/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Anklage

John Grisham


Anklage

John Grisham

2014

1

Samantha Kofer, ambitionierte Anwältin bei einer der größten Kanzleien New Yorks, wird kurz nach dem Untergang der US-Investmentbank Lehman Brothers von ihrem Job freigestellt. Im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen, die von einem auf den anderen Tag auf der Straße stehen, bietet man ihr einen Deal an: Wenn Sie für ein Jahr ohne Gehalt bei einer Non-Profit-Organisation arbeitet, behält sie ihren Job. So verschlägt es Samantha nach Brady, einem kleinen Ort in den Bergen Virginias, wo sie bei einer Beratungsstelle für kostenlosen Rechtsbeistand anheuert. Anfangs noch etwas unbeholfen in der ungewohnten Umgebung, entwickelt Samantha bald ein Gespür für die Nöte der Einwohner Bradys. Menschen, die auf den umliegenden Kohlefeldern jahrelang Schwerstarbeit geleistet haben und nun ausgebrannt oder erkrankt von den Kohleunternehmen im Stich gelassen werden. Der tragische Fall eines Arbeiters, der von Elend und Krankheit so gezeichnet ist, dass ihm nur noch wenige Monate zu leben bleiben, lässt Samantha schließlich über sich hinaus wachsen. Gemeinsam mit einem befreundeten Anwalt nimmt sie den Kampf gegen die Kohlemagnaten auf und schreckt auch dann nicht zurück, als ihr Leben akut bedroht wird.

Inhaltsverzeichnis

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

Anmerkungen des Autors

In Erinnerung an Rick Hemba

1954-2013

Bis bald, Ace

1

Das Schlimmste war das Warten. Die Ungewissheit, die schlaflosen Nächte, die Magengeschwüre. Kollegen gingen einander aus dem Weg und verriegelten ihre Bürotüren. Sekretärinnen und Rechtsassistenten verbreiteten unter vorgehaltener Hand Gerüchte. Die Stimmung war gereizt, und jeder fragte sich, wen es als Nächsten treffen würde. Die Partner aus der obersten Führungsetage wirkten wie gelähmt und mieden jeden Kontakt mit ihren Untergebenen. Wer wusste schon, wem man bald das Messer in die Brust rammen musste.

Die Gerüchteküche brodelte. In der Abteilung Zivilprozesse habe es zehn Mitarbeiter erwischt — fast richtig, tatsächlich waren es nur sieben. Die Nachlassabteilung sei komplett aufgelöst worden, mitsamt der Leitung — das stimmte. Acht Partner aus der Kartellabteilung hätten sich zu einer anderen Kanzlei gerettet — falsch, zumindest bislang.

Die Atmosphäre war so vergiftet, dass Samantha das Büro möglichst oft verließ, um sich mit ihrem Laptop in ein Café in Lower Manhattan zu setzen und dort zu arbeiten. Einmal saß sie bei schönem Wetter auf einer Parkbank — es war Tag zehn nach dem Kollaps von Lehman Brothers — und betrachtete das hohe Gebäude weiter unten in der Broad Street mit der Hausnummer 110. Die gesamte obere Hälfte war von Scully & Pershing gemietet, der größten Anwaltskanzlei, die die Welt je gesehen hatte und die ihr Arbeitgeber war. Noch, zumindest, denn die Zukunft war alles andere als gewiss. Zweitausend Anwälte waren bei der Großkanzlei beschäftigt, in zwanzig Ländern, die Hälfte davon in New York, tausend Juristen zwischen der dreißigsten und der fünfundsechzigsten Etage. Wie viele von ihnen würden am liebsten aus dem Fenster springen? Samantha konnte es nicht einschätzen, aber sie war sicher nicht die Einzige. Die größte Kanzlei der Welt schnurrte zusammen wie ein Luftballon, nicht anders als die Konkurrenz. Die Welt der Großkanzleien war genauso in Panik wie die Hedgefonds, Investmentbanken, Endverbraucherbanken, Versicherungsgesellschaften, die Regierung in Washington und die Einzelhändler in der Main Street.

Tag zehn verging ohne Gemetzel, ebenso Tag elf. Am zwölften Tag kam ein Funke Optimismus auf, als Ben, einer von Samanthas Kollegen, das Gerücht mitbrachte, die Londoner Kreditmärkte lockerten angeblich ein wenig die Zügel, sodass unter Umständen bald wieder Gelder zu haben seien. Am späten Nachmittag jedoch war klar, dass an diesem Gerücht nichts dran war. Und so warteten sie weiter.

Zwei Partner leiteten bei Scully & Pershing die Abteilung Gewerbliche Immobilien. Der eine stand kurz vor dem Rentenalter und war bereits vor die Tür gesetzt worden. Der andere war Andy Grubman, vierzig, Bürohengst. Er hatte noch nie einen Gerichtssaal von innen gesehen. Als Partner bewohnte er ein schönes Büro mit Fernblick auf den Hudson, dessen Wasser er jedoch seit Jahren nicht mehr wahrgenommen hatte. Auf einem Regal hinter seinem Schreibtisch stand zwischen Diplomen und Auszeichnungen eine Sammlung Hochhausmodelle, die er »meine Türme« nannte. Sobald eines seiner Objekte fertiggestellt war, beauftragte er einen Bildhauer, eine Miniatur davon anzufertigen. Eine noch kleinere Version davon schenkte er dann den Mitgliedern »meines Teams«. In den drei Jahren, die sie für S&P arbeitete, hatte Samantha sechs »Türme« gesammelt. Mehr würden es nicht werden.

»Setzen Sie sich«, ordnete er an und schloss die Tür. Samantha nahm neben Ben und Izabelle Platz. Die drei Angestellten blickten beim Warten starr auf ihre Füße. Samantha verspürte den Drang, Bens Hand zu ergreifen, in Panik wie eine Gefangene vor einem Erschießungskommando. Grubman sank auf seinen Stuhl. Ohne sie anzusehen, bedacht, die Sache möglichst rasch hinter sich zu bringen, begann er, den Schlamassel darzulegen, in dem sie sich befanden.

»Wie Sie wissen, ist Lehman Brothers vor vierzehn Tagen kollabiert.«

Ach tatsächlich, Mr. Grubman! Finanzkrise und Kreditcrash haben die Welt an den Rand einer Katastrophe gebracht. Das weiß jeder. Aber wann haben Sie schon mal etwas Originelles von sich gegeben?

»Wir arbeiten an fünf Projekten, die alle von Lehman finanziert werden. Ich habe mit den Investoren gesprochen, sie werden alle Mittel abziehen. Drei weitere Aufträge waren in der Pipeline, zwei mit Lehman, einer mit Lloyd’s, aber, nun ja, alle Kredite liegen auf Eis. Die Banker haben sich verschanzt und trauen sich keinen Penny mehr herauszugeben.«

Ja, Mr. Grubman, auch das wissen wir. Das steht auf den Titelseiten der Zeitungen. Jetzt machen Sie schon, sonst springen wir.

»Der Vorstand hat sich gestern zusammengesetzt und einige Kürzungen beschlossen. Dreißig im letzten Jahr neu eingestellte Mitarbeiter werden freigestellt, manche davon fristlos gekündigt. Alle Neuen bleiben bis auf Weiteres in der Warteschleife. Die Nachlassabteilung wurde aufgelöst. Und, nun ja, es fällt mir nicht leicht, das zu sagen, aber auch unsere gesamte Abteilung wird aufgelöst, rausgekürzt, eliminiert. Wer weiß, wann wieder gebaut wird, wenn überhaupt jemals. Die Kanzlei ist nicht bereit, Sie weiter zu beschäftigen, solange die Welt auf Kreditangebote wartet. Verdammt, wir könnten auf eine schlimme Depression zusteuern. Das ist wahrscheinlich nur die erste Runde von Kürzungen. Tut mir leid für Sie. Tut mir wirklich leid.«

Ben sprach als Erster. »Dann sind wir fristlos entlassen?«

»Nein. Ich habe mich natürlich für Sie eingesetzt. Zunächst wollten die Sie umstandslos vor die Tür setzen. Ich muss Sie nicht daran erinnern, dass wir die kleinste Abteilung der Kanzlei sind und es uns im Moment wahrscheinlich am härtesten trifft. Ich konnte ihnen ein Arrangement abringen, das man als Beurlaubung bezeichnen kann. Sie gehen jetzt, kommen aber später vielleicht wieder.«

»Vielleicht?«, fragte Samantha. Izabelle wischte sich eine Träne ab, behielt jedoch die Fassung.

»Ja, ein dickes, fettes Vielleicht. Im Moment ist eben nichts sicher, Samantha. Wir tun, was wir können. In sechs Monaten könnten wir alle an der Suppenküche stehen. Sie kennen die Fotos von 1929.«

Ach, Mr. Grubman, die Suppenküche, ernsthaft? Als Partner haben Sie letztes Jahr 2,8 Millionen Dollar netto verdient, das war ein Durchschnittsgehalt bei S&P, die damit beim Nettoeinkommen pro Partner auf Platz vier der Rangliste rangierten. Was natürlich nicht gut genug war, jedenfalls nicht, bis Lehman die Luft ausging, Bear Stearns zusammenbrach und die Hypothekenblase platzte. Plötzlich sah der vierte Rang ziemlich gut aus, zumindest für den einen oder anderen.

»Was ist unter Beurlaubung zu verstehen?«, fragte Ben.

»Der Deal sieht so aus: Die Kanzlei behält Sie für die nächsten zwölf Monate unter Vertrag, aber Sie bekommen kein Gehalt.«

»Wie nett«, murmelte Izabelle.

Ohne auf sie einzugehen, fuhr Grubman fort: »Sie behalten Ihre Krankenversicherung, aber nur, wenn Sie für eine von uns ausgewählte gemeinnützige Organisation ehrenamtlich tätig werden. Die Personalabteilung stellt eine Liste geeigneter Vereine zusammen. Sie gehen jetzt, tun ein bisschen was Gutes, retten die Welt, in der Hoffnung, dass die Wirtschaft sich erholt, dann steigen Sie in einem Jahr wieder ein, ohne an Seniorität verloren zu haben. Sie werden zwar nicht mehr gewerbliche Immobilien betreuen, aber die Kanzlei wird eine Stelle für Sie finden.«

»Sind unsere Jobs denn nach der Beurlaubung garantiert?«, wollte Samantha wissen.

»Garantiert ist gar nichts. Ehrlich gesagt, niemand kann vorhersagen, wo wir in einem Jahr sein werden. Präsidentschaftswahlen stehen vor der Tür, Europa steuert auf den Abgrund zu, die Chinesen drehen durch, Banken kollabieren, Märkte brechen ein, niemand baut oder kauft. Das Ende der Welt ist nah.«

Einen Augenblick lang verharrten die vier stumm in der düsteren Stille von Grubmans Büro, gelähmt vom Gedanken an den bevorstehenden Weltuntergang. Schließlich erkundigte sich Ben: »Sie auch, Mr. Grubman?«

»Nein. Ich wurde versetzt. In die Steuerabteilung. Können Sie sich das vorstellen? Ich hasse Steuer. Aber es gab nur die Wahl zwischen Steuer oder Taxifahren. Immerhin habe ich Steuerrecht studiert, da dachten sie wohl, sie könnten mich verschonen.«

»Glückwunsch«, sagte Ben.

»Es tut mir so leid für Sie.«

»Nein, ich meine es ernst. Ich freue mich für Sie.«

»In einem Monat könnte ich auch auf der Straße stehen. Wer weiß?«

»Wann sollen wir gehen?«, fragte Izabelle.

»Sofort. Sie werden zuerst eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnen, dann packen Sie Ihre Sachen und gehen. Die Personalabteilung wird Ihnen eine Liste von gemeinnützigen Organisationen samt den erforderlichen Unterlagen mailen. Es tut mir so leid.«

»Hören Sie auf, das zu sagen«, sagte Samantha. »Nichts, was Sie sagen, kann uns helfen.«

»Das stimmt, aber es könnte noch schlimmer sein. Die meisten in Ihrer Situation haben keine Beurlaubung angeboten bekommen. Sie wurden einfach so gefeuert.«

»Verzeihen Sie, Mr. Grubman«, bat Samantha. »Ich bin ziemlich durcheinander.«

»Ist schon in Ordnung. Ich verstehe das. Sie haben jedes Recht, wütend und aufgebracht zu sein. Ich meine, Sie alle haben an Eliteuniversitäten studiert, und jetzt werden Sie abgeführt wie Einbrecher. Entlassen wie Fabrikarbeiter. Es ist schrecklich, einfach schrecklich. Einige der Partner haben angeboten, ihre Gehälter zu halbieren, um solche Dinge zu vermeiden.«

»Ich wette, das war eine kleine Gruppe«, bemerkte Ben.

»Ja, sehr klein, leider. Aber der Beschluss ist unumstößlich.«

___________

An dem Vierertisch, den sich Samantha mit Izabelle und zwei weiteren Kollegen teilte, wartete eine Frau in schwarzem Hosenanzug und schwarzem Halstuch. Ben stand etwas weiter hinten im Flur. Die Frau bemühte sich um ein Lächeln. »Ich bin Carmen. Kann ich Ihnen behilflich sein?« Sie hielt einen offenen Karton, der nicht beschriftet war, damit niemand sehen würde, dass es sich um einen offiziellen Scully & Pershing-Behälter für die persönlichen Sachen von Mitarbeitern handelte, die beurlaubt worden waren. Oder gefeuert oder wie auch immer man es bezeichnen wollte.

»Nein, danke«, sagte Samantha bemüht höflich. Es gab keinen Anlass, patzig zu werden, denn Carmen tat nur ihre Arbeit. Samantha fing an, Schubladen zu öffnen und alle persönlichen Dinge herauszunehmen. In einem Fach fand sie ein paar Unterlagen von S&P. »Was ist damit?«

»Die bleiben hier«, erwiderte Carmen, die sie nicht aus den Augen ließ, als bestünde die Gefahr, dass Samantha Wertgegenstände klaute. In Wahrheit war ohnehin alles von Wert auf ihren Rechnern gespeichert, einem Standcomputer und dem Laptop, den sie fast überallhin mitnahm. Ein Laptop von Scully & Pershing, der ebenfalls hierbleiben würde. Sie hatte zwar von ihrem privaten Laptop aus Zugriff zu allen Daten, doch sie wusste, dass die Passwörter längst geändert waren.

Wie eine Schlafwandlerin räumte sie die Schubladen aus. Behutsam packte sie die sechs Mini-Hochhäuser ein, obwohl sie überlegte, ob sie sie nicht wegwerfen sollte. Izabelle kam und erhielt ihre persönliche Pappschachtel. Alle anderen — Anwälte, Sekretärinnen, Rechtsassistenten — hatten ganz plötzlich anderswo zu tun. Die Umstände hatten eine neue Etikette hervorgebracht: Wenn jemand seinen Arbeitsplatz räumt, soll er das in Ruhe tun können, ohne Zeugen, ohne Gaffer, ohne hohle Abschiedsworte.

Izabelles Augen waren rot und verschwollen, ganz offensichtlich hatte sie auf der Toilette geweint. »Ruf mich an«, flüsterte sie. »Lass uns heute Abend was zusammen trinken gehen.«

»Gern«, erwiderte Samantha. Sie stopfte alles, was noch übrig war, in den Karton, ihren Aktenkoffer und ihre voluminöse Designerhandtasche und folgte Carmen ohne einen Blick zurück durch den Flur. Auch beim Warten an den Aufzügen im achtundvierzigsten Stock sah sie sich nicht noch einmal um. Die Tür öffnete sich, die Kabine war zum Glück leer.

»Ich kann das nehmen«, sagte Carmen und deutete auf den Karton, der in ihren Armen bereits schwerer und unhandlicher zu werden schien.

»Nein«, wehrte Samantha ab und trat hinein. Carmen drückte die Taste zum Gebäudeausgang. Warum brauchte sie eine Eskorte? Je länger Samantha darüber nachdachte, umso wütender wurde sie. Sie wollte schreiend um sich schlagen, doch am liebsten hätte sie jetzt ihre Mutter angerufen.

Der Aufzug hielt im dreiundvierzigsten Stock, und ein gut gekleideter junger Mann trat ein. Er trug den gleichen Karton wie Samantha, außerdem eine große Tasche über der Schulter und eine lederne Aktentasche unter dem Arm. Sein Gesicht zeigte den gleichen Ausdruck von ängstlicher Verwirrung. Samantha war ihm im Lift schon begegnet, kannte ihn aber nicht näher. Was für eine Kanzlei. So riesig, dass die Angestellten bei der schauerlichen Weihnachtsfeier Namensschilder trugen. Ein Sicherheitsmann im schwarzen Anzug trat hinter ihn, und als alle sicher an Bord waren, drückte Carmen erneut die Taste ins Erdgeschoss. Im neununddreißigsten Stock hielt der Aufzug wieder, und Mr. Kirk Knight stieg ein, den Blick auf sein Handy gesenkt. Als sich die Tür geschlossen hatte, sah er auf und entdeckte die zwei Kartons. Er schnappte kurz nach Luft und verkrampfte die Schultern. Knight war Vorstandsmitglied und Seniorpartner der Abteilung Fusionen und Übernahmen. Unvermittelt mit zweien seiner Opfer konfrontiert, schluckte er und senkte den Blick. Dann betätigte er abrupt den Knopf für die achtundzwanzigste Etage.

Samantha war zu benommen, um ihn zu beschimpfen. Der Kollege hatte die Augen geschlossen. Nachdem der Aufzug gehalten hatte, eilte Knight davon. Während die Tür zuglitt, kam Samantha in den Sinn, dass die Kanzlei die Etagen dreißig bis fünfundsechzig angemietet hatte. Wieso war Knight in der achtundzwanzigsten ausgestiegen? Und interessierte sie das wirklich?

Carmen begleitete sie durch die Eingangshalle und zur Tür hinaus auf die Broad Street. Sie murmelte eine zaghafte Entschuldigung, doch Samantha reagierte nicht. Beladen wie ein Packesel, ließ sie sich ziellos im Strom der Fußgänger treiben. Dann fielen ihr die Zeitungsfotos von den Lehman- und Bear-Stearns-Mitarbeitern ein, die mit vollen Kartons auf dem Arm aus ihren Bürotürmen gehastet waren, als stünden die Gebäude in Brand und sie müssten um ihr Leben rennen. Auf einem Bild, einem großen Farbfoto auf der Titelseite vom Wirtschaftsteil der New York Times, war eine Lehman-Händlerin zu sehen gewesen, die mit Tränen auf den Wangen verloren auf dem Bürgersteig stand.

Doch solche Bilder waren längst Schnee von gestern. Samantha sah nirgendwo Kameras. An der Ecke Broad und Wall Street stellte sie den Karton ab und wartete auf ein Taxi.

2

In dem schicken Loft in SoHo, für das sie monatlich zweitausend Dollar Miete bezahlte, ließ Samantha Karton und Taschen fallen und warf sich auf das Sofa. Das Handy umklammernd, die Augen geschlossen, atmete sie tief durch, bis sie ihre Gefühle halbwegs im Griff hatte. Sie brauchte jetzt die aufmunternde Stimme ihrer Mutter, doch sie wollte nicht schwach und verwundbar klingen, wenn sie mit ihr sprach.

Ein Gefühl der Erleichterung überkam sie, als ihr plötzlich bewusst wurde, dass sie gerade eines Jobs enthoben worden war, den sie im Grunde gehasst hatte. Heute Abend um sieben Uhr würde sie vielleicht einen Film anschauen oder mit Freundinnen im Restaurant sitzen, aber mit Sicherheit nicht bei laufender Zeituhr im Büro schuften. Am Sonntag könnte sie aufs Land fahren, ohne einen Gedanken an Andy Grubman und seine Berge von Unterlagen für den nächsten superwichtigen Deal zu verschwenden. Das Firmenphone, dieses lästige kleine Gerät, das drei Jahre lang förmlich mit ihr verwachsen gewesen war, hatte sie abgegeben. Sie fühlte sich befreit und herrlich unbelastet.

Die Angst, die sie trotz allem empfand, gründete auf dem Verlust des regelmäßigen Einkommens und dem plötzlichen Karriereknick. Als Angestellte im dritten Jahr bekam sie hundertachtzigtausend Dollar jährlich Grundgehalt plus einen hübschen Bonus. Das war viel Geld, doch das Leben in New York verschlang auch viel. Die Hälfte ging für Steuern weg. Samantha besaß zwar ein Sparkonto, doch das pflegte sie nur halbherzig. Mit neunundzwanzig, als Single in New York, mit einer Stelle, die im folgenden Jahr mehr Grundgehalt abwarf als im aktuellen Jahr Gehalt plus Bonus — wozu da Geld auf die hohe Kante legen? Eine Freundin, mit der sie an der Columbia University Jura studiert hatte, war nach fünf Jahren bei S&P zur Juniorpartnerin avanciert und verdiente jetzt eine halbe Million im Jahr. Samantha hatte den gleichen Plan verfolgt.

Sie hatte aber auch zwei Freunde, die nach zwölf Monaten von der Tretmühle gesprungen waren und der Hölle von S&P zufrieden den Rücken gekehrt hatten. Einer davon war jetzt Skilehrer in Vermont. An der Uni noch Herausgeber der Columbia Law Review, lebte er jetzt irgendwo an einem Fluss in einer Blockhütte und ging nur noch sporadisch ans Handy. In nur dreizehn Monaten war aus dem ehrgeizigen jungen Anwalt ein gestörter Sonderling geworden, der an seinem Schreibtisch schlief. Kurz bevor die Personalabteilung einschritt, bekam er einen Nervenzusammenbruch und zog aus der Stadt. Samantha dachte oft an ihn, meist mit einem Anflug von Neid.

Zu Erleichterung und Angst gesellte sich ein schlechtes Gewissen. Ihre Eltern hatten eine kostspielige Privatschule in Washington finanziert. Sie hatte an der Georgetown University Politologie studiert und mit Magna cum laude abgeschlossen. Das Jurastudium hatte sie mit Leichtigkeit durchlaufen und mit Auszeichnungen absolviert. Nach einem Referendariat am Bundesgericht hatte sie Stellenangebote von einem Dutzend Großkanzleien bekommen. Die ersten neunundzwanzig Jahre ihres Lebens waren von überwältigendem Erfolg und nur vereinzelten Niederlagen geprägt. So abserviert zu werden war niederschmetternd, aus dem Gebäude eskortiert zu werden erniedrigend. Es war mehr als nur ein kleiner Rückschlag in einer erfolgreichen Berufslaufbahn.

Einen gewissen Trost fand sie in der Statistik. Seit der Lehman-Pleite waren Tausende junger Juristen auf der Straße gelandet. Es heißt, geteiltes Leid sei halbes Leid, doch im Augenblick konnte sie wenig Mitgefühl aufbringen.

»Karen Kofer, bitte«, forderte sie ihr Smartphone auf, während sie regungslos auf dem Sofa lag, um ihren Atemrhythmus zu beruhigen. »Mom, ich bin’s«, sagte sie dann. »Sie haben es getan. Ich bin rausgeflogen.« Sie biss sich auf die Lippe und kämpfte mit den Tränen.

»Das tut mir so leid, Samantha. Wann?«

»Vor etwa einer Stunde. Es kam nicht wirklich überraschend, trotzdem ist es schwer zu fassen.«

»Ich weiß, mein Schatz. Es tut mir wirklich leid.«

In der letzten Woche hatten sie über kaum etwas anderes gesprochen als über eine womöglich bevorstehende Entlassung. »Bist du zu Hause?«, fragte Karen.

»Ja, und mir geht’s gut. Blythe ist bei der Arbeit. Ich habe es ihr noch nicht erzählt. Ich hab’s noch niemandem erzählt.«

»Tut mir so leid.«

Blythe war eine Freundin und ehemalige Studienkollegin von der Columbia, die für eine andere Großkanzlei arbeitete. Sie teilten die Wohnung, aber sonst nicht viel von ihrem Leben. Wenn man fünfundsiebzig Stunden die Woche arbeitete, blieb keine Zeit übrig, die man teilen konnte. Blythes Kanzlei ging es auch nicht besonders gut, und sie rechnete mit dem Schlimmsten.

»Mir geht’s gut, Mom.«

»Glaube ich nicht. Komm doch für ein paar Tage nach Hause.«

»Zuhause« war für Samantha ein eher abstrakter Begriff. Ihre Mutter hatte eine schöne Wohnung in der Nähe des Dupont Circle, und ihr Vater wohnte in Alexandria in einem kleinen Apartment am Fluss. Sie hatte noch nie länger als vier Wochen bei einem von beiden verbracht und hatte es auch nicht vor. »Mach ich«, erwiderte sie. »Aber nicht jetzt.«

Es entstand eine längere Pause. »Was hast du denn jetzt für Pläne, Samantha?«, fragte ihre Mutter schließlich leise.

»Ich habe keine Pläne, Mom. Im Augenblick stehe ich unter Schock und kann nicht mal über die nächste Stunde hinausdenken.«

»Ich verstehe. Ich wünschte, ich könnte bei dir sein.«

»Mir geht’s gut. Wirklich.« Das Letzte, was Samantha jetzt brauchte, war, dass ihre Mutter ständig in der Nähe war und sie mit wohlgemeinten Ratschlägen überschüttete.

»Unter welchen Bedingungen haben sie dich entlassen?«

»Die Kanzlei nennt es ›Beurlaubung‹. Der Deal ist, wenn wir ein oder auch zwei Jahre für eine gemeinnützige Organisation arbeiten, behalten wir unsere Krankenversicherung. Und wenn es wieder aufwärtsgeht, werden wir zurückgeholt, ohne dass wir durch die Fehlzeit Einbußen haben.«

»Klingt nach einem erbärmlichen Versuch, euch bei der Stange zu halten.« Herzlichen Dank für die deutlichen Worte, Mom … Karen fuhr fort: »Warum hast du den Idioten nicht gesagt, sie sollen sich zum Teufel scheren?«

»Weil ich krankenversichert bleiben will, und außerdem finde ich es beruhigend zu wissen, dass es eine Chance auf Rückkehr gibt.«

»Du kannst doch überall einen Job finden.«

Da sprach mal wieder die erfolgreiche Regierungsangestellte. Karen Kofer war seit dreißig Jahren leitende Juristin im Justizministerium in Washington und hatte nie etwas anderes getan. Wie alle ihre Kollegen war sie umfassend geschützt. Was auch immer geschah — Wirtschaftsdepressionen, Kriege, Zahlungsunfähigkeit der Regierung, nationale Katastrophen, politische Umbrüche —, Karen Kofers Stelle und Gehalt waren unantastbar. Die lässige Arroganz, die viele alteingesessene Regierungsangestellte zur Schau stellten, war nicht verwunderlich. Wir sind kostbar, denn ohne uns geht nichts.

»Nein«, widersprach Samantha. »Im Moment gibt es einfach keine Jobs. Nur falls du davon noch nichts gehört hast, wir stecken in einer Finanzkrise, und eine Depression steht vor der Tür. Kanzleien setzen im großen Stil Leute vor die Tür und machen dann zu.«

»Ich bezweifle, dass die Dinge wirklich so schlecht stehen.«

»Ach, tatsächlich? Scully & Pershing hat gerade sämtliche Neueinstellungen auf Eis gelegt. Das bedeutet, rund ein Dutzend der besten Harvard-Absolventen hat gerade erfahren, dass die Stellen, die sie im September antreten wollten, nicht mehr existieren. Dasselbe gilt für Abgänger aus Yale, Stanford und Columbia.«

»Aber du bist so gut in deinem Beruf, Samantha.«

Versuch nie, mit einem Bürokraten zu diskutieren. Samantha atmete tief durch und wollte sich schon verabschieden, als ein dringender Anruf »vom Weißen Haus« hereinkam und Karen auflegen musste, nicht ohne zu versprechen, sofort zurückzurufen, sobald sie das Land gerettet habe. Okay, Mom, sagte Samantha. Ihre Mutter war immer für sie da, wenn sie sie brauchte. Sie war ein Einzelkind, was sich rückblickend als Segen erwies angesichts des Schlachtfelds, das ihre Eltern bei der Scheidung hinterlassen hatten.

Es war ein klarer, schöner Tag, jedenfalls was das Wetter anging, und Samantha verspürte das Bedürfnis, spazieren zu gehen. Sie lief durch SoHo und anschließend durch das West Village. In einem menschenleeren Café rief sie ihren Vater an. Marshall Kofer hatte früher Schadenersatzprozesse geführt, Spezialgebiet: Flugzeugabstürze. Er hatte eine aggressive, erfolgreiche Kanzlei in Washington geleitet und an sechs von sieben Tagen der Woche rund um die Welt in Hotels übernachtet, im Zusammenhang mit seinen Prozessen oder auf der Jagd nach neuen Fällen. Er verdiente damit ein Vermögen, das er mit vollen Händen ausgab, und Samantha war als Teenager sehr wohl bewusst gewesen, dass ihre Familie weit mehr besaß als viele ihrer Mitschüler in ihrer Washingtoner Privatschule. Während ihr Vater einen hochkarätigen Prozess nach dem anderen führte, kümmerte sich ihre Mutter um sie, wobei sie beharrlich die eigene Karriere im Justizministerium vorantrieb. Wenn ihre Eltern Streit hatten, bekam Samantha nichts davon mit. Ihr Vater war ohnehin nie zu Hause. Irgendwann, niemand erfuhr jemals, wann genau, tauchte eine junge, hübsche Rechtsassistentin auf, und Marshall ließ sich auf das Abenteuer ein. Aus dem Techtelmechtel wurde eine dauerhafte Affäre, bis Karen nach ein paar Jahren misstrauisch wurde. Sie sprach ihren Mann darauf an, der nach anfänglichem Abstreiten alles zugab und dann erklärte, er wolle die Scheidung, denn er habe die Liebe seines Lebens gefunden.

In derselben Phase, in der Marshall sein Familienleben auf den Kopf stellte, traf er ein paar weitere unkluge Entscheidungen. Zum Beispiel plante er, größere Mengen seiner Einnahmen außer Landes zu bringen. In Sri Lanka war ein Jumbojet der United Asia Airlines mit vierzig Amerikanern an Bord abgestürzt. Es gab keine Überlebenden, und Marshall Kofer war wie immer als Erster vor Ort. Während er den Vergleich aushandelte, richtete er eine Reihe von Scheinfirmen in der Karibik und in Asien ein, um seine beträchtlichen Honorare über verschlungene Wege jeglichem Zugriff der Behörden zu entziehen.

Samantha besaß einen dicken Ordner mit Zeitungsausschnitten und Ermittlungsberichten über den erbärmlichen Steuerhinterziehungsversuch ihres Vaters. Man hätte ein spannendes Buch darüber schreiben können, aber sie hatte kein Interesse daran, das zu tun. Er war aufgeflogen, auf den Titelseiten der Zeitungen bloßgestellt und schließlich zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Zwei Wochen bevor sie in Georgetown ihren Abschluss machte, war er auf Bewährung freigekommen. Heute hatte Marshall ein kleines Büro in der Altstadt von Alexandria und war seinen eigenen Worten zufolge als »Consultant« tätig und beriet Anwaltskollegen in Sammelklageprozessen. Details dazu hatte er jedoch bislang nicht verraten. Samantha war ebenso wie ihre Mutter überzeugt, dass Marshall einen Großteil seiner Beute irgendwo in der Karibik versteckt hielt. Karen wollte längst nichts mehr davon wissen.

Marshall würde nie beweisen können, was er vermutete, denn Karen würde es immer bestreiten — nämlich dass seine Exfrau bei den Ermittlungen gegen ihn die Finger im Spiel gehabt hatte. Sie bekleidete ein hohes Amt im Justizministerium und hatte ein gut funktionierendes Netzwerk.

»Dad, ich bin gefeuert worden«, sagte Samantha mit gedämpfter Stimme in ihr Handy. Das Café hatte keine weiteren Gäste, doch der Barista stand nicht weit von ihr, und sie wollte nicht, dass er etwas mitbekam.

»Oh, Sam, das tut mir leid«, sagte Marshall. »Lass hören, was passiert ist.«

Soweit sie es beurteilen konnte, hatte ihr Vater im Gefängnis nur eines gelernt, und das waren weder Demut noch Geduld, weder Verständnis noch Vergebung, noch was man sonst normalerweise an Erfahrung aus niederschmetternden Erlebnissen mitnahm. Er war ehrgeizig und rastlos wie eh und je, noch immer jederzeit bereit, die Ärmel hochzukrempeln und jeden zu überrollen, der sich ihm in den Weg stellte. Nein, aus irgendwelchen Gründen hatte Marshall Kofer gelernt zuzuhören, zumindest seiner Tochter. Langsam wiederholte sie ihren Bericht, und er folgte Wort für Wort. Sie versicherte ihm, dass alles gut ausgehen werde. Irgendwann klang er, als kämen ihm gleich die Tränen.

Unter anderen Umständen hätte er sie jetzt harsch für ihre Karriereplanung kritisiert. Er hasste die Großkanzleien, weil er jahrelang gegen sie ins Feld gezogen war. Für ihn waren sie keine Partnerschaften mit echten Anwälten, die zum Wohl ihrer Mandanten arbeiteten, sondern reine Wirtschaftskonzerne. Er konnte stundenlang darüber referieren, warum man Großkanzleien grundsätzlich misstrauen müsse. Samantha kannte alle seine Vorträge und war jetzt überhaupt nicht in der Stimmung dafür. Stattdessen aber fragte er nur: »Soll ich vorbeikommen, Sam? Ich kann in drei Stunden bei dir sein.«

»Danke, lieber nicht. Noch nicht. Gib mir einen Tag Zeit. Ich brauche eine Pause. Vielleicht fahr ich ein paar Tage weg.«

»Ich komme und hole dich ab.«

»Vielleicht, aber nicht jetzt. Mir geht’s gut, Dad, wirklich.«

»Unsinn. Du brauchst deinen Vater.«

Die Worte klangen seltsam aus dem Mund eines Mannes, den sie in den ersten zwanzig Jahren ihres Lebens praktisch nicht gesehen hatte. Immerhin gab er sich jetzt Mühe.

»Danke, Dad. Ich ruf dich wieder an.«

»Lass uns zusammen wegfahren, irgendwo ans Meer, und Rum trinken.«

Sie musste lachen, weil sie noch nie allein mit ihm irgendwohin gefahren war. In ihrer Kindheit hatte es ein paar hektische Ferien gegeben, die typischen Städtetrips nach Europa, die aber fast immer vorzeitig abgebrochen wurden, weil zu Hause wichtige Geschäfte drängten. Trotz der gegebenen Umstände war die Vorstellung, mit ihrem Vater ans Meer zu fahren, nicht auf Anhieb verlockend.

»Danke, Dad. Vielleicht bald, aber nicht jetzt. Ich muss mich hier um ein paar Dinge kümmern.«

»Ich kann dir einen Job besorgen. Einen richtigen Job.«

Nicht schon wieder, dachte sie, erwiderte jedoch nichts. Ihr Vater versuchte seit Jahren, sie zu überreden, als »richtige« Anwältin zu arbeiten, was seiner Ansicht nach vor allem beinhaltete, Großkonzerne für deren illegale Machenschaften vor Gericht zu bringen. In Marshall Kofers Welt mussten Unternehmen ab einer gewissen Größe entsetzliche Sünden begehen, um in der halsabschneiderischen Welt des westlichen Kapitalismus zu bestehen. Es war die Aufgabe von Anwälten — vielleicht auch ehemaligen Anwälten — wie ihm, das verbrecherische Treiben aufzudecken und mit allen Mitteln für Gerechtigkeit zu sorgen.

»Danke, Dad. Ich ruf dich wieder an.«

Es war geradezu absurd, dass ihr Vater sie nach wie vor in das Tätigkeitsfeld locken wollte, das ihn ins Gefängnis gebracht hatte. Sie hatte kein Interesse an Gerichtsarbeit und öffentlichen Disputen. Sie war nicht sicher, was sie wollte — vermutlich einen ruhigen Schreibtischjob mit einem hübschen Gehalt. Vor allem weil sie eine Frau und intelligent war, hatte sie einmal eine realistische Chance gehabt, bei Scully & Pershing zur Partnerin aufzusteigen. Doch zu welchem Preis?

Vielleicht wollte sie eine solche Karriere, vielleicht auch nicht. Im Augenblick wollte sie nur durch die Straßen von Lower Manhattan ziehen, um ihre Gedanken zu ordnen. Stundenlang ließ sie sich durch Tribeca treiben. Ihre Mutter rief zweimal an, ihr Vater einmal, doch sie beschloss, nicht abzunehmen. Izabelle und Ben meldeten sich ebenfalls, aber sie hatte keine Lust zu reden. Irgendwann stand sie vor dem Moke’s Pub unweit von Chinatown und blickte für einen Augenblick durch die Fenster hinein. Beim ersten Date mit Henry waren sie hier gewesen, vor vielen Jahren. Sie hatten sich über Freunde kennengelernt. Er war ein ehrgeiziger junger Schauspieler gewesen, einer von Hunderttausenden in New York, sie hatte gerade bei S&P angefangen. Sie waren ein Jahr zusammen, dann zerbrach die Beziehung unter dem Stress ihrer gnadenlosen Bürozeiten und seiner Arbeitslosigkeit. Er ging nach Los Angeles, wo er letzten Berichten zufolge unbekannte Schauspieler in Limos durch die Gegend fuhr und als Statist in Werbeclips auftrat.

Unter anderen Umständen hätte sie Henry lieben können. Er hätte genügend Zeit, Engagement und Leidenschaft für eine Beziehung gehabt. Doch sie war immer erschöpft gewesen. Für Frauen in ihrem Beruf war es nicht ungewöhnlich, mit vierzig aufzuwachen und festzustellen, dass zehn Jahre ins Land gezogen und sie immer noch Single waren.

Sie ließ das Moke’s Pub hinter sich und wandte sich nach Norden Richtung SoHo.

___________

Anna aus der Personalabteilung erwies sich als bemerkenswert fleißig. Um siebzehn Uhr bekam Samantha eine ausführliche E-Mail mit den Namen von zehn gemeinnützigen Organisationen, die als geeignet erachtet wurden, den schwer geprüften Wesen, die gerade zwangsweise von der weltgrößten Großkanzlei beurlaubt worden waren, unbezahlte Praktika anzubieten: Sumpfschützer in Lafayette, Louisiana; ein Frauenhaus in Pittsburgh, Pennsylvania; eine Einwanderer-Initiative in Tampa, Florida; die Mountain Law Clinic in Brady, Virginia; die Sterbehilfe-Gesellschaft von Tucson, Arizona; ein Obdachlosenverein in Louisville; der Lake-Erie-Naturschutzbund. Und so weiter. Nichts davon auch nur halbwegs in der Nähe von New York.

Samantha blickte lange auf die Liste und versuchte sich vorstellen, wie es wäre, die Stadt zu verlassen. Sechs der letzten sieben Jahre hatte sie hier verbracht — drei Jahre als Studentin an der Columbia University und drei als Angestellte von S&P. Nach der Uni hatte sie bei einem Bundesrichter in Washington ihr Referendariat gemacht, war dann aber sofort nach New York zurückgekehrt. Sie hatte bislang immer in Großstädten gewohnt.

Lafayette, Louisiana? Brady, Virginia?

In einem Ton, der angesichts der Umstände viel zu fröhlich war, informierte Anna die Beurlaubten, dass die Stellen bei manchen der genannten Organisationen begrenzt seien. Anders ausgedrückt: Bewerbt euch schleunigst, sonst entgeht euch womöglich die Chance, in die Provinz zu ziehen und ein Jahr lang umsonst zu arbeiten. Samantha war nicht imstande, irgendetwas schleunigst zu tun.

Blythe sah kurz vorbei, um Hallo zu sagen und sich eine Pasta in der Mikrowelle warm zu machen. Samantha hatte ihr eine SMS mit der großen Neuigkeit geschickt, und ihre Mitbewohnerin war den Tränen nahe, als sie nach Hause kam. Nach ein paar Minuten hatte Samantha sie jedoch beruhigt und ihr versichert, dass das Leben weitergehe. Blythes Kanzlei vertrat eine ganze Reihe von Kreditgebern, und die Stimmung dort war ebenso düster wie bei Scully & Pershing. Seit Tagen hatten die beiden über kaum etwas anderes gesprochen als über ihre mögliche Entlassung. Blythe hatte die Pasta halb gegessen, da klingelte ihr Mobiltelefon. Ihr Vorgesetzter suchte sie. Und so ließ sie alles liegen und stehen und hastete um 18.30 Uhr zurück ins Büro, aus lauter Angst, die geringste Verspätung könnte sie den Job kosten.

Samantha schenkte sich ein Glas Wein ein und ließ die Badewanne mit warmem Wasser volllaufen. Sie legte sich hinein, trank und beschloss, dass sie, Geld hin oder her, die Welt der Großkanzleien hasste und nie wieder dorthin zurückkehren würde. Sie würde sich nie wieder anschreien lassen, weil sie nach Sonnenuntergang oder vor Sonnenaufgang nicht im Büro war. Sie würde sich nie wieder vom Geld verführen lassen. Sie würde noch viel mehr Dinge nie wieder tun.

Ihre finanziellen Mittel waren relativ bescheiden, aber alles in allem war die Situation nicht hoffnungslos. Sie besaß einunddreißigtausend Dollar Sparguthaben und hatte keine Schulden, abgesehen von drei Monaten Mietanteil für das Loft, die noch ausstanden. Wenn sie sich einschränkte und mit Teilzeitjobs etwas dazuverdiente, konnte sie wahrscheinlich durchhalten, bis sich der Sturm gelegt hatte. Vorausgesetzt natürlich, dass nicht tatsächlich die Welt unterging. Sie konnte sich nicht vorstellen, kellnern zu gehen oder Schuhe zu verkaufen. Andererseits hatte sie auch nicht im Traum damit gerechnet, dass ihre vielversprechende Karriere so abrupt enden würde. Die Stadt wäre bald voller Kellner und Verkäufer mit Uniabschlüssen.

Zurück zu S&P? Ihr Ziel war es gewesen, mit fünfunddreißig Partnerin zu sein, eine von wenigen Frauen in der Führungsetage, und von ihrem schicken Eckbüro aus den Männern zu zeigen, wo es langging. Mit eigener Sekretärin, Rechtsassistentin, einem Fahrer in Rufbereitschaft, einem großzügigen Spesenkonto und einem Schrank voller Designerklamotten. Die hundert Wochenstunden würden auf ein erträgliches Maß zusammenschrumpfen. Sie würde über zwei Millionen im Jahr machen und nach zwanzig Jahren privatisieren und die Welt bereisen. Nebenbei würde sie sich einen Ehemann suchen und ein, zwei Kinder bekommen, und alles wäre perfekt.

So hatte sie sich ihr Leben vorgestellt, und es schien ein realistischer Plan gewesen zu sein.

___________

In der Lobby des Mercer Hotels, vier Straßen von ihrem Loft entfernt, traf sie sich auf ein paar Martinis mit Izabelle. Sie hatten auch Ben eingeladen, doch der war frisch verheiratet und anderweitig beschäftigt. Die Entlassung wirkte bei jedem anders. Samantha war praktisch schon über den Schock hinweg und überlegte, wie es weitergehen sollte. Allerdings war sie auch in der glücklichen Lage, kein Studentendarlehen abbezahlen zu müssen, weil ihre Eltern die Ausbildung finanziert hatten. Izabelle hingegen war mit alten Krediten belastet und zermarterte sich den Kopf über die Zukunft. Sie nahm einen großen Schluck Martini, und der Gin stieg ihr direkt in den Kopf.

»Ich überstehe kein Jahr ohne Einkommen«, sagte sie. »Du?«

»Müsste gehen«, erwiderte Samantha. »Wenn ich mich richtig einschränke und nur noch von Suppe lebe, kann ich was sparen und in New York bleiben.«

»Ich nicht«, sagte Izabelle deprimiert und nahm noch einen Schluck. »Ich kenne einen Typ in der Prozessabteilung, der letzten Freitag geschasst wurde. Er hat fünf von den gemeinnützigen Organisationen angerufen, und alle hatten ihre Praktika schon vergeben. Hältst du das für möglich? Er hat die Personalabteilung angerufen und denen die Hölle heißgemacht, woraufhin sie meinten, sie würden noch an der Liste arbeiten und bekämen immer wieder Anfragen von Vereinen, die billige Arbeitskräfte suchten. Das heißt also, wir verlieren nicht nur unseren Job, auch der Deal funktioniert nicht richtig. Niemand will uns, nicht einmal, wenn wir umsonst arbeiten. Das ist ganz schön krank.«

Samantha nippte an dem Martini und genoss die leicht betäubende Wirkung. »Ich habe nicht die Absicht, den Deal anzunehmen.«

»Aber wie machst du das dann mit deiner Krankenversicherung? Du kannst doch nicht ohne leben.«

»Kommt auf einen Versuch an.«

»Wenn du krank wirst, verlierst du alles.«

»Ich habe nicht viel.«

»Das ist dumm, Sam.« Izabelle nahm einen weiteren Schluck, wenn auch einen etwas kleineren. »Du verzichtest also auf eine leuchtende Zukunft bei Scully & Pershing.«

»Die Kanzlei hat entschieden, auf mich zu verzichten, auf dich und viele andere. Es muss bessere Stellen und Möglichkeiten geben, Geld zu verdienen.«

»Darauf trinke ich.« Eine Bedienung trat heran, und sie bestellten die zweite Runde.

3

Samantha schlief zwölf Stunden und erwachte mit dem übermächtigen Drang, sofort aus der Stadt zu fliehen. Im Bett liegend, blickte sie zu den alten Holzbalken an der Zimmerdecke hoch und ließ in Gedanken den letzten Monat an sich vorüberziehen, wobei ihr klar wurde, dass sie seit sieben Wochen nicht aus Manhattan herausgekommen war. Ein langes Augustwochenende in Southampton war von Andy Grubman zunichtegemacht worden. Statt zu feiern und auszuschlafen, hatte sie Samstag und Sonntag im Büro verbracht und einen halben Meter Vertragsunterlagen durchgesehen.

Sieben Wochen. Sie duschte rasch und packte einen Koffer mit dem Nötigsten. Um zehn Uhr bestieg sie an der Penn Station einen Zug und hinterließ eine Nachricht auf Blythes Handy: Fahre für ein paar Tage nach Washington. Ruf mich an, falls dich der Hammer auch trifft.

In New Jersey wurde sie schließlich doch neugierig und schickte eine E-Mail an den Lake-Erie-Naturschutzbund und das Frauenhaus in Pittsburgh. Dreißig Minuten lang passierte nichts. Sie las die Times. Die Wirtschaftskrise forderte ihren Tribut: Es gab Entlassungswellen bei Finanzinstituten; Banken gewährten keine Kredite mehr oder schlossen gleich die Tore; der Kongress tagte nonstop; Obama machte Bush verantwortlich, das Gespann McCain/Palin die Demokraten. Über das Gemetzel bei S&P war kein Wort zu finden. Als Samantha auf ihren Laptop sah, entdeckte sie eine neue E-Mail von Anna, der fröhlichen Personalerin. Sechs weitere Organisationen hätten sich angeschlossen. Nun aber mal los!

Das Frauenhaus schickte eine freundliche Absage. Man danke Ms. Kofer für ihr Interesse, doch die Stelle sei bereits anderweitig besetzt. Fünf Minuten später meldeten sich die tapferen Recken, die für den Lake Erie kämpften, mit nahezu identischem Text. Aufgeschreckt schrieb Samantha an fünf weitere Vereine von Annas Liste sowie an Anna selbst, um sie höflich zu bitten, sie doch ein wenig zügiger auf dem Laufenden zu halten. Zwischen Philadelphia und Wilmington sagten die Moorschützer unten in Louisiana ab. Dann das Georgia Innocence Project gegen Justizirrtümer, die Einwandererinitiative von Tampa, die Gegner der Todesstrafe und die Pro-bono-Rechtsberatung von St. Louis. Danke für Ihr Interesse, aber die Praktikumsstelle wurde bereits besetzt.

Null von sieben. Sie bekam nicht mal einen Ehrenamtsjob!

An der Union Station unweit vom Kapitol nahm Samantha sich ein Taxi und drückte sich tief in die Rückbank, während der Wagen durch den Hauptstadtverkehr kroch. Ein Regierungsbüro nach dem anderen, dazwischen die Zentralen unzähliger Organisationen und Vereinigungen, Hotels und schicke neue Apartmentblocks, riesige Büros von Anwälten und Lobbyisten, die Bürgersteige voll mit Menschen, die geschäftig hin und her eilten, beseelt von der Mission, die Geschicke der Nation zu lenken, während die Welt am Rande des Abgrunds entlangschlingerte. Sie hatte die ersten fünfundzwanzig Jahre ihres Lebens in Washington verbracht, doch inzwischen fand sie die Stadt fade. Immer noch kamen intelligente junge Leute in Scharen hierher, doch die redeten ausschließlich über Politik und Immobilien. Die Lobbyisten waren die Schlimmsten. Von denen gab es mehr als Politiker und Juristen zusammen, sie beherrschten die Stadt und den Kongress — was dazu führte, dass sie die Gewalt über die Finanzen hatten. Und so langweilten sie ihre Umgebung beim Cocktail oder Abendessen mit Einzelheiten über ihre jüngsten Heldentaten, wie sie Staatsgelder lockergemacht oder ein Schlupfloch im Steuergesetz geschlossen hätten. Sämtliche Freunde aus Samanthas Kindheit und der Zeit in Georgetown hatten Jobs, die auf die eine oder andere Weise aus dem Bundestopf finanziert wurden. Ihre Mutter verdiente hundertfünfundvierzigtausend Dollar im Jahr als Juristin im Justizministerium.

Samantha war nicht sicher, womit ihr Vater sein Geld verdiente. Sie beschloss, zuerst ihn zu besuchen. Ihre Mutter machte spät Feierabend und würde erst nach Einbruch der Dunkelheit heimkommen. Samantha schloss die Wohnung ihrer Mutter auf, stellte den Koffer ab und fuhr mit demselben Taxi über den Potomac River in die Altstadt von Alexandria. Ihr Vater erwartete sie mit einem Lächeln und offenen Armen und schien alle Zeit der Welt zu haben. Er war inzwischen in ein wesentlich schöneres Gebäude gezogen und hatte seine Kanzlei in »Kofer Group« umbenannt.

»Klingt nach einem Haufen Lobbyisten«, sagte sie und sah sich in dem geschmackvoll eingerichteten Empfangsraum um.

»O nein«, widersprach Marshall. »Wir halten uns von dem Zirkus da drüben fern.« Er deutete in Richtung Washingtoner Stadtzentrum, als wäre es ein Ghetto. Auf dem Weg durch einen Flur blickten sie durch offene Türen in kleine Büros.

Sie wollte fragen: Was genau machst du dann, Dad? Doch sie beschloss, die Frage aufzuschieben. Er führte sie in ein großes Eckbüro, von dem aus man in der Ferne den Potomac River sehen konnte, ganz ähnlich dem Büro von Andy Grubman aus einem anderen Leben. Sie setzten sich in Ledersessel um einen kleinen Tisch, während eine Sekretärin Kaffee holen ging.

»Wie geht es dir?«, fragte er ernst, eine Hand auf ihrem Knie, als wäre sie ein kleines Mädchen und gerade die Treppe hinuntergefallen.

»Gut«, antwortete sie und spürte im selben Moment, wie ihre Kehle eng wurde. Reiß dich zusammen! Sie schluckte. »Es kam so plötzlich. Vor vier Wochen war alles noch gut, weißt du, alles, wie es sein soll, ohne Probleme. Lange Arbeitstage, aber so ist das eben in der täglichen Routine. Dann kamen Gerüchte auf, ganz leise, dass irgendetwas schiefläuft. Und auf einmal ging alles furchtbar schnell.«

»Das stimmt. Dieser Crash ging hoch wie eine Bombe.«

Der Kaffee kam auf einem Tablett, und die Sekretärin schloss im Hinausgehen die Tür.

»Liest du Trottman?«, fragte er.

»Wen?«

»Er schreibt wöchentlich über Politik und Finanzmärkte. Ist schon seit geraumer Zeit hier in Washington und kennt sich ziemlich gut aus. Vor sechs Monaten hat er einen Kollaps bei Subprime-Hypotheken vorausgesagt. Es habe sich über die Jahre aufgebaut und so weiter und werde einen Crash und eine massive Rezession geben. Er hat damals geraten, sich von der Börse zurückzuziehen, von allen Börsen.«

»Und? Hast du dich zurückgezogen?«

»Ich hatte praktisch nichts investiert. Aber selbst wenn, wäre ich seinem Rat wahrscheinlich nicht gefolgt. Vor sechs Monaten lebten wir in einer Traumwelt, in der die Immobilienpreise nie fielen. Kredite waren billig, und jeder lieh auf Teufel komm raus. Alles war möglich.«

»Was sagt Trottman jetzt?«

»Nun ja, wenn er unkt, weiß die Notenbank, was sie zu tun hat. Er sagt eine größere Rezession vorher, weltweit, aber nicht vergleichbar mit 1929. Er glaubt, die Märkte werden auf die Hälfte zusammenschrumpfen, die Arbeitslosigkeit wird neue Spitzenwerte erreichen, die Demokraten werden im November gewinnen, ein paar führende Banken werden Pleite machen, es wird viel Angst und Ungewissheit herrschen, aber die Welt wird irgendwie überleben. Was hörst du denn so da oben an der Wall Street? Du bist doch mitten im Geschehen. Zumindest warst du da bis vor Kurzem.« Er trug die gleichen schwarzen Troddelslipper wie eh und je. Der dunkle Anzug war wahrscheinlich maßgefertigt wie in Marshalls besten Tagen. Sündteure Kammgarnqualität. Seidenkrawatte, perfekt gebunden. Manschettenknöpfe. Als sie ihn das erste Mal im Gefängnis besucht hatte, hatte er ein Baumwollhemd und olivgrüne Latzhosen angehabt, die Häftlingsuniform, und bitterlich geklagt, wie sehr ihm seine Garderobe fehle. Marschall Kofer hatte schon immer ein Faible für edle Kleidung gehabt, und nun, da er wieder voll im Geschäft war, gab er ganz offensichtlich eine Menge Geld dafür aus.

»Heillose Panik«, sagte sie. »Der Times zufolge hat es gestern zwei Selbstmorde gegeben.«

»Hast du zu Mittag gegessen?«

»Ein Sandwich im Zug.«

»Dann lass uns zusammen abendessen gehen, nur wir zwei.«

»Das habe ich Mom schon versprochen. Aber wir können uns morgen zum Mittagessen treffen.«

»Alles klar. Wie geht’s Karen?« Wenn man ihn hörte, hatten ihre Eltern mindestens einmal im Monat ein nettes Telefonat. Ihrer Mutter zufolge sprachen sie etwa einmal im Jahr miteinander. Marshall wollte Freundschaft, doch Karen trug zu viele böse Erinnerungen mit sich herum. Samantha hatte nie versucht, sie zu einem Burgfrieden zu überreden.

»Gut, denke ich. Arbeitet viel.«

»Hat sie jemanden?«

»Ich frage sie nicht danach. Wie ist es bei dir?«

Die junge hübsche Rechtsassistentin hatte sich zwei Monate nach Antritt seiner Haftstrafe von ihm getrennt, und so war Marshall seit vielen Jahren Single — wenn auch selten allein. Er war knapp sechzig, immer noch fit und schlank, das graue Haar zurückgegelt, ein umwerfendes Lächeln auf den Lippen. »Oh, ich bin durchaus noch im Rennen«, sagte er lachend. »Und du? Gibt es jemanden in deinem Leben?«

»Nein, Dad, leider nicht. Ich habe die letzten drei Jahre in einer Höhle verbracht, während die Welt an mir vorüberzog. Ich bin neunundzwanzig und wieder einmal Jungfrau.«

»Das will ich nicht wissen. Wie lange bist du hier?«

»Ich bin gerade erst angekommen. Keine Ahnung. Ich habe dir von der Beurlaubungslösung erzählt, die die Kanzlei angeboten hat. Das werde ich mir mal ansehen.«

»Ein Jahr lang ehrenamtlich arbeiten und dann die Stelle wiederbekommen, ohne Nachteile durch die Fehlzeit?«

»So was in der Art.«

»Fieser Beigeschmack. Du traust diesen Typen doch nicht, oder?«

Sie atmete tief durch und trank einen Schluck Kaffee. Von hier aus konnte das Gespräch zu Themen abdriften, die sie im Moment auf keinen Fall ertragen würde. »Nein. Ich glaube, ich kann mit Fug und Recht sagen, dass ich den Bossen von Scully & Pershing nicht traue.«

Marshall schüttelte in vollstem Verständnis den Kopf. »Und im Grunde willst du gar nicht wieder zurück, weder jetzt noch in zwölf Monaten. Stimmt’s?«

»Ich weiß nicht, was ich in zwölf Monaten denken werde, aber eine Zukunft in dieser Kanzlei kann ich mir nicht recht vorstellen.«

»Gut, gut.« Er stellte seine Tasse auf den Tisch und beugte sich vor. »Hör zu, Samantha, ich kann dir einen Job anbieten, gleich hier, der gut bezahlt ist und dich ein Jahr lang beschäftigt, bis du weißt, was du willst. Vielleicht bleibst du auf Dauer dabei, vielleicht nicht, aber du wirst genug Zeit haben, um diese Entscheidung zu treffen. Du wirst nicht praktizieren wie eine richtige Anwältin, aber das hast du, glaube ich, in den letzten drei Jahren auch nicht getan.«

»Mom meinte, du hast zwei Partner, denen ebenfalls die Lizenz abgenommen wurde.«

Er lachte gezwungen, aber die Wahrheit war eben unangenehm. »Das hat Karen gesagt? Ja, Samantha, wir sind hier zu dritt, alle dereinst angeklagt, verurteilt, entehrt, inhaftiert und, ich freue mich, das sagen zu können, vollständig rehabilitiert.«

»Tut mir leid, Dad, aber ich kann mir nicht vorstellen, für einen Laden zu arbeiten, der von drei Anwälten ohne Lizenz geleitet wird.«

Marshall ließ die Schultern ein wenig sinken. Sein Lächeln erstarb.

»Es ist keine richtige Kanzlei, oder?«

»Nein. Wir dürfen nicht praktizieren, weil wir unsere Lizenz noch nicht zurückhaben.«

»Was macht ihr dann?«

Er straffte sich. »Wir verdienen eine Menge Geld, meine Liebe. Wir sind als Berater tätig.«

»Beraten kann jeder, Dad. Wen beratet ihr, und wie sieht euer Rat aus?«

»Hast du schon mal etwas von Prozessfinanzierung gehört?«

»Zu Diskussionszwecken sagen wir mal: nein.«

»Okay. Es gibt private Agenturen, die sich Geld von Investoren leihen, um damit große Gerichtsverfahren zu finanzieren. Sagen wir zum Beispiel, eine kleine Software-Firma ist davon überzeugt, dass ihr einer der Giganten, sagen wir Microsoft, eine Software-Idee geklaut hat, nur dass die kleine Firma es sich nicht leisten kann, Microsoft zu verklagen und vor Gericht zur Rechenschaft zu ziehen. Absolut unmöglich. Also geht die kleine Firma zu einer Finanzagentur, die den Fall prüft und, wenn sie ihn für gerechtfertigt hält, eine ordentliche Summe bereitstellt, um Gebühren und Spesen zu decken. Ob zehn Millionen oder zwanzig Millionen, das spielt im Grunde keine Rolle. Auf jeden Fall ist jetzt genug Geld da. Natürlich bekommt die Agentur ein Stück vom Kuchen ab. Es findet ein faires Verfahren statt, und in der Regel kommt es zu einem lukrativen Vergleich. Unsere Aufgabe ist es, die Prozessfinanzierer zu beraten, ob sie sich in einem bestimmten Verfahren engagieren sollen oder nicht. Nicht alle potenziellen Verfahren sollten unbedingt angestrengt werden, auch nicht in diesem Land. Meine beiden Partner, die übrigens Mitinhaber dieses Büros sind, wie ich hinzufügen möchte, waren ebenfalls Spezialisten für große Sammelklagen, bis man sie sozusagen aus dem Rechtsberuf hinauskomplimentierte. Unser Geschäft boomt, trotz der kleinen Rezession. In Wahrheit glauben wir, dass das Desaster sogar zu unserem Vorteil ist. Jede Menge Banken werden in Kürze verklagt werden, und zwar auf astronomische Summen.«

Samantha hörte zu und trank dabei ihren Kaffee. Dieser Mann hatte früher regelmäßig Millionenbeträge aus Geschworenen herausgekitzelt.

»Was meinst du?«, fragte er.

Klingt schauderhaft, dachte sie und runzelte die Stirn, als würde sie ernsthaft darüber nachdenken. »Interessant«, brachte sie heraus.

»Wir sehen großes Wachstumspotenzial«, fügte er hinzu.

Ja, und mit drei Exknackis am Start war es nur eine Frage der Zeit, wann der Ärger losging. »Von Prozessführung habe ich keinen blassen Schimmer, Dad. Ich habe immer versucht, mich möglichst davon fernzuhalten. Ich habe in einem Finanzunternehmen gearbeitet, schon vergessen?«

»Ach, das lernst du schnell. Ich werde es dir beibringen. Wir werden viel Spaß haben. Versuch es doch! Probier es ein paar Monate aus, während du dir darüber klar wirst, was du wirklich willst.«

»Aber ich habe meine Lizenz doch noch«, entgegnete Samantha. Sie lachten beide, auch wenn es nicht besonders lustig war. »Ich werde es mir überlegen, Dad. Danke.«

»Du wirst dich schnell einfinden, versprochen. Vierzig Wochenstunden, ein hübsches Büro, nette Kollegen. Auf jeden Fall besser als das Hamsterrad in New York.«

»In New York fühle ich mich zu Hause. Hier nicht.«

»Okay, schon gut. Ich will dich nicht drängen. Das Angebot steht.«

»Vielen Dank dafür.«

Eine Sekretärin klopfte und streckte ihren Kopf durch die Türöffnung. »Ihr Sechzehn-Uhr-Termin, Sir.«

Marshall blickte stirnrunzelnd auf seine Uhr. »Ich bin gleich da«, sagte er, und sie zog sich zurück.

Samantha griff nach ihrer Tasche. »Ich muss los.«

»Keine Eile, Liebes. Die können warten.«

»Ich weiß, du hast viel zu tun. Wir sehen uns morgen zum Mittagessen.«

»Das wird nett. Grüß Karen von mir. Ich würde sie zu gern mal wieder sehen.«

Keine Chance. »Sicher, Dad. Bis morgen.«

Sie umarmten sich an der Tür, und Samantha beeilte sich, wegzukommen.

Die achte Absage kam von der Chesapeake-Gesellschaft in Baltimore, die neunte von einem Verein, der sich um den Schutz der Redwood-Wälder in Nord-Kalifornien bemühte. Noch nie in ihrem ganzen privilegierten Leben war Samantha Kofer neunmal abgelehnt worden, was auch immer sie angepackt hatte. Sie war nicht sicher, ob sie ein zehntes Mal ertragen konnte.

Sie saß in der Cafeteria von Kramerbooks am Dupont Circle und trank einen Kaffee. Beim Warten tauschte sie E-Mails mit Freundinnen aus. Blythe hatte ihre Stelle noch, doch die Dinge änderten sich stündlich. Es sei das Gerücht in Umlauf, dass ihre Kanzlei, die viertgrößte der Welt, ebenfalls im Rundumschlag Leute entlassen und dabei möglichst viele der klügsten Köpfe »beurlauben« und kostenlos an Vereine mit notorisch knapper Kasse verleihen werde. Sie schrieb: »Es müssen Tausende sein, die jetzt Klinken putzen gehen.«

Samantha hatte nicht den Mumm zuzugeben, dass sie neun Absagen bekommen hatte.

Da kündigte sich mit einem Signalton Nummer zehn an, eine knappe Nachricht von einer Mattie Wyatt von der Mountain Law Clinic in Brady, Virginia: »Rufen Sie mich auf dem Handy an, jetzt gleich, wenn Sie Zeit haben«, gefolgt von einer Mobilnummer. Nach neun Abfuhren fühlte sich das an wie eine Einladung ins Weiße Haus.

Samantha atmete tief durch, trank noch einen Schluck und sah sich um, ob ihr jemand zuhörte — als würden sich die anderen Kunden für ihre Angelegenheiten interessieren. Dann nahm sie ihr Handy und tippte die Nummer ein.

4

Die Mountain Law Clinic führte ihre ehrenamtliche Tätigkeit von einem ehemaligen Eisenwarenladen in der Main Street von Brady aus. Der Ort hatte zweitausendzweihundert Einwohner, deren Zahl jedoch beständig abnahm, und lag im Südwesten von Virginia in den Appalachen, dem Land der Kohle. Von den wohlhabenden Außenbezirken der Hauptstadt Washington im Norden war Brady nur fünfhundert Kilometer und zugleich ein ganzes Jahrhundert entfernt.

Mattie Wyatt führte die Kanzlei seit dem Tag vor sechsundzwanzig Jahren, an dem sie sie gegründet hatte. Sie nahm den Anruf an und sagte, was sie immer sagte: »Mattie Wyatt.«

Eine leicht schüchterne Stimme am anderen Ende meldete sich: »Hier ist Samantha Kofer. Ich habe gerade Ihre E-Mail bekommen.«

»Danke, Ms. Kofer. Ihre Anfrage ist heute Nachmittag eingegangen, zusammen mit ein paar anderen. Sieht so aus, als würden ein paar Großkanzleien ganz schön in der Tinte stecken.«

»So könnte man sagen.«

»Nun, wir hatten noch nie eine Praktikantin von einer großen New Yorker Kanzlei, aber wir können immer Hilfe gebrauchen. Arme Leute mit Problemen gibt es hier jede Menge. Waren Sie schon mal im Südwesten von Virginia?«

Nein, Samantha hatte zwar die Welt gesehen, aber in den Appalachen war sie noch nie gewesen. »Leider nein«, sagte sie so höflich wie möglich. Matties Stimme klang freundlich, sie hatte einen leichten Anklang von Südstaatenakzent, und Samantha beschloss, ihre besten Umgangsformen an den Tag zu legen.

»Na, dann wird es jetzt Zeit«, erwiderte Mattie. »Hören Sie, Ms. Kofer, ich habe heute drei solche Anfragen bekommen. Wir haben keinen Platz für drei Anfänger, die von nichts eine Ahnung haben. Verstehen Sie, was ich meine? Ich muss also Bewerbungsgespräche führen, um eine Auswahl zu treffen. Können Sie herkommen, um sich persönlich vorstellen? Die anderen beiden meinten, sie würden es versuchen. Einer davon war, glaube ich, auch aus Ihrer Kanzlei.«

»Ja, klar kann ich runterkommen«, antwortete Samantha. Was hätte sie sonst sagen sollen? Der kleinste Hinweis auf mangelnde Bereitschaft, und sie würde sich die zehnte Absage einfangen. »An wann hatten Sie denn gedacht?«

»Morgen, übermorgen, ganz egal. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass lauter arbeitslose Juristen vor meiner Tür stehen und einen Job wollen, der nicht einmal bezahlt ist. Da sich jetzt auf einmal mehrere darum reißen, würde ich sagen, je früher, desto besser. New York ist weit.«

»Ehrlich gesagt, bin ich zurzeit in Washington. Ich denke, ich könnte morgen Nachmittag da sein.«

»In Ordnung. Ich habe nicht viel Zeit für Bewerbungsgespräche, also werde ich vermutlich den Ersten, der auftaucht, einstellen und den anderen absagen. Vorausgesetzt, der Erste, der auftaucht, gefällt mir.«

Samantha schloss für einen Moment die Augen und versuchte, ihre Situation zu begreifen. Gestern früh hatte sie noch einen Schreibtisch in der größten Kanzlei der Welt gehabt, wo sie ordentlich bezahlt worden war und Aussicht auf eine lange, lukrative Karriere gehabt hatte. Kaum dreißig Stunden später saß sie arbeitslos in der Cafeteria eines Buchladens und versuchte alles, um einen befristeten, unbezahlten Job irgendwo in der tiefsten Provinz zu bekommen.

Mattie fuhr fort: »Ich war letztes Jahr in Washington auf einer Konferenz, da habe ich sechs Stunden für die Fahrt gebraucht. Wie wäre es so gegen vier Uhr morgen Nachmittag?«

»Okay. Bis dann. Und vielen Dank, Ms. Wyatt.«

»Nein, ich danke Ihnen, und bitte nennen Sie mich Mattie.«

Samantha ging ins Internet und fand die Website der Mountain Law Clinic. Die Mission lautete schlicht: »Kostenlose Rechtsberatung und -vertretung für Einkommensschwache in Virginias Südwesten.« Zu den Fachgebieten gehörten häusliche Gewalt, Schuldenberatung, Mietangelegenheiten, Gesundheit, Schule und Ausbildung sowie Entschädigungsleistungen aufgrund von Staublunge. In ihrer juristischen Ausbildung hatte sie ein paar dieser Bereiche gestreift, in ihrer beruflichen Laufbahn bislang nicht. Die Kanzlei nahm keine Strafangelegenheiten an. Außer Mattie Wyatt gab es eine weitere Anwältin sowie eine Rechtsassistentin und eine Empfangssekretärin. Nur Frauen.

Samantha beschloss, die Sache mit ihrer Mutter zu besprechen und dann darüber zu schlafen. Sie besaß kein Auto, und die weite Fahrt in die Appalachen erschien ihr wie reine Zeitverschwendung. In SoHo zu kellnern sah im Vergleich dazu regelrecht verlockend aus. Während sie auf ihren Bildschirm starrte, meldete sich das Obdachlosenheim in Louisville mit einem höflichen Nein. Zehn Absagen an einem Tag. Es reichte. Ihr war die Lust, die Welt zu retten, gehörig vergangen.

___________

Karen Kofer erschien um kurz nach sieben Uhr im Firefly. Mit feuchten Augen schloss sie ihr einziges Kind in die Arme. Als sie ihr Mitgefühl aussprach, bat Samantha sie, das bitte zu unterlassen. Sie gingen an die Bar und bestellten Wein, während sie auf einen Tisch warteten. Karen war fünfundfünfzig und alterte in Würde. Sie gab einen Großteil ihres Gehalts für Kleidung aus und war immer trendig, ja mondän gekleidet. Solange Samantha sich erinnern konnte, beklagte sie den Mangel an Stil im Ministerium, als wäre es ihre Aufgabe, Pep in den Laden zu bringen. Seit zehn Jahren war sie alleinstehend; es hatte zwar immer Männer gegeben, doch der richtige war nie darunter gewesen. Aus Gewohnheit musterte sie ihre Tochter von den Ohrringen bis zu den Schuhen und bildete sich binnen Sekunden ein Urteil. Kein Kommentar. Samantha war das im Grunde egal. An diesem schrecklichen Tag hatte sie andere Dinge im Kopf.

»Dad lässt grüßen«, sagte sie, um das Gespräch gleich von den dringlichen Vorgängen im Ministerium wegzulenken.

»Du hast ihn gesehen?«, fragte Karen mit gehobenen Augenbrauen hellhörig.

»Ja. Ich habe ihn in seinem Büro besucht. Es scheint ihm gut zu gehen, er sieht gut aus. Er meinte, er wird sein Geschäft erweitern.«

»Hat er dir einen Job angeboten?«

»Ja. Ich könnte sofort anfangen, vierzig Stunden die Woche mit lauter tollen Kollegen.«

»Die haben übrigens alle ihre Lizenz verloren.«

»Das hast du mir schon erzählt.«

»Immerhin scheint es diesmal legal zu sein, was er treibt, jedenfalls noch. Du denkst sicher nicht im Ernst darüber nach, für Marshall zu arbeiten. Das ist ein Haufen Strolche. Über kurz oder lang wird es bestimmt wieder Probleme geben.«

»Du beobachtest sie also?«

»Sagen wir, ich habe Freunde, Samantha. Viele Freunde an den richtigen Stellen.«

»Willst du denn, dass er noch mal auffliegt?«

»Nein, Liebes, ich bin über deinen Vater hinweg. Es ist Jahre her, dass wir uns getrennt haben, und ich habe lange gebraucht, um mich davon zu erholen. Er hat Vermögen verheimlicht und mich bei der Scheidung über den Tisch gezogen, aber ich habe irgendwann losgelassen. Ich habe ein schönes Leben und werde nicht unnötig negative Energie auf Marshall Kofer verschwenden.«

Gleichzeitig tranken sie an ihrem Wein und sahen dem Barmann zu, einem attraktiven jungen Mann Mitte zwanzig in einem engen schwarzen T-Shirt.

»Nein, Mom, ich werde nicht für Dad arbeiten. Das wäre ein Desaster.«

Eine Bedienung führte sie zu ihrem Tisch, und ein Kellner schenkte Wasser mit Eis ein. Als sie wieder ungestört waren, sagte Karen: »Es tut mir so leid. Ich kann es einfach nicht fassen.«

»Bitte, Mom, lass das.«

»Ich weiß, aber ich bin deine Mutter, ich kann nicht anders.«

»Kann ich für ein paar Tage dein Auto haben?«

»Sicher. Wozu brauchst du es denn?«

»Es gibt in Brady, Virginia, eine dieser Kanzleien, die Pro-bono-Rechtsberatung für Einkommensschwache anbieten — einer von den Vereinen auf meiner Liste. Die würde ich mir gern ansehen. Es ist wahrscheinlich Zeitverschwendung, aber ich habe zurzeit nicht viel zu tun. In Wahrheit habe ich morgen überhaupt nichts zu tun, und eine lange Autofahrt könnte mir helfen, einen klaren Kopf zu bekommen.«

»Aber pro bono?«

»Warum nicht? Außerdem ist es nur ein Bewerbungsgespräch für eine Praktikumsstelle. Wenn ich den Job nicht bekomme, bin ich weiterhin arbeitslos. Und wenn ich ihn bekomme, kann ich jederzeit aufhören, falls er mir nicht gefällt.«

»Kein Gehalt?«

»Keinen Cent. Das ist Teil der Vereinbarung mit S&P. Ich bin zwölf Monate lang ehrenamtlich tätig, dafür behält mich die Kanzlei im System.«

»Aber du findest doch bestimmt ein nettes, kleines Anwaltsbüro in New York.«

»Das haben wir doch schon besprochen, Mom. Die großen Kanzleien entlassen Leute, die kleinen machen Pleite. Du hast keine Ahnung, was für eine Krisenstimmung hier im Moment herrscht. Du und deine Freunde, ihr habt Netz und doppelten Boden, keiner von euch wird seinen Job verlieren. Aber hier im wahren Leben drehen alle vollkommen durch.«

»Ich lebe also nicht das wahre Leben?«

Zum Glück kam der Kellner wieder, um in aller Ausführlichkeit die Tageskarte vorzustellen. Als er sich entfernte, tranken sie ihren Wein aus und betrachteten die umliegenden Tische. Schließlich sagte Karen: »Samantha, ich glaube, du machst einen Fehler. Du kannst nicht einfach für ein Jahr von der Bildfläche verschwinden. Was ist mit deiner Wohnung? Und mit deinen Freunden?«

»Meine Freunde sind genauso beurlaubt wie ich, jedenfalls die meisten. Außerdem habe ich nicht viele.«

»Mir gefällt die Vorstellung nicht.«

»Toll, Mom, und welche Alternative habe ich? Soll ich vielleicht bei der Kofer Group anfangen?«

»Gute Güte. Du würdest vermutlich hinter Gittern landen.«

»Würdest du mich besuchen? Ihn hast du nie besucht.«

»Ist mir nie in den Sinn gekommen. Ich war überglücklich, als sie ihn weggeschlossen haben. Du wirst das eines Tages verstehen, Liebes, aber nur, wenn dich der Mann, den du liebst, wegen einer anderen sitzen lässt, was hoffentlich nie passieren wird.«

»Okay, ich denke, ich verstehe das. Aber es ist schon so lange her.«

»Manche Dinge vergisst man nie.«

»Versuchst du denn, es zu vergessen?«

»Schau, Samantha, jedes Kind möchte, dass seine Eltern zusammenbleiben. Das ist ein archaischer Überlebensinstinkt. Wenn sie sich trotzdem trennen, möchte das Kind, dass sie zumindest Freunde bleiben. Manche können das, manche nicht. Ich möchte mich nicht im selben Raum wie Marshall Kofer aufhalten, und ich rede nicht gern über ihn. Belassen wir es dabei.«

»Also gut.« Näher an einer Vermittlung zwischen den beiden war Samantha noch nie gewesen, und so lenkte sie rasch ein.

Der Kellner brachte ihre Salate, und sie bestellten eine Flasche Wein. »Wie geht’s Blythe?«, erkundigte sich Karen, um auf ein weniger heikles Thema überzuleiten.

»Macht sich Sorgen, hat ihren Job aber noch.« Sie redeten ein paar Minuten über Blythe, dann über einen Mann namens Forest, mit dem sich Karen seit vier Wochen traf. Er sei ein paar Jahre jünger als sie — was ihr gefalle —, aber sie hätten keine feste Beziehung. Forest sei Jurist und als Wahlkampfberater für Obama tätig. Das Gespräch driftete in diese Richtung. Mit frischem Wein versorgt, analysierten sie die erste Fernsehdebatte. Samantha hatte die Nase voll von der Wahl, während Karen sich aufgrund ihrer Arbeit bei politischen Diskussionen generell zurückhielt.

»Ich hatte ganz vergessen, dass du kein Auto hast.«

»Jahrelang habe ich keines gebraucht. Ich denke, ich könnte für ein paar Monate auch einen Mietwagen nehmen.«

»Da fällt mir ein, dass ich mein Auto morgen Abend brauche. Ich spiele Bridge bei einer Freundin drüben in McLean.«

»Kein Problem. Ich miete für ein paar Tage eines. Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr freue ich mich auf die lange Fahrt allein.«

»Wie lange wirst du brauchen?«

»Sechs Stunden.«

»In sechs Stunden bist du auch in New York.«

»Tja, morgen fahre ich in die entgegengesetzte Richtung.«

Ihre Hauptspeise kam, und sie machten sich hungrig darüber her.

5

Binnen einer Stunde hatte Samantha einen roten Toyota Prius gemietet. Auf ihrem Weg durch den Hauptstadtverkehr hielt sie das Lenkrad fest umklammert und spähte ständig in die Spiegel. Sie war seit Monaten nicht gefahren und fühlte sich unsicher. Die Auffahrten waren voller Pendler, die aus den Vororten in die Innenstadt drängten, doch Richtung Westen ging es ohne größere Staus voran. Hinter Manassas wurde der Verkehr erheblich ruhiger, und sie konnte sich endlich entspannen. Als Izabelle anrief, tauschten sie eine Viertelstunde lang den neuesten Tratsch aus. Scully & Pershing habe am Vortag weitere Angestellte beurlaubt, darunter auch einen Studienkollegen, berichtete Izabelle. Eine Gruppe Juniorpartner sei vor die Tür gesetzt worden. Rund ein Dutzend Seniorpartner seien vorzeitig in Rente gegangen, wenn auch offenbar nicht freiwillig. Das übrige Personal sei um fünfzehn Prozent gekürzt worden. Der Laden sei wie gelähmt vor Angst, die Mitarbeiter verriegelten ihre Türen und versteckten sich unter ihren Schreibtischen. Izabelle sagte, sie werde wahrscheinlich nach Wilmington gehen und bei ihrer Schwester im Souterrain einziehen. Sie könne ehrenamtlich bei einer Kinderrechtsorganisation anfangen und werde sich zusätzlich nach einer bezahlten Teilzeitstelle umsehen. Sie glaube nicht, dass sie nach New York zurückkehren werde, aber es sei noch zu früh, um Prognosen zu stellen. Alles sei noch zu frisch und im Fluss. Wie könne man da sagen, wo man in einem Jahr stehen werde? Samantha räumte ein, sie sei überglücklich, dass sie die Kanzlei hinter sich lassen könne und unterwegs zu neuen Ufern sei.

Sie rief ihren Vater an und sagte das Mittagessen ab. Er wirkte enttäuscht und legte ihr dringend ans Herz, sich nicht übereilt auf ein bedeutungsloses Praktikum »irgendwo in der Dritten Welt« einzulassen. Er kam noch einmal auf seine Stellenofferte zurück, machte aber den Fehler, sie zu drängen, und so sagte sie Nein. »Hör zu, Dad, ich will die Stelle nicht, aber trotzdem danke.«

»Du begehst einen Fehler, Sam«, sagte er.

»Ich habe dich nicht um deinen Rat gebeten, Dad.«

»Vielleicht brauchst du ihn aber. Bitte, hör auf jemanden mit gesundem Menschenverstand.«

»Wiedersehen, Dad. Ich ruf dich wieder an.«

Unweit der kleinen Stadt Strasburg fuhr sie auf die Interstate 81 Richtung Süden, wo sie in ein Wettrennen von Sechzigtonnern geriet, für die das Tempolimit nicht zu gelten schien. Der Karte nach hatte sie mit einer beschaulichen Fahrt durch das Shenandoah Valley gerechnet. Stattdessen musste sie im dichten Verkehr aufpassen, nicht von wild gewordenen Lkw überrollt zu werden. Es schienen Tausende zu sein. Hin und wieder konnte sie einen Blick auf die Ausläufer der Blue Ridge Mountains oder im Westen auf die Appalachen werfen. Es war der 1. Oktober, die Blätter waren herbstlich verfärbt, doch der Verkehr ließ nicht zu, dass sie die Landschaft betrachtete. Ihr Telefon meldete ständig eingehende SMS, doch es gelang ihr, das zu ignorieren. Bei Staunton hielt sie an einem Fast-Food-Imbiss und aß einen welken Salat. Beim Essen hörte sie den Einheimischen zu und versuchte, durch tiefes Atmen ruhiger zu werden.

Henry hatte ihr gemailt, ihr Exfreund. Er sei in New York und würde gern mit ihr etwas trinken gehen. Er hatte die schlimme Nachricht schon bekommen und wollte ihr sein Mitgefühl ausdrücken. Seine Schauspielkarriere war in Los Angeles noch weniger vom Fleck gekommen als in New York, und er hatte keine Lust mehr, Limos mit talentlosen Kleindarstellern herumzukutschieren, die niemand kannte. Er schrieb, er vermisse sie und denke oft an sie. Da sie arbeitslos sei, könnten sie doch ein wenig Zeit miteinander verbringen, ihre Lebensläufe aufpolieren und Anzeigen studieren. Sie beschloss, nicht zu antworten, jedenfalls nicht gleich. Vielleicht später, wenn sie wieder in New York war, gelangweilt und richtig allein.

Trotz des Verkehrs und der Lkw begann sie, ihre einsame Fahrt zu genießen. Ein paarmal stellte sie den Nachrichtenkanal im Radio an, doch die Berichte kreisten immer nur um ein Thema — Wirtschaftscrash und große Rezession. Viele kluge Köpfe sagten eine Depression voraus. Andere glaubten, die Panik würde vorbeigehen, die Welt überleben. In Washington drehten sich die Debatten um Konfliktstrategien im Kreis. Irgendwann ignorierte sie das Radio ebenso wie ihr Handy und hing ihren Gedanken nach. Bei Abingdon, Virginia, wies das Navi sie an, von der Interstate abzufahren, was sie mit Freuden tat. Zwei Stunden lang mäanderte sie nach Westen auf die Berge zu. Während die Straße immer schmaler wurde, fragte sie sich erneut, was sie da eigentlich tat. Wo würde sie landen? Und was würde sie in Brady, Virginia, vorfinden, was so spannend wäre, dass sie ein gesamtes Jahr dort verbringen wollte? Die Antwort lautete: nichts. Dennoch war sie entschlossen, ihr Ziel zu erreichen und das kleine Abenteuer zum Abschluss zu bringen. Vielleicht würde es später einmal beim Cocktail als unterhaltsame Anekdote taugen, vielleicht auch nicht. Bislang war sie froh, aus New York weggekommen zu sein.

An der Grenze zu Noland County bog sie auf die Route 36 ab. Die Straße wurde noch schmaler, die Berge höher, und das Laubwerk leuchtete intensiver in Gelb und Rostrot. Sie war allein auf dem Highway, und je tiefer sie in die Berge eindrang, umso mehr kamen ihr Zweifel, ob es hier überhaupt einen anderen Weg hinaus gab. Wo auch immer Brady war, es schien am Ende dieser Straße zu liegen. Als ihr die Ohren zugingen, wurde ihr bewusst, dass sie und ihr kleiner roter Prius beständig kletterten. Ein demoliertes Schild kündigte die Ortschaft Dunne Spring an, 201 Einwohner. Sie erreichte eine Anhöhe und fuhr zwischen einer Tankstelle linker Hand und einem Gemischtwarenladen durch.

Sekunden später klebte ein Wagen mit blinkendem Blaulicht an ihrer Stoßstange. Eine Sirene heulte auf. Erschrocken trat sie auf die Bremse, sodass der Polizeiwagen fast aufgefahren wäre, und hielt auf einem Kiesstreifen kurz vor einer Brücke. Als der Officer an ihre Tür trat, kämpfte sie mit den Tränen. Sie griff nach dem Handy, um eine SMS zu schreiben, doch es hatte keinen Empfang.

Er sagte etwas, was sich entfernt anhörte wie: »Ihre Papiere, bitte.« Sie nahm ihre Tasche und fand nach längerem Suchen ihren Führerschein. Mit zitternden Händen reichte sie ihm die Karte. Er nahm sie entgegen und hielt sie sich dicht vor die Nase. Offenbar hatte er eine Sehschwäche. Als sie ihn endlich anschauen konnte, begriff sie, dass das nicht sein einziger Makel war. Seine Uniform war eine wilde Mischung aus abgenutzten, fleckigen Baumwollhosen, einem verblichenen braunen Hemd, das mit allen möglichen Abzeichen geschmückt war, ungeputzten schwarzen Kampfstiefeln und einem Ranger-Hut mit der Aufschrift »Smokey Bear«, der ihm mindestens zwei Nummern zu groß war. Widerspenstiges schwarzes Haar lugte darunter hervor.

»New York?«, fragte er. Seine Aussprache war alles andere als deutlich, aber sein Ton ganz klar streitlustig.

»Ja, Sir. Ich wohne in New York City.«

»Warum trägt Ihr Wagen dann ein Kennzeichen aus Vermont?«

»Es ist ein Mietwagen«, antwortete sie und nahm den Vertrag von Avis von der Konsole. Sie hielt ihm das Blatt entgegen, doch er starrte immer noch auf ihren Führerschein, als hätte er Schwierigkeiten beim Lesen.

»Was ist ein Prius?«, fragte er.

»Ein Hybrid von Toyota.«

»Ein was?«

Sie hatte keine Ahnung von Autos, aber das spielte in diesem Moment keine Rolle. Selbst wenn sie vollständig mit der Funktionsweise von Hybridmotoren vertraut gewesen wäre, hätte ihr das nichts genutzt. »Ein Hybrid, Sie wissen schon, der mit Benzin und Strom fährt.«

»Was Sie nicht sagen.«

Ihr fiel keine Antwort ein. Er wartete, dass sie noch etwas sagte, doch sie lächelte ihn nur stumm an. Sein linkes Auge schien Richtung Nase zu wandern.

»Jedenfalls muss es ziemlich schnell sein«, fuhr er fort. »Ich habe Sie mit zweiundachtzig Stundenkilometer in einer Dreißigerzone gemessen. Das sind mehr als fünfzig zu viel. Hier in Virginia gilt das als rücksichtsloses Fahren. Ich weiß nicht, wie das in New York oder Vermont ist, aber hier unten nennen wir das rücksichtslos. Jawohl, Ma’am, so ist das.«

»Aber ich habe kein Tempolimit gesehen.«

»Kann ich was dafür, wenn Sie die Schilder übersehen?«

Ein alter Pick-up näherte sich aus der Gegenrichtung, bremste ab und schien halten zu wollen. Der Fahrer lehnte sich aus dem Fenster und rief: »Komm schon, Romey, nicht schon wieder!«

Der Polizist drehte sich um und rief zurück: »Verschwinde!«

Der Pick-up hielt auf dem Mittelstreifen, und der Fahrer rief: »Du musst damit aufhören, Mann.«

Der Polizist öffnete das Holster und zog eine schwarze Pistole heraus. »Hast du nicht gehört? Verschwinde.«

Der Pick-up machte einen Satz nach vorn, die Hinterräder drehten durch, und er brauste los. Als er zwanzig Meter entfernt war, richtete der Polizist die Waffe gen Himmel und gab einen Schuss ab, der durch das ganze Tal donnerte und von den Steilwänden widerhallte. Samantha schrie auf und fing an zu weinen.

Der Polizist sah dem Pick-up nach und sagte dann: »Schon gut, schon gut. Er mischt sich immer ein. So, wo waren wir?« Er steckte die Waffe wieder ins Holster und kämpfte dann mit dem Druckknopf.

»Ich weiß es nicht.« Sie wischte sich mit zitternden Händen die Augen.

In ärgerlichem Ton fuhr der Polizist fort: »Schon gut, Ma’am, schon gut. Also, Sie haben einen New Yorker Führerschein und Nummernschilder aus Vermont, und Sie sind fünfzig Stundenkilometer zu schnell gefahren. Was haben Sie hier unten vor?«

Geht Sie das vielleicht was an?, wäre sie beinahe herausgeplatzt, doch Frechheit würde ihre Lage gewiss verschlimmern. Sie blickte geradeaus, atmete tief durch und rang um Fassung. Schließlich sagte sie: »Ich fahre nach Brady. Ich habe dort ein Bewerbungsgespräch.« In ihren Ohren pfiff es.

Er lachte. »In Brady gibt es keine Arbeit, das kann ich Ihnen versichern.«

»Ich habe einen Vorstellungstermin bei der Mountain Law Clinic«, erläuterte sie mit zusammengebissenen Zähnen, und die Worte klangen hohl und unwirklich.

Diese Auskunft irritierte ihn, und er wusste nicht recht, was er als Nächstes tun sollte. »Ich muss Sie mitnehmen. Fünfzig zu viel ist extrem rücksichtslos. Der Richter wird Ihnen wahrscheinlich die Höchststrafe geben. Ich muss Sie mitnehmen.«

»Wohin?«

»Nach Brady ins County-Gefängnis.«

Ihr Unterkiefer sank ihr auf die Brust, und sie rieb sich die Schläfen. »Ich fasse es nicht.«

»Tut mir leid, Ma’am. Steigen Sie bitte aus. Sie dürfen bei mir vorne sitzen.« Er hatte die Hände in die Hüften gestützt, wobei die rechte gefährlich nah am Pistolenholster lag.

»Meinen Sie das ernst?«, fragte sie.

»Todernst.«

»Darf ich telefonieren?«

»Kommt nicht infrage. Vielleicht im Gefängnis. Außerdem ist hier sowieso kein Empfang.«

»Sie nehmen mich fest und bringen mich ins Gefängnis?«

»Jetzt kapieren Sie’s so langsam. Ich bin sicher, wir machen manche Dinge anders hier unten in Virginia. Gehen wir.«

»Was ist mit meinem Auto?«

»Wird abgeschleppt. Das wird Sie noch mal vierzig Dollar kosten. Kommen Sie.«

Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm zu folgen, wenn sie nicht weitere Schüsse in Kauf nehmen wollte. Langsam nahm sie ihre Handtasche und stieg aus. Trotz flacher Schuhe war sie mit ihren ein Meter siebzig mindestens fünf Zentimeter größer als Romey. Sie ging zu seinem Wagen, dessen Warnlichter am Kühler immer noch blinkten. Das Auto trug keine Aufschrift. Er bemerkte ihren Blick und sagte: »Zivilfahrzeug. Deshalb haben Sie mich dahinten nicht gesehen. Funktioniert jedes Mal. Steigen Sie vorn ein. Ich werde Ihnen keine Handschellen anlegen.«

»Danke«, brachte sie mühsam heraus.

Es war ein dunkelblauer Ford, der entfernt an einen alten Streifenwagen erinnerte, allerdings einen, der schon vor zehn Jahren aus dem Verkehr gezogen worden war. Das Auto hatte vorn eine durchgehende Sitzbank mit schwer ramponiertem Kunstlederbezug, aus dem schmutzige Schaumstofffüllung quoll. Am Armaturenbrett steckten zwei Funkgeräte. Romey nahm ein Mikro und murmelte so hastig, dass kaum etwas zu verstehen war, so etwas wie: »Hier Einheit zehn, auf dem Weg nach Brady mit straffälliger Verkehrsteilnehmerin. Geschätzte Ankunftszeit: fünf Minuten. Bitte den Richter verständigen. Brauchen Abschleppdienst bei Thack’s Bridge, irgendein komisches kleines japanisches Modell.«

Es kam keine Antwort, als wäre der Ruf ins Nichts gegangen. Samantha überlegte, ob das Gerät überhaupt funktionierte. Auf der Bank zwischen ihnen lag ein Funkscanner, der aber ebenso tot aussah wie die beiden anderen Funkgeräte. Romey drückte einen Schalter, woraufhin die Blinklichter ausgingen. »Wollen Sie die Sirene hören?«, fragte er grinsend. Ein kleiner Junge und sein Spielzeug.

Sie schüttelte den Kopf. Nein, danke.

Und sie hatte gedacht, sie hätte gestern den Tiefpunkt erreicht, als sie an einem Tag zehn Absagen kassiert hatte, nachdem sie tags zuvor gefeuert und von einer Eskorte vor die Tür gesetzt worden war. Doch jetzt saß sie irgendwo am Ende der Welt fest, verhaftet und auf dem Weg ins Gefängnis. Ihr Herz raste, und sie konnte kaum schlucken.

Sicherheitsgurte waren nicht vorhanden. Romey gab Gas, und bald flogen sie in der Mitte des Highways dahin, während der alte Ford bedenklich klapperte und schepperte. Nach zwei bis drei Kilometern sagte Romey: »Das tut mir wirklich leid. Ich tue nur meinen Job.«

»Sind Sie Deputy-Sheriff oder so was?«

»Ich bin Verkehrspolizist. Ich kümmere mich hauptsächlich um die Straße.«

Sie nickte, als würde das alles erklären. Er hatte sein linkes Handgelenk auf dem Lenkrad liegen, das stark vibrierte. Auf einem geraden Straßenabschnitt jagte er den Motor hoch, und das Zittern verstärkte sich. Sie blickte auf den Tacho, doch der funktionierte nicht. Er bellte in das Funkgerät wie ein schlechter Schauspieler, wieder antwortete niemand. Sie schlitterten mit viel zu hohem Tempo in eine enge Kurve, doch als das Heck herumschleuderte, lenkte Romey in aller Ruhe gegen und bremste.

Ich werde sterben, dachte Samantha. Entweder durch die Hand eines irren Killers oder bei einem Verkehrsunfall. Ihr Magen drehte sich, und ihr wurde schwindelig. Sie umklammerte die Handtasche, schloss die Augen und begann zu beten.

Am Stadtrand von Brady konnte sie endlich wieder normal atmen. Vielleicht hatte er vor, sie zu vergewaltigen und zu ermorden, um ihre Leiche von einer Steilwand zu werfen, aber solange sie in der Stadt waren, konnte sie sich sicher fühlen. Sie fuhren an Geschäften mit Kiesparkplätzen und langen Reihen kleiner Häuser vorbei, die alle ordentlich weiß gestrichen waren. Als sie hochblickte, sah sie Kirchtürme über die Bäume hinausragen. Kurz vor der Main Street wendete Romey unvermittelt und glitt auf den unbefestigten Parkplatz des Gefängnisses von Noland County. »Folgen Sie mir«, sagte er. Für den Bruchteil einer Sekunde war sie froh, das Gefängnis erreicht zu haben.

Auf dem Weg zum Haupteingang blickte sie sich in der Hoffnung um, dass niemand sie beobachtete. Nur, wer sollte sie schon beobachten wollen? Drinnen blieben sie in einer engen, staubigen Wartezone stehen. Zur Linken war eine Tür mit der Aufschrift »Gefängnis«. Romey deutete nach rechts und sagte: »Sie setzen sich dorthin, während ich den Papierkram hole. Und keine krummen Dinger, okay?« Sonst war niemand da.

»Wo sollte ich wohl hingehen?«, fragte sie. »Ich habe kein Auto mehr.«

»Sie setzen sich da hin und sind still.« Sie nahm auf einem Plastikstuhl Platz, während er durch die Tür verschwand. Die Wände mussten recht dünn sein, denn sie hörte deutlich, wie er sagte: »Ich hab da eine New Yorkerin in Dunne Spring hochgenommen, mit über achtzig Stundenkilometern. Ist das zu fassen?«

Eine männliche Stimme antwortete streng: »Bitte, Romey, nicht schon wieder.«

»Doch. Hab sie sofort einkassiert.«

»Du musst mit dem Mist aufhören, Romey.«

»Fang nicht schon wieder so an, Dough.«

Schwere Schritte ertönten, die Stimmen wurden leiser und verklangen schließlich. Dann wurden von weiter hinten im Gefängnis ärgerliche Stimmen laut. Obwohl sie nicht verstand, was gesagt wurde, war klar, dass zumindest zwei Männer mit Romey stritten. Minuten vergingen, in denen es wieder still wurde. Ein untersetzter Mann in einer blauen Uniform kam durch die Gefängnistür. »Hallo. Sind Sie Miss Kofer?«

»Ja«, erwiderte sie und blickte sich in dem leeren Raum um.

Er reichte ihr ihren Führerschein. »Warten Sie bitte noch eine Minute, ja?«

»Klar.« Was hätte sie sonst sagen sollen?

Aus dem Hintergrund drangen immer wieder Stimmen, die dann aber abbrachen. Sie schickte eine SMS an ihre Mutter, eine an ihren Vater und eine an Blythe. Auch wenn ihre Leiche nie gefunden werden würde, wüssten sie zumindest vage über die Umstände Bescheid.

Die Tür öffnete sich erneut, und ein jüngerer Mann betrat den Warteraum. Er trug ausgewaschene Jeans, Wanderstiefel, ein modisches Jackett, keine Krawatte. Mit einem flüchtigen Lächeln fragte er: »Sind Sie Samantha Kofer?«

»Ja.«

Er zog einen zweiten Plastikstuhl heran und setzte sich ihr gegenüber, sodass sich ihre Knie beinahe berührten. »Mein Name ist Donovan Gray. Ich bin Ihr Anwalt, und ich habe gerade dafür gesorgt, dass alle Anklagepunkte fallen gelassen wurden. Ich schlage vor, wir verschwinden hier so schnell wie möglich.« Er gab ihr eine Visitenkarte, die Samantha glaubwürdig erschien. Die Adresse der Kanzlei war in der Main Street.

»Okay, und wohin?«, fragte sie vorsichtig.

»Zurück zu Ihrem Wagen.«

»Was ist mit dem Verkehrspolizisten?«

»Ich erklär’s Ihnen unterwegs.«

Sie beeilten sich, vom Gefängnis wegzukommen, und stiegen in einen nagelneuen Jeep Cherokee. Als Donovan Gray den Motor startete, dröhnte Bruce Springsteen aus den Lautsprechern. Rasch schaltete er die Anlage ab. Er war zwischen fünfunddreißig und vierzig, hatte zerzaustes dunkles Haar und mindestens drei Tage alte Bartstoppeln im Gesicht, dazu melancholische, dunkle Augen.

Beim Ausparken sagte sie: »Moment bitte, ich muss ein paar Leuten eine SMS schreiben.«

»Okay. Der Empfang reicht noch ein paar Kilometer weit.«

Sie schrieb an ihre Mutter, ihren Vater und Blythe, dass sie nicht mehr im Gefängnis sei und sich alles zum Besseren zu wenden scheine, jedenfalls unter den gegebenen Umständen. Sie sollten sich keine Sorgen machen, zumindest noch nicht. Im Augenblick fühle sie sich sicher. Sie würde später anrufen und erzählen.

Als die Stadt hinter ihnen lag, begann er: »Romey ist weder Verkehrspolizist noch überhaupt Polizeibeamter noch hat er irgendwelche Befugnisse. Als Erstes müssen Sie wissen, dass er geistig unterbelichtet ist, anders ausgedrückt: Er hat nicht alle Tassen im Schrank. Er wollte immer Sheriff werden, deshalb verspürt er ab und zu den Drang, auf Streife zu gehen, immer um Dunne Spring herum. Wenn Sie da langfahren und ein auswärtiges Nummernschild haben, fällt Romey das sofort auf. Ist Ihr Kennzeichen aus, sagen wir, Tennessee oder North Carolina, lässt Romey Sie in Ruhe. Doch wenn Sie aus dem Norden kommen, wird er ganz aufgeregt, dann macht er unter Umständen das, was er mit Ihnen gemacht hat. Er denkt wirklich, dass er etwas Gutes tut, indem er vermeintliche Raser hochnimmt, vor allem wenn sie aus New York oder Vermont kommen.«

»Warum hält ihn niemand davon ab?«

»Oh, das haben wir versucht. Jeder schreit ihn an, doch man kann ihn ja nicht rund um die Uhr beaufsichtigen. Er ist ziemlich clever und kennt die Straßen hier besser als jeder andere. Normalerweise hält er den ›Raser‹ nur an, zum Beispiel irgendeinen armen Teufel aus New Jersey, jagt ihm einen Schreck ein und lässt ihn anschließend laufen. Dann erfährt niemals jemand was davon. Doch hin und wieder schleppt er jemanden ins Gefängnis und besteht darauf, dass derjenige eingesperrt wird.«

»Ich fasse es nicht!«

»Er hat nie jemandem wehgetan …«

»Er hat auf einen anderen Fahrer geschossen. Meine Ohren pfeifen immer noch.«

»Ja, okay, aber sehen Sie, er spinnt eben. Von der Sorte gibt es hier viele.«

»Dann buchten Sie ihn ein. Sicher gibt es auch hier Gesetze gegen Freiheitsberaubung und Entführung.«

»Der Sheriff ist sein Cousin.«

Samantha atmete tief durch und schüttelte den Kopf.

»Kein Scherz. Sein Cousin ist schon seit Langem unser Sheriff. Romey ist neidisch auf ihn; er ist sogar einmal gegen ihn angetreten. Hat im ganzen County etwa zehn Stimmen bekommen und war stinksauer deswegen. Daraufhin hat er am laufenden Band Autofahrer aus dem Norden abgeführt, bis man ihn für ein paar Monate eingesperrt hat.«

»Dann sperren Sie ihn wieder ein.«

»Das ist nicht so einfach. Sie können im Grunde froh sein, dass er Sie nicht in sein Gefängnis gebracht hat.«

»Sein Gefängnis?«

Donovan lächelte. Er hatte offenbar Vergnügen an seiner Geschichte. »Vor fünf Jahren entdeckte Romeys Bruder hinter einem Schuppen auf der Farm der Familie eine nagelneue Limousine mit Kennzeichen aus Ohio. Er sah sich um, hörte Geräusche und fand einen Mann, der im Pferdestall eingesperrt war. Romey hatte eine der Stallboxen mit Maschendraht und Stacheldraht verstärkt, und der arme Kerl steckte seit drei Tagen da drin fest. Er hatte mehr als genug zu essen, und es ging ihm so weit gut. Er sagte, Romey habe mehrmals am Tag nach ihm gesehen und sei immer ausnehmend höflich gewesen.«

»Das ist nicht Ihr Ernst.«

»Doch. Romey hatte damals eine schlimme Phase, in der er seine Medikamente nicht nahm. Die Sache nahm üble Formen an, denn der Mann aus Ohio machte ein Mordstheater und nahm sich Anwälte. Die verklagten Romey wegen Freiheitsberaubung und ein paar weiteren Delikten, doch der Fall versandete schließlich. Romey besitzt nichts außer seinem Streifenwagen, eine Zivilklage ist also sinnlos. Die Anwälte bestanden aber darauf, dass er wegen Entführung und so weiter angeklagt wird, und am Ende bekannte er sich schuldig in einer minderschweren Straftat. Er verbrachte dreißig Tage im Gefängnis — nicht in seinem Gefängnis, versteht sich, sondern im County-Gefängnis — und wurde anschließend in die psychiatrische Einrichtung des Staates Virginia geschickt, um frisch auf Medikamente eingestellt zu werden. Er ist wirklich kein schlechter Kerl.«

»Ein echter Schwerenöter.«

»Ehrlich gesagt, es gibt Polizeibeamte hier in der Gegend, die sind weitaus gefährlicher. Ich mag Romey. Ich habe mal einen Prozess für seinen Onkel geführt. Es ging um Meth.«

»Meth?«

»Crystal Meth oder Methamphetamin. Nach Kohle wahrscheinlich das lukrativste Geschäft in dieser Gegend.«

»Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?«

»Sicher. Ich bin Ihr Anwalt, Sie dürfen mich fragen, was Sie wollen.«

»Warum haben Sie eine Waffe im Auto?« Sie nickte in Richtung der Mittelkonsole, wo unübersehbar eine ziemlich große schwarze Pistole lag, gleich neben ihrem Ellbogen.

»Es ist nicht verboten. Und ich mache mir viele Feinde.«

»Was für Feinde?«

»Ich verklage Kohleunternehmen.«

Da sie mit einer längeren Erläuterung rechnete, atmete sie tief durch und blickte vor sich auf die Straße. Doch nachdem er Romeys Abenteuer erzählt hatte, schien Donovan die Gesprächspause zu genießen. Samantha kam der Gedanke, dass er sie nicht gefragt hatte, warum sie nach Noland County gekommen war — eigentlich eine naheliegende Frage.

An der Thack’s Bridge wendete er mitten auf der Straße und blieb hinter dem Prius stehen.

»Bin ich Ihnen was schuldig?«

»Klar. Einen Kaffee.«

»Kaffee? Hier irgendwo?«

»Nein, aber in der Stadt gibt es einen netten kleinen Diner. Mattie ist noch bei Gericht und wird wahrscheinlich nicht vor fünf Uhr rauskommen, Sie haben also ein bisschen Zeit.«

Sie wollte etwas erwidern, doch sie war so verdutzt, dass ihr die Worte fehlten. »Mattie ist meine Tante«, erklärte er. »Sie ist schuld daran, dass ich Jura studiert habe, und sie hat mich durch das Studium gebracht. Ich habe als Student für sie gearbeitet und dann drei Jahre lang als Anwalt mit Lizenz. Inzwischen bin ich selbstständig.«

»Mattie hat Ihnen erzählt, dass ich komme?« Erst jetzt fiel ihr sein Ehering auf.

»Das war Zufall. Ich schaue morgens oft bei ihr im Büro vorbei, um bei einem Kaffee ein bisschen zu plaudern. Sie erzählte, dass sie lauter E-Mails von New Yorker Anwälten bekommen hat, die alle was Gutes tun wollen, und meinte, dass eine davon möglicherweise heute noch auftaucht, um sich vorzustellen. Es ist schon irgendwie amüsant, wenn plötzlich Kollegen aus der Großstadt bei uns in den Bergen einfallen. Dann war ich zufällig im Gefängnis, um einen Mandanten zu besuchen, als Ihr Freund Romey mit seiner Trophäe auftauchte. So kam eines zum anderen.«

»Ich wollte eigentlich nicht noch einmal zurück nach Brady. Ehrlich gesagt, hatte ich vor, dieses kleine rote Auto zu wenden und dann schleunigst von hier zu verschwinden.«

»Na dann … Aber fahren Sie langsam, wenn Sie durch Dunne Spring kommen.«

»Keine Sorge.«

Sie blickten einen Augenblick lang schweigend auf den Prius, dann sagte er: »Okay, der Kaffee geht auf mich. Ich denke, Mattie wird Ihnen gefallen. Ich könnte es Ihnen nicht verdenken, wenn Sie abreisen wollen, aber der erste Eindruck trügt oft. Brady ist ein nettes Städtchen, und Mattie hat einen Haufen Mandanten, die Ihre Hilfe gut gebrauchen könnten.«

»Ich habe meine Waffe nicht dabei.«

»Mattie trägt auch keine«, erwiderte er lächelnd.

»Was für eine Anwältin ist sie denn?«

»Eine großartige, die sich sehr für ihre Mandanten engagiert, obwohl die ihr nichts bezahlen können. Versuchen Sie’s einfach. Zumindest mit ihr reden sollten Sie.«

»Ich habe bislang den Bau von Wolkenkratzern in Manhattan finanziert. Ich bin nicht sicher, ob ich für das, was Mattie tut, geeignet bin.«

»Sie werden das im Handumdrehen lernen, und Sie werden es lieben, weil Sie damit Menschen helfen, die Sie brauchen, Menschen mit echten Problemen.«

Samantha holte tief Luft. Ihr Instinkt riet ihr, sofort die Flucht zu ergreifen. Nur, wohin sollte sie fahren? Ihre Abenteuerlust war schließlich stärker. Sie würde sich die Stadt noch einmal ansehen. Außerdem trug ihr Anwalt eine Waffe. Bot das nicht einen gewissen Schutz?

»Ich zahle«, sagte sie. »Betrachten Sie es als Ihr Honorar.«

»Okay. Fahren Sie mir nach.«

»Muss ich mir wegen Romey Gedanken machen?«

»Nein, ich habe mit ihm geredet. Ebenso wie sein Cousin. Bleiben Sie einfach hinter mir.«

___________

Die Main Street war sechs Blocks lang, die Häuser stammten aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Ein Viertel davon stand leer, in den Fenstern hingen verblichene »Zu verkaufen«-Schilder. Donovans Kanzlei war ein zweistöckiges Gebäude mit großen Fenstern, das in dezenten Lettern seinen Namen trug. Der erste Stock hatte einen Balkon, der über den Bürgersteig ragte. Drei Blocks weiter auf der gegenüberliegenden Seite lag die alte Eisenwarenhandlung, in der die Mountain Law Clinic untergebracht war. Am westlichen Ende der Main Street stand ein hübsches, kleines Gerichtsgebäude, in dem alles zu finden war, was irgendwie mit der Verwaltung von Noland County zu tun hatte.

Sie betraten den Brady-Grill-Diner und suchten sich einen Tisch im hinteren Teil. An einem Tisch saßen drei Männer, die Donovan böse Blicke zuwarfen, was er jedoch nicht zu bemerken schien. Eine Bedienung kam mit Kaffee. Samantha beugte sich vor und sagte leise: »Die drei Männer da scheinen Sie nicht zu mögen. Kennen Sie sie?«

Er blickte über die Schulter. »Ich kenne jeden in Brady, und ich schätze, etwa die Hälfte von allen hasst mich. Wie gesagt, ich verklage Kohleunternehmen, das sind in dieser Gegend die größten Arbeitgeber. Überhaupt in den gesamten Appalachen.«

»Warum verklagen Sie sie?«

Er trank lächelnd einen Schluck Kaffee und blickte auf seine Uhr. »Das auszuführen könnte eine Weile dauern.«

»Ich habe nicht viel zu tun.«

»Also gut. Kohleunternehmen verursachen viele Probleme, die meisten jedenfalls. Es gibt auch ein paar anständige, doch die meisten scheren sich weder um die Umwelt noch um ihre Mitarbeiter. Kohleabbau ist ein schmutziges Geschäft, schon immer gewesen. Inzwischen hat das noch ganz andere Dimensionen angenommen. Haben Sie schon mal vom Bergkuppentagebau gehört?«

»Nein.«

»Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts hat man begonnen, in dieser Region Kohle zu fördern, damals im Tiefbau, wobei Tunnel gebohrt wurden, um die Kohle aus dem Berg zu holen. Seitdem gehört die Kohle hier zum Leben. Mein Großvater war Bergarbeiter, ebenso wie sein Vater. Mit meinem Vater, das war eine andere Geschichte. Jedenfalls haben um 1920 etwa achthunderttausend Bergleute in den Minen gearbeitet, von Pennsylvania bis hinunter nach Tennessee. Arbeiten im Bergbau ist gefährlich, es gab von Anfang an Unfälle, außerdem Gewerkschaftsrevolten, Gewalt, Korruption, alle möglichen Dramen. Alles noch im ursprünglichen Untertagebau, der sehr personalintensiv und mühsam war. Um 1970 beschlossen die Bergbauunternehmen, in Zukunft über Tage zu fördern, weil sie damit Millionen Dollar an Personalkosten sparen würden. Tagebau ist wesentlich billiger, weil weniger Arbeiter benötigt werden. Heute malochen hier noch etwa achtzigtausend Mann, und die Hälfte davon über Tage.«

Als die Bedienung an ihren Tisch trat, verstummte Donovan für einen Moment. Er trank einen Schluck Kaffee und sah sich beiläufig um, bis sie wieder weg war. »Bergkuppentagebau ist Tagebau in Extremform. In den Appalachen liegen die Kohleflöze relativ dicht unter der Oberfläche. Ganz oben ist Wald, dann kommt eine Schicht Mutterboden, dann eine Schicht Fels und schließlich in ein bis sieben Meter Tiefe die Kohle. Wenn ein Unternehmen die Genehmigung zum Tagebau erhält, rückt es dem Berg mit schwerem Gerät zu Leibe. Als Erstes werden die Bäume abgeholzt — ein totaler Kahlschlag, bei dem nicht einmal das Holz aufgesammelt wird. Es wird einfach weggeschoben, wenn der Berg mit Bulldozern skalpiert wird. Das Gleiche passiert mit der Humusschicht. Als Nächstes wird die Felsschicht weggesprengt. Der Abraum, also Bäume, Humus und Felsgestein, wird häufig einfach in die angrenzenden Täler verkippt. Durch diese Talverfüllung werden die gesamte Pflanzen- und Tierwelt sowie Flussläufe ausgelöscht. Ein weiteres ökologisches Desaster. Wer weiter unten am Fluss lebt, ist angeschmiert. Wie Sie bald verstehen werden, leben wir hier alle irgendwie weiter unten am Fluss.«

»Ist das denn legal?«

»Ja und nein. Tagebau an sich ist per Bundesgesetz legitimiert, doch in der Praxis ist das Ganze mit allerlei illegalen Maßnahmen verbunden. Es ist eine lange, üble Tradition, dass Behörden und Inspektoren viel zu lax mit den Kohleunternehmen umgehen. Am Ende läuft es immer auf dasselbe hinaus: Die Firmen machen Land und Leute platt, weil sie Geld haben und am längeren Hebel sitzen.«

»Zurück zur Kohle … Sie waren bei den Flözen stehen geblieben.«

»Ja, genau, sobald sie die Kohle gefunden haben, schaffen sie noch mehr schweres Gerät heran, bauen die Kohle ab, karren sie weg und sprengen sich den Zugang zum darunter liegenden Flöz frei. Es kommt immer wieder vor, dass ein Berg bis zu hundertfünfzig Meter tief gekappt wird. Dazu sind nur wenige Arbeiter nötig. Im Grunde kann eine relativ kleine Gruppe binnen weniger Monate einen ganzen Berg zerstören.« Die Bedienung füllte ihre Tassen nach, und Donovan sah schweigend zu, ohne sie jedoch im Geringsten zur Kenntnis zu nehmen. Als sie gegangen war, lehnte er sich etwas vor. »Sobald die Kohle abgebaut ist, wird sie gewaschen, was zur nächsten Umweltsauerei führt. Durch das Waschen entsteht eine schwarze Schlammsuppe, die giftige Chemikalien und Schwermetalle enthält. Dieser Schlamm kann nicht entsorgt werden, deshalb fangen ihn die Unternehmen hinter aufgeschütteten Dämmen in sogenannten Absetz- oder Schlammteichen auf. Die Dämme sind jedoch schlampig und dilettantisch gebaut und brechen ständig, was wiederum zu neuen Katastrophen führt.«

»Wie lange wird der Schlamm dort gelagert?«

Donovan zuckte mit den Schultern und sah sich um — nicht ängstlich oder nervös, sondern weil er nicht wollte, dass ihn jemand belauschte. Seine ruhige Art zu erzählen und sein leichter Südstaatenakzent faszinierten Samantha ebenso wie sein Bericht und seine dunklen Augen.

»Bis in alle Ewigkeit. Niemanden interessiert das. Sie lagern es, bis der Damm bricht und sich eine Flut giftigen Drecks über den Bergrücken ergießt, die Wohnhäuser, Schulen und ganze Ortschaften unter sich begräbt. Sie haben bestimmt von der Exxon-Valdez-Katastrophe gehört, ein Öltanker, der vor Alaska auf Grund lief. Hundertdreizehntausend Tonnen Rohöl ergossen sich in saubere Gewässer. Wochenlang war die Geschichte in den Schlagzeilen, das ganze Land bebte vor Empörung. Erinnern Sie sich an die mit schwarzem Ölschlamm verschmierten Otter? Aber ich bin mir sicher, dass Sie noch nie vom Martin-County-Kohleunglück in Kentucky gehört haben, der größten Umweltkatastrophe östlich des Mississippi. Vor acht Jahren brach der Damm eines Absetzteichs, und 1,3 Millionen Tonnen Schlamm wälzten sich ins Tal. Zehnmal so viel Gift wie bei der Valdez-Katastrophe, doch niemand im Land erfuhr etwas davon. Wissen Sie, warum?«

»Warum?«

»Weil es in den Appalachen passiert ist. Die Kohleunternehmen zerstören unsere Berge, unsere Ortschaften, unsere Kultur, unser Leben, und es ist nicht einmal eine Nachricht wert.«

»Und warum hassen diese Männer Sie dann?«

»Weil sie glauben, dass Tagebau eine gute Sache ist. Er schafft Arbeitsplätze in einer Gegend, in der es nicht viel Arbeit gibt. Es sind keine schlechten Menschen, sie sind nur schlecht informiert. Bergkuppentagebau zerstört unsere Gemeinden. Zehntausende Jobs sind dadurch zunichtegemacht worden. Die Menschen müssen ihre Häuser verlassen, entweder weil gesprengt wird oder weil Staub, Schlamm oder Schlammfluten sie bedrohen. Die Straßen sind nicht mehr sicher, weil riesige Lkw die Berge herunterrasen. In den letzten fünf Jahren habe ich fünf Klagen wegen schuldhaft verursachten Todes eingereicht, Unfälle mit Lastern, die neunzig Tonnen Kohle geladen hatten. Manche Ortschaften wurden komplett ausgelöscht. Häufig kaufen die Kohleunternehmen umliegende Eigenheime und reißen sie ab. Alle Countys hier im Land der Kohle haben in den letzten zwanzig Jahren an Bevölkerung eingebüßt. Und dennoch denken viele Menschen, unter anderen die drei Herren dort drüben, dass ein paar Jobs besser sind als gar keine Arbeit.«

»Wenn das Herren sind, warum tragen Sie dann eine Waffe?«

»Weil man von bestimmten Kohleunternehmen weiß, dass sie Schläger anheuern, zur Abschreckung, aber manchmal auch für mehr. Das ist nichts Neues. Sehen Sie, Samantha, ich bin ein Sohn des Reviers, ein Hillbilly, und stolz darauf, und ich könnte Ihnen stundenlang Geschichten aus der finsteren Vergangenheit des Kohleabbaus erzählen.«

»Fürchten Sie wirklich um Ihr Leben?«

Er hielt einen Moment lang inne und wandte den Blick ab. »Letztes Jahr wurden in New York tausend Menschen umgebracht. Haben Sie um Ihr Leben gefürchtet?«

»Eigentlich nicht.«

Er nickte lächelnd. »So ist es hier auch. Wir hatten drei Morde letztes Jahr, alle im Zusammenhang mit Crystal Meth. Man muss nur vorsichtig sein.« Ein Telefon vibrierte in seiner Hosentasche, und er zog es rasch heraus. »Es ist Mattie. Sie ist im Gericht fertig und wartet im Büro auf Sie.«

»Moment … Woher wusste sie, dass ich mit Ihnen unterwegs bin?«

»Brady ist eine Kleinstadt, Samantha.«

6

Sie gingen zusammen bis zu seiner Kanzlei, wo sie sich per Handschlag verabschiedeten. Samantha bedankte sich für den kostenlosen Einsatz und bescheinigte ihm gute Arbeit. Und für den Fall, dass sie sich entschied, doch ein paar Monate in der Stadt zu bleiben, verabredeten sie sich, gelegentlich im Brady Grill zusammen Mittag zu essen.

Es war kurz vor siebzehn Uhr, als sie verkehrswidrig über die Straße hastete. Beinahe rechnete sie damit, wieder verhaftet zu werden. Sie blickte Richtung Westen, wo die Berge die Spätnachmittagssonne bereits verdeckten. Schatten lagen über der Stadt, die frühwinterliche Stimmung erzeugten. An der Tür ertönte eine Glocke, als sie den vollgestopften Empfangsraum der Mountain Law Clinic betrat. Ein überladener Schreibtisch deutete darauf hin, dass normalerweise jemand hier war, um Anrufe entgegenzunehmen und Besucher zu begrüßen, doch im Augenblick war der Empfang nicht besetzt. Während sie wartete, sah sie sich ihre Umgebung genau an. Der Grundriss der Mountain Law Clinic war simpel — ein schmaler Flur zog sich mitten durch den großen Raum, der jahrzehntelang die viel frequentierte Eisenwarenhandlung der Stadt beherbergt hatte. Alles sah alt und abgenutzt aus. Die Stellwände waren weiß gestrichen und reichten nicht ganz bis zu der mit Kupferfliesen verkleideten Decke. Der Teppich war dünn und abgetreten, die Einrichtung, zumindest im Empfangsraum, eine wilde Mischung aus Flohmarktresten. An den Wänden allerdings hing eine interessante Sammlung von Öl- und Pastellbildern aus der Hand einheimischer Künstler, die zu bescheidenen Preisen käuflich zu erwerben waren.

Kunst … Im Jahr zuvor hatten sich die Partner von Scully & Pershing über den Vorschlag eines Innenarchitekten zerstritten, der mehrere unergründliche Avantgarde-Gemälde im Wert von zwei Millionen Dollar im Foyer aufhängen wollte. Der Mann wurde schließlich entlassen, die Gemälde fielen dem Vergessen anheim, und das Kunstbudget wurde in Boni aufgeteilt.

In der Mitte des Flures ging eine Tür auf, und eine kleine, leicht stämmige Frau trat heraus — barfuß. »Ich nehme an, Sie sind Samantha«, sagte sie und kam näher. »Ich bin Mattie Wyatt. Ich hörte, Sie hatten einen eher holprigen Start in Noland County. Das tut mir leid.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen«, erwiderte Samantha und bestaunte die kantige, leuchtend rosa Lesebrille auf Matties Nasenspitze. Ihre Haarspitzen hatten die gleiche Farbe, während der Rest der Igelfrisur weiß gefärbt war. Samantha hatte so etwas noch nie gesehen, fand aber, dass es passte, zumindest hier in dieser Gegend. Natürlich hatte sie in Manhattan wesentlich ausgefallenere Looks gesehen, aber nie an einer Anwältin.

»Hier herein.« Mattie deutete in ihr Büro. Nachdem sie eingetreten waren, schloss sie die Tür. »Ich schätze, dieser Trottel Romey muss erst jemanden verletzen, bevor der Sheriff endlich etwas unternimmt. Tut mir wirklich leid. Nehmen Sie Platz.«

»Ist schon okay. Mir geht’s gut, und jetzt habe ich eine Geschichte, die ich noch in vielen Jahren erzählen kann.«

»Das ist wahr, und wenn Sie hierbleiben, werden Sie noch viel mehr Geschichten sammeln. Möchten Sie Kaffee?« Mattie ließ sich hinter ihrem anscheinend bestens organisierten Schreibtisch in einen Schaukelstuhl sinken.

»Nein, danke, ich hatte gerade Kaffee mit Ihrem Neffen.«

»Ja, natürlich. Ich freue mich sehr, dass Sie Donovan kennengelernt haben. Er ist in dieser Gegend ein absoluter Lichtblick. Ich habe ihn praktisch großgezogen, wissen Sie. Tragische Familiengeschichte. Er ist ein leidenschaftlicher Anwalt und sieht auch nicht schlecht aus, was?«

»Er ist nett«, erwiderte Samantha vorsichtig, weil sie sich weder über Donovans Aussehen äußern noch mit seiner Familientragödie etwas zu tun haben wollte.

»Jedenfalls, der Stand der Dinge ist folgender: Morgen kommt noch ein Wall-Street-Flüchtling, und das war’s dann. Ich habe eigentlich gar keine Zeit für Vorstellungsgespräche, wissen Sie. Heute gingen vier weitere E-Mails ein, die ich gar nicht mehr beantwortet habe. Ich werde mir den jungen Mann morgen noch ansehen, dann setzt sich unser Vorstand zusammen und wählt den Kandidaten aus.«

»Okay. Wer ist denn im Vorstand?«

»Im Grunde nur Donovan und ich. Es gibt eine weitere Anwältin hier, Annette, die bei den Bewerbungsgesprächen dabei wäre, wenn sie nicht zurzeit auf Reisen wäre. Wir arbeiten hier ziemlich schnell und unbürokratisch. Falls wir uns für Sie entscheiden, wann könnten Sie anfangen?«

»Ich weiß nicht. Es geht alles ziemlich schnell.«

»Ich dachte, Sie haben im Moment nicht viel zu tun.«

»Das stimmt. Ich denke, ich könnte recht bald anfangen, aber ich hätte gern ein oder zwei Tage, um darüber nachzudenken.« Samantha versuchte, sich auf ihrem unbequemen Holzstuhl zu entspannen, der jedes Mal kippte, wenn sie atmete. »Ich bin einfach nicht sicher …«

»Ist schon in Ordnung. Ist ja nicht so, dass ein Praktikant hier plötzlich alles verändert. Wir hatten früher schon Praktikanten, wissen Sie. Es ist einige Zeit her, da hatten wir für zwei Jahre eine voll ausgebildete Juristin hier. Sie ist im Revier aufgewachsen, hat in Stanford Jura studiert und ist schließlich zu einer großen Kanzlei nach Philadelphia gegangen.«

»Was hat sie hier gemacht?«

»Staublungen und Minensicherheit. Evelyn war fleißig und klug, doch nach zwei Jahren war sie weg, und wir saßen mit einem Haufen offener Fälle da. Würde mich interessieren, ob sie jetzt auch auf der Straße sitzt. Muss schrecklich zugehen da oben.«

»Allerdings. Entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, Mrs. Wyatt, aber …«

»Nennen Sie mich Mattie.«

»Okay, Mattie, aber Sie scheinen nicht besonders angetan von der Vorstellung, einen Praktikanten zu beschäftigen.«

»Verzeihen Sie, das tut mir leid. Nein, ehrlich gesagt, brauchen wir jede Hilfe, die wir bekommen können. Wie ich am Telefon sagte, hier gibt es keinen Mangel an armen Teufeln mit Rechtsproblemen. Die Menschen können sich keinen Anwalt leisten. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, der Meth-Missbrauch noch höher, und den Kohleunternehmen fällt immer wieder etwas Neues ein, wenn es darum geht, die Leute hinters Licht zu führen. Glauben Sie mir, meine Liebe, wir brauchen jede Hilfe, die wir kriegen können.«

»Was wird meine Aufgabe sein?«

»Alles, vom Öffnen der Post über Telefondienst bis hin zum Einreichen von Klagen beim Bundesgericht. In Ihrem Lebenslauf steht, dass Sie sowohl in Virginia als auch in New York zugelassen sind.«

»Ich habe nach dem Studium für einen Richter in Washington gearbeitet und in Virginia meine Zulassungsprüfung gemacht.«

»Haben Sie in den letzten drei Jahren mal einen Sitzungssaal von innen gesehen?«

»Nein.«

Mattie zögerte für einen Moment, als wäre das für sie ein Absagegrund. »Nun, da können Sie sich in gewisser Hinsicht glücklich schätzen. Ich nehme an, Sie waren noch nie im Gefängnis?«

»Nicht seit heute Nachmittag.«

»O ja, richtig. Entschuldigen Sie bitte noch mal. Sie werden sich rasch einarbeiten. Was für eine Aufgabe hatten Sie in New York?«

Samantha machte einen tiefen Atemzug und überlegte, wie sie die Frage elegant umschiffen konnte. Als ihr nichts einfiel, beschloss sie, bei der Wahrheit zu bleiben. »Ich habe mich mit der Finanzierung von Gewerbeimmobilien beschäftigt, ziemlich ödes Zeug, furchtbar öde, um ehrlich zu sein. Wir haben unsympathische reiche Typen vertreten, die überall an der Ostküste Hochhäuser bauen, vor allem in New York. Als mittlere Angestellte habe ich meine Zeit damit verbracht, Finanzierungsvereinbarungen mit Banken durchzusehen, dicke Vertragswerke, die von irgendjemandem aufgesetzt wurden und gegengelesen werden mussten.«

Matties Blick über den Rand ihrer rosa Kantenbrille war voller Mitgefühl. »Klingt schrecklich.«

»War es auch. Ist es immer noch, glaube ich.«

»Sind Sie erleichtert, dass Sie von dort weg sind?«

»Ehrlich gesagt, weiß ich nicht recht, was ich empfinde, Mattie. Vor einem Monat habe ich noch kräftig mitgestrampelt und ausgeteilt, wenn ich nicht gerade selbst Ellbogen zu spüren bekam, immer auf der Jagd nach irgendwas, ich weiß selbst nicht mehr, was. Da waren schon dunkle Wolken am Himmel zu sehen, aber wir alle waren viel zu beschäftigt, um sie wahrzunehmen. Dann ging Lehman pleite, und ich hatte zwei Wochen lang Angst vor meinem eigenen Schatten. Wir arbeiteten noch härter, in der Hoffnung, dass irgendjemand es zur Kenntnis nahm, dass uns hundert Stunden pro Woche vielleicht retten würden, wenn neunzig zu wenig waren. Plötzlich war alles vorbei, und wir saßen auf der Straße. Ohne Abfindung, mit nichts außer ein paar vagen Versprechungen, die wahrscheinlich nicht zu halten sind.«

Mattie sah aus, als wäre sie den Tränen nah. »Würden Sie zurückgehen?«

»Das weiß ich im Moment noch nicht. Ich glaube nicht. Ich mochte die Arbeit nicht, ebenso wenig wie die meisten Leute in der Kanzlei und am allerwenigsten die Mandanten. Leider empfinden die meisten Anwälte, die ich kenne, genauso.«

»Tja, meine Liebe, hier bei der Mountain Law Clinic lieben wir unsere Mandanten, und sie lieben uns.«

»Ich bin sicher, sie sind viel netter als die, mit denen ich zu tun hatte.«

Mattie blickte auf ihre Armbanduhr, die ein leuchtend gelbes Zifferblatt und ein grünes Kunstlederband hatte. »Wie sehen Ihre Pläne für heute Abend aus?«

Samantha zuckte die Schultern und schüttelte den Kopf. »So weit habe ich noch gar nicht gedacht.«

»Auf jeden Fall können Sie heute nicht mehr nach Washington zurückfahren.«

»Hat Romey die Nachtschicht? Sind die Straßen sicher?«

Mattie lächelte. »Die Straßen sind tückisch. Sie fahren auf keinen Fall. Fangen wir mit dem Abendessen an und sehen dann weiter.«

»Nein, ehrlich, ich kann doch nicht …«

»Unsinn. Sie befinden sich jetzt in den Appalachen, Samantha, tief in den Bergen, und wir schicken Besucher nicht weg, wenn es aufs Abendessen zugeht. Mein Haus ist gleich um die Ecke, und mein Mann ist ein hervorragender Koch. Wir setzen uns auf die Veranda, trinken etwas und quatschen ein bisschen. Ich erzähle Ihnen alles, was Sie über Brady wissen müssen.«

Mattie zog ihre Schuhe an und schloss das Büro ab. Sie meinte, Samantha könne den Prius bedenkenlos in der Main Street stehen lassen. »Ich gehe zu Fuß zur Arbeit«, sagte sie. »Das ist so ziemlich mein ganzes Fitnessprogramm.« Läden und Büros waren geschlossen. Die beiden kleinen Lokale versorgten ihr spärliches Publikum mit frühem Abendessen. Die beiden Frauen gingen eine Steigung hoch, passierten Kinder auf dem Bürgersteig und Nachbarn, die auf ihrer Veranda vor dem Haus saßen. Zwei Ecken weiter bogen sie in die Third Street ein, eine begrünte Wohnstraße mit roten Backsteinhäusern vom Beginn des letzten Jahrhunderts, gut in Schuss, fast alle gleich gebaut, mit weißer Veranda und Giebeldach. Samantha wäre lieber Richtung Abingdon zurückgefahren, denn dort hatte sie an einer großen Straßenkreuzung die Namen mehrerer Motelketten gelesen. Aber es gab keine Möglichkeit, Matties Gastfreundschaft abzulehnen, ohne unhöflich zu sein.

Chester Wyatt saß in einem Schaukelstuhl und las Zeitung. Mattie stellte Samantha vor. »Ich habe ihr erzählt, dass du ein hervorragender Koch bist.«

»Das soll wohl heißen, ich bin fürs Abendessen zuständig«, erwiderte er mit einem Schmunzeln. »Herzlich willkommen.«

»Sie hat einen Mordshunger«, fügte Mattie hinzu.

»Wonach steht Ihnen denn der Sinn?«, erkundigte sich Chester.

»Oh, bitte keine Umstände«, sagte Samantha.

»Wie wär’s mit Ofenhähnchen und Spanischem Reis?«, schlug Mattie vor.

»Genau daran habe ich auch gedacht«, sagte Chester. »Erst einmal ein Glas Wein?«

Sie saßen eine Stunde lang bei Rotwein auf der Veranda, während um sie herum die Dunkelheit sank. Samantha trank langsam, weil sie daran dachte, dass sie noch Auto fahren musste. In Brady schien es keine Hotels oder Motels zu geben, und so traurig, wie die Stadt aussah, existierte mit Sicherheit auch kein anständiges Privatzimmer. Im Gespräch forschte sie vorsichtig nach und erfuhr, dass die Wyatts zwei erwachsene Kinder hatten, die nach dem College aus der Gegend geflüchtet waren. Außerdem gab es drei Enkel, die sie jedoch selten sahen. Donovan war wie ein Sohn für sie. Chester war pensioniert, er hatte jahrzehntelang die Post ausgefahren und kannte im Umkreis jeden. Inzwischen war er bei einer Umweltschutzgruppe tätig, die den Tagebau kritisch beobachtete und bei einem Dutzend verschiedener Behörden regelmäßig Beschwerden einreichte. Sein Vater und Großvater waren Bergarbeiter gewesen. Matties Vater hatte fast dreißig Jahre unter Tage gearbeitet, bis er im Alter von einundsechzig an den Folgen von Staublunge gestorben sei. »Ich bin jetzt selbst einundsechzig«, sagte sie. »Es war schrecklich damals.«

Während die Frauen sich unterhielten, eilte Chester immer wieder in die Küche, um nach dem Huhn zu sehen und neuen Wein zu holen. Er war gerade drinnen, da sagte Mattie: »Keine Sorge, meine Liebe, wir haben ein Gästezimmer.«

»Nein, wirklich, ich …«

»Bitte, ich bestehe darauf. Es gibt in dieser Stadt kein anständiges Zimmer, glauben Sie mir. Ein paar Stundenhotels, okay, aber selbst die werden bald schließen. Auch irgendwie eine bedauerliche Zeiterscheinung. Früher haben sich die Leute heimlich ins Motel geschlichen, wenn sie unehelichen Sex haben wollten. Heute ziehen sie zusammen und spielen Vater-Mutter-Kind.«

»Es gibt also Sex hier?«, fragte Samantha.

»Das hoffe ich doch. Meine Mutter hatte sieben Kinder, Chesters sechs. Es gibt sonst nicht viel zu tun. Um diese Jahreszeit, im September/Oktober, schießen Babys wie Pilze aus dem Boden.«

»Wieso?«

»Wegen der schweren Stürme um die Weihnachtszeit.«

Chester trat durch die Fliegengittertür. »Worüber reden wir?«

»Über Sex«, sagte Mattie. »Samantha ist überrascht, dass die Leute hier Sex haben.«

»Manche jedenfalls«, erwiderte er.

»So habe ich mir sagen lassen«, gab Mattie lächelnd zurück.

»Ich habe das Thema nicht aufgebracht«, verteidigte sich Samantha. »Mattie sagte nur, dass es ein Gästezimmer im Haus gibt.«

»Ja, und es gehört ganz Ihnen. Passen Sie nur auf, dass Ihre Tür verriegelt ist, dann kann nichts passieren«, riet Chester, ehe er wieder ins Haus verschwand.

»Glauben Sie mir, er ist harmlos«, flüsterte Mattie.

Donovan kam vorbei, um Hallo zu sagen, und verpasste zum Glück das letzte Gesprächsthema. Er wohne »auf einem Berg weit hinter der Stadt« und sei auf dem Heimweg von der Kanzlei. Das Angebot, einen Wein mitzutrinken, lehnte er ab. Nach fünfzehn Minuten verabschiedete er sich. Er wirkte zerstreut und sagte, er sei müde.

»Der Arme«, sagte Mattie, als er gegangen war. »Seine Frau und er haben sich getrennt. Sie ist mit ihrer gemeinsamen Tochter nach Roanoke zurückgezogen; die Kleine ist fünf und unglaublich süß. Judy, seine Frau, konnte sich nie an das Leben in den Bergen gewöhnen und hatte die Nase voll. Ich habe kein gutes Gefühl bei den beiden, du, Chester?«

»Nein, nicht so recht«, sagte Chester. »Judy ist ein wunderbarer Mensch, aber sie ist hier nie glücklich geworden. Als die Scherereien anfingen, hat sie irgendwie die Nerven verloren und das Weite gesucht.«

Das Wort »Scherereien« hallte noch ein paar Sekunden nach, doch keiner der beiden Wyatts schien mehr dazu sagen zu wollen. »Abendessen ist fertig«, verkündete Chester stattdessen, und Samantha folgte den beiden in die Küche, wo der Tisch für drei gedeckt war. Chester servierte direkt aus dem Ofen — dampfendes Hähnchen mit Reis und dazu selbst gebackene Brötchen. Mattie stellte Salat in die Mitte des Tisches und schenkte aus einem großen Plastikkrug Wasser ein. Wein hatten sie wirklich schon genug gehabt.

»Das duftet köstlich«, sagte Samantha, zog einen Stuhl zurück und nahm Platz.

»Hier ist der Salat, bitte bedienen Sie sich«, bat Mattie, während sie sich ein Brötchen mit Butter bestrich.

Sie fingen an zu essen, und das Gespräch ebbte ab. Samantha wollte möglichst von sich ablenken, doch ehe sie die nächste Frage stellen konnte, sagte Chester: »Erzählen Sie uns von Ihrer Familie, Samantha.«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen«, erwiderte sie mit höflichem Lächeln.

»Oh, wir helfen gern.« Mattie lachte. »Sie sind in Washington aufgewachsen, nicht wahr? Das muss spannend gewesen sein.«

Samantha zählte die Glanzpunkte auf: einziges Kind zweier ehrgeiziger Anwälte, privilegierte Kindheit, Privatschulen, Studium in Georgetown, der spektakuläre Absturz ihres erfolgreichen Vaters, der ihm traurige Berühmtheit einbrachte.

»Ich glaube, daran erinnere ich mich«, sagte Chester.

»Es war überall in der Presse.« Samantha erzählte, wie sie ihren Vater im Gefängnis besucht habe und wie unangenehm ihm das gewesen sei. Sie sprach über die schmerzvolle Scheidung, berichtete, dass sie unbedingt aus Washington und von ihren Eltern wegwollte, vom Jurastudium an der Columbia University, dem Referendariat beim Bundesgericht, dem Reiz der Großkanzleien und den drei anstrengenden Jahren bei Scully & Pershing. Sie liebe Manhattan und könne sich nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben, doch im Augenblick sei nichts mehr, wie es war, und ihre Zukunft sei alles andere als sicher. Während sie sprach, verfolgten Chester und Mattie aufmerksam jedes Wort. Als sie fertig war, nahm sie eine Gabel voll Fleisch und beschloss, sich beim Kauen viel Zeit zu lassen.

»Das ist wirklich nicht die feine Art, mit Menschen umzugehen«, sagte Chester.

»Loyale Mitarbeiter einfach auf die Straße zu setzen«, ergänzte Mattie und schüttelte ungläubig den Kopf. Samantha nickte kauend. Genau so sah sie die Sache auch. Während Chester die Gläser auffüllte, fragte sie: »Wird hier grundsätzlich nur Wasser aus der Flasche getrunken?«

Das schien die beiden aus unerfindlichem Grund zu belustigen. »O ja«, bestätigte Mattie. »Niemand trinkt das Wasser aus der Gegend. Unsere furchtlosen Inspektoren versichern uns zwar, dass es unbedenklich sei, aber niemand glaubt ihnen. Wir waschen uns damit und benutzen es für Geschirr und Wäsche, manche putzen auch ihre Zähne damit, ich allerdings nicht.«

»Viele unserer Bäche, Flüsse und Brunnen wurden durch den Tagebau verseucht. Die Quellläufe wurden durch die Talverfüllung abgeschnitten, und Schlamm aus den Absetzbecken sickert in die Tiefbrunnen. Brennende Kohle erzeugt tonnenweise Asche, die die Unternehmen in unsere Flüsse schütten. Sie sollten also auf keinen Fall Wasser aus dem Hahn trinken, Samantha.«

»Verstanden.«

»Das ist einer der Gründe, warum wir so viel Wein trinken«, scherzte Mattie. »Ich glaube, ich trinke noch ein Glas. Chester, wenn du so lieb wärst.« Chester, der offensichtlich nicht nur Koch, sondern auch Mundschenk des Hauses war, holte eine Flasche von der Küchentheke. Da sie nicht mehr fahren musste, hatte Samantha auch nichts gegen ein zweites Glas. Der Wein schien bei Mattie auf der Stelle zu wirken, und sie begann, aus ihrem Berufsalltag in der Law Clinic zu erzählen, die sie vor sechsundzwanzig Jahren gegründet hatte. Samantha stellte hin und wieder Fragen, damit ihr Redefluss nicht versiegte, doch im Grunde brauchte Mattie keinen Ansporn.

Die warme, gemütliche Küche, der Duft des Ofenhähnchens, der Geschmack einer selbst gekochten Mahlzeit, die Wirkung des Weins, die Offenheit zweier äußerst gastfreundlicher Menschen und die Aussicht auf ein weiches, warmes Bett — all das führte im Verlauf des Essens dazu, dass sich Samantha zum ersten Mal seit Monaten richtig entspannen konnte. In New York war das nicht möglich gewesen. Selbst ihre freie Zeit war streng dem Takt der Uhr unterworfen gewesen. In den letzten drei Wochen hatte sie praktisch überhaupt nicht geschlafen. Ihre Eltern hatten ihre Nerven strapaziert. Die sechsstündige Fahrt hierher war anstrengend gewesen, jedenfalls der größte Teil davon. Dann die Episode mit Romey. Samantha spürte, wie plötzlich alles von ihr abfiel und sie richtig Hunger bekam. Sie nahm sich noch eine Portion Fleisch, was ihre Gastgeber mit großem Wohlgefallen registrierten.

»Vorhin auf der Veranda«, sagte Samantha, »als wir über Donovan sprachen, sagten Sie etwas von ‘Scherereien’. Ist das ein Tabuthema?«

Die Wyatts tauschten einen Blick und zuckten mit den Schultern. Brady war eine kleine Stadt, in der sich im Grunde nichts verheimlichen ließ. Chester schenkte sich Wein nach und überließ Mattie das Wort, die ihren Teller von sich wegschob. »Donovan hat viel Schlimmes erlebt.«

»Wenn es zu persönlich ist, müssen wir nicht darüber reden«, unterbrach Samantha sie, wenn auch nur aus Höflichkeit. In Wahrheit war sie neugierig.

Mattie legte offenherzig los, ohne auf Samanthas Angebot einzugehen. »Das weiß hier ohnehin jeder«, sagte sie und sprach sich damit von jeglicher Geheimhaltungspflicht frei. »Donovan ist der Sohn meiner Schwester Rose, die leider schon verstorben ist. Er war gerade sechzehn, als sie starb.«

»Es ist eine lange Geschichte«, warf Chester ein, als wäre sie viel zu komplex, um beim Abendessen erzählt zu werden.

Mattie überging seinen Einwand. »Donovans Vater ist ein Mann namens Webster Gray, der noch lebt, niemand weiß genau, wo. Er hat im benachbarten Curry County hundertzwanzig Hektar Land geerbt. Das Land war schon immer im Besitz der Grays, bis zurück ins frühe neunzehnte Jahrhundert. Wunderschönes Land, mit Bergen, Tälern und Bächen, herrlich unberührt. Donovan und sein Bruder Jeff sind dort aufgewachsen. Ihr Vater und der Großvater, Curtis Gray, nahmen die Jungs mit in den Wald, sobald sie laufen konnten, zum Jagen, Fischen und auf Entdeckungstouren. Wie viele Kinder in den Appalachen haben sie ihre Kindheit in der Natur verbracht. Es gibt hier jede Menge herrliche Landschaften, doch der Gray’sche Grund war etwas Besonderes. Nachdem Rose und Webster geheiratet hatten, machten wir Picknicks und Familientreffen dort. Ich erinnere mich gut, wie Donovan und Jeff, meine Kinder und sämtliche Cousins und Cousinen im Crooked Creek planschten, gleich bei unserem Lieblingszeltplatz.« Sie unterbrach sich, um bedächtig einen Schluck Wein zu trinken. »Curtis starb 1980, wenn ich mich recht entsinne, und das Land ging an Webster über. Curtis war Bergarbeiter gewesen, ein strammer Gewerkschafter und stolz darauf, so wie die meisten seiner Generation. Dennoch wollte er nie, dass Webster unter Tage fuhr. Webster hingegen hatte mit Arbeiten generell nicht viel am Hut, wechselte ständig die Jobs und brachte kaum Geld heim. Die Familie litt sehr darunter, und bald begann seine Ehe mit Rose zu bröckeln. Er griff zur Flasche, was alles nur noch schwieriger machte. Einmal saß er ein halbes Jahr wegen Diebstahls im Gefängnis, und die Familie wäre fast verhungert. Wir haben uns schreckliche Sorgen um sie gemacht.«

»Webster war kein guter Mensch«, fasste Chester zusammen, was offensichtlich war.

»Der höchste Punkt ihres Landes ist der sogenannte Gray Mountain, der tausend Meter hoch und vollständig von Wald bedeckt ist. Die Kohleunternehmen kennen sämtliche Stellen in den Appalachen, an denen Kohle zu finden ist. Die haben schon vor Jahrzehnten ihre geologischen Untersuchungen gemacht. Es war kein Geheimnis, dass der Gray Mountain eines der reichsten Flöze in der Gegend hat. Im Laufe der Jahre hat Webster immer wieder angedeutet, dass er einen Teil seines Landes für den Kohleabbau verpachten würde, doch wir haben ihm nicht geglaubt. Es gab zu der Zeit bereits Tagebau hier, und der wurde auch damals schon kritisiert.«

»Wenn auch längst nicht so wie heute«, fügte Chester an.

»Nein, längst nicht so. Jedenfalls hat Webster, ohne seiner Familie ein Sterbenswort zu sagen, einen Vertrag mit Vayden Coal, einem Unternehmen aus Richmond, geschlossen, am Gray Mountain über Tage Kohle zu fördern.«

»›Über Tage fördern‹, das kann ich gar nicht hören«, sagte Chester. »Das klingt so anständig. Als wäre es eine Abbaumethode wie jede andere.«

»Webster hat durchaus aufgepasst, ich meine, der Mann war nicht dumm. Er sah das als seine Chance, richtig Geld zu machen, und ließ den Vertrag von einem guten Anwalt aushandeln. Webster sollte zwei Dollar pro Tonne Kohle bekommen, was damals viel mehr war, als die meisten Leute erhielten. Am Tag bevor die Bulldozer anrückten, eröffnete Webster Rose und den Jungen, was er getan hatte, wobei er die ganze Sache so rosig wie möglich darstellte. Die Kohleunternehmen würden von Inspektoren und Anwälten genauestens kontrolliert, und sobald die Kohle abgebaut wäre, würde das Land renaturiert werden, und das viele Geld würde die vorübergehenden Unannehmlichkeiten mehr als aufwiegen. An dem Abend rief Rose mich an, in Tränen aufgelöst. Landeigner, die an Kohleunternehmen verkaufen, sind in dieser Gegend nicht eben hoch angesehen, und sie hatte schreckliche Angst davor, was die Nachbarn denken könnten. Außerdem machte sie sich Sorgen um das Land. Sie sagte, Webster und Donovan hätten einen Riesenkrach miteinander, es sei schlimm. Und das war erst der Anfang. Am nächsten Morgen walzte sich eine kleine Armee von Planierraupen den Gray Mountain hoch und fing an …«

»… das Land zu schänden«, beendete Chester kopfschüttelnd den Satz.

»Sie rodeten den Laubwald, bis nichts mehr davon übrig war, und kippten Tausende Bäume in die Täler. Als Nächstes schürften sie den Mutterboden ab und schoben die Erde ebenfalls ins Tal. Dann fingen die Sprengungen an, und es brach die Hölle los.« Mattie nahm einen Schluck Wein, während Chester den Bericht fortführte. »Sie hatten ein schönes altes Haus unten im Tal, nicht weit vom Crooked Creek, das seit Jahrzehnten im Familienbesitz war. Ich glaube, Curtis’ Vater hat es um die Jahrhundertwende herum gebaut. Es hatte ein steinernes Fundament, das bald Risse bekam. Webster beschwerte sich bei der Firma, doch das hätte er sich sparen können.«

Mattie übernahm wieder. »Der Staub war schrecklich, er hing wie dichter Nebel in sämtlichen Tälern um den Berg herum. Rose war mit den Nerven am Ende, und ich bin oft zu ihr gefahren. Wenn gesprengt wurde, bebte die Erde mehrmals am Tag. Das Haus fing an, sich zu neigen, und die Türen schlossen nicht mehr. Ein Albtraum für die ganze Familie, ein Desaster für die Ehe. Nachdem Vayden Coal die Bergspitze etwa hundert Meter weit abgetragen hatte, trafen sie auf das erste Flöz, und als sie endlich begannen, Kohle abzutransportieren, forderte Webster seinen Anteil ein. Die Firma vertröstete ihn eine Zeit lang und schickte dann ein oder zwei Schecks. Nicht annähernd das, was Webster erwartet hatte. Er rief seine Anwälte auf den Plan, woraufhin die Firma richtig sauer wurde. Damit war der Krieg erklärt, und es war von Anfang an klar, wer gewinnen würde.«

Chester schüttelte den Kopf bei der Erinnerung. »Der Crooked Creek trocknete aus, weil durch die Abraumverkippung der Wasserzulauf abgeschnitten war. In den letzten zwanzig Jahren haben wir über tausendsechshundert Kilometer Quellläufe in den Appalachen verloren. Das ist die bittere Realität.«

Mattie erzählte weiter. »Rose zog schließlich aus. Sie und die Jungen wohnten bei uns, doch Webster weigerte sich zu gehen. Er war ständig besoffen und benahm sich wie ein Geisteskranker, saß mit der Schrotflinte auf einer Bank vor dem Haus und wartete darauf, dass jemand von Vayden Coal vorbeikam. Rose machte sich Sorgen um ihn und kehrte schließlich mit den Kindern zurück. Er versprach, das Haus und alles zu reparieren, sobald das Geld käme. Er reichte Beschwerde bei den Behörden ein und verklagte das Unternehmen sogar, doch vor Gericht hatte er keine Chance. Es ist schwer, gegen ein Kohleunternehmen zu gewinnen.«

»Das Brunnenwasser war mit Schwefel verseucht, die Luft war unablässig voller Staub von den Sprengungen und den Kohlelastern«, sagte Chester. »Man konnte dort nicht mehr gefahrlos leben, und so zog Rose erneut aus. Ein paar Wochen lang wohnte sie mit den Kindern in einem Motel, dann kamen sie wieder zu uns, um schließlich erneut umzuziehen. So ging das etwa ein Jahr lang, nicht wahr, Mattie?«

»Mindestens. Der Berg schrumpfte immer weiter, während sie sich von einem Flöz zum nächsten vorarbeiteten. Es war scheußlich, dabei zuzusehen, wie er verschwand. Der Kohlepreis war hoch, und so förderte Vayden Coal wie verrückt, sieben Tage die Woche, mit allem, was an Maschinen und Transportmitteln zur Verfügung stand. Eines Tages bekam Webster einen Scheck über dreißigtausend Dollar, den seine Anwälte mit einer empörten Forderung postwendend zurückschickten. Es war der letzte Scheck, den er je gesehen hat.«

Chester ergänzte: »Plötzlich war alles vorbei. Der Preis für Kohle fiel dramatisch, und Vayden Coal verschwand über Nacht von der Bildfläche. Websters Anwälte reichten eine Rechnung über vierhunderttausend Dollar ein, zusammen mit einer weiteren Klage. Rund einen Monat danach meldete Vayden Coal Konkurs an und war fein raus. Kurz darauf wurde die Firma unter anderem Namen neu gegründet und ist seither wieder tätig. Gehört irgendeinem New Yorker Milliardär.«

»Und die Familie hat nichts bekommen?«, wollte Samantha wissen.

»Nicht viel«, erwiderte Mattie. »Ein paar kleinere Schecks am Anfang, aber nur einen Bruchteil von dem, was ihnen laut Vertrag zustand.«

»Ein beliebter Trick im Bergbau«, erklärte Chester. »Ein Unternehmen fördert Kohle und meldet dann Konkurs an, um Zahlungen und Forderungen zu umgehen. Früher oder später taucht es unter neuem Namen wieder auf. Ein neues Logo — die gleiche Gaunerbande.«

»Das ist widerlich«, sagte Samantha.

»Ja, aber legal.«

»Was wurde aus der Familie?«

Chester und Mattie tauschten einen langen, traurigen Blick. »Erzähl du die Geschichte zu Ende, Chester«, bat Mattie und trank einen Schluck Wein.

»Kurz nachdem Vayden Coal abgezogen war, gab es einen schweren Regen mit Überflutungen. Da die Bäche und Flüsse abgeschnitten waren, suchte sich das Wasser neue Wege. Überflutungen sind, vorsichtig ausgedrückt, ein Riesenproblem hier. Eine Lawine aus Schlamm, Bäumen und Erde wälzte sich das Tal hinunter und riss das Haus der Grays mit sich. Teile davon wurden noch Kilometer weiter unten entdeckt. Zum Glück hat sich niemand im Haus aufgehalten, weil es schon unbewohnbar war, nicht einmal Webster wollte mehr dort bleiben. Es folgte eine weitere Klage, die wieder nur Zeit und Geld verschwendete. Konkursgesetze sind nichts anderes als ein Freibrief. Als Rose irgendwann wieder hinausfuhr, um nach dem Haus zu sehen, fand sie nur noch ein paar Überreste vom Fundament. Sie suchte sich eine Stelle aus und nahm sich das Leben.«

Samantha rieb sich stöhnend die Stirn und murmelte: »O nein.«

»Webster verschwand daraufhin auf Nimmerwiedersehen. Das Letzte, was wir von ihm gehört haben, ist, dass er in Montana lebt und wer weiß was treibt. Jeff wohnte dann bei einer anderen Tante, während Donovan bei uns blieb, bis er mit der Highschool fertig war. Während des Studiums hatte er drei Nebenjobs gleichzeitig. Nach dem College wusste er genau, was er wollte: Anwalt werden und für den Rest seines Lebens gegen die Kohleunternehmen kämpfen. Wir unterstützten ihn während des Jurastudiums. Mattie stellte ihn in der Law Clinic an, und er arbeitete ein paar Jahre dort, bis er eine eigene Kanzlei eröffnete. Er hat Hunderte von Prozessen geführt und es mit jedem Kohleunternehmen aufgenommen, das jemals daran gedacht hat, hier Tagebau zu betreiben. Er ist ebenso furcht- wie skrupellos.«

»Und brillant obendrein«, fügte Mattie stolz hinzu.

»Das ist er in der Tat.«

»Gewinnt er seine Prozesse denn?«

Sie schwiegen und tauschten unsichere Blicke aus. Mattie sagte: »Mal ja, mal nein. Es ist nicht leicht, Prozesse gegen die Kohlelobby zu führen. Die Unternehmen kämpfen mit harten Bandagen. Sie lügen und betrügen und verschweigen, und sie engagieren große Kanzleien wie die, von der Sie kommen, um potenziellen Klägern von vornherein den Schneid abzukaufen. Mal gewinnt Donovan, mal verliert er, doch er lässt nie locker.«

»Und natürlich hassen sie ihn dafür«, sagte Chester.

»O ja, allerdings. Ich sagte schon, dass er skrupellos ist, oder? Donovan hält sich auch nicht immer an die Regeln. Er ist der Meinung, wenn die Kohleunternehmen das Recht beugen, hat er praktisch keine andere Wahl.«

»Und das hat dann zu ›Scherereien‹ geführt?«, hakte Samantha nach.

»So ist es«, sagte Mattie. »Vor fünf Jahren ist in Madison County, West Virginia, rund hundertsechzig Kilometer von hier, ein Damm gebrochen. Eine Kohleschlammlawine ging ins Tal ab und begrub den kleinen Ort Prentiss unter sich. Vier Menschen wurden getötet, praktisch alle Häuser wurden zerstört — es war ein Desaster. Donovan bekam den Fall, tat sich mit ein paar Kollegen aus der Gegend zusammen, die sich ebenfalls auf Umweltsünden spezialisiert hatten, und reichte Klage beim Bundesgericht ein. Sein Bild war damals in der Zeitung, es wurde ständig über ihn geschrieben, und wahrscheinlich hat er sich etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. So nannte er das Unternehmen unter anderem ›den größten Schmutzfink Amerikas‹. Daraufhin fingen die Schikanen an: anonyme Anrufe, Drohbriefe, finstere Typen, die im Hintergrund lauerten. Sie begannen, ihn zu verfolgen, und sie verfolgen ihn bis heute.«

»Donovan wird verfolgt?«, fragte Samantha.

»Ja«, antwortete Mattie.

»Deshalb trägt er also eine Waffe.«

»Nicht nur eine. Und er weiß auch, wie man sie benutzt«, sagte Chester.

»Machen Sie sich Sorgen um ihn?«

Chester und Mattie rangen sich ein Lächeln ab. »Nicht ernsthaft«, sagte Chester. »Er weiß, was er tut, und er kann gut auf sich aufpassen.«

»Wie wär’s mit einem Kaffee auf der Veranda?«, bot Mattie an.

»Gern, ich setze eine Kanne auf«, sagte Chester und stand vom Tisch auf. Samantha folgte Mattie zurück auf die Veranda und nahm ihren Platz auf dem Korbschaukelstuhl wieder ein. Es war beinahe zu kühl, um noch draußen zu sitzen. Die Straße war ruhig, viele Häuser lagen bereits im Dunkeln.

Vom Wein ermutigt, fragte Samantha: »Was wurde aus dem Prozess?«

»Der mündete letztes Jahr in einen Vergleich, der allerdings noch unter Verschluss gehalten wird.«

»Wenn es einen Vergleich gab, wieso verfolgen sie ihn dann noch?«

»Weil er ihr Lieblingsfeind ist. Er ist jederzeit bereit, aus dem Hinterhalt zuzuschlagen, und das wissen die Kohleunternehmen.«

Chester brachte ein Tablett mit koffeinfreiem Kaffee und ging zurück in die Küche, um abzuspülen. Nach ein paar Schlucken und einigen Minuten sanften Schaukelns war Samantha kurz davor einzunicken. »Ich habe ein paar Sachen zum Übernachten dabei«, sagte sie. »Ich muss sie nur aus dem Auto holen.«

»Ich komme mit«, sagte Mattie.

»Wir werden doch nicht verfolgt, oder?«

»Nein, nein, wir stellen keine Bedrohung dar.«

Sie verschwanden in die Dunkelheit.

7

Die beiden Herren rechts von Samantha debattierten beim Whiskey heftig darüber, wie man die Fannie-Mae-Hypothekenbank retten könnte. Die drei links von ihr arbeiteten offenbar beim Finanzministerium, das der Kern allen Übels zu sein schien, und leerten auf Steuerzahlerkosten fleißig Martinis. An der Bar des Bistros »Venezia« wurde von nichts anderem geredet als vom Ende der Welt. Ein Wichtigtuer hinter ihr posaunte herum, wie er am Nachmittag mit einem Kampagnenberater von McCain und Palin gesprochen habe. Er habe jede Menge gute Ratschläge gegeben, die aber gewiss alle missachtet würden. Zwei Barmänner beklagten den Sturz der Aktienkurse, als hätten sie persönlich Millionen Dollar verloren. Jemand mutmaßte, die Notenbank werde jetzt sicher dieses oder jenes tun. Bush sei schlecht beraten. Laut Umfragen gewinne Obama an Zuspruch. Goldman brauche Geld. Werkaufträge in China hätten dramatisch nachgelassen.

Inmitten des Trubels saß Samantha, trank eine Diätlimonade und wartete auf ihren Vater, der spät dran war. Sie überlegte, dass in Brady niemand auch nur im Entferntesten zu ahnen schien, dass die Welt am Rande einer katastrophalen Depression stand. Vielleicht schützten die Berge den Ort vor solchen äußeren Einflüssen. Oder das Leben dort war ohnehin ein einziges Desaster, sodass ein weiteres nicht auffiel.

Ihr Telefon gab einen Klingelton von sich, und sie nahm es aus der Tasche. Es war Mattie Wyatt. »Hallo, Samantha, wie war die Fahrt?«

»Gut, Mattie, danke. Ich bin jetzt in Washington.«

»Schön. Hören Sie, der Vorstand hat gerade einstimmig beschlossen, Ihnen das Praktikum anzubieten. Ich habe heute Nachmittag mit dem anderen Bewerber gesprochen, ein nervöser junger Mann, sogar von derselben Kanzlei wie Sie, aber er ist nichts für uns. Ich hatte den Eindruck, er war nur auf der Durchreise. Als wäre er in New York ins Auto gestiegen und losgefahren, um möglichst viel Abstand zu gewinnen. Bin nicht sicher, wie stabil er ist. Jedenfalls sehen Donovan und ich da nicht viel Potenzial, und wir haben ihn gleich wieder weggeschickt. Wann können Sie anfangen?«

»Hat er Romey getroffen?«

Mattie kicherte. »Ich glaube nicht.«

»Ich muss noch mal nach New York, um ein paar Sachen zu holen. Ich werde am Montag da sein.«

»Bestens. Rufen Sie mich morgen oder übermorgen an.«

»Danke, Mattie. Ich freue mich.«

Sie entdeckte ihren Vater und stand von der Bar auf. Eine Bedienung führte sie zu einem Ecktisch und teilte hastig Speisekarten aus. Das Restaurant war voll besetzt und erfüllt von aufgeregtem Stimmengewirr. Eine Minute später erschien ein Manager im Smoking und erklärte mit todernster Miene: »Es tut mir leid, aber wir brauchen diesen Tisch.«

»Wie bitte?« Marshalls Ton war barsch.

»Verzeihen Sie, Sir, aber wir haben einen anderen Tisch für Sie.«

In dem Moment hielt eine Karawane aus schwarzen SUV vor dem Restaurant in der N Street. Türen flogen auf, und ein Heer von Sicherheitsbeamten schwärmte auf den Bürgersteig. Samantha und Marshall machten den Tisch frei und beobachteten zusammen mit den anderen Gästen das Schauspiel vor dem Fenster. In Washington war dergleichen regelmäßig zu sehen, und jeder überlegte: Könnte das der Präsident sein? Oder Dick Cheney? Wer ist es, von dem wir später erzählen können, wir haben mit ihm im selben Restaurant gesessen? Schließlich erschien der Prominente höchstpersönlich und wurde nach drinnen eskortiert, wo die Menge reglos wartete und gaffte.

»Wer ist das?«, fragte jemand.

»Hab ich noch nie gesehen.«

»Ich glaube, es ist der israelische Botschafter.«

Die Spannung im Raum ließ spürbar nach, als die Gäste gewahr wurden, dass sie nur B-Prominenz bestaunten. Obwohl der Mann praktisch von niemandem erkannt wurde, schien er trotzdem auf der schwarzen Liste zu stehen. Der ehemalige Tisch der Kofers wurde in die Ecke geschoben und mit Trennwänden abgeschirmt, die aus dem Nichts aufgetaucht waren. Jedes Restaurant in der Hauptstadt, das etwas auf sich hielt, hatte solche Stellwände. Der prominente Gast nahm zusammen mit seiner Begleiterin Platz und versuchte, möglichst gewöhnlich auszusehen, wie ein ganz normaler Mensch, der schnell mal etwas essen geht. Unterdessen patrouillierten seine bewaffneten Sicherheitsleute auf dem Bürgersteig auf und ab und hielten Ausschau nach Selbstmordattentätern.

Marshall schimpfte auf den Manager und sagte dann: »Komm, lass uns hier verschwinden. Manchmal hasse ich diese Stadt.« Sie folgten der Wisconsin Avenue drei Blocks weit, bis sie ein Pub fanden, an dem die Dschihadisten sicher kein Interesse hatten. Samantha bestellte wieder eine Diätlimonade, während Marshall einen doppelten Wodka nahm. »Was ist da unten passiert?«, wollte er wissen. Er hatte sie am Telefon schon ausgefragt, doch sie wollte ihm die Geschichte lieber persönlich erzählen.

Sie lächelte und begann mit Romey. Irgendwann mitten in ihrem Bericht wurde ihr bewusst, wie sehr sie dieses Abenteuer genoss. Marshall war außer sich und wollte sofort jemanden verklagen, beruhigte sich dann aber nach ein paar Schlucken Wodka. Sie bestellten Pizza, und Samantha beschrieb das Abendessen mit Mattie und Chester.

»Du willst nicht ernsthaft da unten arbeiten, oder?«, fragte Marshall.

»Ich habe den Job bekommen. Ich werde es ein paar Monate lang testen. Wenn mir langweilig wird, gehe ich zurück nach New York und verkaufe Schuhe bei Barneys.«

»Du musst nicht Schuhe verkaufen, und du musst auch nicht pro bono arbeiten. Wie viel Geld hast du auf dem Konto?«

»Genug zum Überleben. Wie viel hast du auf dem Konto?« Mit gerunzelter Stirn nahm er einen Schluck. Sie fuhr fort: »Viel, oder? Mom ist überzeugt, dass du offshore ein Vermögen gebunkert und sie bei der Scheidung hintergangen hast. Stimmt das?«

»Nein, das stimmt nicht. Aber glaubst du im Ernst, ich würde es dir gegenüber zugeben, wenn es stimmte?«

»Nein, natürlich nicht. Leugnen, leugnen, leugnen — ist das nicht Regel Nummer eins für jeden Verteidiger?«

»Woher soll ich das wissen? Außerdem habe ich meine Verbrechen zugegeben und mich für schuldig erklärt. Was weißt du über Strafrecht?«

»Nichts, aber ich lerne beständig. Immerhin bin ich jetzt schon mal festgenommen worden.«

»Nun, genau wie ich, und ich kann das niemandem empfehlen. Zumindest bist du um die Handschellen herumgekommen. Was sagt deine Mutter sonst noch über mich?«

»Nichts Gutes. Irgendwo in einem Hinterstübchen meines überarbeiteten Hirns habe ich diese Wahnvorstellung, wie wir alle drei zusammen in einem reizenden Restaurant zu Abend essen, nicht als Familie, natürlich nicht, aber als drei Erwachsene, die vielleicht ein paar Dinge gemeinsam haben.«

»Ich bin dabei.«

»Aber sie nicht. Zu viele Altlasten.«

»Wie sind wir jetzt auf dieses Thema gekommen?«

»Weiß nicht. Tut mir leid. Hast du schon mal ein Kohleunternehmen verklagt?«

Marshall ließ seine Eiswürfel klimpern und überlegte. Er hatte alle möglichen Konzerne verklagt. Bedauernd sagte er: »Nein, ich glaube nicht. Meine Spezialität waren Flugzeugabstürze. Aber Frank, einer meiner Partner, hatte mal mit einem Fall zu tun, bei dem es um Kohle ging. Irgendeine Umweltsauerei mit der Giftschmiere, die sie in Becken auffangen. Er redet nicht viel darüber, das bedeutet wahrscheinlich, er hat den Fall verloren.«

»Die Giftschmiere heißt Schlamm oder Schlick und ist ein Abfallprodukt der Kohlenwäsche. Die Unternehmen schütten Dämme auf, um ihn zu lagern, und da rottet er jahrelang vor sich hin, sickert in den Boden und verseucht das Trinkwasser.«

»Du kennst dich aus.«

»Oh, ich habe viel gelernt in den letzten vierundzwanzig Stunden. Hast du gewusst, dass einige der Countys im Kohlenrevier die höchste Krebsrate im ganzen Land aufweisen?«

»Riecht verdächtig nach einem Prozess.«

»Prozesse sind schwer zu gewinnen, weil die Kohle mächtiger ist als alles andere und die Geschworenen oft auf der Seite der Unternehmen stehen.«

»Das klingt wundervoll, Samantha. Wir reden über echte Anwaltstätigkeit, nicht mehr über das Bauen von Hochhäusern. Ich bin stolz auf dich. Lass uns zusammen jemanden verklagen.«

Die Pizza kam, und sie aßen sie gemeinsam direkt vom Stein. Eine wohlgeformte Brünette im Minirock schlenderte vorbei, und Marshall hielt unwillkürlich im Kauen inne, um ihr hinterherzuschauen, fasste sich dann aber wieder und versuchte, so zu tun, als wäre nichts gewesen. »Wie wird deine Arbeit dort unten aussehen?«, fragte er, um Ablenkung bemüht, während er verstohlen nach dem Röckchen spähte.

»Ehrlich, Dad … Du bist sechzig, sie ist in meinem Alter. Wann wirst du endlich aufhören, Frauen hinterherzuschauen?«

»Nie. Was ist verkehrt daran?«

»Ich weiß nicht. Ich denke, es ist der erste Schritt.«

»Du verstehst die Männer nicht, Samantha. Schauen passiert ganz automatisch und ist harmlos. Wir schauen alle. Komm schon.«

»Du kannst also nicht anders?«

»Nein. Aber warum reden wir überhaupt darüber? Ich würde lieber besprechen, wie man Kohleunternehmen verklagt.«

»Mehr habe ich nicht auf Lager. Ich habe dir alles gesagt, was ich weiß.«

»Wirst du sie verklagen?«

»Unwahrscheinlich. Aber ich habe einen Mann kennengelernt, der ausschließlich Kohlefälle macht. Seine Familie wurde durch den Tagebau zerstört, und er ist auf einem persönlichen Rachefeldzug. Er trägt sogar eine Waffe. Ich habe sie gesehen.«

»Ein Mann? Hat er dir gefallen?«

»Er ist verheiratet.«

»Gut. Besser, du verknallst dich nicht in einen Hillbilly. Warum trägt er eine Waffe?«

»Ich denke, viele da unten tragen eine. Er meint, die Kohleunternehmen mögen ihn nicht, und Gewalt sei in diesem Geschäft schon lange an der Tagesordnung.«

Marshall wischte sich den Mund mit einer Papierserviette und trank einen Schluck Wasser. »Lass mich zusammenfassen, was ich bis jetzt gehört habe. Dort unten dürfen Geisteskranke in Uniform herumlaufen und sich Verkehrspolizist nennen, sie dürfen Autos mit Blaulicht fahren, Besucher von außerhalb anhalten und ins Gefängnis bringen. Andere wiederum, die ganz offensichtlich nicht geisteskrank sind, praktizieren mit einer Waffe im Aktenkoffer als Anwälte. Wieder andere bieten arbeitslosen Anwälten befristete Jobs an, ohne ihnen was dafür zahlen zu wollen.«

»Das trifft es ziemlich genau.«

»Und du wirst am Montag anfangen?«

»So ist es.«

Marshall nahm kopfschüttelnd noch ein Stück Pizza. »Da kann die Wall Street natürlich nicht mithalten.«

»Das werden wir sehen.«

___________

Blythe konnte sich für eine kurze Mittagspause aus dem Büro wegstehlen. Sie trafen sich in einem überfüllten Imbiss unweit ihrer Kanzlei und brachten beim Salat eine Vereinbarung zustande. Samantha würde ihren Mietanteil noch drei Monate bis zum Ablauf des Mietvertrags zahlen, konnte sich jedoch darüber hinaus nicht weiter verpflichten. Blythe erklärte, sie hänge an ihrem Job und habe die leise Hoffnung, ihn auch behalten zu können. Sie wolle in der Wohnung bleiben, könne sich die volle Miete aber nicht leisten. Samantha versicherte ihr, es bestehe eine gute Chance, dass sie in Kürze zurück sei und etwas anderes tun werde.

Später am Nachmittag traf sie sich mit Izabelle zum Kaffee, um Neuigkeiten auszutauschen. Izabelle berichtete, ihre Koffer seien gepackt, sie werde heim nach Wilmington fahren, wo sie bei einer ihrer Schwestern einziehen wolle, die ein Gästezimmer im Keller habe. Sie habe einen Ehrenamtsjob bei einer Kinderrechtsorganisation, werde aber alles tun, um richtige Arbeit zu finden. Sie sei deprimiert und verbittert und wisse nicht, wie sie überleben solle. Als sie sich zum Abschied umarmten, wussten beide, dass sie sich so bald nicht wiedersehen würden.

Als Erstes brauchte Samantha einen Mietwagen, den sie sich vernünftigerweise irgendwo im New Yorker Stadtgebiet besorgen würde, um ihre Sachen einzuladen und Richtung Süden aufzubrechen. Allerdings stellte sie nach mehreren Telefonaten fest, dass sämtliche in New York gemieteten Autos New Yorker Kennzeichen haben würden. Sicher würde sie in New Jersey oder Connecticut einen Verleiher finden, doch auch diese Nummernschilder würden in Brady für Aufsehen sorgen. Sie wurde den Gedanken an Romey nicht los. Er war mit Sicherheit wieder irgendwo unterwegs und trieb sein Unwesen.

Stattdessen packte sie zwei Koffer und eine große Reisetasche mit allem, was ihr für ihr Reiseziel wichtig erschien, und ließ sich von einem Taxi zur Penn Station fahren. Fünf Stunden später holte ein anderes Taxi sie in Washington an der Union Station ab. Sie aß mit Karen Take-away-Sushi im Schlafanzug, und sie sahen sich einen alten Film an. Marshall wurde nicht erwähnt.

Die Website von Gasko-Leasing in Falls Church versprach ein breites Angebot an Gebrauchtfahrzeugen zu günstigen Konditionen praktisch ohne lästigen Papierkram, mit Rundum-Versicherungsschutz und Zufriedenheitsgarantie. Sie wusste nicht viel über Autos, doch sie hatte so ein Gefühl, dass eine einheimische Marke wahrscheinlich weniger auffallen würde als etwa eine japanische. Auf der Website fand sie einen Ford mit Fließheck, Baujahr 2004, der ihr geeignet schien. Am Telefon erfuhr sie, dass er noch zu haben sei und sogar, was viel wichtiger war, Kennzeichen aus Virginia habe, wie ihr der Verleihmitarbeiter versicherte: »Ja, Ma’am, vorne und hinten.« Sie nahm ein Taxi nach Falls Church, wo Autoverkäufer Ernie sie erwartete, der sie wortreich umgarnte und dabei überhaupt nicht zuhörte. So fiel ihm auch nicht auf, wie unsicher Samantha war, als sie den Vertrag schloss, mit dem sie ein Auto für zwölf Monate leaste.

Sie hatte zunächst überlegt, ihren Vater um Hilfe zu bitten, dann aber davon abgesehen. Stattdessen hatte sie sich eingeredet, dass sie für diese mittelmäßig anspruchsvolle Aufgabe stark genug war. Nach zwei langen Stunden mit Ernie fuhr sie in einem unauffälligen Ford davon, dessen Besitzer ganz offensichtlich im Commonwealth of Virginia wohnte.

8

Die Einführung in den neuen Job bestand in einem Acht-Uhr-Termin mit einer neuen Mandantin. Samantha, die keine Ahnung hatte, wie sie das Gespräch leiten sollte, war froh, dass Mattie die Führung übernahm. »Machen Sie Notizen«, flüsterte Mattie ihr zu. »Legen Sie die Stirn in Falten und versuchen Sie, ein wissendes Gesicht zu machen.« Das war kein Problem. Mit genau dieser Methode hatte sie die ersten beiden Jahre bei Scully & Pershing überlebt.

Die Mandantin hieß Lady Purvis, war Mitte vierzig und Mutter von drei halbwüchsigen Kindern. Ihr Mann Stocky saß gerade im benachbarten Hopper County im Gefängnis. Mattie fragte nicht, ob Lady ihr richtiger Name war; falls dieses Detail später wichtig wurde, wäre immer noch Zeit, das zu klären. Angesichts ihres derben Auftretens und ihrer ungehobelten Sprache wäre es fast ironisch gewesen, wenn sie wirklich so hieße. Sie sah aus, als müsste sie ihr Leben in finsteren Katakomben verbringen, und als Mattie erklärte, dass sie im Büro nicht rauchen dürfe, reagierte sie ungehalten. Samantha kritzelte mit gerunzelter Stirn wie wild in ihren Block und sagte kein Wort. Vom ersten Satz an ging es nur um Leid und Elend. Die Familie lebe in einem Trailer, der nicht abbezahlt sei, und jetzt seien sie mit den Raten in Rückstand geraten. Sie seien überhaupt mit allem im Rückstand. Die beiden älteren Kinder hätten die Highschool abgebrochen, um sich Jobs zu suchen, würden aber nichts finden, weder in Noland County noch in Hopper County, noch in Curry County. Sie würden damit drohen abzuhauen, an die Westküste, wo sie sich mit Orangenpflücken durchschlagen könnten. Sie selbst nehme jeden Job an, sie putze am Wochenende und hüte Kinder für fünf Dollar die Stunde — ihr sei völlig egal, was sie mache, Hauptsache, sie verdiene wenigstens ein bisschen was.

Stockys Verbrechen bestand darin, dass er zu schnell gefahren war. Als der Deputy seinen Führerschein prüfte, stellte er fest, dass er zwei Tage zuvor abgelaufen war. Straf- und Gerichtsgebühren beliefen sich auf insgesamt hundertfünfundsiebzig Dollar, doch die hatte Stocky nicht. Hopper County ließ Geld von einem Inkassobüro namens Judicial Response Associates eintreiben, bei Stocky und anderen armen Schluckern, die so unvorsichtig waren, sich Verkehrs- oder Bagatelldelikte zuschulden kommen zu lassen. Hätte Stocky einen Scheck ausstellen können, dann hätte er das sofort getan und nach Hause gehen können. Doch weil er arm und pleite war, wurde anders mit ihm verfahren. Der Richter ordnete an, dass die Halsabschneider von JRA übernehmen sollten. Lady und Stocky trafen sich am Tag des Gerichtstermins mit einem Vertreter von JRA, der ihnen erklärte, wie der Finanzierungsplan aussehe. Sein Unternehmen berechne Gebühren: eine sogenannte Basisgebühr von fünfundsiebzig Dollar, eine monatliche Servicegebühr von fünfunddreißig Dollar sowie eine Abschlussgebühr — sofern sie je so weit gelangen würden — in Höhe von fünfundzwanzig Dollar, ein echtes Schnäppchen. Mit Gerichtskosten und ein paar weiteren ominösen Extras kam ein Betrag von vierhundert Dollar zusammen. Sie überlegten, dass sie monatlich fünfzig Dollar abbezahlen könnten. Das war die kleinste Rate, die JRA zuließ. Bald stellten sie jedoch fest, dass von den fünfzig Dollar fünfunddreißig als Servicegebühr abgezogen wurden. Sie versuchten nachzuverhandeln, doch JRA blieb unnachgiebig. Nach zwei Monaten hörte Stocky auf zu zahlen, und damit ging der Ärger richtig los. Eines Nachts — nach Mitternacht — kamen zwei Deputys zu ihnen nach Hause und nahmen Stocky fest. Als Lady und ihr ältester Sohn protestierten, bedrohten die Beamten sie mit ihren nagelneuen Elektroschockern. Stocky musste erneut vor Gericht, und es türmten sich noch mehr Strafen und Gebühren auf. Der Betrag lag jetzt bei fünfhundertfünfzig Dollar. Stocky erklärte, dass er pleite sei und keine Arbeit habe. Daraufhin schickte der Richter ihn wieder ins Gefängnis, wo er bereits zwei Monate gesessen hatte. Die ganze Zeit über beharrte JRA auf der Servicegebühr, die unterdessen aus nicht näher genannten Gründen auf fünfundvierzig Dollar gestiegen war.

»Je länger er da drin ist, umso schlimmer wird es für uns«, sagte Lady niedergeschlagen. Sie hatte in einer Papiertüte ihren gesamten Schriftverkehr mitgebracht, und Mattie machte sich daran, alles durchzusehen. Da waren erboste Briefe vom Vorbesitzer des Trailers, der seinerseits ein Darlehen abzuzahlen hatte, Mitteilungen über die Anordnung der Zwangsversteigerung, Mahnungen für Stromrechnungen, Mitteilungen vom Finanzamt, Gerichtsdokumente und mehrere Schreiben von JRA. Mattie überflog die Papiere und reichte sie dann an Samantha weiter, der nichts Besseres einfiel, als von dem ganzen Schlamassel eine Liste anzulegen.

Irgendwann konnte Lady nicht mehr. »Ich muss eine rauchen. Geben Sie mir fünf Minuten.« Ihre Hände zitterten.

»Klar«, sagte Mattie. »Sie können gern rausgehen.«

»Danke.«

»Wie viele Päckchen rauchen Sie pro Tag?«

»Nicht mehr als zwei.«

»Welche Marke?«

»Charlie’s. Ich weiß, ich sollte aufhören, ich habe es auch versucht. Aber ich weiß nicht, wie ich meine Nerven sonst beruhigen soll.« Sie nahm ihre Handtasche und verließ das Zimmer.

Mattie sagte: »Charlie’s ist eine beliebte Marke hier in der Gegend, vergleichsweise billig, kostet aber immer noch vier Dollar die Schachtel. Das sind acht Dollar pro Tag, zweiundfünfzig im Monat, und ich wette, Stocky qualmt genauso viel. Die geben wahrscheinlich fünfhundert Dollar im Monat für Zigaretten aus und wer weiß wie viel für Bier. Und wenn sie jemals einen Dollar übrig haben, kaufen sie vermutlich einen Lotterieschein dafür.«

»Das ist absurd.« Samantha war erleichtert, dass sie endlich etwas sagen konnte. »Warum tun sie das? Sie könnten seine Strafe in einem Monat bezahlen, und er wäre ein freier Mann.«

»So denken sie nicht. Rauchen ist eine Sucht. Sie können nicht einfach aufhören.«

»Okay, darf ich was fragen?«

»Sicher. Ich wette, Sie wollen wissen, wieso Stocky überhaupt in Schuldhaft genommen werden kann, obwohl das Gesetz in diesem Land vor zweihundert Jahren abgeschafft wurde. Stimmt’s?«

Samantha nickte langsam. Mattie fuhr fort: »Höchstwahrscheinlich sind Sie auch überzeugt, dass man niemanden inhaftieren darf, nur weil er eine Gebühr oder eine Strafe nicht bezahlen kann, weil das nämlich dem Gleichheitssatz der US-Verfassung widerspricht. Und zweifelsohne kennen Sie den Beschluss des Obersten Gerichtshofs von 1983, der Name fällt mir gerade nicht ein, in dem das Gericht festgelegt hat, dass, bevor eine Person in Haft genommen wird, zunächst nachgewiesen werden muss, dass diese Person die Strafe vorsätzlich nicht bezahlt. Anders ausgedrückt, sie könnte zahlen, will aber nicht. Stimmt’s?«

»Prägnant zusammengefasst.«

»In einem Dutzend Bundesstaaten hier unten im Süden ist es gängige Praxis, dass die Strafgebühren für geringfügige Vergehen von Inkassobüros eingetrieben werden. Normalerweise erhalten die Behörden im Durchschnitt nur etwa dreißig Prozent der verhängten Strafgelder. JRA verspricht siebzig Prozent, und zwar ohne dass der Steuerzahler dafür aufkommen müsse. Sie behaupten, sie finanzierten sich vollständig durch Leute wie Stocky — also durch die Opfer dieses Schwindels. Jede Stadt und jedes County braucht Geld, und so setzen sie auf Inkasso, und die Gerichte übergeben ihre Fälle an JRA. Die Opfer erhalten eine Bewährungsstrafe, und wenn sie nicht zahlen können, wandern sie ins Gefängnis, wo dann natürlich doch wieder der Steuerzahler übernimmt. Stocky zu beherbergen und zu verköstigen kostet dreißig Dollar am Tag.«

»Das kann doch nicht legal sein.«

»Es ist legal, weil es nicht ausdrücklich illegal ist. Die ganz Armen, Samantha, haben keine Lobby, und hier im Süden herrschen eigene Gesetze. Deshalb gibt es uns.«

»Das ist schlimm.«

»Richtig, aber es kann noch schlimmer kommen. Weil er gegen seine Bewährung verstoßen hat, könnte Stocky sein Recht auf Lebensmittelkarten verlieren, aber auch Wohngeld, Führerschein — in manchen Staaten dürften solche Leute noch nicht einmal mehr wählen gehen, vorausgesetzt, sie haben sich je registrieren lassen.«

Lady kam wieder, nach Rauch riechend und ebenso zittrig wie zuvor. Sie gingen die übrigen unbezahlten Rechnungen durch. »Können Sie mir irgendwie helfen?«, fragte sie mit feuchten Augen.

»Selbstverständlich«, flötete Mattie mit strahlendem Optimismus. »Ich habe mit JRA schon durchaus erfolgreich verhandelt. Die sind nicht daran gewöhnt, dass Anwälte eingeschaltet werden, und dafür, dass sie so brutal austeilen, lassen sie sich ziemlich leicht einschüchtern. Sie wissen genau, dass sie Mist bauen, und haben Angst, dass irgendjemand sie hochgehen lässt. Ich kenne den Richter drüben in Hopper County; der hat längst keine Lust mehr, Stocky durchzufüttern. Wir können ihn rausholen und wieder in Lohn und Brot bringen. Dann würde ich zu einer Privatinsolvenz raten, um das Haus zu retten und ein paar Rechnungen loszuwerden. Ich werde mit den Versorgerunternehmen Kontakt aufnehmen.« Sie präsentierte diese verwegenen Schritte, als wären sie schon längst getan, und Samantha fühlte sich sofort besser. Lady brachte ein Lächeln zustande, doch es blieb das erste und einzige.

Mattie sagte: »Lassen Sie uns ein paar Tage Zeit, in denen wir einen Plan ausarbeiten. Sie können gern Samantha anrufen, wenn Sie Fragen haben. Sie wird genauestens über Ihren Fall Bescheid wissen.« Der Praktikantin setzte kurz das Herz aus, als sie ihren Namen hörte. In diesem Moment hatte sie das Gefühl, von nichts eine Ahnung zu haben.

»Dann haben wir zwei Anwälte?«, wollte Lady wissen.

»So ist es.«

»Und das, ähm, kostet nichts?«

»Absolut nichts, Lady. Unsere Kanzlei arbeitet auf ehrenamtlicher Basis. Wenn wir Ihr Mandat übernehmen, kostet Sie das keinen Cent.«

Lady legte beide Hände auf die Augen und begann zu weinen.

___________

Samantha hatte sich noch nicht vom ersten Termin erholt, als sie bereits zu ihrem zweiten gerufen wurde. Annette Brevard, »Juniorpartner« der Mountain Law Clinic, hielt es für lehrreich, wenn die neue Praktikantin einen echten Fall von häuslicher Gewalt kennenlernte.

Annette war zweifache Mutter, geschieden und lebte seit zehn Jahren in Brady. Zuvor hatte sie in Richmond gewohnt und in einer mittelgroßen Kanzlei gearbeitet. Nach der Trennung von ihrem Mann war sie mit ihren Kindern nach Brady gekommen und hatte bei Mattie angefangen, weil es in ganz Virginia sonst keinen Job für sie gab. Natürlich hatte sie nicht vorgehabt, in Brady zu bleiben, aber wer plant schon sein Leben durch bis ins Detail? Sie besaß ein altes Haus mitten in der Stadt mit einer separaten Garage. Über der Garage lag ein Zwei-Zimmer-Apartment, in das Samantha für die kommenden Monate einziehen würde. Annette war der Meinung, wenn schon das Praktikum unbezahlt sei, müsse sie auch keine Miete bezahlen. Sie hatten ein bisschen herumgefeilscht, doch Annette war standhaft geblieben. Da Samantha keine echte Alternative sah, sagte sie zu und versprach, im Gegenzug kostenlos auf die Kinder aufzupassen. Sie durfte sogar ihren Wagen in die Garage stellen.

Die Mandantin war sechsunddreißig und hieß Phoebe. Sie war mit Randy verheiratet, und die beiden hatten ein schlimmes Wochenende hinter sich. Randy saß sechs Straßen weiter im Gefängnis (demselben, dem Samantha nur knapp entronnen war), während Phoebe mit zugeschwollenem linkem Auge, aufgeschlagener Nase und Furcht in den Augen in Matties Kanzlei saß. Voller Mitgefühl und Einfühlungsvermögen lenkte Annette Phoebe durch deren Bericht. Wieder legte Samantha tiefsinnig die Stirn in Falten, ohne einen Laut von sich zu geben, machte seitenweise Notizen und fragte sich, wie viele Irre in dieser Gegend wohl noch lebten.

Mit einer Stimme, so sanft, dass sie sogar Samantha beruhigte, ermutigte Annette Phoebe immer wieder zum Weitersprechen. Es gab jede Menge Tränen und Gefühle. Randy sei Meth-Junkie und -Dealer, außerdem trinke er und prügele sie nun schon seit anderthalb Jahren. Solange ihr Vater noch gelebt habe, habe er sie nie geschlagen — Randy habe eine Mordsangst vor ihm gehabt —, doch nach dessen Tod vor zwei Jahren habe die Gewalt angefangen. Er drohe ständig, sie umzubringen. Ja, sie nehme auch Meth, aber sie passe auf und sei ganz bestimmt nicht abhängig.

Sie hatten drei Kinder, alle unter zehn. Ihre zweite Ehe, seine dritte. Randy war zweiundvierzig, ein Stück älter als sie, und hatte ein paar brutale Freunde aus der Meth-Szene, vor denen sie Angst hatte. Sie hätten Geld und könnten jeden Moment auftauchen und Kaution für ihn hinterlegen, damit er freikomme. Wenn er erst wieder draußen wäre, werde er sie suchen, er sei stinksauer, dass sie die Polizei gerufen habe. Abgesehen davon kenne er den Sheriff gut und wisse, dass er nicht lang im Gefängnis bleiben werde. Er werde sie so lange prügeln, bis sie die Anzeige zurücknähme.

Im Verlauf der Geschichte verbrauchte Phoebe einen Berg Taschentücher. Samantha notierte unterdessen bedeutende Frage wie »Wo bin ich?« und »Was tue ich hier?«.

Phoebe wagte sich nicht nach Hause. Ihre drei Kinder hatte sie bei einer Tante in Kentucky versteckt. Ein Deputy hatte ihr gesagt, Randys Gerichtstermin sei für Montag im Laufe des Tages anberaumt. Vielleicht sei er sogar in diesem Moment dort, und der Richter lege seine Kaution fest, und sobald seine Kumpel davon erführen, würden sie das Geld hinblättern, und er könne gehen. »Sie müssen mir helfen«, sagte Phoebe immer wieder. »Er wird mich umbringen.«

»O nein«, widersprach Annette erstaunlich zuversichtlich. Nach Phoebes Furcht, Tränen und Körpersprache zu urteilen, war Samantha überzeugt davon, dass Randy jeden Moment auftauchen und herumrandalieren würde. Annette schien dagegen gänzlich unbeeindruckt.

Phoebe ist nicht zum ersten Mal hier, dachte Samantha.

»Samantha«, sagte Annette, »gehen Sie mal ins Internet und schauen Sie auf die Prozessliste.« Sie diktierte die Internetadresse des Behördenorgans von Nolan County, und die Praktikantin war gern bereit, ihren Laptop aufzuklappen und sich für einen Moment von Phoebe und deren Elend abzuwenden.

»Ich muss mich scheiden lassen«, sagte Phoebe. »Ich kann auf keinen Fall dahin zurück.«

»Okay, wir reichen die Scheidung morgen ein und beantragen eine einstweilige Verfügung, dass er nicht mehr in Ihre Nähe darf.«

»Was ist eine einstweilige Verfügung?«

»Das ist eine richterliche Anordnung. Wenn er dagegen verstößt, bekommt er Zoff mit dem Richter, und der schickt ihn sofort wieder ins Gefängnis.«

Für eine Sekunde erhellte ein Lächeln ihr Gesicht. »Ich muss weg von hier. Ich kann nicht in Brady bleiben. Er wird sich wieder zudröhnen, die Verfügung vergessen und den Richter und mich verfolgen. Die müssen ihn für länger einsperren. Können die das?«

»Wie lautet die Anklage, Samantha?«, fragte Annette.

»Heimtückische und gefährliche Körperverletzung gemäß Virginia Law Code, Paragraf achtzehn Punkt zwei folgende.« Sie hatte den Eintrag gerade erst gefunden. »Termin ist heute um dreizehn Uhr. Eine Kaution wurde noch nicht festgesetzt.«

»Heimtückisch und gefährlich? Das heißt, er hat Sie mit einem Gegenstand geschlagen?«

Sofort flossen wieder Tränen, und Phoebe wischte sich das Gesicht mit dem Handrücken ab. »Mit einer Waffe. Wir haben eine Pistole in der Küchenschublade, ungeladen, wegen der Kinder, aber die Munition liegt auf dem Kühlschrank, für alle Fälle, wissen Sie. Wir haben gestritten und uns angeschrien, und da hat er die Pistole rausgeholt, als wollte er sie laden und mich umlegen. Ich habe versucht, sie ihm abzunehmen, und da hat er mir den Kolben an den Kopf gehauen. Als sie zu Boden fiel, hat er mich mit den Händen verprügelt. Ich konnte aus dem Haus fliehen, rannte nach nebenan und rief die Cops.«

Annette hob ruhig eine Hand, damit sie schwieg. »Laut Virginia Law Code gilt gefährliche Körperverletzung als heimtückisch, wenn eine Waffe oder ein waffenähnlicher Gegenstand benutzt wurde«, erklärte sie und sah dabei Phoebe und Samantha an. »In Virginia gibt es dafür zwischen fünf und zwanzig Jahre Freiheitsentzug, je nach Umständen — Waffe, Schwere der Verletzung und so weiter.« Samantha kritzelte wieder in ihren Block. Manches kam ihr aus dem Studium vage bekannt vor.

Annette fuhr fort: »Nun, Phoebe, wir können damit rechnen, dass Ihr Mann behaupten wird, Sie hätten die Pistole hervorgeholt und ihn angegriffen. Vielleicht will er sogar Sie anzeigen. Wie würden Sie darauf antworten?«

»Mein Mann ist zwanzig Zentimeter größer und fünfundvierzig Kilo schwerer als ich. Niemand, der bei klarem Verstand ist, würde glauben, dass ich auf ihn losgehen würde. Die Polizisten werden sagen, dass er betrunken und total durchgedreht war. Falls sie die Wahrheit sagen. Er ist sogar noch gegen sie handgreiflich geworden, bis sie ihm einen Elektroschocker an seinen dicken Arsch gehalten haben.«

Annette lächelte zufrieden. Sie sah auf ihre Armbanduhr, schlug eine Akte auf und nahm ein paar Blätter heraus. »Ich muss in fünf Minuten telefonieren. Samantha, das ist unser Scheidungsfragebogen. Erklärt sich alles von selbst. Gehen Sie die Fragen mit Phoebe durch und sammeln Sie so viele Informationen wie möglich. Ich bin in einer halben Stunde wieder da.«

Samantha nahm den Fragebogen, als hätte sie das alles schon hundertmal gemacht.

Eine Stunde später saß sie allein in ihrem provisorischen Büro und atmete tief durch. Der Raum schien früher eine Aufbewahrungskammer gewesen zu sein und war ziemlich klein. Mehr als die beiden wackeligen Stühle und der runde Tisch mit PVC-Bezug passten nicht hinein. Mattie und Annette hatten sich entschuldigt und Verbesserung in Aussicht gestellt. Eine Wand hatte ein großes Fenster, das auf den rückwärtigen Parkplatz hinausblickte. Samantha war dankbar für das Tageslicht.

Ihr Büro bei S&P war auch nicht viel größer gewesen. Anders als sie gehofft hatte, dachte sie immer noch an New York und die große Kanzlei mit all ihren Vor- und Nachteilen. Sie musste lächeln, als ihr bewusst wurde, dass sie nicht auf Zeit arbeitete. Der unablässige Druck war weg, Stunden zu sammeln, mehr Geld für die großen Bosse zu machen, sie ständig damit beeindrucken zu müssen, dass man eines Tages auch so sein wollte wie sie. Sie sah auf die Uhr. Es war elf Uhr, und sie hatte noch keine Minute, die sie irgendjemandem in Rechnung stellen konnte. Und so würde es auch bleiben. Das antiquierte Telefon klingelte, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als abzunehmen. »Ein Anruf auf Leitung zwei«, sagte Barb.

»Wer ist es?«, erkundigte sich Samantha nervös. Es war ihr erster Anrufer.

»Ein Typ namens Joe Duncan.«

»Warum will er mit mir sprechen?«

»Das hat er nicht gesagt. Er meinte, er braucht einen Anwalt, und Mattie und Annette sind im Augenblick beschäftigt. Also gehört er Ihnen.«

»Was für ein Fall?«, fragte Samantha und betrachtete ihre sechs Mini-Hochhäuser, die auf einem Aktenschrank aus Armeebeständen standen.

»Sozialversicherung. Seien Sie vorsichtig. Leitung zwei.«

Barb war die Teilzeitkraft, die am Empfang saß. Samantha hatte am Morgen kurz mit ihr gesprochen, als sie von Mattie vorgestellt worden war. Die Kanzlei beschäftigte außerdem eine Rechtsassistentin auf Teilzeit namens Claudelle. Ein reiner Frauenverein.

Sie drückte Leitung zwei. »Samantha Kofer.«

Mr. Duncan sagte Hallo und wollte erst einmal wissen, ob sie überhaupt eine richtige Anwältin sei. Sie versicherte ihm, das sei der Fall, wobei sie in diesem Moment ihre Zweifel hatte. Da legte er auch schon los. Er mache gerade eine schwere Phase durch und wolle dringend darüber reden. Seine Familie und er seien vom Pech verfolgt. Nach den ersten zehn Minuten seines Berichts war klar, dass er eine kleine Kanzlei problemlos mehrere Monate beschäftigen konnte. Er sei arbeitslos — ungerechtfertigt gekündigt, aber das sei eine andere Geschichte —, sein eigentliches Problem jedoch sei seine Gesundheit. Er habe eine gerissene Bandscheibe im unteren Rücken und könne nicht mehr arbeiten. Er habe bei der Sozialversicherungsbehörde einen Antrag auf Feststellung des Behindertenstatus beantragt, doch der sei abschlägig beschieden worden. Jetzt werde er alles verlieren.

Da Samantha wenig beizutragen hatte, ließ sie ihn einfach erzählen. Nach einer halben Stunde jedoch wurde ihr langweilig. Es war nicht einfach, das Gespräch zu beenden — er war verzweifelt und ließ nicht locker —, doch schließlich konnte sie ihm glaubhaft versichern, dass sie seinen Fall mit ihrer Sozialversicherungsexpertin besprechen und sich dann wieder melden werde.

Um zwölf Uhr war Samantha müde und hungrig. Doch es war nicht die Erschöpfung, die durch stundenlanges Lesen und Bearbeiten dicker Akten hervorgerufen wurde oder durch den ständigen Druck, jemanden beeindrucken zu wollen, oder durch die Angst, nicht gut genug zu sein und vorzeitig von der Karriereleiter gestoßen zu werden. Es war nicht die Art von Erschöpfung, mit der sie in den letzten drei Jahren gelebt hatte. Sie war ausgelaugt von einer Mischung aus Angst und Entsetzen, die sie beim Anblick echter Menschen empfunden hatte, verzweifelter Menschen in höchster Not, die wenig Hoffnung hatten und auf ihre Hilfe bauten.

Für die anderen Mitglieder der Kanzlei war es ein Montagmorgen wie jeder andere. Man traf sich wie immer im großen Besprechungsraum, um den mitgebrachten Imbiss zu essen und dabei Fälle, Mandanten und alles, was sonst noch wichtig schien, zu besprechen. Bei diesem Montagstreff war die Praktikantin das einzige Thema. Alle bestürmten sie mit Fragen. Irgendwann durfte sie auch etwas sagen.

»Ich könnte Hilfe gebrauchen«, setzte Samantha an. »Ich habe gerade mit einem Mann telefoniert, dessen Antrag auf Feststellung des Behindertenstatus von der Sozialversicherungsbehörde abgelehnt wurde. Was auch immer das bedeutet.«

Die Reaktion war eine Mischung aus Gelächter und stiller Belustigung. Es schien das Wort »Behindertenstatus« zu sein, das die Belegschaft sehr amüsierte. »Wir übernehmen keine Sozialversicherungsfälle mehr«, erklärte Barb, die Empfangssekretärin.

»Wie hieß der Mann?«, erkundigte sich Claudelle.

Samantha sah zögerlich in die interessiert dreinblickenden Gesichter. »Okay, eins nach dem anderen. Wie sieht es hier mit der Schweigepflicht aus? Besprechen Sie — besprechen wir — unsere Fälle offen, oder sind wir an das Anwaltsgeheimnis gebunden?«

Das löste noch mehr Gelächter aus. Alle vier redeten durcheinander, während sie lachend und kichernd an ihren Sandwiches knabberten. Samantha war klar, dass die vier Damen innerhalb dieser Wände kein Blatt vor den Mund nahmen.

»Innerhalb der Kanzlei ist alles erlaubt«, sagte Mattie. »Außerhalb — kein Wort.«

»In Ordnung.«

Barb sagte: »Sein Name war Joe Duncan. Kam mir irgendwie bekannt vor.«

»Ich hatte ihn vor ein paar Jahren«, erzählte Claudelle. »Ich habe Klage eingereicht, die aber abgelehnt wurde. Es war die Schulter, wenn ich mich recht entsinne.«

»Inzwischen ist es die untere Lendenwirbelsäule«, sagte Samantha. »Scheint ein echtes Wrack zu sein, der Mann.«

»Er reicht unablässig Anträge ein«, erläuterte Claudelle. »Das ist einer der Gründe, warum wir keine Sozialversicherungsfälle mehr übernehmen. Das System ist so was von faul und korrupt, besonders hier in dieser Gegend.«

»Was soll ich Mr. Duncan sagen?«

»Es gibt eine Kanzlei in Abingdon, die machen nichts anderes als Behindertenanträge.«

»Cockrell & Rhodes«, ergänzte Annette, »besser bekannt als Cock & Roach oder auch Cockroach, und die Jungs sind wirklich wie die Kakerlaken. Außerdem haben sie zu bestimmten Ärzten und Richtern einen guten Draht. Alle ihre Mandanten bekommen Geld. Die sind richtig gut.«

Mattie fügte hinzu: »Die würden sogar für einen aktiven Triathleten einen Schwerbehindertenausweis herausschlagen.«

»Wir übernehmen also nie …«

»Nie.«

Samantha biss von ihrem ziemlich nach Industrie aussehenden Truthahn-Sandwich ab und sah Barb an. Wenn wir solche Fälle nicht übernehmen, warum hat sie mir den Anruf überhaupt weitergeleitet? Doch statt etwas zu sagen, nahm sie sich vor, auf der Hut zu bleiben. Drei Jahre bei Scully & Pershing hatten ihren Überlebensinstinkt geschärft. Man musste dort täglich mit einem Messer im Rücken rechnen. Sie hatte gelernt, sich zu ducken. Jetzt war nicht der richtige Moment, um Barb darauf anzusprechen, aber bei passender Gelegenheit würde Samantha darauf zurückkommen.

Claudelle schien die Witzboldin der Gruppe zu sein. Sie war vierundzwanzig, knapp ein Jahr verheiratet, schwanger und hatte es nicht leicht damit. Sie habe den ganzen Vormittag vor der Toilettenschüssel gekauert und im Stillen ihren ungeborenen Sohn verflucht, der nach seinem Vater heißen werde und schon jetzt genauso viel Ärger mache wie der.

Es ging erstaunlich offenherzig zu. In fünfundvierzig Minuten handelten sie nicht nur drängende geschäftliche Themen ab, sondern auch Morgenübelkeit, Menstruationskrämpfe, Geburt und Wehen, Männer und Sex — sie schienen alle nicht genug davon bekommen zu können.

Annette beendete schließlich die Mittagspause, indem sie Samantha ansah und sagte: »Wir müssen in einer Viertelstunde bei Gericht sein.«

9

Im Großen und Ganzen hatte Samantha keine guten Erinnerungen an Gerichtssäle. Manche Besuche waren verpflichtend, andere freiwillig gewesen. Als sie in der neunten Klasse war, prozessierte der fabelhafte Marshall Kofer wegen eines Flugzeugabsturzes am Bundesgericht in Washington. Er überzeugte Samanthas Sozialkundelehrerin davon, dass es für ihre Schüler eine enorme Bereicherung darstelle, ihm bei der Ausübung seiner Tätigkeit zuzusehen. Zwei ganze Tage langweilten sich die Kinder zu Tode, während Sachverständige über die aerodynamischen Eigenschaften dicker Vereisungsschichten auf Tragflächen debattierten. Statt stolz auf ihren Vater zu sein, hatte Samantha unter der ungewollten Aufmerksamkeit schwer gelitten. Zu seinem Glück hatten die Schüler längst wieder in ihren Klassen gesessen, als die Geschworenen zugunsten des Flugzeugbauers entschieden und ihm damit eine seiner seltenen Niederlagen bescherten.

Sieben Jahre später hatte Samantha in einem anderen Saal desselben Gerichts miterlebt, wie ihr Vater sich seiner Verbrechen für schuldig bekannte. Ihre Mutter hatte den Triumph in Abwesenheit genossen, und so hatte Samantha neben einem Onkel, einem von Marshalls Brüdern, gesessen und sich mit einem Taschentuch die Augen getupft. Im Rahmen eines Juraeinführungskurses am College in Georgetown hätte sie einem Strafprozess beiwohnen müssen, hatte sich jedoch wegen einer leichten Grippe entschuldigt. Im Jurastudium hatten sie simulierte Prozesse geführt, und das hatte ihr bis zu einem gewissen Punkt Spaß gemacht, doch von der realen Welt der Justitia wollte sie nichts wissen. Während ihres Referendariats hatte sie kaum jemals einen Sitzungssaal von innen gesehen. Bei Vorstellungsgesprächen hatte sie stets vorausgeschickt, dass sie mit Prozessführung nichts zu tun haben wolle.

Und nun war sie auf dem Weg zum Hauptsaal des Gerichts von Nolan County. Das Gebäude war ein hübsches altes Backsteinhaus mit drei Stockwerken und einem hellen Blechdach, das durchhing. Im staubigen Foyer prangten verblichene Porträts von bärtigen Helden, eine Wand war übersät mit Bekanntmachungen, die achtlos an Schwarze Bretter gepinnt waren. Samantha folgte Annette in den ersten Stock, wo sie an einem betagten Gerichtsdiener vorbeikamen, der auf seinem Stuhl eingenickt war. Durch eine massive, zweiflüglige Tür betraten sie den Sitzungssaal. Ein Richter saß an seinem Tisch und arbeitete, während mehrere Anwälte unter gut gelauntem Geplänkel mit ihren Unterlagen raschelten. Die Bank der Geschworenen zur Rechten war leer. Von den hohen Wänden schauten auch hier Porträts herab, noch stärker verblichen als die draußen, lauter Männer mit Bärten, deren Mienen verrieten, dass sie es mit der Juristerei ernst gemeint hatten. Ein paar Gerichtsangestellte plauderten oder flirteten mit den Anwälten. Mehrere Zuschauer warteten darauf, dass die Gerechtigkeit obsiegte.

Annette sprach einen der Staatsanwälte an, den sie ihrer Praktikantin knapp als Richard vorstellte. Sie erklärte, dass sie Phoebe Fanning verträten, die so rasch wie möglich einen Scheidungsantrag stellen wolle. »Wie viel wissen Sie?«, fragte sie Richard.

Die drei zogen sich in eine Ecke neben die Geschworenenbank zurück, wo sie niemand hören konnte. »Der Polizei zufolge waren beide stoned, als sie beschlossen, ihre Differenzen mit einer ordentlichen Prügelei beizulegen. Er gewann, sie verlor. Irgendwie war eine ungeladene Waffe mit im Spiel, die er ihr an den Kopf gehauen hat.«

Annette erzählte Phoebes Version der Vorgänge, und Richard hörte aufmerksam zu. »Hump ist sein Anwalt«, sagte er. »Alles, was der will, ist eine niedrige Kaution. Ich werde für einen ausreichend hohen Betrag plädieren, dann können wir den Knaben vielleicht noch ein paar Tage hinter Gitter behalten, damit er Zeit hat runterzukommen, während sie aus der Stadt verschwinden kann.«

Annette nickte zustimmend und sagte: »Danke, Richard.«

Hump, mit vollem Namen Cal Humphrey, war ein juristisches Urgestein in Brady und hatte seine Kanzlei nicht weit vom Gericht. Sie waren auf dem Weg an seinem Schaufenster vorbeigekommen. Annette begrüßte ihn und stellte Samantha vor, die entsetzt seinen Bauchumfang bestaunte. Ein Paar geschmacklose Hosenträger spannte sich bedenklich über die Wölbung, und man mochte sich nicht vorstellen, was passierte, wenn sie rissen. Hump erklärte im Flüsterton, »sein Mann« Randy (dessen Nachname ihm auf die Schnelle nicht einfallen wollte) müsse unbedingt aus der Haft freikommen, weil er bei der Arbeit fehle. Hump glaubte Phoebes Version nicht, sondern behauptete stattdessen, sie habe die Handgreiflichkeiten provoziert, indem sie seinen Mandanten mit der ungeladenen Pistole angegriffen habe.

»Deshalb kommt es zu Gerichtsverfahren«, murmelte Annette, als sie sich von Hump entfernten. Randy Fanning und zwei weitere Häftlinge wurden in den Gerichtssaal eskortiert und nahmen in der ersten Reihe Platz. Ihre Handschellen wurden entfernt, und ein Deputy ging neben ihnen in Stellung. Mit ihren ausgeblichenen orangefarbenen Gefängnisoveralls, den unrasierten Gesichtern und zerzausten Haaren und dem gleichen starren Blick sahen sie aus, als wären sie Mitglieder derselben Gang. Barb schlich auf Zehenspitzen herein und reichte Annette eine Akte. »Hier ist die Scheidung.«

Als der Richter Randy Fanning aufrief, schickte Annette eine SMS an Phoebe, die draußen vor dem Gerichtsgebäude in ihrem Auto saß. Randy stand vor dem Richter, Hump links von ihm und Richard rechts, wenn auch etwas weiter entfernt. Hump erläuterte weitschweifig, wie dringend sein Mandant wieder zur Arbeit müsse, wie tief er in Noland County verwurzelt sei, dass er jederzeit zuverlässig vor Gericht erscheinen werde und so weiter. Es sei ein ganz gewöhnlicher Streit zwischen Eheleuten, der auch ohne Beteiligung der Justiz zu lösen sei. Während er dozierte, betrat Phoebe den Saal und schob sich neben Annette auf die Bank. Ihre Hände zitterten, und ihre Augen waren feucht.

Aufseiten der Anklage betonte Richard die Schwere der Anklagepunkte und stellte einen längeren Gefängnisaufenthalt für Fanning in Aussicht. Unsinn, befand Hump. Sein Mann sei unschuldig. Er sei von der »labilen« Gattin attackiert worden. Sie müsse aufpassen, dass nicht am Ende sie hinter Gittern lande, wenn sie hier zu sehr auf die Tube drücke. Es ging hin und her.

Der Richter war ein zurückhaltender alter Herr mit Glatze. »Wenn ich richtig informiert bin, befindet sich das mutmaßliche Opfer hier im Saal. Ist das korrekt, Mrs. Brevard?«, sagte er ruhig und blickte über die Zuschauerreihen.

Annette sprang auf. »Sie ist hier, Euer Ehren.« Sie marschierte durch die Absperrung nach vorn, als gehörte ihr der Saal, Phoebe im Schlepptau. »Wir vertreten Phoebe Fanning, deren Scheidung wir binnen der nächsten zehn Minuten einreichen werden.«

Von ihrem sicheren Platz im Zuschauerraum aus beobachtete Samantha, wie Randy Fanning seine Frau anfunkelte. Richard nutzte die Gelegenheit und sagte: »Euer Ehren, es könnte erhellend sein, sich die offensichtlichen Verletzungen in Mrs. Fannings Gesicht anzusehen. Diese Frau hat heftig Prügel eingesteckt.«

»Ich bin nicht blind«, erwiderte der Richter. »In Ihrem Gesicht kann ich hingegen keine Spuren erkennen, Mr. Fanning. Das Gericht nimmt außerdem zur Kenntnis, dass Sie fast einen Meter fünfundachtzig groß und ziemlich kräftig sind. Ihre Frau ist, sagen wir, etwas zierlicher als Sie. Sind Sie grob zu ihr geworden?«

Ganz offenbar schuldbewusst verlagerte Randy sein beträchtliches Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Wir haben uns gestritten, Euer Ehren. Aber sie hat angefangen«, brachte er heraus.

»Ganz bestimmt. Ich denke, das Beste ist, wenn Sie noch ein bis zwei Tage Gelegenheit bekommen, sich zu beruhigen. Ich schicke Sie zurück in Ihre Zelle, und wir treffen uns am Donnerstag wieder. In der Zwischenzeit können Sie, Mrs. Brevard, sich zusammen mit Ihrer Mandantin um deren dringende Rechtsangelegenheit kümmern. Halten Sie mich auf dem Laufenden.«

Hump sagte: »Aber, Euer Ehren, mein Mandant wird seinen Job verlieren.«

Phoebe platzte heraus: »Der hat keinen Job. Er sägt Holz ein paar Stunden die Woche, und sonst dealt er mit Meth.«

Der Saal schwieg erschrocken, während ihre Worte verhallten. Randy starrte seine Frau mit hasserfülltem Blick an und schien bereit, sofort wieder loszuschlagen. Schließlich sagte der Richter: »Das reicht. Er soll am Donnerstag wieder vorgeführt werden.« Ein Gerichtsdiener nahm Randy am Arm und führte ihn aus dem Saal.

An der Tür warteten zwei Männer, Schlägertypen mit verfilzten Haaren und Tattoos. Sie fixierten Annette, Samantha und Phoebe, während sie vorbeigingen. Draußen im Flur flüsterte Phoebe: »Die Kerle gehören zu Randy, die dealen alle mit Meth. Ich muss weg aus dieser Stadt.«

Kann gut sein, Phoebe, dass ich dir auf dem Fuß folge, dachte Samantha.

Sie gingen ins Büro des Bezirksgerichts und reichten die Scheidungspapiere ein. Annette beantragte einen sofortigen Termin, um eine einstweilige Verfügung gegen Randy zu erwirken. »Frühestens Mittwochnachmittag«, sagte die Sekretärin.

»Nehmen wir«, beschied Annette.

Die beiden Schlägertypen warteten vor dem Haupteingang des Gerichtsgebäudes. Ein dritter, brutal wirkender junger Mann hatte sich dazugesellt. Er baute sich vor Phoebe auf. »Du lässt die Anzeige besser fallen, oder du wirst es bereuen.«

Phoebe wich nicht zurück. Ihr Blick verriet, dass sie den Mann gut kannte und herzlich verachtete. Zu Annette sagte sie: »Das ist Randys Bruder Tony, gerade erst aus dem Gefängnis entlassen.«

»Hast du mich verstanden? Ich sagte, lass die Anzeige fallen«, knurrte Tony etwas lauter.

»Ich habe gerade die Scheidung eingereicht, Tony. Es ist vorbei. Ich will so schnell wie möglich aus der Stadt verschwinden, aber ich werde auf jeden Fall zurück sein, wenn er vor Gericht geht. Ich werde die Anzeige nicht zurücknehmen. Und jetzt geh mir bitte aus dem Weg.«

Einer der Typen hatte Samantha im Blick, der andere Annette. Der kleine Zusammenstoß endete, als Hump und Richard aus dem Gericht kamen und sahen, was los war. »Das reicht«, sagte Richard, und Tony trat zurück.

»Gehen wir, Mädels«, sagte Hump. »Ich begleite euch zurück zum Büro.« Während Hump vor ihr die Main Street entlangwatschelte und über die vielen Prozesse monologisierte, die er mit Annette geführt habe, überlegte Samantha — erschüttert von dem soeben erlebten Vorfall —, ob sie vielleicht doch eine Waffe in ihre Handtasche stecken sollte. Kein Wunder, dass Donovan ein regelrechtes Arsenal in seiner Kanzlei hatte.

Im weiteren Verlauf des Nachmittags kamen zum Glück keine Mandanten mehr. Für einen Tag hatte sie genug Elend gesehen, außerdem musste sie büffeln. Annette hatte ihr einen zerlesenen Ordner mit Seminarunterlagen für frischgebackene Anwälte gegeben, in denen alles Wissenswerte über Scheidungen, häusliche Gewalt, Testamente und Privatinsolvenzen, Mietrecht und Arbeitsrecht, Einwanderung und Sozialleistungen übersichtlich zusammengefasst war. Ein Kapitel über Entschädigungsleistungen aufgrund von Staublunge war später hinzugefügt worden. Das Material war trocken und öde, zumindest in der Theorie. Dass die Realität alles andere als langweilig war, hatte sie schon aus erster Hand erfahren.

Um fünf Uhr rief sie Mr. Joe Duncan an und informierte ihn, dass sie ihm bei seiner Sache mit der Sozialversicherungsbehörde nicht weiterhelfe könne, weil ihre Kanzlei solche Fälle grundsätzlich nicht übernehme. Sie gab ihm die Namen von zwei Anwälten durch und wünschte ihm alles Gute. Er war nicht glücklich über diesen Anruf.

Samantha ging zu Mattie ins Büro, und sie ließen ihren ersten Tag Revue passieren. Bislang sei sie zufrieden, auch wenn sie die kleine Konfrontation auf der Treppe des Gerichts noch verfolge. »Die legen sich nicht mit Anwälten an«, beruhigte Mattie sie. »Schon gar nicht mit Anwältinnen. Ich mache das nun schon seit sechsundzwanzig Jahren und bin noch nie angegriffen worden.«

»Herzlichen Glückwunsch. Wurden Sie schon mal bedroht?«

»Ein paar Mal, aber ich hatte nie richtig Angst. Keine Sorge.«

Auf dem Weg zum Auto machte Samantha sich zwar keine Sorgen, dennoch verspürte sie den Drang, über die Schulter zu blicken. Leichter Nebel fiel, es wurde bereits dunkel. Sie fuhr nach Hause, stellte das Auto in die Garage unterhalb ihres Apartments und stieg die Treppen hinauf.

Annettes Tochter Kim war dreizehn, ihr Sohn Adam zehn. Die beiden waren ganz begeistert von ihrer neuen »Mitbewohnerin« und bestanden darauf, dass sie von nun an mit ihnen zu Abend aß. Doch Samantha hatte nicht die Absicht, allabendlich am Familientisch zu sitzen. Sie war ohnehin daran gewöhnt, allein zu essen, da ihre Arbeitszeiten ebenso wie Blythes etwas anderes nie zugelassen hatten.

Durch ihren stressigen Job hatte Annette nicht viel Zeit zum Kochen, und Putzen schien ihr auch nicht so wichtig zu sein. Das Abendessen bestand aus Käsenudeln, in der Mikrowelle aufgewärmt, dazu aufgeschnittene Tomaten aus dem Garten einer Mandantin. Sie tranken Wasser aus Flaschen, nicht aus der Leitung. Beim Essen löcherten die Kinder Samantha mit Fragen über ihr Leben in Washington, ihre Zeit in New York und warum um alles in der Welt sie nach Brady gekommen war. Die beiden waren intelligent, selbstbewusst und leicht zu begeistern, und sie scheuten sich nicht, persönliche Fragen zu stellen. Außerdem waren sie gut erzogen und vergaßen nie, »Ja, Ma’am« und »Nein, Ma’am« zu sagen. Sie waren der Meinung, sie sei viel zu jung, um mit Miss Kofer angesprochen zu werden, und Adam fand, dass »Samantha« zu lang sei. Schließlich einigte man sich auf Miss Sam, wobei Samantha hoffte, dass das »Miss« bald wegfallen würde. Sie erklärte ihnen, dass sie ihre Babysitterin sein werde.

»Wozu brauchen wir denn eine Babysitterin?«, fragte Kim.

»Damit eure Mutter abends mal weggehen und was unternehmen kann«, sagte Samantha.

Das fanden sie belustigend. »Aber sie geht nie weg«, sagte Adam.

»Stimmt«, meldete sich Annette. »Es gibt nicht viel, was man in Brady unternehmen könnte. Ehrlich gesagt, gibt es überhaupt nichts, außer man will dreimal die Woche abends zur Kirche gehen.«

»Und Sie gehen nicht zur Kirche?«, erkundigte sich Samantha. In der kurzen Zeit, die sie bislang in den Appalachen verbracht hatte, war sie zu der Überzeugung gelangt, dass sich hier je fünf Familien eine eigene kleine Kapelle mit einem schiefen weißen Turm teilten. Es schien unzählige Gemeinden zu geben, die alle an die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift glaubten, sonst aber wenig gemeinsam hatten.

»Hin und wieder sonntags«, sagte Kim.

Nach dem Essen räumten Kim und Adam pflichtbewusst den Tisch ab und stapelten das Geschirr in der Spüle. Eine Spülmaschine gab es nicht. Sie wollten lieber mit Miss Sam fernsehen, als Hausaufgaben machen, doch Annette scheuchte die beiden auf ihre Zimmer. Weil sie das Gefühl bekam, dass ihrem Gast langweilig wurde, schlug sie vor: »Wie wär’s, wenn ich uns einen Tee mache, und wir quatschen ein bisschen?«

Samantha war einverstanden, etwas Besseres hatte sie ohnehin nicht zu tun. Annette hob einen Berg Schmutzwäsche vom Boden auf und stopfte ihn in die Waschmaschine neben dem Kühlschrank. Dann gab sie Waschmittel dazu und drehte einen Regler. »Der Lärm wird übertönen, was wir reden«, erklärte sie und nahm Teebeutel aus einem Schrank. »Koffeinfrei?«

»Ja, gern.« Samantha trat ins Wohnzimmer, das vollgestopft war mit durchhängenden Bücherregalen, Zeitschriftenstapeln und Polstermöbeln, die monatelang nicht abgestaubt worden waren. In einer Ecke stand ein Flachbildschirmfernseher (in ihrem Apartment über der Garage gab es keinen Fernseher), in einer anderen hatte Annette einen kleinen Schreibtisch mit Computer und einem Stapel Akten. Sie brachte zwei dampfende Tassen Tee mit und reichte Samantha eine davon. »Setzen wir uns aufs Sofa und reden über Weiberkram.«

»Okay, woran hatten Sie gedacht?«

»Erstens: Sex«, sagte Annette, während sie es sich bequem machten. »Wie oft gehen Sie in New York mit einem Kerl ins Bett?«

Samantha lachte über ihre Unverblümtheit, zögerte dann aber, als könnte sie sich nicht recht erinnern. »Es ist alles nicht so wild. Ich meine, wenn man es nicht darauf anlegt. Die Leute in meinem Umfeld arbeiten viel zu viel, um über die Stränge zu schlagen. Ausgehen bedeutet für mich ein nettes Abendessen und ein paar Drinks. Danach bin ich so müde, dass ich zu nichts mehr in der Lage bin, außer zu schlafen. Allein, meine ich.«

»Kaum zu glauben, bei all den gut verdienenden jungen Leuten, die da auf der Suche sind. Ich habe Sex and the City gesehen, mehrmals. Allein, natürlich, nachdem die Kinder im Bett waren.«

»Ich nicht. Ich habe davon gehört, aber ich war ja meist im Büro. In den letzten drei Jahren hatte ich einen Freund. Henry, ein arbeitsloser Schauspieler, echt süß und gut im Bett, aber er hatte irgendwann genug von meinen Arbeitszeiten und meiner ständigen Erschöpfung. Klar, man lernt jede Menge Typen kennen, aber die sind meist genauso ehrgeizig wie man selbst und halten Frauen für Wegwerfartikel. Es sind viele arrogante Schnösel darunter, die nur über Geld reden und damit protzen, was sie sich alles leisten können.«

»Ich bin entsetzt.«

»Nicht doch. Es ist wirklich nicht so glamourös, wie Sie denken.«

»Also kein Sex?«

»Doch, natürlich, hier und da eine Bekanntschaft, aber nichts, was mir dauerhaft in Erinnerung bleiben wird.« Samantha trank von ihrem Tee und beschloss, das Gespräch zu drehen. »Was ist mit Ihnen? Ist denn in Brady was zu holen?«

Jetzt musste Annette lachen. Sie hielt inne und nahm einen Schluck. »Hier ist nicht viel los«, sagte sie mit resignierter Miene. »Aber ich habe mich dafür entschieden, hier zu leben, und das war richtig so.«

»Sie meinen die Entscheidung hierherzuziehen?«

»Ja, ich habe vor zehn Jahren beschlossen, komplett auszusteigen. Meine Scheidung war ein Albtraum, und ich wollte möglichst weit weg von meinem Ex. Mitsamt meinen Kindern. Er hat fast keinen Kontakt mehr zu ihnen. Inzwischen bin ich fünfundvierzig, einigermaßen attraktiv, halbwegs gut in Form, anders als zum Beispiel …«

»Schon verstanden.«

»Sagen wir einfach, die Konkurrenz in Noland County ist nicht sonderlich groß. Es gab ein paar ganz nette Männer, aber es war keiner dabei, mit dem ich zusammenleben wollte. Einer war zwanzig Jahre älter als ich, das hätte ich meinen Kindern nicht antun können. In den ersten paar Jahren hatte ich das Gefühl, die Hälfte aller Frauen hier in Brady versucht, mich mit einem ihrer Cousins zu verkuppeln. Irgendwann wurde mir klar, dass sie mich nur unter die Haube bringen wollen, damit sie sich keine Sorgen um ihre Ehemänner machen müssen. Doch verheiratete Männer reizen mich sowieso nicht. Viel zu viel Stress, das ist hier nicht anders als in der Großstadt.«

»Warum sind Sie hier geblieben?«

»Berechtigte Frage. Ich weiß auch nicht, ob ich noch lange bleiben werde. Es ist ein guter Ort, um Kinder großzuziehen, wobei die Umweltverschmutzung allerdings besorgniserregend sind. In Brady selbst geht es noch, doch nicht weit von hier, in den Siedlungen und Tälern, sind die Kinder ständig krank durch das verseuchte Wasser und den Kohlenstaub. Um Ihre Frage zu beantworten: Ich bin geblieben, weil ich meine Arbeit liebe. Ich mag die Menschen, die meine Hilfe brauchen. Ich kann für sie etwas bewirken. Sie haben sie heute kennengelernt. Sie haben die Angst und Hoffnungslosigkeit in ihren Gesichtern gesehen. Diese Menschen brauchen mich. Wenn ich weggehe, kommt vielleicht jemand, der mich ersetzt — aber eben nur vielleicht.«

»Wie schalten Sie ab, wenn Sie nach Feierabend heimgehen?«

»Das klappt nicht immer. Die Probleme dieser Menschen sind sehr persönlich. Es kommt oft vor, dass ich nicht schlafen kann.«

»Das beruhigt mich. Mir geht Phoebe Fanning mit ihrem verschwollenen Gesicht nicht aus dem Kopf, die ihre Kinder bei einer Verwandten versteckt und einen brutalen Kerl als Mann hat, der sie wahrscheinlich umbringt, sobald er auf freien Fuß kommt.«

Annette schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln. »Ich habe schon viele Frauen wie sie gesehen, und die haben alle überlebt. Sie wird irgendwo eine neue Bleibe finden — dabei werden wir ihr helfen — und sich von ihm scheiden lassen. Vergessen Sie nicht, Samantha, er sitzt gerade im Gefängnis und erfährt am eigenen Leib, wie das Leben hinter Gittern ist. Wenn er Mist baut, könnte er den Rest seiner Tage dort verbringen.«

»Ich habe nicht den Eindruck, dass logisches Denken zu seinen Stärken gehört.«

»Da haben Sie recht. Er ist ein Schwachkopf und drogensüchtig obendrein. Ich will Phoebes Situation nicht beschönigen, aber ich denke, alles wird gut für sie ausgehen.«

Samantha atmete aus und stellte ihre Tasse auf den Wohnzimmertisch. »Sie müssen mir verzeihen, aber das ist alles so neu für mich.«

»Mit echten Menschen zu arbeiten?«

»Ja, mich mit ihren Problemen zu beschäftigen und dafür zuständig zu sein, sie zu lösen. Mein letzter Mandant in New York war ein zwielichtiger Milliardär, der mitten in Greenwich Village einen riesigen, supermodernen Büroturm bauen wollte. Der Entwurf war das Hässlichste, was ich je gesehen habe, total protzig. Er hat drei oder vier Architekten verschlissen, und das Ding wurde immer höher und hässlicher. Die Stadt wollte das Gebäude auf keinen Fall, also hat er sie verklagt und sich bei den Politikern eingeschleimt. Viele Bauunternehmer in Manhattan tun das. Ich habe ihn nur einmal kurz gesehen, als er zu uns ins Büro kam, um meine Kollegin zur Schnecke zu machen. Ein echter Widerling. Doch er war unser Mandant, mein Mandant. Ich hasste den Kerl. Ich wollte, dass er verliert.«

»Klar, kann man verstehen.«

»Er hat dann auch verloren, und insgeheim haben wir uns alle gefreut. Stellen Sie sich das vor, wir haben unzählige Stunden Arbeit investiert, dem Typ dafür ein Vermögen abgenommen und wollten am liebsten jubeln, als sein Projekt abgelehnt wurde. Sollte so das Verhältnis zu einem Mandanten aussehen?«

»Ich hätte auch gejubelt.«

»Jetzt sorge ich mich um Lady Purvis, deren Mann im Schuldturm sitzt, und mache mir Gedanken, ob Phoebe rechtzeitig aus der Stadt verschwinden kann, bevor ihr Mann auf Kaution freikommt.«

»Willkommen in unserer Welt, Samantha. Und morgen geht es genauso weiter.«

»Ich bin nicht sicher, ob ich dafür geschaffen bin.«

»O doch. Man muss tough sein in diesem Geschäft. Und Sie sind viel tougher, als Sie denken.«

Adam tauchte auf, der seine Hausaufgaben erstaunlich rasch beendet hatte, und wollte Miss Sam zu einer Runde Gin Rummy auffordern. »Er hält sich für ein Kartengenie«, sagte Annette. »Und er schummelt.«

»Ich habe noch nie Gin Rummy gespielt«, gab Miss Sam zu.

Adam mischte bereits die Karten wie ein Croupier in Las Vegas.

10

Mattie begann ihren Arbeitstag meist pünktlich um acht Uhr, wenn sie mit Donovan bei geschlossener Bürotür einen Kaffee trank und den neuesten Tratsch austauschte. Im Grunde war es nicht nötig, die Tür zu schließen, weil außer ihnen niemand da war, bis um 8.30 Uhr Annette ihren Platz einnahm, nachdem sie die Kinder zur Schule gefahren hatte. Doch Mattie schätzte und schützte die Intimität mit ihrem Neffen.

Büroregeln und Abläufe schienen eher lässig gehandhabt zu werden; Samantha sollte »so gegen neun« mit der Arbeit beginnen und Feierabend machen, wenn sich im Laufe des Nachmittags eine Unterbrechung anbot. Zuerst hatte sie befürchtet, es könnte ihr schwerfallen, sich von hundert Arbeitsstunden die Woche auf vierzig umzustellen, aber das war nicht so. Sie hatte seit Jahren nicht mehr bis um sieben Uhr geschlafen und fand es ziemlich erfrischend. Um acht Uhr allerdings hätte sie die Wände hochgehen können und wollte am liebsten sofort loslegen. Am Dienstag schlich sie sich durch die Vordertür vorbei an Matties Büro, wo sie gedämpfte Stimmen hörte, und sah in der Küche nach, ob schon Kaffee aufgesetzt war. Sie hatte gerade hinter dem Schreibtisch in ihrer Bürokemenate Platz genommen, als Donovan unvermittelt erschien. »Willkommen in Brady.«

»Oh, hallo«, erwiderte sie.

Er sah sich um. »Ich schätze, Ihr Büro in New York war viel größer.«

»Eigentlich nicht. Die haben uns Neulinge an diesen Viererschreibtischen zusammengepfercht, an denen man so eng sitzt, dass man sich locker bei den Händen nehmen könnte, wenn man wollte. Das spart Miete, auf diese Weise können die Partner ihre Preise halten.«

»Klingt, als würde Ihnen das richtig fehlen.«

»Ich glaube, ich bin noch ein bisschen benommen.« Sie deutete auf die einzige andere Sitzgelegenheit im Raum. »Setzen Sie sich doch.«

Donovan sank lässig auf den kleinen Stuhl. »Mattie hat mir erzählt, Sie haben es gleich am ersten Tag ins Gericht geschafft.«

»Stimmt. Was hat sie Ihnen noch erzählt?« Samantha fragte sich, ob die beiden von nun an jeden Morgen beim Kaffee die Leistung der Praktikantin bewerteten.

»Nichts. Nur was Kleinstadtanwälte so untereinander tratschen. Randy Fanning war wohl früher einmal ganz in Ordnung, bis er mit Meth in Berührung kam. Er wird entweder im Knast landen oder verfrüht das Zeitliche segnen, wie viele hier.«

»Kann ich eine Ihrer Waffen ausleihen?«

Er lachte. »Sie werden keine brauchen. Die Meth-Dealer sind nicht annähernd so mies wie die Kohleunternehmen. Wenn Sie anfangen, die zu verklagen, werde ich Ihnen eine Waffe besorgen. Es ist noch ein bisschen zu früh, ich weiß, aber haben Sie schon überlegt, was Sie zu Mittag essen?«

»Ich habe noch nicht einmal über Frühstück nachgedacht.«

»Dann lade ich Sie in der Mittagspause zum Arbeitsessen in meine Kanzlei ein. Sandwich mit Hähnchensalat?«

»Wie könnte ich da Nein sagen?«

»Passt Ihnen zwölf Uhr?«

Sie tat, als würde sie ihren Kalender prüfen. »Ihr Glückstag«, sagte sie. »Da habe ich zufällig einen Termin frei.«

Er sprang auf die Füße. »Bis dann.«

In der Hoffnung, nicht gestört zu werden, las sie sich eine Zeit lang in ihr neues Tätigkeitsgebiet ein. Durch die dünnen Wände hörte sie, wie Annette mit Mattie einen Fall besprach. Hin und wieder klingelte das Telefon, und jedes Mal hielt Samantha den Atem an und hoffte, dass Barb den Anrufer an ein anderes Büro vermittelte, an eine der Anwältinnen, die wussten, was zu tun wäre.

Ihr Glück währte bis kurz vor zehn Uhr, als Barb den Kopf durch den Türspalt steckte. »Ich bin für eine Stunde weg. Sie übernehmen so lange den Empfang.« Ehe Samantha fragen konnte, was das genau bedeutete, war sie verschwunden.

Wie sie alsbald herausfand, bedeutete es, schutzlos und auf sich gestellt hinter Barbs Schreibtisch am Eingang Platz zu nehmen, wo höchstwahrscheinlich bald irgendeine verletzliche und höchstwahrscheinlich arme Seele auftauchen würde, die nicht genug Geld hatte, um sich einen richtigen Anwalt zu nehmen. Es bedeutete, Anrufe anzunehmen und an Mattie oder Annette weiterzuleiten oder den Anrufer zu vertrösten. Jemand fragte nach Annette, die aber mit einem Mandanten zusammensaß. Ein anderer Anrufer wollte Mattie sprechen, die jedoch bei Gericht war. Wieder jemand brauchte Rat, weil er bei der Sozialversicherungsbehörde einen Antrag auf Feststellung seines Behindertenstatus stellen wollte, und Samantha verwies ihn gern an eine kostenpflichtige Kanzlei. Irgendwann ging die Eingangstür auf, und eine gewisse Mrs. Francine Crump trat ein. Ihr rechtliches Anliegen würde Samantha mehrere Monate lang beschäftigen.

Mrs. Crump wollte nichts weiter als ein Testament, »das nichts kostet«. Testamente sind unkompliziert und können normalerweise auch ohne große juristische Erfahrung aufgesetzt werden. Tatsächlich ist es so, dass sich Berufsanfänger geradezu auf Testamente stürzen, weil man dabei praktisch nichts falsch machen kann. Mit neuem Selbstbewusstsein führte Samantha die alte Dame in ein kleines Besprechungszimmer und ließ die Tür angelehnt, sodass sie den Empfang im Auge behalten konnte.

Mrs. Crump war achtzig Jahre alt und sah auch so aus. Ihr Mann sei vor langer Zeit gestorben, berichtete sie, und ihre fünf Kinder lebten überall im Land verstreut, keines davon in ihrer Nähe. Sie hätten sie vergessen, es komme selten vor, dass sie sie besuchten oder anriefen. Sie wolle ein Testament, das sie komplett leer ausgehen lasse. »Die sollen nichts bekommen«, erklärte sie erstaunlich verbittert. Nach ihrem Äußeren zu urteilen und angesichts der Tatsache, dass sie einen kostenlosen Dienst in Anspruch nahm, vermutete Samantha, dass ohnehin nicht viel an Vermögen zu holen war. Mrs. Crump wohnte in Eufaula, einer kleinen Gemeinde »tief im Jacob’s Holler«. Samantha notierte es, als wüsste sie genau, wo das war. Es gebe weder Schulden noch echtes Vermögen, nur ein altes Haus und dreißig Hektar Land, das sich seit Urzeiten im Besitz ihrer Familie befinde.

»Wissen Sie ungefähr, was das Land wert ist?«, erkundigte sich Samantha.

Mrs. Crump knirschte mit ihrer Zahnprothese. »Viel mehr, als alle denken. Wissen Sie, letztes Jahr kam wieder mal ein Kohleunternehmen und wollte mir das Land abkaufen. Das versuchen die schon seit geraumer Zeit, aber ich habe sie auch diesmal weggeschickt. Ich verkaufe nicht an Kohleunternehmen, auf keinen Fall, Ma’am. Die sprengen nicht weit von mir, machen den Cat Mountain platt, es ist ein Jammer. Ich kann kein Kohleunternehmen gebrauchen.«

»Wie viel haben sie Ihnen geboten?«

»Viel, aber das habe ich meinen Kindern nicht erzählt. Und ich werde es ihnen auch nicht erzählen. Mit meiner Gesundheit steht es nicht zum Besten, wissen Sie, ich werde bald nicht mehr sein. Wenn meine Kinder das Land erben, werden sie es an ein Kohleunternehmen verkaufen, noch ehe ich unter der Erde bin. Ich weiß doch, wie sie sind.« Sie griff in ihre Handtasche und zog ein paar gefaltete Blätter heraus. »Hier ist ein Testament, das ich vor fünf Jahren gemacht habe. Meine Kinder haben mich zu einem Anwalt gebracht, hier in der Straße, und ich musste das unterschreiben.«

Langsam faltete Samantha die Blätter auf und las den Letzten Willen von Francine Cooper Crump. Im dritten Abschnitt wurde alles zu gleichen Teilen ihren Kindern überschrieben. Samantha machte ein paar sinnlose Notizen. »Okay, Mrs. Crump, wegen der Erbschaftssteuer muss ich wissen, was für einen Richtwert das Grundstück hat.«

»Einen was?«

»Wie viel hat das Unternehmen Ihnen geboten?«

Sie machte ein Gesicht, als wäre sie beleidigt worden, dann beugte sie sich vor und sagte im Flüsterton: »Zweihunderttausend plus ein paar Zerquetschte, aber es ist mindestens doppelt so viel wert. Vielleicht sogar dreimal so viel. Einem Kohleunternehmen kann man nicht trauen. Erst wollen sie nichts zahlen, und hinterher finden sie Wege, wie sie einem das Wenige wieder abnehmen können.«

Auf einmal war die Sache gar nicht mehr so unkompliziert. Samantha tastete sich behutsam vor. »Schön. Wer soll denn die dreißig Hektar bekommen?«

»Ich will alles meiner Nachbarin Jolene vermachen. Sie wohnt auf der anderen Seite vom Fluss auf ihrem eigenen Land, und sie verkauft auch nicht. Ich vertraue ihr, und sie hat schon versprochen, dass sie auf mein Land aufpassen wird.«

»Sie haben mit ihr darüber gesprochen?«

»Wir reden die ganze Zeit darüber. Sie und ihr Mann Hank wollen auch ein neues Testament machen und mich einsetzen, für den Fall, dass sie zuerst gehen müssen. Aber die beiden sind gesundheitlich in einer viel besseren Verfassung als ich. Ich denke, ich sterbe zuerst.«

»Und was, wenn die beiden zuerst sterben?«

»Kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe einen hohen Blutdruck, ein schwaches Herz und entzündete Schleimbeutel.«

»Okay, aber was, wenn die beiden doch zuerst sterben und Sie das Land erben? Wer soll dann die beiden Grundstücke bekommen?«

»Jedenfalls nicht meine Kinder und auch nicht deren Kinder. Gott behüte. Man sollte denken, meine wären schon schlimm genug.«

»Ich verstehe, aber jemand muss doch das Land bekommen. An wen haben Sie gedacht?«

»Deswegen bin ich ja hier. Ich wollte mit einem Anwalt bereden, was ich tun soll.«

Nachdem es jetzt um Vermögenswerte ging, waren auf einmal mehrere Szenarien denkbar. Das neue Testament würde mit Sicherheit von den fünf Kindern angefochten werden. Von dem abgesehen, was sie gerade in ihren Seminarunterlagen gelesen hatte, wusste Samantha nichts über Testamentsanfechtung. Sie erinnerte sich vage, dass sie an der Uni ein oder zwei solcher Fälle durchgenommen hatte, doch das schien Jahrhunderte her zu sein. Sie konnte die alte Dame eine halbe Stunde lang hinhalten, indem sie nebensächliche Fragen stellte und ausführlich Notizen machte, und sie schließlich überreden, in ein paar Tagen wiederzukommen, wenn die Kanzlei ihren Fall besprochen habe. Da erschien Barb wieder, die die neue Mandantin gewandt zur Tür hinauskomplimentierte.

»Was war das denn?«, fragte Barb, als Mrs. Crump gegangen war.

»Kann ich auch nicht genau sagen. Ich bin in meinem Büro.«

Donovans Kanzlei sah viel besser aus als Matties Law Clinic: Ledersessel, dicke Teppiche auf edel bearbeitetem Holzboden, im Foyer hing ein schicker Lüster von der Decke. Samanthas erster Gedanke war, aha, es gibt also doch jemanden in Brady, der tatsächlich ein bisschen Geld verdient. Dawn, die Sekretärin am Empfang, begrüßte sie höflich und sagte, der Chef warte oben, und sie gehe jetzt in die Mittagspause. Auf der Wendeltreppe hörte Samantha, wie die Eingangstür zufiel und verriegelt wurde. Nichts deutete darauf hin, dass noch jemand im Gebäude war.

Donovan saß hinter einem großen Holzschreibtisch, der sehr alt zu sein schien, und telefonierte. Er winkte sie herein und deutete auf einen ausladenden Sessel. »Ich muss auflegen«, sagte er und pfefferte den Apparat auf die Tischplatte. »Willkommen in meinem Reich«, sagte er zu Samantha. »Hier werden die Raketen gezündet.«

»Hübsch«, erwiderte sie und sah sich um. Es war ein großer Raum, der sich zum Balkon hin öffnete. Die Wände waren von geschmackvollen Regalen verdeckt, die ein eindrucksvolles Sortiment an juristischen Abhandlungen und voluminösen Standardwerken enthielten. In einer Ecke stand ein Waffenständer mit mindestens acht Schusswaffen. Samantha konnte ein Jagdgewehr nicht von einer Schrotflinte unterscheiden, doch das Arsenal sah gepflegt und einsatzbereit aus.

»Waffen überall«, kommentierte sie.

»Ich jage gern, schon immer. Wenn man hier aufwächst, ist das ganz normal. Ich habe mein erstes Reh erlegt, da war ich sechs. Mit Pfeil und Bogen.«

»Herzlichen Glückwunsch. Warum möchten Sie mit mir zu Mittag essen?«

»Sie haben es mir versprochen, schon vergessen? Letzte Woche, nachdem Sie verhaftet worden waren und ich Sie vor dem Gefängnis bewahrt habe.«

»Da hatten wir den Diner hier in der Straße im Blick.«

»Ich dachte, hier sind wir ungestört. Außerdem meide ich nach Möglichkeit die Lokale in der Stadt. Es gibt, wie gesagt, jede Menge Leute hier, die mich nicht leiden können. Manchmal kommt es da zu unschönen Szenen, wenn sie in aller Öffentlichkeit auf mich losgehen. Das kann das schönste Mittagessen ruinieren.«

»Ich sehe kein Essen.«

»Es ist in meiner Einsatzzentrale. Kommen Sie.« Er erhob sich schwungvoll, und sie folgte ihm durch einen kleinen Flur in einen langen, fensterlosen Raum mit einem Tisch, auf dem neben Bergen von Unterlagen zwei Plastikbehälter von einem Take-away-Imbiss und zwei Wasserflaschen standen. »Es ist angerichtet«, sagte er mit einer einladenden Geste.

Samantha trat auf eine Seitenwand zu und betrachtete ein riesiges, wandfüllendes Foto, das eine entsetzliche Tragödie zeigte. Ein massiver Felsbrocken von der Größe eines Kleinwagens war mitten durch ein Mobilheim gerauscht und hatte es in zwei Teile zerfetzt. »Was ist das?«, fragte sie.

Donovan trat neben sie. »Tja, zunächst einmal ist es ein Gerichtsverfahren. Ungefähr eine Million Jahre lang war dieser Felsbrocken ein Teil des Enid Mountain, rund fünfundsechzig Kilometer von hier, oben in Hopper County. Vor ein paar Jahren haben sie dort oben mit Tagebau begonnen. Die Bergkuppe wurde weggesprengt und die Kohle herausgeschürft. Am 14. März letzten Jahres verkippte in aller Frühe ein Bulldozer auf Geheiß der Gauner von Strayhorn Coal ohne Genehmigung Gestein ins Tal, darunter auch diesen Brocken, der auf seinem Weg das steile Flussbett hinunter immer mehr Fahrt aufnahm.« Er deutete auf eine große Landkarte neben dem Foto. »Fast zwei Kilometer entfernt von der Stelle, wo er die Schaufel des Bulldozers verlassen hatte, krachte er in den Trailer. Im Schlafzimmer lagen zwei Brüder, Eddie und Brandon Tate, elf und acht Jahre alt, und schliefen tief und fest, wie Sie sich denken können. Ihr Vater saß zu der Zeit im Gefängnis, weil er beim Kochen von Meth erwischt worden war. Die Mutter war zur Arbeit in einem Supermarkt. Die Jungen wurden zerquetscht und waren sofort tot.«

Samantha starrte fassungslos auf das Bild. »Das ist ja grauenhaft!«

»Allerdings. In einer Tagebauregion zu wohnen wird nie langweilig. Die Erde bebt, Fundamente reißen. Kohlenstaub erfüllt die Luft und pudert alles ein. Brunnenwasser färbt sich orange. Gesteinsbrocken fliegen umher. Vor zwei Jahren hatte ich einen Fall in West Virginia: Mr. und Mrs. Herzog sitzen an einem warmen Samstagnachmittag im Garten an ihrem Swimmingpool, da donnert aus dem Nichts ein Felsbrocken von einer Tonne Gewicht heran und kracht mitten ins Becken. Die beiden sind patschnass, die Poolwanne ist gerissen. Wir haben das Unternehmen verklagt, aber nur ein paar mickrige Dollar herausgeschlagen.«

»Haben Sie auch Strayhorn Coal verklagt?«

»O ja. Nächsten Montag beginnt der Prozess am Bezirksgericht in Colton.«

»Ist denn kein außergerichtlicher Vergleich mit dem Unternehmen möglich?«

»Strayhorn Coal wurde von unseren furchtlosen Inspektoren mit einer Strafe von zwanzigtausend Dollar belegt, die sie empfindlich getroffen haben muss, denn man hat sofort Einspruch eingelegt. Nein, ein Vergleich ist nicht möglich. Sie haben zusammen mit ihrer Versicherungsgesellschaft hunderttausend Dollar geboten.«

»Hunderttausend Dollar für den Tod von zwei Kindern?«

»Tote Kinder sind nicht viel wert, schon gar nicht in den Appalachen. Sie haben keinen wirtschaftlichen Nutzen, weil sie nicht erwerbstätig sind. Doch der Prozess kann zum Präzedenzfall für Strafschadenersatz werden, denn Strayhorn Coal hat einen Kapitalwert von einer halben Milliarde Dollar. Ich werde ein oder zwei Millionen verlangen. Allerdings haben die klugen Leute, die die Gesetze hier im Commonwealth machen, vor Jahren beschlossen, Schadenersatzleistungen zu deckeln.«

»Ich glaube, das kam in meiner Zulassungsprüfung vor.«

»Der Deckel liegt bei dreihundertfünfzigtausend Dollar, ganz gleich, was der Beklagte verbrochen hat. Das war ein Geschenk unserer Generalversammlung an die Versicherungsindustrie, genau wie alle anderen Kostendeckelungen.«

»Sie klingen wie mein Vater.«

»Wollen Sie nun essen oder die ganze Mittagspause hier stehen?«

»Ich habe keinen richtigen Hunger.«

»Ich schon.« Sie setzten sich an den Tisch und packten ihre Sandwiches aus.

Samantha nahm widerwillig einen kleinen Bissen. »Haben Sie denn versucht, einen Vergleich auszuhandeln?«

»Ich habe eine Million gefordert, sie haben mir hunderttausend geboten. Damit sind wir dimensionenweit voneinander entfernt. Sie, das heißt das Unternehmen und die Anwälte der Versicherung, bauen auf die Tatsache, dass die Familie alles andere als eine Vorzeigefamilie war. Außerdem bauen sie darauf, dass viele Geschworene in dieser Gegend entweder Angst vor den Kohlekonzernen haben oder sie insgeheim unterstützen. Wenn man in den Appalachen gegen ein Kohleunternehmen klagt, kann man sich nicht darauf verlassen, eine unvoreingenommene Jury zu bekommen. Selbst die, die das Geschäft verabscheuen, halten sich oft zurück. Jeder hat einen Verwandten oder Freund, der dort arbeitet. Das sorgt vor Gericht immer für Spannung.«

Samantha nahm noch einen kleinen Bissen und sah sich im Raum um. Die Wände waren überzogen von großen Farbfotos und Karten, die zum Teil bereits als Beweisstücke gekennzeichnet waren oder noch auf ihren Einsatz bei Gericht warteten. »Die Kanzlei meines Vaters hat früher auch einmal so ausgesehen.«

»Marshall Kofer. Ich habe über ihn gelesen. Er war eine echte Größe, wenn es um Schadenersatzprozesse ging.«

»Allerdings. Als Kind musste ich ihn in seiner Kanzlei besuchen, wenn ich ihn sehen wollte, vorausgesetzt, er war überhaupt im Lande. Er hat ununterbrochen gearbeitet. Seine Kanzlei war riesig. Wenn er nicht gerade auf der Jagd nach der neuesten Flugzeugkatastrophe um die Welt gejettet ist, saß er in seinem Büro und bereitete Prozesse vor. Sie hatten dort einen großen, vollgestopften Raum … Jetzt fällt es mir wieder ein, der wurde auch Einsatzzentrale genannt.«

»Ich habe den Ausdruck nicht erfunden. Die meisten Prozessanwälte haben so einen in ihrer Kanzlei.«

»Die Wände waren auch voll mit großen Fotos und Diagrammen und allen möglichen Beweisstücken. Sehr beeindruckend, selbst für mich damals als Kind. Ich spüre immer noch die Anspannung und Nervosität, die im Raum lag, wenn er und seine Leute auf einen Prozess zuarbeiteten. Es ging immer um große Flugzeugtragödien mit vielen Toten und vielen Anwälten. Später hat er mir einmal erzählt, dass die meisten seiner Fälle bereits kurz vor Prozessbeginn geregelt waren. Die Haftungsfrage war selten ein Problem. Wenn ein Flugzeug abstürzt, sind nicht die Passagiere schuld. Die Fluggesellschaften sind gut versichert und haben genug finanzielle Mittel. Die sorgen sich um ihren Ruf, also zahlen sie bereitwillig, und zwar astronomische Summen.«

»Haben Sie nie daran gedacht, für ihn zu arbeiten?«

»Nein, nie. Er ist unmöglich, zumindest war er das damals. Total übersteigertes Ego, ein Workaholic, kurz gesagt: ein echtes Arschloch. Ich wollte mit dem Ganzen nichts zu tun haben.«

»Und dann ist er selbst abgestürzt.«

»Kann man wohl sagen.« Sie stand auf und ging zu einem anderen Foto, das ein Autowrack zeigte. Rettungsleute versuchten, jemanden zu befreien, der im Innern gefangen war.

Donovan blieb sitzen und kaute auf einem Kartoffelchip. »Den Prozess habe ich vor drei Jahren in Martin County, West Virginia, geführt. Und verloren.«

»Was ist passiert?«

»Ein Kohlelaster kam den Berg herunter, völlig überladen und mit überhöhter Geschwindigkeit. Er geriet über die Mittellinie und überfuhr den kleinen Honda. Am Steuer saß Gretchen Bane, sechzehn, meine Mandantin. Sie starb noch am Unfallort. Wenn Sie genau hinschauen, können Sie ihren linken Fuß sehen, der unten aus der Tür ragt.«

»So was hatte ich befürchtet. Haben die Geschworenen das auch gesehen?«

»O ja. Die haben alles gesehen. Fünf Tage lang habe ich das alles vor der Jury ausgebreitet, aber es hat nichts genützt.«

»Wie kam es, dass Sie verloren haben?«

»Ich verliere etwa die Hälfte meiner Fälle. In diesem Fall lag es am Fahrer des Trucks, der in den Zeugenstand trat, schwor, die Wahrheit zu sagen, und dann drei Stunden lang log, dass sich die Balken bogen. Er sagte, Gretchen habe die Mittellinie überfahren und den Unfall verursacht, und es sollte so klingen, als hätte sie in Selbstmordabsicht gehandelt. Die Kohleunternehmen sind clever, die schicken nie nur einen Lkw. Die fahren immer zu zweit, damit es im Notfall einen Zeugen gibt. Die Trucks sind beladen mit Hunderten von Tonnen Kohle und rasen über alte Brücken mit einer Maximalbelastung von zwanzig Tonnen, die immer noch von Schulbussen benutzt werden. Verkehrsregeln werden grundsätzlich missachtet. Wenn es zu Unfällen kommt, geht es meist übel aus. In West Virginia kommt pro Woche ein Autofahrer unverschuldet ums Leben. Der Fahrer schwört, er hat nichts falsch gemacht, sein Kumpel deckt ihn, es gibt keine weiteren Zeugen, und schon entscheidet die Jury zugunsten des Konzerns.«

»Könnten Sie nicht in Berufung gehen?«

Donovan lachte, als hätte sie einen gelungenen Scherz gemacht, und trank einen Schluck Wasser. »Sicher, das Recht haben wir immerhin noch. Doch in West Virginia werden die Richter gewählt, was eine Ungeheuerlichkeit ist. In Virginia gibt es auch ein paar richtig üble Gesetze, aber immerhin wählen wir unsere Richter nicht. Anders dort drüben. Der Oberste Gerichtshof von West Virginia hat fünf Mitglieder, die für vier Jahre gewählt werden und dann erneut antreten. Raten Sie mal, wer die Wahlkampagnen finanziert.«

»Die Kohleunternehmen.«

»Volltreffer. Die manipulieren die Politiker, die Inspektoren, die Richter, und oft kontrollieren sie auch die Geschworenen. Die Voraussetzungen sind also nicht eben ideal für uns.«

»So viel zum Thema fairer Prozess«, sagte sie, ohne den Blick von den Fotos zu nehmen.

»Hin und wieder gewinnen wir. In Gretchens Fall gab es eine unverhoffte Wendung. Einen Monat nach dem Prozess fuhr derselbe Fahrer wieder einen Pkw an. Diesmal kam zum Glück niemand ums Leben, es gab nur ein paar Knochenbrüche. Der Deputy vor Ort wurde misstrauisch und nahm den Fahrer mit, um ihn zu verhören. Der Mann benahm sich verdächtig und gab schließlich zu, dass er fünfzehn Stunden lang ununterbrochen am Steuer gesessen habe. Um fit zu bleiben, habe er Red Bull mit Wodka getrunken und Crystal Meth geschnupft. Der Deputy stellte ein Aufnahmegerät an und fragte ihn über den Unfall mit Gretchen Bane aus. Er gab zu, dass sein Arbeitgeber ihn mit Drohungen gezwungen habe, vor Gericht zu lügen. Ich bekam eine Kopie des Protokolls und habe daraufhin jede Menge Anträge eingereicht. Das Gericht hat schließlich ein neues Verfahren in Aussicht gestellt, auf das wir immer noch warten. Irgendwann werde ich sie drankriegen.«

»Was wurde aus dem Fahrer?«

»Er hat am Ende alles ausgeplaudert und kein gutes Haar mehr an Eastpoint Mining, seinem Arbeitgeber, gelassen. Daraufhin schlitzte ihm jemand die Reifen auf und gab zwei Schüsse durch sein Küchenfenster ab. Inzwischen ist er in einem anderen Bundesstaat untergetaucht. Ich gebe ihm Geld, damit er etwas hat, wovon er leben kann.«

»Ist das legal?«

»Hier im Kohlenrevier stellt sich diese Frage nicht. Meine Welt ist nicht schwarz-weiß. Der Gegner bricht jedes Gesetz, und damit ist es von vornherein kein fairer Kampf. Wer sich an die Regeln hält, verliert, selbst wenn er auf der richtigen Seite steht.«

Samantha kam zum Tisch zurück und knabberte an einem Chip. »Ich wusste, es war klug von mir, mich von Gerichten fernzuhalten.«

»Das höre ich gar nicht gern«, sagte er lächelnd und verfolgte jede ihrer Bewegungen mit seinen dunklen Augen. »Ich wollte Ihnen eigentlich einen Job anbieten.«

»Nein danke, tut mir leid.«

»Ich meine es ernst. Ich könnte jemanden gebrauchen, der für mich recherchiert, und ich würde Sie bezahlen. Da ich weiß, wie viel Sie drüben bei Mattie verdienen, dachte ich, Sie wären vielleicht interessiert, nebenbei für mich als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig zu werden.«

»In Ihrer Kanzlei?«

»Wo sonst? Das würde sich auch nicht mit Ihrem Praktikum überschneiden. Nur nach Feierabend und am Wochenende. Wenn Sie hier nicht jetzt schon vor Langeweile eingehen, wird es sicher nicht mehr lange dauern.«

»Warum ich?«

»Es gibt sonst niemanden. Ich habe zwei Rechtsassistentinnen, eine davon hat morgen ihren letzten Tag. Den anderen Anwälten in der Stadt traue ich nicht über den Weg, ich traue überhaupt niemandem, der hier irgendwo in einer Kanzlei tätig ist. Ich achte sehr auf Geheimhaltung, und Sie sind noch nicht lange genug hier, um irgendetwas zu wissen oder irgendwen zu kennen. Sie sind ideal.«

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Haben Sie mit Mattie darüber gesprochen?«

»Nicht darüber, nein. Doch wenn Sie Interesse haben, werde ich mit ihr reden. Sie schlägt mir selten etwas ab. Denken Sie drüber nach. Und wenn Sie nicht wollen, verstehe ich das auch.«

»Okay, ich werde darüber nachdenken. Aber ich habe gerade erst einen Job angetreten und hatte eigentlich nicht vor, mir noch einen zu suchen, jedenfalls noch nicht so bald. Außerdem bin ich wirklich kein Fan von Sitzungssälen.«

»Sie müssten nicht zum Gericht gehen. Sie dürfen sich hier drin verstecken, recherchieren, lesen, exzerpieren und wieder so lange arbeiten wie früher.«

»Davon wollte ich gerade wegkommen.«

»Ich verstehe. Überlegen Sie es sich, wir unterhalten uns später darüber.«

Einen Moment lang widmeten sie sich schweigend ihren Sandwiches, doch die Stille lastete schwer im Raum. »Mattie hat mir von Ihrer Vergangenheit erzählt«, sagte Samantha schließlich.

Lächelnd schob er sein Essen zur Seite. »Was wollen Sie wissen? Ich bin ein offenes Buch.«

Das bezweifelte sie. Mehrere Fragen kamen ihr in den Sinn: Was ist aus Ihrem Vater geworden? Wie sehr belastet Sie die Trennung von Ihrer Frau? Wie häufig sehen Sie sie?

Vielleicht später. »Eigentlich gar nichts. Aber es ist eine interessante Hintergrundgeschichte.«

»Interessant, traurig, tragisch, abenteuerlich. Ich bin achtunddreißig Jahre alt, und ich werde jung sterben.«

Darauf wusste sie nichts zu sagen.

11

Der Highway nach Colton schlängelte sich durch die Berge. Mal bot er atemberaubende Ausblicke auf dicht stehende Bergrücken, dann wieder öffneten sich Täler, die mit verfallenen Schuppen, Mobilheimen und Autowracks gesprenkelt waren. Die Straße schmiegte sich an Flussläufe mit Stromschnellen im seichten Wasser, so klar, dass es sicher gefahrlos trinkbar war. Doch noch während man in der Schönheit der Natur schwelgte, kam ein weiteres verlassenes Nest aus erbärmlichen Hütten, die dicht gedrängt im ewigen Schatten der Berge kauerten. Der Kontrast war erschütternd: die Anmut der Berge gegen die Armut der Menschen, die an ihrem Fuß lebten. Es gab hübsche Häuser mit gepflegten Rasenflächen und weißen Lattenzäunen, doch die Nachbargebäude sahen meist schon nicht mehr so ordentlich aus.

Mattie fuhr und redete, während Samantha in die Landschaft blickte. Auf einem der wenigen geraden Straßenabschnitte kam ihnen von oben ein langer Lkw entgegen, verdreckt, voller Staub, eine Plane über der Ladefläche. Er raste die Straße mit eindeutig überhöhtem Tempo herunter, aber immerhin auf der richtigen Straßenseite. Als er vorbei war, sagte Samantha: »Das war ein Kohlelaster, nehme ich an.«

Mattie sah in den Rückspiegel, als wäre ihr das Ungetüm gar nicht aufgefallen. »Ach so, ja. Die transportieren die Kohle ab, wenn sie gewaschen wurde und verkaufsfertig ist. Sie sind allgegenwärtig.«

»Donovan hat gestern davon erzählt. Er hat keine besonders gute Meinung von ihnen.«

»Ich könnte wetten, der hier war überladen und hätte sicher keine Kontrolle überstanden.«

»Werden sie denn nicht kontrolliert?«

»Nur sporadisch. Meistens wissen die Kohleunternehmen es außerdem vorher, wenn ein Prüfer kommt. Am liebsten sind mir die Sicherheitsprüfer, die die Sprengungen überwachen sollen. Die haben feste Termine. Also, was passiert wohl, wenn sie auftauchen? Alles ist vorbildlich. Sobald sie weg sind, wird wieder wild gesprengt, ohne Rücksicht auf Verluste.«

Samantha nahm an, dass Mattie über ihr Mittagessen mit Donovan Bescheid wusste, und wartete einen Augenblick, ob sie die Jobofferte ansprechen würde, was sie aber nicht tat. Sie erreichten eine Anhöhe, nach der die Straße wieder in ein Tal abfiel.

Mattie sagte: »Ich möchte Ihnen was zeigen. Wird nur eine Minute dauern.« Sie bremste und bog auf eine kleinere Straße ein, die noch kurviger und steiler war. Es ging wieder bergauf. An einem schmalen Seitenstreifen, auf dem zwei Holztische und ein Mülleimer standen, hielten sie. Vor ihnen lag quadratkilometerweit dicht bewaldete Hügellandschaft. Sie stiegen aus und gingen zu einem klapprigen Zaun, der Menschen und Fahrzeuge davor bewahren sollte, in ein Tal zu stürzen, in dem sie nie gefunden werden würden.

»Von hier aus kann man drei Bergkuppentagebaue aus der Ferne sehen. Dort drüben …« Mattie deutete nach links. »Das ist die Cat-Mountain-Mine, nicht weit von Brady. Geradeaus ist die Loose-Greek-Mine in Kentucky. Und hier rechts, das ist die Little-Utah-Mine, ebenfalls in Kentucky. Dort wird überall Kohle gefördert, und das in Rekordzeit. Diese Berge waren früher einmal tausend Meter hoch, genauso hoch wie ihre Nachbarn. Schauen Sie sich an, was daraus geworden ist.«

Die Berge waren vollständig abgeholzt worden, bis nur noch kahler Fels und Erde übrig waren. Mit den fehlenden Kuppen sahen sie aus wie Fingerstümpfe einer verstümmelten Hand. Um sie herum standen ihre unversehrten Nachbarn, bedeckt von Laubwald in leuchtend orange-gelber Herbstfärbung, makellos schön, wenn nicht die Schandflecke gewesen wären.

Samantha stand reglos da und starrte entsetzt auf das Ausmaß der Zerstörung. »Das kann nicht legal sein«, sagte sie schließlich.

»Ich fürchte doch, und zwar auf nationaler Ebene. Streng genommen ist es gesetzeskonform. Nur wie es ausgeführt wird, ist illegal.«

»Und es gibt keine Möglichkeit, dem Einhalt zu gebieten?«

»Seit zwanzig Jahren wird wie wild prozessiert. Wir haben auf Bundesebene ein paarmal gewonnen, doch sämtliche für uns positiven Beschlüsse wurden in der Berufung verworfen. Das Berufungsgericht in Richmond ist hauptsächlich mit Republikanern besetzt. Aber wir kämpfen weiter.«

»Wir?«

»Die Guten, die Gegner des Bergkuppentagebaus. Ich bin nicht als Anwältin involviert, doch ich gehöre zur richtigen Seite. Wir stellen hier definitiv eine Minderheit dar, aber wir geben nicht auf.« Mattie sah auf ihre Uhr. »Wir fahren besser weiter.«

Im Auto sagte Samantha: »Das macht Sie krank, oder?«

»Die haben hier schon so viel kaputt gemacht. Unsere Umwelt, unser Leben … Ja, es macht mich krank.«

Als sie Colton erreichten, ging der Highway in die Center Street über, und nach ein paar Blocks erschien auf der rechten Seite das Gerichtsgebäude. »Donovan führt nächste Woche hier einen Prozess«, sagte Samantha.

»O ja, einen großen. Die beiden kleinen Jungen. Eine traurige Geschichte.«

»Sie kennen den Fall?«

»Es war in aller Munde, als die beiden ums Leben kamen. Ich weiß mehr darüber, als mir lieb ist. Hoffentlich gewinnt er. Ich habe ihm geraten, sich außergerichtlich zu vergleichen, damit die Familie etwas davon hat, doch er will ein Zeichen setzen.«

»Das heißt, er nimmt Ihren Rat nicht an.«

»Donovan tut zumeist, was er will, und zumeist hat er damit recht.«

Sie parkten hinter dem Gebäude und gingen hinein. Anders als das Gerichtsgebäude von Noland County war das Hopper County Courthouse ein irritierender moderner Bau, der auf den Bauplänen mit Sicherheit umwerfend schick ausgesehen hatte: komplett aus Glas und Stein, mit allerlei Auskragungen und Winkeln, ein kühnes Design, das großzügig mit dem Platzangebot umging. Samantha mutmaßte insgeheim, dass der Architekt bestimmt irgendwann seine Zulassung verloren hatte.

»Das alte Gebäude ist niedergebrannt«, erklärte Mattie auf der Treppe. »Aber irgendwie brennen sie alle.«

Samantha war nicht sicher, was das bedeuten sollte. Lady Purvis saß nervös im Flur vor dem Sitzungssaal und lächelte erleichtert, als sie ihre Anwältinnen entdeckte. Ein paar weitere Umstehende warteten darauf, dass die Sitzung beginnen würde. Nach ein paar Sätzen Small-Talk deutete Lady auf einen teiggesichtigen jungen Mann in einem Polyester-Jackett und polierten spitzen Stiefeln. »Das ist der Typ von JRA. Er heißt Snowden, Laney Snowden.«

»Warten Sie hier«, ordnete Mattie an. Samantha im Schlepptau, marschierte sie auf Mr. Snowden zu, dessen Augen immer größer wurden, je näher sie kam. »Sie sind der Vertreter von JRA?«, wollte Mattie wissen.

»Der bin ich«, erklärte Snowden stolz.

Sie streckte ihm eine Visitenkarte hin wie ein Schnappmesser. »Ich bin Mattie Wyatt, Rechtsbeistand von Stocky Purvis. Das ist meine Mitarbeiterin, Samantha Kofer. Wir sind hier, um unseren Mandanten aus dem Gefängnis zu holen.«

Snowden wich einen Schritt zurück, doch Mattie rückte nach. Samantha wusste nicht recht, was sie tun sollte, und beschloss dann, sich in Haltung und Gesichtsausdruck aggressiv zu geben. Mit grimmiger Miene sah sie Snowden an, der nicht fassen konnte, dass sich ein Loser wie Stocky Purvis nicht nur einen, sondern gleich zwei Anwälte leisten konnte.

»Gut«, sagte Snowden. »Bringen Sie das Geld her, und schon ist er draußen.«

»Er hat kein Geld, Mr. Snowden. Das sollte inzwischen klar geworden sein. Und er kann nichts verdienen, solange er Ihretwegen hinter Gittern sitzt. Da können Sie so viele illegale Gebühren erheben, wie Sie wollen; solange mein Mandant dort ist, verdient er keinen müden Cent.«

»Ich habe einen richterlichen Beschluss«, hielt Snowden prahlerisch dagegen.

»Nun, genau darüber werden wir gleich mit dem Richter reden. Der Beschluss wird revidiert werden, sodass Stocky freikommt. Wenn Sie nicht kooperieren, werden Sie das Nachsehen haben.«

»Also gut, was hattet ihr Mädels euch denn so gedacht?«

»Wagen Sie es nicht, mich Mädel zu nennen!«, fauchte Mattie. Snowden zuckte zusammen, als fürchtete er, sofort eine jener Klagen wegen sexueller Belästigung am Hals zu haben, über die man überall las. Mattie rückte mit zunehmend rotem Gesicht immer näher an ihn heran. »Wir bieten Folgendes an: Mein Mandant schuldet dem County rund zweihundert Dollar an Strafgeldern und Gebühren. Ihr Laden hat dann aus lauter Jux und Tollerei noch mal vierhundert draufgepackt. Davon zahlen wir hundert, also insgesamt dreihundert Dollar, und wir haben dafür sechs Monate Zeit. Unser letztes Wort.«

Snowden setzte ein falsches Lächeln auf und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Mrs. Wyatt, aber das ist für uns nicht akzeptabel.«

Ohne den Blick von Snowden zu nehmen, griff Mattie in ihren Aktenkoffer und zog schwungvoll ein paar Blätter heraus. »Dann sollten Sie sich schon mal hiermit vertraut machen«, sagte sie und wedelte mit dem Papier vor seinem Gesicht. »Das ist eine Klage gegen Judicial Response Associates, die wir beim Bundesgericht einreichen werden — Sie werde ich noch als Beklagten einfügen —, und zwar wegen widerrechtlicher Festnahme und Freiheitsberaubung. Sehen Sie, Mr. Snowden, die Verfassung sagt klar und deutlich, dass man einen mittellosen Menschen nicht einsperren darf, nur weil er seine Schulden nicht bezahlen kann. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie das wissen, schließlich arbeiten Sie für eine Bande von Strauchdieben. Aber Sie dürfen mir glauben, dass die Bundesrichter es wissen, weil sie nämlich die Verfassung gelesen haben, zumindest die meisten von ihnen. Schuldhaft ist illegal. Schon mal was vom Gleichbehandlungsgrundsatz gehört?«

Snowden stand der Mund offen, doch er fand keine Worte.

Mattie ließ nicht locker. »Dachte ich mir. Vielleicht können Ihre Anwälte Ihnen das für dreihundert Dollar die Stunde erläutern. Ich sage Ihnen das, damit Sie Ihren Bossen ausrichten können, dass wir sie für die nächsten zwei Jahre vor Gericht beschäftigen werden. Ich werde sie mit Drucksachen zuschütten. Ich werde dafür sorgen, dass sie stundenlang unter Eid aussagen müssen, und alle ihre miesen kleinen Tricks aufdecken. Es wird alles herauskommen. Ich werde sie so piesacken, dass sie ihres Lebens nicht mehr froh werden. Sie werden Albträume von mir haben. Und am Ende werde ich den Fall gewinnen und obendrein von ihnen die Anwaltsgebühren kassieren.« Sie drückte ihm die Klage gegen die Brust, bis er das Papier widerstrebend nahm.

Sie machten kehrt und ließen Snowden stehen, der wie gelähmt mit weichen Knien zurückblieb und bereits Vorahnungen von den angedrohten Albträumen zu haben schien. Samantha, nicht minder fassungslos, flüsterte: »Können wir nicht beantragen, dass die dreihundert Dollar erlassen werden?«

Plötzlich wieder völlig ruhig, lächelte Mattie. »Natürlich können wir das, und das werden wir auch tun.«

Dreißig Minuten später stand Mattie vor dem Richter und verkündete, dass sie eine Vereinbarung getroffen hätten, nach der ihr Mandant, Mr. Stocky Purvis, mit sofortiger Wirkung aus der Haft entlassen werden könne. Lady war tränenüberströmt, als sie das Gericht verließ und zum Gefängnis ging.

Auf der Fahrt zurück nach Brady sagte Mattie: »Eine Anwaltslizenz ist ein mächtiges Werkzeug, Samantha, wenn man sie nutzt, um einfachen Leuten zu ihrem Recht zu verhelfen. Gauner wie Snowden sind daran gewöhnt, Menschen einzuschüchtern, die sich keinen Rechtsbeistand leisten können. Sobald ein guter Anwalt auf den Plan tritt, ist es schnell vorbei mit der Überheblichkeit.«

»Sie können aber auch ganz schön einschüchternd wirken.«

»Das macht die Übung.«

»Wann haben Sie denn die Klage aufgesetzt?«

»So was haben wir vorrätig, unter dem Oberbegriff ›To-go-Klagen‹. Einfach Namen eintragen, das Wort ‘Bundesgericht’ gleichmäßig im Text verteilen, und schon wuseln sie davon wie verschreckte Kellermäuse.«

To-go-Klagen. Wuselnde Kellermäuse. Samantha überlegte, wie viele ihrer Jahrgangskollegen wohl je mit solchen Rechtspraktiken konfrontiert worden waren.

___________

Um zwei Uhr nachmittags saß Samantha im Hauptsitzungssaal des Gerichts von Noland County und tätschelte einer ängstlichen Phoebe Fanning das Knie. Das malträtierte Gesicht der jungen Frau war inzwischen blau verfärbt und sah noch schlimmer aus als zuvor. Sie war mit einer dicken Schicht Make-up erschienen, doch Annette hatte sie sofort zur Toilette geschickt, um es abzureiben.

Erneut wurde Randy Fanning mitsamt seiner Eskorte vorgefahren. Als er den Saal betrat, sah er noch übellauniger aus als zwei Tage zuvor. Die Scheidungsklage, die man ihm hatte zukommen lassen, musste ihm schwer zugesetzt haben. Während ein Deputy ihm die Handschellen abnahm, starrte er zu seiner Frau und Samantha herüber.

Der Richter des Bezirksgerichts hieß Jeb Battle und war ein eifriger junger Mann von höchstens dreißig. Da die Law Clinic häufig mit Familienrecht zu tun hatte, war Annette Stammgast in seinem Sitzungssaal und bemüht, möglichst gut mit ihm auszukommen. Der Richter rief den Saal zur Ordnung und entschied zunächst über ein paar unstreitige Anträge, bis er Fanning gegen Fanning aufrief. Annette und Samantha begleiteten ihre Mandantin durch die Schranke zu einem Tisch nicht weit vom Richter. Randy Fanning, flankiert von einem Deputy, ging zu einem anderen Tisch, wo er wartete, bis Hump seine Leibesfülle auf dem Stuhl neben ihm eingerichtet hatte. Nachdem Richter Battle Phoebes geschundenes Gesicht gemustert hatte, war seine Entscheidung gefallen.

»Diese Scheidung wurde am Montag eingereicht. Haben Sie eine Abschrift davon bekommen, Mr. Fanning? Sie dürfen sitzen bleiben.«

»Ja, Sir, ich habe eine Abschrift.«

»Mr. Humphrey, soweit ich informiert bin, wird morgen früh die Kaution festgesetzt, ist das richtig?«

»Ja, Sir.«

»Wir sind hier, um über ein befristetes Kontaktverbot zu befinden. Phoebe Fanning bittet das Gericht, Randall Fanning aufzuerlegen, sich vom Haus seiner Familie, den drei Kindern, seiner Frau sowie allen nahen Verwandten fernzuhalten. Haben Sie Einwände hierzu, Mr. Humphrey?«

»Selbstverständlich, Euer Ehren. Diese Sache ist völlig aus den Fugen geraten.« Hump war aufgestanden und fuchtelte theatralisch mit den Armen. »Das Paar hatte Streit«, fuhr er in zunehmend näselndem Südstaatenslang fort, »und zwar nicht zum ersten Mal, und nicht jedes Mal war mein Mandant schuld, aber okay, er hat mit seiner Frau gestritten. Offensichtlich haben sie Probleme, doch sie versuchen, sie zu lösen. Ich schlage vor, wir atmen jetzt alle mal tief durch, sorgen dafür, dass Randy aus dem Gefängnis kommt und wieder zur Arbeit gehen kann — dann bin ich sicher, dass die beiden zumindest einen Teil ihrer Querelen beilegen können. Mein Mandant vermisst seine Kinder. Er möchte wirklich nach Hause.«

»Mrs. Fanning hat die Scheidung eingereicht, Mr. Humphrey«, sagte der Richter streng. »Sie scheint es mit der Trennung ziemlich ernst zu meinen.«

»Scheidungsanträge lassen sich ebenso schnell einreichen wie zurückziehen, Euer Ehren. Mein Mandant ist sogar bereit, zu einer dieser Eheberatungsstellen zu gehen, wenn sie das glücklich macht.«

Annette unterbrach ihn: »Euer Ehren, über dieses Stadium sind wir längst hinaus. Mr. Humphreys Mandant hat einen Prozess wegen heimtückischer Körperverletzung vor sich und muss höchstwahrscheinlich einer Haftstrafe ins Auge sehen. Der Kollege hofft, dass sich das alles in Wohlgefallen auflöst und sein Mandant als freier Mann den Saal verlässt. Aber dazu wird es nicht kommen. Wir werden diesen Scheidungsantrag nicht zurückziehen.«

»Wem gehört das Haus?«, fragte Richter Battle.

»Keinem von beiden«, sagte Annette. »Sie wohnen dort zur Miete.«

»Und wo sind die Kinder?«

»Die wurden von hier weggebracht, an einen sicheren Ort.«

Bis auf ein paar zusammengewürfelte Möbel war das Haus bereits ausgeräumt. Phoebe hatte einen Großteil ihrer Habe in einem Lager untergebracht und Unterschlupf in einem Motel in Grundy, Virginia, gefunden, eine Autostunde entfernt. Die Law Clinic besaß für solche Fälle eine Notkasse, aus der sie Unterkunft und Verpflegung für sie bezahlte. Phoebe hatte vor, nach Kentucky zu gehen, wo eine Verwandte wohnte, doch sicher war das alles noch nicht.

Richter Battle sah Randy Fanning an. »Mr. Fanning, ich werde dem Antrag auf Kontaktverbot in allen Punkten entsprechen. Wenn Sie aus der Haft freikommen, werden Sie sich von Ihrer Frau, Ihren Kindern und sämtlichen nahen Verwandten Ihrer Frau fernhalten. Bis auf Weiteres werden Sie sich nicht in die Nähe Ihres Hauses begeben. Kein Kontakt. Bleiben Sie einfach weg, verstanden?«

Randy lehnte sich zur Seite und flüsterte seinem Anwalt etwas zu. Hump sagte: »Euer Ehren, bekommen wir eine Stunde Zeit, um seine Sachen aus dem Haus zu holen?«

»Eine Stunde. Und ich werde einen Deputy mitschicken. Geben Sie mir Bescheid, wenn Mr. Fanning die Haftanstalt verlässt.«

Annette stand auf. »Euer Ehren, meine Mandantin fühlt sich bedroht und eingeschüchtert. Als wir am Montag aus dem Gericht kamen, wurden wir auf der Treppe von Mr. Fannings Bruder und ein paar finsteren Typen aufgehalten. Meiner Mandantin wurde gedroht, es werde ihr etwas zustoßen, falls sie die Anzeige nicht zurücknehme. Es war nur ein kurzer Zwischenfall, aber dennoch sehr beunruhigend.«

Richter Battle sah erneut Randy Fanning an. »Stimmt das?«

»Ich weiß nicht, Euer Ehren«, erwiderte Randy. »Ich war nicht dabei.«

»War das Ihr Bruder?«

»Kann schon sein. Wenn sie das sagt.«

»Ich schätze Einschüchterungsversuche gar nicht, Mr. Fanning. Ich schlage vor, Sie pfeifen Ihren Bruder zurück. Sonst werde ich den Sheriff informieren.«

»Danke, Euer Ehren«, sagte Annette.

Randy wurde wieder in Handschellen gelegt und abgeführt. Hump eilte ihm nach und raunte ihm zu, dass alles gut werde. Richter Battle ließ seinen Hammer niederfahren und verkündete eine Sitzungsunterbrechung. Samantha, Annette und Phoebe verließen den Saal. Auf dem Weg aus dem Gebäude rechneten sie schon fast erneut mit Ärger.

Und tatsächlich wartete Tony Fanning mit einem Freund in der Main Street hinter einem Pick-up, der am Straßenrand parkte. Als sie die Frauen entdeckten, kamen sie auf sie zu, mit breiter Brust und Zigarette im Mund.

»O weh«, sagte Annette leise.

»Der macht mir keine Angst«, behauptete Phoebe. Die beiden Männer stellten sich ihnen in den Weg, doch als Tony zum Reden ansetzte, tauchte plötzlich wie aus dem Nichts Donovan Gray auf und sagte laut: »Na, wie ist es gelaufen?« Tony und sein Kumpel blickten mit einem Mal drein, als könnten sie kein Wässerchen trüben, ganz anders als noch vor wenigen Sekunden. Mit gesenktem Blick wichen sie zurück, um Donovan keine Angriffsfläche zu bieten. »Sorry, Männer«, sagte er und schob sich provozierend nah an ihnen vorbei. Im Vorbeigehen funkelte er Tony an, der seinem Blick für eine Sekunde standhielt, ehe er wegsah.

Nachdem Samantha dreimal hintereinander mit Annette und den Kindern zu Abend gegessen hatte, entschuldigte sie sich mit der Begründung, sie müsse noch lernen und wolle dann früh zu Bett gehen. Sie machte sich auf ihrer Kochplatte einen Teller Suppe warm, las eine Stunde lang in ihren Seminarunterlagen und legte dann den Ordner beiseite. Kaum vorzustellen, in der Main Street von Brady eine Kanzlei zu führen, die von einverständlichen Scheidungen und Immobilienkaufverträgen lebte. Annette hatte gesagt, die meisten Anwälte in Brady kämen auf kaum dreißigtausend Dollar netto im Jahr. Ihr Gehalt belief sich auf vierzigtausend Dollar, ebenso wie Matties. Annette hatte lachend hinzugefügt: »Es ist wahrscheinlich der einzige Ort im ganzen Land, wo man mit Pro-bono-Rechtsberatung mehr verdient als mit regulären, bezahlten Mandaten.« Donovan nehme weit mehr ein als alle anderen, doch er gehe auch höhere Risiken ein.

Er sei auch der größte Sponsor der Law Clinic, die vollständig aus Privatspenden finanziert werde. Es gebe gewisse Stiftungsgelder, und ein paar der großen Kanzleien »aus dem Norden« beteiligten sich großzügig, doch Mattie habe ständig damit zu kämpfen, ihr Spendenziel von zweihunderttausend Dollar jährlich zu erreichen. »Wir würden Ihnen liebend gern ein Gehalt zahlen, aber wir haben einfach keine Mittel«, erklärte Annette. Samantha versicherte ihr, dass sie mit dem Arrangement zufrieden sei.

Ihre Internetverbindung lief über Annettes Satellitensystem und war vermutlich die langsamste in ganz Nordamerika. »Man braucht viel Geduld«, hatte Annette sie gewarnt, doch davon hatte Samantha zum Glück reichlich dieser Tage, nachdem sie sich in einer angenehmen Alltagsroutine eingerichtet hatte, die geruhsame Nächte mit ausreichend Schlaf einschloss. Sie ging ins Internet, um die Lokalzeitungen zu studieren, die Roanoke Times und die Charleston Gazette aus West Virginia. In der Gazette fand sie einen interessanten Artikel mit dem Titel: »Ökoterroristen für jüngsten Anschlag verantwortlich?«

In den letzten beiden Jahren habe eine Bande im südlichen West Virginia mehrere Tagebaue mit schwerem Gerät attackiert, war da zu lesen. Ein Sprecher eines Bergbauunternehmens bezeichnete sie als »Ökoterroristen« und drohte im Falle ihrer Festnahme mit Repressalien. Ihre bevorzugte Vorgehensweise sei, im Morgengrauen aus dem Schutz umliegender Hügel heraus zu schießen. Sie seien hervorragende Schützen, benutzten modernste Militärwaffen und erwiesen sich als äußerst effizient im Zerstören der hundert Tonnen schweren Muldenkipper der Firma Caterpillar. Diese hätten Reifen mit einem Durchmesser von fünf Metern und einem Gewicht von je vierhundertfünfzig Kilo, die achtzehntausend Dollar pro Stück kosteten. Jedes Fahrzeug habe sechs Reifen, die den Attentätern ein leichtes Ziel böten. Ein Foto zeigte ein Dutzend gelber Ungetüme, die untätig in Reih und Glied standen — eine eindrucksvolle Demonstration der Stärke. Ein Vorarbeiter deutete auf die platten Reifen, insgesamt achtundzwanzig. Er berichtete, ein Wachmann der Nachtschicht sei um 3.40 Uhr durch Schüsse aufgeschreckt worden. Die Kugeln seien nach einem ausgeklügelten Plan in die Reifen eingeschlagen, die wie kleine Bomben explodiert seien. Er habe Schutz in einem Graben gesucht und sofort den Sheriff angerufen. Beim Eintreffen der Polizei seien die Heckenschützen jedoch längst über alle Berge gewesen. Der Sheriff sagte, er tue alles in seiner Macht Stehende, doch es werde schwierig, die Übeltäter dingfest zu machen. Der Tatort, die Bull-Forge-Mine, liege im Gebiet von Winnow Mountain und Helley’s Bluff, die über tausend Meter hoch und von unberührten Wäldern bedeckt seien, von denen aus man Tag und Nacht ungestört auf Maschinen schießen könne. Der Sheriff stellte allerdings klar, dass es sich seiner Meinung nach bei den Schützen nicht um leichtsinnige junge Kerle handele, die zum Spaß mit ihren Jagdgewehren herumballerten. Sie träfen von ihrem Versteck aus auf eine Entfernung von tausend Metern, und die Kugeln, die in einigen der Reifen gefunden wurden, seien 51-Millimeter-Patronen, wie sie das Militär verwende, eindeutig abgefeuert aus Hightech-Scharfschützengewehren.

Der Artikel erinnerte an vorangegangene Anschläge. Es hieß, die Ökoterroristen suchten ihre Ziele sorgfältig aus. Da es genügend Tagebaureviere in der Gegend gebe, würden sie einfach geduldig abwarten, bis die Spezialmaschinen an günstigen Stellen abgestellt würden. Man wies darauf hin, dass die Schützen offenbar Wert darauf legten, niemanden zu verletzen. Bislang hätten sie noch nie auf ein Fahrzeug geschossen, das nicht abgestellt war, und in vielen der Minen werde rund um die Uhr gearbeitet. Vor sechs Wochen seien im Red Valley, Martin County, zweiundzwanzig Reifen unbrauchbar gemacht worden. Einem anderen Wachmann zufolge habe die nächtliche Attacke nur wenige Sekunden gedauert. Inzwischen böten vier Kohleunternehmen Belohnungen von insgesamt zweihunderttausend Dollar an.

Es gebe keine Verbindung zu dem Anschlag auf die Bullington-Mine zwei Jahre zuvor, dem gewagtesten Sabotageakt seit Jahrzehnten. Damals sei Sprengstoff aus dem firmeneigenen Lager entwendet worden, um sechs Muldenkipper, zwei Seilbagger, zwei Raupenlader, einen Bürocontainer und das Lager selbst in die Luft zu jagen. Schaden: fünf Millionen Dollar. Mangels Tatverdächtiger habe es keine Festnahmen gegeben.

Beim Durchstöbern der Zeitungsarchive ertappte sich Samantha dabei, wie sie insgeheim die Daumen für die Ökoterroristen drückte. Als ihr irgendwann die Augen zuzufallen drohten, rief sie widerstrebend die New York Times auf. Zu New Yorker Zeiten hatte sie das Blatt — außer hin und wieder sonntags — morgens nur überflogen. Den Wirtschaftsteil ignorierend, klickte sie sich durch die Ressorts, bis sie bei der Dining-Seite stoppte. Ein Kritiker verriss ein neues Restaurant in Tribeca, ein In-Lokal, das sie vor vier Wochen selbst noch besucht hatte. Ein Foto zeigte die Bar, wo junge Leute in Doppelreihe auf die nächsten freien Tische warteten, mit fröhlichen Gesichtern und Gläsern in den Händen. Samantha hatte das Essen als hervorragend in Erinnerung und verlor schnell das Interesse an den Mäkeleien des Autors. Stattdessen ließ sie das Foto nicht mehr los. Sie hörte förmlich das Stimmengewirr der Menge, spürte die Energie. Wie gut würde jetzt ein Martini tun. Wie schön wäre jetzt ein ausgiebiges Essen mit Freundinnen, bei dem sie nebenbei nach hübschen Jungs Ausschau hielten.

Zum ersten Mal verspürte sie ein wenig Heimweh, das sie aber rasch abschüttelte. Wenn sie wollte, konnte sie morgen abreisen. Sicher wäre in New York mehr Geld zu verdienen als in Brady. Sie konnte jederzeit gehen. Es gab nichts, was sie hier hielt.

12

Die Wanderung begann am Ende eines seit Langem unbenutzten Ziehwegs, den nur Donovan finden konnte. Die Fahrt dorthin hatte das fahrerische Können und die Nervenstärke eines Stuntdrivers erfordert, und Samantha hatte mehr als einmal damit gerechnet, dass sie ins Tal stürzten. Doch schließlich erreichten sie eine Art kleiner Lichtung, die dicht von Eichen, Kastanien und Tupelobäumen überwuchert war. »Hier ist die Straße zu Ende.«

»Das nennen Sie Straße?« Samantha öffnete langsam die Beifahrertür.

Lachend erwiderte er: »Das ist ein vierspuriger Highway, verglichen mit so manchem Waldweg hier.« Das Leben in der Großstadt hatte sie auf etwas Derartiges nicht vorbereitet, doch die Aussicht auf das Abenteuer reizte sie. Er hatte ihr nur geraten, Wanderstiefel und neutrale Kleidung zu tragen. Die Wahl des Schuhwerks leuchtete ihr ein, die der Kleidung nicht.

»Wir müssen uns tarnen«, hatte er erklärt. »Die werden uns im Auge haben, und wir werden unbefugtes Gelände betreten.«

»Dann droht also wieder mal eine Festnahme?«

»Wohl kaum. Die kriegen uns nicht.«

Die Stiefel hatte sie tags zuvor für fünfundvierzig Dollar im Dollarstore in Brady erstanden, und sie waren etwas eng und steif. Dazu trug sie eine alte Baumwollhose und ein graues Sweatshirt mit der Aufschrift »Columbia University«. Donovan dagegen hatte ein Jagdoutfit vom Feinsten, Wanderstiefel vom Online-Spezialausstatter, die mindestens schon zweitausend Kilometer auf dem Buckel hatten. Er öffnete die Heckklappe des Jeeps und entnahm einen Rucksack, den er sich auf den Rücken schnallte. Dann holte er ein Gewehr mit großem Zielfernrohr heraus. »Wir gehen auf die Jagd?«, fragte sie.

»Nein, das dient zu unserem Schutz. Es gibt Bären in dieser Gegend.«

Sie bezweifelte das, wusste aber nicht recht, was sie glauben sollte. Ein paar Minuten lang folgten sie einem Trampelpfad, der aussah, als würde er nur sporadisch benutzt. Die Steigung war mäßig, im Unterholz um sie herum wuchsen Sassafras, Judasbaum, Schaumkerze und Leimkraut — Pflanzen, deren Namen ihm von der Zunge gingen wie Vokabeln einer Fremdsprache, die er fließend beherrschte. Aus Rücksicht auf Samantha ließ er es mit dem Tempo locker angehen, aber sie wusste, dass er diesen Anstieg jederzeit im Laufschritt nehmen konnte. Es dauerte nicht lange, da keuchte und schwitzte sie, doch sie war fest entschlossen, sich nicht abhängen zu lassen.

In New York war es selbstverständlich für junge Singles, Mitglied in einem Fitnessstudio zu sein, und zwar nicht in irgendeinem. Es kam auf Adresse und Outfit an, aber auch auf die Tageszeit, wann man gesehen werden wollte, wenn man für zweihundertfünfzig Dollar im Monat keuchte und schwitzte. Samanthas Fitnessaktivitäten hatten den rücksichtslosen Anforderungen von Scully & Pershing nicht lange standgehalten. Ihre Mitgliedschaft im Studio war vor zwei Jahren abgelaufen und hatte ihr seither nicht im Geringsten gefehlt. Ihr Fitnesstraining hatte sich auf lange Märsche durch die Stadt beschränkt. Das und zurückhaltende Essgewohnheiten hatten dafür gesorgt, dass sie ihr Gewicht hielt — doch fit war sie nicht. Die neuen Stiefel lasteten mit jeder Wegbiegung schwerer an ihren Füßen.

An einer kleinen Lichtung blieben sie stehen und blickten zwischen den Bäumen hindurch auf ein langes, tiefes Tal mit Bergrücken im Hintergrund. Die Aussicht war spektakulär, und sie war froh über die Pause.

Donovan schwenkte einen Arm. »Das sind die artenreichsten Berge Nordamerikas, und sie sind älter als jede andere Bergkette auf dem Kontinent. Hier leben Tausende von Pflanzen und Tieren, die es sonst nirgendwo gibt und die eine Ewigkeit gebraucht haben, um sich zu dem zu entwickeln, was sie heute sind.« Er unterbrach sich, um die Landschaft zu betrachten, und fuhr dann wie ein Reiseleiter ohne Aufforderung fort. »Vor einer Million Jahren begannen sich die Kohlenflöze zu bilden, die sich heute als Fluch erweisen. Wir zerstören die Berge, weil wir auf diese Weise billig an Energie kommen. In diesem Land verbraucht jeder Mensch pro Tag neun Kilogramm Kohle. Ich habe ein bisschen über den Kohlenverbrauch der verschiedenen Regionen recherchiert, es gibt eine Website dazu. Wussten Sie, dass in Manhattan pro Person und Tag durchschnittlich 3,6 Kilo Kohle verbraucht werden, die aus dem Tagebau der Appalachen kommen?«

»Nein, tut mir leid, das wusste ich nicht. Woher stammen die übrigen 5,4 Kilo?«

»Aus Untertagebau hier im Osten, Ohio oder Pennsylvania, wo noch auf die altmodische Art gefördert wird und die Berge geschützt werden.« Er stellte seinen Rucksack ab, zog ein Fernglas heraus und blickte hindurch, bis er gefunden hatte, was er suchte. »Dort drüben«, sagte er und reichte ihr das Gerät, »bei etwa zwei Uhr ist eine große Fläche, grau und braun, schwer zu erkennen.«

Samantha spähte hindurch, stellte scharf und sagte: »Okay, ich sehe sie.«

»Das ist die Bull-Forge-Mine in West Virginia, eines der größten Kohlenreviere überhaupt.«

»Ich habe gestern Abend darüber gelesen. Vor ein paar Monaten gab es dort wohl Ärger. Jemand hat die Reifen ihrer Spezialmaschinen als Übungsziele benutzt.«

Lächelnd sah er sie an. »Sie machen Ihre Hausaufgaben, was?«

»Ich habe einen Laptop und Annettes WLAN. Die Ökoterroristen haben wieder zugeschlagen, stimmt’s?«

»So heißt es.«

»Wer sind diese Leute?«

»Das werden wir hoffentlich nie erfahren.« Er stand vor ihr, den Blick immer noch in die Ferne gerichtet, und tastete beim Sprechen unbewusst nach dem Schaft seines Gewehrs, eine Bewegung, die sie nur zufällig aus dem Augenwinkel wahrnahm.

Nach der Lichtung begann der echte Aufstieg. Sofern überhaupt ein Weg vorhanden war, war er kaum zu erkennen, was Donovan aber nicht zu stören schien. Er ging von Baum zu Baum, immer den nächsten Orientierungspunkt im Blick, wenn er nicht nach unten sah, wohin er seine Füße setzte. Samanthas Schenkel und Waden begannen zu brennen. Die billigen Stiefel drückten am Fußgewölbe. Ihr Atem ging schwer, und nach einer Viertelstunde schweigendem Klettern sagte sie: »Haben Sie Wasser dabei?«

Ein verrottender Baumstamm bot einen netten Rastplatz, und sie leerten zusammen eine Flasche Wasser. Er fragte sie nicht, wie es ihr gehe, und sie wollte nicht wissen, wie lange sie noch unterwegs wären. Als sie wieder zu Atem gekommen waren, sagte er: »Wir sind auf dem Dublin Mountain, rund hundert Meter unterhalb des Gipfels. Direkt daneben erhebt sich der Enid Mountain, den Sie in ein paar Minuten sehen werden. Wenn alles nach Plan läuft, wird Strayhorn Coal in etwa sechs Monaten mit Bulldozern anrücken, den Berg skalpieren, alle diese wunderbaren Bäume vernichten, die Tiere verjagen und mit Sprengungen beginnen. Der Antrag auf Tagebau steht kurz vor der Genehmigung. Wir haben zwei Jahre lang dagegen gekämpft, aber es war von vornherein ein abgekartetes Spiel.« Er bewegte den Arm über die Bäume. »Das alles wird in Kürze nicht mehr da sein.«

»Warum bergen sie nicht zumindest das Holz?«

»Weil sie Unmenschen sind. Sobald ein Kohleunternehmen grünes Licht für den Abbau bekommt, drehen alle durch. Sie wollen nur die Kohle, alles andere interessiert sie nicht. Sie zerstören alles, was ihnen in den Weg kommt — Wälder, Holz, Tierwelt —, und überrollen alle, die ihnen Steine in den Weg legen könnten — Landbesitzer, Anwohner, Inspektoren, Politiker und vor allem Aktivisten und Umweltschützer. Es ist Krieg, da gibt es keine Kompromisse.«

Samantha betrachtete den dichten Laubwald und schüttelte ungläubig den Kopf. »Das kann nicht legal sein.«

»Es ist legal, weil es nicht illegal ist. Über die Gesetzeskonformität von Bergkuppentagebau wird seit Jahren vor Gericht gestritten, doch zu stoppen war er bislang nicht.«

»Wem gehört dieses Land?«

»Inzwischen gehört es Strayhorn. Was wir hier tun, ist unbefugtes Betreten, und glauben Sie mir, die würden mich liebend gern hier oben schnappen, drei Tage vor Prozessbeginn. Aber keine Sorge, uns kann nichts passieren. Etwa hundert Jahre lang gehörte das Land der Herman-Familie. Sie haben vor zwei Jahren verkauft und irgendwo am Meer eine Villa gebaut.« Er deutete nach rechts. »Hinter dem Hügel dort, ein paar hundert Meter weiter unten im Tal, steht das alte Haus, in dem die Familie jahrzehntelang gewohnt hat. Es ist jetzt leer. Die Bulldozer werden etwa zwei Stunden brauchen, um das Haus samt Nebengebäuden dem Erdboden gleichzumachen. Nicht weit vom Haus unter einer alten Eiche ist ein kleiner Familienfriedhof, umgeben von einem zierlichen weißen Lattenzaun — richtig idyllisch. Das alles wird ins Tal gestoßen werden, samt Grabsteinen, Särgen, Knochen. Strayhorn schert sich einen Dreck darum, und die Hermans sind jetzt so reich, dass sie gern verdrängen, woher sie stammen.«

Samantha nahm noch einen Schluck Wasser und versuchte, in ihren Schuhen mit den Zehen zu wackeln. Donovan griff in den Rucksack, nahm zwei Müsliriegel heraus und reichte ihr einen. »Danke.«

»Weiß Mattie, dass Sie hier sind?«, fragte er.

»Ich gehe davon aus, dass Mattie, Annette, Barb und wahrscheinlich auch Claudelle jeden meiner Schritte kennen. Wie Sie immer sagen: Brady ist eine Kleinstadt.«

»Ich habe nichts erwähnt.«

»Es war Freitagnachmittag, und es war nicht viel los in der Kanzlei. Da habe ich Mattie erzählt, dass Sie mich gefragt haben, ob ich mir die Gegend ein bisschen ansehen will.«

»Gut, wir sind also auf einer Sightseeingtour. Sie muss ja nicht wissen, wo genau wir sind.«

»Sie findet, Sie sollten sich vergleichen, um zumindest etwas für die Mutter der beiden Jungen herauszuholen.«

Er lächelte und nahm einen großen Bissen von seinem Riegel. Sekunden verstrichen, eine ganze Minute, und Samantha wurde bewusst, dass ihn längere Unterbrechungen in Gesprächen nicht störten. Schließlich sagte er: »Ich liebe meine Tante, aber sie hat keine Ahnung davon, wie man Prozesse führt. Ich bin bei ihr ausgestiegen, weil ich Großes erreichen wollte, große Prozesse führen, große Urteile erwirken wollte, damit große Kohleunternehmen für ihre Sünden bezahlen müssen. Ich habe triumphale Siege und vernichtende Niederlagen erlebt, und wie bei vielen Kollegen in diesem Geschäft ist mein Leben ein ständiges Auf und Ab. Mal geht es mir blendend, mal bin ich pleite. Sicher kennen Sie das aus Ihrer Kindheit.«

»Oh, wir waren nie pleite, ganz im Gegenteil. Ich wusste, dass mein Vater ab und zu verliert, doch wir hatten immer genug Geld. Zumindest bis er total den Überblick verlor und ins Gefängnis ging.«

»Wie war das für Sie? Sie waren damals ein Teenager, richtig?«

»Hören Sie, Donovan, Sie leben von Ihrer Frau getrennt und möchten nicht darüber sprechen. Schön. Mein Vater war im Gefängnis, und darüber will ich nicht sprechen. Belassen wir es dabei, ja?«

»Okay. Wir sollten weitergehen.«

Sie wanderten weiter bergauf, zunehmend langsamer, während der Weg in dem immer steileren Gelände irgendwann völlig verschwand. Geröll und Steine lösten sich unter ihren Schritten, und sie hielten sich beim Aufsteigen an jungen Trieben fest. Als sie wieder einmal anhielten, um Luft zu holen, schlug Donovan vor, dass Samantha vorging, damit er sie halten konnte, falls sie stolperte und abrutschte. Er blieb dicht hinter ihr, eine Hand auf ihrer Hüfte, halb um sie zu führen, halb um sie anzuschieben. Schließlich erreichten sie den höchsten Punkt des Dublin Mountain. Als sie aus dem Wald heraus auf eine kleine felsige Lichtung traten, sagte er: »Wir müssen hier vorsichtig sein. Das ist unser heimlicher Ausguck. Gleich da drüben ist der Enid Mountain, wo Strayhorn am Werk ist. Die haben Wachleute, die hin und wieder herüberschauen. Wir prozessieren seit über einem Jahr gegeneinander, und es hat ein paar üble Vorfälle gegeben.«

»Zum Beispiel?«

Er schnallte seinen Rucksack ab und lehnte das Gewehr gegen einen Felsen. »Sie haben die Fotos in meinem Büro gesehen. Als wir das erste Mal mit einem Fotografen hier waren, haben sie uns erwischt und versucht, uns zu verklagen. Ich bin sofort zum Richter gegangen und habe rückwirkend einen Beschluss erwirkt, der uns Zugang gewährte, wenn auch stark limitiert. Für die Zukunft aber hat uns der Richter den Zugang untersagt.«

»Ich habe keine Bären gesehen. Wozu das Gewehr?«

»Zum Schutz. Ducken Sie sich und kommen Sie rüber.« Mit eingezogenen Köpfen gingen sie ein paar Schritte zu einem Spalt zwischen zwei Felsbrocken. Unterhalb lagen die Überreste des Enid Mountain, der vor Jahren noch über tausend Meter hoch gewesen war, doch nun zu einer pockennarbigen Brache aus Stein und Staub geworden war, über die sich wie in Zeitlupe Maschinen schoben. Der Minenbetrieb erstreckte sich über den gesamten Stumpf des Berges bis hin zu den Anhöhen der benachbarten Gipfel. Muldenkipper, beladen mit hundert Tonnen frischer, ungewaschener Kohle, holperten im Slalom hintereinander den Berg herab wie Ameisen. Ein monströser Schaufelbagger von der Größe ihres Apartments schwang seinen Arm hin und her und trieb die Zähne seiner Schaufel in die Erde, um je zweihundert Kubikmeter aufzunehmen und auf ordentliche Haufen aufzuschütten. Kleinere Bagger trugen diese wiederum systematisch ab und brachten die Erde zu einer Flotte von Transportern, die sie an eine Stelle fuhren, wo Planierraupen sie ins Tal schoben. Weiter unten am Berg — dem, was davon übrig war — hoben Schaufellader Kohle aus dem freigelegten Flöz und leerten sie in die Muldenkipper, die, sobald sie vollgeladen waren, langsam und mühevoll davonholperten. Jeder Arbeitsgang wirbelte erneut riesige Staubwolken auf.

»Ganz schön heftig, was?«, sagte Donovan mit leiser, düsterer Stimme, als fürchtete er, belauscht zu werden.

»Heftig trifft es nicht ganz. Mattie hat mir am Mittwoch auf dem Weg nach Colton drei Minen gezeigt, wobei wir nicht so nahe waren wie jetzt. Mir wird übel, wenn ich das sehe.«

»Ja, und man gewöhnt sich nie daran. Das Land wird permanent verstümmelt. Jeden Tag aufs Neue.«

Die Zerstörung war langsam, aber stetig und methodisch. »Innerhalb von zwei Jahren haben sie zweihundertfünfzig Meter von diesem Berg abgetragen«, fuhr er nach ein paar Minuten fort. »Sie haben vier oder fünf Flöze ausgebeutet, und etwa so viele sind noch übrig. Wenn alles vorbei ist, wird der Enid Mountain rund drei Millionen Tonnen Kohle freigegeben haben, zu einem Preis von durchschnittlich sechzig Dollar. Die Rechnung geht auf.«

Sie rückten näher zusammen, wobei sie darauf achteten, sich nicht zu berühren, und beobachteten die fortschreitende Verwüstung. Eine Planierraupe fuhr mit einem Haufen Aushub vor dem Schild gefährlich nah an eine Kante, und die größeren Steinbrocken rollten und sprangen über eine dreihundert Meter hohe aufgeschüttete Wand ins Tal, bis sie nicht mehr zu sehen waren. »So ist es passiert«, sagte er. »Versuchen Sie, sich den Berg vor neunzehn Monaten vorzustellen, als er noch hundertfünfzig Meter höher war. Einer der Bulldozer schob einen Felsbrocken über die Kante, und der raste fast zwei Kilometer weit ins Tal, wo er den Trailer der Tates traf, mit zwei schlafenden Kindern.« Er hob das Fernglas vor die Augen und suchte, ehe er es ihr reichte. »Bleiben Sie geduckt«, ordnete er an. »Ganz unten im Tal, wo die Aufschüttung zu Ende ist, kann man ein kleines weißes Gebäude sehen. Das war mal eine Kirche. Haben Sie’s?«

Nach ein paar Sekunden sagte sie: »Jetzt sehe ich es.«

»Gleich hinter der Kirche war eine kleine Siedlung aus ein paar Häusern und Trailern. Von hier aus kann man die Stelle nicht sehen. Wie gesagt, es ist fast zwei Kilometer entfernt, und die Bäume verstellen die Sicht. Im Prozess wollen wir ein Video zeigen, das den Weg des Felsbrockens nachzeichnet. Er schoss über die Kirche hinweg, mit geschätzten hundertdreißig Stundenkilometern — das lässt sich anhand seines Gewichts errechnen —, prallte ein- oder zweimal auf und krachte dann in den Trailer der Tates.«

»Sie haben den Brocken?«

»Ja und nein. Das Ding wiegt sechs Tonnen, wir können es also schwer in den Gerichtssaal bringen. Doch es ist immer noch da, und wir haben jede Menge Fotos. Vier Tage nach dem Unfall versuchte das Unternehmen, den Brocken zu sprengen und abzutransportieren, aber wir konnten sie stoppen. Gauner, nichts als Gauner. Die sind tatsächlich am Tag nach der Beerdigung mit einer ganzen Mannschaft auf dem fremden Grundstück angerückt und wollten den Brocken zerlegen, völlig ungeachtet der Schäden, die sie damit angerichtet hatten. Ich rief den Sheriff, und es gab ein paar angespannte Momente.«

»Sie hatten den Fall vier Tage nach dem Ereignis?«

»Nein. Ich hatte den Fall am Tag nach dem Ereignis. Binnen vierundzwanzig Stunden. Ich habe mich an den Bruder der Mutter gewandt. Man muss hier draußen schnell sein.«

»Mein Vater wäre beeindruckt.«

Donovan sah auf seine Uhr und blickte dann wieder auf die Mine. »Um vier ist eine Sprengung geplant. Sie bekommen also richtig was geboten.«

»Ich bin gespannt.«

»Sehen Sie das seltsame Fahrzeug mit dem Ausleger am Heck, ganz hinten links?«

»Soll das ein Witz sein? Da sind Hunderte von Fahrzeugen.«

»Keiner der Transporter; es ist kleiner und steht etwas abseits.«

»Okay, ja, jetzt hab ich es. Was ist das?«

»Ich weiß nicht, ob es eine offizielle Bezeichnung hat, wir nennen es Sprenglaster.« Samantha richtete das Fernglas auf die Maschine und das geschäftige Treiben darum herum. »Was machen die da?«

»Im Augenblick bereiten sie die Bohrungen vor. Laut Vorschriften dürfen sie zwanzig Meter tiefe Sprenglöcher mit achtzehn Zentimeter Durchmesser bohren. Die Löcher haben je drei Meter Abstand und sind in einer Art Gitter angeordnet. Die Vorschriften besagen, dass sie nicht mehr als vierzig Löcher pro Sprengung bohren dürfen. Vorgeschrieben ist alles Mögliche, Tatsache aber ist, dass sich niemand darum schert. Unternehmen wie Strayhorn machen sowieso, was sie wollen. Außerdem schaut niemand hin, außer vielleicht ab und zu eine Umweltschutzgruppe. Die machen dann ein Video und reichen offiziell Beschwerde ein, woraufhin das Unternehmen einen Klaps auf die Finger bekommt, eine Strafe zahlen muss, und die Welt ist wieder in Ordnung. Die Inspektoren lösen ihre Schecks ein und schlafen selig.«

Ein großer bärtiger Mann tauchte unvermittelt hinter ihnen auf und schlug Donovan mit einem lauten »Bumm!« auf die Schulter. Donovan rief: »Verflucht!«, während Samantha vor Schreck nach Luft schnappte und das Fernglas fallen ließ. Als sie herumfuhren, blickten sie in das grinsende Gesicht eines kräftigen Mannes, der aussah, als sollte man sich besser nicht auf eine Schlägerei mit ihm einlassen. »Verdammt noch mal«, fauchte Donovan, jedoch ohne nach seinem Gewehr zu greifen. Samantha suchte mit den Augen verzweifelt nach einer Fluchtroute.

Der Mann hielt sich gebückt und strahlte die beiden an. Dann streckte er Samantha eine Hand entgegen und sagte: »Vic Canzarro, Freund der Berge.« Sie hatte sich noch nicht wieder gefangen und war nicht in der Lage, die Hand zu ergreifen.

»Musst du uns so einen Schreck einjagen?«, knurrte Donovan.

»Nein. Aber es macht Spaß.«

»Sie kennen ihn?«, fragte Samantha.

»Leider. Er ist ein Freund, oder eigentlich mehr ein Bekannter. Vic, das ist Samantha Kofer, Matties neue Praktikantin.« Jetzt klappte es mit dem Handschlag.

»Freut mich«, sagte Vic. »Was bringt Sie ins Kohlenrevier?«

»Das ist eine lange Geschichte«, erwiderte sie und atmete aus. Herz und Lunge funktionierten wieder normal. »Eine sehr lange Geschichte.«

Vic stellte seinen Rucksack ab und setzte sich auf einen Stein. Er schwitzte vom Aufstieg und brauchte Wasser. Als er Samantha eine Flasche anbot, lehnte sie ab. »Columbia University?«, fragte er mit Blick auf ihr Sweatshirt.

»Ja. Ich habe in New York gearbeitet — bis vor zehn Tagen die Welt unterging und ich entlassen wurde oder beurlaubt oder was weiß ich. Sind Sie auch Anwalt?« Sie nahm ebenfalls auf einem Stein Platz, und Donovan ließ sich neben ihr nieder.

»Um Gottes willen, nein. Ich war mal Inspektor für Minensicherheit, habe mich dann aber feuern lassen. Auch eine lange Geschichte.«

»Wir haben alle lange Geschichten«, sagte Donovan und nahm eine Flasche Wasser. »Vic ist mein Sachverständiger. Wenn man ihm genug Geld gibt, erzählt er den Geschworenen, was man will — so wie alle anständigen Gutachter. Nächste Woche darf er einen ganzen Tag in den Zeugenstand und sich damit vergnügen, eine lange Liste von Strayhorns Sicherheitsverstößen abzuarbeiten und sich anschließend von deren Verteidigern zerfleischen zu lassen.«

Vic lachte. »Ich freue mich schon drauf. Mit Donovan vor Gericht zu gehen ist immer spannend, besonders wenn er gewinnt, was aber nicht allzu oft vorkommt.«

»Ich gewinne genauso oft, wie ich verliere.«

Vic trug ausgebleichte Jeans und ein Flanellhemd, dazu schlammverkrustete Stiefel, und sah aus wie ein erfahrener Wandersmann, der jeden Moment ein Zelt aus seinem Rucksack zaubern konnte, um spontan eine Woche im Wald zu nächtigen. »Wird gebohrt?«, fragte er Donovan.

»Sie haben gerade angefangen. Um vier soll’s losgehen.«

Vic sah auf die Uhr. »Sind wir auf unseren Gerichtstermin vorbereitet?«

»Ja. Sie haben ihr Angebot auf zweihunderttausend erhöht. Ich habe um 9.30 Uhr heute Morgen abgelehnt.«

»Du spinnst, weißt du das? Nimm das Geld, dann hat die Familie was davon.« Vic sah Samantha an. »Kennen Sie die Fakten?«

»Die meisten«, erwiderte sie. »Ich habe Fotos und Karten gesehen.«

»Man kann hier keiner Jury trauen. Das versuche ich Donovan schon die ganze Zeit klarzumachen, aber er hört nicht.«

»Wirst du filmen?«, fragte Donovan, um das Thema zu wechseln.

»Natürlich.« Sie unterhielten sich ein paar Minuten, in denen die beiden Männer ihre Uhren nicht aus den Augen ließen. Vic nahm eine kleine Kamera aus seinem Rucksack und ging zwischen zwei Felsbrocken in Stellung.

Donovan sagte zu Samantha: »Da keine Inspektoren dabei sind, kann man getrost annehmen, dass Strayhorn beim Sprengen ein paar Vorschriften ignoriert. Wir werden das auf Video aufnehmen und eventuell nächste Woche den Geschworenen zeigen. Im Grunde brauchen wir es nicht, da wir das Unternehmen auch so zur Rechenschaft ziehen können. Die werden ihre Ingenieure in den Zeugenstand schicken, die das Blaue vom Himmel lügen, wie streng sie sich an die Sicherheitsvorschriften halten, doch wir haben genügend Beweise in petto.«

Samantha und er rückten an Vic heran, der sich ganz auf das Filmen konzentrierte. Donovan sagte: »Sie füllen ein Zeug in die Löcher, das als ANC bekannt ist — eine Mischung aus Ammoniumnitrat und Dieselöl. Es ist zu gefährlich, um transportiert zu werden, deshalb mischen sie es vor Ort. Das ist das, was sie gerade tun. Der Laster pumpt Dieselöl in die Sprenglöcher, während die Gruppe links Sprengkapseln und Zünder aufbaut. Wie viele Löcher sind es, Vic?«

»Ich zähle sechzig.«

»Das ist klar eine Übertretung, wie nicht anders zu erwarten.« Samantha sah durch das Fernglas zu, wie Männer begannen, mit Schaufeln die Löcher zu füllen. Aus jedem Loch ragte ein Draht, und zwei Männer waren eifrig dabei, alle Drähte zu bündeln. Säckeweise wurde Ammoniumnitrat in die Löcher gekippt, dann literweise Dieselöl eingefüllt. Die Arbeit ging langsam voran, es war längst nach vier Uhr. Als der Sprenglaster endlich abfuhr, sagte Donovan: »Jetzt dauert es nicht mehr lange.« Nachdem Arbeiter und Maschinen abgezogen waren, lagen die Bohrlöcher verlassen da. Eine Sirene heulte, dann wurde der Bereich der Mine still.

Die Explosionen begannen als entferntes Grummeln, eine nach der anderen im Abstand von Sekundenbruchteilen, während Fontänen von Staub und Rauch in die Luft schossen, in perfekter Formation, wie Springbrunnen einer Wassershow in Las Vegas. Dann begann der Boden zu bröckeln. Urzeitliches Gestein zerbarst in mächtigen Wellen, und die Erde bebte. Staub stieg auf und formte eine dichte Wolke über der Sprengung, die an diesem windstillen Tag nirgendwohin abziehen würde. Donovan klang wie ein Live-Reporter: »Sie sprengen dreimal pro Tag, obwohl nur zwei Sprengungen genehmigt sind. Wenn man rechnet, dass Dutzende von Minen hier in den Appalachen betrieben werden, kommt man auf rund eine halbe Million Kilogramm Sprengstoff, die hier tagtäglich in die Luft gehen.«

»Wir haben ein Problem«, sagte Vic ruhig. »Sie haben uns entdeckt.«

»Wo?«, fragte Donovan und nahm Samantha das Fernglas ab.

»Da oben bei dem Trailer.«

Donovan richtete seine Linsen auf den Trailer. Auf einer Plattform daneben standen zwei Männer mit Schutzhelmen, die durch Ferngläser herübersahen. Donovan winkte; einer der Männer winkte zurück. Donovan tippte sich an die Stirn; der Mann erwiderte die Geste.

»Wie lange stehen die schon da?«, fragte er.

»Keine Ahnung«, sagte Vic. »Aber wir hauen besser ab.« Sie griffen Rucksäcke und Gewehr und machten sich an den hastigen Abstieg. Samantha rutschte aus und stürzte um ein Haar, doch Vic packte ihre Hand und hielt sie fest. Sie folgten Donovan, duckten sich unter Bäumen hindurch, wichen Felsen aus, schlugen sich mit den Händen einen Weg durch das Unterholz, ohne einem erkennbaren Pfad zu folgen. Nach ein paar Minuten blieben sie auf einer kleinen Lichtung stehen. Vic deutete in eine Richtung. »Ich bin von dort gekommen. Ruft mich an, wenn ihr euren Jeep erreicht habt.« Er verschwand in den Wald, und sie setzten ihren Weg bergab fort. Es war jetzt nicht mehr so steil, und sie konnten mehrere hundert Meter gefahrlos im Laufschritt zurücklegen.

»Sind wir in Sicherheit?«, fragte Samantha irgendwann.

»Alles okay«, antwortete Donovan ruhig. »Die kennen den Wald nicht so gut wie ich. Und wenn sie uns erwischen, können sie uns ja nicht töten.«

Samantha fand das wenig beruhigend. Der Weg verlief weiterhin flach, und sie beeilten sich voranzukommen. Als der Jeep hundert Meter vor ihnen sichtbar wurde, blieb Donovan stehen, um nach weiteren Fahrzeugen Ausschau zu halten. »Sie haben uns nicht gefunden«, sagte er. Im Wegfahren schickte er Vic eine SMS, dass die Luft rein war. Sie holperten den Berg hinunter, umfuhren Schlaglöcher und Spalten, die breit genug waren, um das ganze Auto zu verschlingen.

Nach ein paar Minuten sagte er: »Jetzt sind wir nicht mehr auf Strayhorns Grund.« Er bog auf eine Asphaltstraße ein, als ein großer staubiger Pick-up um die Kurve geschossen kam. »Das sind sie«, meinte Donovan. Der Pick-up schwenkte in die Mitte der Straße, um dem Jeep den Weg abzuschneiden, doch Donovan gab Gas und wich auf den Seitenstreifen aus. Im Wagen saßen mindestens drei derbe Typen mit Schutzhelmen und grimmigen Mienen, die eindeutig Streit suchten. Sie stoppten abrupt und begannen zu wenden, um die Verfolgung aufzunehmen, aber der Jeep hängte sie ab.

Während sie auf Nebenstraßen durch Hopper County rasten, blieb Donovan stumm und ließ den Rückspiegel nicht aus den Augen. »Denken Sie, die haben Ihr Kennzeichen?«, fragte Samantha.

»Die wissen sowieso, dass ich es war. Am Montag werden sie zum Richter rennen und ihm was vorheulen. Ich werde alles abstreiten und sagen, sie sollen aufhören zu jammern. Und jetzt gehen wir Geschworene aussuchen.«

In Colton fuhren sie am Gericht in der Center Street vorbei. Donovan nickte hinüber. »Ground Zero. Hässlichstes Gerichtsgebäude in ganz Virginia.«

»Ich war am Mittwoch mit Mattie dort.«

»Wie fanden Sie den Sitzungssaal?«

»Er ist irgendwie seltsam, aber ich bin nicht gerade Expertin für Gerichtssäle. Ich habe mich immer möglichst davor gedrückt.«

»Ich liebe sie. Es ist der einzige Ort, wo es der kleine Mann Auge in Auge mit einem großen, gewieften Konzern aufnehmen kann. Jemand ohne Macht und Geld, in der Hand nichts als ein paar Fakten, kann Klage einreichen und ein milliardenschweres Unternehmen zu einem fairen Kampf herausfordern.«

»Fair ist es nicht immer, oder?«

»Aber sicher. Wenn die mogeln, mogele ich auch. Wenn die mit faulen Tricks kommen, komme ich mit fauleren. Man muss die Gerechtigkeit lieben.«

»Sie klingen wie mein Vater. Es ist erschreckend.«

»Und Sie klingen wie meine Frau. Sie hatte keinen Sinn für meine Arbeit.«

»Reden wir über was anderes.«

»Gern. Haben Sie morgen schon was vor?«

»Samstag in Brady. Die Law Clinic ist geschlossen. Was steht denn zur Auswahl?«

»Wie wär’s mit einem Abenteuer?«

»Hat es mit Waffen zu tun?«

»Nein, ich werde keine Waffe tragen, versprochen.«

»Werden wir uns wieder auf fremde Grundstücke schleichen? Besteht die Möglichkeit, dass wir verhaftet werden?«

»Nein. Versprochen.«

»Klingt ziemlich langweilig. Ich bin dabei.«

13

Samstagmorgen in aller Frühe rief Blythe mit der unglaublichen Nachricht an, dass sie den Tag freihatte, was in ihrer Welt eine Seltenheit war. Die Lage an ihrem Arbeitsplatz hatte sich stabilisiert; der Aderlass in ihrer Kanzlei war offenbar zu Ende. In den letzten fünf Tagen war niemand mehr gefeuert worden, und endlich sickerten auch die ersten Versprechungen von oben durch. Ein herrlicher Herbsttag in der Stadt, und sie hatte nichts anderes zu tun, als einkaufen zu gehen, ein Restaurant für das Mittagessen auszusuchen und zu genießen, dass sie jung und Single war. Samantha vermisste ihre Mitbewohnerin, und in diesem Moment hatte sie schreckliches Heimweh. Sie war erst seit zwei Wochen aus New York weg, doch angesichts der Entfernung kam es ihr wie ein ganzes Jahr vor. Nachdem sie sich eine halbe Stunde unterhalten hatten, mussten sich beide anderen Dingen widmen.

Samantha duschte und zog sich schnell an, weil sie ihr Auto möglichst lautlos aus der Einfahrt bewegen wollte, bevor Kim und Adam aus dem Haus gerannt kamen und sie für den Rest des Tages in Beschlag nahmen. Bis jetzt sah es so aus, als würden Annette und die Kinder nicht darauf bestehen, dass ihr Gast sie darüber informierte, wann er kommen und gehen wollte. Sie bemühte sich, leise zu sein, und hatte noch kein einziges Mal gesehen, dass sie hinter den Gardinen hervorlugten. Aber sie war sich sehr wohl darüber im Klaren, dass die meisten Einwohner von Brady neugierig waren, was die Fremde aus New York betraf.

Deshalb — und wegen seiner instabilen Eheverhältnisse — hatte Donovan vorgeschlagen, dass sie sich am Flugplatz des Countys trafen, achtzehn Kilometer östlich der Stadt. Das sollte der Ausgangspunkt für ihr nächstes Abenteuer sein, dessen Details er für sich behalten hatte. Samantha war überrascht gewesen, als sie erfahren hatte, dass es im Umkreis von hundertfünfzig Kilometern einen Flugplatz gab. Am späten Freitagabend hatte sie im Internet danach gesucht und nichts gefunden. Wie war es möglich, dass ein Flughafen keine Website hatte?

Es fehlte ihm nicht nur an einer Website, sondern auch an Flugzeugen, zumindest konnte Samantha keine erkennen, als die unbefestigte Straße am Noland County Airfield endete. Außer Donovans Jeep, der neben einem kleinen Gebäude aus Metallplatten stand, war kein Auto zu sehen. Sie ging durch die einzige Tür, die sie fand, und gelangte in eine Art Lobby mit Klappstühlen und Metalltischen, auf denen diverse Flugzeitschriften lagen. An den Wänden hingen verblasste Fotos von Flugzeugen und Luftaufnahmen. Die einzige andere Tür führte zum Vorfeld, und dort entdeckte sie dann auch Donovan, der an einem sehr kleinen Flugzeug herumwerkelte. Sie ging nach draußen und sagte: »Was ist das?«

»Guten Morgen«, erwiderte er mit einem breiten Grinsen. »Haben Sie gut geschlafen?«

»Acht Stunden. Haben Sie einen Pilotenschein?«

»Ja. Das ist eine Cessna 172, besser bekannt unter dem Namen Skyhawk. Ich praktiziere in fünf Bundesstaaten, und mit der kleinen Kiste hier spare ich eine Menge Zeit. Außerdem ist sie ganz nützlich, wenn es darum geht, Kohleunternehmen auszuspionieren.«

»Verstehe. Und wir gehen jetzt spionieren?«

»So etwas in der Art.« Behutsam klappte er die Motorverkleidung herunter und verriegelte sie. »Mit der Vorflugkontrolle bin ich durch. Wir können los. Ihre Tür ist auf der anderen Seite.«

Samantha rührte sich nicht vom Fleck. »Ich weiß nicht. Ich bin noch nie mit so einem kleinen Ding geflogen.«

»Die Skyhawk ist das sicherste Flugzeug, das je gebaut wurde. Ich habe dreitausend Flugstunden absolviert und bin bestens qualifiziert, vor allem an einem so schönen Tag wie heute. Keine Wolke am Himmel, ideale Temperaturen, und die Bäume haben schon ihre Herbstfärbung. Geradezu traumhafte Flugbedingungen.«

»Ich weiß wirklich nicht …«

»Wo bleibt Ihre Abenteuerlust?«

»Aber die Maschine hat nur einen Motor.«

»Mehr braucht sie auch nicht. Falls der Motor tatsächlich einmal ausfallen sollte, kann sie eine Ewigkeit im Gleitflug weiterfliegen, und dann suchen wir uns irgendwo eine hübsche Wiese.«

»Hier in den Bergen?«

»Samantha, jetzt machen Sie schon.« Langsam ging sie um das Heck der Maschine herum zu der Tür, die sich unter dem rechten Flügel befand. Donovan half ihr dabei, in die Cessna zu klettern und die Sitz- und Schultergurte anzulegen. Dann schloss er die Tür, verriegelte sie und ging um das Flugzeug herum auf die linke Seite. Samantha warf einen Blick nach hinten auf die schmale Rückbank, dann starrte sie auf die Instrumententafel vor sich.

»Haben Sie Platzangst?«, fragte er, als er seine Sitz- und Schultergurte einsteckte. Ihre Schultern waren ungefähr drei Zentimeter voneinander entfernt.

»Jetzt schon.«

»Es wird Ihnen gefallen. Bis heute Abend fliegen Sie die Maschine selbst.« Er gab ihr einen Kopfhörer. »Setzen Sie den auf. Es ist ziemlich laut hier drin, wir unterhalten uns über Funk.« Beide rückten ihre Kopfhörer zurecht. »Sagen Sie was«, forderte er sie auf.

»Was.« Daumen hoch, die Kopfhörer funktionierten.

Donovan griff nach einer Checkliste und ging die einzelnen Punkte durch, während er die Instrumente und Anzeigen vor sich berührte. Als er den Steuerknüppel zuerst nach vorn drückte und dann nach hinten zog, bewegte sich ein identisch aussehendes Teil auf ihrer Seite. »Fassen Sie das bitte nicht an«, meinte er.

Sie schüttelte den Kopf; sie würde hier gar nichts berühren. Er sagte »Startklar« und drehte den Zündschlüssel um. Der Motor sprang an, der Propeller begann sich zu drehen. Das Flugzeug schüttelte sich, als Donovan den Gashebel einschob. Er kündigte über Funk an, was er vorhatte, dann rollten sie zur Piste, die — zumindest in ihren Augen — sehr kurz und schmal zu sein schien.

»Hört jemand zu?«, fragte sie.

»Das bezweifle ich. Heute Morgen ist nicht viel los.«

»Haben Sie das einzige Flugzeug in Noland County?«

Er deutete auf einige kleine Hangars neben der Piste. »Da drüben stehen noch ein paar. Es sind nicht viele.« Am Ende der Piste brachte er den Motor noch einmal auf Touren und überprüfte Schalter und Instrumente erneut. »Festhalten.« Er drückte den Gashebel nach vorn, löste behutsam die Bremsen, und sie rollten los. Während sie immer