/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Der Verrat

John Grisham


Der Verrat

John Grisham

1998

1

Michael Brock ist der aufsteigende Stern bei Drake & Sweeney, einer großen, einflußreichen Anwaltskanzlei in Washington, D.C. Das Geld stimmt, und die Aussichten auf eine Teilhaberschaft sind für den jungen Anwalt mehr als gut. Ein Leben auf der Überholspur, keine Zeit zum Stehenbleiben, keinen Augenblick zum Nachdenken, keine Zeit fürs Gewissen.

Doch eine gewalttätige Begegnung mit einem Obdachlosen gibt seinem Leben eine unerwartete Richtung, Michael überlebt, der Geiselnehmer nicht. Wer war dieser Mann, was trieb ihn zu dieser Wahnsinnstat? Michael stellt Nachforschungen an, gräbt in der Geschichte des Mannes und findet ein schmutziges Geheimnis, in das die ehrbare Kanzlei Drake & Sweeney verwickelt ist. Plötzlich findet sich Michael auf der anderen Seite wieder, die Bilder des Elends inmitten des Wohlstands lassen ihn nicht mehr los. Er kämpft als ‘street lawyer’ einen ungleichen Kampf gegen die Allianz von Macht und Geld.

Inhaltsverzeichnis

I  1

II  2

III  3

IV  4

V  5

VI  6

VII  7

VIII  8

IX  9

X  10

XI  11

XII  12

XIII  13

XIV  14

XV  15

XVI  16

XVII  17

XVIII  18

XIX  19

XX  20

XXI  21

XXII  22

XXIII  23

XXIV  24

XXV  25

XXVI  26

XXVII  27

XXVIII  28

XXIX  29

XXX  30

XXXI  31

XXXII  32

XXXIII  33

XXXIV  34

XXXV  35

XXXVI  36

XXXVII  37

XXXVIII  38

XXXIX  39

XL  Danksagung

Teil I

1

Der Mann mit den Gummistiefeln trat hinter mir in den Aufzug, doch zunächst sah ich ihn nicht. Allerdings roch ich ihn: den stechenden Geruch nach Rauch und billigem Wein und einem Leben auf der Straße, ohne Seife. Auf der Fahrt hinauf waren wir allein, und als ich ihm schließlich einen Blick zuwarf, sah ich die schwarzen, schmutzigen und viel zu großen Stiefel. Unter dem abgetragenen, zerrissenen Trenchcoat, der ihm bis zu den Knien reichte, waren Schichten ungewaschener Kleider, die am Bauch Falten warfen und ihn stämmig, ja beinahe dick wirken ließen. Dabei war er alles andere als das. Im Winter tragen die Obdachlosen in Washington alle Kleider, die sie besitzen, am Körper — jedenfalls sehen sie so aus.

Er war schwarz und nicht mehr jung. Sein Bart und seine Haare waren halb ergraut und seit Jahren weder gewaschen noch geschnitten worden. Er trug eine dunkle Sonnenbrille, sah starr geradeaus und ignorierte mich vollkommen. Sein Verhalten war so, daß ich mich einen Augenblick lang fragte, warum ich ihn eigentlich musterte.

Er gehörte nicht hierher. Er gehörte nicht in dieses Gebäude und in diesen Aufzug. Es war ein Ort, den er sich nicht leisten konnte. Die Rechtsanwälte auf diesen acht Etagen arbeiteten für Stundensätze, die mir auch nach sieben Jahren noch obszön erschienen.

Er war bloß irgendein Penner, der sich mal aufwärmen wollte. In der Innenstadt von Washington passierte das andauernd. Bei uns gab es für so was einen Sicherheitsdienst.

Der Aufzug hielt in der fünften Etage, und jetzt erst fiel mir auf, daß der Mann keinen Knopf gedrückt, keine Etage gewählt hatte. Er folgte mir. Ich stieg schnell aus, und als ich in das schicke, mit Marmor ausgekleidete Foyer von Drake & Sweeney trat, warf ich einen kurzen Blick über die Schulter. Der Mann stand im Aufzug, sah noch immer starr geradeaus und beachtete mich auch jetzt nicht.

Madame Devier, eine unserer sehr energischen Empfangsdamen, begrüßte mich mit ihrem üblichen geringschätzigen Blick. »Behalten Sie den Aufzug im Auge«, sagte ich.

»Warum?«

»Ein Penner. Sie sollten vielleicht den Sicherheitsdienst rufen.«

»Diese schräcklischen Menschen«, sagte sie mit ihrem dick aufgetragenen französischen Akzent.

»Und Desinfektionsspray.«

Ich zog im Gehen meinen Mantel aus und hatte den Mann mit den Gummistiefeln schon fast vergessen. Heute Nachmittag würde ich eine Besprechung nach der anderen haben, wichtige Besprechungen mit wichtigen Leuten. Ich bog um eine Ecke und wollte gerade etwas zu Polly, meiner Sekretärin, sagen, als ich den ersten Schuß hörte.

Madame Devier stand wie versteinert hinter ihrem Tisch und starrte in die Mündung einer beeindruckend langen Pistole, die unser Freund, der Penner, in der Hand hielt. Da ich der erste war, der ihr zu Hilfe eilte, richtete er die Waffe höflicherweise auf mich, worauf ich ebenfalls zu Stein erstarrte.

»Nicht schießen«, sagte ich und hob die Hände. Ich hatte so viele Filme gesehen, daß ich genau wußte, wie ich mich zu verhalten hatte.

»Halten Sie die Klappe«, nuschelte er sehr gelassen.

Hinter mir hörte ich Stimmen auf dem Gang. Jemand schrie: »Er hat eine Pistole!« Dann entfernten sich die Stimmen und wurden leiser und leiser: Meine Kollegen rannten zur Feuertreppe. Wahrscheinlich fehlte nicht viel und sie wären aus den Fenstern gesprungen.

Links von mir war eine schwere Holztür, die zu einem Konferenzraum führte. Dort saßen gerade acht unserer Anwälte aus der Prozeßabteilung — acht abgebrühte, furchtlose Prozeßanwälte, die ihre Zeit auf Erden damit verbrachten, andere fertigzumachen. Der härteste von ihnen war ein kampflustiger kleiner Terrier namens Rafter, und als er die Tür aufriß und rief: »Was ist das für ein Lärm hier?«, richtete sich die Waffe auf ihn, und der Mann in den Gummistiefeln hatte gefunden, was er gesucht hatte.

»Runter mit der Pistole!« befahl Rafter, und im nächsten Augenblick zerriß ein weiterer Schuß die Stille im Foyer. Die Kugel schlug weit über Rafters Kopf in die Decke ein und verwandelte ihn in einen bloßen Sterblichen. Der Mann zielte wieder auf mich und nickte. Ich gehorchte und trat hinter Rafter in den Konferenzraum. Das letzte, was ich von der Welt außerhalb dieses Raumes sah, war Madame Devier, die geschockt und zitternd an ihrem Tisch stand. Der Kopfhörer mit Mikrofon hing um ihren Hals, die hochhackigen Schuhe standen ordentlich neben dem Papierkorb.

Der Mann mit den Gummistiefeln schlug die Tür zu und schwenkte die Pistole langsam hin und her, damit alle acht Prozeßanwälte sie bewundern konnten. Sie schienen gebührend beeindruckt. Der Geruch des Pulverdampfes überdeckte den des Mannes.

Das beherrschende Möbelstück in diesem Raum war ein langer Tisch voller Dokumente und Papiere, die eben noch schrecklich wichtig gewesen waren. Die Fenster gingen auf den Parkplatz, und die beiden Türen führten auf den Gang.

»Alle an die Wand«, befahl der Mann, und daß er dabei die entsprechende Bewegung mit der Pistole machte, verlieh seinen Worten erheblichen Nachdruck. Dann hielt er sie sehr nah an meinen Kopf und sagte: »Schließen Sie die Tür ab.«

Was ich tat.

Kein Wort von den acht Anwälten, als sie an die Wand zurückwichen. Kein Wort von mir, als ich rasch die Tür verriegelte und ihn um Anerkennung heischend ansah.

Aus irgendeinem Grund dachte ich die ganze Zeit an das Postamt und all die schrecklichen Schießereien: Der unzufriedene Angestellte bringt nach der Mittagspause ein ganzes Waffenarsenal mit und löscht fünfzehn Kollegen aus. Ich dachte an Massaker auf Spielplätzen, an Gemetzel in Hamburger-Restaurants.

Dort waren die Opfer allerdings unschuldige Kinder und unbescholtene Bürger gewesen. Wir dagegen waren ein Rudel Anwälte!

Knurrend und mit der Pistole dirigierend, reihte er die acht anderen an der Wand auf. Als er mit dem Arrangement zufrieden war, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder mir zu. Was hatte er vor? Wollte er uns ausfragen? Wenn ja, dann würde er von mir alles erfahren, was er wissen wollte. Wegen der Sonnenbrille konnte ich seine Augen nicht erkennen. Er dagegen sah meine, und die Pistole war direkt auf sie gerichtet.

Er zog den schmutzigen Trenchcoat aus, faltete ihn zusammen, als wäre er neu, und legte ihn mitten auf den Tisch. Der Geruch, der mir im Aufzug in die Nase gestochen war, breitete sich aus, erschien mir aber nicht mehr wichtig. Der Mann stand am Kopfende des Tisches und zog langsam die nächste Schicht Kleidung aus — eine weite, graue Strickjacke.

Daß sie weit war, hatte seinen Grund. Darunter trug er eine Reihe roter Stangen, die für mein ungeübtes Auge wie Dynamit aussahen. In ihren Enden steckten bunte, an Spaghetti erinnernde Drähte, und das alles war mit silbergrauem Klebeband befestigt.

Mein erster Impuls war zu flüchten, mit wild fuchtelnden Armen und Beinen zur Tür zu rennen und auf Glück und einen schlecht gezielten Schuß zu hoffen, während ich am Schloß herumfummelte, und auf einen zweiten schlecht gezielten Schuß, wenn ich durch die Tür auf den Gang stürzte. Doch meine Knie zitterten, und das Blut war mir in den Adern gefroren. Die acht an der Wand keuchten und stöhnten leise, und das schien den Geiselnehmer zu stören. »Ruhe, bitte«, sagte er im Ton eines geduldigen Professors. Seine Gelassenheit entnervte mich. Er rückte ein paar der Spaghetti an seinem Bauch zurecht und zog dann ein Klappmesser und ein ordentlich aufgerolltes gelbes Nylonseil aus einer Tasche seiner geräumigen Hose.

Zu allem Überfluß richtete er die Pistole auf die entsetzten Gesichter vor sich und sagte: »Ich will keinem weh tun.«

Das war nett, aber nicht glaubwürdig. Ich zählte zwölf Stangen und war mir sicher, daß diese Menge ausreichte, mir einen schnellen und schmerzlosen Tod zu verschaffen.

Die Pistole zielte wieder auf mich. »Sie«, sagte der Mann, »werden sie fesseln.«

Rafter hatte genug. Er machte einen kleinen Schritt vorwärts und sagte: »Hören Sie, mein Freund, was wollen Sie eigentlich?«

Die dritte Kugel schlug über seinem Kopf in der Decke ein. Der Schuß klang wie Kanonendonner, und im Foyer schrie Madame Deviers oder irgendeine andere Frau. Rafter duckte sich, und als er wieder hochkam, stieß Umstead ihm seinen kräftigen Ellbogen in die Brust und schob ihn wieder an die Wand zurück.

»Halt’s Maul«, sagte Umstead mit zusammengebissenen Zähnen.

»Nennen Sie mich nicht ›mein Freund‹«, sagte der Mann, und sogleich existierte diese Anrede nicht mehr.

»Wie möchten Sie denn angeredet werden?« fragte ich, denn ich hatte das Gefühl, daß ich dabei war, so etwas wie der Sprecher der Geiseln zu werden. Ich sagte es sehr leise und mit großem Respekt, und das gefiel ihm.

»Mister«, sagte er, und alle Anwesenden waren sich einig, daß dies eine sehr gute Anrede sei.

Das Telefon läutete, und für einen Augenblick dachte ich, er werde darauf schießen, doch er machte nur eine Geste mit der Pistole. Ich stellte den Apparat vor ihn auf den Tisch. Er nahm den Hörer mit der linken Hand ab; in der rechten hielt er die Pistole, und die zielte noch immer auf Rafter.

Wenn wir hätten abstimmen dürfen, wäre Rafter das erste Opferlamm gewesen. Acht zu eins.

»Hallo?« sagte Mister. Er hörte kurz zu und legte auf. Dann ging er langsam rückwärts zu dem Sessel am Kopfende des Tisches und setzte sich.

»Nehmen Sie das Seil«, sagte er zu mir.

Ich sollte die acht an den Handgelenken aneinander fesseln. Ich schnitt das Seil in Stücke, machte die Knoten und versuchte, nicht in die Gesichter meiner Kollegen zu sehen, deren Tod ich beschleunigte. Ich spürte förmlich, wie die Pistole auf meinen Rücken zielte. Er wollte, daß alle stramm gefesselt waren, und ich bemühte mich, ihm zu zeigen, wie fest ich das Seil anzog, während ich es in Wirklichkeit so lose wie möglich ließ. Rafter murmelte etwas, und ich hätte ihn am liebsten geohrfeigt. Umstead konnte, als ich den Knoten geknüpft hatte, die Handgelenke so bewegen, daß die Schlinge fast herabfiel. Malamud schwitzte und atmete flach. Er war nicht nur der älteste von uns, sondern auch der einzige Teilhaber, und er hatte vor zwei Jahren seinen ersten Herzinfarkt überstanden.

Ich mußte Barry Nuzzo ansehen, meinen einzigen Freund in dieser Runde. Wir waren gleich alt — zweiunddreißig — und zur selben Zeit in die Kanzlei eingetreten. Er war in Princeton gewesen, ich in Yale. Sowohl seine als auch meine Frau stammten aus Providence. Seine Ehe lief gut: drei Kinder in vier Jahren. Meine befand sich im Endstadium eines langen Niedergangs.

Unsere Blicke trafen sich. Wir dachten beide an seine Kinder, und ich fand, daß ich von Glück reden konnte, keine zu haben.

Wir hörten die erste von vielen Sirenen, und Mister befahl mir, die Jalousien herunterzulassen. Ich machte mich gewissenhaft an die Arbeit und suchte mit den Augen den Parkplatz dort unten ab, als wäre ich in Sicherheit, wenn mich jemand sähe. Ein einsamer Polizeiwagen stand mit blinkenden Lichtern da. Er war leer — die Polizisten waren bereits im Gebäude.

Da waren wir also: neun weiße Jungs und Mister.

___________

Laut letzter Zählung beschäftigten Drake & Sweeney achthundert Anwälte in Kanzleien in aller Welt. Die Hälfte davon arbeitete in Washington, D.C., in diesem Gebäude, in das Mister soeben eingedrungen war. Er befahl mir, den »Boss« anzurufen und ihm zu sagen, er sei bewaffnet und trage eine Bombe aus zwölf Dynamitstäben am Körper. Ich rief Rudolph, den leitenden Teilhaber meiner Abteilung — der Abteilung für Kartellrecht —, an und gab die Nachricht weiter.

»Ist bei Ihnen alles in Ordnung, Mike?« fragte er. Mister hatte den Telefonlautsprecher auf größte Lautstärke gestellt.

»Alles ganz wunderbar«, sagte ich. »Bitte tun Sie, was er will.«

»Was will er denn?«

»Das weiß ich noch nicht.«

Mister machte ein Zeichen mit seiner Pistole. Das Gespräch war beendet.

Auf einen weiteren Wink hin blieb ich neben dem Konferenztisch stehen, nur ein, zwei Schritte von Mister entfernt, der die irritierende Angewohnheit entwickelt hatte, geistesabwesend mit den Drähten an seiner Brust zu spielen.

Er sah hinunter und zupfte an einem roten Draht. »Wenn ich den hier rausziehe, ist alles vorbei.« Nach dieser kleinen Warnung sahen mich die Augen hinter der Sonnenbrille an. Ich hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen.

»Warum sollten Sie das tun?« fragte ich in dem verzweifelten Bemühen, ein Gespräch in Gang zu bringen.

»Ich will es ja gar nicht tun, aber warum sollte ich es lassen?«

Seine Ausdrucksweise fiel mir auf. Er sprach in langsamem, gemessenem Rhythmus und verschluckte keine Silbe. Im Augenblick mochte er ein Penner sein, aber er hatte sicher schon bessere Tage gesehen.

»Warum sollten Sie uns umbringen?« fragte ich ihn.

»Ich diskutiere nicht mit Ihnen«, erwiderte er. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.

Ich bin Rechtsanwalt und lebe nach der Uhr, und so sah ich auf meine Armbanduhr, damit später alles ordnungsgemäß festgehalten werden konnte — vorausgesetzt, es gelang uns irgendwie zu überleben. Es war zwanzig nach eins. Mister wollte Ruhe, und so ertrugen wir eine nervenaufreibende Stille, die vierzehn Minuten dauerte.

Ich konnte nicht glauben, daß wir sterben würden. Es schien kein Motiv, keinen Grund zu geben, uns zu töten. Ich war mir sicher, daß keiner von uns diesem Mann je zuvor begegnet war, und mir fiel die Fahrt mit dem Aufzug ein und die Tatsache, daß er offenbar kein bestimmtes Ziel gehabt hatte. Er war bloß ein Verrückter, der Geiseln nehmen wollte, und damit erschiene das Blutbad nach heutigen Maßstäben leider als etwas beinahe Normales.

Es war genau die Art von sinnlosem Gemetzel, das vierundzwanzig Stunden Schlagzeilen machen und für Kopfschütteln sorgen würde. Und dann würden Witze über tote Anwälte die Runde machen.

Ich sah schon die Überschriften und hörte schon die Reporter, aber ich weigerte mich zu glauben, daß es passieren würde.

Aus dem Foyer drangen Stimmen, draußen jaulten die Polizeisirenen; irgendwo auf dem Gang krächzte das Sprechfunkgerät eines Polizisten.

»Was haben Sie zu Mittag gegessen?« wollte Mister von mir wissen. Seine Stimme durchschnitt die Stille. Ich war zu überrascht, um mir eine Lüge auszudenken, zögerte einen Augenblick und sagte: »Gegrillte Hähnchenbrust in Sherrysauce.«

»Allein?«

»Nein, ich war mit einem Freund verabredet.« Mit einem ehemaligen Kommilitonen aus Philadelphia.

»Wie hoch war die Rechnung für Sie beide?«

»Dreißig Dollar.«

Das gefiel ihm nicht. »Dreißig Dollar«, wiederholte er. »Für zwei Personen.« Er schüttelte den Kopf und musterte die acht Prozeßanwälte. Wenn er vorhatte, sie zu befragen, dann hoffte ich, daß sie lügen würden. Unter ihnen waren ein paar Feinschmecker, die schon für eine Vorspeise dreißig Dollar ausgaben.

»Wissen Sie, was ich zu Mittag gegessen habe?« fragte er mich.

»Nein.«

»Suppe. Suppe und Cracker in einer Obdachlosenunterkunft. Die Suppe war umsonst, und ich war froh, daß ich welche bekommen habe. Wissen Sie eigentlich, daß man mit dreißig Dollar hundert von meinen Freunden satt kriegen könnte?«

Ich nickte so ernst, als würde mir soeben die Schwere meiner Verfehlung bewußt.

»Sammeln Sie alle Brieftaschen, Geldscheine, Uhren und Schmuckstücke ein«, sagte er mit einem Schlenker der Pistole.

»Darf ich fragen, warum?«

»Nein.«

Ich legte Brieftasche, Uhr und Bargeld auf den Tisch und begann, die Taschen der anderen Geiseln auszuräumen.

»Das ist für die Hinterbliebenen«, sagte Mister, und wir alle erbleichten.

Er befahl mir, alles in einen Aktenkoffer zu legen, diesen zu verschließen und dann wieder den »Boß« anzurufen. Rudolph nahm nach dem ersten Rufton ab. Vor meinem geistigen Auge sah ich den Leiter des Einsatzkommandos neben ihm sitzen.

»Rudolph, ich bin’s wieder, Mike. Die Freisprechanlage ist eingeschaltet.«

»Ja, Mike. Ist jemand verletzt?«

»Nein. Der Herr mit der Pistole möchte, daß ich die Tür, die dem Foyer am nächsten ist, ein Stück aufmache und einen schwarzen Aktenkoffer auf den Gang stelle. Danach werde ich die Tür wieder schließen und verriegeln. Haben Sie verstanden?«

»Ja.«

Die Mündung der Pistole lag an meinem Hinterkopf, als ich die Tür langsam einen Spaltbreit öffnete und den Aktenkoffer auf den Gang warf. Ich sah keine Menschenseele.

___________

Nur wenige Dinge stehen zwischen dem Anwalt einer großen Kanzlei und der Freude, honorarfähige Stunden zu berechnen. Eines davon ist Schlaf, doch die meisten von uns schliefen nur wenig. Essen ist eine durchaus honorarfähige Tätigkeit, insbesondere wenn es um ein Mittagessen geht, das der Mandant bezahlt. Die Minuten schleppten sich dahin, und ich fragte mich, wie die anderen vierhundert Anwälte es anstellten, die Zeit zu berechnen, in der sie darauf warteten, daß die Geiselnahme zu Ende ging. Vor meinem geistigen Auge sah ich sie auf dem Parkplatz, wo die meisten wahrscheinlich in ihren Wagen saßen, um sich warm zu halten, und per Handy mit irgendwelchen Mandanten sprachen, nur damit sie jemandem etwas in Rechnung stellen konnten. Ich kam zu dem Schluß, daß die Geschäfte der Kanzlei reibungslos weiterliefen.

Einigen dieser Halsabschneider dort unten war es vollkommen gleichgültig, wie diese Sache zu Ende ging — Hauptsache, sie ging schnell zu Ende.

Mister schien ein wenig einzudösen. Sein Kinn sackte nach unten, und er atmete tiefer. Rafter machte durch einen kurzen Knurrlaut auf sich aufmerksam und gab mir durch eine Kopfbewegung zu verstehen, ich solle etwas unternehmen. Das Problem war nur, daß Mister in der rechten Hand eine Pistole hatte, und wenn er tatsächlich ein Nickerchen machte, dann tat er es, ohne den gefährlichen roten Draht, den er in der Linken hielt, loszulassen.

Und Rafter wollte, daß ich den Helden spielte. Obgleich er der ausgekochteste und erfolgreichste Prozeßanwalt der Kanzlei war, hatte man ihn noch nicht zum Teilhaber gemacht. Er war nicht in meiner Abteilung, und wir waren nicht in der Armee. Ich nahm keine Befehle entgegen.

»Wie viel Geld haben Sie im letzten Jahr verdient?« fragte Mister, der einen hellwachen Eindruck machte, mich mit klarer Stimme.

Wieder war ich überrascht. »Ich… äh… Da muß ich nachdenken…«

»Und lügen Sie mich nicht an.«

»Hundertzwanzigtausend.«

Auch diese Auskunft gefiel ihm nicht. »Und wie viel haben Sie gespendet?«

»Gespendet?«

»Ja. An wohltätige Einrichtungen.«

»Ach so. Tja, das weiß ich nicht so genau. Um die Rechnungen und so weiter kümmert sich meine Frau.«

Alle acht Prozeßanwälte schienen gleichzeitig von einem Bein auf das andere zu treten.

Auch diese Antwort gefiel Mister nicht, und er war nicht bereit, sich damit abspeisen zu lassen. »Wer füllt Ihre Steuererklärung aus?«

»Sie meinen für die Einkommensteuer?«

»Genau.«

»Das macht unsere Steuerabteilung, unten, in der ersten Etage.«

»In diesem Gebäude?«

»Ja.«

»Dann lassen Sie sie kommen. Lassen Sie die Steuererklärungen aller Leute hier im Raum kommen.«

Ich sah die anderen an. Ein paar von ihnen machten Gesichter, als wollten sie sagen: »Erschieß mich lieber sofort!« Ich zögerte wohl etwas zu lange, denn Mister rief: »Und zwar sofort!« Ein Wink mit der Pistole unterstrich seinen Wunsch.

Ich rief Rudolph an, der ebenfalls zögerte, so daß ich laut werden mußte. »Faxen Sie sie uns«, rief ich. »Nur die vom letzten Jahr.«

Während der folgenden fünfzehn Minuten starrten wir auf das Faxgerät in der Ecke, als fürchteten wir, Mister könnte uns erschießen, wenn unsere Steuererklärungen nicht schleunigst übermittelt wurden.

Teil II

2

Als frisch ernannter Schreiber der Gruppe setzte ich mich auf einen Stuhl, den Misters Pistole mir angewiesen hatte. Vor mir lag ein Stapel Faxkopien. Meine Kollegen standen nun schon seit fast zwei Stunden an der Wand, aneinander gefesselt und kaum in der Lage, sich zu rühren. Sie sackten langsam in sich zusammen und sahen ziemlich angeschlagen aus.

Ihr Unbehagen sollte sich jedoch noch deutlich steigern.

»Sie zuerst«, sagte Mister. »Wie heißen Sie?«

»Michael Brock«, antwortete ich höflich. Freut mich, Sie kennenzulernen.

»Wie viel haben Sie letztes Jahr verdient?«

»Das habe ich Ihnen doch schon gesagt: hundertzwanzigtausend, vor Steuern.«

»Und wie viel haben Sie gespendet?«

Ich war sicher, daß ich ihm etwas vorlügen konnte. Zwar war ich kein Steueranwalt, doch ich würde seinen Fragen geschickt ausweichen können. Ich fand meine Steuererklärung und blätterte sie durch. Claire hatte als Assistenzärztin im zweiten Jahr einunddreißigtausend verdient, so daß wir ein ganz ansehnliches Bruttoeinkommen hatten. Allerdings mußten wir dreiundfünfzigtausend Dollar abführen — für die Einkommensteuer und eine verblüffende Vielzahl anderer Steuern —, und nach Abzug der Tilgungsraten für die Studienkredite, der Ausgaben für Claires berufliche Weiterbildung, der Kosten für eine sehr hübsche Wohnung in Georgetown (zweitausendvierhundert pro Monat), zwei neue Wagen mit den üblichen Leasingverträgen und einen Haufen anderer Annehmlichkeiten, die zu einem komfortablen Leben gehören, hatten wir nur zweiundzwanzigtausend in Investmentfonds angelegt.

Mister wartete geduldig. Seine Geduld begann mir auf die Nerven zu gehen. Ich nahm an, daß die Männer des Einsatzkommandos inzwischen durch Luftschächte krochen, auf nahegelegene Bäume kletterten, über die Dächer der benachbarten Gebäude robbten, die Grundrisse der Büroräume studierten und all die Dinge taten, die man aus dem Fernsehen kannte — alles mit dem Ziel, Mister eine Kugel in den Kopf zu schießen. Doch ihn schien das nicht zu kümmern. Er hatte sein Schicksal akzeptiert und war bereit zu sterben. Ganz im Gegensatz zu uns.

Er spielte ständig mit dem roten Draht herum und sorgte so dafür, daß meine Pulsfrequenz nicht unter hundert sank.

»Ich habe der Yale University tausend Dollar gespendet«, sagte ich. »Und zweitausend Dollar an United Way.«

»Wie viel haben Sie den Armen gegeben?«

Ich bezweifelte, daß das Geld für Yale irgendwelchen bedürftigen Studenten zugute kam. »Na ja, United Way verteilt das Geld auf verschiedene Projekte, und ich bin sicher, daß ein Teil davon für die Armenhilfe aufgewendet worden ist.«

»Wie viel haben Sie den Hungrigen gegeben?«

»Ich habe dreiundfünfzigtausend Dollar Steuern bezahlt, und ein nicht gerade kleiner Teil davon ist an die Sozialhilfe, Medicaid, Kinderhilfsorganisationen und so weiter gegangen.«

»Und haben Sie das Geld freiwillig gezahlt, im Geiste brüderlicher Solidarität?«

»Ich habe mich nicht beklagt«, sagte ich und log damit wie die meisten meiner Mitbürger.

»Sind Sie je hungrig gewesen?«

Er mochte einfache Antworten. Mit Witz und Sarkasmus würde ich nicht weit kommen. »Nein«, sagte ich. »Nie.«

»Haben Sie je im Schnee geschlafen?«

»Nein.«

»Sie verdienen viel Geld, aber Sie sind zu raffgierig, um mir ein bißchen Kleingeld zu geben, wenn ich Sie auf der Straße anspreche.« Er zielte mit der Pistole auf die anderen acht. »Sie alle. Sie gehen vorbei, wenn ich dasitze und bettle. Sie geben mehr für Kaffeespezialitäten aus als ich für Essen. Warum helfen Sie den Armen, den Kranken, den Obdachlosen nicht? Sie haben so viel.«

Ich ertappte mich dabei, daß ich diese raffgierigen Saukerle mit Misters Augen betrachtete. Sie waren kein schöner Anblick. Die meisten hatten den Blick gesenkt. Nur Rafter starrte ihn über den Tisch hinweg an und dachte, was wir alle dachten, wenn wir über die Mister auf den Straßen von Washington hinwegstiegen: Wenn ich dir Geld gebe, wirst du a) in den nächsten Schnapsladen laufen, b) weiterbetteln und c) nie von der Straße verschwinden.

Stille. Irgendwo in der Nähe knatterte ein Hubschrauber, und über das, was sie auf dem Parkplatz planten, konnte ich nur spekulieren. Gemäß Misters Weisungen waren die Telefone stummgeschaltet, so daß Gespräche mit der Außenwelt nicht möglich waren. Er wollte nicht mit denen da draußen reden oder verhandeln. Sein Publikum saß hier im Konferenzraum.

»Wer von denen verdient am meisten?« fragte er mich.

Malamud war der einzige Teilhaber, und ich kramte in den Papieren nach seinen Unterlagen.

»Das bin wahrscheinlich ich«, sagte Malamud.

»Wie heißen Sie?«

»Nate Malamud.«

Ich blätterte in seiner Steuererklärung. Es war eine seltene Gelegenheit, die intimeren Details seines Erfolges als Teilhaber zu erfahren, doch was ich sah, bereitete mir keine Freude.

»Wieviel?« wollte Mister wissen.

Ach, die Freuden einer Steuererklärung! Wie hätten Sie’s denn gern, Sir? Bruttoverdienst?

Angepaßter Bruttoverdienst? Nettoverdienst? Steuerpflichtige Einnahmen? Einnahmen aus Löhnen und Gehältern? Einnahmen aus Immobilien und Kapitalvermögen?

Malamuds Monatseinkommen belief sich auf fünfzigtausend Dollar, und der jährliche Teilhaberbonus, von dem wir alle träumten, betrug fünfhundertzehntausend Dollar. Es war, wie wir alle wußten, ein sehr gutes Jahr gewesen. Malamud war einer von vielen Teilhabern, die mehr als eine Million verdient hatten.

Ich beschloß, auf Nummer sicher zu gehen. Auf den hinteren Seiten der Erklärung waren noch eine Menge Einkünfte versteckt — Mieteinnahmen, Dividenden, ein kleines Geschäft —, aber ich nahm an, daß Mister, sollte er selbst einen Blick in die Erklärung werfen, sich in all diesen Zahlen nicht zurechtfinden würde.

»Eine Million einhunderttausend«, sagte ich und ließ zweihunderttausend Dollar unter den Tisch fallen.

Er war einen Augenblick in Gedanken versunken. »Sie haben eine Million Dollar verdient«, sagte er zu Malamud, der sich dieser Tatsache nicht im mindesten schämte.

»Ja, das stimmt.«

»Wie viel haben Sie den Hungrigen und Obdachlosen gegeben?«

Ich suchte bereits nach dem entsprechenden Eintrag.

»Ich weiß es nicht mehr genau. Meine Frau und ich unterstützen eine Menge Hilfsorganisationen. Ich erinnere mich an eine Spende — fünftausend Dollar, glaube ich — an den Greater D.C. Fund, der das Geld, wie Sie sicher wissen, an die Bedürftigen verteilt. Wir geben viel, und wir geben gern.«

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen«, erwiderte Mister mit einer ersten Spur von Sarkasmus.

Er wollte nicht hören, wie großzügig wir eigentlich waren. Er wollte nur die Tatsachen. Ich mußte alle neun Namen aufschreiben und daneben das letzte Jahreseinkommen und die Summe der Spenden notieren.

Das dauerte eine Weile, und ich wußte nicht, ob ich mich beeilen oder gewissenhaft sein sollte. Würde er uns abschlachten, wenn er mit der Summe nicht zufrieden war? Vielleicht sollte ich mich lieber nicht beeilen. Es war schon sehr bald offensichtlich, daß wir reichen Säcke eine Menge Geld gemacht und verdammt wenig davon weitergegeben hatten. Zugleich wußte ich aber, daß die Pläne für unsere Rettung um so verrückter werden würden, je länger sich die Geiselnahme hinzog.

Er hatte nicht gesagt, er werde stündlich eine Geisel umbringen. Er wollte keine Freunde aus dem Gefängnis freipressen. Eigentlich schien er gar nichts zu wollen.

Ich ließ mir Zeit. Malamud stand an erster Stelle. Der letzte war Colburn, ein Mitarbeiter im dritten Jahr, der bloß auf sechsundachtzigtausend kam. Ich war empört, als ich feststellte, daß mein Freund Barry Nuzzo elftausend mehr verdiente als ich. Darüber würde noch zu reden sein.

»Abgerundet drei Millionen Dollar«, erstattete ich Mister Bericht. Er schien schon wieder zu schlafen. Die linke Hand hielt den roten Draht.

Er schüttelte langsam den Kopf. »Und wie viel für die Armen?«

»Die Summe der Spenden beträgt hundertachtzigtausend.«

»Ich will nicht die Summe der Spenden. Werfen Sie mich und meine Leute nicht in einen Topf mit dem Symphonieorchester und der Synagoge und diesen hübschen Klubs für Weiße, wo Wein und Autogramme zugunsten der Pfadfinder versteigert werden. Ich spreche von Essen. Essen für hungrige Menschen, die in derselben Stadt leben wie Sie. Essen für kleine Kinder. Hier. Hier, in dieser Stadt, in der Leute wie Sie Millionen verdienen, gibt es Kinder, die nachts Hunger haben, die weinen, weil sie hungrig sind. Wie viel haben Sie alle für Essen gespendet?«

Er sah mich an. Ich sah auf das Papier vor mir. Ich konnte nicht lügen.

Er sprach weiter. »In der ganzen Stadt gibt es Suppenküchen, wo die Armen und Obdachlosen was zu essen kriegen können. Wie viel Geld haben Sie den Suppenküchen gespendet? Haben Sie ihnen überhaupt was gespendet?«

»Nicht direkt«, sagte ich. »Aber einige dieser Organisationen…«

»Halten Sie den Mund!«

Er fuchtelte wieder mit der Pistole.

»Was ist mit den Notunterkünften? Da können wir schlafen, wenn es draußen zehn Grad minus hat. Wie viele Notunterkünfte haben Sie unterstützt?«

Mir fiel keine Lüge ein. »Keine«, sagte ich leise.

Er sprang so unvermittelt auf, daß wir hoch schreckten. Die roten Stangen unter dem silbrigen Klebeband waren gut zu sehen. Er stieß den Stuhl zurück. »Was ist mit den Kliniken? Wir haben diese kleinen Kliniken, wo Ärzte — gute, anständige Menschen, die einmal eine Menge Geld verdient haben — die Kranken umsonst behandeln. Sie kriegen keinen Cent dafür. Früher hat der Staat Zuschüsse für die Miete, für Medikamente und so weiter gezahlt. Aber jetzt ist Newt Gingrich der Staat, und es gibt kein Geld mehr. Wie viel haben Sie für Kliniken gespendet?«

Rafter sah mich an, als sollte ich etwas unternehmen, als sollte ich vielleicht plötzlich etwas in den Unterlagen entdecken und rufen: »Hier! Sehen Sie sich das an! Wir haben eine halbe Million Dollar für Kliniken und Suppenküchen gespendet!«

Das war genau das, was Rafter getan hätte. Ich würde es nicht tun. Ich wollte schließlich nicht erschossen werden. Mister war ein ganzes Stück schlauer, als er aussah.

Während ich in den Unterlagen blätterte, trat Mister ans Fenster und spähte durch die Jalousie. »Überall Bullen«, sagte er so leise, daß wir es gerade noch hören konnten. »Und jede Menge Krankenwagen.«

Dann wandte er sich von dieser Szenerie ab, schlurfte am Tisch entlang und blieb vor seinen Geiseln stehen. Sie ließen ihn nicht aus den Augen, und ihr besonderes Interesse galt den Dynamitstangen.

Langsam hob er die Pistole und zielte aus einem Meter Entfernung auf Colburns Nase.

»Wie viel haben Sie den Kliniken gespendet?«

»Nichts«, sagte Colburn, kniff die Augen zusammen und schien in Tränen ausbrechen zu wollen.

Mein Herz stand still, ich hielt den Atem an.

»Wie viel für die Suppenküchen?«

»Nichts.«

»Wie viel für die Notunterkünfte?«

»Nichts.«

Anstatt Colburn zu erschießen, zielte er auf Nuzzo und wiederholte die Fragen. Nuzzos Antworten waren dieselben wie Colburns, und Mister ging weiter, zielte, stellte dieselben Fragen, bekam dieselben Antworten. Zu unserem Leidwesen erschoß er auch Rafter nicht.

»Drei Millionen Dollar«, sagte Mister mit tiefer Verachtung, »und nicht einen Cent für die Kranken und Hungrigen. Was sind Sie doch für jämmerliche Menschen!«

Wir fühlten uns jämmerlich. Und mir wurde klar, daß er uns nicht töten würde.

Woher sollte ein Penner Dynamit haben? Und wer würde ihm beibringen, wie man eine Bombe baute?

___________

Gegen Abend sagte er, er sei hungrig, und befahl mir, den »Boss« anzurufen und Suppe von der Methodist Mission, Ecke L Street und 17th in Northwest, holen zu lassen. Die täten mehr Gemüse in die Suppe, sagte Mister, und das Brot sei nicht so altbacken wie in den meisten anderen Suppenküchen.

»Haben Suppenküchen einen Lieferservice?« fragte Rudolph ungläubig. Die Frage hallte durch den Raum.

»Tun Sie einfach, was er sagt«, fuhr ich ihn an. »Und lassen Sie zehn Portionen kommen.« Mister befahl mir, aufzulegen und das Telefon wieder stummzuschalten.

Ich sah geradezu vor mir, wie unsere Freunde und eine Abteilung Polizisten im dicksten Feierabendverkehr quer durch die Stadt rasten und in das friedliche kleine Haus der Mission einfielen, wo zerlumpte Obdachlose zusammengesunken über ihren Suppenschüsseln saßen und sich fragten, was zum Teufel hier eigentlich los war. Zehn Portionen zum Mitnehmen, mit extra viel Brot.

Als wir wieder das Knattern des Hubschraubers hörten, ging Mister abermals zum Fenster. Er spähte hinaus, trat einen Schritt zurück, zupfte an seinem Bart und überdachte die Situation. Was für eine Befreiungsaktion hatten sie im Sinn, daß dafür ein Hubschrauber benötigt wurde? Vielleicht wollte man damit die Verwundeten abtransportieren.

Umstead war seit einer Stunde unruhig, sehr zum Unwillen von Rafter und Malamud, die an ihn gefesselt waren. Schließlich hielt er es nicht mehr aus.

»Äh, entschuldigen Sie, Sir, aber ich muß mal, äh, für kleine Jungs.«

Mister zupfte weiter an seinem Bart. »Für kleine Jungs. Was ist für kleine Jungs?«

»Ich muß mal austreten, Sir«, sagte Umstead wie ein Drittklässler. »Ich kann’s nicht mehr aushalten.«

Mister sah sich im Raum um. Sein Blick fiel auf eine Porzellanvase, die unschuldig auf einem niedrigen Tischchen stand. Mit einem Wink seiner Pistole befahl er mir, Umstead loszubinden.

»Für kleine Jungs ist da drüben«, sagte Mister.

Umstead nahm die Blumen aus der Vase, kehrte uns den Rücken und pinkelte ausgiebig, während wir den Boden betrachteten. Als er endlich fertig war, befahl Mister uns, den Konferenztisch ans Fenster zu rücken. Er war sechs Meter lang und, wie die meisten Möbel bei Drake & Sweeney, aus massivem Walnußholz. Gemeinsam — ich am einen Ende, der ächzende Umstead am anderen — gelang es uns, den Tisch Zentimeter für Zentimeter um etwa zwei Meter zur Seite zu schieben, bis Mister sagte, das sei genug. Dann befahl er mir, Malamud und Rafter aneinander zu fesseln. Umstead blieb frei. Den Grund dafür würde ich nie verstehen.

Dann mußten sich die sieben gefesselten Geiseln mit dem Rücken zur Wand auf den Tisch setzen. Niemand wagte zu fragen, warum, aber ich nahm an, daß sie ein Schutzschild gegen Scharfschützen sein sollten. Später erfuhr ich, daß die Polizei welche auf dem Nachbargebäude postiert hatte. Vielleicht hatte er sie bemerkt.

Nachdem sie fünf Stunden gestanden hatten, waren Rafter und die anderen Kollegen froh, sich setzen zu dürfen. Umstead und ich mußten uns auf Stühle setzen, während Mister am Kopfende des Tisches Platz nahm. Wir warteten.

Das Leben auf der Straße erzog offenbar zur Geduld. Er schien es gewohnt zu sein, lange Zeit schweigend dazusitzen, den Kopf vollkommen reglos, die Augen hinter der Sonnenbrille verborgen.

»Wer sind die Zwangsvollstrecker?« murmelte er vor sich hin. Er wartete ein paar Minuten und sagte es noch einmal.

Wir sahen einander verwirrt an und hatten keine Ahnung, was er eigentlich meinte. Er schien auf eine Stelle auf dem Tisch zu starren, nicht weit entfernt von Colburns rechtem Fuß.

»Sie tun nicht nur nichts für die Obdachlosen, Sie helfen auch noch, wenn es darum geht, sie auf die Straße zu setzen.«

Natürlich beeilten wir uns zu nicken — schließlich sangen wir alle vom selben Blatt. Wenn er uns beschimpfen wollte, waren wir gern bereit, es über uns ergehen zu lassen.

Unser Essen kam um kurz vor sieben. Man klopfte an die Tür. Mister befahl mir, Rudolph anzurufen und die Polizei zu warnen, er werde einen von uns töten, wenn draußen jemand zu sehen oder zu hören sei. Ich erklärte Rudolph diesen Punkt besonders ausführlich und betonte, man solle keinen Befreiungsversuch unternehmen. Wir seien dabei zu verhandeln.

Rudolph sagte, er verstehe vollkommen.

Umstead ging zur Tür, entriegelte sie und sah Mister fragend an. Der stand hinter ihm und hielt die Pistole zwanzig Zentimeter von seinem Kopf entfernt.

»Öffnen Sie ganz langsam die Tür«, sagte Mister.

Ich war ein, zwei Meter hinter Mister, als die Tür aufschwang. Das Essen stand auf einem kleinen Wagen, wie ihn die Hilfskräfte verwendeten, um die gewaltigen Papiermengen, die wir erzeugten, zu transportieren. Ich sah vier große Plastikbehälter mit Suppe und eine braune Papiertüte voller Brot. Ich weiß nicht, ob auch etwas zu trinken dabei war. Das sollten wir nie erfahren.

Umstead trat einen Schritt vor, packte den Wagen und wollte ihn gerade in den Raum ziehen, als ein Schuß krachte. Ein Scharfschütze hatte sich zwölf Meter entfernt hinter dem Bücherschrank neben Madame Deviers Schreibtisch postiert und bekam die Gelegenheit zum Schuß, auf die er gewartet hatte. Als Umstead sich vorbeugte, um den Wagen zu ziehen, war Misters Kopf für den Bruchteil einer Sekunde ungedeckt und die Kugel unterwegs.

Ohne einen Laut taumelte Mister zurück. Blut und noch etwas anderes spritzte mir ins Gesicht. Ich dachte, ich sei ebenfalls getroffen und schrie vor Schmerzen. Umstead brüllte etwas in der Halle. Die anderen sieben sprangen vom Tisch, als hätte man sie mit kochendem Wasser begossen. Sie schrien und zogen und zerrten einander zur Tür. Ich lag auf den Knien, hielt mir die Augen zu und wartete auf die Explosion des Dynamits. Dann sprang ich auf und rannte fort von diesem Durcheinander, zur anderen Tür. Ich entriegelte sie und riß sie auf. Als ich einen letzten Blick auf Mister warf, lag er zuckend auf einem unserer teuren Orientteppiche. Seine Arme waren ausgestreckt, und keine seiner Hände war in der Nähe des roten Drahtes.

Auf dem Gang wimmelte es plötzlich von Polizisten des Einsatzkommandos. Sie trugen martialisch wirkende Helme und dicke Westen, eilten geduckt auf uns zu und packten uns. Sie waren blitzschnell. Wir wurden durch das Foyer zu den Aufzügen getragen.

»Sind Sie verletzt?« fragten sie mich.

Ich wußte es nicht. Auf meinem Gesicht und meinem Hemd waren Blut und eine klebrige Flüssigkeit, die die Ärzte später als Zerebrospinalflüssigkeit identifizierten.

Teil III

3

Im Erdgeschoß, so weit wie möglich entfernt von Mister, saßen die Angehörigen und Freunde. Dutzende von Mitarbeitern und Kollegen standen in den Büros und auf den Gängen und warteten auf unsere Befreiung. Als sie uns sahen, begannen sie zu jubeln.

Weil ich blutbespritzt war, wurde ich in einen Fitnessraum im Untergeschoß gebracht. Er gehörte der Kanzlei und wurde von sämtlichen Anwälten buchstäblich ignoriert. Wir waren zu beschäftigt, um uns fit zu halten, und jeder, der an einem der Geräte erwischt wurde, bekam mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mehr Arbeit auf den Tisch.

Sogleich kümmerten sich Ärzte um mich. Leider war meine Frau nicht unter ihnen. Sobald sie sich davon überzeugt hatten, daß das Blut nicht mein eigenes war, ließ ihre Betriebsamkeit nach. Sie machten eine Routineuntersuchung. Mein Blutdruck war hoch, die Pulsfrequenz ebenfalls. Sie gaben mir eine Tablette.

Am meisten sehnte ich mich nach einer Dusche, doch ich mußte zehn Minuten lang auf einem Tisch liegen, während sie meinen Blutdruck beobachteten.

»Stehe ich unter Schock?« fragte ich.

»Wahrscheinlich nicht.«

Ich fühlte mich aber so. Wo war Claire? Ich war sechs Stunden lang mit einer Pistole bedroht worden, mein Leben hatte an einem seidenen Faden gehangen, und sie hatte es nicht einmal für nötig befunden, herzukommen und mit den anderen Angehörigen zu warten.

Ich duschte lange und heiß. Ich wusch mir dreimal mit viel Shampoo die Haare, und danach blieb ich eine Ewigkeit lang einfach stehen und ließ das Wasser abtropfen. Die Zeit stand still. Nichts war wichtig. Ich war am Leben, ich atmete, ich dampfte.

Ich zog den sauberen und viel zu großen Jogginganzug eines Kollegen an und ging wieder zu dem Tisch, um mir noch einmal den Blutdruck messen zu lassen. Polly, meine Sekretärin, kam herein und umarmte mich lange. Das hatte mir sehr gefehlt. In ihren Augen standen Tränen.

»Wo ist Claire?« fragte ich sie.

»Wir versuchen, sie zu erreichen. Ich habe im Krankenhaus angerufen.«

Polly wußte, daß von unserer Ehe nicht mehr viel übrig war.

»Ist bei Ihnen alles in Ordnung?« fragte sie.

»Ich glaube schon.«

Ich dankte den Ärzten und verließ den Fitnessraum. Auf dem Gang wartete Rudolph. Er schloß mich unbeholfen in die Arme und äußerte das Wort »Glückwunsch«, als hätte ich irgend etwas besonderes geleistet.

»Niemand erwartet von Ihnen, daß Sie morgen kommen«, sagte er. Glaubte er, ein freier Tag würde alle meine Probleme lösen?

»Über morgen hab ich noch gar nicht nachgedacht«, antwortete ich.

»Sie brauchen ein bißchen Ruhe«, fügte er hinzu, als hätten die Ärzte vergessen, es zu sagen.

Ich wollte mit Barry Nuzzo sprechen, aber die anderen Geiseln waren bereits fort. Abgesehen von ein paar Druckstellen an den Handgelenken waren alle unversehrt geblieben.

Die Verluste beschränkten sich auf ein Minimum, die Guten hatten gesiegt und lächelten stolz, und so kehrte die Kanzlei Drake & Sweeney bald zum Tagesgeschäft zurück. Die meisten Anwälte und Mitarbeiter hatten nervös im Erdgeschoß gewartet, möglichst weit entfernt von Mister und seiner Bombe. Polly hatte meinen Mantel mitgebracht. Ich zog ihn über den zu großen Jogginganzug. Meine Slipper paßten nicht dazu, aber das war mir egal.

»Draußen sind ein paar Reporter«, sagte Polly.

Ach, ja, die Medien. Was für eine Story! Das hier war keine Feld, Wald und Wiesen-Schießerei unter Kollegen — hier hatte ein verrückter Obdachloser einen Haufen Rechtsanwälte als Geiseln genommen.

Nur daß sie ihre Story nicht kriegten. Den Rechtsanwälten war kein Haar gekrümmt worden, der Finsterling hatte eine Kugel in den Kopf bekommen, die Bombe hatte nur leise gezischt, als ihr Besitzer zu Boden gegangen war. Ach, wäre das schön gewesen! Ein Schuß, eine Explosion, ein weißer Blitz, splitternde Fenster, abgerissene Arme und Beine auf der Straße, und alles festgehalten von der Kamera von Channel Nine — der Aufmacher für die Abendnachrichten.

»Ich fahre Sie nach Hause«, sagte Polly. »Kommen Sie.«

Ich war sehr dankbar dafür, daß mir jemand sagte, was ich tun sollte. Meine Gedanken waren langsam und unbeholfen — ein Standfoto nach dem anderen, ohne Konzept, ohne Handlung, ohne Schauplatz.

Wir verließen das Gebäude durch einen Nebenausgang. Die Nachtluft war kalt, und ich atmete ihren süßen Duft ein, bis meine Lungen schmerzten. Während Polly ihren Wagen holte, wartete ich an der Ecke des Gebäudes und sah mir den Menschenauflauf vor dem Haupteingang an. Dort standen Polizeiwagen, Krankenwagen und ein paar Übertragungswagen von Fernsehgesellschaften. Sogar die Feuerwehr war da. Man packte die Gerätschaften wieder ein und fuhr davon. Einer der Krankenwagen parkte mit dem Heck zum Gebäude und wartete offenbar darauf, Mister in die Leichenhalle zu bringen.

Ich lebe! Ich lebe! Ich sagte es mir immer wieder vor. Zum erstenmal lächelte ich. Ich lebe!

Ich schloß fest die Augen und sprach in Gedanken ein kurzes, aber inniges Dankgebet.

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Ich hörte wieder die Geräusche. Wir saßen schweigend im Wagen. Polly fuhr langsam und wartete darauf, daß ich etwas sagte. Ich hörte den durchdringenden Knall des Scharfschützengewehrs, den dumpfen Einschlag der Kugel, die Schritte der anderen Geiseln, die vom Tisch sprangen und zur Tür rannten.

Was hatte ich gesehen? Ich hatte einen Blick zum Tisch geworfen, wo meine sieben Kollegen gesessen und gespannt auf die Tür gestarrt hatten, und dann wieder zu Mister geblickt, der die Pistole gehoben und auf Umsteads Kopf gezielt hatte. Als die Kugel ihn getroffen hatte, war ich unmittelbar hinter ihm gewesen. Wie kam es, daß sie nicht wieder aus seinem Körper ausgetreten war und mich getroffen hatte? Kugeln konnten Wände, Türen und Menschen durchschlagen.

»Er wollte uns nicht töten«, sagte ich, gerade so laut, daß sie es verstehen konnte.

Polly war erleichtert, daß ich das Schweigen brach. »Was hatte er vor?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was wollte er?«

»Das hat er nicht gesagt. Es ist erstaunlich, wie wenig gesprochen wurde. Wir haben stundenlang bloß dagesessen und uns angesehen.«

»Warum wollte er nicht mit der Polizei sprechen?«

»Keine Ahnung. Das war sein größter Fehler. Wenn er mich hätte telefonieren lassen, hätte ich die Polizei davon überzeugen können, daß er uns nicht umbringen wollte.«

»Sie geben aber nicht der Polizei die Schuld, oder?«

»Nein. Erinnern Sie mich daran, daß ich mich schriftlich bedanke.«

»Werden Sie morgen arbeiten?«

»Was sollte ich sonst tun?«

»Ich dachte nur, ein freier Tag würde Ihnen vielleicht gut tun.«

»Ich brauchte eher ein freies Jahr. Ein Tag ist nicht genug.«

Unsere Wohnung lag im zweiten Stock eines Reihenhauses in der P Street in Georgetown. Polly hielt am Bordstein. Ich dankte ihr und stieg aus. An den dunklen Fenstern erkannte ich, daß Claire noch nicht zu Hause war.

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Ich hatte Claire eine Woche nach meinem Umzug nach Washington kennengelernt, mein Studium in Yale lag hinter mir, und ich war von einer großen Kanzlei eingestellt worden. Vor mir und den anderen fünfzig Jahrgangsbesten lag eine glänzende Zukunft. Claire war gerade dabei, ihren Abschluß in Politikwissenschaft an der American University zu machen. Ihr Großvater war Gouverneur von Rhode Island gewesen, und ihre Familie hatte seit Jahrhunderten exzellente Beziehungen.

Das erste Jahr betrachtet man bei Drake & Sweeney — wie in den meisten anderen Kanzleien — als eine Art Grundausbildungszeit. Ich arbeitete sechs Tage pro Woche, fünfzehn Stunden am Tag. Sonntags trafen wir uns. Sonntags abends war ich wieder im Büro. Wir dachten, wenn wir heirateten, würden wir mehr Zeit füreinander haben. Wenigstens würden wir im selben Bett schlafen, aber schlafen war dann auch so ziemlich das einzige, was wir dort taten.

Die Hochzeit war aufwendig, die Flitterwochen waren kurz, und als der erste Glanz verblaßt war, arbeitete ich wieder neunzig Stunden pro Woche. Im dritten Monat unserer Ehe hatten wir achtzehn Tage nacheinander keinen Sex. Claire zählte sie.

In den ersten Monaten hielt sie sich tapfer, aber nach und nach wurde sie es leid, ständig vernachlässigt zu werden. Ich konnte sie verstehen, doch in den heiligen Hallen von Drake & Sweeney war man über Klagen junger Mitarbeiter nicht erbaut. Weniger als zehn Prozent der Berufsanfänger wurden zu Teilhabern gemacht, und so war die Konkurrenz gnadenlos. Die Belohnung war allerdings dementsprechend hoch — mindestens eine Million Dollar im Jahr —, und die Abrechnung möglichst vieler honorarfähiger Stunden erschien wichtiger als eine glückliche Ehefrau. Scheidungen waren an der Tagesordnung. Ich dachte nicht einmal im Traum daran, Rudolph zu bitten, mein Pensum zu verringern.

Am Ende unseres ersten Ehejahres war Claire sehr unglücklich, und wir begannen uns zu streiten.

Sie wollte nicht mehr zu Hause sitzen und fernsehen, und da sie fand, sie könne genauso egoistisch sein wie ich, beschloß sie, Medizin zu studieren. Ich hielt das für eine sehr gute Idee. Es befreite mich weitgehend von meinen Schuldgefühlen.

Nach vier Jahren in der Kanzlei begannen meine Vorgesetzten, Andeutungen über eine Beförderung zum Teilhaber zu machen. Die jungen Mitarbeiter registrierten solche Andeutungen und verglichen sie miteinander. Allgemein war man der Ansicht, daß ich direkt auf eine Teilhaberschaft zusteuerte. Allerdings würde ich noch härter arbeiten müssen als bisher.

Claire war entschlossen, weniger Zeit in unserer Wohnung zu verbringen als ich, und so gaben wir uns beide der Idiotie einer extremen Arbeitssucht hin. Wir hörten auf, uns zu streiten, und lebten uns immer weiter auseinander. Sie hatte, wie ich, ihre eigenen Freunde und Interessen. Zum Glück hatten wir nicht den Fehler begangen, Kinder zu bekommen.

Ich wollte, ich hätte es anders gemacht. Wir hatten uns geliebt und unsere Liebe verschenkt.

Als ich die dunkle Wohnung betrat, brauchte ich Claire, zum erstenmal seit Jahren. Wenn man dem Tod ins Auge gesehen hat, muß man mit jemandem darüber sprechen. Man braucht das Gefühl, gebraucht zu werden, man sehnt sich danach, in den Arm genommen zu werden, und will jemanden sagen hören, daß er sich Sorgen gemacht hat.

Ich schenkte mir einen Wodka auf Eis ein und setzte mich auf das Sofa im Fernsehzimmer. Anfangs war ich gekränkt und wütend, weil ich allein war, aber dann wandten sich meine Gedanken den sechs Stunden zu, die ich in Misters Gesellschaft verbracht hatte.

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Zwei Wodkas später hörte ich Claire an der Tür. Sie schloß auf und rief: »Michael?«

Ich sagte nichts. Ich war noch immer gekränkt und wütend. Sie kam ins Fernsehzimmer und blieb stehen, als sie mich sah. »Ist alles in Ordnung?« fragte sie. In ihrer Stimme lag echte Sorge.

»Mir geht’s gut«, sagte ich leise.

Sie ließ ihre Tasche und den Mantel fallen, trat zum Sofa und beugte sich über mich.

»Wo warst du?« fragte ich.

»Im Krankenhaus.«

»Ach ja, natürlich.« Ich nahm einen großen Schluck Wodka. »Ich hatte übrigens einen anstrengenden Tag.«

»Ich weiß, was passiert ist, Michael.«

»Tatsächlich?«

»Natürlich.«

»Dann würde ich gern wissen, wo du warst.«

»Im Krankenhaus.«

»Neun Menschen werden von einem Verrückten als Geiseln genommen. Acht Familien kommen in die Kanzlei, weil sie ein wenig besorgt sind. Wir haben Glück und werden befreit, und ich muß mich von meiner Sekretärin nach Hause fahren lassen.«

»Ich konnte nicht kommen.«

»Natürlich konntest du nicht kommen. Wie gedankenlos von mir.«

Sie setzte sich in den Sessel neben dem Sofa. Wir starrten einander wütend an. »Sie haben uns nicht weggelassen«, begann sie mit eisiger Stimme. »Wir wußten von der Geiselnahme. Es bestand die Möglichkeit, daß es Verletzte geben würde. In solchen Situationen ist das Routine: Die Krankenhäuser werden benachrichtigt, und dort ist alles in Bereitschaft.«

Ich trank noch einen großen Schluck und suchte nach einer schlagfertigen Antwort.

»In der Kanzlei konnte ich dir nicht helfen«, sagte sie. »Ich habe im Krankenhaus gewartet.«

»Hast du angerufen?«

»Ich hab’s versucht und bin nicht durchgekommen. Schließlich hat ein Polizist abgenommen und gleich wieder aufgelegt.«

»Wir sind vor zwei Stunden befreit worden. Wo bist du gewesen?«

»Im OP. Wir hatten einen kleinen Jungen, der angefahren worden war. Er ist während der Operation gestorben.«

»Tut mir leid«, sagte ich. Ich konnte nie verstehen, wie Ärzte es aushielten, ständig mit dem Tod konfrontiert zu sein. Mister war erst der zweite Tote gewesen, den ich gesehen hatte.

»Mir auch«, sagte sie, ging in die Küche und kam mit einem Glas Wein zurück. Eine Weile saßen wir schweigend im Halbdunkel. Wir hatten wenig Übung in Kommunikation, und so fiel uns das Reden schwer.

»Möchtest du darüber sprechen?« fragte sie.

»Nein. Nicht jetzt.« Ich wollte wirklich nicht darüber sprechen. Der Alkohol verstärkte die Wirkung der Tablette, die man mir gegeben hatte. Ich atmete tiefer. Ich dachte an Mister und daran, wie ruhig und gelassen er gewesen war, obwohl er mit einer Pistole herumgefuchtelt und ein paar Stangen Dynamit am Körper getragen hatte. Auch lange Zeiten der Stille hatten ihm offenbar nicht das geringste ausgemacht.

Stille — das war es, was ich jetzt wollte. Morgen konnten wir reden.

Teil IV

4

Das Mittel wirkte bis vier Uhr morgens. Beim Aufwachen hatte ich den unangenehmen Geruch von Misters klebriger Gehirnflüssigkeit in der Nase. Es war dunkel, und für einen Augenblick geriet ich in Panik. Ich rieb mir Nase und Augen und warf mich auf dem Sofa herum, bis ich eine Bewegung hörte. Claire schlief im Sessel neben mir.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte sie und legte mir die Hand auf die Schulter. »Du hast nur schlecht geträumt.«

»Könntest du mir ein Glas Wasser holen?« fragte ich. Sie ging in die Küche.

Wir redeten eine Stunde lang. Ich erzählte ihr alles, woran ich mich erinnern konnte. Claire saß neben mir, strich mir über das Knie, hielt das Glas Wasser und hörte aufmerksam zu. In den letzten Jahren hatten wir so wenig miteinander gesprochen.

Sie mußte um sieben Uhr zur Visite im Krankenhaus sein, und so machten wir uns gemeinsam ein Frühstück aus Waffeln und gebratenem Speck. Wir aßen an der Küchentheke, auf der auch ein kleiner Fernseher stand. Die Sechs-Uhr-Nachrichten begannen mit dem Geiseldrama. Man sah das Gebäude der Kanzlei, die wartende Menge der Gaffer und einige meiner befreiten Kollegen, wie sie nach unserer Befreiung eilig das Haus verließen. Mindestens einer der Hubschrauber hatte dem Fernsehsender gehört. Durch das Teleobjektiv konnten wir ein paar Sekunden lang Mister erkennen, der durch die Jalousie spähte.

Er hieß DeVon Hardy, war fünfundvierzig Jahre alt und ein Vietnamveteran mit einem kurzen Vorstrafenregister.

Hinter der Sprecherin wurde ein Polizeifoto eingeblendet, das nach einer Festnahme wegen Einbruchs gemacht worden war. Der Mann auf dem Foto sah überhaupt nicht wie Mister aus: Er trug weder Bart noch Brille und war viel jünger. Es hieß, er sei obdachlos und drogensüchtig gewesen. Ein Motiv für seine Tat sei nicht bekannt, und es hätten sich keine Angehörigen gemeldet.

Unsere Kanzlei gab keinen Kommentar ab, und damit war die Geschichte zu Ende.

Als nächstes kam der Wetterbericht. Am späten Nachmittag mußte mit heftigen Schneefällen gerechnet werden. Es war der 12. Februar, und der Schnee hatte bereits Rekordhöhen erreicht.

Claire fuhr mich zur Kanzlei. Es wunderte mich keineswegs, daß neben meinem Lexus noch andere Importwagen standen. Der Parkplatz war nie leer. Bei uns gab es Leute, die im Büro schliefen.

Ich versprach Claire, sie am späten Vormittag anzurufen. Wir wollten versuchen, in der Nähe des Krankenhauses gemeinsam zu Mittag zu essen. Sie wollte, daß ich ein bißchen kürzer trat, wenigstens für ein oder zwei Tage.

Was sollte ich tun? Auf dem Sofa liegen und Tabletten schlucken? Man schien allgemein der Ansicht zu sein, daß ich einen freien Tag gebraucht hätte und dann wieder mit voller Kraft arbeiten würde.

Ich wünschte den beiden sehr wachsamen Sicherheitsleuten in der Lobby einen guten Morgen. Drei der vier Aufzüge standen bereit, so daß ich die freie Wahl hatte. Ich entschied mich für den, mit dem Mister und ich gefahren waren, und mit einemmal schien die Zeit stillzustehen.

Hundert Fragen zugleich stürmten auf mich ein: Warum war er ausgerechnet in dieses Gebäude gegangen? Warum in unsere Kanzlei? Wo war er gewesen, unmittelbar bevor er die Lobby betreten hatte? Wo waren die Sicherheitsleute gewesen, die normalerweise in der Nähe des Eingangs postiert waren? Warum ich? Hier gingen täglich Hunderte von Anwälten ein und aus. Warum die fünfte Etage?

Und was hatte er eigentlich gewollt? Ich glaubte nicht, daß DeVon Hardy sich die Mühe gemacht hatte, Sprengstoff an seinem Körper zu befestigen und sein Leben — mochte es auch noch so unbedeutend gewesen sein — zu riskieren, nur um ein paar reiche Anwälte für ihren Geiz zu bestrafen. Er hätte reichere Leute finden können. Vielleicht auch gierigere.

Seine Frage: »Wer sind die Zwangsvollstrecker?« war nie beantwortet worden. Doch die Antwort sollte nicht lange auf sich warten lassen.

Der Aufzug hielt, und ich stieg aus, ohne daß mir diesmal jemand folgte. Um diese Uhrzeit lag Madame Devier noch im Bett, und in der fünften Etage war es still. Vor ihrem Tisch blieb ich stehen und starrte auf die beiden Türen zum Konferenzraum. Langsam öffnete ich die vordere, in der Umstead gestanden hatte, als die Kugel über seinen Kopf hinweggeflogen war und in den von Mister eingeschlagen hatte. Ich atmete tief durch und schaltete das Licht an.

Es war nichts geschehen. Der Konferenztisch und die Stühle standen ordentlich da. Der Orientteppich, auf dem Mister gelegen hatte, war durch einen noch schöneren ersetzt worden. Die Wände waren frisch gestrichen. Selbst das Einschußloch über der Stelle, wo Rafter gestanden hatte, war verschwunden.

Die Mächte, die die Geschicke von Drake & Sweeney lenkten, hatten gestern Abend einiges investiert, um sicherzustellen, daß dieses Ereignis nie stattgefunden hatte. Im Lauf des Tages würden vielleicht ein paar Neugierige diesen Raum sehen wollen, und man hatte dafür gesorgt, daß es hier absolut nichts zu sehen gab. Die Mitarbeiter hätten ja für ein paar Minuten ihre Arbeit vernachlässigen können. In unseren erlauchten Hallen duldete man keinen Schmutz von der Straße.

Es war eine kaltblütige Vertuschungsaktion, und leider verstand ich die Logik, die dahinter stand, nur zu gut. Ich war einer der reichen, weißen Jungs. Was hatte ich eigentlich erwartet? Ein Blumenarrangement von Misters Kumpels von der Straße?

Ich wußte nicht, was ich erwartet hatte. Aber bei dem Geruch nach frischer Farbe wurde mir übel.

Wie jeden Morgen lagen auf meinem Schreibtisch die Washington Post und das Wall Street Journal, am selben Platz wie immer. Früher hatte ich den Namen des Boten gewußt, der sie dorthin legte, doch inzwischen hatte ich ihn längst vergessen. Auf der ersten Seite des Lokalteils der Post, knapp unterhalb der Mitte, waren das Polizeifoto von DeVon Hardy und ein langer Artikel über die gestrige kleine Krise.

Da ich annahm, daß ich mehr wußte als irgendein Reporter, überflog ich den Artikel nur. Dennoch erfuhr ich einige interessante Einzelheiten. Die roten Stangen waren kein Dynamit gewesen. Mister hatte ein paar Besenstiele in Stücke gesägt, mit dem bedrohlich wirkenden silbrigen Klebeband umwickelt und uns damit in Todesangst versetzt. Die Pistole war eine gestohlene 44er Automatik.

Weil es die Post war, stand in dem Artikel mehr über DeVon Hardy als über die Opfer. Allerdings sah ich zu meiner Zufriedenheit, daß von Seiten der Kanzlei Drake & Sweeney nicht die kleinste Information durchgesickert war.

Laut einem gewissen Mordecai Green, Leiter des Rechtsberatungsbüros in der 14th Street, hatte DeVon Hardy viele Jahre als Hausmeister im Botanischen Garten gearbeitet und seinen Job infolge einer Budgetkürzung verloren. Anschließend hatte er wegen Einbruchs ein paar Monate im Gefängnis gesessen und war dann auf der Straße gelandet. Er hatte mit Alkohol und Drogensucht zu kämpfen gehabt und war immer wieder wegen Ladendiebstahls festgenommen worden. Greens Büro hatte ihn mehrmals verteidigt. Sofern er eine Familie gehabt hatte, wußte sein Rechtsanwalt nichts von ihr.

Was das Motiv betraf, so konnte Green nur Vermutungen anstellen. Er sagte, DeVon Hardy habe eine Wohnung in einem alten Lagerhaus gehabt, aus der er kürzlich auf die Straße gesetzt worden sei.

Eine Zwangsräumung ist ein juristischer Vorgang, für den Anwälte erforderlich sind. Ich konnte mir ziemlich genau vorstellen, welche der zahllosen Kanzleien in Washington Mister aus seiner Wohnung vertrieben hatte.

Green sagte, das Rechtsberatungsbüro in der 14th Street werde durch Spenden finanziert und arbeite ausschließlich für die Obdachlosen. »Früher, als wir noch Bundeszuschüsse bekamen, hatten wir sieben Rechtsanwälte. Inzwischen sind wir nur noch zu zweit.«

Es war kaum verwunderlich, daß das Journal die Story nicht brachte. Wäre einer der neun Justitiare des fünftgrößten Strumpfherstellers des Landes getötet oder auch nur leicht verletzt worden, hätte die Geschichte auf der Titelseite gestanden.

Gott sei Dank war es keine größere Story geworden. Ich saß an meinem Schreibtisch, ich las die Zeitung, ich war heil und unversehrt und hatte jede Menge Arbeit. Und ich hätte ebenso gut neben Mister in der Leichenhalle liegen können.

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Polly kam um kurz vor acht und brachte ein breites Lächeln und einen Teller selbstgebackene Kekse mit. Sie war keineswegs überrascht, mich an meinem Schreibtisch zu sehen.

Alle neun Geiseln erschienen zur Arbeit, die meisten vor dem offiziellen Beginn. Es wäre ein allzu offensichtliches Zeichen von Schwäche gewesen, zu Hause zu bleiben und sich von seiner Frau verwöhnen zu lassen.

»Arthur ist am Telefon«, meldete Polly. Es gab in der Kanzlei mindestens zehn Arthurs, aber nur einen, der ohne Nachnamen auskam. Arthur Jacobs war der Seniorteilhaber, der Vorstandsvorsitzende, die treibende Kraft der Kanzlei, ein Mann, den wir sehr achteten und bewunderten. Wenn die Kanzlei ein Herz, eine Seele besaß, dann war es Arthur. In sieben Jahren hatte ich dreimal mit ihm gesprochen.

Ich sagte ihm, es gehe mir gut. Er gratulierte mir zu meinem Mut und meinem Durchhaltevermögen, und ich fühlte mich fast wie ein Held. Ich fragte mich, wie viel er wußte. Vermutlich hatte er zuerst mit Malamud gesprochen und arbeitete sich nun nach unten vor. Bald würde man sich Geschichten über die Geiselnahme erzählen, und dann Witze. Die Episode mit Umstead und der Vase würde zweifellos viel Heiterkeit erregen.

Arthur wollte sich um zehn mit uns im Konferenzraum treffen und unsere Aussagen auf Video aufnehmen lassen.

»Warum?« fragte ich.

»Die Jungs von der Prozeßabteilung halten das für eine gute Idee«, sagte er. Trotz seiner achtzig Jahre war seine Stimme glasklar. »Seine Familie wird wahrscheinlich die Polizei verklagen.«

»Natürlich«, sagte ich.

»Und uns wohl ebenfalls. Die Leute prozessieren auf Teufel komm raus.«

Zum Glück, hätte ich beinahe gesagt. Wo wären wir ohne Prozesse?

Ich dankte ihm für seine Anteilnahme. Er verabschiedete sich und rief den nächsten an.

Der Aufmarsch begann bereits vor neun: Ein beständiger Strom von Gratulanten und Neugierigen suchte mich in meinem Büro heim, und alle waren tief besorgt und erkundigten sich nach Einzelheiten. Ich hatte viel Arbeit zu erledigen, doch ich kam nicht dazu. In den ruhigen Augenblicken zwischen zwei Besuchern starrte ich auf die Akten, denen ich mich widmen sollte, und fühlte mich wie betäubt. Meine Hände weigerten sich, nach den Unterlagen zu greifen.

Alles hatte sich verändert. Die Arbeit war nicht mehr so wichtig. Mein Schreibtisch war nicht lebensnotwendig. Ich war dem Tod begegnet, ich hatte ihn beinahe gespürt, und es war naiv von mir gewesen zu denken, ich könnte mit einem Schulterzucken weitermachen, als wäre nichts geschehen.

Ich dachte an DeVon Hardy und die roten Stangen mit dem Gewirr bunter Drähte. Er hatte Stunden damit verbracht, dieses Spielzeug zu bauen und seine Aktion zu planen. Er hatte eine Pistole gestohlen, war in die Kanzlei eingedrungen und hatte einen entscheidenden Fehler gemacht, der ihn das Leben gekostet hatte. Und niemand, nicht ein einziger meiner Kollegen, interessierte sich auch nur flüchtig für ihn.

Schließlich verließ ich die Kanzlei. Der Andrang wurde immer größer, und ich mußte mich mit Leuten unterhalten, die ich nicht ausstehen konnte. Zwei Reporter riefen an. Ich sagte Polly, ich hätte außer Haus einiges zu erledigen, und sie erinnerte mich an den Termin mit Arthur. Ich ging zu meinem Wagen, ließ den Motor an, schaltete die Heizung ein und dachte lange darüber nach, ob ich an dieser Rekonstruktion teilnehmen sollte. Wenn ich nicht hinging, würde Arthur verärgert sein. Einen Termin mit Arthur ließ man nicht platzen.

Ich fuhr davon. Es war eine seltene Gelegenheit, etwas Dummes zu tun. Ich war traumatisiert. Ich mußte weg hier. Arthur und der Rest der Kanzlei würden für eine Weile auf mich verzichten müssen.

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Ich fuhr in Richtung Georgetown, hatte aber kein besonderes Ziel. Die Wolken waren dunkel, die Passanten hasteten durch die Straßen, die Räumfahrzeuge waren in Bereitschaft. In der M Street kam ich an einem Bettler vorbei und fragte mich, ob er DeVon Hardy gekannt hatte. Wohin gingen Obdachlose bei einem Schneesturm?

Ich rief im Krankenhaus an und erfuhr, meine Frau werde noch für Stunden in einer Notoperation sein. Aus unserem romantischen Mittagessen in der Caféteria des Krankenhauses würde also nichts werden.

Ich kehrte um, fuhr am Logan Circle vorbei nach Northeast, in den weniger schönen Teil der Stadt, und fand das Rechtsberatungsbüro in der 14th Street, Ecke Q Street. Als ich meinen Lexus am Straßenrand parkte, war ich sicher, daß ich ihn nie wiedersehen würde.

Das Büro nahm die Hälfte eines dreistöckigen, roten Backsteinhauses im viktorianischen Stil ein, das seine beste Zeit hinter sich hatte. Die Fenster im obersten Stock waren mit verwitterten Spanplatten vernagelt. Nebenan befand sich ein heruntergekommener Waschsalon. In der Nähe gab es sicher auch Crack-Häuser.

Den Eingang zierte eine leuchtend gelbe Markise. Ich wußte nicht, ob ich klopfen oder einfach hineingehen sollte. Die Tür war nicht verschlossen, und so drehte ich langsam den Knauf und betrat eine neue Welt.

Es war zwar eine Art Kanzlei, doch sie sah ganz anders aus als die von Marmor und Mahagoni beherrschten Räumlichkeiten bei Drake & Sweeney. In dem großen Raum standen vier Schreibtische aus Stahl, auf denen sich eine furchterregende Anzahl von Akten fast einen halben Meter hoch stapelten. Weitere Akten lagen willkürlich auf dem abgetretenen Teppich rings um die Tische verstreut. Die Papierkörbe quollen über, zerknüllte Notizzettel lagen auf dem Boden. Aktenschränke in verschiedenen Farben nahmen eine ganze Wand ein. Die Computer und Telefone waren zehn Jahre alt. Die Bretter der Bücherregale bogen sich durch. Ein großes, verblaßtes Foto von Martin Luther King hing schief an der hinteren Wand. Von diesem großen Raum gingen einige kleinere Zimmer ab.

Es war schmutzig. Es herrschte geschäftiges Treiben. Ich war fasziniert.

Eine energisch wirkende hispanische Frau musterte mich kurz und hörte auf zu tippen. »Suchen Sie was?« fragte sie mich. Es war eher eine Herausforderung als eine Frage. Für eine solche Begrüßung wäre eine Empfangsdame bei Drake & Sweeney auf der Stelle gefeuert worden.

Laut dem Namensschild, das an der Seite des Schreibtisches befestigt war, handelte es sich um Sofia Mendoza, und ich sollte bald merken, daß sie weit mehr als eine Empfangsdame war. Aus einem der kleineren Büros drang lautes Gebrüll. Ich zuckte zusammen, während Sofia völlig unbeeindruckt blieb.

»Ich möchte zu Mordecai Green«, sagte ich höflich, und in diesem Augenblick kam der Genannte, von seinem Gebrüll angekündigt, in den großen Raum gestapft. Der Boden erzitterte unter seinen Schritten. Er schrie quer durch den Raum nach jemandem, der Abraham hieß.

Sofia nickte in seine Richtung, betrachtete meinen Wunsch als erledigt und wandte sich wieder ihrem Computer zu. Green war ein riesiger Schwarzer, mindestens einen Meter dreiundneunzig groß und mit einer imposanten Statur. Er war Anfang fünfzig und trug einen grauen Bart und eine Brille mit runden, rot eingefaßten Gläsern. Er sah mich kurz an, sagte aber nichts, sondern brüllte weiter nach Abraham, und die Dielenbretter quietschten unter seinen Schritten. Er verschwand in einem der anderen Zimmer und kehrte Sekunden später ohne Abraham zurück.

Er musterte mich abermals und sagte: »Kann ich etwas für Sie tun?«

Ich stellte mich vor.

»Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte er, doch das war nicht mehr als eine Floskel. »Was führt Sie zu uns?«

»DeVon Hardy«, sagte ich.

Er sah mich einige Sekunden lang an und blickte kurz zu Sofia, die jedoch wieder in ihre Arbeit versunken war. Dann nickte er in Richtung seines Büros, und ich folgte ihm in ein vier mal vier Meter großes fensterloses Zimmer, in dem jeder Quadratzentimeter des Bodens mit Aktenordnern, zerlesenen Gesetzbüchern und Kommentarsammlungen bedeckt war.

Ich gab ihm eine meiner goldgeprägten Visitenkarten von Drake & Sweeney, die er stirnrunzelnd studierte. Er reichte sie mir zurück und sagte: »Sie wollen mal richtig ergreifendes Elend sehen, stimmt’s?«

»Nein«, sagte ich und nahm die Karte wieder an mich.

»Was wollen Sie dann?«

»Ich komme in Frieden. Mr. Hardy hätte mich beinah erschossen.«

»Sie waren eine der Geiseln?«

»Ja.«

Er holte tief Luft, und seine Stirn glättete sich. »Setzen Sie sich doch«, sagte er und zeigte auf den einzigen Besucherstuhl. »Aber passen Sie auf, daß Sie sich nicht schmutzig machen.«

Wir saßen uns gegenüber. Meine Knie berührten fast den Tisch, und meine Hände steckten tief in den Manteltaschen. Hinter Green pochte ein Heizkörper. Wir sahen einander an und wandten den Blick wieder ab. Ich hatte ihn aufgesucht, also war ich derjenige, der etwas sagen mußte. Doch er ergriff als erster das Wort.

»Das war ein schlechter Tag, was?« sagte er. Seine rauhe Stimme war leiser und klang beinahe mitfühlend.

»Für mich nicht so schlecht wie für Hardy. Ich habe Ihren Namen in der Zeitung gelesen — darum bin ich gekommen.«

»Ich weiß aber noch immer nicht, was Sie von mir wollen.«

»Glauben Sie, daß die Familie klagen wird? Wenn ja, sollte ich vielleicht lieber gehen.«

»Es gibt keine Familie, und es wird wohl auch keine Klage geben. Ich könnte ein bißchen auf die Pauke hauen. Der Polizist, der ihn erschossen hat, ist wahrscheinlich ein Weißer. Die Stadtverwaltung würde vielleicht ein paar Dollar ausspucken, damit ich aufhöre, Lärm zu machen, aber so was macht mir keinen Spaß.« Er wies auf seinen Schreibtisch. »Ich hab weiß Gott genug anderes zu tun.«

»Den Polizisten habe ich gar nicht gesehen«, sagte ich. Diese Tatsache war mir eben erst bewußt geworden.

»Es wird also keine Klage geben. Sind Sie deswegen gekommen?«

»Ich weiß nicht, warum ich gekommen bin. Ich habe mich heute morgen an den Schreibtisch gesetzt, als wäre das alles nie passiert, aber ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ich bin einfach in der Gegend herumgefahren. Und jetzt bin ich hier.«

Er schüttelte langsam den Kopf, als falle es ihm schwer, das zu begreifen. »Möchten Sie einen Kaffee?«

»Nein, danke. Sie kannten Mr. Hardy recht gut, nicht?«

»Ja, DeVon war regelmäßig bei uns.«

»Wo ist er jetzt?«

»Wahrscheinlich in der städtischen Leichenhalle des General Hospital.«

»Was geschieht mit ihm, wenn er keine Angehörigen hat?«

»Dann wird er auf Kosten der Stadt beerdigt. In den Büchern taucht so was als ›Armenbegräbnis‹ auf. In der Nähe des RFK-Stadions liegt ein Friedhof, wo diese Toten unter die Erde gebracht werden. Sie würden sich wundern, wie viele es gibt, auf die niemand Anspruch erhebt.«

»Bestimmt.«

»Sie würden sich wahrscheinlich über jeden Aspekt des Lebens von Obdachlosen wundern.«

Das war eine kleine Spitze, aber für Spiegelfechtereien war ich nicht in Stimmung. »Wissen Sie, ob er AIDS hatte?«

Er legte den Kopf schief, sah zur Decke und dachte ein paar Sekunden über diese Frage nach.

»Warum?«

»Ich stand hinter ihm. Sein Hinterkopf wurde in Stücke gerissen. Mein Gesicht war voller Blut. Darum.«

Mit dieser Auskunft war ich nicht mehr einer der Bösen, sondern nur noch ein Durchschnittsweißer.

»Ich glaube nicht, daß er AIDS hatte.«

»Wird das denn nach dem Tod überprüft?«

»Bei Obdachlosen?«

»Ja.«

»Meistens ja. DeVon ist allerdings auf andere Art ums Leben gekommen.«

»Könnten Sie es herausfinden?«

Er zuckte die Schultern und taute noch ein bißchen mehr auf. »Klar«, sagte er zögernd und zog einen Stift aus der Brusttasche. »Sind Sie deswegen gekommen? Weil Sie Angst vor AIDS haben?«

»Ich glaube, das ist einer der Gründe. Hätten Sie keine Angst?«

»Doch.«

Abraham trat ein, ein kleiner, hektischer Mann um die vierzig, dessen ganze Erscheinung geradezu die Karikatur eines Armenanwalts war. Er war Jude, trug einen dunklen Bart, eine Hornbrille, einen verknitterten Blazer, eine ebenso verknitterte khakifarbene Hose und schmutzige Turnschuhe, und er umgab sich mit der gewichtigen Aura eines Mannes, der ausgezogen ist, die Welt zu retten.

Er beachtete mich nicht, und Green hielt offenbar nicht viel von Formalitäten. »Es sind starke Schneefälle angekündigt worden«, sagte Green zu ihm. »Wir müssen dafür sorgen, daß alle verfügbaren Notunterkünfte geöffnet sind.«

»Ich bin bereits dabei«, erwiderte Abraham knapp und war schon wieder draußen.

»Ich weiß, daß Sie viel zu tun haben«, sagte ich.

»War das alles, was Sie wissen wollten? Eine Blutuntersuchung?«

»Ich glaube ja. Haben Sie eine Ahnung, warum er es getan hat?«

Er nahm die Brille ab, putzte sie mit einem Tuch und rieb sich die Augen. »Er war geisteskrank, wie viele dieser Leute. Wenn Sie jahrelang auf der Straße leben, sich ständig betrinken und Crack rauchen, wenn Sie in der Kälte auf dem Bürgersteig schlafen und von Polizisten und kleinen Ganoven herumgestoßen werden, dann werden Sie irgendwann verrückt. Außerdem hatte er noch eine Rechnung offen.«

»Die Zwangsräumung.«

»Ja. Vor ein paar Monaten ist DeVon in ein verlassenes Lagerhaus Ecke New York und Florida gezogen. Irgend jemand hat das Ding mit ein paar Spanplatten in kleine Zimmer unterteilt. Nach Obdachlosenmaßstäben war es nicht mal schlecht: ein Dach über dem Kopf, ein paar Toiletten, fließendes Wasser. Hundert Dollar pro Monat, zahlbar an einen ehemaligen Zuhälter, der die Trennwände eingezogen hatte und behauptete, der Besitzer zu sein.«

»Und? War er der Besitzer?«

»Ich glaube, ja.« Er zog einen dünnen Ordner aus einem der Stapel auf seinem Tisch. Wunderbarerweise war es der richtige. Er blätterte darin. »Und da wird es dann kompliziert. Letzten Monat ist das Objekt von einer Gesellschaft namens RiverOaks gekauft worden, einem großen Immobilienkonzern.«

»Und RiverOaks hat alle vor die Tür gesetzt?«

»Ja.«

»Ich nehme an, daß RiverOaks von unserer Kanzlei vertreten worden ist.«

»Da könnten Sie recht haben.«

»Warum wird es kompliziert?«

»Ich habe gehört, daß der Zwangsräumung keine Benachrichtigung vorausgegangen ist. Die Leute behaupten, sie hätten Miete an den Zuhälter gezahlt, und wenn das stimmt, dann waren sie keine Hausbesetzer. Dann waren sie Mieter und hatten die entsprechenden Rechte.«

»Hausbesetzer haben kein Recht auf eine Benachrichtigung.«

»Nein. So was passiert alle Tage. Obdachlose ziehen in ein verlassenes Gebäude, und meistens kümmert sich kein Mensch darum. Also denken sie, das Haus gehört ihnen. Aber der Besitzer kann sie, wenn er sich die Mühe macht, mal vorbeizuschauen, ohne weiteres rausschmeißen. Als Hausbesetzer hat man keinerlei Rechte.«

»Und wie hat DeVon Hardy herausgefunden, daß unsere Kanzlei daran beteiligt war?«

»Wer weiß? Er war nicht dumm. Er war verrückt, aber nicht dumm.«

»Kennen Sie den Zuhälter?«

»Ja. Vollkommen unzuverlässig.«

»Wo, sagten Sie, war das Lagerhaus?«

»Das Lagerhaus gibt es nicht mehr. Es ist letzte Woche abgerissen worden.«

Ich hatte seine Zeit lange genug in Anspruch genommen. Er sah auf seine Uhr, ich auf die meine. Wir tauschten unsere Telefonnummern aus und versprachen, in Verbindung zu bleiben.

Mordecai Green war ein warmherziger, mitfühlender Mensch, der auf der Straße arbeitete, um die Rechte seiner namenlosen Mandanten zu verteidigen. Sein Verständnis von Recht erforderte mehr innere Kraft, als ich je haben würde.

Auf dem Weg hinaus beachtete ich Sofia nicht, denn sie beachtete mich ebenso wenig. Mein Lexus stand noch am Straßenrand. Der Schnee lag bereits ein paar Zentimeter.

Teil V

5

Im Schneetreiben fuhr ich durch die Stadt. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letztemal ohne Termindruck durch die Straßen von Washington gefahren war. Ich saß warm und geborgen in meinem schweren Luxuswagen, ließ mich einfach treiben und hatte kein Ziel.

In der Kanzlei würde ich mich für eine Weile lieber nicht blicken lassen. Arthur würde wütend auf mich sein, und außerdem würde ich die zahllosen unangekündigten Besucher ertragen müssen, deren erster Satz unweigerlich lautete: »Wie geht’s Ihnen?«

Mein Telefon läutete. Es war Polly, sie klang panisch. »Wo stecken Sie denn?« wollte sie wissen.

»Wer will das wissen?«

»Eine Menge Leute. Arthur zum Beispiel. Rudolph. Dann hat noch ein Reporter angerufen. Ein paar Mandanten wollten einen Rat. Und Claire hat aus dem Krankenhaus angerufen.«

»Was wollte sie?«

»Sie war besorgt, wie alle anderen.«

»Mir geht’s gut, Polly. Sagen Sie, ich sei beim Arzt.«

»Und sind Sie beim Arzt?«

»Nein, aber ich könnte es sein. Was hat Arthur gesagt?«

»Er hat nicht angerufen. Aber Rudolph. Sie haben auf Sie gewartet.«

»Sie werden noch länger warten müssen.«

Sie zögerte und sagte dann ganz langsam: »Okay. Wann werden Sie voraussichtlich wieder hier sein?«

»Weiß ich noch nicht. Wenn der Arzt mich läßt. Gehen Sie ruhig nach Hause — schließlich haben wir einen Schneesturm. Ich rufe Sie morgen an.« Damit legte ich auf.

Unsere Wohnung war ein Ort, den ich selten bei Tageslicht gesehen hatte, und die Vorstellung, am Kamin zu sitzen und zuzusehen, wie es schneite, gefiel mir nicht besonders. Und wenn ich in eine Bar ging, würde ich wahrscheinlich dort sitzen bleiben.

Also fuhr ich. Ich reihte mich ein in den Strom der Pendler, die ihren eiligen Rückzug in die Vororte, nach Virginia und Maryland, antraten, und als ich zurück in die Stadt fuhr, waren die Straßen fast leer. Ich fand den Friedhof beim RFK-Stadion, wo diejenigen beerdigt wurden, auf die niemand Anspruch erhob, und kam an der Methodist Mission in der 17th Street vorbei, von der unser ungegessenes Abendessen stammte. Ich fuhr durch Stadtteile, die ich noch nie gesehen hatte und wahrscheinlich auch nie wieder sehen würde.

Um vier war die Stadt praktisch menschenleer. Der Himmel hatte sich verdunkelt, und der Schnee fiel dicht. Er lag bereits mehrere Zentimeter hoch, und im Wetterbericht hieß es, es sei noch viel mehr Schnee zu erwarten.

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Natürlich brachte nicht einmal ein Schneesturm die Arbeit der Kanzlei Drake & Sweeney zum Erliegen. Ich kannte Anwälte, die am liebsten sonntags oder spät in der Nacht arbeiteten, weil sie dann nicht von läutenden Telefonen gestört wurden. Ein Schneesturm war ein willkommener Aufschub der blödsinnigen Plackerei endloser Besprechungen und Telefonkonferenzen.

Ein Mann vom Sicherheitsdienst in der Lobby sagte mir, die Sekretärinnen und die meisten anderen Mitarbeiter seien um drei nach Hause geschickt worden. Ich fuhr wieder mit Misters Aufzug.

Ordentlich aufgereiht lagen mitten auf meinem Schreibtisch ein Dutzend rosafarbene Anrufnotizen, die mich jedoch überhaupt nicht interessierten. Ich ging zu meinem Computer und begann, unser Mandantenverzeichnis zu durchsuchen.

RiverOaks war eine Gesellschaft mit Sitz in Delaware, gegründet 1977, Hauptverwaltung in Hagerstown, Maryland. Sie befand sich in Privatbesitz, so daß nur wenige Informationen über ihre Finanzlage verfügbar waren. Der für RiverOaks zuständige Anwalt hieß N. Braden Chance. Ich hatte den Namen noch nie gehört.

Ich sah in unserer riesigen Datenbank nach. Chance war Teilhaber und arbeitete in der Immobilienabteilung, irgendwo unten in der dritten Etage. Vierundvierzig Jahre alt, verheiratet, College in Gettysburg, danach Jurastudium in Duke. Ein beeindruckender, aber durch und durch geradliniger Werdegang.

Bei achthundert Anwälten, die täglich Druck ausübten und prozessierten, hatte unsere Kanzlei über sechsunddreißigtausend aktive Dateien. Damit unsere Vertretung in New York nicht einen unserer Mandanten in Chicago verklagte, wurde jede neue Datei unverzüglich in der Datenbank abgelegt. Jeder Anwalt, jede Sekretärin, jeder Gehilfe bei Drake & Sweeney hatte einen Computer und somit ungehinderten Zugang zu allen allgemeinen Informationen über Mandanten. Wenn einer unserer Anwälte für Erbschaftsrecht in Palm Beach den Nachlaß eines reichen Mandanten regelte, brauchte ich nur ein paar Tasten zu drücken, und schon war ich über die Grundzüge des Falls im Bilde.

Es gab zweiundvierzig RiverOaks-Dateien, und in fast allen Fällen war es um Grundstückskäufe gegangen. Der zuständige Anwalt war jedesmal Chance gewesen. In vier Fällen war es um Zwangsräumungen gegangen, von denen drei im letzten Jahr stattgefunden hatten. Die erste Phase der Recherche war einfach.

Am 31. Januar hatte RiverOaks ein Objekt an der Florida Avenue erworben. Der Verkäufer war eine Gesellschaft namens TAG, Inc. Am 4. Februar hatte unser Mandant eine Anzahl Hausbesetzer aus dem verlassenen Lagerhaus vertreiben lassen. Einer dieser Hausbesetzer war, wie ich inzwischen wußte, Mister DeVon Hardy gewesen, der die Zwangsräumung persönlich genommen und die verantwortliche Kanzlei aufgespürt hatte.

Ich notierte mir den Namen und die Nummer der Datei und machte mich auf den Weg in die dritte Etage.

Niemand, der in eine große Kanzlei eintrat, hatte das Ziel, Immobilienanwalt zu werden. Schließlich gab es andere, weit prestigeträchtigere Arenen, in denen man sich einen Ruf erwerben konnte. Die Prozeßabteilung war seit jeher ein bevorzugtes Ziel, und Prozeßanwälte genossen noch immer die größte Bewunderung — zumindest in der Kanzlei. Einige vielversprechende Talente fühlten sich zum Körperschaftsrecht hingezogen — Fusionen und Übernahmen waren begehrte Abteilungen, die Effektenabteilung erfreute sich beständiger Popularität. Auch mein Spezialgebiet — Kartellrecht — war hoch angesehen. Steuerrecht war schrecklich kompliziert, doch wer sich darauf spezialisierte, genoß großen Respekt. Und die Pflege der politischen Landschaft (die Tätigkeit als Lobbyist) war zwar widerwärtig, aber so lohnend, daß jede größere Kanzlei in Washington ganze Rudel von Anwälten beschäftigte, die nichts anderes zu tun hatten, als die Gesetzgebungsmaschinerie an den richtigen Stellen zu schmieren.

Doch niemand hatte das Ziel, Immobilienanwalt zu werden. Ich wußte nicht, wie man einer wurde. Immobilienanwälte blieben unter sich, lasen wahrscheinlich unentwegt das Kleingedruckte in Hypothekenverträgen und galten beim Rest der Kanzlei als irgendwie mittelmäßig.

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Bei Drake & Sweeney bewahrte jeder Anwalt die Unterlagen für die aktuellen Fälle in seinem Büro auf, oft in einem verschlossenen Schrank. Nur die erledigten Fälle wurden den anderen Mitarbeitern zugänglich gemacht. Kein Anwalt konnte gezwungen werden, einem anderen Einsicht in die Akten zu geben, es sei denn, ein Seniorteilhaber oder ein Mitglied des Vorstands forderte ihn dazu auf.

Die Akte über die Zwangsräumung trug immer noch den Vermerk »aktuell«, und ich war sicher, daß sie jetzt, nach der Mister-Episode, vor jedem Zugriff geschützt sein würde.

An einem Tisch neben dem Schreibzimmer stand ein Gehilfe und scannte Blaupausen ein. Ich fragte ihn nach dem Büro von Braden Chance, und er nickte in Richtung einer offenen Tür auf der anderen Seite des Gangs.

Zu meiner Überraschung saß Chance an seinem Schreibtisch und machte den Eindruck eines sehr beschäftigten Mannes. Er war konsterniert über meinen Besuch, und das mit Recht. Die normale Vorgehensweise wäre gewesen, ihn anzurufen und einen Termin zu vereinbaren. Aber die normale Vorgehensweise interessierte mich im Augenblick nicht.

Er bot mir keinen Stuhl an. Ich setzte mich trotzdem, was seine Laune nicht verbesserte.

»Sie waren eine der Geiseln«, sagte er in ärgerlichem Ton, als ihm dämmerte, warum ich gekommen war.

»Ja.«

»Muß schlimm gewesen sein.«

»Jetzt ist es vorbei. Mr. Hardy, der Mann mit der Pistole, wurde am 4. Februar im Zuge einer Zwangsräumung aus einem Lagerhaus vertrieben. Wurde diese Zwangsräumung von unserer Kanzlei beantragt?«

»Allerdings.« Er war sehr zugeknöpft, und ich nahm an, daß er sich die Akte heute noch einmal vorgenommen hatte. Wahrscheinlich hatte er sie zusammen mit Arthur und den anderen hohen Tieren gründlich durchgesehen. »Was ist damit?«

»War Hardy ein Hausbesetzer?«

»Darauf können Sie Gift nehmen. Die haben allesamt illegal dort gewohnt. Unser Mandant versucht, diese Plage ein bißchen einzudämmen.«

»Sind Sie sicher, daß er ein Hausbesetzer war?«

Sein Kinn klappte herunter, und seine Augen wurden schmal. Er holte tief Luft. »Was wollen sie eigentlich?«

»Könnte ich die Akte mal sehen?«

»Nein. Der Fall geht Sie nichts an.«

»Vielleicht geht er mich doch etwas an.«

»Wer ist Ihr leitender Teilhaber?« Er zückte einen Stift, als wollte er sich den Namen des Mannes notieren, der mich zurechtweisen würde.

»Rudolph Mayes.«

Er schrieb es in Großbuchstaben auf. »Ich bin sehr beschäftigt«, sagte er. »Würden Sie jetzt bitte gehen?«

»Warum kann ich die Akte nicht sehen?«

»Weil es meine ist und ich es nicht will. Das reicht als Begründung.«

»Vielleicht reicht es nicht.«

»Für Sie reicht es. Und jetzt gehen Sie bitte.« Er stand auf und wies mit zitternder Hand auf die Tür. Ich lächelte ihn an und ging hinaus.

Der Gehilfe hatte alles gehört. Als ich an seinem Tisch vorbeikam, wechselten wir verwunderte Blicke. »Was für ein Idiot«, sagte er so leise, daß ich es von seinen Lippen ablesen mußte.

Ich lächelte abermals und nickte. Ein Idiot, und obendrein ungehobelt. Wenn Chance mir freundlich erklärt hätte, Arthur oder irgendein anderes hohes Tier habe angeordnet, die Akte sei unter Verschluß zu halten, hätte ich keinen Verdacht geschöpft. Doch nun war offensichtlich, daß sie irgend etwas Interessantes enthielt.

Es würde nicht leicht sein, die Akte zu bekommen.

Angesichts der vielen elektronischen Kommunikationsgeräte, die Claire und ich besaßen — Handy, Autotelefon, nicht zu vergessen diverse Pager —, hätte es ganz einfach sein müssen, in Verbindung zu bleiben. Doch in unserer Ehe war nichts einfach. Gegen neun Uhr telefonierten wir schließlich miteinander. Sie war erschöpft von einem Arbeitstag, der wie immer weit anstrengender gewesen war, als meine es je sein konnten. Es war ein Spiel, das wir bis an die Grenze ausreizten: Meine Arbeit ist wichtiger, weil ich Ärztin, weil ich Anwalt bin.

Dieses Spiel ging mir langsam auf die Nerven. Ich spürte, wie sehr ihr die Vorstellung gefiel, daß meine Begegnung mit dem Tod Nachwirkungen hatte, daß ich meinen Schreibtisch verlassen hatte und ziellos durch die Straßen von Washington gefahren war. Ihr Tag war zweifellos sehr viel produktiver gewesen als meiner.

Sie hatte den Ehrgeiz, die beste Neurochirurgin des Landes zu werden, eine Ärztin, an die sich sogar Männer wenden würden, wenn es keinerlei Hoffnung mehr gab. Sie war eine ausgezeichnete Studentin, wild entschlossen und mit einem enormen Durchhaltevermögen gesegnet. Sie würde die Männer hinter sich lassen, so wie sie auch mich langsam hinter sich ließ, einen gewieften Aufsteiger mit Durchhaltevermögen. Das Rennen zog sich schon zu lange hin.

Sie fuhr einen Miata Sportwagen ohne Allradantrieb, und angesichts des schlechten Wetters machte ich mir ein wenig Sorgen um sie. Sie würde in einer Stunde fertig sein — etwa die Zeit, die ich brauchte, um zum Georgetown Hospital zu fahren. Ich würde sie abholen, und dann würden wir versuchen, uns auf ein Restaurant zu einigen. Sollte uns das nicht gelingen, würden wir uns etwas beim Chinesen holen. Wir lebten praktisch von chinesischem Essen.

Ich ordnete die Papiere und Gegenstände auf meinem Schreibtisch und übersah dabei geflissentlich die zehn aktuellen Fälle, die dort aufgereiht standen. Ich hatte immer nur zehn Akten auf meinem Tisch — eine Methode, die ich von Rudolph übernommen hatte —, und jede davon studierte ich täglich. Dabei spielten honorarfähige Stunden eine gewisse Rolle. Unter meinen Top Ten waren stets die reichsten Mandanten, ganz gleich, wie dringlich ihre juristischen Probleme waren. Auch dies war ein Trick, den ich von Rudolph gelernt hatte.

Man erwartete, daß ich zweitausendfünfhundert Stunden pro Jahr in Rechnung stellte. Wenn man fünfzig Wochen zugrundelegt, waren das fünfzig Stunden pro Woche. Mein durchschnittlicher Honorarsatz lag bei dreihundert Dollar pro Stunde, und das hieß, daß ich meiner geliebten Kanzlei jährlich siebenhundertfünfzigtausend Dollar einbrachte. Davon bekam ich hundertzwanzigtausend sowie einen Bonus von dreißigtausend. Zweihunderttausend wurden für laufende Kosten aufgewendet, und der Rest ging an die Teilhaber und wurde jährlich nach einem unglaublich komplizierten Schlüssel aufgeteilt, über dessen Festlegung es gewöhnlich zu heftigen Auseinandersetzungen kam.

Ein Teilhaber verdiente selten weniger als eine Million im Jahr, und einige verdienten über zwei Millionen. Und eine Ernennung zum Teilhaber galt auf Lebenszeit. Wenn ich es also bis zu meinem fünfunddreißigsten Lebensjahr schaffte, Teilhaber zu werden — und bei dem Tempo, das ich vorlegte, war das durchaus im Bereich des Möglichen —, dann erwarteten mich dreißig Jahre voll gewaltiger Einkünfte und immensem Reichtum.

Das war der Traum, der uns zu allen Tages und Nachtzeiten an den Schreibtisch fesselte.

Ich kritzelte diese Zahlen auf ein Blatt Papier. Es war eine Rechnung, die ich oft und gern anstellte, und ich vermutete, das alle Anwälte in unserer Kanzlei das taten. In diesem Augenblick läutete das Telefon. Es war Mordecai Green.

»Mr. Brock?« sagte er höflich. Seine Stimme war gut zu verstehen, mußte sich jedoch gegen viele Hintergrundgeräusche durchsetzen.

»Ja«, sagte ich. »Bitte nennen Sie mich Michael.«

»Gut. Ich habe ein bißchen herumtelefoniert. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen — der Bluttest war negativ.«

»Danke.«

»Keine Ursache. Ich dachte nur, Sie würden das Ergebnis so bald wie möglich wissen wollen.«

»Danke«, sagte ich nochmals. Der Lärm im Hintergrund wurde lauter. »Wo sind Sie?«

»In einer Notunterkunft. Der Schnee treibt die Leute schneller herein, als wir sie füttern können, also sind alle Helfer im Einsatz. Ich muß an die Arbeit.«

___________

Der Tisch war aus altem Mahagoni, der Teppich stammte aus Persien, die Sessel waren mit karminrotem Leder bezogen, alle technischen Geräte waren vom Neuesten und Feinsten. Als ich mein schön ausgestattetes Zimmer betrachtete, fragte ich mich zum ersten Mal, wie viel das alles gekostet haben mochte. Jagten wir nicht bloß dem Geld nach? Warum arbeiteten wir so schwer? Um einen kostbareren Teppich oder einen älteren Schreibtisch zu kaufen?

In meinem warmen, gemütlichen, schönen Zimmer dachte ich an Mordecai Green, der in diesem Augenblick als freiwilliger Helfer in einer überfüllten Notunterkunft Essen an frierende, hungrige Menschen austeilte, zweifellos mit einem warmen Lächeln und einem freundlichen Wort.

Wir hatten beide Jura studiert, hatten dieselben Prüfungen abgelegt und beherrschten die komplizierte Sprache der Juristen. Ich half meinen Mandanten, ihre Konkurrenten zu schlucken, damit die Bilanzsumme mehr Nullen aufwies, und dafür würde ich reich werden. Er half seinen Mandanten, etwas zu essen und ein warmes Bett zu finden.

Ich betrachtete das Gekritzel auf dem Papier — mein Jahreseinkommen, der Weg zum Reichtum — und stellte fest, daß es mich traurig machte. Soviel offenkundige, schamlose Gier!

Das Läuten des Telefons riß mich aus meinen Gedanken.

»Warum bist du noch im Büro?« fragte Claire. Sie sprach sehr langsam und deutlich, und jedes Wort war mit einer Eisschicht überzogen.

Ich sah ungläubig auf meine Uhr. »Ich… äh… ein Mandant von der Westküste hat angerufen. Bei denen schneit es nicht.«

Ich glaube, ich hatte diese Lüge schon einmal benutzt. Es spielte keine Rolle.

»Ich warte, Michael. Soll ich lieber zu Fuß gehen?«

»Nein, ich komme so schnell ich kann.«

Ich hatte sie schon öfter warten lassen. Das gehörte zum Spiel: Wir waren viel zu beschäftigt, um pünktlich zu sein.

Ich rannte hinaus in den Schneesturm. Eigentlich machte es mir nicht sehr viel aus, daß wieder einmal ein Abend ruiniert war.

Teil VI

6

Endlich schneite es nicht mehr. Claire und ich saßen am Küchenfenster und tranken Kaffee. Ich las im Licht der strahlenden Morgensonne die Zeitung. Man hatte den Flughafen nicht schließen müssen.

»Laß uns nach Florida fahren«, sagte ich. »Jetzt gleich.«

Sie bedachte mich mit einem vernichtenden Blick. »Florida?«

»Na gut, dann die Bahamas. Wir könnten heute Nachmittag da sein.«

»Geht nicht.«

»Natürlich geht das. Ich werde ein paar Tage nicht arbeiten, und…«

»Warum nicht?«

»Weil ich sonst noch verrückt werde. Und wenn in der Kanzlei jemand verrückt wird, kriegt er ein paar Tage frei.«

»Ich glaube fast, es ist schon soweit.«

»Ich weiß. Eigentlich macht es sogar Spaß. Die Leute machen einem Platz, sie fassen einen mit Samthandschuhen an und sind höflich und zuvorkommend. Ich fange an, es zu genießen.«

Ihr Gesicht wurde wieder hart. »Ich kann nicht.«

Damit war der Vorschlag erledigt. Ich hatte ihn ganz spontan gemacht, obwohl ich wußte, daß sie zuviel zu tun hatte. Es war gemein gewesen, fand ich, als ich mich wieder der Zeitung zuwandte, aber ich bereute es nicht. Claire wäre auch sonst unter keinen Umständen mitgefahren.

Plötzlich hatte sie es eilig: Termine, Seminare, Visiten — das Leben einer ehrgeizigen jungen Assistenzärztin. Sie duschte, zog sich an und war bereit zu gehen, ich fuhr sie zum Krankenhaus.

Während der Wagen durch die verschneiten Straßen kroch, wechselten wir kein Wort.

»Ich fahre für ein paar Tage nach Memphis«, sagte ich, als wir am Eingang in der Reservoir Street angekommen waren.

»Ach ja?« sagte sie ohne eine erkennbare Reaktion.

»Ich will meine Eltern besuchen. Das letzte Mal war ich vor fast einem Jahr bei ihnen, und jetzt ist eine gute Gelegenheit. Ich mag Schnee nicht, und ich bin nicht in der Stimmung zu arbeiten. Ich bin einfach ein bißchen durchgedreht.«

»Tja… ruf mich an.« Sie öffnete die Tür, stieg aus und warf sie zu — kein Kuß, kein Abschied, keine Anteilnahme. Ich sah ihr nach, als sie zum Eingang eilte und verschwand.

Es war vorbei. Mir war unwohl bei dem Gedanken, daß ich es meiner Mutter würde sagen müssen.

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Meine Eltern waren Anfang sechzig, erfreuten sich bester Gesundheit und bemühten sich tapfer, die Freuden des vorzeitigen Ruhestands zu genießen. Mein Vater hatte dreißig Jahre lang Passagiermaschinen geflogen, meine Mutter war Filialleiterin einer Bank gewesen. Sie hatten schwer gearbeitet, viel gespart und uns eine Kindheit und Jugend in gesicherten Verhältnissen ermöglicht. Meine beiden Brüder und ich waren auf die besten Privatschulen gegangen, für die wir uns hatten qualifizieren können.

Sie waren solide Menschen, konservativ, patriotisch, ohne schlechte Angewohnheiten und in ihrer Liebe zueinander unerschütterlich. Sie gingen sonntags in die Kirche, sie gingen am Unabhängigkeitstag zur Parade, sie gingen einmal pro Woche zum Rotary Club, und sie verreisten, wann immer sie Lust dazu hatten.

Noch heute, drei Jahre danach, waren sie traurig über die Scheidung meines Bruders Warner. Er war Anwalt in Atlanta und hatte seine Collegeliebe geheiratet, ein Mädchen aus Memphis, dessen Familie wir kannten. Nach zwei Kindern ging die Ehe in die Brüche. Seine Frau bekam das Sorgerecht und zog nach Portland, Oregon. Meine Eltern sahen ihre Enkel einmal im Jahr, wenn es hoch kam. Es war ein Thema, das ich nie anschnitt.

Am Flughafen in Memphis mietete ich mir einen Wagen und fuhr nach Osten in die wuchernden Vorstädte, wo die Weißen lebten. Die Schwarzen hatten die Innenstadt, die Weißen die Vororte. Manchmal übernahmen Schwarze ein paar Straßenblocks, und dann zogen die Weißen fort. Memphis breitete sich in Richtung Osten aus, ein ständiges Zurückweichen und Nachrücken.

Meine Eltern wohnten an einem Golfplatz, in einem neuen Haus mit sehr viel Glas, das so gebaut war, daß man aus jedem Fenster ein Fairway sehen konnte. Ich konnte dieses Haus nicht ausstehen, weil auf den Fairways ständig Spieler waren. Das behielt ich allerdings für mich.

Ich hatte vom Flughafen aus angerufen, und meine Mutter begrüßte mich mit großer Freude. Mein Vater war irgendwo hinten am neunten Loch.

»Du siehst müde aus«, sagte sie, nachdem sie mich umarmt und geküßt hatte. Das war ihre übliche Begrüßung.

»Danke, Mom. Und du siehst großartig aus.« Und das stimmte. Sie war schlank und gebräunt, denn sie verbrachte täglich Stunden auf dem Tennisplatz und in einem Liegestuhl im Country Club.

Sie machte uns einen Eistee, den wir in der Loggia tranken, von wo wir anderen Pensionären dabei zusehen konnten, wie sie in ihren Golfwagen über die Fairways fuhren.

»Was ist los?« fragte sie, kaum daß wir uns gesetzt hatten und noch bevor ich einen Schluck Tee getrunken hatte.

»Nichts. Mir geht’s gut.«

»Wo ist Claire? Ihr ruft uns nie an Ich habe ihre Stimme seit zwei Monaten nicht gehört.«

»Claire geht’s gut, Mom. Wir sind beide gesund und munter und arbeiten sehr viel.«

»Verbringt ihr genug Zeit miteinander?«

»Nein.«

»Verbringt ihr überhaupt Zeit miteinander?«

»Nicht viel.«

Sie runzelte die Stirn, sah mich mit mütterlicher Sorge an und ging zum Angriff über. »Seid ihr in Schwierigkeiten?« fragte sie.

»Ja.«

»Ich wußte es. Ich wußte es. Ich hab’s deiner Stimme angehört, als du vorhin angerufen hast. Aber ihr wollt euch doch wohl nicht scheiden lassen? Habt ihr es mit einer Partnerschaftsberatung probiert?«

»Nein. Beruhige dich, Mom.«

»Aber warum? Sie ist ein wunderbarer Mensch, Michael. In einer Ehe muß man einander alles geben, was man hat.«

»Das versuchen wir ja, Mom. Aber es ist schwierig.«

»Affären? Drogen? Alkohol? Glücksspiel? Irgendwelche schlimmen Sachen?«

»Nein. Nur zwei Menschen, die getrennte Wege gehen. Ich arbeite achtzig Stunden pro Woche. Sie arbeitet die anderen achtzig.«

»Dann arbeitet weniger. Geld ist nicht alles.« Ihre Stimme zitterte ein wenig, und in ihren Augen standen Tränen.

»Es tut mir leid, Mom. Wenigstens haben wir keine Kinder.«

Sie biß sich auf die Unterlippe und versuchte Haltung zu bewahren, aber in ihr starb etwas. Ich wußte genau, was sie jetzt dachte: Zwei gescheitert, bleibt noch einer. Sie würde meine Scheidung als ihr persönliches Versagen betrachten, genau wie damals bei meinem Bruder. Sie würde eine Möglichkeit finden, die Schuld auf sich zu nehmen.

Ich wollte kein Mitleid. Um zu einem interessanteren Thema überzuleiten, erzählte ich ihr von Mister und spielte die Gefahr, in der ich gewesen war, herunter. Vielleicht hatte die Geschichte nicht in den hiesigen Zeitungen gestanden, und wenn ja, dann hatten meine Eltern sie übersehen.

»Und dir ist nichts passiert?« fragte sie entsetzt.

»Nein. Die Kugel ist an mir vorbeigeflogen. Ich bin hier.«

»Ja, Gott sei Dank. Ich meine, ob es dir gefühlsmäßig gut geht.«

»Ja, Mom, alles in Ordnung. Ich bin heil und unversehrt. In der Kanzlei wollten sie, daß ich mir ein paar Tage frei nehme, und so bin ich hergekommen.«

»Mein armer Junge. Erst Claire, und dann das.«

»Mir geht’s gut, Mom. Wir hatten gestern eine Menge Schnee — es war ein guter Zeitpunkt, um mal rauszukommen.«

»Ist Claire allein sicher?«

»So sicher wie jeder andere in Washington. Sie lebt praktisch im Krankenhaus, und das ist wahrscheinlich der beste Ort, wo man sich aufhalten kann.«

»Wenn ich die Verbrechensstatistiken sehe, mache ich mir immer solche Sorgen um euch. Washington ist eine sehr gefährliche Stadt.«

»Fast so gefährlich wie Memphis.«

Wir sahen, wie ein Ball in der Nähe der Loggia landete und warteten auf seinen Besitzer. Eine dicke Frau stieg aus einem Golfwagen, blieb kurz bei dem Ball stehen und drosch ihn in weitem Bogen ins Gebüsch.

Meine Mutter ging hinaus, um noch Tee zu holen und sich die Augen zu wischen.

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Ich weiß nicht, wer enttäuschter war: meine Mutter oder mein Vater. Meine Mutter wünschte sich starke Familien und viele Enkelkinder. Mein Vater wollte, daß seine Jungs schnell Karriere machten und die schwer verdienten Früchte ihres Erfolges genossen.

Später am Nachmittag gingen mein Vater und ich über den Golfplatz. Er spielte neun Löcher, und ich trank Bier und fuhr den Wagen. Golf übte bis jetzt noch keine besondere Faszination auf mich aus.

Zwei kalte Biere, und ich wurde redselig. Ich hatte beim Mittagessen noch einmal von der Geiselnahme erzählt, und so nahm mein Vater an, daß ich mir nur eine kleine Auszeit genommen hatte, bevor ich mich mit neuer Energie in die Arbeit stürzte.

»Ich bin diese große Kanzlei langsam leid, Dad«, sagte ich, als wir am dritten Abschlag warten mußten, bis der Vierer vor uns die Bahn freigab. Ich war nervös, und das ärgerte mich. Schließlich war es mein Leben, nicht seins.

»Was meinst du damit?«

»Damit meine ich, daß ich meine Arbeit leid bin.«

»Herzlich willkommen in der Wirklichkeit. Meinst du vielleicht, der Mann, der in der Fabrik an der Drehbank steht, ist seine Arbeit nicht leid? Du wirst wenigstens reich dabei.«

Die erste Runde ging an ihn. Es war fast ein K.o.-Sieg. Zwei Löcher später sagte er, während wir im Gebüsch nach seinem Ball suchten: »Willst du dir einen neuen Job suchen?«

»Ich denke darüber nach.«

»Und was schwebt dir vor?«

»Ich weiß es nicht. So weit bin ich noch nicht. Ich hab mich noch nicht umgesehen.«

»Wenn du dich noch nicht umgesehen hast, woher weißt du dann, daß ein neuer Job besser sein wird als der alte?« Er hob den Ball auf und ging zurück zum Fairway.

Während er zu seinem Ball ging, fuhr ich allein auf dem schmalen, gepflasterten Weg weiter und fragte mich, warum ich vor diesem weißhaarigen Mann soviel Angst hatte. Er hatte seine Söhne dazu angehalten, sich Ziele zu setzen, hart zu arbeiten, stark zu sein — und das alles, um viel Geld zu verdienen und den amerikanischen Traum zu leben. Alles, was wir brauchten, hatte er bezahlt.

Wie meine Brüder besaß auch ich kein sehr hoch entwickeltes soziales Gewissen. Wir spendeten für die Kollekte, weil in der Bibel viel Wert auf das Almosengeben gelegt wurde. Wir zahlten Steuern, weil das gesetzlich vorgeschrieben war. Sicher wurde mit dem, was wir gaben, irgendwo und irgendwie etwas Gutes getan, und auf diese Weise hatten wir einen Anteil daran. Politik war etwas für Leute, die bereit waren, sich auf dieses Spiel einzulassen — ein ehrlicher Mann konnte dort nicht zu Reichtum kommen. Wir waren dazu erzogen worden, produktiv zu sein. Je mehr Erfolg wir hatten, desto mehr würde die Gesellschaft auf irgendeine Weise davon profitieren. Man setzte sich Ziele, man arbeitete hart, man war fair und brachte es zu Wohlstand.

Das fünfte Loch beendete er mit zwei Schlägen über Par. Als er in den Wagen stieg, schob er die Schuld auf seinen Putter.

»Vielleicht suche ich gar nicht nach einem besseren Job«, sagte ich.

»Warum sagst du nicht einfach, was du sagen willst?« Wie gewöhnlich fühlte ich mich wie ein Schwächling, weil ich das Thema nicht direkt zur Sprache gebracht hatte.

»Ich überlege, ob ich mich mehr für das Gemeinwohl engagieren soll.«

»Was soll das denn heißen?«

»Das heißt, daß ich mich zum Wohl der Gesellschaft einsetzen und weniger Geld verdienen würde.«

»Was bist du — ein Demokrat? Ich glaube, du bist schon zu lange in Washington.«

»In Washington gibt es jede Menge Republikaner. Sie haben sogar die Regierung übernommen.«

Wir fuhren schweigend zum nächsten Abschlag. Mein Vater war ein guter Golfer, aber seine Schläge wurden immer schlechter. Seine Konzentration war dahin.

Als wir wieder einmal durch das Gebüsch neben dem Fairway stapften, sagte er: »Habe ich das richtig verstanden: Irgendein Säufer von der Straße kriegt eine Kugel durch den Kopf, und du ziehst aus, um die Gesellschaft zu verändern?«

»Er war kein Säufer. Er war in Vietnam.«

Mein Vater hatte in den ersten Kriegsjahren B52-Bomber geflogen. Meine Bemerkung ließ ihn verstummen — allerdings nur für einen Augenblick. Er war nicht bereit, auch nur einen Zentimeter nachzugeben. »Einer von denen also.«

Ich gab keine Antwort. Der Ball war hoffnungslos verloren, und mein Vater suchte eigentlich gar nicht mehr nach ihm. Er warf einen neuen auf den Fairway und schlug ihn in die Büsche auf der anderen Seite. Wir fuhren weiter.

»Ich will nicht zusehen, wie du eine gute Karriere aufgibst«, sagte er. »Du hast zu schwer gearbeitet. In ein paar Jahren bist du Teilhaber.«

»Vielleicht.«

»Du brauchst Urlaub, das ist alles.«

Alle Welt schien zu glauben, das sei ein Allheilmittel.

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Zum Abendessen lud ich sie in ein gutes Restaurant ein. Wir bemühten uns, die Themen Claire, meine Karriere und die Enkelkinder, die sie so selten zu sehen bekamen, zu vermeiden, und sprachen über alte Freunde und die Viertel, in denen wir früher gewohnt hatten. Ich ließ mir den neuesten Klatsch erzählen, der mich nicht im mindesten interessierte.

Am Freitag Mittag, vier Stunden vor meinem Abflug, verabschiedete ich mich von meinen Eltern und wandte mich wieder meinem in Unordnung geratenen Leben in Washington zu.

Teil VII

7

Natürlich war die Wohnung leer, als ich Freitag nacht zurückkam, aber diese Leere hatte eine besondere Qualität. Auf der Küchentheke fand ich einen Zettel: Claire war meinem Beispiel gefolgt und für ein paar Tage zu ihren Eltern nach Providence gefahren. Einen Grund nannte sie nicht. Sie bat mich, sie anzurufen, sobald ich wieder zu Hause war.

Ich rief ihre Eltern an. Dort war man gerade beim Abendessen. Wir quälten uns durch fünf Minuten Geplauder und stellten fest, daß alles gut war: Uns ging es gut, Memphis war gut, Providence war gut, unseren Eltern ging es gut, und Claire würde irgendwann am Sonntag Nachmittag wieder in Washington sein.

Ich legte auf, machte mir einen Kaffee und trank ihn am Schlafzimmerfenster. Ich sah die Autos auf der noch immer schneebedeckten P Street dahinkriechen. Wenn etwas von all dem Schnee geschmolzen war, dann war es mit bloßem Auge nicht zu erkennen.

Ich hatte den Verdacht, daß Claire ihren Eltern dieselbe trostlose Geschichte erzählte, die ich meinen Eltern aufgebürdet hatte. Es war traurig und seltsam, im Grunde aber erstaunlich, daß wir unseren Eltern reinen Wein einschenkten, bevor wir einander die Wahrheit eingestanden. Ich hatte genug davon. Sehr bald, vielleicht schon am Sonntag, würden wir uns irgendwo hinsetzen — wahrscheinlich an den Küchentisch — und der Realität ins Auge sehen. Wir würden einander unsere Ängste und Gefühle eingestehen und, da war ich ganz sicher, mit der Planung einer getrennten Zukunft beginnen. Ich wußte, daß sie sich von mir trennen wollte. Ich wußte nur noch nicht, wie sehr sie es wollte.

Ich probte die Worte, die ich zu ihr sagen würde, so lange, bis sie überzeugend klangen, und machte dann einen langen Spaziergang. Es war zwölf Grad minus, und es ging ein scharfer Wind, so daß die Kälte durch meinen Trenchcoat drang. Ich ging an den hübschen Bungalows und gemütlichen Reihenhäusern vorbei, in denen ich echte Familien essen und lachen und die Behaglichkeit ihrer Wohnung genießen sah, und kam schließlich zur M Street, wo sich die drängten, denen zu Hause die Decke auf den Kopf fiel. Selbst an einem kalten Freitagabend war auf der M Street jede Menge los: Die Bars waren gut besucht, in den Restaurants mußte man auf einen Tisch warten, und die Cafés waren überfüllt.

Ich stand im knöcheltiefen Schnee vor dem Fenster eines Musikklubs, hörte einen Blues und sah den jungen trinkenden und tanzenden Paaren zu. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich nicht wie ein junger Mann. Ich war zweiunddreißig, aber in den vergangenen sieben Jahren hatte ich mehr gearbeitet als die meisten anderen in zwanzig Jahren. Ich war müde. Ich war nicht alt, aber ich steuerte auf die Mitte des Lebens zu und mußte mir eingestehen, daß ich nicht mehr frisch von der Universität kam. Diese hübschen Mädchen da drinnen würden sich nicht nach mir umdrehen.

Mir war kalt, und es hatte wieder angefangen zu schneien. Ich kaufte mir ein Sandwich, stopfte es in die Tasche und stapfte wieder zurück zu unserer Wohnung. Ich mixte mir einen starken Drink, machte ein kleines Feuer im Kamin, aß im Halbdunkel das Sandwich und fühlte mich sehr allein.

Früher hätte mir Claires Abwesenheit einen Grund geliefert, das Wochenende in der Kanzlei zu verbringen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Jetzt, da ich am Kamin saß, fand ich diesen Gedanken abstoßend. Drake & Sweeney würden auch lange nach meinem Abgang noch blühen und gedeihen, und um die Mandanten und ihre Probleme, die mir so unerhört bedeutend erschienen waren, würden sich ganze Trupps junger Anwälte kümmern. Für die Kanzlei würde meine Kündigung nichts als eine kleine, kaum wahrnehmbare Irritation sein. Wenige Minuten nachdem ich mein Büro geräumt hatte, würde es einem anderen zugewiesen werden.

Um kurz nach neun läutete das Telefon und riß mich aus einem langen, düsteren Tagtraum. Es war Mordecai Green, der laut in ein Handy sprach. »Sind Sie sehr beschäftigt?« fragte er.

»Äh… eigentlich nicht. Wieso?«

»Es ist eiskalt, es schneit wieder, und wir haben hier zu wenig Helfer. Haben Sie ein paar Stunden Zeit?«

»Wofür?«

»Für Arbeit. Wir brauchen wirklich ein paar Leute, die zupacken können. Die Notunterkünfte und Suppenküchen sind brechend voll, und wir haben nicht genug freiwillige Helfer.«

»Ich weiß nicht, ob ich dafür qualifiziert bin.«

»Können Sie Erdnußbuttersandwiches machen?«

»Ich glaube schon.«

»Dann sind Sie qualifiziert.«

»Okay, wohin soll ich kommen?«

»Wir sind hier ungefähr zehn Blocks vom Büro entfernt. An der Kreuzung 13th und Euclid Street steht rechts eine gelbe Kirche, die Ebenezer Christian Fellowship. Wir sind im Keller.«

Ich schrieb mir das auf, und meine Schrift wurde mit jedem Wort zittriger. Es war eine Wegbeschreibung in ein Kampfgebiet. Ich wollte mich schon erkundigen, ob ich eine Pistole einstecken sollte, und fragte mich, ob er eine trug. Aber er war schwarz, und ich nicht. Und was war mit meinem Wagen, meinem schönen Lexus?

»Haben Sie das?« knurrte er nach einer kurzen Pause.

»Ja. Ich bin in zwanzig Minuten da«, sagte ich tapfer. Mein Herz klopfte schon jetzt wie verrückt.

Ich zog mir Jeans, ein Sweatshirt und Designer-Wanderstiefel an und nahm die Kreditkarten und das meiste Bargeld aus meiner Brieftasche. Ganz oben im Schrank fand ich eine alte, mit Wollstoff gefütterte Jeansjacke, die Kaffee und Farbflecken hatte, ein Relikt aus meiner Studienzeit. Dann stellte ich mich vor den Spiegel und hoffte, daß ich einen abgerissenen Eindruck machte, doch davon konnte leider keine Rede sein. Wenn ein junger Schauspieler in dieser Aufmachung für das Titelfoto von Vanity Fair posiert hätte, wäre sofort ein neuer Trend geboren worden.

Ich wünschte mir eine kugelsichere Weste. Ich hatte Angst, doch als ich die Tür abschloß und hinaus in den Schnee trat, spürte ich auch eine eigenartige Erregung.

___________

Ich wurde weder zur Zielscheibe für Schüsse aus vorbeifahrenden Wagen noch Opfer eines Überfalls irgendeiner Straßengang. Im Augenblick sorgte das Wetter dafür, daß die Straßen leer und sicher waren. Ich fand die Kirche und parkte auf dem Grundstück gegenüber. Die Kirche sah aus wie eine kleine Kathedrale. Sie war mindestens hundert Jahre alt und offenbar von ihrer ursprünglichen Gemeinde aufgegeben worden.

Vor einem Seiteneingang standen dicht aneinandergedrängt einige Männer. Ich schob mich an ihnen vorbei, als wüßte ich genau, wohin ich wollte, und betrat die Welt der Obdachlosen.

Ich wollte eigentlich einfach weitergehen und so tun, als hätte ich das alles schon oft gesehen und eine Menge Arbeit zu erledigen, doch ich konnte mich nicht rühren. Ich starrte verwundert auf diese Masse von armen Menschen, die sich im Keller drängten. Einige lagen auf dem Boden und versuchten zu schlafen. Andere hockten in Grüppchen beisammen und unterhielten sich leise. Wieder andere saßen auf ihren Klappstühlen oder an langen Tischen und aßen. Entlang der Wände war kein Fußbreit mehr frei: Überall saßen Menschen. Kleine Kinder weinten oder spielten, und ihre Mütter versuchten sie im Auge zu behalten. Betrunkene lagen reglos da und schnarchten. Freiwillige Helfer gingen umher und verteilten Äpfel und Decken.

Die Küche war am anderen Ende des Raums. Hier herrschte geschäftiges Treiben: Das Essen wurde gekocht und ausgegeben. Im Hintergrund sah ich Mordecai, der Fruchtsaft in Pappbecher goß und dabei unaufhörlich redete. An der Ausgabe wartete geduldig eine Menschenschlange.

Es war warm, und die Mischung aus Ausdünstungen, Düften und der Wärme der Gasheizung erzeugte einen starken, nicht unangenehmen Geruch. Ein in mehrere Lagen Kleider gehüllter Obdachloser, der Ähnlichkeit mit Mister hatte, rempelte mich an. Ich mußte den Weg freimachen.

Ich ging direkt zu Mordecai, der sich sichtlich freute, mich zu sehen. Wir schüttelten uns die Hände wie alte Freunde, und dann stellte er mich zwei freiwilligen Helfern vor, deren Namen ich noch nie gehört hatte.

»Es ist der Wahnsinn«, sagte er. »Es muß nur einmal lange schneien, es muß nur mal richtig kalt werden, und schon arbeiten wir die ganze Nacht durch. Das Brot ist da drüben.« Er zeigte auf ein Tablett mit geschnittenem Weißbrot. Ich nahm es und folgte ihm zu einem Tisch.

»Es ist sehr kompliziert. Hier ist Wurst, und da sind Senf und Mayo. Die eine Hälfte der Sandwiches machen Sie mit Senf, die andere mit Mayo. Eine Scheibe Wurst, zwei Scheiben Brot. Ab und zu können Sie mal ein Dutzend mit Erdnußbutter machen. Kapiert?«

»Ja.«

»Sie sind ja richtig fix.« Er klopfte mir auf die Schulter und verschwand.

Ich machte schnell zehn Sandwiches und fand mich ausgesprochen tüchtig. Dann ließ ich es langsamer angehen und betrachtete bei der Arbeit die Menschen, die in der Schlange warteten. Sie sahen zu Boden, warfen aber immer wieder Blicke auf das Essen an der Ausgabe. Sie bekamen einen Pappteller, eine Plastikschüssel, einen Löffel und eine Serviette. Die Schüssel wurde mit Suppe gefüllt, auf den Teller kamen ein halbes Sandwich, ein Apfel und ein Keks, und am Ende der Theke gab es einen Pappbecher mit Apfelsaft.

Die meisten sagten leise »Danke« zu den Helfern, die den Saft ausgaben, und gingen weiter. Sie balancierten behutsam den Teller und die Schüssel, und selbst die Kinder waren still und vorsichtig.

Viele aßen langsam und genossen die Wärme und den Geschmack des Essens, den Duft in ihrer Nase. Andere aßen so schnell wie möglich.

Neben mir stand ein Herd mit vier Gasflammen, auf denen vier große Suppentöpfe köchelten. Auf der anderen Seite des Herds war ein Tisch, auf dem Sellerie, Karotten, Zwiebeln, Tomaten und ganze Hühner lagen. Ein Helfer war emsig dabei, mit einem großen Messer das Gemüse zu schneiden und die Hühner zu zerlegen. Zwei weitere standen am Herd. Andere brachten die fertigen Speisen zu den Ausgabetischen. Im Augenblick war ich der einzige Sandwichmann.

»Wir brauchen mehr Erdnußbuttersandwiches«, sagte Mordecai im Vorbeigehen. Er griff unter den Tisch und zog einen Zehn-Liter-Kanister Erdnußbutter hervor. »Kommen Sie damit zurecht?«

»Darin bin ich Experte«, sagte ich.

Er sah mir zu. Die Schlange war gerade nicht sehr lang; er wollte reden.

»Ich dachte, Sie seien Rechtsanwalt«, sagte ich und strich Erdnußbutter auf die Brote.

»Ich bin in erster Linie Mensch und dann erst Rechtsanwalt. Man kann das durchaus miteinander vereinbaren. Nicht so dick, wir müssen sparen.«

»Woher kommt das Essen eigentlich?«

»Von der Lebensmittelsammelstelle. Alles gespendet. Heute Abend haben wir Glück — wir haben Suppenhühner gekriegt. Meistens gibt’s nur Gemüse.«

»Das Brot ist nicht gerade frisch.«

»Dafür ist es aber umsonst. Es kommt von einer Großbäckerei — die schicken uns das Zeug vom Vortag. Wenn Sie wollen, können Sie sich ein Sandwich nehmen.«

»Danke, ich hab gerade eins gegessen. Essen Sie auch hier?«

»Selten.« Seiner Leibesfülle nach zu schließen lebte Mordecai nicht von Gemüsesuppe und Äpfeln. Er setzte sich auf die Tischkante und ließ den Blick über die Menge schweifen. »Ist das Ihr erster Besuch in einer Notunterkunft?« fragte er.

»Ja.«

»Was ist das erste Wort, das Ihnen dazu einfällt?«

»Hoffnungslos.«

»Das war nicht anders zu erwarten. Aber darüber kommen Sie schon hinweg.«

»Wie viele Menschen leben hier?«

»Keiner. Das hier ist nur eine Behelfsunterkunft. Die Küche gibt jeden Tag Mittag und Abendessen aus, aber eigentlich ist es keine reguläre Notunterkunft. Die Kirche ist so freundlich, die Türen zu öffnen, wenn das Wetter schlecht ist.«

Ich versuchte zu begreifen. »Aber wo leben diese Leute dann?«

»Einige sind Hausbesetzer. Sie leben in verlassenen Gebäuden, und das sind die Glücklichen. Einige leben auf der Straße, in Parks, in Busstationen, unter Brücken. Da können sie überleben, solange das Wetter einigermaßen freundlich ist. Aber heute nacht würden sie erfrieren.«

»Und wo sind die Notunterkünfte?«

»Über die ganze Stadt verstreut. Es gibt ungefähr zwanzig. Die Hälfte wird privat finanziert, die andere Hälfte bezahlt die Stadt, die dank der Budgetkürzungen demnächst zwei Unterkünfte schließen wird.«

»Wie viele Betten?«

»So um die fünftausend.«

»Und wie viele Obdachlose?«

»Das ist eine gute Frage. Die sind nämlich nicht so leicht zu zählen. Zehntausend ist eine gute Schätzung.«

»Zehntausend?«

»Ja, und das sind nur die, die auf der Straße leben. Es gibt wahrscheinlich noch einmal zwanzigtausend, die bei Familienangehörigen oder Freunden leben und demnächst obdachlos sein werden.«

»Dann sind also mindestens fünftausend Menschen auf der Straße?« fragte ich ungläubig.

»Mindestens.«

Ein Helfer rief nach mehr Brot. Mordecai half mir, und gemeinsam machten wir noch ein Dutzend Erdnußbuttersandwiches. Dann hielten wir inne und betrachteten die Menschen. Die Tür ging auf, und eine junge Mutter mit einem Baby auf dem Arm trat langsam ein. Drei kleine Kinder folgten ihr. Eines davon trug eine kurze Hose, nicht zusammenpassende Strümpfe und keine Schuhe. Es hatte sich ein Handtuch um die Schultern gelegt. Die anderen beiden hatten zwar Schuhe, waren aber zu dünn angezogen. Das Baby schlief anscheinend.

Die Mutter wirkte benommen und wußte offenbar nicht recht, wohin sie sich wenden sollte. An den Tischen war kein Platz frei. Sie führte ihre Kinder zur Essensausgabe, und zwei Helfer traten lächelnd vor. Der eine führte sie zu einer Ecke in der Nähe der Küche und gab ihnen etwas zu essen, während der andere sie mit Decken versorgte.

Mordecai und ich verfolgten das Geschehen. Ich versuchte, nicht allzu offensichtlich hinzustarren. Andererseits: Wer sollte sich daran stören?

»Was geschieht mit ihr, wenn der Schneesturm vorüber ist?« fragte ich.

»Wer weiß? Warum fragen Sie sie nicht selbst?«

Damit war ich am Zug. Aber ich war noch nicht bereit, die Initiative zu ergreifen.

»Sind Sie Mitglied in der Anwaltsvereinigung?« fragte er.

»Ich glaube schon. Warum?«

»Ich war nur neugierig. Die Vereinigung leistet eine Menge Gratisarbeit für die Obdachlosen.«

Er wollte mich anködern, aber ich ließ mich nicht fangen. »Ich arbeite für Todeskandidaten«, sagte ich stolz, und irgendwie stimmte das sogar. Vor vier Jahren hatte ich einem unserer Teilhaber geholfen, eine Eingabe für einen Todeskandidaten in Texas zu verfassen. Die Kanzlei befürwortete durchaus, daß ihre Mitarbeiter Gratisarbeit leisteten, solange das nicht auf Kosten der honorarfähigen Stunden ging.

Wir sahen der Mutter und ihren vier Kindern zu. Die kleinen aßen zuerst ihren Keks und warteten darauf, daß ihre Suppe abkühlte. Die Mutter hatte entweder Drogen genommen oder stand unter Schock.

»Gibt es einen Ort, wo sie für eine Weile wohnen könnten?« fragte ich.

»Wahrscheinlich nicht«, sagte Mordecai nonchalant und ließ seine großen Füße baumeln. »Gestern standen auf der Warteliste für die Behelfsunterkunft fünfhundert Namen.«

»Behelfsunterkunft?«

»Ja. Es gibt eine städtische Behelfsunterkunft, die gnädigerweise geöffnet wird, wenn die Temperatur unter den Gefrierpunkt fällt. Die wäre ihre einzige Chance, aber ich bin sicher, daß sie jetzt völlig überfüllt ist. Sobald Tauwetter einsetzt, ist die Stadt so freundlich, die Behelfsunterkunft wieder zu schließen.«

Der Hilfskoch konnte nicht länger bleiben, und da ich der einzige Helfer war, der im Augenblick nichts zu tun hatte, wurde ich dienstverpflichtet. Während Mordecai Sandwiches machte, schnitt ich eine Stunde lang Zwiebeln, Sellerie und Karotten, alles unter den wachsamen Augen von Miss Dolly, einer der Gründerinnen dieser Kirchengemeinde. Seit elf Jahren gab sie nun schon Essen an die Obdachlosen aus. Es war ihre Küche. Ich fühlte mich geehrt, hier arbeiten zu dürfen, und erfuhr, daß meine Selleriestücke zu groß seien, worauf sie sehr schnell kleiner wurden. Miss Dollys Schürze war makellos weiß, und sie war sehr stolz auf ihre Arbeit.

»Haben Sie sich eigentlich je an den Anblick dieser Menschen gewöhnt?« fragte ich sie irgendwann. Wir standen am Herd und waren für einen Augenblick abgelenkt durch einen Streit, der weiter hinten im Gange war. Mordecai und der Pfarrer beruhigten die Gemüter, und bald war wieder Frieden eingekehrt.

»Nein, nie«, sagte sie und wischte sich die Hände an einem Handtuch ab. »Es bricht mir immer noch das Herz. Aber im Buch der Sprüche Salomos heißt es: ‘Glücklich der Mann, der die Armen speist’. Und das gibt mir Kraft.«

Sie drehte sich um und rührte in der Suppe. »Das Huhn ist fertig«, sagte sie in meine Richtung.

»Und was heißt das?«

»Das heißt, daß Sie den Topf vom Herd nehmen, die Brühe in diesen Topf da abgießen, das Huhn abkühlen lassen und es auslösen.«

Das Auslösen war eine Kunst, jedenfalls wenn man Miss Dollys Methode anwendete. Danach waren meine Hände heiß und voller Blasen.

Teil VIII

8

Mordecai führte mich eine dunkle Treppe hinauf in den Vorraum. »Passen Sie auf, wo Sie hintreten«, sagte er im Flüsterton, als wir durch die Schwingtüren in die Kirche traten. Es war halbdunkel, denn überall waren Menschen, die zu schlafen versuchten. Sie hatten sich auf den Bänken ausgestreckt und schnarchten, sie wälzten sich unruhig unter den Bänken. Mütter ermahnten ihre Kinder, leise zu sein. In den Gängen lagen Menschen und ließen nur einen schmalen Pfad frei, auf dem wir in Richtung Kanzel gingen. Selbst die Chorempore war voller Obdachloser.

»Es gibt nicht viele Kirchen, die bereit sind, so etwas zu tun«, flüsterte Mordecai, als wir am Altar standen und die Bankreihen überblickten.

Ich konnte ihre Zurückhaltung verstehen. »Was ist am Sonntag?« flüsterte ich zurück.

»Kommt auf das Wetter an. Der Pfarrer ist einer von uns. Er hat schon mal den Gottesdienst ausfallen lassen, um die Obdachlosen nicht hinauswerfen zu müssen.«

Ich wußte nicht recht, was »einer von uns« heißen sollte — jedenfalls fühlte ich mich diesem Klub nicht zugehörig. Ein Deckenbalken knarzte, und ich merkte, daß wir unter einer hufeisenförmigen Empore standen. Ich kniff die Augen zusammen und sah, daß auch dort oben dicht an dicht Menschen schliefen. Auch Mordecai blickte hinauf.

»Wie viele…« sagte ich und brachte es nicht fertig, den Gedanken zu Ende zu denken.

»Wir zählen sie nicht. Wir geben ihnen Essen und ein Dach über dem Kopf.«

Eine Windbö traf die Seite des Gebäudes und ließ die Fenster klirren. In der Kirche war es erheblich kälter als im Keller. Wir stiegen auf Zehenspitzen über die Schlafenden und verließen den Raum durch eine Tür neben der Orgel.

Es war fast elf. Im Keller war es immer noch voll, doch die Schlange an der Essensausgabe war verschwunden. »Kommen Sie mit«, sagte Mordecai.

Er nahm eine Plastikschale und hielt sie einem Helfer hin, damit er sie füllte. »Wollen mal sehen, wie gut Sie kochen können«, sagte er und lächelte.

Wir setzten uns mitten unter die Obdachlosen an einen Klapptisch. Er aß und sprach, als wäre alles in schönster Ordnung, doch ich war dazu nicht fähig. Ich rührte in meiner Suppe, die dank Miss Dollys Bemühungen wirklich sehr gut schmeckte, konnte aber nicht glauben, daß ich, Michael Brock, ein wohlsituierter Weißer aus Memphis, Rechtsanwalt in der Kanzlei Drake & Sweeney, in Northwest in einem Kirchenkeller zwischen Obdachlosen saß. Ich hatte nur ein einziges weißes Gesicht gesehen: das eines Säufers mittleren Alters, der etwas gegessen hatte und dann wieder verschwunden war.

Ich war sicher, daß mein Lexus inzwischen gestohlen war und ich außerhalb dieses Gebäudes keine fünf Minuten überleben würde. Insgeheim beschloß ich, mich an Mordecai zu halten, ganz gleich, wann und wie er von hier aufbrechen würde.

»Das ist eine gute Suppe«, erklärte er. »Sie ist jedesmal anders. Es kommt darauf an, welche Zutaten gerade da sind. Außerdem sind die Rezepte verschieden.«

»Neulich gab’s bei Martha’s Table Nudeln«, sagte der Mann rechts von mir, dessen Ellbogen meiner Schale näher war als mein eigener.

»Nudeln?« fragte Mordecai mit gespielter Ungläubigkeit. »In der Suppe?«

»Ja. Ungefähr einmal im Monat gibt’s Nudeln. Aber jetzt wissen’s alle, und darum ist es ganz schön schwer, da noch einen Tisch zu kriegen.«

Ich wußte nicht, ob er Witze machte oder nicht, aber seine Augen funkelten. Daß ein Obdachloser sich darüber beklagte, wie schwer es sei, in seiner Lieblings-Suppenküche einen Tisch zu bekommen, fand ich jedenfalls ziemlich witzig. Wie oft hatte ich von meinen Freunden in Georgetown gehört, wie schwierig es sei, in diesem oder jenem Restaurant einen Tisch zu bekommen?

Mordecai lächelte. »Wie heißen Sie?« fragte er. Ich sollte noch merken, daß er immer den Namen seines Gegenübers wissen wollte. Die Obdachlosen, denen er sich verschrieben hatte, waren für ihn mehr als Opfer — sie waren so etwas wie seine Angehörigen.

Auch ich war neugierig. Ich wollte wissen, wie diese Obdachlosen obdachlos geworden waren. Es gab doch ein gut ausgebautes Sozialhilfesystem. Wie konnte es geschehen, daß Amerikaner so arm waren, daß sie unter Brücken leben mußten?

»Proper«, sagte er und kaute auf einem meiner größeren Selleriestücke.

»Proper?« fragte Mordecai.

»Proper«, wiederholte der Mann.

»Und ihr Nachname?«

»Ich hab keinen. Zu arm.«

»Und wer hat Ihnen den Namen Proper gegeben?«

»Meine Mutter.«

»Wie alt waren Sie denn da?«

»Ungefähr fünf.«

»Und warum Proper?«

»Wir hatten ein Baby, das einfach nie still war. Hat die ganze Zeit geschrien, so daß keiner schlafen konnte. Da hab ich ihm ein bißchen Meister Proper gegeben.« Er rührte in der Suppe. Es war eine gut einstudierte, gut erzählte Geschichte, und ich glaubte ihm kein Wort. Aber die anderen hörten ihm zu, und Proper schien das zu genießen.

»Was ist dann passiert?« fragte Mordecai und gab Proper damit das Stichwort.

»Das Baby ist gestorben.«

»Das war Ihr Bruder.«

»Nein, meine Schwester.«

»Aha. Dann haben Sie also Ihre Schwester umgebracht.«

»Ja, aber danach konnten wir endlich wieder schlafen.«

Mordecai zwinkerte mir zu, als habe er solche Geschichten schon oft gehört.

»Wo leben Sie?« fragte ich Proper.

»Hier, in Washington, D.C.«

Mordecai präzisierte meine Frage. »Wo schlafen Sie?«

»Hier und da. Es gibt jede Menge reiche Ladies, die mir Geld geben, damit ich ihnen Gesellschaft leiste.«

Die beiden Männer, die rechts von Proper saßen, fanden das komisch. Der eine kicherte, der andere lachte laut.

»Und wohin lassen Sie sich Ihre Post schicken?« fragte Mordecai.

»Ans Postamt«, antwortete Proper. Er schien auf jede Frage eine schnelle Antwort parat zu haben. Wir ließen ihn weiteressen.

Nachdem sie den Herd ausgestellt hatte, machte Miss Dolly Kaffee für die freiwilligen Helfer. Die Obdachlosen legten sich schlafen.

Mordecai und ich setzten uns in der dunklen Küche auf die Kante eines Tisches, tranken Kaffee und betrachteten durch das große Fenster der Essensausgabe die in Decken gehüllten Menschen. »Wann fahren Sie nach Hause?« fragte ich.

Er zuckte die Schultern. »Kommt darauf an. Wenn ein paar hundert Leute in einem Raum zusammen sind, passiert meistens was. Der Pfarrer möchte, daß ich noch bleibe.«

»Die ganze Nacht?«

»Das hab ich schon oft gemacht.«

Ich hatte nicht vor, hier, unter all diesen Menschen, zu schlafen. Und ebenso wenig hatte ich vor, ohne Mordecais Schutz das Gebäude zu verlassen.

»Sie können gehen, wann immer Sie wollen«, sagte er. Ich hatte nicht viele Optionen, aber das war die schlechteste. Es war Freitag, Mitternacht. Ich war ein Weißer mit einem teuren Wagen, unterwegs in Washington-Northwest. Schnee hin oder her — es war mir zu gefährlich.

»Sind Sie verheiratet?« fragte ich Mordecai.

»Ja. Meine Frau ist Sekretärin im Arbeitsministerium. Drei Söhne. Einer ist auf dem College, einer in der Armee.« Er ließ den Satz in der Luft hängen, ohne etwas über den dritten Sohn zu sagen. Ich fragte ihn nicht danach.

»Und einen haben wir vor zehn Jahren auf den Straßen von Washington verloren. Streetgangs.«

»Das tut mir leid.«

»Und was ist mit Ihnen?«

»Verheiratet, keine Kinder.«

Zum erstenmal seit mehreren Stunden dachte ich an Claire. Wie hätte sie reagiert, wenn sie gewußt hätte, wo ich war? Keiner von uns hatte Zeit für etwas, das auch nur entfernt mit Wohltätigkeit zu tun hatte.

Sie würde murmeln: »Jetzt ist es wirklich soweit«, oder etwas ähnliches.

Es war mir gleichgültig.

»Was macht Ihre Frau?« fragte er im Plauderton.

»Sie ist Assistenzärztin auf der chirurgischen Station im Georgetown Hospital.«

»Dann gehen Sie ja herrlichen Zeiten entgegen. Ihre Frau wird Chirurgin, und Sie werden Teilhaber in einer großen Kanzlei. Und wieder ist ein amerikanischer Traum Wirklichkeit geworden.«

»Kann sein.«

Mit einemmal stand der Pfarrer neben uns und zog Mordecai zum Ende der Küche, um in gedämpftem Ton mit ihm zu sprechen. Ich nahm vier Kekse aus der Schüssel und ging zu der Ecke, in der die junge Mutter saß und schlief. Sie hatte sich ein Kissen unter den Kopf geschoben und hielt das Baby im Arm. Die beiden kleineren Kinder lagen reglos unter ihren Decken, doch das älteste, ein Junge, war wach.

Ich hockte mich neben ihm hin und bot ihm einen Keks an. Seine Augen leuchteten, und er griff danach und aß ihn bis auf den letzten Krümel auf. Dann wollte er noch einen.

Der Kopf der Mutter sackte nach vorn, und sie fuhr hoch, sah mich mit müden, traurigen Augen an und merkte, daß ich den guten Onkel spielte. Sie lächelte schwach und rückte ihr Kissen zurecht.

»Wie heißt du?« flüsterte ich dem kleinen Jungen zu. Nach zwei Keksen war er mein Freund fürs Leben.

»Ontario«, sagte er langsam und deutlich.

»Wie alt bist du?«

Er hielt vier Finger hoch, bog einen und streckte ihn dann wieder.

»Vier?« fragte ich.

Er nickte und streckte die Hand nach einem weiteren Keks aus, den ich ihm gern gab. Ich hätte ihm alles gegeben.

»Wo schlaft ihr sonst?« flüsterte ich.

»In einem Wagen«, flüsterte er zurück.

Es dauerte einen Augenblick, bis ich begriffen hatte, was er da sagte. Ich wußte nicht, was ich als nächstes fragen sollte, und er war zu sehr mit dem Keks beschäftigt, um sich um die Fortsetzung dieser Unterhaltung zu kümmern. Ich hatte drei Fragen gestellt und drei ehrliche Antworten bekommen. Sie lebten in einem Wagen.

Am liebsten wäre ich zu Mordecai gerannt und hätte ihn gefragt, was man tun mußte, wenn man Menschen fand, die in einem Wagen lebten, doch ich blieb und lächelte Ontario zu. Er lächelte zurück. Schließlich sagte er: »Kann ich noch mehr Apfelsaft?«

»Klar«, sagte ich, ging in die Küche und füllte zwei Becher.

Den ersten trank er in einem Zug aus. Ich reichte ihm den zweiten.

»Wie heißt das Zauberwort?« sagte ich.

»Danke«, sagte er und streckte die Hand nach einem Keks aus. Ich trieb einen Klappstuhl auf und setzte mich neben Ontario an die Wand. Zeitweise war es ruhig im Keller, wenn auch nicht still. Wer kein Bett hat, schläft nicht friedlich. Hin und wieder stieg Mordecai über Schlafende hinweg, um einen Streit zu schlichten. Er war so groß und einschüchternd, daß niemand es wagte, seine Autorität in Frage zu stellen.

Ontarios Bauch war wieder gefüllt, und er nickte ein. Sein kleiner Kopf lag auf den Füßen seiner Mutter. Ich schlich in die Küche, schenkte mir noch eine Tasse Kaffee ein und setzte mich wieder auf meinen Stuhl in der Ecke.

Dann begann das Baby zu schreien. Sein jämmerliches Weinen war von erstaunlicher Lautstärke und schien sich in Wellen im ganzen Raum auszubreiten. Die Mutter war benommen, müde und verärgert, weil sie geweckt worden war. Sie sagte dem Baby, es solle den Mund halten, legte es sich auf die Schulter und wiegte sich vor und zurück. Es schrie nur noch mehr, und unter den anderen Schlafenden wurde wütendes Gemurmel laut.

Ohne nachzudenken beugte ich mich vor und nahm ihr das Kind ab. Dabei lächelte ich sie an, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Es war ihr gleichgültig — sie war froh, das Kind loszuwerden.

Das Baby wog so gut wie nichts und war tropfnaß. Das merkte ich allerdings erst, als ich es an meine Schulter legte und ihm beruhigend auf den Rücken klopfte. Ich ging in die Küche und suchte verzweifelt nach Mordecai oder einem anderen Helfer, der mich retten würde. Miss Dolly war vor einer Stunde nach Hause gegangen.

Zu meiner Überraschung und Erleichterung verstummte das Baby, als ich um den Herd herumging, ihm auf den Rücken klopfte, beruhigende Laute von mir gab und nach einem Handtuch oder etwas ähnlichem suchte. Meine Hand war feucht.

Wo war ich? Was zum Teufel machte ich hier eigentlich? Was würden meine Freunde denken, wenn sie sehen könnten, wie ich in dieser dunklen Küche umherging, dem Baby einer Obdachlosen etwas vorsummte und betete, daß die Windel nur naß war?

Ich roch nichts Schlimmeres als Urin, aber ich spürte förmlich, wie Läuse vom Kopf des Kindes auf meinen umstiegen. Mein bester Freund Mordecai erschien und schaltete das Licht an. »Wie süß«, sagte er.

»Gibt’s hier irgendwo Windeln?« flüsterte ich.

»Pipi oder Kaka?« fragte er freundlich und ging zu einem Schrank.

»Weiß ich nicht. Machen Sie schnell.«

Er holte eine Packung Windeln aus dem Schrank, und ich drückte ihm das Baby in den Arm. Meine Jeansjacke hatte einen großen, nassen Fleck an der linken Schulter. Mit beeindruckender Geschicklichkeit legte er das Kind auf die Arbeitsfläche, zog ihm die nasse Windel aus — wobei sich herausstellte, daß es sich um ein Mädchen handelte —, wischte es mit einem Öltuch ab und zog ihm eine frische Windel an. »Hier«, sagte er stolz und gab es mir zurück. »So gut wie neu.«

»Was man beim Jurastudium doch alles nicht lernt«, sagte ich.

Ich ging eine Stunde lang auf und ab, bis das Baby eingeschlafen war. Dann wickelte ich es in meine Jacke und legte es vorsichtig zwischen seine Mutter und Ontario.

Inzwischen war es fast drei Uhr morgens. Ich mußte gehen. Mein gerade erst wiedererwachtes Gewissen konnte nur ein bestimmtes Quantum Elend pro Tag verkraften. Mordecai begleitete mich bis zur Tür, dankte mir für mein Kommen und schickte mich ohne Jacke hinaus in die Nacht. Mein Wagen stand dort, wo ich ihn geparkt hatte. Er war schneebedeckt.

Als ich davonfuhr, stand Mordecai vor der Kirche und sah mir nach.

Teil IX

9

Seit dem vergangenen Dienstag, als ich Mister begegnet war, hatte ich für Drake & Sweeney keine einzige Stunde in Rechnung gestellt. In fünf Jahren hatte ich im Durchschnitt zweihundert Stunden pro Monat berechnet, also acht Stunden am Tag, sechs Tage pro Woche, und noch ein paar Extrastunden hier und da. Kein Tag durfte vergeudet werden, und nur sehr wenige Stunden erschienen auf keiner Abrechnung. Wenn ich, was nur selten vorkam, hinter meinem Durchschnitt zurückblieb, arbeitete ich am Samstag zwölf Stunden und am Sonntag vielleicht noch einmal zwölf. Wenn ich nicht unter dem Durchschnitt lag, arbeitete ich samstags nur sieben bis acht Stunden und noch ein paar am Sonntag. Kein Wunder, daß Claire lieber Medizin studierte.

Als ich am späten Samstagmorgen an die Schlafzimmerdecke starrte, fühlte ich mich wie gelähmt. Ich wollte nicht in die Kanzlei fahren. Schon bei dem Gedanken daran sträubte sich alles in mir. Wenn ich an die ordentlichen Reihen rosafarbener Telefonnotizen dachte, die Polly auf meinen Schreibtisch gelegt hatte, an die Memos von den Teilhabern aus den oberen Etagen, die sich nach meinem Befinden erkundigten und mit mir sprechen wollten, an die neugierigen Fragen der Gerüchteköche und das unvermeidliche: »Wie geht’s?« von Freunden, ehrlich Besorgten und vollkommen Uninteressierten, packte mich das Grauen. Und vor der Arbeit graute es mir am meisten. Kartellfälle waren lang und schwierig, und die Akten waren so dick, daß sie in Kartons aufbewahrt werden mußten. Und wozu das Ganze? Eine milliardenschwere Gesellschaft kämpfte gegen eine andere, und hundert Rechtsanwälte waren damit beschäftigt, bedrucktes Papier zu produzieren.

Ich gestand mir ein, daß ich meine Arbeit noch nie geliebt hatte. Sie war ein Mittel zum Zweck. Wenn ich mich hineinkniete und zu einem Experten wurde, würde ich eines Tages ein gefragter Anwalt sein. Mein Spezialgebiet hätte ebensogut Steuerrecht, Arbeitsrecht oder Prozeßführung sein können. Wer konnte sich schon für Kartellrecht begeistern?

Unter Aufbietung aller Willenskraft schaffte ich es, aufzustehen und unter die Dusche zu gehen.

Mein Frühstück bestand aus einem Croissant von einer Bäckerei in der M Street und einer Tasse starkem Kaffee. Ich aß und trank mit einer Hand am Steuer und fragte mich, was Ontario wohl zum Frühstück bekam, ermahnte mich aber, mich nicht selbst zu quälen. Ich hatte das Recht zu essen, ohne mich schuldig zu fühlen, doch zugleich verlor Essen für mich immer mehr an Bedeutung.

Im Radio hieß es, die Tagestemperaturen würden voraussichtlich zwischen minus sieben und minus siebzehn Grad liegen; mit Schnee sei erst in einer Woche wieder zu rechnen.

Erst in der Lobby wurde ich von einem meiner Brüder im Geiste angesprochen. Bruce Soundso von der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit trat mit mir in den Aufzug und sagte ernst: »Wie geht’s Ihnen, mein Freund?«

»Prima. Und Ihnen?« gab ich zurück.

»Okay. Wir hängen uns für Sie rein. Bleiben Sie am Ball.«

Ich nickte, als wäre seine Unterstützung von entscheidender Bedeutung. Zum Glück stieg er in der ersten Etage aus, allerdings nicht ohne mir auf die Schulter zu klopfen wie ein Basketballspieler im Umkleideraum. Mach sie fertig, Bruce.

Ich war angeschlagen. Meine Schritte wurden langsamer, als ich an Madame Deviers Tisch und dem Konferenzraum vorbeiging. Ich bog in einen mit Marmor ausgekleideten Gang ein; in meinem Büro angekommen, ließ ich mich erschöpft in den lederbezogenen Drehsessel fallen.

Polly hatte mehrere Methoden, meine Telefonnotizen anzuordnen. Wenn ich die Anrufe gewissenhaft beantwortete und sie mit meinen Bemühungen zufrieden war, fand ich nur ein oder zwei Notizen neben meinem Telefon. Wenn ich jedoch nachlässig war und sie daher Grund zu Beanstandungen hatte, bereitete es ihr Freude, die Zettel in chronologischer Reihenfolge und mitten auf meinem Schreibtisch zu einem Meer von Rosa auszulegen.

Ich zählte neununddreißig Zettel, einige davon mit dem Vermerk »Dringend«, einige mit Nachrichten von oben. Nach der von Polly gelegten Spur schien insbesondere Rudolph irritiert. Ich las die Notizen langsam, sammelte sie ein und legte sie beiseite. Erst wollte ich meinen Kaffee austrinken, in Ruhe und ohne Druck, und so saß ich an meinem Schreibtisch, die Tasse in beiden Händen, starrte ins Leere und hatte vermutlich große Ähnlichkeit mit einem Mann am Rand des Abgrunds, als Rudolph hereinkam.

Die Späher mußten ihm Bescheid gesagt haben: irgendein Gehilfe, der nach mir Ausschau halten sollte, oder vielleicht auch Bruce aus dem Aufzug. Vielleicht war die ganze Kanzlei in Alarmbereitschaft versetzt worden. Nein — die Leute waren zu beschäftigt.

»Hallo, Mike«, sagte er knapp, setzte sich, schlug die Beine übereinander und war bereit für ein ernstes Gespräch.

»Hallo, Rudy«, sagte ich. Ich hatte ihn noch nie Rudy genannt, immer nur Rudolph. Seine derzeitige Frau und die Teilhaber nannten ihn Rudy, sonst niemand.

»Wo haben Sie gesteckt?« fragte er ohne die leiseste Andeutung von Mitgefühl.

»In Memphis.«

»In Memphis?«

»Ja. Ich mußte meine Eltern mal wieder sehen. Außerdem ist dort unser Psychiater.«

»Psychiater?«

»Ja. Er hat mich für ein paar Tage unter Beobachtung gehabt.«

»Unter Beobachtung?«

»Ja, in einer dieser hübschen kleinen Kliniken mit Orientteppichen in den Zimmern und Räucherlachs zum Frühstück. Tausend Dollar pro Tag.«

»Zwei Tage? Sie waren zwei Tage dort?«

»Ja.« Das Lügen fiel mir leicht — ich hatte kein schlechtes Gewissen. Wenn sie es für angebracht hielt, konnte die Kanzlei hart, ja rücksichtslos sein, und ich hatte nicht vor, mich von Rudolph zusammenstauchen zu lassen. Er hatte einen Marschbefehl vom Vorstand und würde wenige Minuten, nachdem er mein Büro verlassen hatte, seinen Bericht abfassen. Sollte es mir gelingen, sein Herz zu rühren, würde der Bericht wohlwollend ausfallen, und die Herren dort oben würden sich wieder entspannen. Für eine kurze Zeit würde das Leben leichter sein.

»Sie hätten anrufen sollen«, sagte er, noch immer hart, doch es zeigten sich bereits die ersten Sprünge.

»Ich bitte Sie, Rudolph. Ich war völlig abgeschnitten. Kein Telefon.« In meiner Stimme lag etwas Gequältes, das ihn rühren würde.

Nach einer langen Pause sagte er: »Fühlen Sie sich wieder gut?«

»Ja.«

»Es geht Ihnen gut?«

»Der Psychiater hat gesagt, es geht mir gut.«

»Hundert Prozent?«

»Hundertzehn Prozent. Kein Problem, Rudolph. Ich hab bloß ein paar Tage ausspannen müssen, das ist alles. Mir geht’s gut. Ich bin wieder voll da.«

Das war alles, was Rudolph hören wollte. Er lächelte, entspannte sich und sagte: »Wir haben viel zu tun.«

»Ich weiß. Ich kann’s kaum erwarten.«

Er rannte praktisch aus meinem Büro. Wahrscheinlich würde er gleich zum Telefon greifen und melden, daß eine der vielen Produktivkräfte der Kanzlei wieder auf dem Posten war.

Ich schloß die Tür, schaltete das Licht aus und verbrachte eine qualvolle Stunde damit, meinen Schreibtisch mit beschriebenem Papier zu bedecken. Es kam zwar nichts dabei heraus, aber ich leistete honorarfähige Arbeit.

Als ich es nicht mehr aushielt, stopfte ich die Telefonnotizen in meine Jackentasche und ging hinaus.

Ich konnte ungesehen entkommen.

___________

Ich hielt an einer großen Discount-Drogerie an der Massachusetts Avenue und gab mich einem angenehmen Kaufrausch hin: Schokolade und kleine Spielzeuge für die Kinder, Seife und Toilettenartikel für alle, Strümpfe und Jogginghosen in verschiedenen Kindergrößen, eine große Packung Windeln. Ich hatte noch nie soviel Spaß daran gehabt, zweihundert Dollar auszugeben.

Und ich würde auch das nötige Geld ausgeben, um ihnen einen warmen, trockenen Platz zu verschaffen. Wenn sie für einen Monat in ein Motel ziehen mußten — kein Problem. Sie würden bald meine Mandanten sein, und ich würde mit Freuden so lange drohen und prozessieren, bis sie eine angemessene Wohnung hatten. Ich konnte es kaum erwarten, jemanden zu verklagen.

Ich parkte gegenüber der Kirche und hatte weniger Angst als in der Nacht zuvor, war aber auf der Hut. Es erschien mir klüger, meine Geschenkpakete im Wagen zu lassen. Wenn ich hier auftrat wie der Weihnachtsmann, würde es einen Tumult geben. Ich wollte die Familie abholen, in ein Motel fahren, dafür sorgen, daß alle gewaschen und entlaust wurden, sie mit Essen voll stopfen und auf Krankheiten untersuchen lassen, vielleicht Schuhe und warme Kleider für sie kaufen und ihnen dann wieder etwas zu essen vorsetzen, und es spielte keine Rolle, wie lange es dauern und wie viel es kosten würde.

Ebenso wenig wie es eine Rolle spielte, ob die Leute dachten, ich sei bloß irgendein reicher Weißer, der versuchte sein Gewissen ein bißchen zu besänftigen.

Miss Dolly freute sich, mich zu sehen. Sie begrüßte mich und zeigte auf einen Haufen Gemüse, das geputzt werden mußte. Bevor ich mich an die Arbeit machte, sah ich mich nach Ontario und seiner Familie um, konnte sie aber nirgends entdecken. Sie waren nicht an ihrem Platz. Ich suchte den ganzen Keller ab und stieg über Dutzende von Obdachlosen hinweg. Auch im Kirchenraum und auf der Empore sah ich sie nicht.

Während ich Kartoffeln schälte, unterhielt ich mich mit Miss Dolly. Sie erinnerte sich an die Familie von gestern nacht, sagte aber, als sie heute gegen neun Uhr gekommen sei, seien sie schon nicht mehr hier gewesen.

»Wohin könnten sie gegangen sein?« fragte ich sie.

»Mein Lieber, diese Leute sind ständig in Bewegung. Sie gehen von Suppenküche zu Suppenküche, von Notunterkunft zu Notunterkunft. Vielleicht hat die Mutter gehört, daß es drüben in Brightwood heute Käse gibt, oder irgendwo anders Decken. Vielleicht hat sie sogar einen Job bei McDonald’s und läßt die Kinder bei ihrer Schwester. Man kann es nicht wissen. Aber sie bleiben nie lange an einem Ort.«

Ich bezweifelte sehr, daß Ontarios Mutter einen Job hatte, aber das wollte ich nicht mit Miss Dolly in ihrer Küche diskutieren.

Als sich die Schlange für das Mittagessen bildete, erschien Mordecai. Ich sah ihn, bevor er mich bemerkte, und als sein Blick auf mich fiel, strahlte er über das ganze Gesicht.

Ein neuer Helfer schmierte Brote; Mordecai und ich arbeiteten an der Ausgabe, tauchten Kellen in Topfe und füllten Suppe in Plastikschalen. Das war eine regelrechte Kunst: Zuviel Brühe, und der Empfänger runzelte finster die Stirn, zuviel Gemüse, und im Topf würde bald nur noch Brühe sein.

Mordecai hatte seine Technik schon vor Jahren perfektioniert, ich dagegen bekam eine Reihe wütender Blicke, bevor ich den Bogen heraus hatte. Mordecai sagte zu jedem, der eine Schüssel Suppe bekam, ein freundliches Wort: Hallo, guten Morgen, wie geht’s, schön, Sie mal wieder zu sehen. Einige lächelten zurück, andere sahen nicht einmal auf.

Als der Mittag näherrückte, stand die Tür nicht mehr still, und die Schlange wurde länger. Weitere Helfer erschienen aus dem Nichts, und in der Küche herrschte die rege Geschäftigkeit gutgelaunter Menschen, die mit Freude bei der Arbeit waren. Ich hielt weiter nach Ontario Ausschau. Der kleine Bursche wußte noch nicht, daß der Weihnachtsmann auf ihn wartete.

___________

Als die Schlange verschwunden war, füllten wir uns selbst je eine Schale. Die Tische waren allesamt besetzt, und so aßen wir in der Küche, im Stehen und an die Spüle gelehnt.

»Erinnern Sie sich an die Windel, die Sie gestern gewechselt haben?« fragte ich Mordecai.

»Wie könnte ich das vergessen?«

»Ich hab die Familie heute noch nicht gesehen.«

Er kaute und dachte einen Augenblick lang nach. »Als ich heute morgen kam, waren sie noch hier.«

»Um wie viel Uhr war das?«

»Um sechs. Sie waren da drüben, in der Ecke, und haben tief geschlafen.«

»Wohin sind sie wohl gegangen?«

»Das kann man nicht wissen.«

»Der kleine Junge hat mir erzählt, daß sie in einem Wagen wohnen.«

»Sie haben mit ihm gesprochen?«

»Ja.«

»Und jetzt wollen Sie ihn finden, stimmt’s?«

»Ja.«

»Rechnen Sie lieber nicht damit.«

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Nach dem Mittagessen brach die Sonne durch die Wolken, und in die Menge kam Bewegung. Einer nach dem anderen ging an der Ausgabe vorbei, nahm sich einen Apfel oder eine Orange und verließ den Keller.

»Obdachlose sind rastlos«, erklärte Mordecai, während wir zusahen. »Sie streifen herum. Sie haben Gewohnheiten und Rituale, sie haben Lieblingsplätze, Freunde und Dinge, die sie erledigen wollen. Sie gehen wieder in ihre Parks und Gassen und suchen sich ein schneefreies Fleckchen.«

»Draußen sind es minus fünf Grad. Gestern nacht waren es minus zwanzig.«

»Sie kommen wieder. Warten Sie, bis es dunkel wird, dann ist es hier wieder brechend voll. Kommen Sie — wir fahren ein bißchen herum.«

Wir sagten Miss Dolly Bescheid, die uns für eine Weile beurlaubte. Mordecais ziemlich mitgenommener Ford Taurus stand neben meinem Lexus. »Der wird hier nicht alt werden«, sagte er und zeigte auf meinen Wagen. »Wenn Sie vorhaben, einen Teil Ihrer Zeit in dieser Gegend zu verbringen, würde ich Ihnen empfehlen, sich was Billigeres zu suchen.«

Nicht im Traum würde ich mich von meinem wunderschönen Wagen trennen. Ich war beinahe beleidigt.

Wir stiegen in seinen Taurus und fuhren aus der Parklücke. Schon nach wenigen Sekunden war mir klar, daß Mordecai ein entsetzlicher Fahrer war. Ich wollte den Sicherheitsgurt anlegen, doch das Schloß funktionierte nicht. Mordecai schien es nicht zu bemerken.

Wir fuhren durch die gut geräumten Straßen von Northwest, vorbei an Blocks von Mietshäusern, die mit Brettern vernagelt waren, an Sozialsiedlungen, die so verrufen waren, daß Krankenwagenfahrer sich weigerten, hierher zu kommen, an Schulen, deren Zäune von Stacheldraht gekrönt waren, durch Gegenden, in denen Unruhen unauslöschliche Narben hinterlassen hatten. Mordecai war ein beeindruckender Führer. Hier gehörte jeder Quadratzentimeter zu seinem Revier, jede Ecke, jede Straße hatte eine Geschichte zu erzählen. Wir kamen an anderen Notunterkünften und Suppenküchen vorbei. Er kannte die Köchinnen und die Pfarrer. Die Kirchen waren entweder gut oder schlecht — Zwischentöne gab es nicht. Entweder öffneten sie den Obdachlosen ihre Türen oder sie hielten sie verschlossen. Er zeigte mir die Law School in Howard, einen Ort, der ihn mit immensem Stolz erfüllte. Sein Studium hatte fünf Jahre gedauert. Er hatte abends gelernt und außerdem einen Voll- und einen Teilzeitjob gehabt. Er zeigte mir ein ausgebranntes Mietshaus, in dem früher Crack verkauft worden war. Sein dritter Sohn Cassius war auf dem Bürgersteig vor dem Haus gestorben.

Als wir in der Nähe seines Büros waren, fragte er mich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er kurz nach seiner Post sehe. Ich hatte überhaupt nichts dagegen. Schließlich gab es für mich ja ohnehin nichts zu tun.

Das Büro war dämmrig, kalt und leer. Er schaltete das Licht an und sagte: »Wir sind zu dritt: Sofia Mendoza, Abraham Lebow und ich. Sofia ist eigentlich Sozialarbeiterin, aber sie versteht mehr vom Sozialrecht als Abraham und ich zusammen.« Ich folgte ihm zwischen den mit Papier übersäten Schreibtischen hindurch. »Früher waren hier sieben Anwälte zusammengepfercht. Können Sie sich das vorstellen? Damals kriegten Rechtsbeistände von Bedürftigen einen Zuschuß vom Staat. Jetzt sind die Republikaner am Ruder, und wir bekommen keinen Cent mehr. Da drüben sind drei Büros, und hier sind noch einmal drei.« Er zeigte in verschiedene Richtungen. »Jede Menge Platz.«

Was zusätzliches Personal betraf, gab es vielleicht genug Platz, doch es war schwer, sich hier zu bewegen, ohne über einen Korb voller Akten oder einen Stoß verstaubter juristischer Fachbücher zu stolpern.

»Wem gehört das Haus?« fragte ich.

»Der Cohen-Stiftung. Leonard Cohen war der Gründer einer großen New Yorker Kanzlei. Er ist 1968 gestorben — muß fast hundert Jahre alt gewesen sein. Er hatte nie etwas anderes getan als Geld zu scheffeln, und gegen Ende seines Lebens beschloß er, daß er nicht mit all diesem Geld sterben wollte. Also hat er es verteilt, und eine seiner zahlreichen Stiftungen ist für Anwälte bestimmt, die Obdachlosen helfen. So ist dieses Büro entstanden. Die Stiftung unterhält drei Büros: in New York, in Newark und hier. Ich wurde 1983 eingestellt und 1984 zum Direktor befördert.«

»Alles Geld stammt aus einer einzigen Quelle?«

»Praktisch alles. Im letzten Jahr hat uns die Stiftung hundertzehntausend Dollar gegeben. Im Jahr davor waren es hundertfünfzigtausend gewesen, also mußten wir einen Anwalt entlassen. Der Betrag wird jedes Jahr kleiner. Die Stiftungsgelder werden nicht gut verwaltet, und jetzt fressen die Kosten langsam das Kapital auf. Ich bezweifle, daß wir in fünf Jahren noch hier sein werden. Vielleicht können wir noch drei Jahre durchhalten.«

»Können Sie nicht anderswo Geld auftreiben?«

»Klar. Letztes Jahr haben wir neuntausend Dollar zusammengekriegt. Aber das kostet Zeit. Entweder wir leisten juristische Hilfe, oder wir versuchen Spenden zu sammeln. Sofia kann nicht gut mit Leuten umgehen. Abraham ist New Yorker, und man weiß ja, wie verbindlich die sind. Bleiben also nur ich und meine charismatische Persönlichkeit.«

»Wie hoch sind die laufenden Kosten?« Ich war neugierig, fand mich aber nicht aufdringlich. Fast jedes nicht gewinnorientierte Unternehmen legte jährlich einen Bericht vor, in dem alle relevanten Zahlen standen.

»Zweitausend im Monat. Nach Abzug aller Unkosten und einer kleinen Reserve haben wir drei uns neunundachtzigtausend Dollar geteilt. Zu gleichen Teilen. Sofia betrachtet sich als Teilhaberin, und wir haben, ehrlich gesagt, Angst, uns mit ihr zu streiten. Ich habe also fast dreißigtausend Dollar verdient, was, soviel ich weiß, für einen Armenanwalt völlig normal ist. Willkommen auf der Straße.«

Wir hatten endlich sein Büro erreicht. Ich setzte mich ihm gegenüber.

»Haben Sie vergessen, die Heizungsrechnung zu bezahlen?« fragte ich beinahe zitternd.

»Wahrscheinlich. Wir arbeiten nicht oft am Wochenende. Das spart Geld. Dieses Büro läßt sich weder vernünftig heizen noch kühl halten.«

Auf diesen Gedanken war bei Drake & Sweeney noch nie jemand gekommen: Am Wochenende ist die Kanzlei geschlossen — das spart Geld. Und rettet Ehen.

»Und wenn es zu gemütlich ist, bleiben unsere Mandanten einfach hier sitzen. Darum ist es im Winter kalt und im Sommer heiß — das hält uns die Laufkundschaft vom Hals. Möchten Sie einen Kaffee?«

»Nein, danke.«

»Das war natürlich nur ein Witz. Wir würden nichts tun, was diese Leute davon abhalten würde, zu uns zu kommen. Das Klima macht uns nichts aus. Unsere Mandanten frieren und haben Hunger — warum sollten wir uns also darüber beklagen? Hatten Sie ein schlechtes Gewissen, als Sie heute morgen gefrühstückt haben?«

»Ja.«

Er lächelte mich an wie ein weiser alter Mann, dem nichts fremd ist. »Das ist ganz normal. Früher haben hier eine ganze Menge junger Anwälte aus großen Kanzleien ausgeholfen — ich nenne sie immer ‘Gratisenthusiasten’ —, und alle haben mir erzählt, daß sie als erstes das Interesse am Essen verloren haben.« Er tätschelte seinen dicken Bauch. »Aber das geht vorbei.«

»Was haben diese Gratisenthusiasten gemacht?« fragte ich. Ich wußte, daß ich mich dem Köder näherte, und Mordecai wußte, daß ich es wußte.

»Wir haben sie in die Notunterkünfte geschickt. Sie haben mit den Mandanten gesprochen, und wir haben die Supervision der Fälle übernommen. Die meisten sind einfach: Der Anwalt ruft irgendeinen schwerfälligen Bürokraten an und macht ihm Beine. Da geht es um Lebensmittelmarken, Veteranenpensionen, Mietzuschüsse, medizinische Versorgung, Beihilfen für Kinder, und so weiter. Ein Viertel unserer Arbeit hat mit Beihilfen zu tun.«

Ich hörte aufmerksam zu. Mordecai konnte offenbar meine Gedanken lesen und begann, die Schnur einzuholen.

»Die Obdachlosen haben keine Stimme. Niemand hört ihnen zu, niemand kümmert sich um sie, und sie erwarten auch gar keine Hilfe. Wenn sie also versuchen, ihren Anspruch telefonisch durchzusetzen, kommen sie nicht weit. Sie landen in der Warteschleife, und da bleiben sie dann. Niemand ruft zurück. Sie haben keine Adresse. Den Bürokraten sind sie egal — die schikanieren die Menschen, denen sie eigentlich helfen sollten. Ein erfahrener Sozialarbeiter kann so einen Beamten wenigstens dazu bringen, daß er zuhört, mal einen Blick in die Akten wirft und einen Telefonanruf macht. Aber sobald ein Anwalt am Apparat ist, der laut wird und diesem Burschen die Hölle heiß macht, passiert plötzlich was. Der Beamte ist motiviert, Akten werden bearbeitet. Die Adresse fehlt? Kein Problem — schicken Sie den Scheck an mich, und ich leite ihn an meinen Mandanten weiter.«

Er sprach lauter und gestikulierte mit beiden Händen. Offenbar war Mordecai der geborene Geschichtenerzähler. Ich hatte den Verdacht, daß er es verstand, Geschworene sehr wirkungsvoll zu bearbeiten.

»Eine komische Geschichte«, sagte er. »Vor ungefähr einem Monat ging einer meiner Mandanten zum Sozialamt, um sich einen Antrag für eine Unterstützung zu holen. Eigentlich eine Routinesache. Er ist sechzig Jahre alt und hat chronische Rückenschmerzen. Wenn man zehn Jahre lang auf Parkbänken und Steinböden schläft, kriegt man die. Er mußte zwei Stunden vor der Tür stehen. Drinnen mußte er noch einmal eine Stunde warten. Schließlich wurde er aufgerufen. Er versuchte, der Beamtin zu erklären, was er wollte, und wurde von der Frau, die anscheinend einen schlechten Tag hatte, auf übelste Weise abgekanzelt. Sie machte auch eine Bemerkung über seinen Körpergeruch. Er war natürlich gedemütigt und ging ohne seinen Antrag. Dann rief er mich an. Ich machte ein paar Telefonanrufe, und letzten Mittwoch gab es dann im Sozialamt eine nette kleine Zeremonie. Mein Mandant und ich waren da. Die Beamtin war da, ihr Vorgesetzter und der Vorgesetzte ihres Vorgesetzten waren da, der Leiter des Washingtoner Sozialamtes und ein großes Tier vom Sozialministerium waren ebenfalls da. Die Beamtin stand vor meinem Mandanten und las ihm eine lange Entschuldigung vor. Es war sehr schön, richtig rührend. Dann gab sie meinem Mandanten den Antrag, und alle Anwesenden versicherten, daß dieser sogleich bearbeitet werden würde. Das ist Gerechtigkeit, Michael, das ist es, was ein Armenanwalt bewirken kann. Die Achtung der Menschenwürde.«

Es folgten noch mehr Geschichten, eine nach der anderen, und in allen war der Armenanwalt der Held, und seine Mandanten trugen den Sieg davon. Ich wußte, daß zu seinem Repertoire mindestens ebenso viele, vielleicht sogar noch mehr herzzerreißende Geschichten gehörten, aber im Augenblick leistete er nur die Vorarbeit.

Ich achtete nicht auf die Zeit. Er erwähnte seine Post mit keinem Wort. Schließlich gingen wir wieder hinaus und fuhren zur Notunterkunft.

In einer Stunde würde es dunkel sein — eine gute Zeit, fand ich, um sich in dem gemütlichen Kirchenkeller zu verkriechen, bevor finstere Gestalten die Straßen unsicher machten. Ich stellte fest, daß ich in Mordecais Gesellschaft langsam und sorglos ging. Wäre ich allein gewesen, dann wäre ich vornübergebeugt durch den Schnee gestapft, mit schnellen, nervösen Schritten.

Miss Dolly hatte irgendwo einen ganzen Berg Suppenhühner aufgetrieben und wartete bereits auf mich. Sie kochte die Hühner, und ich zerlegte sie.

Mordecais Frau Joanne half uns, als der Andrang am größten war. Sie war ebenso freundlich wie ihr Mann und hatte beinahe seine Statur. Beide Söhne waren über zwei Meter groß. Cassius war zwei Meter zehn groß gewesen, ein heftig umworbener Basketballspieler, als er mit siebzehn Jahren erschossen worden war.

Um Mitternacht fuhr ich nach Hause. Von Ontario und seiner Familie keine Spur.

Teil X

10

Der Sonntag begann am späten Vormittag mit einem Anruf von Claire und einem neuerlichen gezwungenen Geplauder, mit dem sie kaschierte, daß sie mir nur ihre Ankunftszeit mitteilen wollte. Ich schlug vor, in unserem Lieblingsrestaurant zu Abend zu essen, doch dazu hatte sie keine Lust. Ich fragte sie nicht, ob irgend etwas sie bedrückte. Darüber waren wir hinaus.

Unsere Wohnung lag in der zweiten Etage, und es war mir noch nicht gelungen, eine zufriedenstellende Lösung für die Zustellung der Sonntagsausgabe der Washington Post zu finden. Wir hatten es mit verschiedenen Methoden probiert, aber oft genug suchte ich vergeblich nach unserer Zeitung.

Ich duschte und zog mehrere Schichten Kleider an. Der Wetterbericht sagte Höchsttemperaturen von minus fünf Grad voraus, und kurz bevor ich die Wohnung verlassen wollte, begann die Sprecherin mit der Top-Story des Morgens. Es traf mich wie ein Hammerschlag — ich hörte die Worte, doch ihre Bedeutung wurde mir erst nach und nach bewußt. Ich ging zu dem Fernseher, der auf der Küchentheke stand; meine Füße waren schwer, mir wurde kalt ums Herz, und mein Mund stand in ungläubigem Entsetzen offen.

Gegen elf Uhr nachts hatten Polizeibeamte in einer gefährlichen Gegend beim Fort Totten Park in Northeast einen kleinen Wagen überprüft, dessen abgefahrene Reifen im Schneematsch steckten. Sie fanden eine junge Mutter und ihre vier Kinder, allesamt erstickt. Man nahm an, daß die Familie in dem Wagen gelebt hatte und den Motor hatte laufen lassen, um die Heizung in Gang zu halten. Der Auspuff des Wagens war durch Schnee, der von der Straße gepflügt worden war, verstopft worden. Es gab noch ein paar Details, aber keine Namen.

Ich rannte hinaus. Auf dem Bürgersteig wäre ich fast ausgerutscht, doch ich fing mich wieder und lief die P Street hinunter zur Wisconsin Avenue und hinüber zur Ecke 34th Street, wo es einen Zeitungskiosk gab. Erregt und außer Atem griff ich mir eine Sonntagszeitung und fand ganz unten auf der ersten Seite eine kleine, offenbar in letzter Minute eingefügte Notiz. Auch hier keine Namen.

Ich schlug den Lokalteil auf und ließ den Rest der Zeitung auf den nassen Boden fallen. Die Story wurde auf Seite 14 fortgesetzt: ein paar Standard-Verlautbarungen der Polizei sowie die üblichen Warnungen vor verstopften Auspuffrohren. Dann kamen die furchtbaren Einzelheiten: Die Mutter war zweiundzwanzig und hieß Lontae Burton. Das Baby hieß Temeko. Die beiden Kleinkinder, Alonzo und Dante, waren Zwillinge. Der ältere Junge hieß Ontario und war vier Jahre alt.

Ich muß ein seltsames Geräusch von mir gegeben haben, denn ein Jogger sah mich mißtrauisch an, als könnte ich gefährlich werden. Ich setzte mich langsam in Bewegung, stieg über die anderen zwanzig Teile der Zeitung und hielt dabei den Lokalteil aufgeschlagen vor mich.

»He, Sie!« rief mir eine ziemlich unangenehme Stimme nach. »Würden Sie die Zeitung gefälligst bezahlen?« Ich ging einfach weiter.

Er lief mir nach und rief: »He, Mister!« Ich blieb stehen, zog einen Fünf-Dollar-Schein aus der Tasche und warf ihn, ohne den Mann anzusehen, auf den Boden.

Auf der P Street, in der Nähe meiner Wohnung, lehnte ich mich an die Gartenmauer eines gepflegten Reihenhauses. Der Bürgersteig war makellos sauber. Langsam las ich den Artikel noch einmal, in der verzweifelten Hoffnung, er könnte diesmal anders enden. Fragen und Gedanken stürmten so schnell auf mich ein, daß ich gar nicht mehr nachkam, doch zwei davon tauchten immer wieder auf: Warum waren sie nicht in die Notunterkunft zurückgekehrt? Und: War das Baby in meine Jeansjacke gewickelt gewesen?

Das Denken war schwer genug — ich konnte fast keinen Fuß vor den anderen setzen. Nach dem ersten Schock kamen die Schuldgefühle. Warum hatte ich nicht schon Freitag nacht, als ich sie kennengelernt hatte, etwas für sie getan? Ich hätte sie doch auf der Stelle in ein warmes Motel bringen und ihnen zu essen geben können.

Als ich die Wohnung betrat, läutete das Telefon. Es war Mordecai. Er fragte mich, ob ich den Artikel gelesen hätte, und ich fragte ihn, ob er sich an die nasse Windel erinnerte. »Es war dieselbe Familie«, sagte ich. Er hatte die Namen noch nie gehört. Ich erzählte ihm von meiner Unterhaltung mit Ontario.

»Es tut mir so leid, Michael«, sagte er, nun noch viel trauriger.

»Mir auch.«

Ich brachte nicht viel heraus, mir fehlten die Worte. Wir verabredeten uns für später. Ich ging zum Sofa und blieb eine Stunde lang reglos sitzen.

Dann ging ich zum Wagen und holte die Tüten voller Lebensmittel, Spielzeug und Kleidung heraus, die ich für sie gekauft hatte.

___________

Mordecai kam aus reiner Neugier gegen Mittag in mein Büro. Er hatte viele große Kanzleien kennengelernt, aber er wollte die Stelle sehen, wo Mister erschossen worden war. Ich machte einen kurzen Rundgang mit ihm und erzählte ihm, wie die Geiselnahme abgelaufen war.

Wir nahmen seinen Wagen. Ich war dankbar für den spärlichen Sonntagsverkehr, denn Mordecai achtete nicht sonderlich auf andere Verkehrsteilnehmer.

»Lontae Burtons Mutter ist achtunddreißig und sitzt gerade eine zehnjährige Strafe wegen Dealens mit Crack ab«, sagte er mir. Er hatte ein wenig herumtelefoniert. »Sie hatte zwei Brüder, beide im Gefängnis. Sie selbst hatte Vorstrafen wegen Drogen und Prostitution. Keine Ahnung, wer der Vater oder die Väter der Kinder sind.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich hab ihre Großmutter aufgetrieben — sie wohnt in einer Sozialsiedlung. Als sie Lontae das letzte Mal gesehen hat, hatte die nur drei Kinder und verkaufte zusammen mit ihrer Mutter Drogen. Die Großmutter sagt, daß sie wegen dieser Drogengeschäfte den Kontakt zu ihrer Tochter und ihrer Enkelin abgebrochen hat.«

»Wer sorgt für die Beerdigung?«

»Dieselben Leute, die sich um die von DeVon Hardy gekümmert haben.«

»Und wie viel würde ein anständiges Begräbnis kosten?«

»Das ist Verhandlungssache. Würden Sie die Kosten übernehmen?«

»Ich möchte, daß sie anständig bestattet werden.«

Wir waren auf der Pennsylvania Avenue und fuhren, im Hintergrund das Capitol, an den riesigen Gebäuden des Kongresses vorbei, und ich schickte in Gedanken ein oder zwei Flüche in Richtung der Dummköpfe, die Monat für Monat Milliarden verschwendeten, obwohl es so viele Obdachlose gab. Wie konnte es geschehen, daß vier unschuldige Kinder auf der Straße, praktisch im Schatten des Capitols, starben, nur weil sie keine Wohnung hatten?

In der Gegend, in der ich wohnte, gab es Leute, die sagen würden, es wäre besser gewesen, wenn sie gar nicht erst geboren worden wären.

Die Leichname waren zur Leichenhalle gebracht worden, einem zweistöckigen, braunen Gebäude aus Fertigteilen, das neben dem General Hospital stand. Dort würden sie bleiben, es sei denn, jemand erhob Anspruch auf sie. Wenn sich innerhalb von achtundvierzig Stunden niemand meldete, würde man sie, wie es vorgeschrieben war, einbalsamieren, in einen billigen Sarg legen und sie umgehend auf dem Friedhof beim RFK-Stadion begraben.

Mordecai parkte auf einem Behindertenparkplatz, zögerte einen Augenblick und sagte: »Sind Sie sicher, daß Sie da reingehen wollen?«

»Ich glaube ja.«

Er war nicht zum erstenmal hier und hatte vorher ein paar Telefongespräche geführt. Ein Mann in der schlecht sitzenden Uniform des Sicherheitsdienst wagte es, uns aufzuhalten, und Mordecai fuhr ihn so laut an, daß ich ängstlich zusammenzuckte. Ich hatte ohnehin ein Gefühl im Magen, als hätte ich einen Stein verschluckt.

Der Mann vom Sicherheitsdienst zog sich zurück und war froh, aus der Schußlinie zu sein. Auf einer großen Doppeltür aus Glas stand in schwarzer Schrift LEICHENHALLE, und Mordecai trat ein, als sei die ganze Dienststelle sein Privatbesitz.

»Ich bin Mordecai Green, Anwalt der Familie Burton«, knurrte er den jungen Mann hinter dem Tresen an. Es klang weniger wie eine Feststellung als vielmehr wie eine Drohung.

Der junge Mann blätterte die Papiere auf einem Klemmbrett durch und wühlte in weiteren Unterlagen.

»Was machen Sie da eigentlich?« raunzte Mordecai ihn an.

Der junge Mann sah auf und machte ein Gesicht, als wollte er Widerworte geben, doch dann wurde ihm mit einemmal bewußt, wie groß sein Gegenüber war. »Einen Moment«, sagte er und trat an den Computer.

Mordecai wandte sich zu mir und sagte laut: »Man könnte meinen, die haben hier tausend Leichen.«

Mir wurde klar, daß er für Beamte und Staatsangestellte keinerlei Geduld aufbrachte. Die Geschichte über die Entschuldigung der Beamtin beim Sozialamt fiel mir ein. Die Hälfte von Mordecais Anwaltstätigkeit bestand aus Einschüchtern und Drohen.

Ein blasser Mann mit schlecht gefärbtem schwarzen Haar und einem feuchtkalten Händedruck erschien und stellte sich als Bill vor. Er trug einen blauen Laborkittel und Schuhe mit dicken Gummisohlen. Wo fand man Leute, die in der Leichenhalle arbeiten wollten?

Wir folgten ihm durch eine Tür und einen kahlen Gang entlang, in dem es deutlich kühler war, und kamen schließlich zum Hauptsaal.

»Wie viele haben Sie heute?« fragte Mordecai, als käme er regelmäßig hier vorbei, um die Leichen zu zählen.

Bill öffnete die Tür und sagte: »Zwölf.«

»Alles in Ordnung?« fragte Mordecai mich.

»Ich weiß nicht.«

Bill schob die schwere Metalltür auf, und wir traten ein. Die Luft war eiskalt und roch nach Desinfektionsmittel. Der Boden war weiß gekachelt, und das Licht kam von bläulichen Neonröhren.

Ich folgte Mordecai mit gesenktem Kopf und versuchte, nicht nach rechts oder links zu sehen, doch es war unmöglich. Die Leichen waren mit weißen Tüchern zugedeckt wie im Fernsehen. Wir kamen an zwei weißen Füßen vorbei, am Zeh baumelte ein Schildchen. Dann kamen zwei braune Füße.

Wir bogen ab und blieben in einer Ecke stehen. Links war eine Bahre, rechts ein Tisch.

»Lontae Burton«, sagte Bill und zog mit dramatischer Geste das Laken bis zu ihrer Taille herunter. Es war Ontarios Mutter. Sie trug ein schlichtes weißes Leichenhemd. Der Tod hatte keine Spuren auf ihrem Gesicht zurückgelassen — sie hätte ebenso gut schlafen können. Ich konnte nicht aufhören, sie anzusehen.

»Das ist sie«, sagte Mordecai, als würde er sie schon seit Jahren kennen. Er sah mich Bestätigung heischend an. Ich konnte nur nicken. Bill drehte sich um, und ich hielt den Atem an. Die Kinder lagen alle unter einem Laken.

Sie lagen dicht nebeneinander in einer Reihe, die Hände über den Leichenhemden gefaltet — schlafende Cherubim, kleine Straßensoldaten, die endlich Frieden gefunden hatten.

Ich wollte Ontario berühren, ich wollte ihn streicheln und ihm sagen, wie leid es mir tat. Ich wollte ihn wecken und mit nach Hause nehmen, ihm etwas zu essen vorsetzen und alles geben, was er nur haben wollte.

Ich trat einen Schritt vor, um ihn besser ansehen zu können. »Nicht anfassen«, sagte Bill.

Ich nickte, und Mordecai sagte: »Das sind sie.«

Als Bill sie wieder zudeckte, sprach ich in Gedanken ein kurzes Gebet um Gnade und Vergebung. Sorg dafür, daß es nicht wieder geschieht, sagte Gott zu mir.

In einem Raum am Ende des Gangs zeigte uns Bill zwei große Drahtkörbe, in denen sich die persönliche Habe der Familie befand. Er stellte sie auf den Tisch, und gemeinsam machten wir eine Aufstellung. Die Kleider waren schmutzig und abgetragen. Meine Jeansjacke war das am besten erhaltene Stück. Außerdem waren in den Körben drei Decken, eine Handtasche, ein paar billige Spielsachen, Milchpulver, ein Handtuch, weitere schmutzige Kleider, eine Schachtel Kekse mit Vanillegeschmack, eine ungeöffnete Dose Bier, ein paar Zigaretten, zwei Kondome und etwa zwanzig Dollar in Scheinen und Kleingeld.

»Der Wagen ist in der städtischen Verwahrstelle«, sagte Bill. »Angeblich voller Abfall.«

»Wir werden uns darum kümmern«, sagte Mordecai.

Wir unterschrieben die Empfangsbestätigung und nahmen die persönliche Habe der Familie Burton mit.

»Was machen wir nun mit diesem Zeug?« fragte ich.

»Wir bringen es zur Großmutter. Wollen Sie die Jacke zurück haben?«

»Nein.«

___________

Das Beerdigungsinstitut gehörte einem Priester. Mordecai kannte ihn und mochte ihn nicht besonders, weil seine Kirche nicht sehr freundlich zu den Obdachlosen war, aber er kam mit ihm zurecht.

Wir parkten vor der Kirche an der Georgia Avenue in der Nähe der Howard University, einem saubereren Teil der Stadt, wo nicht so viele Fenster mit Brettern vernagelt waren.

»Sie bleiben lieber im Wagen«, sagte Mordecai. »Unter vier Augen kann ich besser mit ihm reden.«

Ich wollte eigentlich nicht allein im Wagen sitzen bleiben, aber andererseits vertraute ich Mordecai ja ohnehin mein Leben an. »Na gut«, sagte ich, rutschte ein wenig tiefer und sah mich um.

»Ihnen passiert schon nichts.«

Er ging, und ich verriegelte die Türen. Nach ein paar Minuten entspannte ich mich und begann nachzudenken. Mordecai wollte aus geschäftlichen Gründen allein mit dem Priester sprechen. Meine Anwesenheit hätte die Dinge nur kompliziert. Wer war ich, und welches Interesse hatte ich an der Familie? Der Preis wäre sofort gestiegen.

Die Straße war belebt. Ich sah, wie die Menschen im schneidend kalten Wind vorübereilten. Eine Mutter mit zwei Kindern ging vorbei. Alle waren hübsch angezogen und hielten sich an den Händen.

Wo waren sie gestern nacht gewesen, als Ontario und seine Familie sich in dem kalten Wagen aneinandergedrängt und das geruchlose Kohlenmonoxid eingeatmet hatten, bis sie davon geschwebt waren? Wo waren wir anderen alle gewesen?

Die Welt ging den Bach hinunter. Nichts ergab einen Sinn. In weniger als einer Woche hatte ich sechs tote Obdachlose gesehen, und ich hatte nicht die innere Statur, um mit diesem Schock fertigzuwerden. Ich war ein gebildeter weißer Anwalt, wohlhabend und gut ernährt, und steuerte zielstrebig auf echten Reichtum und all die schönen Dinge zu, die er mir bescheren würde. Meine Ehe stand zwar vor dem Ende, aber darüber würde ich schnell hinwegkommen. Es gab so viele schöne Frauen. Ich brauchte mir keine Sorgen zu machen.

Ich verfluchte Mister, der mich aus der Bahn geworfen hatte. Ich verfluchte Mordecai, der mir ein schlechtes Gewissen machte. Und ich verfluchte Ontario, der mir das Herz gebrochen hatte.

Jemand klopfte ans Fenster. Ich schreckte hoch. Meine Nerven waren nicht die besten. Mordecai stand am Rand des Bürgersteigs im Schnee. Ich öffnete das Fenster einen Spaltbreit.

»Er sagt, er macht’s für zweitausend Dollar, alle fünf.«

»Einverstanden«, antwortete ich, und Mordecai ging wieder hinein.

Wenig später kam er zurück, setzte sich ans Steuer und gab Gas. »Der Gottesdienst ist am Dienstag, hier in der Kirche. Holzsärge, aber schöne. Er wird noch Blumen besorgen, damit alles ein bißchen hübsch aussieht. Ursprünglich wollte er dreitausend, aber ich habe ihm gesagt, daß die Presse dabei sein wird und er vielleicht ins Fernsehen kommt. Das hat ihm gefallen. Zweitausend ist nicht schlecht.«

»Danke, Mordecai.«

»Ist alles in Ordnung?«

»Nein.«

Auf dem Weg zu meinem Büro sprachen wir nur sehr wenig.

___________

Bei Claires jüngerem Bruder James war die Hodgkin-Krankheit festgestellt worden — daher also die Einberufung des Familienrats nach Providence. Es hatte gar nichts mit mir zu tun. Sie erzählte mir von dem Wochenende, von dem Schock, als sie die Nachricht erhalten hatte, von den Tränen und Gebeten, mit denen sie James, seine Frau und sich selbst getröstet hatten. In Claires Familie weinte und umarmte man sich ständig, und ich war ihr dankbar, daß sie mich nicht dorthin mitgeschleppt hatte. Die Behandlung würde sofort beginnen, und die Prognose war gut.

Sie freute sich, wieder zu Hause zu sein und mit jemandem reden zu können. Wir tranken Wein vor dem offenen Kamin, eine Decke über den Füßen. Es war beinahe romantisch, auch wenn ich viel zu mitgenommen war, um auf irgendwelche sentimentale Gedanken zu kommen. Ich gab mir redliche Mühe, ihr zuzuhören, den armen James gehörig zu bedauern und an den richtigen Stellen angemessene Bemerkungen zu machen.

Es war nicht das, was ich erwartet hatte, und ich wußte nicht recht, ob es das war, was ich wollte. Ich hatte gedacht, wir würden ein paar Scheingefechte führen und uns vielleicht sogar einige echte Scharmützel liefern. Bald würde der Streit ernst und heftig werden, aber dann würden wir uns hoffentlich wieder besinnen und wie erwachsene Menschen mit unserer Trennung umgehen. Nach meinem Erlebnis mit Ontario war ich jedoch nicht imstande, mich mit irgendeinem Problem auseinander zusetzen, bei dem Gefühle mitspielten. Ich war ausgelaugt. Claire sagte mir mehrmals, ich sähe müde aus. Fast hätte ich mich bei ihr bedankt.

Ich hörte ihr aufmerksam zu, und dann kamen wir langsam auf mich und mein Wochenende zu sprechen. Ich erzählte ihr alles: von meinem neuen Leben als freiwilliger Helfer in einer Notunterkunft, von Ontario und seiner Familie. Ich zeigte ihr den Zeitungsartikel.

Sie war ehrlich berührt, aber auch verwirrt. Ich war nicht mehr der, der ich vor einer Woche gewesen war, und sie wußte nicht, ob ihr das neue Modell besser gefiel als das alte. Ich wußte es ebenso wenig.

Teil XI

11

Als junge Workaholics brauchten Claire und ich keinen Wecker, schon gar nicht montags morgens, wenn eine ganze Woche voller Herausforderungen auf uns wartete. Wir standen um fünf Uhr auf, aßen um halb sechs ein Müsli-Frühstück und jagten dann in verschiedene Richtungen davon, als hätte der gewonnen, der als erster das Haus verließ.

Dank des Weins hatte ich schlafen können, ohne von dem Alptraum des Wochenendes heimgesucht zu werden, und auf dem Weg zur Kanzlei beschloß ich, etwas mehr Distanz zwischen mich und die Obdachlosen zu legen. Ich würde die Beerdigung hinter mich bringen. Ich würde irgendwie Zeit finden, Gratisarbeit für Obdachlose zu leisten. Ich würde meine Freundschaft zu Mordecai vertiefen und ihn vielleicht sogar regelmäßig in seinem Rechtsberatungsbüro besuchen. Ich würde gelegentlich bei Miss Dolly vorbeischauen und ihr helfen, die Hungrigen zu speisen. Ich würde für die Armen spenden und helfen, weitere Spenden zu sammeln. Jemand, der Geldquellen auftat, war gewiß nützlicher als ein weiterer Armenanwalt.

Während ich im Dunkeln zur Kanzlei fuhr, kam ich zu dem Schluß, daß ich ein paar Achtzehn-Stunden-Tage brauchte, um meine Prioritäten wieder klar ins Auge zu fassen. Wenn ich mich in die Arbeit stürzte, würde der kleine Knick, den meine Karriere bekommen hatte, bald wieder beseitigt sein. Nur ein Dummkopf würde die Zukunftsperspektive, die sich mir bot, aufgeben.

Diesmal nahm ich einen anderen Aufzug. Mister war Vergangenheit. Ich sah nicht zu dem Konferenzraum hin, in dem er gestorben war. In meinem Büro legte ich Mantel und Aktentasche auf einem Stuhl ab und holte mir einen Kaffee. Es war noch nicht einmal sechs Uhr morgens, und ich ging mit federnden Schritten durch die Gänge, sprach hier mit einem Kollegen, dort mit einem Gehilfen, zog mein Jackett aus und krempelte die Ärmel hoch — es war eine Freude, wieder hier zu sein.

Ich blätterte zunächst das Wall Street Journal durch, teils weil ich wußte, daß darin ganz gewiß nichts über erstickte Obdachlose in Washington stand. Danach kam die Post an die Reihe. Auf der ersten Seite des Lokalteils standen ein kurzer Artikel über Lontae Burtons Familie und ein Foto der weinenden Großmutter vor dem Hintergrund eines Hochhauses mit Sozialwohnungen. Ich las den Artikel und legte die Zeitung beiseite. Ich wußte mehr als der Reporter und war entschlossen, mich nicht ablenken zu lassen.

Unter der Post lag ein unscheinbarer Aktendeckel, wie es ihn in der Kanzlei millionenfach gab. Er war allerdings nicht beschriftet und damit ungewöhnlich. Er lag einfach da, mitten auf meinem Schreibtisch. Irgend jemand hatte ihn dorthin gelegt. Ich schlug ihn langsam auf.

Er enthielt nur zwei Bögen Papier: eine Kopie des gestrigen Artikels in der Post, den ich zehnmal gelesen und Claire gezeigt hatte, sowie die Kopie eines Schriftstücks, das aus einer offiziellen Drake & Sweeney-Akte stammte. Die Überschrift lautete: ZWANGSRÄUMUNG — RIVEROAKS/TAG, INC.

Links standen untereinander die Zahlen von eins bis siebzehn. Nummer vier war DeVon Hardy. Hinter Nummer fünfzehn stand: »Lontae Burton und drei oder vier Kinder.«

Ich legte das Blatt langsam auf den Tisch, stand auf, ging zur Tür, schloß sie ab und lehnte mich dagegen. Ein paar Minuten vergingen in absoluter Stille. Ich starrte die Liste auf meinem Schreibtisch an. Daß sie stimmte und vollständig war, konnte ich annehmen. Warum hätte sich irgend jemand so etwas ausdenken sollen? Ich nahm die Liste wieder in die Hand und bemerkte, daß mein unbekannter Informant mit Bleistift auf die Innenseite des Aktendeckels geschrieben hatte: »Die Zwangsräumung war illegal und moralisch falsch.«

Es waren Druckbuchstaben, damit ich auch durch eine Schriftanalyse nicht herausfinden konnte, wer der Verfasser war. Die Schrift war ganz schwach — der Stift hatte kaum die Pappe des Aktendeckels berührt.

___________

Ich ließ die Tür für eine Stunde verschlossen. In dieser Zeit stand ich am Fenster, betrachtete den Sonnenaufgang, setzte mich dann wieder an den Schreibtisch und starrte die Liste an. Auf dem Gang gingen immer mehr Leute vorbei, und schließlich hörte ich Pollys Stimme. Ich öffnete die Tür, begrüßte sie, als wäre alles in bester Ordnung, und folgte der täglichen Routine.

Der Vormittag war angefüllt mit Konferenzen und Besprechungen, zwei davon mit Rudolph und Mandanten. Ich hielt mich gut, auch wenn ich nachher nicht mehr wußte, was wir gesagt oder getan hatten. Rudolph war stolz, seinen Star wieder mit voller Kraft arbeiten zu sehen.

Zu denen, die sich mit mir über die Geiselnahme und ihre Nachwirkungen unterhalten wollten, war ich beinahe grob. Nach außen war ich wieder ganz der alte, arbeitswütig wie immer, und so lösten sich die Bedenken in bezug auf mein seelisches Gleichgewicht in Wohlgefallen auf. Am späten Vormittag rief mein Vater an. Ich konnte mich nicht erinnern, wann er mich zuletzt in der Kanzlei angerufen hatte. Er sagte, in Memphis regne es. Er sitze zu Hause herum und langweile sich, und… na ja, meine Mutter und er machten sich Gedanken um mich. Ich sagte ihm, Claire gehe es gut, und um sicheren Boden unter den Füßen zu bekommen, erzählte ich ihm von ihrem Bruder James, dem er nur einmal, bei unserer Hochzeit, begegnet war. Ich sprach mit angemessener Sorge über Claires Familie, und das gefiel ihm.

Mein Vater war froh, daß er mich in der Kanzlei erreicht hatte: Ich war da, verdiente viel Geld und arbeitete darauf hin, noch mehr zu verdienen. Er bat mich, gelegentlich anzurufen.

Eine halbe Stunde später rief mein Bruder Warner aus seinem Büro hoch über der Innenstadt von Atlanta an. Er war sechs Jahre älter als ich und Teilhaber einer anderen Megakanzlei, ein mit allen Wassern gewaschener Prozeßanwalt. Wegen des Altersunterschieds waren Warner und ich uns in unserer Kindheit nie sehr nahe gewesen, aber wir kamen sehr gut miteinander aus. Als seine Ehe vor drei Jahren geschieden worden war, hatte er mir wöchentlich sein Herz ausgeschüttet.

Seine Zeit war, wie die meine, nach honorarfähigen Stunden bemessen, und so wußte ich, daß das Gespräch kurz sein würde. »Ich hab mit Dad gesprochen«, sagte er. »Er hat mir alles erzählt.«

»Das kann ich mir vorstellen.«

»Ich verstehe, wie du dich fühlst. Wir alle machen das irgendwann mal durch. Man arbeitet schwer, man macht das große Geld und vergißt vollkommen, den kleinen Leuten zu helfen. Dann passiert etwas, und man denkt an seine Studienzeit, an die ersten Semester, als man voller Ideale war und als Rechtsanwalt die Menschheit retten wollte. Weißt du noch?«

»Ja. Ist lange her.«

»Genau. Als ich mit dem Studium angefangen habe, wurde bei uns eine Umfrage gemacht. Über die Hälfte der Erstsemester wollte ihr Wissen in den Dienst des Gemeinwohls stellen. Drei Jahre später, nach dem Abschluß, waren alle nur noch hinter dem Geld her. Ich weiß auch nicht, was da passiert ist.«

»Ganz einfach: Ein Jurastudium macht geldgierig.«

»Wahrscheinlich. In unserer Kanzlei gibt es die Möglichkeit, ein Jahr Urlaub zu nehmen, ein Sabbatjahr sozusagen, und sich mit Musterprozessen für das Gemeinwohl auszutoben. Nach zwölf Monaten kommt man zurück, als wäre nie etwas gewesen. Gibt’s das bei euch auch?«

Typisch Warner. Ich hatte ein Problem — er hatte die hübsche, saubere Patentlösung. Zwölf Monate, und ich wäre ein neuer Mensch. Ein kleiner Umweg, aber meine Zukunft wäre nach wie vor gesichert.

»Nicht für Mitarbeiter«, sagte ich. »Ich hab mal gehört, daß der eine oder andere Teilhaber in irgendeinem Ministerium gearbeitet hat und nach ein paar Jahren wieder in die Kanzlei zurückgekehrt ist. Aber für einfache Mitarbeiter gilt das nicht.«

»Aber dein Fall liegt anders. Du bist traumatisiert und wärst um ein Haar umgebracht worden, bloß weil du bei Drake & Sweeney arbeitest. Ich würde mal ein bißchen auf den Putz hauen und ihnen sagen, daß du Abstand brauchst. Laß dich für ein Jahr beurlauben — danach bist du wieder voll da.«

»Das könnte funktionieren«, sagte ich, um ihn zu beschwichtigen. Er war ein Alpha-Männchen, das anderen immer zusetzte und immer bereit war, sich zu streiten, besonders innerhalb der Familie. »Ich hab jetzt einen Termin«, sagte ich. Ihm ging es nicht anders. Wir versprachen, demnächst wieder zu telefonieren.

Das Mittagessen nahm ich mit Rudolph und einem Mandanten in einem teuren Restaurant ein. Es war ein Arbeitsessen, was bedeutete, daß wir keinen Alkohol tranken und dem Mandanten die Zeit für das Essen in Rechnung stellen würden. Rudolph kostete vierhundert Dollar pro Stunde, ich dreihundert. Wir aßen und arbeiteten zwei Stunden lang, so daß dieses Mittagessen unseren Mandanten vierzehnhundert Dollar kostete. Die Kanzlei hatte ein Konto bei diesem Restaurant. Das Essen würde also zunächst von Drake & Sweeney bezahlt werden, aber die Erbsenzähler im Untergeschoß würden sicher eine Möglichkeit finden, dem Mandanten auch die Kosten für das Essen in Rechnung zu stellen.

Der Nachmittag bestand aus Telefongesprächen und Konferenzen. Ich setzte mein professionelles Gesicht auf und brachte ihn durch reine Willenskraft hinter mich — es waren honorarfähige Stunden. Das Kartellrecht war mir noch nie so hoffnungslos stumpfsinnig und langweilig erschienen.

Es war fast fünf Uhr, als ich endlich ein paar Minuten für mich hatte. Ich wünschte Polly einen schönen Abend, verschloß meine Tür, schlug den mysteriösen Aktendeckel auf und machte mir Notizen: Kritzeleien und Diagramme mit Pfeilen, die aus allen Richtungen auf »RiverOaks« und »Drake & Sweeney« zielten. Braden Chance, der Teilhaber aus der Abteilung Immobilien, den ich nach der Akte gefragt hatte, bekam die meisten Pfeile ab.

Mein Hauptverdächtiger war sein Gehilfe, der junge Mann, der unseren scharfen Wortwechsel gehört und Chance wenig später, als ich aus seinem Zimmer getreten war, als Idioten bezeichnet hatte. Er kannte sicher alle Einzelheiten des Zwangsräumungsverfahrens und hatte Zugang zu der entsprechenden Akte.

Um eine etwaige Überwachung der Hausleitung zu umgehen, rief ich mit meinem Handy einen Gehilfen in der Abteilung Kartellrecht an, dessen Büro nur wenige Schritte von meinem entfernt war. Er leitete mich an einen anderen weiter, und binnen kurzem hatte ich ohne viel Mühe herausgefunden, daß der Mann, den ich suchte, Hector Palma hieß. Er arbeitete seit etwa drei Jahren bei uns, und zwar ausschließlich in der Immobilienabteilung. Ich beschloß, mit ihm zu sprechen, allerdings außerhalb der Kanzlei.

Mordecai rief mich an und fragte, ob ich schon irgendwelche Pläne für ein Abendessen hätte. »Ich lade Sie ein«, sagte er.

»Zu einer Suppe?«

Er lachte. »Natürlich nicht. Ich kenne ein hervorragendes Restaurant.«

Wir verabredeten uns für sieben Uhr. Claire befand sich im Chirurgen-Orbit und verschwendete keinen Gedanken an Zeit, Essen oder Ehemann. Sie hatte irgendwann am Nachmittag angerufen, um »mal kurz hallo zu sagen«. Sie habe keine Ahnung, wann sie heimkommen werde, sicher sehr spät. Für das Abendessen war also jeder auf sich selbst gestellt. Ich machte ihr keinen Vorwurf — immerhin hatte sie diesen Lebensstil von mir gelernt.

___________

Wir trafen uns in einem Restaurant in der Nähe des Dupont Circle. Die Bar am Eingang war voller gutbezahlter Regierungstypen, die noch einen Drink nahmen, bevor sie aus der Stadt flohen. Wir setzten uns weiter hinten in eine enge Nische und bestellten etwas zu trinken.

»Die Burton-Story wird groß und größer«, sagte Mordecai und nahm einen Schluck Bier.

»Tut mir leid, aber ich war in den vergangenen zwölf Stunden vollkommen abgeschnitten von der Welt. Was ist passiert?«

»Viel Presse. Eine Mutter und vier tote Kinder in einem Wagen, der ihre Wohnung war. Und das eine Meile vom Capitol Hill entfernt, wo sie gerade dabei sind, das Sozialwesen zu reformieren und noch mehr Mütter auf die Straße zu setzen. Das ist doch mal was.«

»Dann wird die Beerdigung also eine große Veranstaltung werden.«

»Aber ja. Ich hab heute mit einem Dutzend Initiativgruppen gesprochen. Die kommen alle, und sie werden die Leute, die sie betreuen, mitbringen. Die Kirche wird voller Obdachloser sein. Und voller Presseleute natürlich. Vier kleine Särge neben dem der Mutter — das werden sich die Sechs-Uhr-Nachrichten nicht entgehen lassen. Vorher gibt’s eine Kundgebung und danach einen Demonstrationszug.«

»Dann hat ihr Tod vielleicht doch noch etwas Gutes.«

»Vielleicht.«

Als erfahrener Anwalt wußte ich, daß hinter jeder Einladung zum Mittag oder Abendessen eine Absicht steckte. Mordecai hatte etwas vor, das merkte ich schon daran, wie er mich ansah.

»Haben Sie eine Ahnung, warum sie obdachlos waren?« fragte ich sondierend.

»Nein. Wahrscheinlich das Übliche. Ich hab keine Zeit gehabt, Fragen zu stellen.«

Auf dem Weg hierher war ich zu dem Schluß gekommen, daß ich ihm nichts von dem mysteriösen Aktendeckel und seinem Inhalt sagen durfte. Das war vertraulich, und ich wußte nur davon, weil ich bei Drake & Sweeney arbeitete. Wenn ich ihm gesagt hätte, was ich über die Aktivitäten eines Mandanten in Erfahrung gebracht hatte, wäre das eine schwere Verletzung der Schweigepflicht gewesen. Schon der Gedanke an eine solche Enthüllung machte mir angst. Außerdem hatte ich noch nichts überprüft.

Der Ober brachte unsere Salate, und wir begannen zu essen. »Wir haben heute Nachmittag eine Kanzleikonferenz abgehalten«, sagte er zwischen zwei Bissen. »Sofia, Abraham und ich. Wir brauchen Hilfe.«

Das überraschte mich nicht. »Was für eine Art von Hilfe?«

»Noch einen Anwalt.«

»Ich dachte, Sie sind pleite.«

»Wir haben eine kleine Reserve. Und eine neue Marketingstrategie.«

Die Vorstellung, daß das Rechtsberatungsbüro in der 14th Street über eine Marketingstrategie verfügte, belustigte mich, und das hatte er auch beabsichtigt. Wir lächelten.

»Wenn ein Anwalt bereit wäre, zehn Stunden pro Woche damit zu verbringen, Spendengelder aufzutreiben, würde er sich selbst finanzieren.«

Wieder beiderseitiges Lächeln.

»So ungern ich es auch zugebe: Unser Überleben wird davon abhängen, ob wir es schaffen, Geld aufzutreiben«, fuhr er fort. »Die Cohen-Stiftung geht den Bach runter. Bisher konnten wir uns den Luxus leisten, nicht zu betteln, aber das ist jetzt vorbei.«

»Und woraus besteht der Rest der Arbeit?«

»Aus der Vertretung von Menschen, die auf der Straße leben. Sie haben ja schon einen gewissen Eindruck davon bekommen. Und Sie haben unser Büro gesehen. Es ist ein Loch. Sofia ist eine Kratzbürste, Abraham ist ein Sturkopf, die Mandanten riechen schlecht, und das Gehalt ist ein Witz.«

»Wie viel?«

»Wir könnten Ihnen dreißigtausend im Jahr anbieten, aber garantieren können wir Ihnen nur die erste Hälfte, die ersten sechs Monate.«

»Warum?«

»Das Geschäftsjahr der Stiftung endet am 30. Juni. Dann erfahren wir, wie viel Geld wir für das nächste Jahr kriegen, das mit dem 1. Juli beginnt. Wir haben genug Reserven, um Sie für die nächsten sechs Monate zu bezahlen. Danach werden wir vier uns teilen, was nach Abzug der laufenden Kosten übrigbleibt.«

»Abraham und Sofia waren einverstanden?«

»Ja, nachdem ich eine kleine Ansprache gehalten hatte. Wir nehmen an, daß Sie gute Kontakte zu den höheren Etagen der Juristerei haben, und da Sie gebildet, intelligent, präsentabel und so weiter sind, dürfte es Ihnen nicht schwer fallen, Geld aufzutreiben.«

»Und wenn ich keins auftreiben will?«

»Dann schrauben wir vier unsere Gehälter noch weiter herunter, vielleicht auf zwanzigtausend. Später dann auf fünfzehn. Und wenn die Stiftung pleite ist, stehen wir auf der Straße wie unsere Mandanten. Obdachlose Anwälte.«

»Dann liegt die Zukunft des Rechtsberatungsbüros in der 14th Street also in meinen Händen?«

»Zu diesem Schluß sind wir jedenfalls gekommen. Sie werden Teilhaber. Ich bin gespannt, ob Drake & Sweeney da mithalten kann.«

»Ich bin gerührt«, sagte ich. Doch ich hatte auch ein bißchen Angst. Das Angebot kam nicht überraschend, aber es öffnete eine Tür, vor der ich zurückschreckte.

Der Ober brachte schwarze Bohnensuppe, und wir bestellten noch mehr Bier.

»Woher kommt Abraham?« fragte ich.

»Er ist aus einer jüdischen Familie in Brooklyn. Kam nach Washington, um in Senator Moynihans Stab zu arbeiten. Hat ein paar Jahre auf dem Capitol Hill verbracht und ist dann auf der Straße gelandet. Äußerst intelligent. Er verbringt die meiste Zeit damit, Prozeßstrategien und -termine mit Gratisanwälten aus den großen Kanzleien abzusprechen. Im Augenblick klagt er gegen das Amt für Statistik, um durchzusetzen, daß Obdachlose ebenfalls gezählt werden. Und er verklagt die Schulbehörde von Washington, D.C., um sicherzustellen, daß obdachlose Kinder eine Schulausbildung bekommen. Was seinen Umgang mit Menschen betrifft, hat er noch viel zu lernen, aber als Hinterzimmerstratege ist er erstklassig.«

»Und Sofia?«

»Eine engagierte Sozialarbeiterin, die seit elf Jahren Abendseminare für Jura besucht. Sie denkt und handelt wie eine Anwältin, besonders, wenn sie Beamten die Hölle heiß macht. Sie sagt zehnmal am Tag: ‘Guten Tag, hier ist Sofia Mendoza. Ich bin Anwältin.«’

»Ist sie auch die Sekretärin?«

»Nein. Wir haben keine Sekretärin. Für das Schreiben, Abheften und Kaffeekochen ist jeder selbst zuständig.« Er beugte sich ein wenig vor und senkte die Stimme. »Wir drei arbeiten schon sehr lange zusammen, und jeder hat seine kleine Nische. Um ehrlich zu sein: Wir brauchen ein neues Gesicht und neue Ideen.«

»Das Gehalt ist wirklich verführerisch«, sagte ich. Es war ein ziemlich flauer Witz.

Er grinste trotzdem. »Sie werden das nicht wegen des Geldes tun. Sie tun es für ihre Seele.«

___________

Meine Seele hielt mich den größten Teil der Nacht wach. Hatte ich wirklich den Mumm, einfach zu gehen? Zog ich einen Job, bei dem ich so wenig verdiente, wirklich ernsthaft in Erwägung? Wenn ich mich dafür entschied, ließ ich mir buchstäblich Millionen Dollar entgehen.

Meine jetzigen Wünsche würden dann nur noch eine ferne Erinnerung sein.

Der Zeitpunkt war nicht schlecht gewählt. Meine Ehe lag in Scherben, und es erschien mir irgendwie angemessen, auch an anderen Fronten drastische Veränderungen vorzunehmen.

Teil XII

12

Am Dienstag meldete ich mich krank. »Wahrscheinlich eine Grippe«, sagte ich zu Polly, die, wie sie es gelernt hatte, sofort nach Details fragte: Fieber, Gliederschmerzen, Halsschmerzen, Kopfschmerzen? Ja. Sowohl als auch — mir war es egal. Man mußte schon sehr krank sein, um die Arbeit liegen zulassen. Polly würde ein Formular ausfüllen und es an Rudolph schicken. Ich mußte also mit einem Anruf von ihm rechnen und machte am frühen Morgen einen Spaziergang durch Georgetown. Der Schnee schmolz jetzt rapide dahin, die Tageshöchsttemperaturen würden zwischen zehn und fünfzehn Grad liegen. Ich schlug eine Stunde am Hafen tot, wo ich in verschiedenen Cafés Cappuccinos trank und den frierenden Ruderern auf dem Potomac zusah.

Um zehn Uhr machte ich mich auf den Weg zur Beerdigung.

___________

Der Bürgersteig vor der Kirche war abgesperrt. Polizeibeamte gingen auf und ab und hatten ihre Motorräder auf der Straße abgestellt. Ein Stück weiter standen die Übertragungswagen der Fernsehsender.

Als ich vorbeifuhr, lauschte die Menge einem Redner, der in ein Mikrofon brüllte. Einige hielten hastig gemalte Plakate hoch, damit sie gut ins Bild kamen. Nachdem ich drei Blocks weiter in einer Seitenstraße geparkt hatte, eilte ich zurück zur Kirche, vermied aber den Haupteingang und steuerte auf einen Nebeneingang zu, der von einem älteren Mann bewacht wurde. Ich fragte ihn, ob es einen Platz auf der Galerie gebe. Er wollte wissen, ob ich Reporter sei.

Er führte mich hinein und zeigte auf eine Tür. Ich dankte ihm, trat ein, stieg eine wacklige Treppe hinauf und gelangte auf eine Galerie, von der aus man den schönen Kirchenraum überblicken konnte. Der Teppich war dunkelrot, die Bänke waren aus dunklem Holz, die Buntglasfenster waren sauber. Einen Augenblick lang konnte ich verstehen, warum der Pfarrer seine Kirche nicht für Obdachlose öffnen wollte.

Ich war allein und konnte mir meinen Platz aussuchen. Leise ging ich zu einem Platz über dem Portal, von wo aus ich über den Mittelgang bis zur Kanzel sehen konnte. Draußen, auf der Eingangstreppe, begann ein Chor zu singen. Ich saß in der friedlichen, leeren Kirche, und von draußen wehte die Musik herein.

Dann klang sie aus, die Türen wurden geöffnet, und der Ansturm begann. Der Boden der Galerie bebte, als die Trauergemeinde in die Kirche strömte. Der Chor stellte sich hinter der Kanzel auf. Der Pfarrer wies den verschiedenen Gruppen ihre Plätze zu: die Fernsehteams in eine Ecke, die kleine Familie in die erste Bank, die Initiativgruppen und die Obdachlosen in die Mitte. Mordecai war in Begleitung von zwei Männern, die ich nicht kannte. Eine Seitentür wurde geöffnet, und die Gefangenen marschierten herein: Lontaes Mutter und zwei Brüder in blauer Gefängnismontur, an Händen und Füßen gefesselt, aneinandergekettet und von vier bewaffneten Wärtern bewacht. Sie setzten sich in die zweite Reihe, hinter die Großmutter und die wenigen anderen Verwandten.

Als Ruhe eingekehrt war, begann die Orgel, eine leise, traurige Melodie zu spielen. In den Reihen unter mir gab es einen Streit, und alle Köpfe wandten sich um. Der Pfarrer stieg auf die Kanzel und hieß uns aufstehen.

Weiß behandschuhte Angestellte des Beerdigungsinstitutes rollten die Särge durch den Mittelgang und stellten sie, Lontaes in der Mitte, vor dem Altar auf. Der Sarg des Babys war winzig, nicht einmal einen Meter lang. Ontarios, Alonzos und Dantes Särge waren mittelgroß. Es war ein furchtbarer Anblick, und Klageschreie wurden laut. Die Chorsänger begannen zu summen und sich hin und her zu wiegen.

Die Männer stellten Blumengebinde auf, und einen schrecklichen Augenblick lang dachte ich, sie würden die Särge öffnen. Ich war noch nie bei einer Trauerfeier in einer schwarzen Gemeinde gewesen und wußte nicht, was dabei üblich war, aber ich hatte in den Nachrichten Filmberichte von anderen Beerdigungen gesehen, bei denen manchmal der Sarg geöffnet worden war, damit die Hinterbliebenen den Leichnam küssen konnten. Die Geier mit den Kameras standen bereit.

Doch die Särge blieben geschlossen, und so erfuhr die Welt nicht, was ich wußte: daß Ontario und seine Familie sehr friedlich aussahen.

Wir setzten uns, und der Pfarrer sprach ein langes Gebet. Dann kamen ein Solo von Schwester Soundso und eine Schweigeminute. Der Pfarrer las eine Bibelstelle und hielt seine Predigt. Darauf folgte eine Aktivistin von einer Obdachloseninitiative, die Attacken gegen eine Gesellschaft und ihre Politiker ritt, die solche Dinge geschehen ließen. Sie gab dem Kongress und besonders den Republikanern die Schuld, aber auch der Stadt, die nichts unternahm, sowie den Gerichten und der Verwaltung. Die schärfsten Angriffe aber richteten sich gegen die Oberschicht, gegen die Menschen, die zwar Macht und Geld besaßen, aber nichts für die Armen und Kranken taten. Sie war zornig, rhetorisch geschickt und, wie ich fand, sehr mitreißend, auch wenn Beerdigungen nicht ihr eigentliches Wirkungsfeld zu sein schienen.

Als sie geendet hatte, bekam sie Beifall. Dann wetterte der Pfarrer lange gegen alle, die weiß waren und Geld hatten.

Noch ein Solo, noch mehr Bibelstellen, und dann begann der Chor mit einem Lied, das mir die Tränen in die Augen trieb. Es bildete sich eine Schlange von Menschen, die ihre Hand auf die Särge legen wollten, doch binnen kurzem herrschte ein heilloses Durcheinander. Die Trauernden begannen zu klagen und streckten die Hände nach den Särgen aus. »Macht sie auf«, rief einer, aber der Pfarrer schüttelte den Kopf. Sie drängten sich um die Kanzel und die Särge und schrien und schluchzten, und der Chor legte noch mehr Gefühl in seinen Gesang. Die Großmutter schrie am lautesten und wurde von den anderen gestreichelt und getröstet.

Ich konnte es nicht glauben. Wo waren all diese Leute in den letzten Monaten von Lontaes Leben gewesen? Die Kinder, die da in den Särgen lagen, hatten zu Lebzeiten nie so viel Liebe erfahren wie jetzt.

Die Kameras schoben sich näher und näher, und mehr und mehr Trauernde brachen unter der Last ihres Schmerzes zusammen. Das Ganze war im wesentlichen Show.

Schließlich sorgte der Pfarrer für Ruhe. Er predigte noch einmal, und im Hintergrund spielte die Orgel. Als er geendet hatte, zog die Trauergemeinde in einer langen Reihe ein letztes Mal an den Särgen vorbei.

Der Gottesdienst hatte eineinhalb Stunden gedauert. Für zweitausend Dollar gar nicht so schlecht. Ich war stolz.

Draußen gab es weitere Ansprachen, und dann begann der Demonstrationszug in Richtung Capitol Hill. Mordecai war unter den Anführern, und als sie um eine Ecke verschwanden, fragte ich mich, bei wie vielen Märschen und Demonstrationen er schon mitgemacht hatte. Seine Antwort hätte wahrscheinlich gelautet: »Bei zu wenigen.«

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Rudolph Mayes war im Alter von dreißig Jahren Teilhaber von Drake & Sweeney geworden — ein noch immer ungebrochener Rekord. Und wenn sein Leben weiterhin wie geplant verlief, würde er eines Tages der älteste aktive Teilhaber sein. Die Juristerei war sein Leben, das konnten seine drei geschiedenen Frauen bezeugen. Alles andere, was er anfaßte, geriet ihm zur Katastrophe, doch als Teammitglied in einer großen Kanzlei war Rudolph unübertroffen.

Er empfing mich um sechs Uhr abends in seinem Büro, hinter einem Berg von Akten. Polly und die anderen Sekretärinnen waren gegangen, ebenso wie die meisten anderen Bürokräfte und Gehilfen. Nach halb sechs nahm der Verkehr auf den Gängen deutlich ab.

Ich schloß die Tür und setzte mich. »Ich dachte, Sie seien krank«, sagte er.

»Ich kündige, Rudolph«, sagte ich so entschlossen wie möglich. Dennoch hatte ich ein flaues Gefühl im Magen.

Er schob ein paar Bücher beiseite und schraubte die Kappe auf seinen teuren Füllhalter. »Ich höre.«

»Ich kündige. Ich habe ein Angebot von einer Kanzlei, die für Bedürftige arbeitet.«

»Seien Sie nicht töricht, Michael.«

»Ich bin nicht töricht. Ich habe es mir gut überlegt. Und ich möchte möglichst wenig Staub aufwirbeln, wenn ich gehe.«

»In drei Jahren sind Sie Teilhaber.«

»Ich habe ein besseres Angebot.«

Darauf fiel ihm keine Antwort ein. Er verdrehte entnervt die Augen. »Jetzt hören Sie schon auf, Mike. Sie werden sich doch von so einem Zwischenfall nicht aus der Bahn werfen lassen.«

»Ich bin nicht aus der Bahn geworfen, Rudolph. Ich wende mich nur einem neuen Betätigungsfeld zu.«

»Keine von den anderen acht Geiseln reagiert so extrem.«

»Na prima. Es freut mich für sie, daß sie mit ihrem Leben zufrieden sind. Außerdem sind sie allesamt Prozeßanwälte, eine seltsame Gattung.«

»Wohin wollen Sie gehen?«

»In ein Rechtsberatungsbüro in der Nähe des Logan Circle. Die Mandanten sind hauptsächlich Obdachlose.«

»Obdachlose?«

»Ja.«

»Wie viel zahlen die Ihnen?«

»Ein Vermögen. Wie wär’s mit einer Spende?«

»Sie sind verrückt.«

»Es ist bloß eine kleine Krise, Rudolph. Ich bin erst zweiunddreißig, zu jung für eine echte Midlife crisis. Ich hab mir gedacht, ich bringe meine lieber früh hinter mich.«

»Nehmen Sie einen Monat Urlaub. Arbeiten Sie mit Obdachlosen, schwitzen Sie’s aus, und kommen Sie dann wieder zurück. Das ist ein sehr ungünstiger Moment, den Sie sich da ausgesucht haben, Mike. Sie wissen ja, wie sehr wir schon im Verzug sind.«

»So funktioniert das nicht, Rudolph. Mit Sicherheitsnetz macht es einfach keinen Spaß.«

»Spaß? Sie machen das zum Spaß?«

»Aber natürlich. Denken Sie nur daran, wie viel mehr Spaß die Arbeit macht, wenn man dabei nicht auf die Stoppuhr sehen muß.«

»Und was ist mit Claire?« fragte er und enthüllte damit das ganze Ausmaß seiner Verzweiflung. Er kannte Claire kaum und war in der ganzen Kanzlei der letzte, der in der Lage gewesen wäre, in Partnerschaftskrisen gute Ratschläge zu geben.

»Claire geht’s gut«, sagte ich. »Ich möchte am Freitag aufhören.«

Stöhnend gab er sich geschlagen, schloß die Augen und schüttelte langsam den Kopf. »Ich kann es nicht fassen.«

»Es tut mir leid, Rudolph.«

Wir gaben uns die Hand und verabredeten uns zu einem frühen Frühstück, bei dem wir die Einzelheiten meiner nicht abgeschlossenen Fälle besprechen würden.

Ich wollte nicht, daß Polly es von jemand anderem erfuhr, und so ging ich in mein Büro und rief sie an. Sie war zu Hause, in Arlington, und kochte gerade das Abendessen. Ich verdarb ihr die ganze Woche.

Auf dem Heimweg kaufte ich thailändisches Essen. Ich legte Wein in den Kühlschrank, deckte den Tisch und probte meinen Text.

___________

Wenn Claire einen Hinterhalt erwartet hatte, ließ sie es sich nicht anmerken. Im Lauf der Jahre hatten wir uns angewöhnt, uns nicht mehr zu streiten, sondern einander einfach zu ignorieren. Daher war unsere taktische Finesse eher unterentwickelt.

Aber mir gefiel der Gedanke, eine volle Breitseite abzufeuern, mit kühler Berechnung einen Schock zu versetzen und dann noch ironische Bemerkungen parat zu haben. Ich fand das hübsch unfair und im Rahmen einer in die Brüche gehenden Ehe vollkommen angemessen.

Es war fast zehn; sie hatte schon vor Stunden gegessen, und so gingen wir gleich mit unseren Weingläsern ins Wohnzimmer. Ich zündete ein Feuer im Kamin an, und wir setzten uns in unsere Lieblingssessel. Nach kurzem Schweigen sagte ich: »Wir müssen reden.«

»Worum geht es?« fragte sie ganz arglos.

»Ich spiele mit dem Gedanken, bei Drake & Sweeney zu kündigen.«

»Tatsächlich?« Sie trank einen Schluck Wein. Ich bewunderte ihre Gelassenheit. Entweder hatte sie damit gerechnet, oder sie wollte den Eindruck erwecken, das Ganze lasse sie kalt.

»Ja. Ich kann dort nicht weiter arbeiten.«

»Warum nicht?«

»Ich brauche eine Veränderung. Diese Kartellrechtsfälle erscheinen mir mit einemmal so langweilig und unwichtig, und ich will etwas tun, was den Menschen dient.«

»Das ist schön.« Sie dachte bereits an Geld, und ich war gespannt, wie lange sie brauchen würde, um diesen Aspekt der Sache anzusprechen. »Das ist geradezu bewundernswert, Michael.«

»Ich hab dir doch von Mordecai Green erzählt. Er hat mir einen Job in seinem Rechtsberatungsbüro angeboten. Ich fange am Montag an.«

»Nächsten Montag?«

»Ja.«

»Dann hast du deine Entscheidung ja schon getroffen.«

»Ja.«

»Ohne sie mit mir zu besprechen. Ich habe in dieser Sache offenbar nichts zu sagen.«

»Ich kann nicht zurück, Claire. Ich habe es Rudolph heute Abend gesagt.«

Noch ein Schluck Wein, ein leises Zähneknirschen, ein kleines Aufflammen von Wut, doch sonst nichts. Ihre Selbstbeherrschung war wirklich bemerkenswert.

Wir sahen ins Feuer, hypnotisiert von den orangeroten Flammen. Sie brach das Schweigen. »Darf ich fragen, was das finanziell für uns bedeutet?«

»Es verändert einiges.«

»Wie hoch ist dein neues Gehalt?«

»Dreißigtausend im Jahr.«

»Dreißigtausend im Jahr«, wiederholte sie. Dann sagte sie es noch einmal, und irgendwie klang der Betrag jetzt noch lächerlicher. »Das ist weniger, als ich verdiene.«

Ihr Gehalt betrug einunddreißigtausend und würde in den kommenden Jahren deutlich ansteigen. Nicht mehr lange, und sie würde viel Geld verdienen. Was diese Diskussion betraf, so war ich entschlossen, keine Sympathien für irgendwelche Klagen über Geld zu haben.

»Man setzt sich nicht für Obdachlose ein, um damit Geld zu verdienen«, sagte ich und versuchte, nicht allzu salbungsvoll zu klingen. »Wenn ich mich recht erinnere, hast du dein Medizinstudium nicht angefangen, weil du viel Geld verdienen wolltest.«

Wie jeder andere Medizinstudent hatte sie anfangs geschworen, der Gedanke an Geld habe bei der Wahl ihres Studienfaches überhaupt keine Rolle gespielt. Sie wolle den Menschen helfen. Dasselbe behaupteten Jurastudenten von sich. Wir hatten allesamt gelogen.

Sie sah ins Feuer und rechnete die Sache im Kopf durch. Ich nahm an, daß sie an die Miete dachte.

Es war eine sehr hübsche Wohnung. Für zweitausendvierhundert im Monat hätte sie noch viel hübscher sein sollen. Die Möbel waren elegant. Wir waren stolz auf unsere Wohnung — die richtige Adresse, ein schönes Reihenhaus, ein gepflegtes Viertel —, aber wir verbrachten hier viel zu wenig Zeit. Und wir luden nur selten Gäste ein. Ein Umzug würde auch ein Umbruch sein, doch den konnten wir verkraften.

Über unsere Finanzen hatten wir immer offen gesprochen, es gab keine versteckten Kassen. Sie wußte, daß wir etwa einundfünfzigtausend Dollar in Investmentfondspapieren besaßen und zwölftausend auf dem Girokonto hatten. Ich war erstaunt, wie wenig wir in sechs Jahren Ehe gespart hatten. Wenn man als ehrgeiziger junger Anwalt in einer großen Kanzlei arbeitet, kommt es einem so vor, als würde der Geldstrom nie versiegen.

»Ich nehme an, es wird einige Veränderungen geben«, sagte Claire und musterte mich mit kaltem Blick. Das Wort »Veränderungen« hatte mehrere Untertöne.

»Das nehme ich auch an.«

»Ich bin müde«, verkündete sie. Sie trank ihr Glas aus und ging ins Schlafzimmer.

Wie armselig, dachte ich. Wir brachten noch nicht einmal genug Wut auf, um uns einen ordentlichen Streit zu liefern.

Ich sah natürlich, was für ein Bild ich abgab. Es war eine wunderbare Geschichte: Junger, ehrgeiziger Jurist wird zum Anwalt der Armen und kehrt der Geldmaschine den Rücken, um für einen Apfel und ein Ei zu arbeiten. Auch wenn sie den Eindruck hatte, daß ich im Begriff war, den Verstand zu verlieren, fiel es Claire schwer, einen Heiligen zu kritisieren.

Ich legte noch ein Scheit aufs Feuer, schenkte mir ein zweites Glas Wein ein und schlief auf dem Sofa.

Teil XIII

13

Die Teilhaber hatten ihr eigenes Kasino in der siebten Etage, und bei den Angestellten galt es als Ehre, dorthin eingeladen zu werden. Rudolph gehörte zu den Menschen, die dachten, eine Schale irische Haferflocken um sieben Uhr morgens, eingenommen in diesen heiligen Hallen, würde mir helfen, wieder zur Besinnung zu kommen. Wie konnte ich mich einer Zukunft verweigern, in der mich Kraftfrühstücke dieser Art erwarteten?

Er hatte gute Nachrichten. Gestern Abend habe er mit Arthur gesprochen, und man habe vor, mir eine zwölfmonatige Abwesenheit zu genehmigen. Die Kanzlei werde das Gehalt, das ich in meinem neuen Job verdiente, entsprechend aufstocken. Es sei ein ehrenwertes Unterfangen, und sie seien der Meinung, man müsse mehr tun, um die Rechte der Armen zu verteidigen. Man werde mich also ein ganzes Jahr lang als Gratisanwalt betrachten, und alle Beteiligten würden zufrieden sein. Wenn ich meine anderen Interessen zur Genüge verfolgt hätte, würde ich mit neuer Energie zu Drake & Sweeney zurückkehren und meine Talente wieder voll und ganz in den Dienst der Kanzlei stellen.

Ich war beeindruckt und gerührt von diesem Angebot, das ich nicht einfach ablehnen konnte. Ich versprach ihm, darüber nachzudenken und eine schnelle Entscheidung zu treffen. Er wies mich darauf hin, daß diese Regelung, da ich kein Teilhaber sei, noch vom Vorstand abgesegnet werden müsse. Einen solchen Urlaub für einen Mitarbeiter habe es bei Drake & Sweeney bisher noch nie gegeben.

Rudolph versuchte verzweifelt, mich zu halten, und das hatte nur wenig mit Freundschaft zu tun. Unsere Abteilung für Kartellrecht war vollkommen überlastet. Eigentlich hätten wir noch zwei weitere Mitarbeiter mit meiner Erfahrung gebraucht. Es war der denkbar ungünstigste Moment, um die Kanzlei zu verlassen, aber das war mir gleichgültig. In dieser Kanzlei arbeiteten achthundert Anwälte. Man würde eine Möglichkeit finden, die Lücke zu schließen.

Im Vorjahr hatte ich knapp siebenhundertfünfzigtausend Dollar in Rechnung gestellt. Darum bekam ich ein Frühstück in diesem hübschen Raum serviert und durfte mir anhören, womit sie mich zum Bleiben bewegen wollten. Und darum mochte es sinnvoll erscheinen, mein Jahresgehalt den Obdachlosen oder irgendeiner Hilfsorganisation zu spenden und mich so nach Ablauf eines Jahres wieder in die Kanzlei zu locken.

Nachdem er mir den Vorschlag, ich könne ein Sabbatjahr nehmen, unterbreitet hatte, wandten wir uns den dringlichsten Fällen auf meinem Schreibtisch zu. Wir stellten gerade eine Liste der Dinge zusammen, die sofort erledigt werden mußten, als Braden Chance sich an einen Tisch in unserer Nähe setzte. Zunächst bemerkte er mich nicht. Etwa ein Dutzend anderer Teilhaber frühstückten hier, die meisten allein und in Zeitungen vertieft. Ich versuchte, ihn zu ignorieren, aber schließlich sah ich zu ihm hinüber und merkte, daß er mich wütend anstarrte.

»Guten Morgen, Braden«, sagte ich so laut, daß er zusammenzuckte und Rudolph sich umdrehte, um zu sehen, wen ich begrüßte.

Chance nickte, sagte aber nichts und war plötzlich sehr mit seinem Toast beschäftigt.

»Kennen Sie ihn?« fragte Rudolph leise.

»Flüchtig«, antwortete ich. Bei unserer kurzen Begegnung in seinem Büro hatte er mich nach meinem leitenden Teilhaber gefragt, und ich hatte Rudolphs Namen genannt. Offenbar hatte er sich nicht über mich beschwert.

»Ein Idiot«, sagte Rudolph kaum hörbar. Das war anscheinend das einhellige Urteil. Er blätterte in seinem Notizbuch und würdigte Chance keines Gedankens mehr. Auf meinem Schreibtisch lag eine Menge unerledigte Arbeit.

Ich dagegen stellte fest, daß mir Chance und seine Unterlagen über die Zwangsräumung nicht mehr aus dem Kopf gingen. Er machte einen weichlichen Eindruck: Seine Haut war blaß, er hatte ein zartes Gesicht, und seine Gesten wirkten gekünstelt. Ich konnte ihn mir nicht auf der Straße vorstellen, wie er verlassene Lagerhäuser voller Obdachloser in Augenschein nahm, sich die Hände schmutzig machte, um sich zu vergewissern, daß seine Arbeit gründlich erledigt wurde. Natürlich brauchte er das auch nicht zu tun — dafür gab es schließlich Gehilfen. Chance saß am Schreibtisch, erledigte den Papierkram und berechnete ein paar hundert Dollar pro Stunde, während die Hector Palmas sich um die unappetitlichen Einzelheiten kümmerten. Chance ging mit den Direktoren von RiverOaks zum Essen und spielte mit ihnen Golf. Das war seine Aufgabe als Teilhaber.

Er kannte wahrscheinlich nicht einmal die Namen derer, die aus dem Lagerhaus vertrieben worden waren, und warum sollte er auch? Es waren bloß Hausbesetzer — namenlos, gesichtslos, obdachlos. Er war nicht dabei gewesen, als die Polizisten sie aus ihren improvisierten Wohnungen gezerrt und auf die Straße gesetzt hatten. Hector Palma dagegen hatte es vermutlich gesehen.

Und solange Chance die Namen von Lontae Burton und ihren Kindern nicht kannte, konnte er auch keine Verbindung zwischen der Zwangsräumung und ihrem Tod sehen. Aber vielleicht sah er sie inzwischen. Vielleicht hatte es ihm jemand erzählt.

Die Antwort auf diese Fragen würde Hector Palma mir bald geben müssen. Heute war Mittwoch. Freitag war mein letzter Tag.

Rudolph beendete unser Frühstück um acht, gerade rechtzeitig für eine Besprechung mit sehr wichtigen Leuten. Ich setzte mich an den Schreibtisch und las die Washington Post. Im Lokalteil waren ein herzzerreißendes Foto der fünf geschlossenen Särge in der Kirche und ein ausführlicher Artikel über den Gottesdienst und die anschließende Demonstration.

Außerdem brachte die Post einen Kommentar, einen gut geschriebenen Appell an alle, die ein Dach über dem Kopf und genug zu essen hatten, über die vielen Lontae Burtons in unserer Stadt nachzudenken. Sie würden nicht einfach verschwinden. Man konnte sie nicht einsammeln und an irgendeinem entlegenen Ort aussetzen, wo man sie nicht sehen würde. Sie lebten in Autos, hausten in Hütten und froren in improvisierten Zelten, sie schliefen auf Parkbänken und standen Schlange für ein Bett in einer der überfüllten und manchmal gefährlichen Notunterkünfte. Sie lebten in derselben Stadt wie wir, sie gehörten zu unserer Gesellschaft. Wenn wir ihnen nicht halfen, würde ihre Zahl sich vervielfachen. Und sie würden weiterhin auf den Straßen unserer Stadt sterben.

Ich schnitt den Kommentar aus, faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Brieftasche.

___________

Über andere Gehilfen gelang es mir, ein Treffen mit Palma zu vereinbaren. Es wäre unklug gewesen, ihn offen anzusprechen — Chance lag vermutlich auf der Lauer.

Wir trafen uns in der Hauptbibliothek in der zweiten Etage zwischen Bücherregalen, weit entfernt von Überwachungskameras und neugierigen Blicken. Er war extrem nervös.

»Haben Sie mir den Aktendeckel auf den Tisch gelegt?« fragte ich ihn geradeheraus. Wir hatten keine Zeit für langwierige Eröffnungen.

»Was für einen Aktendeckel?« erwiderte er und warf gehetzte Blicke in alle Richtungen, als wären Scharfschützen dabei, uns ins Visier zu nehmen.

»Die Zwangsräumung für RiverOaks/TAG. Sie waren damit befaßt, stimmt’s?«

Er war sich nicht sicher, wie viel oder wie wenig ich wußte. »Ja«, sagte er.

»Wo ist die Akte?«

Er zog ein Buch aus dem Regal und tat so, als vertiefte er sich darin. »Chance hat alle Akten unter Verschluß.«

»In seinem Büro?«

»Ja. In einem verschlossenen Aktenschrank.« Wir sprachen im Flüsterton. Ich war vor diesem Treffen nicht nervös gewesen, doch nun ertappte ich mich dabei, daß ich mich prüfend umsah. Jeder, der uns beobachtete, würde sofort wissen, daß hier irgendwelche Heimlichkeiten vor sich gingen.

»Was steht in der Akte?« fragte ich.

»Schlimme Sachen.«

»Zum Beispiel?«

»Ich habe eine Frau und vier Kinder, und ich will meinen Job behalten.«

»Sie haben mein Wort.«

»Sie gehen bald. Ihnen kann’s egal sein.«

Gerüchte sprachen sich schnell herum. Ich war nicht überrascht. Schon oft hatte ich mich gefragt, wer wohl die größten Klatschmäuler waren — die Anwälte oder die Sekretärinnen. Wahrscheinlich die Anwaltsgehilfen.

»Warum haben Sie mir die Liste auf den Tisch gelegt?« fragte ich.

Er griff nach einem anderen Buch, und seine rechte Hand zitterte sichtlich. »Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«

Er blätterte in dem Buch und ging zum Ende des Regals. Ich folgte ihm und überzeugte mich, daß wir allein waren. Er blieb stehen und suchte noch ein Buch heraus; offenbar wollte er das Gespräch nicht abbrechen.

»Ich brauche die Akte«, sagte ich.

»Ich hab sie nicht.«

»Wie kann ich sie bekommen?«

»Sie werden sie klauen müssen.«

»Gut. Wo ist der Schlüssel.«

Er musterte mein Gesicht und versuchte herauszufinden, wie ernst ich es meinte. »Ich habe keinen Schlüssel«, sagte er.

»Wie sind Sie dann an die Liste gekommen?«

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«

»Doch, Sie wissen es. Sie haben sie mir auf den Schreibtisch gelegt.«

»Sie sind verrückt«, sagte er und ließ mich stehen. Ich sah ihm nach: Diesmal hielt er nirgends an, sondern ging an den Regalen, an den mit Büchern beladenen Lesetischen und der Ausleihe vorbei zum Ausgang und verschwand.

___________

Ganz gleich, was ich Rudolph glauben gemacht hatte — ich hatte nicht die Absicht, in meinen letzten drei Tagen in der Kanzlei bis zur Erschöpfung zu arbeiten. Statt dessen breitete ich Unterlagen zu verschiedenen Kartellfällen auf meinem Tisch aus, schloß die Tür, sah die Wand an und lächelte bei dem Gedanken an das, was ich hinter mir ließ. Mit jedem Atemzug ließ der Druck nach. Ich würde nicht mehr mit der Stoppuhr um den Hals arbeiten. Ich würde nicht mehr achtzig Stunden pro Woche schuften, nur weil meine ehrgeizigen Kollegen fünfundachtzig herunterrissen. Ich würde keine Vorgesetzten mehr umschmeicheln. Ich würde keine Alpträume mehr haben, in denen mir die Teilhaberschaft verweigert wurde.

Ich rief Mordecai an und nahm die Stelle an. Er lachte und machte Witze darüber, daß wir nun nur noch einen Weg finden müßten, mich zu bezahlen. Ich sollte am Montag anfangen, aber er bat mich, schon vorher vorbeizukommen, damit er mich kurz einweisen könne. Ich dachte an die Räumlichkeiten des Rechtsberatungsbüros in der 14th Street und fragte mich, welches der unbenutzten, vollgestellten Zimmer ich bekommen würde. Als gäbe es da Unterschiede.

Den späten Nachmittag verbrachte ich hauptsächlich damit, mir von Freunden und Kollegen, die überzeugt waren, daß ich den Verstand verloren hatte, ernst die Hand schütteln zu lassen.

Ich trug es mit Fassung. Schließlich war ich dabei, ein Heiliger zu werden.

___________

Inzwischen suchte meine Frau den Rat einer Scheidungsanwältin, die in dem Ruf stand, aus den Ehemännern ihrer Mandantinnen erbarmungslos das Äußerste herauszupressen.

Claire erwartete mich in der Küche, als ich gegen sechs, also recht früh, nach Hause kam. Der Küchentisch war mit Notizzetteln und Computerausdrucken bedeckt. Ein Taschenrechner lag bereit. Sie war kühl und gut vorbereitet. Diesmal lief ich in einen Hinterhalt.

»Ich schlage vor, wir lassen uns wegen unüberbrückbarer Differenzen scheiden«, begann sie freundlich. »Wir streiten uns nicht. Wir waschen keine schmutzige Wäsche. Wir gestehen uns ein, was wir uns bisher nicht eingestanden haben: daß unsere Ehe vorbei ist.«

Sie hielt inne und wartete darauf, daß ich etwas sagte. Ich konnte nicht so tun, als wäre ich überrascht. Sie hatte sich entschieden, und irgendwelche Einwände würden nichts ändern. Ich mußte einen ebenso kaltblütigen Eindruck wie sie machen. »Gut«, sagte ich so nonchalant wie möglich. Daß wir endlich ehrlich waren, hatte etwas Erleichterndes. Mich störte nur, daß sie mehr als ich auf eine Scheidung drängte.

Um die Initiative nicht aus der Hand zu geben, erwähnte sie die Zusammenkunft mit ihrer Anwältin, Jacqueline Hume, deren Namen sie wie eine Mörsergranate auf mich abfeuerte, und gab dann die abgedroschenen Ansichten zum Besten, die ihre neue Vertreterin geäußert hatte.

»Warum hast du dir eine Anwältin genommen?« unterbrach ich sie.

»Ich wollte sicher sein, daß ich nicht übervorteilt werde.«

»Glaubst du denn, daß ich dich übervorteilen würde?«

»Du bist Anwalt. Also brauche ich ebenfalls einen Anwalt. So einfach ist das.«

»Du hättest dir einen Haufen Geld sparen können«, sagte ich und versuchte, streitlustig zu wirken. Immerhin ging es hier um eine Scheidung.

»Trotzdem fühle ich mich jetzt viel wohler.«

Sie reichte mir Beweisdokument A, eine Aufstellung unserer Aktiva und Passiva. Beweisdokument B war ein schriftlicher Vorschlag, wie diese geteilt werden sollten. Es überraschte mich keineswegs, daß sie den größeren Teil haben wollte. Wir hatten zwölftausend Dollar auf dem Girokonto, und davon wollte sie die Hälfte, um den Bankkredit für ihren Wagen zu tilgen. Ich sollte zweitausendfünfhundert vom Rest bekommen. Die sechzehntausend, die ich noch für meinen Lexus abbezahlen mußte, waren ihr keine Erwähnung wert. Von den einundfünfzigtausend, die wir in Investmentfonds angelegt hatten, wollte sie vierzigtausend. Dafür durfte ich meinen Rentenanspruch behalten.

»Das ist nicht gerade eine gerechte Teilung«, sagte ich.

»Das soll sie auch gar nicht sein«, sagte sie mit dem Selbstvertrauen eines Menschen, der sich gerade einen Pit Bull gemietet hat.

»Und warum nicht?«

»Weil ich nicht derjenige bin, der eine Midlife crisis hat.«

»Dann ist es also meine Schuld?«

»Wir reden nicht von Schuld. Wir teilen die Vermögenswerte. Aus Gründen, die nur du verstehst, hast du dich entschlossen, neunzigtausend Dollar weniger zu verdienen. Warum sollte ich die Konsequenzen dafür tragen? Meine Anwältin ist zuversichtlich, daß sie den Richter wird überzeugen können, daß deine Handlungsweise uns in den finanziellen Ruin treibt. Wenn du ausflippen willst, bitte. Aber erwarte nicht, daß ich hungere.«

»Das wird nicht nötig sein.«

»Ich will mich nicht mit dir streiten.«

»Das würde ich auch nicht wollen, wenn ich alles bekäme.« Ich fühlte mich verpflichtet, sie ein bißchen zu ärgern. Wir waren nicht imstande, zu schreien oder mit Gegenständen zu werfen. Wir würden ganz sicher nicht weinen. Affären oder Drogenabhängigkeit konnten wir uns auch nicht unter die Nase reiben. Und das sollte eine Scheidung sein?

Offenbar eine sehr sterile. Claire ignorierte meinen Einwand und hielt sich, zweifellos von ihrer Anwältin präpariert, an ihre Notizen. »Der Mietvertrag läuft am 30. Juni aus. Bis dahin bleibe ich hier. Das macht zehntausend an Miete.«

»Und wann soll ich ausziehen?«

»So bald wie möglich.«

»Gut.« Wenn sie mich aus dem Haus haben wollte, würde ich nicht darum betteln, bleiben zu dürfen.

Es war ein Wettkampf: Wer von uns beiden konnte sich geringschätziger geben?