte er. »Und keinen Mann, wie?« Ein niederträchtiges Grinsen lag auf seinen Lippen. »Du kleine Hure treibst es wohl gern, he? Ich wußte doch, daß es dir Spaß macht!«

Dann ging alles sehr schnell. Mit ein paar ruckartigen Bewegungen zerfetzte er Urillas Kleid und Unterkleid, bis Brust und Bauch bloßlagen.

Der Glanz in den Augen des Trappers wurde stärker. Bewundernd betrachtete er Urillas große runde Brüste und den ganz leicht gewölbten Bauch, dem man die Schwangerschaft noch nicht ansah.

»Du bist schön«, stammelte er. »Wunderschön.«

Seine Hände schossen vor und griffen schmerzhaft in das Fleisch ihrer Brüste.

Schwindel packte Urilla. Ein alptraumhafter Wirbel, der die längst tot geglaubte Vergangenheit zur peinigenden Gegenwart machte.

Sie sah sich wieder in dem alten Stall in Kansas City, wo die beiden Sklavenjäger über sie herfielen. Nur das Auftauchen von Jacob und Martin hatte sie vor einer Vergewaltigung bewahrt.

Doch damals, als die Betrunkenen in die kleine Hütte kamen, die Urilla mit ihrer Mutter und ihren Schwestern in Rock Bridge, bewohnte, hatte niemand ihr geholfen. Wie Tiere waren die Männer über die vier hergefallen, auch über die noch jungen Mädchen, und hatten sie auf widerwärtige Weise mißbraucht. Dann hatten sie ihre Mutter und ihre Schwestern ermordet. Auch Urilla wäre getötet worden, hätte sie sich nicht versteckt. Später, als das durch die Vergewaltigung entstandene Leben in ihr heranwuchs, hatte sie sich oft gewünscht, tot zu sein. Jetzt wünschte sie es sich wieder. Vielleicht war es frevelhaft, solche Gedanken zu hegen angesichts des Ungeborenen in ihrem Leib und angesichts des Mannes, der sie heiraten wollte. Aber Urilla konnte es einfach nicht mehr ertragen, vom Schicksal immer wieder so bestraft zu werden.

Nein, so durfte sie nicht denken! Sie mußte es überstehen, irgendwie!

Für Martin.

Und für ihr Kind.

Urilla zitterte am ganzen Leib, aber sie hielt still. Sie saß, steif wie eine Kerze, auf der Wagendeichsel und ertrug es stumm, von den groben Händen befingert zu werden.

Der Trapper drückte und knetete ihre Haut und schien gar nicht genug davon zu bekommen. Sein Atem rasselte heftig.

Bis plötzlich eine Stimme rief: »Aufhören!«

*

Billy Calhoun machte sich Sorgen. Sorgen um Urilla Andersen. Seit er gesehen hatte, wie der junge Trapper zu den Planwagen ging, wo er die junge Frau wußte. Billy hatte gerade von Jacob Adler und Martin Bauer erfahren, daß Urilla ein Kind erwartete. Was hatte der Mountain Man bei der Frau zu suchen?

Der junge Halbindianer schlug ebenfalls den Weg zu den Wagen ein und beschleunigte seine Schritte, je näher er ihnen kam.

Als er sah, was da vor sich ging, blieb er wie vom Donner gerührt stehen und rief wütend: »Aufhören!«

Mit ungeahnter Schnelligkeit wirbelte der Trapper herum und sah Billy mit böse funkelnden Augen an.

»Was willst du, Halbblut?« zischte er. »Verzieh dich! Das hier ist meine Squaw!«

Während er sprach, schlug er seine Wildlederjacke zurück und entblößte das Holster an der rechten Hüfte, aus dem der hirschhornverzierte Griff eines Revolvers lugte. Eine der Hände, die sich eben noch mit dem warmen weichen Körper der jungen Frau beschäftigt hatten, schwebte dicht über der Waffe.

Billy sah plötzlich ein, daß er einen schlimmen Fehler gemacht hatte, als er dem Trapper unbewaffnet folgte. Am Morgen hatte er seinen Waffengurt mit dem 44er Colt Dragoon abgelegt, weil er ihn bei der Arbeit zu sehr behinderte. Wie alle Siedler, die eine Waffe getragen hatten. Deshalb war er jetzt nur mit dem Bowiemesser ausgerüstet, das an seiner linken Hüfte hing. Er hoffte, daß sich die Auseinandersetzung unblutig beilegen ließ.

»Ihre Squaw ist Miß Andersen ganz bestimmt nicht! Sie hat bereits einen Mann.«

»Da habe ich aber ganz was anderes gehört, Rothaut!«

»Dann irren Sie sich. Es ist das beste, Sie gehen zurück zum Fest.«

»Ich laß mir doch von 'nem stinkenden Halbblut keine Vorschriften machen«, zischte der Trapper und stieß gleichzeitig seine Rechte nach unten. Sie kehrte mit dem Revolver zurück.

Als Billy dies sah, zog er sein Bowiemesser aus der Scheide. Er hatte nur noch eine Chance: das Messer zu schleudern, bevor der angetrunkene Trapper schoß.

Aber trotz seiner Trunkenheit war der Mountain Man schnell. Ein Zeichen für seine Übung darin, schnell mit der Waffe zur Hand zu sein.

Billy hatte das Messer gerade erst zum Wurf erhoben, als er die Feuerlanze aus der schwarzen Mündung auf sich zuschießen sah. Als er die Detonation hörte, hatte ihn der schwere Aufprall in seiner Brust schon zurückgeschleudert.

Das Messer fiel zu Boden. Billy stieß mit dem Rücken gegen den Wagenkasten eines Prärieschoners. Andernfalls wäre er zu Boden gegangen.

»Die Rothaut ist zäh«, knurrte der Trapper und zog mit dem Daumen den Hahn seines 44er Kerr-Revolvers erneut zurück.

»Nein!« schrie Urilla auf. »Nicht!«

Sie warf sich gegen den Trapper, um ihn von seinem zweiten Schuß abzuhalten. Aber als sie ihn erreichte, hatte die Kugel schon den Lauf verlassen und riß ein zweites Loch in Billys Brust.

Billy merkte nicht, daß er langsam an dem Prärieschoner herunterrutschte. Sein Geist hatte diesen Ort bereits verlassen.

Noch einmal, in Bruchteilen von Sekunden, durchlebte er den Treck nach Oregon, den er als Scout geführt hatte. Dann reiste er weiter zurück in die Vergangenheit, nach Kansas City, wo er als Jockey für den reichen Homer C. Asquith gearbeitet hatte. Nur kurz flammte die Missionsstation vor ihm auf, aus der er bald geflohen war.

Richtig glücklich war er erst, als er wieder ein kleiner Junge war und mit seinen Eltern, dem weißen Händler und der schönen Indianerin, bei den Oto lebte. Seine früh verstorbene Mutter kam immer näher auf ihn zu, breitete ihre Arme aus und fing ihn auf. Er tauchte in ihre wohlige Wärme ein, in ein tiefes, dunkles Loch.

*

»Das hat die dreckige Rothaut davon, sich einzumischen!« sagte der junge Mountain Man, den rauchenden 44er noch in der Hand.

Urilla stand fassungslos neben ihm und starrte auf Billy, der in seltsam verrenkter Haltung reglos am Boden lag. Sein Kopf mit dem schulterlangen schwarzen Haar war unter den Prärieschoner gerutscht.

Das unrasierte Gesicht des Trappers verschwamm vor Urillas Augen und wurde zu einem der Gesichter, die sie immer wieder in ihren Alpträumen heimsuchten. Das Gesicht eines der Männer, die sie vergewaltigt und ihre Familie ermordet hatten. Der Alkoholdunst, der von dem Mountain Man ausging, wurde zu dem Gestank der Vergewaltiger. Gegenwart wurde zu Vergangenheit und Vergangenheit zu Gegenwart.

Ganz deutlich sah Urilla die flehenden Gesichter ihrer Mutter und ihrer Schwestern vor sich. Sie knieten, in ihrer zerfetzten Kleidung und mit ihren zerschundenen Körpern, am Boden und bettelten um Gnade, bettelten darum, am Leben gelassen zu werden. Aber sie fanden kein Mitleid, nur Hohn und Spott. Und das heiße Blei, das ihre Lebensadern durchschnitt.

In Urillas Kopf hallten die Schüsse wider, die ihre Familie ausgelöscht hatten. So laut wie eben die Schüsse, die Billy Calhoun getroffen hatten.

»Mörder!« schrie Urilla und warf sich erneut auf den Trapper, fuhr mit ihren Fingernägeln durch sein Gesicht.

Der kräftige Mann schüttelte sie ab wie ein lästiges Insekt und fuhr mit der Linken durch sein zerkratztes Antlitz. Als er das Blut an seiner Hand sah, verzerrte sich das häßliche Gesicht vor Wut, und er fletschte seine schlechten, fauligen Zähne. Er stieß die Rechte mit dem Revolver vor und schwenkte die Mündung auf Urilla, die über eine Wagendeichsel gestolpert war und am Boden kniete.

»Was fällt dir ein, du dumme Hure!« stieß der Mann wütend hervor und spannte den Hahn.

Vielleicht ist es besser so, dachte Urilla, als der Schuß krachte. Dann ist dieses Leben endlich vorbei!

Sie starrte ihren Peiniger an und wartete vergeblich auf den Einschlag der Kugel, auf den rasenden Schmerz, der das Ende ankündigte.

Erstaunt beobachtete sie statt dessen, wie sich das Gesicht des Trappers verzerrte. Erst beherrschte Verwunderung die rauhen Züge, dann Schmerz und Panik.

Laut stöhnend drehte er sich um, den 44er noch immer in der Rechten.

Da fiel ein zweiter Schuß.

Der Trapper erbebte unter dem Einschlag der Kugel und stolperte nach hinten, auf Urilla zu.

Jetzt erst registrierte sie, daß nicht er geschossen hatte, sondern jemand, der zwischen den Planwagen im Halbdunkel der Abenddämmerung verborgen war.

Als der Mountain Man mit dem Rücken gegen den Prärieschoner stieß, löste sich endlich der Schuß aus seinem Kerr-Revolver. In dem Moment fiel ihm die Waffe auch schon aus der Hand. Die Kugel fuhr in den Boden und wirbelte eine kleine Erdfontäne auf.

Noch einmal versuchte sich der Trapper aufzurichten. Aber der Versuch mißlang. Mit einem gurgelnden Laut auf den aufgerissenen Lippen stürzte er lang hin und lag dann ebenso reglos zwischen den Wagen wie Billy Calhoun.

Urilla kniete noch neben der Deichsel und begriff erst allmählich, daß sie Gevatter Tod noch einmal entkommen war. Vorsichtig legte sie ihre Hände auf den nackten Bauch und strich über das werdende Leben in ihrem Leib.

Ich lebe! dachte sie voller Freude. Wir leben!

Schritte lenkten sie ab. Zwischen den Wagen trat eine große dunkle Gestalt hervor. Ihre Konturen wurden nur langsam in dem schwindenden Restlicht erkennbar, das die bereits hinter der Cascade Range verschwundene Sonne noch ausstrahlte. Die große, hagere, leicht nach vorn gebeugte Gestalt wirkte wie ein riesiger Raubvogel. Wie ein Aasgeier, der sich auf den am Boden liegenden Trapper stürzen wollte.

Der Aasgeier war ein Mann, der sich deshalb nur schwer vom immer mehr verblassenden Dämmerlicht abhob, weil er ganz in Schwarz gekleidet war, vom Hut, über Mantel, Jacke und Hose bis zu den Stiefeln und Lederhandschuhen. Nur der Hemdkragen unter dem langen schmalen Hals bildete eine weiß leuchtende Ausnahme. Der Mann wirkte in seinem Aufzug wie ein Geistlicher, aber dazu paßte nicht der große Revolver in seiner Rechten, aus dessen Mündung Rauch nach oben stieg, um sich in der Luft kräuselnd aufzulösen.

Urilla hielt den Mann für ihren Retter, und doch ängstigte sie sein Anblick. Er wirkte wie der wandelnde Tod mit dem schmalen, eingefallenen Gesicht, dessen Augen so tief in den Höhlen lagen, daß sie kaum zu sehen waren. Aber doch! Sie waren von seltsam rötlicher Farbe, wie es Urilla noch nie gesehen hatte. Dieses rötliche Leuchten strahlte aus den Augenhöhlen und erinnerte sie an das Fegefeuer.

Urilla vermochte nicht genau zu sagen, wie alt der Fremde war. Das faltige Gesicht wirkte nicht mehr jung, eher wie das eines Mannes, der die Fünfzig längst überschritten hatte. Aber vielleicht hatten die seltsam glühenden Augen auch schon viele Dinge gesehen, die den Mann vorzeitig hatten altern lassen.

Jedenfalls machte die bedächtige Art, mit der er sich Urilla näherte, ganz diesen Eindruck. Das blutige Drama, das so plötzlich über diesen Ort hereingebrochen war, schien ihn nicht im geringsten aus der Fassung zu bringen.

Er blieb neben dem Trapper stehen und beugte sich über ihn. Den Revolver mit dem zurückgezogenen Hahn hielt er auf die bewegungslose Gestalt gerichtet, während er sie vorsichtig mit der freien Hand umdrehte.

»Tot«, stellte der Fremde ohne eine Gefühlsregung überflüssigerweise fest.

Auch Urilla sah sofort, daß dem jungen Trapper nicht mehr zu helfen war. Eine Kugel war ihm in die Brust gedrungen, die andere in den Kopf. Mitten auf seiner Stirn klaffte ein großes rotes Loch, das wie ein drittes Auge wirkte.

Zitternd erhob sich Urilla, sich an Vorderrad und Fahrerkasten des Prärieschoners hochziehend.

Der Fremde steckte den Sechsschüsser zurück in das schwarzlederne Holster an seiner rechten Seite und zog seinen schwarzen Mantel aus.

»Sie sollten sich etwas überziehen«, sagte er mit einer gefühllosen Stimme, die zu dem seltsamen Mann paßte.

Zögernd ließ es Urilla zu, daß er den Mantel um sie legte. Bis jetzt war sie sich ihrer Blöße gar nicht bewußt gewesen, so hatten sie das Geschehen und das überraschende Auftauchen des seltsamen Fremden mitgenommen.

Sie hielt den Mantel vor ihrer nackten Brust mit einer Hand zusammen und zeigte mit der anderen Hand auf den Wagen, neben dem Billy Calhoun lag.

»Was ist mit Billy?«

»Ein Freund von Ihnen?« fragte der Fremde.

Urilla nickte und sagte: »Billy wollte mir helfen.«

Mit langen Schritten ging der Fremde zu ihm und zog Billys Oberkörper unter dem Wagen hervor.

Währenddessen schickte Urilla ein stilles Stoßgebet gen Himmel, der Schuß möge nicht tödlich gewesen sein.

Ihr Gebet wurde nicht erhört.

»Ihrem Freund ist leider nicht mehr zu helfen, Ma'am«, sagte der Fremde, als er sich wieder aufrichtete. »Die Kugel hat ihn dicht neben dem Herzen getroffen. Der Herr in seiner unerforschlichen Weisheit hat ihn zu sich genommen. Die Seele dieses Jungen.«

Weiter kam er nicht. Die von den Schüssen alarmierten Menschen drängten sich zwischen die Wagen.

Urilla dachte an den jungen Halbindianer und brach in Tränen aus.

*

Atemlos lief Martin zu Urilla, nahm sie fest in die Arme und strich tröstend über ihr lockiges Haar. Als sich der umgelegte Mantel ein Stück öffnete und er das zerfetzte Kleid sah, ahnte er, was sich abgespielt hatte.

»Wer hat das getan?« fragte er zwar mit leiser Stimme, aber dennoch in einem Tonfall, der seine Erregung und seinen Zorn deutlich hervortreten ließ.

Urilla wollte antworten, aber sie konnte es nicht. Der Gedanke an das, was beinahe mit ihr und ihrem ungeborenen Kind geschehen wäre, und der Gedanke, daß Billy Calhoun für sie gestorben war, hatten sie überwältigt. Ihre aufgewühlten Gefühle brachen sich Bahn und ließen nichts anderes zu als hemmungsloses Weinen.

Martins suchende Augen hefteten sich an dem schwarzgekleideten Fremden fest.

»Haben Sie etwas mit der Sache zu tun, Mister?« fragte der junge Deutsche grimmig.

Der raubvogelhafte Mann nickte. »Das habe ich in der Tat.«

»Was haben Sie Urilla angetan?« stieß Martin mit bebender Stimme hervor.

»Ich habe ihr meinen Mantel gegeben, um ihre Blöße zu bedecken. Und ich kam gerade noch rechtzeitig, um zu verhindern, daß dieser Lump Ihre Frau erschoß.«

Der Fremde zeigte mit dem behandschuhten Finger auf die Leiche des jungen Trappers.

Martins Blick und die Blicke der übrigen Siedler richteten sich auf den Toten.

»Sie haben den Trapper erschossen, Mister?« fragte Jacob, der zusammen mit Martin als einer der ersten bei den Planwagen angekommen war.

Wieder nickte der Fremde und sagte: »Der Herr hat mich gerade noch rechtzeitig kommen lassen. Dieses Tier in Menschengestalt hatte schon seine Waffe auf die Frau gerichtet.«

»Und Billy?« fragte Irene, die neben dem Halbblut in die Knie gegangen war.

»Das war auch dieses Tier. Der Mischling wollte der Frau helfen.«

»Was ist mit Billy?« erkundigte sich Jacob.

»Er ist tot«, sagte Irene leise.

Jacob mußte sich zusammenreißen. Während der langen Reise und auch hier in Oregon hatte sich der junge Halbindianer als wahrer Freund erwiesen. Selbstlos hatte er den Treck über die Rocky Mountains geführt, und selbstlos hatte er beim Aufbau der Siedlung geholfen. Nie hatte er etwas für seine Dienste verlangt. Ein Platz zum Schlafen und drei Mahlzeiten am Tag genügten ihm. Jacob hatte ihn gemocht. Der Gedanke, daß dieses junge Leben so sinnlos ausgelöscht worden war, erfüllte ihn mit Trauer und Zorn.

»Wer sind Sie überhaupt, Mister?« fragte Sam Kelley den Fremden. »Sie haben sich uns noch nicht vorgestellt.«

»Verzeihung«, sagte der Hagere mit einem dünnen Lächeln auf den schmalen Lippen, wobei er den Hut abnahm und sich leicht verneigte. Er enthüllte dabei dichtes schwarzes Haupthaar, das von grauen Strähnen durchzogen war. »Ich bin Reverend Blake Driscoll, unterwegs im Auftrag des Herrn, um seinem Wort in diesem wilden Land Gehör zu verschaffen.«

»Ein Reverend«, sagte der schwarze Schmied ein wenig ungläubig und zeigte auf den Revolver an der Hüfte des Schwarzgekleideten. »Ich dachte immer, das Arbeitsmittel Ihres Berufsstands sei die Bibel.«

»Die natürlich auch. Und drüben im Osten mag sie auch genügen.« Driscoll klopfte auf das Lederholster. »Hier im Westen braucht man leider das hier. Solange nicht alle Menschen auf das Wort des Herrn hören, ist ein Narr, wer sich allein darauf verläßt.«

»Klingt wie eine gesunde Einstellung«, gab Kelley zu.

»Vor allem ist es eine lebenserhaltende Einstellung«, erwiderte der Reverend und wandte sich um.

»Halt!« rief Jacob scharf. »Wohin wollen Sie?«

»Mein Pferd holen. Es steht noch irgendwo hinter den Wagen. Als ich die Schüsse hörte, die das Halbblut getroffen haben, bin ich aus dem Sattel gestiegen und habe mich vorsichtig angeschlichen.«

»Wohl auch eine lebenserhaltende Maßnahme?« meinte Sam Kelley.

Wieder grinste der Reverend. »Genau.«

Er verschwand zwischen den Wagen.

»Ein komischer Heiliger«, knurrte Sam, der ihm nachblickte.

»Wir können froh sein, daß er dazugekommen ist«, sagte Martin, der noch immer seine weinende Braut in den Armen hielt. »Sonst wäre es Urilla schlecht ergangen.«

Jacob und auch Sam stimmten ihm zu.

Das Pferd, mit dem der Reverend zurückkehrte, hätte nicht besser zu ihm passen können. Ein großer knochiger Rappe, mit einer dreieckigen Blässe direkt über den Augen. Die untere Spitze des hellen Dreiecks stieß zwischen die Augen vor.

Unter den Siedlern entstand Unruhe. Vier Personen drängten sich zum Ort des Geschehens durch: Black Joe Haslip und seine Gefährten. Eine Alkoholwolke begleitete die rauhen Männer der Berge.

Black Joe fiel neben seinem toten Gefährten auf die Knie. Ungläubig starrte er die Leiche an.

Dann hob er den Kopf. Forschend blickten seine Augen in die Runde.

Das schwarze Gestrüpp in seinem breiten Gesicht zerteilte sich. Seine Lippen zitterten wie seine dunkle Stimme, als er fragte: »Wer hat das getan?«

»Ich«, antwortete Driscoll, der sein pechschwarzes Pferd mit der linken Hand am Zügel hielt.

Langsam richtete sich der Mountain Man zu seiner ganzen beeindruckenden Größe auf und bellte: »Das ist Ihr Todesurteil, Mister!«

Seine Hand zuckte an die rechte Hüfte, hatte aber den Kolben seines Revolvers noch nicht einmal berührt, als der Reverend schon seinen Webley Longspur in der Rechten hielt. Der Hahn klickte metallisch, und die dunkle Mündung zeigte auf Haslip.

»Ich würde die Hand da wegnehmen, Mister, sonst gibt es hier bald noch einen Toten«, sagte Driscoll scharf. »Aber das werde nicht ich sein!«

Zögernd gehorchte Black Joe, während sein Blick Hilfe bei seinen Gefährten suchte.

»Das gilt auch für euch«, fuhr der Reverend mit einem schnellen Schwenk seiner Waffe auf die drei anderen Trapper fort. »Vielleicht erwischt mich einer von euch, aber zwei bis drei nehme ich garantiert mit!«

Trotz der Schärfe, die in der Stimme des Reverends lag, klang sie kein bißchen erregt. Driscoll schien vielmehr völlig ruhig zu sein und erweckte den Eindruck eines Mannes, der sich solch einer Situation nicht zum erstenmal gegenübersah.

Jacob und die anderen Siedler verwünschten es, daß sie ihre Waffen abgelegt hatten. Die Trapper waren bewaffnet. Falls sie sich zum Kampf entschlossen, konnte es in dem dichten Gedränge zu einem Blutbad kommen, auch an den umstehenden Frauen und Kindern.

Aber die Männer aus den Bergen zögerten, ihrem Anführer zu Hilfe zu kommen. Driscolls Gewandtheit im Umgang mit der Waffe hatte sie unsicher gemacht. Trotz des reichlich genossenen Alkohols schienen sie nicht so leichtfertig zu sein, ihr Leben für eine Sache in Gefahr zu bringen, die keine ausreichende Aussicht auf Erfolg bot.

Als Haslip merkte, daß er von seinen Gefährten keine Hilfe zu erwarten hatte, sah er Jacob und Sam Kelley an.

»Wollen Sie mir nicht helfen? Dieser Bastard hat Timmy ermordet!«

»Wenn hier einer ein Bastard war, dann dieser Timmy«, entgegnete der Reverend kühl. »Er hat zuerst geschossen und das Halbblut umgebracht. Dann wollte er die Frau dort töten, nachdem er versucht hat, sie zu vergewaltigen.«

Black Joes Augen wanderten von dem toten Billy Calhoun zu Martin und Urilla.

Die rothaarige Frau hatte sich inzwischen ein wenig beruhigt und sagte mit noch immer tränenerstickter Stimme: »Das stimmt.«

In Black Joes Gesicht arbeitete es. Sein ganzer Körper erbebte unter dem Zorn, der ihn erfüllte. Aber angesichts der Waffe, die auf ihn gerichtet war, beherrschte er sich.

Er sah wieder seine Gefährten an.

»Holt die Pferde und helft mir, Timmy aufzuladen. Wir haben hier nichts mehr verloren.«

Die drei Männer wandten sich ab und kehrten wenige Minuten später mit Reit- und Packtieren zurück. Wortlos legten sie ihren toten Gefährten über sein Pferd, saßen dann selbst auf und ritten in die inzwischen über das Tal hereingebrochene Nacht hinaus.

Die Siedler blickten ihnen nach, bis ihr Hufgetrappel verklungen war.

Erst dann entspannte Reverend Driscoll den Hahn seines Webley und schob den Revolver zurück ins Holster.

*

Hier ruht Billy Calhoun (gest. am 12. Dez. 1863) Er war der Sohn zweier Welten und trug von jeder das Beste in sich.

Er zeigte uns den Weg ins Gelobte Land.

Möge der Herr ihm den Weg zum ewigen Frieden zeigen.

So lautete die eingeritzte und mit dunkler Farbe übermalte Aufschrift auf dem schlichten und doch schönen Holzkreuz, das Jacob gefertigt hatte und das jetzt auf Billy Calhouns Grab stand.

Für das Grab hatten die Auswanderer einen kleinen, von Kiefern bestandenen Hügel ausgewählt, von dem aus man einen herrlichen Blick über das grüne Tal am Ostrand der Cascade Range hatte. Das erschien ihnen angemessen für den Mann, ohne den sie vielleicht niemals hier angekommen wären.

Obwohl der Halbindianer den Weg über die Rockies nur einmal zuvor bewältigt hatte, war er stets ein verläßlicher Führer gewesen und - wichtiger noch - ein treuer Freund. Er hatte es den Auswanderern nicht vergessen, daß sie ihn in ihrer Mitte aufgenommen hatten, obwohl er ihnen ein Pferd stehlen wollte. Und sie würden ihn nie vergessen.

Fast die gesamte Bevölkerung von Abners Hope versammelte sich am Nachmittag des Tages, an dem die tödlichen Schüsse gefallen waren, zur Beerdigung. Zu Hause blieb nur, wer wegen Krankheit oder der Sorge für seine Kinder unabkömmlich war.

Reverend Driscoll las aus der Bibel, und Jacob hielt die Grabrede.

»Wir wissen nicht viel über den Menschen, der hier begraben liegt«, schloß der junge Zimmermann. »Aber wir wissen, daß er ein guter Mensch war und uns ein guter Freund. Wir werden stets seine Freunde bleiben.«

Der Reverend segnete das Grab und empfahl die Seele des Toten dem Herrn.

In vielen Augen glitzerten Tränen, nicht nur in denen von Frauen.

Der Abschied von Billy fiel den Siedlern schwer. Nur allmählich zerstreuten sie sich, gingen zu ihren Pferden und Wagen.

Der Reverend folgte auf seinem Rappen dem Wagen von Jacob, Irene, Martin und Urilla. Zurück zu dem Blockhaus, in dem sie lebten und in dem Driscoll auch schon die vergangene Nacht verbracht hatte.

Mehrmals drehten sich die Menschen auf dem Planwagen um und sahen zurück zu dem Holzkreuz auf dem Hügel, hinter dem allmählich die Sonne versank.

Jamie begann zu weinen. Irene drückte ihn sanft an ihre Brust und schaukelte ihn hin und her. Auch sie weinte.

Der Reverend sah durch die hintere Öffnung der Plane in den Wagen und starrte die junge Deutsche mit dem seltsamen Blick an, mit dem er sie schon den ganzen Tag über bedacht hatte.

*

Die Dämmerung war längst hereingebrochen, als sie die Farm erreichten, die Martin und Urilla bewirtschaften wollten. Die beiden bedauerten sehr, daß Jacob und Irene nicht in Abners Hope bleiben wollten. Aber sie konnten verstehen, weshalb ihre Freunde nur vorübergehend unter ihrem Dach schliefen. Sie suchten die Menschen, die sie liebten.

Irene wickelte Jamie und legte ihn in das Kinderbett, das Jacob gebaut hatte. Es war schon das zweite; das erste Bettchen, das Jacob auf dem Weg nach Oregon gefertigt hatte, mußte unterwegs zurückbleiben, um den Wagen zu entlasten. Dann half Irene Urilla bei der Zubereitung des Abendessens.

Die Männer setzten sich an den groben, aber von Jacob fachmännisch und sauber zusammengezimmerten Holztisch und rauchten teure Zigarren, die der Reverend anbot.

»Hm«, machte Martin anerkennend, als er die um seine Zigarre gewickelte Banderole abstreifte. »Eine Henry Clay. Das Wort des Herrn zu verkünden, scheint einen Mann gut zu ernähren.«

Driscoll lachte kurz.

»Täuschen Sie sich nicht, Mr. Bauer. Vielleicht können sich die Geistlichen bei Ihnen in Deutschland von Gottes Wort ernähren. Hier in Oregon hört zwar jeder gern, was der Herr und ich zu sagen haben, schon weil es in der Einsamkeit eine nette Abwechslung ist, aber in den meisten Fällen kann ich froh sein, wenn ich dafür eine warme Mahlzeit und in der Nacht ein Dach über dem Kopf bekomme.«

Martin riß ein Streichholz an und blickte den Reverend über die Flamme hinweg an.

»Und wovon leisten Sie sich so was wie die Zigarren, wenn ich das fragen darf?«

»Durch jede Arbeit, die mir angeboten wird. Ich hacke Holz, helfe bei der Ernte oder stelle meine bescheidenen Fähigkeiten als nicht studierter Arzt unter Beweis.«

»Nicht studierter Arzt?«

Der Reverend zuckte mit den Schultern und blies einen Rauchkringel zur Decke.

»Man lernt eine Menge, wenn man sich lange Zeit in der Wildnis herumtreibt. Richtige Ärzte sind hier ebenso selten wie Lehrer, Rechtsanwälte und Gefängnisse.«

»Und wie Geistliche«, fügte Jacob mit einem langen Blick auf Driscoll hinzu.

Der lachte wieder. »Und wie Geistliche. Richtig, Mr. Adler.«

»Wäre es nicht lohnender für Sie, sich an einem festen Ort niederzulassen?« fuhr Jacob fort. »Sie könnten eine Kirche bauen, in die die Menschen regelmäßig kommen. Wenn sie gehen, lassen sie meistens etwas im Klingelbeutel zurück.«

»In der Tat habe ich schon an so etwas gedacht. Ich hatte es sogar fest vor, als ich kürzlich nach Hoodsville kam. Die Siedlung ist in den letzten Jahren zu einer richtigen kleinen Stadt angewachsen. Mit einem Bürgermeister, einem Sheriff und sogar einer Schule, die nur noch einen Lehrer sucht. Dort scheint man eine Kirche und einen Geistlichen gut gebrauchen zu können.«

»Warum sind Sie nicht dortgeblieben?«

»Es kam etwas dazwischen, Mr. Adler«, antwortete Driscoll und sah dabei Irene, die Teller mit dampfendem Bohneneintopf auftrug, wieder mit jenem seltsamen Blick an. »Eine Mission, wenn man so will, die ich übernommen habe.«

Jacob waren die Blicke nicht entgangen, die der Reverend Irene schon den ganzen Tag über zuwarf. Erst hatte er gedacht, er würde sich täuschen. Aber aus irgendeinem Grund schien sich Driscoll ganz besonders für Irene zu interessieren.

Jacob zermarterte sich den Kopf über diesen Grund, wagte den Reverend aber nicht zu fragen. Vielleicht täuschte er sich doch. Er wollte sich nicht lächerlich machen.

»Eine Mission?« wiederholte er. »Im Auftrag des Herrn?«

»In diesem Fall einmal nicht«, antwortete Driscoll kopfschüttelnd. »Jedenfalls nicht direkt. Ich habe eine Nachricht zu überbringen, eine sehr traurige Nachricht. Das habe ich einem fahrenden Händler versprochen, den ich oben in Hoodsville traf.«

Irene, die mit den restlichen Tellern kam und sie auf den Tisch stellte, hatte die letzten Worte gehört und fragte: »Sprechen Sie etwa von Mr. Bodeen, Reverend? Er war erst vor ein paar Tagen in Abners Hope.«

Driscoll nickte und sah Irene ernst an.

»Bodeen, ja. Er hat mir erzählt, daß er hier war und mit Ihnen gesprochen hat, Miß Sommer.«

Irene war überrascht. »Er hat mich erwähnt? Weshalb?«

»Vielleicht setzen Sie sich besser hin«, schlug der Mann in Schwarz vor.

»Nein, ich muß Urilla noch helfen.«

»Sie sollten sich wirklich besser setzen, Miß Sommer. Bitte!«

Die ernste Stimme und der eindringliche Blick des Reverends duldeten keinen Widerspruch. Zögernd nahm Irene am Tisch Platz. Jacob und Martin wechselten verwunderte Blicke. Keiner konnte dem anderen sagen, um was es dem Reverend ging.

»Also gut, ich sitze«, sagte Irene ein wenig unwirsch. »Was ist mit Mr. Bodeen?«

»Mit ihm ist nichts«, antwortete Driscoll und wirkte zum erstenmal ein wenig unsicher, auf der Suche nach den richtigen Worten. »Er hat mir etwas erzählt, von Ihnen, Miß Sommer. Er sagte, Sie suchen einen Mann, einen bestimmten Mann.«

Schlagartig wurde Irene blaß. Ihre Hände umkrampften die Tischplatte aus Kiefernholz.

»Einen Deutschen, wenn ich mich nicht irre. Einen gewissen Carl Dilger.«

»Ja«, keuchte die junge Frau und konnte vor Aufregung kaum atmen. »Wissen Sie etwa, wo Carl ist?«

Als Driscoll nickte, glitt ein frohes Lächeln über Irenes Gesicht.

»Es gibt wohl keinen Grund, sich zu freuen, Miß Sommer«, fuhr der Reverend fort. »Jedenfalls nicht, wenn Ihnen an diesem Carl Dilger etwas gelegen ist.«

»Keinen Grund?« echote Irene. »Aber wieso nicht? Ich denke, Sie wissen, wo Carl ist.«

»Ja, das weiß ich.«

»Wo denn? So reden Sie doch endlich, Reverend!«

»Carl Dilger ist tot. Er liegt auf dem Friedhof von Hoodsville.«

In dem großen Wohnraum der Blockhütte herrschte Schweigen. Aus der Küche klapperte das Geschirr, das Urilla eilends abstellte, als sie die letzten Worte des Reverends hörte. Sie lief zu den anderen.

»Tot«, sagte Irene leise und schüttelte den Kopf. Dann sah sie auf. Das Flackern in ihren Augen erschreckte Jacob. »Tot? Das kann nicht sein!«

»Leider ist es aber so«, erwiderte Driscoll. »Ich habe vor seinem Grab gestanden. Der Sheriff hat mir gesagt, er sei bei einem Streit erschossen worden. Mr. Bodeen hatte es eilig, weiterzukommen. Ich habe ihm versprochen, nach Abners Hope zu reiten und Sie zu benachrichtigen, Miß Sommer. Deshalb bin ich hier.«

Irene sagte nichts. Sie saß still da und starrte den Reverend aus aufgerissenen Augen an. Plötzlich stand sie so heftig auf, daß ihr Stuhl umfiel, rannte zur Tür, riß sie auf und verschwand in der Dunkelheit.

Jacob drückte die Zigarre in dem Blechnapf aus, der als Aschenbecher diente, sprang ebenfalls auf und wollte Irene nach.

Urilla hielt ihn auf halbem Weg zur Tür auf und sagte: »Nicht, Jacob. Laß Irene eine Weile allein!«

Jacob sah sie zweifelnd an.

»Glaub mir, es ist besser«, bekräftigte Urilla und dachte daran, wie sie sich gefühlt hatte nach dem Tod ihres kleinen Bruders, nach der Ermordung ihrer Mutter und ihrer Schwestern, nachdem sie ihr Ungeborenes hatte wegmachen lassen - und schließlich vor kurzem erst nach dem Tod ihres Vaters.

Jacob nickte. »Ist gut, Urilla. Ich werde nur die Tür schließen.«

Nachdem er das erledigt hatte, setzte er sich wieder an den Tisch, wo alle mit Ausnahme von Irene vor ihren Tellern saßen, ohne deren Inhalt oder auch nur ihre Löffel anzurühren.

Jacob sah Driscoll an und fragte: »Wie ist das passiert, Reverend, die Sache mit Carl Dilger?«

»Ich weiß es nicht. Ich war nicht dabei. Mir ist nur die unglückliche Aufgabe zugefallen, die Nachricht zu überbringen.« Driscoll blickte zur Tür. »Ich kann verstehen, daß sich Mr. Bodeen darum gedrückt hat.«

Urilla nahm ihren Löffel auf und sagte: »Wir sollten jetzt essen. Es hilft keinem, wenn der Eintopf kalt wird.«

Der Reverend erhob sich und sprach ein Tischgebet, in dem er um besondere Fürsorge für die Seelen von Billy Calhoun und Carl Dilger bat. Abschließend bat er den Herrn darum, Irene ihren Schmerz ein wenig zu erleichtern.

Sie aßen schweigend und lustlos.

Irgendwann kehrte Irene zurück und setzte sich an den Tisch. Ihre geröteten Augen und Wangen verrieten, daß sie geweint hatte. Jetzt weinte sie nicht mehr.

Ihre Stimme klang fest, als sie sagte: »Ich werde nach Hoodsville fahren. Ich will mich selbst davon überzeugen. Ich will Carls Grab mit eigenen Augen sehen.«

*

Am nächsten Morgen brachen Jacob, Irene und Reverend Driscoll nach Hoodsville auf. Jacob und Irene, um dort Näheres über Carl Dilgers Tod in Erfahrung zu bringen. Der Reverend, um sich dort niederzulassen und eine Kirche zu bauen.

Jamie ließen sie in der Obhut von Martin und Urilla zurück. Sie würden sich gewiß gut um den Kleinen kümmern. Urilla als werdende Mutter. Und Martin als Jamies Pate. Jacob und Martin hatten sich auf dem Auswandererschiff um die schwangere Irene gekümmert und waren von ihr aus Dankbarkeit und Freundschaft darum gebeten worden, die Paten des Jungen zu sein. Jacob-Martin war der vollständige Name des Kindes, aber in Amerika war rasch Jamie daraus geworden.

Hoodsville lag zwei Tagesreisen im Norden. Jacob und Urilla nahmen den Planwagen, vor den Jacob die Pferde spannte, mit denen Alan Clayton damals von Kansas City aus zum Treck aufgeschlossen hatte. Für eine kurze, schnelle Reise waren die Pferde geeigneter als die Ochsen, die Jacob und Martin für den Oregon-Treck bevorzugt hatten. Blake Driscoll ritt seinen knochigen Rappen.

Es war ein trüber, wolkenverhangener, nebliger Tag, an dem es überhaupt nicht richtig hell werden wollte. Jacob spürte wieder den Hauch des nahen Winters, den ihnen der Eiswind von den Bergen entgegenblies. Es war das passende Wetter für diese Reise, die einem Toten galt.

Trüb wie der Tag war auch die Stimmung der drei Reisenden, die nur das Nötigste miteinander sprachen. Jeder hing seinen Gedanken nach.

Welche es bei dem Reverend waren, wußte Jacob nicht und konnte es auch nicht vermuten.

Nach vorn gebeugt saß der hagere Mann im Sattel, den Mantelkragen hochgeschlagen und den Hut tief ins Gesicht gezogen. Der schwarzgekleidete Reiter auf dem schwarzen Pferd wirkte wie ein Dämon, wie ein Todesengel, der er in gewisser Hinsicht ja auch war.

Zumindest, was den von ihm erschossenen Trapper betraf, über den er kaum ein Wort verloren hatte. Und in Bezug auf Irene und Carl Dilger war er ein Todesbote.

Jacob konnte sich nicht helfen, aber irgend etwas stieß ihn an dem Mann ab. Er hätte ihm dankbar sein müssen, daß er Urilla geholfen hatte. Auch dafür, daß er den weiten Ritt auf sich genommen hatte, um Irene vom Tod ihres Geliebten zu unterrichten. Jacob war ihm auch dankbar. Aber das seltsame Gefühl, das den jungen Deutschen jedesmal beim Anblick der dunklen Gestalt beschlich, wollte nicht weichen.

Welchen Gedanken sich Irene hingab, die stumm und starr neben Jacob auf dem Bock saß, konnte er sich nur zu gut vorstellen. Es mußten ähnliche Gedanken sein wie die von ihm gehegten, als er von seiner langen Wanderschaft nach Elbstedt heimgekehrt war und erfahren hatte, daß seine Mutter tot war.

Irene sann über den Mann nach, den sie verloren hatte. Und über den Vater, den Jamie niemals haben würde. Sie hatte die weite Reise von Hamburg über den Atlantik nach New York und von dort quer durch den ganzen Kontinent bis hierher unternommen, um ihren Geliebten zu finden. Aber alles, was sie finden sollte, war ein Grab in Oregon.

Jacob dachte daran, wie er sich bei der Nachricht gefühlt hätte, daß sein Vater und seine Geschwister tot seien.

Mehrmals hatte er Irene aufgefordert, sich ins Innere des Wagens zu begeben, wo sie durch die dicke Segeltuchplane vor dem scharfen Wind geschützt gewesen wäre. Aber sie weigerte sich standhaft. Er konnte es sogar verstehen. Dort drinnen, ganz allein im Halbdunkel, mußte sie sich fühlen wie in einem Grab.

Jacob hätte eigentlich froh darüber sein sollen, Irene so nah zu sein. Er hatte ihre Nähe immer als etwas Angenehmes empfunden - kein Wunder, denn er liebte Irene.

Er hatte zu ihr nie darüber gesprochen, weil Carl Dilgers Schatten stets zwischen ihnen gestanden hatte. Manchmal glaubte er, daß Irene auch für ihn mehr empfand als für einen bloßen Freund. Aber selbst wenn es so war, was hätte es genützt? Nicht Jacob, sondern Dilger war Jamies Vater. Nicht Jacob, sondern Dilger hatte Irene versprochen, sie zur Frau zu nehmen.

Jetzt war plötzlich alles anders. Die Nachricht von Dilgers Tod hatte Jacob zum erstenmal den Ausblick auf eine gemeinsame Zukunft mit Irene eröffnet. In der schlaflosen Nacht, die er verbracht hatte, hatte er immer wieder daran gedacht.

Das war der Grund, weshalb er Irenes Nähe auf einmal als unangenehm empfand. Er schämte sich seiner selbstsüchtigen Gedanken angesichts des Leids, das Irene widerfahren war. Immer wieder versuchte er, diese Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen. Aber es wollte ihm nicht gelingen.

Auch während der Mittagsrast herrschte eine gedrückte Stimmung. Sie schlugen ihr Lager am Rande eines kleinen Waldes auf und spannten die Zugpferde zwar ab, ließen sie aber im Geschirr, um nicht zuviel Zeit zu verlieren. Sie wärmten Bohnen und Speck auf und aßen Maisbrot dazu. Das Ganze spülten sie mit heißem Kaffee herunter, um die immer unangenehmer werdende Kälte aus ihren Knochen zu vertreiben. Während des Essens begann es zu regnen, und sie sahen zu, daß sie schnell weiterkamen.

»Hier müssen wir nach links«, sagte Reverend Driscoll irgendwann am Nachmittag und zeigte auf die Ausläufer der Cascade Range.

»In die Berge?« fragte Jacob ungläubig, während er auf Felsen und Bäume blickte. »Da kommen wir mit dem Wagen niemals durch.«

»Doch, kommen wir«, widersprach der schwarze Reiter. »Ich kenne eine Abkürzung, durch die wir einen halben Tag sparen.

Es ist eine langgezogene Schlucht, die für den Planwagen ohne weiteres passierbar ist.«

Driscoll kannte sich in der Gegend besser aus als Jacob. Also lenkte der Deutsche, wenn auch widerwillig, den Wagen in die angegebene Richtung. Er rumpelte über stetig ansteigendes Gelände. Viel mehr konnte Jacob nicht erkennen, da sich auf beiden Seiten hohe Fichten und Hemlocktannen in den düsteren Himmel reckten, als wollten sie ihn aufreißen und die hinter dicken Wolken verborgene Sonne endlich zum Vorschein bringen.

Je steiler es wurde, desto mehr mußten sich die Zugpferde anstrengen. Bald stand ihnen Schaum vor dem Maul. Nur dem Rappen des Reverends schien der anstrengende Weg nichts auszumachen.

»Sind Sie sicher, daß dies der richtige Weg ist, Reverend?« erkundigte sich Jacob, als der Wagen nur noch mit der Geschwindigkeit eines langsamen Fußgängers vorwärtskam.

»Absolut«, antwortete Driscoll mit einem bekräftigenden Nicken. »Gleich haben wir es überstanden. Die Steigung wird aufhören, und wir kommen wieder schneller voran.«

»Das sollten wir auch, wenn wir tatsächlich Zeit einsparen wollen«, brummte Jacob.

Irene schien das alles unbeeindruckt zu lassen. Ihr glasiger Blick war in weite Ferne gerichtet. Vielleicht weilte sie in Gedanken schon in Hoodsville, am Grab ihres Geliebten. Oder sie befand sich in der Vergangenheit, in Hamburg, als ihr eine kurze Zeit des Glücks mit Carl Dilger gegönnt gewesen war.

Jacob konnte verstehen, daß sie es nicht besonders eilig hatte, nach Hoodsville zu kommen. Einerseits mußte sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen, daß ihre Suche hier in Oregon ein unerwartetes, trauriges Ende fand. Andererseits fürchtete sie sich vor dem Moment, der die Nachricht von Carl Dilgers Tod zur Gewißheit werden ließ.

Driscoll behielt recht. Keine Viertelstunde, nachdem sich Jacob über den für die Zugpferde mühsamen Aufstieg beschwert hatte, wurde das Gelände zusehends flacher und führte für ein kurzes Stück sogar sanft abwärts. Der dichte Wald wurde lichter und mündete in eine enge Schlucht mit schroffen, hochaufragenden Felswänden, die Jacob ein wenig an den unglückbringenden Geistercanyon erinnerten, in dem an die fünfzig Auswanderer den Tod gefunden hatten.

Aber die Schlucht, durch die es jetzt ging, war nicht so trostlos und bar jedweden pflanzlichen Lebens wie der Canyon in den Rockies. Auf dem Boden wuchs saftiges Gras, das von einem hin und wieder sichtbaren Creek gespeist wurde. Zuweilen verschwand der kleine Bach zwischen Baumgruppen. Selbst die steilen Wände waren mit Moosen, Strauchwerk und einzelnen Bäumen bewachsen. Oben auf den Felsen standen viele Bäume am Rand der Schlucht, waren wegen des immer dichter werdenden Nebels für die drei Menschen unten jedoch nur undeutlich erkennbar.

Sie fuhren schon fast eine Stunde durch den sich wie eine Schlange windenden Canyon, als dicht neben Jacob plötzlich das Holz des Fahrerkastens splitterte.

Gleichzeitig spritzte vor dem Rappen eine Erdfontäne hoch. Das Tier scheute, stieg mit den Vorderhufen in die Luft und warf seinen Reiter ab.

Als Jacob die Detonationen der Schüsse hörte, hatte er schon die Wagenbremse angezogen, Irene gepackt und sie auf der den unsichtbaren Schützen abgewandten Seite vom Bock gestoßen.

Er griff hinter sich nach dem dort deponierten SharpsKarabiner und sprang hinter Irene her. In letzter Sekunde. Wo er eben noch gesessen hatte, fuhr eine Kugel ins Holz.

Der verschreckte, reiterlose Rappe sprengte durch das Tal und verschwand zwischen einigen Hemlocktannen. Driscoll, der bei dem Sturz seinen Hut verloren hatte, sprang im Zickzack, von Kugeln verfolgt, heran und warf sich neben die beiden Deutschen hinter den Deckung bietenden Wagen.

Kugeln klatschten immer wieder ins Holz und rissen lange Splitter heraus.

»Wer ist das?« fragte Irene, die endlich aus ihrer Lethargie erwacht war.

»Keine Ahnung«, knurrte der Reverend und zog seinen Webley. »Aber wer immer die Kerle sind, sie schießen verdammt gut, wenn der Herr im Himmel mir diesen Ausdruck verzeiht. Ein bißchen höher nur, und sie hätten nicht mein Pferd erschreckt, sondern für mich das Jüngste Gericht eingeläutet.«

»Wirklich?« fragte Jacob und drückte die Mündung des Karabiners gegen Driscolls Kopf.

Irene war ebenso erschrocken wie der Mann in Schwarz.

»Was soll das?« fragte die junge Frau. »Weshalb bedrohst du den Reverend?«

»Weil ich von ihm wissen will, wer die Kerle sind, die von da oben auf uns schießen.«

Während er sprach, warf Jacob einen nur Sekundenbruchteile währenden Blick zur rechts ihrer Fahrtrichtung gelegenen Felswand. Der Richtung der Schüsse nach zu urteilen, mußten die Attentäter irgendwo da oben stecken, verborgen hinter Felsen, Büschen oder Bäumen. Jacob schätzte, daß es mindestens drei waren. Aber bis jetzt hatte er keinen von ihnen entdecken können.

»Ich sagte doch, daß ich nicht weiß, wer die Kerle sind«, sagte Driscoll, der seinen Sechsschüsser noch in der Rechten hielt.

»Und ich glaube Ihnen nicht, Reverend, oder was immer Sie sein mögen. Lassen Sie die Waffe fallen!«

»Aber Jacob!« stieß Irene hervor, die ihren Freund nicht verstand.

Jacob ging nicht darauf ein, sondern schnarrte: »Fallen lassen, habe ich gesagt!«

Driscoll gehorchte und sagte: »Ich verstehe Sie nicht, Adler.« »Ich Sie auch nicht. Das ist es ja, was mir Sorgen macht. Alles an Ihnen ist merkwürdig. Ein Reverend, der sich mit seinem Schießeisen fast besser auskennt als in der Heiligen Schrift. Und der uns in diesen Canyon lockt, in einen Hinterhalt.«

»Ich habe Sie nicht hierhergelockt!« Driscoll sah auf den Steilhang, von dem unablässig Schüsse heranjaulten, die in den Planwagen oder ins Erdreich schlugen. »Ich wußte nichts davon, wirklich!«

»Seit Sie aufgetaucht sind, ist der Tod bei uns eingekehrt«, sagte Jacob hart. »Sie ziehen heißes Blei an wie der Teufel die verlorenen Seelen. Das schmeckt mir nicht!«

»Das ist ein Zufall«, beharrte Driscoll. »Ich.«

Seine Worte gingen in einem Aufstöhnen unter, und er sackte zusammen. Seine Stirn war blutigrot.

»Er ist tot!« schrie Irene in einem Anflug von Panik. »Sie haben ihn umgebracht. Du hast ihm unrecht getan, Jacob!«

»Anscheinend«, sagte Jacob, der plötzlich aschfahl geworden war, mit fast tonloser Stimme und ließ den Karabiner sinken.

Er zog den Reverend weiter hinter den Wagen, um ihn aus der Schußlinie zu bringen. Denn in Driscolls Stirn konnte er kein Loch entdecken. Nur eine große blutige Schramme, wo ihm die Kugel die Haut weggefetzt hatte. Ein Streifschuß.

Jacob beugte sich über den Reglosen und stieß plötzlich hervor: »Er atmet noch! Der Streifschuß hat ihn nur ohnmächtig werden lassen!«

Er schlug auf Driscolls Wangen, während Irene dem Reverend Luft zufächelte.

Schließlich flatterten die Augenlider des Reverends, gingen nach oben, und er blickte aus seinen rötlichen Augen irritiert um sich. »Was. ist geschehen?«

»Ein Streifschuß hat Sie an der Stirn erwischt«, erklärte Jacob. »Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen, Reverend.«

Jacob und Irene waren verblüfft, als der zwischen ihnen liegende Mann grinste.

»Sie halten das also nicht bloß für einen Trick, der Sie von meiner Unschuld überzeugen soll, Adler?«

Jacob schüttelte den Kopf. »Das war bestimmt kein Trick. So gut kann niemand schießen. Einen Zoll daneben, und Ihr Gehirn läge jetzt im Gras.«

»Eine delikate Vorstellung«, murmelte Driscoll während er sich aufrichtete, mit der Hand über seine Stirn fuhr und das an seiner Handfläche klebende Blut betrachtete. »Aber zweifelsohne richtig.«

Er streckte die Hand nach seinem Revolver aus, hielt plötzlich inne und sah Jacob fragend an. »Gestatten Sie?«

»Natürlich«, sagte der Deutsche kleinlaut. »Verzeihen Sie, aber die jüngsten Ereignisse und die Sorge um Irene haben mich übervorsichtig werden lassen.«

»Übervorsichtig kann man gar nicht sein«, erwiderte Driscoll, während er mit einem schnellen Griff den Webley wieder an sich brachte. »Nicht in diesem Land. Ich an Ihrer Stelle hätte vermutlich nicht anders gehandelt, Adler. Ich bin für Sie ein Fremder. Es war nur natürlich, daß Sie mir mißtrauten.«

Weiterhin jaulten die Kugeln heran und zwangen die drei Reisenden, in ihrer notdürftigen Deckung zu verharren.

»Wenn wir nicht etwas unternehmen, sitzen wir hier noch am Jüngsten Tag«, brummte Driscoll. »Die Kerle haben ein hervorragendes Schußfeld. Wir dagegen sehen noch nicht einmal ein Ziel. Wenigstens sind sie noch nicht darauf gekommen, unsere Zugpferde abzuknallen.«

»Vielleicht sind sie auf die Tiere scharf«, überlegte Jacob laut.

»Kann durchaus sein«, meinte der Reverend.

»Wir sollten alle drei in den Wagen klettern und versuchen, möglichst schnell aus der Schußlinie zu kommen«, schlug Irene vor.

Der Reverend schüttelte den Kopf. »Zu gefährlich, Miß. Wer immer von uns die undankbare Aufgabe übernimmt, die Zügel zu halten, er würde unweigerlich vom Bock geschossen werden. Ausgerechnet an dieser Stelle ist der Verlauf des Canyons sehr gerade. Keine Chance für uns, rasch aus der Schußlinie zu kommen. Die Burschen haben sich den Ort für den Überfall gut ausgewählt.«

»Aber was sollen wir dann tun?« fragte Irene mit einer Spur von Verzweiflung in der Stimme.

Sie sorgte sich nicht so sehr um ihr eigenes Leben. Das schien ihr jetzt, wo Carl tot war, nicht mehr sehr wertvoll zu sein.

Aber Jacob durfte nichts geschehen!

Und was sollte aus Jamie werden, wenn er so kurz nach seinem Vater auch noch die Mutter verlor?

»Wir sollten dasselbe tun wie die Attentäter«, beantwortete der Reverend Irenes Frage und steckte den Webley zurück ins Holster. »Sie angreifen!«

Driscoll sah sich suchend im Gelände um.

»Was haben Sie vor, Reverend?« wollte Jacob wissen.

»Während Sie ein kleines Feuerwerk veranstalten, um die Kerle in den Felsen abzulenken, schleiche ich mich zu dem Wäldchen da vorn. Von dort aus gehe ich bis hinter die nächste Biegung zurück. Ich schleiche mich in den Rücken der Brüder. Dann gnade Ihnen Gott!«

Bei den letzten Worten flammte das Feuer in seinen tiefliegenden Augen auf.

»Einer allein gegen so viele?« fragte Irene zweifelnd.

Der Reverend lachte rauh. »Leider haben wir keine Kompanie Soldaten zur Verfügung, um sie in ein taktisches Umgehungsmanöver zu schicken.« Er sah Jacob an. »Was ist, Adler, machen Sie mit?«

Jacob dachte an Irene und nickte. »Ich gebe Ihnen Feuerschutz und beschäftige die Kerle, während Sie unterwegs sind. Wenn Sie unbedingt Selbstmord begehen wollen, kann ich Sie wohl nicht davon abhalten, Reverend.«

»Das haben Sie richtig erkannt, mein Freund«, sagte Driscoll und kroch auch schon los, immer darauf achtend, den Sichtschutz des Planwagens zwischen sich und dem Feind zu haben.

Jacob lehnte den Karabiner an ein Wagenrad und eröffnete aus seinem 44er Army Colt das Feuer auf die Stelle, wo er die Gegner ungefähr vermutete. Es war ein kleines baumbestandenes Plateau etwa auf halber Höhe der Felswand.

Auf die Entfernung konnte er mit dem Revolver zwar nicht allzuviel ausrichten, aber es reichte, um ein Ablenkungsfeuerwerk zu veranstalten. Den Sharps wollte er sich für den Fall aufbewahren, daß sich ihm ein gut sichtbares Ziel bieten sollte.

Unangefochten erreichte Driscoll den von ihm bezeichneten Wald an der Felswand, die der Wand mit den Attentätern gegenüberlag, und verschwand aus dem Blickfeld von Jacob und Irene.

Blieb nur zu hoffen, daß ihn die gut versteckten Gegner tatsächlich nicht gesehen hatten. Sonst würden sie ihm mit Sicherheit eine Falle stellen.

In unregelmäßigen Abständen feuerte Jacob auf das Plateau und fand bald seine Annahme bestätigt, daß dort das Versteck der Attentäter war. Immer wieder sah er zwischen den Bäumen ihr Mündungsfeuer aufblitzen. Aber das diesige Wetter machte es ihm unmöglich, einen genauen Schuß zu plazieren.

Die unbekannten Gegner hatten es leichter. Hier unten im Canyon war die Sicht klarer als an den Hängen und ermöglichte ihnen ein genaues Zielen. Falls Driscoll es nicht schaffte, sie zu vertreiben, saßen Jacob und Irene in der Falle.

Jedenfalls bis zum Einbruch der Dunkelheit. In deren Schutz mußte es den beiden Deutschen eigentlich gelingen zu entkommen. Aber das wußten auch die Attentäter und würden sich darauf einstellen. Und das wiederum konnte nur eines bedeuten: Sie würden angreifen, bevor die Sonne ganz hinter den Berggipfeln der Cascade Range versank.

Jacob teilte Irene nichts von seiner Befürchtung mit. Es genügte, wenn sich einer Sorgen machte.

Bei jeder Kugel, die er aus dem Lauf des 44ers jagte, hoffte er, daß Reverend Driscoll möglichst schnell das Feuer auf die Unbekannten eröffnen würde.

*

Flink wie eine Bergziege kletterte der schwarzgekleidete Mann über die Felsen. Flink und dennoch vorsichtig zugleich. Der unablässige Regen, der gegen Mittag eingesetzt hatte, machte das Gestein schlüpfrig. Ein einziger falscher Tritt oder Griff konnte ihn zu Fall bringen. Er würde sich vielleicht das Genick brechen. Oder er verriet sich den noch immer unsichtbaren Gegnern. Sie konnten nicht mehr weit von ihm entfernt sein, wie er an den lauten Detonationen ihrer Schüsse erkannte.

Sie schienen sein Umgehungsmanöver nicht bemerkt zu haben. Fast zwei Stunden war es jetzt her, daß er den Wagen und die beiden Deutschen unten im Canyon verlassen hatte. Seine Kleidung war an mehreren Stellen zerrissen sowie über und über mit Schmutz befleckt. Aber darauf nahm er keine Rücksicht. Er mußte sich beeilen, mußte die Attentäter erreichen, bevor es dunkel wurde. Denn er befürchtete, daß sie dann den Planwagen angreifen würden.

Das durfte nicht geschehen. Irene Sommer durfte nichts zustoßen. Er brauchte sie noch!

Plötzlich verlor er den Halt, als er mit dem Fuß auf einem glatten Felsen abrutschte. Hilflos ruderte er mit den Armen in der Luft und sah sich schon in die enge Felsspalte stürzen, die sich zu seiner Linken auftat. Im letzten Augenblick packten seine Hände einen Haselnußstrauch, der seine Wurzeln zum Glück so fest im Boden verankert hatte, daß er sich daran hochziehen konnte.

Er dankte dem Herrn, daß er den Strauch hatte an dieser Stelle wachsen lassen, und verwünschte seine eigene Unvorsichtigkeit. Er durfte seine Gedanken nicht abschweifen lassen. Er und die Frau aus Deutschland mußten wohlbehalten nach Hoodsville kommen, damit er Rache nehmen konnte. Durch den Beinaheabsturz noch vorsichtiger geworden, kletterte er weiter - und zuckte zurück, als sich vor ihm ein neuer Abgrund auftat. Er sah hinunter auf ein kleines Felsplateau am Steilhang. Auf das Versteck der Attentäter! Sie kauerten hinter Felsen und Bäumen und schossen immer wieder aus ihren Gewehren auf den Planwagen, den er ebenfalls gut erkennen konnte. So wie die Männer, die er sofort wiedererkannte. Rauhe Burschen, vornehmlich in Felle und Wildleder gekleidet. Es waren die Freunde des jungen Trappers, den er vor zwei Tagen in Abners Hope erschossen hatte. Er suchte noch nach einem sicheren Abstieg, um näher an das Plateau heranzukommen, als sich einer der Männer plötzlich umsah und zu ihm herauf schaute. Er wußte nicht, ob er sich verraten hatte, oder ob den Mountain Man ein Instinkt gewarnt hatte, den er in den langen Jahren des Lebens in der Wildnis herausgebildet hatte. Es war auch gleichgültig. Wichtig war nur, daß er entdeckt war. Der Trapper überwand seine Verblüffung schnell, richtete die Mündung seiner Riffle auf den Mann in Schwarz und zog den Abzug durch. Es klickte nur metallisch. In seiner Aufregung hatte der Jäger vergessen, daß er sein Gewehr soeben auf die Menschen hinter dem Planwagen abgefeuert hatte. Fast zu schnell für das menschliche Auge sprang der Webley in die Hand des Schwarzgekleideten. Der Warnruf, den der Trapper ausstieß, wurde vom Krachen des Schusses übertönt. Die Kugel fuhr in die Brust des Mountain Mans und ließ ihn zurücktaumeln. Eine zweite Kugel durchschlug seine Stirn und löschte sein Leben aus. Er kippte über den Abhang und stürzte in die Tiefe. Gleichzeitig warf sich der Mann in Schwarz hinter einem mannshohen Felsblock in Deckung. Gerade noch rechtzeitig. Die Kugeln der übrigen Trapper patschten gegen den Fels und sirrten als Querschläger davon. Vorsichtig schob sich der Schwarzgekleidete Zoll für Zoll aus seiner Deckung und sah Black Joe Haslips riesenhafte Gestalt hinter dem krummgewachsenen Stamm einer Tanne hervorlugen. Er schoß, und Haslip stieß einen Schmerzensschrei aus, als ihm die Kugel in den Oberarm fuhr. Der Anführer der Trapper fiel oder ließ sich fallen. Jedenfalls verschwand er aus seinem Blickfeld. Der Mann hinter dem Felsblock hörte aufgeregte Schreie, und schon wurde er von einem wahren Bleigewitter eingedeckt. Ihm blieb nichts anderes übrig, als wieder in Deckung zu gehen. Nach zwei, drei Minuten hörten die Schüsse auf. Auf einmal herrschte völlige, ungewohnte Stille. Eine Falle? Er schob sich erneut vor, konnte aber unten auf dem Plateau keinen seiner Gegner entdecken. Statt dessen hörte er Hufgetrappel, das erst laut war, aber schnell leiser wurde. Ein Gedanke durchzuckte ihn: Sie sind geflohen! Er wagte den Abstieg auf das Plateau, auch auf die Gefahr hin, in eine Falle zu laufen. Aber er fand seine Vermutung bestätigt: Die Mountain Men waren fort. Er fand nur jede Menge Patronenhülsen und die Leiche des von ihm Erschossenen, die fünfzig Fuß unter ihm auf einem kleinen Felsvorsprung hing. Zu weit entfernt, um zu ihr hinabzusteigen. Wozu auch? Der Mann war tot.

*

»Nicht schießen!« rief der Mann in Schwarz, als er in der Dämmerung auf den Planwagen zuging. »Ich bin es, Driscoll!« »Sind Sie allein?« fragte der Deutsche vorsichtig. »Mutterseelenallein.«

Er atmete auf, als er nicht nur Jacob Adler, den Sharps in den Händen, sondern auch Irene Sommer, die mit dem Army Colt bewaffnet war, unter dem Planwagen hervorkriechen sah.

Er dankte dem Herrn, daß die Frau am Leben war.

*

Der Reverend berichtete Jacob und Irene, was sich in den Felsen ereignet hatte, und schloß: »Ich habe die Stelle gefunden, wo die Trapper ihre Pferde untergebracht hatten. Nicht weit von ihrem Versteck entfernt. Sie sind abgehauen, weil sie es mit der Angst zu tun bekamen, als ich in ihrem Rücken auftauchte. Wahrscheinlich waren sie so verwirrt, daß sie es für möglich hielten, es mit einer größeren Streitmacht zu tun zu haben. Sie wußten ja nicht, daß ich mich vom Wagen weggeschlichen hatte. Unser Plan ist somit vollauf geglückt!«

»Ihrem Boß sei Dank«, murmelte Jacob.

»Wie?« fragte Driscoll.

Jacob legte den Kopf in den Nacken und zeigte nach oben, in den immer dunkler werdenden Abendhimmel.

»Ach so«, meinte der Reverend und grinste. »Den meinen Sie.«

»Was ist mit dem Mann, den Sie erschossen haben, Reverend?« erkundigte sich Irene.

»Was soll mit ihm sein?«

»Liegt er noch in den Felsen?«

»Natürlich. Ihn zu bergen, würde einen ganzen Tag dauern. Die Geier wollen auch etwas zu fressen haben.«

»Müßte ein Mann wie Sie nicht auch ihm ein christliches Begräbnis gönnen?«

»Das tu ich ja, Miß Sommer. Ich gönne ihm ein christliches Begräbnis. Doch ich sehe mich nicht in der Lage, selbst dafür zu sorgen. Aber ich werde heute abend für ihn beten. Sobald wir einen Lagerplatz gefunden haben, an dem wir vor einem

Überraschungsangriff sicher sind.«

Irene sah Driscoll besorgt an. »Rechnen Sie etwa mit einem weiteren Überfall?«

»Diesem Black Joe traue ich alles zu. Ich weiß nicht, wie schwer ich ihn verwundet habe.«

»Weshalb hatten es die Trapper überhaupt auf uns abgesehen?«

»Das liegt doch auf der Hand, Miß Sommer. Sie wollten sich für den Tod ihres Kameraden rächen. Was haben die Kerle jetzt davon? Noch einen Toten. Wollen wir hoffen, daß ihnen das eine Lehre ist!«

Sie kletterten auf den Wagen, und Irene legte sich auf Jacobs Anweisung flach in den Wagenkasten. Jacob legte den Sharps griffbereit auf seine Knie, als er die Zügel in die Hand nahm. Driscoll hielt den Webley in der Hand.

Sie waren noch nicht weit gekommen, da alarmierte sie das Wiehern eines Pferdes. Als Jacob die Zügel losließ und den Karabiner hochriß, klickte neben seinem Ohr bereits der Hahn des Webleys.

Hufgetrappel näherte sich dem Wagen aus einem kleinen Wald. Aber es war nur ein einziges Pferd. Eines ohne Reiter noch dazu. Driscolls Rappe.

Der Reverend sprang vom Bock und ging langsam auf das Pferd zu.

»Du bist mir ja einer«, sagte er zu dem Tier, während er nach den lose herunterhängenden Zügeln griff. »Ein ganz hübscher Feigling bist du. Erst erschrickst du vor den Schüssen, und dann hältst du dich solange versteckt, bis die Gefahr vorüber ist.«

Und schon saß der Reverend wieder in seinem Sattel.

»Auch Pferde kennen lebenserhaltende Maßnahmen«, meinte Jacob erleichtert und legte den Sharps neben sich auf den Bock.

Sie setzten ihren Weg fort und fanden einen geeigneten Lagerplatz auf einer Lichtung am Ende der Schlucht. Sie verstreuten Reisig im Wald um die Lichtung herum, so daß sie einen heranschleichenden Angreifer schon von weitem hören mußten.

Ihr Abendessen bestand aus Brot und kaltem Fleisch. Ein Feuer wagten sie nicht anzuzünden, um sich den Mountain Men nicht zu verraten. Auch wenn sie sich bei der Kälte liebend gern an einem Lagerfeuer gewärmt hätten.

Jacob und Driscoll hielten abwechselnd Wache. Doch die Nacht verlief ruhig.

*

Der Morgen kam mit noch größerer Kälte, und der bisherige Nieselregen verwandelte sich in leichten Schneefall.

Jetzt entzündeten sie doch ein kleines Feuer, achteten aber darauf, daß sich die Rauchentwicklung in Grenzen hielt. Die warmen Bohnen und der heiße Kaffee taten ihnen gut.

Die fern im Osten über den Rocky Mountains aufsteigende Sonne war allenfalls zu erahnen. Der Morgen war noch jung, als der Wagen weiterrollte. Reverend Driscoll ritt voran. Ohne seine Führung wären Jacob und Irene in den Bergen ziemlich verloren gewesen, hätten allenfalls die grobe Richtung gekannt.

Der Schneefall wurde zum Glück nicht stärker. Als die Reisenden bei Beginn der Abenddämmerung Hoodsville erreichten, lag nur eine dünne weiße Decke über dem Land und der Stadt, die - Abners Hope ähnlich - in einem fruchtbaren Tal am Rande der gewaltigen Cascade Range lag.

Erst kamen sie an verstreut liegenden Farmen vorbei. Die Bebauung wurde dichter und wuchs sich zur Stadt aus. Man sah auf den ersten Blick, daß Hoodsville auf eine längere Geschichte zurückblicken konnte als Abners Hope. Die primitiven Blockhütten, die hier einst gestanden hatten, waren zum größten Teil komfortableren Holzhäusern gewichen. Die meisten Gebäude - insgesamt mochten es an die fünfzig sein -besaßen sogar Fenster mit richtigen Glasscheiben.

Der Reverend führte sie zum Mietstall am anderen Ende der Stadt. Ein großes, schon etwas verwittertes Schild über dem Holztor verkündete: >Eric Hood - Blacksmith & Stablec.

»Hood scheint hier ein häufiger Name zu sein«, bemerkte Jacob, als er langsam vom Bock kletterte. Sie waren bis auf eine kurze Mittagsrast den ganzen Tag unterwegs gewesen, und er spürte jeden Knochen im Leib.

»Eine große Familie«, sagte Driscoll und stieg aus dem Sattel. »Soviel ich weiß, haben die Hoods diese Stadt vor zehn, zwölf Jahren gegründet.«

Eric Hood war ein großer breitschultriger Mittvierziger mit hellem, schütterem Haar und einem rotblonden Schnauzbart, dessen Enden nach oben gezwirbelt waren. Jacob hatte gerade das Tor aufgezogen, als er ihnen aus dem Innern des Mietstalls entgegentrat. Sowie er den Reverend sah, leuchteten seine blauen Augen auf, und er begrüßte Driscoll mit einem kräftigen Handschlag.

»Freut mich, daß Sie den Weg zurück nach Hoodsville gefunden haben, Reverend«, sagte er mit polternder Stimme und strahlendem Gesicht. »Vielleicht können wir Sie doch noch überreden, eine Kirche in unserer schönen Stadt zu bauen.«

»Genau das ist meine Absicht, Mr. Hood.«

Driscoll stellte seine Begleiter vor, und sie brachten Pferde und Wagen im Stall unter.

»Bekommt man in Mrs. Flys Pension noch immer so gutes Essen?« fragte der Reverend halb scherzhaft.

Als Hood dies bejahte, empfahl Driscoll die Pension den beiden Deutschen. Er selbst hatte dort schon gewohnt und wollte erneut bei der Witwe Fly um Unterkunft bitten.

Mrs. Flys zweistöckiges Haus lag am Stadtrand. Es waren genug Zimmer frei. Zur Zeit wohnte bei der fünfzigjährigen, drallen Witwe außer den Neuankömmlingen nur ein junges Ehepaar aus dem Osten, das auf der Durchreise nach Oregon City war.

Das Abendessen war wirklich sehr gut, aber Irene stocherte nur lustlos darin herum. Jacob verstand das sehr gut. Die Nähe von Carl Dilgers Grab ließ die junge Frau zusehends nervöser werden.

Driscoll versprach, Irene und Jacob am nächsten Morgen auf den Friedhof zu führen. Die beiden Deutschen zogen sich früh auf ihre Zimmer zurück, während der Reverend noch ausging.

»Ich muß ein paar Kontakte knüpfen, um den Bau meiner Kirche anzuleiern«, erklärte er.

In der Nacht hörte Jacob aus dem Nebenzimmer laute Rufe. Es war Irene, die im Schlaf Carls Namen ausstieß, immer wieder. Sie mußte schlimme Alpträume haben.

Am liebsten wäre er aufgestanden, zu ihr geeilt und hätte sie in seine Arme genommen, um sie zu trösten.

Aber wie konnte er das?

*

Am Morgen, als Jacob Irene im Speisesaal beim Frühstück traf, war er überrascht, wie gefaßt sie wirkte. Vielleicht hatten die nächtlichen Träume einen reinigenden Effekt gehabt. Jedenfalls waren ihr weder Verzweiflung noch Trauer anzumerken. Auch der Reverend erschien bald zum Frühstück. Als das junge Ehepaar den Speisesaal betrat, waren die drei anderen bereits fertig und zogen sich an, um zum Friedhof zu gehen.

Der Schnee war höher geworden und reichte den Menschen jetzt weit über die Knöchel, als sie über die Main Street von Hoodsville zum nördlichen Stadtende gingen, vorbei an dem Mietstall. Der kalte Wind aus den Bergen wehte ihnen dicke Schneeflocken ins Gesicht.

Der Friedhof lag auf einem bewaldeten Hügel eine knappe halbe Meile hinter der Stadt. Die drei waren die einzigen Menschen, die sich zu dieser frühen Stunde hier aufhielten.

Driscoll führte sie zielstrebig zwischen den Gräbern hindurch.

»Sie scheinen sich hier gut auszukennen, Reverend«, bemerkte Jacob.

»Bevor ich nach Abners Hope aufbrach, um Miß Sommer von Mr. Dilgers Tod zu benachrichtigen, habe ich mir natürlich das Grab angesehen.«

Über dem Grab, zu dem er sie führte, erhob sich ein schlichtes Holzkreuz, ähnlich dem, das Jacob für Billy Calhouns letzte Ruhestätte angefertigt hatte. Das Kreuz war, wie das Grab selbst auch, von Schnee bedeckt.

»Hier ist es?« fragte Irene zögernd, als Driscoll stehenblieb.

Der Reverend nickte. »Ja, Miß Sommer.«

Eine ganze Weile standen sie schweigend, mit gesenkten Häuptern, vor dem Grab. Dann trat Irene an das Kreuz und wischte langsam den Schnee mit ihren behandschuhten Händen von dem Holz.

Die Aufschrift, die sie enthüllte, war fast enttäuschend knapp:

Carl Dilger aus Hamburg (Germany)

Erschossen in Hoodsville (Oregon) am 8. Juli 1863

»Ist er das?« fragte Driscoll.

»Ja«, antwortete Irene mit brüchiger Stimme. »Carl kam aus Hamburg. Sein Vater besitzt dort eine Reederei.« Sie wollte noch etwas sagen, aber ihre Stimme versagte. Sie sammelte sich und fuhr fort: »Carl, wurde erschossen. Wer hat das getan?«

»Ein gewisser Randolph Haggard. Er liegt auch hier begraben. Wollen Sie das Grab sehen?«

Irene nickte.

Das Grab, zu dem sie der Reverend jetzt führte, lag abseits der anderen Begräbnisstätten. Auch über ihm erhob sich nur ein schlichtes Kreuz aus Brettern, das Driscoll vom Schnee befreite.

Randolph Haggard (gest. am 8. Juli 1863

Der Herr möge ihm gnädig sein

»Am selben Tag gestorben«, murmelte Irene.

»Durch Dilgers Kugel«, erklärte der Reverend. »Man hat mir gestern abend erzählt, sie hätten sich gegenseitig erschossen.«

Irene sah ihn fragend an. »Warum?«

»Ein Streit.« Driscoll zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nichts Genaues. Nur, daß Haggard in die Stadt kam und einen Streit mit Dilger vom Zaun brach, dem beide zum Opfer fielen.«

Irene schüttelte den Kopf und sagte leise: »Ich kann mir das nicht vorstellen. Carl war im Umgang mit Schußwaffen nicht sehr erfahren.«

»Hier im Westen lernt man das schnell«, sagte der Reverend und klopfte auf das Lederholster mit seinem Webley Longspur. »Besonders, wenn es um das eigene Leben geht.«

»Dieser Haggard scheint jedenfalls an der Sache schuld gewesen zu sein«, meinte Jacob. »Die Worte >Der Herr möge seiner Seele gnädig sein< deuten es an.«

»So hat man es mir auch erzählt«, bestätigte der Reverend.

»Von wem können wir Genaueres erfahren?« erkundigte sich Irene.

»Vielleicht vom Bürgermeister, Wallace Hood«, sagte Driscoll.

»Mit Eric Hood verwandt?« fragte Jacob.

»Sein Bruder, glaube ich.«

»Ich möchte noch einmal zu Carls Grab«, sagte Irene und stapfte auch schon durch den Schnee zurück.

Jacob und der Reverend standen eine ganze Weile vor Haggards Grab und sahen den Hügel hinauf zu Irene, die mit gesenktem Haupt neben dem Holzkreuz stand und auf die Begräbnisstätte ihres Geliebten schaute.

Schließlich ging Jacob zu ihr und legte sanft einen Arm um ihre Schultern. Er wollte sie wissen lassen, daß sie nicht allein war.

Irene hob den Kopf und sah ihn dankbar an. Über ihr Gesicht liefen Tränen.

*

Auf ihrem Rückweg in die Stadt mußten sie sich gegen den kräftig auffrischenden Wind regelrecht anstemmen.

Driscoll führte sie zu einem der größten Gebäude in der Mitte der Main Street, über dem ein Schild mit der Aufschrift >Wallace Hood - General Store< prangte.

»Der Bürgermeister ist also zugleich der Ladenbesitzer«, meinte Jacob.

»Richtig«, sagte der Reverend und stieg als erster die drei hölzernen Stufen hinauf, die auf den überdachten Vorbau führten.

Der Laden war geöffnet, aber die Tür war wegen des kalten Windes geschlossen. Als die drei vor ihr standen, schlugen ihnen von innen laute Stimmen entgegen. Schnell war klar, daß sich zwei Männer im Laden heftig stritten.

Als Driscoll die Tür aufstieß, läutete eine Glocke, und die beiden Stimmen verstummten. Zwei Männer unterschiedlichen Alters, unverkennbar miteinander verwandt, starrten ihnen entgegen.

Der Ältere mußte Wallace Hood sein, so sehr ähnelte sein Gesicht dem des Mietstallbesitzers. Nur war er etwa zehn Jahre älter als sein Bruder, sein Gesicht war bartlos, und die Haare auf dem Kopf sprossen noch spärlicher als bei Eric Hood. Er trug einen dunklen, abgeschabten Dreiteiler.

Der Jüngere war Mitte Zwanzig, ebenfalls glattrasiert und noch im Vollbesitz seiner Haarpracht. Er hatte eine weiße Schürze umgebunden und hielt einen Reisigbesen in der Hand.

Beider Gesicht waren vor Erregung gerötet.

»Was kann ich für Sie tun?« fragte der Ältere, der sich als erster wieder in der Gewalt hatte.

»Sind Sie Wallace Hood?« erkundigte sich Driscoll.

»Ja. Mir gehört dieses Geschäft.«

»Nun, wir wollten nicht zum Ladeninhaber, sondern zum Bürgermeister.«

»Da haben Sie Glück. Das bin ich auch.«

»Das dachten wir uns«, sagte Driscoll und stellte sich sowie seine Begleiter vor.

Im Gegenzug erfuhren sie von Wallace Hood, daß der junge Mann sein Sohn Barry war.

»Wir kommen wegen Carl Dilger«, erklärte der Reverend, »und wegen Randolph Haggard.«

Die Erwähnung der beiden Namen löste bei den Hoods heftige Reaktionen aus. Die ein wenig aufgeschwemmten Züge des Bürgermeisters erbebten. Barrys Hände verkrampften sich um den Besen, und er wechselte einen langen Blick mit seinem Vater.

»Ich verstehe nicht, was das mit mir zu tun haben soll«, meinte Wallace Hood schließlich.

Driscoll zeigte auf Irene.

»Miß Sommer ist nach Oregon gekommen, um Mr. Dilger zu heiraten. Sie ist von seinem Tod verständlicherweise sehr betroffen und möchte Näheres darüber erfahren.«

»Ja, natürlich«, sagte der Bürgermeister und nickte. »Am besten gehen wir in mein Büro. Wegen des kalten Wetters ist heute morgen so wenig los, daß Barry auch ohne mich fertig wird.« Er sah seinen Sohn an. »Nicht wahr?«

»Ja, Vater.«

Wallace Hood führte sie in ein geräumiges Büro, das allerdings nur über zwei Besucherstühle verfügte. Driscoll blieb stehen. Hood nahm auf einem lederbespannten Drehstuhl hinter seinem mit Papieren übersäten Schreibtisch Platz.

»Carl Dilger wurde im Juli erschossen«, begann er ohne weiteres. »Wir wußten nicht, daß er eine Verlobte hatte. Nur von seinem Vater drüben in Deutschland hat er viel erzählt. Aber wir haben ihm das nicht so recht geglaubt.«

»Wieso nicht?« fragte Irene.

Hood lachte kurz auf. »Dilger erzählte, sein Vater sei der Besitzer einer Reederei, steinreich und so. Aber jeder wußte, daß er das erfand, um Geld zu schnorren. Er erzählte es immer dann, wenn er wieder einmal pleite war.«

Das Zucken in Irenes Gesicht verriet, wie sehr sie Hoods Worte schmerzten. Doch sie beherrschte sich und sagte: »Aber es stimmt. Carls Vater ist Reeder, und er hat viel Geld.«

Hood sah sie verblüfft an, den Mund halb offen. »Weshalb war er dann ständig in Geldnot?«

»Das ist meine Schuld, Mr. Hood«, gestand Irene. »Carl wurde von seinem Vater verstoßen. Meinetwegen. Ich wäre nach Wilhelm Dilgers Meinung keine standesgemäße Frau für seinen Sohn gewesen.«

Hood nickte bedächtig. »Ich verstehe.«

»Können Sie mir mehr über Carl erzählen?« fragte Irene. »Wann ist er nach Hoodsville gekommen? Was hat er hier gemacht?«

»Er kam im Frühjahr hierher, zusammen mit seinem Freund.«

»Sein Freund?« echote Irene.

»Ja, auch ein Deutscher, ein gewisser Franz Pape. Er arbeitet bei meinem Bruder im Mietstall, falls Eric ihn noch nicht rausgeschmissen hat. Dieser Pape ist ein ziemlicher Taugenichts, genauso wie.«

Hood brach ab, als sich sein Blick mit dem von Irene kreuzte.

»Wollten Sie sagen, wie Carl Dilger?« fragte die Frau.

»Verzeihen Sie, Miß Sommer, es ist mir so rausgerutscht.«

»Wie kommen Sie darauf, daß Carl ein Taugenichts gewesen ist?« hakte Irene nach.

»Als er und Pape nach Hoodsville kamen, kauften sie günstig ein Stück Land, die ehemalige Walcot-Farm, etwa drei Meilen östlich. Aber sie kümmerten sich kaum um etwas, ließen alles verkommen. Wenn sie irgendwie mal zu Geld kamen, verpraßten sie es im Saloon. Nach dieser Sache im Sommer, als Dilger starb, ist Pape völlig auf den Hund gekommen. Er schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, ist aber nirgends sehr beliebt. Mein Bruder hat ihn nur eingestellt, weil sich der alte Willard Croy, der ihm sonst hilft, letzten Monat ein Bein gebrochen hat.«

Irene bedankte sich bei Hood für die Auskünfte. Driscoll wechselte mit dem Bürgermeister noch ein paar Worte wegen der Kirche, die er in Hoodsville bauen wollte.

»Eine gute Idee, Reverend«, befand ein strahlender Wallace Hood, dem dieses Thema offensichtlich mehr lag als das Gespräch über Carl Dilger. »In vier Tagen trifft sich der Stadtrat zu seiner wöchentlichen Sitzung hier in meinem Haus. Kommen Sie doch auch, und stellen Sie Ihr Projekt vor.«

»Das werde ich tun, Bürgermeister«, versprach Driscoll.

Sie gingen zurück in den Laden, wo Hood sehr verwundert darüber war, seinen Sohn nicht vorzufinden.

»Wo steckt der verflixte Bengel schon wieder?« schimpfte er, trat vor die Tür und sah sich draußen um.

Barry kam gerade quer über die Main Street gelaufen und blieb, ziemlich außer Atem, vor seinem Vater stehen.

»Wo hast du dich rumgetrieben?« fragte Wallace Hood recht barsch.

»Mir ist plötzlich eingefallen, daß ich noch ein Päckchen bei Mr. Ness abliefern sollte.«

»So, bei Mr. Ness.« Der Bürgermeister musterte seinen Sohn aus zusammengekniffenen Augen. »Hat er wenigstens bar bezahlt?«

Barry schüttelte den Kopf mit dem blonden Haarschopf.

»Nein, Pa, wir sollen es anschreiben.«

»Was auch sonst«, brummte Wallace Hood mißmutig.

Seine drei Besucher verabschiedeten sich und gingen zum Mietstall.

»Das erscheint mir alles so unwirklich«, sagte Irene unterwegs und schüttelte den Kopf mit der schwarzen Haube.

»Was?« fragte der Reverend interessiert.

»Daß Carl ein Taugenichts gewesen sein soll. Das paßt so überhaupt nicht zu ihm. Gewiß, er kam aus einem wohlbetuchten Elternhaus, aber darauf hat er sich nichts eingebildet. Er war kein Faulenzer, der nur vom Geld seines Vaters lebt. Er hat in der Reederei mitgearbeitet, bevor sein Vater ihn enterbte und verstieß. Und auch gegen die Enterbung hat Carl nichts gesagt. Ganz im Gegenteil, er hat sich darüber gefreut, seinem Vater nichts mehr schuldig zu sein. Carl war ganz erpicht darauf, hier in Amerika mit seiner eigenen Hände Arbeit ein Heim aufzubauen. Für sich und seine Familie.«

Bei den letzten Worten brach sie in Tränen aus. Jacob tröstete sie, so gut es ging.

»In diesem Land kann viel mit einem Menschen geschehen«, meinte der Reverend. »Aber vielleicht hatte Mr. Hood auch einen ganz falschen Eindruck von Mr. Dilger. Hoffen wir, daß uns Dilgers Freund, dieser Pape, mehr erzählen kann.«

Sie fanden Eric Hood in seiner Schmiede, wo er ein stämmiges Arbeitspferd mit neuen Hufeisen beschlug. Bei jedem Schlag, den er mit seinem schweren Hammer ausführte, kam ein kräftiger Fluch über seine Lippen.

»Wenn Sie weiter so fluchen, haben Sie eine Menge zu beichten, sobald meine Kirche steht, Mr. Hood«, meinte Driscoll zu dem Schmied und Mietstallbesitzer, der die Besucher jetzt erst bemerkte.

Hood sah schuldbewußt drein und hielt in seiner Arbeit inne.

»Entschuldigen Sie, Reverend, ich habe Sie nicht kommen hören. Es gibt manchmal Tage, an denen man verzweifeln könnte.«

»Was ist denn passiert?«

»Meine Hilfskraft hat sich eben aufs Pferd gesetzt und ist weggeritten, ohne ein Wort zu sagen.«

»Etwa Franz Pape?« fragte Jacob, der hellhörig geworden war.

Hood nickte griesgrämig. »Genau der. Ich hätte ihn gar nicht erst einstellen sollen. Aber ich brauchte dringend jemanden, nachdem sich mein Stallbursche das Bein gebrochen hat. Alle haben mich gewarnt, daß man mit diesem Deutschen nichts als Ärger hat. Ich hätte auf sie hören sollen.«

»Ist er zu seiner Farm geritten?« fragte Jacob weiter.

»Wahrscheinlich. Für den Saloon ist es noch ein bißchen früh.«

»Und er hat nicht gesagt, warum er weggeritten ist?«

»Kein Sterbenswörtchen. Ich habe nur gesehen, daß mein Neffe angelaufen kam und etwas mit ihm beredet hat.«

»Ihr Neffe? Etwa Barry Hood, der Sohn des Bürgermeisters.«

»Yeah, stimmt. Mein Bruder sollte Barry den Umgang mit Pape besser untersagen. Ist bestimmt nicht gut für Barry, wenn sie dauernd zusammenhocken.«

Hood legte den Hammer beiseite und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er blickte seine Besucher forschend an.

»Weshalb interessieren Sie sich so für Pape?«

Jacob erklärte es ihm und fragte, ob er Näheres über Dilger wisse.

»Nicht mehr, als Ihnen mein Bruder schon erzählt hat. Wahrscheinlich taugte er mehr als Pape. Seit Dilgers Tod ist mit Pape überhaupt nichts mehr anzufangen. Die Farm läßt er einfach verkommen. Es war ein schwarzer Tag in der Geschichte von Hoodsville, als dieser Haggard in die Stadt kam und sich nach zwei jungen Deutschen erkundigte.«

»Was geschah dann?« fragte Irene.

»Haggard ritt hinaus zur Farm. Er kehrte nicht zurück. Pape kam kurz darauf in die Stadt und erzählte, Haggard und Dilger hätten sich gegenseitig erschossen.«

»Aus welchem Grund?«

»Das wußte Pape auch nicht. Er sagte, weder er noch Dilger hätten Haggard gekannt. Haggard sei auf die Farm gekommen, hätte einen Streit angefangen und dann grundlos seinen Revolver gezogen. Auch Dilger griff zur Waffe. Beide schossen, und beide trafen. Die beiden Leichen lagen vor dem Farmhaus, als ich hinausritt.«

»Wieso Sie, Mr. Hood?« fragte der Reverend.

»Ich habe noch einen Nebenjob. Ich bin hier der Sheriff .«

*

»Die Hoods haben die wichtigen Ämter in der Stadt anscheinend gut unter sich aufgeteilt«, meinte Jacob, als sie mit dem Planwagen hinaus zu Franz Papes Farm fuhren.

»Wer eine Stadt gründet, bestimmt auch, was in ihr geschieht«, erwiderte Reverend Driscoll, der neben Jacob und Irene auf dem Bock saß. »Das ist häufig so.«

»Vielen Dank auch noch, Reverend«, sagte Jacob.

Driscoll sah ihn erstaunt an. »Wofür bedanken Sie sich, Mr. Adler?«

»Dafür, daß Sie uns helfen. Sie haben sicher auch noch anderes zu tun, als mit uns durch die Gegend zu fahren.«

Der Reverend winkte ab. »Hoodsville hat so viele Jahre auf eine Kirche gewartet, da kommt es auf ein paar Tage mehr bestimmt nicht an. Außerdem interessiert mich diese Geschichte. Ich möchte wissen, vor wem oder was Pape davonläuft.«

»Sie meinen, er hat Angst vor etwas?« fragte Irene.

Driscoll nickte. »Es muß damit zusammenhängen, daß wir uns nach Dilger erkundigt haben. Weshalb sollte er sonst so eilig aus der Stadt verschwunden sein, nachdem er mit Barry Hood gesprochen hat? Der Junge hat ihm bestimmt gesteckt, daß wir seinen Vater über Dilger befragt haben.«

»Sehr mysteriös, das Ganze«, knurrte Jacob und lenkte den Planwagen durch das verschneite Land.

Wären seine Gedanken andere gewesen, hätte die weiße Decke, die über diesem Teil von Oregon lag, vielleicht einen märchenhaften Reiz auf ihn ausgeübt. Aber zur Zeit wirkte alles einfach nur so trüb, wie die Stimmung, in der sich Jacob und noch mehr Irene befanden.

Als sich vor ihnen einige Gebäude aus dem einheitlichen Weiß erhoben, wußten sie sofort, daß es die Farm von Franz Pape war. Das große Farmhaus und die umliegenden Stallungen waren in einem derart verfallenen Zustand, daß man die Farm auf den ersten Blick für unbewohnt halten konnte. Aber die aus dem Schornstein aufsteigende Rauchfahne bewies das Gegenteil.

»Jetzt bin ich aber gespannt«, sagte Jacob und schnalzte mit der Zunge, um die Pferde anzutreiben.

Das fiel ihm nicht schwer, denn das letzte Wegstück war abschüssig. Die Farm lag in einer Senke.

Sie waren noch etwa sechzig Fuß vom Farmhaus entfernt, als dicht neben dem vordersten Gespann der Schnee aufspritzte. Da hörten sie auch schon den Knall des Schusses.

»Nein«, stöhnte Jacob auf und dachte an den Überfall im Canyon. »Nicht schon wieder!«

Er riß die Pferde herum und lenkte den Wagen hinter die Rückwand einer großen Scheune, damit das Gebäude sie vor weiterem Beschuß aus dem Farmhaus schützte. Dort zog er die Bremse an, sprang vom Bock und riß den Army Colt aus dem Holster.

»Bleib in Deckung, Irene«, sagte er und sah, daß auch der Reverend seinen Revolver gezogen hatte. »Ob das Pape ist?«

»Wer sonst«, knurrte Driscoll. »Er scheint wirklich nicht erpicht darauf zu sein, sich mit uns zu unterhalten.«

»Mal sehen«, meinte Jacob und streckte langsam seinen Kopf vor, bis er um die Ecke aufs Farmhaus sehen konnte.

Sofort krachte wieder ein Schuß. Zwei Handbreit neben Jacobs Gesicht zersplitterte das Holz der Scheunenwand. Rasch zog er seinen Kopf zurück.

»Sei nicht leichtsinnig, Jacob«, ermahnte ihn Irene ängstlich.

Sie sprach es nicht aus, aber nach Carl wollte sie nicht auch noch Jacob verlieren. Schon der Gedanke daran war ihr unerträglich.

»Ich versuche es von der anderen Seite«, sagte der Reverend. »Vielleicht gelingt mir ein Umgehungsmanöver, wie im Canyon.«

Jacob hatte da seine Zweifel. Die Scheune lag frei. Der Schütze im Farmhaus konnte das Gelände gut überblicken.

Ehe Jacob noch etwas sagen konnte, um Driscoll von seinem Plan abzubringen, war dieser losgerannt.

Er steuerte das hohe Gerüst des Windrads an.

Aber er kam nicht weit. Als ihm ein Schuß den Hut vom Kopf riß, ließ er sich in den Schnee fallen, rollte sich zur Seite, sprang wieder auf und hetzte zurück hinter die Scheunenwand. Dort klopfte er sich den Schnee von der Kleidung, die jetzt mehr weiß als schwarz aussah..

»Mag sein, daß Pape ein Taugenichts ist«, keuchte er. »Aber mit dem Gewehr kann er umgehen, das muß man ihm lassen. Ich schätze, wir sitzen hier fest.«

»Wir müssen versuchen, mit ihm zu reden«, sagte Jacob.

»Das scheint es gerade zu sein, was Pape nicht will.«

»Ich versuche es trotzdem.«

Jacob näherte sich wieder der Ecke, streckte diesmal aber seinen Kopf nicht so weit vor. Er schob den Colt ins Holster, hielt die Hände trichterförmig vor den Mund und rief: »Pape, hören Sie mich?«

Keine Antwort.

»So reden Sie doch mit uns, Pape. Ich heiße Jacob Adler und komme auch aus Deutschland. Bei mir ist Irene Sommer, Carl Dilgers Verlobte.«

»Interessiert mich nicht!« kam endlich eine Anwort, wenn auch nicht die erhoffte.

»Wir wollen Ihnen nichts Böses, Pape«, fuhr Jacob fort. »Wir möchten nur mit Ihnen sprechen.«

»Ich aber nicht mit Ihnen!«

»Warum nicht?«

»Geht euch nichts an! Verschwindet von meinem Land!«

»Wie können wir das, wenn Sie auf uns schießen?«

»Hauen Sie auf dem schnellsten Wege ab! Dann schieße ich nicht!«

»Tja«, machte Jacob. »Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig. Ziehen wir uns zurück. Irene, du.«

»Ich weiß schon«, unterbrach sie ihn. »Ich lege mich flach in den Wagen.«

Jacob grinste. »Genau.«

Die beiden Männer stiegen wieder auf den Bock. Jacob ergriff die Zügel, während Driscoll seinen Webley schußbereit in der Rechten hielt.

Jacob löste die Bremse, trieb die Pferde an und wendete den Wagen, dabei hoffend, daß sich Pape an sein Versprechen hielt. Er tat es. Unbehelligt konnte der Wagen die Farm verlassen.

Driscoll wandte sich um und schaute zurück, während der Planwagen die aus der Senke führende Steigung hinaufrollte.

»Eins haben wir vergessen«, sagte der Reverend leise und ein wenig bekümmert.

»Was?« fragte Jacob.

»Meinen Hut.«

*

Gegen Mittag kehrten sie in die Stadt zurück und waren überrascht, Eric Hood nicht in seinem Mietstall vorzufinden. Sie hätten dem Sheriff gern erzählt, wie sich sein davongelaufener Stallbursche gegenüber Besuchern seiner Farm verhielt.

Statt Eric Hood fanden sie einen graubärtigen Alten, der im Eingangsbereich des Stalls gleich auf zwei Stühlen saß. Den zweiten Stuhl benötigte er, um sein geschientes linkes Bein darauf zu legen.

»Sie müssen Willard Croy sein«, sagte Jacob, sobald er vom Wagen gestiegen war.

»Yeah«, krächzte der Alte. »Stimmt. Woher wissen Sie das, Mister?«

»Wir haben schon viel von Ihnen gehört. Wo steckt Ihr Boß?«

»Mr. Hood? Er mußte dringend weg, längst überfällige Steuern auf der Kershaw-Farm eintreiben. Der Bürgermeister hat ihn losgeschickt.«

»Wann kehrt er zurück?«

»Nicht vor morgen. Die Kershaws wohnen 'ne ziemliche Ecke von Hoodsville entfernt.«

»Seltsam«, sagte Jacob, als er mit Irene und dem Reverend zum Haus des Bürgermeisters ging, um Barry Hood zu fragen, was er am Morgen so dringend mit Franz Pape zu bereden gehabt hatte. »Ausgerechnet jetzt schickt der Bürgermeister seinen Bruder Steuern eintreiben.«

»Glaubst du, da stimmt etwas nicht?« fragte Irene.

»Für mich sieht es ganz so aus, als wollte der Bürgermeister seinen Bruder aus der Stadt haben. Der Sheriff scheint einer der wenigen Menschen hier zu sein, die uns keine Märchen erzählen oder sich nicht mit Waffengewalt dagegen sperren, überhaupt mit uns zu reden. Was meinen Sie, Reverend?«

»Da ist was dran, Adler. Irgend etwas stinkt ganz gewaltig in Hoodsville.«

Wallace Hood stand hinter der Ladentheke und bediente eine ältere Dame, die mehrere Bahnen geblümten Stoffes begutachtete. Von Barry Hood war nichts zu sehen. Als der Bürgermeister die drei Fremden eintreten sah, verfinsterte sich sofort sein Gesichtsausdruck. Jacob glaubte immer mehr, daß er ihnen etwas verheimlichte.

»Wir suchen Ihren Sohn, Mr. Hood«, sagte der junge Zimmermann. »Wo finden wir ihn?«

»Meinen Sohn? Was wollen Sie von ihm?«

»Ihm ein paar Fragen stellen?«

»Worüber?«

»Zum Beispiel darüber, weshalb er heute morgen erzählt hat, er habe eilig ein Päckchen austragen müssen. In Wahrheit ist er beim Mietstall gewesen und hat mit Franz Pape gesprochen.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Ihr Bruder Eric hat es uns erzählt.«

»Na und? Selbst wenn das stimmt, es ist doch nicht ungewöhnlich, wenn sich zwei junge Burschen unterhalten. Sie sind halt befreundet.«

»Ungewöhnlich ist es aber, daß sich Pape kurz nach dem Gespräch mit Ihrem Sohn auf sein Pferd geschwungen hat und wie vom Teufel gehetzt aus der Stadt geritten ist, ohne sich bei seinem Boß abzumelden. Ihr Bruder war ganz schön sauer. Ungewöhnlich ist auch, daß Pape ohne Vorwarnung auf uns schießt, als wir kurz darauf ganz friedlich seine Farm besuchen.«

Hood erbleichte.

»Das hat er getan?«

»Hat er«, bestätigte Driscoll und fuhr mit der Hand über seinen unbedeckten Kopf; in seinem Haar saßen noch ein paar Schneeflocken. »Es hat mich den Hut gekostet. Eine Handbreit tiefer, und ich hätte statt meines Hutes mein Leben verloren.«

»Das ist ein Fall für den Sheriff«, meinte Hood. »Mein Bruder ist leider derzeit nicht in der Stadt.«

»Das wissen wir bereits«, sagte Jacob und verlor immer mehr von der Höflichkeit, mit der er dem Bürgermeister bisher begegnet war. »Ist Ihr Sohn Barry etwa auch nicht in der Stadt?«

»Doch. Aber Sie können trotzdem nicht mit ihm sprechen.«

»Warum nicht?«

»Weil er krank ist und im Bett liegt. Er schläft.«

»So plötzlich?« wunderte sich Jacob. »Heute morgen wirkte er noch kerngesund.«

»Es kam wie angeflogen. Eine schwere Grippe.« Hood wandte sich wieder seiner Kundin zu. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich habe zu tun!«

»Die Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit, mit der man uns in Hoodsville begegnet, beeindruckt mich immer mehr«, brummte Jacob sarkastisch, als sie auf den Vorbau traten und er laut die Tür hinter sich zuzog. »Sie haben sich wirklich eine nette Stadt für Ihre Kirche ausgesucht, Reverend.«

»Jedenfalls scheint man hier ein Gotteshaus nötig zu haben«, erwiderte Driscoll mit einem Grinsen. »Meine erste Predigt wird sich darüber auslassen, daß man nicht auf friedliche Besucher schießt.« Er fuhr wieder über seinen Kopf. »Und darüber, wie wertvoll ein guter Hut im Winter ist.«

*

Sie kehrten noch rechtzeitig zum Mittagessen in die Pension zurück. Diesmal ließ es sich auch Irene schmecken. Mrs. Flys heiße Hühnersuppe war bei dem kalten Wetter genau das Richtige.

»Ich möchte wissen, in was Carl da reingeraten ist«, sagte sie. »Dieser Franz Pape scheint in irgendwelche krummen Geschäfte verwickelt zu sein. Ich hätte Carl niemals zugetraut, daß er sich auf so etwas einläßt.«

»Vielleicht hat er es nicht gewußt, bis es zu spät war«, entgegnete Jacob. »Etwas Genaueres werden wir wohl erst erfahren, wenn der Sheriff wieder in der Stadt ist.«

»Ich möchte auch vorschlagen, daß wir bis morgen warten«, sagte Driscoll. »Zur Zeit stochern wir nur im Nebel herum. Falls Eric Hood unser Vertrauen rechtfertigt, werden wir mit seiner Hilfe mehr erfahren.«

Der Reverend verabschiedete sich bald nach dem Essen, um Ausschau nach einem Platz für seine Kirche zu halten.

Als der starke Wind am Nachmittag etwas nachließ und dann auch noch der Schneefall aufhörte, gingen Jacob und Irene nach draußen, um einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Auf die Dauer war es zu deprimierend, nur in der Pension zu hocken.

Die Bewohner von Hoodsville begegneten ihnen mit äußerster Zurückhaltung. Niemand grüßte sie. Die meisten wichen ihnen auf der Straße aus. Aber hinter ihrem Rücken wurde über sie getuschelt. Offenbar hatte sich unter den Bürgern herumgesprochen, daß ihr Bürgermeister nicht gut auf die Fremden zu sprechen war. Ob die Leute auch den Grund kannten?

Sie redeten kaum miteinander, aber das war auch nicht nötig. Jacob verstand, daß es viel gab, über das Irene nachdenken mußte. Er genoß es ganz einfach, mit ihr zusammenzusein.

Sie hatten fast die gesamte Stadt durchwandert, um sich die Beine zu vertreten, als in einer langen, engen Gasse plötzlich zwei Gestalten vor ihnen auftauchten. Jacob sah sofort, daß sie von den beiden grobschlächtigen Männern nichts Gutes zu erwarten hatten. Er sah es an ihren verkniffenen Gesichtern und an dem Knüppel, den einer von ihnen in der Hand hielt.

»Weg hier, zurück!« zischte er Irene zu und zog gleichzeitig den 44er.

»Den würde ich an deiner Stelle gleich fallen lassen, Dutch!« sagte hinter ihm eine laute Stimme.

Vorsichtig drehte sich Jacob um und entdeckte einen weiteren Mann, der hinter ihnen die Gasse betreten hatte. Er hielt einen 44er Revolver der Marke Dean Harding auf die beiden Spaziergänger gerichtet. Sofort ließ Jacob seinen Colt fallen. Er wollte Irene nicht gefährden.

»Brav so, Dutch«, lobte ihn der unrasierte Mann mit dem Dean Harding. »Jetzt kannst du beweisen, ob du mit den Fäusten genauso schnell bist wie mit dem Colt!«

»Was wollen Sie von uns?« fragte Irene den Mann mit dem 44er. »Wir haben Ihnen nichts getan!«

»Ihr schnüffelt in unserer Stadt herum. Das mögen wir nicht!«

Die beiden anderen Männer waren inzwischen heran. Der mit dem Knüppel, ein schwarzhaariger, dickbäuchiger Mittdreißiger mit dunklem Vollbart, ließ seine Waffe auf Jacobs Kopf zusausen.

Mit einem Sprung zur Seite entging der Deutsche dem Schlag. Der Knüppel krachte gegen die Hauswand, neben der Jacob eben noch gestanden hatte.

Er wartete keinen neuen Angriff ab, sondern stürmte vor und rammte dem Dickbauch seine Faust ins Gesicht. Nur zwei Sekunden später stieß ihm Jacob das Knie in den Wanst. Der Getroffene stöhnte auf, krümmte sich zusammen und ließ den Knüppel fallen.

Sein Kumpan, ein großer knochiger Kerl in Jacobs Alter, sprang den Zimmermann an und versetzte ihm einen schmerzhaften Fausthieb an die Schläfe. Vor Jacobs Augen explodierten Feuerbälle und er taumelte, bis er mit dem Rücken gegen eine Wand stieß. Sein breitrandiger Filzhut rutschte vom Kopf.

Der Knochige setzte nach, um ihm den Rest zu geben. Er hatte Jacob unterschätzt. Der stieß sich mit gesenktem Haupt von der Wand ab, stürmte wie ein wütender Stirn vor und rammte seinen Schädel gegen die Brust des anderen. Der Knochige stieß einen ächzenden Laut aus, verlor das Gleichgewicht und fiel in den Schnee.

Jacob konnte sich nicht weiter um ihn kümmern, weil der Dickbauch einen neuen Angriff startete. Mit ausgebreiteten Armen rammte er Jacob und verschränkte die Hände auf dem Rücken des Deutschen. Mit der Kraft eines Bären versuchte er, Jacobs Rückgrat zu brechen.

Jacob setzte wieder sein Knie ein. Er traf den Dicken da, wo es am meisten wehtat. Der Mann heulte auf und lockerte unwillkürlich seinen Griff. Jacob konnte seine Arme befreien und ließ seine Fäuste gegen den Kopf des Angreifers krachen. Der taumelte zurück, sah den Deutschen aus glasigen Augen an und brach zusammen.

Aber sein knochiger Gefährte war wieder auf den Beinen und kam langsam, vorsichtig geworden, mit schlagbereiten Fäusten auf Jacob zu.

»Schluß jetzt mit der Spielerei!« rief der Mann mit dem Dean Harding und richtete die Waffe auf Irene. »Du hörst sofort auf, dich zu wehren, Dutch. Andernfalls blase ich ein Loch in dein Schätzchen!«

Jacob wußte nicht, ob er es ernst meinte. Aber er wußte, daß er kein Risiko eingehen durfte. Nicht, wenn Irene in Gefahr war.

Mit herunterhängenden Armen stand er da und ließ das Trommelfeuer der Faustschläge über sich ergehen, das der Knochige, ein gemeines Grinsen im Gesicht, auf ihn abließ.

Wieder sah Jacob die Feuerbälle vor seinem Gesicht explodieren. Alles drehte sich um ihn herum, und er fiel in den angenehm kalten Schnee.

»Hast du etwa schon genug, Schlappschwanz?« verhöhnte ihn der Knochige und zog ihn am Jackenkragen hoch.

Da peitschte ein Schuß durch die enge Gasse.

»Irene!« schrie Jacob erschrocken und riß die Augen auf, um die bunten Schleier, die er vor sich sah, zu durchdringen.

Irene schien nichts passiert zu sein. Sie stand noch an der Hauswand.

Der Mann, der sie mit dem Revolver bedroht hatte, krümmte sich vor Schmerz zusammen, und hielt seine rechte Schußhand mit der Linken. Blut tropfte von seinen Händen in den Schnee und färbte ihn langsam rot. Neben diesem roten Fleck lag der 44er Dean Harding.

Eine dunkle Gestalt schritt durch die Gasse, einen rauchenden Revolver in der Rechten haltend: Reverend Blake Driscoll.

»Meine Hand«, jammerte der Mann neben Irene. »Sie haben mir die Hand zerschossen!«

»Na, so was«, meinte der Reverend kopfschüttelnd. »Meine Augen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Dabei hatte ich auf dein Herz gezielt, mein Sohn. Ich hielt es nämlich für einen guten Gedanken, eine miese Ratte zur Hölle zu schicken. Danke dem Herrn, daß er dich noch einmal vor dem Fegefeuer verschont hat!«

Driscoll sah Jacob an. »Was ist, Mr. Adler? Haben Sie keine Rechnung mit Ihrem Bekannten zu begleichen?«

»O doch«, erwiderte Jacob und schloß seine Beine scherenartig um den Knochigen. Das brachte den Burschen zu Fall und löschte endlich das hämische Grinsen auf dessen Gesicht.

Jacob wälzte sich auf den von der unerwarteten Wendung der Dinge Überraschten und ließ seine Fäuste so auf ihm tanzen, wie es der Knochige zuvor mit ihm getan hatte. Er ließ erst von ihm ab, als das blutige Gesicht kraftlos zur Seite fiel.

Schwer atmend stand Jacob auf und wischte sich das Blut, das ihm die Sicht verklebte, mit dem Ärmel aus dem Gesicht.

»Die Rache ist mein, spricht der Herr«, sagte der Reverend und steckte seinen Webley zurück ins Holster.

»Amen«, fügte Jacob hinzu, während er seinen Colt aus dem Schnee fischte und am Innenfutter seiner Jacke abwischte. Er fühlte sich noch recht wacklig auf den Beinen und war sehr erleichtert, als ihn Irene stützte.

»Wie geht es dir, Jacob?« fragte sie besorgt.

»Erinnerst du dich an die Büffelstampede, der wir auf dem Treck nur knapp entgangen sind?«

»O ja.«

»Nun, ich fühle mich, als sei ich unter eine solche Büffelherde geraten.«

»Wir sollten von hier verschwinden«, riet Driscoll. »Ihre beiden Büffel werden bald wieder zu sich kommen. Und dem Jammerlappen da könnte irgendwann einfallen, daß man auch mit der linken Hand schießen kann. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, daß die Kerle Freunde in der Nähe haben. Ratten treten immer in Scharen auf.«

Der Reverend bückte sich und klaubte Jacobs Hut auf.

»Hier, damit es Ihnen nicht so geht wie mir.«

»Danke«, sagte Jacob. Er setzte den Hut auf und verließ mit Irene und dem Reverend die Gasse.

»Wir sollten einen Arzt aufsuchen«, schlug Irene vor. »Jacobs Kopf sieht nicht gut aus.«

»Eine gute Idee, die allerdings einen Schönheitsfehler hat«, sagte Driscoll. »Im Umkreis von mindestens hundert Meilen gibt es keinen Arzt. Wir werden selbst sehen müssen, was wir für Mr. Adler tun können.«

»Ob Wallace Hood die Schläger auf uns gehetzt hat?« fragte Jacob unter Schmerzen. Bei jeder Silbe, die er sprach, brannte sein Mund wie Feuer.

»Anzunehmen«, antwortete der Reverend. »Unser Besuch in Hoodsville scheint dem Bürgermeister unangenehm zu sein.«

»Ich sehe schwarz für Ihre Kirche, Reverend, wenn Sie sich weiterhin in unserer Gesellschaft zeigen.«

»Vielleicht ist das gar nicht mal so schlimm, Mr. Adler. Je länger ich in Hoodsville bin, desto mehr gewinne ich den Eindruck, daß die Leute hier keine Kirche brauchen, sondern eine Kompanie Kavallerie, die für Ordnung sorgt.«

Unter den entsetzten Augen von Mrs. Fly brachten sie Jacob auf sein Zimmer, wo sie seine Wunden auswuschen und ihm einen Verband anlegten.

Ruhe und Wärme taten ihm gut, aber noch mehr Irenes kühle Hände, wenn sie sein Gesicht berührten. Mit dem seligen Lächeln eines glücklichen Kindes im Gesicht schlief Jacob ein.

*

Als er erwachte, war es draußen dunkel. Das schwache Licht in seinem Zimmer rührte von der Petroleumlampe unter der Decke, deren Docht Irene möglichst weit heruntergedreht hatte.

Irene saß auf dem einzigen Stuhl des Zimmers, einer ziemlich wackligen Angelegenheit.

»Wie spät ist es?« fragte Jacob langsam. Das Sprechen fiel ihm noch immer nicht besonders leicht. »Habe ich lange geschlafen?«

»Nein, Jacob. Es ist gerade erst dunkel geworden. Wie geht es dir?«

»Wie es jemandem geht, der unter eine Büffelherde geraten ist.« Er sah sich im Zimmer um. »Wo steckt der Reverend?«

»Er ist gegangen, kurz nachdem du eingeschlafen bist. Er meinte, wir sollten vorsichtig sein und uns vor der Rückkehr des Sheriffs nicht mehr allein auf die Straße wagen.«

»Sicher ein guter Rat«, stöhnte Jacob und ließ sich zurück aufs Bett fallen. »Danke für dein Wachehalten, Irene. Leg dich jetzt auch etwas aufs Ohr. Ich habe das Gefühl, morgen wird ein anstrengender Tag.«

Sie nickte, als es an der Tür klopfte. Es war die Witwe Fly, die das Abendessen für Jacob brachte und sich nach seinem Zustand erkundigte. Irene ging hinunter, um mit den anderen zu essen.

Als sie zurückkehrte, um Jacob eine gute Nacht zu wünschen, fragte er: »Hast du den Reverend beim Essen gesehen?« »Nein. Die Witwe Fly sagte, er sei vor einer halben Stunde aus der Stadt geritten. Was kann er nur vorhaben?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Jacob. Aber er hegte einen bestimmten Verdacht.

Sobald Irene auf ihr Zimmer gegangen war, stieg er unter Schmerzen aus dem Bett und zog sich an. Er schnallte den Waffengurt um und nahm auch den Sharps-Karabiner mit, als er leise auf Zehenspitzen aus dem Haus schlich. Er wollte Irene nicht beunruhigen.

Noch hatte kein neuer Schneefall eingesetzt. In der Stadt war es ruhig. Die wenigen Menschen, denen er begegnete, maßen ihn zwar mit seltsamen Blicken, aber keiner sagte ein Wort.

Im Mietstall traf er den alten Willard Croy, der auf seinen zwei Stühlen unter einer Laterne saß und in einer alten Zeitung die Seite mit Werbeanzeigen für medizinische Heilmittel studierte. Vielleicht suchte er ein schmerzlinderndes Mittel für sein Bein oder etwas gegen das Altern. Für beides wurde ausreichend geworben, wie Jacob mit einem kurzen Blick erkannte. »Der Reverend hat sein Pferd geholt?« fragte der Deutsche.

»Yeah, Mister.«

»Hat er gesagt, wo er hinwollte?«

»Nein, Mister.«

»Haben Sie gesehen, in welche Richtung er geritten ist?«

»Yeah, Mister.«

Jacob ließ einen Vierteldollar in seinen Schoß fallen. »In welche?«

»Durch die Gasse links neben dem Mietstall.«

»Also nach Osten?«

»Yeah, Mister.«

Das bestätigte Jacobs Verdacht. »Haben Sie einen Sattel für mich?«

»Yeah, Mister.« Croy zeigte auf eine dunkle Ecke. »Da drüben. Suchen Sie sich einen aus.«

»Was macht das?«

»Für wie lange, Mister?«

»Wahrscheinlich nur für heute.«

»Noch mal 'nen Vierteldollar, Mister.«

Jacob bezahlte den Mann und legte einem seiner Zugtiere den Sattel auf. Das Pferd war zwar nicht so schnell wie Driscolls Rappe, aber das machte nichts. Er wollte den Reverend nicht einholen, sondern ihm folgen. Außerdem glaubte er das Ziel zu kennen.

»Schönen Abend noch, Mister«, krächzte ihm der Alte nach, als er aus dem Stall ritt, das Pferd nach links lenkte und die von Croy bezeichnete Gasse nahm. Sie führte schnurstracks aus der Stadt.

Er ritt auf dem schmalen Weg nach Osten, der vom Schnee fast verdeckt war. Aber er kannte ihn gut genug, um ihn auch in der Nacht mühelos zu erkennen. Schließlich war er ihn am Morgen erst entlanggefahren. Es war der Weg zu Franz Papes Farm.

Kurz vor der Senke, in der die Farm lag, stieg Jacob ab und untersuchte das Gelände. Das durch die Wolken gedämpfte Licht der Gestirne reichte gerade aus, um ihn die Spuren im Schnee erkennen zu lassen. Frische Spuren.

Kurz vor der Stelle, wo er vom Pferd gestiegen war, hatte ein Mann vor kurzem erst das gleiche Manöver ausgeführt. Aber wider Erwarten führten die Spuren von Pferd und abgesessenem Reiter nicht direkt hinunter zur Farm, sondern auf einen nahen Wald zu.

Als er das Wiehern eines Pferdes hörte, verstand Jacob. Bald fand er Driscolls Rappen, dessen Zügel an den Stamm einer jungen Fichte gebunden waren.

Er band sein Pferd einfach daneben an, zog den Sharps aus dem Scabbard und folgte den Fußspuren des Reverends zur Farm.

Driscoll war ihm von Anfang an nicht ganz geheuer gewesen. Zu gut konnte der angebliche Reverend mit dem Revolver umgehen. Und zu sehr kümmerte er sich um Jacob und Irene. Seine Kirche schien ihm weit weniger wichtig zu sein als Carl Dilgers Schicksal.

Und warum tauchte er immer dann gerade auf, wenn Jacob oder seine Freunde in Gefahr waren? Wie vor ein paar Tagen, als er Urilla vor dem zudringlichen Trapper gerettet hatte. Und wie heute nachmittag in der engen Gasse.

Andererseits schien er nicht gegen Jacob und Irene zu sein. Hätte er ihnen sonst so geholfen? Oder hatte er das nur getan, um ihr Vertrauen zu gewinnen? Aber wenn ja, wozu das Ganze?

Und was wollte er jetzt auf der Farm? Hatte er mit Pape ein Treffen vereinbart, oder wollte er ihn überraschen?

Jacob tippte auf die zweite Möglichkeit. Andernfalls hätte es Driscoll nicht nötig gehabt, sich heimlich zur Farm zu schleichen.

Die Fußspuren führten Jacob zunächst zu den Stallungen. Es war klar, weshalb der - angebliche oder tatsächliche -Reverend diesen Weg gewählt hatte. Die Stallungen verbargen ihn vor Pape.

Von den Ställen ging es weiter zur Rückseite des Hauses.

Jacob hatte das Farmhaus noch nicht ganz erreicht, als er von drinnen lautes Gepolter hörte. Er überwand den letzten Rest der Strecke mit ein paar Sprüngen, drückte sich gegen die Wand und lauschte.

Das Gepolter hatte aufgehört. Statt dessen hörte er nun Stimmen. Die laute Stimme des Reverends. Und eine leisere. Es mußte die von Pape sein. Aber er verstand nicht, was gesprochen wurde.

Jacob fand eine Hintertür. Sie war aufgebrochen. Durch sie mußte Driscoll ins Haus gekommen sein. Er nahm denselben Weg.

Er kam durch einen Vorratsraum, an den sich die Wohnstube anschloß. Dort brannte Licht. Und von dort hörte er die Stimmen, die er jetzt deutlich verstehen konnte.

»... weiß nicht, was Sie von mir wollen!« stieß Pape mit Panik in der Stimme hervor.

»Die Wahrheit will ich wissen«, sagte Driscoll scharf. »Wer hat Randolph Haggard getötet?«

»Carl war es, Carl Dilger. Das habe ich doch schon gesagt.«

Jacob schob die nur angelehnte Holzbohlentür, die den Vorratsraum von der Wohnstube trennte, ein kleines Stück weiter auf und konnte jetzt durch den Spalt erkennen, was in der Stube geschah.

Pape, den er nur von hinten sah, saß auf einem Stuhl, die Hände hinten an die Lehne gefesselt. Driscoll hockte vor ihm auf einem Tisch und hatte den Webley auf ihn gerichtet.

»Aber ich glaube dir nicht, Mann!« erwiderte der Mann in Schwarz. »Es ist verdammt ungewöhnlich, daß sich zwei Männer gegenseitig erschießen.«

»Wie soll es denn sonst gewesen sein?«

»Haggard hat zwar Dilger erschossen. Aber du hast die Gelegenheit genutzt, um mit Haggard abzurechnen. Um nicht in Schwierigkeiten zu geraten, hast du dem Sheriff die Geschichte ein bißchen anders erzählt.«

Für einige Sekunden herrschte Schweigen.

»War es so?« schrie Driscoll und stieß den Sechsschüsser vor, bis die Mündung Papes Stirn berührte.

»Ja«, winselte der Gefesselte. »So war es. Weshalb fragen Sie mich überhaupt, wenn Sie es sowieso wissen?«

»Weil ich es aus deinem Mund hören wollte. Und jetzt erzähl mir noch etwas: Wer ist der dritte Mann?«

»Was für ein dritter Mann?«

»Der bei euch war, als ihr über die Frau in Wasco hergefallen seid.«

Papes Stimme klang noch erschrockener. »Woher wissen Sie davon?«

»Meine Sache. Ich stelle die Fragen, du beantwortest sie.«

»Und was tun Sie mit mir, wenn ich Ihnen erzählt habe, was Sie wissen wollen?«

»Weiß ich noch nicht. Vielleicht schicke ich deine Seele ins Fegefeuer. Vielleicht bin ich gnädig und übergebe dich nur dem Sheriff.«

»Und wenn ich nichts sage?«

Driscoll zog den Hahn zurück. Die Trommel seines Revolvers drehte sich ein Stück und rastete in die Arretierkerbe ein. »Dann stirbst du auf jeden Fall!«

»Lassen Sie mich laufen, wenn ich es sage?«

»Du mußt es mir nicht sagen, Mann. Ich weiß es auch so. Es war Barry Hood.«

»Woher.« begann der Mann auf dem Stuhl, brach ab und fragte dann: »Sind Sie der Satan, daß Sie alles wissen?«

»Dann stimmt es also«, knurrte Driscoll zufrieden und sagte lauter: »Ich weiß nicht, ob ich der Satan bin. Aber auf jeden Fall schicke ich dich jetzt zur Hölle!«

»Halt!« rief Jacob laut, stieß mit einem Fuß die Tür ganz auf und richtete den Sharps auf den Mann in Schwarz. »Wenn Sie abdrücken, Driscoll, tu ich es auch!«

Driscolls Augen und der lange Lauf seines Webleys richteten sich auf Jacob. Er bekam sich schnell wieder unter Kontrolle, und die Überraschung, die sich für Sekunden auf seinem hohlwangigen Gesicht abgezeichnet hatte, verschwand.

»Sieh an, Mr. Adler. Was führt Sie her?«

»Ein Reverend, den seine Kirche weniger interessiert als sein Revolver. Welchen Beruf üben Sie wirklich aus, Mister Driscoll?«

»Ich bin Reverend, seit vielen Jahren schon.«

»Und da lernt man, so gut mit der Waffe umzugehen?«

»Da nicht, aber bei der Armee. Im Krieg gegen Mexiko war ich Lieutenant.«

»Was wollen Sie von Pape? Was ist das für eine Geschichte mit diesem geheimnisvollen dritten Mann?«

»Die Geschichte will ich Ihnen gern erzählen, Adler.« Driscoll blickte kurz den Gefesselten an. »Und auch dir, obwohl du den größten Teil kennen dürftest. Sie spielt einige Meilen östlich von hier, in dem Ort Wasco. Drei junge Männer kamen vor einigen Monaten in das Gebiet und verkauften dort eine Rinderherde. Wahrscheinlich hatten sie die Tiere gestohlen, denn sie hatten sich zum Verkauf der Tiere weit von ihrer Heimat am Rande der Cascade Range entfernt. Sie feierten das Geschäft mit Whiskey - und mit dem Überfall auf eine junge Frau, die allein und schutzlos auf ihrer Farm war, weil ihr Mann verreisen mußte, um seine todkranke Mutter ein letztes Mal zu sehen. Alle drei vergewaltigten die Frau und quälten sie. Als ihr Mann nach Wasco zurückkehrte, fand er statt einer lebenslustigen Frau ein völlig verstörtes Wesen vor. Nur wenig war mit viel Mühe aus ihr herauszubekommen. Daß ihre Peiniger aus einer Stadt am Rande der Cascade Range kamen. Und daß zwei von ihnen Deutsche waren. Mehr nicht. Aber der Ehemann der geschändeten Frau, Randolph Haggard, fand die Deutschen hier in Hoodsville. Als er auf diese Farm kam, um die beiden zur Rede zu stellen, kam es zum Streit. Den Rest kennen Sie, Adler.«

»Aber was haben Sie damit zu tun, Driscoll?«

»Randy war mein Sohn. Ich hörte erst spät von der Geschichte. Als er nicht zurückkam, machte ich mich auf die Suche. Ich fand sein Grab hier in Hoodsville.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Jacob kopfschüttelnd. »Sie heißen Driscoll und.«

»Ich habe mich nur Driscoll genannt, um mich nicht zu verraten«, fiel ihm der Schwarzgekleidete ins Wort. »Driscoll war der Mädchenname meiner Frau. In Wahrheit heiße ich Blake Haggard.«

Jetzt wurde Jacob alles klar. Auch, weshalb der Reverend so großes Interesse an Jacob und Irene gezeigt hatte.

Hauptsächlich wohl an Irene.

»Sie haben Irene ausgenutzt, Haggard!« stieß er wütend hervor. »Sie haben Irenes Suche nach Carl Dilger für Ihre eigenen Zwecke mißbraucht!«

»So kann man es bezeichnen. Als ich von diesem Händler, Bodeen, hörte, daß eine Frau in Abners Hope einen Carl Dilger sucht, bin ich sofort weitergeritten. Mir war klar, daß man ihr in Hoodsville mehr über die Sache erzählen würde als einem Mann, der seinen erschossenen Sohn rächen will.«

»Sie wollen das wirklich tun?« fragte Jacob ungläubig.

»Was?«

»Sich mit der Waffe rächen? Sie sagten doch, Sie seien wirklich Reverend. Ist das mit Gottes Wort vereinbar, die Rache in die eigene Hand zu nehmen?«

»Der Herr braucht manchmal sehr lange, um sein Werk zu vollenden. So lange will ich nicht warten, nicht in diesem Fall. Außerdem bin ich nur das Schwert in seiner Hand. Ich handle nach seinem Wort: Auge um Auge, Zahn um Zahn!«

Das heftige Flackern in den tiefen Höhlen von Haggards Augen, das ständige Zucken seiner Mundwinkel und das Vibrieren seiner Stimme bei den letzten Worten gaben Jacob plötzlich einen ganz neuen Eindruck von dem Mann. Gewiß, der Reverend handelte kühl und berechnend. Doch zugleich schien er von einem Irrsinn gepackt zu sein, daß er sich als Schwert des Herrn betrachtete. Vielleicht war dieser Wahn eine Folge des Schmerzes, den er über den Tod seines Sohns empfand.

Jedenfalls macht der Irrsinn den Mann in Schwarz unberechenbar und noch gefährlicher.

Haggard schwenkte seine Waffe herum, bis die Mündung wieder auf Pape zeigte. Jacob las im Gesicht des Reverends den Entschluß, endlich seine Rache zu üben.

»Nicht!« schrie der junge Zimmermann.

»Warum nicht?« fragte Haggard scheinbar ruhig. Nur das Vibrieren, das seiner Stimme weiterhin anhaftete, verriet seine Erregung. »Würden Sie wirklich auf mich schießen, Adler? Obwohl ich Ihnen und Irene mehrmals aus der Patsche geholfen habe? Obwohl ich Ihre Freundin, Miß Anderson, vor diesem Trapper gerettet habe, der genauso ein mieser Frauenschänder war wie diese Ratte hier?«

»Sie haben recht, meine Freunde und ich stehen in Ihrer Schuld, Haggard. Aber deshalb werde ich nicht ruhig mitansehen, wie Sie einen Mord begehen!«

Der Gefesselte wandte seinen Kopf um, so daß Jacob zum erstenmal sein Gesicht sehen konnte. Es war ein wenig vertrauenerweckendes Gesicht, unrasiert und pockennarbig. Die schiefe Nase verriet, daß Pape handfeste Auseinandersetzungen nicht scheute. Jetzt sprach Todesangst aus seinen schmalen Augen, aber Jacob bezweifelte nicht, daß sie auch mitleidslos und gemein blicken konnten. Zum Beispiel bei der Vergewaltigung einer Frau.

Jacob war sich ziemlich sicher, daß der Reverend nicht den Falschen erwischt hatte. Trotzdem war es Mord, was Haggard vorhatte. Außerdem blieb ein Rest von Zweifel, wenn Jacob an Carl Dilger dachte.

Pape krächzte angsterfüllt und zugleich von neuer Hoffnung beseelt auf deutsch: »Ja, bitte, Herr, helfen Sie mir! Sie sind doch auch Deutscher! Retten Sie mich vor diesem Wahnsinnigen, und ich werde alles tun, was Sie sagen!«

»Dann erzählen Sie mir die Wahrheit!« verlangte Jacob.

»Die Wahrheit?« echote Pape mit gerunzelter Stirn. »Was meinen Sie?«

Auch Haggard blickte Jacob fragend an.

»Ich meine Ihren toten Freund, Carl Dilger. Hieß er wirklich so?«

»Worauf wollen Sie hinaus, Adler?« fragte der Reverend.

»Ich kenne Irene gut. Und sie hat mir viel über Carl Dilger erzählt. Der Carl Dilger, von dem ich gehört habe, wäre nie und nimmer der Mann, der eine Frau überfällt und vergewaltigt.« Jacob erhob seine Stimme. »Oder irre ich mich, Pape?«

»Nein«, sagte der Gefesselte leise. »Es stimmt. Wir haben unsere Namen geändert, weil wir steckbrieflich gesucht wurden. Ich heiße eigentlich Alwin Rohlfing. Mein Freund hieß August Mohl. Wir nahmen die Namen von Pape und Dilger an, die wir auf dem Treck über die Rockies kennengelernt hatten.«

»Also ist Dilger hier in Oregon?« fragte Jacob erregt. »Und er lebt?«

»Ich weiß nicht, ob er lebt. Aber er ist wahrscheinlich nicht in Oregon. Als wir in Fort Hall von den neuen Goldfunden in Kalifornien hörten, spaltete sich ein Teil unseres Trecks ab, um den California Trail zu nehmen. Dilger und sein Freund Pape gehörten dazu. August und ich wären auch lieber zu den Goldfeldern gereist. Aber unter den Leuten, die weiter nach Oregon wollten, befand sich ein Geldsack, den wir ausnehmen wollten. Wir haben es auch geschafft und uns von dem Geld diese Farm gekauft.«

»Haben Dilger und der richtige Pape gesagt; wohin sie sich in Kalifornien wenden wollten?«

Franz Pape alias Alwin Rohlfing schüttelte seinen Kopf. »Keine Ahnung.«

»Jetzt wissen Sie ja alles, was Sie interessiert, Adler«, sagte Haggard ungeduldig. »Sie brauchen diese Ratte nicht mehr. Lassen Sie uns allein, wenn Sie nicht mitansehen können, was ich mit ihr vorhabe.«

»Nein!« schrie der Gefesselte und sah Jacob flehend an. »Sie haben mir versprochen, mir zu helfen!«

»Das werde ich auch«, sagte Jacob mit fester Stimme und machte einen Schritt nach vorn, näher an Rohlfing und Haggard heran. »Wenn Sie nicht sofort den Revolver senken, schieße ich, Reverend!« »Das kann ich nicht tun, Adler.« Wieder stand das irrsinnige Flackern in Haggards Augen. »Das kann ich nicht tun!«

Zwei Schüsse krachten, und der Mann auf dem Stuhl schrie auf.

Keine Kugel hatte Alwin Rohlfing getroffen. Er hatte nur aus Angst geschrien.

Und auch Jacob hatte nicht geschossen, obwohl er den Zeigefinger, der um den Abzug seines Karabiners lag, schon gekrümmt hatte.

Aber gerade noch rechtzeitig erkannte er, daß die Kugel aus Haggards Webley in die Holzbohlen des Fußbodens fuhr.

Mit einem ungläubigen Ausdruck in seinem eingefallenen Gesicht brach der Mann in Schwarz neben dem Stuhl zusammen. Jacob entdeckte ein Einschußloch auf seiner Brust.

Und dann sah er den Mann, der den ersten Schuß abgefeuert hatte - die Kugel, die Haggard erwischt hatte. Er stand in der plötzlich aufgestoßenen Eingangstür, die direkt in die Wohnstube führte.

Ein kalter Wind fegte von draußen herein. Der Durchzug ließ die auf einem Tisch stehende Petroleumlampe heftig flackern. Die Schatten von Menschen und Gegenständen führten einen wilden Tanz an den Wänden auf.

Der Mann war groß, massig und von wildem Aussehen. Ein schwarzer Vollbart wucherte in seinem breiten Gesicht und fiel tief auf seine Brust. Es war Black Joe Haslip.

»Laß die Knarre fallen, Dutch!« forderte der Mountain Man.

Der Revolver in seiner Rechten zeigte auf den Zimmermann. Es würde zu lange dauern, den Sharps herumzuschwenken. Also gehorchte Jacob.

»Wie kommen Sie hierher?« fragte er erstaunt.

»Wie schon? Ich bin euch gefolgt. Leider hatten meine Leute nach dem Überfall im Canyon die Schnauze voll von euch, sonst hätten wir euch schon früher abgeknallt. So war ich allein und mußte auf eine günstige Gelegenheit warten. Der Bibelfritze ist tot. Jetzt bist du dran, Dutch!«

»Ich. bin nicht. tot«, stöhnte der am Boden liegende Reverend mit schwacher Stimme.

Haslip sah ihn verwundert an.

»Ein zäher Brocken, wie? Na, macht nichts, dann bist du es jetzt!« Er schwenkte den alten Colt Walker herum und richtete die Waffe auf den Reverend.

»Warum?« fragte dieser.

»Ich will Rache für meinen Sohn!«

»Ihr. Sohn?«

»Ja, für Timmy, den du getötet hast!«

»Sie. töten mich. aus Rache für den Tod Ihres Sohnes?« fragte Haggard mit immer schwächer werdender Stimme. Seine Augen blickten nach oben. »Der Herr hat wirklich. Sinn für Humor.«

Er hatte kaum ausgesprochen, als der starke Wind die zitternde Flamme der Petroleumlampe zum Erlöschen brachte.

Jacob reagierte sofort und sprang den Trapper an. Als ihre Körper gegeneinanderprallten, krachte ein Schuß.

Die beiden Männer wälzten sich auf dem Boden hin und her. Haslip verfügte über Bärenkräfte, obwohl er im Canyon von Haggard am Arm verletzt worden war. Er schaffte es, rittlings auf Jacob zu sitzen.

Jacob spürte, wie etwas an seiner Wange entlangstrich - ein Gefühl wie heißes Metall. Der Lauf von Haslips Revolver!

Der junge Deutsche fand in der Dunkelheit den rechten Arm des Trappers und versuchte, die Hand mit der Waffe von sich wegzudrücken.

Wieder ein Schuß. Die Stichflamme blitzte so nah vor Jacobs Augen auf, daß es schmerzte.

Der Druck auf seinem Brustkasten ließ nach, und Haslip fiel neben ihm aufs Holz.

Jacob sprang auf, fingerte ein Streichholz hervor und riß es an seinem Gürtel an.

Dort lag der mächtige Black Joe Haslip, den Colt noch in der Hand. In seinem Bauch klaffte ein gewaltiges Loch. Seine Augen blickten gebrochen. Der Trapper hatte sich im Zweikampf mit Jacob selbst erschossen.

Das Streichholz erlosch. Jacob riß ein neues an und brachte den Lampendocht wieder zum Brennen.

Dann kniete er sich neben Haggard hin. Aber auch ihm war nicht mehr zu helfen. Black Joes zweite Kugel hatte, wie die erste, ihr Ziel gefunden.

»Tot«, sagte Jacob leise und stand auf.

»Machen Sie mich endlich los!« forderte der Gefesselte mit wenig Taktgefühl. »Ich habe genug von diesem Ort. Ich werde von hier verschwinden.«

»Das glaube ich kaum«, knurrte Jacob.

Rohlfing sah ihn entgeistert an. »Aber Sie haben doch versprochen, mir zu helfen!«

»Ja. Ich wollte verhindern, daß Sie ermordet werden.« Jacob sah hinunter auf den toten Reverend. »Diese Gefahr besteht jetzt nicht mehr. Aber ich werde Sie nicht einfach so davonreiten lassen. Wenn Sie tatsächlich Haggards Schwiegertochter vergewaltigt haben, gehören Sie vor ein Gericht. Sie und Barry Hood.«

»Wenn Sie meinen«, sagte Rohlfing nur, und ein dünnes Lächeln spielte um seine Lippen.

Jacob konnte sich denken, was in Rohlfings Kopf vorging. Die Gefahr, in Hoodsville vor Gericht gestellt zu werden, schätzte er als sehr gering ein. Schließlich war der Mitangeklagte der Sohn des Bürgermeisters, des mächtigen Wallace Hood.

Das war in der Tat ein Problem.

*

Als Jacob seinen Colt zog, kehrte die Angst in Rohlfings Augen zurück.

»Was haben Sie vor?«

»Sie losschneiden«, antwortete Jacob und zog mit der anderen Hand sein Bowiemesser aus der Scheide. »Wenn Sie Dummheiten machen, vollende ich Haggards Rache!«

»Nicht doch. Ich werde brav sein. Versprochen.«

»Das hoffe ich«, knurrte Jacob und zerschnitt Rohlfings Fesseln. »Für Sie!«

Rohlfing schien Wort zu halten. Er blieb auf dem Stuhl sitzen und massierte seine schmerzenden Handgelenke.

»Aufstehen!« befahl Jacob. »Wir reiten in die Stadt!«

»Wenn Sie es sagen«, meinte der andere gleichgültig und erhob sich. »Darf ich meine Jacke überziehen? Ich möchte mir nicht den Tod holen.«

»Von mir aus.«

Rohlfing steuerte eine dunkle Ecke an, in der mehrere Kleidungsstücke an Wandhaken hingen, darunter eine grob karierte Wolljacke. Er nahm die Jacke ab und streifte sie über.

Als er sich wieder umdrehte, richtete er eine rostige, alte Riffle auf Jacob und grinste hämisch.

»Pech gehabt, mein Freund. Du bist ein wenig zu vertrauensselig.«

»Haben Sie etwa Angst vor der Gerichtsverhandlung?« fragte Jacob, während er sich einen Narren schalt und gleichzeitig fieberhaft nach einem Ausweg suchte.

Gewiß, er brauchte den Colt nur herumzureißen und abzudrücken. Aber dann hatte Rohlfing vermutlich längst geschossen.

»Angst, nein«, kicherte der Mann mit dem Gewehr. »Nicht in Hoodsville. Wallace Hood wird nicht zulassen, daß seinem Sohn etwas zustößt. Aber warum soll ich das Risiko eingehen, wenn ich's einfacher haben kann?«

»Also verüben Sie lieber einen Mord.«

»Ich würde es eher als Notwehr bezeichnen. Schließlich hast du zuerst deine Waffe auf mich gerichtet. Aber nenn es, wie du willst, du fährst jetzt zur Hölle!«

Entsetzt sah Jacob, wie sich Rohlfings um den Abzugshebel gelegter Finger zusammenkrümmte.

Aber kein Schuß krachte.

Es gab nur ein metallisches Klicken, als der Hahn aufschlug.

Jacob zog den Hahn seines 44ers zurück und legte auf Rohlfing an.

»Sie haben wohl vergessen, Ihr Gewehr nachzuladen, nachdem Sie heute vormittag auf uns geschossen haben, was?«

»Verdammt!« entfuhr es dem anderen.

Er ließ das Gewehr fallen und riß die Hände nach oben.

»Nicht schießen! Ich... ich wollte Sie nicht töten!«

»Warum haben Sie dann geschossen?«

»Ich habe daneben gezielt. Ich wollte Sie nur erschrecken.«

Sein Gesicht verriet, daß Rohlfing log. Er suchte so verzweifelt wie zuvor Jacob nach einem Weg, um am Leben zu bleiben.

Jacob empfand tiefen Abscheu vor diesem Mann. Der Reverend hatte recht gehabt, er war nichts anderes als eine Ratte in Menschengestalt. Aber war er nicht trotz allem ein menschliches Wesen? Durfte man ihn einfach abknallen?

Jacob schoß.

Rohlfing zuckte zusammen und ging zu Boden, obwohl die Kugel weit über ihm in die Wand gefahren war.

Jacob sprang zu ihm hin und sagte: »Ich habe daneben gezielt. Ich wollte Sie nur erschrecken.«

Dann zog er den Lauf des schweren Colts über den Schädel von Rohlfing, der ihn an einen winselnden Hund erinnerte, wie er am Boden kauerte und ängstlich zu Jacob aufsah. Der Mann stöhnte auf und sackte bewußtlos zur Seite.

Jacob hatte diesen Weg gewählt, weil er mit Rohlfing kein Risiko mehr eingehen wollte. Er war es nicht wert. Die Schmerzen, die ihm der Schlag auf den Schädel einbrachte, hatte er sich selbst zuzuschreiben.

Für ein, zwei Minuten stand Jacob reglos in der Wohnstube und starrte auf die drei Menschen, die auf dem Boden lagen.

Zwei davon tot.

Ein Sog widerstreitender Gefühle packte ihn. Er fragte sich, ob er das hätte verhindern können.

Aber wie?

Joe Haslip hatte ihm keine Wahl gelassen. Hätte Jacob nicht gegen ihn gekämpft, hätte der Trapper auch ihn umgebracht. Das hatte Jacob seinen Worten deutlich entnommen. Wahrscheinlich hatte er Jacob gehaßt, weil die Siedler dem Trapper verwehrt hatten, Timmy Haslips Tod an Ort und Stelle zu rächen.

Näher noch als der Tod des Trappers ging ihm der des Reverends. Zwar hatte Haggard Jacob und Irene nur für seine Zwecke ausgenutzt, aber er hatte ihnen auch mehrmals beigestanden.

Und in gewisser Weise konnte Jacob seine Handlungsweise sogar verstehen. Auch Jacob war von unbändigem Zorn erfüllt gewesen, als er erfahren hatte, daß seine Mutter aufgrund der Machenschaften des Arning-Clans an gebrochenem Herzen gestorben war. Aber wenn man Totschlag mit Totschlag, Mord mit Mord vergalt, geriet die Welt aus den Fugen. Das hatte Jacob gemerkt, als Martin Bauer fast wegen eines Mordes aufgehängt worden wäre, den er nicht begangen hatte.

Haggard hätte versuchen müssen, die Männer, die seinen Sohn getötet und seine Schwiegertochter geschändet hatten, vor Gericht zu bringen. Aber der Reverend hatte den dunklen, falschen Weg gewählt. Und der hatte ihm selbst den Tod gebracht.

Jacob schüttelte die trübe Stimmung von sich ab. Er suchte sich aus dem Durcheinander, das in dem verkommenen Farmhaus herrschte, genügend Stricke zusammen, um Rohlfing so fest zu verschnüren, daß dieser kaum noch einen Finger bewegen konnte.

Vorher hatte er ihn nach versteckten Waffen durchsucht und ihm ein Klappmesser abgenommen, das in seinem Stiefel steckte. Der Mann schien auf alles vorbereitet zu sein. Nur einen Fehler hatte er begangen, als er vergessen hatte, seine Riffle nachzuladen. Der hatte Jacob das Leben gerettet.

Er stapfte hinaus in den Schnee, um seinen Braunen und Haggards Rappen zu holen. Dann wuchtete er den noch immer bewußtlosen Rohlfing wie einen Proviantsack auf den Rappen, so daß die Arme und der Kopf auf der einen und die Beine auf der anderen Seite herunterhingen. Er legte eine alte, löchrige Wolldecke aus dem Farmhaus darüber und schnürte alles gut fest. Wer nicht genau hinsah, würde den Rappen nun für ein Packpferd halten - was er in gewisser Hinsicht auch war.

Jacob machte sich nicht die Mühe, Haslips Tier zu suchen. Er stieg auf sein Pferd, ergriff die Zügel des Rappen und ritt davon. Immer wieder trieb er die Pferde zu größerer Schnelligkeit an.

Er hatte es eilig. Es war wichtig, daß er Hoodsville noch vor dem Morgengrauen erreichte.

*

Das Wetter schien sich gegen Jacob verschworen zu haben. Kaum hatte er die Senke mit der Farm verlassen, als heftiger Schneefall einsetzte. Der unablässige Wind, der von den Bergen pfiff, schwoll zu einem Sturm an. Mehrmals dachte Jacob daran, sich einen windgeschützten Unterschlupf zu suchen, um den Sturm dort abzuwarten. Aber der Gedanke an Irene, die ganz allein in Hoodsville war und noch nicht einmal etwas von seinem nächtlichen Ausflug wußte, trieb ihn voran. Er zog sein Halstuch vor den Mund, zog den Hut tief in die Stirn und hieb dem Braunen, der schwer gegen den Wind anzukämpfen hatte, die Hacken in die Flanken.

Bald konnte er kaum noch die Hand vor Augen sehen, so dicht war das Schneegestöber. Sterne waren ebenso wenig am Himmel zu sehen wie die Gipfel der Berge. Keine Orientierungspunkte. Die Spuren, die er und Haggard beim Ritt zur Farm hinterlassen hatten, hatte er längst verloren. Wahrscheinlich waren sie auch gar nicht mehr zu sehen, bedeckt vom frischen Schnee. Trotzdem ritt er weiter und vertraute auf seinen natürlichen Orientierungssinn.

Daß er sich auf ihn verlassen konnte, erkannte er, als die Umrisse der ersten Häuser schemenhaft vor ihm auftauchten.

Hoodsville!

Er hätte nie geglaubt, daß er sich einmal über den Anblick dieser Stadt freuen würde.

Wegen des Sturms hatte er für den Ritt länger gebraucht als geplant. Das Nachtdunkel machte bereits einem schwachen Lichtschimmer Platz. Aber der Sturm, der durch die engen Straßen toste, würde die Leute vermutlich in den Häusern halten.

Er mied die Main Street und ritt auf Umwegen zum Haus der Witwe Fly.

Als er dort aus dem Sattel stieg, wäre er fast umgeknickt, weil seine eiskalten, halb erfrorenen Beine ihm den Dienst versagen wollte. Er stampfte mehrmals fest mit den Füßen auf und genoß den Schmerz, der ihm zeigte, daß noch Gefühl in seinen Beinen war.

»Na endlich«, stöhnte Rohlfing, als Jacob das Paket vom Sattel löste und die Decke wegzog. »Ich dachte schon, Sie wollten mich erfrieren lassen, Mann. Es war.«

Weiter kam er nicht, weil ihm Jacob ein Taschentuch als Knebel in den Mund stopfte.

Jacob legte den eingeschnürten Mann über seine Schulter und ging ins Haus. Er hörte Mrs. Fly in der Küche hantieren. Leise schlich er nach oben und klopfte an Irenes Tür.

»Wer ist da?« fragte sie etwa eine halbe Minute später.

»Ich, Jacob. Zieh dich schnell an und komm in mein Zimmer!«

Er ging voraus, warf Rohlfing auf sein Bett und deckte ihn soweit zu, daß nur noch seine Haare hervorschauten.

Als Irene, in einen schwarzen Rock und eine blaue Bluse gekleidet, eintrat, sah sie erst Jacob und dann den Mann im Bett verwirrt an.

»Wer ist das?« fragte sie, den Blick auf Rohlfing gerichtet. .

»Er nannte sich Franz Pape, aber eigentlich heißt er Alwin Rohlfing.«

»Carls Freund?«

»Sagen wir, der Freund des Mannes, der sich Carl Dilger nannte und der jetzt auf dem Friedhof von Hoodsville liegt. Der wirkliche Carl Dilger ist nicht nach Oregon gereist, sondern hat in den Rockies den California Trail eingeschlagen.«

Irene starrte Jacob ungläubig an.

»Das heißt.«

Jacob nickte.

»Das heißt, daß Carl noch lebt«, ergänzte er. »Er ist nach Kalifornien gegangen, um Gold zu schürfen.«

Irene fiel ihm um den Hals und küßte ihn auf beide Wangen.

»Danke«, stammelte er verwirrt, als sie ihn wieder losließ. »Wofür war das?«

»Für diese Nachricht, Jacob.«

»Gern geschehen«, sagte er nur und fühlte sich seltsam dabei.

Das glückliche Leuchten in Irenes Augen war für ihn nicht mit allem Gold Kaliforniens aufzuwiegen. Und trotzdem hatte die Nachricht, daß nicht der wirkliche Carl Dilger hier begraben lag, auch eine dunkle Saite in Jacob zum Klingen gebracht. Mit einem Mal war Irene für ihn wieder in unerreichbare Ferne gerückt.

Hastig berichtete er ihr, was auf der Farm geschehen war. Irene war sehr bestürzt über den Tod des Reverends, auch wenn Haggard die junge Frau nur für seine Zwecke ausgenutzt hatte.

»Was hast du jetzt vor?« fragte Irene.

»Rohlfing dem Sheriff übergeben, sobald er zurückkehrt. Solange der Sturm tobt, können wir die Stadt eh nicht verlassen. Hoffen wir, daß sich Eric Hood nicht auf die Seite seines Bruders und seines Neffen schlägt.«

»Und wenn doch?«

Jacob zuckte mit den Schultern.

Dann zog er den Webley des Reverends aus einer Tasche seiner Jacke und reichte ihn Irene.

»Ich bringe die Pferde in den Mietstall. Bevor der Sheriff heimkommt, soll mein Ausflug nicht mehr Leuten bekannt werden als unbedingt nötig. Ich hoffe, daß mich bei dem Sturm niemand sieht. Du bleibst hier und bewachst Rohlfing. Laß den Knebel in seinem Mund und lockere auf keinen Fall seine Fesseln! Falls sich Mrs. Fly meldet, soll sie das Frühstück für uns beide herauf bringen. Sag ihr, es geht mir sehr schlecht und du möchtest mich nicht allein lassen!«

Irene nickte.

»Ich verstehe.«

»Paß gut auf dich auf!« sagte Jacob, drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und verließ das Zimmer.

Es gelang ihm, ein zweites Mal ungesehen an der in der Küche herumklappernden Witwe vorbeizukommen.

Die beiden Pferde standen noch im Hinterhof der Pension. Er führte sie durch Nebenstraßen zum Mietstall, wo er niemanden antraf. Die beiden Stühle, auf denen Willard Croy gesessen hatte, standen verlassen im Eingangsbereich.

Um so besser, dachte Jacob, brachte die Tiere in ihre Boxen und sattelte sie ab.

Er überlegte, ob er hier auf Eric Hood warten sollte. Nein, er wollte Irene nicht zu lange mit Rohlfing allein lassen. Außerdem würde sie sich Sorgen um ihn machen, wenn er länger wegblieb.

Also verließ er den Mietstall und tauchte wieder in den Schneesturm ein.

*

Diesmal bemerkte ihn die Witwe Fly, als er in die Pension zurückkehrte. Fast hätte sie die Pfanne mit den Bratkartoffeln fallengelassen.

»Mr. Adler!« rief sie entsetzt aus. »Ich habe Ihnen doch gerade das Frühstück hochgebracht. Sie. Sie liegen doch oben im Bett. mit Schüttelfrost.«

»Ich war nur kurz draußen, um den Frost abzuschütteln«, meinte Jacob verlegen und eilte auch schon die Treppe hinauf, sich über seine blöde Ausrede ärgernd; aber in der Eile war ihm nichts Besseres eingefallen.

Als er Irene davon erzählte, konnte sie sich ein Lachen nicht verkneifen.

Dann wurde sie wieder ernst und fragte: »Meinst du, daß die Witwe Fly uns Ärger macht?«

»Keine Ahnung«, antwortete Jacob, zog die Jacke aus und klopfte die letzten Schneereste ab. »Ich weiß nicht, wie gut sie mit dem Bürgermeister steht.«

Er stellte sich ans Fenster und sah hinaus auf die Main Street.

»Einer von uns sollte immer die Straße beobachten«, sagte er.

»Für den Fall, daß es Ärger gibt?«

»Ja. Und für den Fall, daß der Sheriff zurückkommt.«

»Und wenn er gar nicht kommt?«

Jacob runzelte die Stirn. »Wie meinst du das, Irene?«

»Vielleicht zieht er es vor, den Sturm auf der Kershaw-Farm abzuwarten.«

»Wir wollen es nicht hoffen. Menschen, die Steuern eintreiben, sind für gewöhnlich nicht sehr beliebt.«

»Du glaubst, die Kershaws werden ihn nicht auffordern, länger bei ihnen zu bleiben?«

Jacob nickte nur und beobachtete weiter die Straße. Als Irene mit ihrem Frühstück fertig war, löste sie ihn ab, und er aß.

»Was ist mit dem?« fragte Irene und zeigte auf das Bett. »Er wird auch Hunger haben.«

»Er kann auf seinem Knebel herumkauen«, antwortete Jacob gleichgültig.

In der Nacht, als Rohlfing ihn kaltblütig erschießen wollte, war in Jacob jegliches Mitgefühl für den Mann gestorben.

Als Jacob wieder die Wache am Fenster übernahm, erwachte die Stadt allmählich zum Leben. Doch auf der weißen Main Street war längst nicht soviel los wie an anderen Tagen. Nur wer etwas Unaufschiebbares zu erledigen hatte, wagte sich bei diesem Wetter hinaus.

Deshalb fielen Jacob die sechs Männer sofort auf, die auf das Haus der Witwe Fly zumarschierten. Die meisten waren mit Gewehren bewaffnet. Als er genauer hinsah, erkannte er unter ihnen Wallace Hood und zwei der Männer, gegen die er gestern in der engen Gasse gekämpft hatte: den Knochigen und den Dickbauch.

»Es geht los«, sagte Jacob düster. »Der Bürgermeister rückt mit seinen Leuten an. Und sie sehen nicht so aus, als kämen sie zu einem Plauderstündchen.«

Einer der Männer postierte sich auf dem Vorbau des gegenüberliegenden Hauses, in dem ein Barbier seinen Laden hatte. Dort ging er hinter einer Regentonne in Deckung und legte sein Gewehr auf die Pension an. Offenbar sollte er verhindern, daß jemand das Haus gegen den Willen des Bürgermeisters verließ.

»Wie sind sie uns draufgekommen?« fragte Irene. »Ob Mrs. Fly uns verraten hat?«

»Kann sein. Oder der Alte aus dem Mietstall. Jedenfalls scheinen sie zu wissen oder zumindest zu ahnen, daß etwas nicht in Ordnung ist.«

Wallace Hood und die vier anderen Männer hatten inzwischen die Pension erreicht und waren aus Jacobs Blickfeld verschwunden.

Natürlich hätte er auf die Männer schießen können, solange sie noch unten auf der Main Street waren.

Aber was hätte das gebracht?

Dann hätte sich der Bürgermeister erst recht als befugt gesehen, mit allen Mitteln gegen die beiden Deutschen vorzugehen.

Außerdem konnten es Jacob und Irene nicht mit der ganzen Stadt aufnehmen.

Sie hörten laute Stimmen unten im Haus und dann das Getrampel von Schritten auf der hölzernen Treppe.

Als die Männer das Obergeschoß erreichten, hatte Jacob die Tür verschlossen und die schwere Eichenholzkommode davorgezerrt. Er legte den Tisch auf die Kante, um mit Irene dahinter in Deckung zu gehen.

Die Tür des Nebenzimmers wurde aufgestoßen. Es war das Zimmer des Reverends. Dann kamen Irenes und Jacobs Zimmer an die Reihe.

»Hier sind sie!« rief eine Männerstimme vor Jacobs Tür.

»Reverend Driscoll!« sagte Wallace Hood laut. »Sind Sie da drin?«

»Der Reverend ist tot«, antwortete Jacob.

»Tot?« wiederholte der Bürgermeister verblüfft. »Wie ist das geschehen?«

»Das ist eine längere Geschichte. Ich werde sie Ihnen erzählen, sobald der Sheriff wieder in der Stadt ist.«

»Lassen Sie mich herein und erzählen Sie mir die Geschichte jetzt!« verlangte der Bürgermeister. »Ich vertrete meinen Bruder, wenn er weg ist.« »Das mag sein«, erwiderte Jacob. »Ich möchte aber trotzdem lieber mit Ihrem Bruder sprechen.«

Sie hörten Getuschel draußen auf dem Gang.

Dann meldete sich Wallace Hood wieder: »Nichts zu machen, Adler. Wenn Sie uns nicht sofort hereinlassen, stürmen wir das Zimmer mit Waffengewalt!«

»Mit welcher Begründung?«

»Sie stehen unter Mordverdacht, Adler.«

»Mordverdacht?«

»Yeah. Sie haben doch selbst gesagt, daß der Reverend tot ist.«

»Ich habe ihn nicht getötet, sondern ein Trapper.«

»Was für ein Trapper denn? Ist ja auch egal. Das können Sie alles dem Richter erzählen.«

»Wenn ich den jemals zu Gesicht bekomme«, knurrte Jacob.

»Meine Geduld ist zu Ende, Adler. Ich zähle jetzt bis fünf. Wenn Sie dann die Tür noch nicht geöffnet haben, schicken wir Ihnen ein paar blaue Bohnen ins Zimmer.«

»Miß Sommer ist bei mir.«

»Was kann ich dafür?«

»Die meinen es ernst«, sagte Jacob und erhob sich aus der Deckung. »Es hat keinen Zweck, Irene. Wir müssen uns ergeben.«

»Traust du dem Bürgermeister etwa?«

»Nein. Aber wenn wir es auf einen Kampf ankommen lassen, ist das unser Ende.«

Allein hätte er es vielleicht auf einen Kampf ankommen lassen. Aber seine dringendste Sorge war, Irene zu beschützen.

»Eins«, begann draußen Wallace Hood laut zu zählen.

»Ist gut, Hood«, rief Jacob. »Ich öffne die Tür. Sagen Sie Ihren Männern, sie sollen die Finger vom Abzug lassen. Ich komme ohne Waffen.«

»Beeilen Sie sich!«

Jacob legte Colt und Messer auf den Boden, und auch Irene trennte sich von dem Webley. Dann zog er die Kommode von der Tür und drehte den Schlüssel im Schloß herum.

Sofort wurde die Tür aufgestoßen, und Hoods bewaffneter Trupp drängte herein. Die Männer hielten Jacob und Irene mit ihren Waffen in Schach.

»Wer ist das?« fragte Hood, der vor dem Bett stand.

»Sie kennen ihn als Franz Pape«, antwortete Jacob. »Aber eigentlich heißt er Alwin Rohlfing. Er schlägt sich mit Raub, Vergewaltigung und Mord durchs Leben. Er hat Randolph Haggard erschossen. Und er hat Haggards Frau vergewaltigt, zusammen mit seinem Freund und Ihrem Sohn. Aber ich schätze, das wissen Sie längst.«

Hood wurde blaß, aber er versuchte den Schein zu wahren.

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Wenn Sie glauben, Ihre Lügengeschichten retten Sie vor dem Galgen, täuschen Sie sich, Adler!«

»Nicht so schnell, Wallace«, sagte eine Stimme auf dem Gang. »Mit dem Hängen sollte man sich nie zu sehr beeilen!«

Eine dick vermummte Gestalt trat ins Zimmer, die Kleidung über und über mit Schnee bedeckt, der hier im Warmen langsam zu schmelzen begann. Als die Gestalt den um Mund und Nase geschlungenen Schal wegzog, erkannten alle das schnauzbärtige Gesicht von Eric Hood.

»Der Sheriff!« seufzte Irene erleichtert.

»Misch dich nicht ein, Eric«, sagte der Bürgermeister barsch. »Wir kommen auch ohne dich klar!«

»Das bezweifle ich. Ich glaube, Mr. Adler hat uns eine interessante Geschichte zu erzählen. Ich möchte sie gern hören!«

Jacob erzählte, was sich auf der Farm ereignet hatte.

Anschließend befreite der Sheriff seinen desertierten Stallburschen von dem Knebel und fragte: »Stimmt das, Mann? Lüg mich bloß nicht an. Du weißt, ich merke das!«

»Es stimmt«, sagte Rohlfing kleinlaut. »Alles.«

»Auch, daß Barry Hood bei der Sache in Wasco mitgemacht hat?«

»Ja.«

»Lüge!« schrie Wallace Hood. »Das ist ein Komplott!«

»Wirklich?« fragte Jacob. »Und weshalb ist Ihr Sohn so plötzlich erkrankt, als wir in die Stadt kamen und nach Dilger fragten? Wer hat gestern einen Schlägertrupp auf Miß Sommer und mich gehetzt? Und warum haben Sie Ihren Bruder gerade gestern losgeschickt, um längst fällige Steuern einzutreiben?«

»Ja, das möchte ich auch wissen«, sagte der Sheriff. »Zumal mir Lester Kershaw erzählt hat, du hättest ihm die Steuern bis zum Frühjahr gestundet, Wallace!«

In dem Bürgermeister ging eine Veränderung vor. Jegliche Energie schien ihn in Windeseile zu verlassen. Seine Schultern sackten nach vorn. Und sein eben noch so herrischer Gesichtsausdruck wirkte plötzlich schlaff.

Er setzte sich auf den einzigen Stuhl und sagte leise: »Ich kenne die ganze Geschichte erst seit gestern, Eric. Barry hat sie mir erzählt, als der Reverend und die Deutschen hier herumschnüffelten. Vorher wußte ich nur, daß irgend etwas in Wasco vorgefallen war. Ich hatte Barry schon den Umgang mit Pape - oder Rohlfing - verboten. Es hat alles nichts genützt. Ich wollte Barry doch bloß beschützen.«

Der eben noch so stolze Mann sah mitleidsuchend in die Runde.

*

Am nächsten Morgen, der Schneesturm hatte sich schon am vergangenen Nachmittag gelegt, verließen Jacob und Irene Hoodsville. Sie waren nicht traurig darüber.

Eric Hood hatte versprochen, für eine ordentliche Gerichtsverhandlung zu sorgen, bei der sich Rohlfing und Barry Wood für ihre Untaten verantworten sollten. Die Verhandlung sollte nicht in Hoodsville, sondern in Wasco stattfinden.

Joe Haslip und Blake Haggard sollten auf dem Friedhof bestattet werden, letzterer neben seinem Sohn.

»Ich freue mich«, sagte Irene, die neben Jacob auf dem Bock des Planwagens saß, als die letzten Häuser von Hoodsville aus ihrem Blickfeld verschwanden.

»Worauf?«

»Darauf, das Weihnachtsfest zusammen mit Jamie, Martin und Urilla zu verbringen. Und mit dir.«

»Das freut mich auch«, sagte Jacob. »Nächstes Weihnachten feiern du und Jamie wohl mit Carl. Sobald der Schnee schmilzt, brechen wir auf nach Kalifornien.«

»Danke«, sagte Irene und drückte seinen Arm.

Jacob sah mit versteinertem Gesicht nach vorn und trieb die Pferde an.

ENDE

Und so geht das Abenteuer weiter

Die Wege der Freunde trennen sich: Während Martin Bauer in Oregon bleibt, brechen Jacob und Irene nach Kalifornien auf. Dort hoffen sie Carl Dilger zu finden, Irenes Verlobten und Vater ihres kleinen Sohnes - auch wenn sich alles in Jacob gegen diese Suche sträubt.

Sie sind noch nicht lange unterwegs, als sie Schüsse hören: Ein kleiner Treck verteidigt sich gegen angreifende Indianer! Jacob kommt den Siedlern zu Hilfe, und sie schließen sich den Männern und Frauen an.

Doch bald merken sie, daß etwas mit den Leuten nicht stimmt. Zu groß ist deren Haß auf die Roten, zu brutal ihre Vorgehensweise. Welches Geheimnis steckt hinter diesem

TRECK DER VERDAMMTEN von J.G. Kastner