/ Language: Deutsch / Genre:thriller

Die Kammer

John Grisham


Die Kammer

John Grisham

1994

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Im Hochsicherheitstrakt des Staatsgefängnisses von Mississippi wartet Sam Cayhall auf die Hinrichtung. Er ist wegen eines tödlichen Bombenanschlags verurteilt. Seine Lage ist hoffnungslos. Nur der Anwalt Adam Hall kann ihm noch eine Chance bieten.

Es geht um Tage, Stunden, Minuten.

Sam Cayhall, Mitglied des Ku-Klux-Klans, hatte im Jahre 1967 eine Bombe in die Kanzlei des jüdischen Bürgerrechtsanwalts Marvin Kramer geworfen. Dabei starben Kramers beide kleine Söhne. Im darauffolgenden Prozeß kamen die Geschworenen nicht zu einem einhelligen Schuldspruch.

Zwölf Jahre später setzt sich ein Staatsanwalt für die Wiederaufnahme des Verfahrens ein, und da sich im Staat Mississippi und in den Köpfen der Südstaatler zwischenzeitlich einiges verändert hat, wird Cayhall dieses Mal des Mordes für schuldig befunden und zum Tode verurteilt.

1990 sitzt Sam Cayhall nunmehr seit über zehn Jahren in der Todeszelle und wartet auf seine Hinrichtung. Da möchte in der großen Anwaltskanzlei in Chicago, die Cayhall im Prozeß und in allen Berufungsanträgen vertreten hat, der jüngste Anwalt den Fall übernehmen. Keiner versteht Adam Hall, denn der eindeutig schuldige Verurteilte kann für ihn nur eine Niederlage bedeuten und seiner Karriere gehörig schaden.

Inhaltsverzeichnis

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DANKSAGUNGEN

Ich war früher Rechtsanwalt und habe Leute vertreten, die aller möglichen Verbrechen angeklagt waren. Glücklicherweise hatte ich nie einen Mandanten, der wegen Mordes vor Gericht stand und zum Tode verurteilt wurde. Ich brauchte nie einen Todestrakt aufzusuchen, nie das zu machen, was die Anwälte in dieser Geschichte tun.

Weil ich Recherchen hasse, habe ich das getan, was ich beim Schreiben eines Romans sonst auch immer tue: Ich habe mir erfahrene Anwälte gesucht und mich mit ihnen angefreundet; ich habe sie zu jeder Tages- und Nachtzeit angerufen und um Rat gefragt. Und an dieser Stelle möchte ich ihnen danken.

Leonard Vincent, der viele Jahre lang der Anwalt des Mississippi Department of Corrections war, ließ mich freimütig Einblick in seine Arbeit nehmen. Er erklärte mir die Gesetze, zeigte mir seine Akten, nahm mich in den Todestrakt mit und führte mich in dem riesigen Staatsgefängnis herum, das allgemein einfach Parchman genannt wird. Er erzählte mir viele Geschichten, die irgendwie ihren Weg in diese fanden. Leonard und ich kämpfen nach wie vor mit der moralischen Fragwürdigkeit der Todesstrafe, und ich vermute, das wird immer so bleiben. Dank auch seinen Mitarbeitern und den Wärtern und anderen Angestellten von Parchman.

Jim Craig ist ein überaus mitfühlender Mann und ein hervorragender Anwalt. Als Leitender Direktor des Mississippi Capital Defense Resource Center ist er der offizielle Anwalt der meisten Insassen des Todestrakts. Er steuerte mich gekonnt durch das undurchdringliche Labyrinth des Rechtsschutzes für bereits Verurteilte und der Habeas-Corpus-Taktik. Die unvermeidlichen Fehler habe ich gemacht, nicht er.

Ich habe mit Tom Freeland und Guy Gillespie zusammen Jura studiert, und ich danke ihnen für ihre bereitwillige Hilfe. Marc Smirnoff ist ein Freund und der Heraus geber von The Oxford American und er hat wie gewöhnlich das Manuskript durchgesehen, bevor ich es nach New York schickte.

Ich danke auch Robert Warren und William Ballard für ihre Hilfe. Und wie immer ein ganz spezielles Dankeschön an Renée, meine beste Freundin, die nach wie vor jedes neue Kapitel als erste begutachtet.

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Der Entschluß, das Büro des radikalen jüdischen Anwalts in die Luft zu sprengen, wurde relativ mühelos getroffen. Nur drei Leute waren an der Ausführung beteiligt. Der erste war der Mann mit dem Geld. Der zweite war ein Einheimischer, der das Terrain kannte. Und der dritte war ein junger Patriot und Fanatiker mit einem Talent für Sprengstoffe und einer erstaunlichen Fähigkeit, spurlos zu verschwinden. Nach dem Bombenanschlag flüchtete er aus dem Land und tauchte sechs Jahre in Nordirland unter.

Der Name des Anwalts war Marvin Kramer, ein Jude, dessen mit Handel wohlhabend gewordene Familie seit vier Generationen in Mississippi lebte. Er wohnte in einem Vorkriegshaus in Greenville, einer Stadt am Fluß mit einer kleinen, aber einflußreichen jüdischen Gemeinde, einem netten Ort, der nur wenige Rassenunruhen erlebt hatte. Er war Anwalt geworden, weil der Handel ihn langweilte. Wie den meisten Juden deutscher Abstammung war es auch seiner Familie ohne große Mühe gelungen, sich an die Kultur des Tiefen Südens anzupassen, und sie hielten sich für nichts anderes als für typische Südstaatler, die nur zufällig eine andere Religion hatten. Sie verschmolzen mit dem Rest der etablierten Gesellschaft und gingen ihren Geschäften nach.

Marvin war anders. Sein Vater schickte ihn Ende der fünfziger Jahre auf die Universität Brandeis im Norden. Dort verbrachte er vier Jahre und anschließend drei Jahre an der juristischen Fakultät der Columbia University, und als er 1964 nach Greenville zurückkehrte, war die Bürgerrechtsbewegung in Mississippi in vollem Gange. Marvin stürzte sich ins Getümmel. Knapp einen Monat nach Eröffnung seiner kleinen Kanzlei wurde er zusammen mit zwei Mitstudenten aus Brandeis verhaftet, weil er versucht hatte, schwarze Wähler zu registrieren. Sein Vater war wütend. Seine Familie war peinlich berührt, aber das kümmerte Marvin nicht im geringsten. Er erhielt seine erste Todesdrohung im Alter von fünfundzwanzig Jahren und legte sich eine Waffe zu. Er kaufte eine Pistole für seine Frau, die aus Memphis stammte, und wies ihr schwarzes Dienstmädchen an, immer eine Waffe in der Handtasche bei sich zu tragen. Die Kramers hatten zwei Söhne, zwei Jahre alte Zwillinge.

Die erste Zivilklage, die 1965 von der Kanzlei von Marvin B. Kramer und Partner (noch gab es keine Partner) eingereicht wurde, richtete sich gegen eine Unmenge angeblich diskriminierender Wahlpraktiken lokaler Amtsträger. Sie machte Schlagzeilen im ganzen Staat, und Marvins Foto erschien in den Zeitungen. Außerdem wurde sein Name vom Ku-Klux-Klan auf eine Liste zu verfolgender Juden gesetzt. Er war ein radikaler jüdischer Anwalt mit einem Bart und entschieden zu liberalen Ansichten, ausgebildet von Juden im Norden und jetzt damit beschäftigt, mit den Negern im Mississippi-Delta zu marschieren und sie zu vertreten. Das würde man nicht dulden.

Später gab es Gerüchte, daß Anwalt Kramer aus eigenen Mitteln Kautionen für Freedom Riders und andere Bürgerrechtler stellte. Er reichte Klagen ein gegen Einrichtungen, die nur für Weiße zugänglich waren. Er bezahlte für den Wiederaufbau einer vom Klan gesprengten Schwarzenkirche. Er wurde sogar dabei beobachtet, wie er Neger in seinem Haus willkommen hieß. Er hielt Reden vor jüdischen Vereinigungen im Norden und drängte sie, sich am Kampf zu beteiligen. Er schrieb flammende Briefe an Zeitungen, von denen nur wenige gedruckt wurden. Anwalt Kramer marschierte tapfer seiner Vernichtung entgegen.

Die Anwesenheit eines Nachtwächters, der friedlich zwischen den Blumenbeeten patrouillierte, verhinderte eine Attacke auf das Haus der Kramers. Marvin bezahlte den Wachmann damals bereits seit zwei Jahren. Er war ein ehemaliger Polizist und schwer bewaffnet, und die Kramers ließen ganz Greenville wissen, daß sie von einem Meisterschützen bewacht wurden. Natürlich wußte der Klan über den Wachmann Bescheid, und er wußte auch, daß er gegen ihn nichts ausrichten konnte. Deshalb wurde der Beschluß gefaßt, anstelle von Marvin Kramers Haus sein Büro in die Luft zu sprengen.

Die eigentliche Planung des Unternehmens dauerte nicht lange, in erster Linie deshalb, weil nur so wenige Personen daran beteiligt waren. Der Mann mit dem Geld, ein wortgewaltiger Prophet der weißen Vorherrschaft namens Jeremiah Dogan, war damals Imperial Wizard und damit Anführer des Klans in Mississippi. Sein Vorgänger war im Gefängnis gelandet, und Jerry Dogan genoß es, die Bombenanschläge zu organisieren. Er war nicht dumm. Im Gegenteil, das FBI gab später zu, daß Dogan als Terrorist Beachtliches geleistet hatte, weil er die schmutzige Arbeit an kleine, autonome Gruppen von Ausführenden delegierte, die völlig unabhängig voneinander operierten. Das FBI hatte es geschafft, den Klan mit Informanten zu infiltrieren, und Dogan traute niemandem außer Angehörigen seiner Familie und einer Handvoll Komplizen. Ihm gehörte die größte Gebrauchtwagenfirma in Meridian, Mississippi, und er machte eine Menge Geld mit allen möglichen zwielichtigen Geschäften. Manchmal predigte er in ländlichen Kirchen.

Der zweite Angehörige des Teams war ein Klansmann namens Sam Cayhall aus Clanton, Mississippi, in Ford County, drei Autostunden nördlich von Meridian und eine Stunde südlich von Memphis. Das FBI wußte über Cayhall Bescheid, nicht aber über seine Verbindung zu Dogan. Das FBI hielt ihn für harmlos, weil er in einem Teil des Staates lebte, in dem es kaum Klan-Aktivitäten gab. In letzter Zeit waren in Ford County ein paar Kreuze angezündet worden, aber es hatte keine Sprengstoffanschläge gegeben, keine Morde. Das FBI wußte, daß auch Cayhalls Vater dem Klan angehört hatte, aber aufs Ganze gesehen schien die Familie ziemlich passiv zu sein. Daß Dogan Sam Cayhall anwarb, war ein brillanter Schachzug.

Der Anschlag auf Kramers Büro begann mit einem Telefonanruf am Abend des 17. April 1967. Weil er mit gutem Grund argwöhnte, daß sein Telefon angezapft war, wartete Jeremiah Dogan bis Mitternacht und fuhr dann zu einem Münzfernsprecher an einer Tankstelle südlich von Meridian. Außerdem argwöhnte er, daß das FBI ihn beschattete, was übrigens zutraf. Sie beobachteten ihn, aber sie hatten keine Ahnung, wen er anrief.

Sam Cayhall hörte am anderen Ende aufmerksam zu, stellte ein oder zwei Fragen, dann legte er auf. Er kehrte in sein Bett zurück, ohne seiner Frau etwas zu sagen. Sie wußte, daß sie nicht fragen durfte. Am nächsten Morgen verließ er früh das Haus und fuhr in die Stadt Clanton. Er frühstückte wie jeden Tag in The Coffee Shoppe, dann telefonierte er von einem Münzfernsprecher im Gerichtsgebäude von Ford County.

Zwei Tage später, am 20. April, verließ Cayhall bei Anbruch der Dunkelheit Clanton und fuhr zwei Stunden nach Cleveland, Mississippi, einer College-Stadt im Delta, eine Fahrstunde von Greenville entfernt. Dort wartete er vierzig Minuten auf dem Parkplatz eines belebten Einkaufszentrums, konnte aber keinen grünen Pontiac entdecken. Er aß ein gebratenes Hähnchen in einem billigen Restaurant, dann fuhr er nach Greenville, um die Kanzlei von Marvin B. Kramer und Partner auszukundschaften. Cayhall hatte zwei Wochen zuvor einen Tag in Greenville verbracht und kannte die Stadt ziemlich gut. Er fand Kramers Büro, dann fuhr er an seinem stattlichen Haus vorbei und danach zurück zur Synagoge. Dogan hatte gesagt, die Synagoge käme möglicherweise als nächstes an die Reihe, aber zuerst müßten sie dem jüdischen Anwalt eine Lektion erteilen. Um elf war Cayhall wieder in Cleveland, und der grüne Pontiac stand nicht auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums, sondern vor einer Raststätte am Highway 61, einem Ort, der als zweite Wahl vorgesehen war. Er fand den Zündschlüssel unter der Bodenmatte auf der Fahrerseite und machte sich zu einer Spritztour durch die üppigen Felder des Deltas auf. Er bog auf eine Farmstraße ab und öffnete den Kofferraum. In einem mit Zeitungspapier abgedeckten Karton fand er fünfzehn Stangen Dynamit, drei Sprengkapseln und eine Zündschnur. Er fuhr zurück und wartete in einem Lokal, das die ganze Nacht geöffnet hatte.

Um genau zwei Uhr erschien das dritte Mitglied des Teams in der belebten Raststätte und ließ sich Sam Cayhall gegenüber nieder. Sein Name war Rollie Wedge; er war ein junger Mann, nicht älter als zweiundzwanzig, und dennoch ein vertrauenswürdiger Veteran des Krieges gegen die Bürgerrechtsbewegung. Er sagte, er käme aus Louisiana und wohnte jetzt irgendwo in den Bergen, wo ihn niemand finden konnte, und obwohl er sich nie mit seinen Taten brüstete, hatte er Sam Cayhall mehrmals erzählt, daß er fest damit rechnete, im Kampf um die Vorherrschaft der Weißen ums Leben zu kommen. Sein Vater gehörte zum Klan und besaß eine Abbruchfirma, und von ihm hatte Rollie den Umgang mit Sprengstoff gelernt.

Sam wußte kaum etwas von Rollie Wedge und glaubte nicht viel von dem, was er ihm erzählte. Er fragte Dogan nie, wo er den Jungen aufgetrieben hatte.

Sie tranken Kaffee und unterhielten sich eine halbe Stunde über Belanglosigkeiten. Cayhalls Becher zitterte gelegentlich vor Nervosität, aber Rollie war ganz ruhig. Er zuckte nicht einmal mit den Augenlidern. Es war nicht ihr erstes Zusammentreffen dieser Art, und Cayhall staunte über soviel Gelassenheit bei einem derart jungen Mann. Er hatte Jeremiah Dogan berichtet, daß der Junge nie in Aufregung geriet, nicht einmal dann, wenn sie sich ihrem Ziel näherten und er mit dem Dynamit hantierte.

Wedge fuhr einen Wagen, den er am Flughafen von Memphis gemietet hatte. Er holte einen kleinen Beutel vom Rücksitz, verschloß den Wagen und ließ ihn an der Raststätte stehen. Der grüne Pontiac mit Cayhall am Steuer verließ Cleveland und fuhr auf dem Highway 61 in Richtung Süden. Es war fast drei Uhr, und es herrschte keinerlei Verkehr. Ein paar Meilen südlich des Dorfes Shaw bog Cayhall auf einen dunklen Feldweg ab und hielt an. Rollie wies ihn an, im Wagen zu bleiben, während er den Sprengstoff inspizierte. Sam gehorchte. Rollie nahm seinen Beutel mit zum Kofferraum, wo er das Dynamit, die Sprengkapseln und die Zündschnur begutachtete. Er ließ den Beutel im Kofferraum, machte ihn zu und befahl Sam, nach Greenville zu fahren.

Gegen vier Uhr fuhren sie zum erstenmal an Kramers Kanzlei vorbei. Die Straße war dunkel und menschenleer, und Rollie sagte etwas in dem Sinne, daß dies sein bisher einfachster Job sein würde.

≫Ein Jammer, daß wir nicht sein Haus in die Luft jagen können≪, meinte er leise, als sie am Haus der Kramers vorbeifuhren.

≫Ja, ein Jammer≪, sagte Sam nervös. ≫Aber du weißt doch, er hat einen Wachmann.≪

≫Ja, ich weiß. Aber der Wachmann wäre kein Problem.≪

≫Ja, kann sein. Aber da drin sind Kinder.≪

≫Man muß sie umbringen, solange sie noch jung sind≪, sagte Rollie. ≫Aus kleinen Judenjungen werden große Judenschweine.≪

Cayhall parkte den Wagen in einer Gasse hinter Kramers Büro. Er schaltete den Motor aus, und die beiden Männer öffneten leise den Kofferraum, holten den Karton und den Beutel heraus und schlichen an einer Hecke entlang zur Hintertür.

Sam Cayhall brach mit einem Stemmeisen die Hintertür des Büros auf, und binnen Sekunden waren sie drinnen. Zwei Wochen zuvor hatte Sam vorgegeben, er hätte sich verlaufen, und die Empfangsdame nach dem Weg gefragt, dann hatte er darum gebeten, die Toilette benutzen zu dürfen. Auf dem Hauptflur, auf halbem Wege zwischen der Toilette und dem, was offenbar Kramers Büro war, stand ein schmaler, mit Stapeln von alten Akten und anderem juristischen Abfall gefüllter Schrank.

≫Bleib an der Tür und beobachte die Gasse≪, flüsterte Rollie gelassen, und Sam hielt sich nur allzu gern an diese Aufforderung. Ihm war es lieber, einfach nur Wache zu schieben, statt selber mit dem Sprengstoff herumzuhantieren.

Rollie stellte rasch den Karton auf den Boden des Schrankes und verdrahtete das Dynamit. Es war ein riskantes Unternehmen, und Sams Herz raste, während er wartete. Er wendete dem Sprengstoff immer den Rücken zu, für den Fall, daß etwas passierte.

Sie hielten sich keine fünf Minuten in dem Büro auf. Dann waren sie wieder in der Gasse und schlenderten in aller Ruhe zu dem grünen Pontiac. Es war alles so einfach. Sie hatten das Büro eines Grundstücksmaklers in Jackson in die Luft gesprengt, weil der Mann ein Haus an ein schwarzes Ehepaar verkauft hatte. Es war ein jüdischer Makler gewesen. Sie hatten eine kleine Zeitungsredaktion gesprengt, weil der Herausgeber sich neutral über die Rassentrennung geäußert hatte. Sie hatten eine Synagoge in Jackson zerstört, die größte im ganzen Staat.

Im Dunkeln fuhren sie durch die Gasse, und als der grüne Pontiac eine Nebenstraße erreicht hatte, schaltete Sam die Scheinwerfer ein.

Bei sämtlichen früheren Anschlägen hatte Wedge eine Fünfzehn-Minuten-Zündschnur benutzt, eine, die einfach mit einem Streichholz angezündet wurde, ähnlich wie ein Feuerwerkskörper. Und ein Teil der Übung war gewesen, daß die beiden Attentäter mit heruntergekurbelten Fenstern irgendwo am Ortsrand herumfuhren, wenn die Sprengladung hochging. Sie hatten jede der früheren Explosionen gehört und gespürt, in angemessener Entfernung, während sie sich in aller Seelenruhe in Sicherheit brachten.

Aber in dieser Nacht würde es anders sein. Sam bog irgendwo falsch ab, und plötzlich standen sie an einem Bahnübergang mit blinkenden Warnlichtern, während vor ihnen ein Güterzug vorbeirumpelte. Ein ziemlich langer Güterzug. Sam sah mehr als einmal auf die Uhr. Rollie sagte nichts. Der Zug war vorbei, und Sam bog abermals falsch ab. Sie waren in der Nähe des Flusses, mit einer Brücke in einiger Entfernung, und die Straße war mit heruntergekommenen Häusern gesäumt. Sam schaute einmal mehr auf die Uhr. In weniger als fünf Minuten würde die Erde erbeben, und er zog es vor, in der Dunkelheit eines einsamen Highways zu verschwinden, wenn es passierte. Rollie zappelte einmal, als wäre er verärgert über seinen Fahrer, sagte aber nichts.

Und wieder um die Ecke in die nächste Straße. Greenville war keine sonderlich große Stadt, und Sam dachte, wenn er auch weiterhin immer neue Abzweigungen nahm, würde er schon irgendwann wieder in eine vertraute Gegend kommen. Die nächste Kehre aber erwies sich als die letzte. Sam stieg auf die Bremse, sobald ihm bewußt wurde, daß er in der falschen Richtung in eine Einbahnstraße abgebogen war, und als er auf die Bremse trat, setzte der Motor aus. Er riß den Schalthebel auf Parken und drehte den Zündschlüssel. Der Anlasser lief einwandfrei, aber der Motor wollte einfach nicht starten. Dann Benzingeruch.

≫Verdammt!≪ sagte Sam mit zusammengebissenen Zähnen.

≫Verdammt!≪

Rollie saß tief in seinem Sitz und schaute aus dem Fenster.

≫Verdammt! Er ist abgesoffen!≪ Er drehte abermals den Zündschlüssel, mit dem gleichen Ergebnis.

≫Mach die Batterie nicht leer≪, sagte Rollie langsam, gelassen.

Sam war einer Panik nahe. Obwohl er sich verirrt hatte, war er ziemlich sicher, daß sie nicht weit von der Innenstadt entfernt waren. Er holte tief Luft und beobachtete die Straße. Noch ein Blick auf die Uhr. Es waren keine anderen Fahrzeuge in Sicht.

Alles ruhig. Es war die perfekte Szenerie für ein Sprengstoffattentat. Er konnte das Feuer sehen, das sich auf den Fußbodendielen entlang fraß. Er konnte die Erschütterung der Erde spüren. Er konnte das Getöse von berstendem Holz und Gipsplatten, Ziegelsteinen und Glas hören. Verdammt, dachte Sam, während er versuchte, sich zu beruhigen, wir könnten sogar von den Trümmern getroffen werden.

≫Man hätte meinen sollen, daß Dogan uns einen anständigen Wagen schickt≪, murmelte er. Rollie reagierte nicht, sondern hielt den Blick auf etwas außerhalb des Wagens gerichtet.

Seit sie Kramers Büro verla ssen hatten, waren mindestens fünfzehn Minuten vergangen, und es wurde Zeit für das Feuerwerk. Sam wischte sich Schweißperlen von der Stirn und versuchte noch einmal, den Wagen zu starten. Zu seiner großen Erleichterung klappte es. Er grinste Rollie an, der einen vollkommen gleichgültigen Eindruck machte, und setzte den Wagen ein paar Meter zurück, dann gab er Gas. Die erste Straße kam ihm bekannt vor, und zwei Blocks weiter waren sie auf der Main Street. ≫Was für eine Zündschnur hast du benutzt?≪ fragte Sam schließlich, als sie auf den Highway 82 abbogen, kaum zehn Blocks von Kramers Büro entfernt.

Rollie zuckte die Achseln, als wäre das seine Sache und Sam hätte nicht zu fragen. Sie wurden langsamer, als sie ein stehendes Polizeifahrzeug passierten, dann hatten sie den Stadtrand erreicht, und Sam beschleunigte. Minuten später lag Greenville hinter ihnen.

≫Was für eine Zündschnur hast du benutzt?≪ fragte Sam noch einmal mit einem Anflug von Gereiztheit in der Stimme.

≫Ich habe was Neues ausprobiert≪, erwiderte Rollie, ohne ihn anzusehen.

≫Was?≪

≫Würdest du nicht verstehen≪, sagte Rollie, und Sam wurde allmählich richtig wütend.

≫Einen Zeitzünder?≪ fragte er ein paar Meilen weiter.

≫So etwas Ähnliches.≪

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Sie fuhren in völligem Schweigen nach Cleveland. Ein paar Meilen lang, während die Lichter von Greenville in der flachen Landschaft verschwanden, hatte Sam halb damit gerechnet, einen Feuerball zu sehen oder ein fernes Rumpeln zu hören. Nichts passierte. Wedge brachte es sogar fertig, ein Nickerchen zu machen.

Die Raststätte war voll, als sie ankamen. Wie immer ließ Rollie sich einfach von seinem Sitz gleiten und machte die Beifahrertür hinter sich zu. ≫Bis zum nächsten Mal≪, sagte er mit einem Lächeln durch das offene Fenster hindurch, dann ging er zu seinem Mietwagen. Sam schaute ihm nach und staunte abermals über seine Unerschütterlichkeit.

Inzwischen war es kurz nach halb sechs, und im Osten durchbrach ein Anflug von Orange die Dunkelheit. Sam lenkte den grünen Pontiac auf den Highway 61 und fuhr südwärts.

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Der Horror des Kramer-Attentats begann ungefähr um die Zeit, als sich Rollie Wedge und Sam Cayhall in Cleveland trennten. Er fing an mit dem Wecker auf dem Nachttisch, nicht weit von Ruth Kramers Kopfkissen entfernt. Als er wie üblich um halb sechs klingelte, wußte Ruth sofort, daß sie krank war. Sie hatte leichtes Fieber, heftige Schmerzen in den Schläfen, und ihr war sehr schlecht. Marvin half ihr in das nicht weit entfernte Badezimmer, wo sie eine halbe Stunde blieb. Ein gemeiner Grippevirus machte seit ungefähr einem Monat die Runde durch Greenville und hatte jetzt seinen Weg ins Haus der Kramers gefunden.

Um halb sieben weckte das Dienstmädchen die Zwillinge Josh und John und hatte sie schnell gebadet, angezogen und mit Frühstück versorgt. Marvin hielt es für das beste, sie wie vorgesehen in den Kindergarten zu bringen, damit sie aus dem Haus kamen und, wie er hoffte, weg von dem Virus. Er bat einen befreundeten Arzt telefonisch um ein Rezept und gab dem Mädchen zwanzig Dollar, damit es in einer Stunde das Medikament in der Apotheke abholen konnte. Dann verabschiedete er sich von Ruth, die mit einem Kissen unter dem Kopf und einem Eisbeutel auf dem Gesicht auf dem Badezimmerfußboden lag, und verließ mit den Jungen das Haus.

Seine Kanzlei befaßte sich nicht ausschließlich mit Bürgerrechts-Prozessen; von denen gab es 1967 in Mississippi nicht so viele, daß man davon leben konnte. Er bearbeitete ein paar Kriminalfälle und eine ganze Reihe von Zivilsachen — Scheidungen, Grundstücksauflassungen, Konkurse, Immobilien. Und ungeachtet der Tatsache, daß sein Vater kaum mit ihm redete und der Rest der Familie kaum jemals seinen Namen aussprach, verbrachte Marvin ein Drittel seiner Zeit im Büro mit der Arbeit an Familienangelegenheiten. An diesem speziellen Morgen sollte er um neun Uhr vor Gericht erscheinen, um einen Antrag in einem Prozeß zu begründen, bei dem es um den Immobilienbesitz seines Onkels ging.

Die Zwillinge liebten seine Kanzlei. Der Kindergarten wurde erst um acht geöffnet, also konnte Marvin noch eine Weile arbeiten, bevor er die Jungen ablieferte und sich anschließend ins Gericht begab. Das passierte vielleicht einmal im Monat. In der Tat verging kaum ein Tag, ohne daß einer der Zwillinge Marvin bat, sie in sein Büro mitzunehmen und erst danach in den Kindergarten zu bringen.

Sie kamen gegen halb acht im Büro an, und sobald sie drinnen waren, steuerten die Zwillinge sofort auf den Schreibtisch der Sekretärin los und auf den dicken Stapel Papier, der darauf wartete, geschnitten, kopiert, zusammengeheftet und in Umschläge gesteckt zu werden. Die Kanzlei war ziemlich weitläufig und mit Anbauten im Laufe der Jahre hier und dort erweitert worden. Durch die Vordertür gelangte man in eine kleine Diele, in der, fast unter einer Treppe, der Schreibtisch der Empfangsdame stand. An der Wand standen vier Stühle für wartende Mandanten. Auf den Stühlen lagen Zeitschriften herum. Rechts und links der Diele befanden sich kleine Büros — inzwischen arbeiteten drei weitere Anwälte für Marvin. Von der Diele aus führte ein Flur durchs Zentrum des Erdgeschosses, so daß man von der Vordertür aus die ungefähr fünfundzwanzig Meter entfernte Rückfront des Gebäudes sehen konnte. Marvins Büro war der größte Raum im Erdgeschoß, die letzte Tür auf der linken Seite, direkt neben dem vollgestopften Schrank. Dem Schrank genau gegenüber lag das Büro von Marvins Sekretärin. Sie hieß Helen und war eine attraktive junge Frau, von der Marvin seit achtzehn Monaten träumte.

Oben, im ersten Stock, lagen die engen Büros eines der anderen Anwälte und zweier Sekretärinnen. Im zweiten Stock gab es weder Heizung noch Klimaanlage; er wurde als Speicher benutzt.

Marvin traf normalerweise zwischen halb acht und acht im Büro ein, weil er gern eine ruhige Stunde zum Arbeiten hatte, bevor seine Mitarbeiter kamen und das Telefon zu läuten begann. Wie immer war er auch am Freitag, dem 21. April, der erste.

Er schloß die Vordertür auf, schaltete das Licht ein und blieb in der Diele stehen. Er ermahnte die Zwillinge, auf Helens Schreibtisch kein Chaos anzurichten, aber sie waren bereits den Flur entlanggestürmt und hörten kein Wort. Als Marvin zum erstenmal den Kopf hineinsteckte und sie nochmals ermahnte, hatte Josh bereits die Schere in der Hand und John den Hefter. Er lächelte, dann begab er sich in sein Büro, wo er bald darauf tief in Recherchen versunken war.

Ungefähr Viertel vor acht, wie er sich später im Krankenhaus erinnerte, war Marvin die Treppe zum zweiten Stock hinaufgestiegen, um eine alte Akte zu holen, die, wie er glaubte, für den Fall, an dem er gerade arbeitete, relevant war. Er murmelte etwas vor sich hin, während er die Treppe hinaufeilte. Wie sich die Dinge entwickelten, rettete diese alte Akte ihm das Leben. Die Jungen lachten irgendwo auf dem Flur im Erdgeschoß.

Die Detonation schoß mit etlichen hundert Metern pro Sekunde aufwärts und in die Horizontale. Fünfzehn Stangen Dynamit verwandeln ein Haus mit Holzkonstruktion binnen Sekunden in Splitter und Geröll. Es dauerte eine volle Minute, bis die zerfetzten Balkenteile und andere Trümmer auf die Erde zurückkehrten. Der Grund schien zu zittern wie bei einem kleinen Erdbeben, und Glasscherben regneten, wie Zeugen später erklärten, eine Ewigkeit lang auf die Innenstadt von Greenville herab.

Josh und John Kramer waren keine fünf Meter vom Epizentrum der Detonation entfernt und bekamen glücklicherweise nichts von dem mehr mit, was passierte. Sie mußten nicht leiden. Ihre zerschmetterten Körper wurden von Feuerwehrleuten unter einer zwei Meter dicken Geröllschicht gefunden. Marvin Kramer wurde zuerst an die Decke des zweiten Stocks geschleudert und fiel dann bewußtlos zusammen mit den Trümmern des Daches in den rauchenden Krater im Zentrum des Gebäudes. Er wurde zwanzig Minuten später gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Drei Stunden später hatte man ihm beide Beine an den Knien amputiert.

Die Detonation erfolgte genau um sieben Uhr sechsundvierzig, und das war gewissermaßen ein Glück. Helen, Marvins Sekretärin, verließ gerade das vier Blocks entfernte Postamt und spürte die Druckwelle. Zehn Minuten später, und sie wäre im Haus gewesen und hätte Kaffee gemacht. David Lukland, ein junger Anwalt, der für Marvin arbeitete, wohnte drei Blocks entfernt und hatte gerade seine Wohnungstür abgeschlossen, als er die Detonation hörte. Zehn Minuten später, und er hätte in seinem Büro im ersten Stock seine Post durchgesehen.

In dem Bürohaus nebenan brach ein kleines Feuer aus, und obwohl es schnell wieder gelöscht wurde, trug es erheblich zu der allgemeinen Aufregung bei. Der Rauch war ein paar Augenblicke lang sehr dick, und die Leute eilten heraus.

Zwei Passanten waren verletzt worden. Ein knapp einen Meter langes Balkenstück landete hundert Meter entfernt auf einem Gehsteig, prallte ab und traf das Gesicht von Mrs. Mildred Talton, die gerade von ihrem geparkten Wagen zurücktrat und in die Richtung der Explosion schaute. Sie trug eine gebrochene Nase und eine große Fleischwunde davon; beides heilte jedoch im Laufe der Zeit.

Die zweite Verletzung war geringfügig, aber sehr bedeutsam. Ein Fremder namens Sam Cayhall ging langsam auf Kramers Büro zu, als die Erde so stark erbebte, daß er das Gleichgewicht verlor und über einen Bordstein stolperte. Als er sich wieder auf die Beine mühte, trafen ihn herumfliegende Glassplitter einmal ins Genick und einmal in die linke Wange. Er ging hinter einem Baum in Deckung, während um ihn herum Trümmer und Scherben herabregneten. Er starrte auf die Verheerung vor sich, dann rannte er davon.

Blut tropfte von seiner Wange und rann auf sein Hemd. Er stand unter Schock und konnte sich später kaum an Einzelheiten erinnern. Wieder in demselben grünen Pontiac verließ er eiligst die Innenstadt, und wenn er aufgepaßt und nachgedacht hätte, wäre es ihm wahrscheinlich gelungen, zum zweitenmal ungesehen aus Greenville zu verschwinden. Zwei Polizisten in einem Streifenwagen jagten auf die Explosionsmeldung hin in das Geschäftsviertel, als sie einen grünen Pontiac sahen, der sich aus irgendeinem Grund weigerte, aufs Bankett auszuweichen und ihnen Platz zu machen. Die Sirenen des Streifenwagens heulten, das Warnlicht blinkte, die Hupe dröhnte, und drinnen fluchten die Polizisten, aber der grüne Pontiac blieb einfach auf seiner Spur stehen und rührte sich nicht von der Stelle. Die Polizisten hielten an, rannten auf ihn zu, rissen die Tür auf und fanden einen blutüberströmten Mann. Handschellen schlossen sich um Sams Handgelenke. Er wurde grob auf den Rücksitz des Streifenwagens gestoßen und ins Gefängnis gebracht. Der Pontiac wurde beschlagnahmt.

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Die Bombe, die die Kramer-Zwillinge tötete, war von der allerprimitivsten Art. Fünfzehn Stangen Dynamit, mit grauem Isolierband fest zusammengeschnürt. Aber es gab keine Zündschnur. Rollie Wedge hatte statt dessen einen Zeitzünder benutzt, einen billigen Wecker zum Aufziehen. Er hatte den Minutenzeiger von dem Wecker entfernt und zwischen den Ziffern sieben und acht ein kleines Loch gebohrt. In dieses kleine Loch hatte er einen Metallstift gesteckt, der, wenn er von dem Stundenzeiger berührt wurde, den Stromkreis schloß und die Bombe detonieren ließ. Rollie wollte mehr Zeit, als eine Fünfzehn-Minuten-Zündschnur liefern konnte. Außerdem hielt er sich für einen Experten und wollte mit neuen Vorrichtungen experimentieren.

Vielleicht war der Stundenzeiger ein bißchen verbogen. Vielleicht war das Zifferblatt des Weckers nicht völlig eben. Vielleicht hatte Rollie in seinem Eifer den Wecker zu stark oder nicht stark genug aufgezogen. Es war schließlich Rollies erster Versuch mit einem Zeitzünder. Oder vielleicht hatte der Zeitzünder auch genau so funktioniert, wie er es geplant hatte.

Aber was auch immer der Grund oder der Vorwand gewesen sein mochte, bei der Bombenkampagne von Jeremiah Dogan und dem Ku-Klux-Klan war jetzt in Mississippi jüdisches Blut vergossen worden. Und damit war die Kampagne praktisch beendet.

2

Nachdem man die Toten geborgen hatte, riegelte die Polizei von Greenville das Gebiet um die Ruine ab und hielt die Leute fern. Wenige Stunden später wurde das Gelände einem FBI-Team aus Jackson überlassen, und bevor es dunkel wurde, siebten Sprengstoffexperten die Trümmer durch. Dutzende von FBI-Agenten machten sich an die mühsame Arbeit, jedes winzige Stückchen aufzuheben, es zu untersuchen, jemand anderem zu zeigen und dann beiseite zu legen, damit es an einem anderen Tag mit etwas anderem zusammengefügt werden konnte. Ein leeres Baumwoll-Lagerhaus am Stadtrand wurde angemietet und diente als Aufbewahrungsort für die Kramer-Trümmer.

Im Laufe der Zeit würde das FBI bestätigen, was man von Anfang an vermutet hatte. Dynamit, ein Zeitzünder und ein paar Drähte. Eine primitive Bombe, zusammengebastelt von einem Amateur, der von Glück reden konnte, daß er sich nicht selbst in die Luft gesprengt hatte.

Marvin Kramer wurde rasch in ein besseres Krankenhaus in Memphis geflogen; drei Tage lang wurde sein Zustand als kritisch, aber stabil bezeichnet. Ruth Kramer kam mit einem Schock ins Krankenhaus, zuerst in Greenville, dann wurde sie mit einer Ambulanz in dasselbe Krankenhaus in Memphis gebracht. Sie teilten sich ein Zimmer, Mr. und Mrs. Kramer, und außerdem teilten sie sich eine ausreichende Menge von Sedativen. Zahllose Ärzte und Verwandte umstanden ihre Betten. Ruth war in Memphis geboren und aufgewachsen, es gab also massenhaft Freunde, die sie besuchten.

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Als sich der Staub um Marvins Büro herum legte, fegten die Nachbarn, viele von ihnen Ladenbesitzer und Angestellte aus anderen Büros, Glas von den Gehsteigen und flüsterten miteinander, während sie zusahen, wie die Polizei und die Rettungsmannschaft mit dem Graben begannen. Ein Gerücht machte die Runde durch die Innenstadt von Memphis, demzufolge bereits ein Verdächtiger festgenommen worden war. Um die Mittagszeit wußten praktisch alle Zuschauer, daß der Name des Mannes Sam Cayhall war, aus Clanton, Mississippi, daß er zum Klan gehörte und daß er bei dem Anschlag verletzt worden war. Ein Bericht lieferte gräßliche Einzelheiten über einen weiteren Bombenanschlag Cayhalls mit allen möglichen fürchterlichen Verletzungen und verstümmelten Leichen, bei denen es sich jedoch um mittellose Neger handelte. In einem anderen Bericht war von der grandiosen Tapferkeit der Polizei von Greenville die Rede, die diesen Irren Sekunden nach der Detonation gefaßt hatte. In den Mittagsnachrichten bestätigte die Fernsehstation von Greenville, was bereits bekannt war: daß die beiden kleinen Jungen tot waren, daß ihr Vater schwere Verletzungen davongetragen hatte und daß Sam Cayhall festgenommen worden war.

Es fehlte nicht viel daran, daß Sam Cayhall gegen Zahlung von dreißig Dollar freigelassen worden wäre. Als man ihn aufs Polizeirevier gebracht hatte, war er seiner Sinne wieder mächtig und hatte sich bei den wütenden Polizisten dafür entschuldigt, daß er ihnen die Straße nicht freigemacht hatte. Gegen ihn wurde eine sehr geringfügige Anklage erhoben, dann wurde er in eine Wartezelle gebracht, bis über ihn entschieden war und er entlassen wurde. Die beiden Polizisten, die ihn festgenommen hatten, fuhren davon, um das zerstörte Gebäude zu inspizieren.

Ein Wärter, der gleichzeitig als Gefängnissanitäter fungierte, erschien mit einem ramponierten Erste-Hilfe-Kasten und wusch ihm das getrocknete Blut aus dem Gesicht. Die Blutung hatte aufgehört. Sam erklärte abermals, daß er in eine Schlägerei in einer Kneipe verwickelt gewesen sei. Rauhe Nacht. Der Sanitäter verschwand, und eine Stunde später erschien an dem Schiebefenster der Wartezelle ein Hilfswärter mit weiteren Papieren. Die Anklage lautete auf unterlassenes Ausweichen vor einem Polizeifahrzeug im Einsatz, die Höchststrafe war dreißig Dollar, und wenn Sam den Betrag in bar entrichten könnte, wäre er frei und könnte gehen, sobald der Papierkram erledigt und sein Wagen freigegeben worden war. Sam wanderte nervös in der Zelle herum, sah immer wieder auf die Uhr, rieb vorsichtig über die Wunde an seiner Wange.

Er würde gezwungen sein, zu verschwinden. Seine Verhaftung war aktenkundig, und es würde nicht lange dauern, bis diese Tölpel seinen Namen mit dem Bombenanschlag in Verbindung brachten, und dann mußte er sich schleunigst davonmachen. Er würde Mississippi verlassen, sich vielleicht mit Rollie Wedge zusammentun und nach Brasilien oder irgendwo anders hin absetzen. Dogan würde ihnen das Geld dazu geben. Er würde Dogan anrufen, sobald er aus Greenville heraus war. Sein Wagen stand bei der Raststätte in Cleveland. Dort würde er die Wagen wechseln, dann nach Memphis fahren und in einen Greyhound-Bus steigen.

Genau das war es, was er tun würde. Es war idiotisch von ihm gewesen, an den Tatort zurückzukehren, aber, dachte er, wenn er einen kühlen Kopf behielt, dann würden diese Affen ihn laufen lassen.

Eine halbe Stunde verging, bevor der Hilfswärter mit einem weiteren Formular erschien. Sam händigte ihm dreißig Dollar aus und erhielt eine Quittung. Er folgte dem Mann einen schmalen Flur entlang zu einem Schreibtisch, wo er eine Vorladung erhielt, derzufolge er in zwei Wochen vor dem Stadtgericht von Greenville erscheinen sollte. ≫Wo ist der Wagen?≪ fragte er, während er die Vorladung zusammenfaltete.

≫Er wird gleich gebracht. Warten Sie hier.≪

Sam sah auf die Uhr und wartete eine Viertelstunde. Durch ein kleines Fenster in einer Metalltür beobachtete er, wie auf dem Parkplatz vor dem Gefängnis Wagen ankamen und wegfuhren. Zwei Betrunkene wurden von einem stämmigen Polizisten an den Schreibtisch gezerrt. Sam wartete nervös.

Von irgendwo hinter ihm rief eine neue Stimme langsam: ≫Mr. Cayhall?≪ Er drehte sich um und stand einem kleinen Mann in einem stark verblichenen Anzug gegenüber. Ein Ausweis wurde unter Sams Nase geschwenkt.

≫Ich bin Detective Ivy von der Polizei von Greenville. Ich muß Ihnen ein paar Fragen stellen.≪ Ivy deutete auf eine Reihe von Holztüren ein Stück den Flur hinunter, und Sam folgte ihm widerstandslos.

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Von dem Augenblick an, an dem er sich an dem schmutzigen Schreibtisch Detective Ivy gegenüber niederließ, hatte Sam Cayhall nur wenig zu sagen. Ivy war Anfang Vierzig, aber grau und um die Augen herum stark verrunzelt. Er zündete sich eine filterlose Camel an, bot Sam auch eine an und fragte dann, wie er sich die Schnittwunde im Gesicht zugezogen hatte. Sam spielte mit der Zigarette, zündete sie aber nicht an. Er hatte das Rauchen schon vor Jahren aufgegeben, und obwohl es ihn drängte, in diesem kritischen Moment wieder damit anzufangen, tippte er mit der Zigarette nur leicht auf den Schreibtisch. Ohne Ivy anzusehen, sagte er, daß es bei einer Schlägerei passiert wäre.

Ivy gab mit einem kurzen Lächeln ein grunzendes Geräusch von sich, als hätte er genau diese Art von Antwort erwartet, und Sam wußte, daß er einem Profi gegenübersaß. Jetzt hatte er Angst, und seine Hände begannen zu zittern. Ivy entging das natürlich nicht. Wo hat die Schlägerei stattgefunden? Mit wem haben Sie sich geprügelt? Wann ist es passiert? Weshalb haben Sie sich in Greenville geprügelt, wo Sie doch drei Stunden entfernt leben? Woher haben Sie den Wagen?

Sam sagte nichts. Ivy bombardierte ihn mit Fragen, die alle nicht beantwortbar waren, weil Sam wußte, daß Lügen zu weiteren Lügen führen und Ivy ihn binnen Sekunden zu einem handlichen Paket verschnürt haben würde.

≫Ich möchte mit einem Anwalt sprechen≪, sagte Sam schließlich.

≫Das ist ganz wunderbar, Sam. Ich meine, das ist genau das, was Sie tun sollten.≪ Ivy zündete sich eine weitere Camel an und blies dichten Rauch zur Decke empor.

≫Wir hatten heute morgen eine kleine Bombenexplosion, Sam. Ist Ihnen das bekannt?≪ fragte Ivy, wobei er in einem spöttischen Ton die Stimme ein wenig hob.

≫Nein.≪

≫Tragisch. Das Büro eines hiesigen Anwalts namens Kramer wurde in die Luft gesprengt. Passierte vor ungefähr zwei Stunden. Wahrscheinlich das Werk von Kluxern. Bei uns gibt es keine Kluxer, aber Mr. Kramer ist Jude. Lassen Sie mich raten — Sie wissen nichts darüber, stimmt’s?≪

≫Stimmt.≪

≫Wirklich sehr tragisch, Sam. Sehen Sie, Mr. Kramer hatte zwei kleine Jungen, Josh und John, und wie das Schicksal so spielt, waren sie bei ihrem Daddy in seinem Büro, als die Bombe hochging.≪

Sam holte tief Luft und sah Ivy an. Erzählen Sie mir auch den Rest, sagten seine Augen.

≫Und diese beiden kleinen Jungen, Zwillinge, fünf Jahre alt, reizende Kinder, wurden in Stücke gerissen, Sam. Sie sind mausetot, Sam.≪

Sam senkte langsam den Kopf, bis sein Kinn nur noch Zentimeter von seiner Brust entfernt war. Zweifacher Mord. Anwälte, Prozesse, Richter, Geschworene, Gefängnis, alles stürmte plötzlich auf ihn ein, und er schloß die Augen.

≫Ihr Daddy kommt vielleicht davon. Er wird gerade im Krankenhaus operiert. Die kleinen Jungen sind in der Leichenhalle. Eine wahre Tragödie, Sam. Ich nehme an, Sie wissen nichts über die Bombe, stimmt’s, Sam?≪

≫Nein. Ich möchte einen Anwalt sprechen.≪

≫Natürlich.≪ Ivy stand langsam auf und verließ den Raum.

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Der Glassplitter in Sams Gesicht wurde von einem Arzt entfernt und an ein FBI-Laboratorium geschickt. Der Bericht enthielt keinerlei Überraschungen — das gleiche Glas wie das in den Fenstern an der Vorderfront des Bürohauses. Der grüne Pontiac wurde rasch zu Jeremiah Dogan in Meridian zurückverfolgt. Im Kofferraum fand man eine Fünfzehn-Minuten-Zündschnur. Der Fahrer eines Lieferwagens meldete sich und teilte der Polizei mit, daß er den Wagen gegen vier Uhr in der Nähe von Mr. Kramers Büro gesehen hatte.

Das FBI ließ die Presse sofort wissen, daß Mr. Sam Cayhall ein langjähriges Mitglied des Ku-Klux-Klan war und außerdem der Hauptverdächtige bei mehreren weiteren Bombenanschlägen. Sie waren überzeugt, daß der Fall gelöst war, und sie lobten die Polizei von Greenville in den höchsten Tönen. J. Edgar Hoover persönlich gab eine Verlautbarung heraus.

Zwei Tage nach dem Anschlag wurden die Kramer-Zwillinge auf einem kleinen Friedhof beigesetzt. Zu jener Zeit lebten in Greenville 146 Juden, und mit Ausnahme von Marvin Kramer und sechs anderen nahmen alle an der Beerdigung teil. Und auf jeden von ihnen kamen zwei Reporter und Fotografen aus dem ganzen Land.

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Am nächsten Morgen sah Sam in seiner winzigen Zelle die Fotos und las die Artikel. Der Hilfswärter, Larry Jack Polk, war ein Einfaltspinsel, der jetzt ein Freund war, weil er, wie er Sam schon gleich zu Anfang zugeflüstert hatte, Vettern hatte, die dem Klan angehörten, und er hatte immer eintreten wollen, aber seine Frau hatte es nicht zugelassen. Er brachte Sam jeden Morgen frischen Kaffee und Zeitungen. Larry Jack hatte bereits seine Bewunderung für Sams Geschick im Umgang mit Bomben gestanden.

Abgesehen von den paar Worten, die er brauchte, um Larry Jack bei der Stange zu halten, sagte Sam praktisch nichts. Am Tag nach dem Bombenanschlag war er des zweifachen Mordes angeklagt worden, und er konnte an nichts anderes mehr denken als daran, wie es wohl in der Gaskammer sein würde. Er weigerte sich, auch nur ein Wort zu Ivy und den anderen Polizisten zu sagen; das gleiche galt für das FBI. Die Reporter fragten natürlich, aber sie kamen nicht an Larry Jack vorbei.

Sam rief seine Frau an und sagte ihr, sie solle in Clanton bleiben und niemanden hereinlassen. Er saß allein in seiner Zelle und begann, Tagebuch zu führen.

Wenn Rollie Wedge entdeckt und mit dem Bombenanschlag in Verbindung gebracht werden sollte, dann mußte die Polizei ihn finden. Sam Cayhall hatte als Angehöriger des Klans einen Eid abgelegt, und für ihn war dieser Eid heilig. Er würde nie, niemals einen anderen Angehörigen des Klans verraten. Er hoffte inbrünstig, daß Jeremiah Dogan in bezug auf seinen Eid dasselbe empfand.

Zwei Tage nach dem Bombenanschlag tauchte ein zwielichtiger Anwalt mit einer schwungvollen Haartracht zum erstenmal in Greenville auf. Er hieß Clovis Brazelton, war insgeheim Angehöriger des Klans und in der Umgebung von Jackson ziemlich berüchtigt, weil er alle möglichen Gangster vertrat. Er wollte für die Wahl zum Gouverneur kandidieren und erklärte, er werde sich für die Erhaltung der weißen Rasse einsetzen, das FBI wäre satanisch, die Schwarzen sollten geschützt werden, aber nicht mit den Weißen zusammenleben, und so weiter. Er war von Jeremiah Dogan geschickt worden, damit er Sam Cayhall verteidigte und, was noch wichtiger war, dafür sorgte, daß Cayhall den Mund hielt. Das FBI hatte Dogan am Wickel, wegen des grünen Pontiacs, und er hatte Angst, als Mitverschwörer angeklagt zu werden.

Mitverschwörer, erklärte Clovis seinem neuen Mandanten gleich in der ersten Minute, waren ebenso schuldig wie diejenigen, die auf den Abzug gedrückt hatten. Sam hörte zu, sagte aber kaum etwas. Er hatte von Brazelton gehört und traute ihm nicht.

≫Sehen Sie, Sam≪, sagte Clovis, als müßte er einem Erstkläßler etwas erklären, ≫ich weiß, wer die Bombe gelegt hat. Dogan hat es mir gesagt. Wenn ich richtig zähle, sind wir damit zu viert — ich, Sie, Dogan und Wedge. Aber wie die Dinge liegen, ist Dogan ziemlich sicher, daß Wedge nie gefunden werden wird. Sie haben nicht miteinander gesprochen, aber der Junge ist brillant, und wahrscheinlich ist er inzwischen in ein anderes Land verschwunden. Damit bleiben Sie und Dogan.

Offen gesagt, ich rechne damit, daß auch gegen Dogan früher oder später Anklage erhoben wird. Aber die Polizei hat nichts in der Hand, solange sie nicht beweisen kann, daß ihr gemeinsam beschlossen habt, das Büro des Juden in die Luft zu sprengen. Und das kann sie nur beweisen, wenn Sie es ihr erzählen.≪

≫Also bin ich es, der in der Scheiße sitzt?≪ fragte Sam.

≫Nein. Sie halten nur den Mund, was Dogan angeht. Streiten Sie alles ab. Wir fabrizieren eine Geschichte über den Wagen. Lassen Sie das meine Sorge sein. Ich beantrage, daß der Prozeß in einem anderen County stattfindet, vielleicht oben in den Bergen oder irgendwo anders, wo es keine Juden gibt. Ich sorge für eine rein weiße Jury, und ich ziehe die Sache so schnell durch, daß wir beide als Helden dastehen. Lassen Sie mich nur machen.≪

≫Sie glauben nicht, daß ich verurteilt werde?≪

≫Auf gar keinen Fall. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Wir werden für eine Jury sorgen, die nur aus Patrioten besteht, aus Leuten wie Ihnen, Sam. Alles Weiße. Alles Leute, die Angst davor haben, daß ihre Kinder gezwungen werden, zusammen mit kleinen Niggern in die Schule zu gehen. Gute Leute. Wir suchen uns zwölf von ihnen aus, setzen sie auf die Geschworenenbank und machen ihnen klar, wie die stinkenden Juden diesen ganzen Quatsch mit den Bürgerrechten unterstützt haben. Vertrauen Sie mir, Sam, es wird ein Kinderspiel sein.≪ Clovis lehnte sich über den wackligen Tisch, klopfte Sam auf den Arm und wiederholte: ≫Vertrauen Sie mir, Sam. Ich mache das nicht zum erstenmal.≪

Später am gleichen Tag wurden Sam Handschellen angelegt, dann wurde er, umgeben von Angehörigen der Polizei von Greenville, zu einem wartenden Streifenwagen geführt. Auf dem Weg vom Gefängnis zum Streifenwagen wurde er von einem kleinen Heer von Reportern fotografiert. Als Sam mit seinem Gefolge vor dem Gerichtsgebäude eintraf, wartete dort eine weitere Gruppe dieser aggressiven Leute auf ihn.

Er erschien vor dem städtischen Richter mit seinem neuen Anwalt, dem Ehrenwerten Clovis Brazelton, der auf die Voruntersuchung verzichtete und eine Reihe weiterer juristischer Routinemanöver vollführte. Zwanzig Minuten nachdem er das Gefängnis verlassen hatte, war Sam auch schon dorthin zurückgekehrt. Clovis versprach, in ein paar Tagen wiederzukommen, damit sie damit anfangen konnten, ihre Strategie zu planen, dann verschwand er nach draußen und hatte einen großen Auftritt vor den Reportern.

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Es dauerte einen vollen Monat, bis sich der Medienaufruhr in Greenville gelegt hatte. Am 5. Mai 1967 wurden sowohl Sam Cayhall als auch Jeremiah Dogan des vorsätzlichen Mordes angeklagt. Der örtliche Staatsanwalt verkündete laut, daß er die Todesstrafe beantragen würde. Der Name Rollie Wedge wurde kein einziges Mal erwähnt. Die Polizei und das FBI hatten keine Ahnung, daß es ihn gab.

Clovis, der jetzt beide Angeklagte vertrat, beantragte mit Erfolg die Abtretung des Verfahrens an einen anderen Bezirk, und am 4. September 1967 begann der Prozeß in Nettles County, zweihundert Meilen von Greenville entfernt. Er wurde zu einem Zirkus. Der Klan schlug sein Lager auf dem Rasen vor dem Gerichtsgebäude auf und hielt fast stündlich lautstarke Versammlungen ab. Sie schafften Klan-Mitglieder aus anderen Staaten herbei und hatten sogar eine Liste von Gastrednern. Sam Cayhall und Jeremiah Dogan wurden zu Symbolen der weißen Vorherrschaft gemacht, und ihre vermummten Bewunderer riefen tausendmal ihre geliebten Namen.

Die Presse sah zu und wartete. Der Gerichtssaal war voller Reporter und Journalisten, und die weniger Glücklichen mußten draußen auf dem Rasen im Schatten der Bäume warten. Sie beobachteten die Klansleute und hörten sich die Reden an, und je mehr sie zuschauten und fotografierten, desto länger wurden die Reden.

Im Gerichtssaal lief alles glatt für Cayhall und Dogan. Brazelton schwang seinen Zauberstab und brachte zwölf weiße Patrioten, wie er sie zu nennen beliebte, auf die Geschworenenbank, dann machte er sich daran, ziemlich gewichtige Löcher in die Anklage zu bohren. Am allerwichtigsten: Alle Beweise beruhten nur auf Indizien — niemand hatte gesehen, daß Sam Cayhall die Bombe legte. Clovis verkündete das lautstark in seiner Eröffnungsrede, und es machte Eindruck. Cayhall war ein Angestellter von Dogan, der ihn mit einem Auftrag nach Greenville geschickt hatte, und er befand sich zufällig in einem unglücklichen Moment in der Nähe des Kramer-Gebäudes. Clovis weinte beinahe, als er dieser beiden reizenden kleinen Jungen gedachte.

Die Zündschnur im Kofferraum war vermutlich von dem früheren Besitzer des Wagens dort zurückgelassen worden, einem Mr. Carson Jenkins, einem Straßenbau-Unternehmer aus Meridian. Mr. Carson Jenkins sagte aus, daß er bei seiner Arbeit ständig mit Dynamit zu tun hatte und daß er offenbar die Zündschnur einfach im Kofferraum liegengelassen hatte, als er den Wagen an Dogan verkaufte. Mr. Carson Jenkins war Lehrer in einer Sonntagsschule, ein ruhiger, schwer arbeitender, hochanständiger kleiner Mann, dem man aufs Wort glaubte. Außerdem gehörte er dem Ku-Klux-Klan an, aber das wußte das FBI nicht. Clovis dirigierte seine Aussage makellos.

Daß Cayhall seinen Wagen bei der Raststätte in Cleveland stehengelassen hatte, fand weder die Polizei noch das FBI heraus. Bei seinem ersten Anruf aus dem Gefängnis hatte er seiner Frau Anweisung erteilt, sofort mit seinem Sohn Eddie nach Cleveland zu fahren und den Wagen zu holen. Glücklicher hätte es sich für die Verteidigung nicht fügen können.

Aber das stärkste Argument, das Clovis Brazelton vorbrachte, war einfach, daß niemand beweisen konnte, daß seine Mandanten sich verschworen hatten, irgend etwas zu unternehmen. Und wie in aller Welt können Sie, die Geschworenen von Nettles County, diese beiden Männer in den Tod schicken?

Nach vier Verhandlungstagen zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Clovis garantierte seinem Mandanten einen Freispruch. Die Anklage war ziemlich sicher, daß es dazu kommen würde. Die Kluxer rochen schon einen Sieg und verstärkten das Tempo auf dem Rasen vor dem Gebäude.

Es gab weder Freisprüche noch Verurteilungen. Zwei der Geschworenen stellten sich, was bemerkenswert war, auf die Hinterbeine und drängten auf Verurteilung. Nachdem sie anderthalb Tage beraten hatten, teilten die Geschworenen dem Richter mit, daß die Jury sich hoffnungslos festgefahren hatte. Das Verfahren wurde als ergebnislos erklärt, und Sam Cayhall kehrte nach fünf Monaten zum erstenmal nach Hause zurück.

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Das Wiederaufnahmeverfahren fand sechs Monate später in Wilson County statt, einer weiteren ländlichen Gegend, vier Autostunden von Greenville und hundert Meilen vom Ort des ersten Prozesses entfernt. Beim ersten Prozeß hatte es Beschwerden über Versuche des Klans gegeben, mögliche Geschworene einzuschüchtern, und deshalb verlegte der Richter aus Gründen, die nie erklärt wurden, die Verhandlung in eine Gegend, in der es von Kluxern und ihren Sympathisanten nur so wimmelte. Die Jury war abermals rein weiß und enthielt mit Sicherheit keine Juden. Clovis erzählte dieselben Geschichten mit denselben Pointen. Mr. Carson Jenkins erzählte dieselben Lügen.

Die Anklage änderte ihre Strategie ein wenig ab, aber es nützte nichts. Der Staatsanwalt ließ die Hauptanklagepunkte fallen und drängte auf eine Verurteilung wegen einfachen Mordes. Damit stand eine Todesstrafe nicht mehr zur Debatte, und die Jury konnte, wenn sie wollte, Cayhall und Dogan auch nur des Totschlags für schuldig befinden, ein erheblich geringfügigeres Vergehen, aber es gäbe doch wenigstens eine Verurteilung.

Im zweiten Verfahren gab es etwas Neues. Marvin Kramer saß in einem Rollstuhl in der ersten Reihe und funkelte drei Tage lang die Geschworenen an. Ruth hatte versucht, den ersten Prozeß zu verfolgen, war aber nach Greenville zurückgekehrt, wo sie abermals wegen psychischer Probleme ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Marvin hatte seit dem Bombenanschlag mehrere Operationen über sich ergehen lassen, und seine Ärzte hatten ihm nicht erlaubt, nach Nettles County zu reisen.

Die meisten Geschworenen konnten es nicht ertragen, ihn anzusehen. Sie hielten die Blicke von den Zuschauern abgewandt und hörten mit einer für Geschworene bemerkenswerten Aufmerksamkeit den Zeugen zu. Nur eine junge Frau, Sharon Culpepper, selbst Mutter von Zwillingen, konnte nicht anders. Sie schaute immer wieder zu Marvin hinüber, und viele Male trafen sich ihre Blicke. Seine Augen flehten um Gerechtigkeit.

Sharon Culpepper war von den zwölf Geschworenen die einzige, die von Anfang an für eine Verurteilung stimmte. Zwei Tage lang wurde sie von ihren Mitgeschworenen bedrängt und auf die übelste Weise beschimpft. Sie brachten sie zum Weinen, aber sie blieb bei ihrem Votum.

Der zweite Prozeß endete unentschieden mit elf Stimmen gegen eine. Der Richter erklärte das Verfahren für ergebnis los und schickte alle nach Hause. Marvin Kramer kehrte nach Greenville zurück und dann nach Memphis zu einer weiteren Operation. Clovis Brazelton hatte einen großen Auftritt vor der Presse. Der Staatsanwalt machte keinerlei Versprechungen für einen neuen Prozeß. Sam Cayhall kehrte unauffällig nach Clanton zurück, mit dem feierlichen Schwur, sich nie mehr auf irgendwelche Unternehmungen mit Jeremiah Dogan einzulassen. Und der Imperial Wizard des Ku-Klux-Klan selbst zog triumphierend wieder in Meridian ein, wo er sich vor seinen Leuten rühmte, die Schlacht um die Vorherrschaft der Weißen hätte gerade erst begonnen, das Gute hätte über das Böse gesiegt, und so weiter und so weiter.

Der Name Rollie Wedge war nur einmal gefallen. In einer Mittagspause während des zweiten Prozesses hatte Dogan Cayhall zugeflüstert, er hätte eine Botschaft von dem Jungen erhalten. Der Überbringer der Botschaft war ein Fremder, der Dogans Frau auf einem Flur vor dem Gerichtssaal angesprochen hatte. Und die Botschaft war klar und simpel. Wedge war ganz in der Nähe, in den Wäldern, und verfolgte den Prozeß, und falls Dogan oder Cayhall seinen Namen erwähnen sollten, würde er ihre Häuser und ihre Familien in die Luft sprengen.

3

Ruth und Marvin Kramer ließen sich 1970 scheiden. Später im gleichen Jahr wurde Marvin in eine Nervenheilanstalt eingewiesen und beging 1971 Selbstmord. Ruth kehrte nach Memphis zurück und zog wieder zu ihren Eltern. Trotz ihrer Probleme hatten sie auf einen dritten Prozeß gedrängt. Die gesamte jüdische Gemeinde in Greenville war überaus erregt und protestierte lautstark, als sich herausstellte, daß es dem Staatsanwalt reichte, zwei Prozesse verloren zu haben, und er nicht daran dachte, Cayhall und Dogan abermals anzuklagen.

Marvin wurde neben seinen Söhnen begraben. Ein neuer Park wurde dem Andenken an Josh und John Kramer gewidmet, und Stipendien wurden ausgesetzt. Im Laufe der Zeit verlor die Tragödie ihres Todes ein wenig von ihrem Grauen. Jahre vergingen, und in Greenville sprach man immer seltener über das Bombenattentat.

Obwohl das FBI darauf drängte, kam es nicht zu einem dritten Prozeß. Es gab kein neues Beweismaterial. Der Richter würde den Verhandlungsort zweifellos abermals verlegen. Eine Anklage erschien hoffnungslos, aber das FBI gab trotzdem nicht auf.

Da Cayhall nicht mehr mitmachte und Wedge untergetaucht war, geriet Dogans Bombenkampagne ins Stocken. Er trug auch weiterhin seine Kutte und hielt seine Reden und begann, sich selbst für eine bedeutsame politische Kraft zu halten. Journalisten aus dem Norden waren fasziniert von seiner lautstarken Rassenhetze, und er war immer bereit, seine Kapuze aufzusetzen und haarsträubende Interviews zu geben. Kurze Zeit war er halbwegs berühmt, was er ungeheuer genoß.

Aber Ende der 70er Jahre war Jeremiah Dogan nur ein weiterer Gangster mit einer Kutte in einer rapide zerfallenden Organisation. Die Schwarzen durften wählen. Die Rassentrennung in den öffentlichen Schulen war aufgehoben. Im ganzen Süden wurden Rassenschranken von Bundesrichtern beseitigt. Die Bürgerrechte hatten Mississippi erreicht, und der Klan hatte sich als erbärmlich ungeeignet erwiesen, dafür zu sorgen, daß die Neger dort blieben, wo sie hingehörten. Dogan konnte mit dem Kreuzeverbrennen nicht einmal mehr einen Hund hinter dem Ofen hervorlocken.

1979 traten in dem offenen, aber ruhenden Fall des Kramer-Attentats zwei wichtige Ereignisse ein. Das erste war die Wahl von David McAllister zum Staatsanwalt von Greenville. Mit siebenundzwanzig wurde er der jüngste Staatsanwalt, den es in Mississippi je gegeben hatte. Als Teenager hatte er zugesehen, wie das FBI die Trümmer von Marvin Kramers Kanzlei durchsuchte. Kurz nach seiner Wahl gelobte er, daß er die Terroristen zur Rechenschaft ziehen würde.

Das zweite Ereignis war eine Anklage gegen Jeremiah Dogan wegen Steuerhinterziehung. Nachdem Dogan das FBI jahrelang hinters Licht geführt hatte, wurde er leichtsinnig und geriet mit der Finanzbehörde in Konflikt. Die Untersuchung dauerte acht Monate und endete mit einer Anklageschrift, die dreißig Seiten umfaßte. Ihr zufolge hatte Dogan zwischen 1974 und 1978 mehr als hunderttausend Dollar Einkommen unterschlagen. Sie enthielt sechsundachtzig Punkte, die ihm bis zu achtundzwanzig Jahre Gefängnis eintragen konnten.

Dogan war einwandfrei schuldig, und sein Anwalt (nicht Clovis Brazelton) machte sich sofort daran, die Möglichkeiten eines strafmildernden Handels zu erkunden. Woraufhin das FBI die Bühne betrat.

Nach einer ganzen Reihe von hitzigen Diskussionen mit Dogan und seinem Anwalt bot die Regierung einen Handel an, demzufolge Dogan im Fall Kramer gegen Cayhall aussagen sollte und als Gegenleistung nicht wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis zu gehen brauchte. Null Tage hinter Gittern. Harte Bewährungsauflagen und eine hohe Geldstrafe, aber kein Gefängnis. Dogan hatte seit mehr als zehn Jahren nicht mehr mit Cayhall gesprochen. Dogan war nicht mehr im Klan aktiv. Es gab eine Menge Gründe, auf diesen Handel einzugehen, unter denen die Alternative, ein freier Mann zu bleiben oder ein Jahrzehnt oder mehr im Gefängnis zu verbringen, nicht der geringste war.

Um ihn auf Trab zu bringen, konfiszierte die Finanzbehörde alles, was er besaß, und plante eine hübsche kleine Zwangsversteigerung. Und um ihm bei seiner Entscheidung zu helfen, brachte David McAllister eine Anklagejury in Greenville dazu, ihn und seinen Kumpan Cayhall abermals wegen des Kramer-Attentats anzuklagen.

Dogan gab nach und entschied sich für den Handel.

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Nach zwölf Jahren ruhigen Lebens in Ford County mußte Sam Cayhall erleben, daß er abermals angeklagt und verhaftet wurde und mit der Gewißheit eines neuen Prozesses und der Möglichkeit der Gaskammer zu rechnen hatte. Er war gezwungen, eine Hypothek auf sein Haus und seine kleine Farm aufzunehmen, damit er einen Anwalt engagieren konnte. Clovis Brazelton war inzwischen zu größeren Sachen übergegangen, und Dogan war kein Verbündeter mehr.

In Mississippi hatte sich seit den ersten beiden Prozessen sehr viel verändert. Schwarze hatten sich in Rekordzahlen in die Wählerverzeichnisse eintragen lassen, und diese neuen Wähler hatten schwarze Beamte gewählt. Ausschließlich aus Weißen bestehende Jurys waren selten. Im Staat gab es zwei schwarze Richter, zwei schwarze Sheriffs, und auf den Fluren der Gerichte konnte man neben ihren weißen Kollegen schwarze Anwälte sehen. Offiziell gab es keine Rassentrennung mehr. Und viele weiße Einwohner von Mississippi fingen an, zurückzuschauen und sich zu fragen, worüber man sich eigentlich so aufgeregt hatte. Weshalb hatte es soviel Widerstand gegen gleiche Rechte für alle Menschen gegeben? Obwohl noch ein langer Weg vor ihm lag, war Mississippi im Jahre 1980 ein ganz anderer Staat, als er es 1967 gewesen war. Und das war Sam Cayhall bewußt.

Er engagierte einen tüchtigen Verteidiger, der in Memphis lebte und Benjamin Keyes hieß. Ihre erste Taktik bestand in einem Antrag auf Abweisung der Anklage mit der Begründung, daß es unfair war, ihn nach so langer Zeit abermals vor Gericht zu stellen. Das erwies sich als stichhaltiges Argument, und es bedurfte einer Entscheidung des Gerichts des Staates Mississippi. Es entschied mit sechs gegen drei Stimmen, daß das Verfahren fortgesetzt werden durfte.

Und es wurde fortgesetzt. Der dritte und letzte Prozeß gegen Sam Cayhall begann im Februar 1981, in einem kalten kleinen Gerichtsgebäude in Lakehead County in der Nordwestecke des Staates. Über diesen Prozeß ließe sich vieles sagen. Es gab einen jungen Staatsanwalt, David McAllister, der brillant plädierte, aber die widerwärtige Angewohnheit hatte, jede freie Minute mit der Presse zu verbringen. Er sah gut aus, war redegewandt und einfühlsam, und es wurde schon bald klar, daß dieser Prozeß einen Zweck hatte. Mr. McAllister hatte politische Ambitionen in großem Maßstab.

Die Jury bestand aus acht Weißen und vier Schwarzen. Und es gab die Glasscherben, die Zündschnur, die FBI-Berichte und sämtliche anderen Fotos und Beweisstücke aus den ersten beiden Prozessen.

Außerdem war da noch die Aussage von Jeremiah Dogan, der in einem baumwollenen Arbeitshemd im Zeugenstand erschien und der Jury mit demütiger Miene in allen Einzelheiten erklärte, wie er mit dem da drüben sitzenden Sam Cayhall konspiriert und den Bombenanschlag auf das Büro von Mr. Kramer geplant hatte. Sam funkelte ihn an und ließ sich kein Wort entgehen, aber Dogan schaute in eine andere Richt ung. Sams Anwalt bekniete Dogan einen halben Tag lang und zwang ihn, zuzugeben, daß er mit der Regierung einen Handel abgeschlossen hatte. Aber der Schaden war bereits angerichtet.

Es hätte der Verteidigung von Sam Cayhall nichts genützt, wenn sie das Thema Rollie Wedge zur Sprache gebracht hätte. Denn dann hätte sie zugeben müssen, daß Sam in der Tat mit der Bombe in Greenville gewesen war. Sam wäre gezwungen gewesen, einzugestehen, daß er an der Verschwörung beteiligt gewesen war, und nach dem Gesetz wäre er damit genauso schuldig wie der Mann, der das Dynamit gelegt hatte. Und um den Geschworenen dieses Szenario vorzutragen, hätte Sam gezwungenermaßen selbst aussagen müssen, was weder er noch sein Anwalt wollten. Sam konnte ein rigoroses Kreuzverhör nicht durchstehen, weil er ständig neue Lügen erfinden müßte, um die vorherigen plausibel zu machen.

Und an diesem Punkt würde niemand eine plötzliche Geschichte über einen mysteriösen neuen Terroristen glauben, von dem zuvor nie die Rede gewesen war und der kam und ging, ohne je gesehen zu werden. Sam wußte, daß der Rollie-Wedge-Dreh sinnlos war, und sogar sein eigener Anwalt erfuhr nie den Namen des Mannes.

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Gegen Ende des dritten Prozesses stand David McAllister in einem bis auf den letzten Platz gefüllten Gerichtssaal vor den Geschworenen und hielt sein Schloßplädoyer. Er sprach davon, wie er als Junge in Greenville gelebt und jüdische Freunde gehabt hatte. Er wußte nicht, was an ihnen anders sein sollte. Er kannte einige der Kramers, anständige Leute, die schwer arbeiteten und die Stadt an ihrem Gewinn teilhaben ließen. Außerdem hatte er mit schwarzen Kindern gespielt und erfahren, daß sie großartige Freunde sein konnten. Er hatte nie verstanden, weshalb sie die eine Schule besuchten und er eine andere. Er erzählte eine erschütternde Geschichte, wie er am Morgen des 21. April 1967 gespürt hatte, wie die Erde bebte, und wie er daraufhin in die Innenstadt gerannt war, wo Rauch emporstieg. Drei Stunden lang hatte er hinter der Absperrung gestanden und gewartet. Er hatte die Feuerwehrleute eilig umherlaufen sehen, als sie Marvin Kramer gefunden hatten. Er hatte gesehen, wie sie in den Trümmern hockten, als sie die Jungen fanden. Sein Gesicht war tränenüberströmt gewesen, als die kleinen Leichen, in weiße Tücher eingehüllt, langsam zu einer Ambulanz getragen wurden.

Es war eine großartige Vorstellung, und als McAllister geendet hatte, war es im Gerichtssaal ganz still. Mehrere Geschworene wischten sich Tränen aus den Augen.

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Am 12. Februar 1981 wurde Sam Cayhall wegen vorsätzlichen Doppelmordes und Mordversuchs verurteilt. Zwei Tage später kehrte dieselbe Jury mit einer Verurteilung zum Tode in denselben Gerichtssaal zurück.

Sam Cayhall wurde ins Staatsgefängnis von Parchman gebracht, wo das Warten auf seine Verabredung mit der Gaskammer begann. Am 19. Februar 1981 betrat er zum erstenmal den Todestrakt.

4

In der Anwaltsfirma Kravitz & Bane in Chicago gab es fast dreihundert Anwälte, die friedlich unter einem Dach arbeiteten.

Zweihundertundsechsundachtzig, um genau zu sein, obwohl es für jedermann schwierig war, eine exakte Zahl zu nennen, weil aus einer Vielzahl von Gründen laufend ein rundes Dutzend verschwand und gleichzeitig ein oder zwei Dutzend Anfänger auftauchten, die gerade die Universität hinter sich hatten, ausgebildet und geschliffen wurden und darauf warteten, sich ins Getümmel stürzen zu dürfen. Und obwohl riesig, hatte Kravitz & Bane das Expansionsspiel nicht so schnell gespielt wie andere, hatte es weitgehend unterlassen, schwächere Firmen in anderen Städten zu schlucken, und hatte sich bei der Abwerbung von Mandanten anderer Firmen zurückgehalten; deshalb mußte man sich damit begnügen, lediglich die drittgrößte Firma in Chicago zu sein. Es gab Büros in sechs Städten, aber zum Leidwesen der jüngeren Partner stand auf den Briefbogen keine Londoner Adresse.

Obwohl ein wenig milder geworden, stand Kravitz & Bane nach wie vor im Ruf einer unerbittlichen Prozeßfirma. Es gab zahmere Abteilungen für Immobilien-, Steuer- und Kartellrecht, aber das Geld wurde mit Prozessen gemacht. Wenn die Firma Anfänger einstellte, suchte sie sich die intelligentesten Leute im dritten Studienjahr mit den besten Noten in Scheinprozeßführung und Debattieren aus. Sie wollte junge Männer (und hin und wieder eine Alibifrau), die sofort in dem aggressiven Angriffsstil ausgebildet werden konnten, den die Prozeßanwälte von Kravitz & Bane schon vor langer Zeit perfektioniert hatten.

Es gab eine hübsche, wenn auch kleine Abteilung, die sich mit Klagen auf Schadensersatz für Verletzungen beschä ftigte, ein einträgliches Geschäft, bei dem sie fünfzig Prozent kassierten und ihren Mandanten den Rest beließen. Es gab eine beachtliche Abteilung für Wirtschaftsvergehen, aber die Verbrecher im weißen Kragen brauchten eine Menge Geld, wenn sie sich von Kravitz & Bane verteidigen lassen wollten. Und dann gab es die beiden größten Abteilungen, eine für Wirtschaftsprozesse und eine, die auf die Verteidigung von Versicherungen spezialisiert war. Mit Ausnahme der Vertretung persönlich Geschädigter, die im Rahmen der Gesamteinnahmen fast belanglos war, verdiente die Firma ihr Geld mit in Rechnung gestellten Stunden. Zweihundert Dollar die Stunde für Versicherungsarbeit; mehr, wenn die Verhältnisse es erlaubten. Dreihundert Dollar für die Verteidigung von Angeklagten. Vierhundert Dollar für eine große Bank. Sogar fünfhundert Dollar die Stunde für ein reiches Unternehmen mit faulen Firmenanwälten, die keinen Finger krumm machten in ihren Spitzenpositionen.

Kravitz & Bane scheffelte Geld und schuf eine Dynastie in Chicago. Die Büros waren elegant, aber nicht protzig. Sie befanden sich in den obersten Stockwerken des, passenderweise, dritthöchsten Gebäudes von Chicago.

Wie die meisten großen Firmen verdiente Kravitz & Bane so gut, daß man sich verpflichtet fühlte, eine kleine pro-bono-Abteilung einzurichten und damit den moralischen Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber nachzukommen.

Man war ziemlich stolz auf die Tatsache, daß sich einer der Partner ausschließlich mit pro-bono-Fällen beschäftigte, ein exzentrischer Weltverbesserer namens E. Garner Goodman, der im einundsechzigsten Stock ein geräumiges Büro mit zwei Sekretärinnen hatte und sich mit einem Prozeßpartner einen Anwaltsgehilfen teilte. Die goldgeprägte Firmenbroschüre machte viel Aufhebens von der Tatsache, daß sie ihre Anwälte ermutigte, sich in pro-bono-Projekten zu engagieren. In der Broschüre hieß es, daß Anwälte von Kravitz & Bane im Vorjahr, 1989, fast sechzigtausend Stunden ihrer kostbaren Zeit für Mandanten aufgewendet hatten, die nicht bezahlen konnten. Kinder aus Sozialsiedlungen, Insassen von Todeszellen, illegal eingewanderte Ausländer, Drogenabhängige; und natürlich kümmerte sich die Firma eingehend um die Nöte der Obdachlosen. Die Broschüre enthielt sogar das Foto von zwei jungen Anwälten, ohne Jackett, mit aufgekrempelten Ärmeln, gelockerter Krawatte, Schweiß in den Achselhöhlen und tiefem Mitleid in den Augen, die inmitten einer Gruppe von Kindern einer Minderheit irgendeine körperliche Arbeit verrichteten, allem Anschein nach auf einer städtischen Mülldeponie. Anwälte, die die Gesellschaft retteten.

Adam Hall hatte eine der Broschüren in seiner dünnen Akte bei sich, als er langsam den Flur des einundsechzigsten Stocks entlangging, in der Richtung, in der das Büro von E. Garner Goodman lag. Er sprach ein paar Worte mit einem anderen jungen Anwalt, den er noch nie gesehen hatte. Bei der Weihnachtsfeier der Firma wurden an der Tür Namensschilder ausgegeben. Nicht einmal alle Partner kannten einander. Manche der angestellten Anwälte sahen sich nur ein- oder zweimal im Jahr. Er öffnete eine Tür und betrat einen kleinen Raum, in dem eine Sekretärin ihr Tippen unterbrach und beinahe lächelte. Er fragte nach Mr. Goodman, und sie deutete mit einem Kopfnicken auf eine Reihe von Stühlen, wo er warten sollte. Er war fünf Minuten zu früh gekommen für eine Verabredung um zehn Uhr. Als ob das eine Rolle spielte. Dies war von jetzt an pro-bono-Arbeit. Vergiß die Uhr. Vergiß anrechenbare Stunden. Vergiß Erfolgsgratifikationen. Im Gegensatz zum Rest der Firma duldete Goodman an seinen Wänden keine Uhren.

Adam blätterte seine Akte durch. Die Broschüre entlockte ihm ein leises Kichern. Er las abermals seinen kleinen Lebenslauf — College in Pepperdine, Jurastudium in Michigan, Herausgeber der juristischen Zeitschrift, Referat über grausame und ungewöhnliche Bestrafung, Anmerkungen zu Verurteilungen zum Tode in neuerer Zeit. Ein ziemlich kurzer Lebenslauf, aber schließlich war er erst sechsundzwanzig. Er arbeitete erst seit neun Monaten bei Kravitz & Bane.

Er las zwei ausführliche Entscheidungen des Obersten Bundesgerichts über Hinrichtungen in Kalifornien und machte sich Notizen. Er sah auf die Uhr und las weiter. Nach einer Weile bot ihm die Sekretärin Kaffee an, den er höflich ablehnte.

_________

Das Büro von E. Garner Goodman war ein verblüffendes Musterbeispiel für Desorganisation. Es war groß, aber vollgestopft mit durchsackenden Bücherregalen an sämtlichen Wänden und Stapeln von staubigen Akten auf dem Boden.

Kleine Berge von Papier aller Art und jeden Formats bedeckten den Schreibtisch in der Mitte des Raumes. Der Teppich unter dem Schreibtisch war übersät mit Abfall, Müll und verlorengegangenen Briefen. Wenn die hölzernen Läden nicht geschlossen gewesen wären, hätte man durch das große Fenster einen herrlichen Ausblick auf den Michigansee gehabt, aber es war offensichtlich, daß Mr. Goodman keine Zeit an seinem Fenster verbrachte.

Er war ein alter Mann mit einem grauen Bart und buschigem, grauem Haar. Sein weißes Hemd war stocksteif gestärkt. Eine grüne Fliege mit Paisley-Muster, sein Markenzeichen, war präzise unter seinem Kinn gebunden. Adam betrat das Zimmer und suchte sich vorsichtig seinen Weg um die Papiere herum. Goodman stand nicht auf, reichte ihm aber die Hand zu einer kühlen Begrüßung.

Adam gab Goodman die Akte und ließ sich auf dem einzigen freien Stuhl nieder. Er wartete nervös, während die Akte studiert, der Bart sanft gestreichelt und die Fliege befingert wurde.

≫Weshalb wollen Sie pro-bono-Arbeit tun?≪ murmelte Goodman nach langem Schweigen. Er sah nicht von der Akte auf. Aus in die Decke eingelassenen Lautsprechern kam leise klassische Gitarrenmusik.

Adam rutschte auf seinem Stuhl herum. ≫Äh, aus verschiedenen Gründen.≪

≫Lassen Sie mich raten. Sie wollen der Menschheit dienen, etwas für Ihre Mitmenschen tun, oder vielleicht fühlen Sie sich auch schuldig, weil Sie soviel Zeit hier in dieser Tretmühle verbringen und beim Geldscheffeln helfen, und wollen nun ihre Seele reinigen, sich die Hände schmutzig machen, ein bißchen ehrliche Arbeit tun und anderen Menschen helfen.≪ Goodmans Augen richteten sich über die weit vorn auf seiner ziemlich spitzen Nase balancierende schwarzgeränderte Brille hinweg auf Adam. ≫Etwas in der Art?≪

≫Eigentlich nicht.≪

Goodman beugte sich wieder über die Akte. ≫Sie arbeiten also für Emmitt Wycoff?≪ Er las einen Brief von Wycoff, dem Partner, dem Adam zur Hand ging.

≫Ja, Sir.≪

≫Er ist ein guter Anwalt. Ich kann ihn nicht sonderlich gut leiden, aber er hat einen großartigen kriminalistischen Verstand. Wahrscheinlich einer unserer drei besten Männer für Wirtschaftsverbrechen. Aber ziemlich anstrengend, finden Sie nicht?≪

≫Er ist in Ordnung.≪

≫Seit wann unterstehen Sie ihm?≪

≫Seit ich hier angefangen habe. Vor neun Monaten.≪

≫Also sind Sie seit neun Monaten hier?≪

≫Ja, Sir.≪

≫Und? Was denken Sie?≪ Goodman klappte die Akte zu und musterte Adam. Er nahm langsam die Brille ab und steckte einen Bügel in den Mund.

≫Es gefällt mir, bis jetzt. Es ist eine Herausforderung.≪

≫Natürlich. Aber weshalb haben Sie sich für Kravitz & Bane entschieden? Ich meine, mit Ihren Zeugnissen hätten Sie doch überall hingehen können. Weshalb hierher?≪

≫Strafprozesse. Das ist es, was mich interessiert, und die Firma hat einen guten Ruf.≪

≫Wie viele Offerten haben Sie gehabt? Reden Sie schon, ich bin einfach neugierig.≪

≫Mehrere.≪

≫Und wo?≪

≫Überwiegend in Washington. Eine in Denver. Bei New Yorker Firmen habe ich mich nicht beworben.≪

≫Wieviel Geld haben wir Ihnen angeboten?≪

Adam rutschte wieder auf seinem Stuhl herum. Goodman war schließlich Partner. Bestimmt wußte er, was die Firma neuen Anwälten zahlte. ≫Ungefähr sechzig. Was bekommen Sie?≪

Das amüsierte den alten Mann, und er lächelte zum erstenmal.

≫Sie zahlen mir vierhunderttausend Dollar im Jahr dafür, daß ich ihre Zeit verschenke, damit sie sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und über Anwälte und ihre Verantwortung der Gesellschaft gegenüber predigen können. Vierhunderttausend, können Sie sich das vorstellen?≪

Adam hatte die Gerüchte gehört. ≫Sie beschweren sich doch nicht etwa?≪

≫Nein. Ich bin der glücklichste Anwalt in der ganzen Stadt, Mr. Hall. Ich bekomme eine Wagenladung voll Geld für Arbeit, die mir Spaß macht, und ich brauche mich nicht um eine Stechuhr und um anrechenbare Stunden zu kümmern. Das ist der Traum eines jeden Anwalts. Und das ist der Grund dafür, daß ich immer noch sechzig Stunden in der Woche in meinem Büro sitze. Ich bin fast siebzig, müssen Sie wissen.≪

Der Firmenlegende zufolge hatte Goodman als jüngerer Mann den Druck nicht ausgehalten und sich mit Alkohol und Tabletten beinahe umgebracht. Er ging ein Jahr lang auf Entzug, während seine Frau die Kinder nahm und ihn verließ; dann überzeugte er die Partner davon, daß es sich lohnte, ihn zu retten. Er brauchte lediglich ein Büro, in dem sich das Leben nicht um eine Uhr drehte.

≫Welche Art von Arbeit tun Sie für Emmitt Wycoff?≪ fragte Goodman.

≫Massenhaft Recherchen. Im Augenblick verteidigt er mehrere Rüstungsfirmen, und das nimmt den größten Teil meiner Zeit in Anspruch. Vorige Woche habe ich einen Antrag vor Gericht begründet.≪ Adam sagte es mit einem Anflug von Stolz. Anfänger wurden gewöhnlich die ersten zwölf Monate an ihren Schreibtisch angekettet.

≫Einen echten Antrag?≪ fragte Goodman beeindruckt.

≫Ja, Sir.≪

≫In einem echten Gericht?≪

≫Ja, Sir.≪

≫Vor einem echten Richter?≪

≫So ist es.≪

≫Wer hat gewonnen?≪

≫Der Richter hat zugunsten der Anklagevertretung entschieden, aber es war knapp. Ich habe ihm tüchtig eingeheizt.≪ Goodman lächelte darüber, aber das Spiel war rasch vorbei. Er schlug die Akte wieder auf.

≫Wycoff schickt einen Brief, in dem er Sie wärmstens empfiehlt. Das paßt irgendwie nicht zu ihm.≪

≫Er erkennt eben ein Talent, wenn er es vor sich sieht≪, sagte Adam mit einem Lächeln.

≫Ich nehme an, es ist Ihnen ziemlich ernst mit Ihrer Bitte, Mr. Hall. Um was genau geht es Ihnen?≪

Adam hörte auf zu lächeln und räusperte sich. Er war plötzlich nervös und beschloß, die Beine andersherum überzuschlagen. ≫Es geht, äh, um ein Todesurteil.≪

≫Ein Todesurteil?≪ wiederholte Goodman.

≫Ja, Sir.≪

≫Weshalb?≪

≫Ich bin gegen die Todesstrafe.≪

≫Sind wir das nicht alle, Mr. Hall? Ich habe Bücher darüber geschrieben. Ich habe zwei Dutzend dieser verdammten Fälle bearbeitet. Weshalb wollen Sie sich ausgerechnet damit beschäftigen?≪

≫Ich habe Ihre Bücher gelesen. Ich möchte einfach helfen.≪

Goodman klappte die Akte wieder zu und stützte sich auf seinen Schreibtisch. Zwei Blatt Papier glitten herunter und flatterten auf den Fußboden. ≫Sie sind zu jung, und Sie sind zu grün.≪

≫Vielleicht weniger, als Sie denken.≪

≫Hören Sie, Mr. Hall, das ist nicht dasselbe wie das Beraten von Säufern in einer Suppenküche. Hier geht es um Leben und Tod. Das ist etwas, wobei man unter ganz starkem Druck steht, mein Sohn. Und es macht nicht den geringsten Spaß.≪

Adam nickte, sagte aber nichts. Er schaute Goodman in die Augen, ohne zu blinzeln. Irgendwo läutete ein Telefon, aber sie ignorierten es beide.

≫Irgendein bestimmter Fall? Oder haben Sie einen neuen Mandanten für Kravitz & Bane?≪

≫Der Cayhall-Fall≪, sagte Adam langsam.

Goodman schüttelte den Kopf und zupfte an seiner Fliege. ≫Sam Cayhall hat uns gerade gefeuert. Das Fünfte Berufungsgericht hat vorige Woche entschieden, daß er in der Tat das Recht hat, die Vertretung durch uns zu beenden.≪

≫Ich habe die Begründung gelesen. Ich weiß, was das Fünfte Berufungsgericht gesagt hat. Der Mann braucht einen Anwalt.≪

≫Nein, den braucht er nicht. Er ist in spätestens drei Monaten tot, ob mit oder ohne uns. Ich bin erleichtert, daß er aus meinem Leben verschwindet.≪

≫Er braucht einen Anwalt≪, wiederholte Adam.

≫Er vertritt sich selbst, und darin ist er ziemlich gut, um ehrlich zu sein. Schreibt Anträge und Eingaben und recherchiert. Ich habe gehört, daß er sogar einige seiner Kumpel im Todestrakt berät, allerdings nur die Weißen.≪

≫Ich habe seine gesamte Akte studiert.≪

E. Garner Goodman ließ langsam seine Brille kreisen und dachte laut darüber nach. ≫Das ist eine halbe Tonne Papier. Warum haben Sie das getan?≪

≫Der Fall fasziniert mich. Ich habe ihn seit Jahren verfolgt und alles gelesen, was je über den Mann geschrieben wurde. Sie haben mich vorhin gefragt, weshalb ich mich für Kravitz & Bane entschieden habe. Nun, die Wahrheit ist, daß ich an dem Cayhall-Fall arbeiten wollte, und ich glaube, diese Firma hat ihn jetzt wie lange pro-bono vertreten — acht Jahre?≪

≫Sieben, aber mir kommt es vor wie zwanzig. Mr. Cayhall ist nicht gerade der angenehmste Zeitgenosse.≪

≫Verständlich, meinen Sie nicht? Schließlich sitzt er seit fast zehn Jahren in Einzelhaft.≪

≫Versuchen Sie nicht, mir Vorträge über das Leben im Gefängnis zu halten, Mr. Hall. Haben Sie je ein Gefängnis von innen gesehen?≪

≫Nein.≪

≫Aber ich. Ich war in den Todestrakten von sechs Staaten. Sam Cayhall hat mich beschimpft, als er an seinen Stuhl angekettet war. Er ist kein netter Mann. Er ist ein unverbesserlicher Rassist, der jedermann haßt, und er wird auch Sie hassen, falls Sie ihm je begegnen sollten.≪

≫Das glaube ich nicht.≪

≫Sie sind Anwalt, Mr. Hall. Er haßt Anwälte noch mehr als Schwarze und Juden. Er wartet jetzt seit fast zehn Jahren auf die Hinrichtung, und er ist felsenfest überzeugt, daß er das Opfer einer Verschwörung der Anwälte ist. Er hat zwei Jahre lang versucht, uns loszuwerden. Diese Firma hat, auf anrechenbare Stunden umgerechnet, mehr als zwei Millionen Dollar darauf verwendet, ihn am Leben zu erhalten, und er hatte nichts anderes im Sinn, als uns zu feuern. Ich weiß nicht, wie oft er sich geweigert hat, mit uns zu sprechen, nachdem wir die weite Reise nach Parchman unternommen hatten. Er ist verrückt, Mr. Hall. Suchen Sie sich ein anderes Projekt. Wie wäre es mit mißbrauchten Kindern oder etwas dergleichen?≪

≫Nein, danke. Ich interessiere mich ausschließlich für zum Tode Verurteilte, und ich bin gewissermaßen besessen von Sam Cayhalls Geschichte.≪

Goodman beförderte die Brille wieder auf seine Nasenspitze, dann schwang er langsam seine Füße auf die Ecke des Schreibtisches und faltete die Hände vor dem gestärkten Hemd.

≫Und weshalb, wenn ich fragen darf, sind Sie davon so besessen?≪

≫Nun, es ist ein faszinierender Fall, meinen Sie nicht auch? Der Klan, die Bürgerrechtsbewegung, die Bombenattentate, das ganze Drum und Dran. Der Hintergrund ist eine faszinierende Periode in der Geschichte Amerikas. Scheint tiefste Vergangenheit; dabei sind seither erst fünfundzwanzig Jahre vergangen. Es ist eine aufregende Story.≪

Über ihnen kreiste langsam ein Ventilator. Eine Minute verging.

Goodman stellte die Füße wieder auf den Boden und stützte sich auf seine Ellenbogen. ≫Mr. Hall, ich weiß Ihr Interesse an pro-bono-Arbeit zu würdigen, und ich versichere Ihnen, da gibt es viel zu tun. Aber Sie müssen sich ein anderes Projekt suchen. Das hier ist kein Examen im Führen von Scheinprozessen.≪

≫Und ich bin kein Jurastudent mehr.≪

≫Mr. Cayhall hat endgültig auf unsere Dienste verzichtet, Mr. Hall. Das haben Sie offenbar immer noch nicht begriffen.≪

≫Ich möchte wenigstens die Chance, mit ihm zu sprechen.≪

≫Worüber?≪

≫Ich glaube, ich kann ihn dazu bringen, daß er mich seine Vertretung übernehmen läßt.≪

≫Ach, wirklich?≪

Adam holte tief Luft, dann stand er auf und ging, den Aktenstapeln ausweichend, zum Fenster hinüber. Ein weiteres tiefes Luftholen. Mr. Goodman beobachtete ihn und wartete.

≫Ich habe ein Geheimnis für Sie, Mr. Goodman. Niemand kennt es außer Emmitt Wycoff, und ich war gewissermaßen gezwungen, es ihm zu verraten. Sie müssen es vertraulich behandeln, okay?≪

≫Ich höre.≪

≫Habe ich Ihr Wort darauf?≪

≫Ja, Sie haben mein Wort≪, sagte Goodman langsam.

Adam lugte durch einen Schlitz des Fensterladens und betrachtete ein Segelboot auf dem Michigansee. Dann sagte er leise: ≫Ich bin mit Sam Cayhall verwandt.≪

Goodman zuckte nicht zusammen. ≫Ich verstehe. Auf welche Weise verwandt?≪

≫Er hatte einen Sohn, Eddie Cayhall. Und Eddie Cayhall verließ Mississippi, nachdem sein Vater wegen des Bombenanschlags verhaftet worden war. Er flüchtete nach Kalifornien, änderte seinen Namen und versuchte, seine Vergangenheit zu vergessen. Aber er litt unter dem Vermächtnis seiner Familie. Kurz nachdem sein Vater im Jahre 1981 verurteilt worden war, beging er Selbstmord.≪

Goodman war jetzt auf die Kante seines Stuhls vorgerutscht.

≫Eddie Cayhall war mein Vater.≪

Goodman zögerte einen Moment. ≫Sam Cayhall ist Ihr Großvater?≪

≫Ja. Ich habe es erst erfahren, als ich fast siebzehn war. Meine Tante hat es mir nach der Beerdigung meines Vaters gesagt.≪

≫Wow.≪

≫Sie haben versprochen, es nicht zu verraten.≪

≫Natürlich.≪ Goodman setzte sich auf die Schreibtischkante und deponierte die Füße auf seinem Stuhl. Er starrte auf den Fensterladen. ≫Weiß Sam, daß…≪

≫Nein. Ich wurde in Ford County in Mississippi geboren, in einem Ort, der Clanton heißt, nicht in Memphis. Damals hieß ich Alan Cayhall, aber das habe ich erst viel später erfahren. Ich war drei Jahre alt, als wir Mississippi verließen, und meine Eltern sprachen nie darüber. Meine Mutter ist überzeugt, daß es keinerlei Kontakte zwischen Eddie und Sam gegeben hat — von dem Tag an, an dem wir abreisten, bis sie ihm einen Brief ins Gefängnis schrieb und ihm mitteilte, daß sein Sohn tot war. Er hat nicht darauf geantwortet.≪

≫Verdammt, verdammt, verdammt≪, murmelte Goodman leise.

≫Das trifft die Sache ziemlich genau, Mr. Goodman. Es ist eine üble Familie.≪

≫Was nicht Ihre Schuld ist.≪

≫Meiner Mutter zufolge war Sams Vater ein aktives Mitglied des Klans, er war an Lynchmorden beteiligt und dergleichen mehr. Ich kann mich also meiner Abstammung nicht gerade rühmen.≪

≫Ihr Vater war anders.≪

≫Mein Vater beging Selbstmord. Ich erspare Ihnen die Details, aber ich habe ihn gefunden und die Schweinerei beseitigt, bevor meine Mutter und meine Schwester nach Hause kamen.≪

≫Und damals waren Sie siebzehn?≪

≫Knapp siebzehn. Das war 1981. Vor neun Jahren. Seit ich von meiner Tante, Eddies Schwester, die Wahrheit erfahren habe, hat mich die unerfreuliche Geschichte von Sam Cayhall nicht mehr losgelassen. Ich habe viele Stunden in Bibliotheken verbracht und alte Zeitungen und Zeitschriften wieder ausgegraben; es ist sehr viel über den Fall berichtet worden. Ich habe die Protokolle aller drei Prozesse gelesen, ebenso die Entscheidungen der Berufungsgerichte. Während des Jurastudiums habe ich angefangen, die Vertretung von Sam Cayhall durch diese Firma zu verfolgen. Sie und Wallace Tyner haben hervorragende Arbeit geleistet.≪

≫Freut mich, daß Sie mit uns zufrieden sind.≪

≫Ich habe Hunderte von Büchern und Tausende von Artikeln über den Achten Verfassungszusatz und die Verhängung der Todesstrafe gelesen. Sie selbst haben, glaube ich, vier Bücher darüber geschrieben. Und eine Reihe von Artikeln. Ich weiß, daß ich ein Anfänger bin, aber meine Recherchen sind lückenlos.≪

≫Und Sie glauben, Sam wird Ihnen vertrauen und Sie zum Anwalt nehmen?≪

≫Das weiß ich nicht. Aber er ist mein Großvater, ob es ihm nun paßt oder nicht, und ich muß hinfahren und mit ihm reden.≪

≫Es hat keine Kontakte gegeben…?≪

≫Überhaupt keine. Ich war drei, als wir fortgingen, und ich kann mich überhaupt nicht an ihn erinnern. Ich habe tausend Briefe an ihn angefangen, aber nie einen abgeschickt. Weshalb, kann ich nicht sagen.≪

≫Das ist verständlich.≪

≫Nichts ist verständlich, Mr. Goodman. Ich verstehe nicht, wie oder weshalb ich im Augenblick in diesem Büro bin. Ich wollte immer Pilot werden, aber ich studierte Jura, weil ich in mir eine vage Berufung spürte, der Gesellschaft zu helfen. Jemand brauchte mich, und vermutlich hatte ich das Gefühl, daß dieser Jemand mein Großvater war. Ich hatte vier Stellenangebote, und ich habe mich für diese Firma entschieden, weil sie den Mumm hatte, ihn kostenlos zu vertreten.≪

≫Sie hätten all dies jemandem sagen müssen, bevor wir Sie einstellten.≪

≫Ich weiß. Aber niemand hat mich gefragt, ob mein Großvater ein Mandant der Firma wäre.≪

≫Sie hätten etwas sagen müssen.≪

≫Man wird mich doch nicht entlassen, oder?≪

≫Ich glaube, wohl nicht. Wo waren Sie in den letzten neun Monaten?≪

≫Hier. Habe neunzig Stunden die Woche gearbeitet, an meinem Schreibtisch geschlafen, in der Bibliothek gegessen, für das Anwaltsexamen gebüffelt, Sie wissen schon, der übliche Drill, den alle Anfänger absolvieren müssen.≪

≫Albern, nicht wahr?≪

≫Ich bin zäh.≪ Adam schob die Latten des Fensterladens ein Stückchen auseinander, um einen besseren Blick auf den See zu haben. Goodman beobachtete ihn.

≫Weshalb machen Sie die Läden nicht auf?≪ fragte Adam. ≫Es ist eine herrliche Aussicht.≪

≫Ich kenne sie.≪

≫Ich würde morden für eine solche Aussicht. Mein kleines Büro ist eine Meile vom nächsten Fenster entfernt.≪

≫Arbeiten Sie hart, berechnen Sie noch härter, und eines Tages wird dies alles Ihnen gehören.≪

≫Wohl kaum.≪

≫Wollen Sie uns verlassen, Mr. Hall?≪

≫Wahrscheinlich, irgendwann. Aber das ist auch ein Geheimnis, okay? Ich habe vor, ein paar Jahre schwer zu arbeiten und dann weiterzuziehen. Vielleicht meine eigene Kanzlei zu eröffnen, eine, in der sich das Leben nicht um die Uhr dreht. Ich möchte Arbeit im öffentlichen Interesse tun. So etwas Ähnliches wie Sie.≪

≫Also haben Sie nach neun Monaten schon die Nase voll von Kravitz & Bane?≪

≫Nein. Aber ich sehe es kommen. Ich will nicht mein Leben damit verbringen, reiche Gauner und kriminelle Firmen zu vertreten.≪

≫Dann sind Sie hier eindeutig fehl am Platz.≪

Adam verließ das Fenster und trat an den Schreibtisch. Er schaute auf Goodman hinunter. ≫Ich bin am falschen Ort, und ich möchte versetzt werden. Wycoff ist damit einverstanden, daß ich für die nächsten paar Monate in unser Zweigbüro in Memphis übersiedele, damit ich an dem Cayhall-Fall arbeiten kann. Eine Art Beurlaubung, bei vollem Gehalt natürlich.≪

≫Sonst noch etwas?≪

≫Das wäre so ziemlich alles. Es wird funktionieren. Ich bin nur ein bescheidener Anfänger und hier entbehrlich. Niemand wird mich vermissen. Schließlich gibt es Unmengen von jungen Halsabschneidern, die darauf brennen, achtzehn Stunden am Tag zu arbeiten und zwanzig in Rechnung zu stellen.≪

Goodmans Gesicht entspannte sich, und ein warmes Lächeln machte sich darauf breit. Er schüttelte den Kopf, als wäre er beeindruckt. ≫Sie haben all dies geplant, stimmt’s? Sie haben sich für diese Firma entschieden, weil sie Sam Cayhall vertritt und weil sie ein Büro in Memphis hat.≪

Adam nickte, ohne zu lächeln. ≫Es hat sich so ergeben. Ich habe nicht gewußt, ob und wann dieser Moment kommen würde, aber ja, irgendwie habe ich das geplant. Fragen Sie mich nicht, wie es weitergeht.≪

≫Er wird in drei Monaten tot sein, vielleicht schon früher.≪

≫Aber ich muß etwas tun, Mr. Goodman. Wenn die Firma mir nicht gestattet, den Fall zu übernehmen, werde ich wahrscheinlich kündigen und es auf eigene Faust versuchen.≪

Goodman schüttelte den Kopf und rutschte vom Schreibtisch herunter. ≫Tun Sie das nicht, Mr. Hall. Wir werden uns etwas ausdenken. Ich muß die Sache mit Daniel Rosen besprechen, unserem geschäft sführenden Partner. Ich denke, er wird einverstanden sein.≪

≫Er hat einen grauenhaften Ruf.≪

≫Den er vollauf verdient hat. Aber ich kann mit ihm reden.≪

≫Er wird es tun, wenn Sie und Wycoff es befürworten, oder?≪

≫Ganz bestimmt. Haben Sie Hunger?≪ Goodman griff nach seinem Jackett.

≫Ein wenig.≪

≫Dann lassen Sie uns zusammen ein Sandwich essen.≪

_____

Die Masse der Lunchgäste im Imbiß an der Ecke war noch nicht eingetroffen. Der Partner und der Anfänger setzten sich an einen kleinen Tisch an einem der Fenster, die auf die Straße hinausgingen. Der Verkehr floß zäh, und nur wenige Schritte von ihnen entfernt eilten Hunderte von Fußgängern vorbei. Der Kellner brachte Goodman ein heißes, fettiges Cornedbeef-Sandwich und Adam einen Teller Hühnersuppe.

≫Wie viele Leute sitzen zur Zeit in Mississippi im Todestrakt?≪ fragte Goodman.

≫Achtundvierzig, im vorigen Monat. Fünfundzwanzig Schwarze, dreiundzwanzig Weiße. Die letzte Hinrichtung hat vor zwei Jahren stattgefunden. William Parris. Sam Cayhall wird vermutlich der nächste sein, sofern nicht ein kleines Wunder geschieht.≪

Goodman kaute schnell an einem großen Bissen. Er wischte sich den Mund mit der Papierserviette ab. ≫Ein großes Wunder, würde ich sagen. Juristisch läßt sich kaum noch was unternehmen.≪

≫Da ist die übliche Kollektion von Anträgen in letzter Minute.≪

≫Heben wir uns die strategischen Erörterungen für später auf. Ich nehme an, Sie sind noch nie in Parchman gewesen.≪

≫Nein. Seit ich die Wahrheit erfahren habe, hat es mich gedrängt, nach Mississippi zurückzukehren, aber es ist nie dazu gekommen.≪

≫Es ist ein riesiges Gelände mitten im Delta des Mississippi, ironischerweise nicht weit von Greenville entfernt. An die siebzehntausend Morgen groß. Wahrscheinlich der heißeste Ort auf Erden. Es liegt am Highway 49, eine Art kleines Dorf westlich davon. Der vordere Teil besteht aus Verwaltungsgebäuden und ist nicht von Zäunen umgeben. Über das Gelände sind an die dreißig verschiedene Gebäude verstreut, alle eingezäunt und ausbruchssicher. Jeder Bau ist vollkommen von den anderen getrennt. Einige davon liegen Meilen auseinander. Sie fahren an verschiedenen dieser Bauten vorbei, alle von Maschendrahtzäunen und Stacheldraht umgeben. Dahinter stehen Hunderte von Gefangenen herum und tun gar nichts. Sie tragen verschiedenfarbige Kleidung, je nach ihrer Einstufung. Man hat den Eindruck, als wären sie alle junge Schwarze, die einfach herumlungern. Einige spielen Basketball, andere sitzen auf den Veranden der Gebäude. Hin und wieder ein weißes Gesicht. Sie fahren in Ihrem Wagen vorbei, allein und sehr langsam, eine Schotterstraße entlang, vorbei an den Gebäuden und dem Stacheldraht, bis Sie zu einem scheinbar harmlosen Komplex mit einem Flachdach kommen. Er ist von einem hohen Zaun umgeben, und auf den Wachtürmen sitzen Posten. Es ist ein relativ moderner Bau, der auch irgendeinen amtlichen Namen hat, aber fast jeder nennt ihn einfach den Todestrakt.≪

≫Hört sich an, als wäre es ein wundervoller Ort.≪

≫Ich hatte mir vorgestellt, es wäre ein Verlies, dunkel und kalt, in dem Wasser von der Decke tropft. Aber es ist nur ein kleines, flaches Gebäude, mitten in einem Baumwollfeld. Es ist nicht so schlecht wie die Todestrakte in anderen Staaten.≪

≫Ich möchte den Todestrakt sehen.≪

≫Das ist noch nichts für Sie. Es ist ein grauenhafter Ort, voller deprimierender Leute, die auf den Tod warten. Ich war sechzig, als ich zum erstenmal drin war, und hinterher konnte ich eine Woche lang nicht schlafen.≪ Er trank einen Schluck Kaffee. ≫Ich kann mir nicht vorstellen, wie Ihnen erst zumute sein wird, wenn Sie dort hingehen. Der Todestrakt ist schon schlimm genug, wenn man jemanden vertritt, der einem völlig fremd ist.≪

≫Er ist mir völlig fremd.≪

≫Wie wollen Sie ihm beibringen… ≪

≫Ich weiß es nicht. Ich werde mir etwas einfallen lassen. Ich bin sicher, es wird sich irgendwie ergeben.≪

Goodman schüttelte den Kopf. ≫Das ist irgendwie bizarr.≪

≫Die ganze Familie ist bizarr.≪

≫Ich erinnere mich jetzt wieder, daß Sam zwei Kinder hatte, eines davon eine Tochter. Es ist lange her. Und außerdem hat Tyner die Hauptarbeit getan.≪

≫Seine Tochter ist meine Tante, Lee Cayhall Booth, aber sie versucht, ihren Mädchennamen zu vergessen. Sie hat in den alten Geldadel von Memphis eingeheiratet. Ihr Mann besitzt ein oder zwei Banken, und sie verraten niemandem etwas über ihren Vater.≪

≫Wo lebt Ihre Mutter?≪

≫In Portland. Vor ein paar Jahren hat sie wieder geheiratet, und wir sprechen ungefähr zweimal im Jahr miteinander. Gestörte Beziehungen wäre ein milder Ausdruck.≪

≫Wie konnten Sie sich das College leisten?≪

≫Lebensversicherung. Mein Vater hatte Mühe, einen Job zu behalten, aber er war klug genug, eine Lebensversicherung abzuschließen. Als er Selbstmord beging, war die Wartezeit schon seit mehreren Jahren abgelaufen.≪

≫Sam hat nie über seine Familie gesprochen.≪

≫Und seine Familie spricht nie über ihn. Seine Frau, meine Großmutter, starb ein paar Jahre, bevor er verurteilt wurde. Das habe ich natürlich nicht gewußt. Der größte Teil meiner genealogischen Recherchen basiert auf dem, was ich von meiner Mutter erfahren habe, und der ist es weitgehend gelungen, die Vergangenheit zu vergessen. Ich weiß nicht, wie das in normalen Familien vor sich geht, Mr. Goodman, aber meine Leute kommen nur selten zusammen, und wenn sich zwei oder mehr von uns treffen, dann ist die Vergangenheit das letzte, worüber gesprochen wird. Da gibt es viele dunkle Geheimnisse.≪

Goodman knabberte an einem Kartoffelchip und hörte aufmerksam zu. ≫Sie erwähnten eine Schwester.≪

≫Ja, ich habe eine Schwester, Carmen. Sie ist dreiundzwanzig, ein intelligentes und hübsches Mädchen. Studiert in Berkeley. Sie ist in Los Angeles geboren und brauchte deshalb im Gegensatz zu uns anderen keine Namensänderung. Wir halten ständig Kontakt miteinander.≪

≫Sie weiß Bescheid?≪

≫Ja, sie weiß Bescheid. Ich habe es erst von meiner Tante Lee erfahren, kurz nach der Beerdigung meines Vaters, und dann hat mich meine Mutter, was für sie typisch ist, gebeten, es auch Carmen zu sagen, die damals erst vierzehn war. Sie hat nie irgendwelches Interesse an Sam Cayhall an den Tag gelegt. Offen gestanden, der Rest der Familie wünscht sich, er würde einfach in aller Stille verschwinden.≪

≫Dieser Wunsch wird ihnen erfüllt werden.≪

≫Aber es wird nicht in aller Stille passieren, nicht wahr?≪

≫Nein. Das tut es nie. Einen kurzen, aber ziemlich widerwärtigen Augenblick lang wird Sam Cayhall der Mann sein, über den im ganzen Land am meisten geredet wird. Wir werden dieselben alten Aufnahmen von der Bombenexplosion und den Prozessen mit den vor dem Gerichtsgebäude aufmarschierten Kluxern sehen. Die alte Debatte über die Todesstrafe wird wieder aufflammen. Die Presse wird in Parchman einfallen. Dann werden sie ihn töten, und zwei Tage später ist alles wieder vergessen. So ist es jedesmal.≪

Adam rührte in seiner Suppe und holte bedächtig ein Stück Hühnerfleisch heraus. Er betrachtete es einen Moment, dann beförderte er es wieder in die Brühe. Er hatte keinen Hunger. Goodman verzehrte einen weiteren Chip und betupfte sich die Mundwinkel mit seiner Serviette.

≫Sie glauben doch nicht etwa, Mr. Hall, daß Sie das geheimhalten können.≪

≫Dazu habe ich mir einige Gedanken gemacht.≪

≫Vergessen Sie’s.≪

≫Meine Mutter hat mich angefleht, es nicht zu tun. Meine Schwester wollte nicht darüber reden. Und meine Tante in Memphis ist starr vor Angst vor der vagen Möglichkeit, daß wir alle als Cayhalls identifiziert werden und dann für immer ruiniert sind.≪

≫Die Möglichkeit ist gar nicht so vage. Wenn die Presse mit Ihnen fertig ist, wird sie alte Schwarzweißfotos von Ihnen ausgegraben haben, wie Sie auf den Knien Ihres Großvaters sitzen. Das macht sich großartig in den Zeitungen. Stellen Sie sich vor, Mr. Hall — der vergessene Enkelsohn, der in letzter Minute auf der Bühne erscheint und sich heroisch bemüht, seinem armen alten Großvater zu helfen, dessen Uhr beinahe abgelaufen ist.≪

≫Irgendwie gefällt mir das.≪

≫Es ist nicht schlecht. Es wird eine Menge Aufmerksamkeit auf unsere geliebte kleine Firma lenken.≪

≫Was mich auf ein anderes unangenehmes Thema bringt.≪

≫Das glaube ich nicht. Bei Kravitz & Bane arbeiten keine Feiglinge. Wir haben in der rauhen und unerbittlichen Welt der Chicagoer Justiz überlebt und Geld gemacht. Wir gelten als die gemeinsten Burschen in der ganzen Stadt. Wir haben das dickste Fell. Machen Sie sich der Firma wegen keine Sorgen.≪

≫Sie sind also einverstanden?≪

Goodman legte seine Serviette auf den Tisch und trank einen weiteren Schluck Kaffee. ≫Oh, es ist eine wundervolle Idee, vorausgesetzt, Ihr Großvater ist damit einverstanden. Wenn Sie ihn dazu bringen, daß er uns engagiert, richtiger gesagt, von neuem engagiert, dann sind wir wieder im Geschäft. Sie werden der Mann an der vordersten Front sein. Was Sie brauchen, können wir Ihnen von hier aus übermitteln. Ich werde mich im Hintergrund bereithalten. Es wird seinen Gang gehen. Dann werden sie ihn umbringen, und Sie werden nie darüber hinwegkommen. Ich habe drei meiner Mandanten sterben sehen, Mr. Hall, darunter einen in Mississippi. Danach sind Sie nie mehr der, der Sie vorher waren.≪

Adam nickte und lächelte und beobachtete die Fußgänger auf dem Gehsteig.

Goodman fuhr fort. ≫Wir werden dasein und Ihnen beistehen, wenn sie ihn töten. Sie werden es nicht allein durchstehen müssen.≪

≫Es ist doch nicht hoffnungslos, oder?≪

≫Fast. Über Strategie reden wir später. Als erstes muß ich mit Daniel Rosen sprechen. Er wird sich wahrscheinlich eingehend mit Ihnen unterhalten wollen. Als zweites müssen Sie Sam aufsuchen und sozusagen ein kleines Familientreffen veranstalten. Das ist der schwierigste Teil. Drittens, wenn er einverstanden ist, machen wir uns an die Arbeit.≪

≫Danke.≪

≫Danken Sie mir nicht, Adam. Ich bezweifle, daß wir noch miteinander reden werden, wenn das alles vorbei ist.≪

≫Ich danke Ihnen trotzdem.≪

5

Die Zusammenkunft wurde rasch anberaumt. E. Garner Goodman tätigte den ersten Anruf, und binnen einer Stunde waren die erforderlichen Teilnehmer im Bilde. Vier Stunden später saßen sie alle zusammen in einem kleinen, wenig benutzten Konferenzzimmer neben Daniel Rosens Büro. Hier war Rosens Terrain, und deshalb machte sich Adam mehr als nur geringfügige Sorgen.

Der Legende nach war Daniel Rosen ein Ungeheuer, obwohl zwei Herzinfarkte ihn etwas abgeschliffen und ein wenig sanfter gemacht hatten. Dreißig Jahre lang war er ein skrupelloser Prozeßanwalt gewesen, der bösartigste, gemeinste und ganz ohne Zweifel einer der erfolgreichsten Advokaten in Chicago. Vor den Herzinfarkten war er berühmt gewesen für sein brutales Arbeitsprogramm — neunzig Stunden pro Woche, Arbeitsorgien um Mitternacht, bei denen Anwaltsgehilfen und Sekretärinnen ihm alles mögliche heraussuchen und anschleppen mußten. Mehrere Ehefrauen hatten ihn verlassen. Vier Sekretärinnen mußten gleichzeitig auf Hochtouren arbeiten, um mit ihm Schritt zu halten. Daniel Rosen war das Herz und die Seele von Kravitz & Bane gewesen, aber das war Vergangenheit. Sein Arzt hatte verlangt, daß er seine Arbeit auf fünfzig Stunden pro Woche reduzierte, und er hatte ihm jede weitere Prozeßarbeit verboten.

Jetzt war Rosen, inzwischen fünfundsechzig Jahre alt und auf dem Wege zur Fettleibigkeit, von seinen geliebten Kollegen einstimmig dazu auserwählt worden, auf den sanfteren Weiden der Verwaltungsgeschäfte zu grasen. Er war für den reibungslosen Ablauf der ziemlich schwerfälligen Bürokratie von Kravitz & Bane verantwortlich. Eine Ehre, hatten die anderen Partner lahm erklärt, als sie ihm diesen Posten übertrugen.

Bisher war diese Ehre eine Katastrophe gewesen. Verbannt von dem Schlachtfeld, das er so inbrünstig liebte und brauchte, betrieb Rosen die Verwaltung der Firma auf eine Art, die sehr viel Ähnlichkeit mit der Vorbereitung eines kostspieligen Prozesses besaß. Er nahm wegen der trivialsten Angelegenheiten Sekretärinnen und Anwaltsgehilfen ins Kreuzverhör. Er legte sich mit den Partnern an und redete wegen nebulöser Probleme der Firmenpolitik stundenlang auf sie ein. Ins Gefängnis seines Büros verbannt, forderte er junge angestellte Anwälte auf, ihn zu besuchen, und brach dann einen Streit vom Zaun, um ihr Durchhaltevermögen unter Druck zu testen.

An dem kleinen Konferenztisch wählte er absichtlich den Adam genau gegenüberstehenden Stuhl und hielt eine dünne Akte in der Hand, als enthielte sie ein tödliches Geheimnis. E. Garner Goodman saß neben Adam, befingerte seine Fliege und kratzte sich den Bart. Als er Rosen angerufen, ihn über Adams Bitte unterrichtet und ihm die Neuigkeit über Adams Abstammung mitgeteilt hatte, hatte Rosen mit vorhersehbarer Unvernunft reagiert.

Emmitt Wycoff stand mit einem Mobiltelefon von Streichholzschachtelgröße am Ohr an einem Ende des Raums. Er war knapp fünfzig, sah wesentlich älter aus und durchlebte jeden Tag im Zustand unablässiger Panik und ständigen Telefonierens.

Rosen schlug vor Adams Augen sorgfältig die Akte auf und holte einen Notizblock heraus. ≫Weshalb haben Sie uns während des Vorstellungsgesprächs im vorigen Jahr nichts von Ihrem Großvater erzählt?≪ begann er mit scharfer Stimme und wütendem Blick.

≫Weil mich niemand danach gefragt hat≪, erwiderte Adam.

Goodman hatte ihn darauf hingewiesen, daß das Treffen hart werden könnte, aber er und Wycoff würden die Oberhand gewinnen.

≫Ich will keine Klugscheißerei hören≪, knurrte Rosen.

≫Immer mit der Ruhe, Daniel≪, sagte Goodman und verdrehte Wycoff gegenüber die Augen, der den Kopf schüttelte und dann zur Decke emporschaute.

≫Meinen Sie nicht, Mr. Hall, daß Sie uns hätten mitteilen müssen, daß Sie mit einem unserer Mandanten verwandt sind? Ihnen ist doch wohl klar, daß wir ein Recht darauf haben, das zu wissen, oder etwa nicht, Mr. Hall?≪ Sein spöttischer Ton war normalerweise für Zeugen reserviert, die logen und in der Falle saßen.

≫Ich bin nach allen möglichen Dingen gefragt worden≪, erwiderte Adam sehr beherrscht. ≫Erinnern Sie sich an die Sicherheitsüberprüfung? Die Fingerabdrücke? Es war sogar die Rede von einem Lügendetektor.≪

≫Ja, Mr. Hall, aber Sie wußten etwas, das uns unbekannt war. Ihr Großvater war Mandant dieser Firma, als Sie sich um eine Anstellung bewarben, und Sie hätten uns davon in Kenntnis setzen müssen.≪ Rosens Stimme war klangvoll und bewegte sich mit dem dramatischen Nachdruck eines guten Schauspielers durch Höhen und Tiefen. Sein Blick ruhte unverwandt auf Adam.

≫Nicht gerade der typische Großvater≪, sagte Adam leise.

≫Er ist trotzdem Ihr Großvater, und als Sie sich hier beworben haben, wußten Sie, daß er von uns vertreten wird.≪

≫Dann bitte ich um Entschuldigung≪, sagte Adam. ≫Diese Firma hat Tausende von Mandanten, alle gut betucht, die Unsummen für unsere Dienste bezahlen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, daß ein unbedeutender pro-bono-Fall irgendwelche Probleme bereiten würde.≪

≫Sie sind hinterhältig, Mr. Hall. Sie haben sich ganz bewußt für diese Firma entschieden, weil sie damals Ihren Großvater vertrat. Und jetzt sind Sie auf einmal hier und betteln um die Akte. Das bringt uns in eine unangenehme Lage.≪

≫Was für eine unangenehme Lage?≪ fragte Emmitt Wycoff, klappte sein Telefon zusammen und steckte es in die Tasche.

≫Schließlich reden wir über einen Mann, der in einer Todeszelle sitzt. Er braucht einen Anwalt, verdammt noch mal!≪

≫Seinen eigenen Enkel?≪ fragte Rosen.

≫Wen kümmert es, ob es sein eigener Enkel ist? Der Mann steht mit einem Fuß im Grab, und er braucht einen Anwalt.≪

≫Er hat uns entlassen, haben Sie das vergessen?≪ fuhr Rosen auf.

≫Ja, aber er kann uns jederzeit wieder engagieren. Es ist einen Versuch wert. Und kein Grund zur Aufregung.≪

≫Hören Sie, Emmitt, es ist mein Job, für das Image dieser Firma zu sorgen, und die Idee, einen unserer jungen Mitarbeiter nach Mississippi zu schicken, nur damit er einen Tritt in den Hintern bekommt und sein Mandant hingerichtet wird, gefällt mir ganz und gar nicht. Offengestanden, ich finde, wir sollten Mr. Hall entlassen.≪

≫Oh, wunderbar, Daniel≪, sagte Wycoff. ≫Die typische Überreaktion auf ein heikles Thema. Und wer vertritt dann Sam Cayhall? Denken Sie einen Moment lang auch an ihn. Der Mann braucht einen Anwalt! Adam ist möglicherweise seine einzige Chance.≪

≫Dann stehe Gott ihm bei≪, murmelte Rosen.

E. Garner Goodman entschloß sich zum Reden. Er verschränkte die Hände auf dem Tisch und funkelte Rosen an.

≫Das Image dieser Firma? Glauben Sie wirklich, man hält uns für einen Haufen unterbezahlter Sozialarbeiter, die sich für die Gesellschaft aufopfern?≪

≫Oder wie wäre es mit einem Haufen Nonnen, die in den Sozialsiedlungen arbeiten?≪ setzte Wycoff höhnisch hinzu.

≫Wie könnte so etwas dem Image der Firma schaden?≪ fragte Goodman.

Der Gedanke an Rückzug war Rosen nie gekommen. ≫Ganz einfach, Garner. Wir schicken nicht unsere Anfänger in den Todestrakt. Gut, wir mißbrauchen sie vielleicht, versuchen sie umzubringen, erwarten von ihnen, daß sie zwanzig Stunden am Tag arbeiten, aber wir schicken sie nicht in die Schlacht, bevor sie dazu bereit sind. Sie wissen, wie kompliziert die mit der Todesstrafe verbundenen juristischen Probleme sind. Schließlich haben Sie Bücher darüber geschrieben. Wie können Sie da erwarten, daß Mr. Hall hier irgend etwas ausrichten kann?≪

≫Ich werde ein Auge auf alles haben, was er tut≪, erwiderte Goodman.

≫Er ist wirklich ziemlich gut≪, setzte Wycoff abermals hinzu.

≫Er hat die gesamte Akte im Kopf, Daniel.≪

≫Es wird funktionieren≪, sagte Goodman. ≫Vertrauen Sie mir, Daniel. Ich habe so etwas schon öfter gemacht. Ich werde ihm sagen, wo’s langgeht.≪

≫Und ich werde ein paar Stunden darauf verwenden, ihm zu helfen≪, setzte Wycoff hinzu. ≫Wenn nötig, fliege ich sogar hinunter.≪

Goodman fuhr auf und starrte Wycoff fassungslos an. ≫Sie! Pro bono?≪

≫Natürlich. Ich habe ein Gewissen.≪

Adam ignorierte den Wortwechsel und sah Daniel Rosen an. Also los, werfen Sie mich hinaus, hätte er am liebsten gesagt. Los, Mr. Rosen, setzen Sie mich vor die Tür, damit ich meinen Großvater begraben und dann zusehen kann, was ich mit dem Rest meines Lebens anfange.

≫Und wenn er hingerichtet wird?≪ fragte Rosen in Goodmans Richtung.

≫Wir haben schon früher Mandanten verloren, Daniel, das wissen Sie. Drei, seit ich pro bono arbeite.≪

≫Wie sehen seine Chancen aus?≪

≫Sehr mager. Im Augenblick lebt er mit einem Aufschub, den das Fünfte Berufungsgericht gewährt hat. Der Aufschub kann jeden Tag aufgehoben werden, und dann wird ein neuer Hinrichtungstermin festgesetzt. Vermutlich im Spätsommer.≪

≫Also ziemlich bald.≪

≫Richtig. Wir haben uns sieben Jahre um seine Berufungen gekümmert, und sie haben ihren Verlauf genommen.≪

≫Wieso haben wir von allen Leuten, die im Todestrakt sitzen, gerade dieses Arschloch vertreten?≪ wollte Rosen wissen.

≫Das ist eine lange Geschichte und in diesem Moment völlig irrelevant.≪

Rosen machte sich auf seinem Block scheinbar gewichtige Notizen. ≫Sie glauben doch nicht etwa, daß Sie das geheimhalten können?≪

≫Vielleicht.≪

≫Quatsch, vielleicht. Kurz bevor sie ihn töten, werden sie ihn zu einer Berühmtheit machen. Die Medien werden um ihn herum wimmeln wie ein Rudel Wölfe. Sie werden bloßgestellt werden, Mr. Hall.≪

≫Und?≪

≫Und es wird Schlagzeilen machen, Mr. Hall. Sehen Sie sie nicht schon vor sich? VERSCHOLLENER ENKEL KEHRT ZURÜCK, UM GROSSVATER ZU RETTEN.≪

≫Hör auf damit, Daniel≪, sagte Goodman.

Aber er redete weiter. ≫Das ist ein gefundenes Fressen für die Medien, ist Ihnen das nicht klar, Mr. Hall? Sie werden Sie bloßstellen und alle Welt wissen lassen, wie verrückt Ihre Familie ist.≪

≫Aber wir lieben die Presse doch, nicht wahr, Mr. Rosen?≪ fragte Adam gelassen. ≫Wir sind Prozeßanwälte. Erwartet man von uns nicht, daß wir vor den Kameras auftreten? Sie haben nie…≪

≫Ein sehr gutes Argument≪, unterbrach ihn Goodman.

≫Daniel, vielleicht sollten Sie diesen jungen Mann nicht auffordern, der Presse aus dem Weg zu gehen. Wir können ganze Geschichten erzählen, wie Sie die Aufmerksamkeit der Presse auf sich gelenkt haben.≪

≫Ja, bitte, Daniel, halten Sie dem Jungen Vorträge, worüber Sie wollen, aber hören Sie auf mit diesem Quatsch über die Medien≪, sagte Wycoff mit einem gemeinen Grinsen. ≫Sie haben oft genug ihre Schau abgezogen.≪

Einen kurzen Augenblick lang wirkte Rosen verlegen. Adam beobachtete ihn genau.

≫Was mich betrifft, mir gefällt das Szenarium≪, sagte Goodman, während er seine Fliege befingerte und das Bücherregal hinter Rosen betrachtete. ≫Im Grunde spricht eine Menge dafür. Könnte eine großartige Sache sein für uns kleine pro-bono-Leute. Stellen Sie es sich bloß mal vor. Dieser junge Anwalt, der da unten wie ein Wahnsinniger darum kämpft, einen ziemlich berühmten Insassen einer Todeszelle zu retten. Und er ist einer unserer Anwälte ein Mitarbeiter von Kravitz & Bane. Natürlich wird es Tonnen von Berichten geben, aber wem sollte das schaden?≪

≫Es ist eine wundervolle Idee, wenn Sie mich fragen≪, setzte Wycoff hinzu, gerade als das irgendwo tief in einer seiner Taschen vergrabene Telefon piepte. Er klemmte es sich ans Ohr und wendete sich von der Versammlung ab.

≫Was ist, wenn er stirbt? Stehen wir dann nicht schlecht da?≪ fragte Rosen Goodman.

≫Es ist damit zu rechnen, daß er stirbt. Deshalb sitzt er schließlich in der Todeszelle≪, erklärte Goodman.

Wycoff hörte auf zu murmeln und steckte das Telefon wieder in die Tasche. ≫Ich muß gehen≪, sagte er und bewegte sich, jetzt nervös, eilig auf die Tür zu. ≫Wo stehen wir?≪

≫Es gefällt mir immer noch nicht≪, sagte Rosen.

≫Daniel, Daniel, immer mit dem Kopf durch die Wand≪, sagte Wycoff, blieb am Ende des Tisches stehen und stützte sich mit beiden Händen darauf. ≫Sie wissen, daß es eine gute Idee ist. Sie sind nur sauer, weil er es uns nicht gleich gesagt hat.≪

≫Das stimmt. Er hat uns getäuscht, und jetzt benutzt er uns.≪

Adam holte tief Luft und schüttelte den Kopf.

≫Das Vorstellungsgespräch liegt fast ein Jahr zurück. Das ist Vergangenheit und erledigt. Vergessen Sie’s. Er ist intelligent. Er arbeitet sehr hart. Weiß, was er will. Recherchiert überaus sorgfältig. Wir können froh sein, daß wir ihn haben. Na schön, seine Familie hat Probleme. Aber schließlich können wir nicht jeden Anwalt entlassen, mit dessen Familie etwas nicht stimmt.≪ Wycoff grinste Adam an. ≫Außerdem schwärmen sämtliche Sekretärinnen für ihn. Ich schlage vor, wir schicken ihn für ein paar Monate in den Süden und holen ihn dann so bald wie möglich zurück. Ich brauche ihn. Und jetzt muß ich los.≪ Er verschwand und machte die Tür hinter sich zu.

Im Zimmer herrschte Schweigen. Rosen kritzelte etwas auf seinen Block, dann gab er es auf und klappte die Akte zu. Er tat Adam fast leid. Hier saß nun dieser gewaltige Krieger, der legendäre Matador der Gerichtssäle von Chicago, ein großartiger Anwalt, der dreißig Jahre lang Geschworene beeinflußt, Gegner in Angst und Schrecken versetzt und Richter eingeschüchtert hatte und jetzt nur noch mit Bleistiften hantieren durfte und verzweifelt versuchte, aus der Beauftragung eines Anfängers mit einem pro-bono-Projekt eine Staatsaktion zu machen. Adam sah das Komische daran, die Ironie und den Jammer.

≫Ich bin einverstanden, Mr. Hall≪, sagte Rosen mit sehr viel Dramatik in seiner leisen Stimme, als wäre er total frustriert. ≫Aber eines kann ich Ihnen versprechen: Wenn diese Cayhall-Geschichte vorbei ist und Sie nach Chicago zurückkehren, werde ich mich dafür einsetzen, daß Sie bei Kravitz & Bane entlassen werden.≪

≫Das wird vermutlich nicht nötig sein≪, sagte Adam schnell.

≫Sie haben sich unter falschem Vorwand bei uns beworben≪, fuhr Rosen fort.

≫Ich sagte es bereits, es tut mir leid. Es wird nicht wieder passieren.≪

≫Außerdem sind Sie verdammt gerissen.≪

≫Das sind Sie auch, Mr. Rosen. Zeigen Sie mir einen Prozeßanwalt, der nicht gerissen ist.≪

≫Schlaues Kerlchen. Genießen Sie den Cayhall-Fall, Mr. Hall, es wird Ihre letzte Arbeit für diese Firma sein.≪

≫Sie möchten, daß ich eine Hinrichtung genieße?≪

≫Regen Sie sich ab, Daniel≪, sagte Goodman leise. ≫Hier wird niemand entlassen.≪

Rosen richtete voller Zorn seinen Finger auf Goodman. ≫Ich schwöre, daß ich seine Entlassung empfehlen werde.≪

≫Gut. Aber mehr als empfehlen können Sie nicht, Daniel. Ich bringe die Sache vor das Komitee, und dann werden sich alle in den Haaren liegen. Okay?≪

≫Ich kann es kaum abwarten≪, knurrte Rosen und sprang auf. ≫Ich fange gleich an, mit den Leuten zu reden. Ende der Woche habe ich meine Stimmen beisammen. Guten Tag!≪ Er stürmte aus dem Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

Sie saßen schweigend nebeneinander, starrten über den Tisch hinweg auf die Rücken der leeren Stühle und die Reihen von dicken, an der Wand aufgereihten juristischen Büchern und lauschten dem Echo der zugeknallten Tür.

≫Danke≪, sagte Adam schließlich.

≫Im Grunde ist er kein schlechter Kerl≪, sagte Goodman.

≫Reizend. Ein gütiger alter Herr.≪

≫Ich kenne ihn schon sehr lange. Es geht ihm gar nicht gut, er ist frustriert und deprimiert. Wir wissen nicht recht, was wir mit ihm anfangen sollen.≪

≫Was ist mit Pensionierung?≪

≫Es ist darüber gesprochen worden, aber bisher wurde noch nie ein Partner zum Ausscheiden gezwungen. Und es liegt ja wohl auf der Hand, daß keiner von uns einen solchen Präzedenzfall schaffen möchte.≪

≫Ist es ihm ernst damit, daß ich entlassen werden soll?≪

≫Machen Sie sich deshalb keine Sorgen, Adam. Dazu wird es nicht kommen, das verspreche ich Ihnen. Es war unrecht, daß Sie es uns nicht gesagt haben, aber das ist eine relativ kleine Sünde. Und eine völlig verständliche. Sie sind jung, verstört, naiv, und Sie wollen helfen. Machen Sie sich wegen Rosen keine Sorgen. Ich glaube nicht, daß er in drei Monaten noch auf seinem Stuhl sitzen wird.≪

≫Ich glaube, tief in seinem Innern bewundert er mich.≪

≫Das ist ziemlich offensichtlich.≪

Adam holte tief Luft und wanderte um den Tisch herum. Goodman zog die Kappe von seinem Stift und begann, sich Notizen zu machen. ≫Wir haben nicht viel Zeit, Adam≪, sagte er.

≫Ich weiß.≪

≫Wann können Sie abreisen?≪

≫Morgen. Ich packe gleich heute abend. Es ist eine Fahrt von zehn Stunden.≪

≫Die Akte wiegt einen Zentner. Sie wird gerade kopiert. Ich lasse sie morgen expedieren.≪

≫Erzählen Sie mir etwas über unser Büro in Memphis.≪

≫Ich habe vor einer Stunde mit den Leuten dort gesprochen. Der geschäftsführende Partner heißt Baker Cooley. Er erwartet Sie. Sie werden Ihnen ein kleines Büro und eine Sekretärin zur Verfügung stellen und Ihnen helfen, soweit es geht. Von Prozeßführung haben sie da unten nicht viel Ahnung.≪

≫Wie viele Anwälte?≪

≫Zwölf. Es ist eine kleine Nobelfirma, die wir vor zehn Jahren gekauft haben; niemand weiß mehr genau, warum. Aber es sind gute Leute. Die Überreste einer alten Firma, die mit dem Baumwoll- und Getreidehandel dort unten zu Ansehen gekommen ist, und ich glaube, darin liegt die Verbindung zu Chicago. Auf jeden Fall macht es sich gut auf den Briefbogen. Waren Sie schon einmal in Memphis?≪

≫Ich bin dort geboren, erinnern Sie sich?≪

≫Ach, ja.≪

≫Ich war einmal dort, vor ein paar Jahren, und habe meine Tante besucht.≪

≫Es ist eine alte Stadt am Fluß, irgendwie anheimelnd. Sie werden sich dort wohl fühlen.≪

Adam ließ sich Goodman gegenüber am Tisch nieder. ≫Wie soll ich mich in den nächsten paar Monaten wohl fühlen können?≪

≫Gute Frage. Sie sollten so bald wie möglich nach Parchman fahren.≪

≫Das werde ich übermorgen nachmittag tun.≪

≫Gut. Ich rufe den Direktor an. Er heißt Philip Naifeh und ist seltsamerweise Libanese. Von denen gibt es eine ganze Reihe im Mississippi-Delta. Jedenfalls ist er ein alter Freund von mir, und ich sage ihm, daß Sie kommen.≪

≫Der Direktor ist Ihr Freund?≪

≫Ja. Und zwar schon seit etlichen Jahren. Das geht auf Maynard Tole zurück, einen ganz miesen Burschen, der mein erster Toter in diesem Krieg war. Ich glaube, er wurde 1986 hingerichtet, und der Direktor und ich wurden Freunde. Er ist ein Gegner der Todesstrafe, ob Sie’s glauben oder nicht.≪

≫Das kann ich nicht glauben.≪

≫Er haßt Hinrichtungen. Das werden Sie bald lernen, Adam. Die Todesstrafe mag zwar in unserem Lande sehr populär sein, aber die Leute, die gezwungen sind, sie zu vollstrecken, befürworten sie nicht. Sie werden diese Leute kennenlernen: die Wärter, die in engem Kontakt zu den Insassen der Todeszellen stehen; die Verwaltungsbeamten, die eine reibungslose Tötung planen müssen; die Gefängnisangestellten, die schon einen Monat vorher zu proben beginnen. Es ist ein eigenartiger kleiner Ausschnitt dieser Welt, und ein überaus deprimierender.≪

≫Ich kann es kaum erwarten.≪

≫Ich spreche mit dem Direktor und hole die Besuchserlaubnis ein. Normalerweise gewährt man Ihnen ein paar Stunden. Aber es kann natürlich sein, daß es nur fünf Minuten dauert, falls Sam keinen Anwalt will.≪

≫Er wird mit mir reden, glauben Sie nicht?≪

≫Ich denke schon. Ich kann mir nicht vorstellen, wie der Mann reagieren wird, aber reden wird er. Es kann sein, daß Sie ihn mehrmals aufsuchen müssen, bis er unterschreibt, aber das können Sie ja tun.≪

≫Wann haben Sie ihn zum letztenmal gesehen?≪

≫Vor ungefähr zwei Jahren. Wallace Tyner und ich sind hingefahren. Sie sollten mit Tyner sprechen. Er hat in den letzten sechs Jahren an der vordersten Front gestanden.≪

Adam nickte. Er hatte in den vergangenen neun Monaten schon eine Menge Informationen aus Tyner herausgeholt.

≫Welchen Antrag reichen wir als ersten ein?≪

≫Darüber reden wir später. Ich treffe mich morgen früh mit Tyner, damit wir den Fall noch einmal durchsprechen können. Aber wir lassen alles offen, bis wir von Ihnen gehört haben. Wir können nichts unternehmen, solange wir ihn nicht vertreten.≪

Adam dachte an die Zeitungsfotos, die Schwarzweißaufnahmen aus dem Jahre 1967, als Sam verhaftet wurde, und die Zeitschriftenfotos, in Farbe, vom dritten Prozeß im Jahre 1981; und an die Fernsehaufzeichnungen, die er zu einem halbstündigen Video über Sam Cayhall zusammengeschnitten hatte. ≫Wie sieht er aus?≪

Goodman legte seinen Stift auf den Tisch und befingerte seine Fliege. ≫Mittelgroß. Dünn — aber schließlich sieht man im Todestrakt nur selten einen Dicken —, Nervenbelastung und mageres Essen. Er ist Kettenraucher, was nichts Ungewöhnliches ist, weil die Leute sonst kaum etwas anderes tun können, und sterben müssen sie ohnehin. Irgendeine ausgefallene Marke, Montclair, glaube ich, in einer blauen Packung. Sein Haar ist grau und fettig, soweit ich mich erinnere. Die Männer können nicht jeden Tag duschen. Hinten ist es ziemlich lang, aber das war vor zwei Jahren. Es ist noch nicht viel davon ausgefallen. Grauer Bart. Er ist ziemlich verrunzelt, aber schließlich geht er auf die Siebzig zu. Dazu das starke Rauchen. Sie werden feststellen, daß die Weißen im Todestrakt schlimmer aussehen als die Schwarzen. Sie sind dreiundzwanzig Stunden am Tag eingesperrt, deshalb bleichen sie sozusagen aus. Er sieht also richtig blaß und kränklich aus, blaue Augen, gut geschnittenes Gesicht. Ich vermute, daß Sam Cayhall früher einmal ein gutaussehender Mann war.≪

≫Nachdem mein Vater gestorben war und ich die Wahrheit über Sam erfahren hatte, habe ich meiner Mutter eine Menge Fragen gestellt. Sie hatte nicht viele Antworten, aber sie hat mir einmal gesagt, daß es zwischen meinem Vater und Sam kaum äußerliche Ähnlichkeiten gab.≪

≫Und auch nicht zwischen Ihnen und Sam, wenn es das ist, worauf Sie hinauswollen.≪

≫Ja, vermutlich.≪

≫Er hat Sie nicht mehr gesehen, seit Sie ein Kleinkind waren, Adam. Er wird Sie nicht wiedererkennen. So leicht wird es nicht sein. Sie werden es ihm sagen müssen.≪

Adam starrte auf den Tisch. ≫Sie haben recht. Wie wird er reagieren?≪

≫Ich habe keine Ahnung. Ich nehme an, er wird zu bestürzt sein, um viel zu sagen. Aber er ist ein intelligenter Mann, ohne viel Schulbildung, aber ziemlich belesen und redegewandt. Er wird sich schon etwas einfallen lassen. Es könnte ein paar Minuten dauern.≪

≫Das hört sich an, als ob Sie ihn fast mögen.≪

≫Das tue ich nicht. Er ist ein fürchterlicher Rassist und Fanatiker und hat keinerlei Reue für seine Taten gezeigt.≪

≫Sie sind überzeugt, daß er schuldig ist.≪

Goodman grunzte und lächelte vor sich hin, dann überlegte er sich eine Antwort. Drei Prozesse hatten stattgefunden, um die Schuld oder Unschuld von Sam Cayhall zu erweisen. Seit nunmehr neun Jahren war der Fall von einem Berufungsgericht ans andere weitergereicht und von vielen Richtern begutachtet worden. In zahllosen Zeitungs und Zeitschriftenartikeln war über das Bombenattentat und diejenigen, die dahintersteckten, geschrieben worden. ≫Die Geschworenen glauben es. Das ist vermutlich das einzige, was zählt.≪

≫Aber wie steht es mit Ihnen? Was glauben Sie?≪

≫Sie haben die Akten gelesen, Adam. Sie haben den Fall jahrelang recherchiert. Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, daß Sam an dem Attentat beteiligt war.≪

≫Aber?≪

≫Es gibt eine Menge Aber. Die gibt es immer.≪

≫Nichts weist darauf hin, daß er schon früher mit Sprengstoff hantiert hatte.≪

≫Richtig. Aber er war ein Klan-Terrorist, und die haben gebombt wie die Irren. Sam wird verhaftet, und die Bombenattentate hören auf.≪

≫Aber ein Zeuge hat ausgesagt, daß er bei einem der Bombenanschläge vor Kramer in dem grünen Pontiac zwei Männer gesehen hat.≪

≫Richtig. Aber dem Zeugen wurde nicht gestattet, bei der Verhandlung auszusagen. Und der Zeuge hatte gerade um drei Uhr morgens eine Bar verlassen.≪

≫Aber ein anderer Zeuge, ein Lastwagenfahrer, behauptet, er hätte gesehen, wie Sam und ein anderer Mann ein paar Stunden vor dem Attentat in einem Restaurant in Cleveland zusammensaßen.≪

≫Richtig. Aber der Lastwagenfahrer hat drei Jahre geschwiegen, und auch ihm wurde nicht gestattet, im letzten Prozeß auszusagen. Zu weit hergeholt.≪

≫Und wer war Sams Komplize?≪

≫Ich bezweifle, daß wir das je erfahren werden. Vergessen Sie nicht, Adam, dieser Mann wurde dreimal vor Gericht gestellt, hat aber nie ausgesagt. Der Polizei hat er praktisch gar nichts gesagt, seinen Verteidigern nur sehr wenig, zu den Geschworenen kein einziges Wort, und auch wir haben in den letzten sieben Jahren nichts Neues von ihm erfahren.≪

≫Glauben Sie, daß er allein gehandelt hat?≪

≫Nein. Er hatte Hilfe. Sam trägt dunkle Geheimnisse mit sich herum, Adam. Er wird sie nie jemandem verraten. Er hat als Angehöriger des Klans einen Eid geschworen, und er hat eine ziemlich verschrobene, romantische Vorstellung von einem heiligen Gelübde, das er nie brechen darf. Sein Vater gehörte auch dem Klan an, wissen Sie das?≪

≫Ja, ich weiß. Erinnern Sie mich nicht daran.≪

≫Entschuldigung. Auf jeden Fall ist es jetzt zu spät, um noch auf die Suche nach neuem Beweismaterial zu gehen. Wenn er tatsächlich einen Komplizen hatte, dann hätte er schon vor langer Zeit reden sollen. Vielleicht hätte er mit dem FBI reden sollen. Vielleicht hätte er mit dem Staatsanwalt einen Handel abschließen sollen. Ich weiß es nicht, aber wenn man wegen zweifachen vorsätzlichen Mordes angeklagt wird und mit dem Tod rechnen muß, dann fängt man an zu reden. Auch Sie würden reden, Adam — um ihren Kopf zu retten; und Sie würden Ihren Komplizen selbst zusehen lassen, wie er sich in Sicherheit bringt.≪

≫Und wenn es keinen Komplizen gegeben hat?≪

≫Es hat einen gegeben.≪ Goodman ergriff seinen Stift und schrieb einen Namen auf ein Stück Papier. Er schob es Adam über den Tisch hinweg zu, der es betrachtete und sagte: ≫Wyn Lettner. Der Name kommt mir bekannt vor.≪

≫Lettner war der leitende FBI-Agent im Fall Kramer. Er ist jetzt pensioniert und lebt an einem Forellenfluß in den Ozark Mountains. Er liebt es, Geschichten über den Krieg gegen den Klan und die Zeit der Bürgerrechtsbewegung in Mississippi zu erzählen.≪

≫Und er würde mit mir reden?≪

≫Bestimmt. Er ist ein großer Biertrinker, und wenn er sich halb hat vollaufen lassen, erzählt er die unglaublichsten Geschichten. Er wird nichts von sich geben, was vertraulich ist, aber er weiß mehr über das Kramer-Attentat als sonst irgend jemand. Ich habe immer geargwöhnt, daß er mehr weiß, als er ausgesagt hat.≪

Adam faltete das Papier zusammen und steckte es in die Tasche. Er sah auf die Uhr. Es war fast sechs. ≫Ich muß mich beeilen. Ich muß noch packen.≪

≫Ich bringe die Akten morgen auf den Weg. Rufen Sie mich an, sobald Sie mit Sam gesprochen haben.≪

≫Das tue ich. Darf ich noch etwas sagen?≪

≫Natürlich.≪

≫Im Namen meiner Familie, soweit man davon reden kann — meiner Mutter, die sich weigert, über Sam zu sprechen; meiner Schwester, die seinen Namen nur flüstert; meiner Tante in Memphis, die den Namen Cayhall verleugnet — und im Namen meines toten Vaters möchte ich Ihnen und dieser Firma danken für das, was Sie bisher getan haben. Ich bewundere Sie sehr.≪

≫Gern geschehen. Und ich bewundere Sie. Und nun sehen Sie zu, daß Sie nach Memphis kommen.≪

6

Die Einzimmerwohnung lag auf dem Dachboden über dem zweiten Stock eines Lagerhauses, in einer Gegend der Innenstadt, die für ihre Verbrechensrate berüchtigt war, aber angeblich sicher, bis es dunkel wurde. Das Lagerhaus war Mitte der achtziger Jahre vom Manager einer Bausparkasse gekauft worden, der einen Haufen Geld hineingesteckt hatte. Er hatte es in sechzig Wohnungen unterteilt, einen gerissenen Makler engagiert und sie als Yuppie-Apartments angeboten. Er scheffelte das Geld nur so, denn das Haus füllte sich praktisch über Nacht mit jungen Bankiers und Börsenmaklern.

Adam haßte die Wohnung. Von seinem Sechs-Monats-Vertrag waren noch drei Wochen übrig, aber er wußte nicht, wo er sonst wohnen sollte. Er würde gezwungen sein, den Vertrag um weitere sechs Monate zu verlängern, weil Kravitz & Bane erwartete, daß man achtzehn Stunden am Tag arbeitete, und er einfach nicht die Zeit hatte, sich eine andere Wohnung zu suchen.

Offenbar hatte er auch nicht die Zeit gehabt, irgendwelche Möbel zu kaufen. Ein schönes Ledersofa ohne Armlehnen stand einer alten Backsteinmauer gegenüber auf dem Holzfußboden. Nicht weit davon entfernt lagen zwei Sitzkissen — gelb und blau — für den unwahrscheinlichen Fall, daß Besucher aufkreuzten. Links davon war eine kleine Kochnische mit einer Frühstücksbar und drei Korbstühlen, und rechts von dem Sofa lag die Schlafecke mit dem ungemachten Bett und Kleidungsstücken auf dem Fußboden. Sechzig Quadratmeter, für dreizehnhundert Dollar im Monat. Adams Gehalt, neun Monate zuvor eine grandiose Aussicht, hatte mit sechzigtausend pro Jahr angefangen und betrug jetzt zweiundsechzigtausend. Von seinem Bruttogehalt von etwas mehr als fünftausend Dollar pro Monat gingen fünfzehnhundert für Steuern ab. Weitere sechshundert gelangten nie auf sein Konto, sondern wanderten in eine Pensionskasse von Kravitz & Bane, die ihm das Leben erleichtern sollte, wenn er fünfundfünfzig war, sofern sie ihn nicht vorher umbrachten. Nach Abzug der Miete und der anderen laufenden Kosten, vierhundert Dollar im Monat für einen geleasten Saab und kleineren Ausgaben für Tiefkühlkost und anständige Kleidung blieben Adam ungefähr siebenhundert Dollar zur freien Verfügung. Einen Teil davon gab er für Frauen aus, aber diejenigen, die er kannte, kamen gleichfalls gerade von der Universität und hatten neue Jobs und neue Kreditkarten und bestanden in der Regel darauf, für sich selbst zu zahlen. Adam hatte nichts dagegen. Dank dem Glauben seines Vaters an eine Lebensversicherung hatte er sein Studium nicht über ein Darlehen finanzieren müssen. Obwohl es Dinge gab, die er gern gekauft hätte, zahlte er jeden Monat fünfhundert Dollar in einen Investmentfonds ein. Da weder Frau noch Kinder in Sicht waren, bestand sein Lebensziel darin, hart zu arbeiten, hart zu sparen und sich mit Vierzig aus dem Beruf zurückzuziehen.

Vor der Backsteinmauer stand ein Aluminiumtisch mit einem Fernseher darauf. Adam saß auf dem Sofa, nackt bis auf Boxershorts, und hielt die Fernbedienung in der Hand. Bis auf die vom Bildschirm kommende fahle Helligkeit war das Zimmer dunkel. Es war bereits nach Mitternacht. Das Video hatte er im Laufe der Jahre zusammengestückelt — Die Abenteuer eines Klan-Terroristen nannte er es. Es begann mit der kurzen Nachrichtensendung eines Lokalsenders in Jackson, Mississippi, aufgenommen am 3. März 1967, am Morgen nach der Zerstörung der Synagoge durch eine Bombenexplosion. Es war der vierte bekannte Anschlag auf eine jüdische Institution im Laufe von zwei Monaten, erklärte die Reporterin, während hinter ihr ein Radlader mit einer Schaufel voll Trümmer vorbeidröhnte. Das FBI hatte nur wenige Anhaltspunkte, erklärte sie, und noch weniger Material für die Medien. Die Terrorkampagne des Klans geht weiter, verkündete sie ernst und beendete damit ihre Reportage.

Der Kramer-Anschlag war der nächste, und die Story begann mit heulenden Sirenen und Polizisten, die Neugierige vom Tatort zurückdrängten. Ein Lokalreporter und sein Kameramann waren so schnell zur Stelle gewesen, daß sie das Chaos von Anfang an mitbekamen. Man sah Leute, die auf die Überreste von Marvins Büro zurannten. Über den kleinen Eichen auf dem Rasen vor dem Haus hing eine dichte Staubwolke. Die Bäume waren zerfetzt und blattlos, aber sie standen noch. Die Wolke bewegte sich nicht, und nichts deutete darauf hin, daß sie sich je wieder auflösen würde. Außerhalb des Bildes rief jemand etwas über ein Feuer, und die Kamera schwenkte herum und richtete sich auf das Gebäude nebenan, wo dichter Rauch durch eine beschädigte Wand drang. Der Reporter, atemlos und ins Mikrofon keuchend, redete zusammenhanglos über die grauenhafte Szene. Er zeigte hierhin und dorthin, und die Kamera folgte ihm mit verzögerter Reaktion. Die Polizei drängte ihn beiseite, aber er war zu aufgeregt, um sich darum zu kümmern. In der verschlafenen Stadt Greenville gab es ein grandioses Inferno, und dies war sein großer Moment.

Eine halbe Stunde später, unter einem anderen Blickwinkel, war seine Stimme etwas gelassener, als er über die hektische Rettung von Marvin Kramer aus den Trümmern berichtete. Die Polizei errichtete ihre Absperrung und drängte die Menge weiter zurück, während die Rettungsmannschaften die Tragbahre durch die Trümmer manövrierten. Die Kamera folgte der davonjagenden Ambulanz. Dann, eine Stunde später und abermals unter einem anderen Blickwinkel, war der Reporter ziemlich gefaßt und schwermütig, als von den Rettungsleuten die beiden Tragbahren mit den zugedeckten kleinen Leichen herausgebracht wurden.

Es folgte ein Schnitt vom Schauplatz des Bombenattentats zur Vorderfront des Gerichtsgebäudes, und zum erstenmal war Sam Cayhall zu sehen. Er trug Handschellen und wurde schnell in einen wartenden Wagen gestoßen.

Wie immer drückte Adam auf einen Knopf und ließ die kurze Szene mit der Aufnahme von Sam noch einmal ablaufen. Es war 1967, vor dreiundzwanzig Jahren. Sam war sechsundvierzig Jahre alt. Sein Haar war dunkel und nach der damaligen Mode sehr kurz geschnitten. Unter seinem linken Auge, der Kamera abgewandt, klebte ein Wundpflaster. Er ging schnell und hielt mit den Deputies Schritt, weil Leute zusahen, Fotos machten und Fragen riefen. Er drehte sich nur einmal zu ihren Stimmen um, und wie immer hielt Adam das Band an und starrte zum millionstenmal in das Gesicht seines Großvaters. Das Bild war schwarzweiß und nicht scharf, aber immer trafen sich ihre Blicke.

Neunzehnhundertsiebenundsechzig. Wenn Sam sechsundvierzig war, dann war Eddie damals vierundzwanzig und Adam fast drei Jahre alt. Damals hieß er Alan. Alan Cayhall, wenig später Einwohner eines anderen Staates, in dem ein Richter ihm per Dekret einen neuen Namen verlieh. Beim Anschauen des Videos hatte er sich oft gefragt, wo er in dem Augenblick gewesen sein mochte, in dem die Kramer-Zwillinge starben: um 7.46 Uhr am 21. April 1967. Seine Eltern wohnten damals in einem kleinen Haus in Clanton, und wahrscheinlich hatte er noch geschlafen, unter den wachsamen Augen seiner Mutter. Er war fast drei, und die Kramer-Zwillinge waren erst fünf Jahre alt.

Das Video zeigte weitere kurze Aufnahmen von Sam, der in verschiedene Gefängnisse und Gerichtsgebäude hinein- oder aus ihnen herausgeführt wurde. Er trug immer Handschellen und hatte sich angewöhnt, den Blick ungefähr einen Meter vor sich auf den Boden zu richten. Sein Gesicht war ausdruckslos. Er sah nie die Reporter an, ging nie auf ihre Fragen ein, sagte nie ein Wort. Er bewegte sich schnell, schoß aus Türen heraus und in wartende Wagen.

Das Spektakel der ersten beiden Prozesse war mit täglichen Fernsehreportagen eingehend dokumentiert worden. Im Laufe der Jahre war es Adam gelungen, den größten Teil der Aufzeichnungen in die Hand zu bekommen, und er hatte das Material sorgfältig zusammengestellt. Da war das großmäulige Gesicht von Clovis Brazelton, Sams Anwalt, der sich keine Gelegenheit zu einem Auftritt vor der Presse entgehen ließ. Aber Adam hatte im Laufe der Zeit die meisten Aufnahmen von Brazelton herausgeschnitten. Er verabscheute den Mann. Es gab klare Schwenks über die Rasen vor den Gerichtsgebäuden, mit den Mengen der schweigenden Zuschauer, der schwerbewaffneten Staatspolizei und den Männern des Ku-Klux-Klan in ihren Kutten, mit kegelförmigen Kapuzen und unheimlichen Masken. Es gab kurze Aufnahmen von Sam, immer voller Hast, immer den Kameras ausweichend, indem er einen stämmigen Deputy als Schild benutzte. Nach dem zweiten Prozeß und der zweiten gescheiterten Jury hielt Marvin Kramer in seinem Rollstuhl auf dem Gehsteig vor dem Gericht von Wilson County an und verurteilte mit bitteren Worten und Tränen in den Augen Sam Cayhall und den Ku-Klux-Klan und das viel zu eng gefaßte Rechtssystem von Mississippi. Dann kam es vor laufenden Kameras zu einem erbarmungswürdigen Zwischenfall. Marvin entdeckte plötzlich nicht weit von ihm entfernt zwei Klansmänner in ihren Kutten und begann, sie anzuschreien. Einer von ihnen schrie etwas zurück, aber seine Antwort ging in der Hektik des Augenblicks unter. Adam hatte alles Erdenkliche versucht, um die Antwort des Klansmannes wieder hörbar zu machen, aber ohne Erfolg. Die Antwort würde für immer unverständlich bleiben. Ein paar Jahre zuvor, noch während seines Studiums in Michigan, war es Adam gelungen, einen der Lokalreporter ausfindig zu machen, der damals dort gewesen war und nicht weit von Marvins Gesicht entfernt ein Mikrofon in der Hand gehalten hatte. Diesem Reporter zufolge hatte die Antwort von jenseits des Rasens etwas zu tun gehabt mit dem Wunsch, Marvin auch die restlichen Gliedmaßen abzureißen. Irgend etwas in dieser gemeinen und grausamen Art mußte es gewesen sein, denn Marvin drehte durch. Er kreischte den davonschlendernden Kluxern Obszönitäten zu und trieb die Metallräder seines Rollstuhls an, um ihnen zu folgen. Er brüllte und fluchte und weinte. Seine Frau und ein paar Freunde versuchten, ihn zurückzuhalten, aber er riß sich los, und seine Hände bearbeiteten wie besessen die Räder. Er rollte ungefähr sechs Meter, gefolgt von seiner Frau, während die Kamera alles festhielt, bis der Gehsteig endete und der Rasen begann. Der Rollstuhl kippte um, und Marvin stürzte auf den Rasen. Die Decke über seinen amputierten Beinen löste sich, und er rollte bis dicht an einen Baum heran. Seine Frau und seine Freunde waren sofort bei ihm, und ein oder zwei Augenblicke lang war er in einer kleinen Gruppe verschwunden. Aber man konnte ihn immer noch hören. Als die Kamera herumschwenkte und eine kurze Aufnahme von den beiden Klansmännern machte, von denen sich der eine vor Lachen bog und der andere wie erstarrt dastand, kam aus der kleinen Gruppe auf dem Boden ein seltsames Geräusch. Marvin heulte, aber es war das schrille Geheul eines verwundeten Wahnsinnigen. Es war ein furchtbares Geräusch, ein paar grauenhafte Sekunden lang, und dann folgte auf dem Video die nächste Szene.

Adam hatte Tränen in den Augen gehabt, als er zum erstenmal gesehen hatte, wie Marvin auf dem Boden landete, stöhnend und heulend, und obwohl die Bilder und Geräusche ihm immer noch die Kehle zuschnürten, hatte er schon vor langer Zeit aufgehört zu weinen. Das Video war sein Werk. Niemand außer ihm hatte es je gesehen. Und er hatte es sich so oft angeschaut, daß Tränen nicht mehr möglich waren.

Von 1968 bis 1981 machte die Technologie gewaltige Fortschritte, und die Aufzeichnungen von Sams drittem und letztem Prozeß waren wesentlich schärfer und klarer. Es war Februar 1981, in einem hübschen Städtchen mit einem belebten Platz und einem Gerichtsgebäude aus roten Backsteinen. Die Luft war bitter kalt, und vielleicht war das der Grund dafür, daß die Massen von Zuschauern und Demonstranten diesmal ausblieben. In einer Reportage vom ersten Verhandlungstag gab es einen kurzen Schwenk auf drei vermummte Klansmänner, die sich um ein tragbares Heizgerät drängten, sich die Hände rieben und eher wie Karnevalsbesucher aussahen als wie ernstzunehmende Unruhestifter. Sie wurden von einem runden Dutzend Staatspolizisten bewacht, alle in blauen Jacken.

Da man zu jener Zeit in der Bürgerrechtsbewegung mehr ein historisches Ereignis als einen fortdauernden Kampf sah, zog der dritte Prozeß gegen Sam Cayhall ein größeres Medienaufgebot an als die ersten beiden. Hier war ein Mann, der zugegeben hatte, daß er dem Klan angehörte, ein richtiggehender Terrorist aus der fernen Vergangenheit der Freedom Riders und der Bombenanschläge auf Kirchen; ein Relikt aus diesen finsteren Zeiten, das man jetzt aufgespürt und vor Gericht gestellt hatte. Die Analogie zu den Nazi-Kriegsverbrechern wurde mehr als nur einmal aufs Tapet gebracht.

Sam war während seines letzten Prozesses nicht in Haft. Er blieb ein freier Mann, und seine Freiheit machte es noch schwerer, ihn vor die Kamera zu bekommen. Es gab kurze Aufnahmen, wie er in verschiedene Räume des Gerichtsgebäudes eilte. Sam war gut gealtert in den dreizehn Jahren, die seit dem zweiten Prozeß vergangen waren. Das Haar war immer noch kurz und ordentlich, aber jetzt grau durchwachsen. Er schien ein wenig dicker geworden zu sein, wirkte aber immer noch fit. Mit flinken Schritten bewegte er sich die Gehsteige entlang und stieg behende in Autos oder aus ihnen heraus, immer von den Medien verfolgt. Eine Kamera erfaßte ihn, als er aus einer Nebentür des Gerichtsgebäudes trat, und Adam hielt das Band genau in dem Moment an, in dem Sam direkt in die Kamera schaute.

Im Mittelpunkt eines großen Teils des Filmmaterials vom dritten und letzten Prozeß stand ein forscher junger Staatsanwalt namens David McAllister, ein gutaussehender Mann, der dunkle Anzüge trug und ein allzeitbereites Lächeln mit einwandfreien Zähnen. Es konnte kaum ein Zweifel daran bestehen, daß McAllister politische Ambitionen hatte. Er hatte das Aussehen dazu, das Haar, das Kinn, die volle Stimme, die glatten Worte, die Fähigkeit, Kameras auf sich zu ziehen.

1989, acht kurze Jahre nach dem Prozeß, wurde David McAllister zum Gouverneur des Staates Mississippi gewählt. Zu niemandes Überraschung waren die Hauptanliegen seines Wahlkampfes mehr Gefängnisse gewesen, längere Verurteilungen und eine unerschütterliche Befürwortung der Todesstrafe. Adam verabscheute ihn, wußte aber, daß er binnen weniger Wochen, vielleicht sogar Tage, im Büro des Gouverneurs in Jackson, Mississippi, sitzen und um eine Begnadigung bitten würde.

Das Video endete damit, daß Sam, abermals in Handschellen, aus dem Gerichtsgebäude geführt wurde, nachdem die Geschworenen ihn zum Tode verurteilt hatten. Seine Miene war ausdruckslos. Sein Anwalt schien unter Schock zu stehen und gab ein paar belanglose Bemerkungen von sich. Der Reporter endete mit der Meldung, daß Sam an einem der nächsten Tage in den Todestrakt verbracht werden würde.

Adam drückte auf den Rückspulknopf und starrte auf den leeren Bildschirm. Hinter dem lehnenlosen Sofa standen drei Pappkartons, die den Rest der Geschichte enthielten: die umfangreichen Protokolle aller drei Prozesse, die Adam erstanden hatte, während er in Pepperdine studierte; Kopien der Anträge und Entscheidungen aus dem Berufungskrieg, der seit Sams Verurteilung tobte; ein dicker Ordner mit einem ausführlichen Register, der Kopien von Hunderten von Zeitungs- und Zeitschriftenstories über Sams Abenteuer als Angehöriger des Klans enthielt; Material und Recherchen über die Todesstrafe; Notizen aus dem Studium. Er wußte mehr über seinen Großvater als irgend jemand sonst.

Dennoch wußte Adam, daß er nicht einmal die Oberfläche angekratzt harte. Er drückte auf einen anderen Knopf und sah sich das Video noch einmal an.

7

Die Beerdigung von Eddie Cayhall fand einen knappen Monat nach Sams Verurteilung statt. Der Trauergottesdienst, an dem nur wenige Freunde und noch weniger Familienangehörige teilnahmen, wurde in einer kleinen Kapelle in Santa Monica abgehalten. Adam saß in der vordersten Bank zwischen seiner Mutter und seiner Schwester. Sie hielten sich bei den Händen und starrten auf den nur wenige Zentimeter von ihnen entfernten, geschlossenen Sarg. Seine Mutter war wie immer steif und stoisch ruhig. Gelegentlich traten ihr Tränen in die Augen, und sie war gezwungen, sie mit einem Taschentuch abzutupfen. Sie und Eddie hatten sich so oft getrennt und wieder versöhnt, daß die Kinder nicht mehr wußten, wessen Kleidungsstücke wo waren. Obwohl es in ihrer Ehe nie zu wirklich heftigen Auseinandersetzungen gekommen war, war eine Scheidung immer in greifbarer Nähe gewesen — Androhungen einer Scheidung, Pläne für eine Scheidung, ernste Gespräche mit den Kindern über eine Scheidung, Verhandlungen über eine Scheidung, Einreichen einer Scheidungsklage, Zurückziehen der Scheidungsklage, Schwüre, eine Scheidung auf jeden Fall zu vermeiden. Während des dritten Prozesses gegen Sam Cayhall brachte Adams Mutter ihre Habe ohne viel Aufhebens wieder in ihr kleines Haus und hielt sich so oft wie möglich in Eddies Nähe auf. Eddie hörte auf zu arbeiten und zog sich wieder einmal in seine dunkle kleine Welt zurück. Adam löcherte seine Mutter mit Fragen, aber sie erklärte nur mit ein paar kurzen Worten, daß Eddie wieder ≫eine schlimme Zeit≪ hätte. Die Vorhänge wurden zugezogen, die Jalousien geschlossen, die Lampenstecker herausgezogen, die Stimmen gedämpft und der Fernseher ausgeschaltet, während die Familie eine weitere von Eddies schlimmen Zeiten durchstand.

Drei Wochen nach der Verurteilung war er tot. Er erschoß sich in Adams Zimmer, an einem Tag, an dem er wußte, daß Adam als erster nach Hause kommen würde. In einem Brief, den er auf den Fußboden gelegt hatte, gab er Adam Anweisungen, sich zu beeilen und das Zimmer wieder sauberzumachen, bevor die Frauen nach Hause kamen. Ein weiterer Brief wurde in der Küche gefunden.

Carmen war damals vierzehn, drei Jahre jünger als Adam. Sie war in Mississippi gezeugt worden, aber erst nach der hastigen Flucht ihrer Eltern in Kalifornien zur Welt gekommen. Als sie geboren wurde, hatte Eddie den Namen seiner kleinen Familie offiziell von Cayhall in Hall geändert. Aus Alan war Adam geworden. Sie lebten im Osten von Los Angeles in einer Dreizimmerwohnung mit schmutzigen Gardinen an den Fenstern. Adam erinnerte sich an die Gardinen und die Löcher darin. Es war die erste von vielen zeitweiligen Unterkünften.

Neben Carmen auf der ersten Bank saß eine mysteriöse Frau, die Tante Lee hieß. Adam und Carmen hatten gerade erfahren, daß sie Eddies Schwester war. Als Kinder war ihnen beigebracht worden, keine Fragen über ihre Familie zu stellen, aber Lees Name war gelegentlich gefallen. Sie wohnte in Memphis, hatte dort irgendwann in eine reiche Familie eingeheiratet, hatte ein Kind und wollte wegen irgendeines alten Streits nichts mit Eddie zu tun haben. Die Kinder, vor allem Adam, hatten sich nach einem oder einer Verwandten gesehnt, und da Lee die einzige Person war, die jemals erwähnt wurde, beschäftigte sie ausgiebig ihre Fantasie. Sie wollten sie kennenlernen, aber Eddie lehnte immer ab, weil sie, wie er behauptete, kein netter Mensch sei. Aber ihre Mutter flüsterte ihnen zu, daß sie in Wirklichkeit sehr nett wäre und daß sie eines Tages mit ihnen nach Memphis fahren würde, damit sie sie kennenlernen konnten.

Statt dessen machte Lee die Reise nach Kalifornien, und zusammen begruben sie Eddie Hall. Nach der Beerdigung blieb sie zwei Wochen und freundete sich mit ihrer Nichte und ihrem Neffen an. Sie liebten sie, weil sie hübsch und cool war, immer Blue jeans und Blusen trug und am Strand barfuß ging. Sie nahm sie zum Einkaufen mit und ins Kino, und sie machten lange Spaziergänge an der Küste entlang. Sie entschuldigte sich immer wieder dafür, daß sie sie nicht schon früher besucht hatte. Sie hatte es gewollt, aber Eddie hatte es nicht zugelassen. Er wollte sie nicht sehen, weil es früher einen Streit zwischen ihnen gegeben hatte.

Und es war Tante Lee, die mit Adam am Ende einer Mole stand, zusah, wie die Sonne im Pazifik versank, und schließlich von ihrem Vater sprach, von Sam Cayhall. Während unter ihnen die Wellen sanft gegen die Mole schwappten, erzählte Lee dem jungen Adam, daß er als Säugling und Kleinkind in einer kleinen Stadt in Mississippi gelebt hatte. Sie hielt seine Hand und tätschelte hin und wieder sein Knie, wahrend sie ihn mit der unseligen Geschichte der Familie vertraut machte. Sie informierte ihn über die nackten Tatsachen von Sams Klan-Aktivitäten, über das Kramer-Attentat und die Prozesse, die ihn schließlich in den Todestrakt von Mississippi gebracht hatten. Ihre Erzählung hatte Lücken, mit denen man Bibliotheken hätte füllen können, aber über die entscheidenden Punkte sprach sie mit sehr viel Feingefühl.

Für einen unsicheren Sechzehnjährigen, der gerade seinen Vater verloren hat, verkraftete Adam die ganze Angelegenheit recht gut. Er stellte ein paar Fragen, während ein kühler Wind auf die Küste traf und sie sich eng aneinanderdrückten, aber die meiste Zeit hörte er einfach zu, nicht schockiert oder empört, sondern ungeheuer fasziniert. Diese grauenhafte Geschichte war auf eine seltsame Art tröstlich. Es gab eine Familie da draußen! Vielleicht war er doch nicht so unnormal. Vielleicht gab es da Tanten und Onkel und Vettern, an deren Leben man teilhaben und mit denen man sich unterhalten konnte. Vielleicht gab es alte Häuser, gebaut von richtiggehenden Vorfahren, und Land und Farmen, auf denen sie sich niedergelassen hatten. Er hatte doch eine Geschichte.

Aber Lee war klug genug, um sein Interesse schnell zu durchschauen. Sie erklärte ihm, daß die Cayhalls merkwürdige und verschlossene Leute waren, die für sich allein lebten und keine Außenstehenden an sich herankommen ließen. Sie waren keine freundlichen und warmherzigen Menschen, die sich zu Weihnachten versammelten und den Vierten Juli gemeinsam feierten. Lee lebte nur eine Autostunde von Clanton entfernt, besuchte sie aber nie.

Die Ausflüge zur Mole in der Abenddämmerung wurden während der darauffolgenden Woche zu einem Ritual. Sie machten am Markt Station und kauften eine Tüte mit blauen Trauben, dann spuckten sie bis lange nach Einbruch der Dunkelheit Kerne in den Ozean. Lee erzählte Geschichten aus ihrer Kindheit in Mississippi mit ihrem kleinen Bruder Eddie. Sie hatten auf einer kleinen Farm gelebt, eine Viertelstunde von Clanton entfernt, mit Teichen zum Angeln und Ponys zum Reiten. Sam war ein passabler Vater gewesen, nicht übermäßig autoritär, aber auch alles andere als zärtlich. Ihre Mutter war eine schwache Frau, die Sam nicht mochte, aber ihre Kinder hingebungsvoll liebte. Sie verlor ein Kind, als Lee sechs war und Eddie beinahe vier, und lag danach fast ein Jahr im Bett. Sam stellte eine schwarze Frau ein, die sich um Eddie und Lee kümmern sollte. Ihre Mutter starb an Krebs, und das war das letztemal, daß sich die Cayhalls versammelten. Eddie schlich sich zur Beerdigung in die Stadt, versuchte aber, allen aus dem Wege zu gehen. Drei Jahre später wurde Sam zum letztenmal verhaftet und verurteilt.

Über ihr eigenes Leben hatte Lee wenig zu erzählen. Sie hatte im Alter von achtzehn Jahren fluchtartig ihr Zuhause verlassen, eine Woche nach Abschluß der High-School, und war nach Nashville gefahren, um als Sängerin berühmt zu werden. Irgendwie hatte sie Phelps Booth kennengelernt, der an der Vanderbilt University studierte und dessen Familie mehrere Banken besaß. Sie heirateten und ließen sich in Memphis nieder, wo sie ein allem Anschein nach unerfreuliches Leben führten. Sie hatten einen Sohn, Walt, der offenbar ziemlich rebellisch war und jetzt in Amsterdam lebte. Das waren die einzigen Details.

Adam wußte nicht, ob Lee aus sich etwas anderes gemacht hatte als eine Cayhall, vermutete es aber. Wer konnte ihr daraus einen Vorwurf machen?

Lee verschwand so unauffällig, wie sie gekommen war. Ohne eine Umarmung oder ein Lebewohl verließ sie vor Tagesanbruch ihr Haus und war fort. Zwei Tage später rief sie an und sprach mit Adam und Carmen. Sie ermutigte sie, ihr zu schreiben, was sie eifrig taten, aber die Anrufe und Briefe von ihr kamen in immer größeren Abständen. Die Verheißung einer neuen Verwandtschaftsbeziehung verblaßte allmählich. Ihre Mutter entschuldigte sie. Sie sagte, Lee wäre ein guter Mensch, aber trotzdem eine Cayhall und deshalb anfällig für ein gewisses Maß an Schwermut und Seltsamkeit. Adam war nahezu verzweifelt.

Im Sommer nach seinem Abschluß in Pepperdine fuhren Adam und ein Freund quer durch das Land nach Key West. Sie machten in Memphis Station und verbrachten zwei Nächte bei Tante Lee. Sie lebte allein in einer geräumigen, modernen Eigentumswohnung auf dem Steilufer oberhalb des Flusses, und sie saßen stundenlang auf der Terrasse, nur sie drei, aßen selbstgebackene Pizza, tranken Bier, schauten den Schleppern nach und redeten über alles mögliche. Die Familie wurde nie erwähnt. Adam freute sich auf das Jurastudium, und Lee war voller Fragen über seine Zukunft. Sie war fröhlich und munter und redelustig und die perfekte Tante und Gastgeberin. Als sie sich von ihr verabschiedeten, hatte sie Tränen in den Augen; und sie bat ihn, sie wieder zu besuchen.

Adam und sein Freund mieden Mississippi. Statt dessen fuhren sie nach Westen, durch Tennessee und die Smoky Mountains. Einmal waren sie, nach Adams Berechnung, nur rund hundertfünfzig Kilometer von Parchman und dem Todestrakt und Sam Cayhall entfernt. Das war vor vier Jahren gewesen, im Sommer 1986, und er besaß bereits einen großen Karton voll Material über seinen Großvater. Das Video war fast vollständig.

_________

Ihr Telefongespräch am Vorabend war kurz gewesen. Adam sagte, er würde ein paar Monate in Memphis verbringen, und er würde sie gern sehen. Lee lud ihn in ihre Wohnung ein, die auf dem Steilufer, wo sie vier Schlafzimmer und ein Teilzeitmädchen hatte. Sie bestand darauf, daß Adam bei ihr wohnen sollte. Dann sagte er, daß er in dem Büro in Memphis arbeiten würde, und zwar an Sams Fall. Daraufhin trat am anderen Ende Schweigen ein, dann kam ein mattes Angebot, trotzdem zu kommen, und sie würden darüber reden.

Ein paar Minuten nach neun drückte Adam auf ihre Klingel und warf einen Blick auf sein schwarzes Saab-Kabrio. Die Anlage bestand aus einer Reihe von zwanzig nebeneinander liegenden Wohnungen mit roten Ziegeldächern. Eine dicke, von einem schweren Eisengitter gekrönte Mauer schützte die Bewohner vor den Gefahren der Innenstadt von Memphis. Ein bewaffneter Wachmann hütete das einzige Tor. Ohne den Blick auf den Fluß auf der anderen Seite wären die Wohnungen praktisch wertlos gewesen.

Lee öffnete die Tür, und sie küßten sich gegenseitig auf die Wange. ≫Willkommen≪, sagte sie, warf einen Blick auf den Parkplatz und schloß dann hinter ihm die Tür wieder ab. ≫Bist du müde?≪

≫Nicht sehr. Die Fahrt dauert rund zehn Stunden, aber ich habe zwölf gebraucht. Ich hatte es nicht eilig.≪

≫Hast du Hunger?≪

≫Nein. Ich habe vor ein paar Stunden etwas gegessen.≪ Er folgte ihr ins Wohnzimmer, wo sie einander gegenüberstanden und versuchten, sich etwas Angemessenes einfallen zu lassen.

Sie war fast fünfzig und in den letzten vier Jahren stark gealtert. Das Haar war jetzt eine Mischung aus Grau und Braun zu gleichen Teilen und wesentlich länger. Sie hatte es zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihre sanften blauen Augen waren gerötet und bekümmert und von mehr Falten umgeben. Sie trug ein übergroßes Baumwollhemd und verblichene Jeans. Lee war immer noch cool.

≫Ich freue mich, dich zu sehen≪, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln.

≫Wirklich?≪

≫Natürlich. Laß uns auf die Terrasse hinausgehen.≪ Sie ergriff seine Hand und führte ihn durch die Glastür auf eine hölzerne Terrasse, auf der Ampeln mit Farn und Bougainvillea von den Balken herabhingen. Der Fluß lag unter ihnen. Sie ließen sich auf weißen Korb-Schaukelstühlen nieder. ≫Wie geht es Carmen?≪ fragte sie, während sie aus einem Keramikkrug Eistee einschenkte.

≫Gut. Immer noch in Berkeley. Wir telefonieren jede Woche miteinander. Sie hat einen Freund — es scheint ziemlich ernst zu sein.≪

≫Was studiert sie? Ich habe es vergessen.≪

≫Psychologie. Will ihren Doktor machen und dann vielleicht unterrichten.≪ Der Tee enthielt zuviel Zitrone und zu wenig Zucker. Adam trank ihn langsam. Die Luft war immer noch warm und feucht. ≫Es ist fast zehn Uhr≪, sagte er. ≫Warum ist es so heiß?≪

≫Willkommen in Memphis, Junge. Wir schmoren hier bis Ende September.≪

≫Das könnte ich nicht aushalten.≪

≫Man gewöhnt sich dran. Halbwegs jedenfalls. Wir trinken Unmengen von Tee und bleiben im Haus. Wie geht es deiner Mutter?≪

≫Sie ist immer noch in Portland. Jetzt mit einem Mann verheiratet, der im Holzhandel reich geworden ist. Ich habe ihn mal getroffen. Er dürfte fünfundsechzig sein, sieht aber aus wie siebzig. Sie ist siebenundvierzig und sieht aus wie vierzig. Ein hübsches Paar. Sie Jetten hierhin und dorthin, St. Barts, Südfrankreich, Mailand, zu all den Orten, an denen die Reichen sich sehen lassen müssen. Sie ist sehr glücklich. Ihre Kinder sind erwachsen. Eddie ist tot. Sie hat die Vergangenheit fein säuberlich weggesteckt. Und sie hat massenhaft Geld. In ihrem Leben steht alles zum Besten.≪

≫Du bist zu hart.≪

≫Ich bin zu nachsichtig. In Wirklichkeit will sie mich nicht um sich haben, weil ich ein schmerzhaftes Bindeglied zu meinem Vater und seiner unerfreulichen Familie bin.≪

≫Deine Mutter liebt dich, Adam.≪

≫Ich freue mich, das zu hören. Woher weißt du das?≪

≫Ich weiß es einfach.≪

≫Ich habe gar nicht gewußt, daß ihr beide, du und Mom, euch so nahesteht.≪

≫Das tun wir nicht. Reg dich ab, Adam. Nimm’s leicht.≪

≫Entschuldige. Ich bin ein bißchen überdreht, das ist alles. Ich brauche einen stärkeren Drink.≪

≫Entspann dich. Laß uns ein bißchen Spaß haben, solange du hier bist.≪

≫Ich bin nicht zum Spaß hier, Tante Lee.≪

≫Nenn mich einfach Lee, okay?≪

≫Okay. Morgen fahre ich zu Sam.≪

Sie stellte behutsam ihr Glas auf den Tisch, dann stand sie auf und verließ die Terrasse. Sie kehrte mit einer Flasche Jack Daniels zurück und goß ein großzügig bemessenes Quantum in beide Gläser. Sie trank einen großen Schluck und starrte auf den Fluß. ≫Warum?≪ fragte sie schließlich.

≫Warum nicht? Weil er mein Großvater ist. Weil er bald sterben muß. Weil ich Anwalt bin und er Hilfe braucht.≪

≫Er kennt dich nicht einmal.≪

≫Morgen wird er mich kennenlernen.≪

≫Du willst es ihm also sagen?≪

≫Ja. Natürlich werde ich es ihm sagen. Kannst du dir das vorstellen? Ich werde tatsächlich ein tief vergrabenes, dunkles und unerfreuliches Cayhall-Geheimnis verraten. Wie findest du das?≪

Lee hielt ihr Glas mit beiden Händen und schüttelte langsam den Kopf. ≫Er wird sterben≪, murmelte sie, ohne Adam anzusehen.

≫Noch nicht. Aber es ist schön zu wissen, daß es dich bekümmert.≪

≫Es bekümmert mich.≪

≫Natürlich. Wann warst du zum letztenmal bei ihm?≪

≫Fang nicht damit an, Adam. Du verstehst das nicht.≪

≫Na schön. Dann erklär es mir. Ich höre. Ich möchte es verstehen.≪

≫Können wir nicht über etwas anderes reden? Ich bin einfach noch nicht so weit.≪

≫Nein.≪

≫Wir können später darüber reden. Ich verspreche es. Im Moment bin ich dazu noch nicht in der Lage. Ich dachte, wir könnten einfach eine Weile miteinander plaudern und lachen.≪

≫Tut mir leid, Lee. Ich habe das Geplauder und die Geheimnisse satt. Ich habe keine Vergangenheit, weil mein Vater sie ausradiert hat. Ich will etwas über sie erfahren, Lee. Ich will wissen, wie schlimm sie wirklich ist.≪

≫Sie ist fürchterlich≪, flüsterte sie, fast wie im Selbstgespräch.

≫Okay. Ich bin jetzt erwachsen. Ich kann es verkraften. Mein Vater hat sich aus dem Staub gemacht, bevor er damit konfrontiert wurde, also ist jetzt leider niemand mehr da außer dir.≪

≫Laß mir ein wenig Zeit.≪

≫Wir haben keine Zeit. Ich werde ihm morgen gegenüberstehen.≪ Adam trank einen großen Schluck und wischte sich mit dem Ärmel die Lippen ab. ≫Vor dreiundzwanzig Jahren stand in Newsweek, daß auch Sams Vater dem Klan angehörte. Stimmt das?≪

≫Ja. Mein Großvater.≪

≫Und außerdem mehrere Onkel und Vettern.≪

≫Der ganze verdammte Haufen.≪

≫In Newsweek stand außerdem, daß in Ford County jedermann wußte, daß Sam Cayhall Anfang der fünfziger Jahre einen Schwarzen erschossen hat und deshalb nie vor Gericht gestellt wurde. Keinen einzigen Tag hätte er dafür im Gefängnis gesessen. Stimmt das?≪

≫Was spielt das jetzt für eine Rolle, Adam. Das war Jahre vor deiner Geburt.≪

≫Also ist es wirklich passiert?≪

≫Ja, es ist passiert.≪

≫Und du hast davon gewußt?≪

≫Ich habe es gesehen.≪

≫Du hast es gesehen?≪ Adam schloß die Augen, weil er das einfach nicht glauben konnte. Er atmete schwer und ließ sich tiefer in den Schaukelstuhl sinken. Das Tuten eines Schleppkahns erregte seine Aufmerksamkeit, und er folgte ihm flußabwärts, bis er unter einer Brücke hindurchfuhr. Der Bourbon fing an, ihn zu beruhigen.

≫Laß uns über etwas anderes reden≪, sagte Lee leise.

≫Schon als ich noch ein kleiner Junge war≪, sagte er, immer noch auf den Fluß schauend, ≫hat mich Geschichte fasziniert, die Art, wie die Leute in früheren Zeiten gelebt haben — die Pioniere, die Planwagenzüge, der Goldrausch, Cowboys und Indianer, die Besiedelung des Westens. Da war ein Junge in der vierten Klasse, der behauptete, sein Ur-Ur-Großvater hätte Züge überfallen und das Geld in Mexiko vergraben. Er wollte eine Bande zusammenstellen und davonlaufen und das Geld suchen. Wir wußten, daß er log, aber es machte eine Menge Spaß, darauf einzugehen. Ich habe mich oft gefragt, wer meine Vorfahren waren, und ich erinnere mich, daß ich nie wußte, woran ich war, weil ich offenbar keine hatte.≪

≫Was hat Eddie dazu gesagt?≪

≫Er hat behauptet, sie wären alle tot; sagte, auf Familiengeschichte würde mehr Zeit vergeudet als auf alles andere. Jedesmal, wenn ich Fragen über meine Familie stellte, nahm meine Mutter mich beiseite und sagte mir, ich sollte damit aufhören, weil es ihn aufregen und er wieder in eine seiner düsteren Stimmungen verfallen könnte und dann einen Monat nicht aus seinem Schlafzimmer herauskommen würde. Der größte Teil meiner Kindheit bestand darin, daß ich wie auf Eierschalen um meinen Vater herumgeschlichen bin. Als ich älter wurde, begann ich zu begreifen, daß er ein sehr merkwürdiger Mann war und sehr unglücklich, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, daß er Selbstmord begehen würde.≪

Sie ließ ihr Eis klirren und trank den letzten Schluck. ≫Da steckt eine Menge dahinter, Adam.≪

≫Und wann wirst du es mir erzählen?≪

Lee ergriff den Krug und goß wieder Tee in die Gläser. Adam füllte sie mit Bourbon auf. Mehrere Minuten vergingen, in denen sie tranken und den Verkehr auf dem Riverside Drive beobachteten.

≫Warst du schon einmal im Todestrakt?≪ fragte er schließlich, immer noch mit Blick auf die Lichter am Ufer des Flusses.

≫Nein≪, sagte sie fast unhörbar.

≫Er ist seit fast zehn Jahren dort, und du hast ihn nie besucht?≪

≫Ich habe ihm einmal einen Brief geschrieben, kurz nach seinem letzten Prozeß. Sechs Monate später hat er geantwortet und geschrieben, ich sollte nicht kommen. Sagte, er wollte nicht, daß ich ihn im Todestrakt sähe. Ich habe noch zwei weitere Briefe geschrieben, aber sie blieben beide unbeantwortet.≪

≫Das tut mir leid.≪

≫Es braucht dir nicht leid zu tun. Ich schleppe eine Menge Schuld mit mir herum, Adam, und es ist nicht leicht, darüber zu reden. Laß mir einfach ein bißchen Zeit.≪

≫Es kann sein, daß ich eine Weile in Memphis bleibe.≪

≫Ich möchte, daß du hier wohnst. Wir werden uns gegenseitig brauchen.≪ Sie zögerte und rührte mit dem Zeigefinger in ihrem Drink. ≫Ich meine, er wird sterben müssen, meinst du nicht?≪

≫Wahrscheinlich.≪

≫Wann?≪

≫In zwei oder drei Monaten. Seine Einspruchsmöglichkeiten sind praktisch erschöpft. Es ist nicht mehr viel übrig.≪

≫Weshalb willst du dich dann damit beschäftigen?≪

≫Ich weiß es nicht. Vielleicht deshalb, weil immer noch eine geringe Chance besteht. Ich werde in den nächsten paar Monaten arbeiten wie ein Besessener und um ein kleines Wunder beten.≪

≫Ich werde auch beten≪, sagte sie und trank noch einen Schluck.

≫Können wir über etwas anderes sprechen?≪ fragte er und sah sie nun doch plötzlich an.

≫Klar.≪

≫Lebst du hier allein? Ich finde, das ist eine faire Frage, wenn ich bei dir wohnen soll.≪

≫Ich lebe allein. Mein Mann wohnt in unserem Landhaus.≪

≫Und lebt er auch allein? Ich bin nur neugierig.≪

≫Gelegentlich. Er mag junge Mädchen, Anfang Zwanzig, gewöhnlich Angestellte in seinen Banken. Er erwartet von mir, daß ich anrufe, bevor ich in das Haus fahre. Und ich erwarte von ihm, daß er anruft, bevor er hierher kommt.≪

≫Hübsch und praktisch. Wer hat diese Vereinbarung ausgehandelt?≪

≫Das hat sich im Laufe der Zeit so ergeben. Wir leben seit fünfzehn Jahren nicht mehr zusammen.≪

≫Schöne Ehe.≪

≫Im Grunde funktioniert sie recht gut. Ich nehme sein Geld und stelle keine Fragen über sein Privatleben. Wir absolvieren die unerläßlichen gesellschaftlichen Auftritte gemeinsam, und er ist glücklich.≪

≫Bist du glücklich?≪

≫Meistens.≪

≫Wenn er dich betrügt, warum reichst du dann nicht die Scheidung ein und machst Schluß mit ihm? Ich würde dich vertreten.≪

≫Eine Scheidung würde nicht funktionieren. Phelps stammt aus einer sehr steifen und konservativen Familie von fürchterlich reichen Leuten. Alter Memphis-Adel. Einige dieser Familien haben seit Jahrzehnten nur untereinander geheiratet. Von Phelps wurde erwartet, daß er eine Cousine fünften Grades heiratete, doch er ist meinem Charme erlegen. Seine Familie war darüber äußerst erbost, und eine Scheidung wäre das schmerzliche Eingeständnis, daß sie recht gehabt hat. Außerdem sind diese Leute stolze Aristokraten, und eine unerfreuliche Scheidung würde sie demütigen. Mir gefällt die Unabhängigkeit, sein Geld zu nehmen und so zu leben, wie es mir paßt.≪

≫Hast du ihn je geliebt?≪

≫Natürlich. Als wir heirateten, haben wir uns heiß und innig geliebt. Wir sind übrigens zusammen durchgebrannt. Das war 1963, und die Vorstellung einer großen Hochzeit mit seiner Familie von Aristokraten und meiner Familie von engstirnigen Farmern gefiel uns beiden nicht. Seine Mutter wollte nicht mit mir reden, und mein Vater verbrannte Kreuze. Damals wußte Phelps nicht, daß mein Vater dem Klan angehörte, und ich wollte natürlich, daß er es nicht erfuhr.≪

≫Hat er es erfahren?≪

≫Als Daddy wegen des Bombenattentats verhaftet wurde, habe ich es ihm erzählt. Er wiederum hat es seinem Vater erzählt, und die Geschichte wurde allmählich und sehr behutsam in der Familie Booth verbreitet. Diese Leute sind sehr tüchtig im Bewahren von Geheimnissen. Es ist das einzige, was sie mit uns Cayhalls gemeinsam haben.≪

≫Also wissen nur wenige Leute, daß du Sam Cayhalls Tochter bist?≪

≫Sehr wenige. Und ich möchte, daß das so bleibt.≪

≫Du schämst dich…≪

≫Zum Teufel ja, ich schäme mich meines Vaters. Wer täte das nicht?≪ Ihre Worte waren plötzlich scharf und bitter. ≫Ich hoffe nur, du hast nicht irgendwelche romantischen Vorstellungen von diesem armen, alten Mann, der im Todestrakt leidet und im Begriff steht, zu Unrecht für seine Sünden gekreuzigt zu werden.≪

≫Ich bin nicht der Meinung, daß er sterben sollte.≪

≫Ich auch nicht. Aber er hat genügend Leute umgebracht — die Kramer-Zwillinge, ihren Vater, deinen Vater und Gott weiß wen sonst noch. Er sollte für den Rest seines Lebens im Gefängnis bleiben müssen.≪

≫Du hast keine Sympathien für ihn?≪

≫Gelegentlich. Wenn ich einen guten Tag habe und die Sonne scheint, dann denke ich vielleicht an ihn und erinnere mich an irgendein erfreuliches kleines Ereignis aus meiner Kindheit. Aber solche Augenblicke sind sehr selten, Adam. Er hat viel Elend angerichtet in meinem Leben und im Leben der Menschen um ihn herum. Er hat uns gelehrt, jedermann zu hassen. Er war gemein zu unserer Mutter. Seine ganze verdammte Familie ist gemein.≪

≫Also sollen sie ihn einfach hinrichten.≪

≫Das habe ich nicht gesagt, Adam, und du bist unfair. Ich muß ständig an ihn denken. Ich bete jeden Tag für ihn. Ich habe diese Wände eine Million Mal gefragt, warum und wieso aus meinem Vater ein so fürchterlicher Mensch geworden ist. Weshalb konnte er nicht irgendein netter alter Mann sein, der mit einer Pfeife und einem Stock auf der Terrasse vor seinem Haus sitzt, vielleicht mit einem kleinen Bourbon in der Hand, für seinen Magen natürlich? Weshalb mußte mein Vater ein Klansmann sein, der unschuldige Kinder umgebracht und seine eigene Familie ruiniert hat?≪

≫Vielleicht hatte er nicht die Absicht, sie umzubringen.≪

≫Sie sind tot, oder etwa nicht? Die Geschworenen haben gesagt, er hätte es getan. Sie wurden in Stücke gerissen und Seite an Seite in einem hübschen kleinen Grab beerdigt. Wen kümmert es, ob er die Absicht hatte, sie umzubringen? Er war dort, Adam.≪

≫Es könnte sehr wichtig sein.≪

Lee sprang auf und ergriff seine Hand. ≫Komm mit≪, sagte sie. Sie machten ein paar Schritte bis an den Rand der Terrasse, und sie deutete auf die Skyline von Memphis. ≫Siehst du das flache Gebäude dort in der Nähe des Flusses? Das, das uns am nächsten ist. Da drüben, drei oder vier Blocks entfernt.≪

≫Ja≪, erwiderte er langsam.

≫Das oberste Stockwerk ist das fünfzehnte. So, und nun zähle an der rechten Kante sechs Stockwerke nach unten. Verstanden?≪

≫Ja.≪ Adam nickte und zählte gehorsam. Das Gebäude war ein modernes Hochhaus.

≫So, und jetzt zähle vier Fenster nach links. Da brennt Licht. Siehst du es?≪

≫Ja.≪

≫Rate mal, wer da wohnt.≪

≫Woher soll ich das wissen?≪

≫Ruth Kramer.≪

≫Ruth Kramer! Die Mutter?≪

≫Ja.≪

≫Woher kennst du sie?≪

≫Wir sind uns einmal begegnet, zufällig. Sie wußte, daß ich Lee Booth war, die Frau des berüchtigten Phelps Booth, aber das war auch alles. Es war eine elegante Party, bei der es darum ging, Spenden für das Ballett oder so etwas locker zu machen. Ich bin ihr nach Möglichkeit aus dem Weg gegangen.≪

≫Das muß eine kleine Stadt sein.≪

≫Sie kann winzig sein. Wenn du sie nach Sam fragen könntest, was würde sie sagen?≪

Adam starrte auf die fernen Lichter. ≫Ich weiß es nicht. Ich habe gelesen, daß sie immer noch verbittert ist.≪

≫Verbittert? Sie hat ihre gesamte Familie verloren. Sie hat nie wieder geheiratet. Glaubst du, für sie spielt es eine Rolle, ob Sam vorgehabt hat, ihre Kinder umzubringen? Natürlich nicht. Sie weiß nur, daß sie tot sind, Adam, seit zwanzig Jahren tot. Sie weiß, daß sie von einer Bombe getötet wurden, die mein Vater gelegt hat, und wenn er zu Hause gewesen wäre bei seiner Familie, anstatt mit seinen schwachsinnigen Genossen in der Nacht herumzufahren, dann wären die kleinen Jungen, Josh und John, noch am Leben. Sie wären jetzt achtundzwanzig Jahre alt, hätten wahrscheinlich studiert, wären verheiratet und hätten vielleicht ein oder zwei Kinder, mit denen Ruth und Marvin spielen könnten. Es interessiert sie nicht, für wen die Bombe bestimmt war, Adam, nur, daß sie gelegt wurde und explodierte. Ihre Kinder sind tot. Das ist alles, was zählt.≪

Lee kehrte zu ihrem Schaukelstuhl zurück. Sie ließ ihr Eis klirren und trank einen Schluck. ≫Versteh mich nicht falsch, Adam. Ich bin gegen die Todesstrafe. Ich bin vermutlich im ganzen Land die einzige fünfzigjährige weiße Frau, deren Vater in einer Todeszelle sitzt. Es ist barbarisch, unmoralisch, diskriminierend, grausam, unzivilisiert — ich unterschreibe jedes dieser Worte. Aber vergiß die Opfer nicht. Sie haben ein Recht darauf, Vergeltung zu erwarten. Sie haben sie verdient.≪

≫Will Ruth Kramer Vergeltung?≪

≫Ja, auf jeden Fall. Sie äußert sich nur noch selten der Presse gegenüber, aber sie arbeitet in verschiedenen Gruppen mit, die sich um die Opfer von Verbrechen kümmern. Vor ein paar Jahren wurde eine Bemerkung von ihr zitiert; sie soll gesagt haben, sie würde bei Sam Cayhalls Hinrichtung im Zeugenraum sitzen.≪

≫Nicht gerade ein Zeichen von Vergebung.≪

≫Ich kann mich nicht erinnern, daß mein Vater je um Vergebung gebeten hätte.≪

Adam drehte sich um und setzte sich mit dem Rücken zum Fluß auf die Brüstung. Er schaute zu den Gebäuden der Innenstadt hinüber, dann betrachtete er seine Füße. Lee trank einen weiteren großen Schluck.

≫Also, Tante Lee, was sollen wir tun?≪

≫Bitte laß die Tante weg.≪

≫Okay, Lee. Ich bin hier. Ich reise nicht wieder ab. Morgen besuche ich Sam, und wenn ich ihn verlasse, will ich sein Anwalt sein.≪

≫Hast du vor, das geheimzuhalten?≪

≫Die Tatsache, daß ich in Wirklichkeit ein Cayhall bin? Ich habe nicht vor, es irgend jemandem zu erzählen, aber es sollte mich überraschen, wenn es lange ein Geheimnis bleiben würde. Sam ist eine Berühmtheit unter den Insassen des Traktes. Die Presse dürfte ziemlich bald anfangen, gründliche Nachforschungen anzustellen.≪

Lee zog die Füße hoch und starrte auf den Fluß. ≫Wird es dir schaden?≪ fragte sie leise.

≫Natürlich nicht. Ich bin Anwalt. Anwälte verteidigen Kinderschänder und Mörder und Drogendealer und Vergewaltiger und Terroristen. Wir sind nicht gerade populär. Wie sollte mir die Tatsache schaden, daß er mein Großvater ist?≪

≫Deine Firma weiß Bescheid?≪

≫Ich habe es ihnen gestern gesagt. Sie waren nicht gerade entzückt, aber sie haben sich wieder beruhigt. Ich habe es ihnen verheimlicht, als sie mich eingestellt haben, und das war ein Fehler. Aber ich glaube, jetzt ist alles in bester Ordnung.≪

≫Was ist, wenn er nein sagt?≪

≫Dann kann uns nichts passieren, stimmt’s? Niemand wird es je erfahren, und du bist in Sicherheit. Ich fahre nach Chicago zurück und warte darauf, daß CNN über das Volksfest um die Hinrichtung berichtet. Und ich bin sicher, daß ich an einem kühlen Tag im Herbst hinfahren, ein paar Blumen auf sein Grab legen und wahrscheinlich den Grabstein betrachten und mich zum soundsovielten Mal fragen werde, weshalb er es getan hat und weshalb er so ein erbärmlicher Mensch geworden ist und weshalb ich in eine derart unerfreuliche Familie hineingeboren wurde; du weißt schon, die Fragen, die ich mir seit Jahren immer wieder gestellt habe. Ich werde dich fragen, ob du mitkommen willst. Es wird so eine Art kleines Familientreffen werden, nur wir Cayhalls, weißt du? Und dann schleichen wir mit einem billigen Blumenstrauß über den Friedhof und großen Sonnenbrillen, damit niemand uns erkennt.≪

≫Hör auf≪, sagte sie, und Adam sah die Tränen. Sie flossen ihr über das Gesicht und hatten fast ihr Kinn erreicht, als sie sie mit den Fingern wegwischte.

≫Es tut mir leid≪, sagte er, dann drehte er sich um und beobachtete einen Schleppkahn, der durch die Schatten des Flusses nordwärts fuhr. ≫Es tut mir leid, Lee.≪

8

Und so kehrte er nach dreiundzwanzig Jahren endlich in den Staat zurück, in dem er geboren war. Er fühlte sich nicht sonderlich willkommen, und obwohl er nicht gerade Angst hatte, fuhr er vorsichtige fünfundfünfzig Meilen und unterließ es, andere Fahrzeuge zu überholen. Die Straße verengte sich und versank in der flachen Ebene des Mississippi-Deltas, und ein paar hundert Meter beobachtete Adam, wie sich rechts von ihm ein Damm hinstreckte und schließlich verschwand. Er fuhr durch Walls, den ersten halbwegs großen Ort am Highway 61, und folgte dem Verkehr nach Süden.

Aus seinen umfassenden Recherchen wußte er, daß dieser Highway Jahrzehnte lang Hunderttausenden von armen Schwarzen aus dem Delta als Hauptroute auf ihrer Reise nach Norden gedient hatte, nach Memphis und St. Louis und Chicago und Detroit, Orten, an denen sie Arbeit und anständige Unterkünfte zu finden hofften. Es war in diesen Kleinstädten und auf diesen Farmen, in diesen baufälligen Häusern mit ihren hintereinanderliegenden Zimmern, in den staubigen Dorfläden und den belebten Jukebox-Kneipen am Highway 61, wo der Blues geboren wurde. Von hier aus war er nach Norden vorgedrungen und hatte in Memphis eine Heimstatt gefunden, wo er sich mit Gospel und Country vermischte, und zusammen brachten sie den Rock ‘n’ Roll hervor. Er lauschte einer alten Muddy-Waters-Kassette, als er den berüchtigten Ort Tunica erreichte, von dem es hieß, er wäre der ärmste im ganzen Land.

Die Musik trug wenig zu seiner Beruhigung bei. Er hatte es abgelehnt, bei Lee zu frühstücken, und er war nicht hungrig, sondern hatte einen Knoten im Magen. Der Knoten wuchs mit jeder Meile.

Nördlich von Tunica wurden die Felder riesig und erstreckten sich in allen Richtungen bis zum Horizont. Die Sojabohnen und die Baumwolle standen kniehoch. Ein kleines Heer von grünen und roten Traktoren mit Pflügen dahinter fuhr durch die endlosen, säuberlichen Reihen aus dichtem Blattwerk. Obwohl es noch nicht neun Uhr war, war es bereits heiß und stickig. Der Boden war trocken, und hinter jedem Pflug stiegen Staubwolken empor. Hin und wieder erschien aus dem Nirgendwo ein Flugzeug, flog, Pestizide versprühend, akrobatisch dicht über die Pflanzen hinweg und zog dann im Steilflug nach oben. Der Verkehr floß dicht und langsam und kam manchmal völlig zum Erliegen, wenn irgendein Monstrum von einem Traktor den Highway entlangkroch, als wäre er völlig leer.

Adam war geduldig. Er wurde erst um zehn erwartet, und wenn er sich verspätete, machte es auch nichts.

In Clarksdale verließ er den Highway 61 und fuhr auf dem 49 nach Südosten, durch die kleinen Nester Mattson und Dublin und Tutwiler, durch weitere Felder mit Sojabohnen. Er passierte Baumwollspinnereien, in denen jetzt nicht gearbeitet wurde, die aber auf die Ernte warteten. Er passierte Gruppen von heruntergekommenen Reihenhäusern und schmutzigen Wohnwagen, die ganz in der Nähe des Highways standen. Hin und wieder sah er ein schönes Haus, immer in einiger Entfernung, immer majestätisch dastehend unter großen Eichen und Ulmen und gewöhnlich mit einem eingezäunten Swimmingpool an einer Seite. Es gab keinen Zweifel, wem diese Felder gehörten.

Ein Straßenschild besagte, daß es bis zum Staatsgefängnis noch fünf Meilen waren, und instinktiv verringerte Adam das Tempo. Einen Augenblick später stieß er auf einen großen Traktor, der gemächlich die Straße entlangtuckerte, und anstatt ihn zu überholen, entschied er sich dafür, hinter ihm herzufahren. Der Fahrer, ein alter Weißer mit einer schmutzigen Mütze, gab ihm das Zeichen zum Überholen. Adam winkte und blieb, nur zwanzig Meilen fahrend, hinter der Landmaschine.

Andere Fahrzeuge waren nicht in Sicht. Hin und wieder schleuderte ein Hinterrad des Traktors einen Klumpen Erde hoch, der nur Zentimeter vor dem Saab landete. Adam fuhr noch etwas langsamer. Der Traktorfahrer drehte sich auf seinem Sitz um und bedeutete ihm abermals, er solle überholen. Sein Mund bewegte sich, und seine Miene war ärgerlich, als wäre dies sein Highway und als paßte es ihm überhaupt nicht, daß irgendwelche Idioten seinem Traktor folgten. Adam lächelte und winkte wieder, blieb aber hinter ihm.

Minuten später sah er das Gefängnis. Es gab keine hohen Maschendrahtzäune entlang der Straße, keine blinkenden, elektrisch geladenen Drähte, die ein Entkommen unmöglich machten, keine Wachtürme mit bewaffneten Posten. Und es gab keine Horden von Gefangenen, die Passanten anbrüllten. Statt dessen sah er zur Rechten ein Tor mit einem Bogen darüber, auf dem die Worte MISSISSIPPI STATE PENITENTIARY standen. In der Nähe des Tors gab es mehrere Gebäude, alle mit der Front zum Highway und allem Anschein nach unbewacht.

Adam winkte noch einmal dem Traktorfahrer zu, dann bog er vom Highway ab. Er holte tief Luft und betrachtete das Tor. Eine Frau in Uniform trat aus einem Wachhaus unterhalb des Bogens und musterte ihn. Adam fuhr langsam auf sie zu und kurbelte sein Fenster herunter.

≫Morgen≪, sagte sie. Sie hatte eine Waffe an der Hüfte und ein Clipboard in der Hand. Ein weiterer Wachmann beobachtete ihn von drinnen. ≫Was können wir für Sie tun?≪

≫Ich bin Anwalt und komme, um einen Mandanten im Todestrakt zu besuchen≪, sagte Adam schwächlich; er wußte, daß seine Stimme nervös und schrill klang. Ganz ruhig, befahl er sich.

≫Wir haben niemanden im Todestrakt, Sir.≪

≫Wie bitte?≪

≫So etwas wie einen Todestrakt gibt es hier nicht. Wir haben einen Haufen von ihnen im Hochsicherheitstrakt, abgekürzt HST. Sie können sich auf dem ganzen Gelände umsehen, aber so etwas wie einen Todestrakt werden Sie hier nicht finden.≪

≫Okay.≪

≫Name?≪ sagte sie, ihr Clipboard betrachtend.

≫Adam Hall.≪

≫Und Ihr Mandant?≪

≫Sam Cayhall.≪ Halb und halb rechnete er mit einer Reaktion, aber der Frau war es völlig gleichgültig. Sie schlug eine Seite um und sagte: ≫Warten Sie hier.≪

Hinter dem Tor lag ein Fahrweg mit schattenspendenden Bäumen und kleinen Häusern an beiden Seiten. Das war kein Gefängnis — das war eine hübsche kleine Straße in einem kleinen Ort, in dem jeden Augenblick eine Horde Kinder auf Fahrrädern und Rollschuhen auftauchen konnte. Rechts stand ein merkwürdiger Bau mit einer Vorderveranda und Blumenbeeten. Ein Schild besagte, daß dies das Besucherzentrum war, als würden dort Souvenirs und Limonade an ungeduldige Touristen verkauft. Ein weißer Pickup mit drei jungen Schwarzen darin und der Aufschrift MISSISSIPPI DEPARTMENT OF CORRECTIONS auf der Tür fuhr vorbei, ohne seine Fahrt zu verlangsamen.

Adam erhaschte einen Blick auf die Frau, die hinter seinem Wagen stand. Sie schrieb etwas auf ihr Clipboard, dann trat sie an sein Fenster. ≫Von wo in Illinois?≪ fragte sie.

≫Chicago.≪

≫Haben Sie irgendwelche Kameras, Waffen oder Bandgeräte?≪

≫Nein.≪

Sie streckte die Hand herein und legte eine Karte auf sein Armaturenbrett. Dann wendete sie sich wieder ihrem Clipboard zu und sagte: ≫Ich habe hier eine Notiz, daß Sie Lucas Mann aufsuchen sollen.≪

≫Wer ist das?≪

≫Er ist der Gefängnisanwalt.≪

≫Ich weiß nichts davon, daß ich ihn aufsuchen soll.≪

Sie hielt ein Blatt Papier in einem Meter Entfernung vor sein Gesicht. ≫Steht hier. Biegen Sie hinter dem dritten Haus links ab, dann fahren Sie zur Rückseite des roten Backsteingebäudes dort.≪ Sie zeigte mit dem Finger darauf.

≫Was will er von mir?≪

Sie schnaubte und zuckte gleichzeitig die Achseln und kehrte kopfschüttelnd in den Wachraum zurück. Blöde Anwälte.

Adam gab behutsam Gas und fuhr am Besucherzentrum vorbei den schattigen Weg entlang. Beiderseits davon standen hübsche weiße Fachwerkhäuser, in denen, wie er später erfuhr, Wärter und andere Angestellte mit ihren Familien wohnten. Er folgte ihren Anweisungen und hielt vor einem älteren Backsteingebäude an. Zwei Häftlinge in blauen Hosen mit weißen Seitenstreifen fegten die Vordertreppe. Adam vermied Blickkontakt und ging ins Haus.

Er fand ohne viel Mühe das ungekennzeichnete Büro von Lucas Mann. Eine Sekretärin lächelte ihn an und öffnete eine weitere Tür zu einem großen Büro, in dem Mr. Mann hinter seinem Schreibtisch stand und ins Telefon sprach.

≫Setzen Sie sich≪, flüsterte die Sekretärin, dann machte sie die Tür hinter sich zu. Mann lächelte und winkte verlegen, während er in den Apparat lauschte. Adam legte seinen Aktenkoffer auf einen Stuhl und stellte sich dahinter. Das Büro war groß und sauber. Zwei lange Fenster gingen auf den Highway hinaus und sorgten für reichlich Licht. An der linken Wand hing ein großes, gerahmtes Foto mit einem vertrauten Gesicht, ein gutaussehender junger Mann mit einem ernsten Lächeln und einem kraftvollen Kinn. Es war David McAllister, Gouverneur des Staates Mississippi. Adam vermutete, daß solche Fotos in jedem staatlichen Büro hingen und außerdem in sämtlichen Fluren, Schränken und Toiletten, die zur Domäne des Staates gehörten.

Lucas Mann zog das Telefonkabel lang und trat an eines der Fenster, wobei er Adam und seinem Schreibtisch den Rücken zuwandte. Er sah ganz und gar nicht aus wie ein Anwalt. Er war Mitte Fünfzig und hatte langes dunkelgraues Haar, säuberlich ins Genick gekämmt. Seine Kleidung war die modischste Studentenkluft — ein brettsteif gestärktes khakifarbenes Arbeitshemd mit zwei Taschen und einer mehrfarbigen Krawatte, noch gebunden, aber lose hängend; der oberste Knopf stand offen und ließ ein graues T-Shirt sehen; braune Drillichhose, gleichfalls gestärkt, mit einem perfekten Zwei-Zentimeter-Aufschlag, der gerade noch einen Blick auf weiße Socken freigab; auf Hochglanz polierte Slipper. Es war offensichtlich, daß Mann wußte, wie man sich anzuziehen hatte, und ebenso offensichtlich war, daß er eine andere Art von Rechtspraxis vertrat. Wenn er in seinem linken Ohrläppchen einen kleinen Ring getragen hätte, wäre er der vollkommene alternde Hippie gewesen, der in seinen späteren Jahren in die Konformität abgleitet.

Das Büro war mit gebrauchtem Regierungsmobiliar eingerichtet: einem etwas abgenutzten hölzernen Schreibtisch, auf dem makellose Ordnung herrschte; drei Metallstühlen mit Kunststoffsitzen; einer Reihe unterschiedlicher Aktenschränke an einer Wand. Adam stand hinter einem der Stühle und versuchte, sich zu beruhigen. Konnte es sein, daß alle zu Besuch kommenden Anwälte erst hier vorzusprechen hatten? Wohl kaum. In Parchman saßen fünftausend Gefangene. Garner Goodman hatte nichts von einem Besuch bei Lucas Mann erwähnt.

Der Name kam ihm irgendwie bekannt vor. Irgendwo in seinen Kartons mit Gerichtsakten und Zeitungsausschnitten war ihm der Name Lucas Mann schon einmal begegnet, und er versuchte verzweifelt, sich zu erinnern, ob er zu den Guten oder zu den Bösen gehörte. Worin genau bestand seine Rolle bei der juristischen Vertretung von zum Tode Verurteilten? Adam wußte definitiv, daß der eigentliche Feind der Justizminister des Staates war, aber es gelang ihm nicht, Lucas in das Szenarium einzuordnen.

Mann legte plötzlich den Hörer auf und streckte Adam die Hand entgegen. ≫Nett, Sie kennenzulernen, Mr. Hall. Bitte, nehmen Sie Platz≪, sagte er leise mit einer angenehmen Stimme und deutete auf einen Stuhl. ≫Danke, daß Sie hereingeschaut haben.≪

Adam setzte sich. ≫Gern geschehen. Ich freue mich gleichfalls, Sie kennenzulernen≪, erwiderte er nervös. ≫Was liegt an?≪

≫Verschiedenes. Erstens wollte ich Ihnen einfach guten Tag sagen. Ich arbeite hier seit zwölf Jahren als Anwalt. Ich bin mit den meisten Zivilprozessen vertraut, die hier angestrengt werden. Sie wissen schon, alle möglichen verrückten Klagen von selten unserer Gäste — Gefangenenrechte, Forderungen auf Schadenersatz, Dinge dieser Art. Wie es aussieht, werden wir tagtäglich verklagt. Von Amts wegen spiele ich außerdem eine kleine Rolle in den Fällen der zum Tode Verurteilten, und soweit mir bekannt ist, sind Sie hier, um Sam zu besuchen.≪

≫So ist es.≪

≫Hat er Sie engagiert?≪

≫Nicht direkt.≪

≫Das dachte ich mir. Und das stellt uns vor ein kleines Problem. Sehen Sie, es steht Ihnen nicht zu, einen Gefangenen zu sehen, sofern Sie ihn nicht tatsächlich vertreten, und ich weiß, daß Sam sich von Kravitz & Bane getrennt hat.≪

≫Also kann ich ihn nicht sehen?≪ fragte Adam, fast ein wenig erleichtert.

≫Von Rechts wegen eigentlich nicht. Ich hatte gestern ein langes Gespräch mit Garner Goodman. Er und ich kennen uns schon seit ein paar Jahren, seit der Hinrichtung von Maynard Tole. Sind Sie mit dem Fall vertraut?≪

≫Vage.≪

≫Neunzehnhundertsechsundachtzig. Es war meine zweite Hinrichtung≪, sagte er, als hätte er persönlich den Hebel umgelegt. Er saß auf der Kante seines Schreibtisches und blickte auf Adam herab. Die Stärke in seiner Drillichhose knisterte leise. Sein rechtes Bein baumelte vom Schreibtisch herunter.

≫Ich habe vier hinter mir. Sam könnte der fünfte sein. Wie dem auch sei, Garner vertrat Maynard Tole, und wir lernten uns gut kennen. Er ist ein echter Gentleman und ein hervorragender Anwalt.≪

≫Danke≪, sagte Adam, weil ihm sonst nichts einfiel.

≫Ich persönlich hasse Hinrichtungen.≪

≫Sie sind gegen die Todesstrafe?≪

≫Meistens. Genaugenommen ist das bei mir immer von der jeweiligen Phase abhängig. Jedesmal, wenn wir hier jemanden umbringen, glaube ich, daß die ganze Welt verrückt geworden ist. Dann lasse ich mir einen dieser Fälle wieder durch den Kopf gehen und erinnere mich daran, wie brutal und grauenhaft manche dieser Verbrechen waren. Meine erste Hinrichtung war Teddy Doyle Merks, ein Herumtreiber, der einen kleinen Jungen vergewaltigt, verstümmelt und umgebracht hat. Niemand hier war sonderlich betrübt, als er in die Gaskammer mußte. Ich könnte Ihnen stundenlang solche Geschichten erzählen. Vielleicht haben wir später einmal Zeit dafür, okay?≪

≫Natürlich≪, sagte Adam ohne eine Spur von Begeisterung. Er konnte sich nicht vorstellen, daß ihm jemals daran gelegen sein sollte, Geschichten über gemeine Mörder und ihre Hinrichtung zu hören.

≫Ich habe Garner gesagt, daß Sie meiner Meinung nach keine Besuchserlaubnis bekommen dürften. Er hörte eine Weile zu, dann erklärte er, ziemlich vage, wie ich sagen muß, daß bei Ihnen vielleicht eine besondere Situation vorläge und daß ich zumindest einen Besuch zulassen sollte. Er wollte nicht sagen, was das Besondere daran ist, verstehen Sie, was ich meine?≪ Bei diesen Worten rieb sich Lucas das Kinn, als hätte er das Rätsel fast gelöst. ≫Unsere Vorschriften sind ziemlich streng, besonders die für den Hochsicherheitstrakt. Aber der Direktor wird alles tun, um was ich ihn bitte.≪ Das sagte er sehr langsam, und die Worte hingen in der Luft.

≫Ich — äh — ich muß ihn unbedingt sehen≪, sagte Adam mit fast brechender Stimme.

≫Nun, er braucht einen Anwalt. Offen gestanden, ich bin froh, daß Sie hier sind. Wir haben noch nie jemanden hingerichtet, ohne daß sein Anwalt zugegen war. Es gibt bis zur letzten Minute alle möglichen juristischen Manöver, und mir ist einfach wohler, wenn Sam einen Anwalt hat.≪ Er ging um den Schreibtisch herum und setzte sich auf einen Stuhl auf der anderen Seite. Er schlug eine Akte auf und betrachtete ein Blatt Papier. Adam wartete und versuchte, normal zu atmen.

≫Wir beschäftigen uns eingehend mit dem Hintergrund unserer zum Tode Verurteilten≪, sagte Lucas, immer noch in seine Akte schauend. ≫Insbesondere, wenn die Berufungsverfahren abgeschlossen sind und die Hinrichtung näher rückt. Wissen Sie etwas über Sams Angehörige?≪

Der Knoten in Adams Magen fühlte sich plötzlich an wie ein Baseball. Er schaffte es, gleichzeitig mit den Schultern zu zucken und den Kopf zu schütteln, als wollte er sagen, daß er nichts wußte.

≫Haben Sie vor, mit Sams Angehörigen zu sprechen?≪

Wieder keine Antwort, sondern nur dasselbe alberne Zucken mit den Schultern, sehr schweren Schultern in diesem Moment.

≫Ich meine, normalerweise gibt es in solchen Fällen, wenn die Hinrichtung näher rückt, eine Menge Besuche von Angehörigen. Wahrscheinlich wollen Sie sich mit diesen Leuten in Verbindung setzen. Sam hat eine Tochter in Memphis, eine Mrs. Lee Booth. Ich habe die Adresse, wenn Sie sie haben möchten.≪

Lucas beobachtete ihn argwöhnisch. Adam konnte sich nicht rühren. ≫Sie kennen sie wohl nicht, oder?≪

Adam schüttelte den Kopf, sagte aber nichts.

≫Sam hatte einen Sohn, Eddie Cayhall, aber der arme Kerl hat 1981 Selbstmord begangen. Lebte in Kalifornien. Eddie hinterließ zwei Kinder, einen Sohn, der am 12. Mai 1964 in Clanton, Mississippi, geboren wurde, was meinem Juristenverzeichnis von Martindale-Hubbell zufolge auch Ihr Geburtstag ist. Dort steht, daß Sie am selben Tag in Memphis geboren wurden. Außerdem hinterließ Eddie eine Tochter, die in Kalifornien zur Welt kam. Das sind Sams Enkelkinder. Ich werde versuchen, mich mit ihnen in Verbindung zu setzen, wenn Sie…≪

≫Eddie Cayhall war mein Vater≪, platzte Adam heraus, dann holte er tief Luft. Er sackte auf dem Stuhl zusammen und starrte auf die Schreibtischplatte. Sein Herz hämmerte wie wahnsinnig, aber wenigstens konnte er wieder atmen. Seine Schultern fühlten sich plötzlich leichter an. Er schaffte sogar ein kleines Lächeln.

Manns Gesicht war ausdruckslos. Er dachte eine lange Minute nach, dann sagte er mit einem Anflug von Genugtuung: ≫Das habe ich mir beinahe gedacht.≪ Er fing sogar an, in seinen Papieren zu blättern, als enthielte die Akte noch viele weitere Überraschungen. ≫Sam ist ein sehr einsamer Mann gewesen in seiner Zelle, und ich habe mich oft gefragt, was mit seinen Angehörigen ist. Er bekommt gelegentlich Post, aber fast nie von seiner Familie. Praktisch keine Besucher. Nicht, daß er welche haben wollte. Aber es ist ein bißchen ungewöhnlich, daß jemand in seiner Situation von seinen Angehörigen völlig ignoriert wird. Besonders ein Weißer. Das soll nicht bedeuten, daß ich mich in Ihre Angelegenheiten einmischen will.≪

≫Natürlich nicht.≪

Lucas ignorierte das. ≫Wir müssen Vorbereitungen treffen für die Hinrichtung, Mr. Hall. Zum Beispiel müssen wir wissen, was mit der Leiche geschehen soll. Wo sie begraben werden soll und so weiter. Das ist der Punkt, wo die Familie ins Spiel kommt. Nach meinem Gespräch mit Garner gestern habe ich einige unserer Leute in Jackson gebeten, die Angehörigen ausfindig zu machen. Es war im Grunde ganz einfach. Außerdem haben sie Ihre Papiere überprüft und sofort festgestellt, daß der Staat Tennessee keinerlei Unterlagen über die Geburt von Adam Hall am 12. Mai 1964 hat. Und so führte eins zum anderen. Es war nicht schwierig.≪

≫Ich verstecke mich nicht mehr.≪

≫Wann haben Sie das mit Sam erfahren?≪

≫Vor neun Jahren. Meine Tante, Lee Booth, hat es mir gesagt, nachdem wir meinen Vater begraben hatten.≪

≫Haben Sie jemals mit Sam Kontakt aufgenommen?≪

≫Nein.≪

Lucas klappte die Akte zu und lehnte sich auf seinem knarrenden Stuhl zurück. ≫Also hat Sam keine Ahnung, wer Sie sind oder weshalb Sie hier sind?≪

≫So ist es.≪

≫Wow≪, sagte er leise zur Zimmerdecke.

Adam entspannte sich ein wenig und setzte sich gerader hin. Die Katze war jetzt aus dem Sack, und wenn da nicht Lee gewesen wäre und ihre Angst vor Entdeckung, dann wäre ihm jetzt völlig wohl in seiner Haut gewesen. ≫Wie lange darf ich ihn heute sehen?≪ fragte er.

≫Also, Mr. Hall…≪

≫Nennen Sie mich einfach Adam, okay?≪

≫Gern. Also, Adam, es gibt zweierlei Vorschriften für den Todestrakt.≪

≫Entschuldigen Sie, aber mir wurde am Tor gesagt, daß es keinen Todestrakt gibt.≪

≫Nicht offiziell. Sie werden nie hören, daß die Wärter oder andere Angestellte ihn anders nennen als Hochsicherheitstrakt oder HST oder Bau 17. Wie dem auch sei, wenn die Zeit eines Insassen nahezu abgelaufen ist, lockern wir die Vorschriften ein wenig. Normalerweise ist die Besuchszeit für einen Anwalt auf eine Stunde pro Tag beschränkt, aber in Sams Fall können Sie sich so viel Zeit lassen, wie Sie brauchen. Ich nehme an, Sie haben eine Menge zu besprechen.≪

≫Es gibt also keine zeitliche Beschränkung?≪

≫Nein. Sie können den ganzen Tag bleiben, wenn Sie wollen. Wir versuchen, die Dinge so einfach wie möglich zu machen während der letzten Wochen. Sie können kommen und gehen, wann immer Sie wollen, sofern es dabei kein Sicherheitsrisiko gibt. Ich bin in den Todestrakten von fünf anderen Staaten gewesen, und glauben Sie mir, wir behandeln sie am besten. In Louisiana zum Beispiel holen sie den armen Kerl aus seiner Zelle und stecken ihn während der letzten drei Tage vor der Hinrichtung in etwas, das Todeshaus genannt wird. Ziemlich grausam. So etwas tun wir nicht. Sam wird eine Sonderbehandlung genießen bis zu dem großen Tag.≪

≫Dem großen Tag?≪

≫Ja. In vier Wochen, wußten Sie das nicht? Am 8. August.≪ Lucas griff nach einigen Papieren auf seinem Schreibtisch und gab sie Adam. ≫Das ist heute morgen gekommen. Das Fünfte Berufungsgericht hat gestern nachmittag den Aufschub beendet. Das Gericht des Staates Mississippi hat als neuen Hinrichtungstermin den 8. August festgesetzt.≪

Adam hielt die Papiere in der Hand, ohne sie anzuschauen. ≫Vier Wochen≪, sagte er fassungslos.

≫Ja, leider. Ich habe vor ungefähr einer Stunde Sam eine Kopie davon gebracht, und seine Stimmung ist entsprechend.≪

≫Vier Wochen≪, wiederholte Adam, fast zu sich selbst. Er warf einen Blick auf die Entscheidung des Gerichts. Der Fall trug die Bezeichnung Staat Mississippi gegen Sam Cayhall. ≫Ich meine, ich sollte jetzt mit ihm sprechen, meinen Sie nicht?≪ sagte er, ohne nachzudenken.

≫Ja. Hören Sie, Adam, ich bin nicht einer von den bösen Buben, okay?≪ Lucas stand langsam auf und wanderte zur Schreibtischkante, um sich darauf niederzulassen. Er verschränkte die Arme und sah auf Adam herunter. ≫Ich tue nur meinen Job. Ich stecke in der Sache drin, weil ich dafür Sorge tragen muß, daß alles rechtens ist und sämtliche Vorschriften eingehalten werden. Ich werde es nicht genießen, aber es wird ziemlich verrückt und anstrengend zugehen, und alle möglichen Leute werden mich anrufen — der Direktor, seine Mitarbeiter, das Büro des Justizministers, der Gouverneur, Sie und hundert andere. Also werde ich mittendrin stecken, auch wenn ich es nicht will. Das ist das Unerfreulichste an diesem Job. Ich möchte nur, daß Sie wissen, daß ich hier bin, wenn Sie mich brauchen, okay? Ich werde Ihnen gegenüber immer fair und aufrichtig sein.≪

≫Sie gehen davon aus, daß Sam mir erlauben wird, ihn zu vertreten.≪

≫Ja. Davon gehe ich aus.≪

≫Wie stehen die Chancen, daß die Hinrichtung in vier Wochen stattfinden wird?≪

≫Fünfzig zu fünfzig. Man weiß nie, wie die Gerichte in letzter Minute entscheiden. Wir werden in ungefähr einer Woche mit den Vorbereitungen beginnen. Wir haben eine ziemlich lange Liste von Dingen, die vorher erledigt werden müssen.≪

≫So eine Art Arbeitsplan für den Tod.≪

≫So ungefähr. Glauben Sie nicht, daß uns das Spaß macht.≪

≫Sie tun alle nur Ihren Job, richtig?≪

≫Es sind die Gesetze dieses Staates. Wenn unsere Gesellschaft Kriminelle töten will, dann muß jemand es tun.≪

Adam steckte das Gerichtsurteil in seinen Aktenkoffer und trat vor Lucas. ≫Danke für Ihre Gastfreundschaft.≪

≫Keine Ursache. Nach Ihrem Besuch bei Sam muß ich wissen, wie es gelaufen ist.≪

≫Ich werde Ihnen eine Kopie unserer Vertretungsvereinbarung schicken, wenn er sie unterschreibt.≪

≫Mehr brauche ich nicht.≪

Sie gaben sich die Hand, und Adam ging auf die Tür zu.

≫Noch etwas≪, sagte Lucas. ≫Wenn sie Sam ins Besucherzimmer bringen, sagen Sie den Wärtern, sie sollen ihm die Handschellen abnehmen. Achten Sie darauf, daß sie es auch wirklich tun. Sam liegt sehr viel daran.≪

≫Danke.≪

≫Viel Glück.≪

9

Die Temperatur war um mindestens fünf Grad gestiegen, als Adam das Gebäude verließ und an denselben beiden Häftlingen vorbeiging, die mit denselben trägen Bewegungen wie zuvor denselben Schmutz zusammenfegten. Er blieb auf der Vordertreppe stehen und beobachtete einen Moment lang, wie ein Trupp von Gefangenen am Rand des Highways Müll aufsammelte, bewacht von einem bewaffneten Wärter auf einem Pferd. Der Verkehr brauste vorbei, ohne die Fahrt zu verlangsamen. Adam fragte sich, was für Kriminelle das sein mochten, die außerhalb der Zäune und so nahe beim Highway arbeiten durften. Niemand außer ihm schien sich Gedanken darüber zu machen.

Er ging die paar Meter bis zu seinem Wagen, und als er die Tür geöffnet und den Motor gestartet hatte, war er schweißgebadet. Er fuhr den Weg entlang, über den Parkplatz hinter Manns Büro, dann bog er auf der Hauptstraße des Gefängnisses links ab. Wieder kam er an hübschen weißen Häuschen mit Blumen und Bäumen in den Vorgärten vorüber. Was für eine zivilisierte kleine Gemeinde. Ein Pfeil auf einem Wegweiser zeigte nach links zu Bau 17. Er bog ab, sehr langsam, und war Sekunden später auf einer Schotterstraße, die ihn rasch zu einem massiven Zaun mit Stacheldraht brachte.

Der Todestrakt von Parchman war 1954 gebaut worden und trug die amtliche Bezeichnung Hochsicherheitstrakt oder HST. Auf der obligatorischen Tafel an einer Mauer hinter dem Zaun standen die Jahreszahl, der Name des damaligen Gouverneurs, die Namen mehrerer längst vergessener Amtspersonen, die bei seiner Errichtung eine wichtige Rolle gespielt hatten, und natürlich die Namen des Architekten und der Baufirma. Damals war er hochmodern gewesen — ein eingeschossiger Flachbau aus rotem Backstein, von dessen Zentrum zwei lange Rechtecke ausgingen.

Adam stellte seinen Wagen auf dem unbefestigten Parkplatz zwischen zwei anderen Wagen ab und betrachtete den Bau. Von außen waren keinerlei Gitterstäbe zu sehen. Keine Wachen patrouillierten darum herum. Wären da nicht der Zaun und der Stacheldraht gewesen, hätte man ihn für eine Grundschule in einer Vorstadt halten können. In einem eingezäunten Hof am Ende eines Flügels dribbelte ein einsamer Insasse einen Basketball über die nackte Erde und warf ihn dann gegen ein verzogenes Rückbrett.

Der Zaun vor Adam war mindestens dreieinhalb Meter hoch und mit einem dichten Stacheldrahtverhau gekrönt. Er verlief schnurgerade zu einer Ecke, wo er mit einem Wachturm verbunden war, aus dem Wärter herunterschauten. Der Zaun umgab den Bau mit bemerkenswerter Symmetrie an allen vier Seiten, und in jeder Ecke stand einer dieser Türme mit einer verglasten Wachstation darauf. Unmittelbar außerhalb des Zauns fing das Ackerland an und schien sich bis ins Unendliche hinzuziehen. Der Trakt lag praktisch mitten in einem Baumwollfeld.

Adam stieg aus, hatte plötzlich einen Anfall von Klaustrophobie und umklammerte den Griff seines Aktenkoffers, während er durch den Maschendraht auf das heiße, flache kleine Gebäude starrte, in dem man Menschen umbrachte. Er zog sich langsam das Jackett aus und stellte fest, daß sein Hemd bereits schweißfleckig war und an seiner Brust klebte. Der Knoten in seinem Leib war wieder da, jetzt noch größer als zuvor. Seine ersten paar Schritte auf die Wachstation zu waren langsam und unbeholfen, vor allem deshalb, weil er nicht sicher auf den Beinen war und seine Knie zitterten. Seine eleganten Slipper waren vollgestaubt, als er den Wachturm erreicht hatte und hinaufschaute. Von einer uniformierten Frau wurde an einem Seil ein roter Eimer heruntergelassen, einer von der Art, wie man sie zum Wagenwaschen benutzt. Sie beugte sich über die Brüstung und erklärte knapp: ≫Legen Sie Ihre Schlüssel in den Eimer.≪ Der Stacheldrahtverhau auf dem Zaun war etwas mehr als einen Meter unter ihr.

Eilig folgte Adam ihrem Befehl. Er deponierte seine Wagenschlüssel in dem Eimer, wo sie sich zu einem Dutzend weiterer Schlüsselbunde gesellten. Sie zog ihn hoch, und Adam sah zu, wie er ein paar Sekunden emporstieg und dann anhielt. Sie band das Seil irgendwo fest, und der kleine rote Eimer hing harmlos in der Luft. Eine kleine Brise hätte ihn leicht schwanken lassen, aber im Moment, in diesem erstickenden Vakuum, reichte die Luft kaum zum Atmen aus. Der Wind hatte sich schon vor Jahren gelegt.

Die Wache war fertig mit ihm. Irgendwo drückte irgend jemand auf einen Knopf oder legte einen Hebel um. Adam hatte keine Ahnung, wer das tat, aber ein summendes Geräusch setzte ein, und das erste von zwei massiven Maschendrahttoren begann so weit zur Seite zu gleiten, daß er hindurchgehen konnte. Er legte auf der Schotterstraße ungefähr fünf Meter zurück, dann blieb er stehen, als hinter ihm das erste Tor wieder zuglitt. Er war dabei, die erste Grundregel der Sicherheitsvorkehrungen in einem Gefängnis zu lernen — jeder geschützte Eingang besteht aus zwei verschlossenen Türen oder Toren.

Als das erste Tor hinter ihm angehalten und sich wieder verriegelt hatte, entriegelte sich das zweite und glitt zur Seite. Während das geschah, erschien am Haupteingang ein überaus massig gebauter Wärter und kam ihm auf dem gepflasterten Weg entgegen. Er hatte einen harten Bauch und einen dicken Nacken, und er wartete auf Adam, während Adam darauf wartete, daß die Tore ihre Schutzfunktion erfüllten.

Er hielt ihm eine gewaltige schwarze Hand entgegen und sagte: ≫Sergeant Packer.≪ Adam ergriff sie und bemerkte sofort die glänzenden schwarzen Cowboystiefel an Sergeant Packers Füßen.

≫Adam Hall≪, sagte er und versuchte, mit der Hand fertig zu werden.

≫Sie kommen, um Sam zu sehen≪, stellte Packer als Tatsache fest.

≫Ja, Sir≪, sagte Adam und fragte sich, ob sein Mandant von jedermann hier einfach Sam genannt wurde.

≫Ihr erster Besuch hier?≪ Sie begannen einen langsamen Marsch auf den Haupteingang des Gebäudes zu.

≫Ja≪, sagte Adam und betrachtete die offenen Fenster des ihnen am nächsten liegenden Abschnitts. ≫Sind alle Todeskandidaten hier drinnen?≪ fragte er.

≫Ja. Im Moment sind es siebenundvierzig. Vorige Woche haben wir einen verloren.≪

Sie hatten den Haupteingang fast erreicht. ≫Verloren?≪

≫Ja. Das Oberste Bundesgericht hat das Urteil aufgehoben. Mußten ihn zur normalen Bevölkerung verlegen. Ich muß Sie durchsuchen.≪ Sie waren an der Tür angelangt, und Adam sah sich nervös um, um festzustellen, wo Packer die Durchsuchung vorzunehmen gedachte.

≫Spreizen Sie die Beine ein wenig≪, sagte Packer, der ihm bereits den Aktenkoffer abgenommen und auf den Beton gestellt hatte. Obwohl benommen und im Augenblick nicht imstande, von irgendwelchen seiner Fähigkeiten Gebrauch zu machen, konnte Adam sich in diesem gräßlichen Moment nicht erinnern, daß ihn jemals jemand aufgefordert hatte, die Beine zu spreizen, nicht einmal ein wenig.

Aber Packer war ein Profi. Er klopfte gekonnt die Socken ab, bewegte die Hände relativ zart zu den Knien hoch, die mehr als nur ein bißchen zittrig waren, dann ohne Verzug zur Taille; und nachdem Sergeant Packer ihm ziemlich flüchtig unter beide Arme gegriffen hatte, als rechnete er mit der Möglichkeit, daß Adam ein Schulterholster mit einer kleinen Pistole trug, war Adams erste Durchsuchung erfreulicherweise schon wenige Sekunden, nachdem sie begonnen hatte, wieder beendet. Packer schob geschickt seine massige Rechte in den Aktenkoffer, dann gab er ihn Adam zurück. ≫Kein guter Tag, um Sam zu besuchen≪, sagte er.

≫Ja, das habe ich gehört≪, erwiderte Adam und schlang sein Jackett wieder über die Schulter. Er schaute auf die Eisentür, als wäre es jetzt an der Zeit, den Todestrakt zu betreten.

≫Hier entlang≪, murmelte Packer, trat auf das Gras neben dem Weg und bog um eine Ecke. Adam folgte ihm willig einen weiteren kleinen gepflasterten Weg entlang, bis sie eine unscheinbare Tür erreicht hatten, neben der Unkraut wuchs. Die Tür war nicht gekennzeichnet und trug keinerlei Aufschrift.

≫Was ist das?≪ fragte Adam. Er erinnerte sich vage an Goodmans Beschreibung des Baus, aber im Moment waren alle Details verschwommen.

≫Besucherraum.≪ Packer holte einen Schlüssel aus der Tasche und schloß die Tür auf. Adam sah sich um, bevor er eintrat, und versuchte, sich zu orientieren. Die Tür lag neben dem zentralen Teil des Gebäudes, und Adam kam der Gedanke, daß vielleicht die Wärter und ihre Vorgesetzten nicht wollten, daß Anwälte ihnen vor den Füßen herumliefen und herumschnüffelten. Deshalb der separate Eingang.

Er holte tief Luft und trat ein. Es waren keine weiteren Anwälte da, die ihre Mandanten besuchten, und darüber war Adam besonders froh. Die Begegnung konnte hitzig und vielleicht sogar rührselig werden, und er zog es vor, dabei keine Zuschauer zu haben. Zumindest im Augenblick war der Raum leer. Er war so groß, daß sich mehrere Anwälte gleichzeitig mit ihren Mandanten beraten konnten, ungefähr zehn Meter lang und dreieinhalb Meter breit, mit einem Betonboden und hellen Leuchtstoffröhren. Die gegenüberliegende Mauer bestand aus Backsteinen und hatte drei Fenster, die genau wie die an den Außenseiten der Flure sehr hoch angebracht waren. Man merkte sofort, daß das Besucherzimmer nachträglich angebaut worden war.

Die Klimaanlage, ein kleines Fenstergerät, brummte wütend und leistete viel weniger, als sie eigentlich sollte. Eine Trennwand teilte den Raum in zwei Teile; die Anwälte hatten ihre Seite und die Mandanten die andere. Die Trennwand bestand bis zu einer Höhe von neunzig Zentimetern aus Backsteinen; auf ihr lag eine schmale hölzerne Platte, auf der sich die Anwälte ihre obligatorischen Notizen machen konnten. Von der Plattform aus erstreckte sich ein massives, hellgrünes Metallgitter bis zur Decke.

Adam ging langsam zum Ende des Raums, wobei er einer bunten Kollektion von Stühlen auswich — ausgemustertem, grünem und grauem Regierungsbestand, Klappstühlen, schmalen Cafeteriasitzen.

≫Ich muß diese Tür abschließen≪, sagte Packer, als er hinausging. ≫Wir holen Sam.≪ Die Tür schlug zu, und Adam war allein. Er entschied sich rasch für einen Platz am Ende des Raums für den Fall, daß ein anderer Anwalt aufkreuzen sollte; der andere Anwalt würde sich zweifellos am entgegengesetzten Ende des Raums niederlassen, und sie konnten beide ihre Strategien halbwegs ungestört planen. Er zog einen Stuhl an die hölzerne Platte heran, legte sein Jackett auf einen anderen Stuhl, holte seinen Block heraus, schraubte die Kappe von seinem Federhalter ab und begann, an den Nägeln zu kauen. Er versuchte, es zu lassen, brachte es aber nicht fertig. Er hatte das Gefühl, als drehte sich ihm der Magen um, und seine Fersen zitterten unkontrollierbar. Er schaute durch das Gitter und betrachtete den für die Todeskandidaten bestimmten Teil des Raumes dieselbe hölzerne Platte, dieselbe Kollektion alter Stühle. In der Mitte des Gitters vor ihm war ein Schlitz, zehn mal dreißig Zentimeter groß, und durch diese kleine Öffnung hindurch würde er Sam Cayhall von Angesicht zu Angesicht sehen können.

Er wartete nervös, ermahnte sich immer wieder, gelassen zu sein, es leichtzunehmen, sich zu entspannen, es würde alles gutgehen. Er kritzelte etwas auf seinen Block, das er dann beim besten Willen nicht mehr entziffern konnte. Er krempelte die Ärmel hoch. Er suchte den Raum nach versteckten Mikrofonen und Kameras ab, aber das Ganze war so schlicht und bescheiden, daß er sich nicht vorstellen konnte, wie jemand eine Überwachung versuchen sollte. Wenn man von Sergeant Packer auf die anderen schließen konnte, war das Personal gelassen, fast gleichgültig.

Er betrachtete die leeren Stühle zu beiden Seiten des Gitters und fragte sich, wie viele verzweifelte Menschen in den letzten Stunden ihres Lebens schon mit ihren Anwälten hier gesessen und hoffnungsvollen Worten gelauscht hatten. Wie viele dringende Anträge waren durch dieses Gitter gereicht worden, während die Uhr stetig weitertickte? Wie viele Anwälte hatten da gesessen, wo er jetzt saß, und ihren Mandanten gesagt, daß sie nichts mehr unternehmen konnten, daß die Hinrichtung stattfinden würde? Es war ein ernüchternder Gedanke, und er bewirkte, daß Adam wesentlich ruhiger wurde. Er war nicht der erste Besucher hier, und er würde auch nicht der letzte sein. Er war Anwalt, bestens ausgebildet, gesegnet mit einem scharfen Verstand, und er hatte die beachtlichen Ressourcen von Kravitz & Bane hinter sich. Er konnte seine Arbeit tun. Seine Beine beruhigten sich allmählich, das Nägelkauen hörte auf.

Ein Türriegel klickte, und er wäre fast vom Stuhl hochgefahren. Die Tür wurde langsam geöffnet, und ein junger weißer Wärter betrat die Häftlingsseite. Hinter ihm, in einem leuchtendroten Overall, die Hände mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt, kam Sam Cayhall herein. Er sah sich im Raum um, blinzelte durch das Gitter, bis sein Blick auf Adam fiel. Ein zweiter Wärter ergriff ihn beim Ellenbogen und führte ihn zu einer Stelle, dem Anwalt genau gegenüber. Sam war mager, blaß und fünfzehn Zentimeter kleiner als die beiden Wärter, aber sie schienen sich möglichst fern von ihm zu halten.

≫Wer sind Sie?≪ zischte er Adam an, der in diesem Moment einen Fingernagel zwischen den Zähnen hatte.

Der eine Wärter zog einen Stuhl für Sam heran, und der andere drückte ihn darauf nieder. Die Wärter traten zurück und waren im Begriff, den Raum zu verlassen, als Adam sagte:

≫Würden Sie ihm bitte die Handschellen abnehmen.?≪

≫Nein, Sir. Das geht nicht.≪

Adam schluckte hart. ≫Tun Sie es trotzdem. Wir werden eine ganze Weile hier sein≪, sagte er, wobei es ihm gelang, seiner Stimme ein gewisses Maß an Nachdruck zu verleihen. Die Wärter sahen sich an, als wäre dies ein Ersuchen, das sie noch nie gehört hatten. Dann wurde schnell nach einem Schlüssel gegriffen, und die Handschellen wurden abgenommen.

Sam war nicht beeindruckt. Er funkelte Adam durch die Öffnung in dem Gitter hindurch an, während die Wärter geräuschvoll verschwanden. Die Tür wurde zugeschlagen, und der Riegel klickte.

Sie waren allein, die Cayhall-Version eines Familientreffens. Die Klimaanlage ratterte und spuckte, und während einer langen Minute lieferte sie das einzige Geräusch. Obwohl er es tapfer versuchte, war Adam mehr als zwei Sekunden lang nicht imstande, Sam in die Augen zu schauen. Er beschäftigte sich damit, auf seinem Block wichtige Notizen zu machen, und während er die Eintragungen numerierte, konnte er die Hitze spüren, die von Sams Blick ausging. Endlich schob Adam eine Visitenkarte durch die Öffnung. ≫Mein Name ist Adam Hall. Ich bin Anwalt bei Kravitz & Bane, Chicago und Memphis.≪

Sam nahm geduldig die Karte und studierte ihre Vorder- und Rückseite. Adam folgte jeder seiner Bewegungen. Seine Finger waren runzlig und von Zigarettenrauch braun verfärbt. Sein Gesicht war blaß, die einzige Farbe kam von den fünf Tage alten, schwarzweiß melierten Bartstoppeln. Sein Haar war lang, grau und fettig und straff zurückgekämmt. Adam erkannte rasch, daß er keinerlei Ähnlichkeit hatte mit den Aufnahmen auf dem Video. Und auch nicht mit den letzten bekannten Fotos von ihm, denen von dem Prozeß 1981. Er war jetzt ein ziemlich alter Mann, mit dünner, teigiger Haut und zahlreichen Fältchen um die Augen herum. Tiefe Alters- und Kummerfurchen durchzogen seine Stirn. Das einzig Attraktive an ihm waren die durchdringenden, indigoblauen Augen, die sich inzwischen von der Karte gehoben hatten. ≫Ihr Juden gebt wohl nie auf?≪ sagte er mit einer angenehmen, gelassenen Stimme, in der keine Spur von Zorn lag.

≫Ich bin kein Jude≪, sagte Adam. Er schaffte es, den Blick zu erwidern.

≫Wie können Sie dann für Kravitz & Bane arbeiten?≪ fragte er, nachdem er die Karte beiseite gelegt hatte. Seine Worte waren leise und langsam und wurden gesprochen mit der Geduld eines Mannes, der neuneinhalb Jahre allein in einer einsachtzig mal zwei Meter siebzig großen Zelle verbracht hat.

≫In unserer Firma herrscht Chancengleichheit.≪

≫Wie schön. Alles schön legal, vermute ich. In voller Übereinstimmung mit sämtlichen Bürgerrechtsentscheidungen und Weltverbesserungsgesetzen.≪

≫Natürlich.≪

≫Wie viele Partner gibt es bei Kravitz & Bane?≪

Adam zuckte die Achseln. Die Zahl änderte sich von Jahr zu Jahr. ≫Ungefähr hundertfünfzig.≪

≫Hundertfünfzig. Und wie viele davon sind Frauen?≪

Adam zögerte. Er versuchte zu zählen. ≫Ich weiß es wirklich nicht. Vermutlich ein Dutzend.≪

≫Ein Dutzend≪, wiederholte Sam, fast ohne die Lippen zu bewegen. Seine Hände waren gefaltet und ruhig, und seine

Augen zwinkerten nicht. ≫Also sind weniger als zehn Prozent eurer Partner Frauen. Wie viele Nigger habt ihr?≪

≫Könnten wir sie bitte Schwarze nennen?≪

≫Aber sicher doch, obwohl natürlich auch das inzwischen ein antiquierter Ausdruck ist. Heutzutage wollen sie, daß man sie Afro-Amerikaner nennt. Das ist Ihnen doch sicher bekannt.≪

Adam nickte, sagte aber nichts.

≫Wie viele afroamerikanische Partner gibt es?≪

≫Vier, glaube ich.≪

≫Weniger als drei Prozent. Ist das zu glauben? Kravitz & Bane, diese großartige Bastion der Bürgerrechte und liberaler Politik, diskriminiert Afro-Amerikaner und weibliche Amerikaner. Ich weiß einfach nicht, was ich dazu sagen soll.≪

Adam kritzelte etwas Unleserliches auf seinen Block. Er konnte natürlich darauf hinweisen, daß fast ein Drittel der angestellten Anwälte Frauen waren und daß die Firma sich intensiv darum bemühte, die Elite der schwarzen Jurastudenten anzuheuern. Er konnte darauf hinweisen, daß sie von zwei weißen Männern, deren Bewerbungen sich im letzten Moment in Luft aufgelöst hatten, wegen umgekehrter Diskriminierung verklagt worden waren.

≫Wie viele jüdischamerikanische Partner gibt es? Achtzig Prozent?≪

≫Ich weiß es nicht. Und es spielt für mich auch keine Rolle.≪

≫Aber für mich tut es das. Mir war es immer zuwider, von diesen marktschreierischen Fanatikern vertreten zu werden.≪

≫Viele Leute würden es als angemessen empfinden.≪

Sam griff in die einzig sichtbare Tasche seines Overalls und holte eine Packung Montclair und ein Wegwerf-Feuerzeug heraus. Der Overall stand bis zur Brustmitte offen, und in der Öffnung war eine dichte Matte aus grauem Haar zu sehen. Der Stoff war eine sehr leichte Baumwolle. Adam konnte sich nicht vorstellen, wie man in dieser Gegend ohne Klimaanlage leben konnte.

Sam zündete die Zigarette an und stieß den Rauch in Richtung Decke aus. ≫Ich dachte, ich wäre fertig mit euch Leuten.≪

≫Sie haben mich nicht hergeschickt. Ich bin auf eigenen Wunsch hier.≪

≫Warum?≪

≫Ich weiß es nicht. Sie brauchen einen Anwalt, und…≪

≫Weshalb sind Sie so nervös?≪

Adam riß seine Fingernägel zwischen den Zähnen heraus und hörte auf, mit den Füßen auf den Boden zu tappen. ≫Ich bin nicht nervös.≪

≫Natürlich sind Sie das. Ich habe hier schon eine Menge Anwälte gesehen, aber noch nie einen, der so nervös war, wie Sie es sind. Was ist los, junger Mann? Haben Sie Angst, daß ich durch das Gitter hindurch über Sie herfallen könnte?≪

Adam grunzte und versuchte zu lächeln. ≫Seien Sie nicht albern. Ich bin nicht nervös.≪

≫Wie alt sind Sie?≪

≫Sechsundzwanzig.≪

≫Sie sehen aus wie zweiundzwanzig. Wann haben Sie Ihr Studium beendet?≪

≫Im vorigen Jahr.≪

≫Großartig. Diese jüdischen Mistkerle haben einen blutigen Anfänger geschickt, damit er mich rettet. Ich vermute ja seit langem, daß sie insgeheim meinen Tod wünschen, aber das beweist es. Ich habe ein paar Juden umgebracht, deshalb wollen sie jetzt mich umbringen. Ich hatte die ganze Zeit recht.≪

≫Sie geben zu, daß Sie die Kramer-Jungen umgebracht haben?≪

≫Was für eine blöde Frage ist das? Die Geschworenen haben erklärt, ich hätte es getan. Seit nunmehr neun Jahren sagen die Berufungsgerichte, was die Geschworenen gesagt haben, war richtig. Das ist alles, worauf es ankommt. Wer zum Teufel sind Sie, daß Sie mir derartige Fragen stellen?≪

≫Sie brauchen einen Anwalt, Mr. Cayhall. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen.≪

≫Ich brauche eine Menge Dinge, mein Junge, aber ich bin verdammt sicher, was ich nicht brauche, ist, daß ein eifriger Grünschnabel wie Sie mir gute Ratschläge erteilt. Sie sind gefährlich, mein Junge, und Sie sind zu dämlich, um es zu wissen.≪ Wieder kamen die Worte entschieden und ohne jede Emotion. Er hielt die Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand und schnippte von Zeit zu Zeit die Asche in einem ordentlichen Häufchen in eine Plastikschale. Seine Augen zwinkerten gelegentlich. Sein Gesicht verriet keinerlei Gefühle und Empfindungen.

Adam machte sich bedeutungslose Notizen, dann versuchte er abermals, Sam durch die Öffnung hindurch in die Augen zu schauen. ≫Hören Sie, Mr. Cayhall, ich bin Anwalt und aus moralischen Gründen ein entschiedener Gegner der Todesstrafe. Ich habe eine gute Ausbildung gehabt, bin gut geschult, kenne die den Achten Verfassungszusatz betreffenden Fälle, und ich kann Ihnen von Nutzen sein. Deshalb bin ich hier. Kostenlos.≪

≫Kostenlos≪, wiederholte Sam. ≫Wie großzügig. Wissen Sie, junger Mann, daß ich jetzt jede Woche mindestens drei Angebote von Anwälten bekomme, die mich kostenlos vertreten wollen? Großen Anwälten. Berühmten Anwälten. Reichen Anwälten. Einige von ihnen sind wirklich miese Schlangen. Sie alle sind durchaus willens, da zu sitzen, wo Sie jetzt sitzen, sämtliche in letzter Minute möglichen Anträge und Einsprüche einzureichen, sich interviewen zu lassen, hinter den Kameras herzujagen, in den letzten Stunden meine Hand zu halten, zuzusehen, wie sie mich vergasen, dann eine weitere Pressekonferenz abzuhalten und dann einen Vertrag für ein Buch, einen Film oder vielleicht eine Miniserie im Fernsehen abzuschließen über das Leben und Sterben von Sam Cayhall, einem echten Klan-Mörder. Ich bin nämlich berühmt, junger Mann, und was ich getan habe, ist inzwischen Legende. Und da sie im Begriff sind, mich zu töten, werde ich sogar noch berühmter werden. Deshalb sind diese Anwälte scharf auf mich. Ich bin eine Menge Geld wert. Ein widerliches Land.≪

Adam schüttelte den Kopf. ≫Ich werde nichts von alledem tun, das verspreche ich. Ich bin bereit, eine Vereinbarung zu unterschreiben, daß alles vertraulich bleibt.≪

Sam kicherte. ≫Schön, und wer sorgt für ihre Einhaltung, wenn ich tot bin?≪

≫Ihre Familie≪, sagte Adam.

≫Vergessen Sie meine Familie≪, sagte Sam entschieden.

≫Meine Motive sind sauber, Mr. Cayhall. Meine Firma hat Sie sieben Jahre lang vertreten, also weiß ich fast alles, was in Ihrer Akte steht. Außerdem habe ich mich eingehend mit Ihrem Hintergrund beschäftigt.≪

≫Willkommen im Klub. An die hundert dämliche Reporter haben meine Unterwäsche durchwühlt. Offenbar gibt es eine Menge Leute, die viel über mich wissen. Aber all dieses Wissen zusammengenommen ist für mich im Augenblick ohne jeden Wert. Mir bleiben noch vier Wochen. Wissen Sie das?≪

≫Ich habe eine Kopie der Entscheidung.≪

≫Vier Wochen, dann vergasen sie mich.≪

≫Also lassen Sie uns an die Arbeit gehen. Sie haben mein Wort, daß ich nie mit der Presse sprechen werde, es sei denn, mit Ihrem Einverständnis, daß ich nie etwas wiederholen werde, das Sie mir sagen, und daß ich weder einen Buch- noch einen Filmvertrag unterschreiben werde. Ich schwöre es.≪

Sam zündete sich eine weitere Zigarette an und starrte auf etwas auf der Trennplatte. Er rieb sich sanft die rechte Schläfe mit dem rechten Daumen, wobei die Zigarette nur Zentimeter von seinem Haar entfernt war. Lange Zeit war das einzige Geräusch das Gurgeln der überlasteten Klimaanlage im Fenster. Sam rauchte und dachte nach. Adam malte Männchen auf seinen Block und war ziemlich stolz darauf, daß seine Füße stillhielten und sein Magen nicht schmerzte. Das Schweigen war unangenehm, und er nahm zu Recht an, daß es Sam nichts ausmachen würde, tagelang einfach dazusitzen, zu rauchen und nachzudenken.

≫Sind Sie über Barroni informiert?≪ fragte Sam ruhig.

≫Barroni?≪

≫Ja, Barroni. Kam letzte Woche vom Neunten Berufungsgericht. Kalifornischer Fall.≪

Adam durchackerte sein Gehirn nach einer Spur von Barroni. ≫Es könnte sein, daß ich davon gehört habe.≪

≫Es könnte sein, daß Sie davon gehört haben? Sie sind gut geschult, kennen alle einschlägigen Fälle und so weiter und so weiter, und es könnte sein, daß Sie etwas von Barroni gehört haben. Was für eine Niete von Anwalt sind Sie?≪

≫Ich bin keine Niete.≪

≫Schon gut, schon gut. Wie steht es mit Texas gegen Eckes? Das haben Sie doch bestimmt gelesen, oder?≪

≫Wann wurde darüber entschieden?≪

≫Vor ungefähr sechs Wochen.≪

≫Welches Gericht?≪

≫Fünftes Berufungsgericht.≪

≫Achter Verfassungszusatz?≪

≫Blöde Frage.≪ Sam grunzte vor echter Verachtung. ≫Glauben Sie etwa, ich verbrächte meine Zeit damit, Fälle zu lesen, die die Redefreiheit betreffen? Das ist mein Hintern, der hier drüben sitzt, junger Mann, das sind meine Handgelenke und Knöchel, die man festschnallen wird. Das ist meine Nase, in die das Gas eindringen wird.≪

≫Nein. An Eckes erinnere ich mich nicht.≪

≫Was haben Sie überhaupt gelesen?≪

≫Alle wichtigen Fälle.≪

≫Haben Sie Barefoot gelesen?≪

≫Natürlich.≪

≫Erzä hlen Sie mir von Barefoot.≪

≫Was ist das, eine Quizsendung?≪

≫Das ist, was immer ich will. Woher stammte Barefoot≪ fragte Sam.

≫Daran erinnere ich mich nicht. Aber die volle Bezeichnung war Barefoot gegen Estelle, eine Grundsatzentscheidung des Obersten Bundesgerichts im Jahr 1983, die besagte, daß zum Tode Verurteilte in einem Berufungsverfahren stichhaltige Aussagen nicht zurückhalten dürfen, um sie für später aufzuheben. So ungefähr jedenfalls.≪

≫Donnerwetter, Sie haben es tatsächlich gelesen. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie dasselbe Gericht seine Ansicht ändert, wann immer es ihm in den Kram paßt? Zwei Jahrhunderte lang hat das Oberste Bundesgericht die Vollstreckung von Todesurteilen zugelassen. Sagte, sie wären verfassungskonform, in voller Übereinstimmung mit dem Achten Verfassungszusatz. Dann, 1972, hat das Oberste Bundesgericht dieselbe, unveränderte Verfassung gelesen und die Todesstrafe für rechtswidrig erklärt. 1976 hat das Oberste Bundesgericht dann gesagt, Hinrichtungen wären doch verfassungskonform. Immer dieselben Schwachköpfe in denselben schwarzen Talaren in demselben Gebäude in Washington. Und jetzt ändert das Oberste Bundesgericht mit derselben Verfassung schon wieder die Gesetze. Diese Reagan-Leute haben es satt, so viele Berufungen lesen zu müssen, also erklären sie bestimmte Wege für gesperrt. Kommt mir sehr merkwürdig vor.≪

≫Das kommt vielen Leuten merkwürdig vor.≪

≫Was ist mit Dulaneyl≪ fragte Sam nach einem langen Zug an seiner Zigarette. In dem Zimmer gab es kaum oder überhaupt keine Belüftung, und über ihnen bildete sich eine Wolke.

≫Wo war das?≪

≫In Louisiana. Den haben Sie doch bestimmt gelesen.≪

≫Vermutlich. Wahrscheinlich habe ich mehr Fälle gelesen als Sie, aber ich mache mir nicht immer die Mühe, sie in meinem Gedächtnis zu speichern, sofern ich nicht vorhabe, sie zu verwenden.≪

≫Sie wozu verwenden?≪

≫Bei Anträgen und Eingaben.≪

≫Also hatten Sie schon früher mit Todeskandidaten zu tun? Wie viele Fälle?≪

≫Dies ist der erste.≪

≫Weshalb tröstet mich das nicht? Diese jüdischamerikanischen Anwälte bei Kravitz & Bane haben Sie hergeschickt, damit Sie mit mir experimentieren können, stimmt’s? Damit Sie ein paar praktische Erfahrungen sammeln können. So was macht sich schließlich immer gut im Lebenslauf.≪

≫Ich sagte es bereits — sie haben mich nicht hergeschickt.≪

≫Was macht Garner Goodman? Ist er noch am Leben?≪

≫Ja. Er ist in Ihrem Alter.≪

≫Dann bleibt ihm nicht mehr viel Zeit, oder? Und Tyner?≪

≫Mr. Tyner geht es gut. Ich sage ihm, daß Sie sich nach ihm erkundigt haben.≪

≫Ja, tun Sie das. Sagen Sie ihm, daß ich ihn vermisse, ihn und Goodman. Schließlich habe ich fast zwei Jahre gebraucht, sie mir vom Hals zu schaffen.≪

≫Sie haben für Sie getan, was sie nur konnten.≪

≫Dann sagen Sie ihnen, sie sollen mir eine Rechnung schicken.≪ Sam kicherte leise und lächelte zum erstenmal. Er drückte seine Zigarette in der Schale aus und zündete sich eine neue an. ≫Tatsache ist, Mr. Hall, daß ich Anwälte hasse.≪

≫Das ist in Amerika nichts Ungewöhnliches.≪

≫Anwälte haben mich gejagt, mich angeklagt, mich verfolgt, mir einen Strick gedreht und mich dann hierher geschickt. Seit ich hier bin, haben sie mich keine Minute in Ruhe gelassen, mir noch mehr Stricke gedreht und mich angelogen, und jetzt sind sie wieder da in Gestalt von Ihnen, einem übereifrigen Grünschnabel, der noch nicht einmal imstande ist, das verdammte Gericht zu finden.≪

≫Dann könnte Ihnen eine Überraschung bevorstehen.≪

≫Es wäre die größte Überraschung meines Lebens, junger Mann, wenn Sie Ihr Arschloch von einem Loch in der Erde unterscheiden könnten. Sie wären dann von den Schwachköpfen von Kravitz & Bane der erste, der das kann.≪

≫Sie haben Sie immerhin sieben Jahre vor der Gaskammer bewahrt.≪

≫Und dafür soll ich ihnen dankbar sein? Hier gibt es fünfzehn Männer, die noch länger hier sitzen als ich. Weshalb sollte ich der nächste sein? Ich bin seit neuneinhalb Jahren hier. Treemont ist seit vierzehn Jahren hier. Aber er ist natürlich ein Afro-Amerikaner, und das hilft immer. Die haben mehr Rechte, müssen Sie wissen. Es ist viel schwieriger, einen von denen hinzurichten, weil, was immer sie getan haben, jemand anderes schuld daran war.≪

≫Das ist nicht wahr.≪

≫Woher zum Teufel wollen Sie wissen, was wahr ist? Vor einem Jahr waren Sie noch an der Universität, haben den ganzen Tag verblichene Jeans getragen, haben noch mit Ihren idealistischen Freunden zusammengesessen und Bier getrunken. Sie haben noch nicht gelebt, mein Junge. Also erzählen Sie mir nicht, was wahr ist und was nicht.≪

≫Sie sind also für schnelle Hinrichtungen von Afro-Amerikanern? ≪

≫Das wäre gar keine schlechte Idee. Die meisten von diesen Gangstern haben das Gas verdient.≪

≫Ich bin sicher, mit dieser Ansicht stehen Sie im Trakt so ziemlich allein da.≪

≫Das kann man wohl sagen.≪

≫Und Sie sind natürlich anders und gehören nicht hierher.≪

≫Nein. Ich gehöre nicht hierher. Ich bin ein politischer Gefangener, hergeschickt von einem Mann, der nur seine eigenen Interessen verfolgt und mich für seine politischen Zwecke mißbraucht hat.≪

≫Können wir über Ihre Schuld oder Unschuld sprechen?≪

≫Nein. Aber ich habe nicht getan, was die Geschworenen behauptet haben.≪

≫Also hatten Sie einen Komplizen? Die Bombe wurde von einem anderen gelegt?≪

Sam rieb mit seinem Mittelfinger über die tiefen Furchen auf seiner Stirn, als wollte er ihm den Vogel zeigen. Aber das tat er nicht. Er war plötzlich in eine tiefe und anhaltende Trance versunken. Im Besucherzimmer war es wesentlich kühler als in seiner Zelle. Die Unterhaltung war sinnlos, aber wenigstens war es eine Unterhaltung mit jemandem, der nicht ein Wärter war oder einer seiner unsichtbaren Zellennachbarn. Er würde sich Zeit lassen und dafür sorgen, daß dies so lange wie möglich dauerte.

Adam studierte seine Notizen und überlegte, was er als nächstes sagen sollte. Sie hatten inzwischen zwanzig Minuten miteinander geredet beziehungsweise miteinander gestritten, ohne klare Richtung. Er war entschlossen, auf die Familiengeschichte zu kommen, bevor er wieder ging. Er wußte nur noch nicht, wie er das anstellen sollte.

Minuten vergingen. Keiner sah den anderen an. Sam zündete sich eine weitere Montclair an.

≫Weshalb rauchen Sie so viel?≪ fragte Adam schließlich.

≫Ich sterbe lieber an Lungenkrebs. Das möchten alle, die hier sitzen.≪

≫Wieviel Schachteln pro Tag?≪

≫Drei oder vier.≪

Eine weitere Minute verging. Sam drückte langsam die Zigarette aus und fragte freundlich: ≫Wo haben Sie studiert?≪

≫Jura in Michigan. Vorher war ich in Pepperdine.≪

≫Wo liegt das?≪

≫In Kalifornien.≪

≫Sind Sie dort aufgewachsen?≪

≫Ja.≪

≫Wie viele Staaten haben die Todesstrafe?≪

≫Achtunddreißig. Aber die meisten von ihnen machen keinen Gebrauch davon. Populär zu sein scheint sie nur im tiefen Süden und dann noch in Texas, Florida und Kalifornien.≪

≫Sie wissen, daß unsere hochgeschätzte Legislative die Gesetze hier geändert hat. Jetzt kann man durch eine tödliche Injektion sterben. Es ist humaner. Ist das nicht nett? Aber das betrifft mich nicht, da ich schon vor Jahren verurteilt worden bin. Ich muß das Gas einatmen.≪

≫Vielleicht nicht.≪

≫Sie sind sechsundzwanzig?≪

≫Ja.≪

≫1964 geboren?≪

≫So ist es.≪

Sam holte eine weitere Zigarette aus der Packung und tippte mit dem Filter auf die Plattform. ≫Wo?≪

≫In Memphis≪, erwiderte Adam, ohne ihn anzusehen.

≫Sie verstehen das nicht, junger Mann. Dieser Staat braucht eine Hinrichtung, und ich bin zufällig das nächstbeste Opfer. In Louisiana, Texas und Florida tötet man sie wie die Fliegen, und die gesetzestreuen Bürger dieses Staates können einfach nicht verstehen, weshalb unsere kleine Kammer nicht benutzt wird. Je mehr Gewaltverbrechen begangen werden, desto heftiger drängen die Leute auf Hinrichtungen. Sie fühlen sich wohler, wenn sie das Gefühl haben, daß das System schwer arbeitet, um Mörder aus der Welt zu schaffen. Die Politiker halten Wahlreden, in denen sie mehr Gefängnisse, härtere Strafen und mehr Hinrichtungen versprechen. Deshalb haben diese Schwachköpfe in Jackson für die tödliche Injektion gestimmt. Sie ist angeblich humaner, weniger anstößig und deshalb leichter auszuführen. Sie verstehen?≪

Adam nickte leicht mit dem Kopf.

≫Es wird Zeit für eine Hinrichtung, und ich bin an der Reihe. Deshalb setzen sie alle Hebel in Bewegung. Sie können sie nicht aufhalten.≪

≫Wir können es immerhin versuchen. Ich möchte die Möglichkeit dazu haben.≪

Sam zündete schließlich die Zigarette an. Er inhalierte tief, dann stieß er den Rauch durch eine kleine Öffnung zwischen den Lippen aus. Er lehnte sich auf den Ellenbogen leicht vor und schaute durch die Öffnung in dem Gitter. ≫Aus welchem Teil von Kalifornien kommen Sie?≪

≫Aus dem südlichen. Los Angeles.≪ Adam schaute in die durchdringenden Augen, dann wandte er den Blick ab.

≫Ihre Angehörigen leben noch dort?≪

Ein scharfer Schmerz schoß durch Adams Brustkorb, und eine Sekunde lang blieb sein Herz stehen. Sam paffte an seiner Zigarette und schaute ihn unverwandt an.

≫Mein Vater ist tot≪, sagte Adam mit zittriger Stimme und sackte ein paar Zentimeter auf seinem Stuhl zusammen.

Eine lange Minute verging, während der Sam ganz vorn auf der Kante seines Stuhles saß. Schließlich sagte er: ≫Und Ihre Mutter?≪

≫Sie lebt in Portland. Hat wieder geheiratet.≪

≫Wo ist Ihre Schwester?≪

Adam schloß die Augen und ließ den Kopf sinken. ≫Sie studiert≪, murmelte er.

≫Sie heißt Carmen, stimmt’s?≪ fragte Sam leise.

Adam nickte. ≫Woher wissen Sie das?≪ fragte er mit zusammengebissenen Zähnen.

Sam wich von dem Gitter zurück und sackte in dem metallenen Klappstuhl zusammen. Er ließ die brennende Zigarette auf den Boden fallen, ohne sie anzusehen. ≫Weshalb bist du hergekommen?≪ fragte er, jetzt mit wesentlich kraftvollerer Stimme.

≫Woher hast du gewußt, daß ich es bin?≪

≫Die Stimme. Du hörst dich an wie dein Vater. Weshalb bist du hergekommen?≪

≫Eddie hat mich geschickt.≪

Ihre Blicke trafen sich kurz, dann schaute Sam weg. Er beugte sich langsam vor und stützte die Ellenbogen auf die Knie. Sein Blick war auf etwas auf dem Boden geheftet. Er saß völlig regungslos da.

Dann legte er die rechte Hand über die Augen.

10

Philip Naifeh war dreiundsechzig Jahre alt und stand neunzehn Monate vor der Pensionierung. Neunzehn Monate und vier Tage. Er war siebenundzwanzig Jahre lang Leiter der Abteilung für Strafvollzugsanstalten des Staates Mississippi gewesen und hatte dabei sechs Gouverneure überdauert, ein Heer von Gesetzgebern, tausend Gefangenenprozesse, ungezählte Einmischungen durch die Bundesgerichte und etliche Hinrichtungen, an die er sich nur höchst ungern erinnerte.

Der Direktor — er zog diesen Titel vor, obwohl es ihn in der Terminologie der staatlichen Behörden offiziell nicht gab — war ein Libanese, dessen Eltern in den zwanziger Jahren eingewandert waren und sich im Delta niedergelassen hatten. Sie hatten einen kleinen, gutgehenden Gemischtwarenladen in Clarksdale geführt, wo seine Mutter mit ihren selbstgemachten libanesischen Süßspeisen zu einigem Ruhm gelangt war. Er besuchte staatliche Schulen und anschließend das College, kehrte dann zum Staat zurück und begann, aus längst vergessenen Gründen, im Strafvollzug zu arbeiten.

Er haßte die Todesstrafe. Er verstand, weshalb die Gesellschaft nach ihr verlangte, und hatte all die sterilen Gründe für ihre Notwendigkeit schon vor langer Zeit auswendig gelernt. Sie hatte abschreckende Wirkung. Sie schaffte Killer aus der Welt. Sie war die höchstmögliche Strafe. Sie war biblisch. Sie befriedigte das Verlangen der Öffentlichkeit nach Vergeltung. Sie linderte den Schmerz der Angehörigen der Opfer. Wenn es sein mußte, konnte er diese Argumente ebenso überzeugend vortragen wie ein Ankläger. An eines oder zwei von ihnen glaubte er sogar.

Aber auf seinen Schultern lag die Bürde des eigentlichen Tötens, und dieser grauenhafte Aspekt seines Jobs war ihm zutiefst zuwider. Es war Philip Naifeh, der den Verurteilten aus seiner Zelle in den sogenannten Isolierraum brachte, in dem er die letzte Stunde vor seinem Tod verbringen mußte. Es war Philip Naifeh, der ihn in den Kammerraum nebenan begleitete und das Anschnallen der Arme, der Beine und des Kopfes überwachte. ≫Irgendwelche letzten Worte?≪ hatte er in siebenundzwanzig Jahren zweiundzwanzigmahl gemurmelt. Es war seine Aufgabe, den Wärtern zu sagen, daß sie die Tür der Gaskammer abschließen sollten, und es war seine Aufgabe, den Vollstrecker mit einem Kopfnicken anzuweisen, die Hebel zu bedienen und das tödliche Gas zu mischen. Den ersten beiden hatte er sogar ins Gesicht gesehen, als sie starben, doch dann war er zu dem Schluß gekommen, daß er besser daran tat, die Gesichter der Zeugen zu beobachten, die in dem kleinen Raum hinter der Kammer zusahen. Er mußte die Zeugen auswählen. Er mußte hundert Dinge erledigen, die in einem kleinen Handbuch aufgeführt waren, in dem stand, wie man einen zum Tode Verurteilten legal tötete, ihn für tot erklärte, den Leichnam aus der Kammer entfernte, ihn besprühte, um das Gas aus der Kleidung zu entfernen, und so weiter und so weiter.

Er hatte einmal vor einem Rechtsausschuß in Jackson ausgesagt und seine Ansichten über die Todesstrafe geäußert. Er hätte eine bessere Idee, hatte er vor tauben Ohren erklärt. Nach seinem Plan würden verurteilte Mörder in Einzelhaft im Hochsicherheitstrakt bleiben, in dem sie niemanden umbringen und aus dem sie nicht fliehen konnten und eine vorzeitige Entlassung ausgeschlossen war. Sie würden schließlich im Hochsicherheitstrakt sterben, aber nicht durch die Hand des Staates.

Die Aussage machte Schlagzeilen und hätte beinahe seine Entlassung nach sich gezogen.

Neunzehn Monate und vier Tage, dachte er, als er sich langsam mit den Fingern durch sein dichtes graues Haar fuhr und sorgfältig die neueste Entscheidung des Fünften Berufungsgerichts durchlas. Lucas Mann saß auf der anderen Seite des Schreibtisches und wartete.

≫Vier Wochen≪, sagte Naifeh und legte die Entscheidung beiseite. ≫Welche Rechtsmittel sind noch übrig?≪ fragte er langsam.

≫Die übliche Kollektion von letzten Strohhalmen≪, erwiderte Mann.

≫Wann ist das hier eingegangen?≪

≫Heute morgen, ganz früh. Sam will das Oberste Gericht anrufen, wo man den Einspruch vermutlich ignorieren wird. Das dürfte ein oder zwei Wochen dauern.≪

≫Und was meinen Sie?≪

≫Alle begründeten Argumente sind inzwischen vorgetragen worden. Meiner Meinung nach stehen die Chancen fünfzig zu fünfzig, daß es in vier Wochen passiert.≪

≫Das ist ziemlich viel.≪

≫Irgend etwas sagt mir, daß die Sache diesmal durchgezogen wird.≪

Beim ununterbrochenen Rollen des Todesstrafen-Roulettes war eine Chance von fünfzig Prozent schon fast eine Gewißheit. Der Vorgang würde in die Wege geleitet und das Handbuch konsultiert werden. Nach Jahren endloser Eingaben und Aufschübe würden diese vier Wochen wie im Flug vergehen.

≫Haben Sie mit Sam gesprochen?≪ fragte der Direktor.

≫Kurz. Ich habe ihm eine Kopie der Entscheidung gebracht.≪

≫Garner Goodman hat mich gestern angerufen und gesagt, sie schickten einen ihrer jungen Kollegen her, damit er mit Sam redet. Haben Sie alles Nötige in die Wege geleitet?≪

≫Ich habe mit Garner gesprochen und auch mit dem Anwalt.

Er heißt Adam Hall, und er ist jetzt bei Sam und spricht mit ihm. Bestimmt ziemlich interessant. Sam ist sein Großvater.≪

≫Was?≪

≫Sie haben richtig verstanden. Sam Cayhall ist Adam Halls Großvater väterlicherseits. Wir haben uns gestern routinemäßig mit Adam Halls Hintergrund beschäftigt, und dabei sind uns ein paar graue Flecke aufgefallen. Ich habe das FBI in Jackson angerufen, und binnen zweier Stunden fanden sich eine Menge Indizien. Ich habe ihn heute morgen zur Rede gestellt, und er hat es zugegeben. Ich habe nicht den Eindruck, daß er versucht, es geheimzuhalten.≪

≫Aber er hat einen anderen Namen.≪

≫Das ist eine lange Geschichte. Sie haben sich nicht mehr gesehen, seit Adam ein Kleinkind war. Sein Vater verließ fluchtartig den Staat, nachdem sein Vater wegen des Bombenattentats verhaftet worden war. Ging nach Westen, änderte seinen Namen, zog herum, mal mit Arbeit, mal ohne. Anscheinend der typische Verlierer. Hat 1981 Selbstmord begangen. Aber wie dem auch sei, Adam besuchte das College und hatte hervorragende Noten. Anschließend studierte er Jura in Michigan, einer der zehn besten Universitäten, und war Redakteur der Juristenzeitung dort. Dann wurde er von unseren alten Freunden bei Kravitz & Bane eingestellt, und heute morgen kreuzte er hier auf, um seinen Großvater wiederzusehen.≪

Jetzt fuhr sich Naifeh mit beiden Händen durch die Haare und schüttelte den Kopf. ≫Wirklich wundervoll. Als ob wir noch mehr Publicity brauchten, noch mehr schwachsinnige Reporter, die noch mehr blöde Fragen stellen.≪

≫Sie sitzen jetzt beisammen. Ich nehme an, Sam wird dem Jungen erlauben, ihn zu vertreten. Ich hoffe es jedenfalls. Wir haben noch nie einen Verurteilten ohne Anwalt hingerichtet.≪

≫Wir sollten ein paar Anwälte ohne Verurteilte hinrichten≪, sagte Naifeh mit einem erzwungenen Lächeln. Sein Haß auf Anwälte war legendär; doch Lucas störte sich nicht daran. Er konnte es verstehen. Er hatte einmal geschätzt, daß Naifeh öfter verklagt und vor Gericht gestellt worden war als irgend jemand sonst in der Geschichte des Staates. Er hatte sich das Recht, Anwälte zu hassen, vollauf verdient.

≫Ich gehe in neunzehn Monaten in Pension≪, sagte er, als hätte Lucas noch nie davon gehört. ≫Wer kommt nach Sam als nächster an die Reihe?≪

Lucas dachte eine Minute nach und versuchte, die voluminösen Berufungsakten der siebenundvierzig Insassen des Todestraktes Revue passieren zu lassen. ≫Eigentlich niemand. Der Pizzamann war vor vier Monaten nahe dran, aber er hat seinen Aufschub bekommen. Er wird wahrscheinlich in ein oder zwei Jahren aufgehoben werden, aber in dem Fall gibt es noch andere Probleme. Soweit ich sehen kann, wird es in den nächsten paar Jahren keine weitere Hinrichtung geben.≪

≫Der Pizzamann?≪

≫Malcolm Friar. Hat in nur einer Woche drei Jungen umgebracht, die Pizza auslieferten. Beim Prozeß hat er behauptet, sein Motiv wäre nicht Raub gewesen, er hätte nur Hunger gehabt.≪

Naifeh hob beide Hände und nickte. ≫Natürlich, ich erinnere mich. Er ist der nächste nach Sam?≪

≫Vermutlich. Das ist schwer zu sagen.≪

≫Ich weiß.≪ Naifeh schob behutsam seinen Stuhl zurück und ging zu einem Fenster. Seine Schuhe lagen irgendwo unter dem Schreibtisch. Er steckte die Hände in die Taschen, drückte seine Zehen in den Teppich und dachte eine Weile angestrengt nach. Nach der letzten Hinrichtung hatte er im Krankenhaus gelegen, wegen eines kleinen Herzflatterns, wie sein Arzt es nannte. Er hatte eine Woche dort verbracht und sein kleines Flattern auf einem Monitor betrachtet und seiner Frau geschworen, daß er nie wieder eine Hinrichtung durchstehen würde. Wenn es ihm gelang, Sam zu überleben, dann konnte er mit voller Pension in den Ruhestand gehen.

Er drehte sich um und sah seinen Freund Lucas Mann an. ≫Ich werde das nicht machen, Lucas. Ich gebe den schwarzen Peter an einen anderen weit er, einen meiner Untergebenen, einen jüngeren Mann, einen guten Mann, einen Mann, dem man vertrauen kann, einen Mann, der so etwas noch nie mitgemacht hat, einen Mann, der ganz wild darauf ist, Blut an seine Hände zu bekommen.≪

≫Doch nicht Nugent.≪

≫Genau den. Colonel außer Dienst George Nugent, mein getreuer Assistent.≪

≫Er ist ein Spinner.≪

≫Ja, aber er ist unser Spinner. Er ist ein Fanatiker, wenn es um Details, Disziplin und Organisation geht, aber er ist genau der Richtige für diesen Job. Ich gebe ihm das Handbuch, sage ihm, was ich will, und er wird beim Töten von Sam Cayhall großartige Arbeit leisten. Er wird der perfekte Mann dafür sein.≪

George Nugent war stellvertretender Direktor in Parchman. Er hatte sich einen Namen gemacht, indem er für Leute, die zum erstenmal straffällig geworden waren, ein überaus erfolgreiches Spezial-Straflager eingerichtet hatte. Es war eine brutale, sechs Wochen dauernde Strapaze, während der Nugent in schwarzen Stiefeln herumstolzierte, wie ein Stabsfeldwebel fluchte und bei der kleinsten Widersetzlichkeit mit Massenvergewaltigung drohte. Die erstmals straffällig Gewordenen kehrten selten nach Parchman zurück.

≫Nugent ist verrückt, Philip. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er jemandem etwas antut.≪

≫Richtig! Jetzt haben Sie verstanden. Wir lassen zu, daß er Sam etwas antut, genau auf die Art und Weise, wie es zu geschehen hat. Genau nach Vorschrift. Der Himmel weiß, wie sehr Nugent Vorschriften liebt, nach denen er sich richten kann. Er ist der ideale Mann für den Job, Lucas. Es wird eine makellose Hinrichtung werden.≪

Lucas war das ziemlich egal. Er zuckte die Achseln und sagte: ≫Sie sind der Boß.≪

≫Danke≪, sagte Naifeh. ≫Aber behalten Sie Nugent im Auge. Ich passe von hier aus auf ihn auf, und Sie kümmern sich um die juristische Seite. Wir werden es überstehen.≪

≫Das wird die bisher größte Sache werden≪, sagte Lucas.

≫Ich weiß. Aber ich muß es langsam angehen lassen. Ich bin ein alter Mann.≪

Lucas nahm seine Akte vom Schreibtisch und machte sich auf den Weg zur Tür. ≫Ich rufe Sie an, wenn der junge Mann abfährt. Ich habe ihn gebeten, bei mir hereinzuschauen, bevor er verschwindet.≪

≫Ich würde ihn gern kennenlernen≪, sagte Naifeh.

≫Er ist ein netter Junge.≪

≫Merkwürdige Familie, finden Sie nicht auch?≪

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Der nette Junge und sein zum Tode verurteilter Großvater hatten