/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Ein Plötzlicher Todesfall

J Rowling


Ein Plötzlicher Todesfall

J. K. Rowling

Ullstein, 2013

(Übersetzung S. Aeckerle, M. Balkenhol)

Inhaltsverzeichnis

I  Teil 1

1 Sonntag

2 Montag

 2.1 I

 2.2 II

 2.3 III

 2.4 IV

 2.5 V

 2.6 VI

 2.7 VII

 2.8 VIII

 2.9 IX

 2.10 X

3   

 3.1 I

 3.2 II

 3.3 III

 3.4 IV

 3.5 V

 3.6 VI

4 Dienstag

 4.1 I

 4.2 II

 4.3 III

 4.4 IV

 4.5 V

 4.6 VI

 4.7 VII

5 Mittwoch

 5.1 I

 5.2 II

 5.3 III

 5.4 IV

 5.5 V

6 Freitag

7 Samstag

 7.1 I

 7.2 II

II  Teil Zwei

8   

 8.1 I

 8.2 II

 8.3 III

 8.4 IV

 8.5 V

 8.6 VI

 8.7 VII

 8.8 VIII

 8.9 IX

 8.10 X

III  Teil Drei

9   

 9.1 I

 9.2 II

 9.3 III

 9.4 IV

 9.5 V

 9.6 VI

 9.7 VII

 9.8 VIII

 9.9 IX

 9.10 X

 9.11 XI

IV  Teil Vier

10     

 10.1 I

 10.2 II

 10.3 III

 10.4 IV

 10.5 V

 10.6 VI

 10.7 VII

 10.8 VIII

 10.9 IX

 10.10 X

V  Teil Fünf

11     

 11.1 I

 11.2 II

 11.3 III

 11.4 IV

 11.5 V

 11.6 VI

 11.7 VII

 11.8 VIII

 11.9 IX

 11.10 X

 11.11 XI

 11.12 XII

 11.13 XIII

 11.14 XIV

 11.15 XV

VI  Teil Sechs

12     

 12.1 I

 12.2 II

 12.3 III

 12.4 IV

VII  Teil Sieben

Als Barry Fairbrother plötzlich stirbt, sind die Einwohner von Pagford geschockt. Denn auf den ersten Blick ist die englische Kleinstadt mit ihrem hübschen Marktplatz und der alten Kirche ein verträumtes und friedliches Idyll, dem Aufregung fremd ist. Doch der Schein trügt. Hinter der malerischen Fassade liegt die Stadt im Krieg. Und dass Barrys Sitz im Gemeinderat nun frei wird, schafft den Nährboden für den größten Krieg, den die Stadt je erlebt hat. Wer wird als Sieger aus der Wahl hervorgehen — einer Wahl, die voller Leidenschaft, Doppelzüngigkeit und unerwarteter Offenbarungen steckt?

Teil I

Teil 1

6.11 Von einer plötzlichen Vakanz spricht man:

wenn ein Ratsmitglied nicht rechtzeitig die Annahme des Amtes bekannt gibt,

wenn seine Kündigung eingeht oder

am Tage seines Todes.

Charles Arnold-Baker

Gemeindeordnung

Siebte Auflage

Kapitel 1

Sonntag

Barry Fairbrother wäre lieber zu Hause geblieben. Er hatte schon das ganze Wochenende Kopfschmerzen und wollte auf keinen Fall den Redaktionsschluss der Lokalzeitung verpassen.

Doch seine Frau war während des Mittagessens etwas wortkarg gewesen, woraus Barry schloss, dass er mit seiner Karte zum Hochzeitstag das Vergehen nicht wettmachen konnte, sich den ganzen Morgen im Arbeitszimmer verkrochen zu haben. Und dabei auch noch über Krystal zu schreiben, die Mary nicht leiden konnte, was sie jedoch abstritt.

≫Ich möchte dich heute Abend zum Essen ausführen, Mary≪, hatte er gelogen, um das Eis zu brechen. ≫Neunzehn Jahre, Kinder! Neunzehn Jahre, und eure Mutter hat nie besser ausgesehen.≪

Mary war besänftigt und hatte gelächelt, woraufhin Barry im Golfclub angerufen hatte, weil der in der Nähe lag und man immer einen Tisch bekam. Er versuchte seiner Frau mit Kleinigkeiten eine Freude zu machen, denn nach fast zwanzig gemeinsamen Jahren war ihm bewusst, wie oft er sie in großen Dingen enttäuscht hatte. Wenn auch nie mit Absicht. Sie hatten nun mal sehr unterschiedliche Ansichten darüber, was im Leben den meisten Raum einnehmen sollte.

Ihre vier Kinder waren über das Alter hinaus, in dem sie Babysitter brauchten. Sie saßen vor dem Fernseher, als Barry sich das letzte Mal von ihnen verabschiedete, und nur Declan, der Jüngste, drehte sich zu ihm um und hob kurz die Hand.

Barrys Kopfschmerzen pochten weiter hinter seinem Ohr, als er den Wagen aus der Einfahrt zurücksetzte und durch den hübschen kleinen Ort Pagford fuhr, in dem sie seit ihrer Hochzeit wohnten. Sie fuhren die steil abfallende Church Row entlang, an der die teuersten Häuser in all ihrer viktorianischen Pracht und Herrlichkeit standen, um die Ecke bei der neugotischen Kirche, in der Barry seine Zwillingstöchter einst in einer Aufführung von Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat bewundert hatte, und über den Marktplatz. Von hier aus hatte man einen guten Blick auf die dunkle Ruine der Abtei hoch auf dem Hügel, die das Ortsbild beherrschte und mit dem violetten Himmel verschmolz.

Während er den Wagen durch die vertrauten Straßen lenkte, war Barry in Gedanken nur mit den Fehlern beschäftigt, die ihm sicherlich in der Eile unterlaufen waren. Er hatte den Artikel für die Yarvil and District Gazette schnell fertiggestellt und gemailt. So eloquent und einnehmend er im persönlichen Gespräch auch sein mochte, hatte er doch Schwierigkeiten, private Anliegen zu Papier zu bringen.

Der Golfclub lag nur vier Minuten vom Marktplatz entfernt, gleich hinter den letzten alten Cottages am Ortsende. Barry parkte den Minivan vor dem Clubrestaurant, dem Birdie, und wartete kurz neben dem Wagen, da Mary sich noch die Lippen nachzog. Die kühle Abendluft tat ihm gut. Während er den in der Dämmerung verschwimmenden Golfplatz betrachtete, überlegte Barry, warum er seine Mitgliedschaft aufrechterhielt. Er war ein schlechter Golfspieler, sein Schwung war ungleichmäßig und sein Handicap hoch. So viel anderes nahm seine Zeit in Anspruch. Sein Kopf schmerzte stärker denn je.

Mary knipste die Innenbeleuchtung aus und schloss die Beifahrertür. Barry drückte auf die Autoverriegelung am Schlüssel in seiner Hand. Die hohen Absätze seiner Frau klackten auf dem Asphalt, die Zentralverriegelung piepte, und Barry fragte sich, ob seine Übelkeit nachlassen würde, wenn er etwas gegessen hatte.

Dann schlug ein nie gekannter Schmerz wie eine Abrissbirne in seinen Kopf ein. Er nahm kaum das Brennen an den Knien wahr, als sie auf den Asphalt schlugen. Feuer und Blut überfluteten seinen Schädel, der Schmerz war unerträglich, doch er musste ihn ertragen, weil die Bewusstlosigkeit nicht sofort einsetzte.

Mary schrie — und schrie immer weiter. Aus der Bar kamen Männer gelaufen. Einer rannte wieder hinein, um nachzuschauen, ob einer der pensionierten Ärzte unter den Clubgästen anwesend war. Ein verheiratetes Paar, Bekannte von Barry und Mary, hörte den Tumult vom Restaurant aus, ließ die Vorspeisen stehen und eilte herbei. Der Ehemann rief von seinem Handy den Notruf an.

Der Krankenwagen musste aus der Nachbarstadt Yarvil kommen, und es dauerte fünfundzwanzig Minuten, bis er eintraf. Als endlich das Blaulicht über dem Parkplatz pulsierte, lag Barry reglos in einer Pfütze aus Erbrochenem und reagierte nicht mehr. Mary hockte neben ihm, ihre Strumpfhose an den Knien zerrissen, umklammerte schluchzend seine Hand und flüsterte seinen Namen.

Kapitel 2

Montag

2.1 I

≫Mach dich auf was gefasst≪, sagte Miles Mollison. Er stand in der Küche eines der stattlichen Häuser an der Church Row.

Mit dem Anruf hatte er bis halb sieben gewartet. Die Nacht war schlimm gewesen, mit langem Wachsein, unterbrochen von kurzen, unruhigen Schlafphasen. Um vier Uhr hatte er bemerkt, dass seine Frau auch nicht schlief, und sie hatten sich eine Weile leise in der Dunkelheit unterhalten. Als sie über das Erlebte sprachen und dabei versuchten, vage Angst- und Schockgefühle zu zerstreuen, hatte Miles bei dem Gedanken, seinem Vater die Nachricht zu überbringen, eine leichte Erregung verspürt, die in kleinen Wellen durch seinen Körper lief. Er hatte bis sieben Uhr warten wollen, aber die Furcht, jemand könnte ihm zuvorkommen, hatte ihn früher ans Telefon getrieben.

≫Was ist denn passiert?≪ Howards dröhnende Stimme klang leicht blechern. Miles hatte ihn auf laut gestellt, damit Samantha mithören konnte. In ihrem hellrosa Morgenmantel wirkte Samanthas Haut mahagonibraun, und sie hatte das frühe Aufwachen genutzt und noch mehr Selbstbräuner aufgetragen. In der Küche vermischte sich der Geruch nach Instantkaffee mit dem des künstlichen Kokosöls.

≫Fairbrother ist tot. Gestern Abend vorm Golfclub zusammengebrochen. Sam und ich waren zum Essen im Birdie.≪

≫Fairbrother ist tot?,≪ brüllte Howard.

Die Betonung deutete darauf hin, dass er irgendeine Veränderung von Barry Fairbrothers Zustand erwartet hatte, aber mit dessen Tod hatte selbst er nicht gerechnet.

≫Ist auf dem Parkplatz zusammengebrochen,≪ wiederholte Miles.

≫Großer Gott≪, sagte Houward. ≫Der war doch erst Anfang vierzig, oder? Großer Gott.≪

Howard schnaufte wie ein Pferd. Morgens war er immer kurzatmig. ≫Und was war es? Das Herz?≪

≫Irgendwas im Gehirn, vermutet man. Wir sind mit Mary ins Krankenhaus gefahren und…≪

Aber Howard war abgelenkt. Miles und Samantha hörten ihn in den Raum rufen: ≫Barry Fairbrother! Tot! Miles ist dran!≪

Miles und Samantha tranken ihren Kaffee und warteten darauf, dass Howard ihnen wieder seine Aufmerksamkeit schenkte. Samanthas Morgenmantel stand offen und gab den Blick frei auf ihre großen Brüste, hochgeschoben durch die auf dem Küchentisch ruhenden Unterarme. Dadurch wirkten sie voller und glatter als im natürlichen Zustand. Die ledrige Haut ihres Ausschnitts legte sich in kleine Falten, die nicht mehr verschwanden. In ihrer Jugend war sie oft im Sonnenstudio gewesen.

≫Was?≪, fragte Howard, wieder in der Leitung. ≫Was hast du über das Krankenhaus gesagt?≪

≫Sam und ich sind im Krankenwagen mitgefahren.≪ Miles betonte jedes Wort. ≫Zusammen mit Mary und der Leiche.≪

Samantha bemerkte, dass Miles’ zweite Version das hervorhob, was man als den dramatischen Aspekt der Geschichte bezeichnen konnte. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Ihre Belohnung dafür, all das Schreckliche durchgemacht zu haben, war das Recht, anderen davon zu erzählen. Sie glaubte nicht, dass sie es je vergessen würde: die heulende Mary, Harrys immer noch halb offene Augen über der maulkorbartigen Sauerstoffmasäke, wie Miles und sie versucht hatten, die Miene des Sanitäters zu deuten, die Enge des rüttelnden Krankenwagens, die dunklen Fenster, die panische Angst.

≫Großer Gott≪, sagte Howard zum dritten Mal, ohne auf Shirleys leise Fragen aus dem Hintergrund zu achten, alle Aufmerksamkeit auf Miles gerichtet. ≫Einfach tot umgefallen auf dem Parkplatz?≪

≫Jep≪, sagte Miles. ≫Mir war gleich klar, dass da nichts mehr zu machen war.≪

Das war seine erste Lüge, und er wandte dabei den Blick von seiner Frau ab. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie er seinen schützenden Arm um Marys zitternde Schultern legte: Das wird schon wieder…das wird schon wieder

Aber schließlich, dachte Samantha, um Miles Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, woher sollte man wissen, was eigentlich los war, wenn sie jemandem eine Sauerstoffmaske überzogen und ihm Spritzen setzten? Es hatte ausgesehen, als würden sie Barry retten, und niemand hätte sagen können, ob es half, bis die junge Ärztin im Krankenhaus auf Mary zugekommen war. Noch immer hatte Samantha Marys nacktes, versteinertes Gesicht vor Augen und den Ausdruck der bebrillten Frau im weißen Kittel: gefasst, jedoch ein bisschen erschöpft …So etwas kannte man aus Fernsehserien, aber wenn es dann tatsächlich passierte…

≫Überhaupt nicht≪, sagte Miles gerade. ≫Gavin hat Donnerstag noch mit ihm Squash gespielt.≪

≫Und da ging es ihm gut?≪

≫Ja, durchaus. Hat Gavin vernichtend geschlagen.≪

≫Großer Gott. Da kann man mal sehen, was? Da kann man mal sehen. Bleib dran, Mum will dich noch sprechen.≪

Ein Knacken und Klappern, dann kam Shirleys leise Stimme aus dem Hörer. ≫Was für ein furchtbarer Schlag, Miles≪, sagte sie. ≫Geht es dir gut?≪

Samantha nahm einen zu großen Schluck Kaffee, der ihr prompt aus den Mundwinkeln raum und vom Kinn tropfte. Sie wischte Gesicht und Brust mit dem Ärmel ab. Miles hatte die Tonlage eingeschaltet, die er oft einsetzte, wenn er mit seiner Mutter sprach: tiefer als sonst, eine ≫Lass mich mal machen, mich kann nichts erschüttern≪-Stimme, ausdrucksstark und sachlich. Manchmal, vor allem im betrunkenen Zustand, ahmte Samantha Unterhaltungen zwischen Miles und Shirley nach. ≫Keine Bange, Mummy. Miles hier. Dein kleiner Soldat.≪ ≫Liebling, du bist wunderbar: so groß und tapfer und klug.≪ In letzter Zeit hatte Samantha das hin und wieder in Gegenwart anderer getan, worauf Miles sauer und gereizt reagiert hatte, obwohl er darüber hinweglachte. Letztes Mal hatte es deswegen auf dem Heimweg im Auto Streit gegeben.

≫Seid ihr mit Mary den ganzen Weg bis ins Krankenhaus gefahren?≪ kam Shirleys Stimme aus dem Lautsprecher.

Nein, dachte Samantha. Unterwegs wurde uns langweilig, und wir haben sie gebeten, uns aussteigen zu lassen.

≫Mindeste, was wir tun konnten. Ich wünschte, wir hätten mehr machen können.≪

Samantha stand auf und ging zum Toaster.

≫Mary war bestimmt sehr dankbar≪, sagte Shirley. Samantha knallte die Brotdose zu und rammte vier Toastscheiben in die Schlitze. Miles’ Stimme nahm einen natürlicheren Ton an.

≫Na ja, nachdem die Ärztin es ihr gesagt hatte — bestätigt hatte, dass er tot war — verlangte Mary nach Colin und Tessa Wall. Sam hat sie angerufen, wir haben gewartet, bis sie kamen, und sind dann gegangen.≪

≫Mary hat wirklich Glück gehabt, dass ihr da wart≪, sagte Shirley. ≫Dad will dich noch mal sprechen, Miles. Ich geb dich weiter. Bis später dann.≪

≫Bis später dann≪, formle Samantha mit den Lippen, an den Wasserkessel gewandt, und wackelte mit dem Kopf. Ihre verzerrte Spiegelung wirkte verquollen nach der schlaflosen Nacht, ihre kastanienbraunen Augen waren gerötet. In ihrer Hast mitzubekommen, wie Howard die Nachricht aufnahm, hatte sich Samantha versehentlich Bräunungscreme in die unteren Augenlider geschmiert.

≫Komm doch heute Abend mit Sam zu uns≪, dröhnte Howard. ≫Nein, warte mal, Mum hat mich gerade daran erinnert, dass wir Bridge mit den Bulgens spielen. Dann kommt morgen. Zum Abendessen. Gegen sieben.≪

≫Mal sehen.≪ Miles blickte zu Samantha hinüber. ≫Ich muss Sam erst fragen, was sie vorhat.≪

Sie ließ sich nicht anmerken, ob sie hingehen wollte oder nicht. Beide hatten das Gefühl an einem Tiefpunkt angelangt zu sein, als Miles auflegte.

≫Sie können es nicht fassen≪, sagte er, als hätte Sam nicht alles mitgehört.

Schweigend aßen sie den Toast und tranken eine frisch aufgegossene Tasse Kaffee. Beim Kauen verschwand etwas von Samanthas Gereiztheit. Ihr fiel ein, wie sie mitten in der Nacht mit einem Ruck im dunklen Schlafzimmer aufgewacht und erleichtert gewesen war, Miles an ihrer Seite zu spüren, groß und korpulent, nach Vetiveröl und altem Schweiß riechend. Dann hatte sie sich vorgestellt, Kunden in ihrem Geschäft zu erzählen, dass ein Mann vor ihren Augen tot zusammengebrochen war, und von der Fahrt zum Krankenhaus zu berichten. Sie hatte sich Möglichkeiten überlegt, die verschiedenen Aspekte der Fahrt zu beschreiben, und dann als krönenden Abschluss die Szene mit der Ärztin. Das jugendliche Alter dieser beherrschten Frau hatte das Ganze noch schlimmer gemacht. Solche Nachrichten zu überbringen sollte man doch Älteren überlassen. Und dann hatte sich ihre Laune noch etwas mehr gehoben, als ihr einfiel, dass sie am nächsten Tag einen Termin mit dem Vertreter von Champêtre hatte. Am Telefon hatte er regelrecht mit ihr geflirtet.

≫Ich sollte mich wohl allmählich auf die Socken machen.≪ Miles trank den Kaffee aus, den Blick auf das Fenster und den heller werdenden Himmel gerichtet. Er seufzte tief und tätschelte die Schulter seiner Frau, als er auf dem Weg zum Geschirrspüler mit dem leeren Teller und der Tasse an ihr vorbeikam.

≫Lieber Gott, damit eröffnen sich völlig neue Perspektiven, oder?≪ Er schüttelte seinen kurz geschorenen, ergrauenden Kopf und verließ die Küche.

Samantha fand Miles manchmal lächerlich und, in zunehmendem Maße, langweilig. Doch hin und wieder genoss sie seine Aufgeblasenheit so, wie sie zu formellen Anlässen gerne einen Hut trug. Schließlich war es an diesem Morgen passend, sich feierlich und ein bisschen würdig zu geben. Sie aß ihren Toast auf, räumte die Frühstückssachen weg und polierte im Geiste die Geschichte auf, die sie ihrer Verkäuferin erzählen würde.

2.2 II

≫Barry Fairbrother ist tot≪, keuchte Ruth Price.

Sie war den Gartenweg regelrecht hinaufgerannt, um mich ein paar Minuten mit ihrem Mann zu verbringen, bevor er zur Arbeit musste. Sie hielt sich nicht damit auf, den Mantel auszuziehen, sondern stürmte, noch in Schal und Handschuhen, in die Küche, in der Simon und ihre beiden halbwüchsigen Söhne beim Frühstück saßen.

Ihr Mann erstarrte, ein Stück Toast auf halbem Weg zum Mund, das er dann mit theatralischer Langsamkeit auf den Teller zurücklegte. Die beiden Jungen in ihren Schuluniformen schauten nur mäßig interessiert von einem Elternteil zum anderen.

≫Ein Aneurysma, vermuten die Ärzte≪, sagte Ruth, immer noch awas atemlos, während sie ihre Handschuhe Finger für Finger hochzupfte, den Schal abnahm und den Mantel aufknöpfte. Der dünnen dunkelhaarigen Frau mit den traurigen Augen stand die blaue Schwesterntracht ausgesprochen gut. ≫Er ist beim Golfclub zusammengebrochen. Sam und Miles Mollison haben ihn ins Krankenhaus gebracht. Und dann kamen Colin und Tessa Wall…≪

Sie eilte hinaus in den Flur, hängte ihre Sachen auf und war rechtzeitig zurück, um Simons gebrüllte Frage zu beantworten: ≫Was ist ein Nanurisma?≪

≫A-neu-rys-ma. Eine geplatzte Ader im Kopf.≪

Sie huschte zum Wasserkessel, schaltete ihn ein, wischte rund um den Toaster Krümel von der Arbeitsplatte und redete dabei ununterbrochen weiter.

≫Er wird starke intrazerebrale Blutungen gehabt haben. Seine arme, arme Frau Die ist völlig am Boden zerstört.≪

Nun doch etwas ergriffen, schaute Ruth aus dem Küchenfester zur Abtei auf der anderen Seite des Tals, die sich wie ein schwarzes Skelett vor dem graurosa Himmel abhob. Dieser Ausblick machte das Besondere von Hilltop House aus. Pagford, bei Nacht nicht mehr als eine Ansammlung blinkender Lichter in einer tief liegenden Senke, war in frostiges Sonnenlicht getaucht.

Ruth bemerkte davon nichts, war in Gedanken immer noch im Krankenhaus, sah Mary aus dem Zimmer kommen, in dem Barry lag. Die lebenserhaltenden Geräte waren abgeschaltet. Allen, von denen Ruth Price glaubte, dass sie ihr seelenverwandt waren, brachte sie bereitwillig das ehrlichste Mitgefühl entgegen. ≫Nein, nein, nein≪, hatte Mary gestöhnt, und dieses instinktive Leugnen hatte in Ruth widergehallt, da es ihr einen Blick auf sich selbst in solchen Situationen gewährt hatte.

Kaum fähig, diesen Gedanken zu ertragen, wandte sie sich Simon zu. Sein hellbraunes Haar war noch dicht, sein Körper fast noch so drahtig wie mit Mitte zwanzig, und die Fältchen in den Augenwinkeln eher anziehend, aber Ruths Rückkehr zur Krankenpflege nach der langen Pause hatte sie erneut mit den unendlichen Möglichkeiten konfrontiert, wie der menschliche Körper versagen konnte. In jüngeren Jahren hatte sie mehr Abstand gehabt, jetzt erkannte sie, wie glücklich sie sich alle schätzen konnten, am Leben zu sein.

≫Konnten sie denn gar nichts für ihn tun?≪, fragte Simon. ≫Konnten sie’s nicht zustopfen?≪

Er klang gereizt, als hätte die Medizin es einmal mehr versäumt, das Einfache und Offensichtliche zu tun.

Andrew war von wilder Freude erfüllt. In letzter Zeit war ihm aufgefallen, dass sein Vater sich angewöhnt hatte, den medizinischen Ausdrücken seiner Mutter plumpe, ignorante Vorschläge entgegenzustellen. Intrazerebrale Blutungen. Zustopfen. Seine Mutter bekam nicht mit, worauf sein Vater aus war. Wie immer. Andrew aß seine Weetabix, und in ihm brannte der Hass.

≫Als sie ihn uns brachten, war es zu spät, noch irgendetwas zu unternehmen.≪ Ruth ließ einen Teebeutel in die Kanne fallen. ≫Er starb im Krankenwagen, kurz bevor sie eintrafen.≪

≫Ach du meine Fresse≪, sagte Simon. ≫Wie alt war er, Vierzig?≪

Aber Ruth war abgelenkt.

≫Dein Haar ist hinten total verfilzt, Paul. Hast du es nicht gebürstet?≪

Sie zog eine Bürste aus ihrer Handtasche und drückte sie ihrem jüngeren Sohn in die Hand.

≫Gab’s denn keine Vorwarnung?≪ fragte Simon, während Paul die Bürste durch seinen dichten Haarschopf zerrte.

≫Anscheinend hatte er seit ein paar Tagen starke Kopfschmerzen.≪

≫Ach.≪ Simon kaute seinen Toast. ≫Und die hat er nicht beachtet?≪

≫Nein. Er wird sich nichts dabei gedacht haben.≪

Simon schluckte. ≫Da sieht man’s mal wieder, was?≪, sagte er gewichtig. ≫Man muss auf sich aufpassen.≪

Wie weise, dachte Andrew mit wütender Verachtung, wie tiefschürfend. Also war Barry Fairbrother selber schuld, dass sein Hirn geplatzt war. Du selbstgefälliger Wichser, sagte Andrew zu seinem Vater, laut, in seinem Kopf.

Simon zeigte mit dem Messer auf seinen Ältesten und sagte: ≫Ach, und übrigens. Der da wird sich einen Job suchen, unsere Pickelfresse hier.≪

Verblüfft drehte sich Ruth zu ihrem Mann und ihrem Sohn um. Auf Andrews rot werdenden Wangen trat die Akne überdeutlich hervor, während er auf die bräunliche Pampe in seiner Schüssel starrte.

≫Ja, ja≪, fuhr Simon fort. ≫Der faule kleine Scheißer wird anfangen, Geld zu verdienen. Wenn er rauchen will, kann er das von seinem eigenen Lohn bezahlen. Kein Taschengeld mehr.≪

≫Andrew!≪ jaulte Ruth auf. ≫Du hast doch nicht etwa …≪

≫O doch, hat er. Ich hab ihn im Holzschuppen erwischt≪, sagte Simon triefend vor Gehässigkeit.

Andrew!

≫Kein Geld mehr von uns. Wenn du Kippen willst, kauf sie dir selber.≪

≫Aber wir waren uns doch einig≪, wimmerte Ruth. ≫Wir waren uns einig, wo er doch die Abschlussprüfung vor sich hat…≪

≫So wie er die Probeprüfung versaut hat, können wir von Glück sagen, wenn er überhaupt einen Abschluss schafft. Kann ja schon mal bei McDonald’s anfangen, ein bisschen Erfahrung sammeln.≪ Simon stand auf, schob seinen Stuhl an den Tisch und genoss den Anblick von Andrews hängendem Kopf, dem pickligen Rand seines Gesichtes. ≫Weil, ’ne Wiederholung zahlen wir dir nicht, Bürschchen. Entweder jetzt oder nie.≪

≫Oh, Simon≪, sagte Ruth vorwurfsvoll.

Was?

Simon kam mit zwei stampfenden Schritten auf seine Frau zu. Ruth wich an die Spüle zurück. Paul fiel die rosa Haarbürste aus der Hand.

≫Ich denk nicht dran, für die Drecksraucherei von dem kleinen Wichser zu zahlen! Was für eine verdammte Frechheit, in meinem Schuppen zu rauchen!≪

Bei dem Wort meinem schlug sich Simon mit der Faust auf die Brust. Das dumpfe Geräusch ließ Ruth zusammenzucken.

≫Ich hab längst Lohn nach Hause gebracht, als ich so alt war wie der picklige kleine Scheißer hier. Wenn er Kippen will, kann er die selbst bezahlen, klar? Klar?

Seine Nase war nur noch wenige Zentimeter von Ruths Gesicht entfernt.

≫Ja, Simon≪, sagte sie ganz leise.

Andrews Magen verkrampfte sich. Erst vor zehn Tagen hatte er sich etwas geschworen, war der Moment bereits gekommen? Aber sein Vater trat einen Schritt zurück und marschierte aus der Küche. Ruth, Andrew und Paul blieben ganz still, als hätten sie gelobt, sich in seiner Abwesenheit nicht zu bewegen.

≫Hast du vollgetankt?≪, brüllte Simon, wie immer, wenn Ruth Nachtschicht gehabt hatte.

≫Ja≪, rief Ruth munter zurück, um Heiterkeit, Normalität bemüht.

Die Haustür klapperte und knallte.

Ruth machte sich an der Teekanne zu schaffen, wartete darauf, dass sich die aufgeladene Atmosphäre wieder entspannte. Erst als Andrew hinausgehen wollte, um sich die Zähne zu putzen, sagte sie etwas.

≫Er macht sich Sorgen um dich, Andrew. Um deine Gesundheit.≪

Von wegen, der blöde Arsch.

Im Kopf zahlte Andrew seinem Vater jede Obszönität mit gleicher Münze heim. Im Kopf konnte er Simon in fairem Kampf besiegen.

Zu seiner Mutter sagte er nur laut: ≫Ja. Okay.≪

2.3 III

Evertree Crescent war eine halbrunde Bungalowanlage aus den 1930er Jahren und lag zwei Minuten von Pagfords Marktplatz entfernt. In Nummer sechsunddreißig saß Shirley Mollison an ihren Kissen gelehnt und trank den Tee, den ihr Mann ihr gebracht hatte. Alles, was sie in den verspiegelten Türen des Einbauschranks erkennen konnte, hatte etwas Verschwommenes. Das lag zum einen daran, dass sie keine Briile trug, zum anderen an den Vorhängen mit dem Rosenmuster, die den Raum in ein sanftes Licht tauchten. In dieser schmeichelhaften Beleuchtung wirkte ihr rosiges Gesicht mit den Grübchen unter den kurzen silbergrauen Haaren puttenhaft.

Das Schlafzimmer war gerade groß genug für Shirleys Einzel- und Howards Doppelbett, zusammengeschoben, ohne zueinander zu passen. Howards Matratze, die noch deutliche Spuren seines schweren Körpers aufwies, war leer. Shirley lauschte dem sanften Rauschen der Dusche, betrachtete ihr rosiges Spiegelbild und kostete die Nachricht aus, die nach wie vor die Luft belebte wie perlender Champagner.

Barry Fairbrother war tot. Ausgelöscht. Umgehauen. Kein Ereignis von nationaler Bedeutung, kein Krieg, kein Börsenkrach, kein Terroranschlag hätte in Shirley diese Ehrfurcht, dieses leidenschaftliche Interesse und die fieberhaften Spekulationen auslösen können, die sie momentan verzehrten.

Sie hatte Barry Fairbrother gehasst. Shirley und ihr Mann, für gewöhnlich bei all ihren Freundschaften und Feindschaften einer Meinung, waren sich in diesem Fall nie ganz einig geworden. Howard hatte gelegentlich zugegeben, den bärtigen kleinen Mann amüsant zu finden, der sich ihm über die abgestoßenen Tische im Gemeindesaal von Pagford hinweg so unbarmherzig entgegenstellte, doch Shirley machte keinen Unterschied zwischen Politischem und Privatem. Barry hatte gegen das Anliegen opponiert, das Howard mehr als alles andere am Herzen lag, und damit hatte Barry Fairbrother sich Shirley zur erbitterten Feindin gemacht.

Loyalität gegenüber ihrem Mann war der Hauptgrund für Shirleys tiefe Abneigung, wenn auch nicht der einzige. Ihre Menschenkennlnis war nur auf eines ausgerichtet, wie bei einem Hund, der darauf dressiert war, Drogen zu erschnüffeln. Ständig glaubte sie Herablassung zu wittern, und deren üblen Geruch hatte sie schon vor langem in den Ansichten von Barry Fairbrother und seinen Kumpanen im Gemeinderat wahrgenommen. Die Fairbrothers dieser Welt bildeten sich ein, ihr Universitätsstudium mache sie zu besseren Menschen als sie und Howard, und ihre Ansichten seien gewichtiger. Tja, ihre Arroganz hatte an diesem Tag einen Dämpfer bekommen. Fairbrothers plötzlicher Tod bestärkte Shirley in ihrer festen Überzeugung, dass Barry, was auch immer er und seine Anhänger geglaubt haben mochten, in jeder Hinsicht minderwertiger war als ihr Mann, der es immerhin, zusätzlich zu all seinen anderen Vorzügen, schon vor sieben Jahren geschafft hatte, einen Herzinfarkt zu überleben.

(Keine Sekunde lang hatte Shirley geglaubt, dass ihr Howard sterben würde, selbst als er im Operationssaal lag. Howards Anwesenheit auf Erden war für Shirley eine Selbstverständlichkeit, wie Sonnenlicht und Atemluft. Das hatte sie auch hinterher gesagt, als Freunde und Nachbarn darüber sprachen, auf welch wunderbare Weise er davongekornmen war, und wie glücklich sie sich alle schätzen konnten, im nahen Yarvil eine kardiologische Station zu haben, und wie schrecklich besorgt Shirley gewesen sein musste.

≫Ich wusste immer, dass er durchkommen wird≪, hatte Shirley gesagt, völlig ruhig und gelassen. ≫Daran habe ich nie gezweifelt.≪

Und hier war er, munter wie eh und je; und dort war Fairbrother, im Leichenschauhaus, Tja, da konnte man mal wieder sehen.)

Das Hochgefühl des heutigen Morgens erinnerte Shirley an den Tag nach der Geburt ihres Sohnes Miles. Auch da hatte sie ans Kissen gelehnt im Bett gesessen, genau wie jetzt, mit der Sonne, die durch das Fenster der Entbindungsstation schien, einer Tasse Tee in den Händen, die ihr jemand zubereitet hatte, während sie darauf wartete, dass man ihr den wunderschönen neuen Sohn zum Stillen brachte. Geburt und Tod: Beides verlieh dem Leben und ihrer eigenen Bedeutung einen höheren Wert. Die Nachricht von Harry Fairbothers Ableben lag in ihrem Schoß wie ein neugeborenes Baby, und all ihre Bekannten würden sich diebisch darüber freuen. Sie würde die Quelle sein, denn sie war die Erste, oder doch fast die Erste, die diese Nachricht erhalten hatte.

Nichts von dieser in Shirley schäumenden Begeisterung hatte sich gezeigt, solange Howard im Zimmer gewesen war. Sie hatten nur die zu plötzlichen Todesfällen passenden Bemerkungen ausgetauscht, bevor er unter die Dusche gegangen war. Natürlich hatte Shirley gewusst, während diese Floskeln zwischen ihnen hin und her geglitten waren wie die Kugeln auf einem Abakus, dass Howard genau wie sie hocherfreut sein musste. Doch diese Gefühle laut zu äußern, wenn die Nachricht über den Todesfall noch ganz frisch in der Luft hing, wäre nicht besser gewesen als splitternackt zu tanzen und Obszönitäten zu kreischen, und Howard und Shirley trugen stets einen unsichtbaren Mantel des Anstands.

Shirley kam noch ein Gedanke. Sie stellte Tasse und Untertasse auf den Nachttisch, schlüpfte aus dem Bett, zog ihren Chenille-Morgenmantel über, setzte die Brille auf, tappte über den Flur und klopfte an die Badezimmertür.

≫Howard?≪

Ein fragender Grunzlaut ertönte durch das Prasseln des Wassers.

≫Meinst du, ich sollte was auf die Website stellen? Über Fairbrother?≪

≫Gute Idee≪, rief er nach kurzem Nachdenken durch die Tür. ≫Hervorragende Idee.≪

Also eilte sie weiter ins Arbeitszimmer. Es war das kleinste Zimmer des Bungalows, längst verlassen von ihrer Tochter Patricia, die nach London gezogen war und nur selten erwähnt wurde.

Shirley war ungeheuer stolz auf ihre Internetkenntnisse. Vor zehn Jahren hatte sie in Yarvil Abendkurse besucht, bei denen sie zu den ältesten und langsamsten Teilnehmerinnen gehörte. Trotzdem hatte sie durchgehalten, fest entschlossen, Administrator der neuen Website des Gemeinderats von Pagford zu werden. Sie loggte sich ein und rief die Homepage des Gemeinderats auf.

Die kurze Mitteilung ging ihr leicht von der Hand.

Gemeinderat Barry Fairbrother

Mit großem Bedauern teilen wir das Ableben von Gemeinderat Barry Fairbrother mit. Unsere Gedanken sind in diesen schweren Zeiten bei seiner Familie.

Aufmerksam las sie noch einmal durch, was sie geschrieben hatte, drückte auf Enter und sah wenig später die Mitteilung auf der Nachrichtenseite auftauchen.

Die Königin hatte die Fahne über dem Buckingham Palace auf Halbmast gesetzt, als Prinzessin Diana gestorben war. Ihre Majestät nahm einen ganz besonderen Platz in Shirleys Innenleben ein. Während sie über die Mitteilung auf der Website nachdachte, war sie zufrieden und glücklich, das Richtige getan zu haben. Man lernte eben von den Besten.

Sie schloss die Nachrichtenseite des Gemeinderats, klickte auf ihre bevorzugte medizinische Website und gab sorgfältig die Wörter ≫Gehirn≪ und ≫Tod≪ in die Suchmaske ein.

Die Treffer waren endlos. Shirley scrollte durch die Möglichkeiten, ließ ihren Blick auf und ab wandern und überlegte, welchem dieser tödlichen Leiden, manche davon die reinsten Zungenbrecher, sie ihr momentanes Glück verdankte. Shirley arbeitete ehrenamtlich im Krankenhaus; sie hatte ein starkes Interesse an allem Medizinischen entwickelt, seit sie im Kreiskrankenhaus South West angefangen hatte, und stellte ihren Freundinnen hin und wieder Diagnosen.

Aber an diesem Morgen konnte sie sich nicht auf lange Wörter oder Symptome konzentrieren, ihre Gedanken schweiften zu der weiteren Verbreitung der Nachricht ab, und sie stellte im Geist bereits eine Liste von Telefonnummern zusammen. Sie überlegte, ob Aubrey und Julia Bescheid wussten und was sie dazu sagen würden. Und ob Howard es ihr überlassen würde, Maureen zu informieren, oder ob ihm dieses Vergnügen vorbehalten sein würde.

Das alles war ungeheuer aufregend.

2.4 IV

Andrew Price schloss die Eingangstür des kleinen weißen Hauses und folgte seinem jüngeren Bruder den steilen Gartenpfad hinab. Der Boden knirschte unter seinen Schritten, und das Metalltor in der Hecke war eiskait. Keiner der Jungen hatte auch nur einen Moment für den vertrauten Ausblick übrig, der sich ihnen bot: das Örtchen Pagford in einer Senke zwischen drei Hügeln, einer davon gekrönt von den Überresten einer Abtei aus dem zwölften Jahrhundert. Ein schmaler Fluss. überspannt von einer steinernen Spielzeugbrücke, schlängelte sich um den Fuß des Hügels und durch den Ort. Wenn die Familie einmal Gäste hatte, was selten vorkam, fand Andrew es zum Kotzen, wie sein Vater damit prahlte, als hätte er das Ganze entworfen und erbaut. Vor kurzem hatte Andrew beschlossen, den Anblick von Asphalt, zerbrochenen Fenstern und Graffiti vorzuziehen. Er träumte von London und einem tollen Leben dort.

Die Brüder marschierten bis zum Ende des Weges und blieben an der Ecke zur breiteren Straße stehen. Andrew griff in die Hecke, fummelte ein bisschen herum und zog schließlich ein halbvolles Päckchen Benson Hedges und eine leicht feuchte Schachtel Streichhölzer heraus. Nach mehreren Fehlversuchen, bei denen die Zündköpfe an der Reibfläche abbröckelten, gelang es ihm, die Zigarette anzuzünden. Zwei oder drei tiefe Züge, dann durchdrang das grummelnde Dröhnen des Schulbusses die Stille. Vorsichtig drückte Andrew das glühende Ende der Zigarette mit den Fingern aus und verstaute den Rest wieder in der Packung.

Der Bus war immer schon zu zwei Dritteln voll, wenn er die Abzweigung nach Hilltop House erreichte, da er bereits die weiter entfernten Farmen und Häuser abgeklappert hatte. Die Brüder suchten sich wie üblich getrennte Plätze, jeder einen Doppelsitz, und schauten aus dem Fenster, während der Bus rumpelnd hinunter nach Pagford fuhr.

Am Fuß des Hügels stand ein Haus in einem keilförmigen Garten. Die vier Kinder der Fairbrothers warteten für gewöhnlich vor dem Eingangstor, aber heute war niemand zu sehen. Alle Vorhänge waren zugezogen. Andrew fragte sich, ob es üblich war, im Dunkeln zu sitzen, wenn jemand starb.

Vor ein paar Wochen hatte Andrew bei der Disco in der Schulaula Niamh Fairbrother angebaggert, eine von Barrys Zwillingstöchtern. Danach hatte sie die widerliche Angewohnheit entwickelt, ihm nachzuspionieren. Andrews Eltern waren kaum mit den Fairbrothers bekannt. Simon und Ruth hatten so gut wie keine Freunde, schienen aber zumindest für Barry etwas übrigzuhaben, der die Kleinstfiliale der einzigen noch in Pagford verbliebenen Bank geleitet hatte. In der kleinen Stadt war der Name Barry Fairbrother jedoch immer präsent, er tauchte in allen möglichen Verbindungen auf, ob als Gemeinderat, bei Theateraufführungen in der Stadthalle oder dem von der Kirche veranstalteten Volkslauf. Das waren Dinge, an denen Andrew kein Interesse hatte und von denen sich seine Eltern fernhielten.

Als der Bus links abbog und die Church Row hinunterzockelte, vorbei an den geräumigen, terrassenförmig angelegten viktorianischen Häusern, gab sich Andrew einem kurzen Tagtraum hin, in dem sein Vater tot umfiel, niedergeknallt von einem unsichtbaren Heckenschützen. Andrew sah sich, wie er seiner schluchzenden Mutter den Rücken tätschelte und gleichzeitig den Beerdigungsunternehmer anrief. Er hatte eine Zigarette im Mundwinkel und bestellte den billigsten Sarg.

Die drei Jawandas, Jaswant, Sukhvinder und Rajpal, stiegen am unteren Ende der Church Row ein. Andrew hatte darauf geachtet, einen Sitz mit einem freien Platz vor sich einzunehmen, und wollte Sukhvinder mit Willenskraft dazu bringen, sich vor ihn zu setzen, nicht um ihretwillen (Andrews bester Freund Fats bezeichnete sie als ≫Titt’n Tusse≪), sondern weil SIE sich oft neben Sukhvinder setzte. Und ob nun sein telepathischer Ansporn an diesem Morgen besonders wirksam war oder nicht, Sukhvinder entschied sich tatsächlich für den Sitz vor ihm. Triumphierend starrte Andrew, ohne etwas wahrzunehmen, auf die verschmierten Fenster und umklammerte seine Schultasche fester, um die Erektion zu verbergen, die durch die heftige Vibration des Busses entstanden war.

Mit jedem neuen Ruckeln und Holpern stieg die Erwartung, während sich das schwerfällige Fahrzeug durch die schmalen Straßen schob, um die enge Kurve zum Marktplatz und auf die Ecke IHRER Straße zu.

Noch nie hatte sich Andrew so sehr für ein Mädchen interessiert. Sie war erst seit kurzem hier. Eine seltsame Zeit, die Schule zu wechseln, im Frühjahrstrimester des Abschlussjahres zur Sekundarstufe. Ihr Name war Gaia, und das passte, weil er diesen Namen nie zuvor gehört hatte und sie etwas vollkommen Neues war. Sie war eines Morgens in den Bus gestiegen wie der Beweis, zu welch unglaublichen Höhen sich die Natur aufschwingen konnte, und hatte zwei Reihen vor ihm Platz genommen, während er wie gebannt auf die Perfektion ihrer Schultern und ihres Hinterkopfes starrte.

Ihr Haar war kupferbraun und fiel in langen Wellen bis knapp unter ihre Schulterblätter. Ihre Nase war vollkommen gerade, schmal und so kurz, dass sie die herausfordernd üppigen, bleichen Lippen betonte. Ihre weit auseinander stehenden Augen hatten dichte Wimpern und waren von einem grüngefleckten Haselnussbraun, wie ein spät gepflückter Apfel. Andrew hatte sie noch nie geschminkt gesehen, und keine einzige Unreinheit verunstaltete ihre Haut. Ihr Gesicht war ein Gesamtkunstwerk absoluter Symmetrie und ungewöhnlicher Proportionen, und er hätte es stundenlang anschauen können, auf der Suche nach dem Ursprung dieser Faszination.

Erst letzte Woche war er heimgekehrt nach einer Doppelstunde Biologie, in der er sie dank einer gottgewollten Anordnung der Tische fast die ganze Zeit über hatte betrachten können. In der Sicherheit seines Zimmers hatte er hinterher notiert (nachdem er zunächst heftig masturbiert und anschließend eine halbe Stunde lang die Wand angestarrt hatte) ≫Schönheit ist Geometrie≪. Sofort hatte er das Papier wieder zerrissen, und jedes Mal, wenn er daran dachte, kam er sich blöde vor, aber trotzdem, da war etwas dran. Ihre hinreißende Schönheit war das Ergebnis geringfügiger Veränderungen eines Musters, was zu atemberaubender Harmonie führte.

Gleich würde sie da sein, und wenn sie sich, wie so oft, neben die mürrische Sukhvinder setzte, wäre sie nahe genug, um das Nikotin an ihm riechen zu können. Er würde sehen, wie der Bussitz unter ihrem Körper ein wenig nachgab, wenn sie sich darauf fallen ließ, und wie sich diese kupferfarbene Haarpracht über die Haltestange am Sitz ergoss.

Der Busfahrer bremste, Andrew wandte das Gesicht von der Tür ab und gab sich den Anschein, tief in Gedanken versunken zu sein. Er würde sich umschauen, wenn sie eingestiegen war, als hätte er gerade erst bemerkt, dass der Bus angehalten hatte. Er würde Blickkontakt aufnehmen, ihr womöglich zunicken. Er wartete darauf, das Öffnen der Türen zu hören, aber das leise Pochen des Motors wurde nicht von dem vertrauten Zischen und Rumpeln unterbrochen.

Andrew schaute sich um und sah nichts als die schäbige kurze Hope Street, zu beiden Seiten von kleinen Reihenhäusern gesäumt. Der Busfahrer beugte sich vor, um sich zu vergewissern, dass Gaia nicht kam. Andrew wollte ihn bitten zu warten, weil sie erst in der Woche zuvor aus einem der kleinen Häuser gestürmt und auf den Bus zugerannt war (da war es vertretbar gewesen, hinzuschauen, denn das hatten alle getan), und der Anblick der rennenden Gaia hatte seine Gedanken stundenlang in Beschlag genommen. Aber der Fahrer drehte das große Steuer herum, und der Bus fuhr weiter. Andrew wandte sein Gesicht wieder dem schmutzigen Fenster zu, mit Schmerzen im Herzen und Feuer in den Lenden.

2.5 V

In den kleinen Reihenhäusern der Hope Street hatten früher Arbeiter gewohnt. Im Badezimmer von Nummer zehn rasierte sich Gavin Hughes langsam und mit unnötiger Vorsicht. Er war so blond und sein Bart wuchs so spärlich, dass eine Rasur nur zweimal wöchentlich nötig war. Das klamme, leicht schmuddelige Badezimmer war der einzige Rückzugsort, und wenn er hier bis um acht herumtrödelte, hätte er einen plausiblen Grund dafür, sofort zur Arbeit aufbrechen zu müssen. Ihm graute davor, mit Kay zu reden.

Am Abend zuvor war er einer Diskussion nur dadurch aus dem Weg gegangen, dass er so ausgiebig und einfallsreich mit ihr geschlafen hatte, wie seit den Anfängen ihrer Beziehung nicht mehr. Kay war voll nervtötender Begeisterung darauf eingegangen, hatte von einer Stellung in die nächste gewechselt, ihre stämmigen Beine für ihn angehoben, sich verbogen wie eine slawische Akrobatin, der sie mit ihrer olivfarbenen Haut und dem kurzen schwarzen Haar ein wenig ähnelte. Zu spät hatte er erkannt, dass sie diesen ungewöhnlichen Akt der Zuwendung als ein stillschweigendes Geständnis all der Liebesschwüre angesehen hatte, die er keinesfalls vorzubringen gedachte. Sie hatte ihn gierig geküsst. Zu Beginn ihrer Affäre hatte er ihre feuchten, zudringlichen Küsse erotisch gefunden, doch jetzt stießen sie ihn eher ab. Er hatte lange gebraucht, um zum Höhepunkt zu kommen, da sein Grausen über das, was er da in Gang gesetzt hatte, ständig drohte, seine Erektion zusammenfallen zu lassen. Selbst das hatte gegen ihn gearbeitet: Kay schien sein ungewöhnliches Durchhaltevermögen für einen Beweis seiner Virilität zu halten.

Als es endlich vorbei war, hatte sie sich in der Dunkelheit an ihn geschmiegt und ihm über das Haar gestrichen. Niedergeschlagen hatte er ins Nichts gestarrt, da ihm bewusst war, dass sich seine vage Hoffnung auf mehr Distanz unfreiwillig ins Gegenteil verkehrt hatte. Nachdem sie eingeschlafen war, hatte er dagelegen, den einen Arm unter ihr festgeklemmt, das feuchte Laken unangenehm klebrig an seinem Oberschenkel, auf einer klumpigen Matratze mit alten Sprungfedern, und hatte sich gewünscht, er hätte den Mut, ein Schweinehund zu sein, sich davonzuschleichen und nie wiederzukommen.

Kays Badezimmer roch nach Schimmel und feuchten Schwämmen. Haare klebten am Rand der kleinen Wanne. Farbe blätterte von den Wänden.

≫Müsste mal gestrichen werden≪, hatte Kay gesagt.

Gavin hatte sich gehütet, ihr freiwillig Hilfe anzubieten. Die Dinge, die er ihr nicht gesagt hatte, waren sein Talisman und sein Schutz; in Gedanken fädelte er sie auf und ließ sie durch die Finger gleiten wie die Perlen eines Rosenkranzes. Nie hatte er das Wort ≫Liebe≪ in den Mund genommen, nie von Ehe gesprochen. Er hatte sie nie gebeten, nach Pagford zu ziehen. Und doch war sie hier, und irgendwie gelang es ihr, ihm das Gefühl zu vermitteln, es sei seine Schuld.

Sein Gesicht starrte ihn aus dem fleckigen Spiegel an. Unter seinen Augen lagen tiefe Schatten, und sein schütteres blondes Haar war dünn und trocken. Die nackte Birne unter der Decke beleuchtete das spitze Gesicht mit forensischer Grausamkeit.

Vierunddreißig, dachte er, und ich sehe aus wie mindestens vierzig.

Er hob den Rasierer und machte sich vorsichtig über die zwei dicken blonden Haare her, die rechts und links von seinem hervortretenden Adamsapfel sprossen.

Fäuste donnerten gegen die Hadezimmertür. Gavins Hand rutschte ab, Blut tropfte von seinem dünnen Hals auf sein sauberes weißes Hemd.

≫Dein Freund≪, erklang ein wütender weiblicher Schrei, ≫ist immer noch im Bad, und ich komme zu spät!≪

≫Ich bin fertig!≪ rief er.

Der Schnitt brannte, aber egal. Hier war seine Ausrede, auf dem Silbertablett serviert: Schau her, was deine Tochter angerichtet hat. Ich muss nach Hause und mir vor der Arbeit noch ein frisches Hemd anziehen. Beinahe leichten Herzens griff er nach Jackett und Krawatte, die er über einen Haken an der Tür gehängt hatte, und schloss auf.

Gaia drängte sich an ihm vorbei, knallte die Tür hinter sich zu und rammte den Riegel davor. Auf dem schmalen Treppenabsatz vor dem Bad roch es scharf und unangenehm nach verbranntem Gummi. Gavin dachte daran, wie das Kopfteil des Bettes in der Nacht gegen die Wand gekracht war, wie das billige Kiefernholz geknarrt hatte, an Kays Stöhnen und ihre Schreie. Manchmal vergaß man einfach, dass auch ihre Tochter im Haus war.

Rasch lief er die nackten Holzstufen hinunter. Kay hatte ihm erzählt, sie habe vor, sie abzuschleifen und zu lackieren, aber er bezweifelte, dass sie es jemals tun würde, denn schon ihre Wohnung in London war schäbig und in keinem guten Zustand gewesen. Außerdem war er überzeugt, dass sie erwartete, demnächst bei ihm einzuziehen, aber das würde er nicht zulassen. Das war seine letzte Bastion, und wenn er unter Zwang geriet, würde er sie bis aufs Blut verteidigen.

≫Was hast du denn gemacht?≪, kreischte Kay, als sie das Blut auf seinem Hemd sah. Sie trug den billigen knallroten Kimono, den er nicht leiden konnte, der ihr aber so gut stand.

≫Gaia hat gegen die Tür gedonnert, und ich bin zusammengeschreckt. Ich muss nach Hause und mich umziehen.≪

≫Aber ich hab dir doch Frühstück gemacht!≪ sagte sie rasch.

Jetzt merkte er, dass der Geruch nach verbranntem Gummi in Wirklichkeit von Rühreiern stammte. Sie sahen bleich und verkocht aus.

≫Keine Zeit, Kay. Ich muss das Hemd wechseln, ich habe eine frühe—≪

Sie häufte bereits die erstarrte Masse auf drei Teller. ≫Fünf Minuten, du kannst doch wohl noch fünf Minuten—≪

Das Handy in seiner Jackentasche summte laut, und er zog es heraus. Gleichzeitig überlegte er, ob er den Nerv haben würde zu behaupten, es handle sich um einen dringenden Fall.

≫Du lieber Gott≪, rief er mit ungeheucheltem Entsetzen.

≫Was ist denn?≪

≫Barry. Barry Fairbrother! Er ist — Scheiße, er ist — er ist tot! Das ist von Miles. Verdammte Scheiße. Gottverdamrnte Scheiße!≪

Sie legte den Löffel weg.

≫Wer ist Barry Fairbrother?≪

≫Mein Partner beim Squash. Er war erst vierundvierzig! Gott im Himmel!≪

Er las die SMS noch einmal. Kay beobachtete ihn verwirrt. Sie wusste, dass Miles ein Kollege von Gavin in der Anwaltskanzlei war, doch sie war ihm nie vorgestellt worden. Und Barry Fairbrother war für sie nur ein Name.

Ein Gewitter kam die Treppe hinunter: Gaia stampfte beim Rennen auf.

≫Eier≪, bemerkte sie an der Küchentür. ≫Als ob du mir die jeden Morgen machst. Nein danke. Und wegen dem≪, mit einem giftigen Blick auf Gavins Hinterkopf, ≫hab ich wahrscheinlich den Kack-Bus verpasst.≪

≫Tja, wenn du nicht so lange für deine Haare gebraucht hättest≪, brüllte Kay ihrer Tochter nach, die durch den Flur stürmte, mit der Schultasche gegen die Wände schlug und die Haustür hinter sich zuknallte.

≫Ich muss gehen, Kay≪, sagte Gavin.

≫Aber ich hab alles fertig, du könntest doch noch—≪

≫Ich muss das Hemd wechseln. Und Mist, ich hab Barrys Testament aufgesetzt, ich muss es mir noch mal anschauen. Nein, tut mit leid, ich muss gehen. Ich fasse es nicht≪, fügte er hinzu, während er Miles’ SMS erneut durchlas. ≫Ich kann es nicht fassen. Wir haben doch noch am Donnerstag Squash gespielt. Ich kann’s nicht — O Gott.≪

Ein Mann war gestorben, und dagegen konnte sie nichts einwenden, ohne ungerecht zu erscheinen. Gavin küsste sie flüchtig auf die starren Lippen und entfernte sich dann durch den dunklen, schmalen Flur.

≫Sehn wir uns…?≪

≫Ich melde mich später.≪ Er tat, als hätte er sie nicht gehört.

Gavin eilte über die Straße zu seinem Auto, atmete die kalte Luft in tiefen Zügen ein und hielt den Gedanken an Barrys Tod fest wie ein Fläschchen mit explosiver Flüssigkeit, das er nicht zu schütteln wagte. Während er den Zündschlüssel umdrehte, stellte er sich Barrys Zwillingstöchter vor, wie sie auf ihrem Doppelstockbett weinend das Gesicht in die Kissen drückten. Er hatte sie dort liegen sehen, eine über der anderen, jede mit ihrem Nintendo DS, als er bei der letzten Einladung zum Abendessen an ihrer Zimmertür vorbeigekommen war.

Die Fairbrothers waren für ihn stets das ideale Paar gewesen. Nun würde er nie wieder bei ihnen essen. Oft hatte er Barry gesagt, was für ein Glückspilz er sei. Am Ende wohl doch nicht.

Auf dem Bürgersteig kam jemand auf ihn zu. Voller Panik, es könnte Gaia sein, die ihn anschrie oder verlangte, dass er sie mitnahm, setzte er zu heftig zurück und prallte gegen das Auto hinter seinem: Kays alter Corsa. Als die Person auf Höhe des Seitenfensters war, stellte er fest, dass es sich um eine ausgemergelte, humpelnde alte Frau in Pantoffeln handelte. Schwitzend schlug Gavin das Lenkrad ein und manövrierte sich aus der Parklücke. Beim Gasgeben blickte er in den Rückspiegel und sah, wie Gaia die Tür zu Kays Haus wieder aufschloss.

Das Atmen fiel ihm schwer. In seiner Brust steckte ein fester Knoten. Erst jetzt ging ihm auf, dass Barry Fairbrother sein bester Freund gewesen war.

2.6 VI

Der Schulbus hatte Fields erreicht, die ausgedehnte Siedlung am Stadrand von Yarvil. Schmutzige graue Häuser, einige mit Tags und Obszönitäten besprüht, hier und da vernagelte Fenster, Satelittenschüsseln und überwucherte Grasflächen, all das fesselte Andrews Aufmerksamkeit genauso wenig wie die mit glitzerdem Frost überzogenen Ruinen der Abtei von Pagford. Früher hatte ihn Fields fasziniert und eingeschüchtert, doch inzwischen hatte er sich daran gewöhnt.

Die Bürgersteige waren voller Kinder und Jugendlicher auf dem Weg zur Schule, viele im T-Shirt, trotz der Kälte. Andrew entdeckte Krystal Weedon. Zielscheibe für Gespött und schlechte Witze. Mitten in einer Gruppe von Jungen und Mädchen hüpfte sie herum und lachte brüllend. An jedem Ohr baumelten zahllose Ohrringe, und ihr Stringtanga war über dem Rand ihrer tief sitzenden Trainingshose deutlich zu sehen. Andrew kannte sie seit der Grundschule, und sie kam in vielen seiner grellsten Erinnerungen aus dieser Zeit vor. Sie hatten sich über ihren Namen lustig gemacht, aber statt zu heulen, wie es die meisten anderen Mädchen getan hätten, hatte die fünfjährige Krystal mitgemacht, gegackert und gekreischt: ≫Weed-on! Krystal weed-on! Krystal ka-cken!≪ Und sie hatte vor der ganzen Klasse die Hose runtergezogen und sich hingehockt, als wollte sie es wirklich machen. Noch immer erinnerte er sich lebhaft an ihre nackte rosa Möse, es war, als wäre der Weihnachtsmann in ihrer Mitte aufgetaucht. Und er wusste auch noch, wie Miss Oates Krystal mit hochrotem Gesicht aus dem Raum geführt hatte.

Mit zwölf Jahren, nach dem Übertritt in die Gesamtschule, war Krystal das am weitesten entwickelte Mädchen ihres Jahrgangs und hatte hinten im Klassenzimmer herumgelungert, wo alle, wenn sie fertig waren, ihre Mathearbeitsblätter hinbringen und gegen das nachfolgende Blatt austauschen sollten. Wie es angefangen hatte, wusste Andrew nicht (er war mal wieder als einer der Letzten mit der Matheaufgabe fertig geworden), aber als er zu den Plastikkästen mit den Arbeitsblättern kam, ordentlich aufgereiht auf den Regalen an der Rückwand, befummelten Rob Calder und Mark Richards gerade einer nach dem anderen Krystals Brüste. Die meisten anderen Jungen schauten wie gebannt zu, die Köpfe vor dem Lehrer hinter den Mathebüchern verborgen, während die Mädchen, größtenteils knallrot im Gesicht, so taten, als würden sie nichts sehen. Andrew verstand, dass die Hälfte der Jungen bereits an der Reihe gewesen war und alle von ihm erwarteten, auch mitzumachen. Einerseits hatte er gewollt, andererseits nicht. Er hatte sich nicht vor den Brüsten gefürchtet, sondern vor Krystals dreistem, herausforderndem Blick. Er hatte Angst gehabt, es falsch zu machen. Als der nichtsahnende und unfähige Mr Simmonds schließlich aufgeschaut und gesagt hatte: ≫Du stehst jetzt schon ewig da hinten, Krystal, hol dir ein Arbeitsblatt und setz dich wieder≪, war Andrew regelrecht erleichtert gewesen.

Obwohl sie längst in verschiedenen Unterrichtsgruppen waren, mussten sie ihre Anwesenheit morgens immer noch in derselben Klasse registrieren lassen, daher wusste Andrew, dass Krystal manchmal anwesend war, oft nicht, und dass sie fast ständig in Schwierigkeiten steckte. Furcht kannte sie nicht, so wenig wie die Jungs, die mit selbstgestochenen Tattoos zur Schule kamen, mit aufgeplatzten Lippen, Zigaretten und Geschichten über Zusammenstöße mit der Polizei, über Drogen und schnellen Sex.

Die Gesamtschule Winterdown lag direkt am Stadtrand von Yarvil, ein hässliches dreislöckiges Gebäude, an dessen Außenwänden sich Fenster mit türkis gestrichener Holzverkleidung abwechselten. Nachdem sich die Bustüren quietschend geöffnet hatten, schloss sich Andrew der wogenden Menge in schwarzen Blazern und Pullovern an, die über den Parkplatz auf die beiden Eingangstüren der Schule zuströmte. Als er sich gerade durch den Engpass der Doppeltür quetschen wollte, bemerkte er einen ankommenden Nissan Micra und trat zur Seite, um auf seinen besten Freund zu warten.

Dickie, Dicker, Dickster, Flubberwurm, Fleischklops, Walla, Fatboy, Fats: Stuart Wall war der Junge mit den meisten Spitznamen in der Schule. Sein federnder Gang, seine Magerkeit, sein schmales, blasses Gesicht, die Segelohren und der stets gequälte Ausdruck waren eigentlich markant genug, aber was ihn wirklich von allen anderen abhob, waren sein bissiger Humor, sein Gleichgültigkeit und Gelassenheit. Irgendwie war es ihm gelungen, sich von den höchst unglücklichen Verbindungen zu distanzieren. Eine weniger robuste Person wäre daran zerbrochen: die Peinlichkeit, der Sohn eines vorspotteten und unbeliebten stellvertretenden Schulleiters zu sein und eine trutschige, übergewichtige Beratungslehrerin zur Mutter zu haben. Er war vor allem und ohne Frage er selbst. Fats, Schulberühmtheit und Wahrzeichen. Und sogar die Kinder aus Fields lachten über seine Witze und machten sich eher selten über seine Eltern lustig — so kühl und grausam gab er ihre Spötteleien zurück.

Fats’ Selbstbeherrschung bekam selbst an diesem Morgen keinen Riss, als er sich, in voller Sicht der vorbeiströmenden Horden, nicht nur neben seiner Mutter aus dem Nissan zwängen musste, sondern auch noch neben seinem Vater, der für gewöhnlich getrennt von ihnen zur Schule fuhr. Als Fats federnd auf ihn zukam, musste Andrew wieder an Krystal Weedon und ihren über der Trainingshose blitzenden Stringtanga denken.

≫Was geht, Arf?≪, fragte Fats.

≫Fats.≪

Sie schoben sich gemeinsam in die Menge, die Schultaschen über die Schulter gehängt, trafen damit die kleineren Kinder ins Gesicht und schufen sich so ein wenig Platz.

≫Pingel hat geheult≪, sagte Fats, als sie die überfüllte Treppe hochstiegen.

≫Häh?≪

≫Harry Fairbrother ist gestern Nacht tot umgefallen.≪

≫Ach so. Ja, hab ich gehört≪, sagte Andrew.

Fats bedachte Andrew mit dem zweifelnden Blick, den er aufsetzte, wenn andere sich übernahmen und vorgaben, mehr zu wissen, mehr zu sein, als sie waren.

≫Meine Mum war im Krankenhaus, als sie ihn reinbrachten≪, sagte Andrew gereizt. ≫Sie arbeitet da, schon vergessen?≪

≫Ach ja≪, sagte Fats, und die Skepsis war weg. ≫Er und Pingel waren ja so was wie ‘echte Kumpels’. Und er wird’s hier groß verkünden. Nicht gut, Arf.≪

Sie trennten sich oben an der Treppe, um sich in ihren jeweiligen Klassenzimmern anzumelden. Der größte Teil von Andrews Klasse war bereits dort, saß auf den Tischen, ließ die Beine baumeln, lehnte seitlich an den Schränken. Schultaschen lagen unter den Stühlen. Es war lauter und entspannter als an einem normalen Montagmorgen, denn die anstehende Schulversammlung versprach einen Gang durchs Freie zur Turnhalle. Ihre Klassenlehrerin saß an ihrem Pult und hakte die hereinkomrnenden Schüler ab. Sie machte sich nie die, Mühe, die Namen einzeln aufzurufen. Nur einer der vielen kleinen Versuche, mit denen sie sich bei ihnen beliebt machen wollte, und die Klasse verachtete sie dafür.

Krystal kam rein, als es zur Versammlung klingelte. Von der Tür her schrie sie: ≫Ich bin da, Miss!≪, und machte auf dem Absatz kehrt. Alle folgten ihr, immer noch schwatzend. Andrew und Fats trafen sich oben an der Treppe wieder und wurden mit dem allgemeinen Strom aus den hinteren Türen und über den asphaltierten Hof geschwemmt.

Die Turnhalle roch nach Schweiß und Turnschuhen. Das Getöse von zwölfhundert unermüdlich plappernden Jugendlichen hallte von den nackten weißen Wänden wider. Ein harter und total verfleckter Belag in Industriegrau bedeckte den Boden, auf dem in unterschiedlichen Farben Felder für Badminton und Tennis, Hockey und Fußball markiert waren. Der Belag schürfte einem die Beine eklig auf, wenn man fiel, war aber angenehmer zum Sitzen als blankes Holz, wenn man eine ganze Schulversammlung darauf durchhalten musste. Andrew und Fats hatten die Ehre erlangt, auf Plastikstühlen zu sitzen, die für die Mittelstufe aufgestellt waren.

Vom in der Halle stand ein altes hölzernes Rednerpult, und daneben saß Mrs Shawcross, die Schulleiterin. Fats’ Vater Colin Wall, genannt ≫Pingel≪, setzte sich neben sie. Er war sehr groß, hatte eine hohe Stirn, eine Halbglatze und einen leicht nachzuahmenden Gang, hielt er doch die Arme steif an die Seiten gedrückt und wippte mehr auf und ab, als zur Fortbewegung nötig war. Alle nannten ihn Pingel wegen seiner berüchtigten Manie, die Sortierfächer an der Wand vor seinem Büro in Ordnung zu nahen. In einige von ihnen kamen die Anwesenheitslisten, nachdem sie abgehakt waren, andere waren bestimmten Fachbereichen zugeordnet. ≫Achte darauf, das ins richtige Sortierfach zu legen, Alisa!≪ ≫Lass das nicht so raushängen, sonst fällt es aus dem Sortierfach, Kevin!≪ ≫Tritt nicht darauf, Mädchen! Heb das auf und gib es her, das gehört in ein Sortierfach!≪

Die anderen Lehrer nannten sie Ablagefächer. Man nahm allgemein an, dass sie das taten, um sich von Pingel abzusetzen.

≫Aufrücken, aufrücken≪, sagte Mr Meacher, der Werkkundelehrer zu Andrew und Fats, die zwischen sich und Kevin Cooper einen Stuhl frei gelassen hatten.

Pingel nahm seinen Platz hinter dem Rednerpult ein. Die Schüler gaben nicht so schnell Ruhe, wie sie es für die Schulleiterin getan hätten. Genau in dem Augenblick, in dem auch die letzte Stimme verstummt war, öffnete sich die Doppeltür in der rechten Wand, und Gaia kam herein.

Sie blickte sich in der Halle um (Andrew gestattete sich, sie zu beobachten, da die halbe Halle hinschaute. Sie kam zu spät, war ein unbekanntes Gesicht und wunderschön, außerdem redete ja nur Pingel) und ging rasch, aber nicht unangemessen schnell (denn sie besaß Fats’ Gabe der unerschütterlichen Ruhe) hinten um die Schüler herum. Andrew konnte den Kopf nicht so weit drehen, um sie im Auge zu behalten, und die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag, dass er beim Aufrücken mit Fats einen Platz neben sich frei gelassen hatte.

Er hörte leichte, schnelle Schritte näher kommen, und dann war sie da, hatte sich direkt neben ihn gesetzt. Sie stieß an seinen Stuhl, bewegte ihn mit ihrem Körper. Ein zarter Hauch von Parfüm stieg ihm in die Nase. Seine ganze linke Körperseite brannte in dem Bewusstsein ihrer unmittelbaren Nähe, und er war heilfroh, dass auf der Wange, die er ihr zuwandte, nicht so viele Pickel waren wie auf der anderen. Er war ihr noch nie so nahe gewesen und überlegte, ob er es wagen sollte, sie anzuschauen, sich bemerkbar zu machen, kam aber sofort zu dem Entschluss, dass er zu lange gezögert hatte und es zu spät war, um locker zu wirken.

Er kratzte sich an der linken Schläfe, deckte auf diese Weise sein Gesicht ab und verdrehte die Augen, um auf ihre locker im Schoß verschränkten Hände zu schauen. Die Nägel waren kurz, sauber und unlackiert. Am kleinen Finger steckte ein schlichter Silberring.

Fats drückte Andrew diskret den Ellbogen in die Seite.

≫Zum Schluss≪, sagte Pingel, und Andrew ging auf, dass er Pingel die Wörter schon zwei Mal hatte sagen hören. In der Turnhalle herrschte inzwischen völlige Stille, alles Gezappel hatte aufgehört und die Luft war aufgeladen mit Neugier, Spannung und Unbehagen.

≫Zum Schluss≪, wiederholte Pingel, und seine Stimme geriet zitternd außer Kontrolle, ≫habe ich eine sehr…eine sehr traurige Mitteilung zu machen. Mr Barry Fairbrother, der während der letzten zwei Jahre unsere äußerst erfalg…, erfolg…, erfolgreichen Ruderinnen trainiert hat, ist…≪

Er schluckte und fuhr sich mit der Hand über die Augen.

≫gestern Abend …≪

Pingel Wall weinte vor allen, und sein kahler Kopf sackte auf die Brust.

Durch die Zuschauer lief gleichzeitig ein Aufstöhnen und Kichern, und viele Gesichter wandten sich Fats zu, der sich völlig gleichgültig gab, etwas irritiert vielleicht, ansonsten aber ungerührt.

≫…gestorben…≪, schluchzte Pingel, und die Schulleiterin stand sichtlich verärgert auf. ≫…gestern Abend …gestorben.≪

Irgendwo in der Mitte der hinteren Stuhlreihen kreischte jemand auf.

≫Wer hat da gelacht?≪, brüllte Pingel, und die Luft knisterte vor entzückter Anspannung. ≫WIE KANNST DU ES WAGEN! Welches Mädchen hat da gelacht, wer war das?≪

Mr Mcacher war bereits aufgesprungen und deutete wütend auf jemanden in der Reihe hinter Andrew und Fats. Andrews Stuhl wurde wieder angestoßen, weil Gaia sich umgedreht hatte, genau wie alle anderen auch. Andrews gesamter Körper schien exterm empfindsam geworden zu sein, denn er spürte, wie Gaia sich zu ihm hinüberlehnte. Wenn er sich plötzlich in die andere Richtung drehte, würde er ihr in die Augen schauen.

Wer hat da gelacht?≪, wiederholte Pingel und stellte sich auf die Zehenspitzen, als könnte er die Schuldige absurderweise vom Rednerpult aus erkennen. Mr Meacher machte Mundbewegungen und deutete hektisch auf die Person, die er als Schuldigc erkannt hatte.

≫Wer ist es, Mr Meacher?≪, rief Pingel.

Mr Meacher hatte Schwierigkeiten, die Schuldige zu bewegen, ihren Platz zu verlassen, aber als Pingel sich anschickte, zu ihnen zu kommen und die Sache selbst in die Hand zu nehmen, schoss Krystal Weedon hoch, knallrot im Gesicht, und drängte sich schubsend durch die Reihe.

≫Sie kommen nach der Schulversammlung sofort in mein Büro!≪ schrie Pingel. ≫Absolut skandalös! Vollkornmen respektlos! Gehen Sie mir aus den Augen!≪

Aber Krystal blieb am Ende der Reihe stehen, zeigte Pingel den Stinkefinger und schrie: ≫HAB DOCH NIX GEMACHT, DU PIMMEL!≪

Gewaltiges Stimmengewirr und Gelächter brausten auf. Die Lehrer bemühten sich vergebens, den Lärm in den Griff zu bekommen, und ein oder zwei verließen ihre Plätze, um ihre eigenen Schüler mit Drohungen einzuschüchtern.

Die Doppeltüren schwangen hinter Krystal und Mr Meacher zu.

≫Ruhe jetzt!≪ brüllte die Schulleiterin, und eine nervöse Unruhe voller Zappelei und Geflüster breitete sich in der Halle aus. Fats blickte starr geradeaus, und diesmal wirkte sein Gleichmut gezwungen, seine Haut hatte eine dunklem Färbung angenommen.

Andrew spürte, wie Gaia auf ihren Stuhl zurücksank. Er nahm allen Mut zusammen, schaute nach links und grinste. Sie lächelte prompt zurück.

2.7 VII

Obwohl Pagfords Feinkostgeschäft seine Türen erst um neun Uhr dreißig öffnete, war Howard Mollison früher da. Er war ein außerordentlich fettleibiger Mann von vierundsechzig. Da sein gewaltiger Hängebauch bis auf die Oberschenkel reichte, mussten die meisten Leute sofort an seinen Penis denken, wenn sie ihn das erste Mal sahen Sie überlegten, wann er ihn wohl zuletzt gesehen hatte, wie er ihn wusch und wie es ihm gelang, all das damit auszuführen, wozu ein Penis gedacht war. Howards Statur setzte diese Gedanken unwillkürlich in Gang. Doch er konnte mit seinen Kunden jovial und humorvoll plaudern, so dass er neben all dem Unbehagen auch Vertrauen verbreitete. Beim ersten Besuch des Ladens kauften die Kunden immer viel mehr, als sie beabsichtigt hatten. Während er arbeitete, schwatzte er ununterbrochen, schob mit seinen Wurstfingern den Schinkenschneider vor und zurück, ließ seidenfeine Schinkenscheiben auf das darunter gehaltene Zellophan gleiten, stets ein Zwinkern in seinen runden blauen Augen und ein Lachen, das sein Vielfachkinn erzittern ließ.

Howard hatte eine Art Uniform erfunden, die er bei der Arbeit trug: weißes Hemd, Kordhose, dunkelgrüne Segeltuchschürze und eine Sherlock-Holmes-Mütze, an der eine Reihe Angelköder fürs Fliegenfischen befestigt war. Mochte diese Mütze zuerst auch ein Witz gewesen sein, setzte er sie inzwischen jeden Morgen mit heiligem Ernst in der Personaltoilette auf seine dichten grauen Locken.

Das Geschäft morgens zu öffnen war Howards ganze Freude. Er ging gerne im Laden umher, wenn nur das leise Summen der Kühlaggregale zu hören war, und genoss es, alles zum Leben zu erwecken — das Licht einzuschalten, die Abdeckungen zu entfernen, um die Schätze im Kühlregal sichtbar zu machen: die bleichen graugrünen Artischocken, die onyxschwarzen Oliven, die getrockneten Tomaten glichen in ihrem Gewürzöl rubinroten Seepferdchen.

An diesem Morgen mischte sich jedoch Ungeduld in seine Freude. Seine Geschäftspartnerin Maureen war spät dran, und genauso wie Miles vor ein paar Stunden befürchtete nun Howard, dass ihm jemand mit der sensationellen Nachricht zuvorkommen könnte.

Er blieb neben dem Durchbruch in der Wand zu dem früheren Schuhgeschäft stehen, in dem bald Pagfords neuestes Café eröffnet werden würde, und überprüfte die schwere Plastikplane, die den Staub von den Waren fernhalten sollte. Sie hatten vor, das Café Ostern zu eröffnen, um mehr Touristen ins West Country zu locken, für die Howard das Schaufenster jährlich mit Cider, Käse und Strohpüppchen aus der Region füllte.

Hinter ihm läutete die Glocke, und er drehte sich um. Sein zusammengeflicktes und durch einen Bypass verstärktes Herz raste vor Aufregung.

Maureen war eine schlanke, leicht nach vorn gebeugte Frau von zweiundsechzig Jahren, die Witwe von Howards ehemaligem Partner. Ihre krumme Haltung ließ sie älter erscheinen, obwohl sie nach Kräften bemüht war, sich an ihre Jugendlichkeit zu klammern. Sie färbte sich die Haare pechschwarz, kleidete sich in grelle Farben und schwankte auf unverantwortlich hohen Stilettos umher, die sie im Laden gegen Gesundheitssandalen tauschte.

≫Morgen, Mo≪, sagte Howard. Er hatte sich fest vorgenommen, nicht zu überstürzen, aber bald würden die Kunden kommen, und er hatte eine Menge zu sagen. ≫Hast du schon gehört?≪

Sie sah ihn fragend an.

≫Barry Fairbrother ist tot.≪

Ihr blieb der Mund offen stehen.

Nein! Wie das denn?≪

Howard tippte sich an die Schläfe. ≫Irgendwas ist kaputt gegangen. Da drin. Miles war dabei, hat alles mit angesehen. Auf dem Parkplatz vom Golfclub.≪

Nein!≪ wiederholte sie.

≫Mausetot≪, sagte Howard, als gäbe es Abstufungen von Totsein und als sei die Art, wie Barry Fairbrother abgetreten war, besonders schäbig.

Maureens grell geschminkte Lippen hingen herab, Während sie sich bekreuzigte. Ihr Katholizismus verlieh solchen Augenblicken immer etwas Pittoreskes.

≫Miles war dabei?≪, krächzte sie. Howard hörte ihrer tiefen Exraucherstimme das gierige Verlangen an, jede kleinste Einzelheit zu erfahren.

≫Willst du nicht erst mal den Kessel aufsetzen, Mo?≪

Wenigstens konnte er ihre Qual noch um ein paar Minuten verlängern. In ihrer Hast, zu ihm zurückzukehren, schwappte ihr brühheißer Tee über die Hand. Sie setzten sich hinter dem Ladentisch auf die hölzernen Barhocker, die Howard dort für ruhige Zeiten hingestellt hatte, und Maureen kühlte ihre verbrühte Hand mit Eis, das sie sich aus dem Kühlschrank geholt hatte. Gemeinsam hechelten sie die konventionellen Aspekte der Tragödie durch: die Witwe (≫Sie wird nicht mehr weiterwissen, hat doch nur für Barry gelebt≪), die Kinder (≫Vier Teenager, was für eine Hürde ohne Vater≪), das relativ junge Alter des Toten (≫Er war nicht viel älter als Miles, nicht wahr?≪), und dann kamen sie endlich zu der wahren Bedeutung dieses Ablebens, neben der alles andere unwichtiges Herumgerede war.

≫Wie geht es jetzt weiter?≪, fragte Maureen begierig.

≫Hm, ja nun. Das ist die Frage, nicht wahr? Wir haben da eine plötzliche Vakanz, und das könnte alles auf den Kopf stellen.≪

≫Eine was?≪, fragte Maureen voller Sorge, ihr könnte etwas Wichtiges entgangen sein.

≫Eine plötzliche Vakanz≪, wiederholte Howard. ≫So nennt man das, wenn durch einen Todesfall ein Sitz im Gemeinderat frei wird. Der korrekte Ausdruck≪, fügte er belehrend hinzu.

Howard war Vorsitzender des Gemeinderats und ≫First Citizen≪ von Pagford. Zu diesem Amt gehörte eine vergoldete und emailierte Amtskette, die in dem kleinen Tresor ruhte, den Shirley und er in ihrem Einbaukleiderschrank hatten installieren lassen. Wenn Pagford doch nur das Stadtrecht bekommen würde, dann dürfte er sich endlich Bürgermeister nennen, was er faktisch ohnehin war. Shirley hatte das auf der Website des Gemeinderats deutlich hervorgehoben, Und unter einem Foto vom strahlenden Howard mit seiner Amtskette war zu lesen, er nehme Einladungen zu öffentlichen Veranstaltungen und Geschäftsempfängen in der Region gerne entgegen. Erst vor ein paar Wochen hatte er in der Grundschule die Urkunden für die Radfahrprüfung ausgehändigt.

Howard trank einen Schluck Tee und sagte mit einem Lächeln, um seinen Worten die Spitze zu nehmen: ≫Fairbrother war ein Scheißkerl, Mo, Wirklich. Er konnte ein echter Scheißkerl sein.≪

≫Oh, ich weiß≪, sagte sie. ≫Ich weiß.≪

≫Ich hätte es mit ihm ausfechten müssen, wenn er noch am Leben wäre. Frag Shirley. Er konnte ein hinterhältiger Scheißkerl sein.≪

≫Oh, ich weiß.≪

≫Na gut, wir werden sehen. Wir werden sehen. Damit dürfte die Sache erledigt sein. Nicht dass ich auf diese Weise gewinnen wollte, beileibe nicht≪, fügte er mit einem tiefen Seufzen hinzu. ≫Aber wenn es um das Wohl von Pagford geht, um die Gemeinde …ist das nicht verkehrt.≪

Howard sah auf die Uhr. ≫Ist fast halb, Mo.≪

Sie öffneten nie zu spät, schlossen nie zu früh. Das Geschäft wurde mit den Ritualen und der Regelmäßigkeit eines Tempels geführt.

Maureen stakste hinüber, um die Tür zu öffnen und die Jalousien hochzuziehen. Ruckweise öffnete sich dabei die Aussicht auf den Marktplatz: malerisch und gut gepflegt, was größtenteils den gemeinsamen Anstrengungen jener Eigentümer zu verdanken war, deren Grundstücke auf den Platz hinausgingen. Überall waren Blumenkästen, Hängeampeln und Pflanzkübel angebracht, jedes Jahr in aufeinander abgestimmten Farben bepflanzt. Das Black Canon (eines der ältesten Pubs in England) lag Mollison & Lowe am Platz gegenüber.

Howard holte rechteckige lange Platten mit frischen Pâtés aus dem Hinterzimmer und reihte sie, dekoriert mit glänzenden Zitronenecken und Beeren, fein säuberlich unter der Glasplatte des Ladentisches auf. Leicht schnaufend von der Anstrengung, ordnete Howard die letzten Pâtés an und blieb eine Weile stehen, den Blick auf das Kriegerdenkmal in der Mitte des Platzes gerichtet.

Pagford war an diesem Morgen schön wie immer, und Howard erlebte einen Moment der Klarheit, sowohl für sein eigenes Leben als auch für das des Ortes, dessen pulsierendes Herz er war, so sah er es zumindest. Er war begierig, das alles in sich aufzunehmen: die glänzenden schwarzen Bänke, die roten und violetten Blumen, die von der Sonne vergoldete Spitze des Steinkreuzes. Und Barry Fairbrother war tot. In dieser plötzlichen Neuordnung dessen, was Howard als Schlachtfeld begriff, das Schlachtfeld, auf dem er und Barry sich so lange feindlich gegenübergestanden hatten, meinte Howard einen Akt der Vorsehung zu erkennen.

≫Howard≪, sagte Maureen scharf. ≫Howard.

Eine Frau kam über den Platz, eine schlanke, schwarzhaarige, braunhäutige Frau in einem Trenchcoat, die mürrisch auf ihre Schuhpitzen schaute.

≫Glaubst du, sie…? Weiß sie es schon?≪ flüsterte Maureen.

≫Keine Ahnung≪, sagte Howard.

Maureen, die noch keine Zeit gefunden hatte, ihre Gesundheitssandalen anzuziehen, knickte, bei dem Versuch, schnell vom Schaufenster zurückzuweichen, fast mit dem Fuß um und verschwand eilig hinter dem Ladentisch. Howard nahm bedächtig, ja fast majestätisch den Platz hinter der Kasse ein, wie ein Kanonier, der in Stellung geht.

Die Glocke klingelte, und Dr. Parminder Jawanda drückte, immer noch missmutig, die Tür zum Feinkostladen auf. Sie nahm weder von Howard noch von Maureen Notiz, sondern ging direkt zum Regal mit den Ölen. Maureens Blick folgte ihr mit der unverwandten Aufmerksamkeit eines Habichts, der eine Feldmaus im Visier hat.

≫Guten Morgen≪, sagte Howard, als Parminder mit einer Flasche in der Hand an den Ladentisch trat.

≫Morgen.≪

Dr. Jawanda sah ihm selten in die Augen, weder bei den Gemeinderatssitzungen noch bei Begegnungen außerhalb des Gemeindesaals. Howard amüsierte sich immer über ihre Unfähigkeit, ihre Abneigung zu verbergen. Das brachte ihn dazu, ausgesprochen galant und höflich aufzutreten.

≫Heute keine Sprechstunde?≪

≫Nein.≪ Parminder kramte in ihrer Handtasche.

Maureen konnte sich nicht mehr bremsen.

≫Schrecklich≪, sagte sie mit ihrer heiseren Stimme. ≫Das mit Barry Fairbrother.≪

≫Hm.≪ Parminder kramte weiter in ihrer Handtasche. ≫Wie bitte?≪

≫Das mit Barry Fairbrother≪, wiederholte Maureen.

≫Was ist denn mit ihm?≪

Parminders Birminghamer Dialekt klang selbst nach sechzehn Jahren Pagford noch stark durch. Wegen der senkrechten Falle zwischen den Augenbrauen sah sie immer angestrengt aus, manchmal war sie schlecht gelaunt, manchmal nur konzentriert.

≫Er ist gestorben≪, sagte Maureen und beobachtete sie aufmerksam. ≫Gestern Abend. Howard hat es mir gerade erzählt.≪

Parminder blieb ganz still, die Hand in ihrer Tasche. Dann glitt ihr Blick seitwärts zu Howard.

≫Ist auf dem Parkplatz des Golfclubs zusammengebrochen und gestorben≪, sagte Howard. ≫Miles war da, hat alles mit angesehen.≪

Einige Sekunden vergingen.

≫Soll das ein Witz sein?≪, wollte Parminder wissen, ihre Stimme hart und schrill.

≫Natürlich ist das kein Witz≪, sagte Maureen und kostete ihre eigene Empörung voll aus. ≫Wer würde denn über so etwas Witze machen?≪

Mit einem Knall stellte Parminder das Öl auf die Glasplatte des Ladentisches und marschierte aus dem Geschäft.

≫Also wirklich!≪, rief Maureen mit entzückter Missbilligung. ≫ ‘Soll das ein Witz sein?’ Reizend!≪

≫Das war der Schock≪, sagte. Howard weise und sah Parminder nach, die mit flatterndem Trenchcoat über den Platz lief. ≫Die da wird sich genauso grämen wie die Witwe. Allerdings könnte es interessant werden≪, fügte er hinzu und kratzte sich selbstvergessen am Bauch, wo es ihn oft juckte, ≫zu sehen, was sie…≪

Er ließ den Satz unvollendet, aber das spielte keine Rolle, Maureen wusste genau, was er meinte. Während sie die Gemeinderätin Jawanda um die Ecke verschwinden sahen, dachten beide an die plötzliche Vakanz, und zwar nicht als einen freien Platz, sondern als eine Wundertüte voller Möglichkeiten.

2.8 VIII

Das alte Pfarrhaus war das letzte und stattlichste der viktorinischen Häuser in der Church Row. Es stand ganz am Ende, in einem großen Eckgarten, gegenüber von St. Michael and All Saints.

Parminder war die letzten paar Meter gerannt. Schließlich machte sie sich an dem schwergängigen Schloss zu schaffen und stieß die Tür auf. Sie wollte es nicht glauben, bevor sie es auch von jemand anderem gehört hatte, von irgendjemandem, doch in der Küche läutete bereits unheilkündend das Telefon.

≫Ja?≪

≫Ich bin’s, Vikram.≪

Parrminders Mann war Herzchirurg. Er arbeitete im Kreiskrankenhaus South West in Yarvll und rief seine Frau für gewöhnlich nie von der Arbeit aus an. Parminder umklammerte den Hörer so fest, dass ihre Finger schmerzten.

≫Ich habe es nur durch Zufall erfahren. Klingt nach einem Aneurysma. Ich habe Huw Jeffries gebeten, die Obduktion ganz oben auf die Liste zu setzen. Besser für Mary, wenn sie möglichst bald weiß, was es war. Sie dürften ihn sich schon vorgenommen haben.≪

≫Okay≪, flüsterte Parminder.

≫Tessa Wall war dabei≪, sagte er. ≫Ruf Tessa an.≪

≫Ja≪, sagte Parminder. ≫Mach ich.≪

Aber als sie aufgelegt hatte, sank sie auf einen der Küchenstühle und starrte aus dem Fenster in den Garten, ohne etwas wahrzunehmen, die Finger an den Mund gedrückt.

Alles war zerstört. Die Tatsache, dass Alles noch da war — die Wände, die Stühle und die aufgehängten Kinderzeichnungen — bedeutete nichts. Jedes einzelne Atom war auseinandergesprengt worden und hatte sich im selben Moment wieder zusammengefügt. Der Eindruck von Beständigkeit und Stabilität war lächerlich. Bei der kleinsten Berührung würde sich alles auflösen, da es plötzlich fragil und mürbe geworden war.

Sie hatte keine Kontrolle über ihre Gedanken. Auch die waren wie zerstört, und zufällige, bruchstückhafte Erinnerungen tauchten auf und wirbelten wieder davon: der Tanz mit Barry auf der Neujahrsfeier bei den Walls und das alberne Gespräch, das sie auf dem Rückweg von der letzten Gemeinderatssitzung geführt hatten.

≫Du hast ein kuhgesichtiges Haus.≪

≫Kuhgesichtig? Was heißt das denn?≪

≫Es ist vorne schmaler als hinten. Das bringt Glück. Aber es steht an einer Straßenmündung. Das bringt Unglück.≪

≫Also gleicht sich das aus≪, hatte Barry gesagt.

Das Blutgefäß in seinem Kopf musste zu dem Zeitpunkt schon gefährlich angeschwollen gewesen sein, und sie hatten es beide nicht gewusst.

Wie betäubt ging Parminder von der Küche in das düstere Wohnzimmer, in dem es wegen der hoch aufregenden Föhre im Vorgarten nie richtig hell wurde, egal bei welchem Wetter. Parminder konnte den Baum nicht leiden, doch er blieb stehen, da Vikram und sie wussten, welches Theater die Nachbarn machen würden, wenn sie ihn fällten.

Sie kam nicht zur Ruhe. Ging durch den Flur, dann zurück in die Küche, wo sie zum Telefon griff und Tessa Wall anrief die nicht abnahm. War vermutlich bei der Arbeit. Zitternd kehrte Parminder zum Küchenstuhl zurück.

Ihr Kummer war derart groß und ungezügelt, dass er sie ängstigte wie eine wilde Bestie, die unerwartet aus der Erde hervorgebrochen war. Barry, der kleine, bärtige Barry, ihr Freund, ihr Verbündeter.

Ihr Vater war genauso gestorben. Sie war fünfzehn gewesen, war aus der Stadt zurückgekommen und hatte ihn auf dem Rasen liegend gefunden, den Rasenmäher neben sich und die Sonne heiß auf seinem Hinterkopf. Parminder verabscheute plötzliche Todesfälle. Langes Siechtum, vor dem sich so viele Menschen fürchteten, war für sie eine tröstliche Aussicht. Zeit, alles vorzubereiten und zu organisieren, Zeit, um sich zu verabschieden…

Noch immer drückte sie die Hände fest auf den Mund. Sie starrte auf das ernste, liebe Gesicht von Guru Nanak, das ans Korkbrett geheftet war.

(Vikram mochte das Foto nicht.

≫Was soll das hier?≪

≫Mir gefällt es≪, hatte sie trotzig geantwortet.)

Barry war tot.

Sie unterdrückte das starke Verlangen, in Tränen auszubrechen, mit einer Heftigkeit, die ihre Mutter immer missbilligt hatte, vor allem nach dem Tod des Vaters, als sich ihre anderen Töchter und die Tanten und Kusinen alle laut klagend auf die Brust geschlagen hatten. ≫Und das auch noch, wo du doch seine Lieblingstochter warst!≪ Aber Parminder hatte ihre ungeweinten Tränen tief in sich verschlossen, wo sie anscheinend eine chemische Umwandlung durchmachten, um dann später als Lavaströme der Wut in die Außenwelt zurückzukehren, die sich regelmäßig über ihre Kinder und die Arzthelferinnen ergossen.

Noch immer sah sie Howard und Maureen hinter dem Ladentisch stehen, der eine gewaltig, die andere dürr, und in ihrer Vorstellung blickten sie von weit oben auf sie herab, während sie ihr erzählten, dass ihr Freund tot war.

Mit einem Schwall von Wut und Hass, den sie beinahe freudig begrüßte, dachte Parminder: Sie sind froh. Sie glauben, sie gewinnen jetzt.

Wieder sprang sie auf, ging hinüber ins Wohnzimmer und nahm vom obersten Regal eine Ausgabe von Sainchis herunter, ihr brandneues heiliges Buch. Sie schlug es irgendwo auf und las ohne Überraschung, aber mit dem Gefühl, in ihr eigenes erschüttertes Gesicht im Spiegel zu schauen:

0 Seele, die Welt ist ein tiefer, dunkler Schlund. Von allen Seiten wirft der Tod sein Netz aus.

2.9 IX

Die Beratungsstelle der Gesamtschule Winterdown war in einem Raum untergebracht, den man durch die Schulbibliothek erreichte. Er hatte kein Fenster, und nur eine einzelne Neonröhre hing an der Decke.

Tessa Wall, Leiterin der Beratungssteile und Frau des stellvertretenden Schulleiters, betrat den Raum um halb elf, völlig übernächtigt und mit einem Becher starkem Pulverkaffee in der Hand, den sie aus dem Lehrerzimmer mitgebracht hatte. Sie war eine kleine, stämmige Frau mit einem unscheinbaren Gesicht, die ihr ergrauendes Haar selber schnitt, dabei geriet der stumpfe Pony oft ein wenig schief. Ihre Kleidung wirkte selbstgenäht, und sie mochte Schmuck aus bunten Perlen und Holz. Der Rock des Tages schien aus Jute zu sein, und dazu trug sie eine uniförmige Wolljacke in Erbsgrün. Tessa betrachtete sich nur selten in bodentiefen Spiegeln und boykottierte Läden, in denen das unvermeidlich war.

Da der Beratungsraum einer Gefängniszelle glich, hatte sie versucht, ihn freundlicher zu gestalten, und einen Wandteppich aus Nepal mitgebracht, den sie noch aus ihrer Studentenzeit besaß: ein regenbogenfarbenes Tuch mit einer knallgelben Sonne und einem Mond, von dem stilisierte, wellenförmige Strahlen ausgingen. Die anderen Wände hatte sie mit Plakaten beklebt, die entweder hilfreiche Tipps zum Aufbau des Selbstwertgefühls gaben oder Telefonnummern von anonymen Hotlines nannten, die bei körperlichen und seelischen Problemen weiterhalfen.

Die Schulleiterin hatte beim letzten Mal, als sie im Beratungsraum vorbeischaute, eine etwas sarkastische Bemerkung dazu gemacht. ≫Und wenn uns nichts mehr einfällt, rufen die Gören beim Sorgentelefon für Kinder an, wie?≪, hatte sie gesagt und auf das Plakat gezeigt, das am meisten ins Auge sprang.

Leise stöhnend sank Tessa auf den Stuhl, nahm die Armbanduhr ab, weil sie drückte, und legte sie neben einem Stapel Kopien ab. Sie bezweifelte, dass sie heute mit den vorgegebenen Richtlinien für Beratungsgespräche Erfolg haben würde, sie hatte sogar Zweifel, dass Krystal Weedon überhaupt auftauchen würde. Krystal verschwand regelmäßig aus der Schule, wenn sie sich aufregte oder langweilte. Manchmal wurde sie abgefangen, bevor sie das Tor erreichte, und am Schlafittchen wieder hineingeschleift, fluchend und kreischend. Gelegentlich entwischte sie jedoch und schwänzte tagelang.

Es wurde zwanzig vor elf, die Schulglocke läutete, und Tessa wartete.

Um zehn Uhr einundfünfzig stürmte Krystal herein und knallte die Tür hinter sich zu. Sie sackte vor Tessa auf dem Stuhl zusammen, verschränkte die Arme über ihrem üppigen Busen und ließ ihre billigen Ohrringe hin und her schwingen.

≫Sie können Ihrem Mann sagen≪, brachte sie mit zitternder Stimme hervor, ≫dass ich nicht gelacht hab, verdammte Scheiße!≪

≫Bitte nicht fluchen, Krystal≪, bat Tessa.

Ich hab nicht gelacht, klar?≪, brüllte Krystal.

Einige Schüler waren mit Mappen unter dem Arm in die Bibliothek gekommen. Sie spähten durch die Glasscheibe in der Tür, und einer grinste, als er Krystals Hinterkopf erblickle. Tessa stand auf, ließ das Rollo vor der Scheibe herab und kehrte zu ihrem Platz unter der Sonne und dem Mond zurück.

≫Also gut, Krystal. Warum erzählst du mir nicht, was passiert ist?≪

≫Ihr Mann hat was wegen Mr Fairbrother gesagt, okay, und ich konnte nicht hören, was er gesagt hat, okay, also hat Nikki mir’s gesagt, und ich konnt’s verdammt—≪

≫Krystal!≪

≫Konnt’s nicht glauben, okay, und hab losgebrüllt, aber ich hab nicht gelacht! Ich hab verdammt—≪

≫Krystal.≪

Ich hab nicht gelacht, klar?≪, schrie Krystal, die Arme jetzt fest um sich gelegt, die Beine verschlungen.

≫Ist ja gut, Krystal.≪

Tessa war an die Wut der Kinder gewöhnt, die sie am häufigsten in der Beratung sah. Viele von ihnen besaßen keinerlei Arbeilsmoral; sie logen, benahmen sich schlecht und schmumelten regelmäßig, und doch war ihre Wut, wenn man sie zu Unrecht für etwas beschuldigte, grenzenlos und unverfälscht. Tessa glaubte, in diesem Ausbruch echten Zorn zu erkennen, im Gegensatz zu dem künstlichen, den Krystal sonst gern an den Tag legte. Außerdem war Tessa der Aufschrei, den sie in der Versammlung gehört hatte, gleich wie ein Ausdruck des Entsetzens und der Bestürzung vorgekommen, nicht der Erheiterung. Tessa hatte ein mulmiges Gefühl dabei gehabt, als Colin es öffentlich als Lachen bezeichnet hatte.

≫Ich war bei Pingel—≪

≫Krystal.≪

≫Ich hab Ihrem scheiß Mann—≪

≫Krystal, zum letzten Mal, bitte keine Schimpfwörter in meiner Gegenwart.≪

≫Ich hab ihm gesagt, dass ich nicht gelacht hab, ich hab’s ihm gesagt! Und trotzdem hat er mir scheiß Nachsitzen aufgebrummt.≪

Tränen der Wut schimmerten in den stark geschminkten Augen des Mädchens. Hitze war ihr ins Gesicht gestiegen, sie funkelte Tessa an, bereit aufzuspringen, zu fluchen, Tessa den Stinkefinger zu zeigen. Das in fast zwei Jahren mühselig zwischen ihnen aufgebaute hauchdünne Vertrauen stand kurz vor der Zerreißprobe.

≫Ich glaube dir, Krystal. Ich glaube, dass du nicht gelacht hast, aber bitte fluche nicht in meiner Gegenwart.≪

Plötzlich rieben dicke kleine Finger in verschmierten Augen. Tessa zog Papiertücher aus ihrer Schublade und reichte sie Krystal rüber, die sie ohne Dank nahm, an die Augen drückte und sich damit die Nase putzte. Krystals Hände waren das Anrührendste an ihr: die Fingernägel kurz und breit, nachlässig lackiert, all ihre Handbewegungen naiv und direkt wie die eines kleinen Kindes.

Tessa wartete, bis sich Krystals schnaubende Atemzüge beruhigt hatten. Dann sagte sie: ≫Ich weiß, wie traurig du bist, weil Mr Fairbrother gestorben ist.≪

≫Ja, bin ich≪, sagte Krystal mit beträchtlicher Aggression. ≫Na und?≪

Tessa hatte plötzlich das Gefühl, dass Barry diesem Gespräch zuhörte. Sie konnte sein wehmütigea Lächeln sehen, konnte ganz deutlich hören, wie er ≫Ist sie nicht ein Herzchen?≪ sagte. Tessa schloss die brennenden Augen und brachte kein Wort hervor. Sie hörte Krystal herumzappeln, zählte im Stillen bis zehn und schlug die Augen wieder auf. Krystal starrte sie an, die Arme immer noch verschränkt, mit rotem Kopf und trotzigem Blick.

≫Ich bin auch sehr traurig über Mr Fairbrothers Tod≪, sagte Tessa. ≫Er war nämlich ein Freund von uns. Das ist der Grund, warum Mr Wall ein bisschen …≪

≫Ich hab ihm gesagt, ich hab nicht…≪

≫Lass mich bitte ausreden, Krystal. Mr Wall war heute sehr bestürzt und hat deswegen vermutlich missverstanden, was du getan hast. Ich werde mit ihm reden.≪

≫Der ändert seine verkack…≪

Krystal!

≫Nee, tut er nicht.≪

Krystal trommelte mit dem Fuß gegen das Bein von Tessas Schreibtisch. Tessa zog den Ellbogen weg, um die Vibration nicht zu spüren, und sagte: ≫Ich werde mit Mr Wall reden.≪

Sie bemühte sich um eine ausdruckslose Miene und wartete geduldig darauf, dass Krystal etwas erwiderte. Krystal behielt ihr aufsässiges Schweigen bei, trat gegen das Tischbein und schluckte immer wieder.

≫Was war denn mit Mr Fairbrother?≪, fragte sie schließlich.

≫Man vermutet, in seinem Kopf ist ein Gefäß geplatzt≪, sagte Tessa.

≫Wieso?≪

≫Er wurde mit einer Schwäche geboren, von der er nichts ahnte≪, erwiderte Tessa.

Tessa wusste, dass Krystal plötzliche Todesfälle vertrauter waren als ihr. Menschen aus dem Umfeld von Krystals Mutter starben mit solcher Regelmäßigkeit vorzeitig, dass man hätte meinen können, sie wären in einen Geheimkrieg verwickelt, von dem der Rest der Welt nichts ahnte. Krystal hatte Tessa erzählt, dass sie mit sechs Jahren die Leiche eines toten jungen Mannes im Badezimmer ihrer Mutter gefunden hatte. Das war der Grund gewesen, sie einmal mehr in die Fürsorge ihrer Großmutter Cath zu geben. Nana Cath spielte eine große Rolle in vielen Geschichten über Krystals Kindheit: eine seltsame Mischung aus Retterin und Landplage.

≫Jetzt ist unsre Mannschaft am Arsch≪, sagte Krystal.

≫Nein, ist sie nicht≪, sagte Tessa. ≫Und bitte nicht diese Sprache, Krystal.≪

≫Ist sie wohl.≪

Tessa wollte ihr widersprechen, doch der Impuls wurde von ihrer Erschöpfung erdrückt. Krystal hatte ohnehin recht, sagte ein rationaler Teil in Tessa. Der Ruderachter war am Ende. Niemand außer Barry hätte Krystal Weedon dazu gebracht, in einer Gruppe mitzumachen und dabeizubleiben. Sie würde aussteigen, das wusste Tessa. Vermutlich wusste Krystal es auch. Eine Weile saßen sie schweigend da, und Tessa war zu müde, Worte zu finden, mit denen sie die Atmosphäre zwischen ihnen noch hätte ändern können. Sie fröstelte, fühlte sich ungeschützt, wund bis auf die Knochen. Sie war seit über vierundzwanzig Stunden wach.

(Samantha Mollison hatte sie abends um zehn aus dem Krankenhaus angerufen, gerade als Tessa nach einem langen Bad aus der Wanne gestiegen war, um sich die Nachrichten auf BBC anzusehen. Sie hatte sich wieder angezogen, während Colin unartikulierte Laute von sich gab und gegen die Möbel stieß. Sie hatten nach oben gerufen, um ihrem Sohn Bescheid zu geben, dass sie gingen, und waren dann zum Auto genannt. Colin war viel zu schnell nach Yarvil gefahren, als könne er Barry wieder zum Leben erwecken, wenn er die Fahrt in Rekordzeit schaffte; der Realität ein Schnippchen schlagen und sie nach eigenen Wünschen formen.)

≫Wenn Sie nicht mit mir reden, geh ich≪, sagte Krystal.

≫Sei nicht so grob, Krystal, bitte≪, sagte Tessa. ≫Ich bin heute wirklich müde. Mr Wall und ich waren gestern Nacht im Krankenhaus bei Mr Fairbrothers Frau. Die beiden sind gute Freunde von uns.≪

(Mary war völlig zusammengebrochen, als Tessa eingetroffen war. Sie hatte ihr Gesicht mit einem Aufschluchzen an Tessas Hals verborgen. Und während Tessas eigene Tränen auf Marys schmalen Rücken tropften, hatte sie gedacht, dass das Geräusch, das Mary von sich gab, Totenklage genannt wurde. Der Körper, um den Tessa sie so oft beneidet hatte, schlank und klein, hatte in ihren Armen gebebt, kaum fähig, die Trauer zu ertragen, die ihm zugemutet wurde.

Tessa wusste nicht mehr, wann Miles und Samantha gegangen waren. Sie kannte die beiden nicht besonders gut. Vermutlich waren sie sogar froh gewesen, gehen zu können.)

≫Die Frau von ihm hab ich mal gesehn≪, sagte Krystal. ≫Blond, war bei unsern Wettkämpfen.≪

≫Ja≪, sagte Tessa.

Krystal kaute auf ihren Fingerspitzen.

≫Er wollte, dass ich mit der Zeitung rede≪, sagte sie plötzlich.

≫Wie bitte?≪ fragte Tessa verwirrt.

≫Mr Fairbrother. Er wollt mich interviewen lassen. Allein.≪

Die Lokalzeitung hatte einmal berichtet, dass der Ruderachter der Winterdown beim Endlauf der regionalen Wettkämpfe als Erster durchs Ziel gekommen war. Krystal, die nicht gut lesen konnte, hatte eine Ausgabe der Zeitung mitgebracht, um sie Tessa zu zeigen, und Tessa hatte ihr den Artikel laut vorgelesen und dazu bewundernde Bemerkungen gemacht. Das war das beste Beratungsgespräch von allen gewesen.

≫Wollten sie dich wegen des Ruderns interviewen?≪, fragte Tessa. ≫Wegen der Mannschaft?≪

≫Nö≪, sagte Krystal. ≫Wegen was anderm.≪ Dann: ≫Wann ist Beerdigung?≪

≫Das wissen wir noch nicht≪, sagte Tessa.

Krystal Raute an den Nägeln, und Tessa brachte nicht die Kraft auf, das Schweigen zu durchbrechen, das sich um sie verfestigte.

2.10 X

Die Bekanntgabe von Barrys Tod auf der Website des Gemeinderats löste kaum ein Kräuseln auf der Oberfläche aus. Sie blieb ein winziger Kieselstein in einem gewaltigen Ozean. Trotzdem wurde an diesem Montagmorgen mehr telefoniert in Pagford, und kleine Menschentrauben bildeten sich auf den schmalen Bürgersteigen, um sich in entsetztem Ton zu vergewissern, ob das stimmte, was sie gehört hatten.

Während sich die Nachricht verbreitete, fand eine seltsame Veränderung statt. Barrys Unterschrift in den Akten aus seinem Büro und unter den E-Mails im Posteingang seines umfangreichen Bekanntenkreises bekam eine Bedeutung zugeschrieben wie sonst nur die Brotkrümelspur eines verirrten Jungen im Wald. Dieses rasche Gekritzel, diese Pixel, eingegeben von Fingern, die inzwischen auf ewig zum Stillstand gekommen waren, nahmen die makabre Form wertloser Hülsen an. Gavin fühlte sich bereits ein wenig abgestoßen vom Anblick der Kurzmitteilungen seines Freundes auf dem Handy, und eines der Mädchen aus dem Ruderachter, beim Rückweg von der Schulversammlung immer noch in Tränen aufgelöst, wurde fast hysterisch, als sie in ihrer Schultasche ein von Barry unterschriebenes Formular fand.

Die dreiundzwanzigjährige Reporterin von der Yarvil and District Gazette hatte keine Ahnung, dass Barrys einst so reges Gehirn jetzt nur noch eine Handvoll schwammigen Gewebes in einer Nierenschale im Kreiskrankenhaus South West war. Sie las sich durch, was er ihr eine Stunde vor seinem Tod gemailt hatte, und rief dann seine Handynummer an, doch niemand meldete sich. Barrys Handy, das er auf Marys Wunsch hin abgestellt hatte, bevor sie zum Golfclub aufgebrochen waren, lag stumm neben der Mikrowelle in der Küche, zusammen mit seinen anderen persönlichen Dingen, die das Krankenhaus ihr ausgehändigt hatte. Niemand hatte die Sachen angefasst. Diese vertrauten Gegenstände — sein Schlüsselbund, sein Handy, sein abgeschabter alter Geldbeutel — wirkten wie Teile des Toten, sie hätten seine Finger sein können, seine Lungenflügel.

Die Nachricht von Barrys Tod verbreitete sich immer weiter, ging wie ein Strahlenkranz von jenen aus, die im Krankenhaus gewesen waren. Weiter und weiter, bis sie Yarvil und jene erreichte, die Barry nur vom Sehen, vom Hörensagen oder dem Namen nach gekannt hatten. Allmählich verloren die Fakten Form und Fokus, wurden in manchen Fällen verzerrt. Manchmal ging Barry fast hinter der Art seines Sterbens verloren und wurde zu nicht mehr als einer Eruption aus Kotze und Pisse, eine zuckende Katastrophe, und es schien unpassend, geradezu grotesk komisch, dass ein Mann so schlampig vor dem schmucken kleinen Golfclub sterben konnte.

Und so kam es, dass Simon Price, der in seinem Haus oben auf dem Hügel mit Blick über ganz Pagford als einer der Ersten von Barrys Tod erfahren hatte, in der Druckerei Harcourt-Walsh, in der er seit seinem Schulabgang arbeitete, eine ganz eigene Version der Geschichte hörte. Er hörte sie von einem jungen, Kaugummi kauenden Gabelstaplerfahrer, den Simon missmutig an seiner Bürotür vorfand, als er am späten Nachmittag von der Toilette kam.

Der Junge war eigentlich nicht gekommen, um über Barry zu reden.

≫Das Ding, das Sie haben wollten≪, hatte er genuschelt, als er Simon ins Büro gefolgt war und Simon die Tür geschlossen hatte. ≫Ich kann’s ihnen Mittwoch liefern, wenn Sie’s immer noch wollen.≪

≫Ach?≪ sagte Simon und setzte Sich an seinen Schreibtisch. ≫Ich dachte, es sei schon da?≪

≫Ist es auch, kann’s aber erst Mittwoch abholen.≪

≫Wie viel wolltest du noch mal?≪

≫Achtzig, auf die Kralle.≪

Der Junge kaufe heftig, Simon hörte das Schmatzen. Kaugummi kauen gehörte zu Simons liebsten Hassobjekten.

≫Ist aber ein Echter, oder?≪, wollte Simon wissen. ≫Nicht irgendein billiger Scheißdreck.≪

≫Kommt direkt vom Lager≪, sagte der Junge, seine Füße und Schultern waren ständig in Bewegung. ≫Original, noch in der Verpackung.≪

≫Na gut≪, sagte Simon. ≫Bring ihn am Mittwoch mit.≪

≫Was, hierher?≪ Der Junge verdrehte die Augen. ≫Nee, nicht in die Arbeit, Mann. Wo wohnen Sie?≪

≫Pagford≪, sagte Simon.

≫Wo da?≪

Simons Abneigung, seine Adresse zu nennen, grenzte an Aberglauben. Er hatte nicht nur etwas gegen Besuch — Eindringlinge in seine Privatsphäre und mögliche Plünderer seines Eigentums —, sondern betrachtete Hilltop House als unversehrt, makellos, es gehörte zu einer völlig anderen Welt als Yarvil und die laute, dröhnende Druckerei.

≫Ich hol ihn nach der Arbeit ab≪, sagte Simon, ohne auf die Frage einzugehen. ≫Wo hast du ihn abgestellt?≪

Dem Jungen gefiel das nicht. Simon funkelte ihn an.

≫Also, ich brauch das Geld vorab≪, hielt der Gabelstaplerfahrer ihn hin.

≫Du kriegst das Geld, wenn ich die Ware habe.≪

≫So läuft das nicht, Mann.≪

Simon hatte das Gefühl, Kopfschmerzen zu bekommen. Er wurde die schreckliche Vorstellung nicht los, ausgelöst von seiner gedankenlosen Frau, dass im Kopf eines Mannes eine winzige Bombe ticken konnte, seit Ewigkeiten unentdeckt. Das ständige Geratter und Rumpeln der Druckmaschinen war bestimmt nicht gut für ihn, das unablässige Hämmern könnte seine Gefäßwände seit Jahren angegriffen haben.

≫Na gut≪, murrte er und rutschte auf dem Stuhl zur Seite, um an den Geldbeutel in der Gesäßtasche zu kommen. Mit ausgestreckter Hand trat der Junge an den Schreibtisch.

≫Wohnen Sie in der Nähe vom Golfplatz in Pagford?≪, fragte er, als Simon ihm die Zehner in die Hand zählte. ≫Ein Kumpel von mir ist da gestern Abend vorbeigekommen und hat gesehen, wie ein Kerl tot umfiel. Hat einfach auf den Parkplatz gekotzt, ist umgekippt und war tot.≪

≫Ja, hab davon gehört≪, sagte Simon und rieb den letzten Zehner zwischen den Fingern, bevor er ihn weiterreichte, um sich zu vergewissern, dass nicht zwei Scheine zusammenklebten.

≫War korrupt, ein korrupter Gemeinderat. Der Kerl, der gestorben ist. Hat sich schmieren lassen. Grays hat ihn bezahlt, damit sie ihn als Bauunternehmer behalten.≪

≫Ach ja?≪ sagte Simon scheinbar gelangweilt, war jedoch höchst interessiert. Barry Fairbrother, wer hätte das gedacht?

≫Ich meld mich dann wieder.≪ Der Junge schob die achtzig Pfund in die Gesäßtasche. ≫Und wir holen ihn am Mittwoch.≪

Die Bürotür schloss sich. Über der faszinierenden Enthüllung von Barry Fairbrothers Verderbtheit vergaß Simon seine Kopfschmerzen, die kaum mehr waren als ein Piksen. Barry Fairbrother, so rührig und umgänglich, so beliebt und freundlich — dabei ließ er sich die ganze Zeit von Grays schmieren.

Simon war von der Information nicht so erschüttert, wie es jeder andere gewesen wäre, der Barry gekannt hatte, und in seinen Augen setzte es Barry auch nicht herab. Im Gegenteil, er verspürte zunehmend Respekt für den Toten. Jeder, der auch nur ein bisschen Verstand halte, arbeitete ständig und insgeheim daran, sich so viel wie möglich unter den Nagel zu reißen, das wusste Simon. Ohne etwas wahrzunehmen, starrte er die Tabellenkalkulation auf seinem Bildschirm an, nun wieder taub für den Krach der Druckmaschinen hinter seinem staubigen Fenster.

Wenn man eine Familie hatte, blieb einem nichts anderes übrig, als Vollzeit zu arbeiten, aber Simon hatte immer gewusst, dass es andere, bessere Möglichkeiten gab, dass ein Leben in Saus und Braus über seinem Kopf schwebte wie eine prall gefüllte Piñata, die er aufschlagen könnte, wenn er nur einen entsprechend großen Stock hätte und das Wissen, wann er zuschlagen musste. Simon hing dem kindlichen Glauben an, dass der Rest der Welt nur als Bühne für das eigene Drama existierte, dass das Schicksal über ihm wachte, ihm Hinweise und Zeichen bescherte, und er hatte das untrügliche Gefühl, ihm sei ein Zeichen, ein göttlicher Wink zuteilgeworden.

Übernatürliche Fingerzeige waren für eine ganze Reihe abenteuerlicher Entscheidungen in Simons Vergangenlmit verantwortlich. Jahre zuvor, als er noch Lehrling in der Druckerei war, eine Hypothek abzahlen musste, die er sich kaum leisten konnte, und seine Frau schwanger war, hatte er beim Grand National hundert Pfund auf ein hoch favorisiertes Rennpferd namens Ruthie’s Baby gesetzt, das dann beim vorletzten Hindernis gestürzt war. Kurz nach dem Kauf von Hilltop House hatte Simon zwölfhundert Pfund, die Ruth für Vorhänge und Teppiche hatte ausgeben wollen, in ein kurzfristigcs Projekt gesteckt, geleitet von einem großspurigen alten Bekannten aus Yarvil. Simons Kapital war mit dem Firmenchef verschwunden, doch obwohl Simon gewütet und geflucht und seinen jüngeren Sohn die halbe Treppe hinuntergestoßen hatte, hatte er sich nicht an die Polizei gewandt. Er hatte von gewissen Unregelmäßigkeiten bei der Firmenführung gewusst, bevor er sein Geld investierte, und er sah unangenehme Fragen auf sich zukommen.

Diesen Verlusten standen jedoch auch Glücksfälle gegenüber, Kniffe, die zogen, Ahnungen, die sich auszahlten, und Simon maß ihnen große Bedeutung bei, wenn er Bilanz zog. Sie waren der Grund, warum er seinen Sternen vertraute, die ihn in dem Glauben bestärkten, das Universum müsse noch mehr für ihn auf Lager haben als den Schwachsinn, für ein bescheidenes Gehalt zu arbeiten, bis er in Rente ging oder starb. Gaunereien und Abkürzungen, Vorteilsnahme und Begünstigung, alle machten es und sogar, wie es schien, der kleine Barry Fairbrother.

Hier, in seinem winzigen Büro, schaute Simon Price begehrlich auf einen leeren Platz in den Reihen der Eingeweihten und erkannte eine Goldgrube, die niemand bisher erschlossen hatte.

Kapitel 3

  

(ALTE ZEITEN)

Unbefugtes Betreten

12.43 Gegen Eindringlinge (wer unbefugt Räumlichkeiten betritt, muss die fremden Räumlichkeiten und deren Nutzer grundsätzlich so hinnehmen, wie er diese vorfindet)…

Charles Arnold-Baker

Gemeindeordnung

Siebte Auflage

3.1 I

Der Gemeinderat von Pagford verfügte für einen so kleinen Ort über beträchtliche Macht. Er traf sich einmal im Monat in einem schönen viktorianischen Gemeindesaal, und alle Versuche, sein Budget zu beschneiden, seine Befugnisse aufzuweichen, oder ihn in irgendeine neumodische Verwaltungseinheit zu integrieren, waren jahrzehntelang entschieden und erfolgreich abgewehrt worden. Von allen Gemeinderäten, die unter der Oberaufsicht der Stadt Yarvil standen, war der von Pagford stolz darauf, der aufmüpfigste, der lauteste und der unabhängigste zu sein.

Bis zum Sonntagabend hatte er aus sechzehn Männern und Frauen aus dem Ort bestanden. Und alle sechzehn Gemeinderäte hatten ihren Sitz ohne Gegenstimme erhalten, da die Wähler davon ausgingen, dass allein der Wunsch, dem Gemeinderat anzugehören, Kompetenz voraussetzte.

Doch dieses einvernehmlich ernannte Gremium befand sich gegenwärtig im Zustand des Bürgerkriegs. Eine Angelegenheit, die schon seit mehr als sechzig Jahren die Gemüter in Pagford bis zur Weißglut erhitzt hatte, war in eine entscheidende Phase getreten, und hinter zwei charismatischen Anführern hatten sich Fraktionen gebildet.

Um die Ursache für den Konflikt wirklich zu begreifen, musste man das ganze Ausmaß der Abneigung und des Misstrauens gegenüber der nördlich von Pagford gelegenen Stadt Yarvil kennen.

In den Geschäften, Firmen und Fabriken in Yarvil sowie im Kreiskrankenhaus South West fanden die meisten Menschen aus Pagford Arbeit. Die Pagforder Jugend verbrachte den Samstagabend für gewöhnlich in den Kinos und Nachtclubs von Yarvil. Die Stadt hatte eine Kathedrale, mehrere Parks und zwei riesige Einkaufszentren vorzuweisen, deren Besuch sich durchaus lohnte, wenn man sich an Pagfords unbestritten schönen Reizen sattgesehen hatte. Doch für echte Pagforder war Yarvil wenig mehr als ein notwendiges Übel. Ein Symbol dieser Einstellung war der hohe Hügel, gekrönt von der Pargetter Abtei, der von Pagford aus den Blick auf Yarvil verstellte und den Einwohnern zu der glücklichen Illusion verhalf, die Stadt sei um Meilen weiter entfernt, als es tatsächlich der Fall war.

3.2 II

Nun fügte es sich jedoch, das Pargetter Hill auch noch den Blick auf etwas anderes verstellte, das Pagford seit je als sein spezielles Eigentum betrachtet hatte: Sweetlove House. Ein honigfarbenes Herrenhaus im Queen-Anne-Stil von exquisiter Schönheit, umgeben von vielen Hektar Parklandschaft und Weideland. Es lag in den Gemeindegrenzen von Pagford, auf halbem Weg zwischen dem kleinen Ort und dem großen Yarvil.

Fast zweihundert Jahre lang war das Haus ohne Aufsehen von einer Generation der aristokratischen Sweetloves auf die nächste übergegangen, bis die Familie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ausstarb. Von der langen Verbindung der Sweetloves zu Pagford zeugten nur noch das größte Grabmal auf dem Friedhof von St. Michael und All Saints sowie ein paar vereinzelte Wappen und Initialen auf Urkunden und Gebäuden des Ortes, die sich wie fossilierte Überreste ausgestorbener Lebewesen ausnahmen.

Nach dem Tod des letzten Sweetlove hatte das Herrenhaus mit alarmierender Geschwindigkeit die Besitzer gewechselt. In Pagford herrschte die ständige Furcht, dass irgendein Bauherr das geliebte Wahrzeichen kaufen und verschandeln würde. Dann hatte in den 1950er Jahren ein Mann namens Aubrey Fawley den Besitz erworben. Bald sickerte durch, dass Fawley über ein beträchtliches Privatvermögen verfügte, das er auf mysteriöse Weise an der Börse von London vermehrte. Er hatte vier Kinder und den Wunsch, sich auf Dauer niederzulassen. Pagford geriet darüber in noch größeres Entzücken, als sich rasch herumsprach, dass Fawley durch eine Nebenlinie von den Sweetloves abstammte. Dadurch war er praktisch schon fast ein Einheimischer, ein Mann, der sich selbstverständlich Pagford und nicht Yarvil verbunden fühlen würde. Die Alteingesessenen von Pagford glaubten, dass mit Aubrey Fawley das goldene Zeitalter zurückkehrte. Er würde der gute Geist des Ortes sein, genau wie seine Vorfahren, würde Glanz und Gloria in ihre Sträßchen bringen.

Howard Mollison konnte sich noch gut erinnern, wie seine Mutter mit der Neuigkeit in ihre winzige Küche in der Hope Street geplatzt war. Man hatte Aubrey gebeten, bei der örtlichen Blumenausstellung die Preise zu vergeben. Ihre Feuerbohnen hatten drei Jahre hintereinander den Preis für das beste Gemüse gewonnen, und sie brannte darauf, die versilberte Rosenschale von einem Mann entgegenzunehmen, der für sie bereits einer Figur aus einem altmodischen Liebesroman gleichkam.

3.3 III

Doch dann, so hieß es in den Legenden, brach eine plötzliche Dunkelheit herein, wie sie mit dem Auftritt der bösen Fee einhergeht.

Noch während Pagford frohlockte, dass Sweetlove House in derart sichere Hände gefallen war, hatte Yarvil eifrig damit begonnen, ein großes Gebiet im Süden mit Sozialwohnungen zu bebauen. Die neuen Straßen, stellte man in Pagford mit Unbehagen fest, verkleinerten den Abstand zwischen der Stadt und dem Ort.

Alle wussten, dass die Nachfrage nach billigen Wohnungen seit Kriegsende zugenommen hatte, und in dem kleinen Ort, zeitweilig abgelenkt durch das Auftauchen von Aubrey Fawley, kam allmählich Misstrauen über die Absichten der Stadt Yarvil auf. Die natürlichen Hindernisse wie Fluss und. Hügel, einst Garanten für Pagfords Souveränität, verloren an Bedeutung angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich die roten Backsteinhänser vermehrten. Yarvil füllte jedes Stückchen Land, das zur Verfügung stand, und hielt erst an der nördlichen Grenze der Gemeinde Pagford inne.

Der Ort seufzte vor Erleichterung, was sich schon bald als voreilig erwies. Denn die Cantermill-Sozialsiedlnng wurde umgehend als unzureichend für die Bedürfnisse der Bevölkerung eingestuft, und die Stadt hielt Ausschau nach weiterem Bauland.

In dieser Situation traf Aubrey Fawley (der für die Einwohner von Pagford nach wie vor mehr Mythos als Mensch war) jene Entscheidung, die einen sechzig Jahre anhaltenden Groll auslöste.

Da er keine Verwendung für die paar überwucherten Felder hatte, die hinter den Neubauten lagen, verkaufte er das Land für einen guten Preis an die Stadt Yarvil und verwendete das Geld dafür, die verzogene Täfelung der Eingangshalle von Sweetlove House zu restaurieren.

Pagfords Wut war grenzenlos. Die Sweetlove-Felder waren ein wichtiger Aspekt ihres Schutzes gegen die näher kommende Stadt. Jetzt war die alte Gemeindegrenze durch die vielen bedürftigen Mieter aus Yarvil gefährdet. Chaotische Bürgerversammlungen, vor Wut schäumende Briefe an die Zeitung und den Stadtrat von Yarvil, persönliche Beschwerden bei den Verantwortlichen. Nichts vermochte die Flut einzudämmen.

Erneut rückten Sozialwohnungen vor, jedoch mit einem Unterschied. In der kurzen Pause nach Fertigstellung der ersten Siedlung hatte der Stadtrat erkannt, dass man auch billiger bauen konnte. Die neuen Gebäude waren nicht mehr aus rotem Backstein, sondern aus Beton. Diese zweite Siedlung wurde unter dem Namen ≫Fields≪ bekannt, nach den Feldern, auf denen sie errichtet wurde, und hob sich von der Cantermill-Siedlung durch einfacheres Baumaterial und schlechtere Architektur ab.

In einem dieser Betonhäuser, die in den späten 1960er Jahren bereits rissig und bröckelig waren, wurde Barry Fairbrother geboren.

3.4 IV

Trotz der vagen Zusicherung der Stadt Yarvil, sie sei für die Instandhaltung der neuen Siedlung zuständig, wurden Pagford — wie die zornigen Bewohner von Anfang an vermutet hatten — schon bald die Kosten aufgehalst. Während der große Teil der Versorgungsleistungen von Fields der Stadt Yarvil zu fiel, blieb einiges übrig, das der Stadtrat in seiner hochmütigen Art an die Gemeinde delegierte: die Instandhaltung öffentlicher Fußwege, der Straßenbeleuchtung und Bänke, der Bushaltestellen und der Grünflächen.

Graffiti blühten an den Brücken über der Straße zwischen Pagford und Yarvil, die Bushaltestellen von Fields wurden mutwillig zerstört, Jugendliche aus Fields müllten den Spielplatz mit Bierflaschen und anderem zu und warfen Steine auf die Straßenlaternen. Ein Fußweg, beliebt bei Touristen und Wanderern, wurde für die Jugend aus Fields zum bevorzugten Treff ≫und Schlimmerem≪, wie Howard Mollisons Mutter es entrüstet ausdrückte. Der Gemeinderat von Pagford war dafür zuständig zu reinigen, zu reparieren und zu ersetzen, und die von Yarvil dafür zur Verfügung gestellten Gelder wurden von Anfang an als ungenügend angesehen.

Doch nichts rief mehr Wut und Erbitterung hervor als die Tatsache, dass die Kinder aus Fields in den Einzugsbereich der St.-Thomas Grundschule fielen. Diese Kinder hatten nun das Recht, die begehrten blauweißen Schuluniformen zu tragen, im Hof neben dem von Lady Charlotte Sweetlove gelegten Grundstein zu spielen und in den winzigen Klassenräumen alle mit ihrem lautstarken Yarvil-Dialekt zu übertönen.

Bald war in Pagford allgemein bekannt, dass Häuser in Fields begehrte Objekte für sozial schwache Familien aus Yarvil waren, die Schulkinder hatten. Aus der Cantermill-Siedlung drängten viele über die Grenzlinie, ähnlich wie die nach Texas strömenden Mexikaner. Ihre wunderschöne St.-Thomas-Schule mit den kleinen Klassen, den altmodischen Pulten, dem alten Steingebäude und den üppig grünen Spielplätzen würde überrannt von der Sozialschmarotzerbrut, von Drogenabhängigen und Müttern, die Kinder von unterschiedlichen Männern hatten.

Dieses Alptraumszenario war nie vollkommen eingetreten, denn obwohl St. Thomas zweifellos Vorteile hatte, gab es auch Nachteile: Die Vorschrift, eine Uniform kaufen zu müssen oder andernfalls die Formulare auszufüllen, die nötig waren, um eine Unterstützung für den Kauf zu bekonnnen. Die Notwendigkeit, eine Dauerkarte für den Bus zu beantragen und früher aufzustehen, damit die Kinder rechtzeitig zur Schule kamen. Einige Haushalte in Fields betrachteten das als beschwerliche Hindernisse, und ihre Kinder gingen stattdessen auf die deutlich größere Grundschule ohne Uniformzwang, die für die Cantermill-Siedlung gebaut worden war. Die meisten Schüler aus Fields, die nach St. Thomas kamen, harmonierten gut mit ihren Schulkameraden aus Pagford, manche galten sogar als ausgesprochen nette Kinder. Und so konnte Harry Fairbrother durch die Schule aufsteigen, ein beliebter und gewitzter Klassenclown, der nur gelegentlich mitbekam, dass das Lächeln eines Vaters oder einer Mutter aus Pagford gefror, wenn er erwähnte, wo er wohnte.

Trotzdem war St. Thomas manchmal auch gezwungen, einen Schüler aus Fields aufzunehmen, dem der Ruf eines Rabauken vorauseilte. Krystal Weedon hatte bei ihrer Urgroßmutter in der Hope Street gewohnt, als sie eingeschult wurde. Daher hatte man sie nicht abweisen können, doch dann, als sie mit acht Jahren zu ihrer Mutter nach Fields zurückzog, hatte es allgemein große Hoffnungen gegeben, sie würde St. Thomas für immer verlassen.

Krystals langsamer Weg durch die Schule hatte dem Weg einer Ziege durch den Körper einer Boa constrictor geglichen, nach außen hin gut sichtbar und unbehaglich für alle Beteiligten. Dabei war Krystal nicht immer in ihrer Klasse anwesend, den größten Teil ihrer Zeit in St. Thomas hatte sie Einzelunterricht bei einem Sonderschullehrer.

Dank einer unheilvollen Fügung war Krystal in derselben Klasse wie Howards und Shirleys älteste Enkeltochter Lexie gewesen. Krystal hatte Lexie einmal ins Gesicht geboxt und ihr dabei zwei Zähne ausgeschlagen. Dass die bereits wackelig waren, hatte Lexies Eltern und Großeltern auch nicht milder gestimmt.

Die Überzeugung, dass auf der Winterdown-Gesamtschule ganze Herden von Krystals auf ihre Töchter warten würden, hatte Miles und Samantha Mollison schließlich dazu veranlasst, beide Töchter auf die St. Anne zu schicken, die private Mädchenschule in Yarvil, in deren Internat sie die Woche über blieben. Die Tatsache, dass Krystal Weedon seine Enkeltöchter von ihren rechtmäßigen Plätzen verdrängt hatte, war rasch zu einem von Howards Lieblingsbeispielen für den schändlichen Einfluss der Siedlung auf das Leben in Pagford geworden.

3.5 V

Der erste Ausbruch von Pagfords Wut war bis auf ein ruhigeres, aber nicht weniger starkes Gefühl des Grolls abgekühlt. Fields verdarb einen Ort des Friedens und der Schönheit, und die genervten Bürger waren nach wie vor entschlossen, die Siedlung loszuwerden. Doch Gemeindegrenzen wurden neu festgelegt, und Verwaltungsreformen zogen über das Gebiet hinweg, ohne irgendwelche Veränderungen zu bewirken: Fields blieb Teil von Pagford. Zugezogene begriffen rasch, dass der Abscheu vor der Siedlung notwendig war für das Wohlwollen jenes harten Kerns, der das Sagen hatte.

Doch jetzt, endlich, nach Jahrzehnten geduldiger Arbeit, nach dem Entwerfen von Strategien und Petitionen, dem Zusammentragen von Informationen und flammenden Reden vor Unterausschüssen, standen die Fields-Gegner ganz kurz vor dem Sieg.

Die Rezession zwang die städtischen Behörden zu rationalisieren, zu kürzen und umzuorganisieren. Im Stadtrat von Yarvil gab es einige, die sich Vorteile für ihre Wiederwahl erhofften, wenn sie sich diese schäbige kleine Siedlung, die unter den von der Regierung auferlegten Sparmaßnahmen ohnehin schlecht abschneiden würde, einverleibten und die unzufriedenen Bewohner zu ihrer Wählerschaft hinzukämen.

Pagford hatte einen eigenen Vertreter in Yarvil: Stadtrat Aubrey Fawley. Das war nicht der Mann, der den Bau von Fields ermöglicht hatte, sondern dessen Sohn, der ≫junge Aubrey≪, der Sweetlove House geerbt hatte und unter der Woche bei einer Handelsbank in London arbeitete. Aubreys Beschäftigung mit den örtlichen Belangen war so etwas wie eine Buße, das Gefühl, etwas von dem wiedergutmachen zu müssen, was sein Vater dem kleinen Ort so leichtfertig angetan hatte. Aubrey und seine Frau Julia spendeten und verliehen Preise bei der Landwirtschaftsausstellung, saßen in diversen Gremien und gaben eine jährliche Weihnachtsparty, deren Einladungen heiß begehrt waren.

Howard empfand Stolz und Freude bei dem Gedanken, dass Aubrey und er so enge Verbündete in dem fortwährenden Bemühen waren, Fields an Yarvil loszuwerden, da sich Aubrey in Kreisen reicher Händler bewegte, was Howards tiefsten Respekt hervorrief. Jeden Abend, nachdem das Feinkostgeschäft geschlossen hatte, nahm Howard die Schublade der altmodischen Kasse heraus und zählte Münzen und dreckige Geldscheine, bevor er sie in den Safe legte. Aubrey wiederum kam während seiner Arbeitsstunden nie mit Geld in Berührung und bewegte es trotzdem in unvorstellbaren Mengen über Kontinente. Er verwaltete und vervielfachte es, und wenn die Zeichen nicht so günstig standen, sah er mit geradezu majestätischer Gelassenheit zu, wie es verschwand. Für Howard hatte Aubrey einen geheimnisvollen Nimbus, dem nicht einmal ein weltweiter Finanzkrach Schrammen zufügen konnte. Der Besitzer des Delikatessengeschäfts hatte nichts übrig für Leute, die Aubrey und seinesgleichen für die Misere verantwortlich machten, in der sich das Land befand. Niemand hatte sich beschwert, als alles gut lief, war Howards oft wiederholte Meinung, und er brachte Aubrey den Respekt entgegen, der einem verwundeten General in einem ungeliebten Krieg zustand.

Als Stadtrat hatte Aubrey Zugang zu allen möglichen interessanen Statistiken und war in der Lage, Howard mit einer Vielzahl an Informationen über Pagfords lästigen Satelliten zu versorgen. Die beiden Männer wussten genau, wie viele Mittel der Stadt, ohne Rendite oder sichtbare Verbesserung, in die ramponierten Straßen von Fields gesteckt wurden. Dass niemand in Fields Besitzer seines Hauses war. (Wohingegen die roten Backsteinhäuser der Cantermill-Siedlung inzwischen fast alle in privater Hand waren. Sie waren kaum wiederzuerkennen, hatten Blumenkästen vor den Fenstern, Veranden und ordentliche Vorgärten.) Dass etwa zwei Drittel aller Bewohner von Fields ausschließlich dem Staat auf der Tasche lagen und ein beträchtlicher Anteil die Drogenklinik Bellchapel durchlief.

3.6 VI

Howard hatte immer ein Bild von Fields vor seinem geistigen Auge, Wie die Erinnerung an einen Alptraum: vernagelte und mit Obszönitäten beschmierte Fenster, rauchende Teenager, die in den ständig verschandelten Bushäuschen herumlungerten, überall Satellitenschüsseln, dem Himmel zugewandt wie der entblößte Fruchtknoten einer abstoßenden Metallblume. Oft stellte er die rhetorische Frage, warum sie sich nicht zusammentun und die Siedlung in Ordnung bringen konnten. Was hielt die Bewohner davon ab, von ihren knappen Mitteln einen gemeinsamen Rasenmäher anzuschaffen? Doch das geschah nie: Fields wartete darauf, dass Stadt- und Gemeinderat Reinigungsarbeiten, Reparaturen und Instandsetzungen übernahmen. Immer nur nehmen, nehmen, nehmen.

Dann dachte Howard an die Hope Street seiner Kindheit, mit den kleinen Gärten, jeder kaum handtuchbreit, aber die meisten, wie der seiner Mutter, voller Feuerbohnen und Kartoffeln. Nach Howards Meinung gab es nichts, was die Bewohner von Fields davon abhielt, Gemüse anzubauen, ihren finsteren, in Kapuzenshirts herumlaufenden, Graffiti sprühenden Nachwuchs zu disziplinieren, sich als Gemeinschaft zusammenzureißen und gegen den Dreck und die Schäbigkeit vorzugehen. Nichts, was sie davon abhielt, sich ordentlich zu waschen und Arbeit zu suchen, überhaupt nichts. Daher kam Howard unweigerlich zu dem Schluss, dass sie dieses Leben aus freien Stücken gewählt hatten und dass die leicht bedrohliche Atmosphäre der Siedlung nichts anderes war als eine Manifestation von Ignoranz und Faulheit.

Im Gegensatz dazu erstrahlte Pagford nach Howards Ansicht in einer Art moralischem Glanz, als komme die kollektive Seele der Gemeinde im Kopfsteinpflaster der Straßen, in den Hügeln, den malerischen Häusern zum Ausdruck. Für Howard war sein Geburtsort viel mehr als eine Ansammlung alter Gebäude und ein rasch fließender, von Bäumen gesäumter Fluss, die eindrucksvolle Silhouette der Abtei hoch über dem Marktplatz. Für ihn war der Ort ein Ideal, eine Lebensart, eine Mikro-Zivilisation, die Widerstand gegen den nationalen Niedergang leistete.

≫Ich bin ein echter Pagforder≪, erzählte er den Sommertouristen, ≫hier geboren und aufgewachsen.≪ Damit machte er sich selbst ein gut klingendes Kompliment, getarnt als Gemeinplatz. Er war in Pagford geboren, er würde hier sterben, und er hatte nie daran gedacht, von hier fortzugehen, war auch nicht interessiert daran, eine andere Landschaft vor sich zu sehen als Wald und Fluss im Wechsel der Jahreszeiten und den im Frühjahr erblühenden und zu Weihnachten funkelnden Marktplatz.

Barry Fairbrother hatte das alles gewusst, hatte es sogar laut ausgesprochen. Er hatte gelacht, hatte Howard quer über den Tisch im Gemeindesaal hinweg ins Gesicht gelacht. ≫Weißt du, Howard, für mich bist du Pagford.≪ Und Howard, nicht im Geringsten aus der Fassung gebracht (denn er hatte Barrys Witzen stets Kontra gegeben], hatte gesagt: ≫Ich fasse das als großes Kompliment auf, Barry, wie auch immer es gemeint war.≪

Er konnte es sich leisten zu lachen. Das einzig verbliebene Ziel in Howards Leben lag in Reichweite: die Rückgabe von Fields an Yarvil schien unmittelbar bevorzustehen und ganz gewiss zu sein.

Dann, kurz bevor Barry auf dem Parkplatz tot umgefallen war, hatte Howard aus sicherer Quelle erfahren, dass sein Gegner alle Anstandsregeln gebrochen und sich mit einem Artikel darüber, welch ein Segen es für Krystal Weedon gewesen war, St. Thomas zu besuchen, an die Lokalzeilung gewandt hatte.

Die Vorstellung, dass Krystal Weedon der Leserschaft als ein Beispiel erfolgreicher Integration von Fields in Pagford vorgeführt wurde, hätte (wie Howard sagte) komisch sein können, wäre die Sache nicht so ernst gewesen. Zweifellos hatte Fairbrother das Mädchen vorbereitet, und die Wahrheit über ihr loses Mundwerk, die endlosen Störungen des Unterrichts, die in Tränen aufgelösten Klassenkameraden, das ständige Ausgliedern und Wiedereingliedern, all das würde hinter Lügen verschwinden.

Howard vertraute auf den gesunden Menschenverstand seiner Mitbürger, fürchtete jedoch journalistische Meinungsmache und die Einmischung unwissender Gutmenschen. Er war sowohl aus prinzipiellen als auch persönlichen Gründen dagegen, denn er hatte nicht vergessen, wie seine Enkeltochter in seinen Armen geschluchzt hatte, mit blutigem Gaumen, wo einst die Zähne gewesen waren, während er versuchte, sie mit der Aussicht auf einen Dreifachpreis von der Zahnfee zu trösten.

Kapitel 4

Dienstag

4.1 I

Zwei Tage nach dem Tod ihres Mannes wachte Mary Fairbrother um fünf Uhr auf. Sie hatte im Ehebett geschlafen, neben Declan, ihrem Zwölfjährigen, der schluchzend zu ihr gekrochen war. Jetzt schlief er fest, daher schlich Mary sich aus dem Zimmer und ging hinunter in die Küche, um ungehemmter weinen zu können. Jede Stunde, die verging, vergrößerte ihre Trauer, weil sie Mary weiter von dem lebendigen Mann entfernte und ein winziger Vorgeschmack auf die Ewigkeit war, die sie ohne ihn verbringen musste. Immer wieder vergaß sie für kurze Augenblicke, dass er für alle Zeit fort war und sie sich nicht Trost suchend an ihn wenden konnte.

Als ihre Schwester und ihr Schwager kamen, um Frühstück zu machen, nahm sich Mary Barrys Handy und zog sich ins Arbeitszimmer zurück, da sie die Telefonnummern von Barrys Bekannten heraussuchen wollte. Sie hatte gerade erst damit angefangen, als das Handy in ihrer Hand klingelte.

≫Ja?≪, murmelte sie.

≫Guten Tag. Ich würde gern mit Barry Fairbrother sprechen. Alison Jenkins von der Yarvil and District Gazette.≪

Die unbekümmerte Stimme der jungen Frau klang in Marys Ohr so laut und schauerlich wie eine triumphale Fanfare. Das Schmettern löschte den Sinn der Worte aus.

≫Wie bitte?≪

≫Alison Jenkins von der Yarvil and District Gazette. Könnte ich Mr Fairbrother sprechen? Es geht um den Artikel über Fields.≪

≫Ach?≪, sagte Mary.

≫Ja, er hat keine näheren Angaben über dieses Mädchen angehängt, von dem er schreibt. Wir sollen sie interviewen. Krystal Weedon?≪

Jedes Wort traf Mary wie ein Schlag. Trotzdem saß sie still und stumm auf Barrys Drehstuhl und ließ die Hiebe auf sich niederprasseln.

≫Hören Sie mich?≪

≫Ja≪, sagte Mary mit brechender Stimme. ≫Ich kann Sie hören.≪

≫Ich weiß, dass Mr Fairbrother möglichst dabei sein wollte, wenn wir Krystal interviewen, aber die Zeit läuft uns davon…≪

≫Er wird nicht dabei sein können≪, sagte Mary. ≫Er wird nicht in der Lage sein, über das verdammte Fields zu reden, nie mehr, auch über nichts anderes, nie wieder!≪

≫Wie bitte?≪, fragte die junge Frau am anderen Ende.

≫Mein Mann ist tot, verstehen Sie? Er ist tot, und Fields wird ohne ihn zurechtkommen müssen, ja?≪

Marys Hand zitterte so stark, dass ihr das Handy aus den Fingern glitt, und sie wusste, die Journalistin würde ein paar Sekunden lang, bis sie den Anruf beenden konnte, ihr haltloses Schluchzen mit anhören. Als ihr dann einfiel, dass der größte Teil von Barrys letztem Tag auf Erden, ihrem Hochzeitstag, durch seine Besessenheit von Fields und Krystal Weedon in Anspruch genommen worden war, flammte Zorn in ihr auf, und sie schleuderte das Handy mit solcher Wucht durch das Zimmer, dass es gegen das gerahmte Foto ihrer vier Kinder knallte und es zu Boden riss. Sie begann gleichzeitig zu schreien und zu weinen, und ihre Schwester und ihr Schwager kamen nach oben gerannt und stürzten ins Zimmer.

Zuerst bekamen sie nicht mehr aus ihr heraus als: ≫Fields, das verdammte, verdammte Fields…≪

≫Da sind Barry und ich aufgewachsen≪, murmelte ihr Schwager, ging aber nicht näher darauf ein, um Marys Hysterie nicht weiter anzufachen.

4.2 II

Dee Sozialarbeiterin Kay Bawden und ihre Tochter Gaia waren erst vor vier Wochen von London hergezogen und damit Pagfords neueste Einwohner. Kay kannte die problematische Geschichte von Fields nicht, für sie war es nur die Siedlung, in der ein Großteil ihrer Schutzbefohlenen lebte. Von Barry Fairbrother wusste sie bloß, dass sein Tod die hässliche Szene in der Küche ausgelöst hatte, als Gavin, ihr Liebhaber, vor ihr und ihren Rühreiern geflohen war und damit alle Hoffnungen zerstörte, die das Liebesspiel in ihr ausgelöst hatte.

Kay verbrachte die Mittagspause an diesem Dienstag in einer Parkbucht zwischen Pagford und Yarvil, aß im Auto ein Sandwich und las in einem Riesenstapel Notizen. Eine ihrer Kolleginnen hatte sich wegen Überlastung krankgemeldet, und die Folge war, dass Kay mit einem Drittel ihrer Fälle zugeschüttet worden war. Kurz vor ein Uhr fuhr sie nach Fields.

Sie war bereits mehrfach in der Siedlung gewesen, kannte sich aber noch nicht in dem Straßengewirr aus. Schließlich fand sie die Foley Road und erkannte schon von weitem das Haus, das den Weedons gehören musste. Aus der Akte wusste sie, was sie vorfinden würde, und ihr erster Eindruck bestätigte ihre Erwartungen.

An der Außenwand sammelte sich Abfall: Tragetaschen voller Müll, dazwischen alte Kleider und nicht verpackte dreckige Windeln. Mülltonnen waren umgefallen oder auf dem struppigen Rasenstück ausgeleert worden, doch der größte Teil häufte sich unter einem der Fenster im Erdgeschoss. Ein abgefahrener alter Reifen lag mitten auf dem Rasen; er war vor kurzem bewegt worden, denn direkt daneben konnte man einen platten, gelb-braunen Kreis aus verdorrtem Gras erkennen. Nachdem sie auf die Klinge] gedrückt hatte, entdeckte Kay im Gras neben ihrem Fuß ein benutztes Kondom, das wie der hauchdünne Kokon einer großen Made aussah.

Sie verspürte die leichte Beklommenheit, die sie nie ganz abgelegt hatte, obwohl das nichts war im Vergleich zu der Nervosität, mit der sie sich anfangs unbekannten Türen genähert hatte. Damals hatte sie trotz ihrer Ausbildung und obwohl sie für gewöhnlich von einer Kollegin begleitet wurde, hin und wieder richtige Angst gehabt. Gefährliche Hunde, Messer schwingende Männer, Kinder mit grotesken Verletzungen, all das und Schlimmeres hatte sie in den Jahren vorgefunden, seit sie die Häuser von Fremden beirat.

Niemand reagierte auf die Klingel, aber durch das einen Spalt geöffnete Erdgeschossiensier links konnte sie ein kleines Kind quengeln hören. Sie versuchte es mit Klopfen, von der Tür blätterte ein helles Farbstück ab und fiel auf ihre Schuhspitze. Das erinnerte sie an den Zustand ihres neuen Hauses. Es wäre nett gewesen, wenn Gavin ihr Hilfe bei der Renovierung angeboten hätte, aber er hatte kein Wort dazu gesagt. Manchmal rechnete Kay zusammen, was er alles nicht gesagt oder getan hatte, wie ein Geizhals, der in seinen Schuldscheinen wühlt, wütend, verbittert und entschlossen, es ihm heimzuzahlen.

Sie klopfte noch einmal, eher, als sie es sonst getan hätte, weil sie sich von ihren Gedanken ablenken wollte, und diesmal sagte eine ferne Stimme: ≫Ich komm ja schon!≪

Die Tür schwang auf und gab den Blick auf eine Frau frei, die gleichzeitig kindlich und uralt aussah, bekleidet mit einem dreckigen hellblauen T-Shirt und einer Männer-Pyjamahose. Sie war so groß wie Kay, aber abgemagert: Die Knochen ihres Gesichtes und das Brustbein zeichneten sich scharf unter der dünnen weißen Haut ab. Ihr Haar, selbstgefärbt, strohig und sehr rot, wirkte wie eine Perücke auf einem Totenkopf, ihre Pupillen waren winzig, und sie atmete sehr flach.

≫Hallo, sind Sie Terri? Ich hin Kay Bawden vom Sozialdienst. Ich vertrete Mattie Knox≪

Die dünnen, grauweißen Arme der Frau waren mit silbrigen Pockennarben bedeckt, und an einem Unterarm war eine offene Entzündung zu sehen. Durch das Narbengewebe auf ihrem rechten Arm und am Halsansatz wirkte ihre Haut dort wie aus Plastik. In London hatte Kay einen Drogensüchtigen gekannt, der versehentlich sein Haus angezündet und es zu spät gemerkt hatte.

≫Ja, okay≪, sagte Terri nach längerer Pause. Wenn sie sprach, wirkte sie viel älter, denn ihr fehlten einige Zähne. Sie wandte Kay den Rücken zu und ging mit unsicheren Schritten durch den dunklen Flur voraus. Kay folgte ihr. Das Haus roch nach abgestandenem Essen, nach Schweiß und festgetretenem Dreck. Terri führte Kay durch die erste Tür links in ein kleines Wohnzimmer.

Es gab keine Bücher, keine Bilder, keine Fotos, keinen Fernseher, nur zwei dreckige alte Sessel und ein zusammengebrochenes Regal. Abfall bedeckte den Boden. Die an der Wand aufgestapelten brandneuen Kartons wirkten völlig fehl am Platz.

Mitten im Zimmer stand ein kleiner Junge in einem T-Shirt und einer prall gefüllten Windel. Kay wusste aus der Akte, dass er dreieinhalb war. Sein Wimmern schien unbewusst und unumtiviert zu sein, eine Art Maschinengeräusch, um zu verkünden, dass er da war. Er hielt eine kleine Müslischachtel umklammert.

≫Und du bist also Robbie?≪ fragte Kay.

Der Junge schaute sie an, als er seinen Namen hörte, quengelte aber weiter.

Terri schob eine zerkratzte alte Keksdose zur Seite, die auf der Lehne eines der zerschlissenen Sessel gestanden hatte, rollte sich auf dem Sitz zusammen und musterte Kay aus halb geschlossenen Augen. Kay setzte sich auf den anderen Sessel, auf dessen Lehne ein überquellender Aschenbecher stand, Zigarettenkippen waren auf den Sitz von Kays Sessel gefallen, sie spürte sie unter sich.

≫Hallo, Robbie≪, sagte Kay und öffnete Terris Akte.

Der kleine Junge jaulte weiter und schüttelte die Schachtel, in der etwas klapperte.

≫Was ist denn da drin?≪, fragte Kay.

Er antwortete nicht, sondern schüttelte die Schachtel noch heftiger. Eine kleine Plastikfigur flog in hohem Bogen durch die Luft und landete hinter den Pappkartons. Robbie begann zu brüllen. Kay beobachtete Terri, die ihren Sohn mit ausdruckslosem Gesicht anstarrte. Schließlich murmelte sie: ≫Was ist ’n, Robbie?≪

≫Sollen wir mal probieren, ob wir es da wieder rauskriegen?≪, fragte Kay, froh darüber, aufstehen und über ihre Beine wischen zu können. ≫Schauen wir mal.≪

Sie stellte sich dicht an die Wand, um in den Spalt hinter den Kartons zu sehen. Die kleine Figur klemmte ziemlich weit oben. Kay zwängte ihre Hand in den Spalt. Die Kartons waren schwer und ließen sich kaum bewegen. Kay gelang es, die Figur hervorzuzerren, die sich bei näherer Betrachtung als kauerndes, knallrotes, Buddha-ähnliches Männchen erwies.

≫Hier≪, sagte sie.

Robbies Brüllen hörte auf. Er nahm das Männchen, steckte es zurück in die Schachtel und schüttelte sie wieder.

Kay blickte sich um. Zwei kleine Spielzeugautos lagen verkehrt herum unter dem zerbrochenen Regal.

≫Magst du Autos?≪ fragte sie Robbie und deutete darauf.

Er folgte der Richtung ihres Fingers nicht, sondern beobachtete sie aus zusammengekniffenen Augen in einer Mischung aus Berechnung und Neugier. Dann tappte er los, hob ein Auto auf und hielt es ihr hin.

≫Brumm≪, sagte er. ≫Audo.≪

≫Stimmt≪, sagte Kay. ≫Sehr gut. Auto. Brumm, brumm.≪

Sie setzte sich wieder und zog einen Notizblock aus der Tasche.

≫Also, Terri. Wie ist es gelaufen?≪

Es dauerte eine Weile, bevor Terri sagte: ≫Ganz gut.≪

≫Nur damit Sie Bescheid wissen: Mattie hat sich krankgemeldet, daher bin ich für sie eingesprungen. Ich muss einiges von dem durchgehen, was sie mir an Informationen dagelassen hat, um zu prüfen, ob sich seit ihrem Besuch letzte Woche irgendwas geändert hat, in Ordnung? Gut, schauen wir mal. Robbie geht jetzt in die Tagesstätte, ja? Viermal in der Woche morgens und zweimal nachmittags?≪

Kays Stimme schien Terri nur von fern zu erreichen, als redete sie mit jemandem, der in einem Brunnenschacht saß.

≫Jaa≪, antwortete sie nach einer Pause.

≫Wie läuft das denn? Geht er gerne hin?≪

Robbie stopfte das Spielzeugauto in die Müslischachtel. Er hob eine der Kippen auf, die von Kays Hose gefallen waren, und quetschte sie zu dem Auto und dem roten Buddha.

≫Jaa≪, sagte Terri schläfrig.

Aber Kay war damit beschäftigt, die letzte unordentliche Notiz durchzulesen, die Mattie in die Akte eingetragen hatte.

≫Sollte er heute nicht dort sein, Terri? Ist er dienstags nicht immer in der Tagesstätte?≪

Terri kämpfte anscheinend gegen den Schlaf an. Ein-, zweimal sackte ihr der Kopf nach vorne. Schließlich sagte sie: ≫Krystal sollte ihn hinbringen, hat sie aber nicht.≪

≫Krystal ist Ihre Tochter? Wie alt ist sie?≪

≫Vierzehn≪, sagte Terri verträumt. ≫Vierzehneinhalb.≪

Kay entnahm den Akten, dass Krystal sechzehn war. Eine lange Pause trat ein.

Zwei angeschlagene Becher standen neben Terris Sessel auf dem Boden. Die schmutzige Flüssigkeit in dem einen hatte die Farbe von Blut. Terri hatte die Arme über der Brust verschränkt.

≫Ich hab ihn angezogen.≪ Terri schien die Worte aus der Tiefe ihres Bewusstseins zu holen.

≫Entschuldigung, Terri, aber ich muss das fragen≪, sagte Kay. ≫Haben Sie heute Morgen was gespritzt?≪

Terri fuhr sich mit ihrer Klauenhand über den Mund.

≫Nee.≪

≫Muss kacken≪, sagte Robbie und schob sich zur Tür.

≫Braucht er Hilfe?≪ fragte Kay, als Robbie außer Sichtweite verschwand und sie ihn die Treppe hinauftrappeln hörten.

≫Nee, kann er allein≪, lallte Terri. Sie stützte ihren herabhängenden Kopf auf die Faust, den Ellbogen auf der Armlehne. Robbie brüllte vom Treppenabsatz herunter.

≫Tür! Tür!≪

Sie hörten ihn gegen Holz klopfen. Terri regte sich nicht.

≫Soll ich ihm helfen?≪ bot Kay an.

≫Jaa≪, sagte Terri.

Kay stieg die Treppe hinauf und drückte die schwergängige Klinke für Robbie hinunter. Der Raum stank. Die Badewanne war grau, mit stufenweise umlaufenden, braunen Rändern, und die Toilette war nicht gespült worden. Kay tat das, bevor sie Robbie erlaubte, auf die Brille zu klettern. Er verzog das Gesicht und drückte mit lautem Stöhnen, ohne sich um ihre Anwesenheit zu kümmern. Ein lautes Platschen ertönte, und zu dem bereits üblen Gestank kam noch ein weiterer hinzu. Er rutschte herunter und zog seine prall gefüllte Windel hoch, ohne sich abzuwischen. Kay holte ihn zurück und versuchte ihn zu überreden, es selbst zu machen, doch das schien ihm völlig fremd zu sein. Schließlich tat sie es für ihn. Sein Po war wund: verkrustet, rot und entzündet. Die Windel stank nach Ammoniak. Sie wollte sie ihm abnehmen, aber er jaulte auf, schlug nach ihr, riss sich los und flitzte mit seiner herabhängenden Windel wieder ins Wohnzimmer hinunter. Kay wollte sich die Hände waschen, aber es gab keine Seife. Bemüht, möglichst nicht zu atmen, machte sie die Badezimmertür hinter sich zu.

Bevor sie nach unten zurückkehrte, schaute sie noch in die Schlafzimmer. Aus den drei Räumen waren Sachen bis auf den unordentlichen Treppenabsatz verstreut. Alle schliefen auf Matratzen. Robbie schien sich das Zimmer mit seiner Mutter zu teilen. Zwischen dreckigen Kleidungsstücken auf dem Boden lagen ein paar Spielsachen: billig, aus Plastik und seinem Alter nicht entsprechend. Zu Kays Erstaunen waren die Decken und Kissen bezogen.

Im Wohnzimmer quengelte Robbie schon wieder und schlug mit der Faust gegen die aufgestapelten Kartons. Terri beobachtete ihn unter halb geschlossenen Augenliedern. Kay wischte den Sitz des Sessels ab, bevor sie sich erneut darauf niederließ.

≫Sie nehmen an dem Methadonprogramm in der Bellchapel-Klinik teil, Terri, ja?≪

≫Hm≪, machte Terri schläfrig.

≫Und wie läuft es?≪

Kay wartete mit erhobenem Stift und tat so, als säße die Antwort nicht vor ihr.

≫Gehen Sie denn noch in die Klinik, Terri?≪

≫Letzte Woche. Freitag.≪

Robbie bearbeitete die Kartons mit den Fäusten.

≫Können Sie mir sagen, wie hoch Ihre Methadondosis ist?≪

≫Hundertfünfzehn Millis≪, antwortete Terri.

Kay war nicht überrascht, dass Terri sich daran erinnern konnte, nicht aber an das Alter ihrer Tochter.

≫Mattie hat hier geschrieben, dass Ihre Mutter Ihnen bei Robbie und Krystal zur Hand geht. Ist das immer noch der Fall?≪

Robbie hatte seinen harten, kompakten kleinen Körper gegen den Kartonstapel geworfen, der ins Schwanken geriet.

≫Pass auf, Robbie≪, sagte Kay, und Terri sagte: ≫Hör auf≪, mit einem plötzlichen Hauch von Wachheit in ihrer ansonsten toten Stimme.

Robbie schlug wieder mit den Fäusten auf die Kartons ein, weil ihm offenbar das hohle Trommelgeräusch gefiel.

≫Terri, hilft Ihre Mutter Ihnen nach wie vor, auf Robbie aufzupassen?≪

≫Nicht Mutter. Oma.≪

≫Robbies Oma?≪

≫Meine Oma, ja? Die ist alle…der geht’s nicht gut.≪

Kay blickte wieder zu Robbie, den Stift gezückt. Er war nicht untergewichtig, das hatte sie gespürt, als sie ihm den Po abgewischt hatte. Sein T-Shirt war schmutzig, aber sein Haar roch erstaunlich nach Shampoo. Er hatte keine blauen Flecken an Armen und Beinen, trug jedoch eine durchnässte, volle Windel, und das mit dreieinhalb.

≫Hab Hunger≪, brüllte er und versetzte dem Karton einen letzten, vergeblichen Schlag. ≫Hab Hunger.≪

≫Kannst Keks haben≪, nuschelte Terri, bewegte sich aber nicht. Robbies Brüllen verwandelte sich in lautes Schluchzen und Schreien. Terri machte keine Anstalten, ihren Sessel zu verlassen. Sich bei dem Krach zu unterhalten war unmöglich.

≫Soll ich ihm einen holen?≪, fragte Kay.

≫Jaa≪

Robbie lief am Kay vorbei in die Küche, die fast so dreckig war wie das Bad. Bis auf den Kühlschrank, den Herd und die Waschmaschine gab es keine Elektrogeräte. Auf den Arbeitsflächen standen nur schmutzige Teller, ein weiterer übervoller Aschenbecher, Einkaufstüten und schimmeliges Brot. Das Linoleum war schmierig, Kays Schuhsohlen blieben kleben. Müll war aus dem Abfalleimer gequollen, und obendrauf stand ein Pizzakarton, kurz davor herunterzukippen.

≫Da din.≪ Robbie zeigte auf den Wandschrank, ohne Kay anzusehen. ≫Da din.≪

lm Schrank waren mehr Lebensmittel gestapelt, als Kay erwarte hätte: Dosen, zwei Pakete mit Keksen, ein Glas Instantkaffee. Sie nahm zwei Kekse aus dem Päckchen und hielt sie ihm hin. Er grabschte danach und rannte zurück zu seiner Mutter.

≫Und, gefällt es dir in der Tagesstätte, Robbie?≪ fragte sie ihn, während er seine Kekse futterte.

Er antwortete nicht.

≫Ja, tut’s≪, sagte Terri ein wenig wacher. ≫Stimmt doch, Robbie? Ihm gefällt’s.≪

≫Wann war er zum letzten Mal da, Terri?≪

≫Letztmal. Gestern.≪

≫Gestern war Montag, da kann er nicht dort gewesen sein≪, sagte Kay und machte sich Notizen. ≫Das ist einer der Tage, an denen er nicht hingeht.≪

≫Hab ich doch gesagt. Letztmal.≪

Ihre Augen waren offener, als Kay sie bisher gesehen hatte. Ihre Stimme hatte immer noch einen flachen Ton, aber allmählich klang Feindseligkeit durch.

≫Sind Sie Lesbe?≪, fragte sie.

≫Nein≪, sagte Kay und schrieb weiter.

≫Sehn aber aus wie ’ne Lesbe≪, sagte Terri.

Kay schrieb weiter.

≫Saft≪, brüllte Robbie mit schokoladenverschmiertem Kinn.

Diesmal rührte Kay sich nicht. Nach einer weiteren langen Pause kam Terri schwankend aus dem Sessel hoch und schlurfte hinaus auf den Flur. Kay beugte sich vor und schob den losen Deckel der Keksdose zurück, die Terri weggeslellt hatte, als sie sich setzte. Darin lagen eine Spritze, ein bisschen schmuddelige Watte, ein rostig wirkender Löffel und ein staubiger Plastikbeutel. Kay machte den Deckel fest zu. Terri kam nach einigem fernen Klappern mit einem Becher Saft zurück, den sie dem kleinen Jungen in die Hand drückte.

≫Da≪, sagte sie, mehr zu Kay als zu ihrem Sohn, und setzte sich wieder. Beim ersten Versuch verfehlte sie den Sitz und prallte gegen die Armlehne. Kay hörte, wie Knochen auf Holz traf, aber Terri schien keinen Schmerz zu spüren. Sie lehnte sich in die durchhängenden Polster und musterte die Sozialarbeiterin mit verschlafener Gleichgültigkeit.

Kay hatte die Akte von vorne bis hinten gelesen. Sie wusste, dass fast alles an Wert in Terri Weedons Lehen vom schwarzen Loch ihrer Drogensucht aufgesaugt worden war, dass es sie zwei Kinder gekostet hatte, dass sie an Krystal und Robbie kaum festhalten konnte, dass sie sich für Heroin prostituierte, alle möglichen Bagatelldelikte auf dem Kerbholz hatte und momentan zum x-ten Mal einen Entzugsversuch unternahm.

Aber sie schien nichts zu spüren, völlig gleichgültig zu sein. Im Moment, dachte Kay, ist sie glücklicher als ich.

4.3 III

Zu Beginn der zweiten Stunde nach dem Mittagessen verließ Stuart ≫Fats≪ Wall die Schule. Sein Experiment in Sachen Schuleschwänzen nahm er nicht unbesonnen in Angriff. Am Abend zuvor hatte er beschlossen, die Doppelstunde in EDV am Ende des Nachmittags ausfallen zu lassen. Er hätte dafür jedes Fach wählen können, aber es traf sich, dass sein bester Freund Andrew Price in einem anderen Computerkurs war und Fats es trotz aller Bemühungen nicht geschafft hatte, in diesen Kurs überzuwechseln.

Möglicherweise war es Fats und Andrew gleichermaßen bewusst, dass sich die Bewunderung in ihrer Beziehung hauptsächlich von Andrew auf Fats richtete, aber Fats ahnte, dass er Andrew mehr brauchte als Andrew ihn. Neuerdings empfand Fats diese Abhängigkeit immer mehr als Schwäche. Auf jeden Fal konnte er auf eine Doppelstunde verzichten, in der er sowieso ohne seinen Freund auskommen musste.

Von einem verlässlichen Informanten hatte Fats erfahren, dass man am sichersten aus der Winterdown abbauen konnte, ohne von einem Fenster aus gesehen zu werden, wenn man über die Mauer beim Fahrradschuppen kletterte. Geschickt hielt er sich an der Mauerkrone fest und ließ sich auf der anderen Seite fallen. Er landete wohlbehalten, stapfte den schmalen Pfad entlang und bog nach links auf die vielbefahrene Hauptstraße ab.

Aus der Gefahrenzone heraus, zündete er sich eine Zigarette an und schlenderte weiter an den heruntergekommenen kleinen Läden vorbei. Nach fünf Blocks bog Fats wieder links ab, in die erste Straße von Fields. Im Gehen lockerte er mit der einen Hand die Schulkrawatte, nahm sie aber nicht ab. Ihm war egal, dass er eindeutig als Schüler zu erkennen war. Fats hatte nie versucht, seine Schuluniform aufzupeppen. Buttons an sein Revers zu stecken oder den Krawattenknoten modisch zu binden. Er trug seine Schulkleidung mit der Verachtung eines Sträflings.

Fats’ Meinung nach begingen neunundneunzig Prozent der Menschheit den Fehler, sich für das zu schämen, was sie waren, es zu verleugnen und zu versuchen, jemand anders zu sein. Ehrlichkeit war Fats’ Währung, seine Waffe und sein Schutz. Es jagte den Menschen Angst ein, wenn man ehrlich war, es schockierte sie. Andere Menschen, hatte Fats herausgefunden, steckten in einem Morast aus Verlegenheit und Heuchelei, stets voller Furcht, dass die Wahrheit über sie ans Licht kommen könnte, doch Fats fühlte sich von Rohheit angezogen, von allem, was zwar hässlich, aber ehrlich war, von den schmutzigen Dingen, die Menschen wie seinen Vater beschämten und anwiderten. Fats dachte viel über Heilige und Parias nach, über Menschen, die als verrückt oder kriminell abgestempelt wurden, noble Außenseiter, die von der tumben Masse gemieden wurden.

Das Schwierige, das Glorreiche war, der zu sein, der man wirklich war, selbst wenn dieser Mensch grausam oder gefährlich war, vor allem, wenn er grausam und gefährlich war. Es gehörte Mut dazu, das Tier nicht zu verstecken, das man nun mal war. Andererseits musste man vermeiden vorzugeben, mehr Tier zu sein, als man war: Schlug man diesen Weg ein, begann zu übertreiben oder vorzutünschen, wurde man nur zu einem weiteren Pingel, genau so ein Lügner, so ein Heuchler. Authentisch und unauthentisch waren Ausdrücke, die Fats oft in Gedanken benutzte. Für ihn hatten sie eine äußerst präzise Bedeutung, so wie er sie auf sich und andere anwandte.

Er hatte beschlossen, dass er Wesenszüge besaß, die authentisch waren und daher bestärkt und entwickelt werden sollten. Doch einige seiner Denkgewohnheiten waren das künstliche Ergebnis seiner beklagenswerten Erziehung, demzufolge nicht authentisch und zu eliminieren. Seit kurzem experimentierte er damit, seinen, wie er meinte, authentischen Impulsen zu folgen und dabei die Schuldgefühle und die Angst (unauthentisch) zu ignorieren oder zu unterdrücken, die solches Verhalten hervorriefen. Zweifellos würde das mit mehr Übung leichter werden. Er wollte sich innerlich stählen, wollte unverwundbar werden, frei von der Angst vor Konsequenzen, wollte sich von störenden Begriffen wie Gut und Böse frei machen.

An seiner Abhängigkeit von Andrew störte Fats neuerdings auch, dass sie ihn daran hinderte, sein authentisches Selbst voll auszuleben. Andrew hatte seine ganz eigene Vorstellung von Fairplay, und in letzter Zeit hatte Fats hin und wieder kaum verhohlene Abneigung, Verwirrung und Enttäuschung im Gesicht seines alten Freundes aufblitzen sehen. Bei Quälereien und Mobbing machte Andrew nicht mit, Fats nahm ihm das nicht übel. Für Andrew wäre es nicht authentisch gewesen, sich daran zu beteiligen, außer es war das, was er, Andrew, wirklich, aufrichtig wollte. Das Problem war, dass Andrew an der Art von Moral festhielt, gegen die Fats einen immer entschlosseneren Kampf führte. Das Richtige, der korrekte, unsentimentale Akt auf dem Weg zu voller Authentizität wäre gewesen, sich von Andrew zu lösen, vermutete Fats. Und doch zog er Andrews Gesellschaft der aller anderen vor.

Fats war davon überzeugt, dass er sich selbst besonders gut kannte. Er erforschte die Ecken und Winkel seiner Psyche mit einer Aufmerksamkeit, wie er sie auf nichts anderes mehr richtete. Er verbrachte Stunden damit, sich über seine Impulse, Wünsche und Ängste klar zu werden, um zwischen denen zu unterscheiden, die wirklich seine waren, und denen, die man ihn zu empfinden gelehrt hatte. Er untersuchte seine Bindungen (keiner außer ihm, davon war er überzeugt, war je so ehrlich mit sich selbst, die anderen trieben halb schlafend durchs Leben) und war zu dem Schluss gekommen, dass Andrew, den er seit seinem vierten Lebensjahr kannte, der Mensch war, für den er die ehrlichste Zuneigung empfand; dass er, obwohl inzwischen alt genug, seine Mutter zu durchschauen, nichts dafür konnte, dass er immer noch an ihr hing, und dass er Pingel, der für ihn der Inbegriff des Unauthentischen war, unverhohlen verachtete.

Auf seine Facebookseite, die Fats mit einer Sorgfalt pflegte, die er für nichts anderes aufbrachte, hatte er ein Zitat gestellt, das er im Bücherregal seiner Eltern gefunden hatte:

Ich will keine ≫Gläubigen≪, ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu glauben…Ich habe eine erschreckliche Angst davor, dass man mich eines Tags heiligspricht…Ich will kein Heiliger sein, lieber noch ein Hanswurst …Vielleicht bin ich ein Hanswurst…

Andrew gefiel das sehr, und Fats gefiel es, wie beeindruckt sein Freund war.

In den Sekunden, die er brauchte, um am Wettbüro vorbeizugehen, landeten Fats’ Gedanken bei Barry Fairbrother, dem toten Freund seines Vaters. Drei lange, federnde Schritte vorbei an den Pferderennplakaten hinter einer schmierigen Scheibe, und Fats sah Barrys scherzendes, bärtiges Gesicht vor sich und hörte Pingels brüllendes Lachen, das oft schon ertönt war, bevor Barry einen seiner lahmen Witze gemacht hatte, aus lauter Freude über dessen Anwesenheit. Fats wollte diese Erinnerungen nicht weiter erforschen, fragte sich nicht nach dem Grund für sein instinktives innerliches Zurückschrecken, fragte sich nicht, ob der Tote authentisch oder nicht authentisch gewesen war. Er blendete den Gedanken an Barry Fairbrother und an den lächerlichen Kummer seines Vaters aus und ging weiter.

Fats war in diesen Tagen seltsam lustlos, auch wenn er alle anderen nach wie vor zum Lachen brachte. Sein Streben, sich von beengenden Moralvorsteiiungen zu lösen, war ein Versuch, etwas wiederzuerlangen, das in ihm unterdrückt worden war, dessen war er sich sicher, etwas, das er verloren hatte, als er die Kindheit hinter sich ließ. Was Fats wieder finden wollte, war eine Art Unschuld, und der Weg, den er dafür gewählt hatte, führte ihn durch alles, was einem angeblich schadete, Fats aber paradoxerweise wie der wahre Weg zur Authentizität vorkam, zu einer Art Reinheit. Seltsam, wie oft alles andersherum war, das Gegenteil von dem, was sie einem erzählten. Allmählich glaubte Fats, dass man zur Wahrheit nur gelangte, wenn man jedes bisschen erworbene Weisheit auf den Kopf stellte. Er wollte durch dunkle Labyrinthe streifen und mit dem Fremdartigen ringen, das dort lauerte. Er wollte Scheinheiligkeit bloßstellen; er wollte Tabus brechen und Weisheit aus ihren blutenden Herzen quetschen; er wollte in den Zustand amoralischer Gnade eintreten, um wieder an Unwissenheit und Schlichtheit glauben zu können.

Und so beschloss er, eine der wenigen Schulregeln zu brechen, gegen die er noch nicht verstoßen hatte, und entfernte sich in Richtung Fields. Hier war er dem rohen Pulsschlag der Realität näher und hatte die vage Hoffnung, gewissen Leuten mit zweifelhaftem Ruf zu begegnen, auf die er neugierig war. Auch wenn er es sich kaum eingestand, da es eine der wenigen Sehnsüchte war, für die er keine Worte fand, suchte er nach einer offenen Tür, einem Wiedererkennen und einer Rückkehr in ein Zuhause, das er verloren hatte.

Während er zu Fuß an den schlammfarbenen Häusern vorbeiging, statt im Auto seiner Mutter daran vorbeizugleiten, bemerkte er, dass viele frei von Graffiti und Müll waren und einige (wie er es sah) die Bürgerlichkeit von Pagford nachahmten, mit Vorhängen und Nippsachen auf den Fensterbrettern. Vom fahrenden Auto aus fielen diese Einzelheiten weniger ins Auge, da Fats’ Aufmerksamkeit unwiderstehlich von vernagelten Fenstern und zugemüllten Vorgärten angezogen wurde. Die ordentlicheren Häuser interessierten Fats nicht. Ihn sprachen Orte an, die Chaos oder Gesetzlosigkeit ausstrahlten, wenn auch nur in eher kindischer Sprühdosenform.

Irgendwo hier (er wusste nicht genau, wo) wohnte Dane Tully. Tullys Familie war berüchtigt. Seine beiden älteren Brüder und sein Vater verbrachten viel Zeit im Gefängnis. Es gab das Gerücht, dass Dane zu seiner letzten Prügelei (mit einem Neunzehnjährigen, hieß es, aus der Cantermill-Siedlung) von seinem Vater gefahren worden war, der es sich nicht nehmen ließ, gegen den älteren Bruder von Danes Gegner zu kämpfen. Tully war mit zerschnittenem Gesicht zur Schule gekommen, die Lippen geschwollen und das eine Auge blau geschlagen. Alle waren sich einig, dass er nur eines seiner seltenen Gastspiele gegeben hatte, um mit seinen Verletzungen zu prahlen.

Fats war überzeugt, dass er anders damit umgegangen wäre. Etwas darauf zu geben, wie die anderen auf deine polierte Fresse reagierten, war nicht authentisch. Fats hätte sich gerne geprügelt und danach weitergemacht wie immer, und falls jemand davon erfahren hätte, dann nur durch Zufall.

Fats war niemals verprügelt worden, obwohl er sich zunehmend provokant verhielt. Inzwischen überlegte er oft, wie es wohl wäre, in eine Schlägerei zu geraten. Er vermutete, dass zu dem von ihm begehrten Zustand der Authentizität auch Gewalt gehörte oder zumindest nicht ausgeschlossen war. Darauf vorbereitet zu sein, zuzuschlagen und Schläge einzustecken, kam ihm wie eine erstrebenswerte Art von Mut vor. Er hatte seine Fäuste nie einsetzen müssen, sein Mundwerk hatte gereicht. Aber der neu erwachende Fats verachtete allmählich seine Redegewandtheit und bewunderte authentische Brutalität. Das Thema Messer ging Fats etwas behutsamer an. Jetzt eins zu kaufen und durchblicken zu lassen, dass er es bei sich trug, wäre ein zerstörerischer Akt des Unauthentischen, ein bemitleidenswerles Nachäffen solcher Leute wie Dane Tully. Fats wurde ganz übel bei dem Gedanken. Sollte jemals der Augenblick kommen, in der er ein Messer haben musste, wäre das etwas anderes. Fats wies die Möglichkeit, dass dieser Zeitpunkt kommen könnte, nicht von sich, gestand sich aber ein, wie beunruhigend der Gedanke war. Fats fürchtete sich vor allem, was in die Haut eindrang, egal ob Nadeln oder Klingen. Er war als Einziger ohnmächtig geworden, als sie damals in St. Thomas ihre Impfung gegen Meningitis bekommen hatten. Eines der wenigen Mittel, die Andrew gefunden hatte, Fans aus der Fassung zu bringen, war seine EpiPen, die mit Adrenalin gefüllte Notfallspritze, die Andrew wegen seiner gefährlichen Nussallergie stets bei sich tragen musste. Fats wurde schlecht, wenn Andrew damit vor ihm herumfuchtelte oder so tat, als wollte er ihn piksen.

Während er ziellos weiterging, fiel sein Blick auf das Straßenschild der Foley Road. Da wohnte Krystal Weedon. Er wusste nicht, ob sie heute in der Schule war, und sie sollte nicht glauben, dass er ihretwegen hergekommen war.

Sie hatten sich für Freitagabend verabredet. Fats hatte seinen Eltern gesagt, er würde zu Andrew gehen, weil sie gemeinsam an einem Englischprojekt arbeiten wollten. Krystal hatte offenbar verstanden, was sie machen würden, und war anscheinend einverstanden. Bisher hatte sie ihm gestattet, zwei Finger in sie zu stecken, heiß und fest und glitschig. Er hatte ihren BH aufhaken und seine Hände auf ihre warmen, schweren Brüste legen dürfen. In der Weihnachtsdisco hatte er sie in voller Absicht angemacht, sie unter den ungläubigen Blicken von Andrew und allen anderen hinausgeführt, auf die Rückseite der Aula. Sie war genauso erstaunt gewesen wie die anderen, leistete aber, wie er gehofft und erwartet hatte, so gut wie keinen Widerstand. Er hatte Krystal bewusst ins Visier genommen und eine kühle und lässige Antwort parat als es darum ging, dem Spott und der Häme seiner Klassenkameraden entgegenzutreten.

≫Wenn du Pommes willst, gehst du nicht an die scheiß Salatbar.≪

Diesen Vergleich hatte er sich schon lange zurechtgelegt, musste aber trotzdem noch deutlicher worden.

≫Wichst ihr Jungs ruhig weiter. Ich brauch was zum Ficken.≪

Woraufhin ihnen das Grinsen verging. Er merkte, dass sie alle, Andrew eingeschlossen, gezwungen waren, ihre Häme über seine Wahl zu schlucken, in Bewunderung für die unverfrorene Verfolgung des einen, des wahren Ziels. Fats hatte zweifellos den direktesten Weg gewählt, dorthin zu gelangen. Keiner von ihnen konnte ihm den Sinn fürs Praktische absprechen, und Fats war klar, dass sie sich alle fragten, warum sie nicht den Mumm gehabt hatten, warum sie nicht auf sein Mittel zu einem höchst befriedigenden Zweck gekommen waren.

≫Tu mir den Gefallen und sag meiner Mutter nichts davon, ja?≪, hatte er Krystal zugeraunt, als sie zwischen langen, feuchten Küssen nach Luft schnappten und seine Daumen über ihre Brustwarzen strichen.

Krystal hatte gekichert und ihn dann noch aggressiver geküsst. Sie hatte ihn nicht gefragt, warum er sie ausgewählt hatte. Eigentlich hatte sie ihn gar nichts gefragt. Genau wie er freute sie sich anscheinend über die Reaktionen ihrer vollkommen verschiedenen Cliquen, genoss die Verwirrung der Zuschauer, sogar den angewiderten Gesichtsausdruck seines Freundes. Die drei folgenden Begegnungen zum körperlichen Erforschen und Experimentieren verliefen wortlos. Fats hatte sie in die Wege geleitet, aber Krystal hatte dafür gesorgt, besser erreichbar zu sein als sonst, und sich an Orten aufgehalten, an denen er sie leichter finden konnte. Das Treffen am Freitagabend war das erste fest verabredete. Fats hatte Kondome gekauft.

Die Aussicht, endlich ganz ans Ziel zu kommen, hatte etwas mit seinem heutigen Schwänzen und dem Gang nach Fields zu tun, wenn er dabei auch nicht an Krystal selbst gedacht hatte (hingegen schon an ihre prächtigen Brüste und die wundersamerweise ungeschützte Möse), bis er den Straßennamen sah.

Fats machte kehrt und zündete sich eine weitere Zigarette an. Irgendetwas am plötzlichen Auftauchen des Namens Foley Road gab ihm das merkwürdige Gefühl, den falschen Zeitpunkt erwischt zu haben. Fields wirkte heute banal und unorgründlich, und das, wonach er suchte, was er zu erkennen hoffte, hatte sich irgendwo zusammengerollt, außer Sichtweite. Also ging er zur Schule zurück.

4.4 IV

Niemand nahm den Hörer ab. Kay saß im Büro der Kinder- und Jugendhilfe seit zwei Stunden am Telefon und hatte überall Nachrichten hinterlassen mit der Bitte, sie zurückzurufen: beim Gesundheitsberater der Weedons, bei der Hausärztin, der Kindertaecsstätte in Cantermill und der Drogenklinik Bellchapel. Terri Weedons überquellende Akte lag aufgeschlagen vor ihr.

≫Hängt wieder an der Nadel, was?≪, fragte Alex, eine der Frauen, mit denen Kay sich das Büro teilte. ≫Diesmal wird Bellchapel sie endgültig rauswerfen. Sie behauptet, sie hätte Angst, dass man ihr Robbie wegnimmt, aber sie kann die Pfoten nicht von dem Zeug lassen.≪

≫Ist schon das dritte Mal, dass sie am Programm teilnimmt,≪ sagte Una.

Nach den Erfahrungen des Nachmittags hielt Kay eine Fallprüfung für angebracht, bei der all jene Fachkräfte zusammenkamen, die für die einzelnen Bereiche von Terri Weedons Leben zuständig waren. Sie drückte immer wieder auf die Wiederwahltaste, während sie längst mit anderen Arbeiten beschäftigt war. In einer Ecke des Büros klingelte andauernd das Telefon und sprang sofort auf den Anrufbeantworter um. Das Büro der Kinder- und Jugendhilfe war eng und vollgestopft, außerdem roch es nach saurer Milch, weil Alex und Una die Angewohnheit hatten, die Reste aus ihren Kaffeetassen in den Topf der traurig aussehenden Yuccapalme zu kippen.

Matties letzte Notizen waren unordentlich und chaotisch, vieles war durchgestrichen, hatte das falsche Datum und war unvollständig. Mehrere wichtige Unterlagen fehlten in der Akte, so auch ein Brief der Drogenklinik, der angeblich vor vierzehn Tagen abgeschickt werden war. Kay kam rascher voran, wenn sie Alex und Una nach den Informationen fragte.

≫Die letzte Fallprüfung dürfte…≪ sagte Alex und schaute mit gerunzelter Stirn zur Yucca, ≫vor über einem Jahr stattgefunden haben, schätze ich.≪

≫Und offenbar fanden sie es in Ordnung, dass Robbie bei ihr blieb≪, sagte Kay, den Hörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, vergeblich versuchte sie, den Prüfungsbericht in der überquelienden Akte zu finden.

≫Es ging nicht darum, dass er bei ihr blieb, sondern ob er wieder bei ihr wohnen durfte oder nicht. Er war bei einer Pflegemutter, weil Terri von einem Freier zusammengeschlagen worden war und ins Krankenhaus musste. Sie wurde clean und wollte Robbie nach der Entlassung unbedingt zurückhaben. Sie stieg wieder beim Programm von Bellchapel ein, war von der Nadel weg und zeigte sich bemüht. Ihre Mutter versprach, ihr zu helfen. Also bekam sie ihn zurück, und ein paar Monate danach hing sie schon wieder an der Nadel.≪

≫Aber das ist nicht Terris Mutter, die ihr hilft, oder?≪, fragte Kay, Ihr Kopf begann zu schmerzen, als sie wieder versuchte, Matties unordentliche Handschrift zu entziffern. ≫Es ist ihre Großmutter, die Urgroßmutter von dem Kleinen. Also ist sie wahrscheinlich nicht mehr die Jüngste und wohl auch krank. Terri sagte heute Morgen so etwas. Wenn Terri die Einzige ist, die sich um das Kind kümmert…≪

≫Die Tochter ist sechzehn≪, sagte Una. ≫Die betreut Robbie hauptsächlich.≪

≫Na, besonders toll macht sie das nicht≪, sagte Kay. ≫Er war in ziemlich schlechtem Zustand, als ich da war.≪

Doch sie hatte schon viel Schlimmeres gesehen: Beulen und Striemen. Scharten und Brandwunden, Krätze und Läuse, Babys, die auf Teppichen voller Hundekot lagen, Kleinkinder, die mit gebrochenen Knochen herumkrabhelten. Und einmal (davon träumte sie immer noch) ein Kind, das von seinem psychotischen Vater fünf Tage lang im Schrank eingesperrt worden war. Das war sogar landesweit in die Nachrichten gekommen. Die unmittelbarste Gefahr für Robbie Weedons Sicherheit waren die Kartons im Wohnzimmer seiner Mutter, auf die er hatte klettern wollen, als er merkte, das er damit Kays volle Aufmerksamkeit bekam. Kay hatte sie sorgfältig auf zwei niedrigere Stapel aufgeteilt, bevor sie ging. Terri hatte es nicht gefallen, dass Kay die Kartons anfasste, genauso wenig wie die Anweisung, Robbie die volle Windel auszuziehen. Sie hatte sich in un flätige, wenn auch genuschelte Schimpftiraden hineingesteigert und Kay angeraunzt, sie solle sich gefälligst verpissen und ja nicht wiederkommen.

Das Telefon klingelte. Terris Drogenberaterin war dran.

≫Ich versuche seit Tagen, Sie zu erreichen≪, sagte die Frau verärgert, und es dauerte mehrere Minuten, bis Kay ihr erklärt hatte, dass sie nicht Mattie war, doch das schwächte die Feindseligkeit der Frau kaum ab.

≫Ja, sie kommt noch, aber ihre Tests letzte Woche waren positiv. Wenn sie wieder spritzt, ist sie draußen. Wir haben im Moment zwanzig Leute, die ihren Platz im Programm einnehmen und vielleicht davon profitieren könnten. Das ist jetzt schon das dritte Mal bei ihr.≪

Kay verschwieg, dass Terri sich an diesem Morgen einen Schuss gesetzt hatte.

≫Hat eine von euch eine Paracetamol für mich?≪, fragte Kay die beiden Kolleginnen, nachdem die Drogenberaterin ihr alle Einzelheiten über Terris Anwesenheit und mangelnde Fortschritte in der Klinik aufgezählt und sich verabschiedet hatte.

Kay nahm das Schmerzmittel mit lauwarmem Tee ein, weil ihr die Kraft fehlte, zum Wasserkühler im Flur zu gehen. Im Büro war es stickig, die Heizung war voll aufgedreht. Je dunkler es wurde, desto heller leuchtete die Neonröhre über ihrem Schreibtisch, die Papierberge waren in ein strahlendes Gelbweiß getaucht. Summende schwarze Wörter marschierten in endlosen Reihen.

≫Die werden die Bellchapel-Klinik schließen, ganz bestimmt≪, sagte Una, die mit dem Rücken zu Kay an ihrem Computer arbeitete. ≫Müssen Einsparungen vornehmen. Der Gemeinderat bezahlt einen der Drogenberater. Das Gebäude gehört der Gemeinde Pagford. Ich hab gehört, sie wollen es aufmotzen und an jemanden vermieten, der besser zahlt. Die sind schon seit Jahren hinter der Klinik her.≪

Kays Schläfe pochte. Den Namen ihres neuen Wohnortes zu hören machte sie traurig. Ohne nachzudenken, tat sie das, was sie unter keinen Umständen hatte tun wollen, nachdem er am Abend zuvor nicht angerufen hatte: Sie griff nach ihrem Handy und tippte Gavins Büronummer ein.

≫Edward Collins & Co≪, meldete sich eine Frauenstimme nach dem dritten Klingelton. Im Privatsektor wurden Anrufe sofort entgegengenommen, wenn dabei Geld im Spiel sein könnte.

≫Kann ich bitte Gavin Hughes sprechen?≪ Kay hielt den Blick auf Terris Akte gesenkt.

≫Wer spricht dort, bitte?≪

≫Kay Bawden.≪

Sie schaute nicht auf, wollte weder Alex’ noch Unas Augen begegnen. Das Warten schien nicht enden zu wollen.

(Sie hatten sich in London auf der Geburtstagsparty von Gavins älterem Bruder kennengelernt. Kay hatte niemanden gekannt, außer der Freundin, die Kay mitgeschleppt hatte. Gavin hatte sich gerade von Lisa getrennt, war ein bisschen betrunken, ihr aber wie ein anständiger, verlässlicher und konventioneller Typ vorgekommen, ganz anders als die Männer, auf die Kay sonst abfuhr. Sie hatten in der Nacht miteinander geschlafen, in Kays Wohnung in Hackney, und er hatte sehr leidenschaftlich gewirkt. Seine Begeisterung hatte angehalten, so lange es eine Fernbeziehung blieb. Er hatte sie am Wochenende besucht und sie regelmäßig angerufen. Aber als sie wie durch ein Wunder den Job in Yarvil bekam, für weniger Gehalt, und ihre Wohnung in Hackney zum Verkauf anbot, hatte er anscheinend kalte Füße bekommen.)

≫Er spricht immer noch, wollen Sie weiter warten?≪

≫Ja, bitte≪, sagte Kay niedergeschlagen.

(Falls das mit ihr und Gavin nicht klappen sollte …Aber es musste klappen. Sie war hierher gezogen, hatte seinetwegen den Job gewechselt, seinetwegen ihre Tochter entwurzelt. Das hätte er doch nicht zugelassen, wenn es ihm nicht ernst gewesen wäre, oder? Er musste doch bedacht haben, was passieren würde, wenn sie sich trennten. Wie scheußlich und unangenehm es sein würde, sieh in einem so kleinen Ort wie Pagford ständig über den Weg zu laufen?)

≫Ich stelle Sie durch≪, sagte die Sekretärin, und Kays Hoffnung stieg.

≫Hi≪, sagte Gavin. ≫Wie geht’s dir?≪

≫Gut≪, log Kay, weil Alex und Una zuhörten. ≫Hattest du einen angenehmen Tag?≪

≫Viel zu tun,≪ sagte Gavin. ≫Und du?≪

≫Ich auch.≪

Sie wartete, das Handy fest ans Ohr gedrückt, und tat so, als würde er mit ihr sprechen, während sie dem Schweigen lauschte.

≫Treffen wir uns heute Abend?≪, fragte sie schließlich. Ihr wurde flau.

≫Ähm, ich glaube, ich kann nicht≪, erwiderte er.

Wieso weißt du das nicht? Was hast du denn sonst vor?

≫Kann sein, dass ich keine Zeit habe…wegen Mary. Barrys Frau. Sie möchte mich als einen der Sargträger. Es könnte sein…Ich müsste rausfinden, was es damit auf sich hat und so.≪

Manchmal, wenn sie einfach stumm blieb und die Unzulänglichkeit seiner Ausreden im Raum stehenließ, schämte er sich und machte einen Rückzieher.

≫Ich glaube aber nicht, dass es den ganzen Abend dauern wird≪, sagte er. ≫Wir könnten uns dann später treffen, wenn du willst.≪

≫Also gut. Willst du zu mir kommen, weil morgen Schule ist?≪

≫Ähm. Okay.≪

≫Wann ungefähr?≪ fragte sie, damit er wenigstens eine Entscheidung traf.

≫Weiß nicht, so um neun rum?≪

Nachdem er aufgelegt hatte, drückte Kay das Handy noch ein paar Augenblicke fest ans Ohr, um Alex’ und Unas willen. ≫Ich dich auch. Dann also bis später, Schatz.≪

4.5 V

Als Beratungslehrerin variierten Tessas Arbeitsstunden stärker als die ihres Mannes. Normalerweise wartete sie bis zum Ende des Schultags, um ihren Sohn im Nissan mit heimzunehmen, und überließ es Colin (von dem Tessa niemals als Pingel sprach— obwohl sie wusste, wie der Rest der Welt ihn nannte, einschließlich der meisten Eltern, die das von ihren Kindern übernommen hatten), ihnen ein oder zwei Stunden später in seinem Toyota zu folgen.

An diesem Tag trafen sich Tessa und Colin jedoch um zwanzig nach vier auf dem Parkplatz, während die Schüler noch aus den Toren strömten.

Der Himmel hatte ein kaltes Eisengrau, wie die Unterseite eines Schildes. Eine scharfe Brise wehte Rocksäume hoch und zerrte an den kleinen Bäumen, ein tückischer, kalter Wind, der bis an die empfindlichsten Stellen drang, in den Nacken und die Kniekehlen, und einem den Trost nahm, zu träumen, sich ein wenig von der Realität zu entfernen. Selbst nachdem sie die Autotür geschlossen hatte, war Tessa durcheinander und verstimmt, als hätte jemand sie angerempelt, ohne sich zu entschuldigen.

Neben ihr auf dem Beifahrersitz, die Knie absurd hochgezogen in der Enge des Autos, erzählte Colin ihr, was der Computerlehrer ihm vor zwanzig Minuten im Büro berichtet hatte.

≫…nicht da. Ist während der gesamten Doppelstunde nicht aufgetaucht. Meinte, er wolle mir das lieber gleich mitteilen. Morgen wird das natürlich schon das ganze Lehrerzimmer wissen. Genau das, was er will≪, sagte Colin wütend, und Tessa wusste, dass sie nicht mehr über den Computerlehrer sprachen. ≫Er zeigt mir zwei Stinkefinger, wie üblich.≪

Ihr Mann war blass vor Erschöpfung, tiefe Ringe unter den geröteten Augen, und seine Hände zuckten leicht auf dem Griff seiner Aktentasche. Schöne Hände mit breiten Knöcheln und langen, schlanken Fingern, denen seines Sohnes nicht unähnlich. Tessa hatte vor kurzem ihren Mann und ihren Sohn darauf hingewiesen, aber beide hatten nicht die geringste Begeisterung gezeigt, dass zwischen ihnen eine schwache körperliche Ähnlichkeit bestand.

≫Ich glaube nicht, dass er…≪, setzte Tessa an, aber Colin redete schon weiter.

≫Also wird er nachsitzen, wie alle anderen auch, und zu Hause wird er auch bestraft, verdammt. Mal sehen, wie ihm das gefällt. Mal sehen, ob er dann immer noch lacht. Eine Woche Hausarrest für den Anfang, mal schauen, wie witzig das ist.≪

Tessa verkniff sich eine Antwort und ließ den Blick über die schwarz gekleideten Schüler schweifen, dic fröstelnd mit gesenkten Köpfen vorbeikamen, die Haare vom Wind verweht. Ein pausbackiger, leicht verwirrter Fünftklässler hielt suchend Ausschau nach dem Auto, das ihn abholen sollte. Die Menge teilte sich, und da war Fats, mit federndem Schritt neben Arf Price, wie üblich. Der Wind blies ihm das Haar aus dem hageren Gesicht. Manchmal, aus einem bestimmten Blickwinkel, in einem bestimmten Licht, konnte man sich leicht vorstellen, wie Fats als alter Mann aussehen würde. Einen Moment lang, aus der Tiefe ihrer Müdigkeit, kam er ihr wie ein Fremder vor, und Tessa dachte, wie erstaunlich es war, dass er abbog, auf ihr Auto zukam und sie wieder in diese entsetzlich kalte, allzu reale Brise hinaus musste, um ihn einsteigen zu lassen. Aber als er sie erreichte und ihr sein schiefes kleines Grinsen zeigte, verwandelte er sich augenblicklich in den Jungen, den sie trotz allem liebte, und sie stieg aus und stand stoisch in dem schneidenden Wind, während er hineinkletterie, zu seinem Vater, der sich nicht gerührt hatte.

Sie fuhren vom Parkplatz, den Schulbussen voraus, und durch Yarvil, vorbei an den hässlichen, heruntergekommenen Häusern von Fields, auf die Umgehungsstraße zu, die sie nach Pagford bringen würde. Tessa beobachtete Fats im Rückspiegel. Er hatte sich hingelümmelt und schaute aus dem Fenster, als wären seine Eltern zwei Leute, die ihn beim Trampen mitgenommen hatten, mit ihm nur durch Zufall und räumliche Nähe verbunden.

Colin wartete, bis sie die Umgehungsstraße erreicht hatten, dann sagte er: ≫Wo warst du, als du heute Nachmittag im Computerkurs sein solltest?≪

Tessa konnte einem weiteren Blick in den Spiegel nicht widerstehen. Sie sah ihren Sohn gähnen. Manchmal fragte sich Tessa — obwohl sie es gegenüber Colin endlos abstritt —,ob Fats tatsächlich einen schmutzigen, persönlichen Krieg gegen seinen Vater führte, mit der gesamten Schule als Publikum. Sie wusste Dinge über ihren Sohn, die sie nie erfahren hätte, wenn sie nicht als Beratungslehrerin arbeiten würde. Die Schüler erzählten sie ihr, manchmal voller Unschuld, manchmal mit Hintergedanken.

Miss, finden Sie’s schlimm, dass Fats raucht? Darf er das auch zu Hause?

Sie verschloss diese kleine Sammlung illegalen, unfreiwillig erworbenen Beuteguts in sich und machte weder ihren Mann noch ihren Sohn darauf aufmerksam, obwohl es an ihr zerrte, sie belastete.

≫Bin spazieren gegangen≪, sagte Fats ruhig. ≫Dachte, ich vertret mir mal die Beine.≪

Colin drehte sich auf dem Sitz, um Fats anzusehen, überdehnte den Sicherheitsgurt, während er brüllte, seine Bewegungen daüber hinaus durch den Mantel und die Aktentasche behindert. Wenn er die Kontrolle verlor, wurde Colins Stimme immer höher, bis er fast im Falsett schrie. Fats nahm alles schweigend hin, ein überhebliches Lächeln im Gesicht, bis sein Vater ihm Beschimpfungen ins Gesicht schrie, Beschimpfungen, die durch Colins angeborene Abneigung gegen das Fluchen, seine Gehemmtheit in diesen Dingen gedämpft wurden.

≫Du aufgeblasener, egoistischer kleiner …kleiner Scheißer≪, schrie er, und Tessa, deren Augen so voller Tränen waren, dass sie die Straße kaum noch erkennen konnte, war überzeugt, dass Fats am nächsten Morgen Andrew Price eine Neuauflage von Colins Falsettfluchen liefern würde.

Fats macht Pingels Gang toll nach. Miss, haben Sie das gesehen?

≫Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden? Wie kannst du es wagen, den Unterricht zu schwänzen?≪

Colin brüllte und tobte, und Tessa musste die Tränen wegblinzeln, als sie die Abzweigung nach Pagford nahm und über den Marktplatz fuhr, vorbei an Mollison & Lowe, dem Kriegerdenkmal und dem Black Canon; bei St. Michael and All Saints bog sie links in die Church Row und schließlich in die Einfahrt ihres Hauses. Inzwischen hatte Colin sich heiser geschrien, und Tessas Wangen waren nass und salzig. Nachdem sie alle ausgestiegen waren, schloss Fats, dessen Ausdruck sich während der langen Schimpftirade seines Vaters um keinen Deut verändert hatte, mit seinem Schlüssel die Haustür auf und ging in gemütlichem Tempo weiter nach oben, ohne sich umzuschauen.

Colin warf seine Aktentasche im dunklen Flur auf den Boden und wirbelte zu Tessa herum. Das einzige Licht drang durch das Buntglasfenster über der Haustür, das seltsame Farben über seinen zornigen und kahl werdenden Schädel warf, blutrot und geisterhaft blau,

≫Siehst du?≪, schrie er und wedelte mit seinen langen Armen. ≫Siehst du, womit ich’s hier zu tun habe?≪

≫Ja≪, sagte sie, zog eine Handvoll Papiertücher aus der Schachtel auf dem Flurtisch und putzte sich die Nase. ≫Ja, ich seh’s.≪

≫Nicht ein einziger Gedanke daran, was wir durchmachen!≪ Colin begann zu schluchzen, tiefe, keuchende Schluchzer, wie ein Kind mit Krupp. Rasch legte Tessa ihre Arme um Colins Brust, etwas über der Taille, denn sie war klein und kam nicht höher hinauf. Er bückte sich, klammerte sich an sie. Sie spürte sein Zittern und das Heben und Senken seines Brustkorbes unter dem Mantel.

Nach einigen Minuten löste sie sich sanft von ihm, führte ihn in die Küche und machte ihm eine Kanne Tee.

≫Ich bringe Mary einen Auflauf≪, sagte sie, nachdem sie eine Weile bei ihm gesessen und seine Hand gestreichelt hatte. ≫Sie hat ihre halbe Familie da. Wir gehen dann früh zu Bett, wenn ich wiederkomme.≪

Er nickte und schniefte, und sie küsste ihn auf die Schläfe, bevor sie an den Gefrierschrank ging. Als sie mit der schweren Auflaufforrn zurückkam, saß er am Tisch und hielt seinen Becher umklammert, die Augen geschlossen.

Tessa stellte den in eine Plastiktüte verpackten Auflauf auf die Fliesen neben der Haustür. Sie zog die ausgebeulte grüne Strickweste über, die sie oft statt einer Jacke trug, schlüpfte aber nicht in die Schuhe, sondern ging auf Zehenspitzcn die Treppe hinauf bis zum Absatz und dann, nun nicht mehr so sehr bemüht, leise zu sein, die zweite Treppe bis zum ausgebauten Speicher.

Sie klopfte, gab Fats Zeit, alles wegzuklicken, was er sich gerade im Internet ansah, oder vielleicht die Zigaretten zu verstecken, nicht ahnend, dass sie davon wusste.

≫Ja?≪

Sie drückte die Tür auf. Ihr Sohn kauerte theatralisch über seine Schultasche gebeugt.

≫Musstest du ausgerechnet heute die Schule schwänzen?≪

Fats richtete sich auf, lang und drahtig. Er überragte seine Mutter.

≫Ich war da. Bin nur zu spät gekommen. Bennett hat mich nicht bemerkt. Der checkt einfach nichts.≪

≫Stuart, bitte. Bitte.

Auch im Dienst wollte sie die Kinder manchmal anschreien. Sie wollte schreien: Du musst die Realität anderer akzeptieren. Du glaubst, Realität wäre Verhandlungssache, dass wir meinen, sie ist so, wie du es sagst. Du musst akzeptieren, dass wir genauso real sind wie du. Du musst akzeptieren, dass du nicht Gott bist.

≫Dein Vater ist sehr verstört, Stu. Wegen Barry. Kannst du das nicht verstehen?≪

≫Ja≪, sagte Fats.

≫Ich meine, das ist, als wäre dir Arf gestorben.≪

Er reagierte nicht, und auch sein Ausdruck änderte sich kaum, doch sie spürte seine Verachtung, seine Belustigung.

≫Ich weiß, du glaubst, ihr beide. Arf und du, würdet in einer anderen Sphäre leben als Menschen wie dein Vater und Barry—≪

≫Nein≪, sagte Fats, aber nur, wie sie wusste, um das Gespräch zu beenden.

≫Ich bringe Mary was zu essen rüber. Ich bitte dich. Stuart, reg deinen Vater nicht noch mehr auf, während ich fort hin. Bitte, Stu.≪

≫Okay≪, sagte er halb grinsend, halb schulterzuckend. Sie spürte, wie seine Aufmerksamkeit umgehend zu seinen eigenen Angelegenheiten zurückkehrte, noch bevor sie die Tür geschlossen hatte.

4.6 VI

Am Abend blies der tückische Wind die tief hängenden Wolken weg. Drei Häuser von dem der Walls entfernt, betrachtete Samantha Mollison ihr Profil in dem beleuchteten Frisiertischspiegel und fand die eingetretene Stille bedrückend.

Die letzten beiden Tage waren enttäuschend gewesen. Sie hatte so gut wie nichts verkauft. Der Vertreter von Champêtre hatte sich als Mann mit Hängebacken, schlechten Manieren und einer Reisetasche voll hässlicher BHs herausgestellt. Anscheinend versprühte er seinen Charme nur bei den telefonischen Vorgesprächen, denn als sie ihn persönlich vor sich hatte, gab er sich geschäftsmäßig, behandelte sie von oben herab, kritisierte ihre Ware und drängte auf eine Bestellung. Sie hatte sich jemanden vorgestellt, der jünger, größer und anziehender war. So schnell wie möglich hatte sie ihn und seine grausigen Dessous aus dem Laden komplimentiert.

Mittags hatte sie eine dieser Kondolenzkarten — ≫Mit tiefstem Mitgefühl≪ — für Mary Fairbrother gekauft, doch ihr fiel nichts ein, was sie schreiben konnte, denn nach der gemeinsamen Alptraumfahrt ins Krankenhaus schien eine simple Unterschrift nicht auszureichen. Sie hatten einander nie nahegestanden. In einem so kleinen Ort wie Pagford lief man sich zwar ständig über den Weg, aber Miles und sie hatten Barry und Mary eigentlich nicht gekannt. Man hätte höchstens sagen können, dass sie zu gegnerischen Lagern gehörten, bei den dauernden Zusammenstößen zwischen Howard und Barry über Fields. Wobei ihr, Samantha, das alles herzlich egal war. Sie stand über dieser kleinkarierten Lokalpolitik.

Müde, verstimmt und aufgebläht, weil sie tagsüber zu viel genascht hatte, verabscheute sie die Aussicht, mit Miles zum Abendessen bei den Schwiegereltern gehen zu müssen. Während sie sich im Spiegel betrachtete, legte sie die Hände an ihre Wangen und schob die Haut sanft zu den Ohren zurück. Millimeterweise erschien eine jüngere Samantha. Sie drehte ihr Gesicht von einer Seite zur anderen und musterte diese straffe Maske. Besser, viel besser. Sie überlegte, was es wohl kosten, wie weh es tun und ob sie es wagen würde. Sie versuchte sich vorzustellen, was ihre Schwiegermutter sagen würde, wenn Samantha mit einem neuen, glatten Gesicht auftauchte. Shirley und Howard beteiligten sich, wie Shirley sie beide regelmäßig erinnerte, an den Kosten der Ausbildung ihrer Enkeltöchter.

Miles kam ins Schlafzimmer, Samantha nahm die Hände herunter, griff nach der Abdeckereme und lehnte den Kopf zurück, wie sie es immer tat, wenn sie Makeup auftrug: Das zog die allmählich schlaffer werdende Haut an ihrem Kinn straff. Am Rande ihrer Lippen waren nadelfeine Fältchen. Die ließen sich auffüllen, hatte sie gelesen, mit einer synthetischen, einspritzbaren Mischung. Sie fragte sich, wie viel das ausmachen würde. Bestimmt wäre es billiger als ein komplettes Facelifting, und vielleicht würde Shirley es nicht bemerken. Im Spiegel sah sie, wie Miles hinter ihr Krawatte und Hemd ablegte und sein großer Bauch aber seine Anzughose quoll.

≫Hattest du heute nicht jemanden da? Irgendeinen Vertreter?≪, fragte er. Träge kratzte er sich an seinem haarigen Nabel und schaute in den Kleiderschrank.

≫Ja, aber das war nichts≪, erwiderte Samantha. ≫Mieses Zeug.≪

Miles gefiel, was sie tat. Aufgewachsen in einem Haus, in dem Einzelhandel die einzige Geschäftsform war, die zählte, hatte er nie den Respekt vor dem Kaufmannsgeist verloren, den Howard ihm eingeflößt hatte. Außerdem schien Miles es nicht müde zu werden, dieselben alten Witzchen oder dieselben versteckten Anspielungen zu machen, die Samanthas Geschäft bot.

≫Schlechte Passformen?≪, fragte er sachkundig.

≫Schlechtes Design. Entsetzliche Farben.≪

Samantha bürstete ihr dickes braunes Haar, band es zurück und beobachtete im Spiegel, wie Miles sich Chinos und ein Polohemd anzog. Sie war genervt, hatte das Gefühl, gleich auszurasten oder beim kleinsten Anlass in Tränen auszubrechen.

Evertree Crescent lag nur fünf Minuten entfernt, aber die Church Row war steil, deshalb nahmen sie das Auto. Oben an der Straße fuhren sie an einem Mann vorbei, der Barry Fairbrothers Körperform und Gang hatte. Samantha schrak zusammen, sah noch einmal hin und fragte sich, wer das sein könnte. Miles bog nach links und dann, kaum eine Minute später, in die halbmondförmige Bungalowanlage.

Das Haus von Howard und Shirley, ein niedriges Gebäude aus rotem Backstein mit breiten Fenstern, hatte vorn und hinten großzügige Rasenflächen, die von Miles im Sommer gemäht wurden. In den langen Jahren, seit sie hier wohnten, hatten Howard und Shirley das Haus mit Kutscherlampen und einem weißen schmiedeeisernen Tor verschönert, und neben der Haustür standen mit Geranien bepflanzie Terrakottatöpfe. Sie hatten auch ein Schild neben der Klingel angebracht, rund und aus lackiertem Holz, auf dem in schwarzer altmodischer Schrift ≫Ambleside≪ stand, einschließlich der Anführungszeicheu.

Manchmal machte sich Samantha auf grausame Weise lustig über das Haus ihrer Schwiegereltern. Miles nahm diese Sticheleien hin, als stillschweigende Andeutung, dass Samantha und er mit ihren abgeschliffenen Dielen und Türen, den gerahmten Drucken und ihrem modischen unbequemen Sofa den besseren Geschmack halten, doch insgeheim zog er den Bungalow vor, in dem er aufgewachsen war. Fast jede Oberfläche war mit etwas Plüschigem und Weichem bedeckt, nirgends zog es, und die Sessel mit ausziehbarer Fußstütze waren äußerst bequem. Wenn er im Sommer den Rasen gemäht hatte, brachte ihm Shirley immer ein kühles Bier, während er auf einem dieser Sessel lag und sich ein Cricketmatch im Flachbildfernseher anschaute. Manchmal kam eine seiner Töchter mit, saß dann neben ihm und aß Eiscreme mit Schokoladensoße, die Shirley extra für ihre Enkeltöchter zubereitete.

≫Hallo, Liebling≪, sagte Shirley, als sie die Tür öffnete. Ihre kompakte Gestalt erinnerte an einen kleinen Pfefferstreuer mit umgebundener Schürze. Sie stellte sich auf Zehenspitzen, um ihren hochgewachsenen Sohn zu küssen, brachte ein ≫Hallo, Sam≪ hervor und wandte sich sofort ab. ≫Das Essen ist fast fertig. Howard! Miles und Sam sind da!≪

Das Haus roch nach Möbelpolitur und gutem Essen. Howard kam aus der Küche, eine Flasche Wein in der einen Hand, einen Korkenzieher in der anderen. Mit erprobter Geschmeidigkeit wich Shirley ins Esszimmer aus, um Howard, der fast die ganze Breite des Flurs einnahm, vorbeizulassen, bevor sie in die Küche zurücktrottete.

≫Da sind sie ja, die guten Samariter≪, dröhnte Howard. ≫Und wie laufen die Geschäfte, Sammy? Nimmst du dir die Rezession zur Brust?≪

≫Erstaunlich, Howard, aber die Geschäfte wippen auf und ab≪, erwiderte Samantha.

Howard lachte brüllend, und Samantha war überzeugt, dass er ihr den Po getätschelt hätte, wenn er nicht den Korkenzieher und die Flasche in der Hand gehabt hätte. Sie nahm die kleinen Kniffe und Tätscheleien ihres Schwiegervaters als den harmlosen Exhibitionismus eines Mannes hin, der für alles andere zu fett und zu alt geworden war. Außerdem ärgerte es Shirley, was Samantha wiederum freute. Shirley zeigte ihre Verärgerung nie offen, weder schmälerte sie ihr Lächeln, noch änderte sich ihr liebreizender Ton, aber nach jeder leicht anzüglichen Bemerkung von Howard schoss sie innerhalb kürzester Zeit einen mit blumigen Worten verbrämten Pfeil auf ihre Schwiegertochter ab. Eine Anspielung auf das steigende Schulgeld für die Mädchen, besorgte Erkundigungen nach Samanthas Diät, die Frage an Miles, ob er nicht auch fände, Mary Fairbrother habe eine erstaunlich gute Figur. Samantha ließ das alles über sich ergehen, lächelte und bestrafte Miles dafür später.

≫Hallo, Mo≪, sagte Miles, der Samantha in das, was Howard und Shirley die Lounge nannten, voausgegangen war. ≫Wusste gar nicht, dass du auch hier sein würdest!≪

≫Hallo, mein Hübscher≪, sagte Maureen mit ihrer tiefen, rauen Stimme. ≫Gib mir einen Kuss.≪

Howards Geschäftspartnerin saß in der Sofaecke mit einem kleinen Glas Sherry in der Hand. Sie trug ein fuchsicnrotes Kleid, dazu dunkle Strümpfe und Lacklederpumps. Ihr hochtoupiertes, pechschwarzes Haar starrte vor Haarspray, ihr Gesicht war bleich und affenartig, und ihre auffallend pinkfarben geschminkten Lippen spitzten sich, als Miles sich hinabbeugte und sie auf die Wange küsste.

≫Wir haben über Geschäfte geredet. Über die Pläne für das neue Café. Hallo, Sam, Schätzchen≪, fügte Maureen hinzu und klopfte auf das Polster neben sich. ≫Oh, du bist ja so schön braun, ist das noch immer aus Ibiza? Komm setz dich zu mir. Was für ein Schock für dich beim Golfclub. Muss ja grauenhaft gewesen sein.≪

≫Ja, allerdings≪, sagte Samantha.

Und zum ersten Mal konnte sie jemandem die Geschichte von Barrys Tod erzählen, während Miles außen vor blieb und auf die Chance wartete, sie zu unterbrechen. Howard reichte große Gläser mit Pinot Grigio herum, die Aufmerksamkeit ganz auf Samanthas Erzählung gerichtet. Im Glanz von Howards und Maureens Interesse, mit dem Alkohol, der ein tröstliches Feuer in ihr entfachte, fiel die Anspannung, die Samantha seit zwei Tagen mit sich herumgetragen hatte, allmählich von ihr ab, und ein schwaches Gefühl des Wohlbefindens stieg in ihr auf.

Der Raum war warm und makellos sauber. Regale zu beiden Seiten des Gaskamins stellten eine Sammlung bemalten Porzellans zur Schau, das meiste davon zum Gedenken an ein königliches Wahrzeichen oder ein Jubiläum aus der Regierungszeit von Elisabeth II. Ein kleines Bücherregal in der Ecke enthielt eine Mischung aus königlichen Biographien und Hochglanz-Kochbüchern, die nicht mehr in die Küche passten. Fotos schmückten die Borde und Wände: Miles und seine jüngere Schwester Patricia strahlten aus zwei gleichen Rahmen in gleichen Schuluniformen, Miles’ und Samanthas Töchter Lexie und Libby waren von der Babyzeit bis ins Teenageralter vertreten. Samantha tauchte nur ein einziges Mal in dieser Familiengalerie auf, wenn auch in einem der größten Fotos. Es zeigte sie und Miles bei ihrer Hochzeit vor sechzehn Jahren. Miles war jung und gutaussehend, die strahlend blauen Augen zwinkerten dem Fotografen zu, wohingegen Samantha sich mit halb geschlossenen Lidern abgewandt hatte, in eine andere Kamera lächelte und dabei aussah, als hätte sie ein Doppelkinn. Der weiße Satin ihres Kleides spannte über den durch ihre frühe Schwangerschaft bereits geschwollenen Brüsten und ließ sie unförmig aussehen.

Eine von Maureens klauenartigen Händen spielte mit der Kette, die sie immer um den Hals trug und an der ein Kreuz und der Ehering ihres verstorbenen Mannes hingen. Als Samantha in ihrem Bericht den Moment erreichte, an dem die Ärztin Mary gesagt hatte, dass nichts mehr zu machen sei, legte Maureen ihre andere Hand auf Samanthas Knie und drückte es.

≫Das Essen steht auf dem Tisch!≪, rief Shirley. Obwohl Samantha nicht hatte mitkommen wollen, ging es ihr besser als in den letzten zwei Tagen. Maureen und Howard behandelten sie wie eine Mischung aus einer Heldin und einer Veteranin, und beide klopften ihr sanft auf den Rücken, als sie auf dem Weg zum Esszimmer an ihnen vorbeikam.

Shirley hatte das Licht gedimmt und lange rosa Kerzen angezündet, die zur Tapete und ihren besten Servietten passten. Der Dampf, der von den Suppentassen aufstieg, ließ Howards hochrotes Gesicht übersinnlich aussehen. Samantha, die ihr großes Weinglas fast leer getrunken hatte, dachte, wie komisch es doch wäre, wenn Howard jetzt verkündete, sie würden eine Séance abhalten, und Barry um seinen eigenen Bericht über die Ereignisse beim Golfclub bitten würde.

≫Also≪, sagte Howard mit tiefer Stimme, ≫ich finde, wir sollten auf Barry Fairbrother trinken.≪

Samantha neigte rasch ihr Glas, damit Shirley nicht sah, dass es schon fast leer war.

≫Es war mit ziemlicher Sicherheit ein Aneurysma≪, verkündete Miles in dem Moment, als die Gläser das Tischtuch wieder berührten. Diese Information hatte er sogar Samantha vorenthalten, und er war froh darüber, denn sie wäre wahrscheinlich schon damit rausgeplatzt, als sie mit Maureen uiid Howard geredet hatte. ≫Gavin hat Mary angerufen, um das Beileid der Kanzlei zu übermitteln und sich wegen des Testaments mit ihr in Verbindung zu setzen, und Mary hat es bestätigt. Ein Gefäß ist in seinem Kopf angeschwollen und geplatzt.≪ (Er hatte eigens im Internet nachgeschaut, sobald er herausgefunden hatte, wie man das Wort schreibt, noch im Büro, nachdem er mit Gavin gesprochen hatte.) ≫Hätte jederzeit passieren können. Eine Art angeborene Schwäche.≪

≫Grausig≪, sagte Howard, doch dann bemerkte er, dass Samanthas Glas leer war, und hievte sich vom Stuhl hoch, um ihr nachzuschenken. Shirley löffelte ihre Suppe, die Augenbrauen bis zum Haaransatz hochgezogen. Samantha trank trotzig noch mehr Wein.

≫Wisst ihr was?≪, fragte sie, ihre Zunge schon etwas schwerfällig. ≫Ich dachte, ich hätte ihn auf dem Weg hierher gesehen. Im Dunkeln. Barry.≪

≫Das war vermutlich einer seiner Brüder≪, sagte Shirley abschätzig. ≫Die sehen sich alle ähnlich.≪

Aber Maureen übertönte Shirley mit ihrem Krächzen.

≫Ich dachte, ich hätte Ken gesehen, am Abend nach seinem Tod. Stand im Garten und schaute mich durch das Küchenfenster an. Mitten zwischen seinen Rosen.≪

Niemand reagierte, sie hatten die Geschichte schon oft gehört. Eine Minute lang war nur leises Schlürfen zu hören, dann ertönte wieder Maureens Krächzstimme.

≫Gavin ist mit den Fairbrothers gut befreundet, oder, Miles? Spielt er nicht mit Barry Squash? Hat mit ihm gespielt, sollte ich wohl sagen.≪

≫Ja, Barry hat ihn einmal pro Woche fertiggemacht. Gavin muss ein mieser Squashspieler sein. Barry war zehn Jahre älter als er.≪

Die drei Frauen trugen einen fast identischen Ausdruck der Erheiterung zur Schau. Wenn sie auch sonst nichts gemeinsam hatten, verband sie doch ein leicht perverses Interesse an Miles’ drahtigem jungem Partner. In Maureens Fall war es nur ein Zeichen für ihren unersättlichen Appetit auf allen Klatsch und Tratsch von Pagford, und die Lebensumstände eines Junggesellen waren ein gefundenes Fressen. Shirley hatte besonderes Vergnügen daran, alles über Gavins Schwächen und Unsicherheiten zu erfahren, denn das hob die Leistungen der Zwillingsgötter ihres Lebens, Howard und Miles, auf besonders glänzende Weise hervor. Doch in Samantha weckten Gavins Passivität und Vorsicht eine katzenhafte Grausamkeit, sie hatte den starken Wunsch, dass eine andere Frau ihn stellvertretend für sie wach prügelte, auf Vordermann brachte oder ihn ansonsten zerfleischte. Sie schikanierte ihn ein bisschen, wenn sie ihn traf, und freute sich darüber, dass er sie überwältigend fand und schwer zufriedenznstellen.

≫Wie läuft es denn inzwischen mit seiner Londoner Freundin?≪, fragte Maureen.

≫Sie ist nicht mehr in London, Mo. Sie ist in die Hope Street gezogen≪, antwortete Miles. ≫Und wenn du mich fragst, bedauert er es bereits, ihr jemals nahegekommen zu sein. Du kennst doch Gavin. Kriegt schon seit seiner Geburt kalte Füße.≪

Miles war in der Schule ein paar Jahrgänge über Gavin gewesen, und wenn er von seinem Geschäftspartner sprach, lag immer etwas von dem Vertrauensschüler aus der Oberstufe in seinem Ton.

≫Dunkle Haare, sehr kurz geschnitten?≪

≫Genau die≪, sagte Miles. ≫Sozialarbeiterin. Flache Schuhe.≪

≫Dann war sie schon bei uns im Laden, oder, How?≪, fragte Maureen aufgeregt. ≫Vom Kochen hat die wohl wenig Ahnung, so wie sie aussieht.≪

Gebratene Schweinelendchen folgten der Suppe. Mit Howards stillschweigender Billigung glitt Samantha sanft in eine zufriedene Betrunkenheit ab, aber irgendetwas in ihr wehrte sich noch schwach, wie ein Mensch, der ins Meer hinausgespült wird. Sie versuchte, es in noch mehr Wein zu ertränken.

Ein Schweigen breitete sich über den Tisch wie ein frisches Tischtuch, makellos und erwartungsvoll, und diesmal wussten alle, dass es an Howard war, das neue Thema anzuschneiden. Er kaute eine Weile, große Bissen, heruntergespült mit Wein, und war sich der auf ihn gerichteten Blicke allem Anschein nach nicht bewusst. Nachdem er schließlich seinen Teller geleert hatte, tupfte er sich den Mund mit der Serviette ab und ergriff das Wort.

≫Ja, es wird interessant sein zu beobachten, was jetzt im Gemeinderat passiert.≪ Er war gezwungen innezuhalten, um einen gewaltigen Rülpser zu unterdrücken, und kurz sah es so aus, als würde ihm schlecht. Er klopfte sich auf die Brust. ≫Entschuldigt. Ja. Das wird allerdings sehr interessant. Da Fairbrother tot ist≪— Howard griff auf die Namensform zurück, die er gewohnheitsmäßig benutzte —,≫kann ich mir nicht vorstellen, dass die Zeitung seinen Artikel noch bringen wird. Es sei denn, die Nervensäge greift ein, was ja auf der Hand läge≪, fügte er hinzu.

Howard hatte Parminder Jawanda schon bei ihrem ersten Erscheinen im Gemeinderat als Nervensäge eingeschätzt und riss gerne Witze über sie, was bei den Gegnern von Fields gut ankam.

≫Ihr Gesichtsausdruck≪, sagte Maureen, an Shirley gewandt. ≫Dieser Ausdruck, als wir es ihr erzählten. Ich hab mir immer gedacht …du weißt schon…≪

Samantha spitzte die Ohren, aber Maureens Unterstellung war ja wohl lachhaft. Parminder war mit dem bestaussehenden Mann von Pagford verheiratet: Vikram, groß und gut gebaut, mit einer Adlernase, dichten schwarzen Wimpern und einem lässigen, wissenden Lächeln. Jahrelang hatte Samantha ihr Haar zurückgeworfen und mehr gelacht als nötig, wenn sie auf der Straße stehen blieb, um mit Vikram zu plaudern, der die gleiche Art von Körper hatte wie Miles, bevor er Rugby aufgegeben hatte und schwabbelig und dickbäuchig geworden war.

Kurz nachdem die beiden ihre Nachbarn geworden waren, hatte Samantha irgendwo gehört, dass die Ehe zwischen Vikram und Parminder arrangiert worden war. Diesen Gedanken hatte sie ungeheuer erotisch gefunden. Die Vorstellung, den Befehl zu bekommen, Vikram zu heiraten, es tun zu müssen. In ihrer Phantasie war sie verschleiert in einen Raum geführt worden, eine Jungfrau, zu ihrem Schicksal verdammt …Die Vorstellung, aufzuschauen und zu wissen, das gehört mir …Ganz zu schweigen von dem Schauer, den sein Beruf auslöste. So viel Verantwortung hätte auch einem viel hässlicheren Mann Sexappeal verliehen.

(Vikram hatte vor sieben Jahren Howards vierfachen Bypass gelegt. Deswegen konnte Vikram das Feinkostgeschäft nicht betreten, ohne in ein Sperrfeuer scherzhaften Geplänkels zu geraten.

≫Bitte ganz nach vorn in die Schlange, Mr Jawanda! Treten Sie bitte beiseite, meine Damen — nein, Mr Jawanda, ich bestehe darauf —, dieser Mann hat mir das Leben gerettet, die alte Pumpe zusammengeflickt — was darf es sein, Mr Jawanda, Sir?≪

Howard bestand stets darauf, dass Vikram kostenlose Proben und etwas mehr von allem bekam, was er einkaufte. Infolge dieser Mätzchen, vermutete Samantha, betrat Vikram den Laden überhaupt nicht mehr.)

Sie hatte den Faden der Unterhaltung verloren, doch das spielte keine Rolle. Die anderen brabbelten nach wie vor darüber, dass Barry Fairbrother irgendetwas für die Lokalzeitung geschrieben hatte.

≫…wollte ihn deswegen zur Rede steilen≪, dröhnte Howard. ≫Sehr hinterhältig, wie er das gemacht hat. Na ja, das ist jetzt alles Schnee von gestern. Wir sollten allerdings darüber nachdenken, wer Fairbrother ersetzen wird. Keinesfalls dürfen wir die Nervensäge unterschätzen, wie bestürzt sie auch sein mag. Das wäre ein großer Fehler. Sie versucht wahrscheinlich schon, jemanden aufzutreiben, also sollten wir ebenfalls über einen vernünftigen Ersatzmann nachdenken. Je eher, desto besser. Ist schlicht eine Frage guter Regierungsführung.≪

≫Was bedeutet das denn genau?≪, fragte Miles. ≫Eine Neuwahl?≪

≫Vermutlich≪, erwiderte Howard und gab sich allwissend, ≫aber ich bezweifle es. Es geht ja nur um eine plötzliche Vakanz. Wenn es nicht genügend Interesse an einer Wahl gibt — wobei wir, wie gesagt, die Nervensäge nicht unterschätzen dürfen —, aber wenn es ihr nicht gelingt, neun Leute zusanunenzubringen, um eine öffentliche Wahl zu beantragen, geht es nur darum, einen neuen Gemeinderat zu kooptieren. In dem Fall brauchen wir neun Stimmen aus dem Gemeinderat, um die Kooptation zu ratifizieren. Neun sind das Quorum. Von Fairbrothers Amtszeit sind noch drei Jahre übrig. Das lohnt sich. Könnte die ganze Sache umdrehen, jemanden von unserer Seite anstelle von Fairbrother reinzubringen.≪

Howard tronnnelte mit den Fingern auf den Kelch des Weinglases und blickte seinen Sohn an. Shirley und Maureen beobachteten Miles ebenfalls, und Miles, dachte Samantha, schaute seinen Vater an wie ein dicker Labrador, der in Erwartung eines Hundekuchens freudig mit dem Schwanz wedelte.

Samantha war nicht mehr nüchtern und begriff erst spät, worum es hier überhaupt ging und warum eine seltsam festliche Atmosphäre über dem Tisch lag. Ihr Rausch war befreiend gewesen, doch plötzlich war er hinderlich, da sie nicht sicher war, ob ihre Zunge ihr nach mehr als einer Flasche Wein und dem langen Schweigen noch gehorchen würde. Daher dachte sie die Worte lieber, als sie laut auszusprechen.

Sag ihnen gefälligst, dass du erst mit mir darüber reden musst, Miles.

4.7 VII

Tessa Wall hatte nicht lange bei Mary bleiben wollen — sie mochte ihren Mann und Fats nie lange allein lassen —, aber irgendwie hatte sich ihr Besuch über mehrere Stunden hingezogen. Das Haus der Fairbrothers quoll über von Feldbetten und Schlafsäcken. Die Familie hatte sich um die klaffende Lücke geschart, die der Tod gerissen hatte, doch weder Lärm noch Aktionismus konnten den Abgrund kaschieren, in dem Barry verschwunden war.

Seit dem Tod des Freundes zum ersten Mal allein mit ihren Gedanken, war Tessa mit schmerzenden Füßen durch die Church Row zurückgegangen, ihre Wolljacke ein unzureichender Schutz gegen die Kälte. In der nächtlichen Stille waren nur das Klappern der Holzperlen an ihrem Hals und schwache Fernsehgeräusche aus den Häusern zu hören, an denen sie vorbeikam.

Ganz plötzlich dachte Tessa: Hat Barry es wohl gewusst?

Noch nie zuvor war ihr der Gedanke gekommen, ob ihr Mann das große Geheimnis seines Lebens jemals Barry anvertraut hatte, die Fäulnis, die im Herzen ihrer Ehe gehütet wurde. Sie hatten nie darüber gesprochen (obwohl ein Hauch davon viele Gespräche belastete, vor allem in letzter Zeit).

An diesem Abend hatte Tessa jedoch gemeint, bei der Erwähnung von Fats einen raschen Blick von Mary aufzufangen…

Da bist müde, und du bildest dir das ein, wies Tessa sich entschieden zurecht. Colins Hang zur Heimlichtuerei war so stark, so tief verwurzelt, dass er sich nie offenbart hätte, nicht einmal Barry gegenüber, den er vergöttert hatte. Tessa fand den Gedanken abscheulich, dass Barry Bescheid gewusst haben könnte, dass seine Freundlichkeit gegenüber Colin nur durch Mitgefühl für das ausgelöst worden war, was sie, Tessa, getan hatte…

Als sie ins Wohnzimmer kam, saß Colin vor dem Fernseher, die Brille auf der Nase, die Nachrichten im Hintergrund. Ein Stapel Kopien lag auf seinem Schoß, und er hatte einen Stift in der Hand. Zu Tessas Erleichterung war von Fats nichts zu sehen.

≫Wie geht es ihr?≪ fragte Colin.

≫Na ja, du kannst dir vorstellen nicht so gut.≪ Mit einem Seufzer sank Tessa in einen Sessel und zog ihre abgetragenen Stiefel aus. ≫Aber Barrys Bruder war großartig.≪

≫Inwiefern?≪

≫Ach, na eben hilfreich.≪

Sie schloss die Augen und massierte ihren Nasenrücken und die Augenlider mit Daumen und Zeigefinger.

≫Mir kam er immer etwas unzuverlässig vor≪, bemerkte Colin.

≫Ehrlich?≪ erwiderte Tessa aus der Tiefe ihrer freiwilligen Dunkelheit.

≫Ja. Erinnerst du dich, als er angeboten hat, beim Spiel gegen die Paxton High als Schiedsrichter mitzumachen? Und dann eine halbe Stunde vorher absagte und Bateman für ihn einspringen musste?≪

Tessa unterdrückte den Impuls, ihn anzublaffen. Colin hatte die Angewohnheit, aufgrund erster Eindrücke und einzelner Handlungen Pauschalurteile zu fällen. Er schien die ungeheure Wandlungsfähigkeit der menschlichen Natur nicht zu begreifen, nicht zu erkennen, dass hinter jedem unscheinbaren Gesicht ein wildes, einzigartiges Zwischenreich lag wie sein eigenes.

≫Auf jeden Fall geht er sehr liebevoll mit den Kindern um≪, sagte Tessa vorsichtig. ≫Ich muss ins Bett.≪

Sie machte keine Anstalten aufzustehen, sondern konzentrierte sich auf die verschiedenen Schmerzen in ihrem Körper: in ihren Füßen, ihrem Kreuz, ihren Schultern.

≫Ich habe nachgedacht. Tess.≪

≫Hm?≪

Die Brillongläser ließen Colius Augen zu Stecknadelköpfen schrumpfen, so dass die hohe, verformte Stirn noch deutlicher hervortrat.

≫Alles, was Barry im Gemeinderat zu erreichen versuchte. Alles, wofür er kämpfte. Fields. Die Drogenklinik. Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht.≪ Er atmete tief durch. ≫Ich bin beinahe entschlossen, an seine Stelle zu treten.≪

Böse Vorahnungen brachen über Tessa herein, machten sie für einen Augenblick sprachlos. Sie versuchte, sich möglichsL nichts davon anmerken zu lassen.

≫Ich bin überzeugt, dass Barry das gewollt hätte≪, sagte Colin. In seiner seltsamen Erregung schwang ein Hauch von Abwehr mit.

Niemals, sagte Tessas ehrlichstes Selbst, keine Sekunde lang hätte Barry das gewollt. Er hätte gewusst, dass du der Allerletzte bist, der sich dafür eignet.

≫Meine Güte≪, sagte sie. ≫Na ja. Ich weiß, Barry war sehr…Aber das wäre eine gewaltige Verpflichtung, Colin. Und was ist mit Parminder? Sie ist ja noch da und wird bestimmt weiterhin versuchen, alles durchzusetzen, was Barry wollte.≪

Ich hätte Parminder anrufen sollen, dachte Tessa mit schlechtem Gewissen, als sie deren Namen aussprach. O Gott, warum habe ich nicht daran gedacht, Parminder anzurufen?

≫Aber sie braucht Unterstützung. Sie wird sich nie allein gegen die anderen durchsetzen≪, sagte Colin. ≫Und ich garantierte dir, dass Howard Moilison irgendeine Marionette aufstellen wird, um Barry zu ersetzen. Vermutlich hat er bereits—≪

≫Colin…≪

≫Ich wette darauf! Du weißt doch, wie er ist!≪

Die Papiere auf Colins Schoß fielen unbeachtet wie ein Wasserfall zu Boden.

≫Ich will das für Barry tun. Ich werde da weitermachen, wo er aufgehört hat. Ich werde dafür sorgen, dass nichts von dem, wofür er gearbeitet hat, in Rauch aufgeht. Ich kenne die Argumente. Er sagte immer, er hätte Chancen bekommen, die sich ihm sonst nie geboten hätten, und sieh dir an, wie viel er der Gemeinde zurückgegeben hat. Ich werde mich auf jeden Fall bewerben. Morgen werde ich mich erkundigen, was ich dafür tun muss.≪

≫In Ordnung≪, sagte Tessa. Jahre der Erfahrung hatten sie gelehrt, Colin in seinen ersten Begeisterungsausbrüchen nicht zu widersprechen, da ihn das nur dazu bringen würde, noch stärker an seinem Entschluss festzuhalten. Dieselben Jahre hatten Colin gelehrt, dass Tessa oft zustimmte, bevor sie Widerspruch erhob. Diesem Wortwechsel lag stets das gemeinsame Wissen um ihr gut gehütetes Geheimnis zugrunde. Tessa hatte das Gefühl, ihm etwas schuldig zu sein. Er hatte das Gefühl, dass sie ihm etwas schuldete.

≫Ich möchte das wirklich, Tessa.≪

≫Das kann ich verstehen, Colin.≪

Sie schob sich vom Sessel hoch, unsicher, ob sie die Kraft haben würde hinaufzugehen.

≫Kommst du mit ins Bett?≪

≫Gleich. Ich will das hier nur noch fertig machen.≪

Er hob die Kopien auf, die er hatte fallen lassen. Seine unbesonnene Entscheidung hatte ihm allem Anschein nach eine fiebrige Energie verliehen.

Im Schlafzimmer zog Tessa sich langsam aus. Die Schwerkraft hatte offenbar zugenommen, denn es kostete so viel Mühe, ihre Glieder zu heben, den widerspenstigen Reißverschluss zu zwingen, ihrem Willen zu gehorchen. Sie zog ihren Morgenmantel über und ging ins Badezimmer, wo sie Fats’ Schritte über sich hörte. In letzter Zeit fühlte sie sich oft einsam und ausgelaugt, pendelnd zwischen ihrem Mann und ihrem Sohn, die völlig unabhängig voneinander zu existieren schienen, einander so fremd wie Vermieter und Mieter.

Tessa wollte ihre Armbanduhr abnehmen und erinnerte sich daran, dass sie die am Tag zuvor verlegt hatte. So müde…dauernd verlor sie etwas und wie hatte sie vergessen können, Parminder anzurufen? Den Tränen nahe, erschöpft und angespannt, schlurfte sie zum Bett.

Kapitel 5

Mittwoch

5.1 I

Nach einem besonders heftigen Streit mit ihrer Mutter hatte Krystal Weedon Montag- und Dienstagnacht bei ihrer Freundin Nikki auf dem Fußboden geschlafen. Angefangen hatte es, als Krystal nach Hause kam, nachdem sie mit ihrer Cliquc abgehangen hatte, und Terri mit Obbo auf der Türschwelle antraf. Jeder in Fields kannte Obbo mit seinem verquollenen Gesicht und seinem Zahnlückengrinsen, seinen Brillengläsern, dick wie Flaschenböden, und seiner schmuddeligen alten Lederjacke.

≫Brauchst sie bloß für uns unterstellen, Ter, nur für ’n paar Tage, ja? Kriegst auch was dafür?≪

≫Was soll sie unterstellen?≪ wollte Krystal wissen. Robbie krabbelte zwischen Terris Beinen hervor und klammerte Sich fest an Krystals Knie. Robbie mochte es nicht, wenn Männer ins Haus kamen, wofür er gute Gründe hatte.

≫Nix. Computer.≪

≫Lass es≪, hatte Krystal zu Terri gesagt.

Sie wollte nicht, dass ihre Mutter an Bargeld kam. Und sie traute Obbo glatt zu, den Zwischenschritt auszulassen und Terri den Gefallen gleich mit einem Päckchen Stoff zu bezahlen.

≫Nimm sie nicht.≪

Aber Terri hatte ja gesagt. Krystals ganzes Leben lang hatte ihre Mutter zu allem und jedem ja gesagt. Zugestimmt, hingenommen, nachgiebig in allem: jaa, ist recht, mach nur, klar, kein Thema.

Später, als es dunkel wurde, hatte Krystal mit ihren Freunden auf den Schaukeln rumgehangen. Sie war bedrückt und reizbar. Sie wurde einfach nicht damit fertig, dass Mr Fairbrother tot war, hatte das Gefühl, ständig Schläge in den Bauch zu bekommen, und hätte am liebsten selber welche ausgeteili. Außerdem fühlte sie sich mies und hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie Tessa Wells Armbanduhr geklaut hatte. Warum hatte die dumme Kuh sie auch vor Krystals Nase gelegt und dann die Augen zugemacht? Was erwartete die denn?

Mit den anderen zusammen zu sein machte es auch nicht besser. Jemand nervte sie ständig wegen Fats Wall, bis Krystal schließlich explodierte und auf sie losging. Nikki und Leanne mussten sie zurückhalten. Daraufhin war Krystal nach Hause gestürmt, wo sie Obbos Computer vorfand. Robbie versuchte auf den Kartonstapel im Wohnzimmer zu klettern, während Terri völlig weggetreten dasaß, ihr Besteck neben sich auf dem Boden. Genau wie von Krystal befürchtet, war Terri von Obbo mit einem Päckchen Stoff bezahlt worden.

≫Du dämliche scheiß Junkie-Bitch, die werfen dich wieder aus der verdammten Klinik.≪

Aber das Heroin führte Krystals Mutter an einen Ort, an dem sie nicht mehr erreichbar war. Obwohl sie auf Krystal reagierte und sie als armseliges Stück Scheiße und Nutte beschimpfte, kam das alles wie verschwommen aus weiter Ferne. Krystal schlug Terri ins Gesicht, und Terri nuschelle, sie solle sich verpissen und abkratzen.

≫Scheiße, pass du doch mal auf ihn auf, du verkackte blöde Fixerkuh!≪, schrie Krystal. Robbie rannte ihr heulend im Flur nach, aber Krystal hatte ihm die Haustür vor der Nase zugeschlagen.

Bei Nikki gefiel es Krystal besser als zu Hause. Hier war es nicht so ordentlich wie bei ihrer Nana Cath, aber freundlicher, angenehm laut, und es war immer was los. Nikki hatte zwei Brüder und eine Schwester, deshalb schlief Krystal auf einer zusammengefalteten Steppdecke zwischen den Betten der beiden Schwestern. Die Wände waren mit Bildern aus Zeitschriften beklebt, eine Collage aus begehrenswerten Jungs und hübschen Mädchen. Krystal war nie in den Sinn gekommen, ihre Zimmerwände zu verschönern.

Aber an ihr nagten Schuldgefühle, denn sie musste ständig an Robbies verängstigtes Gesicht denken, als sie ihm die Tür vor der Nase zugeknallt hatte, weshalb sie am Mittwochmorgen nach Hause kam. Außerdem war Nikkis Familie nicht wild darauf, Krystal länger als zwei Nächte bei sich übernachten zu lassen. Nikki hatte ihr mal in ihrer typischen Aufrichtigkeit erzählt, ihre Mum sei damit einverstanden, wenn es nicht zu häufig vorkomme, aber Krystal müsse aufhören, sie als Absteige zu benutzen, vor allem aber dürfe sie nicht mehr nach Mitternacht auftauchen.

Terri war anscheinend froh, sie wieder zu Hause zu haben. Sie redete vom Besuch der neuen Sozialarbeiterin, und Krystal überlegte nervös, was die fremde Frau wohl vom Haus gehalten hatte, das in letzter Zeit noch tiefer als üblich unter den Schmutzpegelstand gefallen war. Am meisten Sorgen machte ihr, dass Robbie bei Kays Besuch zu Hause gewesen war, obwohl er in der Tagesstätte hätte sein sollen. Terris Versprechen, Robbie im Kindergarten zu lassen, mit dem er während seiner Zeit bei der Pflegemutter begonnen hatte, war die Hauptbedingung dafür gewesen, dass er vergangenes Jahr nach Hause zurückkehren durfte. Krystal war außerdem wütend, dass die Sozialarbeiterin Robbie mit der Windel erwischt hatte, nach all den Mühen, die Krystal darauf verwendet hatte, ihn zur Benutzung der Toilette zu überreden.

≫Und was hat sie gesagt?≪ wollte Krystal von Terri wissen.

≫Dass sie wiederkommt.≪

Krystal hatte ein mieses Gefühl dabei. Ihre frühere Sozialarbeiterin gab sich damit zufrieden, der Familie Weedon freie Hand zu lassen, ohne sich groß einzumischen. Sie war zerstreut und planlos, schrieb die Namen oft falsch, verwechselte die Lebensumstände mit denen anderer Schutzbefohlener und tauchte alle zwei Wochen offenbar nur auf, um nachzusehen, ob Robbie noch am Leben war.

Die neue Bedrohung verschlechterte Krystals Laune weiter. Wenn Terri nicht zugedröhnt war, ließ sie sich durch die Wut ihrer Tochter einschüchtern und von ihr herumkommandieren. Krystal nutzte ihre momentane Autorität sofort aus, befahl Terri, sich etwas Ordentliches anzuziehen, zwängte Robbie wieder in eine saubere Hose, schärfte ihm ein, dass er in diese nicht pinkeln dürfe, und marschierte mit ihm zur Tagesstätte. Als sie gehen wollte, brüllte er, woraufhin sie ihn zuerst anfauchte, doch als sie sich zu ihm hockte und ihm versprach, um eins wiederzukommen und ihn abzuholen, beruhigte er sich.

Dann schwänzte Krystal, obwohl Mittwoch der Schultag war, den sie am meisten mochte, da sie sowohl Sport als auch Beratung hatte. Sie machte sich daran, das Haus ein wenig zu putzen, verspritzte Desinfektionsmittel mit Fichtengeruch in der Küche, kehrte die alten Essensreste und Zigarettenkippen in Müllsäcke. Sie versteckte die Keksdose mit Terris Besteck und hievte die restlichen Computer (drei waren bereits abgeholt worden) in den Flurschrank.

Während sie Essensreste von den Tellern kratzte, war Krystal in Gedanken ständig mit der Rudermannschaft beschäftigt. Am folgenden Abend hätten sie Training gehabt, wenn Mr Fairbrother noch am Leben gewesen wäre. Meistens hatte er sie in seinem Minivan mitgenomrnen, weil sie keine andere Möglichkeit hatte, zum Kanal in Yarvil zu kommen. Seine Zwillingstöchter Niamh und Siobahn sowie Sukhvinder Jawanda fuhren auch mit. Während der Schulstunden hatte Krystal keinen regelmäßigen Kontakt mit den drei Mädchen, doch seitdem sie eine Mannschaft geworden waren, hatten sie immer ≫Alles klar?≪ gesagt, wenn sie sich in den Fluren begegnet waren. Krystal hatte erwartet, dass die anderen sie herablassend behandeln würden, aber sie waren ganz okay, wenn man sie erst mal besser kannte. Sie lachten über Krystals Witze. Sie hatten einige ihrer Lieblingssprüche übernommen. Krystal war, auf gewisse Weise, die Mannschaftsführerin.

Niemand aus Krystals Familie hatte je ein Auto besessen. Wenn sie sich konzentrierte, konnte sie den Innenraum des Minivans riechen, trotz des Gestanks in Terris Küche. Sie mochte den warmen Geruch nach Plastik. Nie wieder würde sie in diesem Auto sitzen. Sie hatten auch Fahrten in einem geliehenen Minibus unternommen, in den Mr Fairbrother die ganze Mannschaft gepackt hatte, und manchmal hatten sie übernachtet, wenn sie gegen die Mannschaften aus weiter entfernten Schulen angetreten waren. Das Team hatte hinten im Bus Rhiannas ≫Umbrella≪ gesungen, das war zu ihrem Glücksbringer geworden, ihrer Erkennungsmelodie, in der Krystal den Rap von Jay-Z übernommen hatte, als Solo am Anfang. Mr Fairbrother hatte sich fast bepisst, als er sie zum ersten Mal gehört hatte:

Uh huh uh huh, Rhianna

Good girl gone bad

Take three

Action.

No clouds in my storms

Let it rain, I hydroplane into fame

Comin down with the Dow Jones…

Krystal hatte die Worte gar nicht richtig verstanden.

Pingel Wall hatte ihnen allen einen Brief geschickt, in dem stand, dass sich die Mannschaft erst wieder treffen würde, wenn sie einen neuen Trainer gefunden hätten, aber sie würden keinen neuen Trainer finden, also war das ein Haufen Scheiße, das wussten sie alle.

Sie waren Mr Fairbrothers Mannschaft gewesen, sein Lieblingsprojekt. Krystal hatte sich von Nikki und den anderen eine Menge anhören müssen, weil sie da mitmachte. Hinter ihrem Spott hatte sich Ungläubigkeit verborgen und später Bewunderung, da die Mannschaft Medaillen gewonnen hatte. (Krystal bewahrte ihre in einem Kästchen auf, das sie Nikki gestohlen hatte. Krystal neigte dazu, Sachen anderer Leute einzustecken, die sie mochte. Das Kästchen war aus Plastik und mit Rosen geschmückt, eigentlich däs Schmuckkästchen eines Kindes. Jetzt lag Tessas Armbanduhr zusammengerollt darin.)

Das Tollste war gewesen, dass sie diese rotzigen kleinen Zicken von der St. Anne geschlagen hatten; das war der schönste Tag in Krystals Leben. Die Schulleiterin hatte die ganze Mannschaft bei der darauffolgenden Schulversammlung nach vorne gerufen (Krystal hatte sich ein bisschen geschämt, Nikki und Leanne hatten sie ausgelacht), aber dann hatten alle Beifall geklatscht. Es hatte etwas bedeutet, dass die St. Anne von der Winterdown fertiggemacht worden war.

Doch das war jetzt vorbei, alles vorbei, die Autofahrten und das Rudern und das Interview mit der Lokalzeitung. Ihr hatte die Vorstellung gefallen, noch mal in der Zeitung zu sein. Mr Fairbrother hatte gesagt, er würde mit ihr gehen, wenn das passierte. Nur sie beide.

≫Worüber wollen die denn mit mir reden?≪

≫Über dein Leben. Sie interessieren sich für dein Leben.≪

Wie ein Star. Krystal hatte kein Geld für Zeitschriften, aber sie schaute sie sich bei Nikki an und beim Arzt, wenn sie Robbie hinbrachte. Das wäre noch viel besser gewesen, als mit der Mannschaft in der Zeitung zu sein. Sie war vor Aufregung darüber fast geplatzt, hatte es aber irgendwie geschafft, den Mund zu halten und nicht mal vor Nikki oder Leanne damit zu prahlen. Sie hatte sie überraschen wollen. Und wie gut, dass sie nichts gesagt hatte. Sie würde nie wieder in die Zeitung kommen.

ln Krystal breitete sich ein Gefühl der Leere aus. Sie versuchte nicht mehr an Mr Fairbrother zu denken, während sie durchs Haus sauste und unfachmännisch, aber verbissen putzte. Ihre Mutter saß in der Küche, rauchte und starrte aus dem Fenster.

Kurz vor Mittag hielt eine Frau in einem alten blauen Corsa vor dem Haus. Krystal sah sie aus Robbies Schlafzimmerfenster. Die Frau hatte sehr kurzes dunkles Haar, trug eine schwarze Hose, eine Art Folklorehalskette und hatte eine große Tasche über der Schulter hängen, die vermutlich voll mit Akten war.

Krystal rannte nach unten.

≫Ich glaub, das ist sie≪, rief sie Terri in der Küche zu. ≫Die Soziale.≪

Die Frau klopfte, uud Krystal öffnete die Tür.

≫Hallo, ich bin Kay. Ich bin für Mattie eingesprungen. Du musst Krystal sein.≪

≫Ja≪, sagte Krystal, ohne Kays Lächeln zu erwidern. Sie führte sie ins Wohnzimmer und sah, wie die Frau auf die neue Ordentlichkeit reagierte. Den leeren Aschenbecher und das meiste von dem, was herumgelegen hatte, hatte sie in das kaputte Regal gestopft. Der Teppich war immer noch schmutzig, weil der Staubsauger nicht funktionierte, und das Handtuch und die Zinksalbe lagen auf dem Boden, mit einem von Robbies Spielzeugautos auf der Tube. Krystal hatte versucht, Robbie mit dem Auto abzulenken, während sie ihm den Po einschmierte.

≫Robbie ist in der Tagesstätte≪, berichtete sie Kay. ≫Hab ihn hingebracht. Hab ihm ’ne ordentliche Hose angezogen. Sie steckt ihn immer noch in Windeln. Hab ihr gesagt, sie soll’s lassen. Hab ihm Salbe auf ’n Po geschmiert. Ist bloß ’n Windelausschlag.≪

Kay lächelte sie wieder an. Krystal steckte den Kopf aus der Wohnzimmertür und brüllte: ≫Mum!≪

Terri kam aus der Küche. Sie trug ein dreckiges altes Sweatshirt zu Jeans und sah angezogen deutlich besser aus.

≫Hallo, Terri≪, sagte Kay.

≫Was geht?≪ Terri nahm einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette.

≫Setz dich≪, befahl Krystal ihrer Mutter, die gehorchte und sich auf demselben Sessel wie beim letzten Mal zusammenrollte. ≫Wollen Sie ’ne Tasse Tee oder so?≪, fragte Krystal an Kay gewandt.

≫Gerne≪, erwiderte Kay. Sie setzt sich und öffnete ihre Mappe. ≫Danke.≪

Krystal eilte aus dem Raum. Sie spitzte die Ohren, um mitzukriegen, was Kay mit Terri besprach.

≫Sie haben sicher nicht damit gerechnet, mich so bald wiederzusehen, Terri≪, hörte sie Kay sagen (mit einem komischen Akzent, der klang wie aus London, genau wie der von der hochnäsigen Neuen, auf die fast alle Jungs scharf waren). ≫Gestern habe ich mir richtig Sorgen um Robbie gemacht. Heute ist er wieder in der Tagesstätte, sagte Krystal?≪

≫Ja≪, antwortete Terri. ≫Sie hat ihn gebracht. Sie ist heut Morgen heimgekommen.≪

≫Heimgekommen? Wo war sie denn?≪

≫War nur …hab nur bei ’ner Freundin geschlafen.≪ Krystal kam ins Wohnzimmer geflitzt, um selbst zu antworten.

≫Jaa, sie kam heim, heute Morgen≪, sagte Terri.

Krystal lief zurück zum Kessel. Der machte solchen Krach, als er zu kochen begann, dass sie nicht mehr mitbekam, worüber ihre Mutter und die Sozialarbeiterin redeten. Sie kippte Milch in die Becher mit den Teebeuteln, versuchte sich zu beeilen und kam gerade rechtzeitig mit den drei knallheißen Bechern ins Wohnzimmer, um Kay sagen zu hören: ≫…habe gestern mit Mrs Harper in der Tagesstätte gesprochen—≪

≫Die Kuh≪, knurrie Terri.

≫Hier.≪ Krystal stellte die Becher auf den Boden und drehte einen mit dem Henkel zu Kay.

≫Vielen Dank≪, sagte Kay. ≫Terri, Mrs. Harper erzählte mir, dass Robbie in den letzten drei Monaten oft gefehlt hat. Er ist seit einer Weile keine ganze Woche mehr hingegangen, stimmt das?≪

≫Was?≪, fragte Terri. ≫Nee, war er nicht. Doch, ist er. Nur gestern nicht. Und wo er Halsweh hatte.≪

≫Wann war das?≪

≫Was? Vorm Monat …anderthalb …so was.≪

Krystal setzte sich neben ihre Mutter auf die Armlehne. Von dieser erhöhten Position funkelte sic Kay an, kaute heftig Kaugummi, die Arme verschränkt, genau wie ihre Mutter. Kay hatte eine dicke Mappe auf dem Schoß. Krystal konnte Mappen nicht ausstehen. All das Zeug, was sie über einen schrieben und aufhoben und hinterher gegen einen verwendeten.

≫Ich bring Robbie in die Tagesstätte≪, sagte sie. ≫Auf’m Weg zur Schule.≪

≫Nun, laut Mrs Harper hat Robbies Anwesenheit abgenommen≪, sagte Kay. Sie schaute auf die Notizen, die sie sich beim Gespräch mit der Leiterin der Tagesstätte gemacht hatte. ≫Und Sie haben sich verpflichtet, Robbie regelmäßig in den Kindergarten zu bringen, als Sie ihn letztes Jahr wiederbekamen.≪

≫Hab verda…≪, setzte Terri an.

≫Halt du die Klappe≪, feuchte Krystal ihre Mutter an. Zu Kay sagte sie: ≫Er war krank, ja, seine Mandeln waren ganz dick, hab ihm Antibiotika vom Arzt geholt.≪

≫Und wann war das?≪

≫Vor drei Wochen oder so, außerdem, ja …≪

≫Als ich gestern hier war≪, sagte Kay, wieder an Krystals Mutter gewandt (Krystal kaute heftiger, die Arme als doppelte Barriere um sich geschlungen), ≫fiel es Ihnen offenbar sehr schwer, sich um Robbie zu kümmern, Terri.≪

Krystal blickte auf ihre Mutter hinunter. Ihr Oberschenkel war doppelt so dick wie der von Terri.

≫Hab nicht, konnt nicht…≪ Terri änderte ihre Meinung. ≫Ihm ging’s gut.≪

Krystal kam ein Verdacht, der über ihr zu kreisen begann wie ein Geier.

≫Terri, Sie hatten gespritzt, als ich gestern kam, oder?≪

≫Nein, hab ich nicht, verdammte Scheiße! Was ’n Scheiß — Sie scheiß …Hab nicht gespritzt, klar?≪

Auf Krystals Lunge drückte ein schweres Gewicht, und in ihren Ohren klingelte es. Obbo musste ihrer Mutter nicht nur ein Päckchen, sondern gleich ein ganzes Paket gegeben haben. Die Sozialarbeiterin hatte Terri zugedröhnt gesehen. Morgen würde ihr Test in Bellchapel positiv ausfallen, und sie würden sie einmal mehr rausschmeißen…

(…und ohne Methadon würden sie wieder an diesen Alptraumort zurückkehren, an dem Terri durchdrehte und ihren fast zahnlosen Mund für die Schwänze Fremder öffnete, damit sie sich das Scheißzeug spritzen konnte; Und Robbie würde ihr wieder weggenommen werden, und diesmal käme er vielleicht nicht zurück. In einem kleinen roten Plastikherzen, das an dem Schlüsselring in Krystals Tasche hing, war ein Bild von Robbie, ein Jahr alt. Krystals Herz hatte zu hämmern begonnen, wie es hämmerte, wenn sie aus vollen Kräften ruderte, die Ruder durchzog, durchzog, mit brennenden Muskeln, und die andere Mannschaft zurückfallen sah …

≫Du blöde …≪, sagte sie, doch das ging unter, weil Terri nach wie vor Kay anplärrte, die mit dem Becher in der Hand unbewegt dasaß.

≫Scheiße, hab nicht gespritzt. Sie ham kein Beweis—≪

≫Du blöde Kuh≪, blaffte Krystal lauter.

≫Hab nicht gespritzt, das ist ’ne verdammte Lüge,≪ kreischte Terri; ein wildes Tier, in einem Netz gefangen, zappelnd und zuckend, nur um sich noch weiter zu verheddern. ≫Hab nicht, Scheiße, hab nie—≪

≫Die schmeißen dich wieder aus der verdammten Klinik, du blöde Kuh!≪

≫Wie kannst du’s wagen, so mit mir zu reden, du mieses Stück Scheiße.≪

≫Jetzt mal langsam≪, sagte Kay laut. Sie stellte ihren Becher ab und stand auf, erschrocken über das, was sie da ausgelöst hatte. Dann brüllte sie ≫Terri!≪, nun wirklich alarmiert, als Terri sich auf die andere Armlehne hochhievte, ihrer Tochter gegenüber. Wie zwei Wasserspeier, Nase an Nase, blafften sie sich an.

≫Krystal!≪, schrie Kay, als Krystal die Faust hob.

Krystal stürzte aus dem Sessel, weg von ihrer Mutter. Sie war erstaunt, eine warme Flüssigkeit auf ihren Wangen zu spüren, dachte verwirrt an Blut, doch es waren Tränen, nur Tränen, klar und schimmernd auf ihren Fingerspitzen, als sie sie wegwischte.

≫In Ordnung≪, sagte Kay angespannt. ≫Beruhigen wir uns erst mal.≪

≫Beruhigen Sie sich doch!≪, schnauzte Krystal. Zitternd wischte sie sich mit dem Arm über das Gesicht und marschierte dann zum Sessel ihrer Mutter. Terri zuckte zusammen, doch Krystal bückte sich nur, hob die Zigarettenpackung auf, zog ein Feuerzeug und die letzte Zigarette heraus und zündete sie an. Rauchend ging sie vom Sessel ihrer Mutter zum Fenster, wandte ihnen den Rücken zu und versuchte weitere Tränen zurückzuhalten.

≫Okay≪, sagte Kay, ≫wenn wir jetzt mal in Ruhe darüber reden könnten—≪

≫Ach, verpiss dich≪, sagte Terri dumpf.

≫Hier geht es um Robbie≪, sagte Kay. Sie stand immer noch, wagte nicht, sich zu entspannen. ≫Deswegen bin ich hier. Um dafür zu sorgen, dass es Robbie gut geht.≪

≫Dann war er eben mal nicht in der Tagesstätte≪, sagte Krystal vom Fenster. ≫Ist ja wohl kein scheiß Verbrechen.≪

≫Kein scheiß Verbrechen≪, stimmte Terri als schwaches Echo zu.

≫Es geht nicht nur um die Tagesstätte≪, sagte Kay. ≫Robbie war quengelig und wundgescheuert, als ich gestern hier war. Er ist viel zu alt, um noch Windeln zu tragen.≪

≫Hab sie ihm ausgezogen und ihn in ’ne Hose gesteckt. Hab ich doch gesagt, verflucht!≪ tauchte Krystal wütend.

≫Tut mir leid, Terri≪, sagte Kay. ≫Sie waren nicht in der Lage, allein die Verantwortung für ein kleines Kind zu übernehmen.≪

≫Ich hab nicht—≪

≫Sie können mir noch so oft erzählen, dass Sie nicht gespritzt haben≪, sagte Kay, und Krystal nahm zum ersten Mal etwas echt Menschliches in deren Stimme wahr: Ärger und Verzweiflung. ≫Aber Sie werden morgen in der Klihik getestet. Wir wissen beide, dass der Test positiv ausfallen wird. Die haben gesagt, es wäre Ihre letzte Chance und sie werfen Sie wieder raus.≪

Terri wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

≫Hören Sie, ich sehe ja, dass Sie beide Robbie nicht verlieren wollen—≪

≫Dann nehmen Sie ihn eben nicht weg!≪, schrie Krystal.

≫So einfach ist das nicht.≪ Kay setzte sich wieder und hob die schwere Mappe vom Boden auf. ≫Als Robbie letztes Jahr zu Ihnen zurückkam, Terri, waren Sie runter vom Heroin. Sie haben sich verpflichtet, clean zu bleiben und das Methadonprogramm zu durchlaufen, und Sie haben bestimmten Dingen zugestimmt, wie Robbie regelmäßig in die Tagesstätte zu bringen.≪

≫Hab ich doch—≪

≫Eine Weile schon, Terri, aber nur die Bereitschaft zu zeigen, reicht nicht. Nach allem, was ich gestern hier vorfand, und nachdem ich mit Ihrer Drogenberaterin und Mrs Harper gesprochen habe, glaube ich, dass wir uns noch mal ansehen müssen, wie es hier läuft.≪

≫Was soll ’n das heißen?≪, fragte Krystal. ≫Noch so ’ne scheiß Fallprüfung, oder was? Wozu ’n das? Wozu. Ihm geht ’s gut. Ich pass schon — halt die verdammte Klappe!≪, schrie sie Terri an, die sie zu überschreien versuchte. ≫Sie nicht — ich kümmer mich um ihn, ja?≪ brüllte sie Kay an, rot im Gesicht, die schwarz umrandeten Augen voller Tränen der Wut, und mit dem Finger stieß sie sich gegen ihre Brust.

Krystal hatte Robbie in den Monaten seiner Abwesenheit regelmäßig bei den Pflegeeltern besucht. Er hatte sich an sie geklammert, wollte, dass sie zum Abendessen blieb, hatte geweint, wenn sie ging. Ihr war, als hätte man ihr die Hälfte der Eingeweide rausgerissen und ihn in Geiselhaft genommen. Krystal hatte gewollt, dass Robbie zu Nana Cath kam, so wie sie damals immer zu ihr gekommen war, wenn Terri am Boden lag. Aber Nana Cath war inzwischen alt und gebrechlich, und sie hatte nichts für Robbie übrig.

≫Ich verstehe ja, dass du deinen Bruder liebst und dein Bestes für ihn gibst, Krystal≪, sagte Kay. ≫Aber du bist nicht Robbies gesetzliche—≪

≫Wieso nicht? Ich bin seine verdammte Schwester, oder?≪

≫Na gut≪, sagte Kay nachdrücklich. ≫Wir sollten hier den Tatsachen ins Auge sehen, Terri. Bellchapel wird Sie definitiv morgen aus dem Programm werfen, wenn Sie behaupten, nicht gespritzt zu haben, und der Test dann positiv ausfällt. Das hat Ihre Drogenberaterin am Telefon ganz deutlich gemacht.≪

Terri saß mit leerem, uniröstlichem Blick zusammengesunken im Sessel, eine seltsame Mischung aus einer alten Frau und einem Kind mit Zahnlücken.

≫So wie ich es sehe, können Sie den Rauswurf nur vermeiden≪, fuhr Kay fort, ≫wenn Sie von vornherein zugeben, dass Sie sich einen Schuss gesetzt haben, die Verantwortung für diesen Ausrutscher übernehmen und sich bereit erklären, neu anzufangen.≪

Terri starrte sie nur an. Sie war es gewohnt, sich ausschließlich mit Lügen gegen ihre vielen Ankläger zur Wehr zu setzen. Jaa, ist gut, mach schon, gib’s her und dann Nein, hab ich nicht, niemals, ich würd nie

≫Gab es einen besonderen Grund, Weshalb Sie in dieser Woche Heroin gespritzt haben, nachdem Sie bereits eine große Dosis Methadon bekommen hatten?≪ fragte Kay.

≫Ja≪, sagte Krystal, ≫weil Obbo aufgetaucht ist und sie zu dem nie nein sagen kann!≪

≫Halt die Klappe≪, sagte Terri, aber ohne Nachdruck. Sie versuchte aufzunehmen, was Kay zu ihr gesagt hatte: dieser bizarre, gefährliche Ratschlag, die Wahrheit zu sagen.

≫Obbo≪, wiederholte Kay. ≫Wer ist Obbo?≪

≫Blöder Scheißtyp≪, antwortete Krystal.

≫Ihr Dealer?≪, fragte Kay.

≫Halt die Klappe≪, wies Terri ihre Tochter erneut an.

≫Warum hast du ihm nicht gesagt, er soll sich verpissen?≪ brüllte Krystal ihre Mutter an.

≫Na gut≪, sagte Kay erneut. ≫Ich werde Ihre Drogenberaterin noch einmal anrufen, Terri. Ich will versuchen, sie davon zu überzeugen, dass es für die Familie von Vorteil wäre, wenn Sie im Programm blieben.≪

≫Ehrlich?≪, fragte Krystal erstaunt. Sie hatte Kay für eine totale Zicke gehalten, noch schlimmer als die Pflegemutter mit ihrer makellos sauberen Küche und ihrer Art, freundlich mit Krystal zu sprechen, wobei Krystal sich wie ein Stück Scheiße vorgekommen war.

≫Ja≪, sagte Kay. ≫Ehrlich. Aber, Terri, was uns angeht, ich meine die Kinder- und Jugendhilfe, da ist die Sache ernst. Wir werden Robbies häusliche Situation genau im Auge behalten. Wir müssen da eine Veränderung sehen. Terri.≪

≫In Ordnung≪, sagte Terri zustimmend, wie sie allem und jedem zustimmte.

Aber Krystal sagte: ≫Werden Sie, bestimmt. Sie schafft das. Ich helf ihr.≪

5.2 II

Mittwochs war Shirley Mollison immer im Kreiskrankenhaus South West in Yarvil. Hier gingen sie und ein Dutzend andere ehrenamtlichen Tätigkeiten nach, die nichts mit der medizinischen Versorgung zu tun hatten, wie Bücherwagen an die Betten zu schieben, die Blumen der Patienten zu versorgen und im Laden in der Hingangshalle Einkäufe für bettlägerige Patienten zu erledigen, die keinen Besuch bekamen. Am liebsten ging Shirley von Bett zu Bett und nahm die Bestellungen für die Mahlzeiten auf. Einmal war sie mit ihrem Klemmbrett und dem eingeschweißten Ausweis von einem vorbeigehenden Arzt für jemanden von der Krankenhausverwaltung gehalten wurden.

Auf die ehrenamtliche Tätigkeit war Shirley während ihres längsten Gesprächs mit Julia Fawley gekommen, bei einer der wundervollen Weihnachtsfeiern in Sweetlove House. Dabei hatte sie erfahren, dass Julia mit der Spendensammlung für die Kinderabteilung des örtlichen Krankenhauses zu tun hatte.

≫Was wir wirklich brauchen, ist ein Besuch der Königin≪, hatte Julia gesagt und gleichzeitig über Shirleys Schulter geschaut. ≫Ich werde Aubrey bitten, mal mit Norman Bailey zu sprechen. Entschuldigen Sie mich, ich muss Lawrence begrüßen…≪

Shirley wurde neben dem Flügel stehen gelassen und murmelte: ≫Oh, selbstverständlich, selbstverständlich≪, was jedoch niemand mehr hörte. Sie hatte keine Ahnung, wer Norman Bailey war, schwebte aber wie auf Wolken. Gleich am nächsten Tag, ohne Howard zu erzählen, was sie plante, hatte sie im Kreiskrankenhaus angerufen und sieh nach ehrenamtlicher Tätigkeit erkundigt. Nachdem man ihr versichert hatte, dazu seien nichts weiter als ein untadeliger Charakter, ein klarer Verstand und kräftige Beine nötig, hatte sie sich die Aufnahmeforrnulare schicken lassen.

Die ehrenamtliche Tätigkeit hatte Shirley eine ganz neue, ruhmreiche Welt eröffnet. Das war der Traum, den Julia Fawley ihr unabsichtlich neben dem Flügel eingegeben hatte. Sie sah sich selbst, wie sie mit sittsam gefalteten Händen dastand, den eingeschweißten Ausweis um den Hals, während die Königin langsam an einer Reihe strahlender Hilfskräfte vorbeischritt. Sie sah sich in einem perfekten Hofknicks niedersinken, die Aufmerksamkeit der Königin erregen, die stehen blieb, um mil Shirley zu plaudern und ihr dafür zu danken, dass sie so großzügig ihre Freizeit opferte Ein Blitzlicht und ein Fotograf, die Zeitung am nächsten Tag …Die Königin im Gespräch mit der ehrenamtlichen Krankenhaushelferin Mrs Shirley Mollison Manchmal, wenn Shirley ganz in dieser imaginären Szene aufging, überkam sie ein fast heiliges Gefühl.

Die ehrenamtliche Arbeit im Krankenhaus hatte Shirley eine glänzende neue Waffe gegen Maureens ständige Prahlereien an die Hand gegeben. Als sich Kens Witwe aschenputtelmäßig von einer Verkäuferin in eine Geschäftspartnerin verwandelt hatte, entwickelte sie Allüren, die Shirley (obwohl sie alles mit einem Miezekatzenlächeln ertrug) ärgerlich fand. Aber Shirley hatte sich die moralische Überlegenheit zurückerobert. Sie arbeitete, nicht um Profit zu machen, sondern aus Herzensgüte. Es war nobel, einer ehrenamtlichen Tätigkeit nachzugehen, das taten Frauen, die kein zusätzliches Geld brauchten, Frauen wie sie und Julia Fawley. Darüber hinaus verschaffte das Krankenhaus Shirley Zugang zu jeder Menge Klatsch, mit dem sich Maureens langweiliges Geschwafel von ihrem neuen Café übertönen ließ.

An diesem Morgen machte Shirley der Einsatzleiterin für die Ehrenamtlichen mit fester Stimme klar, dass sie gern auf Station achtundzwanzig eingesetzt werden wolle, und wurde prompt auf die Onkologie geschickt. Auf Station achtundzwanzig hatte sie ihre einzige Freundin in der Schwesternschaft gefunden. Einige der jüngeren Schwestern konnten sehr kurz angebunden und herablassend zu den Ehrenamtlichen sein, aber Ruth Price, die nach einer Unterbrechung von sechzehn Jahren vor kurzem in die Pflege zurückgekehrt war, hatte sie von Anfang an freundlich behandelt. Sie waren beide, wie Shirley es ausdrückte, echte Pagford-Frauen, was ein Band zwischen ihnen schuf.

(Dabei war Shirley gar nicht in Pagford geboren. Sie und ihre jüngere Schwester waren bei ihrer Mutter in einer engen, unordentlichen Wohnung in Yarvil groß geworden. Shirleys Mutter hatte viel getrunken und sich nie von dem Vater der Mädchen scheiden lassen, der irgendwann verschwunden war. Die Männer aus der Stadt hatten den Namen von Shirleys Mutter alle gekannt und anzüglich gegrinst, wenn sie ihn aussprachen …Aber das war lange her, und Shirley war der Ansicht, daßs die Vergangenheit ausgelöscht wurde, wenn man sie nie erwähnte. Sie weigerte sich, an all das zu denken.)

Shirley und Ruth begrüßten einander erfreut, aber an diesem Morgen war viel los, und es blieb keine Zeit für mehr als einen kurzen Wortwechsel über Barry Fairbrothers plötzlichen Tod. Sie vereinbarten, sich um halb eins zum Mittagessen zu treffen, und Shirley ging los, um den Bücherwagen zu holen.

Sie war in wunderbarer Stimmung, sah die Zukunft so deutlich vor sich, als wäre sie bereits eingetreten. Howard, Miles und Aubrey Fawley würden sich verbünden, um Fields für immer loszuwerden, und das wäre die Gelegenheit für ein festliches Mahl in Sweetlove House.

Shirley fand das Anwesen überwältigend: der riesige Garten mit der Sonnenuhr, den zurechtgestutzten Hecken und den Teichen, die großzügige getäfelte Halle und auf dem Flügel das in Silber gerahmte Foto des Besitzers, der Prinzessin Anne wohl gerade einen Witz erzählte. Shirley konnte im Verhalten der Fawleys ihr und ihrem Mann gegenüber keinerlei Herablassung entdecken. Sie konnte sich gut vorstellen, wie sie sich zu fünft zu einem privaten Dinner in einem jener reizenden Nebenzimmer niederließen, Howard neben Julia, sie an Aubreys rechter Seite, und Miles zwischen ihnen. (In Shirleys Phantasie war Samantha unabkömmlich anderswo beschäftigt.)

Shirley und Ruth trafen sich um halb eins bei den Joghurts. Die Krankenhauskantine war noch nicht so voll, wie sie es um eins sein würde, und die beiden fanden ohne Schwierigkeit einen klebrigen, mit Krümeln bedeckten Zweiertisch an der Wand.

≫Wie geht es Simon? Und was machen die Jungs?≪, fragte Shirley, nachdem Ruth den Tisch abgewischt hatte. Sie stellten ihre Tabletts ab und setzten sich einander gegenüber, bereit zum Plaudern.

≫Si geht’s gut, danke. Bringt heute unseren neuen Computer nach Hause. Die Jungs sind schon ganz aufgeregt, wie Sie sich denken können.≪

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Andrew und Paul besaßen beide billige Laptops. Der PC stand in der Ecke des kleinen Wohnzimmers, und keiner der Jungs rührte ihn an, da sie es verzogen, möglichst nicht in die Nähe ihres Vaters zu kommen. Ruth sprach mit Shirley oft über ihre Söhne, als wären sie noch viel jünger: flexibel, lenkbar, leicht zu beschäftigen. Vielleicht versuchte sie sich jünger zu machen, um den Altersunterschied zwischen sich und Shirley hervorzuheben — der sich auf fast zwei Jahrzehnte belief —, um sie sogar noch mehr wie Mutter und Tochter erscheinen zu lassen. Ruths Mutter war vor zehn Jahren gestorben, und ihr fehlte eine ältere Frau in ihrem Leben. Shirleys Beziehung zu ihrer Tochter war, wie sie Ruth gegenüber angedeutet hatte, nicht die allerbeste.

≫Miles und ich haben uns immer sehr nahegestanden. Patricia war allerdings eher schwierig. Sie ist jetzt in London.≪

Ruth hätte gerne nachgehakt, aber eine Eigenschaft, die Shirley und sie gemeinsam hatten und an der anderen bewunderten, war vornehme Zurückhaltung, der Stolz darauf, der Welt eine glatte Oberfläche zu zeigen. Ruth schob daher ihre Neugier beiseite, doch insgeheim hoffte sie, irgendwann zu erfahren, was Patricia so schwierig machte.

Die spontane Sympathie zwischen Shirley und Ruth beruhte auf der gegenseitigen Erkenntnis, dass die andere eine Frau mit denselben Werten wie sie selbst war, eine Frau, deren größter Stolz darin lag, die Zuneigung ihres Mannes errungen und sich bewahrt zu haben. Wie Freimaurer teilten sie einen grundlegenden Kodex und fühlten sich dah er in der Gesellschaft der anderen auf eine Weise sicher, wie sie es bei anderen Frauen nicht waren. Ihre Freundschaft wurde durch ein Gefühl der Überlegenheit sogar noch inniger, denn beide bemitleideten die andere insgeheim wegen der Wahl ihres Gatten. Ruth fand Howards Körper grotesk, und es verblüffte sie, wie ihre Freundin, die sich eine mollige und doch zarte Schönheit erhalten hatte, je eingewilligt haben konnte, ihn zu heiraten. In Shirleys Augen, die sich nicht erinnern konnte, Simon je gesehen zu haben, nie von ihm in Verbindung mit den höheren Kreisen von Pagford gehört hatte, und für die Ruth nicht einmal ansatzweise am gesellschaftlichen Leben teilhatte, war Ruths Mann ein verbohrter Eigenbrötler.

≫Also, ich habe gesehen, wie Barry von Miles und Samantha hergebracht wurde≪, sagte Ruth und kam damit direkt auf das Wesentliche zu sprechen. Sie konnte ein Gespräch nicht so raffiniert beginnen wie Shirley und fand es schwierig, ihre Gier nach Klatsch zu verschleiern, der ihr oben auf dem Hügel über Pagford entging, isoliert durch Simons Kontaktscheu. ≫Haben die beiden tatsächlich gesehen, was passiert ist?≪

≫Ja, allerding≪, erwiderte Shirley. ≫Sie waren zum Essen im Golfclub. Sonntagabend, weißt du. Die Mädchen waren wieder in der Schule, und Sam zieht es vor, zum Essen auszugehen, sie ist keine besonders gute Köchin …≪

Stück für Stück hatte Ruth während der gemeinsamen Kaffeepausen die Einzelheiten über Miles und Samanthas Ehe erfahren. Shirley hatte ihr erzählt, dass ihr Sohn Samantha heiraten musste, weil Samantha mit Lexie schwanger geworden war.

≫Sie haben das Beste daraus gemacht≪, hatte Shirley geseufzt und die Tapfere gemimt. ≫Miles hat das Richtige getan. Ich hätte es nicht anders haben wollen. Die Mädchen sind reizend. Schade, dass Miles keinen Sohn bekommen hat. Er wäre ein wunderbarer Vater für einen Jungen. Aber Sam wollte kein drittes Kind.≪

Ruth registrierte jede verborgene Kritik Shirleys an der Schwiegertochter. Sie hatte schon vor Jahren eine spontane Abneigung gegen Samantha gefasst, als sie den vierjährigen Andrew in die Vorschule von St. Thomas gebracht hatte und dort Samantha und deren Tochter Lexie begegnet war. Mit ihrem lauten Lachen, den tiefen Ausschnitten und den für Schulmütter doch recht anzüglichen Witzen war sie Ruth gefährlich draufgängerisch vorgekommen. Jahrelang hatte Ruth verächtlich beobachtet, wie Samantha ihren großen Busen rausstreckte, wenn sie bei Elternabenden mit Vikram Jawanda sprach, und hatte Simon am Rand der Klassenzimmer entlanggeführt, um nicht mit ihr reden zu müssen.

Shirley war immer noch dabei, die von Miles gehörte Version von Barrys letzter Fahrt weiterzugeben und dabei hervorzuheben, wie schnell ihr Sohn reagiert hatte, als er den Krankenwagen rief, dann darauf bestand, Mary Fairbrother zu trösten und bei ihr im Krankenhaus zu bleiben, bis die Walls kamen. Ruth hörte aufmerksam, wenn auch mit leichter Ungeduld zu. Shirley war viel unterhaltsamer, wenn sie die Unzulänglichkeiten von Samantha aufzählte, als beim Rühmen von Miles’ Vorzügen. Außerdem platzte Ruth fast vor Verlangen, Shirley die sensationelle Neuigkeit mitzuteilen.

≫Demnach gibt es einen freien Sitz im Gemeinderat≪, sagte Ruth in dem Moment, als Shirleys Geschichte den Punkt erreichte, an dem Miles und Samantha die Bühne für Colin und Tessa Wall freigernacht hatten.

≫Wir nennen das eine plötzliche Vakanz≪, sagte Shirley freundlich.

Ruth holte tief Luft.

≫Simon≪, sagte sie aufgeregt, ≫denkt daran zu kandidieren.≪

Shirley lächelte automatisch, hob die Augenbrauen mit höflicher Verwunderung und trank einen Schluck Tee, um ihr Gesicht zu verbergen. Ruth entging völlig, dass sie etwas gesagt hatte, was die Freundin aus der Fassung brachte. Sie hatte angenommen, Shirley wäre entzückt von dem Gedanken, dass ihre Männer zusammen im Gemeinderat sitzen würden, und hatte die vage Vorstellung gehabt, Shirley könnte dabei helfen, das zustande zu bringen.

≫Das hat er mir gestern Abend gesagt≪, fuhr Ruth wichtigtuerisch fort. ≫Er denkt schon eine Weile darüber nach.≪

Gewisse andere Dinge, die Simon gesagt hatte, über Möglichkeiten, die Schmiergelder der Crays einzustecken, um sie als Bauunternehmen des Gemeinderats zu behalten, hatte Ruth verdrängt, genau wie Simons andere Winkelzüge, all seine Bagatelldelikte.

≫Ich hatte keine Ahnung, dass Simon sich dafür interessiert, in die Lokalpolitik einzusteigen≪, sagte Shirley in leichtem, freundlichem Ton.

≫O doch≪, erwiderte Ruth, die genauso wenig Ahnung davon gehabt hatte. ≫Er ist sehr interessiert daran.≪

≫Hat er mit Dr. Jawanda gesprochen?≪, fragte Shirley. Sie trank einen Schluck Tee. ≫Hat sie ihm vorgeschlagen, sich zu bewerben?≪

Das brachte Ruth aus dem Konzept, wie ihre ehrliche Verwunderung bewies.

≫Nein, ich Simon war seit Jahren nicht mehr beim Arzt. Ich meine, er ist sehr gesund.≪

Shirley lächelte. Wenn Simon von sich aus handelte, ohne die Unterstützung der Jawanda-Fraktion, war die Bedrohung, die von ihm ausging, gleich null. Sie hatte sogar Mitleid mit Ruth, der eine unangenehme Überraschung bevorstand. Sie, Shirley, die jeden in Pagford kannte, auf den es ankam, hätte Schwierigkeiten gehabt, Ruths Mann zu erkennen, wenn er das Feinkostgeschäft betrat. Was dachte Ruth denn, wer überhaupt für ihn stimmen würde? Andererseits würden Howard und Aubrey von Shirley bestimmt erwarten, ganz beiläufig diese eine Frage zu stellen, das wusste sie.

≫Simmon hat schon immer in Pagford gelebt, oder?≪

≫Nein, er ist in Fields geboren≪, sagte Ruth.

≫Ach≪, sagte Shirley.

Sie riss die Metallfolie von ihrem Joghurt, steckte den Löffel hinein und aß nachdenklich. Die Tatsache, dass Simon für Fields eingenommen sein würde, ganz gleich, wie es um seine Wahlaussichten stand, war auf jeden Fall bedeutsam.

≫Wird auf der Website stehen, wie man sich bewirbt?≪ fragte Ruth, immer noch in der Hoffnung auf einen späten Schwall Hilfsbereitschaft und Begeisterung.

≫O ja≪, meinte Shirley vage. ≫Ich denke schon.≪

5.3 III

Andrew, Fats und siebenundzwanzig andere hatten am Mittwochnachmittag in der letzten Stunde ≫Spastmatik≪ wie Fats es nannte. Sie waren die zweitschlechteste Mathegruppe, unterrichtet von der inkompetentesten Lehrerin der Schule, einer jungen Frau mit fleckigem Gesicht, die frisch vom Pädagogikstudium kam, keine Ordnung halten konnte und oft den Tränen nahe war. Fats, der während des letzten Jahres darauf hingearbeitet hatte, kontinuierlich seine Leistungen zu verschlechtern, war aus der besten Gruppe zu den Spastmaten herabgestuft worden. Andrew, der schon sein Leben lang Mühe mit Zahlen hatte, lebte in der ständigen Angst, in die schlechteste Gruppe abzusteigen, zusammen mit Krystal Weedon und ihrem Vetter Dane Tully.

Andrew und Fats saßen nebeneinander in der letzten Reihe. Gelegentlich, wenn Fats genug davon hatte, den Klassenclown zu spielen oder den Unterricht noch mehr zu stören, zeigte er Andrew, wie man eine Aufgabe löste. Der Krach war ohrenbetäubend. Miss Harvey versuchte alle mit ihrer Bitte um Ruhe zu übertönen. Arbeitsblätter wurden mit Obszönitäten beschmiert, Schüler standen auf, liefen durchs Klassenzimmer, kratzten mit den Stuhlbeinen über den Boden, und kleine Geschosse flogen durch den Raum, sobald Miss Harvey nicht hinschaute. Manchmal schritt Fats unter einem Vorwand durchs Klassenzimmer und ahmte Pingels wippenden Gang und die steifen Arme nach. Hier kam Fats’ Humor am meisten zum Tragen. In Englisch, wo Andrew und er in der Gruppe der Besten waren, brauchte er Pingel nicht zur allgemeinen Erheiterung.

Sukhvinder Jawanda saß direkt vor Andrew. Vor langer Zeit, noch in der Grundschule, hatten Andrew, Fats und die anderen Jungs Sukhvinder an ihrem blauschwarzen Zopf gezogen. Beim Fangenspielen konnte man sich daran am besten festhalten, und der lange Zapf war einst eine unwiderstehlichc Versuchung gewesen, wenn er, wie jetzt, über ihrem Rücken hing, verborgen vor der Lehrkraft. Aber Andrew hatte nicht mehr das Verlangen, daran zu ziehen oder auch nur irgendetwas an Sukhvinder zu berühren, denn sie war eines der wenigen Mädchen, über das sein Blick ohne das geringste Interesse hinwegglitt. Seit Fats’ Hinweis hatte auch Andrew den dunklen Flaum auf ihrer Oberlippe wahrgenommen. Sukhvinders ältere Schwester Jaswant hatte eine geschmeidige, kurvenreiche Figur, eine winzige Taille und ein Gesicht, das Andrew vor dem Auftauchen von Gaia wunderschön vorgekommen war, mit hohen Wangenknochen, glatter, goldener Haut und mandelförmigen, schimmernden braunen Augen. Natürlich war Jaswant für ihn stets unerreichbar gewesen, zwei Jahre älter und das gescheiteste Mädchen der zehnten Klasse. Sie war sich ihrer Ausstrahlung und Anziehungskraft bis hin zum letzten geilen Lümmel bewusst.

Sukhvinder war die Einzige im Raum, die überhaupt kein Geräusch machte. Mit dem gebeugten Rücken und dem über ihre Arbeit geneigten Kopf war sie anscheinend von einem Kokon der Konzentration umgeben. Sie hatte den linken Ärmel ihres Pullovers bis über die Hand heruntergezogen und das Bündchen zu einem wolligen Fäustling zusammengefasst. Ihre völlige Reglosigkeit wirkte fast demonstrativ.

≫Der große Hermaphrodit sitzt still und ruhig da≪, murmelte Fats, den Blick auf Sukhvinders Hinterkopf gerichtet. ≫Schnurrbärtig und doch großbrüstig, sind Wissenschaftler nach wie vor verwirrt über die Widersprüchlichkeit dieses haarigen Mannweibs.≪

Andrew kicherte, war aber nicht mit dem Herzen dabei. Er hätte mehr Spaß gehabt, wenn er gewusst hätte, dass Sukhvinder nicht hörte, was Fats sagte. Als er vor kurzem bei Fats zu Hause gewesen war, hatte der ihm die Postings gezeigt, die er regelmäßig an Sukhvinders Facebookseite schickte. Er hatte das Internet nach Bildern und Informationen über Hirsutismus abgesucht und schickte ihr ein Zitat oder Bild pro Tag.

Das war irgendwie komisch, aber Andrew hatte ein mieses Gefühl dabei. Genau betrachtet forderte Snkhvinder das nicht heraus: Sie war ein zu leichtes Ziel. Andrew hatte es lieber, wenn Fats sein loses Mundwerk gegen Autoritätsfiguren einsetzte, gegen die Großkotze oder Selbstherrlichen.

≫Getrennt von seiner bärtigen, Büstenhalter tragenden Herde≪, sagte Fats, ≫sitzt er gedankenverloren da und fragt sich, ob ihm ein Spitzbart stehen würde.≪

Andrew lachte und hatte dann ein schlechtes Gewissen, aber Fats verlor das Interesse und wandte sich der Aufgabe zu, jede Null auf seinem Arbeitsblatt in einen runzeligen Anus zu verwandeln. Andrew konzentrierte sich wieder darauf, zu erraten, wohin der Dezimalpunkt gehörte, und sann über die Heimfahrt im Schulbus und die Aussicht, Gaia zu sehen, nach. Es wurde immer schwieriger, einen Sitzplatz zu finden, von dem aus er sie im Blick behalten konnte, entweder war sie eingezwängt zwischen anderen oder zu weit weg. Ihre gemeinsame Belustigung bei der Schulversamrnlung am Montag hatte zu nichts geführt. Sie hatte seither morgens im Bus weder Blickkontakt mit ihm aufgenommen noch auf irgendeine andere Weise gezeigt, dass sie von seiner Existenz wusste. In den vier Wochen seiner Vernarrtheit hatte Andrew kein einziges Wort mit Gaia gesprochen. Er versuchte Eröffnungssätze zu formulieren, während um ihn das Getöse von Spastmatik weiterging: Das war komisch, Montag, in der Versammlung

≫Alles in Ordnung mit Ihnen, Sukhvinder?≪

Miss Harvey, die sich über Sukhvinders Arbeit gebeugt hatte, starrte in das Gesicht des Mädchens. Andrew sah Sukhvinder nicken und, immer noch über ihre Arbeit gebeugt, die Hände zurückziehen, mit denen sie das Gesicht bedeckt hatte.

≫Walla!≪, flüsterle Kevin Cooper, der zwei Reihen hinter ihnen saß, deutlich hörbar. ≫Walla! Erdnuss!≪

Er versuchte ihre Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, das sie bereits bemerkt hatten: dass Sukhvinder, nach dem sanften Zucken ihrer Schultern zu urteilen, weinte und dass Miss Harvey den hoffnungslosen, aufdringlichen Versuch machte, zu erfahren, was los war. Die Klasse, die eine weitere Schwäche in der Wachsamkeit der Lehrerin witterte, tobte mehr denn je.

≫Erdnuss! Walla!≪

Andrew war sich nicht sicher, ob Kevin Cooper absichtlich oder versehentlich nervte, aber Kevin hatte das unfehlbare Geschick, anderen auf den Geist zu gehen. Der Spitzname ≫Erdnuss≪ war schon sehr alt und Andrew in der Grundschule angehängt worden. Er hatte ihn von Anfang an nicht leiden können. Fats hatte den Spitznamen nie verwendet und so dafür gesorgt, dass er aus der Mode kam. In solchen Dingen hatte Fats stets das letzte Wort gehabt. Cooper hatte sogar Fats’ Spitznamen nicht richtig drauf. ≫Walla≪ hatte sich im vergangenen Jahr nur kurzer Beliebtheit erfreut.

≫Erdnuss! Walla!≪

≫Halt die Klappe, Cooper, du debiler Wichser≪, zischte Fats leise. Cooper hing über seiner Stuhllehne und starrte Sukhvinder an, die zusammengesackt war, das Gesicht fast auf dem Tisch, während Miss Harvey neben ihr hockte, mit seltsam flatternden Händen, weil sie Schüler nicht anfassen durfte und nicht fähig war, dem Mädchen eine Erklärung für seinen Kummer zu entlocken. Ein paar der anderen bemerkten diese ungewöhnliche Störung und starrten hin, aber vorne im Klassenzimmer tobten Jungs weiter herum, nur damit beschäftigt, ihren Spaß zu haben. Einer von ihnen schnappte sich den mit Holz verstärkten Tafelschwamm von Miss Harveys verlassenem Pult und warf ihn.

Der Schwamm sauste quer durch den Raum und krachte in die Uhr an der hinteren Wand. Die Uhr fiel zu Boden und zerbrach, Plastiksplitter und Metallteile flogen umher, und einige Mädchen, einschließlich Miss Harvey, kreischten vor Schreck.

Die Tür zum Klassenzimmer flog auf und knallte an die Wand. Die Klasse verstummte. Pingel stand im Türrahmen, knallrot im Gesicht und wütend.

≫Was geht hier vor? Was soll dieser Krach?≪

Mit schuldbewusstem, verängstigtem Gesicht schoss Miss Harvey neben Sukhvinders Tisch hoch wie ein Springteufel.

≫Miss Harvey! Ihre Klasse macht einen gewaltigen Lärm! Was ist hier los?≪

Miss Harvey schien es die Sprache verschlagen zu haben. Kevin Cooper hing grinsend über seiner Stuhllehne, schaute zwischen Miss Harvey, Pingel und Fats hin und her.

Fats ergriff das Wort.

≫Also, um ganz ehrlich zu sein, Vater, wir haben die arme Frau in die Tasche gesteckt.≪

Gelächter ertönte. An Miss Harveys Hals kroch dunkle Röte empor. Fats kippelte lässig auf den hinteren Beinen seines Stuhls, sein Gesicht völlig unbewegt, und schaute seinen Vater mit herausfordernder Gleichgültigkeit an.

≫Das reicht≪, sagte Pingel. ≫Wenn ich aus diesem Raum noch mehr Krach höre, muss die ganze Klasse nachsitzen. Haben Sie verstanden? Sie alle.≪

Er schloss die Tür, hinter der Gelächter ausbrach.

≫Sie haben den stellvertretenden Schulleiter gehört!≪, rief Miss Harvey und huschte nach vorne zur Tafel. ≫Ruhe bitte! Ich will Ruhe! Sie — Andrew — und Sie — Stuart —, Sie können dahinten aufräumen! Sammeln Sie alle Teile der Uhr auf!≪

Sie beschwerten sich über die Ungerechtigkeit, schrill unterstützt von einigen Mädchen Die eigentlichen Verursacher der Zerstörung, vor denen sich Miss Harvey fürchtete, wie alle wussten, saßen höhnisch grinsend an ihren Tischen. Da der Schultag in fünf Minuten zu Ende sein würde, dehnten Andrew und Fats ihre Aufgabe aus, bis sie wussten, dass sie die Reste unaufgeräumt liegen lassen würden. Während Fats weitere Lacher dafür erntete, wippend und mit steifen Armen im Pingelstil auf und ab zu stolzieren, wischte sich Sukhvinder verstohlen die Augen mit ihrer pullibedeckten Hand und geriet wieder in Vergessenheit.

Als es klingelte, machte Miss Harvey keine Anstalten, den lautstarken Aufbruch und das Drängen zur Tür unter Kontrolle zu bringen oder ihnen Einhalt zu gebieten. Fats und Andrew kickten diverse Teile der Uhr unter die Schränke an der Rückwand und warfen sich die Schultaschen über die Schulter.

≫Walla! Walla!≪, rief Kevin Cooper. Er beeilte sich, Fats und Andrew im Flur einzuholen. ≫Sagst du zu Hause ‘Vater’ zu Pingel? In echt?≪

Er glaubte, etwas gegen Fats in der Hand zu haben, dachte, er hätte ihn im Sack.

≫Du bist ein Vollpfosten, Cooper≪, sagte Fats gelangweilt, und Andrew lachte.

5.4 IV

≫Ihr Termin bei Dr. Jawanda wird sich um eine Viertelstunde verschieben≪, sagte die Arzthelferin zu Tessa.

≫Das macht gar nichts≪, erwiderte Tessa. ≫Ich hab’s nicht eilig.≪

Es war früher Abend, und die Fenster warfen königsblaue Lichtflecken auf die Wände. Im Wartezimmer saßen nur noch zwei weitere Patienten: eine keuchende alte Frau mit deformiertem Oberkörper und eine junge Mutter, die in einer Zeitschrift las, während ihr Kleinkind in einer Spielzeugkiste herumkramte. Tessa nahm ein zerfleddertea altes Exemplar von Heat vom Tisch in der Mitte, setzte sich, blätterte es durch und betrachtete die Fotos. Die Verzögerung verschaffte ihr mehr Zeit, sich zu überlegen, was sie zu Parminder sagen würde.

Sie hatten an diesem Morgen kurz telefoniert. Tessa war von Reue erfüllt, nicht sofort angerufen zu haben, um Parminder von Barry zu berichten. Parminder hatte gemeint, das sei doch nicht schlimm, Tessa solle sich keine Gedanken machen, sie sei ihr nicht böse, aber dank ihrer langen Erfahrung mit Dünnhäutigen und Sensibien hatte Tessa gemerkt, dass Parminder unter ihrer harten Schale gekränkt war. Tessa hatte zu erklären versucht, dass sie in den letzten paar Tagen extrem erschöpft gewesen sei und mit Mary, Colin, Fats und Krystal Weedon hatte fertig werden müssen, dass sie sich überfordert gefühlt hatte, verloren und unfähig, an mehr zu denken als an die unmittelbaren Probleme, die ihr aufgebürdet worden waren. Doch Parminder hatte Tessas gestammelte Entschuldigungen irgendwann unterbrochen und ruhig gesagt, sie würden sich später in der Praxis sehen.

Dr. Crawford kam aus seinem Behandlungszimmer, winkte Tessa fröhlich zu und rief auf: ≫Maisie Lawford?≪ Die junge Mutter hatte Schwierigkeiten, ihre Tochter zu überreden, das alte Spielzeugtelefon auf Rädern wegzustellen, das die Kleine in der Kiste entdeckt hatte. Während sie sanft an der Hand hinter Dr. Crawford hergezogen wurde, warf das kleine Mädchen sehnsüchtige Blicke über die Schulter auf das Telefon, dessen Geheimisse es nun nie erforschen würde.

Als sich die Tür hinter ihnen schloss, merkte Tessa, dass sie dümmlich lächelte, und brachte ihre Gesichtszüge rasch wieder unter Kontrolle. Sie würde noch zu einer dieser alten Frauen werden, die unterschiedslos jedes kleine Kind angurrte und damit verängstigte. Wie gerne hätte sie eine pummelige blonde Tochter gehabt, als Ausgleich zu ihrem mageren, dunkelhaarigen Jungen. Tessa dachte an Fats als Kleinkind und daran, wie die Erinnerungen an die Abbilder der eigenen Kinder einem im Herzen umhergeistern. Sie durften nie erfahren und würden es ohnehin nicht verstehen, dass ihr Aufwachsen ein steter schmerzlicher Verlust war.

Die Tür von Parminders Behandlungszimmer öffnete sich, und Tessa blickte auf.

≫Mrs Weedon≪, sagte Parminder. Ihr Blick begegnete dem von Tessa, und sie schenkte ihr ein Lächeln, das keines war, nur ein Verziehen der Lippen. Die kleine alte Frau stand mühsam auf und humpelte in Pantoffeln hinter Parminder her. Tessa hörte, wie sich die Tür von Parminders Behandlungszimmer schloss.

Sie las die Bildunterschriften zu einer Reihe Fotos, auf der die Frau eines Fußballers in allen Outfits zu sehen war, die sie während der letzten fünf Tage getragen hatte. Tessa betrachtete die langen Beine der jungen Frau und überlegte, wie anders ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie solche Beine gehabt hätte. Sie vermutete stark, dass es vollkommen anders gewesen wäre. Tessas Beine waren dick, konturlos und kurz, sie hätte sie am liebsten ständig in Stiefeln versteckt, nur war es schwierig, welche zu finden, deren Reißverschluss sich über ihren Waden schließen ließ. Sie erinnerte sich, einem stämmigen kleinen Mädchen in der Beratung versichert zu haben, dass es nicht auf das Aussehen ankäme und die Persönlichkeit viel wichtiger sei. Was für einen Schwachsinn wir den Kindern erzählen, dachte Tessa und blätterte eine Seite um.

Krachend öffnete sich eine Tür. Jemand rief mit brüchiger Stimme: ≫Von Ihrem Zeug wird’s nur noch schlimmer. Das ist nicht richtig. Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich Hilfe brauch. Das ist Ihre Aufgabe …das ist Ihre…≪

Tessa und die Arzthelferin blickten sich verblüfft an und drehten sich nach dem Gebrüll um. Tessa hörte Parminders Stimme, die nach all diesen Jahren in Pagford immer noch von ihrem Birminghamer Dialekt gefärbt war.

≫Sie rauchen nach wie vor, Mrs. Weedon, was Auswirkungen auf die Dosis hat, die ich Ihnen verschrieben habe. Raucher wandeln Theophyllin schneller um, daher verschlimmern die Zigaretten nicht nur Ihr Emphysem, sondern haben auch Einfluss auf die Wirksamkeit des Medikaments…≪

≫Brüllen Sie mich nicht an! Ich hab genug von Ihnen! Ich werd Sie melden! Sie haben mir die falschen Pillen gegeben, verdammt! Ich will jemand anders! Ich will zu Dr. Crawford!≪

Die alte Frau kam zurück ine Wartezimmer, schwankend, keuchend, das Gesicht hochrot.

≫Die wird noch mein Tod sein, diese Paki-Kuh! Bleiben Sie bloß von der weg≪, rief sie Tessa zu. ≫Die bringt Sie mit ihren Scheißpillen um, diese Paki-Schlampe!≪

Sie torkelte auf den Ausgang zu, dünnbeinig, unsicher in ihren Pantoffeln, mit rasselndem Atem und so laut fluchend, wie es ihre angeschlagene Lunge zuließ. Die Tür fiel hinter ihr zu. Die Arzthelferin wechselte einen weiteren Blick mit Tessa. Sie hörten, wie sich die’ Tür von Parminders Behandlungszimmer schloss.

Erst nach fünf Minuten tauchte Parminder wieder auf. Die Arzthelferin schaute demonstrativ auf ihren Bildschirm.

≫Mrs Wall≪, sagte Parminder mit einem weiteren Nichtlächeln.

≫Was war das denn?≪, fragte Tessa, nachdem sie vor Parminders Schreibtisch Platz genommen hatte.

≫Mrs Weedons neue Tabletten schlagen ihr auf den Magen≪, erwiderte Parminder ruhig. ≫Und wir nehmen dir heute Blut ab, oder?≪

≫Ja≪, antwortete Tessa, sowohl eingeschüchtert als auch verletzt durch Parminders kaltes, professionelles Verhalten. ≫Wie geht es dir, Minda?≪

≫Mir?≪, fragte Parminder. ≫Gut. Warum?≪

≫Na ja, Barry …Ich weiß doch, was er dir bedeutet hat und was du ihm bedeutet hast.≪

Parminder traten Tränen in die Augen. Sie versuchte sie wegzublinzeln, aber zu spät, Tessa hatte sie gesehen.

≫Minda≪, sie legte ihre rundliche Hand auf Parminders dünne, doch Parminder schüttelte sie ab, als wäre sie gestochen worden. Dann, ohne es zu wollen, fing sie ernsthaft an zu weinen. Parminder hätte sich gerne versteckt, doch in dem kleinen Raum konnte sie sich nur auf ihrem Drehstuhl so weit abwenden wie möglich.

≫Mir wurde ganz schlecht, als mir einfiel, dass ich dich nicht angerufen hatte≪, sagte Tessa über Parminders wütende Bemühungen hinweg, ihr Schluchzen zu unterdrücken. ≫Ich wollte nur noch sterben. Ich hatte fest vor, dich anzurufen≪, log sie, ≫aber wir hatten nicht geschlafen, waren fast die ganze Nacht im Krankenhaus und sind dann direkt zur Arbeit gegangen. Colin ist zusammengebrochen, als er es während der Schulversammlung verkündet hat, dann hat er vor allen eine schreckliche Szene mit Krystal Weedon herbeigeführt. Und dann hat Stuart beschlossen, die Schule zu schwänzen. Und Mary bricht zusammen …Und es tut mir so leid, Minda, ich hätte dich anrufen sollen.≪

≫…ächerlich≪, brachte Parminder mit belegter Stimme heraus, ihr Gesicht hinter einem Papiertuch verborgen, das sie aus dem Ärmel gezogen hatte. ≫Mary viel wichtiger…≪

≫Du wärst eine der Ersten gewesen, die Barry angerufen hätte≪, sagte Tessa traurig. Zu ihrem Entsetzen brach sie dann selbst in Tränen aus. ≫Es tut mir so leid, Minda≪, schluchzte sie. ≫Ich musste schon mit Colin und all dem anderen fertig werden.≪

≫Sei nicht albern.≪ Parminder schluckte und tupfte ihr dünnes Gesicht ab. ≫Wir sind beide albern.≪

Nein, sind wir nicht. Ach, lass dich doch wenigstens einmal gehen, Parminder.

Doch die Ärztin nahm ihre schmalen Schultern zurück, putzte sich die Nase und richtete sich wieder auf,

≫Hat Vikram es dir erzählt?≪ fragte Tessa zaghaft. Sie zupfte eine weitere Handvoll Papiertücher aus der Schachtel auf Parminders Schreibtisch.

≫Nein≪, sagte Parminder. ≫Howard Mollison. Im Feinkostgeschäft.≪