/ Language: Deutsch / Genre:adventure / Series: Amerika

Sturmfahrt nach Amerika

J. Kastner

Das Jahr des Herrn 1863 ist eine düstere, hoffnungslose Zeit in Deutschland. Das einfache Volk ist verarmt. Wer Arbeit hat, schuftet für Groschen. Menschen sterben an Hunger und Epidemien. In dieser Zeit ist »Amerika« ein Wort der Hoffnung und Sehnsucht - ein Land, wo jeder sein Glück machen und zu Wohlstand kommen kann. Ein magisches Wort auch für den jungen Handwerksgesellen Jacob Adler, der zu Unrecht des Mordversuchs beschuldigt wird und aus Deutschland fliehen muss. Doch sein Leben in Amerika wird härter und gefahrvoller sein, als er es sich in seinen ärgsten Träumen vorzustellen vermag. Ein Abenteuer wartet auf Jacob Adler, wie es kaum ein zweiter je erlebt hat...

Das weiße Tuch der großen Segel reflektierte das Mondlicht und zeigte die Position der schlanken Bark an, die auf südlichem Kurs durch die Wasserwüste der Nordsee glitt. Fünf Tage und Nächte dauerte die Reise bislang, und noch verhielt sich das Meer verhältnismäßig ruhig - als halte es den Atem an für Größeres.

So hatte die ALBANY, um rasch voranzukommen, alle Segel gesetzt, die jetzt an den drei hohen Masten im Wind knatterten. Ging die Fahrt auch gut voran, so stand die weite Reise von Hamburg nach New York doch erst an ihrem Beginn. Einem Mann kam sie schon jetzt lang vor: dem blinden Passagier, der in einer beengten Höhle unter einem Ruderboot zwischen Fock- und Großmast lag und den Geräuschen der Nacht lauschte.

Jacob Adler, der seine vermutlich nach Amerika ausgewanderte Familie in dem großen, fremden Land jenseits des Atlantiks suchen wollte, wußte nicht mehr, wie er sich drehen und wenden sollte. Eingesperrt in Enge und Dunkelheit, war die Schiffsreise für ihn zur Qual geworden. Aber er wagte es nicht, sein Versteck zu verlassen, um sich die Beine zu vertreten, auch nicht nachts. Zu nah war die Bark noch den heimatlichen Gefilden.

Der junge Zimmermann, der aufgrund einer falschen Anschuldigung wegen Mordversuches steckbrieflich gesucht wurde, befürchtete, der Kapitän könne einen niederländischen oder britischen Hafen anlaufen und ihn den Behörden übergeben. Allein schon, um sich das ausgesetzte Kopfgeld in der beachtlichen Höhe von hundert Talern zu verdienen.

Einzig der Umstand, daß Jacob nichts von der üblen Seekrankheit verspürte, die trotz der ruhigen See einigen Passagieren schwer zu schaffen machte, erleichterte ihm sein Los ein wenig.

Dabei hatte er die Passage bezahlt. Doch der verräterische Schiffahrtsagent August Bult hatte ihn an die Polizei verraten, so daß Jacob nur mit Hilfe seines neuen Freundes Martin Bauer, den er in Hamburg kennengelernt hatte, an Bord der ALBANY gelangt war.

Das amerikanische Schiff sollte ein paar hundert deutsche Auswanderer nach New York bringen. Martin Bauer, der stämmige Sohn eines Landwirts, war einer der vielen, die auf engstem Raum im Zwischendeck zusammengepfercht waren. Nur wenige Passagiere konnten sich den Luxus der Überfahrt in einer Kabine leisten, die ihnen zwar nicht allein gehörte, ihnen aber wenigstens eine eigene Koje bot.

Jacob hatte von Martin, der ihm jede Nacht zu essen und zu trinken brachte, gehört, die ALBANY sei derart überladen, daß sich im Zwischendeck nicht - wie üblich - vier Passagiere eine Schlafstelle teilen mußten, sondern fünf bis sechs. Wenn man bedachte, daß eine solche aus Brettern bestehende Lagerstatt keine sieben Fuß im Quadrat maß, war das zum Schlafen weit weniger Raum, als Jacob zur Verfügung stand.

Aber die regulären Passagiere hatten wenigstens tagsüber ihren Auslauf auf Deck, während Jacob sich besonders ruhig verhalten mußte und in der ständigen Gefahr schwebte, von einem der herumtollenden Kinder entdeckt zu werden.

Trotz dieser Gefahr hatte Jacob es aufgegeben, seinen Tagesablauf, wollte man von so etwas überhaupt sprechen, nach den Zeiten von Helligkeit und Dunkelheit einzuteilen.

Da es bei ihm stets dunkel war, schlief er auch schon mal tagsüber und blieb dafür nachts wach.

In diesen Nächten, so wie jetzt, hörte er gern dem Meer zu, das gegen die ständig knarrenden Planken spülte und eine eigene Melodie zu singen schien. Diese Melodie war ein Lied, das von fernen Küsten, unbekannten Ländern und aufregenden Abenteuern erzählte. Jacob hörte das Lied gern und malte sich dabei die tollsten Dinge über das geheimnisvolle Amerika aus.

Ob es dort wirklich zottige Bären gab, doppelt so hoch wie ein ausgewachsener Mann? Wilde Indianer, die ihren Feinden die Haarpracht bei lebendigem Leib abschnitten und als Siegeszeichen an ihre Gürtel hängten? Und Flüsse, so breit, daß man mit bloßem Auge das andere Ufer nicht erkennen konnte?

Jacob hatte viele Geschichten über Amerika gehört, wenn er und die anderen Handwerksburschen nachts beisammen saßen und sich mit Erzählungen die Zeit vertrieben. Er hatte nicht geahnt, so kurz nach Beendigung seiner Wanderschaft selbst nach diesem sagenhaften Land der Freiheit und Gleichheit zu fahren.

Aber er hatte auch nicht damit gerechnet, sein Elternhaus abgerissen und auf dem Grundstück ein neues Lagerhaus der Brauerei Arning vorzufinden. Louisa Vogel, die er hatte heiraten wollen, war die Frau von Bertram Arning, dem Sohn des alten Bierkönigs, wie der Brauereibesitzer Conrad Arning genannt wurde. Jacobs Mutter lag auf dem Elbstedter Friedhof begraben. Sein Vater und seine drei Geschwister waren verschwunden, angeblich auf der Elbe nach Hamburg gefahren, um von dort aus nach Amerika auszuwandern.

Ein fast verbrannter Brief seines Vaters deutete darauf hin. Und der Umstand, daß Jacobs Onkel Nathan Berger, ein Bruder seiner Mutter, eine große Pflanzung in Texas besaß.

Darum fuhr Jacob, von Bertram Arning verleumdet, als Flüchtling über das große Meer und lauschte dem Lied der Wellen, das plötzlich durch menschliche Stimmen gestört wurde...

*

Anfangs drangen die Stimmen nur verhalten und bruchstückhaft an Jacobs Ohr, so daß er die Worte nicht verstehen konnte. Es waren die Stimmen mehrerer Männer, die er auch noch nicht verstand, als sie lauter sprachen. Aber er erkannte, daß es Englisch war, wie es vom größten Teil der Schiffsbesatzung gesprochen wurde. Die ALBANY war ein amerikanischer Segler mit dem Heimathafen New York, und bis auf wenige Ausnahmen bestand die Mannschaft aus Amerikanern.

Dann jedoch mischten sich deutsche Worte in die englischen. Die verängstigte Stimme einer jungen Frau. »Nein, bitte, lassen Sie mich. Nein!«

Die eben noch laut anschwellende Stimme brach ab, wurde von hastigen Schritten abgelöst, die auf Jacobs Versteck zukamen.

Wieder sprach ein Mann, aber diesmal auf deutsch, wenn auch mit einem starken Akzent. »Wohin denn, Fräulein? Die ALBANY ist nicht sehr groß. Sie wollen doch nicht etwa ins Wasser hüpfen? Bleiben Sie hier, bei uns sind Sie gut aufgehoben!«

»Was. was wollen Sie von mir?« fragte die Frau, jetzt recht nah bei Jacob. Ihre Stimme zitterte so sehr vor Angst, daß sie sich fast überschlug.

»Wir wollen nur lieb zu Ihnen sein, Fräulein«, sagte der Mann mit dem starken Akzent und begleitete seine Worte mit einem schmutzigen Lachen. »Sie haben es doch gern, wenn Männer lieb zu Ihnen sind, nicht wahr?«

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen.«

»Dein kleines Geheimnis verrät, wie sehr du Männer magst. Meine Freunde und ich mögen kleine Fräuleins sehr gern. Und wenn du lieb zu uns bist, erzählen wir auch nichts von deinem Geheimnis dem Kapitän.«

Jacob hörte Schritte, den spitzen Schrei der Frau und lautes Poltern, dann ein paar erstickte Rufe der Männer auf englisch. Er hielt es nicht länger in seinem Versteck aus, hob das Ruderboot ein wenig an und streckte seinen Kopf nach draußen.

Mond, Sterne und die wenigen Deckslaternen tauchten die Szenerie in ein diffuses Licht, das aber ausreichte, um Einzelheiten erkennen zu lassen. Eine Frau lag nahe der Steuerbordreling zwischen Jacobs Versteck und dem Großmast auf Deck, von drei Männern bedrängt. Die Seeleute hielten die Frau fest und hinderten sie am Sprechen. Einer griff in ihr Kleid und riß es mit einem heftigen Ruck in Fetzen.

Für eine Sekunde konnte die verschreckte Frau ihr Gesicht freimachen und wollte laut schreien. Aber schon lag wieder eine große Hand auf ihren Lippen, so daß sie nur ein ersticktes Röcheln zustande brachte.

Einer der Seeleute sagte etwas in seiner Muttersprache, und alle lachten. Wieder wurde der Wehrlosen ein Teil des Kleides abgerissen.

Das war der Augenblick, in dem Jacob unter dem Ruderboot vorrollte, vom Boden hochschnellte und mit nach vorn gesenktem Kopf, wie ein wütender Stier, auf die kleine Gruppe losstürmte.

Die drei Seeleute waren so überrascht, daß sie erst an keine Gegenwehr dachten. Ihre Köpfe ruckten hoch, und sie starrten den hochgewachsenen, breitschultrigen Mann, der aus dem Nichts zu kommen schien, ungläubig an wie einen leibhaftigen Klabautermann.

Jacob riß zwei von ihnen im ersten Ansturm um. Einer der beiden, ein stoppelbärtiger, untersetzter Kerl, verkrallte sich in den jungen Zimmermann, und sie rollten über das Deck, bis sie gegen den Großmast prallten.

Sein Gegner war auf ihm zu liegen gekommen und wollte ihm die zur Faust geballte Rechte mitten ins Gesicht jagen. Aber Jacob nahm den Kopf zur Seite, und die Faust krachte gegen den Mast. Der Untersetzte verschluckte seinen darob ausgestoßenen Schmerzensschrei, als ihn Jacobs Faust unter das Kinn traf und in die Pardunen des Großmastes schleuderte.

Gerade noch rechtzeitig kam Jacob wieder auf die Beine, denn inzwischen hatten ihn die beiden anderen Seeleute eingekreist. Einer von ihnen, ein pockennarbiger Kerl mit einer großen feuerroten Narbe quer über der linken Wange, hielt ein geöffnetes Klappmesser in der Rechten. Der andere, ein baumlanger, knochiger Mann, hatte seine bloßen Hände mit gespreizten Fingern klauenartig ausgestreckt, als warte er nur auf eine Gelegenheit, Jacob zu erwürgen.

Der Knochige sprang auf einmal vor, und seine Hände streiften Jacobs Gesicht. Aber der junge Deutsche tauchte unter seinem Klammergriff weg, schnappte sich ein Bein des Langen und brachte ihn mit einem heftigen Zug zu Fall.

Das geschah schnell, aber nicht schnell genug. Aus den Augenwinkeln bemerkte Jacob das Aufblitzen des Messers dicht an seinem Gesicht. Gleichzeitig hörte er den warnenden Schrei der auf Deck liegenden Frau.

Blitzartig wirbelte er herum, sah das Narbengesicht vor sich und das große Messer. Diese Bewegung rettete ihn, weil die

Klinge jetzt nicht sein Gesicht traf, sondern nur der Messerknauf gegen seine Schläfe schlug. Für Sekunden war ihm, als habe der Schöpfer Mond und Sterne schlagartig ausgelöscht und die Deckslaternen noch dazu.

Als die Dunkelheit verschwand, lag er rücklings auf dem Deck, und der Mann mit dem roten Mal beugte sich über ihn. Sein von unzähligen Pockennarben gesprenkeltes Gesicht war ausdruckslos, mit Ausnahme seiner dunklen, von dichten schwarzen Brauen beschatteten Augen. In ihnen schien die Vorfreude darauf zu glimmen, Jacob im nächsten Moment den Garaus zu machen.

Jacob wollte seine Arme hochreißen, um den anderen abzuwehren, aber sein Gegner kniete sich auf den linken Arm. Der rechte wurde brutal aufs Deck genagelt, als der Knochige auf den Ellbogen trat und auf den am Boden Liegenden herabgrinste.

»Fahr zur Hölle, du deutsches Schwein!« zischte der Mann mit dem Messer in seinem englisch geprägten Deutsch und stieß die Klinge auf Jacobs Gesicht herab.

Jacob sah die stählerne Spitze schon seine Haut aufreißen, als ein schwerer Schuh gegen die Waffenhand krachte. Das Messer wurde durch die Luft geschleudert, bis es mit der Klinge ins Deck fuhr und dort federnd steckenblieb.

»Einen Unbewaffneten abstechen?« fragte der alte Seebär, dessen Annäherung niemand bemerkt hatte. »Ist der Messerheld in dir mal wieder zum Leben erwacht, Bob?«

Jacob kannte ihn. Er war ein deutscher Seemann und hieß Piet Hansen. Jacob und Martin hatten sich mit ihm vor der Abfahrt der ALBANY im Hamburger Hafen unterhalten. Martin hatte seinem Freund erzählt, daß Hansen mitbekommen hatte, wie der Zimmermann sich unter dem Ruderboot versteckte. Aber irgendwie schien er die beiden Freunde zu mögen und hielt deshalb dicht. Allerdings spendierte Martin ihm dafür jeden Tag eine Extraration Rum.

Der narbige Messerheld mußte jener Bob Maxwell sein, von dem Hansen ihnen in Hamburg erzählt hatte. Ein ziemlich übler Geselle, der gleichwohl der Erste Steuermann der ALBANY war und somit gleich nach dem Kapitän kam. Hansen dagegen, das wußte Jacob von Martin, segelte als Zweiter Steuermann auf der Bark.

»Was mischst du dich ein, Piet?« entgegnete Maxwell mit haßverzerrtem Gesicht. »Die Sache hier geht dich nichts an!«

»Es soll mich nichts angehen, wenn du einen Passagier in Stücke schneidest?«

»Einen blinden Passagier!« Der Messerstecher zeigte auf das Ruderboot. »Er hatte sich unter dem Boot versteckt.«

»Das ist noch lange kein Grund, ihn umzubringen.« Der Seebär mit dem dunklen, von vielen grauen Fäden durchzogenen Bart drehte sich um und zeigte auf die junge halbnackte Frau, die jetzt aufgestanden war und zitternd vor dem Eingang zum Zwischendeck stand. »Und was ist mit ihr? Kannst du das auch erklären, Bob?« »Das kann ich!« »Da bin ich aber gespannt.«

»Die Deutsche ist schwanger, und sie hat keinen Mann!« Für ein paar Sekunden klappte Hansens Kinnlade herunter, und er sah die Frau mit einer Spur von Mitleid an. »Schwanger«, wiederholte er nachdenklich und ließ dann seinen Blick über alle Beteiligten der nächtlichen Auseinandersetzung schweifen. »Ich glaube, wir sollten jetzt besser den Käpten benachrichtigen.«

*

Weitere Seeleute erschienen, von Piet Hansen alarmiert, auf Deck. Sie fesselten Jacobs Arme mit einem dicken Seil an den Oberkörper und brachten ihn tief unter Deck in den Laderaum. Auf dem Weg dorthin sah er zum erstenmal das

Zwischendeck, wo die Auswanderer wie Vieh zusammengepfercht waren. Es roch hier auch wie in einem Viehstall. Ein paar Augen blickten die kleine Gruppe neugierig an, aber die meisten der Schlafenden und Schlafsuchenden kümmerten sich nicht um die Unruhe. So etwas waren sie gewöhnt, wo Hunderte von Menschen auf engstem Raum zusammenhockten.

Jacob war fast erleichtert, als sie das Zwischendeck hinter sich ließen und über hohe Stufen hinabstiegen ins Dunkel des riesigen Frachtraums, der jetzt von der Laterne eines Seemanns erhellt wurde. Sie beleuchtete Kisten und Fässer verschiedener Größen sowie die unterschiedlichsten Gepäckstücke, in denen die Habseligkeiten der Auswanderer verstaut waren.

Im Zwischendeck war nicht genug Platz, um dort alles unterzubringen, weshalb das meiste Gepäck der Passagiere hier gelagert wurde. Wer etwas von den Sachen aus dem Frachtraum benötigte, mußte Geduld zeigen, wie Jacob später erfuhr. Der Frachtraum wurde nur an bestimmten Tagen für die Passagiere geöffnet, und auch dann immer nur für einen bestimmten Teil der Auswanderer, damit das Gedränge nicht zu groß wurde.

Einer seiner Bewacher versetzte Jacob einen groben Stoß, der ihn zu Boden warf, wo er hart mit dem Kopf gegen ein großes Faß stieß. Der Seemann sagte etwas auf englisch, und seine Begleiter brachen in Gelächter aus.

Die Männer stiegen die Treppe wieder hinauf ins Zwischendeck und verschlossen die Luke, die den Zugang zum Frachtraum von den Auswanderern trennte. Völlige Finsternis umgab Jacob, als er das Knarren der schweren Riegel über sich vernahm und dann das Quietschen des großen Schlüssels.

Die Schritte der das Zwischendeck verlassenden Seeleute entfernten sich. Bald hörte der Gefangene nur noch die Geräusche des Schiffes. Das Plätschern des Wassers klang hier unten viel lauter als oben an Deck, befand sich der Frachtraum doch zu einem guten Teil unterhalb der Wasserlinie. Auch das Knarren der Schiffsplanken hörte sich lauter an und vermischte sich mit dem leisen, beständigen Stöhnen der Fracht, die durch die Schiffsbewegungen um ein paar Zoll hin und her geschoben wurde.

Ab und zu hörte Jacob Geräusche von oben aus dem Zwischendeck. Wütende Flüche von Leuten, die im Schlaf gestört worden waren. Schritte, wenn es einer der Passagiere in dem stickigen Quartier nicht mehr aushielt und an Deck ging, um frische Luft zu schnappen, War auch die junge Frau, die von Maxwell und seinen Begleitern überfallen worden war, nach oben gegangen, um frischen Atem zu schöpfen?

Als ihn die Seeleute nach unten schafften, war Jacob an ihr vorbeigeführt worden. Er hatte in ihre grünblauen Augen gesehen, die Dankbarkeit und Erleichterung ausdrückten, aber auch Angst.

Angst um Jacob?

Oder hatte die Frau Angst um sich selbst?

Was hatte dieser narbengesichtige Maxwell noch gesagt? Die Frau war schwanger. Jacob hatte davon nichts bemerkt, als er an ihr vorbeiging. Aber es war nicht besonders hell dort oben, und er hatte sie nur für wenige Sekunden angesehen. Er hatte nicht auf ihren Leib geschaut, sondern in ihr schönes, ebenmäßiges Gesicht, das von golden schimmernden Locken umrahmt wurde.

Weshalb war es so bedeutsam, daß sie schwanger war und keinen Mann hatte? So wichtig, daß Piet Hansen sich erst nach dieser Mitteilung entschloß, den Kapitän zu unterrichten.

Jacob grübelte noch darüber nach, als etwas heftig gegen sein rechtes Bein stieß. Er hörte ein lautes Quieken, dann erfolgte ein neuer Stoß gegen sein Bein, und etwas kroch an Jacob entlang.

Eine Ratte!

Es konnte nur einer jener unerwünschten Schiffspassagiere sein, die kaum eine Fahrt ausließen und nicht selten zur Plage wurden. Jacob, der noch immer am Boden lag, wälzte sich herum, um den ungebetenen Besucher zu vertreiben. Unter lautem Gequieke huschte etwas in der Dunkelheit davon.

Aber es dauerte nicht lange, und das große Nagetier war wieder da, diesmal mit Verstärkung. Es mußte etwa ein halbes Dutzend Ratten sein, das plötzlich über den gefesselten Mann kam.

Erschienen sie in so großer Zahl, weil sie in ihm einen mächtigen Eindringling sahen, einen Feind? Oder eine willkommene Bereicherung ihres Speiseplans?

Jacob schrie auf, als er kleine scharfe Zähne an seinem Arm spürte. Er wälzte sich noch stärker hin und her und konnte die Angreifer dadurch für kurze Zeit auf Distanz bringen. Er nutzte die Verschnaufpause, um sich an einem der großen Fässer hochzuziehen. Als die Ratten zurückkehrten, stand er zum Glück auf seinen Füßen.

Er trampelte wild herum, führte einen verrückten Tanz in der Dunkelheit auf, um ein paar der kleinen Biester zu erwischen und wenigstens so schwer zu verletzen, daß sie ihren Angriffsplan aufgaben. Ein paarmal traf er wohl die Ratten, aber kaum so schwer, daß er ihnen weh tat. Die Dunkelheit erlaubte ihm nur ein blindwütiges Herumtrampeln, keine gezielte Verteidigung.

Aber dann hatte er Glück. Er erwischte eine Ratte mit vollem Tritt und schleuderte sie weit in den Frachtraum hinein. Erst nach ein paar Sekunden klatschte sie irgendwo gegen eine Holzwand oder einen Gepäckstapel. Sie schien sich nicht mehr zu rühren; jedenfalls hörte er nichts.

Das brachte die übrigen Tiere zur Räson. Sie zogen sich von Jacob zurück.

Hatten sie endgültig genug, oder gönnten sie sich nur eine Verschnaufpause?

Oder schmiedeten sie gar einen neuen Angriffsplan?

Jacob wußte nicht, ob ihr Verstand dazu ausreichte. Aber er wußte, daß er sich nach seinem engen Versteck unter dem Ruderboot zurücksehnte, das er in den langen einsamen Nächten so oft verflucht hatte.

Da hörte er ein lautes Quietschen...

*

Jacob fuhr unwillkürlich zusammen, als er an einen neuen Angriff der Schiffsratten dachte. Aber dann erkannte er, daß das Geräusch von oben kam, wo sich der Durchgang zum Zwischendeck befand. Jemand hatte offenbar das Schloß geöffnet. Jetzt wurden die Riegel zurückgezogen, und dann klappte jemand die schwere Luke auf.

Obwohl das einfallende Licht nicht besonders stark war, blendete es den an die Dunkelheit gewöhnten Mann, und er kniff die Augen zusammen. Er mußte länger hier unten gewesen sein, als er gedacht hatte.

Schritte auf der Treppe und die Umrisse von Männern, die zu ihm herunterstiegen. Ihre Gesichter blieben Jacob wegen der Blendwirkung des Lichtes verborgen. Einer der Besucher hielt seine Laterne hoch, und ihr heller Strahl stach geradezu in Jacobs Augen.

Aber allmählich gewöhnte er sich daran und erkannte schließlich zwischen den gleichgültigen bis ablehnenden Gesichtern dreier Seeleute seinen Freund Martin Bauer, der ihn besorgt anblickte.

»Jacob, was ist mit dir passiert?« fragte er und deutete auf die an mehreren Stellen zerrissene Kleidung des Gefangenen.

»Ratten«, sagte Jacob nur und bemerkte jetzt erst, daß er aus einer kleinen Wunde am linken Oberarm, über der Jacke und Hemd zerrissen waren, blutete.

»Gleich kommst du hier raus«, sagte Martin. »Der Kapitän hat eine Verhandlung einberufen.« Er hielt eine Schale hoch,

die er in den Händen trug. »Vorher bekommst du erst mal was zu essen.«

Einer der Seeleute zog ein großes Messer aus der Jackentasche, klappte es auf und zerschnitt damit Jacobs Fesseln.

»Wenn du Schwierigkeiten machst«, sagte er in kaum verständlichem Deutsch und machte mit dem Messer die Bewegung des Kehledurchschneidens.

Jacob nickte verstehend. Er fühlte sich ziemlich zerschlagen und hatte nicht vor, Schwierigkeiten zu machen.

Seine Arme schmerzten noch von den Fesseln. Er schlenkerte sie hin und her und rieb sie heftig, damit das Blut wieder zirkulierte.

Martin zeigte auf Jacobs Armwunde und sagte etwas auf englisch zu dem Seemann mit dem Messer.

Der nickte und begann seine Klinge über der Laternenflamme zu erhitzen.

»Was hast du zu ihm gesagt?« fragte Jacob.

»Daß er die Wunde ausbrennen soll, damit du dich nicht infizierst. Es gibt keinen Arzt auf dem Schiff. Wenn du Wundbrand oder etwas Ähnliches bekommst, gibt es nur noch eine Möglichkeit, nämlich weg mit dem Arm!«

Der Gedanke ließ Jacob erschauern.

»Woher kannst du überhaupt Englisch?« erkundigte er sich.

»Piet Hansen gibt mir und noch ein paar anderen Unterricht in jeder freien Stunde. Es ist sicher nicht schlecht, die Landessprache zu beherrschen, wenn wir drüben in New York sind.«

»Sicher nicht. Ich sollte mich euch anschließen. Falls der Kapitän das zuläßt.«

Der Seemann mit dem Messer sagte etwas und hielt die heiße Klinge hoch.

»Er ist soweit«, übersetzte Martin, obwohl Jacob das auch so verstanden hätte. »Es wird ziemlich weh tun. Sollen wir dich festhalten?«

»Nicht nötig. Ich werde die Zähne zusammenbeißen.«

Jacob krallte seine Hände in den Rand des Holzfasses, an dem er stand, als sich die Hand mit dem Messer näherte. Martin riß die Ärmel von Jacobs Jacke und Hemd über der Wunde noch etwas weiter auf, damit der Seemann nicht durch den Stoff behindert wurde. Dann brannte sich auch schon der heiße Stahl mit einem leisen Zischen in Jacobs Haut.

Er hatte zwar mit Schmerzen gerechnet, aber nicht damit, daß sie so höllisch sein würden. Er hatte das Gefühl, die Klinge würde tief in seinen Arm hineinfahren und darin mit Gewalt herumgedreht werden. Sein Arm zitterte stark, und das Zittern übertrug sich auf seinen ganzen Körper. Jacob stöhnte laut und merkte erst nach einer Weile, daß der Seemann die Klinge schon wieder fortgenommen hatte. Wo die Ratte Jacob gebissen hatte, prangte jetzt eine dunkelrote Brandwunde. Eine heftig schmerzende Wunde.

»Iß etwas«, sagte Martin. »Das wird dich von den Schmerzen ablenken.«

Jacob fuhr mit dem Ärmel des unversehrten Arms über seine Stirn, um den perlenden Schweiß abzuwischen. »Laß es gut sein, Martin. Ich habe keinen Hunger.«

»Es wird dir guttun. Außerdem - wer weiß, wann du wieder etwas bekommst.«

»Du hast recht«, sah Jacob ein, ließ sich auf einer Kiste nieder und löffelte die aufgewärmte, etwas angebrannt schmeckende Erbsensuppe in sich hinein. Wenigstens war sie warm, und das tat ihm tatsächlich gut.

»Was ist das für eine Verhandlung, die der Kapitän einberufen hat?« fragte er zwischendurch.

»Das Schiffsgericht entscheidet, was mit dir und Fräulein Sommer geschehen soll.«

»Fräulein Sommer«, echote Jacob. »Ich nehme an, so heißt die Frau, die von den drei Kerlen belästigt wurde.« »Ja, Irene Sommer. Sie ist allein hier an Bord, hat keinen Mann. Und sie erwartet ein Kind, ist schon im fünften oder sechsten Monat, obwohl man kaum etwas erkennt. Aber wenn man genau hinsieht, bemerkt man es doch. Diesem Maxwell und seinen Kumpanen muß es auch aufgefallen sein. So kamen sie auf die Idee, sich die Frau gefügig zu machen. Wahrscheinlich rechneten sie damit, sie würde schweigen, aus Angst, ihr Geheimnis könnte verraten werden.«

»Warum, zum Kuckuck, soll denn niemand wissen, daß sie ein Kind erwartet?«

»Weil sie keinen Mann hat.«

»Und?«

»Ich wußte es bisher auch nicht, aber es gibt in Preußen ein Gesetz, das alleinstehenden Frauen, die ein Kind erwarten, die Auswanderung verbietet. Danach ist der Kapitän wohl verpflichtet, den nächsten Hafen anzusteuern und Fräulein Sommer dort an Land zu setzen, damit sie den preußischen Behörden übergeben werden kann.«

»Was für ein blödes Gesetz. Wofür soll das gut sein?«

Martin zuckte mit den Schultern, und die blauen Augen in dem breiten, sommersprossigen Gesicht blickten ratlos. »Frag mich etwas Einfacheres. Ich habe das Gesetz nicht gemacht. Vielleicht soll dem Vater nicht gegen seinen Willen das Kind entzogen werden.«

»Wer ist denn der Vater?«

»Du stellst mir aber auch Fragen, Jacob. Ich kenne Fräulein Sommer nur vom Sehen, habe bis heute keine fünf Worte mit ihr gewechselt.«

»Woher kennst du dich dann so gut in der Sache aus?«

»Piet Hansen hat es mir erzählt. Als Zweiter Steuermann der ALBANY gehört er zum Schiffsgericht.«

»Und wer noch?«

»Natürlich der Kapitän und dann der Erste Steuermann, Bob Maxwell.«

»Maxwell, das Narbengesicht?« rief Jacob empört. »Aber er hat doch bei dieser Schweinerei mitgemischt! Er wird kaum in der Lage sein, ein unvoreingenommenes Urteil über Fräulein Sommer und mich zu sprechen.«

»Ganz meine Meinung. Aber ich entscheide leider ebensowenig über die Zusammensetzung des Gerichts wie du.«

Jacob reichte seinem Freund die leere Suppenschale zurück und erhob sich ächzend, von einem äußerst unguten Gefühl beherrscht. Er erwartete wenig Gutes von der Gerichtsverhandlung, zu der er von Martin und den drei Seeleuten eskortiert wurde.

*

Diesmal erregte ihr Auftauchen auf dem Zwischendeck erheblich mehr Aufsehen. Es ging auf den Morgen zu, und viele der Auswanderer waren bereits auf den Beinen, froh, ihren engen Schlafstätten zu entfliehen.

Bärtige Männergesichter starrten ihn teilnahmslos an, Frauen blickten mitfühlend und Kinder der unterschiedlichsten Altersstufen neugierig. Während die Erwachsenen nur leise miteinander tuschelten, stellten die Kinder laut Fragen, wer der abgerissene Mann sei und wo er herkomme.

Tatsächlich mußte Jacob einen äußerst fragwürdigen Eindruck bei den Auswanderern hervorrufen, hatte er doch seit fünf Tagen keine Gelegenheit mehr zum Waschen und Rasieren gehabt.

Allerdings machte er später die Erfahrung, daß es auf dem Zwischendeck eine Menge Passagiere gab, die es mit der Sauberkeit nicht sehr genau nahmen. Eine Einstellungsweise, die im Verlauf der langen Seereise noch bittere Folgen nach sich ziehen sollte.

Es ging hinauf aufs Deck, wo die dort arbeitenden Seeleute Jacob ablehnend bis feindselig anstarrten. Er hatte sich mit einigen der Ihren angelegt. In ihren Augen hatte er sich damit automatisch zum Feind gemacht. So dachte er jedenfalls. Später sollte er erfahren, daß ihm einige Mannschaftsangehörige insgeheim zustimmten, denn Bob Maxwell war nicht bei allen beliebt.

Die ersten blaßrosa Sonnenstrahlen wurden durch grauschwarze Wolken gefiltert, die schwer am Himmel hingen. Nur undeutlich war deshalb die Sonnenscheibe im Osten erkennbar, die sich über einer Linie am Horizont erhob, wo Himmel und Meer miteinander verschmolzen. Oder war es gar das Festland, die Niederlande oder Frankreich, das sich dort kaum wahrnehmbar abzeichnete? Jacob konnte es nicht sagen.

Das Wetter schien weniger gut zu sein als an den bisherigen Tagen, und die See war aufgewühlter. Die ALBANY schlingerte im mächtigen Wellengang.

Schon drangen die ersten Auswanderer an Deck, der kleinen Gruppe um Jacob hinterher, um an die Reling zu stürzen und dort dem Übel freien Lauf zu lassen. Ein paar schafften es nicht einmal so weit.

Der Seemann, der Jacob losgeschnitten und seine Wunde ausgebrannt hatte, machte eine Bemerkung, und seine Gefährten lachten laut.

»Was hat er gesagt?« fragte der junge Zimmermann.

»Daß sie sich, wenn es richtig losgeht, die Seele aus dem Leib kotzen werden«, übersetzte Martin. »Dann wird es an der Reling so voll werden, daß sie sich gegenseitig anspucken. Jedenfalls habe ich ihn so verstanden.«

Die Seeleute drängten sie weiter, dem Heck der ALBANY zu.

Jacob drehte sich im Gehen um und sah nach dem Ruderboot, unter dem er so lange gelegen hatte. Sollte alles umsonst gewesen sein? Noch waren sie im Ärmelkanal, und es mußte dem Kapitän ein leichtes sein, eine der Küsten anzusteuern, um Jacob den Behörden zu übergeben und das auf ihn ausgesetzte Kopfgeld zu kassieren. Er hängte seine Hoffnung an dem Gedanken auf, daß der Kapitän nicht wußte, wer er war und daß hundert Taler auf seine Ergreifung ausgelobt waren.

Dann fiel ihm etwas anderes ein. »Meine Tasche, Martin! Wo sind meine Sachen?«

»Ich wollte sie holen, aber da kamen vom Kapitän gesandte Männer und haben sie konfisziert.«

»Dann kennt der Kapitän jetzt meine Papiere und meinen wahren Namen.«

Martin nickte betrübt. »Ja, leider.«

Aber vielleicht weiß er trotzdem nichts von der Belohnung, machte sich Jacob Mut.

Die Bark schlingerte so stark, daß Jacob stolperte und hingestürzt wäre, hätte er sich nicht im letzten Augenblick an dem Luftzugrohr, das hinter dem Großmast aus den Planken ragte und das Zwischendeck mit Frischluft versorgte, festgehalten. Jetzt ahmte er den breitbeinigen Gang der Seeleute nach und beugte sich gleichzeitig, wie sie, leicht nach vorn, um sich der steifen Brise entgegenzustemmen, die von achtern kam. Mit diesem typischen Seemannsgang stakste er seiner Verhandlung entgegen.

*

Am Heck, noch hinter dem Platz des Steuermanns, ging es wieder unter Deck zur Kapitänskajüte, vor der zwei mit Karabinern bewaffnete Seeleute Posten bezogen hatte. Offenbar wollte Kapitän Haskin kein Risiko eingehen und einer Flucht seines Gefangenen vorbeugen.

Aber wohin hätte er fliehen sollen, mitten auf See? Jacob, an der Elbe geboren und gleichsam mit Elbewasser getauft, konnte recht gut schwimmen, aber bis zum Festland hätte er es nie und nimmer geschafft. Er wäre abgesoffen wie ein Stein,

hätten ihn nicht vorher die Haie geholt.

In der großen, für ein Schiff äußerst prächtig ausgestatteten Kapitänskajüte standen zwei weitere Bewaffnete, um die Tür von innen zu bewachen. Das konnte nicht alles dazu gedacht sein, Jacob von einer möglichen Flucht abzuhalten. Vielleicht befürchtete der Kapitän, die Auswanderer könnten aufbegehren, um Jacob zu helfen.

Aber das hielt der Zimmermann selbst für nicht sehr wahrscheinlich. Die Menschen kannten ihn nicht - mit Ausnahme von Martin - und hatten keinen Grund, sich für ihn einzusetzen.

Staunend glitten Jacobs Augen über die Wände, die den Eindruck erweckten, die Kajüte gehöre gar nicht zum restlichen Schiff. Gegen die Enge und Schlichtheit des Zwischendecks war das hier der reinste Palast. Die Wände waren mit Bücherregalen und Bildern bedeckt, letztere ausnahmslos mit Motiven aus der Seefahrt. Vor dem großen Fenster hingen Vorhänge aus feinstem Samt, an den Rändern mit Goldborten besetzt. Das Licht kam aus einem Kronleuchter, der, wäre er größer gewesen, einem Festsaal zur Ehre gereicht hätte.

Alle schienen nur auf Jacob gewartet zu haben. Hinter dem großen Tisch in der Mitte des Raumes saßen drei Männer, von denen Jacob nur zwei kannte.

Der außergewöhnlich dünne Mann mit dem Gesicht eines Totenkopfes, der in der Mitte saß, mußte Josiah Haskin sein, der amerikanische Kapitän der ALBANY und zugleich ihr Eigner. Seine Gesichtsfarbe war sehr blaß, und die Haut spannte sich so stark über den Knochen, daß diese durchzuscheinen schienen; seine Haut wirkte wie Pergament. Noch niemals zuvor hatte Jacob bei einem Mann derart tiefliegende Augen gesehen. Die Lippen des Kapitäns wirkten so schmal wie die dünne Linie des Horizonts, die er eben in der Ferne gesehen hatte. Hin und wieder verschwanden sie hinter einem weißen, spitzenbesetzten Taschentuch, wenn Haskin ein krampfartiger Husten befiel. Seine Totenaugen blickten Jacob ausdruckslos an.

Zu seiner Rechten saß Bob Maxwell, in dessen Narbengesicht es kaum merkbar zuckte, als der Gefangene hereingebracht wurde. Die dunklen Augen glühten genauso haßerfüllt wie vor einigen Stunden, als Jacob ihn und seine Gefährten, die jetzt wie sanfte Lämmer an einer Kabinenwand standen, daran gehindert hatte, der jungen Frau Gewalt anzutun. Als ein Ausdruck der Befriedigung über das Narbengesicht huschte, wußte Jacob, daß der Erste Steuermann die Stunde seiner Rache für gekommen hielt.

Links vom Kapitän saß Piet Hansen, die klobige Pfeife zwischen den Lippen. Allerdings brannte sie nicht, schien sich nur an ihrem Stammplatz zu befinden, damit ihr Besitzer gemütlich auf dem Stiel herumkauen konnte. Der deutsche Seemann tat, als ginge ihn die ganze Sache nichts an. Aber wer genau in seine alten, von tausend Fältchen umgebenen Augen sah, bemerkte, daß in ihnen Interesse und Wachsamkeit lag.

Auf dem ansonsten leeren Tisch ruhten zwei Bücher vor dem Kapitän, ein ganz dickes und ein etwas dünneres. Das dicke Werk war unverkennbar die Bibel. Den englischen Titel des anderen Buches konnte Jacob nicht lesen, aber er hielt es für wahrscheinlich, daß es sich um eine englische Ausgabe des Seerechts handelte.

An der Wand gegenüber Maxwells nächtlichen Spießgesellen saß Irene Sommer auf einem Stuhl und blickte ängstlich in die Gesichter der Männer. Als Jacob eintrat und sie ihn ansah, trat in ihre Augen zusätzlich Dankbarkeit und gleichzeitig das Flehen um Entschuldigung dafür, daß sie ihn in diese mißliche Lage gebracht hatte.

Sie war, was er in der Nacht schon bemerkt hatte, eine außergewöhnlich schöne Frau. Selbst ihr verängstigter Zustand konnte daran nichts ändern. Jacob hielt sie für kaum älter als

Zwanzig, eher jünger. Sie trug ein anderes Kleid als jenes, das von den zudringlichen Seeleuten zerrissen worden war. Es war einfach in Schnitt und Muster und konnte die Wölbung ihres Leibes nicht ganz verbergen, unter der das werdende Leben steckte.

Der Seemann, der Jacobs Wunde ausgebrannt hatte, sagte etwas zu dem Kapitän. Dieser antwortete auf englisch, und die drei Bewacher verließen den Raum.

Josiah Haskins Totenaugen hefteten sich auf Jacob und die junge Frau. »Wir wollen jetzt Deutsch sprechen«, sagte er mit zwar starkem Akzent, aber gut verständlich, »damit die Angeklagten der Verhandlung folgen können.«

Jacob war nicht verwundert, daß Haskin die deutsche Sprache so gut beherrschte. Als Kapitän und Eigner eines Schiffes, das zwischen New York und Hamburg verkehrte, mußte er viel mit deutschen Geschäftspartnern zu tun haben. Da blieb wohl einiges haften. So wie Hansen des Englischen mächtig war. Und auch Maxwell sprach schließlich Deutsch, wie Jacob in der Nacht mitbekommen hatte.

Kapitän Haskins Augen wanderten weiter und blickten Martin an, der dicht neben seinem Freund stand. »Was suchen Sie noch hier?«

»Ich bin der Freund dieses Mannes«, erwiderte Martin, dem durchdringenden Blick des Kapitäns standhaltend.

»Na und?«

»Vielleicht kann ich helfen, die Sache aufzuklären.«

Maxwell beugte sich zu Haskin und wisperte etwas in dessen Ohr. Der Kapitän nickte und sah dann die beiden Freunde wieder an.

»Jemand muß den blinden Passagier mit Trinkwasser und Lebensmitteln versorgt haben. Waren Sie das?«

Bevor Jacob es verhindern konnte, nickte Martin auch schon. »Das bin ich gewesen, Kapitän. Es war meine Pflicht als Freund.«

Ein Schatten zog über Hansens Gesicht, während Maxwell seine Zufriedenheit über diese Aussage nicht verbergen konnte. Haskins Leichengesicht zeigte weiterhin keine Regung.

»Ihre Pflichten als Freund stehen hier nicht zur Rede«, rügte Haskin. »In dieser Verhandlung geht es einzig und allein um die Pflichten, die jeden treffen, der die Planken dieses Schiffes betritt.« Er legte seine Hand auf das dünnere der beiden Bücher. »Die Pflichten, die sich aus dem geschriebenen Seerecht und aus den ungeschriebenen, aber gewohnheitsrechtlich anerkannten Grundsätzen ergeben. Durch Ihre Verhaltensweise kommen Sie als Mittäter in Betracht. Ich ersuche Sie darum, uns Ihren Namen zu nennen.«

»Martin Bauer.«

»Und Ihr Beruf?«

»Bauer.«

Zum erstenmal zeigte der Kapitän so etwas wie Erstaunen, als sein Kopf nach vorn ruckte, als könnte er so in das Innerste des anderen sehen. »Wie?«

Wie zur Entschuldigung breitete Martin die Arme aus. »Ich heiße Bauer, und ich bin Bauer.«

Haskin hatte sich wieder in der Gewalt und wandte seine Aufmerksamkeit dem anderen Deutschen zu. »Ihr Name ist Jacob Adler, und Sie sind Zimmermann von Beruf?«

»Das stimmt«, bestätigte der Gefragte.

Jacob wußte jetzt, daß sich der Kapitän seine Papiere angesehen hatte. Aber er wußte nicht, ob Haskin Kenntnis von dem Kopfgeld besaß.

Jetzt war die Frau an der Reihe, von Haskin eindringlich gemustert zu werden. »Ihr Name und Ihr Beruf?«

»Irene Sommer, Dienstmädchen.«

Sie sprach mit leiser, aber klarer Stimme. Jacob ertappte sich bei der Vorstellung, einem Lied aus ihrer Kehle zu lauschen. Plötzlich überwältigte ihn das unbändige Gefühl, sich vor die junge Frau zu stellen und sie vor allem Bösen zu beschützen,

das von dem Schiffsgericht ausgehen mochte. Dann dachte er an die Bewaffneten in seinem Rücken und kam sich unsagbar hilflos vor.

Der Kapitän sah seinen Ersten Steuermann an. »Tragen Sie nun die Anklage vor, Mr. Maxwell.«

Als der Mann mit dem Narbengesicht zu sprechen beginnen wollte, trat Jacob einen Schritt vor und sagte laut: »Ich erhebe Einspruch, Kapitän!«

»Wogegen?« fragte Haskin. In seiner Stimme mischten sich Verwunderung und Empörung über die Störung der Verhandlung. Letzteres überwog.

»Gegen die Teilnahme dieses Mannes am Gerichtsverfahren.« Jacob zeigte auf Maxwell. »Jedenfalls, solange er am Richtertisch sitzt. Er gehört allenfalls hierher, wo ich stehe, auf die Seite der Angeklagten.«

»Halt dein dreckiges Schandmaul, du -!« rief der Erste Steuermann, wurde aber von Jacob unterbrochen, der jetzt noch lauter sprach.

»Sie und Ihre beiden Kumpane da an der Wand haben sich in der letzten Nacht wohl des schlimmsten Vergehens schuldig gemacht, als Sie wie wilde Tiere über die Frau hier hergefallen sind. Was die Sache noch schlimmer macht, ist die Tatsache, daß Sie den derzeitigen Zustand der Frau für Ihre schmutzigen Absichten ausnutzen wollten!«

Maxwell sprang auf und war drauf und dran, um den Tisch herumzulaufen und sich auf Jacob zu stürzen, doch der Kapitän hielt ihn mit einer Handbewegung zurück.

»Bleiben Sie auf Ihrem Platz, Mr. Maxwell! Und jetzt zu Ihnen, Angeklagter Adler. Es ist allein Sache des Gerichts, Anklagen zu erheben und Beschuldigungen auszusprechen. Sie dürfen sich gegen die Vorwürfe, die gegen Sie erhoben werden, verteidigen, sonst nichts. Das Verhalten von Mr. Maxwell sowie der beiden Zeugen Cullen und Braden ist nicht Gegenstand dieser Verhandlung.«

Spätestens jetzt wurde Jacob klar, daß er kein gerechtes Verfahren zu erwarten hatte. Das Schiffsgericht erschien ihm plötzlich als reines Schauspiel, als inhaltsleere Hülse, nur dazu da, um den Vorschriften zu genügen. Mutlosigkeit befiel ihn, und seine eben noch straffen Schultern wurden schlaff.

»Bitte, Mr. Maxwell«, fuhr Haskin fort und sah seinen Ersten Steuermann erwartungsvoll an.

Der hatte sich wieder unter Kontrolle, wenn auch das Zucken in seinem Gesicht stärker geworden war. Er rückte seinen Stuhl zurecht und sagte dann: »In der letzten Nacht machte ich in Begleitung der Matrosen Slim Cullen und Larry Braden die Entdeckung, daß die Frau dort, Irene Sommer mit Namen, ein Kind erwartet. Da mir bekannt war, daß sie ohne Mann reist, wollte ich sie über die näheren Einzelheiten befragen. Da kam der Angeklagte Adler, der sich bis dahin unter einem Ruderboot versteckt gehalten hatte, hinzu und griff uns tätlich an. Wir haben uns natürlich verteidigt.«

Der Kapitän sah erneut Jacob an. »Was sagen Sie dazu? Haben Sie den Steuermann und seine Begleiter angegriffen?«

Jacob spürte die abwartenden Blicke aller Menschen in der Kapitänskajüte, die geradezu an seinen Lippen hingen. Aber was sollte er schon tun, außer die Wahrheit zu erzählen?

»Das habe ich getan«, sagte er darum. »Aber nur deshalb, weil der Steuermann und die beiden anderen der Frau die Kleider vom Leib rissen und zudringlich werden wollten.«

»Das stimmt«, sagte Irene Sommer, jetzt lauter als zuvor.

»Sie können sich äußern, wenn Sie gefragt werden«, sagte Haskin mit einem strafenden Blick auf die Frau. »So lange haben Sie zu schweigen!«

»Ich bestreite nicht, daß das Kleid der Angeklagten Sommer zerrissen ist«, sagte Maxwell. »Auch sie setzte sich gegen uns zur Wehr und wollte weglaufen. Als wir sie festhielten, riß das Kleid.«

»Das wäre also geklärt«, meinte der Kapitän zufrieden.

»Formulieren Sie jetzt die Anklage, Mr. Maxwell.«

»Die Angeklagte Sommer verstößt gegen das Gesetz ihres Landes, indem sie als unverheiratete Weibsperson auf einem Auswandererschiff mitfährt. Ihr nächtlicher Widerstand gegen mich als Ersten Steuermann erfüllt außerdem den Tatbestand der Meuterei. Der Angeklagte Adler hat gegen das Seegesetz verstoßen, weil er sich als blinder Passagier an Bord der ALBANY geschlichen hat. Auch er hat sich der Meuterei schuldig gemacht, als er die Matrosen Cullen, Braden und mich angriff. Der Angeklagte Bauer hat gegen das Seerecht verstoßen, als er dem Angeklagten Adler half, sich vor den Augen der Schiffsbesatzung zu verbergen.«

»Danke, Mr. Maxwell«, sagte der Kapitän und wandte sich jetzt den Matrosen zu, gegen die Jacob in der Nacht gekämpft hatte. Sie sprachen miteinander Englisch, weil die beiden Männer wohl die deutsche Sprache nicht beherrschten.

»Die Matrosen Cullen und Braden haben den von Mr. Maxwell geschilderten Sachverhalt in allen Punkten bestätigt«, sagte Haskin dann, jetzt wieder auf deutsch. »Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung vorzubringen, Angeklagter Adler?«

»Was die angebliche Meuterei angeht, so kann ich nur bei meiner Schilderung der Tatsachen bleiben, weil sie der Wahrheit entspricht. Was meine Passage betrifft, ist zu sagen, daß ich eine gebucht habe, und zwar beim Agenten August Bult in Hamburg. Mein Freund Martin war dabei. Auch er hat seine Passage bei Bult gebucht.«

Die Überraschung auf den Gesichtern der drei Richter war unverkennbar.

Haskin hatte seinen zumindest äußerlichen Gleichmut als erster wiedergefunden und sah Martin an. »Stimmt das?«

Martin nickte. »Jawohl, so war es, Kapitän. Jacob und ich, wir haben unsere Passage zusammen gebucht und zusammen bezahlt. Bult hat von jedem von uns das Geld eingestrichen. Und wir haben Verträge für die Überfahrt. Jacobs Vertrag muß sich zwischen seinen Papieren befinden.«

Haskin gab auf englisch ein kurzes Kommando, und der untersetzte Matrose, der in der Nacht auf Maxwells Seite gestanden hatte, verließ eilig die Kajüte, wohl um Jacobs Sachen zu holen.

»Wenn das wahr ist«, sagte der Kapitän nachdenklich, »weshalb haben Sie sich dann unter dem Boot versteckt wie ein blinder Passagier, Adler?«

»Ich hatte dafür meine Gründe. Sie haben nichts mit diesem Schiff und seiner Besatzung zu tun.«

»Alles, was sich auf der ALBANY ereignet, geht mich als Kapitän etwas an«, sagte der Mann mit dem Totengesicht scharf. »Also beantworten Sie meine Frage!«

»Ich hatte zu Hause einigen Ärger und wollte deshalb nicht, daß meine Abreise bekannt wird«, sagte Jacob ausweichend.

»Was für Ärger?«

»Darüber möchte ich nicht sprechen.«

»Was für Ärger?« wiederholte der Kapitän seine Frage.

Der Untersetzte, der nach kurzem Anklopfen wieder die Kajüte betrat, enthob Jacob der Antwort. Er legte Jacobs große Ledertasche und eine dünne Kladde vor seinem Kapitän auf den Tisch.

Haskin schob die Kladde zu Piet Hansen hinüber, der sich bis dahin völlig ruhig verhalten hatte. »Prüfen Sie nach, ob der Angeklagte Adler in der Passagierliste verzeichnet ist, Mr. Hansen.«

Während der bärtige Steuermann die Kladde aufschlug, begann Haskin mit der Durchsuchung von Jacobs Tasche und legte jegliche Papiere daraus vor sich auf die Tischplatte. Plötzlich zog er seine dünnen Brauen nach oben und hielt ein Blatt Papier hoch, das er zuvor auseinandergefaltet und studiert hatte.

»Hier habe ich einen von August Bult ausgestellten Passagiervertrag für die ALBANY.« Er machte eine

Kunstpause, um das Folgende besonders hervorzuheben. »Aber ausgestellt ist er nicht auf einen Jacob Adler, sondern auf den Namen Gottlob Karst! Wie erklären Sie sich und uns das, Angeklagter?«

»Das ist ganz einfach. Wegen meiner Schwierigkeiten zu Hause habe ich Bult einen falschen Namen genannt. Wie ich schon sagte, ich wollte nicht, daß meine Abreise bekannt wird.«

So war es tatsächlich gewesen. Jacob hatte eine fast diebische Freude dabei empfunden, als er Bult den Namen des Gendarmen aus seiner Heimatstadt nannte. Er konnte damals nicht ahnen, daß man ihm aus dieser Vorsichtsmaßnahme einen Strick drehen würde.

»Eine etwas fadenscheinige Ausrede«, befand der Kapitän und blickte nach links. »Haben Sie den Angeklagten Adler auf der Passagierliste gefunden, Mr. Hansen?«

Der Angesprochene schüttelte den Kopf. »Nein, Kapitän.«

»Und wie steht es mit dem Namen Gottlob Karst?«

»Steht auch nicht auf der Liste.«

»Dann haben Sie auch keine gültige Passage gebucht, Angeklagter Adler«, befand Haskin. »All das läßt nur den Schluß zu, daß Sie sich nicht nur als blinder Passagier an Bord gestohlen haben, sondern daß Sie auch einen Reisevertrag des Agenten Bult gefälscht haben, um sich damit die Überfahrt zu erschleichen.«

Die Worte des Kapitäns rauschten an Jacob vorbei wie ein Wasserfall. Krampfhaft überlegte er, wieso er auch unter dem Namen Karst nicht auf der Passagierliste stand.

Er dachte zurück an jene Nacht in Hamburg, als Bult ihn an die Polizei verraten hatte. Und da kannte er den Grund. Bult wollte doppelt, nein dreifach verdienen. Erst hatte er von Jacob das Geld für die Schiffspassage kassiert, ihn dann zwecks Erlangung des Kopfgeldes an die Polizei verraten und dann seine Passage einfach noch einmal an einen anderen

Auswanderer verkauft. Da Bult damit rechnete, daß die Polizei Jacob festnahm, meldete er ihn nicht als Reisenden auf dem Schiff an.

Ja, das mußte der Grund sein. Aber wie sollte Jacob das dem Kapitän klarmachen, ohne gleichzeitig zu verraten, daß er von der preußischen Polizei per Steckbrief gesucht wurde? Er befand sich in einer Zwickmühle.

Martin versuchte ihn daraus zu befreien, indem er sagte: »Aber ich kann bezeugen, daß es so ist, wie Jacob es geschildert hat. Ich war schließlich dabei, als er den Vertrag mit dem Namen Karst unterschrieb.«

»Sie lügen, um Ihren Freund zu decken!« erwiderte Haskin so erregt, daß seine letzten Worte halb in einem heftigen Hustenanfall untergingen. Als der Kapitän seine Lunge wieder unter Kontrolle hatte, sagte er: »Ich habe jetzt genug von Ihrer Lügerei, Angeklagte Adler und Bauer! Wenden wir uns der Angeklagten Sommer zu.« Sein furchteinflößender Blick traf die junge Frau. »Was sagen Sie zu Ihrer Verteidigung?«

»Es. stimmt, ich erwarte ein Kind. Aber es ist so, wie Herr Adler sagte. Die drei Seeleute griffen mich an und. wollten mir ein Leid antun. Herr Adler kam hinzu, um mir beizustehen.«

»Das haben wir bereits abgehandelt und als Lügengeflecht enttarnt, Angeklagte Sommer. Sie sollten sich nicht von den beiden anderen Angeklagten zum Lügen verleiten lassen. Sagen Sie mir lieber, ob es stimmt, daß Sie ohne den Kindsvater reisen!«

Die Frau konnte dem inquisitorischen Blick des Kapitäns nicht länger standhalten und schlug die Augen nieder, in die ihr Tränen traten. Sie wollte etwas sagen, aber ihre Worte gingen in einem heftigen Schluchzen unter, das ihren ganzen Körper schüttelte.

»Reißen Sie sich zusammen!« schnarrte Haskin. »Spielen Sie kein Theater, sondern beantworten Sie meine Frage! Befindet sich der Vater Ihres Kindes an Bord dieses Schiffes?«

Die Bilder stürzten auf Jacob ein. Kapitän Haskin, der lauernd wie eine Spinne im Netz an dem großen Tisch saß und die Frau mit seinem Verhör an den Rand des Zusammenbruchs trieb. Bob Maxwell, der sein höhnisches Grinsen und seine Befriedigung über Irene Sommers Demütigung kaum zu verbergen versuchte. Und die junge Frau selbst, ein Häufchen Elend jetzt, aber immer noch schön und mit einer Art natürlicher Würde ausgestattet, die den Angehörigen des Schiffsgerichts - Piet Hansen vielleicht ausgenommen - völlig abging. Jacob spürte förmlich, welcher Kampf im Innern der Frau tobte. Sie schien am Ende ihrer Kräfte zu sein.

»Befindet sich der Kindsvater an Bord der ALBANY?« wiederholte der Kapitän, scharf wie ein Rasiermesser, seine Frage.

»Ja«, sagte Jacob laut, um der Quälerei ein Ende zu bereiten.

Er stand jetzt wieder im Mittelpunkt des Interesses. Alle Blicke drückten Verwunderung aus, nicht nur die der Richter, sondern auch die von Irene Sommer und Martin. Die Angehörigen des Schiffsgerichtes bemerkten das Erstaunen der Frau zum Glück nicht, weil sie sich ganz auf Jacob konzentrierten.

»Sie kennen den Vater des Kindes, Angeklagter Adler?« fragte der Kapitän.

»Ja.«

»Und er ist an Bord der ALBANY?«

»Ja.«

»Wo hält er sich auf?«

»Hier«, sagte Jacob und trat einen Schritt vor. »Er steht vor Ihnen.«

Die Frau schluckte, und Martin mußte sich förmlich dazu zwingen, seinen weit offenstehenden Mund zu schließen. Beide wußten, daß Jacob gelogen hatte.

Sein Vater hatte ihn zwar zur Ehrlichkeit erzogen, aber hier galten solche Regeln nicht. Vor einem Gericht, das nur eine Farce war und dem der Hauptübeltäter angehörte, mußte jedes Mittel erlaubt sein.

Außerdem ging es nicht an, Gericht oder nicht, eine schwangere Frau so zu quälen. Das vorhin bereits empfundene Gefühl, die Frau vor allem Schlechten beschützen zu müssen, war in Jacob übermächtig geworden und hatte ihn zu dieser Aussage gedrängt.

Wieder gelang es dem Kapitän verhältnismäßig schnell, sich von seiner Überraschung zu erholen. »Warum haben Sie das nicht eher gesagt, Angeklagter?«

»Weil Sie mich nicht danach gefragt haben, Herr Kapitän. Sie haben selbst gesagt, daß wir nur antworten sollen, wenn wir gefragt werden.«

Das schmale, bleiche Gesicht des Kapitäns zeigte ausnahmsweise so etwas wie eine menschliche Regung. Wenn Jacob diese Regung richtig deutete, spiegelte sie Haskins Mißfallen über seine Äußerung wider.

»Warum reisen Sie nicht zusammen mit Ihrer Frau?« fuhr der Kapitän fort. »Sind Sie überhaupt verheiratet?«

»Noch nicht«, antwortete Jacob. Ihm fiel ein, daß er die junge Frau in die Gefahr gebracht hatte, ebenfalls beschuldigt zu werden, einem blinden Passagier beigestanden zu haben. »Irene wußte bis gestern nacht nicht, daß ich an Bord bin.«

Haskin wurde sichtlich von Minute zu Minute ungehaltener. »Wozu sollte dieses ganze Versteckspiel gut sein, Mann?«

Jacob beschloß, daß er jetzt, wo er einmal damit angefangen hatte, ruhig weiterlügen konnte. »Irenes Vater wollte nicht, daß wir heiraten. Wir haben uns gestritten und schließlich geprügelt.« Er hob seine großen Hände und ballte sie zu Fäusten. »Ich schätze, er hat ordentlich was dabei abbekommen. Jedenfalls hat er mich wegen Körperverletzung bei der Polizei angezeigt. Irene und ich wollten uns in Hamburg treffen, dort heiraten und uns nach Amerika einschiffen. Aber ihr Vater reiste uns nach, spürte mich auf und verriet mich an die Polizei. Deshalb habe ich Bult einen falschen Namen genannt und mich als blinder Passagier an Bord schleichen müssen.«

Ein Grinsen zog über Maxwells Gesicht und ließ seine Messernarbe auf der linken Wange ein Stück wandern. »Wenn Sie bei Bult gebucht haben, weshalb haben Sie sich dann nicht ordentlich unter Ihrem falschen Namen eingeschifft? Und weshalb stehen Sie dann nicht unter Ihrem falschen Namen auf der Passagierliste?«

Haskin nickte zustimmend und sagte: »Beantworten Sie die Frage, Angeklagter!«

»Bult hat mich verraten. Dieser Winkelagent kam nachts in Begleitung von Polizisten in mein Quartier, um mich festzunehmen. Ich konnte in letzter Sekunde entwischen. Ich nehme an, in Erwartung meiner Verhaftung hat der Kerl meine Passage anderweitig verkauft.«

Zum erstenmal sah Jacob so etwas wie ein Grinsen auf Haskins Totengesicht. »So was sähe Bult ähnlich. Der Mann ist mit allen Wassern gewaschen.«

Jacob war zufrieden, daß sich seine gerade erfundene Geschichte für den Kapitän so plausibel anhörte. Andererseits lag sie gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt. Nur die Vorgeschichte stimmte nicht. Aber Jacob hatte dem Kapitän und Maxwell nicht auf die Nase binden wollen, daß er wegen versuchten Mordes gesucht wurde. Das hätte sie nur eine hohe Belohnung, die ja tatsächlich auf ihn ausgesetzt war, wittern lassen.

Haskin rieb sein spitzes Kinn und sah dann wieder die junge Frau an, die sich einigermaßen beruhigt und Jacobs Worten mit ebensolchem Erstaunen gelauscht hatte wie alle übrigen Anwesenden. Jacob schickte ein stilles Stoßgebet gen Himmel, daß sie sich ihre Überraschung nicht anmerken ließ. Dann wäre alles vergeblich gewesen.

»Stimmt es, daß der Angeklagte Adler der Vater Ihres Kindes ist?« wollte Haskin wissen.

Irene Sommer schaute auf, sah in die Gesichter der drei Richter und dann in das von Jacob. Als sei sie sich nicht sicher, ob sie dessen Spiel mitmachen sollte.

»Angeklagte«, sagte Haskin forsch und zeigte auf Jacob, »ist dieser Mann der Vater Ihres Kindes?«

»Ja«, sagte Irene leise. »Er ist es.«

*

Kapitän Haskin hatte die drei Angeklagten unter der Aufsicht der bewaffneten Seeleute vor die Kajüte geschickt, um sich mit Bob Maxwell und Piet Hansen über das Urteil zu beraten. Auch die beiden als Zeugen geladenen Matrosen, die Jacob lieber - wie auch ihren Anführer Maxwell - auf der Seite der Angeklagten gesehen hätte, waren hinausgeschickt worden und hatten sich davongemacht. Wahrscheinlich hatte Haskin ihnen befohlen, ihren Dienst wiederaufzunehmen, da sie nicht mehr gebraucht wurden.

Martin zog Jacob ein Stück beiseite und raunte: »Hör mal, Freund, in was reitest du dich da rein? Du willst mir doch nicht weismachen, daß du tatsächlich der Vater bist?«

»Laß uns später darüber sprechen«, flüsterte Jacob und blickte in die Richtung der vier Bewaffneten. »Wenn keine überflüssigen Ohren dabeisind.«

»Diese Ohren verstehen wohl kaum unsere Sprache. Außerdem traue ich diesem sogenannten Gericht nicht. Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob es für uns ein Später gibt.«

»Warten wir es ab«, meinte Jacob achselzuckend, als die Kajütentür auch schon wieder geöffnet wurde.

Piet Hansen befahl den Angeklagten, einzutreten, und nahm selbst wieder neben dem Kapitän am Tisch Platz. Bewacht von zwei Matrosen, traten Jacob, Martin und Irene Sommer wieder in die komfortable Kajüte.

Haskin stand auf und legte die rechte Hand auf das Seerecht. »Das Schiffsgericht der ALBANY hat sein Urteil gefällt. Der Angeklagte Jacob Adler hat sich schuldig gemacht des Erschleichens einer Schiffspassage, da er nicht im Besitz eines gültigen Reisevertrags ist und er sich ohne Wissen der Schiffsbesatzung an Bord begeben hat. Außerdem hat er sich der Meuterei schuldig gemacht, als er den Ersten Steuermann und seine Begleitung tätlich angriff. Der Angeklagte wird darum in Ketten gelegt, bis die ALBANY den nächstgelegenen Hafen angelaufen hat. Dort wird er den Behörden übergeben. Da er der Vater des Kindes ist, das im Leib der Angeklagten Irene Sommer heranwächst, und da nach preußischem Gesetz alleinstehenden Müttern das Auswandern verboten ist, muß die Angeklagte mit ihm zusammen das Schiff verlassen. Auch sie wird den Behörden zur weiteren Entscheidung über ihr Schicksal übergeben. Die Vergehen des Angeklagten Martin Bauer wiegen weniger schwer, besonders, da er sich nicht tätlich gegen die Schiffsbesatzung gewandt hat. Er wird deshalb zur Zahlung einer Geldstrafe in Höhe von zehn US-Dollar verurteilt. Nehmen Sie das Urteil an, Angeklagter Bauer?«

»Ja«, sagte Martin fast tonlos.

Er konnte sich über sein glimpfliches Davonkommen nicht so recht freuen. Er sah seinen Freund an, und Jacobs Schicksal erschien ihm im Moment wichtiger als sein eigenes. Der Zimmermann war ihm in Hamburg zu Hilfe gekommen, als Martin sich gegen eine gefährliche Bande von Straßendieben verteidigte. Vielleicht hatte Jacob ihm damit sogar das Leben gerettet. Und jetzt sollte er nichts für ihn tun können?

Martin fühlte sich hundeelend, als er mit ansehen mußte, wie zwei der Bewaffneten Jacob abführten.

*

Wieder wurde Jacob erst über Deck und dann durchs Zwischendeck in den Frachtraum geführt. Er rechnete damit, erneut mit Stricken gefesselt und an seinen alten Platz gebracht zu werden. Aber er sah sich getäuscht, als an der Treppe hinunter zum Frachtraum Bob Maxwell, eine Laterne in der Hand, zu der kleinen Gruppe stieß. Ein hämisches Grinsen lag auf seinem Narbengesicht.

»Jetzt haben wir dich, du Krautfresser«, sagte er und entblößte dabei ein schlechtes Gebiß, dem einige Zähne fehlten; die anderen war tiefgelb bis schwarz. »Deine ganze Lügerei hat dir nicht geholfen. Du wirst die amerikanische Küste niemals sehen, so wahr ich Bob Maxwell heiße!«

»Mit dem Lügen kennen Sie sich gewiß aus«, entgegnete Jacob. »Sie haben dem Kapitän ein hübsches Märchen aufgetischt, was den nächtlichen Überfall auf Fräulein Sommer betrifft.«

»Halt die Schnauze!« stieß der Erste Steuermann hervor und schlug Jacob mit der flachen Linken so heftig ins Gesicht, daß dieser nach hinten taumelte und mit dem Rücken gegen den Treppenaufgang prallte. Jacob hatte plötzlich einen ungewohnten süßlichen Geschmack im Mund, den Geschmack von Blut.

Die Wut auf Maxwell packte ihn. Er stieß sich vom Treppenaufgang ab, sprang den Steuermann mit einem riesigen Satz an und riß ihn zu Boden. Die Laterne entglitt Maxwells Hand und kullerte über die feuchten Planken.

Der Angegriffene erholte sich schnell von der Überraschung und zauberte irgendwie ein Klappmesser in seine Hand, die eben noch die Laterne gehalten hat. Mit einer geschickten Drehung der Hand ließ er die Klinge ausschnappen. Schon fuhr der tödliche Stahl auf Jacobs Gesicht zu.

Der junge Deutsche packte Maxwells rechten Arm mit beiden Händen und schlug ihn so stark auf die Planken, daß der Seemann einen Schmerzensschrei ausstieß und das Messer losließ. Jacob riß die Rechte hoch und ballte sie zur Faust, um seinem Gegner einen Hieb unters Kinn zu versetzen, als ihn ein harter Schlag am Hinterkopf traf.

Eine unbeschreibliche Übelkeit überflutete den Zimmermann. Maxwells Gesicht vor ihm verschwamm, und er schien in ein bodenloses Loch zu stürzen.

Es konnten nur Sekunden vergangen sein, bis er wieder zu sich kam. Er lag auf den Planken und blickte in die Gesichter der drei Seeleute.

Die beiden Matrosen schienen entschlossen, keine weitere Aufmüpfigkeit ihres Gefangenen zu dulden.

Die Mündungen ihrer Karabiner zeigten auf Jacobs Brust. Einer der Männer mußte ihm zuvor die Waffe über den Schädel gezogen haben.

Ganz nah über ihm kauerte Maxwell, das Messer wieder in der Rechten, das Gesicht wutverzerrt. Jacob konnte jetzt erkennen, daß die große Narbe auf seiner linken Wange tief ins Fleisch schnitt, als habe jemand versucht, Maxwells Gesicht von dieser Seite aus in zwei Hälften zu spalten. Das Meer der Pockennarben verunstaltete den Steuermann zusätzlich. Vielleicht war sein häßliches Äußeres einer der Gründe für seinen schlechten Charakter.

Maxwell drückte die Messerspitze so fest gegen Jacobs Hals, daß dicke Bluttropfen hervorquollen. »Jetzt schneide ich dir den Kopf ab, Krautfresser!«

Jacob sah keine Möglichkeit, seinem Schicksal zu entgehen. Wenn er sich gegen den Steuermann zu wehren versuchte, würden die Bewaffneten abdrücken. Ihm schien nur die Wahl zu bleiben, ob er durch das Messer oder durch zwei Bleikugeln starb.

Das Messer schnitt tiefer in Jacobs Fleisch. Aus der kleinen blutenden Stelle wurde ein langer Riß, als einer der Matrosen erregt etwas auf englisch sagte. Maxwell antwortete ebenso erregt, und zwischen den beiden entspann sich ein heftiger

Disput.

Schließlich zog Maxwell widerwillig das Messer zurück, wischte die blutende Klinge an Jacobs Hosenbein ab und ließ sie wieder einschnappen. »Du hast Glück, Krautfresser, daß dich sowieso ein schlimmes Schicksal erwartet. Sonst wärst du deinen Kopf jetzt los gewesen.«

Maxwell stand auf und warf dem Seemann, mit dem er gesprochen hatte, einen bösen Blick zu. Wahrscheinlich hatte der seinen Vorgesetzten darauf hingewiesen, daß er einen Mord an einem wehrlosen Gefangenen nicht dulden könne.

Jacob verdankte dem Mann sein Leben und war ihm überaus dankbar. Er zweifelte nicht daran, daß Maxwell seine Drohung in die Tat umgesetzt hätte. In seinen dunklen Augen hatte Jacob unverkennbare Blutgier gelesen.

Mit einem pochenden Schmerz im Hinterkopf stand der junge Deutsche auf, als sein Retter mit dem Karabiner eine entsprechende Geste machte.

Der Marsch ging tiefer in den Frachtraum hinein und endete vor einer Art Verschlag mit dicken Holzwänden. Die Tür war mit einer dicken Kette und einem großen Schloß gesichert. Maxwell zog einen Schlüssel hervor und sperrte die Tür auf.

Als der Schein seiner Laterne in den etwa zehn Quadratfuß großen Verschlag fiel, sah Jacob, daß es Kapitän Haskin wörtlich gemeint hatte, als er davon sprach, den Gefangenen in Ketten legen zu lassen. An kleinen Eisenringen waren mehrere dicke Ketten in die Wände eingelassen, die wiederum in großen Eisenringen ausliefen. Hier konnte ein halbes Dutzend Gefangene angekettet werden.

Beim genaueren Hinsehen entdeckte Jacob viele dunkle Flecken auf dem Boden und an den Wänden, die aussahen wie verkrustetes Blut. Welche Tragödien mochten sich hier unten abgespielt haben?

Das ungute Gefühl in Jacob verstärkte sich noch. Er fragte sich, ob ein solches Gefängnis auf einem Schiff üblich war, das

Frachtgut und Auswanderer transportierte. Die ominösen Worte, die Piet Hansen in Hamburg über die ALBANY verloren hatte, kamen ihm wieder in den Sinn. Es war ihm, als liege ein düsteres Geheimnis über dem Segler. Oder ein Fluch.

Jacob mußte sich an eine Wand setzen, und einer der großen Ringe wurde von Maxwell um seinen rechten Fuß geschlossen. Als das Eisen zuschnappte, fühlte Jacob sich ganz und gar verloren. Der Steuermann vergewisserte sich sorgfältig, daß der Ring auch richtig saß.

»Jetzt kannst du hier vermodern, Krautfresser! Es kann noch Tage dauern, bei schlechtem Wetter noch länger, bis die ALBANY einen Hafen anläuft. Vielleicht vergessen wir dich auch ganz.« Maxwells Blick wanderte zu einer der getrockneten Blutlachen. »Du wärst nicht der erste.«

Er stand auf und versetzte dem Gefangenen einen schmerzhaften Tritt in die Seite, bevor er den Verschlag verließ und die Tür zusperrte.

Es rasselte, als die Kette vorgelegt und der Schlüssel herumgedreht wurde. Schritte entfernten sich rasch. Einmal noch hörte Jacob Maxwells boshaftes Lachen. Dann waren wieder Dunkelheit und Stille um ihn herum, wie schon ein paar Stunden zuvor.

Aber diesmal fühlte sich Jacob ungleich mutloser.

*

Martin Bauer begleitete Irene Sommer nach der Verhandlung zurück ins Zwischendeck. Bei den Verhältnissen an Bord wunderte er sich fast darüber, daß der Kapitän nicht auch noch die schwangere Frau in Eisen legen ließ. Die beiden jungen Deutschen waren gleichermaßen niedergeschlagen und sprachen kaum miteinander. Irene dachte wohl an das nahe Ende ihrer Schiffsreise, und Martins Gedanken beschäftigten sich mit dem Schicksal seines Freundes.

Irenes Schlafstelle lag im hinteren Teil des Zwischendecks, wo die wenigen alleinstehenden Frauen untergebracht waren. Neugierig blickten die anderen Auswanderinnen sie an. Inzwischen hatte wohl die Runde gemacht, in welchem Zustand sie sich befand.

Als Martin sich verabschiedete, sagte die junge Frau traurig: »Es tut mir so leid, daß Ihr Freund meinetwegen in Schwierigkeiten gekommen ist.«

Ihr Begleiter schüttelte den Kopf. »Sie müssen sich keine Vorwürfe machen. Die Schwierigkeiten hätte er sowieso bekommen, auf diesem Schiff bestimmt. Er hätte sich nicht während der ganzen Überfahrt versteckt halten können.«

»Aber wenn wir weit draußen auf dem Atlantik gewesen wären, hätte der Kapitän ihn nicht in einem Hafen absetzen können.«

»Wer weiß, was Haskin und Maxwell dann mit ihm angestellt hätten. Vielleicht hätten sie ihn in einem Ruderboot auf dem Meer zurückgelassen.«

Irene sah ihn mit einer Mischung aus Furcht und Zweifel an. »Glauben Sie das wirklich?«

»Ich habe das Gefühl, auf der ALBANY fährt der Teufel mit. Und dem Teufel ist alles zuzutrauen.« Martin wandte sich zum Gehen, sagte dann aber noch: »Wenn Sie Hilfe brauchen, wenden Sie sich an mich. Meine Schlafstelle ist ganz vorn, vor dem Buggepäckraum.«

»Bei den Junggesellen.«

»Ja, genau.«

Lustlos zwängte sich Martin durchs enge Zwischendeck zu seiner Schlafstelle. Von der Geräumigkeit der Kapitänskajüte war hier unten keine Spur, von ihrem Prunk ganz zu schweigen. Jeder Zoll Raum war ausgenutzt, und zwischen den Schlafstellen führte nur ein schmaler Gang hindurch, der gerade mal Platz für eine Person bot.

Das Schiff erwachte zum allmorgendlichen Leben. Martin mußte oft stehenbleiben und warten, als er durch den großen Mittelteil des Zwischendecks ging, wo die Familien schliefen. Mütter standen im Gang und waren damit beschäftigt, ihren Kindern die Läuse, die es hier in Hülle und Fülle gab, aus den Haaren zu kämmen. Daneben standen oder knieten die Väter und durchsuchten die Schlafstellen nach den nicht minder zahlreich vertretenen Wanzen, die sich in der Nacht vom Blut der Auswanderer genährt hatten.

Martin überlegte es sich anders und verließ das Zwischendeck, als er den Aufgang erreichte. Unten war es so voll und stickig, daß er es als wenig angenehm empfand, länger als unbedingt nötig hier zu verweilen. Die Masse der Menschen ließ ihm als sicher erscheinen, daß sich Kapitän Haskin um des Profits willen nicht an die vorgeschriebenen Raummaße, die jedem Auswanderer wenigstens ein Minimum an Bewegungsfreiheit garantieren sollten, gehalten hatte.

Die Ausdünstungen der Menschen, von denen viele die Reinlichkeit nicht gepachtet hatten, verdichteten sich zu einer Luft, die kaum noch diesen Namen verdiente und fast mit dem Messer geschnitten werden konnte. Für das gesamte Zwischendeck, das sich fast über die ganze Schiffslänge erstreckte, gab es ein einziges Luftzugrohr. Zusätzliche Luft kam durch die Luke des Aufgangs herein, die meistens offenstand. Aber es reichte auch zusammen nicht aus, um für eine einigermaßen erträgliche Luft zu sorgen.

Erst hatte Martin sein Eßgeschirr von der Bettstelle holen wollen, um sich in die lange Schlange der Auswanderer einzureihen, die oben auf Deck nach Frühstück und Kaffee anstanden. Aber dann verzichtete er angesichts seines mangelnden Appetits darauf.

Früher hatte er nie darüber klagen können, keinen Appetit zu haben. Ganz im Gegenteil, sein Vater hatte manchmal im Scherz gesagt, Martin würde ihm noch einmal das Dach über dem Kopf wegfuttern.

Aber auf dem Schiff war alles anders geworden. Der Kaffee war dünn, als bestehe er zu neunundneunzig Prozent aus Wasser, was sicher nicht ganz falsch gedacht war. Der Zwieback war so hart, daß er mit dem Hammer oder dem Stiefelabsatz zerteilt werden mußte. Schinken und Fleisch aß man am besten mit geschlossenen Augen, oder man unterzog sich der mühevollen Arbeit, Dutzende von Würmern herauszupulen.

Martin hatte gehört, daß es auf Auswandererschiffen, die Amerika von anderen Ländern aus ansteuerten, üblich war, daß sich die Reisenden selbst verpflegten. Er beneidete sie darum, vor solch schlechter Verpflegung, wie sie an Bord der ALBANY ausgeteilt wurde, bewahrt zu sein. Kapitän Haskin schien nicht nur durch eine Überladung an Passagieren Geld scheffeln zu wollen, sondern auch durch das Sparen an ordentlichen Mahlzeiten.

Martin aß nicht mehr aus Herzenslust, sondern nur noch aus Pflichtgefühl seinem Körper gegenüber. Dieses Pflichtgefühl stellte er heute morgen hintenan. Nicht nur seine schlechte Gefühlslage war dafür verantwortlich, sondern auch das beständig stärker werdende Schlingern der Bark. Bis jetzt war er von der Seekrankheit verschont worden, und er wollte sein Schicksal nicht herausfordern.

Er war gerade auf Deck getreten, als er auf Bob Maxwell und die beiden Bewaffneten stieß, die Jacob abgeführt hatten.

»Ich suche Sie schon überall, Bauer«, sagte der Erste Steuermann. »Sie wollten sich doch nicht etwa Ihrer Zahlungsverpflichtung entziehen?«

»Na, klar doch! Ich hatte mir gerade überlegt, ob ich nicht über Bord springen und nach New York schwimmen soll, damit ich die zehn Dollar spare.«

Maxwells schon vorher griesgrämiges Gesicht verdunkelte sich noch mehr. »Treiben Sie mit mir keine dummen Scherze, Mann! Her mit dem Geld!«

Martin zog seine lederne Börse aus der Innentasche seiner Jacke und holte zehn Dollarmünzen heraus, was seine Barschaft erheblich zusammenschmelzen ließ. Maxwell wollte ihm das Geld aus der Hand nehmen, aber der Deutsche zog schnell seine Rechte zurück und ballte sie um die Münzen zur Faust.

»Was soll das bedeuten?« fragte der narbengesichtige Steuermann scharf, und die Karabiner seiner Begleiter ruckten hoch, zielten jetzt auf Martin. »Sie wollen also doch nicht bezahlen!«

»Doch, ich werde meine Strafe bezahlen, aber nur gegen Quittung.«

»Gegen Quittung?«

»Ganz recht. Das ist ein Papier, auf dem Sie mir den Empfang des Geldes bestätigen.«

»Ich weiß, was eine Quittung ist!«

»Na, bestens. Dann stellen Sie mir eine aus, und Sie bekommen das Geld.«

»Das Ausstellen von Quittungen ist an Bord der ALBANY nicht üblich.«

»Das interessiert mich nicht. Wenn ich Ihnen Geld aushändige, habe ich ein Anrecht auf eine Quittung. Ich habe keine Lust, meine Strafe zweimal zu bezahlen.«

Maxwells Augen verengten sich zu Schlitzen. »Soll das heißen, daß Sie mir mißtrauen?«

»Ich traue Ihnen nicht weiter, als man bei diesem Wetter gegen den Wind spucken kann.«

»Das ist eine Beleidigung!« fuhr der Steuermann den Deutschen an. »Ich werde Sie wegen Meuterei in Eisen legen lassen!«

»Aber erst nach einer ordentlichen Verhandlung des Schiffsgerichtes, nehme ich an«, erwiderte Martin mit bitterem Hohn. Der in ihm aufgestaute Ärger verschaffte sich jetzt Luft. »Außerdem war das keine Beleidigung, sondern nur die

Wahrheit. Es ist ganz allein meine Angelegenheit, zu wem ich Vertrauen habe und zu wem nicht.«

»Schluß mit dem Gerede!« zischte Maxwell. »Geben Sie mir endlich das Geld!«

»Gern«, sagte Martin und schenkte seinem Gegenüber ein falsches Lächeln. »Sobald Sie mir eine Quittung ausstellen.«

Für ein paar Sekunden stand der Steuermann unentschlossen da. Wieder zog das Zucken, das seine Messernarbe tanzen ließ, über sein Gesicht. Wahrscheinlich überlegte er, ob er seine Drohung, den Deutschen in Eisen legen zu lassen, wahr machen sollte.

Als sein Blick auf die Menge der Auswanderer fiel, die sich neugierig um die Gruppe versammelt hatte, entschied er sich anders, friemelte Block und Bleistift aus seinen Taschen und stellte die Quittung aus, die Martin verlangt hatte. Im Gegenzug erhielt er die zehn Dollar.

»Was ist mit Jacob?« fragte Martin, als die drei Seeleute sich davonmachen wollten.

»Was soll mit ihm sein?« erwiderte Maxwell. »Er liegt unten im Frachtraum in Ketten, wie es das Schiffsgericht beschlossen hat.«

»Darf ich ihn besuchen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil es gegen die Regeln an Bord verstößt.«

Der Steuermann drehte sich um und ging in Begleitung der beiden Bewaffneten davon.

»Ich hoffe, Jacob wird gut behandelt und ausreichend mit Essen und Wasser versorgt!« rief Martin den Männern hinterher. »Ich werde mich danach erkundigen!«

Maxwells einzige Reaktion bestand in einem unwilligen Grunzen.

Martin schaute hinauf in den grauen Himmel, der sich immer mehr zuzog, und er dachte an seinen eingesperrten Freund. Er hätte ihm seine Lage gern erleichtert, aber sosehr er auch grübelte, er fand keine Möglichkeit. Nur in Gedanken konnte er Jacob beistehen.

*

Die ALBANY ächzte und stöhnte im Gebälk, als sie von der aufgewühlten See hin und her geworfen wurde. Die Zeit des ruhigen Seegangs schien vorbei zu sein.

Aber machte das für Jacob einen Unterschied? Seine Tage an Bord waren gezählt. Ob das Schiff demnächst einen britischen, einen niederländischen oder einen französischen Hafen anlief, blieb sich gleich. Wahrscheinlich würde Jacob bald schon im Gewahrsam der preußischen Polizei sein und der Gerichtsverhandlung wegen versuchten Mordes an Bertram Arning entgegensehen.

Diese Tatsache empfand der tief im Bauch des Seglers Gefangene als weniger schlimm als den Umstand, daß ihm dadurch das Wiedersehen mit seiner Familie verwehrt wurde. Und auch der Triumph, den Arning bei Jacobs Verurteilung empfinden würde, nagte an Jacobs Seele.

Am meisten beschäftigte ihn aber die junge Frau, Irene Sommer, deretwegen er sein Versteck aufgegeben hatte. Sie ging ihm einfach nicht aus dem Kopf, war seltsamerweise stärker in seinen Gedanken vertreten als Louisa, die er vor kurzem noch hatte heiraten wollen - als er noch nicht wußte, daß sie längst die Frau von Bertram Arning war.

Jacob empfand keine Wut auf Irene. Sie war nicht schuld an seiner Lage.

Vielmehr sorgte er sich um sie und das ungeborene Kind. Er fragte sich, wer wirklich der Vater sein mochte und warum die junge Frau ganz allein die Reise über den weiten Ozean angetreten hatte. Suchte sie jemanden oder etwas drüben in der Neuen Welt? Oder war sie auf der Flucht vor etwas in ihrer

Heimat? Vielleicht vermischten sich beide Motive, wie es bei Jacob der Fall war.

Der Gedanke an Irene, an ihr schönes Gesicht mit den goldblonden Locken, das er im Geiste vor sich sah, half ihm, die langen Stunden in seinem schwimmenden Kerker zu überstehen. Hin und wieder drängten Wellen von Schmerz und Übelkeit heran, ausgesandt von seinem linken Arm und seinem Hinterkopf, aber Irenes Bild verbannte sie ins zweite Glied.

Merkwürdig, daß ihn eine Frau so stark beschäftigte, die er kaum kannte. Er machte sich mehr Sorgen um sie als um sich selbst. Was mochte sie daheim in Deutschland erwarten?

*

Dieser Tag auf See, der sechste der bisherigen Reise, war unruhig in jeder Beziehung.

Unruhig war Martin Bauer, der breitbeinig über das Deck stakste und sich den Kopf darüber zerbrach, wie er seinem Freund helfen konnte.

Unruhig war der Himmel, der sich zusehends mit dicken Wolken zuzog und durch den ein immer heftigerer Wind brauste, der von achtern in die Segel der ALBANY fuhr.

Unruhig war das Meer, aufgepeitscht vom aufkommenden Sturm. Große Brecher schlugen gegen das hölzerne Menschenwerk, das sich die ehrgeizige Aufgabe gestellt hatte, den gewaltigen Ozean zu überqueren.

Unruhig war deshalb das Schiff selbst, das von einer Seite auf die andere geworfen wurde und dessen Planken und Balken unter der Anstrengung keuchten wie ein alter Mann beim Erklimmen eines steilen Berges.

Unruhig war die Mannschaft der Bark, die von Bob Maxwell in die Wanten gescheucht wurde, um einen Teil der Segel einzuholen. Die verbleibende Takelage reichte bei dem heftigen Wind aus, um der ALBANY eine kaum verringerte

Reisegeschwindigkeit zu garantieren.

Und unruhig waren die Auswanderer, aus mehreren Gründen.

Die Gerichtsverhandlung und ihr Ergebnis hatten sich herumgesprochen und sorgten, als willkommene Abwechslung auf der eintönigen Reise, für Gesprächsstoff. Überall an und unter Deck bildeten sich kleine Gruppen und diskutierten die Angelegenheit, wobei mangels ausreichend bekannter Tatsachen der Phantasie beim Ausspinnen der Geschichte freien Raum gelassen wurde. So kam Martin ein Gerücht zu Ohren, wonach Jacob Adler und Irene Sommer in Wahrheit ein entmachtetes Königspaar aus einem osteuropäischen Staat seien, das sich auf der Flucht vor den neuen Machthabern inkognito an Bord der ALBANY geschlichen habe.

Das Schlingern des Schiffes sorgte für zusätzliche Unruhe unter den Auswanderern. Die meisten derjenigen, die bislang von der Seekrankheit verschont geblieben waren, verspürten plötzlich den Würgegriff des heimtückischen Übels. Viele stürzten Hals über Kopf an Deck, drängten an die schon gut besuchte Reling und streckten den Kopf hinüber, um die Übelkeit aus ihren Gedärmen zu speien. Andere schafften es nicht so weit und übergaben sich, wo sie gerade standen, gingen oder liefen. Wieder andere hielt die Krankheit so stark in ihren Klauen, daß sie ermattet auf ihren Strohsäcken lagen und sich sowie ihre Schlafstellen hemmungslos besudelten.

Alle wünschten sich, daß sie lieber auf das sowieso nicht besonders schmackhafte Frühstück verzichtet hätten. Martin, der dies getan hatte, beglückwünschte sich zu seiner Entscheidung; bis jetzt war die einzige Unannehmlichkeit durch die Seekrankheit für ihn ihre mittelbare Auswirkung: Wo er auch hinging, er mußte höllisch aufpassen, nicht in das zu treten, was seine Reisegefährten nicht bei sich behalten hatten.

Aber dann fiel er in die Hände von Bob Maxwell. Der Erste Steuermann rekrutierte aus den dünnen Reihen der nicht von

Übelkeit befallenen Auswanderer Trupps, die Deck und Zwischendeck zu reinigen hatten. Dabei wurde äußerst rigoros vorgegangen. Wer im Zwischendeck seine Schlafstelle infolge der Seekrankheit nicht räumen konnte oder wollte, wurde einfach mitsamt dem Gestell gesäubert, wenn die Reinigungstrupps Eimer mit Seewasser über alles gossen.

Ausnahmsweise stimmte Martin dem Ersten Steuermann zu. Besonders das Zwischendeck hatte eine Reinigung dringend nötig, wollten die Auswanderer nicht in ihren eigenen Ausscheidungen ersticken. Jetzt war es vielleicht unbequem, trotz der Übelkeit seine Schlafstelle zu räumen. Aber in der Nacht wollte sicher niemand gern in seinem eigenen Erbrochenen oder gar in dem seiner Schlafgenossen nächtigen. Fast niemand, korrigierte sich Martin. Ein paar der Reisenden waren in bezug auf ihre Körperpflege so hartgesotten, als wären sie daheim im Schweinestall aufgewachsen. Und so rochen - besser: stanken - sie auch.

Die Reinigungstrupps waren mit ihrer Arbeit gerade fertig, als der Smutje das Mittagessen ausrief. Verständlicherweise herrschte - im Gegensatz zu den vorangegangenen Tagen -heute kaum Andrang vor dem Küchenaufbau, der auf Deck errichtet worden war, damit die Auswandererschar beim Essenfassen genügend Raum hatte.

Doch Martin verspürte plötzlich nicht nur Hunger, sondern auch Appetit. Vielleicht war es die rauhe Seeluft in Verbindung mit der körperlichen Arbeit, die ihn dazu trieb, sein Eßgeschirr zu holen und sich an der kleinen Schlange vor der Küche anzustellen.

Heute überwogen hier die Besatzungsmitglieder, die den Seegang gewohnt waren und ihn nicht einmal als besonders stark empfanden. Ihre Verpflegung unterschied sich nicht von derjenigen der Auswanderer.

Lediglich die gutbetuchten Kajütpassagiere kamen, wie auch die Offiziere des Schiffes, in den Genuß besseren Essens. Und wie die Offiziere mußten sie sich nicht in der Küche anstellen, sondern wurden vom Schiffssteward - eine Funktion, die an Bord der ALBANY der Smutje zu erfüllen hatte - bedient.

Beim Anblick der vielen Mitreisenden, die sich über die Reling beugten und ihren wenigen hungrigen Gefährten neidische bis schadenfrohe Blicke zuwarfen, beschlichen Martin Zweifel, ob er tatsächlieh etwas essen sollte. Aber als Sohn eines Heidebauern hatte er immer genug zu essen gehabt und war einfach daran gewöhnt, wenigstens einmal am Tag eine richtige Mahlzeit zu sich zu nehmen.

Deshalb hielt er seinen tiefen Blechteller in die Durchreiche, als er an der Reihe war, und sah zu, wie ihn der dicke Dietrich Melzer, der aus Pommern stammende Schiffskoch, mit einem hellbraunen Mischmasch füllte.

»Was ist das?« erkundigte sich Martin vorsichtig.

»Ochsenfleisch mit Kartoffeln.«

»Zusammengemischt?«

»Genau.«

»Aber das gab es doch gestern erst.«

»Nein, das war Ochsenfleisch mit Reis.«

»Und vorgestern?«

»Ochsenfleisch mit Graupen.«

»Aber davor, da gab es auch Kartoffeln.«

Der Schiffskoch nickte. »Aber mit Schweinefleisch. Sonst noch Fragen?«

»Ja, eine. Wo ist der Nachtisch?«

»Heute gibt's Pflaumen zum Nachtisch.«

»Und wo sind die?«

Melzer zeigte auf den Inhalt von Martins Teller. »Da drin.«

»Zwischen dem Fleisch und den Kartoffeln?«

Der Koch grinste. »Kluger Bursche. Spart Arbeit beim Kochen. Und jetzt schieb ab! Die anderen wollen auch was essen.«

»Manche werden halt nie klug«, murmelte Martin und zog sich mit seinem Essen hinter den Großmast zurück, wo er sich auf den Boden setzte und sich mit dem Rücken gegen die Gangspill lehnte.

Zögernd probierte er das zerkochte Mittagsmahl, das zumindest heiß war. Bei dem stürmischen Wetter, das immer wieder die Gischt über die Reling schlug, ein nicht zu unterschätzender Umstand. Wider Erwarten schmeckte das braune Gemisch recht gut. Süßsauer zwar, was der an deftige Bauernkost gewöhnte Mann nicht kannte, aber es behagte seinen Geschmacksnerven. So sehr, daß er sich einen Nachschlag holte.

An anderen Tagen war der Koch mit dem Essen eher knauserig, damit er die vielhundertköpfige Schar auch satt bekam. Aber heute verlangten so wenig Leute nach Essen, daß er reichlich zu verteilen hatte.

Als Martin sich vollkommen satt gegen ein Ruderboot lehnte und hinaus aufs immer wilder tobende Meer sah, fühlte er sich rundum zufrieden. Aber dann beschlich ihn sein schlechtes

Gewissen, als er an Jacob dachte.

*

Der mangelnde Schlaf der letzten Nacht und das unentwegte Schaukeln des Schiffes wiegten Jacob irgendwann in einen Schlummer, in dem er von besseren Zeiten träumte. Von seiner Jugend, als sein Elternhaus an der Elbe noch stand und die ganze Familie Adler dort in bescheidenen, aber zufriedenen Verhältnissen lebte. Auch seine Mutter, die über den Verlust des Hauses gestorben war und jetzt in der kalten Friedhofserde ruhte.

Etwas störte seinen schönen Traum und riß ihn zurück in die häßliche Wirklichkeit. Er lag wieder in Eisen gefesselt in der Dunkelheit, nur von den leisen Geräuschen des Schiffes und des Meeres umgeben.

Nein, da war noch etwas in seinem kleinen Gefängnis. Etwas, das leise, unregelmäßige Geräusche verursachte, als es an einer Wand entlanghuschte. Als er das leise Quieken hörte, wußte er, was es war.

Die Ratten waren wieder da!

Kamen sie nur aus Neugier aus unsichtbaren Löchern in seinen Kerker gekrochen? Oder wollten sie Rache nehmen für den verlorenen Kampf ein paar Stunden zuvor?

Jacob zwang sich zu klarem Denken. Er durfte die Tiere nicht als Teufel betrachten, ihnen keine dämonischen Kräfte zuschreiben. Sonst lief er Gefahr, den Verstand zu verlieren hier in der Abgeschiedenheit seines Gefängnisses, wo er von niemandem Hilfe zu erwarten hatte.

Er schätzte die Zahl der Tiere auf drei oder vier. Erst ließen sie ihn in Ruhe, aber allmählich wurden sie mutiger, wagten sich weiter an ihn heran, streiften an seinen Füßen und Beinen entlang.

Schnell sprang er auf und trat abermals wild um sich, in der Hoffnung, ein paar der Tiere so derb zu erwischen, daß ihnen Neugier und Angriffslust verging. Lautes Gequieke kündete vom Erfolg seiner Bemühungen. Tatsächlich zogen sich die aufdringlichen Nager zurück.

Als Jacob sicher war, daß sie sein Gefängnis verlassen hatten, ließ er sich wieder auf dem Boden nieder. Er war den Angreifern überlegen gewesen.

Aber was war, wenn sie mit einer Übermacht zurückkehrten?

*

Als die Schiffswache wechselte und Piet Hansen für die nächsten acht Glasen, was dem Zeitraum von vier Stunden entsprach, das Steuer übernahm, ging Martin nach achtern, um dem Zweiten Steuermann ein paar Fragen zu stellen, die ihm auf der Seele brannten.

Obwohl es mitten am Nachmittag war, hatte sich der Himmel so stark verdunkelt, als wolle die Sonne jeden Augenblick untergehen. Der Ozean wurde immer kühner und ließ den Dreimaster tanzen wie eine Nußschale. Die Schaumkronen, die das Meer sich aufgesetzt hatte, schienen der Freude über seine unbändige Kraft zu entspringen.

Mit einer Hand hielt Martin seine Wollmütze fest, mit der anderen sich selbst an allem, was gerade greifbar war, als er seinen Oberkörper tief nach vorn beugte und sich gegen den stärker werdenden Wind Zoll für Zoll zum Steuerrad kämpfte.

Die Seeleute, die erneut von Maxwell in die Wanten gejagt wurden, um weitere Segel zu reffen, erregten seine Bewunderung. Wie sie dort oben trotz des heftigen Windes mit einer Hand arbeiteten und nur die andere Hand für ihr Leben ließen, flößte Martin, dessen erste Schiffsfahrt dies war, ungeheuren Respekt ein.

So sehr war er damit beschäftigt, nach oben zu sehen, daß er den weißhaarigen Mann nicht bemerkte, der aus der Kapitänskajüte gekommen war und jetzt zum Bug der ALBANY unterwegs war. Die beiden Männer stießen zusammen, verloren auf dem schlingernden Schiff den Halt und purzelten übereinander.

Als der Auswanderer auf die Knie kam, erkannte er den Schiffszimmermann, den er erst bei wenigen Gelegenheiten erblickt hatte und dessen Namen er nicht kannte. Martin war schon darauf vorbereitet, ordentlich ausgeschimpft zu werden, weil er nicht darauf geachtet hatte, wohin er trat. Aber als der Zimmermann mit dem faltigen Gesicht und den rotgeäderten Augen den Mund öffnete, schlug ihm erst mal eine gehörige Schnapsfahne entgegen. Dann erging sich der Seemann in einen englischen Wortschwall, von dem Martin nur einige Brocken verstand. »Unheil«, »Tod« und »letzte Fahrt der ALBANY« war alles, was er verstand.

Der Weißhaarige zog sich an einer Werkzeugkiste hoch und torkelte mehr davon, als daß er ging. Das war kein normaler Seemannsgang, sondern garantiert eine Auswirkung seines reichlichen Alkoholgenusses.

Auch Martin kam wieder auf die Beine und setzte seinen Weg fort. Mehrmals wurden seine Füße von hohen Brechern umspült, die in der Schiffswand kein Hindernis sahen.

Piet Hansen hatte sich bereits auf das zunehmend schlechter werdende Wetter eingerichtet und trug sein Ölzeug, um gegen die Nässe gewappnet zu sein. Aus dem Bartgestrüpp lugte die unvermeidliche Pfeife hervor. Als das klobige, am Stiel zerkaute Ding heftig wackelte, bedeutete das wohl ein breites Grinsen des alten Seebären.

»Na, bist du eben mit dem Todgeweihten zusammengestoßen, Junge?«

»Wieso Todgeweihter?« fragte Martin und hielt sich an der großen Werkzeugkiste, die vor dem Steuerrad auf Deck verankert war, fest. »Mir schien der Mann eher betrunken zu sein. Er ist der Schiffszimmermann, nicht wahr?«

Hansen nickte. »Außerdem ist Jack Slocum das größte Schnapsfaß an Bord, jedenfalls das größte auf zwei Beinen. Ich habe das Gefühl, es wird von Fahrt zu Fahrt schlimmer mit ihm. Der Käpten hat das Gefühl wohl auch und ihn deshalb zu sich gerufen, um ihm eine ordentliche Standpauke zu halten. Ich glaube nicht, daß es viel helfen wird. Jack sieht die ALBANY bereits am Grund des Meeres liegen. Weshalb sollte er sich da noch Mühe geben, sie auf Vordermann zu bringen?«

»Weshalb hegt der Zimmermann diese Befürchtung?«

»Daß unser alter Dreimaster sinkt?«

»Ja.«

Der Steuermann hob seinen Blick zum Himmel. »Sieh mal da hinauf, Junge, dann hast du die Antwort auf deine Frage. Was sich da über unseren Köpfen zusammenbraut, ist nicht nur das schnapsgeborene Hirngespinst des alten Jack. Schätze, spätestens heute nacht wird es höllisch hergehen auf der guten alten Nordsee. Falls es uns tatsächlich erwischt, ist es vielleicht nicht mal das Schlechteste, so viel Schnaps und Rum wie möglich intus zu haben.«

»Wenn es so schlimm wird, weshalb steuert Kapitän Haskin nicht einen Hafen an, um den Sturm dort abzuwarten?«

»Hafen?« echote der Seebär und ließ vor Belustigung erneut seine Pfeife tanzen. »Du bist gut, Junge. Schau dich mal um. Siehst du irgendwo einen verdammten Hafen? Die See ist nicht die Lüneburger Heide, wo du mal eben so von der Landstraße abbiegen und zum nächsten Gehöft fahren kannst. Hier mußt du mit Winden und Strömungen rechnen. Selbst wenn Haskin wollte, ist es fraglich, ob wir noch rechtzeitig vor dem Sturm einen Hafen erreichen würden. Der Ärmelkanal liegt fast noch eine halbe Tagesfahrt vor uns. Um uns herum ist nichts als Wasser, nach allen Seiten hin. Außerdem müssen wir bald die letzten Segel einholen, wenn wir nicht wollen, daß der Sturm sie zerfetzt. Aber selbst wenn ein Hafen in der Nähe wäre, würde das Haskin nicht den Dreck unter unseren Fingernägeln kümmern.«

»Wieso nicht? Ist dem Kapitän das Schicksal seines Schiffes, seiner Mannschaft und der ihm anvertrauten Passagiere gleichgültig?«

»Dem? Dem ist sogar sein eigenes Leben gleichgültig.«

»Ich habe mich schon über Haskin gewundert. Man sieht ihn kaum an Bord. Die meiste Arbeit wird von diesem Maxwell erledigt, der anscheinend tun und lassen kann, was er will. Als wäre er der wahre Kapitän der ALBANY.«

»Damit liegst du gar nicht so falsch. Irgendwann, so hofft Maxwell zumindest, wird er sogar mal offiziell der Herr des Schiffes sein.«

»Wie kommt er darauf?«

»Haskins Alter läßt ihn das hoffen. Wenn der Käpten stirbt, erbt er den Kahn. Er ist nämlich Haskins Schwiegersohn.«

Der letzte Satz schlug bei Martin ein wie eine Kartätsche.

Jetzt wurde ihm klar, weshalb sich der Erste Steuermann so viel herausnehmen und darauf rechnen konnte, vom Kapitän gedeckt zu werden. Kein Wunder, daß Haskin bei der Gerichtsverhandlung alle Anschuldigungen gegen Maxwell beiseitegewischt hatte. Er hatte sie ganz einfach nicht hören wollen. Martin erkannte, daß sein unten im Schiff gefangener Freund von Anfang an verurteilt gewesen war.

»Dann war das Schiffsgericht also nichts als ein Schauspiel«, sagte er bitter.

»So kann man es nennen.«

»Und Sie machen bei so etwas mit, Piet?«

Der alte Seebär zuckte mit den Schultern. »Ich bin der Zweite Steuermann dieses Kahns. Es ist meine Pflicht, am Richtertisch zu sitzen. Außerdem habe ich mich bei der Urteilsfindung bemüht, das Beste für euch drei herauszuschlagen, das kannst du mir glauben. Maxwell hätte euch am liebsten alles Hab und Gut abgenommen und euch ins Meer geworfen. Leider konnte ich nur bei dir eine Strafminderung herausschlagen.«

»Was hatte das Narbengesicht denn mit mir vor?«

»Er wollte dich an den Mast binden und dir dreißig Hiebe mit der neunschwänzigen Katze aufbrummen, eigenhändig.«

»Keine angenehme Vorstellung«, murmelte Martin und bedankte sich dann bei Hansen für seinen Einsatz. »Aber wie kommt es, daß Kapitän Haskin die Dinge einfach so laufenläßt?«

»Als die ARLETTE unterging, hat er jegliche Lebensfreude verloren. Er ist wohl nur noch auf der Welt, weil der Sensenmann sich noch nicht dazu herabgelassen hat, ihn zu sich zu holen.«

»Die ARLETTE war ein Schiff?«

»Ja, ein prächtiges Dampfschiff, erzählt man sich wenigstens. Ich kenne die Geschichte nur aus Erzählungen. Josiah Haskin hatte sich in eine bildschöne Miss aus New

Orleans verliebt, deren Vater ein reicher Kaufmann französischer Abstammung war. Gegen den Widerstand der Eltern heiratete der ehrgeizige Seemann die schöne Arlette und kaufte mit ihrer Mitgift sein erstes eigenes Schiff, das er nach seiner Frau benannte. Zwar gilt es unter uns abergläubischen Seeleuten als unglücksbringend, ein Schiff umzutaufen, aber das störte ihn nicht. Genausowenig wie der Glaube, daß es einem Schiff Unglück bringt, wenn ständig eine Frau an Bord ist. Josiah Haskin war nicht nur ehrgeizig, sondern auch sehr verliebt. Er richtete seiner jungen Frau einen prächtigen Salon auf dem Dampfer ein, und sie machte jede Fahrt mit. Selbst als sie schwanger war und Haskin Zwillinge, einen Sohn und eine Tochter, gebar. Haskin hielt sich für den glücklichsten Mann auf allen Ozeanen, als das Unglück eines Nachts irgendwo im Golf von Mexiko über die ARLETTE hereinbrach. Der Kessel explodierte und verwandelte das Schiff innerhalb von Sekunden in eine Flammenhölle. Nur wenige Menschen überlebten, darunter Josiah Haskin und seine Tochter. Aber seine Frau und seinen Sohn behielt das gierige Meer für immer bei sich. Haskin gab seine Tochter in Pflege und heuerte wieder unter der Flagge eines anderen Reeders an, um das nötige Geld für ihre Ausbildung zu verdienen. Daß sich einmal ein liebender Mann ihrer annehmen könnte, hoffte er nicht, denn bei der Explosion war ihr ganzes Gesicht verbrannt worden; sie ist für ihr Lebtag entstellt. Haskin war immer noch ehrgeizig und brachte es nach einigen Jahren erneut zu einem eigenen Schiff, wenn es auch nur dieser alte Segler hier war. Aber das störte ihn nicht, hatte er sich doch nach dem Untergang der ARLETTE geschworen, nie wieder auf einem Dampfer zu fahren. Maxwell heuerte auf der ALBANY an, lernte eines Tages Haskins Tochter kennen und hielt recht bald um ihre Hand an. Wohl kaum aus Liebe, nur aus Berechnung. Der Käpten wird das gewußt haben, aber trotzdem froh gewesen sein, seine Tochter versorgt zu wissen. Maxwell hat nach wie vor in jedem Hafen mindestens eine Braut. Aber irgend etwas muß in Haskin nagen und ihm beständig sagen, daß sein Handeln nicht richtig war, daß er seine Tochter nicht glücklich gemacht hat. Denn seit der Hochzeit zieht er sich immer mehr in sich zurück, hockt meistens nur noch in seiner Kabine und ertränkt seinen Kummer in dem guten KentuckyWhiskey, den sich unsereiner nicht leisten kann. Außerdem hat er sich damals beim Untergang der ARLETTE die Schwindsucht geholt, als er mit seiner Tochter im Arm zur Küste schwamm. Der Husten wird immer schlimmer, aber er weigert sich, seinen Beruf aufzugeben und in ein Gebiet mit trockenem Klima zu ziehen. Ja, Junge, das ist die Geschichte von diesem verfluchten Kahn.«

Martin schwieg eine ganze Weile, während der er das Gehörte verarbeitete. Die ALBANY schwankte immer stärker hin und her. Einmal wäre er fast ausgerutscht und gestürzt, hätte der Seebär nicht rasch eine Hand nach ihm ausgestreckt und ihn festgehalten.

»Weshalb segeln Sie unter Haskin und Maxwell, Piet, wenn das so unangenehme Zeitgenossen sind?«

»Ich bin ein alter Seemann. Wo soll ich denn hin?«

»Sie könnten selbst Kapitän eines Schiff es sein.«

»Leider nicht, Junge. Es gibt gewisse Gründe, die das verhindern. Ähnliche Gründe wie die, die deinen Freund veranlaßt haben, sich als blinder Passagier an Bord zu schleichen. Ich konnte es ihm gut nachfühlen und habe vielleicht deshalb nichts verraten. Jedenfalls würde ich kein Kapitänspatent erhalten, zumal Piet Hansen nicht mein richtiger Name ist. Auf einem anderen Schiff, wo man ordentlich auf die Papiere schaut, könnte ich vielleicht nicht mal als Steuermann fahren. Deshalb bin ich hier auf der ALBANY, wo sich alle zusammenfinden, die vom Leben verdammt sind.«

Seine letzten Worte hörten sich so bitter an, daß es Martin für besser hielt, das Thema zu wechseln. »Wie geht es mit Jacob weiter, Piet? Wird Haskin wirklich einen Hafen anlaufen und ihn den Behörden übergeben?«

»Kann sein, kann auch nicht sein«, meinte der Steuermann und wiegte seinen Kopf überlegend hin und her. »Haskin und Maxwell versprechen sich wohl eine Prämie. Andererseits können sie nicht sicher damit rechnen. Einen Hafen anzusteuern kostet Zeit und Geld, denn je länger die Reise dauert, um so mehr muß für die Verpflegung der Passagiere ausgegeben werden. Vielleicht überlegt es sich der Alte noch. Aber das ist für deinen Freund nicht unbedingt ein Glücksfall, wenn er da unten in der dunklen, feuchten Höhle verrotten muß. Es sind noch viele Wochen nach New York. Das hält kaum ein Mensch aus.«

»Aber er wird dort unten doch verpflegt, oder?«

»Dafür sorge ich schon, daß er regelmäßig seine Mahlzeiten kriegt. Aber wahrscheinlich hat er es da unten recht bald auf der Lunge. Oder die Ratten verpassen ihm eine hübsche Krankheit. Wenn man in Ketten liegt, gibt es viele Möglichkeiten zu krepieren, und oft sind sie einem sogar willkommen.«

Martin starrte hinauf aufs tobende Meer und dachte an die hundert Taler Belohnung, die auf Jacobs Kopf ausgesetzt waren. Sollte er zum Kapitän gehen und ihm das verraten, damit er Jacob auch bestimmt bald an Land brachte? Er kam sich bei diesem Gedanken als Verräter an seinem Freund vor. Aber wenn er es nicht tat, wurde er dann nicht zu seinem Mörder?

*

Stundenlang saß Jacob still da und lauschte in die Dunkelheit, um zu hören, ob die Ratten zurückkamen. Er wollte nicht wieder von ihnen überrascht werden. In seinem Kopf verfestigte sich der Gedanke, sie könnten ihn im Schlaf überfallen und bei lebendigem Leib auffressen. Deshalb reagierte er auf jedes Geräusch, auch wenn es sich nur als Ächzen der Planken oder als lauter Stiefeltritt auf dem Zwischendeck herausstellte.

Er konnte nicht immer wachsam sein. Die öde Warterei ermüdete ihn und schläferte ihn schließlich ein.

Geräusche schreckten ihn aus dem Schlaf. Laute Geräusche, ganz nah.

Die Ratten?

Jacob sprang auf, drückte seinen Rücken gegen die Wand und verhielt sich völlig still, auf das Huschen der gefräßigen Nager lauschend.

Aber sie waren es diesmal nicht, die ihn besuchten. Die Geräusche waren Schritte, die sich von draußen näherten. Die Tür des Schiffsgefängnisses wurde geöffnet. Jacob schloß die Augen, als Laternenlicht hereinfiel.

»Dein Abendessen«, sagte eine Stimme in schlechtem Deutsch, und etwas wurde auf den Boden gestellt.

Dann wurde die Tür auch schon wieder zugeschlagen, und die Finsternis hatte den Gefangenen wieder. Er wartete, bis sich die Schritte entfernt hatten, bevor er in die Knie ging und nach seinem Abendessen tastete.

Es war eine Schale mit Linsensuppe, in der ein Brotkanten schwamm. Jacob konnte nicht sehen, ob das Brot schimmelte, wie es auf dem feuchten Schiff häufig der Fall war. Aber es war ihm auch egal. Er hatte Hunger und stopfte die Mahlzeit schnell in sich hinein.

Das Essen vermittelte ihm zusätzlich das Gefühl von Wärme in dem kalten Schiffsbauch. Er genoß das angenehme Gefühl, lehnte sich zurück und schloß die Augen. Bald schlief er wieder.

Er wußte nicht, wie lange er geschlafen hatte, als er von dem heftigen Schlingern der ALBANY geweckt wurde. Das Schiff schien auf den Wellen herumzuhüpfen wie ein außer Rand und Band geratener Klabautermann. Jacob wurde in seinem Gefängnis hin und her geworfen.

Das laute Krachen, das er hörte, mußte von den Brechern stammen, die gegen den Schiffsrumpf schlugen. Und von den Frachtstücken, die sich im Laderaum selbständig gemacht hatten und, den Bewegungen der Bark folgend, gegen die Wände polterten. Auch oben im Zwischendeck schien einiges los zu sein, denn er hörte mehrmals aufgeregtes Geschrei, das aber wegen des allgemeinen Lärms zu undeutlich war, um es zu verstehen.

So ging es fort, Stunde um Stunde, und der von der Außenwelt abgeschnittene Gefangene fragte sich, ob die

ALBANY geradewegs in die Hölle segelte.

*

Irgendwann kehrte Ruhe ein, und irgendwann fand Jacob auch wieder Schlaf.

Erneut weckten ihn Geräusche, Schritte, die sich von draußen näherten. Er rechnete damit, daß man ihm sein Frühstück brachte, und war überrascht, als ihn die Männer, die er im blendenden Laternenlicht nicht erkennen konnte, von seiner Fußfessel befreiten. Sie zogen ihn mit sich durch den Frachtraum. Als Jacob sich an das Licht gewöhnte, sah er, daß es sich um zwei Seeleute handelte, diesmal ohne Karabiner.

Er fragte die Männer, wohin sie ihn brachten. Sie schienen ihn nicht zu verstehen. Er wiederholte die Frage mehrmals, bis schließlich einer der beiden etwas zu ihm sagte. Der Deutsche verstand nur ein Wort, das sich wie »Käpten« anhörte. Damit mußte er sich zufriedengeben, wenn er sich auch fragte, was Haskin von ihm wollte.

Als sie ins Zwischendeck hinaufstiegen, war Jacob überrascht von dem hier herrschenden Chaos. Er hatte nicht damit gerechnet, daß der Sturm derart schlimm gewütet hatte. Menschen, Strohsäcke, Gepäckstücke, alles lag kreuz und quer durcheinander. Die Auswanderer, die meisten bleich im Gesicht, machten einen zutiefst gequälten Eindruck. Der bestialische Gestank verriet, daß kaum einer von ihnen noch etwas im Magen haben konnte.

Es ging weiter hinauf an Deck, wo Jacob die frische Luft willkommen hieß. Es war früh am Morgen, und die Sonne bemühte sich vergeblich, ihre Strahlen durch die Wolkendecke zu schicken. Noch immer war rund um das Schiff nur das unbegrenzte Meer zu sehen, das sich ein wenig beruhigt hatte, aber rauh genug war, einen nicht ganz standfesten Mann auf die Planken zu schicken. Jacob, durch die vielen Stunden im Kerker geschwächt, widerfuhr genau dies.

Als er zu Füßen seiner Begleiter lag, bemerkte er erst, in welchem verheerenden Zustand sich das Schiff befand. Überall lagen abgesplitterte Holzstücke unterschiedlicher Größe herum, wo Teile der Takelage aufs Deck geschlagen waren. Der Sturm mußte in der Nacht Angst und Schrecken an Bord der ALBANY verbreitet haben.

Sogar die Spitze des Großmastes war abgebrochen und hatte eines der Ruderboote zertrümmert. Es war das Boot, unter dem sich Jacob versteckt hatte. War es eine Fügung des Schicksals gewesen, die ihn Irene Sommer hatte beistehen lassen und ihn vor dem Tod durch die herabfallende Mastspitze bewahrt hatte?

Die Seeleute halfen Jacob auf. Die drei Männer stiegen über die verstreuten Trümmer und suchten sich ihren Weg zur Kapitänskajüte, wo sie von Haskin, Piet Hansen, Bob Maxwell und Martin Bauer erwartet wurden. Während die drei Schiffsoffiziere an dem großen Tisch saßen, stand Martin in der Mitte des Raumes und sah seinem Freund erwartungsvoll entgegen.

Eine neue Gerichtsverhandlung? schoß es Jacob durch den

Kopf.

»Sie sollen ein guter Zimmermann sein, Adler«, begann Haskin das Gespräch ohne Umschweife. »Ihr Freund hier hat das zumindest behauptet.«

Da alle Blicke auf ihm ruhten, nahm Jacob an, daß von ihm eine Antwort erwartet wurde. Er glaubte, ein Augenzwinkern von Martin zu bemerken, mit der dieser ihm ein zustimmendes Zeichen machte.

»Mein Vater ist ein guter Zimmermann, so wie es sein Vater und dessen Vater waren. Es gibt kaum einen Ort in meiner Heimat, an dessen großen Gebäuden meine Familie nicht mitgearbeitet hat. Ich habe das Handwerk bei meinem Vater gelernt und bin dann auf Wanderschaft gegangen. Über meine Zeugnisse muß ich Ihnen nichts erzählen, Kapitän; meine Papiere liegen Ihnen vor. Nur soviel: Ich bilde mir ein, meinem Vater keine Schande zu bereiten.«

»Haben Sie schon einmal auf einem Schiff gearbeitet?« fragte Haskin.

»Nein, noch nie.«

»Trauen Sie sich das zu?«

»Weshalb nicht? Holz ist Holz, ein Hammer ist ein Hammer, und ein Nagel ein Nagel.«

»Jack Slocum, unser Schiffszimmermann, ist letzte Nacht wohl über Bord gespült worden. Er ist nirgends mehr zu finden. Gerade jetzt, wo er so dringend gebraucht wird. Sie haben selbst gesehen, wie der Sturm auf der ALBANY gewütet hat. Sind Sie bereit, seinen Posten zu übernehmen?«

Wieder gab ihm Martin zustimmende Signale, aber Jacob zögerte noch. »Was ist mit dem Urteil des Schiffsgerichtes?«

»In dem Fall, daß Sie sich bereiterklären, als Schiffszimmermann auf der ALBANY zu arbeiten, bis das Schiff den Hafen von New York erreicht, wird das Urteil aufgehoben. Ihre Strafe besteht dann im unentgeltlichen Dienst auf dem Schiff.« »Ich nehme das Angebot an«, sagte Jacob. »Aber nur unter einer Bedingung.«

Martin und Piet Hansen blickten ihn überrascht und erschrocken an.

»Eine Bedingung?« schnarrte Haskin ungläubig.

»So ist es. Ich nehme das Angebot nur unter der Bedingung an, daß auch meine Verlobte bis New York an Bord bleiben darf und keine Bestrafung oder Auslieferung an die Behörden zu erwarten hat.«

Bob Maxwell hieb mit der Faust auf den Tisch. »Das ist eine gemeine Erpressung!«

Jacob schüttelte den Kopf. »Nein, das ist eine geschäftliche Abmachung. Sie können darauf eingehen oder es bleibenlassen.«

»Und wenn wir es bleibenlassen?« fragte der Erste Steuermann lauernd.

Jacob hob seine breiten Schultern und ließ sie wieder sinken. »Dann müssen Sie sich jemand anderen suchen, der Ihr Schiff wieder auf Vordermann bringt.«

»So was lassen wir uns nicht bieten!« brüllte Maxwell. »Ich werde dich unverschämten Kerl wieder in Eisen legen lassen und.«

»Nein«, entschied Kapitän Haskin. »Das werden Sie nicht, Mr. Maxwell! Noch entscheide ich, was an Bord geschied.« Er richtete seinen Blick auf Jacob. »Ich akzeptiere Ihre Bedingung. Beginnen Sie sofort mit der Arbeit. Mr. Hansen wird Ihnen sagen, was am dringendsten zu tun ist.«

Als Jacob die Kapitänskajüte verließ, konnte er noch gar nicht so richtig glauben, daß er wieder ein freier Mann war. Erst als Martin ihm freudestrahlend auf die Schulter schlug, begann er es als Tatsache anzusehen.

*

Auf Deck blieb Jacob stehen, hielt sich am Kajüteneingang fest und hielt das Gesicht in den noch immer von achtern kommenden Wind. Er genoß die frische, förmlich nach Salz schmeckende Seeluft und das Gefühl, sie immer einatmen zu können, wann er es wollte.

Als Martin hinter ihm heraufkam, meinte Jacob: »Ich vermute wohl richtig, daß du etwas mit meiner Beförderung vom Kettensträfling zum Schiffszimmermann zu tun hast?«

Der Bauernsohn grinste breit. »Ich hatte mir seit deiner Festsetzung den Kopf zerbrochen, wie ich dir helfen könnte. Als ich heute morgen von Piet Hansen hörte, daß Slocum, der stets betrunkene Zimmermann, vermutlich von einem Brecher über Bord gespült worden ist, kam mir die Idee für diesen Vorschlag. Hansen befand ihn für gut und unterbreitete ihn dem Kapitän. Und siehe da, es hat geklappt!«

Jacob sah seinem Freund fest in die Augen. »Ich stehe immer tiefer in deiner Schuld, Martin.«

»Pah«, machte dieser und winkte ab. »Ich habe nur aus Eigennutz gehandelt. Schließlich will ich irgendwann mal nach New York kommen. Auf einem Schiff, das nur noch aus Einzelteilen besteht, ist das kaum möglich. Deshalb braucht die ALBANY einen tüchtigen Schiffszimmermann. Ich hoffe, du bist wirklich so tüchtig, wie ich es Hansen und dem Kapitän gegenüber ausgemalt habe.«

Bob Maxwells Auftauchen enthob Jacob einer Antwort. Er war, wie die meisten Männer an Bord, aufgrund der stürmischen letzten Stunden und der Folgeschäden nicht zum Rasieren gekommen und sah mit seinem Stoppelbart noch verwegener aus als sonst. Als er auf die beiden jungen Deutschen traf, blieb er stehen und bohrte seinen flackernden Blick erst in die Augen des einen, dann in die des anderen. Ohne ein Wort zu sagen, wandte er sich ab und marschierte mit so sicherem Schritt über das schwankende Deck, als habe er sein ganzes Leben lang nicht anderes getan.

»Ein höchst unangenehmer Bursche«, sagte Martin, während die beiden ihm nachsahen. »Wenn er einen so ansieht, läßt mich das richtig frösteln.«

»Von dem Narbengesicht haben wir nichts Gutes zu erwarten«, murmelte Jacob nachdenklich. »Erst hatte er diesen unbändigen Haß nur auf mich, weil ich ihm bei Fräulein Sommer dazwischengekommen bin. Aber so, wie er dich eben angeschaut hat, kann das nur bedeuten, daß du jetzt auch auf seiner Liste stehst. Wir sollten ihm besser aus dem Weg gehen.«

»Wird nicht so einfach sein auf diesem Kahn.«

»Sprecht ihr von Maxwell?« fragte Piet Hansen, der aus dem Kajüteneingang kam und an seiner frisch entzündeten Pfeife sog.

»Woher wissen Sie das, Piet?« erwiderte Martin.

»Wenn es auf der ALBANY jemanden gibt, dem jeder aus dem Weg zu gehen wünscht, so ist das der Erste Steuermann.«

Der Mann, über den sie sich unterhielten, stand jetzt unterm Großmast und zitierte lautstark die Freiwache herbei, um die Trümmer von Deck zu räumen.

»Aber er hat ausnahmsweise einmal recht«, fuhr der Zweite Steuermann fort. »Wir sollten zusehen, daß wir unseren Segler so schnell wie möglich wieder flottmachen. Der nächste Sturm kommt bestimmt!«

»Meinen Sie wirklich?« fragte Jacob besorgt und ließ seinen Blick über das Trümmerfeld schweifen.

Hansen sah ahnungsvoll in den stark bewölkten Himmel. »Darauf verwette ich meine Pfeife, und das tu' ich nicht häufig.«

»Dann sagen Sie mir, was am dringendsten zu reparieren ist«, verlangte der frischgebackene Schiffszimmermann zu wissen.

*

Die nächsten Tage waren für Jacob mit Arbeit angefüllt und vergingen für ihn wie im Flug. Sobald die Sonne aufging, begann er mit Hämmern und Sägen, und er hörte erst auf, wenn die rote Scheibe wieder im grauen Meer versank. Sein Freund ging ihm dabei nach besten Kräften zur Hand und zeigte sich als so gelehriger Schüler, daß Jacob spaßhaft zu ihm sagte, er könne Martin bald den goldenen Ring durchs Ohr ziehen.

Er spielte damit auf den Goldring an, das Standeszeichen der Zimmerleute, den jeder Lehrbub nach bestandener Probezeit von seinem Meister durchs rechte Ohr gezogen bekam. Auch in Jacobs Ohrläppchen hing der Ring, von seinem Vater, dem Zimmermann Heinrich Adler aus Elbstedt, eingefügt. Jacob war sehr stolz darauf.

»Soll mir nur recht sein, wenn ich dein Handwerk ein wenig beherrsche«, entgegnete Martin. »Schließlich will ich mir drüben in den Staaten irgendwann mal ein eigenes Haus bauen.«

Weil die Instandsetzung des Schiffes so wichtig war, ordnete Kapitän Haskin an, daß Jacob sich seine Helfer unter allen Leuten der jeweiligen Freiwache aussuchen durfte. Außerdem standen ihm sämtliche Auswanderer, die während der Reise Haskins Befehlsgewalt unterstanden, zur Verfügung.

Für die Arbeit in der Takelage konnte Jacob aber nur die Seeleute gebrauchen. Die Passagiere hätten sich da oben bei dem schweren Seegang keine fünf Minuten halten können.

Die Besatzung der ALBANY stand Jacob zunächst mürrisch und ablehnend gegenüber, befolgte seine Anordnungen nur widerwillig. Mehrmals mußte Piet Hansen aufsässigen Männern eine Standpauke halten. Sie waren es einfach nicht gewohnt, von einem Passagier Befehle zu empfangen. Zudem hatte der versoffene Jack Slocum nicht gerade dazu beigetragen, dem Schiffszimmermann bei der Besatzung Achtung zu verschaffen. Aber als die Männer sahen, daß Jacob etwas von seinem Handwerk verstand, wurden sie zunehmend williger.

Er verdiente sich vollends ihren Respekt, als er trotz rauher See mit ihnen hinauf in die Wanten stieg, um die Anbringung der neuen Großmastspitze zu überwachen. Selbst Martin traute sich das nicht zu und beobachtete die Aktion lieber von Deck aus. Volle zwei Stunden blieb der junge Zimmermann da oben in schwindelerregender Höhe und hing nur mit einer Hand am Leben. Als er mit den Seeleuten wieder hinabgeklettert war, sprudelten sie des Lobes für Jacob über. Er ließ das über sich ergehen und zog sich anschließend in einen stillen Winkel zurück, um sich zu übergeben.

Die See schüttelte das Schiff kräftig durch, als es den Ärmelkanal durchfuhr, aber ein zweiter Sturm von jener Stärke, wie er Jack Slocum zum Verhängnis geworden war, blieb der ALBANY erspart.

Als der Dreimaster die Kanalinseln und die Landspitze von Brest hinter sich ließ, riß der bis dahin graue Himmel auf, und die Sonne begrüßte Auswanderer und Seeleute mit ein paar wärmenden Strahlen auf dem Atlantischen Ozean. Alles Gerede von einem Fluch, der über dem Segler liegen sollte, erschien Jacob und Martin auf einmal so ersponnen wie Altweibergewäsch.

Die wichtigste Arbeit war getan. Kapitän Haskin, der einen seiner seltenen guten Tage hatte, ordnete einen Tag der Ruhe und des Feierns an. Sogar der Speiseplan wurde auf eine Sonntagsration abgeändert, auch wenn das nicht allzuviel besagte.

An diesem Tag erwachte das Schiff, das seit jenem nächtlichen Sturm eine Art Lähmung befallen hatte, zu neuem Leben. Die Auswanderer strömten aus dem stets dämmrigen, nur von wenigen Laternen erhellten Zwischendeck herauf ans Tagesucht, lachten und unterhielten sich ausgelassen. Einige brachten Musikinstrumente mit, und bald drehten sich die Menschen, in ihren besten Sonntagsstaat oder die heimatliche

Tracht - was häufig dasselbe war - gekleidet, zu den Klängen ihrer Heimat im Tanz. Martin beteiligte sich daran, indem er eine Mundharmonika aus seinem Gepäck holte und ihr lustige Klänge entlockte.

Selbst der Kapitän ließ sich ausnahmsweise für längere Zeit an Deck blicken, lehnte sich an den Besanmast und rauchte eine dicke Zigarre. Jacob überlegte, ob er an alte Zeiten dachte, als das Leben für ihn noch schöne Seiten besessen hatte.

Auch Irene Sommer erschien an Deck, tanzte aber nicht, sondern hielt sich an der Reling fest und schaute aufs Meer, das jetzt so ruhig war wie zu Beginn der Reise. Sie trug ein weit geschnittenes, taubenblaues Kleid mit feinen Längsstreifen. Sicher nur ein einfaches Kleidungsstück, wie es einem Dienstmädchen anstand, aber die Trägerin verlieh ihm eine schlichte Eleganz, die auf Jacob viel beeindruckender wirkte als das glitzernde Ballkleid einer feinen Dame.

Er hatte seit seiner Freilassung mit ihr sprechen wollen, war aber über ein paar belanglose Worte nicht hinausgekommen, so sehr hatte ihn die Arbeit tagsüber in Anspruch genommen. Abends fand er sich regelmäßig mit Martin und ein paar Auswanderern im Heckladeraum auf dem Zwischendeck ein, wo Segel und Tauwerk aufbewahrt wurden. Hier erteilte Piet Hansen ihnen einen Englischunterricht nach Seemannsart, der sich gewaschen hatte. Wenn die lernwilligen Auswanderer in New York ankamen, würden sie eines bestimmt perfekt beherrschen: auf englisch zu fluchen.

Doch insgesamt empfand Jacob Hansens Unterricht als sehr gut. Von allen Auswanderern machte er die schnellsten Fortschritte, was zum einen wohl daran lag, daß er immer schon wißbegierig und von guter Auffassungsgabe gewesen war. Er hatte nie die Schule geschwänzt wie seine Freunde, wenn die Frühlingssonne das heimatliche Elbstedt in ein erstes warmes Bad tauchte. Zu groß war stets sein Hunger gewesen, mehr über die Welt und die Dinge, die in ihr vorgingen, zu erfahren. Zum anderen behielt er das Gelernte auch deshalb besonders gut, weil er sich im täglichen Umgang mit den zumeist amerikanischen Seeleuten darin übte. Seine Mitschüler dagegen hatten in der Regel nur Kontakt zu ihresgleichen, Auswanderern eben, weshalb bei ihnen nicht so viel hängenblieb.

»Sie tanzen nicht, Fräulein Sommer?« fragte Jacob, als er sich neben die junge Frau an die Reling stellte und fasziniert ihre hellen Locken betrachtete, die im Sonnenlicht glänzten wie frischer Bienenhonig.

»Ich möchte schon gern, aber es würde mir wohl nicht gut bekommen. Seit kurzem macht mir der Kleine sehr zu schaffen.«

Sie schaute an sich hinunter auf ihren Bauch, der sich trotz des weitgeschnittenen Kleides sichtbar wölbte. In den letzten Tagen schien das Kind kräftig gewachsen zu sein.

»Der Kleine?« wiederholte Jacob. »Woher wissen Sie, daß es ein Junge ist?«

»Bisher war er ziemlich still. Die Frauen unten sagen, dann muß es ein Junge sein. Nur Mädchen tanzen schon im Bauch, sagen sie. Außerdem hoffe ich, daß es ein Junge wird.«

»Warum?«

»Damit er seinem Vater ähnelt.« Und dann bedankte sie sich bei ihm für alles, was er für sie getan hatte. »Hätten Sie sich nicht so für mich eingesetzt, hätte der Kapitän mich bestimmt nicht an Bord bleiben lassen.«

»Ich hoffe, der richtige Vater ist mir nicht böse, daß ich mich für ihn ausgegeben habe.«

»Bestimmt nicht. Außerdem weiß ich nicht, ob er es jemals erfährt. Obwohl ich es sehr hoffe. Aber ob ich ihn finden werde in dem riesigen Land?«

»In Amerika?«

»Ja, irgendwo dort.«

»Sie wissen nicht, wo er sich aufhält?«

Irene schüttelte ihren Kopf, daß die Locken hin und her flogen.

Jacob dachte daran, daß ihrer beiden Schicksale einander ähnelten. Er suchte seine Familie und sie den Vater ihres Kindes irgendwo in einem fremden, unvorstellbar großen Land.

»Hat Ihr Mann Ihnen nicht geschrieben, wo er sich niedergelassen hat?«

»Nein. Wir. sind auch nicht verheiratet.«

Er sah, wie sich ihr Gesicht zunehmend umwölkte.

»Es tut mir leid, falls ich mit meinen Fragen zu weit gegangen bin, Fräulein Sommer. Ich wollte Sie nicht verletzen.«

Sie hob den Kopf, sah ihn an und zwang sich zu einem Lächeln. »Sagen Sie Irene zu mir, bitte. Wenn uns jemand hört, wird er kaum glauben, daß wir kurz vor unserer Heirat stehen. Und Sie sind nicht zu weit vorgedrungen. Wenn es einen Menschen auf diesem Schiff gibt, der das Recht hat, mir Fragen zu stellen, sind Sie das, Jacob. Sie haben mich nur an das erinnert, was ich tief in mir vergraben hatte. Vielleicht zu tief. Vielleicht ist es besser, wenn ich einmal mit jemandem darüber sprechen kann.«

Dann erzählte sie ihm ihre Geschichte.

Sie war ein Findelkind. Nonnen eines Klosters in der Nähe von Hamburg, zu dem ein Waisenhaus gehörte, fanden das erst wenige Wochen alte Kind eines Morgens vor ihrer Tür, wie Moses in einem Korb liegend. Nach einem langen, stürmischen Regen war es der erste friedliche Sommertag, weshalb sie das Kind Irene Sommer nannten. Jacob erfuhr, daß der Vorname Irene aus dem Griechischen kam und dort »Friede« bedeutete. Irene wuchs im Waisenhaus auf und erhielt eine Ausbildung zum Dienstmädchen.

Mit sechzehn Jahren begann sie ihren Dienst bei der Hamburger Reedersfamilie Dilger. Schon bald machte ihr Carl

Dilger, der Sohn des alten Wilhelm Dilger, Avancen. Irene gab sich zurückhaltend, weil sie nicht, wie so viele andere Dienstmägde, zur nach Belieben verfügbaren Mätresse ihrer Herrschaft werden wollte. Aber über die Jahre merkte sie, daß es dem jungen Mann trotz des gewaltigen Standesunterschiedes Ernst war. Ob Wilhelm Dilger erst hinter das Verhältnis kam, als Irene schwanger wurde, wußte sie nicht. Jedenfalls zeigte er sich erst dann empört, als Carl davon sprach, den dienstbaren Geist des Hauses heiraten zu wollen.

Als Carl sich durch nichts davon abbringen ließ, kam es zum schweren Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn, in dessen Verlauf der Reeder sogar zum Notar ging, um Carl zu enterben. Carl, der bis dahin im Kontor seines Vaters gearbeitet hatte, kümmerte sich um eine neue Stelle, aber der alte Dilger sorgte dafür, daß ihm alle Türen in Hamburg verschlossen blieben. Kurz entschlossen buchte Carl eine Passage nach New York, um sich in Amerika, möglichst weit weg vom Einflußbereich seines Vaters, eine neue Existenz aufzubauen. Sobald er in gesicherten Verhältnissen lebte und über die nötigen Mittel verfügte, wollte er Irene Geld schicken und sie nachkommen lassen. Das war das letzte, was sie von ihrem Geliebten gehört hatte.

Als sein Sohn fort war, richteten sich Wilhelm Dilgers Haßgefühle auf die junge Frau, in deren Leib sein Enkelkind heranwuchs. Er setzte alles daran, die Geburt des Kindes zu verhindern, von der vagen Hoffnung beseelt, dann würde sein Sohn von den Heiratsplänen Abstand nehmen und reumütig nach Hamburg zurückkehren. Irene belauschte zufällig ein Gespräch, das der Reeder mit seinem Sekretär führte. Da Irene sich weigerte, das Kind abtreiben zu lassen, sollte der Sekretär ein paar dunkle Gestalten anheuern, die Irene in der Nacht gewaltsam zu einer Schaberin brachten, einer jener Frauen, die ihre gelernte Hebammenkunst dazu mißbrauchten, werdendes Leben zu zerstören.

Sobald es dunkel war, suchte Irene das Nötigste zusammen und floh aus dem Haus des Reeders, entschlossen, Carl möglichst bald nachzureisen. Da es ihr an den nötigen Papieren fehlte, geriet sie - wie auch Jacob - an den Winkelagenten August Bult, der ihr die Passage auf der ALBANY verschaffte. Dafür mußte sie fast all ihr Gespartes opfern. Jetzt hatte sie nur noch wenige Groschen in der Tasche und wußte nicht, wie es in New York weitergehen sollte.

»Es wird schon werden«, versuchte Jacob sie zu trösten und widerstand im letzten Augenblick der Versuchung, die Arme um sie zu legen. »Sie sind nicht allein, Irene. Sie haben Freunde hier an Bord.«

Sie sah ihn dankbar an. »Sie sprechen von sich, Jacob?«

»Ja, von mir und Martin Bauer. Auch der alte Piet Hansen ist ein guter Kerl. Ohne ihn wären wir beide vielleicht schon wieder unterwegs nach Hamburg.«

Den ganzen Tag standen oder saßen sie beisammen und unterhielten sich. Jacob verspürte einen Hauch jener Unbeschwertheit, die er früher empfunden hatte, wenn er mit Louisa zusammen war. Er machte sich klar, daß Irene nicht Louisa, aber genauso unerreichbar war. Irene liebte einen anderen Mann und erwartete ein Kind von ihm. Er war entschlossen, das zu respektieren und ihr einfach ein guter Freund zu sein.

Als er nachts in der Koje des Zimmermanns lag, die viel bequemer war als die engen, stickigen Schlafstellen der Auswanderer, sah er die Gesichter dreier Frauen vor sich. Seine Mutter und Louisa, die er beide, wenn auch auf unterschiedliche Art, für immer verloren hatte. Und Irene, die ihm nicht das bedeuten durfte, was Louisa ihm bedeutet hatte.

Das machte er sich immer wieder klar, während er versuchte, endlich Schlaf zu finden. Als ihm das nicht gelang, stieg er hinauf auf Deck und lauschte dem Lied der Wellen, als könnten sie ihm einen Rat geben.

*

In den nächsten zwei Wochen nahm das Leben an Bord einen geregelten, fast friedvollen Verlauf. Die ALBANY segelte an den Küsten Spaniens und Portugals vorüber und ließ die Alte Welt dann endgültig hinter sich zurück, nahm quer über den unendlichen Atlantik Kurs auf die Neue Welt.

Wie sagte Martin Bauer doch in einem Anfall von Poesie: »Wenn die Nordsee eine Wasserwüste ist, dann ist das hier ein ganzes Weltall voller Wasser.«

Jacobs Arbeit als Schiffszimmermann nahm ihn weniger in Anspruch, seitdem er alle Schäden ausgebessert hatte. Er nutzte die Freizeit, um sein Studium des Englischen voranzubringen, was ihm gleichzeitig Irenes häufige Gesellschaft einbrachte. Die junge Frau hatte sich Piet Hansens »Schulklasse«, wie sich die Lernenden scherzhaft nannten, angeschlossen.

Jacob kam so gut voran, daß er es schließlich wagte, sich durch ein englischsprachiges Buch zu quälen, das Hansen ihm gegeben hatte. Es stammte von einem gewissen Edgar Allan Poe und schilderte die aufregende Seereise eines jungen Amerikaners namens Arthur Gordon Pym. Erst hielt Jacob die in dem Buch geschilderten Ereignisse für Tatsachen, aber dann wurden Pyms Erlebnisse derart ominös, daß er sie der überhitzten Phantasie des Verfassers zuschrieb. Als Jacob sich mit Hansen darüber unterhielt, meinte dieser achselzuckend, auf See sei alles möglich.

In diesen Tagen machte die Ausgelassenheit der Auswanderer größerer Nachdenklichkeit und Stille Platz. Die Menschen spürten, daß spätestens jetzt ihre Verbindung zur Heimat endgültig gekappt war. Nun gab es für sie nur noch eines: sich in der Neuen Welt durchbeißen oder untergehen.

Aber sie waren fast alle guter Dinge, daß sie es schaffen würden. Das ruhige Meer um sie herum und ein beständiger Wind in den Segeln des Dreimasters machten ihnen Hoffnung,

die Reise ohne größere Zwischenfälle zu überstehen.

Wie trügerisch diese Hoffnung war, zeigte sich am fünfzehnten April, genau einen Monat nach dem Auslaufen der ALBANY aus dem Hamburger Hafen.

Als Jacob aufs Deck trat, um sich in die Warteschlange der Frühstückswilligen einzureihen, hörte er Gejammer und Geschrei aus dem Zwischendeck. Er blieb stehen und starrte auf die Eingangsluke, aus der bald eine seltsame Prozession ans Tageslicht trat - eine Leichenprozession.

Von anderen Auswanderern umringt, erschien eine von Weinkrämpfen geschüttelte Frau auf Deck, gefolgt von ihrem Mann, dessen Gesicht wie versteinert war und der in seinen Armen einen kleinen Jungen von höchstens fünf Jahren trug. Der Junge bewegte sich nicht, und seine Augen waren geschlossen. Jacob wußte sofort, daß er nicht schlief, sondern tot war.

Zu den nach oben drängenden Passagieren gehörte auch Martin. Jacob nahm ihn beiseite und fragte ihn, was geschehen sei.

»Genau weiß ich es auch nicht. Du weißt ja, daß ich in der Junggesellenabteilung schlafe und nicht bei den Familien. Soweit ich es mitbekommen habe, ist der Junge heute früh einfach nicht mehr aufgewacht. Seine Eltern fanden ihn tot im Bett.«

Bob Maxwells furchteinflößende Gestalt teilte die Menge. Der Erste Steuermann blieb vor dem Mann mit dem toten Kind auf den Armen stehen und fragte barsch, was der Aufstand zu bedeuten habe.

»Mein Sohn ist tot«, sagte der Vater mit erstickter Stimme und streckte das Kind dem Seemann entgegen.

»Wie ist er gestorben?« fragte unbeeindruckt der Mann mit dem Narbengesicht.

»Ich weiß es nicht. Heute morgen war er einfach tot.«

»Ging es ihm gestern schlecht?«

»Er hatte etwas Durchfall und mußte sich mehrmals übergeben. Aber, das haben wir alle schon auf diesem Kahn.«

»Hatte er Fieber, oder klagte er über Leibschmerzen?«

Der Vater sah seine Frau an und schüttelte dann den Kopf. »Nichts von beidem. Deshalb haben wir uns auch keine größeren Sorgen gemacht.« Jetzt konnte auch er die Tränen nicht mehr zurückhalten. »Wolfgang war unser einziges Kind!«

Während sich Jacob und Martin, wie die meisten Passagiere, noch darüber wunderten, was die Fragerei bedeuten sollte, befahl Maxwell dem Vater, sein totes Kind neben den Großmast zu legen.

»Warum?« fragte der Auswanderer nur und sah den Ersten Steuermann verwirrt an.

»Ich muß meine Befehle nicht erklären. Tun Sie einfach, was ich sage!«

Zögernd machte der Deutsche ein paar Schritte auf den Großmast zu, als ihm seine Frau in die Arme fiel und sich schluchzend über den kleinen Leichnam beugte. Maxwell sprang hinzu und riß sie so grob beiseite, daß sie zu Boden stürzte.

»Lassen Sie das!« zischte der Schiffsoffizier.

»Und Sie lassen gefälligst die Frau in Frieden!« rief Martin laut und trat mit geballten Fäusten auf Maxwell zu.

Jacob, der sah, wie die Rechte des Steuermanns unter seine Jacke griff, wo vermutlich sein Messer steckte, faßte seinen Freund am Arm und hielt ihn zurück. Nicht so sehr aus Angst um Martin, sondern weil er spürte, daß Maxwell einen guten Grund für sein seltsames Benehmen hatte.

Für ein paar Sekunden stand Martin unschlüssig da, bis seine Vernunft und sein Vertrauen in den Freund die Oberhand gewannen und er in den Kreis der Auswanderer zurücktrat.

Jacob wandte sich an den trauernden Vater. »Tun Sie, was der Steuermann sagt, Herr. Es ist bestimmt besser so.«

Er hatte sich durch seine Stellung als Schiffszimmermann nicht nur bei der Besatzung, sondern auch bei den Passagieren Respekt erworben. Dieser wurde durch seine bescheidenen, aber ständig wachsenden Englischkenntnisse noch erhöht. Wann immer einer der des Englischen nicht mächtigen Auswanderer ein Problem mit einem Besatzungsmitglied zu besprechen hatte, wandte er sich vertrauensvoll an Jacob.

Dieser Respekt war es vielleicht, der den Vater jetzt dazu veranlaßte, langsam zum Großmast zu gehen und seinen toten Sohn in den Schatten des Takelwerks zu legen. Vielleicht hielt das Vertrauen in Jacob auch die übrigen Auswanderer davon ab, gegen den verhaßten Steuermann aufzubegehren; nicht nur Martin hatte seine Fäuste geballt, als die Mutter des toten Kindes zu Boden stürzte.

Die kleine, magere Frau stand mit Hilfe ihres Mannes auf und achtete nicht weiter auf Maxwell. Ihre Augen blieben auf ihr Kind fixiert, und Tränen rannen über ihre Wangen.

Maxwell kam an Jacobs Seite und sagte leise: »Sorgen Sie dafür, daß niemand der Leiche zu nahe kommt. Ich benachrichtige den Kapitän.«

Jacob nickte, und der Steuermann ging schnellen Schrittes nach achtern.

Martin sah seinen Freund mit gerunzelter Stirn an. »Was hat diese Geheimniskrämerei nur zu bedeuten?«

»Ich fürchte, etwas, das für uns alle sehr unangenehm werden kann.«

»Was denn, zum Teufel?«

Jacob schüttelte den Kopf. »Genau weiß ich es auch nicht. Man soll keine unnötigen Gerüchte in die Welt setzen, hat meine Mutter immer gesagt. Daraus ist noch nie etwas Gutes entstanden.«

Maxwell kehrte sehr schnell zurück, in seiner Begleitung Kapitän Haskin, Piet Hansen und der grobschlächtige Ire Paddy O'Rourke, der auf der ALBANY als Segelmacher fuhr. Die Männer beugten sich kurz über die Leiche, untersuchten sie aber nur sehr oberflächlich. Dann begann O'Rourke, den Jungen in ein mitgebrachtes Leinentuch zu wickeln und ihn darin einzunähen.

»Was soll das?« fragte der Vater erregt. »Wir haben noch nicht Abschied genommen von unserem Sohn!«

»Dann tun Sie es jetzt«, sagte Haskin ohne eine Spur von Mitleid. »Sobald der Segelmacher mit seiner Arbeit fertig ist, werden wir den Leichnam der See übergeben.«

»Warum?« fragte der Deutsche abermals.

»Weil es besser so ist«, lautete Haskins ausweichende Antwort. Dann besann er sich und fügte hinzu: »Wenn man einen Toten zu lange an Bord aufbewahrt, können Seuchen entstehen. Das will ich vermeiden.«

Jacob hatte das ungute Gefühl, daß dies nicht die ganze Wahrheit war.

Zwei Matrosen erschienen an Deck. Jeder schleppte schwer an einer der großen Eisenplatten, die ganz unten im Frachtraum der ALBANY als Ballast mitgeführt wurden. Sie legten die Platten in den Leinensack, der unter den flinken Stichen des Segelmachers entstand.

Die Kunde von der bevorstehenden Seebestattung machte schnell die Runde, und das Deck füllte sich zusehends mit Auswanderern. Einer der Matrosen, welche die Eisenplatten gebracht hatten, wurde von Haskin in die Kapitänskajüte geschickt und kehrte mit der großen Schiffsbibel zurück.

Als O'Rourke seine Arbeit beendet hatte, erkundigte sich der Kapitän nach dem Namen des Verstorbenen und hielt dann eine kurze Bestattungsrede, die er mit ein paar Bibelzitaten schmückte. Er schien die Stellen, an denen er das Buch der Bücher aufzuschlagen hatte, genau zu kennen. Haskins dürre Gestalt mit dem bleichen Totenschädel wirkte wie der personifizierte Todesengel.

Als er mit seiner Ansprache fertig war, rief er alle Versammelten zu einem stillen Gebet auf. Dann gab er zwei

Matrosen ein Zeichen, und sie hoben den kleinen Sack mit der Leiche hoch. Die Mutter des toten Jungen wollte noch etwa sagen, aber schon klatschte das Bündel ins Meer und versank in der Tiefe.

In diesem Moment riß ein gewaltiger Blitz den Himmel auf, schien ihn geradewegs spalten zu wollen, und wenige Sekunden später folgte ein ohrenbetäubendes Donnergrollen. Die meisten Seeleute erbleichten und bekreuzigten sich,

während strömender Regen einsetzte.

*

Es gewitterte und regnete den ganzen Tag über, und die See schlug heftige Wellen, als habe der Leichnam ihr die Ruhe geraubt.

Schlagartig war die gute Stimmung, die seit Wochen an Bord geherrscht hatte, verflogen. Allerlei Gerüchte über den Tod des Jungen machten die Runde, und der starke Aberglaube der Seeleute tat ein übriges.

Abends nach dem Sprachunterricht, als die meisten der Schüler gegangen waren und sich nur noch Jacob, Martin und Irene bei Piet Hansen in der Segelkammer aufhielten, sagte der junge Zimmermann: »Nun einmal heraus mit der Sprache, Piet! Was geht plötzlich vor auf der ALBANY? Man hat bei all den düsteren Gesichtern ja das Gefühl, daß auf dem Schiff plötzlich Satan persönlich mitfährt.«

»So ist es auch«, antwortete der Zweite Steuermann, während er seine Pfeife in Gang setzte. »Bisher haben wir außerordentliches Glück gehabt, daß der Tod - mit Slocums Ausnahme - der ALBANY ferngeblieben ist. Auf früheren Reisen sind die ersten Passagiere schon erheblich eher gestorben, weil sie nicht recht bei Kräften waren und die Anstrengungen der Seereise nicht verkrafteten. Aber was uns auf dieser Fahrt heimsucht, ist eine der schlimmsten

Todesarten überhaupt!«

»Eine Seuche?« fragte Jacob ahnungsvoll.

»Ja. Es ist die Cholera. Alle Anzeichen deuten darauf hin. Das Erbrechen des Jungen und der Durchfall, andererseits aber kein Fieber, keine Krämpfe. Die typischen Zeichen der Cholera!«

»Deshalb wollten Haskin und Maxwell die Leiche so schnell ins Meer werfen«, sagte Martin. »Sie befürchteten eine Ausbreitung der Seuche.«

»Wir können froh sein, wenn wir keine weiteren Opfer zu beklagen haben«, meinte Hansen. »Aber ich glaube nicht daran. Beim Proviant wollten Haskin und Maxwell wieder einmal Geld sparen und haben viel schlechte Ware eingekauft. Das wird sich jetzt rächen. Ich befürchte, die mangelnde Widerstandskraft der Auswanderer und der Schmutz auf dem Zwischendeck werden noch manch einen dahinraffen.«

»Wir sollten die Menschen warnen!« rief Irene entsetzt aus.

»Wozu?« fragte der bärtige Seemann. »Das würde nichts ändern. Wir sind hier an Bord auf Gedeih und Verderb aneinandergeschmiedet. Warum eine Panik auslösen, solange es sich vermeiden läßt?«

Die drei anderen sahen ein, daß er recht hatte.

»Das Meer fordert seinen Tribut«, orakelte Hansen finster. »Und es kennt keine Gnade.«

*

Die düstere Prophezeiung des Zweiten Steuermannes schien sich zu bewahrheiten.

Der Himmel blieb dunkel und das Meer rauh; es machte die ALBANY zum Spielball gewaltiger Kräfte. Die Menschen blieben auch tagsüber meist unter Deck, lagen, von der Seekrankheit geschüttelt, auf den Strohsäcken und trugen mit ihren Ausdünstungen und Ausscheidungen dazu bei, die Luft im Zwischendeck immer stärker zu vergiften.

Das freute Gevatter Tod, der in dieser unbeschreiblichen Atmosphäre neue Opfer fand. Sechs Tage nach dem Tod des Jungen gab es sechs weitere Opfer zu beklagen - vornehmlich Alte, Kranke und Kinder -, und das Wort »Cholera« wurde ganz offen an Bord ausgesprochen.

Kaum einer außer den nächsten Angehörigen kam noch zu den Seebegräbnissen. Der Tod war auf der ALBANY zum Alltag geworden; der Mensch gewöhnt sich an alles.

Nur Kapitän Haskin war jedesmal dabei, wenn einer seiner Passagiere über Bord geworfen wurde. Er hielt die Grabrede, zitierte aus der Bibel und gab dann das Kommando, die Leiche dem Meer zu überantworten.

Dies waren die einzigen Gelegenheiten, bei denen man ihn auf Deck sah. Bald kursierten auf dem Zwischendeck abergläubische Gerüchte über den wandelnden Leichnam und Menschenbestatter Josiah Haskin. Mal war er Luzifer, der gefallene Engel, mal ein Meeresdämon in Menschengestalt, der das Schiff hinaus auf den Atlantik gelockt hatte, um es mit Mann und Maus Neptun zu opfern. In ihrer Angst und Hilflosigkeit steigerten sich die Menschen immer mehr in solch irrationale Vorstellungen hinein.

Am Abend des 21. April - vor zwei Stunden war das siebte Cholera-Opfer, ein elfjähriges Mädchen aus Kiel, ins Meer geworfen worden - kam Irene aufgeregt zu Jacob und Martin gelaufen, die an einem Ruderboot auf dem Achterdeck Sturmschäden ausbesserten. Sie lief so schnell, daß sie fast stürzte, wäre Jacob nicht schnell zu ihr gesprungen und hätte sie aufgefangen. Schwer atmend lag sie in seinen Armen und löste durch ihre Wärme und Nähe ein eigenartiges Kribbeln bei ihm aus.

»Du solltest nicht so schnell laufen«, sagte er mehr besorgt als vorwurfsvoll und stellte sie wieder richtig auf die Beine. »Nicht in deinem Zustand und bei diesem Seegang.«

Tatsächlich war der Atlantik inzwischen so aufgewühlt, daß die Bark von einer Seite auf die andere geworfen wurde. Trotz der heftigen Schaukelei kletterten Matrosen in die Wanten, um die letzten Segel zu reffen. Wahrscheinlich lief das Schiff sonst Gefahr, vom Sturm einfach davongeweht zu werden.

»Du mußt aufs Zwischendeck kommen, Jacob«, keuchte Irene in demselben vertraulichen Ton, der sich zwischen den drei jungen Deutschen eingebürgert hatte. »Da unten braut sich etwas zusammen!«

»Was denn?«

»Die Menschen sind verängstigt, und Anton Wickert hat sie aufgehetzt.«

»Anton Wickert - wer ist das?«

»Der Vater des Jungen, der zuerst an der Cholera gestorben ist. Seitdem ist Wickert immer verbitterter geworden. Er hat sich beim Koch Rum gekauft und trinkt viel. Jetzt schwingt er Reden gegen den Kapitän. Haskin sei an allem Unglück schuld. Man müsse ihn ins Meer werfen, wie er es mit den Toten mache, dann habe das Sterben ein Ende.«

Jacob sah Irene befremdet an. »Die Menschen glauben diesen Unsinn doch nicht etwa?«

»Wie es aussieht, tun sie es. Immer mehr finden sich zusammen, die mit Wickert zur Kapitänskajüte marschieren wollen. Du hast Einfluß auf die Leute, Jacob. Sie vertrauen dir. Bring sie zur Vernunft, ehe ein Unglück geschieht!«

Unschlüssig sah sich Jacob nach Piet Hansen um, der ein paar Schritt hinter ihnen am Ruder stand. »Haben Sie das gehört, Piet?«

»Ja und nein. Meine Ohren haben es vernommen, aber als Zweiter Steuermann dieses Schiffes will ich es lieber nicht gehört haben. Dann müßte ich nämlich sofort dem Käpten melden, daß sich auf dem Zwischendeck eine Meuterei zusammenbraut. Haskin und Maxwell würden nicht lange fackeln mit den Aufrührern. Sie sind schnell dabei, Karabiner an die Mannschaft auszuteilen. Geh lieber rasch hinunter, Junge, und tu dein Bestes, um diese verblendeten Hitzköpfe zu beruhigen!«

»In Ordnung«, sagte Jacob, legte die Säge auf den Boden und sah Martin an. »Kommst du mit?«

»Wird wohl besser sein, wenn du Rückendeckung hast«, sagte der kräftige Bauernsohn mit einem Nicken.

Sie nahmen Irene in die Mitte und wankten über das schwankende Deck zum Eingang des Zwischendecks. Als sie vorsichtig die glitschige Treppe hinunterstiegen, kam ihnen eine aufgebrachte Schar von etwa zwei Dutzend Passagieren entgegen, vorwiegend Männer, aber auch ein paar Frauen.

Anton Wickert und seine Frau marschierten vorneweg. Der Vater des kleinen Wolfgang hielt einen Holzknüppel in der Hand, der aussah wie die abgebrochene Verstrebung einer Schlafstelle. Die Hälfte der Leute aus seiner Gruppe war ebenfalls bewaffnet, vorwiegend mit Holzknüppeln und Messern. In einer Hand sah Jacob auch die Schneide einer kleinen Axt aufblitzen.

Der Zimmermann blieb auf der vorletzten Stufe stehen und versperrte der aufgeregten Schar den Weg. »Wo wollt ihr bei diesem Mistwetter hin, Leute? Bleibt lieber im Trockenen, wenn ihr kein Ölzeug anhabt. Da oben erwischt euch ein Brecher, und ihr seid in weniger als einer Sekunde klitschnaß.«

»Wir werden uns Ölzeug holen«, sagte Anton Wickert äußerlich ruhig, aber innerlich bebte er. Die Rumfahne, die aus seinem Mund wehte, beleidigte Jacobs Nase. »In der Kapitänskajüte gibt es bestimmt genug davon. Überhaupt hat der Kapitän von allem genug, während wir hungern und sterben. Wahrscheinlich hat er mit dem Teufel einen Bund geschlossen, uns alle ans Messer zu liefern, wenn er nur in Saus und Braus leben kann.«

Zustimmendes Gemurmel breitete sich aus.

Wickert erhob drohend den Holzknüppel. »Mach Platz,

Jacob Adler, damit wir dem Kapitän geben können, was ihm gebührt!«

»Was denn?«

»Das Meer! So viel davon, wie er haben will. Wir werden ihn darin schwimmen lassen, so wie er unsere Toten darin schwimmen läßt. Vielleicht geht er ja nicht unter; dann wissen wir, daß er mit Satan im Bunde ist.«

»Und wenn er untergeht?«

»Dann ist es auch nicht schade.«

Wieder erntete Wickert allgemeine Zustimmung. Er trat auf die unterste Stufe des Aufgangs, und seine Gefährten rückten nach.

»Geh endlich aus dem Weg, Adler! Oder bist du auch ein Satansjünger?«

»Du bist betrunken, Wickert!« sagte Jacob laut und vernehmlich. »Du solltest dich aufs Ohr hauen und deinen Rausch ausschlafen, ehe du noch Unheil anrichtest. Wir haben schon genug Sorgen und brauchen keine, die wir uns künstlich schaffen!« Er ließ seinen Blick über die Menge schweifen, bemüht, möglichst vielen Menschen fest in die Augen zu sehen. »Ihr alle solltet euch hinlegen, bis der Sturm vorbei ist. Dann werdet ihr auch wieder ruhiger sein. Ich kann eure Angst und euren Schmerz verstehen. Aber was ihr vorhabt, hilft niemandem. Es macht alles nur noch schlimmer.«

»Genug jetzt!« brüllte Wickert mit der bebenden Stimme eines Irren. »Wir haben genug von deinem Geschwätz, Adler! Wenn du nicht aus dem Weg gehst, werden wir dich einfach überrennen!«

Jacob traf keine Anstalten, sich von seinem Platz zu bewegen, als der Anführer des Mobs auf seine Stufe trat und den Knüppel schwang. Aber bevor er die schwere Waffe auf den Zimmermann niedersausen lassen konnte, hatte dieser ihm seine rechte Faust in den Magen gerammt.

Wickert ließ den Knüppel fallen und knickte nach vorn ein.

Jacobs linke Faust traf ihn unters Kinn, warf ihn zurück und schleuderte ihn auf den schmutzigen, feuchten Boden des Zwischendecks, wo er zu Füßen der von ihm aufgestachelten Menschen lag und sich nicht mehr rührte.

Angst stieg in Jacob auf. Die Angst, zu fest zugeschlagen und den verwirrten, betrunkenen Mann getötet zu haben.

Wickerts Frau kniete sich neben ihrem Mann nieder und untersuchte ihn, während die anderen abwartend dreinblickten. Der unerwartete Verlauf der Dinge hatte ihnen den Antrieb genommen. Sie waren wie Schafe, die auf Kommandos warteten, in welche Richtung sie laufen sollten.

»Was ist?« fragte Jacob zögernd, als Frau Wickert ihren Kopf hob.

»Anton schläft.«

Die Nachricht ließ einen Ziegelstein von Jacobs Herz fallen.

»Das ist für ihn das Beste«, sagte er laut. »Tragt ihn zu seinem Schlafplatz, und legt euch auch hin! Sonst schmeißt euch der Sturm noch um.«

Erregt diskutierten die Menschen miteinander und kamen zu der Ansicht, daß Jacob recht hatte. Zwei kräftige Burschen zogen ihren Anführer vom Boden hoch und nahmen ihn mit sich. Die Menge zog sich durch den schmalen Gang zu ihren Schlafstellen zurück. Als letzte ging Frau Wickert ihnen hinterdrein. Sie drehte sich noch einmal um und warf Jacob einen seltsamen Blick zu.

Einen Blick, der ihn nachdenklich machte, den er aber nicht einordnen konnte. War sie ihm dankbar dafür, daß alles so glimpflich abgelaufen war? Oder wünschte sie ihm die Cholera an den Hals?

Als sich Jacob auf der Stiege zu seinen Freunden umdrehte, sah er, daß Irene kreidebleich im Gesicht war. Sie schwankte vor und zurück, vergeblich nach festem Halt suchend. Dann knickte sie einfach ein und wurde zu ihrem Glück von den beiden Männern aufgefangen.

*

Vorsichtig, Irene in seinen Armen, stieg Jacob die letzten beiden Stufen hinunter, gefolgt von Jacob.

»Was hat Irene?« fragte sein Freund.

Der Körper war völlig schlaff. Irene bewegte sich nicht und hielt die Augen geschlossen.

Cholera! dachte Jacob mit panischem Schrecken. Irene hat die Cholera!

»Was ist denn los mit ihr?« fragte Martin erneut.

»Ich weiß es nicht. Sie ist ohnmächtig. Wir sollten sie zu ihrer Schlafstätte bringen.«

Er sprach seinen schrecklichen Verdacht nicht aus, und auch Martin brachte das Wort nicht über seine Lippen. Es war, als könnten sie die Gefahr bannen, indem sie einfach nicht von ihr redeten.

Martin packte die Füße der jungen Frau, während Jacob unter ihre Achseln griff. So trugen sie Irene durchs Zwischendeck nach achtern, sich durch laute Rufe Platz verschaffend.

Sie kannten den Teil des Zwischendecks, in dem die unverheirateten Frauen untergebracht waren, weil sie ihn jeden Abend auf dem Weg in die Segelkammer durchquerten. Daher wußten sie auch, wo sich Irenes Schlafstelle befand, und legten sie auf ihren Strohsack.

Irenes Schlafgefährtinnen sprangen sofort erschrocken auf und achteten auf Abstand zu der Ohnmächtigen. Auch sie schienen den unausgesprochenen Verdacht der beiden jungen Männern zu hegen und befürchteten, sich anzustecken.

Eine rundliche Frau kam aus dem Familienquartier und blieb vor Irene stehen.

»Was ist denn hier los?« fragte sie energisch und stemmte die Fäuste in die breiten Hüften. »Was habt ihr mit dem armen Mädchen angestellt?«

»Gar nichts«, sagte Jacob. »Sie ist einfach zusammengebrochen. Ich nehme an, sie hat. sie hat die. Krankheit.«

Er brachte es einfach nicht fertig, im Zusammenhang mit Irene den Namen der Krankheit auszusprechen. Es erschien ihm, als würde er damit ihr Todesurteil fällen. Und das durfte einfach nicht sein!

Die resolute Matrone lockerte Irenes Kleidung und tastete die junge Frau ab. Dann wandte sie sich zu Jacob und Martin um und schüttelte heftig den Kopf.

»Männer!« schnaubte sie verächtlich. »Machen sich immer wichtig, aber haben von den wichtigen Dingen keine Ahnung!«

»Ist Irene denn nicht. krank?« fragte Jacob verwirrt und zugleich voller Hoffnung.

»Wenn man das als Krankheit bezeichnen will, trägt einer von euch Kerlen die Schuld daran. Das arme Ding bekommt ein Kind, ausgerechnet in dieser verhexten Nacht!«

»Aber. aber es ist doch noch gar nicht soweit«, protestierte Jacob. »Ich dachte, es sind noch zwei Monate bis zur Geburt.«

Die Matrone wackelte fast entschuldigend mit dem Kopf. »Offensichtlich hat das kleine Wurm seine eigene Meinung in der Sache.«

»Ja, aber was. was sollen wir denn jetzt tun?«

»Da wir keinen Arzt an Bord haben, müssen wir die Sache selbst in die Hand nehmen«, meinte die rundliche Frau. »Ihr könnt mir glauben, daß es nicht das erste Kind ist, das ich auf diese bescheidene Welt hole. Ihr zwei Figuren könnt ein paar Frauen zusammentrommeln, die mir helfen. Und der Schiffskoch soll Wasser heiß machen, einen großen Kessel!«

Jacob und Martin überschlugen sich fast, um die Anordnungen auszuführen.

»Ich sage dem Koch Bescheid!« keuchte Jacob und stürmte nach oben. Er brauchte jetzt Luft, viel frische Luft, und atmete an Deck tief durch. Gleichzeitig kam er sich ein wenig albern vor. Er benahm sich, als sei er der Vater.

Er hastete über das glitschige Deck zum Bug, der Küche entgegen, als ihm der Schiffskoch plötzlich entgegengelaufen kam. Er wollte an Jacob vorbei, aber der packte Melzer am Kragen und hielt ihn fest.

»Wo willst du hin?« brüllte Jacob gegen den Sturm.

Melzer zeigte mit seinem ausgestreckten Wurstfinger über Jacobs Schulter auf den Großmast. »Ich will helfen!«

Der Zimmermann drehte sich um und sah, was der Koch meinte. Die von Jacob reparierte Großmastspitze hatte dem Sturm nicht länger standgehalten. Jacob hatte sein Bestes getan, mußte aber mit unzulänglichen Hilfsmitteln auskommen. Der Mast hätte bis New York gehalten, hätte der Sturm ihn nicht fortwährend angegriffen.

Das Schlimmste an der Sache aber war, daß einer der Matrosen, die zum Segelreffen hinaufgeklettert waren, an der Spitze hing und nicht mehr zum Hauptteil des Mastes zurückkam.

Sobald die Spitze ganz abknickte drohte der Mann ins Meer zu stürzen. Bei dieser aufgewühlten See wäre es von vornherein aussichtslos, ihn herausfischen zu wollen. Oder aber er stürzte aufs Deck und würde dabei zerschmettert werden.

»Ich gehe helfen«, sagte Jacob. »Mach du einen großen Kessel Wasser heiß, sofort!«

Melzer schaute ihn an wie einen Betrunkenen. »Wer braucht denn jetzt heißes Wasser?«

»Irene, sie bekommt ihr Kind!« Der Koch zeigte ein erschrockenes Gesicht. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und rannte zurück zur Kombüse.

Jacob lief in die andere Richtung, wo sich immer mehr Seeleute um den Großmast versammelten.

*

Bob Maxwell, der sich ebenfalls am Großmast eingefunden hatte, warf dem jungen Zimmermann tödliche Blicke zu. »Ihre Arbeit ist nicht viel wert, Adler!«

»Das Material, mit dem ich arbeiten mußte, ist nicht viel wert. Wie so vieles hier auf dem Schiff. Aber darüber sollten wir uns nicht streiten. Jetzt geht es um den Mann da oben. Wer ist es?«

»Larry Braden.«

Also einer der Männer aus Maxwells »Leibwache«, wie Jacob und Martin die Männer nannten, die ständig um den Ersten Steuermann herumscharwenzelten. Braden war das baumlange Knochengerüst, das bei dem nächtlichen Überfall auf Irene mitgemacht hatte.

»Ist Ihnen wohl ganz recht, wenn Braden drauf geht, wie?« fragte das Narbengesicht und hatte wieder den lauernden Ausdruck in den Augen.

»Sie sollten nicht von sich auf andere schließen, Maxwell! Nicht jeder hat einen schlechten Charakter.«

Maxwells Hand zuckte zu seinem Messer, aber ein scharfer Ruf seines Namens hielt ihn zurück.

Kapitän Haskin hielt sich am Luftzugrohr fest und fragte im tadelnden Tonfall: »Warum der Streit?«

»Adler hat den Großmast nicht richtig instand gesetzt. Jetzt schwebt Braden in Lebensgefahr. Nur weil dieser Deutsche.«

»Wir sollten uns keine Vorwürfe machen, sondern lieber überlegen, wie wir dem Mann helfen können!« schnitt ihm Jacob den Satz ab.

»Ganz meine Meinung«, rief Martin, der hinter seinen Freund getreten war.

»Wie geht es Irene?« wollte Jacob sofort wissen.

»Sie ist wieder bei Bewußtsein. Die Frauen kümmern sich um sie und haben mich weggeschickt. Sie sagen, wenn das Neugeborene gleich nach der Geburt einen Kerl wie mich sieht, bekommt es einen Schreck fürs ganze Leben.« »Könnte schon stimmen«, sagte Jacob grinsend und wandte sich wieder dem Großmast zu.

Der Matrose baumelte etwa vierzig bis fünfzig Fuß über ihnen an der abgeknickten Spitze wie eine Vogelscheuche im Wind und wagte keine Bewegung zu machen. Die Mastspitze mit dem Seemann änderte ihre Position je nachdem, in welche Richtung die ALBANY auf den Wellen schwankte. Neigte sich das Schiff nach steuerbord, hing Braden über Deck, neigte es sich aber nach backbord, war nur das aufgewühlte Meer unter dem Mann. Seine einzige Wahl schien tatsächlich darin zu bestehen, zerschmettert zu werden oder zu ertrinken.

Jacobs Blick fiel auf einen vom Sturm abgerissenen Fetzen Segeltuch in der Größe von etwa zwölf mal fünfzehn Fuß, der sich um die Gangspill gewickelt hatte. Plötzlich kam ihm eine Idee.

»Wie reißfest ist das Segeltuch?« fragte er den Kapitän.

»Ziemlich. Der Sturm mußte mächtig wüten, um das Segel zu zerfetzen.«

»Dann könnte es gehen«, murmelte Jacob zu sich selbst und erläuterte laut seinen Plan.

Für einen Augenblick sahen ihn alle entgeistert an.

»Sie sind verrückt, Adler!« brach es aus Maxwell hervor. »Sie wollen Braden in den sicheren Tod schicken!«

»Der Tod hat ihn sicher, wenn wir nicht etwas unternehmen!« entgegnete Jacob. »Wenn keinem etwas Besseres einfällt, sollten wir es zumindest versuchen!«

Alle Blicke richteten sich auf Josiah Haskin.

»Also gut«, entschied der Kapitän nach kurzem Überlegen. »Versuchen wir es!«

Auf sein Geheiß trommelte Maxwell alle verfügbaren Männer zusammen. Sie zerrten das abgerissene Segelstück von der Gangspill und entwirrten es. Jacob stellte erleichtert fest, daß es nur an den Rändern ausgerissen war, aber in dem Segeltuch selbst klaffte kein Riß.

Die Männer nahmen an den Rändern des Segels Aufstellung und zogen es auf ein Kommando des Kapitäns auseinander, bis das Tuch spannte. Als die ALBANY sich erneut nach steuerbord neigte, liefen sie mit dem Tuch unter die Stelle, wo hoch über ihnen der Matrose hing.

»Springen Sie!« rief Haskin mehrmals zu ihm hinauf, aber Braden zeigte keine Reaktion.

Die Bark schwankte wieder nach backbord, und die Chance war vertan.

»Lange macht die Mastspitze das nicht mehr mit«, befürchtete Jacob. »Sie scheint sich immer mehr nach unten zu neigen.«

»Warum springt der Mann auch nicht!« sagte der Kapitän vorwurfsvoll.

»Vielleicht versteht er gar nicht, was wir von ihm wollen«, meinte Jacob.

»Aber er muß uns und das Tuch doch sehen!«

»Vielleicht hat Braden ganz einfach Angst. Von da oben muß unser Tuch lächerlich klein aussehen.«

»Womit Ihr Plan gescheitert wäre, Adler«, frohlockte Maxwell, dem das Schicksal des Seemannes nicht so wichtig zu sein schien wie sein Triumph über den Zimmermann.

»Noch nicht«, sagte Jacob, ließ das Tuch los und lief zu den Wanten des Großmastes.

»Wo wollen Sie hin, Mann?« rief der Erste Steuermann ihm hinterher.

»Hinauf! Von allein kommt Braden ja nicht runter.«

»Nicht, Jacob!« entfuhr es Martin. »Du bist im Klettern nicht so geübt wie die Matrosen. Bei dem Seegang und dem Sturm wird es dich aus den Wanten fegen, noch ehe du Braden erreichst!«

»Die Zeit läuft uns davon«, antwortete Jacob nur und hing bereits in den Tauen, kletterte immer weiter nach oben, ohne auch nur einmal nach unten zu schauen.

»Soll er doch«, brummte Maxwell zufrieden und sah den verhaßten Deutschen schon zerschmettert vor seinen Füßen liegen.

*

Eine Hand vor die andere, einen Fuß vor den anderen, aber immer eine Hand fest im Tauwerk, so arbeitete sich Jacob nach oben. Je höher er kam, desto heftiger zerrte der Sturm an ihm.

Er sah über sich schon die Großbramsaling, als ihn eine tosende Bö erfaßte und einfach fortriß, obwohl seine linke Hand fest um ein Tau geklammert war. Aber die Hand wurde gewaltsam gelöst, und nur große Streifen Haut blieb zurück.

Jacob stürzte dem Deck, den größer werdenden Männern entgegen, als seine Hände etwas zu fassen bekamen und sich darin verkrampften. Ein Ruck ging durch seinen Körper, als sein Fall aufgehalten wurde.

Er hing mit den Händen an der Großuntermarsrah und zog sich mit einer gewaltigen Anstrengung auf die hölzerne Querstange, an der zu weniger stürmischen Zeiten das Großuntermarssegel aufgespannt war.

Rittlings arbeitete er sich auf der Rah vorwärts, bis er den Mast erreichte. Dort verschnaufte er einige Sekunden und sah zu, wie die Mastspitze mit Braden aufs offene Meer hinaus-und wieder zurückschwenkte. Es kam ihm so vor, als sei die Spitze bei diesem Schwenk wieder ein Stück weiter nach unten geknickt.

Hastig kletterte er am Mast aufwärts, ohne auf seine blutende, schmerzende Hand zu achten. Auf der Großbramsaling hielt er an, weil kurz darüber der Mast abgeknickt war.

Als sich die ALBANY wieder nach steuerbord neigte und Braden dadurch in seine Nähe getragen wurde, rief er dem Matrosen zu, er möge in das Tuch springen.

Bradens Gesicht war noch bleicher als Haskins Totenschädel. Er klammerte sich an der Mastspitze fest wie ein kleines Kind am Rockzipfel seiner Mutter, schien zu keiner Bewegung fähig zu sein.

»Spring endlich!« brüllte Jacob aus Leibeskräften.

»Ich. ich kann nicht«, sagte der Seemann so leise, daß Jacob ihn kaum verstand. Vielleicht war es aber auch der Sturm, der seine Worte forttrug, bevor sie den Zimmermann ganz erreichten.

Die Bark kippte wieder in die andere Richtung, und die Mastspitze nahm Braden mit hinaus aufs Meer. Lange ging das Spiel nicht mehr so weiter, das erkannte Jacob an der Bruchstelle, die mehr und mehr splitterte.

Er konnte nicht anders, er mußte einfach nach unten aufs Deck schauen. Als er die kleinen Gestalten der Männer sah und den winzigen Fleck des Segeltuches, konnte er Braden verstehen. Ein Mann benötigte viel Gottvertrauen und Selbstüberwindung, um solch einen Sprung zu wagen.

Oder fürchterliche Todesangst! kam es Jacob in den Sinn, als die Mastspitze wieder in seine Richtung schwenkte.

»Spring!« forderte er den knochigen Seemann noch einmal auf, ohne Erfolg.

Da öffnete Jacob das große Klappmesser, das er bereits aus seiner Jackentasche geholt hatte, und kletterte noch ein kurzes Stück höher.

»Was. tust. du?« fragte Braden ängstlich.

»Ich kappe die Verbindungen der Mastspitze«, rief Jacob und setzte die Klinge an das brüchige Holz. »Wenn du nicht freiwillig springst, muß ich eben nachhelfen!«

»Nein! Nicht!«

Todesangst stand auf Bradens Gesicht geschrieben, noch stärker als zuvor. Aber genau das hatte der Zimmermann beabsichtigt.

»Dann spring jetzt endlich! Schnell!«

Er sah, wie Bradens Finger sich langsam von der umgeknickten Mastspitze lösten - sehr langsam.

Zu langsam?

Jacob befürchtete, daß sich die ALBANY wieder zur anderen Seite neigte und den Seemann dadurch zu weit wegtrug, wenn er endlich sprang. Dann würden die Männer mit dem Segeltuch unten ihn nicht rechtzeitig erreichen. Oder er würde gleich ins aufgepeitschte Meer stürzen und von den Fluten verschluckt werden.

Bradens Finger rutschten von der Mastspitze ab. Der Seemann stürzte in die Tiefe...

*

... und fiel in das ausgespannte Tuch, während die Mastspitze erneut davonschwenkte, diesmal schon gefährlich weit nach unten geneigt. Vielleicht wäre sie mit Bradens Gewicht nicht noch einmal vom offenen Meer zurückgekehrt.

Als Jacob sah, wie das Segel zwar unter dem Aufprall erzitterte, aber standhielt, brüllte er einen Jubelschrei gegen den tosenden Wind, und für einen Sekundenbruchteil schien der Sturm zu verstummen.

Aber dann hob er erneut an und zerrte an dem Mann auf der Großbramsaling, während tief unten ein benommener Larry Braden aus dem Tuch taumelte und sich mit Hilfe seiner Kameraden auf eine Werkzeugkiste setzte, als ihm die Beine versagten.

Es machte keinen Sinn, länger hier oben auszuharren. Jacob machte sich an den Abstieg, für den er sich Zeit ließ. Er kam lieber etwas später unten an als in mehreren Stücken.

Er hatte erst ein Drittel der Strecke in den Wanten zurückgelegt, als aufgeregte Rufe an sein Ohr drangen, wenn auch nur ganz leise. Die Männer unter ihm zeigten nach oben.

Jacobs Blick ging ebenfalls in diese Richtung - und er konnte seinen Kopf gerade noch einziehen, bevor die abgerissene Mastspitze an ihm vorbei in die Tiefe donnerte, einen Teil der oberen Takelage nach sich schleppend.

Ein Tau, das an der Mastspitze hing, schlug in Jacobs Gesicht und traf voll in sein linkes Auge. Unwillkürlich kniff er beide Augen zu, um sie vor weiterem Schaden zu bewahren. Aber das Schlimmste schien vorüber zu sein. Mastspitze und Takelwerk lagen unten auf Deck, als er die Augen wieder öffnete. Das linke Auge schmerzte stark, und Tränen rannen über seine Wange.

Er wollte sich an den weiteren Abstieg machen, da erkannte er, daß auf Deck ein Unglück geschehen war. Einer der Männer lag unter der Mastspitze begraben am Boden, und die anderen scharten sich um ihn, versuchten ihn von der Last zu befreien.

»Martin?« stieß Jacob hervor, weil er nicht sehen konnte, um wen es sich handelte.

Eilig setzte er seinen Abstieg fort und stieß einen dankbaren Stoßseufzer aus, als er erkannte, daß sein Freund nicht das Unglücksopfer war.

Bloß - wer war es dann?

Jacob kletterte weiter und kam völlig erschöpft unten an. Braden hockte noch immer teilnahmslos auf der Werkzeugkiste. Er schien nicht nur den tosenden Sturm, sondern die ganze Welt um sich herum vergessen zu haben.

Die anderen Männer kümmerten sich um den Verletzten, der bewegungslos auf den Planken lag und dessen Kopf nur noch eine einzige blutige Masse zu sein schien. Es war der Totenschädel Josiah Haskins.

»Was ist geschehen?« fragte Jacob atemlos.

»Das sieht man doch!« fauchte ihn Maxwell an. »Die schadhaft instandgesetzte Mastspitze hat den Kapitän voll am Kopf erwischt.«

»Ist er tot?«

»Noch nicht«, antwortete Martin. »Aber es fehlt nicht viel.«

Ein paar Seeleute hoben ihren Kapitän vorsichtig hoch und trugen ihn über das schwankende Deck zur Kapitänskajüte.

Jacob und Martin bildeten mit anderen einen Trupp, der das Schiff gegen Sturmschäden absicherte. Stunde um Stunde kämpften die trotz des Ölzeugs völlig durchnäßten Männer gegen die aufgebrachten Naturgewalten an.

*

Erst drei Stunden nach Mitternacht ließ der Sturm nach, so daß sich die erschöpften Männer eine Ruhepause gönnen durften.

Aufgeregt betraten Jacob und Martin das Zwischendeck. Immerzu hatten sie an Irene denken müssen, aber keine Gelegenheit gefunden, sich nach ihr zu erkundigen.

Sie wandten sich nach achtern und gingen zum Quartier der alleinreisenden Frauen, als ihnen die resolute Matrone entgegenkam, die sich als erste um Irene gekümmert hatte. Sie sah ziemlich erledigt aus, hatte dicke Schweißperlen auf der Stirn.

»Wie geht es Irene?« fragte Jacob.

»Sie liegt dahinten«, sagte die Frau einfach und zeigte mit einer ihrer fleischigen Hände über die Schulter.

»Und was ist mit dem Kind?«

»Liegt auch da.«

Mit dieser lapidaren Auskunft ließ sie die beiden Freunde stehen und wankte an ihnen vorbei, wohl um sich auszuruhen. Eine fiebrige Unruhe packte die Männer und trieb sie voran.

Im Zwischendeck sah es noch schlimmer aus als nach dem großen Sturm, der die ALBANY in der Nordsee durchgeschüttelt hatte. Männer fluchten, Kinder weinten, und Mütter sprachen Dankgebete, daß der Herr sie und ihre Lieben noch einmal verschont hatte. Und es stank bestialisch. Aber im Augenblick hatten Jacob und Martin dafür weder Auge noch Ohr oder Nase.

Sie kamen an Irenes Schlafstelle, die so dicht von Frauen umringt war, daß die beiden Männer nichts erkennen konnten. Sie bahnten sich einen Weg hindurch und sahen schließlich Irene, die mit geschlossenen Augen auf ihrem Strohsack lag, den Kopf zur Seite gerollt. Es war nicht zu erkennen, ob noch Leben in ihr war.

»Irene«, flüsterte Jacob.

Die Augenlider der erschöpften, in Schweiß gebadeten jungen Frau flatterten, und dann war er dankbar für den Blick aus ihren grünblauen Augen. Dankbar, daß Irene noch am Leben war.

»Jacob!«

Sie streckte eine Hand aus, als wolle sie ihn berühren, ließ sie dann aber wieder kraftlos sinken. Jetzt bemerkte sie auch Martin und lächelte ihm zu.

»Wie geht es dir, Irene?« fragte Jacob.

Sie lächelte. »Ich fühle mich erschöpft, aber gut.«

»Wo ist das Kind?«

Mit langsamen, zärtlichen Bewegungen packte sie ein winzig kleines Stoffbündel aus, das an ihrer Seite lag und ein Gesichtlein verbarg, nicht größer als Jacobs Handteller.

Wieder lächelte Irene. »Darf ich dir meinen Sohn vorstellen?«

Mit geschlossenen Augen lag das kleine Menschenkind da, ohne zu wissen, daß es sich schon auf der großen Welt befand.

»Ist er gesund?« fragte Jacob.

»Das will ich doch hoffen!« antwortete die Mutter.

»Wie soll er denn heißen?« erkundigte sich Martin, der angesichts des Kleinen von einem Ohr zum anderen strahlte.

Irene betrachtete die beiden Männer und sagte dann: »JacobMartin. Das heißt, wenn ihr beide die Verantwortung der Patenschaft auf euch nehmen wollt.«

Obwohl die beiden Männer wußten, daß dies nicht nur eine Ehrung war, sondern auch eine Verpflichtung mit sich brachte,

zögerten sie keinen Augenblick, die Patenschaft zu übernehmen.

Irene sah sehr zufrieden aus. »Jacob-Martin wird sehr glücklich sein eines Tages, wenn er seine Paten kennenlernt.«

*

Am nächsten Morgen waren Jacob und Martin früh bei der Arbeit, um die abgebrochene Mastspitze so weit wiederherzustellen, daß sie auf den Großmast gesetzt werden konnte. Seeleute und Auswanderer begannen um sie herum mit den Aufräumarbeiten.

Die Natur hatte sich ein wenig beruhigt. Die Wellen schlugen längst nicht mehr so hoch wie in der Nacht, und der Himmel war zwar bewölkt, aber manchmal schien hinter den Wolken die Sonne ein wenig zu lachen.

Irene, nach der Jacob kurz gesehen hatte, bevor er die Arbeit aufnahm, schlief noch, der kleine Jacob-Martin ebenfalls. Die rundliche Matrone kümmerte sich um beide, und Jacob war beruhigt, weil er Mutter und Kind in guten Händen wußte.

Ein ganz eigenartiges Gefühl saß in seiner Brust, wie er es niemals zuvor verspürt hatte. In der letzten Nacht, als er sah, wie Irene und ihr Neugeborenes so friedlich nebeneinanderlagen, hatte er zum erstenmal eine Ahnung davon bekommen, wie es sein mußte, für eine Familie, die man liebte, zu sorgen. Wenn er ehrlich zu sich war, mußte er sich den Wunsch eingestehen, Carl Dilger möge für immer in den Weiten Amerikas verschollen bleiben. Dann könnte er, Jacob Adler, für Irene und den Jungen sorgen.

Er verdrängte diesen Wunsch und schämte sich für seine Gedanken. Irene sollte glücklich sein. Ihr und dem Kleinen sollte es gutgehen. Das allein war wichtig.

»Was hast du, Jacob?« fragte Martin, weil sein Freund aufgehört hatte, an der Säge zu ziehen, mit der sie die

Bruchstelle von der Mastspitze abtrennen wollten. »Du scheinst mit deinen Gedanken ganz woanders zu sein.«

»Ich bin nur müde«, murmelte Jacob und sägte jetzt um so heftiger.

Immer wieder glitt sein Blick zur Kapitänskajüte, und er fragte sich, ob Josiah Haskin noch lebte. Aus dem Achterdeck drang keine Nachricht zu ihnen. Weder Haskin noch Bob Maxwell hatten sich blicken lassen. Piet Hansen war kurz an Deck gewesen, um die Männer zur Arbeit einzuteilen. Aber ehe Jacob und Martin ihn etwas fragen konnten, war er schon wieder in der Kapitänskajüte verschwunden. Ein Maat namens Brown stand am Steuerrad. Was mochten die Schiffsoffiziere auf dem Achterdeck ausbrüten?

Auch Larry Braden hatte sich an diesem Morgen noch nicht gezeigt. Jacob und Martin wußten nicht, wie es ihm ging.

Als die Eingangstür zur Kapitänskajüte geöffnet wurde, schauten die beiden Freunde erwartungsvoll auf. Als erster trat Maxwell hinaus, gefolgt von zwei Angehörigen seiner »Leibgarde«; es waren die beiden Matrosen, gegen die Jacob in jener Nacht gekämpft hatte, Larry Braden und Slim Cullen. Braden schien sich wieder völlig erholt zu haben; jedenfalls ließ er kein Anzeichen von Schwäche erkennen.

Die Gesichter der drei Männer verhießen nichts Gutes. Jacob und Martin erhoben sich, als die Seeleute näher traten.

Maxwell blieb vier Schritte vor ihnen stehen und zog einen Revolver aus der Jackentasche, um ihn auf Jacobs Brust zu richten. Seine Messernarbe tanzte, als er die Lippen zu einem häßlichen, seine schlechten Zähne entblößenden Haifischlächeln verzog.

»Jacob Adler, ich verhafte Sie wegen versuchten Mordes an Kapitän Josiah Haskin«, sagte er langsam und schien jede Silbe zu genießen. Endlich hatte er den Zimmermann da, wo er ihn schon lange haben wollte: in seiner Gewalt.

In Jacobs Kopf schlugen die Gedanken Purzelbäume. War es nicht geradezu grotesk, daß er schon zum zweitenmal des versuchten Mordes bezichtigt wurde, obgleich er sich keiner Schuld bewußt war?

»Was soll der Unsinn?« fragte Martin laut und machte empört einen Schritt auf die drei Seeleute zu.

Der untersetzte Cullen sprang ihm entgegen, offenbarte erst jetzt den Knüppel in seiner Hand und zog ihn mit einem häßlichen Laut über Martins Kopf. Der Getroffene fiel in sich zusammen und sackte zu Boden.

»So gehen wir ab jetzt mit allen Meuterern um«, verkündete Maxwell laut genug, damit alle Umstehenden es hören konnten. »Kapitän Haskin liegt immer noch ohnmächtig in seiner Kajüte. Es sieht so aus, als habe er sein Bewußtsein für immer verloren. Wie lange es auch dauern mag, für diese Zeit befehlige ich das Schiff. Und ich werde auch nicht die geringste Aufsässigkeit mehr dulden!«

»Was werfen Sie mir vor?« fragte Jacob äußerlich ruhig, obwohl er innerlich zum Zerreißen angespannt war.

»Sie haben in der Nacht absichtlich die Mastspitze gekappt, die auf Kapitän Haskin stürzte. Sie planten wohl, auch mich damit zu erwischen, um zusammen mit Ihren Freunden Bauer und Hansen endlich das Kommando auf der ALBANY übernehmen zu können.«

»Das ist lächerlich!« empörte sich Jacob. »Fragen Sie Hansen doch selbst. Wo steckt er überhaupt?«

Maxwell warf einen kurzen Blick nach achtern zur Kapitänskajüte. »Wir haben ihn überwältigt und gefesselt. Er wird uns schon noch das Komplott gestehen.« Jacob erkannte, daß der Erste Steuermann hier ein Schauspiel aufführte, das die Gerichtsverhandlung noch in den Schatten stellte und nur dazu diente, Maxwell die völlige Kontrolle über die ALBANY zu verschaffen.

Er konnte die angesichts der himmelschreienden Untaten in ihm aufsteigende Wut nicht mehr unterdrücken und sprang auf den Steuermann zu. Der schien darauf nur gewartet zu haben, grinste erneut machte zwei Schritte zurück und folgte mit dem Revolverlauf den Bewegungen des Angreifers.

Aber bevor er abdrücken konnte, hatte Braden ihn von der Seite angesprungen und zu Boden gerissen. Der Schuß krachte, doch die Kugel sirrte wirkungslos in den Himmel davon.

Die beiden Männer am Boden rangen miteinander, ohne daß Jacob den Revolver sehen konnte. Da fiel erneut ein Schuß.

Für zehn Sekunden lagen die Kontrahenten ineinander verklammert, aber reglos am Boden. Endlich lösten sie sich voneinander, und Braden stand langsam auf.

Der Revolver polterte neben Maxwell auf die Planken. Der Steuermann lag auf dem Rücken und starrte aus seinen dunklen Augen in den Himmel. Sein Blick war gebrochen, und in seiner linken Brust klaffte ein großes rotes Loch.

»Ich wollte. ihn nicht. umbringen«, stammelte Braden auf englisch. »Aber ich mußte Ihnen einfach helfen, Mr. Adler. Sie haben mir doch auch geholfen.«

»Ja«, sagte Jacob nur, hob den Revolver auf und schmiß ihn ins Meer.

*

Nachdem der zu einem Paket verschnürte Piet Hansen von Jacob befreit worden war, übernahm er das Kommando auf der ALBANY.

Martin hatte unter dem Knüppelschlag zum Glück nicht zu sehr gelitten und war bald wieder auf dem Posten. Slim Cullen machte fortan einen großen Bogen um ihn.

Maxwells Leiche war die letzte, die auf dieser Fahrt über die Bordwand der ALBANY ins Meer geworfen wurde. Die Cholera verschwand so schlagartig, wie sie aufgetaucht war. Fast schien es, als hätte die Sturmnacht eine reinigende Wirkung auf das Schiff ausgeübt. Oder so, als hätte das Meer nur auf die Leiche des Ersten Steuermannes gewartet, um sich zufriedenzugeben.

Das Wetter klarte bald auf. Ein frischer, aber nicht zu heftiger Wind trieb die Bark voran, nachdem Jacob die reparierte Mastspitze wieder aufgesetzt hatte. Die See hatte ihre Muskeln genug spielen lassen und verhielt sich für den Rest der Reise ruhig.

Mit Bob Maxwell schien ein böser Geist die ALBANY verlassen zu haben.

Nach einer Woche kam Josiah Haskin wieder zu sich, mußte aber noch lange das Bett hüten. Seltsam, auch er schien über Maxwells Tod erleichtert zu sein und sprach davon, daß es seine Tochter ohne diesen Mann wohl besser hätte. Cullen sollte für seinen Anschlag auf Martin nicht bestraft werden, sagte der Kapitän. Er wollte, daß endlich Ruhe einkehrte auf der ALBANY.

»Ruhe hat das Schiff schon viel zu lange entbehrt«, meinte er zu Jacob, Martin und Piet Hansen, die sein Krankenlager umstanden. »Und ich auch.« Er schlug auf seine Brust. »Hier drinnen. Ich glaube, ich ziehe mich auf meine alten Tage aufs Land zurück und verbringe die restliche Zeit bei meiner Tochter. Die See, die meine Frau verschlang, hat mich lange genug in ihren Klauen gehalten.«

»Und was machen Sie mit der ALBANY?« fragte Jacob, nicht ohne Hintergedanken.

»Ich werde sie wohl verkaufen.«

»Ein Kapitän wie Piet Hansen würde sie sicher gut behandeln«, fuhr Jacob fort.

Ein dünnes Lächeln trat auf Haskins Gesicht, das während seiner Krankheit noch schmaler geworden war. »Ich beginne zu verstehen, worauf Sie hinauswollen, junger Mann.«

»Ich auch«, brummte Hansen und hob abwehrend die Hände. »Aber ich bin nicht der Richtige für diesen Posten. Ich habe gerade mal so viel Geld, um mir ein Ruderboot zu kaufen, aber nicht eine ganze Bark.«

»Sie müssen die ALBANY ja nicht kaufen, Piet«, sagte Jacob. »Mr. Haskin könnte Sie als Miteigner aufnehmen. Sie führen das Kommando als Kapitän und beteiligen Mr. Haskin dafür hälftig an Ihren Einnahmen.«

Der Vorschlag war so gut, daß er von beiden Parteien angenommen und sofort schriftlich niedergelegt wurde.

*

So aufgeregt die Schiffsreise bisher verlaufen war, so ruhig und friedlich verlief der Rest. Piet Hansen, der neue Kapitän, hatte eine gute Hand für das Schiff und steuerte es sicher der amerikanischen Küste entgegen. Durch die Stürme hatte die ALBANY einiges an Zeit verloren, aber einen Teil davon holte sie jetzt wieder auf.

Als das Auftauchen des fremden Kontinents immer wahrscheinlicher wurde, drängelten sich die Auswanderer an Deck, um Ausschau nach der neuen Heimat zu halten. Ein Preisgeld von immerhin zwanzig Dollar wurde unter allen Auswanderern für den gesammelt, der die Küste zuerst entdeckte.

Auch Jacob und Martin standen häufig da und blickten übers Meer. Ab und zu trat Irene an ihre Seite, den gut eingepackten kleinen Erdenbürger auf ihrem Arm.

Fast bedauerte Jacob ein bißchen das nahe Ende ihrer Reise, hieß es dann doch Abschied nehmen von Irene und ihrem Sohn. Und wohl auch von Martin. Ihre Wege würden sich trennen, weil jeder ein anderes Ziel verfolgte.

An einem klaren, sonnigen Vormittag schälte sich die Küste der Neuen Welt aus dem Horizont hervor. Der Jubel unter den Auswanderern war so groß, daß niemand hinterher mehr zu sagen vermochte, wer das Land zuerst gesehen und sich das Preisgeld verdient hatte.

Man schrieb den 24. Mai des Jahres 1863.

ENDE

Und so geht das Abenteuer weiter..

Endlich angekommen! Der Hafen von New York liegt vor den deutschen Auswanderern. Nach der quälenden, gefahrvollen Überfahrt strömen die Herzen der Menschen über vor Glück und Zuversicht. Zu Unrecht. Schon für unzählige Menschen wurde der Moloch New York zur unentrinnbaren Falle. Hier lauern Gefahren auf die Auswanderer, von denen die meisten noch nie gehört haben.

Auch Jacob, Martin und Irene sollen nicht verschont bleiben. Trotz aller Vorsicht geraten sie in die Hände skrupelloser Geschäftemacher.

Dabei trifft Jacob es noch gut - er findet sich als Boxer in einem Ring wieder. Irenes Schicksal ist ungleich schlimmer...

DIE RATTEN VON NEW YORK von J. G. Kastner.

Jacob Adlers Ankunft in der Neuen Welt.