/ Language: Deutsch / Genre:adventure / Series: Amerika

Schreckensnacht am Golden Gate

J. Kastner

Das Jahr des Herrn 1863 ist eine düstere, hoffnungslose Zeit in Deutschland. Das einfache Volk ist verarmt. Wer Arbeit hat, schuftet für Groschen. Menschen sterben an Hunger und Epidemien. In dieser Zeit ist »Amerika« ein Wort der Hoffnung und Sehnsucht - ein Land, wo jeder sein Glück machen und zu Wohlstand kommen kann. Ein magisches Wort auch für den jungen Handwerksgesellen Jacob Adler, der zu Unrecht des Mordversuchs beschuldigt wird und aus Deutschland fliehen muss. Doch sein Leben in Amerika wird härter und gefahrvoller sein, als er es sich in seinen ärgsten Träumen vorzustellen vermag. Ein Abenteuer wartet auf Jacob Adler, wie es kaum ein zweiter je erlebt hat...

San Francisco brannte.

Feuer und Rauch verwandelten die nächtliche Stadt am Golden Gate in einen Ort des Schreckens.

Zwischen und auf den vielen Hügeln rund um die große Bucht von San Francisco liefen Tausende von Menschen durcheinander: Amerikaner, Mexikaner, Chinesen, Franzosen, Australier, Deutsche und viele andere Rassen und Nationalitäten mehr.

Vielsprachiges Geschrei strengte sich oft vergebens an, das Knistern der gefräßigen Flammen und das Zusammenkrachen verbrennender Gebäude zu übertönen.

Die Ausrufe der Franzosen, in San Francisco oft abfällig Keskydes genannt, klangen selbst in Panik noch wie Liebeserklärungen.

Mexikaner und spanischstämmige Kalifornier riefen in ihrer Verzweiflung die Heilige Maria und eine Menge weiterer Heiliger an, auf spanisch natürlich.

Und immer wieder das Geschnatter der Chinesen, das für ungewohnte Ohren stets aufgeregt klang. Jetzt aber überschlugen sich die Stimmen der Asiaten geradezu.

Sie hatten auch Grund dazu. In Chinatown, dem Chinesenviertel von San Francisco, war die Feuersbrunst ausgebrochen, die sich nun fast über die halbe Stadt erstreckte.

Wäschereien und Werkstätten, Restaurants und Spelunken, Opiumhöhlen und Kaschemmen, alles war ein Raub der Flammen geworden.

Familien wurden auseinandergerissen. Väter, Mütter und Kinder rannten suchend durch die Straßen, schrien die Namen ihrer gesuchten Lieben und beteten zu ihren Göttern, die Vermißten mögen nicht von Flammen verzehrt, im dichten Rauch erstickt, unter den verkohlten Trümmern begraben sein.

Das sich nach allen Seiten ausbreitende Feuer trieb die Menschen weiter. Sie konnten nicht lange an einem Ort verweilen in der Hoffnung, ihre Lieben zu treffen. Die Waberlohe sprang von Dach zu Dach und überfiel Straßenzug um Straßenzug.

Die Löschbemühungen der Bevölkerung, die überall Ketten gebildet hatte, um schnell Wassereimer um Wassereimer an die Feuerfront zu bringen, hielten den Brand nicht auf. Sie führten im besten Fall zu einer Verzögerung. Zeit genug, bedrohte Straßen zu evakuieren.

Auch der unermüdliche Einsatz der zahlreichen Feuerwehrkompanien konnte daran nichts ändern.

Wäre es ihnen gelungen, den Brandherd frühzeitig einzukreisen, hätten die Männer von Broderick One, Protection Two, Social Three und all der anderen Freiwilligenverbände mit ihren starken Spritzen eine reelle Chance gehabt.

Aber sie mußten ihre Kräfte zu sehr zersplittern. Die silbern schimmernden Wasserstrahlen, die sich aus den Schläuchen ins Flammenmeer ergossen, verwandelten sich dort allzu schnell in die sprichwörtlichen Tropfen, die auf heiße Steine fielen.

Schuld an der Misere, dem schnellen Ausbreiten des Feuers, waren Louis Bremer und seine Gangsterbande, die für den berüchtigten und geheimnisvollen Hai von Frisco arbeiteten.

Auf der Suche nach dem deutschen Auswanderer Jacob Adler, seinem Freund Elihu Brown und der Chinesin Susu Wang, die eigentlich Wang Shu-hsien hieß und unter ihren Landsleuten als >Königin von Chinatown< bekannt war, hatten sie überall in Chinatown Feuer entzündet.

Die weißen Gangster wollten es den verhaßten Chinesen zeigen. Außerdem schien dieses Handeln ganz im Sinne des Hais zu sein, in dessen Auftrag Bremers Männer eine Nacht zuvor bereits versucht hatten, das Viertel der sich dem Hai widersetzenden Chinesen niederzubrennen.

*

Fluchend stand Henry Black am Fenster seines Büros und sah hinunter auf den riesigen Portsmouth Square, die Lebensader San Franciscos.

Man schrieb den März des Jahres 1864. Während weiter östlich die gnadenlosen Schlachten des Bürgerkrieges tobten, in dem Amerikaner gegen Amerikaner, Freund gegen Freund und oft auch Bruder gegen Bruder kämpften, befand sich die große Stadt an der amerikanischen Westküste mal wieder im Goldrausch.

In ganz Frisco pulsierte das Leben. Der Portsmouth Square mit seinen vielen und großen Vergnügungspalästen war das Herz der aufgewühlten Stadt.

In dieser Nacht war es anders als sonst, wenn der ausgelassene Lärm bis in die frühen Morgenstunden erscholl.

In Scharen verließen die Goldgräber und sonstigen Vergnügungssuchenden jetzt die großen, hell erleuchteten Häuser. Auch das größte und beeindruckendste Gebäude, das von Henry Black geleitete Golden Crown, bildete keine Ausnahme.

Ohne ihre Gläser auszutrinken, rannten die Gäste aus dem Saloon mit der langen Bar.

Männer, die auf den Goldfeldern monatelang keine Frau gesehen hatten, ließen die überraschten Tanz-Girls mitten im Lied stehen.

Ohne auf ihren möglichen Gewinn zu warten, sprangen die Glücksritter von den Spieltischen auf. Ihre möglicherweise erfolgsträchtigen Blätter blieben liegen. Einsam drehte sich die Roulettkugel.

Im Hotel, das seine Zimmer auch stundenweise vermietete, lag manches Freudenmädchen plötzlich allein im zerwühlten Bett.

Henry Black und seinem Geschäftspartner, dem Hai von Frisco, würde so mancher Dollar entgehen, der in dieser Nacht noch in den Kassen des Golden Crown geklingelt hätte.

Dort unten liefen die Menschen aufgeschreckt über den Portsmouth Square und durch die Clay Street. Schuld daran war ein Wort, ein Ruf, der zu dieser Stunde von Mund zu Mund flog und die ganze Stadt beherrschte:

»Feuer!«

Die eigene Familie war plötzlich wichtiger als die Dirne oder das Tanz-Girl. Das eigene Haus zu retten war ungleich bedeutender, als eine amüsante Nacht im Golden Crown zu verbringen.

Die Goldgräber wollten eilends ihre Ausrüstungen und Tiere in Sicherheit bringen, die sie teuer bezahlt hatten und ohne die sie das Reichtum und Glück verheißende Edelmetall niemals finden würden.

Daß die meisten von ihnen auch mit Maultieren, Spitzhacken und Waschpfannen nicht erfolgreich sein würden, lag für die vom Gold geblendeten Männer jenseits ihrer Vorstellungskraft.

Black zog die hohe Stirn in Falten und blickte mit zusammengekniffenen Augen über die Dächer hinweg.

Die Menschen hatten sich beim Bau ihrer Häuser den zahlreichen Hügeln angepaßt, zwischen ihnen, auf sie und an die Hänge gebaut. Deshalb wirkte der Blick auf die Dächer, als schaue man aufs Meer hinaus. Die Wellenberge und Täler bestanden aus Dächern - aus Stein und aus Holz.

Das rote Glühen, das dem Nachthimmel eine unnatürliche Helligkeit verlieh, war der Vorbote eines anderen Meeres. Des Feuermeeres, das sich über das Meer aus Häusern und Dächern ergoß, um es zu verschlingen.

Als Black dieses intensive Glühen sah, das ständig stärker wurde und sich über mehr und mehr Teile der Stadt ausbreitete, wußte er, daß die Panik der Menschen berechtigt war. Black hatte, seit er am Golden Gate lebte, schon einige Brände gesehen, aber keiner war so schlimm wie dieser gewesen.

Fast sah es so aus, als wolle die sich ausbreitende Glut auch vor dem Stadtzentrum nicht haltmachen, nicht vor dem Portsmouth Square und nicht vor dem Golden Gate.

Plötzlich kam ihm ein Gedanke: Lag in der Richtung, aus der das Feuer kam, nicht die Chinesenstadt?

Dorthin war dieser Giftzwerg Louis Bremer mit seinen Männern geritten, auf der Suche nach dem Auswanderer Adler und der als Verräterin verdächtigten Susu Wang.

Blacks klobige Finger nestelten die an einer goldenen Kette hängende Uhr aus einer Westentasche. Auch die Uhr war aus Gold, besetzt mit funkelnden Edelsteinen. Routiniert schnippte Blacks Daumen den Deckel hoch.

Mit einem unwilligen Grunzen stellte der wuchtige Geschäftsmann fest, daß Bremer schon seit geraumer Zeit überfällig war. Was konnte ihn und seine Männer so lange in Chinatown aufhalten?

Der Brand?

Gab es vielleicht sogar eine Verbindung zwischen dem Feuer und Louis Bremer?

Der verschlagene kleine Mann, der bislang zu den wichtigsten Unterführern in der Organisation des Hais gehört hatte, erwies sich in jüngster Zeit als zunehmend unzuverlässig. Erst verkaufte er Jacob Adler an einen Walfänger, statt den Auswanderer dem Hai zu übergeben. (Was immer der Hai auch von diesem Adler wollte - für Black war es ein Rätsel.) Dann hatte Bremer Adler und seinen Seemannsfreund endlich gefangen, ließ beide aber entkommen.

Der stiernackige Mann holte tief Luft und stieß einen langen Seufzer aus. Entgegen seiner Hoffnung spürte er danach nur wenig Erleichterung.

Schuld an seiner bedrückten Stimmung war nicht nur Bremer, sondern vor allem der Mann, der da oben thronte!

Black legte den Kopf weit in den Nacken, so daß sich hinten dicke Fettwülste abzeichnete. Dort oben hockte der Mann, der alle Fäden von San Franciscos Unterwelt in die Hand zu bekommen hoffte.

Wie die Spinne im Netz.

Die Spinne?

Nein, der Hai!

Ein leichtes Zittern überfiel den sonst so abgebrühten Henry Black bei dem Gedanken, dem heimlichen Herrscher über San Francisco einen weiteren Fehlschlag melden zu müssen.

Black kannte seinen Herrn und Meister inzwischen gut genug, um dessen Reaktion einschätzen zu können. Auch wenn Bremer die Schuld am Mißerfolg traf, der Hai würde es Black spüren lassen. Black war die rechte Hand des Hais, sein ausführendes Organ - und sein Blitzableiter.

Der ehemalige Besitzer und jetzige Geschäftsführer des Golden Crown ging zu seinem Schreibtisch, zog eine tiefe Lade heraus und entnahm ihr eine bauchige Brandy-Flasche. Er füllte das fleckige Glas auf dem Schreibtisch bis über die Hälfte. Er brauchte die wärmende, beruhigende Flüssigkeit, um das Zittern aus seinem Leib zu vertreiben. Er machte sich nicht einmal die Mühe, die Flasche wieder zu verkorken.

Hastig setzte er das Glas an die Lippen, da stürzte jemand nach nur kurzem Anklopfen ins Zimmer.

Für einen Augenblick hatte Black, beeinflußt durch seine um den Hai kreisenden Gedanken, geglaubt, der Hai hätte Buster geschickt, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Der kahlköpfige Neger, der Leibwächter des Hais, hatte Black erst am vergangenen Tag verprügelt, als dieser über Susu Wang, den Schützling des Hais, hergefallen war.

Als Black seinen Irrtum erleichtert erkannte, hatte er vor Schreck schon den halben Inhalt seines Glases über die Weste vergossen. Er wußte nicht, worum er mehr trauern sollte, um das teure Kleidungsstück oder um den teuren Brandy.

»Bremer, du verdammter Hund, kannst du nicht ordentlich anklopfen?«

Der Zorn über die Art, wie der kleine Mann mit dem Rattengesicht in sein Büro platzte, und über das lächerliche Bild, das Black dem anderen mit dem verschütteten Brandy bot, ließ den großen wuchtigen Mann die Erleichterung darüber vergessen, daß Bremer endlich zurück war.

Bremer schob die zu große Melone in den Nacken und wischte mit dem Jackenärmel über seine Stirn.

Seine Bewegung war langsam, fast fahrig. Sie drückte Erschöpfung aus.

Überhaupt machte der kleine Mann einen reichlich mitgenommenen Eindruck.

Schmutz und Ruß befleckten sein Gesicht, seine Hände und seinen ohnehin nicht sonderlich beeindruckenden, weil schon reichlich abgetragenen und speckigen Anzug.

Aber da waren noch andere Flecken, kleine dunkle Spritzer. Es sah aus wie getrocknetes Blut.

»Verflucht, Henry, wenn du mitgemacht hättest, was ich heute erlebt habe, würdest du auch nicht auf gesellschaftliche Formalitäten achten.« Er blickte begehrlich auf die noch offene Brandy-Flasche. »Ein Doppelter von deiner Hausmarke würde mir jetzt auch guttun.«

Black war noch immer sauer auf den anderen und beschloß, den Wink mit dem Zaunpfahl zu ignorieren. Er stellte das klebrige Glas an den Rand des Schreibtisches, fischte mit spitzen Fingern ein weißes Taschentusch hervor und rieb erst seine mit Alkohol benetzten Hände und dann seine Weste ab.

»Dein Durst kann warten«, knurrte Black. »Erzähl mir lieber, was los ist. Vor allen Dingen sag mir, wo Adler und der chinesische Engel stecken!«

»Irgendwo an der Grenze zu Chinatown, nehme ich an.«

Bremer quetschte die Antwort widerwillig hervor. Sein Zögern drückte aus, daß er lieber etwas anderes oder überhaupt nichts gesagt hätte.

Aus Angst vor dem Hai.

»Irgendwo?« wiederholte Black bedächtig, und jede Silbe drückte wachsenden Unglauben aus. »An der Grenze zu Chinatown? Jedenfalls nimmst du das an?«

Wütend schleuderte der ehemalige Hufschmied das zerknüllte Tuch zu Boden, trat hinter dem Schreibtisch vor und baute sich vor dem anderen auf.

Keinem der beiden war zum Lachen zumute, gleichwohl gaben sie ein komisches Bild ab. Der große massige, fast aus seinem Anzug quillende Henry Black, der sich in seiner Wut noch zusätzlich aufplusterte, und der kleine Louis Bremer in dem zu großen Anzug wirkten wie Vater und Sohn. Black war der Vater, der ein donnerndes Strafgericht über seinen Sohn niedergehen ließ.

»Wir haben unser Bestes getan, sie zu erwischen«, verteidigte sich Bremer und berichtete von dem Überfall auf Sun Chengs Wäscherei, von der Inbrandsetzung Chinatowns und von den Ereignissen in Reverend Humes Waisenhaus.

Als Bremer mit seinem Bericht zu Ende war, herrschte für zwei, drei Minuten Schweigen.

Wie sehr Black aufgewühlt war, zeigten nur seine in ihrer Größe an Schaufelblätter erinnernde Hände, die sich beständig schlossen und öffneten. Als benötige der Geschäftsführer des Golden Crown diese krampfartige Bewegung, um seine Erregung abzuleiten.

Wie mühsam es für ihn war, sich unter Kontrolle zu halten, verriet auch seine vibrierende Stimme, als er schließlich sagte: »Louis, dieser verdammte Auswanderer ist dir innerhalb weniger Stunden dreimal durch die Lappen gegangen! Erst hier, als er, schon gefesselt, im Schuppen lag. Dann in Chinatown, in der Wäscherei. Und schließlich in diesem Waisenhaus, wo er schon wieder dein Gefangener war. Bist du dir klar, was das heißt?«

»Ich... weiß nicht...«, sagte der kleine Mann zögernd.

»Der Hai wird dich in der Luft zerreißen!« fuhr Black fort. »Und mich auch, weil er mich für dein Versagen verantwortlich macht!«

»Ich kann doch nichts dafür, daß.«

Black ließ den anderen nichts ausreden.

»Natürlich kannst du etwas dafür, zum Henker! Du hättest die Gefangenen sorgfältiger bewachen lassen müssen. Und in der Wäscherei bist du ziemlich plump vorgegangen. War doch klar, daß Adler und die Chinesin gewarnt sind, wenn ihr draußen eine große Schießerei veranstaltet.«

»Sollten wir uns von diesen verfluchten Gelbhäuten mit ihren Stöcken, Ketten und Messern fertigmachen lassen?«

»Das hat keiner verlangt, Louis. Ihr hättet einfach nur geschickter vorgehen und keine Feldschlacht veranstalten sollen. Was ich aber überhaupt nicht verstehe - weshalb bist du ohne Adler und Susu Wang zurückgekommen? Du weißt doch, daß der Hai die beiden haben will!«

»Wir konnten nichts mehr machen. Das Feuer hat sich unerwartet rasch ausgebreitet. Überall waren Menschen und die Feuerwehr. Wenn wir die beiden zu schnappen versucht hätten, wäre die Gefahr zu groß gewesen.«

»Die Gefahr?« Black lachte rauh und unecht. »Dadurch, daß du Adler und die chinesische Hure hast entwischen lassen, hast du uns erst in Gefahr gebracht. Er ist die größte Gefahr!«

Er blickte an die Decke.

Bremer verstand sofort, wen der andere meinte.

Der kleine Mann zwang sich zu einem Grinsen, das optimistisch wirken sollte, aber verunglückt ausfiel.

»Du wirst ihm die Sache schon erklären, Henry. Du kommst doch so gut mit ihm aus.«

Henry Blacks Antwort bestand im Angriff. Der schwere, massige Mann bewegte sich mit einer Gewandtheit, die angesichts seiner Leibesfülle für Bremer völlig überraschend kam. Der Geschäftsführer holte mit der Rechten schwungvoll aus und schlug den Handrücken in das Rattengesicht.

Die Wucht des unerwarteten Schlages ließ Bremer quer durchs Zimmer taumeln. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Die Melone war längst von seinem Kopf gerutscht.

Als der kleine Mann auf dem Holzboden lag, fühlte sich seine rechte Wange, wo ihn Blacks Hand getroffen hatte, erst vollkommen taub an. Die Taubheit verschwand schnell und machte einem schmerzhaften Brennen Platz.

In Bremers Mund machte sich ein seltsam süßlicher Geschmack breit. Der Geschmack von Blut.

Blut rann auch aus dem rechten Nasenloch, am Mundwinkel vorbei am Kinn herunter und tropfte auf das ehemals weiße, inzwischen mehr graue Hemd.

Black baute sich vor dem am Boden liegenden Mann auf und brüllte: »Du verdammte kleine Ratte! Was glaubst du, wen du vor dir hast? Meinst du, nur weil der Hai den Ton angibt, singt Henry Black bloß noch im Chor? Ich lasse mich doch nicht vom Hai zerfetzen, nur weil du zu feige bist, einen jungen Auswanderer und ein Schlitzaugen-Girl zu fangen! Von dir lasse ich mich nicht hereinlegen!«

Er beugte sich zu Bremer hinunter, die gewaltigen Hände zu Klauen verformt. Er wollte sie um Bremers dürren Hals legen und dem Rattengesichtigen zeigen, wie schnell er, Henry Black, dem Leben des Unterführers ein Ende bereiten konnte.

Doch er kam nicht dazu. Bremer war schneller und zog seinen sechsläufigen Pepperbox-Revolver aus einer Jackentasche. Als Black in die sechs dunklen Mündungen blickte, hatte der andere auch schon mit gefährlichem Klicken den Hahn gespannt.

»Du faßt mich nicht noch mal an, Henry, nicht auf diese Weise!« keuchte Bremer und stieß die Pepperbox soweit vor, bis sie sich dicht vor dem feisten Gesicht des Geschäftsführers befand. »Schlag mich nur noch einmal, Henry. Würg mich nur. Und liebend gern schicke ich dich in die Hölle. Da hilft dir auch kein Hai!«

Blacks Hände befanden sich in unmittelbarer Nähe von Bremers Hals. Der wuchtige Mann hätte nur zudrücken müssen, um die Lebensluft aus dem Körper des anderen zu pressen.

Aber so wütend Black auch war, er erkannte, daß solch eine Aktion nicht Bremers Ende, sondern sein eigenes gewesen wäre. Der Mann mit dem Rattengesicht hätte allemal die Zeit gefunden, um den Abzug durchzuziehen und Black mit einem Stück heißen Bleis zu spicken.

Ganz langsam zog sich Black zurück und richtete sich auf. Schweiß stand auf seinem roten Cholerikergesicht. Sein Atem ging schnell und rasselnd.

»Gut so«, bellte Bremer und hielt die Pepperbox weiterhin auf Black gerichtet. »Aber noch nicht gut genug. Geh zurück, Henry, bis zum Schreibtisch!«

Langsam ging der wuchtige Mann rückwärts, bis er gegen die Kante der Schreibtischplatte stieß.

Bremer stand auf, den Revolver in der Rechten. Die Linke wischte über die mißhandelte Gesichtshälfte. Unwillig betrachteten die kleinen Augen des kleinen Mannes das an seiner Hand klebende Blut.

»Steck endlich das Schießeisen weg, Louis«, forderte Black und klang dabei seltsam heiser. »Ich habe für einen Augenblick die Nerven verloren. Ich gieße uns was zu trinken ein, und dann reden wir über die Sache. In Ordnung?«

»Ich weiß noch nicht, ob es in Ordnung ist.«

Bremers Daumen ließ den gespannten Hahn langsam zurückgleiten. Aber der kleine Mann traf keine Anstalten, den Revolver wegzustecken.

»Zur Sicherheit halte ich mich an meiner Pfefferbüchse fest. Du hast doch nichts dagegen, Henry?«

»Nein«, raunzte dieser, aber seine verkniffenen Züge verrieten das Gegenteil. »Wenn du meinst, daß du das brauchst, Louis.«

»Allerdings, das meine ich.«

Weder Bremers Stimme noch seine Haltung verrieten auch nur einen Anflug von Versöhnlichkeit.

Blacks dicke Finger zitterten, als er ein zweites Glas neben sein eigenes stellte und beide füllte.

Das Zittern entsprang mehr seiner unterdrückten Wut als der Angst vor Bremer und seiner Pepperbox. Black war wütend auf Bremer und auf sich selbst.

Vor kurzem noch hatte der Geschäftsführer gehofft, in Bremer einen Verbündeten zu finden. Er brauchte Verbündete, um den Hai zu entmachten.

Er wollte doch nicht immer nur die zweite Geige spielen. Black hatte das Golden Crown großgemacht. Black wollte auch wieder der alleinige, der oberste Chef sein.

Aber nach diesem Vorfall durfte er kaum damit rechnen, daß Bremer sich auf seine Seite stellte.

Er nahm beide Gläser auf und reichte eines dem Mann mit dem sechsläufigen Revolver.

»Hier, Louis, laß uns auf unsere Versöhnung trinken!«

Zögernd trat Bremer näher und griff mit der Linken nach dem Glas.

Die Rechte umklammerte noch immer den Revolvergriff.

Die beiden Männer leerten ihre Gläser mit wenigen Zügen.

»Ah, jetzt geht's mir schon besser«, seufzte Bremer und stellte das Glas zurück auf den Schreibtisch.

Die Läufe der Pepperbox zeigten nicht mehr auf Black, sondern auf den Boden.

Bremer war sehr empfänglich für Alkohol, besonders für exzellenten Brandy.

Darauf hatte Black gesetzt.

»Hör zu, Louis, wir beide müssen das Beste aus der verfahrenen Sache machen«, sagte er in einem bewußt kameradschaftlichen Tonfall. »Weiß der Hai, daß du mit deinen Männern zurückgekehrt bist?«

»Nein. Woher auch?«

Black warf einen respektvollen Blick an die Decke und erwiderte: »Er hat von vielen Dingen Ahnung, die er gar nicht wissen dürfte. Die er eigentlich gar nicht wissen kann!«

Bremer grinste unverschämt und schüttelte den Kopf.

»Ich werde nicht schlau aus dir, Henry. Manchmal wirkst du ganz wie der große Geschäftsmann, und dann wieder bist du abergläubisch wie ein Nigger. Für was hältst du den Hai? Für eine Art Geist oder so etwas?«

Black dachte daran, daß der Hai sich immer über alles informiert zeigte. Auch über die Dinge, die er eigentlich gar nicht wissen konnte, weil es doch Blacks Aufgabe war, ihn auf dem laufenden zu halten. Unheimlich war auch Busters Erscheinen gewesen, als Black Susu Wang vergewaltigen wollte. War das wirklich nur ein Zufall gewesen?

»Ich weiß nicht«, beantwortete Black die Frage des anderen mit dem Unbehagen eines Mannes, der vor einer dunklen Höhle steht, sie durchqueren muß, aber die in ihr lauernde Gefahr nicht kennt. »Ich weiß nur, daß man im Umgang mit dem Hai nicht vorsichtig genug sein kann.«

»Verdammt, wir arbeiten doch für, nicht gegen ihn!«

»Gerade dann sollte man vorsichtig sein«, versetzte Black. »Einige, die für den Hai gearbeitet haben, schwimmen jetzt irgendwo in der Bucht. Ziemlich tief, weil dicke Steine an ihnen hängen.«

Bremer schielte verdächtig nach der Brandy-Flasche. Black goß ihm noch einen Doppelten ein, um ihn bei Laune zu halten.

Der Geschäftsführer selbst hielt sich allerdings zurück. Er hatte das Gefühl, in dieser Nacht noch einen kühlen Kopf zu benötigen.

»Sieh zu, daß du mit deinen Männern wieder wegreitest, Louis. Bevor der Hai euch bemerkt. Findet Adler und die chinesische Hure. Bringt sie her, schnell!«

Der Brandy hatte den Blutgeschmack aus Bremers Mund vertrieben und ihn mit dem anderen Mann weitgehend versöhnt. Er steckte den Revolver weg, klaubte die Melone auf und murmelte: »Ist ja schon gut, Henry. Diesmal entkommen sie uns nicht. Wir reiten sofort in die Bolton Street, wo dieses verfluchte Waisenhaus steht - oder stand. Vermutlich hat das Feuer nicht viel von ihm übriggelassen.«

»Beeilt euch!« forderte Black.

Als Bremer gegangen war, hieb der massige Mann mit solcher Wucht auf den Schreibtisch, daß Bremers leeres Glas umstürzte, von der Platte rollte und auf dem Boden klirrend zersprang.

Eine ganze Reihe von Flüchen ausstoßend, trat Black wieder ans Fenster.

Was er draußen sah, entlockte ihm einen weiteren, ziemlich deftigen Fluch.

Der Himmel war in der Zeit, während er sich mit Bremer abgegeben hatte, viel heller geworden. Aber nicht, weil der Morgen graute. Soweit war es noch nicht. Der Grund war das Feuer, das sich mit ungeahnter Schnelligkeit ausbreitete.

Dieser Idiot von Louis Bremer!

Er hatte Chinatown abfackeln wollen. Aber jetzt sah es so aus, als hätten er und seine Männer ganz Frisco dem Untergang geweiht.

Unaufhaltsam wälzte sich die Feuerfront dem Stadtzentrum entgegen, dem Portsmouth Square und dem Golden Crown...

*

Feuer.

Überall um sie herum waren Flammen, Rauch und Hitze.

Die Männer, in den Uniformen der Armee und der Feuerwehr und auch zivil gekleidete, kämpften auf verlorenem Posten.

Die Angehörigen der freiwilligen Löschzüge Social Three und Monumental Six wurden nicht müde, ihre Pumpen zu bedienen und die dicken Wasserstrahlen zu beiden Seiten des großen Armeemagazins in die näherrückenden Flammenwände zu schicken, die das große Gebäude einzuschließen drohten.

Währenddessen liefen Soldaten und zivile Helfer geschäftig hin und her, um Munitions- und Sprengstoffkisten auf eilig herbeigeschaffte Wagen zu verladen.

Das Armeemagazin sollte geräumt werden, bevor es vom Feuer erreicht wurde. Denn dann war klar, was folgte: eine Explosion, die für diesen Stadtteil kaum weniger schlimm sein würde als eines der heimtückischen Erdbeben, die San Francisco von Zeit zu Zeit heimsuchten und nach dem Feuer die gefürchtetste Gefahr am Golden Gate waren.

Jacob Adler und Elihu Brown gehörten zu den freiwilligen Helfern. Jeder von ihnen schleppte eine schwere Munitionskiste nach der anderen aus einem großen, fast würfelförmigen Schuppen, um sie auf einem offenen Kastenwagen abzuladen.

Nachdem die Kinder aus Reverend Humes Waisenhaus gerettet waren, hatten die goldbehelmten Männer von Social Three den Kampf gegen die Flammen zeitweilig aufgegeben und die Bolton Street für verlorenes Terrain erklärt. Aber sie traten nur den geordneten Rückzug an, nicht die kopflose Flucht.

Sie trafen auf die Kollegen der Feuerwehrkompanie Monumental Six, die sich selbst stolz >Big Six< nannten, weil sie den Rekord in der Länge des handgepumpten Wasserstrahls hielten. Die Männer von Monumental Six benötigten bei ihrem Kampf um das Armeemagazin Verstärkung. Da das Feuer von zwei Seiten kam, war es unmöglich mit einer Spritze zurückzuhalten.

Jacob und Elihu schlossen sich den Helfern an, während Shu-hsien Reverend Hume, Mrs. Goldridge und die Waisenkinder begleitete. Sie suchten eine vorübergehende Bleibe, die den Kindern Schutz vor dem Feuer bot. Das Hotel eines gewissen Felipe Echado, mit dem der Reverend befreundet war, sollte diesen Schutz bieten.

Mittlerweile war klar, daß der Kampf ums Armeemagazin nicht gewonnen werden konnte. Es ging nur noch darum, das Übergreifen des Feuers so lange zu verhindern, bis die Lagerräume geleert waren. Aber auch das schien mehr ein Wunschdenken als eine Hoffnung mit begründeter Aussicht auf Erfolg zu sein.

Doch die Männer ließen sich nicht unterkriegen. Nur mit dieser Haltung trotziger Unbeirrbarkeit konnte man in einer Stadt wie San Francisco bestehen.

Diese Haltung war mutig, todesverachtend. Und gerade deshalb konnte sie den Tod bringen.

So ungefähr waren die Gedanken, die Jacob Adlers Gehirn in der Zeit weniger Sekunden durchrasten. Es waren die Sekunden, in denen er einem Schauspiel zusah, wie es sich in dieser Nacht hundertfach ereignete. Und doch war es jedesmal einmalig - wenn auch von schrecklicher Einmaligkeit. Es brachte Zerstörung und häufig auch den Tod.

Elihu Brown war mit einigen Männern in dem würfelähnlichen Lagerhaus verschwunden, als das hohe, schmale Nachbargebäude einstürzte.

Die Flammen hatten zu heftig an stützenden Balken und Wänden genagt, trotz der Bemühungen der goldbehelmten Feuerwehrleute von Social Three und ihrer versilberten Spritze.

Das Haus knickte ein wie ein Mensch, dem man heftig gegen das Schienbein getreten hatte. Ausgerechnet zu der Seite, wo das Lagerhaus stand.

Trümmer, die meisten von ihnen brennend, regneten auf das würfelförmige Gebäude, setzten es ebenfalls in Brand, erdrückten es teilweise und brachten dadurch den Eingang des Lagerhauses zum Einsturz.

Elihu und die anderen waren gefangen. In einer Falle, die in wenigen Minuten verbrennen würde.

Eilig und achtlos stellte Jacob die Munitionskiste auf den Boden, die er eigentlich zu dem Kastenwagen tragen wollte. Sein erster Impuls war, zu dem Lagerhaus zu rennen und den Eingeschlossenen zu helfen.

Doch er sah ein, daß er mit bloßen Händen nichts gegen das Feuer tun konnte.

Also lief er zu dem Mann mit dem Walroßschnauzbart, dem Captain von Social Three.

Keuchend sagte der junge Deutsche, mit ausgestrecktem Arm zum Ort des Geschehens zeigend: »Das Lagerhaus hier vorn ist im Eingangsbereich eingestürzt. Es hat Feuer gefangen!«

»Ich weiß«, nickte der Captain, und sein rußgeschwärztes Gesicht sah abgespannt aus. »Ich werde sofort den Befehl zum abrücken geben. Wenn die Munition erst explodiert, fliegt das ganze Magazin in die Luft. Und wir mit ihm.«

Er hob das vergoldete Megaphon an die Lippen.

»Nein!« fauchte Jacob und riß die Flüstertüte gewaltsam von seinem Mund weg. »Sie müssen den Wasserstrahl umleiten, Captain. Auf das brennende Lagerhaus!«

»Das ist doch sinnlos«, schnappte der Uniformierte, ärgerlich über die rüde Art, in der Jacob in seine Kompetenzen eingriff. »In wenigen Minuten brennt hier sowieso alles, und dann gnade uns Gott! Ich muß auch an meine Männer denken. Viele haben Frauen und Kinder.«

»Und was ist mit den Männern, die da eingeschlossen sind? Zählen die nicht?«

»Welche Männer?«

»Mein Freund Eli und ein paar andere!«

»Das wußte ich nicht«, sagte der Captain ernst und hob das Megaphon erneut an. »Natürlich lasse ich den Strahl sofort umleiten, Adler. Trommeln Sie einen Rettungstrupp zusammen, aber schnell. Bald bricht das Lagerhaus ganz zusammen!«

*

Elf Reiter trieben ihre Tiere an und preschten durch die Nacht, nicht unbedingt begeistert.

Sie waren hartgesottene Kerle, aber die letzten Stunden hatten ihnen einiges abverlangt. Jeder von ihnen war der Meinung, sich eine Ruhepause verdient zu haben. Außerdem war es keine verlockende Aussicht, mitten auf die riesige Feuersbrunst zuzureiten.

Alle anderen Menschen flohen vor dem Brand, aber die Reiter hielten unbeirrbar die Gegenrichtung bei. Wie gegen den Strom schwimmende Fische brachen sie sich, manchmal mit roher Gewalt, einen Weg durch die nicht abnehmende Flüchtlingsmenge.

Louis Bremer hatte den zehn Männern, die mit ihm ritten, ordentlich zureden müssen, um sie dazu zu bewegen, sich noch einmal auf die Suche nach diesem verfluchten Jacob Adler und seiner chinesischen Hure zu begeben. Selbst das Drohen mit dem Zorn des Hais hatte erst nicht geholfen. Also hatte Bremer jedem Mann zehn Golddollar für das Auffinden der Gesuchten versprochen.

Er hoffte sehr, daß Henry Black die Summe rausrückte, sollten sie erfolgreich sein. Bremer verspürte nicht die geringste Lust, die Prämie aus eigener Tasche zu bezahlen. Schließlich war Black ihm nach der schmerzhaften Behandlung vorhin noch etwas schuldig.

Auf drei Männer, die dicht hinter dem Anführer ritten, schien noch am meisten Verlaß zu sein. Es waren ausgerechnet die drei Seeleute, die erst seit kurzem zu seiner Gang gehörten: Cyrus Stanton, Frenchy und Petrov. Ihre Abneigung gegen Jacob Adler hatte sich zu einem regelrechten Haß auf den Deutschen gesteigert. Die Aussicht, sich an ihm rächen zu können, beflügelte sie.

Bremer konnte nicht genau sagen, weshalb die drei so scharf darauf waren, den Auswanderer in die Hände zu bekommen. Er wußte nicht, was sich auf dem Walfänger LUCIFER ereignet hatte. Er vermutete nur, daß es mit dem Schiff und seinem Untergang zusammenhing.

Ebenso wenig wußte Bremer, weshalb der Hai von Frisco so versessen auf diesen Adler war. Als Bremer den Auswanderer als unfreiwilligen Seemann an die LUCIFER verkaufte, hatte er sich nichts Schlimmes dabei gedacht. Der Hai wollte Adler aus dem Weg geräumt haben, na schön!

Aber der Verkauf des Deutschen erwies sich als krasser Fehler. Wie konnte Bremer ahnen, daß der Hai Adler unbedingt in seiner Gewalt haben wollte, lebend? Ähnliche Aufträge waren stets darauf hinausgelaufen, jemanden in der Bucht zu versenken, ihm ein Messer zwischen die Rippen zu stoßen oder eine Kugel in den Kopf zu jagen.

Bremer hätte einen mittelgroßen Nugget dafür hergegeben, um herauszufinden, was so besonders an dem Auswanderer Jacob Adler war. Aber vielleicht konnte er ihn das bald selbst fragen. Hoffentlich!

Der Reitertrupp hatte die Bolton Street fast erreicht. Viel konnte von ihr allerdings nicht übrig sein.

Die Feuerfront, die hoch in den Himmel reichte und sich zu beiden Seiten in scheinbare Unendlichkeit erstreckte, sprach fast deutlicher, als Worte es vermocht hätten.

Obwohl eine noch nicht von den Flammen befallene Häuserfront die Reiter vom Feuer trennte, spürten sie die atemabschnürende Hitze. Schweiß glänzte auf den groben Gesichtern und ließ die Kleidung an den Körpern kleben.

Hier gab es kaum noch Flüchtlinge. Die Einwohner hatten die Aussichtslosigkeit ihres Kampfes erkannt und diesen Bezirk bereits geräumt.

Als die Reiter um eine Ecke galoppierten, riß Bremer seinen Fuchs zurück. Hätte er es nicht getan, hätte sich der schlanke Hengst wohl von selbst geweigert weiterzulaufen.

Der Abschnitt der Bolton Street, wo sich das Waisenhaus befunden hatte, war nicht mehr zu sehen.

Wie vom Erdboden verschluckt, sagte ein Sprichwort, das gerade im erdbebengeschüttelten San Francisco seine Berechtigung bewies.

In diesem speziellen Fall aber war es von den züngelnden Flammen verschluckt worden, die ihre gierigen Feuerfinger auch schon nach den Häusern ausstreckten, die Bremer und seine Männer gerade umritten hatten.

Der vollbärtige Charley Wagner bezwang die Feuerangst seines klobigen Braunen und lenkte das Tier an Bremers Seite.

»Da ist nichts mehr zu machen, Louis. Von dem Waisenhaus gibt's nur noch ein Häufchen Asche, wenn überhaupt. Wir sollten so schnell wie möglich verschwinden, bevor es zu spät ist.«

Bei den letzten Worten warf er einen skeptischen Blick in die Runde. Der Blick galt dem Feuer, das sich rasend schnell ausbreitete.

Schon hatte es den eben noch unangetasteten Häuserblock erfaßt und fraß sich knisternd und knackend durch das Holz, aus dem die meisten Gebäude erbaut waren. Aber auch die Steinhäuser boten ihnen keinen Widerstand. Balken und Verkleidungen aus Holz waren der gefräßigen Glut willkommene Nahrung.

Charley Wagners Befürchtung wurden von den anderen Männern geteilt. Wenn sie nicht schnell machten, daß sie wegkamen, würde das Feuer sie einschließen.

Zu ihrer Verwunderung reagierte Bremer nicht auf die Bemerkung des Vollbärtigen. Unbeweglich wie ein Reiterdenkmal saß er kerzengerade auf dem Rücken seines Fuchses und starrte mit verklärtem Blick ins Feuer. Als könne er die dichte Wand aus Flammen und Rauch durchdringen. Als gäbe es dort etwas zu entdecken.

In Wahrheit aber war Bremer von dem ihn faszinierenden Gedanken besessen, daß er der Urheber dieses alles vernichtenden Infernos war.

Vor vielen Jahren, als er noch in Bremen lebte und der unbedeutende Schustergeselle Ludwig Großmann war, der unter dem Spott und der Mißgunst seiner Mitmenschen litt, hatte er sich geschworen, daß irgendwann er derjenige sein würde, der die anderen verspottete. Mehr noch, den sie fürchten würden. Mit der eingeschlagenen Laufbahn des Verbrechers und Mörders hatte er dieses Ziel konsequent verfolgt.

Aber das Feuer war noch viel mehr. Plötzlich störte es ihn gar nicht mehr, daß es längst über Chinatown hinausgewachsen war, daß es durch die Brandstiftung Zerstörungen in einem solch gigantischen Ausmaß hervorrief, wie er nie zu träumen gewagt hätte.

Gerade die ungehinderte Ausbreitung der Zerstörung war für seinen verqueren Geist die Bestätigung seiner Macht über die anderen Menschen. Die gesamte Bevölkerung von San Francisco, siebzig- oder achtzigtausend Menschen, zitterte vor seinem Werk.

Vor ihm, dem Schustergesellen Ludwig Großmann alias Louis Bremer!

Als Kind hatte er in der Schule die Geschichte des römischen Caesars Nero gehört, der angeblich Rom anzündete, um die Stadt brennen zu sehen und darauf eine Ode zu dichten. Bremer konnte Nero nachfühlen, wie er sich gefühlt hatte. Oder andersherum: Nero hatte sich damals sicher nicht mächtiger gefühlt als Louis Bremer in diesen Augenblicken.

Eine Hand, die sich schwer auf seine Schulter legte und ihn kräftig durchschüttelte, riß ihn aus seinen abartigen Schwelgereien.

»Louis, verdammt, wir müssen hier weg!« schrie ihm Wagner ins Ohr und kam doch kaum gegen die Lautstärke des prasselnden Feuers an. »Was hast du bloß?«

»Nichts!« blaffte Bremer den anderen an.

Natürlich hatte Wagner recht: Ein längeres Verweilen würde den Tod bedeuten. Die Pferde waren schon so unruhig, daß sie unablässig schnaubten, wieherten und hin und her tänzelten.

Trotzdem verspürte Bremer Unwillen darüber, daß Wagner ihn aus seinem Caesarentraum aufgeschreckt hatte.

Der kleine Mann mit der großen Melone riß den Fuchs herum, gab seinen Männern ein Handzeichen und brüllte: »Zurück!«

Das ließen sie sich nicht zweimal sagen und sprengten in wilder Jagd davon, fort von dem Feuer, das allen Männern außer Bremer nichts anderes verhieß als einen häßlichen Tod.

Zwei Querstraßen weiter stießen sie auf eine kleine Gruppe spanisch sprechender Menschen, die ihre Habe auf einen von zwei Maultieren gezogenen Planwagen und auf einen grobgezimmerten Ochsenkarren verluden. Vermutlich waren sie die letzten, die diesen Straßenzug räumten.

Bremer ließ seine Gruppe anhalten und ritt auf die aufgeregten Menschen zu.

Es waren unverkennbar Mexikaner oder zumindest Kalifornier spanischer Abstammung. Ihre Sprache, ihre dunkle Haut und ihre bunte Kleidung mit den großen Kopftüchern, den breiten Schärpen und den hochkronigen Hüten verrieten das.

Bremer tippte grüßend an seine Melone, setzte ein möglichst freundliches Lächeln auf und fragte: »Amigos, könnt ihr uns eine Auskunft geben?«

Eine rundliche ältere Frau, die gerade ein goldumrahmtes Gemälde in den Planwagen geschoben hatte, blieb stehen. Dunkle Augen in einem aufgedunsenen Gesicht musterten den Reiter skeptisch.

»Was wollen Sie denn wissen, Senor? Wir haben es sehr eilig!«

Sie sprach englisch, aber mit unverkennbar spanischem Akzent.

»Wir suchen das Waisenhaus, Senorita.«

Die Matrone lächelte ein wenig verschämt.

»Ich bin schon lange keine Senorita mehr, sondern eine Senora.«

»Verzeihen Sie, das konnte ich nicht wissen«, versuchte Bremer sich bei ihr einzuschmeicheln.

»Das Waisenhaus ist abgebrannt«, teilte die Frau mit.

»Das haben wir gesehen. Ich bin ein Freund von Reverend Hume und wollte ihm mit meinen Gefährten helfen, die Kinder in Sicherheit zu bringen.«

»Gott segne Sie für Ihr gutes Herz, Senor. In diesen schrecklichen Stunden denken die meisten Menschen leider nur an sich selbst. Aber die Kinder hatten Glück. Die Feuerwehr kam rechtzeitig, und alle wurden gerettet, bevor das Feuer sie im Schlaf überraschen konnte.«

»Wissen Sie, wohin sich der Reverend mit seinen Kindern gewandt hat, Senora? Vielleicht können meine Kameraden und ich doch noch etwas für ihn tun.«

»Ihr Ziel kenne ich leider nicht. Aber sie sind vor dem Feuer die Tampico Avenue hinaufgezogen. Das ist das letzte, was ich von ihnen gesehen habe.«

»Die Straße, die zum Armeemagazin führt«, murmelte Bremer, mehr zu sich selbst.

»Si, Senor«, bestätigte die olivenhäutige Frau.

Bremer bedankte sich mit einer letzten Höflichkeitsaufwallung bei ihr und trieb den Fuchs an.

Seine Männer folgten ihm.

Die Jagdgesellschaft hatte die Witterung aufgenommen.

*

Jacob trug eine langstielige Axt in beiden Händen, als er an der Spitze des Rettungstrupps auf das würfelförmige Lagerhaus zulief. Jetzt, wo es teilweise zusammengestürzt war, hatte es allerdings nur noch entfernte Ähnlichkeit mit einem Würfel.

Es war ein großer Rettungstrupp, der nur aus Freiwilligen bestand. Das galt auch für die Soldaten, die ihm angehörten. Angesichts des Umstandes, daß das Magazin jeden Augenblick in die Luft fliegen konnte, hatte der blutjunge Lieutenant niemandem seiner Leute den Einsatz befehlen mögen.

Allerdings war auch niemand am Ort, der gezögert hatte, sich freiwillig zu melden. Jeder wußte, daß es nur eine Laune des Schicksals war, die ihn davor bewahrt hatte, ebenfalls in dem brennenden Lagerhaus eingeschlossen zu sein.

»Eine verfluchte Nacht«, sagte der neben Jacob laufende Lieutenant und warf einen sehnsüchtigen Blick nach oben. »In den letzten Stunden hat es sich so stark bewölkt wie schon seit Monaten nicht mehr. Aber der verfluchte Regen will einfach nicht kommen. Nur er könnte die Stadt noch vor der Vernichtung bewahren.«

Auch Jacob hatte die großen dunklen Wolken längst bemerkt. Sie verdeckten das Licht der Gestirne und hätten den Nachthimmel völlig verdüstert, hätte nicht das Feuer seinen todbringenden Schein überallhin geworfen.

»Auf den Regen können wir nicht warten«, sagte Jacob knapp.

Mehr fiel ihm dazu nicht ein. Außerdem wollte er seinen Atem und seine Kraft sparen. Beides würde er jetzt brauchen.

Er erreichte das Lagerhaus als erster und stellte einmal mehr befriedigt fest, daß die wackeren Männer von Social Three ihren Job gut verstanden. Sie hatten mit ihrem dicken Wasserstrahl eine Schneise ins Feuer geschlagen, so daß der Rettungstrupp sich ans Wegräumen der Trümmer machen konnte, ohne von den Flammen belästigt zu werden.

Jetzt gab der Captain durch sein vergoldetes Megaphon die Anweisung, den Strahl weiter nach hinten zu verlagern und das ganze Lagerhaus mit ihm zu bestreichen.

Während Jacob die Axt schwang, um einen heruntergestürzten Dachbalken, der den Eingang versperrte, in zwei transportierbare Hälften zu zerteilen, dachte er daran, was für eine seltsam beruhigende Wirkung die durch das Megaphon verzerrte Stimme des Captains auf ihn ausübte.

Hier in dem fremden Land Amerika, das viele Gefahren barg und eine ganze Menge Menschen mit dunklen Absichten beheimatete, wie Jacob leidvoll festgestellt hatte, gaben doch Männer wie dieser Captain den Ton an. Niemand zwang ihn, sein Leben einzusetzen, um vollkommen Fremde zu retten, während vielleicht gerade seine eigene Familie von den Flammen bedroht wurde.

Männer wie er, die gegen alle Gefahren zusammenhielten, die der Wildnis, den Naturgewalten und auch den Verbrechern, die sich in jeder menschlichen Gemeinschaft fanden, trotzten, machten das große Land Amerika zu dem, was es den meisten Auswanderern bedeutete: eine Hoffnung auf ein besseres Schicksal und ein würdevolleres Leben.

»Sie dreschen ja auf den Balken ein wie ein Berserker, Mr. Adler.«

Kaum hatte der junge Lieutenant das gesagt, da knickte der dicke Stamm auch schon zusammen wie ein Zündholz, das man gegen Zeige- und Mittelfinger preßt und dann mit dem Daumen durchdrückt.

Der Offizier befahl seinen Männern, die beiden Hälften aus dem Weg zu ziehen.

Jacob legte die Axt beiseite und faßte mit an. Er erwischte eine Stelle, an der das Feuer vor dem Einsatz der Spritze auf den Balken übergesprungen war. Noch heiß genug, daß die Hände des Auswanderers innerhalb weniger Augenblicke schmerzten wie von tausend winzigen Nadeln durchbohrt.

Aber er ließ nicht los. Der Gedanke an Elihu und die anderen, für die jede Sekunde über Leben oder Tod entscheiden konnte, spornte ihn an und ließ seinen eigenen Schmerz unwichtig erscheinen.

Nachdem der Balken beiseite geschafft war, griff er wieder nach der Axt. Im Verein mit anderen Männern zerkleinerte er die Trümmer, die von wieder anderen weggeräumt wurden.

Jacobs äußere Erscheinung störte niemanden in dieser Nacht. Sein Oberkörper war nackt, weil sein Hemd in Humes Waisenhaus geblieben war. Ebenso seine Schuhe. Er hatte die Füße mit dicken Lappen umwickelt. Schmutz verklebte seinen Körper und die eigentlich sandfarbenen, jetzt eher schwarzen Haare. Der goldene Ring in seinem rechten Ohr erhöhte noch den verwegenen Eindruck.

Die Männer, Soldaten und Zivilisten, arbeiteten Hand in Hand. Jeder wußte, was er zu tun hatte. Es bedurfte keiner großen Befehle. Die Sachlage und die Gefahr, in der jeder die Kameraden wußten, waren die besten Offiziere.

Ein feiner Sprühregen kühlte die Gesichter der Männer. Leider hatten sich nicht die Wolken geöffnet. Es war nur der angenehme Nebeneffekt des dicken Wasserstrahls über ihren Köpfen, der wie ein Bogen aus flüssigem Silber wirkte. Es sah seltsam aus, als stände das Wasser in der Luft, so schnell ersetzte einer der zigtausend Tropfen den nächsten.

Von fern, wie durch einen dichten Schleier, hörte Jacob die beruhigende Megaphonstimme des Captains. Sie hielt die Männer von Social Three an, die Pumpe gleichmäßiger zu bedienen.

Der Auswanderer versuchte sich in diesen Augenblicken vergeblich daran zu erinnern, wie sich die Stimme des Captains ohne Flüstertüte anhörte.

Aber das war nur ein unwichtiger Gedanke, der verrückterweise in seinem Kopf auftauchte, während er wieder und wieder die Axt schwang und auf die eingestürzten Balken und Tore des Lagerhauses einhieb.

Der wichtigste Gedanke war der, der Jacob zu seiner rastlosen, wütenden Arbeit antrieb: der Gedanke an seinen Freund Elihu.

»Vorsicht!« hörte Jacob eine schrille Stimme.

Gleichzeitig traf ihn etwas hart an der Schulter und warf ihn aus dem Gleichgewicht.

Der junge Zimmermann torkelte zur Seite, verlor endgültig die Balance und stürzte hin. Die Axt entglitt seinen Händen.

Als er ein Gesicht über sich auftauchen sah, wußte er instinktiv, daß es zu dem Mann gehörte, der ihn beiseitegestoßen hatte.

Wut auf diesen Mann packte Jacob, weil er den Auswanderer bei der Arbeit behindert hatte, die doch so lebenswichtig für die Eingeschlossenen war.

Wut auf den jungen Lieutenant Wannaker, dem das bartlose Gesicht gehörte.

»Was zum Teufel soll das.« begann Jacob.

Was er dann sah, ließ ihn verstummten. Ein großes brennendes Trümmerstück vom Nachbarhaus krachte genau dorthin, wo der Deutsche eben noch gestanden hatte. Es hätte ihn zweifellos erschlagen.

Jacob schluckte. Seine Kehle war plötzlich so trocken wie eine Sandgrube.

Dankbar sah er den Offizier an und krächzte: »Ich verdanke Ihnen mein Leben, Sir. Ich.«

Wannaker winkte ab.

»Keine großen Worte jetzt. Schließlich setzen Sie Ihr Leben aufs Spiel, um die Eingeschlossenen zu retten. Auch Leute meines Kommandos sind darunter.«

Er wandte sich um, legte die Hände trichterförmig vor den Mund und schrie den Feuerwehrleuten zu, sie mögen den Strahl auf das heruntergekommene Trümmerstück lenken. Das in Flammen stehende Holz hinderte den Rettungstrupp an der Arbeit.

Aber der Captain von Social Three hatte bereits erfaßt, was los war, und die entsprechenden Anweisungen durch seine Flüstertüte in die rotglühende Nacht gebrüllt.

Der dicke Silberstrahl klatschte auf die Trümmer und wirbelte eine Menge Dreck auf. Er mischte sich mit dem Rauch der verlöschenden Flammen.

Binnen einer halben Minute war das Feuer an dieser Stelle erstickt. Ein erneuter Befehl des Captains, und der Strahl wanderte wieder auf das Dach des Lagerhauses.

Das Dach war der kritische Punkt. Die Wände bestanden aus Stein, weshalb das Magazin den Flammen so lange Widerstand bieten konnte. Aber das hölzerne Dach würde der Glut ohne das kühlende Wasser nicht standhalten können.

Wenn das Dach erst brannte und brennende Trümmer auf die Munitionskisten fielen, konnten die Eingeschlossenen mit ihrem Leben abschließen.

Jacob sprang auf, griff dabei nach der Axt und machte sich wieder an die Arbeit. Rechts und links von ihm schufteten die anderen Helfer.

Auch Lieutenant Wannaker war sich nicht zu schade, mit anzufassen. Sein glattes Gesicht war, wie fast alle Gesichter hier, von Schweiß und Ruß verschmiert. Seine einstmals schöne blaue Uniform war schmutzig und an mehreren Stellen eingerissen. Zwei der blankpolierten Knöpfe fehlten, und der Uniformrock stand über der Brust halb offen.

Jacob schwang die Axt im Sekundentakt und mißachtete seine unter der Anstrengung schmerzenden Muskeln. Die Klinge traf auf Holz, kerbte es ein, traf wieder auf Holz, zersplitterte es und traf erneut auf Holz.

Andere Männer taten es ihm nach, wenn auch nicht alle mit solcher Vehemenz.

Weitere Helfer zogen die Trümmerstücke beiseite, und weiter ging es.

Bis plötzlich eine Lücke in der teilweise eingestürzten Lagerhauswand klaffte. Stimmen riefen aus dem Innern, aufgeregt, erleichtert. Hände griffen durch die Lücke.

Jacob ließ die Axt fallen, packte die Hände und zog den ersten der Eingeschlossenen durch das enge Loch. Es war ein junger Soldat mit strohblondem Haar, fast noch ein Kind.

»Gott sei Dank«, japste er mit einem glücklichen Lächeln auf dem sommersprossigen Gesicht. »Wir hatten schon gedacht, es ist aus. Wenn wir mit der Munition hochgegangen wären.«

Mehr hörte Jacob nicht. Der Gerettete wurde von einem Kameraden gestützt und weggeführt.

Weitere Männer zwängten sich durch die Öffnung, Soldaten und Zivilisten. Sie sahen reichlich ramponiert aus, und einige waren von den herabgefallenen Trümmern verletzt worden. Zuletzt kam ein bärtiger Sergeant nach draußen, dessen rechtes Hosenbein in Fetzen hing. Ein Knochen am Unterschenkel lag frei, und der Mann zog eine Blutspur hinter sich her.

Lieutenant Wannaker rief nach Sanitätern. Zwei Männer eilten mit einer Trage herbei, auf die sich der Verletzte legen sollte.

Jacob, der suchend durch die Öffnung gestarrt hatte, wirbelte herum und sagte hastig: »Moment noch! Sergeant, ist niemand mehr da drin?«

»Ich habe keinen gesehen«, hustete der verletzte Soldat, dessen Kehle durch die starke Rauchentwicklung gereizt wurde.

»Aber ein Freund von mir war im Lagerhaus, als das Nachbargebäude zusammenbrach.«

»Habe keinen gesehen«, wiederholte der Sergeant. »Aber hinten im Lagerhaus sind ein paar Wände und Zwischenböden eingestürzt. Könnte sein, daß ihr Freund unter den Trümmern ist. Falls ja, dann gute Nacht.«

Die letzten Worte gingen in einem erneuten Hustenanfall unter. Der Rauch hatte seinen Lugen stark zugesetzt. Die Sanitäter hoben die Trage an und brachten den Unteroffizier fort.

Jacob wollte durch die Lücke steigen, als sich ein erschrockener Ruf von den Feuerwehrleuten bis zum Rettungstrupp fortpflanzte: »Kein Wasser mehr!«

Im selben Augenblick stürzte die Brücke aus flüssigem Silber über den Köpfen der Männer zusammen.

Von der Spritze erschollen laute Flüche herüber. Doch so sehr die Männer von Social Three auch pumpten, aus dem Schlauchende kam kein einziger Tropfen Wasser.

Jacobs Kopf ruckte nach rechts, wo Monumental Six das Feuer bekämpfte.

Bekämpft hatte!

Auch dort mühten sich die Feuerwehrleute vergeblich an der Spritze ab.

»Was ist los?« brüllte Lieutenant Wannaker nach hinten. »Weshalb kommt kein Wasser mehr?«

Der walroßbärtige Captain von Social Three sprach mit einem seiner Männer, der von irgendwo aus der Nacht herangehastet kam. Dann hob der Captain die Flüstertüte an die Lippen und sagte: »Die Zisternen sind leer. Wir können an dieser Stelle nichts mehr gegen das Feuer tun, Lieutenant. Wir müssen uns zurückziehen!«

Ohne auf eine Antwort zu warten, gab der Captain den Männern von Social Three den Befehl, schleunigst die Ausrüstung zusammenzupacken und abzurücken.

Wannaker blickte hinauf zum Dach des Lagerhauses. Das Wasser verdampfte schnell in der Hitze, und schon begann das Holz an mehreren Stellen zu brennen.

Der Offizier stieß einen Fluch aus, den Jacob von einem so jungen Mann nicht erwartet hätte, und rief dann laut: »Alles zurück! Das Magazin ist nicht mehr zu retten. Wir rücken ab!«

Er sah Jacob an und fügte leise hinzu: »Tut mir leid für Ihren Freund, Mr. Adler. Aber da ist nichts mehr zu machen!«

Jacob schüttelte den Kopf.

»Dann versuche ich es allein, Lieutenant!«

»Das verbiete ich Ihnen!«

»Das können Sie nicht«, erwiderte der Auswanderer. »Ich bin kein Soldat.«

»Aber denken Sie doch an sich selbst und an Ihre Angehörigen!«

Seine Angehörigen!

Der Gedanke löste bei Jacob tatsächlich Zögern aus. Seltsamerweise dachte er dabei nicht so sehr an seinen Vater und die Geschwister, sondern an Irene Sommer und ihren kleinen Sohn Jamie. Sie standen ihm ebenso nah wie Blutsverwandte.

Momentan sogar noch näher. Der junge Zimmermann hatte die Verantwortung dafür übernommen, sie wohlbehalten zu Carl Dilger zu bringen, Jamies Vater. Doch Mutter und Kind waren verschwunden, hier in San Francisco, entführt vom geheimnisvollen Hai.

Wenn Jacob aus dem Lagerhaus nicht zurückkehrte, wer sollte sich dann um sie kümmern?

Aber dann dachte er an Shu-hsien, die von Irenes und Jamies Schicksal wußte. Ja, die junge Chinesin würde sich um die Rettung der Entführten kümmern.

Jacob konnte Elihu einfach nicht im Stich lassen. Schließlich hatte der Harpunier ihm selbstlos seine Hilfe bei der Suche nach Irene und Jamie angeboten.

»Wenn ich nicht zurückkehre, Lieutenant, informieren Sie Miß Wang Shu-hsien, auch bekannt als Susu Wang«, sagte der Auswanderer. »Sie finden die junge Frau über Reverend Alister Hume.«

»Versprochen«, nickte der Offizier. »Ich wünsche Ihnen alles Glück der Welt. Sie können es brauchen!«

Während Jacob sich durch die Öffnung ins Innere des Lagerhauses zwängte, lief Wannaker zu seinen Männern, um ihren Rückzug zu überwachen und sie zu größerer Eile anzutreiben.

Die Leute von Social Three zogen ihre versilberte Feuerspritze bereits im Laufschritt vom Magazin fort. Es war das einzig Vernünftige.

Soldaten und freiwillige Helfer hatten es nicht geschafft, das Magazin auch nur annähernd leerzuräumen. Wenn Munition und Explosivstoffe in die Luft flogen, würde alles im Umkreis vernichtet werden, Gebäude wie Menschenleben.

Wannaker bewunderte den jungen Deutschen für dessen Mut. Er rechnete nicht damit, den Auswanderer noch einmal wiederzusehen. Jedenfalls nicht lebend.

*

Henry Black vergaß die Zeit, als er am Fenster stand und in die Brandnacht hinausstarrte. Seine Gedanken beschäftigten sich weniger mit dem Feuer als mit dem Mann, der im obersten Stockwerk des Gebäudes wohnte und halb Frisco mit seinem Terror überzog.

Niemals, seit aus dem Ingolstädter Hufschmied Heinrich Schwarz der erfolgreiche Geschäftsmann Henry Black geworden war, hatte er gedacht, daß er einmal einen Menschen derart fürchten würde wie den Mann da oben, der am Körper verkrüppelt war und der doch mächtiger war als alle anderen Männer in dieser großen Stadt.

Black dachte daran, hinaufzugehen und den Krüppel zu erschießen. Einfache Lösungen waren oft die besten. Dann wäre er, Henry Black, wieder Herr über das Golden Crown. Mehr noch, er würde durch diesen Handstreich das dunkle Imperium der Angst übernehmen, das der Hai innerhalb weniger Monate aufgebaut hatte.

Aber gerade die Angst, die auch vor dem nach außen hin so mächtigen Henry Black nicht haltmachte, hielt ihn zurück. Der Hai schien alles zu wissen, auch die geheimsten Dinge. Würde er es vielleicht auch wissen, wenn Black mit Mordabsichten bei ihm erschien?

Der wuchtige Geschäftsmann fürchtete den Hai und sein Wissen. Und er fürchtete Buster, den stummen schwarzen Vollstrecker des Hais. Er fühlte noch die Wunden der Prügel, die Buster ihm am vergangenen Tag verabreicht hatte. Und Black wußte, daß Buster noch ganz anders mit ihm hätte umspringen können.

Plötzlich beschlich den Mann am Fenster ein unheimliches Gefühl. Er kam sich vor wie ein ahnungsloses Stück Wild, das sich an einer Wasserstelle labte und plötzlich die bedrohliche Gegenwart eines Pumas oder eines Wolfs hinter sich spürte.

Es ist nur eine Einbildung, nicht der Hai! redete er sich ein. Ich mache mir so viele Gedanken um ihn, daß ich schon an Wahnvorstellungen leide. Außerdem verläßt der Hai niemals sein Hauptquartier da oben!

Aber das alarmierende Kribbeln in seinem Nacken blieb. Er spürte einen kalten Luftzug am Hinterkopf, als habe jemand die Bürotür geöffnet.

Black gab sich einen Ruch und wirbelte herum.

Er hatte sich nicht getäuscht. Zwar stand nicht der Hai von Frisco in der Tür, aber bei dem Mann, den er vor sich sah, war das bedeutungslos.

Es war der Vollstrecker des Hais.

»Buster!« stieß der Geschäftsmann überrascht aus.

Der knochige, kahlköpfige Neger in dem unpassend wirkenden Anzug verzog keine Miene. Er hob nur die Rechte und zeigte nach oben. Was das bedeutete, war klar: Der Hai wollte Black sehen.

Unklar war ihm allerdings der Grund, wenn ihn auch eine bestimmte Ahnung beschlich. Hatte Busters Erscheinen etwas mit Louis Bremers Besuch zu tun? Wußte der Hai von der erfolglosen Rückkehr, von dem Versagen Bremers, das auf ihn, Henry Black, zurückfiel?

Buster trat einen Schritt in den Raum hinein und zeigte erneut nach oben, heftiger, ungeduldiger.

Henry Black schluckte den dicken Kloß in seiner Kehle hinunter und sagte: »Ist ja schon gut, ich komme.«

An Busters Seite stieg er die Treppe zum Reich des Hais hinauf, vorbei an den großen Spiegeln, die der Hai überall im Golden Crown hatte anbringen lassen.

Anfangs hatte Black in den Spiegeln nur eine Marotte gesehen. Inzwischen haßte er sie. Sie waren für ihn ein Sinnbild des Hais, der alles nach seinem Willen gestaltete. Auch das Golden Crown, das doch von Black großgemacht worden war.

Der Geschäftsmann hätte am liebsten sämtliche Spiegel in dem großen Haus zertrümmert. Sie erinnerten ihn zu sehr an die ständige Präsenz des unheimlichen Mannes.

Je höher die beiden Männer stiegen, desto schwächer wurde das Gefühl des Hasses in Henry Black. Die Furcht vor dem Bevorstehenden verdrängte alles andere.

Daß Black nicht wußte, was der Hai von ihm wollte, machte die Sache nur noch schlimmer. Die Ungewisse Gefahr war die bedrohlichste.

*

»Eli!«

Immer wieder ertönte Jacobs langgezogener Schrei, während er auf der Suche nach dem verschollenen Freund durch das Labyrinth des Lagerhauses lief.

Er erhielt keine Antwort. Er hörte nur das Prasseln und Knacken der Flammen, die über ihm das Dach verzehrten.

Schon wurde es zwischen den dicken Ziegelwänden unerträglich heiß. Rauchschwaden behinderten die Sicht und reizten Jacobs Lungen so sehr, daß der Auswanderer immer wieder von Hustenkrämpfen überfallen wurde.

Trotz des schwarzgrauen Rauches und trotz der verwirrenden Vielzahl von Zwischenwänden und Kistenstapeln hielt Jacob, so hoffte er jedenfalls, die Richtung ein. Er wollte zum hinteren Teil des Lagerhauses, wo nach Aussage des verletzten Sergeanten Wände und Zwischenböden eingestürzt waren.

»Eli!«

Der große Deutsche rief es zum wiederholten Mal und blieb abrupt stehen. Dies mußte der Ort sein, von dem der Sergeant gesprochen hatte.

Ein Chaos.

Fast auf der gesamten Breite des Lagerhauses waren Wände und Munitionskisten übereinandergefallen und türmten sich zu einer bis an die Decke reichenden Pyramide auf.

Falls Eli tatsächlich darunter begraben lag, konnte er dann noch leben?

Mußte er nicht von dem Gewicht erschlagen oder zerquetscht sein?

Oder erstickt?

»Eli!«

Wieder schrie Jacob das Namenskürzel seines Freundes, und er legte alle Kraft in diesen Schrei.

Die Antwort kam so überraschend, daß er es erst für eine Halluzination seiner überreizten Sinne hielt.

»Jake!« hörte er unverkennbar die rauhe Stimme des Harpuniers. »Bist du's wirklich, Jake?«

»Verdammt, ja!«

Der Auswanderer war so glücklich, den Freund endlich gefunden zu haben, daß ihm die Stimme versagen wollte.

Er rang um Fassung und fragte: »Eli, wo steckst du bloß?«

»Mitten in der Scheiße! Habe das Gefühl, das halbe Lagerhaus ist auf mich drauf gefallen. Kann mich weder bewegen noch etwas sehen. Tut mir leid, Jake, daß ich dir keine Wegbeschreibung geben kann.«

»Macht nichts, Eli. Ich glaube, ich weiß, wo du bist.«

Während der verschüttete Harpunier sprach, war der Auswanderer langsam nähergetreten. Er glaubte, den Ort lokalisiert zu haben, von dem die Stimme kam.

Tatsächlich aus dem größten Schutthaufen!

Aber er war froh, überhaupt soviel zu wissen. Froh, daß Elihu lebte!

Mit neuem Mut schwang Jacob die Axt, die er zugleich als Hacke und Schaufel einsetzte.

Immer wieder legte er das schwere Werkzeug weg und benutzte die bloßen Hände, um größere Trümmerteile freizulegen. Daß dabei seine Haut aufriß, daß Fingernägel brachen, beachtete er gar nicht.

Sorge bereitete ihm nur das Dach, das immer mehr nachgab. Schon krachten die ersten Stücke herunter, und Flammenzungen leckten nach dem Gebälk. Sobald ein brennendes Trümmerstücke eine Kiste mit Explosivstoff traf, war alles vorbei!

Wie ein Rasender schwang der unermüdliche Arbeiter die Axt, da erscholl ein Schrei: »Vorsicht, Jake, sonst hackst du mir die Hand ab!«

Sekunden später schob sich eine schmutzige, bei erfolglosen Befreiungsversuchen blutig gerissene Hand durch ein kleines Loch. Elihus Hand!

Abermals legte Jacob die Axt weg und setzte die Arbeit mit bloßen Händen fort. Er mußte jetzt sehr vorsichtig sein, damit nicht Trümmerstücke von oben nachrutschten und die Lücke wieder verschlossen.

Also zwang er sich zur Ruhe. Obwohl immer größere Brocken vom Dach ins Innere des Lagerhauses stürzten.

Bald konnte Elihu statt der Hand den ganzen Arm herausstrecken. Dann folgte endlich der vollbärtige Kopf mit dem dichten Haupthaar.

Daß Haar und Bart eigentlich rotbraun waren, konnte jetzt niemand erkennen. Alles war schmutzverklebt und damit von einer undefinierbaren Farbe, sehr dunkel, mit einem Hauch von Grau, was ein wenig an den dichter werdenden Rauch erinnerte.

Die ebenfalls schmutzverklebten Augen des Harpuniers blinzelten, während er den Kopf langsam drehte und sich umsah. Zunehmende Verwunderung zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.

»Wo sind die anderen?« wollte er wissen.

»Welche anderen?« entgegnete Jacob.

»Na, deine Helfer, der Rettungstrupp.«

»Ich allein bin der Rettungstrupp. Da die Zisternen leer sind und es kein Wasser mehr für die Feuerspritzen gibt, haben sich alle anderen bereits zurückgezogen.«

Der Auswanderer warf einen besorgten Blick zur Decke hinauf. Das Dachgestühl stand jetzt in hellen Flammen.

»Wir sollten den anderen schleunigst folgen«, fuhr er fort. »Sonst kommen wir hier nicht mehr heraus.«

Er half dem Harpunier beim Verlassen seines Gefängnisses, was sich als überaus schwierig herausstellte. Elihus linkes Bein war zwischen den Trümmern eingeklemmt. Erst nach heftigem Zerren konnte der Seemann sich freimachen.

Jacob zog ihn aus den Trümmern. Elihu wollte sich aufrichten, knickte aber sofort wieder ein.

»Sieht so aus, als hätte ich mir das Bein verrenkt oder verstaucht«, brummte der Harpunier. »Du solltest ohne mich abhauen, Jake. Das Dach hält nicht mehr lange!«

Die letzte Feststellung war zweifellos berechtigt. Kometengleich fielen immer wieder brennende Trümmerstücke ins Lagerhaus. Noch waren es kleine Bruchstücke, aber der Einsturz der gesamten Dachkonstruktion war absehbar.

»Wir gehen hier nur zusammen heraus!« beharrte der Deutsche und wischte mit der Hand Schweiß und Schmutz von seinen Augen. »Das hier ist doch kein angemessenes Seemannsgrab.«

»Nein, wirklich nicht.«

Elihu zwang sich zu einem Lächeln und kam taumelnd auf die Beine.

Jacob stützte ihn, zeigte auf das Loch in der Trümmerpyramide und sagte: »Außerdem wäre es ein ziemlich blödes Gefühl, wenn ich mir die ganze Arbeit vergeblich gemacht hätte. Also komm!«

Wegen Elihus ramponierten Fußes konnten sie nicht schnell gehen. Immer wieder wichen sie brennenden Trümmern aus. Es war ein Rennen gegen die Zeit, wenngleich bei ihrem langsamen Vorankommen das Wort >Rennen< unangebracht wirkte.

Endlich tauchte die Lücke auf, die Jacob zuvor mit den anderen Helfern in die eingestürzten Außenwand geschlagen hatte. Er half dem Seemann hindurch und folgte ihm rasch nach.

Der Platz vor dem Magazin war menschenleer.

Verständlicherweise. Niemand, der bei klarem Verstand war, wartete darauf, in die Luft zu fliegen.

»Wohin?« krächzte der Harpunier.

»Egal«, antwortete Jacob. »Bloß weg!«

Elihu humpelte, gestützt auf den Freund, die Straße entlang. Hätte es einen Wettlauf für humpelnde Seeleute gegeben, hätte der Harpunier gute Aussichten auf den ersten Preis gehabt.

Rings um das Armeemagazin stand alles in Flammen. Nicht nur das Dach des Lagerhauses, auch die übrigen Dächer der zum Magazin gehörenden Gebäude hatten Feuer gefangen:

Elihu blickte über die Schulter und brummte: »Aus der Ferne sieht es nicht mehr ganz so schlimm aus, als wenn man mitten drinsteckt in dieser verfluchten Hölle!«

»Freu dich nicht zu früh, Eli! Wir sind noch nicht besonders weit entfernt.«

Jacob hatte noch nicht ganz ausgesprochen, als das Magazin in die Luft flogDer ersten Explosion folgten weitere. So dicht aufeinander, daß es schwer fiel, sie auseinanderzuhalten.

Ein Pilz aus Feuer und Rauch quoll über den ganzen Straßenzug, begleitet von ohrenbetäubendem Donner.

Die gigantische Druckwelle riß die beiden flüchtenden Männer von den Füßen und wirbelte sie durch die Luft wie Blätter im Herbststurm.

*

Wie ein korrekter Butler hielt Buster die Tür zum Büro des Hais auf.

Täuschte sich Henry Black, oder bemerkte er den Hauch eines spöttischen Lächelns auf dem dunklen, sonst so unbewegten Gesicht, als er an dem Schwarzen vorbei in den großen Raum ging?

Der Hai stand an einem der Fenster und starrte in die Nacht hinaus. Black sah nur sein scharfes Profil.

Den verkrüppelten Mann stehend anzutreffen, war höchst ungewöhnlich. Meistens hockte der Hai von Frisco hinter dem großen Schreibtisch und lauerte dort auf alles, was da kommen mochte.

Als Buster die Tür hinter Black schloß, fühlte sich dieser erst recht wie ein Tier in der Falle.

Der Mann, dessen wahren Namen niemand zu kennen schien - vielleicht mit Ausnahme von Buster, aber da der Neger niemals sprach, war es bedeutungslos - hatte den großen Raum stark verändert, wie er es mit dem ganzen Stockwerk getan hatte. Überall hingen Lederschlaufen von der Decke herab, damit der Krüppel sich aufrichten konnte.

Auch jetzt umklammerte die Linke des Hais eine der Schlaufen und ermöglichte dem Mann das aufrechte Stehen.

Als er sich umdrehte und sein Gesicht mit dem stark eingekerbten Kinn dem Besucher zuwandte, lief ein Schauer über Blacks Rücken. Das gutaussehende Gesicht und das scheinbar freundliche Lächeln konnten ihn nicht täuschen. Black bildete sich ein, die Gefährlichkeit des Hais wie kein zweiter zu kennen. Schließlich lebte er mit diesem Mann seit Monaten unter einem Dach.

Der Feuerschein, der die Nacht erhellte und durch das Fenster das Gesicht des Hais beschien, verlieh ihm eine besonders dämonische Note.

»Setzen Sie sich doch, Heinrich«, sagte er in gutem Deutsch und wies auf einen bequemen Ledersessel. »Dies ist eine aufregende Nacht. Wir können unsere Kräfte noch brauchen.«

»Ja«, sagte Black nur und setzte sich in den Sessel.

Er wußte, daß es mehr ein Befehl als ein Angebot gewesen war. Das war die Art des Hais.

Black empfand es als besonders beunruhigend, daß der Hai ihn mit seinem richtigen Vornamen angesprochen hatte. Der Hai kannte Blacks Vergangenheit und all die vielen dunklen Flecken auf der nur scheinbar weißen Weste des Geschäftsmannes. Gerade deshalb befand Black sich in der Hand des anderen. Und der Hai spielte diesen Trumpf stets dann aus, wenn er es für nötig hielt, Black daran zu erinnern. Daß er es gerade jetzt tat, so kurz nach Bremers Besuch, machte dem korpulenten Mann im Ledersessel regelrecht angst.

»Nicht nur eine aufregende Nacht, sondern auch eine heiße«, fuhr der Hai mit einem Blick aus dem Fenster fort. »Die halbe Stadt steht in Flammen. Und wenn es so weitergeht, die ganze.« Der Hai wandte sein Gesicht wieder dem Besucher zu. »Wissen Sie etwas über das Feuer, Henry?«

»Ich?« Black starrte den anderen an wie ein ängstliches Kaninchen die große gefährliche Schlange. »Wie. wie kommen Sie darauf?«

Der Hai schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte mit ruhiger, emotionsloser Stimme: »Allmählich sollten Sie wissen, daß hier nur einer die Fragen stellt: ich. Und daß ich es nicht mag, wenn jemand meine Fragen nicht beantwortet!«

»Ich war nur so überrascht, daß Sie.«

»Daß ich von Ihrer Unterredung weiß, die Sie vorhin mit Bremer hatten?«

Henry Black fühlte sich wie von einem Blitzschlag getroffen. Sein Herz hämmerte, sein Puls raste, und Schweiß strömte aus allen Poren.

Was er die ganze Zeit über befürchtet hatte, war eingetreten: Der Hai wußte von Bremers Besuch!

Black sank in seinem Sessel zusammen und machte sich so klein wie nur möglich. Bei seinem großen massigen Körperbau war das ein geradezu groteskes Unterfangen. Und gegenüber einem Mann wie dem Hai war es ohnehin sinnlos.

Den strengte das lange Stehen offenbar an. Er hangelte sich von Lederschlaufe zu Lederschlaufe, bis er sich endlich auf den großen bequemen Drehstuhl sinken ließ.

Ruhig entnahm er einem silbernen Etui eine schlanke Zigarre, entzündete sie und machte dadurch, daß er dem Besucher keine Zigarre anbot, die Kluft zwischen ihnen deutlich.

»Was hat Bremer berichtet?« fragte der Hai. »Hat dieser Versager die entlaufenen Gefangenen erwischt?«

Black fragte sich, ob der Hai nur mit ihm spielte. Ob er vielleicht über jedes Wort der Unterhaltung zwischen Black und Bremer unterrichtet war. Es erschien dem korpulenten Geschäftsmann zwar unmöglich, aber dem Hai traute er alles zu.

»Gewissermaßen«, beantwortete Black ausweichend die Frage. »Bremer hatte diesen Adler und Susu Wang fast, aber sie sind ihm im letzten Augenblick entwischt. Sieht so aus, als hätte halb Chinatown ihnen bei der Flucht geholfen.«

»Jetzt sieht es eher so aus, als stände ganz Chinatown in Flammen«, erwiderte der Hai.

Black nickte.

»Bremer hat das Feuer gelegt, um den Schlitzaugen zu zeigen, daß man sich dem Hai nicht ungestraft widersetzt. Außerdem hielt er es für eine gute Gelegenheit, das wiedergutzumachen, was gestern nacht schiefgelaufen ist. Diesmal konnte die Feuerwehr Chinatown nicht retten.«

Den letzten Satz sprach Black mit einer gewissen Zufriedenheit aus, weil er auf den Beifall des Hais hoffte.

Aber statt dessen traf ihn ein harter Schlag ins Gesicht, der ihn aus dem Sessel warf. So überraschend, daß Black keine Anstalten traf, den Sturz abzufangen oder sich wenigstens über die Schulter abzurollen. Er landete schmerzhaft, mit dem Gesicht nach unten, auf dem Parkett.

Über sich bemerkte er Busters dunkle Gestalt. Die Faust des Negers hatte ihn im Gesicht getroffen. Es brannte höllisch.

Es schien keine Veranlassung für diese Aktion des Schwarzen gegeben zu haben. Aber Black wußte aus Erfahrung, daß der Hai seinem Vollstrecker durch winzige Gesten und Gebärden, die einem Dritten belanglos erschienen, Zeichen gab. Es konnte das Krümmen eines Fingers oder ein Augenzwinkern sein.

»Diesmal sieht es so aus, als könne die Feuerwehr überhaupt nichts retten«, sagte der Hai.

Jede Freundlichkeit war aus seiner Stimme und aus seinen Zügen verschwunden. Seine Augen hatten sich umwölkt. Das angespannte Gesicht wirkte so rasiermesserscharf wie die Stimme.

»Letzte Nacht hätte das Feuer ganz Chinatown zerstört, wäre der Plan nicht an die Feuerwehr verraten worden. Der Wind stand günstig. Aber viel mehr wäre nicht passiert. Heute nacht aber ist es anders. Das hat Bremers Spatzenhirn nicht bedacht. Der Wind treibt das Feuer durch die ganze Stadt. Auch der Portsmouth Square ist in Gefahr. Was nützt mir die Kontrolle über ganz Frisco, wenn die Stadt nur noch ein Haufen Schutt und Asche ist?«

Black blieb keine Gelegenheit zur einer Antwort. Busters spitzer Stiefel trat ihn in die Seite und warf ihn herum. Ein zweiter Tritt des Schwarzen traf die Nieren des Weißen. Gequält stöhnte Black auf.

»Wer wird denn so wehleidig sein?« fragte der Hai mit einem höhnischen Unterton. »Sie hätten es vorhin doch mit Bremer genauso gemacht, hätte der nicht seinen Revolver gezogen!«

Der Revolver!

Der Gedanke, den Black in seinem Büro gehabt hatte, schob sich wieder in den Vordergrund. Wenn es ihm gelang, den Hai zu töten, wäre alles anders. Schließlich steckte in einer Tasche seines Rocks ein sechsschüssiger James Warner Pocket-Revolver.

Aber Buster!

Der Schwarze würde nicht tatenlos mit ansehen, wie Black seinen Herrn niederknallte. Also mußte er auch mit Buster fertigwerden.

Verdammt, nicht so zögerlich, Henry Black! spornte er sich in Gedanken an. Wenn du früher auch so ängstlich gewesen wärst, hättest du es niemals zu Reichtum und zum Golden Crown gebracht. Ohne Risiko kein Gewinn!

Ja, er würde es tun!

Black täuschte ein lautes Stöhnen vor, um die beiden anderen abzulenken. Dabei tat er so, als wälze er sich vor Schmerz auf dem Boden herum.

In Wahrheit wollte er nur auf die linke Seite zu liegen kommen, um den rechts steckenden Taschenrevolver herausziehen zu können. Schon schlossen sich seine Finger um den kühlen, beruhigenden Griff mit der Elfenbeinverschalung.

Nur noch wenige Sekunden. Doch bevor er die rechte Hand mit dem Warner-Revolver herausziehen konnte, fuhr ein stechender Schmerz durch den Unterarm.

Busters Fuß drückte den Arm auf den Fußboden.

Black konnte ihn nicht mehr bewegen. Trotz aller Anstrengung, die Tränen in seine Augen trieb.

Als der Fuß endlich losließ, geschah das nur, um Black einen heftigen Tritt gegen den Kopf zu versetzen.

Für Sekunden sah der massige Geschäftsmann nur Dunkelheit und in ihr tanzende Sterne.

Als er wieder klar sehen konnte, hielt Buster den Warner in der Rechten, hatte den Hahn gespannt und zielte mit der Waffe auf ihren Besitzer.

Black war elend zumute. Fast noch schlimmer als die Lebensgefahr, in der er schwebte, empfand er die Demütigung, dem Hai ein weiteres Mal unterlegen zu sein. Das letzte -entscheidende - Mal?

»Henry, was soll ich nur mit Ihnen machen?« fragte der Hai in gespielter Verzweiflung, nachdem der die Zigarre aus dem Mundwinkel genommen und einen großen Rauchkringel zur hohen Decke hinauf geblasen hatte. »Sie umbringen? Wie Sie es mit mir tun wollten?«

Black wartete darauf, daß der schwarze Zeigefinger von Busters rechter Hand sich um den Abzug krümmte. Daß der Hahn nach vorn schlug. Daß die Kugel, begleitet von einer Feuerzunge, aus dem schwarzen Lauf schoß und ihn mit einem harten, sein Leben auslöschenden Schlag traf.

Aber nichts davon geschah. Unbeweglich wie eine Statue stand der große Schwarze über ihm und bedrohte ihn mit dem Warner. Der Hai schien tatsächlich auf eine Antwort zu warten.

»Ich. ich wollte Sie doch nicht töten«, sagte Black hastig und haßte sich selbst für diese Worte und für ihren entschuldigenden, unterwürfigen Ton.

Er hatte den Hai ein für allemal erledigen wollen, und jetzt machte er sich wieder zu seinem Sklaven.

Ja, im Grunde war er nichts anderes als ein Negersklave. Nur mußte Black nicht unter sengender Sonne Baumwolle pflücken, und er konnte ein Leben in Luxus führen. Aber ein Leben, über das ein anderer bestimmte.

»Was wollten Sie dann mit dem Revolver?« hakte der Mann hinter dem Schreibtisch nach und zog an seiner Zigarre. »Ein paar Löcher in die Wand schießen, weil Ihnen die Luft hier drin zu stickig ist?«

»Es war unüberlegt«, stammelte Black, der in reichlicher unbequemer Haltung auf dem Boden lag.

Aber er wagte nicht, sich zu bewegen. Er wollte Buster zu keiner unüberlegten Handlung verleiten. Nicht zu einem Krümmen des Zeigefingers und auch nicht zu einem neuen schmerzhaften Tritt.

»Ich war verwirrt, als der.« Black hätte fast >Nigger< gesagt, konnte sich aber gerade noch zurückhalten. »Als Buster über mich herfiel. Ich dachte, er wollte mich umbringen. Nur deshalb habe ich zur Waffe gegriffen.«

Der Hai hielt die Zigarre in der Rechten und starrte den Mann auf dem Boden ein, zwei Minuten prüfend an.

Schließlich fragte er: »Soll ich Ihnen das glauben, Henry?«

»Sie müssen!«

Blacks Stimme zitterte. Er schämte sich dafür, konnte aber nichts dagegen tun. Das Wissen, daß diese Sekunden für ihn die Entscheidung über Leben und Tod brachten, kostete ihn die letzten Nerven.

»Ich muß gar nichts«, belehrte ihn der Hai. »Ich habe die Wahl. Ich kann Sie am Leben lassen und trage damit das Risiko, daß Sie mir in den Rücken fallen. Ich kann Sie aber auch töten und damit sichergehen, daß mir nicht von meinem eigenen Adjutanten Gefahr droht.«

Ein >Adjutant< war Black also für den Hai. Wenn Black es recht überlegte, war die Bezeichnung ziemlich zutreffend. Ein Adjutant sorgte für die Ausführung der Befehle eines kommandierenden Offiziers.

Genauso verhielt es sich. Der Hai traf die Entscheidungen, und nur nach außen hin trat Black als der Mann auf, der die Macht besaß.

Eigentlich ein ziemlich würdeloses Dasein. Aber im Augenblick erschien es dem Mann auf dem Boden überaus erstrebenswert, geradezu verlockend angesichts der Alternative - dem Tod!

»Ihnen droht von mir keine Gefahr«, versicherte Black.

»Worte sind kein Beweis, Henry.«

»Wenn ich es Ihnen doch nur beweisen könnte«, seufzte kläglich der vor Angst schwitzende Geschäftsmann.

»Wissen Sie, wie es die Schlitzaugen machen, Henry?«

Die Frage des Hais verwirrte Black, der nicht wußte, worauf der Mann hinter dem Schreibtisch hinauswollte.

»Die Chinesen?« fragte er deshalb. »Was meinen Sie?«

»Nein, nicht die Chinesen. Ich reden von den anderen, den Japanern. Wissen Sie, wodurch sie ihrem Herrn die Treue beweisen, wenn sie einen Fehler gemacht haben?« »Nein«, lautete Blacks ehrliche Antwort. »Mit den Japanern kenne ich mich nicht aus.«

Zwar gab es auch ein japanisches Viertel in San Francisco, aber ihm kam längst nicht die Bedeutung von Chinatown zu.

»Das ist eine Wissenslücke, Henry«, belehrte ihn der Hai.

Sein Tonfall war jetzt nicht mehr schneidend scharf, sondern hatte etwas Dozierendes an sich. Black kam sich vor wie in der Schule.

»Man kann von anderen Kulturen eine Menge lernen«, erklärte der Hai. »Die Japaner zum Beispiel beweisen ihre Treue, indem sie sich zur Wiedergutmachung eines Fehlers ein Fingerglied abschneiden. Wie finden Sie das, Henry?«

»Barbarisch«, würgte der Mann auf dem Boden.

Er hatte die Absicht des Hais erkannt und spürte in sich einen starken Drang, sich auf der Stelle zu übergeben.

»Ich sehe das anders, Henry. Ist es nicht eine hübsche Geste? Und mehr als das, das fehlende Fingerglied erinnert den Betreffenden stets daran, in Zukunft sorgfältiger zu sein.«

Nach einer kurzen Pause und einem weiteren Rauchkringel befahl der Hai:

»Stehen Sie doch endlich auf, Henry! Wie Sie da am Fußboden herumkrauchen, das ist barbarisch.«

Zögernd, am ganzen Körper zitternd, befolgte Black den Befehl. Seine Augen wanderten unablässig zwischen dem Hai und dessen dunkelhäutigem Vollstrecker hin und her. Black rechnete mit einer perfiden Falle.

Sollte der Schwarze ihn gerade in dem Augenblick erschießen oder durch einen Tritt erneut zu Fall bringen, wenn er sich sicher wähnte?

Aber nichts dergleichen geschah. Der Hai hatte etwas anderes mit seinem Adjutanten vor.

»Sie haben doch sicher ein Messer dabei, Henry«, meinte der Mann hinter dem Schreibtisch, als sein Adjutant schwankend vor ihm stand.

Black schluckte und nickte. Meinte dieser Teufel es wirklich ernst?

Die schweißnassen, klebrigen Finger des korpulenten Mannes zogen das Klappmesser mit dem perlmuttbeschlagenen Griff aus der Westentasche.

»Öffnen Sie es!« verlangte der Hai.

Blacks Finger zitterten so sehr, daß er die Klinge erst beim fünften oder sechsten Versuch ausklappen konnte. Sein verzerrtes Gesicht spiegelte sich in dem blankpolierten Stahl. Er sah so erbärmlich aus, wie er sich fühlte.

Der Hai klopfte die Asche seiner halb niedergebrannten Zigarre in den großen Kristall-Aschenbecher und schob ihn dann über den Tisch, zu Black.

»Bitte, bedienen Sie sich, Henry!«

»Ich. verstehe nicht.«

Black kam sich vor wie in einem bösen Traum gefangen. Es war der schlimmste Alptraum, der ihn jemals gequält hatte: die Wirklichkeit!

»Wollen Sie etwa meinen Schreibtisch mit Ihrem Blut besudeln?« fragte der Hai vorwurfsvoll und klopfte mit dem Knöchel auf die Tischplatte. »Gutes Kirschbaumholz, darum wäre es doch schade.«

Black zeigte auf den großen Aschenbecher.

»Sie meinen. ich soll.«

»Nur zu«, nickte der Hai und zeigte jetzt offen den Spott auf seinem Gesicht, während seine Stimme weiterhin ruhigen Ernst vorspiegelte.

»Aber da ist Asche drin«, versuchte Black eine letzte, reichlich schwache Ausflucht.

»Das sehe ich«, erwiderte der Hai ungerührt, während sein Gesicht geradezu feixte.

Black betrachtete seine Hände, die von Sekunde zu Sekunde stärker zitterten. Wenn er es nicht schnell tat, würde er es gar nicht zustande bringen.

Aber was würde dann der Hai mit ihm tun?

Der schwitzende, zitternde Mann streckte den kleinen Finger der linken Hand über dem Aschenbecher aus und drückte ihn mit dem untersten Glied auf den Rand. Seine Rechte hielt die Messerklinge über den Finger.

Er bemerkte einen Schatten hinter sich. Buster war nähergetreten, um ihm interessiert zuzusehen. Auch der Blick des Hais war unverwandt auf den massigen Mann gerichtet.

Mit einem schnellen Schnitt vollbrachte Black es. Der Schmerz kam hinterher, als das Blut in den Aschenbecher schoß.

»Am besten wickeln sie ein Taschentuch um den Finger, Henry«, verspottete der Hai ihn durch das Vortäuschen fast väterlicher Sorge. »Wäre doch lächerlich, wegen einer solchen Wunde zu verbluten.«

Mit fahrigen Bewegungen, die von einem zunehmenden Schwindelgefühl diktiert wurden, suchte Black seine Taschen nach einem der spitzenbesetzten weißen Tücher ab. Endlich wurde er fündig und wickelte es um die linke Hand.

»Kümmern Sie sich um Bremer und um das Feuer!« fuhr der Hai im geschäftsmäßigen Ton fort. »Ich will sofort informiert werden, wenn der Versager zurückkehrt. Und falls das Feuer nicht aufzuhalten ist, müssen wir das Golden Crown rechtzeitig verlassen. Denken Sie daran, Henry!«

Du und dein verfluchter Nigger könnt meinetwegen hier oben verbrennen! dachte Black.

Laut sagte er jedoch: »Ich werde mich um alles kümmern. Kann ich jetzt gehen?«

Der Hai nickte großzügig.

Black hatte sich kaum umgedreht, da hörte er die scharfe Stimme wieder: »Vergessen Sie Ihr Messer nicht, Henry. Das Blut an der Klinge beschmutzt mir sonst doch noch den Tisch. Und den Aschenbecher können Sie auch gleich mitnehmen. Ist doch ein etwas unschöner Anblick, finden Sie nicht?«

Black nickte nur. Er war nicht zu einer Antwort fähig. Das Gefühl von Schwindel und Übelkeit wurde immer stärker.

Er klappte das Messer zusammen und steckte es ein. Dann nahm er mit der heilen Rechten den Aschenbecher auf. Perplex starrte er auf den Inhalt.

Er starrte noch immer darauf, als er das Büro verlassen hatte und langsam die Treppe hinunterging.

Am liebsten hätte er sich über das Geländer gebeugt und sich übergeben.

Aber diese Genugtuung wollte er dem Hai nicht gönnen. Er war sicher, daß der Krüppel da oben ihn beobachtete, auch wenn Buster die Tür hinter Black wieder geschlossen hatte. Der Hai sah alles!

Ein ungeheuerlicher Lärm lenkte Black von seiner Übelkeit ab. Erst hielt er es für Donner. Dann erkannte er, daß es eine Reihe rasch aufeinanderfolgender Explosionen war.

*

Die schwersten Explosionen waren verhallt. Eine Vielzahl kleinerer Explosionen folgte nach, weil immer wieder einzelne Kisten mit Sprengstoff und Munition in die Luft flogen.

Jacob lag auf der Seite, das Gesicht instinktiv unter einem Arm verborgen. Seine Glieder schmerzten, als er seinen Oberkörper aufrichtete.

Er schüttelte mehrere Bretter ab, die auf ihm gelegen hatten. Ein kleiner Schuppen war über ihm zusammengebrochen. Glücklicherweise wohl. Die dünnen Bretter der wackligen Wände hatten ihn vor Schlimmerem bewahrt - vor dem Splitterregen und der Hitzewelle. Und Elihu?

Suchend blickte Jacob sich nach dem Freund um. »Was ist, Jake?« fragte eine vertraute rauhe Stimme im Rücken des Deutschen. »Wonach hältst du Ausschau?«

Jacob fuhr herum. Elihu stützte sich mit der Hand gegen eine einsame Wand, die der Druckwelle aus einem unbekannten Grund widerstanden hatte. Er sah noch ramponierter und schmutziger aus als zuvor. Jacob sagte sich, daß er selbst wohl kaum besser abschnitt.

»Dich habe ich gesucht, Eli. Ich dachte schon, die Druckwelle hätte dich in die Hafenbucht geschleudert.«

»Wäre gar nicht schlecht«, lachte der vollbärtige Harpunier. »Da wäre ich zumindest vor dem Feuer sicher.«

Das Auseinanderbersten des Magazins hatte die Ausbreitung des Feuers in diesem Stadtteil beschleunigt. Die brennenden Trümmer, die oft Hunderte von Yards durch die Luft flogen, steckten andere Gebäude an.

»Hauen wir ab«, schlug Jacob vor. »Das Feuer wird auch hierher kommen.«

Er stützte Elihu wieder, als sie ihre Flucht vor den Flammen fortsetzen. Sie bogen um eine Ecke und sahen einen glänzenden Wasserstrahl, der eine Häuserfront bestrich. Die Männer an der versilberten Feuerspritze trugen golden glänzende Helme und Umhänge.

»Die Jungs von Social Three haben offenbar eine volle Zisterne gefunden«, keuchte Elihu. »Die geben anscheinend niemals auf.«

Dann sahen sie auch die Spritze und die Männer von Monumental Six.

Die beiden Feuerwehrkompanien hatten eine neue Verteidigungslinie aufgebaut und schienen fest entschlossen, den Flammen zu trotzen und diesen Straßenzug nicht preiszugeben.

Angesichts der überall wabernden Lohe, die sich über San Francisco wälzte, bezweifelte Jacob den Erfolg ihres tapferen Einsatzes.

Auch Lieutenant Wannakers Männer und die freiwilligen zivilen Helfer waren schon wieder bei der Arbeit. Sie rissen einen großen hölzernen Mietstall nebst Hufschmiede ab. Die Absicht war klar: Durch eine Schneise wollten sie dem Feuer die Nahrung nehmen und es am ungehinderten Ausbreiten hindern.

Weiter hinten hatten die Sanitäter und ein Armeearzt mit Zeltplanen ein behelfsmäßiges Lazarett aufgebaut. Ein paar Schwerverwundete lagen auf Decken. Immer wieder meldeten sich Männer mit leichteren Verletzungen, in der Mehrzahl Verbrennungen. Sie ließen sich rasch verbinden und eilten dann zum Einsatzort zurück.

Ein Mann trat Jacob und Elihu mit Unglauben in seinem jungen Gesicht entgegen. Die Hitze hatte den Lieutenant dazu gebracht, seinen schweren Uniformrock ganz abzulegen. Jetzt sah man die hellen Hosenträger, die über dem blauen Hemd saßen.

»Sie?« staunte er. »Sie haben es beide geschafft?«

»Wie Sie sehen, Lieutenant«, lachte Jacob, bei dem erst jetzt die Erleichterung über das Überleben der verheerenden Explosion richtig durchbrach. »Oder halten Sie uns für Geister?«

»Fast würde ich es glauben.« Wannaker blickte in die Richtung, aus der die beiden anderen gekommen waren. Dahin, wo die Überreste des Armeemagazins in Flammen standen. »Bei dieser Explosion grenzt alles andere an ein Wunder!«

»Wunder oder nicht, wir leben jedenfalls«, brummte Elihu. »So verdammt erledigt wie ich mich fühle, kann ich gar kein Geist sein!«

Der Offizier wollte etwas erwidern, aber erneuter ohrenbetäubender Lärm ließ ihn verstummen, ehe er auch nur zwei Silben gesagt hatte.

»Noch mehr Explosionen?« fragte Elihu verwundert. »Ihr Blauröcke habt wohl genug Munition hier gelagert, um den Bürgerkrieg bis ins nächste Jahrzehnt fortzusetzen.«

Jacob schüttelte den Kopf. . »Ich glaube nicht, daß es das Magazin ist.«

Der Lärm hörte sich dumpfer an als vorhin bei den Explosionen. Er schien auch nicht aus der Richtung des Magazins zu kommen. Das Grollen lag vielmehr in der Luft.

Der rötliche Schreckensschein des riesigen Brandes vermischte sich mit weißen Lichtlanzen, die den Himmel aufrissen und im wilden Zickzack zur Erde fuhren.

Die dicken dunklen Wolken, die schon seit geraumer Zeit über San Francisco hingen, platzten auf und schickten wahre Sturzbäche zur Erde. Binnen weniger Augenblicke waren die Männer vollkommen durchnäßt.

Aber kein einziger beschwerte sich darüber. Ganz im Gegenteil, überall brach lauter Jubel aus. Die Menschen lachten und tanzten. Wenn sie bewaffnet waren, feuerten sie ihre Revolver in den Himmel ab, bis die Trommeln leer waren. Einige genossen ihre Freude über den Wolkenbruch ganz still, andere beteten dankbar und laut.

»Ein Gewitter!« strahlte Lieutenant Wannaker über sein ganzes Jungengesicht. »Es ist ein Gewitter!«

»Zweifellos!« lachte Elihu.

»Wie. wie kommt das bloß?« fragte der Offizier fassungslos. »Der Herr im Himmel muß das veranlaßt haben. Ohne das Gewitter wäre San Francisco verloren gewesen.«

»Der Herr im Himmel oder das Armeemagazin«, meinte Jacob ein wenig nüchterner. »Es bleibt sich gleich.«

Wannaker zog seine Stirn in Falten.

»Wie meinen Sie das, Adler?«

»Ich denke, die Explosion des Magazins könnte das Gewitter aufgelöst haben. Der ungeheure Druck und die schnelle Temperaturschwankung haben vermutlich die Wolken aufgerissen.«

»Ja«, gab Wannaker zu. »Das wäre möglich.«

Sie grübelten nicht weiter darüber nach. Warum es regnete, war nicht wichtig, sondern nur, daß es regnete. Und das tat es wahrlich. In solchen Fluten, als hätten die Wolken extra für diesen Anlaß den halben Pazifik in sich aufgesogen.

Alle stellten ihre Arbeit ein, die Soldaten und freiwilligen Helfer wie auch die Feuerwehrleute an den Spritzen. Ihre Bemühungen waren sinnlos geworden. Das Ziel wurde vom Regen viel schneller erreicht.

Das Feuer mochte noch so gewaltig sein, gegen die niederstürzenden Wassermassen kam es nicht an. Eben noch ein Flammenmeer, das sich auf die Menschen zubewegte, waren es jetzt nur noch einzelne Feuerinseln. Und auch die wurden rasch kleiner. Die Schreckensnacht am Golden Gate schien endlich, als es kaum noch einer zu hoffen wagte, ihr Ende zu finden.

Jacob und Elihu ließen sich von dem allgemeinen Taumel anstecken und tanzten ausgelassen im Schlamm der binnen weniger Minuten aufgeweichten Straße herum. Die Rettung dieser Stadt grenzte wirklich an ein Wunder, und das galt es zu feiern. Der Harpunier schien sogar den Schmerz in seinem Bein nicht mehr zu spüren.

Der Regen fiel so dicht, daß man nur auf wenige Yards klar sehen konnte.

Dann verschwammen Gesichter zu undeutlichen hellen Flecken und menschliche Körper zu schattenhaften Gestalten, die bei den wilden Verrenkungen ihrer Freudentänze besonders unwirklich erschienen.

Ein Gruppe besonders großer Schatten zog in der Mitte der Straße an Jacob und Elihu vorbei. Diese Schatten tanzten nicht. Es waren Reiter, die relativ gemächlich dahinzogen und sich den Trubel ansahen.

Der vorderste Reiter kam in Jacobs Nähe. Es war ein kleiner Mann auf einem schlanken Fuchs.

Der Auswanderer erstarrte, als er das spitze Nagetiergesicht unter der zu großen Melone erkannte. Jacob legte eine Hand auf die Schulter des auf und ab hüpfenden Harpuniers, der in schneller Folge gutturale Freudenschreie ausstieß.

»Eli!«

»Was hast du denn, Jake?« lachte der Harpunier. »Du siehst aus wie der Lieutenant eben, als er uns für Geister hielt.«

»Wenn ich einen Geist gesehen habe, ist es der von Louis Bremer!«

Jacobs Hand zeigte auf den kleinen Reiter, und Elihus Blick folgte der angegebenen Richtung.

»Bei allen Klabautermännern, du hast recht, Jake. Den Mistkerl kaufe ich mir!«

Schon wollte der Seemann auf die Reiter losstürmen, aber der junge Deutsche hielt ihn zurück.

»Das bringt nichts, Eli. Die anderen gehören zu ihm. Gegen die Überzahl kommen wir nicht an. Zumal die Strolche vermutlich bewaffnet sind.«

»Was sollen wir dann tun?«

»Den Lieutenant suchen und ihm sagen, daß die Brandstifter gerade vor seiner Nase herreiten. Wir teilen uns auf.«

Elihu nickte und verschwand hinter einem Regenschleier.

Jacob lief in die entgegengesetzte Richtung und fand Lieutenant Wannaker beim Lazarett, wo er sich nach dem Zustand der Schwerverletzten erkundigte. In kurzen Worten informierte Jacob den Offizier über Bremer und seine Schandtaten.

»Was mögen die Kerle ausgerechnet hier suchen?« fragte Wannaker.

»Vielleicht Eli und mich«, überlegte der Deutsche laut. »Wir sind Zeugen seiner Verbrechen. Wir und.«

Er brach ab, als er an den dritten Zeugen dachte - eine Zeugin! »Was haben Sie, Adler?«

»Es gibt noch jemanden, hinter dem Bremer her ist. Wang Shu-hsien!«

»Susu Wang, der chinesische Engel?«

Jacob nickte. Die Vorstellung, daß Bremer die ahnungslose Chinesin fand, machte ihm angst. Deshalb sagte er: »Trommeln Sie möglichst schnell Ihre Männer zusammen, Lieutenant. Alles, was eine Waffe hat und damit umgehen kann. Mit den Männern des Hais ist nicht gut Kirschen essen. Aber wir können sie noch aufhalten. Sie reiten sehr langsam, vermutlich, weil sie uns suchen. Im Laufschritt können wir sie einholen.«

Keine fünf Minuten später führte Lieutenant Wannaker eine etwa dreißigköpfige Truppe die langgezogene Straße hinauf. Die Schar war bunt zusammengewürfelt aus Soldaten und Zivilisten.

Auch letztere verspürten einen großen Drang, Bremers Trupp zu erwischen. Handelte es sich bei den Gangstern doch um die Männer, die San Francisco in Brand gesteckt hatten.

Die Bewaffnung der Truppe war zum Teil ebenso abenteuerlich wie ihr vom Feuer ramponierter Aufzug.

Jacob hatte sich aus den Werkzeugen eine ähnliche Axt gegriffen, wie er sie zuvor am Magazin benutzt hatte.

Am seltsamsten aber wirkte Elihus Konstruktion. Aus einem hölzernen Stab, den er aus den Trümmern des eingerissenen Mietstalls gefischt hatte, einem Bowiemesser und einem Stück Draht hatte er sich eine Harpune zusammengebaut, die nach seinen Worten >recht gut in der Hand< lag.

»Wie weit ist es noch bis zum Hotel Santa Rosa?« fragte Jacob den jungen Offizier nach dem Ort, zu dem Reverend Hume mit seinen Kinderschar gewollt hatte.

»Es liegt an der übernächsten Querstraße«, lautete die Antwort.

»Dann müssen wir uns beeilen!« keuchte Jacob und beschleunigte seine Geschwindigkeit. »Wenn Bremer vor uns da ist, gibt es ein Unglück!«

»In Ordnung«, meinte der Lieutenant und gab den Befehl, schneller zu laufen, an den Corporal zu seiner Rechten weiter.

Der Befehl pflanzte sich von Mund zu Mund fort. Obwohl der Kampf gegen das Feuer die Männer ausgelaugt hatte, kamen sie der Anordnung nach.

An der Querstraße vor dem Hotel Santa Rosa stießen die Verfolger auf Bremers Trupp. Die Gangster waren aus den Sätteln gestiegen. Sie mußten irgendwie herausbekommen haben, daß das Hotel Reverend Humes Ziel war. Gerade schickten sie sich an, den überdachten Vorbau zu betreten.

»Halt, stehenbleiben!« schrie der vom Jagdfieber gepackte Corporal und legte seinen Karabiner auf Bremers Leute an.

Einer der Gangster erfaßte die Situation sehr schnell. Sein Mündungsfeuer zuckte durch die Finsternis.

Die Detonation des Schusses vermengte sich mit dem Aufschrei des Corporals.

Der Soldat ließ die Waffe fallen, faßte an seine Brust und sank zu Boden.

Ein anderer Mann beugte sich über ihn und schüttelte dann den Kopf.

»Herzschuß. Das ist nichts mehr zu machen.«

Ein wildes Feuergefecht entspann sich innerhalb von Sekunden.

Ebenso rasch zeichnete sich ab, daß die Männer des Hais diesmal auf der Verliererseite standen. Sie waren in der Minderzahl und standen auf dem Vorbau so dicht zusammengedrängt, daß auch ungezielte Schüsse leicht zu Treffern wurden. Ein Gangster nach dem anderen sank zu Boden.

Da Jacob und Elihu keine Feuerwaffen besaßen, waren sie zum Zuschauen verdammt.

Sie hatten Deckung hinter einer längst übergelaufenen Regentonne gesucht und beobachtete das Geschehen mit skeptischen Augen.

Ganz so hatten sie sich die Sache nicht vorgestellt. Sie hatten eher an einen überraschenden Zugriff gedacht, der Bremers Leute zur Aufgabe zwang.

Aber so, wie es jetzt lief, drohte das Ganze außer Kontrolle zugeraten. Besonders, als Jacob zu sehen glaubte, daß sich ein paar Gangster ins Hotel zurückzogen.

Er machte seinen Freund darauf aufmerksam und sagte: »Ich mache mir Sorgen um die Kinder und um Shu-hsien.«

Elihu nickte verständnisvoll, meinte dann aber: »Schätze, wir können kaum etwas tun, solange die Männer des Hais sich auf dem Vorbau halten.«

»Vielleicht doch«, erwiderte Jacob. »Das Hotel hat bestimmt ein Hintereingang!«

Die Augen des Harpuniers leuchteten auf.

»Yeah, verdammt, daß mir das nicht eingefallen ist!«

Die beiden Männer sprangen aus ihrer Deckung und liefen geduckt um den großen Kasten des dreistöckigen Hauses mit Nebengebäuden und Ställen herum. Hinter ihnen peitschten weiterhin die Schüsse durch den Regen.

Jacob beschlich das unangenehme Gefühl, daß die Schrecken dieser Nacht mit dem Verlöschen des Brandes noch längst kein Ende finden würden.

*

Die freudige Aufregung verwandelte sich in Angst, als die Menschen im Hotel Santa Rosa die Schüsse hörten.

Nur wenige hatten geschlafen. Personal und Hotelgäste so gut wie gar nicht. Sie starrten aus den Fenstern und warteten auf das Feuer. Sie hofften und beteten, die Flammen mögen nicht bis zum Hotel durchkommen. Doch sie wußten sehr wohl, daß die Chancen dafür eher schlecht standen. Also hielten sie sich zur Flucht bereit.

Ebenso Reverend Alister Hume, seine Mitarbeiterin und Köchin Mrs. Goldridge und die junge Chinesin Wang Shu-hsien, die als Kind selbst einige Jahre in Humes jetzt abgebranntem Waisenhaus gelebt hatte. Die drei Erwachsenen wachten über die fünfzig Waisenkinder.

Alle lagen im Hotel-Restaurant, das ausgeräumt und zum Schlafsaal umfunktioniert worden war. Einige der Kinder schliefen tatsächlich, zumeist die jüngeren. Die Erschöpfung und die beruhigenden Worte des Reverends taten ihre Wirkung. Die meisten aber lagen wach in den Decken und Schlafsäcken auf dem Parkettboden und lauschten den flüsternden Stimmen der Erwachsenen.

Dann folgte für alle Menschen im Hotel ein Wechselbad der Gefühle.

Erst die starken, rasch aufeinanderfolgenden Explosionen.

Die meisten der Schläfer wurden von ihnen aus dem Schlaf gerissen. Viele der Kinder begannen zu weinen. Die kleineren aus Angst vor der unbekannten Gefahr, die größeren aus Angst vor dem, was die Explosionen nur bedeuten konnten: eine noch schnellere Ausbreitung des Feuers.

Wang Shu-hsien, die auf einem Schemel hockte und aus einem großen Fenster in die Nacht starrte, schreckte bei den Explosionen zusammen.

Sie dachte an Jacob, den sie in dieser Nacht lieben gelernt hatte. An die kurze, aber unvergeßliche Zeit ihrer gemeinsamen Lust und ihres gemeinsamen Glücks.

Sie wußte, daß er half, das Armeemagazin zu räumen. Und sie wußte auch, daß die lauten Explosion nur vom Magazin stammen konnte.

Angst befiel sie, der Geliebte könne tot sein. Auch als Mrs. Goldridge neben sie trat und beruhigend über Shu-hsiens schwarzes Haar strich, nahm ihr das nicht die Angst.

Auf die Explosionen folgten der Donnerhall, die gleißenden Blitze, das Aufreißen der Wolken, der schwere Sturzregen.

Die Furcht der Kinder und Erwachsenen verwandelte sich in unbändige Freude über ihre Rettung. Alle drängten sich an die Fenster, drückten sich die Nasen daran platt und stießen neue Freudenschreie aus, wenn der rötliche Schein des Feuers schwächer wurde.

Mrs. Goldridge führte mit einigen Kindern einen Freudentanz auf.

Der Reverend schickte ein lautes Dankgebet an den Herrn.

Selbst Shu-hsien fühlte sich ein wenig erleichtert. Zwar wußte sie nichts über Jacobs Schicksal, aber der Regen war ein mächtiger Hoffnungsbringer. Die Hoffnung auf Leben, die die Menschen im Hotel und in der ganzen großen Stadt neu beseelte, ließ auch Shu-hsien nicht unberührt.

Doch dann ertönten die Schüsse, so nah, daß sie den lauten Donnerhall überlagerten.

Don Felipe Echado, der Besitzer des Hotels, stürmte in den Speisesaal und bahnte sich einen Weg durch die aufgeschreckte Menge zu Reverend Hume.

»Verriegeln Sie alle Türen, Reverend!« rief der kleine spanischstämmige Mann mit dem hochgezwirbelten Schnurrbart aufgeregt und fuchtelte dabei wie wild mit den Händen in der Luft. »Und sorgen Sie dafür, daß sich die Kinder von den Fenstern fernhalten!«

»Was ist denn los?« wollte der verwirrte Reverend wissen. »Was hat das Geschieße zu bedeuten?«

In einer Geste völliger Ratlosigkeit hielt Don Felipe die geöffneten Hände noch höher.

»Ich habe keine Ahnung. Zwei Gruppen schießen aufeinander. Vor dem Haupteingang. Ich weiß nicht, was das für Männer sind. Bei dem Regen kann man kaum etwas sehen. Aber Schüsse mitten in der Stadt bedeuten niemals etwas Gutes!«

Alister Hume nickte und rief den Kindern zu, sie mögen von den Fenstern wegkommen. Hier war von den Menschen, die sich vor dem Hotel bekämpften, nichts zu sehen. Die Fensterseite des Restaurants lag an einer schmalen Seitenstraße. Deshalb nahmen auch nicht alle Kinder die Ermahnung des Reverends ernst. Erst als Mrs. Goldridge sie wegscheuchte wie eine aufgeregte Henne ihre ungehorsamen Küken, blieben die Fenster frei.

Bis auf Shu-hsien, die seltsam teilnahmslos wirkte. Sie hockte noch immer auf dem Schemel und starrte in den Regen hinaus. Die Schüsse ließen sie wieder stärker an Jacob denken. Obwohl es keine konkreten Anhaltspunkt dafür gab, hatte sie das Gefühl, die Schießerei habe etwas mit dem jungen Deutschen zu tun.

Mrs. Goldridge lief zu ihr, riß die junge Chinesin aus ihren Gedanken und von dem Schemel, um sie vom Fenster wegzuholen.

Aber die Gefahr kam nicht von der Fensterseite.

»Ich muß die anderen Gäste warnen«, sagte der Hotelier und wandte sich zum Gehen.

Kurz vor der Doppelflügeltür, durch die er das Restaurant betreten hatte, prallte er zurück. Ein paar mit Revolvern bewaffnete Männer stürmten herein und ließen ihre überraschten Blicke über die Kinderschar schweifen.

»Da haben wir ja das komplette Waisenhaus«, grinste der schlanke Mann mit den dämonischen Gesichtszügen und der Peitsche, die in seinem Gürtel steckte; es war der ehemalige Steuermann Cyrus Stanford.

»Ja, das Schicksal ist mit uns«, erwiderte Louis Bremer, als sein Blick auf Shu-hsien fiel.

Er sprang zu ihr und Mrs. Goldridge und drückte die sechs Läufe seines Pepperbox-Revolvers gegen die Brust der jungen Chinesin. Gleichzeitig schloß sich seine Linke mit eisenhartem Griff um ihren Oberarm.

»Noch mal entkommst du uns nicht, chinesischer Engel!«

Insgesamt vier Bewaffnete hatten das Restaurant gestürmt. Neben Bremer und Stanford waren es die beiden unvermeidlichen Schatten des letzteren, Frenchy und Petrov, früher Stanfords Maate auf dem Walfänger LUCIFER.

Reverend Hume und der Hotelier stürzten den Eindringlingen gleichzeitig entgegen, um sie vom Gebrauch ihrer Schußwaffen abzuhalten. Don Felipe stieß dabei einen aufgeregten Wortschwall in einem unverständlichen Gemisch aus Spanisch und Englisch aus, teilweise flehend, teilweise beschimpfend.

Der untersetzte, kugelbäuchige Frenchy schwenkte seinen Joslyn-Revolver herum und drückte zweimal ab. Die Kugeln trafen den Hotelier in Brust und Bauch.

Aus Don Felipes Laufen wurde ein Torkeln. Er streckte die Arme aus, als suche er in der Luft einen unsichtbaren Halt. Aber er fand keinen und fiel den vier Bewaffneten direkt vor die Füße.

Entsetzensschreie erfüllten den Raum. Noch mehr Kinder weinten aus Angst vor den fremden Männern, vor den Schüssen und vor dem Schicksal, das den Hotelbesitzer ereilt hatte.

Reverend Hume kniete sich neben den Freund, konnte für ihn aber nichts mehr tun, als ihm die Augen, die gebrochen zur hohen Decke starrten, zuzudrücken.

Der Reverend hob den Kopf und starrte den Todesschützen an. Humes Gesicht war noch blasser als sonst. Seine lebendigen Augen funkelten Frenchy in einer Mischung aus Vorwurf und Verachtung an.

»Was glotzt du so, Pfaffe?« raunzte der Maat.

Er drückte die Mündung des Joslyns gegen Humes Stirn und zog den Hahn nach hinten.

»Laß die Spielereien, Frenchy!« rief Bremer. »Wir müssen weiter!«

Die Schüsse vor dem Hotel wurden spärlicher. Der Anführer der Gangster wußte, was das bedeutete: Die zahlenmäßig überlegenen Angreifer gewannen die Oberhand über die Männer unter Charley Wagner, denen Bremer die Verteidigung des Hoteleingangs befohlen hatte. Höchste Zeit für Bremer, durch einen Hinterausgang zu verschwinden!

Natürlich ahnten Wagner und die anderen da draußen nicht, daß ihr Boß sich absetzen wollte. Ihnen hatte Bremer gesagt, er wolle die Chinesin holen und dann wieder in den Kampf eingreifen. Doch da hatte der Mann mit dem Rattengesicht schon gewußt, daß es anders laufen würde. Schließlich war er kein Selbstmörder!

Unwillig nahm Frenchy die Waffe von Reverend Humes Stirn. Der Maat sah nicht ein, wieso er den Pfaffen nicht abknallen sollte. Es würde doch nicht viel Zeit in Anspruch nehmen. Aber er war gewohnt zu gehorchen. Wie er auf der LUCIFER dem mit seinem Schiff untergegangenen Kapitän John Raven gehorcht hatte, gehorchte er jetzt Louis Bremer.

Dieser hatte bereits den rückwärtigen Ausgang des Restaurants erspäht und lief darauf zu, Shu-hsien mit sich zerrend. Die Chinesin sträubte sich, stemmte sich dagegen.

Bremer blieb stehen und hob drohend die Pepperbox.

»Hör zu, du kleine Hure!« zischte er die Chinesin an. »Wenn du nicht gehorchst, sage ich Frenchy, er soll den Reverend doch umlegen. Und ich selbst werde ein paar der niedlichen Kinderlein hinterherschicken, damit der Reverend nicht so allein ist, wenn er im Paradies die Harfe zupft!«

Entsetzt starrte Shu-hsien erst auf Reverend Hume und die Kinder und dann in das spitze Gesicht des Gangsters. Sie las in seinen häßlichen Zügen wilde Entschlossenheit und fand nicht eine Spur von Mitleid darin. Kein Zweifel, Bremer hatte keine leere Drohung ausgestoßen.

»Was ist?« fragte er scharf. »Gehorchst du oder nicht?«

Sie nickte und schluckte dabei schwer.

»Ich komme mit.«

»Gut«, grinste das Rattengesicht und wandte sich seinen Männern zu. »Petrov und Frenchy, ihr bleibt hier und paßt auf die armen Waisen auf. Sobald Stanford und ich mit unserer hübschen Gefangenen draußen sind und die Pferde gefunden haben, geben wir kurz hintereinander drei Schüsse ab. Dann kommt ihr nach!«

Bremer, Stanford und Shu-hsien verschwanden durch die schmale Tür.

Frenchy und Petrov brauchten nicht lange zu warten, bis sie aus dem rückwärtigen Teil des Hotels Schüsse hörten.

Allerdings waren es mehr als drei Schüsse, dafür nicht kurz hintereinander.

»Bei allen Höllenriffen von Kap Horn, war das jetzt das Signal oder nicht?« rief Frenchy mit gerunzelter Stirn.

»Wenn es nicht das Signal war, hat es trotzdem nichts Gutes zu bedeuten«, meinte Petrov. »Wir sollten abhauen!«

Und das taten sie.

*

Da die beiden Männer das Hotel Santa Rosa nicht kannten, war es für sie nicht einfach, sich in dem Gewirr der Stallungen und Wirtschaftsgebäude hinter dem Hotel zurechtzufinden. Der schwere Regen, für die eben noch in Flammen stehende Stadt eine Wohltat, erschwerte ihre Aufgabe beträchtlich. Einen Hintereingang zu finden, wenn man nicht unmittelbar davorstand, war zur unmöglichen Aufgabe geworden.

Mühsam suchten Jacob und Elihu sich ihren Weg. Noch immer hörten sie die Schüsse von der Vorderfront. Sie schienen spärlicher zu werden.

»Hört sich an, als sei der ganze Zauber bald vorbei«, brummte der Harpunier und wischte sich über das regennasse Gesicht. »Vielleicht ist alles schon vorüber, wenn wir im Hotel sind.«

»Vielleicht«, erwiderte Jacob in einem düsteren Ton, der seinen Vorahnungen entsprach. »Fragt sich nur, auf welche Weise.«

Kaum hatte er ausgesprochen, blieb er stehen. So abrupt, daß der Harpunier gegen ihn stieß.

»Paß doch auf, Jake! Fast hätte ich dich mit meiner neuen Harpune durchbohrt.« Dabei hob er die gefährlich wirkende Eigenkonstruktion hoch. »Warum gehst du nicht weiter? Hier draußen können wir.«

Er verstummte, als sein Blick auf das fiel, was den Auswanderer zum plötzlichen Anhalten veranlaßt hatte. Zwei Männer und eine Frau kamen aus dem Haus und liefen hinaus in den Regen. Elihu erkannte sie: Bremer, Stanford und Shu-hsien.

Die Chinesin begleitete die beiden anderen offensichtlich nicht freiwillig. Bremer umfaßte ihren Arm.

Stanfords Blick fiel auf die beiden Freunde. Der Steuermann rief seinem Begleiter etwas zu und hob die Rechte. Den Revolver darin erkannte Elihu erst, als das Mündungsfeuer aufblitzte.

Die Kugel pfiff über den Harpunier hinweg. Aber nur, weil Jacob den Freund mit sich zu Boden gerissen hatte.

Sie fielen in tiefen Schlamm, der sich sofort mit schmatzenden Geräuschen an ihnen festsog. Aber das störte sie nicht angesichts der Todesgefahr.

Wieder bellte Stanfords Waffe, und auch Bremers Pepperbox beteiligte sich an dem tödlichen Konzert. Rund um Jacob und Elihu spritzte der Schlamm auf, als er gierig das heiße Blei verschluckte.

Sie wälzten sich durch den Schlamm, auf der Suche nach Deckung, die sie schließlich hinter einer großen Kiste fanden. Was sie beinhaltete und was sie auf dem Hof zu suchen hatte, wußten die Freunde nicht. Sie waren einfach nur dankbar, daß die Kiste hier stand.

»Was machen die Mistkerle?« fragte der Harpunier, als die Schüsse verstummten.

Vorsichtig schob Jacob seinen Kopf bis zur Nasenwurzel über den oberen Kistenrand - und stieß einen Fluch aus, den selbst der in diesen Dingen erfahrene Seemann noch nicht gehört hatte.

»Sie sind weg!« schrie Jacob. »Als hätte der Regen sie verschluckt.«

Aus seiner vibrierenden Stimme sprachen Wut, Enttäuschung und Angst.

Die Angst um Shu-hsien.

Er sprang auf und lief auf die Stelle zu, wo eben noch die beiden Gangster mit ihrer Gefangenen gestanden hatten.

»Sei vorsichtig, Jake!«

Elihu folgte dem Freund mit einigem Abstand. Sein schmerzendes Bein behinderte ihn.

Jacob entdeckte die offene Tür, durch die Bremer, Stanford und Shu-hsien gekommen waren. Und er entdeckte, daß Elihus Warnung berechtigt gewesen war. Petrov und Frenchy stürzten durch die Tür nach draußen und blieben unter dem Vordach stehen, als sie den Auswanderer sahen. Frenchy, der als erster herausgekommen war, hob die rechte Hand mit dem Revolver.

Als Jacob das sah, ließ er sich abermals in den Schlamm fallen. Keine Sekunde zu früh. Der Maat schoß. Die Kugel flog dicht über den jungen Deutschen hinweg.

Dieser hörte einen Schrei aus der Richtung des Hauses und blickte überrascht auf.

Frenchy hatte den langgezogenen Schmerzensschrei ausgestoßen. Er stand mit dem Rücken zur hölzernen Hotelwand.

Elihus behelfsmäßige Harpune steckte in seiner Brust, gerade über dem sich vorwölbenden Bauch. Die Waffe des Harpuniers hatte den Maat regelrecht ans Haus genagelt.

Frenchy hatte den Revolver fallen gelassen und umklammerte mit beiden Händen den Harpunenschaft. Er wollte die Waffe aus seinem Körper ziehen. Er zerrte die Harpune soweit hervor, daß er von dem Haus loskam.

Dann taumelte er und stürzte mit einem Röcheln zu Boden. Dort blieb er liegen, rührte sich nicht mehr. Die Harpune steckte noch in seiner Brust.

»Fahr zur Hölle, du hast es verdient!« schrie Elihus rauhe Stimme hinter Jacob.

»Du auch, Bartgesicht!« erwiderte Petrov und legte seinen Remington-Revolver auf den Harpunier an.

Elihu stand aufrecht im Regen, zwei Schritte hinter Jacob, waffenlos.

»Neeeiiin!« schrie der Auswanderer und schleuderte seine Axt gegen Petrov.

Gleichzeitig zog der russischstämmige Seemann den Abzug seines Remingtons durch.

Der Schuß krachte, bevor die von Jacob geschleuderte Axt den Schützen traf.

Die breite Seite des Axtblattes prallte gegen Petrovs Kopf. Der Getroffene machte einen unsicheren Schritt nach hinten und stürzte auf den hölzernen Boden des Vorbaus.

Da Jacob nicht sicher war, den Russen längerfristig ausgeschaltet zu haben, sprang er auf und hetzte zum Vorbau. Dort sah er, daß er sich nicht so hätte zu beeilen brauchen. Das Axtblatt hatte eine tiefe, stark blutende Wunde in Petrovs Kopf geschlagen. Der Maat war bewußtlos.

Es konnten noch mehr Gangster aus dem Haus kommen. Zwar ertönten von vorn keine Schüsse mehr, was auf einen Sieg des Lieutenants hinwies, aber möglicherweise flohen einige Gangster durch das Hotel. Deshalb nahm Jacob die Revolver der beiden Seeleute an sich.

Dabei stellte er fest, daß Frenchy tot war.

Er kümmerte sich nicht weiter darum. Die Sorge um den Freund trieb ihn wieder hinaus in den Regen.

Petrovs Kugel mußte Elihu getroffen haben. Der Harpunier kniete im Schlamm und schwankte von einer Seite zur anderen, als er sich bemühte, nicht vollends umzukippen.

Es wirkte wie ein Todeskampf!

Und es war einer. Das sah Jacob sofort, als er bei Elihu anlangte. Die Kugel war in die Brust des Harpuniers gedrungen, dicht neben dem Herzen.

Zu dicht!

Elihu hob den Kopf, als Jacob vor ihm stand, und fragte mit brüchiger Stimme: »Haben wir. die beiden. erwischt?«

»Ja.«

Jacob konnte nicht mehr sagen. Seine Stimme machte da nicht mit.

Der Auswanderer wußte, daß sein Freund verloren war. Der starke Blutverlust ließ keinen anderen Schluß zu.

Und trotzdem wollte er es nicht wahrhaben. Er dachte daran, wie er Elihu aus dem Lagerhaus geholt hatte. Sollte das vergebens gewesen sein, nur ein kurzer Zeitaufschub, den Gevatter Tod dem Seemann gewährt hatte?

»Tut mir leid«, röchelte Elihu.

»Was denn?«

»Habe dir doch. versprochen. deine Freundin Irene. mit dir zu befreien.«

»Das wirst du auch«, versicherte Jacob gegen sein besseres Wissen.

Der Harpunier schüttelte schwach den Kopf.

»Nicht. etwas vormachen. Jake.«

Das waren seine letzten Wort. Das bärtige Gesicht sackte auf die Brust. Die starken Arme, auf die Elihu sich gestützt hatte, versagten ihren Dienst.

Jacob griff nach dem Freund, wollte ihn auffangen. Aber der nasse, glitschige Körper entglitt seinen Händen.

So wie Piet Hansens Leichnam nach dem Untergang der ALBANY Jacob entglitten und in den Tiefen des Pazifiks verschwunden war.

Wieder hatte Jacob einen guten Freund verloren. Auch wenn er Elihu erst seit kurzem kannte, er hatte sich dem rauhen, aufrichtigen Harpunier so nah gefühlt wie kaum einem Menschen sonst, den er in Amerika kennengelernt hatte.

Hufgetrappel riß den Auswanderer aus seiner Trauer. Eine ganze Herde stürmte aus einem Stall. Alles reiterlose Tiere, die, von irgend etwas aufgeschreckt, in die Gewitternacht hinausliefen.

Dann sah er den Grund für die Panik der Pferde: drei Reiter, die den Stall zuletzt verließen - zwei Männer und eine Frau. Die beiden Männer, Bremer und Stanford, trieben die Pferde mit lautem Geschrei vor sich her. Die Frau war Shu-hsien.

Die Absicht der beiden Gangster war klar: Sie wollten den Männern, die das Hotel erstürmten, eine Verfolgung erschweren.

Jacob riß die beiden erbeuteten Revolver hoch, um auf die Gangster zu schießen.

Aber alles ging zu schnell.

In dem Durcheinander bestand außerdem die Gefahr, daß er Shu-hsien traf.

Dann war der Spuk auch schon vorüber. Reiter und reiterlose Pferde waren hinter dem Regenschleier verschwunden.

Unschlüssig blickte Jacob zur Straße und dann wieder auf den toten Freund. Er fühlte sich hin und her gerissen zwischen dem Verlangen, sofort die Verfolgung der Gangster aufzunehmen, und dem Gefühl, den Toten jetzt nicht verlassen zu dürfen. Nicht in der trostlosen Einsamkeit des Hinterhofes.

Stimmen durchbrachen das Rauschen des Regens und damit die Einsamkeit.

Der große Mann aus Deutschland, der neben dem toten Freund im Schlamm kniete, schaute auf.

Fünf oder sechs Männer traten auf den Vorbau, wo Petrov und Frenchy lagen. Unter den Männern befanden sich Reverend Hume und Lieutenant Wannaker.

Als der Offizier Jacob erkannte, rief Wannaker: »Wir haben die Gangster überwältigt. Ist bei Ihnen alles in Ordnung, Adler?«

»Nein«, erwiderte Jacob traurig. »Eli ist tot.«

*

Henry Black lief wie ein aufgescheuchtes Huhn durch das Golden Crown.

Jetzt, wo das riesige Haus fast menschenleer war, wirkte es unheimlich auf seinen ehemaligen Besitzer. Zum Teil lag das sicher an den vielen Spiegeln, in denen er sich immer wieder selbst sah und aus denen ihn doch - so sein nicht näher bestimmbares Gefühl - fremde Augen anzublicken schienen. Aber wenn er näher hinsah, war da nichts außer seinem Abbild: der wuchtige Geschäftsmann mit der verbundenen Linken.

Nur widerwillig dachte er an die Szene im Büro des Hais. Als er danach in sein eigenes Büro zurückkehrte, hatte er den Aschenbecher wütend gegen den großen Spiegel an der Wand geschleudert. Aschenbecher und Spiegel zersprangen in tausend kleine Splitter.

Kurzzeitig fühlte sich Black danach besser. Doch die Übelkeit schlug wieder zu, stärker als zuvor. Ein unwiderstehlicher Brechreiz übermannte ihn. Er lief in den kleinen Waschraum, beugte sich über die Wasserschüssel und gab dem Gefühl nach.

Auch hier gab es einen großen Spiegel. Als Black sich erleichtert hatte, dachte er daran, ihn ebenfalls zu zerschlagen. Er hatte die zur Faust geballte Rechte schon erhoben, aber er ließ sie unverrichteter Dinge wieder sinken.

Es hatte keinen Sinn. Die Schuld traf nicht die Spiegel, die ihm seine verstümmelte Hand zeigten und ihn an seine Schmach erinnerten.

Die Schuld traf den Mann, der ihm die Schmach zugefügt hatte - den Hai!

Aus einem sauberen Handtuch fertigte er einen festen Verband für die linke Hand an.

Dann verließ er das Büro und trommelte alle Männer aus der Bande des Hais zusammen, die er im Golden Crown auftreiben konnte.

Die meisten fand er im Saloon und im Spielsalon. Sie machten sich die Abwesenheit von Gästen zunutze, um sich zu vergnügen.

Er ermahnte sie zur Wachsamkeit und postierte sie an allen neuralgischen Punkten.

Ein paar Männer schickte er hinaus, um Verstärkung heranzuholen. In dieser aufgeregten Nacht brachte es nicht viel, den üblichen Geschäften nachzugehen, die von Zuhälterei über Betrug bis zu Erpressung, Raub und Mord reichten. Jetzt war es wichtiger, wenn die Männer das Hauptquartier des Hais bewachten.

Der Regen, der ganz San Francisco aufatmen ließ, führte bei Henry Black zu neuen Sorgen.

Wenn die Menschen nicht mehr damit beschäftigt waren, das Feuer zu bekämpfen, würden sie sich irgendwann damit beschäftigen, die Urheber des verheerenden Brandes zu finden.

Black dachte daran, dem Hai seine Befürchtungen mitzuteilen. Aber er ging nicht die Treppe hinauf zur >Krone<, wie er das oberste Stockwerk nannte, das äußerlich tatsächlich die Form eine Krone hatte.

Der Hai hatte diese Überlegung vermutlich selbst angestellt.

Außerdem verspürte Black nicht die geringste Neigung, dem unheimlichen Mann und seinem dunkelhäutigen Vollstrecker schon wieder gegenüberzustehen. Er wollte seine Finger gern behalten - mit sämtlichen Gliedern.

Also durchstreifte Black weiterhin den Vergnügungspalast am Portsmouth Square wie ein rastloser Wanderer, kontrollierte die Posten und wartete.

Er wartete darauf, daß die ersehnte Verstärkung eintraf.

Daß Louis Bremer endlich mit Jacob Adler und der Chinesin zurückkehrte.

Und - mit einigem Unbehagen - auf das Schreckliche, das geschehen würde, wenn herauskam, wer das Feuer in Chinatown gelegt hatte.

Er durchstreifte den rückwärtigen Teil des Gebäudes, als er Hufgetrappel und Stimmen hörte. Sofort rannte er nach draußen auf den großen Hinterhof.

Die hier aufgestellten Wachtposten umstanden drei Menschen, die gerade von den Pferden gestiegen waren: Louis Bremer, dieser neue Mann namens Cyrus Stanford und Susu Wang alias Wang Shu-hsien.

Die Erleichterung über Bremers Rückkehr verflog schnell, als Black feststellte, daß ihnen keine weiteren Reiter folgten.

»Wo sind deine restlichen Leute, Louis?« fragte Black. »Und warum hast du diesen Jacob Adler nicht mitgebracht?«

Bremer streifte mit einem kurzen Blick die verwundete Hand des massigen Mannes und antwortete: »Wir sind in eine Falle der Armee geraten. Stanford und ich konnten als einzige entkommen. Die Chinesin haben wir erwischt, aber um diesen Auswanderer konnten wir uns beim besten Willen nicht kümmern.«

»Aber das war dein verfluchter Auftrag!« bellte der ehemalige Hufschmied. »Der Hai will die Chinesin und Adler haben!«

Bremer zuckte nur mit den Schultern.

»Sind deine anderen Männer erschossen worden?« fragte Black weiter.

»Erschossen oder gefangen«, nickte der kleine Mann mit dem Nagetiergesicht.

»Gefangen?« rief Black. »Was ist, wenn sie reden?«

»Ja, was ist dann?« erwiderte Bremer.

»Dann kommt vielleicht sehr schnell heraus, wer die halbe Stadt niedergebrannt hat. Wenn die Armee ihre Finger im Spiel hat, könnte es passieren, daß das Golden Crown bald schon von Truppen umstellt ist!«

Bremer rieb über sein spitzes Kinn und murmelte: »Verflucht, ja, du hast recht, Henry. Wir sollten so schnell wie möglich von hier verschwinden!«

»Ganz meine Meinung«, nickte Black und warf einen skeptischen Blick hinauf zum kronenförmigen Dach des Vergnügungspalastes. »Allerdings weiß ich nicht, ob der Hai sie teilt.«

»Darauf warte ich lieber nicht«, sagte Bremer und griff nach den Zügeln seines Pferdes. »Ich verschwinde lieber, solange noch Zeit dazu ist.«

Er schwang sich in den Sattel.

»Das wirst du nicht tun!« blaffte Henry Black. »Ich bin nicht bereit, meinen Kopf noch einmal für deine Fehler hinzuhalten.«

Und schon gar nicht meine Hand! fügte er in Gedanken hinzu.

»Dann hau doch auch ab!« riet ihm Bremer und wollte sein Pferd herumreißen.

»Du bleibst hier!« fauchte Black, griff in die Zügel und hielt sie fest. »Das ist ein Befehl!«

Plötzlich hielt Bremer seine Pepperbox in der Rechten und richtete sie auf den korpulenten Geschäftsmann.

»Ich habe soeben beschlossen, keine Befehle mehr entgegenzunehmen, Henry. Weder von dir noch vom Hai.« Er stieß den sechsläufigen Revolver vor. »Geh zurück!«

Zögernd gehorchte Black.

Bremer schlug die Hacken in die Flanken des kräftigen Braunen und trieb das Tier über den Hof.

Black wollte ihn nicht entkommen lassen. Erst als seine Rechte vergeblich nach dem 36er Warner tastete, fiel ihm ein, daß die Waffe im Büro des Hais geblieben war.

Fluchend drehte er sich zu einem der Wachtposten um. Die Männer standen unschlüssig herum.

Louis Bremer war einer von ihnen. Deshalb versuchte keiner, den Flüchtenden aufzuhalten.

Als Black das erkannte, zog er einem der Männer den Revolver aus dem Hosenbund und legte rasch auf Bremer an.

Aber nicht zu rasch. Er zielte sorgfältig, weil er wußte, daß er keine zweite Chance haben würde.

Der dichte Regen hatte den Reiter schon halb verschluckt. Und Bremer würde das Tor, das vom Hinterhof hinaus auf die Straße führte, gleich erreichen.

Blacks Augen blickten starr auf die nur noch schemenhaft erkennbare Gestalt des fliehenden Unterführers, als er den Abzug durchzog.

Dann blendete ihn die Stichflamme. Die Detonation hallte in seinen Ohren wider. Pulverrauch biß in seine Augen und kitzelte seine Nase. Er mußte niesen.

Als er wieder zum Tor sah, lief das Pferd vom Hof.

Ohne seinen Reiter!

Der lag im Schlamm, von Blacks Standort aus nur eine undeutliche Erhebung auf dem Boden.

»Stanford, sieh nach ihm!« befahl der massige Mann.

Der Angesprochene verließ den trockenen Platz unter dem Vordach und trottete in den Regen hinaus. Vor dem Tor beugte er sich über Bremer.

Als er sich wieder aufrichtete, rief er: »Volltreffer, Mr. Black. Der ist hinüber.«

Black nickte befriedigt und brummte: »So geht es jedem, der sich meinen Befehlen widersetzt!«

Die Macht über Leben und Tod, die er verspürte, tat ihm gut. Vielleicht war es doch nicht so schlecht, für den Hai von Frisco zu arbeiten.

*

»Wer hat da draußen geschossen?« fragte der Hai kurz darauf, als Henry Black vor ihm stand.

Sieh mal an, dachte der Geschäftsführer des Golden Crown, verwundert und erleichtert zugleich, der verdammte Krüppel ist also doch nicht allwissend!

»Ich war es«, antwortete Black. »Ich habe Louis Bremer erschossen.«

Der Hai beugte sich vor, lag halb auf der Schreibtischplatte.

»Warum?«

»Weil Bremer wieder versagt hat. Er hat Susu Wang hergeschafft, aber nicht diesen Adler. Außerdem hat er fast alle seine Männer bei einem Gefecht mit der Armee verloren. Kann sein, daß die Blaujacken ein paar Gefangene gemacht haben und sie jetzt ordentlich ausquetschen.«

»Das ist wirklich unangenehm«, sagte der Hai und richtete seinen Blick auf den massigen Geschäftsmann. »Aber ich allein entscheide über Leben und Tod meiner Männer!«

»Ich hatte keine Wahl. Bremer wollte sich absetzen. Es war die einzige Möglichkeit, ihn zurückzuhalten. Außerdem kann er uns als Leiche noch viel nützen.«

»Wie meinen Sie das, Henry?«

»Wir können die Schuld an dem Feuer auf ihn schieben, falls die Sache auffliegt. Zumal er wirklich ohne Befehl gehandelt hat - jedenfalls in dieser Nacht. In seinem Zustand kann Bremer nichts Gegenteiliges behaupten.«

»Eine gute Idee«, lächelte der Hai nach kurzem Überlegen. »Wirklich, der Plan gefällt mir.« Sein Gesicht wurde wieder ernster. »Was ist mit Jacob Adler? Wo steckt er?«

»In dem Hotel, wo Bremer die Chinesin aufgegabelt hat. Das Santa Rosa. Stanford hat berichtet, Adler sei überraschend dort aufgekreuzt, zusammen mit den Blaujacken. Vermutlich hat Adler die Armee auf Bremers Spur gebracht.«

»Adler!« stieß der Hai hervor, und sein gutgeschnittenes Gesicht wirkte auf einmal verzerrt, erinnerte an die Fratze eines Teufels. »Immer wieder kommt er mir in die Quere.« Er ballte eine Hand zur Faust und schlug heftig auf den Tisch. »Aber ich werde ihn kriegen, bei Gott, das werde ich!«

Black erwiderte nichts. Wenn der Hai einen Wutanfall hatte, hielt man sich besser zurück.

Der Mann hinter dem Schreibtisch beruhigte sich schnell wieder und sagte mit der für ihn typischen geschäftsmäßigen Höflichkeit: »Danke, Henry. Halten Sie weiterhin die Augen offen! Ich will über alles sofort unterrichtet werden, was in dieser Nacht geschieht.«

»Natürlich.«

»Bringen Sie die Chinesin zu mir!« verlangte der Hai. »Ich glaube, es ist an der Zeit, daß ich mich eingehend mit Miß Wang befasse.«

*

»Sie sollten da nicht allein hineingehen, Mr. Adler«, sagte Lieutenant Wannaker mit Blick auf das Golden Crown, das verschwommen hinter dem Regenschleier lag. »Wenn es tatsächlich das Hauptquartier des Hais ist, haben Sie schlechte Karten. Wie man hört, ist der Hai mit allen Wassern des Pazifiks und sonstiger Ozeane gewaschen.«

»Wer ist das nicht in dieser Nacht«, seufzte Jacob und blickte hinauf in den Himmel, der das Wasser noch immer wie aus Kübeln niedergehen ließ.

Die Schwärze der Nacht hatte sich zu einem tiefen Blau verändert. Die Sterne, soweit sie überhaupt zwischen den großen Wolken durchschimmerten, wirkten seltsam blaß: Das erste Anzeichen des hereinbrechenden Morgens.

Nach der brennenden Hölle, die die letzte Nacht gewesen war, erwarteten ihn die Bewohner San Franciscos so sehnsüchtig, wie sie vielleicht noch nie einem anbrechenden Tag entgegengesehen hatten.

»Ich verkenne das Risiko keineswegs«, fuhr der Auswanderer fort. »Aber ich muß es tun, für Miß Wang!«

»Ihnen liegt sehr viel an der jungen Dame, wie?«

»Was soll das heißen?« entgegnete Jacob schroff.

»Mißverstehen Sie mich nicht«, bat der junge Offizier. »Ich habe nichts gegen Chinesen. Ich versuche nur zu ergründen, weshalb Sie unbedingt allein in die Höhle des Löwen - oder des Hais - wollen.«

»Ja, mir liegt sehr viel an Wang Shu-hsien«, nickte Jacob. »An ihr und an zwei anderen Menschen, die vermutlich ebenfalls in diesem Haus Gefangene des Hais sind.«

»Diese Miß Sommer und ihr kleiner Sohn«, meinte der Lieutenant, der von Jacob ins Bild gesetzt worden war.

»Richtig. Für sie alle muß ich es wagen.«

»Aber wenn man Sie faßt, ist der Hai gewarnt. Unser Angriff würde dann keine Überraschung mehr sein.«

»Das wäre er unter keinen Umständen, Lieutenant. Wenn Sie mit den vierzig Mann, die Sie hier versammelt haben, das Golden Crown stürmen, geht das nicht ohne Lärm und Aufsehen ab. Der Hai wüßte Bescheid, ehe auch nur einer Ihrer Soldaten einen Fuß über seine Schwelle gesetzt hat.«

Wannaker blickte sich um. Hinter ihm kauerte ein Dutzend Soldaten in der schmalen Gasse. Aus dem Himmel und von den Dächern ergoß sich Wasser auf ihre Käppis und Umhänge, unter denen sie schützend die Gewehre verbargen. Drei weitere Gruppen unter dem Kommando von Unteroffizieren waren rund um das Golden Crown am ungewohnt menschenleeren Portsmouth Square verteilt.

Der Lieutenant kam zu dem Schluß, daß Jacob Adler recht hatte. Diese Männer hier waren Soldaten, keine im lautlosen Anschleichen geübten Pfadfinder oder Indianer. Sie würden Lärm machen, und sie würden auffallen. Es würde zu einer Schießerei kommen. Damit wäre der Hai gewarnt - und die Geiseln schwebten in Gefahr.

»All right«, sagte Wannaker. »Sie bekommen Ihre Chance, Mr. Adler. Ich weiß, daß es bei Ihnen Mut ist, keine Dummheit. Und vor Mut habe ich die größte Hochachtung. Wir warten hier, bis wir ein Zeichen von Ihnen erhalten oder bis die Vorgänge im Golden Crown mir ein Eingreifen geraten erscheinen lassen.«

»Danke, Lieutenant«, atmete Jacob auf.

»Und Sie glauben, daß Sie ungehindert hineinkommen? Wenn der Hai noch dort ist, wird er alle Eingänge bewachen lassen.«

»Von Miß Wang weiß ich, wo das Wohngebäude der Chinesen liegt, die für den Hai arbeiten. Ziemlich weit abseits auf dem Hof. Die Chinesen stehen auf unserer Seite, sonst hätten sie Eli und mich nicht befreit. Ich werde versuchen, zu ihnen durchzukommen. Dann sehe ich weiter.«

»Viel Glück!« wünschte der Offizier und streckte die Rechte aus.

Jacob ergriff die Hand und drückte sie.

Dann lief er hinaus auf den Portsmouth Square. Er rannte schnell und in gebückter Haltung über den Platz.

Eine ganze Abteilung Soldaten wäre möglichen Beobachtern im Golden Crown sicher aufgefallen. Aber ein Mann allein hatte in dieser finsteren Nacht die Möglichkeit durchzukommen.

Deshalb hatte Jacob darauf gedrungen, den Angriff auf das Hauptquartier des Hais möglichst rasch durchzuführen, solange es noch dunkel war.

Er versuchte gar nicht erst, den Hinterhof über die große Wageneinfahrt zu erreichen. Wenn der Hai sein Hauptquartier bewachen ließ, standen dort mit Sicherheit Wächter.

Also tauchte der junge Deutsche in eine schmale Gasse ein. Sie führte an einem stabilen, etwa zehn Fuß hohen Lattenzaun entlang, der das Gelände des Golden Crown begrenzte.

Bei der großen Regentonne, die zu einem Nachbargebäude gehörte blieb er stehen.

In dieser Nacht war die Tonne sinnlos. Auf der ganzen Breite der hoffnungslos überlaufenden Dachrinne quoll das Wasser hervor, wie es auch aus der übervollen Tonne lief.

Der große muskulöse Mann stemmte sich gegen die Tonne und warf sie um. Ihr Inhalt ergoß sich auf den aufgeweichten Boden und weichte ihn noch mehr auf. Jetzt war die Tonne leicht genug, daß der Auswanderer sie mühelos umdrehen und an den Lattenzaun stellen konnte.

Er holte noch einmal tief Atem. Daß er dadurch etwas länger im Regen stand, machte keinen Unterschied. Die frische Kleidung - Jacke, Hemd, Hose, Unterwäsche und abgetragene, aber heile Lederstiefel -, die er im Hotel Santa Rosa erhalten hatte, war längst vollkommen durchnäßt.

Auf einen Hut oder eine Mütze hatte er verzichtet. Auch eine Kopfbedeckung hätte den Wassermassen nicht lange widerstanden.

Jacobs sandfarbenes Haar klebte in nassen Strähnen an seinem Kopf. Eine der Strähnen bedeckte den goldenen Ring in seinem rechten Ohr, das Zeichen der Zimmermannszunft.

Wichtig war, daß seine Waffen durch das Wasser keinen Schaden nahmen.

Jeden der beiden erbeuteten Revolver hatte er in ein Stück Ölhaut eingeschlagen. Einer steckte in der rechten, der andere in der linken Jackentasche.

Außerdem trug er das Messer bei sich, das die Spitze von Elihus behelfsmäßiger Harpune gebildet hatte. Es steckte im Schaft seines rechten Stiefels.

Der junge Deutsche stieg auf die umgedrehte Regentonne und konnte mit den Händen ums obere Ende des Lattenzauns greifen. Noch einmal holte er tief Luft. Dann zog er sich hoch, bis er mit dem halben Oberkörper über dem Zaun hing.

Sofort blickte er sich nach allen Seiten um. Er sah keinen Menschen.

Was nicht heißen mußte, daß niemand da war. Aber der schwere Regen und die Dunkelheit begrenzten das Sichtfeld. Das große Tor war ebenso ein verschwommener Fleck wie die meisten Gebäude.

»Dann mal los«, sagte der Mann auf dem Zaun im Flüsterton zu sich selbst. »Auf zur fröhlichen Haifischjagd!«

Er schwang die Beine über den Zaun, um sich in den Hof hinunterzulassen.

Doch der Regen, der den hölzernen Zaun glitschig gemacht hatte, spielte ihm einen Streich. Seine Finger rutschten ab, und der Auswanderer verlor den Halt.

Ein schmerzhaftes Stechen zog durch seinen rechten Fuß, mit dem er unglücklich aufkam. Jacob knickte ein und fiel in den Schlamm, was in dieser Nacht für ihn fast schon zur Gewohnheit geworden war.

Viel mehr Sorgen bereitete ihm das Stechen im Fuß, das nicht nachließ. Ein Mann allein gegen den Hai und seine Bande war schon kein sehr aussichtsreiches Unternehmen. Aber dann noch ein Mann, der nicht mal richtig laufen konnte?

Es half alles nichts. Er mußte weiter.

Bevor der Morgen anbrach.

Bevor Lieutenant Wannaker ungeduldig wurde.

Und bevor der Hai seinen Gefangenen etwas antat. Falls dies nicht längst geschehen war.

Jacob biß die Zähne zusammen und stand auf. Der Schmerz, der aus dem Fuß das ganze Bein heraufzog, erreichte eine neue Stärke, die es geradezu verführerisch erscheinen ließ, sich wieder fallen zu lassen, um den Fuß zu entlasten. Der Zimmermann kämpfte dagegen an und humpelte los.

Jeder Schritt schmerzte.

Aber jeder Schritt brachte ihn auch voran.

Zu Shu-hsien, Irene und Jamie.

Zu der Vergeltung, die er an Elihus Leichnam geschworen hatte. Er wollte den Mann unschädlich machen, der den Tod des Freundes und das Leid so vieler anderer Menschen auf dem Gewissen hatte.

Und näher zur Lösung der brennenden Frage, wer der geheimnisvolle Hai von Frisco war.

*

»Was hast du alles über mich erzählt?«

Zum wiederholten Mal stellte der Mann, der der gefürchtete Hai von Frisco sein sollte, diese Frage.

Aber Shu-hsien schwieg.

Sie blickte den Mann hinter dem Schreibtisch nur an und überlegte, ob so ein Mann aussah, der eine ganze Stadt mit seinem Terror überzog, der ganze Straßenzüge zu seinem Vorteil abbrennen ließ und unzähligen Menschen ihr Obdach raubte, ihren Besitz - ihr Leben.

Die Chinesin kam nicht umhin, den Mann als gutaussehend und anziehend zu beschreiben. Er war in den Dreißigern, etwas mehr als mittelgroß und schlank. Unter dem dunklen Haar, leicht gewellt und sorgfältig gescheitelt, lag ein herbes, männliches Gesicht. Ein Gesicht, wie Frauen es liebten. Das leicht eingekerbte Kinn unterstrich die Attraktivität des Mannes noch. Er übte bestimmt auf viele Frauen eine große Wirkung aus.

Doch Shu-hsien war sich ziemlich sicher, daß er das wußte und berechnend einsetzte. Denn was dem Mann fehlte, war Wärme. Die Wärme und Zärtlichkeit, die sie in Jacobs Armen gespürt hatte. Dieser Mann würde sie nie verströmen können.

Sein gutes Aussehen hatte etwas statuenhaftes, wirkte völlig kalt, leblos. Die Züge konnten sich rasch verhärten, und aus dem scheinbaren Engel wurde ein Teufel, ein Dämon.

Ein Dämon, der seine Gefangene grausam mißhandeln ließ und der es sogar mit Genuß betrachtete, wie Shu-hsien an dem Glitzern in seinen Augen zu erkennen glaubte.

Sie schwieg auf jede seiner Fragen. Und so folgte jeder Frage ein Schlag mit der Peitsche, von Cyrus Stanford mit ähnlichem Genuß ausgeführt, wie er in den Augen des Hais lag.

Das Kleid und das Unterkleid, beides hatte die Chinesin in Don Felipes Hotel erhalten, hing in Fetzen an ihrem Körper.

Rücken, Brust und Oberschenkel waren mit blutigen Striemen übersät.

Shu-hsien konnte sich nicht wehren. Jede Hand war in eine der Lederschlaufen gebunden, die überall in dem großen Raum von der Decke hingen. Hilflos hing sie an diesen Schlaufen, eine Beute für den Hai.

Von den beiden anderen Männern hatte sie keine Hilfe zu erwarten.

Von Henry Black sicher nicht. Sie hatte ihn verschmäht, und er hatte sie vergewaltigen wollen. Jetzt fand er Befriedigung in der grausamen Prozedur und sah ihr mit einem ähnlichen Glitzern in den Augen zu wie der Hai.

Buster blickte so ausdruckslos wie fast immer. Als Black in ihrer Garderobe über Shu-hsien hergefallen war, hatte der hünenhafte Neger ihr geholfen. Aber wohl kaum aus Zuneigung, sondern auf Befehl des Hais. Und weil er dem Hai bedingungslos gehorchte, würde es jetzt nicht mal den kleinen Finger rühren, um der mißhandelten Frau beizustehen.

Immer wieder stellte der Hai Fragen. Immer wieder fraß sich die Lederschnur der Peitsche in die Haut der Chinesin.

Shu-hsien hätte versuchen können, Lügen zu erzählen oder den Peitschenhieben durch Belanglosigkeiten zu entgehen. Aber sie wollte dem Mann, der so viel Unheil über ihre Landsleute und andere Menschen gebracht hatte, nichts verraten. Auch keine Kleinigkeit. Auch nicht durch eine Unaufmerksamkeit. Deshalb schwieg sie eisern und ertrug die Schmerzen.

Der Gedanke an das niedergebrannte Chinatown und an die Toten half ihr dabei.

Der Gedanke an Sun Cheng, den alten Wäschereibesitzer, der ein zweiter Vater für sie geworden war.

Der Gedanke an Don Felipe, der ihr Unterschlupf gewährt hatte und dafür sterben mußte.

Und der Gedanke an ihren eigenen Vater, der nicht vom Hai, aber auch durch die Hände übelwollender Weißer gestorben war.

Die Weißen haßten die Chinesen, die unter sich blieben und fleißig waren, Zwischen ihnen schien es so wenig Gemeinsamkeiten zu geben.

Auf einmal war es ihr unverständlich, daß sie in dieser Nacht mit einem Weißen das Bett geteilt hatte.

*

Jacob hielt sich immer dicht beim Lattenzaun und bei den Gebäuden. Er wollte mit ihren Schatten verschmelzen, um nicht von den Wachtposten des Hais gesehen zu werden.

Er war sich jetzt ziemlich sicher, daß es Wachen auf dem Hof gab.

Er hatte durch das Rauschen des Regens die Stimmen zweier Männer gehört, die sich unterhielten.

Und er sah hin und wieder einen kleinen glühenden Punkt durchs Dunkel leuchten. Wie ein letzter vom großen Feuer übriggebliebener Funke. Wahrscheinlich war es eine Zigarre oder eine Zigarette.

Der glühende Punkt befand sich am anderen Ende des Hofes, an der Rückfront des großen Rundbaus, aus dem das Golden Crown bestand. Wahrscheinlich standen die Wachtposten unter einem Vorbau, um sich nicht dem unablässigen Regen auszuliefern. Jacob hätte es an ihrer Stelle ebenso gemacht.

Vor ihm tauchten mehrere Baracken auf. Es waren seiner Einschätzung nach die Bauten, die am weitesten vom runden Hauptgebäude entfernt waren.

Wenn er sich nicht täuschte und wenn Shu-hsiens Bericht stimmte, mußten irgendwo hier die chinesischen Arbeiter des Golden Crown wohnen. Li Fu und die anderen, die Jacob und Elihu aus dem Schuppen befreit hatten, dessen Umrisse der Auswanderer jetzt nur schemenhaft sah.

Aus den Augenwinkel nahm Jacob plötzlich eine Bewegung wahr. Er wirbelte herum. Doch er hatte nicht an seinen verstauchten Fuß gedacht. Der Schmerz! Sein Bein wollte einknicken. Für ein, zwei Sekunden mußte er mit sich kämpfen, um das Gleichgewicht zu halten.

Sekunden, die dem Schatten reichten, um den Deutschen anzuspringen. Der Schatten riß den Auswanderer zu Boden.

Etwas drückte auf Jacobs Mund, hinderte ihn am Sprechen und am Atmen - eine Hand.

Eine andere Hand drückte eine scharfe Klinge gegen seine Kehle.

Jacob lag auf dem Rücken und sah das Gesicht des Mannes, der ihn angefallen hatte. Ein chinesisches Gesicht, gezeichnet von zwei fingerlangen Narben auf der linken Wange, die vor der Nase pfeilförmig zusammenliefen.

»Li Fu!«

Jacobs Worte waren wegen der Hand, die sich fest auf seinen Mund preßte, nicht mehr als ein Grummeln.

Der Chinese mußte es trotzdem verstanden haben. Oder, was wahrscheinlicher war, er erkannte den unter ihm liegenden Mann.

»Beim ersten lauten Ton schneide ich dir die Gurgel durch«, lautete die wenig ermutigende Begrüßung seitens des Asiaten, bevor er die Hand von Jacobs Mund nahm.

Die scharfe Klinge drückte mit unveränderter Stärke gegen die Kehle des Auswanderers. Eine geringfügige Erhöhung des Drucks würde reichen, um aus der eben ausgesprochenen Drohung Realität werden zu lassen.

Jacob öffnete die Lippen zu einer Frage, wagte aber nicht, sie auszusprechen. Er wollte nur flüstern. Aber was war, wenn der Chinese das schon als lauten Ton einstufte?

»Was tust du hier?« fragte statt dessen Li Fu.

»Ich habe dich gesucht«, antwortete der Deutsche so leise wie möglich.

»Mich?« Li Fu wirkte erstaunt. »Warum?«

»Weil ich deine Hilfe und, wenn möglich, die deiner Landsleute benötige, um Shu-hsien zu befreien. Der Hai hat sie gefangen.«

Li Fu nickte.

»Ich weiß.« Die schmalen Augen blickten den Auswanderer vorwurfsvoll an. »Sie war doch in deiner Begleitung. Warum hast du die Königin von Chinatown nicht beschützt?«

»Ich habe es versucht.« Jacob schilderte in knappen Worten, was sich ereignet hatte, und schloß: »Mein Freund Eli ist tot. Draußen warten die Soldaten, bereit zum Sturm auf das Golden Crown. Aber wenn sie erst einmal angreifen, fürchte ich um das Leben von Shu-hsien. Und um das Leben von Irene und Jamie.«

Der Druck an seiner Kehle ließ ebenso nach wie der, den der auf ihm hockende Chinese durch sein Gewicht ausübte. Mit katzenartiger Gewandtheit kam Li Fu auf die Füße und sagte: »Steh auf und folge mir!«

Mit unbewegter Miene betrachtete der Chinese Jacobs schmerzverzerrtes Gesicht, als der Deutsche den rechten Fuß belastete. Li Fu bot ihm keine Hilfe an.

Jacob folgte dem Chinesen in eine dunkle Hütte. Durch die kleinen Fenster fiel nur ein Hauch von Licht herein.

Trotzdem wußte Jacob sofort, daß er und Li Fu nicht die einzigen Menschen in der Baracke waren. Seine durch viele Abenteuer und Gefahren geschärften Sinne spürten die Anwesenheit der anderen.

Dann umgaben Schatten die beiden. Stimmen zischelte durch die Dunkelheit. Der Deutsche verstand kein Wort. Die Männer sprachen Chinesisch.

Als sich Jacobs Augen an das gewöhnt hatten, was man kaum als Licht bezeichnen konnte, erkannte er immerhin, daß es außer Li Fu noch vier Chinesen waren, die ihn umringten. Alle machten düstere Gesichter. Und alle waren schwer bewaffnet, teilweise mit exotisch wirkenden Waffen. Einer trug sogar eine Armbrust.

Li Fu wandte sich wieder dem Auswanderer zu und sagte: »Du hast Glück, wir glauben dir. Wir verfolgen denselben Plan wie du. Wir waren in Chinatown, um dort zu helfen. Aber es gab nicht mehr viel zu tun. Dann hörten wir, was Shu-hsien widerfahren ist. Also kehrten wir zurück, um ihr beizustehen.« Seine schlanke Gestalt straffte sich. »Das werden wir jetzt tun. Du bleibst hier und wartest!«

»O nein, das werde ich ganz bestimmt nicht tun!« Jacob schüttelte energisch den Kopf. »Ich bin hergekommen, um die Gefangenen des Hais zu befreien. Nicht, um in einer finsteren Hütte zu sitzen.«

»Dein Fuß behindert dich. Du könntest uns behindern oder unfreiwillig verraten.«

»Sobald die Gefahr besteht, bleibe ich zurück«, versicherte Jacob. »Schließlich sorge ich mich selbst um das Leben der Gefangenen.«

Er nahm sich fest vor, die Sache durchzustehen. Zwar schien Li Fu eine nur kleine, aber schlagkräftige Truppe um sich geschart zu haben. Aber selbst wenn sie es schafften, ins Hauptquartier des Hais einzudringen, war das noch nicht die Rettung für Irene und Jamie. Den Chinesen ging es hauptsächlich um Shu-hsien, vielleicht sogar ausschließlich.

Nein, Jacob mußte dabeisein, um die Rettung der anderen Gefangenen zu gewährleisten!

Li Fu redete wieder auf chinesisch mit seinen Gefährten und meinte dann zu dem Deutschen: »Gut, du kannst mitkommen. Aber störe uns nicht!«

»Das werde ich nicht. Wie ist euer Plan?«

»Ich kenne mich gut im Golden Crown aus«, antwortete Li Fu. »Der Hai sitzt oben in der Krone, wie das oberste Stockwerk genannt wird. Ein anderer Platz kommt nicht in Betracht.«

»Und die Gefangenen?«

»Vermutlich hält der Hai sie ebenfalls dort versteckt. Sonst würden Angestellte und Gäste etwas bemerkt haben. Nur in die Krone kommt kaum jemand. Bloß Henry Black, der Schwarze namens Buster und hin und wieder ein Bediensteter. Aber nur ausgewählte Leute, die kaum weniger stumm sind als dieser Buster.«

»Aber wie kommen wir ins Haus?« fragte Jacob.

»Auf dem Hof sind mehrere Wachen verteilt. Der Regen macht, daß sie einander nicht sehen können. Wir müssen nur die beiden Männer ausschalten, die am Hintereingang Wache halten.«

»Aber so, daß es niemand hört!«

»So haben wir es vor«, sagte Li Fu. »Laß uns das nur machen!«

Er zog die Tür auf, und die sechs Männer huschten in den Regen hinaus.

Die Chinesen schienen sich ihrer Sache sehr sicher zu sein. Doch in Jacob nagten Zweifel, ob sie es schaffen konnten, den mächtigen Hai von Frisco zu besiegen.

*

Rings um das Golden Crown, in den Seitengassen am Portsmouth Square, hockten die Soldaten eng zusammengekauert.

Aber auch so wurden sie vom Regen durchweicht. Feine Rinnsale suchten sich ihre Wege unter die Kleidung.

Nichts als Regen, wohin die Männer auch blickten. Das war zwar allemal besser als das Feuer, das San Francisco noch vor kurzer Zeit bedroht hatte. Aber allmählich ging der Regen den Soldaten auf die Nerven. Die Kälte, die Nässe - und das Warten.

Ein grauhaariger Sergeant mit dem faltigen, von mehreren Narben verunstalteten Gesicht eines Veteranen lief geduckt zu Lieutenant Wannaker.

»Sir, wie lange sollen wir noch warten?« Er zeigte hinaus auf den Portsmouth Square. »Es wird allmählich heller. Wenn wir zu lange zögern, geben unsere Männer beim Angriff hübsche Zielscheiben ab.«

Wannaker konnte in Gedanken nicht umhin, dem Mann recht zu geben. Das Schwarz der Nacht verwandelte sich immer mehr zum Blau des anbrechenden Morgens.

Mit klammen Fingern zog er unter seinem Uniformrock die vergoldete Uhr hervor, die ihm sein Vater geschenkt hatte, als er das Offizierspatent erhielt. Die Finger waren so steif, daß ihm das Aufklappen des Deckels Mühe bereitete.

Dieser wagemutige Deutsche war schon seit fünfzehn Minuten unterwegs. Aber nichts hatte sich im Golden Crown getan. Jedenfalls nichts, was die Soldaten hier draußen bemerkt hatten. Der Lieutenant befand sich im unklaren darüber, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war.

Er wollte keinen Fehler begehen. Es ging um Menschenleben. Um das Leben seiner Soldaten. Aber auch um das Leben der Menschen, die in dem großen runden Gebäude da drüben vermutlich gefangengehalten wurden.

Und um das Leben dieses Deutschen, Jacob Adler.

Ein dicker Regentropfen platschte auf das Deckglas über dem Zifferblatt. Die schwarzen römischen Ziffern und die goldenen Zeiger verschwammen.

Wannaker wischte mit dem Ärmel das Glas ab, so gut es ging, klappte den Deckel wieder zu und sagte: »Wir warten noch fünfzehn Minuten. Wenn wir dann immer noch nichts gehört haben, greifen wir trotzdem an. Sagen Sie das den Männern, Sergeant!«

»Yes, Sir.«

Der Sergeant tippte mit der Hand an das aufgeweichte Käppi und huschte wieder nach hinten.

Wannaker steckte die Uhr zurück unter den schützenden Stoff und starrte hinaus in den Regen. Unablässig suchten seine Augen die Fassade des Vergnügungspalastes ab, die hinter den dicken Wasserschnüren nur ein verschwommenes Bild abgab.

Einige Fenster waren erleuchtet. Er fragte sich, was sich hinter ihnen abspielte.

*

Wie zuvor Jacob hielt sich jetzt die ganze Gruppe im Schatten der Gebäude und des großen Zauns. Geduckt schlichen sie auf das runde Haupthaus zu.

Dabei bemühten sich der Deutsche und die fünf Chinesen, keinen Lärm zu machen. Sie konnten nicht verhindern, daß der aufgeweichte Boden sich bei fast jedem Schritt mit leisem Schmatzen an ihren Sohlen festsog. Sie konnten nur hoffen, daß der prasselnde Regen diese Geräusche übertönte.

Der verstauchte Fuß behinderte Jacob so stark, daß er einige Yards hinter den Chinesen zurückblieb. Sie warteten nicht auf ihn. Damit hatte er auch nicht gerechnet.

Aber plötzlich hielt die Gruppe an, und Jacob schloß zu ihr auf.

»Was ist?« flüsterte er leise.

»Wir sind nahe genug an dem Vorbau«, erklärte Li Fu und zeigte auf einen Chinesen, der allein nach vorn schlich; es war der Mann mit der Armbrust. »Wei Chou wird die beiden Wächter ausschalten.«

Jacob hatte vorhin einen ausgiebigen Blick auf die Armbrust werfen können. Sie war mit drei Bolzen gleichzeitig geladen. Er hielt es für eine ziemlich gewagte Konstruktion.

»Kann Wei Chou mit der Armbrust gut genug umgehen, um uns nicht zu verraten?« äußerte der Auswanderer gegenüber Li Fu seine Zweifel.

»Er kann sehr gut damit umgehen. Die Armbrust ist besser als ein Revolver. Sie macht keinen Lärm.«

»Trotzdem«, murmelte Jacob skeptisch. »Ich habe so ein Ding mit gleich drei Bolzen noch nie gesehen.«

»Drei Bolzen sind gut. Wei Chou kann dreimal hintereinander schießen. Selbst wenn er einen Fehlschuß tut, was ich nicht glaube, wird er die beiden Männer erledigen.« Li Fu blickte Jacob ein wenig böse an. »Schon zu der Zeit, als euer Herr Jesus Christus geboren wurde, kannten meine Vorfahren die mehrschüssige Armbrust.«

Jacob seufzte ergeben. Ihm blieb nichts anderes übrig als zu hoffen, daß Li Fu kein Angeber war.

Die vier zurückgebliebenen Chinesen und der Deutsche duckten sich in den Schatten eines Geräteschuppens und starrten zu dem Vorbau hinüber. Sie sahen drei Gestalten.

Die beiden Wächter standen eng beieinander unter dem schräg abflachenden Dach. Beide rauchten jetzt. Zwei glühende Punkte schwebten in Kopfhöhe und tanzten kurz, wenn einer der Männer eine heftige Bewegung machte.

Die dritte Gestalt war Wei Chou. Fünfzehn Yards von den beiden entfernt ging er in die Knie.

Die Beobachter sahen ihn nur von hinten. Jacob stellte sich vor, wie er die Armbrust spannte und anlegte.

Da hörte er auch schon ein leises Sirren, durch den Regen kaum wahrnehmbar. Ein schnell erstickendes Röcheln folgte, einer der glühenden Punkte fiel zu Boden, dann ein dumpfer Aufschlag. Er war noch nicht verklungen, als sich das Ganze wiederholte.

»Weiter!« zischte Li Fu.

Täuschte sich Jacob, oder warf ihm der Chinese einen triumphierenden Blick zu?

Als sie zu dem Vordach kamen, kniete Wei Chou schon neben den Wächtern. Er hatte die abgeschossenen Bolzen wieder an sich genommen.

Jetzt hielt er ein Messer mit blutiger Klinge in der Hand. Er hatte beiden Männern die Kehle durchgeschnitten.

»Die verraten uns nicht mehr«, sagte er mit grimmiger Befriedigung.

Jacob schluckte. Er war nicht einverstanden damit, wie die Chinesen vorgingen. Einen Menschen zu töten, wenn es nicht unbedingt notwendig war, war mit seinem Gewissen nicht vereinbar. Aber hier konnte er nichts mehr tun. Außerdem gaben bei dieser Aktion die Chinesen den Ton an.

Es war wirklich eine Nacht des Todes. Auf den nächsten Leichnam stießen sie, kaum daß sie das Haus betreten hatten. Er lag einfach auf dem Gang, als hätte ihn jemand wie einen Sack Kartoffeln dort liegen gelassen.

»Das ist Bremer!« stieß Jacob überrascht hervor, als er das spitze Rattengesicht erkannte.

Der Gangster hatte eine Schußwunde im Rücken. Eine große Lache geronnenen Blutes bedeckte den Fußboden.

»Jemand hat uns die Arbeit abgenommen«, meinte Li Fu ohne ein erkennbares Gefühl.

»Oder die Ratten sind so sehr in Panik, daß sie sich gegenseitig umbringen«, erwiderte Jacob.

»Kann auch sein«, meinte Li Fu. »Hauptsache, er ist tot.«

Sie liefen weiter durch Gänge, die fast ausnahmslos mit großen Spiegeln versehen waren. Selbst in Bereichen, die nur für das Personal bestimmt waren. Das Golden Crown mußte wirklich viel Geld abwerfen, daß es so prunkvoll ausgestattet war.

Die Männer erreichten die große Treppe, die nach Li Fus Worten bis zur Krone führte. Auch hier wimmelte es geradezu von Spiegeln. In einem nahm Jacob eine Bewegung war: ein Schatten, der hinter der Gruppe aufgetaucht war.

Er fuhr herum und sah einen stoppelbärtigen Mann, der ebenso überrascht dreinsah wie der Auswanderer. Er trug lässig einen Karabiner am langen Arm. Einer der Männer des Hais.

Als der Gangster erkannte, daß die Männer am unteren Ende der Treppe nicht zu seinen Leuten gehörte, riß er die Waffe hoch.

Gleichzeitig brachte Wei Chou die Armbrust in den Schulteranschlag und drückte auf den Abzug. Die Sehne riß den Bolzen nach vorn. Der kleine Pfeil zischte durch die Luft, und die Eisenspitze bohrte sich in den Hals des Gangsters.

Der Getroffene brachte keinen Laut hervor. Mit weit aufgerissenen Augen sackte er zu Boden.

Als sein Karabiner hinfiel, löste sich der Schuß. Die Kugel richtete keinen Schaden an, sie klatschte in die Treppenverschalung und blieb dort stecken. Gefährlicher für Jacob und seine Begleiter war die Detonation.

Jetzt waren der Hai und seine Männer gewarnt!

*

Shu-hsien war der Ohnmacht nahe. Aber die Männer, die sie quälten, wollten kein ohnmächtiges Opfer. Sie wollten Antworten von der Frau. Und wenn sie schon keine Antworten erhielten, wollten sie die an den Lederschlaufen hängende Chinesin wenigstens leiden sehen.

Also schaffte Buster auf Befehl des Hais einen Eimer Wasser heran, den er über die Gefangene ausgoß. Eiskaltes Wasser. Kälte, die weh tat.

Trotzdem war die Kälte ihr in gewisser Weise willkommen. Sie lenkte Shu-hsien vom brennenden Schmerz der blutigen Striemen auf ihrem Körper ab.

Nicht für lange. Dann schwang Cyrus Stanford wieder die Peitsche. Seine tief in den Höhlen liegenden Augen verfolgten jedes schmerzhafte Zucken des fast nackten Körpers mit sadistischer Freude.

Immer wieder stellte der Mann hinter dem Schreibtisch dieselben Fragen: »Was wissen die Behörden über den Hai von Frisco?«

»Was hast du deinen Landsleuten in Chinatown verraten?«

»Wie weit ist Jacob Adler über mich unterrichtet?«

Aber die einzigen Laute, die über Shu-hsiens Lippen kamen, bestanden aus ihrem qualvollen Stöhnen. Das besänftigte die Folterer nicht, spornte sie eher zur Fortsetzung ihrer Grausamkeiten an.

Mit jeder Sekunde haßte Shu-hsien diese Männer mehr. Daraus wurde ein Haß auf alle, die nicht Shu-hsiens Hautfarbe hatten. War es das nicht, worauf es hinauslief? Weiße gegen Chinesen! Weil sie sich einfach nicht vertrugen.

Plötzlich drang eine Detonation in die Welt ein, die für Shu-hsien nur noch aus Fragen, Schmerzen und Haß bestand. Stanford hörte mit dem Schlagen auf.

»Das war ein Schuß!« sagte ein alarmierter Henry Black.

Die Männer spitzten die Ohren. Bald hörten sie weitere Schüsse und Schreie.

»Henry, Stanford, seht nach!« schnarrte der Hai.

Die beiden Angesprochenen verließen den Raum mit gezogenen Revolvern.

*

Die fünfzehn Minuten waren noch längst nicht verstrichen, als die Schüsse über den Portsmouth Square hallten. Obwohl sie möglicherweise etwas Schlimmes bedeuteten, empfand Lieutenant Wannaker sie als Erlösung.

Er sprang auf, zog seinen Army Colt und rief: »Vorwärts, Männer, zum Angriff!«

Der Offizier lief auf den großen Platz hinaus. Seine Abteilung folgte ihm, die zuvor unter den Umhängen verborgenen Gewehre im Anschlag.

Weitere Abteilungen stürmten aus anderen Gassen auf das Gelände des Golden Crown zu, eine direkt zur Hofeinfahrt.

Das Abwehrfeuer, das den Soldaten entgegenschlug, war erstaunlich schwach. Offenbar hielten sich weniger Männer im Golden Crown auf, als Wannaker gedacht hatte. Vielleicht verwirrte die Verteidiger auch die Vielzahl der Angreifer: mehrere Abteilungen Soldaten von draußen und dann noch die Gegner drinnen, wer immer auch in Jacob Adlers Begleitung sein mochte.

Nur ein Mann aus Wannakers Abteilung sank verwundet in den Schlamm. Dann erreichten seine Männer das große Portal an der Vorderseite des Vergnügungspalastes.

Daß es verschlossen war, hielt die Soldaten nicht lange auf. Kräftige Axthiebe machten den Weg frei.

Wannaker drang als erster ins Golden Crown ein und war gespannt auf das, was er dort vorfinden würde.

*

Als Jacob und die Chinesen das erste Stockwerk erreichten, tauchten drei Gangster vor ihnen auf und eröffneten das Feuer.

Ein Chinese, der mit einem Nunchaku bewaffnet war, wurde in den Kopf getroffen. Er fiel die Treppe bis nach unten.

Wei Chou erledigte einen Gegner mit seiner Armbrust.

Li Fu schleuderte ein Messer, das dem zweiten Gangster in die Brust fuhr.

Den dritten Mann erwischten zwei Kugeln aus Jacobs Revolver.

Die Angreifer liefen weiter nach oben und sahen das oberste Stockwerk schon vor sich, als ihnen erneut Kugeln um die Ohren flogen. Zwei Männer knieten dort oben: Cyrus Stanford und eine große korpulente Gestalt, die Li Fu als Henry Black identifizierte.

Dann traf eine Kugel den Chinesen mit der pfeilförmigen Narbe, und er sank neben dem Auswanderer zusammen.

»Fahr zur Hölle, Schlitzauge!« kreischte Stanford und zielte erneut mit seinem Revolver. »Und du auch, Adler!«

*

Kaum hatten Black und Stanford das Büro verlassen, durchquerte Buster mit eiligen Schritten den Raum und zog an einer von der Decke hängenden Kordel.

Der Hai schwenkte seinen Drehstuhl herum und sah in die Richtung, wo ein Vorhang zur Seite glitt und den Blick auf die langen Reihen kleiner Spiegel freigab.

Durch ein kompliziertes System vieler Verbindungsspiegel wurden die Bilder der überall im Haus angebrachten Spiegel auf die Überwachungsspiegel hier oben geworfen.

Jetzt kannte Shu-hsien das Geheimnis der scheinbaren Allwissenheit des Hais. Fraglich war nur, ob ihr das noch etwas nutzte.

Auf den Spiegeln zeichnete sich in zwar verzerrter, aber noch hinreichend deutlicher Weise ab, was im Haus geschah. Man sah den Kampf auf der Treppe und die blauuniformierten Soldaten, die von überall in den Vergnügungspalast eindrangen.

»Das Golden Crown ist nicht mehr zu halten«, stellte der Hai nüchtern fest. »Wir setzen uns ab.«

Als sich Buster zu der Gefangenen umdrehte, hielt er etwas Metallisches in der Rechten.

Ein Revolver!

Dann sah Shu-hsien auch schon die Stichflamme, die ihr entgegenzüngelte.

Ein ungeheuer starker Schlag traf ihren Kopf, gefolgt von rasenden Schmerzen.

Gnädige Finsternis nahm der Chinesin jedes Gefühl und damit auch den Schmerz.

*

Als Jacob sah, wie Cyrus Stanford auf ihn anlegte, warf er sich zur Seite. Gleichzeitig schoß er die Trommel des Revolvers leer. Achtlos ließ er die Waffe fallen. Er hatte ja noch einen zweiten Revolver bei sich.

Aber den benötigte er nicht mehr. Jedenfalls nicht im Kampf gegen Stanford.

Der sadistische Steuermann fiel die Treppe herunter und blieb dicht bei dem Auswanderer liegen. Stanfords Hand umklammerte noch den Revolver, aber seine tiefliegenden Augen blickten starr und gläsern - tot.

Im Gürtel des Seemannes steckte die unvermeidliche Peitsche. Entsetzen packte Jacob, als er das Blut an der Lederschnur bemerkte. Er fuhr mit dem Finger darüber. Sein Finger war rot. Es war frisches Blut!

Auch Henry Black wehrte sich nicht mehr. Er lag seitlich auf dem obersten Treppenabsatz und blutete aus einer Brustwunde. Ein von Wei Chou abgeschossener Bolzen war ihm tief ins Fleisch gedrungen. Der korpulente Mann lebte noch, atmete aber nur flach.

Li Fu hatte weniger Glück gehabt. Stanfords Kugel hatte sein Leben ausgelöscht.

Oben zückte Wei Chou sein Messer und beugte sich über den reglosen Geschäftsführer.

Jacob riß den Chinesen zurück und sagte: »Nicht, Wei Chou. Diese Nacht hat schon zu viele Tote gesehen. Außerdem könnte Black ein wichtiger Zeuge gegen den Hai werden.«

Nach kurzem Zögern signalisierte der Chinese durch ein kurzes Nicken sein Einverständnis.

Ein Schuß ließ Jacob und die drei übriggebliebenen Chinesen aufhorchen. Zwar wurde auch an anderen Stellen im Haus geschossen, wo die Soldaten auf Widerstand trafen. Aber dieser Schuß kam ganz aus der Nähe. Er mußte hinter einer der Türen gefallen sein, die Jacob auf dem Gang sah.

Sofort hatte der Auswanderer das Gefühl, daß dieser Schuß nichts Gutes für die Gefangenen des Hais zu bedeuten hatte.

»Wißt ihr, aus welcher Tür Black und Stanford gekommen sind?« fragte er hastig die Chinesen.

Ein mit einem langen Stock, einem Bo, bewaffneter Mann zeigte auf eine Tür zur Linken.

»Die dort war es, glaube ich.«

»Dann los!« stieß Jacob gepreßt hervor und rannte auch schon zu der bezeichneten Tür.

Er sprengte sie mit einem Fußtritt auf und stieß den Revolver vor.

Aber er sah nur einen Menschen in dem Raum, der bestimmt keine Gefahr für ihn und seine Begleiter darstellte.

Shu-hsien hing an zweien der überall angebrachten Lederschlaufen. Sie war fast nackt, ihr schöner Körper mit häßlichen Striemen übersät. Jetzt wußte er, woher das Blut an Stanfords Peitsche stammte.

Die Chinesin rührte sich nicht. Ihr blutüberströmter Kopf hin schlaff zur Seite, die Augen waren geschlossen.

»Der Schuß«, murmelte er traurig. »Er hat Shu-hsien gegolten.«

Wei Chou untersuchte die Kopfwunde näher und sagte erregt: »Es ist nur ein Streifschuß. Shu-hsien hat das Bewußtsein verloren, aber sie lebt!«

Der Chinese hatte noch nicht ausgesprochen, da zog Jacob schon das Messer aus dem Stiefelschaft und schnitt die Frau von den Riemen. Er und Wei Chou betteten sie auf eine Ledercouch.

Der Mann mit dem Bo hatte den Raum untersucht und rief jetzt aufgeregt seine Begleiter herbei. Was er entdeckt hatte, war in der Tat sensationell. Und im Augenblick noch wichtiger als die phantastische Spiegelkonstruktion an einer Seite des Raums. Es war ein Loch im Fußboden, eine Art Falltür. Darunter erstreckte sich eine gewundene Rutsche in finstere Tiefe.

»Der Fluchtweg des Hais!« sagte Jacob.

»Wir werden ihm folgen!« rief Wei Chou.

»Ich nicht«, erwiderte der Deutsche. »Ich muß hier noch jemanden suchen.«

Wei Chou nickte nur, sprang auf die Rutsche und verschwand in der Dunkelheit. Die beiden anderen Chinesen folgten ihm.

Jacob vergewisserte sich noch einmal, daß Shu-hsien nicht in Lebensgefahr schwebte. Dann verließ er den Raum und blickte sich suchend um.

Wo waren Irene und Jamie?

*

Immer weiter drehte sich die Rutsche in die dunkle Tiefe. Dann tauchte ein schwacher Lichtschimmer vor den drei Chinesen auf. Das Licht wurde heller und heller, und plötzlich hatte die Rutschpartie ein Ende.

Wei Chou und seine Gefährten landeten auf dem Boden eines großen Raums mit Wänden aus festgestampftem Lehm. Erhellt wurde er von einer unter der Decke hängenden Öllampe. Es war kein Wohnraum, die Einrichtung dafür fehlte. Und es war sehr kalt.

In einer Ecke lag Stroh. Daneben stand ein großer Wasserkübel. Es roch streng nach Pferd.

Die Chinesen hörten dumpf hallendes Hufgeklapper und das Sirren sich drehender Wagenräder.

Sie rannten den Geräuschen hinterher. Es gab nur diesen einen Weg. Der Raum verengte sich zu einem Gang, der steil nach oben führte. Gerade groß genug für eine kleine Kutsche.

Schließlich standen die drei Männer unter freiem Himmel. Sie blickten sich um, um sich zu orientieren. Es war ein Hinterhof auf der anderen Seite des Portsmouth Square. Das Golden Crown lag etwa fünfzig Yards entfernt.

Eine Stelle im Boden war nach unten geklappt. Ein Mechanismus, den der Flüchtende - oder die Flüchtenden, vielleicht waren auch mehrere Männer auf der Flucht - betätigt hatte, hatte den scheinbar normalen Boden wegklappen lassen. Hier war die Kutsche herausgekommen.

Die Chinesen verließen den Hinterhof über die Ausfahrt, die auf eine Seitenstraße führte. Sie sahen nur noch, wie ein leichter Zweispänner mit hoher Geschwindigkeit um die Ecke bog und in die Regennacht verschwand. Viel zu schnell, um ihn zu Fuß einzuholen.

Der Hai von Frisco war entkommen!

*

Jacob sprengte eine Tür nach der anderen auf. Wenn er es nicht mit Fußtritten schaffte, warf er sich mit der Schulter gegen das Holz. Immer wieder rief er laut nach Irene.

Und plötzlich stand er ihr gegenüber. Fast wäre er gegen sie gestürzt, so stark war der Schwung, mit dem er im dritten Anlauf die schwere Tür aufgerammt hatte.

Irene stand an der gegenüberliegenden Wand und drückte den weinenden Sohn an sich. Sie sah unversehrt aus, wenn auch ihr schönes, ebenmäßiges Gesicht von Sorge und Angst geprägt war.

Das Gefängnis war mit Tisch, Stuhl, Bett und Waschgelegenheit ausgestattet. Aber es blieb ein Gefängnis. Der kleine Raum verfügte über kein einziges Fenster.

»Irene!«

Jacob trat vor und schloß sie in seine Arme. Es tat gut, sie wiederzuhaben und sie gesund zu wissen. Es tat gut, ihre Wärme zu spüren. Selbst ihre Tränen taten gut, denn nur wer lebte, konnte weinen.

»Ist ja schon gut«, sagte er und strich tröstend über ihr goldblondes Haar. »Wo immer der Hai stecken mag, uns kann er nicht mehr gefährlich werden. Er hat seine Höhle verlassen.«

»Leider wissen wir nicht, wohin er geflohen ist«, sagte eine Stimme hinter Jacob. Lieutenant Wannaker stand im Rahmen der aufgesprengten Tür.

»Seine Männer haben wir einkassiert, aber er selbst ist durch einen unterirdischen Gang entwischt. Wenn die Gefangenen es uns nicht verraten, werden wir vielleicht niemals erfahren, wer der Mann ist, der all das hier aufgezogen hat.«

»Ich weiß, wer der Hai ist«, verkündete Irene.

»Wer?« schnappte der Lieutenant.

Als Irene den Namen nannte, sagte er dem Offizier nichts.

Aber Jacob starrte die junge Frau ungläubig an. Ihm war der Name nur zu vertraut.

Und doch schien es ihm unmöglich.

ENDE

Und so geht das Abenteuer weiter

Ein feiger Raubmord auf einem Schaufelraddampfer.

Die Entführung eines Journalisten. Zehn Zwanzig-Dollar-Münzen in einer toten Ratte.

Drei Ereignisse, die für Jacob Adler eine gemeinsame Bedeutung erlangen, als er sich in die Höhle des Löwen wagt -und dem >Hai von Frisco< in die Fänge gerät. Hier, fernab aller Hoffnung, soll seine Suche nach Carl Dilger enden, die ihn und Irene nach San Fransisco führte. Endet damit aber auch... sein Leben?

DAS ENDE DER SUCHE?

Lesen Sie in 14 Tagen den (leider) letzten !AMERIKA!-Band - das große Finale um die Abenteuer des deutschen Auswanderers Jacob Adler. Ein Roman, wie er dramatischer nicht sein könnte!