/ Language: Deutsch / Genre:sf_fantasy / Series: Harry Potter (de)

Harry Potter und der Halbblutprinz

Joanne Rowling


Joanne K. Rowling

Harry Potter und der Halbblutprinz

Mackenzie,

meiner schönen Tochter,

widme ich

ihren Zwilling aus Tinte und Papier

Der andere Minister

Es ging auf Mitternacht zu, der Premierminister saß allein in seinem Büro und las einen langen Bericht, der ihm durch den Kopf strich, ohne den geringsten Sinn zu hinterlassen. Er wartete auf den Anruf des Präsidenten eines fernen Landes, und während er überlegte, wann der elende Mensch sich endlich melden würde, und zugleich unangenehme Erinnerungen an eine sehr lange, ermüdende und schwierige Woche zu unterdrücken suchte, konnte er kaum noch an etwas anderes denken. Je stärker der Premierminister sich auf den Text der Seite vor sich zu konzentrieren versuchte, desto deutlicher konnte er das hämisch grinsende Gesicht eines seiner politischen Gegner sehen. Ausgerechnet dieser Gegner war gerade am heutigen Tag in den Nachrichten aufgetreten und hatte nicht nur die schrecklichen Dinge aufgezählt, die in der vergangenen Woche geschehen waren (als müsste irgendjemand daran erinnert werden), sondern auch noch erläutert, warum an ausnahmslos allen Vorfällen die Regierung schuld sei.

Der Puls des Premierministers beschleunigte sich allein beim Gedanken an diese Vorwürfe, denn sie waren weder fair noch trafen sie zu. Wie um alles in der Welt hätte seine Regierung verhindern sollen, dass diese Brücke zusammenbrach? Es war empörend, dass überhaupt jemand unterstellte, man würde nicht genug für den Brückenbau ausgeben. Die Brücke war kaum zehn Jahre alt, und die besten Fachleute wussten sich nicht im Mindesten zu erklären, warum sie mitten entzweigebrochen war und ein Dutzend Autos in die feuchten Tiefen des Flusses unter sich gestürzt hatte. Und wie konnte es jemand wagen, zu behaupten, der Mangel an Polizisten hätte zu diesen beiden sehr hässlichen und weithin publik gemachten Morden geführt? Oder dass die Regierung den außergewöhnlichen Hurrikan in den südwestlichen Grafschaften irgendwie hätte vorhersehen müssen, der so viele Menschen und ihr Hab und Gut geschädigt hatte? Und war es sein Fehler, dass einer seiner Juniorminister, Herbert Chorley, sich ausgerechnet in dieser Woche so seltsam aufgeführt hatte, dass er nun bald viel mehr Zeit mit seiner Familie verbringen würde?

»Eine düstere Stimmung hat das Land erfasst«, hatte sein Gegner zum Schluss gesagt und sein breites Grinsen dabei kaum verborgen.

Und leider traf dies vollkommen zu. Der Premierminister spürte es selbst; die Menschen schienen tatsächlich unglücklicher als sonst. Sogar das Wetter war trostlos; so viel kalter Nebel mitten im Juli … etwas stimmte nicht, das war nicht normal …

Er blätterte die zweite Seite des Berichts um, sah, wie lange er noch weiterging, und gab resigniert auf. Er streckte die Arme über den Kopf und schaute sich traurig in seinem Büro um. Es war ein schöner Raum, mit einem gediegenen Marmorkamin gegenüber hohen Schiebefenstern, die wegen der für die Jahreszeit ungewöhnlichen Kälte fest geschlossen waren. Mit einem leichten Schaudern stand der Premierminister auf, trat hinüber zu den Fenstern und sah hinaus in den feinen Nebel, der sich gegen die Scheibe drückte. In diesem Moment, während er dem Raum den Rücken zukehrte, hörte er hinter sich ein leises Husten.

Er erstarrte, Nase an Nase mit seinem erschrocken wirkenden Spiegelbild in der dunklen Scheibe. Er kannte dieses Husten. Er hatte es schon einmal gehört. Er drehte sich ganz langsam dem leeren Zimmer zu.

»Hallo?«, sagte er und bemühte sich, mutiger zu klingen, als er sich fühlte.

Einen kurzen Moment gab er sich der aberwitzigen Hoffnung hin, niemand würde ihm antworten. Doch prompt ertönte eine Stimme, eine forsche, schneidige Stimme, die so klang, als würde sie eine vorbereitete schriftliche Stellungnahme verlesen. Die Stimme kam – wie der Premierminister schon seit dem ersten Husten wusste – von dem froschartigen Männchen mit der langen silbernen Perücke, das auf einem kleinen schäbigen Ölgemälde auf der anderen Seite des Zimmers abgebildet war.

»An den Premierminister der Muggel. Treffen dringend erforderlich. Erbitte sofortige Antwort. Gruß, Fudge.« Der Mann in dem Gemälde sah den Premierminister fragend an.

»Ähm«, sagte der Premierminister, »hören Sie … das passt mir gerade gar nicht … Ich erwarte einen Anruf, verstehen Sie … des Präsidenten von – «

»Der lässt sich verschieben«, sagte das Porträt sofort. Dem Premierminister sank der Mut. Das hatte er befürchtet.

»Aber ich wollte wirklich lieber mit – «

»Wir werden dafür sorgen, dass der Präsident den Anruf vergisst. Er wird stattdessen morgen Abend anrufen«, sagte der kleine Mann. »Bitte geben Sie Mr Fudge unverzüglich Antwort.«

»Ich … oh … nun gut«, sagte der Premierminister matt. »Einverstanden, ich werde Fudge empfangen.«

Er eilte zurück an seinen Schreibtisch und rückte dabei seine Krawatte zurecht. Kaum hatte er seinen Platz wieder eingenommen und seinen Gesichtszügen einen, wie er hoffte, entspannten und gefassten Ausdruck verliehen, als hellgrüne Flammen in dem leeren Rost unter dem marmornen Kaminsims aufloderten. Darauf bedacht, sich keinerlei Überraschung oder Besorgnis anmerken zu lassen, beobachtete er, wie ein stattlicher Mann in den Flammen erschien, der schnell wie ein Kreisel rotierte. Sekunden später war er herausgestiegen auf einen ziemlich edlen alten Teppich und streifte sich Asche von den Ärmeln seines langen Nadelstreifenumhangs, einen limonengrünen Bowler in der Hand.

»Ah … Premierminister«, sagte Cornelius Fudge und schritt mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. »Schön, Sie wiederzusehen.«

Der Premierminister konnte diese Höflichkeit nicht ehrlich erwidern und sagte deshalb überhaupt nichts. Es freute ihn keineswegs, Fudge zu sehen, dessen gelegentliches Auftauchen an sich schon ausgesprochen beunruhigend war und meistens bedeutete, dass ihn sehr schlechte Nachrichten erwarteten. Überdies sah Fudge eindeutig verhärmt aus. Er war dünner, kahler und grauer geworden, und sein Gesicht machte einen zerknitterten Eindruck. Der Premierminister hatte schon manche Politiker erlebt, die so aussahen, und es hatte nie etwas Gutes verheißen.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«, sagte er, schüttelte Fudge ganz kurz die Hand und wies auf den härtesten Stuhl vor seinem Schreibtisch.

»Weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll«, murmelte Fudge, zog den Stuhl heran, setzte sich und legte den grünen Bowler auf seine Knie. »Was für eine Woche, was für eine Woche …«

»Ihre war also auch schlecht?«, fragte der Premierminister steif und hoffte damit zum Ausdruck zu bringen, er habe auch ohne Fudges Zutun schon genug am Hals.

»Ja, natürlich«, sagte Fudge, rieb sich erschöpft die Augen und blickte den Premierminister verdrießlich an. »Ich hatte die gleiche Woche wie Sie, Premierminister. Die Brockdale-Brücke … die Morde an Bones und Vance … ganz zu schweigen von dem Chaos im Südwesten …«

»Sie – ähm – Sie – ich meine, Ihre Leute waren – zum Teil verwickelt in diese – diese Vorfälle, ja?«

Fudge fixierte den Premierminister mit einem ziemlich strengen Blick. »Natürlich waren sie das«, sagte er. »Ihnen ist sicher bewusst, was da vor sich geht?«

»Ich …«, zögerte der Premierminister.

Genau diese Art von Auftreten war es, weswegen er Fudges Besuche so hasste. Immerhin war er der Premierminister und schätzte es nicht, wenn man ihm das Gefühl vermittelte, ein ahnungsloser Schuljunge zu sein. Doch so war es schon immer gewesen, seit seinem allerersten Treffen mit Fudge an seinem allerersten Abend als Premierminister. Er erinnerte sich daran, als ob es gestern gewesen wäre, und wusste, dass es ihn bis an sein Lebensende verfolgen würde.

Er hatte allein in ebendiesem Büro gestanden und den Triumph ausgekostet, den er nach so vielen Jahren des Träumens und Intrigierens errungen hatte, als er ein Husten hinter sich hörte, genau wie heute Abend, worauf er sich umwandte und bemerkte, dass das hässliche kleine Porträt zu ihm sprach. Es verkündete, der Zaubereiminister werde in Kürze eintreffen und sich vorstellen.

Natürlich hatte er geglaubt, er wäre durch den langen Wahlkampf und die damit verbundene Anstrengung verrückt geworden. Es hatte ihn abgrundtief entsetzt, dass ein Porträt zu ihm sprach, doch das war nichts im Vergleich zu dem, was er empfand, als ein selbst ernannter Zauberer aus dem Kamin gehüpft kam und ihm die Hand schüttelte. Er hatte stumm zugehört, als Fudge ihm freundlich erklärte, dass es immer noch Hexen und Zauberer gebe, die überall auf der Welt im Geheimen lebten, und ihm mehrfach versicherte, er solle sich darüber nicht den Kopf zerbrechen, denn das Zaubereiministerium trage die Verantwortung für die ganze magische Gemeinschaft und werde verhindern, dass die nichtmagische Bevölkerung Wind von ihr bekomme. Dies sei, so Fudge, eine schwierige Arbeit, die allerlei umfasse, angefangen bei den Vorschriften zum verantwortungsvollen Gebrauch von Besen bis hin zur Kontrolle der Drachenpopulation (dem Premierminister fiel ein, dass er sich an dieser Stelle Halt suchend am Schreibtisch festgeklammert hatte). Fudge hatte dem immer noch sprachlosen Premierminister daraufhin väterlich auf die Schulter geklopft.

»Keine Sorge«, hatte er gesagt, »wahrscheinlich werden Sie mich nie Wiedersehen. Ich werde Sie nur belästigen, wenn bei uns etwas wirklich Ernstes vorfällt, etwas, das aller Voraussicht nach die Muggel beeinträchtigen wird – die nichtmagische Bevölkerung, sollte ich besser sagen. Ansonsten heißt es leben und leben lassen. Und ich muss sagen, Sie nehmen das viel besser auf als Ihr Vorgänger. Der hat versucht, mich aus dem Fenster zu werfen, dachte, ich wäre ein übler Scherz, den die Opposition ausgeheckt hat.«

Da hatte der Premierminister seine Stimme endlich wiedergefunden.

»Sie – Sie sind also kein Scherz?«

Es war seine letzte, verzweifelte Hoffnung gewesen.

»Nein«, sagte Fudge liebenswürdig. »Nein, ich fürchte, nicht. Sehen Sie.«

Und er hatte die Teetasse des Premierministers in eine Rennmaus verwandelt.

»Aber«, sagte der Premierminister atemlos, während er zusah, wie seine Teetasse eine Ecke seiner nächsten Rede annagte, »aber warum – hat mir keiner gesagt –?«

»Der Zaubereiminister oder die Zaubereiministerin zeigt sich nur dem jeweils amtierenden Premierminister der Muggel«, erwiderte Fudge und steckte seinen Zauberstab in sein Jackett zurück. »Wir halten dies für den besten Weg, die Geheimhaltung zu wahren.«

»Aber«, jammerte der Premierminister, »warum hat mich dann keiner meiner Vorgänger darauf hingewiesen –?«

Da hatte Fudge tatsächlich gelacht.

»Mein lieber Premierminister, werden Sie es jemals irgendjemandem sagen?«

Noch immer glucksend vor Lachen, hatte Fudge etwas Pulver in den Kamin geworfen, war in die smaragdgrünen Flammen gestiegen und mit einem zischenden Geräusch verschwunden. Der Premierminister hatte völlig reglos dagestanden, und ihm war klar geworden, dass er es sein Leben lang nicht wagen würde, diese Begegnung auch nur einer Menschenseele gegenüber zu erwähnen, denn wer auf der ganzen weiten Welt würde ihm glauben?

Es hatte eine kleine Weile gedauert, bis der Schock nachließ. Eine Zeit lang hatte er versucht sich einzureden, dass Fudge tatsächlich eine Halluzination gewesen war, verursacht durch den Schlafmangel während seines zermürbenden Wahlkampfs. Vergeblich bemühte er sich alle Erinnerungen an diese unangenehme Begegnung loszuwerden: Er schenkte die Rennmaus seiner entzückten Nichte und wies seinen Privatsekretär an, das Porträt des hässlichen kleinen Mannes, der Fudges Eintreffen angekündigt hatte, von der Wand zu nehmen. Zum Entsetzen des Premierministers stellte sich jedoch heraus, dass man das Porträt nicht entfernen konnte. Nachdem mehrere Schreiner, ein oder zwei Bauarbeiter, ein Kunsthistoriker und der Finanzminister allesamt erfolglos versucht hatten, es von der Wand zu stemmen, gab der Premierminister die Sache auf und beschloss, einfach darauf zu hoffen, dass das Ding für den Rest seiner Amtszeit reglos und stumm blieb. Gelegentlich hätte er schwören können, aus dem Augenwinkel zu sehen, wie der Bewohner des Gemäldes gähnte oder sich an der Nase kratzte, das eine oder andere Mal sogar einfach aus seinem Rahmen herausspazierte und nichts als ein Stück schlammbrauner Leinwand zurückließ. Doch hatte er sich angewöhnt, das Bild nicht allzu häufig anzuschauen und sich immer fest einzureden, seine Augen würden ihm einen Streich spielen, wenn so etwas geschah.

Vor drei Jahren dann, an einem ganz ähnlichen Abend wie heute, war der Premierminister allein in seinem Büro gewesen, als das Porträt erneut das baldige Eintreffen von Fudge angekündigt hatte, der daraufhin aus dem Kamin gestürzt war, klitschnass und in beträchtlicher Panik. Ehe der Premierminister fragen konnte, warum er den ganzen Axminsterteppich voll tropfe, hatte Fudge schon angefangen, über ein Gefängnis zu faseln, von dem der Premierminister noch nie gehört hatte, über einen Mann namens »Serious« Black, über etwas, das wie Hogwarts klang, und über einen Jungen, der Harry Potter hieß, und nichts davon konnte der Premierminister auch nur im Entferntesten verstehen.

»… Ich komme gerade aus Askaban«, hatte Fudge gekeucht und eine Unmenge Wasser aus der Krempe seines Bowlers in seine Tasche gekippt. »Mitten in der Nordsee, wissen Sie, schrecklicher Flug … die Dementoren sind in Aufruhr «, er schauderte, »bei denen ist noch nie ein Ausbruch vorgekommen. Wie auch immer, ich musste Sie aufsuchen, Premierminister. Black ist ein bekannter Muggelmörder und plant womöglich, sich wieder Du-weißt-schon-wem anzuschließen … aber natürlich, Sie wissen ja nicht mal, wer Du-weißt-schon-wer ist!« Er starrte den Premierminister einen Moment lang mutlos an, dann sagte er: »Nun, nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz, ich werde Ihnen am besten alles erklären … trinken Sie einen Whisky …«

Der Premierminister hatte sich ziemlich darüber geärgert, dass man ihn in seinem eigenen Büro aufforderte, Platz zu nehmen, und ihm obendrein noch seinen eigenen Whisky anbot, aber er setzte sich trotzdem. Fudge hatte seinen Zauberstab gezückt, zwei große Gläser voll bernsteinfarbener Flüssigkeit aus dem Nichts herbeigezaubert, eines davon dem Premierminister in die Hand geschoben und sich einen Stuhl herangezogen.

Fudge hatte länger als eine Stunde geredet. Einmal hatte er es nicht über sich gebracht, einen bestimmten Namen laut auszusprechen, und ihn stattdessen auf ein Stück Pergament geschrieben, das er dem Premierminister in die Hand ohne Whisky gedrückt hatte. Als Fudge endlich aufgestanden war, um zu gehen, war auch der Premierminister aufgestanden.

»Sie glauben also, dass …«, er hatte auf den Namen in seiner linken Hand hinuntergeschielt, »Lord Vol-«

»Er, dessen Name nicht genannt werden darf!«, knurrte Fudge wütend.

»Verzeihung … Sie glauben, dass Er, dessen Name nicht genannt werden darf, noch am Leben ist, richtig?«

»Nun, Dumbledore behauptet das«, sagte Fudge, während er seinen Nadelstreifenumhang unter dem Kinn festzurrte, »aber wir haben ihn nie gefunden. Wenn Sie mich fragen, ist er ungefährlich, solange er keine Unterstützung hat, daher sollten wir eher wegen Black beunruhigt sein. Sie werden diese Warnung also rausgeben? Bestens. Nun, ich hoffe, wir sehen uns nie wieder, Premierminister! Gute Nacht.«

Aber sie hatten sich wiedergesehen. Kaum ein Jahr später war ein zermürbt wirkender Fudge aus heiterem Himmel im Kabinettsaal erschienen, um dem Premierminister mitzuteilen, dass es bei der Weltmeisterschaft im Kwidditsch (oder zumindest hatte es so geklungen) einen Zwischenfall gegeben habe und dass mehrere Muggel darin »verwickelt« gewesen seien, doch der Premierminister solle sich keine Sorgen machen, die Tatsache, dass das Mal von Du-weißt-schon-wem wieder gesichtet worden sei, habe nichts zu bedeuten; Fudge war sicher, dass es sich um ein einmaliges Vorkommnis handle, und das Muggelverbindungsbüro sei gegenwärtig dabei, sämtliche Gedächtnismodifizierungen vorzunehmen.

»Oh, und was ich fast vergessen hätte«, hatte Fudge hinzugefügt. »Wir importieren gerade drei ausländische Drachen und eine Sphinx für das Trimagische Turnier, reine Formsache, aber die Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe sagt mir, dass wir Sie laut Vorschrift informieren müssen, wenn wir hochgefährliche Geschöpfe ins Land holen.«

»Ich – was – Drachen?«, stotterte der Premierminister.

»Ja, drei Stück«, sagte Fudge. »Und eine Sphinx. Also dann, einen schönen Tag noch.«

Der Premierminister hatte sich an die Hoffnung geklammert, nach Drachen und Sphinxen könne es nicht mehr schlimmer kommen, aber nein. Kaum zwei Jahre später war Fudge schon wieder aus dem Feuer geplatzt, diesmal mit der Nachricht, es habe einen Massenausbruch aus Askaban gegeben.

»Einen Massenausbruch?«, hatte der Premierminister heiser wiederholt.

»Kein Grund zur Sorge, kein Grund zur Sorge!«, hatte Fudge, mit einem Fuß schon in den Flammen, gerufen. »Die haben wir im Nu wieder gefasst – dachte nur, Sie sollten es wissen!«

Und ehe der Premierminister »Halt, warten Sie einen Moment!« rufen konnte, war Fudge in einem grünen Funkenregen verschwunden.

Was immer die Presse und die Opposition behaupten mochten, der Premierminister war kein dummer Mensch. Es war seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen, dass sie sich trotz Fudges Beteuerungen bei ihrem ersten Treffen inzwischen recht häufig sahen, und auch nicht, dass Fudge mit jedem Besuch nervöser wurde. Zwar dachte der Premierminister nicht besonders gerne über den Zaubereiminister nach (oder, wie er Fudge insgeheim immer nannte, den anderen Minister), doch musste er wohl befürchten, dass Fudge, wenn er das nächste Mal erschien, noch schrecklichere Nachrichten bringen würde. Deshalb war der Anblick, wie Fudge erneut aus dem Feuer trat, zerzaust und gereizt und ernsthaft überrascht, dass der Premierminister nicht genau wusste, warum er hier war, so ziemlich das Schlimmste, was im Verlauf dieser äußerst düsteren Woche passiert war.

»Woher sollte ich wissen, was in der – ähm – magischen Gemeinschaft vor sich geht?«, blaffte der Premierminister jetzt. »Ich habe ein Land zu führen und im Moment wahrhaft genug Sorgen, ohne – «

»Wir haben die gleichen Sorgen«, unterbrach ihn Fudge. »Die Brockdale-Brücke war nicht abgenutzt. Das war kein richtiger Hurrikan. Diese Morde waren nicht das Werk von Muggeln. Und Herbert Chorleys Familie wäre sicherer ohne ihn. Wir treffen im Augenblick Vorbereitungen, ihn ins St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen zu verlegen. Die Überführung soll heute Nacht stattfinden.«

»Was wollen Sie … ich fürchte, ich … was?«, polterte der Premierminister.

Fudge machte einen langen, tiefen Atemzug und sagte: »Premierminister, ich bedaure sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass er zurück ist. Er, dessen Name nicht genannt werden darf, ist zurück.«

»Zurück? Wenn Sie ›zurück‹ sagen … lebt er? Ich meine – «

Der Premierminister zermarterte sich den Kopf nach Einzelheiten jener schrecklichen Unterhaltung vor drei Jahren, als Fudge ihm von dem Zauberer erzählt hatte, der mehr als alle anderen gefürchtet wurde, dem Zauberer, der tausend grausame Verbrechen begangen hatte, ehe er fünfzehn Jahre zuvor auf mysteriöse Weise verschwunden war.

»Ja, er lebt«, sagte Fudge. »Das heißt – ich weiß nicht – lebt ein Mensch, wenn er nicht getötet werden kann? Ich verstehe es nicht ganz, und Dumbledore will es mir nicht richtig erklären – aber wie auch immer, fest steht, dass er einen Körper besitzt und herumläuft und redet und tötet, also gehe ich davon aus, was unser Gespräch hier anbelangt – ja, er lebt.«

Der Premierminister wusste nicht, was er dazu sagen sollte, doch seine hartnäckige Gewohnheit, über jedes angesprochene Thema wohl informiert wirken zu wollen, bewog ihn, sich alle Details in Erinnerung zu rufen, die er von ihren früheren Unterhaltungen noch im Gedächtnis hatte.

»Ist Serious Black bei – ähm – Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf?«

»Black? Black?«, sagte Fudge zerstreut und drehte seinen Bowler rasch zwischen den Fingern. »Sirius Black, meinen Sie? Beim Barte des Merlin, nein. Black ist tot. Hat sich herausgestellt, dass wir uns – ähm – in Black geirrt haben. Er war am Ende doch unschuldig. Und mit Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, steckte er auch nicht unter einer Decke. Ich meine«, fügte er sich verteidigend hinzu und ließ den Bowler noch schneller kreisen, »alle Beweise deuteten darauf hin – wir hatten über fünfzig Augenzeugen –, aber egal, wie schon gesagt, er ist tot. Wurde ermordet, um genau zu sein. In den Räumen des Zaubereiministeriums. Es wird sogar eine Ermittlung geben …«

Zu seiner großen Überraschung spürte der Premierminister in diesem Augenblick jäh eine Art Mitleid mit Fudge in sich aufwallen. Doch es verlosch gleich wieder, als er in einem Anflug von Selbstgefälligkeit daran dachte, dass er zwar auf dem Gebiet des Materialisierens aus Kaminen nicht mithalten konnte, dass aber nie ein Mord in einem Ministerium passiert war, das seiner Verantwortung unterlag … noch nicht jedenfalls …

Während der Premierminister verstohlen das Holz seines Schreibtischs berührte, fuhr Fudge fort: »Aber Black ist jetzt passé. Die Sache ist die, wir befinden uns in einem Krieg, Premierminister, und wir müssen Maßnahmen ergreifen.«

»In einem Krieg?«, wiederholte der Premierminister nervös. »Ist das nicht ein wenig übertrieben?«

»Er, dessen Name nicht genannt werden darf, hat inzwischen seine Anhänger um sich geschart, die im Januar aus Askaban geflohen sind«, sagte Fudge, der nun immer schneller sprach und seinen Bowler so rasch herumwirbeln ließ, dass er nur noch eine limonengrüne Schliere war. »Seit sie aus ihrem Versteck gekommen sind, verbreiten sie Angst und Schrecken. Die Brockdale-Brücke – das war er, Premierminister, er hat mit einem Massenmord an Muggeln gedroht, wenn ich ihm den Weg nicht frei mache und – «

»Unfassbar! Also ist es Ihre Schuld, dass diese Menschen umgekommen sind und ich Fragen über verrostete Spannseile und korrodierte Dehnungsfugen und was weiß ich noch beantworten muss!«, erwiderte der Premierminister wütend.

»Meine Schuld!«, sagte Fudge und wurde rot im Gesicht. »Wollen Sie etwa sagen, Sie hätten bei einer derartigen Erpressung klein beigegeben?«

»Möglicherweise nicht«, sagte der Premierminister, erhob sich und schritt im Raum umher, »aber ich hätte all meine Kräfte darauf verwandt, den Erpresser zu fangen, ehe er eine solche Gräueltat verübt!«

»Glauben Sie wirklich, ich hätte nicht bereits jede Anstrengung unternommen?«, entgegnete Fudge erhitzt. »Sämtliche Auroren des Ministeriums haben versucht – und versuchen immer noch – ihn zu finden und seine Anhänger auszuheben, aber wir reden hier zufällig über einen der mächtigsten Zauberer aller Zeiten, einen Zauberer, der fast drei Jahrzehnte lang einer Gefangennahme entkommen ist!«

»Sie werden mir also vermutlich sagen, dass er auch den Hurrikan im Südwesten des Landes verursacht hat?«, bemerkte der Premierminister, der mit jedem Schritt, den er machte, immer wütender wurde. Es war zum Verzweifeln, da hatte er die Ursache all dieser schrecklichen Katastrophen entdeckt und konnte sie nicht in der Öffentlichkeit verkünden; das war fast noch schlimmer, als wenn doch die Regierung daran schuld gewesen wäre.

»Es war kein Hurrikan«, sagte Fudge unglücklich.

»Ich bitte Sie!«, bellte der Premierminister und stampfte nun heftig auf und ab. »Entwurzelte Bäume, abgedeckte Dächer, umgeknickte Laternenpfähle, fürchterliche Verletzungen – «

»Das waren die Todesser«, sagte Fudge. »Die Anhänger des Unnennbaren. Und … und wir vermuten, dass auch Riesen beteiligt waren.«

Der Premierminister blieb abrupt stehen, als ob er gegen eine unsichtbare Wand geprallt wäre.

»Wer soll beteiligt gewesen sein?«

Fudge verzog das Gesicht. »Das letzte Mal hat er Riesen eingesetzt, als er große Wirkung erzielen wollte. Das Desinformationsbüro arbeitet bereits rund um die Uhr, wir hatten Vergissmich-Teams im Einsatz, die versucht haben, die Gedächtnisse aller Muggel zu verändern, die gesehen haben, was wirklich passiert ist, fast unsere gesamte Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe rennt in Somerset herum, aber wir können den Riesen nicht finden – es ist eine Katastrophe.«

»Was Sie nicht sagen!«, erwiderte der Premierminister wütend.

»Ich will nicht bestreiten, dass die Stimmung im Ministerium ziemlich schlecht ist«, sagte Fudge. »Erst diese ganze Geschichte, und dann haben wir auch noch Amelia Bones verloren.«

»Wen verloren?«

»Amelia Bones. Leiterin der Abteilung für Magische Strafverfolgung. Wir glauben, Er, dessen Name nicht genannt werden darf, könnte sie selbst ermordet haben, weil sie eine sehr begabte Hexe war und – und alles darauf hindeutete, dass sie sich mit ihrem Mörder einen richtigen Kampf geliefert hat.«

Fudge räusperte sich und musste sich offenbar zwingen damit aufzuhören, den Bowler im Kreis herumzudrehen.

»Aber dieser Mord ging durch die Zeitungen«, sagte der Premierminister, einen Moment lang von seiner Wut abgelenkt. »Durch unsere Zeitungen. Amelia Bones … es hieß nur, sie sei eine Frau mittleren Alters gewesen, die allein gelebt habe. Es war ein – ein grausiger Mord, nicht wahr? Er hat ziemliches Aufsehen erregt. Die Polizei steht vor einem Rätsel, wissen Sie.«

Fudge seufzte. »Nun, das ist kein Wunder. Sie wurde in einem Raum umgebracht, der von innen verschlossen war, nicht wahr? Wir hingegen wissen genau, wer es getan hat, auch wenn uns das nicht weiterhilft, ihn zu fangen. Und dann war da noch Emmeline Vance, möglicherweise haben Sie nichts davon gehört.«

»O doch, das habe ich sehr wohl!«, sagte der Premierminister. »Es ist zufällig gerade hier um die Ecke passiert. Das war ein gefundenes Fressen für die Zeitungen: Untergang von Recht und Ordnung im Hinterhof des Premierministers - «

»Und als ob das alles nicht genug wäre«, sagte Fudge, der dem Premierminister kaum zuhörte, »wimmelt es auch noch überall von Dementoren, die wahllos Leute überfallen …«

In glücklicheren Tagen wäre dieser Satz dem Premierminister unverständlich gewesen, doch inzwischen war er klüger geworden.

»Ich dachte, die Dementoren bewachen die Gefangenen von Askaban?«, sagte er vorsichtig.

»Das war früher so«, antwortete Fudge matt. »Aber heute nicht mehr. Sie haben das Gefängnis verlassen und sich Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, angeschlossen. Ein schwerer Schlag, das will ich nicht leugnen.«

»Aber«, sagte der Premierminister und ihm dämmerte etwas Grauenvolles, »haben Sie nicht gesagt, dass das die Wesen sind, die Hoffnung und Glück aus den Menschen heraussaugen?«

»Richtig. Und sie brüten Nachkommen aus. Das verursacht diesen ganzen Nebel.«

Der Premierminister sank mit weichen Knien auf den nächsten Stuhl. Bei der Vorstellung, unsichtbare Wesen schwebten durch Stadt und Land und verbreiteten Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit unter seinen Wählern, wurde ihm ganz schwach zumute.

»Nun hören Sie mal, Fudge – Sie müssen etwas unternehmen! Sie als Zaubereiminister tragen die Verantwortung!«

»Mein lieber Premierminister, Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich nach alldem immer noch Zaubereiminister bin? Ich wurde vor drei Tagen entlassen! Die gesamte Zauberergemeinschaft hat zwei Wochen lang lauthals meinen Rücktritt verlangt. So einig habe ich sie in meiner ganzen Amtszeit nicht erlebt!«, sagte Fudge und versuchte tapfer, ein Lächeln zustande zu bringen.

Dem Premierminister fehlten vorübergehend die Worte. Trotz seiner Entrüstung über die Lage, in die er versetzt worden war, empfand er immer noch einiges Mitgefühl für den abgezehrt wirkenden Mann, der ihm gegenübersaß.

»Es tut mir sehr Leid«, sagte er schließlich. »Gibt es etwas, das ich tun kann?«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Premierminister, aber ich wüsste nicht, was. Man hat mich heute Abend hierher geschickt, um Sie über die jüngsten Ereignisse zu informieren und Sie meinem Nachfolger vorzustellen. Ich dachte eigentlich, er müsste inzwischen hier sein, aber natürlich ist er im Augenblick, da so viel passiert, sehr beschäftigt.«

Fudge blickte sich zu dem Porträt des hässlichen kleinen Mannes mit der langen silbernen Lockenperücke um, der mit der Spitze eines Federkiels in seinem Ohr bohrte.

Das Porträt erwiderte Fudges Blick und sagte: »Er wird gleich da sein, er schreibt nur noch einen Brief an Dumbledore zu Ende.«

»Da wünsche ich ihm viel Glück«, sagte Fudge und klang zum ersten Mal bitter. »Ich habe Dumbledore in den letzten beiden Wochen zweimal täglich geschrieben, aber er rührt sich nicht von der Stelle. Wenn er nur bereit gewesen wäre, den Jungen zu überreden, dann wäre ich vielleicht nach wie vor … Nun, vielleicht hat Scrimgeour mehr Erfolg.«

Fudge verfiel in ein offensichtlich gekränktes Schweigen, doch es wurde fast im selben Moment von dem Porträt unterbrochen, das sich plötzlich mit seiner forschen, offiziellen Stimme zu Wort meldete.

»An den Premierminister der Muggel. Treffen erbeten. Dringend. Bitte sofortige Antwort. Rufus Scrimgeour, Zaubereiminister.«

»Ja, ja, schon gut«, sagte der Premierminister zerstreut, und er zuckte kaum zusammen, als die Flammen im Rost sich erneut smaragdgrün verfärbten, aufzüngelten und einen zweiten rotierenden Zauberer in ihrer Mitte offenbarten, den sie wenig später auf den alten Teppich spuckten. Fudge erhob sich, und der Premierminister tat es ihm nach kurzem Zögern nach und beobachtete, wie der Neuankömmling sich aufrichtete, den Staub von seinem langen schwarzen Umhang klopfte und sich umschaute.

Der erste, alberne Gedanke des Premierministers war, dass Rufus Scrimgeour im Grunde wie ein alter Löwe aussah. Er hatte graue Strähnen in seiner gelbbraunen Haarmähne und in seinen buschigen Augenbrauen; die gelblichen Augen hinter den Gläsern seiner Drahtbrille waren wachsam, und obwohl er leicht hinkte, bewegte er sich mit einer geschmeidigen, federnden Anmut. Man hatte sofort den Eindruck von Scharfsinn und Zähigkeit; der Premierminister konnte gut verstehen, warum die Zauberergemeinschaft in diesen gefährlichen Zeiten lieber Scrimgeour als Fudge als Anführer haben wollte.

»Guten Abend«, sagte der Premierminister höflich und streckte die Hand aus.

Scrimgeour nahm sie kurz, während seine Augen den Raum absuchten, dann zog er einen Zauberstab aus seinem Umhang hervor.

»Fudge hat Ihnen alles erzählt?«, fragte er, schritt hinüber zur Tür und tippte mit dem Zauberstab gegen das Schlüsselloch. Der Premierminister hörte das Schloss klicken.

»Äh – ja«, sagte der Premierminister. »Und wenn Sie nichts dagegen haben, wäre es mir lieber, wenn diese Tür unverschlossen bliebe.«

»Mir wäre es lieber, nicht unterbrochen zu werden«, entgegnete Scrimgeour schroff. »Oder beobachtet«, fügte er hinzu und richtete seinen Zauberstab auf die Fenster, worauf die Vorhänge über ihnen zuwehten. »Nun denn, ich bin sehr beschäftigt, kommen wir also zur Sache. Als Erstes müssen wir uns über Ihre Sicherheit unterhalten.«

Der Premierminister richtete sich zu seiner vollen Größe auf und erwiderte: »Ich bin gänzlich zufrieden mit den Sicherheitsvorkehrungen, die bereits für mich getroffen wurden, vielen herzlichen – «

»Nun, wir sind es nicht«, unterbrach Scrimgeour ihn. »Es würde für die Muggel übel aussehen, wenn ihr Premierminister unter den Imperius-Fluch geriete. Der neue Sekretär in Ihrem Vorzimmer – «

»Ich werde Kingsley Shacklebolt auf keinen Fall entlassen, falls Sie das meinen!«, sagte der Premierminister hitzig. »Er ist äußerst effizient, schafft doppelt so viel Arbeit wie all die anderen – «

»Das liegt daran, dass er ein Zauberer ist«, sagte Scrimgeour ohne die Spur eines Lächelns. »Ein bestens ausgebildeter Auror, der Ihnen zu Ihrem Schutz zugeteilt wurde.«

»Moment mal!«, protestierte der Premierminister. »Sie können nicht einfach Ihre Leute in mein Büro setzen, ich entscheide, wer für mich arbeitet – «

»Ich dachte, Sie wären zufrieden mit Shacklebolt?«, erwiderte Scrimgeour kühl.

»Das bin ich – beziehungsweise das war ich – «

»Dann gibt es doch kein Problem, oder?«, sagte Scrimgeour.

»Ich … na ja, solange Shacklebolt weiterhin … ähm … hervorragend arbeitet«, sagte der Premierminister matt, doch Scrimgeour schien ihn kaum zu hören.

»Nun, was Herbert Chorley betrifft – Ihren Juniorminister«, fuhr er fort. »Den Mann, der die Öffentlichkeit amüsiert hat, indem er eine Ente nachahmte.«

»Was ist mit ihm?«, fragte der Premierminister.

»Offenbar ist das die Reaktion auf einen schlecht ausgeführten Imperius-Fluch«, sagte Scrimgeour. »Das hat ihn verwirrt, aber er könnte immer noch gefährlich sein.«

»Er quakt doch nur!«, sagte der Premierminister schwach. »Ein wenig Ruhe, dann wird er sicher … vielleicht ein paar Gläschen weniger …«

»Eine Gruppe von Heilern aus dem St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen untersucht ihn gerade. Bis jetzt hat er versucht, drei von ihnen zu erwürgen«, sagte Scrimgeour. »Ich halte es für das Beste, wenn wir ihn für eine Weile von der Muggelgesellschaft fern halten.«

»Ich … nun … er wird sich doch wieder erholen, oder?«, fragte der Premierminister besorgt. Scrimgeour zuckte nur die Achseln und ging schon wieder zum Kamin zurück.

»Tja, das ist eigentlich alles, was ich zu sagen hatte. Ich werde Sie über die Entwicklungen auf dem Laufenden halten, Premierminister – das heißt, ich werde wahrscheinlich zu beschäftigt sein, um persönlich vorbeizukommen, aber dann schicke ich Fudge hierher. Er hat sich bereit erklärt, in beratender Funktion weiterzuarbeiten.«

Fudge versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht; er sah einfach nur aus, als hätte er Zahnweh. Scrimgeour kramte bereits in seiner Tasche nach dem mysteriösen Pulver, mit dem man Feuer grün färbte. Der Premierminister starrte die beiden einen Moment lang verzweifelt an, dann brachen die Worte, gegen die er den ganzen Abend angekämpft hatte, endlich aus ihm heraus.

»Aber um Himmels willen – Sie sind Zauberer! Sie können zaubern! Sie können doch sicher – na ja – alles in den Griff kriegen!«

Scrimgeour drehte sich langsam um und wechselte einen ungläubigen Blick mit Fudge, der diesmal tatsächlich ein Lächeln hinbekam und freundlich sagte: »Das Problem ist, dass auch die andere Seite zaubern kann, Premierminister.«

Und damit traten die beiden Zauberer einer nach dem anderen in das hellgrüne Feuer und verschwanden.

Spinner's End

Viele Kilometer entfernt hing der kalte Nebel, der gegen die Fenster des Premierministers gedrückt hatte, über einem schmutzigen Fluss, der sich zwischen überwucherten und von Müll übersäten Ufern dahinschlängelte. Ein mächtiger Schornstein, Überbleibsel einer stillgelegten Fabrik, ragte in die Höhe, düster und unheilvoll. Außer dem Wispern des schwarzen Wassers war nichts zu hören, und es gab keine Spur von Leben außer einem mageren Fuchs, der sich die Uferböschung hinuntergeschlichen hatte, um erwartungsvoll ein altes Fish-and-Chips-Papier im hohen Gras zu beschnuppern.

Doch dann tauchte mit einem ganz leisen Plopp aus dem Nichts eine schlanke Gestalt mit Kapuze am Flussufer auf. Der Fuchs erstarrte, die wachsamen Augen auf diese seltsame neue Erscheinung gerichtet. Die Gestalt orientierte sich offenbar kurz, dann ging sie mit leichten, raschen Schritten davon, wobei ihr langer Umhang über das Gras raschelte.

Mit einem zweiten und lauteren Plopp erschien eine weitere Gestalt mit Kapuze.

»Warte!«

Der barsche Ruf erschreckte den Fuchs, der jetzt fast flach im Gestrüpp kauerte. Er sprang aus seinem Versteck hervor und die Böschung hoch. Ein grüner Lichtblitz, ein Jaulen, und der Fuchs fiel wieder zu Boden, er war tot.

Die zweite Gestalt drehte das Tier mit der Fußspitze um.

»Nur ein Fuchs«, sagte eine Frauenstimme unter der Kapuze abfällig. »Ich dachte, es wär vielleicht ein Auror – Zissy, warte!«

Doch die, hinter der sie herlief, hatte nur kurz innegehalten und zu dem Lichtblitz zurückgeblickt und kletterte nun schon die Böschung hoch, die der Fuchs eben hinuntergefallen war.

»Zissy – Narzissa – hör mir zu – «

Die zweite Frau holte die erste ein und packte sie am Arm, doch die andere riss sich los.

»Geh zurück, Bella!«

»Du musst mir zuhören!«

»Ich habe zugehört! Ich habe mich entschieden! Lass mich in Ruhe!«

Die Frau namens Narzissa hatte den oberen Rand der Böschung erklommen, wo ein alter Gitterzaun den Fluss von einer schmalen Pflasterstraße trennte. Die andere Frau, Bella, folgte ihr auf dem Fuß. Nebeneinander standen sie da und blickten über die Straße auf zahlreiche Reihen verfallener Backsteinhäuser, deren Fenster in der Dunkelheit stumpf und blind schienen.

»Hier lebt er?«, fragte Bella in verächtlichem Ton. »Hier? In dieser Muggelkloake? Wir sind wahrscheinlich die Ersten unserer Art, die jemals den Fuß – «

Aber Narzissa hörte nicht zu. Sie war durch eine Lücke in dem rostigen Gitter geschlüpft und eilte bereits über die Straße.

»Zissy, warte!«

Bella folgte ihr mit flatterndem Umhang und sah, wie Narzissa durch eine Gasse zwischen den Häusern in eine zweite, ganz ähnliche Straße huschte. Einige der Straßenlaternen waren kaputt; die beiden Frauen rannten zwischen hell erleuchteten Stellen und tiefer Dunkelheit dahin. Die Verfolgerin holte ihre Beute ein, als die gerade um eine weitere Ecke bog, und diesmal schaffte sie es, sie am Arm zu packen und herumzureißen, so dass sie einander ins Gesicht sahen.

»Zissy, das darfst du nicht tun, du kannst ihm nicht vertrauen – «

»Der Dunkle Lord vertraut ihm, oder etwa nicht?«

»Der Dunkle Lord … täuscht sich … glaube ich«, keuchte Bella, und ihre Augen leuchteten kurz unter ihrer Kapuze auf, als sie sich prüfend umblickte, um zu sehen, ob sie auch wirklich allein waren. »Jedenfalls hat man uns befohlen, mit niemandem über den Plan zu sprechen. Das ist ein Verrat am Dunklen Lord und …«

»Lass mich los, Bella!«, fauchte Narzissa, zog einen Zauberstab unter ihrem Umhang hervor und hielt ihn der anderen drohend vors Gesicht. Bella lachte nur.

»Zissy, deine eigene Schwester? Das würdest du nicht – «

»Es gibt nichts mehr, was ich nicht tun würde!«, hauchte Narzissa mit einem Anflug von Hysterie in der Stimme, und als sie den Zauberstab wie ein Messer nach unten stieß, flammte abermals ein Lichtblitz auf. Bella ließ den Arm ihrer Schwester los, als hätte sie sich verbrannt.

»Narzissa!«

Aber Narzissa war schon weitergeeilt. Ihre Verfolgerin rieb sich die Hand und setzte ihr nach, hielt nun jedoch Abstand, während sie immer tiefer in das verlassene Labyrinth der Backsteinhäuser eindrangen. Endlich hastete Narzissa durch eine Straße namens Spinner's End, über der wie ein riesiger mahnender Finger der gewaltige Fabrikschornstein zu schweben schien. Ihre Schritte hallten auf dem Pflaster, als sie an zugenagelten und zerbrochenen Fenstern vorbeilief, bis sie das allerletzte Haus erreichte, wo schwaches Licht durch die Vorhänge eines Raums im Erdgeschoss schimmerte.

Noch ehe Bella sie leise fluchend eingeholt hatte, hatte sie an die Tür geklopft. Gemeinsam standen sie da und warteten, leicht keuchend, und atmeten den Geruch des schmutzigen Flusses ein, den die nächtliche Brise zu ihnen herüberwehte. Nach ein paar Sekunden hörten sie ein Geräusch hinter der Tür und sie öffnete sich einen Spaltbreit. Ein schmales Stück von einem Mann war zu sehen, der zu ihnen herausspähte, einem Mann mit langem schwarzem Haar, das ihm wie ein Vorhang um sein fahles Gesicht mit den schwarzen Augen fiel.

Narzissa warf ihre Kapuze in den Nacken. Sie war so blass, dass sie in der Dunkelheit zu leuchten schien; mit ihrem langen blonden Haar, das ihr bis auf den Rücken wallte, sah sie aus wie eine Ertrunkene.

»Narzissa!«, sagte der Mann und öffnete die Tür etwas weiter, so dass das Licht auf sie und auch auf ihre Schwester fiel. »Welch angenehme Überraschung!«

»Severus«, flüsterte sie angestrengt. »Kann ich dich sprechen? Es ist dringend.«

»Aber natürlich.«

Er trat zurück, um sie an sich vorbei ins Haus zu lassen. Ihre Schwester, noch immer in die Kapuze gehüllt, folgte ihr unaufgefordert.

»Snape«, sagte sie barsch, als sie an ihm vorbeiging.

»Bellatrix«, antwortete er, und sein schmaler Mund verzog sich zu einem leicht spöttischen Lächeln, während er die Tür hinter ihnen zuschnappen ließ.

Sie gelangten sogleich in ein kleines Wohnzimmer, das den Eindruck einer finsteren Gummizelle machte. Die Wände waren vollständig mit Büchern bedeckt, die größtenteils alte schwarze oder braune Ledereinbände hatten; ein zerschlissenes Sofa, ein alter Sessel und ein wackliger Tisch standen dicht beieinander im trüben Lichtkegel einer Lampe, die von der Decke hing und in der eine Kerze steckte. Der Raum wirkte vernachlässigt, als ob er normalerweise nicht bewohnt würde.

Snape wies Narzissa in Richtung Sofa. Sie warf ihren Umhang ab, legte ihn beiseite, setzte sich und starrte auf ihre weißen zitternden Hände, die sie in ihrem Schoß verschränkt hatte. Bellatrix schob ganz langsam ihre Kapuze zurück. Sie war so dunkel, wie ihre Schwester hellhaarig war, hatte schwere Augenlider und ein kräftiges Kinn. Sie blickte unverwandt auf Snape, während sie zu Narzissa hinüberging und sich hinter sie stellte.

»So, was kann ich für euch tun?«, fragte Snape und setzte sich in den Sessel den beiden Schwestern gegenüber.

»Wir … wir sind allein, nicht wahr?«, fragte Narzissa leise.

»Ja, natürlich. Nun, Wurmschwanz ist hier, aber Ungeziefer zählt nicht, oder?«

Er richtete den Zauberstab auf die Bücherwand hinter sich, und mit einem Knall flog eine verborgene Tür auf und eine schmale Treppe wurde sichtbar, auf der ein kleiner Mann wie versteinert stand.

»Wie du zweifellos bemerkt hast, Wurmschwanz, haben wir Gäste«, sagte Snape träge.

Der Mann kroch mit buckligem Rücken die letzten paar Stufen herunter und betrat das Zimmer. Er hatte kleine, wässrige Augen, eine spitze Nase und zeigte ein unangenehmes affektiertes Grinsen. Seine linke Hand streichelte die rechte, die aussah, als wäre sie in einen hellen silbernen Handschuh gehüllt.

»Narzissa«, sagte er mit quiekender Stimme, »und Bellatrix! Wie reizend – «

»Wurmschwanz wird uns etwas zu trinken bringen, wenn ihr mögt«, sagte Snape. »Und dann geht er in sein Zimmer zurück.«

Wurmschwanz zuckte zusammen, als hätte Snape etwas nach ihm geworfen.

»Ich bin nicht dein Diener!«, quiekte er, Snapes Blick ausweichend.

»Tatsächlich? Ich dachte eigentlich, der Dunkle Lord hätte dich hierher geschickt, um mich zu unterstützen.«

»Unterstützen, ja – aber nicht, um dir Drinks zu machen und – und dein Haus zu putzen!«

»Ich hatte keine Ahnung, Wurmschwanz, dass du dich nach gefährlicheren Aufgaben sehnst«, sagte Snape aalglatt. »Das lässt sich ohne weiteres arrangieren: Ich werde mit dem Dunklen Lord reden«.

»Ich kann selber mit ihm reden, wenn ich will!«

»Natürlich kannst du das«, sagte Snape höhnisch. »Aber vorher bringst du uns etwas zu trinken. Ein wenig Elfenwein wäre recht.«

Wurmschwanz zögerte einen Moment, er sah aus, als wollte er widersprechen. Aber dann wandte er sich um und trat durch eine zweite verborgene Tür. Sie hörten etwas krachen und Gläser klirren. Sekunden später war er mit einem Tablett zurück, auf dem eine staubige Flasche und drei Gläser standen. Er stellte alles auf den wackligen Tisch, huschte hastig davon und schlug die Tür mit den Büchern hinter sich zu.

Snape goss blutroten Wein in die drei Gläser und reichte zwei davon den beiden Schwestern. Narzissa bedankte sich leise, doch Bellatrix sagte nichts, sondern starrte Snape weiterhin finster an. Das schien ihn nicht aus der Fassung zu bringen; im Gegenteil, er wirkte eher amüsiert.

»Auf den Dunklen Lord«, sagte er, hob sein Glas und trank es aus.

Die Schwestern taten es ihm gleich. Snape füllte ihnen nach.

Als Narzissa ihr zweites Glas nahm, sagte sie hastig: »Severus, es tut mir Leid, dass ich einfach so hierher komme, aber ich musste dich sehen. Ich glaube, du bist der Einzige, der mir helfen kann«.

Snape gebot ihr mit erhobener Hand zu schweigen und richtete seinen Zauberstab erneut auf die verborgene Tür zur Treppe. Ein lautes Krachen und Kreischen ertönte, und dann hörte man, wie Wurmschwanz wieder die Treppe hinaufstolperte.

»Verzeihung«, sagte Snape. »Er hat sich in letzter Zeit angewöhnt, an Türen zu lauschen, ich weiß nicht, was das soll … Was sagtest du gerade, Narzissa?«

Sie holte zitternd tief Luft und begann von neuem.

»Severus, ich weiß, ich sollte nicht hier sein, mir wurde befohlen, niemandem etwas zu sagen, aber – «

»Dann solltest du den Mund halten!«, fauchte Bellatrix. »Vor allem in dieser Gesellschaft!«

»Dieser Gesellschaft?«, wiederholte Snape mit hämischem Grinsen. »Und was darf ich darunter verstehen, Bellatrix?«

»Dass ich dir nicht traue, Snape, wie du ganz genau weißt!«

Narzissa machte ein Geräusch, das wie ein trockenes Schluchzen klang, und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Snape stellte sein Glas auf den Tisch, lehnte sich, die Hände auf den Sessellehnen, wieder zurück und lächelte in Bellatrix' finsteres Gesicht.

»Narzissa, ich denke, wir sollten uns anhören, was Bellatrix so dringend loswerden will; das wird uns lästige Unterbrechungen ersparen. Nun, weiter, Bellatrix«, sagte Snape. »Warum traust du mir nicht?«

»Aus tausend Gründen!«, sagte sie laut, trat hinter dem Sofa hervor und knallte ihr Glas auf den Tisch. »Wo soll ich anfangen? Wo warst du beim Sturz des Dunklen Lords? Warum hast du nie einen Versuch unternommen, ihn zu finden, als er verschwunden war? Was hast du all die Jahre getan, in denen du bei Dumbledore gehaust hast? Warum hast du den Dunklen Lord daran gehindert, sich den Stein der Weisen zu besorgen? Warum bist du nicht sofort zurückgekehrt, als der Dunkle Lord wiedergeboren wurde? Wo warst du vor einigen Wochen, als wir darum kämpften, die Prophezeiung für den Dunklen Lord zu beschaffen? Und warum, Snape, ist Harry Potter immer noch am Leben, wo er dir doch fünf Jahre lang auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war?«

Mit heftig wogender Brust und hochroten Wangen hielt sie inne. Hinter ihr saß Narzissa reglos, das Gesicht immer noch in den Händen verborgen.

Snape lächelte.

»Ehe ich dir antworte – o ja, Bellatrix, ich werde antworten! Du kannst meine Worte dann all den anderen übermitteln, die hinter meinem Rücken tuscheln und dem Dunklen Lord Lügenmärchen über meine Treulosigkeit auftischen! Aber wie gesagt, ehe ich dir antworte, will ich dir auch eine Frage stellen. Glaubst du wirklich, dass der Dunkle Lord mir nicht jede einzelne dieser Fragen gestellt hat? Und glaubst du wirklich, dass ich hier sitzen und mit dir sprechen würde, wenn ich ihm keine befriedigenden Antworten hätte geben können?«

Sie zögerte.

»Ich weiß, er glaubt dir, aber – «

»Du denkst, er täuscht sich? Oder ich hätte ihn irgendwie hinters Licht geführt? Den Dunklen Lord hereingelegt, den größten Zauberer, den begnadetsten Legilimentor, den die Welt je gesehen hat?«

Bellatrix sagte nichts, schien aber zum ersten Mal leicht verunsichert. Snape drang nicht weiter auf sie ein. Er nahm sein Weinglas, nippte daran und fuhr fort: »Du fragst, wo ich beim Sturz des Dunklen Lords war. Ich war dort, wo er mich hinbefohlen hatte, an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, weil es sein Wunsch war, dass ich Albus Dumbledore ausspioniere. Ich vermute, du weißt, dass ich diesen Posten auf Befehl des Dunklen Lords annahm?«

Sie nickte kaum merklich und öffnete den Mund, aber Snape kam ihr zuvor.

»Du fragst, warum ich nicht versucht habe ihn zu finden, als er verschwunden war. Aus demselben Grund, aus dem auch Avery, Yaxley, die Carrows, Greyback, Lucius« – er neigte den Kopf leicht zu Narzissa – »und viele andere nicht versucht haben ihn zu finden. Ich dachte, er wäre erledigt. Ich bin nicht stolz darauf, ich habe mich geirrt, aber so war es nun einmal … Wenn er uns, die den Glauben damals verloren haben, nicht verziehen hätte, dann hätte er jetzt nur noch sehr wenige Anhänger.«

»Er hätte mich!«, sagte Bellatrix leidenschaftlich. »Mich, die für ihn viele Jahre in Askaban gesessen hat!«

»Ja, in der Tat, höchst bewundernswert«, sagte Snape und es klang gelangweilt. »Du hast ihm zwar im Gefängnis nicht sonderlich genützt, aber die Geste war zweifellos edel – «

»Geste!«, schrie Bellatrix; in ihrem Zorn wirkte sie fast irre. »Während ich die Dementoren ertragen musste, warst du in Hogwarts und hast es dir als Dumbledores Schoßhündchen bequem gemacht!«

»Nicht ganz«, sagte Snape gelassen. »Er wollte mir den Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste nämlich nicht anvertrauen. Schien zu glauben, das könnte, ähm, einen Rückfall bewirken … mich in Versuchung führen, wieder alte Gewohnheiten anzunehmen.«

»Das war also dein Opfer für den Dunklen Lord, dass du dein Lieblingsfach nicht unterrichtet hast?«, höhnte sie. »Warum bist du die ganze Zeit dort geblieben, Snape? Um weiter Dumbledore auszuspionieren, für einen Herrn, den du tot glaubtest?«

»Wohl kaum«, sagte Snape, »obwohl der Dunkle Lord erfreut ist, dass ich meinen Posten nie verlassen habe: Als er zurückkam, konnte ich ihm Informationen über Dumbledore geben, die ich sechzehn Jahre lang gesammelt hatte, ein etwas nützlicheres Wiedersehensgeschenk als die endlosen Geschichten über das ungemütliche Askaban …«

»Aber du bist geblieben – «

»Ja, Bellatrix, ich bin geblieben«, sagte Snape und zeigte zum ersten Mal einen Anflug von Ungeduld. »Ich hatte eine angenehme Arbeit, die ich einem Aufenthalt in Askaban vorzog. Sie haben damals die Todesser verfolgt, wie du weißt. Der Schutz, den Dumbledore mir gewährte, hat mich vor dem Gefängnis bewahrt, er kam mir sehr gelegen und ich nutzte ihn. Ich wiederhole: Der Dunkle Lord beschwert sich nicht, dass ich geblieben bin, deshalb verstehe ich nicht, warum du es tust.

Ich glaube, als Nächstes wolltest du wissen«, fuhr er rasch und mit leicht erhobener Stimme fort, da Bellatrix ihn allem Anschein nach unterbrechen wollte, »warum ich mich zwischen den Dunklen Lord und den Stein der Weisen gestellt habe. Das lässt sich leicht beantworten. Er wusste nicht, ob er mir trauen konnte. Er dachte wie du, dass ich mich von einem treuen Todesser in Dumbledores Handlanger verwandelt hätte. Er war in einem bedauernswerten Zustand, ganz schwach, und hatte sich im Körper eines mittelmäßigen Zauberers eingenistet. Er wagte es nicht, sich einem ehemaligen Verbündeten zu offenbaren, da dieser Verbündete ihn womöglich Dumbledore oder dem Ministerium ausliefern würde. Ich bedauere zutiefst, dass er mir nicht vertraute. Er hätte drei Jahre früher wieder Macht erlangt. So sah ich nur, wie der gierige und nichtswürdige Quirrell versuchte, den Stein zu stehlen, und ich gebe zu, dass ich nach Kräften alles tat, um ihn daran zu hindern.«

Bellatrix' Mund verzog sich, als hätte sie eine bittere Medizin geschluckt.

»Aber du bist nicht zurückgekehrt, als er zurückkam, du bist nicht gleich zu ihm geflogen, als du gespürt hast, wie das Dunkle Mal brannte – «

»Stimmt. Ich kehrte zwei Stunden später zurück. Und zwar auf Dumbledores Befehl.«

»Auf Dumbledores –?«, begann sie in empörtem Ton.

»Denk nach!«, sagte Snape, erneut ungeduldig. »Denk nach! Indem ich zwei Stunden wartete, nur zwei Stunden, ermöglichte ich es mir, als Spion in Hogwarts zu bleiben! Indem ich Dumbledore im Glauben ließ, ich würde nur an die Seite des Dunklen Lords zurückkehren, weil Dumbledore es mir befohlen hatte, konnte ich nach wie vor Informationen über Dumbledore und den Orden des Phönix weitergeben! Überleg doch, Bellatrix: Das Dunkle Mal wurde monatelang immer stärker, ich wusste, dass seine Rückkehr kurz bevorstand, alle Todesser wussten das! Hätte ich nicht genügend Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was ich tun wollte, meinen nächsten Schritt zu planen, zu fliehen, wie es Karkaroff tat?

Das anfängliche Missfallen des Dunklen Lords über meine Verspätung schwand ganz und gar, das kann ich dir versichern, als ich ihm erklärte, dass ich treu geblieben war, auch wenn Dumbledore meinte, ich sei auf seiner Seite. Ja, der Dunkle Lord dachte, ich hätte ihn für immer verlassen, doch er irrte sich.«

»Aber was hast du uns gebracht?«, höhnte Bellatrix. »Welche nützlichen Informationen haben wir von dir erhalten?«

»Meine Informationen wurden direkt dem Dunklen Lord übermittelt«, sagte Snape. »Wenn er dich nicht daran teilhaben lässt – «

»Er lässt mich an allem teilhaben!«, schoss Bellatrix wutentbrannt zurück. »Er nennt mich seine zuverlässigste, seine treueste – «

»Tatsächlich?«, sagte Snape und ließ mit gesenkter Stimme seine Zweifel durchklingen. »Macht er das immer noch, nach dem Fiasko im Ministerium?«

»Das war nicht meine Schuld!«, sagte Bellatrix errötend. »Der Dunkle Lord hat mir früher seine wertvollsten – wenn Lucius nicht – «

»Wag es nicht – wag es ja nicht, meinem Mann die Schuld zuzuschieben!«, sagte Narzissa mit leiser, vernichtender Stimme und sah zu ihrer Schwester auf.

»Es hat keinen Sinn, Schuld zuzuteilen«, sagte Snape ruhig. »Was geschehen ist, ist geschehen.«

»Aber du hast nichts getan!«, erwiderte Bellatrix zornig. »Nein, du warst wieder einmal nicht da, während wir anderen uns in Gefahr begaben, nicht wahr, Snape?«

»Mein Befehl lautete, im Hintergrund zu bleiben«, sagte Snape. »Stimmst du etwa nicht mit dem Dunklen Lord überein, glaubst du vielleicht, dass Dumbledore es nicht bemerkt hätte, wenn ich mich den Todessern angeschlossen hätte, um gegen den Orden des Phönix zu kämpfen? Und – verzeih mir – du sprichst von Gefahr … ihr hattet es mit sechs Halbwüchsigen zu tun, oder?«

»Du weißt ganz genau, dass in kürzester Zeit der halbe Phönixorden zu ihnen stieß!«, fauchte Bellatrix. »Und wo wir schon beim Orden sind – behauptest du immer noch, du könntest nicht preisgeben, wo sich ihr Hauptquartier befindet?«

»Ich bin nicht der Geheimniswahrer, ich kann den Namen des Ortes nicht aussprechen. Du verstehst, wie der Zauber wirkt, nehme ich an? Der Dunkle Lord ist zufrieden mit den Informationen, die ich ihm über den Orden gegeben habe. Sie führten, wie du dir vielleicht denken kannst, vor kurzem zur Gefangennahme und Ermordung von Emmeline Vance, und sie halfen zweifellos dabei, Sirius Black zu beseitigen, auch wenn ich voll und ganz anerkenne, dass du ihn endgültig erledigt hast.«

Er neigte den Kopf und prostete ihr zu. Ihre Miene blieb ernst.

»Du weichst meiner letzten Frage aus, Snape. Harry Potter. Du hättest ihn während der letzten fünf Jahre jederzeit töten können. Du hast es nicht getan. Warum?«

»Hast du über diese Angelegenheit mit dem Dunklen Lord gesprochen?«, fragte Snape.

»Er … in letzter Zeit, wir … ich frage dich, Snape!«

»Wenn ich Harry Potter ermordet hätte, dann hätte der Dunkle Lord sein Blut nicht benutzen können, um wieder zu Kräften zu kommen, um sich unbesiegbar zu machen – «

»Du behauptest, du hättest vorausgesehen, dass er den Jungen brauchen wird?«, höhnte sie.

»Das behaupte ich nicht; ich hatte keine Ahnung von seinen Plänen; ich habe doch schon zugegeben, dass ich den Dunklen Lord für tot hielt. Ich versuche nur zu erklären, warum der Dunkle Lord nicht bedauert, dass Potter überlebt hat, zumindest hat er es bis vor einem Jahr nicht getan …«

»Aber warum hast du sein Leben verschont?«

»Hast du mich nicht verstanden? Es war nur Dumbledores Schutz, der mich vor Askaban bewahrte! Meinst du nicht auch, dass der Mord an seinem Lieblingsschüler ihn zu meinem Feind gemacht hätte? Aber das war nicht alles. Ich möchte dich daran erinnern, dass über Potter, als er zum ersten Mal nach Hogwarts kam, noch viele Geschichten im Umlauf waren, Gerüchte, wonach er selbst ein großer schwarzer Magier sei und deshalb den Angriff des Dunklen Lords überlebt habe. Tatsächlich glaubten viele von den alten Anhängern des Dunklen Lords, Potter wäre vielleicht ein neuer Anführer, dem wir uns alle wieder anschließen könnten. Ich war zugegebenermaßen neugierig und verspürte nicht die geringste Neigung, ihn zu ermorden, als er den Fuß in das Schloss setzte.

Natürlich wurde mir sehr schnell klar, dass er keinerlei außergewöhnliches Talent besaß. Er rettete sich aus einer Reihe brenzliger Situationen mit einer einfachen Mischung aus schierem Glück und recht begabten Freunden. Er ist in höchstem Grade mittelmäßig, allerdings genauso widerwärtig und selbstzufrieden wie schon sein Vater. Ich habe mein Möglichstes getan, dass man ihn aus Hogwarts wirft, wo er meiner Auffassung nach kaum hingehört, aber ihn zu töten oder zuzulassen, dass er vor meinen Augen getötet wird? Ich wäre ein Dummkopf gewesen, hätte ich es darauf ankommen lassen, solange Dumbledore unmittelbar in meiner Nähe war.«

»Und trotz allem sollen wir glauben, dass Dumbledore dich nie verdächtigt hat?«, fragte Bellatrix. »Er hat keine Ahnung, wem du wirklich treu bist, er vertraut dir immer noch blind?«

»Ich habe meine Rolle gut gespielt«, sagte Snape. »Und du vergisst Dumbledores größte Schwäche: Er muss immer das Beste von den Menschen glauben. Als ich kurz nach meiner Zeit als Todesser sein Mitarbeiter wurde, tischte ich ihm das Märchen auf, wie tief meine Reue sei, und er nahm mich mit offenen Armen auf – auch wenn er mich, wie gesagt, so gut er konnte von den dunklen Künsten fern hielt. Dumbledore war schon immer ein großer Zauberer – o ja, das war er« (denn Bellatrix hatte verächtlich geschnaubt), »der Dunkle Lord weiß darum. Ich freue mich aber sagen zu können, dass Dumbledore alt wird. Das Duell mit dem Dunklen Lord im vergangenen Monat hat ihn mitgenommen. Er hat danach noch eine schwere Verletzung erlitten, weil seine Reaktionen langsamer sind als früher. Doch während all dieser Jahre hat er Severus Snape stets vertraut, und darin liegt mein großer Wert für den Dunklen Lord.«

Bellatrix wirkte immer noch unzufrieden, war aber offenbar nicht sicher, wie sie Snape am besten erneut angreifen konnte. Snape nutzte ihr Schweigen und wandte sich an ihre Schwester.

»Nun … du bist gekommen, um mich um Hilfe zu bitten, Narzissa?«

Narzissa blickte mit verzweifelter Miene zu ihm auf.

»Ja, Severus. Ich – ich glaube, dass du der Einzige bist, der mir helfen kann, ich habe sonst niemanden. Lucius ist im Gefängnis und …«

Sie schloss die Augen und zwei große Tränen quollen unter ihren Lidern hervor.

»Der Dunkle Lord hat mir verboten, darüber zu sprechen«, fuhr Narzissa fort, die Augen noch immer geschlossen. »Er will, dass keiner von dem Plan erfährt. Er ist … sehr geheim. Aber – «

»Wenn er es verboten hat, solltest du nicht darüber sprechen«, sagte Snape sofort. »Das Wort des Dunklen Lords ist Gesetz.«

Narzissa schnappte nach Luft, als ob er sie mit kaltem Wasser übergossen hätte. Bellatrix wirkte, zum ersten Mal seit sie das Haus betreten hatte, zufrieden.

»Da hast du's!«, sagte sie triumphierend zu ihrer Schwester. »Sogar Snape sagt es: Man hat dir befohlen, nicht zu reden, also sei still!«

Aber Snape war aufgestanden, ging zu dem kleinen Fenster, spähte durch die Vorhänge auf die verlassene Straße und zog sie ruckartig wieder zu. Er drehte sich zu Narzissa um und runzelte die Stirn.

»Zufällig weiß ich von dem Plan«, sagte er mit leiser Stimme. »Ich bin einer der wenigen, mit denen der Dunkle Lord darüber gesprochen hat. Dennoch, hätte ich das Geheimnis nicht gekannt, Narzissa, dann wärst du eines großen Verrats am Dunklen Lord schuldig geworden.«

»Ich dachte mir, dass du bestimmt davon weißt!«, sagte Narzissa und atmete jetzt freier. »Er hat so großes Vertrauen zu dir, Severus …«

»Du weißt von dem Plan?«, sagte Bellatrix, und der leichte Anflug von Zufriedenheit auf ihrem Gesicht wich einer empörten Miene. »Du weißt davon?«

»Gewiss«, sagte Snape. »Aber welche Hilfe verlangst du, Narzissa? Wenn du glaubst, ich könnte den Dunklen Lord überreden, es sich anders zu überlegen, kann ich dir, fürchte ich, keine Hoffnung machen, nicht die geringste.«

»Severus«, flüsterte sie, und Tränen glitten ihr über die blassen Wangen. »Mein Sohn … mein einziger Sohn …«

»Draco sollte stolz sein«, sagte Bellatrix gleichgültig. »Der Dunkle Lord erweist ihm eine große Ehre. Und was man Draco zugute halten kann: Er schrickt nicht vor seiner Pflicht zurück, er scheint froh über die Gelegenheit, sich zu beweisen, er brennt darauf – «

Narzissa begann heftig zu weinen und sah Snape dabei flehentlich an.

»Das liegt daran, dass er erst sechzehn ist und keine Ahnung hat, was ihm bevorsteht! Warum, Severus? Warum mein Sohn? Es ist zu gefährlich! Das ist die Rache für Lucius' Fehler, ich weiß es!«

Snape sagte nichts. Er drehte sich von ihr weg, als ob der Anblick ihrer Tränen anstößig wäre, doch er konnte nicht so tun, als würde er Narzissa nicht hören.

»Deshalb hat er Draco gewählt, nicht wahr?«, beharrte sie. »Um Lucius zu bestrafen?«

»Wenn es Draco gelingt«, sagte Snape, immer noch den Blick von ihr abgewandt, »wird ihm größere Ehre zuteil werden als allen anderen.«

»Aber es wird ihm nicht gelingen!«, schluchzte Narzissa. »Wie könnte es, wenn der Dunkle Lord selbst –?«

Bellatrix stockte der Atem; Narzissa schien die Nerven zu verlieren.

»Ich wollte nur sagen … dass es keinem bisher gelungen ist … Severus … bitte … du bist, du warst immer Dracos Lieblingslehrer … du bist Lucius' alter Freund … ich bitte dich … du genießt die Gunst des Dunklen Lords, bist sein vertrautester Berater … wirst du mit ihm sprechen, ihn umstimmen –?«

»Der Dunkle Lord wird sich nicht umstimmen lassen, und ich bin nicht so dumm, es zu versuchen«, sagte Snape nachdrücklich. »Ich will nicht verhehlen, dass der Dunkle Lord wütend auf Lucius ist. Eigentlich trug Lucius die Verantwortung. Er ließ sich gefangen nehmen, zusammen mit was weiß ich wie vielen anderen, und es gelang ihm auch nicht, die Prophezeiung zu beschaffen. Ja, der Dunkle Lord ist wütend, Narzissa, sehr wütend sogar.«

»Dann habe ich Recht, er hat Draco zur Vergeltung gewählt!«, sagte Narzissa mit erstickter Stimme. »Er will nicht, dass es ihm gelingt, er will, dass er bei dem Versuch umkommt!«

Als Snape nichts erwiderte, schien Narzissa den letzten Rest an Selbstbeherrschung zu verlieren. Sie stand auf, taumelte auf Snape zu und packte ihn vorn am Umhang. Ihr Gesicht war seinem so nahe, dass ihre Tränen auf seine Brust fielen, und sie keuchte: »Du könntest es tun. Du könntest es anstelle von Draco tun, Severus. Dir würde es gelingen, natürlich würde es das, und er würde dich mehr als uns alle belohnen – «

Snape fasste sie an den Handgelenken und befreite sich von ihrem Griff. Er blickte hinab auf ihr tränenverschmiertes Gesicht und sagte langsam: »Er will, dass ich es am Ende tue, denke ich. Aber er hat beschlossen, dass Draco es zuerst versuchen muss. Sieh doch, wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass es Draco gelingt, kann ich noch ein wenig länger in Hogwarts bleiben und meine nützliche Rolle als Spion weiterspielen.«

»Mit anderen Worten, es ist ihm egal, ob Draco getötet wird!«

»Der Dunkle Lord ist sehr wütend«, wiederholte Snape leise. »Es ist ihm misslungen, die Prophezeiung zu hören. Du weißt genauso gut wie ich, Narzissa, dass er nicht so leicht vergibt.«

Sie brach zusammen, stürzte ihm zu Füßen und blieb schluchzend und klagend am Boden liegen.

»Mein einziger Sohn … mein einziger Sohn …«

»Du solltest stolz sein!«, sagte Bellatrix unbarmherzig. »Wenn ich Söhne hätte, würde ich sie gerne für den Dienst am Dunklen Lord hingeben!«

Narzissa stieß einen leisen Schrei der Verzweiflung aus und krallte die Hände in ihre langen blonden Haare. Snape bückte sich, packte sie an den Armen, hob sie hoch und bugsierte sie zurück aufs Sofa. Dann schenkte er ihr Wein nach und drückte ihr das Glas in die Hand.

»Narzissa, es ist genug. Trink das. Hör mir zu.«

Sie beruhigte sich ein wenig, nahm zitternd ein Schlückchen und schüttete dabei Wein über sich.

»Es könnte sein … dass ich Draco helfen kann.«

Sie setzte sich auf, das Gesicht weiß wie Papier, die Augen riesengroß.

»Severus – oh, Severus – du würdest ihm helfen? Würdest du auf ihn Acht geben, dafür sorgen, dass ihm nichts passiert?«

»Ich kann es versuchen.«

Sie stieß ihr Glas fort; es rutschte über den Tisch, während sie vom Sofa glitt und zu Snapes Füßen niederkniete, seine Hand mit ihren Händen umfasste und ihre Lippen daraufdrückte.

»Wenn du dabei bist und ihn beschützt … Severus, wirst du mir das schwören? Wirst du den Unbrechbaren Schwur ablegen?«

»Den Unbrechbaren Schwur?« Snapes Miene war ausdruckslos, unentschlüsselbar; aber Bellatrix lachte gackernd und triumphierend auf.

»Hörst du nicht zu, Narzissa? O ja, er wird es versuchen, sicher … die üblichen leeren Worte, wie gewohnt drückt er sich vor dem Handeln … oh, auf Befehl des Dunklen Lords natürlich!«

Snape sah Bellatrix nicht an. Seine schwarzen Augen waren auf Narzissas blaue Augen gerichtet, die voller Tränen standen. Sie hielt noch immer seine Hand umklammert.

»Natürlich, Narzissa, ich werde den Unbrechbaren Schwur ablegen«, sagte er leise. »Vielleicht ist deine Schwester bereit, unseren Bund zu besiegeln.«

Bellatrix klappte der Mund auf. Snape ließ sich Narzissa gegenüber auf die Knie sinken. Unter Bellatrix' erstaunten Blicken gaben sie sich die rechte Hand.

»Nimm deinen Zauberstab, Bellatrix«, sagte Snape kühl.

Sie zog ihn hervor, noch immer verblüfft.

»Und komm ein wenig näher«, sagte er.

Sie trat ein paar Schritte vor, so dass sie über ihnen stand, und legte die Spitze ihres Zauberstabs auf ihre verschränkten Hände.

Narzissa ergriff das Wort.

»Wirst du, Severus, über meinen Sohn Draco wachen, wenn er versucht, die Wünsche des Dunklen Lords zu erfüllen?«

»Das werde ich«, sagte Snape.

Eine dünne leuchtende Flamme züngelte aus dem Zauberstab hervor und schlang sich wie ein rot glühender Draht um ihre Hände.

»Und wirst du ihn mit all deinen Kräften vor Gefahren schützen?«

»Das werde ich«, sagte Snape.

Eine zweite Flammenzunge schoss aus dem Zauberstab und verband sich mit der ersten zu einer feinen glühenden Kette.

»Und sollte es sich als notwendig erweisen … wenn Draco zu scheitern droht …«, flüsterte Narzissa (Snapes Hand zuckte in ihrer, doch er zog sie nicht zurück), »wirst du selbst die Tat ausführen, die der Dunkle Lord Draco anbefohlen hat?«

Ein Augenblick der Stille trat ein. Bellatrix beobachtete die beiden mit aufgerissenen Augen, den Zauberstab auf ihren verschränkten Händen.

»Das werde ich«, sagte Snape.

Bellatrix' verblüfftes Gesicht erglühte rot im Schein einer dritten Flammenzunge, die aus dem Zauberstab schoss, sich in die anderen flocht und sich dick um ihre verschränkten Hände wickelte, wie ein Tau, wie eine brennende Schlange.

Wollen und Nichtwollen

Harry Potter schnarchte laut. Er hatte fast vier Stunden lang auf einem Stuhl neben seinem Zimmerfenster gesessen und auf die Straße hinausgestarrt, die immer finsterer wurde, und schließlich war er eingeschlafen, das Gesicht seitlich gegen die kalte Fensterscheibe gepresst, die Brille schief auf der Nase und den Mund weit offen. Der trübe Beschlag, den sein Atem auf dem Fenster hinterlassen hatte, glänzte in dem orangeroten Schein der Straßenlaterne draußen, und durch das künstliche Licht verlor sein Gesicht alle Farbe, so dass er unter seinem zerzausten schwarzen Haarschopf wie ein Gespenst aussah.

Überall im Zimmer waren diverse Habseligkeiten verstreut und dazu jede Menge Abfall. Eulenfedern, Apfelreste und Bonbonpapiere bedeckten den Fußboden, etliche Zauberbücher lagen wie Kraut und Rüben zwischen den verknäuelten Umhängen auf seinem Bett, und in einem Lichtkegel auf seinem Schreibtisch herrschte ein Durcheinander von Zeitungen. Eine der Schlagzeilen verkündete sensationsheischend:

HARRY POTTER: DER AUSERWÄHLTE?

Es sind nach wie vor Gerüchte im Umlauf über den jüngsten mysteriösen Vorfall im Zaubereiministerium, bei dem Er, dessen Name nicht genannt werden darf, erneut gesichtet wurde.

»Wir dürfen nicht darüber sprechen, stellen Sie mir keine Fragen«, sagte ein aufgeregter Vergissmich, der seinen Namen nicht angeben wollte, als er gestern Abend das Ministerium verließ.

Nichtsdestotrotz bestätigen hochrangige Quellen innerhalb des Ministeriums, dass der Vorfall sich hauptsächlich in der sagenumwobenen Halle der Prophezeiung abspielte.

Während Zauberersprecher des Ministeriums sich bislang weigern, auch nur die Existenz eines solchen Ortes zu bestätigen, sind immer mehr Mitglieder der Zauberergemeinschaft davon überzeugt, dass jene Todesser, die inzwischen Strafen wegen Hausfriedensbruch und versuchten Diebstahls in Askaban absitzen, dort eine Prophezeiung zu stehlen versuchten. Der Inhalt dieser Prophezeiung ist unbekannt, allerdings treten gehäuft Spekulationen auf, wonach sie Harry Potter betrifft, die einzige bekannte Person, die je den Todesfluch überlebt hat und von dem man auch weiß, dass er in der fraglichen Nacht im Ministerium war. Manche gehen so weit, Potter als den »Auserwählten« zu bezeichnen. Sie glauben, dass die Prophezeiung ihn als den Einzigen benennt, der fähig sein wird, uns von Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, zu befreien.

Wo sich die Prophezeiung gegenwärtig befindet, falls sie existiert, ist unbekannt, obwohl (Forts. Seite 2, Spalte 5)

Neben dieser Zeitung lag eine zweite. Sie trug die Schlagzeile:

SCRIMGEOUR NACHFOLGER VON FUDGE

Den größten Teil ihrer Titelseite beanspruchte das riesige Schwarzweißfoto eines Mannes mit einer üppigen Löwenmähne und einem ziemlich zerfurchten Gesicht. Das Bild bewegte sich – der Mann winkte zur Decke.

Rufus Scrimgeour, vormals Leiter des Aurorenbüros in der Abteilung für Magische Strafverfolgung, hat die Nachfolge von Cornelius Fudge als Zaubereiminister angetreten. Die Ernennung wurde von der Zauberergemeinschaft überwiegend mit Begeisterung aufgenommen, obwohl nur wenige Stunden nach der Amtsübernahme durch Scrimgeour Gerüchte aufkamen, es gebe einen Konflikt zwischen dem neuen Minister und Albus Dumbledore, dem jüngst wieder eingesetzten Großmeister des Zaubergamots.

Scrimgeours Sprecher räumten ein, dass er sofort nach der Übernahme des höchsten Amtes mit Dumbledore zusammengetroffen sei, wollten jedoch zu den erörterten Fragen keine Stellung nehmen. Albus Dumbledore ist bekanntlich (Forts. Seite 3, Spalte 2)

Links neben dieser Zeitung lag eine weitere, die so gefaltet war, dass ein Artikel mit der Überschrift »MINISTERIUM GARANTIERT SICHERHEIT DER SCHÜLER« zu sehen war.

Der gerade ernannte Zaubereiminister, Rufus Scrimgeour, sprach heute über die neuen, harten Maßnahmen seines Ministeriums, durch die den Schülern, die im Herbst an die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei zurückkehren werden, Sicherheit gewährleistet werden soll.

»Aus nahe liegenden Gründen wird das Ministerium keine Einzelheiten seines strengen neuen Sicherheitsplans nennen«, sagte der Minister, ein Insider im Ministerium bestätigte jedoch, dass zu den Maßnahmen Abwehrzauber und Defensivbeschwörungen gehören, eine Reihe komplizierter Gegenflüche und eine kleine Sondereinheit von Auroren, die sich ausschließlich dem Schutz der Hogwarts-Schule widmen soll.

Die Mehrheit fühlt sich durch die harte Gangart des neuen Ministers in puncto Schülersicherheit offenbar beruhigt. Mrs Augusta Longbottom erklärte: »Mein Enkel Neville – übrigens ein guter Freund von Harry Potter, er hat im Juni an seiner Seite im Ministerium gegen die Todesser gekämpft und –

Doch der Rest des Berichts wurde von einem großen Vogelkäfig verdeckt, der auf der Zeitung stand. Im Käfig saß eine prächtige Schneeeule. Mit ihren bernsteinfarbenen Augen inspizierte sie gebieterisch das Zimmer, dabei drehte sie manchmal den Kopf und starrte ihren schnarchenden Herrn an. Das ein oder andere Mal klackerte sie ungeduldig mit dem Schnabel, aber Harry schlief so tief, dass er sie nicht hörte.

Ein großer Schrankkoffer stand genau in der Mitte des Zimmers. Sein Deckel war offen: Er wirkte erwartungsvoll, doch er war fast leer bis auf ein bisschen alte Unterwäsche, Süßigkeiten, leere Tintenfässer und zerbrochene Federn, die seinen Boden bedeckten. Neben ihm auf dem Fußboden lag ein violettes Merkblatt, auf dem die Worte prangten:

Herausgegeben im Auftrag des Zaubereiministeriums ZUM SCHUTZ IHRES HAUSES UND IHRER FAMILIE VOR DEN DUNKLEN KRÄFTEN

Die Zauberergemeinschaft wird gegenwärtig von einer Organisation bedroht, die sich die Todesser nennt. Die Beachtung der folgenden einfachen Sicherheitsrichtlinien wird Ihnen helfen, sich selbst, Ihre Familie und Ihr Haus vor Angriffen zu schützen.

1. Wir raten Ihnen, das Haus nicht allein zu verlassen.

2. Besondere Vorsicht sollten Sie während der Nachtstunden walten lassen. Wann immer möglich, richten Sie es so ein, dass Ihre Reisen vor Einbruch der Dunkelheit beendet sind.

3. Überprüfen Sie die Sicherheitsvorkehrungen rund um Ihr Haus und sorgen Sie dafür, dass sämtliche Familienmitglieder mit Notfallmaßnahmen wie Schild- und Desillusionierungszaubern vertraut sind sowie, im Falle von minderjährigen Familienmitgliedern, mit dem Seit-an-Seit-Apparieren.

4. Stimmen Sie sich in Sicherheitsfragen mit engen Freunden und Verwandten ab, damit Sie Todesser, die sich mit Hilfe des Vielsaft-Tranks (siehe Seite 2) als andere ausgeben, erkennen können.

5. Sollten Sie den Eindruck haben, dass ein Familienmitglied, Kollege, Freund oder Nachbar sich sonderbar verhalten, wenden Sie sich sofort an das Kommando der Magischen Strafverfolgung. Die betreffenden Personen stehen möglicherweise unter dem Imperius-Fluch (siehe Seite 4).

6. Sollte das Dunkle Mal über einem Wohnhaus oder einem anderen Gebäude erscheinen, BETRETEN SIE ES NICHT, sondern wenden Sie sich unverzüglich an das Aurorenbüro.

7. Nicht bestätigte Sichtungen lassen vermuten, dass die Todesser jetzt möglicherweise Inferi einsetzen (siehe Seite 10). Jegliche Sichtung eines Inferius, oder das Zusammentreffen mit einem solchen, ist UNVERZÜGLICH dem Ministerium zu melden.

Harry stöhnte im Schlaf und sein Gesicht rutschte ein paar Zentimeter am Fenster hinunter, was seine Brille noch schiefer rückte, doch er wachte nicht auf. Ein Wecker, den Harry vor mehreren Jahren repariert hatte, tickte laut auf dem Fenstersims, er zeigte eine Minute vor elf. Daneben war ein Bogen Pergament zu sehen, den Harry locker in der Hand hielt, bedeckt mit feiner, schräger Schrift. Harry hatte diesen Brief, seit er vor drei Tagen eingetroffen war, so oft gelesen, dass er, obwohl er fest eingerollt angekommen war, jetzt ganz flach dalag.

Lieber Harry,

wenn es dir passt, werde ich nächsten Freitag um elf Uhr abends im Ligusterweg Nummer vier vorbeikommen, um dich zum Fuchsbau zu begleiten. Du bist eingeladen, den Rest deiner Schulferien dort zu verbringen.

Wenn du einverstanden bist, wäre ich auch froh über deine Hilfe in einer Angelegenheit, die ich hoffentlich auf dem Weg zum Fuchsbau erledigen kann. Ich werde das genauer erklären, wenn wir uns sehen.

Bitte schicke deine Antwort eulenwendend. In der Hoffnung, dich Freitag zu sehen, verbleibe ich mit herzlichen Grüßen dein

Albus Dumbledore

Obwohl er dieses Schreiben bereits auswendig kannte, hatte Harry seit sieben Uhr an diesem Abend alle paar Minuten verstohlen daraufgeschaut, nachdem er am Zimmerfenster Stellung bezogen hatte, von wo aus man beide Enden des Ligusterwegs recht gut einsehen konnte. Er wusste, dass es sinnlos war, Dumbledores Worte immer wieder zu lesen. Harry hatte, wie gewünscht, sein »Ja« mit der Eule zurückgeschickt, die den Brief gebracht hatte, und nun konnte er nichts weiter tun als warten: Entweder kam Dumbledore oder er kam nicht.

Aber gepackt hatte Harry nicht. Es schien ihm einfach zu schön, um wahr zu sein, dass er nach nur zwei Wochen von der Gesellschaft der Dursleys befreit werden sollte. Er wurde das Gefühl nicht los, irgendetwas würde schief gehen – vielleicht war seine Antwort auf Dumbledores Brief verloren gegangen; Dumbledore wurde womöglich am Kommen gehindert und konnte ihn nicht abholen; vielleicht stammte der Brief am Ende gar nicht von Dumbledore, sondern war eine List oder ein Scherz oder eine Falle. Harry hatte es nicht über sich gebracht, schon alles einzupacken, um dann enttäuscht zu werden und wieder auspacken zu müssen. Das Einzige, was er für eine möglicherweise bevorstehende Reise unternommen hatte, war, seine Schneeeule Hedwig sicher in ihren Käfig zu sperren.

Der Minutenzeiger des Weckers erreichte die Zwölf, und genau in diesem Moment erlosch draußen vor dem Fenster die Straßenlaterne.

Harry erwachte, als wäre die plötzliche Dunkelheit ein Weckerläuten. Hastig rückte er seine Brille gerade und löste seine Wange von der Scheibe, drückte nun die Nase ans Fenster und spähte hinunter auf den Bürgersteig. Eine große Gestalt mit einem langen, wehenden Umhang kam den Gartenweg entlang.

Harry sprang auf, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen, stieß seinen Stuhl um und fing an, alles in seiner Reichweite vom Boden zu schnappen und in den Koffer zu schleudern. Gerade als er eine Garnitur Umhänge, zwei Zauberbücher und eine Packung Chips in hohem Bogen durchs Zimmer warf, läutete es an der Haustür.

Unten im Wohnzimmer rief sein Onkel Vernon: »Wer zum Teufel ist das, so spät in der Nacht?«

Harry erstarrte, ein Messingteleskop in der einen und ein Paar Turnschuhe in der anderen Hand. Er hatte völlig vergessen, den Dursleys zu sagen, dass Dumbledore vielleicht kommen würde. Panisch und zugleich dem Lachen nahe, kletterte er über den Koffer und riss gerade noch rechtzeitig die Tür auf, um eine tiefe Stimme sagen zu hören: »Guten Abend. Sie müssen Mr Dursley sein. Ich bin sicher, Harry hat Ihnen erzählt, dass ich ihn abholen komme?«

Harry sprang, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter, blieb jedoch, kurz bevor er unten war, schlagartig stehen, denn lange Erfahrung hatte ihn gelehrt, möglichst außerhalb der Reichweite seines Onkels zu bleiben. Dort im Eingang stand ein großer, dünner Mann mit hüftlangem silbernem Haar und Bart. Er hatte eine Halbmondbrille auf seiner Hakennase und trug einen langen schwarzen Reiseumhang und einen Spitzhut. Vernon Dursley, dessen Schnurrbart zwar schwarz, aber genauso buschig war wie der von Dumbledore und der einen braunroten Morgenmantel anhatte, starrte den Besucher an, als würde er seinen winzigen Augen nicht trauen.

»Wenn ich Ihre ungläubig verdutzte Miene richtig deute, hat Harry Ihnen nicht angekündigt, dass ich komme«, sagte Dumbledore freundlich. »Aber lassen Sie uns doch einfach annehmen, dass Sie mich herzlich in Ihr Haus eingeladen haben. In diesen schweren Zeiten ist es unklug, allzu lange auf Türstufen zu verweilen.«

Er trat flink über die Schwelle und schloss die Tür hinter sich.

»Es ist lange her, dass ich zum letzten Mal hier war«, sagte Dumbledore und sah über seine Hakennase auf Onkel Vernon hinab. »Ich muss sagen, Ihr Agapanthus gedeiht prächtig.«

Vernon Dursley sagte überhaupt nichts. Harry zweifelte nicht daran, dass er die Sprache wiederfinden würde, und zwar bald – die Ader, die an der Schläfe seines Onkels pulsierte, erreichte gerade den Gefahrenpunkt –, doch etwas an Dumbledore schien ihm zeitweilig den Atem geraubt zu haben. Vielleicht war es die Tatsache, dass seine Erscheinung so offenkundig die eines Zauberers war, aber es konnte auch sein, dass sogar Onkel Vernon spürte, dass er hier einen Mann vor sich hatte, der sich wohl kaum schikanieren ließ.

»Ah, guten Abend, Harry«, sagte Dumbledore und blickte mit höchst zufriedener Miene durch seine Halbmondbrille zu ihm auf. »Bestens, bestens.«

Diese Worte schienen Onkel Vernon wachzurütteln. Für ihn war es völlig klar, dass jeder, der bei Harrys Anblick »bestens« sagte, von ihm nie als gleichrangiger Mensch behandelt werden konnte.

»Ich will nicht unhöflich sein - « begann er in einem Ton, der mit jeder Silbe Unhöflichkeit androhte.

»Aber leider kommt versehentliche Unhöflichkeit erschreckend häufig vor«, beendete Dumbledore den Satz mit ernster Stimme. »Am besten, Sie sagen gar nichts, guter Mann. Ah, und das muss Petunia sein.«

Die Küchentür war aufgegangen und Harrys Tante erschien mit Gummihandschuhen und einem Morgenrock über ihrem Nachthemd, offenbar gerade dabei, alle Küchenoberflächen vor dem Schlafengehen wie üblich noch mal kurz abzuwischen. Auf ihrem ziemlich pferdeartigen Gesicht stand das blanke Entsetzen.

»Albus Dumbledore«, sagte Dumbledore, als Onkel Vernon keine Vorstellung zustande brachte. »Wir haben ja schon miteinander korrespondiert.« Harry hielt das für eine komische Art, Tante Petunia daran zu erinnern, dass er ihr einmal einen explodierenden Brief geschickt hatte, aber Tante Petunia störte sich nicht an der Ausdrucksweise. »Und das muss Ihr Sohn Dudley sein?«

Dudley hatte in diesem Moment durch die Wohnzimmertür gelugt. Sein großer blonder Kopf, der aus dem gestreiften Kragen seines Pyjamas ragte, wirkte merkwürdig losgelöst von seinem Körper, sein Mund stand verblüfft und ängstlich offen. Dumbledore wartete einige Augenblicke, ob vielleicht einer von den Dursleys etwas sagen würde, doch als die Stille immer länger dauerte, lächelte er.

»Sollen wir mal annehmen, dass Sie mich in Ihr Wohnzimmer gebeten haben?«

Dudley stürzte aus dem Weg, als Dumbledore an ihm vorbeiging. Harry, noch immer das Teleskop und die Turnschuhe in den Händen, sprang die letzten Stufen hinunter und folgte Dumbledore, der sich in dem Sessel ganz nahe beim Kamin niedergelassen hatte und seine Umgebung mit wohlwollendem Interesse auf sich wirken ließ. Er schien außerordentlich fehl am Platz.

»Wollen – wollen wir nicht aufbrechen, Sir?«, fragte Harry besorgt.

»Ja, in der Tat, aber es gibt einige Dinge, die wir zuvor noch besprechen müssen«, sagte Dumbledore. »Und ich möchte dies lieber nicht draußen unter freiem Himmel tun. Wir werden die Gastfreundschaft deiner Tante und deines Onkels nur noch für eine kleine Weile in Anspruch nehmen.«

»Das werden Sie?«

Vernon Dursley hatte das Zimmer betreten, Petunia an seiner Seite, und Dudley schlich ihnen hinterher.

»Ja«, sagte Dumbledore nur. »Das werde ich.«

Er zog seinen Zauberstab so schnell, dass Harry es kaum sah; nach einem lässigen Schlenker sauste das Sofa nach vorne und rammte allen drei Dursleys in die Kniekehlen, so dass sie daraufplumpsten und übereinander purzelten. Nach einem weiteren Schlenker des Zauberstabs rutschte das Sofa an seinen ursprünglichen Platz zurück.

»Jetzt können wir es uns auch gemütlich machen«, sagte Dumbledore vergnügt.

Als er den Zauberstab zurück in seine Tasche steckte, bemerkte Harry, dass seine Hand geschwärzt und runzlig war; es sah aus, als ob das Fleisch weggebrannt wäre.

»Sir – was ist mit Ihrer –?«

»Später, Harry«, sagte Dumbledore. »Setz dich bitte.«

Harry nahm den Sessel, der noch übrig war, und vermied es, zu den Dursleys hinüberzusehen, denen es offenbar vor Schreck die Sprache verschlagen hatte.

»Ich nehme mal an, dass Sie mir etwas zu trinken anbieten wollten«, sagte Dumbledore zu Onkel Vernon, »aber nach dem, was bisher passiert ist, scheint mir das optimistisch zu sein, ja geradezu töricht.«

Ein dritter Schlenker des Zauberstabs, und eine staubige Flasche und fünf Gläser erschienen in der Luft. Die Flasche neigte sich und goss eine großzügige Menge honigfarbener Flüssigkeit in jedes der Gläser, die daraufhin zu jeder Person im Zimmer schwebten.

»Madam Rosmertas bester, im Eichenfass gereifter Met«, sagte Dumbledore und prostete Harry zu, der sein eigenes Glas nahm und daran nippte. Er hatte noch nie etwas Derartiges gekostet, doch es schmeckte ihm ausgezeichnet. Die Dursleys hatten sich mit raschen und bangen Blicken angesehen und bemühten sich nun, ihre Gläser überhaupt nicht zu beachten, was ein schwieriges Unterfangen war, denn die Gläser stupsten sachte gegen ihre Schläfen. Harry kam unwillkürlich der Verdacht, dass Dumbledore sich ziemlich gut amüsierte.

»Nun, Harry«, sagte Dumbledore und wandte sich ihm zu, »es ist ein Problem aufgetreten und ich hoffe, dass du es für uns lösen kannst. Mit ›uns‹ meine ich den Orden des Phönix. Doch zunächst einmal muss ich dir sagen, dass vor einer Woche Sirius' Testament gefunden wurde und dass er dir alles vermacht hat, was er besaß.«

Drüben auf dem Sofa drehte Onkel Vernon den Kopf, aber Harry sah nicht zu ihm hin, und es fiel ihm auch nichts ein, was er sagen konnte, außer: »Oh. Gut.«

»Die Angelegenheit ist im Wesentlichen ziemlich einfach«, fuhr Dumbledore fort. »Du stockst dein Konto bei Gringotts mit einem erklecklichen Goldbetrag auf und erbst alle persönlichen Gegenstände von Sirius. Der etwas schwierige Teil der Erbschaft – «

»Sein Pate ist tot?«, rief Onkel Vernon laut vom Sofa herüber. Dumbledore und Harry drehten sich beide zu ihm um. Das Glas Met pochte nun recht beharrlich gegen Vernons Schläfe; er versuchte es wegzuschlagen. »Er ist tot? Sein Pate?«

»Ja«, sagte Dumbledore. Er fragte Harry nicht, warum er es den Dursleys nicht mitgeteilt hatte. »Unser Problem«, fuhr er zu Harry gewandt fort, als wären sie nicht unterbrochen worden, »hängt damit zusammen, dass Sirius dir auch Grimmauldplatz Nummer zwölf vermacht hat.«

»Er hat ein Haus geerbt?«, fragte Onkel Vernon begierig, und seine kleinen Augen verengten sich, doch niemand antwortete ihm.

»Sie können es weiterhin als Hauptquartier nutzen«, sagte Harry. »Das ist mir egal. Sie können es haben, ich will es eigentlich nicht.« Harry wollte nie wieder den Fuß über die Schwelle von Grimmauldplatz Nummer zwölf setzen, wenn es irgend ging. Er glaubte, dass ihn die Erinnerung an Sirius, der allein durch die dunklen muffigen Räume schlich, gefangen in dem Haus, das er so verzweifelt verlassen wollte, ewig verfolgen würde.

»Das ist großzügig«, sagte Dumbledore. »Wir haben das Gebäude allerdings vorübergehend geräumt.«

»Warum?«

»Nun«, sagte Dumbledore, ohne Onkel Vernons Murren zu beachten, dem das beharrliche Metglas inzwischen hart gegen den Kopf schlug, »die Familientradition der Blacks bestimmte, dass das Haus in direkter Linie vererbt werden müsse, an den jeweils nächsten männlichen Nachkommen mit dem Namen Black. Sirius war der letzte Nachkomme der Familie, da sein jüngerer Bruder Regulus vor ihm starb und beide keine Kinder hatten. Obwohl sein Testament eindeutig besagt, dass er dir das Haus vermachen will, ist es trotzdem möglich, dass es mit irgendeinem Fluch oder Zauber belegt wurde, damit es ganz sicher von keinem anderen als von einem Reinblüter in Besitz genommen werden kann.«

Ein lebhaftes Bild von dem kreischenden und keifenden Porträt von Sirius' Mutter, das in der Eingangshalle von Grimmauldplatz Nummer zwölf hing, schoss Harry durch den Kopf. »Darauf wette ich«, sagte er.

»Eben«, sagte Dumbledore. »Und wenn ein solcher Zauber existiert, dann wird das Haus höchstwahrscheinlich in den Besitz der ältesten lebenden Verwandten von Sirius übergehen, das heißt an seine Cousine Bellatrix Lestrange.«

Ohne zu merken, was er tat, sprang Harry auf; das Teleskop und die Turnschuhe in seinem Schoß rollten über den Boden. Bellatrix Lestrange, Sirius' Mörderin, sollte sein Haus erben?

»Nein«, sagte er.

»Nun, natürlich wäre es auch uns lieber, wenn sie es nicht bekäme«, sagte Dumbledore ruhig. »Die Lage ist äußerst kompliziert. Wir wissen nicht, ob die Zauber, die wir selbst auf das Haus gelegt haben, zum Beispiel, dass es unaufspürbar ist, jetzt noch wirksam sind, wenn es nicht mehr in Sirius' Händen ist. Es kann sein, dass Bellatrix jeden Augenblick vor der Tür auftaucht. Natürlich mussten wir ausziehen, bis zu dem Zeitpunkt, da wir die Sache geklärt haben.«

»Aber wie wollen Sie rausfinden, ob ich es besitzen darf?«

»Zum Glück«, sagte Dumbledore, »gibt es einen einfachen Test.«

Er stellte sein leeres Glas auf ein Tischchen neben seinem Sessel, doch noch ehe er sonst etwas tun konnte, rief Onkel Vernon: »Schaffen Sie uns diese verdammten Dinger vom Hals!«

Harry drehte sich um. Alle drei Dursleys saßen geduckt da, die Arme über dem Kopf, während die Gläser auf ihren Schädeln auf- und abhüpften und ihren Inhalt durchs ganze Zimmer spritzten.

»Oh, das tut mir sehr Leid«, sagte Dumbledore höflich und hob erneut seinen Zauberstab. Alle drei Gläser verschwanden. »Aber sie hätten bessere Manieren gezeigt, wenn Sie etwas getrunken hätten, ehrlich.«

Es sah aus, als lägen Onkel Vernon alle möglichen unfreundlichen Erwiderungen auf der Zunge, doch er sank nur zu Tante Petunia und Dudley in die Kissen zurück und schwieg, die Schweinsäuglein auf Dumbledores Zauberstab geheftet.

»Sieh mal«, sagte Dumbledore und wandte sich wieder an Harry, als hätte sich Onkel Vernon nicht gerührt, »wenn du das Haus tatsächlich geerbt hast, dann gehört dir auch – «

Er ließ zum fünften Mal seinen Zauberstab schlenkern. Es gab einen lauten Knall und ein Hauself erschien; er hatte eine Schnauze statt einer Nase, riesige Fledermausohren und gewaltige blutunterlaufene Augen. Er kauerte in dreckigen Lumpen auf dem Zottelteppich der Dursleys. Tante Petunia stieß einen markerschütternden Schrei aus: Noch nie im Leben war ihr etwas so Schmutziges ins Haus gekommen. Dudley hob seine großen nackten rosa Füße vom Boden und streckte sie beinahe über den Kopf, als glaubte er, dieses Wesen könne ihm die Pyjamahosen hinaufkrabbeln, und Onkel Vernon brüllte: »Was zur Hölle ist das?«

»Kreacher«, schloss Dumbledore.

»Kreacher will nicht, Kreacher will nicht, Kreacher will nicht!«, krächzte der Hauself, genauso laut wie Onkel Vernon, er stampfte mit seinen langen knorrigen Füßen auf und zog sich an den Ohren. »Kreacher gehört Miss Bellatrix, o ja, Kreacher gehört den Blacks, Kreacher will seine neue Herrin, Kreacher geht nicht zu dem Potter-Balg, Kreacher will nicht, will nicht, will nicht – «

»Wie du siehst, Harry«, sagte Dumbledore laut über Kreachers anhaltendes »will nicht, will nicht, will nicht«-Gekrächze hinweg, »zeigt Kreacher eine gewisse Abneigung, in deinen Besitz überzugehen.«

»Das ist mir egal«, sagte Harry erneut und betrachtete voller Abscheu den sich windenden, mit den Füßen stampfenden Hauselfen. »Ich will ihn nicht haben.«

»Will nicht, will nicht, will nicht, will nicht«

»Wäre es dir lieber, wenn er in den Besitz von Bellatrix Lestrange überginge? Wohl wissend, dass er nun ein Jahr lang im Hauptquartier des Phönixordens gelebt hat?«

»Will nicht, will nicht, will nicht, will nicht«

Harry starrte Dumbledore an. Er wusste, dass man Kreacher nicht erlauben konnte, bei Bellatrix Lestrange zu leben, doch die Vorstellung, ihn zu besitzen, verantwortlich zu sein für die Kreatur, die Sirius verraten hatte, widerte ihn an.

»Gib ihm einen Befehl«, sagte Dumbledore. »Wenn er jetzt dir gehört, wird er gehorchen müssen. Wenn nicht, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen, wie wir ihn von seiner rechtmäßigen Herrin fern halten.«

»Will nicht, will nicht, will nicht, WILL NICHT!«

Kreachers Stimme war zu einem Schreien angeschwollen. Harry fiel nichts ein, was er sagen konnte, außer: »Kreacher, halt den Mund!«

Einen Moment lang sah es so aus, als würde Kreacher ersticken. Er griff sich an die Gurgel, sein Mund bewegte sich immer noch wild und die Augen quollen hervor. Nachdem er einige Sekunden lang panisch gewürgt hatte, warf er sich mit dem Gesicht auf den Teppich (Tante Petunia wimmerte), schlug mit Händen und Füßen auf den Boden und gab sich einem heftigen, aber vollkommen stummen Wutanfall hin.

»Nun, das macht das Ganze leichter«, sagte Dumbledore gut gelaunt. »Sirius wusste offensichtlich, was er tat. Du bist der rechtmäßige Eigentümer von Grimmauldplatz Nummer zwölf und von Kreacher.«

»Muss ich – muss ich ihn bei mir behalten?«, fragte Harry entsetzt, während Kreacher zu seinen Füßen auf den Boden eindrosch.

»Nein, wenn du nicht willst«, sagte Dumbledore. »Wenn ich dir einen Vorschlag machen darf – du könntest ihn nach Hogwarts schicken, damit er dort in der Küche arbeitet. So könnten die anderen Hauselfen ihn im Auge behalten.«

»Ja«, sagte Harry erleichtert, »ja, das mach ich. Ähm – Kreacher – ich will, dass du nach Hogwarts gehst und dort mit den anderen Hauselfen in der Küche arbeitest.«

Kreacher, der inzwischen flach auf dem Rücken lag und alle viere in die Luft streckte, warf Harry kopfüber einen Blick voll abgrundtiefem Hass zu und verschwand mit einem weiteren lauten Knall.

»Gut«, sagte Dumbledore. »Dann wäre da noch die Sache mit dem Hippogreif, Seidenschnabel. Hagrid hat sich nach Sirius' Tod um ihn gekümmert, aber Seidenschnabel gehört jetzt dir, wenn du also lieber andere Anordnungen treffen willst – «

»Nein«, sagte Harry sofort, »er kann bei Hagrid bleiben. Ich glaube, Seidenschnabel ist das lieber.«

»Hagrid wird sich freuen«, sagte Dumbledore lächelnd. »Er war ganz begeistert, Seidenschnabel wiederzusehen. Übrigens haben wir im Interesse von Seidenschnabels Sicherheit entschieden, ihn vorläufig Federflügel zu nennen, obwohl ich bezweifle, dass das Ministerium jemals darauf kommen würde, dass er der Hippogreif ist, den es einst zum Tode verurteilt hat. Nun, Harry, ist dein Koffer gepackt?«

»Ähm …«

»Warst wohl nicht sicher, ob ich auftauchen würde?«, vermutete Dumbledore scharfsinnig.

»Ich geh nur kurz und – äh – pack fertig«, sagte Harry eilig und hob schnell sein Teleskop und die Turnschuhe vom Boden auf.

Er brauchte kaum mehr als zehn Minuten, um alles zusammenzusuchen, was er benötigte; und schließlich hatte er es geschafft, seinen Tarnumhang unter dem Bett hervorzuziehen, hatte den Verschluss auf das Glas mit der Farbwechsel-Tinte geschraubt und den Kofferdeckel über seinen Kessel gezwängt und zugeschlossen. Mit der einen Hand den Koffer schleppend, mit der anderen Hedwigs Käfig, stieg er dann wieder die Treppe hinunter.

Enttäuscht stellte er fest, dass Dumbledore nicht im Flur wartete, was bedeutete, dass er ins Wohnzimmer zurückmusste.

Niemand redete. Dumbledore summte leise, offenbar ganz entspannt, doch die Luft war dicker als kalte Vanillesoße, und Harry wagte es nicht, die Dursleys anzuschauen, als er sagte: »Professor – ich bin jetzt fertig.«

»Gut«, sagte Dumbledore. »Dann nur noch eine letzte Sache.« Und er wandte sich noch einmal an die Dursleys. »Wie Ihnen sicher bewusst ist, wird Harry in einem Jahr volljährig – «

»Nein«, sagte Tante Petunia und sprach damit zum ersten Mal seit Dumbledores Ankunft.

»Wie bitte?«, sagte Dumbledore höflich.

»Nein, wird er nicht. Er ist einen Monat jünger als Dudley und Dudders wird erst übernächstes Jahr achtzehn.«

»Ah«, sagte Dumbledore freundlich, »aber in der Zaubererwelt wird man mit siebzehn volljährig.«

Onkel Vernon murmelte »Lachhaft«, aber Dumbledore beachtete ihn nicht.

»Nun, wie Sie bereits wissen, ist der Zauberer namens Lord Voldemort in dieses Land zurückgekehrt. Die Zauberergemeinschaft befindet sich gegenwärtig in offenem Kriegszustand. Harry, den Lord Voldemort bereits mehrmals zu töten versucht hat, ist im Augenblick sogar in noch größerer Gefahr als an dem Tag vor fünfzehn Jahren, als ich ihn vor Ihre Tür legte mit einem Brief, in dem ich von dem Mord an seinen Eltern berichtete und die Hoffnung zum Ausdruck brachte, dass Sie für ihn sorgen würden, als wäre er Ihr eigener Sohn.«

Dumbledore hielt inne, und obwohl seine Stimme sanft und ruhig blieb und er kein deutliches Zeichen von Wut preisgab, spürte Harry eine Art Kälte von ihm ausgehen und bemerkte, dass die Dursleys ein klein wenig näher zusammenrückten.

»Sie haben nicht getan, worum ich Sie gebeten habe. Sie haben Harry nie wie einen Sohn behandelt. Er hat nichts als Vernachlässigung und häufig Grausamkeit von Ihnen erfahren. Das Beste, was man sagen könnte, ist, dass er wenigstens nicht den entsetzlichen Schaden davongetragen hat, den Sie dem unglücklichen Jungen zugefügt haben, der zwischen Ihnen sitzt.«

Tante Petunia und Onkel Vernon drehten beide instinktiv den Kopf seitwärts, als erwarteten sie, jemand anderen als Dudley zwischen ihnen eingezwängt zu sehen.

»Wir – Dudders misshandelt? Was fällt Ihnen –?«, fing Onkel Vernon wütend an, doch Dumbledore gebot ihm mit erhobenem Finger zu schweigen, und dieses Schweigen trat so jäh ein, als hätte er Onkel Vernon mit Stummheit geschlagen.

»Der Zauber, den ich vor fünfzehn Jahren heraufbeschworen habe, bewirkt, dass Harry unter starkem Schutz steht, solange er dieses Haus noch sein Zuhause nennen kann. Wie unglücklich und wie wenig willkommen er auch immer hier war und wie schlecht er auch behandelt wurde, Sie haben ihn zumindest widerwillig in diesem Haus aufgenommen. Dieser Zauber verliert seine Wirksamkeit, wenn Harry siebzehn wird; mit anderen Worten, wenn er ein Mann wird. Ich bitte Sie nur um eines: Gestatten Sie Harry vor seinem siebzehnten Geburtstag noch einmal, in dieses Haus zurückzukehren, denn damit ist gewährleistet, dass der Schutz bis zu diesem Zeitpunkt anhält.«

Keiner der Dursleys sagte ein Wort. Dudley runzelte leicht die Stirn, als versuchte er immer noch herauszufinden, wann er je misshandelt worden war. Onkel Vernon sah aus, als ob ihm etwas in der Kehle steckte; Tante Petunia jedoch war merkwürdig rot im Gesicht.

»Nun, Harry … Zeit, dass wir gehen«, sagte Dumbledore endlich, erhob sich und straffte seinen langen schwarzen Umhang. »Bis zu unserem nächsten Treffen«, sagte er zu den Dursleys, die dreinschauten, als könnte dieses Treffen, wenn es nach ihnen ging, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten. Dann zog Dumbledore den Hut und rauschte aus dem Zimmer.

»Tschüss«, sagte Harry hastig zu den Dursleys und folgte Dumbledore, der neben Harrys Koffer stehen blieb, auf dem Hedwigs Käfig thronte.

»Diese Sachen wären uns jetzt nur hinderlich«, sagte er und zückte erneut seinen Zauberstab. »Ich schicke sie zum Fuchsbau, dort können sie bleiben, bis wir kommen. Allerdings möchte ich, dass du deinen Tarnumhang mitnimmst … nur für alle Fälle.«

Harry zog mühsam seinen Tarnumhang aus dem Koffer und versuchte dabei zu verhindern, dass Dumbledore das Chaos darin sah. Als er den Umhang in eine Innentasche seiner Jacke gestopft hatte, schwang Dumbledore seinen Zauberstab, und Koffer, Käfig und Hedwig verschwanden. Dann schwang Dumbledore seinen Zauberstab erneut, und die Haustür öffnete sich in eine kühle, neblige Dunkelheit.

»Und jetzt, Harry, hinaus in die Nacht und dem Abenteuer hinterher, dieser launischen Verführerin!«

Horace Slughorn

Obwohl Harry in den vergangenen Tagen jede wache Minute in der verzweifelten Hoffnung verbracht hatte, Dumbledore würde tatsächlich kommen und ihn abholen, fühlte er sich ausgesprochen unbehaglich, als sie aufbrachen und zusammen den Ligusterweg entlanggingen. Er hatte außerhalb von Hogwarts bisher noch nie richtig mit seinem Schulleiter gesprochen; normalerweise stand ein Schreibtisch zwischen ihnen. Zudem stieg immer wieder die Erinnerung an ihre letzte persönliche Begegnung in ihm auf, was Harrys Verlegenheit noch verstärkte. Er war damals sehr laut geworden, ganz zu schweigen davon, dass er sich alle Mühe gegeben hatte, einige von Dumbledores kostbarsten Sachen zu demolieren.

Dumbledore schien jedoch völlig gelassen.

»Halt den Zauberstab bereit, Harry«, sagte er munter.

»Aber ich dachte, ich darf außerhalb der Schule nicht zaubern, Sir?«

»Wenn es zu einem Angriff kommt«, entgegnete Dumbledore, »gebe ich dir die Erlaubnis, jeden Bannbrecher oder Gegenfluch einzusetzen, der dir einfällt. Allerdings glaube ich nicht, dass du befürchten musst, heute Abend angegriffen zu werden.«

»Warum nicht, Sir?«

»Du bist mit mir zusammen«, sagte Dumbledore schlicht. »Das genügt, Harry.«

Am Ende des Ligusterwegs blieb er jäh stehen.

»Du hast deine Prüfung im Apparieren selbstverständlich noch nicht abgelegt?«, fragte er.

»Nein«, sagte Harry. »Ich dachte, man muss siebzehn sein?«

»Ganz genau«, sagte Dumbledore. »Deshalb solltest du dich jetzt gut an meinem Arm festhalten. Am linken, wenn du nichts dagegen hast – wie du bemerkt hast, ist mein Zauberstabarm im Augenblick ein wenig schwach.«

Harry packte Dumbledores Unterarm, den er ihm anbot.

»Sehr gut«, sagte Dumbledore. »Also, dann los.«

Harry merkte, wie Dumbledores Arm sich von ihm wegbog, und griff umso fester zu. Das Nächste, was er spürte, war, dass alles schwarz wurde; von allen Seiten presste es sehr heftig gegen ihn; er konnte nicht atmen, eiserne Bänder schlossen sich um seine Brust; die Augäpfel wurden ihm in den Kopf getrieben; die Trommelfelle tiefer in seinen Schädel hineingedrückt, und dann –

Er sog in tiefen Zügen die kalte Nachtluft ein und öffnete die tränenden Augen. Er fühlte sich, als wäre er gerade durch einen sehr engen Gummischlauch gezwängt worden. Nach einigen Sekunden erst wurde ihm bewusst, dass der Ligusterweg verschwunden war. Er und Dumbledore befanden sich nun offenbar auf einem verlassenen Dorfplatz, in dessen Mitte ein altes Kriegerdenkmal und einige Bänke standen. Als er allmählich begriff, was er verspürt hatte, wurde Harry klar, dass er soeben zum ersten Mal in seinem Leben appariert war.

»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Dumbledore und blickte besorgt zu ihm hinab. »Das Gefühl ist tatsächlich ein wenig gewöhnungsbedürftig. «

»Mir geht's gut«, sagte Harry und rieb sich die Ohren, die sich anfühlten, als hätten sie den Ligusterweg eher ungern verlassen. »Aber ich glaub, Besen sind mir lieber.«

Dumbledore lächelte, zog seinen Reiseumhang ein wenig enger um den Hals und sagte: »Hier lang.«

Er ging in raschem Tempo los, vorbei an einem leeren Gasthaus und einigen Häusern. Die Uhr einer nahen Kirche zeigte fast Mitternacht.

»Übrigens, Harry«, sagte Dumbledore. »Deine Narbe … hat sie in letzter Zeit wehgetan?«

Harry fuhr sich unwillkürlich mit der Hand an die Stirn und rieb das blitzförmige Mal.

»Nein«, sagte er, »und ich habe mich schon darüber gewundert. Ich dachte, sie würde die ganze Zeit brennen, weil Voldemort jetzt wieder so mächtig ist.«

Er blickte zu Dumbledore hoch und sah den zufriedenen Ausdruck auf seinem Gesicht.

»Ich dagegen habe etwas anderes gedacht«, sagte Dumbledore. »Lord Voldemort hat endlich erkannt, dass du gefährlichen Zugang zu seinen Gedanken und Gefühlen hattest. Offenbar setzt er jetzt Okklumentik gegen dich ein.«

»Mir soll's recht sein«, sagte Harry, der weder die beunruhigenden Träume noch die erschreckend blitzartigen Einsichten in Voldemorts Geist vermisste.

Sie bogen um eine Ecke und kamen an einer Telefonzelle und einer überdachten Bushaltestelle vorbei. Harry sah wieder zu Dumbledore hinüber.

»Professor?«

»Harry?«

»Ähm – wo sind wir eigentlich?«

»Dies, Harry, ist das bezaubernde Dorf Budleigh Babberton.«

»Und was machen wir hier?«

»Ach ja, natürlich, das habe ich dir noch gar nicht erzählt«, sagte Dumbledore. »Nun, ich weiß nicht mehr, wie oft ich das in den letzten Jahren gesagt habe, aber unser Kollegium hat wieder einmal einen Lehrer zu wenig. Wir sind hier, um einen alten Kollegen von mir zu überreden, seinen Ruhestand zu unterbrechen und nach Hogwarts zurückzukehren.«

»Wie kann ich dabei helfen, Sir?«

»Oh, ich denke, wir werden dich schon gebrauchen können«, sagte Dumbledore vage. »Hier links, Harry.«

Sie gingen nun durch eine steile, enge und von Häusern gesäumte Straße. Alle Fenster waren dunkel. Die seltsame Kälte, die seit zwei Wochen über dem Ligusterweg gelegen hatte, herrschte auch hier. Bei dem Gedanken an Dementoren warf Harry einen Blick über die Schulter und umklammerte zur Beruhigung den Zauberstab in seiner Tasche.

»Professor, warum konnten wir nicht einfach direkt ins Haus Ihres alten Kollegen apparieren?«

»Weil das genauso unhöflich wäre, wie die Haustür einzutreten«, sagte Dumbledore. »Es ist ein Gebot der Höflichkeit, dass wir unseren Zauberergefährten die Möglichkeit geben, uns den Zutritt zu verweigern. Die meisten Zaubererwohnungen sind sowieso magisch vor unerwünschten Apparierern geschützt. In Hogwarts, beispielsweise – «

» kann man in den Gebäuden und auf dem Gelände nirgendwo apparieren«, sagte Harry rasch. »Hat mir Hermine Granger erzählt.«

»Und sie hat völlig Recht. Wir biegen wieder links ab.«

Die Kirchturmuhr hinter ihnen schlug Mitternacht. Harry fragte sich, warum Dumbledore es nicht für unhöflich hielt, seinen alten Kollegen so spät noch aufzusuchen, doch nun, da sie gerade richtig im Gespräch waren, hatte er dringendere Fragen zu stellen.

»Sir, ich hab im Tagespropheten gelesen, dass Fudge entlassen wurde …«

»Richtig«, sagte Dumbledore und bog jetzt in eine steil ansteigende Seitenstraße ein. »Er wurde, wie du sicher auch gelesen hast, durch Rufus Scrimgeour ersetzt, den vormaligen Leiter des Aurorenbüros.«

»Ist er … glauben Sie, dass er gut ist?«, fragte Harry.

»Eine interessante Frage«, erwiderte Dumbledore. »Er ist fähig, gewiss. Eine entschlossenere und stärkere Persönlichkeit als Cornelius.«

»Ja, aber ich meinte – «

»Ich weiß, was du meintest. Rufus ist ein Mann der Tat, und da er fast sein ganzes Berufsleben lang gegen schwarze Magier gekämpft hat, unterschätzt er Lord Voldemort nicht.«

Harry wartete, aber Dumbledore sagte nichts über den Konflikt mit Scrimgeour, von dem der Tagesprophet berichtet hatte, und er hatte keine Lust, das Thema weiterzuverfolgen, also wechselte er es.

»Und … Sir … ich hab auch von Madam Bones gelesen.«

»Ja«, sagte Dumbledore leise. »Ein schrecklicher Verlust. Sie war eine großartige Hexe. Jetzt hier hinauf, glaube ich – autsch.«

Er hatte mit seiner verletzten Hand nach oben gedeutet.

»Professor, was ist mit Ihrer –?«

»Ich habe jetzt keine Zeit, das zu erklären«, sagte Dumbledore. »Es ist eine spannende Geschichte, ich möchte ihr gerecht werden.«

Er lächelte Harry zu, der verstand, dass er damit keine Abfuhr erhalten hatte und weitere Fragen stellen durfte.

»Sir – ich habe per Eule ein Merkblatt des Zaubereiministeriums bekommen, zu den Sicherheitsmaßnahmen, die wir alle gegen die Todesser treffen sollen …«

»Ja, auch ich habe eins bekommen«, sagte Dumbledore immer noch lächelnd. »Fandest du es nützlich?«

»Nicht besonders.«

»Das dachte ich mir. Du hast mich zum Beispiel nicht gefragt, was meine Lieblingsmarmelade ist, um zu prüfen, ob ich auch wirklich Professor Dumbledore bin und kein Doppelgänger.«

»Ich hab nicht …«, begann Harry, nicht ganz sicher, ob das eine Rüge war oder nicht.

»Um dies ein für alle Mal klarzustellen, Harry, es ist Himbeere … obwohl ich natürlich, wenn ich ein Todesser wäre, ganz sicher zuerst meine eigenen Marmeladenvorlieben ausgekundschaftet hätte, ehe ich mich für mich selbst ausgegeben hätte.«

»Ähm … stimmt«, sagte Harry. »Also, auf diesem Merkblatt stand auch etwas von Inferi. Was sind eigentlich Inferi? Das Merkblatt hat das nicht genau erklärt.«

»Inferi sind Leichen«, sagte Dumbledore ruhig. »Tote Körper, die verhext wurden, um Befehle der schwarzen Magier auszuführen. Inferi wurden allerdings seit langem nicht mehr gesichtet, nicht seit Voldemort das letzte Mal mächtig war … er hat natürlich genug Leute getötet, um eine Armee mit ihnen aufstellen zu können. Hier ist es, Harry, genau hier …«

Sie näherten sich einem kleinen, hübschen Steinhaus mit eigenem Garten rundherum. Harry war so beschäftigt, den fürchterlichen Gedanken an die Inferi zu verarbeiten, dass er kaum auf etwas anderes achten konnte, doch als sie das Gartentor erreichten, blieb Dumbledore wie angewurzelt stehen und Harry stieß mit ihm zusammen.

»Ach herrje. Ach herrje, herrje.«

Harry folgte Dumbledores Blick den sorgfältig gepflegten Weg zum Haus entlang und ihm wurde schwer ums Herz. Die Haustür hing aus den Angeln.

Dumbledore sah links und rechts die Straße hinunter. Sie schien völlig verlassen.

»Zieh den Zauberstab und folge mir, Harry«, sagte er ruhig.

Er öffnete das Tor und ging zügig und leise den Gartenweg entlang, Harry knapp hinter sich, dann drückte er ganz langsam die Haustür auf, den Zauberstab erhoben und einsatzbereit.

»Lumos.«

Die Spitze von Dumbledores Zauberstab flammte auf und warf Licht in einen schmalen Flur. Links stand eine weitere Tür offen. Dumbledore hielt seinen leuchtenden Zauberstab in die Höhe und betrat, dicht gefolgt von Harry, das Wohnzimmer.

Ein Anblick völliger Verwüstung bot sich ihnen. Eine zersplitterte Standuhr lag zu ihren Füßen, deren Zifferblatt zerbrochen war und deren Pendel etwas weiter entfernt wie ein fallen gelassenes Schwert dalag. Ein Klavier war umgestürzt und hatte seine Tasten über den Boden verteilt. Daneben glitzerten Bruchstücke des herabgestürzten Kronleuchters. Zerknautschte Kissen lagen herum, denen Federn aus den aufgeschlitzten Seiten quollen; Glassplitter und Porzellanscherben waren wie Pulver über allem verstreut. Dumbledore hob seinen Zauberstab noch ein Stück höher und sein Licht fiel auf die Wände: Etwas Dunkelrotes und Klebriges war auf die Tapete gespritzt. Als Harry kurz nach Luft schnappte, drehte sich Dumbledore um.

»Unschön, nicht wahr?«, sagte er mit schwerer Stimme. »Ja, hier ist etwas Schreckliches geschehen.«

Vorsichtig ging Dumbledore weiter in die Mitte des Raumes und betrachtete dabei genau die Trümmer zu seinen Füßen. Harry folgte ihm und sah sich um, voller Angst, welcher Anblick ihn hinter dem zerstörten Klavier oder dem umgestürzten Sofa erwarten würde, doch von einer Leiche keine Spur.

»Vielleicht hat es einen Kampf gegeben – und sie haben ihn fortgeschleppt, Professor?«, vermutete Harry und wollte sich lieber nicht vorstellen, wie schwer verwundet ein Mann sein musste, dass er solche Flecken bis fast an die Decke hinterließ.

»Ich glaube nicht«, sagte Dumbledore leise und spähte hinter den zur Seite gekippten Polstersessel.

»Sie meinen, er ist –?«

»Immer noch hier irgendwo? Ja.«

Und ohne Vorwarnung schlug Dumbledore zu und stach mit der Spitze seines Zauberstabs in den Sitz des Polstersessels, der »Autsch!« schrie.

»Guten Abend, Horace«, sagte Dumbledore und richtete sich wieder auf.

Harry klappte der Mund auf. Wo vor dem Bruchteil einer Sekunde noch ein Sessel gewesen war, kauerte nun ein ungeheuer fetter, glatzköpfiger alter Mann, der sich den Bauch massierte und mit betrübten und tränenden Augen zu Dumbledore emporschielte.

»Es war nicht nötig, den Zauberstab so fest reinzustechen«, sagte er barsch, während er sich aufrappelte. »Das tat weh.«

Das Licht des Zauberstabs tanzte über seine glänzende Glatze, seine Glubschaugen, seinen gewaltigen silbernen Walrossbart und die blank polierten Knöpfe der kastanienbraunen Samtjacke, die er über einem lila Seidenpyjama trug. Sein Kopf reichte kaum bis zu Dumbledores Kinn.

»Was hat mich verraten?«, brummte er, während er wacklig auf die Beine kam und sich immer noch den Bauch rieb. Er wirkte erstaunlich gefasst für einen Mann, der gerade dabei erwischt worden war, wie er einen Sessel spielte.

»Mein lieber Horace«, sagte Dumbledore mit heiterer Miene, »wenn die Todesser wirklich hier vorbeigeschaut hätten, dann hätte man das Dunkle Mal über dem Haus aufsteigen lassen.«

Der Zauberer schlug sich mit seiner fleischigen Hand vor die breite Stirn.

»Das Dunkle Mal«, murmelte er. »Wusste doch, da war noch was … na gut. Hätte ohnehin keine Zeit mehr gehabt. Ich hab gerade noch meiner Polsterung den letzten Schliff gegeben, als du reinkamst.«

Er atmete einmal tief aus und ließ dabei die Spitzen seines Schnurrbarts flattern.

»Brauchst du meine Hilfe beim Aufräumen?«, fragte Dumbledore höflich.

»Bitte«, sagte der andere.

Sie stellten sich Rücken an Rücken, der große dünne Zauberer und der kleine dicke, und schwenkten ihre Zauberstäbe mit der gleichen schwungvollen Bewegung.

Die Möbel flogen an ihre angestammten Plätze zurück; Zierwerk setzte sich mitten in der Luft wieder zusammen; Federn flutschten in ihre Kissen; zerrissene Bücher reparierten sich selbst und landeten auf ihren Regalen; Öllampen schwirrten auf Beistelltische und flammten wieder auf; eine umfangreiche Sammlung zerbrochener silberner Bilderrahmen flog glitzernd durch den Raum und ließ sich, heil und makellos, auf einem Schreibtisch nieder; Risse, Sprünge und Löcher schlossen sich überall; und die Wände wischten sich selbst sauber.

»Was war das eigentlich für ein Blut?«, fragte Dumbledore laut über das Schlagen der soeben wieder zusammengesetzten Standuhr hinweg.

»An den Wänden? Drache«, rief der Zauberer namens Horace, während der Kronleuchter sich unter ohrenbetäubendem Knirschen und Klimpern wieder an die Decke schraubte.

Vom Klavier war ein letztes Plonk zu hören, dann herrschte Stille.

»Ja, Drache«, wiederholte der Zauberer beiläufig. »Meine letzte Flasche, und es kostet zurzeit ein Vermögen. Naja, vielleicht ist es wiederverwendbar.«

Er stapfte hinüber zu einer kleinen Kristallflasche, die auf einer Anrichte stand, hob sie gegen das Licht und musterte die dicke Flüssigkeit darin.

»Hm. Bisschen staubig.«

Er stellte die Flasche zurück auf die Anrichte und seufzte. In diesem Moment fiel sein Blick auf Harry.

»Oho«, sagte er und seine großen runden Augen huschten zu Harrys Stirn und der blitzförmigen Narbe darauf. »Oho!«

»Das«, sagte Dumbledore und trat näher, um sie einander vorzustellen, »ist Harry Potter. Harry, das ist ein alter Freund und Kollege von mir, Horace Slughorn.«

Slughorn drehte sich mit gewitztem Gesichtsausdruck zu Dumbledore.

»Auf die Art willst du mich also rumkriegen? Nun, die Antwort lautet nein, Albus.«

Er schob sich an Harry vorbei und hielt sein Gesicht entschlossen abgewandt, mit der Miene eines Mannes, der bemüht ist, jeglicher Versuchung zu widerstehen.

»Ich meine, wir könnten wenigstens ein Glas zusammen trinken«, bat Dumbledore. »Auf alte Zeiten?«

Slughorn zögerte.

»Von mir aus, ein Glas«, sagte er unfreundlich.

Dumbledore lächelte Harry zu und wies ihn zu einem Sessel, der ähnlich aussah wie der, den Slughorn eben verkörpert hatte, und der direkt neben dem neu entfachten Feuer und einer hell leuchtenden Öllampe stand. Harry setzte sich, er hatte deutlich den Eindruck, dass Dumbledore ihn aus irgendeinem Grund so sichtbar wie möglich haben wollte. Und tatsächlich, als Slughorn, der geschäftig mit Karaffen und Gläsern hantiert hatte, sich wieder dem Raum zuwandte, fiel sein Blick sofort auf Harry.

»Umpff«, machte er und schaute rasch weg, als fürchtete er, seinen Augen Schaden zuzufügen. »Hier.« Er reichte Dumbledore, der unaufgefordert Platz genommen hatte, ein Glas, drückte Harry das Tablett in die Hand und sank dann in die Kissen des wiederhergestellten Sofas und in ein missmutiges Schweigen. Seine Beine waren so kurz, dass sie nicht bis zum Boden reichten.

»Nun, wie geht es dir so, Horace?«, fragte Dumbledore.

»Nicht sonderlich gut«, sagte Slughorn prompt. »Schwach auf der Brust. Asthma. Und Rheuma. Bin nicht mehr so beweglich wie früher. Nun ja, damit muss man rechnen. Das Alter. Die Erschöpfung.«

»Trotzdem musst du ziemlich schnell gewesen sein, um uns so kurzfristig einen derartigen Empfang zu bereiten«, sagte Dumbledore. »Du kannst nicht länger als drei Minuten vorher gewarnt gewesen sein?«

»Zwei«, sagte Slughorn halb verärgert, halb stolz. »Hab meinen Hausfriedenszauber nicht losgehen hören, nahm gerade ein Bad. Aber«, fügte er unnachgiebig hinzu und schien sich wieder zusammenzureißen, »es ist nun einmal so, ich bin ein alter Mann, Albus. Ein müder alter Mann, der sich das Recht auf ein ruhiges Leben und ein paar Annehmlichkeiten verdient hat.«

Die hatte er zweifellos, dachte Harry und sah sich im Zimmer um. Es war muffig und vollgestopft, aber man konnte nicht behaupten, dass es ungemütlich war; es gab weiche Sessel und Schemel, Getränke und Bücher, Pralinenschachteln und dicke Kissen. Wenn Harry nicht gewusst hätte, wer hier lebte, hätte er auf eine reiche, pedantische alte Dame getippt.

»Du bist noch nicht so alt wie ich, Horace«, sagte Dumbledore.

»Nun, vielleicht solltest du auch mal an den Ruhestand denken«, erwiderte Slughorn freiheraus. Seine hellen stachelbeerfarbenen Augen hatten Dumbledores verletzte Hand entdeckt. »Reagierst anscheinend auch nicht mehr so schnell wie früher.«

»Da hast du vollkommen Recht«, sagte Dumbledore gelassen und schüttelte den Ärmel zurück, so dass nur noch die Spitzen seiner verbrannten und geschwärzten Finger zu sehen waren; ihr Anblick löste ein unangenehmes Kribbeln in Harrys Nacken aus. »Ich bin zweifellos langsamer als früher. Doch andererseits …«

Er zuckte die Achseln und spreizte die Hände, als wollte er sagen, dass das Alter auch seine Vorteile habe, und Harry fiel ein Ring an seiner unverletzten Hand auf, den er Dumbledore noch nie hatte tragen sehen: Er war groß, ziemlich grob gefertigt und offenbar aus Gold, und ein schwerer schwarzer Stein war darin eingelassen, der in der Mitte durchgebrochen war. Auch Slughorns Blick blieb kurz an dem Ring haften, und Harry sah, wie sich seine breite Stirn einen Moment lang leicht runzelte.

»Nun, all diese Vorkehrungen gegen Eindringlinge, Horace … waren sie für die Todesser bestimmt oder für mich?«, fragte Dumbledore.

»Was sollten die Todesser mit einem armen, gebrechlichen alten Knallkopf wie mir anfangen?«, gab Slughorn zurück.

»Ich könnte mir vorstellen, dass sie von dir verlangen würden, deine außergewöhnlichen Talente für Nötigung, Folter und Mord zu nutzen«, sagte Dumbledore. »Willst du mir tatsächlich weismachen, dass sie noch nicht gekommen sind, um dich anzuwerben?«

Slughorn sah Dumbledore einen Moment lang böse an und murmelte dann: »Ich hab ihnen keine Gelegenheit gegeben. Seit einem Jahr ziehe ich ständig um. Bleib nie länger als eine Woche an einem Ort. Zieh von Muggelhaus zu Muggelhaus – die Besitzer von diesem hier sind im Urlaub auf den Kanaren. Es war sehr angenehm, ich werd's vermissen. Es ist ganz leicht, wenn du den Dreh mal raushast – ein schlichter Erstarrungszauber gegen diese lächerlichen Alarmanlagen, die sie statt Spickoskopen benutzen, und aufgepasst, dass die Nachbarn dich nicht sehen, wenn du das Klavier reinbringst.«

»Raffiniert«, sagte Dumbledore. »Klingt aber nach einer ziemlich anstrengenden Lebensweise für einen gebrechlichen alten Knallkopf, der gerne ein ruhiges Dasein hätte. Also, wenn du nach Hogwarts zurückkehren würdest – «

»Wenn du mir sagen willst, dass mein Leben an dieser verderbten Schule friedlicher wäre, kannst du dir die Worte sparen, Albus! Ich war zwar im Verborgenen, aber seit Dolores Umbridge weggegangen ist, sind mir ein paar seltsame Gerüchte zu Ohren gekommen! Wenn das heutzutage deine Art ist, Lehrer zu behandeln – «

»Professor Umbridge hat sich mit unserer Zentaurenherde angelegt«, sagte Dumbledore. »Ich glaube, dir, Horace, wäre etwas Besseres eingefallen, als in den Wald zu marschieren und eine Horde zorniger Zentauren ›schmutzige Halbmenschen‹ zu nennen.«

»Das hat sie tatsächlich getan?«, sagte Slughorn. »Idiotisches Weib. Konnte sie nie ausstehen.«

Harry gluckste, und Dumbledore und Slughorn drehten sich beide zu ihm um.

»Verzeihung«, sagte Harry hastig. »Es ist nur – ich konnte sie auch nicht ausstehen.«

Dumbledore stand überraschend auf.

»Du gehst?«, fragte Slughorn prompt mit hoffnungsvollem Blick.

»Nein, ich würde nur gern mal die Toilette bei dir benutzen«, sagte Dumbledore.

»Oh«, erwiderte Slughorn, offensichtlich enttäuscht. »Zweite Tür links, den Flur entlang.«

Dumbledore durchquerte das Zimmer. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, trat Stille ein. Nach einigen Augenblicken erhob sich Slughorn, schien jedoch nicht sicher, was er mit sich anfangen sollte. Er warf Harry einen flüchtigen Blick zu, trat dann hinüber zum Feuer, kehrte ihm den Rücken und wärmte seinen breiten Hintern.

»Glauben Sie bloß nicht, ich wüsste nicht, warum er Sie mitgebracht hat«, sagte er unvermittelt.

Harry sah Slughorn nur an. Slughorns tränende Augen glitten über Harrys Narbe, und diesmal betrachtete er auch den Rest seines Gesichts.

»Sie sehen Ihrem Vater sehr ähnlich.«

»Ja, das hat man mir schon gesagt«, erwiderte Harry.

»Mit Ausnahme der Augen. Sie haben – «

»Die Augen meiner Mutter, ja.« Harry hatte das so häufig gehört, dass er es ein wenig ermüdend fand.

»Umpff. Nun ja. Man sollte als Lehrer natürlich keine Lieblingsschüler haben, aber sie war eine von meinen. Ihre Mutter«, fügte Slughorn hinzu, als Harry ihn fragend anblickte. »Lily Evans. Eine der Klügsten, die ich je unterrichtet habe. Aufgeweckt, wissen Sie? Reizendes Mädchen. Ich hab immer zu ihr gesagt, dass sie eigentlich in mein Haus gehört. Da hab ich auch immer sehr freche Antworten bekommen.«

»In welchem Haus waren Sie?«

»Ich war der Hauslehrer von Slytherin«, sagte Slughorn. »Aber«, fuhr er rasch fort, als er Harrys Gesichtsausdruck sah, und er drohte ihm mit einem Wurstfinger, »halten Sie mir das bloß nicht vor! Sie sind Gryffindor, wie sie, schätze ich? Ja, meist geht das nach Familien. Allerdings nicht immer. Schon mal was von Sirius Black gehört? Mit Sicherheit – er war in den letzten paar Jahren dauernd in den Zeitungen – ist vor wenigen Wochen gestorben – «

Es war, als ob eine unsichtbare Hand Harrys Eingeweide verdreht hätte und sie fest umklammert hielt.

»Nun, er war jedenfalls in der Schule ein guter Kumpel von Ihrem Vater. Ich hatte die gesamte Familie Black in meinem Haus gehabt, aber Sirius ist in Gryffindor gelandet! Schade – er war ein talentierter Junge. Als sein Bruder Regulus dann kam, hab ich ihn gekriegt, aber ich hätte gern alle bekommen.«

Er hörte sich an wie ein begeisterter Sammler, der bei einer Versteigerung überboten worden war. Offenbar in Erinnerungen versunken, starrte er auf die Wand gegenüber und drehte sich gemächlich auf der Stelle, damit sein Hinterteil gleichmäßig beheizt wurde.

»Ihre Mutter stammte doch tatsächlich von Muggeln ab. Konnte es nicht fassen, als ich es rausfand. Dachte, sie müsste reinblütig sein, so gut, wie sie war.«

»Eine sehr gute Freundin von mir ist muggelstämmig«, sagte Harry, »und sie ist die Beste in unserem Jahrgang.«

»Komisch, dass das manchmal vorkommt, nicht wahr?«, sagte Slughorn.

»Eigentlich nicht«, erwiderte Harry kühl.

Slughorn sah überrascht zu ihm hinunter.

»Sie dürfen nicht glauben, dass ich Vorurteile hätte!«, sagte er. »Nein, nein, nein! Hab ich nicht eben gesagt, dass Ihre Mutter einer meiner absoluten Lieblinge war? Und dann gab es da auch noch Dirk Cresswell, im Jahr nach ihr – er ist jetzt natürlich Leiter des Koboldverbindungsbüros –, noch ein Muggelstämmiger, ein sehr begabter Schüler, der mir nach wie vor hervorragende Insider-Informationen über die Vorgänge bei Gringotts liefert!«

Er wippte ein wenig auf und ab, lächelte selbstzufrieden und deutete auf die Kommode mit den vielen Fotos in glänzenden Rahmen, die alle mit winzigen, sich bewegenden Gestalten bevölkert waren.

»Allesamt ehemalige Schüler von mir, alle signiert. Das ist zum Beispiel Barnabas Cuffe, Chefredakteur beim Tagespropheten, er ist immer an meiner Meinung zu den aktuellen Entwicklungen interessiert. Und Ambrosius Flume vom Honigtopf – zu jedem Geburtstag ein Geschenkkorb, nur weil ich ihn mal Ciceron Harkiss vorstellen konnte, bei dem er dann seine erste Stelle bekam! Und ganz hinten – Sie sehen sie, wenn Sie ein bisschen den Hals recken –, das ist Gwenog Jones, ja, die Kapitänin der Holyhead Harpies … die Leute wundern sich immer, wenn sie erfahren, dass ich mit den Harpies per Du bin und Freikarten bekomme, wann immer ich welche brauche!«

Beim Gedanken daran schien sich seine Stimmung mächtig zu heben.

»Und all diese Leute wissen, wo Sie zu finden sind, wenn sie Ihnen Sachen schicken wollen?«, fragte Harry, der sich unwillkürlich wunderte, warum die Todesser Slughorn noch nicht aufgespürt hatten, wo doch Körbe mit Süßigkeiten, Quidditch-Karten und Besucher, die begierig seinen Rat und seine Meinung hören wollten, ihn finden konnten.

Das Lächeln schwand aus Slughorns Gesicht, so schnell wie das Blut von seinen Wänden.

»Natürlich nicht«, sagte er und blickte auf Harry hinab. »Seit einem Jahr habe ich zu niemandem mehr Kontakt.«

Harry hatte den Eindruck, dass Slughorn über seine eigenen Worte erschrak; einen Moment lang wirkte er ziemlich beunruhigt. Dann zuckte er die Achseln.

»Jedenfalls … in Zeiten wie diesen zieht der kluge Zauberer den Kopf ein. Schön und gut, was Dumbledore sagt, aber wenn ich gerade jetzt einen Posten in Hogwarts annehmen würde, hieße das nichts anderes, als öffentlich meine Loyalität zum Orden des Phönix zu bekunden! Und obwohl die mit Sicherheit sehr bewundernswert und mutig und alles sind, bin ich persönlich von ihrer Sterblichkeitsrate nicht gerade angetan –«

»Sie müssen sich dem Orden nicht anschließen, um in Hogwarts zu unterrichten«, sagte Harry, der sich einen spöttischen Unterton in seiner Stimme nicht ganz verkneifen konnte: Es fiel ihm schwer, Slughorns bequemes Leben gutzuheißen, wenn er an Sirius dachte, der sich in einer Höhle verkrochen und von Ratten gelebt hatte. »Die meisten Lehrer sind nicht drin und bisher wurde keiner von ihnen umgebracht – na ja, außer man zählt Quirrell mit, und der bekam, was er verdiente, weil er mit Voldemort zusammengearbeitet hat.«

Harry war sicher, dass Slughorn einer der Zauberer war, die es nicht ertragen konnten, wenn Voldemorts Name laut ausgesprochen wurde, und er wurde nicht enttäuscht: Slughorn erschauderte und protestierte lautstark, doch Harry ignorierte ihn.

»Ich schätze, die Lehrer sind sicherer als die meisten Leute, solange Dumbledore Schulleiter ist; er soll der Einzige sein, den Voldemort je gefürchtet hat, nicht wahr?«, fuhr Harry fort.

Slughorn starrte einige Augenblicke ins Leere: Er schien über Harrys Worte nachzudenken.

»Nun ja, es stimmt, dass Er, dessen Name nicht genannt werden darf, nie einen Kampf mit Dumbledore gesucht hat«, murmelte er widerwillig. »Und da ich mich nicht den Todessern angeschlossen habe, könnte man vermutlich behaupten, dass Er, dessen Name nicht genannt werden darf, mich wohl kaum zu seinen Freunden zählen kann … von daher wäre ich in Albus' Nähe vielleicht sicherer … ich will nicht so tun, als hätte Amelia Bones' Tod mich nicht erschüttert … wenn sie, mit all ihren Beziehungen zum Ministerium und unter dessen Schutz …«

Dumbledore kam ins Zimmer zurück, und Slughorn zuckte zusammen, als ob er vergessen hätte, dass er im Haus war.

»Oh, da bist du ja, Albus«, sagte er. »Hast sehr lange gebraucht. Magen verstimmt?«

»Nein, ich habe nur in den Muggelmagazinen gelesen«, sagte Dumbledore. »Ich habe ein Faible für Strickmuster. Nun, Harry, wir haben Horace' Gastfreundschaft wahrhaft lange genug in Anspruch genommen; ich denke, es ist Zeit für uns, zu gehen.«

Harry gehorchte nur zu gern und sprang auf. Slughorn schien bestürzt.

»Ihr geht?«

»Ja, in der Tat. Ich denke, ich weiß, wann eine Sache aussichtslos ist.«

»Aussichtslos …?«

Slughorn schien aufgeregt. Er drehte nervös seine fetten Däumchen und sah zu, wie Dumbledore seinen Reiseumhang zuschnürte und Harry den Reißverschluss seiner Jacke hochzog.

»Nun, ich bedaure, dass du die Stelle nicht haben willst, Horace«, sagte Dumbledore und hob seine unverletzte Hand zu einem Abschiedsgruß. »Hogwarts wäre froh gewesen, dich wieder zu haben. Trotz unserer deutlich verschärften Sicherheitsvorkehrungen kannst du uns immer gerne besuchen, falls du das wünschst.«

»Ja … nun … sehr liebenswürdig … Was ich sagen wollte …«

»Dann auf Wiedersehen.«

»Tschüss«, sagte Harry.

Sie waren an der Haustür angelangt, als sie hinter sich einen Ruf hörten.

»Na gut, na gut, ich mach's!«

Dumbledore drehte sich um und sah Slughorn atemlos in der Wohnzimmertür stehen.

»Du willst aus dem Ruhestand zurückkehren?«

»Ja, ja«, erwiderte Slughorn ungeduldig. »Ich muss verrückt sein, aber ja.«

»Wunderbar«, sagte Dumbledore strahlend. »Dann, Horace, sehen wir uns am ersten September.«

»Ja, das würde ich auch sagen«, brummte Slughorn.

Als sie den Gartenpfad entlanggingen, wehte ihnen Slughorns Stimme hinterher.

»Ich will eine Gehaltserhöhung, Dumbledore!«

Dumbledore gluckste. Das Gartentor schwang hinter ihnen zu, und sie machten sich durch die Dunkelheit und die wirbelnden Nebelschleier auf den Weg zurück den Hügel hinunter.

»Gut gemacht, Harry«, sagte Dumbledore.

»Ich hab überhaupt nichts gemacht«, gab Harry überrascht zurück.

»O doch, das hast du. Du hast Horace sehr genau klar gemacht, was er zu gewinnen hat, wenn er nach Hogwarts zurückkehrt. Mochtest du ihn?«

»Ähm …«

Harry war nicht sicher, ob er Slughorn mochte oder nicht. Auf seine Art war er ganz nett gewesen, dachte er, aber er wirkte auch eingebildet und, selbst wenn er das Gegenteil behauptete, viel zu überrascht darüber, dass eine Muggelstämmige eine gute Hexe abgeben sollte.

»Horace«, sagte Dumbledore und enthob Harry damit der Verpflichtung, irgendetwas davon auszusprechen, »mag es gern behaglich. Er mag auch die Gesellschaft der Berühmten, der Erfolgreichen und der Mächtigen. Er genießt das Gefühl, diese Leute zu beeinflussen. Er wollte nie selber den Thron einnehmen; er zieht die zweite Reihe vor – mehr Platz, um sich auszubreiten, verstehst du? Früher in Hogwarts hat er seine Lieblinge handverlesen, manche, weil sie ehrgeizig oder intelligent waren, andere, weil sie charmant oder talentiert waren, und er hatte ein unglaubliches Geschick, diejenigen auszuwählen, die später auf ihren jeweiligen Gebieten glänzten. Horace gründete eine Art Klub seiner Lieblinge, dessen Mittelpunkt er selbst war. Er hat Leute miteinander bekannt gemacht, nützliche Beziehungen zwischen den Mitgliedern geknüpft und als Gegenleistung immer irgendeinen Gewinn daraus gezogen, sei es eine kostenlose Schachtel mit seinen geliebten kandierten Ananas oder die Möglichkeit, den nächsten Nachwuchsmitarbeiter für das Koboldverbindungsbüro zu empfehlen.«

Harry hatte plötzlich das deutliche Bild einer großen aufgeblähten Spinne vor Augen, die ein Netz um ihn spann und mal hier und mal da an einem Faden zupfte, um ihre großen und saftigen Fliegen ein wenig näher heranzuholen.

»All das«, fuhr Dumbledore fort, »erzähle ich dir nicht, um dich gegen Horace aufzubringen – oder, wie wir ihn jetzt nennen müssen, Professor Slughorn –, sondern damit du auf der Hut bist. Er wird zweifellos versuchen, dich für sich zu gewinnen, Harry. Du wärst das Juwel seiner Sammlung: der Junge, der überlebt hat … oder, wie sie dich heute nennen, der Auserwählte.«

Bei diesen Worten kroch eine Kälte über Harry, die nichts mit dem Nebel rundum zu tun hatte. Er erinnerte sich an Worte, die er vor einigen Wochen gehört hatte, Worte, die eine schreckliche und besondere Bedeutung für ihn hatten:

Keiner kann leben, während der Andere überlebt…

Dumbledore war stehen geblieben, auf Höhe der Kirche, an der sie vorher vorbeigegangen waren.

»Das soll genügen, Harry. Nimm jetzt bitte meinen Arm.«

Diesmal war Harry gefasst auf das, was kommen würde, und bereit zum Apparieren, doch er fand es trotzdem unangenehm. Als der Druck nachließ und er wieder atmen konnte, stand er auf einer Landstraße neben Dumbledore und sah vor sich die schiefen Umrisse seines zweitliebsten Gebäudes der Welt: des Fuchsbaus. Trotz des beklemmenden Gefühls, das ihn eben noch durchdrungen hatte, wurde seine Laune bei diesem Anblick wie von selbst besser. Dort drin war Ron … und auch Mrs Weasley, die besser kochen konnte als jeder, den er kannte …

»Wenn du nichts dagegen hast, Harry«, sagte Dumbledore, als sie durch das Tor gingen, »möchte ich noch ein paar Worte mit dir wechseln, ehe wir uns trennen. Unter vier Augen. Vielleicht da drin?«

Dumbledore wies auf ein heruntergekommenes steinernes Nebengebäude, wo die Weasleys ihre Besen aufbewahrten. Ein wenig verwundert folgte Harry Dumbledore durch die knarrende Tür in einen Raum, der etwas kleiner war als ein gewöhnlicher Schrank. Dumbledore ließ die Spitze seines Zauberstabs leuchten, so dass er wie eine Taschenlampe brannte, und lächelte zu Harry hinab.

»Ich hoffe, du verzeihst mir, dass ich es erwähne, Harry, aber ich bin froh und ein wenig stolz darauf, wie gut du offenbar zurechtkommst, nach allem, was im Ministerium geschehen ist. Gestatte mir zu bemerken, dass Sirius stolz auf dich gewesen wäre.«

Harry schluckte; die Stimme schien ihm zu versagen. Er meinte es nicht ertragen zu können, über Sirius zu sprechen. Es war schmerzhaft genug gewesen, Onkel Vernon sagen zu hören: »Sein Pate ist tot?«; noch schmerzhafter war es, als Slughorn Sirius' Namen beiläufig fallen ließ.

»Es war schlimm«, sagte Dumbledore sanft, »dass du und Sirius nur eine so kurze gemeinsame Zeit hattet. Ein grausames Ende für etwas, das eine lange und glückliche Beziehung hätte sein sollen.«

Harry nickte, den Blick entschlossen auf die Spinne geheftet, die jetzt Dumbledores Hut hinaufkletterte. Er spürte, dass Dumbledore ihn verstand, dass er vielleicht sogar ahnte, dass Harry, ehe sein Brief eintraf, fast die ganze Zeit bei den Dursleys auf seinem Bett gelegen, die Mahlzeiten verweigert und auf das beschlagene Fenster gestarrt hatte, erfüllt von der kalten Leere, die er inzwischen mit Dementoren in Verbindung brachte.

»Es ist einfach schwierig«, sagte Harry schließlich leise, »sich klar zu machen, dass er mir nie mehr schreiben wird.«

Seine Augen brannten plötzlich und er blinzelte. Es kam ihm albern vor, es zuzugeben, aber die Tatsache, dass er jemanden außerhalb von Hogwarts gehabt hatte, dem am Herzen lag, was mit ihm geschah, fast wie ein Vater oder eine Mutter, war mit das Beste daran gewesen, als er entdeckt hatte, dass er einen Paten besaß … und nun würden ihm die Posteulen nie wieder einen solchen Trost bringen …

»Sirius hat viel für dich bedeutet, was du nie zuvor erfahren hast«, sagte Dumbledore sanft. »Natürlich ist der Verlust niederschmetternd …«

»Aber während ich bei den Dursleys war«, unterbrach ihn Harry und seine Stimme wurde immer kräftiger, »ist mir klar geworden, dass ich mich nicht einfach zurückziehen kann oder – oder durchdrehen. Das hätte Sirius nicht gewollt, oder? Das Leben ist jedenfalls viel zu kurz … wenn man an Madam Bones denkt oder an Emmeline Vance … ich könnte der Nächste sein, stimmt's? Aber wenn das so ist«, sagte er grimmig und blickte nun direkt in Dumbledores blaue Augen, die im Licht des Zauberstabs funkelten, »dann werde ich dafür sorgen, dass ich so viele Todesser wie möglich mitnehme, und wenn ich es schaffe, Voldemort noch dazu.«

»Du sprichst wie deiner Mutter und deines Vaters Sohn und Sirius' wahrer Patensohn!«, sagte Dumbledore und klopfte Harry anerkennend auf die Schulter. »Ich ziehe meinen Hut vor dir – oder besser nicht, denn ich fürchte, dann würde ich dich mit Spinnen berieseln.

Und jetzt, Harry, zu einem Thema, das eng damit zusammenhängt … Ich nehme an, du hast in den letzten beiden Wochen den Tagespropheten bekommen?«

»Ja«, sagte Harry, und sein Herz schlug ein wenig schneller.

»Dann wirst du gesehen haben, dass dein Abenteuer in der Halle der Prophezeiung nicht durchgesickert ist, sondern geradezu durchgeflutet?«

»Ja«, sagte Harry noch einmal. »Und alle wissen jetzt, dass ich derjenige bin – «

»Nein, das wissen sie nicht«, unterbrach Dumbledore ihn. »Es gibt nur zwei Menschen auf der ganzen Welt, die den gesamten Inhalt der Prophezeiung kennen, die über dich und Lord Voldemort gemacht wurde, und die stehen beide hier in diesem stinkenden Besenschuppen voller Spinnen. Es stimmt allerdings, viele haben sich zusammengereimt, dass Voldemort seine Todesser geschickt hat, um eine Prophezeiung zu stehlen, und dass diese Prophezeiung dich betraf.

Nun, ich denke, ich liege richtig, wenn ich sage, dass du niemandem erzählt hast, dass du weißt, wie die Prophezeiung lautet?«

»Ja«, antwortete Harry.

»Ein weiser Entschluss, im Großen und Ganzen«, sagte Dumbledore. »Dennoch meine ich, dass du ihn zugunsten deiner Freunde, Mr Ronald Weasley und Miss Hermine Granger, etwas lockern solltest. Ja«, fuhr er fort, als Harry verdutzt dreinblickte, »ich denke, sie sollten es erfahren. Du tust ihnen keinen Gefallen, wenn du ihnen etwas so Wichtiges verschweigst.«

»Ich wollte nicht – «

» dass sie sich Sorgen machen oder Angst bekommen?«, sagte Dumbledore und musterte Harry über den Rand seiner Halbmondbrille. »Oder vielleicht auch nicht eingestehen, dass du dir selber Sorgen machst und Angst hast? Du brauchst deine Freunde, Harry. Wie du so richtig gesagt hast, Sirius hätte es nicht gewollt, dass du dich zurückziehst.«

Harry erwiderte nichts, aber Dumbledore schien keine Antwort zu verlangen. Er fuhr fort: »Was ein anderes, doch dazugehöriges Thema angeht, so ist es mein Wunsch, dass du dieses Jahr Einzelstunden bei mir nimmst.«

»Einzelstunden – bei Ihnen?«, sagte Harry, der aus seinem gedankenverlorenen Schweigen hochschreckte.

»Ja. Ich denke, es ist an der Zeit, dass ich mich verstärkt um deine Ausbildung kümmere.«

»Worin werden Sie mich unterrichten, Sir?«

»Oh, ein bisschen hierin, ein bisschen darin«, sagte Dumbledore leichthin.

Harry wartete hoffnungsvoll, aber Dumbledore gab keine näheren Auskünfte, also fragte er nach etwas anderem, das ihn ein wenig bedrückte.

»Wenn ich Unterricht bei Ihnen habe, muss ich keinen Okklumentikunterricht mehr bei Snape nehmen, oder?«

»Professor Snape, Harry – und, nein, das musst du nicht.«

»Gut«, sagte Harry erleichtert, »das war nämlich ein – «

Er hielt inne, bemüht, nicht zu sagen, was er wirklich dachte.

»Ich denke, das Wort ›Fiasko‹ würde da gut passen«, sagte Dumbledore und nickte.

Harry lachte.

»Das heißt also, dass ich Professor Snape von jetzt an nicht mehr allzu oft sehen werde«, sagte er, »denn er lässt mich nicht in Zaubertränke weitermachen, wenn ich kein ›Ohnegleichen‹ in meinen ZAGs kriege, und ich weiß, das kriege ich nicht.«

»Du sollst den Tag nicht vor der letzten Eule loben«, sagte Dumbledore ernst. »Was aber, wie mir gerade einfällt, heute etwas später noch möglich sein sollte. Jetzt zwei weitere Dinge, Harry, ehe wir auseinander gehen.

Erstens möchte ich, dass du von diesem Moment an deinen Tarnumhang jederzeit bei dir trägst. Sogar in Hogwarts. Nur für alle Fälle, du verstehst mich?«

Harry nickte.

»Und schließlich – während du dich hier aufhältst, bekommt der Fuchsbau den höchsten Sicherheitsstandard, den das Zaubereiministerium bieten kann. Diese Vorkehrungen bereiten Arthur und Molly ein gewisses Maß an Unannehmlichkeiten – so wird zum Beispiel ihre gesamte Post im Ministerium durchsucht, ehe sie weitergeleitet wird. Es stört sie nicht im Geringsten, denn ihre einzige Sorge ist deine Sicherheit. Allerdings würdest du es ihnen schlecht danken, wenn du deinen Hals riskiertest, während du bei ihnen bist.«

»Ich verstehe«, sagte Harry rasch.

»Sehr gut«, sagte Dumbledore, stieß die Tür des Besenschuppens auf und trat hinaus auf den Hof. »Ich sehe Licht in der Küche. Wir wollen Molly nicht länger die Gelegenheit vorenthalten zu beklagen, wie dünn du bist.«

Schleim im Überfluss

Harry und Dumbledore näherten sich der Hintertür des Fuchsbaus, wo ringsumher das vertraute Durcheinander alter Gummistiefel und rostiger Kessel herrschte. Harry konnte das leise Gackern schläfriger Hühner aus einem entfernten Schuppen hören. Dumbledore klopfte dreimal und Harry sah, wie sich hinter dem Küchenfenster plötzlich etwas bewegte.

»Wer ist da?«, fragte eine ängstliche Stimme, die offenbar von Mrs Weasley stammte. »Geben Sie sich zu erkennen!«

»Ich bin's, Dumbledore, ich bringe Harry vorbei.«

Die Tür ging sofort auf. Da stand Mrs Weasley, klein, dick und in einen alten grünen Morgenmantel gehüllt.

»Harry, mein Lieber! Du meine Güte, Albus, hast du mich erschreckt, du sagtest, wir sollten dich nicht vor dem Morgen erwarten!«

»Wir hatten Glück«, sagte Dumbledore und schob Harry über die Schwelle. »Slughorn war um einiges nachgiebiger, als ich erwartet hatte. Das ist natürlich Harry zu verdanken. Ah, hallo, Nymphadora!«

Harry blickte sich um und sah, dass Mrs Weasley trotz der späten Stunde nicht allein war. Eine junge Hexe mit bleichem, herzförmigem Gesicht und mausbraunem Haar saß am Tisch und hielt einen großen Becher mit beiden Händen umklammert.

»Hallo, Professor«, sagte sie. »Tag auch, Harry.«

»Hi, Tonks.«

Harry fand, dass sie abgespannt wirkte, sogar krank, und ihr Lächeln sah irgendwie gezwungen aus. Auf alle Fälle war ihre ganze Erscheinung ohne die übliche bonbonrosa Tönung ihres Haares weniger farbenfroh als sonst.

»Ich verschwinde jetzt besser«, sagte sie rasch, stand auf und zog sich den Umhang über die Schultern. »Danke für den Tee und dein Mitgefühl, Molly.«

»Bitte geh doch nicht meinetwegen«, sagte Dumbledore höflich. »Ich kann nicht bleiben, ich habe dringende Angelegenheiten mit Rufus Scrimgeour zu besprechen.«

»Nein, nein, ich muss los«, erwiderte Tonks, ohne Dumbledore in die Augen zu blicken. »Nacht – «

»Meine Liebe, wie wär's, wenn du am Wochenende zum Abendessen kämst, Remus und Mad-Eye kommen auch –?«

»Nein, wirklich, Molly … aber vielen Dank … Gute Nacht, alle miteinander.«

Tonks eilte an Dumbledore und Harry vorbei hinaus in den Hof; ein paar Schritte von der Tür entfernt wirbelte sie herum und löste sich in Luft auf. Harry bemerkte, dass Mrs Weasley besorgt aussah.

»Nun, wir sehen uns dann in Hogwarts, Harry«, sagte Dumbledore. »Pass auf dich auf. Molly, stets zu Diensten.«

Er verneigte sich vor Mrs Weasley und folgte Tonks, indem er genau an derselben Stelle wie sie verschwand. Mrs Weasley schloss die Tür zum leeren Hof und führte Harry an den Schultern in das helle Licht der Lampe auf dem Tisch, um ihn sich genau anzuschauen.

»Du bist wie Ron«, seufzte sie, während sie ihn von Kopf bis Fuß musterte. »Ihr seht beide aus, als ob man euch mit Streckflüchen traktiert hätte. Ich schwöre, seit ich Ron das letzte Mal Schulumhänge gekauft habe, ist er um zehn Zentimeter gewachsen. Hast du Hunger, Harry?«

»Ja, ziemlich«, sagte Harry, dem plötzlich klar wurde, wie hungrig er tatsächlich war.

»Setz dich, mein Lieber, ich mach dir eine Kleinigkeit.«

Als Harry sich setzte, sprang ihm ein haariger orangeroter Kater mit zerknautschtem Gesicht auf die Knie und ließ sich schnurrend nieder.

»Dann ist Hermine also da?«, fragte er glücklich und kraulte Krummbein hinterm Ohr.

»O ja, sie ist vorgestern angekommen«, sagte Mrs Weasley und schlug mit dem Zauberstab gegen einen großen eisernen Topf: Mit lautem Scheppern hüpfte er auf den Herd und begann augenblicklich zu blubbern. »Natürlich sind alle im Bett, wir haben dich erst in ein paar Stunden erwartet. Hier, bitte sehr.«

Sie schlug wieder gegen den Topf; der stieg in die Luft, flog auf Harry zu und neigte sich; Mrs Weasley schob geschickt eine Schale darunter, gerade noch rechtzeitig, um den Strom dicker, dampfender Zwiebelsuppe aufzufangen.

»Brot, mein Schatz?«

»Gern, Mrs Weasley.«

Sie schwenkte den Zauberstab über ihre Schulter; ein Laib Brot und ein Messer schwebten elegant auf den Tisch. Während der Laib sich selbst in Scheiben schnitt und der Suppentopf auf den Herd zurücksank, nahm Mrs Weasley Harry gegenüber Platz.

»Ihr habt also Horace Slughorn überredet, die Stelle anzunehmen?«

Harry nickte, sein Mund war so voll mit heißer Suppe, dass er nicht sprechen konnte.

»Er war Arthurs und mein Lehrer«, sagte Mrs Weasley. »Er war ewig lange in Hogwarts, hat ungefähr zur selben Zeit angefangen wie Dumbledore, glaube ich. Mochtest du ihn?«

Harry, der den Mund jetzt voller Brot hatte, zuckte die Achseln und ruckte unverbindlich mit dem Kopf.

»Ich weiß, was du meinst«, sagte Mrs Weasley, weise nickend. »Natürlich kann er reizend sein, wenn er will, aber Arthur hat ihn nie sonderlich gemocht. Im Ministerium laufen überall Slughorns alte Lieblinge rum, er war immer gut, wenn es darum ging, jemand unter die Arme zu greifen, aber für Arthur hatte er nie viel Zeit – hielt ihn offenbar nicht für den großen Überflieger. Nun, da siehst du mal, sogar Slughorn macht Fehler. Ich weiß nicht, ob Ron es dir in einem seiner Briefe berichtet hat – es ist gerade erst passiert – jedenfalls, Arthur ist befördert worden!«

Es war absolut offensichtlich, dass Mrs Weasley die ganze Zeit darauf gebrannt hatte, das zu sagen. Harry schluckte einen Mund voll heißer Suppe hinunter und spürte förmlich, wie seine Kehle Bläschen warf.

»Großartig!«, keuchte er.

»Nett von dir.« Mrs Weasley strahlte, sie deutete seine tränenden Augen möglicherweise als Zeichen dafür, wie gerührt er angesichts dieser Neuigkeit war. »Ja, Rufus Scrimgeour hat mehrere neue Büros eingerichtet, als Reaktion auf die gegenwärtige Lage, und Arthur leitet das Büro zur Ermittlung und Beschlagnahme Gefälschter Verteidigungszauber und Schutzgegenstände. Das ist eine große Aufgabe, er hat jetzt zehn Leute unter sich!«

»Was genau –?«

»Tja, weißt du, in der ganzen Panik wegen Du-weißt-schon-wem sind überall merkwürdige Sachen auf dem Markt aufgetaucht, Sachen, die angeblich vor Du-weißt-schon-wem und den Todessern schützen sollen. Du kannst dir ja vorstellen, um was es sich dabei handelt – so genannte Schutztränke, die eigentlich nur Bratensaft mit einem Schuss Bubotubler-Eiter sind, oder Anleitungen für Defensivzauber, bei denen einem in Wahrheit die Ohren abfallen … Die Verantwortlichen sind jedenfalls meistens nur Leute wie Mundungus Fletcher, die in ihrem ganzen Leben noch keinen Tag lang ehrliche Arbeit geleistet haben und jetzt die Angst der Leute ausnutzen, aber hin und wieder passiert etwas wirklich Fieses. Neulich hat Arthur eine Kiste verwunschener Spickoskope beschlagnahmt, die ganz bestimmt von einem Todesser in Umlauf gebracht wurden. Du siehst, es ist ein sehr wichtiger Job, und ich sage ihm immer, dass es einfach albern ist, den Zündkerzen und Toastern und all dem anderen Muggelkram nachzutrauern, mit dem er früher zu tun hatte.« Mrs Weasley beendete ihren Vortrag mit einem strengen Blick, als wäre es Harry gewesen, der behauptet hatte, dass man Zündkerzen natürlich nachtrauern müsse.

»Ist Mr Weasley noch bei der Arbeit?«, fragte Harry.

»Ja, allerdings. Tatsächlich ist er ein klein wenig spät dran … er wollte eigentlich gegen Mitternacht zurück sein.«

Sie wandte sich um und blickte auf eine große Uhr, die wackelig auf einem Stapel Laken im Wäschekorb am Tischende stand. Harry erkannte sie sofort: Sie hatte neun Zeiger, auf denen jeweils der Name eines Familienmitglieds eingraviert war, und hing normalerweise bei den Weasleys an der Wohnzimmerwand, doch ihr gegenwärtiger Aufenthaltsort ließ darauf schließen, dass Mrs Weasley sich angewöhnt hatte, sie mit sich durchs Haus zu tragen. Ausnahmslos alle neun Zeiger wiesen jetzt auf tödliche Gefahr.

»Das geht jetzt schon eine ganze Weile so«, sagte Mrs Weasley in einem beiläufigen Ton, der nicht überzeugend klang, »seit Du-weißt-schon-wer wieder aus der Versenkung aufgetaucht ist. Ich schätze, alle sind jetzt in tödlicher Gefahr … ich glaube nicht, dass es nur unsere Familie ist … aber ich kenne sonst niemanden, der so eine Uhr hat, also kann ich es nicht nachprüfen. Oh!«

Mit einem jähen Aufschrei deutete sie auf das Zifferblatt. Mr Weasleys Zeiger war auf unterwegs gerückt.

»Er kommt!«

Und tatsächlich, einen Moment später klopfte es an der Hintertür. Mrs Weasley sprang auf und eilte dorthin; eine Hand am Türknauf und das Gesicht ans Holz gedrückt, rief sie leise: »Arthur, bist du das?«

»Ja«, antwortete Mr Weasleys müde Stimme. »Aber das würde ich auch sagen, wenn ich ein Todesser wäre, Liebling. Stell mir die Frage!«

»Oh, ehrlich gesagt …«

»Molly!«

»Schon gut, schon gut … Was ist dein sehnlichster Wunsch?«

»Herauszufinden, wie Flugzeuge in der Luft bleiben.«

Mrs Weasley nickte und drehte den Türknauf, aber offenbar hielt ihn Mr Weasley auf der anderen Seite fest, denn die Tür wollte nicht aufgehen.

»Molly! Zuerst muss ich dir deine Frage stellen!«

»Arthur, wirklich, das ist doch albern …«

»Wie soll ich dich immer nennen, wenn wir beide allein sind?«

Selbst beim schwachen Licht der Lampe konnte Harry sehen, dass Mrs Weasley knallrot geworden war; ihm selbst wurde plötzlich warm um die Ohren und im Genick, und er schlang hastig die Suppe hinunter und klapperte möglichst laut mit dem Löffel gegen die Schale.

»Mollyröllchen«, flüsterte Mrs Weasley beschämt durch den Türspalt.

»Korrekt«, sagte Mr Weasley. »Jetzt kannst du mich reinlassen.«

Mrs Weasley öffnete die Tür, und ihr Mann erschien, ein dünner, zur Glatze neigender rothaariger Zauberer mit Hornbrille und einem langen und staubigen Reiseumhang.

»Ich versteh immer noch nicht, warum wir das jedes Mal, wenn du heimkommst, durchziehen müssen«, sagte Mrs Weasley, nach wie vor rosa im Gesicht, während sie ihrem Mann aus dem Umhang half. »Ich meine, ein Todesser hätte die Antwort aus dir herauspressen können, bevor er in deinen Körper geschlüpft wäre!«

»Das weiß ich, Liebling, aber es ist das Standardverfahren des Ministeriums und ich muss ein Beispiel geben. Hier riecht es gut – Zwiebelsuppe?«

Mr Weasley drehte sich hoffnungsvoll zum Tisch um.

»Harry! Wir haben dich erst am Morgen erwartet!«

Sie schüttelten einander die Hand und Mr Weasley ließ sich auf einen Stuhl neben Harry fallen, während Mrs Weasley auch ihm eine Schale mit Suppe auftischte.

»Danke, Molly. Das war eine anstrengende Nacht. Irgendein Idiot hat angefangen, Metamorph-Medaillen zu verkaufen. Häng sie dir einfach um den Hals und du kannst nach Belieben deine Erscheinung verändern. Hunderttausend Verkleidungen, und das alles für zehn Galleonen!«

»Und was passiert wirklich, wenn man sie umhängt?«

»Meistens nimmt man nur eine ziemlich unangenehme orange Farbe an, aber manchen Leuten sind auch tentakelartige Warzen am ganzen Körper gewachsen. Als ob das St. Mungo nicht schon genug zu tun hätte!«

»Klingt ganz nach der Sorte von Dingen, die Fred und George lustig finden würden«, sagte Mrs Weasley zögernd. »Bist du sicher –?«

»Natürlich bin ich sicher!«, sagte Mr Weasley. »Die Jungs würden so etwas nicht tun, nicht jetzt, wo alle Leute so verzweifelt nach Schutz suchen!«

»Deshalb hast du dich also verspätet, wegen der Metamorph-Medaillen?«

»Nein, wir haben Wind bekommen von einem üblen Bumerang-Fluch unten in Elephant and Castle, aber zum Glück hatte das Magische Strafverfolgungskommando die Lage schon unter Kontrolle, als wir dort ankamen …«

Harry unterdrückte hinter vorgehaltener Hand ein Gähnen.

»Ins Bett mit dir«, sagte Mrs Weasley prompt, die es gleich bemerkt hatte. »Ich hab das Zimmer von Fred und George für dich hergerichtet, du hast es ganz für dich allein.«

»Warum, wo sind sie?«

»Oh, sie sind in der Winkelgasse und schlafen in der kleinen Wohnung über ihrem Scherzladen, weil sie so viel zu tun haben«, sagte Mrs Weasley. »Ich muss gestehen, zuerst hat es mir nicht gefallen, aber sie scheinen tatsächlich ein Händchen für gute Geschäfte zu haben! Komm jetzt, mein Lieber, dein Koffer ist schon oben.«

»Nacht, Mr Weasley«, sagte Harry und schob seinen Stuhl zurück. Krummbein sprang leichtfüßig von seinem Schoß und schlich aus dem Zimmer.

»Gut Nacht, Harry«, sagte Mr Weasley.

Als sie die Küche verließen, sah Harry, wie Mrs Weasley einen Blick auf die Uhr im Wäschekorb warf. Alle Zeiger wiesen wieder auf tödliche Gefahr.

Das Zimmer von Fred und George lag im zweiten Stock. Mrs Weasley richtete ihren Zauberstab auf eine Lampe am Nachttisch, die sofort aufleuchtete und den Raum in einen behaglichen goldenen Schimmer tauchte. Eine große Vase voller Blumen stand auf einem Schreibtisch vor dem kleinen Fenster, doch ihr Duft konnte den in der Luft hängenden Geruch nicht überdecken, der Harry an Schießpulver erinnerte. Zahlreiche unbeschriftete und versiegelte Pappkartons nahmen einen beträchtlichen Teil des Fußbodens ein, und mittendrin stand Harrys Schulkoffer. Das Zimmer machte den Eindruck, als würde es provisorisch als Lagerraum benutzt.

Hedwig schrie Harry von ihrem Platz oben auf einem großen Kleiderschrank aus glücklich entgegen und flog dann durchs Fenster davon; Harry wusste, dass sie auf ihn gewartet hatte, ehe sie jagen ging. Er wünschte Mrs Weasley gute Nacht, zog den Schlafanzug an und schlüpfte in eines der Betten. Im Kopfkissenbezug war etwas Hartes. Er schob die Hand hinein und zog eine klebrige lila-orange Süßigkeit hervor, die er gleich erkannte: Es war eine Kotzpastille. Mit einem leisen Lächeln drehte er sich auf die Seite und schlief sofort ein.

Sekunden später, jedenfalls kam es Harry so vor, weckte ihn eine Art Kanonendonner, mit dem die Tür aufsprang. Er saß kerzengerade im Bett und hörte, wie jemand die Vorhänge mit einem Ratschen zurückzog: Blendendes Sonnenlicht stach ihm heftig in beide Augen. Er hielt sich schützend eine Hand davor und tastete mit der anderen verzweifelt nach seiner Brille.

»Wasnlos?«

»Wir wussten nicht, dass du schon da bist!«, sagte eine laute und aufgeregte Stimme, und er bekam einen heftigen Schlag auf den Kopf.

»Ron, hau ihn nicht!«, sagte eine Mädchenstimme vorwurfsvoll.

Harry hatte seine Brille gefunden und setzte sie auf, doch das Licht war so hell, dass er ohnehin kaum etwas sehen konnte. Ein langer, zitternder Schatten ragte einen Moment lang vor ihm auf; Harry blinzelte, und dann erkannte er allmählich Ron Weasley, der zu ihm heruntergrinste.

»Alles klar?«

»Bestens«, sagte Harry, rieb sich den Kopf und ließ sich in die Kissen zurückplumpsen. »Und bei dir?«

»Geht so«, sagte Ron, zog einen Karton heran und setzte sich darauf. »Wann bist du gekommen? Mum hat es uns eben erst gesagt!«

»Heute Nacht, gegen eins.«

»Waren die Muggel okay? Haben sie dich anständig behandelt?«

»So wie immer«, sagte Harry, während Hermine sich auf seinen Bettrand setzte. »Sie haben nicht viel mit mir geredet, aber das ist mir sowieso lieber. Wie geht's dir, Hermine?«

»Oh, mir geht's gut«, erwiderte sie und musterte Harry, als ob er krank wäre.

Er glaubte zu wissen, was der Grund dafür war, und da er im Augenblick keine Lust hatte, über Sirius' Tod oder irgendein anderes trauriges Thema zu reden, sagte er: »Wie viel Uhr ist es? Hab ich das Frühstück verpasst?«

»Kein Problem, Mum bringt dir ein Tablett hoch, sie findet, dass du unterernährt aussiehst«, sagte Ron und rollte die Augen. »Also, was war bei dir los?«

»Nicht viel, ich saß ja bei meiner Tante und meinem Onkel fest, oder?«

»Hör schon auf damit!«, sagte Ron. »Du warst mit Dumbledore unterwegs!«

»Das war nicht sonderlich spannend. Er wollte nur, dass ich ihm helfe, diesen alten Lehrer zu überreden, dass er aus dem Ruhestand zurückkommt. Er heißt Horace Slughorn.«

»Oh«, sagte Ron mit enttäuschter Miene. »Wir dachten…«

Hermine warf Ron einen warnenden Blick zu und Ron wechselte blitzschnell die Spur.

»…wir dachten uns schon, dass es um so was Ähnliches ging.«

»Tatsächlich?«, sagte Harry belustigt.

»Ja… ja, jetzt, wo Umbridge weg ist, brauchen wir natürlich einen neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, nicht wahr? Also, ähm, wie ist er?«

»Er sieht ein bisschen wie ein Walross aus und war mal Hauslehrer von Slytherin«, sagte Harry. »Ist irgendwas, Hermine?«

Sie beobachtete ihn, als wartete sie nur darauf, dass jeden Moment merkwürdige Symptome bei ihm auftauchen würden. Hastig setzte sie ein wenig überzeugendes Lächeln auf.

»Nein, natürlich nicht! Also, ähm, sieht Slughorn nach einem guten Lehrer aus?«

»Weißnich«, sagte Harry. »Schlimmer als Umbridge kann er nicht sein, oder?«

»Ich kenn jemanden, der schlimmer ist als Umbridge«, sagte eine Stimme von der Tür her. Rons jüngere Schwester stapfte ins Zimmer, sie wirkte verärgert. »Hi, Harry.«

»Was ist mit dir?«, fragte Ron.

»Es ist wegen ihr«, sagte Ginny und ließ sich auf Harrys Bett fallen. »Sie macht mich wahnsinnig.«

»Was hat sie denn jetzt wieder getan?«, fragte Hermine mitfühlend.

»Es ist die Art, wie sie mit mir redet – man könnte meinen, ich wär gerade mal drei!«

»Ich weiß«, sagte Hermine und senkte die Stimme. »Sie ist so was von eingebildet.«

Harry war erstaunt, dass Hermine so über Mrs Weasley sprach, und konnte es Ron nicht verübeln, dass er wütend sagte: »Könnt ihr beide sie nicht mal fünf Sekunden lang in Ruhe lassen?«

»Oh, alles klar, verteidige sie nur«, fauchte Ginny. »Wir wissen alle, dass du nicht genug von ihr kriegen kannst.«

Das war irgendwie eine seltsame Bemerkung über Rons Mutter; Harry hatte allmählich das Gefühl, etwas nicht mitbekommen zu haben, und sagte: »Über wen –?«

Doch seine Frage beantwortete sich von selbst, noch ehe er sie ganz ausgesprochen hatte. Die Tür flog erneut auf und Harry zog sich unwillkürlich die Bettdecke so heftig ans Kinn, dass Hermine und Ginny vom Bett auf den Boden rutschten.

Eine junge Frau stand im Eingang, eine Frau von so atemberaubender Schönheit, dass das Zimmer auf einmal merkwürdig luftleer wirkte. Sie war groß und gertenschlank, hatte langes blondes Haar, und ein schwacher silbriger Glanz schien von ihr auszugehen. Wie um dieses Bild der Vollkommenheit perfekt zu machen, hielt sie ein schwer beladenes Frühstückstablett in den Händen.

»'Arry«, sagte sie mit kehliger Stimme. »Es ist suu lange 'er!«

Sie rauschte über die Schwelle auf ihn zu und Mrs Weasley tauchte auf, die hinter ihr herhüpfte und ziemlich mürrisch aussah.

»Es wäre nicht nötig gewesen, das Tablett hochzubringen, das wollte ich gerade selber tun!«

»Es war mir ein Vergnügen«, sagte Fleur Delacour, legte das Tablett über Harrys Knie, stürzte sich dann auf ihn und küsste ihn auf beide Wangen: Er spürte, wie es an den Stellen brannte, wo ihr Mund ihn berührt hatte. »Isch 'ab misch danach gesehnt, ihn su se'en. Erinnerst du disch an meine Schwester Gabrielle? Sie redet dauernd nur von 'Arry Potter. Sie wird entsückt sein, disch wiedersuse'en.«

»Oh … ist sie auch hier?«, krächzte Harry.

»Non, non, dummer Junge«, sagte Fleur mit einem klingenden Lachen, »isch meine nächsten Sommer, wenn wir – aber weißt du das nischt?«

Ihre großen blauen Augen wurden noch größer, und sie sah vorwurfsvoll zu Mrs Weasley hinüber, die bemerkte: »Wir sind noch nicht dazu gekommen, es ihm zu sagen.«

Fleur drehte sich wieder zu Harry und schwenkte ihre silberne Haarmähne, so dass sie Mrs Weasley ins Gesicht peitschte.

»Bill und isch werden 'eiraten!«

»Oh«, sagte Harry tonlos. Es war nicht zu übersehen, dass Mrs Weasley, Hermine und Ginny es allesamt entschlossen vermieden, sich anzusehen. »Wow. Ähm – gratuliere!«

Sie stürzte sich wieder auf ihn und küsste ihn noch einmal.

»Bill ist im Moment sehr beschäftigt, er arbeitet sehr 'art, und isch arbeite nur Teilseit bei Gringotts für mein Englisch, also 'at er misch für ein paar Tage 'ier'er gebracht, damit isch seine Familie rischtisch kennen lerne. Isch 'ab misch so gefreut, als isch ge'ört 'ab, dass du kommst – es gibt 'ier nischt viel su tun, außer man mag Kochen und Küken! Also – genieß dein Frühstück, 'Arry!«

Mit diesen Worten drehte sie sich graziös um, schwebte förmlich aus dem Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich.

Mrs Weasley machte ein Geräusch, das wie »Tscha!« klang.

»Mum hasst sie«, sagte Ginny leise.

»Ich hasse sie nicht!«, flüsterte Mrs Weasley ärgerlich. »Ich meine nur, dass sie es mit dieser Verlobung zu eilig hatten, das ist alles!«

»Sie kennen sich seit einem Jahr«, sagte Ron, der merkwürdig angeschlagen wirkte und auf die geschlossene Tür starrte.

»Also, das ist nicht sehr lang! Ich weiß natürlich, warum es passiert ist. Wegen dieser ganzen Unsicherheit, seit Du-weißt-schon-wer wieder zurück ist, die Leute denken, dass sie morgen schon tot sein könnten, also treffen sie alle möglichen überstürzten Entscheidungen, mit denen sie sich normalerweise Zeit lassen würden. Als er das letzte Mal mächtig war, war es genau dasselbe, wo du hinkamst, haben sich die Leute gegenseitig an den Hals geworfen – «

»Auch du und Dad«, sagte Ginny verschmitzt.

»Na ja, dein Vater und ich waren füreinander geschaffen, wieso hätten wir warten sollen?«, sagte Mrs Weasley. »Während Bill und Fleur … nun … was haben sie denn wirklich gemeinsam? Er ist ein fleißiger, bodenständiger Typ, sie dagegen ist – «

»Eine Kuh«, sagte Ginny und nickte. »Aber Bill ist gar nicht so bodenständig. Er ist ein Fluchbrecher, stimmt's, er mag's gern ein bisschen abenteuerlich, ein bisschen glamourös … Ich glaube, deshalb fährt er auf Schleim ab.«

»Hör auf, sie so zu nennen, Ginny«, sagte Mrs Weasley scharf, während Harry und Hermine lachten. »Also, ich geh jetzt besser … Iss dein Rührei, solang es noch warm ist, Harry.«

Sie verließ das Zimmer, offenbar vergrämt. Ron wirkte immer noch ein wenig durcheinander; er schüttelte probehalber den Kopf, wie ein Hund, der Wasser in den Ohren loswerden will.

»Gewöhnt man sich nicht an sie, wenn sie im selben Haus wohnt?«, fragte Harry.

»Doch, schon«, sagte Ron. »Aber wenn sie sich überraschend auf dich stürzt, wie vorhin …«

»Es ist erbärmlich«, sagte Hermine wütend, marschierte so weit wie möglich von Ron weg, bis sie die Wand erreichte, und drehte sich dann mit verschränkten Armen wieder zu ihm um.

»Du willst sie doch nicht im Ernst ständig um dich haben?«, fragte Ginny Ron ungläubig. Als er nur die Achseln zuckte, sagte sie: »Also, Mum wird dem ein Ende bereiten, wenn sie kann, da geh ich jede Wette mit dir ein.«

»Wie will sie das schaffen?«, fragte Harry.

»Sie bemüht sich ständig, dass Tonks zum Abendessen kommt. Ich glaube, sie hofft, dass Bill sich dann stattdessen in Tonks verliebt. Das hoffe ich auch, ich hätte viel lieber Tonks in der Familie.«

»Ja, das wird sicher funktionieren«, sagte Ron sarkastisch. »Hör mal, kein Typ, der sie noch alle hat, wird sich in Tonks verknallen, solange Fleur in der Nähe ist. Ich meine, Tonks sieht okay aus, wenn sie nicht gerade blödsinnige Sachen mit ihrem Haar und ihrer Nase anstellt, aber – «

»Sie ist verdammt viel netter als Schleim«, sagte Ginny.

»Und sie ist intelligenter, sie ist ein Auror!«, meldete sich Hermine aus der Ecke.

»Fleur ist nicht dumm, sie war so gut, dass sie es bis ins Trimagische Turnier geschafft hat«, sagte Harry.

»Du nicht auch noch!«, sagte Hermine verbittert.

»Ich schätze, du magst die Art, wie Schleim immer ›'Arry‹ sagt, was?«, bemerkte Ginny verächtlich.

»Nein«, erwiderte Harry und wünschte sofort, er hätte gar nichts gesagt. »Ich hab nur gesagt, dass Schleim – ich meine, Fleur – «

»Ich hätte viel lieber Tonks in der Familie«, sagte Ginny. »Sie ist wenigstens lustig.«

»In letzter Zeit war sie gar nicht so lustig«, stellte Ron fest. »Jedes Mal, wenn ich sie getroffen habe, sah sie eher aus wie die Maulende Myrte.«

»Das ist nicht fair«, fauchte Hermine. »Sie ist immer noch nicht über das weggekommen, was passiert ist … du weißt … ich meine, er war verwandt mit ihr!«

Harry wurde das Herz schwer. Sie waren bei Sirius angelangt. Er nahm eine Gabel und fing an, sich Rührei in den Mund zu schaufeln, in der Hoffnung, dass er damit jede Aufforderung abwehren konnte, sich an diesem Teil des Gesprächs zu beteiligen.

»Tonks und Sirius kannten sich kaum!«, sagte Ron. »Sirius war ihr halbes Leben lang in Askaban, und davor haben sich ihre Familien nie getroffen – «

»Darum geht's nicht«, sagte Hermine. »Sie meint, es war ihre Schuld, dass er umgekommen ist!«

»Wie kommt sie denn darauf?«, sagte Harry unwillkürlich.

»Na ja, sie hat schließlich gegen Bellatrix Lestrange gekämpft. Ich glaube, sie denkt, wenn sie Bellatrix nur erledigt hätte, dann hätte Bellatrix Sirius nicht töten können.«

»Das ist Unsinn«, erwiderte Ron.

»Das ist das Schuldgefühl der Überlebenden«, sagte Hermine. »Ich weiß, dass Lupin versucht hat, ihr das auszureden, aber sie ist immer noch ziemlich fertig. Sie hat sogar Schwierigkeiten mit ihrem Metamorphosieren!«

»Mit ihrem –?«

»Sie kann nicht mehr wie früher ihr Aussehen verändern«, erklärte Hermine. »Ich glaube, ihre Kräfte sind wahrscheinlich durch einen Schock oder irgendwas angegriffen worden.«

»Ich wusste nicht, dass so was passieren kann«, sagte Harry.

»Ich auch nicht«, erwiderte Hermine, »aber ich nehme an, wenn du wirklich deprimiert bist …«

Die Tür ging von neuem auf und Mrs Weasley steckte den Kopf herein.

»Ginny«, flüsterte sie, »komm runter und hilf mir mit dem Mittagessen.«

»Ich unterhalte mich gerade!«, sagte Ginny empört.

»Sofort!«, sagte Mrs Weasley und ging wieder.

»Sie will mich nur unten dabeihaben, damit sie nicht mit Schleim allein sein muss!«, sagte Ginny mürrisch. Sie schwenkte ihr langes rotes Haar ganz genau wie Fleur durch die Luft und tänzelte mit erhobenen Armen wie eine Ballerina quer durchs Zimmer.

»Ihr solltet besser auch schnell runterkommen«, sagte sie beim Hinausgehen.

Harry nutzte die zeitweilige Stille, um weiterzufrühstücken. Hermine spähte in Freds und Georges Kartons, warf jedoch ab und zu Seitenblicke auf Harry. Ron, der sich inzwischen von Harrys Toast bediente, starrte immer noch träumerisch auf die Tür.

»Was ist das denn?«, fragte Hermine schließlich und hielt etwas hoch, das wie ein kleines Teleskop aussah.

»Keine Ahnung«, sagte Ron, »aber wenn Fred und George es hier gelassen haben, ist es wahrscheinlich noch nicht fertig für den Scherzladen, also sei lieber vorsichtig.«

»Deine Mum meinte, dass der Laden gut läuft«, sagte Harry. »Fred und George hätten ein echtes Händchen für gute Geschäfte.«

»Das ist untertrieben«, sagte Ron. »Die schwimmen in Galleonen! Ich kann's gar nicht erwarten, bis ich den Laden mal sehe. Wir waren noch nicht in der Winkelgasse, weil Mum will, dass Dad sicherheitshalber mitkommt, und der hatte in letzter Zeit bei der Arbeit so viel zu tun, aber es hört sich absolut spitze an.«

»Und was ist mit Percy?«, fragte Harry. Der drittälteste Weasley-Bruder hatte sich mit dem Rest der Familie zerstritten. »Redet er wieder mit deiner Mum und deinem Dad?«

»Von wegen«, sagte Ron.

»Aber er weiß, dass dein Dad die ganze Zeit über Recht hatte, wegen Voldemort, dass er jetzt zurück ist – «

»Dumbledore meint, dass es den Menschen viel leichter fällt, anderen zu verzeihen, wenn sie sich geirrt haben, als wenn sie Recht hatten«, sagte Hermine. »Ich hab gehört, wie er das zu deiner Mum gesagt hat, Ron.«

»Klingt ganz nach Dumbledore, diese Art von Weisheit«, sagte Ron.

»Er will mir dieses Jahr Einzelunterricht geben«, warf Harry beiläufig ein.

Ron verschluckte sich an seinem Stück Toast, und Hermine schnappte nach Luft.

»Das hast du uns verschwiegen!«, sagte Ron.

»Ist mir eben erst wieder eingefallen«, beteuerte Harry »Er hat es mir letzte Nacht in eurem Besenschuppen gesagt.«

»Wahnsinn … Einzelunterricht bei Dumbledore!«, sagte Ron und sah beeindruckt aus. »Ich frag mich, warum er …?«

Seine Stimme erstarb. Harry sah ihn und Hermine Blicke austauschen. Er legte Messer und Gabel weg und sein Herz pochte ziemlich schnell, wenn man bedachte, dass er nichts tat, außer im Bett zu sitzen. Dumbledore hatte gesagt, dass er es tun sollte … warum nicht jetzt? Er starrte seine Gabel an, die im Sonnenlicht glitzerte, das in seinen Schoß fiel, und sagte: »Ich weiß nicht genau, warum er mir Unterricht geben will, aber ich denke, es muss wegen der Prophezeiung sein.«

Weder Ron noch Hermine sagten etwas. Harry hatte den Eindruck, dass beide erstarrt waren. Er fuhr fort und sprach dabei nach wie vor zu seiner Gabel: »Ihr wisst schon, die sie versucht haben aus dem Ministerium zu stehlen.«

»Aber keiner weiß, wie sie gelautet hat«, sagte Hermine rasch. »Sie ist zerbrochen.«

»Der Prophet behauptet allerdings –«, fing Ron an, doch Hermine machte »Schhh!«.

»Der Prophet hat Recht«, erwiderte Harry und sah unter großer Anstrengung zu den beiden auf: Hermine wirkte verängstigt und Ron verblüfft. »Die Glaskugel, die zerbrochen ist, war nicht die einzige Aufzeichnung der Prophezeiung. Ich hab alles in Dumbledores Büro gehört, ihm gegenüber wurde die Prophezeiung ausgesprochen, also konnte er es mir verraten. Der Prophezeiung zufolge«, Harry holte tief Luft, »bin ich wohl derjenige, der Voldemort erledigen muss … zumindest sagte sie, dass keiner von uns leben kann, während der Andere überlebt.«

Die drei schauten sich einen Moment lang schweigend an. Dann gab es einen lauten Knall und Hermine verschwand hinter einer schwarzen Rauchwolke.

»Hermine!«, riefen Harry und Ron; das Frühstückstablett rutschte vom Bett und krachte auf den Boden.

Hermine tauchte hustend aus dem Rauch auf, das Teleskop in den Händen und ein leuchtendes Veilchen am Auge.

»Ich hab es gedrückt und es – es hat mir einen Schlag verpasst!«, keuchte sie.

Und tatsächlich, jetzt sahen sie eine winzige Faust an einer langen Feder, die aus der Spitze des Teleskops herausragte.

»Keine Sorge«, sagte Ron, der sich offensichtlich das Lachen verkniff. »Mum kriegt das schon wieder hin, kleinere Verletzungen kann sie prima behandeln – «

»Ach was, ist jetzt nicht so wichtig!«, sagte Hermine hastig. »Harry, oh, Harry …«

Sie setzte sich wieder auf seinen Bettrand.

»Als wir aus dem Ministerium zurück waren, haben wir uns schon gefragt … Natürlich wollten wir nichts zu dir sagen, aber nach dem, was Lucius Malfoy über die Prophezeiung erzählt hat, dass sie dich und Voldemort betrifft, also, da dachten wir uns gleich, dass es so was sein könnte … oh, Harry …« Sie starrte ihn an, dann flüsterte sie: »Hast du Angst?«

»Inzwischen nicht mehr so viel«, sagte Harry. »Als ich sie zum ersten Mal gehört hab, schon … aber jetzt kommt es mir so vor, als hätte ich immer gewusst, dass ich ihm am Ende gegenübertreten muss …«

»Als wir hörten, dass Dumbledore dich persönlich abholt, dachten wir, dass er dir vielleicht etwas mitteilen oder etwas zeigen will, das mit der Prophezeiung zu tun hat«, sagte Ron eifrig. »Und irgendwie hatten wir Recht, nicht wahr? Er würde dir nicht Unterricht geben, wenn er dich schon aufgegeben hätte, er würde seine Zeit nicht verschwenden – er denkt ganz sicher, dass du eine Chance hast!«

»Das stimmt«, sagte Hermine. »Was er dir wohl beibringen wird, Harry? Richtig fortgeschrittene defensive Magie wahrscheinlich … wirkungsvolle Gegenflüche … Bannbrecher …«

Harry hörte nicht richtig zu. Eine Wärme breitete sich in ihm aus, die nichts mit dem Sonnenlicht zu tun hatte; etwas, das seine Brust eng zugeschnürt hatte, schien sich aufzulösen. Er wusste, dass Ron und Hermine schockierter waren, als sie sich anmerken ließen, doch dass sie nach wie vor hier, zu beiden Seiten seines Bettes, saßen, ihm mit aufmunternden Worten Trost spendeten und nicht vor ihm zurückwichen, als wäre er ansteckend oder gefährlich, allein diese Tatsache war mehr wert, als er ihnen je sagen konnte.

»… und die ganzen Ausweichzauber«, schloss Hermine. »Also, wenigstens kennst du ein Fach, das du dieses Jahr haben wirst, das ist eins mehr, als Ron und ich kennen. Wann kommen eigentlich unsere ZAG-Ergebnisse?«

»Kann nicht mehr lange dauern, es ist schon einen Monat her«, sagte Ron.

»Augenblick mal«, warf Harry ein, der sich gerade an einen weiteren Teil des Gesprächs der vergangenen Nacht erinnerte. »Ich glaube, Dumbledore hat gesagt, dass unsere ZAG-Ergebnisse heute kommen!«

»Heute?«, kreischte Hermine. »Heute? Aber warum hast du nicht – o mein Gott – das hättest du doch sagen müssen – «

Sie sprang auf.

»Ich schau mal nach, ob irgendwelche Eulen da sind …«

Doch als Harry zehn Minuten später nach unten kam, vollständig angezogen und mit seinem leeren Frühstückstablett in der Hand, fand er Hermine in heller Aufregung am Küchentisch sitzen, während Mrs Weasley sich darum bemühte, dass sie weniger wie ein halber Panda aussah.

»Da tut sich überhaupt nichts«, sagte Mrs Weasley besorgt. Sie stand über Hermine gebeugt, mit dem Zauberstab in der Hand und einer Ausgabe von Heilers Helferlein, das bei »Prellungen, Schnittwunden und Abschürfungen« aufgeschlagen war. »Das hat doch sonst immer geholfen, ich versteh es einfach nicht.«

»Sieht ganz nach der Art von Scherz aus, die Fred und George lustig finden, die würden dafür sorgen, dass es auch ja nicht mehr weggeht«, sagte Ginny.

»Aber es muss weggehen!«, piepste Hermine. »Ich kann doch nicht bis in alle Ewigkeit so rumlaufen!«

»Das wirst du auch nicht, meine Liebe, wir finden schon ein Gegenmittel, mach dir keine Sorgen«, beschwichtigte sie Mrs Weasley.

»Bill 'at mir gesagt, wie sehr amusant Fred und Schorsch sind!«, sagte Fleur mild lächelnd.

»Ja, ich krieg kaum noch Luft vor Lachen!«, fauchte Hermine.

Sie sprang auf und begann in der Küche im Kreis herumzugehen, die Finger ineinander verschlungen.

»Mrs Weasley, sind Sie sich ganz, ganz sicher, dass heute Morgen keine Eulen angekommen sind?«

»Ja, meine Liebe, das hätte ich bemerkt«, sagte Mrs Weasley geduldig. »Aber es ist noch nicht mal neun, da ist noch genug Zeit …«

»Ich weiß, dass ich Alte Runen vermasselt hab«, murmelte Hermine fieberhaft, »ich hab bestimmt mindestens einen schweren Übersetzungsfehler gemacht. Und der praktische Teil in Verteidigung gegen die dunklen Künste ging völlig daneben. Ich dachte zuerst, Verwandlung wäre gut gelaufen, aber jetzt im Nachhinein – «

»Hermine, halt mal den Mund, du bist nicht die Einzige, die nervös ist!«, bellte Ron. »Und wenn du deine elf ›Ohnegleichen‹-ZAGs hast …«

»Hör auf, hör auf, hör auf!«, rief Hermine und wedelte hysterisch mit den Händen durch die Luft. »Ich bin ganz bestimmt überall durchgefallen!«

»Was passiert, wenn wir durchfallen?«, fragte Harry in die Runde, doch es war wieder Hermine, die antwortete.

»Wir besprechen mit unserem Hauslehrer, wie unsere weiteren Möglichkeiten aussehen; ich hab am Ende des letzten Jahres Professor McGonagall danach gefragt.«

Harrys Magen verkrampfte sich. Er bereute, dass er so viel gefrühstückt hatte.

»In Beauxbatons«, sagte Fleur selbstgefällig, »'aben wir es anders gemacht. Isch denke, es war besser. Wir 'atten unsere Prüfungen nach sechs Jahren Studium, nischt fünf, und dann – «

Fleurs Worte gingen in einem Schrei unter. Hermine wies zum Küchenfenster hinaus. Drei schwarze Flecken waren deutlich am Himmel zu erkennen, sie wurden immer größer.

»Das sind eindeutig Eulen«, sagte Ron heiser, sprang auf und stellte sich neben Hermine ans Fenster.

»Und es sind drei«, sagte Harry und eilte an ihre andere Seite.

»Eine für jeden von uns«, flüsterte Hermine entsetzt. »O nein … o nein … o nein …«

Sie packte Harry und Ron fest an den Ellbogen.

Die Eulen flogen direkt auf den Fuchsbau zu, es waren drei hübsche Waldkäuze, und als sie über dem Weg zum Haus hin tiefer flogen, konnte man sehen, dass jede von ihnen einen großen rechteckigen Umschlag trug.

»O nein«, schrie Hermine.

Mrs Weasley zwängte sich an ihnen vorbei und öffnete das Küchenfenster. Eins, zwei, drei, rauschten die Eulen hindurch und landeten ordentlich in einer Reihe auf dem Tisch. Alle drei hoben ihr rechtes Bein.

Harry trat vor. Der an ihn adressierte Brief war am Bein der mittleren Eule befestigt. Er band ihn mit ungeschickten Fingern los. Links von ihm versuchte Ron gerade sein eigenes Zeugnis abzukriegen; rechts von ihm bebten Hermines Hände dermaßen, dass sie ihre ganze Eule zum Zittern brachte.

Niemand in der Küche sprach ein Wort. Endlich schaffte es Harry, den Umschlag abzulösen. Er schlitzte ihn rasch auf und faltete das Pergament darin auseinander.

ERGEBNIS DER ZAUBERERGRAD-PRÜFUNGEN

Bestanden mit den Noten:

Ohnegleichen (O)

Erwartungen übertroffen (E)

Annehmbar (A)

Nicht bestanden mit den Noten:

Mies (M)

Schrecklich (S)

Troll (T)

HARRY JAMES POTTER hat folgende Noten erlangt:

Astronomie: …………………………… A

Pflege magischer Geschöpfe: …………………………… E

Zauberkunst: …………………………… E

Verteidigung gegen die dunklen Künste: …………………………… O

Wahrsagen: …………………………… M

Kräuterkunde: …………………………… E

Geschichte der Zauberei: …………………………… S

Zaubertränke: …………………………… E

Verwandlung: …………………………… E

Harry las das Pergament mehrmals durch, und mit jedem Mal wurde ihm leichter ums Herz. Es war schon in Ordnung: Er hatte immer gewusst, dass er in Wahrsagen durchfallen würde, und er hatte keine Chance gehabt, in Geschichte der Zauberei durchzukommen, schließlich war er ja mitten in der Prüfung zusammengebrochen – aber alles andere hatte er bestanden! Er fuhr mit dem Finger die Noten entlang … er hatte in Verwandlung und Kräuterkunde gut abgeschnitten und sogar in Zaubertränke die Erwartungen übertroffen! Und das Beste von allem war, dass er in Verteidigung gegen die dunklen Künste ein »Ohnegleichen« geschafft hatte!

Er sah sich um. Hermine hatte ihm den Rücken zugewandt und den Kopf gesenkt, aber Ron schien sich zu freuen.

»Bin nur in Wahrsagen und Zaubereigeschichte durchgefallen, und wen juckt das schon?«, sagte er glücklich zu Harry. »Hier – tauschen – «

Harry warf einen Blick auf Rons Noten: Ein »Ohnegleichen« war nicht dabei…

»Ich wusste, dass du in Verteidigung gegen die dunklen Künste spitze bist«, sagte Ron und schlug Harry auf die Schulter. »Wir haben's gepackt, stimmt's?«

»Gut gemacht!«, sagte Mrs Weasley stolz und verstrubbelte Ron die Haare. »Sieben ZAGs, das sind mehr, als Fred und George zusammen hatten!«

»Hermine?«, sagte Ginny behutsam, denn Hermine hatte sich immer noch nicht umgedreht. »Wie ist es bei dir gelaufen?«

»Ich – nicht schlecht«, sagte Hermine kleinlaut.

»Jetzt hör aber auf«, sagte Ron, ging zu ihr hinüber und riss ihr das Zeugnis aus der Hand. »Jep – zehn ›Ohnegleichen‹, und ein Erwartungen übertroffen‹ in Verteidigung gegen die dunklen Künste.« Er schaute zu ihr hinunter, halb belustigt, halb wütend. »Du bist tatsächlich enttäuscht, stimmt's?«

Hermine schüttelte den Kopf, aber Harry lachte.

»Also, jetzt sind wir UTZ-Schüler!« Ron grinste. »Mum, sind noch Würstchen da?«

Harry sah sich wieder seine Ergebnisse an. Mehr hatte er sich wirklich nicht erhoffen können. Er spürte nur einen winzigen Stich … schade, dies war das Ende seines Wunschtraums, ein Auror zu werden. Er hatte die erforderliche Note in Zaubertränke nicht geschafft. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass er das nicht schaffen würde, und trotzdem spürte er ein flaues Gefühl im Magen, als er noch einmal auf das kleine schwarze »E« blickte.

Eigentlich seltsam, es war ein maskierter Todesser gewesen, der Harry zum ersten Mal gesagt hatte, dass aus ihm ein guter Auror werden könnte, aber irgendwie hatte ihn diese Vorstellung nicht mehr losgelassen, und ihm fiel so recht nichts anderes ein, was er gerne werden wollte. Außerdem kam es ihm wie seine wahre Berufung vor, seit er vor einem Monat die Prophezeiung gehört hatte … keiner kann leben, während der Andere überlebt… würde er der Prophezeiung nicht gerecht werden und sich die besten Überlebenschancen sichern, wenn er sich diesen hervorragend geschulten Zauberern anschließen könnte, deren Aufgabe es war, Voldemort zu finden und zu töten?

Dracos Abstecher

Harry verließ in den nächsten Wochen den Fuchsbau und seinen Garten nicht. Er verbrachte seine Tage meist damit, im Obstgarten der Weasleys zwei gegen zwei Quidditch zu spielen (er und Hermine gegen Ron und Ginny; Hermine war katastrophal und Ginny gut, also waren sie einigermaßen gleich stark), an den Abenden aß er drei Portionen von allem, was Mrs Weasley ihm auftischte.

Es wären glückliche, friedliche Ferien gewesen, wenn nicht fast täglich Berichte über verschwundene Leute, merkwürdige Unfälle, ja sogar über Todesfälle im Tagespropheten erschienen wären. Manchmal brachten Bill und Mr Weasley Neuigkeiten mit nach Hause, ehe sie überhaupt in die Zeitung gelangten. Zu Mrs Weasleys Missfallen wurde die Feier von Harrys sechzehntem Geburtstag von grausigen Nachrichten überschattet; Remus Lupin brachte sie mit, der ausgezehrt und verbittert wirkte, das braune Haar voller grauer Strähnen, die Kleider zerlumpter und geflickter denn je.

»Es gab noch ein paar weitere Dementorenangriffe«, verkündete er, als Mrs Weasley ihm ein großes Stück Geburtstagskuchen reichte. »Und man hat Igor Karkaroffs Leiche in einer Hütte oben im Norden gefunden. Sie haben das Dunkle Mal darüber aufsteigen lassen – also, ehrlich gesagt wundert es mich, dass er ein ganzes Jahr überlebt hat, nachdem er die Todesser verließ. Sirius' Bruder Regulus hat es nur ein paar Tage geschafft, soweit ich mich erinnere.«

»Nun ja«, sagte Mrs Weasley stirnrunzelnd, »vielleicht sollten wir über was anderes – «

»Hast du das mit Florean Fortescue gehört, Remus?«, fragte Bill, dem Fleur dauernd neuen Wein eingoss. »Der Mann, der den …«

»… Eissalon in der Winkelgasse hat?«, unterbrach ihn Harry mit einem unangenehmen, dumpfen Gefühl in der Magengrube. »Er hat mir immer Eis geschenkt. Was ist mit ihm passiert?«

»Wurde verschleppt, so, wie es in seinem Laden aussieht.«

»Weshalb?«, fragte Ron, während Mrs Weasley Bill einen wütenden Blick zuwarf.

»Wer weiß? Er muss sie irgendwie geärgert haben. War ein guter Kerl, Florean.«

»Da wir gerade von der Winkelgasse sprechen«, sagte Mr Weasley, »sieht aus, als wäre Ollivander auch verschwunden.«

»Der Zauberstabmacher?«, sagte Ginny mit bestürzter Miene.

»Genau. Der Laden ist leer. Keine Spur von einem Kampf. Keiner weiß, ob er freiwillig gegangen ist oder entführt wurde.«

»Aber Zauberstäbe – was machen die Leute ohne Zauberstäbe?«

»Die werden sich mit anderen Herstellern begnügen«, sagte Lupin. »Aber Ollivander war der beste, und wenn die andere Seite ihn hat, ist das nicht gerade gut für uns.«

Am Tag nach diesem ziemlich düsteren Geburtstagstee kamen ihre Briefe und Bücherlisten aus Hogwarts an. Für Harry war eine Überraschung dabei: Er war zum Quidditch-Kapitän ernannt worden.

»Damit hast du den gleichen Rang wie ein Vertrauensschüler!«, rief Hermine glücklich. »Jetzt kannst du unser spezielles Badezimmer benutzen und alles!«

»Wow, ich weiß noch, wie Charlie so eins getragen hat«, sagte Ron und betrachtete freudig das Abzeichen. »Harry, das ist so was von cool, du bist mein Kapitän – vorausgesetzt, du holst mich wieder in die Mannschaft, haha …«

»Nun, ich denke, wir können einen Besuch in der Winkelgasse nicht mehr länger aufschieben, jetzt, wo ihr die habt«, seufzte Mrs Weasley mit Blick auf Rons Bücherliste. »Wir gehen am Samstag, falls euer Vater nicht wieder zur Arbeit muss. Ohne ihn geh ich nicht dorthin.«

»Mum, glaubst du wirklich, Du-weißt-schon-wer versteckt sich hinter einem Bücherregal bei Flourish & Blotts?«, sagte Ron kichernd.

»Fortescue und Ollivander sind also im Urlaub?«, erwiderte Mrs Weasley, die sofort wütend wurde. »Wenn du denkst, mit der Sicherheitsfrage lässt sich spaßen, dann kannst du hier bleiben und ich besorg dir deine Sachen alleine – «

»Nein, ich will mitkommen, ich will den Laden von Fred und George sehen!«, sagte Ron hastig.

»Dann reiß dich zusammen junger Mann, sonst beschließe ich, dass du zu kindisch bist, um mit uns zu kommen!«, sagte Mrs Weasley verärgert, schnappte sich ihre Uhr, deren neun Zeiger alle immer noch auf tödliche Gefahr deuteten, und legte sie oben auf einen Stapel frisch gewaschener Handtücher. »Und das gilt auch für deine Rückkehr nach Hogwarts!«

Ron wandte sich zu Harry um und starrte ihn ungläubig an, während seine Mutter den Wäschekorb und die kippelnde Uhr hochhob und aus dem Zimmer stürmte.

»Meine Güte … hier kann man ja nicht mal mehr einen Witz machen …«

Aber Ron war in den folgenden Tagen sorgsam darauf bedacht, sich nicht über Voldemort lustig zu machen. Der Samstag brach an ohne weitere Wutanfälle von Mrs Weasley, obwohl sie beim Frühstück sehr angespannt schien. Bill, der mit Fleur zu Hause bleiben würde (zur besonderen Freude von Hermine und Ginny), reichte Harry einen Beutel voller Geld über den Tisch.

»Wo ist meins?«, wollte Ron sofort wissen, die Augen weit aufgerissen.

»Das gehört doch Harry, Idiot«, sagte Bill. »Ich hab es dir aus deinem Verlies geholt, Harry, denn zurzeit dauert es für normale Kunden etwa fünf Stunden, bis sie an ihr Gold kommen, die Kobolde haben die Sicherheitsmaßnahmen derart verschärft. Vor zwei Tagen bohrten sie Arkie Philpott eine Seriositätssonde in den … Also, glaub mir, es ist einfacher so.«

»Danke, Bill«, sagte Harry und steckte sein Gold ein.

»Er ist immer so suvorkommend«, schnurrte Fleur voller Bewunderung und streichelte Bills Nase. Hinter Fleur tat Ginny so, als müsste sie sich in ihr Müsli erbrechen. Harry verschluckte sich an seinen Cornflakes und Ron klopfte ihm auf den Rücken.

Es war ein trüber, nebliger Tag. Als sie sich die Umhänge überzogen und aus dem Haus traten, erwartete sie vorn auf dem Hof einer der Spezialwagen des Ministeriums, mit dem Harry früher schon einmal gefahren war.

»Gut, dass Dad uns die jetzt wieder besorgen kann«, sagte Ron anerkennend und streckte sich genüsslich, während der Wagen sich zügig vom Fuchsbau entfernte, wo Bill und Fleur noch aus dem Küchenfenster winkten. Er, Harry, Hermine und Ginny saßen alle bequem auf dem geräumigen, breiten Rücksitz.

»Gewöhnt euch nicht daran, das ist nur wegen Harry«, sagte Mr Weasley über die Schulter. Er und Mrs Weasley saßen vorne beim Fahrer des Ministeriums; der Vordersitz hatte sich gefügig zu einer Art Zweisitzersofa ausgestreckt. »Für ihn gilt die höchste Sicherheitsstufe. Und im Tropfenden Kessel bekommen wir dann auch noch Verstärkung.«

Harry sagte nichts; er hatte keine sonderliche Lust, seine Einkäufe zu erledigen, wenn ein Bataillon Auroren um ihn herum war. Er hatte seinen Tarnumhang im Rucksack verstaut und war der Meinung, wenn Dumbledore den für ausreichend hielt, dann sollte er auch dem Ministerium reichen, doch jetzt, wo er darüber nachdachte, war er gar nicht sicher, ob das Ministerium überhaupt von seinem Tarnumhang wusste.

»Nun, da sind wir«, sagte der Fahrer, der bisher kein Wort gesprochen hatte, erstaunlich wenig später, bremste in der Charing Cross Road und hielt vor dem Tropfenden Kessel. »Ich soll auf Sie warten, wissen Sie ungefähr, wie lange Sie brauchen?«

»Zwei Stunden, schätze ich«, sagte Mr Weasley. »Ah, schön, er ist da!«

Harry spähte wie Mr Weasley aus dem Fenster; sein Herz machte einen Hüpfer. Vor dem Pub warteten keine Auroren, sondern die riesige Gestalt von Rubeus Hagrid, dem schwarzbärtigen Wildhüter von Hogwarts, in einer langen Biberpelzjacke. Als er Harrys Gesicht sah, strahlte er, ohne die verdutzten Blicke der vorübergehenden Muggel zu bemerken.

»Harry!«, dröhnte er, und kaum war Harry aus dem Wagen gestiegen, schloss Hagrid ihn auch schon in eine knochenbrecherische Umarmung. »Seidenschnabel – Federflügel, meine ich –, du solltest ihn sehn, Harry, er is' so glücklich, dass er wieder an der frischen Luft ist – «

»Bin froh, dass es ihm gut geht«, sagte Harry und massierte sich grinsend die Rippen. »Wir wussten nicht, dass du die so genannte ›Verstärkung‹ bist!«

»Ich weiß, genau wie in alten Zeiten, nich wahr? Das Ministerium wollt dir 'nen Haufen Auroren schicken, verstehst du, aber Dumbledore meinte, ich würd reichen«, sagte Hagrid stolz, warf sich in die Brust und steckte seine Daumen in die Taschen. »Na dann mal los – nach euch, Molly, Arthur – «

Der Tropfende Kessel war zum ersten Mal, soweit Harry sich erinnern konnte, vollkommen leer. Nur Tom, der verhutzelte und zahnlose Wirt, war von der alten Truppe übrig geblieben. Er blickte hoffnungsvoll auf, als sie eintraten, doch ehe er etwas sagen konnte, verkündete Hagrid wichtigtuerisch: »Wir gehn heut nur durch, Tom, verstehst du sicher. In Sachen Hogwarts, weißt du.«

Tom nickte betrübt und fing wieder an Gläser zu wischen. Harry, Hermine, Hagrid und die Weasleys gingen durch den Schankraum hinaus auf den kühlen kleinen Hinterhof, wo die Mülleimer standen. Hagrid hob seinen rosa Schirm und schlug gegen einen bestimmten Stein in der Wand, die sich sofort zu einem Durchgang auf eine gewundene, gepflasterte Straße öffnete. Sie traten durch den Eingang und blieben dann stehen, um sich umzusehen.

Die Winkelgasse hatte sich verändert. Die bunten, glitzernden Schaufensterauslagen mit Zauberbüchern, Zaubertrankzutaten und Kesseln waren verschwunden, versteckt hinter großen Plakaten des Zaubereiministeriums, die über die Scheiben geklebt waren. Die meisten dieser dunkelvioletten Plakate waren eine vergrößerte Version der Merkblätter mit den Sicherheitsratschlägen, die das Ministerium den Sommer über verschickt hatte, doch andere zeigten bewegte Schwarzweißfotos von Todessern, die bekanntermaßen auf freiem Fuß waren. Bellatrix Lestrange grinste höhnisch von der Vorderfront der nächsten Apotheke herunter. Einige Fenster waren mit Brettern zugenagelt, darunter die von Florean Fortescues Eissalon. Auf der anderen Seite waren eine Reihe schäbig wirkender Stände entlang der Straße aus dem Boden geschossen. Am nächsten Stand, der vor Flourish & Blotts unter einer gestreiften, fleckigen Markise aufgebaut worden war, war vorn ein Pappschild befestigt:

Amulette:

Wirksam gegen Werwölfe, Dementoren und Inferi

Ein elend aussehender kleiner Zauberer rasselte mit Armen voller silberner Amulettkettchen, wenn Passanten vorüberkamen.

»Eins für Ihr kleines Mädchen, Madam?«, rief er Mrs Weasley zu, als sie vorbeigingen, und schielte grinsend nach Ginny. »Damit ihr hübscher Hals geschützt ist?«

»Wenn ich im Dienst wäre …«, sagte Mr Weasley und funkelte den Amulettverkäufer zornig an.

»Ja, aber jetzt wirst du niemanden verhaften, Liebling, wir haben's eilig«, sagte Mrs Weasley und sah nervös auf eine Liste. »Ich denke, wir gehen am besten erst mal zu Madam Malkin, Hermine will einen neuen Festumhang und bei Rons Schulumhang schaut unten schon viel zu viel Knöchel raus, und du wirst auch einen neuen brauchen, Harry, du bist so gewachsen – nun kommt alle – «

»Molly, es ist Unsinn, wenn wir alle zu Madam Malkin gehen«, sagte Mr Weasley. »Warum gehen die drei hier nicht mit Hagrid, und wir können inzwischen zu Flourish & Blotts und die Schulbücher für alle besorgen?«

»Ich weiß nicht«, sagte Mrs Weasley besorgt, offensichtlich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, die Einkäufe rasch zu erledigen, und dem Bemühen, im Rudel zusammenzubleiben. »Hagrid, meinst du –?«

»Keine Bange, Molly, mit mir zusamm' passiert denen nichts«, sagte Hagrid beschwichtigend und wedelte lässig mit seiner mülleimerdeckelgroßen Hand. Mrs Weasley wirkte nicht ganz überzeugt, willigte jedoch ein, dass sie sich trennten, und huschte mit ihrem Mann und Ginny davon zu Flourish & Blotts, während sich Harry, Ron, Hermine und Hagrid auf den Weg zu Madam Malkin machten.

Harry fiel auf, dass viele der Leute, denen sie begegneten, den gleichen gehetzten und besorgten Gesichtsausdruck hatten wie Mrs Weasley und dass niemand mehr anhielt, um zu plaudern; die Passanten blieben in engen Grüppchen beisammen und erledigten zielstrebig ihre Besorgungen. Niemand schien allein auf Einkaufstour zu sein.

»Wird vielleicht 'n bisschen eng da drin mit uns allen«, sagte Hagrid, als er vor Madam Malkins Laden stehen blieb und gebückt durch das Fenster spähte. »Ich halt draußen Wache, alles klar?«

So betraten Harry, Ron und Hermine zusammen den kleinen Laden. Auf den ersten Blick schien er leer, doch kaum war die Tür hinter ihnen zugeschwungen, da hörten sie auch schon eine vertraute Stimme hinter einem Kleiderständer mit flitterbesetzten grünen und blauen Festumhängen.

»… kein Kind mehr, falls dir das noch nicht aufgefallen ist, Mutter. Ich bin durchaus in der Lage, meine Einkäufe allein zu erledigen.«

Ein schnalzendes Geräusch ertönte, und eine Stimme, die Harry als die von Madam Malkin erkannte, sagte: »Nun, mein Lieber, deine Mutter hat vollkommen Recht, keiner von uns sollte mehr allein herumlaufen, das hat nichts damit zu tun, ob man ein Kind ist – «

»Passen Sie auf, wo Sie die Nadel hinstecken, ja!«

Ein Junge im Teenageralter mit bleichem, spitzem Gesicht und weißblondem Haar tauchte hinter dem Kleiderständer auf, er trug einen hübschen dunkelgrünen Umhang, der am Saum und an den Ärmelrändern mit glitzernden Nadeln gespickt war. Der Junge schritt zum Spiegel und begutachtete sich; es dauerte einige Augenblicke, bis er Harry, Ron und Hermine über seiner Schulter im Spiegel bemerkte. Seine hellgrauen Augen verengten sich.

»Wenn du dich wunderst, was hier so komisch riecht, Mutter – eine Schlammblüterin ist gerade reingekommen«, sagte Draco Malfoy.

»Ich glaube nicht, dass es nötig ist, einen solchen Ton anzuschlagen!«, sagte Madam Malkin und trippelte mit einem Maßband und einem Zauberstab hinter dem Kleiderständer hervor. »Und ich verbitte es mir auch, dass in meinem Laden Zauberstäbe gezogen werden!«, fügte sie hastig hinzu, denn mit einem Blick hinüber zur Tür hatte sie erfasst, dass Harry und Ron beide mit gezückten Zauberstäben dastanden und auf Malfoy zielten.

Hermine stand dicht hinter ihnen und flüsterte: »Nein, nicht, ehrlich, das ist es nicht wert …«

»Ja, als ob ihr es wagen würdet, außerhalb der Schule zu zaubern«, höhnte Malfoy. »Wer hat dir ein Veilchen verpasst, Granger? Dem würd ich gern Blumen schicken.«

»Nun ist es aber genug!«, sagte Madam Malkin schneidend und blickte Hilfe suchend über ihre Schulter. »Madam – bitte – «

Narzissa Malfoy schlenderte hinter dem Kleiderständer hervor.

»Steckt die weg«, sagte sie kühl zu Harry und Ron. »Wenn ihr meinen Sohn noch ein Mal angreift, dann sorge ich dafür, dass es das Letzte ist, was ihr jemals tun werdet.«

»Wirklich?«, sagte Harry, trat einen Schritt vor und blickte in ihr glattes arrogantes Gesicht, das trotz all seiner Blässe doch dem ihrer Schwester ähnelte. Harry war inzwischen so groß wie sie. »Sie holen einfach ein paar von Ihren Todesserkumpels, um uns fertig zu machen, was?«

Madam Malkin schrie auf und griff sich ans Herz.

»Also wirklich, diesen Vorwurf solltest du nicht – gefährlich, so etwas zu sagen – die Zauberstäbe weg, bitte!«

Aber Harry ließ seinen Zauberstab nicht sinken. Narzissa Malfoy lächelte feindselig.

»Seit Sie Dumbledores Liebling sind, haben Sie offenbar ein falsches Gefühl der Sicherheit bekommen, Harry Potter. Aber Dumbledore wird nicht immer da sein, um Sie zu beschützen.«

Harry blickte sich mit spöttischer Miene im ganzen Laden um.

»Wow … sehen Sie nur … er ist jetzt gar nicht da! Also, warum nicht mal einen Versuch riskieren? Vielleicht findet sich in Askaban ja eine Doppelzelle für Sie und Ihren Mann, den Versager!«

Malfoy machte einen zornigen Schritt auf Harry zu, stolperte jedoch über seinen allzu langen Umhang. Ron lachte laut auf.

»Wag es nicht, so mit meiner Mutter zu sprechen, Potter!«, knurrte Malfoy.

»Schon gut, Draco«, sagte Narzissa und legte ihm beschwichtigend ihre dünnen weißen Finger auf die Schulter.

»Ich schätze, Potter wird wieder mit dem lieben Sirius vereint sein, noch ehe ich mit Lucius vereint bin.«

Harry hob den Zauberstab höher.

»Harry, nein!«, stöhnte Hermine, packte ihn am Arm und versuchte den Stab seitlich hinunterzudrücken. »Überleg doch … du darfst nicht … du kriegst dermaßen Ärger …«

Madam Malkin blieb einen Moment lang schwankend stehen, dann entschloss sie sich offenbar, so zu tun, als ob nichts wäre, in der Hoffnung, es wäre wirklich nichts. Sie beugte sich zu Malfoy, der Harry immer noch böse anstarrte.

»Ich denke, dieser linke Ärmel könnte noch ein wenig kürzer sein, mein Lieber, darf ich mal?«

»Autsch!«, brüllte Malfoy und schlug ihre Hand weg, »passen Sie auf, wo Sie Ihre Nadeln hintun, Frau! Mutter – ich glaub, ich will den nicht mehr – «

Er zog sich den Umhang über den Kopf und warf ihn Madam Malkin vor die Füße.

»Du hast Recht, Draco«, sagte Narzissa mit einem verächtlichen Blick auf Hermine, »jetzt weiß ich, was für Abschaum hier einkauft … mit Twilfitt und Tatting sind wir sicher besser bedient.«

Und mit diesen Worten marschierten die beiden aus dem Laden, wobei Malfoy es unterwegs nicht versäumte, Ron so fest er konnte anzurempeln.

»Also wirklich!«, sagte Madam Malkin, hob den Umhang vom Boden auf und fuhr mit der Spitze ihres Zauberstabs wie mit einem Staubsauger darüber, um ihn zu säubern.

Sie war vollkommen zerstreut, während sie Ron und Harry die neuen Umhänge anpasste, versuchte, Hermine einen Festumhang für Zauberer statt einen für Hexen zu verkaufen, und als sie die drei schließlich mit einer Verbeugung aus dem Laden verabschiedete, machte sie ein Gesicht, als wäre sie froh, sie endlich los zu sein.

»Habt ihr alles?«, fragte Hagrid munter, als sie wieder bei ihm waren.

»Fast«, sagte Harry. »Hast du die Malfoys gesehen?«

»Ja«, sagte Hagrid unbekümmert. »Aber die würden's nich wagen, mitten in der Winkelgasse Ärger zu machen, Harry, mach dir keine Sorgen wegen den'n.«

Harry, Ron und Hermine tauschten Blicke, doch ehe sie Hagrid von dieser angenehmen Vorstellung befreien konnten, tauchten Mr und Mrs Weasley und Ginny auf, alle mit schweren Buchpaketen in den Händen.

»Alles in Ordnung bei euch?«, fragte Mrs Weasley. »Habt ihr eure Umhänge? Gut, dann können wir auf dem Weg zu Fred und George noch in der Apotheke und bei Eeylops vorbeischauen – bleibt jetzt eng zusammen …«

Weder Harry noch Ron kauften in der Apotheke irgendwelche Zutaten, da sie keinen Zaubertrankunterricht mehr haben würden, aber in Eeylops Eulenkaufhaus besorgten sie sich beide große Schachteln mit Eulennüssen für Hedwig und Pigwidgeon. Dann, während Mrs Weasley praktisch jede Minute auf ihre Uhr sah, gingen sie weiter die Straße entlang auf der Suche nach Weasleys Zauberhafte Zauberscherze, dem Scherzladen von Fred und George.

»Wir haben wirklich nicht allzu viel Zeit«, sagte Mrs Weasley. »Deshalb schauen wir uns nur kurz um und gehen dann gleich zum Wagen zurück. Es kann nicht mehr weit sein, das ist Nummer zweiundneunzig … vierundneunzig …«

»Woah«, machte Ron und blieb wie angewurzelt stehen.

Zwischen den langweiligen, mit Plakaten zugeklebten Ladenfronten um sie her stachen Freds und Georges Fenster ins Auge wie ein Feuerwerk. Leute, die zufällig vorübergingen, sahen über ihre Schulter auf die Fenster zurück, und einige recht verdutzt wirkende Passanten waren tatsächlich wie gebannt stehen geblieben. Das linke Fenster quoll über von einem ganzen Sortiment von Gegenständen, die kreiselten, knallten, blitzten, hüpften und kreischten; schon der bloße Anblick ließ Harrys Augen tränen. Das rechte Fenster wurde von einem gigantischen Plakat bedeckt, violett wie die des Ministeriums, doch mit knallgelben Buchstaben beschriftet:

Wen ängstigt noch

Du-weißt-schon-wer?

Ihr solltet EHER Angst haben vor

DU-SCHEISST-NIE-MEHR –

der Verstopfungssensation, die die Nation in Atem hält!

Harry fing an zu lachen. Er hörte etwas wie ein schwaches Stöhnen hinter sich, und als er sich umdrehte, sah er Mrs Weasley entgeistert auf das Plakat starren. Ihre Lippen bewegten sich und formten stumm den Namen »Du-scheißt-nie-mehr«.

»Das kostet sie Kopf und Kragen!«, flüsterte sie.

»Nein, kostet es nicht!«, sagte Ron, der wie Harry lachen musste. »Das ist genial!«

Und er und Harry gingen voraus in den Laden. Der war brechend voll mit Kunden; Harry gelang es nicht einmal, in die Nähe der Regale zu kommen. Er starrte umher und blickte hoch zu den bis an die Decke gestapelten Kartons: Hier lagerten die Nasch-und-Schwänz-Leckereien, die von den Zwillingen während ihres letzten, abgebrochenen Schuljahrs in Hogwarts perfektioniert worden waren; Harry fiel auf, dass das Nasblutnugat am begehrtesten war, denn es war nur noch ein einziger lädierter Karton auf dem Regal übrig. Es gab körbeweise Trickzauberstäbe, die billigste Art verwandelte sich einfach in Gummiküken oder ein Paar Unterhosen, wenn man sie schwang; der teuerste schlug dem arglosen Benutzer um die Ohren; es gab Kartons mit Federkielen in den Sorten »Selbstauffüller«, »Rechtschreibchecker« und »Schlaue-Antwort«. Eine Lücke tat sich in der Menge auf, und Harry schob sich zur Theke durch, wo eine Schar entzückter Zehnjähriger dabei zusah, wie ein winziger hölzerner Mann langsam die Stufen zu einem richtigen Galgen mit Henker hinaufstieg, beide oben auf einem Karton mit der Aufschrift: »Wiederverwendbarer Henker – Bann ihn, oder er baumelt!«

»›Patentierte Tagtraumzauber …‹«

Hermine hatte es geschafft, sich zu einer großen Auslage nahe der Theke durchzuzwängen, und las die Informationen auf der Rückseite einer Schachtel, auf der grellbunt ein hübscher Junge und ein entzücktes Mädchen abgebildet waren, die an Deck eines Piratenschiffs standen.

»›Ein einfacher Zauberspruch, und schon versinkst du in einen hochwertigen, äußerst realistischen dreißigminütigen Tagtraum, der sich leicht in eine ganz normale Schulstunde einbauen lässt und so gut wie unaufspürbar ist (Nebenwirkungen unter anderem leerer Blick und leichtes Sabbern). Kein Verkauf an Personen unter sechzehn Jahren.‹ Weißt du«, sagte Hermine und sah zu Harry hoch, »das ist wirklich außergewöhnliche Magie!«

»Dafür«, sagte eine Stimme hinter ihnen, »kriegst du einen umsonst, Hermine.«

Fred stand strahlend vor ihnen, in einem magentafarbenen Umhang, der sich herrlich mit seinem flammend roten Haar biss.

»Wie geht's, Harry?« Sie schüttelten sich die Hand. »Und was ist mit deinem Auge passiert, Hermine?«

»Dein boxendes Teleskop«, sagte sie trübselig.

»Oh, verdammt, die hab ich ganz vergessen«, sagte Fred. »Hier – «

Er zog eine Dose aus der Tasche und reichte sie ihr; sie schraubte behutsam den Deckel ab und eine dicke gelbe Paste kam zum Vorschein.

»Nur dünn auftragen, dann ist der Bluterguss in einer Stunde weg«, sagte Fred. »Wir mussten einen anständigen Blutergussbeseitiger finden, wir testen die meisten unserer Produkte an uns selbst.«

Hermine wirkte nervös. »Das ist doch ungefährlich, oder?«

»Natürlich«, sagte Fred ermunternd. »Komm mit, Harry, ich führ dich rum.«

Harry ließ Hermine stehen, die ihr Veilchen mit der Paste bestrich, und folgte Fred in den hinteren Teil des Ladens, wo er einen Ständer mit Karten- und Seiltricks entdeckte.

»Muggelzaubertricks!«, sagte Fred glücklich und zeigte sie ihm. »Für Verrückte wie Dad, weißt du, die auf Muggelsachen stehen. Das bringt nicht viel ein, aber wir machen damit ganz stabilen Umsatz, es sind tolle Neuerscheinungen … Oh, da ist George …«

Freds Zwillingsbruder schüttelte Harry energisch die Hand.

»Führst ihn wohl rum? Komm mit nach hinten, Harry, da machen wir richtig Geld – he du, wenn du was klaust, dann kostet dich das mehr als Galleonen!«, warnte er einen kleinen Jungen, und der zog flugs die Hand aus der Dose mit der Aufschrift: »Essbare Dunkle Male – davon wird jedem schlecht!«

George schob einen Vorhang neben den Muggeltricks zurück und Harry sah einen dunkleren, nicht so überfüllten Raum. Die Verpackung der Waren, die hier auf den Regalen standen, war weniger auffällig.

»Wir haben gerade dieses etwas seriösere Sortiment entwickelt«, sagte Fred. »Witzig, wie es dazu kam …«

»Du glaubst nicht, wie viele Leute, selbst welche, die im Ministerium arbeiten, keinen vernünftigen Schildzauber zustande bringen«, sagte George. »'türlich haben die keinen Unterricht bei dir gekriegt, Harry.«

»Genau … nun, wir dachten, Schildhüte wären doch ganz lustig. Also, du forderst deinen Freund auf, dir einen Fluch auf den Hals zu jagen, während du einen davon trägst, und dann kannst du zusehen, wie er guckt, wenn der Fluch einfach abprallt. Aber das Ministerium hat fünfhundert Stück für seinen gesamten Außendienst gekauft! Und laufend kommen neue Riesenaufträge rein!«

»Deshalb haben wir expandiert und weitere Produktreihen entwickelt, Schildumhänge, Schildhandschuhe …«

»… Ich schätze, die würden nicht viel gegen Unverzeihliche Flüche ausrichten, aber für kleinere bis mittelschwere Flüche oder Verwünschungen …«

»Und dann beschlossen wir, in den ganzen Bereich Verteidigung gegen die dunklen Künste einzusteigen, denn das ist eine wahre Goldgrube«, fuhr George begeistert fort. »Das ist cool. Schau mal, Instant-Finsternispulver, das importieren wir aus Peru. Praktisch, wenn du einen schnellen Abgang machen willst.«

»Und unsere Bluffknaller gehen von den Regalen wie nichts, schau mal«, sagte Fred und deutete auf eine Reihe schwarzer, verrückt aussehender hupenartiger Gegenstände, die tatsächlich versuchten davonzutrippeln. »Man lässt einfach einen heimlich fallen, dann rennt er weg und macht irgendwo außer Sichtweite einen hübschen Lärm, ein Ablenkungsmanöver, wenn man mal eins braucht.«

»Praktisch«, sagte Harry beeindruckt.

»Hier«, sagte George, nahm zwei und warf sie Harry zu.

Eine junge Hexe mit kurzem blondem Haar steckte den Kopf durch den Vorhang; Harry bemerkte, dass auch sie einen magentafarbenen Mitarbeiterumhang trug.

»Hier draußen ist ein Kunde, der nach einem Juxkessel sucht, Mr und Mr Weasley«, sagte sie.

Harry fand, dass es merkwürdig klang, wenn Fred und George als »Mr Weasley« bezeichnet wurden, aber sie nahmen es hin wie selbstverständlich.

»In Ordnung, Verity, ich komme«, sagte George prompt. »Harry, du nimmst dir einfach alles, was du willst, ja? Kostenlos.«

»Das kann ich nicht machen!«, sagte Harry, der bereits seinen Geldbeutel hervorgeholt hatte, um die Bluffknaller zu bezahlen.

»Du zahlst hier nichts«, sagte Fred entschieden und lehnte Harrys Gold mit einer lässigen Geste ab.

»Aber – «

»Du hast uns unseren Startkredit gegeben, das haben wir nicht vergessen«, sagte George unnachgiebig. »Nimm, was immer du magst, und denk einfach dran, den Leuten zu sagen, wo du es herhast, wenn sie dich fragen.«

George eilte durch den Vorhang hinaus, um beim Bedienen zu helfen, und Fred führte Harry zurück in den Hauptverkaufsraum, wo sie auf Hermine und Ginny stießen, die immer noch ganz gebannt vor den Patentierten Tagtraumzaubern standen.

»Habt ihr Mädchen etwa unsere speziellen Wunder-Hexe-Produkte noch nicht gesehen?«, fragte Fred. »Folgen Sie mir, Ladys …«

Nahe beim Fenster war eine Reihe von knallrosa Produkten aufgestellt, um die sich ein Knäuel aufgeregter, begeistert kichernder Mädchen gebildet hatte. Hermine und Ginny hielten sich mit argwöhnischer Miene zurück.

»Hier, bitte sehr«, sagte Fred stolz. »Die beste Auswahl an Liebestränken, die ihr weit und breit finden werdet.«

Ginny zog skeptisch eine Augenbraue hoch. »Wirken die?«

»Natürlich wirken die, bis zu vierundzwanzig Stunden am Stück, je nach Gewicht des betreffenden Jungen …«

»… und je nach Attraktivität des Mädchens«, sagte George, der plötzlich wieder neben ihnen auftauchte. »Aber an unsere Schwester verkaufen wir die nicht«, fügte er hinzu und wurde plötzlich streng, »nicht, wenn sie schon zirka fünf Jungs am Laufen hat, nach dem, was wir – «

»Was auch immer ihr von Ron gehört habt, ist eine dicke, fette Lüge«, sagte Ginny gelassen, beugte sich vor und nahm eine kleine rosa Tube aus dem Regal. »Was ist das?«

»Zehn-Sekunden-Pustel-Entferner mit Garantie«, sagte Fred. »Wirkt hervorragend bei allem Möglichen, Furunkel bis Mitesser, aber lenk jetzt nicht ab. Gehst du zurzeit mit einem Jungen namens Dean Thomas oder nicht?«

»Ja, allerdings«, sagte Ginny. »Und als ich das letzte Mal nachgeschaut hab, war er definitiv nur ein Junge, nicht fünf. Was ist das?«

Sie deutete auf eine Anzahl flaumiger Bällchen in verschiedenen Rosa- und Violetttönen, die auf dem Boden eines Käfigs umherrollten und schrille Quiektöne von sich gaben.

»Minimuffs«, sagte George. »Kleine Knuddelmuffs, wir können sie gar nicht schnell genug nachzüchten. Und was ist mit Michael Corner?«

»Ich hab mit ihm Schluss gemacht, er war ein schlechter Verlierer«, sagte Ginny, steckte einen Finger durch die Gitterstäbe des Käfigs und sah zu, wie sich die Minimuffs darumdrängten. »Die sind echt süß!«

»Die sind ziemlich knuddelig, ja«, räumte Fred ein. »Aber wechselst du deine Freunde nicht ein bisschen arg schnell?«

Ginny wandte sich um und sah ihn an, die Hände in die Hüften gestemmt. Sie hatte den typischen zornfunkelnden Mrs-Weasley-Blick aufgesetzt, so dass Harry sich wunderte, warum Fred nicht zurückwich.

»Das geht dich nichts an. Und dir wäre ich dankbar«, sagte sie wütend zu Ron, der gerade voll beladen mit Sachen an Georges Seite aufgetaucht war, »wenn du diesen beiden hier keine Geschichten mehr über mich erzählen würdest!«

»Das macht drei Galleonen, neun Sickel und einen Knut«, sagte

Fred mit prüfendem Blick auf die vielen Schachteln in Rons Armen. »Her damit.«

»Ich bin dein Bruder!«

»Und das sind unsere Sachen, die du da klaust. Drei Galleonen, neun Sickel. Den Knut schenk ich dir.«

»Aber ich hab keine drei Galleonen und neun Sickel!«

»Dann stellst du am besten alles wieder zurück, und, bitte, in die richtigen Regale.«

Ron ließ mehrere Schachteln fallen, fluchte und machte in Freds Richtung eine rüde Geste, die unglücklicherweise Mrs Weasley mitbekam, als sie ausgerechnet in diesem Moment auftauchte.

»Wenn ich das noch mal bei dir sehe, hex ich dir die Finger zusammen«, sagte sie bissig.

»Mum, kann ich einen Minimuff haben?«, fragte Ginny sofort.

»Einen was?«, erwiderte Mrs Weasley misstrauisch.

»Schau mal, die sind so süß …«

Mrs Weasley ging ein Stück zur Seite, um sich die Minimuffs anzusehen, und Harry, Ron und Hermine hatten einen Moment lang einen ungehinderten Blick aus dem Fenster. Draco Malfoy eilte allein die Straße entlang. Als er an Weasleys Zauberhafte Zauberscherze vorüberging, schaute er kurz über die Schulter. Sekunden später war er am Fenster vorbei und sie verloren ihn aus den Augen.

»Wo wohl seine Mami ist?«, sagte Harry stirnrunzelnd.

»Wie's aussieht, ist er ihr entwischt«, erwiderte Ron.

»Aber warum?«, sagte Hermine.

Harry sagte nichts; er dachte angestrengt nach. Narzissa Malfoy hatte ihren Schatz von einem Sohn bestimmt nicht freiwillig aus den Augen gelassen; Malfoy musste sich mit Müh und Not aus ihren Klauen befreit haben. Harry kannte und hasste Malfoy, er war sicher, dass der Grund dafür nicht harmlos sein konnte.

Er sah sich um. Mrs Weasley und Ginny waren über die Minimuffs gebeugt. Mr Weasley studierte entzückt ein Päckchen gezinkter Muggelspielkarten. Fred und George berieten Kunden. Draußen vor dem Fenster stand Hagrid mit dem Rücken zu ihnen und spähte die Straße auf und ab.

»Hier drunter, schnell«, sagte Harry und zog den Tarnumhang aus seiner Tasche.

»Oh – ich weiß nicht, Harry«, sagte Hermine und blickte unsicher zu Mrs Weasley.

»Komm schon!«, sagte Ron.

Sie zögerte noch einen Moment, dann schlüpfte sie mit Harry und Ron unter den Tarnumhang. Niemand bemerkte ihr Verschwinden; alle waren viel zu sehr an Freds und Georges Produkten interessiert. Harry, Ron und Hermine zwängten sich so rasch sie konnten zur Tür hinaus, doch als sie auf die Straße kamen, war Malfoy bereits genauso erfolgreich verschwunden wie sie.

»Er ist in diese Richtung gegangen«, murmelte Harry so leise wie möglich, damit der summende Hagrid sie nicht hören konnte. »Los, kommt.«

Sie hasteten davon und lugten links und rechts durch Schaufenster und Türen, bis Hermine nach vorn deutete.

»Das ist er, oder?«, flüsterte sie. »Der nach links abbiegt?«

»Wer hätte das gedacht«, flüsterte Ron.

Denn Malfoy hatte sich überall umgeschaut und war dann in die Nokturngasse gehuscht und auf und davon.

»Schnell, sonst verlieren wir ihn«, sagte Harry und beschleunigte seine Schritte.

»So sieht man unsere Füße!«, meinte Hermine besorgt, da der Umhang nun leicht um ihre Knöchel flatterte; es war inzwischen viel schwieriger, sich zu dritt darunter zu verstecken.

»Das macht nichts«, sagte Harry ungeduldig. »Beeilt euch einfach.«

Aber die Nokturngasse, die Seitenstraße, die den dunklen Künsten vorbehalten war, wirkte völlig ausgestorben. Im Vorübergehen spähten sie durch Fenster, aber in keinem der Läden schien auch nur ein Kunde zu sein. Harry vermutete, es könnte in diesen gefährlichen Zeiten des Misstrauens ein wenig verräterisch sein, schwarzmagische Artefakte zu kaufen – oder gar dabei gesehen zu werden.

Hermine zwickte ihn kräftig in den Arm.

»Autsch!«

»Schhh! Sieh mal! Er ist da drin!«, hauchte sie Harry ins Ohr.

Sie waren zu dem einzigen Laden in der Nokturngasse gelangt, den Harry je besucht hatte: Borgin und Burkes, wo eine große Auswahl an unheimlichen Gegenständen verkauft wurde. Dort stand inmitten von Kästen voller Totenköpfe und alter Flaschen Draco Malfoy mit dem Rücken zu ihnen, gerade noch sichtbar hinter demselben großen schwarzen Schrank, in dem sich Harry einst vor Malfoy und seinem Vater versteckt hatte. Malfoys Handbewegungen nach zu schließen, redete er gerade lebhaft. Der Ladenbesitzer, Mr Borgin, ein buckliger Mann mit fettigen Haaren, stand Malfoy gegenüber. Eine sonderbare Mischung aus Unmut und Furcht war ihm ins Gesicht geschrieben.

»Wenn wir nur hören könnten, was sie sagen!«, sagte Hermine.

»Können wir!«, entgegnete Ron aufgeregt. »Warte – verdammt – «

Er ließ noch ein paar von den Schachteln fallen, die er nach wie vor an sich gedrückt hielt, während er an der größten herumfingerte.

»Langziehohren, seht mal!«

»Phantastisch!«, sagte Hermine, als Ron die langen, fleischfarbenen Schnüre auseinander rollte und sie zum unteren Türrand zu schieben begann. »Oh, hoffentlich ist die Tür nicht imperturbiert – «

»Nein!«, sagte Ron erfreut. »Hört mal!«

Sie steckten die Köpfe zusammen und lauschten angestrengt an den Schnurenden, durch die Malfoys Stimme laut und deutlich zu vernehmen war, als wäre ein Radio angestellt worden.

»… Sie wissen, wie man das repariert?«

»Vielleicht«, sagte Borgin, in einem Ton, der klang, als ob er sich lieber nicht darauf festlegen wollte. »Ich muss es allerdings sehen. Warum bringen Sie es nicht mit in den Laden?«

»Das geht nicht«, sagte Malfoy. »Es muss bleiben, wo es ist. Sie müssen mir nur erklären, wie es geht.«

Harry sah, wie Borgin sich nervös über die Lippen leckte.

»Nun, auch ohne es gesehen zu haben, kann ich sagen, dass die Sache äußerst schwierig werden wird, vielleicht unmöglich. Ich könnte für nichts garantieren.«

»Nein?«, sagte Malfoy, und Harry erkannte schon an seinem Tonfall, dass er höhnisch grinste. »Vielleicht wird Sie das hier zuversichtlicher stimmen.«

Er näherte sich Borgin und der Schrank verdeckte die Sicht auf ihn. Harry, Ron und Hermine rückten ein Stück seitwärts, um ihn möglichst wieder zu Gesicht zu bekommen, doch sie konnten nur den sehr verängstigt wirkenden Borgin sehen.

»Wenn Sie das irgendjemandem verraten«, sagte Malfoy, »werden Sie dafür bezahlen. Kennen Sie Fenrir Greyback? Er ist ein Freund der Familie und wird von Zeit zu Zeit vorbeikommen, um dafür zu sorgen, dass Sie dieser Angelegenheit Ihre volle Aufmerksamkeit widmen.«

»Es wird nicht nötig sein, zu – «

»Das entscheide ich«, sagte Malfoy. »Also, ich geh jetzt besser. Und vergessen Sie nicht – geben Sie das hier bloß nicht weg, ich werde es noch brauchen.«

»Möchten Sie es vielleicht jetzt gleich mitnehmen?«

»Nein, natürlich will ich das nicht, Sie dummer Wicht, wie würde das denn aussehen, wenn ich auf der Straße damit rumlaufen würde? Verkaufen Sie es einfach nicht.«

»Natürlich nicht … Sir.«

Borgin machte eine tiefe Verbeugung, genau wie damals, als Harry ihn mit Lucius Malfoy beobachtet hatte.

»Kein Wort zu irgendwem, Borgin, auch nicht zu meiner Mutter, verstanden?«

»Natürlich, natürlich«, murmelte Borgin und verbeugte sich ein weiteres Mal.

Einen Moment später klingelte die Türglocke laut, und Malfoy stolzierte mit höchst selbstzufriedener Miene aus dem Laden. Er kam so dicht an Harry, Ron und Hermine vorbei, dass sie erneut den Tarnumhang um die Knie flattern spürten. Drinnen im Laden stand Borgin reglos da; sein schmieriges Lächeln war verschwunden; er wirkte besorgt.

»Was sollte das denn bedeuten?«, flüsterte Ron und wickelte die Langziehohren auf.

»Keine Ahnung«, sagte Harry und dachte scharf nach. »Er will, dass irgendetwas repariert wird … und er will dort drin etwas für sich reserviert haben … Konntest du sehen, auf was er gezeigt hat, als er ›das hier‹ sagte?«

»Nein, er war hinter diesem Schrank – «

»Ihr beide bleibt hier«, flüsterte Hermine.

»Was hast du –?«

Aber Hermine war schon unter dem Tarnumhang hervorgeschlüpft. Sie überprüfte kurz ihre Frisur in der spiegelnden Fensterscheibe, und dann marschierte sie in den Laden und ließ erneut die Glocke klingeln. Ron schob die Langziehohren hastig wieder unter die Tür und reichte eine der Schnüre Harry.

»Hallo, schreckliches Wetter heute Morgen, nicht wahr?«, sagte Hermine munter zu Borgin, der nicht antwortete, sondern ihr einen misstrauischen Blick zuwarf. Fröhlich summend schlenderte Hermine zwischen den wild durcheinander stehenden Dingen umher.

»Ist dieses Halsband zu verkaufen?«, fragte sie und hielt neben einer Vitrine inne.

»Wenn Sie eineinhalbtausend Galleonen haben«, sagte Borgin kühl.

»Oh – ähm – nein, ganz so viel hab ich nicht«, sagte Hermine und ging weiter. »Und … was ist mit diesem wunderbaren – ähm – Totenkopf?«

»Sechzehn Galleonen.«

»Also ist er zu verkaufen? Er ist nicht für jemanden … reserviert?«

Borgin sah sie schräg an. Harry hatte das ungute Gefühl, dass Borgin genau wusste, worauf Hermine hinauswollte. Offenbar spürte auch Hermine, dass er ihr auf die Schliche gekommen war, denn sie ließ plötzlich alle Vorsicht außer Acht.

»Die Sache ist die, dieser – ähm -Junge, der gerade eben hier drin war, Draco Malfoy, also, der ist ein Freund von mir und ich will ihm ein Geburtstagsgeschenk besorgen, aber wenn er schon was reserviert hat, will ich ihm natürlich nicht das Gleiche kaufen, also … äh …«

Das war in Harrys Augen eine ziemlich schwache Geschichte, und offenbar dachte Borgin das auch.

»Raus«, sagte er schneidend. »Verschwinde!«

Hermine ließ sich das nicht zweimal sagen, sondern hastete zur Tür, Borgin dicht hinter ihr. Als die Glocke erneut klingelte, schlug Borgin die Tür hinter Hermine zu und hängte das »Geschlossen«-Schild auf.

»Na ja«, sagte Ron und warf den Tarnumhang wieder über Hermine. »Einen Versuch war's wert, aber du warst leicht zu durchschauen – «

»Dann zeigst du mir eben nächstes Mal, wie man es macht, Meister der Mysterien!«, fauchte sie.

Ron und Hermine zankten sich den ganzen Weg zurück bis zu Weasleys Zauberhafte Zauberscherze, wo sie schließlich aufhören mussten, um unbemerkt an der äußerst besorgt dreinblickenden Mrs Weasley und an Hagrid vorbeischlüpfen zu können, denen ihre Abwesenheit offensichtlich aufgefallen war. Sobald sie im Laden waren, riss Harry den Tarnumhang herunter, versteckte ihn in seiner Tasche und schloss sich den beiden anderen an, die auf Mrs Weasleys Anschuldigungen hin steif und fest behaupteten, sie seien die ganze Zeit im Hinterzimmer gewesen und sie habe bestimmt nicht richtig nachgesehen.

Der Slug-Klub

In der letzten Ferienwoche sann Harry häufig darüber nach, was Malfoys Verhalten in der Nokturngasse wohl zu bedeuten hatte. Am meisten beunruhigte ihn der zufriedene Ausdruck auf Malfoys Gesicht, als er den Laden verlassen hatte. Was immer Malfoy so froh aussehen ließ, es konnte nichts Gutes verheißen. Harry ärgerte sich allerdings ein wenig, dass Ron und Hermine nicht genauso neugierig waren wie er herauszufinden, was es mit Malfoys Machenschaften auf sich hatte; zumindest schien es sie nach einigen Tagen zu langweilen, darüber zu sprechen.

»Ja, ich glaub doch auch, dass da irgendwas faul war, Harry«, sagte Hermine leicht ungeduldig. Sie saß auf dem Fenstersims in Freds und Georges Zimmer, die Füße auf einem der Kartons, und sah nur widerwillig von ihrem neuen Exemplar Runenübersetzung für Fortgeschrittene auf. »Aber waren wir uns nicht einig, dass es eine Menge Erklärungen dafür geben könnte?«

»Vielleicht ist ihm seine Hand des Ruhmes kaputtgegangen«, sagte Ron vage, während er versuchte, die gekrümmten Zweige seines Besenschweifs gerade zu biegen. »Erinnert ihr euch noch an den Schrumpfarm, den Malfoy mal hatte?«

»Aber was meinte er, als er sagte: ›Vergessen Sie nicht, geben Sie das hier bloß nicht weg‹?«, fragte Harry zum x-ten Mal. »Für mich klang das so, als hätte Borgin noch einen anderen von den kaputten Gegenständen, und Malfoy wollte beide haben.«

»Glaubst du?«, sagte Ron und begann jetzt, ein wenig Schmutz von seinem Besenstiel zu kratzen.

»Ja, allerdings«, sagte Harry. Als weder Ron noch Hermine antworteten, fuhr er fort: »Malfoys Vater sitzt in Askaban. Meint ihr nicht, dass Malfoy sich gerne rächen würde?«

Ron sah blinzelnd auf.

»Malfoy und sich rächen? Wie will er das hinkriegen?«

»Das ist genau mein Punkt, ich weiß es nicht!«, sagte Harry frustriert. »Aber er hat irgendwas vor und ich glaube, wir sollten es ernst nehmen. Sein Vater ist ein Todesser und – «

Harry hielt inne und starrte mit offenem Mund auf das Fenster hinter Hermine. Ihm war eben ein erschreckender Gedanke gekommen.

»Harry«, sagte Hermine mit besorgter Stimme. »Ist irgendwas nicht in Ordnung?«

»Deine Narbe tut nicht wieder weh, oder?«, fragte Ron nervös.

»Er ist ein Todesser«, sagte Harry langsam. »Er hat den Platz seines Vaters als Todesser eingenommen!«

Stille trat ein, dann brach Ron in Gelächter aus.

»Malfoy? Er ist sechzehn, Harry! Du glaubst, Du-weißt-schon-wer würde Malfoy bei sich aufnehmen?«

»Das ist sehr unwahrscheinlich, Harry«, sagte Hermine in strengem Ton. »Warum denkst du –?«

»Bei Madam Malkin. Sie hat ihn nicht berührt, aber er hat geschrien und seinen Arm von ihr weggezogen, als sie seinen Ärmel hochrollen wollte. Es war sein linker Arm. Das Dunkle Mal ist darin eingebrannt.«

Ron und Hermine sahen sich an.

»Also …«, sagte Ron, er klang keineswegs überzeugt.

»Ich glaube, er wollte einfach da raus, Harry«, sagte Hermine.

»Er hat Borgin etwas gezeigt, das wir nicht sehen konnten«, drängte Harry hartnäckig weiter. »Etwas, das Borgin richtig Angst gemacht hat. Es war das Mal, ich weiß es – er zeigte Borgin, mit wem er es zu tun hatte, ihr habt doch gesehen, dass Borgin ihn sehr ernst nahm!«

Ron und Hermine tauschten wieder einen Blick.

»Ich bin nicht sicher, Harry …«

»Ja, ich glaub immer noch nicht, dass Du-weißt-schon-wer Malfoy bei sich aufnehmen würde …«

Ärgerlich, aber vollkommen überzeugt davon, dass er Recht hatte, schnappte sich Harry einen Haufen schmutziger Quidditch-Umhänge und verließ das Zimmer; Mrs Weasley hatte sie schon seit Tagen dringend gebeten, das Waschen und Packen nicht bis zum letzten Moment hinauszuschieben. Auf dem Treppenabsatz stieß er mit Ginny zusammen, die mit einem Stapel frisch gewaschener Wäsche auf dem Weg zurück in ihr Zimmer war.

»Ich würde jetzt nicht in die Küche gehen«, warnte sie ihn. »Da ist alles voll geschleimt.«

»Ich pass auf, dass ich nicht drauf ausrutsche.« Harry lächelte.

Und tatsächlich, als er in die Küche kam, sah er Fleur am Tisch sitzen und begeistert Pläne für ihre Hochzeit mit Bill schmieden, während Mrs Weasley, offenbar schlecht gelaunt, einen Berg sich selbst putzenden Rosenkohl überwachte.

»… Bill und isch 'aben uns schon fast entschieden, dass wir nur swei Brautjungfern wollen, Ginny und Gabrielle werden susammen sehr süß ausse'en. Isch denke, isch werde sie in Mattgold kleiden – Rosa wäre bei Ginnys 'aaren natürlisch fürschterlisch – «

»Ah, Harry!«, platzte Mrs Weasley laut in Fleurs Monolog hinein. »Schön, ich wollte dir die Sicherheitsvorkehrungen für die morgige Reise nach Hogwarts erklären. Wir haben wieder Wagen vom Ministerium, und Auroren erwarten uns am Bahnhof – «

»Wird Tonks auch dort sein?«, fragte Harry und reichte ihr seine Quidditch-Sachen.

»Nein, ich glaube nicht, nach dem, was Arthur sagt, ist sie anderswo stationiert worden.«

»Sie 'at sisch ge'en lassen, diese Tonks«, sann Fleur vor sich hin, während sie ihr überwältigendes Spiegelbild auf der Rückseite eines Teelöffels begutachtete. »Ein großer Feeler, wenn ihr misch – «

»Ja, vielen Dank«, unterbrach Mrs Weasley Fleur noch einmal säuerlich. »Du solltest dich jetzt beeilen, Harry, ich will, dass die Koffer möglichst heute Abend fertig sind, damit wir nicht wieder das übliche Gehetze in letzter Minute haben.«

Und tatsächlich verlief ihre Abreise am nächsten Morgen glatter als sonst. Die Ministeriumswagen fuhren vor dem Eingang des Fuchsbaus vor, wo schon alle warteten: die Koffer gepackt, Hermines Katze Krummbein sicher in ihrem Reisekörbchen untergebracht und Hedwig, Rons Eule Pigwidgeon und Ginnys neuer lila Minimuff Arnold in Käfigen.

»Au revoir, 'Arry«, sagte Fleur kehlig und küsste ihn zum Abschied. Ron stürmte mit hoffnungsvoller Miene hinterher, aber Ginny streckte ihren Fuß aus und Ron landete der Länge nach im Staub zu Fleurs Füßen. Wutentbrannt, mit rotem Gesicht und voller Dreck hastete er in den Wagen, ohne sich zu verabschieden.

Am Bahnhof King's Cross wartete kein gut gelaunter Hagrid auf sie. Stattdessen traten zwei bärtige Auroren mit grimmigen Gesichtern und in dunklen Muggelanzügen vor, als die Wagen hielten; sie nahmen die Gruppe zwischen sich und geleiteten sie wortlos in den Bahnhof.

»Schnell, schnell, durch die Absperrung«, sagte Mrs Weasley, die angesichts dieser nüchternen Effizienz anscheinend etwas nervös geworden war. »Harry soll am besten zuerst gehen, mit – «

Sie blickte fragend einen der Auroren an, der kurz nickte, Harry am Oberarm packte und versuchte, ihn zur Absperrung zwischen Bahnsteig neun und zehn zu bugsieren.

»Ich kann alleine gehen, danke«, sagte Harry gereizt und riss seinen Arm aus dem Griff des Auroren. Er schob seinen Gepäckwagen direkt auf die feste Absperrung zu, ohne auf seinen stummen Begleiter zu achten, und fand sich eine Sekunde später auf Bahnsteig neundreiviertel wieder, wo der scharlachrote Hogwarts-Express stand und Dampf über die Menge blies.

Hermine und die Weasleys stießen Sekunden später zu ihm. Harry hielt sich nicht damit auf, seinen Auroren mit dem grimmigen Gesicht um Erlaubnis zu fragen, sondern gab Ron und Hermine ein Zeichen, ihm über den Bahnsteig zu folgen und ein leeres Abteil zu suchen.

»Wir können nicht, Harry«, sagte Hermine mit bedauernder Miene. »Ron und ich müssen erst in den Waggon mit den Vertrauensschülern und dann eine Weile die Gänge kontrollieren.«

»Ach ja, hab ich ganz vergessen«, erwiderte Harry.

»Ihr steigt jetzt am besten gleich in den Zug, und zwar alle, ihr habt nur noch ein paar Minuten Zeit«, sagte Mrs Weasley, während sie auf ihre Uhr sah. »Also dann, viel Spaß in der Schule, Ron …«

»Mr Weasley, kann ich einen Augenblick mit Ihnen reden?«, sagte Harry kurz entschlossen.

»Natürlich«, sagte Mr Weasley; er wirkte ein wenig überrascht, folgte Harry aber trotzdem, bis sie außer Hörweite der anderen waren.

Harry hatte alles gründlich durchdacht und war zu dem Schluss gekommen, dass, wenn er es jemandem sagen müsste, Mr Weasley der Richtige wäre. Erstens, weil er im Ministerium arbeitete und deshalb am besten in der Lage war, weitere Nachforschungen anzustellen, und zweitens, weil Harry das Risiko für nicht allzu groß hielt, dass Mr Weasley vor Zorn explodierte.

Während sie sich entfernten, konnte er sehen, wie Mrs Weasley und der grimmig dreinschauende Auror ihnen beiden argwöhnische Blicke zuwarfen.

»Als wir in der Winkelgasse waren –«, fing Harry an, aber Mr Weasley unterbrach ihn mit einer Grimasse.

»Jetzt erfahre ich wohl gleich, wohin du, Ron und Hermine verschwunden seid, während ihr angeblich im Hinterzimmer von Freds und Georges Laden wart?«

»Wie haben Sie das –?«

»Harry, bitte. Du sprichst mit dem Mann, der Fred und George großgezogen hat.«

»Ähm … ja, na gut, wir waren nicht im Hinterzimmer.«

»Also schön, dann leg los, ich bin auf das Schlimmste gefasst.«

»Nun, wir sind Draco Malfoy gefolgt. Wir haben meinen Tarnumhang benutzt.«

»Hattet ihr irgendeinen bestimmten Grund dafür, oder war es nur aus einer Laune heraus?«

»Ich dachte, Malfoy führt irgendwas im Schilde«, sagte Harry und achtete nicht weiter auf Mr Weasleys Gesicht, auf dem sich eine Mischung aus Wut und Belustigung abzeichnete. »Er war seiner Mutter entwischt und ich wollte wissen, warum.«

»Natürlich wolltest du das«, sagte Mr Weasley mit resignierter Stimme. »Und? Hast du herausgefunden, warum?«

»Er ist zu Borgin und Burkes gegangen«, sagte Harry, »und hat Borgin, den Typen dort, drangsaliert, damit er ihm hilft, etwas zu reparieren. Und Borgin sollte etwas anderes für ihn zurückbehalten. Es hörte sich an, als wäre es das Gleiche wie das, was repariert werden musste. Als ob beide zusammengehören würden. Und …«

Harry holte tief Luft.

»Da ist noch was. Wir haben gesehen, wie Malfoy fast an die Decke ging, als Madam Malkin seinen linken Arm anfassen wollte. Ich glaube, ihm wurde das Dunkle Mal eingebrannt. Ich glaube, er hat den Platz seines Vaters als Todesser eingenommen.«

Mr Weasley wirkte überrascht. Nach einer Weile sagte er: »Harry, ich bezweifle, dass Du-weißt-schon-wer es einem Sechzehnjährigen erlauben würde – «

»Weiß eigentlich irgendjemand genau, was Du-weißt-schon-wer tun oder lassen würde?«, fragte Harry zornig. »Mr Weasley, tut mir Leid, aber würde es sich nicht lohnen, der Sache nachzugehen? Wenn Malfoy etwas repariert haben will und er deswegen Borgin bedrohen muss, ist es wahrscheinlich etwas Schwarzmagisches oder Gefährliches, oder?«

»Ehrlich gesagt, bezweifle ich das, Harry«, sagte Mr Weasley langsam. »Sieh mal, als Lucius Malfoy festgenommen wurde, haben wir sein Haus durchsucht. Wir haben alles mitgenommen, was möglicherweise gefährlich war.«

»Ich glaube, Sie haben etwas übersehen«, sagte Harry stur.

»Nun ja, vielleicht«, sagte Mr Weasley, aber Harry spürte, dass er ihm nur nicht widersprechen wollte.

Hinter ihnen war ein Pfiff zu hören; fast alle waren in den Zug gestiegen und die Türen schlossen sich.

»Du solltest dich beeilen«, sagte Mr Weasley, und Mrs Weasley rief: »Schnell, Harry!«

Er stürzte los, und Mr und Mrs Weasley halfen ihm, seinen Koffer in den Zug zu laden.

»Nun, mein Lieber, über Weihnachten kommst du zu uns, es ist alles mit Dumbledore besprochen, wir sehen uns also ziemlich bald wieder«, sagte Mrs Weasley durchs Fenster, als Harry die Tür hinter sich zuschlug und der Zug sich in Bewegung setzte. »Pass gut auf dich auf und …«

Der Zug wurde schneller.

»… sei brav und …«

Sie lief jetzt neben dem Zug her.

»… bring dich nicht in Gefahr!«

Harry winkte, bis der Zug eine Kurve genommen hatte und Mr und Mrs Weasley nicht mehr zu sehen waren, dann ging er nachschauen, wo die anderen geblieben waren. Vermutlich hatten sich Ron und Hermine in den Waggon mit den Vertrauensschülern verzogen, aber Ginny stand etwas weiter hinten im Gang und plauderte mit ein paar Freunden. Er ging auf sie zu und schleifte dabei seinen Koffer hinter sich her.

Die Leute starrten ihn schamlos an, als er näher kam. Sie drückten sogar die Gesichter gegen die Scheiben ihrer Abteiltüren, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Nach all den Gerüchten im Tagespropheten über den »Auserwählten« hatte er damit gerechnet, dass er in diesem Schuljahr noch mehr Gestaune und Gegaffe würde ertragen müssen, doch das Gefühl, in hellstem Scheinwerferlicht zu stehen, behagte ihm nicht. Er klopfte Ginny auf die Schulter.

»Wollen wir ein Abteil zusammen suchen?«

»Ich kann nicht, Harry, ich bin mit Dean verabredet«, sagte Ginny munter. »Bis später!«

»Okay«, sagte Harry. Er spürte einen merkwürdigen Anflug von Unmut, als Ginny davonging und ihr langes rotes Haar hinter ihr hertanzte. Er hatte sich den Sommer über so an ihre Gegenwart gewöhnt, dass er fast vergessen hatte, dass sie in der Schule nicht mit ihm, Ron und Hermine zusammen herumhing. Dann blinzelte er und schaute sich um: Er war von begeisterten Mädchen umringt.

»Hi, Harry!«, sagte eine vertraute Stimme hinter ihm.

»Neville!«, antwortete Harry erleichtert, drehte sich um und sah, wie ein Junge mit rundem Gesicht sich zu ihm durchkämpfte.

»Hallo, Harry«, sagte ein Mädchen mit langen Haaren und großen, verschleierten Augen dicht hinter Neville.

»Luna, hi, wie geht's?«

»Sehr gut, danke«, sagte Luna. Sie hielt ein Magazin an die Brust gedrückt; große Buchstaben auf der Titelseite verkündeten, dass als Gratisbeilage eine Gespensterbrille darin enthalten war.

»Der Klitterer läuft also immer noch gut?«, fragte Harry, der das Magazin irgendwie mochte, seit er ihm im vorigen Jahr ein Exklusivinterview gegeben hatte.

»O ja, die Auflage ist ganz schön hochgegangen«, sagte Luna glücklich.

»Lasst uns Plätze suchen«, sagte Harry, und die drei machten sich auf den Weg den Zug entlang, mitten durch Horden stumm starrender Schüler. Schließlich fanden sie ein leeres Abteil, und Harry schlüpfte erleichtert hinein.

»Die starren sogar uns an«, sagte Neville und deutete auf sich und Luna, »weil wir mit dir zusammen sind!«

»Die starren euch an, weil ihr auch im Ministerium wart«, sagte Harry, während er seinen Koffer auf die Gepäckablage wuchtete. »Unser kleines Abenteuer war ganz groß im Tagespropheten, wie du sicher gesehen hast.«

»Ja, ich dachte, Oma würde wegen all dem Trubel sauer sein«, erwiderte Neville, »aber sie hat sich richtig gefreut. Sie sagte, dass ich meinem Vater endlich Ehre machen würde. Sie hat mir einen neuen Zauberstab gekauft, sieh mal!«

Er zog ihn hervor und zeigte ihn Harry.

»Kirsche und Einhornhaar«, sagte er stolz. »Wir glauben, dass es einer der letzten war, die Ollivander verkauft hat, am nächsten Tag ist er verschwunden – hey, komm zurück, Trevor!«

Und er tauchte unter dem Sitz ab, um seine Kröte zurückzuholen, die gerade einen ihrer häufigen Versuche unternahm, in die Freiheit zu gelangen.

»Machen wir dieses Jahr wieder DA-Treffen, Harry?«, fragte Luna, die gerade eine psychedelische Brille aus dem Mittelteil des Klitterers herauslöste.

»Hat jetzt keinen Sinn mehr, weil wir Umbridge losgeworden sind, oder?«, sagte Harry und setzte sich. Neville stieß mit dem Kopf gegen den Sitz, als er darunter hervorkam. Er sah schwer enttäuscht aus.

»Ich mochte die DA! Ich hab eine Menge bei dir gelernt!«

»Mir haben die Treffen auch gefallen«, sagte Luna heiter. »Es war, als ob ich Freunde hätte.«

Das war eine jener unangenehmen Äußerungen, die oft von Luna zu hören waren und bei denen Harry eine qualvolle Mischung aus Mitleid und Verlegenheit empfand. Doch ehe er antworten konnte, gab es draußen vor ihrer Abteiltür einen Tumult; hinter der Scheibe steckte eine Schar Viertklässlerinnen tuschelnd und kichernd die Köpfe zusammen.

»Du fragst ihn!«

»Nein, du!«

»Ich mach's!«

Und eine von ihnen, ein wagemutig aussehendes Mädchen mit großen dunklen Augen, einem markanten Kinn und langem schwarzem Haar, schob sich durch die Tür.

»Hi, Harry, ich bin Romilda, Romilda Vane«, sagte sie laut und selbstsicher. »Warum kommst du nicht zu uns ins Abteil? Du brauchst nicht bei denen hier zu sitzen«, fügte sie unüberhörbar flüsternd hinzu und deutete auf Nevilles Hintern, der wieder unter dem Sitz hervorragte, während Neville nach Trevor herumtastete, und auf Luna, die jetzt ihre Gratis-Gespensterbrille trug, die ihr das Aussehen einer durchgeknallten bunten Eule verlieh.

»Das sind Freunde von mir«, sagte Harry kühl.

»Oh«, sagte das Mädchen äußerst überrascht. »Oh. Okay.«

Und sie ging wieder und schob die Tür hinter sich zu.

»Die andern erwarten von dir, dass du coolere Freunde als uns hast«, sagte Luna und bewies damit erneut ihr Talent, unangenehm ehrlich zu sein.

»Ihr seid cool«, sagte Harry kurz angebunden. »Keiner von denen war im Ministerium. Die haben nicht mit mir gekämpft.«

»Das ist sehr nett, dass du das sagst.« Luna strahlte, schob ihre Gespensterbrille ein Stück weiter die Nase hoch und widmete sich der Lektüre des Klitterers.

»Wir haben aber nicht ihm die Stirn geboten«, sagte Neville, der mit Fusseln und Staub in den Haaren und einem resigniert wirkenden Trevor in der Hand unter dem Sitz hervorkam. »Du schon. Du solltest mal hören, wie meine Oma über dich redet. ›Dieser Harry Potter hat mehr Rückgrat als das ganze Zaubereiministerium zusammen.‹ Sie würde alles dafür geben, dich als Enkel zu haben …«

Harry lachte verlegen und wechselte sobald er konnte zum Thema ZAG-Resultate. Während Neville seine Noten aufzählte und laut darüber nachdachte, ob er wohl einen UTZ-Kurs in Verwandlung belegen dürfe, wo er doch nur ein »Annehmbar« habe, beobachtete ihn Harry, ohne ihm wirklich zuzuhören.

Nevilles Kindheit war von Voldemort zerstört worden, genau wie die Harrys, aber Neville ahnte nicht, dass er beinahe Harrys Schicksal gehabt hätte. Die Prophezeiung hätte sich sowohl auf Harry als auch auf Neville beziehen können, doch Voldemort hatte es aus eigenen, unerforschlichen Gründen vorgezogen, zu glauben, dass Harry derjenige war, den sie betraf.

Hätte Voldemort Neville gewählt, dann würde Neville jetzt Harry gegenübersitzen und trüge eine blitzförmige Narbe und die Last der Prophezeiung … oder etwa nicht? Wäre Nevilles Mutter etwa gestorben, um ihn zu retten, wie Lily für Harry gestorben war? Bestimmt wäre sie das … aber was, wenn sie nicht in der Lage gewesen wäre, sich zwischen ihren Sohn und Voldemort zu stellen? Hätte es dann überhaupt keinen »Auserwählten« gegeben? Ein leerer Sitz dort, wo Neville jetzt saß, und ein narbenloser Harry, dem seine eigene Mutter, und nicht die von Ron, einen Abschiedskuss gegeben hätte?

»Alles okay mit dir, Harry? Du siehst so seltsam aus«, sagte Neville.

Harry schreckte hoch.

»'tschuldigung – ich – «

»Hast du 'nen Schlickschlupf abgekriegt?«, fragte Luna mitfühlend und starrte Harry durch ihre gewaltige bunte Brille an.

»Ich – was?«

»Einen Schlickschlupf… die sind unsichtbar, sausen dir durch die Ohren rein und machen dich ganz wuschig im Kopf«, sagte sie. »Irgendwie hab ich das Gefühl, dass einer hier rumfliegt.«

Sie klatschte mit den Händen in die Luft, als ob sie große unsichtbare Motten verscheuchen wollte. Harry und Neville sahen sich kurz an und begannen hastig über Quidditch zu reden.

Das Wetter draußen vor den Zugfenstern war so durchwachsen, wie es den ganzen Sommer über gewesen war; sie fuhren streckenweise durch kalten Nebel, dann wieder in schwaches klares Sonnenlicht. Während einer solchen klaren Phase, als die Sonne fast direkt über ihnen zu sehen war, betraten endlich Ron und Hermine das Abteil.

»Wenn der Imbisswagen sich nur mal beeilen würde, ich verhungere noch«, sagte Ron sehnsüchtig, ließ sich auf den Sitz neben Harry fallen und rieb sich den Bauch. »Hi, Neville, hi, Luna. Weißt du was?«, fügte er an Harry gewandt hinzu. »Malfoy macht keinen Vertrauensschülerdienst. Er sitzt bloß in seinem Abteil mit den anderen Slytherins rum, wir haben ihn im Vorbeigehen gesehen.«

Harry richtete sich interessiert auf. Es sah Malfoy überhaupt nicht ähnlich, dass er sich die Chance entgehen ließ, seine Macht als Vertrauensschüler zu demonstrieren, die er das ganze vorige Jahr über genüsslich missbraucht hatte.

»Was hat er getan, als er euch gesehen hat?«

»Das Übliche«, sagte Ron gleichgültig und machte Malfoys rüde Geste mit der Hand nach. »Sieht ihm aber gar nicht ähnlich, oder? Also – das schon«, und er wiederholte die Geste, »aber warum ist er nicht da draußen und schikaniert Erstklässler?«

»Weiß nicht«, sagte Harry, doch seine Gedanken überschlugen sich. Machte das nicht den Eindruck, als hätte Malfoy wichtigere Dinge im Kopf, als jüngere Schüler zu schikanieren?

»Vielleicht war ihm das Inquisitionskommando lieber«, sagte Hermine. »Vielleicht kommt ihm das Vertrauensschülerleben danach ein wenig lasch vor.«

»Das glaube ich nicht«, sagte Harry. »Ich glaube, er ist – «

Doch ehe er seine Theorie erläutern konnte, glitt die Abteiltür erneut auf und ein Mädchen aus der dritten Klasse trat atemlos herein.

»Ich soll das hier Neville Longbottom und Harry P-Potter überbringen.« Sie stockte, als sie Harrys Blick begegnete, und lief scharlachrot an. Sie streckte ihnen zwei Pergamentrollen entgegen, die mit violettem Band zugeschnürt waren. Verdutzt nahmen Harry und Neville jeder die an sie adressierte Rolle entgegen und das Mädchen stolperte wieder aus dem Abteil.

»Was ist es?«, wollte Ron wissen, als Harry sein Pergament auseinander rollte.

»Eine Einladung«, sagte Harry.

»Harry,

ich würde mich freuen, wenn Sie mir bei einem kleinen Mittagsimbiss in Abteil C Gesellschaft leisten würden.

Mit freundlichem Gruß

Professor H. E. F. Slughorn«

»Wer ist Professor Slughorn?«, fragte Neville, der ratlos auf seine eigene Einladung blickte.

»Ein neuer Lehrer«, sagte Harry. »Also, ich schätze, da müssen wir hin, oder?«

»Aber warum will er mich dabeihaben?«, fragte Neville nervös, als schwante ihm Nachsitzen.

»Keine Ahnung«, sagte Harry, was nicht ganz zutraf, auch wenn er noch keinen Beweis dafür hatte, dass sein Verdacht richtig war. »Hör mal«, fügte er hinzu, einer plötzlichen Eingebung folgend, »lass uns unter dem Tarnumhang gehen, dann können wir unterwegs vielleicht einen ausgiebigen Blick auf Malfoy werfen und sehen, was er treibt.«

Aus dieser Idee wurde jedoch nichts: Die Gänge waren überfüllt mit Leuten, die nach dem Imbisswagen Ausschau hielten, und mit einem Tarnumhang war absolut kein Durchkommen. Harry verstaute ihn mit Bedauern wieder in seiner Tasche – es wäre schön gewesen, ihn zu tragen, schon um all das Gegaffe zu vermeiden, das offenbar seit seinem letzten Gang durch den Zug sogar noch schlimmer geworden war. Alle naselang stürzten Schüler aus ihren Abteilen, um Harry besser anschauen zu können. Die Ausnahme war Cho Chang, sie verschwand schnell in ihrem Abteil, als sie Harry kommen sah. Als Harry an ihrem Fenster vorbeiging, sah er sie in ein intensives Gespräch mit ihrer Freundin Marietta versunken. Marietta trug eine sehr dicke Schicht Make-up, die das sonderbare Pickelmuster nicht ganz verbarg, das sich immer noch über ihr Gesicht zog. Mit einem leichten Grinsen schob sich Harry weiter.

Als sie Abteil C erreichten, sahen sie sofort, dass sie nicht die Einzigen waren, die Slughorn eingeladen hatte, auch wenn Harry, wie der begeisterte Empfang durch Slughorn vermuten ließ, am sehnlichsten erwartet wurde.

»Harry, mein Junge!«, sagte Slughorn und sprang bei seinem Anblick auf, so dass sein großer, in Samt gehüllter Bauch den ganzen restlichen Abteilraum auszufüllen schien. Sein glänzender Glatzkopf und sein großer silberner Schnurrbart schimmerten so hell im Sonnenlicht wie die Goldknöpfe an seiner Weste. »Schön, dass Sie da sind, schön, dass Sie da sind! Und Sie müssen Mr Longbottom sein!«

Neville nickte mit ängstlicher Miene. Auf einen Wink von Slughorn hin setzten sie sich einander gegenüber auf die einzigen beiden leeren Plätze, gleich neben der Tür. Harry warf einen kurzen Blick auf die anderen Gäste. Er erkannte einen Slytherin aus ihrem Jahrgang, einen großen schwarzen Jungen mit hohen Wangenknochen und länglichen, schräg stehenden Augen; auch zwei Jungen aus der siebten Klasse waren da, die Harry nicht kannte, und neben Slughorn in die Ecke gequetscht, mit einem Gesichtsausdruck, als wüsste sie nicht recht, wie sie eigentlich hierher gekommen war, saß Ginny.

»Nun, Sie kennen hier alle?«, fragte Slughorn Harry und Neville. »Blaise Zabini ist ja in Ihrem Jahrgang – «

Zabini gab kein Zeichen von sich, dass er sie wiedererkannte oder grüßen wollte, auch Harry und Neville nicht: Gryffindor- und Slytherin-Schüler hassten einander grundsätzlich.

»Das hier ist Cormac McLaggen, vielleicht sind Sie sich schon mal über den Weg gelaufen –? Nein?«

McLaggen, ein mächtiger, drahthaariger Junge, hob die Hand, und Harry und Neville nickten ihm zu.

» und das ist Marcus Belby, ich weiß nicht, ob –?«

Belby, der dünn und nervös wirkte, zeigte ein gezwungenes Lächeln.

» und diese reizende junge Dame sagt, dass sie Sie kennt!«, schloss Slughorn.

Ginny schnitt Harry und Neville hinter Slughorns Rücken eine Grimasse.

»Wunderbar, das ist höchst erfreulich«, sagte Slughorn mit Behagen. »Eine günstige Gelegenheit, Sie alle ein wenig besser kennen zu lernen. Hier, nehmen Sie sich eine Serviette. Ich habe mein eigenes Mittagessen mitgebracht, wie ich mich erinnere, ist der Imbisswagen etwas lakritzzauberstablastig, und der Verdauungstrakt eines armen alten Mannes kommt damit nicht besonders gut zurecht … Fasan, Belby?«

Belby schreckte hoch und nahm etwas entgegen, das wie ein halber kalter Fasan aussah.

»Ich erzählte gerade unserem jungen Marcus hier, dass ich das Vergnügen hatte, seinen Onkel Damocles zu unterrichten«, sagte Slughorn zu Harry und Neville und reichte nun einen Korb Brötchen herum. »Ein exzellenter Zauberer, exzellent, und sein Merlinorden war höchst verdient. Sehen Sie Ihren Onkel häufig, Marcus?«

Unglücklicherweise hatte Belby gerade einen großen Bissen Fasan im Mund; in seiner Hast, Slughorn zu antworten, schluckte er zu schnell hinunter, wurde puterrot und begann zu würgen.

»Anapneo«, sagte Slughorn gelassen und richtete seinen Zauberstab auf Belby, dessen Luftröhre offenbar sofort wieder frei wurde.

»Nicht … nicht allzu häufig, nein«, keuchte Belby mit tränenden Augen.

»Ja, natürlich, ich vermute, er ist sehr beschäftigt«, sagte Slughorn und sah Belby fragend an. »Den Wolfsbann-Trank hat er gewiss nicht ohne ein beträchtliches Maß an harter Arbeit entwickelt!«

»Ich denk nicht …«, sagte Belby, der anscheinend Angst hatte, einen weiteren Bissen Fasan zu nehmen, ehe er sicher war, dass Slughorn mit ihm durch war. »Ähm … er und mein Dad kommen nicht sehr gut miteinander klar, verstehen Sie, deshalb weiß ich eigentlich nicht viel über …«

Seine Stimme erstarb, während Slughorn ihm ein kühles Lächeln schenkte und sich stattdessen an McLaggen wandte.

»Nun zu Ihnen, Cormac«, sagte Slughorn, »zufällig weiß ich, dass Sie sich oft mit Ihrem Onkel Tiberius treffen, denn er hat ein ganz prächtiges Bild von Ihnen beiden auf der Jagd nach Nogschwänzen, in – war das nicht Norfolk?«

»Oh, ja, das war lustig, wirklich«, sagte McLaggen. »Wir sind zusammen mit Bertie Higgs und Rufus Scrimgeour losgezogen – natürlich, bevor er Minister wurde – «

»Ach, Bertie und Rufus kennen Sie auch?« Slughorn strahlte und gab nun ein kleines Tablett mit Pasteten herum; Belby wurde irgendwie übergangen. »Nun sagen Sie mir doch mal …«

Es war, wie Harry vermutet hatte. Alle waren hier offenbar eingeladen worden, weil sie mit irgendeinem Prominenten oder Einflussreichen zu tun hatten – alle außer Ginny. Zabini, der nach McLaggen ausgefragt wurde, hatte, wie sich herausstellte, eine Hexe als Mutter, die berühmt war für ihre Schönheit (nach dem, was Harry heraushörte, war sie siebenmal verheiratet gewesen, jeder ihrer Ehemänner war unter mysteriösen Umständen gestorben und hatte ihr bergeweise Gold hinterlassen). Dann war Neville an der Reihe: Es wurden zehn äußerst unbehagliche Minuten, denn Nevilles Eltern, weithin bekannte Auroren, waren von Bellatrix Lestrange und von einigen ihrer Todessergefährten bis zum Wahnsinn gefoltert worden. Als Nevilles Befragung zu Ende war, hatte Harry den Eindruck, Slughorn würde sein Urteil über Neville noch zurückhalten, bis sich herausstellte, ob er etwas von der Begabung seiner Eltern geerbt hatte.

»Und nun«, sagte Slughorn und rutschte wie ein Conférencier, der seinen Stargast vorstellt, gewichtig auf seinem Platz hin und her, »Harry Potter! Wo fangen wir an? Ich habe das Gefühl, dass ich nur ein wenig an der Oberfläche gekratzt habe, als wir uns im Sommer trafen!«

Er betrachtete Harry einen Moment lang gedankenverloren, als ob er ein besonders großes und saftiges Stück Fasan wäre, dann sagte er: »Der ›Auserwählte‹ werden Sie jetzt genannt!«

Harry sagte nichts. Belby, McLaggen und Zabini starrten ihn an.

»Natürlich«, fuhr Slughorn fort, während er Harry genau musterte, »gibt es seit Jahren Gerüchte … Ich erinnere mich noch, als – nun – nach dieser schrecklichen Nacht – Lily – James – und Sie überlebten – und es hieß, dass Sie Kräfte haben müssen, die über die gewöhnlichen – «

Zabini hüstelte leise, was offensichtlich amüsierte Skepsis andeuten sollte. Eine zornige Stimme brach hinter Slughorn hervor.

»Ja, Zabini, weil du ja so begabt bist … im Schöntun …«

»Ach je!«, gluckste Slughorn wohlig und drehte sich zu Ginny um, die um Slughorns dicken Bauch herum Zabini böse anfunkelte. »Seien Sie lieber vorsichtig, Blaise! Ich hab gesehen, wie diese junge Dame den herrlichsten Flederwichtfluch ausführte, als ich durch ihren Waggon ging! Ich würde ihr nicht in die Quere kommen!«

Zabini blickte nur verächtlich.

»Wie auch immer«, sagte Slughorn und wandte sich wieder Harry zu. »Solche Gerüchte diesen Sommer. Natürlich weiß man nicht, was man glauben soll, der Prophet hat bekanntlich immer wieder mal ungenau berichtet und Fehler gemacht – aber angesichts der vielen Zeugen ist wohl kaum zu bezweifeln, dass es einen ziemlichen Tumult im Ministerium gab und dass Sie mittendrin steckten!«

Harry, dem kein Ausweg aus dem Ganzen einfiel ohne eindeutig zu lügen, nickte, sagte aber immer noch nichts. Slughorn sah ihn strahlend an.

»So bescheiden, so bescheiden, kein Wunder, dass Dumbledore so angetan ist – Sie waren also da? Aber die anderen Geschichten – so sensationell, dass man ja gar nicht recht weiß, was man glauben soll – diese sagenhafte Prophezeiung beispielsweise – «

»Wir haben nie eine Prophezeiung gehört«, sagte Neville und lief dabei geranienrosa an.

»Das stimmt«, sagte Ginny nachdrücklich. »Neville und ich, wir waren beide auch da, und der ganze Unsinn mit dem ›Auserwählten‹ kommt nur vom Propheten, der wie immer Sachen erfindet.«

»Sie waren beide auch da, tatsächlich?«, sagte Slughorn mit großem Interesse und blickte von Ginny zu Neville, doch beide blieben stumm wie Fische angesichts seines ermunternden Lächelns. »Ja … nun … es ist wahr, dass der Prophet häufig übertreibt, selbstverständlich …«, fuhr Slughorn in leicht enttäuschtem Ton fort. »Ich weiß noch, wie die liebe Gwenog zu mir gesagt hat – ich meine natürlich Gwenog Jones, die Kapitänin der Holyhead Harpies – «

Er driftete ab in weitschweifige Erinnerungen, doch Harry spürte deutlich, dass Slughorn mit ihm noch nicht fertig war und dass Neville und Ginny ihn nicht überzeugt hatten.

Der Nachmittag schleppte sich dahin mit weiteren Anekdoten über illustre Zauberer, die Slughorn unterrichtet hatte und die sich in Hogwarts alle begeistert dem »Slug-Klub«, wie er ihn nannte, angeschlossen hatten. Harry wäre am liebsten gegangen, aber er hatte keine Ahnung, wie er es anstellen sollte, ohne unhöflich zu wirken. Schließlich fuhr der Zug aus einer weiteren breiten Nebelfront in einen roten Sonnenuntergang hinein, und Slughorn sah sich blinzelnd im Zwielicht um.

»Du meine Güte, es wird ja schon dunkel! Ich habe gar nicht bemerkt, dass sie die Lampen angemacht haben! Sie sollten jetzt besser alle gehen und Ihre Umhänge anziehen. McLaggen, Sie müssen unbedingt noch mal vorbeischauen und sich das Buch über Nogschwänze ausleihen. Harry, Blaise – wann immer Sie in der Nähe sind … Das gilt auch für Sie, Miss.« Er zwinkerte Ginny zu. »So, jetzt aber fort mit Ihnen, fort mit Ihnen!«

Als Zabini sich an Harry vorbei in den immer dunkler werdenden Gang hinausdrängte, warf er ihm einen gehässigen Blick zu, den Harry noch gehässiger erwiderte. Er, Ginny und Neville folgten Zabini durch den Zug zurück.

»Ich bin froh, dass es vorbei ist«, murmelte Neville. »Komischer Kerl, oder?«

»Ja, schon ein wenig«, sagte Harry, den Blick auf Zabini geheftet. »Wie bist du eigentlich da gelandet, Ginny?«

»Er hat gesehen, wie ich Zacharias Smith verhext hab«, sagte Ginny, »du weißt doch, dieser Blödmann aus Hufflepuff, der in der DA war. Der hat die ganze Zeit gefragt, was im Ministerium los war, und am Ende war ich so genervt, dass ich ihn verhext hab – als Slughorn reinkam, dachte ich, jetzt krieg ich Nachsitzen, aber er hat nur gesagt, dass das richtig gut gehext war, und mich zum Mittagessen eingeladen! Verrückt, was?«

»Besserer Grund, als jemanden einzuladen, weil seine Mutter berühmt ist«, sagte Harry und starrte finster auf Zabinis Hinterkopf, »oder weil sein Onkel – «

Doch er verstummte. Ihm war gerade eine Idee gekommen, eine verwegene, aber möglicherweise wunderbare Idee … in einer Minute würde Zabini wieder das Abteil der Slytherin-Sechstklässler betreten, und dort würde Malfoy sitzen und denken, dass niemand ihn hörte außer den anderen Slytherins … wenn Harry ihm doch nur ins Abteil folgen könnte, unbemerkt, was könnte er dann nicht alles sehen oder hören? Sie hatten zwar nur noch eine kurze Strecke vor sich – der Bahnhof Hogsmeade konnte kaum eine halbe Stunde entfernt sein, wie die wilde Landschaft vermuten ließ, die an den Fenstern vorbeijagte –, aber niemand sonst schien Harrys Vermutungen ernst nehmen zu wollen, also lag es an ihm, sie zu bestätigen.

»Wir sehen uns später«, raunte Harry den anderen beiden zu, zog seinen Tarnumhang heraus und warf ihn sich über.

»Aber was hast du –?«, fragte Neville.

»Später!«, flüsterte Harry und huschte so leise wie möglich Zabini hinterher, obwohl das Rattern des Zuges eine solche Vorsicht beinahe überflüssig machte.

Die Gänge waren jetzt fast leer. Die meisten Schüler waren in ihre Abteile zurückgekehrt, um ihre Schulumhänge anzuziehen und ihre Habseligkeiten einzupacken. Obwohl Harry Zabini so nahe war, wie er nur konnte, ohne ihn zu berühren, gelang es ihm nicht, schnell genug ins Abteil zu schlüpfen, als Zabini die Tür öffnete. Zabini schob sie schon wieder zu, da streckte Harry hastig den Fuß aus, um sie offen zu halten.

»Was ist los mit dem Ding?«, sagte Zabini wütend und rammte die Schiebetür ein paarmal gegen Harrys Fuß.

Harry packte die Tür und drückte sie kräftig auf; Zabini, der immer noch den Griff festhielt, kippte zur Seite in Gregory Goyles Schoß, und in dem folgenden Durcheinander schoss Harry ins Abteil, sprang auf Zabinis vorläufig leeren Platz und hievte sich hinauf auf die Gepäckablage. Zum Glück schnauzten sich Goyle und Zabini gerade wütend an und zogen alle Blicke auf sich, denn Harry war ziemlich sicher, dass seine Füße und Knöchel zu sehen gewesen waren, als der Umhang um sie herumgeflattert war. Einen schrecklichen Moment lang bildete er sich sogar ein, dass Malfoys Augen seinem Turnschuh folgten, als er ihn blitzschnell außer Sicht nach oben riss. Doch dann schmetterte Goyle die Tür zu und stieß Zabini von sich weg, Zabini sackte verärgert auf seinen eigenen Platz, Vincent Crabbe widmete sich erneut seinem Comic und Malfoy legte sich kichernd wieder über zwei Sitze, den Kopf in Pansy Parkinsons Schoß. Harry hatte sich unbequem unter seinem Tarnumhang zusammengerollt, um sicherzugehen, dass kein Stück von ihm zu sehen war. Er beobachtete, wie Pansy das glatte blonde Haar aus Malfoys Stirn strich und dabei affektiert lächelte, als würde die ganze Welt liebend gern mit ihr tauschen. Die Lampen, die von der Wagendecke baumelten, tauchten die Szene in helles Licht: Harry konnte jedes Wort von Crabbes Comic direkt unter sich lesen.

»Also, Zabini«, sagte Malfoy, »was wollte Slughorn?«

»Sich einfach nur bei Leuten mit guten Beziehungen einschleimen«, erwiderte Zabini, der Goyle immer noch finster anblickte. »Hat aber nicht viele gefunden.«

Diese Nachricht schien Malfoy nicht zu gefallen.

»Wen hat er sonst noch eingeladen?«, wollte er wissen.

»McLaggen aus Gryffindor«, sagte Zabini.

»Ach ja, sein Onkel ist ein hohes Tier im Ministerium«, sagte Malfoy.

»… noch einen namens Belby, aus Ravenclaw …«

»Nicht der, der ist 'n Trottel!«, warf Pansy ein.

»… und Longbottom, Potter und dieses Weasley-Mädchen«, schloss Zabini.

Malfoy setzte sich abrupt auf und stieß Pansys Hand weg. »Er hat Longbottom eingeladen?«

»Tja, ich schätze schon, Longbottom war ja schließlich dabei«, sagte Zabini gleichmütig.

»Was hat Longbottom, dass Slughorn sich für ihn interessiert?«

Zabini zuckte die Achseln.

»Potter, der edle Potter, klar wollte er sich mal den Auserwählten ansehen«, höhnte Malfoy, »aber dieses Weasley-Mädchen! Was ist so Besonderes an der

»'ne Menge Jungs mögen sie«, sagte Pansy und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie Malfoy reagierte. »Sogar du findest, dass sie gut aussieht, stimmt's, Blaise? Und wir wissen alle, wie anspruchsvoll du bist!«

»Ich würde eine dreckige kleine Blutsverräterin wie die nie anrühren, egal wie sie aussieht«, sagte Zabini kühl, und Pansy schien erfreut. Malfoy ließ sich erneut auf ihren Schoß sinken und erlaubte ihr wieder, sein Haar zu streicheln.

»Also, ich finde Slughorns Geschmack erbärmlich. Vielleicht wird er ein bisschen senil. Schade, mein Vater hat immer gesagt, dass er zu seiner Zeit ein guter Zauberer war. Mein Vater war mal so was wie ein Liebling von ihm. Slughorn weiß wahrscheinlich nicht, dass ich im Zug bin, sonst – «

»Ich würd nicht mit einer Einladung rechnen«, sagte Zabini. »Er hat mich nach Notts Vater gefragt, gleich als ich dort war. Anscheinend waren sie früher mal gut befreundet, aber als er hörte, dass Nott im Ministerium gefangen genommen wurde, sah er gar nicht glücklich aus, und Nott bekam ja auch keine Einladung. Ich glaube nicht, dass Slughorn an Todessern interessiert ist.«

Malfoy blickte zornig, zwang sich jedoch zu einem außergewöhnlich humorlosen Lachen.

»Na ja, wen kümmert's, für was er sich interessiert? Was ist er denn, wenn man's genau betrachtet? Nur irgendein blöder Lehrer.« Malfoy gähnte demonstrativ. »Ich meine, vielleicht bin ich nächstes Jahr nicht mal in Hogwarts, mir ist ziemlich egal, ob ein fetter alter Ehemaliger mich mag oder nicht!«

»Was soll das heißen, du bist nächstes Jahr vielleicht nicht in Hogwarts?«, sagte Pansy entrüstet und hörte schlagartig auf, Malfoy zu betütteln.

»Tja, man weiß ja nie«, sagte Malfoy mit dem Anflug eines Grinsens. »Vielleicht habe ich mich – ähm – dann schon größeren und besseren Dingen zugewandt.«

Harry kauerte auf der Gepäckablage unter seinem Tarnumhang und sein Herz fing an zu rasen. Was würden Ron und Hermine dazu sagen? Crabbe und Goyle glotzten Malfoy an; offenbar hatten sie keinen Schimmer von irgendwelchen Plänen, sich größeren und besseren Dingen zuzuwenden. Selbst Zabini stand die Neugier ins Gesicht geschrieben und verunstaltete seine edlen Züge. Pansy wirkte verdattert und machte sich wieder daran, bedächtig Malfoys Haare zu streicheln.

»Du meinst – Ihn?«

Malfoy zuckte die Achseln.

»Mutter will, dass ich meine Ausbildung zu Ende mache, aber ich persönlich finde, dass das heutzutage nicht so wichtig ist. Ich meine, denkt mal drüber nach … wenn der Dunkle Lord die Macht übernimmt, wird er sich dann darum scheren, wie viele ZAGs oder UTZe jemand hat? Natürlich nicht … Dann geht es nur noch darum, welchen Dienst man ihm erwiesen hat, wie groß die Ergebenheit war, die man ihm gezeigt hat.«

»Und du glaubst, du kannst irgendetwas für ihn tun?«, fragte Zabini wegwerfend. »Sechzehn Jahre alt und noch nicht einmal fertig ausgebildet?«

»Hab ich das nicht eben gesagt? Vielleicht ist es ihm egal, ob ich einen Abschluss habe. Vielleicht braucht man für die Aufgabe, die ich für ihn erledigen soll, keinen Abschluss«, sagte Malfoy leise.

Crabbe und Goyle saßen beide mit offenem Mund da wie Wasserspeier. Pansy starrte auf Malfoy hinab, als ob sie noch nie etwas so Ehrfurchtgebietendes gesehen hätte.

»Ich kann Hogwarts erkennen«, sagte Malfoy, genoss offensichtlich die Wirkung, die er erzeugt hatte, und deutete aus dem dunklen Fenster. »Wir sollten besser die Umhänge anziehen.«

Harry stierte Malfoy so gebannt an, dass er nicht bemerkte, wie Goyle die Hand nach oben streckte, um nach seinem Koffer zu greifen; als er ihn herunterschwang, schlug er Harry hart seitlich gegen den Kopf. Harry keuchte unwillkürlich vor Schmerz und Malfoy blickte stirnrunzelnd zur Gepäckablage hoch.

Harry hatte keine Angst vor Malfoy, dennoch war er nicht sonderlich angetan von dem Gedanken, eine Gruppe feindseliger Slytherins könnte ihn entdecken, wie er da unter seinem Tarnumhang verborgen lag. Mit nach wie vor tränenden Augen und pochendem Kopf zog er seinen Zauberstab, sorgsam darauf bedacht, seinen Umhang nicht aufzudecken, und wartete mit angehaltenem Atem. Zu seiner Erleichterung kam Malfoy offenbar zu dem Schluss, dass er sich das Geräusch eingebildet hatte; er zog sich wie die anderen den Umhang über, schloss seinen Koffer und legte sich einen dicken neuen Reiseumhang um, während der Zug immer langsamer wurde und schließlich im Schneckentempo dahinruckelte.

Harry konnte sehen, wie sich die Gänge wieder füllten, und hoffte, dass Hermine und Ron seine Sachen für ihn mit hinaus auf den Bahnsteig nehmen würden; er steckte hier fest, bis sich das Abteil völlig geleert haben würde. Endlich, mit einem letzten Ruck, kam der Zug ganz zum Stehen. Goyle riss die Tür auf, drängte sich hinaus in eine Gruppe von Zweitklässlern und stieß sie beiseite; Crabbe und Zabini folgten ihm.

»Geh schon mal vor«, sagte Malfoy zu Pansy, die mit ausgestreckter Hand auf ihn wartete, als hoffte sie, er würde sie halten. »Ich will nur was nachschauen.«

Pansy ging hinaus. Jetzt waren Harry und Malfoy allein im Abteil. Leute liefen vorbei und stiegen hinunter auf den dunklen Bahnsteig. Malfoy trat zur Abteiltür und ließ das Rollo hinunter, damit niemand von draußen auf dem Gang hereinspähen konnte. Dann beugte er sich über seinen Koffer und öffnete ihn wieder.

Harry lugte über den Rand der Gepäckablage, und sein Herz schlug ein wenig schneller. Was hatte Malfoy vor Pansy verbergen wollen? Würde er gleich das geheimnisvolle kaputte Ding sehen, das so unbedingt repariert werden musste?

»Petrificus Totalus!«

Ohne Vorwarnung richtete Malfoy seinen Zauberstab auf Harry, der augenblicklich gelähmt war. Wie in Zeitlupe kippte er aus der Gepäckablage, fiel Malfoy mit einer äußerst schmerzhaften Bruchlandung zu Füßen, die den Boden erschütterte, und begrub dabei den Tarnumhang unter sich. Nun war sein ganzer Körper sichtbar, die Beine immer noch unsinnig angewinkelt in einer verkrampften knienden Haltung. Er konnte keinen Muskel rühren; er konnte nur zu Malfoy hochstarren, der breit grinste.

»Hab ich's mir doch gedacht«, sagte er hochbeglückt. »Ich hab gehört, wie Goyles Koffer dich erwischt hat. Und ich dachte, ich hätte was Weißes durch die Luft blitzen sehen, als Zabini zurückkam …« Sein Blick blieb kurz an Harrys Turnschuhen hängen. »Du warst das also, der die Tür blockiert hat, als Zabini hereinkam?«

Er taxierte Harry einen Moment lang.

»Du hast nichts gehört, was mir wichtig ist, Potter. Aber wenn ich dich schon mal hier hab …«

Und er stampfte Harry mit voller Wucht aufs Gesicht. Harry spürte, wie seine Nase brach; Blut spritzte umher.

»Das ist von meinem Vater. Und jetzt, schauen wir mal …«

Malfoy zerrte den Tarnumhang unter Harrys gelähmtem Körper hervor und warf ihn über Harry.

»Ich glaub nicht, dass sie dich finden, ehe der Zug wieder in London ist«, sagte er leise. »Wir sehen uns dann, Potter … oder auch nicht.«

Und nachdem er noch einmal absichtlich auf Harrys Finger getreten war, verließ Malfoy das Abteil.

Snape triumphiert

Harry konnte keinen Muskel rühren. Er lag unter seinem Tarnumhang, spürte, wie das Blut aus seiner Nase heiß und feucht über sein Gesicht strömte, und lauschte den Stimmen und Schritten draußen im Gang. Sein erster Gedanke war, dass sicher irgendjemand durch die Abteile gehen würde, ehe der Zug wieder abfuhr. Doch gleich darauf kam ihm die ernüchternde Erkenntnis, dass, selbst wenn jemand in sein Abteil schaute, er ihn weder sehen noch hören konnte. Es blieb ihm nur zu hoffen, dass jemand hereinkam und über ihn stolperte.

Harry hatte Malfoy noch nie so sehr gehasst wie jetzt, da er wie eine hilflose Schildkröte auf dem Rücken lag und das Blut ihm in den offenen Mund tropfte, dass ihm schlecht wurde. In was für eine dumme Lage hatte er sich da gebracht … und jetzt verhallten die letzten spärlichen Schritte; alle schlurften draußen den finsteren Bahnsteig entlang; er konnte das Scharren von Koffern und lautes Stimmengewirr hören.

Ron und Hermine dachten bestimmt, dass er den Zug ohne sie verlassen hatte. Wenn sie erst einmal in Hogwarts waren und ihre Plätze in der Großen Halle einnahmen, einige Male am Gryffindor-Tisch hoch- und hinuntersahen und endlich begriffen, dass er nicht da war, dann würde er sicher schon auf halbem Weg zurück nach London sein.

Er versuchte ein Geräusch zu machen, wenigstens zu grunzen, doch es war unmöglich. Dann fiel ihm ein, dass manche Zauberer, wie Dumbledore, auch ohne zu sprechen Zauber ausführen konnten, also versuchte er seinen Zauberstab aufzurufen, der ihm aus der Hand gefallen war, indem er die Worte Accio Zauberstab! ständig im Kopf wiederholte, doch nichts geschah.

Er glaubte, das Rauschen der Bäume rund um den See zu hören und von weit her den Schrei einer Eule, doch nichts ließ darauf schließen, dass er gesucht wurde oder dass es sogar (und er verachtete sich ein wenig für diesen Gedanken) panische Stimmen gab, die fragten, wo Harry Potter geblieben war. Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit ergriff ihn, als er sich vorstellte, wie die Kolonne der von Thestralen gezogenen Kutschen zur Schule hinaufzockelte und wie aus irgendeiner der Kutschen, in der Malfoy saß und seinen Slytherin-Freunden seinen Angriff auf Harry schilderte, gedämpfte Lacher drangen.

Der Zug ruckte, und Harry kippte auf die Seite. Jetzt starrte er statt an die Decke auf die staubige Unterseite der Sitze. Der Fußboden begann zu vibrieren und mit einem Grollen erwachte die Lokomotive zum Leben. Der Hogwarts-Express fuhr davon, und keiner wusste, dass Harry immer noch an Bord war …

Dann spürte er, wie der Tarnumhang von ihm wegflog, und eine Stimme über ihm sagte: »Tag auch, Harry.«

Ein rotes Licht blitzte auf und Harrys Körper löste sich aus seiner Starre; er konnte sich in eine würdevollere, sitzende Haltung stemmen, mit dem Handrücken rasch das Blut von seinem zerschundenen Gesicht wischen und den Kopf heben – und er blickte auf zu Tonks, die den Tarnumhang hielt, den sie ihm gerade weggezogen hatte.

»Wir sollten schleunigst hier raus«, sagte sie, als die Zugfenster sich vor lauter Dampf verfinsterten und der Zug aus dem Bahnhof zu rollen begann. »Komm, wir springen.«

Harry rannte ihr hinterher auf den Gang. Tonks zog die Waggontür auf und hüpfte auf den Bahnsteig, der unter ihnen wegzugleiten schien, während der Zug Fahrt aufnahm. Harry folgte ihr, geriet beim Aufprall kurz ins Wanken, richtete sich dann auf und sah gerade noch, wie die glänzende scharlachrote Dampflokomotive immer schneller wurde, in eine Kurve ging und verschwand.

Die kalte Nachtluft tat seiner schmerzenden Nase gut. Tonks sah ihn an; er war wütend und es war ihm peinlich, dass er in einer so lächerlichen Lage entdeckt worden war. Schweigend gab sie ihm den Tarnumhang zurück.

»Wer war es?«

»Draco Malfoy«, sagte Harry verbittert. »Danke für … na ja …«

»Kein Problem«, sagte Tonks ohne zu lächeln. Soweit Harry in der Dunkelheit erkennen konnte, hatte sie die gleichen mausbraunen Haare und sah nicht weniger niedergeschlagen aus als bei ihrem Treffen im Fuchsbau. »Ich kann deine Nase in Ordnung bringen, wenn du dich nicht bewegst.«

Harry hielt nicht viel von dieser Idee; eigentlich hatte er vorgehabt, Madam Pomfrey, die Krankenschwester, aufzusuchen, der er ein wenig mehr zutraute, wenn es um Heilzauber ging, aber es kam ihm unhöflich vor, das zu sagen, also blieb er stocksteif stehen und schloss die Augen.

»Episkey«, sagte Tonks.

Harrys Nase fühlte sich sehr heiß an, und dann sehr kalt. Er hob die Hand und tastete sie vorsichtig ab. Sie schien verheilt zu sein.

»Vielen Dank!«

»Du ziehst dir am besten wieder den Umhang an, dann können wir zu Fuß zur Schule hoch«, sagte Tonks, immer noch ohne ein Lächeln. Als Harry sich wieder den Tarnumhang überwarf, schwang sie ihren Zauberstab; ein riesiges, silbriges, vierbeiniges Wesen brach aus ihm hervor und raste in die Dunkelheit davon.

»War das ein Patronus?«, fragte Harry, der früher schon gesehen hatte, wie Dumbledore auf diese Weise Nachrichten verschickte.

»Ja, ich gebe im Schloss Bescheid, dass ich dich habe, sonst machen sie sich Sorgen. Komm jetzt, wir sollten lieber nicht trödeln.«

Sie gingen auf den Weg zu, der zur Schule führte.

»Wie hast du mich gefunden?«

»Mir ist aufgefallen, dass du nicht aus dem Zug gestiegen bist, und ich wusste, dass du diesen Umhang hast. Ich dachte, vielleicht versteckst du dich aus irgendeinem Grund. Als ich dann sah, dass das Rollo in diesem Abteil runtergezogen war, dachte ich mir, ich schau mal nach.«

»Aber was machst du eigentlich hier?«, fragte Harry.

»Ich bin jetzt in Hogsmeade stationiert, um die Schule zusätzlich zu schützen«, sagte Tonks.

»Bist du die Einzige, die hier stationiert ist, oder –?«

»Nein, Proudfoot, Savage und Dawlish sind auch hier.«

»Dawlish, dieser Auror, den Dumbledore letztes Jahr angegriffen hat?«

»Genau.«

Sie stapften den dunklen, verlassenen Weg hoch, den frischen Kutschenspuren hinterher. Harry sah unter seinem Tarnumhang Tonks von der Seite her an. Letztes Jahr war sie neugierig gewesen (so sehr, dass es manchmal ein wenig nervte), sie hatte gern gelacht, hatte Witze gemacht. Jetzt schien sie älter und viel ernster und zielbewusster. War das alles eine Folge der Ereignisse, die im Ministerium geschehen waren? Er hatte den unangenehmen Gedanken, dass Hermine ihm vorgeschlagen hätte, etwas Tröstendes über Sirius zu ihr zu sagen, dass es wirklich nicht ihre Schuld war, aber er konnte sich nicht dazu durchringen. Er machte sie keineswegs für Sirius' Tod verantwortlich; sie trug nicht mehr Schuld daran als sonst wer (und viel weniger als er), aber er wollte nicht über Sirius sprechen, wenn er es vermeiden konnte. Und so wanderten sie weiter schweigend durch die kalte Nacht, während Tonks' langer Umhang hinter ihnen auf dem Boden wisperte.

Harry, der hier immer mit der Kutsche gefahren war, hatte sich nie zuvor klar gemacht, wie weit Hogwarts eigentlich vom Bahnhof Hogsmeade entfernt war. Zu seiner großen Erleichterung sah er endlich die hohen Säulen zu beiden Seiten des Tores, auf denen jeweils ein geflügelter Eber saß. Ihm war kalt, er war hungrig, und er hatte es recht eilig, diese ungewohnte, düstere Tonks hinter sich zu lassen. Doch als er die Hand ausstreckte, um die Torflügel aufzustoßen, bemerkte er, dass sie mit einer Kette verschlossen waren.

»Alohomora!«, sagte er zuversichtlich und richtete seinen Zauberstab auf das Vorhängeschloss, aber nichts geschah.

»Das funktioniert bei dem nicht«, sagte Tonks. »Dumbledore persönlich hat es verhext.«

Harry sah sich um.

»Ich könnte über eine Mauer klettern«, schlug er vor.

»Nein, könntest du nicht«, sagte Tonks mit ausdrucksloser Stimme. »Anti-Eindringlings-Flüche auf allen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind diesen Sommer hundertmal verschärft worden.«

»Na gut«, sagte Harry und fing allmählich an, sich über ihre mangelnde Hilfsbereitschaft zu ärgern. »Dann werd ich wohl einfach hier draußen schlafen und bis morgen früh warten müssen.«

»Jemand kommt dich abholen«, sagte Tonks. »Sieh mal.«

Ganz in der Ferne, direkt am Schloss, hüpfte eine Laterne auf und ab. Harry freute sich so über diesen Anblick, dass er sofort das Gefühl hatte, er könnte sogar Filchs asthmatische Vorwürfe wegen seiner Verspätung ertragen und sein Gefasel, dass Harry in Zukunft pünktlicher würde, wenn man ihm regelmäßig Daumenschrauben anlegte. Erst als das strahlende gelbe Licht nur noch drei Meter von ihnen entfernt war und Harry seinen Tarnumhang ausgezogen hatte, um sichtbar zu sein, erkannte er mit jäh aufwallendem Hass die von unten beleuchtete Hakennase und das lange, schwarze, fettige Haar von Severus Snape.

»Schön, schön, schön«, sagte Snape höhnisch, zog seinen Zauberstab hervor und tippte einmal gegen das Vorhängeschloss, worauf die Ketten zurückschlängelten und die Torflügel quietschend aufgingen. »Nett von Ihnen, hier aufzutauchen, Potter, auch wenn Sie offenbar der Meinung sind, dass das Tragen eines Schulumhangs von Ihrer Erscheinung ablenken würde.«

»Ich konnte mich nicht umziehen, ich hatte meinen –«, begann Harry, aber Snape unterbrach ihn.

»Du brauchst nicht zu warten, Nymphadora. Potter ist vollkommen – ähm – sicher in meiner Obhut.«

»Die Nachricht war eigentlich für Hagrid bestimmt«, sagte Tonks stirnrunzelnd.

»Hagrid kam zu spät zur Begrüßungsfeier, genau wie Potter hier, also habe ich sie stattdessen angenommen. Und nebenbei bemerkt«, sagte Snape und trat zurück, um Harry an sich vorbeizulassen, »wollte ich mir gerne mal deinen neuen Patronus anschauen.«

Er schlug die Torflügel mit einem lauten Klirren vor Tonks' Nase zu und tippte mit dem Zauberstab erneut gegen die Ketten, die an ihren Platz zurückrasselten.

»Ich finde, mit dem alten warst du besser dran«, sagte Snape und die Boshaftigkeit in seiner Stimme war unverkennbar. »Der neue macht mir einen schwächlichen Eindruck.«

Als Snape die Laterne herumschwang, sah Harry flüchtig den entsetzten und zornigen Ausdruck auf Tonks' Gesicht. Dann war sie wieder in Dunkelheit gehüllt.

»Gute Nacht«, rief Harry ihr über die Schulter zu und machte sich mit Snape auf den Weg hoch zur Schule. »Danke für … alles.«

»Bis bald, Harry.«

Snape sagte etwa eine Minute lang kein Wort. Harry hatte ein Gefühl, als ob sein Körper Wellen von Hass erzeugen würde, die so mächtig waren, dass es unglaublich schien, dass Snape nicht spürte, wie sie ihn verbrannten. Er hatte Snape von ihrer ersten Begegnung an verabscheut, aber durch seine Haltung Sirius gegenüber hatte Snape für immer und unwiderruflich die Möglichkeit verwirkt, dass Harry ihm verzieh. Was immer Dumbledore auch sagen mochte, Harry hatte während des Sommers Zeit gehabt nachzudenken und war zu dem Schluss gekommen, dass Snapes abfällige Bemerkungen zu Sirius, er bleibe verborgen und in Sicherheit, während der Rest des Phönixordens gegen Voldemort kämpfe, wahrscheinlich ausschlaggebend für Sirius gewesen waren, in der Nacht seines Todes überstürzt ins Ministerium zu eilen. Harry hielt an dieser Meinung fest, weil sie es ihm erlaubte, Snape die Schuld zuzuschreiben, und das war befriedigend, und außerdem wusste er, wenn irgendjemand nicht traurig über Sirius' Tod war, dann war es dieser Mann, der jetzt neben ihm in der Dunkelheit einherschritt.

»Fünfzig Punkte Abzug für Gryffindor wegen Unpünktlichkeit, denke ich«, sagte Snape. »Und, warten Sie mal, weitere zwanzig wegen Ihrer Muggelkleidung. Wissen Sie, ich glaube nicht, dass jemals irgendein Haus so früh im Schuljahr schon in den roten Zahlen war – wir haben noch nicht mal mit dem Nachtisch angefangen. Sie haben womöglich einen Rekord aufgestellt, Potter.«

Die Wut und der Hass, die in Harry brodelten, schienen weiß aufzulodern, aber er wäre lieber bewegungsunfähig den ganzen Weg nach London zurückgefahren, als Snape zu sagen, warum er zu spät kam.

»Ich vermute, Sie wollten einen großen Auftritt, stimmt's?«, fuhr Snape fort. »Und weil Sie kein fliegendes Auto zur Hand hatten, überlegten Sie sich, dass es einen dramatischen Effekt geben würde, in die Große Halle zu platzen, wenn die Feier mitten im Gang ist.«

Harry blieb weiter stumm, obwohl ihm war, als würde seine Brust explodieren. Er wusste, dass Snape genau deshalb gekommen war, um ihn abzuholen, für diese wenigen Minuten, in denen er Harry ärgern und quälen konnte, ohne dass jemand es mitbekam.

Endlich erreichten sie die Schlosstreppe, und das große Eichenportal flog auf in die geräumige, beflaggte Eingangshalle, und durch die offene Tür der Großen Halle empfing sie ein lautes Durcheinander von Stimmen, Gelächter und Teller- und Gläserklirren. Harry fragte sich, ob er seinen Tarnumhang nicht wieder überziehen konnte, damit er sich unbemerkt zu seinem Platz am langen Gryffindor-Tisch stehlen konnte (der ungeschickterweise am weitesten von der Eingangshalle entfernt war).

Als ob er Harrys Gedanken gelesen hätte, sagte Snape jedoch: »Kein Tarnumhang. Sie können so reingehen, damit Sie von allen gesehen werden, was ja sicher Ihre Absicht war.«

Harry drehte sich auf dem Absatz um und marschierte geradewegs durch die offene Tür: Hauptsache, er kam endlich von Snape weg. Die Große Halle mit ihren vier langen Haustischen und dem erhöhten Lehrertisch an der Stirnseite war wie üblich mit schwebenden Kerzen geschmückt, deren Licht die Teller unter ihnen glitzern und glimmern ließ. Harry jedoch nahm das alles nur als verschwommenes Schimmern wahr, er ging so rasch, dass er am Tisch der Hufflepuffs schon vorbei war, ehe die Leute wirklich zu starren anfingen, und als sie dann aufstanden, um ihn besser sehen zu können, hatte er bereits Ron und Hermine gefunden, rannte die Bänke entlang auf sie zu und drängte sich zwischen sie.

»Wo warst – meine Fresse, was hast du mit deinem Gesicht gemacht?«, sagte Ron und glotzte ihn an wie alle anderen rundherum.

»Warum, was ist damit?«, fragte Harry, nahm einen Löffel und schielte auf sein verzerrtes Spiegelbild.

»Du bist völlig blutverschmiert!«, sagte Hermine. »Komm her.«

Sie hob ihren Zauberstab, sagte »Tergeo!« und sog das getrocknete Blut weg.

»Danke«, sagte Harry und spürte, dass sein Gesicht jetzt sauber war. »Wie sieht meine Nase aus?«

»Normal«, sagte Hermine besorgt. »Was sollte mit ihr sein? Harry, was ist passiert, wir hatten furchtbare Angst!«

»Das erzähl ich euch später«, erwiderte Harry knapp. Er wusste ganz genau, dass Ginny, Neville, Dean und Seamus ihnen zuhörten; selbst der Fast Kopflose Nick, das Gespenst von Gryffindor, war die Bank entlanggeschwebt, um zu lauschen.

»Aber –«, sagte Hermine.

»Nicht jetzt, Hermine«, entgegnete Harry mit geheimnisvoller, bedeutsamer Stimme. Er hoffte sehr, dass sie alle annahmen, er sei in irgendetwas Heldenhaftes verwickelt gewesen, am besten etwas mit ein paar Todessern und einem Dementor. Natürlich würde Malfoy die Geschichte wo er nur konnte herumerzählen und sie möglichst breittreten, doch es gab immerhin die Chance, dass sie an nicht allzu viele Gryffindor-Ohren drang.

Er langte an Ron vorbei nach ein paar Hühnerbeinen und einer Hand voll Pommes, doch bevor er sie zu fassen bekam, verschwanden sie und wurden durch Nachspeisen ersetzt.

»Du hast jedenfalls die Zuteilung versäumt«, sagte Hermine, während Ron sich auf einen riesigen Schokoladenkuchen stürzte.

»Hat der Hut irgendwas Interessantes gesagt?«, fragte Harry und nahm sich ein Stück Siruptorte.

»Eigentlich nur, was er immer sagt … hat uns ermahnt, wir sollen uns im Angesicht des Feindes alle vereinen, du weißt schon.«

»Hat Dumbledore Voldemort überhaupt erwähnt?«

»Noch nicht, aber seine richtige Rede spart er sich ja immer für den Schluss der Feier auf, oder? Die kommt jetzt sicher bald.«

»Snape meinte, Hagrid sei zu spät zur Feier gekommen.«

»Du hast Snape gesehen? Wie das?«, fragte Ron, während er hektisch große Bissen Schokoladenkuchen verschlang.

»Hab ihn zufällig getroffen«, erwiderte Harry ausweichend.

»Hagrid kam nur ein paar Minuten zu spät«, sagte Hermine. »Schau mal, er winkt dir, Harry.«

Harry sah zum Lehrertisch hoch und grinste Hagrid zu, der ihm tatsächlich zuwinkte. Hagrid war es nie so recht gelungen, genauso würdevoll aufzutreten wie Professor McGonagall, die Leiterin des Hauses Gryffindor, die neben ihm saß, deren Scheitel gerade mal zwischen Hagrids Ellbogen und Schulter reichte und die diese begeisterte Begrüßung missbilligend zur Kenntnis nahm. Harry war überrascht, dass die Lehrerin für Wahrsagen, Professor Trelawney, zu Hagrids anderer Seite saß; sie verließ selten ihr Turmzimmer und er hatte sie noch nie bei der Begrüßungsfeier zum Schuljahresbeginn gesehen. Sie wirkte so sonderbar wie seit eh und je, behängt mit glitzernden Perlen und flatternden Schals, die Augen durch ihre Brille enorm vergrößert.

Harry, der sie immer ein wenig für eine Schwindlerin gehalten hatte, musste am Ende des letzten Schuljahres zu seinem Entsetzen erfahren, dass sie es war, die die Vorhersage gemacht hatte, die Lord Voldemort veranlasst hatte, Harrys Eltern zu töten und Harry anzugreifen. Nun, da er dies wusste, war er noch weniger erpicht auf ihre Gesellschaft, aber zum Glück würde er dieses Jahr mit Wahrsagen aufhören. Ihre großen, leuchtfeuerartigen Augen schwenkten in seine Richtung; hastig wandte er den Blick ab und sah hinüber zum Tisch der Slytherins. Draco Malfoy stellte gerade unter heiserem Gelächter und Applaus pantomimisch dar, wie jemandem die Nase zerschmettert wurde. Harrys Eingeweide brannten wieder, und er schaute auf seine Siruptorte hinunter. Was gäbe er nicht dafür, gegen Malfoy zu kämpfen, Mann gegen Mann …

»Was wollte eigentlich Professor Slughorn?«, fragte Hermine.

»Wissen, was wirklich im Ministerium passiert ist«, antwortete Harry.

»Er und alle andern hier auch«, sagte Hermine naserümpfend. »Die Leute haben uns im Zug ständig darüber ausgequetscht, stimmt's, Ron?«

»Tja«, sagte Ron. »Die wollten alle wissen, ob du wirklich der Auserwählte bist – «

»Sogar bei den Gespenstern wurde viel über dieses Thema gesprochen«, unterbrach sie der Fast Kopflose Nick und neigte seinen gerade noch mit dem Hals verbundenen Kopf zu Harry, so dass er gefährlich auf seiner Halskrause kippelte. »Ich gelte gewissermaßen als eine Autorität in Sachen Potter; es ist weithin bekannt, dass wir befreundet sind. Ich habe der Gespenstergemeinschaft jedoch klar gemacht, dass ich dir nicht wegen Informationen auf die Nerven fallen werde. ›Harry Potter weiß, dass er mir blind vertrauen kann‹, habe ich zu ihnen gesagt. ›Ich würde eher sterben als sein Vertrauen zu missbrauchen.‹«

»Das heißt nicht viel, wenn man bedenkt, dass Sie ja schon tot sind«, bemerkte Ron.

»Du beweist wieder einmal das ganze Feingefühl einer stumpfen Axt«, sagte der Fast Kopflose Nick in beleidigtem Ton, erhob sich in die Luft und schwebte zurück zum anderen Ende des Gryffindor-Tisches, gerade als Dumbledore sich am Lehrertisch erhob. Die Gespräche und das Gelächter, das überall in der Halle ertönte, verstummten fast augenblicklich.

»Den schönsten aller Abende wünsche ich euch!«, sagte er breit lächelnd und mit weit ausgestreckten Armen, als wollte er den ganzen Raum umfassen.

»Was ist mit seiner Hand passiert?«, stieß Hermine atemlos hervor.

Sie war nicht die Einzige, der es aufgefallen war. Dumbledores rechte Hand sah genauso geschwärzt und abgestorben aus wie in jener Nacht, als er Harry von den Dursleys abgeholt hatte. Ein Raunen ging durch den Raum; Dumbledore, der es richtig deutete, lächelte nur und schüttelte seinen violett-goldenen Ärmel über seine Verletzung.

»Kein Grund zur Sorge«, sagte er leichthin. »Nun … An unsere neuen Schüler – willkommen! An unsere alten Schüler – willkommen zurück! Ein weiteres Jahr, ganz der magischen Ausbildung gewidmet, erwartet euch …«

»Seine Hand war schon so, als ich ihn im Sommer gesehen hab«, flüsterte Harry Hermine zu. »Ich dachte eigentlich, er hätte sie inzwischen geheilt … oder Madam Pomfrey hätte das erledigt.«

»Die Hand sieht aus, als wäre sie tot«, sagte Hermine mit einem angewiderten Gesichtsausdruck. »Aber manche Verletzungen kann man nicht heilen … alte Flüche … und es gibt Gifte ohne Gegengifte …«

»… und Mr Filch, unser Hausmeister, hat mich gebeten euch zu sagen, dass Scherzartikel, die in einem Laden namens Weasleys Zauberhafte Zauberscherze gekauft wurden, ausnahmslos verboten sind.

Die Schüler, die für ihre Quidditch-Hausmannschaft spielen möchten, sollten – wie üblich – ihre Namen bei den Hauslehrern hinterlassen. Wir suchen auch neue Quidditch-Stadionsprecher, die dies ebenfalls tun sollten.

Wir freuen uns, dieses Jahr ein neues Mitglied des Lehrerkollegiums begrüßen zu dürfen. Professor Slughorn« – Slughorn stand auf, sein kahler Kopf glänzte im Kerzenlicht, sein dicker, westenbekleideter Bauch tauchte den Tisch unter ihm in Schatten – »ist ein ehemaliger Kollege von mir, der sich bereit erklärt hat, seinen alten Posten als Lehrer für Zaubertränke wieder einzunehmen.«

»Zaubertränke?«

»Zaubertränke?«

Das Wort hallte durch den Raum, denn viele fragten sich, ob sie richtig gehört hatten.

»Zaubertränke?«, sagten Ron und Hermine gleichzeitig, wandten sich um und starrten Harry an. »Aber du hast doch gesagt – «

»Professor Snape indes«, sagte Dumbledore und hob die Stimme, damit sie das ganze Gemurmel übertönte, »wird der neue Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste.«

»Nein!«, sagte Harry, so laut, dass viele Köpfe sich zu ihm umdrehten. Es war ihm egal; wutentbrannt stierte er hoch zum Lehrertisch. Wie konnte Snape nach all dieser Zeit Verteidigung gegen die dunklen Künste bekommen? War nicht seit Jahren allgemein bekannt, dass Dumbledore ihm dafür nicht genügend vertraute?

»Aber, Harry, du hast doch gesagt, Slughorn würde Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten!«, sagte Hermine.

»Das dachte ich auch!«, entgegnete Harry. Er zermarterte sich den Kopf, wann Dumbledore ihm das erzählt hatte, aber jetzt, wo er darüber nachdachte, konnte er sich nicht erinnern, dass Dumbledore je erwähnt hatte, was Slughorn unterrichten würde.

Snape, der rechts von Dumbledore saß, stand nicht auf, als sein Name erwähnt wurde, sondern hob nur eine Hand, um lässig den Beifall vom Slytherin-Tisch zu quittieren, doch Harry erkannte untrüglich einen triumphierenden Ausdruck in dem Gesicht, das er so sehr hasste.

»Also, einen Vorteil hat es«, sagte er grimmig. »Am Ende des Schuljahrs ist Snape weg.«

»Was soll das heißen?«, fragte Ron.

»Dieser Job ist verhext. Keiner hat es länger als ein Jahr geschafft … Quirrell ist sogar dabei gestorben. Ich persönlich drück die Daumen, dass noch einer stirbt …«

»Harry!«, sagte Hermine schockiert und vorwurfsvoll.

»Vielleicht geht er am Ende des Jahres einfach wieder zurück auf den Zaubertrankposten«, überlegte Ron. »Dieser Typ da, Slughorn, will vielleicht gar nicht lange bleiben, genau wie Moody.«

Dumbledore räusperte sich. Harry, Ron und Hermine waren nicht die Einzigen, die sich unterhalten hatten; in der ganzen Halle hatte sich ein Stimmengewirr erhoben bei der Nachricht, dass Snapes Herzenswunsch sich endlich erfüllt hatte. Dumbledore, dem offenbar nicht bewusst war, welch sensationelle Neuigkeit er gerade bekannt gegeben hatte, kündigte keine weiteren Veränderungen im Lehrerkollegium an, sondern wartete ein paar Sekunden, bis vollkommene Stille herrschte, ehe er fortfuhr.

»Nun, wie alle in dieser Halle wissen, sind Lord Voldemort und seine Anhänger erneut auf freiem Fuß und gewinnen immer mehr Macht.«

Die Stille wurde drückend und angespannt, während Dumbledore sprach. Harry warf einen Blick auf Malfoy. Malfoy sah Dumbledore nicht an, sondern ließ seine Gabel mit seinem Zauberstab in der Luft schweben, als wäre es unter seiner Würde, die Worte des Schulleiters zu verfolgen.

»Ich kann nicht nachdrücklich genug betonen, wie gefährlich die gegenwärtige Lage ist und wie sehr sich jeder von uns in Hogwarts darum bemühen muss, alles dafür zu tun, dass wir sicher bleiben. Die magischen Befestigungsanlagen des Schlosses wurden den Sommer über verstärkt, wir sind durch moderne und noch wirkungsvollere Mittel geschützt, und dennoch müssen wir uns gewissenhaft vor möglicher Fahrlässigkeit eines jeden Schülers oder Mitglieds des Kollegiums in Acht nehmen. Ich bitte euch deshalb dringend, jegliche Einschränkung aus Sicherheitsgründen zu beachten, die eure Lehrer euch möglicherweise auferlegen, egal wie lästig ihr sie auch finden mögt – insbesondere die Regel, dass ihr während der Nachtruhe außerhalb eurer Betten nichts zu suchen habt. Ich bitte euch inständig, falls ihr etwas Merkwürdiges oder Verdächtiges innerhalb oder außerhalb des Schlosses bemerken solltet, meldet dies sofort einem Mitglied des Kollegiums. Ich vertraue darauf, dass ihr euch zu jedem Zeitpunkt mit größtmöglicher Rücksichtnahme auf eure eigene Sicherheit und die aller anderen verhaltet.«

Dumbledores blaue Augen glitten über die Schüler, dann lächelte er erneut.

»Doch nun warten eure Betten auf euch, so warm und bequem, wie ihr es euch nur wünschen könnt, und ich weiß, dass euch nichts so wichtig ist, wie gut ausgeruht zu sein für den morgigen Unterricht. Deshalb sagen wir gute Nacht. Tschau, tschau!«

Die Bänke wurden mit dem üblichen ohrenbetäubenden Scharren zurückgeschoben und Hunderte von Schülern begannen aus der Großen Halle hinauszumarschieren, in Richtung ihrer Schlafsäle. Harry hatte es überhaupt nicht eilig, inmitten der gaffenden Menge hinauszugehen oder Malfoy so nahe zu kommen, dass er noch einmal die Geschichte von der zertretenen Nase auftischen konnte; er blieb zurück, tat so, als müsse er seinen Turnschuh neu schnüren, und ließ die meisten Gryffindors vorangehen. Hermine war nach vorne geeilt, um ihrer Pflicht als Vertrauensschülerin nachzukommen und die Erstklässler unter ihre Fittiche zu nehmen, aber Ron blieb bei Harry.

»Was ist wirklich mit deiner Nase passiert?«, fragte er, als die Menge, die aus der Großen Halle drängelte, ganz an ihnen vorbei war und sich niemand mehr in Hörweite befand.

Harry erzählte es ihm. Es war bezeichnend dafür, wie gut sie befreundet waren, dass Ron nicht lachte.

»Ich hab gesehen, wie Malfoy irgendwas vorgespielt hat, was mit einer Nase zu tun hatte«, sagte er düster.

»Ach ja, vergiss es«, entgegnete Harry bitter. »Hör lieber zu, was er gesagt hat, bevor er mich dort entdeckt hat …«

Harry hatte erwartet, dass Ron über Malfoys Prahlereien verblüfft sein würde. Aber Ron war nicht beeindruckt, was Harry für pure Dickköpfigkeit hielt.

»Was soll's, Harry, der hat nur vor der Parkinson angegeben … was für einen Auftrag hätte ihm Du-weißt-schon-wer denn schon gegeben?«

»Woher willst du wissen, dass Voldemort nicht jemand in Hogwarts braucht? Es wäre nicht das erste – «

»Wenn du nur ma' aufhör'n würdest, immer dies'n Namen zu nennen, Harry«, sagte eine vorwurfsvolle Stimme hinter ihnen. Harry blickte über die Schulter und sah Hagrid, der den Kopf schüttelte.

»Dumbledore benutzt diesen Namen«, sagte Harry stur.

»Tja, nu, das is' eben Dumbledore, was?«, sagte Hagrid geheimnisvoll. »Also, wieso bist du zu spät gekommen, Harry? Hab mir Sorgen gemacht.«

»Bin im Zug aufgehalten worden«, erwiderte Harry. »Warum bist du zu spät gekommen?«

»Ich war bei Grawp«, sagte Hagrid glücklich. »Hab gar nich gemerkt, wie spät es schon war. Er hat jetzt 'n neues Zuhause oben in'n Bergen, Dumbledore hat das besorgt – hübsche große Höhle. Er is' viel glücklicher, als er's im Wald war. Wir ham 'n nettes Pläuschchen gehalten.«

»Tatsächlich?«, sagte Harry und mied wohlweislich Rons Blick. Als er Hagrids Halbbruder, einen bösartigen Riesen, der ein Faible dafür hatte, Bäume mitsamt den Wurzeln auszureißen, zum letzten Mal getroffen hatte, hatte dessen Wortschatz aus fünf Wörtern bestanden, von denen er zwei nicht mal richtig aussprechen konnte.

»O ja, er hat sich richtig gut entwickelt«, sagte Hagrid stolz. »Ihr werdet staun'n. Ich überleg, ob ich ihn nich zu mei'm Gehilfen ausbilden soll.«

Ron schnaubte laut, es gelang ihm jedoch, das als heftigen Nieser zu tarnen. Sie standen jetzt neben dem Eichenportal.

»Jedenfalls sehn wir uns morgen, erste Stunde gleich nach'm Mittagessen. Kommt früher vorbei, dann könnt ihr Seiden… ich mein, Federflügel hallo sagen!«

Er hob den Arm zu einem fröhlichen Abschiedsgruß und ging durch das Portal hinaus in die Dunkelheit.

Harry und Ron schauten sich an. Harry ahnte, dass Ron das gleiche flaue Gefühl im Magen hatte wie er.

»Du nimmst Pflege magischer Geschöpfe nicht, oder?«

Ron schüttelte den Kopf.

»Und du auch nicht, stimmt's?«

Auch Harry schüttelte den Kopf.

»Und Hermine«, sagte Ron, »sie auch nicht, oder?«

Harry schüttelte wieder den Kopf. Was Hagrid sagen würde, wenn ihm klar wurde, dass seine drei Lieblingsschüler sein Fach abgewählt hatten, mochte er sich gar nicht ausmalen.

Der Halbblutprinz

Harry und Ron trafen Hermine am nächsten Morgen vor dem Frühstück im Gemeinschaftsraum. In der Hoffnung, dass Hermine seine Theorie ein wenig unterstützen würde, berichtete Harry ihr ohne Umschweife, was er Malfoy im Hogwarts-Express hatte sagen hören.

»Aber er wollte doch offensichtlich nur vor der Parkinson angeben, meinst du nicht?«, warf Ron rasch ein, noch ehe Hermine etwas erwidern konnte.

»Nun ja«, sagte sie unsicher, »ich weiß nicht … es würde Malfoy ähnlich sehen, sich wichtiger zu machen, als er eigentlich ist … Aber so was zu behaupten ist schon eine dicke Lüge …«

»Genau«, sagte Harry, doch er konnte nicht noch deutlicher werden, weil so viele ringsum bemüht waren, sein Gespräch zu belauschen, ganz zu schweigen davon, dass sie ihn anstarrten und hinter vorgehaltenen Händen flüsterten.

»Man zeigt nicht mit dem Finger auf Leute«, fauchte Ron einen besonders winzigen Erstklässler an, als sie sich in die Schlange einreihten, um aus dem Porträtloch zu klettern. Der Junge, der hinter seiner Hand seinem Freund etwas über Harry zugemurmelt hatte, wurde prompt scharlachrot und kippte verschreckt aus dem Porträtloch. Ron kicherte.

»Ich find es toll, Sechstklässler zu sein. Und wir kriegen dieses Jahr auch noch freie Zeit. Ganze Schulstunden, in denen wir einfach hier oben sitzen und uns entspannen können.«

»Diese Zeit werden wir zum Lernen brauchen, Ron!«, sagte Hermine, als sie sich auf den Weg durch den Korridor machten.

»Ja, aber nicht heute«, entgegnete Ron, »heute wird ein richtiger Schnarchtag, schätz ich.«

»Stopp mal!«, sagte Hermine, streckte den Arm aus und hielt einen vorbeikommenden Viertklässler an, der eine limonengrüne Scheibe umklammerte und sich an ihr vorbeizudrängen versuchte. »Fangzähnige Frisbees sind verboten, her damit«, erklärte sie ihm streng. Mit finsterer Miene überreichte ihr der Junge das knurrende Frisbee, tauchte unter Hermines Arm hindurch und lief seinen Freunden hinterher. Ron wartete, bis er verschwunden war, dann schnappte er Hermine das Frisbee aus der Hand.

»Spitze, so eins wollte ich schon immer haben.«

Hermines Protest ging in einem lauten Kichern unter; Lavender Brown fand Rons Bemerkung offenbar höchst amüsant. Sie lachte noch, als sie an ihnen vorbeiging, und warf Ron einen Blick über die Schulter zu. Ron wirkte recht zufrieden mit sich.

Die Decke der Großen Halle war von einem heiteren Blau und mit zarten Schleierwolken überzogen, genau wie die viereckigen Himmelsausschnitte, die durch die hohen Pfostenfenster zu sehen waren. Während sie sich über Haferschleim und Eier mit Speck hermachten, erzählten Harry und Ron Hermine von der peinlichen Unterhaltung mit Hagrid am Abend zuvor.

»Aber er kann doch nicht wirklich glauben, dass wir mit Pflege magischer Geschöpfe weitermachen!«, sagte sie mit bekümmerter Miene. »Ich meine, wann hat je einer von uns etwas … wie soll ich sagen … Begeisterung gezeigt?«

»Das ist es doch gerade, oder?«, sagte Ron, ein ganzes Spiegelei auf einmal verschlingend. »Wir waren diejenigen, die sich im Unterricht am meisten angestrengt haben, weil wir Hagrid mögen. Aber er denkt, dass wir das bescheuerte Fach mögen. Meint ihr, irgendjemand macht darin seinen UTZ?«

Weder Harry noch Hermine antworteten; es war nicht nötig. Sie wussten ganz genau, dass niemand in ihrem Jahrgang mit Pflege magischer Geschöpfe weitermachen wollte. Sie mieden Hagrids Blick, und als er zehn Minuten später den Lehrertisch verließ, erwiderten sie sein fröhliches Winken nur halbherzig.

Nachdem sie gegessen hatten, blieben sie auf ihren Plätzen und warteten darauf, dass Professor McGonagall vom Lehrertisch zu ihnen herunterkam. In diesem Jahr ging es bei der Verteilung der Stundenpläne komplizierter zu als sonst, denn Professor McGonagall musste sich zunächst vergewissern, dass alle die notwendigen ZAG-Noten erhalten hatten, um in ihren UTZ-Wahlfächern weitermachen zu dürfen.

Bei Hermine war sofort klar, dass sie Zauberkunst, Verteidigung gegen die dunklen Künste, Verwandlung, Kräuterkunde, Arithmantik, Alte Runen und Zaubertränke weiterbelegen durfte, und sie flitzte ohne weitere Umstände in die erste Stunde zu Alte Runen. Bei Neville dauerte es ein wenig länger, bis alles geklärt war. Sein rundes Gesicht wirkte besorgt, während Professor McGonagall seine Anmeldung durchging und dann seine ZAG-Ergebnisse prüfte.

»Kräuterkunde, schön«, sagte sie. »Professor Sprout wird erfreut sein, wenn Sie mit einem ›Ohnegleichen‹-ZAG wieder zu ihr kommen. Und Sie haben sich mit einem ›Erwartungen übertroffen‹ auch für Verteidigung gegen die dunklen Künste qualifiziert. Aber das Problem ist Verwandlung. Tut mir Leid, Longbottom, aber ein ›Annehmbar‹ ist wirklich nicht gut genug, als dass Sie bis zum UTZ-Abschluss weitermachen könnten, ich glaube einfach nicht, dass Sie in der Lage wären, das Kurspensum zu bewältigen.«

Neville ließ den Kopf hängen. Professor McGonagall musterte ihn durch ihre quadratischen Brillengläser.

»Warum wollen Sie überhaupt mit Verwandlung weitermachen? Ich hatte nie den Eindruck, dass Sie besondere Freude daran hatten.«

Mit trauriger Miene murmelte Neville etwas von wegen »meine Großmutter möchte es«.

»Umpff«, schnaubte Professor McGonagall. »Es ist höchste Zeit, dass Ihre Großmutter lernt, auf den Enkel stolz zu sein, den sie hat, und nicht auf den, den sie gerne hätte – vor allem nach dem, was im Ministerium geschehen ist.«

Neville lief tiefrosa an und blinzelte verwirrt; Professor McGonagall hatte ihm noch nie ein Kompliment gemacht.

»Tut mir Leid, Longbottom, aber ich kann Sie nicht in meinen UTZ-Kurs lassen. Wie ich jedoch sehe, haben Sie ein ›Erwartungen übertroffen‹ in Zauberkunst – warum bewerben Sie sich nicht um einen UTZ in Zauberkunst?«

»Meine Großmutter hält Zauberkunst für ein Laberfach«, murmelte Neville.

»Nehmen Sie Zauberkunst«, sagte Professor McGonagall, »ich werde Augusta ein paar Zeilen schreiben und sie daran erinnern, dass Zauberkunst, nur weil sie bei den ZAGs in diesem Fach durchgefallen ist, nicht unbedingt wertlos ist.« Professor McGonagall lächelte ein wenig, als sie Nevilles skeptische und erleichterte Miene sah, tippte mit der Spitze ihres Zauberstabs auf einen leeren Stundenplan und überreichte ihn, nun mit seinen neuen Unterrichtsstunden ausgefüllt, Neville.

Dann wandte sie sich Parvati Patil zu, deren erste Frage lautete, ob Firenze, der hübsche Zentaur, immer noch Wahrsagen unterrichte.

»Er und Professor Trelawney teilen sich dieses Jahr den Unterricht«, sagte Professor McGonagall mit einer Spur von Missfallen in der Stimme; es war allgemein bekannt, dass sie das Fach Wahrsagen verachtete. »Den sechsten Jahrgang übernimmt Professor Trelawney.«

Fünf Minuten später machte sich Parvati auf den Weg zu Wahrsagen, sie wirkte etwas niedergeschlagen.

»So, Potter, Potter …«, sagte Professor McGonagall und wandte sich, ihre Aufzeichnungen zu Rate ziehend, an Harry. »Zauberkunst, Verteidigung gegen die dunklen Künste, Kräuterkunde, Verwandlung … alles in Ordnung. Ich muss sagen, ich war über Ihre Note in Verwandlung erfreut, Potter, sehr erfreut. Nun, warum wollen Sie nicht mit Zaubertränke weitermachen? Ich dachte, sie hätten den Ehrgeiz, ein Auror zu werden?«

»Das stimmt, aber Sie haben mir gesagt, dass ich dafür ein ›Ohnegleichen‹ in der ZAG-Prüfung brauche, Professor.«

»Ja, das brauchten Sie, als Professor Snape das Fach noch unterrichtete. Professor Slughorn allerdings ist vollauf zufrieden, wenn seine UTZ-Schüler ›Erwartungen übertroffen‹ als ZAG-Note haben. Wollen Sie Zaubertränke weiterhin belegen?«

»Ja«, sagte Harry, »aber ich hab keine Bücher oder irgendwelche Zutaten oder sonst was gekauft – «

»Ich bin sicher, Professor Slughorn wird Ihnen etwas leihen können«, sagte Professor McGonagall. »Sehr schön, Potter, hier ist Ihr Stundenplan. Oh, übrigens – zwanzig viel versprechende Talente haben sich bereits für die Quidditch-Mannschaft von Gryffindor eingetragen. Ich werde Ihnen die Liste zu gegebener Zeit zukommen lassen, dann können Sie die Testspiele nach Gutdünken festlegen.«

Ein paar Minuten später stand fest, dass Ron dieselben Fächer wie Harry belegen würde, und die beiden verließen zusammen den Tisch.

»Schau mal«, sagte Ron hocherfreut und betrachtete seinen Stundenplan, »wir haben jetzt eine Freistunde … und nach der Pause noch eine … und nach dem Mittagessen … Spitze!«

Sie kehrten in den Gemeinschaftsraum zurück, der leer war bis auf ein halbes Dutzend Siebtklässler, darunter Katie Bell, die als Einzige noch vom alten Quidditch-Team von Gryffindor übrig war, in das Harry in seinem ersten Schuljahr eingetreten war.

»Ich hab mir schon gedacht, dass du das kriegst, prima«, rief sie herüber und deutete auf das Kapitänsabzeichen auf Harrys Brust. »Sag mir Bescheid, wann deine Testspiele stattfinden!«

»Red keinen Stuss«, sagte Harry, »du brauchst nicht zum Testspiel zu kommen, ich hab dich fünf Jahre lang spielen sehen …«

»So darfst du gar nicht erst anfangen«, ermahnte sie ihn. »Du weißt nie, ob da draußen nicht noch jemand Besseres ist als ich. Es sind schon gute Mannschaften ruiniert worden, weil die Kapitäne nur die altbekannten Gesichter aufgestellt oder ständig ihre Freunde aufgenommen haben …«

Ron schien sich ein wenig unbehaglich zu fühlen und begann mit dem Fangzähnigen Frisbee zu spielen, das Hermine dem Viertklässler abgenommen hatte. Es schwirrte im Gemeinschaftsraum umher, fletschte die Zähne und versuchte Stücke von den Wandbehängen abzubeißen. Krummbein folgte ihm mit seinen gelben Augen und fauchte, wenn es ihm zu nahe kam.

Eine Stunde später verließen sie widerstrebend den sonnigen Gemeinschaftsraum und machten sich auf den Weg zum Klassenzimmer für Verteidigung gegen die dunklen Künste vier Stockwerke tiefer. Hermine stand bereits in einer Schlange vor der Tür, den Arm voller dicker Bücher und mit bedrückter Miene.

»Wir haben so viele Hausaufgaben für Runen«, sagte sie besorgt, als Harry und Ron zu ihr stießen. »Einen vierzig Zentimeter langen Aufsatz, zwei Übersetzungen, und die hier muss ich bis Mittwoch lesen!«

»Gemeinheit«, gähnte Ron.

»Wart's nur ab«, sagte sie gereizt. »Ich wette, Snape halst uns jede Menge auf.«

Noch während sie sprach, öffnete sich die Klassenzimmertür und Snape kam in den Korridor, das fahle Gesicht wie immer von zwei Vorhängen aus fettigem schwarzem Haar umrahmt. Die Schüler in der Schlange verstummten schlagartig.

»Eintreten«, sagte er.

Beim Hineingehen sah Harry sich um. Snape hatte dem Raum bereits seine persönliche Note aufgezwungen; er war düsterer als üblich, da Vorhänge vor die Fenster gezogen waren, und er wurde von Kerzen beleuchtet. Neue Bilder schmückten die Wände, viele davon zeigten Menschen, die offenbar unter Schmerzen litten, denn sie wiesen grässliche Verletzungen oder seltsam verrenkte Körperteile auf. Keiner der Schüler sprach, während sie ihre Plätze einnahmen und ihre Blicke über die dunklen, grausigen Bilder ringsumher glitten.

»Ich habe Sie nicht aufgefordert, die Bücher hervorzuholen«, sagte Snape, schloss die Tür, trat hinter sein Pult und wandte sich der Klasse zu; Hermine ließ ihr Exemplar von Im Angesicht des Gesichtslosen hastig wieder in ihre Tasche fallen und verstaute sie unter ihrem Stuhl. »Ich will Ihnen etwas sagen und ich erwarte Ihre volle Aufmerksamkeit.«

Seine schwarzen Augen schweiften über ihre erhobenen Gesichter und verharrten den Bruchteil einer Sekunde länger auf Harrys Gesicht als auf den anderen.

»Sie hatten bislang fünf Lehrer in diesem Fach, meine ich.«

Meinst du … als ob du nicht zugesehen hättest, wie sie alle kamen und gingen, Snape, in der Hoffnung, du wärst der Nächste, dachte Harry bissig.

»Natürlich haben all diese Lehrer ihre eigenen Methoden und Schwerpunkte gehabt. Ich bin überrascht, dass so viele von Ihnen trotz dieses Durcheinanders einen ZAG in diesem Fach geschafft haben. Noch mehr wird es mich überraschen, wenn Sie alle mit dem UTZ-Pensum zurechtkommen, das noch viel anspruchsvoller sein wird.«

Snape begann, das Zimmer an den Wänden entlang abzuschreiten, und sprach jetzt mit leiserer Stimme; die Schüler machten lange Hälse, um ihn im Blick zu behalten.

»Die dunklen Künste«, sagte Snape, »sind zahlreich, vielgestaltig, in ständigem Wandel begriffen und unvergänglich. Der Kampf gegen sie ist wie der Kampf gegen ein vielköpfiges Ungeheuer, dem jedes Mal, wenn ihm ein Hals durchschlagen wird, ein weiterer Kopf nachwächst, noch wilder und gerissener als der alte. Sie kämpfen gegen das Unberechenbare, das sich Wandelnde, das Unzerstörbare.«

Harry starrte Snape an. Sicher war es das eine, die dunklen Künste als gefährlichen Feind zu respektieren, etwas anderes jedoch, wie Snape mit einem liebevoll zärtlichen Ton in der Stimme von ihnen zu reden?

»Ihre Verteidigung«, sagte Snape ein wenig lauter, »muss daher so flexibel und erfindungsreich sein wie die Künste, deren Wirkung Sie zu zerstören suchen. Diese Bilder«, er wies auf einige von ihnen, während er daran vorbeirauschte, »vermitteln einen recht guten Eindruck davon, wie es jenen ergeht, die beispielsweise dem Cruciatus-Fluch unterliegen« (er winkte mit der Hand in Richtung einer Hexe, die offenbar unter Todesqualen schrie), »die den Kuss des Dementors zu spüren bekommen« (ein Zauberer, der zusammengesackt und mit leeren Augen an einer Mauer lag) »oder die Angriffslust des Inferius herausfordern« (eine blutige Masse am Boden).

»Ist etwa ein Inferius gesichtet worden?«, fragte Parvati Patil mit schriller Stimme. »Ist es sicher, setzt er sie ein?«

»Der Dunkle Lord hat in der Vergangenheit schon Inferi eingesetzt«, sagte Snape, »das heißt, Sie täten gut daran, wenn Sie davon ausgehen würden, dass er sie wieder einsetzen könnte. Nun …«

Er schritt jetzt mit wehendem dunklem Umhang die andere Seite des Klassenzimmers entlang auf sein Pult zu, und wieder folgten ihm die Schüler mit ihren Blicken.

»… Sie sind, denke ich, im Gebrauch von ungesagten Zaubern völlige Anfänger. Was ist der Vorteil eines ungesagten Zaubers?«

Hermines Hand schoss in die Höhe. Snape nahm sich Zeit und sah rundherum jeden Einzelnen an, um sich zu vergewissern, dass er keine andere Wahl hatte. Dann sagte er kurz angebunden: »Nun gut – Miss Granger?«

»Unser Gegner ist nicht gewarnt, welche Art von Zauber wir einsetzen werden«, sagte Hermine, »was uns einen Vorteil von einer knappen Sekunde einbringt.«

»Eine Antwort, die fast wortwörtlich aus dem Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 6, übernommen wurde«, erwiderte Snape geringschätzig (drüben in der Ecke kicherte Malfoy), »aber im Wesentlichen korrekt ist. Ja, wem es gelingt, Magie einzusetzen, ohne Beschwörungsformeln auszurufen, der gewinnt beim Zaubern ein Überraschungsmoment. Natürlich sind nicht alle Zauberer dazu in der Lage; es ist eine Frage der Konzentration und der mentalen Stärke, die manchen«, und sein Blick ruhte erneut feindselig auf Harry, »fehlt.«

Harry wusste, dass Snape an ihre katastrophalen Okklumentikstunden im letzten Jahr dachte. Er hielt dem Blick stand und funkelte Snape böse an, bis dieser schließlich wegsah.

»Sie werden sich nun aufteilen«, fuhr Snape fort, »und paarweise zusammengehen. Der eine Partner wird versuchen, den anderen ohne zu sprechen zu verhexen. Der andere wird versuchen, den Fluch ebenso stumm abzuwehren. Nun los.«

Snape wusste nicht, dass Harry im Jahr zuvor mindestens der Hälfte der Klasse (allen DA-Mitgliedern) beigebracht hatte, wie man einen Schildzauber ausführte. Keiner von ihnen hatte den Zauber aber jemals ohne zu sprechen ausgeführt. Ein gehöriges Maß an Schummelei folgte; viele sprachen die Beschwörung zwar nicht laut aus, aber sie flüsterten sie doch. Wie nicht anders zu erwarten war, schaffte es Hermine zehn Minuten nach Beginn dieser Übung, Nevilles gemurmelten Wabbelbein-Fluch abzuwehren, ohne ein einziges Wort auszusprechen, eine Großtat, die ihr bei jedem vernünftigen Lehrer sicher zwanzig Punkte für Gryffindor eingebracht hätte, wie Harry verbittert dachte, die Snape aber ignorierte. Während sie übten, schritt er zwischen ihnen einher und ähnelte dabei wie eh und je einer zu groß geratenen Fledermaus.

Dann hielt er inne, um Harry und Ron dabei zu beobachten, wie sie sich mit der Aufgabe quälten.

Ron, der Harry einen Fluch aufhalsen sollte, war puterrot im Gesicht und hatte die Lippen fest zusammengepresst, um sich daran zu hindern, die Beschwörungsformel zu murmeln. Harry hatte seinen Zauberstab erhoben und wartete gespannt wie ein Flitzebogen darauf, einen Fluch abzuwehren, auf den er wohl noch lange warten konnte.

»Erbärmlich, Weasley«, sagte Snape nach einer Weile. »Hier – ich will es Ihnen zeigen – «

Er richtete seinen Zauberstab so schnell auf Harry, dass der instinktiv reagierte; er dachte nicht mehr an die ungesagten Zauber und schrie: »Protego!«

Sein Schildzauber war so stark, dass Snape aus dem Gleichgewicht gerissen wurde und gegen ein Pult prallte. Die ganze Klasse hatte sich umgedreht und beobachtete nun, wie Snape sich mit finsterem Blick aufrichtete.

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass wir ungesagte Zauber üben, Potter?«

»Ja«, erwiderte Harry steif.

»Ja, Sir.«

»Sie brauchen mich nicht ›Sir‹ zu nennen, Professor.«

Die Worte waren ihm entschlüpft, ehe er wusste, was er da sagte. Einigen Schülern stockte der Atem, auch Hermine. Hinter Snape jedoch grinsten Ron, Dean und Seamus anerkennend.

»Nachsitzen, Samstagabend, mein Büro«, sagte Snape. »Ich lasse es nicht zu, dass mir einer frech kommt, Potter … nicht einmal der Auserwählte.«

»Das war genial, Harry!«, gluckste Ron, als sie kurze Zeit später sicher auf dem Weg in die Pause waren.

»Du hättest es wirklich nicht sagen dürfen«, wandte Hermine ein und sah Ron missbilligend an. »Was ist in dich gefahren?«

»Er hat versucht, mir einen Fluch aufzuhalsen, falls du das nicht bemerkt hast!«, schnaubte Harry. »Davon hatte ich schon bei diesen Okklumentikstunden genug! Warum benutzt er nicht mal jemand anderen als Versuchskaninchen? Was soll das überhaupt, dass Dumbledore ihn Verteidigung lehren lässt? Hast du gehört, wie er über die dunklen Künste gesprochen hat? Er liebt sie! Das ganze Gerede über das Unberechenbare, Unzerstörbare - «

»Nun ja«, sagte Hermine, »ich dachte, er klingt ein bisschen wie du.«

»Wie ich?«

»Ja, als du uns erzählt hast, wie es ist, Voldemort die Stirn zu bieten. Du hast gesagt, dass es nicht nur darum geht, ein paar Flüche auswendig zu lernen, du hast gesagt, es gibt da nur dich, dein Gehirn und deinen Mumm – also, hat Snape das nicht eben auch gesagt? Dass es im Grunde nur darauf ankommt, mutig und flink im Kopf zu sein?«

Harry fand es so entwaffnend, dass sie sich seine Worte genauso eingeprägt hatte wie die aus dem Lehrbuch der Zaubersprüche, dass er nicht widersprach.

»Harry! Hey, Harry!«

Harry sah sich um; Jack Sloper, einer der Treiber aus der letztjährigen Quidditch-Mannschaft der Gryffindors, rannte mit einer Pergamentrolle in der Hand auf ihn zu.

»Für dich«, japste Sloper. »Hör mal, ich hab gehört, du bist der neue Kapitän. Wann machst du die Testspiele?«

»Ich weiß noch nicht genau«, sagte Harry und dachte insgeheim, dass Sloper schon viel Glück haben musste, um noch einmal in die Mannschaft aufgenommen zu werden. »Ich geb dir Bescheid.«

»Oh, in Ordnung. Ich hatte gehofft, sie wären dieses Wochenende – «

Aber Harry hörte nicht zu; er hatte gerade die feine, schräge Schrift auf dem Pergament erkannt. Er ließ Sloper mitten im Satz stehen, hastete mit Ron und Hermine davon und entrollte beim Gehen das Pergament.

Lieber Harry,

ich würde gerne diesen Samstag mit unserem Einzelunterricht beginnen. Bitte komme um acht Uhr abends in mein Büro. Ich hoffe, du genießt deinen ersten Tag zurück an der Schule.

Mit herzlichem Gruß

Albus Dumbledore

PS: Ich mag Säuredrops.

»Er mag Säuredrops?«, sagte Ron, der über Harrys Schulter hinweg die Nachricht gelesen hatte und verdutzt dreinsah.

»Das ist das Passwort, um an dem Wasserspeier vor seinem Büro vorbeizukommen«, sagte Harry mit gedämpfter Stimme. »Ha! Snape wird sich nicht gerade freuen … dann kann ich nicht bei ihm nachsitzen!«

Er, Ron und Hermine überlegten während der gesamten Pause, was Dumbledore Harry wohl beibringen würde. Ron hielt es für am wahrscheinlichsten, dass es spektakuläre Flüche und Zauber sein würden, die Todesser nicht kannten. Hermine meinte, solche Dinge seien illegal, und glaubte eher, dass Dumbledore Harry in fortgeschrittener defensiver Magie unterrichten wolle. Nach der Pause ging sie zu Arithmantik, während Harry und Ron in den Gemeinschaftsraum zurückkehrten, wo sie sich widerwillig an Snapes Hausaufgaben machten. Die erwiesen sich als so kompliziert, dass die beiden noch immer nicht fertig waren, als Hermine sich für die Freistunde nach dem Mittagessen wieder zu ihnen gesellte (allerdings beschleunigte sie die Arbeit beträchtlich). Als es am Nachmittag zur Doppelstunde Zaubertränke läutete, waren sie gerade fertig und machten sich auf den vertrauten Weg hinunter in den Kerkerraum, der so lange Snapes Klassenzimmer gewesen war.

Im Korridor angelangt, sahen sie, dass nur ein Dutzend Leute hier bis zum UTZ weitermachten. Crabbe und Goyle hatten den erforderlichen ZAG offensichtlich nicht geschafft, aber vier Slytherins waren durchgekommen, darunter Malfoy. Vier Ravenclaws waren da und ein Hufflepuff, Ernie Macmillan, den Harry trotz seiner recht wichtigtuerischen Art mochte.

»Harry«, sagte Ernie selbstgefällig und streckte ihm, als er sich näherte, die Hand entgegen, »wir hatten keine Gelegenheit, uns heute Morgen in Verteidigung gegen die dunklen Künste zu unterhalten. Einwandfreie Stunde, fand ich, aber Schildzauber sind für uns alte DA-Hasen natürlich ein alter Hut … und wie geht's euch, Ron – Hermine?«

Ehe sie mehr als »gut« sagen konnten, ging die Kerkertür auf und Slughorns Bauch kam ihm voran durch die Tür. Während sie einer nach dem anderen den Raum betraten, strahlte Slughorn, dass sich der große Walrossbart über seinem Mund bog, und er begrüßte Harry und Zabini besonders entzückt.

Der Kerker war, ganz ungewohnt, bereits von Dämpfen und seltsamen Gerüchen erfüllt. Harry, Ron und Hermine schnupperten interessiert, während sie an großen, brodelnden Kesseln vorbeigingen. Die vier Slytherins setzten sich zusammen an einen Tisch, ebenso die vier Ravenclaws. So blieb Harry, Ron und Hermine nichts anderes übrig, als sich einen Tisch mit Ernie zu teilen. Sie wählten den, der einem goldfarbenen Kessel am nächsten stand, von dem einer der verführerischsten Düfte ausging, die Harry je eingeatmet hatte: Irgendwie erinnerte er ihn gleichzeitig an Siruptorte, den holzigen Geruch eines Besenstiels und etwas Blumenartiges, von dem er meinte, es vielleicht im Fuchsbau schon einmal gerochen zu haben. Er merkte, dass er ganz langsam und tief atmete und dass die Dämpfe der Mischung in ihn hineinzusickern schienen wie ein Getränk. Eine große Zufriedenheit breitete sich in ihm aus; er grinste zu Ron hinüber, der träge zurückgrinste.

»Nun denn, nun denn, nun denn«, sagte Slughorn, dessen gewaltige Umrisse durch die vielen schimmernden Dämpfe waberten. »Bitte alle die Waagen hervorholen und Trankzutaten, und vergessen Sie Zaubertränke für Fortgeschrittene nicht …«

»Sir?«, sagte Harry und hob die Hand.

»Harry, mein Junge?«

»Ich habe kein Buch und keine Waage oder sonst was – und Ron auch nicht – wir wussten nicht, dass wir den UTZ doch machen können, verstehen Sie – «

»Ah, ja, Professor McGonagall hat das erwähnt … kein Problem, mein lieber Junge, gar kein Problem. Sie können heute Zutaten aus dem Vorratsschrank nehmen, und wir können Ihnen sicher eine Waage leihen und haben auch einen kleinen Bestand an alten Büchern hier, das wird reichen, bis Sie an Flourish & Blotts schreiben können …«

Slughorn ging zügig hinüber zu einem Eckschrank und nach kurzem Stöbern tauchte er mit zwei sehr lädiert wirkenden Exemplaren Zaubertränke für Fortgeschrittene von Libatius Borage auf, die er Harry und Ron zusammen mit zwei angelaufenen Waagen überreichte.

»Nun denn«, sagte Slughorn, kehrte vor die Klasse zurück und blähte seine ohnehin schon gewölbte Brust, dass die Knöpfe an seiner Weste abzuspringen drohten, »ich habe ein paar Zaubertränke für Sie vorbereitet, nur mal zum Anschauen, rein aus Interesse, verstehen Sie? Diese Art von Tränken sollten Sie herstellen können, wenn Sie Ihren UTZ abgelegt haben. Auch wenn Sie sie noch nicht selbst gemacht haben, dürften Sie von ihnen gehört haben. Kann mir jemand sagen, was das hier für einer ist?«

Er zeigte auf den Kessel neben dem Slytherin-Tisch. Harry erhob sich ein wenig und sah etwas wie klares Wasser darin köcheln.

Hermines gut geübte Hand fuhr in die Höhe, noch ehe sonst jemand sich meldete; Slughorn deutete auf sie.

»Das ist Veritaserum, ein farbloser, geruchloser Zaubertrank, der den Trinkenden zwingt, die Wahrheit zu sagen«, erklärte Hermine.

»Sehr gut, sehr gut!«, erwiderte Slughorn hochzufrieden. »Nun«, fuhr er fort und wies auf den Kessel neben dem Ravenclaw-Tisch, »dieser hier ist recht bekannt … wurde kürzlich auch in einigen Merkblättern des Ministeriums erwähnt … wer kann –?«

Hermines Hand war wieder die schnellste.

»Es ist der Vielsaft-Trank, Sir«, sagte sie.

Auch Harry hatte die gemächlich blubbernde, schlammartige Substanz im zweiten Kessel erkannt, nahm es Hermine jedoch nicht übel, dass sie das Lob für die Beantwortung der Frage einheimste; immerhin war sie es gewesen, der es damals in ihrem zweiten Schuljahr gelungen war, ihn herzustellen.

»Ausgezeichnet, ausgezeichnet! Nun, dieser hier … Ja, meine Liebe?« Slughorn blickte nun leicht verwirrt, als Hermines Hand erneut in die Luft schoss.

»Das ist Amortentia!«

»In der Tat. Es scheint fast töricht zu fragen«, sagte Slughorn, der schwer beeindruckt aussah, »aber ich nehme an, Sie wissen, was er bewirkt?«

»Er ist der mächtigste Liebestrank der Welt!«, antwortete Hermine.

»Völlig richtig! Wie ich annehme, haben Sie ihn aufgrund seines charakteristischen Perlmuttschimmers erkannt?«

»Und wegen des Dampfes, der ganz typisch in Spiralen aufsteigt«, sagte Hermine schwärmerisch, »und der angeblich für jeden von uns anders riecht, je nachdem, was wir anziehend finden – ich kann frisch gemähtes Gras und ein neues Pergament und …«

Aber sie lief leicht rosa an und beendete den Satz nicht.

»Darf ich Ihren Namen erfahren, meine Liebe?«, fragte Slughorn, ohne Hermines Verlegenheit zu beachten.

»Hermine Granger, Sir.«

»Granger? Granger? Sind Sie womöglich verwandt mit Hector Dagworth-Granger, der die Extraordinäre Zunft der Trankmeister gegründet hat?«

»Nein, ich glaube nicht, Sir. Ich stamme von Muggeln ab, wissen Sie.«

Harry sah, wie Malfoy sich dicht zu Nott beugte und etwas flüsterte; beide kicherten, aber Slughorn war kein Entsetzen anzumerken; im Gegenteil, er strahlte und blickte von Hermine zu Harry, der neben ihr saß.

»Oho! Eine sehr gute Freundin von mir ist muggelstämmig und sie ist die Beste in unserem Jahrgang! Ich nehme an, das ist diese Freundin, von der Sie sprachen, Harry?«

»Ja, Sir«, sagte Harry.

»Schön, schön, nehmen Sie zwanzig wohlverdiente Punkte für Gryffindor, Miss Granger«, sagte Slughorn liebenswürdig.

Malfoy schaute ungefähr so drein wie damals, als Hermine ihm ins Gesicht geschlagen hatte. Hermine drehte sich freudestrahlend zu Harry um und flüsterte: »Hast du wirklich zu ihm gesagt, dass ich die Beste in unserem Jahrgang bin? Oh, Harry!«

»Na und, was ist so beeindruckend daran?«, flüsterte Ron, der aus irgendeinem Grund verärgert aussah. »Du bist die Beste im Jahrgang – ich hätte es ihm auch gesagt, wenn er mich gefragt hätte!«

Hermine lächelte, legte jedoch den Finger an den Mund und machte »Schh!«, damit sie hören konnten, was Slughorn sagte. Ron schien leicht verstimmt.

»Amortentia erzeugt natürlich nicht wirklich Liebe. Es ist unmöglich, Liebe herzustellen oder nachzubilden. Nein, er verursacht nur starke Schwärmerei oder Besessenheit. Es ist der wohl gefährlichste und stärkste Zaubertrank in diesem Raum – o ja«, sagte er und nickte ernst zu Malfoy und Nott hinüber, die beide skeptisch grinsten. »Wenn Sie so viel vom Leben gesehen haben wie ich, werden Sie die Macht besessener Liebe nicht unterschätzen … Und nun«, fuhr Slughorn fort, »ist es an der Zeit, dass wir mit der Arbeit beginnen.«

»Sir, Sie haben uns nicht gesagt, was in dem dort drin ist«, bemerkte Ernie Macmillan und deutete auf einen kleinen schwarzen Kessel, der auf Slughorns Pult stand. Der Trank darin spritzte munter umher; er hatte die Farbe von geschmolzenem Gold und große Tropfen hüpften wie Goldfische über die Oberfläche, aber kein bisschen war bisher verschüttet worden.

»Oho«, sagte Slughorn erneut. Harry war sicher, dass Slughorn den Zaubertrank gar nicht vergessen, sondern wegen der dramatischen Wirkung gewartet hatte, bis man ihn danach fragte. »Ja. Dieser. Nun, dieser hier, meine Damen und Herren, ist ein höchst kurioser kleiner Trank namens Felix Felicis. Ich nehme an«, und er wandte sich lächelnd Hermine zu, die hörbar nach Luft schnappte, »dass Sie wissen, was Felix Felicis bewirkt, Miss Granger?«

»Es ist flüssiges Glück«, sagte Hermine aufgeregt. »Es bewirkt, dass man Glück hat!«

Die ganze Klasse schien sich ein wenig aufzurichten. Da Malfoy nun Slughorn endlich seine volle und ungeteilte Aufmerksamkeit widmete, konnte Harry von ihm nur noch den glatten blonden Hinterkopf sehen.

»Völlig richtig, nehmen Sie weitere zehn Punkte für Gryffindor. Ja, das ist ein merkwürdiger kleiner Trank, Felix Felicis«, sagte Slughorn. »Furchtbar kompliziert, ihn herzustellen, und eine Katastrophe, wenn er nicht gelingt. Wenn er allerdings richtig gebraut wird, wie dieser hier, dann werden Sie feststellen, dass alle Ihre Unternehmungen dazu neigen, zu gelingen … zumindest, bis die Wirkung nachlässt.«

»Warum trinken die Leute ihn nicht die ganze Zeit?«, fragte Terry Boot begierig.

»Weil er, wenn man ihn im Übermaß zu sich nimmt, ein Schwindelgefühl, Leichtsinn und gefährlich übersteigertes Selbstvertrauen verursacht«, sagte Slughorn. »Zu viel des Guten, verstehen Sie … höchst giftig in großen Mengen. Aber in Maßen eingenommen, und ganz selten …«

»Haben Sie ihn jemals genommen, Sir?«, fragte Michael Corner äußerst interessiert.

»Zweimal in meinem Leben«, sagte Slughorn. »Einmal, als ich vierundzwanzig war, und das andere Mal mit siebenundfünfzig. Zwei Esslöffel zum Frühstück. Zwei perfekte Tage.«

Er blickte träumerisch ins Leere. Ob er hier nun schauspielerte oder nicht, dachte Harry, die Wirkung war gut.

»Und das«, sagte Slughorn und kehrte offensichtlich wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurück, »setze ich in der heutigen Stunde als Preis aus.«

Eine Stille trat ein, in der jedes Blubbern und Glucksen der Zaubertränke rundum zehnfach verstärkt wirkte.

»Ein Fläschchen Felix Felicis«, sagte Slughorn, nahm eine winzige verkorkte Glasflasche aus seiner Tasche und zeigte sie überall herum. »Genug für zwölf Stunden Glück. Von morgens bis abends wird Ihnen alles, was Sie unternehmen, gelingen.

Allerdings muss ich Sie warnen, Felix Felicis ist bei Wettbewerbsveranstaltungen eine verbotene Substanz … bei Sportereignissen zum Beispiel, Prüfungen oder Wahlen. Der Gewinner darf es also nur an einem gewöhnlichen Tag benutzen … und wird erleben, wie ein gewöhnlicher Tag zu einem außergewöhnlichen wird!

Also«, sagte Slughorn auf einmal energisch, »wie können Sie meinen sagenhaften Preis gewinnen? Nun, indem Sie die Seite zehn von Zaubertränke für Fortgeschrittene aufschlagen. Wir haben noch eine gute Stunde, das sollte Ihnen genügen, einen ordentlichen Versuch zu machen, den Sud des lebenden Todes hinzubekommen. Ich weiß, dass er komplizierter ist als alles, was Sie bisher in Angriff genommen haben, und ich erwarte von keinem einen perfekten Trank. Wer sich aber am geschicktesten anstellt, wird den kleinen Felix hier gewinnen. Und los geht's!«

Ein Scharren ertönte, als alle ihre Kessel heranzogen, und hier und da ein lautes Klappern, als sie ihre Waagen mit Gewichten beschwerten, doch niemand redete. Die Konzentration im Raum war fast greifbar. Harry sah Malfoy fieberhaft sein Zaubertränke für Fortgeschrittene durchblättern. Es hätte nicht deutlicher sein können, dass Malfoy diesen glücklichen Tag auf jeden Fall haben wollte. Harry beugte sich rasch über das ramponierte Buch, das Slughorn ihm geliehen hatte.

Genervt stellte er fest, dass der vorige Besitzer die Seiten voll gekritzelt hatte, so dass die Ränder genauso schwarz waren wie die bedruckten Stellen. Harry beugte sich tief hinunter, um die Zutatenliste zu entziffern (sogar hier hatte der Vorbesitzer Anmerkungen gemacht und Dinge durchgestrichen), dann hastete er hinüber zum Vorratsschrank, um sich zu holen, was er brauchte. Als er zu seinem Kessel zurückeilte, sah er, wie Malfoy so schnell er konnte Baldrianwurzeln klein schnitt.

Alle warfen andauernd Blicke umher, um zu sehen, was die anderen taten; es war ein Vorteil und zugleich ein Nachteil des Zaubertrankunterrichts, dass man seine Arbeit kaum geheim halten konnte. Nach zehn Minuten stand der ganze Raum unter bläulichem Dampf. Hermine schien natürlich am weitesten vorangekommen zu sein. Ihr Trank ähnelte bereits der »glatten Flüssigkeit von der Farbe Schwarzer Johannisbeeren«, die als wünschenswertes Zwischenergebnis im Buch vermerkt war.

Als Harry seine Wurzeln zerhackt hatte, beugte er sich wieder tief über sein Buch. Es war wirklich sehr ärgerlich, dass er sich auch noch damit abmühen musste, die Rezeptanweisungen unter all den dummen Kritzeleien des Vorbesitzers zu entziffern, dem aus irgendeinem Grund die Anordnung nicht gefallen hatte, dass die Schlafbohne klein geschnitten werden müsse, und der stattdessen eine andere Anweisung hineingeschrieben hatte:

Mit der stumpfen Seite eines silbernen Dolchs zerdrücken, holt den Saft besser heraus als Kleinschneiden.

»Sir, ich glaube, Sie kannten meinen Großvater, Abraxas Malfoy?«

Harry sah auf; Slughorn ging gerade am Slytherin-Tisch vorbei.

»Ja«, sagte Slughorn, ohne Malfoy anzublicken, »zu meinem Bedauern hörte ich, dass er verstorben ist, auch wenn es natürlich nicht unerwartet kam, Drachenpocken in seinem Alter …«

Und er ging weiter. Harry beugte sich feixend wieder über seinen Kessel. Ihm war klar, dass Malfoy erwartet hatte, wie Harry oder wie Zabini behandelt zu werden; vielleicht hatte er sogar auf eine kleine Vorzugsbehandlung gehofft, von der Art, wie er sie inzwischen von Snape gewohnt war. Es sah ganz so aus, als müsste Malfoy sich auf nichts als seine Fähigkeiten verlassen, um das Fläschchen Felix Felicis zu gewinnen.

Die Schlafbohne klein zu schneiden erwies sich als äußerst schwierig. Harry drehte sich zu Hermine um.

»Kann ich mir mal dein silbernes Messer ausleihen?«

Sie nickte ungeduldig, ohne die Augen von ihrem Zaubertrank abzuwenden, der immer noch tiefpurpurrot war, obwohl er dem Buch nach mittlerweile einen leichten Lilastich hätte annehmen müssen.

Harry zerdrückte seine Bohne mit der stumpfen Seite des Dolchs. Zu seinem Erstaunen sonderte sie unverzüglich so viel Saft ab, wie er der schrumpeligen Bohne gar nicht zugetraut hätte. Hastig schöpfte er alles in den Kessel und stellte überrascht fest, dass der Trank sofort genau den Lilaton annahm, der im Lehrbuch beschrieben war.

Harrys Ärger über den Vorbesitzer verflog auf der Stelle, und er spähte nun auf die nächste Zeile der Anweisungen. Laut Buch musste er den Sud gegen den Uhrzeigersinn umrühren, bis er klar wie Wasser wurde. Laut Anmerkung jedoch, die der Vorbesitzer hinzugefügt hatte, sollte er, immer wenn er siebenmal gegen den Uhrzeigersinn gerührt hatte, einmal in die andere Richtung rühren.

Konnte der alte Besitzer auch ein zweites Mal Recht haben?

Harry rührte gegen den Uhrzeigersinn, hielt den Atem an und rührte einmal im Uhrzeigersinn. Die Wirkung folgte unmittelbar. Der Trank nahm ein blässliches Rosa an.

»Wie machst du das?«, wollte Hermine wissen. Ihr Gesicht war gerötet und ihre Haare wurden in den Dämpfen ihres Kessels immer buschiger; ihr Trank blieb beharrlich bei seiner purpurnen Farbe.

»Rühr zusätzlich einmal im Uhrzeigersinn – «

»Nein, nein, im Buch steht, gegen den Uhrzeigersinn!«, fuhr sie ihn an.

Harry zuckte die Achseln und rührte weiter. Siebenmal gegen den Uhrzeigersinn, einmal im Uhrzeigersinn, Pause … siebenmal gegen den Uhrzeigersinn, einmal im Uhrzeigersinn …

Auf der anderen Seite des Tisches fluchte Ron leise vor sich hin; sein Gebräu sah aus wie flüssige Lakritze. Harry blickte sich um. Soweit er sehen konnte, war kein anderer Zaubertrank so blass geworden wie seiner. Er geriet in Hochstimmung, etwas, das ihm in diesem Kerker wahrlich noch nie passiert war.

»Und die Zeit ist … um!«, rief Slughorn. »Nicht mehr rühren, bitte!«

Slughorn ging langsam zwischen den Tischen durch und lugte in die Kessel. Er gab keine Kommentare ab, rührte nur hin und wieder in einem Trank oder schnupperte daran. Schließlich kam er zu dem Tisch, an dem Harry, Ron, Hermine und Ernie saßen. Er lächelte mitleidig über die teerartige Substanz in Rons Kessel. Ernies marineblaues Gebräu überging er. Hermines Zaubertrank bedachte er mit einem anerkennenden Nicken. Dann sah er Harrys Trank, und auf seinem Gesicht breitete sich ein Ausdruck ungläubiger Freude aus.

»Der klare Sieger!«, rief er durch den Kerker. »Ausgezeichnet, ausgezeichnet, Harry! Mein Gott, Sie haben eindeutig das Talent Ihrer Mutter geerbt, sie war ein richtiges Ass in Zaubertränke, unsere Lily! Also, hier, bitte sehr, bitte sehr – eine Flasche Felix Felicis, wie versprochen, und verwenden Sie es mit Bedacht!«

Harry ließ das Fläschchen mit der goldenen Flüssigkeit in seine Innentasche gleiten, und er empfand eine seltsame Mischung von Genugtuung angesichts der wütenden Blicke auf den Slytherin-Gesichtern und von schlechtem Gewissen wegen Hermines enttäuschter Miene. Ron wirkte schlichtweg verdattert.

»Wie hast du das gemacht?«, flüsterte er Harry zu, als sie den Kerker verließen.

»Hab einfach Glück gehabt, schätze ich«, erwiderte Harry, weil Malfoy in Hörweite war.

Doch sobald sie bequem und geschützt am Gryffindor-Tisch beim Abendessen saßen, fühlte sich Harry sicher genug, um es ihnen zu erzählen. Hermines Gesicht wurde mit jedem seiner Worte starrer.

»Ich vermute, du denkst, ich hätte geschummelt?«, schloss er, verärgert darüber, was sie für ein Gesicht machte.

»Also, das war eigentlich gar nicht deine Arbeit, oder?«, sagte sie steif.

»Er hat sich nur an andere Anweisungen gehalten als wir«, sagte Ron. »Hätte auch 'ne Katastrophe werden können, oder? Aber er hat was riskiert und es hat sich gelohnt.« Er seufzte. »Slughorn hätte auch mir dieses Buch geben können, aber nein, ich krieg eins, in das nie jemand reingeschrieben hat. Höchstens drübergekotzt, so, wie Seite zweiundfünfzig aussieht, aber – «

»Warte mal«, sagte eine Stimme dicht an Harrys linkem Ohr, und plötzlich wehte dieser Blumenduft zu ihm herüber, den er in Slughorns Kerker wahrgenommen hatte. Er wandte sich um und sah, dass Ginny zu ihnen gekommen war. »Hab ich richtig gehört? Du hast Anweisungen befolgt, die jemand in ein Buch geschrieben hat, Harry?«

Sie schien beunruhigt und wütend. Harry wusste sofort, was sie beschäftigte.

»Das hat nichts zu bedeuten«, sagte er beschwichtigend und senkte die Stimme. »Es ist nicht wie, du weißt schon, Riddles Tagebuch. Es ist nur ein altes Schulbuch, in das jemand reingekritzelt hat.«

»Aber du tust, was es sagt?«

»Ich hab nur ein paar von den Tipps ausprobiert, die an den Seitenrändern stehen, ehrlich, Ginny, da ist nichts Merkwürdiges – «

»Ginny hat Recht«, sagte Hermine, die sofort wieder munter wurde. »Wir sollten nachsehen, ob damit alles in Ordnung ist. Ich meine, diese ganzen komischen Anweisungen, wer weiß?«

»Hey!«, sagte Harry empört, als sie ihm sein Exemplar Zaubertränke für Fortgeschrittene aus der Tasche zog und ihren Zauberstab hob.

»Specialis revelio!«, sagte sie und versetzte dem Buch einen heftigen Schlag auf den vorderen Deckel.

Es geschah überhaupt nichts. Das Buch lag einfach da, alt und schmutzig und mit Eselsohren.

»Fertig?«, sagte Harry genervt. »Oder willst du warten, ob es ein paar Saltos rückwärts macht?«

»Es scheint okay zu sein«, erwiderte Hermine, die immer noch argwöhnisch auf das Buch starrte. »Ich meine, es scheint tatsächlich … einfach nur ein Schulbuch zu sein.«

»Gut. Dann will ich es wiederhaben«, sagte Harry und schnappte es sich vom Tisch, doch es glitt ihm aus der Hand und landete aufgeschlagen auf dem Boden.

Niemand sonst achtete darauf. Harry bückte sich, um das Buch aufzuheben, und dabei sah er, dass am unteren Rand des hinteren Buchdeckels etwas in derselben kleinen, gedrängten Handschrift hingekritzelt war wie die Anweisungen, die ihm sein Fläschchen Felix Felicis eingebracht hatten, das jetzt sicher in einem Paar Socken in seinem Koffer oben versteckt lag.

Dieses Buch ist Eigentum des Halbblutprinzen.

Das Haus der Gaunts

Auch in den restlichen Zaubertrankstunden dieser Woche folgte Harry den Anweisungen des Halbblutprinzen, wo immer sie von den Rezepten von Libatius Borage abwichen, mit dem Ergebnis, dass Slughorn sich nach der vierten Stunde schwärmerisch über Harrys Fähigkeiten ausließ und versicherte, er hätte selten einen so talentierten Schüler unterrichtet. Weder Ron noch Hermine waren erfreut darüber. Harry hatte ihnen zwar angeboten, sie in sein Buch schauen zu lassen, doch fiel es Ron schwerer als Harry, die Handschrift zu entziffern, und er konnte Harry nicht dauernd bitten, die Anweisungen laut vorzulesen, weil das Verdacht erregt hätte. Hermine mühte sich unterdessen entschlossen weiter mit dem ab, was sie die »offiziellen« Angaben nannte, bekam allerdings immer üblere Laune, weil sie schlechtere Resultate einbrachten als die des Prinzen.

Harry fragte sich insgeheim, wer der Halbblutprinz gewesen war. Sie hatten zwar so viele Hausaufgaben bekommen, dass er keine Zeit hatte, sein Exemplar der Zaubertränke für Fortgeschrittene ganz durchzulesen, doch er hatte es gründlich genug durchgeblättert, um festzustellen, dass es kaum eine Seite enthielt, wo der Prinz keine zusätzlichen Anmerkungen hinterlassen hatte, die aber nicht alle mit dem Zaubertrankbrauen zu tun hatten. Gelegentlich fanden sich auch Anleitungen für Zauber, die offenbar der Prinz selbst entwickelt hatte.

»Oder sie selbst«, sagte Hermine gereizt, als sie mitbekam, wie Harry am Samstagabend im Gemeinschaftsraum Ron einige davon zeigte. »Es könnte auch ein Mädchen gewesen sein. Die Handschrift kommt mir eher wie die eines Mädchens vor als die eines Jungen.«

»Er hieß der Halbblutprinz«, sagte Harry. »Wie viele Mädchen waren Prinzen?«

Darauf schien Hermine keine Antwort zu haben. Sie blickte nur finster und zog ihren Aufsatz über »Die Prinzipien der Rematerialisierung« von Ron weg, der versucht hatte, den Text über Kopf zu lesen.

Harry warf einen Blick auf seine Uhr und steckte hastig das alte Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene zurück in seine Tasche.

»Es ist fünf vor acht, ich geh jetzt besser, sonst komm ich zu spät zu Dumbledore.«

»Ooooh!«, stieß Hermine hervor und blickte sofort auf. »Viel Glück! Wir warten auf dich, wir wollen hören, was er dir beibringt!«

»Hoffentlich läuft's gut«, sagte Ron, und die beiden sahen Harry nach, der durch das Porträtloch verschwand.

Harry lief durch menschenleere Korridore, musste allerdings hastig hinter eine Statue schlüpfen, als Professor Trelawney um eine Ecke gebogen kam, die leise vor sich hin brabbelte, einen Stapel schmutzig aussehender Spielkarten mischte und sie dann im Gehen las.

»Pik-Zwei: Konflikt«, murmelte sie, als sie an der Statue vorbeikam, hinter die Harry sich geduckt hatte. »Pik-Sieben: ein böses Omen. Pik-Zehn: Gewalt. Pik-Bube: ein dunkler junger Mann, möglicherweise verstört, der den Fragesteller nicht leiden kann – «

Sie blieb wie angewurzelt stehen, genau vor Harrys Statue.

»Nein, das kann nicht stimmen«, sagte sie verärgert, und als sie weitergegangen und nichts als einen leichten Geruch nach Kochsherry zurückgelassen hatte, hörte Harry, wie sie die Karten energisch neu mischte. Er wartete, bis er ganz sicher war, dass sie sich entfernt hatte, dann brach er eilig wieder auf, bis er die Stelle im Korridor im siebten Stock erreichte, wo ein einzelner Wasserspeier an der Wand stand.

»Säuredrops«, sagte Harry. Der Wasserspeier sprang beiseite; die Wand hinter ihm teilte sich und glitt auseinander, und eine steinerne Wendeltreppe, die sich bewegte, wurde sichtbar. Harry stieg auf die Stufen, worauf sie ihn in sanften Kreisen hoch zu der Tür mit dem Bronzeklopfer trug, die zu Dumbledores Büro führte.

Harry klopfte.

»Herein«, sagte Dumbledores Stimme.

»Guten Abend, Sir«, sagte Harry und betrat das Büro des Schulleiters.

»Ah, guten Abend, Harry. Setz dich«, erwiderte Dumbledore lächelnd. »Ich hoffe, du hattest eine angenehme erste Woche zurück in der Schule?«

»Ja, danke, Sir«, sagte Harry.

»Du musst fleißig gewesen sein, da du dir bereits einmal Nachsitzen eingehandelt hast!«

»Ähm …«, begann Harry verlegen, aber Dumbledore sah nicht allzu streng aus.

»Ich habe mich mit Professor Snape verständigt, dass du stattdessen nächsten Samstag zum Nachsitzen kommst.«

»Gut«, sagte Harry, den im Augenblick dringendere Dinge beschäftigten als das Nachsitzen bei Snape. Er blickte sich jetzt verstohlen nach irgendeinem Hinweis auf das um, was Dumbledore an diesem Abend mit ihm vorhatte. Das kreisrunde Büro sah genauso aus wie immer: Die empfindlichen silbernen Instrumente standen auf storchbeinigen Tischen, stießen Rauch aus und surrten; Porträts ehemaliger Schulleiter und Schulleiterinnen dösten in ihren Bilderrahmen; und Dumbledores herrlicher Phönix Fawkes saß auf seiner Stange hinter der Tür und beobachtete Harry mit wachem Interesse. Es sah nicht einmal danach aus, als hätte Dumbledore einen Platz für Duellübungen frei geräumt.

»Also, Harry«, sagte Dumbledore in sachlichem Ton. »Du fragst dich sicher, was ich mit dir in diesen – in Ermangelung eines besseren Wortes – Unterrichtsstunden zu tun gedenke.«

»Ja, Sir.«

»Nun, ich habe beschlossen, dass es an der Zeit ist, dir gewisse Informationen mitzuteilen, jetzt, da du weißt, was Lord Voldemort vor fünfzehn Jahren zu dem Versuch veranlasst hat, dich zu töten.«

Eine Weile herrschte Stille.

»Sie sagten am Ende des letzten Schuljahrs, Sie würden mir alles erzählen«, bemerkte Harry. Es fiel ihm schwer zu vermeiden, dass seine Stimme vorwurfsvoll klang. »Sir«, fügte er hinzu.

»Und das habe ich auch getan«, sagte Dumbledore ruhig. »Ich habe dir alles erzählt, was ich weiß. Von jetzt an werden wir den festen Boden der Tatsachen verlassen und gemeinsam durch die trüben Sümpfe der Erinnerung in das Dickicht wildester Spekulation wandern. Von hier an, Harry, könnte ich mich genauso erbärmlich irren wie Humphrey Belcher, der glaubte, die Zeit sei reif für einen Käsekessel.«

»Aber Sie denken, dass Sie sich nicht irren?«, fragte Harry.

»Natürlich, aber wie ich dir bereits bewiesen habe, mache ich Fehler wie jeder andere. Genau genommen sind meine Fehler, da ich – verzeih mir – eher klüger bin als die meisten Menschen, in der Regel auch entsprechend größer.«

»Sir«, sagte Harry zaghaft, »hat das, was Sie mir erzählen werden, irgendetwas mit der Prophezeiung zu tun? Wird es mir helfen … zu überleben?«

»Es hat sehr viel mit der Prophezeiung zu tun«, erwiderte Dumbledore, so beiläufig, als ob Harry ihn nach dem morgigen Wetter gefragt hätte, »und ich hoffe zweifellos, dass es dir helfen wird, zu überleben.«

Dumbledore erhob sich und ging um den Schreibtisch herum, an Harry vorbei, der sich gespannt auf seinem Platz umdrehte und Dumbledore zusah, wie er sich in den Schrank neben der Tür beugte. Als er sich aufrichtete, hielt er eine vertraute flache Steinschale in den Händen, auf deren Rand merkwürdige Zeichen eingeprägt waren. Er stellte das Denkarium vor Harry auf den Schreibtisch.

»Du siehst beunruhigt aus.«

Harry hatte das Denkarium tatsächlich etwas besorgt ins Auge gefasst. Seine bisherigen Erfahrungen mit der merkwürdigen Vorrichtung, die Gedanken und Erinnerungen speicherte und offenbarte, waren zwar höchst aufschlussreich, aber auch unangenehm gewesen. Als er zum letzten Mal seinen Inhalt aufgewirbelt hatte, hatte er viel mehr gesehen, als ihm eigentlich lieb war. Aber Dumbledore lächelte.

»Diesmal trittst du mit mir zusammen in das Denkarium ein … und was sogar noch ungewöhnlicher ist – mit Erlaubnis.«

»Wohin gehen wir, Sir?«

»Auf eine Reise auf Bob Ogdens Straße der Erinnerung«, sagte Dumbledore und zog eine Kristallflasche aus seiner Tasche, die eine wirbelnde, silbrig weiße Substanz enthielt.

»Wer war Bob Ogden?«

»Er hat in der Abteilung für Magische Strafverfolgung gearbeitet«, sagte Dumbledore. »Er ist vor einiger Zeit gestorben, aber ich konnte ihn noch rechtzeitig ausfindig machen und ihn überreden, mir diese Erinnerungen anzuvertrauen. Wir werden ihn gleich bei einem Besuch begleiten, den er von Amts wegen gemacht hat. Wenn du bitte aufstehen würdest, Harry …«

Aber Dumbledore hatte Schwierigkeiten, den Stöpsel der Kristallflasche herauszuziehen: Seine verletzte Hand war offenbar steif und schmerzte.

»Soll – soll ich, Sir?«

»Kein Problem, Harry.«

Dumbledore richtete seinen Zauberstab auf die Flasche und der Korken flog heraus.

»Sir – wie haben Sie sich die Hand verletzt?«, fragte Harry erneut und blickte mit einer Mischung aus Abscheu und Mitleid auf die geschwärzten Finger.

»Es ist noch nicht Zeit für diese Geschichte, Harry. Noch nicht. Wir haben eine Verabredung mit Bob Ogden.«

Dumbledore kippte den silbrigen Inhalt der Flasche in das Denkarium, wo er, weder Flüssigkeit noch Gas, schimmernd umherwirbelte.

»Nach dir«, sagte Dumbledore und wies auf die Schale.

Harry beugte sich vor, holte tief Luft und tauchte sein Gesicht in die silbrige Substanz. Er spürte, wie seine Füße vom Boden des Büros abhoben; er fiel und fiel, durch schwirrende Dunkelheit, und dann, ganz plötzlich, blinzelte er in blendendem Sonnenlicht. Ehe seine Augen sich daran gewöhnt hatten, landete Dumbledore neben ihm.

Sie standen auf einer Landstraße, die von hohen, verschlungenen Hecken gesäumt war, unter einem Sommerhimmel, so hell und blau wie ein Vergissmeinnicht. Etwa drei Meter vor ihnen stand ein kleiner, rundlicher Mann mit enorm dicken Brillengläsern, die seine Augen zu leberfleckartigen Pünktchen verkleinerten. Er blickte auf ein hölzernes Straßenschild, das aus den Brombeersträuchern am linken Straßenrand ragte. Harry wusste, das musste Ogden sein; er war der einzige Mensch weit und breit, und er trug auch das seltsame Durcheinander von Kleidern, für das sich unerfahrene Zauberer oft entschieden, wenn sie wie Muggel aussehen wollten: Bei ihm waren es ein Gehrock und Gamaschen über einem gestreiften Badeanzug. Doch ehe Harry zu etwas anderem fähig war, als diese bizarre Erscheinung zur Kenntnis zu nehmen, ging Ogden bereits mit zügigen Schritten die Straße hinunter.

Dumbledore und Harry folgten ihm. Als sie an dem hölzernen Wegweiser vorbeikamen, blickte Harry zu dessen zwei Armen hoch. Der eine wies in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren, und darauf stand: »Great Hangleton, 5 Meilen«. Auf dem anderen, der in Ogdens Richtung deutete, stand: »Little Hangleton, 1 Meile«.

Sie legten eine kurze Strecke zurück, auf der nichts zu sehen war außer Hecken, der weite blaue Himmel über ihnen und die wuselnde Gestalt im Gehrock vor ihnen, dann machte die Straße eine Kurve nach links, neigte sich und führte sehr steil einen Hügel hinunter, und mit einem Mal bot sich ihnen ein unerwarteter Blick über ein ganzes Tal, das sich vor ihnen erstreckte. Harry konnte ein Dorf sehen, zweifellos Little Hangleton, es lag gemütlich zwischen zwei steilen Hügeln, und seine Kirche und sein Friedhof waren deutlich zu erkennen. Jenseits des Tales, auf dem Hügel gegenüber, stand ein schönes Gutshaus, inmitten einer weitläufigen, samtig grünen Rasenfläche.

Wegen des steilen Gefälles war Ogden in einen unfreiwilligen Trab verfallen. Dumbledore schritt nun weiter aus, und Harry beeilte sich, um nicht den Anschluss zu verlieren. Er dachte, es ginge nach Little Hangleton, und wie in der Nacht, in der sie Slughorn aufgesucht hatten, fragte er sich, warum sie sich ihrem Ziel aus solcher Entfernung nähern mussten. Bald jedoch stellte er fest, dass er sich geirrt hatte, denn es ging keineswegs ins Dorf. Die Straße bog nach rechts, und als sie um die Kurve kamen, sahen sie gerade noch Ogdens Gehrock durch eine Lücke in der Hecke verschwinden.

Dumbledore und Harry folgten ihm auf einen schmalen Feldweg, der von noch höheren und wilderen Hecken gesäumt war. Der Weg war uneben, steinig und voller Schlaglöcher, er neigte sich wie die Straße zuvor hügelabwärts und führte offenbar zu einer Waldung mit dunklen Bäumen ein Stück weiter unten. Und tatsächlich, bald erreichte der Weg das Wäldchen, und Dumbledore und Harry blieben hinter Ogden stehen, der innegehalten und seinen Zauberstab gezogen hatte.

Der Himmel war wolkenlos, doch die alten Bäume vor ihnen warfen tiefe, dunkle, kühle Schatten, und es dauerte einige Sekunden, bis Harrys Augen mitten im Dickicht der Stämme das halb verborgene Gebäude erkennen konnten. Es kam ihm äußerst sonderbar vor, dass jemand einen solchen Platz für ein Haus gewählt hatte, zumindest war es ein merkwürdiger Entschluss, die Bäume daneben weiter wachsen zu lassen, die alles Licht verschluckten und die Sicht hinunter auf das Tal versperrten. Er fragte sich, ob es wohl bewohnt war; seine Mauern waren moosbewachsen und vom Dach waren so viele Ziegel heruntergefallen, dass man an manchen Stellen die Sparren sehen konnte. Rundum wuchsen Brennnesseln, deren Spitzen bis zu den winzigen, stark verschmutzten Fenstern reichten. Gerade als er zu dem Schluss gekommen war, dass hier unmöglich jemand leben konnte, wurde klappernd eines der Fenster aufgeworfen, und eine dünne Dampf- oder Rauchfahne drang heraus, als sei gerade jemand beim Kochen.

Ogden ging ruhig weiter, recht vorsichtig, wie es Harry schien. Als die dunklen Schatten der Bäume über ihn glitten, blieb er erneut stehen und blickte gebannt auf die Haustür, an die jemand eine tote Schlange genagelt hatte.

Dann war ein Rascheln und Knacken zu hören, und ein Mann in Lumpen fiel vom nächsten Baum und landete direkt vor Ogden auf beiden Füßen. Ogden sprang so schnell rückwärts, dass er auf die Schöße seines Gehrocks trat und strauchelte.

»Du bist hier unerwünscht.«

Der Mann, der vor ihnen stand, hatte dichtes Haar, so verfilzt mit Schmutz, dass die Farbe nicht zu erkennen war. Etliche Zähne fehlten ihm. Seine Augen waren klein und dunkel und starrten in entgegengesetzte Richtungen. Er hätte komisch aussehen können, aber das tat er nicht; der Eindruck war erschreckend, und Harry konnte es Ogden nicht verdenken, dass er noch einige Schritte weiter zurückwich, ehe er sprach.

»Ähm – guten Morgen. Ich bin vom Zaubereiministerium – «

»Du bist hier unerwünscht.«

»Ähm – Verzeihung – ich verstehe Sie nicht«, sagte Ogden nervös.

Harry dachte, Ogden müsse äußerst schwer von Begriff sein; der Fremde drückte sich seiner Meinung nach sehr klar aus, zudem fuchtelte er mit einem Zauberstab in der einen und einem kurzen und ziemlich blutigen Messer in der anderen Hand herum.

»Du verstehst ihn sicher, Harry?«, sagte Dumbledore leise.

»Ja, natürlich«, erwiderte Harry ein wenig verdutzt. »Warum kann Ogden ihn nicht –?«

Doch als sein Blick von neuem auf die tote Schlange an der Tür fiel, begriff er plötzlich.

»Er spricht Parsel?«

»Sehr gut.« Dumbledore nickte und lächelte.

Der Mann in Lumpen ging nun auf Ogden zu, das Messer in der einen, den Zauberstab in der anderen Hand.

»Nun hören Sie –«, fing Ogden an, aber zu spät: Ein Knall ertönte, Ogden lag am Boden und hielt sich krampfhaft die Nase, und eine ekelhafte gelbliche Schmiere spritzte zwischen seinen Fingern hervor.

»Morfin!«, sagte eine laute Stimme.

Ein älterer Mann war aus dem Haus gehastet und hatte die Tür so heftig hinter sich zugeschlagen, dass die tote Schlange kläglich hin- und herschwang. Dieser Mann war kleiner als der erste und hatte seltsame Proportionen; seine Schultern waren sehr breit und seine Arme überlang, was ihm zusammen mit seinen hellbraunen Augen, dem kurzen Stoppelhaar und dem runzligen Gesicht das Aussehen eines kräftigen, in die Jahre gekommenen Affen verlieh. Er blieb neben dem Mann mit dem Messer stehen, der angesichts des am Boden liegenden Ogden in keckerndes Gelächter ausgebrochen war.

»Ministerium, ja?«, sagte der ältere Mann und sah zu Ogden hinunter.

»Korrekt«, sagte Ogden zornig und tastete sein Gesicht ab. »Und Sie sind, wie ich annehme, Mr Gaunt?«

»Richtig«, sagte Gaunt. »Er hat Sie wohl im Gesicht erwischt, was?«

»Ja, hat er!«, fauchte Ogden.

»Sie hätten sich ankündigen sollen, oder?«, sagte Gaunt angriffslustig. »Das hier ist Privatgelände. Können nicht einfach hier reinspazieren und erwarten, dass mein Sohn sich nicht verteidigt.«

»Gegen was verteidigt, Mann?«, fragte Ogden und rappelte sich hoch.

»Topfgucker. Eindringlinge. Muggel und Abschaum.«

Ogden richtete seinen Zauberstab auf seine eigene Nase, aus der immer noch große Mengen einer gelben, eiterartigen Masse hervorquollen, und der Strom versiegte augenblicklich. Mr Gaunt redete aus dem Mundwinkel mit Morfin.

»Ins Haus mit dir. Keine Widerrede.«

Diesmal war Harry vorbereitet und erkannte, dass es Parsel war; er konnte verstehen, was gesagt wurde, und nahm gleichzeitig das unheimliche Zischen wahr, das Einzige, was Ogden hören konnte. Morfin schien gerade im Begriff zu sein zu widersprechen, doch als sein Vater ihm einen drohenden Blick zuwarf, besann er sich anders, schleppte sich in einem merkwürdigen wiegenden Gang zum Haus hinüber und schlug die Tür hinter sich zu, so dass die Schlange erneut traurig hin- und herschwang.

»Ich bin wegen Ihres Sohnes hier, Mr Gaunt«, sagte Ogden, während er den letzten Rest Eiter vom Revers seines Gehrocks wischte. »Das war Morfin, nicht wahr?«

»Ah, das war Morfin«, sagte der alte Mann gleichgültig. »Sind Sie Reinblüter?«, fragte er, mit einem Mal aggressiv.

»Das spielt keine Rolle«, sagte Ogden nüchtern, und Harry empfand wachsenden Respekt für ihn.

Offenbar empfand Gaunt etwas völlig anderes. Er starrte Ogden mit zusammengekniffenen Augen an und murmelte in einem Ton, der offensichtlich beleidigend klingen sollte: »Wenn ich's mir recht überlege, hab ich Nasen wie Ihre schon unten im Dorf gesehen.«

»Das bezweifle ich nicht, wenn Ihr Sohn auf sie losgelassen wurde«, sagte Ogden. »Vielleicht können wir diese Unterhaltung drinnen fortsetzen?«

»Drinnen?«

»Ja, Mr Gaunt. Ich habe es Ihnen bereits gesagt. Ich bin wegen Morfin hier. Wir haben eine Eule geschickt – «

»Ich kann mit Eulen nichts anfangen«, sagte Gaunt. »Ich öffne keine Briefe.«

»Dann können Sie sich wohl kaum beschweren, dass Ihre Besucher sich nicht ankündigen«, sagte Ogden scharf. »Ich bin hier infolge einer schwer wiegenden Verletzung des Zaubereigesetzes, die heute in den frühen Morgenstunden hier verübt – «

»Schon gut, schon gut, schon gut!«, bellte Gaunt. »Dann kommen Sie eben in das verdammte Haus und sehen, was es Ihnen nützt!«

Das Haus hatte offenbar drei kleine Räume. Zwei Türen führten vom Hauptraum weg, der gleichzeitig als Küche und Wohnzimmer diente. Morfin saß in einem schmutzigen Sessel neben dem rauchenden Kaminfeuer, ließ eine lebendige Natter durch seine dicken Finger schlängeln und sang ihr leise auf Parsel zu:

»Zischle, zischle, kleine Schlange,

schlängle dich am Boden hier.

Bist du nicht gut zu deinem Morfin,

nagelt er dich an die Tür.«

Aus der Ecke neben dem offenen Fenster kam ein schlurfendes Geräusch, und Harry bemerkte, dass noch jemand im Raum war, ein Mädchen, dessen verschlissenes graues Kleid genau die gleiche Farbe hatte wie die schmutzige Steinmauer hinter ihm. Das Mädchen stand an einem verrußten schwarzen Herd, auf dem ein Topf dampfte, und machte sich an dem Regal mit verwahrlost wirkenden Töpfen und Pfannen darüber zu schaffen. Ihr Haar war dünn und stumpf und sie hatte ein unscheinbares, blasses, recht plumpes Gesicht. Ihre Augen starrten wie die ihres Bruders in entgegengesetzte Richtungen. Sie schien ein wenig gepflegter als die beiden Männer, aber Harry meinte, noch nie einen Menschen gesehen zu haben, der erbärmlicher wirkte.

»Meine Tochter, Merope«, sagte Gaunt widerwillig, als Ogden fragend zu ihr hinüberblickte.

»Guten Morgen«, sagte Ogden.

Sie gab keine Antwort, sondern warf ihrem Vater einen erschrockenen Blick zu, wandte sich ab und schob wieder die Töpfe auf dem Regal hinter ihr hin und her.

»Nun, Mr Gaunt«, sagte Ogden, »um gleich zur Sache zu kommen, wir haben Grund zu der Annahme, dass Ihr Sohn Morfin gestern spät in der Nacht vor einem Muggel Zauber ausgeführt hat.«

Ein ohrenbetäubendes Scheppern war zu hören. Merope hatte einen der Töpfe fallen lassen.

»Aufheben!«, brüllte Gaunt sie an. »Ja, genau, grapsch auf dem Boden rum wie ein dreckiger Muggel, wozu hast du deinen Zauberstab, du nutzloser Mistsack?«

»Mr Gaunt, bitte!«, sagte Ogden und klang schockiert. Merope, die den Topf schon aufgehoben hatte, bekam scharlachrote Flecken im Gesicht, sie ließ den Topf wieder fallen, zog bebend ihren Zauberstab aus der Tasche, richtete ihn auf den Topf und murmelte einen hastigen, unhörbaren Zauberspruch, worauf der Topf von ihr weg über den Boden schlitterte, an die Wand gegenüber schlug und entzweibrach.

Morfin ließ ein verrücktes keckerndes Lachen los. Gaunt schrie: »Mach ihn wieder ganz, du nichtsnutziges Stück, mach ihn wieder ganz!«

Merope wankte durch den Raum, doch ehe sie ihren Zauberstab heben konnte, hatte Ogden bereits seinen gezückt und sagte entschlossen: »Reparo.« Der Topf setzte sich augenblicklich wieder zusammen.

Gaunt machte kurz den Eindruck, als wollte er Ogden gleich anschreien, dann aber überlegte er es sich offenbar anders; er verhöhnte stattdessen seine Tochter: »Ein Glück, dass der nette Mann vom Ministerium da ist, oder? Vielleicht holt er dich von mir weg, vielleicht hat er nichts gegen dreckige Squibs …«

Ohne jemanden anzusehen oder sich bei Ogden zu bedanken, hob Merope den Topf auf und stellte ihn mit zitternden Händen wieder auf sein Regal. Dann stand sie völlig reglos da, den Rücken an die Wand zwischen dem schmutzigen Fenster und dem Herd gelehnt, als wäre es ihr sehnlichster Wunsch, in den Stein zu versinken und zu verschwinden.

»Mr Gaunt«, begann Ogden erneut, »wie bereits gesagt: Der Grund für meinen Besuch – «

»Das hab ich schon verstanden!«, fauchte Gaunt. »Na und wenn schon? Morfin hat einem Muggel ein bisschen verpasst, was er ohnehin verdient hat – was ist schon dabei?«

»Morfin hat das Zaubereigesetz gebrochen«, sagte Ogden streng.

»Morfin hat das Zaubereigesetz gebrochen«, äffte Gaunt Ogdens Stimme nach und machte daraus einen schwülstigen Singsang. Morfin lachte wieder keckernd. »Er hat einem dreckigen Muggel eine Lektion erteilt, und das soll jetzt gesetzwidrig sein?«

»Ja«, sagte Ogden. »Ich fürchte, das ist so.«

Er zog eine kleine Pergamentrolle aus einer Innentasche und breitete sie aus.

»Was ist das denn, sein Urteilsspruch?«, sagte Gaunt mit zornig anschwellender Stimme.

»Es ist eine Vorladung ins Ministerium zu einer Anhörung – «

»Vorladung! Vorladung? Für wen halten Sie sich eigentlich, dass Sie meinen Sohn irgendwohin vorladen könnten?«

»Ich bin der Leiter des Magischen Strafverfolgungskommandos«, sagte Ogden.

»Und Sie denken, wir sind Abschaum, ja?«, schrie Gaunt, näherte sich jetzt Ogden und richtete einen schmutzigen Finger mit gelbem Nagel auf seine Brust. »Abschaum, der angelaufen kommt, wenn das Ministerium es ihm befiehlt? Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie reden, Sie dreckiger kleiner Schlammblüter, wissen Sie das?«

»Ich hatte bisher den Eindruck, mit Mr Gaunt zu sprechen«, sagte Ogden, der vorsichtig wirkte, aber nicht zurückwich.

»Das ist richtig!«, donnerte Gaunt. Einen Moment lang dachte Harry, Gaunt würde eine obszöne Geste mit der Hand machen, doch dann wurde ihm klar, dass er Ogden den hässlichen Ring mit dem schwarzen Stein zeigte, den er am Mittelfinger trug, indem er ihn vor Ogdens Augen hin und her schwenkte. »Sehen Sie den? Sehen Sie den? Wissen Sie, was das ist? Wissen Sie, woher der kommt? Jahrhundertelang war er im Besitz unserer Familie, so weit zurück reicht unser Stammbaum, und wir haben immer das reine Blut bewahrt! Wissen Sie, wie viel man mir dafür geboten hat, mit dem Peverell-Wappen, das in den Stein graviert ist?«

»Ich habe wirklich keine Ahnung«, sagte Ogden und blinzelte, während der Ring wenige Zentimeter vor seiner Nase herumschwebte, »und das tut hier überhaupt nichts zur Sache, Mr Gaunt. Ihr Sohn hat sich – «

Mit einem wütenden Schrei rannte Gaunt auf seine Tochter zu. Für einen kurzen Augenblick dachte Harry, er würde sie erdrosseln, da er ihr mit der Hand an die Gurgel fuhr; doch gleich darauf zerrte er sie an einer Goldkette, die um ihren Hals hing, zu Ogden hin.

»Sehen Sie das?«, brüllte er Ogden an und schüttelte ein schweres goldenes Medaillon in seine Richtung, während Merope würgte und nach Atem rang.

»Ich sehe es, ich sehe es!«, gab Ogden hastig zurück.

»Von Slytherin!«, rief Gaunt. »Von Salazar Slytherin! Wir sind seine letzten lebenden Nachfahren, was sagen Sie dazu, he?«

»Mr Gaunt, Ihre Tochter!«, sagte Ogden in heller Aufregung, aber Gaunt hatte Merope schon losgelassen; sie taumelte von ihm weg, zurück in ihre Ecke, rieb sich den Hals und schnappte nach Luft.

»Also!«, sagte Gaunt triumphierend, als hätte er soeben einen komplizierten Sachverhalt unstrittig bewiesen. »Sprechen Sie nicht weiter mit uns, als ob wir Dreck an Ihren Schuhen wären! Generationen von Reinblütern – allesamt Zauberer – mit Sicherheit mehr, als Sie von sich behaupten können!«

Er spuckte auf den Boden vor Ogdens Füße. Morfin keckerte erneut. Merope, die mit gesenktem Kopf, das Gesicht von ihrem dünnen Haar verborgen, neben dem Fenster kauerte, sagte nichts.

»Mr Gaunt«, sagte Ogden hartnäckig, »ich fürchte, weder Ihre noch meine Vorfahren haben mit der anhängigen Sache etwas zu tun. Ich bin wegen Morfin hier, wegen Morfin und des Muggels, den er gestern spät in der Nacht angepöbelt hat. Unseren Informationen nach«, er warf einen Blick auf seine Pergamentrolle, »hat Morfin einen Fluch oder Zauber gegen besagten Muggel ausgeführt, wodurch dieser einen höchst schmerzhaften Nesselausschlag bekam.«

Morfin kicherte.

»Sei still, Junge«, knurrte Gaunt auf Parsel, und Morfin verstummte wieder.

»Und was, wenn er es tatsächlich getan hätte?«, sagte Gaunt herausfordernd zu Ogden. »Ich schätze, Sie haben dem Muggel sein dreckiges Gesicht sauber gewischt, und sein Gedächtnis noch dazu – «

»Darum geht es wohl kaum, nicht wahr, Mr Gaunt?«, sagte Ogden. »Dies war ein nicht provozierter Angriff auf einen wehrlosen – «

»Ach, ich hab doch gleich gesehen, dass Sie ein Muggelfreund sind«, höhnte Gaunt und spuckte wieder auf den Boden.

»Diese Diskussion bringt uns nicht weiter«, sagte Ogden bestimmt. »Aus dem Verhalten Ihres Sohnes geht eindeutig hervor, dass er keine Reue für seine Taten empfindet.« Er warf noch einen Blick auf seine Pergamentrolle. »Morfin wird am vierzehnten September zu einer Anhörung erscheinen und zu der Anklage Stellung nehmen, dass er in Anwesenheit eines Muggels Magie eingesetzt hat und besagtem Muggel Schaden und Leid –«

Ogden brach ab. Das Klirren und Getrappel von Pferden und laute, lachende Stimmen wehten durch das offene Fenster herein. Anscheinend führte die gewundene Straße zum Dorf ganz dicht an dem Wäldchen vorbei, in dem das Haus stand. Gaunt erstarrte und lauschte mit aufgerissenen Augen. Morfin zischte und wandte sich mit gieriger Miene in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Merope hob den Kopf. Harry sah, dass ihr Gesicht ganz weiß war.

»Mein Gott, was für ein Schandfleck!«, erklang die Stimme eines Mädchens, die so deutlich durch das offene Fenster zu hören war, als hätte das Mädchen neben ihnen im Raum gestanden. »Hätte dein Vater diese Bruchbude nicht abreißen lassen können, Tom?«

»Die gehört nicht uns«, sagte die Stimme eines jungen Mannes. »Alles auf der anderen Seite des Tals gehört uns, aber dieses Haus gehört einem alten Landstreicher namens Gaunt und seinen Kindern. Der Sohn ist völlig verrückt, du solltest mal hören, was sie im Dorf so erzählen – «

Das Mädchen lachte. Das Klirren und Getrappel wurde immer lauter. Morfin machte Anstalten, aus seinem Sessel aufzustehen.

»Bleib sitzen«, mahnte ihn sein Vater auf Parsel.

»Tom«, sagte die Mädchenstimme erneut, jetzt so nahe, dass sie offenbar direkt am Haus waren, »vielleicht täusche ich mich – aber hat da jemand eine Schlange an die Tür genagelt?«

»Guter Gott, du hast Recht!«, erwiderte die Stimme des Mannes. »Das wird der Sohn gewesen sein, ich hab dir ja gesagt, er ist nicht ganz richtig im Kopf. Sieh nicht hin, Cecilia, Liebling.«

Das Klirren und Getrappel wurde nun wieder schwächer.

»›Liebling‹«, flüsterte Morfin auf Parsel und sah seine Schwester an. »›Liebling‹ hat er sie genannt. Also will er dich ohnehin nicht haben.«

Merope war so weiß, dass Harry sicher war, sie würde gleich in Ohnmacht fallen.

»Was soll das heißen?«, sagte Gaunt schneidend, ebenfalls auf Parsel, und blickte nacheinander seinen Sohn und seine Tochter an. »Was hast du gesagt, Morfin?«

»Sie schaut diesen Muggel gerne an«, sagte Morfin mit gehässiger Miene, während er seine Schwester anstarrte, der jetzt die Angst im Gesicht stand. »Immer im Garten, wenn er vorbeikommt, stiert ihn durch die Hecke an, stimmt's? Und gestern Abend – «

Merope schüttelte flehend ruckartig den Kopf, aber Morfin fuhr umbarmherzig fort: »Hat sich aus dem Fenster gehängt und gewartet, dass er nach Hause reitet, nicht wahr?«

»Aus dem Fenster gehängt, um einen Muggel anzuschauen?«, sagte Gaunt leise.

Alle drei Gaunts schienen Ogden vergessen zu haben, der verwirrt und auch verärgert dreinblickte, als sie wieder in unverständliches Zischen und Schnarren ausbrachen.

»Ist das wahr?«, sagte Gaunt mit drohender Stimme und machte ein, zwei Schritte auf das verängstigte Mädchen zu. »Meine Tochter – reinblütiger Nachkomme von Salazar Slytherin – sehnt sich nach einem schmutzigen, dreckblütigen Muggel?«

Merope schüttelte verzweifelt den Kopf und drückte sich an die Wand, offenbar unfähig zu sprechen.

»Aber ich hab's ihm gezeigt, Vater!«, keckerte Morfin. »Ich hab's ihm gezeigt, als er hier vorbeikam. Und mit dem Ausschlag überall hat er gar nicht hübsch ausgesehen, oder, Merope?«

»Du widerliche kleine Squib, du dreckige kleine Blutsverräterin!«, brüllte Gaunt, der nun völlig die Beherrschung verlor, und seine Hände schlossen sich um die Kehle seiner Tochter.

Harry und Ogden schrien gleichzeitig »Nein!«; Ogden hob seinen Zauberstab und rief: »Relaschio!« Gaunt wurde rücklings von seiner Tochter weggerissen; er stolperte über einen Stuhl und fiel flach auf den Rücken. Brüllend vor Zorn sprang Morfin aus seinem Sessel und stürmte auf Ogden zu, schwang dabei sein blutiges Messer und feuerte wahllos Flüche aus seinem Zauberstab ab.

Ogden rannte um sein Leben. Dumbledore gab Harry ein Zeichen, dass sie ihm folgen sollten, und Harry gehorchte, während ihm Meropes Schreie noch in den Ohren klangen.

Ogden stürmte den Feldweg hoch und sprang, die Arme über dem Kopf, auf die Landstraße, wo er mit einem glänzenden, fuchsroten Pferd zusammenstieß, auf dem ein sehr gut aussehender, dunkelhaariger junger Mann saß. Der Mann und das hübsche Mädchen, das auf einem grauen Pferd an seiner Seite ritt, brachen in Gelächter aus, als sie Ogden sahen, der von der Flanke des Pferdes abprallte, sich wieder aufmachte und mit wehendem Gehrock und von Kopf bis Fuß voller Staub überstürzt die Straße hochrannte.

»Ich denke, das genügt, Harry«, sagte Dumbledore. Er fasste Harry am Ellbogen und zog daran. Einen Moment später schwebten sie beide schwerelos durch die Dunkelheit, bis sie in Dumbledores inzwischen dämmrigem Büro wieder sicher auf den Füßen landeten.

»Was ist mit dem Mädchen in dem Waldhaus passiert?«, fragte Harry sofort, während Dumbledore mit einem Schlenker seines Zauberstabs zusätzliche Lampen entzündete. »Merope oder wie sie hieß?«

»Oh, sie hat überlebt«, sagte Dumbledore, setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch und bedeutete Harry, ebenfalls Platz zu nehmen. »Ogden apparierte zurück ins Ministerium und kehrte fünfzehn Minuten später mit Verstärkung zurück. Morfin und sein Vater versuchten zu kämpfen, wurden aber beide überwältigt, von dem Haus weggebracht und anschließend vom Zaubergamot verurteilt. Morfin, der bereits wegen Angriffen auf Muggel vorbestraft war, wurde zu drei Jahren in Askaban verurteilt. Vorlost, der außer Ogden noch mehrere andere Ministeriumsangestellte verletzt hatte, bekam sechs Monate.«

»Vorlost?«, wiederholte Harry verwundert.

»Richtig«, sagte Dumbledore und lächelte anerkennend. »Ich freue mich, dass du folgen kannst.«

»Der alte Mann war –?«

»Voldemorts Großvater, ja«, sagte Dumbledore. »Vorlost, sein Sohn Morfin und seine Tochter Merope waren die Letzten der Gaunts, einer sehr alten Zaubererfamilie, bekannt für ihre labile und gewalttätige Veranlagung, die über die Generationen hinweg immer stärker wurde, weil sie an der Gewohnheit festhielten, ihre eigenen Cousins und Cousinen zu heiraten. Mangel an Vernunft, gepaart mit einer ausgeprägten Prunksucht, führte dazu, dass das Familiengold schon mehrere Generationen vor Vorlosts Geburt verschwendet war. Ihm blieben nur Verwahrlosung und Armut, wie du gesehen hast, dazu ein hässliches Naturell, unglaubliche Arroganz und großer Stolz und ein paar Familienerbstücke, die er genauso schätzte wie seinen Sohn, und um einiges mehr als seine Tochter.«

»Merope war also«, sagte Harry, beugte sich in seinem Stuhl vor und starrte Dumbledore an, »Merope war also … Sir, heißt das, sie war … Voldemorts Mutter?«

»In der Tat«, sagte Dumbledore. »Und zufälligerweise bekamen wir auch Voldemorts Vater kurz zu sehen. Ist es dir vielleicht aufgefallen?«

»Der Muggel, den Morfin angegriffen hat? Der Mann auf dem Pferd?«

»Sehr gut, wirklich«, sagte Dumbledore strahlend. »Ja, das war Tom Riddle senior, der gut aussehende Muggel, der beim Ausreiten oft am Haus der Gaunts vorbeikam und für den Merope Gaunt eine heimliche, glühende Leidenschaft hegte.«

»Und sie haben am Ende geheiratet?«, fragte Harry ungläubig, denn er konnte sich keine zwei Menschen vorstellen, bei denen es unwahrscheinlicher war, dass sie sich ineinander verliebten.

»Ich glaube, du vergisst«, sagte Dumbledore, »dass Merope eine Hexe war. Ich nehme an, dass ihre magischen Kräfte nicht besonders gut zur Geltung kamen, solange sie von ihrem Vater terrorisiert wurde. Sobald Vorlost und Morfin in sicherem Gewahrsam in Askaban saßen, sobald sie zum ersten Mal in ihrem Leben allein und frei war, konnte sie, da bin ich überzeugt, ihre Fähigkeiten ungehindert entfalten und ihre Flucht aus dem elenden Leben planen, das sie achtzehn Jahre lang geführt hatte.

Fällt dir nichts ein, was Merope hätte verwenden können, damit Tom Riddle seine Muggelgefährtin vergaß und sich stattdessen in sie verliebte?«

»Der Imperius-Fluch?«, schlug Harry vor. »Oder ein Liebestrank?«

»Sehr gut. Ich persönlich denke eher, dass sie einen Liebestrank benutzt hat. Ich bin sicher, das muss ihr romantischer vorgekommen sein, und ich glaube, es kann nicht sonderlich schwierig gewesen sein, Riddle, als er an einem heißen Tag alleine nach Hause ritt, zu einem Schluck Wasser zu überreden. Jedenfalls erfreute sich das Dorf Little Hangleton ein paar Monate nach dem Vorfall, dessen Zeuge wir eben wurden, an einem gewaltigen Skandal. Du kannst dir vorstellen, wie viel Klatsch es gab, als der Sohn des Gutsherrn mit Merope, der Tochter des Landstreichers, durchbrannte.

Aber der Schreck der Dorfbewohner war nichts im Vergleich zu dem von Vorlost. Er kehrte aus Askaban zurück und dachte, seine Tochter würde ihn pflichtbewusst mit einer warmen Mahlzeit auf dem Tisch erwarten. Stattdessen fand er eine zentimeterdicke Staubschicht und ihren Abschiedsbrief vor, in dem sie ihm erklärte, was sie getan hatte.

Nach allem, was ich herausfinden konnte, hat er von da an nie mehr ihren Namen oder ihre Existenz erwähnt. Der Schock über ihr Fortgehen mag zu seinem frühen Tod beigetragen haben – oder vielleicht hatte er auch einfach nie gelernt, für sich zu sorgen. Askaban hatte Vorlost außerordentlich geschwächt und er erlebte Morfins Rückkehr in sein Haus nicht mehr.«

»Und Merope? Sie … sie ist gestorben, oder? Ist Voldemort nicht in einem Waisenhaus aufgewachsen?«

»Ja, richtig«, sagte Dumbledore. »Wir sind hier auf einige Vermutungen angewiesen, allerdings glaube ich, dass sich leicht erschließen lässt, was geschah. Du musst wissen, wenige Monate nachdem sie durchgebrannt waren und geheiratet hatten, tauchte Tom Riddle wieder im Gutshaus in Little Hangleton auf, ohne seine Frau. Es gab wilde Gerüchte in der Nachbarschaft, dass er davon spreche, er sei ›hinters Licht geführt‹ und ›reingelegt‹ worden. Ich bin sicher, dass er eigentlich sagen wollte, er habe unter einem magischen Bann gestanden, der sich nun gelöst habe, vermutlich wagte er es aber nicht, genau diese Worte zu gebrauchen, aus Angst, man würde ihn für verrückt halten. Als sie hörten, was er sagte, nahmen die Dorfbewohner jedoch an, Merope habe Tom Riddle angelogen und so getan, als würde sie ein Kind von ihm bekommen, und er habe sie aus diesem Grund geheiratet.«

»Aber sie hat wirklich ein Kind von ihm bekommen.«

»Ja, aber erst ein Jahr nachdem sie geheiratet hatten. Tom Riddle verließ sie, während sie noch schwanger war.«

»Was ist schief gelaufen?«, fragte Harry. »Warum hat der Liebestrank aufgehört zu wirken?«

»Auch darüber können wir nur mutmaßen«, sagte Dumbledore, »aber ich glaube, dass Merope, die ihren Mann innig liebte, es nicht über sich brachte, ihn weiterhin mit magischen Mitteln zu versklaven. Ich glaube, sie hat beschlossen, ihm den Trank nicht länger zu verabreichen. Vernarrt wie sie war, hat sie sich vielleicht eingeredet, dass auch er sich inzwischen in sie verliebt hätte. Womöglich dachte sie, er würde um des Kindes willen bei ihr bleiben. Wenn es so war, dann hat sie sich in beiden Punkten geirrt. Er hat sie verlassen, hat sie nie mehr wiedergesehen und sich nie die Mühe gemacht herauszufinden, was aus seinem Sohn geworden ist.«

Der Himmel draußen war pechschwarz und die Lampen in Dumbledores Büro schienen heller zu leuchten als zuvor.

»Ich denke, das genügt für heute Abend, Harry«, sagte Dumbledore nach wenigen Augenblicken.

»Ja, Sir«, erwiderte Harry.

Er stand auf, ging aber nicht hinaus.

»Sir … ist es wichtig, all das über Voldemorts Vergangenheit zu wissen?«

»Sehr wichtig, denke ich«, sagte Dumbledore.

»Und hat es … hat es etwas mit der Prophezeiung zu tun?«

»Es hat alles mit der Prophezeiung zu tun.«

»Klar«, sagte Harry, ein wenig verwirrt, aber dennoch beruhigt.

Er wandte sich zum Gehen, da fiel ihm noch eine Frage ein, und er drehte sich wieder um.

»Sir, darf ich Ron und Hermine alles erzählen, was Sie mir gesagt haben?«

Dumbledore betrachtete ihn einen Moment lang, dann sagte er: »Ja, ich denke, Mr Weasley und Miss Granger haben sich als vertrauenswürdig erwiesen. Aber, Harry, ich muss dich bitten, ihnen zu sagen, dass sie nichts davon irgendjemand anderem weitererzählen dürfen. Es wäre nicht gut, wenn bekannt würde, wie viel ich über Lord Voldemorts Geheimnisse weiß oder ahne.«

»Nein, Sir, ich seh zu, dass nur Ron und Hermine davon erfahren. Gute Nacht.«

Er drehte sich erneut um und war schon fast an der Tür, als er ihn sah. Auf einem der kleinen storchbeinigen Tische, auf denen so viele zerbrechlich wirkende silberne Instrumente standen, lag ein hässlicher Goldring mit einem großen, zerbrochenen schwarzen Stein.

»Sir«, sagte Harry und starrte darauf. »Dieser Ring – «

»Ja?«, sagte Dumbledore.

»Sie trugen ihn in der Nacht, als wir Professor Slughorn besuchten.«

»Allerdings«, bestätigte Dumbledore.

»Aber ist das nicht … Sir, ist das nicht derselbe Ring, den Vorlost Gaunt damals Ogden gezeigt hat?«

Dumbledore neigte den Kopf.

»Genau derselbe.«

»Aber wie kommt es –? Haben Sie ihn die ganze Zeit gehabt?«

»Nein, ich habe ihn erst vor kurzem erworben«, sagte Dumbledore. »Genauer gesagt, einige Tage bevor ich dich von deiner Tante und deinem Onkel abholte.«

»Das war also ungefähr, als Sie sich die Hand verletzt haben, Sir?«

»Ungefähr, ja, Harry.«

Harry zögerte. Dumbledore lächelte.

»Sir, wie genau –?«

»Zu spät, Harry! Du wirst die Geschichte ein andermal hören. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, Sir.«

Hermines helfende Hand

Wie Hermine vorausgesagt hatte, waren die Freistunden der Sechstklässler nicht die Zeiten seliger Entspannung, die Ron sich ersehnt hatte, sondern Arbeitsstunden, in denen sie versuchen mussten, ihren gewaltigen Berg an Hausaufgaben zu bewältigen. Sie lernten nicht nur, als hätten sie täglich Prüfungen, auch der Unterricht selbst war nun anspruchsvoller denn je. Harry verstand inzwischen kaum mehr die Hälfte von dem, was Professor McGonagall ihnen erzählte; sogar Hermine hatte die Lehrerin ein- oder zweimal bitten müssen, ihre Anweisungen zu wiederholen. Unglaublicherweise und zu Hermines wachsendem Unmut war Zaubertränke plötzlich Harrys bestes Fach geworden – dank dem Halbblutprinzen.

Ungesagte Zauber wurden inzwischen vorausgesetzt, nicht nur in Verteidigung gegen die dunklen Künste, sondern auch in Zauberkunst und Verwandlung. Wenn Harry im Gemeinschaftsraum oder während der Mahlzeiten zu seinen Klassenkameraden hinübersah, bemerkte er des Öfteren, dass sie puterrot waren und die Gesichter verzogen, als hätten sie eine Überdosis Du-scheißt-nie-mehr eingenommen; aber er wusste, dass sie sich in Wirklichkeit damit abmühten, zu zaubern, ohne die Zauberformeln laut auszusprechen. Es war eine angenehme Unterbrechung, nach draußen in die Gewächshäuser zu kommen; in Kräuterkunde beschäftigten sie sich zwar mit gefährlicheren Pflanzen denn je, aber wenigstens durften sie noch laut fluchen, wenn die Giftige Tentakula sie unerwartet von hinten packte.

Ihr enormes Arbeitspensum und die vielen hektischen Stunden, in denen sie ungesagte Zauber übten, waren Gründe dafür, dass Harry, Ron und Hermine bislang noch keine Zeit gehabt hatten, Hagrid besuchen zu gehen. Er kam nicht mehr zu den Mahlzeiten an den Lehrertisch, ein unheilvolles Zeichen, und bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen sie ihm in den Korridoren oder draußen auf dem Gelände begegnet waren, hatte er sie unbegreiflicherweise nicht bemerkt oder ihre Grüße nicht erwidert.

»Wir müssen hingehen und es ihm erklären«, sagte Hermine am folgenden Samstag beim Frühstück, als sie zu Hagrids riesigem leerem Stuhl am Lehrertisch hochblickte.

»Heute Morgen haben wir Quidditch-Auswahlspiele!«, sagte Ron. »Und wir sollen auch noch diesen Aguamenti-Zauber für Flitwick üben! Außerdem, was denn erklären? Wie sollen wir ihm erklären, dass wir sein blödes Fach gehasst haben?«

»Wir haben es nicht gehasst!«, erwiderte Hermine.

»Da kannst du nur für dich selbst sprechen, ich hab die Kröter jedenfalls nicht vergessen«, bemerkte Ron düster. »Und ich sag dir, wir sind um Haaresbreite davongekommen. Du hast nicht gehört, wie er sich über seinen bescheuerten Bruder ausgelassen hat – wenn wir geblieben wären, hätten wir Grawp noch beibringen müssen, wie man sich die Schuhe zubindet.«

»Ich hasse es, wenn wir nicht mit Hagrid sprechen«, sagte Hermine und sah verstimmt aus.

»Nach Quidditch gehen wir runter«, versicherte ihr Harry. Auch er vermisste Hagrid, obwohl er wie Ron glaubte, sie könnten auf Grawp in ihrem Leben ganz gut verzichten. »Aber die Testspiele dauern vielleicht den ganzen Morgen, bei den vielen Leuten, die sich beworben haben.« Er war ein wenig nervös angesichts der ersten Hürde, die er als Kapitän nehmen musste. »Keine Ahnung, warum alle plötzlich so scharf auf die Mannschaft sind.«

»Nun hör aber auf, Harry«, sagte Hermine, mit einem Mal ungehalten. »Die sind doch nicht scharf auf Quidditch, die sind scharf auf dich! Du warst nie interessanter und, ehrlich gesagt, du warst nie beliebter.«

Ron verschluckte sich an einem großen Stück Räucherhering. Hermine hatte nur einen geringschätzigen Blick für ihn übrig, ehe sie sich wieder Harry zuwandte.

»Alle wissen jetzt, dass du die Wahrheit gesagt hast, oder? Die ganze magische Gemeinschaft musste zugeben, dass du Recht hattest, dass Voldemort zurück ist, und dass du tatsächlich in den letzten beiden Jahren zweimal gegen ihn gekämpft hast und beide Male entkommen bist. Und jetzt nennen sie dich den ›Auserwählten‹ – also, hör mal, kannst du nicht verstehen, warum die Leute von dir fasziniert sind?«

Harry fand es in der Großen Halle plötzlich sehr heiß, obwohl die Decke immer noch kalt und regnerisch aussah.

»Und du hast diese ganzen Schikanen des Ministeriums überstanden, als sie versucht haben, dich als unzuverlässig und als Lügner darzustellen. Man kann immer noch die Narben sehen, wo diese niederträchtige Frau dich gezwungen hat, mit deinem eigenen Blut zu schreiben, aber du bist trotzdem bei deiner Geschichte geblieben.«

»Man kann immer noch sehen, wo mich diese Gehirne im Ministerium gepackt haben, schau mal«, sagte Ron und schüttelte sich die Ärmel hoch.

»Und dabei schadet es auch nicht, dass du im Sommer gut dreißig Zentimeter gewachsen bist«, schloss Hermine, ohne Ron zu beachten.

»Ich bin groß«, quatschte Ron dazwischen.

Die Posteulen trafen ein, stießen durch regengesprenkelte Fenster herab und bespritzten alle mit Wassertröpfchen. Die meisten Schüler erhielten mehr Post als üblich; besorgte Eltern wollten unbedingt von ihren Kindern hören und ihnen umgekehrt versichern, dass zu Hause alles in Ordnung war. Harry hatte seit Beginn des Schuljahrs keine Post erhalten; sein einziger regelmäßiger Briefpartner war jetzt tot, und obwohl er gehofft hatte, dass Lupin gelegentlich schreiben würde, war er bislang enttäuscht worden. Daher überraschte es ihn sehr, als er die schneeweiße Hedwig zwischen all den braunen und grauen Eulen ihre Kreise ziehen sah. Sie landete vor ihm mit einem großen, rechteckigen Päckchen. Einen Augenblick später landete ein gleiches Päckchen vor Ron und begrub seine winzige und erschöpfte Eule Pigwidgeon unter sich.

»Ha!«, sagte Harry, als er das Paket aufgemacht hatte und ein neues Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene, frisch von Flourish & Blotts, zum Vorschein kam.

»Oh, gut«, sagte Hermine erfreut. »Jetzt kannst du dieses voll gekritzelte Buch zurückgeben.«

»Bist du verrückt?«, sagte Harry. »Das behalte ich! Sieh mal, ich hab mir was überlegt – «

Er zog das alte Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene aus seiner Tasche, tippte mit seinem Zauberstab auf den Buchumschlag und murmelte »Diffindo!«. Der Umschlag fiel ab. Das Gleiche tat er mit dem nagelneuen Buch (Hermine machte ein entsetztes Gesicht). Dann tauschte er die Umschläge aus, tippte auf beide und sagte »Reparo!«.

Da lag das Exemplar des Prinzen, verkleidet als neues Buch, und dort das druckfrische Exemplar von Flourish & Blotts, das vollkommen gebraucht aussah.

»Ich geb Slughorn das neue zurück. Er kann sich nicht beschweren, es hat neun Galleonen gekostet.«

Hermine presste die Lippen zusammen und sah wütend und missbilligend drein, wurde jedoch von einer dritten Eule abgelenkt, die mit der aktuellen Ausgabe des Tagespropheten vor ihr landete. Sie breitete ihn hastig aus und überflog die Titelseite.

»Jemand gestorben, den wir kennen?«, fragte Ron in betont beiläufigem Ton; er stellte diese Frage immer, wenn Hermine ihre Zeitung aufschlug.

»Nein, aber es gab noch mehr Dementorenangriffe«, sagte sie. »Und eine Festnahme.«

»Klasse, wer?«, fragte Harry und dachte an Bellatrix Lestrange.

»Stan Shunpike«, antwortete Hermine.

»Was?«, gab Harry verdutzt zurück.

»›Stanley Shunpike, Schaffner des beliebten magischen Transportmittels Der Fahrende Ritter, wurde wegen Verdacht auf Betätigung als Todesser festgenommen. Mr Shunpike, 21, wurde gestern spät in der Nacht nach einer Razzia in seiner Wohnung in Clapham verhaftet …‹«

»Stan Shunpike, ein Todesser?«, sagte Harry und erinnerte sich an den pickeligen jungen Mann, den er vor drei Jahren zum ersten Mal getroffen hatte. »Unmöglich!«

»Vielleicht stand er unter dem Imperius-Fluch«, sagte Ron nachdenklich. »Das weiß man nie.«

»Sieht nicht danach aus«, sagte Hermine, die immer noch las. »Hier heißt es, er sei verhaftet worden, nachdem jemand zufällig mitbekam, wie er in einem Pub über die geheimen Pläne der Todesser sprach.« Sie blickte mit sorgenvoller Miene auf. »Wenn er unter dem Imperius-Fluch war, hätte er wohl kaum irgendwo rumgestanden und über ihre Pläne getratscht, oder?«

»Hört sich an, als wollte er vortäuschen, dass er mehr weiß, als er tatsächlich wusste«, sagte Ron. »Ist das nicht der, der auch behauptet hat, er würde Zaubereiminister werden, als er diese Veela angraben wollte?«

»Ja, genau der«, sagte Harry. »Keine Ahnung, was die vorhaben, wenn sie Stan tatsächlich ernst nehmen.«

»Die wollen wahrscheinlich den Eindruck erwecken, als würden sie durchgreifen«, sagte Hermine stirnrunzelnd. »Die Leute haben schreckliche Angst – habt ihr gehört, dass die Eltern der Patil-Zwillinge möchten, dass sie nach Hause kommen? Und Eloise Midgeon hat man schon von der Schule genommen. Ihr Vater hat sie gestern Abend abgeholt.«

»Wie bitte?«, sagte Ron und stierte Hermine an. »Aber Hogwarts ist sicherer als ihre Häuser, garantiert! Wir haben Auroren, und die ganzen zusätzlichen Schutzzauber, und wir haben Dumbledore!«

»Ich glaub nicht, dass wir ihn die ganze Zeit über haben!«, sagte Hermine sehr leise und warf über den Rand des Propheten einen Blick zum Lehrertisch. »Ist es euch nicht aufgefallen? Sein Platz war diese Woche so oft leer wie der von Hagrid.«

Harry und Ron sahen hoch zum Lehrertisch. Der Stuhl des Schulleiters war tatsächlich leer. Nun, da Harry darüber nachdachte, wurde ihm klar, dass er Dumbledore seit ihrem Einzelunterricht vor einer Woche nicht mehr gesehen hatte.

»Ich glaube, er hat die Schule verlassen, um irgendwas mit dem Orden zu machen«, sagte Hermine mit gedämpfter Stimme. »Ich meine … das sieht doch alles ernst aus, oder?«

Harry und Ron antworteten nicht, aber Harry wusste, dass sie alle denselben Gedanken hatten. Am Tag zuvor hatte es einen schrecklichen Zwischenfall gegeben, Hannah Abbott war aus Kräuterkunde geholt worden, und man hatte ihr mitgeteilt, dass ihre Mutter tot aufgefunden worden war. Seither hatten sie Hannah nicht mehr gesehen.

Als sie fünf Minuten später den Gryffindor-Tisch verließen und sich auf den Weg hinunter zum Quidditch-Feld machten, kamen sie an Lavender Brown und Parvati Patil vorbei. Harry erinnerte sich daran, dass Hermine gesagt hatte, die Eltern der Patil-Zwillinge wollten, dass sie Hogwarts verließen, und war deshalb nicht überrascht, dass die beiden unzertrennlichen Freundinnen miteinander tuschelten und einen bekümmerten Eindruck machten. Was ihn allerdings überraschte, war, dass Parvati, als Ron auf ihrer Höhe war, Lavender plötzlich anstupste, die sich daraufhin umblickte und Ron ein breites Lächeln schenkte. Ron zwinkerte ihr zu, dann erwiderte er das Lächeln unsicher. Prompt verfiel er in eine Art Stolzieren. Harry verkniff sich das Lachen, denn er dachte daran, dass Ron auch nicht gelacht hatte, nachdem Malfoy Harrys Nase gebrochen hatte. Hermine jedoch wirkte den ganzen Weg zum Stadion hinunter durch den kühlen, nebligen Niesel kalt und abweisend und ließ die beiden dann stehen, ohne Ron Glück zu wünschen, um sich einen Platz auf der Tribüne zu suchen.

Wie Harry erwartet hatte, nahm die Auswahl der Spieler fast den ganzen Morgen in Anspruch. Das halbe Haus Gryffindor war offenbar gekommen, von Erstklässlern, die sich nervös an ein paar von den miserablen alten Schulbesen klammerten, bis zu Siebtklässlern, die alle anderen überragten und coole, einschüchternde Mienen aufgesetzt hatten. Zu ihnen gehörte auch ein mächtiger, drahthaariger Junge, den Harry sofort vom Hogwarts-Express wiedererkannte.

»Wir haben uns im Zug getroffen, im Abteil vom alten Sluggy«, sagte er selbstbewusst und trat aus der Menge hervor, um Harry die Hand zu schütteln. »Cormac McLaggen, Hüter.«

»Du hast dich letztes Jahr nicht beworben, oder?«, fragte Harry, indem er zur Kenntnis nahm, wie breit McLaggen war, und überlegte, dass er wahrscheinlich alle drei Torringe decken könnte, ohne sich auch nur zu bewegen.

»Ich war im Krankenflügel, als die Testspiele stattfanden«, sagte McLaggen etwas großspurig. »Hatte 'ne Wette, dass ich ein Pfund Doxyeier esse.«

»Alles klar«, sagte Harry. »Also … warte einfach dort drüben …«

Er deutete hinüber zum Spielfeldrand, ganz in die Nähe von Hermines Platz. Es sah aus, als huschte ein Anflug von Ärger über McLaggens Gesicht, und Harry fragte sich, ob er wohl eine Vorzugsbehandlung von ihm erwartete, weil sie beide Lieblinge vom »alten Sluggy« waren.

Harry beschloss, zunächst die Grundkenntnisse zu testen, und bat alle Bewerber für die Mannschaft, sich in Zehnergruppen aufzuteilen und einmal ums Feld zu fliegen. Das war eine gute Entscheidung: Die erste Zehnergruppe bestand aus lauter Erstklässlern, und es war eindeutig zu sehen, dass sie vorher kaum jemals geflogen waren. Nur einem Jungen gelang es, länger als ein paar Sekunden in der Luft zu bleiben, was ihn selbst so überraschte, dass er prompt gegen einen der Torpfosten knallte.

In der zweiten Gruppe waren zehn der albernsten Mädchen, die Harry je erlebt hatte; auf seinen Pfiff hin kugelten sie sich nur vor lauter Kichern und klammerten sich aneinander fest. Unter ihnen war auch Romilda Vane. Als er sie aufforderte, das Feld zu verlassen, gehorchten sie mit dem größten Vergnügen und setzten sich auf die Tribüne, um allen anderen auf die Nerven zu gehen.

Die dritte Gruppe hatte auf halbem Weg um das Feld eine Massenkarambolage. Die meisten aus der vierten Gruppe waren ohne Besen gekommen. Die fünfte Gruppe bestand aus Hufflepuffs.

»Wenn noch wer hier ist, der nicht aus Gryffindor kommt«, brüllte Harry, der allmählich ernsthaft genervt war, »dann geht der jetzt bitte!«

Stille trat ein, dann stürmten ein paar kleine Ravenclaws schnaubend vor Lachen vom Feld.

Nach zwei Stunden, vielen Beschwerden und mehreren Wutanfällen – darunter einer wegen eines demolierten Kometen Zwei-Sechzig und mehrerer kaputter Zähne – hatte Harry drei Jäger ausgesucht: Katie Bell, die nach einem glänzenden Testspiel in die Mannschaft zurückkehrte, eine Neuentdeckung namens Demelza Robins, die besonders gut Klatschern ausweichen konnte, und Ginny Weasley, die die gesamte Konkurrenz in den Schatten geflogen und obendrein noch siebzehn Tore geschossen hatte. So zufrieden Harry mit seiner Auswahl auch war, hatte er sich wegen der vielen Nörgler doch heiser geschrien und musste nun einen ähnlichen Kampf mit den abgelehnten Treibern durchstehen.

»Das ist meine endgültige Entscheidung, und wenn ihr jetzt nicht Platz macht für die Hüter, hex ich euch was auf den Hals«, brüllte er.

Keiner der Treiber in seiner Auswahl war so brillant wie einst Fred und George, aber er war trotzdem leidlich zufrieden mit ihnen: Jimmy Peakes, ein kleiner, aber breitbrüstiger Drittklässler, der wie ein Berserker auf einen Klatscher eingedroschen und damit Harrys Hinterkopf eine hühnereigroße Beule verpasst hatte, und Richie Coote, der schwächlich aussah, aber ein guter Schütze war. Sie hatten sich nun zu Katie, Demelza und Ginny auf die Tribüne gesetzt, um bei der Auswahl ihres letzten Mannschaftsmitglieds zuzusehen.

Harry hatte das Testspiel der Hüter absichtlich ganz an den Schluss gestellt, in der Hoffnung, das Stadion wäre dann nicht mehr so voll und der Druck für alle Beteiligten geringer. Doch leider hatten sich inzwischen sämtliche abgelehnten Spieler zu den Zuschauern gesellt, außerdem eine Anzahl von Schülern, die nach einem ausgedehnten Frühstück zum Zusehen heruntergekommen waren, und die Menge war nun größer denn je. Jedes Mal, wenn ein Hüter zu den Torringen hochflog, brüllte und höhnte das Publikum gleichermaßen. Harry warf einen Blick zu Ron hinüber, der immer schon ein Problem mit den Nerven gehabt hatte; Harry hatte gehofft, der Sieg im letztjährigen Endspiel wäre vielleicht heilsam für ihn gewesen, doch offenbar vergeblich: Ron hatte eine zartgrüne Farbe.

Keiner der ersten fünf Bewerber hielt mehr als zwei Torschüsse. Zu Harrys großer Enttäuschung hielt Cormac McLaggen vier von fünf Strafschüssen. Beim letzten stürzte er jedoch in die völlig falsche Richtung; die Menge lachte und buhte, und McLaggen kehrte zähneknirschend zum Boden zurück.

Ron war offenbar kurz davor, in Ohnmacht zu fallen, als er auf seinen Sauberwisch Elf stieg.

»Viel Glück!«, rief eine Stimme von der Tribüne her. Harry blickte sich um, in der Erwartung, Hermine zu sehen, aber es war Lavender Brown. Er hätte gern sein Gesicht in den Händen verborgen, wie sie es einen Moment später tat, dachte aber, dass er als Kapitän eher kühlen Kopf beweisen musste, und wandte den Blick, um Ron bei seinem Testspiel zuzusehen.

Doch seine Sorgen waren unbegründet: Ron hielt einen, zwei, drei, vier, fünf Strafschüsse hintereinander. Harry war hocherfreut und konnte sich nur mühsam davon abhalten, in die Jubelrufe der Menge einzustimmen. Er drehte sich zu McLaggen, um ihm zu sagen, dass Ron ihn, zu seinem größten Bedauern, geschlagen hatte, als er auch schon McLaggens rotes Gesicht ein paar Zentimeter vor seinem eigenen sah. Hastig trat er einen Schritt zurück.

»Seine Schwester hat es nicht richtig versucht«, sagte McLaggen drohend. Eine Ader pulsierte an seiner Schläfe, wie die von Onkel Vernon, die Harry so oft bewundert hatte. »Sie hat ihm praktisch einen geschenkt.«

»Unsinn«, sagte Harry kühl. »Das war gerade der, den er fast nicht gekriegt hätte.«

McLaggen ging einen Schritt auf Harry zu, der diesmal fest stehen blieb.

»Gib mir noch einen Versuch.«

»Nein«, sagte Harry. »Du hattest deinen Versuch. Du hast vier gehalten. Ron hat fünf gehalten. Ron ist der Hüter, er hat fair und ehrlich gewonnen. Geh mir aus dem Weg.«

Einen Moment lang dachte er, McLaggen würde ihn schlagen, doch er begnügte sich mit einer fiesen Grimasse und stürmte davon, und sein Knurren hörte sich an wie Drohungen ins Leere hinein.

Als Harry sich umdrehte, stand seine neue Mannschaft vor ihm und strahlte ihn an.

»Gut gemacht«, krächzte er. »Ihr seid echt gut geflogen – «

»Du warst klasse, Ron!«

Diesmal war es wirklich Hermine, die von der Tribüne her auf sie zurannte; Harry sah, wie Lavender das Feld verließ, Arm in Arm mit Parvati und mit ziemlich mürrischer Miene. Ron schien sehr zufrieden mit sich und wirkte sogar noch größer als sonst, als er reihum der Mannschaft und Hermine zugrinste.

Sie vereinbarten eine Zeit für ihr erstes richtiges Training am kommenden Donnerstag, dann verabschiedeten sich Harry, Ron und Hermine vom Rest der Mannschaft und machten sich auf den Weg zu Hagrid. Eine blasse Sonne versuchte eben durch die Wolken zu brechen, und es hatte endlich aufgehört zu nieseln. Harry war furchtbar hungrig; er hoffte, bei Hagrid würde es etwas zu essen geben.

»Ich dachte schon, diesen vierten Strafschuss würd ich verpassen«, sagte Ron glücklich. »War 'n raffinierter Schuss von Demelza, habt ihr den gesehen, der hatte so 'nen leichten Drall – «

»Ja, ja, du warst großartig«, erwiderte Hermine und schaute belustigt drein.

»Jedenfalls war ich besser als dieser McLaggen«, sagte Ron voller Genugtuung. »Hast du gesehen, wie er bei seinem fünften in die falsche Richtung gerumpelt ist? Sah aus, als hätte ihm jemand einen Verwechslungszauber …«

Zu Harrys Überraschung wurde Hermine bei diesen Worten ganz dunkelrosa im Gesicht. Ron bemerkte nichts; er war zu sehr damit beschäftigt, jeden seiner vier anderen Strafschüsse liebevoll in allen Einzelheiten zu schildern.

Der große graue Hippogreif Seidenschnabel war vor Hagrids Hütte angeleint. Als sie näher kamen, klackerte er mit seinem rasiermesserscharfen Schnabel und wandte ihnen seinen gewaltigen Kopf zu.

»Meine Güte«, sagte Hermine nervös. »Er macht einem immer noch ein bisschen Angst, stimmt's?«

»Nun hör aber auf, du bist doch auf ihm geritten, oder?«, sagte Ron.

Harry trat vor und verbeugte sich tief vor dem Hippogreif, ohne den Augenkontakt mit ihm zu verlieren oder zu blinzeln. Nach einigen Sekunden machte auch Seidenschnabel eine Verbeugung.

»Wie geht es dir?«, fragte Harry ihn mit leiser Stimme und näherte sich, um den fedrigen Kopf zu streicheln. »Du vermisst ihn? Aber hier bei Hagrid geht's dir doch gut, nicht wahr?«

»He«, sagte eine laute Stimme.

Hagrid war hinter seiner Hütte hervorgekommen, in einer großen geblümten Schürze und mit einem Sack Kartoffeln in der Hand. Sein riesiger Saurüde Fang folgte ihm auf den Fersen; Fang ließ ein freudiges Bellen hören und stürmte vorwärts.

»Weg da von dem! Der beißt euch noch die Finger – oh. Ihr seid das.«

Fang sprang an Hermine und Ron hoch und versuchte, ihnen die Ohren abzuschlecken. Hagrid stand kurz da und blickte sie alle an, dann drehte er sich um, marschierte in seine Hütte und schlug die Tür hinter sich zu.

»Ach je!«, sagte Hermine mit verzweifeltem Blick.

»Mach dir deswegen keine Sorgen«, sagte Harry grimmig. Er ging hinüber zur Tür und klopfte laut.

»Hagrid! Mach auf, wir wollen mit dir reden!«

Von drinnen kam kein Laut.

»Wenn du die Tür nicht aufmachst, sprengen wir sie auf!«, rief Harry, während er seinen Zauberstab zog.

»Harry!«, sagte Hermine und klang schockiert. »Du kannst doch unmöglich – «

»Ich kann sehr wohl!«, erwiderte Harry. »Geht zurück – «

Aber noch ehe er irgendetwas anderes sagen konnte, flog die Tür wieder auf, wie Harry geahnt hatte, und da stand Hagrid, blickte finster auf ihn hinunter und machte trotz seines geblümten Schürzchens einen ausgesprochen beunruhigenden Eindruck.

»Ich bin ein Lehrer!«, brüllte er Harry an. »Ein Lehrer, Potter! Wie kannst du's wagen, meine Tür aufzubrech'n!«

»Tut mir Leid, Sir«, sagte Harry mit Betonung auf dem letzten Wort und steckte seinen Zauberstab in den Umhang.

Hagrid blickte verdutzt.

»Seit wann nenns' du mich ›Sir‹?«

»Seit wann nennst du mich ›Potter‹?«

»Oh, sehr schlau«, knurrte Hagrid. »Sehr witzig. Da haste mich aber ausgetrickst, was? Na gut, dann kommt halt rein, ihr undankbaren kleinen …«

Düster vor sich hin murmelnd, trat er beiseite und ließ sie vorbei. Hermine, die recht ängstlich aussah, huschte nach Harry hinein.

»Nu?«, sagte Hagrid grantig, als Harry, Ron und Hermine sich um seinen riesigen Holztisch setzten, Fang seinen Kopf sofort auf Harrys Knie legte und seinen ganzen Umhang voll sabberte. »Was soll das? Schlechtes Gewissen weg'n mir? Denkt wohl, ich wär einsam oder was?«

»Nein«, erwiderte Harry schnell. »Wir wollten dich sehen.«

»Wir haben dich vermisst!«, sagte Hermine mit bebender Stimme.

»Mich vermisst, ach so?«, schnaubte Hagrid. »Ja. Klar.«

Er drehte sich stampfend um und kochte Tee in seinem gewaltigen Kupferkessel, unaufhörlich vor sich hin murrend. Schließlich knallte er drei eimergroße Becher mahagonibraunen Tee und einen Teller mit seinen Felsenkeksen vor sie hin. Harry war so hungrig, dass er sogar Hagrids Backkünste nicht verschmähte, und nahm sich rasch einen.

»Hagrid«, sagte Hermine zaghaft, als er sich zu ihnen an den Tisch setzte und anfing, seine Kartoffeln so brutal zu schälen, dass man meinen konnte, jede Knolle hätte ihm ein großes persönliches Unrecht angetan. »Wir wollten wirklich mit Pflege magischer Geschöpfe weitermachen, weißt du?«

Hagrid schnaubte noch einmal heftig. Harry meinte zu sehen, wie ein paar Popel auf den Kartoffeln landeten, und war insgeheim dankbar, dass sie nicht zum Abendessen blieben.

»Ja, wollten wir!«, sagte Hermine. »Aber keiner von uns hat es mehr in seinem Stundenplan untergekriegt!«

»Ja. Klar«, sagte Hagrid noch einmal.

Ein komisches Glucksen ertönte und alle blickten sich um: Hermine stieß einen spitzen Schrei aus, und Ron sprang von seinem Stuhl auf und rannte um den Tisch, weit weg von dem großen Fass in der Ecke, das sie eben erst bemerkt hatten. Es war gefüllt mit etwas, das aussah wie dreißig Zentimeter lange Maden; glitschig, weiß und wuselig.

»Was ist das, Hagrid?«, fragte Harry und versuchte dabei, interessiert zu klingen und nicht angewidert, legte aber trotzdem seinen Felsenkeks beiseite.

»Nur Riesenraupen«, sagte Hagrid.

»Und aus denen werden mal …?«, sagte Ron mit besorgter Miene.

»Gar nix wird aus denen mal«, erwiderte Hagrid. »Ich hab die nur als Futter für Aragog.«

Und urplötzlich brach er in Tränen aus.

»Hagrid!«, rief Hermine, sprang auf, rannte den längeren Weg um den Tisch herum, um nicht an dem Raupenfass vorbeizukommen, und legte ihm den Arm um die schlotternden Schultern. »Was ist denn?«

»Es is' … wegen ihm …«, schluchzte Hagrid mit tränenden, käferschwarzen Augen und wischte sich mit seiner Schürze das Gesicht ab. »Es is' … Aragog … ich glaub, er stirbt … Er is' im Sommer krank geworden und's wird nich besser mit ihm … Ich weiß nich, was ich tun soll, wenn er … wenn er … wir sin' so lang zusammen gewesen …«

Hermine tätschelte Hagrids Schulter, offenbar vollkommen ratlos, was sie dazu sagen sollte. Harry wusste, was in ihr vorging. Er hatte miterlebt, wie Hagrid einem bösartigen Drachenbaby einen Teddybären geschenkt hatte, wie er Riesenskorpione mit Saugnäpfen und Stacheln angeschmachtet hatte und wie er versucht hatte, mit seinem Halbbruder, einem brutalen Riesen, vernünftig zu reden, aber das war vielleicht die unverständlichste seiner ganzen Monsterliebhabereien: die gigantische sprechende Spinne Aragog, die tief im Verbotenen Wald hauste und der er und Ron vier Jahre zuvor nur knapp entronnen waren.

»Können wir – können wir irgendwas tun?«, fragte Hermine, sie ignorierte Ron, der hektisch Grimassen schnitt und den Kopf schüttelte.

»Ich glaub nich, Hermine«, würgte Hagrid hervor und versuchte, gegen den Tränenstrom anzukämpfen. »Weißt du, der Rest vom Stamm … die Familie von Aragog … die werden 'n bisschen komisch, jetzt wo er krank is' … bisschen zapplig …«

»Ja, ich glaub, von der Seite haben wir sie schon ein bisschen kennen gelernt«, sagte Ron halblaut.

»… ich glaub, es wär im Moment nich sicher, wenn jemand außer mir in die Nähe von der Kolonie geht«, schloss Hagrid, schnäuzte sich heftig in seine Schürze und blickte auf. »Aber danke fürs Angebot, Hermine … weiß ich zu schätzen …«

Danach wurde die Stimmung erheblich lockerer, denn obwohl weder Harry noch Ron irgendein Interesse gezeigt hatten, zu einer mörderischen, monströsen Spinne zu gehen und sie mit Riesenraupen zu füttern, schien es für Hagrid selbstverständlich, dass sie das gerne getan hätten, und er wurde wieder ganz der Alte.

»Ah, ich hab immer gewusst, 's wird schwierig für euch, mich in euern Stundenplan zu quetschen«, sagte er brummig und schenkte ihnen Tee nach. »Selbst wenn ihr Zeitumkehrer beantragt hättet – «

»Das wär nicht gegangen«, sagte Hermine. »Wir haben den ganzen Ministeriumsbestand an Zeitumkehrern demoliert, als wir im Sommer dort waren. Es stand im Tagespropheten.«

»Ah, na denn«, sagte Hagrid, »hättet ihr's gar nich machen können … 'tschuldigung, dass ich – ihr wisst schon – hab mir nur Sorgen gemacht wegen Aragog … und ich hab mich gefragt, ob ihr, wenn Professor Raue-Pritsche euch unterrichtet hätt' – «

Worauf alle drei entschieden und wahrheitswidrig verkündeten, dass Professor Raue-Pritsche, die Hagrid einige Male vertreten hatte, eine schreckliche Lehrerin sei, mit der Folge, dass Hagrid, als er sie bei Einbruch der Dämmerung winkend aus der Hütte verabschiedete, ziemlich vergnügt aussah.

»Ich verhungere gleich«, sagte Harry, sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte und sie über das dunkle und verlassene Gelände eilten; er hatte den Felsenkeks nach einem Unheil verkündenden Knacken eines seiner Backenzähne weggelegt. »Und ich hab heute Abend dieses Nachsitzen bei Snape, also nicht viel Zeit zum Abendessen …«

Als sie ins Schloss kamen, sahen sie, wie Cormac McLaggen die Große Halle betrat. Er brauchte zwei Anläufe, um durch die Tür zu gelangen; beim ersten Versuch prallte er gegen den Türrahmen. Ron lachte nur schadenfroh und stolzierte nach ihm in die Halle, aber Harry packte Hermine am Arm und hielt sie zurück.

»Was ist?«, sagte Hermine abwehrend.

»Wenn du mich fragst«, sagte Harry leise, »dann sieht McLaggen tatsächlich so aus, als hätte ihn jemand mit einem Verwechslungszauber belegt. Und er stand genau vor dem Platz, auf dem du gesessen hast.«

Hermine errötete.

»Okay, na schön, ich hab's getan«, flüsterte sie. »Aber du hättest hören sollen, wie der über Ron und Ginny hergezogen ist! Jedenfalls hat er eine fiese Art, du hast ja gesehen, wie er reagiert hat, als er nicht aufgenommen wurde – so einen hättest du doch nicht in der Mannschaft haben wollen.«

»Nein«, sagte Harry. »Nein, da hast du wohl Recht. Aber war das nicht unfair, Hermine? Ich meine, du bist doch Vertrauensschülerin, oder?«

»Ach, hör doch auf«, fauchte sie, als er grinste.

»Was macht ihr zwei denn da?«, wollte Ron wissen, der wieder im Eingang zur Großen Halle auftauchte und sie argwöhnisch anblickte.

»Nichts«, sagten Harry und Hermine gleichzeitig und eilten ihm hinterher. Beim Roastbeefgeruch tat Harrys Magen weh vor lauter Hunger, doch kaum waren sie drei Schritte auf den Gryffindor-Tisch zugegangen, da tauchte Professor Slughorn vor ihnen auf und versperrte ihnen den Weg.

»Harry, Harry, genau der Mann, auf den ich gewartet habe!«, dröhnte er leutselig, zwirbelte die Spitzen seines Walrossbarts und blähte seinen gewaltigen Wanst. »Ich hatte gehofft, Sie noch vor dem Essen zu erwischen! Wie wäre es stattdessen mit einem Imbiss heute Abend in meinen Räumen? Wir geben eine kleine Party, nur ein paar von den künftigen Stars. McLaggen wird kommen, und Zabini, die reizende Melinda Bobbin – ich weiß nicht, ob Sie die kennen. Ihre Familie besitzt eine große Apothekenkette – und natürlich hoffe ich sehr, dass auch Miss Granger mich mit ihrer Anwesenheit beehren wird.«

Bei diesen Worten machte Slughorn eine kleine Verbeugung vor Hermine. Es war, als ob Ron Luft wäre; Slughorn sah ihn kein einziges Mal an.

»Ich kann nicht kommen, Professor«, sagte Harry sofort. »Ich hab Nachsitzen bei Professor Snape.«

»Oje!«, sagte Slughorn mit komisch wirkender Trauermiene. »Oje, oje, ich hatte mit Ihnen gerechnet, Harry! Nun ja, ich werde einfach ein Wörtchen mit Severus reden und ihm die Sache erklären müssen, sicher kann ich ihn davon überzeugen, Ihr Nachsitzen zu verschieben. Ja, ich sehe Sie beide später!«

Er hastete geschäftig aus der Halle hinaus.

»Der hat keine Chance, Snape zu überreden«, sagte Harry, sobald Slughorn außer Hörweite war. »Dieses Nachsitzen wurde schon einmal verschoben; Snape hat es für Dumbledore getan, aber er wird es für niemand sonst tun.«

»Oh, mir wär's lieber, wenn du mitkommen könntest, ich will nicht allein dahin!«, sagte Hermine besorgt; Harry wusste, dass sie an McLaggen dachte.

»Du wirst bestimmt nicht allein sein, Ginny wird wahrscheinlich auch eingeladen«, fauchte Ron, der es offenbar gar nicht gut aufnahm, dass Slughorn ihn wie Luft behandelt hatte.

Nach dem Abendessen gingen sie zurück in den Gryffindor-Turm. Der Gemeinschaftsraum war voller Leute, da die meisten inzwischen mit dem Essen fertig waren, doch es gelang ihnen, einen freien Tisch zu finden, und sie setzten sich. Ron, der seit der Begegnung mit Slughorn schlechter Laune war, verschränkte die Arme und starrte finster zur Decke. Hermine langte nach einer Ausgabe des Abendpropheten, die jemand auf einem Stuhl liegen gelassen hatte.

»Irgendwas Neues?«, sagte Harry.

»Eigentlich nicht …« Hermine hatte die Zeitung aufgeschlagen und überflog die Seiten im Innenteil. »Oh, sieh mal, Ron, da ist dein Dad – alles in Ordnung mit ihm!«, fügte sie rasch hinzu, denn Ron hatte sich erschrocken umgedreht. »Es heißt hier nur, dass er dem Haus der Malfoys einen Besuch abstatten musste. ›Diese zweite Hausdurchsuchung bei dem Todesser verlief offenbar ergebnislos. Arthur Weasley vom Büro zur Ermittlung und Beschlagnahme Gefälschter Verteidigungszauber und Schutzgegenstände erklärte, sein Team habe auf einen vertraulichen Hinweis hin gehandelt.‹«

»Ja, auf meinen!«, sagte Harry. »Ich hab ihm in King's Cross von Malfoy und dem Ding erzählt, das Borgin für ihn reparieren soll! Also, wenn es nicht in ihrem Haus ist, dann muss er es, was immer es ist, mit nach Hogwarts gebracht haben – «

»Aber wie kann er das geschafft haben, Harry?«, erwiderte Hermine und legte die Zeitung mit einem überraschten Blick beiseite.

»Wir wurden alle durchsucht, als wir ankamen, oder?«

»Wurdet ihr?«, sagte Harry verblüfft. »Ich nicht!«

»O nein, natürlich nicht, ich hab ganz vergessen, dass du zu spät kamst … Also, Filch hat uns alle mit Geheimnis-Detektoren abgesucht, als wir in die Eingangshalle kamen. Da wäre jedes schwarzmagische Objekt gefunden worden, ich weiß ganz sicher, dass bei Crabbe ein Schrumpfkopf beschlagnahmt wurde. Du siehst also, Malfoy kann nichts Gefährliches reingebracht haben!«

Harry gab sich vorübergehend geschlagen und sah eine Weile zu, wie Ginny Weasley mit Arnold dem Minimuff spielte, bis ihm einfiel, wie er diesen Einwand entkräften konnte.

»Dann hat es ihm jemand per Eule geschickt«, sagte er. »Seine Mutter oder sonst wer.«

»Die Eulen werden auch alle überprüft«, erwiderte Hermine. »Das hat uns Filch gesagt, als er diese Geheimnis-Detektoren überall hingesteckt hat, wo er hinkam.«

Diesmal war Harry wirklich mit seiner Weisheit am Ende, ihm fiel nichts weiter zu sagen ein. Offenbar gab es keinen Weg, wie Malfoy ein gefährliches oder schwarzmagisches Objekt in die Schule hätte bringen können. Harry blickte hoffnungsvoll zu Ron, der mit verschränkten Armen dasaß und zu Lavender Brown hinüberstarrte.

»Kannst du dir vorstellen, wie Malfoy –?«

»Ach, hör schon auf damit, Harry«, sagte Ron.

»Hör mal, es ist nicht meine Schuld, dass Slughorn Hermine und mich zu seiner blöden Party eingeladen hat, wir wollten beide nicht hin, klar?«, sagte Harry wütend.

»Also, da ich nicht zu irgendwelchen Partys eingeladen bin«, sagte Ron und stand wieder auf, »geh ich jetzt am besten ins Bett.«

Er stampfte zur Tür, die zu den Jungenschlafsälen führte, und ließ Harry und Hermine zurück, die ihm nachstarrten.

»Harry?«, sagte die neue Jägerin, Demelza Robins, die plötzlich an seiner Seite auftauchte. »Ich hab eine Nachricht für dich.«

»Von Professor Slughorn?«, fragte Harry und setzte sich hoffnungsvoll auf.

»Nein … von Professor Snape«, sagte Demelza. Harry wurde schwer ums Herz. »Er meint, du sollst heute Abend um halb neun in sein Büro kommen zum Nachsitzen – ähm – egal, zu wie vielen Partys du eingeladen bist. Und ich soll dir ausrichten, dass du verfaulte Flubberwürmer aussortieren wirst, als Zutat für Zaubertränke, und – und er sagt, dass du keine Schutzhandschuhe mitzubringen brauchst.«

»Okay«, sagte Harry grimmig. »Vielen Dank, Demelza.«

Silber und Opale

Wo war Dumbledore, und was machte er? Während der nächsten Wochen bekam Harry den Schulleiter nur zwei Mal zu Gesicht. Er erschien kaum noch zu den Mahlzeiten, und Harry gab Hermine völlig Recht, die glaubte, Dumbledore würde die Schule ganze Tage lang verlassen. Hatte Dumbledore vergessen, dass er Harry eigentlich unterrichten wollte? Er hatte behauptet, dieser Unterricht würde zu etwas hinführen, das mit der Prophezeiung zu tun habe; Harry hatte sich gestärkt und ermutigt gefühlt, und nun fühlte er sich ein wenig im Stich gelassen.

Mitte Oktober war es Zeit für ihren ersten Schuljahresausflug nach Hogsmeade. Harry hatte sich angesichts der immer schärferen Sicherheitsmaßnahmen rund um die Schule gefragt, ob diese Ausflüge noch erlaubt sein würden, doch nun freute er sich, als er hörte, dass sie stattfinden würden; es tat immer gut, für ein paar Stunden aus dem Schloss herauszukommen.

Harry erwachte früh am Morgen des Ausflugs, es war stürmisch draußen. Er vertrieb sich die Zeit bis zum Frühstück, indem er in seinem Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene las. Normalerweise las er im Bett keine Schulbücher, denn wie Ron ganz richtig gesagt hatte, war das peinlich für jeden, außer für Hermine, die in der Hinsicht einfach komisch war. Harry hatte aber das Gefühl, dass das Zaubertrankbuch des Halbblutprinzen kaum als Schulbuch gelten konnte. Je mehr er sich in die Lektüre vertiefte, desto deutlicher wurde ihm, wie viel in dem Buch steckte, nicht nur die praktischen Tipps und Tricks für Zaubertränke, die ihm einen so glänzenden Ruf bei Slughorn einbrachten, sondern auch die phantasievollen kleinen Zaubereien und Hexereien, die an die Ränder gekritzelt waren und die der Prinz sicher selbst erfunden hatte, wie Harry aus den durchgestrichenen und überarbeiteten Stellen schloss.

Harry hatte bereits einige von den selbst erfundenen Zaubern des Prinzen ausprobiert. Da gab es eine Verwünschung, die Zehennägel alarmierend schnell wachsen ließ (er hatte sie im Korridor an Crabbe getestet, mit sehr unterhaltsamen Ergebnissen); einen Fluch, der die Zunge an den Gaumen klebte (den er zweimal unter allgemeinem Beifall bei dem ahnungslosen Argus Filch eingesetzt hatte); und den vielleicht nützlichsten von allen, den Muffliato, einen Zauber, der die Ohren von jedem in der Nähe mit einem undefinierbaren Brummen erfüllte, so dass man sich im Unterricht ausgiebig unterhalten konnte, ohne dass jemand etwas mitbekam. Der einzige Mensch, der diese Zauber nicht witzig fand, war Hermine, die permanent eine strenge, missbilligende Miene machte und überhaupt kein Wort mehr reden wollte, wenn Harry den Muffliato gegen irgendjemanden in ihrer Nähe verwendet hatte.

Harry setzte sich im Bett auf und drehte das Buch seitlich, um sich die gekritzelten Anweisungen für einen Zauber näher anzuschauen, der dem Prinzen offenbar einige Schwierigkeiten bereitet hatte. Vieles war durchgestrichen und geändert worden, aber am Ende stand eng in eine Ecke gekritzelt:

Levicorpus (unges.)

Während Wind und Schneeregen unaufhörlich gegen die Fenster schlugen und Neville laut schnarchte, starrte Harry die Buchstaben in Klammern an. Unges… das musste ungesagt bedeuten. Harry hatte einige Zweifel, ob er gerade diesen Zauber schaffen würde; er hatte noch immer Schwierigkeiten mit ungesagten Zaubern, und Snape hatte in jeder VgdK-Stunde flugs eine Bemerkung dazu gemacht. Andererseits hatte er vom Prinzen bislang viel mehr gelernt als von Snape.

Harry richtete seinen Zauberstab irgendwohin, ließ ihn kurz nach oben schnippen und dachte Levicorpus!

»Aaaaaaaargh!«

Ein Lichtblitz leuchtete auf und der Raum war erfüllt von Stimmen: Alle waren aufgewacht, weil Ron einen lauten Schrei ausgestoßen hatte. Harry schleuderte Zaubertränke für Fortgeschrittene panisch beiseite; Ron baumelte kopfüber in der Luft, als ob ihn ein unsichtbarer Haken an den Fußgelenken hochgezogen hätte.

»'tschuldigung!«, schrie Harry, während Dean und Seamus vor Lachen brüllten und Neville, der aus dem Bett gefallen war, sich vom Boden aufrappelte. »Wart mal – ich lass dich runter – «

Er tastete nach dem Zaubertrankbuch und blätterte es auf der Suche nach der richtigen Seite hektisch durch; endlich fand er sie und entzifferte ein Wort, das in gedrängter Schrift unter der Zauberformel stand: Harry flehte insgeheim, dass es der Gegenfluch sein möge, und dachte mit aller Kraft Liberacorpus!

Wieder leuchtete ein Lichtblitz auf und Ron plumpste auf seine Matratze.

»'tschuldigung«, wiederholte Harry matt, während Dean und Seamus immer noch vor Lachen brüllten.

»Morgen«, sagte Ron mit gedämpfter Stimme, »stell bitte lieber den Wecker.«

Als sie angezogen waren, dick eingemummelt in mehrere von Mrs Weasleys handgestrickten Pullovern und ausstaffiert mit Winterumhängen, Schals und Handschuhen, hatte Rons Schock sich gelegt, und Ron war zu dem Schluss gekommen, dass Harrys neuer Zauber unglaublich komisch sei; so komisch sogar, dass er die Geschichte ohne Umschweife Hermine zum Besten gab, sobald sie sich zum Frühstück setzten.

»… und dann blitzte es noch einmal und ich bin wieder auf dem Bett gelandet!« Ron grinste und tat sich Würstchen auf.

Hermine hatte während der ganzen Geschichte nicht ein einziges Mal gelächelt und wandte sich nun mit einem Ausdruck frostiger Missbilligung an Harry.

»War dieser Zauber ganz zufällig auch aus diesem Zaubertrankbuch von dir?«, fragte sie.

Harry sah sie stirnrunzelnd an.

»Du musst immer alles runtermachen, was?«

»War er aus dem Buch?«

»Nun … ja, schon, na und?«

»Du hast also beschlossen, eine unbekannte, handgeschriebene Zauberformel auszuprobieren und einfach mal zu sehen, was passiert?«

»Warum ist das wichtig, ob sie handgeschrieben ist?«, sagte Harry, den Rest der Frage beantwortete er lieber nicht.

»Weil sie wahrscheinlich nicht vom Zaubereiministerium genehmigt ist«, sagte Hermine. »Und außerdem«, fügte sie hinzu, als Harry und Ron die Augen verdrehten, »weil ich allmählich glaube, dass dieser komische Prinz ein bisschen zwielichtig war.«

Harry und Ron schrien sie sofort nieder.

»Das war doch nur ein Jux!«, sagte Ron und stülpte eine Ketchupflasche über seine Würstchen. »Nur ein Jux, Hermine, nichts weiter!«

»Jemand kopfüber in der Luft baumeln lassen?«, sagte Hermine. »Wer verwendet Zeit und Energie darauf, solche Zauber zu erfinden?«

»Fred und George«, sagte Ron achselzuckend, »das ist genau ihr Ding. Und, ähm – «

»Mein Dad«, sagte Harry. Es war ihm gerade wieder eingefallen.

»Was?«, kam es von Ron und Hermine gleichzeitig.

»Mein Dad hat diesen Zauber verwendet«, sagte Harry. »Ich – Lupin hat es mir gesagt.«

Der letzte Teil stimmte nicht; in Wirklichkeit hatte Harry gesehen, wie sein Vater den Zauber gegen Snape anwandte, doch er hatte Ron und Hermine nie von diesem merkwürdigen Ausflug ins Denkarium erzählt. Nun jedoch kam ihm eine wunderbare Möglichkeit in den Sinn. War der Halbblutprinz womöglich –?

»Dein Dad mag ihn vielleicht verwendet haben, Harry«, sagte Hermine, »aber nicht als Einziger. Wir haben eine ganze Menge Leute gesehen, die ihn eingesetzt haben, falls du das vergessen hast. Leute in der Luft baumeln lassen. Sie schweben lassen, im Schlaf, hilflos.«

Harry starrte sie an. Mit einem flauen Gefühl im Magen erinnerte nun auch er sich daran, wie sich die Todesser bei den Quidditch-Weltmeisterschaften verhalten hatten. Ron kam ihm zu Hilfe.

»Das war was anderes«, sagte er unverwüstlich. »Die haben ihn missbraucht. Harry und sein Dad haben nur einen Jux gemacht. Du magst den Prinzen nicht, Hermine«, fügte er hinzu und deutete streng mit einem Würstchen auf sie, »weil er in Zaubertränke besser ist als du – «

»Das hat damit nichts zu tun!«, erwiderte Hermine, und ihre Wangen röteten sich. »Ich finde nur, dass es sehr verantwortungslos ist, einfach irgendwelche Zauber auszuprobieren, wenn man nicht einmal weiß, wofür sie gedacht sind, und hör endlich auf, vom ›Prinzen‹ zu reden, als wär das sein Titel, ich wette, das ist nur ein bescheuerter Spitzname, und ich hab nicht den Eindruck, als wär er ein besonders netter Mensch gewesen!«

»Ich versteh nicht, wie du darauf kommst«, sagte Harry hitzig. »Wenn er ein angehender Todesser gewesen wäre, dann hätte er wohl nicht damit geprahlt, ein ›Halbblut‹ zu sein, oder?«

Während Harry das sagte, fiel ihm ein, dass sein Vater reinblütig gewesen war, aber er schob den Gedanken beiseite; damit würde er sich später beschäftigen …

»Die Todesser können nicht alle reinblütig sein, es gibt nicht mehr genügend reinblütige Zauberer«, sagte Hermine hartnäckig. »Ich schätze, die meisten von ihnen sind Halbblüter, die so tun, als wären sie Reinblüter. Die hassen nur Muggelstämmige, dich und Ron würden sie mit offenen Armen aufnehmen.«

»Die würden mich nie im Leben als Todesser nehmen!«, sagte Ron aufgebracht; ein Stück Wurst flog ihm von der Gabel, mit der er jetzt vor Hermine herumfuchtelte, und traf Ernie Macmillan am Kopf. »Meine ganze Familie besteht aus Blutsverrätern! Das ist für Todesser genauso schlimm wie Muggelstämmige!«

»Und mich hätten sie liebend gern!«, sagte Harry sarkastisch. »Wir wären die besten Kumpel, wenn sie mich nicht dauernd erledigen wollten.«

Darüber musste Ron lachen; selbst Hermine ließ sich zu einem widerwilligen Lächeln herab, und dann kam Ablenkung in Gestalt von Ginny.

»Hey, Harry, ich soll dir das hier geben.«

Es war eine Pergamentrolle, auf der in einer vertrauten feinen, schrägen Handschrift Harrys Name stand.

»Danke, Ginny … das ist Dumbledores nächste Stunde!«, erklärte Harry Ron und Hermine, zog das Pergament auseinander und las es rasch durch. »Montagabend!« Mit einem Mal war ihm leicht und froh zumute. »Wollen wir uns in Hogsmeade treffen, Ginny?«, fragte er.

»Ich bin mit Dean dort – vielleicht sehen wir uns ja«, antwortete sie und winkte ihnen, als sie ging.

Filch stand wie üblich am eichenen Schlossportal und hakte die Namen der Schüler ab, die die Erlaubnis hatten, nach Hogsmeade zu gehen. Die ganze Prozedur dauerte noch länger als sonst, da Filch jeden einzelnen mit seinem Geheimnis-Detektor dreimal überprüfte.

»Was spielt das für 'ne Rolle, wenn wir schwarzmagisches Zeug aus Hogwarts RAUSschmuggeln?«, fragte Ron und beäugte den langen dünnen Geheimnis-Detektor argwöhnisch. »Sie sollten doch eigentlich kontrollieren, was wir wieder hier REINbringen?«

Seine freche Bemerkung brachte ihm ein paar Extrastiche mit dem Detektor ein, und als sie in den Wind und den Schneeregen hinaustraten, zuckte er immer noch.

Es war kein schöner Spaziergang nach Hogsmeade. Harry wickelte sich den Schal über den Mund; der dem Wetter ausgesetzte Teil des Gesichts fühlte sich bald wund und taub an. Die Straße zum Dorf war voller Schüler, die sich gegen den bitterkalten Wind krümmten. Mehr als einmal fragte sich Harry, ob es ihnen im warmen Gemeinschaftsraum nicht besser ergangen wäre, und als sie endlich in Hogsmeade ankamen und feststellten, dass Zonkos Scherzartikelladen mit Brettern zugenagelt worden war, sah sich Harry bestätigt, dass dieser Ausflug keinen Spaß machen würde. Ron deutete mit einer dick behandschuhten Hand auf den Honigtopf, der gnädigerweise geöffnet hatte, und Harry und Hermine wankten hinter ihm her in den überfüllten Laden.

»Gott sei Dank!«, sagte Ron zitternd, als die warme, nach Karamell duftende Luft sie umhüllte. »Am besten, wir bleiben den ganzen Nachmittag hier.«

»Harry, mein Junge!«, rief eine dröhnende Stimme hinter ihnen.

»O nein«, murmelte Harry. Die drei drehten sich um und sahen Professor Slughorn, der einen gewaltigen Pelzhut und einen Mantel mit dazu passendem Pelzkragen trug, einen großen Beutel kandierte Ananas in der Hand hielt und mindestens ein Viertel des Ladens einnahm.

»Harry, jetzt haben Sie schon drei meiner kleinen Abendessen verpasst!«, sagte Slughorn und pikte ihn leutselig in die Brust. »So geht das nicht, mein Junge. Sie entkommen mir nicht! Miss Granger liebt diese Abende, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Hermine hilflos, »die sind wirklich – «

»Also, warum kommen Sie nicht vorbei, Harry?«, fragte Slughorn.

»Nun ja, ich hatte Quidditch-Training, Professor«, sagte Harry, der tatsächlich immer ein Training angesetzt hatte, wenn Slughorn ihm eine kleine, mit violettem Band verzierte Einladung geschickt hatte. Diese Strategie führte dazu, dass Ron nicht außen vor blieb, und sie lachten dann meistens gemeinsam mit Ginny bei der Vorstellung, dass Hermine mit McLaggen und Zabini zusammenhocken musste.

»Nun, ich hoffe doch, dass Sie nach so viel fleißiger Arbeit Ihr erstes Spiel gewinnen werden!«, sagte Slughorn. »Aber ein wenig Erholung hat noch niemandem geschadet. Also, wie wär's mit Montagabend, Sie können doch unmöglich vorhaben, bei diesem Wetter zu trainieren …«

»Ich kann nicht, Professor, ich hab – ähm – an diesem Abend einen Termin bei Professor Dumbledore.«

»Wieder kein Glück!«, rief Slughorn theatralisch. »Ah, nun … Sie können mir nicht ewig ausweichen, Harry!«

Er winkte majestätisch und watschelte aus dem Laden, wobei er so wenig Notiz von Ron nahm, als wäre der eine Schachtel voller getrockneter Kakerlaken.

»Ich fass es nicht, du hast dich schon wieder drumrum gemogelt«, sagte Hermine kopfschüttelnd. »So übel ist es da gar nicht, weißt du … manchmal macht es richtig Spaß …« Doch dann fiel ihr Blick auf Rons Miene. »Oh, seht mal – die haben Zuckerfederkiele de Luxe – die sollen stundenlang halten!«

Froh darüber, dass Hermine das Thema gewechselt hatte, zeigte Harry viel mehr Interesse an den neuen, extragroßen Zuckerfederkielen, als er es sonst getan hätte, aber Ron wirkte nach wie vor verstimmt und zuckte nur die Achseln, als Hermine ihn fragte, wo er als Nächstes hinwolle.

»Gehen wir in die Drei Besen«, sagte Harry. »Da ist es sicher warm.«

Sie wickelten sich die Schals wieder über die Gesichter und verließen den Süßigkeitenladen. Nach der zuckrigen Wärme des Honigtopfs schlug ihnen der bitterkalte Wind messerscharf ins Gesicht. Auf der Straße war nicht viel los; niemand blieb stehen, um ein Schwätzchen zu halten, alle beeilten sich, an ihr Ziel zu kommen. Die Ausnahme waren zwei Männer, die nicht weit entfernt von ihnen direkt vor den Drei Besen standen. Der eine war sehr groß und dünn; Harry spähte mit zusammengekniffenen Augen durch seine regennasse Brille und erkannte den Wirt, der im anderen Pub von Hogsmeade, dem Eberkopf, arbeitete. Als Harry, Ron und Hermine näher kamen, zog der Wirt seinen Umhang enger um den Hals, ging davon und ließ den kleineren Mann zurück, der ungeschickt etwas in seinen Armen hielt. Sie waren kaum ein paar Meter von ihm entfernt, als Harry den Mann erkannte.

»Mundungus!«

Der untersetzte, säbelbeinige Mann mit dem langen, widerspenstigen rotbraunen Haar fuhr zusammen und ließ einen uralten Koffer fallen, der aufsprang und scheinbar den gesamten Schaufensterinhalt eines Trödelladens auf dem Boden verteilte.

»Oh, 'allo, 'Arry«, sagte Mundungus Fletcher in einem ganz und gar nicht überzeugenden Versuch, lässig zu wirken. »Also dann, ich will euch nicht aufhalten.«

Und er fing an auf dem Boden herumzukrabbeln, um die Sachen aus seinem Koffer wieder einzusammeln, wie jemand, der es eilig hat, zu verschwinden.

»Verkaufst du diesen Kram?«, fragte Harry, während er beobachtete, wie Mundungus diverse schmutzig aussehende Gegenstände auflas.

»Na ja, man muss sich irgendwie durchschlagen, nicht?«, sagte Mundungus. »Gib das her!«

Ron hatte sich gebückt und etwas Silbernes aufgehoben.

»Augenblick mal«, sagte er langsam. »Das kommt mir bekannt vor – «

»Danke!«, sagte Mundungus, riss Ron den Kelch aus der Hand und stopfte ihn zurück in seinen Koffer. »Also, wir sehen uns dann – AUTSCH!«

Harry hatte Mundungus an der Gurgel gepackt und gegen die Wand des Pubs gedrückt. Er hielt ihn mit der einen Hand fest und zog mit der anderen seinen Zauberstab.

»Harry!«, rief Hermine schrill.

»Das hast du aus Sirius' Haus geholt«, sagte Harry, der Mundungus fast Nase an Nase gegenüberstand. Ein unangenehmer Geruch nach altem Tabak und Hochprozentigem schlug ihm entgegen. »Da war das Familienwappen der Blacks drauf.«

»Ich – nein – was –?«, stotterte Mundungus und wurde ganz langsam puterrot.

»Was hast du gemacht, bist du in der Nacht, als er gestorben ist, in sein Haus zurückgegangen und hast es ausgeräumt?«, knurrte Harry wütend.

»Ich – nein – «

»Gib es mir!«

»Harry, das darfst du nicht!«, schrie Hermine, während Mundungus allmählich blau anlief.

Ein Knall ertönte und Harry spürte, wie seine Hände von Mundungus' Gurgel weggerissen wurden. Keuchend und prustend ergriff Mundungus seinen Koffer am Boden, und dann – KNALL – disapparierte er.

Harry fluchte aus Leibeskräften und drehte sich auf der Stelle, um zu sehen, wohin Mundungus verschwunden war.

»KOMM ZURÜCK, DU DIEBISCHER –!«

»Es hat keinen Sinn, Harry.«

Tonks war aus dem Nichts erschienen, das mausbraune Haar nass vom Schneeregen.

»Mundungus ist jetzt wahrscheinlich schon in London. Es hat keinen Sinn zu schreien.«

»Er hat Sirius' Sachen geklaut! Geklaut!«

»Ja, aber trotzdem«, sagte Tonks, die diese Mitteilung offenbar nicht im Geringsten erschütterte, »solltest du raus aus dieser Kälte.«

Sie sah ihnen durch die Tür der Drei Besen nach. Sobald er drinnen war, platzte Harry los: »Er hat Sirius' Sachen geklaut!«

»Ich weiß, Harry, aber hör bitte auf zu schreien, die Leute gucken schon«, flüsterte Hermine. »Setzt euch schon mal, ich hol euch was zu trinken.«

Als Hermine wenige Minuten später mit drei Flaschen Butterbier an ihren Tisch kam, war Harry immer noch wütend.

»Kann der Orden Mundungus nicht unter Kontrolle halten?«, drang er zornig flüsternd auf die anderen beiden ein. »Können die nicht wenigstens dafür sorgen, dass er nicht mehr alles mitgehen lässt, was nicht niet- und nagelfest ist, wenn er im Hauptquartier ist?«

»Schhh!«, machte Hermine verzweifelt und blickte sich um, ob auch ja niemand zuhörte; ganz in der Nähe saßen ein paar Zauberer, die Harry mit großem Interesse anstarrten, und Zabini lümmelte sich nicht weit entfernt gegen eine Säule. »Harry, ich würde mich auch ärgern, ich weiß, das sind deine Sachen, die er klaut – «

Harry verschluckte sich an seinem Butterbier; er hatte zwischendurch ganz vergessen, dass Grimmauldplatz Nummer zwölf ihm gehörte.

»Ja, das sind meine Sachen!«, sagte er. »Kein Wunder, dass er sich nicht gefreut hat, mich zu sehen! Also, ich werde Dumbledore erzählen, was los ist; er ist der Einzige, vor dem Mundungus Angst hat.«

»Gute Idee«, flüsterte Hermine, offensichtlich froh darüber, dass Harry sich beruhigte. »Ron, wo schaust du eigentlich die ganze Zeit hin?«

»Nirgends«, sagte Ron und wandte hastig den Blick vom Tresen, aber Harry wusste, dass er immer versuchte, die kurvenreiche und attraktive Wirtin, Madam Rosmerta, auf sich aufmerksam zu machen, für die er schon länger eine Schwäche hatte.

»Ich vermute mal, ›nirgends‹ ist im Hinterzimmer und holt gerade Feuerwhisky-Nachschub«, sagte Hermine giftig.

Ron ignorierte diese spöttische Bemerkung, nippte an seinem Butterbier und bewahrte, was er offenbar für ein erhabenes Schweigen hielt. Harry dachte an Sirius und dass er diese Silberkelche sowieso gehasst hatte. Hermine trommelte mit den Fingern auf dem Tisch, ihre Augen flackerten zwischen Ron und der Bar hin und her.

Kaum hatte Harry die letzten Tropfen seiner Flasche geleert, sagte sie: »Wie wär's, wollen wir's packen und zurück in die Schule gehen?«

Die anderen beiden nickten; der Ausflug hatte keinen Spaß gemacht und das Wetter wurde mit der Zeit nur noch schlechter. Sie wickelten sich wieder fest in ihre Umhänge, legten ihre Schals um, zogen ihre Handschuhe an; dann gingen sie hinter Katie Bell und einer Freundin aus dem Pub und die Hauptstraße entlang zurück. Während sie durch den gefrorenen Schneematsch die Straße nach Hogwarts hinaufstapften, schweiften Harrys Gedanken zu Ginny. Sie hatten sie nicht getroffen, überlegte er, weil sie und Dean mit Sicherheit in Madam Puddifoots Café gemütlich beieinander hockten, diesem Schlupfwinkel für glückliche Pärchen. Mit finsterer Miene senkte er den Kopf gegen den wirbelnden Schnee und stapfte weiter.

Es dauerte eine Weile, bis Harry auffiel, dass die Stimmen von Katie Bell und ihrer Freundin, die der Wind ihm zutrug, schriller und lauter geworden waren. Harry spähte zu ihren verschwommenen Gestalten. Die beiden Mädchen stritten sich über etwas, das Katie in der Hand hielt.

»Das hat nichts mit dir zu tun, Leanne!«, hörte Harry Katie sagen.

Sie bogen um eine Kurve, dichter Schneeregen blies ihnen heftig entgegen und verschmierte Harrys Brille. Gerade als er sie mit dem Handschuh abwischen wollte, griff Leanne nach dem Päckchen in Katies Händen; Katie riss es wieder an sich und das Päckchen fiel zu Boden.

Und plötzlich stieg Katie in die Höhe, nicht so komisch wie Ron, an den Knöcheln aufgehängt, sondern anmutig und mit ausgestreckten Armen, als wollte sie fliegen. Aber irgendetwas stimmte nicht, irgendetwas war unheimlich … ein scharfer Wind peitschte ihr die Haare um den Kopf, doch ihre Augen waren geschlossen und ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Harry, Ron, Hermine und Leanne waren abrupt stehen geblieben und sahen zu.

Dann, zwei Meter über dem Boden, stieß Katie einen fürchterlichen Schrei aus. Sie riss die Augen auf, aber was immer sie sehen konnte oder was immer sie empfand, machte ihr offenbar schreckliche Angst. Sie schrie und schrie; auch Leanne fing an zu schreien, fasste Katie an den Fußgelenken und versuchte sie auf den Boden herunterzuziehen. Harry, Ron und Hermine stürmten vor, um zu helfen, doch gerade als sie Katies Beine gepackt hatten, stürzte sie auf sie herab; Harry und Ron gelang es, sie aufzufangen, doch sie wand sich so heftig, dass sie sie kaum halten konnten. Deshalb ließen sie Katie auf den Boden hinunter, wo sie um sich schlug und schrie, offenbar außerstande, irgendeinen von ihnen zu erkennen.

Harry blickte sich um; weit und breit war niemand zu sehen.

»Bleibt hier!«, rief er den anderen durch den heulenden Wind zu. »Ich hole Hilfe!«

Er spurtete los in Richtung Schule; er hatte noch nie jemanden sich so aufführen sehen wie Katie eben, und er hatte keine Ahnung, was die Ursache war; er sauste um eine Kurve und stieß mit etwas zusammen, das ein riesiger Bär auf den Hinterbeinen zu sein schien.

»Hagrid!«, keuchte er und befreite sich aus der Hecke, in die er gestürzt war.

»Harry!«, sagte Hagrid, in dessen Augenbrauen und Bart sich Graupel verfangen hatte und der seinen großen, schäbigen Biberpelzmantel trug. »War grad bei Grawp, der entwickelt sich so was von gut, das hätt'st du nich – «

»Hagrid, dort hinten ist jemand verletzt oder hat einen Fluch abbekommen oder irgendwas – «

»Wa'?«, sagte Hagrid und bückte sich tiefer, um durch den tosenden Wind zu hören, was Harry sagte.

»Jemand hat einen Fluch abgekriegt!«, brüllte Harry.

»'nen Fluch? Wer hat 'nen Fluch – doch nicht Ron? Hermine?«

»Nein, nicht die, es ist Katie Bell – hier lang …«

Zusammen rannten sie den Weg zurück. Sie brauchten nicht lange, bis sie die kleine Gruppe von Menschen um Katie fanden, die sich immer noch schreiend am Boden wälzte; Ron, Hermine und Leanne versuchten gemeinsam, sie zu beruhigen.

»Macht Platz!«, rief Hagrid. »Ich will sie mir anschauen!«

»Irgendwas ist mit ihr passiert!«, schluchzte Leanne. »Ich weiß nicht, was – «

Hagrid starrte Katie eine Sekunde lang an, dann bückte er sich, ohne ein Wort zu sagen, hob sie hoch in seine Arme und rannte mit ihr zum Schloss davon. Innerhalb von wenigen Sekunden waren Katies gellende Schreie verklungen und nur noch der brausende Wind war zu hören.

Hermine ging schnell zu Katies wimmernder Freundin und legte ihr den Arm um die Schulter.

»Du heißt Leanne, nicht wahr?«

Das Mädchen nickte.

»Ist das einfach ganz plötzlich passiert, oder –?«

»Es war, als das Päckchen aufriss«, schluchzte Leanne und deutete auf das inzwischen durchweichte Paket in Packpapier auf dem Boden, das aufgeplatzt war und aus dem ein grünlicher Schimmer hervordrang. Ron streckte die Hand aus und bückte sich, aber Harry ergriff seinen Arm und zog ihn weg.

»Fass das nicht an!«

Er kauerte sich nieder. Ein reich verziertes Opalhalsband war zu sehen, das aus dem Papier hervorblitzte.

»Das hab ich schon mal gesehen«, sagte Harry und starrte auf das Ding. »Es war vor einer Ewigkeit mal bei Borgin und Burkes ausgestellt. Auf dem Schild stand, dass es verflucht ist. Katie muss es berührt haben.« Er blickte zu Leanne hoch, die haltlos zu zittern begonnen hatte. »Wie hat Katie das bekommen?«

»Also, deswegen haben wir uns gestritten. Als sie in den Drei Besen vom Klo zurückkam, hielt sie es in der Hand und sagte, dass es eine Überraschung für jemanden in Hogwarts ist und dass sie es überbringen muss. Sie hat ganz komisch geguckt, als sie das gesagt hat … o nein, o nein, ich wette, sie hat den Imperius abgekriegt, und ich hab's nicht gemerkt!«

Leanne wurde von neuen Schluchzern geschüttelt. Hermine klopfte ihr sanft auf die Schulter.

»Sie hat nicht gesagt, wer es ihr gegeben hat, Leanne?«

»Nein … das wollte sie mir nicht erzählen … und ich hab gesagt, dass sie bescheuert ist und dass sie es nicht mit hoch in die Schule nehmen soll, aber sie wollte einfach nicht hören und … und dann hab ich versucht, es ihr wegzureißen … und – und – « Leanne heulte verzweifelt auf.

»Am besten, wir gehen rauf in die Schule«, sagte Hermine, den Arm immer noch um Leanne, »dort können wir erfahren, wie es ihr geht. Komm …«

Harry zögerte einen Moment, dann nahm er sich den Schal vom Gesicht, und ohne auf Rons Keuchen zu achten, wickelte er das Halsband vorsichtig darin ein und hob es auf.

»Wir müssen das Madam Pomfrey zeigen«, sagte er.

Während sie Hermine und Leanne den Weg hinauf folgten, dachte Harry fieberhaft nach. Sobald sie das Schlossgelände betreten hatten, konnte er seine Gedanken nicht mehr für sich behalten und legte los.

»Malfoy weiß von diesem Halsband. Es war vor vier Jahren bei Borgin und Burkes in einer Vitrine, und während ich mich vor ihm und seinem Dad versteckt hielt, hab ich mitbekommen, wie er es sich genau ansah. Das hat er sich gekauft an dem Tag, als wir ihm gefolgt sind! Er hat es nicht vergessen und ist deswegen zurück in den Laden gegangen!«

»Ich – ich weiß nicht, Harry«, sagte Ron zögernd. »Eine Menge Leute gehen zu Borgin und Burkes … und hat dieses Mädchen nicht gesagt, dass Katie es im Mädchenklo bekommen hat?«

»Sie sagte, sie ist damit vom Klo zurückgekommen, sie muss es nicht unbedingt dort bekommen haben – «

»McGonagall!«, sagte Ron warnend.

Harry blickte auf. Und tatsächlich, Professor McGonagall kam durch den wirbelnden Schnee die Steintreppe herunter auf sie zugeeilt.

»Hagrid sagt, Sie hätten alle vier gesehen, was Katie Bell zugestoßen ist – bitte, sofort nach oben in mein Büro! Was haben Sie da in der Hand, Potter?«

»Das Ding, das sie berührt hat«, sagte Harry.

»Um Himmels willen«, sagte Professor McGonagall und sah entsetzt aus, als sie Harry das Halsband abnahm. »Nein, nein, Filch, die sind in meiner Begleitung!«, fügte sie hastig hinzu, als Filch mit erhobenem Geheimnis-Detektor eifrig durch die Eingangshalle geschlurft kam. »Bringen Sie dieses Halsband sofort zu Professor Snape, aber berühren Sie es auf keinen Fall, lassen Sie es im Schal eingewickelt!«

Harry und die anderen folgten Professor McGonagall nach oben in ihr Büro. Die Fenster waren nass gespritzt vom Schneeregen und klapperten in ihren Rahmen, und trotz des Feuers, das im Kamin knisterte, war es kalt im Zimmer. Professor McGonagall schloss die Tür, rauschte um ihren Schreibtisch herum und wandte sich Harry, Ron, Hermine und der immer noch schluchzenden Leanne zu.

»Nun?«, sagte sie scharf. »Was ist passiert?«

Zögernd und mit vielen Unterbrechungen, in denen sie versuchte, gegen ihre Tränen anzukämpfen, schilderte Leanne Professor McGonagall, wie Katie in den Drei Besen aufs Klo gegangen und mit dem unbeschrifteten Päckchen in der Hand zurückgekommen war; Katie sei ihr ein wenig merkwürdig vorgekommen, und sie hätten sich darüber gestritten, ob es ratsam sei, sich bereit zu erklären, unbekannte Gegenstände zu überbringen, der Streit habe dann zu einem Gerangel um das Paket geführt, das schließlich aufgerissen sei. An dieser Stelle war Leanne so erschüttert, dass kein weiteres Wort mehr aus ihr herauszubringen war.

»Nun gut«, sagte Professor McGonagall, nicht unfreundlich, »gehen Sie bitte hinauf in den Krankenflügel, Leanne, und lassen Sie sich von Madam Pomfrey etwas zur Beruhigung geben.«

Als sie hinausgegangen war, wandte sich Professor McGonagall wieder an Harry, Ron und Hermine.

»Was ist geschehen, als Katie das Halsband anfasste?«

»Sie ist in die Luft gestiegen«, sagte Harry, ehe Ron oder Hermine den Mund aufmachen konnten. »Und dann fing sie an zu schreien und ist zusammengebrochen. Professor, kann ich bitte Professor Dumbledore sprechen?«

»Der Schulleiter ist bis Montag außer Haus, Potter«, sagte Professor McGonagall mit überraschter Miene.

»Außer Haus?«, wiederholte Harry aufgebracht.

»Ja, Potter, außer Haus!«, entgegnete Professor McGonagall scharf. »Aber was immer Sie in dieser fürchterlichen Angelegenheit zu sagen haben, können Sie sicher auch mir sagen!«

Harry zögerte einen kurzen Augenblick. Professor McGonagall war jemand, dem man sich nicht gern anvertraute; obwohl Dumbledore in vielerlei Hinsicht einschüchternder wirkte, war es bei ihm weniger wahrscheinlich, dass er eine Theorie verspottete, egal wie haarsträubend sie auch sein mochte. Hier ging es jedoch um Leben und Tod, und es war der falsche Zeitpunkt, sich darüber Sorgen zu machen, ob man womöglich ausgelacht wurde.

»Ich glaube, Draco Malfoy hat Katie das Halsband gegeben, Professor.«

Auf der einen Seite von Harry rieb sich Ron offensichtlich betreten die Nase; auf der anderen scharrte Hermine mit den Füßen, als würde sie liebend gerne ein wenig Abstand zwischen sich und Harry bringen.

»Das ist eine sehr schwer wiegende Anschuldigung, Potter«, sagte Professor McGonagall nach einer erschrockenen Pause. »Haben Sie irgendeinen Beweis dafür?«

»Nein«, sagte Harry, »aber …« Und er erzählte ihr, dass sie Malfoy zu Borgin und Burkes gefolgt waren, und schilderte das Gespräch zwischen ihm und Borgin, das sie mitgehört hatten.

Als sein Bericht zu Ende war, wirkte Professor McGonagall leicht verwirrt.

»Malfoy hat etwas zum Reparieren zu Borgin und Burkes gebracht?«

»Nein, Professor, er wollte nur, dass Borgin ihm sagt, wie man etwas in Ordnung bringt, das er nicht bei sich hatte. Aber darum geht es nicht, der Punkt ist, dass er bei dieser Gelegenheit etwas gekauft hat, und ich glaube, es war dieses Halsband – «

»Sie haben Malfoy den Laden mit einem ähnlichen Päckchen verlassen sehen?«

»Nein, Professor, er hat Borgin gesagt, er soll es für ihn im Laden aufbewahren – «

»Aber, Harry«, unterbrach ihn Hermine, »Borgin hat ihn gefragt, ob er es nicht mitnehmen will, und Malfoy hat nein gesagt – «

»Weil er es nicht anfassen wollte, natürlich!«, fuhr Harry sie an.

»Er hat wörtlich gesagt: ›Wie würde das denn aussehen, wenn ich auf der Straße damit rumlaufen würde?‹«, erklärte Hermine.

»Also, mit einem Halsband würde er tatsächlich ein bisschen wie ein Armleuchter aussehen«, warf Ron ein.

»Oh, Ron«, sagte Hermine verzweifelnd, »es wäre doch verpackt gewesen, damit er es nicht hätte berühren müssen, und es wäre ganz leicht in einem Umhang zu verstecken gewesen, also hätte es niemand gesehen! Ich glaube, was auch immer er bei Borgin und Burkes für sich reserviert hat, war laut oder sperrig; etwas, das ganz sicher Aufmerksamkeit erregen würde, wenn er es die Straße entlangtragen würde – und, wie auch immer«, fuhr sie energisch fort, ehe Harry sie unterbrechen konnte, »ich habe Borgin nach dem Halsband gefragt, wisst ihr nicht mehr? Als ich reinging, um herauszufinden, was Malfoy bei ihm reserviert hatte, hab ich es dort gesehen. Und Borgin hat mir nur den Preis genannt, er hat nicht gesagt, dass es schon verkauft ist oder so was – «

»Na ja, du warst auch leicht zu durchschauen, er hatte nach fünf Sekunden schon begriffen, was du vorhattest, natürlich wollte er dir dann nicht sagen – jedenfalls hätte Malfoy es sich in der Zwischenzeit bringen lassen können – «

»Genug!«, sagte Professor McGonagall, als Hermine mit wütendem Blick den Mund aufmachte, um etwas zu erwidern. »Potter, ich weiß es zu schätzen, dass Sie mir das erzählt haben, aber wir können Mr Malfoy nicht zum Sündenbock machen, nur weil er den Laden besucht hat, wo dieses Halsband möglicherweise gekauft wurde. Dasselbe trifft wahrscheinlich auf Hunderte von Personen zu …«

»… das hab ich doch gesagt …«, murmelte Ron.

»… und wir haben dieses Jahr sowieso strenge Sicherheitsvorkehrungen getroffen, ich glaube, dass dieses Halsband ohne unser Wissen unmöglich in diese Schule gelangt sein kann …«

»… aber …«

»… und außerdem«, sagte Professor McGonagall mit ganz entschiedener Miene, »war Mr Malfoy heute nicht in Hogsmeade.«

Harry starrte sie mit offenem Mund an und sank in sich zusammen.

»Woher wissen Sie das, Professor?«

»Weil er bei mir nachsitzen musste. Er hat inzwischen zwei Mal in Folge seine Hausaufgaben für Verwandlung nicht fertig gestellt. Also, danke, dass Sie mir Ihren Verdacht mitgeteilt haben, Potter«, sagte sie, während sie an ihnen vorbeimarschierte, »aber ich muss jetzt hoch in den Krankenflügel, um nach Katie Bell zu sehen. Einen guten Tag Ihnen allen.«

Sie hielt ihre Bürotür auf. Es blieb ihnen nichts übrig, als ohne ein weiteres Wort einer nach dem anderen an ihr vorbeizugehen.

Harry war zornig auf die beiden anderen, weil sie sich auf die Seite von McGonagall geschlagen hatten; trotzdem musste er einfach mitdiskutieren, als sie anfingen, über die ganze Geschichte zu reden.

»Also, was meinst du, wem sollte Katie das Halsband geben?«, fragte Ron, als sie die Treppe zum Gemeinschaftsraum hochstiegen.

»Weiß der Himmel«, sagte Hermine. »Aber wer auch immer es war, ist nur knapp davongekommen. Keiner hätte dieses Päckchen öffnen können, ohne das Halsband zu berühren.«

»Es hätte für eine Menge Leute bestimmt sein können«, sagte Harry. »Dumbledore – die Todesser würden ihn nur zu gern loswerden, er steht bestimmt ganz oben auf ihrer Abschussliste. Oder Slughorn – Dumbledore vermutet, dass Voldemort ihn eigentlich haben wollte, und es wird ihnen nicht gefallen, dass er sich mit Dumbledore verbündet hat. Oder – «

»Oder du«, sagte Hermine mit besorgtem Blick.

»Ich kann's nicht gewesen sein«, sagte Harry, »sonst hätte Katie sich doch einfach unterwegs umgedreht und es mir gegeben, stimmt's? Ich war den ganzen Weg von den Drei Besen an hinter ihr. Es wäre viel sinnvoller gewesen, das Päckchen außerhalb von Hogwarts zu übergeben, wo doch Filch jeden filzt, der rein- und rausgeht. Ich frage mich, warum Malfoy ihr gesagt hat, sie soll es ins Schloss mitnehmen.«

»Harry, Malfoy war nicht in Hogsmeade!«, erwiderte Hermine und stampfte tatsächlich genervt mit dem Fuß auf.

»Dann muss er einen Komplizen gehabt haben«, sagte Harry. »Crabbe oder Goyle – oder, wenn ich's mir recht überlege, einen anderen Todesser, er wird jede Menge bessere Spießgesellen haben als Crabbe und Goyle, jetzt, wo er bei denen mitmacht – «

Ron und Hermine tauschten Blicke, die unmissverständlich nur eines bedeuteten: »Es hat keinen Zweck, mit ihm zu streiten.«

»Krönungsmahl«, sagte Hermine nachdrücklich, als sie zur fetten Dame gelangten.

Das Porträt schwang auf und ließ sie in den Gemeinschaftsraum. Er war ziemlich voll und roch nach feuchter Kleidung; offenbar waren viele Schüler wegen des schlechten Wetters schon früh aus Hogsmeade zurückgekehrt. Doch kein ängstliches Stimmengewirr oder wilde Spekulationen waren zu hören: Die Nachricht von Katies Schicksal hatte sich offensichtlich noch nicht herumgesprochen.

»Das war wirklich kein besonders raffinierter Angriff, wenn man mal in Ruhe drüber nachdenkt«, sagte Ron und warf beiläufig einen Erstklässler aus einem der guten Sessel am Feuer, damit er sich setzen konnte. »Der Fluch hat es nicht mal ins Schloss reingeschafft. Nicht gerade das, was man narrensicher nennen würde.«

»Da hast du Recht«, sagte Hermine, stupste Ron mit dem Fuß aus dem Sessel und bot ihn wieder dem Erstklässler an. »Das war überhaupt nicht gründlich durchdacht.«

»Aber seit wann ist Malfoy einer der großen Denker der Welt?«, fragte Harry.

Weder Ron noch Hermine antworteten ihm.

Der geheime Riddle

Tags darauf wurde Katie ins St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen gebracht, und inzwischen hatte sich die Nachricht, dass sie einem Fluch erlegen war, in der ganzen Schule verbreitet, auch wenn über die Einzelheiten Verwirrung herrschte und offenbar niemand außer Harry, Ron, Hermine und Leanne wusste, dass Katie selbst nicht das geplante Ziel gewesen war.

»Oh, und Malfoy weiß es natürlich auch«, sagte Harry zu Ron und Hermine, die an ihrer neuen Strategie festhielten, jedes Mal Taubheit vorzuschützen, wenn Harry seine Malfoy-ist-ein-Todesser-Theorie erwähnte.

Harry hatte sich gefragt, ob Dumbledore, wo auch immer er war, rechtzeitig zum Unterricht am Montagabend zurückkehren würde, doch da er nichts Gegenteiliges erfuhr, fand er sich um acht Uhr vor Dumbledores Büro ein, klopfte und wurde hereingebeten. Da saß Dumbledore und wirkte ungewöhnlich müde; seine Hand war immer noch schwarz und verbrannt, doch er lächelte, als er Harry bedeutete, dass er sich setzen solle. Das Denkarium stand wieder auf dem Schreibtisch und warf silbrige Lichtflecken an die Decke.

»Du hast einiges erlebt, während ich weg war«, sagte Dumbledore. »Wie ich höre, warst du Zeuge von Katies Unfall.«

»Ja, Sir. Wie geht es ihr?«

»Immer noch sehr schlecht, dabei hat sie noch einigermaßen Glück gehabt. Offenbar hat sie das Halsband nur mit dem allerkleinsten Stückchen Haut berührt: Ihr Handschuh hatte ein winziges Loch. Wenn sie es sich umgelegt, es auch nur ohne Handschuhe angefasst hätte, dann wäre sie gestorben, womöglich auf der Stelle. Glücklicherweise konnte Professor Snape genug tun, um eine rasche Ausbreitung des Fluchs zu verhindern – «

»Warum er?«, fragte Harry rasch. »Warum nicht Madam Pomfrey?«

»Frechheit«, sagte eine leise Stimme von einem der Porträts an der Wand, und Phineas Nigellus Black, Sirius' Ururgroßvater, hob den Kopf von den Armen, auf denen er allem Anschein nach geschlafen hatte. »Zu meiner Zeit hätte ich es einem Schüler nicht erlaubt, in Frage zu stellen, wie Hogwarts arbeitet.«

»Ja, danke schön, Phineas«, würgte Dumbledore ihn ab. »Professor Snape weiß viel mehr über die dunklen Künste als Madam Pomfrey, Harry. Jedenfalls schickt mir das Team vom St. Mungo stündlich Berichte, und ich hoffe, dass Katie mit der Zeit gänzlich genesen wird.«

»Wo waren Sie an diesem Wochenende, Sir?«, fragte Harry, obwohl er eindeutig das Gefühl hatte, er könnte vielleicht zu weit gehen, ein Gefühl, das Phineas Nigellus offenbar teilte, denn er zischte leise.

»Das möchte ich im Augenblick eher nicht sagen«, erwiderte Dumbledore. »Ich werde es dir allerdings zu gegebener Zeit erzählen.«

»Tatsächlich?«, sagte Harry verdutzt.

»Gewiss«, sagte Dumbledore, zog eine neue Flasche silberner Erinnerungen aus seinem Umhang und entkorkte sie mit einem leichten Stoß seines Zauberstabs.

»Sir«, sagte Harry zögernd, »ich habe Mundungus in Hogsmeade getroffen.«

»Ah, ja, ich habe bereits erfahren, dass Mundungus dein Erbe mit langen Fingern missachtet hat«, sagte Dumbledore und runzelte leicht die Stirn. »Seit du ihn vor den Drei Besen zur Rede gestellt hast, ist er untergetaucht; ich würde meinen, er hat Angst, mir gegenüberzutreten. Aber verlass dich darauf, er wird nicht noch mehr von Sirius' alten Besitztümern beiseite schaffen.«

»Dieser räudige alte Halbblüter hat Erbstücke von den Blacks gestohlen?«, sagte Phineas Nigellus erzürnt; und er stolzierte aus seinem Rahmen, zweifellos um sein Porträt am Grimmauldplatz Nummer zwölf aufzusuchen.

»Professor«, sagte Harry nach einer kurzen Pause, »hat Professor McGonagall Ihnen gesagt, was ich ihr erzählt habe, nachdem Katie verletzt wurde? Über Draco Malfoy?«

»Sie hat mir von deinem Verdacht erzählt, ja«, erwiderte Dumbledore.

»Und Sie –?«

»Ich werde alle geeigneten Maßnahmen ergreifen und jeden überprüfen, der möglicherweise mit Katies Unfall zu tun hatte«, sagte Dumbledore. »Aber im Augenblick, Harry, beschäftigt mich unsere Unterrichtsstunde.«

Harry ärgerte sich ein wenig über diese Worte: Wenn ihr Unterricht tatsächlich so wichtig war, warum hatte es dann eine so lange Unterbrechung zwischen der ersten und der zweiten Stunde gegeben? Doch er sagte nichts mehr über Draco Malfoy, sondern sah zu, wie Dumbledore die neuen Erinnerungen in das Denkarium goss und das steinerne Becken wieder in den langen Fingern seiner Hände kreisen ließ.

»Wie du sicher noch weißt, haben wir die Geschichte von Lord Voldemorts Anfängen an dem Punkt unterbrochen, als der hübsche Muggel Tom Riddle seine Frau, die Hexe Merope, verließ und zu seinem Familiensitz in Little Hangleton zurückkehrte. Merope blieb allein in London zurück, schwanger mit einem Kind, das eines Tages Lord Voldemort werden sollte.«

»Woher wissen Sie, dass sie in London war, Sir?«

»Aufgrund der Aussage eines gewissen Caractacus Burke«, sagte Dumbledore, »der dank eines merkwürdigen Zufalls Mitbegründer ebenjenes Ladens war, aus dem das Halsband stammt, über das wir gerade sprachen.«

Er schwenkte den Inhalt des Denkariums, wie Harry es ihn schon früher hatte tun sehen, genau wie ein Goldsucher, der Gold aussiebt. Aus der wirbelnden, silbrigen Substanz stieg ein kleiner alter Mann empor, der sich langsam im Denkarium um sich selbst drehte, silbern wie ein Geist, aber viel fester, mit einem Haarschopf, der seine Augen vollkommen verdeckte.

»Ja, wir haben es unter seltsamen Umständen erworben. Eine junge Hexe brachte es kurz vor Weihnachten in den Laden, oh, das ist jetzt viele Jahre her. Sie sagte, sie würde das Gold dringend brauchen, also, das zumindest war offensichtlich. War in Lumpen gekleidet und hatte einen ziemlichen Bauch … sie erwartete ein Kind, Sie verstehen. Sie behauptete, das Medaillon hätte Slytherin gehört. Nun ja, derlei Geschichten bekommen wir ständig zu hören – ›Oh, diese Teekanne stammt aus dem Besitz von Merlin, ganz ehrlich, die hat er am liebsten benutzt‹ –, aber ich hab mir das Medaillon angesehen, es trug tatsächlich sein Zeichen, und ein paar schlichte Zauber genügten, dann wusste ich die Wahrheit. Das machte es natürlich so gut wie unbezahlbar. Sie hatte offenbar keine Ahnung, wie viel es wert war. War froh, dass sie zehn Galleonen dafür bekam. Das beste Geschäft, das wir je gemacht haben!«

Dumbledore versetzte dem Denkarium einen besonders kräftigen Stoß und Caractacus Burke sank zurück in die wirbelnde Masse der Erinnerung, aus der er gekommen war.

»Er hat ihr nur zehn Galleonen gegeben?«, sagte Harry empört.

»Caractacus Burke war nicht gerade berühmt für seine Großzügigkeit«, sagte Dumbledore. »Also wissen wir, dass Merope gegen Ende ihrer Schwangerschaft allein in London war und dringend Gold benötigte, so dringend, dass sie den einzigen wertvollen Gegenstand verkaufte, den sie besaß, das Medaillon, eines von Vorlosts hoch geschätzten Familienerbstücken.«

»Aber sie konnte doch zaubern!«, sagte Harry ungeduldig. »Sie hätte sich durch Zauberei Nahrung und alles beschaffen können, oder nicht?«

»Hm«, machte Dumbledore. »Schon möglich. Aber ich glaube – und das ist wieder nur eine Vermutung, doch ich bin sicher, dass ich Recht habe –, ich glaube, dass Merope, als ihr Mann sie verlassen hatte, mit dem Zaubern aufhörte. Ich denke, sie wollte keine Hexe mehr sein. Natürlich ist es auch möglich, dass ihre unerwiderte Liebe und die damit verbundene Verzweiflung sie ihrer Kräfte beraubte; so etwas kommt vor. Auf jeden Fall weigerte sich Merope, wie du gleich sehen wirst, den Zauberstab zu heben, und sei es, um ihr eigenes Leben zu retten.«

»Sie wollte nicht einmal für ihren Sohn am Leben bleiben?«

Dumbledore zog die Augenbrauen hoch.

»Kann es sein, dass du Mitleid mit Lord Voldemort hast?«

»Nein«, erwiderte Harry rasch, »aber sie hatte die Wahl, nicht wahr, anders als meine Mutter – «

»Auch deine Mutter hatte die Wahl«, sagte Dumbledore sanft. »Ja, Merope Riddle hat den Tod gewählt, trotz eines Sohnes, der sie brauchte, aber urteile nicht zu hart über sie, Harry. Ihr langes Leiden hatte sie sehr geschwächt und sie war nie so mutig wie deine Mutter. Und nun, steh bitte auf …«

»Wohin gehen wir?«, fragte Harry, als Dumbledore sich neben ihn vor den Schreibtisch stellte.

»Diesmal«, sagte Dumbledore, »werden wir in mein Gedächtnis eintreten. Ich denke, du wirst feststellen, dass es reich an Einzelheiten und zufriedenstellend genau ist. Nach dir, Harry …«

Harry beugte sich über das Denkarium; sein Gesicht teilte die kühle Oberfläche des Gedächtnisses, dann stürzte er wieder durch die Dunkelheit … Sekunden später schlugen seine Füße auf festem Boden auf, er öffnete die Augen und sah, dass er und Dumbledore in einer belebten altertümlichen Londoner Straße standen.

»Dort bin ich«, sagte Dumbledore munter und deutete auf eine große Gestalt vor ihnen, die gerade die Straße vor einem Milchkarren überquerte, der von Pferden gezogen wurde.

Die langen Haare und der Bart dieses jungen Albus Dumbledore waren kastanienbraun. Als er ihre Straßenseite erreicht hatte, ging er rasch den Bürgersteig entlang und zog wegen seines extravagant geschnittenen Anzugs aus pflaumenblauem Samt viele neugierige Blicke auf sich.

»Hübscher Anzug, Sir«, rutschte es Harry unwillkürlich heraus, doch Dumbledore gluckste nur, während sie seinem jüngeren Selbst ein kurzes Stück folgten. Schließlich traten sie durch ein eisernes Doppeltor in einen leeren Hof, auf dessen gegenüberliegender Seite ein recht düsteres, wuchtiges Gebäude mit einem hohen Gitterzaun ringsum aufragte. Der junge Dumbledore stieg die wenigen Stufen zur Tür hinauf und klopfte einmal. Kurz darauf wurde die Tür von einem schmuddeligen Mädchen geöffnet, das eine Schürze trug.

»Guten Tag. Ich habe eine Verabredung mit einer Mrs Cole, die, wie ich annehme, die Leiterin dieses Hauses ist?«

»Oh«, sagte das verwirrt dreinblickende Mädchen und musterte Dumbledores ungewöhnliche Erscheinung von oben bis unten. »Ähm … ein Momentchen … MRS COLE!«, brüllte sie über die Schulter.

Harry hörte, wie jemand ganz entfernt eine Antwort rief. Das Mädchen wandte sich wieder an Dumbledore.

»Kommen Sie rein, sie is' gleich da.«

Dumbledore trat in eine schwarzweiß geflieste Eingangshalle; alles hier war heruntergekommen, aber tadellos sauber. Harry und der ältere Dumbledore folgten. Ehe die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, kam eine magere, zermürbt aussehende Frau auf sie zugeeilt. Ihre scharf geschnittenen Gesichtszüge wirkten eher besorgt als unfreundlich, und während sie auf Dumbledore zuging, sprach sie über die Schulter hinweg zu einer weiteren Helferin mit Schürze.

»… und bring das Jod hoch zu Martha, Billy Stubbs hat seinen Schorf aufgekratzt und Eric Whalley macht sich die ganzen Laken voll Eiter – Windpocken, das hat uns gerade noch gefehlt«, sagte sie zu niemand Bestimmtem, dann fiel ihr Blick auf Dumbledore, und sie blieb wie angewurzelt stehen und wirkte so erstaunt, als wäre soeben eine Giraffe über ihre Türschwelle gestiegen.

»Guten Tag«, sagte Dumbledore und streckte die Hand aus.

Mrs Cole starrte ihn nur sprachlos an.

»Mein Name ist Albus Dumbledore. Ich habe Sie brieflich um einen Termin gebeten und Sie waren so freundlich, mich für heute hierher zu bitten.«

Mrs Cole blinzelte. Offenbar kam sie zu dem Schluss, dass Dumbledore keine Halluzination war, denn sie sagte matt: »Oh, ja. Also – also dann – kommen Sie am besten in mein Zimmer. Ja.«

Sie führte Dumbledore in einen kleinen Raum, der halb Wohnzimmer, halb Büro zu sein schien. Er war genauso heruntergekommen wie die Eingangshalle, und die Möbel waren alt und passten nicht zusammen. Sie bat Dumbledore, auf einem wackligen Stuhl Platz zu nehmen, setzte sich selbst hinter einen überladenen Schreibtisch und sah Dumbledore nervös an.

»Wie ich Ihnen in meinem Brief mitgeteilt habe, bin ich hier, um über Tom Riddle zu reden und Vereinbarungen für seine Zukunft zu treffen«, sagte Dumbledore.

»Sind Sie ein Familienangehöriger?«, fragte Mrs Cole.

»Nein, ich bin ein Lehrer«, sagte Dumbledore. »Ich bin gekommen, um Tom einen Platz an meiner Schule anzubieten.«

»Und was ist das für eine Schule?«

»Sie heißt Hogwarts«, sagte Dumbledore.

»Und wie kommt es, dass Sie an Tom interessiert sind?«

»Wir glauben, dass er Talente besitzt, auf die wir Wert legen.«

»Sie meinen, er hat ein Stipendium bekommen? Wie kann das sein? Es wurde nie eines für ihn beantragt.«

»Nun, sein Name ist seit seiner Geburt in unserer Schule vorgemerkt – «

»Wer hat ihn angemeldet? Seine Eltern?«

Zweifellos war Mrs Cole eine unbequem scharfsinnige Frau. Offenbar dachte Dumbledore das auch, denn Harry sah, wie er jetzt den Zauberstab aus der Tasche seines Samtanzugs gleiten ließ und gleichzeitig ein Blatt völlig weißes Papier von Mrs Coles Schreibtisch nahm.

»Hier«, sagte Dumbledore und schwang einmal seinen Zauberstab, während er ihr das Blatt Papier reichte. »Ich denke, dies wird alles erklären.«

Mrs Coles Blick verschwamm und klärte sich wieder, als sie für einen Moment aufmerksam das leere Papier betrachtete.

»Das scheint völlig in Ordnung zu sein«, sagte sie gelassen und gab es Dumbledore zurück. Dann fiel ihr Blick auf eine Flasche Gin und zwei Gläser, die einige Sekunden zuvor bestimmt noch nicht da gewesen waren.

»Ähm – darf ich Ihnen ein Glas Gin anbieten?«, sagte sie in einem besonders vornehmen Ton.

»Vielen Dank«, sagte Dumbledore strahlend.

Es stellte sich schnell heraus, dass Mrs Cole keine Anfängerin war, was das Gintrinken betraf. Sie schenkte ihnen beiden einen großzügigen Schluck ein und leerte ihr eigenes Glas in einem Zug. Dann leckte sie sich ungeniert die Lippen und lächelte Dumbledore zum ersten Mal an, der nicht zögerte, seinen Vorteil auszunutzen.

»Ich frage mich, ob Sie mir vielleicht etwas über Tom Riddles Vorgeschichte erzählen können. Ich glaube, er wurde in diesem Waisenhaus hier geboren?«

»Das ist richtig«, sagte Mrs Cole und schenkte sich Gin nach. »Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, weil ich selbst gerade hier angefangen hatte. Silvesterabend und bitterkalt, mit Schnee, wissen Sie. Eine scheußliche Nacht. Und dieses Mädchen, nicht viel älter, als ich damals war, kam die Treppe vorne hochgewankt. Nun ja, sie war nicht die Erste. Wir nahmen sie auf und nach einer Stunde war ihr Baby da. Und eine weitere Stunde später war sie tot.«

Mrs Cole nickte nachdrücklich und nahm erneut einen großzügigen Schluck Gin.

»Hat sie noch irgendetwas gesagt, ehe sie starb?«, fragte Dumbledore. »Etwas über den Vater des Jungen, zum Beispiel?«

»Nun, zufällig tat sie das«, sagte Mrs Cole, die sich inzwischen, mit dem Gin in der Hand und einem eifrigen Zuhörer für ihre Geschichte, recht wohl zu fühlen schien.

»Ich weiß noch, dass sie zu mir sagte: ›Hoffentlich sieht er wie sein Papa aus‹, und offen gestanden tat sie recht daran, das zu hoffen, denn sie war keine Schönheit – und dann verriet sie mir, dass er Tom heißen solle, nach seinem Vater, und Vorlost, nach ihrem Vater – ja, ich weiß, komischer Name, nicht wahr? Wir haben uns gefragt, ob sie vielleicht von einem Zirkus kam. Außerdem sagte sie, dass der Nachname des Jungen Riddle sein solle. Und bald danach starb sie ohne ein weiteres Wort.

Nun, wir haben ihn genau so genannt, wie sie es wollte, das schien dem armen Mädchen ja so wichtig zu sein, aber kein Tom, kein Vorlost oder irgendein Riddle kam je, um ihn zu suchen, und auch überhaupt keine andere Familie, also blieb er im Waisenhaus, und das bis zum heutigen Tag.«

Mrs Cole goss sich beinahe geistesabwesend noch einmal ordentlich Gin ein. Auf ihren Wangenknochen zeichneten sich oben zwei rosa Flecken ab. Dann sagte sie: »Er ist ein komischer Kerl.«

»Ja«, sagte Dumbledore. »Das habe ich mir schon gedacht.«

»Er war auch als Baby schon komisch. Hat kaum jemals geschrien, wissen Sie. Und dann, als er ein wenig älter wurde, war er … sonderbar.«

»Sonderbar, inwiefern?«, fragte Dumbledore freundlich.

»Nun, er – «

Aber Mrs Cole verstummte abrupt und der forschende Blick, den sie Dumbledore über das Ginglas zuwarf, hatte nichts Verschwommenes oder Vages an sich.

»Er hat ganz sicher einen Platz an Ihrer Schule, sagen Sie?«

»Ganz sicher«, erwiderte Dumbledore.

»Und nichts, was ich sage, kann das ändern?«

»Nichts«, sagte Dumbledore.

»Sie werden ihn auf jeden Fall von hier fortnehmen?«

»Auf jeden Fall«, wiederholte Dumbledore ernst.

Sie sah ihn scharf an, als würde sie abwägen, ob sie ihm trauen konnte oder nicht. Offenbar entschied sie sich dafür, ihm zu trauen, denn plötzlich sagte sie ganz schnell: »Er macht den anderen Kindern Angst.«

»Sie meinen, er quält sie?«, fragte Dumbledore.

»Ich denke, ja«, sagte Mrs Cole mit einem leichten Stirnrunzeln, »aber es ist sehr schwierig, ihn dabei zu ertappen. Es gab Vorfälle … schlimme Dinge …«

Dumbledore drängte sie nicht, doch Harry spürte deutlich, dass es ihn interessierte. Sie nahm abermals einen Schluck Gin und ihre rosigen Wangen wurden noch rosiger.

»Billy Stubbs' Kaninchen … also, Tom hat behauptet, dass er es nicht getan hat, und ich kann mir nicht vorstellen, wie er es hätte tun können, aber trotzdem, es hat sich ja nicht selbst am Dachbalken aufgehängt, oder?«

»Das würde ich nicht meinen, nein«, sagte Dumbledore leise.

»Aber der Teufel soll mich holen, ich wüsste doch zu gern, wie er da raufgekommen ist. Ich weiß nur, dass er und Billy sich am Tag vorher gestritten hatten. Und dann«, Mrs Cole nahm einen weiteren kräftigen Zug Gin und schüttete sich diesmal ein wenig über ihr Kinn, »beim Sommerausflug – wir gehen einmal im Jahr mit ihnen raus aufs Land oder ans Meer, wissen Sie – nun, Amy Benson und Dennis Bishop waren von da an nicht mehr ganz richtig im Kopf, und alles, was wir aus ihnen rausgekriegt haben, war, dass sie mit Tom Riddle in eine Höhle gestiegen sind. Er hat geschworen, dass sie sie einfach nur ausgekundschaftet hätten, aber irgendwas ist dort drin vorgefallen, da bin ich sicher. Und, nun ja, es gab eine Menge Dinge, merkwürdige Dinge …«

Sie sah Dumbledore erneut an, mit geröteten Wangen, doch mit festem Blick.

»Ich glaube nicht, dass ihn viele vermissen werden.«

»Sie werden sicher verstehen, dass wir ihn nicht die ganze Zeit bei uns behalten können?«, sagte Dumbledore. »Er wird zumindest jeden Sommer hierher zurückkehren müssen.«

»Oh, nun ja, besser als ein Hieb auf die Nase mit einem rostigen Schürhaken«, sagte Mrs Cole mit einem kleinen Schluckauf. Sie stand auf und Harry stellte beeindruckt fest, dass sie ziemlich gerade stehen blieb, obwohl der Gin inzwischen zu zwei Dritteln geleert war. »Ich nehme an, Sie möchten ihn sehen?«

»Sehr gern«, sagte Dumbledore und erhob sich ebenfalls.

Sie führte ihn aus ihrem Büro und die steinerne Treppe hoch und rief unterwegs den Angestellten und Kindern Anweisungen und Ermahnungen zu. Die Waisen trugen alle die gleiche Art gräulichen Kittel, wie Harry bemerkte. Sie wirkten einigermaßen gut versorgt, doch zweifellos war dies ein düsterer Ort für ein heranwachsendes Kind.

»Da sind wir«, sagte Mrs Cole, als sie auf dem zweiten Treppenabsatz abgebogen waren und vor der ersten Tür in einem langen Korridor stehen blieben. Sie klopfte zweimal und trat ein.

»Tom? Du hast Besuch. Das ist Mr Dumberton – Verzeihung, Dunderbore. Er kommt, um dir zu sagen – nun, er soll es dir selbst erzählen.«

Harry und die beiden Dumbledores betraten das Zimmer, und Mrs Cole schloss die Tür hinter ihnen. Es war ein kleiner, kahler Raum, der nichts weiter enthielt als einen alten Kleiderschrank und ein eisernes Bettgestell. Ein Junge saß auf den grauen Decken, die Füße vor sich ausgestreckt, mit einem Buch in der Hand.

Tom Riddles Gesicht trug keine Spur der Gaunts. Meropes letzter Wunsch war in Erfüllung gegangen: Er war eine kleine Ausgabe seines gut aussehenden Vaters, groß für seine elf Jahre, dunkelhaarig und blass. Seine Augen verengten sich leicht, als er Dumbledores exzentrische Erscheinung musterte. Für einen Moment herrschte Stille.

»Guten Tag, Tom!«, sagte Dumbledore, trat auf ihn zu und hielt ihm die Hand entgegen.

Der Junge zögerte, dann schlug er ein, und sie schüttelten sich die Hände. Dumbledore zog den harten Holzstuhl zu Riddle hin, so dass die beiden eher wie ein Krankenhauspatient und sein Besucher aussahen.

»Ich bin Professor Dumbledore.«

»›Professor‹?«, wiederholte Riddle. Er wirkte argwöhnisch. »Ist das wie ›Doktor‹? Warum sind Sie hier? Hat die Sie etwa geholt, damit Sie mich untersuchen?«

Er wies auf die Tür, durch die Mrs Cole eben hinausgegangen war.

»Nein, nein«, sagte Dumbledore lächelnd.

»Ich glaube Ihnen nicht«, sagte Riddle. »Sie will mich untersuchen lassen, stimmt's? Sagen Sie die Wahrheit!«

Er sprach diese letzten vier Wörter mit einem fast erschreckend bohrenden Nachdruck. Es war ein Befehl, und er klang, als hätte Riddle ihn schon oft erteilt. Seine Augen hatten sich geweitet und er starrte Dumbledore wütend an, der nicht antwortete, sondern unentwegt freundlich lächelte. Nach wenigen Sekunden hörte Riddle auf, so wütend zu starren, doch nun wirkte er nur noch argwöhnischer.

»Wer sind Sie?«

»Das habe ich dir bereits gesagt. Mein Name ist Professor Dumbledore und ich arbeite an einer Schule namens Hogwarts. Ich bin gekommen, um dir einen Platz an meiner Schule anzubieten – deiner neuen Schule, falls du kommen möchtest.«

Riddle reagierte höchst überraschend. Er sprang vom Bett und wich mit zorniger Miene vor Dumbledore zurück.

»Sie können mich nicht reinlegen! Sie kommen in Wirklichkeit vom Irrenhaus, stimmt's? ›Professor‹, ja, natürlich – also, ich geh da nicht hin, verstanden? Dieses alte Biest gehört eigentlich ins Irrenhaus. Ich hab der kleinen Amy Benson oder Dennis Bishop nie was getan, fragen Sie die doch, die werden's Ihnen sagen!«

»Ich bin nicht vom Irrenhaus«, sagte Dumbledore geduldig. »Ich bin Lehrer, und wenn du dich jetzt ruhig hinsetzt, werde ich dir von Hogwarts erzählen. Wenn du lieber nicht in die Schule kommen möchtest, wird dich natürlich keiner zwingen.«

»Das sollen die erst mal versuchen«, höhnte Riddle.

»Hogwarts«, fuhr Dumbledore fort, als hätte er Riddles letzte Worte nicht gehört, »ist eine Schule für Menschen mit besonderen Veranlagungen – «

»Ich bin nicht verrückt!«

»Ich weiß, dass du nicht verrückt bist. Hogwarts ist keine Schule für Verrückte. Es ist eine Schule der Magie.«

Stille trat ein. Riddle war erstarrt, mit ausdruckslosem Gesicht, doch seine Augen flackerten zwischen denen Dumbledores hin und her, als wollte er eines beim Lügen ertappen.

»Magie?«, wiederholte er flüsternd.

»Richtig«, sagte Dumbledore.

»Ist das … ist das Magie, was ich kann?«

»Was kannst du denn?«

»Ganz viel«, hauchte Riddle. Vor Aufregung stieg ihm Röte den Hals hinauf, bis in die hohlen Wangen; er wirkte fiebrig. »Ich kann machen, dass Dinge sich bewegen, ohne dass ich sie anfasse. Ich kann machen, dass Tiere tun, was ich will, ohne dass ich sie dressiere. Ich kann machen, dass Leuten, die mich ärgern, böse Dinge zustoßen. Ich kann machen, dass es ihnen wehtut, wenn ich will.«

Seine Beine zitterten. Er wankte vorwärts, setzte sich wieder aufs Bett und starrte seine Hände an, den Kopf geneigt wie zum Gebet.

»Ich hab gewusst, dass ich anders bin«, flüsterte er seinen eigenen bebenden Fingern zu. »Ich hab gewusst, dass ich besonders bin. Ich hab immer gewusst, dass da irgendwas ist.«

»Nun, du hattest vollkommen Recht«, sagte Dumbledore, der jetzt nicht mehr lächelte, sondern Riddle aufmerksam ansah. »Du bist ein Zauberer.«

Riddle hob den Kopf. Sein Gesicht war wie verwandelt: Wilde Glückseligkeit lag darin, doch aus irgendeinem Grund sah er trotzdem nicht besser aus; im Gegenteil, seine fein geschnittenen Züge schienen irgendwie gröber, sein Ausdruck fast tierhaft.

»Sind Sie auch ein Zauberer?«

»Ja, das bin ich.«

»Beweisen Sie es«, verlangte Riddle sofort, im selben Befehlston, mit dem er »Sagen Sie die Wahrheit« gesagt hatte.

Dumbledore zog die Brauen hoch.

»Wenn du, wie ich vermute, deinen Platz in Hogwarts annimmst –«

»Natürlich tu ich das!«

»Dann solltest du mich mit ›Professor‹ oder ›Sir‹ anreden.«

Riddles Miene verhärtete sich für einen kaum wahrnehmbaren Moment, dann sagte er mit höflicher, nicht wiederzuerkennender Stimme: »Verzeihung, Sir. Ich meinte – bitte, Professor, könnten Sie mir zeigen –?«

Harry war sicher, dass Dumbledore dies ablehnen würde, dass er Riddle sagen würde, für praktische Vorführungen sei in Hogwarts Zeit genug, dass sie im Augenblick in einem Gebäude voller Muggel wären und daher vorsichtig sein müssten. Zu seiner großen Überraschung jedoch zog Dumbledore seinen Zauberstab aus einer Innentasche seiner Anzugjacke, richtete ihn auf den schäbigen Schrank in der Ecke und ließ ihn lässig schnippen.

Der Schrank ging in Flammen auf.

Riddle sprang hoch. Harry konnte durchaus verstehen, dass er vor Entsetzen und Wut losheulte; all seine Habseligkeiten auf Erden mussten dort drin gewesen sein; doch noch während Riddle wütend auf Dumbledore einschrie, verschwanden die Flammen und der Schrank blieb völlig unversehrt zurück.

Riddle starrte vom Schrank zu Dumbledore, dann deutete er mit gieriger Miene auf den Zauberstab.

»Wo kann ich so einen kriegen?«

»Alles hat seine Zeit«, sagte Dumbledore. »Ich glaube, da will etwas aus deinem Schrank heraus.«

Und tatsächlich, ein leises Rascheln war aus dem Schrank zu hören. Riddle wirkte zum ersten Mal erschrocken.

»Offne die Tür«, sagte Dumbledore.

Riddle zögerte, dann durchquerte er das Zimmer und warf die Schranktür auf. Auf dem obersten Regal, über einer Stange mit zerschlissenen Kleidungsstücken, wackelte und raschelte eine kleine Pappschachtel, als wären etliche verzweifelte Mäuse darin gefangen.

»Nimm sie heraus«, sagte Dumbledore.

Riddle holte die bebende Schachtel herunter. Er wirkte zermürbt.

»Ist irgendetwas in dieser Schachtel, das du eigentlich nicht haben solltest?«, fragte Dumbledore.

Riddle warf Dumbledore einen langen, scharfen, berechnenden Blick zu.

»Ja, ich denke schon, Sir«, sagte er schließlich mit tonloser Stimme.

»Öffne sie«, sagte Dumbledore.

Riddle nahm den Deckel ab und kippte den Inhalt der Schachtel auf sein Bett, ohne hinzusehen. Harry, der etwas viel Aufregenderes erwartet hatte, sah ein Durcheinander aus kleinen Alltagsgegenständen, darunter ein Jo-Jo, ein silberner Fingerhut und eine angelaufene Mundharmonika. Sowie sie aus der Schachtel befreit waren, hörten sie auf zu beben und lagen völlig reglos auf den dünnen Decken.

»Du wirst sie ihren Besitzern zurückgeben und dich entschuldigen«, sagte Dumbledore ruhig und steckte den Zauberstab zurück in sein Jackett. »Ich werde erfahren, ob du es getan hast. Und sei gewarnt: Diebstahl wird in Hogwarts nicht geduldet.«

Riddle zeigte keine Spur von Scham; er starrte Dumbledore nach wie vor kalt und abschätzend an. Endlich sagte er mit neutraler Stimme: »Ja, Sir.«

»In Hogwarts«, fuhr Dumbledore fort, »bringen wir dir nicht nur bei, wie du Magie verwendest, sondern auch, wie du sie beherrschst. Du hast deine Kräfte bisher – sicher unabsichtlich – auf eine Weise genutzt, die an unserer Schule weder unterrichtet noch geduldet wird. Du bist nicht der Erste und wirst auch nicht der Letzte sein, der sich vom Zaubern mitreißen lässt. Aber du solltest wissen, dass Hogwarts auch Schüler ausschließen kann, und das Zaubereiministerium – ja, es gibt ein Ministerium – bestraft Gesetzesbrecher sogar noch härter. Alle neuen Zauberer müssen, wenn sie unsere Welt betreten, auch akzeptieren, dass sie sich an unsere Gesetze halten müssen.«

»Ja, Sir«, sagte Riddle erneut.

Es war unmöglich zu erraten, was er dachte; sein Gesicht blieb vollkommen ausdrucksleer, als er die kleine Sammlung gestohlener Dinge wieder in die Pappschachtel legte. Sobald er fertig war, wandte er sich an Dumbledore und sagte ganz offen: »Ich habe kein Geld.«

»Dem lässt sich leicht abhelfen«, sagte Dumbledore und zog einen ledernen Geldbeutel aus seiner Tasche. »In Hogwarts haben wir Mittel für Schüler, die Unterstützung beim Kauf von Büchern und Umhängen benötigen. Vielleicht musst du einige deiner Zauberbücher und andere Sachen gebraucht kaufen, aber – «

»Wo kauft man Zauberbücher?«, unterbrach ihn Riddle, der den schweren Geldbeutel genommen hatte, ohne Dumbledore zu danken, und jetzt eine dicke goldene Galleone musterte.

»In der Winkelgasse«, sagte Dumbledore. »Ich habe deine Liste mit den Büchern und Schulsachen dabei. Wenn du willst, helfe ich dir, alles zu finden – «

»Sie kommen mit?«, fragte Riddle und blickte auf.

»Aber sicher, wenn du – «

»Ich brauche Sie nicht«, sagte Riddle. »Ich bin es gewohnt, Sachen selber zu machen, ich geh ständig allein in London rum. Wie kommt man in diese Winkelgasse – Sir?«, fügte er hinzu, als er Dumbledores Blick bemerkte.

Harry dachte, dass Dumbledore darauf bestehen würde, Riddle zu begleiten, doch er wurde wieder überrascht. Dumbledore überreichte Riddle den Umschlag mit der Liste seiner Schulausstattung, und nachdem er Riddle genau erklärt hatte, wie er vom Waisenhaus zum Tropfenden Kessel gelangte, sagte er: »Du wirst ihn sehen können, auch wenn die Muggel um dich herum – das heißt, die nichtmagischen Menschen – dies nicht können. Frag nach Tom dem Wirt – das ist ja ganz leicht zu merken, denn er heißt wie du – «

Riddle zuckte gereizt, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen.

»Du magst den Namen ›Tom‹ nicht?«

»Es gibt so viele Toms«, murmelte Riddle. Und dann, als ob er die Frage nicht unterdrücken könnte, als ob sie unwillkürlich aus ihm herausplatzte, sagte er: »War mein Vater ein Zauberer? Er hieß auch Tom Riddle, hat man mir gesagt.«

»Ich weiß es leider nicht«, erwiderte Dumbledore mit sanfter Stimme.

»Meine Mutter kann nicht magisch gewesen sein, sonst wäre sie nicht gestorben«, sagte Riddle, mehr zu sich selbst als zu Dumbledore. »Er muss es gewesen sein. Also – wenn ich alle meine Sachen habe – wann soll ich in dieses Hogwarts kommen?«

»Alle Einzelheiten stehen auf dem zweiten Blatt Pergament in deinem Umschlag«, erwiderte Dumbledore. »Du wirst am ersten September vom Bahnhof King's Cross losfahren. Es ist auch eine Zugfahrkarte dabei.«

Riddle nickte. Dumbledore stand auf und streckte erneut die Hand aus. Riddle ergriff sie und sagte: »Ich kann mit Schlangen reden. Das hab ich rausgefunden, als wir unsere Ausflüge aufs Land gemacht haben – sie kommen zu mir, sie flüstern zu mir. Ist das normal für einen Zauberer?«

Harry war sicher, dass Riddle es sich bis zuletzt aufgehoben hatte, diese merkwürdigste aller Begabungen zu erwähnen, um Dumbledore unbedingt damit zu beeindrucken.

»Es ist ungewöhnlich«, sagte Dumbledore nach kurzem Zögern, »aber man hat schon davon gehört.«

Sein Ton war beiläufig, aber sein Blick wanderte neugierig über Riddles Gesicht. Sie verharrten einen Moment, der Mann und der Junge, und blickten einander an. Dann lösten sie ihren Händedruck; Dumbledore stand bei der Tür.

»Auf Wiedersehen, Tom. Wir sehen uns in Hogwarts.«

»Ich denke, das genügt«, sagte der weißhaarige Dumbledore an Harrys Seite, und Sekunden später schwebten sie erneut schwerelos durch die Dunkelheit, bis sie wieder sicher in Dumbledores gegenwärtigem Büro landeten.

»Setz dich«, sagte Dumbledore, der neben Harry gelandet war.

Harry gehorchte, der Kopf schwirrte ihm noch von all dem, was er eben gesehen hatte.

»Er hat es viel schneller geglaubt als ich – ich meine, als Sie ihm gesagt haben, dass er ein Zauberer ist«, bemerkte Harry. »Als Hagrid es mir gesagt hat, habe ich ihm zuerst gar nicht geglaubt.«

»Ja, Riddle war absolut bereit zu glauben, dass er – um sein eigenes Wort zu gebrauchen – ›besonders‹ war«, sagte Dumbledore.

»Wussten Sie es – damals?«, fragte Harry.

»Ob ich wusste, dass ich gerade den gefährlichsten schwarzen Magier aller Zeiten kennen gelernt hatte?«, sagte Dumbledore. »Nein, ich hatte keine Ahnung, dass er später einmal zu dem werden sollte, was er ist. Aber ich war zweifellos fasziniert von ihm. Als ich nach Hogwarts zurückkehrte, nahm ich mir fest vor, ihn im Auge zu behalten, was ich ohnehin hätte tun sollen, da er ja allein war und keine Freunde hatte, doch schon damals spürte ich, dass ich es ebenso sehr seinetwegen wie für andere tun musste.

Seine Kräfte waren, wie du gehört hast, für einen so jungen Zauberer überraschend gut entwickelt, und – was am interessantesten und unheimlichsten von allem war – er hatte bereits herausgefunden, dass er sie in gewissem Maße beherrschen konnte, und hatte angefangen, sie bewusst einzusetzen. Und wie du gesehen hast, waren das nicht die typischen willkürlichen Experimente junger Zauberer: Er setzte Magie bereits gegen andere Menschen ein, um ihnen Angst einzujagen, sie zu bestrafen, zu beherrschen. Die kleinen Geschichten von dem strangulierten Kaninchen und dem kleinen Jungen und dem Mädchen, die er in eine Höhle lockte, waren äußerst aufschlussreich … Ich kann machen, dass es ihnen wehtut, wenn ich will …«

»Und er war ein Parselmund«, warf Harry ein.

»Ja, in der Tat; eine seltene Veranlagung, und eine, die angeblich mit den dunklen Künsten zusammenhängt, obwohl wir wissen, dass es auch unter den Großen und Guten Parselmünder gibt. Tatsächlich hat mich seine Fähigkeit, mit Schlangen zu reden, nicht annähernd so beunruhigt wie seine deutliche Neigung zu Grausamkeit, Heimlichtuerei und Machtausübung.

Die Zeit hat uns wieder zum Narren gehalten«, sagte Dumbledore und wies auf den dunklen Himmel vor den Fenstern. »Doch ehe wir uns verabschieden, möchte ich dich auf bestimmte Einzelheiten des Geschehens aufmerksam machen, das wir eben miterlebt haben, denn sie sind von großer Bedeutung für die Dinge, die wir bei zukünftigen Treffen besprechen werden.

Erstens, ich hoffe, du hast Riddles Reaktion bemerkt, als ich erwähnte, dass ein anderer den gleichen Vornamen hat wie er, ›Tom‹?«

Harry nickte.

»Da zeigte er seine Verachtung für alles, was ihn an andere Menschen band, für alles, was ihn gewöhnlich machte. Sogar damals schon wollte er anders, allein, berüchtigt sein. Er legte, wie du weißt, nur wenige Jahre nach diesem Gespräch seinen Namen ab und schuf die Maske des ›Lord Voldemort‹, hinter der er schon so lange verborgen ist.

Ich nehme an, du hast auch bemerkt, dass Tom Riddle bereits äußerst unabhängig und geheimniskrämerisch war und offensichtlich keine Freunde hatte? Er wollte keine Hilfe oder Begleitung für seine Reise in die Winkelgasse. Er zog es vor, seine Angelegenheiten allein zu erledigen. Der erwachsene Voldemort ist genauso. Man hört, dass viele seiner Todesser behaupten, sie würden sein Vertrauen genießen, sie allein stünden ihm nahe, würden ihn sogar verstehen. Sie werden getäuscht. Lord Voldemort hatte nie einen Freund, und ich glaube auch nicht, dass er je einen wollte.

Und zum Schluss – ich hoffe, du bist nicht zu müde, um dieser Sache Beachtung zu schenken, Harry – der junge Tom Riddle sammelte gerne Trophäen. Du hast die Schachtel mit den gestohlenen Gegenständen gesehen, die er in seinem Zimmer versteckt hatte. Die hatte er den Opfern seiner Quälereien abgenommen, sozusagen Erinnerungsstücke an besonders bösartige Zauber. Vergiss dieses Verhalten nicht, das etwas von einer Elster an sich hat, denn vor allem das wird später noch wichtig werden.

Und jetzt ist es wirklich Zeit fürs Bett.«

Harry stand auf. Als er durch das Zimmer ging, fiel sein Blick auf den kleinen Tisch, auf dem beim letzten Mal Vorlost Gaunts Ring gelegen hatte, doch der Ring war nicht mehr da.

»Ja, Harry?«, sagte Dumbledore, denn Harry war stehen geblieben.

»Der Ring ist weg«, sagte Harry und schaute sich um. »Aber ich dachte, Sie hätten vielleicht die Mundharmonika oder so was.«

Dumbledore sah ihn über den Rand seiner Halbmondbrille hinweg mit einem breiten Lächeln an.

»Sehr scharfsinnig, Harry, aber die Mundharmonika war immer nur eine Mundharmonika.«

Und mit dieser rätselhaften Bemerkung winkte er Harry zu, der verstand, dass er nun entlassen war.

Felix Felicis

Am nächsten Morgen hatte Harry als Erstes Kräuterkunde. Er hatte Ron und Hermine beim Frühstück nichts von seiner Unterrichtsstunde bei Dumbledore erzählen können, aus Furcht, dass jemand anderes etwas mitbekam, doch auf dem Weg durch die Gemüsebeete hinüber zu den Gewächshäusern holte er es nach. Der scharfe Wind vom Wochenende hatte sich endlich gelegt; der eigenartige Nebel war zurückgekehrt und sie brauchten ein wenig länger als gewöhnlich, um das richtige Gewächshaus zu finden.

»Wow, ganz schön gruselig, sich Du-weißt-schon-wen als kleinen Jungen vorzustellen«, sagte Ron leise, als sie ihre Plätze rund um die knorrigen Snargaluff-Stümpfe einnahmen, die das Projekt dieses Trimesters waren, und sich ihre Schutzhandschuhe überzogen. »Aber ich versteh immer noch nicht, warum dir Dumbledore das alles zeigt. Ich meine, es ist wirklich interessant und alles, aber was soll das?«

»Keine Ahnung«, sagte Harry und setzte sich einen Mundschutz ein. »Aber er sagt, dass es äußerst wichtig ist und dass es mir helfen wird, zu überleben.«

»Ich finde es faszinierend«, bemerkte Hermine ernst. »Es ist absolut vernünftig, so viel wie möglich über Voldemort zu wissen. Wie sonst willst du seine Schwächen herausfinden?«

»Wie war übrigens Slughorns letzte Party?«, fragte Harry sie dumpf durch den Mundschutz.

»Oh, die war ziemlich lustig, echt«, sagte Hermine, die jetzt eine Schutzbrille aufsetzte. »Na ja, er langweilt uns zwar ein bisschen mit seinen dauernden Geschichten von berühmten Ehemaligen, und er schwänzelt total vor McLaggen rum, weil der so tolle Beziehungen hat, aber es gab was richtig Gutes zu essen bei ihm und er hat uns Gwenog Jones vorgestellt.«

»Gwenog Jones?«, sagte Ron und seine Augen weiteten sich unter seiner Schutzbrille. »Die Gwenog Jones? Kapitänin der Holyhead Harpies?«

»Genau«, sagte Hermine. »Mir persönlich kam sie ein bisschen eingebildet vor, aber – «

»Nun ist es aber genug mit dem Gequassel dort drüben!«, sagte Professor Sprout energisch und eilte mit strenger Miene herbei. »Sie sind die Letzten, alle anderen haben bereits angefangen und Neville hat schon seinen ersten Kokon!«

Sie blickten sich um; tatsächlich, da saß Neville mit einer blutigen Lippe und ein paar üblen Kratzern seitlich im Gesicht, aber er umklammerte ein unangenehm pulsierendes grünes Etwas, ungefähr so groß wie eine Pampelmuse.

»Okay, Professor, wir fangen jetzt an!«, sagte Ron, und als sie sich wieder umgedreht hatte, fügte er leise hinzu: »Hätten den Muffliato nehmen sollen, Harry.«

»Nein, hätten wir nicht!«, wandte Hermine sofort ein und setzte wie üblich beim Gedanken an den Halbblutprinzen und seine Zauber ein äußerst mürrisches Gesicht auf. »Also, nun macht schon … wird Zeit, dass wir endlich loslegen.«

Sie warf den beiden anderen einen bangen Blick zu; sie holten alle tief Luft und warfen sich auf den knorrigen Stumpf zwischen ihnen.

Augenblicklich kam Leben in ihn; lange, stachlige, brombeerartige Ranken wucherten oben aus ihm heraus und peitschten durch die Luft. Eine verhedderte sich in Hermines Haar und Ron schlug sie mit einer Gartenschere zurück; Harry gelang es, einige Ranken einzufangen und sie zusammenzuknoten; mitten in all den tentakelartigen Zweigen tat sich ein Loch auf; Hermine tauchte den Arm mutig in dieses Loch, das sich wie eine Falle um ihren Ellbogen schloss; Harry und Ron zogen und zerrten an den Ranken und bekamen das Loch mit Gewalt wieder auf, Hermine riss blitzschnell ihren Arm heraus und hielt einen Kokon in den Fingern, der genau wie der von Neville aussah. Sofort schossen die stachligen Ranken wieder nach innen, und der knorrige Stumpf lag da wie ein harmloses Stück totes Holz.

»Wisst ihr, ich glaub nicht, dass ich eins von diesen Dingern in meinem Garten haben werde, wenn ich mal mein eigenes Haus hab«, sagte Ron, schob sich die Schutzbrille auf die Stirn und wischte sich den Schweiß vom Gesicht.

»Reicht mir mal eine Schale«, sagte Hermine, die den pulsierenden Kokon mit ausgestrecktem Arm von sich weghielt. Harry gab ihr eine Schale und sie ließ den Kokon mit angewiderter Miene hineinfallen.

»Nur nicht zimperlich, drücken Sie ihn aus, frisch sind sie am besten!«, rief Professor Sprout.

»Wie auch immer«, sagte Hermine und setzte ihr unterbrochenes Gespräch fort, als wären sie nicht eben von einem Stück Holz angegriffen worden, »Slughorn gibt eine Weihnachtsparty, Harry, und vor der kannst du dich auf keinen Fall drücken, weil er mich tatsächlich gebeten hat, deine freien Abende auszukundschaften, damit er das Fest auch ja auf einen Termin legen kann, an dem du kommen kannst.«

Harry stöhnte. Ron versuchte unterdessen, den Kokon in der Schale zum Platzen zu bringen, indem er beide Hände darauflegte, aufstand und ihn so fest er konnte zusammenquetschte. »Und das ist auch so 'ne Party nur für Slughorns Lieblinge, oder?«, sagte er wütend.

»Nur für den Slug-Klub, ja«, sagte Hermine.

Der Kokon flutschte durch Rons Finger und flog gegen die Scheibe des Gewächshauses, prallte zurück an Professor Sprouts Hinterkopf und schlug ihren alten Flickenhut herunter. Harry ging den Kokon holen; als er zurückkam, sagte Hermine gerade: »Hör mal, ich hab mir den Namen ›Slug-Klub‹ nicht ausgedacht – «

»›Slug-Klub‹«, wiederholte Ron mit einem höhnischen Grinsen, das gut zu Malfoy gepasst hätte. »Das ist erbärmlich. Also, ich hoffe, du hast Spaß auf deiner Party. Warum versuchst du nicht, McLaggen anzubaggern, dann kann Slughorn euch zu König und Königin Schleim – «

»Wir dürfen Gäste mitbringen«, sagte Hermine, die aus irgendeinem Grund glühend scharlachrot angelaufen war, »und ich wollte eigentlich dich fragen, aber wenn du das alles so blöd findest, ist es mir auch egal!«

Harry wünschte plötzlich, der Kokon wäre ein wenig weiter weggeflogen, dann hätte er nicht mit den beiden dasitzen müssen. Ohne dass sie es bemerkten, nahm er die Schale mit dem Kokon und versuchte ihn mit den lautesten und aufwändigsten Methoden zu öffnen, die ihm einfielen; leider konnte er immer noch jedes Wort ihrer Unterhaltung hören.

»Du wolltest mich fragen?«, sagte Ron mit völlig veränderter Stimme.

»Ja«, sagte Hermine zornig. »Aber klar, wenn du es lieber hättest, dass ich McLaggen anbaggere …«

Eine Pause trat ein, in der Harry unentwegt mit einem Pflanzenheber auf den elastischen Kokon einschlug.

»Nein, hätt ich nicht«, sagte Ron ganz leise.

Harry verfehlte den Kokon, traf die Schale, und die zerbrach.

»Reparo«, sagte er hastig, tippte mit dem Zauberstab gegen die Scherben, und die Schale sprang wieder zusammen. Doch der Lärm hatte Ron und Hermine offenbar aufgerüttelt und sie an Harrys Anwesenheit erinnert. Hermine sah verwirrt aus und fing sofort an, nach ihrer Ausgabe von Fleisch fressende Bäume der Welt zu stöbern, um darin nachzuschlagen, wie man Snargaluff-Kokons korrekt entsaftet; Ron hingegen wirkte verlegen, aber auch recht zufrieden mit sich selbst.

»Gib das mir, Harry«, sagte Hermine eilig, »da steht, wir sollen mit einem spitzen Gegenstand ein Loch reinstechen …«

Harry reichte ihr die Schale mit dem Kokon, und er und Ron ließen sich die Schutzbrillen wieder über die Augen schnappen und warfen sich noch einmal auf den Stumpf.

Eigentlich war es keine Überraschung, dachte Harry, während er mit einer dornigen Ranke kämpfte, die ihn unbedingt erdrosseln wollte; er hatte es schon dunkel geahnt, dass dies früher oder später passieren würde. Aber er war nicht sicher, was er davon halten sollte … ihm und Cho war es inzwischen zu peinlich, sich anzuschauen oder gar miteinander zu sprechen; was wäre, wenn Ron und Hermine anfangen würden miteinander zu gehen und sich dann wieder trennten? Konnte ihre Freundschaft das überleben? Harry erinnerte sich an die wenigen Wochen im dritten Schuljahr, als die beiden nicht miteinander gesprochen hatten; seine Bemühungen, die Kluft zwischen ihnen zu überbrücken, waren nicht gerade ein Vergnügen gewesen. Aber was wäre, wenn sie sich nicht trennten? Was, wenn sie eines Tages wie Bill und Fleur werden würden und es dann oberpeinlich wäre, mit ihnen zusammen zu sein, so dass er endgültig ausgeschlossen wäre?

»Hab ich dich!«, rief Ron und zog einen zweiten Kokon aus dem Stumpf, gerade als Hermine es geschafft hatte, den ersten aufzubrechen, weshalb die Schale nun voller Tubler war, die sich wie blassgrüne Würmer ringelten.

Die restliche Unterrichtszeit verging, ohne dass Slughorns Party weiter erwähnt wurde. Harry beobachtete seine beiden Freunde in den nächsten Tagen genauer, doch Ron und Hermine schienen sich wie immer zu verhalten, außer dass sie ein wenig höflicher zueinander waren als üblich. Harry nahm an, dass er einfach abwarten musste, was am Abend der Party in Slughorns spärlich beleuchtetem Zimmer unter dem Einfluss von Butterbier passieren würde. Bis dahin hatte er jedoch dringlichere Sorgen.

Katie Bell lag immer noch im St.-Mungo-Hospital und ihre Entlassung war nicht absehbar, und das bedeutete, dass der viel versprechenden Gryffindor-Mannschaft, die Harry seit September so umsichtig trainiert hatte, ein Jäger fehlte. Er schob es immer wieder hinaus, Katie zu ersetzen, in der Hoffnung, sie würde zurückkehren, doch ihr Eröffnungsspiel gegen Slytherin rückte bedrohlich näher, und schließlich musste er sich damit abfinden, dass sie nicht rechtzeitig zurück sein würde, um mitzuspielen.

Harry dachte, dass er ein weiteres Auswahlspiel mit vollen Rängen nicht ertragen konnte. Mit einem flauen Gefühl im Magen, das wenig mit Quidditch zu tun hatte, nahm er eines Tages nach Verwandlung Dean Thomas beiseite. Der größte Teil der Klasse war schon gegangen, nur ein paar gelbe Vögel, allesamt Hermines Schöpfung, flatterten immer noch zwitschernd im Raum umher; kein anderer hatte es geschafft, auch nur eine Feder aus dem Nichts heraufzubeschwören.

»Hast du noch Interesse, als Jäger zu spielen?«

»Waa-? Ja, natürlich!«, sagte Dean aufgeregt. Über Deans Schulter hinweg sah Harry, wie Seamus Finnigan seine Bücher mit säuerlicher Miene in seine Tasche pfefferte. Einer der Gründe, warum Harry Dean am liebsten gar nicht gefragt hätte, war, dass er wusste, Seamus würde es nicht gut aufnehmen. Andererseits musste er tun, was für das Team am besten war, und Dean war beim Auswahlspiel besser geflogen als Seamus.

»Also dann, du bist dabei«, sagte Harry. »Heute Abend ist Training, um sieben.«

»Alles klar«, sagte Dean. »Danke, Harry! Klasse, das muss ich gleich Ginny erzählen!«

Er stürmte hinaus und ließ Harry und Seamus allein zurück. Es war ein unbehaglicher Moment, der auch dadurch nicht besser wurde, dass einer von Hermines Kanarienvögeln über sie hinwegschwirrte und ein Kotkügelchen auf Seamus' Kopf landete.

Seamus war nicht der Einzige, der sich über die Wahl von Katies Ersatz ärgerte. Im Gemeinschaftsraum wurde viel darüber gemurrt, dass Harry jetzt zwei seiner Klassenkameraden in die Mannschaft aufgenommen hatte. Da Harry während seiner bisherigen Zeit an der Schule schon viel übleres Gemurre hatte ertragen müssen, störte es ihn nicht besonders, aber trotzdem stieg der Druck, dass beim kommenden Spiel gegen Slytherin ein Sieg hermusste. Wenn Gryffindor gewann, dann würde das ganze Haus vergessen, dass sie ihn kritisiert hatten, das wusste Harry, und sie würden schwören, sie hätten immer gesagt, dass es eine großartige Mannschaft sei. Wenn sie verloren … nun, dachte Harry bitter, er hatte ja schon übleres Gemurre ertragen müssen …

Als Harry an diesem Abend Dean fliegen sah, hatte er keinen Grund mehr, seine Wahl zu bedauern; Dean spielte gut mit Ginny und Demelza zusammen. Die Treiber, Peakes und Coote, wurden immer besser. Das einzige Problem war Ron.

Harry hatte die ganze Zeit gewusst, dass Ron ein unbeständiger Spieler war, der schlechte Nerven und kaum Selbstvertrauen hatte, und bedauerlicherweise schien die bedrohliche Aussicht auf das Eröffnungsspiel der Saison all seine Unsicherheiten wieder zum Vorschein gebracht zu haben. Nachdem er ein halbes Dutzend Tore kassiert hatte, die meisten von Ginny geschossen, wurde seine Technik immer wahnwitziger, bis er schließlich der entgegenkommenden Demelza Robins auf den Mund schlug.

»Das war ein Versehen, tut mir Leid, Demelza, tut mir echt Leid!«, rief Ron ihr nach, während sie im Zickzack zu Boden flog und überall Blut hintröpfelte. »Ich hab nur – «

»Panik gekriegt«, sagte Ginny wütend, landete neben Demelza und besah sich ihre dicke Lippe. »Ron, du Trottel, schau, wie sie zugerichtet ist!«

»Ich kann das in Ordnung bringen«, sagte Harry, landete neben den beiden Mädchen, deutete mit seinem Zauberstab auf Demelzas Mund und sagte: »Episkey. – Und, Ginny, nenn Ron nicht Trottel, du bist hier nicht die Kapitänin – «

»Tja, du warst offenbar zu beschäftigt, um ihn einen Trottel zu nennen, und ich dachte, irgendjemand sollte – «

Harry unterdrückte ein Lachen.

»Alle in die Luft, los geht's …«

Es war insgesamt eines der schlechtesten Trainings im ganzen bisherigen Schuljahr, doch Harry fand, dass es so kurz vor dem Spiel nicht die beste Strategie sei, die Wahrheit zu sagen.

»Gute Arbeit, jeder von euch. Ich schätz mal, wir machen Slytherin platt«, sagte er aufmunternd, und die Jäger und Treiber verließen den Umkleideraum und wirkten einigermaßen mit sich zufrieden.

»Ich hab gespielt wie ein Sack Drachenmist«, sagte Ron mit hohler Stimme, als die Tür hinter Ginny zugeschlagen war.

»Nein, hast du nicht«, erwiderte Harry bestimmt. »Du warst beim Auswahlspiel der beste Hüter, Ron. Dein einziges Problem sind die Nerven.«

Harry redete den ganzen Rückweg zum Schloss hinauf unablässig ermutigend auf Ron ein, und als sie im zweiten Stock ankamen, sah Ron eine Spur besser gelaunt aus. Harry schob den Wandteppich beiseite, denn sie wollten wie üblich ihre Abkürzung zum Gryffindor-Turm nehmen, doch da standen Dean und Ginny vor ihnen, fest ineinander verschlungen, und küssten sich so heftig, als würden sie zusammenkleben.

Es war, als ob etwas Großes und Schuppiges plötzlich in Harrys Magen zum Leben erwachte und die Klauen in seine Eingeweide krallte: Heißes Blut schien sein Gehirn zu überfluten, das alles Denken auslöschte, und stattdessen spürte er das ungestüme Verlangen, Dean in einen Wackelpudding zu verwandeln. Während Harry gegen diesen jähen Wahn ankämpfte, hörte er wie aus weiter Ferne Rons Stimme.

»He!«

Dean und Ginny sprengten auseinander und wandten sich um.

»Was ist los?«, sagte Ginny.

»Ich will nicht, dass meine eigene Schwester öffentlich rumknutscht!«

»Dieser Korridor war völlig ausgestorben, bis du hier reingeplatzt kamst!«, sagte Ginny.

Dean guckte verlegen drein. Er schaute mit einem durchtriebenen Grinsen zu Harry, das Harry nicht erwiderte, denn das gerade in ihm erwachte Monster verlangte brüllend, Dean müsse sofort aus der Mannschaft geworfen werden.

»Ähm … komm, Ginny«, sagte Dean, »wir gehen wieder in den Gemeinschaftsraum …«

»Geh du!«, erwiderte Ginny. »Ich will noch ein Wörtchen mit meinem lieben Bruder reden!«

Dean trollte sich und es sah nicht aus, als ob es ihm Leid täte, den Ort zu verlassen.

»Okay«, sagte Ginny, warf sich das lange rote Haar aus dem Gesicht und funkelte Ron wütend an, »lass uns das ein für alle Mal klarstellen. Es geht dich überhaupt nichts an, mit wem ich gehe oder was ich mit wem mache, Ron – «

»O doch!«, erwiderte Ron, genauso zornig. »Glaubst du vielleicht, ich will, dass die Leute sagen, meine Schwester ist eine – «

»Eine was?«, rief Ginny und zog ihren Zauberstab. »Eine was genau?«

»Er meint es nicht so, Ginny – «, sagte Harry unwillkürlich, obwohl das Monster tobte und Rons Worten Beifall zollte.

»O doch, das tut er!«, fuhr sie nun Harry an. »Nur weil er noch nie im Leben mit jemandem geknutscht hat, nur weil der beste Kuss, den er je gekriegt hat, von unserem Tantchen Muriel war – «

»Halt die Klappe!«, brüllte Ron, ließ Rot aus und wurde gleich kastanienfarben.

»Nein, das tu ich nicht!«, schrie Ginny außer sich. »Ich hab doch gesehen, was mit dir und Schleim ist. Jedes Mal, wenn du sie siehst, hoffst du, dass sie dich auf die Wange küsst, das ist erbärmlich! Wenn du dich verabreden und selber ein bisschen rumknutschen würdest, dann wär's dir ziemlich egal, dass alle andern das auch machen!«

Ron hatte seinen Zauberstab ebenfalls gezückt; Harry trat rasch zwischen sie.

»Du weißt nicht, wovon du redest!«, tobte Ron und versuchte, an Harry vorbei freie Bahn auf Ginny zu bekommen, denn der stand jetzt mit ausgestreckten Armen vor ihr. »Nur weil ich es nicht in der Öffentlichkeit mache – «

Ginny brach in schrilles Hohngelächter aus und versuchte Harry aus dem Weg zu schieben.

»Hast wohl Pigwidgeon geküsst, was? Oder ist ein Bild von Tantchen Muriel unter deinem Kopfkissen versteckt?«

»Du – «

Ein orangefarbener Lichtstrahl sauste unter Harrys linkem Arm hindurch und verfehlte Ginny um Zentimeter; Harry drängte Ron gegen die Wand.

»Hör auf mit dem Blödsinn – «

»Harry hat Cho Chang geknutscht!«, rief Ginny, und jetzt klang es, als sei sie den Tränen nahe. »Und Hermine hat Viktor Krum geknutscht, nur du tust so, als wär das was Ekliges, Ron, und zwar weil du gerade mal so viel Erfahrung hast wie ein Zwölfjähriger!«

Und damit stürmte sie davon. Harry ließ Ron schnell los; sein Gesichtsausdruck war mörderisch. Beide standen da und atmeten schwer, bis Mrs Norris, Filchs Katze, um die Ecke kam, was die Spannung löste.

»Komm schon«, sagte Harry, als das Geräusch von Filchs schlurfenden Schritten zu hören war.

Sie eilten die Treppen hoch und einen Korridor im siebten Stock entlang. »He, aus dem Weg!«, bellte Ron ein kleines Mädchen an, das erschrocken zusammenfuhr und eine Flasche Krötenlaich fallen ließ.

Harry nahm das Geräusch von splitterndem Glas kaum wahr; er fühlte sich wirr und schwindlig; so ungefähr musste es wohl sein, wenn man von einem Blitz getroffen wurde. Es ist nur, weil sie Rons Schwester ist, sagte er sich. Du hast nur nicht gern dabei zugesehen, wie sie Dean küsste, weil sie Rons Schwester ist …

Doch unaufgefordert tauchte in seiner Vorstellung ein Bild von genau demselben verlassenen Korridor auf, und diesmal war er selbst es, der Ginny küsste … das Monster in seiner Brust schnurrte behaglich … aber dann sah er, wie Ron den Wandteppich zur Seite riss, seinen Zauberstab gegen Harry zog und Dinge rief wie »Vertrauensbruch« … »dachte, du bist mein Freund« …

»Meinst du, Hermine hat wirklich mit Krum geknutscht?«, fragte Ron urplötzlich, als sie sich der fetten Dame näherten. Harry zuckte schuldbewusst zusammen und zerrte seine Phantasie weg von einem Korridor, wo kein Ron hereinkam, wo er und Ginny ganz allein waren.

»Was?«, sagte er verwirrt. »Oh … ähm …«

Die ehrliche Antwort war »ja«, aber er wollte sie nicht geben. Ron schien sich jedoch aus Harrys Gesichtsausdruck das Schlimmste zusammenzureimen.

»Krönungsmahl«, sagte er finster zu der fetten Dame, und sie kletterten durch das Porträtloch in den Gemeinschaftsraum.

Keiner von beiden erwähnte noch einmal Ginny oder Hermine; tatsächlich sprachen sie an diesem Abend kaum miteinander und gingen schweigend zu Bett, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft.

Harry lag noch lange wach, sah hoch zum Baldachin seines Himmelbetts und versuchte sich einzureden, dass seine Gefühle für Ginny nur die eines älteren Bruders waren. Hatten sie nicht den gesamten Sommer über wie Bruder und Schwester zusammengelebt, Quidditch gespielt, Ron getriezt und sich über Bill und Schleim lustig gemacht? Er kannte Ginny jetzt schon seit Jahren … es war ganz normal, dass er eine Art Beschützerinstinkt entwickelt hatte … ganz normal, dass er auf sie aufpassen wollte … Dean sämtliche Gliedmaßen einzeln ausreißen wollte, weil er sie geküsst hatte … nein … er würde dieses eigentümliche brüderliche Gefühl beherrschen müssen …

Von Ron kam ein lautes, grunzendes Schnarchen.

Sie ist Rons Schwester, sagte sich Harry entschieden. Rons Schwester. Sie ist tabu. Er würde seine Freundschaft mit Ron für nichts in der Welt aufs Spiel setzen. Er klopfte sein Kissen bequemer zurecht und wartete auf den Schlaf, während er sich heftig bemühte, seine Gedanken nicht irgendwo in die Nähe von Ginny schweifen zu lassen.

Als Harry am nächsten Morgen erwachte, war er ein wenig benommen und durcheinander, denn er hatte einige Male geträumt, dass Ron ihn mit einem Treiberschlagholz gejagt hatte, aber spätestens um die Mittagszeit hätte er den echten Ron liebend gern gegen den Traum-Ron eingetauscht, denn der echte zeigte nicht nur Ginny und Dean die kalte Schulter, sondern behandelte auch die gekränkte und verwirrte Hermine mit eisiger, höhnischer Gleichgültigkeit. Und was noch übler war, Ron schien über Nacht genauso reizbar und angriffslustig geworden zu sein wie ein gewöhnlicher Knallrümpfiger Kröter. Harry mühte sich den ganzen Tag, den Frieden zwischen Ron und Hermine zu bewahren, aber ohne Erfolg: Am Ende ging Hermine ziemlich aufgebracht zu Bett und Ron stolzierte zum Jungenschlafsaal davon, nachdem er mehrere verängstigte Erstklässler zornig beschimpft hatte, nur weil sie ihn angesehen hatten.

Zu Harrys Entsetzen verflog Rons neue Angriffslust auch während der nächsten paar Tage nicht. Schlimmer noch, seine Fähigkeiten als Hüter erreichten gleichzeitig einen neuen Tiefpunkt, was ihn noch aggressiver machte, so dass er es beim letzten Quidditch-Training vor dem Samstagsspiel nicht schaffte, auch nur einen einzigen Schuss der Jäger auf seine Tore zu halten, aber dafür alle anderen so übel anschnauzte, dass Demelza Robins in Tränen ausbrach.

»Halt du doch die Klappe und lass sie in Ruhe!«, rief Peakes, der nur etwa zwei Drittel so groß war wie Ron, doch zugegebenermaßen einen schweren Schläger in der Hand hatte.

»DAS REICHT!«, brüllte Harry, der mitbekommen hatte, wie Ginny böse zu Ron sah, und da er wusste, dass sie den Flederwichtfluch angeblich perfekt beherrschte, sauste er hinüber, um einzugreifen, ehe die Dinge aus dem Ruder liefen. »Peakes, geh und pack die Klatscher ein. Demelza, reiß dich zusammen, du hast heute wirklich gut gespielt. Ron …« Er wartete, bis der Rest der Mannschaft außer Hörweite war, dann sagte er es: »Du bist mein bester Freund, aber wenn du die andern weiter so behandelst, dann schmeiß ich dich aus der Mannschaft.«

Einen Moment lang dachte er ernsthaft, Ron würde ihm eine verpassen, doch dann geschah etwas viel Schlimmeres: Ron schien auf seinem Besen zusammenzusacken; all seine Streitlust verpuffte, und er sagte: »Ich trete zurück. Ich bin miserabel.«

»Du bist nicht miserabel und du trittst nicht zurück!«, sagte Harry scharf und packte Ron vorne am Umhang. »Du hältst alles, wenn du in Form bist, das ist bei dir nur die Psyche!«

»Du nennst mich also einen Psycho?«

»Ja, vielleicht schon!«

Sie starrten sich einen Moment lang wütend an, dann schüttelte Ron müde den Kopf.

»Ich weiß, dass du keine Zeit hast, einen anderen Hüter zu finden, also spiel ich eben morgen, aber wenn wir verlieren, und das werden wir, dann tret ich aus der Mannschaft aus.«

Was Harry auch sagen mochte, es änderte nichts. Während des ganzen Abendessens versuchte er, Rons Selbstvertrauen aufzubauen, aber Ron war zu beschäftigt damit, griesgrämig und grob zu Hermine zu sein, um es zu bemerken. Harry redete auch noch später am Abend im Gemeinschaftsraum auf ihn ein, doch seine Behauptung, die ganze Mannschaft wäre am Boden zerstört, wenn Ron ginge, wurde ein wenig durch die Tatsache untergraben, dass die restliche Mannschaft in einer entfernten Ecke dicht gedrängt beieinander saß und unverhohlen über Ron murrte und ihm gehässige Blicke zuwarf. Am Ende versuchte Harry es noch einmal damit, wütend zu werden, in der Hoffnung, Ron zu einer trotzigen Haltung zu provozieren, mit der er vielleicht mehr Tore verhinderte, aber diese Strategie schien nicht besser zu wirken als gutes Zureden; Ron ging genauso deprimiert und hoffnungslos zu Bett wie zuvor.

Harry lag lange in der Dunkelheit wach. Er wollte das kommende Spiel nicht verlieren; es war nicht nur sein erstes als Kapitän, sondern er war auch entschlossen, Draco Malfoy im Quidditch zu schlagen, auch wenn er seinen Verdacht gegen ihn noch nicht beweisen konnte. Doch wenn Ron so spielte, wie er es in den letzten Trainingsstunden getan hatte, waren ihre Siegchancen sehr gering

Wenn er nur etwas unternehmen könnte, was Ron dazu brachte, sich zusammenzureißen … ihn in Topform spielen ließ … etwas, das dafür sorgte, dass Ron einen richtig guten Tag hatte …

Und die Antwort kam Harry mit einem einzigen, jähen, großartigen Gedankenblitz.

Beim Frühstück am nächsten Morgen herrschte die übliche Aufregung; die Slytherins zischten und buhten jedes Mal laut, wenn ein Mitglied der Gryffindor-Mannschaft die Große Halle betrat. Harry warf einen Blick zur Decke und sah einen klaren, zartblauen Himmel: ein gutes Omen.

Der Gryffindor-Tisch, ganz in Rot und Gold, jubelte, als Harry und Ron näher kamen. Harry grinste und winkte; Ron verzog matt das Gesicht und schüttelte den Kopf.

»Nur Mut, Ron!«, rief Lavender. »Ich weiß, du wirst spitze sein!«

Ron ignorierte sie.

»Tee?«, fragte ihn Harry. »Kaffee? Kürbissaft?«

»Egal«, sagte Ron niedergeschlagen und biss trübsinnig in einen Toast.

Ein paar Minuten später kam Hermine den Tisch entlang, die Rons unangenehmes Verhalten in letzter Zeit so satt hatte, dass sie nicht mit ihnen zusammen zum Frühstück heruntergekommen war, und blieb bei ihnen stehen.

»Wie geht es euch beiden?«, fragte sie zögernd und schaute dabei auf Rons Hinterkopf.

»Gut«, sagte Harry, der ganz damit beschäftigt war, Ron ein Glas Kürbissaft zu reichen. »Hier, Ron. Trink aus.«

Ron hatte das Glas gerade an die Lippen gehoben, als Hermine in scharfem Ton eingriff.

»Trink das nicht, Ron!«

Harry und Ron blickten beide zu ihr auf.

»Warum nicht?«, sagte Ron.

Hermine starrte jetzt Harry an, als würde sie ihren Augen nicht trauen.

»Du hast eben etwas in dieses Getränk getan.«

»Wie bitte?«, sagte Harry.

»Du hast mich verstanden. Ich hab es gesehen. Du hast eben etwas in Rons Getränk gekippt. Du hast noch die Flasche in der Hand!«

»Ich weiß nicht, wovon du redest«, sagte Harry und stopfte das Fläschchen hastig in seine Tasche.

»Ron, ich warne dich, trink das nicht!«, wiederholte Hermine beunruhigt, aber Ron hob wieder das Glas, leerte es in einem Zug und sagte: »Hör auf, mich rumzukommandieren, Hermine.«

Sie schien äußerst empört. Sie beugte sich tief hinunter, so dass nur Harry sie hören konnte, und zischte: »Dafür sollten sie dich rauswerfen. Das hätte ich nie von dir gedacht, Harry!«

»Das musst ausgerechnet du sagen«, flüsterte er zurück. »Wieder jemandem einen Verwechslungszauber aufgehalst in letzter Zeit?«

Sie stürmte den Tisch entlang davon. Harry sah ihr ohne Bedauern nach. Hermine hatte nie wirklich begriffen, was für eine ernste Angelegenheit Quidditch war. Dann wandte er sich zu Ron um, der sich die Lippen leckte.

»Es wird Zeit«, sagte Harry vergnügt.

Auf dem Weg zum Stadion hinunter knirschte das reifbedeckte Gras unter ihren Füßen.

»Haben ziemliches Glück mit dem Wetter, was?«, sagte Harry zu Ron.

»Ja«, erwiderte Ron, der bleich und kränklich aussah.

Ginny und Demelza trugen bereits ihre Quidditch-Umhänge und warteten im Umkleideraum.

»Beste Bedingungen, wie's ausschaut«, bemerkte Ginny, ohne Ron zu beachten. »Und wisst ihr was? Dieser Slytherin-Jäger Vaisey – der hat gestern bei ihrem Training einen Klatscher an den Kopf gekriegt und sich so stark verletzt, dass er nicht spielen kann! Und was noch besser ist – Malfoy hat sich auch krankgemeldet!«

»Was?«, sagte Harry, wirbelte herum und starrte sie an. »Er ist krank? Was fehlt ihm?«

»Keine Ahnung, aber das ist toll für uns«, sagte Ginny strahlend. »Die spielen mit Harper als Ersatz; der ist in meinem Jahrgang und ein Idiot.«

Harry lächelte vage zurück, doch als er seinen scharlachroten Umhang anzog, war er in Gedanken weit entfernt von Quidditch. Malfoy hatte schon einmal behauptet, er könne wegen einer Verletzung nicht spielen, aber damals hatte er dafür gesorgt, dass das ganze Spiel auf einen Termin verlegt wurde, der den Slytherins besser gefiel. Warum ließ er nun ohne weiteres einen Ersatzmann spielen? War er wirklich krank oder tat er nur so?

»Verdächtig, was?«, sagte er mit gedämpfter Stimme zu Ron. »Malfoy spielt nicht.«

»Ich nenn das Glück«, erwiderte Ron, offenbar eine Spur munterer. »Und Vaisey fällt auch aus, der ist ihr bester Torschütze, ich hätt nicht gedacht – hey!«, sagte er plötzlich, erstarrte mitten im Anziehen seiner Hüterhandschuhe und glotzte Harry an.

»Was?«

»Ich … du …« Ron hatte die Stimme gesenkt; er wirkte beklommen und gleichzeitig aufgeregt. »Mein Getränk … mein Kürbissaft … du hast nicht etwa ..?«

Harry zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nur: »In zirka fünf Minuten geht's los, zieh endlich deine Stiefel an.«

Sie gingen, begleitet von heftigem Geschrei und Buhrufen, hinaus aufs Spielfeld. Die eine Seite des Stadions war einheitlich rot und golden; die andere ein Meer aus Grün und Silber. Auch viele Hufflepuffs und Ravenclaws hatten sich auf die verschiedenen Seiten geschlagen: Inmitten all des Rufens und Klatschens konnte Harry deutlich das Brüllen von Luna Lovegoods berühmtem Löwenhut hören.

Harry ging auf Madam Hooch zu, die Schiedsrichterin, die bereitstand, um die Bälle aus dem Korb freizulassen.

»Kapitäne, gebt euch die Hand«, sagte sie, und Harrys Hand wurde von dem neuen Slytherin-Kapitän Urquhart zerquetscht. »Auf die Besen. Beim Pfiff geht's los … drei … zwei … eins …«

Der Pfiff ertönte, Harry und die andern stießen sich kräftig vom gefrorenen Boden ab, und weg waren sie.

Harry schwebte am Spielfeldrand entlang, suchte nach dem Schnatz und behielt gleichzeitig Harper im Auge, der tief unter ihm im Zickzack flog. Dann setzte eine Stimme ein, misstönend und ganz anders als die des bisherigen Stadionsprechers.

»Nun, da fliegen sie, und ich denke, wir sind alle überrascht über die Mannschaft, die Potter dieses Jahr zusammengestellt hat. Viele dachten, dass Ronald Weasley in Anbetracht seiner durchwachsenen Leistung als Hüter im letzten Jahr nun nicht mehr dabei sein würde, aber eine enge persönliche Freundschaft mit dem Kapitän ist natürlich hilfreich …«

Diese Worte wurden mit Hohngelächter und Applaus von der Slytherin-Kurve aufgenommen. Harry reckte auf seinem Besen den Hals, um einen Blick auf das Podest des Stadionsprechers zu werfen. Ein großer, hagerer blonder Junge mit Stupsnase stand dort und sprach in das magische Megafon, das früher Lee Jordan benutzt hatte; Harry erkannte Zacharias Smith, einen Hufflepuff-Spieler, der ihm von Herzen zuwider war.

»Oh, und hier kommt der erste Angriff von Slytherin, Urquhart rast das Feld entlang und – «

Harry drehte sich der Magen um.

» Weasley rettet, nun ja, da hat er eben mal Glück gehabt, denk ich …«

»So kann man es sagen, Smith, das hat er«, murmelte Harry, grinste verstohlen, tauchte zwischen die Jäger und suchte mit den Augen rundum nach einer Spur des schwer fassbaren Schnatzes.

Nachdem eine halbe Stunde gespielt war, führte Gryffindor mit sechzig zu null Punkten, Ron hatte ein paarmal wirklich spektakulär gehalten, zum Teil gerade noch mit den Handschuhspitzen, und Ginny hatte vier von Gryffindors sechs Toren geschossen. Das brachte Zacharias endlich davon ab, sich laut Gedanken darüber zu machen, ob die beiden Weasleys nur deshalb in der Mannschaft waren, weil Harry mit ihnen befreundet war, und stattdessen nahm er nun Peakes und Coote ins Visier.

»Natürlich hat Coote nicht gerade die typische Statur eines Treibers«, sagte Zacharias hochnäsig, »normalerweise haben die ein bisschen mehr Muskeln – «

»Hau ihm einen Klatscher rein«, rief Harry Coote zu, als der gerade vorbeifegte, aber Coote grinste breit und zielte mit dem nächsten Klatscher lieber auf Harper, der in diesem Moment aus der Gegenrichtung an Harry vorbeigeflogen kam. Harry hörte zufrieden das dumpfe Plonk, der Klatscher hatte sein Ziel gefunden.

Es sah aus, als könnten die Gryffindors einfach nichts falsch machen. Immer wieder punkteten sie, und immer wieder verhinderte Ron auf der anderen Feldseite mit offensichtlicher Leichtigkeit Tore. Jetzt lächelte er auch noch, und als die Menge eine besonders gelungene Parade feierte und voller Begeisterung den alten Hit Weasley ist unser King schmetterte, spielte Ron von oben aus den Dirigenten.

»Hält sich heute wohl für was Besonderes, was?«, sagte eine höhnische Stimme, und Harry schlug es fast vom Besen, als Harper heftig und absichtlich mit ihm zusammenstieß. »Dein Blutsverräterfreund …«

Madam Hooch hatte ihnen gerade den Rücken zugekehrt, und obwohl einige Gryffindors unten vor Wut schrien, war Harper schon davongerast, als sie sich umwandte. Harry jagte ihm mit schmerzender Schulter hinterher, entschlossen, ihn auch zu rammen …

»Und ich glaube, Harper von Slytherin hat den Schnatz gesehen!«, rief Zacharias Smith durch sein Megafon. »Ja, er hat ganz sicher was gesehen, was Potter entgangen ist!«

Smith war wirklich ein Dummkopf, dachte Harry, hatte er nicht bemerkt, wie sie zusammengestoßen waren? Doch im nächsten Moment schien sein Magen in die Tiefe zu fallen – Smith lag richtig und Harry lag falsch: Harper war nicht zufällig nach oben geschossen; er hatte entdeckt, was Harry nicht gesehen hatte: Der Schnatz sauste hoch über ihnen dahin, hell glitzernd vor dem klaren blauen Himmel.

Harry flog schneller; der Wind pfiff ihm dermaßen in den Ohren, dass er Smiths Kommentar und den Lärm der Menge völlig übertönte, aber Harper war immer noch vor ihm, und Gryffindor hatte nur hundert Punkte Vorsprung; wenn Harper als Erster hinkam, hatte Gryffindor verloren … und jetzt war Harper ein, zwei Meter davon entfernt, hatte die Hand ausgestreckt …

»He, Harper!«, rief Harry in seiner Verzweiflung. »Wie viel hat dir Malfoy dafür bezahlt, dass du für ihn spielst?«

Er wusste nicht, warum er das gesagt hatte, doch Harper stutzte; er tastete fahrig nach dem Schnatz, ließ ihn durch die Finger rutschen und schoss einfach daran vorbei: Harry langte weit nach vorne und fing den winzigen, flatternden Ball ein.

»JA!«, schrie Harry. Er wirbelte herum und jagte zum Boden zurück, den Schnatz hoch in der ausgestreckten Hand. Als die Menge begriff, was geschehen war, brach ein großes Geschrei los, in dem der Abpfiff des Spiels fast unterging.

»Ginny, wo willst du hin?«, schrie Harry, der mitten in der Luft in eine Massenumarmung mit dem ganzen Team hineingeraten war, aber Ginny preschte einfach an ihnen vorbei und krachte schließlich mit einem gewaltigen Knall gegen das Podium des Stadionsprechers. Während die Menge kreischte und lachte, landete die Gryffindor-Mannschaft neben dem Trümmerhaufen aus Holz, unter dem Zacharias sich schwach regte; Harry hörte Ginny munter zu der erzürnten Professor McGonagall sagen: »Hab vergessen zu bremsen, Verzeihung, Professor.«

Lachend befreite sich Harry vom Rest der Mannschaft und umarmte Ginny, ließ sie aber sehr schnell wieder los. Er mied ihren Blick und klopfte stattdessen dem jubelnden Ron auf die Schulter, während die Gryffindors, nun, da alle Feindseligkeiten vergessen waren, Arm in Arm vom Feld gingen, die Fäuste in die Luft stießen und ihren Fans zuwinkten.

Im Umkleideraum herrschte Jubelstimmung.

»Wir machen Party oben im Gemeinschaftsraum, hat Seamus gesagt!«, schrie Dean ausgelassen. »Kommt schon, Ginny, Demelza!«

Ron und Harry waren die Letzten im Umkleideraum. Sie wollten gerade aufbrechen, als Hermine hereinkam. Sie drehte ihren Gryffindor-Schal in den Händen und wirkte aufgeregt, aber entschlossen.

»Ich will mit dir sprechen, Harry.« Sie holte tief Luft. »Das hättest du nicht tun dürfen. Du hast Slughorn gehört, es ist verboten.«

»Was willst du machen, uns anzeigen?«, wollte Ron wissen.

»Worüber redet ihr zwei eigentlich?«, fragte Harry, drehte sich um und hängte seinen Umhang auf, damit die beiden nicht sehen konnten, dass er grinste.

»Du weißt ganz genau, worüber wir reden!«, sagte Hermine scharf. »Du hast beim Frühstück einen Schuss Glückstrank in Rons Saft gegeben! Felix Felicis!«

»Nein, hab ich nicht«, sagte Harry und wandte sich den beiden wieder zu.

»Doch, das hast du, Harry, und deshalb ist auch alles gut gelaufen, Slytherin-Spieler sind ausgefallen und Ron hat alles gehalten!«

»Ich hab ihn nicht reingeschüttet!«, sagte Harry und grinste jetzt breit. Er steckte die Hand in seine Jackentasche und zog das Fläschchen hervor, das Hermine an diesem Morgen in seiner Hand gesehen hatte. Es war voll goldenem Zaubertrank und der Korken war immer noch fest mit Wachs versiegelt. »Ich wollte, dass Ron glaubt, ich hätte es getan, deshalb hab ich es vorgetäuscht, als ich wusste, dass du gerade herschaust.« Er sah Ron an. »Du hast alle Torschüsse gehalten, weil du dachtest, du hättest Glück. Du hast alles alleine geschafft.«

Er steckte den Trank wieder ein.

»Da war wirklich nichts in meinem Kürbissaft?«, sagte Ron verblüfft. »Aber das Wetter ist gut … und Vaisey konnte nicht spielen … ich hab ehrlich keinen Glückstrank bekommen?«

Harry schüttelte den Kopf. Ron sah ihn einen Moment lang mit offenem Mund an, dann fiel er über Hermine her und äffte ihre Stimme nach.

»Du hast heute Morgen Felix Felicis in Rons Saft getan, deshalb hat er alles gehalten! Siehst du! Ich schaff es ganz ohne Hilfe, meine Tore sauber zu halten, Hermine!«

»Ich hab nie gesagt, dass du es nicht schaffst – Ron, du hast auch geglaubt, dass du den Trank bekommen hast!«

Aber Ron war bereits mit geschultertem Besen an ihr vorbei zur Tür hinausmarschiert.

»Ähm«, sagte Harry in die plötzliche Stille hinein; er hatte nicht erwartet, dass sein Plan dermaßen nach hinten losgehen würde, »wollen … wollen wir dann auch hoch zur Party?«

»Geh du doch!«, sagte Hermine und blinzelte ihre Tränen weg. »Ron macht mich im Moment einfach krank, was hab ich ihm denn eigentlich getan … ?«

Und sie stürmte auch aus dem Umkleideraum.

Harry ging langsam über das Gelände hoch zum Schloss zurück, durch die Menge, aus der ihm viele ihre Glückwünsche zuriefen, doch er empfand ein großes Gefühl der Enttäuschung; er war sicher gewesen, wenn Ron das Spiel gewinnen würde, dann würden er und Hermine sich sofort wieder vertragen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie um alles in der Welt er Hermine erklären sollte, dass sie Ron gekränkt hatte, indem sie Viktor Krum geküsst hatte, wo dieses Vergehen doch so lange zurücklag.

Die Siegesfeier der Gryffindors war in vollem Gang, als Harry eintraf, doch er konnte Hermine nicht finden. Er wurde von neuem mit Jubelrufen und Schulterklopfen begrüßt, und bald war er von einer Schar Gratulanten umringt. Bei all den Versuchen, die Creevey-Brüder abzuschütteln, die jeden einzelnen Zug des Spiels analysiert haben wollten, und außerdem den vielen Mädchen zu entkommen, die ihn umringt hatten und die sogar über seine humorlosesten Kommentare lachten und mit den Wimpern klimperten, dauerte es eine Weile, bis er sich auf die Suche nach Ron machen konnte. Zuletzt kämpfte er sich von Romilda Vane los, die heftig mit dem Zaunpfahl winkte, dass sie gern mit ihm zu Slughorns Weihnachtsparty gehen würde. Als er sich in Richtung Getränketisch verdrückte, stieß er geradewegs mit Ginny zusammen, die Arnold den Minimuff auf der Schulter hatte und zu deren Füßen Krummbein hoffnungsvoll miaute.

»Suchst du nach Ron?«, fragte sie feixend. »Der ist da drüben, der elende Heuchler.«

Harry sah hinüber in die Ecke, auf die sie deutete. Dort, vor aller Augen, stand Ron so eng mit Lavender Brown verschlungen, dass schwer zu sagen war, welche Hände wem gehörten.

»Sieht aus, als würde er ihr Gesicht aufessen, was?«, sagte Ginny trocken. »Aber ich denke mal, seine Technik muss er noch irgendwie verfeinern. Gutes Spiel, Harry.«

Sie tätschelte ihm den Arm; Harry hatte ein Sturzfluggefühl im Magen, doch dann ging sie weg, um sich ein neues Butterbier zu holen. Krummbein trottete hinter ihr her, die gelben Augen starr auf Arnold gerichtet.

Harry wandte sich von Ron ab, der nicht den Eindruck machte, als würde er bald auftauchen, und sah gerade noch, wie das Porträtloch zuging. Mit einem schalen Gefühl dachte er, er hätte eine Mähne buschiges braunes Haar davonwehen sehen.

Er stürmte los, wich noch einmal Romilda Vane aus und stieß das Porträt der fetten Dame auf. Der Gang draußen schien verlassen.

»Hermine?«

Er fand sie im ersten unverschlossenen Klassenzimmer, das er ausprobierte. Sie saß auf dem Lehrerpult, ganz allein, bis auf ein paar zwitschernde gelbe Vögel, die in einem kleinen Kreis um ihren Kopf herumflatterten und die sie offensichtlich gerade aus dem Nichts heraufbeschworen hatte. Harry musste sie einfach für ihre magischen Künste bewundern, und dann noch zu einem Zeitpunkt wie diesem.

»Oh, hallo, Harry«, sagte sie mit brüchiger Stimme. »Ich bin nur am Üben.«

»Ja … die – äh – sind wirklich gut …«, sagte Harry.

Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Er fragte sich gerade, ob es irgendeine Chance gab, dass sie Ron nicht bemerkt hatte, dass sie den Raum einfach nur verlassen hatte, weil ihr die Party ein wenig zu lärmig war, da sagte sie mit unnatürlich hoher Stimme: »Ron scheint sich auf dem Fest ja bestens zu amüsieren.«

»Ähm … tatsächlich?«, sagte Harry.

»Tu nicht so, als hättest du ihn nicht gesehen«, erwiderte Hermine. »Er hat es ja nicht gerade verheimlicht, nicht wa-«

Die Tür hinter ihnen sprang auf. Zu Harrys Entsetzen kam Ron herein, er lachte und zog Lavender an der Hand mit sich.

»Oh«, sagte er und blieb schlagartig stehen, als er Harry und Hermine sah.

»Uups!«, machte Lavender, kicherte und ging rückwärts aus dem Raum. Die Tür schlug hinter ihr zu.

Eine schreckliche, anschwellende, sich aufblähende Stille trat ein. Hermine starrte Ron an, der absichtlich nicht zu ihr hinschaute und nur mit einer seltsamen Mischung aus gespielter Kühnheit und Verlegenheit sagte: »Hi, Harry! Hab mich schon gewundert, wo du steckst!«

Hermine rutschte vom Pult herunter. Der kleine Schwarm goldener Vögel zwitscherte weiter im Kreis um ihren Kopf herum, so dass sie aussah wie ein merkwürdiges gefiedertes Modell des Sonnensystems.

»Du solltest Lavender nicht draußen warten lassen«, sagte sie leise. »Sie wird sich fragen, wo du geblieben bist.«

Sie ging ganz langsam und aufrecht in Richtung Tür. Harry warf einen raschen Blick auf Ron, der erleichtert schien, dass nichts Schlimmeres passiert war.

»Oppugno!«, ertönte ein Schrei von der Tür her.

Harry wirbelte herum und sah Hermine mit zornentbranntem Gesicht ihren Zauberstab auf Ron richten: Der kleine Vogelschwarm raste wie ein Hagel von dicken goldenen Gewehrkugeln auf Ron zu, der aufjaulte und sein Gesicht mit den Händen bedeckte, doch die Vögel griffen an, pickten und krallten sich in jedes bisschen Fleisch, das sie erwischen konnten.

»Machdieweg!«, schrie er, doch mit einem letzten Blick voll rachsüchtiger Wut riss Hermine die Tür auf und verschwand. Harry glaubte ein Schluchzen zu hören, ehe die Tür zuschlug.

Der Unbrechbare Schwur

Wieder wirbelte Schnee gegen die vereisten Fenster; es ging stark auf Weihnachten zu. Hagrid hatte die üblichen zwölf Weihnachtsbäume für die Große Halle bereits eigenhändig herbeigeschafft; Girlanden aus Stechpalmenzweigen und Lametta rankten sich um die Treppengeländer; immer währende Kerzen leuchteten aus den Helmen der Rüstungen und dicke Büschel Mistelzweige hingen in Abständen entlang der Korridore. Wenn Harry unterwegs war, versammelten sich unter den Mistelzweigen oft große Mädchengruppen und blockierten die Gänge. Doch zum Glück kannte sich Harry dank seiner häufigen nächtlichen Streifzüge ungewöhnlich gut in den Geheimgängen des Schlosses aus und konnte ohne größere Probleme mistelfrei von einem Klassenzimmer ins andere gelangen.

Ron, der früher vielleicht eher eifersüchtig als belustigt darüber gewesen wäre, dass solche Umwege nötig wurden, fand es jetzt nur zum Brüllen komisch. Harry mochte diesen neuen, lachenden, Witze reißenden Ron viel lieber als seine übellaunige, aggressive Ausgabe, die er in den vergangenen Wochen erduldet hatte, doch den besseren Ron gab es nur zu einem hohen Preis. Erstens musste Harry sich mit der häufigen Anwesenheit von Lavender Brown abfinden, für die offenbar jeder Moment, in dem sie Ron nicht küsste, ein verschwendeter Moment war; und zweitens merkte Harry wieder einmal, dass er der beste Freund von zwei Menschen war, die, wie es aussah, nie wieder miteinander sprechen würden.

Ron, der an den Händen und Unterarmen immer noch Kratzer und Schnittwunden von Hermines Vogelangriff hatte, nahm eine trotzige und gereizte Haltung ein.

»Sie kann sich nicht beschweren«, erklärte er Harry. »Sie hat mit Krum geknutscht. Und jetzt hat sie festgestellt, dass mit mir auch jemand knutschen will. Nun, wir leben in einem freien Land. Ich hab nichts Falsches gemacht.«

Harry antwortete nicht, sondern tat so, als wäre er völlig in das Buch vertieft, das sie vor Zauberkunst am nächsten Morgen gelesen haben sollten (Die Suche nach der Quintessenz). Da er entschlossen war, sowohl mit Ron als auch mit Hermine befreundet zu bleiben, verbrachte er viel Zeit mit fest verschlossenem Mund.

»Ich hab Hermine nie irgendwas versprochen«, murmelte Ron. »Das heißt, na schön, ich wollte mit ihr zu Slughorns Weihnachtsparty, aber sie hat nie gesagt … nur als Freunde … ich bin ein freier Mensch …«

Harry blätterte eine Seite von Quintessenz um und spürte, dass Ron ihn beobachtete. Rons Murmeln wurde immer leiser und war durch das laute Knistern des Feuers kaum noch zu hören, doch Harry meinte, noch einmal die Wörter »Krum« und »kann sich nicht beschweren« zu verstehen.

Hermines Stundenplan war so voll, dass Harry nur abends richtig mit ihr reden konnte, wenn Ron ohnehin so eng um Lavender geschlungen war, dass er nicht bemerkte, was Harry tat. Hermine weigerte sich, im Gemeinschaftsraum zu sitzen, solange Ron dort war, also traf Harry sie meistens in der Bibliothek, was bedeutete, dass sie sich flüsternd unterhalten mussten.

»Er kann küssen, wen immer er mag«, sagte Hermine, während Madam Pince, die Bibliothekarin, durch die Regalreihen hinter ihnen streifte. »Das ist mir wirklich vollkommen schnuppe.«

Sie hob ihre Feder und setzte so heftig ein Pünktchen auf ein »i«, dass sie ein Loch in ihr Pergament stach. Harry sagte nichts. Vielleicht würde ihm bald die Stimme absterben, so selten gebrauchte er sie. Er beugte sich ein wenig tiefer über Zaubertränke für Fortgeschrittene und machte sich weiter Notizen über Endlos-Elixiere, wobei er gelegentlich innehielt, um die nützlichen Ergänzungen des Prinzen zum Text von Libatius Borage zu entziffern.

»Und übrigens«, sagte Hermine nach einigen Augenblicken, »du musst vorsichtig sein.«

»Zum letzten Mal«, erwiderte Harry etwas heiser flüsternd, nachdem er eine Dreiviertelstunde geschwiegen hatte, »ich geb dieses Buch nicht zurück, ich hab mehr von dem Halbblutprinzen gelernt, als Snape oder Slughorn mir in – «

»Ich rede nicht von deinem blöden so genannten Prinzen«, sagte Hermine und versetzte seinem Buch einen bösen Blick, als sei es grob zu ihr gewesen, »ich rede von vorhin. Bevor ich hierher kam, war ich noch kurz auf dem Klo, und da waren etwa ein Dutzend Mädchen, darunter Romilda Vane, die sich alle den Kopf darüber zerbrochen haben, wie sie dir einen Liebestrank unterjubeln könnten. Die wollen dich alle dazu bringen, sie mit zu Slughorns Party zu nehmen, und offenbar haben sie diese Liebestränke bei Fred und George gekauft, die, ich muss es leider sagen, wahrscheinlich wirken – «

»Und warum hast du sie dann nicht beschlagnahmt?«, wollte Harry wissen. Es schien erstaunlich, dass Hermines Eifer, Vorschriften einzuhalten, sie zu diesem entscheidenden Zeitpunkt im Stich gelassen hatte.

»Die hatten die Tränke nicht mit im Klo«, sagte Hermine verächtlich. »Sie haben nur über ihre Vorgehensweise diskutiert. Da ich glaube, dass nicht einmal der Halbblutprinz« – sie versetzte dem Buch einen weiteren bösen Blick – »sich ein Gegenmittel für ein Dutzend verschiedene Liebestränke gleichzeitig ausdenken könnte, würde ich einfach jemanden einladen, mit dir zu kommen – dann hören all die anderen auf zu glauben, sie hätten immer noch eine Chance. Es ist morgen Abend, die drehen allmählich durch.«

»Ich hab niemanden, den ich einladen will«, murmelte Harry, der immer noch versuchte, möglichst nicht an Ginny zu denken, obwohl sie ständig in seinen Träumen auftauchte, und zwar so, dass Harry von Herzen dankbar war, dass Ron keine Legilimentik beherrschte.

»Also, sei einfach vorsichtig, was du trinkst, Romilda Vane sah nämlich aus, als ob sie Ernst machen würde«, sagte Hermine grimmig.

Sie zog die lange Pergamentrolle, auf die sie ihren Arithmantikaufsatz schrieb, ein Stück weiter hoch und kratzte mit ihrer Feder wieder drauflos. Harry sah ihr zu, mit den Gedanken in weiter Ferne.

»Wart mal kurz«, sagte er langsam. »Ich dachte, Filch hätte alles verboten, was in Weasleys Zauberhafte Zauberscherze gekauft wurde?«

»Und seit wann kümmert sich irgendjemand darum, was Filch verboten hat?«, fragte Hermine, immer noch mit ihrem Aufsatz beschäftigt.

»Aber ich dachte, alle Eulen würden durchsucht? Wieso können diese Mädchen dann Liebestränke in die Schule schaffen?«

»Fred und George schicken sie als Parfüme und Hustensäfte getarnt«, sagte Hermine. »Das ist in ihrem Eulen-Lieferservice mit drin.«

»Du kennst dich da ja ganz gut aus.«

Hermine versetzte ihm einen bösen Blick von der Sorte, mit der sie gerade sein Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene bedacht hatte.

»Das stand alles hinten auf den Flaschen, die sie Ginny und mir im Sommer gezeigt haben«, sagte sie kühl. »Ich lauf nicht rum und schütte irgendwelchen Leuten Zaubertränke in die Gläser … und ich tu auch nicht so, das ist nämlich genauso schlimm …«

»Na ja, vergiss das mal«, warf Harry rasch ein. »Der Punkt ist doch, dass Filch zum Narren gehalten wird, oder? Diese Mädchen kriegen Sachen in die Schule, die als etwas anderes getarnt sind! Also, weshalb hätte dann Malfoy das Halsband nicht in die Schule schaffen können –?«

»Oh, Harry … nicht schon wieder …«

»Komm schon, warum nicht?«, drängte Harry.

»Sieh mal«, Hermine seufzte, »Geheimnis-Detektoren spüren Verwünschungen, Flüche und Verbergungszauber auf, stimmt's? Sie werden eingesetzt, um schwarze Magie und schwarzmagische Objekte zu finden. Sie hätten einen mächtigen Fluch wie den auf diesem Halsband in Sekundenschnelle erfasst. Aber etwas, das nur in die falsche Flasche abgefüllt wurde, wird nicht erkannt – und Liebestränke sind sowieso nichts Schwarzmagisches oder Gefährliches …«

»Du hast gut reden«, murmelte Harry und dachte an Romilda Vane.

»… also müsste Filch selber erkennen, dass es kein Hustentrank ist, und der ist kein besonders guter Zauberer, ich bezweifle, dass er einen Trank von – «

Hermine verstummte schlagartig; auch Harry hatte es gehört.

Zwischen den dunklen Bücherregalen war jemand von hinten dicht an sie herangetreten. Sie warteten, und einen Moment später kam die geierartige Gestalt von Madam Pince um die Ecke, mit eingefallenen Wangen, Haut wie Pergament und einer langen Hakennase, die von der Lampe in ihrer Hand wenig schmeichelhaft beleuchtet wurde.

»Die Bibliothek ist jetzt geschlossen«, sagte sie. »Achten Sie darauf, dass Sie alles, was Sie ausgeliehen haben, in das richtige – was hast du mit diesem Buch gemacht, du niederträchtiger Bursche?«

»Das ist nicht aus der Bibliothek, das ist meins!«, erwiderte Harry rasch und schnappte sein Zaubertränke für Fortgeschrittene vom Tisch, als sie sich mit ihren Klauen daraufstürzte.

»Geplündert!«, zischte sie. »Geschändet! Besudelt!«

»Es ist nur ein Buch, in das reingeschrieben wurde!«, sagte Harry und riss es ihr aus der Hand.

Offenbar war sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch; Hermine, die hastig ihre Sachen zusammengepackt hatte, nahm Harry am Arm und schleppte ihn wie einen Verhafteten davon.

»Du kriegst Bibliotheksverbot von ihr, wenn du nicht aufpasst. Warum musstest du auch dieses blöde Buch mitbringen?«

»Es ist nicht meine Schuld, dass sie vollkommen ausgerastet ist, Hermine. Oder meinst du, sie hat mitgehört, wie du schlecht über Filch geredet hast? Ich hatte immer schon den Verdacht, dass zwischen den beiden irgendwas laufen könnte …«

»Oh, haha …«

Sie genossen es, wieder normal miteinander reden zu können, gingen durch die verlassenen, lampenbeschienenen Korridore in den Gemeinschaftsraum zurück und stritten darüber, ob Filch und Madam Pince wirklich heimlich verliebt waren.

»Flitterkram«, sagte Harry zu der fetten Dame, es war das neue Passwort zum Fest.

»Gleichfalls«, erwiderte die fette Dame mit einem schelmischen Grinsen und schwang vor, um sie einzulassen.

»Hi, Harry!«, sagte Romilda Vane, kaum dass er durch das Porträtloch geklettert war. »Lust auf ein Goldlackwasser?«

Hermine warf ihm einen »Was hab ich dir gesagt?«-Blick über die Schulter zu.

»Nein, danke«, erwiderte Harry rasch. »Ich mag das nicht besonders.«

»Na, dann nimm doch die hier«, sagte Romilda und drückte ihm eine Schachtel in die Hand. »Schokokessel, mit Feuerwhisky drin. Meine Omi hat sie mir geschickt, aber ich mag sie nicht.«

»Oh – klar – vielen Dank«, sagte Harry, dem nichts anderes einfiel. »Ähm – ich geh nur mal eben dort rüber mit …«

Er eilte Hermine hinterher und seine Stimme wurde immer schwächer.

»Hab ich's doch gesagt«, bemerkte Hermine lakonisch. »Je eher du jemanden fragst, desto eher lassen sie dich alle in Ruhe, und du kannst – «

Doch plötzlich wurde ihr Gesicht weiß; ihr Blick war eben auf Ron und Lavender gefallen, die eng umschlungen im selben Sessel saßen.

»Na dann, gute Nacht, Harry«, sagte sie, obwohl es erst sieben Uhr abends war, und ohne ein weiteres Wort zog sie in Richtung Mädchenschlafsaal davon.

Als Harry zu Bett ging, tröstete er sich mit dem Gedanken, dass er nur noch einen Unterrichtstag durchstehen musste, und Slughorns Party, dann würden er und Ron gemeinsam zum Fuchsbau abreisen. Inzwischen schien es unmöglich, dass Ron und Hermine sich noch vor Ferienbeginn wieder versöhnen würden, aber vielleicht würde die Pause ihnen irgendwie Zeit geben, sich zu beruhigen und es sich anders zu überlegen …

Große Hoffnungen hegte er jedoch nicht, und sie schwanden noch mehr, nachdem er am nächsten Tag den Verwandlungsunterricht mit den beiden hinter sich gebracht hatte. Sie hatten gerade das immens schwierige Thema menschlicher Verwandlung in Angriff genommen; sie arbeiteten vor Spiegeln und sollten die Farbe ihrer eigenen Augenbrauen verändern. Hermine lachte ungnädig über Rons katastrophalen ersten Versuch, bei dem er es irgendwie schaffte, sich einen sensationellen Schnauzbart zu verpassen; Ron rächte sich, indem er unbarmherzig, aber genau Hermine nachahmte, wie sie jedes Mal, wenn Professor McGonagall eine Frage stellte, auf ihrem Platz auf- und abhopste, was Lavender und Parvati äußerst amüsant fanden und Hermine wieder an den Rand der Tränen brachte. Mit dem Läuten raste sie aus dem Klassenzimmer und ließ die Hälfte ihrer Sachen zurück; Harry kam zu dem Schluss, dass ihre Not gerade größer war als die von Ron, sammelte ihre verbliebenen Habseligkeiten ein und folgte ihr.

Er spürte sie schließlich auf, als sie aus einem Mädchenklo ein Stockwerk tiefer kam. Sie wurde von Luna Lovegood begleitet, die ihr geistesabwesend auf die Schulter klopfte.

»Oh, hallo, Harry«, sagte Luna. »Weißt du, dass eine von deinen Augenbrauen hellgelb ist?«

»Hi, Luna. Hermine, du hast deine Sachen liegen lassen …«

Er hielt ihr die Bücher hin.

»Oh, ja«, sagte Hermine mit erstickter Stimme, nahm sie und wandte sich rasch ab, um zu verbergen, dass sie sich mit dem Federmäppchen die Tränen abwischte. »Danke, Harry. Also, ich muss jetzt los …«

Und sie eilte davon, ohne Harry Zeit für tröstende Worte zu lassen, die ihm zugegebenermaßen ohnehin nicht einfielen.

»Sie ist ein bisschen durcheinander«, sagte Luna. »Erst dachte ich, da drin wär die Maulende Myrte, aber dann war es Hermine. Sie hat von diesem Ron Weasley geredet..«

»Ja, die haben sich gestritten«, sagte Harry.

»Der sagt manchmal ziemlich komische Sachen, was?«, bemerkte Luna, als sie sich gemeinsam auf den Weg durch den Korridor machten. »Aber er kann auch ein wenig grob sein. Das ist mir letztes Jahr aufgefallen.«

»Ich denk schon«, sagte Harry. Luna bewies wieder einmal ihr echtes Talent, unangenehme Wahrheiten auszusprechen; er hatte noch nie jemanden wie sie kennen gelernt. »Und, wie war dein Schuljahr bis jetzt?«

»Oh, war schon in Ordnung«, sagte Luna. »Ein bisschen einsam ohne die DA. Ginny war aber nett. Letztens hat sie zwei Jungs in unserer Verwandlungsstunde davon abgebracht, mich ›Loony‹ zu nennen – «

»Hättest du Lust, heute Abend mit mir zu Slughorns Party zu kommen?«

Die Worte waren schon aus Harrys Mund, ehe er sie aufhalten konnte; er hörte, wie er sie sagte, als ob ein Fremder redete.

Luna richtete überrascht ihre Glubschaugen auf ihn.

»Slughorns Party? Mit dir?«

»Ja«, sagte Harry. »Wir sollen Gäste mitbringen, also dachte ich, du hättest vielleicht Lust … ich meine …« Ihm lag sehr viel daran, seine Absichten ganz deutlich zu machen. »Ich meine, nur wie Freunde, du weißt schon. Aber wenn du nicht willst …«

Er hoffte schon fast, dass sie nicht wollte.

»Oh, nein, ich fänd's toll, mit dir wie Freunde hinzugehen!«, sagte Luna und strahlte, wie er sie noch nie hatte strahlen sehen. »Mich hat noch nie jemand zu einer Party eingeladen, wie ein Freund! Hast du dir deshalb die Augenbraue gefärbt, wegen der Party? Soll ich das auch machen?«

»Nein«, sagte Harry entschieden, »das war ein Versehen, ich werd Hermine bitten, dass sie es für mich richtet. Also, wir treffen uns dann um acht in der Eingangshalle.«

»AHA!«, schrie eine Stimme über ihnen und beide zuckten zusammen; ohne dass sie es gemerkt hätten, waren sie gerade direkt unter Peeves durchgegangen, der kopfüber von einem Kronleuchter hing und sie hämisch angrinste.

»Potty hat Loony zur Party eingeladen! Potty lüübt Loony! Potty lüüüüübt Looooooony!«

Und er schoss davon, gackerte und kreischte: »Potty liebt Loony!«

»Immer nett, wenn solche Dinge privat bleiben«, sagte Harry. Und tatsächlich, im Nu schien die ganze Schule zu wissen, dass Harry Potter Luna Lovegood zu Slughorns Party mitnahm.

»Du hättest jede mitnehmen können!«, sagte Ron ungläubig beim Abendessen. »Jede! Und du hast dir Loony Lovegood ausgesucht?«

»Nenn sie nicht so, Ron«, fauchte Ginny, die auf dem Weg zu Freunden hinter Harry stehen geblieben war. »Ich bin echt froh, dass du sie mitnimmst, Harry, sie ist schon ganz aufgeregt.«

Dann ging sie weiter am Tisch entlang und setzte sich neben Dean. Harry versuchte sich darüber zu freuen, dass Ginny froh war, weil er Luna zur Party mitnahm, doch es wollte ihm nicht recht gelingen. Viel weiter unten am Tisch saß Hermine allein und stocherte in ihrem Eintopf. Harry bemerkte, dass Ron verstohlen zu ihr hinübersah.

»Du könntest sagen, dass es dir Leid tut«, schlug Harry freiheraus vor.

»Was, und dann wieder von einem Schwarm Kanarienvögel angegriffen werden?«, murrte Ron.

»Wozu musstest du sie auch nachäffen?«

»Sie hat über meinen Schnurrbart gelacht!«

»Ich auch, das war das Bescheuertste, was ich je gesehen hab.«

Aber Ron schien ihn nicht gehört zu haben; Lavender war gerade mit Parvati hereingekommen. Sie quetschte sich zwischen Harry und Ron und warf ihre Arme um Rons Hals.

»Hallo, Harry«, sagte Parvati, die das Verhalten ihrer beiden Freunde offenbar genau wie er etwas peinlich und langweilig fand.

»Hallo«, sagte Harry. »Wie geht's? Du bleibst also in Hogwarts? Ich hab gehört, deine Eltern wollten, dass du von der Schule gehst.«

»Das hab ich ihnen vorläufig ausreden können«, sagte Parvati. »Sie sind wegen dieser Sache mit Katie richtig ausgetickt, aber weil seither nichts mehr passiert ist … oh, hallo, Hermine!«

Parvati strahlte übers ganze Gesicht. Harry war sicher, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie Hermine in Verwandlung ausgelacht hatte. Er wandte sich um und sah, wie Hermine das Lächeln erwiderte, vielleicht sogar noch strahlender. Mädchen waren manchmal seltsam.

»Hi, Parvati!«, sagte Hermine, ohne auch nur im Geringsten auf Ron und Lavender zu achten. »Gehst du heute Abend zu Slughorns Party?«

»Keine Einladung«, sagte Parvati düster. »Ich hätt aber große Lust, das klingt, als würd es richtig gut werden … du gehst hin, oder?«

»Ja, ich treff mich um acht mit Cormac, und wir – «

Ein Geräusch war zu hören, als würde eine Saugglocke von einem verstopften Abfluss weggezogen, und Ron tauchte auf. Hermine tat, als hätte sie nichts gesehen und nichts gehört.

» wir gehen zusammen hoch zur Party.«

»Cormac?«, sagte Parvati. »Du meinst Cormac McLaggen?«

»Richtig«, sagte Hermine lieblich. »Der, der beinahe«, sie legte eine starke Betonung auf das Wort, »Gryffindor-Hüter geworden wäre.«

»Dann bist du also jetzt mit ihm zusammen?«, fragte Parvati mit aufgerissenen Augen.

»Oh – ja – hast du das nicht gewusst?«, sagte Hermine mit einem höchst unherminehaften Kichern.

»Nein!«, erwiderte Parvati, die dieses Stückchen Tratsch geradezu gierig aufnahm. »Wow, du stehst auf Quidditch-Spieler, stimmt's? Erst Krum, dann McLaggen …«

»Ich steh auf richtig gute Quidditch-Spieler«, korrigierte Hermine sie, unentwegt lächelnd. »Also, wir sehen uns dann … ich muss los und mich für die Party zurechtmachen …«

Sie verschwand. Augenblicklich steckten Lavender und Parvati die Köpfe zusammen, um diese neue Entwicklung zu erörtern, mitsamt allem, was sie je über McLaggen gehört, und allem, was sie sich je über Hermine zusammengereimt hatten. Ron sah merkwürdig leer aus und sagte nichts. Harry blieb es überlassen, im Stillen über die Abgründe nachzugrübeln, in die Mädchen sich begaben, nur um Rache zu üben.

Als er um acht an diesem Abend in die Eingangshalle kam, stieß er auf ungewöhnlich viele Mädchen, die dort lauerten und ihn alle böse anzustarren schienen, als er auf Luna zuging. Sie trug einen silbernen Paillettenumhang, der bei den Zuschauerinnen einiges Gekicher auslöste, doch ansonsten sah sie ganz hübsch aus. Jedenfalls war Harry froh, dass sie auf ihre Radieschen-Ohrringe, ihr Halsband aus Butterbierkorken und ihre Gespensterbrille verzichtet hatte.

»Hi«, sagte er. »Wollen wir dann mal los?«

»Oh, ja«, sagte sie glücklich. »Wo ist die Party?«

»In Slughorns Büro«, sagte Harry und führte sie die Marmortreppe hoch, weg von all dem Gegaffe und Getuschel. »Hast du gehört, angeblich soll ein Vampir kommen?«

»Rufus Scrimgeour?«, fragte Luna.

»Ich – was?«, sagte Harry verwirrt. »Du meinst den Zaubereiminister?«

»Ja, er ist ein Vampir«, sagte Luna nüchtern. »Vater hat darüber einen ganz langen Artikel geschrieben, als Scrimgeour Nachfolger von Cornelius Fudge wurde, aber jemand vom Ministerium hat ihn gezwungen, den nicht zu veröffentlichen. Die wollten offensichtlich verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt!«

Harry antwortete nicht; er hielt es für äußerst unwahrscheinlich, dass Rufus Scrimgeour ein Vampir war, doch er war es gewohnt, dass Luna die verqueren Ansichten ihres Vaters wiedergab, als wären es Tatsachen. Sie näherten sich bereits Slughorns Büro, und mit jedem ihrer Schritte schwoll der Lärm von Gelächter, Musik und lauten Stimmen stärker an.

Ob Slughorns Büro schon so gebaut worden war oder ob er es mit magischen Kniffen so geformt hatte, es war jedenfalls viel größer als das normale Arbeitszimmer eines Lehrers. Die Decke und die Wände waren mit smaragdgrünen, karmesinroten und goldenen Behängen drapiert, so dass es aussah, als befänden sich alle in einem riesigen Zelt. Der Raum war voller Leute und stickig und in das rote Licht einer reich verzierten goldenen Lampe getaucht, die von der Mitte der Decke herabhing und in der echte Feen flatterten, jede ein glitzernder Lichtfleck. Lauter Gesang drang aus einer entfernten Ecke, begleitet von etwas, das wie Mandolinen klang; ein Dunstschleier aus Pfeifenrauch hing über einigen älteren, ins Gespräch vertieften Zauberern, und etliche Hauselfen schlängelten sich quiekend durch den Wald von Knien, verborgen unter den schweren silbernen Servierplatten mit Speisen, die sie trugen und die dabei wie kleine wandernde Tische aussahen.

»Harry, mein Junge!«, dröhnte Slughorn, kaum dass Harry und Luna sich durch die Tür gezwängt hatten. »Kommen Sie, kommen Sie, so viele Leute, die ich Ihnen gerne vorstellen möchte!«

Slughorn trug einen Samthut mit Troddeln, der zu seiner Smokingjacke passte. Er packte Harry so fest am Arm, als wäre er gerne mit ihm disappariert, und führte ihn entschlossen mitten in die Gästeschar; Harry nahm Luna bei der Hand und zog sie mit sich.

»Harry, darf ich Ihnen Eldred Worple vorstellen, einen ehemaligen Schüler von mir, den Autor von Blutsbrüder: Mein Leben unter Vampiren – und natürlich seinen Freund Sanguini.«

Worple, ein kleiner Mann mit Brille, ergriff Harrys Hand und schüttelte sie begeistert; der Vampir Sanguini, der groß und ausgemergelt war und dunkle Schatten unter den Augen hatte, nickte nur. Er wirkte recht gelangweilt. Eine neugierige und aufgeregt schnatternde Schar Mädchen stand in seiner Nähe.

»Harry Potter, ich bin einfach entzückt!«, sagte Worple und spähte kurzsichtig hoch in Harrys Gesicht. »Erst kürzlich habe ich zu Professor Slughorn gesagt: Wo bleibt die Biografie von Harry Potter, auf die wir alle warten?«

»Ähm«, sagte Harry, »tatsächlich?«

»Genauso bescheiden, wie Horace ihn beschrieben hat!«, sagte Worple. »Aber im Ernst«, sein Gebaren veränderte sich; es wurde plötzlich geschäftsmäßig, »ich würde sie mit Vergnügen selbst schreiben – die Leute wollen unbedingt mehr über Sie wissen, mein Junge, unbedingt! Wenn Sie bereit wären, mir ein paar Interviews zu geben, sagen wir in jeweils vier- bis fünfstündigen Sitzungen, nun, dann könnten wir das Buch in wenigen Monaten fertig haben. Und alles ohne größeren Aufwand Ihrerseits, das versichere ich Ihnen – fragen Sie Sanguini hier, ob es nicht völlig – Sanguini, bleiben Sie hier!«, fügte Worple plötzlich streng hinzu, denn der Vampir hatte sich mit einem ziemlich hungrigen Blick langsam zu der Mädchengruppe neben sich hingeschoben. »Hier, essen Sie eine Pastete«, sagte Worple, nahm eine von einem vorbeilaufenden Elfen und drückte sie Sanguini in die Hand, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder Harry widmete.

»Mein lieber Junge, das Gold, das Sie verdienen könnten, Sie haben ja keine Ahnung – «

»Ich habe absolut kein Interesse«, sagte Harry entschieden, »und ich sehe gerade eine Freundin von mir, entschuldigen Sie.«

Er mischte sich mit Luna im Schlepptau unter die Menge; tatsächlich hatte er gerade eine lange braune Haarmähne zwischen Leuten verschwinden sehen, die wie zwei von den Schicksalsschwestern ausschauten.

»Hermine! Hermine!«

»Harry! Da bist du ja, gütiger Himmel! Hi, Luna!«

»Was ist denn mit dir passiert?«, fragte Harry, denn Hermine wirkte ausgesprochen zerzaust, ganz als ob sie sich gerade aus einem Teufelsschlingengestrüpp herausgekämpft hätte.

»Oh, ich bin gerade entkommen – ich meine, ich hab eben Cormac stehen lassen«, sagte sie. »Unter der Mistel«, fügte sie erklärend hinzu, da Harry sie weiter fragend ansah.

»Geschieht dir recht, was musst du auch mit dem zusammen herkommen«, sagte er streng zu ihr.

»Ich dachte, der würde Ron am meisten ärgern«, erwiderte Hermine sachlich. »Eine Weile hatte ich an Zacharias Smith gedacht, aber alles in allem – «

»Du hast an Smith gedacht?«, sagte Harry empört.

»Ja, hab ich, und allmählich bereue ich es, dass ich ihn nicht genommen hab, im Vergleich zu McLaggen ist Grawp ein echter Gentleman. Lasst uns hier langgehen, dann sehen wir ihn, falls er kommt, er ist ja so groß …«

Die drei bahnten sich einen Weg hinüber auf die andere Seite des Zimmers, nahmen unterwegs Kelche mit Met von den Tabletts und bemerkten zu spät, dass Professor Trelawney allein dort stand.

»Hallo«, sagte Luna höflich zu Professor Trelawney.

»Guten Abend, meine Liebe«, erwiderte Professor Trelawney und versuchte unter einigen Schwierigkeiten, Luna ins Auge zu fassen. Harry konnte wieder einmal Kochsherry riechen. »Ich habe Sie in letzter Zeit nicht in meinem Unterricht gesehen …«

»Nein, ich hab dieses Jahr Firenze«, sagte Luna.

»Oh, natürlich«, sagte Professor Trelawney mit einem zornigen, betrunkenen Kichern. »Oder Dobbin, wie ich ihn insgeheim gerne nenne. Man hätte doch meinen können, dass Professor Dumbledore, jetzt, da ich wieder an der Schule unterrichten darf, dieses Pferd endlich losgeworden wäre, oder? Aber nein … wir teilen uns den Unterricht … das ist eine Beleidigung, offen gestanden, eine Beleidigung. Wissen Sie …«

Professor Trelawney war offenbar so beschwipst, dass sie Harry gar nicht erkannt hatte. Im Schutz ihrer wütenden Tiraden gegen Firenze trat Harry unbemerkt näher zu Hermine und sagte: »Lass uns mal Klartext reden. Hast du vor, Ron zu sagen, dass du bei der Hüter-Auswahl die Hand im Spiel hattest?«

Hermine zog die Augenbrauen hoch.

»Glaubst du wirklich, ich könnte so tief sinken?«

Harry sah sie scharf an.

»Hermine, wenn du es über dich bringst, McLaggen mitzunehmen – «

»Das ist was anderes«, sagte Hermine würdevoll. »Ich habe nicht vor, Ron irgendwas darüber zu erzählen, was beim Hüter-Auswahlspiel passiert sein könnte oder nicht.«

»Gut«, sagte Harry hitzig. »Denn sonst kriegt er wieder das große Flattern und wir verlieren das nächste Spiel – «

»Quidditch!«, sagte Hermine wütend. »Ist das alles, was Jungs interessiert? Cormac wollte nicht das Geringste über mich wissen, nein, ich bekam nur die ganze Zeit Einhundert Großartige Paraden von Cormac McLaggen nonstop serviert – o nein, da kommt er!«

Sie war so flink, dass es aussah, als ob sie disappariert wäre; gerade war sie noch da gewesen, im nächsten Moment hatte sie sich zwischen zwei schallend lachende Hexen gedrängt und war verschwunden.

»Hast du Hermine gesehen?«, fragte McLaggen, der sich eine Minute später durch die dichte Menge zwängte.

»Nein, tut mir Leid«, sagte Harry und wandte sich rasch ab, um sich an Lunas Unterhaltung zu beteiligen, allerdings hatte er für eine halbe Sekunde vergessen, mit wem sie sprach.

»Harry Potter!«, sagte Professor Trelawney, die ihn jetzt erst bemerkte, mit tiefer, vibrierender Stimme.

»Oh, hallo«, erwiderte Harry wenig begeistert.

»Mein lieber Junge!«, sagte sie leise, aber gut hörbar. »Die Gerüchte! Die Geschichten! Der Auserwählte! Natürlich weiß ich es schon seit langem … Die Omen waren nie gut, Harry … aber warum machen Sie nicht mit Wahrsagen weiter? Für Sie, gerade für Sie, ist das Fach von größter Wichtigkeit!«

»Ah, Sybill, jeder von uns hält sein Fach für das wichtigste!«, sagte eine laute Stimme, und Slughorn tauchte neben Professor Trelawney auf, mit hochrotem Gesicht und leicht schief sitzendem Samthut, ein Glas Met in der einen und eine riesige Weihnachtspastete in der anderen Hand. »Aber ich glaube nicht, dass ich jemals ein derartiges Naturtalent in Zaubertränke kennen gelernt habe!«, sagte Slughorn und bedachte Harry mit einem liebevollen Blick aus allerdings blutunterlaufenen Augen. »Instinkt, wissen Sie – wie seine Mutter! Ich hab in meinem ganzen Leben nur wenige mit einer vergleichbaren Begabung unterrichtet, das dürfen Sie mir glauben, Sybill – nun, selbst Severus – «

Und zu Harrys Entsetzen streckte Slughorn den Arm aus und zog wie aus heiterem Himmel Snape zu ihnen her.

»Hören Sie auf, hier herumzuschleichen, und kommen Sie zu uns, Severus!«, hickste Slughorn fröhlich. »Ich sprach gerade von Harrys außergewöhnlicher Begabung für Zaubertränke! Natürlich ist es auch ein wenig Ihr Verdienst, immerhin haben Sie ihn fünf Jahre lang unterrichtet!«

Mit Slughorns Arm auf seiner Schulter wie in einer Falle gefangen, blickte Snape über seine Hakennase auf Harry hinab und seine schwarzen Augen verengten sich.

»Merkwürdig, ich hatte nie den Eindruck, dass ich es geschafft hätte, Potter irgendetwas beizubringen.«

»Meine Rede, das ist ein Naturtalent!«, rief Slughorn. »Sie hätten sehen sollen, was er mir in der ersten Stunde abgeliefert hat, den Sud des lebenden Todes – hatte nie einen Schüler, dem er beim ersten Versuch besser gelungen ist, ich glaube, nicht mal Ihnen, Severus-«

»Tatsächlich?«, sagte Snape leise und sah Harry nach wie vor durchdringend an, der eine leise Unruhe spürte. Das Letzte, was er wollte, war, dass Snape anfing, nach dem Ursprung seiner neuen Meisterschaft in Zaubertränke zu forschen.

»Was waren noch mal die anderen Fächer, die Sie belegt haben, Harry?«

»Verteidigung gegen die dunklen Künste, Zauberkunst, Verwandlung, Kräuterkunde …«

»Kurz, all die Fächer, die bei einem Auroren vorausgesetzt werden«, sagte Snape mit einem Anflug von Hohn.

»Ja, das will ich auch werden«, sagte Harry trotzig.

»Und Sie werden zu den Großen gehören!«, dröhnte Slughorn.

»Ich glaube nicht, dass du ein Auror werden solltest, Harry«, warf Luna überraschend ein. Alle sahen sie an. »Die Auroren sind Teil der Rotfang-Verschwörung, ich dachte, das wüssten alle. Sie arbeiten im Zaubereiministerium, um es von innen heraus zu Fall zu bringen, und verwenden eine Kombination aus schwarzer Magie und Zahnfleischentzündung.«

Harry bekam die Hälfte seines Mets in die Nase, als er zu lachen anfing. Allein dafür hatte es sich wirklich gelohnt, Luna mitzubringen. Als er hustend, pitschnass, aber immer noch grinsend aus seinem Kelch auftauchte, sah er etwas, das seine Laune nur noch verbessern konnte: Draco Malfoy, der von Argus Filch an den Ohren zu ihnen hergeschleift wurde.

»Professor Slughorn«, schnaufte Filch mit zitternden Wangen, und in seinen Glubschaugen lag das fanatische Flackern von einem, der Störenfriede aufspürt, »ich habe diesen Jungen in einem Korridor oben herumlungern sehen. Er behauptet, zu Ihrer Party eingeladen worden zu sein, er sei aber aufgehalten worden und zu spät losgegangen. Haben Sie ihm eine Einladung ausgestellt?«

Malfoy riss sich mit wütender Miene von Filchs Griff los.

»Okay, ich war nicht eingeladen!«, sagte er aufgebracht. »Ich hab versucht, mich reinzuschmuggeln, zufrieden?«

»Nein, bin ich nicht!«, sagte Filch, eine Behauptung, die gar nicht zu der Schadenfreude auf seinem Gesicht passte. »Jetzt kriegst du Ärger, aber wie! Hat der Schulleiter nicht gesagt, dass es mit dem nächtlichen Herumschleichen vorbei ist, außer ihr habt die Erlaubnis, oder was?«

»Schon gut, Argus, schon gut«, sagte Slughorn mit einer lässigen Handbewegung. »Es ist Weihnachten, und es ist kein Verbrechen, auf eine Party gehen zu wollen. Für dieses Mal vergessen wir irgendwelche Strafen; Sie können bleiben, Draco.«

Dass Filch ein empörtes und enttäuschtes Gesicht machte, war vollkommen vorhersehbar gewesen; aber warum, fragte sich Harry mit Blick auf Malfoy, sah dieser fast genauso unglücklich aus? Und warum schaute Snape Malfoy an, als wäre er sowohl wütend als auch … war es möglich? … ein wenig beklommen?

Doch ehe Harry ganz begriffen hatte, was er eben gesehen hatte, hatte Filch sich umgedreht und war vor sich hin murrend davongeschlurft; Malfoy hatte ein Grinsen aufgesetzt und dankte Slughorn für seine Großzügigkeit, und Snapes Miene war wieder glatt und unergründlich.

»Keine Ursache, keine Ursache«, sagte Slughorn und tat Malfoys Dank mit einer Handbewegung ab. »Schließlich kannte ich Ihren Großvater …«

»Er hat immer in höchsten Tönen von Ihnen gesprochen, Sir«, sagte Malfoy rasch. »Sie seien der beste Zaubertrankmeister, den er je kennen gelernt habe …«

Harry starrte Malfoy an. Es war nicht das Geschleime, das ihn überraschte; er hatte lange genug mit angesehen, wie Malfoy sich bei Snape eingeschleimt hatte. Vielmehr wunderte ihn, dass Malfoy in der Tat ein wenig kränklich wirkte. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass er Malfoy aus der Nähe sah; jetzt fiel ihm auf, dass Malfoy dunkle Ringe unter den Augen hatte und seine Haut eindeutig einen gräulichen Ton aufwies.

»Ich würde gerne ein Wort mit Ihnen reden, Draco«, sagte Snape plötzlich.

»Oh, nun aber, Severus«, sagte Slughorn mit einem erneuten Hicksen, »es ist Weihnachten, seien Sie nicht so hart – «

»Ich bin sein Hauslehrer, und ich entscheide, wie hart oder sonst etwas ich bin«, sagte Snape barsch. »Folgen Sie mir, Draco.«

Sie gingen davon, Snape voraus, Malfoy mit ärgerlicher Miene hinterher. Harry stand einen Moment lang unschlüssig da, dann sagte er: »Ich bin gleich wieder zurück, Luna – ähm – ich muss mal kurz.«

»Alles klar«, sagte sie fröhlich, und während er durch die Menge davoneilte, meinte er zu hören, dass sie das Gespräch über die Rotfang-Verschwörung mit Professor Trelawney fortsetzte, die ehrlich interessiert schien.

Sobald er der Party den Rücken gekehrt hatte, war es einfach, den Tarnumhang aus der Tasche zu ziehen und sich überzuwerfen, denn der Korridor war vollkommen ausgestorben. Schwieriger war es, Snape und Malfoy zu finden. Harry rannte den Korridor entlang, der Lärm seiner Schritte wurde von der Musik und den lauten Stimmen übertönt, die immer noch aus Slughorns Büro hinter ihm drangen. Vielleicht hatte Snape Malfoy in sein Büro in den Kerkern mitgenommen … oder vielleicht begleitete er ihn zurück in den Gemeinschaftsraum der Slytherins … Aber während Harry den Korridor entlangeilte, drückte er sein Ohr an jede Tür, bis er vor Aufregung zusammenfuhr, als er sich vor das Schlüsselloch des letzten Klassenzimmers im Gang kauerte und Stimmen hörte.

»… kann mir keine Fehler leisten, Draco, denn wenn man Sie rauswirft – «

»Ich hatte nichts damit zu tun, klar?«

»Ich hoffe, Sie sagen die Wahrheit, weil es so ungeschickt wie töricht war. Sie werden bereits verdächtigt, die Hand im Spiel zu haben.«

»Wer verdächtigt mich?«, sagte Malfoy zornig. »Zum letzten Mal, ich habe es nicht getan, okay? Diese Bell muss einen Feind gehabt haben, von dem niemand weiß – schauen Sie mich nicht so an! Mir ist klar, was Sie tun, ich bin nicht dumm, aber es wird nicht funktionieren – ich kann Sie aufhalten!«

Eine Pause trat ein, dann sagte Snape leise: »Ah … Tante Bellatrix hat Ihnen Okklumentik beigebracht, ich verstehe. Welche Gedanken versuchen Sie vor Ihrem Meister zu verbergen, Draco?«

»Ich versuche nicht, irgendetwas vor ihm zu verbergen, ich will nur nicht, dass Sie sich einmischen!«

Harry drückte sein Ohr noch fester gegen das Schlüsselloch … was war geschehen, dass Malfoy so mit Snape sprach, mit Snape, dem er immer Respekt und sogar Zuneigung gezeigt hatte?

»Also deshalb sind Sie mir dieses Schuljahr aus dem Weg gegangen? Sie fürchten, dass ich mich einmische? Ihnen ist doch klar, dass, wenn ein anderer es sich erlaubt hätte, nicht in meinem Büro zu erscheinen, obwohl ich ihn wiederholt einbestellt habe, Draco – «

»Dann lassen Sie mich doch nachsitzen! Zeigen Sie mich bei Dumbledore an!«, höhnte Malfoy.

Wieder trat eine Pause ein. Dann sagte Snape: »Sie wissen ganz genau, dass ich weder das eine noch das andere tun möchte.«

»Dann bestellen Sie mich einfach nicht mehr in Ihr Büro!«

»Hören Sie zu«, sagte Snape, nun mit so leiser Stimme, dass Harry das Ohr ganz fest gegen das Schlüsselloch pressen musste, um sie zu hören. »Ich versuche Ihnen zu helfen. Ich habe Ihrer Mutter geschworen, ich würde Sie beschützen. Ich habe einen Unbrechbaren Schwur geleistet, Draco – «

»Dann sieht es ganz so aus, als müssten Sie ihn brechen, weil ich Ihren Schutz nicht brauche! Es ist mein Auftrag, er hat ihn mir erteilt, und ich führe ihn aus. Ich habe einen Plan und der wird funktionieren, es dauert nur ein bisschen länger, als ich dachte!«

»Worin besteht Ihr Plan?«

»Das geht Sie nichts an!«

»Wenn Sie mir sagen, was Sie tun wollen, kann ich Ihnen dabei helfen – «

»Ich habe jede Hilfe, die ich brauche, danke, ich bin nicht allein!«

»Heute Abend waren Sie zweifellos allein, was äußerst töricht war, Sie sind durch die Korridore gestreift, ohne Wachposten oder Absicherung. Das sind elementare Fehler – «

»Ich hätte Crabbe und Goyle bei mir gehabt, wenn Sie sie nicht hätten nachsitzen lassen!«

»Nicht so laut!«, zischte Snape, denn Malfoys Stimme war vor Aufregung lauter geworden. »Wenn Ihre Freunde Crabbe und Goyle die Absicht haben, diesmal ihre ZAGs in Verteidigung gegen die dunklen Künste zu bestehen, dann müssen sie ein wenig fleißiger arbeiten, als sie es gegenwär-«

»Was spielt das für eine Rolle?«, sagte Malfoy. »Verteidigung gegen die dunklen Künste – das ist doch alles nur ein Witz, oder, ein Theaterspiel? Als ob irgendeiner von uns vor den dunklen Künsten geschützt werden müsste – «

»Es ist ein Theaterspiel, das entscheidend ist für den Erfolg, Draco!«, sagte Snape. »Wo, glauben Sie,