/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Die Analphabetin, die rechnen konnte

Jonas Jonasson


Die Analphabetin, die rechnen konnte

Jonas Jonasson

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn

carl’s books, 2013

Inhaltsverzeichnis

1 Mädchen in einer Hütte

2 Quasi ins Gegenteil

3 Strenge Strafe

4 Samariter, Fahrraddieb

5 Anonymer Brief und hungriger Skorpion

6 Holger und Holger

7 Bombe die es nicht gab

8 Unternemer, der sein Leben nicht leben durfte

9 Begegnung, Verwechslung

10 Wunsch eines Untertanen zu kidnappen

11 Alles rein zufällig gut

12 Liebe auf einer Atombombe und Preisgesstaltung

13 Herzliches Wiedersehen

14 Plotzlicher Todesfall

15 Ermordung eines Verstorbenen

16 Verblüffter Agent und Kartoffelanbau

17 Risiko einer exakten Kopie

18 Kurzer Erfolg einer Zeitschrift

19 Galadiwner im Schloss

20 Was Könige (nicht) tun

21 Zwilling schießt auf Bruder

22 Wie man aufräumt und aufbricht

23 Wütender Oberbefehlshaber und singende Frau

24 Glück wirklich zu existieren

25 Epilog

Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass eine Analphabetin im Soweto der Siebzigerjahre aufwächst und eines Tages mit dem schwedischen König und dem Ministerpräsidenten des Landes in einem Lieferwagen sitzt, liegt bei eins zu fünfundvierzig Milliarden siebenhundertsechsundsechzig Millionen zweihundertzwölftausendachthundertzehn.

Und zwar nach den Berechnungen eben dieser Analphabetin.

Der Unterschied zwischen Genialität und Dummheit. ist der, dass die Genialität ihre Grenzen hat.

Unbekannter Denker

Kapitel 1

Von einem Mädchen in einer Hütte und dem Mann, der sie nach seinem Tod da rausholte

Im Grunde hatten sie ja noch ein glückliches Los gezogen, die Latrinentonnenträger in Südafrikas größtem Slum. Sie hatten nämlich sowohl eine Arbeit als auch ein Dach über dem Kopf.

Eine Zukunft hatten sie statistisch gesehen jedoch nicht. Die meisten von ihnen sollten relativ früh an Tuberkulose, Lungenentzündung, Durchfallerkrankungen, Tabletten, Alkohol oder einer Kombination aus alldem sterben. Vereinzelte Exemplare hatten Aussichten, ihren fünfzigsten Geburtstag zu erleben. Zum Beispiel der Chef eines der Latrinenbüros von Soweto. Doch er war sowohl abgearbeitet als auch kränklich. Er hatte allzu viele Schmerztabletten mit allzu vielen Bierchen heruntergespült, und das Ganze immer allzu früh am Morgen. Infolgedessen hatte er einen Repräsentanten des Amts für sanitäre Einrichtungen von Johannesburg angefaucht. Ein Kaffer, der sich Freiheiten herausnahm! Die Sache wurde dem Abteilungsleiter in Johannesburg berichtet, der seine Mitarbeiter in der Kaffeepause am nächsten Vormittag davon unterrichtete, dass es wohl an der Zeit war, den Analphabeten in Sektor B auszutauschen.

Übrigens eine ungewöhnlich gemütliche Kaffeepause. Es gab nämlich Torte anlässlich der Willkommensfeier für den neuen Assistenten im Sanitätsamt. Er hieß Piet du Toit, war dreiundzwanzig Jahre alt und trat hier seinen ersten Job nach dem Studium an.

Der Neue musste sich auch um das Problem in Soweto kümmern, denn so handhabte man das in der Stadtverwaltung Johannesburg: Wer als Neuling anfing, wurde den Analphabeten zugeteilt, zur Abhärtung gewissermaßen.

Ob die Latrinentonnenträger von Soweto wirklich alle Analphabeten waren, wusste zwar niemand, aber man nannte sie trotzdem so. Zur Schule war jedenfalls keiner von ihnen gegangen. Und sie wohnten samt und sonders in Hütten. Und taten sich entsetzlich schwer, zu verstehen, was man ihnen sagen wollte.

_________________

Piet du Toit war gar nicht wohl in seiner Haut. Sein erster Besuch bei den Wilden. Sein Vater, der Kunsthändler, hatte zur Sicherheit einen Leibwächter mitgeschickt.

Der Dreiundzwanzigjährige betrat das Latrinenbüro und konnte sich einen entnervten Kommentar zum Geruch nicht verkneifen. Dort, auf der anderen Seite des Schreibtischs, saß der Latrinenchef, der jetzt gegangen werden sollte. Und neben ihm ein kleines Mädchen, das zur Überraschung des Assistenten den Mund auftat und erwiderte, Scheiße habe nun mal die lästige Eigenschaft, dass sie stinke.

Piet du Toit überlegte eine Sekunde, ob das Mädchen respektlos gewesen war, aber das konnte doch eigentlich nicht sein.

Also ging er darüber hinweg. Stattdessen erklärte er dem Latrinenchef, dass er — so sei es nun mal an höherer Stelle beschlossen worden — seinen Job zwar nicht behalten, dafür aber mit drei Monatslöhnen rechnen könne, falls er im Gegenzug bis nächste Woche ebenso viele Kandidaten für seine Nachfolge präsentieren konnte.

≫Kann ich nicht meine alte Stelle als Latrinentonnenträger wiederhaben und mir so ein wenig Geld verdienen?≪ fragte der soeben abgesetzte Chef.

≫Nein≪, sagte Piet du Toit, ≫das kannst du nicht.≪

Eine Woche später war Assistent du Toit nebst Leibwächter wieder zurück. Der abgesetzte Chef saß hinter seinem Schreibtisch, zum letzten Mal, wie man wohl annehmen durfte. Neben ihm stand dasselbe Mädchen wie zuvor.

≫Wo sind Ihre drei Kandidaten?≪, wollte der Assistent wissen.

Der Abgesetzte bedauerte, dass zwei von ihnen nicht anwesend sein konnten. Dem einen war am Vorabend bei einer Messerstecherei die Kehle durchgeschnitten worden. Wo sich Nummer zwei aufhielt, wusste niemand. Eventuell handelte es sich um einen Rückfall.

Piet du Toit wollte gar nicht wissen, welcher Art dieser Rückfall sein könnte. Er wollte nur so schnell wie möglich wieder hier weg.

≫Und wer ist der dritte Kandidat?≪ fragte er ärgerlich.

≫Tja, das ist dieses Mädchen. Sie geht mir schon seit ein paar Jahren zur Hand und hilft hier aus. Und ich muss sagen, sie ist wirklich gut.≪

≫Ich kann doch wohl keine Zwölfjährige zur Chefin der Latrinenverwaltung machen?≪ meinte Piet du Toit.

≫Vierzehn≪, sagte das Mädchen. ≫Und ich hab neun Jahre Berufserfahrung.≪

Der Gestank setzte ihm von Minute zu Minute mehr zu. Piet du Toit hatte Angst, dass er sich in seinem Anzug festsetzen könnte.

≫Hast du schon angefangen, Drogen zu nehmen?≪ fragte er.

≫Nein≪, sagte das Mädchen.

≫Bist du schwanger?≪

≫Nein≪ sagte das Mädchen.

Der Assistent schwieg ein paar Sekunden. Im Grunde wollte er wirklich nicht öfter als unbedingt nötig hierherkommen.

≫Wie heißt du?≪, fragte er.

≫Nombeko≪ sagte das Mädchen.

≫Nombeko und wie weiter?≪

≫Mayeki, glaub ich.≪

Mein Gott, die kannten nicht mal ihren eigenen Namen.

≫Dann kriegst du eben den Job. Wenn du es schaffst, nüchtern zu bleiben≪, sagte der Assistent.

≫Das schaffe ich≪, sagte das Mädchen.

≫Gut.≪

Und damit wandte sich der Assistent an den Abgesetzten.

≫Vereinbart waren drei Monatslöhne für drei Kandidaten. Macht dann also einen Monatslohn für einen Kandidaten. Abzüglich einen Monatslohn dafür, dass du es nicht fertiggebracht hast, mir etwas Besseres zu präsentieren als eine Zwölfjährige.≪

≫Vierzehn≪ sagte das Mädchen.

Piet du Toit ging grußlos von dannen, seinen Leibwächter immer zwei Schritt hinter sich.

Das Mädchen, das gerade Chefin ihres eigenen Chefs geworden war, dankte ihm für seine Hilfe und erklärte, dass er mit sofortiger Wirkung wiedereingestellt war, als ihre rechte Hand.

≫Und was ist mit Piet du Toit?≪ fragte ihr ehemaliger Chef.

≫Wir ändern einfach deinen Namen. Ich bin ziemlich sicher, dass der Assistent einen Neger nicht vom anderen unterscheiden kann.≪

Sagte die Vierzehnjährige, die aussah wie zwölf.

_________________

Die neu ernannte Chefin der Latrinenleerungstruppe von Sektor B in Soweto hatte nie eine Schule besucht. Das lag zum einen daran, dass ihre Mutter andere Prioritäten gesetzt hatte, zum andern aber auch an dem Umstand, dass das Mädchen ausgerechnet in Südafrika zur Welt gekommen war, und das auch noch in den frühen Sechzigern, als die politischen Machthaber die Meinung vertraten, dass Kinder von Nombekos Sorte nicht zählten. Der damalige Premierminister war berühmt für seine rhetorische Frage, warum Schwarze denn in die Schule gehen sollten, wenn sie doch sowieso nur dazu da waren, Brennholz und Wasser zu tragen.

Rein sachlich gesehen irrte er, denn Nombeko trug weder Brennholz noch Wasser, sondern Scheiße. Trotzdem gab es keinen Grund zu der Annahme, dass dieses schmächtige Mädchen eines schönen Tages mit Königen und Präsidenten verkehren würde. Oder ganze Nationen in Angst und Schrecken versetzen. Oder die Entwicklung der Weltpolitik im Allgemeinen beeinflussen.

Wenn sie nicht die gewesen wäre, die sie war.

Doch die war sie nun mal.

Unter vielem anderen war sie ein fleißiges Kind. Schon als Fünfjährige schleppte sie Latrinentonnen, die so groß waren wie sie selbst. Beim Latrinentonnenleeren verdiente sie genau so viel, wie ihre Mutter brauchte, um ihre Tochter jeden Tag bitten zu können, ihr eine Flasche Lösungsmittel zu kaufen. Ihre Mutter nahm die Flasche mit den Worten ≫Danke, mein liebes Mädchen≪ entgegen, schraubte sie auf und begann, den ewigen Schmerz zu betäuben, der darin wurzelte, dass sie weder sich selbst noch ihrem Kind eine Zukunft bieten konnte. Nombekos Vater war zwanzig Minuten nach der Befruchtung zum letzten Mal in der Nähe seiner Tochter gewesen.

Je älter Nombeko wurde, desto mehr Latrinentonnen konnte sie pro Tag leeren, und so reichte das Geld für mehr als nur Lösungsmittel. Daher konnte ihre Mutter das Lösungsmittel mit Tabletten und Alkohol ergänzen. Doch das Mädchen sah, dass es so nicht weitergehen konnte, und erklärte seiner Mutter, sie müsse sich entscheiden: entweder aufhören oder sterben.

Ihre Mutter nickte und verstand.

Die Beerdigung war gut besucht. In Soweto gab es zu dieser Zeit jede Menge Leute, die sich hauptsächlich zweierlei Beschäftigungen widmeten: sich selbst nach und nach ins Grab zu bringen oder aber denjenigen das letzte Geleit zu geben, denen das bereits gelungen war. Nombekos Mutter starb, als ihre Tochter zehn Jahre alt war, und ein Vater war, wie gesagt, nicht greifbar. Das Mädchen erwog, dort weiterzumachen, wo seine Mutter aufgehört hatte, und sich auf chemischem Wege einen permanenten Schutz vor der Wirklichkeit aufzubauen. Doch als der erste Lohn nach dem Tod der Mutter eintraf, beschloss sie, sich stattdessen etwas zu essen zu kaufen. Und als sie ihren Hunger gestillt hatte, sah sie sich um und sagte:

≫Was tue ich hier? ≪

Gleichzeitig wurde ihr aber klar, dass sie keine unmittelbare Alternative hatte. In erster Linie verlangte der südafrikanische Arbeitsmarkt nicht nach zehnjährigen Analphabeten. In zweiter Linie eigentlich auch nicht. Außerdem gab es in diesem Teil von Soweto überhaupt keinen Arbeitsmarkt, und besonders viele Arbeitsfähige im Grunde auch nicht.

Doch die Darmentleerung funktioniert im Allgemeinen auch bei den elendesten Menschengestalten auf unserer Erde, so dass Nombeko etwas hatte, womit sie ein wenig Geld verdienen konnte. Und als ihre Mutter tot und begraben war, konnte sie den Lohn ganz für sich behalten.

Um die Zeit totzuschlagen, während sie ihre Lasten schleppte, hatte. sie schon als Fünfjährige angefangen, die Tonnen zu zählen:

≫Eins, zwei, drei, vier, fünf …≪

Je alter sie wurde, desto schwieriger gestaltete sie ihre Übungen, damit es auch eine Herausforderung blieb:

≫Fünfzehn Tonnen mal drei Touren mal sieben Träger plus einer, der rumsitzt und nichts tut, weil er zu besoffen ist…das macht…dreihundertfünfzehn.≪

Nombekos Mutter hatte außerhalb des Dunstkreises ihrer Lösungsmittelflasche nicht mehr viel wahrgenommen, aber sie merkte doch, dass ihre Tochter addieren und subtrahieren konnte. Deswegen begann sie während ihres letzten Lebensjahres, sie jedes Mal zu rufen, wenn eine Lieferung Tabletten in verschiedenen Farben und Wirkstoffgraden zwischen den Hütten aufgeteilt werden musste. Eine Flasche Lösungsmittel ist eine Flasche Lösungsmittel, aber wenn Tabletten mit fünfzig, hundert, zweihundertfünfzig und fünfhundert Milligramm je nach Wunsch und Finanzkraft verteilt werden sollen — da muss man die Grundrechenarten schon ein bisschen auseinanderhalten können. Und das konnte die Zehnjährige. Und wie!

Zum Beispiel kam es vor, dass sie in der Nähe ihres Chefs war, wenn er mit seinem monatlichen Gewichts- und Mengenbericht kämpfte.

≫Also fünfundneunzig mal zweiundneunzig≪, murmelte er. ≫Wo ist der Taschenrechner?≪

≫Achttausendsiebenhundertvierzig≪, sagte Nombeko.

≫Hilf mir lieber suchen, meine Kleine.≪

≫Achttausendsiebenhundertvierzig≪ beharrte Nombeko.

≫Was redest du da?≪

≫Fünundneunzig mal zweiundneunzig sind achttausendsiebenhundert…≪

≫Und woher willst du das wissen?≪

≫Tja, ich denk mir das so: fünfundneunzig sind fünf weniger als hundert, und zweiundneunzig acht weniger als hundert, und wenn man das jetzt umdreht und die Differenz jeweils von der anderen Zahl abzieht, kommt man beide Male auf siebenundachtzig. Und fünf mal acht ist vierzig. Siebenundachtzig vierzig. Achttausendsiebenhundertvierzig.≪

≫Warum denkst du so?≪ fragte ihr verblüffter Chef.

≫Weiß ich nicht≪, erwiderte Nombeko. ≫Können wir jetzt mit unserer Arbeit weitermachen?≪

An diesem Tag wurde sie zur Assistentin des Chefs befördert.

Doch die Analphabetin, die rechnen konnte, war zunehmend frustriert, weil sie nicht verstand, was die Machthaber in Johannesburg in den ganzen Dekreten schrieben, die auf dem Schreibtisch ihres Chefs landeten. Und der hatte selbst Schwierigkeiten genug mit den Buchstaben. Er buchstabierte sich durch die auf Afrikaans abgefassten Texte und blätterte parallel in einem Englischlexikon, um sich dieses Kauderwelsch wenigstens in eine Sprache zu übersetzen, die ein Mensch verstehen konnte.

≫Was wollen sie denn diesmal?≪, fragte Nombeko ihn manchmal.

≫Dass wir die Säcke besser füllen≪, antwortete ihr Chef. ≫Glaub ich jedenfalls. Oder dass sie vorhaben, die Waschhäuser zu schließen. Das ist ein bisschen unklar.≪

Der Chef seufzte. Und seine Assistentin konnte ihm nicht helfen. Deswegen seufzte sie auch.

Doch dann geschah es zufällig, dass die dreizehnjährige Nombeko in der Umkleide der Latrinenleerer von einem schmierigen alten Mann begrapscht wurde. Der alte Schmierlappen kam allerdings nicht weit, denn das Mädchen brachte ihn flugs auf andere Gedanken, indem sie ihm eine Schere in den Oberschenkel rammte.

Am nächsten Tag suchte sie den alten Mann auf der anderen Seite der Latrinenreihe von Sektor B auf. Er saß mit einem Verband am Oberschenkel auf einem Campingstuhl vor seiner grün gestrichenen Hütte. Auf dem Schoß hatte er…Bücher?

≫Was willst du hier?≪ fragte er.

≫Ich glaube, ich hab gestern meine Schere in Onkel Thabos Oberschenkel vergessen, und die hätte ich gern zurück.≪

≫Die hab ich weggeworfen≪, behauptete der alte Mann.

≫Dann schuldest du mir eine Schere≪, sagte das Mädchen. ≫Wie kommt es eigentlich, dass du lesen kannst? ≪

Der alte Schmierlappen Thabo war halb zahnlos. Sein Oberschenkel tat ihm mächtig weh, und er verspürte wenig Lust, mit diesem bösartigen Mädchen Konversation zu betreiben. Andererseits war es das erste Mal, seit er nach Soweto gekommen war, dass sich jemand für seine Bücher zu interessieren schien. Seine ganze Hütte war voll mit Büchern, weswegen ihn seine Umgebung den Verrückten Thabo nannte. Doch das Mädchen hier hörte sich eher neidisch als höhnisch an. Vielleicht konnte er sich das ja zunutze machen?

≫Wenn du ein bisschen entgegenkommend wärst und nicht so über die Maßen gewalttätig, könnte es sein, dass Onkel Thabo dir dafür seine Geschichte erzählt. Er würde dir vielleicht sogar beibringen, wie man Buchstaben und ganze Wörter entziffert. Wenn du eben, wie gesagt, ein bisschen entgegenkommend wärst.≪

Nombeko hatte mitnichten vor, entgegenkommender zu dem alten Schmierlappen zu sein, als sie es tags zuvor in der Dusche gewesen war. Daher antwortete sie, dass sie glücklicherweise noch eine Schere besaß, die sie aber lieber behalten würde, als sie in Onkel Thabos anderem Oberschenkel zu versenken. Doch wenn der liebe Onkel sich gut benahm — und ihr das Lesen beibrachte —, konnte Oberschenkel Nummer zwei unversehrt bleiben.

Thabo konnte nicht so recht folgen. Hatte das Mädchen ihm gerade gedroht?

_________________

Man sah es ihm nicht an, aber Thabo war reich.

Er wurde unter einer Plane im Hafen von Port Elizabeth in der Provinz Ostkap geboren. Als er sechs war, nahm die Polizei seine Mutter mit und brachte sie nie zurück. Sein Vater fand, dass der Junge alt genug war, um auf eigenen Beinen zu stehen, obwohl er selbst so seine Probleme damit hatte.

≫Pass gut auf dich auf≪, lautete die Quintessenz väterlicher Lebensweisheit. Er klopfte seinem Sohn auf die Schulter und fuhr nach Durban, um sich bei einem schlecht geplanten Bankraub erschießen zu lassen.

Der sechsjährige stahl sich im Hafen zusammen, was er zum Überleben brauchte. Im besten Fall würde er heranwachsen und im Laufe der Jahre entweder im Gefängnis landen oder erschossen werden, wie seine Eltern.

Doch in seinem Slum wohnte seit ein paar Wochen auch ein spanischer Seemann, Koch und Dichter, der einstmals von zwölf hungrigen Matrosen über Bord geworfen worden war, die fanden, dass sie zum Mittagessen etwas zwischen die Kiefer brauchten und keine Sonette.

Der Spanier schwamm an Land, fand eine Hütte, in der er sich verkriechen konnte, und lebte seitdem für Gedichte aus eigener und fremder Feder. Als er mit der Zeit immer schlechter sah, fing er sich stracks den jungen Thabo ein und zwangsalphabetisierte ihn, wofür er ihn mit Brot entschädigte. Für noch ein bisschen mehr Brot musste der Junge dem alten Mann dann bald regelmäßig vorlesen, weil dieser inzwischen nicht nur ganz blind war, sondern auch noch halb senil und selbst nichts anderes mehr zu sich nahm als Pablo Neruda zum Frühstück, zum Mittagessen und zum Abendbrot.

Die Matrosen hatten recht gehabt, als sie behaupteten, der Mensch könne nicht von Gedichten allein leben. Der alte Mann verhungerte nämlich, und Thabo beschloss, sämtliche Bücher von ihm zu erben. Einen anderen Anwärter gab es sowieso nicht.

Seine Lesekenntnisse ermöglichten es dem Jungen, sich mit diversen Gelegenheitsjobs im Hafen durchzuschlagen. Am Abend las er Gedichte, Romane und — vor allem Reisebeschreibungen. Als Sechzehnjähriger entdeckte er das andere Geschlecht, das zwei Jahre später auch ihn entdeckte. Denn erst als Thabo achtzehn war, fand er eine funktionierende Taktik. Sie bestand aus einem Drittel unschlagbarem Lächeln, einem Drittel erfundenen Geschichten von irgendwelchen Reiseerlebnissen, obwohl er den Kontinent bis dato nur in seiner Fantasie bereist hatte, und dazu noch einem Drittel dreisten Lügen, wie ewig seine und ihre Liebe währen würde.

Richtigen Erfolg erzielte er jedoch erst, wenn er seinem Lächeln, seinen Erzählungen und den Lügen etwas Literatur beimischte. Unter den geerbten Büchern fand er eine Übersetzung, die der spanische Seemann von Pablo Nerudas 20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung angefertigt hatte. Das Lied der Verzweiflung riss Thabo heraus, aber die zwanzig Liebesgedichte probierte er an zwanzig verschiedenen jungen Frauen im Hafenviertel aus und konnte so neunzehn Mal Gelegenheitsliebe mitnehmen. Und es hätte auch noch ein zwanzigstes Mal geben können, wenn dieser Idiot Neruda nicht ganz am Schluss diese eine Zeile hineingemogelt hätte: ≫Ja, ich liebe sie nicht mehr.≪ Thabo merkte es erst, als es zu spät war. Ein paar Jahre später wussten die meisten im Viertel über Thabo Bescheid, somit waren die Möglichkeiten, sich weitere literarische Erlebnisse zu verschaffen, eher begrenzt. Da half es auch nichts, dass er immer wildere Lügen von seinen angeblichen Reisen erzählte, so wilde Lügen wie seinerzeit König Leopold II. von Belgien, der behauptete, den Eingeborenen in Belgisch-Kongo ginge es gut, während er allen, die sich weigerten, kostenlos für ihn zu arbeiten, Hände und Füße abhacken ließ.

Nun ja, Thabo sollte seine Strafe bekommen (genau wie der belgische König übrigens, der erst seine Kolonie loswurde, dann sein ganzes Geld mit seinem französisch-rumänischen Lieblingsfreudenmädchen verjubelte und schließlich starb). Doch zuerst verließ er Port Elizabeth, reiste nach Norden und landete in Basutoland, wo es angeblich die Frauen mit den tollsten Kurven gab.

Dort fand er Gründe, mehrere Jahre zu bleiben, wechselte nur die Stadt, wenn die Umstände es erforderten, fand dank seiner Lese- und Schreibkenntnisse immer Arbeit und wurde schließlich sogar Chefunterhändler für alle europäischen Missionare. die Zugang zu diesem Land und seiner unaufgeklärten Bevölkerung suchten.

Der Häuptling des Basutovolkes, Seine Exzellenz Seeiso, sah nicht ein, was für einen Wert die Taufe für sein Volk haben sollte, doch er begriff durchaus, dass das Land sich von den Buren befreien musste. Als ihm die Missionare — auf Thabos Initiative — den Vorschlag machten, mit Waffen für die Erlaubnis zu bezahlen, ihre Bibeln zu verteilen, biss der Häuptling sofort an.

So kam es, dass Priester und Diakone einfielen, um das Basutovolk vom Bösen zu erlösen. Im Gepäck hatten sie Bibeln, automatische Waffen und die eine oder andere Tretmine.

Die Waffen hielten die Feinde auf Abstand, während die Bibeln von den verfrorenen Bergbewohnern verheizt wurden. Sie konnten ja doch nicht lesen. Als das den Missionaren klar wurde, änderten sie ihre Taktik und bauten innerhalb kürzester Zeit eine ganze Reihe von christlichen Tempeln.

Thabo arbeitete verschiedentlich als Pfarrersassistent an und entwickelte eine eigene Form des Handauflegens, die er selektiv und im Verborgenen praktizierte.

Doch dann ereilte ihn eine weitere Panne an der Liebesfront. Als nämlich in einem Bergdorf aufflog, dass das einzige männliche Mitglied des Kirchenchors mindestens fünf der neun jungen Mädchen ewige Treue geschworen hatte. Der englische Pastor vor Ort hatte die ganze Zeit schon geargwöhnt, dass Thabo ein falsches Spiel trieb. Singen konnte er nämlich gar nicht.

Der Pastor verständigte die Väter der fünf Mädchen, die ein traditionelles Verhör des Verdächtigen beschlossen: Thabo sollte bei Vollmond aus fünf verschiedenen Richtungen mit Speeren durchbohrt werden, während er mit nacktem Hintern in einem Ameisenhaufen saß.

Beim Warten auf den richtigen Stand des Mondes wurde Thabo in eine Hütte gesperrt, die der Pastor so lange im Auge behielt, bis er einen Sonnenstich bekam. Da ging er stattdessen an den Fluss, um ein Nilpferd zu bekehren. Vorsichtig legte der Mann dem Tier eine Hand auf das Maul und verkündete, Jesus sei bereit, ihm…

Weiter kam er nicht, denn das Nilpferd riss das Maul auf und biss ihn in der Mitte durch.

Nun, da der Pfarrer und Gefängniswärter weg war, gelang es Thabo mit Pablo Nerudas Hilfe, die weibliche Wache zu überreden, ihm aufzusperren, damit er fliehen konnte.

≫Und was wird jetzt aus dir und mir?≪, rief sie ihm nach, während er in die Savanne hinausrannte, so schnell ihn seine Füße trugen.

≫Ja, ich liebe dich nicht mehr≪, rief Thabo zurück.

Hätte man es nicht besser gewusst, man hätte meinen können, dass Thabo unter dem Schutze des Herrn stand, denn auf seinem zwanzig Kilometer langen Nachtspaziergang in die Hauptstadt Maseru begegnete er weder Löwen, Geparden oder Nashörnern noch anderem Getier. Als er am Ziel war, besorgte er sich einen Job als Berater bei Häuptling Seeiso, der ihn noch von früher kannte und wieder bei sich willkommen hieß. Der Häuptling verhandelte gerade die nationale Unabhängigkeit mit den hochnäsigen Briten, erzielte aber keine Erfolge, bis sich Thabo einschaltete und ihnen erklärte, wenn die Herrschaften weiter solche Fisimatenten machen wollten, könne Basutoland in Erwägung ziehen, sich an Joseph Mobuto in Kongo-Kinshasa zu wenden.

Die Briten erstarrten. Joseph Mobuto? Der Mann, der die Welt gerade hatte wissen lassen, dass er seinen Namen ändern wollte — in ≫Der Allmächtige Krieger, Der Dank Seiner Ausdauer Und Seinem Unbändigen Siegeswillen von Sieg Zu Sieg Eilt Und Dabei Eine Feurige Spur Hinterlässt≪?

≫Genau der≪, sagte Thabo. ≫Das ist sogar einer meiner engsten Freunde. Der Zeitersparnis halber sage ich Joe zu ihm.≪

Die britische Delegation bat darum, sich ungestört beraten zu dürfen. Dabei einigten sie sich darauf, dass die Region eher Ruhe und Frieden brauchte als irgendeinen allmächtigen Krieger, der seinen Namen seinem völlig übersteigerten Selbstbild anpassen wollte. Die Briten kehrten an den Verhandlungstisch zurück und sagten:

≫Dann nehmt das Land.≪

Aus Basutoland wurde Lesotho, aus Häuptling Seeiso wurde König Moshoeshoe II., und Thabo wurde der unumstrittene Günstling des neuen Königs. Er wurde wie ein Familienmitglied behandelt und bekam eine Tüte Rohdiamanten aus der größten Mine des Landes, die ein Vermögen wert waren.

Eines Tages war er einfach verschwunden. Und er hatte bereits einen uneinholbaren Vorsprung von vierundzwanzig Stunden, als dem König dämmerte, dass sein Augenstern, seine kleine Schwester, die zierliche Prinzessin Maseeiso, schwanger war.

Wer in den Sechzigern in Südafrika schwarz, dreckig und mittlerweile fast zahnlos war, passte nicht in die Welt der Weißen. Nach dem misslichen Vorfall im ehemaligen Basutoland eilte Thabo daher weiter nach Soweto, nachdem er seinen kleinsten Diamanten beim nächstbesten Juwelier zu Geld gemacht hatte.

Dort fand er eine leere Hütte in Sektor B. Er zog ein, stopfte sich die Geldscheine in die Schuhe und vergrub ungefähr die Hälfte der Diamanten im Boden aus gestampftem Lehm. Die andere Hälfte brachte er in diversen Hohlräumen in seinem Mund unter.

Bevor er wieder anfing, so vielen Frauen wie möglich allzu viel zu versprechen, strich er seine Hütte in einem schönen Grün, denn so was imponierte den Damen. Und er kaufte Linoleum, um den Lehmboden zu bedecken.

Der Verführer war in sämtlichen Sektoren von Soweto aktiv, aber mit der Zeit ließ Thabo seinen eigenen lieber weg, denn so konnte er in den Zwischenpausen gemütlich vor seiner Hütte sitzen und lesen, ohne mehr als nötig belästigt zu werden.

Abgesehen vom Lesen und Verführen widmete er sich dem Reisen. Kreuz und quer durch Afrika. zweimal im Jahr. Das brachte ihm sowohl Lebenserfahrung ein als auch neue Bücher.

Aber er kam immer wieder zu seiner Hütte zurück, auch wenn er finanziell unabhängig war. Nicht zuletzt, weil die Hälfte seines Vermögens immer noch drei Dezimeter unter dem Linoleumboden lag. Thabos untere Zahnreihe war noch in einem zu guten Zustand, um weiteren Diamanten Platz zu bieten.

Es dauerte ein paar Jahre, bevor das Getuschel in den Hütten von Soweto begann. Wo hatte dieser Verrückte mit den Büchern eigentlich das ganze Geld her?

Um den Gerüchten nicht gar so viel Nahrung zu geben, beschloss Thabo, einen Job anzunehmen. Am nächstliegenden war es, ein paar Stunden pro Woche Latrinentonnen zu schleppen.

Unter seinen Kollegen befanden sich fast nur junge, alkoholisierte Männer ohne Zukunft. Aber auch vereinzelte Kinder. Darunter eine Dreizehnjährige, die Thabo eine Schere in den Oberschenkel rammte, bloß weil er die falsche Tür genommen hatte, als er duschen ging. Beziehungsweise eigentlich die richtige Tür. Nur das Mädchen war falsch. Viel zu jung, keine Kurven. Nichts für Thabo, außer im Notfall.

Das mit der Schere hatte ganz schön wehgetan. Und jetzt stand sie hier vor seiner Hütte und wollte, dass er ihr das Lesen beibrachte.

≫Ich würde dir ja zu gerne helfen. aber leider verreise ich morgen≪, sagte Thabo und dachte sich, dass es vielleicht das Klügste wäre, seine Behauptung tatsächlich wahrzumachen.

≫Verreisen?≪ Nombeko war in den ganzen dreizehn Jahren ihres Lebens nicht aus Soweto herausgekommen. ≫Wohin willst du denn?≪

≫Nach Norden≪, sagte Thabo. ≫Dann sehe ich weiter.≪

__________

Während Thabos Abwesenheit wurde Nombeko ein Jahr älter und befördert. Und sie machte sich als Chefin. Dank eines sinnvollen Systems, das ihren Sektor auf der Grundlage demografischer Daten und nicht nach geografischer Größe oder Gerüchten in Bereiche einteilte, konnte die Aufstellung der Plumpsklos viel effektiver vorgenommen werden.

≫Eine dreißigprozentige Verbesserung≪ lobte ihr Vorgänger.

≫Dreißig Komma zwei≪, sagte Nombeko.

Das Angebot richtete sich nach der Nachfrage und umgekehrt, und so blieb im Budget Geld übrig für neue Waschhäuser.

Die Vierzehnjährige war unglaublich eloquent, wenn man dagegen die Sprache betrachtete, derer sich die Männer in ihrer alltäglichen Umgebung bedienten (jeder, der schon einmal ein Gespräch mit einem Latrinentonnenträger in Soweto geführt hat, weiß, dass die Hälfte seines Vokabulars nicht gedruckt und die andere Hälfte nicht mal gedacht werden dürfte). Aber es gab auch ein Radio in einer Ecke des Latrinenbüros, und von Kindesbeinen an hatte Nombeko das Gerät angestellt, sobald sie in der Nähe war. Sie stellte immer den Nachrichtensender ein und lauschte interessiert, nicht nur auf das, was da gesagt wurde, sondern auch, wie es gesagt wurde.

Das Wochenmagazin Ausblick Afrika verschaffte ihr erstmals die Erkenntnis, dass es eine Welt außerhalb von Soweto gab. Sie war nicht unbedingt schöner oder vielversprechenden Aber sie war außerhalb von Soweto.

Wie damals, als Angola gerade die Unabhängigkeit erlangt hatte. Die Freiheitspartei PLUA hatte sich mit der Freiheitspartei PCA zusammengetan, um die Freiheitspartei MPLA zu bilden, die zusammen mit den Freiheitsparteien FNLA und UNITA dafür sorgte, dass die portugiesische Regierung es bereute, diesen Teil des Kontinents überhaupt entdeckt zu haben. Eine Regierung, die es im Übrigen in den vierhundert Jahren ihrer Herrschaft nicht fertig bekommen hatte, eine einzige Universität zu bauen.

Die Analphabetin Nombeko durchblickte nicht ganz, welche Buchstabenkombination was bewirkt hatte, aber das Resultat schien doch eine Veränderung zu sein, und das war zusammen mit Essen das schönste Wort, das Nombeko kannte.

Einmal äußerte sie vor ihren Mitarbeitern laut den Gedanken, dass so eine Veränderung auch etwas für sie alle sein könnte. Doch die nörgelten nur, dass die Chefin sich jetzt auch noch hinstellte und über Politik reden wollte. Reichte es nicht, dass sie tagein, tagaus Scheiße schleppen mussten, sollten sie sich jetzt auch noch Scheiße anhören?

Als Chefin der Latrinenleerung kam Nombeko nicht darum herum, sich zum einen mit all ihren hoffnungslosen Fällen von Latrinenkollegen zu befassen, zum andern aber auch mit Assistent Piet du Toit von der Gesundheitsbehörde in Johannesburg. Als er nach ihrer Ernennung zur Chefin zum ersten Mal wieder vor Ort war, richtete er ihr aus, dass es keine vier neuen Waschhauser geben werde, sondern bloß eines, aufgrund der schwierigen Budgetsituation. Nombeko rächte sich auf ihre eigene Weise:

≫Ach, was ganz anderes: Wie beurteilt der Herr Assistent eigentlich die Entwicklung in Tansania? Steht das sozialistische Experiment von Julius Nyerere nicht kurz vorm Scheitern? Oder was meint der Herr Assistent?≪

≫Tansania?≪

≫Ja. Die Getreideunterproduktion nähert sich inzwischen fast einer Million Tonnen. Die Frage ist, was Nyerere überhaupt angefangen hätte, wenn es den internationalen Währungsfonds nicht gegeben hätte. Oder betrachtet der Herr Assistent schon den Währungsfonds an und für sich als Problem?≪

Sagte das Mädchen, das nie in die Schule gegangen und niemals aus Soweto herausgekommen war. Zum Assistenten, der auf der Seite der Machthaber stand. Der eine Universität besucht hatte. Und keine Ahnung von der politischen Situation in Tansania hatte. Der Assistent war von Natur aus weiß, aber als das Mädchen nun mit dem Politisieren anfangen wollte, wurde er kreideweiß.

Piet du Toit fühlte sich von einer vierzehnjährigen Analphabetin erniedrigt. Die jetzt außerdem sein Dokument bezüglich der Sanitätsanlagen bemängelte.

≫Was hat der Herr Assistent sich hierbei eigentlich gedacht?≪ erkundigte sich Nombeko, die sich selbst die Zahlen beigebracht hatte. ≫Warum hat er die Zielvorgaben denn miteinander multipliziert?≪

Eine Analphabetin, die rechnen konnte.

Er hasste sie.

Er hasste sie alle miteinander.

_________________

Ein paar Monate später war Thabo zurück. Als Erstes musste er feststellen, dass das Mädchen mit der Schere seine Chefin geworden war. Und dass sie kein ganz so kleines Mädchen mehr war. Langsam, aber sicher bekam sie doch Kurven.

In dem fast zahnlosen alten Mann bahnte sich ein innerer Konflikt an. Einerseits meldete sich der Instinkt, sich auf sein mittlerweile ziemlich lückenhaftes Lächeln, seine Erzählkünste und Pablo Neruda zu verlassen. Andererseits war sie eben doch seine Chefin. Und dann war da ja noch die Geschichte mit der Schere.

Thabo beschloss abzuwarten, aber in Position zu gehen.

≫Jetzt wird es wohl doch höchste Zeit, dass ich dir das Lesen beibringen≪, meinte er.

≫Super!≪, sagte Nombeko. ≫Lass uns sofort heute nach der Arbeit anfangen. Meine Schere und ich kommen dann zu deiner Hütte.≪

Thabo war als Lehrer richtig fähig. Und Nombeko eine gelehrige Schülerin. Schon am dritten Tag konnte sie das Alphabet mit einem Stöckchen in den Lehm vor Thabos Hütte malen. Ab dem fünften Tag begann sie ganze Wörter und Sätze zu buchstabieren. Erst gerieten sie ihr hauptsächlich fehlerhaft. Nach zwei Monaten hauptsächlich richtig.

In den Pausen zwischen ihren Lektionen erzählte Thabo von den Dingen, die er auf seinen Reisen erlebt hatte. Nombeko durchschaute sofort, dass er dabei zwei Teile Dichtung mit höchstens einem Teil Wahrheit mischte, aber das war ihr egal. Ihre eigene Realität war elend genug, von der Sorte brauchte sie nicht unbedingt noch mehr.

Seine letzte Reise hatte ihn nach Äthiopien geführt, um Seine Kaiserliche Majestät den Löwen von Juda, Gottes Auserwählten, den König der Könige abzusetzen.

≫Haile Selassie≪, sagte Nombeko.

Thabo antwortete nicht. Er erzählte lieber, als dass er zuhörte.

Die Geschichte von diesem Kaiser, der zu Anfang noch Res Tefari hieß, woraus Rastafari wurde und daraus dann eine ganze Religion, nicht zuletzt auf den Westindischen Inseln, war so deftig, dass Thabo sie sich für den Tag aufgespart hatte, an dem er endlich einmal einen Vorstoß wagen wollte.

Der Gründer war also von seinem kaiserlichen Thron verjagt worden, und rund um den Erdball saßen verwirrte Jünger, kifften und überlegten sich dabei, wie es möglich war, dass der Messias, die Inkarnation Gottes, plötzlich abgesetzt worden war. Konnte man Gott denn absetzen?

Nombeko fragte bewusst nicht nach dem politischen Hintergrund dieser dramatischen Ereignisse. Sie war nämlich ziemlich sicher, dass Thabo keine Ahnung hatte, und wenn sie zu viele Fragen stellte, kam die Unterhaltung zum Erliegen.

≫Erzähl weiter!≪, bat sie stattdessen.

Thabo fand, dass sich die Sache gut anließ (so kann man sich irren). Er kam einen Schritt näher an das Mädchen heran und erzählte, wie er auf dem Heimweg in Kinshasa vorbeigefahren war, wo er Muhammad Ali vor seinem ≫Rumble in the Jungle≪ unterstützt hatte — das Schwergewichtsgipfeltreffen mit dem unbesiegbaren George Foreman.

≫Mein Gott, wie spannend≪ sagte Nombeko und fand, dass die Geschichte an sich es ja auch war.

Thabo lächelte sein breitestes Lächeln, und zwischen seinen verbliebenen Zähnen glitzerte es.

≫Ja, eigentlich wollte ja der Unbesiegbare meine Unterstützung, aber ich spürte, dass …≪ Thabo hörte erst auf als Foreman in der achten Runde k.o. war und Ali seinem lieben Freund Thabo für die unschätzbar wertvolle Hilfe gedankt hatte.

Übrigens war Alis Frau ganz entzückend.

≫Alis Frau?≪, fragte Nombeko. ≫Du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass…≪

Thabo lachte, dass es in seinem Mund nur so klirrte, doch dann wurde er wieder ganz ernst und rutschte noch ein Stück näher an sie heran.

≫Du bist sehr schön, Nombeko≪, sagte er. ≫Viel schöner als Alis Frau. Was hältst du davon, wenn wir uns zusammentun? Wir könnten doch irgendwo anders hinziehen.≪

Und dann legte er ihr den Arm um die Schulter.

Nombeko fand, dass sich ≫irgendwo anders hinziehen≪ wirklich wunderhübsch anhörte. Tatsächlich wäre ihr jeder Ort recht gewesen. Aber nicht mit dem alten Schmierlappen. Für heute schien die Lektion beendet zu sein. Nombeko rammte Thabo eine Schere in seinen anderen Oberschenkel und ging.

Am nächsten Tag kam sie zu Thabos Hütte und sprach ihn darauf an, dass er ohne Krankmeldung seiner Arbeit ferngeblieben war.

Thabo antwortete, er habe zu starke Schmerzen in beiden Oberschenkeln, vor allem in dem einen, und Fräulein Nombeko wisse ja sicher, worauf das zurückzuführen sei.

Ja, und es könne auch noch schlimmer wehtun, denn nächstes Mal gedenke sie die Schere weder in den einen noch in den anderen Oberschenkel zu rammen, sondern irgendwo dazwischen, wenn Onkel Thabo nicht bald mal anfing, sich anständig zu benehmen.

≫Außerdem habe ich sowohl gesehen als auch gehört, was du in deinem hässlichen Mund hast. Du kannst dich drauf verlassen, dass ich es Hinz und Kunz auf die Nase binden werde, wenn du dich nicht ab sofort benimmst.≪

Thabo war zu Tode erschrocken. Er wusste nur zu gut, dass er seine verbleibende Lebenszeit in Minuten zählen konnte, wenn sein Diamantenvermögen erst einmal allgemein bekannt war.

≫Was willst du eigentlich von mir?≪, fragte er kleinlaut.

≫Ich möchte herkommen und mich durch deine Bücher buchstabieren können, ohne jeden Tag eine neue Schere mitbringen zu müssen. Für unsereinen, der ausschließlich Zähne im Mund hat und sonst gar nichts, sind Scheren nämlich teuer.≪

≫Kannst du nicht einfach gehen?≪ fragte Thabo. ≫Du kriegst einen von meinen Diamanten, wenn du mich in Frieden lässt.≪

Das war nicht sein erster Bestechungsversuch, aber diesmal blieb er erfolglos. Nombeko erklärte, sie erhebe keinen Anspruch auf irgendwelche Diamanten. Was ihr nicht gehörte, gehörte ihr nicht.

Viel später, in einer anderen Weltengegend, sollte sich herausstellen, dass das Leben wesentlich komplizierter war, als sie in diesem Moment dachte.

_________________

Es war schon Ironie des Schicksals, dass Thabos Leben von zwei Frauen ein Ende gesetzt wurde. Sie waren in Portugiesisch-Ostafrika aufgewachsen und hatten ihren Lebensunterhalt damit verdient, dass sie weiße Siedler erschlugen und deren Geld stahlen. Damit kamen sie so lange durch, wie der Bürgerkrieg anhielt.

Doch als das Land seine Unabhängigkeit erklärte und seinen Namen in Mosambik änderte, bekamen die Siedler, die immer noch im Lande waren, achtundvierzig Stunden, um das Land zu verlassen. Danach blieb den Frauen nichts anderes übrig, als sich aufs Erschlagen wohlhabender Schwarzer zu verlegen. Eine wesentlich schlechtere Geschäftsidee, denn alle Schwarzen, die überhaupt etwas Stehlenswertes besaßen, gehörten zur nun regierenden marxistisch-leninistischen Partei. Daher dauerte es nicht lange und die Frauen waren zur Fahndung ausgeschrieben und wurden von der gefürchteten Polizei des neuen Staates gejagt.

Deswegen waren sie Richtung Süden gezogen und hatten ihren Weg in das wunderbare Versteck Soweto in der Nähe von Johannesburg gefunden.

Der Vorteil von Südafrikas größtem Elendsviertel war, dass man in der Masse untertauchte (wenn man denn schwarz war), der Nachteil jedoch der, dass noch der schlichteste weiße Bauer in Portugiesisch-Ostafrika mehr besaß als sämtliche achthunderttausend Einwohner von Soweto zusammengenommen (Thabo mal nicht mitgerechnet). Die Frauen warfen trotzdem ein paar bunte Pillen ein und gingen auf Mordtour. Nach einer Weile fanden sie den Sektor B, und dort, hinter der Latrinenreihe, erspähten sie eine grün gestrichene Hütte zwischen den übrigen rostbraungrauen. Wer seine Hütte grün anmalt (oder in irgendeiner anderen beliebigen Farbe), hat doch garantiert mehr Geld, als ihm guttut, dachten die Frauen, brachen mitten in der Nacht ein, rammten Thabo ein Messer in die Brust und drehten es um. So wurde dem Mann, der so viele Herzen gebrochen hatte, sein eigenes in Stücke geschnitten.

Als er tot war, stöberten die Frauen zwischen all den verfluchten Bücherstapeln nach seinem Geld. Was hatten sie da denn für einen Trottel umgebracht?

Am Ende fanden sie auf jeden Fall ein Bündel Geldscheine im einen Schuh des Opfers, und noch eins im anderen. Unvernünftigerweise setzten sie sich vor die Hütte, um es aufzuteilen. Doch der Tablettencocktail, den die Frauen mit einem halben Glas Rum runtergespült hatten, bewirkte, dass sie jeden Begriff von Zeit und Raum verloren. Und so saßen sie immer noch dort, beide mit einem Grinsen auf den Lippen, als überraschenderweise tatsächlich mal die Polizei auftauchte.

Sie verhaftete die beiden Frauen, die daraufhin zu einem dreißigjährigen Kostenfaktor im südafrikanischen Justizvollzug wurden. Die Geldscheine, die sie zu zählen versucht hatten, lösten sich gleich zu Anfang der polizeilichen Ermittlungen in Luft auf. Thabos Leiche blieb bis zum nächsten Tag liegen. Im südafrikanischen Polizeikorps war es ein beliebter Sport, es möglichst der nächsten Schicht zu überlassen, sich um einen toten Neger zu kümmern.

Nombeko war schon in der Nacht vom Lärm auf der anderen Seite der Latrinenreihe wach geworden. Sie zog sich an, ging hinüber und erfasste in etwa, was geschehen war.

Als die Polizei mit den Mörderinnen und Thabos ganzem Geld verschwunden war, ging Nombeko in seine Hütte.

≫Du warst ein grässlicher Mensch, aber du konntest unterhaltsame Lügen erzählen. Du wirst mir fehlen. Oder zumindest deine Bücher.≪

Daraufhin machte sie Thabo den Mund auf und holte vierzehn ungeschliffene Diamanten heraus, genau die Anzahl, die in seinen Zahnlücken Platz gefunden hatte.

≫Vierzehn Lücken, vierzehn Diamanten≪, sagte Nombeko. ≫Ging genau auf. was?≪

Thabo antwortete nicht. Doch Nombeko entfernte das Linoleum und begann zu graben.

≫Hab ich’s mir doch gedacht≪, sagte sie, als sie fand, was sie gesucht hatte.

Dann holte sie Wasser und einen Lappen und wusch Thabo, zog ihn aus der Hütte und opferte ihr einziges weißes Laken, um seinen Leichnam zu bedecken. Ein bisschen Würde verdiente er trotz allem. Viel nicht. Aber ein bisschen.

Nombeko nähte Thabos sämtliche Diamanten sofort in den Saum ihrer einzigen Jacke ein, ehe sie nach Hause ging und sich wieder schlafen legte.

Die Latrinenchefin erteilte sich selbst die Erlaubnis, am nächsten Morgen auszuschlafen. Als sie das Büro zu später Stunde betrat, waren schon alle Latrinentonnenträger da. In Abwesenheit der Chefin waren sie inzwischen bei ihrem dritten Vormittagsbierchen und hatten seit dem zweiten die Arbeit ruhen lassen, zugunsten einer Diskussion der Frage, warum die Inder eine unterlegene Rasse waren. Der großmäuligste von ihnen erzählte gerade die Geschichte von dem Inder, der versucht hatte, ein Leck in seinem Hüttendach mit Wellpappe zu flicken.

Nombeko unterbrach die Männer, sammelte alle noch nicht geleerten Bierflaschen ein und erklärte, sie habe den Verdacht, dass ihre Kollegen nichts anderes im Kopf hatten als den Inhalt der Latrinentonnen, die zu leeren ihre Aufgabe war. Waren sie wirklich zu dumm, um zu begreifen, dass Dummheit ein rassenübergreifendes Phänomen war?

Das Großmaul erwiderte, die Chefin könne wohl nicht verstehen, dass man nach den ersten fünfundsiebzig Tonnen am Morgen in aller Ruhe ein Bierchen trinken wolle, ohne sich dabei irgendwelches Gefasel anhören zu müssen, wie wahnsinnig gleich und gleichberechtigt die Menschen doch sind.

Nombeko erwog, ihm zur Antwort eine Klopapierrolle an den Schädel zu werfen, kam jedoch zu dem Schluss, dass es schade um die Rolle gewesen wäre. Stattdessen befahl sie, die Arbeit wieder aufzunehmen.

Dann ging sie nach Hause in ihre Hütte. Und sagte sich einmal wieder:

≫Was tue ich hier?≪

Am nächsten Tag war ihr fünfzehnter Geburtstag.

_________________

An ihrem fünfzehnten Geburtstag hatte Nombeko ein seit Langem angesetztes Budgetgespräch mit Piet du Toit vom Sanitätsamt der Stadtverwaltung von Johannesburg. Diesmal war er besser vorbereitet und war die Zahlen genau durchgegangen. Jetzt würde er es dieser Zwölfjährigen aber zeigen.

≫Sektor B hat das Budget um elf Prozent überschritten≪, sagte Piet du Toit und sah Nombeko über den Rand seiner Brille an, die er eigentlich nicht brauchte, die ihn aber ein bisschen älter aussehen ließ.

≫Das hat Sektor B ganz bestimmt nicht≪, sagte Nombeko.

≫Wenn ich sage, dass Sektor B das Budget. um elf Prozent überschritten hat, dann ist das so≪, sagte Piet du Toit.

≫Und wenn ich sage, dass Piet du Toit so rechnet, wie es seinem Verstand entspricht, dann ist das auch so. Geben Sie mir ein paar Sekunden≪, sagte Nombeko, riss Piet du Toit seine Kalkulation aus der Hand, überflog die Zahlen, zeigte auf Zeile zwanzig und sagte:

≫Den Rabatt, den ich ausgehandelt hatte, haben wir in Form von Bonuslieferungen bekommen. Wenn Sie den somit herabgesetzten De-facto-Preis berechnen und nicht einen fiktiven Listenpreis, werden Sie feststellen, dass Ihre elf Phantomprozent nicht mehr existieren. Außerdem hat er plus und minus verwechselt. Wenn wir rechnen würden, wie es der Herr Assistent will, dann hätten wir das Budget um elf Prozent unterschritten. Was übrigens genauso falsch wäre.≪

Piet du Toit wurde rot. Kapierte dieses Mädchen nicht, wo ihr Platz war? Wo käme man denn da hin, wenn jeder X-Beliebige entscheiden könnte, was richtig und was falsch ist? Also sagte er:

≫Wir haben im Büro schon mehrfach über dich gesprochen.≪

≫Aha≪ sagte Nombeko.

≫Wir finden die Zusammenarbeit mit dir sehr anstrengend.≪

Nombeko begriff, dass sie auf dem besten Wege war, hinausgeworfen zu werden wie ihr Vorgänger.

≫Aha≪ sagte sie.

≫Ich befürchte, wir müssen dich versetzen. Zurück in die normale Truppe.≪

Das war ja tatsächlich noch besser als das, was ihrem Vorgänger angeboten worden war. Nombeko dachte sich, dass der Assistent heute wohl richtig gut gelaunt sein musste.

≫Aha≪, sagte sie.

≫Ist ’aha’ das Einzige, was du zu sagen hast?≪, fragte Piet du Toit verärgert.

≫Na ja, ich könnte natürlich versuchen, Herrn du Toit zu erklären, was für ein Idiot Herr du Toit ist, aber es wäre wohl vergebliche Liebesmüh, das habe ich in meinen Jahren unter den Latrinentonnenträgern gelernt. Denn hier gibt es auch Idioten, müssen Sie wissen. Am besten geh ich einfach, dann muss ich den Herrn du Toit nicht mehr sehen≪, sagte Nombeko und ließ ihren Worten Taten folgen.

Das alles hatte sie in so einem Tempo vorgebracht, dass Piet du Toit erst reagieren konnte, als das Mädchen schon entwischt war. Und der Gedanke, ihr zwischen die Hütten nachzulaufen, verbot sich von selbst. Wenn es nach ihm ging, konnte sie sich dort im Müll verstecken, bis Tuberkulose, Drogen oder einer der anderen Analphabeten ihrem Leben ein Ende machten.

≫Pfui≪ sagte Piet du Toit und nickte der Leibwache zu, die ihm sein Vater bezahlte.

Höchste Zeit, wieder in die Zivilisation zurückzukehren.

Mit diesem Gespräch war sie natürlich nicht nur ihre Chefposition los, sondern auch den Job, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdiente. Und ihr letztes Gehalt würde sie auch nicht mehr bekommen.

Der Rucksack mit ihren unbedeutenden Habseligkeiten war gepackt. Einmal Kleider zum Wechseln, drei von Thabos Büchern und die zwanzig Stangen Antilopen-Trockenfleisch, die sie gerade von ihrem letzten Geld gekauft hatte.

Die Bücher hatte sie schon gelesen, und sie kannte sie auswendig. Doch Bücher hatten einfach etwas Sympathisches, ihre bloße Existenz war erfreulich. Es war fast wie mit den Latrinexitonnenträgern. Bloß umgekehrt.

Es war Abend, die Luft war kühl. Nombeko zog ihre einzige Jacke an. Legte sich auf ihre einzige Matratze und deckte sich mit ihrer einzigen Decke zu (ihr einziges Laken war gerade als Leichentuch draufgegangen). Am nächsten Morgen würde sie von hier fortgehen.

Und plötzlich wusste sie auch, wohin.

Am Vortag hatte sie davon in der Zeitung gelesen. Sie würde in die Andries Street 75 in Pretoria fahren.

In die Nationalbibliothek.

Soweit sie wusste, war Schwarzen der Zutritt nicht verboten, mit etwas Glück würde sie also hineinkommen. Was sie dann machen konnte, außer zu atmen und die Aussicht zu genießen, wusste sie nicht. Aber das reichte ja schon mal für den Anfang. Und sie spürte, dass die Literatur ihr dann schon den weiteren Weg weisen würde.

Mit dieser Gewissheit schlief sie zum letzten Mal in der Hütte ein, die sie fünf Jahre zuvor von ihrer Mutter geerbt hatte. Und sie tat es mit einem Lächeln.

Und das war etwas ganz Neues.

Als der Morgen dämmerte, brach sie auf. Es war nicht gerade eine kurze Strecke, die vor ihr lag. Der erste Spaziergang ihres Lebens außerhalb von Soweto sollte ein neunzig Kilometer langer werden.

Nach knapp sechs Stunden — und sechsundzwanzig der neunzig Kilometer — war Nombeko im Zentrum von Johannesburg angekommen. Das ware eine ganz andere Welt! Allein die Tatsache, dass die meisten rundherum weiß waren und eine schlagende Ähnlichkeit mit Piet du Toit besaßen, war bemerkenswert. Interessiert sah Nombeko sich um. Neonschilder, Ampeln und allgemeiner Lärm. Und blitzblanke neue Autos, Modelle, die sie noch nie gesehen hatte.

Als sie sich halb umdrehte, um mehr zu sehen, sah sie, dass eines dieser Autos mit vollem Tempo auf dem Gehweg auf sie zufuhr.

Nomeko konnte noch denken, dass es wirklich ein sehr schönes Auto war.

Aber ausweichen konnte sie nicht mehr.

_________________

Ingenieur Engelbrecht van der Westhuizen hatte den Nachmittag in der Bar des Hilton Plaza Hotel in der Quartz Street verbracht. Jetzt setzte er sich in seinen neuen Opel Admiral und fuhr Richtung Norden.

Aber es ist und war noch nie leicht, mit einem Liter Kognak im Leib Auto zu fahren. Der Ingenieur kam nur bis zur nächsten Kreuzung, dann schlingerte er mit seinem Opel aufs Trottoir, und – verdammich aber auch! — hatte er da gerade einen Kaffer überfahren?

Das Mädchen unter dem Auto des Ingenieurs hieß Nombeko und war ehemalige Latrinentonnenträgerin. Fünfzehn Jahre und einen Tag zuvor war sie in einer Blechhütte im größten Slum Südafrikas zur Welt gekommen. Umgeben von Alkohol, Lösungsmittel und Tabletten bestanden ihre Aussichten darin, eine Weile im Lehm zwischen den Latrinen von Sowetos Sektor B zu leben und dann zu sterben.

Ausgerechnet Nombeko war ausgebrochen. Sie hatte ihre Hütte zum ersten und letzten Mal verlassen.

Und dann kam sie nur bis ins Zentrum von Johannesburg, wo sie völlig kaputt unter einem Opel Admiral liegen blieb.

≫War das etwa schon alles?≪, dachte sie, bevor sie in die Bewusstlosigkeit sank.

Aber das war noch nicht alles.

Kapitel 2

Davon, wie es in einem anderen Teil der Welt zuging, als alles quasi ins Gegenteil umschlug

Nombeko wurde einen Tag nach ihrem fünfzehnten Geburtstag überfahren. Doch sie überlebte. Es sollte besser für sie kommen. Und schlechter. Vor allem aber anders.

Zu den Männern, die später noch ihren Weg kreuzen sollten, gehörte Ingmar Qvist aus Södertälje, Schweden, neuntausendfünfhundert Kilometer entfernt, definitiv nicht. Aber sein Schicksal sollte sie dennoch mit voller Wucht treffen.

Es ist schwierig, genau zu bestimmen, wann Ingmar den Verstand verlor, denn das war ein schleichender Prozess. Sicher ist, dass das Ganze im Herbst 1947 schon gut ins Rollen gekommen war. Und dass weder er noch seine Frau verstehen wollten, was los war.

Ingmar und Henrietta heirateten, als fast auf der ganzen Welt noch Krieg herrschte, und bezogen ein Pächterhäuschen in den Wäldern bei Södertälje knapp dreißig Kilometer südlich von Stockholm.

Er war im niederen Staatsdienst, sie eine strebsame Schneiderin, die ihr Gewerbe zu Hause ausübte.

Zum ersten Mal begegneten sie sich vor Saal 2 des Gerichts Södertälje, wo ein Streit zwischen Ingmar und Henriettas Vater verhandelt wurde, weil Erstgenannter eines Nachts auf eine Wand des Parteilokals der Kommunisten in meterhohen Buchstaben die Parole ≫Lang lebe der König!≪ gemalt hatte. Kommunismus und Königshäuser vertragen sich im Allgemeinen ja nicht so gut, daher gab es natürlich schon im Morgengrauen ein Riesengeschrei, als der starke Mann der Kommunisten in Södertälje — Henriettas Vater — die Bescherung entdeckte.

Ingmar wurde rasch gefasst, sogar sehr rasch, weil er sich nämlich nach vollbrachter Tat auf eine Parkbank in unmittelbarer Nähe des Polizeigebäudes schlafen gelegt hatte, Farbe und Pinsel im Arm.

Im Gericht hatte sich Elektrizität zwischen dem Angeklagten Ingmar und der Zuschauerin Henrietta aufgebaut. Wahrscheinlich lag es auch ein bisschen daran, dass sie sich zur verbotenen Frucht hingezogen fühlte, aber vor allem daran, dass Ingmar so voller Leben war. Im Gegensatz zu ihrem Vater, der nur herumlief und darauf wartete, dass alles endgültig in die Binsen ging, damit er und der Kommunismus endlich ans Ruder kamen, zumindest in Södertälje. Ihr Vater war schon immer von revolutionärer Gesinnung gewesen, war aber obendrein verbittert und finster geworden, nachdem er am 7. April 1937 die schwedische Radiolizenz Nummer neunhundertneunundneunzigtausendneunhundertneunundneunzig gezeichnet hatte. Tags darauf feierte man einen Schneider in Hudiksvall, dreihundertdreißig Kilometer entfernt, weil er die millionste Lizenz gezeichnet hatte. Der Schneider wurde nicht nur berühmt (er durfte im Radio auftreten!), sondern erhielt zur Erinnerung auch noch einen Silberpokal im Wert von sechshundert Kronen. Und Henriettas Vater guckte in die Röhre.

Dieses Erlebnis konnte er nie verwinden. Er verlor seine (immer schon begrenzte) Fähigkeit, die Dinge mit einem gewissen Humor zu nehmen, was ihm am allerwenigsten glückte, als er die Huldigung an König Gustaf V. an der Wand des kommunistischen Parteilokals sah. Er vertrat die Partei höchstpersönlich vor Gericht und forderte achtzehn Jahre Gefängnis für Ingmar Qvist, welcher aber nur zu einem Bußgeld von fünfzehn Kronen verurteilt wurde.

Es waren der Widrigkeiten so viele im Leben von Henriettas Vater. Erst das mit der Radiolizenz. Dann die relative Fehlkalkulation im Gericht Södertälje. Obendrein seine Tochter, die sich diesem Königstreuen prompt in die Arme warf. Und dann auch noch der verdammte Kapitalismus, der ja wohl grundsätzlich auf die Füße zu fallen schien.

Als Henrietta außerdem beschloss, Ingmar kirchlich zu heiraten, brach der Kommunistenführer von Södertälje für immer mit seiner Tochter, woraufhin Henriettas Mutter mit Henriettas Vater brach und auf dem Bahnhof von Södertälje einen neuen Mann kennenlernte, einen deutschen Militärattache, mit dem sie kurz vor Kriegsende nach Berlin zog. Man hat nie wieder von ihr gehört.

Henrietta wollte Kinder, am liebsten so viele wie möglich. Das hielt Ingmar prinzipiell auch für eine gute Idee, nicht zuletzt, weil er den Produktionsprozess an sich sehr schätzte. Zum Beispiel ihr allererstes Mal, im Auto von Henriettas Vater, zwei Tage nach der Gerichtsverhandlung. Das war vielleicht ein Ding, auch wenn Ingmar das Abenteuer damit bezahlte, dass er sich im Keller seiner Tante verstecken musste, während sein zukünftiger Schwiegervater ganz Södertälje nach ihm absuchte. Ingmar hätte das benutzte Kondom eben nicht im Auto vergessen dürfen.

Tja, aber passiert war passiert, und es war doch immerhin ein Segen, dass er diesen Karton mit amerikanischen Militärkondomen gefunden hatte, denn die Dinge mussten ja in der richtigen Reihenfolge geschehen, damit nichts Falsches dabei herauskam.

Womit Ingmar nicht meinte, dass er zuerst Karriere machen und ein solides Familieneinkommen sichern wollte. Er arbeitete in der Post von Södertälje, oder bei der Königlich Schwedischen Post, wie er selbst immer sagte. Sein Lohn war durchschnittlich und es sah ganz so aus, als würde das auch so bleiben.

Henrietta verdiente fast doppelt so viel wie ihr Mann, denn sie war geschickt und flink mit Nadel und Faden und hatte einen großen, treuen Kundenkreis. Die Familie hätte gut leben können, wäre da nicht Ingmar gewesen mit seinem Talent, Henriettas Ersparnisse immer schneller durchzubringen.

Kinder gern, wie gesagt, aber zuerst musste Ingmar seine Lebensaufgabe erfüllen, und die erforderte seine volle Konzentration. Bis diese Aufgabe erfüllt war, durfte es keine Nebenprojekte geben, die mit der Sache nichts zu tun hatten.

Henrietta protestierte gegen den Sprachgebrauch ihres Mannes. Kinder waren das Leben und die Zukunft, keine Nebenprojekte.

≫Wenn das so ist, dann kannst du deinen Karton mit den Soldatenkondomen mitnehmen und auf dem Küchensofa schlafen≪, erklärte sie.

Ingmar wand sich. Natürlich hatte er nicht gemeint, dass Kinder nebensächlich waren, es war eben nur so, dass ach, Henrietta wusste doch Bescheid. Die Sache mit Seiner Majestät dem König. Ingmar musste diese Sache einfach zuerst erledigen. Es würde ja auch nicht ewig dauern.

≫Bitte, liebste, beste Henrietta. Können wir nicht auch heute Nacht zusammen schlafen? Und vielleicht ein bisschen für die Zukunft üben?≪

Und natürlich schmolz Henriettas Herz. Wie schon so oft in der Vergangenheit und wie noch so oft in der Zukunft.

Was Ingmar seine Lebensaufgabe nannte, war das Projekt, dem König die Hand zu schütteln. Es hatte mit dem Wunsch angefangen, sich dann aber zu einem unverrückbaren Ziel entwickelt. Wann genau es in reine Besessenheit umschlug, war wie gesagt nicht leicht zu bestimmen. Da war es leichter zu erklären, wann und wo das Ganze begonnen hatte.

Am Samstag, dem 16. Juni 1928, wurde Seine Majestät der König Gustaf V. siebzig Jahre alt. Der damals vierzehnjährige Ingmar Qvist fuhr mit seinen Eltern nach Stockholm, um erst vor dem königlichen Schloss ein Fähnchen zu schwenken und anschließend in den Skansen zu gehen — wo man Bären und Wölfe hielt!

Doch die Pläne mussten ein wenig abgeändert werden. Wie sich herausstellte, herrschte am Schloss viel zu großes Gedränge, also stellte sich die Familie in ein paar hundert Meter Entfernung an die Straße, über die angeblich die königliche Kutsche kommen sollte, der offene Landauer mit dem König und seiner Victoria.

Und so war es auch. Worauf sich alles viel schöner entwickelte, als Ingmars Eltern es sich hätten ausmalen können. Denn direkt neben der Familie Qvist standen ungefähr zwanzig Schüler des Internats Lundsberg, die hier warteten, um Seiner Majestät einen Blumenstrauß zu überreichen und für die Unterstützung zu danken, die die Schule nicht zuletzt dem Engagement von Kronprinz Gustaf Adolf zu verdanken hatte. Es war so vereinbart, dass der Landauer hier kurz anhalten und der König aussteigen, den Strauß entgegennehmen und sich bei den Kindern bedanken sollte.

Alles lief wie geplant, der König bekam seine Blumen, aber als er sich umdrehte, um wieder einzusteigen, fiel sein Blick auf Ingmar. Und er blieb stehen.

≫Was für ein hübsches Kerlchen≪ sagte er, machte zwei Schritte auf den Jungen zu und zauste ihm das Haar. ≫Warte, hier hab ich was für dich≪, sagte er und zog aus der Innentasche seiner Jacke eine Karte mit Jubiläumsbriefmarken, die gerade zum Ehrentag des Königs erschienen waren.

Er reichte dem jungen Ingmar die Briefmarken, lächelte und meinte: ≫Du bist mir ja wirklich ein Zuckerstückchen!≪ Dann zauste er ihm noch einmal die Haare, bevor er wieder in die Kutsche zu seiner Königin stieg, die ihn schon wütend anfunkelte.

≫Hast du dich auch ordentlich bedankt, Ingmar?≪, fragte seine Mutter, als sie sich davon erholt hatte, dass Seine Majestät der König ihren Sohn berührt — und ihm auch noch ein Geschenk gemacht hatte.

≫Äh nee≪, stotterte Ingmar, der wie vom Donner gerührt mit seinen Briefmarken dastand. ≫Nee, ich hab gar nix gesagt. Er war irgendwie zu fein.≪

Die Briefmarken wurden natürlich Ingmars allerliebster Besitz. Und zwei Jahre später fing er in der Post von Södertälje an. Zunächst auf dem rangniedrigsten Posten in der Buchhaltung — um sechzehn Jahre später auch nicht einen Schritt weitergekommen zu sein.

Ingmar war unendlich stolz auf den großen, stattlichen Monarchen. Jeden Tag schaute Gustaf V. majestätisch haarscharf an ihm vorbei von all den Briefmarken, die sein Untertan bei seiner Tätigkeit in der Hand hatte. Ingmar schaute untertänig und liebevoll zurück. Er saß in der königlichen Uniform der Königlich Schwedischen Post am Schreibtisch, auch wenn man die in dieser Abteilung gar nicht tragen musste.

Leider schaute der König aber immer nur an Ingmar vorbei. Als würde er seinen Untertan nicht sehen und könnte daher auch seine Liebe nicht empfangen. Ingmar wäre so unendlich gern dem Blick des Königs begegnet. Er hätte sich so gern dafür entschuldigt, dass er sich damals als Vierzehnjähriger nicht bedankt hatte. Hätte ihn so gern seiner Treue bis in den Tod versichert.

Unendlich gern war nicht der richtige Ausdruck. Er wurde immer wichtiger und wichtiger…der Wunsch nach einem Blick, einem Wort, einem Händedruck.

Wichtiger und wichtiger.

Und wichtiger.

Seine Majestät wurde ja die ganze Zeit älter. Bald war es zu spät. Ingmar Qvist konnte nicht mehr einfach abwarten, dass der König das Postamt Södertälje betrat. Das war jahrelang sein Traum gewesen, aber aus dem erwachte er jetzt langsam, aber sicher.

Der König würde niemals zu Ingmar kommen.

Blieb nur eines: Ingmar musste zum König kommen.

Danach würden Henrietta und er Kinder machen, versprochen.

_________________

Die von vornherein dürftige Existenz der Familie Qvist wurde im Laufe der Jahre immer dürftiger. Das Geld ging vor allem für Ingmars Versuche drauf, den König persönlich zu treffen. Er schrieb die reinsten Liebesbriefe (frankiert mit unnötig vielen Briefmarken), er rief ihn an (ohne freilich weiter zu kommen als bis zu einem bedauernswerten Hofsekretär), er schickte Geschenke in Form schwedischer Silberschmiedearbeiten, die der König über alles schätzte (und versorgte auf diese Art den nicht ganz ehrlichen Vater von fünf Kindern, dem es oblag, sämtliche Geschenke zu registrieren, die dem König geschickt wurden). Des Weiteren besuchte er Tennisturniere und im Grunde sämtliche Veranstaltungen, bei denen es denkbar war, dass der König zugegen sein könnte. Das bedeutete viele teure Reisen und Eintrittskarten, aber irgendwie kam Ingmar Seiner Majestät doch nie so wirklich nahe.

Die finanzielle Situation der Familie wurde nicht besser dadurch, dass Henrietta vor lauter Kummer und Sorgen mit dem anfing, was damals fast alle taten — nämlich eine oder ein paar Schachteln John Silver am Tag zu rauchen.

Ingmars Chef in der Buchhaltung der Post hatte das ganze Gerede über den verdammten Monarchen und seine Vorzüge derart satt, dass er jeden Urlaubsantrag seines nie genehmigte, bevor er auch nur fertig formuliert war.

≫Ach, Herr Oberbuchhalter, glaubt der Herr Oberbuchhalter, dass er sich vorstellen könnte, mir demnächst zwei Wochen freizugeben? Ich möchte nämlich…≪

≫Bewilligt.≪

Irgendwann hatten sie in der Arbeit angefangen, Ingmar nicht bei seinem Namen zu nennen, sondern seine Initialen zu benutzen. Für Vorgesetzte wie Kollegen hieß er nur noch ≫IQ≪.

≫Ich wünsche IQ viel Glück bei dem Unfug, den er diesmal vorhat≪, sagte der Herr Oberbuchhalter.

Ingmar war es egal, dass man sich über ihn lustig machte. Im Gegensatz zu den anderen im Hauptbüro der Post in Södertälje hatte er schließlich ein Ziel im Leben.

Von Ingmars Seite wurden noch drei große Anstrengungen unternommen, bevor alles quasi ins Gegenteil umschlug.

Als Erstes begab er sich zum Schloss Drottningholm, baute sich in seiner Postleruniform vor dem Tor auf und klingelte.

≫Guten Tag. Mein Name ist Ingmar Qvist, ich komme von der Königlich Schwedischen Post und hätte eine Angelegenheit mit Seiner Majestät persönlich zu besprechen. Wären Sie wohl so freundlich, mich bei ihm zu melden? Ich warte so lange hier≪, sagte Ingmar zur Torwache.

≫Ist bei dir ’ne Schraube locker, oder was soll das hier werden?≪, erwiderte die Wache.

Es entspann sich ein fruchtloser Dialog, an dessen Ende Ingmar ersucht wurde, sofort zu verschwinden, sonst würde die Wache dafür sorgen, dass der Herr Postmann zu einem Paket geschnürt und an die Poststelle zurückgeschickt wurde, von der er herkam.

Ingmar war beleidigt und äußerte sich in aller Kürze zur mutmaßlichen Größe des Geschlechtsorgans der Torwache, woraufhin er Fersengeld geben musste, die Wache selbst auf den Fersen.

Er entkam, teils weil er ein bisschen schneller war als sein Verfolger, vor allem aber, weil Letzterer angewiesen war, sein Tor nie zu verlassen, und daher umkehren musste.

Danach drückte sich Ingmar noch zwei geschlagene Tage vor dem drei Meter hohen Zaun herum, außer Sichtweite dieses Bauerntölpels, der nicht wusste, was das Beste für den König war. Dann gab er es auf und kehrte in das Hotel zurück, das bei dieser Operation seine Basis gewesen war.

≫Soll ich die Rechnung fertig machen?≪, fragte die Rezeptionistin, die schon lange den Verdacht hatte, dass dieser Gast nicht vorhatte, seine Rechnung zu begleichen.

≫Ja, bitte≪, sagte Ingmar, ging auf sein Zimmer, packte den Koffer und checkte durchs Fenster aus.

Die zweite große Anstrengung, bevor alles quasi ins Gegenteil umschlug, begann damit, dass Ingmar in der Arbeit einen Artikel in der Dagens Nyheter las (als er zwecks Arbeitsvermeidung auf der Toilette saß). Darin stand, dass sich der König auf Schloss Tullgarn aufhielt, um ein paar Tage bei der Elchjagd zu entspannen. Ingmar stellte sich die rhetorische Frage, wo es denn Elche geben soll, wenn nicht in Gottes freier Natur, und wer Zugang zu Gottes freier Natur hatte, wenn nicht…alle! Sowohl Könige als auch einfache Postbeamte der Königlich Schwedischen Post.

Ingmar zog die Spülung, um den Schein zu wahren, und ging zu seinem Chef, um neuerlichen Urlaub zu ersuchen. Der Oberbuchhalter bewilligte dies mit der aufrichtigen Bemerkung, ihm sei gar nicht aufgefallen, dass der Herr Qvist schon von seinem letzten Urlaub zurückgekehrt sei.

Da man Ingmar in Södertälje schon lange kein Auto mehr lieh, musste er zunächst mit dem Bus bis zur Mietwagenfirma in Nyköping, wo sein ehrliches Gesicht für einen gebrauchten Fiat 518 reichte. Daraufhin begab er sich zu Schloss Tullgan mit der schnellsten Geschwindigkeit, die die achtundvierzig Pferdestärken zulassen wollten.

Doch er hatte kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, da begegnete ihm ein schwarzer Cadillac V8, Baujahr 1938. Der König natürlich. Und war auf dem besten Wege, Ingmar schon wieder durch die Finger zu schlüpfen.

Ingmar wendete blitzschnell den geliehenen Fiat, hatte das Glück, dass es von da an mehrfach bergab ging, und holte das hundert PS stärkere Fahrzeug des Königs ein. Nun musste er den Wagen nur noch überholen und dann vielleicht mitten auf der Straße eine Panne vertäuschen.

Doch der nervöse Chauffeur des Königs beschleunigte, weil er den Zorn des Königs fürchtete, wenn er sich von einem Fiat überholen ließ. Leider schaute er mehr in den Rückspiegel als nach vorne auf die Straße, und in der nächsten Kurve fuhr der Chauffeur mit Cadillac, König und Gefolge geradeaus weiter, direkt in einen Wassergraben.

Gustaf V. und die anderen waren unverletzt geblieben, aber das konnte Ingmar hinter seinem Lenkrad nicht wissen. Sein erster Gedanke war natürlich, auszusteigen, zu helfen und dem König dabei die Hand zu drücken. Doch sein zweiter Gedanke war: Was, wenn ich den alten Mann jetzt umgebracht habe? Und sein dritter: Dreißig Jahre Zwangsarbeit waren vielleicht doch ein etwas zu hoher Preis für einen Händedruck. Vor allem, wenn die betreffende Hand einer Leiche gehörte. Ingmar vermutete auch, dass er sich im Lande nicht gerade beliebt machen würde. Königsmörder waren selten beliebt.

Also wendete er.

Den Leihwagen stellte er vor dem Parteilokal der Kommunisten in Södertälje ab, in der Hoffnung, dass man seinem Schwiegervater die Schuld geben würde. Von dort ging er den ganzen Weg nach Hause zu Henrietta zu Fuß und erzählte, es könnte sein, dass er gerade den König umgebracht habe, den er doch so sehr liebte.

Henrietta tröstete ihn mit den Worten, dass der König die Kurve sicher überlebt habe, doch wenn sie sich täusche, sei es durchaus von Vorteil für die Familienfinanzen.

Am nächsten Tag teilte die Presse mit, dass König Gustaf V. bei einer schnellen Autofahrt im Graben gelandet, jedoch unverletzt davongekommen sei. Henrietta nahm die Nachricht mit gemischten Gefühlen auf, dachte aber, dass ihr Mann vielleicht doch mal etwas gelernt haben könnte, und fragte ihn hoffnungsvoll, ob er nun fertig gejagt habe.

Nein. Hatte er nicht.

Die dritte große Anstrengung, bevor alles quasi ins Gegenteil umschlug, bestand darin, dass er an die französische Riviera reiste, nach Nizza, wo der achtundachtzigjährige Gustaf V. immer den Spätherbst zubrachte, um seinen chronischen Luftröhrenkatarrh zu lindern. Der König hatte in einem Interview erzählt, dass er tagsüber gern auf der Terrasse seiner Suite im Hôtel d’Angleterre saß, wenn er nicht gerade seinen täglichen gemächlichen Spaziergang auf der Promenade des Anglais unternahm.

Diese Information reichte Ingmar. Er würde hinfahren, den König bei seinem Spaziergang treffen, vortreten und sich vorstellen.

Wie sich die Situation dann weiterentwickeln würde, war völlig offen. Vielleicht würden die beiden stehen bleiben und ein Weilchen plaudern, und wenn die Stimmung gut war, konnte Ingmar den König ja für den Abend auf einen Drink ins Hotel einladen. Und vielleicht sogar zu einer Partie Tennis am nächsten Tag?

≫Diesmal kann nichts schiefgehen≪, sagte Ingmar zu Henrietta.

≫Ja dann≪, meinte seine Frau. ≫Hast du meine Zigaretten gesehen?≪

Ingmar durchquerte Europa per Anhalter. Es dauerte eine ganze Woche, aber als er in Nizza angekommen war, musste er nur zwei Stunden auf einer Bank an der Promenade des Anglais sitzen, als er auch schon den großen, stattlichen Gentleman mit silbernem Gehstock und Monokel erblickte. Mein Gott, war das ein feiner Mann! Er näherte sich langsam. Und er war allein.

Was dann geschah, konnte Henrietta noch Jahre später detailliert wiedergeben, denn Ingmar erzählte es ihr für den Rest ihres Lebens immer und immer wieder.

Ingmar war von seiner Bank aufgestan den, war zu Seiner Majestät gegangen, hatte sich als treuer Untertan in der Königlich Schwedischen Post vorgestellt und die Möglichkeit angedeutet, man könne doch zusammen einen Drink nehmen oder eine Partie Tennis spielen — um damit zu schließen, einen Handschlag unter Männern vorzuschlagen.

Die Reaktion des Königs fiel jedoch völlig anders aus, als Ingmar erwartet hatte. Erstens weigerte er sich, dem Unbekannten die Hand zu geben. Zweitens würdigte er ihn keines Blickes. Stattdessen schaute er haarscharf an Ingmar vorbei in die Ferne, wie er es schon auf den Zehntausenden von Briefmarken getan hatte, die Ingmar im Dienst in der Hand gehabt hatte. Und dann verkündete er, dass er keinesfalls gedenke, sich mit irgendeinem Laufburschen von der Post abzugeben.

Eigentlich war der König ja zu majestätisch, um zu sagen, was er von seinen Untertanen hielt. Von Kindesbeinen an hatte man ihn in der Kunst gedrillt, seinem Volk den Respekt zu erweisen, den das Volk im Allgemeinen natürlich überhaupt nicht verdiente.

Doch zum einen war es ganz schön anstrengend gewesen, das ein Leben lang durchzuhalten, zum anderen tat ihm mittlerweile alles weh.

≫Aber Eure Majestät, Ihr versteht nicht….≪, nahm Ingmar noch einen Anlauf.

≫Wenn ich nicht allein wäre, hätte ich meine Begleitung gebeten, diesem Flegel hier klarzumachen, dass ich sehr wohl verstanden habe≪, sagte der König und vermied es auf diese Weise sogar noch, den unglücklichen Untertan direkt anzusprechen.

≫Aber….≪ Doch weiter kam Ingmar nicht, denn der König schlug ihm mit seinem silbernen Stock auf die Stirn und rief: ≫Da!≪

Ingmar fiel auf den Hintern und gab Seiner Majestät auch noch den Weg frei. Und während sein Untertan immer noch auf dem Boden saß, spazierte der König davon.

Ingmar war zerschmettert.

Ganze fünfundzwanzig Sekunden lang.

Dann stand er langsam auf und schaute seinem König nach. Und schaute und schaute.

≫Laufbursche? Flegel? Dir geb ich Laufbursche und Flegel.≪

Und damit schlug quasi alles ins Gegenteil um.

Kapitel 3

Von einer strengen Strafe, einem missverstandenen Land und drei vielseitigen Mädchen aus China

Engelbrecht van der Westhuizens Anwalt zufolge war die junge Schwarze urplötzlich auf die Straße hinausgetreten, so dass seinem Mandanten gar nichts anderes übrig blieb, als auszuweichen. Und daher sei eben das Mädchen an dem Unfall schuld, nicht der Autofahrer. Ingenieur Westhuizen war ein Opfer, ganz eindeutig. Außerdem hatte sie ja einen Gehsteig benutzt, der Weißen Vorbehalten war.

Der Pflichtverteidiger des Mädchens blieb seine Einlassung schuldig, denn er hatte vergessen, zur Hauptverhandlung aufzutauchen. Und das Mädchen selbst sagte überhaupt nichts, vor allem deswegen, weil sie eine Kieferfraktur hatte, die nicht gerade zum Plaudern ermunterte.

Stattdessen begann der Richter, Nombeko zu verteidigen. Er hielt Herrn van der Westhuizen vor, dass er mindestens fünfmal so viel Alkohol im Blut gehabt hatte, als für einen Verkehrsteilnehmer zulässig war, und außerdem durften Schwarze sehr wohl den Gehweg benutzen, obgleich es natürlich nicht wirklich als passend galt. Doch wenn das Mädchen tatsächlich auf die Straße abgeschwenkt sei — und es gab keinen Grund, diesen Punkt anzuzweifeln, da Herr van der Westhuizen es ja unter Eid bestätigt hatte —, lag der größere Teil der Schuld letztlich doch bei ihr.

Das Urteil lautete: Fünftausend Rand Schmerzensgeld für seelisches Leid an Herrn van der Westhuizen sowie weitere zweitausend Rand für die Beulen, die sie an seinem Auto verursacht hatte.

Nombeko hätte sich sowohl das Bußgeld als auch die Reparaturkosten für beliebig viele Beulen leisten können. Sie hätte sich sogar ein neues Auto leisten können. Oder auch zehn. Sie war nämlich äußerst wohlhabend — eine Tatsache, die niemand im Gerichtssaal oder anderswo vermutet hätte. Dass die Diamanten sich immer noch im Saum ihrer Jacke befanden, hatte sie im Krankenhaus mithilfe ihres unverletzt gebliebenen Arms sofort kontrolliert.

Aber es lag nicht in erster Linie an ihrem gebrochenen Kiefer, dass sie den Mund hielt. Sondern vielmehr an den Diamanten, denn die waren ja gewissermaßen gestohlen. Von einem toten Mann zwar, aber trotzdem. Und es waren bloß Diamanten, kein Bargeld. Wenn sie einen davon hervorholte, würde man ihr die restlichen auch noch abknöpfen und sie bestenfalls wegen Diebstahls einsperren, schlimmstenfalls aber wegen Beihilfe zu Raub und Mord. Kurz und gut — die Situation war keine einfache.

Der Richter musterte Nombeko und interpretierte ihre bekümmerte Miene anders. Er sagte, das Mädchen sehe ja nicht so aus, als verfüge es über ein nennenswertes Vermögen, und er könne es dazu verurteilen, die Schuld abzuzahlen, indem es bei Herrn van der Westhuizen in Dienst trat, wenn dem Ingenieur ein derartiges Arrangement zusagte? Ein ähnliches Modell hatten der Richter und der Ingenieur ja schon einmal praktiziert, und das funktionierte doch zufriedenstellend, nicht wahr?

Engelbrecht van der Westhuizen schauderte bei der Erinnerung daran, wie es dazu gekommen war, dass er drei Gelbhäute in Dienst nahm. Aber sie waren ihm ja letztlich doch von Nutzen, und wenn er jetzt noch eine Schwarze dazunahm, das konnte die Sache doch mal wieder ein bisschen auflockern. Andererseits hegte er die Befürchtung, dass dieses elende Exemplar mit gebrochenem Bein, gebrochenem Arm und kaputtem Kiefer vor allem im Weg sein würde.

≫Wenn überhaupt, dann nur zum halben Lohn≪, verlangte er. ≫Euer Ehren sehen doch, wie sie aussieht.≪

Ingenieur Van der Westhuizen legte die Bezahlung auf fünfhundert Rand im Monat fest, abzüglich vierhundertzwanzig Rand für Kost und Logis. Der Richter nickte beifällig.

Nombeko hätte beinahe laut losgelacht. Aber nur beinahe, denn ihr tat alles weh. Dieser Fettsack von Richter und dieser verlogene Ingenieur hatten gerade vorgeschlagen, dass sie über sieben Jahre gratis für den Ingenieur arbeiten sollte. Statt ein Bußgeld zu bezahlen, das trotz seiner Unverhältnismäßigkeit kaum einen Bruchteil ihres gesamten Vermögens ausgemacht hätte.

Doch vielleicht lag in diesem Arrangement ja die Lösung für Nombekos Dilemma? Sie konnte doch bei diesem Ingenieur einziehen, ihre Wunden heilen lassen und einfach gehen, sobald der Tag gekommen war, an dem sie spürte, dass die Nationalbibliothek in Pretoria nicht länger warten konnte. Schließlich sollte sie zu Haushaltsdiensten verurteilt werden, nicht zu einer Gefängnisstrafe.

Sie erwog, den Vorschlag des Richters anzunehmen, erkaufte sich aber trotz ihres schmerzenden Kiefers ein paar Sekunden Bedenkzeit, indem sie sich ein bisschen querstellte:

≫Das macht also achtzig Rand netto im Monat. Bis ich alles zurückgezahlt habe, muss ich sieben Jahre, drei Monate und zwanzig Tage beim Herrn Ingenieur arbeiten. Finden Euer Ehren nicht, dass das eine etwas strenge Strafe ist für eine, die auf einem Gehweg von jemand überfahren wurde, der aufgrund seines Alkoholkonsums überhaupt nicht hätte fahren dürfen?≪

Der Richter war völlig verblüfft. Nicht genug damit, dass das Mädchen sich äußerte. Und sich gut ausdrücken konnte. Und die unter Eid abgegebene Aussage des Ingenieurs anzweifelte. Sie hatte außerdem den Umfang der Strafe ausgerechnet, bevor irgendjemand anders im Saal auch nur annähernd dasselbe hätte tun können. Er hätte das Mädchen rügen müssen, aber…er war zu neugierig, ob sie wirklich richtig gerechnet hatte. Deswegen wandte er sich an den Gerichtsassistenten, der nach ein paar Minuten bekräftigte: ≫Ja, es könnte sich — wie gesagt — um sieben Jahre, drei Monate und ja, vielleicht zwanzig Tage oder so handeln.≪

Engelbrecht van der Westhuizen nahm einen Schluck aus seiner kleinen braunen Hustensaftflasche, die er immer dabeihatte, wenn sich in Situationen befand, in denen man nicht einfach so einen Kognak kippen konnte. Den Schluck erklärte er damit, dass der Schock über diesen schrecklichen Unfall sein Asthma verschlimmert haben müsse.

Doch die Medizin tat ihm gut:

≫Ich würde sagen, dann runden wir nach unten ab≪, schlug er vor. ≫Genau sieben Jahre reichen auch. Die Karosserie kann man ja, wieder ausbeulen lassen.≪

Nombeko kam zu dem Schluss, dass ein paar Wochen oder so bei diesem Westhuizen immer noch besser waren als dreißig Jahre in einer Anstalt. Natürlich war es schade, dass die Bibliothek jetzt warten musste, aber bis dahin war es ja auch noch ein ordentliches Stück zu laufen, und so was nahm man doch eher ungern mit einem gebrochenen Bein in Angriff. Abgesehen von allem anderen. Inklusive der Blasen, die sie sich auf den ersten sechsundzwanzig Kilometern schon gelaufen hatte.

Eine kleine Pause konnte also nicht schaden, vorausgesetzt, dass der Herr Ingenieur sie nicht noch einmal über den Haufen fuhr.

≫Danke, das ist sehr großzügig von Ihnen, Ingenieur van der Westhuizen≪, sagte sie und bestätigte damit das Urteil des Richters.

≫Ingenieur van der Westhuizen≪ musste reichen. Sie hatte ganz bestimmt nicht vor, ihn auch noch ≫baas≪ zu nennen.

_________________

Direkt nach der Verhandlung landete Nombeko auf dem Beifahrersitz neben Ingenieur van der Westhuizen, der mit einer Hand das Auto Richtung Norden lenkte und mit der anderen die Flasche Klipdrift-Kognak zum Munde führte. Der Kognak war in Geruch und Farbe identisch mit dem Hustensaft, den Nombeko ihn während der Verhandlung hatte kippen sehen. All das geschah am 16. Juni 1976.

Am selben Tag regte sich eine Menge Schüler in Soweto über die neueste Idee der Regierung auf, dass der bereits unzulängliche Unterricht in Zukunft auch noch auf Afrikaans abgehalten werden sollte. Daher gingen die Jugendlichen auf die Straße und verliehen ihrem Missfallen Ausdruck. Sie fanden, dass es doch wesentlich leichter war, etwas zu lernen, wenn man verstand, was der Lehrer sagte. Und dass ein Text gleich viel verständlicher für den Leser wird, wenn er die Sprache versteht, in der der Text abgefasst ist. Und deswegen — so die Schüler — sollte der Unterricht auch künftig auf Englisch abgehalten werden.

Die Polizei vor Ort lauschte mit Interesse den Ausführungen der Jugendlichen und argumentierte dann für die Sache der Regierung, auf eine Weise, die typisch für die südafrikanische Ordnungsmacht war:

Sie eröffnete das Feuer.

Direkt auf den Demonstrationszug.

Dreiundzwanzig Demonstranten starben mehr oder weniger sofort. Am nächsten Tag hob die Polizei den Austausch der Argumente auf ein ganz neues Niveau, indem sie Helikopter und Panzer mitbrachte. Noch bevor der Rauch verflogen war, waren mehrere hundert Menschenleben ausgelöscht. Das Schulamt von Johannesburg konnte daraufhin den Budgetplan für Soweto revidieren, alldieweil die Schülerzahlen plötzlich stark zurückgegangen waren.

All das musste Nombeko nicht miterleben. Sie war ja vom Staat versklavt worden und nun unterwegs zum Haus ihres neuen Herrn.

≫Ist es noch weit, Herr Ingenieur?≪, fragte sie, vor allem, um überhaupt etwas zu sagen.

≫Nein, nicht besonders≪, sagte Ingenieur van der Westhuizen. ≫Aber du sollst nicht ungefragt den Mund aufmachen. Es reicht völlig, zu antworten, wenn ich dich anspreche.≪

Ingenieur van der Westhuizen war so einiges. Dass er ein Lügner war, hatte Nombeko schon im Gerichtssaal gemerkt. Dass er alkoholisiert war, wurde ihr klar, als sie mit ihm im Auto von dort wegfuhr. Außerdem war er in seinem Beruf einfach ein Blender. Er beherrschte sein Metier nicht im Geringsten, hielt sich aber oben auf der Karriereleiter, indem er log, dass sich die Balken bogen, und die Leute ausnützte, die wirklich Ahnung hatten.

Diese Tatsache hätte in Anbetracht des großen Ganzen als Fußnote durchgehen können, hätte der Ingenieur nicht einen der geheimsten und dramatischsten Aufträge der Welt gehabt. Er sollte Südafrika nämlich zur Atommacht machen. An diesem Unternehmen wurde in der Forschungsanlage Pelindaba gearbeitet, eine knappe Stunde nördlich von Johannesburg.

Davon wusste Nombeko freilich nichts, auch wenn ihr allmählich schwante, als sie sich dem Büro des Ingenieurs näherten, dass die Dinge nicht ganz so unkompliziert lagen, wie sie sich das anfangs vorgestellt hatte.

Genau in dem Moment, als der Kognak alle war, erreichten der Ingenieur und sie den äußersten Wachposten der Anlage. Nachdem er sich ausgewiesen hatte, durften sie das Tor passieren, vorbei an einem drei Meter hohen Zaun, der unter zwölftausend Volt Strom stand. Es folgte ein fünfzehn Meter langer Abschnitt, der von jeweils zwei Wachen mit Hund bewacht wurde, dann erreichte man das innere Tor und den nächsten drei Meter hohen Zaun mit ebenso viel Volt. Außerdem war jemand darauf verfallen, rund um die ganze Anlage, auf dem Gelände zwischen den Dreimeterzäunen, ein Minenfeld zu legen.

≫Hier wirst du dein Verbrechen sühnen≪, sagte der Ingenieur. ≫Und hier wirst du wohnen, damit du nicht abhauen kannst.≪

Elektrozaun, Wachen mit Hund und Minenfelder waren Parameter, die Nombeko ein paar Stunden zuvor im Gericht nun wirklich nicht in Betracht gezogen hatte.

≫Sieht ja gemütlich aus≪, sagte sie.

≫Jetzt machst du schon wieder unnötig den Mund auf≪, sagte der Ingenieur.

_________________

Das südafrikanische Kernwaffenprogramm begann 1975, ein Jahr bevor Ingenieur van der Westhuizen volltrunken ein schwarzes Mädchen überfuhr. Es gab zwei Gründe, warum er an diesem Tag im Hilton Hotel gesessen und Kognak in sich hineingeschüttet hatte, bis man ihn höflich hinauskomplimentierte. Der eine Grund war sein Alkoholismus. Der Ingenieur brauchte mindestens eine Flasche Klipdrift am Tag, um das System am Laufen zu halten. Der andere Grund war seine schlechte Laune. Und sein Frust. Der Ingenieur war nämlich gerade vom Premierminister Vorster unter Druck gesetzt worden, der sich beschwerte, dass nach einem ganzen Jahr noch keine Fortschritte zu sehen waren.

Der Ingenieur versuchte, das Gegenteil zu behaupten. Auf der geschäftlichen Ebene etwa hatte man einen Austausch mit Israel angeregt. Freilich auf Initiative des Premierministers selbst, aber nun ging ja tatsächlich Uran Richtung Jerusalem, und zurück kam Tritium. Zwei israelische Agenten waren im Rahmen des Projekts sogar dauerhaft in Pelindaba stationiert.

Nein, der Premierminister hatte auch gar keine Klage zu führen, was die Zusammenarbeit mit Israel, Taiwan und anderen betraf. Wo es haperte, war das Handwerkliche. Oder wie der Premierminister sich ausdrückte:

≫Wir brauchen keine ellenlangen Erklärungen von Ihnen. Wir brauchen nicht noch mehr Kooperationspartner von Ihnen. Verdammt noch mal, wir brauchen eine Atombombe von Ihnen, Herr van der Westhuizen. Und dann gleich noch mal fünf.≪

__________

Während Nombeko sich hinter dem doppelten Zaun auf Pelindaba einlebte, saß Premierminister Balthazar Johannes Vorster seufzend in seinem Palast. Er musste von frühmorgens bis spätabends schuften. Was auf seinem Schreibtisch mehr brannte als alles andere, war die Angelegenheit mit den sechs beschlossenen Atombomben. Was, wenn dieser kriecherische Westhuizen nun doch nicht der richtige Mann für die Aufgabe war? Der redete und redete, lieferte aber nie Leistung ab.

Vorster grummelte grimmig in seinen Bart und schimpfte auf die UNO, die Kommunisten in Angola, die Sowjets. Kuba, das Horden von Revolutionären nach Südafrika schickte, und die Marxisten, die in Mosambik das Ruder schon an sich gerissen hatten. Nicht zu vergessen die verdammte CIA, die irgendwie immer mitkriegte, was los war, und dann nicht für sich behalten konnte, was sie wusste.

≫Nee, nee, Gottverdammich≪ kommentierte B.J. Vorster den Zustand der Welt im Allgemeinen.

Die Nation war jetzt bedroht, nicht erst, wenn der Ingenieur geruhte, endlich mal aus dem Quark zu kommen!

Der Premierminister war über Umwege an die Macht gekommen. Ende der Dreißigerjahre, als junger Mann, interessierte er sich für den Nationalsozialismus. Vorster fand, dass die deutschen Nazis sehr interessante Verfahren entwickelt hatten, um Leute von Leuten zu unterscheiden. Das vermittelte er auch allen, die ihm zuhören wollten.

Dann brach der Weltkrieg aus. Pech für Vorster, dass Südafrika sich hinter die Alliierten stellte (schließlich war man ja Teil des Britischen Imperiums). Nazis wie er wurden ein paar Jahre eingesperrt, bis der Krieg vorüber war. Als er wieder draußen war, trat er etwas vorsichtiger auf. Nationalsozialistischem Gedankengut hat es noch nie gutgetan, wenn man es als das bezeichnete, was es war.

In den Fünfzigerjahren galt Vorster dann wieder als gesellschaftsfähig. Im Frühjahr 1961, im selben Jahr, in dem Nombeko in einer Hütte in Soweto zur Welt kam, stieg er zum Justizminister auf. Ein Jahr später gelang es ihm und seiner Polizei, den übelsten Vogel von allen zu fassen — den ANC-Terroristen Nelson Rolihlahla Mandela.

Mandela bekam selbstverständlich lebenslänglich und wurde auf eine Gefängnisinsel bei Kapstadt geschickt, wo er sitzen konnte, bis er verfaulte. Vorster dachte, dass das durchaus flott gehen könnte.

Während Mandela das Verfaulen in Angriff nahm, erklomm Vorster selbst schön die Karriereleiter. Beim letzten entscheidenden Schritt bekam er Hilfe von einem Afrikaner mit einem ganz speziellen Problem, dem die Sicherung durchbrannte. Der Mann galt im Apartheidsystem nämlich als Weißer, aber das war vielleicht doch ein Irrtum, denn eigentlich sah er eher farbig aus, weshalb er nirgendwo hinpasste. Er befreite sich von seinen inneren Qualen, indem er B.J. Vorsters Vorgänger ein Messer in den Bauch stieß— ganze fünfzehn Mal.

Der Mann, der sowohl weiß war als auch etwas anderes, wurde in eine psychiatrische Klinik gesperrt, wo er dreiunddreißig Jahre saß, ohne jemals herauszufinden, welcher Rasse er denn nun angehörte. Dann starb er. Im Unterschied zum Premierminister mit den fünfzehn Stichwunden: Der war nämlich erstens ganz sicher, weiß zu sein, und starb zweitens sofort.

Die Nation brauchte also einen neuen Premier. Am besten jemand, der durchzugreifen wusste. Und ehe man sichs versah, saß Altnazi Vorster auf diesem Posten.

Innenpolitisch war er zufrieden mit dem, was er und sein Land erreicht hatten. Mit Berufung auf das neue Terroristengesetz konnte die Regierung im Prinzip jeden beliebigen Menschen als Terroristen bezeichnen, ihn oder sie beliebig lange einsperren und dafür einen beliebigen Grund angeben. Oder auch gar keinen.

Ein weiteres geglücktes Projekt bestand darin, dass für die verschiedenen Stämme sogenannte Homelands geschaffen wurden — für jede Sorte ein Land, außer für die Xhosa, das waren so viele, dass sie gleich zwei kriegten. Dann musste man nur noch alle Schwarzen von einer Sorte einsammeln, sie mit dem Bus in das für sie vorgesehene Homeland karren, ihnen die südafrikanische Staatsbürgerschaft entziehen und ihnen die Staatsbürgerschaft ihres Homelands verpassen. Wer kein Südafrikaner mehr ist, kann sich ja auch nicht mehr auf südafrikanisches Recht berufen. Ganz einfache Rechnung.

Außenpolitisch sah es in vielerlei Hinsicht schwieriger aus. Die Welt da draußen missverstand die Absichten dieses Landes am laufenden Band. So hielt Südafrika etwa an der schlichten Wahrheit fest dass aus jemandem, der kein Weißer ist, ganz bestimmt niemals ein Weißer werden kann — und um so etwas erhob die Welt dann ein Riesengeschrei!

Der ehemalige Nazi Vorster verspürte jedoch eine gewisse Befriedigung über seine Zusammenarbeit mit Israel. Das waren zwar Juden, aber die wurden häufig genauso missverstanden wie Vorster selbst.

≫Nee, nee, Gottverdammich≪, wiederholte B.J. Vorster.

Was trieb dieser Pfuscher Westhuizen eigentlich?

Engelbrecht van der Westhuizen war zufrieden mit seiner neuen Hilfskraft, die ihm die Vorsehung da in die Hände gespielt hatte. Obwohl sie noch immer mit geschientem linken Bein herumhumpelte und den rechten Arm im Dreieckstuch trug, bekam sie trotzdem so einiges erledigt. Wie hieß sie noch mal?

Zu Anfang nannte er sie ≫Kaffer zwei≪, um sie von der anderen Schwarzen zu unterscheiden, die im äußeren Wachbereich putzte. Doch als diese Anrede dem Bischof der örtlichen reformierten Kirche zu Ohren kam, stauchte er den Ingenieur gehörig zusammen. Die Schwarzen hatten wahrlich mehr Respekt verdient.

Die Kirche hatte schon vor knapp hundert Jahren Schwarze in ihre Abendmahlsgemeinschaft aufgenommen. Allerdings mussten sie immer so lange ganz hinten warten, bis sie an der Reihe waren, dass man ihnen genauso gut gleich eine eigene Kirche bauen konnte. Der Bischof war der Ansicht, man könne nicht der reformierten Kirche die Schuld geben, wenn sich die Schwarzen vermehrten wie die Karnickel.

≫Respekt≪, wiederholte er. ≫Denken Sie daran, Herr Ingenieur.≪ Engelbrecht van der Westhuizen nahm sich den Tadel seines Bischofs zu Herzen, aber Nombekos Namen konnte man sich einfach unmöglich merken. Deswegen nannte er sie jetzt ≫Wieheißtdunochgleich≪, wenn er sie direkt anredete, und ansonsten gab es eigentlich gar keinen Grund, auf ihre Person Bezug zu nehmen.

Premierminister Vorster hatte ihm schon zwei Besuche abgestattet und dabei die ganze Zeit freundlich gelächelt. Die unterschwellige Botschaft war jedoch unmissverständlich: Wenn Ingenieur van der Westhuizen nicht demnächst sechs Atombomben vorweisen konnte, war es gut möglich, dass er demnächst auch keine Stellung mehr vorweisen konnte.

Vor dem ersten Treffen mit dem Premierminister hatte der Ingenieur Wiehießsienochgleich eigentlich in die Putzkammer sperren wollen. Es war zwar zulässig, schwarze und farbige Hilfen auf dem Gelände zu beschäftigen, solange sie nie Ausgang hatten, aber der Ingenieur fand, das mache irgendwie einen schmutzigen Eindruck.

Doch wenn er sie in die Kammer sperrte, hatte das den Nachteil, dass sie nicht in seiner Nähe sein konnte, und ihm war schon bald klar geworden, dass es gar nicht so dumm war, wenn er sie in seiner Nähe hatte. Aus ihm unverständlichen Gründen ging in diesem Mädchenhirn so einiges vor. Wiehießsienochgleich war freilich viel zu naseweis, und sie verstieß gegen jede Regel, gegen die sich irgendwie verstoßen ließ. Mit das Frechste, was sie sich je herausgenommen hatte, war, dass sie sich ohne Genehmigung in der Bibliothek der Forschungsanlage herumgetrieben und sogar Bücher von dort mitgenommen hatte. Im ersten Moment wollte der Ingenieur schon jegliche Tätigkeit in der Anlage stoppen und die Sicherheitsabteilung einschalten, damit sie der Sache auf den Grund gingen. Denn was sollte eine Analphabetin aus Soweto schon mit Büchern anfangen?

Doch dann stellte er fest, dass sie tatsächlich in diesen Büchern las. Das machte die Sache noch bemerkenswerter — Lesekenntnisse waren ja nicht unbedingt ein hervorstechender Zug unter den Analphabeten der Nation. Dann sah der Ingenieur, was sie da las, und zwar so ziemlich alles, inklusive höhere Mathematik, Chemie, Elektrotechnik und Metallurgie (also genau die Bereiche, in die sich eigentlich der Ingenieur selbst hätte vertiefen sollen). Als er sie einmal auf frischer Tat ertappte, wie sie die Nase in ein Buch steckte, statt den Boden zu scheuern, sah er, wie das Mädchen lächelnd vor mathematischen Formeln saß.

Sie las, nickte und lächelte.

Wirklich eine Provokation. Der Ingenieur selbst hatte niemals Freude daran gehabt, Mathematik zu lernen. Oder irgendetwas anderes. Glücklicherweise bekam er trotzdem Spitzennoten an der Universität, deren größter Gönner sein Vater war.

Der Ingenieur wusste, dass man gar nicht alles können und wissen musste. Es war leicht, mit guten Noten, dem richtigen Vater und hemmungslosem Ausnutzen der Kompetenz anderer Leute ganz an die Spitze zu kommen. Doch um sich dort halten zu können, musste der Ingenieur in diesem Fall tatsächlich etwas vorweisen. Nun ja, nicht wirklich er selbst, aber die Forscher und Techniker, die er angestellt hatte und die sich nun Tag und Nacht in seinem Namen abrackerten.

Und das Team erzielte wirklich Fortschritte. Der Ingenieur war sicher, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft die wenigen technischen Probleme gelöst haben würden, die den Atomtests im Moment noch im Wege standen. Der Teamleiter der Forscher war kein Dummkopf. Auch wenn er ungemein lästig war, weil er dem Ingenieur ständig jeden noch so kleinen Fortschritt in ihrer Arbeit berichtete und sich dann eine Reaktion erwartete.

Und da kam Wiehießsienochgleich ins Bild. Indem er sie nicht daran hinderte, in den Bibliotheksbüchern zu blättern, hatte der Ingenieur ihr die Tür zur Mathematik weit aufgestoßen, und sie nahm alles in sich auf: algebraische, transzendente, imaginäre und komplexe Zahlen, die Eulersche Konstante, Differential- und diophantische Gleichungen und unendlich viele (∞) andere komplexe Bereiche, die für den Ingenieur mehr oder weniger böhmische Dörfer waren.

Man hätte Nombeko im Laufe der Zeit die rechte Hand des Chefs genannt, wenn sie nicht eine Sie gewesen wäre und vor allem nicht die falsche Hautfarbe gehabt hätte. Stattdessen blieb ihr der vage Titel ≫Hilfskraft≪, auch wenn sie parallel zu ihrer Putztätigkeit die dicken Ordner durchackerte, in denen der Leiter der Forschungsabteilung Problembeschreibungen, Testresultate und Analysen zusammengestellt hatte. Natürlich las sie nur das, was der Ingenieur selbst zeitlich einfach nicht mehr schaffte.

≫Wovon handelt dieser Scheiß hier eigentlich?≪ fragte Ingenieur Van der Westhuizen eines Tages und drückte seiner Putzfrau den nächsten Stapel Papier in die Hand.

Nombeko las es durch und erstattete ihm dann Bericht.

≫Das ist eine Analyse der Konsequenzen des statischen und dynamischen Überdrucks bei Bomben von unterschiedlichen Kilotonnen Sprengkraft.≪

≫Würdest du dich bitte verständlich ausdrücken?≪, sagte der Ingenieur.

≫Je stärker die Bombe, desto mehr Gebäude fliegen in die Luft≪, präzisierte Nombeko.

≫Also bitte, das kapiert doch wohl jeder Berggorilla, oder nicht? Bin ich denn bloß von Trotteln umgeben?≪ Der Ingenieur goss sich einen Kognak ein und bat seine Putzfrau zu verschwinden.

_________________

Nombeko fand, dass Pelindaba als Gefängnis so gut wie einzigartig war. Eigenes Bett, Zugang zu einem WC statt Verantwortung für viertausend Plumpsklos, zwei Mahlzeiten täglich und Obst zum Mittagessen. Und eine eigene Bibliothek. Das heißt, ihre eigene Bibliothek war es zwar nicht, aber außer Nombeko interessierte sich keiner dafür. Und sie war auch nicht besonders umfangreich und sicher weit entfernt von dem, was sich Nombekos Meinung nach in Pretoria befinden musste. Und manches, was hier in den Regalen stand, war veraltet oder irrelevant oder beides. Trotzdem.

Daher diente sie ziemlich unbekümmert ihre Strafe ab, die sie dafür bekommen hatte, sich dummerweise an jenem Wintertag 1976 von einem volltrunkenen Mann auf dem Gehweg überfahren zu lassen. Was sie hier erlebte, war in jeder Hinsicht besser als Latrinentonnenschleppen auf der größten menschlichen Mülldeponie der Welt.

Nachdem genug Monate vergangen waren, fing sie an, in Jahren zu rechnen. Natürlich dachte sie ab und zu mal daran, wie sie vorzeitig aus Pelindaba entkommen könnte. Es war schon eine Herausforderung, die Zäune, das Minenfeld, die Wachhunde und die Alarmanlage zu überwinden.

Vielleicht einen Tunnel graben?

Nein, die Idee war so dumm, dass sie sie gleich wieder fallen ließ.

Sich als blinder Passagier in irgendeinem Auto rausschleusen lassen?

Nein, jeder blinde Passagier wäre sofort von den Schäferhunden der Wachen entdeckt worden, und da blieb dann nur zu hoffen, dass sie einen gleich an der Kehle erwischten, damit man sich weiteren Ärger ersparte.

Bestechung?

Na ja, vielleicht aber dann hätte sie genau eine einzige Chance, und der Bestochene würde wohl ganz im südafrikanischen Stil die Diamanten einstecken und sie anschließend anzeigen.

Vielleicht die Identität von jemand anders annehmen?

Nun, das könnte im Prinzip funktionieren. Jemand anderem die Hautfarbe zu stehlen wäre allerdings schon erheblich schwieriger.

Nombeko beschloss, die Gedanken an die Flucht eine Weile zurückzustellen. Vielleicht bestand ihre einzige Chance ja doch darin, sich unsichtbar zu machen und sich Flügel wachsen zu lassen. Flügel allein würden ja nicht reichen, da würde sie von einer der acht Wachen auf den vier Türmen abgeschossen werden.

Sie war fünfzehn Jahre alt, als sie hinter dem zweifachen Zaun und dem Minenfeld verschwand, und ging schon auf ihren siebzehnten Geburtstag zu, als der Ingenieur ihr feierlich mitteilte, dass er ihr einen gültigen südafrikanischen Pass besorgt hatte, obwohl sie schwarz war. Ohne einen solchen hätte sie nämlich keinen Zutritt zu all den Fluren mehr gehabt, zu denen sie nach Meinung des bequemen Ingenieurs Zutritt haben sollte. Diese Regel stammte vom südafrikanischen Sicherheitsdienst, und Ingenieur Van der Westhuizen wusste sehr wohl, mit wem man sich anlegen konnte und mit wem nicht.

Er bewahrte den Pass in seiner Schreibtischschublade auf, und da er ein schier unerschöpfliches Bedürfnis hatte, Leute zu drangsalieren, ließ er sich immer wieder darüber aus, wie lästig es doch war, dass er diesen Pass unter Verschluss halten musste.

≫Damit du nicht auf den Gedanken kommst, von hier abzubauen, Wieheißtdunochgleich. Ohne Pass kannst du das Land nämlich nicht verlassen, und dann finden wir dich früher oder später auf jeden Fall≪, erklärte der Ingenieur und setzte ein hässliches Grinsen auf.

Nombeko erwiderte, Wiesienochgleichhießstehe ja in ihrem Pass zu lesen, falls es den Ingenieur interessieren sollte, und außerdem sei sie schon seit einer geraumen Weile und mit seiner ausdrücklichen Genehmigung für den Schlüsselschrank verantwortlich, in dem selbstverständlich auch der Schlüssel für seine Schreibtisch-Schublade hing.

≫Und abgehauen bin ich trotzdem nicht≪, sagte Nombeko und dachte im Stillen, dass dieser Umstand freilich eher den Wachen, den Hunden, den Alarmanlagen, dem Minenfeld und den zwölftausend Volt auf dem Elektrozaun zuzuschreiben war.

Wütend starrte der Ingenieur seine Putzfrau an. Jetzt war die schon wieder so vorlaut. Die konnte einen manchmal echt wahnsinnig machen. Und dann hatte sie auch noch ständig recht.

Verdammtes Weibsstück.

Zweihundertfünfzig Personen arbeiteten auf verschiedenen Positionen am geheimsten aller geheimen Projekte. Nombeko hatte schon bald festgestellt, dass der oberste Chef so gut wie keine Talente besaß, abgesehen von der Kunst, sich zu bereichern. Und dann hatte er eben auch noch Glück (bis zu dem bewussten Tag, an dem es ihn verließ).

In einer Phase der technischen Entwicklung bestand eines der hartnäckigsten Probleme in der Leckage bei den Versuchen mit dem Uranhexafluorid. Ingenieur van der Westhuizen hatte an der Wand seines Büros eine schwarze Tafel hängen, auf die er Striche zeichnete und Pfeile malte und mit Formeln herumhantierte, damit es für seine Umwelt so aussah, als würde er nachdenken. Dann saßer in seinem Sessel und murmelte ≫Wasserstoffgas≪, ≫Uranhexafluorid≪ und ≫Leckage≪, und darunter mengte er allerlei Flüche auf Englisch und Afrikaans. Nombeko hätte ihn vielleicht einfach murmeln lassen sollen, sie war schließlich zum Putzen da. Doch am Ende machte sie doch den Mund auf und sagte:

≫Ich weiß ja nicht so viel über Wasserstoffgas, und von Uranhexafluorid hab ich auch so gut wie noch nie was gehört. Aber an diesem etwas kryptischen Versuch des Herrn Ingenieur hier an der Tafel kann ich doch sehen, dass er ein autokatalytisches Problem hat.≪

Der Ingenieur sagte nichts, sondern schaute an Wiehießsienochgleich vorbei zur Flurtür, um sich zu vergewissern, dass dort keiner stand und Zeuge wurde, wie ihn dieses merkwürdige Geschöpf zum soundsovielten Mal völlig sprachlos machte.

≫Darf ich das Schweigen des Herrn Ingenieur so deuten, dass ich seine Erlaubnis zum Weitersprechen habe? Sonst wünscht er ja immer, dass ich nur rede, wenn ich angesprochen werde.≪

≫Ja, ja, red schon weiter!≪ sagte der Ingenieur.

Nombeko lächelte freundlich und meinte, was sie betraf, ihr wäre es egal, wie die unterschiedlichen Bestandteile des Problems aussahen, sie ließen sich auf jeden Fall zu Mathematik machen.

≫Nennen wir das Wasserstoffgas A, das Uranhexafluorid B≪ begann Nombeko.

Mit diesen Worten trat sie an die Wandtafel, wischte den Unfug des Ingenieurs weg und malte die Geschwindigkeitsgleichung für eine autokatalytische Reaktion erster Ordnung hin.

Da der Ingenieur nur mit leerem Blick auf die Tafel starrte, verdeutlichte sie ihre weitere Argumentation, indem sie eine sigmoidale Kurve dazuzeichnete.

Als sie fertig war, begriff sie, dass Ingenieur Van der Westhuizen von ihren Ausführungen nicht mehr verstand als der durchschnittliche Latrinentonnenträger oder auch ein Assistent vom Sanitätsamt von Johannesburg.

≫Verstehen Sie das bitte, Herr Ingenieur≪, sagte sie, ≫ich muss jetzt noch ein paar Böden schrubben. Aber wie gesagt, das Gas und das Fluorid können nicht miteinander, und dann überschlagen sich die Dinge.≪

≫Und wie sieht die Lösung aus?≪, wollte der Ingenieur wissen.

≫Das weiß ich nicht≪ sagte Nombeko. ≫Darüber konnte ich noch nicht nachdenken. Wie gesagt, ich bin hier ja nur die Putzfrau.≪

In diesem Augenblick trat einer von Ingenieur van der Westhuizens qualifizierten Mitarbeitern ein. Er war vom Leiter der Forschungsabteilung geschickt worden, um die frohe Botschaft zu überbringen, die Arbeitsgruppe sei nun darauf gekommen, dass das Problem ein autokatalytisches war, daher gebe es chemische Verunreinigungen in den Filtern, und demnächst werde man eine Lösung dafür gefunden haben.

Doch der Mitarbeiter brauchte nichts davon zu sagen, denn direkt hinter dem Kaffer mit dem Mopp sah er, was der Ingenieur an seine Tafel gemalt hatte.

≫Ach, der Chef hat schon selbst ausgerechnet, was ich erzählen wollte. Da will ich nicht weiter stören≪ sagte der Mitarbeiter und machte auf dem Absatz kehrt.

Ingenieur van der Westhuizen saß schweigend hinter seinem Schreibtisch und schenkte sich das nächste Glas Klipdrift ein.

Nombeko meinte, das sei ja wirklich Glück gewesen, nicht wahr? Jetzt werde sie ihn auch gleich in Frieden lassen, sie habe nur noch zwei Fragen. Erstens, ob der Herr Ingenieur es für passend erachte, wenn sie eine mathematische Beschreibung dafür lieferte, wie die Arbeitsgruppe die Kapazität von zwölftausend SWU pro Jahr auf zwanzigtausend steigern konnte, bei einem gleichbleibenden Urananteil von 0,46 Prozent?

Er erachtete es für passend.

Zweitens, ob der Herr Ingenieur wohl so nett sein könnte, ihr eine neue Scheuerbürste fürs Büro zu bestellen, denn sein Hund habe die alte zerkaut.

Der Ingenieur antwortete, er könne ihr nichts versprechen, werde aber sehen, was sich machen ließ.

Da sie nun mal eingesperrt war und nichts anderes anfangen konnte, fand Nombeko, dass sie genauso gut die Lichtblicke ihres Daseins genießen konnte. Zum Beispiel war es doch eine spannende Angelegenheit zu beobachten, wie lange Westhuizen mit seinem Bluff durchkommen würde.

Und im Großen und Ganzen ging es ihr ja durchaus gut. Sie las ihre Bücher, wenn es keiner sah, schrubbte hie und da ein paar Flure, leerte ein paar Aschenbecher, las die Analysen des Forschungsteams und gab sie in möglichst vereinfachter Form an den Ingenieur weiter.

Ihre Freizeit verbrachte sie mit den anderen Hilfskräften. Die gehörten zu einer Minderheit, die das Apartheidregime nicht so recht einordnen konnte — laut Regelwerk waren sie als ≫sonstige Asiaten≪ zu klassiffizieren. Genauer gesagt: Chinesen.

Die Chinesen als Rasse waren vor knapp hundert Jahren in Südafrika gelandet, zu einer Zeit, als das Land billige Arbeitskräfte (die bitte schön auch nicht so viel rumjammerten) für die Goldminen bei Johannesburg brauchte. Das war Geschichte, aber die chinesische Kolonie bestand weiterhin, und ihre Muttersprache gedieh.

Die drei Chinesenmädchen (Kleine Schwester, Mittlere Schwester und Große Schwester) waren abends zusammen Init Nombeko eingesperrt. Anfangs verhielten sie sich abwartend, aber da man zu viert viel besser Mah-Jongg spielen kann als zu dritt, fanden sie, dass es einen Versuch wert war, vor allem weil dieses Mädchen aus Soweto anscheinend gar nicht mal so dumm war, wie man meinen konnte (immerhin war sie ja nicht gelb).

Nombeko schloss sich ihnen gerne an, und schon bald wusste sie fast alles über Pong, Kong, Chow und alle möglichen Winde aus allen erdenklichen Richtungen. Sie war jedoch im Vorteil, da sie alle hundertvierundvierzig Steine memorieren konnte, so dass sie drei von vier Partien gewann und eines der Mädchen die vierte gewinnen ließ.

Die Chinesenmädchen ließen sich auch jede Woche einmal von Nombeko erzählen, was in der Zwischenzeit so in der Welt passiert war, auf Grundlage dessen, was sie auf den Fluren und durch die Wände hatte aufschnappen können. Die Nachrichten waren zwar bruchstückhaft, aber das Publikum war auch nicht allzu anspruchsvoll. Wie zum Beispiel damals, als Nombeko erzählte, China habe soeben beschlossen, dass Aristoteles und Shakespeare nicht mehr verboten sein sollten, und die Mädchen bemerkten, da würden sich die zwei sicher sehr freuen.

Durch diese Nachrichtenabende und das Mah-Jongg-Spielen wurden die Schwestern im Unglück zu Freundinnen. Die Zeichen und Symbole auf den Spielsteinen regten die Mädchen außerdem dazu an, Nombeko ihren chinesischen Dialekt beizubringen, woraufhin sich alle über ihre Gelehrigkeit amüsierten, wie auch über die nicht ganz so glanzvollen Versuche der Schwestern, das isiXhosa zu lernen, das Nombekos Mutter an ihre Tochter weitergegeben hatte.

Die drei Chinesenmädchen hatten rückblickend betrachtet einen etwas zwielichtigeren Lebenswandel geführt als Nombeko. Sie waren ungefähr auf dieselbe Art in der Welt des Ingenieurs gelandet wie sie, wenngleich sie zu fünfzehn statt sieben Jahren verurteilt worden waren. Es hatte damit begonnen, dass sie den Ingenieur in einer Bar in Johannesburg trafen, wo er alle drei zusammen anbaggerte, dann aber erfuhr, dass sie Geld für eine kranke Verwandte benötigten und daher nicht ihren Körper, sondern ein wertvolles Familienerbstück verkaufen wollten.

Der Ingenieur war in erster Linie geil, doch da er in zweiter Linie witterte, dass er hier ein Schnäppchen machen konnte, folgte er den drei Mädchen nach Hause, wo man ihm eine gemusterte tönerne Gans zeigte, die aus der Han-Dynastie stammte, ungefähr ein Jahrhundert vor Christus. Die Mädchen wollten zwanzigtausend Rand für die Gans, und dem Ingenieur war klar, dass das Objekt mindestens zehnmal, wenn nicht hundertmal so viel wert sein musste! Doch die Mädchen waren nicht nur Mädchen, sondern obendrein Chinesinnen, also bot er ihnen fünfzehntausend bar auf die Hand. Sie sollten am nächsten Morgen vor der Bank erscheinen (≫fünftausend pro Kopf, sonst könnt ihr die Sache vergessen!≪), um das Geld entgegenzunehmen, und diese Dummbratzen ließen sich auf das Geschäft ein.

Die einzigartige Gans bekam einen Ehrenplatz auf einem Sockel im Büro des Ingenieurs, bis sich ein Jahr später ein Agent des israelischen Mossad, der zugleich am Kernwaffenprojekt mitarbeitete, das Stück näher ansah und innerhalb von zehn Sekunden als Schrott entlarvte. Bei der folgenden Untersuchung, die der fuchsteufelswilde Ingenieur durchführen ließ, stellte sich heraus, dass die Gans definitiv nicht während der Han-Dynastie hundert Jahre vor Christus von einem Handwerker der Zhejiang-Provinz hergestellt worden war, sondern vielmehr während gar keiner Dynastie, circa eintausendneunhundertfünfundsiebzig Jahre nach Christus von drei jungen Chinesinnen in einem Vorort von Johannesburg.

Doch die Mädchen waren so unvorsichtig gewesen, ihm die Gans in ihrem eigenen Zuhause zu zeigen. Daher konnten der Ingenieur und das Justizsystem die drei fassen. Von den fünfzehntausend Rand waren nur noch zwei übrig, so dass die Mädchen nun noch mindestens weitere zehn Jahre auf Pelindaba eingesperrt waren.

≫Unter uns nennen wir den Ingenieur G≪ sagte eines der Mädchen.

≫Die Gans≪, übersetzte Nombeko.

Was sich die Chinesinnen am allermeisten wünschten, war die Rückkehr ins Chinesenviertel von Johannesburg, um dort die Produktion von Gänsen aus der Zeit vor Christi Geburt wiederaufzunehmen, nur dass sie die Sache diesmal etwas eleganter aufziehen wollten.

Während sie darauf warteten, hatten sie aber genauso wenig zu leiden wie Nombeko. Zu ihren Arbeitsaufgaben gehörte es, dem Ingenieur und dem Wachpersonal das Essen zu servieren und sich um die Ein- und Ausgangspost zu kümmern. Nicht zuletzt die Ausgangspost. Alles, was man stehlen konnte, ohne dass es jemand vermisste, wurde einfach an die Mutter der Mädchen umadressiert und in den Postausgangskorb gelegt. Ihre Mutter nahm die Sendungen dankbar entgegen, verkaufte sie weiter und freute sich, dass sie damals die Investition nicht gescheut hatte, ihre Töchter Englisch lesen und schreiben lernen zu lassen.

Dass sie dabei schludrig und allzu risikofreudig vorgingen, wurde ihnen jedoch in regelmäßigen Abständen zum Verhängnis. Wie damals, als eine von ihnen die Adressaufkleber verwechselte, so dass der Außenminister höchstpersönlich bei Ingenieur Westhuizen anrief und nachfragte, warum er ein Paket mit acht Kerzen, zwei Lochern und vier leeren Ordnern bekommen habe — während die Mutter der Chinesenmädchen einen vierhundert Seiten dicken technischen Bericht entgegennahm und sofort verbrannte, in dem es um die Schwierigkeiten bei der Verwendung von Neptunium als Basis einer Kernspaltung ging.

_________________

Es ärgerte Nombeko, dass sie so lange gebraucht hatte, bis ihr klar wurde, wie ungut ihre Lage war. So wie sich die Dinge entwickelt hatten, war sie überhaupt nicht zu sieben Jahren im Dienste des Ingenieurs verurteilt worden, sondern zu lebenslänglich. Im Gegensatz zu den drei Chinesenmädchen hatte sie vollen Einblick in das geheimste Projekt der Welt. Solange ein Zaun mit zwölftausend Volt zwischen ihr und irgendwelchen Menschen lag, denen sie sonst etwas hätte verraten können, bestand gar kein Problem. Aber wenn sie freigelassen wurde? Wie lange würde sie dann überleben? Zehn Sekunden. Vielleicht. zwanzig. Mit etwas Glück.

Ihre Situation ließ sich als mathematisches Problem ohne Lösung beschreiben. Denn wenn sie dem Ingenieur half, seinen Auftrag zu erfüllen, würde er den ganzen Ruhm absahnen, sich zurückziehen und eine großzügige Pension vom Staat kassieren. Nombeko hingegen, die alles Mögliche wusste, was sie gar nicht wissen durfte, würde einen Genickschuss kassieren.

Tat sie jedoch alles, um ihn scheitern zu lassen — würde der Ingenieur in Ungnade fallen, entlassen werden und eine wesentlich bescheidenere Pension kassieren. Sie hingegen würde auch in diesem Fall einen Genickschuss kassieren.

Kurz und gut: Diese Gleichung konnte sie einfach nicht lösen. Das Einzige, was ihr blieb, war ein Balanceakt, das heißt, sie tat ihr Bestes, damit der Bluff des Ingenieurs nicht aufflog, sich das Projekt aber gleichzeitig so lang wie möglich verzögerte. Das würde sie zwar nicht vor bewusstem Genickschuss bewahren, aber je später er kam, desto größer ihre Chance, dass doch noch etwas dazwischenkam, so was wie eine Revolution, ein Aufstand des Personals oder irgendetwas anderes völlig Unglaubliches.

Jedenfalls, solange sie keinen anderen Weg aus Pelindaba heraus fand.

In Ermangelung anderer Ideen setzte sie sich ans Fenster der Bibliothek, so oft es ging, um die Aktivitäten an den Toren zu beobachten. Sie hielt sich zu verschiedenen Tageszeiten dort auf und prägte sich die Abläufe bei der Bewachung ein.

Unter anderem entdeckte sie bald, dass sämtliche Fahrzeuge, die hinein- und hinausfuhren, von Wachen und Hunden durchsucht wurden — es sei denn, der Ingenieur selbst saß im Wagen. Oder der Leiter der Forschungsabteilung. Oder einer der beiden Mossadagenten. Diese vier waren offenbar über jeden Verdacht erhaben. Leider hatten sie aber auch bessere Garagenplätze als die anderen. Nombeko hätte selbstverständlich in die große Garage gehen und sich in einem Kofferraum verstecken können — nur um dann von einer Wache nebst diensthabendem Hund entdeckt zu werden. Letzterer war angewiesen, zuerst zuzubeißen und dann sein Herrchen zu fragen. Aber zu der kleinen Garage, in der die feinen Leute parkten und wo es auch Kofferräume gab, in denen man überleben konnte, hatte sie keinen Zugang. Der Garagenschlüssel war einer der wenigen Schlüssel des Ingenieurs, die nicht in dem Schränkchen verwahrt wurden, für das Nombeko verantwortlich war. Den brauchte er ja jeden Tag, und deswegen trug er ihn immer bei sich.

Eine weitere Beobachtung, die Nombeko machen konnte, war die, dass die schwarze Putzfrau im äußeren Bereich tatsächlich den Fuß über die Grenze nach Pelindaba setzte, wenn sie die grüne Mülltonne direkt hinter dem inneren der zwei Zwölftausendvoltzäune ausleerte. Das geschah jeden zweiten Tag, und Nombeko war fasziniert, denn sie war ziemlich sicher, dass die Putzfrau dort offiziell gar keinen Zutritt hatte, die Wachen es aber trotzdem durchgehen ließen, damit sie ihren Dreck nicht selbst wegmachen mussten.

Da keimte in ihrem Kopf ein tollkühner Gedanke auf. Nombeko konnte sich ja durch die große Garage ungesehen zur Mülltonne schleichen, hineinkriechen und mit der Schwarzen an den Toren vorbei bis zu den Containern in Freiheit gelangen. Die Frau leerte die Tonne nach einem strengen Zeitplan jeden zweiten Tag um 16.05 Uhr und überlebte dieses Manöver nur deswegen, weil die Wachhunde gelernt hatten, dass man diese Negerin nicht in Stücke reißen durfte, ohne Herrchen vorher zu fragen. Allerdings beschnupperten sie jedes Mal wieder misstrauisch die Tonne.

Man musste die Hunde also für einen Nachmittag oder so außer Gefecht setzen. Dann, und nur dann, hatte die blinde Passagierin eine Chance, ihre Flucht zu überleben. Wie wäre es wohl mit einer klitzekleinen Lebensmittelvergiftung?

Nombeko weihte die drei Chinesenmädchen in ihren Plan ein, weil sie für die Verköstigung der gesamten Wachmannschaft samt Sektor G verantwortlich waren, und dazu gehörten Mensch und Tier.

≫Selbstverständlich!≪, sagte Große Schwester, als Nombeko die Sache ansprach. ≫Zufällig sind wir alle drei Expertinnen im Hundevergiften. Oder zumindest zwei von uns.≪

Eigentlich hatte Nombeko aufgehört, sich über das Tun und Lassen der Chinesenmädchen zu wundern, aber das war nun wirklich bemerkenswert. Sie sagte also, Große Schwester könne ihr diese Aussage gern näher erläutern, damit Nombeko sich nicht für den Rest ihres Lebens den Kopf darüber zerbrechen musste. Wie lang dieser Rest auch immer sein mochte.

Tja, bevor die Chinesenmädchen und ihre Mutter in die lukrative Fälschungsbranche einstiegen, hatte die Mutter einen Hundefriedhof in Parktown West betrieben, einem weißen Vorort von Johannesburg. Das Geschäft lief schlecht, denn die Hunde waren genauso gesund und wohlgenährt wie die Menschen in dieser Gegend allgemein und lebten daher viel zu lange. Doch dann verfiel ihre Mutter darauf, dass Große Schwester und Mittlere Schwester den Umsatz steigern konnten, indem sie vergiftetes Hundefutter in den Parks auslegten, in denen die Pudel und Pekinesen der Langnasen Auslauf hatten. Kleine Schwester war damals noch zu klein und hätte leicht auf die Idee kommen können, das Hundefutter selbst zu kosten, wenn sie welches in die Finger gekriegt hätte.

Innerhalb kürzester Zeit hatte die Besitzerin des Hundefriedhofs doppelt so viel zu tun, und die Familie hätte bis zum heutigen Tage gut davon leben können, doch dann wurden sie ehrlich gesagt etwas zu gierig. Denn als es mehr tote als lebendige Hunde in den Parks gab, richteten die weißen Bassisten die Blicke natürlich zuerst auf das einzige Schlitzauge der Gegend und ihre drei Töchter.

≫Mann, die haben wirklich solche Vorurteile≪, meinte Nombeko.

Die Mutter musste in aller Eile ihre Koffer packen, versteckte sich mit den Kindern im Zentrum von Johannesburg und wechselte die Branche.

Das lag nun schon einige Jahre zurück, aber die Mädchen wussten immer noch, wie man Hundefutter auf verschiedenste Art dosieren konnte.

≫Na ja, das wären hier acht Hunde — und sie sollen bloß ein bisschen vergiftet werden≪, sagte Nombeko, ≫so dass sie ein, zwei Tage etwas kränkeln. Mehr nicht.≪

≫Klingt nach einer typischen Ethylenglykolvergiftung≪, meinte Mittlere Schwester.

≫Hab ich mir auch grad gedacht≪, meinte Große Schwester.

Und dann diskutierten sie über die passende Dosis. Mittlere Schwester war der Ansicht, drei Deziliter dürften genügen, während Große Schwester zu bedenken gab, dass es hier ja um gestandene Schäferhunde ging, nicht um irgendeinen kleinen Chihuahua.

Am Ende einigten sich die Mädchen darauf, dass fünf Deziliter reichen müssten, um die Hunde bis zum nächsten Tag in einen leidlich schlechten Zustand zu Versetzen.

Die Mädchen waren das Problem derart sorglos angegangen, dass Nombeko es schon wieder bereute. Begriffen sie nicht, wie übel es für sie aussah, wenn das vergiftete Hundefutter zu ihnen zurückverfolgt wurde?

≫Ach Quatsch≪ sagte Kleine Schwester. ≫Das wird schon werden. Wir müssen erst mal einen Eimer Ethylenglykol bestellen, sonst wird das nämlich nichts mit dem Vergiften.≪

Jetzt bereute es Nombeko schon doppelt und dreifach. Ging ihnen denn nicht in den Kopf, dass das Sicherheitspersonal sie nach wenigen Minuten als Schuldige identifizieren würde, wenn man entdeckte, was da für ein Artikel zu einer ganz gewöhnlichen Einkaufsliste hinzugefügt worden war?

Doch da fiel ihr etwas ein.

≫Wartet mal≪, sagte sie. ≫Unternehmt nichts, bis ich wieder da bin. Gar nichts!≪

Die Mädchen sahen Nombeko verblüfft nach. Was wollte sie denn nun?

Doch Nombeko war etwas eingefallen, was sie in einem der unzähligen Berichte des Leiters der Forschungsabteilung an den Ingenieur gelesen hatte. Es ging nicht um Ethylenglykol, sondern um ein anderes Ethandiol. Im Bericht stand, dass die Forscher mit Flüssigkeiten experimentierten, deren Siedepunkt bei über hundert Grad lag, um einen um ein paar Zehntelsekunden verzögerten Temperaturanstieg in der kritischen Masse zu erzielen. Da kam das Ethandiol ins Spiel. Hatten Ethandiol und Ethylenglykol nicht ungefähr dieselben Eigenschaften?

Während die Bibliothek der Forschungsanlage schlichtweg mies war, wenn es um die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse ging, bot sie umso bessere Informationen allgemeiner Art. Zum Beispiel die Bestätigung, dass Ethandiol und Ethylenglykol nicht nur ungefähr dieselben Eigenschaften hatte. Sie waren identisch.

Nombeko lieh sich zwei Schlüssel aus dem Schlüsselschrank des Ingenieurs aus und schlich sich in die große Garage und ins Chemielager neben der Schaltzentrale. Dort fand sie einen fast vollen 25-Liter-Eimer Ethandiol. Sie goss fünf Liter davon in ihren mitgebrachten Eimer und kehrte zu den Mädchen zurück.

≫Hier, das dürfte locker reichen≪ sagte sie.

Nombeko und die Mädchen beschlossen, zuerst nur eine ganz schwache Dosis unters Hundefutter zu mischen, um zu sehen, was passierte. Dann konnten sie die Menge steigern, bis irgendwann der Zustand erreicht war, in dem alle acht Hunde krankgeschrieben waren, ohne dass das Wachpersonal einen Anschlag vermutete.

Daher senkten die Chinesenmädchen auf Nombekos Warnungen hin die Dosis von fünf Dezilitern auf vier, begingen jedoch den Fehler, Kleine Schwester dosieren zu lassen, also ausgerechnet diejenige von den dreien, die damals noch zu klein zum Hundevergiften gewesen war. Und so mengte sie schon beim ersten, vorsichtigen Versuch vier Deziliter Ethylenglykol pro Hund unters Futter. Zwölf Stunden später waren alle acht Hunde so mausetot wie diejenigen in Parktown West ein paar Jahre zuvor. Außerdem befand sich die Katze des Chefs der Wachmannschaft, die heimlich aus den Hundeschüsseln mitnaschte, in einem kritischen Zustand.

Ethylenglykol hat die Eigenschaft, sehr schnell aus dem Darm in den Blutkreislauf überzugehen. In der Leber wird es dann in Glykolaldehyd, Glykolsäure und Oxalat umgewandelt. Wenn die Menge groß genug ist, führt das zu Nierenversagen, bevor anschließend auch Lungen und Herz in Mitleidenschaft gezogen werden. Die direkte Todesursache bei den acht Hunden lautete Herzstillstand.

Die Fehlberechnung des kleinen Chinesenmädchens hatte zur Folge, dass sofort die Sirenen losheulten und die Wachmannschaft in höchste Alarmbereitschaft versetzt wurde, was es Nombeko natlich unmöglich machte, sich in einer Mülltonne hinausschmuggeln zu lassen.

Die Mädchen wurden schon am zweiten Tag zum Verhör bestellt, aber während sie noch hartnäckig leugneten, fand das Sicherheitspersonal einen fast leeren Eimer mit Ethylenglykol im Kofferraum des Autos eines der zweihundertfünfzig Angestellten. Nombeko hatte ja Zugriff auf den Schlüsselschrank des Ingenieurs und damit Zutritt zur Garage. und der betreffende Kofferraum war einfach der gewesen, der zufällig nicht abgeschlossen war, als sie den Eimer irgendwo verstecken musste. Der Besitzer des Wagens war ein Mitarbeiter von der halbmoralischen Sorte: Einerseits würde er sein Land nie verraten, andererseits hatte er unseligerweise ausgerechnet an diesem Tag die Aktentasche seines Abteilungsleiters samt Geld und Scheckheft gemopst. Die Tasche wurde prompt neben dem Eimer gefunden, man zählte eins und eins zusammen, und der Mann wurde gefasst, verhört und gefeuert — und zu sechs Monaten Gefängnis wegen Diebstahls plus zweiunddreißigjahren wegen Terrorismus verurteilt.

≫Das war ja haarscharf≪, sagte Kleine Schwester, als jeder Verdacht gegen die drei Schwestern fallen gelassen wurde.

≫Wollen wir einen neuen Versuch starten?≪, fragte Mittlere Schwester.

≫Dann müssen wir allerdings warten, bis sie neue Hunde besorgt haben≪, sagte Große Schwester. ≫Die alten sind ihnen ja ausgegangen.≪

Nombeko sagte gar nichts. Aber sie dachte bei sich, dass ihre Zukunftsaussichten nicht viel rosiger waren als die der Katze des Chefs der Wachrnannschaft, die gerade zu krampfen begann.

Kapitel 4

Von einem barmherzigen Samariter, einem Fahrraddieb und einer immer nikotinsüchtigeren Hausfrau

Nachdem er Henriettas Geld ausgegeben hatte, bekam Ingmar fast den ganzen Rückweg von Nizza nach Södertälje nichts in den Magen. Doch in Malmö traf der schmutzige, ausgehungerte Postbeamte auf einen Soldaten der Heilsarmee, der nach einem langen Tag im Dienste des Herrn auf dem Nachhauseweg war. Ingmar fragte ihn, ob er ein Stückchen Brot entbehren könnte.

Der Heilsarmist ließ sich sofort vom Geist der Liebe und des Mitleids ergreifen, und das so gründlich, dass er Ingmar mit zu sich nach Hause nahm.

Dort lud er seinen Gast zu Rübenmus mit Speck ein und richtete ihm anschließend das eigene Bett, um selbst auf dem Boden vor dem Herd zu schlafen. Ingmar gähnte und meinte, die Freundlichkeit des Soldaten beeindrucke ihn zutiefst. Woraufhin der Mann erwiderte, die Erklärung für seine Taten finde sich in der Bibel, nicht zuletzt im LukasEvangelium, in dem die Geschichte vom barmherzigen Samariter zu lesen stand. Er fragte Ingmar, ob er ihm ein paar Zeilen aus der Heiligen Schrift vorlesen dürfe.

≫Natürlich darf er das≪, sagte Ingmar, ≫aber bitte leise, denn ich muss schlafen.≪

Und dann schlummerte er ein. Und wachte am nächsten Morgen vom Geruch frischer Brötchen auf.

Nach dem Frühstück bedankte er sich beim barmherzigen Soldaten, verabschiedete sich und stahl ihm dann das Fahrrad. Während er davonstrampelte, überlegte er, ob nicht auch in der Bibel stand, dass Not kein Gebot kennt. Ganz sicher war er sich allerdings nicht.

Das Diebesgut veräußerte er jedenfalls in Lund und kaufte sich vom Erlös eine Zugfahrkarte bis nach Hause.

Im Haus traf er auf Henrietta. Bevor sie den Mund aufmachen konnte, um ihn willkommen zu heißen, teilte er ihr mit, dass jetzt der Zeitpunkt zum Kindermachen gekommen sei.

Henrietta hatte eigentlich eine ganze Reihe Fragen, nicht zuletzt die, warum Ingmar plötzlich ohne den verdammten Karton mit amerikanischen Soldatenkondomen mit ihr zwischen die Laken schlüpfen wollte. Aber sie war natürlich nicht dumm und ergriff die Gelegenheit. Sie bat ihren Mann nur, vorher zu duschen, denn er roch fast genauso übel, wie er aussah.

Das allererste kondomlose Abenteuer des Paares dauerte vier Minuten. Dann war Ingmar fertig. Doch Henrietta war trotzdem zufrieden. Ihr geliebter Trottel war wieder zu Hause, und er hatte tatsächlich die Kondome in den Mülleimer geworfen, bevor sie miteinander ins Bett gingen. Sollte das etwa gar bedeuten, dass der ganze Unfug jetzt endlich ein Ende haben würde? Und dass sie vielleicht bald mit einem kleinen Baby gesegnet sein würden?

Fünfzehn Stunden später wachte Ingmar wieder auf. Zunächst erzählte er, dass er den König unten in Nizza tatsächlich getroffen hatte. Beziehungsweise eigentlich umgekehrt. Der König hatte ihn getroffen. Mit einem Spazierstock am Kopf.

≫Na so was aber auch!≪ sagte Henrietta.

Ja, das konnte man wohl sagen. Aber trotzdem war Ingmar dem König nur dankbar. Denn der hatte ihm die Augen geöffnet. Und ihm klargemacht, dass die Monarchie eine Erfindung des Teufels war, die ausgerottet werden musste.

≫Eine Erfindung des Teufels?≪ wiederholte seine Frau verblüfft.

≫Die ausgerottet werden muss.≪ Doch dazu waren sowohl Geduld als auch List vonnöten. Dass Ingmar und Henrietta ein Kind bekamen, gehörte auch zum Plan. Übrigens würde er Holger heißen.

≫Wer?≪, fragte Henrietta.

≫Unser Sohn, wer denn sonst?≪

Henrietta, die sich ihr ganzes Leben lang insgeheim eine Elsa gewünscht hatte, gab zu bedenken, dass es genauso gut eine Tochter werden konnte, wenn sie denn überhaupt ein Kind kriegten. Doch darauf bekam sie nur zu hören, sie solle gefälligst nicht so negativ sein. Wenn sie Ingmar stattdessen ein bisschen Essen machte, versprach er ihr zu erzählen, wie die Zukunft aussehen sollte.

Henrietta fügte sich seinem Wunsch. Sie briet Fleischreste mit Kartoffeln und servierte dazu rote Bete und Ei.

Während er aß, berichtete Ingmar detaillierter von seiner Begegnung mit Gustaf V. Zum ersten — aber bei Weitem nicht letzten — Mal erzählte er vom ≫Laufburschen≪ und ≫Flegel≪. Und zum zweiten — aber bei Weitem nicht letzten — Mal von dem silbernen Spazierstock, der ihn an der Stirn getroffen hatte.

≫Und deswegen soll jetzt die Monarchie ausgerottet werden?≪, fragte Henrietta. ≫Mit Geduld und List? Und wie genau soll das deiner Meinung nach aussehen?≪

Was sie nicht aussprach, sich aber im Stillen dachte, war, dass Geduld und List rückblickend betrachtet keine besonders ausgeprägten Eigenschaften ihres Ehegatten waren.

Ja, Geduld sei eben erforderlich, weil Henrietta und er zwar am Vortag ein Kind gemacht hatten, es aber doch noch ein paar Monate dauerte, bis es endlich da war, wenn er da richtig informiert war. Und dann noch mal mehrere Jahre, bis Holger alt genug war, um die Nachfolge seines Vaters anzutreten.

≫Was denn für eine Nachfolge?≪, fragte Henrietta.

≫In meinem Kampf, liebe Henrietta. In meinem Kampf.≪

Ingmar hatte bei seiner Fahrt per Anhalter quer durch Europa genug Zeit zum Nachdenken gehabt. Die Monarchie auszulöschen würde nicht einfach werden. Das war wohl eher ein Projekt auf Lebenszeit. Und da kam eben Holger ins Spiel, denn wenn Ingmar abtreten musste, bevor der Kampf gewonnen war, musste sein Sohn in seine Fußstapfen treten.

≫Warum eigentlich ausgerechnet Holger?≪ fragte Henrietta, die in diesem Moment noch viel mehr hätte fragen können. Tja, eigentlich konnte der Junge heißen, wie er wollte, denn wichtig war nicht der Name, sondern der Kampf. Doch es wäre unpraktisch, ihm keinen Namen zu geben. Erst hatte Ingmar an Wilhelm gedacht, nach dem berühmten Schriftsteller und Republikaner Vilhelm Moberg, aber dann war ihm eingefallen, dass einer der Söhne des Königs genauso hieß, der Prinz und Herzog von Södermanland.

Stattdessen war er, beginnend bei A, alle Namen durchgegangen, die ihm so einfielen, und als er auf seiner Fahrradtour von Malmö nach Lund bei H angekommen war, musste er an den Soldaten der Heilsarmee denken, den er tags zuvor getroffen hatte. Der hieß eben Holger und hatte wahrlich ein gutes Herz, auch wenn er seine Reifen wirklich nachlässig aufgepumpt hatte. Die Ehrenhaftigkeit und Großzügigkeit, die Holger ihm gegenüber an den Tag gelegt hatte, war wirklich bemerkenswert gewesen. Außerdem konnte sich Ingmar nicht entsinnen, dass es auf der Welt einen einzigen Adligen dieses Namens gab. Holger war so weit entfernt vom Adelskalender, wie es die Situation verlangte.

Damit war Henrietta also so ungefähr im Bilde. Der flammendste Monarchist Schwedens wollte sein Leben nun also dem Vorhaben weihen, das Königshaus in den Staub zu stürzen. Er wollte seiner Berufung bis in den Tod folgen und vorher dafür Sorge tragen, dass seine Nachkommen bereit waren, wenn ihm die Stunde schlug. Alles das zusammengenommen machte ihn zu einem sowohl listigen als auch geduldigen Menschen.

≫Nicht meine Nachkommen≪, korrigierte Ingmar. ≫Mein Nachkomme. Er soll Holger heißen.≪

__________

Wie sich herausstellte, war Holger nicht annähernd so eifrig wie sein Vater. In den nächsten vierzehn Jahren widmete Ingmar sich im Wesentlichen zwei Dingen:

Alles über Unfruchtbarkeit zu lesen, was er in die Finger bekam, und

den König als Staatsmann und Person umfassend und unkonventionell zu schmähen.

Daneben vernachlässigte er seine Arbeit als Beamter auf dem rangniedrigsten Posten in der Post von Södertälje nicht mehr, als sein Vorgesetzter zur Not noch tolerieren konnte, und entging auf diese Art einer Kündigung.

Nachdem er die ganze Stadtbibliothek von Södertälje durchgeackert hatte, fuhr Ingmar regelmäßig nach Stockholm in die Königliche Bibliothek. Ein verabscheuungswürdiger Name, aber dort hatten sie Bücher bis zum Horizont.

Ingmar lernte alles, was es über Störungen des Eisprungs, Chromosomenabweichungen und gestörte Spermienproduktion zu wissen gab. Als er tiefer im Archiv grub, fand er auch Informationen, deren wissenschaftlicher Wert eher fragwürdig war.

So kam es zum Beispiel, dass er an manchen Tagen mit nacktem Unterkörper herumlief, von seiner Heimkehr von der Arbeit (gewöhnlich eine Viertelstunde vor Dienstschluss) bis zu dem Moment, wo es Zeit wurde, ins Bett zu gehen. Auf diese Art hielt er seine Hoden kühl, und das konnte der Schwimmfähigkeit der Spermien nur zugutekommen, wie Ingmar gelesen hatte.

≫Könntest du wohl die Suppe umrühren, während ich die Wäsche aufhänge, Ingmar?≪, sagte Henrietta vielleicht einmal. ≫Nein, da kommen meine Hoden zu nahe an den Herd≪, antwortete Ingmar.

Henrietta liebte ihren Mann noch immer, weil er so voller Leben war, aber zum Ausgleich brauchte sie hie und da eine John Silver mehr. Und noch eine. Übrigens brauchte sie noch eine Zigarette mehr an dem Tag, als Ingmar sich nützlich machen wollte und Sahne kaufen ging. Aus purer Vergesslichkeit unten ohne.

Ansonsten war er eher verrückt als vergesslich. Zum Beispiel hatte er gelernt, wann mit Henriettas Monatsblutung zu rechnen war. So konnte er an aussichtslosen Tagen wegfahren, um seinem Staatsoberhaupt das Leben schwer zu machen. Und das tat er dann auch. Im Großen wie im Kleinen.

Unter anderem gelang es ihm, Seine Majestät an dessen neunzigstem Geburtstag, dem 16. Juni 1948, zu ehren, indem er genau im richtigen Augenblick ein dreizehn Meter breites Transparent direkt über der Kungsgatan und dem königlichen Gefolge entrollte, auf dem stand: ≫Verrecke, alter Bock, verrecke!≪ Gustaf V. sah zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich schlecht, aber diese Aufschrift hätte ein Blinder lesen können. Wie Dagens Nyheter am nächsten Tag berichtete, hatte der König gesagt: ≫Der Schuldige soll gefasst und mir vorgeführt werden!≪

Jetzt auf einmal.

Nach seinem Erfolg auf der Kungsgatan hielt sich Ingmar bis zum Oktober 1950 relativ bedeckt. Da heuerte er einen ahnungslosen jungen Tenor der Stockholmer Oper an, damit er sich vor Schloss Drottningholm stellte und unter dem Fenster des Zimmers, in dem der König im Sterben lag, das Lied ≫Bye-bye, Baby≪ sang. Der Tenor wurde von den Leuten verprügelt, die sich ebenfalls dort versammelt hatten, während Ingmar, der sich in den Gebüschen der Umgebung von früheren Gelegenheiten her gut auskannte, entkommen konnte. Der misshandelte Tenor schrieb ihm einen erbosten Brief und verlangte nicht nur die vereinbarte Bezahlung von zweihundert Kronen, sondern weitere fünfhundert Schmerzensgeld. Doch da Ingmar ihm einen falschen Namen und eine noch falschere Adresse gegeben hatte, verhallte diese Forderung ungehört, alldieweil der Chef der Müllabfuhr von Lövsta den Brief las, zusammenknüllte und in Verbrennungsofen 2 warf.

1955 folgte Ingmar dem neuen König durchs Land, ohne dass ihm irgendein neuer Coup gelingen wollte. Fast wäre er verzweifelt, und er dachte sich, dass gröbere Maßnahmen gefragt waren als bloße Meinungsbildung. Der König saß ja fester denn je auf dem Thron mit seinem fetten Arsch.

≫Kannst du es denn nicht gut sein lassen?≪, fragte Henrietta.

≫Jetzt bist du schon wieder so negativ, meine Liebe. Ich habe gehört, dass man positiv denken muss, wenn man Kinder kriegen will. Außerdem habe ich gelesen, dass du kein Quecksilber trinken solltest, weil das einer entstehenden Schwangerschaft schadet.≪

≫Quecksilber?≪, wunderte sich Henrietta. ≫Warum um Himmels willen sollte ich denn plötzlich Quecksilber trinken?≪

≫Aber das sag ich doch die ganze Zeit! Und du solltest auch kein Soja essen.≪

≫Soja? Was ist das denn?≪

≫Keine Ahnung. Aber iss es nicht.≪

Im August 1960 hatte Ingmar wieder eine neue Idee, wie sie schwanger werden könnte, und wieder war es etwas, was er gelesen hatte.

≫Also, wenn du Kopfstand machst, während wir es tun dann können die Spermien leichter….≪

≫Kopfstand?≪

Henrietta fragte ihren Mann, ob er noch alle Tassen im Schrank habe, und noch während sie es aussprach, ging ihr auf, dass ihr genau dieser Verdacht durchaus schon vorher gekommen war. Aber egal. Es würde ja doch nichts draus werden. Sie hatte resigniert.

Umso überraschender war, dass die bizarre Stellung die Sache unterhaltsamer machte, als sie seit Langem gewesen war. Beide begleiteten das Abenteuer mit freudigen Ausrufen. Henrietta machte sogar einen Vorschlag, als sie entdeckte, dass Ingmar nicht sofort eingeschlafen war:

≫Das war gar nicht so blöd, mein Schatz. Wollen wir es noch mal versuchen?≪

Ingmar, der sich selbst wunderte, dass er noch wach war, erwog Henriettas Worte und antwortete:

≫Verdammt — ja!≪

Ob es beim ersten oder beim zweiten Durchgang geschah, war im Nachhinein nicht festzustellen, aber nach dreizehn Jahren fruchtloser Bemühungen wurde Henrietta endlich schwanger.

≫Holger, mein Holger, endlich bist du unterwegs!≪, jubelte Ingmar den Bauch an, als er es erfuhr.

Henrietta, die genug über Blumen und Bienen wusste, um eine Elsa nicht ganz auszuschließen, ging daraufhin in die Küche, um sich eine Zigarette anzuzünden.

In den folgenden Monaten schaltete Ingmar einen Gang hoch. Jeden Abend las er vor Henriettas wachsendem Bauch laut aus Vilhelm Mobergs Deswegen bin ich Republikaner vor. Beim Frühstück plauderte er jeden Morgen durch den Nabel seiner Frau mit Holger über die republikanischen Gedanken, die ihn gerade erfüllten. Nicht selten wurde Martin Luther angegriffen, der die Meinung vertreten hatte, ≫wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen≪.

Es steckten mindestens zwei Fehler in Luthers Argumentation. Erstens war Gott nicht vom Volk gewählt. Und man konnte ihn auch nicht absetzen. Natürlich konnte man konvertieren, wenn man wollte, aber die Götter schienen letztlich ja doch alle vom selben Schrot und Korn zu sein.

Zweitens musste man sich fragen, wer diese Herren denn wohl sein sollten und warum wir sie nicht erzürnen sollten.

Henrietta mischte sich selten in Ingmars Monologe vor ihrem Bauch, doch ab und zu musste sie ihn unterbrechen, weil sonst das Essen auf dem Herd angebrannt wäre.

≫Warte, ich bin noch nicht fertig≪, sagte Ingmar dann manchmal.

≫Die Grütze aber schon≪ antwortete Henrietta. ≫Du und mein Nabel müsst euch morgen weiter unterhalten, wenn du nicht willst, dass das Haus in Flammen aufgeht.≪

Dann war es so weit. Einen ganzen Monat zu früh. Als das Fruchtwasser abging, war Ingmar glücklicherweise gerade von seiner Arbeit im verfluchten viel zu königlichen Postamt heimgekommen, wo er sich unter Androhung von Repressalien zu guter Letzt doch das Versprechen hatte abringen lassen, Gustav VI. Adolfs Konterfei nicht mehr auf sämtlichen Briefmarken, die ihm in die Finger kamen, mit Hörnern zu Versehen. Und dann ging es ganz schnell. Henrietta schleppte sich zum Bett, während sich Ingmar beim Versuch, die Hebamme anzurufen, derart in der Telefonschnur verhedderte, dass er die ganze Buchse aus der Wand riss. Er stand immer noch fluchend auf der Schwelle zur Küche, als Henrietta nebenan ihr gemeinsames Kind gebar.

≫Wenn du fertig geflucht hast, kannst du gern reinkommen≪, keuchte sie. ≫Aber nimm eine Schere mit, du musst hier nämlich eine Nabelschnur durchschneiden.≪

Eine Schere fand Ingmar zwar nicht (in der Küche kannte er sich nicht so gut aus), aber dafür eine Kneifzange aus dem Werkzeugkasten.

≫Junge oder Mädchen?≪ fragte die Mutter.

Der Form halber warf Ingmar einen Blick auf die Stelle, wo die Antwort auf diese Frage zu finden war, dann sagte er:

≫Klar ist das ein Holger.≪

Gerade wollte er seine Frau auf den Mund küssen, da sagte sie:

≫Au! Ich glaube, da kommt noch eins.≪

Der frischgebackene Vater war verwirrt. Erst hätte er beinahe die Geburt seines Sohnes miterlebt, wenn er sich nicht im Flur im Kabel verheddert hätte. Und wenige Minuten später kam — noch ein Sohn!

Ingmar konnte es nicht gleich verarbeiten, denn Henrietta erteilte ihm nun mit schwacher, aber bestimmter Stimme eine ganze Reihe von Anweisungen, was er zu tun hatte, um das Leben von Mutter und Kind nicht zu gefährden. Aber dann hatten sich die Dinge beruhigt, alles war gut gegangen, abgesehen davon, dass Ingmar nun plötzlich mit zwei Söhnen auf dem Schoß dasaß, wo er doch ganz klar gesagt hatte, dass es nur einer werden sollte. Sie hätten es an jenem Abend eben nicht zweimal machen sollen — jetzt hatten sie den Salat.

Henrietta bat ihren Mann, keinen Blödsinn zu reden, und betrachtete ihre zwei Söhne, erst den einen, dann den anderen. Und dann sagte sie:

≫Ich finde, es sieht so aus, als wäre der Linke Holger.≪

≫Ja≪, murmelte Ingmar. ≫Oder der Rechte.≪

Man hätte die Frage so entscheiden können, dass es natürlich der Erstgeborene sein musste, doch in der allgemeinen Aufregung mit dem Mutterkuchen und dem ganzen Drum und Dran hatte Ingmar Nummer eins und Nummer zwei verwechselt, und jetzt wusste er gar nicht mehr, wer wer war.

≫Verdammich!≪ sagte er und wurde sofort von seiner Frau zurechtgewiesen.

Schimpfwörter sollten nicht das Erste sein, was ihre Söhne zu hören bekamen, nur weil es zufällig einer zuviel geworden war.

Ingmar verstummte. Er überdachte die Situation noch einmal und fasste einen Entschluss.

≫Das ist Holger≪ sagte er und deutete auf das rechte Kind.

≫Aha≪ sagte Henrietta. ≫Und wer ist dann der andere?≪

≫Das ist auch Holger.≪

≫Holger und Holger?≪ Henrietta überkam die jähe Lust auf eine Zigarette. ≫Bist du ganz sicher, Ingmar?≪

Und ob er das war.

Je mehr ich von den Menschen sehe, um so mehr schätze ich Hunde.

Friedrich der Große

Kapitel 5

Von einem anonymen Brief, Frieden auf Erden und einem hungrigen Skorpion

Ingenieur van der Westhuizens Hilfskraft klammerte sich nun wieder an die abwegige Hoffnung, dass eine Veränderung der Gesellschaft sie retten würde. Aber es war nicht leicht für sie, die Chancen auf irgendwelche Ereignisse vorauszusehen, die ihr überhaupt erst eine Zukunft verschaffen könnten, ganz zu schweigen von der Qualität dieser Zukunft.

Die Bücher in der Bibliothek der Forschungsanlage erhellten natürlich gewisse Zusammenhänge, doch das meiste, was hier in den Regalen stand, war zehn Jahre alt oder älter. Unter anderem hatte Nombeko in einer Schrift von 1924 geblättert, in der ein Professor aus London auf zweihundert Seiten überzeugend darzulegen glaubte, warum es nie wieder Krieg geben würde, nämlich aufgrund der Kombination von Völkerbund und Verbreitung der immer beliebteren Jazzmusik.

Da war es schon leichter zu verfolgen, was innerhalb der Zäune und Mauern der Anlage geschah. Leider ging aus den letzten Berichten hervor, dass die fleißigen Mitarbeiter des Ingenieurs das autokatalytische Problem gelöst hatten (und auch noch ein paar andere) und jetzt zu einem Atomtest bereit waren. Ein erfolgreicher Test würde das ganze Projekt gefährlich nahe an seinen Abschluss bringen, zu nahe für Nombekos Geschmack, denn sie hätte gern noch eine Weile weitergelebt.

Sie konnte nur eines tun: hie und da versuchen, die Entwicklung ein wenig zu bremsen. Möglichst ohne dass die Regierung in Pretoria den Verdacht schöpfte, van der Westhuizen sei so unfähig, wie er es tatsächlich war. Es reichte schon, wenn sie die gerade begonnenen Bohrungen in der Kalahari-Wüste vorübergehend zum Stillstand brachte.

Obwohl es mit dem Ethylenglykol nun mal so gelaufen war, wie es gelaufen war, entschied sich Nombeko, die Chinesenmädchen noch einmal um Hilfe zu bitten. Sie fragte, ob es wohl möglich sei, über sie einen Brief zu verschicken, beziehungsweise über die Mutter der Mädchen. Wie funktionierte das überhaupt? Wurde die Ausgangspost denn gar nicht kontrolliert?

Doch, schon. Es gab eine Langnase in der Wache, die nichts anderes zu tun hatte, als alles zu kontrollieren, was nicht an hochgestellte Empfänger adressiert war, die ohnehin offiziell Zugang zu geheimen Dokumenten hatten. Beim geringsten Verdacht öffnete er den Brief und verhörte den Absender ohne Ansehen der Person.

Das wäre natürlich ein unüberwindliches Hindernis gewesen, wenn der Sicherheitschef nicht vor ein paar Jahren die Postarbeiterinnen eingewiesen hätte. Nachdem er den Chinesenmädchen bis ins kleinste Detail erklärt hatte, wie die Sicherheitsmaßnahmen aufgebaut waren, und hinzugefügt hatte, dass diese Maßnahmen notwendig waren, weil man keinem Menschen auf der Welt trauen konnte, entschuldigte er sich, weil er auf die Toilette musste. Woraufhin die Mädchen den Beweis antraten, dass er recht hatte. Sowie sie allein im Zimmer waren, trippelten sie nämlich hinter seinen Schreibtisch, spannten das richtige Papier in die Schreibmaschine und fügten der Liste der hundertvierzehn Personen, die geheime Dolmmente bekommen durften, noch einen Empfänger hinzu.

≫Eure Mutter≪, riet Nombeko.

Die Mädchen nickten lächelnd. Sicherheitshalber hatten sie ihrer Mutter einen hübschen Titel vor den Namen gesetzt: Cheng Lian sah verdächtig aus. Professor Cheng Lian flößte Vertrauen ein. So einfach funktionierte die rassistische Logik.

Nombeko dachte, dass jemand auf einen chinesischen Namen hätte reagieren müssen, Professorentitel hin oder her, aber es schien nun mal im Wesen der Mädchen zu liegen, Risiken einzugehen und ungeschoren davonzukommen. Abgesehen von dieser einen Panne, wegen der sie ebenso wie Nombeko hier eingesperrt waren. Und mit dem Namen ging es schon seit Jahren gut, also würde es wohl auch noch einen Tag länger damit klappen. Konnte Nombeko also tatsächlich einen Brief in einem Brief an Professor Cheng Lian schicken, den die Mutter der Mädchen weiterleitete?

≫Absolut≪, sagten die Mädchen, ohne die geringste Neugier zu zeigen, wem Nombeko eine Botschaft schicken wollte.

An: Präsident James Earl Carter Jr.

Weißes Haus, Washington

Guten Tag, Herr Präsident. Vielleicht könnte es Sie interessieren, dass Südafrika vorhat, binnen drei Monaten unter der Leitung eines durchgängig betrunkenen Vollidioten ein Stück Atombombe mit einer Sprengkraft von circa drei Megatonnen zu zünden. Das soll Anfang 1978 in der Kalahari-Wüste geschehen, genauer gesagt an dieser exakten Position: 26 44’ 26SS, 22 11’ 32Ö. Danach will Südafrika sich mit sechs Bomben derselben Sorte eindecken, um diese nach eigenem Gutdünken einzusetzen.

Mit freundlichen Grüßen

Ein Freund

Nombeko, die sich Gummihandschuhe übergezogen hatte, klebte das Kuvert zu, schrieb Namen und Adresse darauf und kritzelte in eine Ecke noch: ≫Amerika verrecke!≪ Dann steckte sie alles in ein zweites Kuvert, das schon am nächsten Tag nach Johannesburg geschickt wurde, an eine Professorin mit chinesisch klingendem Namen und der Berechtigung, geheime Dokumente zu lesen.

_________________

Das Weiße Haus in Washington war einst von schwarzen Sklaven gebaut worden, die man aus Nombekos Afrika importiert hatte. Es war von Anfang an ein imposantes Gebäude gewesen, und hundertsiebenundsiebzig Jahre später erst recht. Das Haus hatte hundertzweiunddreißig Räume, fünfunddreißig Badezimmer, sechs Stockwerke, eine Bowlingbahn und ein Kino. Und ein Heer von Angestellten, die alles in allem über dreiunddreißigtausend Sendungen pro Monat entgegennahmen.

Diese wurden samt und sonders geröntgt, speziell dafür ausgebildeten Hunden unter die empfindlichen Nasen gehalten und von den Mitarbeitern inspiziert, bevor sie zum eigentlichen Empfänger weiterbefördert wurden.

Nombekos Brief schaffte es sowohl durch die Röntgen- als auch durch die Hundekontrolle, doch als ein träger, nichtsdestoweniger aber aufmerksamer Kontrolleur den Vermerk ≫Amerika verrecke!≪ auf einem Kuvert entdeckte, das direkt an den Präsidenten adressiert war, wurde natürlich Alarm ausgelöst. Zwölf Stunden später war der Brief nach Langley, Virginia, geflogen worden, wo er dem CIA-Chef Stansfield M. Turner vorgelegt wurde. Der Agent berichtete, wie das Kuvert ausgesehen hatte, dass die Fingerabdrücke nicht sonderlich zahlreich waren und an solchen Stellen saßen, dass man sie wahrscheinlich nur diversen Postbeamten zuordnen konnte, dass der Brief keine radioaktive Strahlung verbreitete, dass der Stempel authentisch wirkte, dass das Ganze vor acht Tagen von Postdistrikt Nummer neun in Johannesburg, Südafrika, verschickt worden war und eine Analyse ergeben hatte, dass der Text aus ausgeschnittenen Wörtern des Buches Frieden auf Erden zusammengeklebt war. Letzteres war von einem britischen Professor verfasst worden, der die These verfochten hatte, der Völkerbund und der Jazz könnten die Welt gemeinsam glücklich machen. (Derselbige Professor setzte im Übrigen kurz nach der Veröffentlichung seines Werkes, im Jahre 1939, seinem Leben ein Ende.)

≫Der Jazz sollte Frieden auf Erden schaffen?≪, war das Erste, was dem CIA-Chef dazu einfiel.

≫Wie gesagt, Sir, er hat sich das Leben genommen≪, antwortete der Agent.

Der CIA-Chef bedankte sich bei seinem Agenten und blieb mit dem Brief allein. Drei Telefongespräche und zwanzig Minuten später stand fest, dass der Inhalt des Briefes vollauf mit den Informationen übereinstimmte, die er peinlicherweise vor drei Wochen von den Sowjets bekommen hatte, aber nicht so recht hatte glauben wollen. Der einzige Unterschied bestand darin, dass in dem anonymen Brief die exakten Koordinaten angegeben waren. Insgesamt schien die Information extrem glaubwürdig. Dem CIA-Chef gingen nun hauptsächlich zwei Gedanken durch den Kopf:

Wer zum Teufel war der Absender?

Höchste Zeit, den Präsidenten zu informieren. Der Brief war ja immerhin an ihn gerichtet.

Stansfield M. Turner war unbeliebt, weil er versuchte, so viele Mitarbeiter wie möglich durch Computer zu ersetzen. Einem solchen, nicht etwa einem Menschen, war es auch gelungen, die ausgeschnittenen Worte dem Buch Frieden auf Erden zuzuordnen.

≫Der Jazz sollte Frieden auf Erden schaffen?≪, fragte Präsident Carter seinen alten Kommilitonen Turner, als sie sich am nächsten Tag im Oval Office trafen.

≫Der Verfasser hat sich ein paar Jahre später das Leben genommen, Herr Präsident≪, sagte der CIA-Chef.

Der Gedanke ging Präsident Carter — der Jazz liebte — aber trotzdem nicht aus dem Kopf. Wenn dieser arme Professor nun doch recht gehabt hatte? Vielleicht hatten die Beatles — und danach die Rolling Stones — alles kaputtgemacht?

Der CIA-Chef meinte, man könne den Beatles ja vieles anlasten, aber ganz sicher hätten sie nicht den Vietnamkrieg angefangen. Und er fügte noch hinzu, er habe seine Zweifel an dieser Theorie, denn wenn die Beatles und die Stones den Weltfrieden noch nicht zerstört hatten, boten sich ja mittlerweile die Sex Pistols an.

≫Die Sex Pistols?≪ fragte der Präsident.

≫God save the Queen, she ain’t no human being≪ zitierte der CIA-Chef.

≫Ah, verstehe≪, sagte der Präsident.

Zurück zur eigentlichen Frage. Waren diese Trottel in Südafrika tatsächlich dabei, eine Atombombe zu zünden? Und wurde diese Arbeit von einem Vollidioten geleitet?

≫Das mit dem Vollidioten weiß ich nicht, Sir. Wir haben Hinweise darauf, dass die Tätigkeit von einem gewissen Ingenieur van der Westhuizen überwacht wird, der sein Studium an einer der besten Universitäten Südafrikas mit Bestnote abgeschlossen hat. Ganz bestimmt wissenschaftliche Elite.≪

Aber trotzdem deutete vieles darauf hin, dass die übrigen Informationen korrekt waren. Der KGB war so freundlich gewesen, ihnen einen Tipp zu geben, was da vor sich ging. Und nun eben dieser Brief. So wie der formuliert war, hätte der CIA-Chef Stein und Bein geschworen, dass nicht der KGB dahintersteckte. Außerdem wiesen die Satellitenfotos der CIA auf Aktivität in der Wüste hin, und zwar exakt an der Stelle, die der geheimnisvolle Briefschreiber angegeben hatte.

≫Aber warum denn dann dieses ’Amerika Verrecke’ auf dem Kuvert?≪ wunderte sich Präsident Carter.

≫Das hatte zur Folge, dass der Brief unverzüglich auf meinem Schreibtisch landete, und ich glaube, das war auch der Hintergedanke des Verfassers. Der scheint sehr gut zu wissen, wie der Sicherheitsdienst tickt, der einen Präsidenten zu bewachen hat. Umso mehr rätseln wir, wer das sein könnte. Wie auch immer, er hat es wirklich schlau angestellt.≪

≫Hm≪, machte der Präsident. Er kapierte nicht so ganz, was an diesem ≫Amerika verrecke!≪ so schlau sein sollte. Oder auch an der Behauptung, Elizabeth II. gehöre einer anderen Rasse an als der menschlichen.

Aber er bedankte sich bei seinem alten Freund — und bat seine Sekretärin, Premierminister Vorster in Pretoria anzurufen. Präsident Carter war verantwortlich für zweiunddreißig Atomraketen, die in alle möglichen Richtungen ausgerichtet waren. Bei Breschnjew in Moskau sah es ungefähr genauso aus. Was die Welt in dieser Situation nicht brauchte, waren weitere sechs Waffen derselben Sprengkraft. Diesem Vorster würde er jetzt was erzählen!

_________________

Vorster schäumte vor Wut. Der amerikanische Präsident, dieser Erdnusszüchter und Baptist, hatte sich erdreistet, ihn anzurufen und zu behaupten, dass Vorbereitungen für einen Atomtest in der Kalahari-Wüste getroffen wurden. Außerdem hatte er die Koordinaten der exakten Position heruntergerasselt. Diese Anschuldigung entbehrte jeder Grundlage und war ungeheuer beleidigend! Vorster knallte erbost den Hörer auf die Gabel, war aber klug genug, es dabei bewenden zu lassen. Stattdessen rief er sofort in Pelindaba an, um Ingenieur Van der Westhuizen aufzufordern, seinen Test anderswo durchzuführen.

≫Wo denn?≪, fragte Ingenieur van der Westhuizen, während seine Putzfrau den Boden rund um seine Füße scheuerte.

≫Egal, wo, aber nicht in der Kalahari≪, sagte Premierminister Vorster.

≫Das wirft uns um Monate zurück, wenn nicht gar um ein Jahr oder mehr≪, wandte der Ingenieur ein.

≫Verdammt noch mal, tun Sie gefälligst, was ich Ihnen sage.≪

__________

Die Hilfskraft des Ingenieurs ließ ihn zwei ganze Jahre darüber nachgrübeln, wo der Atomtest durchgeführt werden konnte, wenn die Kalahari-Wüste nicht mehr zur Verfügung stand. Die beste Idee, die van der Westhuizen hatte, bestand darin, das Scheißding in einem der Homelands abzufackeln, aber das überzeugte nicht mal ihn selbst so richtig.

Nombeko merkte, dass der Aktienwert des Ingenieurs sich einem neuerlichen Tiefststand näherte und dass es Zeit wurde, den Kurs wieder steigen zu lassen. Aber da kam ihr das Glück zu Hilfe, ein äußerer Umstand, der dem Ingenieur und damit seiner Putzfrau ein weiteres halbes Jahr Aufschub verschaffte.

Wie sich herausstellte, hatte Premierminister B.J. Vorster es satt, dass ihm im eigenen Lande ständig nur Genörgel und Undankbarkeit entgegenschlugen. Deswegen hatte er mit ein bisschen Unterstützung fünfundsiebzig Millionen Rand aus der Staatskasse herausgezaubert und die Zeitung Der Bürger ins Leben gerufen, welche im Gegensatz zum Bürger im Allgemeinen rückhaltlos positiv gegenüber der südafrikanischen Regierung eingestellt war und ihre Fähigkeit schätzte, die Eingeborenen und den Rest der Welt an der kurzen Leine zu halten.

Dummerweise machte ein besonders hinterhältiger Bürger die Sache allgemein bekannt. Unterdessen bezeichnete das verdammte Weltgewissen einen geglückten Militäreinsatz in Angola als Abschlachten von sechshundert Zivilisten. Da wurde es für Vorster Zeit zu gehen.

≫Nee, nee, Gottverdammich≪, sagte er ein letztes Mal und zog sich 1979 aus der Politik zurück. Nun musste er nur noch nach Kapstadt heimfahren und sich mit einem Drink auf die Terrasse seiner Luxusvilla setzen, mit Aussicht bis nach Robben Island, wo der Terrorist Mandela einsaß.

≫Eigentlich sollte doch Mandela verfaulen, nicht ich≪, dachte Vorster, während er verfaulte.

Der Nachfolger auf dem Posten des Premierministers, P.W. Botha, wurde ≫Die Groot Krokodil≪ genannt, das große Krokodil, und hatte dem Ingenieur in Pelindaba schon beim ersten Gespräch furchtbar Dampf gemacht. Nombeko sah ein, dass der Atomtest jetzt nicht noch länger aufgeschoben werden konnte. Daher ergriff sie eines späten Vormittags, als der Ingenieur noch ansprechbar war, das Wort.

≫Ähm, Herr Ingenieur…?≪, sagte sie, während sie sich seinen Aschenbecher vom Schreibtisch angelte.

≫Was gibt es denn nun schon wieder?≪, fragte der Ingenieur.

≫Ähm…ich hab mir bloß gedacht…≪, begann Nombeko. Da sie nicht unterbrochen wurde, fuhr sie fort: ≫Ich hab mir bloß gedacht, wenn es in ganz Südafrika zu eng ist und in der Kalahari jetzt Sprengverbot herrscht, warum testen Sie die Bombe dann nicht auf See?≪

Südafrika war in drei Himmelsrichtungen von unendlich viel Meer umgeben. Nombeko hatte sich schon lange gedacht, dass doch eigentlich jedes Kind begreifen musste, wo der beste Ort für den Test war, nachdem die Wüste nicht mehr zur Verfügung stand. Wie erwartet, hellte sich die Miene des Kindes Van der Westhuizen schlagartig auf. Eine Sekunde lang. Bis ihm wieder einfiel, dass ihn die Sicherheitspolizei davor gewarnt hatte, mit der Flotte zusammenzuarbeiten. Bei der gründlichen Ermittlung, die man angestellt hatte, nachdem Präsident Carter offensichtlich Kenntnis von dem geplanten Atomtest in der Kalahari erhalten hatte, war Vizeadmiral Johan Charl Walters als Hauptverdächtiger übrig geblieben. Admiral Walters hatte Pelindaba nur drei Wochen Vor Carters Anruf besucht und vollen Einblick in das laufende Projekt erhalten. Außerdem war er mindestens sieben Minuten allein in Van der Westhuizens Büro gewesen, als sich nämlich der Ingenieur eines Morgens aufgrund des dichten Verkehrs verspätete. (So lautete bei van der Westhuizens Vernehmung seine Umschreibung dafür, dass er etwas zu lange in der Bar hängen geblieben war, wo er sein flüssiges Frühstück einzunehmen pflegte). Die Theorie lautete, dass Walters sauer geworden war, als klar war, dass er seine U-Boote nicht mit Kernwaffen bestücken durfte, und dass er daraufhin das Geheimnis an die USA ausgeplaudert hatte.

≫Ich trau der Flotte nicht≪, murmelte der Ingenieur seiner Putzfrau zu.

≫Dann bitten Sie doch die Israelis um Hilfe≪ riet Nombeko.

In diesem Moment klingelte das Telefon.

≫Ja, Herr Premierminister…selbstverständlich ist mir die Bedeutung des …ja, Herr Premierminister…nein, Herr Premierminister…da kann ich Ihnen nicht ganz zustimmen, wenn der Herr Premierminister entschuldigen. Auf meinem Schreibtisch liegt ein detaillierter Plan, wie wir zusammen mit den Israelis einen Test im Indischen Ozean durchführen können. Binnen drei Monaten, Herr Premierminister. Danke, Herr Premierminister, zu gütig. Nochmals danke. Ja, auf Wiederhören.≪

Ingenieur van der Westhuizen legte auf und kippte in einem Zug das ganze Glas Kognak, das er sich frisch eingeschenkt hatte. Und sagte dann zu Nombeko:

≫Jetzt steh da nicht so blöd rum, hol mir die beiden Israelis.≪

Der Test wurde tatsächlich gemeinsam mit den Israelis durchgeführt. Ingenieur van der Westhuizen fühlte sich dem ehemaligen Premierminister und Exnazi Vorster sehr verbunden für den Geniestreich, eine Zusammenarbeit mit Jerusalem zu etablieren. Im Krieg, in der Liebe und in der Politik war schließlich alles erlaubt. Die Vertreter Israels vor Ort waren zwei ebenso aufgeblasene wie beschränkte Mossadagenten. Leider begegnete der Ingenieur den beiden öfter als nötig, und er konnte beim besten Willen dieses überlegene Lächeln nicht ab, das ihm sagte: ≫Wie konntest du so bescheuert sein, eine Gans aus noch nicht mal richtig getrocknetem Ton zu kaufen und zu glauben, sie wäre zweitausend Jahre alt?≪

Wenn der mutmaßliche Verräter Vizeadmiral Walters außen vor gelassen wurde, bekam Amerika von dem ganzen Vorhaben auch nichts mit. Ha! Die Sprengung würde zwar von einem amerikanischen Vela-Satellit registriert werden, aber dann war es schon zu spät.

Der neue Premierminister P.W. Botha war so begeistert vom Ergebnis des Atomtests, dass er auf einen Besuch in die Forschungsanlage kam und drei Flaschen Schaumwein aus Constantia mitbrachte. Dann veranstaltete er eine Dankesfeier im Büro des Ingenieurs, zusammen mit Van der Westhuizen, den beiden Mossadagenten und einer N egerin, die sie bediente. Premierminister Botha hätte sich nie erlaubt, eine Negerin als Negerin zu bezeichnen, das ließ seine Position nicht zu. Aber denken durfte man ja noch, was man wollte.

Sie bediente die Herren auf jeden Fall so, wie es sich gehörte, und sorgte im Übrigen dafür, dass sie mit dem Hintergrund — einer weißen Tapete — Verschmolz, so gut es eben ging.

≫Prost, Herr Ingenieur!≪ sagte Premierminister Botha und hob das Glas. ≫Auf Sie!≪

Ingenieur Van der Westhuizen wirkte ein wenig verlegen in seiner Heldenrolle und bat Wiehießsienochgleich diskret, ihm nachzuschenken, während der Premierminister höfliche Konversation mit den Mossadagenten betrieb.

Doch dann schlug die relativ gemütliche Situation von einer Sekunde auf die andere ins Gegenteil um. Als sich nämlich der Premierminister erneut an Van der Westhuizen wandte, mit den Worten:

≫Wie beurteilt der Herr Ingenieur eigentlich die Tritiumproblematik?≪

__________

Premierminister P.W. Bothas Hintergrund war dem seines Vorgängers nicht ganz unähnlich. Das neue Oberhaupt des Landes war vielleicht einen Tick schlauer, weil er sich vom Nationalsozialismus lossagte, als er sah, wohin die Reise ging. Stattdessen begann er, seine Überzeugungen als ≫christlichen Nationalismus≪ zu etikettieren. Auf diese Art entging er einer Internierung, als die Alliierten im Weltkrieg die Oberhand gewannen, und konnte anschließend ohne Karenzzeit politische Karriere machen.

Botha und seine reformierte Kirche wussten, dass die Wahrheit in der Bibel zu lesen stand, wenn man sie denn sorgfältig genug las. Schon das Erste Buch Mose erzählte ja vom Turmbau zu Babel, dem Versuch der Menschen, ein Gebäude bis zum Himmel zu errichten. Das hielt Gott für Übermut, er zürnte ihnen und verstreute die Menschen über die ganze Welt, nicht ohne die Sprachverwirrung als zusätzliche Strafe über sie zu verhängen.

Verschiedene Völker, verschiedene Sprachen. Das hatte Gott so gewollt, um die Völker voneinander zu scheiden. Grünes Licht von allerhöchster Stelle also, um die Völker nach Hautfarbe zu trennen.

Das große Krokodil hatte das Gefühl, dass er seinen Aufstieg auch der Hilfe des Herrn zu verdanken hatte. Bald schon war er Verteidigungsminister in Vorsters Regierung. Auf dieser Stelle orchestrierte er den erfolgreichen Fliegerangriff auf die Terroristen in Angola, den die begriffsstutzige Umwelt als Abschlachten unschuldiger Opfer bezeichnete. ≫Wir haben Beweisfotos!≪, sagte die Welt. ≫Am wichtigsten ist das, was man nicht sieht≪ meinte das Krokodil, ein Ausspruch, mit dem er zumindest seine Mutter überzeugen konnte.

Nun, das Problem für Ingenieur van der Westhuizen war, dass P.W. Bothas Vater Befehlshaber im zweiten Burenkrieg gewesen war und dass Botha selbst militärische Taktiken und strategische Fragen sozusagen im Blut hatte. Deswegen besaß er auch brüchstückhafte Kenntnisse von den technischen Hintergründen des Kernwaffenprogramms, dessen oberster Vertreter Ingenieur van der Westhuizen war. Botha hatte keinerlei Grund zu der Annahme, dass der Ingenieur nur bluffte, seine Frage hatte er einfach nur in neugierigem Plauderton gestellt.

_________________

Ingenieur van der Westhuizen schwieg zehn Sekunden. Die Situation drohte, äußerst peinlich für ihn zu werden — und geradezu lebensgefährlich für Nombeko, die sich dachte, wenn dieser Idiot nicht gleich die einfachste Frage der Welt beantwortet, ist er geliefert. Und ich gleich mit ihm. Auch wenn sie es leid war, ihn schon wieder retten zu müssen, zog sie doch ihre neutrale braune Reserveflasche Klipdrift aus der Tasche, trat neben ihn und sagte, wie sie sehe, habe der Herr Ingenieur gerade wieder Probleme mit seinem Asthma.

≫Hier, nehmen Sie einen tüchtigen Schluck, dann können Sie gleich wieder sprechen und dem Herrn Premierminister sagen, dass die kurze Halbwertszeit des Tritiums kein Problem darstellt, weil sie keinerlei Einfluss auf die Sprengkraft der Bombe hat.≪

Der Ingenieur leerte die ganze Medizinflasche und fühlte sich sofort besser. Unterdessen starrte Premierminister Botha mit aufgerissenen Augen die Hilfskraft an.

≫Kennen Sie sich mit der Tritiumproblematik aus?≪ fragte er

≫Ach nein, du liebe Güte≪, lachte Nombeko. ≫Wissen Sie, ich bin nur jeden Tag hier im Zimmer und putze, und der Herr Ingenieur murmelt die ganze Zeit Formeln und seltsames Zeug vor sich hin. Da ist wahrscheinlich einfach mal was in meinem kleinen Köpfchen hängen geblieben. Darf ich dem Herrn Premierminister nachschenken?≪

Premierminister Botha ließ sich noch etwas Schaumwein eingießen und sah Nombeko lange nach, während sie zu ihrer Tapete zurückging. Unterdessen räusperte sich der Ingenieur und entschuldigte sich für seinen Asthmaanfall und dafür, dass seine Hilfskraft die Frechheit besessen hatte, den Mund aufzumachen.

≫Es ist einfach so, dass die Halbwertszeit des Tritiums für die Sprengkraft der Bombe nicht relevant ist≪, sagte der Ingenieur.

≫Ja, das habe ich gerade auch schon vom Servicepersonal gehört≪ erwiderte der Premierminister säuerlich.

Botha stellte dann keine weiteren schwierigen Fragen, sondern gewann rasch wieder seine gute Laune zurück, da Nombeko eifrig Blubberwasser nachschenkte. Ingenieur van der Westhuizen hatte auch diese Krise überstanden. Und mit ihm seine Putzfrau.

Als die erste Bombe fertiggestellt war, wurde die weitere Produktion so organisiert, dass zwei hochqualifizierte Arbeitsgruppen unabhängig voneinander jeweils eine Bombe bauten, nach dem Modell der ersten. Die Teams waren gehalten, extrem sorgfältig zu dokumentieren, wie sie beim Bau vorgegangen waren. Auf diese Weise konnte die Produktion von Bombe zwei und drei bis ins kleinste Detail abgeglichen werden — erst miteinander und dann mit Nummer eins. Dieser Vergleich wurde vom Ingenieur höchstpersönlich durchgeführt und von niemand anders (außer von der, die ja sowieso nicht zählte).

Wenn die Bomben identisch waren, waren sie auch korrekt gebaut worden. Zwei unabhängig voneinander arbeitende Gruppen konnten kaum dieselben Fehler begehen. Nach Angaben von Wiehießsienochgleich lag das statistische Risiko dafür bei 0,0054 Prozent.

_________________

Nombeko suchte immer noch nach etwas, was ihr Hoffnung geben konnte. Die drei Chinesinnen wussten eine ganze Menge, zum Beispiel, dass die ägyptischen Pyramiden in Ägypten standen, wie man Hunde vergiftet und was man beachten muss, wenn man Brieftaschen aus der Innentasche eines Jacketts klaut. Das war es dann so ungefähr.

Der Ingenieur murmelte oft irgendwelche Kommentare vor sich hin, zur Entwicklung in Südafrika und der ganzen Welt, doch Informationen aus dieser Quelle gehörten gefiltert und interpretiert, weil in groben Zügen alle Politiker auf dieser Erde Idioten oder Kommunisten waren und ihre Entscheidungen samt und sonders entweder idiotisch oder kommunistisch. Wenn sie kommunistisch waren, waren sie auf jeden Fall idiotisch.

Als das Volk in den USA einen ehemaligen Hollywoodschauspieler zum Präsidenten wählte, hielt der Ingenieur nicht nur diesen Präsidenten, sondern auch dessen ganzes Volk für unfähig. Immerhin musste Ronald Reagan sich aber nicht Kommunist schimpfen lassen. Der Ingenieur stellte jedoch Vermutungen zur sexuellen Orientierung des Präsidenten an, da er die These vertrat, sämtliche Männer, die andere Meinungen vertraten als er selbst, seien homosexuell.

Die Chinesinnen und der Ingenieur in allen Ehren, aber als Nachrichtenquelle konnten sie dem Fernseher im Wartezimmer vor van der Westhuizens Büro nicht das Wasser reichen. Nombeko schaltete ihn oftmals heimlich ein und verfolgte die Nachrichten oder Diskussionssendungen, während sie so tat, als scheuerte sie den Boden. Dieser Korridor hatte den bei Weitem am gründlichsten geputzten Boden in der ganzen Forschungsanlage.

≫Bist du schon wieder am Feudeln hier?≪ fragte der Ingenieur einmal gereizt, als er gegen halb elf am Vormittag in die Arbeit geschlendert kam, mindestens eine Viertelstunde früher, als Nombeko ihn erwartet hätte. ≫Und wer hat den Fernseher angemacht?≪

Das hätte im Hinblick auf die zukünftige Informationsbeschaffung ganz schön übel ausgehen können, doch Nombeko kannte ihren Ingenieur. Statt seine Frage zu beantworten, wechselte sie einfach das Thema.

≫Beim Aufräumen hab ich eine halb Volle Flasche Klipdrift auf dem Schreibtisch des Ingenieurs gefunden. Ich dachte, der ist bestimmt schon alt und muss weggegossen werden, aber ich war nicht ganz sicher und wollte vorher lieber noch mal den Herrn Ingenieur fragen.≪

≫Weggießen? Bist du noch ganz richtig im Kopf ?≪ Der Ingenieur eilte in sein Büro, um sich zu vergewissern, dass die Leben spendenden Tropfen noch da waren. Um zu verhindern, dass Wiehießsienochgleich auf dumme Ideen kam, überführte er die Tropfen sofort von der Flasche in den eigenen Blutkreislauf. Und hatte schon bald Fernseher, Boden und Putzfrau vergessen.

_________________

Und dann kam sie endlich.

Die Chance.

Wenn Nombeko alles richtig machte und sich ein bisschen vom Glück des Ingenieurs leihen konnte, würde sie bald eine freie Frau sein. Frei und verfolgt, aber trotzdem. Der Zufall hatte — ohne dass Nombeko etwas davon ahnte — seinen Ursprung auf der anderen Seite des Erdballs.

Chinas faktisches Staatsoberhaupt, Deng Xiaoping, bewies schon früh sein Talent, Konkurrenten aus der Bahn zu manövrieren, und das bereits, bevor der senile Mao Tse-tung gestorben war. Am spektakulärsten war vielleicht das Gerücht, dass er die Krebsbehandlung von Maos rechter Hand Tschou En-lai verhinderte. Wenn man Krebspatient ist und keine Krebstherapie bekommt, geht das selten gut aus. Je nachdem, wie man es betrachtet. Jedenfalls starb Zhou Enlai zwanzig Jahre nach dem misslungenen Versuch der CIA, ihn in die Luft zu sprengen.

Danach stand die ≫Viererbande≪ mit Maos Frau an der Spitze schon kurz davor, ihm in die Quere zu kommen. Doch sobald der Alte endlich seinen letzten Seufzer getan hatte, wurden die vier verhaftet und eingesperrt, woraufhin Deng mit voller Absicht vergaß, wo er den Schlüssel hingelegt hatte.

In puncto Außenpolitik war er ziemlich sauer auf diese Trantüte von Breschnjew in Moskau. Dem die Trantüte Andropow folgte. Dessen Nachfolger Tschernenko sich als die größte Trantüte von allen herausstellte. Doch Tschernenko konnte glücklicherweise nicht mehr viel tun, nachdem er sein Amt angetreten hatte, denn dann musste er auch schon für immer abtreten. Es hieß, dass Ronald Reagan ihn mit seinem Krieg der Sterne zu Tode erschreckt hatte. Jetzt hatte irgend so ein Gorbatschow die Macht übernommen, und tja, von der Trantüte zum Grünschnabel. Der Neue wollte sich so allerlei beweisen.

Neben vielen anderen Problemen war Chinas Position in Afrika ein ewiger Grund zum Kummer. Die Sowjets hatten jahrzehntelang bei diversen afrikanischen Befreiungskämpfen mitgemischt. Vor allem mit dem Engagement in Angola hatten sie ein Exempel statuiert. Die MPLA bekam sowjetische Waffen und musste im Austausch nur Resultate in der richtigen ideologischen Richtung präsentieren. Und selbstverständlich den sowjetischen Weg einschlagen. Verdammt!

Die Sowjets beeinflussten Angola und andere Länder im Süden Afrikas in eine Richtung, die sich so gar nicht mit den Vorstellungen der USA und Südafrikas vereinbaren ließ. Und was nahm China für eine Position in diesem allgemeinen Chaos ein? Lernten sie von den kommunistischen Abtrünnigen im Kreml? Oder gingen sie Hand in Hand mit den US-amerikanischen Imperialisten und dem Apartheidregime in Pretoria?

Noch mal Verdammt!

Es wäre ja auch möglich gewesen, überhaupt keine Position einzunehmen und ≫walk-over≪ zu geben, wie die verfluchten Amerikaner es nannten. Wäre da eben nicht der Verdacht gewesen, dass Südafrika Kontakte zu Taiwan unterhielt.

Es war ein offenes Geheimnis, dass die USA einen Atomtest in der Kalahari-Wüste verhindert hatten. Also ahnten alle, was Südafrika gerade so trieb. Mit ≫alle≪ waren in diesem Zusammenhang sämtliche Nachrichtendienste gemeint, die ihren Namen verdienten.

Das entscheidende Problem bei der Sache war, dass nicht nur die Kalahari-Information auf Dengs Schreibtisch lag, sondern auch Berichte des Geheimdienstes, die behaupteten, dass Südafrika mit Taipeh über Kernwaffen verhandelte. Dass sich die Taiwanesen Missiles besorgten, die sie dann auf Festlandchina richten konnten, war völlig unakzeptabel. Wenn das geschah, würde es zu einer Zuspitzung der Lage im Südchinesischen Meer kommen, deren Ende nicht abzusehen war. Wo doch auch die amerikanische Paziffikflotte gleich nebendran lag.

Deng musste sich also auf die eine oder andere Weise mit dem widerwärtigen Apartheidregime verständigen. Sein Geheimdienstchef hatte zwar vorgeschlagen, nichts zu unternehmen und einfach abzuwarten, bis das südafrikanische Regime von selbst zusammenbrach. Daher war sein Geheimdienstchef nun auch nicht mehr Geheimdienstchef — denn wäre China sicherer, wenn Taiwan mit einer Atommacht im freien Fall Geschäfte machte? Darüber konnte sich der ehemalige Geheimdienstchef während der Arbeit in seinem neuen Job als Wachmann in der Pekinger U-Bahn Gedanken machen.

Mit der Situation umgehen, lautete die Devise. So oder so.

Deng konnte unmöglich selbst hinfahren und sich neben dem alten Nazi Botha ablichten lassen (obwohl der Gedanke auch etwas Verlockendes hatte, denn in der richtigen Dosis genossen, hatte der dekadente Westen durchaus seinen Charme). Und er konnte auch keinen seiner engsten Vertrauten hinschicken. Nach außen hin durfte es keinesfalls so aussehen, als würden Peking und Pretoria auf freundschaftlichem Fuß miteinander verkehren.

Andererseits war auch keinem damit gedient, wenn er einen rangniederen Bürokraten entsandte, der weder die rechte Beobachtungsgabe noch politisches Fingerspitzengefühl besaß. Außerdem musste der chinesische Gesandte ja auch einigermaßen hohe amtliche Würden bekleiden, um überhaupt eine Audienz bei Botha zu bekommen.

Es musste also irgendjemand sein, der tatsächlich etwas bewirken konnte — der aber trotzdem dem ständigen Ausschuss des Politbüros nicht so nahestand, dass man ihn sofort als Vertreter Pekings identiffizieren konnte. Deng Xiaoping fand die Lösung in Gestalt des jungen Parteisekretärs der Guizhou-Provinz. Dort gab es fast mehr Völkergruppen als Menschen, aber der junge Mann hatte erst kürzlich unter Beweis gestellt, dass man auch anstrengende Minderheiten wie die Yao, Miao, Yi, Qiang, Dong, Zhuang, Buyi, Bai, Tujia, Gelao und Shui zusammenhalten konnte.

Wer auf diese Art elf Bälle in der Luft zu halten vermochte, der dürfte auch mit dem Exnazi Botha zurechtkommen, dachte sich Deng und sorgte dafür, dass der betreffende junge Mann nach Pretoria geschickt wurde.

Sein Auftrag: Südafrika durch die Blume mitteilen, dass eine Zusammenarbeit mit Taiwan in puncto Kernwaffen nicht akzeptabel war, und den Südafrikanern zu verstehen geben, mit wem man es hier zu tun bekam, wenn man Streit suchte.

_________________

P.W. Botha war überhaupt nicht scharf drauf, einen chinesischen Provinzchef zu empfangen, das war unter seiner Würde. Im Übrigen war Botha gerade noch würdevoller geworden, weil der Titel Premierminister durch Präsident ersetzt worden war. Wie würde denn das aussehen, wenn er — der Präsident! — irgend so einen dahergelaufenen Chinesen empfing? Wenn er die alle empfangen wollte und jedem auch nur ein paar Sekunden widmete, würde er über dreizehntausend Jahre brauchen. Und Botha glaubte nicht, dass er so lange leben würde. Im Gegenteil, er fühlte sich schon ganz schön verbraucht, trotz seines neuen Titels.

Gleichzeitig verstand er, was für eine Taktik dahintersteckte, wenn China ihm einen solchen Handlanger schickte. Peking wollte sich nicht der Anschuldigung aussetzen, sich mit der Regierung in Pretoria zu verbrüdern. Was umgekehrt genauso galt.

Blieb nur die Frage, was sie von ihm wollten. Hatte es mit Taiwan zu tun? Das wäre komisch, weil die Zusammenarbeit mit den Taiwanesen beendet worden war, ohne dass jemals etwas dabei herausgekommen wäre.

Na, es war wohl das Beste, wenn Botha diesen Boten trotzdem empfing.

≫Ich bin ja neugierig wie ein Kleinkind≪ sagte er zu sich selbst und lächelte, obwohl er im Grunde genommen nichts zu lächeln hatte.

Um den Verstoß gegen die Etikette zu umgehen, dass ein Präsident einen Botenjungen empfängt, kam Botha auf die Idee, ein Treffen und ein gemeinsames Abendessen mit dem Chinesen so einzurichten, wie es dessen Rang entsprach. Er würde einfach zufällig vorbeikommen, und dann Ach, Sie hier? Darf man sich dazusetzen? So in der Art.

Daher rief Botha den Chef des streng geheimen Kernwaffenprogramms an und befahl ihm, einen chinesischen Gast zu empfangen, der ein Treffen mit dem Präsidenten wünschte. Der Ingenieur sollte mit dem Gast auf Safari gehen und danach am Abend noch was Feines essen. Beim Abendessen sollte der Ingenieur dem Chinesen zu verstehen geben, dass man mit der Kompetenz südafrikanischer Militäringenieurskunst rechnen musste, ohne direkt die Wahrheit über die Kernwaffen zu sagen.

Es war wichtig, dass diese Botschaft ankam. Man musste Stärke zeigen, ohne etwas Konkretes zu sagen. Und dann würde zufällig Präsident Botha vorbeikommen, und essen muss der Mensch ja schließlich, daher würde er dem Ingenieur und dem Chinesen an ihrer Tafel gerne Gesellschaft leisten.

≫Vorausgesetzt, dass Ingenieur van der Westhuizen nichts dagegen hat?≪

Dem Ingenieur schwirrte der Kopf. Er sollte also einen Gast empfangen, den der Präsident nicht selbst treffen wollte. Er sollte dem Gast erklären, wie sich die Dinge verhielten, ohne die Dinge dabei beim Namen zu nennen, und mittendrin würde dann der Präsident, der den Gast nicht treffen wollte, doch noch auftauchen, um den Gast zu treffen.

Dem Ingenieur war klar, dass er akute Gefahr lief, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Im Übrigen wusste er nur, dass er den Präsidenten nun sofort zu dem Abendessen einladen musste, das der Präsident ihm selbst auszurichten befohlen hatte.

≫Der Herr Präsident ist mir selbstverständlich herzlich willkommen zum Abendessen!≪ sagte Ingenieur van der Westhuizen. ≫Das versteht sich doch von selbst! Wann soll das Essen denn stattfinden? Und wo?≪

Und so wurde das, was ursprünglich Deng Xiaoping in Peking Kopfzerbrechen bereitet hatte, das Problem von Ingenieur Van der Westhuizen in Pelindaba. Er Verstand nämlich überhaupt nichts von dem Projekt, das er hier leitete. Small Talk betreiben und schlau wirken, wenn man es mitnichten ist, ist gar nicht so einfach. Die Lösung musste so aussehen, dass er Wiehießsienochgleich als Gehilfin und Gepäckträgerin mitnahm. Dann konnte sie dem Ingenieur diskret kluge Bemerkungen zu seinem Projekt einflüstern, natürlich sorgfältig abgewogene, damit nicht zu viel verraten wurde. Oder zu wenig.

Dieses Abwägen würde Wiehießsienochgleich bestimmt ganz galant hinbekommen.

Wie alles andere, was dieses verdammte Weibsstück anfasste.

_________________

Vor der Chinesensafari mit anschließendem Abendessen, zu dem auch der Präsident dazustoßen sollte, war die Putzfrau des Ingenieurs genau instruiert worden. Zur Sicherheit half Nombeko dem Ingenieur auch noch mit diesen Instruktionen, damit er sich nicht vertat.

Sie sollte sich nie weiter als eine Armeslänge vom Ingenieur entfernen, und wann immer es die Konversation erforderte, sollte sie ihm kluge Kommentare ins Ohr flüstern. Ansonsten sollte sie schön den Mund halten und sich wie die Nichtexistenz benehmen, die sie ja im Grunde auch war.

Neun Jahre zuvor war Nombeko zu sieben Jahren im Dienste des Ingenieurs verurteilt worden. Als ihre Strafe abgelaufen war, unterließ sie es jedoch, ihn daran zu erinnern, denn sie war zu dem Schluss gekommen, dass sie lieber gefangen und am Leben war als frei und tot.

Doch schon bald sollte sie auf der anderen Seite des Zauns und des Minenfelds stehen, meilenweit entfernt von den Wachen und ihren neuen Schäferhunden. Wenn es ihr gelang, von diesem streng überwachten Ort zu fliehen, würde sie auf einen Schlag eine der meistgesuchten Personen Südafrikas werden. Polizei, Sicherheitspolizei und Militär würden sie überall suchen. Außer in der Nationalbibliothek in Pretoria vielleicht. Und da wollte sie als allererstes hin.

Vorausgesetzt, die Flucht gelang.

Der Ingenieur hatte sie netterweise informiert, dass der Chauffeur, der zugleich den Safariguide abgab, ein Gewehr dabeihatte und angewiesen war, nicht nur aggressive Löwen zu erschießen, sondern im Fall des Falles auch flüchtende Putzfrauen. Aus Sicherheitsgründen hatte der Ingenieur vor, selbst eine Pistole im Halfter zu tragen. Eine Glock 17, neunmal neunzehn Millimeter mit siebzehn Patronen im Magazin. Nichts, womit man Elefanten oder Nashörner zur Strecke bringen könnte, aber fünfundfünfzig Kilo schwere Gehilfinnen durchaus.

≫Dreiundfünfzig, wenn ich bitten darf≪, sagte Nombeko.

Sie zog in Erwägung, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit die Schublade im Büro des Ingenieurs aufzuschließen, in der er seine Pistole verwahrte, und die siebzehn Patronen herauszunehmen, ließ es aber bleiben. Wenn der Suffkopp wider Erwarten dahinterkam, würde er ihr die Schuld geben, und dann war die Flucht zu Ende, bevor sie auch nur angefangen hatte.

Stattdessen beschloss sie, den Ball flach zu halten und eine günstige Gelegenheit abzuwarten, sich dann aber mit höchstmöglicher Geschwindigkeit im Busch zu verdrücken. Ohne sich von Chauffeur oder Ingenieur in den Rücken schießen zu lassen. Und am besten auch, ohne sich unterwegs mit Tieren anzulegen, die zu erlegen der eigentliche Zweck einer Safari war.

Wann war also die Gelegenheit günstig? Am Vormittag nicht, denn da war der Chauffeur noch wachsam und der Ingenieur auch noch nüchtern genug, um etwas anderes zu schießen als sich selbst in den Fuß. Vielleicht ja direkt nach der Safari, kurz vor dem Abendessen, wenn van der Westhuizen schon einigermaßen angeschickert, aber auch nervös wegen des Treffens mit dem Präsidenten war? Und wenn der Chauffeur nach vielen Stunden Dienst fertig geguidet hatte.

Ja, dann war der richtige Zeitpunkt da. Nun galt es nur noch, diese Gelegenheit zu erkennen und beim Schopf zu packen.

_________________

Die Safari konnte beginnen. Der Chinese hatte seinen eigenen Dolmetscher mitgebracht. Der Ausflug nahm jedoch den schlimmstmöglichen Anfang, als dieser Dolmetscher zum Pinkeln dummerweise ins hohe Gras ging. Noch dümmer war, dass er es in Sandalen tat.

≫Hilfe, ich sterbe≪ sagte er, als er einen Stich im linken großen Zeh spürte und einen Skorpion durchs Gras davonhuschen sah.

≫Sie hätten nicht ohne ordentliches Schuhwerk in so hohes Gras gehen dürfen. Eigentlich überhaupt nicht, vor allem nicht, wenn der Wind weht≪, erklärte Nombeko.

≫Hilfe, ich sterbe≪, wiederholte der Dolmetscher.

≫Warum nicht, wenn der Wind weht?≪, wollte der Ingenieur wissen, nicht aus Sorge um die Gesundheit des Dolmetschers, sondern aus reiner Neugier.

Nombeko erläuterte, dass die Insekten bei starkem Wind im Gras Schutz suchen, woraufhin die Skorpione aus ihren Löchern gekrochen kommen, um Beute zu machen. Und heute stand ihnen dabei ein großer Zeh im Wege.

≫Hilfe, ich sterbe≪, wiederholte der Übersetzer schon wieder.

Nombeko wurde klar, dass der wimmernde Dolmetscher wirklich glaubte, was er sagte.

≫Nein, ich bin ganz sicher, dass Sie nicht sterben werden≪, sagte sie. ≫Der Skorpion war klein, und Sie sind groß. Aber wir können Sie auch gern ins Krankenhaus schicken, damit die Wunde ordentlich versorgt wird. Ihr Zeh wird demnächst auf seine dreifache Größe anschwellen und sich blau verfärben, und dann wird er scheiß wehtun, wenn Sie den Ausdruck verzeihen wollen. Dolmetschen werden Sie vorerst jedenfalls nicht können.≪

≫Hilfe, ich sterbe≪, sagte der Dolmetscher zum vierten Mal.

≫Langsam wünschte ich, Sie hätten recht≪, sagte Nombeko.

≫Statt hier rumzufaseln, dass Sie sterben, wenn Sie gar nicht sterben müssen, sollten Sie positiv denken: Es war ein Skorpion, keine Kobra. Und jetzt haben Sie gelernt, dass man in Afrika nicht ungestraft in der Gegend herumpinkeln kann. Es gibt schließlich überall sanitäre Einrichtungen. Da, wo ich herkomme, sogar reihenweise.≪

Der Dolmetscher verstummte vor Schreck bei dem Gedanken, dass der Skorpion, an dessen Biss er sterben würde, auch eine Kobra hätte sein können, an deren Biss er unter Garantie gestorben wäre. In der Zwischenzeit besorgte der Guide ein Auto mit Chauffeur, das den Mann ins Krankenhaus bringen sollte.

Der vom Skorpion Gestochene wurde auf den Rücksitz eines Landrover verfrachtet und fing wieder damit an, seine Vorahnungen, die eigene Gesundheit betreffend, kundzutun. Der Chauffeur verdrehte nur die Augen und verschwand.

Da standen der Ingenieur und der Chinese nun und sahen sich an.

≫Wie soll das denn jetzt gehen?≪ murmelte der Ingenieur auf Afrikaans.

≫Wie soll das denn jetzt gehen?≪, murmelte der Chinese in seinem Wu-chinesischen Dialekt.

≫Ist der Herr Chinese etwa aus Jiangsu?≪, erkundigte sich Nombeko in ebendiesem Dialekt. ≫Vielleicht sogar aus Jianyan?≪

Der Chinese, der in Jiangyan in der Provinz Jiangsu aufgewachsen war, traute seinen Ohren nicht.

Unfassbar, wie diese verdammte Wiehießsienochgleich Ingenieur van der Westhuizen pausenlos ärgerte. Nun stand sie doch tatsächlich hier und unterhielt sich in einer völlig unmöglichen Sprache mit dem chinesischen Gast, und der Ingenieur hatte überhaupt keine Kontrolle darüber, was da gesagt wurde.

≫Entschuldigung, aber was geht hier eigentlich vor?≪, fragte er.

Nombeko erklärte, zufälligerweise sprächen der Gast und sie dieselbe Sprache, und deswegen sei es gar nicht weiter schlimm, dass der Dolmetscher mit einem blauen Zeh im Krankenhaus lag und sich selbst bedauerte, statt seine Arbeit zu tun. Natürlich nur, wenn der Herr Ingenieur nichts dagegen hatte, dass sie diesen Job übernahm. Oder zog er es vielleicht vor, dass sie sich einen Tag und einen Abend lang anschwiegen?

Nein, das zog der Herr Ingenieur nicht vor. Aber er wolle Wiehießsienochgleich doch bitten, sich aufs Dolmetschen zu beschränken. Small Talk mit dem Chinesen wäre höchst unangebracht.

Nombeko versprach, so wenig Small Talk wie möglich zu treiben. Sie hoffte nur, dass der Ingenieur Verständnis hatte, wenn sie dem Herrn Chinesen antwortete, sobald er sie ansprach? Der Ingenieur selbst predigte ihr ja immer, dass sie es so halten solle. Außerdem könne man doch auch sagen, dass sich die Dinge optimal entwickelt hatten:

≫Jetzt kann der Herr Ingenieur über moderne Waffentechnologie und andere Dinge, von denen er nicht besonders viel versteht, sagen, was er will. Sollte er die falschen Worte wählen — und das können wir ja nicht völlig ausschließen, gell? — na, dann korrigiere ich das einfach beim Dolmetschen.≪

In der Sache hatte Wiehießsienochgleich recht. Und da sie im Grunde tief unter ihm stand, brauchte er auch nicht missmutig zu werden. Leben heißt Überleben, dachte der Ingenieur. Er spürte, dass der Zufall seine Chancen wesentlich verbessert hatte, das Abendessen mit dem Chinesen und dem Präsidenten zu überstehen.

≫Wenn du das hier hinkriegst, dann werde ich zusehen, ob ich dir nicht doch mal eine neue Scheuerbürste besorgen kann≪, sagte er.

Die Safari wurde ein voller Erfolg: Die Teilnehmer bekamen ≫die Großen Fünf≪ aus nächster Nähe zu sehen. Dazwischen war Zeit für Kaffeepausen und Small Talk. Nombeko erzählte dem Chinesen, dass Präsident Botha in fünf Stunden zufällig vorbeikommen würde. Der Chinese bedankte sich für diese Information und versprach, so überrascht wie möglich auszusehen. Nombeko sagte nicht, dass sie alle wohl genauso überrascht sein würden, wenn die Dolmetscherin mitten unterm Abendessen in der Safarilodge plötzlich verschwand. Da konnten sie dann hübsch beisammensitzen und einander dumm anglotzen.

Nombeko stieg aus dem Landrover, um den Ingenieur ins Restaurant zu begleiten. Sie war total auf ihre baldige Flucht konzentriert. K0nnte sie wohl durch die Küche und von dort durch die Hintertür fliehen? Irgendwann zwischen Hauptgericht und Dessert?

Sie wurde aus ihren Überlegungen gerissen, als der Ingenieur stehen blieb und auf sie zeigte.

≫Was ist das da?≪, fragte er.

≫Das da?≪, wiederholte Nombeko. ≫Das bin ich. Wie heißich noch gleich.≪

≫Nein, du dumme Nuss. Was du da anhast, meine ich.≪

≫Eine Jacke.≪

≫Und warum hast du die an?≪

≫Weil es meine ist. Hat der Herr Ingenieur heute ein bisschen zu viel am Kognak genippt, wenn ich fragen darf ?≪

Der Ingenieur schaffte es nicht mehr, seine Putzfrau für ihren Ton zurechtzuweisen.

≫Worauf ich hinauswill — falls du zumindest so viel Grips hast, dass du mir zuhören kannst —, ist, dass diese Jacke einfach grässlich aussieht. ≪

≫Eine andere Jacke hab ich nun mal nicht, Herr Ingenieur.≪

≫Egal. Wenn du den Präsidenten unseres Landes treffen sollst, kannst du nicht aussehen, als kamst du direkt aus dem Slum.≪

≫Obwohl das ja genau genommen zutrifft≪ sagte Nombeko.

≫Zieh sofort die Jacke aus und lass sie im Auto! Und beeil dich, der Präsident wartet.≪

Nombeko wurde klar, dass sich die geplante Flucht gerade erledigt hatte. Der Saum ihrer einzigen Jacke war voller Diamanten, von denen sie den Rest ihres Lebens zehren wollte — wenn ihr die Umstände denn ein Leben gewährten. Ohne die Steine, auf der Flucht vor dem südafrikanischen Unrechtswesen nein, da konnte sie genauso gut gleich bleiben, wo sie war. Bei Präsidenten, Chinesen, Bomben und Ingenieuren. Und ihr Schicksal abwarten.

_________________

Das Abendessen begann damit, dass Ingenieur van der Westhuizen seinem Präsidenten den Vorfall mit dem Skorpion erläuterte. Das sei aber alles gar nicht so schlimm, denn der Ingenieur sei so voausschauend gewesen, die Bedienstete mitzunehmen, die zufällig Chinesisch sprach.

Eine schwarze Südafrikanerin, die Chinesisch sprach? Und — Moment mal, war das denn nicht dieselbe Frau, die beim letzten Besuch des Präsidenten auf Pelindaba bedient und sich dabei zur Tritiumproblematik geäußert hatte? P.W. Botha beschloss, nicht weiter nachzuhaken, weil ihm sowieso schon der Kopf wehtat. Stattdessen begnügte er sich mit der Auskunft des Ingenieurs, dass die Dolmetscherin kein Sicherheitsrisiko darstellte, aus dem einfachen Grund, dass sie die Anlage nie verließ.

Wie es sich für einen Präsidenten gehört, übernahm P. W. Botha das Ruder beim Tischgespräch. Er begann damit, dass er von der stolzen Geschichte Südafrikas erzählte. Die Dolmetscherin Nombeko hatte sich inzwischen mit dem Gedanken abgefunden, dass aus den neun Jahren Gefangenschaft noch mehr werden würden. In Ermangelung neuer Ideen, wie sie diesem Zustand abhelfen könnte, übersetzte sie daher wortwörtlich.

Der Präsident erzählte noch mehr von der stolzen Geschichte Südafrikas. Nombeko dolmetschte wortwörtlich.

Der Präsident erzählte noch ein bisschen mehr von der stolzen Geschichte Südafrikas. Da wurde Nombeko es leid, dem Chinesen noch mehr Dinge zu dolmetschen, auf die er gut und gerne verzichten konnte. Stattdessen wandte sie sich an ihn und sagte:

≫Wenn der Herr Chinese möchte, kann ich ihm noch ein bisschen mehr von dem selbstgefälligen Gefasel des Präsidenten übersetzen. Ansonsten könnte ich Ihnen erzählen, dass sich herausstellen wird, Wie gut sie in der Produktion moderner Waffen sind, und dass die Chinesen deswegen Respekt vor ihnen haben sollten.≪

≫Ich danke dem Fräulein für seine Aufrichtigkeit≪ sagte der Chinese. ≫Und Sie haben ganz recht, ich muss tatsächlich nicht noch mehr über die Vortrefflichkeit Ihres Landes erfahren. Aber dolmetschen Sie jetzt doch bitte, und sagen Sie, dass ich sehr dankbar bin für diese lebendige Geschichtsschilderung.≪

Das Abendessen nahm seinen Fortgang. Beim Hauptgericht war es Zeit für Ingenieur van der Westhuizen, einen Kommentar zu seinen großen Talenten abzugeben. Was er am Ende vorbrachte, war ein erstunkenes und erlogenes Wirrwarr das hinten und vorne nicht zusammenpasste. Doch van der Westhuizens Darstellung war derart verwickelt, dass sogar der Präsident den Faden verlor (das gehörte auch zu dem Glück, das der Ingenieur immer wieder im Leben hatte, bis es ihn eines Tages verließ). Nombeko hätte sich schwergetan, dieses Kuddelmuddel zu übersetzen, selbst wenn sie es versucht hätte. Stattdessen sagte sie einfach:

≫Ich werde dem Herrn Chinesen den Nonsense ersparen, den der Herr Ingenieur gerade von sich gegeben hat. Die Tatsachen sehen folgendermaßen aus: Die Südafrikaner wissen inzwischen, wie man Kernwaffen baut, und haben bereits ein paar fertig — trotz des Ingenieurs. Aber ich habe weder Taiwanesen hier rumschleichen sehen, noch habe ich gehört, dass eine der Bomben für den Export bestimmt wäre. Darf ich wohl empfehlen, dass Sie jetzt etwas Höfliches antworten und anschließend vorschlagen, dass auch die Dolmetscherin einen Happen zu essen bekommt, weil ich nämlich am verhungern bin.≪

Der chinesische Bote fand Nombeko absolut hinreißend. Er lächelte freundlich und sagte, dass Herrn van der Westhuizens Kenntnisse ihm wahrlich imponierten. Des Weiteren wolle er zwar die südafrikanischen Traditionen nicht verachten, nichts liege ihm ferner, aber die chinesischen welchen verlangten, dass Menschen, die mit am Tisch saßen, auch Essen vorgesetzt bekamen. Der Chinese meinte, ihm sei nicht wohl dabei, dass die großartige Dolmetscherin nichts zu essen bekäme, und fragte, ob der Herr Präsident wohl gestatte, dass er ihr etwas von seinem Essen abgab.

Präsident Botha schnipste mit den Fingern und bestellte noch eine Portion für die Eingeborene. War ja nicht so schlimm, wenn sie etwas in den Magen bekam, wenn es den Gast denn glücklich machte. Außerdem schien sich das Gespräch ja bestens zu entwickeln, der Chinese sah schon ganz zahm aus.

Als das Abendessen vorüber war, war Folgendes geschehen:

China wusste, dass Südafrika eine Atommacht war.

Nombeko hatte mit dem Generalsekretär der chinesischen Guizhou-Provinz einen Freund fürs Leben gewonnen.

Ingenieur Van der Westhuizen hatte wieder mal eine Krise überstanden, weil

P.W’. Botha in groben Zügen mit der Entwicklung zufrieden war, denn er durchblickte die Lage eben nicht. Und last, but not least:

Die fünfundzwanzigjährige Nombeko Mayeki war immer noch in Pelindaba gefangen, hatte sich aber zum ersten Mal im Leben so richtig satt essen können.

Kapitel 6

Von Holger und Holger und einem gebrochenen Herzen

Es hatte schon immer zu Ingmars Plan gehört, dass Holger von Geburt an im republikanischen Geist erzogen werden sollte. An die eine Wand des Kinderzimmers hängte er nebeneinander zwei lebensgroße Porträts von Charles de Gaulle und Franklin D. Roosevelt, ohne darüber nachzudenken, dass die beiden sich nicht hatten leiden können. An die andere Wand kam Finnlands Urho Kekkonen. Diese drei Herren verdienten ihren Ehrenplatz, alldieweil sie vom Volke gewählt waren. Sie waren Präsidenten.

Ingmar schauderte bei der grässlichen Vorstellung, dass jemand qua Geburt dazu bestimmt sein sollte, Repräsentant und Oberhaupt einer ganzen Nation zu werden, ganz abgesehen von der persönlichen Tragödie, vom ersten Tag seines Lebens an in vorgefertigte Wertvorstellungen gepresst zu werden, ohne sich wehren zu können. So was sollte als Kindesmisshandlung geahndet werden, dachte er sich und hängte zur Sicherheit auch noch den ehemaligen argentinischen Präsidenten Juan Perön an die Wand im Kinderzimmer des noch ungeborenen Holger.

Ingmar mit seiner Ungeduld war es ein Dorn im Auge, dass Holger gesetzlich zum Schulbesuch verpflichtet war. Natürlich musste der Junge Lesen und Schreiben lernen, aber abgesehen davon trichterten sie den Kindern ja auch noch Religion, Erdkunde und anderen Unfug ein, Dinge, die nur auf Kosten der einzig wahren Ausbildung gingen, der wichtigen Ausbildung zu Hause, die sich darum drehte, dass der König, eventuell auch auf demokratischem Wege, abgesetzt und durch einen vom Volk gewählten Repräsentanten ersetzt werden musste.

≫Eventuell auch auf demokratischem Wege?≪, fragte Henrietta.

≫Nun wollen wir doch nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, meine Liebe≪, antwortete Ingmar.

Zu Anfang gab es ein logistisches Problem, als Holger nämlich nicht nur einmal, sondern zweimal innerhalb weniger Minuten zur Welt kam. Aber wie schon so oft gelang es Ingmar, eine Widrigkeit des Schicksals ins Gegenteil zu verkehren. Er hatte eine Idee, die so revolutionär war, dass er sie vierzig Sekunden lang abwägen und den Beschluss dann seiner Frau mitteilen musste.

Er hatte sich nämlich ausgerechnet, dass Holger und Holger sich den Schulbesuch ja teilen konnten. Da es eine Hausgeburt gewesen war, musste man einfach nur den einen melden, egal, welchen, und den anderen verheimlichen. In diesem Zusammenhang war es durchaus ein glücklicher Zufall zu nennen, dass Ingmar vor Aufregung die Telefonbuchse aus der Wand gerissen hatte, so dass die Hebamme, die sonst die einzige Zeugin gewesen wäre, gar nicht hinzugerufen werden konnte.

Ingmar hatte nun den Einfall, dass Holger 1 am Montag in die Schule gehen könnte, während Holger 2 zu Hause blieb, um von seinem Vater in Republiklehre gedrillt zu werden. Am Dienstag tauschten die Jungen den Platz, und so sollte es immer weitergehen. Als Resultat stellte sich Ingmar vor, dass seine Söhne einigermaßen ausreichende Kenntnisse in den schulischen Fächern erwarben, dazu aber auch ausreichende Mengen von wirklich wichtigem Wissen.

Henrietta hoffte, sich verhört zu haben. Meinte Ingmar etwa, sie sollten den einen Jungen sein ganzes Leben lang verheimlichen?

Vor der Schule? Vor den Nachbarn? Vor der Welt?

So ungefähr, nickte Ingmar. Im Namen der Republik.

Mit der Schule musste man sowieso vorsichtig sein, von zu vielen Büchern konnte man nämlich auch blöd werden. Er selbst war ja auch Buchhalter geworden, ohne allzu viel gelesen zu haben.

≫Buchhaltungsassistent≪ korrigierte Henrietta, woraufhin sie zu hören bekam, dass sie nun schon wieder jedes Wort auf die Goldwaage legte.

Worüber hatte sie sich noch gleich Sorgen gemacht? Was die Nachbarn und die Welt sagen würden? Aber bitte. Nennenswerte Nachbarn hatten sie ja gar nicht hier draußen im Wald. Außer Johan auf dem Hügel, aber was machte der schon groß, außer Elche wildern? Ohne was abzugeben. Und die Welt im Allgemeinen war doch nichts, was man sonderlich respektieren müsste, oder? Überall bloß Monarchien und Dynastien.

≫Und was ist mit dir?≪ fragte Henrietta. ≫Willst du deine Arbeit in der Post kündigen, damit du die ganze Zeit mit einem der Jungen zu Hause sein kannst? Hattest du dir das etwa so vorgestellt, dass ich ganz alleine jede einzelne Krone für diese Familie verdienen soll?≪

Ingmar fand es schade, dass Henrietta so engstirnig war. Natürlich musste er bei der Post aufhören, er konnte ja schlecht zwei Vollzeitjobs haben. Aber er würde schon seine Verantwortung für die Familie übernehmen. Zum Beispiel wollte er ihr gerne in der Küche helfen. Schließlich war es jetzt nicht mehr wichtig, seine Hoden kühl zu halten.

Henrietta antwortete, der einzige Grund, warum Ingmar überhaupt in die Küche fand, seien ihre beengten Wohnverhältnisse. Sie würde es schon schaffen, ihren Schneiderinnenjob, das Kochen und das Windelwechseln unter einen Hut zu bekommen, solange Ingmar und seine Hoden ihrem Herd fernblieben.

Und dann lächelte sie trotz allem. Dass ihr Mann voller Leben war, war noch untertrieben.

Ingmar kündigte schon am nächsten Tag. Er durfte noch am selben Tag gehen, bekam volle drei Monatslöhne und löste an diesem Abend ein spontanes Freudenfest bei den sonst so stillen, grauen Männern und Frauen in der Postbuchhaltung aus.

Man schrieb das Jahr 1961. Dasselbe Jahr, in dem ein außergewöhnlich kluges Mädchen in einer Hütte in Soweto geboren wurde, eine halbe Ewigkeit entfernt.

_________________

In den ersten Lebensjahren von Holger und Holger verbrachte Ingmar seine Tage damit, abwechselnd seiner Frau im Weg zu stehen und hinauszuziehen, um Lausbubenstreiche verschiedenster republikanischer Qualität zu spielen.

Auch wurde er Mitglied des republikanischen Klubs unter der moralischen Leitung des großen Vilhelm Moberg. Die Schriftstellerlegende Moberg war wütend auf alle verräterischen Sozialisten und Liberalen, die sich die Republik zwar ins Parteiprogramm geschrieben hatten, aber nichts für ihre Verwirklichung taten.

Doch da Ingmar nicht aufdringlich erscheinen wollte, wartete er bis zum zweiten Treffen des Klubs, bevor er vorschlug, dass er selbst ja die ansehnliche Kasse des Klubs verwalten könnte, und zwar zu dem Zweck, den Kronprinzen zu kidnappen und zu verstecken, um damit den ständigen Nachschub an Thronfolgern abzuschneiden.

Nach ein paar Sekunden verblüfften Schweigens am republikanischen Tisch geleitete Moberg höchstpersönlich Ingmar zur Tür und gab ihm zum Abschied einem wohlgezielten Tritt in den Hintern.

Mobergs rechter Fuß plus der folgende Sturz die Treppe hinunter hatten ihm wehgetan, aber ansonsten war eigentlich nichts Schlimmes passiert, dachte Ingmar, während er davonhinkte. Ihren republikanischen Klub, in dem sie sich sowieso nur gegenseitig beweihräucherten, konnten sie sich an den Hut stecken. Ingmar hatte andere Ideen.

Zum Beispiel schloss er sich der rückgratlosen Sozialistischen Partei an. Die Sozialdemokraten waren in Schweden an der Macht, Seit Per Albin Hansson die Nation mithilfe von Horoskopen durch die Schrecken des Zweiten Weltkriegs gelenkt hatte. Hansson selbst hatte vor dem Krieg Karriere gemacht, indem er sich in erster Linie die Republik auf die Fahnen schrieb, doch als der alte Abstinenzler auf einem Posten war, auf dem er dahingehend etwas hätte bewegen können, votierte er doch lieber für Poker und Schnaps mit den Jungs, statt seiner Überzeugung zu folgen. Das war besonders traurig, weil Hansson nachweislich ein wirklich geschickter Mann war, sonst hätte er es wohl kaum geschafft, jahrelang Ehefrau und Geliebte bei Laune zu halten, und das mit zwei Kindern pro Haushalt.

Ingmars Plan bestand darin, so weit in der sozialdemokratischen Hierarchie aufzusteigen, dass er eines Tages die Macht hatte, auf parlamentarischem Wege den verdammten König dort hinzuschicken, wo der Pfeffer wuchs. Den Sowjets war es bereits gelungen, einen Hund ins Weltall zu schießen, beim nächsten Mal konnten sie dann ja gerne das schwedische Staatsoberhaupt mitnehmen, dachte er auf dem Weg zum Parteibüro. Allerdings ging er nach Eskilstuna, weil die Sozialdemokraten in Södertälje nämlich Wand an Wand mit den Kommunisten seines Schwiegervaters residierten.

Ingmars politische Karriere war jedoch noch kürzer als diejenige im republikanischen Klub. Er wurde an einem Donnerstag in die Partei aufgenommen und bekam gleich einen Stapel Flugblätter, die er am Samstag darauf vor dem Spirituosengeschäft verteilen sollte.

Das Problem war nur, dass der international orientierte Eskilstuna-Distrikt die Forderung vertrat, Ngo Dinh Diem in Saigon müsse abtreten. Aber Diem war doch ein gewählter Präsident! Nach tausend Jahren kaiserlicher Dynastie!

Natürlich war es dabei nicht so ganz mit rechten Dingen zugegangen. So hieß es zum Beispiel, dass sich sein Bruder erst das Hirn mit Opium weggeraucht und dann in seiner Eigenschaft als verantwortlicher Stimmenzähler bei der vietnamesischen Präsidentenwahl zwei Millionen Extra-Wähler für Diem dazuhalluziniert hatte.

Ganz so durfte es natürlich auch nicht laufen, aber deswegen gleich zu verlangen, dass der Präsident abtrat, das ging denn doch zu weit.

Also warf Ingmar die Flugblätter in den Eskilstuna-Fluss, um stattdessen eigene zu drucken, auf denen er im Namen der Sozialdemokratie Diem und das tatkräftige amerikanische Militär pries.

Der Schaden für die Sozialdemokratische Partei hielt sich jedoch in Grenzen, da drei von vier führenden Mitgliedern zufällig schon am Samstagmorgen etwas im Spirituosengeschäft zu erledigen hatten. Ingmars Flugblätter landeten im Papierkorb statt in den Händen potenzieller Wähler, während Ingmar selbst gebeten wurde, sein Parteibuch, das er noch nicht mal erhalten hatte, unverzüglich wieder abzugeben.

_________________

Die Jahre gingen ins Land. Holger und Holger wuchsen heran und ähnelten sich, ganz wie von Ingmar geplant, wie ein Ei dem anderen.

Mama Henrietta verbrachte ihre Tage damit, Kleider zu nähen, ihre Nerven mit John Silver zu beruhigen und Liebe über ihre drei Kinder auszuschütten. Das älteste von ihnen verbrachte den Großteil seiner Tage damit, vor den Jungen das Loblied der Republik zu singen, und den Rest der Zeit damit, zu sporadischen Überraschungsangriffen nach Stockholm auszurücken, um die monarchistischen Reihen zu stören. Jedes Mal, wenn Letzteres angesagt war, musste Henrietta von vorne anfangen, Geld in der Zuckerdose zu sammeln, die sie einfach nie gut genug verstecken konnte.

Trotz gewisser persönlicher Rückschläge waren die Sechzigerjahre doch ein einigermaßen befriedigendes Jahrzehnt für Ingmar und seinen Kampf. Beispielsweise übernahm in Griechenland eine Militärjunta die Macht und verjagte König Konstantin II. und seinen Hof bis nach Rom. Alles deutete darauf hin, dass die griechische Monarchie Geschichte war und das Land wirtschaftlich gesehen einer rosigen Zukunft entgegenging.

Die Erfahrungen aus Vietnam und Griechenland zeigten Ingmar, dass man Veränderungen eben doch mit Gewalt erzwingen musste. Er hatte also recht gehabt und Vilhelm Moberg unrecht. Den Tritt in den Hintern spürte er noch Jahre später. Scheißschriftsteller.

Wenn der schwedische König schon nicht Laika im Weltraum Gesellschaft leisten wollte, konnte er ja gerne auch nach Rom ziehen. Da hatte er dann auch ein paar Leute, mit denen er sich abends treffen konnte. Diese verdammten königlichen Hoheiten waren ja alle untereinander verwandt.

Und wieder stand ein neues Jahr vor der Tür. 1968 sollte Ingmars Jahr werden, verkündete er seiner Familie zu Weihnachten. Und das der Republik.

≫Na prima≪, sagte Henrietta und öffnete das Weihnachtsgeschenk ihres geliebten Mannes. Sie hatte sich nichts Großes erwartet, aber trotzdem:

Ein gerahmtes Porträt des isländischen Präsidenten Ásgeir Ásgeirsson.

Für Henrietta, die eigentlich vorgehabt hatte, mit dem Rauchen aufzuhören.

Im Herbst 1968 traten Holger und Holger ins schwedische Schulwesen ein, nach dem Schema des täglichen Wechsels, wie es Ingmar an dem Tag beschlossen hatte, an dem sich herausstellte, dass er mehr als einen Sohn bekommen hatte.

In der Schule wunderte sich der Lehrer, dass das, was Holger am Montag gelernt hatte, schon tags darauf wieder vergessen war, und dass die am Dienstag erworbenen Kenntnisse einen Tag später verloren, dafür aber diejenigen vom Montag wieder da waren.

Nun, im Großen und Ganzen kam der Junge ja zurecht und schien trotz seiner jungen Jahre politisch sehr interessiert, also musste man sich wohl keine allzu großen Sorgen machen.

In den nächsten Jahren lief der generelle Wahnsinn insofern auf Sparflamme, als Ingmar das größere Gewicht auf den häuslichen Unterricht legte, statt draußen rumzurennen und Unfug zu treiben. Wenn doch, nahm er jedes Mal die Kinder mit. Vor allem der eine brauchte besondere Aufsicht, denn bei dem Knaben, den man von Anfang an Holger 2 genannt hatte, zeigten sich deutliche Anzeichen, dass er im Glauben nicht ganz fest war. Ganz anders als beim ersten.

Der Zufall hatte es so gewollt, dass Holger 1 beim Einwohnermeldeamt gemeldet wurde. Somit hatte er zum Beispiel einen eigenen Ausweis, während Nummer zwei in legaler Hinsicht überhaupt nicht existierte. Er war quasi in Reserve. Das Einzige, was Nummer zwei im Unterschied zu Nummer eins besaß, war ganz offensichtlich ein helles Köpfchen. Da er sich mit dem Lernen so leichttat, ging auch immer Holger 2 in die Schule, wenn Prüfungen anstanden, egal, wer laut Plan an der Reihe war. Außer einmal, als Nummer zwei Fieber hatte. Da nahm ihn ein paar Tage später sein Erdkundelehrer beiseite und bat ihn zu erklären, wie er darauf verfallen war, die Pyrenäen in Norwegen anzusiedeln.

Henrietta sah, dass Nummer zwei ziemlich unglücklich war, und wurde dadurch selbst noch unglücklicher. War es möglich, dass ihr geliebter Dussel tatsächlich keine Grenzen kannte?

≫Natürlich habe ich Grenzen, liebe Henrietta≪, sagte Ingmar. ≫Über genau dieses Thema habe ich ein bisschen nachgedacht. Ich bin mittlerweile gar nicht mehr so sicher, dass man die ganze Nation auf einen Schlag erobern kann.≪

≫Nicht die ganze Nation?≪, sagte Henrietta.

≫Auf einen Schlag≪, sagte Ingmar.

Schweden war ja exemplarisch langgezogen von der Form her. Ingmar hatte sich schon lange mit dem Gedanken getragen, das Land Stück für Stück zu bekehren, ganz unten im Süden anzufangen und sich dann allmählich nach oben vorzuarbeiten. Natürlich ginge es auch andersrum, aber da oben im Norden war es so verdammt kalt. Wer konnte schon bei vierzig Grad unter Null die Staatsform verändern?

Noch schlimmer war es für Henrietta, dass Nummer eins überaupt keine Zweifel zu haben schien. Seine Augen leuchteten nur. Je wilder Ingmar sich ausdrückte, umso mehr leuchteten sie. Sie beschloss, kein Jota mehr von diesem ganzen Wahnsinn zu akzeptieren, weil sie sonst selbst wahnsinnig werden würde.

≫Jetzt bleibst du zu Hause, sonst schmeiß ich dich raus!≪ sagte sie zu Ingmar.

Ingmar liebte seine Henrietta und respektierte ihr Ultimatum. Der Schulbesuch im Zwei-Tages-Wechsel wurde zwar so fortgesetzt, ebenso die niemals erlöschenden Bezugnahmen auf verschiedenste Präsidenten von damals und heute. Der Wahnsinn war eben nicht auszurotten und quälte Henrietta weiter. Doch Ingmars diverse Ausflüge unterblieben ganz, bis die Kinder sich dem Abitur näherten.

Da erlitt er einen Rückfall und zog wieder los, um vor dem Stockholmer Schloss zu demonstrieren, in dessen Mauern gerade ein Kronprinz zur Welt gekommen war.

Damit war es genug. Henrietta rief Holger und Holger zu sich und bat sie, sich mit ihr in die Küche zu setzen.

≫Ich werde euch jetzt alles erzählen, meine geliebten Kinder≪, begann sie.

Und dann erzählte sie.

Ihre Erzählung dauerte zwanzig Zigarettenlängen. Von ihrer allerersten Begegnung mit Ingmar 1943 im Gericht von Södertälje bis in die Gegenwart.

Sie vermied es, Ingmars Lebensführung zu beurteilen, und beschrieb einfach nur, was bis zu diesem Tag alles passiert war. Auch, wie er die Neugeborenen vertauscht hatte, so dass er am Ende gar nicht mehr sagen konnte, wer als erstes gekommen war.

≫Es ist möglich, dass du Nummer zwei bist, Nummer eins, aber das weiß ich nicht. Keiner weiß das≪, sagte Henrietta.

Sie fand die ganze Geschichte selbsterklärend und erwartete, dass ihre Söhne schon die richtigen Schlüsse ziehen würden, wenn sie fertig war.

Damit hatte sie genau zur Hälfte recht.

Die beiden Holgers lauschten. Für den einen hörte es sich an wie eine Heldensage, die Beschreibung eines von Pathos beseelten Mannes, der unermüdlich gegen ständigen Gegenwind ankämpfte. Für den anderen hörte es sich eher nach der Chronik eines angekündigten Todes an.

≫Das war alles, was ich zu sagen hatte≪, schloss Henrietta. ≫Für mich war es wichtig, das einmal loszuwerden. Denkt darüber nach, was ich euch gesagt habe, und darüber, wo ihr eigentlich im Leben hinwollt — und dann können wir uns ja vielleicht morgen beim Frühstück noch mal darüber unterhalten, ja?≪

Henrietta betete in dieser Nacht zu Gott, auch wenn sie die Tochter eines lokalen Kommunistenführers war. Sie betete, dass ihre beiden Söhne ihr und ebenso Ingmar vergeben konnten. Sie betete, dass die Kinder es verstehen würden, dass man die Dinge noch in Ordnung bringen konnte, dass nun ein normales Leben beginnen konnte. Sie betete um Gottes Hilfe bei der Aufgabe, zu den Behörden zu gehen und die Staatsbürgerschaft für einen fast achtzehnjährigen neugeborenen Mann zu beantragen. Sie betete darum, dass alles gut wurde.

≫Bitte, bitte, lieber Gott≪ sagte Henrietta.

Und schlief ein.

Am nächsten Morgen war Ingmar immer noch weg. Henrietta rührte müde in der Grütze für sich und die Kinder. Sie war erst neunundfünfzig, wirkte aber älter.

Es war schwer für sie. In jeder Hinsicht. Sie machte sich um alles Sorgen, aber jetzt hatten die Kinder immerhin ihre Version der Geschichte gehört. Blieb nur abzuwarten, wie ihr Urteil lauten würde. Und Gottes Urteil.

Die Mutter und ihre Söhne setzten sich wieder an den Küchentisch. Holger 2 sah, fühlte und verstand. Holger 1 sah nichts und verstand nichts. Aber er fühlte. Er fühlte das Bedürfnis, Henrietta zu trösten.

≫Mach dir keine Sorgen, Mama≪, sagte er. ≫Ich verspreche dir, dass ich niemals aufgeben werde! Solange ich lebe und atme, werde ich den Kampf in Papas Namen weiterführen. Solange ich lebe und atme! Hörst du, Mama?≪

Henrietta hörte. Und was sie hörte, war einfach zu viel. Ihr Herz zerbrach. Am Kummer. An den Schuldgefühlen. An den unterdrückten Träumen, Visionen und Fantasien. Daran, dass fast nichts in ihrem Leben so gekommen war, wie sie es sich gewünscht hätte. Daran, dass sie zweiunddreißig Jahre in ständiger Sorge gelebt hatte. Und an der Aussage ihres einen Sohnes, dass der Wahnsinn weitergehen würde bis ans Ende aller Zeiten.

Doch vor allem waren die vierhundertsiebenundsechzigtausendzweihundert John Silver schuld, die sie seit dem Herbst 1947 geraucht hatte.

Henrietta war eine unheimlich starke Frau. Sie liebte ihre Kinder. Doch wenn ein Herz bricht, dann bricht es eben. Der massive Herzanfall setzte ihrem Leben innerhalb weniger Sekunden ein Ende.

_________________

Holger 1 begriff nie, dass er — zusammen mit den Zigaretten — seine Mutter umgebracht hatte. Nummer zwei zog in Erwägung, es ihm zu sagen, dachte sich aber, dass davon wahrscheinlich nichts besser würde, also ließ er es. Durch die Todesanzeige in der Provinzzeitung von Södertälje wurde Nummer zwei zum ersten Mal bewusst, wie sehr es ihn nicht gab:

Unsere geliebte Frau

und Mutter

Henrietta Qvist

hinterlässt uns

in unendlicher Trauer

Södertälje, den 15. Mai 1979

INGMAR

Holger

Vive la République

Kapitel 7

Von einer Bombe, die es nicht gab, und einem Ingenieur, den ziemlich bald dasselbe Schicksal ereilte

Nombeko saß wieder hinter ihrem Zwölftausendvolt-Zaun, und die Zeit verging. Die Erkenntnis, dass ihre Strafe im Endeffekt keine Obergrenze hatte, ärgerte sie immer noch weniger als die Tatsache, dass ihr das nicht von Anfang an klar gewesen war.

Ein paar Jahre nach Bombe Nummer eins waren die Bomben Nummer zwei und drei fertig geworden. Nach weiteren zwanzig Monaten auch die Bomben Nummer Vier und fünf.

Die beiden Teams arbeiteten inzwischen völlig getrennt voneinander, sie wussten nicht einmal von der Existenz des jeweils anderen. Und immer noch kontrollierte allein der Ingenieur am Ende jedes fertige Exemplar. Da die Waffen in einem der gepanzerten Lagerräume im Bürotrakt des Ingenieurs lagerten, konnte er diese Kontrollen ganz ungestört durchführen. Und sich auch von seiner Putzfrau assistieren lassen, ohne dass jemand deswegen die Augenbrauen hochgezogen hätte. Wer auch immer da nun wem assistierte.

Der beschlossene und budgetierte Bedarf lag wie gesagt bei sechs Bomben zu jeweils drei Megatonnen. Doch der oberste Projektleiter, Engelbrecht van der Westhuizen, hatte keine Kontrolle mehr über das, was hier vor sich ging — wenn er die denn berhaupt jemals gehabt hatte —, denn er war regelmäßig schon morgens um Zehn sternhagelvoll. Und seine Hilfskraft war zu sehr mit Putzen und heimlicher Lektüre beschäftigt, um immer alle Pannen für ihn aufzufangen. Auerdem bekam sie nie ihre neue Scheuerbürste, deswegen dauerte es so viel lnger, bis der Boden sauber war.

Und so kam es, dass nach Nummer vier und fünf das nächste Bombenpaar produziert wurde, also die Bomben Nummer sechs - und sieben!

Versehentlich war also eine Atombombe zu viel gebaut worden, eine Bombe jenseits aller Protokolle.

Es gab eine Bombe, die es gar nicht gab.

Als die Putzfrau des Ingenieurs die Bescherung entdeckte, unterrichtete sie ihren Chef, der darüber so bekümmert war, wie es sich gehörte. Bomben, die es nicht gab, taten gut daran, nicht zu existieren, sonst machten sie nichts als Ärger. Der Ingenieur konnte sie ja schlecht hinter dem Rücken des Präsidenten und der Regierung wieder zerstören. Im Übrigen wusste er sowieso nicht, wie das ging. Und den Rechenfehler vor den Forschungsteams aufzudecken, hatte er auch nicht vor.

Nombeko tröstete Ingenieur van der Westhuizen damit, dass mit der Zeit vielleicht noch mehr Bomben bestellt werden würden, und die Bombe, die es gar nicht geben durfte, konnte in ihrem Versteck einfach weiterhin nicht existieren, bis sie es eines Tages doch durfte.

≫Genau, was ich mir gerade gedacht habe≪, sagte der Ingenieur, obwohl er sich in Wirklichkeit gedacht hatte, dass die Putzfrau zu einer richtig appetitlichen Frau herangewachsen war.

Die Bombe, die es nicht gab, wurde daher in den verbliebenen leeren Lagerraum neben dem Raum mit den sechs anderen Bomben gesperrt. Dort hatte nur der Ingenieur selbst Zutritt. Abgesehen von Wiehießsienochgleich natürlich.

Nach über zehn Jahren innerhalb des Doppelzauns der Forschungsanlage hatte Nombeko alles gelesen, was in der überschaubaren Bibliothek von Pelindaba lesenswert war. Und anschließend auch noch den Großteil von dem, was nicht lesenswert war.

Die Dinge wurden nicht besser dadurch, dass sie inzwischen eine richtige Frau von bald sechsundzwanzig Jahren geworden war. Während sich Schwarze und Weiße immer noch nicht mischen durften, wenn sie richtig informiert war, denn das hatte Gott so bestimmt, behauptete das Erste Buch Mose beziehungsweise die Reformierte Kirche. Nicht dass sie irgendein interessantes Objekt auf der Anlage gefunden hätte, mit dem sie sich gerne gemischt hätte, aber trotzdem. Sie träumte davon, dass es irgendwo einen Mann für sie gab, und von dem, was sie zusammen machen könnten. Nicht zuletzt aus gewissen Perspektiven. Sie hatte Bilder davon gesehen, in Literatur von unwesentlich höherer Qualität als der, die der britische Friede-auf-Erden-Professor 1924 fabriziert hatte.

Nun, lieber war sie ohne so etwas wie Liebe hinter dem Zaun der Forschungsanlage am Leben, als jenseits dieses Zauns nicht mehr am Leben zu sein. Denn dann würde sie nur den Maden näherkommen, in der Erde, in der man sie begrub.

Daher hörte Nombeko auf sich selbst und erinnerte den Ingenieur immer noch nicht daran, dass aus den sieben Jahren mittlerweile elf geworden waren. Sondern blieb, wo sie blieb. Noch ein Weilchen.

_________________

Den südafrikanischen Streitkräften wurde laufend der Etat von einer Wirtschaft erhöht, die sich diese Ausgaben nicht leisten konnte. Immerhin ging ein Fünftel des hoffnungslos unausgeglichenen Staatshaushalts ans Militär, während sich das Ausland ständig neue Embargos ausdachte. Was die südafrikanische Volksseele am meisten schmerzte, war die Tatsache, dass sie Fußball und Rugby mit sich selbst spielen mussten, weil sonst keiner mehr mit ihnen spielen wollte.

Doc die Nation kam trotzdem noch irgendwie zurecht, weil das Handelsembargo ja auch alles andere als weltweit galt. Es gab noch genügend Politiker, die sich gegen weitere Sanktionen aussprachen. Premierministerin Thatcher in London und Präsident Reagan in Washington verliehen ungefähr der gleichen Meinung Ausdruck, dass nämlich jedes weitere Embargo den ärmsten Teil der Bevölkerung am schlimmsten traf. Oder wie es der Vorsitzende der Schwedischen Liberalen Ulf Adelsohn so elegant ausdrückte:

≫Wenn wir Waren aus Südafrika boykottieren, werden die armen Neger da unten doch arbeitslos.≪

Gleichzeitig drückte der Schuh aber noch woanders. Das Unangenehmste für Thatcher, Reagan (und auch Adelsohn) war nicht die Ablehnung der Apartheid an sich — Rassismus war schon seit mehreren Jahrzehnten politisch nicht mehr tragbar. Nein, das Problem war vielmehr die Frage, was an die Stelle dieses Systems treten sollte. Wenn man die Wahl hatte zwischen, sagen wir mal, Kommunismus und Apartheid, fiel die Entscheidung gar nicht mehr so leicht. Besser gesagt: Leicht war sie schon, nicht zuletzt für Reagan, der schon in seiner Zeit als Präsident der Schauspielergewerkschaft dafür gekämpft hatte, dass man keine Kommunisten nach Hollywood lassen sollte. Wie würde es aussehen, wenn er Milliarden und Abermilliarden von Dollars fürs Wettrüsten mit dem Sowjetkommunismus ausgab, gleichzeitig aber zuließ, dass eine Variante desselben in Südafrika ans Ruder kam? Außerdem hatten die Südafrikaner inzwischen Kernwaffen, diese Saftsäcke, auch wenn sie es abstritten.

Zu denen, die sich Thatchers und Reagans Rumgeeiere vor der Apartheidspolitik überhaupt nicht anschließen konnten, gehörten auch der schwedische Ministerpräsident Olof Palme und Libyens sozialistischer Führer Muammar al-Gaddaffi. Palme tönte: ≫Die Apartheit kann nicht reformiert werden, die Apartheid muss eliminiert werdenl≪ Wenig später wurde er selbst eliminiert, von einem Irren, der nicht ganz wusste, wo er war oder warum er tat, was er da tat. Oder von einer Person, auf die das genaue Gegenteil zutraf, das wurde nie so richtig ermittelt.

Gaddaffi hingegen sollte sich noch viele Jahre bester Gesundheit erfreuen. Er ließ tonnenweise Waffen an die südafrikanische Widerstandsbewegung ANC liefern und brüstete sich lautstark mit dem hehren Kampf gegen das Regime der weißen Unterdrücker in Pretoria, während er selbst den Massenmörder Idi Amin in seinem Palast versteckte.

Ungefähr so lagen die Dinge, als die Welt wieder einmal zeigte, wie seltsam sie sein kann, wenn sie sich von dieser Seite zeigen will. Denn in den USA taten sich Demokraten und Republikaner zusammen und machten gemeinsame Sache mit Palme und Gaddafi und gegen ihren eigenen Präsidenten. Der Kongress drückte ein Gesetz durch, das jede Form von Handel und jede Art von Investitionen in Südafrika verbot. Es gab nicht mal mehr Direktflüge von Johannesburg in die USA. Wenn ein Pilot es trotzdem versuchte, hatte er die Wahl, entweder in der Luft umzudrehen oder sich abschießen zu lassen.

Thatcher und andere politische Führer in Europa und der Welt begriffen, woher der Wind wehte. Und da keiner im Lager der Verlierer stehen will, schlossen sich immer mehr Nationen den USA, Schweden und Libyen an.

Das Südafrika, wie man es kannte, bekam tiefe Risse.

Nombeko hatte aufgrund ihres Hausarrests in der Forschungsanlage nur begrenzte Möglichkeiten, die weltweiten Entwicklungen zu verfolgen. Ihre drei chinesischen Freundinnen wussten immer noch nicht viel mehr, als dass die Pyramiden in Ägypten standen, und das schon seit einer ganzen Weile. Vom Ingenieur bekam sie auch keine Hilfe. Seine Analysen begrenzten sich immer mehr auf hervorgeknurrte Kommentare wie:

≫Jetzt haben diese Schwulen im amerikanischen Kongress also auch ein Embargo angezettelt.≪

Außerdem konnte Nombeko ja nicht pausenlos im Wartezimmer mit dem Fernseher den mittlerweile schon dünn gescheuerten Boden schrubben.

Doch abgesehen von dem, was sie dennoch aus den Fernsehnachrichten aufschnappen konnte, hatte sie auch noch eine gute Beobachtungsgabe. Sie merkte, dass sich da draußen gewisse Dinge taten — Nicht zuletzt deswegen, weil es so aussah, als würde sich gar nichts mehr tun. Niemand rannte mehr über die Korridore, es kam auch kein Premierminister oder Prasident mehr zu Besuch. Dass der Alkoholkonsum des Ingenieurs von viel auf noch mehr angestiegen war, war ebenfalls ein Signal.

Nombeko befürchtete, dass der Ingenieur sich bald Vollzeit der Kognakflasche widmen und sich dabei in die Zeiten zurückträumen würde, als er seiner Umgebung noch weismachen konnte, dass er überhaupt von irgendwas eine Ahnung hatte. Und im Sessel daneben konnte dann ja der Präsident sitzen und sich in den Bart murmeln, dass die Schwarzen dran schuld waren, wenn dieses Land jetzt vor die Hunde ging. Was mit ihr passieren würde, wenn es dazu kommen sollte, verdrängte sie lieber.

≫Ich frage mich, ob die Wirklichkeit nicht langsam die Gans und ihre Genossen einholt?≪ sagte Nombeko eines Abends zu ihren drei chinesischen Freundinnen.

Und das in fließendem Wu-chinesischen Dialekt.

≫Zeit wäre es≪, antworteten die Chinesinnen.

In gar nicht mal so unebenen isiXhosa.

_________________

Die Zeiten wurden immer schwerer für P.W. Botha. Aber als das große Krokodil, das er nun mal war, hielt er es eben auch in tiefem Wasser aus und sorgte nur dafür, dass die Nasenlöcher und die Augen immer schön über der Oberfläche blieben.

Freilich konnte er sich Reformen vorstellen, man musste schließlich auch mit der Zeit gehen. Zum Beispiel bei der althergebrachten Einteilung des Volkes in Schwarze, Weiße, Farbige und Inder. Jetzt sorgte er erst mal dafür, dass die beiden Letzteren Stimmrecht bekamen. Die Schwarzen übrigens auch, aber nicht in Südafrika, sondern in ihren jeweiligen Homelands.

Botha lockerte auch die Restriktionen im allgemeinen Umgang zwischen den Rassen. Schwarze und Weiße durften nun auf derselben Parkbank sitzen —