/ Language: Deutsch / Genre:sf_action / Series: Invasion

Callys Krieg

John Ringo

John Ringos grandiose „Invasion“-Reihe, die inzwischen auch hierzulande zahllose Fans gefunden hat, wird mit diesem Roman fortgesetzt: Atemberaubende Kampfszenen, modernste Technik, furchtlose Helden — Science Fiction at its best! Hervorragend geeignet für alle Leser von „Mechwarrior-DarkAge“ und David Webers „Honor-Harrington“-Serie. Vierzig Jahre nach der Invasion verstecken sich in den Trümmern der zerstörten Städte immer noch Posleen-Einheiten und warten darauf, zurückzuschlagen. Und dann ist da noch eine andere außerirdische Spezies, die mysteriösen Darhel, deren Pläne im Dunkeln liegen. Diesen Plänen auf die Spur zu kommen, ist die Aufgabe von Cally O’Neal, Tochter des legendären Commanders Michael O’Neal. Vor Jahren offiziell für tot erklärt, ist sie nun Mitglied einer Gruppe von Untergrundkämpfern — und muss begreifen, dass ihr Krieg gerade erst beginnt.

John Ringo und Julie Cochrane

Callys Krieg

Prolog

»Also, wie laufen denn deine Pläne für die Menschen, Tir?«

Der Darhel Ghin saß da in einer Haltung, die er den Menschen abgeschaut hatte: die Beine abgeknickt und ein Fuß über dem Knie des anderen Beins. Sein Gesicht war ausdruckslos, die Ohren unbewegt; seinem Gesichtsausdruck war nicht abzulesen, was er möglicherweise mit dieser seltsamen Wahl seiner Haltung bezweckte. Sein Haar hatte den metallischen Glanz von altem Silber mit ein paar schwarzen Fäden darin. Die Augen mit den geschlitzten Pupillen waren von tiefem Smaragdgrün mit einem leichten Muster violetter Äderchen rings um das Weiß und wirkten in dem schmalen fuchsähnlichen Gesicht völlig ausdruckslos. Das Gesicht hätte elfenhaft aussehen können, wenn es nicht so massiv real gewirkt hätte. Für den Augenblick waren die rasiermesserscharfen Zähne zwischen seinen noch geschlossenen Lippen verborgen. Kurz gesagt, er machte den Eindruck eines typischen Darhel, praktisch in jeder Hinsicht. Doch genau dieses Typische hatte schon mehr als einen nichts argwöhnenden Rivalen dazu veranlasst, ihn auf das Ärgste zu unterschätzen. Zumindest in seiner Jugend.

»Nun ja, Euer Ghin.« Er sah direkt in den wandgroßen Bildschirm. Im Hintergrund konnte man die Indowy-Leibdiener seines Vorgesetzten arbeiten sehen. Ein Mensch hätte sie vielleicht mit kleinen, grünen Teddybären verglichen, der Tir nahm sie praktisch überhaupt nicht zur Kenntnis, für ihn war ihre allgegenwärtige Dienstleistung ein selbstverständlicher Bestandteil seiner Bequemlichkeit. »Die planetarische Rückgewinnung unserer bislang von Posleen besetzten Interessen mit größtem Profitpotenzial verläuft planmäßig. Unfallsbedingte Verluste an menschlichen Kolonisten liegen innerhalb der Zehnprozentgrenze vom Optimum. Verlust menschlicher Kolonieschiffe liegt im Optimum plus oder minus zwei Prozent. Das Verschleierungsprogramm für Verluste läuft planmäßig. Monatliche Ertragsraten bewegen sich bei sieben Prozent plus oder minus eins Komma fünf Prozent mit einer Verlässlichkeit von fünfundneunzig Prozent«, rezitierte er. Seine Ohren spitzten durch sein metallisches Silberhaar, was bei dieser Rasse ungewöhnlich, aber akzeptabel war, seine Haltung war aufrecht in der Position starken Vertrauens. Der alte Narr musste doch sicherlich allmählich bemerken, dass er anfing nachzulassen.

»Die Menschen sind … etwas zahlreicher und weniger dankbar, als es Ihrer Vorhersage zu Beginn des Programms während des Posleen-Kriegs entspricht.«

»Sämtliche Pläne müssen als Teil des Prozesses angepasst werden, wir haben schon früher über Sinn und Zweck der Managementaufgabe diskutiert, Euer Ghin.« Wie er das nur immer machte? Dieses obsolete Fossil hatte die lästige Angewohnheit, genau die Frage zu stellen, die bei jedem beliebigen Operationsplan die unbequemsten Aspekte zutage förderte. Aber die Kontrolle des Tir über die eigene Körpersprache hatte sich im Laufe der Jahre deutlich verbessert, und so spitzte er nur ein Ohr in einer Geste, die zwischen höflicher Herablassung und sorgfältiger Aufmerksamkeit schwankte.

»Bei allem Respekt, Euer Ghin, die Erträge sind gestiegen, und die Eventualpläne zur Lenkung der Menschen funktionieren innerhalb akzeptabler Parameter recht gut.« Es juckte ihn links an der Schnauze, unmittelbar unter dem Ansatz seiner Barthaare. Mit einiger Mühe vermied er es, die Barthaare zucken zu lassen. Oder die Augen zusammenzukneifen. Schwächer werdendes Licht hatte den Effekt, die Schlitzpupillen deutlich runder werden zu lassen, und dann fiel es noch stärker auf, wenn man die Augen zusammenkniff, als das bei einem Wesen mit runden Pupillen der Fall gewesen wäre.

»Ihre Parameter vernachlässigen die jüngsten Hinweise auf aktiven menschlichen Widerstand.« Was er an dem älteren Darhel Lord wirklich bewunderte, war, wie sehr er seinen Ausdruck und seine Gesten im Griff hatte. Die Menschen hatten für diese Art der Selbstkontrolle einen seltsam passenden Ausdruck: Pokergesicht. Sie benutzten den Ausdruck, um ein Spiel zu beschreiben. Eine der wenigen persönlichen Interaktionen, auf die er sich mit Menschen einließ, war ein gelegentlicher Abend, an dem sie dieses Pokerspiel spielten, das der Mensch Worth und einige seiner Untergebenen ihm beigebracht hatten. Der Kontakt war unangenehm, aber man konnte bei diesem Spiel tatsächlich Geld gewinnen, und das tat er regelmäßig, und der Tir fand das so faszinierend, dass es die Nachteile überwog.

»Weil bereits Pläne in der Umsetzung begriffen sind, um diese kleine Einzelheit wieder in Einklang mit optimalen Managementumständen zu bringen.« Wie konnte dieses alte Fleisch gewordene Hindernis das wissen? War es möglich, dass seine eigene Kommunikation sich als weniger sicher erwies, als er das geglaubt hatte? Er würde das untersuchen müssen.

»Ich stelle auch fest, dass unfallbedingte Verluste an menschlichen Kolonisten äußerst selektiv wirken.« Er hatte das Wort »selektiv« leicht betont. Unmöglich festzustellen, ob das schwaches Lob oder Kritik bedeutete.

»Ja. Das ermöglicht es uns, unsere Erträge von den verbliebenen Kolonisten zu optimieren.« Er musste sich Mühe geben, seine Freude darüber nicht sichtbar werden zu lassen, weil diese Errungenschaft eher einen persönlichen Ausdruck der Befriedigung mit der eigenen Leistung erforderte. Sein Vorgesetzter ließ sich wie üblich in keiner Weise anmerken, dass er beeindruckt war.

»Es ist gut zu wissen, dass deine Leistung wie gewöhnlich höchsten Maßstäben gerecht wird, Tir.« Das Aufblitzen von Reihen rasiermesserscharfer, spitzer Zähne, die ganz kurz sichtbar wurden und damit einen menschlichen Ausdruck kopierten, das Grinsen, löste beinahe ein leichtes Schaudern aus. Aber in Wirklichkeit bemühte sich der alte Narr bloß, gute Miene dazu zu machen, dass die Jagd ihm im Nacken saß. Das Alter fing an, seiner Lebenskraft zuzusetzen, und würde ihm bald den Verstand und zu guter Letzt das Leben nehmen.

Diesmal schaffte der Tir es nicht ganz, seine Freude und Genugtuung zu verbergen.

1

Chicago

Freitag, 10. Mai 2047

Der Inhaber seiner Lieblingsbar in Chicago hatte einen alten, noch aus der Vorkriegszeit stammenden Bartresen, der mitten im Raum stand, umgebaut und die Insel in der Mitte, bestehend aus Gläsern, Barkeeper und Getränken, durch einen riesigen Holotank ersetzt. Rauchen war — was für eine Bar ungewöhnlich war — streng verboten, weil der emporziehende Rauch sich gewöhnlich störend auf die Bilddarstellung auswirkte. Das Surround-Sound-System war praktisch perfekt, und die Kellner und Kellnerinnen, die die Getränke von einer traditionellen Bar lieferten, die nachträglich neben der Küche eingebaut worden war, achteten besonders darauf, die Bestellungen der Gäste möglichst leise entgegenzunehmen, um das Spiel nicht zu stören. Diese Bar roch daher nicht nach dem üblichen abgestandenen Rauch, sondern nach einer Mischung aus Bier, Pommes, Hamburger und dem Zitronenöl, mit dem die Angestellten den Tresen ständig auf Hochglanz polierten. Er kam selten her, weil ein Mann in seinem Gewerbe darauf achten musste, keine auffälligen Verhaltensmuster zu entwickeln. Trotzdem war dies die von ihm bevorzugte Wasserstelle, weshalb er vermutlich öfter herkam, als er das eigentlich sollte.

Charles Worth war ein großer Anhänger des Hockey-Sports. Dabei ging es ihm jedoch nicht so sehr um die Gewalttätigkeiten, die man dabei manchmal erleben konnte; schließlich war Gewalt in seinem Beruf ein alter Hut. Was ihm am Hockey viel mehr gefiel, war das Tempo, der Wettkampf und die Spielkunst. Hockey war ein rechtes Männerspiel, das merkte man auch an der echten Musik, die man dazu spielte, nicht etwa die schrillen Töne irgendwelcher albernen Bands. Cheerleader gab es auch keine, aber er betrachtete sich als Frauenkenner und hatte seine Frauen ohnehin lieber in Griffweite. Worth zog das Ursprüngliche, das Echte, das Ungewöhnliche vor, immer vorausgesetzt, dass sie auch schön war. Die Blondine zu seiner Linken war ihm aufgefallen. Er konnte eine Wasserstoffblondine auf eine Meile weit entdecken und achtete sehr darauf, sich nie, na ja, fast nie mit Künstlichem zu begnügen. Die hier war ganz eindeutig eine echte Blondine. Selbst ein guter Friseur hatte immer noch Mühe, beim Färben all die Lichter natürlicher Haarfarbe zu erzeugen — er wusste das sehr wohl, er musste ja schließlich häufig genug selbst sein Aussehen verändern. Und was sonst an ihr sehenswert war, schien ihm ebenfalls echt, soweit er das feststellen konnte, solange ihre Kleider die Sicht behinderten.

Ihr Anblick reichte fast aus, um ihn von dem Spiel abzulenken, obwohl Zürich gerade dabei war, Montreal eine echte Abreibung zu verpassen. Als Toronto-Fan gab es kaum etwas, was ihm mehr Spaß machte als dabei zuzusehen, wie Montreal die Hucke voll bekam.

Sie hatte die zu ihrer Haarfarbe passende sahnig helle Haut, und ihre Augen waren von warmem Braun — genau genommen eine seltsame Kombination. Entweder trug sie überhaupt kein Make-up, oder sie beherrschte die Kunst des Make-ups besser, als er das jemals an einer Frau gesehen hatte. Sie bemerkte, dass er sie beobachtete, und lächelte, wobei ihre Lippen sich ein wenig öffneten.

Die Lady hatte ausgezeichneten Geschmack. Die Bluse war aus echter Seide und makellos geschneidert; die obersten beiden Knöpfe standen offen, sodass man die Andeutung ihres Dekolletees sehen konnte. Sattes Dunkelgrün kleidete sie perfekt. Er spürte, wie ihm warm wurde, als sie ihr Glas nahm, um die Bar herumkam, sich neben ihn setzte und dabei, während sie sich auf den Barhocker schob, in den Tank blickte »Sie haben sich einen guten Platz ausgesucht. Von hier aus sieht man die Bank von Zürich besser. Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

»Mit dem größten Vergnügen.« Er deutete auf ihr beinahe leeres Glas. »Guinness?« Eindeutig Natur, ihre Haut. Und der Duft ihres Parfüms tat beinahe weh.

Sie lächelte und nickte abwesend, ohne dabei den Blick vom Tank zu wenden.

Er winkte einem Kellner und wies auf ihr Glas. Gleich darauf kam ein frisches Guinness. Er drückte dem Kellner sofort das Geld für den Drink und ein reichliches Trinkgeld in die Hand und ließ dem Jungen damit keine Gelegenheit, sich näher mit der Frau zu befassen, von der Worth hoffte, dass sie ihn nach Hause begleiten würde.

»Danke.« Sie trank einen Schluck aus dem frischen Glas und leckte sich den Schaum von der Oberlippe.

»Dann sind Sie also ein großer Fan von Zürich?«, fragte er.

»Nee. Toronto.« Sie grinste. »Na ja, und wer auch immer eben gegen Montreal spielt.«

Wieder dieses Gefühl in der Magengrube. Dasselbe Team wie das meine. Zu bequem? Oder macht mich bloß die Warnung aus dem Büro des Tir so paranoid?

Die Sendung wurde für ein Commercial unterbrochen. Es gab Dinge, an denen auch die modernste Technik nichts ändern konnte. Zwei kleine Schwarzweiß-Holos in einer Ecke des Tanks zeigten einen Mann um die sechzig mit einem Stock und eine ein wenig ältere Frau im Rollstuhl. Im Hauptteil des Tanks sah man dasselbe Paar voll in Farbe und in Bewegung, gesund und fit und aussehend wie zwanzig in gut geschnittenem Battle Dress, jeder mit einem nagelneuen Gravkarabiner in der Hand wie sie Hand in Hand durch ein wogendes Weizenfeld gingen.

»Sind Sie’s leid, alt zu sein?«, fragte eine kühle, aber doch irgendwie freundlich wirkende Frauenstimme. »Langweiliger Job und keine Romantik mehr in der Beziehung? Die Epetar-Gruppe sucht menschliche Kolonisten mit Schwung für eine multirassische Weltenrückgewinnungsexpedition. Alter und Gesundheitszustand sind kein Problem, Standardvertrag …«

»Die mit ihrer verdammten Verjüngung.« Einer der Gäste warf eine Salzbrezel durch die Holoprojektion.

»Hi, ich bin Sarah Johnson.« Die Blondine hatte sich Worth zugewandt und streckte ihm die Hand hin. Ihr Händedruck war warm und fest.

»Jude Harris. Freut mich, einen Fan von Toronto kennen zu lernen.« Er lächelte und ließ ihre Hand los, obwohl er sie gern länger gehalten hätte.

»Oh? Also, dann muss ich sagen, haben Sie einen ausgezeichneten Geschmack für Teams. Was machen Sie beruflich?«, fragte sie.

»Ich bin das, was man einen Troubleshooter nennt. Im Grunde genommen bin ich viel auf Reisen und kümmere mich um alle möglichen Probleme für große Firmen, die gut bezahlen«, sagte er.

»Klingt nach einem interessanten Job. Troubleshooter, wie? Schießt der Trouble manchmal auch zurück?« Sie grinste.

»Nicht, wenn ich meinen Job richtig erledige.« Er grinste ebenfalls. »Und was machen Sie, Sarah?«

»Ich bin Anwaltssekretärin.« Sie verzog das Gesicht. »Nicht gerade aufregend, aber man kann mit dem Geld seine Rechnungen bezahlen. Sie reisen viel, sagen Sie? Muss ’ne feine Sache sein, wenn man so rumkommt.« Sie blickte zu ihm auf und nahm einen weiteren Schluck von ihrem Stout.

»Na ja, ein Hotel nach dem anderen eben. Hey, das Spiel geht weiter.« Sein Blick fiel auf die gepflegte Hand, die ihr Glas hielt. »Hübsche Nägel für eine Sekretärin.«

»Was?« Sie blickte auf ihre makellos manikürte Hand, als müsse sie überlegen, was er meinte. »Oh, Sie meinen von wegen tippen. Heutzutage tippt man kaum mehr. Die meisten wollen bloß, dass man eine klare Aussprache hat. Und dann muss man alles Mögliche organisieren und dabei die Einzelheiten nicht aus dem Auge lassen. Solches Zeug.«

»Trotzdem, ein wenig tippen ist doch sicher noch?« Er griff nach ihrer Hand, sah ihr in die Augen, hielt die Hand fest und küsste ihre Finger.

»Na ja, ein wenig schon.« Sie lächelte. »Man muss den Trick raushaben, die Tasten so zu treffen, dass die Nägel in den Zwischenräumen sind.« Sie zog ihm die Hand weg und deutete in den Tank. »Haben Sie das gesehen? Shinsecki hat gerade Schmidt den Ellbogen ins Gesicht gesetzt! Herrgott, sehen Sie sich seine Nase an, du liebe Güte, das gibt Zoff.« Sie hielt sich beide Hände vor den Mund, und ihre Augen weiteten sich, als sie das Blut auf dem Eis sah.

»Yeah, sieht so aus, als ob er ihm die Nase gebrochen hätte. Das wird wehtun«, sagte er. Sie sahen beide dem Handgemenge zu, während die anderen Spieler wie Haie um die beiden Kampfhähne kreisten und die Schiedsrichter versuchten, die beiden zu trennen, wobei einer, vermutlich unabsichtlich, ebenfalls einen Ellbogen ins Gesicht bekam.

»Mein Gott, was man nicht alles für ein bisschen Aufregung tut, wie?« Sie schauderte und nahm einen Schluck.

»Keine Ahnung«, meinte Worth mit einem Achselzucken und wandte sich ihr zu. »Mir macht das Spiel Spaß, aber eigentlich sehe ich mehr wegen der Strategie und der taktischen Finessen zu. Die Prügeleien, na ja, das ist wohl ein Teil der dunkleren Seite des menschlichen Wesens, die in uns allen steckt.«

»Glauben Sie?« Sie blickte zu ihm auf und nahm einen weiteren Schluck. »Ich denke, das ist eben Männersache, diese Aggressivität, meine ich …« Ihr Gesicht rötete sich ein wenig und sie nahm schnell einen weiteren Schluck. »Ich denke, jede Frau hat ein bisschen etwas Unterwürfiges in sich. Ich meine, ich möchte keineswegs, dass mich so ein Kerl an den Haaren herumzerrt oder dass ich den Rest meines Lebens damit verbringe, ihm die Socken und die Unterhosen zu waschen, aber ich denke, die meisten Frauen ziehen doch Typen vor, die, na ja, Sie wissen schon, die Dinge irgendwie in die Hand nehmen. Und ich denke, dass Männer eben so sind.« Sie zuckte die Achseln. »Wie gesagt, Männersache eben.«

»Das ist sehr … sehr gut beobachtet.« Er musterte sie eindringlich, sah ihr in die Augen. »Ich wette, Sie können gut mit Menschen umgehen.« Es war nicht zu übersehen, wie ihr Puls am Hals schneller ging. Sie leckte sich über die Lippen und war seltsam reglos, als hätte sie die Spannung, die sich zwischen ihnen aufbaute, zum Erstarren gebracht. Er beugte sich über sie, küsste sie lange und hingebungsvoll und ließ sie erst los, als ihm bewusst wurde, dass seine Hand sich in ihrem Nackenhaar festgekrallt hatte, seine Jeans plötzlich spannten und sie sich immer noch an einem sehr öffentlichen Ort befanden. Für die Spiele, die er vorzog, war die Öffentlichkeit ganz und gar nicht der richtige Ort. Außerdem ging jetzt eine Warnlampe an. Sie könnte ein sehr hübscher Köder sein. Wie auch immer, falls er etwas dazu zu sagen hatte, würde er großen Spaß daran haben, sich da Klarheit zu verschaffen.

Im Tank hatte das Spiel wieder begonnen, nachdem die Schiedsrichter schließlich Schmidt und Shinsecki getrennt und Shinsecki auf die Strafbank geschickt hatten. Zürich hatte sich offensichtlich vorgenommen, auf dem Eis Rache zu nehmen. Montreal war jetzt mit sechs Toren im Rückstand, und es sah so aus, als würden sie sich nicht mehr fangen.

Er bemerkte, dass ihr Glas fast leer war, und bestellte ihr nach. Den Rest des Spiels verbrachte er damit, unter der Bar ihren Oberschenkel zu streicheln. Als Montreal mit neun im Rückstand war, begann das Spiel ihn zu langweilen, doch dafür kam in ihm Interesse an etwas persönlicheren Freuden auf.

»Eine Frage.« Er beugte sich zu ihr hinüber und atmete ihr ins Ohr. »Sie haben gesagt, Sie mögen es, wenn ein Mann die Dinge in die Hand nimmt? Ich werde jetzt vorne hinausgehen. Folgen Sie mir nicht. Zwischen den Toiletten gibt es einen Hinterausgang. Dort steht, dass beim Öffnen der Tür ein Alarm losgeht, aber das stimmt nicht. Wenn Ihnen das ernst war, was Sie gesagt haben, dann warten Sie fünf Minuten. Verlassen Sie die Bar und gehen Sie hinten hinaus. Ich werde dort warten. Wollen Sie, dass ich die Dinge in die Hand nehme?«

Sie nickte eifrig. »Yeah, ich denke, das würde mir gefallen.«

»Okay, dann wollen wir’s so halten.« Er verließ die Bar, ohne sich umzusehen, in der Hoffnung, dass sie genügend beschwipst sein würde, seiner Aufforderung nachzukommen. Ja, er war scharf auf sie, aber er hatte nicht bis zum heutigen Tage überlebt, indem er sich dabei sehen ließ, wie er Bars mit seinen Opfern verließ. Die Nachtluft duftete würzig, als er an zwei anderen Bars vorbei zum Parkplatz ging, und dieser würzige Duft überlagerte die schwachen Anflüge von abgestandenem Urin, Erbrochenem und Sex, die stets in den Straßen mit populären Etablissements des Nachtlebens in der Luft hängen. Bei ihm setzte jetzt der Adrenalinstoß ein, und er fragte sich, wie er das immer tat, ob er den Haken richtig gesetzt hatte und die Angelschnur richtig einzog. Würde sie kommen oder nicht?

Das Timing war perfekt. Er hatte gerade seinen Wagen an den Randstein am Hinterausgang der Bar bugsiert, wo ihn auf der einen Seite die Bar und auf der anderen der große Abfallcontainer vor neugierigen Blicken schützte, als sie durch die kleine Hintertür herauskam. Ein weiteres Plus für ihn — die Beleuchtung hier hinten war ausgebrannt, und er konnte die Blondine nur im schwachen Schein seiner eigenen Scheinwerfer sehen, als sie leicht ins Torkeln kam. Vielleicht war sie auf lockeren Kies getreten? Er öffnete die Tür auf der Beifahrerseite.

Übervorsichtig ließ sie sich auf den Beifahrersitz seines niedrigen Detroit Raver sinken, während er so tat, als würde er nach einem Musikwürfel suchen. Seine Nervenenden prickelten in der Mischung aus Triumph und Vorfreude, die ihm einen eisigen Schauder über den Rücken jagte, als sich die Tür seines Wagens klickend hinter ihr schloss. Der Beat von Blue Öyster Cult’s »Godzilla« dröhnte durch das Fahrzeug, als er sich in den nächtlichen Verkehr von Chicago einreihte.

Worth löste die Blondine lange genug von seinem Hals, um vom Aufzug zu seinem Apartment im Loft eines alten Lagerschuppens zu gelangen. Er stieß die Tür auf und blieb einen Augenblick lang stehen, um ihr Gelegenheit zu geben, die ganze Wirkung in sich aufzunehmen. Beträchtliche Brocken seines durchaus großzügigen Gehalts hatte er dafür aufwenden müssen, um das Zimmer in dem von ihm geschätzten Stil der Siebzigerjahre auszugestalten. Worth’ Stolz war, dass er es geschafft hatte, sämtliche nötigen Möbelstücke in schwarzem Leder, Glas und Chrom zu besorgen, die einen beeindruckenden Kontrast zu dem blütenweißen Shag-Teppichboden bildeten, den er speziell hatte anfertigen lassen. Drei Wände waren in Eichenlaminat vertäfelt — echte Eiche war selbst ihm zu teuer. Die vierte bedeckten schwarze Samtvorhänge, die von der Decke bis zum Boden reichten. Die frei stehende Bar parallel zu einer der vertäfelten Wände hatte eine schwarze Marmorplatte sowie Schubladen und Regale ebenfalls aus Eichenlaminat, was exakt zu den Wänden passte.

Farblich darauf abgestimmte rote Lava-Lampen — Originale, nicht etwa Reproduktionen — beleuchteten den Raum und erzeugten die gewünschten Farbtöne. Deckenspots hoben die Dali- und Escher-Drucke an den Wänden hervor. Fichtennadelduft mischte sich in die schwachen Spuren von abgestandenem Schweiß, Sex, Rost und Leder, konnten sie aber nicht ganz überdecken.

Sie blieb einen Augenblick lang stehen und sah sich im Raum um. Dann schenkte sie ihm ein blendend perfektes Lächeln und vergrub das Gesicht an seinem Hals, schmiegte sich an ihn. Herrgott, die musste wirklich heiß sein …

»Einen Drink? Ich nehme einen Martini.« Er grinste ein leider nur vermeintlich wissendes Grinsen und knödelte: »Natürlich geschüttelt, nicht gerührt.« Er trat an die Bar und nahm diverse Flaschen von dem Glasregal dahinter.

»Warum nicht?« Sie lachte, ließ ihre Handtasche auf die Couch fallen.

Er schenkte ihr ein und reichte ihr das Glas. »Cheers.«

Sie nahm einen Schluck, stellte das Glas dann auf dem Beistelltisch aus Chrom und Glas ab, schmiegte sich an ihn und ließ ihre Hände an seiner Brust emporwandern. Er schlang die Arme um sie und küsste sie aufs Kinn, um gleich darauf an ihrem Ohr zu knabbern. Als er spürte, wie ihre Knie ein wenig nachgaben, verlagerte er sein Gewicht, um sie zu stützen. Während ihre Hüften, so schien es zumindest, unbewusst gegen die seinen drängten, spürte er, wie ihm zwischen den Beinen heiß wurde. Er vergrub das Gesicht in ihrem Haar und atmete den sauberen, frischen Duft ein, der sich in ihren Körpergeruch mischte.

Seine Finger zitterten leicht, als er ihre Seidenbluse aufknöpfte, vorsichtig, zärtlich, jeden Augenblick dieser Ouvertüre genießend, die in so viel Lärm und Wut enden würde. Ganz sanft, jetzt das Vertrauen aufbauen, das sie bereitwillig in die Falle lockte — die reinste und köstlichste Probe seiner Kunst. Seine Hände glitten unter ihre Bluse, strichen an ihrer Wirbelsäule entlang und dann über die weiche, perfekte Haut ihres Rückens. Er rieb sein Kinn an dem ihren, war froh, dass er sich am Nachmittag rasiert hatte, und nahm dann ihren Mund, tauchte tief in die feuchte Wärme ein. Herrgott, in dieser Frau konnte er ertrinken.

Ihre schlanken Finger mit den wunderschönen Nägeln spielten mit dem Haar in seinem Nacken, und er spürte, wie sein Atem schneller ging, spürte die Ungeduld in sich aufsteigen und wusste doch zugleich, dass er sich zurückhalten und sie zum nächsten Schritt locken musste. Er fuhr mit einem Finger ganz leicht an ihrer Wirbelsäule empor, ehe er ihr mit beiden Händen unter den Po griff und sie hart zu sich heranzog. Ein Schaudern überlief sie.

»Und wo ist jetzt dein Zimmer?« Sie drückte das Gesicht an seinen Hals und biss ihn dann leicht in die Schulter.

Er ließ die Hand wieder an ihrem Rücken emporgleiten, griff in ihr Haar, zog ihren Kopf sanft zurück, knabberte an ihrer Nasenspitze und schüttelte den Kopf.

»Nicht doch. Schlafzimmer ist langweilig. Komm her.« Er griff nach ihrer Hand und führte sie zu der Wand mit dem Samtvorhang, drückte seitlich einen Schalter und grinste, als die Vorhänge sich auseinander schoben und den Blick auf vier in die Wand eingelassene Stahlringe und einen knapp zehn Zentimeter breiten Sitz freigaben, den man offenbar verstellen konnte.

»Sobald du das einmal versucht hast, wirst du es nie wieder in einem Bett tun wollen. Es ist unglaublich.« Du wirst dann gar nichts mehr wollen, weil es dich dann nämlich nicht mehr gibt, aber das ist nicht mein Problem, dachte er.

»Du wirst mir doch nicht wehtun, oder?« Ihre Augen musterten ihn nervös.

»Aber ganz bestimmt nicht. Hand aufs Herz.« Er hielt ihr Gesicht mit beiden Händen, und seine Augen bohrten sich in die ihren. »Das würde mir doch gar keinen Spaß machen. Mir tut’s doch nur gut, wenn’s dir gut tut.«

Sie fiel gegen ihn, als ihre Knie ihr offenbar den Dienst versagten, und ließ sich von ihm wieder auf den Sitz schieben.

»Uups. Das klappt besser ohne Jeans.« Er zog ein paar schwarze Seidentücher aus einer Tasche unten an der Wand und blickte zu ihr auf, kniete nieder, um ihr beim Ausziehen ihrer Jeans und ihres Höschens zu helfen, und küsste sie dabei auf Hüfte und Schenkel.

Nachdem sie beides weggetreten hatte, strich er über die seidige Länge eines ihrer Beine, während er sie an die Ringe band. Hübsche Beine. Eigentlich alles hübsch. Wirklich schade drum. Er knöpfte seine Jeans auf und legte die Hände links und rechts neben ihren Kopf.

»Du weißt doch, dass du jetzt hilflos bist?«, schnurrte er.

Sie nickte und stöhnte leise, als er sie nahm. Es dauerte nicht lange. Sie riss verblüfft die Augen auf, als er sich von ihr löste und die Hosen wieder hochzog.

»Sind … sind wir fertig?« Sie verdrehte ihre Handgelenke und zuckte zusammen, weil das Tuch so fest gebunden war. »Kannst du mich jetzt losbinden? Diese Dinger hier schneiden einem ja fast in die Haut.«

»Oh, wir sind noch nicht fertig, Süße, das war erst der erste Akt. Wer hat dich geschickt?« Er ging zur Bar hinüber und nahm einen Schluck von seinem Martini.

»Was? Niemand … ist das so eine Art Rollenspiel? Die mag ich eigentlich nicht …«

»Ja, richtig.« Er grinste schief. »Also, wie heißt du, Süße?« Er ging zu der Wand zurück und brüllte ihr ins Ohr. »Wer. Hat. Dich. Geschickt!«

»Au!« Sie zerrte an den Ringen. »Das macht keinen Spaß, ich will jetzt nach Hause. Bind mich los, verdammt!«

»Tut mir Leid, Süße.« Er trat an die Wand und schnippte einen Schalter. »Der zweite Akt ist gewissermaßen eine Art Galavorstellung. So, du wirst mir jetzt sagen, wer dich geschickt hat und wie du wirklich heißt, sonst wird nämlich der zweite Akt mir großen Spaß machen und dir überhaupt keinen … es sei denn, du magst so was.« Seine Stimme klang seltsam hohl. »Wer hat dich geschickt?«

»Ich heiße … ich heiße Sarah Eileen Johnson«, stammelte sie, und ihre Augen waren jetzt fast doppelt so groß wie vorher, »und ich bin Anwaltssekretärin bei Sinclair and Burke’s. Niemand hat mich geschickt, das schwöre ich. Äh.’. bitte, lass mich jetzt gehen. Wenn du mich jetzt gehen lässt, verspreche ich, dass ich es niemandem sagen werde und alles ist gut, bitte … bitte, lass mich gehen!« Ihre Augen gingen jetzt schnell auf und zu, wahrscheinlich, weil ihr bewusst war, wie verändert ihre Stimme klang.

»Geht leider nicht, Süße.« Er ging wieder zur Bar und nahm einen weiteren Schluck. »Das wäre gefährlich für mich. Ich halte wirklich sehr viel von Selbsterhaltung. Du offenbar nicht. Oh, vielleicht ist’s dir aufgefallen, wie seltsam unsere Stimmen jetzt klingen? Das ist ein kleiner Nebeneffekt der elektronischen Dämpfung. Knebeln und Verhör passt nicht zusammen. Also schrei ruhig, so laut du willst. Aber andererseits nehme ich an, dass du schon einmal ein ähnliches System gehört hast. Wer, sagtest du, hat dich geschickt?«

»Niemand! Herrgott, tut mir schrecklich Leid, Mister, ich weiß nicht, für wen Sie mich halten, aber ich bin wirklich bloß eine Sekretärin und weiß nicht, was Sie wollen! Bitte, bitte, tun Sie mir nicht weh …«

»Okay, Süße, so wie’s aussieht, machen wir’s dann eben auf die harte Tour. Groovy.« Er ging zu dem Beistelltischchen und griff nach dem Telefon. »Sam? Kannst du raufkommen? Ich glaube, ich brauche vielleicht doch einen Profi … yeah, du hast die … leidenschaftslose Art drauf. Okay. Na ja, ich kann ja schon mal anfangen …, aber sicher werde ich dir was übrig lassen.«

Er ging zur Bar hinüber und zog eine der Schubladen auf »Hm. Mal sehen: Bullenpeitsche, neunschwänzige Katze, Baseballschläger, Viehpiekser …« Er blickte zu ihr auf, schob eine Augenbraue hoch. »Was ziehst du vor?« Er schnitt eine Grimasse. »Oh, eines darf ich nicht vergessen, weißt du. Beim letzten Mal — also, du glaubst gar nicht, wie viel Mühe es gekostet hat, das alles wieder aus meinen Teppichen rauszubringen.« Er ging zum Kleiderschrank, holte eine Plastikmatte heraus und rollte sie unter ihren Füßen aus. »Weißt du, dass man mit dem Zeug, mit dem man Fleisch zart macht, Blutflecken wegbekommt? Okay, na ja, bist ja ein Mädchen, also weißt du das wahrscheinlich.«

»Ogottogottogott. Rette mich und ich tu nie wieder so etwas. Du lieber Gott … bitte, Mister, ich bin nicht diejenige, die Sie suchen, bitte, tun sie mir nicht weh.«

»Mhm. Ich liebe Leder.« Er ging zur Bar zurück, zog die Bullenpeitsche heraus und fragte wieder: »Wer hat dich geschickt, Süße?«

»Ich bin Sekretärin

Der ferne Klang ihrer gedämpften Schreie floss wie Nektar in Worth’ Ohren. Man konnte noch so abgebrüht sein, den Geschmack für so etwas verlor man nie … Irgendwann sah er das rote Blinken und knöpfte seine Jeans wieder zu, ehe er die Tür öffnete.

Ein untersetzter Mann mit beginnender Glatze und einer Pizzaschachtel unter dem Arm zwängte sich durch die Tür und verriegelte sie hinter sich. Er stellte die Schachtel auf die Bar, klappte sie auf und sah zu der Frau hinüber, die schlaff in den Ringen hing.

»Verdammt, Worth, du hast mir wirklich nicht viel übrig gelassen. Aber wenigstens hat sie noch Zähne. Mann, bestimmt zehn Minuten stehe ich draußen und hab geklingelt!«

»Die meisten hat sie noch. Weißt du, wenn das System eingeschaltet ist, höre ich nichts.«

Sam ging in die Küche und kam mit drei Dosen Bier zurück. »Willst du eins?«

»Nee. Behalte sie ruhig, Mann.«

Der Kleinere zuckte die Achseln, biss von seiner Pizza ab, trug ein Bier zur Wand mit den Ringen hinüber, wo bereits ein Satz saubere Skalpelle für ihn bereitlag.

»Wenigstens warst du so schlau, die Skalpelle mir zu überlassen. Anscheinend bist du bei der hier besonders argwöhnisch.«

»Vielleicht werde ich bloß auf meine alten Tage vorsichtig.« Worth zuckte die Achseln und mixte sich einen frischen Martini.

»Du machst deine Sache gar nicht schlecht.« Der Untersetzte feixte, schüttete der Blondine mehr als die Hälfte des Inhalts der Bierdose über den Kopf und nickte dann, als sie prustete. »Für Sie ist das natürlich eine schlechte Nachricht. Lady, ich muss Ihnen leider sagen, dass der Part meines Amateurfreunds jetzt vorbei ist. Also, Worth ist wirklich ein talentierter Amateur und in seinem Job ist er spitze, aber er ist nicht ich. Sie sollten sich wirklich eine Menge Schmerzen ersparen und meine Fragen jetzt beantworten und nicht erst später.« Er hob ein kleines Skalpell auf und musterte es mit klinischem Interesse. »Ihren Namen, bitte. Ihren vollen Namen.«

»Sarah Eileen Johnson«, hauchte sie kaum hörbar.

Er blickte zu Worth auf, der den Kopf schüttelte und ihm eine kleine Handtasche reichte. Er zog ihren Inhalt heraus und sah ihn sich an.

»Führerschein, zwei Kreditkarten, eine Geschäftskarte von Sinclair and Burke’s — Anwälte, ein paar Quittungen, diverse Geschäftskarten, ein wenig Bargeld, ein Scheckbuch, Make-up, Kleingeld … nichts davon neu. Gute Dokumente. Sehr professionell.« Er seufzte, legte das Skalpell weg, ging zu dem Schrank unter der Bar und zog eine kleine Tasche heraus. Dieser entnahm er eine Nadel und ein kleines Fläschchen. »Ich benutze vorher immer gern Natriumpentathol, aber ich bin natürlich auch ein wenig altmodisch.«

Er injizierte ihr das Präparat fachmännisch, legte die Spritze dann neben die Skalpelle und sah auf die Uhr. »Okay, wie heißen Sie?«

»Sarah … Eileen Johnson. Warum tun Sie mir das an?«

»Mhm … interessant.« Er zog eine kleine Taschenlampe aus der Tasche und leuchtete ihr in die Augen. »Wollen Sie mir erklären, wieso Sie gegen Natriumpentathol immun sind?«

»Ich … ich habe es ihm doch schon gesagt«, stammelte sie. »Ich bin Anwaltssekretärin. Ich habe mit vertraulichen Akten zu tun. Man … man muss behandelt sein und braucht eine ärztliche Bestätigung dafür, sonst stellen einen die nicht ein.«

»Tatsächlich?« Er holte ein weiteres Fläschchen und eine frische Spritze heraus. »Dann probieren wir die nächste.«

Fünf Fläschchen später sah er sie feixend an. »Ziemlich gründliche Schutzmaßnahmen für eine Sekretärin.«

»Die … die Versicherungsgesellschaften … die … sind paranoid. Ich … ich … bitte, tun Sie mir nicht mehr weh. Ich bin doch bloß Sekretärin!« Ihre Stimme klang jetzt verzweifelt. »Ich weiß gar nichts!«

»Ich denke, als Nächstes nehmen wir die Backenzähne. Wer sind Sie?«

»Wer soll ich denn sein?« Sie schrie und bettelte. »Sie brauchen’s doch bloß zu sagen, wer ich sein soll! Bitte, bitte …?«

»Also, wer sind Sie?«, fragte er, nachdem er eine Weile abgewartet hatte, bis sie schließlich verstummt war.

»Eine Sekretärin! Bloß eine Sekretärin …« Sie verstummte schluchzend.

Zwei Stunden später streifte er die Gummihandschuhe ab, die er an einem Punkt des Verhörs gebraucht hatte, und blickte zu Worth auf.

»Es hat wirklich keinen Sinn mehr. Sie erzählt uns ständig etwas anderes und nichts davon ist sehr erfinderisch.« Er ging in die Küche hinüber und kam mit einem Papierteller zurück. »Es wird immer schwieriger, sie wiederzubeleben.« Er zuckte die Achseln. »Wir könnten die ganze Nacht durchmachen, aber ich sehe da eigentlich keinen Sinn.« Er legte ein Stück von der kalten Pizza auf den Papierteller, trug ihn zur Mikrowelle und kam dann in den Raum zurück, wo Worth finster auf die schlaffe, halb tote Masse aus Blut und verklebtem blondem Haar starrte. »Nach meiner professionellen Ansicht, mein Freund, ist das«, er deutete mit seiner Pizza auf sie, »eine Sekretärin.«

»Verdammt. Die hätte das ganze Wochenende reichen müssen. Ich schätze, am besten ist, du schneidest sie jetzt ab und wir werden uns darüber klar, wie wir sie loswerden.«

»Es ist Freitag.« Worth holte eine Flasche Verdünner heraus und begann mit der mühsamen Prozedur, seine Peitschen vom Blut zu säubern. »Der Typ, der die Verbrennungsanlage an der Oak Street betreibt, kann jede Menge GalTech-Drogen verkaufen. Für zweihundert Schuss Provigil-C macht der einen Spaziergang um den Häuserblock herum.« Er warf ein feuchtes, blutiges Papiertuch in einen Abfallsack und griff sich das nächste; aus dem Augenwinkel sah er zu, wie Sam ihr Opfer abschnitt und die Frau auf die Matte sackte.

Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er registrieren, dass sie in seltsam koordinierter Weise auf der Matte landete, ehe sie wieder in die Höhe schoss und ihre linke Fußspitze den Folterer schräg unter dem Kinn traf. Der Mann brach zusammen wie eine Marionette, deren Fäden man plötzlich durchgeschnitten hat, und das rote Schemen zuckte von seinem Freund zurück und landete ihm gegenüber. Sie hielt gerade lange genug inne, um sich um die eigene Achse zu drehen und einen Sidekick in seinem Solarplexus zu landen. Der Tritt hatte genügend Schwung, um ihn gegen die Tür des Kleiderschranks zu schleudern, und sein Kopf krachte massiv dagegen, ehe er zu Boden sackte, wo er keuchte: »Wer … wer sind Sie?«

Das Letzte, was Charles Worth sah, war der Mündungsblitz aus der Waffe seines verblichenen Kollegen, die sein Opfer in beiden Händen hielt.

»Jemand, der beim Töten von Leuten kein Plauderstündchen hält.« Sie ging zu der Leiche hinüber, legte den Kopf etwas zur Seite und spuckte dann bedächtig darauf. »Ich heiße Cally O’Neal, und das ist dafür, dass du versucht hast, mich umzubringen, als ich acht war.«

Die Tür flog auf, und drei schwer bewaffnete Männer in schwarzen Körperpanzern stürmten herein.

»Du bist spät dran, Grandpa«, erklärte sie kühl.

»Der Verkehr war schrecklich.« Der Teamführer zog die Maske herunter, fuhr sich mit der Hand durch das flammend rote Haar und schob sich dann ein Stück Red Man in den Mund. Er war mittelgroß, mit einem breiten, wuchtig gebauten Körper und langen Armen, die ihn wie einen Gorilla aussehen ließen. Er sah aus wie zwanzig, aber etwas an seinen Bewegungen und seinem Blick vermittelten den Eindruck von Alter und Erfahrung.

»Drei Stunden?«, fragte Cally ungläubig und wand sich, immer noch nackt, als müsse sie einen überdehnten Muskel in die richtige Lage bringen. Dann betrachtete sie das, was von ihren Fingernägeln übrig geblieben war. »Ich kann nur hoffen, dass es eine Massenkarambolage war. Schließlich sollte ich der Köder sein, nicht diejenige, die den Abzug drückt, verdammt!«

»Hi, Cally«, sagte Tommy Sunday, zog seine Skimaske herunter und verzog dabei das Gesicht. »Ein anstrengender Tag im Büro, was?« Die Nummer zwei war ein hünenhafter Mann mit breiten Schultern und mächtigen Muskelpaketen, und mit leuchtend grünen Augen in einem Gesicht, das ebenso gut einem Filmstar hätte gehören können.

»Yeah, eklige Akten«, erwiderte sie. »Also, was ist?«

»Störsender«, sagte Tommy und zuckte die Achseln. »Irgend so ein Ding. Die haben uns ziemlich rumgejagt; wir sind durch halb Chicago gezogen und haben dich gesucht. Vermutlich ein Filter. Tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat. Schön, dass du allein klargekommen bist.«

»Wie geht’s Wendy?« Sie ging auf die andere Seite der Bar und hob ihre Jeans auf.

»Sie ist wieder schwanger.«

»Tut ihr beiden eigentlich gar nichts anderes?« Sie schlüpfte mit mechanisch wirkenden Bewegungen in ihre Jeans und schüttelte den Kopf.

»Ich sehe sie bloß alle paar Monate, die Antwort lautet also ›Nein‹.«

Das vierte Mitglied des Teams überprüfte den Raum nach irgendwelchen Bedrohungen und machte das wie im Lehrbuch, ehe er neben die ihm am nächsten liegende Leiche trat und sie mit dem Fuß anstupste.

»Ist er das wirklich?«, fragte er.

»Keine Ahnung«, meinte Cally mit einem Achselzucken. »Wirf mir ’ne Sonde rüber.« Sie fing das Gerät geschickt auf, kniete neben der Leiche nieder und drückte die Nadel an der mehr oder weniger intakten Seite in die Schläfe des Toten. Sie blickte auf das Display und nickte dann. »Gehirn-DNA ist immer verlässlich. Er ist es.«

»Säuberungsteam in Gang eins«, grinste Tommy und trat zur Seite, als sich mehrere lautlose Gestalten in Weiß an ihm vorbeischoben und sofort damit anfingen, alles makellos zu säubern. Er zog seine schwarze Jacke und das weiße Unterhemd, das er darunter trug, aus und hielt sie ihr hin. Sein Blick erfasste sie und blieb an dem Blut hängen, das immer noch auf den weißen Teppich tropfte. »Alles in Ordnung bei dir?«

»Schmerz ist Schwäche, die den Körper verlässt.« Sie nahm das Hemd und zog es sich über den Kopf. »Nichts, was man mit einem kurzen Besuch auf der Platte nicht kurieren könnte.«

»Könntest du den Piepser aus seinem Wagen holen? Beifahrersitz, an der Tür«, bat sie Tommy und wartete, während die Reinigungscrew die erste Leiche zur Tür hinaustrug, und folgte ihnen dann nach draußen. »Danke. Wir sehen uns dann im Van.«

»Die Abschlussbesprechung über den hier wird … interessant sein.« Er zog seine Jacke wieder an und folgte ihr nach draußen.

O’Neal bemerkte, wie das Mitglied seines Teams wie erstarrt dastand und die Überreste von Gehirnmasse und Blut betrachtete, wo gerade noch Worth’ Leiche gelegen hatte.

»Hast du ein Problem, Jay?« Er spuckte bewusst auf die zweite Leiche und nicht auf den Boden, um dem Säuberungstrupp nicht noch mehr Arbeit zu machen.

»Sie hat ihm buchstäblich das Gehirn rausgeblasen.« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wie sie den zweiten Typen erledigt hat, nachdem die Gott weiß was mit ihr angestellt haben. Und dabei zeigt sie weniger Reaktion als andere Leute über einen eingewachsenen Nagel.«

Der Ältere hob die Hand, um das Reinigungsteam davon abzuhalten, die zweite Leiche aufzuheben. Er untersuchte sie kurz, registrierte die Verfärbung im Kinnbereich und verwahrte eine Gehirnprobe in einem Lagerwürfel.

»Sieht wie ein ziemlich sauberer Treffer aus. Ob es ein Fußtritt oder ein Schlag war, ist nicht zu erkennen.« Mike O’Neal senior ließ den Reinigungstrupp weitermachen und ging quer durchs Zimmer zu der Stelle, wo die zurückgelassenen hochhackigen Schuhe und die Handtasche lagen. »Cally ist kreativ«, sagte er. »Auf kreative Art gewalttätig.«

»Schade, dass wir nicht vorher hier sein konnten.« Der jüngere Agent schüttelte den Kopf und blickte wieder auf die Reste am Boden, »aber bei einem Typen, der uns schon dreimal durch die Lappen gegangen ist, indem er einfach seine Bewacher niedergebrannt hat … da war das nicht zu vermeiden.«

»Okay, mal sehen, was wir haben«, meinte O’Neal mit finsterer Miene, suchte den Raum schnell nach Wanzen ab und reichte dem Cyberpunk dann ein Lesegerät sowie ein paar Würfel. »Deine Spezialität, Jay Wahrscheinlich nichts, was wir brauchen können, aber man kann ja nie wissen.« Er ging in den Flur hinaus und auf die Treppe zu, sodass der andere ihm wohl oder übel folgen musste. Ganz gleich, wie lang das jetzt zurückliegt, aber Treppen steigen, ohne dabei außer Puste zu kommen, macht immer wieder Spaß, »Sie wird ganz schön sauer sein«, meinte Tommy und folgte ihm die Treppe hinunter.

»Ist schon gut«, erwiderte Papa O’Neal. »Ich kenne ihre Schwächen.«

Cally betrat ihr wohltuend kühles Apartment und blieb stehen, schüttelte den Kopf; buchstäblich jeder Zentimeter der Wohnung war mit Blumen oder Pralinenschachteln bedeckt. Da waren Irisse und Rosen und Chrysanthemen und Gänseblümchen … und alle möglichen anderen Blumen, deren Namen sie nicht einmal kannte. Sie stieg aus ihren Schuhen, hob eine der Pralinenschachteln auf und gab einen überraschten Laut von sich, als sie das Etikett sah. Schokolade — »sehr teure« Schokolade, konnte man sagen.

»Mich kann man weder bestechen noch fertig machen«, murmelte sie, holte eine der Pralinen heraus und steckte sie sich in den Mund. »Normalerweise.« Ihre Augen wurden schmal, und sie schob die Praline im Mund herum, musterte die Blumen mit gerunzelter Stirn. Dann nahm sie die nächste Praline und runzelte erneut die Stirn. »Meistens.«

Sie ging Pralinen mampfend durchs Zimmer, ließ ihre Füße von dem weichen Teppich liebkosen und genoss das Gefühl ungebrochener Zehen, stapfte dann in die Küche und holte sich aus dem Krug im Kühlschrank eine Margarita. Als sie ins Schlafzimmer zurückging, stopfte sie sich die nächste Praline in den Mund, verdrehte die Augen, als sie nach Erdbeeren schmeckte, blieb am Bildschirm stehen, wählte einen Würfel aus und schaltete ihn auf Tori Arnos.

»Musik zum Einschlafen«, murmelte sie halblaut.

In ihrem Zimmer wanderte die frisch gereinigte Abendtasche in die oberste Schublade einer Kommode, wo etwa ein Dutzend weiterer lagen. Die Geldbörse ohne Geld kam in die mit Daumenabdruck zu schließende und mit einer Falle versehene Schublade ganz unten, ebenfalls zu einem Dutzend weiterer. Sarah Johnson aus Chicago war nicht verbrannt worden — also, die Identität jedenfalls nicht — und könnte noch einmal nützlich sein.

Das neue T-Shirt und die sehr gründlich gereinigten Jeans wanderten auf Bügel im Kleiderschrank. Die Unterwäsche, ebenfalls neu, kam in den Wäschekorb. Sie trat vor den bis zum Boden reichenden Dreifachspiegel und betrachtete sich vorn und hinten. Keine Narben, keine Spuren, aber die gibt es nie. Sie beugte sich vor und musterte ihre Augen, die wieder ihre eigenen waren. Kornblumenblau. Dann legte sie die Zähne frei und betrachtete sie von allen Seiten — perfekt, wie gewöhnlich. Nicht das geringste Anzeichen, dass etwas beschädigt worden war.

Cally ging ins Badezimmer und stellte das Glas neben das Becken, holte sich einen sauberen Waschlappen aus dem Schrank, stapfte zum Bett zurück und stellte das Glas auf den Nachttisch.

Hoffentlich reichte das wenigstens für ein paar Tage Freizeit.

Mit dem Touch-Pad neben dem Bett reduzierte sie die Lautstärke auf leise Hintergrundmusik und schaltete das Gerät dann auf Random Play. Anschließend schaltete sie mit dem Touch-Pad aktive Gegenmaßnahmen ein, rollte sich dann zur Seite und nahm das Kissen auf eine Art und Weise in die Arme, die seltsam an ein Kind mit einem Plüschtier erinnerte, und sank dann in den Schlaf.

Tibet. Vor dem Krieg wäre sie in jeder Menschenmenge durch ihre Größe aufgefallen. Nach dem Krieg, wo überall, wo es noch Menschen gab, Amerikaner waren, fiel sie mit ihrem mausbraunen, kurz gestutzten Haar und dem roten Anorak überhaupt nicht auf. Und jetzt, im Haus, in einem abgedunkelten Schlafzimmer. Der ehemalige Parteifunktionär hatte die ursprüngliche Eroberung durch die Posleen um zwei Wochen beschleunigt und damit für sich zwanzig Jahre geborgter Zeit gewonnen. Eines seiner Kinder quietschte vor Vergnügen in einem anderen Zimmer über die Serie, die gerade im TV lief. Die Würgeschlinge arbeitete völlig geräuschlos.

Irland. Ein amerikanischer Funktionär auf Urlaub. Wie es schien, hörte der Tourismus nie auf. Keine Zeugen, aber er ist ganz in Schwarz, ein Spieler? Sein Halswirbel bricht mit einem leichten Knacken, ohne Mühe, und er rollte beim Fallen, und es ist weiß und sollte doch nicht weiß sein, warum war er hier? Herrgott, nein. Nein.

Das Licht ist rot und riecht nach Weihrauch und Büchern. Er bastelt in dem Zufluchtsort herum. Ein ereignisloser Tag. Father, sind Sie bereit, meine Beichte zu hören? Dort, ja, durch die Tür. Was? Draußen. Schnee fällt. Die Türen versperrt. Kann nicht rein. Immer das Gleiche. Kann nicht wieder rein.

Florida. Mit Delfinen schwimmen. Mom ist bei mir. Sie ist stolz auf mich. Und das Wasser ist kühl und die Sonne heiß. Der alberne Herman. Heute Abend gibt’s Key Lime Pie und vor dem Zubettgehen nimmt Dad mich in die Arme.

Sie wachte mit einem Lächeln im Gesicht auf, schaltete abwesend die Gegenmaßnahmen ab und griff nach dem Waschlappen, um sich das Gesicht abzutrocknen. In dreißig Jahren bin ich kein einziges Mal allein aufgewacht, ohne dass mein Gesicht triefend nass war. Aber Gott sei Dank schlafe ich wie ein Baby. Ich lebe gerne in einer Stadt am Strand. Sie setzte sich auf, stapfte zur Ankleide hinüber und öffnete mit einem Daumenabdruck die unterste Schublade. »So, wer möchte ich heute sein? Nicht Sarah. Mal sehen, hier am Ort, Spaß, ohne Hirn, aber kein Tunichtgut … Pamela. Ja, das sollte gehen. Sonnenbräune, perfekte Nägel. Eine Maniküre, eine Pediküre, gründliches Shopping am Nachmittag und dann am Abend ausgehen.« Sie betrachtete ihr Bild im Spiegel. »Genau, was dir der Arzt verschrieben hat, Pamela.«

Sie legte die rosa Handtasche auf die Kommode, schloss die Schublade, griff sich einen winzigen BH und dazu passende Höschen in silbergrauer Spitze. Sie duschte, wusch sich das Haar, färbte die Wurzeln ein wenig nach und dergleichen, da Pamela ja schließlich keine echte Blondine ist. Eine Flasche mit grauer Lotion benutzte sie bedächtig, spülte nach und überprüfte dann das Resultat. Wie immer: keine Flecken, keine Streifen und absolut keine Bräunungsspuren.

Sie ging zum Kleiderschrank zurück, stand einen Augenblick davor, fand in ihre Rolle. »Pamela. Smart, locker. Mag Rosa und Grau.« Sie legte eine rosa Bluse mit einem V-Ausschnitt, graue Schuhe und eine Rupfenstrandtasche aufs Bett und holte flache braune Riemchensandalen aus einem der Fächer in der Wand ihres Kleiderschranks. »Uhr? Ja, braunes Armband, analog.« Sie legte sie zu der Strandtasche.

Als sie dann angekleidet war, machte sie sich auf die Suche nach Frühstück. Pamela bedeutete Grapefruit, aber zuerst warf sie einen verweisenden Blick auf Sarahs Schuhe im Wohnzimmer und brachte sie dorthin, wo sie hingehörten.

Nach dem Frühstück fuhr sie zur Mall. Bis jetzt gab es in New Charleston erst eine, aber sie war ständig überfüllt. Ehemalige Urbies, die sich allmählich wieder an das Leben an der Oberfläche gewöhnten, gingen gern hin, weil die Mall sie auf wohlige Weise an Zuhause erinnerte, und selbst die Teenager von Charleston fanden die Klimatisierung angenehm. Low Country Nails and Spa war in der untersten Etage, ganz am Ende, und sie ging mit einem strahlenden Lächeln hinein und auf die lockige Brünette zu, die hinter der Theke mit irgendetwas beschäftigt war.

»Jeannie?«

»Pamela!« Die junge Frau begrüßte sie mit einem strahlenden Lächeln. »Wo hast du dich denn versteckt gehalten? Mädchen, das ist ja Wochen her!«

»Ich habe meine Mom und meine Schwester in der Kairo Urb besucht. Mann, bin ich froh, wieder Tageslicht zu sehen! Hast du gerade Zeit? Meine Hände und meine Füße müssen hergerichtet werden, und dann sehne ich mich nach einer deiner Gurkenmasken.«

»Wie in aller Welt hast du es geschafft, in einer Urb so braun zu bleiben?« Jeannie kam hinter der Theke hervor und komplimentierte sie zu einem kleinen Tischchen, auf dem ihr Werkzeug lag. »Ich wette, du warst jeden zweiten Tag auf der Sonnenliege.«

»Ja, so ungefähr. Was meinst du, passt dieses Wassermelonenrosa zu meiner Haut oder sollte ich ein kräftigeres Rosé nehmen?«

»Mhm. Mal sehen …« Sie hielt zwei Flaschen Nagellack an Callys Hände. »Ich denke, das Wassermelonenrosa sollte passen. Wohl in verspielter Stimmung?«

»In der Stimmung, ernsthaft Spaß zu haben.« Cally grinste verschmitzt. »In der Urb bin ich mir vorgekommen wie lebendig begraben.«

»Das geht allen so«, meinte Jeannie leise. »Liebes, du hast viel zu viel Stress und du isst nicht genug.« Sie hob einen von Callys Fingern an, wo sie gerade einen Nagel zugestutzt hatte. »Schau dir diese Ränder an. Aber mich überrascht das nicht. Familie bedeutet immer Stress, und unter der Erde gibt es nach wie vor kein besonders gutes Essen. Jedenfalls nicht so gut, wie du es hier draußen kriegen kannst.«

»Das darfst du laut sagen. In den Cafeterias kriegt man keinen Krabbeneintopf wie hier.«

»Seafood ist in Ordnung, aber du musst frisches Gemüse und Salat essen, sonst alterst du vorzeitig. Und eine Menge Wasser trinken. Augenblick, bitte.« Sie verschwand hinter einer Trennwand und kam gleich wieder mit zwei Gläsern und einem Krug Eiswasser zurück. »Hier. Destilliert und re-mineralisiert. Das beste Wasser auf dieser Seite der Blue Ridge.«

Sieben Stunden später legte Cally zwei neue Outfits und ein Paar Schuhe in den Schrank, richtete sich das Haar, legte sich ein Süßwasserperlenhalsband um und zog los, auf der Suche nach etwas Ordentlichem zu essen, anständiger Musik und was immer der Abend ihr sonst noch bringen mochte. Das ist das Schöne an Städten am Strand. Selbst nach dem Postie-Krieg ist immer etwas los, zum Beispiel an der Pappas Street in der Nähe vom El Cid.

Seltsamerweise hatte die Zitadelle im Krieg nur wenige Schäden abbekommen. Charleston war völlig evakuiert worden, also hatte es aus der Sicht der Posleen nichts zu essen gegeben. Viele historische Gebäude waren ebenso wie die Battery völlig intakt geblieben, ebenso auch die jahrhundertealte Militärschule. Niemand wusste, was die Posties eigentlich in diesen weißen, mit Zinnen verzierten Gebäuden gesehen hatten — nur dass sie den Campus fast überhaupt nicht geplündert hatten und er praktisch intakt zurückerobert worden war. Vor kurzem hatte man dort den fünfunddreißigsten Jahrestag der Wiedereröffnung als Universität und Ausbildungsakademie für künftige Offiziere von Fleet Strike gefeiert. In der Nachkriegswelt garantierte einem der Abschluss dort zwar nicht, dass man einen Offiziersposten bekam, öffnete einem aber viele Türen und wurde von jungen Männern als eine Art Fahrkarte aus der beengten Welt der Urbs gesehen.

Wo es junge Männer gab, gab es Bars und Musik und niemanden, den sie töten musste. Normalerweise. Insgesamt betrachtet also genau der richtige Ort, um sich zu amüsieren.

2

Auf Old Tommy’s Pub konnte man sich immer verlassen, man bekam dort sowohl die flüssigen wie die musikalischen Importe aus Irland frisch vom Schiff. Irische Musik mit ihrer unbezähmbaren Fähigkeit, auch aus einem harten Los das Beste zu machen, erlebte gerade so etwas wie eine Wiedergeburt. Balladen und Märsche, die die Heldentaten von GKA-Rittern im Kampf gegen zentauroide Monster verherrlichten, waren vielleicht nicht im strengen Sinne traditionell, aber die modernen Minnesänger Irlands hatten ihren kulturellen Wert in einer Post-Posleen-Welt erkannt und erfüllten diese Aufgabe auf brillante Weise. Ein Bodhran, die traditionelle irische Ziegenfelltrommel, passte nicht nur auf die kleine Bühne eines Pubs, sondern lieferte auch einen überraschend guten Hintergrund für die grellen Klänge einer schon etwas angejahrten Stratocaster. Nun ja, zumindest in ein paar Stunden würde sie schrill klingen. Im Augenblick befanden sich die Instrumente noch in ihren Koffern, und die paar Typen, die da in der Ecke saßen und einen Happen zu sich nahmen, waren vermutlich die Musiker. Kadetten waren es jedenfalls nicht, ihrem Haarschnitt nach zu schließen.

Cally zog sich einen Barhocker heran und bestellte sich ein Killians und einen Meeresfrüchtesalat und verbrachte dann die nächste Stunde damit, mit dem Barkeeper zu flirten und darauf zu warten, dass die Band zu spielen begann. Kadetten tröpfelten den ganzen Abend über herein. Die meisten von ihnen sahen zu jung aus, um sich zu rasieren und waren für sie auf das Strengste off-limits, so sehr sie sich auch bemühten, einen Blick von ihr aufzufangen, aber einer von ihnen wirkte ein wenig älter als die Übrigen und bewegte sich so, als habe er bereits gedient, obwohl die Abzeichen an seiner weißen Sommeruniform auf einen Junior deuteten — mit einem ausgesprochen knackigen Hintern. Der kam infrage.

Sie suchte seinen Blick, hob ihr Glas und zeigte ihm ein freundliches Lächeln. Er erstarrte eine Sekunde lang und sah sich dann über die Schulter um, als wäre er nicht sicher, ob ihr Blick auch wirklich ihm galt; dann entschuldigte er sich bei seinen Kumpels und brachte seine Flasche Budweiser herüber, während seine Freunde sich alle Mühe gaben, beim Abschließen der Wetten auf seine Chancen nicht zu auffällig zu werden.

»Äh … hi. Ich darf mich doch zu Ihnen setzen?« Er stellte sein Bier vor dem leeren Hocker neben ihr auf die Bartheke.

»Das wäre schön.«

»Ich heiße Mark.« Er musterte ihr praktisch noch volles Bierglas mit einem Ausdruck, der an Verzweiflung grenzte, und meinte dann: »Äh … kommen Sie oft hierher?« Und dann setzte er sich hin und verwünschte sich zweifellos im Stillen, dass er etwas so Banales und wenig Brillantes gesagt hatte.

»Nicht oft genug, sonst wäre ich dir sicher schon begegnet.« Sie lächelte freundlich und hielt ihm die Hand hin. »Ich heiße Pamela. Schon lange in der Zitadelle?«

»Siehst du die Streifen hier? Die sagen, dass ich ein Junior bin.« Er registrierte, dass sie ihn duzte. Sofort ging er darauf ein und grinste locker, und fühlte sich jetzt sichtlich auf festerem Boden. »Im ersten Jahr hat man gar keine, im zweiten einen und Seniors sind diese Typen da, die im Blazer herumlaufen. Aber ich bin bereits im zweiten Jahr. Vorher gedient.« Dabei vergrößerte sich sein Brustumfang ein wenig, vermutlich unbewusst.

»Oh? Wo hast du denn gedient?«

»Afrika. Dort gibt es nicht genug Menschen, um auf Dauer die Posleen zu verdrängen, und die Posties kommen ja schon mit gewissen Fähigkeiten auf die Welt, die Menschen erst lernen müssen. Deshalb hat Fleet Strike dort Einheiten im Einsatz, die nach dem Zufallsprinzip durchs Land ziehen und versuchen, die kleinen Gruppen von Wilden zu verjagen, ehe daraus große Banden werden.«

»War das anstrengend? Selbst Wilde sind so groß«, sie stützte den Ellbogen auf die Bar, lehnte sich ein wenig vor und sah ihn aus geweiteten Augen an. »Ich habe sie natürlich nur im Holotank gesehen. Du musst wirklich sehr tapfer sein, dich für so etwas freiwillig zu melden. Hast du einen von diesen, wie sagt man da, gepanzerten Anzügen getragen?«

»Das hätte ich gerne.« Er schüttelte den Kopf. »Die Typen sind wirklich der harte Kern, und sie nehmen nur die Besten. Wir hatten nicht viele davon in Afrika. Die meisten von ihnen sind draußen auf den neuen Planeten und verjagen die Posties, um Platz für Kolonisten zu schaffen.« Er grinste schwach. »Manchmal nehmen die GKA einen neuen Absolventen der Akademie mit wirklich guter Beurteilung, also habe ich immerhin noch eine Chance.« Sein Blick wanderte gelegentlich zu ihrer Brust, aber insgesamt mühte er sich wacker, sich auf ihr Gesicht zu konzentrieren. »Und was ist mit dir, was machst du?«

»Nichts, was auch nur annähernd so interessant ist wie Posleen zu töten.« Sie grinste und hob ihre perfekt gestylte Hand. »Ich bin Maniküre. Nägel und Sympathie, das ist mein Job.«

»Und Klatsch?«

»Na ja, ein ganz kleines bisschen vielleicht.« Sie lachte ihn an und rümpfte dabei ganz leicht die Nase.

»Dann … äh … bist du in Charleston aufgewachsen? Früher konnte man das ja wohl nach dem Akzent bestimmen, aber …«

»Nein, ich bin der Kairo Urb aufgewachsen. Aber ich mag die Sonne«, sie deutete auf ihre gebräunten Arme und zuckte die Achseln, »und den Strand liebe ich, deshalb bin ich hier.«

»Ah, ein echtes Strandhäschen. Davon gibt’s heutzutage nicht mehr viele.« Seine Hand fühlte sich weich an, als er nach der ihren griff. »Einfach ein ganz altmodisches Mädchen, wie?«

»Na ja, ein wenig schon«, gab sie zu, drückte dabei seine Hand und leckte sich über die Lippen. »Oh, hey, das Lied hier mag ich.«

Er hörte sich mit ihr stumm »The Holy Ground« bis zum Ende an und winkte dann dem Barkeeper nach einem frischen Bier.

»Dann magst du also irische Musik?«, fragte er.

»Ja, das meiste jedenfalls. Noch mehr mag ich den Tanzmix von vor dem Krieg. Ich habe kein Sitzfleisch, weißt du?« Sie zog ein Päckchen Marlboro aus der Handtasche und war dabei, sich eine anzuzünden, hielt aber inne, als sie ihn zusammenzucken sah. »Oh, tut mir Leid. Stört dich der Rauch?« Eine dicke Wolke Tabakrauch hing in der Bar, und deshalb sah sie ihn mit hochgeschobenen Augenbrauen an.

»Nur, dass du dir so etwas antust. Meine Oma ist letzte Woche gestorben. Lungenkrebs. Während des Kriegs und auch danach hat sie das Rauchen eingeschränkt, weil der Tabak damals knapp war, aber das hat wohl nicht gereicht.« Er runzelte die Stirn. »Tut mir Leid, aber … das ist noch gar nicht so lange her.«

»Na ja, Sucht bildend sind sie ja nicht mehr, aber es tut mir wirklich Leid, wenn ich dich damit an etwas so Trauriges erinnert habe.« Sie schob das Päckchen wieder in die Handtasche zurück und legte eine weiche Hand auf seinen Arm. »Weißt du, was du brauchst? Du musst dich davon ablenken. Ein Stückchen weiter unten an der Straße ist eine Kneipe, die heißt Decos.« Sie wies auf die Bühne. »Wenn du ein Tief hast, verträgst du dieses Zeug nicht. Du musst es aus dir heraustanzen. Das tue ich immer, wenn mich etwas bedrückt. Verschwinden wir hier.«

»Yeah.« Er gab sich einen kleinen Ruck und nickte seinen Freunden zu, als sie das Lokal verließen.

Zwei Stunden später saß sie hinter ihm auf seinem Motorrad, und eine dünne Schweißschicht trocknete in der salzigen Luft auf ihrer Haut, während sie zu einem der hauptsächlich von Touristen vom Festland benutzten Hotels fuhren. Als er auf den Parkplatz einbog und anhielt, ließ sie seine Hüften los und kletterte langsam aus dem Sattel, als wolle sie sich nicht von der Wärme trennen, die er ausstrahlte.

»Für deine Uniformen muss das ja schlimm sein«, sagte sie und deutete dabei auf das Motorrad.

»Na ja, schon. Außer an den Wochenenden habe ich es ja meistens in der Garage. Aber stimmt schon, ich brauche ständig neue Umformen.« Er seufzte. »Ich sag das wirklich ungern, aber würde es dir etwas ausmachen hier zu warten, bis ich uns ein Zimmer besorgt habe? Ich weiß nicht, ob die vielleicht Zicken machen, wenn du dabei bist.«

Das ist denen schnurzegal, aber ich will nicht zugeben, dass ich das weiß. »Oh, überhaupt nicht. Es ist warm, und wir haben Mondschein. Ich werde einfach den Abend und die frische Luft genießen, bis du zurückkommst.«

»Äh … dauert nur eine Minute.« Er drückte die Schultern zurück und ging mit einer leicht übertriebenen Pose der Selbstsicherheit auf die Tür zur Lobby zu.

Sie waren nur ein paar Straßen vom Wall entfernt, und sie konnte ihn vom Parkplatz hinter ein paar freien Grundstücken und flachen Bauten sehen, wahrscheinlich würde ihr der Salzgeruch nicht so auffallen, wenn sie öfter zu Hause wäre, dachte sie, aber heute roch es wirklich kräftig. Sie betrachtete die paar Sterne, die im Dunst über den Palmettos zu sehen waren.

Als er mit dem Schlüssel wieder herauskam, lehnte sie mit geschlossenen Augen und das Gesicht zum Himmel gewandt an seinem Motorrad.

»Du wirst mir doch hoffentlich nicht einschlafen«, neckte er.

Sie schüttelte den Kopf und schluckte etwas hinunter, wahrscheinlich Kaugummi, denn ihr Mund schmeckte frisch und süß, als er sie an sich zog und sie küsste, zuerst sanft, aber als sie dann reagierte, mit mehr Leidenschaft.

»Äh … gehen wir hinein«, sagte er, als sie schließlich Luft holen musste, und sah sich ein wenig verlegen auf dem Parkplatz um, ehe er nach ihrer Hand griff und sie die Treppe hinauf in den ersten Stock führte.

Im Zimmer schob sie sich in seine Arme und ließ ihre Hände an seiner Brust emporwandern. Er griff ihr mit einer Hand an den Po und vergrub die andere in ihrem herrlichen, seidigen blonden Haar. Sie war so schlank, dass er das Gefühl hatte, er könne sie zerbrechen, wenn er zu kräftig zudrückte.

Sie griff mit beiden Händen sein Kinn, küsste ihn hungrig und bewegte sich dabei rückwärts auf das Bett zu, ließ ihn dann verspielt los und sich mit einem breiten Grinsen aufs Bett plumpsen, als ihre Beine hinten den Bettrand berührten.

»Immer hereinspaziert …« Sie knöpfte den Bund ihrer Radfahrerhose auf und hauchte ihm einen Kuss entgegen.

Er lachte, legte sich neben sie, schob den Finger in den V-Ausschnitt ihrer Bluse.

»Hast du dich da verletzt?«, fragte er, beugte sich über sie und küsste sie auf die Schläfe. »Schon gut.« Er ließ die Lippen zu ihrem Mund wandern und wurde erneut von ihr verschlungen.

Sie zog sich ein Stück zurück und sah ihm in die Augen, als sie sich die Bluse abstreifte und sie über die Bettkante fallen ließ, gleich darauf ihren BH; dann strich sie mit dem Finger über die Vorderseite seiner weißen Uniformjacke.

»Kann man das ausziehen?« Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, legte den Kopf etwas zur Seite und sah ihm zu, wie er sie musterte.

»Pamela, du bist schön.« Er knöpfte sein Jackett auf, grinste verlegen, als sein spießiges grau-weißes Unterhemd und die Hosenträger zum Vorschein kamen, und streifte sie so schnell es ging ab.

»Mhm. Hübsch …« Sie drückte sich an ihn, vergrub das Gesicht an seiner Schulter.

Er stöhnte, presste beide Hände gegen ihren Rücken, vergrub das Gesicht in ihrem Haar und atmete dessen saubere Frische ein. »Pamela«, hauchte er und ließ dann eine Hand zu ihrer Brust wandern. Plötzlich verspürte er das dringende Bedürfnis, ihre und auch seine eigene Hose herunterzuziehen, und ein leichtes Zittern durchlief ihn. Wie leicht konnte es sein, dass jetzt alles zu schnell ging. Wie konnte er es anstellen, dass das nicht geschah? Sie war seidig und warm und frisch und rieb sich an ihm, und plötzlich brauchte er sie.

»Schsch. Ganz sanft.« Sie löste die Lippen von den seinen und drückte ihm sanft auf den Rücken. »Lass mich machen.« Sie fuhr fort, sie beide auszuziehen und hielt sich ein kleines Stück von ihm entfernt, auch als er sie wieder an sich ziehen wollte, sodass er, als sie schließlich über ihn stieg und ihn in sich eindringen ließ, keine Angst mehr hatte, sich zu blamieren.

Herrgott, die Frau musste Muskeln haben, von deren Existenz er gar nicht wusste, und es fühlte sich himmlisch an, aber als er dann fast zum Höhepunkt kam, dachte er, er würde sterben, als sie einen Augenblick innehielt und lächelnd seine beiden Hände hielt.

»Mhm. Noch nicht. Es wird noch besser.« Als sein Atem wieder langsamer ging, begann sie sich wieder zu bewegen, gerade genug. Immer gerade genug.

Sie spielte mit ihm, immer wieder, spielte mit diesen diabolischen Muskeln und zog sich immer wieder sanft und zärtlich zurück, damit er ruhiger werden konnte, immer gerade genug, sodass sie dann beide keuchten, als sie ihn schließlich über sich zog und ihm die Führung überließ, nach der er sich geradezu verzehrte. Sie strich ihm sanft über das Gesicht, als sie ihren Höhepunkt erreichte und seine Welt in einem gewaltigen Orgasmus explodierte, nach dem er stumm und reglos dalag. Ihre Beine klammerten sich immer noch um seine Schenkel, und die Art und Weise, wie sie sich eingerollt an seine Brust schmiegte, rührte beinahe an Verzweiflung. Er küsste sanft ihr Haar, rollte sich auf den Rücken und versuchte zu begreifen, warum er plötzlich so bedrückt war.

Sonntag, 12. Mai

Mark lag neben ihr im Bett, wer auch immer sie war, und starrte an die Decke des Hotelzimmers. Als er Pamela gestern Abend im Old Tommy’s kennen gelernt hatte, war sie ihm so nett, so komisch und … so frisch erschienen. Aber dieses Mädchen existierte gar nicht, oder? Er blickte finster auf die zerzauste Mähne, die da an seinem Arm schnarchte. Herrgott, es ist ja beinahe, als ob sie sie umgebracht hätte. Falls sie jemals Pamela, zweiundzwanzig, von Tidewater Tan and Nails war, ist sie das jetzt ganz sicherlich nicht mehr. Ist es schon mindestens seit Jahrzehnten nicht mehr gewesen. Diese verdammte Verjüngung. Herrgott, was werde ich denn sagen … ich will sie einfach draußen haben. Soll ich sie also aufwecken und sie mit einem Tritt nach draußen befördern oder bis zum Morgen warten und ihr ganz genau sagen, was ich von ihr und ihresgleichen halte …

Als sie sich am Morgen regte, sich dann an seine Seite schmiegte und ihn mit ihren viel zu erfahrenen Händen liebkoste, musste er ein Schaudern unterdrücken, als er lächelte und ihr das Haar aus dem Gesicht schob. Wirklich erstaunlich, dass man es ihnen nicht ansieht. Keine Spuren, nichts.

»Ich wette, du könntest etwas furchtbar Nettes mit deinem Mund machen, du weißt schon, dort unten«, sagte er.

»Mhm. Sicher könnte ich das.« Sie lächelte verschlafen und rutschte an seiner Brust hinunter.

Er vergrub die Hände in ihrem Haar und versuchte, wenn auch nur auf ein paar Augenblicke, so zu tun, als ob es wirklich eine »Pamela« gäbe. Nachher atmete er tief durch und schob sie von sich weg, stand auf und griff sich seine Hosen vom Stuhl neben dem Bett. Er mochte vielleicht jung sein, aber er war alt genug, um zu keiner Frau das zu sagen, was er ihr sagen musste, ohne sich wenigstens ein wenig zu schützen.

»Also, wie alt bist du wirklich?«, fragte er kühl.

Sie zog sich das Laken hoch und wischte sich die Lippen und musterte ihn dann prüfend. »Wie alt möchtest du denn, dass ich bin?«

»Erinnerst du dich, wie ich dir gestern Abend von meiner Großmutter erzählt habe, die gerade an Krebs gestorben ist?« Er hatte sich umgedreht und sah jetzt zum Fenster hinaus, und seine Stimme klang beiläufig. »Die Galakter hätten sie retten können, aber das haben sie nicht getan.«

»Ich weiß.« Das Mitgefühl machte ihr Gesicht weich. »Das muss schrecklich sein.«

»Yeah, na ja, wenigstens ist sie mit ihrer Seele gestorben. Bist du je einem begegnet, den sie runderneuert haben?« Jetzt kommt es, gib’s ihr ruhig. »Die Galakter können deinen Körper den ganzen Tag lang retten, aber dafür muss man ihnen seine Seele verschreiben, damit sie einen verjüngen, oder?«

»Letzte Nacht hast du mir nicht den Eindruck gemacht, als ob du dich beklagen würdest.« Ihre Augen waren eisig, ihre Stimme ausdruckslos.

»Erinnerst du dich an mein Motorrad, auf dem wir gestern vom Pub hierher gefahren sind?« Er lächelte verkniffen. »Eine nagelneue Honda-Davidson, Baujahr 2047. Ich hätte eine 2046-er kriegen können, komplett neu aufgearbeitet, die hätte nur die Hälfte gekostet. Ich mag bloß nichts Aufgearbeitetes. Ihr Runderneuerten verkauft eure Seele off-planet, und dann kommt ihr hie und da auf die Erde zurück, wenn ihr bemerkt, dass euch etwas fehlt, treibt euch in den Kneipen herum und saugt einem armen Teufel, der sich eine Zeit lang als Spielzeug für euch hergibt, die Seele aus dem Leib. Du machst deine Sache ja wirklich gut, Pamela, aber ich mag keine Runderneuerten. Sieh zu, dass du verschwunden bist, wenn ich aus der Dusche komme, aber du brauchst dich nicht zu beeilen, ich werde ’ne ganze Weile brauchen, bis ich sauber bin.«

»Übrigens«, sie schwang die Beine über den Bettrand, stand auf und ließ ihre kalten, toten Augen langsam, ganz langsam an ihm nach oben wandern. »Deine ›Seele‹ braucht noch einige Übung.«

»Die deine hatte schon zu viel.« Und dann fügte er hinzu, über die Schulter hinweg, als er die Tür zum Badezimmer schloss: »Das, was noch von ihr übrig ist.«

In ihrem Apartment vertauschte Cally ihre Pamela Kleider gegen die schäbig-schicken Kleider Justines und wechselte Pamelas Sonnenbräune und die angedunkelten Haarwurzeln gegen Justines Blässe und die hellen Strähnchen und den rosa Nagellack gegen gar keinen, nahm den 9.30-Uhr-Bus zur Market Street und betrat ein kleines und um diese Stunde noch völlig leeres Café. Sie setzte sich an die Theke und bestellte Toast und Kaffee. Die Bedienung, ein Junge unter zwanzig, stellte ihr eine Tasse Kaffee mit drei Würfeln Zucker und den Toast hin. Zwei der Zuckerwürfel waren etwas weißer als der dritte. Während der Kellner an der Registrierkasse beschäftigt war, steckte sie jene zwei ein und ließ den dritten in ihren Kaffee fallen. Sie strich sich die von Justine vorgezogene Orangenmarmelade dünn auf ihren Toast. Als sie dann ihren Kaffee trank, kam der Kellner zurück und fragte sie, ob sie noch etwas wünsche.

Sie schüttelte leicht den Kopf.

»Bist aber heute Morgen früh dran«, meinte er.

»Er war kein Morgentyp.« Sie zuckte die Achseln. Bloß ein jämmerliches, kleines Hündchen voll Angst, ich könnte ihm in die Eier treten. Aber er hat Recht gehabt. Ich bin zu alt für ihn. Der Kellner unterdrückte ein Grinsen und ging zu der kleinen Spüle zurück und fuhr fort, das Geschirr vom Sonntagsfrühstück zu waschen.

Wieder zuhause, spülte Cally die dünne Außenschicht Zucker von den beiden Würfeln, trocknete sie ab und schob den ersten in den Leseschlitz ihres PDA. Ein Hologramm baute sich darüber auf, mit einem Bild überraschenderweise von Father O’Reilly.

»Miss O’Neal, Sie sehen mich anstelle Ihres üblichen Einsatzprofilers, weil es sich um eine Art Sondereinsatz handelt. Wir haben Grund zu der Annahme, dass die Bane Sidhe auf einem sehr hohen Level penetriert worden ist. Demzufolge beschränkt sich die Kenntnis über diesen Einsatz im Hauptquartier, meine Person eingeschlossen, auf drei Leute. Ihr Auftrag besteht darin, die undichte Stelle ausfindig zu machen und mit allen Mitteln zu stopfen, die Sie nach persönlichem Ermessen für notwendig halten. Sie werden bei diesem Einsatz Ihr übliches Supportteam benutzen. Infolge der hoch sensiblen Natur dieses Einsatzes wird sich das Briefing Ihrer Teammitglieder auf jene Einzelheiten beschränken, die notwendig sind, um Sie in Ihre Tarnposition zu bringen. Sie sind nicht autorisiert, vor dem Briefing im Stützpunkt über dieses autorisierte Material hinauszugehen, und dieses Briefing wird frühestens am Donnerstag vor der Einbringung erfolgen; es wird auch erfordern, dass sämtliche gebrieften Teammitglieder bis zum Einsatz in sicherer Umgebung bleiben. Die Einbringung Ihrer Teammitglieder wird wesentlich weniger kompliziert als Ihre eigene sein. Sie werden sämtliche Maßnahmen überprüfen und in den zwei Wochen zwischen heute und dem Einführungsdatum nach Ihrem Ermessen etwa notwendige Änderungen vornehmen. Zeit, die Sie nicht für Ihre Vorbereitungen benötigen, dürfen und werden Sie auf Ihren rückständigen Urlaub verrechnen. Cally, wenn Sie nicht mindestens eine Woche davon als Urlaub nehmen, garantiere ich Ihnen persönlich, dass Sie für mindestens einen Monat auf die Reservebank kommen. Sie sind eine ausgezeichnete Agentin, eine der Besten, die wir haben, aber selbst die Besten müssen einmal etwas ausspannen. Wir würden es natürlich vorziehen, wenn Sie diese Auszeit freiwillig nehmen würden.«

Das Hologramm flackerte, und an seine Stelle trat ein sich drehendes Steh-Hologramm eines Offiziers, dessen Kragensterne sein sichtbares Alter von etwa dreißig Lügen straften. »Der Offizier, den Sie jetzt sehen, ist General Bernhard Beed vom Sicherheitsdirektorat von Fleet Strike. Offiziell leitet Beeds Büro die Dritte MP-Brigade und die Kriminalermittlungsfunktionen der Basis Titan. Da zwei seiner Bataillone im Einsatz sind, werden Sie feststellen, dass er grundsätzlich Zeit für zusätzliche Aufgaben hat. Uns liegen Informationen vor, wonach unser Leck möglicherweise ein nicht der Bane Sidhe angehörendes Mitglied eines der Tongs auf Basis Titan benutzt. Wir nehmen an, dass man in Wirklichkeit Beed darauf angesetzt hat, Gegenspionage-Operationen gegen unsere Organisation aufzubauen und zu leiten. Wir glauben deshalb, dass Beeds Büro der beste Ort ist, um mit der Suche nach der Identität unseres Lecks zu beginnen.« Das Display flackerte, und jetzt war das Bild einer jungen Frau zu sehen, die ähnlich groß und ähnlich gebaut wie Cally war und die graue Seide von Fleet Strike trug. Na ja, stimmt einigermaßen, wenn man darüber hinwegsieht, dass sie zu viel Oberweite hat. Da wird die Platte sich an meinen Titten Mühe geben müssen. Und die Hüften … aber in der Kleidung kann man nicht recht erkennen, ob das Muskeln oder Fett sind. Vielleicht Muskeln. Taille und Bauch scheinen Gott sei Dank in Ordnung. Meine Augen passen auch, aber das Haar — das wird das erste Mal seit langer Zeit sein, dass ich heller als meine natürliche Farbe färben muss.

»Ihre Tarnidentität, Captain Sinda Makepeace, soll vom Personalbüro von Fleet Strike in Chicago zur Basis Titan versetzt werden und dort die Position der Verwaltungsassistentin von General Beed übernehmen. Wir konnten uns vergewissern, dass niemand in Beeds Büro je persönlich mit Miss Makepeace Kontakt hatte.« Das Hologramm flackerte erneut, und jetzt war ein dunkelhaariger, junger Offizier zu sehen, der sich vermutlich jetzt jeden Tag rasieren musste. »Dies ist der Adjutant des Generals, Lieutenant Joshua Pryce. Miss Makepeace soll am Sonntag, den 26. Mai den 08:15 Shuttle von Chicago zur Basis Titan nehmen. Zwischen dem Zeitpunkt, wo Miss Makepeace die Sicherheitseinrichtungen des Raumhafens passiert und der Öffnung des Gates für den Shuttle, werden Sie eine knappe Stunde Zeit haben, um die Auswechslung vorzunehmen. Sie werden sich spätestens achtundvierzig Stunden vorher für entsprechende körperliche Anpassungen melden, um damit Ihrem System genügend Zeit zur Stabilisierung zu geben. Cally, Basis Titan ist ein äußerst gefährlicher Einsatzort. Für den Fall, dass Sie oder ein Mitglied Ihres Teams festgenommen werden, muss ich Sie warnen, dass die Chance einer erfolgreichen Befreiung durch uns sehr gering ist. Wir brauchen diese Information, Cally. Beschaffen Sie sie und sehen Sie zu, dass Sie wieder rauskommen. Sämtliche Daten dieses Würfels werden automatisch in fünf Sekunden gelöscht.«

Sie wartete, bis das gefrorene Hologramm verschwand, zog dann den Würfel heraus und ließ ihn in ein Glas Essig fallen, wo er sich fröhlich zischend schnell auflöste. Sie schob den zweiten Würfel in das Lesegerät und war überrascht, als vor ihr ein Hologramm von Shari O’Neal entstand. »Hi, Süße. Ich weiß, dass ich eigentlich für persönliche Dinge nicht an den Lagerbestand gehen darf, aber das ist heutzutage, wie mir scheint, die einzige Möglichkeit, dich zu erreichen. Ich weiß, dass du im Augenblick frei hast, und deshalb haben Wendy und ich ein kleines Picknick am Strand geplant. Eine andere Antwort als ja lassen wir nicht gelten. Nicht der ummauerte Teil von Folly, sondern der hübsche, kleine Streifen unmittelbar nördlich davon. Ich habe nachgesehen, dort hat sich seit zwei Monaten kein Wilder mehr sehen lassen, also können wir uns mit der Sensorwache abwechseln. Du brauchst außer deinem Badeanzug und dir nichts mitzubringen. Morgen. Halb zwölf. Du kannst es ja Weiberurlaub nennen. Fünf Sekunden und all der Quatsch, Wiedersehen.«

Ein Gesicht erschien auf dem Bildschirm ihres PDA, und eine verkniffen klingende, etwas mürrische Stimme war zu hören. »Das war ein Sicherheitsbruch. Ich schätze, wir werden jetzt die Apartments verlegen müssen, damit die Büttel der Darhel uns nicht finden und im Schlaf umbringen. Soll ich mich nach einer geeigneten Mietimmobilie umsehen? Ich kann ja die Resultate in ansteigender Risikoreihenfolge auflisten, wenn du das wünschst«, erbot die Stimme sich hilfsbereit.

»Nein, danke, Buckley. Ich denke, ich werde das Risiko auf mich nehmen, hier zu bleiben.« Sie wusste nie recht, ob die KI-Emulation des Buckley gut genug war, um zu wissen, wann sie sich darüber lustig machte. Personality Solutions Inc. hatte sich nie sehr klar dazu geäußert, wie sie ursprünglich die Basispersönlichkeit entwickelt hatten, die für KI Emulationen in modernen PDAs benutzt wurde. Die meisten Leute fanden die standardmäßige Persönlichkeitsemulation für ihren Geschmack etwas zu pessimistisch und rüsteten mit einem eher ihren Vorstellungen entsprechenden Buckley nach. Cally hatte das nicht getan. Sie benutzte ihren PDA routinemäßig für Hochleistungsapplikationen, und bedauerlicherweise hatten mit anderen Persönlichkeiten überlagerte Buckleys die beunruhigende Tendenz, katastrophal abzustürzen, was dann eine Re-Formatierung erforderte. Je stärker sich die Persönlichkeit von dem ursprünglichen Buckley unterschied und je höher die KI-Emulation eingestellt war, umso schneller stürzte sie ab. Einer der wesentlichen Punkte, in denen sich Buckleys von echter KI unterschieden, war, dass man bei zu hoher Einstellung der Emulation schon dann einen Absturz auslösen konnte, wenn man die Basispersönlichkeit fuhr. Ein hoch eingestellter Buckley konnte sich einfach zu viele potenzielle Katastrophen ausmalen.

Nach dreißig Jahren verstand sie sich recht gut darauf, die Basis-Buckley-Persönlichkeit mit allen möglichen Kunstgriffen zu einer akzeptablen Leistung zu überreden. Fix tippte sie ein paar Buttons auf dem Bildschirm an und überprüfte ihre Einstellungen. Sie hatte tatsächlich die KI zu hoch eingestellt, deshalb drehte sie sie ein paar Striche herunter und ignorierte die Verwünschungen und Hinweise auf Lobotomie. Im Alltagsgebrauch kam man wirklich besser mit den Dingern klar, wenn man die Emulation nicht über Level fünf einstellte.

Sie ließ den zweiten Würfel ins Glas fallen und achtete nicht darauf, wie er sich zischend auflöste. Als Justine hatte sie ein Abonnement in einem Fitness-Club in einem alten High-School-Gebäude, das noch aus der Vorkriegszeit stammte, und dieses Abonnement auf einige Monate im Voraus bezahlt. Das Fitness-Studio hatte den Krieg mit intaktem Dach überstanden und war ursprünglich von den lokalen Verteidigungskräften beschlagnahmt worden, die es dann aber wieder an Deerfield Spa and Fitness zurückgegeben hatten, als man die Zitadelle als Akademie von Fleet Strike neu eröffnet hatte und das Kadettencorps als Besatzung des Walls eingeteilt worden war.

Justine ging gerne hin, allein schon wegen der mit Vorhängen abgeteilten Sektion für Jazzercise und weil Mitglieder sieben Tage die Woche sechzehn Stunden lang ohne Voranmeldung kommen durften. Sie stopfte sich schwarze Workout-Klamotten und ein Paar Jazz-Schuhe in eine Sporttasche und schaltete beim Hinausgehen das Licht aus.

Drei Stunden und schätzungsweise vier Liter Schweiß später hatte sie das Gefühl, wieder fit für menschliche Gesellschaft zu sein. Na ja, nach einer gründlichen Dusche jedenfalls. Als sie in den Umkleideraum zurückging, wurde sie von einem Typen angerempelt, der ein Handtuch über der Schulter trug und offenbar zum Raum mit den Gewichten unterwegs war. Der Mann entschuldigte sich knapp und ging weiter. Sie riss die Augen auf, ging aber ebenfalls weiter, ohne einen Blick auf den Würfel zu werfen, den er ihr in die Hand gedrückt hatte.

Im Ankleideraum sah sie sich den kleinen Streifen Papier an, der um den Würfel gewickelt war, und seufzte. Okay, das Codewort stimmte. Sie konnte nur hoffen, dass es für diese Extranachricht einen guten Grund gab, weil das nämlich lausige Arbeit war. Für was halten die mich eigentlich, einen wandelnden Chat Room? Wenn das kein echter Notfall ist, reiß ich einem den Arsch auf.

Sie duschte viel kürzer, als sie eigentlich vorgehabt hatte, und strich ihre Pläne für einen Lunch im Freien, den sie unten an der Battery geplant hatte. Dort gab es einen Stand, an dem, darauf hätte sie schwören können, die besten Crab Cakes der ganzen Stadt verkauft wurden. Und Justine hatte großen Spaß daran, die Möwen zu füttern. Sie warf einen finsteren Blick auf die Tüte mit Käsestangen auf dem Beifahrersitz und fuhr nach Hause.

Wenigstens konnte sie sich ein heißes Bad leisten, während sie sich das Ding ansah, und das tat sie auch. Zu ihrer Überraschung war das Hologramm, das sich aufbaute, Robertson, ein Computerfreak, der ihr Team schon mehrere Male bei technisch anspruchsvolleren Einsätzen unterstützt hatte.

»Cally, zunächst einmal bitte ich um Entschuldigung, dass ich das Risiko eingegangen bin, so mit Ihnen Verbindung aufzunehmen. Zum Zweiten ist dies genau genommen keine von der Bane Sidhe autorisierte Kommunikation.« Er fuhr sich mit der Hand durch sein krauses, braunes Haar und Runzelte die Stirn. »Wenn ich könnte, würde ich mich selbst darum kümmern, aber das liegt nicht auf meiner Linie. Ich weiß, dass Sie ein paar von den Typen erledigt haben, die den Schlag gegen Team Conyers angeordnet und durchgeführt haben.« Cally setzte sich in der Wanne auf, und ihre Gesichtszüge wurden eisig, als das Hologramm fortfuhr. »Ich habe nur an einem der Einsätze teilgenommen, aber ich erinnere mich noch gut, dass Sie … das sehr ernst genommen haben. Ich weiß, dass man das Team eingesetzt hatte, um Ihr Leben zu retten, als Sie noch ein Kind waren. Es fällt mir schwer, das zu sagen, Cally. Die Mistkerle haben gelogen.« Das Hologramm flackerte und zeigte einen Colonel der US Army mit rötlich braunem schütterem Haar, einem ordentlich gestutzten Schnurrbart und einem fliehenden Kinn. Ihr Magen verkrampfte sich hasserfüllt bei der Erinnerung an den Mann. Der Würfel hatte jetzt ihre volle Aufmerksamkeit.

»Ich bin sicher, Sie erinnern sich an Colonel Petane, der das Safehouse des Teams an die Darhel verraten hat. Man hat uns informiert, dass man Ihnen erklärt hat, Team Hector hätte Petane erledigt. Cally, er ist noch am Leben. Irgendeiner in diesem Haufen Pragmatiker«, er sprach das Wort wie ein Schimpfwort aus, »ganz oben hat entschieden, dass der gute Colonel eine nützliche Informationsquelle sein könnte, und so hat man ihm sein Leben dafür angeboten, wenn er sich umdrehen ließe. Womit ich noch widerstrebend einverstanden sein könnte, wenn er die einzige Quelle von etwas besonders Wichtigem wäre, aber dieser kleine Saukerl hatte nur Zugang zu sekundären oder tertiären Bestätigungen von Dingen, die wir bereits wissen. Er ist ein lebendes Beispiel für das Peter-Prinzip und ist zweimal bei einer Beförderung übergangen worden. Die Pragmatiker geben, wie es scheint, ihre Fehler nicht gern zu.

Sie haben das recht gut getarnt. Sie ließen ihn in das Verbindungsbüro von Army Fleet Strike in Chicago versetzen und haben mit großer Sorgfalt alle Einsätze, die mit diesem Büro zu tun haben, Team Hector zugewiesen. Wenn Sie sich je gefragt haben, weshalb Sie so selten mit Ihrem Team nach Chicago müssen, haben Sie jetzt den Grund dafür. Mir ging das ebenso, bis man mich dann im Lauf des Winters zweimal Hector zugeteilt hat. Ich schätze, man war weiter oben der Ansicht, dass ich persönlich nicht interessiert sei und deshalb keine Gefahr darstelle. Sie brauchten jemand, der mit Petane zusammenkam, und ich sollte die Gegenmaßnahmen überwachen und sicherstellen, dass wir nicht verbrannt werden. Ich weiß, dass ich manchmal Dinge tun musste, die mich später im Schlaf heimgesucht haben, aber nie so etwas. Loyalität ist keine Einbahnstraße, sie muss in beiden Richtungen gelten. Ich … also, wir haben zusammengearbeitet und ich wusste, dass Sie das gern wissen würden. Was Sie unternehmen ist Ihre Sache. Diese Nachricht wird in fünf Sekunden gelöscht.«

Natürlich konnte jemand wie Robertson die Löschung nicht auf die normale Tour machen. Das Hologramm des Verräters explodierte in einem Regen von Blut und Gehirnmasse und verblasste dann in einem spektakulären Sonnenuntergang. Sie zog den Würfel heraus und ging in die Küche, um ihn zu vernichten, ohne dabei auf das Wasser zu achten, das auf ihren Teppich tropfte. »Also, die wollten, dass ich Urlaub mache. Okay. Also werde ich Urlaub machen.« Ihr Mund war zu einem schmalen Strich zusammengepresst, als sie einen Salat auftaute und das Frischhaltegel in den Ausguss spülte, anschließend ein Päckchen Shrimps darüberkippte und alles mit Meerrettichsoße übergoss. Ein schwacher Ausgleich für Herman’s Crab Cakes, aber sie schmeckte ohnehin kaum etwas.

Nachdem sie sich das Haar gerichtet und ein schwarzes, schulterfreies Baumwollhemd und ausgebleichte Jeansshorts geschnappt hatte, rief sie ein paar Stücke im Web auf und drehte dabei geistesabwesend an den Armreifen, die sie am linken Handgelenk trug. Justine mochte am liebsten ultramoderne Cleveland-Crash-Musik. Eine Gruppe, die sich Anger Management nannte, spielte im Riverside Dive. Das klingt nach etwas, was ich jetzt brauchen kann. Hoffentlich ist der Fraß, den’s dort gibt, nicht zu widerlich.

Charleston

Montag, 13. Mai

Cally kehrte in den frühen Morgenstunden nach Hause zurück, allein. Musik heute Nacht, ja. Gesellschaft, nein. Wenn ich mir noch einmal so einen bigotten Verjüngungsgegner aufgable wie letzte Nacht, könnte ich vergessen, dass ich nicht den Auftrag habe, sie umzubringen. Die Reinigungscrew wäre dann vielleicht sauer, und außerdem gibt das immer einen schrecklichen Papierkrieg. Sie grinste, trat aus ihren Sandalen und schwang sie an den Riemchen, während sie vor sich hin summend zu ihrem Zimmer ging.

Make-up runter, erledigt. Frischen Waschlappen, erledigt. Ausweise verstaut, erledigt. Sie streifte Justines Kleider ab, warf sie in den Korb für die Wäsche und brummte dabei mit finsterer Miene: »Morgen früh Wäsche.«

Sie wählte am Audio ihres Monitors für die Nacht Dreed, schaltete die Gegenmaßnahmen ein, stellte den Wecker auf acht und kuschelte sich in ihr Kopfkissen.

Bhutan. Ein Banker, der mit nicht menschlichen Bankern zu gut zurechtkam. Er hatte etwas für Straßenhuren übrig, hat sie aber nicht gut behandelt. Eine davon war sehr zufrieden gewesen, nach seinem Herzanfall auf einer Insel im Südpazifik ihren Ruhestand anzutreten. Das Nannitengift war selbst mit galaktischem Gerät nicht nachzuweisen gewesen. Im begehbaren Kleiderschrank beobachtet. Die Leiche überprüft, der jetzt hysterisch gewordenen Hure ein Beruhigungsmittel gespritzt und sie dann zum Shuttle gebracht. Aus der Nähe war der Tod doch völlig anders.

Rabun Gap. Sie hat den Attentäter im Visier und drückt ab, ganz sachte, dann spritzt es rot auf, und der Tod stinkt. Effiziente Männer in Weiß machen sauber, und dann kommen die Posties, und die Männer in Schwarz sind so völlig lautlos und so effizient, wenn es ums Töten geht. Schwielen vom Rosenkranz an seiner Hand. Und die Nonnen in der Schule wollen ihr nichts sagen, und dann ist da Father O’Reilly. Team Conyers gibt es nicht mehr. Es gibt sie nicht mehr, keinen mehr, Father? Vater unser, der du bist …

Segne mich, Father, denn ich habe gesündigt. Wie lange? Neunzehn Jahre, zwei Monate, drei Tage. Father, es ist eine lange Liste. Da war eine Prostituierte, die sich auf Nanoforscher spezialisiert hatte. Zwei von ihnen sind gestorben, nachdem sie ihren Bericht geliefert hatte. Ich musste … Father? Father? In einem Wutanfall zerschlägt sie den Bildschirm und starrt den leeren Stuhl dahinter an, und da ist keine Tür und auch keine Tür, durch die sie hereingekommen ist. Da muss doch eine Tür gewesen sein, oder nicht? Und keine Decke, bloß die Wände bis ganz nach oben.

Die Florida Keys. Sie ist wieder mit Dad auf dem Boot, und er ist stolz auf sie, weil sie gerade einen richtig großen Fisch gefangen hat, und sie hat sich das Salz, das der Wind mit sich gebracht hat, aus dem Haar gewaschen, sitzt am Stegrand und betrachtet den Sonnenuntergang, während Mom die Fitzer herauskämmt. Michelle ist im Wasser und schwimmt mit Dad, und ein Delfin schnattert ihr etwas zu, während sie ihn unter dem Kinn krault. Und Mom hat ihr eine leckere kalte Limonade gebracht und einen Teller …

Der Wecker schrillte, und sie brachte ihn mit einem Schlag ihrer Hand zum Verstummen, schaltete zugleich das System aus und schnappte reflexartig nach dem Waschlappen, um sich das Gesicht abzutrocknen. Mhm, den Strand habe ich immer gemocht. Vielleicht werde ich das nächste Mal, wenn ich einen richtigen Urlaub kriege, wieder hinfahren und die Gegend besuchen. Schließlich habe ich mir das schon lange versprochen. Ich schätze, nach vierzig Jahren wird sie sich wahrscheinlich ein wenig verändert haben. Heute muss ich Cally sein. Mal sehen, Cally ist sehr leger, hat ein lockeres Mundwerk, trägt häufig uni-Oliv, aber mag auch Rot.

Sie warf den gebrauchten Waschlappen in den Korb und trug ihn in die Küche, streckte der leeren Kaffeemaschine, die sie am Vorabend einzuschalten vergessen hatte, die Zunge heraus und drückte im Vorbeihasten mit dem Ellbogen den Einschalteknopf. Dann, vor der Küchentür, klappte sie den Deckel der Waschmaschine auf, warf die Kleider hinein und dazu ein Päckchen duftfreien Stoffpfleger, ehe sie den Deckel wieder zuklappte. Die Maschine registrierte das zusätzliche Gewicht, analysierte den Inhalt, und dann konnte sie hören, wie sie sich füllte, während sie die Tür wieder hinter sich schloss.

Sie wühlte im Kühlschrank herum, bis sie einen Riegel Schoko-Käsekuchen als Frühstück fand, schaltete die Nachrichten ein und warf wieder einen finsteren Blick auf die Kaffeemaschine, die immer noch nicht fertig war.

Repräsentantenhaus und Senat debattieren immer noch weiter, was »posleenfrei« im Hinblick auf Wiederaufbau und Staatscharakter bedeutet. Yeah, die Urbies sind wirklich verärgert, dass sie mit dem Senat immer noch wegen Lebensmittelsubventionen Ärger haben. Und die internen Medien der Urbs sorgen dafür, dass sie ausführlich weiter Nachrichten über jeden Angriff von wilden Posleen in CONUS (Continental USA) bekommen, also ist wohl nicht damit zu rechnen, dass sie die Nase rausstrecken und selbst nachsehen. Manchmal hat man mehr davon, im Sinne der Gesetze nicht zu existieren, als wenn man volle Bürgerrechte besitzt.

»Ah, endlich.« Sie schnappte sich ihre Tasse und füllte sie mit Kaffee, tat einen Würfel Zucker dazu und sah sich das Wetter und die Berichte über Wilde an, ehe sie sich anziehen ging. Für mich sieht es ganz gut aus.

Im Schlafzimmer schlüpfte sie in einen roten Bikini und ein T-Shirt und Jeans darüber, schlüpfte in ein altes Paar Sneakers, stopfte saubere Unterwäsche und ein Handtuch in einen ziemlich ramponierten khakifarbenen Rucksack und band sich das Haar zu einem Pferdeschwanz. Sie wühlte in den vielen Geldbörsen in der untersten Schublade, bis sie eine khakifarbene mit Klettverschluss fand, in der ein sehr aufrichtiger Ausweis und Kreditkarten auf den Namen von Cally Neilsen steckten. Die Geldbörse war ein wenig altmodisch. Es war eine von denen, die sie nur ganz selten benutzte und die daher kaum strapaziert wurde — und daher auch nur ganz selten ersetzt werden musste. Sämtliche Brieftaschen zeigten kunstvolle Gebrauchsspuren. Diese hier hatte sich die ihren auf die altmodische Tour erworben, obwohl der Inhalt ebenso häufig auf den neuesten Stand gebracht werden musste wie die anderen, um auf dem Laufenden zu bleiben, nur der Familienname hatte sich, wie das auch bei den anderen der Fall war, im Laufe der Zeit mehrmals geändert. Zum Glück waren die Darhel ebenso wenig wie die Bane Sidhe daran interessiert, dass die Computeridentifikationsprozeduren in den USA wirklich sicher waren.

Während sie dabei war, den Colt.45 und drei Zusatzmagazine im Wagen zu verstauen, wünschte sie sich, sie hätte für ihr Picknick mehr als bloß eine kleine Kühlbox mit Bier besorgt. Klar, sie hatte ihren Notvorrat — sie verließ den Wall nie, ohne ihn mitzunehmen -, aber dabei handelte es sich nicht gerade um die Art von Erfrischungen, die einem Appetit machten. Ihre Augen hellten sich auf, als sie Justines Beutel mit Käsekringeln entdeckte. Genau das Richtige. Wendys Kinder würden ihre Freude daran haben.

Sie fuhr zur Ausfahrt James River, einmal, weil sie nahe lag, zum andern aber auch, weil man weniger Mühe hatte, durch das schlichte Schiebetor aus massivem Stahl und dann über die sich daran anschließende Zugbrücke zu kommen. An einigen der anderen Tore waren die Wachen manchmal richtig eklig. Sie brauchte bloß ein paar Minuten, um den Checkpoint zu passieren. Die.45 und drei Ersatzmagazine sowie ihre Bestätigung vom Schießplatz reichten aus, um sie von der städtischen Konvoivorschrift und der entsprechenden Gebühr zu befreien. Selbst in der Nachkriegswelt konnten Haftungsfragen recht lästig sein. Die Stadtbehörden von Charleston, gewählt von einer überwiegend aus Südstaatlern bestehenden Bevölkerung, die aus den Urbs zurückgekehrt war, sowie der örtlichen Miliz und den Kadetten von Fleet Strike, hatten sich für eine echte Südstaatenlösung entschieden. Da Touristen aus den Urbs im Allgemeinen von vorne herein mutiger und vernünftig genug waren, um mit den Konvois zu reisen, funktionierte das recht gut. Die wenigen, denen das nicht passte, mochten sich über die Gebühr aufregen, aber die Leute von Charleston glaubten fest daran, dass man die örtliche Population an wilden Posties am besten dadurch knapp hielt, dass man es unterließ, sie zu füttern.

Die Straße nördlich des vom Wall umgebenen Teils von Folly war nicht so gepflegt wie die Straße zu dem vom Wall geschützten städtischen Strand, aber sie war wenigstens nicht so schlimm, wie man nach Jahrzehnten öffentlicher Vernachlässigung und zwei ausgewachsenen Hurrikanen hätte glauben können. Besonders unternehmungslustige Bürger Charlestons, die den nicht vom Wall geschützten Teil des Strandes benutzten, hatten sich angewöhnt, im Kofferraum eimerweise gereinigte Muscheln als eine Art inoffiziellen Wegzoll für den Gebrauch am Strand mitzubringen. Die Kadetten der Zitadelle machten ein paarmal im Jahr Strandpicknicks, und dabei herrschte die inoffizielle Tradition, dass man dicke Bleche sowie Vorschlaghämmer mitbrachte und improvisierte Wettbewerbe abhielt, um festzustellen, wer die meisten Muschelschalen pulverisieren konnte (den augenblicklichen Rekord hielt die Golf-Kompanie mit dreiundzwanzig Eimern). Mit den so produzierten Überresten füllten die Kadetten sorgfältig alle größeren Sprünge und Schlaglöcher, sodass die Straße im Lauf der Zeit für den lokalen Verkehr einigermaßen brauchbar geworden war, auch wenn sie nicht so glatt und dauerhaft wie Asphalt war.

Sie bog in den Parkplatz ein, überprüfte ihr Halfter, ging an den Kofferraum, schleppte zwei große Eimer gesäuberte Muscheln zu den Stahlbehältern und kippte sie hinein. Zum Glück betrachteten selbst wilde Posleen leere Muschel- und Austernschalen nicht als essbar. Sie war ein paar Minuten zu früh dran, und der Strand war noch leer, wie das an Wochentagen häufig der Fall war, und deshalb fing sie an, die normalen Vorkehrungen zu treffen und an den am Rand des Parkplatzes aufgestellten Fahnenstangen ein paar tragbare Postie-Alarme hochzujagen. Im Notfall konnte man sie auch auf das Wagendach oder einen Felsbrocken legen, aber um genügend Warnzeit zu bekommen, war es besser, sie etwas höher anzuordnen. Ihren PDA schaltete sie so, dass er die individuell programmierbaren Alarmfrequenzen abhörte, und gab die Sensorpositionen auf dem Bildschirm ein. Wenn jetzt ein Wilder auftauchte, würde sie nicht nur alarmiert werden, sondern auch gleich seine Position haben.

»Sag mir bitte, dass du mehr als diese läppische.45 mitgebracht hast und nicht etwa vorhast, alleine damit gegen ein Rudel Posleen zu kämpfen. Etwa ein Boot? Wenn wir in einem Boot sitzen und weit genug draußen sind, kommen sie nicht an uns ran. Dann können wir so lange überleben, bis das Boot kentert und wir von Haien aufgefressen werden.« Der Buckley wurde immer etwas nervös, wenn sie die Sensorwache einrichtete.

»Buckley, registrierst du die Anwesenheit eines einzigen wilden Posleen?«

»Nein, die haben sich diesmal recht gut versteckt. Wenn du willst, kann ich Verstärkung anfordern. Wird uns zwar nichts nützen, aber wenn du willst …« Der Buckley redete nicht weiter.

»Rufe niemanden, Buckley«, befahl sie.

»Gute Idee. Gibt ja schließlich keinen Grund, dass die auch alle sterben sollten«, sagte der Buckley.

»Halt die Klappe.«

»Geht in Ordnung.«

Nachdem das erledigt war, konnte sie sich darum kümmern, die Kühlbox und ihre Tasche zum Strand hinunter zu tragen, Jeans und Hemd auszuziehen, eine Dose Bier zu knacken und sich damit zu amüsieren, den Möwen ein paar Käsekringel hinzuwerfen. Dann tauchten Shari, Wendy und die Kinder auf. Alle kamen sie angerannt, Wendys vier Kinder dicht hinter Sharis Golden Retriever. Na ja, hauptsächlich Golden Retriever, aber ganz Hund und wie wild darauf, unter lautem Gebell Möwen zu jagen.

Die beiden Frauen hievten eine Ladung Essen und alles mögliche Gerät die Treppe herunter.

»Okay, ihr Rasselbande, kommt her und helft uns tragen!«, rief Wendy und grinste. »Mike, du auch!«

»Gleich, Mom! Ich muss noch meine Schuhe neu booten.« Ihr Sechsjähriger starrte auf seine Füße, wo ein Hologramm eines GKA-Soldaten auf ein Hologramm eines Posleen-Normalen mit einem Boma-Säbel schoss. Letzterer war mitten im Sprung erstarrt, dazwischen flackerten Störungen. Dinge vor sich hin murmelnd, die ein Sechsjähriger wahrscheinlich nicht kennen sollte, zog er den ungehorsamen Schuh aus, griff hinein und suchte nach dem Reset-Schalter. Das Hologramm verschwand und baute sich gleich wieder auf. Jetzt kaute der Posleen an roten Fleischfetzen, von denen es heruntertropfte und die besser unidentifiziert blieben. Da der Kleine den anderen Schuh noch am Fuß hatte, schwang er ständig seinen Boma-Säbel gegen die GKA-Soldaten, wenn ein Fuß an dem anderen vorbeikam, und wurde schließlich im Zeitlupentempo nach hinten gerissen, eingehüllt in einen gelben Nebel aus Posleen-Blut und Eingeweiden, als eine Schussgarbe seinen Körper auseinander schnitt. Als die Teile auf den »Boden« trafen, blieben sie dort eine Weile liegen, während der GKA-Soldat triumphierend einen Luftsprung machte, worauf die beiden Hologramme wieder zu ihrem Ursprung zurückkehrten und das Gefecht von neuem begann.

»Hi, Tante Cally.« Als seine Mutter ihre Decke neben Callys Handtuch ausbreitete, kam er zu den anderen zurück. »Daddy hat mir neue Schuhe gekauft. Gefallen sie dir?«

»Oh, die sind klasse! Die Bilder sind ja ganz prima.« Sie sah zu, wie das Posleen-Normale erneut explodierte, diesmal zerplatzte sein Schädel, von einem gezielten Schuss getroffen. Der siegreiche GKA-Soldat schlug einen Salto rückwärts und setzte dann zu einem klassischen Vorkriegstanz an. »Gewinnt der Postie jemals?«

»Gelegentlich«, nickte er ernst, »aber das ist schon okay, denn dafür weiß ich nicht, wie man das schalten muss.« Es klang, als würde ein Erwachsener zu einem kleinen Kind sprechen.

»Kennst du mich noch, Annie?« Sie schob sich eine Haarsträhne hinter das linke Ohr und reckte den Hals ein wenig, um Augenkontakt mit dem kleinen Mädchen herzustellen, das sich hinter Wendys Bein versteckte.

»Tut mir Leid, sie durchläuft gerade eine scheue Phase.« Ihre Mutter strich geistesabwesend über die blonden Locken des Mädchens, das sein Gesicht am Knie ihrer Mama verbarg. »Ach, komm schon, Annie, du erinnerst dich doch an Tante Cally, oder nicht? Sandy kann sich auch an sie erinnern.«

»Das ist mein Hund.« Die grauen Augen der Vierjährigen begegneten den ihren. »Du bist ja ganz voll Sand.«

»Ich weiß. Der ist von Sandy.« Einen Augenblick lang wirkten ihre Augen ebenso jung wie alles andere an ihr, als sie lachend aufstand, sich den Sand vom Bauch und den Beinen wischte und Sandy hingebungsvoll am Hinterkopf kraulte. »Wirklich lieb von dir, das mit dem Sand, du bist ein braver Hund, wie?«

Während Sandy noch begeistert mit dem Schweif wedelte, wie um ihr damit Recht zu geben, trafen James und Duncan mit ein paar Klappstühlen und einem riesigen Sonnenschirm ein.

»Hi, Tante Cally. Spielst du nach dem Lunch mit uns Ball?«

»Fußballfans, oder?« Shari holte einen Ball aus einer der Taschen und reichte ihn Duncan, während der jüngere Bub seine Last einfach in den Sand plumpsen ließ, zum Wasser rannte und dabei begeistert den Ball vor sich her kickte.

»Hey!« James, der dabei war, einen Stuhl aufzubauen, blickte auf, als er merkte, dass sein Bruder ihm die ganze Arbeit überließ. »Mom!«

»Oh, lass nur, ich mach das.« Cally griff sich einen Klappstuhl und gab dem Jungen mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er ruhig ins Wasser gehen solle.

Wendy fing Sharis Blick kurz auf, als der Sechsjährige hinter seinen Brüdern und dem Hund zum Meer rannte.

»Die Kinder mögen dich wirklich, weißt du.« Sie fing jetzt an, Plastikbehälter mit Essen auf die Decke zu stellen. »Mir scheint, das beruht auf Gegenseitigkeit.«

»Ja, wirklich, die sind auch großartig.« Sie klappte den nächsten Stuhl auf. »Ich bin wirklich froh, dass du und Tommy beschlossen habt, euch noch mal Nachwuchs zu bestellen, jetzt wo der erste Wurf aus dem Nest ist. Oh, gratuliere übrigens, ich dachte, ihr würdet warten, bis dieses Rudel hier draußen ist.«

»Na ja, selbst mit GalTech Kram gibt es gelegentlich angenehme Überraschungen.« Sie wurde rot. »Und wann werden wir dir mal gratulieren können?«

»Wie war das?«, stieß Cally hervor und ließ den Stuhl fallen, den sie gerade aufgehoben hatte. Sie hob ihn wieder auf und war plötzlich voll damit beschäftigt, jedes Sandkorn von ihrem Stuhl zu wischen.

Shari griff sich an die Stirn und schüttelte leicht den Kopf.

»Okay, das hätte ich mir vielleicht sparen sollen«, seufzte Wendy.

»Tatsächlich?« Shari war plötzlich ganz auf den Sonnenschirm konzentriert, den sie aufstellte.

»Cally, du kannst nicht immer zwanzig bleiben«, probierte Wendy es noch einmal.

»Ich bin schon seit bald dreißig Jahren nicht mehr zwanzig.« Sie ließ sich in den Stuhl plumpsen und streckte die Beine aus, verschränkte die Arme, lehnte sich zurück und musterte die beiden argwöhnisch. »Okay, raus mit der Sprache. Was habt ihr beiden vor?«

Shari setzte sich, ließ Annie zu sich auf den Schoß steigen und blickte über das Meer hinaus. Der Wind blies ihr das Haar aus dem Gesicht, und sie kniff die Augen zusammen, damit sie keinen Sand hineinbekam.

»Cally, dieses Leben taugt nicht mehr für dich. Falls es je für dich getaugt hat. Du bist nicht glücklich. Wann wirst du dir endlich ein eigenes Leben genehmigen und sesshaft werden?«, fragte sie.

»Du weißt, mit welchen Gefahren wir es zu tun haben. Ich tue Dinge, zu denen nur ganz, ganz wenige Leute fähig sind. Dinge, die getan werden müssen, damit andere Leute sesshaft werden können.« Sie setzte sich auf, beugte sich in ihrem Stuhl nach vorn und stützte die Hände auf die Knie. »Schau mal, falls ich jemals dem richtigen Mann begegnen sollte, werde ich diese Sache mit Kindern und so auch machen. Ich … bin ihm einfach noch nicht begegnet. Und das Vorurteil gegen uns Runderneuerte hilft auch nicht gerade. Ich will mich ja nicht beklagen, aber es ist schwierig, sich näher mit einem Typen einzulassen, wenn man alt genug ist, um zu wissen, dass er ein unreifer Idiot ist.«

»In irgendwelchen Bars wirst du nie dem Richtigen begegnen«, schaltete Wendy sich ein und reichte ihr ein Päckchen mit Saft. »Schau mal, ich kann’s ja verstehen, dass du nicht besonders scharf auf das Vermittlungsprogramm von unserem Verein bist. Hey, mir würde das auch auf den Geist gehen. Aber wenn ich Tommy und Papa ansehe, dann kennen die garantiert wenigstens ein halbes Dutzend anständige Kerle, die mit dem größten Vergnügen eine Frau hätten, vor der man nicht alles verheimlichen muss, ich meine, Himmel noch mal, was würde es denn schaden, wenn die beiden dir mal die eine oder andere Verabredung verschaffen würden?«

»Was es schaden würde?«, fragte Cally mit ausdrucksloser Stimme, und ihre Augen waren plötzlich leer. »Das ist ganz einfach: emotionale Bindungen zu jemandem zu haben, der dann plötzlich im gleichen Einsatzteam wie ich steckt, könnte dazu führen, dass er oder ich gefangen genommen oder gar getötet wird. Von seiner Seite mal ganz zu schweigen. Wer möchte schon eine Frau, die sich auf Dinge einlässt, wie ich das tue? Ich bin gut, aber dass ich bis jetzt erst einmal gestorben bin, ist reines Glück, und das hält nicht ewig vor. Das Einzige, was für einen weiblichen Auftragskiller noch schlimmer ist als das Todesrisiko, ist das Risiko einer erfolgreichen Ehe.«

Shari zuckte zusammen und hielt Annie die Ohren zu. »Über so etwas redet man nicht!«, flüsterte sie.

»Hast du’s kapiert?« Sie zog einen Becher und eine Flasche heraus, drückte den Inhalt des Saftpäckchens in den Becher und goss einen kräftigen Schuss klarer Flüssigkeit hinein. »Möchtest du?« Sie hielt Shari den Becher hin.

Shari griff sich an den Leib. »Nein, ich … das geht nicht.«

Cally grinste. »Da haben wir’s! Kein Wunder, dass du mich verkuppeln willst. Du möchtest, dass ich schwanger werde, dann wärst du nicht allein!«, witzelte sie und lächelte dann wieder. »Gratuliere!«

»Echt?« Wendy legte ihrer besten Freundin die Hand aufs Knie. »Unter Freundinnen macht man über so etwas doch keine Witze? Gratuliere! Oh, das ist wirklich großartig. Wir werden Eiscreme essen und uns gemeinsam aus der Kurve tragen lassen! Komm, nimm einen Saft.«

»Da, siehst du, was du verpasst?« Sie wandte sich wieder Cally zu. »Versprichst du mir, dass du wenigstens in Erwägung ziehst, dir von Tommy ein Date verschaffen zu lassen? Wenn du willst, brauchst du nicht einmal allein mit ihm zu gehen — wir könnten mitkommen.«

»Ups. Jetzt musst du einfach, Cally Ich mach den Babysitter. Sie und Tommy waren schon seit einer Ewigkeit nicht mehr aus, das ist einfach deine Pflicht für deine besten Freundinnen auf der ganzen Welt.«

»Meine einzigen Freundinnen auf der Welt«, korrigierte Cally und verzog das Gesicht. »Nicht, dass ich euch beide nicht zu schätzen wüsste — ich meine, zumindest dann, wenn ihr nicht versucht, mich mit Tommys oder Grandpas Angelkumpels zu verkuppeln.«

Aber als die beiden sie dann finster anblickten, gab sie nach. »Okay, okay, ich werde darüber nachdenken. Sobald ich von diesem nächsten Einsatz zurück bin.«

»Einem kurzen Einsatz, will ich doch hoffen?«, fragte Shari.

»Ihr wisst, dass ich darüber nicht reden darf. Aber ihr solltet keine zu große Hoffnung darauf setzen.« Sie benutzte den leeren Saftbehälter, um ihren Drink umzurühren, und nahm einen Schluck, ehe sie auf ihren PDA sah. »Alles in Ordnung. Immer noch scharf, immer noch am Scannen, keine Spuren.«

Der Rest des Nachmittags war ein richtiges Idyll. Sie spülten die Krabbensalat-Sandwiches mit Saft und Limonade hinunter — nun ja, Cally trank ein Bier. Dass sie Postie-Wache hatte, hatte nichts zu besagen, da sie, seit sie erwachsen war, Alkohol gegenüber stets immun gewesen war. Die Kinder sprachen dem Käsegebäck nicht sehr zu — es machte viel mehr Spaß, es an die Möwen und den Hund zu verfüttern. Da Sandy von Käsegebäck begeistert war, genauso begeistert wie vom Möwenjagen, gewann sie normalerweise jedes Rennen, wenn man ihr wieder ein Stück zuwarf.

Duncan und James spielten gern mit Cally Ball, da sie ihn meistens auch dann fing, wenn der Wurf nicht so besonders war. Und die beiden Kids fingen ihn im Allgemeinen, weil sie ihn selbst aus fünfundzwanzig Meter Entfernung sehr genau in ihre Hände platzieren konnte. Cally überlegte, dass den Jungs, die kaum Kontakt mit nicht voll aufgewerteten erwachsenen Frauen gehabt hatten, eines Tages ein schlimmes Erwachen bevorstand. Sie hätte den Ball auch aus doppelter Entfernung genau auf den Punkt werfen können, aber das wäre handwerklich schlecht gewesen. Wenn Fremde am Strand gewesen wären, hätte sie nicht einmal so gut geworfen.

Am Nachmittag trug sie die schlafende Annie für Wendy die Treppe hinauf und schnallte sie in den Kindersitz in ihrem Van, während die älteren Jungs die Klappstühle und die sonstigen Sachen hinten verstauten. Ein paar Sekunden später kletterte Mike auf den Sitz neben seiner kleinen Schwester, worauf seine Schuhe, die offenbar registriert hatten, dass ihr Besitzer nicht mehr stand oder ging, die Hologramme abschalteten.

»Das sind wirklich nette Schuhe«, sagte Cally, als sie zum hinteren Teil des Wagens ging, wo ihre Freundinnen darauf warteten, sich von ihr zu verabschieden, »aber ich war etwas überrascht, dass diese Gefechte stumm sind. Als wir noch Kinder waren, hatten sie nette Geräuscheffekte.«

»Schsch.« Wendy hielt sich den Finger an die Lippen und musste ein Lachen unterdrücken. »Tommy hat das am ersten Abend abgeschaltet.«

Cally hatte verstanden. Jetzt spürte sie, wie ihr ein kleines Stückchen Papier in die Hand gedrückt wurde, und blickte fragend zu Shari auf.

»Das ist ein Zeitpunkt und eine Nummer für deinen Großvater. Ruf ihn an«, sagte sie.

»Was? Am Telefon?« Sie strich sich über ihr Bikinihöschen. Immer noch feucht. Sie würde auf einem Handtuch nach Hause fahren. Dann arbeitete ihr Verstand wieder, und sie sah Shari verblüfft an. »Telefon? Warum Telefon?«

»Es geht um etwas, das wir, die wir nicht in der Welt der Dienste leben, ein persönliches Gespräch nennen, Cally.« Shari klopfte ihr übertrieben bedauernd auf den Rücken und fuhr dann etwas ernster fort: »Er will bloß mit dir reden. Keine Fachsimpelei, nichts über Einsätze, einfach bloß ein Besuch. Okay, du wirst irgendwo ein Zahltelefon benutzen, aber … ruf einfach deinen Großvater an, ja?«

»Ja, freilich.« Sie drückte die beiden ein wenig verlegen an sich. »Okay, nun, dann heißt das wohl Wiedersehen bis zum nächsten Mal.«

»Wir warten, bis du deine Sensoren zurückgeholt hast«, sagte Wendy, stieg auf den Fahrersitz und sah Cally dabei zu, wie sie die kleinen Kästchen von den Fahnenstangen holte und sie in ihren Wagen zurücklegte.

Eine dicke Wolkenbank schob sich heran, und Cally konnte den Regen in der Luft riechen, als sie hinter dem blauen Mini-Van wieder auf die Straße rollte und die Heimfahrt in die Stadt antrat.

3

Wieder in ihrem Apartment eingetroffen, stellte sie die ein wenig angekratzte matt orangefarbene Muschel, die Annie voll Stolz für sie »gefunden« hatte, neben einen kleinen Topfkaktus auf ihren Nachttisch und ging dann das klebrige Salz und den Sand abduschen. Sobald sie sich darüber klar war, welche ihrer Identitäten in Ferien gehen musste, würde sie noch einmal duschen müssen, aber darüber würde sie sich den Kopf zerbrechen, sobald sie sauber war.

Als sie ihren roten Bikini auf die Badematte fallen ließ, konnte sie draußen den Donner hören, gleich darauf klatschten die ersten Regentropfen gegen das kleine Badezimmerfenster.

Ein paar Minuten später kam sie aus dem Bad, ein Handtuch um den Kopf gewickelt und in einen zu großen, flauschigen blauen Bademantel gehüllt, öffnete mit einem Daumendruck die unterste Schublade ihrer Ankleide, zog sie diesmal ganz heraus und griff nach hinten, nach einer zerkratzten, schwarzen Schuhschachtel. In der Schachtel lagen ihre fünf »Spezialidentitäten«, von denen selbst die Bane Sidhe nichts wussten — nicht nach ihrer Kenntnis. Grandpa hatte ihr das damals im Postie-Krieg eingebläut: Du brauchst immer einen Geh-zur-Hölle Plan. Mhm. Die beiden kommen nicht infrage, die muss ich aktualisieren. Aus der Nähe gehe ich nie für dreißig durch, das würde mehr Kosmetikarbeit erfordern, als ich schaffe. Okay. Dann die hier. Marilyn Grant aus Toledo Urb. Gut, dass ich sie schon am Abend vorher ausgewählt habe. Ich werde eine Dauerwelle brauchen und eine Tönung, die sich nicht gleich beim ersten Duschen wieder herausspült. Ups. Als Hobbys hat sie Akustikgitarre und Musik aus den Sechzigern. Kann ja heiter werden.

Ein paar Stunden später stand sie vor dem dreiteiligen Spiegel, rümpfte über den Chemikaliengeruch, der jetzt ihr Schlafzimmer erfüllte, leicht die Nase und sah sich das Ergebnis der vorgenommenen Veränderungen an. Warme braune Augen starrten sie an, die sie altmodischen Kontaktlinsen ohne Wirkung verdankte. Nicht ganz kastanienbraune Locken reichten ihr bis zu den Schultern. Sie hatte nicht viel abschneiden müssen, weil die Locken ja das Haar ein wenig kürzer gemacht hatten. Und richtig gebräunt war sie auch nicht, eher medium. Kurze Nägel an der linken Hand und etwas längere an der rechten, mit rosa Nagellack, der besonders Brünetten so schmeichelt. Die Zehennägel waren in einer anderen Rosaschattierung gehalten. Beide mit kleinen Fehlern an den Rändern, und sie würde auch ein wenig abspringen lassen und das dann im Laufe der nächsten paar Tage nicht sehr fachmännisch reparieren.

Sie zog die Bildausweise heraus und sah sich das Gesicht an, verglich es mit dem Spiegel. Ja, das habe ich mit Wangenpolstern gemacht. Ziemlich lästig eigentlich, aber wenigstens kann man heutzutage dauergewelltes Haar waschen. Ein dreifaches Hurra für die moderne Kosmetik. Aber stinken tut das Zeug immer noch. Ein kurzer Blick auf die Fensterscheiben, gegen die immer noch der Regen klatschte, und sie schüttelte den Kopf, öffnete die Tür zum Rest ihres Apartments und schnippte den Deckenventilator an. Das und der Ventilator im Bad, der nach draußen entlüftete, würden etwas helfen. Und im Übrigen hatte sie auch schon in schlimmerem Gestank geschlafen.

Cally sah zur Uhr hinüber. Noch nicht einmal neun. Zum Teufel, vielleicht gibt es eine Alternative. Sie rümpfte die Nase und sah in den Kleiderschrank. Touristenmäßig, touristenmäßig … blaues Hawaii-Hemd, weiße Caprihosen, weiße Sandalen, billiger Muschelschmuck, eben touristenmäßig. Perfekt.

Ein paar Straßen von der Market entfernt gab es ein wirklich gutes Seafood-Lokal — so gut, dass sie sich bewusst anstrengen musste, nicht zu oft hinzugehen, weil es dort zu viele Leute gab und sie darauf achten musste, nicht irgendwelche Verhaltensmuster erkennen zu lassen. Dass heute Abend irgendwelche Kadetten dort sein würden, war unwahrscheinlich — das war ganz entschieden eine schlechte Woche für Kadetten. Der perfekte Ort für Touristen.

Sie rief auf ihrem PDA die Lokalnachrichten für Toledo Urb aus den letzten zwei Wochen auf und schaltete auf Audio, während sie sich anzog. Sie würde — wie sie das immer tat — darauf achten, Ortsansässigen aus dem Weg zu gehen, aber für alle anderen war sie gesichert.

Im Bristol bestellte sie sich an der Bar einen tropischen Krabbensalat und eine extra große Mango Margarita; als sie gegessen hatte, saß sie dann immer wieder an ihrem Drink nippend da und hörte zu, wie der Barmusiker auf seiner Gitarre Jimmy Buffett massakrierte, hörte mit einem Ohr hin und belauschte mit dem anderen die übrigen Gäste.

»… und dann habe ich Tom gesagt, dass wir den Oktobertermin niemals schaffen, wenn er mir nicht zusätzliches Personal verschafft …«

»… manchmal denke ich mir, dass sie die Richtige ist, aber dann frage ich mich wieder …«

»… unglaublich, die Preise hier! In der Urb kostet wirklich nichts so viel … yeah, weiß ich schon, aber doch nicht so viel mehr, ich meine, schließlich ist das Meer hier ja gleich vor der Tür …«

»… endlich, endgültig, und ich weiß auch, dass ich mich jetzt eigentlich besser fühlen sollte und frei und alles das, aber manchmal komme ich mir wie ein richtiger Idiot vor, dass ich mich nie gefragt habe, weshalb sie eigentlich nie gemeckert hat, wenn ich wieder mit dem Boot hinaus musste …«

Bingo. Sie studierte unter halb geschlossenen Lidern den Typen, der mit dem Barkeeper redete. Um die vierzig, schütteres Haar — aber er trug es kurz und mit Würde -, nicht über die Glatze gekämmt und auch kein schlechtes Toupet. Man hätte das hinkriegen können, aber der Fischer konnte sich das entweder nicht leisten oder war ganz einfach nicht eitel. Nicht fett. Na ja, ein kleiner Bauchansatz, aber ohne Verjüngung war das ja kaum zu vermeiden. Sie sah Schultern und einen Bizeps, die auf ein Leben körperlicher Arbeit deuteten, sah die wettergegerbte Haut und entschied, dass sie schon Schlimmeres gesehen hatte. Ganz locker nahm sie ihr Glas und ging zu dem leeren Hocker neben ihm hinüber, bat den Barkeeper um ein Glas Wasser und ein Stück Key Lime Pie.

»Herrgott, das sieht aber süß aus«, sagte der Fischer nach einem Blick auf ihre Margarita und schüttelte sich, »und dazu essen Sie Kuchen?«

»Ja, ich bin eben eine Süße.« Sie grinste ihn an.

»Also, entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, aber das sieht man Ihnen gar nicht an.« Er warf einen kurzen Blick auf ihre Taille, sah dann aber höflich gleich wieder weg.

Sie verzog das Gesicht, als der Typ mit der Gitarre — ihn als Musiker zu bezeichnen wäre wirklich übertrieben gewesen — schon wieder einen Akkord verpatzte, sah, wie der Fischer ebenfalls zusammenzuckte, und lachte.

»Da es also offenbar nicht die Musik ist, würde mich wirklich interessieren, was ein hübsches, junges Mädchen hierher führt und mit alten Knackern wie uns trinken lässt?« Er machte eine Handbewegung, die die ganze Bar einschloss. »Arbeitet Ihr Boyfriend etwa hier?«

»Hatten Sie je einen Abend, wo Sie einfach nicht allein sein wollten?«, fragte Cally mit einem sanften Lächeln.

»Was, heute Abend meinen Sie?« Er nahm einen langen Schluck aus seinem Bierglas und starrte ins Leere. »In letzter Zeit eigentlich immer.« Dann trank er aus und winkte dem Barkeeper nach einem frischen Bier. »Sie klingen auch nicht so, als ob Sie aus der Gegend kämen. Äh, entschuldigen Sie«, wischte er dann ihre Erklärung weg. »Ich bin bloß neugierig.«

»Nee, ist schon in Ordnung.« Sie streckte ihm die Hand hin. »Ich heiße Marilyn, und Sie haben Recht. Ich bin nicht von hier. Ich bin auf Urlaub hier, aus Toledo.« Sie nippte an ihrer Margarita und sah weg. »Eigentlich wollte ich diese Reise mit meinem Verlobten machen, na ja, Ex-Verlobten, äh … aber es hat einfach nicht geklappt. Ich bin aber trotzdem gekommen, und jetzt frage ich mich, ob ich es nicht besser hätte bleiben lassen sollen.«

»Ja, ja, da will man richtig auf den Putz hauen, um zu zeigen, dass es nicht wehtut, aber dann merkt man plötzlich, dass man dafür überhaupt nicht in der Stimmung ist.« Er tastete in der Tasche nach einem Geldschein, um das Bier zu bezahlen, das der Barkeeper gerade brachte. »Ich schätze, von der Sorte gibt’s heute Abend ne ganze Menge.«

»Sie auch?« Cally nahm ein Stück von ihrem Kuchen und beobachtete ihn.

»Yeah, ich habe gerade eine Scheidung hinter mir.«

»Schlimm?«

»Das hätte sie werden können, wenn ich gewollt hätte. Ich hätte die Geschichte vor Gericht bringen können und dafür sorgen, dass sie nichts bekommt.« Er nahm wieder einen Schluck. »Sie hat Glück gehabt. Als ich in die Wohnung kam und, na ja, eben sah, was ich sah, hat mich das so angewidert, dass ich bloß so schnell wie möglich von ihr loskommen wollte.«

»Ja, das ist schlimm. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn da ein anderes Mädchen gewesen wäre. Ich war es bloß leid, dass wir ständig streiten. Er ist einer von den Leuten, die ständig und an allem etwas auszusetzen haben.«

»Dann sind Sie ja noch ganz gut weggekommen.«

»Na ja, Sie ja auch. Und ich bin hierher gekommen, um mich die ganze Woche zu amüsieren, und, na ja, wahrscheinlich ist das blöd, aber …« Sie redete nicht weiter und wandte sich wieder ihrem Kuchen zu. Offensichtlich hatte sie sich da jemanden herausgepickt, der an diesem Abend nichts anderes im Sinn hatte, als sich einfach voll laufen zu lassen. Keine gute Wahl. Eigentlich hätte ich’s wissen müssen.

Als der Barkeeper ihm dann später nichts mehr geben wollte, setzte sie ihn aus lauter sportlichem Ehrgeiz in ein Taxi nach Hause, ehe sie selbst zu ihrem Apartment zurückfuhr, um dort in den Dämpfen ihres Haarfärbemittels zu schlafen.

Chicago

Dienstag, 14. Mai

Die Empfangsdame sah verdammt gut aus. Nichts Besonderes in puncto Titten, aber ihr Gesicht haute einen um. Außerdem war es ja schließlich keine große Sache, sich die Titten richten zu lassen. Verdammt.

John Earl Bill Stuart, für Freunde wie Feinde einfach Johnny, stolzierte in dem Vorraum herum und tat so, als würde ihn der versnobte Kunstkram interessieren, der dort überall herumhing und stand. Falls irgendetwas davon echt war, musste das Zeug eine Stange gekostet haben. Aber das meiste davon waren vermutlich Reproduktionen, die bloß zur Angabe dienten. Und bei manchen Leuten funktionierte das auch, darauf würde er jede Wette eingehen. Der Ausblick hatte ihn mehr beeindruckt. Diese Terra Trade Holdings hatten das ganze Stockwerk, das unmittelbar unter dem obersten des alten Sears Tower. Die hatten ihm einen neuen Namen gegeben, aber es war trotzdem noch — oder wieder, je nachdem, wie man es betrachtete — das höchste Gebäude der Erde. Er wusste nicht, wer das oberste Stockwerk hatte, aber dort hatten inzwischen Touristen keinen Zugang mehr, und der Ausblick vom Stockwerk darunter war heutzutage für die meisten auch unerreichbar. Verdammte Aliens, aber so war das eben, und in Wirklichkeit unterschieden sich die gar nicht so sehr von den alten Konzernen, und die hatten wirklich ganz schön zugelangt, als die Aliens aufgetaucht waren, oder nicht? Bloß dass jetzt ganz oben andere Leute saßen.

Johnny hätte gern seine Kamera mitgebracht und für Mary Lynn ein paar Bilder geknipst, wo er nun schon einmal hier oben war, aber das wäre stillos gewesen, und er wusste, dass man bei solchen Meetings Stil zeigen musste. Bilder wären eine feine Sache gewesen, einfach um zu zeigen, dass er wirklich hier oben gewesen war, aber da war eben nichts zu machen.

»Der Tir kann Sie jetzt empfangen«, sagte das Mädchen so wie die Mädchen bei den Abendnachrichten. Kein Yankee-Akzent, wie man ihn hier in Chicago häufig hörte. Überhaupt kein Akzent. Eben klasse.

Das Eckbüro des Tir war geradezu kriminelle Verschwendung. Die beiden Fensterwände waren von schweren Vorhängen bedeckt; diese hüllten den Raum in düstere Schatten und versperrten jegliche Sicht nach draußen. Ein wenig erinnerte ihn das an den Typen, der das letzte Stück Hühnchen aus dem Korb nimmt, nicht etwa, weil er es haben will, sondern damit du es nicht bekommst. Aber das passte genau zu der Art und Weise, wie sein Arbeitgeber eben seine Geschäfte machte.

Bis dato hatte er noch nie einen Darhel zu Gesicht bekommen. Gewöhnlich hatte er über Worth berichtet, aber er hatte eine Kontaktnummer für den Notfall gehabt, und die hatte er angerufen, als sein unmittelbarer Vorgesetzter irgendwann zwischen Donnerstag und Montag letzter Woche vom Erdboden verschwunden war.

»Wir haben Ihre Nachricht empfangen.« Die Stimme war wunderschön. Hypnotisch. Fast wie Musik. Er hätte ihr den ganzen Tag lang zuhören können, aber Johnny war nicht das geworden, was er war, ohne zu lernen, wie man erkennt, wenn einer einen einseifen möchte. Er blinzelte in der schwachen Beleuchtung ein paarmal, während seine Augen sich den Lichtverhältnissen anpassten, und konnte jetzt die in einen Umhang gehüllte Gestalt hinter dem riesigen Schreibtisch ausmachen. Es sah so aus, als würde da etwas wie eine Schnauze, wie von einem Kojoten vielleicht oder von einem Fuchs, aus der Kapuze herausragen. Dann entdeckte er spitze, scharfe Zähne, die nicht so recht zu dem Teller voll Grünzeug passen wollten, der neben dem Schreibtisch stand. Verstreute kleine grüne Stückchen auf der Tischoberfläche vermittelten den Eindruck, dass der Alien nicht gerade die besten Tischmanieren hatte. »Ja, Euer Tir. Und Ihr Ruf hat mich erreicht. Was kann ich für Sie tun?«

»Wir sind mit einigem Widerstreben zu dem Schluss gelangt, dass unser Juniorkollege, der Mensch Worth, ein Missgeschick erlitten hat. Damit ist eine gewisse Position frei geworden. Eine Position, die jemand mit Ihren Talenten möglicherweise ausfüllen könnte.«

»Sie meinen, Sie brauchen jemanden, der Ihre Hits koordiniert.«

»Wir brauchen jemanden, der uns Dienste bei der Bewältigung peinlicher Probleme leistet.« Die Stimme des Tir klang angespannt und jetzt eher ärgerlich als melodisch.

»Peinliche Probleme, etwa wie lästige Leute, die getötet und aus dem Weg geschafft werden müssen?«

»Das … das würde natürlich ganz bei Ihnen liegen«, quiekte der Alien. Scheiß Feigling.

»Richtig. Dazu würde ich eine Gehaltserhöhung brauchen. Das ist riskanter als das, was ich bisher getan habe.«

»Falls … falls Sie … nein, falls jemand in periodischen Abständen Kostenersatz für vernünftige Aufwendungen anfordern würde, Aufwendungen, die irgendwie bei irgendetwas angefallen sind, was in unserem Interesse liegt, würde man diesen Kostenersatz … anweisen.« Der Alien atmete tief und unregelmäßig, als würde es ihn schon belasten, diese Worte auch nur auszusprechen. Diese verdammten Elfenheineis waren alles Feiglinge. Deswegen mussten sie auch richtige Männer dazu anheuern, ihnen die Drecksarbeit zu erledigen. Johnny war keineswegs darüber erhaben, sich an den Aliens ein wenig zu rächen, indem er ihnen das auch hinrieb.

»Sie wollen also, wenn ich irgend so einen Mistkerl für Sie umgebracht habe, dass ich Ihnen dann sage, wie viel ich dem Typen bezahlt habe, und dann bezahlen Sie mich und legen meinen Anteil drauf. Sagen wir, fünfzehn Prozent.«

»Wir …«, der Alien verstummte mit einem quiekenden Laut, zitterte und war einen Augenblick lang stumm, ehe er es erneut versuchte. »Wir glauben, dass Sie nach … nach bestem Ermessen … handeln sollten und sind bereit, Ihnen für alle mit Dienstleistungen in Verbindung stehenden Spesen einen Aufschlag von sieben Prozent zu bezahlen.«

»Zehn.«

»Wie Sie sagen«, keuchte der Darhel und ließ sich einen Augenblick Zeit, bis er seinen Atem wieder unter Kontrolle hatte.

»Dann wäre das klar. Sie sagen mir, wer Ihnen im Wege ist, und ich schicke jemanden, der ihn platt macht. Danach kriege ich meine Prozente. So könnte das klappen.«

»Dieses … dieses Gespräch hat nie stattgefunden«, würgte der Alien heraus.

»Okay, Euer Tir. Johnny Stuart ist Ihr Mann.«

»Warten Sie.« Er brauchte noch ein paar Augenblicke, bis sein Atem wieder gleichmäßig ging. Nach ein paar endlosen Sekunden blickte er wieder auf und fixierte Johnny. Seine Stimme klang jetzt wie zuvor melodisch und beinahe wie eine Liebkosung.

»Das Problem mit den Menschen, Mr. Stuart, liegt darin, dass sie sich unglaublich schlecht darauf verstehen, gegenüber Höhergestellten die angemessenen Manieren an den Tag zu legen.« Er wandte sich an sein AID. »AID, Martin Simpson-Hologramm darstellen, volle Datei auf Mr. Stuarts AID downloaden.« Er blickte wieder auf und stellte bewusst erneut Augenkontakt her. »Mr. Simpson ist ein perfektes Beispiel für diesen Mangel an Manieren, und das ist nicht akzeptabel. In der Art und Weise, wie Sie das Problem erledigen, dürfen Sie zeigen, wie Sie unsere Übereinkunft verstanden haben. Sie dürfen jetzt gehen.«

»Ja, Sir, Euer Tir.« Er ging zur Tür hinaus und widerstand der Versuchung zu pfeifen. Verdammte Feiglinge, diese Aliens. Aber er lebte gut von ihnen. Wenn man viel Geld verdienen wollte, musste man für die Leute ganz oben arbeiten, und wenn es keine Leute waren, dann eben für das, was sonst dort war.

Sein AID, zugegebenermaßen ein verdammt brauchbares Ding, war als regulärer PDA getarnt und schien der Ansicht zu sein, dass es höchst komisch war, das Verhalten eines niedrigeren Geräts nachzuäffen. Johnny hatte kaum das Gebäude verlassen und war die Straße hinunter zur Parkstation gegangen, als es abwechselnd zu piepsen und zu vibrieren anfing.

»Was?«, fragte er das Ding gereizt. Maschinen sollten schließlich nicht versuchen, witzig zu sein.

»Der Tir weist Sie an, in Erfahrung zu bringen, was dem Menschen Worth widerfahren ist.«

»Geht klar, und jetzt halt die Klappe.« Nachdem er dem Parkwärter sein Ticket gegeben hatte, lehnte er sich an eine Stange und wartete, bis sie seinen Wagen brachten. Eine Beförderung und eine Gehaltserhöhung. Gar nicht so schlecht. Wirklich nicht schlecht. Bis jetzt hatte er Worth nicht sehr gemocht. Jetzt mochte er ihn ein ganzes Stück lieber.

»Oh, Leanne?«, fragte er das AID, »was heißt denn übrigens ›Manieren‹?«

»Manieren: Höflichkeit, die Einhaltung des korrekten Protokolls oder der richtigen Etikette«, sagte es.

»Okay. Und was hat Marvin Smith getan, dass der Tir so sauer auf ihn ist?«

»Martin Simpson. Angestellter von Terra Trade Holdings. Ich denke, das Vergehen bestand darin, dass er bei einer Mitarbeiterbesprechung einen Darhel-Witz erzählt hat.« Die Stimme des AID klang ungewöhnlich ausdruckslos.

»Herrgott im Himmel! Was für ein Witz war das denn?«

»Wie viele Darhel braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?« Die Stimme aus dem AID war die eines jungen Mannes, reiner Chicago-Dialekt. »Einundzwanzig. Einen, um die Birne zu wechseln, und zwanzig, die sich in der Ecke krümmen und schließlich sterben, weil sie so teuer war.«

»Okay.« Er schmunzelte. »Und was hat er sonst noch getan?«

»Nichts. Nun ja, er hat einmal einen Kugelschreiber aus dem Büro mit nach Hause genommen.«

»Und ich soll einen umbringen, weil er einen faulen Witz erzählt hat?« Plötzlich wurde er bleich. Armer Teufel. Aber immerhin, besser er als ich. Scheiße. Herr im Himmel, lass mich nie vergessen, dass ich mich nicht über einen Darhel lustig machen darf.

»Das wäre eine Interpretation, die im Einklang mit der Forderung des Tir steht.«

»Yeah. Okay. Er ist der Chef. Danke, Leanne.« Und ich hoffe, du berichtest deinem echten Chef bald über diese höfliche Antwort, du dreckiger Spitzel.

Charleston

Dienstag, 14. Mai

Cally verbrachte den Dienstagmorgen mit Besorgungen für die bevorstehende Reise. Der Großteil der Fischereiprodukte, die ins Landesinnere geliefert wurden, trat die Reise entweder in gefrorenem Zustand oder in Konservendosen aus der großen Fabrik von Greer’s an. Und dann gab es da noch eine kleine Flotte von Lieferwagen, die die Restaurants der gehobenen Einkommensklassen, die Wert auf wirklich frische Produkte legten, mit lebend frischen Delikatessen wie frischen Krabben, Jakobsmuscheln und Austern versorgte. Dieser Handel war nur aufgrund monopolistischer Preisgestaltung einigermaßen erträglich und stellte im formalen Sinn einen Verstoß gegen die Lebensmittelnotverordnungen dar. Dennoch überlebte dieser Handel, ja gedieh sogar, weil die Bundesinspektoren ebenso gern wie so mancher andere Feinschmecker gelegentlich frisches Seafood aßen. Ihr Anteil verteuerte die Ware auch nicht stärker, als die vor dem Krieg üblichen Gesundheitsinspektion zum Preis beigetragen hatte, und die Fahrzeuge, in denen die Waren befördert wurden, boten ideale Möglichkeiten, anonym zu reisen.

Sie hätte den Bus nehmen können, aber der mittlere Sitz in einem Lieferwagen für lebende Krabben war nicht nur diskreter, sondern würde auch billiger sein, ganz besonders für jemand, der jung, hübsch und freundlich war. Nicht dass Geld ein Problem gewesen wäre, es lieferte nur einen guten Vorwand dafür, einem von Fischgeruch durchtränkten Lieferwagen den Vorzug vor dem Bus zu geben.

Die leuchtend bunten neuen Strand-T-Shirts und ein paar grell bunte Souvenirs ergänzten das Bild einer jungen Studentin vom Festland, die im Urlaub zu viel Geld ausgegeben hatte.

Nach dem Mittagessen fand sie eine Telefonzelle und wählte dort die Nummer, die Shari ihr gegeben hatte.

Am anderen Ende wurde beim ersten Klingeln abgehoben. »Cally?«

»Hi, Grandpa.«

»Du bist ein wenig spät dran«, kritisierte er. »Nicht gleich ein Telefon gefunden?«

»Ich spät dran?«, stieß sie hervor. »Yeah, fünf Minuten, nicht drei Stunden und fünfundvierzig Minuten.«

»Äh … na ja.« Er räusperte sich und blieb dann ein paar Augenblicke stumm. »Wir hatten keine Ahnung, dass die verdammten Elfen ihren Menschen die Art von Störgeräten verpasst hatten. Ich weiß, dass er sich bei der Befragung dazu ziemlich bescheiden geäußert hat, aber der Algorithmus, den unser größter Freund per Improvisation entwickelt hat, um die falschen Bilder auszufiltern, war in Wirklichkeit geradezu genial — bis wir den hatten, hättest du irgendwo in der Stadt sein können. Du hättest uns gefunden, ehe wir dich gefunden haben. Falls es ein Trost ist: Du hast geradezu brillant improvisiert.«

»Damit verdiene ich mir eben meinen Lebensunterhalt. Worüber wolltest du denn mit mir sprechen? Und warum ausgerechnet am Telefon?«

»Na ja, die Leute benutzen die Dinger schließlich immer noch, weißt du«, meinte er. »Das ist nach wie vor die meist verbreitete Art, über größere Distanz zu reden.«

»Aber verdammt unsicher. Und jetzt hör auf, um den heißen Brei rumzureden, Grandpa, was gibt’s?« Dann fügte sie argwöhnisch hinzu: »Das hat doch nicht etwa damit zu tun, dass Wendy und Shari mir so zugesetzt haben und mich verkuppeln wollen, oder?«

»Na ja, genau genommen …« Er hielt inne und fing dann von vorne an. »Ich denke, es ist ja nichts daran auszusetzen, wenn ich noch ein paar Urenkel erleben möchte, bevor ich sterbe.«

»Sprich mit Michelle.«

»Du weißt verdammt gut, weshalb ich das nicht kann.« Er seufzte. »Ich weiß einfach nicht, worin das Problem liegt. Eine Weile habe ich gedacht, wenn ich einfach bloß warte … und du scheinst ja Kinder zu mögen. Honey, ich habe nicht mehr so schrecklich viel Zeit.«

»Nun, da kann ich nur sagen, es tut mir Leid.« Sie klang eher, als wäre sie indigniert und nicht so sehr, als ob es ihr Leid tun würde, »aber ich habe einfach nicht den richtigen Mann gefunden. Dafür habe ich einen Job, einen recht wichtigen sogar, den nicht jeder machen könnte. Und auf den verstehe ich mich verdammt gut.«

»Ein Job ist doch kein Ersatz für ein Leben!« Sie konnte hören, wie er tief durchatmete und dann seufzte. »Dieser Job frisst dich auf, und er ist auch nicht gut für dich. Dort draußen gibt es eine Menge guter Männer und auch viele Orte, wo man sie kennen lernen kann, nicht bloß Bars.«

»Jetzt Augenblick mal, ich mag vielleicht aussehen wie zwanzig, aber ich …«

»Cally, ich will mich nicht mit dir streiten«, fiel er ihr ins Wort. »Ich weiß, dass du eine erwachsene Frau bist. Denk einfach darüber nach, ja?«

»Okay, meinetwegen.« Sie holte tief Luft und ließ den Atem dann langsam entweichen. »Damit du’s nur weißt, ich nehme gerade eine Woche Urlaub. Ich habe die Unterlagen für unseren nächsten Einsatz, darf aber nichts darüber sagen. Nach meiner Reise werden wir jedoch mehr als genug Zeit haben, um das alles auf die Reihe zu kriegen. Du solltest alle zusammentrommeln, und wir treffen uns dann am dreiundzwanzigsten um zwanzig Uhr auf der Windfarm. Ich melde mich wieder, okay?«

»Urlaub? Wird auch langsam Zeit. Wohin geht’s denn?«

»Ich habe mich noch nicht entschieden. Ich werde das von Tag zu Tag unterwegs tun«, meinte sie. »Wenn ich alles planen müsste, wäre es kein Urlaub. Geht das klar mit unserem Treffen?«

»Ja, ja, zwanzig Uhr, dreiundzwanzigster. Du wirst mir also wirklich nicht sagen, wo du hingehst, wie?« Er klang leicht verstimmt.

»Nee. Alles Liebe, Grandpa. Wiedersehen.«

Sie legte auf und grinste das Telefon ein paar Augenblicke lang an, ehe sie ihre Taschen vom Gehsteig aufhob und sie zum Wagen trug. Einen Augenblick lang wirkten ihre Züge angespannt. Okay, dann ist’s eben ein Arbeitsurlaub. Ich kann einfach nicht glauben, dass die diesen Mistkerl geschützt haben. Verdammt, doch, ja, ich kann es. Beschissene Pragmatiker. Okay, ich bin ja auch keine Idealistin mit verträumten Augen, aber gewisse Maßstäbe muss es doch geben.

Den Rest des Nachmittags und Abends verbrachte sie damit, die öffentlichen Unterlagen von Sinda Makepeace zu knacken — Führerschein, Kreditkarten, Einkaufskarten, die Grundbucheintragungen für ihren Apartmentblock, Spuren im Internet. Jay und Tommy würden das nächste Woche sehr viel gründlicher machen, aber da sie sie jetzt noch nicht informieren durfte, würde sie sich auf die Weise wenigstens einen kleinen Vorsprung verschaffen.

Nach zwei Stunden, in denen der Buckley Musteranalysen durchlaufen ließ, hatte sie ein vorläufiges Profil, um anfangen zu können, die Rolle aufzubauen.

»Meinst du, du könntest einen kompletten Backup für mich vornehmen, ehe wir auf diesen Einsatz gehen? Gibt schließlich keinen Grund, dass wir beide sterben, oder?«

»Halt die Klappe, Buckley.«

»Geht in Ordnung.«

Dann kamen die Vorbereitungen für ihren Urlaubseinsatz. Die Zielperson war keine große Nummer, also sollte das nicht schwer fallen, aber Cally war beim Vorbereiten eines Einsatzes gewohnheitsmäßig gründlich. Das war auch der entscheidende Grund dafür, dass sie noch am Leben war.

Da sie sich Petanes Gesichtszüge schon vor Jahren eingeprägt hatte, als sie noch jung und eifrig und davon überzeugt war, dass man sie für diesen Einsatz einteilen würde, reichte eine leichte Selbsthypnose, um die Einzelheiten wieder an die Oberfläche zurückzubefördern. Es war natürlich möglich, dass man ihn verändert hatte, aber in dem Fall hätte Robertson das ja wahrscheinlich gesagt. Immer vorausgesetzt, dass Robertson mir die Wahrheit sagt und nicht sein eigenes Spiel spielt.

Eine 3D-Gesichtsmodellierungsanwendung ermöglichte es ihr, ihr Gesicht in eine Form zu bringen, mit der das System etwas anfangen konnte. Und dann war es nur noch ein einfacher Hackvorgang, die Kameraaufzeichnungen für die Geldautomaten Chicagos zu downloaden und eine weitere kleine Anwendung, um die Bilder nach Übereinstimmungen durchsuchen zu lassen. Normalerweise hätte sie die Hackerei in den Banken Jay überlassen, aber sie war schließlich nicht seit über dreißig Jahren in diesem Geschäft, ohne dabei ein paar Tricks außerhalb ihrer eigenen Spezialitäten gelernt zu haben. Klar, beim ersten Durchgang bekam sie eine ganze Menge falscher Positivmeldungen, aber bereits beim ersten Dutzend konnte sie einen echten Treffer registrieren, ihn durch die Anwendung schicken, ihn modifizieren und erneut durchlaufen lassen. Damit konnte sie die Hälfte der Treffer eliminieren. Als sie die dann nach ein paar weiteren positiven durchsuchte und die Anwendung erneut verfeinerte, brachte sie das auf etwa zweihundert echte positive, aus denen sie manuell eine Hand voll falscher und zweifelhafter aussortierte. Die lud sie in ihre Datenbasis, ließ eine dritte Anwendung laufen und forderte den Buckley auf, von einem üblichen Terminplan Montag bis Freitag auszugehen, seine Arbeit auf eine vermutliche Zone von ein paar Häuserblocks und sein Zuhause auf eine von zwei möglichen Adressen zu lokalisieren. Bei einer davon handelte es sich vermutlich um die Adresse einer Freundin. Nach einem schnellen Blick auf eine Landkarte entschied sie sich für den Fleet Strike Tower als die vermutliche Arbeitsstelle. Na ja, dann hat Robertson in dem Punkt zumindest die Wahrheit gesagt. Für mich sieht das jedenfalls nicht so aus, als ob der Kotzbrocken tot wäre. Aber das lässt sich ändern. Ich hätte ja gute Lust, seine Konten zu knacken, um ein komplettes Profil zu bekommen, aber das Risiko, dabei Spuren zu hinterlassen, ist viel zu groß. Mir wäre es wirklich lieber, wenn meine Oberen sich an die Idee gewöhnen könnten, dass Petane tot ist, bevor ich mich zu dem Hit bekenne. Falls ich das je tue. Mhm. Wenn das nicht interessant ist! Die haben den nie von der Zieleliste genommen — und ihn nur automatisch als inaktiv markiert, als er als tot eingetragen wurde. Sie entschied sich für Risiko und hackte die Nummernschilderdatenbasis von Illinois, um Marke, Modelljahr und Zulassungsnummer seines Autos zu bekommen, und lud dann die Ergebnisse der Analyse und die sonstigen Daten auf einen Würfel, den sie so einstellte, dass er sich nicht nach dem ersten Lesen selbst löschte. Das war ein kalkuliertes Risiko, aber wenn es wirklich ernst wurde, würde ihre eigene Magensäure den Würfel ebenso wirksam zerstören wie das sonst eher übliche Glas Essig.

»Gratuliere! Wirklich einmal eine kreative neue Art sicherzustellen, dass wir beide umgebracht werden. Hast du je die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass das wirklich keine so gute Idee sein könnte?«

»Klappe halten, Buckley.«

»Geht in Ordnung.«

Unter einem Kornfeld in Indiana

Mittwoch, 15. Mai

Indowy-Wohnungen waren etwa ein Viertel so groß wie die normaler menschlicher Wesen. Das lag nicht einmal daran, dass sie Platzangst gehabt hätten. Es kam einfach daher, dass sie sich in Gruppen viel sicherer fühlten. Trotzdem hatte Aelool das Opfer gebracht, sich ein Zimmer für sich allein zu nehmen, weil er gelegentlich Menschen zu sich einladen musste. Selbst auf Chicago Basis zogen die meisten Indowy es vor, sich lieber nicht mit Fleischfressern einzulassen, wenn das Zusammentreffen nicht unbedingt notwendig war. Davon waren nur die wenigen Menschenkinder ausgenommen, die in Sohon als Lehrlinge tätig waren und deren Familien man unter den Bane Sidhe speziell auf ihre Anpassungsfähigkeit hin ausgewählt hatte. Diese Menschenkinder waren Vegetarier. Dass sie als Teil einer Spezies zur Welt gekommen waren, die bis jetzt ihre fleischfresserischen Wurzeln noch nicht ganz aufgegeben hatte, war ja nicht gerade ihre Schuld.

Seine Einzelwohnung schien auch für menschliche Besucher bequemer zu sein, die sich gewöhnlich zu zweit oder in kleinen Gruppen wohl fühlten, aber unglücklicherweise auf größere Ansammlungen negativ reagierten. Die wenigen Wissenschaftler, die die Geschichte der Menschen trotz einer natürlichen Abneigung für dieses von Gewalt durchsetzte Thema studiert hatten, waren, nachdem sie das Verhalten von Menschen in größeren Ansammlungen ihrer eigenen Spezies im Laufe ihrer Geschichte studiert hatten, zu etwa gleichen Teilen geteilter Meinung darüber, ob die Menschen nun pathologische Einzelgänger oder versteckte Xenophoben waren. Er neigte der ersten Hypothese zu und verhielt sich auch dementsprechend. Für ihn hatte das bisher gut funktioniert. Ehrlich, solange man dafür sorgte, dass sie nicht in ein zu dichtes Gedränge kamen, waren viele Menschen im Grunde genommen gar nicht so übel.

Im Augenblick bereitete er sich auf seinen häufigsten Besucher vor, Nathan O’Reilly, dem man die Sorge für die Hauptbasis der Bane-Sidhe-Operationen auf der Erde anvertraut hatte. Obwohl die Informationsgewinnung und auch andere Operationen am besten mit einem Zellensystem funktionierten, ließ sich doch eine gewisse Bürokratie nicht ganz vermeiden, sobald man ein gewisses Niveau der Komplexität überschritten hatte. O’Reillys ganz spezielle philosophische Disziplin erforderte es, dass er sich nicht verheiratete und auch keinen Nachwuchs hatte, und demzufolge verfügte er auch nicht über einen nennenswerten Clan, aber seine Position und seine hohe Bildung setzten ihn mit einer Art hochrangigem Ältesten gleich. Aelool empfand großen Respekt für den Monsignore. Sie teilten eine Leidenschaft für Logikspiele, und Father O’Reilly hatte ihn mit dem Schachspiel vertraut gemacht. Es ganz zu meistern würde zumindest ein Jahrhundert in Anspruch nehmen. Vielleicht würde er sich dann für den Gefallen revanchieren und seinen Freund Aethal lehren können.

Die angemessene Gastfreundschaft gegenüber menschlichen Besuchern erforderte die rituelle Zubereitung einer Bohnenbrühe, die bei dieser Spezies in hohem Ansehen stand. Er hatte diese Kunst vom besten Experten gelernt, den er hatte ausfindig machen können. Ein perfekt sauberer Topf und die entsprechende Apparatur, eine winzige Prise Salz, dann die im Handel erhältlichen getrockneten und vorgerösteten Bohnen durch ein grobes Mahlwerk treiben, dazu Quellwasser aus Flaschen, dann die einzelnen Komponenten an den jeweils richtigen Stellen in die Maschine eingeben, und die Suppe wurde jedes Mal perfekt zubereitet. Er konnte nicht verstehen, wie es eine Saison für Wasser geben konnte, aber wenn er es bestellte, wussten die immer, was er meinte, und deshalb legte er sich auch nicht mit ihnen an.

Aelool hatte gelernt, dass manche Schachspiele abstrakter als andere waren. Dasjenige, das er gewählt hatte, hatte Holzfiguren, die äußerst fein geschnitzt waren. Das Pferd gefiel ihm besonders. Er war einige Male Pferden begegnet. Sie waren nicht gerade vernunftbegabt, aber dennoch hätte er gern einmal eines in seiner Wohnungsgruppe gehabt, falls man sie klein genug züchten konnte.

Nachdem er alles für seinen Gast bereit gemacht hatte, saß er ein paar Minuten still da und arbeitete an der Konstruktion seines neuesten Projekts. Als das Licht leicht ins Gelbe umschlug und damit das Eintreffen des Gelehrten ankündigte, legte er das Projekt still beiseite und drückte den Knopf der Sprechanlage.

»Es ist offen«, sagte er.

»Aelool, wie geht es Ihnen heute Nachmittag?«

»Gut«, erwiderte er in dem rituellen Gruß. »Darf ich Ihnen Kaffee anbieten?«

»Ja, bitte. Schwarz.«

Der Indowy stellte eine Tasse Kaffee und ein Glas Wasser mit einer Olive auf das Tablett. Tatsächlich war der Kaffee nicht schwarz. Er war dunkelbraun. Und wenn man mit Fett und Nährstoffen angereicherten Säugetierschweiß hinzufügte, machte ihn das nicht weiß, sondern eher hellbraun. Aber er hatte sich daran gewöhnt, dass Menschen in solchen Dingen zu übertreiben pflegten.

Sie begannen ihr Schachspiel. Er hatte Weiß — was in seinem Fall tatsächlich weiß war -, also eröffnete er das Spiel. Zurzeit war er dabei, Variationen der Turmeröffnung zu lernen. Während sie spielten, brachte O’Reilly ihn auf den neuesten Stand hinsichtlich der Erdoperationen.

»Denen wird es nicht leicht fallen, Worth zu ersetzen. Die meisten Kampfveteranen, die sie haben, sind es gewöhnt, Posleen zu töten, nicht Mitmenschen. Zugegeben, sie verfügen immer noch über die Profis, die er rekrutiert und ausgebildet hat, aber die Darhel haben schon immer mehr dazu geneigt, sich ihre Erkenntnisse durch Hacken und durch gründliches Aktenstudium zu beschaffen und sich weniger auf wirklich vernunftbegabte Agenten oder Einsatzspezialisten zu stützen. Ihre Ausbildungssysteme sind schwach, und jeder Verlust tut ihnen weh.«

»Die undichte Stelle macht mir mehr Sorgen. Wir brauchen Tarnung. Der Plan ist sehr langfristig angelegt, und wenn er vorzeitig bekannt würde, könnte ihn das zum Scheitern bringen.«

»Team Isaac hat eine beeindruckende Erfolgsrate.«

»Dann kann man ihnen nur Glück wünschen.«

4

Charleston

Mittwoch, 15. Mai

Es war wenige Minuten vor sechs, und die Ränder der über den Himmel verstreuten Wolken leuchteten in strahlendem Rosa, als Cally am Columbia-Tor des Walls aus dem städtischen Bus stieg. Sie hatte ihren Rucksack und einen Rollkoffer bei sich und trug ein altes Paar Shorts mit einem T-Shirt, dazu eine grell bunte Strandmütze und einen leuchtend gelben Folly Beach Visor. Ihr Gesichtsausdruck vermittelte an leichte Verzweiflung grenzende Hoffnung, als sie den Blick an den Fahrzeugen entlangwandern ließ, die sich für den morgendlichen Konvoi aufreihten. Sie ging auf einen ziemlich heruntergekommen wirkenden weißen Van zu, aber die finsteren Blicke der Frau hinter dem Steuer ließen sie nach einer anderen Fahrgelegenheit suchen. Ziemlich am Ende der Schlange entdeckte sie einen VW-Bus, der wahrscheinlich schon an die achtzig Jahre alt war. Die Malereien an den Seitenflächen waren unterschiedlich stark verblasst, aber offenkundig doch im Laufe der Jahre immer wieder mit Sorgfalt nachgebessert worden. Der Totenschädel mit den oben herauswachsenden Rosen war absolut perfekt, ebenso die liebevoll aufgemalte Schrift, die sie bereits kannte, ehe sie weit genug an den anderen Fahrzeugen vorbei war, um sie zur Gänze lesen zu können.

Ehe sie näher trat, kümmerte sie sich um ihren Buckley, schaltete Stimmzugang und Antwort ab, reduzierte die Emulationen bis herunter auf zwei und stopfte das Ding dann in ihre Handtasche zurück. Das würde ja gerade noch fehlen, dass das Ding im falschen Augenblick das Falsche sagte.

Der Fahrer des VW-Busses hatte langes, blondes Haar, einen buschigen Schnurrbart, doch einen gepflegten Bart. Er war gebaut wie ein kleiner Bär. Beim Näherkommen konnte sie einen schwachen Hauch von Eichenblättern und Patchouli wahrnehmen, das sich in den Salz- und Fischgeruch von den Tanks hinten mischte. Die Musik aus seinem Würfelspieler hallte aus dem offenen Fenster, und seine Finger klopften den Takt auf dem Fensterrahmen mit. »… gotta tip they’re gonna kick the door in again. I’d like to get some sleep before I travel …«

»Hey, du da mit dem T-Shirt. Surfst du?« Er nahm sie zur Kenntnis, als sie den Koffer heranzog.

»Na ja, ab und zu schon. Aber gewöhnlich gehe ich dazu nach LA. Für die Wellen hier habe ich nicht einmal mein eigenes Brett mitgebracht. Um so weit rauszugehen, hatte ich weder das Geld noch die Zeit.«

»Mhm«, machte er. »Dass es auch ständig ums Geld gehen muss, Mann. Aber man muss ja leben, was bleibt einem da schon übrig. Fährst du mit dem Bus raus?«

»Na ja, eigentlich hatte ich gehofft, dass mich jemand mitnimmt. Ich hab ein bisschen zu viel Geld ausgegeben, und um mir das Ticket leisten zu können, hätte ich wirklich mächtig am Essen sparen müssen.«

»Oh, Mann, ich weiß, wie das ist.« Er beugte sich zur Seite und machte die Beifahrertür auf. »Ich bin übrigens Reefer. Reefer Jones.«

»Marilyn Grant. Danke, Mann.« Sie zog den Koffer um den Wagen herum, verstaute ihn hinter dem Beifahrersitz, schob dann den Rucksack vor den Sitz und stieg ein, darauf bedacht, nicht wegen des salzigen Fischgeruchs die Nase zu rümpfen.

»Oh, wir müssen uns überlegen, wie wir das mit dir in den Papierkrieg reinbekommen.« Er grinste. »Tut mir Leid, aber mein Boss kann richtig eklig werden, wenn’s um Tramper geht. Hey, du kannst nicht etwa schießen, oder?«

Cally fummelte in ihrer Handtasche herum und reichte ihm eine durchaus authentische Schießplatzbestätigung aus Charleston, die erst ein paar Tage alt war und in der Marilyn Grant, Nicht-Einwohnerin, als Expertin ausgewiesen war.

»Bin da einfach hingegangen, ohne mir viel zu denken. Hab schon seit Jahren nicht mehr geschossen, aber meine Mom wollte, dass ich es lerne, du weißt schon«, sagte sie.

»Yeah, die meine auch. Ich schätze, der Krieg hat diese ganze Generation verrückt gemacht. Aber war schon in Ordnung, ich meine, wenn mir einer eine Postie-Scheibe zeigt und die von mir aufklappt, weiß ich, wie ich die abknalle.« Er lachte und kritzelte etwas auf sein Klemmbrett. »Okay, ich werde dich als freiberufliche Wache eintragen. Da hat der Boss dann nichts einzuwenden. Der hat sein ganzes Leben in den Urbs verbracht, ist dann wegen der Knete nach Charleston gekommen, Mann, der alte Knacker hat die Hosen gestrichen voll, wenn’s um Posties geht.« Er zuckte die Achseln und ließ den VW-Bus anrollen, als die Schlange sich langsam in Bewegung setzte. »Ich fahre diese Tour jetzt seit fünf Jahren, und in der ganzen Zeit ist uns noch nie ein Postie näher gerückt, den diese Typen«, damit wies er auf einen Maschinengewehrturm auf dem Dach eines Neunachsers, »nicht in Stücke gesägt hätten, ehe er uns auch nur nahe gekommen ist.«

»Passiert das oft?«, fragte sie, wobei ihre Augen groß und rund wurden.

»Nee.« Er bot ihr einen Streifen Kaugummi an und schob sich selbst einen in den Mund. »So etwa bei jeder zweiten Fahrt. Das ist immer recht ärgerlich, weil der ganze Konvoi anhalten muss, während die sich den Kopf holen, damit sie ihre Prämie kriegen.« Er tat so, als müsse er sich übergeben. »Na ja, normalerweise halten wir nicht richtig an. Die verlieren bloß ihren Platz in der Schlange, und wir werden ein wenig langsamer.« Er deutete erneut auf die Trucks. »Von diesen Typen hat jeder irgendwo dort droben einen Boma-Säbel untergebracht, also kostet es nicht viel Zeit.«

Während er redete, waren sie ans Tor gerollt, und jetzt reichte er der Wache ihre Schießkarte und die seine, zeigte dem Mann den Colt.45 neben seinem Sitz und den zweiten im Handschuhkasten. »Dem Boss wird es sogar recht sein, dass du dabei bist, denn mit einem zusätzlichen Schützen sinkt die Konvoigebühr.« Er zuckte die Achseln, nahm ihre Karten wieder in Empfang, reichte ihr die ihre hinüber und steckte die seine in die Brieftasche.

Es dauerte noch eine Viertelstunde, bis die Wachen die restlichen Fahrzeuge freigegeben hatten und die Gruppe mit der Fahrt in die echte Zivilisation beginnen konnte.

»Nächste Station Columbia.« Er drehte seine Stereoanlage ein wenig auf und warf ihr dabei einen fragenden Blick zu. »Wo willst du denn übrigens hin?«

»Cincinnati.«

»Oh. Dann kannst du ja sozusagen die ganze Tour mitmachen. Das ist cool.« Plötzlich runzelte er die Stirn. »Ich muss dann bloß so tun, als ob du in Knoxville ausgestiegen wärst, wenn die Konvoizone endet.«

»Kriegst du meinetwegen Ärger?«

Er überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. »Nee, eigentlich nicht. Der Boss ist gar kein so übler Typ. Wenn er es spitzkriegt, werde ich ihm einfach sagen, das sei Teil deiner Gebühr gewesen dafür, dass du von hier bis Knoxville als Wache mitfährst.«

»Was fährst du denn?«, fragte sie höflich und blickte über die Schulter in den hinteren Bereich des Fahrzeugs, wo mehrere voll gepackte Aquarien vor sich hin gluckerten, deren Luftaustauscher ein paar Zentimeter über die geschlossenen Deckel hinausragten.

»Blaukrabben. Lebend, weißt du? Da gibt’s so’n paar reiche Typen in Chicago, die das Zeug gern frisch haben.« Er zuckte die Achseln.

»Und warum gerade du und nicht einer von denen?« Sie deutete auf die Sattelschlepper vor und hinter ihnen.

»Ja, weißt du, das ist so ne Art Nischenmarkt. Die fahren gefrorenes Zeug, und einige von ihnen haben lebende Austern und Muscheln und solches Zeug auf Eis. Krabben sind da sehr empfindlich. Aber wenn man ein wenig von dem richtigen Zeug ins Wasser tut, geht das schon.« Er grinste. »Und man kann ’ne ganze Menge von den kleinen Biestern in die Tanks reinpacken.«

»Wie, die sind mit irgendwas so voll gepumpt, dass sie einander nicht in Stücke reißen? Hat das keine Auswirkungen? Ich meine, man isst sie doch schließlich.«

»Also, im Grunde genommen«, erklärte er fröhlich grinsend, »muss man sie bloß in einen sauberen Salzwassertank bringen, dann sind sie in sechs Stunden wieder auf dem Damm. Und Krabben-Valium hat wirklich keine so starke Wirkung auf Menschen, weißt du.«

Als damit alles Berufliche erledigt war, schien er mehr daran interessiert zu sein, sich seine Musik anzuhören als mit ihr zu plaudern. Cally kam das durchaus gelegen. Es war bestimmt schon zehn Jahre her, seit sie die Zeit oder das Bedürfnis gehabt hätte, die Überlandroute aus Charleston heraus zu nehmen, und ihre Augen wurden allmählich glasig, als draußen Kilometer um Kilometer Fichtenwälder vorbeizogen, gelegentlich mit verbrannten Stellen oder Abat-Wiesen dazwischen.

Erst als sie sich zwei Stunden später Columbia näherten, wichen die jetzt gemischten Wälder Getreidefeldern und Viehweiden, alle von Sensorstangen eingegrenzt.

»Ich schätze, der Aufwand für die Sensoren und den Strom, den man ja dafür braucht, holen die sich aus ihren Prämien«, meinte sie.

»Diese Prämienfarmer sind richtig komische Vögel. Wenigstens die Hälfte von ihrem Einkommen verdienen die sich mit Prämien, und die Hälfte davon geben sie dafür aus, gegen Abat und Grat zu kämpfen. Richtige Einzelgänger. Vor fünfzehn Jahren hat es da mal einen gegeben, der völlig durchgedreht hat und den sie dabei erwischt haben, wie er, ob du’s nun glaubst oder nicht, Posties gezüchtet hat. Das war vor meiner Zeit, aber er hatte neben seinem Land einen Postie-Gottkönig, mit dem er, so wie ich das mitgekriegt habe, einen Deal hatte, dass der ihm die Köpfe von Postie-Normalen gleich nach dem Nestlingsstadium geliefert hat und dafür mit der Hälfte am Profit beteiligt war. Die haben dem wirklich übel zugesetzt, als sie ihn erwischt haben.«

»Wie haben sie ihn denn erwischt?«, fragte sie höflich, weil Marilyn sich nicht an die Story erinnern würde.

»Er hat ständig doppelt so viele Prämien geliefert wie die anderen Typen in seiner Umgebung. Ich schätze, da ist einfach einer argwöhnisch geworden. Als der Postie-Gottkönig das nächste Mal geliefert hat, hatten die ihn beobachtet und so.« Er schob sich einen frischen Streifen Kaugummi in den Mund. »Das wirklich Irre war, als die dann rauskriegten, wo dieser Postie gelebt hatte. Mann, das war das reinste Elsternnest. Stanniol, polierte Pennys, verchromte Fahrradlenkstangen, Autoteile und solches Zeug, sogar etwas Gold. Dieser Postie muss total durchgeknallt gewesen sein, ich meine, was hatte der schon für eine Chance?!« Er zuckte die Achseln, und dann fuhren sie eine Weile schweigend dahin, bis der Konvoi allmählich langsamer wurde, als die vordersten Fahrzeuge das Tor der Columbia-Handelsstation erreichten.

Durch die Tore hineinzufahren ging wesentlich schneller, als die Abfahrt von Charleston gewesen war. Die Wachen von Columbia wollten die Tore offensichtlich so kurz wie möglich offen lassen, deshalb ließen sie den ganzen Konvoi hinein und schlossen dann das riesige Stahltor hinter ihnen, ehe sie mit dem Papierkrieg anfingen.

Während Reefer darauf wartete, sich einzutragen, wies er mit einer weit ausholenden Handbewegung über den riesigen Parkplatz auf ein niedriges Gebäude mit Benzinzapfsäulen davor. Einer der Tanker ganz vorne war neben das Gebäude gefahren und hakte jetzt seine Schläuche aus.

»Sobald ich hier durch bin, muss ich nachtanken. So läuft das hier mit dieser Konvoigeschichte. Die lassen dich nicht weg, wenn du nicht voll getankt hast. Falls du dir die Beine ein wenig vertreten oder was trinken willst oder sonst was — das hier ist die letzte Station vor Spartanburg in drei Stunden.«

In ihrer Touristenrolle war es ganz normal, dass sie Neugierde zeigte, also nutzte sie die Gelegenheit, sich alles gründlich anzusehen, während sie zum Stationsgebäude schlenderte, um sich dort in die Schlange an der Toilette einzureihen. In zehn Jahren hatte sich hier nicht viel verändert. Den Asphalt des großen Parkplatzes hatte man ein wenig ausgebessert, aber das lag auch schon eine Weile zurück. Die Mauern hatten sie nicht ausgeweitet — das hätte nur eine Vergrößerung der Verteidigungsmauern bedeutet, die sie im Notfall besetzen mussten. Oh, der Laden war ein wenig besser sortiert, und ein paar mehr Kinder wimmelten mit Frauen von den Farmen herum, die hier einkauften, aber im Großen und Ganzen war es einfach ein typischer General Store, wo es Futtermittel und Saatgut gab und ein Zentrum für die Prämienbearbeitung. Sie kaufte sich ein Glas Apfelsaft und ein paar Salzbrezeln und ging wieder auf den Parkplatz hinaus. Die einzige Mechanikerstation war heute mit einem Traktor beschäftigt. Zum Glück schien niemand im Konvoi entsprechenden Bedarf zu haben. Drüben bei der Verbrennungsanlage zahlte der Prämienagent für ein paar Postie-Köpfe. Sie rümpfte die Nase, als der Wind umschlug und ihr den unvergesslichen Gestank von toten Posleen herübertrug, in den sich Motoröl und Auspuffdämpfe mischten. Mit ihrem Imbiss ging sie zu dem VW-Bus zurück und entfernte sich damit von den widerlichen Trophäen. Sie betrachtete die verschiedenen Trucks und Busse und dazwischen hie und da auch einen Personenwagen und seufzte. Es würde vermutlich noch mindestens eine Viertelstunde dauern, bis sie sich wieder in Bewegung setzten, und sehr viel mehr gab es hier eigentlich nicht zu sehen. Deshalb zog sie ihren PDA heraus und nutzte den Rest der Pause, um sich durch die Tagesnachrichten zu klicken.

Die Straße nach Spartanburg wirkte recht ruhig, die Landschaft entlang der Autobahn wechselte von Feldern und Kühen in der Nähe von Columbia zu dichten Pinien- und Pappelwäldern, die ein paar Meter hinter der Roundup-Zone begannen. Diese Bezeichnung im Volksmund für die Ränder der Fernstraße war dem Tanklastwagen zuzuschreiben, der alle paar Monate hinter dem Konvoi mit einem Sprühansatz herfuhr, um den Straßenrand mit billigem Herbizid zu besprühen. Die Bundesbehörden hatten schon recht früh entschieden, dass dies einfacher, billiger und sicherer war als Mähtrupps einzusetzen, um ein kleines, aber hinreichendes freies Schussfeld zu erzeugen. Im Frühjahr wanderten Ausläufer des Buschwerks schnell wieder zurück, um das verlockende freie Gelände mit reichlich Sonneneinstrahlung zurückzugewinnen — so wie es aussah, würde bald eine neue Runde des Sprühtrucks erforderlich sein.

Die zarte Vegetation am Rand war für die Herden von Whitetails besonders attraktiv, die sich an das ungestörte Äsen morgens und abends gewöhnt hatten, wenn sie weder von Konvois noch von anderem Verkehr gestört wurden. Gelegentlich auftretende wilde Posleen sorgten dafür, dass die Herde klein blieb. Gesunde Rehe konnten gewöhnlich vereinzelte Posleen-Normale wittern und ihnen so entkommen. Unglücklicherweise für die Rehe reichte das aber nicht aus, wilde Normale von ständigen Versuchen dieser Art abzuhalten. Dies wurde dem Konvoi klar, als ein Jährlingsbock unmittelbar vor einem Kirchenvan aus Nashville aus dem Gebüsch schoss, diesen zu einer Vollbremsung veranlasste, was wiederum den Sattelschlepper dahinter auf den Van aufprallen ließ, weil er nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte.

Callys erster Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmte, war das Knirschen von Metall hinter ihnen und das Schnattern eines Maschinengewehrs, es klang wie eines der MG-90, die auf den Sattelschleppern montiert waren. Sie griff sich die.45 aus dem Handschuhkasten, während Reefer eine Verwünschung ausstieß und das Steuer herumriss, als der Fahrer des Busses vor ihnen auf die Bremse trat und mitten auf seiner Fahrspur anhielt, sodass der Van etwas langsamer dicht neben dem Bus zum Stillstand kam. Auf die ganze Länge des Konvois hielten die etwa dreißig Fahrzeuge an, aus denen er bestand, und die Fahrer und Schützen suchten zuerst nach Posleen, sahen dann, als sie keine entdeckten, auf ihre Detektoren und schalteten ihre Funkgeräte auf Kanal neunzehn für die offizielle Konvoiinformation.

»Eingangstür, hier Truck siebzehn.« Die Frauenstimme sprach im gedehnten Tonfall der Texaner. »Wir haben einen toten Postie, ein defektes mittleres Passagierfahrzeug und ein paar kleinere Fahrzeugschäden hier hinten. Negativ zu Postie-Emissionen und hochwertigem Gerät. Negativ Kamm. Bloß ein weiteres wildes Normales. Wir brauchen einen Sani und müssen die irgendwo unterbringen, weil der Van nicht mehr funktioniert. Bitte kommen.« Der Empfang war ungewöhnlich klar, schlicht und einfach, weil der Funkverkehr kaum Konkurrenz hatte. Freilich, es gab ein wenig Knistern von Sonnenflecken und anderem unvermeidbarem Zeug, aber dies war jedenfalls eine überraschend billige Methode, einen Konvoi zusammenzuhalten. Außerdem entsprach es der Tradition.

»Verstanden, Siebzehn. Johnny, hast du deine Ohren an?«

»Verstanden, Eingangstür. Ich habe meine kleine schwarze Tasche und bin unterwegs, bitte kommen.«

»Verstanden. Siebzehn, alles, was nicht beschädigt ist, soll sich aufreihen, und Johnny soll wieder anrufen, sobald er die Verletzten versorgt hat. Bitte kommen.«

»Ver-stan … Larry, hör auf, an dem Ding rumzufingern. Das kannst du machen, sobald wir diese Kirchenleute … ups. Das Ding ist immer noch an. Tut mir Leid, Eingangstür, Ende.«

»Hey … äh … Marilyn?« Reefer war um seinen Bus herum auf die rechte Seite gegangen, wo sie mit dem Rücken zum Bus stand das Geschehen aufmerksam beobachtete. »Kannst ruhig wieder einsteigen und das Ding in den Handschuhkasten tun, Mann, ich meine, ist ja ziemlich blöd, wenn einer von diesen Posties auf die Straße gerannt kommt, aber ehrlich gesagt, seit ich hier fahre, ist nie mehr als eins von diesen Dingern auf die Straße gerannt gekommen.«

Cally ging zum Bus zurück, warf einen Blick auf den Sensor am Armaturenbrett und stieg wieder ein. Die Waffe verwahrte sie nicht im Handschuhkasten, aber Reefer zuckte bloß die Achseln und schob sich einen frischen Streifen Kaugummi rein. Selbst noch vor zwanzig Jahren hätte der Konvoi einen Kreis gebildet statt einfach stehen zu bleiben wie ein Rudel Kindergartenkinder. Diese Gleichgültigkeit beunruhigte sie, aber als sie die negativen Sensoranzeigen am Armaturenbrett und auf dem Bildschirm ihres PDA sah, der mit dem Straßennetz verlinkt war, ging ihr Adrenalinpegel langsam zurück, und die Zeit floss wieder im normalen Tempo dahin.

Obwohl es ihr natürlich länger vorkam, dauerte es tatsächlich nur etwa zehn Minuten, bis der Konvoi sich wieder in Bewegung setzte, um einen Van kürzer, aber ohne Verluste an Menschenleben. Auf der anderen Seite der Straße, an der Baumgrenze, äste ein Rehbock ungerührt im frischen Grün.

Die Trading and Bounty Station von Spartanburg unterschied sich kaum von der von Columbia. Die Stadt war nicht Teil von Fortress Forward gewesen, und deshalb war der Zustand der Gebäude ganz unterschiedlich: eine ganze Anzahl waren durch Selbstzerstörungssysteme gesprengt worden, manche andere von den Posleen geplündert. Aber der Leerstand während der Posleen-Besetzung und der zögernde Verlauf der Rückgewinnung durch die Menschen hatte den aus der Vorkriegszeit stammenden Teilen der Stadt zugesetzt. Genau genommen war die Station nicht Teil der ursprünglichen Vorkriegsstadt. Vielmehr hatte man eine der am wenigsten beschädigten Ansammlungen von Tankstellen und Raststationen repariert, zusätzlich eine Verbrennungsanlage und Stromgeneratoren zur Versorgung der Station installiert und dazu den nötigen Wasserturm sowie entsprechende Abwasseranlagen gebaut. Das Bundesbüro für Wiederaufbau hatte einen Wall um die neu entstandene Anlage und ein paar benachbarte Gebäude errichtet, einen Fertigbau für das Personal dazugestellt und es damit gut sein lassen.

Am deutlichsten unterschied Spartanburg sich von der letzten Station durch die lange Schlange an der Zahlfunkstation, als die Angehörigen der Gruppe von Nashville ihre Freunde und ihre Familien zu Hause anrufen wollten.

Die Bewohner der Station waren es offenkundig gewöhnt, dass die Konvois bei ihnen Mittagspause einlegten. Eines der Gebäude innerhalb der Schutzmauern war eine Imbissstation, die noch aus der Vorkriegszeit stammte. Im Laufe der Jahre hatte die Sonne das Plastikmaterial um das flache Dach des Gebäudes vergilben lassen. Die Stahlstange, die früher einmal eine Leuchtschrift getragen hatte, war verlängert worden und trug jetzt die Funkantenne der Station.

Auf dem Parkplatz des Restaurants standen uralte Picknicktische aus verschiedenen Materialien, die man offenbar überall zusammengekratzt hatte. Vielleicht ein Drittel davon stammte noch aus der Vorkriegszeit. Eine Hand voll Mädchen im Teenageralter in Shorts und T-Shirts bedienten. Callys Omelette war zäh und überteuert, aber die Bedienung gab sich große Mühe, schenkte ihr mehrfach Wasser nach und entschuldigte sich mit einem freundlichen Lächeln für die Qualität des Gebotenen.

»Wenn du den Geschmack von dem Zeug hier loswerden willst, solltest du dir in dem Laden dort drüben ein kleines Glas eingelegte Pfirsiche besorgen. Einer von unseren Nachbarn verkauft sie, und die sind wirklich gut. Ich meine, wenn man Pfirsiche mag.«

»Danke, werde ich tun.« Cally lächelte, wobei ihr die wehmütigen Blicke des Mädchens, die ihrem PDA galten, nicht entgingen.

»Du bist College-Studentin … nicht wahr? Das muss schön sein.« Das trug ihr einen bösen Blick eines anderen Mädchens ein, das ein wenig schneller als sie bediente.

»Ja, mir gefällt es. Wo willst du dich denn bewerben?«

»Das würde nichts nützen.« Das Mädchen wurde rot. »Die nehmen einen nicht, wenn man aus einem anderen Staat kommt, sofern man nicht Geld hat.«

»Ich kenne eine ganze Menge auswärtige Studenten. Und es gibt schließlich auch Stipendien.«

»Dazu muss man Prüfungen bestehen. Ich habe mich erkundigt.« Sie warf dem anderen Mädchen einen finsteren Blick zu, als dieses, mit einem Stapel gebrauchter Teller beladen, einen unfreundlichen Laut von sich gab. »Ich wette, von deinen auswärtigen Freundinnen kommt keine von einer Prämienfarm, oder?«

»Wenn du die Prüfungen nicht schaffst, musst du eben lesen und studieren, bis du es schaffst.«

Das Mädchen lachte. »Bibliothek.« Sie deutete auf den Wohnwagen des Bounty-Agenten. »Zwei Regale voller Lexika aus der Vorkriegszeit und ein zerfleddertes Exemplar von Ledergöttinnen von Phobos.«

»Das kann doch nicht dein Ernst sein.« Cally fiel die Kinnlade herunter.

»Nee.« Sie grinste verkniffen. »Na ja, es sei denn, du zählst die Pornomagazine mit, die Agent Thomas unter seinem Bett verstaut. Ich habe mich schon mal so gelangweilt. Ups, ich muss jetzt gehen, die Pfirsiche solltest du echt versuchen.« Sie zuckte zusammen, als sie das Gesicht der Frau in mittleren Jahren sah, die aus dem mit Isolierband geflickten Plastik-»Fenster« der Imbissbude heraussah, und fing an, leere Teller und Besteck einzusammeln.

Cally starrte ihr einen Augenblick lang nach, ehe sie in ihrem Rucksack nach einem abgegriffenen Exemplar von Pygmalion wühlte und das Buch einen Augenblick lang anstarrte.

Ich kann mir ja wieder eins besorgen. Sie stopfte das Trinkgeld des Mädchens hinter den Einbanddeckel, leerte ihr Wasserglas und ging dann zu der Tür, wo das Mädchen gerade herauskam, um sich die nächste Ladung abzuholen. Als sie den roten Handabdruck im Gesicht des Mädchens und ihre geröteten Augen sah, presste sie die Lippen zusammen und drückte ihr das Buch in die Hand. »Du darfst nie aufgeben«, redete sie ihr zu, griff ihr unters Kinn und drehte ihr den Kopf herum, damit sie ihr in die Augen sehen musste. »Niemals aufgeben. Niemals. Du schaffst das.«

Das Mädchen zuckte zusammen und musterte ihr Gegenüber scharf, als ob ihr plötzlich der Verdacht gekommen wäre, dass sie viel älter als zwanzig war, was auch immer sonst sie sein mochte. Sie lächelte grimmig, stopfte sich das Buch in die Tasche und machte sich wieder an die Arbeit.

Cally hörte sie murmeln »Danke, Ma’am«, als sie zu dem VW-Bus zurückschlenderte, wieder exakt wie eine Studentin auf Reisen, bemüht, ihre Selbstvorwürfe wegen Verletzung ihrer Tarnung nicht zu offensichtlich werden zu lassen.

Vor den Mauern verzog Cally das Gesicht, als sie das Kudzu-Gestrüpp am Straßenrand sah. »Das gibt Probleme mit Abat, nicht wahr?«

»Was? Ja, und wie. Das kommt an diesen Orten häufig vor. Wenn es kein gutes Anbauland ist oder dicht beim Haus von jemandem liegt, geht es niemand etwas an. Da reinzugehen und das Zeug wegzuschaffen, das macht ’ne Menge Arbeit, und dafür kriegt man keine Prämien und die eigene Saat wächst davon auch nicht. Bis dann irgendein armer Teufel von einem Grat gebissen wird. Ich kann dir bloß sagen, Mann, auf der ganzen Welt gibt’s nicht genug Geld, um mich zum Farmer zu machen.«

Als das Land und die Straße dann hügeliger wurden, türmten sich zuerst die kleinen, immer größer werdenden Bäume und das Gestrüpp wie grüne Mauern entlang der Straße auf, dann kamen riesige Granitdurchbrüche, als sie in die Blue Ridge Mountains hinaufklettern, die wie eine gewaltige Wand vor ihnen aufstiegen, welche der nachmittägliche Dunst nur geringfügig weicher machte. Jetzt, wo das sich ändernde Terrain es nicht mehr nötig machte, eine Roundup-Zone zu haben, tauchten hier und da kleine Grasinseln und irgendwelche Cally unbekannten blauen Blumen auf, die sich im Felsboden festkrallten und gelegentlich dazwischen ein paar leuchtend gelbe Kleckse von Bergazaleen. Reefer schaltete die Klimaanlage ab und kurbelte die Seitenscheiben herunter, um die frische, kühle Bergluft hereinzulassen. Cally gab sich Mühe, nicht die Nase zu rümpfen, weil damit auch der Auspuffgestank des restlichen Konvois hereinkam, und schlang sich ihr Haar zu einem Pferdeschwanz, damit ihr die dunklen Locken nicht ins Gesicht flogen.

An einem der Durchstiche konnte man noch Reste von einigermaßen exotischem Schutt erkennen, wo sie den Wall in die Luft gejagt hatten, die Straße dann nach Fertigstellung der Green River Gorge Zugbrücke beim Wiederaufbau der Route zum Hafen von Charleston neu zu eröffnen.

An der Zugbrücke gab es keine Verzögerung, weil der vorderste Truck bereits synchronisierte Codes vorausgefunkt hatte, um den Brückenwärter zu verständigen. Cally beruhigte es, den ungewöhnlich wachsamen Mann dabei zu beobachten, wie er ganz offensichtlich den Konvoi und seine sämtlichen Sensoren im Auge behielt, während der VW über die heruntergelassene Brücke polterte.

Nach der ersten Ausfahrt hinter der Brücke überholten sie gelegentlich lokalen Verkehr — hie und da einen uralten Pickup-Truck oder einen Off-Roader aus den Berggemeinden, die nach der großen Entlassungswelle überlebender Soldaten nach dem Krieg wieder zu einem Leben zurückgekehrt waren, wie sie es die letzten vierhundert Jahre geführt hatten. Ein wenig ärmer vielleicht, aber was machte das Leuten schon aus, die sich an dieses Hochland ebenso gewöhnt hatten und es liebten, wie ihre Vorfahren ihr früheres Zuhause geliebt hatten; schließlich hatten sie ihre Berge, ihre Nachbarn, und für sie fühlte sich die gerade erträgliche Armut, die sie umgab, eher wie ein vertrautes, ausgetretenes Paar alter Schuhe an, als sie wirklich zu belasten. Ihre Berge waren nichts für Weichlinge, Faulpelze oder habgieriges Volk, aber sie hatten sie vor einer Gefahr beschützt, die weichere und reichere Leute völlig hilflos gemacht hatte. Dieses Wissen hatte die Zuneigung der Ortsansässigen zu ihren Bergen zu einem immer währenden Band geschmiedet, das eigentlich weit über bloße Zuneigung hinausging und bis zu respektvoller Ergebenheit reichte. Und das war einer der Gründe dafür, dass die ländlichen Regionen in den Appalachen die wohl niedrigsten Abwanderungsquoten auf dem ganzen Planeten hatten. Die Bewohner dieser Bergregion wussten zwar, dass es in der modernen Galaxis viele Orte gab, wo Menschen leben konnten, aber dieser Ort hier gehörte nur ihnen, und sie waren fest entschlossen, ihn auch zu behalten.

Es war früher Abend, aber noch recht hell, als der Konvoi in den Baldwin-Pass einfuhr, wo die Southeast Asheville Urb lag. Sie bogen vom Blue Ridge Parkway auf die Victoria Road und fuhren durch die zerfallenen Überreste vierzig Jahre alter Befestigungsanlagen in das Tal — mit einem Sammelsurium von Sensorboxen und Sendern bestückte Anlagen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit die ortsansässigen Bauern dort angebracht hatten und auch unterhielten, weil sie mehr daran interessiert waren, ihr Land und ihr Vieh zu schützen, als irgendwelche Abschussprämien zu sammeln. Asheville verfügte über Energie, ausreichenden Schutz und reichliche Kühlmöglichkeiten und war deshalb Rinderland; es verkaufte einen großen Teil seines minderwertigen Rindfleischs an die örtlichen Urbs und schickte die besseren Qualitäten nach Charleston, damit die Touristen dort ein gepflegtes Steak-Dinner bestellen konnten. Reefer, offensichtlich ein Städter, hatte die Fenster wieder geschlossen und die Klimatisierung eingeschaltet, als der erste Schwall Kuhmist hereingeweht war — ihr machte das nichts aus.

Das Allererste, was Cally auffiel, als sie in Sichtweite der Fahrzeugbereitstellungszone von Asheville Urb kamen, war die größere Zahl von Menschen, die den Wall besetzt hatten, und die geringe Aufmerksamkeit, die all die Menschen ihrer Aufgabe widmeten. Einige trugen Kopfhörer, die aber ihrem rhythmischen Kopfnicken nach zu schließen Musik und nicht etwa Informationen lieferten. An einer Ecke des Walls plauderte eine junge Frau in Wachuniform mit einem Zivilisten. Eine weibliche Uniformierte stand über dem Einfahrtstor und blickte nach draußen. Aber während ihre Augen die Hügel absuchten, sah es die meiste Zeit nach ihren Handbewegungen zu schließen aus, als hätte sie auf der Mauerkrone ein Solitärspiel liegen, mit dem sie befasst war.

»Ich denke, so dicht bei der Zivilisation gibt es nicht allzu viele Wilde«, meinte Cally als sie durchs Tor fuhren, schlüpfte wieder in ihre Sandalen und schloss den Roman, den sie gerade auf ihrem PDA las.

»Hä?«

»Also, diese Wachen, ich muss schon sagen, die sahen doch recht gelangweilt aus. Nicht dass ich große Vergleichsmöglichkeiten hätte, denn bei uns zuhause haben wir die nicht«, sagte sie.

»Oh, yeah«, nickte er. »Die sind hier ziemlich locker, weißt du? Ich war schon oft mit ihnen zusammen, wenn ich hier durchkam. Das Mädchen, mit dem ich geredet habe, hat gesagt, es wird ganz gut bezahlt, und das ist auch ein Bundesjob, also sind die Nebenleistungen in Ordnung.« Er schluckte und schob sich wieder einmal einen Streifen Kaugummi hinein. »Für mich wäre das nichts, Mann, ich meine, nicht dass es stressig wäre oder so, aber ich könnt’s einfach nicht ertragen, für den Bund zu arbeiten.«

»Ich auch nicht«, meinte sie grinsend. »Und was passiert jetzt?«

»Na ja, ich muss halt auf die Tussi von einem der Restaurants warten und hören, was sie kaufen möchte, und dann muss ich meinen Bus morgen für den Konvoi herrichten. Und dann, na ja, ich schätze Abendessen und irgendwo übernachten. Vielleicht finde ich eine Party, aber eine, wo’s nicht zu heiß hergeht, du weißt schon, wo ich doch morgen wieder fahren muss.« Einen Augenblick lang wirkte er ziemlich unschlüssig. »Oh, tut mir Leid.«

»Du musst hier oft durchkommen. Ich frag dich ja ungern, wo du ja schon so viel für mich getan hast, aber könntest du mir vielleicht einen Tipp geben, wo ich zu Abend essen kann und, na ja, auch übernachten, aber es darf nicht so teuer sein?«, fragte sie und sah dabei zu Boden und scharrte mit dem Fuß im Sand.

»Oh, kein Problem. Ich treffe mich mit einer Freundin, also bin ich bis morgen früh völlig weggetreten, sei mir nicht böse. Ah … die Cafeteria ist große Scheiße, also geh da gar nicht erst hin. Dort zahlst du mit Asheville-Urb-Kaloriencredits, und bei dem Wechselkurs ziehen die dir das Fell über die Ohren. Ich schätze, am besten bist du in der Mall dran, dort gibt’s ne Menge Verkaufsstände. Taco Hell war ganz in Ordnung, als ich das letzte Mal dort war, aber das liegt jetzt schon ein paar Monate zurück, und damals war ich ganz knapp bei Kasse. Was Zimmer betrifft, würde ich dir, wenn du ein Kerl wärst, sagen, nimm das Motel vor dem Wall und lass dein Zeug im Bus, aber an deiner Stelle würde ich mir da ehrlich gesagt lieber einen Urbie-Typen für ’nen One-Night-Stand aussuchen, denn besonders elegant ist die Bude nicht.« Er runzelte die Stirn, kratzte sich das Kinn unter seinem Bart und blickte verdrossen. »Scheiße. Bleib doch einfach da, bis Janet kommt. Vielleicht weiß sie was für dich, für die Nacht, meine ich, die Hotelpreise in der Urb sind einfach unglaublich, ehrlich, Mädchen.«

»Oh, nein, ist schon in Ordnung. Ich will mich nicht in dein Date drängen oder so was. Ich meine, ich habe mir schließlich die Busfahrt hierher gespart und hatte vor, über Nacht zu bleiben. Das geht schon klar.« Sie legte ihm die Hand auf den Arm und lächelte beruhigend.

»Ach was, bleib einfach da. Dann lernst du Janet kennen, und wir können zusammen reingehen. Ich kann wenigstens dafür sorgen, dass die dich nicht zu schlimm bescheißen, wenn du dein Hotelzimmer mietest. Oh, ’tschuldigung.« Et ließ sie einfach stehen und ging zu einer etwas übergewichtigen Frau in mittleren Jahren hinüber, die ein Klemmbrett in der Hand hielt und einen kleinen Wagen mit einem Eimer hinter sich herzog, der halb voll Wasser war.

Während Reefer und die Restaurantbesitzerin feilschten, wandte Cally sich wieder Marilyns Liebesroman auf ihrem PDA zu und lehnte sich dabei an den Bus, aus dessen offenem Fenster Musik drang … dog has not been fed in years. It’s even worse than it appears but it’s all right. Cows giving kerosene, kid can’t read at seventeen …

Nach einer Weile zog die ältere Frau ihren Wagen weiter, wobei ein wenig Wasser aus dem Eimer spritzte. Reefer blieb zurück und machte sich eine Weile an seinen Tanks zu schaffen, während allmählich die Nachmittagssonne hinter den Bergen versank. Schließlich seufzte er, kam zu ihr herüber, kratzte sich mit einer Hand am Hinterkopf und blickte in den Sonnenuntergang. »Äh … hör mal, du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du hier ein paar Minuten auf Janet warten würdest, während ich mich für den Konvoi morgen eintrage. Ich meine, sie kennt meinen Bus, also, wenn du sie siehst … äh … sie ist ziemlich schmächtig, okay? Und sie hat gerades, schwarzes Haar, bis hierher, und dürfte so alt sein wie du. Hast du … äh … wie soll ich das sagen … äh … hast du je von den Gothic-Leuten gehört?«, fragte er.

»Äh … nein. Na ja, weißt du … sie trägt meistens Schwarz, okay? Und Silberschmuck. Wahrscheinlich wird sie ’ne ganze Menge Silberschmuck tragen. Und an einem Handgelenk hat sie eine echt coole Tätowierung, so etwas Keltisches. Links, denke ich. Du kannst sie gar nicht übersehen. Also … äh … wenn sie hier … äh … auftaucht, während ich weg bin, und das wird sie wahrscheinlich, würdest du ihr da sagen, dass ich gleich wieder da bin?« Er biss sich auf die Unterlippe, reckte den Hals und sah zum Eingang der Urb hinüber, als könnte er sie heraufbeschwören, wenn er nur oft genug hinsah.

»Geht klar, Reefer, ich sage ihr, du bist gleich wieder da«, sagte sie.

»Klasse. Danke, Mann.« Er ging auf die Reihe von Sattelschleppern zu, die die vordere Partie des Konvois von Charleston gebildet hatte.

Als Reefer mit seiner Konvoinummer für den nächsten Tag zurückkam, hatten sich die Wolken in strahlende Schmierer aus grellem Pink und Orange verwandelt. Als er außer Cally niemand bei seinem VW vorfand, sackte ihm der Unterkiefer herunter.

»Shit«, murmelte er halblaut, als er die Fahrertür öffnete und seinen Rucksack herauszog. »Ich schätze, ich habe dich umsonst hier warten lassen. Tut mir Leid, Marilyn. Äh, gehen wir, denke ich.«

Cally griff sich wortlos ihren Rucksack und folgte ihm auf das Tor der Urb zu. Der Parkplatz war mit Schlaglöchern übersät und hätte dringend eine neue Asphaltschicht gebraucht, aber die frisch aufgemalten Streifen auf dem ausgebleichten Asphalt ließen erkennen, dass das für die unmittelbare Zukunft nicht geplant war. Selbst aus der Ferne konnte sie sehen, dass die Mauern im Eingangsbereich der Urb mit Graffiti bedeckt waren, einige davon neu, andere mit den Jahren ebenso verblasst wie die ursprüngliche Farbe des Gebäudes.

Als sie auf das Tor zugingen, kam ein Paar in ausgeblichenen Jeans und kunstvoll zerrissenen schwarzen T-Shirts auf sie zu. Reefer schien sie zu erkennen, und sein Schritt stockte kurz, aber er ging dann gleich weiter. Als sie voreinander standen, registrierte Cally sein etwas angestrengtes Lächeln.

»Also, ich muss schon sagen, cool. Hi, Janet. Janet, das ist Marilyn. Marilyn, Janet.« Seine Stimme klang etwas gequält. Cally trat neben ihn und legte den Arm um seine Taille. Das Wenigste, was ich tun kann. Er hat mich mitgenommen und unterwegs nichts Hässliches getan. Außerdem ist Marilyn sensibel.

»Oh, freut mich, dich kennen zu lernen.« Janet legte den Kopf etwas in den Nacken, um zu dem hageren Jungen in ihrer Begleitung aufblicken zu können. »Thad, das ist der Typ, von dem ich dir erzählt habe, Reefer. Du bist ein guter Maler, Mann. Freut mich.«

»Yeah, klar.« Er griff nach der Hand, die Cally um seine Hüfte gelegt hatte, und strahlte sie dankbar an. Dann herrschte einen Augenblick lang verlegenes Schweigen, als sie einander gegenseitig musterten. Thads roter Backenbart kontrastierte schrill mit den neonblauen Spitzen in seinem schwarzen Haar. Auf der einen Schulter, wo er den Ärmel aus dem Hemd gerissen hatte, konnte man den eintätowierten Kopf eines Posleen-Gottkönigs mit gesträubtem Kamm und aufgerissenem Maul sehen. Auf der Stirn trug er eine metallisch goldene Tätowierung eines Blitzes. Seine Haut war völlig rein, typisch für eine Generation, die Akne mit derselben Skepsis betrachtete wie ihre Großeltern Erzählungen aufgenommen hatten, in denen es darum ging, am Morgen durch den Schnee zur Schule zu gehen.

Cally brach die inzwischen peinlich werdende Stille, indem sie Reefer in den Po zwickte und grinste, als der zusammenzuckte. »Hey, Babe, holen wir uns was zu futtern, oder wie?«

»Hey, Marilyn, ist ja wirklich nett von dir, aber das brauchst du nicht zu tun.« Das flüsterte Reefer ihr ins Ohr, als sie die Wohnkorridore zu Janets Apartment hinuntergingen, wobei er sich drei Schritte hinter seiner Ex-Freundin und deren neuem Typen hielt.

»Schsch«, sie legte ihm den Finger auf die Lippen, »ist schon in Ordnung.«

»Wir können nach oben gehen und uns im Hotel Zimmer nehmen, separate Zimmer natürlich, und auch wenn ich wie eine Schlafmütze aussehe, du hast mir wirklich den Abend gerettet …«

»Schsch.« Sie hielt ihn wieder an und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich mache da kein Angebot, ich brauche bloß ’ne Bleibe für die Nacht und du ein wenig moralische Unterstützung, also beruhig dich und halt die Klappe, ja?« Und von der handwerklichen Seite her ist es gut, wenn man nirgendwo einchecken muss.

»Hey, ihr beiden, besorgt euch ein Zimmer«, rief Janet über die Schulter gewandt nach hinten.

»Aber gern doch, deins.« Cally grinste zurück. »Na ja, schön, jedenfalls deinen Futon.«

Abgesehen von dem unvermeidbaren Futon war das Erste, was Cally an dem Apartment auffiel, dass irgendwer den Auslass für den Rauchmelder mit Isolierband verklebt hatte und dass die Filter über den Luftauslässen geflickt waren. Das Zweite war der tragbare Luftreiniger in der Ecke, der an einer Steckdose in der Wand hing. Der ohnehin schon kleine Raum wirkte infolge der düsteren holographischen Plakate diverser Musiker und Gruppen, mit denen der Großteil der Wände bepflastert war, noch kleiner. Einzige Ausnahme bildete der Quadratmeter Wandfläche, wo der dünne Vidscreen hing. Schwarze, rote und silberne »Fantasiefische«, in deren Schuppenmuster diverse Motive einprogrammiert waren, schwammen auf dem Bildschirmschonerprogramm hin und her. Cally entdeckte ein Ankh, ein Eiderzeichen (komplett mit einer neonblauen Flamme), ein Spinnennetz und einen Davidsstern im Kreis und und und.

Der Futon befand sich in Couchstellung an der dem Bildschirm gegenüberliegenden Wand. Zwei Türen führten in andere Räume. Bei dem einen handelte es sich eindeutig um das Bad, das konnte man aus dem nackten GalPlas-Boden schließen. Das andere musste das Schlafzimmer sein. In derselben Ecke wie der Luftreiniger stand unter einem Schreibtisch eine kleine improvisierte Kücheneinheit — Mikrowelle mit einer großen Schüssel und einem Wasserbehälter oben und einem kleinen Kühlschrank unten. Diverse Fertiggerichte füllten die Regale des Schreibtischs. Schmutzige Wäsche, leere Lebensmittelpackungen, leere Flaschen und Dosen und Würfelbehälter bedeckten den Fußboden.

»Mögt ihr gerne Filme?« Ihre Gastgeberin kam ohne die geringsten Anzeichen von Verlegenheit herein, wischte den Kram von einem der beiden Stahlrohrklappsessel auf den Boden, hob eine Hand voll Würfel auf und sortierte sie. Dann blickte sie zu Thad auf. »Was meinst du, Süßer, Die Höhle der weißen Würmer, Wiedergänger II oder Die Nacht des Gottkönigs: Die Rückkehr!«

»Keine Ahnung.« Er ging zum Kühlschrank, öffnete ihn und fing an, Bier zu verteilen. »Höhle ist vielleicht ganz cool. Hey, Reefer, hat dein Name was zu sagen, Mann?«

Der warf Cally einen verlegenen Blick zu, musste aber dann zu dem Schluss gelangt sein, dass es schon in Ordnung sei, denn er schlüpfte aus den Trageriemen seines Rucksacks, legte seine Klamotten auf den Boden und zog ein ziemlich großes vakuumversiegeltes Päckchen in klarem Plastik heraus. Janets Laune schien das erheblich zu steigern, denn sie zog eine kleine Plastikwaage unter dem Futon heraus und warf das Päckchen darauf. »Ein ganzes Kilo? Für uns? Verdammt, Reefer, da hast du ja einen Treffer gelandet. Taugt der Shit was?«

»Und ob! Ihr könnt’s mir glauben. Als ob ich euch verarschen würde! Das ist der gewaltigste Jamaica Blue, den ihr je gesehen habt«, sagte er.

»Also, nicht dass ich je an dir zweifeln würde, Mann, aber das habe ich schon mal gehört.« Das Mädchen musterte die Packung argwöhnisch. »Also, schön, der übliche Preis vorab, wir probieren den Stoff, und wenn es wirklich guter Shit ist, und ich meine total guter Shit, dann sagen wir zehn Prozent drüber, in Dollar.«

»Waaas? Willst du sagen, du vertraust mir nicht? Verdammt, Janet, hab ich dir nicht jedes Mal den geilsten Stoff von der ganzen Route gebracht?« Er griff sich in einer Geste verletzter Unschuld an die Brust.

»Yeah, wenn man mal von dem Zeug absieht, das mit Oregano verschnitten war«, sagte sie.

»Okay, einmal, vor vier Jahren. Und der Scheißkerl, der das gemacht hat, also, na ja, ich meine, der ist weg. Ich meine, total weg, klar? Außerdem war das das letzte Mal, dass jemand meinen Shit befingerte, wenn ich nicht dabei war. Und habe ich das beim nächsten Trip nicht in Ordnung gebracht? Sag’s mir, hab ich’s in Ordnung gebracht oder nicht?«

»Na ja, Reef, das muss ich ja zugeben. Trotzdem, du hast dir das ganze Gemecker ja nicht anhören müssen, das ich über mich ergehen lassen musste. Okay, also zwölf Prozent drüber, in Dollar.«

»Fünfzehn in FedCreds«, konterte er.

»Reef, ich muss in der Lage sein, den Stoff zu einem Preis zu verkaufen, den meine Kunden sich leisten können. Du bist schließlich nicht der einzige Typ, der hier mit einem Konvoi durchkommt, weißt du. Zehn in FedCreds ist absolut das Maximum für mich — elf, wenn du noch ein weiteres Kilo davon hast. Und wenn der Stoff so gut ist, wie du behauptest«, schränkte sie dann ein.

Er lächelte schief, zog ein zweites Päckchen aus dem Rucksack und legte es zu dem ersten auf die Waage. Janet prüfte das Gewicht, nahm dann in jede Hand ein Päckchen und verglich sie sorgfältig, um sich zu vergewissern, dass sie gleich aussahen, ehe sie sie neben die Waage auf den Boden legte, nickte und ins Schlafzimmer zurückging. Cally hörte ein leises metallisches Klicken, dann kam die Frau mit einem großen Umschlag in das Zimmer zurück, zählte einen gemischten Stapel aus Dollar- und FedCred-Banknoten vor ihrem Lieferanten und anschließend einen weiteren Stapel FedCreds auf eine Milchkiste mit einem Sperrholzdeckel, die offenbar als eine Art Couchtisch fungierte.

»Hey, Janny, wenn du jetzt dann mit Kaufen fertig bist, könnten wir uns doch etwas von dem Stoff reinziehen, oder?«, erkundigte sich Thad mit weinerlicher Stimme. Dann nahm er den Würfel, den sie vorher neben den Stuhl hatte fallen lassen, und klickte ihn in das Abspielgerät unter dem Bildschirm. »Dieser Film ist echt cool, ich wette, du kämst nie darauf, dass der nach einem Buch gemacht ist, das irgend so ein alter Typ geschrieben hat«, gab er sachverständig zu verstehen. »So steht’s jedenfalls im Vorspann.«

Der jüngere Mann schob ein schmutziges T-Shirt beiseite, hob ein älteres Buch vom Boden und klappte es auf. Es war nicht zu übersehen, dass man einen Teil der Seiten herausgeschnitten hatte, damit das Buch als eine Art Kassette für Zigarettenpapier dienen konnte. Cally drehte den Kopf etwas zur Seite und konnte auf dem Buchrücken Oliver Twist lesen, als er es wieder hinlegte und seiner Freundin ein paar Papers in die Hand drückte.

Das Mädchen steckte den vollen Beutel in einen leeren, schnitt die Versiegelung mit einer Rasierklinge auf, holte einen Reißverschlussbeutel aus der Milchkiste und bemerkte dabei, wie Cally sie mit hochgeschobenen Augenbrauen beobachtete, als sie ein Paper auf die Waage legte und ein sorgfältig abgezirkeltes Quantum davon und die gleiche Menge aus dem gerade gekauften Beutel dazu tat.

»Bester North-Carolina-Tabak. Der Beste, den die anzubieten haben. Mein Alter ist Prämienfarmer«, meinte sie und tippte dabei auf den Beutel Marihuana, »aber das hier züchtet er nicht. Schade eigentlich, aber er will einfach nicht. Immerhin kann man Zigarettenpapier von ihm kriegen.«

Sie rollte mit geschickter Hand einen Joint, zündete ihn an, nahm einen tiefen Zug, behielt den Rauch einen Augenblick in der Lunge. Dann blies sie den Rauch wieder aus, legte kennerisch den Kopf zur Seite, kicherte kurz und reichte den Joint ihrem Freund weiter.

»Verdammt, Reefer, du hast Recht. Das ist wirklich klasse Shit«, sagte sie und nickte ihm zu. Er griff sich den Stapel FedCreds und stopfte sie in seinen Rucksack.

Als Cally an der Reihe war, bemerkte sie, wie die beiden Käufer sie beobachteten und Reefer sich große Mühe gab, sie nicht zu beobachten. Sie grinste, nahm einen langen Zug und behielt den Rauch in der Lunge, als sie den Joint weitergab. Die anderen drei lockerten sich sichtlich, als Cally den Rauch herausließ und dabei ein albern/dämliches Grinsen über ihr Gesicht zog. Ein wunderbarer Abend. Ein Zimmer voll Bekiffte und ich die einzig Normale. Na schön, mich gehen die drei ja schließlich nichts an. Der Film war inzwischen angelaufen, und Cally lehnte sich an den Futon. Wenigstens war es ein vernünftiger Film, den sie nicht schon in letzter Zeit gesehen hatte. Nachdem der zweite Joint die Runde gemacht hatte, schob Janet Waage und Papers beiseite.

»Mir reicht’s. Das Knabberzeug macht schließlich dick.« Sie musterte Cally abschätzig. »Du solltest wahrscheinlich auch aufhören, Marilyn. Nimm mir’s nicht übel, aber du hast ein wenig zu viel auf den Hüften.«

»Na ja, ich bin auf das Zeug nicht gerade übermäßig scharf.« Cally lächelte kühl und amüsierte sich über den unbegründeten Vorwurf.

»Also, ich schon, Mann.« Thad wühlte in den Regalen herum, zog einen Beutel heraus und setzte sich dann neben Reefer. »Käsegebäck?«

»Hey, klar, Mann. Danke.« Das Marihuana zeigte sichtlich Wirkung bei ihm, und er beugte sich vor, um sich einen frischen Joint zu rollen, wobei er auf den Tabak verzichtete.

»Also, ich habe nicht den Tick, dass ich den Stoff wiegen muss«, lachte er, als er den säuerlichen Gesichtsausdruck seiner Freundin bemerkte. »Ich liebe dich ja, Baby, aber du hast einen Tick.«

Sie warf ihm einen Cracker an den Kopf.

Cally saß auf dem aufgeklappten Futon und starrte, die Arme um die Knie geschlungen, in die Finsternis. Janet und Thad waren eingeschlafen, Thad völlig weggetreten und Janet beinahe nüchtern. Nachdem der dritte Joint die Runde gemacht hatte, hatten Reefer und Thad sich aufgeführt wie zwei Brüder, die sich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen hatten. Der Ältere schlief jetzt den Schlaf der Bekifften; sein Schnarchkonzert konkurrierte mit einem seiner Musikwürfel und mühte sich ab, den etwas lästigen, aber alles andere als berauschenden Rauch von Eichenlaub zu durchdringen. So in der Dunkelheit wusste sie gar nicht, was sie eigentlich fühlte, ob es nun Kälte war oder Benommenheit oder Müdigkeit. Sie lehnte sich an Reefers nicht sonderlich wohl riechenden Arm und seufzte mit einem Blick zur Decke. Fast den ganzen Tag lang hatte sie jetzt Reefers Lieblingsmusik genossen, und allmählich fing diese an, ihr ein wenig auf den Geist zu gehen … in again, I’d like to get some sleep before I travel, but …

Sie hörte das Klicken, als das Schloss der Wohnungstür aufgesperrt wurde, und ihr ausgebildeter Instinkt musste sie gewarnt haben, denn sie rollte bereits vom Futon auf den Boden vor der Tür, als diese sich aufschob und zwei kräftig gebaute Frauen in der Uniform der Sicherheitspolizei eintraten. Wie groß ist die Chance …

Eine der beiden Frauen stolperte über Callys ausgestrecktes Bein, als diese sich aufrichtete. Die Welt bewegte sich plötzlich in Zeitlupentempo, als Reefer sich aufsetzte und wie eine Eule in das Licht blinzelte, das die andere Frau angeknipst hatte, als sie ins Zimmer trat. Cally stolperte über die zu Boden gehende Frau, schaffte es, die zweite aufzufangen, ihr Gleichgewicht zu halten und sie ebenfalls zu Boden zu ziehen. Auf dem Weg nach unten stieß ihre Stirn »versehentlich« gegen die Schläfe der zweiten Uniformierten, und zwar ziemlich hart. Cally wippte zurück, fiel über die erste Wache; wie zufällig saß sie dann auf ihren Schultern und griff sich an den Kopf. Gleich darauf stieß sie einen verwirrten Schrei aus. »Autsch!« Sie starrte den ungläubig blickenden Reefer aus glasigen Augen an, als Janet aus dem Schlafzimmer geschossen kam. »Ich hab mir den Kopf angestoßen!«

»Sieh zu, dass du von mir runtersteigst, du blöde Kuh!«, schimpfte die erste Uniformierte. Cally verschob ihr Gewicht leicht auf ihren Schulterblättern, und die Frau zuckte und fluchte dann weiter. Sie war ganz offensichtlich auf ihren Schockerstab gefallen. Die zweite Frau lag reglos auf dem Boden, als Janet mit einem grauen Plastikpäckchen in der Hand ins Zimmer geschossen kam, der ersten Uniformierten die Hose von der Hüfte wegzog und ihr blitzschnell eine Spritze verpasste. Die Wache erschlaffte. Dealing Janet tastete bei der zweiten Frau nach dem Puls, ehe sie erleichtert aufatmete und ihr ebenfalls eine Spritze in die Hüfte jagte.

»Herrgott, hast du ein Glück gehabt. Um jemanden k.o. zu schlagen, musst du sie praktisch umbringen.« Sie sah sich auf dem leeren Korridor vor dem Apartment um und schüttelte dann den Kopf, ehe sie die Tür schloss.

»Autsch«, wiederholte Cally kläglich und hielt sich die Hand an den Kopf, als sie von der jetzt bewusstlosen Uniformierten herunterstieg und unsicher zum Bett taumelte.

»Was zum Teufel war da los?«, wollte Janet wissen und sah zuerst Reefer, dann Cally und schließlich die beiden bewusstlosen Frauen auf dem Boden an.

»Äh … ich habe ein Geräusch gehört, und das hat mich erschreckt, und ich habe versucht aufzustehen, aber, na ja, dann bin ich gestürzt. Autsch.«

»Gestürzt?«, wiederholte Janet wie ein Echo.

»Ja, Mann. Das war total verrückt.« Reefer rieb sich das Kinn. »Yeah, Janny, ich schwör’s dir, sie ist gestürzt. Es war, als wollte sie ihr Gleichgewicht halten, und schließlich ist da kein Platz, wo doch der Futon aufgeklappt ist und alles das, und die sind einfach zu Boden gegangen. Mann … ich kann bloß sagen, wow

»Hast du ein Tylenol? Ich denke, ich habe mir auch den Knöchel verstaucht.«

»Moment mal, lass mich deine Augen sehen.« Sie hielt mit einer Hand Callys Kinn und schob ihr den Kopf hoch ins Licht, sah ihr in beide Augen. »Also, nach einer Gehirnerschütterung sieht mir das nicht aus, schätze ich. Teufel noch mal, deine Augen sehen besser aus als meine, und das nach all dem Shit. Ich denke, ich werde gleich eifersüchtig.«

»Äh … was ist mit denen?« Reefer war aufgestanden, hatte sich seine Boxershorts ein Stück hochgezogen und wusste offenbar nicht, ob er die zwei Uniformierten anstarren oder seine Jeans suchen sollte.

»Äh … Tylenol ist im Medizinschränkchen im Bad, geh nur.« Janet winkte Cally hinaus, ehe sie wieder die beiden Bewusstlosen anstarrte. »Also, die waren offensichtlich allein, sonst wären wir jetzt alle bewusstlos und würden gleich eingeschlossen. Das sind Greer und Walton. Die sind echt gierig. Ich denke, die wollten uns entweder durchsuchen oder das Zeug einfach klauen. Äh … lass mich mal nachdenken.«

Als Cally ins Bad ging, sah sie aus dem Augenwinkel, wie die andere Frau zu dem Küchen-/Schreibtisch ging, sich etwas in den Mund schob und dann ein Glas Wasser einfüllte, um es runterzuspülen. Sie schloss die Tür, spülte zwei Tylenol die Toilette hinunter, zerzauste sich das Haar ein wenig, damit es so aussah, als hätte sie geschlafen, und ging ins Wohnzimmer zurück, wo Thad und Janet jetzt hellwach waren, wenn auch nicht mehr ganz so nüchtern wie vorher. Reefer half Thad dabei, den beiden Frauen die Uniformen auszuziehen, während Janet ein paar Decken auf dem Boden ausbreitete.

»Und du bist auch sicher, dass das klappen wird, Janny?«, jammerte er und zog einer der Frauen ein T-Shirt zuerst vom einen und dann vom anderen Arm.

»Was Besseres fällt mir nicht ein. Diese Schlampen werden sich an nichts mehr erinnern. Kipp sie in einen Korridor, schüft ihnen Bier drüber, werf ihre Kleider in die Verbrennungsanlage, dann, darauf wette ich, sind die von der Schmiere viel zu beschäftigt damit, alles zu vertuschen, um zu viele Fragen zu stellen. Wenn die genügend Hirn gehabt hätten, jemandem zu sagen, wo sie hingehen, hätten wir jetzt dieses Gespräch nicht.« Sie zuckte hilflos die Achseln und stellte zwei Dosen Bier neben die Decken auf den Boden. »Aber schüttet sie erst voll Bier, wenn sie dort sind, okay, Reef? Ich will nicht, dass meine Wohnung die ganze nächste Woche nach Alk stinkt.«

Cally lehnte sich benommen gegen den Futon, stieß sich dabei die Knie an und ließ sich schließlich, immer noch mit beiden Händen ihren Kopf haltend, herunter.

»Äh, kann ich jetzt wieder schlafen?«, murmelte sie.

»Äh … klar.« Janet musterte sie scharf, schien sie aber dann nicht mehr zu beachten, als Cally sich zusammenrollte und sich das zweite Kissen über die Augen zog.

Nevis and St. Kitts

Donnerstag, 16. Mai

Mit dem Ausbleiben der Touristen und des Geldes, das diese ins Land brachten, war es auf vielen Karibikinseln während und nach dem Posleen-Krieg zu einem erheblichen Bevölkerungsrückgang und demzufolge gelinde gesagt erheblichen Umweltschäden gekommen. Nevis and St. Kitts hatten Glück gehabt. Je nachdem wie man das sah, konnte man natürlich auch sagen, dass sie klug gewesen waren. Eine strikte Einwanderungspolitik, die vor und während des Krieges nur Einwanderer zugelassen hatte, die FedCreds oder erhebliche Dollarbeträge mitbrachten, hatte es der Regierung ermöglicht, genügend Hiberzine und Lebensmittel vom Festland einzulagern, um sowohl die ursprünglichen Bürger wie auch die auserwählten wenigen Neuen damit zu versorgen.

Unglücklicherweise hatte ein Hurrikan, der die Insel erfasst hatte, eine der Anlagen mit Patienten unter Hiberzine getroffen. Man ging davon aus, dass einen, der aufs Meer hinausgespült worden war, nicht einmal Hiberzine retten konnte — jedenfalls dann nicht, wenn die Haie sich einmal mit ihm befasst hatten. Auf diese Weise hatten die Behörden plötzlich über große Beträge in harter Währung auf örtlichen Banken verfügt, auf die keine Angehörigen Anspruch erhoben. So wie die Dinge lagen, hatten weder die Ortsansässigen noch die wiederbelebten Patienten der beiden anderen Hiberzine-Anlagen nachhaltige Einwände erhoben, als die Regierung dieses Kapital für Investitionen zur Wiederbelebung der touristischen Attraktionen der Inseln benutzt hatte. Zugegebenermaßen gab es in der Nachkriegswelt nicht viel Tourismus, aber um den wenigen, den es gab, bemühte Nevis and St. Kitts sich und bekam ihn auch.

Nicht dass der schlanke, jung aussehende Mann mit schütterem Haar, der jetzt unter einem Sonnenschirm lag und die Salzluft und einen Mai-Tai mit einem winzigen Papierschirm genoss, sich mit derartigen Gedanken beschäftigt hätte. Stattdessen galt sein Denken, wie es ja häufig und bei vielen Menschen der Fall war, dem Thema Geld. Genauer gesagt der Herausforderung, mehr davon an sich zu bringen und dabei seinen Arbeitgeber im Unklaren über die Herkunft der Gelder und die bloße Existenz seiner zusätzlichen Mittel zu lassen.

Der Ort, an dem er sich augenblicklich befand, hatte mit dieser Herausforderung viel zu tun. Er hatte eine Vorliebe für schnelle Autos, große Häuser sowie Designerkleidung und unterschied sich darin nicht von vielen seiner Zeitgenossen, aber in seinem Alltagsleben hätte er sich damit verraten. Stattdessen hatte er einen Kompromiss gefunden, der es ihm erlaubte, einen Teil seines nicht ganz legalen Einkommens zu nutzen, ohne dass seine Freude an anderen kleinen Luxusgütern getrübt wurde. Der Atmung, beispielsweise. Und so lebte er im Alltagsleben von seinem seiner Ansicht nach völlig unzureichenden Gehalt. Und ein- oder zweimal im Jahr, wenn er Urlaub hatte, verschwand er von der Bildfläche. Aus der Sicht seiner Arbeitskollegen war er ein Naturfreund, der seine Urlaube auf anstrengenden Wanderpfaden in der Natur verbrachte. In Wirklichkeit freilich hielt er sich dann an Orten wie diesem auf, wo er teure Kleidung tragen, in teuren Lokalen essen, in teuren Hotels absteigen, sich mit teuren Frauen vergnügen und, ganz allgemein gesprochen, in dem Stil leben konnte, den er vorzog. Am Ende seines Urlaubs wanderte seine Kleidung in irgendeine wohltätige Sammelstelle, was ihn zwar ziemlich ärgerte, was er aber als eines der kleinen Opfer so lange hinzunehmen bereit war, bis er es sich leisten konnte, in den Ruhestand zu treten. Sehr anonym, natürlich.

Plötzlich versperrten zwei eindeutig männliche Beine seinen bis zu diesem Zeitpunkt äußerst befriedigenden Ausblick auf eine schlanke Brünette in einem Monokini. Sie verfügte nicht über sehr reichliche weibliche Attribute, aber was sie hatte, war auf attraktive Weise verteilt. Er blickte leicht verstimmt aus zusammengekniffenen Augen zu seinem unwillkommenen Besucher auf.

»Mr … Jones. Schön, Sie hier zu finden«, sagte der andere Mann. Er war eher schmächtig gebaut und mit einer Badehose bekleidet, aber etwas an seinem Haarschnitt und seiner Haltung deutete auf militärischen oder polizeilichen Hintergrund. Mit seinem dunklen Haar und den dunklen Augen wirkte er beinahe wie ein Teenager, allenfalls Anfang zwanzig, aber die alten Augen ließen sofort den Runderneuerten erkennen.

»Mr. Smith. Wir waren doch erst heute Abend verabredet.« Die Stimme des Mannes mit der beginnenden Glatze wirkte leicht gereizt.

»Nun ja, sagen wir, ich habe mich nach Ihrer faszinierenden Gesellschaft gesehnt, Mr. Jones.«

»Nun, dann setzen Sie sich doch«, meinte Mr. Jones und deutete auf den Sand neben sich, wobei er den anderen mit einem etwas reptilhaften Lächeln musterte. Die Ungeduld konnte Geld bedeuten. Geld bedeutete schöne, langbeinige Frauen in wesentlich intimerer Umgebung. Er würde sich für Mr. Smith Zeit nehmen.

»Ihre andere Information hat sich als richtig erwiesen, wie Sie ja sicherlich bereits festgestellt haben, als Sie zuletzt Ihren Kontostand überprüften. Das steigert die Aussicht auf weitere Geschäfte. Wir wären beispielsweise bereit, großzügig für den Namen einer Organisation zu bezahlen.«

»Ich halte sehr viel von beruflicher Sicherheit, Mr. Smith. Zu viel zu schnell macht mich ersetzbar. Oder, noch schlimmer, verzichtbar. Wie wäre es mit dem Namen eines anderen Agenten — an einer Stelle, wo Sie bereits penetrieren konnten?«

»Dafür würden wir einhunderttausend FedCreds bezahlen.«

»Was?! Das ist ja nur die Hälfte von dem, was Sie für den letzten bezahlt haben.«

»Die wissen nichts, Mr. Jones. Was Ihnen ja zweifellos bekannt ist. Wir wollen ein wenig mehr. Wir wollen etwas in Ihrer Organisation, Mr. Jones. Oh, wir sind bereit, für die Namen weiterer Agenten in unserer Organisation zu bezahlen. Schließlich muss man ja sein Haus in Ordnung halten. Aber wir zahlen wesentlich mehr für, nun ja mehr. Mehr, Mr. Jones. Aber hunderttausend FedCreds sind eine Menge Geld. Wir hätten natürlich Verständnis dafür, wenn Sie lieber auf Nummer Sicher gehen und sich mit weniger einverstanden erklären würden.«

Der Mann mit der Glatze knirschte mit den Zähnen, während der militärisch aussehende Mann ihn lächelnd musterte. Es war kein sonderlich nettes Lächeln. Es wirkte irgendwie wissend und auf die Weise alles andere als freundlich.

»Ich werde ein wenig darüber nachdenken müssen, was ich Ihnen in dieser Hinsicht anbieten kann.«

»Das verstehe ich durchaus, Mr. Jones. Vergessen Sie nur bitte nicht, dass wir für mehr auch mehr bezahlen werden. Und für weniger weniger.« Der Mann stand auf und wischte sich den Sand von seiner Badehose. »Bis heute Abend, Mr. Jones.«

Asheville Urb

Donnerstag, 16. Mai

Cally fuhr in ihrem Bett in die Höhe und sah sich im Zimmer um, als eine unbekannte Stimme vergnügt dröhnte: »Mann! Raus aus den Federn. Die Brandung ist da, und das wird ein gewaltiger Tag!« Reefer stöhnte und versuchte, sich unter seinem Kopfkissen zu verstecken. Sie streckte sich über ihn hinweg, schaltete seinen verdammten PDA aus und sah dann zu, schnell wieder auf ihre Seite zu kommen.

»Hey, Reef, Konvoizeit.« Sie schüttelte ihn an der Schulter und zog ihm das Kissen weg.

Seine rot geränderten Augen öffneten sich, und er starrte sie desorientiert an, ehe er schließlich die Beine über den niedrigen Bettrand schwang und in seine Jeans schlüpfte.

»Der Morgen«, verkündete er weise, »ist eine Ungehörigkeit in sich.«

Sie legte den Kopf etwas zur Seite, musterte ihn prüfend und überlegte, wie klug es wohl war, in einem von diesem Mann gesteuerten Fahrzeug unterwegs zu sein.

»Provigil?«, bot sie vergnügt an.

»Scheiße, ja, wenn du welches hast«, sagte er.

Sie wühlte eine Weile in ihrem Rucksack und brachte dann eine Tablette zum Vorschein, die sie ihm in die Hand drückte. Seine Augen weiteten sich, als er auf der himmelblauen Pille das in der Mitte eingeprägte »C« sah.

»Du scheinst gute Quellen zu haben.« Er schluckte die Pille trocken und spülte dann mit abgestandenem Bier vom Vorabend nach. »Dieser Scheiß ist Militärstandard.«

»Haben wir Zeit für fünf Minuten Duschen?« Sie rieb sich die linke Gesichtsseite, die nach ungewaschenem Mann roch, was ihr verriet, dass er in der Nacht ihr Kissen gewesen war.

»Wenn du wirklich fünf Minuten meinst und es dir nichts ausmacht, dass ich mir nebenher das Gesicht einschäume und die Zähne putze, während du dort drinnen bist. Vielleicht sollte ich auch duschen. Ich glaube, ich miefe ziemlich. Tut mir Leid«, sagte er.

»Kein Problem.« Sie griff sich mit einer Hand ihren Rucksack und ging.

Später, als sie darauf warteten, dass der Konvoi sich formierte und in Bewegung setzte, trank sie Kaffee, mampfte einen Proteinriegel und blickte zu dem Berggipfel auf, der sich über der Urb erhob. Scott Mountain stand auf der Tafel. Wie der kleinere Berg im Osten hieß wusste sie nicht, aber zwischen den Bäumen waren noch die Überreste der alten Befestigungsanlagen zu sehen. Jetzt natürlich unbesetzt. Das Eis arbeitete sich sicherlich jeden Winter tiefer in die Fugen.

»Danke für letzte Nacht«, riss Reefer sie aus ihren Gedanken. »Äh … Janet sagt, du kannst jederzeit wieder bei ihr übernachten.«

»Ich habe fast die ganze Zeit geschlafen.« Sie nahm einen großen Schluck Kaffee. »Will ich eigentlich wissen, was du mit den beiden gemacht hast?«

»Wahrscheinlich nicht.« Er grinste.

»Tödlich?«

»Oh, Teufel, nein! Man kann doch nicht rumlaufen und Bullen umbringen, und wenn sie noch so dämlich sind. Das wäre ungesund, Mann.«

»Okay.« Sie schüttelte den Kopf. »Tut mir Leid, ich bin immer noch nicht wach. Bullen waren das? Meinst du, die können uns aufspüren oder fangen oder so etwas?« Sie sah sich mit ängstlicher Miene um, als würden gleich aus dem Parkplatz Polizisten emporsprießen.

»Keine Panik.« Er legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. »In den zweiundvierzig Jahren meines Lebens hat man mich erst zweimal erwischt, weißt du? Und in den letzten zehn überhaupt nicht. Bullen sind auch nur Menschen.«

»Hat man dich, ich meine, du weißt schon, in den Knast gesteckt?« Ihre Augen wurden noch ein wenig größer und runder, als sie ihn über den Rand ihres Bechers ansah.

»Nee. Hab das Gewerbe von meiner Mom gelernt, und die war echt klasse. Weil sie die richtigen Leute gekannt hat, weißt du? Aber verdammt teuer war das.« Er blickte in die Ferne und stopfte sich wieder einmal einen Streifen Kaugummi in den Mund. »Meine Mom hat gesagt, dass die Bullen und die Politiker vor dem Krieg, was soll ich sagen, echt eklig waren, weißt du, ich meine, die haben den Leuten ständig dreingeredet, was sie nehmen dürfen, um high zu werden. Und jetzt, na ja, da gibt’s schon ein paar Bullen, die sich drum kümmern, aber die meisten lassen sich schmieren, und man muss einfach zusehen, dass man genügend weit nach oben kommt, und dann, ich meine, wenn man genügend Knete hinlegt, ist alles weg. Aber Bullen umbringen — also, in dem Punkt sind die immer noch richtig stur. Da gibt’s wohl nichts, was das ändert. Oder wenn es was gibt, dann weiß ich es nicht, weißt du?«

»Hör auf, von umbringen zu reden, Mann.« Sie fröstelte. »Du fängst an, mir Angst zu machen.«

»Oh, na ja, was weiß ich.« Er zuckte die Achseln, drückte seinen Lieblingswürfel in das Gerät und schaltete auf Mix. »Sieht so aus, als würd’s jetzt losgehen.«

Sie klappte ihren PDA auf und wandte sich wieder Marilyns Roman zu, gähnte gelegentlich, wenn der Luftdruck sich mit der Höhe änderte, als sie auf die I-40 rollten und später durch die Smokies fuhren.

Never mind how I stumble and fall. You imagine me sipping champagne from your boot for a taste of your elegant pride …

Das Seltsame an den Smokies war, dass sie einen immer wieder überraschten, ganz gleich wie oft man durchkam.

Die Blue Ridge bereiteten einen in keiner Weise auf die mächtigen Mauern aus feuchtem, dunklem Felsgestein vor, von denen jeder damals als Befestigungsmauer hätte dienen können, was sich aber als unnötig erwiesen hatte, weil es so einfach und auch wenig aufwändig gewesen war, den I-40-Tunnel für die Sprengung vorzubereiten. Zum Glück für die Leute in Asheville hatte sich das nie als notwendig erwiesen.

Ganz offensichtlich hatte man hier in letzter Zeit weniger Zeit und Geld für den Straßenunterhalt aufwenden können, als das offenbar in einem anderen Zeitalter der Fall gewesen war. Die Überreste von Schutznetzen oder Zäunen oder was auch immer das sein mochte, hingen nach wie vor an den nackten Klippen über der Straße, aber sie kamen wesentlich langsamer voran, als es möglich gewesen wäre, weil man ja nie wusste, wann man plötzlich ein Ausweichmanöver um einen Felsbrocken mitten auf der Straße fahren musste, den bis jetzt noch niemand hatte beiseite schaffen können. Ein paar Stellen, wahrscheinlich einige der schlimmsten, den alten, verrosteten Tafeln nach zu schließen, die vor Felsrutschen warnten, hatte man irgendwann einmal mit GalPlas überzogen, aber nach der fleckigen Oberfläche solcher Stellen zu schließen, war das schon eine ganze Weile her.

Nach dem Tunnel und nach Überschreiten der Grenze nach Tennessee wurde der Straßenzustand erheblich besser, aber die University of Tennessee hatte auch dafür gesorgt, dass die Wirtschaft von Tennessee zu einem der Glanzpunkte der Nachkriegserde geworden war. Seit Bundesmittel für Fernstraßen absolut der Vergangenheit angehörten, wenn man von ganz seltenen Ausnahmen wie der Strecke von Charleston zur Green-River-Brücke absah, konnte man den Wohlstand oder die Not eines Bundesstaates deutlich von seinen Straßen ablesen.

Dann endlich: Knoxville. Sie blickte auf, als sie an den Tennessee River kamen, und sah, während sie über die Brücke rollten, auf die Wasserfläche hinunter. Auf der Straße von Asheville, besonders nach der Ausfahrt nach Gatlinburg, hatten sie eine Menge nicht konvoigebundenen Verkehr gesehen, der sich in die Mischung aus Personen- und Lastfahrzeugen auf der Straße mengte. Selbst jetzt, am späten Vormittag, trug der Konvoi dazu bei, den Verkehr in Richtung auf die Ausfahrt Asheville zu verlangsamen.

»Wir erreichen hier in Volunteer Park sozusagen das Ende des Konvois«, sagte er, als sie von der Fernstraße abbogen. »Du warst als Beifahrerin echt cool, weißt du das? Wenn du Lust hast, kannst du ruhig bis nach Cincinnati mitkommen, Mann. Du bist dann zwar nicht mehr Wache oder so was, aber jetzt gibt’s ja keine Konvoitypen mehr, die mich bei meinem Boss anschwärzen, weil ich einen Passagier habe, und drum ist’s eigentlich egal. Ich kann ja immer sagen, dass ich dich in Knoxville abgesetzt habe, weißt du?«

Der Parkplatz war frisch asphaltiert, vor kurzem auch neu gestrichen worden und groß genug, um etwa doppelt so viele Fahrzeuge wie den augenblicklichen Konvoi aufzunehmen. Im Park gab es ein paar Spielplätze, die jetzt mitten am Schultag leer waren, eine Hand voll Zedern und gepflegte Blumenrabatten umgaben ihn, ein bunter Spielplatz, wo ein paar Mütter einer Schar Kinder dabei zusahen, wie sie auf den Schaukeln und Klettergerüsten herumtollten. Zwei kleine Mädchen in Shorts und T-Shirts, eine mit dünnem, hellblondem Haar, die andere mit braunen Locken, waren damit beschäftigt, in einem Sandkasten, der wie eine riesige Schildkröte aussah, eine Sandburg zu bauen.

»Also, wenn du mal für kleine Mädchen musst oder so, dann solltest du dich vielleicht beeilen und dich dann anstellen, ehe der Bus entladen wird, weißt du?«

Als Reefer das sagte, zuckte sie zusammen, als hätte sie einen Augenblick lang vergessen, wo sie war, und sah ihn dann mit glasigen Augen an, während er fortfuhr: »Ich brauche bloß ein paar Minuten, um mich von der Konvoiliste abzumelden, mein Pfand zurückzubekommen, und dann haben wir Zeit. Man braucht den Konvoi ja wegen der Sicherheit, aber, verdammt noch mal, er ist auch mächtig langsam.«

Er scheuchte sie zur Tür hinaus, und während sie über den Parkplatz eilte, um den anderen zuvorzukommen, sah sie, wie er auf die Gruppe Fahrer zuging, die sich um den Konvoimeister sammelte.

Die Toiletten befanden sich in einem schlichten Gebäude aus Hohlblocksteinen, aber es gab eine ganze Reihe davon. Da sie dem Bus zuvorgekommen war, brauchte sie nicht zu warten. Man soll nie die Gelegenheit auslassen, zu essen, zu schlafen oder zu pinkeln, und das gilt doppelt, wenn man eine Frau ist — zumindest, was Letzteres angeht.

Sie kontrollierte ihr Abbild im Spiegel. Die Dauerwelle hielt, wie erwartet, recht gut. Die Kontaktlinsen waren in Ordnung, aber heute Abend würde sie sie rausnehmen und säubern. Der Nagellack war abgesprungen und musste ausgebessert werden — gründlich sogar.

Noch vor Reefer war sie wieder bei dem VW-Bus, setzte sich auf die hintere Stoßstange und holte ihren rosa Nagellack heraus. Sie zitterte dabei bewusst etwas, damit das Ergebnis nicht zu fachmännisch aussah. Als er ein oder zwei Minuten später zurückkam, waren die Nägel bereits wieder trocken.

Jetzt wieder im Funkbereich, lud sie sich zwei weitere Romane herunter, während er den Benzinstand überprüfte. »Ich habe in der Innenstadt was zu erledigen, weißt du? Wir können uns ja in Lexington was zu essen besorgen.«

»Mich hat es gewundert, dass du in Asheville etwas von deiner Ladung verkauft hast. Ich meine, würden die denn nicht in Chicago mehr bezahlen? Ich weiß, was ich in Cincy für lebende Blaukrabben bezahlen müsste, wenn es dort welche gäbe.«

»Oh, ja, das würden die schon. Dieser Typ, ich meine, ich mache den Umweg für ihn, weil er ein guter Freund ist, aber er zahlt Chicago-Preise wie alle anderen auch, weißt du? Und was den Rest der Tour angeht, dann rufe ich vorher schon an, wenn ich ungefähr weiß, wann ich durchkomme, und, weißt du, wenn die dann was wollen, dann erwarten sie mich schon an der Ausfahrt und übernehmen die Ware. Aber eigentlich bringe ich alles bis ans Ende der Tour. Wenn dort nicht die Typen mit dem dicken Geld sitzen würden, dann würde sich die Tour sowieso nicht lohnen.«

Als sie auf der 1-40 in die Innenstadt rollten, bildete die Skyline von Knoxville einen willkommenen Kontrast zu all den Bergen und dem Farmland, obwohl sie ein wenig durch leichten Smog verdeckt war.

»Was ist das für ein Riesenmikrofon?«

»Hä? Oh, du meinst den Turm mit dem Ball oben drauf? Yeah, Mann, ich schätze, das sieht tatsächlich wie so ein altmodisches Mikrofon aus. Das stammt noch aus der Zeit vor dem Krieg. Ein Überrest von irgendeiner Vorkriegs-›Welt‹, weißt du?« Er schwenkte auf die 158 ab und nahm Kurs auf den Fluss.

»Oh, das ist interessant. Wo ist denn das Restaurant von deinem Freund?«

»Direkt am Fluss. Klasse Bude mit einem Steg und allem Möglichen.«

»Stimmt was nicht mit meinen Augen oder ist alles wirklich plötzlich orange geworden?« Als sie in die West Cumberland bogen, waren plötzlich überall große orangefarbene Transparente und Ballons mit einem silbernen Atomsymbol darauf aufgetaucht. Sie fuhren unter einem riesigen Transparent quer über die Straße durch, auf dem »AntimatterFest ›47‹!« stand. Und ein weiteres Transparent begrüßte sie in Knoxville, »Geburtsstätte des Antimaterie Zeitalters!«

»Oh, Mann!«, stöhnte er. »Das habe ich völlig vergessen. Die drehen dafür ja total durch. Hoffentlich finden wir einen Parkplatz.« Er kratzte sich am Kopf und überlegte kurz. »Kannst du fahren?«

»Oh, ja, freilich … warum?«

»Na ja, diese Leute reißen mir sofort den Arsch auf, wenn ich auch nur daran denke, auf der Straße hier in zweiter Reihe zu parken.« Dabei deutete er auf die Fußgänger, von denen mindestens die Hälfte orange Hütchen mit darüber kreisenden silbernen Atomhologrammen trugen. »Scheiße, Mann, man sollte niemals eine Stadt, die elektronischen Kram produziert, mit einem dämlichen Fest verbinden. Antimateriefeuerwerk und alles das. Völlig plemplem«, maulte er und schüttelte sich angewidert.

Die Ampel vor ihnen schaltete auf Gelb, deshalb wurde er langsamer und bremste schließlich knapp hinter dem Wagen vor ihm ab.

»Rutsch rüber!« Er drosch den Schalthebel in Parkposition, löste seinen Sitzgurt und war schon draußen. »Fahr nicht weg, bevor ich hinten drin bin, Mann!«, schrie er.

Sie klappte den Mund zu und rutschte auf den Fahrersitz hinüber, packte die Tür, die er offen gelassen hatte, stellte sich den Sitz ein und überprüfte ihre Spiegel, während er die Hintertür des VW-Busses aufriss, sich zwischen seine Tanks zwängte und darauf die Tür hinter sich wieder schloss.

»Äh, ich muss da Zeug hinten rausholen. Bieg an der nächsten Ampel links ab und dann noch mal links auf die West Main. Fahr einfach ne Weile um den Block rum, klar? Bitte.«

Wie er dort hinten herumtaumelte, den Tanks auswich, ein Stück doppelten Boden aufschraubte, sich dabei die Zehe anstieß, zwei vakuumverpackte Pakete in inzwischen vertrauter getrockneter Vegetation aus der Vertiefung zog und dann ungeschickt versuchte, die Bodenplatte während der Fahrt wieder zu befestigen, war zum Lachen, und sie hatte einige Mühe, ernst zu bleiben, aber schließlich hatte er es geschafft, seufzte tief, schnappte sich seinen Rucksack, stopfte die beiden Päckchen und deckte sie mit Kleidungsstücken zu.

»Okay, diesmal nicht abbiegen, geradeaus, ein Stück weiter, dann in diese Seitenstraße, yeah, genau, perfekt. Okay, dort jetzt anhalten, siehst du die blaue Tafel? Okay, dort bitte anhalten.« Er griff nach seinem PDA und tastete aus dem Gedächtnis eine Nummer ein. »Hey, Pete, na, wer wohl, Mann? Jo, höchstpersönlich. An deiner Laderampe, Mann. Na, jetzt natürlich. Freilich, ich hätt schon angerufen, aber weißt du, ich war voll beschäftigt, all den Leuten auf den Straßen auszuweichen, verstehst du? So, da bist du …« Er legte auf, als ein kleinwüchsiger, rundlicher Mann in einer weißen Schürze herausgerannt kam, und riss die Tür auf.

»Himmel, Ree- Mr. Jones, Sie wissen, dass ich hier nur die Krabben entgegennehme, ich hatte nicht Zeit, Joey zu holen. Mein Ruf! Ich kann es mir nicht leisten, dass man mich erwischt. Das ist gar nicht gut, Mr. Jones.«

»Also, jetzt hör mal zu, wir wollen diesen Shit jetzt gleich wieder in Deckung bringen. Bei all den Leuten, die hier rumwimmeln, wäre es viel riskanter für dich gewesen, Joey rauszuschicken, und das weißt du auch genau.« Cally lächelte still in sich hinein, als sie bemerkte, wie sich die Sprache ihres Fahrers veränderte.

»Na schön. Dies eine Mal. Komm rein und schnapp dir einen Eimer. Ich habe heute ’ne Menge Extrakunden und kann ein paar mehr gebrauchen. Wer ist sie denn?«

»Die ist cool. Komm.« Er drängte den Mann zum Tor. Der Dicke sah so aus, als würde er jeden Augenblick explodieren. Nachdem sie verschwunden waren, sah sich Cally verstohlen die Waffe an, die Reefer zurückgelassen hatte, vergewisserte sich, dass das Magazin voll und die Waffe durchgeladen war, und verwischte dann sorgfältig ihre Abdrücke, ehe sie sie wieder beiseite legte. Nicht, dass ihre Fingerabdrücke irgendwo registriert gewesen wären, aber es lohnte sich halt nicht, irgendwelche Risiken einzugehen.

Er kam allein wieder heraus, mit einem großen Eimer Salzwasser, schaufelte eine Ladung regloser Krabben hinein und murmelte dabei halblaut vor sich hin, während er den Eimer aufnahm. »Ist schon okay, Marilyn. Alles cool. Mein … Freund, der ist, was soll ich dir sagen, ein wenig scheu, weißt du? In fünf Minuten sind wir wieder unterwegs. Echt.«

Ihre Körpersprache war locker und entspannt, aber ganz ruhig, bis er allein wieder herauskam, den etwas leichteren Rucksack auf der Schulter, die hintere Tür des Busses schloss und sie vor der Fahrertür stehend mit einer Handbewegung aufforderte, wieder auf ihre Seite zu rutschen. Sie ließ dabei den Rückspiegel nicht aus den Augen und entspannte sich ein wenig, als sie die 275 erreicht hatten und die Innenstadt verließen.

»Ich muss mich entschuldigen für dieses Theater gerade, und nochmals, vielen Dank, dass du mir echt den Hintern gerettet hast. Mit Fahren, weißt du?« Er sah prüfend zu ihr hinüber. »Also, ich muss schon sagen, du bist echt cool, wenn’s eng wird, Marilyn. Wenn du das Leben auf dem College je satt haben solltest und einen Job willst, solltest du zu mir kommen. Ein wenig Ausbildung, dann würdest du das prima schaffen.«

»Oh, vielen Dank, Reefer.« Sie sah zum Fenster hinaus und biss sich leicht auf die Unterlippe. »Ich hoffe, dass ich es mit Kunst oder mit meiner Musik schaffe, aber du weißt ja, wie das Leben ist. Ich fühle mich wirklich geschmeichelt. Ich schätze, das tut mir wirklich gut, ich meine, dass ich da einen potenziellen Job bei dir habe, für den Fall, dass die Dinge, du weißt schon, sich nicht so entwickeln, wie ich mir das wünsche.«

Er gab einen Grunzlaut von sich und schob sich den nächsten Streifen Kaugummi hinein. Dann herrschte Schweigen zwischen ihnen, als sie durch die tiefen Einschnitte der Smokies fuhren, manche mit lockerem Geröll, das mit GalPlas fixiert war, einer Reihe Drainagelöchern unten und einige aus schwarzer Kohle, die in großen Hügeln aus dem GalPlas herauswuchs und nur wenige Zoll unter der Oberfläche in eine dünne, braune Schicht Mutterboden überging.

»Wenn man das sieht, versteht man, wie Tagebau funktioniert«, meinte sie und deutete auf die von der Fernstraße aufgeschnittenen Kohleberge.

»Ja, freilich, klar. Aber absolut Scheiße für die Umwelt.«

»Das waren die Posties auch.«

»Das sind die immer noch, Mann. Denk allein an den langfristigen Schaden durch Schädlinge, vor allem diese Grat und diese Abat. Wirklich Scheiße. Verdammte Aliens.«

»Oh, bist du Humanist? Hätte ich gar nicht gedacht, Reef.« Sie musterte ihn interessiert.

»Na ja, ich meine, die Krabben sind ja ziemlich ruhige Typen, wenn man mal die ganze Schaukelei hinter sich hat. Überspannt, aber man hat das Gefühl, dass sie wirklich auf diesen Aufklärungsscheiß aus sind. Und die kleinen grünen Typen, die sind einfach bloß scheu. Die Frogs, andererseits, gehen mir ziemlich auf den Geist. Schließlich weiß man nie, ob sie einen beobachten. Und die Darhel, na ja … das sind Kapitalisten, weißt du? Und, na ja, über die Posties wissen wir ja alle Bescheid. Ich denke bloß, dass die Erde echt besser dran war, ehe die hier aufgetaucht sind. Ich meine, ich bin froh, dass wir nicht alle aufgefressen worden sind, aber irgendwie wäre mir lieber, wenn die jetzt wieder verduften würden. Ich bin kein echter Humanist oder so was, aber verstehen kann ich die Leute schon. Weißt du, wir haben einander gerettet, und jetzt verschwindet gefälligst. Aber in der Öffentlichkeit würde ich das nicht so gerne sagen. Das ist ungesund.«

»Ja, wahrscheinlich. Auf dem Campus haben wir auch Humanisten, aber mir kam das immer mehr wie so’n Verschwörungskram vor.« Sie zuckte die Achseln.

»Yeah, na ja, wie alt bist du denn, zwanzig? Ich bin doppelt so alt, Mann. Wenn du erlebt hättest, wie die vernünftiger klingenden Humanisten jung wegsterben und die Spinner es sich gut gehen lassen, und wie die Vernünftigen Unfälle haben und so … irgendwie komisch, Mann, da dran stimmt doch was nicht … weißt du, ich halte bloß die Augen offen und mach den Mund nicht auf. Nicht dass ich mich auf diese Darhel-Verschwörungstheorie einlassen würde. Ich schätze, da geht’s mehr darum, dass die großen Konzerne so viel Geld wie möglich an sich raffen wollen — das ist wieder dieselbe Geschichte wie früher mit dem militärisch-industriellen Komplex, weißt du. Sich mit diesem ganzen Establishment-Ding anzulegen, das geht nur, wenn man einfach aussteigt, weißt du? Manchmal habe ich das Gefühl, wir schaffen es nur dann, dass dieser Planet wieder zu dem Garten wird, der er sein könnte, wenn die Aliens alle ihre Sachen packen und nach Hause gehen und man dann die großen Konzerne total verbietet. Dann würden wir alle wieder echt frei leben, weißt du? Aber ich schaffe es gerade, dass ich so frei lebe wie ich kann und mein Maul nicht weit genug aufreiße, um auf die Liste der Konzerne zu kommen, verstehst du?«

»Ich schätze, ich kann da beide Seiten sehen«, erwiderte Cally. »Ich meine, ich hatte da eine Kunstvorlesung, die war echt cool, da wurde drüber geredet, unter welchem Druck wir in den verschiedenen Jobs stehen würden und welche Auswirkung das auf unsere kreative Authentizität hat. Andererseits ist die Vorlesung, die am Campus den meisten Zulauf hat, die, die sich ›Aliens in der Kunst‹ nennt. Ich kann’s immer noch nicht glauben, dass ich da reingekommen bin. Die müssen die Studentenzahlen ganz klein halten. Die Thikp … Tchpth … Krabbe war wirklich komisch. Die hat da etwas gesagt so ähnlich wie, friedliche Kunst sei gute Therapie für blutdürstige, Fleisch fressende Barbaren.« Sie grinste. »Bloß dass es verdammt schwierig war, den Kerl zu zeichnen, weil die sich nämlich nicht ruhig halten können, weißt du?«

Er schmunzelte, und dann setzte wieder Schweigen ein, weil er sich auf die Straße konzentrierte und sie sich wieder einen von Marilyns Liebesromanen vorgenommen hatte.

Schließlich wichen die Berge sanften Hügeln mit allen möglichen Laubbäumen, deren Namen sie nicht einmal dann gekannt hätte, wenn man ihr viel Geld dafür gegeben hätte, und ein paar Trauerweiden dazwischen. Je flacher das Terrain wurde, desto häufiger konnte man auf den Hügeln weiße oder schwarze Bretterzäune sehen, hinter denen Pferde oder Ponys weideten, die meisten mit Fohlen. Als sie das erste Mal in Kentucky gewesen war, war sie sehr enttäuscht gewesen, weil das Gras dort überhaupt nicht blau war. Selbst jetzt, wo sie es besser wusste, war es irgendwie enttäuschend.

Der extraterrestrische Markt für Pferde war eines der seltsameren Ergebnisse des Kontakts mit den Galaktern gewesen. Die Indowy waren von den intelligenten, geselligen Pflanzenfressern entzückt gewesen, und selbst die Tchpth hatten gelegentlich gemeint, dass es auf der Erde eine angehend intelligente und zivilisierte Spezies gäbe. Und wenn die Himmit auch nicht gerade Haustiere kauften, schienen sie doch von den Beziehungen zwischen Pferden und Indowy fasziniert. Die Folge war, dass die Pferdezucht in Kentucky mehr Raum als je zuvor einnahm und die Züchter im Augenblick die Nachfrage kaum decken konnten, besonders, wenn es um Ponys und Miniaturpferde ging, die als Haustiere verkauft wurden — was dazu geführt hatte, dass die Pferdezucht zu einer der verlässlichsten planetarischen Quellen für FedCreds geworden war. Einmal kamen sie sogar an einem Feld vorbei, wo zwei Ponys von einem Indowy-Käufer inspiziert wurden, dem es nicht das Geringste auszumachen schien, dass die Stute und ihr Fohlen ihm sanft das Fell leckten.

Reefer hatte voraustelefoniert, als sie die Grenze zum Pferdeland überschritten hatten. Als sie daher auf der Fahrt durch Lexington die Interstate verließen und auf den Parkplatz eines Waffle House rollten, parkte er hinter dem Restaurant neben einem uralten grünen Off-Roader, dessen Fahrer jetzt seinen PDA weglegte und um den Wagen herumging, um die hintere Scheibe herunterzukurbeln.

»Wie wär’s, wenn du reingehst und uns einen Platz besorgst? Wir könnten ja eigentlich hier zu Mittag essen.« Reefer deutete mit einer Kopfbewegung auf das Restaurant. Es stand an einer verkehrsreichen Hauptstraße neben einer Menge anderer Restaurants, aber er hatte so geparkt, dass ihn nur wenige Leute sehen konnten, während er seine Ware an den Mann brachte. Unglücklicherweise bedeutete das, dass ihr der Gestank eines Müllcontainers ins Gesicht schlug, als sie auf den heißen Asphalt trat, was dazu führte, dass sie etwas wehmütig zu dem eleganten italienischen Kettenrestaurant auf der anderen Straßenseite blickte, während sie auf den Eingang des Waffle House zuging.

Als Reefer hereinkam, saß sie an der Theke, hatte neben sich einen Sitz freigehalten und bereits ihren Kaffee bekommen; jetzt pickte sie an einer Pecan-Waffel herum. Er brauchte nicht lange, um ein Omelette und eine Cola zu verputzen, dann ging die Fahrt weiter. Obwohl sie das Stadtzentrum links liegen ließen, waren doch die vielen historischen Bauten Lexingtons nicht zu übersehen. Sie hatte ein etwas seltsames Gefühl in der Kehle und fragte sich, ob sie vielleicht eine Erkältung ausbrütete. Es war, als würden sie durch ein winziges Stück Vorkriegserde fahren, und sie konzentrierte sich bewusst auf ihren Bildschirm, als draußen die Landschaft vorbeihuschte und gelegentlich langsamer wurde, wenn ein Zirpen von irgendwo unter dem Armaturenbrett die Anwesenheit des höchst illegalen dort unten versteckten Geräts verriet.

Als das Zirpen zum ersten Mal zu hören war, spürte sie, wie er zu ihr herübersah. Als sie zu ihm aufblickte und die Achseln zuckte und sich dann wieder ihrem Buch zuwandte, grunzte er nichts sagend und schob sich wieder einmal einen Kaugummi in den Mund, schien aber von dem Augenblick an nicht mehr beunruhigt, wenn sich der Detektor vernehmen ließ — er wurde lediglich langsamer, bis das kleine rote Licht an seinem Würfelspieler erlosch.

Am späten Nachmittag setzte er sie an einer Tankstelle in der Nähe der Ausfahrt Hopple Street in Cincinnati ab. Als sie ihren Rucksack und ihren Koffer aus dem Wagen hievte, ihm die Hand schüttelte, höflich, ein weiteres Jobangebot ablehnte und dem VW-Bus nachsah, wie er die Zufahrt zur Interstate hinaufrollte, konnte sie immer noch die Musik seiner Würfel hören … can’t revoke your soul for tryin’, Get out of the door and light out and look all around. Sometimes the ligth’s all shinin’on me; Other times I can barely see. Lately it occurs to me …

Als er ihren Blicken entschwunden war, trug sie ihre Sachen zu der Telefonzelle, um sich ein Taxi zu rufen. Dann setzte sie sich auf die Bank neben dem Telefon und wartete, studierte ihre Umgebung und die Mischung aus hohen, ganz schmalen alten Stadthäusern und kleinen Industriebauten beiderseits der Straße. Die Busstation befand sich zwischen der Tankstelle und einer Reparaturwerkstätte für Haushaltsgeräte. Auf der anderen Straßenseite konnte sie durch die Lücken zwischen zwei Häusern die Skyline der Innenstadt erkennen, die allerdings zum größten Teil vom Smog verdeckt war, sodass man nur undeutliche geometrische Konturen erkennen konnte.

General Beed vermittelte es ein Gefühl der Wichtigkeit, dass man ihn zu einer Besprechung in Chicago einbestellt — nun ja, eigentlich eingeladen — hatte, um dort seinen nächsten Auftrag zu besprechen. Nach dem Krieg gab es, nun ja, eine große Zahl alter Generäle mit großer Erfahrung, die, so wie die Dinge jetzt standen, sehr lange leben würden. Er hatte das Glück gehabt, im aktiven Dienst bleiben zu können und leitete die Kriminalermittlungsabteilung der Region Südost. Das war eine wesentlich wichtigere Position, als es auf den ersten Blick den Anschein gehabt hatte, schließlich war der Südosten für den Wiederaufbau der restlichen achtundvierzig Staaten der kontinentalen USA von lebenswichtiger Bedeutung.

Der Konferenzsaal hätte vor dem Krieg jedem an der Börse notierten Großkonzern zur Ehre gereicht — der Konferenztisch aus auf Hochglanz poliertem Holz, Gemälde an den Wänden, üppiger Teppichboden in elegantem Rosa, wofür es wahrscheinlich einen hochtrabenden Namen gab, und frisch getünchte Wände — alles Erinnerungen an eine Art von Vorkriegsopulenz, wie man sie heutzutage nur noch selten zu sehen bekam, ganz besonders beim Militär. Und der Ausblick vom Fleet Strike Tower war atemberaubend grandios. Rang brachte ganz eindeutig Privilegien mit sich. Er hob die Hand, um sich durch Tasten zu vergewissern, dass sein Schnurrbart in Ordnung war, strich sich vorsichtig über das dunkelblonde Haar, um den Sitz seiner Frisur zu kontrollieren, dabei sorgsam darauf bedacht, sie nicht in Unordnung zu bringen — obwohl das nach reichlicher Benutzung von Haarspray keine große Gefahr darstellte. Fast machte es ihm nichts aus, hier auf General Vanderberg warten zu müssen. Fast.

Als der Major General schließlich den Raum betrat, beeindruckte er Beed in keiner Weise. Der Austausch von Ehrenbezeigungen verschaffte ihm, wie immer, einen kurzen Augenblick, um sich ein Bild von dem anderen Mann zu machen und einen ersten Eindruck zu entwickeln. Die Verjüngungsbehandlung half natürlich, und er konnte weder an der Uniform des Mannes noch seinem gepflegten Aussehen einen Makel erkennen. Dennoch sollte ein General von Fleet Strike wie ein General aussehen, und die krumme Nase, die fast zusammengewachsenen Augenbrauen und aus seiner Jugend übrig gebliebene Aknenarben hinterließen einen allgemeinen Eindruck einer, nun ja, Gewöhnlichkeit, die nach der Erfahrung seines Gastes nicht dem Bild eines guten Generals entsprach. Unglücklicherweise hatte ihn auch niemand nach seiner Meinung gefragt. Dennoch, man erwies dem Rang den gebührenden Respekt, und der Mann schien zumindest auf eine Art und Weise fit, die auf ein lobenswertes Maß an Fitnesstraining hindeutete. Er war, ebenso wie Beed, drahtig und schlank gebaut, eine typische Läuferfigur, wie man sie gewöhnlich mit guten Soldaten in Verbindung brachte, und das ließ in ihm ein wenig freundlichere Gefühle gegenüber dem anderen aufkommen.

»General, man hat Sie in Verbindung mit einem höchst sensiblen Einsatz im Bereich der Nachrichtendienste hierher beordert. Lassen Sie mich bitte etwas vorweg sagen, ehe ich fortfahre. Die Information, die Sie jetzt von mir erhalten werden, ist top secret, Codebezeichnung Hartford. Sie werden das, was Sie jetzt erfahren, mit niemandem diskutieren, der nicht ganz konkret auf der für Hartford freigegebenen Personenliste steht; Sie sind nicht befugt, irgendwelche Personen zu dieser Liste hinzuzufügen. Die Codebezeichnung ›Hartford‹ selbst ist ebenfalls geheim, und Sie sind nicht befugt, Hartford gegenüber irgendwelchen Personen zu erwähnen, die nicht auf der Einsatzliste stehen. Haben Sie verstanden?«

»Ich verstehe, Sir«, sagte Beed würdevoll und bemühte sich, noch eine Spur aufrechter zu stehen.

»Wir haben in letzter Zeit gewisse Informationen und schlüssige Beweise dafür erhalten, dass eine sowohl der Föderation wie auch Fleet Strike feindlich gesonnene Organisation existiert, die den Willen und die Fähigkeit unter Beweis gestellt hat, auf ziemlich hohem Niveau Agenten bei Fleet Strike einzuschleusen und diese Agenten über längere Zeiträume unentdeckt operieren zu lassen. Das ist praktisch die gesamte Information, die uns über jene Organisation zur Verfügung steht, und auch das wüssten wir ohne eine Kombination aus einer Sicherheitspanne auf Seiten jener Organisation und sehr viel Glück und kluges Handeln vor Ort auf unserer Seite nicht.«

»Sir, das klingt …«

»Lächerlich, unglaublich, unerhört — ja, ich weiß. Alles das und noch mehr. Wir haben uns mit Spekulationen sehr zurückgehalten, um nicht irgendwelche Vorurteile aufkommen zu lassen, haben aber dennoch eine Liste bekannter Gruppen oder Ideologien mit feindseliger Einstellung gegenüber der galaktischen Föderation oder den nicht menschlichen Rassen oder Fleet Strike selbst aufgestellt. Diese Liste reicht von Elementen in der Regierung der Vereinigten Staaten bis hin zu der humanistischen Bewegung der Familien für Christus.«

»Familien für Christus?«, wiederholte Beed ungläubig.

»Sie sind offenbar in hohem Maße mit der großen Zahl von Ehen nicht einverstanden, die zerbrochen sind, nachdem nur der Ehemann verjüngt worden ist. Sie behaupten, es gäbe da eine erfolgreiche Verschwörung von Satanisten, die sich die Zerstörung der amerikanischen Familie zum Ziel gesetzt hat. Und selbstverständlich gibt es Querbeziehungen zwischen dieser Gruppe und den Humanisten.«

»Wenn Sie hier von der Regierung der Vereinigten Staaten sprechen, denken Sie vermutlich an den Konstitutionalisten-Club der Republikanischen Partei?«

»Jede Gruppe hat ihre extremen Randelemente. Sie sind immer noch sehr unzufrieden damit, dass die ursprünglichen Verträge mit den Galaktern für den Bau der Suburbs ausdrücklich jede Änderung der internen Regeln verbieten, die sie zu waffenfreien Zonen für Zivilpersonal machen.« Vanderberg zuckte die Achseln. »Wie ich schon sagte, bei dieser Feststellung handelt es sich ausschließlich um Spekulationen. Konkret wissen wir erschütternd wenig. Ihr Einsatz steht in Verbindung mit einem Operationsplan, den wir entwickelt haben, um dieses Problem zu lösen.«

Vanderberg stand auf und begann auf und ab zu gehen.

»Sie werden in Kürze das Kommando über die Dritte MP-Brigade übernehmen, deren Hauptquartier sich auf der Basis Titan befindet. Der größte Teil der Brigade befindet sich unter fähigen, Ihnen unterstellten Offizieren im vorgeschobenen Einsatz. Ihr XO, Colonel Tartaglia, ist ein äußerst tüchtiger Mann, der schon längst befördert worden wäre, wenn es die durch Verjüngung entstandenen Beförderungshindernisse nicht gäbe. Das Büro Ihres Hauptquartiers befindet sich ganz nahe bei der CID, was Ihnen eine konzeptuell vertraute Umgebung einbringt und reichlich Zeit und Energie, um sich auf diese Aufgabe zu konzentrieren. Weil Sie eine Person brauchen werden, der Sie absolut und uneingeschränkt vertrauen können, werde ich Ihnen meinen persönlichen Adjutanten als Ihren neuen Adjutanten zur Verfügung stellen. Er verfügt über eine volle Freigabe für Hartford-Material, und Sie werden sicherlich seine Dienste als ebenso hilfreich empfinden, wie das bei mir der Fall war.«

»Ah, ich bitte um Vergebung, General, aber sagten Sie Basis Titan? Das ist ohne Zweifel ein erstrangiges Kommando, dennoch verblüfft es mich, dass wir ausgerechnet diesen Stützpunkt für eine nachrichtendienstliche Operation auswählen.«

»Die Sicherheit in physischer Hinsicht ist auf Titan bedeutend höher. Aus verschiedenen Gründen glauben wir nicht, dass die gegnerische Organisation, was auch immer sich hinter ihr verbirgt, dort ebenso stark sein wird. Nach erfolgreichem Abschluss der ersten Phase möchten wir nicht, dass Sie irgendwelche Risiken eingehen. Aber wollen wir doch fortfahren und Ihren neuen Adjutanten rufen.« Er kratzte sich kurz am Kinn.

»Jenny«, wies er dann sein AID an, »schick uns Lieutenant Pryce rein.«

»Aber gern, Peter«, antwortete eine kühle Sopranstimme.

Beed war zwar nicht davon begeistert, dass man ihm bei der Wahl seines persönlichen Adjutanten keine Mitbestimmung einräumte, aber sein erster Eindruck des schlanken, dunkelhaarigen jungen Mannes war durchaus positiv. Dem Lieutenant war in Anbetracht der völlig normalen Nervosität in Gegenwart hochrangiger Vorgesetzter unangenehm, dass ihn das Tablett mit Kaffee, das er trug, davon abhielt, die gebotene Ehrenbezeigung auszuführen. Der General hatte gerade Zeit zu der Überlegung gehabt, dass die graue Seidenuniform des jungen Mannes makellos war, wie es sich auch gehörte, als der erste Eindruck abrupt ins Gegenteil umkippte, indem dieser Idiot Pryce über die eigenen Füße stolperte und ihm das ganze Tablett mit heißem Kaffee und allem, was dazugehörte, in den Schoß kippte.

»Verdammte Scheiße!« Beed sprang hoch, das Gesicht vor Schmerz, Wut und Schrecken puterrot, als der unselige Offizier anfing, mit den kleinen Papierservietten, die mit dem Kaffee auf dem Tablett gewesen waren, an Beeds nasser Seide herumzutupfen. Wahrscheinlich hätte es etwas genutzt, wenn die Servietten nicht schon selbst mit vergossenem Kaffee getränkt gewesen wären.

So verzichtete er unter großer Zurückhaltung darauf, diesem Vollidioten eine Standpauke zu halten, die dieser verdiente, weil er wusste, dass das vor dem ranghöheren General und, was noch viel schlimmer war, seinem infernalischen AID, schlechten Eindruck machen würde. Die verdammten Dinger zeichneten schließlich alles auf, einschließlich verständlicher, aber dennoch peinlicher Augenblicke, die man am besten vergaß. Die augenblickliche Situation war zwar peinlich, aber ganz entschieden nicht verständlich; vermutlich würde sich ja der augenblickliche Vorgesetzte später unter vier Augen darum kümmern, diesem tollpatschigen Lieutenant die gebührende Abreibung zu verpassen.

»Jenny, könntest du bitte Corporal Johnston mit ein paar Papierservietten hereinschicken?« Dem General schien der gesellschaftliche Fauxpas seines Adjutanten kaum etwas auszumachen. »Pryce, würden Sie bitte dem General eine frische Tasse Kaffee besorgen.«

»Äh, nein! Ich meine, das ist schon in Ordnung. Nicht nötig.«

»Tatsächlich sind wir mit all den Dingen, die persönlich diskutiert werden müssen, ohnehin praktisch fertig. Sie wollen sich sicherlich sobald wie möglich umziehen, und deshalb wäre es vielleicht am besten, wenn ich Pryce mit einem Ausdruck sämtlichen Hintergrundsmaterials über Ihr neues Kommando mitschicken würde. Ich weiß, dass Sie Hardcopy vorziehen.« Vanderberg stand auf und streckte Beed die Hand hin, was diesem keine andere Wahl ließ, als sie zu schütteln, obwohl er von seinem neuen Vorgesetzten alles andere als entzückt war. »Willkommen an Bord.«

»Freut mich, dass ich diese Gelegenheit bekomme, Sir.«

Nachdem der mit Kaffee getaufte Brigadier General den Raum verlassen hatte, wandte Vanderberg sich dem unglückseligen Lieutenant zu und grinste breit. »Die Streifen eines Lieutenant stehen Ihnen gut, General Stewart. Besonders mit diesem Bartflaumgesicht.«

»Hey, kann ich was dafür, dass man mich erst vor kurzem runderneuert hat? Warum waren Sie eigentlich so scharf darauf, dass ich diesem Trottel den Kaffee auf die Hose schütte?« General James Stewart schenkte sich von dem Tablett ein, das Corporal Johnston gleich nach Beeds Abgang hereingebracht hatte.

»Dann habe ich Ihnen wohl gar nicht gesagt, warum ich den Kerl nicht ausstehen kann?« Er zog eine Schreibtischschublade auf, entnahm ihr eine Metallflasche ohne Etikett, schraubte sie auf, schüttete einen reichlichen Schuss ihres Inhalts in seine Tasse und sah dann den jüngeren Mann mit fragend hochgeschobenen Augenbrauen an.

»Nein, General, ich hab’s Ihnen einfach geglaubt, dass Sie sehr gute Gründe hatten.« Er hielt ihm die Tasse hin und rührte den hervorragenden Scotch, um den es sich dem Geruch nach handelte, in den Kaffee.

»Sie haben doch Benson kennen gelernt. Sie hat, ehe sie Urlaub nahm, um eine Familie zu gründen, in der Logistik für mich gearbeitet.« Vanderberg lehnte sich an seine Schreibtischkante und nahm genießerisch einen Schluck aus seiner Tasse.

»Brünett, etwa so groß?« Stewarts Hand zeigte auf einen Punkt etwa in gleicher Höhe mit seinem Kinn.

»Genau die. Sie hat vorher für Beed gearbeitet. Der hat ihr eine der schlechtesten Beurteilungen gegeben, die ich je gesehen habe. Und hat damit eine viel versprechende Karriere zerstört. Benson war übrigens in Logistik ausgezeichnet und nach meiner Einschätzung ein sehr guter junger Offizier.«

»Sie wollen sagen, dass sie sich die lausige Beurteilung nicht verdient hat.«

»Ich will sagen, dass der Mistkerl sie fertig gemacht hat, weil sie sich nicht von ihm hat flachlegen lassen. Aber das konnte sie nicht beweisen. Kein Wunder, dass der Dreckskerl nirgendwo in seiner Umgebung ein AID duldet. Ganz zu schweigen, dass es mehrere Fälle gegeben hat, wo seine Kumpel aus der Hudson School for Boys es gerade noch mit Mühe geschafft haben, seinen Hintern zu retten.«

»Okay. Das erklärt den Kaffee.« Stewart grinste. »Aber warum dieses Theater und die ganze Maskerade?«

»Das erzähle ich Ihnen beim Abendessen. Jane hat Sie schon lange nicht mehr gesehen.« Er klopfte eine Zigarette aus seinem Päckchen. Seit einen Zigaretten nicht mehr umbringen und auch nicht mehr süchtig machen konnten, war ihre Popularität insbesondere bei Runderneuerten wieder stark angestiegen. »Jenny, ruf Jane an und sag, sie soll zum Abendessen decken, ja?«

»Wird sofort erledigt, Peter.«

»Oh, und Ihr AID werden Sie übrigens als PDA tarnen lassen müssen. PDAs duldet Beed gerade noch, weil man ihnen sagen kann, dass sie sich abschalten sollen und sie nicht alles aufzeichnen und es dann, so wie das bei den AIDs der Fall ist, in den Generalspeicher der Galakter laden. Beed wird von Ihnen verlangen, dass sie ihren PDA anweisen, nichts aufzuzeichnen. Ein regelrechter PDA würde eine solche Anweisung befolgen. Ihr AID wird nicht nur nicht gehorchen, sondern es ist auch clever genug, den Befehl zu bestätigen, als ob es vorhätte, ihn zu befolgen. Herrgott, ich mag echte Al«, sagte er und grinste bösartig.

»Stört es Sie eigentlich nicht, dass die AIDs gelernt haben, wie man lügt?«

»Das würde es wahrscheinlich, bloß dass ich schon vor langer Zeit gelernt habe, meine Zeit und meine Energie nicht darauf zu vergeuden, mir den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die ich nicht ändern kann. Also, James, haben Sie in letzter Zeit mit Iron Mike gesprochen?«

»Letzte Woche habe ich tatsächlich einen Brief von ihm bekommen, in dem er sich entschuldigte, dass er an dem Triple-Nickel-Treffen nicht teilnehmen kann.«

»Nicht einmal per AID?«

»Die Posleen auf Dar Ent sind wieder mal übermütig geworden. Er steckte gerade mitten in einem Gefecht.«

»Das ist wieder mal typisch für ihn. Und sonst? War die Beteiligung gut?«

5

Das beliebteste Auto war in jenem Jahr ein kupferfarbener Ford Peregrine in Coupé-Ausführung. Danach kam der CM Smoker in Silber. Sie brauchte etwa eine Stunde, um bei einem Gebrauchtwagenhändler ein einigermaßen unauffälliges.45er-Modell des Letzteren mit Zulassung zu finden. Der Wagen roch ein wenig nach abgestandenen Pommes und Keksbröseln, und das erinnerte sie flüchtig an Hitze und eine grüne, großzügige Stadtlandschaft mit höheren Bäumen, hohen Fichten und Pappeln zwischen den Eichen, und sie griff sich, ohne sich dessen bewusst zu sein, an den Hals, weil sie ein seltsames Gefühl der Enge verspürte. Aber vielleicht lag das auch an dem Smog in der Stadt. Sie ließ es sich zusätzliche zehn Prozent in FedCreds kosten, dass der Verkäufer ein schlechtes Gedächtnis hatte und übersah, ihr provisorische Nummernschilder zu geben und stattdessen die alten dranließ. Gemächlich fuhr sie auf den Parkplatz eines Bürogebäudes und nahm sich die Zeit, sich in das Netz der Zulassungsbehörde zu hacken und die alte Nummer zu reaktivieren, ehe sie auf die 74 nach Indianapolis einbog. Gleich nach dem Tal ging die Stadt in Hügellandschaft mit Bäumen über, und man konnte grauweißes Sedimentgestein sehen, bei dem nicht ganz klar war, ob es sich um Ton oder weiches Felsgestein handelte. Formal gesehen hätten es auch Berge sein können, sie wusste es nicht. Jedenfalls kamen ihr die Hügel nach den Smokies entlang der I-40 nicht sonderlich hoch vor. Sie fuhr durch die Vororte von Cincinnati und rollte bald darauf durch die flachen Hügel von Ohio, wo gerade das erste Frühlingslaub herauskam.

Am Himmel waren fast keine Wolken zu sehen, und so hatte sie das Gefühl, unter einer gewaltigen blauen Kuppel dahinzurollen, die nur am Horizont etwas blasser wurde.

Selbst nach fast vierzig Jahren, die ich jetzt nicht mehr in Rabun Gap war, kommt mir das hier draußen alles so flach und eben vor. Kein Wunder, dass die Leute früher immer dachten, sie könnten über den Rand fallen. Vor der Stadt zerteilte die Straße endlose Meilen von Maisfeldern in große Quadrate dunklerer, grüner Pflanzen mit irgendwelchem flachem Zeug mit lächerlich kleinen Blättern dazwischen. Sie runzelte ein paar Minuten lang verblüfft die Stirn, ehe sie schließlich zu dem Schluss gelangte, dass es sich wahrscheinlich um Sojabohnen handelte.

Indianapolis wirkte beinahe surrealistisch, wie etwas aus der Twilight Zone, als hätte Tom Sawyer hier gelebt oder so, bloß ohne die weißen Staketenzäune — kleinstädtisches Amerika, wie Disney versucht hatte, es zu kopieren, was ihm aber nicht ganz gelungen war. Alles schien so rein und sauber, dass sie ständig damit rechnete, gleich an einer Reihe kleiner, sauberer Holzhäuser vorbeizufahren und dann beim Blick in den Rückspiegel zu erkennen, dass es sich um die falsche Fassade einer Filmkulisse handelte. Sie duckte sich unwillkürlich beim Fahren über das Steuer, als ob sie, wenn es wirklich einen solchen Ort gab, hier nichts verloren hätte.

Sie aß unterwegs etwas und hielt schließlich vier Stunden später an einem kleinen Hotel neben der US 30 an. Ein leicht metallischer Geschmack lag in der Luft, der vertraute Geruch von Sand, der aber einen Augenblick lang fremdartig wirkte, weil ihm sowohl die Salzluft von Charleston wie auch die schwüle Hitze jener Stadt fehlten und weil da buschige Bäume mit silbernem Blattwerk standen, die sie seit Kentucky immer wieder gesehen hatte. Mehr Busch als Baum, fand sie. Sie checkte ein und stellte den Wecker auf ihrem PDA, um früh genug wach zu werden, um am nächsten Morgen nach Chicago zu kommen und dort mit den ersten Ermittlungen zu beginnen.

Freitag, 17. Mai

Es war vier Uhr morgens, als sie elektronisch ihre Maut bezahlte, was eigenartigerweise anonymer war, als beim Barbezahlen an einem der Mauthäuschen fotografiert zu werden — was dazu geführt hätte, dass ihr Gesicht geradewegs ins Netz wanderte — und rollte auf die 80/94 nach Chicago. Sie hatte einmal gehört, dass das Vorkriegs-Chicago mautfreie Straßen gehabt habe. Heute waren alle wichtigen Verkehrsadern mautpflichtig, es sei denn, man hatte Diplomaten- oder Behördennummernschilder.

Selbst um diese frühe Stunde herrschte Verkehr, wenn auch nicht sonderlich dicht. Der dunstige Himmel ließ die Morgendämmerung flach und grau erscheinen. Sie konnte die Feuchtigkeit des Michigan-Sees riechen, obwohl die Lärmbarrieren und die Unfallschutzwälle den größten Teil der Umgebung verdeckten, sodass man eigentlich nur die Straße selbst sowie Heide und Binsen sehen konnte.

Das Profil sah vor, dass sie sich an der Ecke der Delaware/Michigan im Fleet Strike Tower einquartierte. Die meisten Geschäfte hatten noch nicht geöffnet, nicht einmal in der Innenstadt, aber in einem rund um die Uhr geöffneten Lebensmittelladen konnte sie sich ein Notizheft mit dem Aufdruck Art Institute of Chicago, einen Bleistiftspitzer sowie eine Schachtel Bleistifte kaufen. Sie brauchte keine Viertelstunde auf dem Parkplatz, um das Heft ein wenig zu zerfleddern, damit es einigermaßen benutzt aussah. Heutzutage konnte man sich sämtliche Lehrbücher downloaden, und ihr Skizzenblock wurde im ganzen Land verkauft — also konnte er von jeder beliebigen Kunstakademie stammen. Es dauert nicht lange, um sich elektronisch das augenblicklich gültige Buch über Kunstgeschichte zu besorgen, und damit war Marilyns Übertritt in das Art Institute nur umso realistischer.

Um sechs Uhr hatte sie den Wagen in einer Selbstparkergarage untergebracht und saß bei einer Tasse Kaffee an einem Tisch im Hof gegenüber dem Haupteingang des Fleet Strike Tower; sie beobachtete die Leute, die dort aus- und eingingen, und skizzierte gelegentlich eine der Personen in kubistischer Manier. Es gibt keine unauffälligere Art, Leute zu beobachten, als wenn man Künstler ist. Man erwartet von uns, dass wir Leute beobachten. Wer hätte gedacht, dass Schwester Theodosias Hobby sich im Laufe der fahre als so nützlich erweisen würde?

Aus Sicherheitsgründen war der Eingang am Nordteil des Tower der einzige, der ständig in Benutzung war. Da sie so früh dran war, war die Plaza fast leer, wenn man einmal von einem Sergeant von Fleet Strike absah, der sich eine Tasse Kaffee und eine Zigarette genehmigte und sein AID vor sich auf dem Tisch stehen hatte, vermutlich mit der Morgenzeitung. Gelegentlich forderte er es auf, umzublättern oder einen anderen Artikel zu suchen.

In den Geruch von frischem Kaffee und Gebäck mischten sich Auspuffgase, kalter Beton, Asphalt und der von morgendlicher Kühle. Das Rauschen des Springbrunnens überdeckte die Verkehrsgeräusche, aber jetzt, am Morgen, war es noch ruhig genug, dass sie das Schaben ihres Bleistifts hören konnte, während ihre Hände automatisch Schattierungen einfügten. Irisierende graue Tauben flatterten hoffnungsfroh auf den Granitfliesen vor dem Café herum, wichen gelegentlich einem Fußgänger aus und warteten auf die unvermeidlichen Brotkrumen, die sich mit der Frühstückskundschaft einstellen würden. Eine Hand voll Spatzen hüpften zwischen den Blumenbeeten rings um den Brunnen herum und huschten hie und da zwischen die Tische, um nach heruntergefallenen Brotkrumen zu picken, ehe sie sich wieder im dichten Grün versteckten.

Als er die Treppe herunterkam, war er trotz der Entfernung leicht zu identifizieren, seine US-Army-Uniform hob ihn deutlich von all den Fleet-Strike-Leuten ab, die das Gebäude betraten. Sie war bedacht, nicht direkt hinzusehen, um nicht auf sich aufmerksam zu machen. Petane war früh dran. Viertel nach sechs, und darüber hatte sie sich gewundert, als sie seine morgendlichen Bewegungsmuster überprüft hatte, bis er dann wieder in Joggingkleidung zur Tür herauskam und neben der Imbissbude auf der anderen Seite der Plaza die Treppe hinaufging. Sie gab sich Mühe, nicht gehetzt zu wirken, als sie ihre Abfälle vom Tisch aufhob — bezahlt hatte sie schon vorher drinnen — und die ihr näher gelegene Treppe hinaufstieg, dabei ihren Skizzenblock in den Rucksack steckte und auf der Seite des Drake-Hotels wieder die Straße betrat und dort an beiden Schuhen die Räder anklickte. Vor dem Krieg waren Rollsneakers eine Modeerscheinung gewesen. Sie hatte damals keine gehabt, erinnerte sich aber an sie — ganz vage freilich. Primitives Zeug mit langsamen Rädern. Jetzt konnte man das besser — diese Räder waren genauso gut wie die Standard Vierradschuhe, die man in den Läden kaufen konnte.

Sie war schnell genug, um ihm um den Block herum zu folgen, nicht zu nahe und nicht zu weit entfernt. Es konnte doch nicht sein, dass er zum Seeufer wollte. Das wäre zu einfach gewesen. Ein Jogger. Überleg mal. Er war tatsächlich einer. Vorbei an einem kleinen Baseball- und Tennisplatz, noch ein Stück weiter hinunter, die Treppe hinauf und über die Fußgängerbrücke. Da der See die weiteren Möglichkeiten einschränkte, konnte sie es sich leisten, auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu bleiben. Jetzt holte sie einen Helm und eine dunkle Brille aus ihrem Rucksack. Sofortige Anonymität. Ein Kaugummi aus einer Seitentasche des Rucksacks. Ohrstöpsel und ihr PDA am Gürtel erzeugten sofort die Illusion eines ganz in seiner eigenen kleinen Musikwelt aufgehenden Rollerblade-Babys.

Etwa nach einem Kilometer kam er über eine weitere Fußgängerbrücke zurück und bewegte sich allmählich über die Straßen wieder Richtung Turm.

Sie beschattete ihn aus den engen Straßen heraus und merkte sich seinen Weg. Er wird ja sicherlich jeden Tag eine andere Route nehmen … aber vielleicht auch nicht. Jogging ist für Idioten. Jogging, wenn man gefährliche Feinde hat, sogar für ganz gewaltige Idioten. Dies wäre der ideale Ort für eine Herzattacke, wenn ich ihn bloß umbringen müsste. Unglücklicherweise kann ich Robertsons Einschätzung, dass er eigentlich wertlos ist, nur dann bestätigen, wenn ich ihn vorher verhöre. Wenn ich ihn einfach auf der Straße umlege, wird man ihn vermissen. Muss mir was Besseres einfallen lassen.

Sie huschte rückwärts an ihm vorbei, auf den Weg, den er vermutlich einschlagen würde. Seltsam, aber die Leute hielten einen nie für einen Beschatter, wenn man vor ihnen war. Und wenn ihr Vorsprung zu groß wurde, wurde sie einfach am Schaufenster einer Boutique langsamer, sah sich die ausgestellte Ware an, ließ ihren Bubblegum knallen und Petane ein Stück aufholen. Einmal kamen sie an einem Parkhaus mit Parkhelfern vorbei, in dem Fahrzeuge mit Regierungsnummernschildern standen und aus dem Leute in Fleet-Strike-Uniformen kamen. Mutmaßlicher Parkplatz der Zielperson gefunden.

Als es sieben Uhr wurde, hatte er einen weiten Bogen geschlagen und war wieder an der Nordfassade des Tower eingetroffen. Sie ließ ihn an sich vorbeigehen und tauchte in der Menge hinter ihm unter, fuhr die Räder ein, stopfte Helm und Sonnenbrille in den Rucksack zurück, veränderte ihre Haltung ein wenig, schob die Ohrstöpsel in die Tasche und schluckte den Kaugummi runter. Schluss mit Rollerblade, Baby.

Die Bedienung des Coffeeshop war erfreut, ihr einen großen Cranberry-Saft und einen Apfelstrudel zu verkaufen, worauf sie sich wieder mit ihrem Skizzenblock beschäftigte. Sie plauderte ein wenig mit dem jungen Mann, der sie bediente und der gelegentlich herauskam, um irgendwelche Abfälle von den Tischen zu räumen, aber nur dann, wenn sie nicht gerade so tat, als sei sie mit ihrer Zeichnung beschäftigt. Die Zielperson verließ das Gebäude nicht zum Mittagessen. Entweder gab es in dem Gebäude eine Kantine oder dergleichen, oder er ließ das Mittagessen ausfallen oder besorgte es sich aus einem Automaten. Eine der drei Möglichkeiten traf wohl zu. Nicht, dass es ihr etwas ausgemacht hätte, sitzen zu bleiben und die anderen Uniformierten zu beobachten. Fleet Strike legte entweder großen Wert auf körperliche Fitness oder sie hatten Ärzte, die auf den Grundumsatz der Schreibtischtäter achteten. Eine ganze Menge dieser jungen — na ja, jung aussehenden — Männer hatten wirklich knackige Hintern.

Gegen zwei brachte sie ihren Wagen in das Parkhaus, das unmittelbar neben dem von Fleet Strike lag. Wenn es nicht Freitagnachmittag gewesen wäre, hätte sie nicht die geringste Chance gehabt, einen Platz in der Nähe der Treppe und des Ausgangs zu ergattern, aber an den Freitagen gab es immer Leute, die früher Feierabend machten. Zum Glück war die Halle praktisch leer, trotzdem sah sie sich sorgfältig um, als sie den Gitterzaun aufschnitt, der die beiden Parkdecks voneinander abgrenzte, und dann über die niedrige Betonmauer kletterte. Ein einzelner Agent würde unmöglich einen Wagen ohne irgendwelche elektronischen Hilfsmittel durch die Straßen Chicagos beschatten können. Wenn man nicht so nahe dranblieb, dass man auch leicht entdeckt werden konnte, würde einen der Verfolgte nach zwei Blocks verlieren, ohne sich auch nur Mühe geben zu müssen. Sie musste sich dreimal vor Parkhausangestellten verstecken, bis sie schließlich den Wagen fand, den ihr die Zulassungsbehörde von Illinois freundlicherweise als den auf ihre Zielperson zugelassenen benannt hatte.

Petane gehörte offenbar zu den Leuten, die an diesem Freitagnachmittag früher Schluss machten. Es war noch nicht ganz halb fünf, als er mit einer Sporttasche in der Hand herauskam und auf das Parkdeck zuging. Für sie hatte das den Vorteil, dass so früh am Nachmittag die Bürgersteige noch einigermaßen frei waren, was es ihr ermöglichte, ihre Räder wieder auszufahren und zwischen den Fußgängern durchzurollen, dabei hie und da auf eine Feuerwehrspur zu gehen und dort langsame Fußgänger zu überholen und wieder zu ihrem Parkdeck zurückzukehren, ohne durch zu auffällige Hast seine Aufmerksamkeit zu erwecken, ehe er das seine erreichte.

Sie zahlte am Automaten an der Ausfahrt und fuhr hinaus, aber jemanden solo zu beschatten war immer eine knifflige Sache. Manchmal hatte man gar keine andere Wahl als das Zielobjekt aus den Augen zu lassen, und manchmal verlor man es auch ganz. In dem Fall gab man sich natürlich dann alle Mühe, die Zielperson wieder einzufangen. Bei einem Einsatz wie diesem war es besser, ihn eine Weile zu verlieren als zu nahe an ihn heranzukommen und dabei zu riskieren, dass er einen entdeckte. Und im Übrigen hatte sie ja notfalls Hilfe zu erwarten. Sie sah auf ihren PDA, dessen Bildschirm einen großen roten Knopf zeigte. Wenn sie ihn verlor, brauchte sie bloß diesen Knopf zu drücken, dann würde seine Barke angepeilt werden. Sein Standort würde dann auf dem Stadtplan von Chicago angezeigt werden, den sie sich heruntergeladen hatte. So wie die Straße und das Garagengebäude angeordnet waren, war sie ohnehin auf Vermutungen angewiesen. Wahrscheinlich führte der Weg zu Standort B am besten westlich über den Lakeshore Drive, während sein Zuhause am besten auf östlicher Richtung über die 94 zu erreichen war. An einem Freitag war Standort B wahrscheinlicher. Sie hatte die Sonnenbrille wieder aufgesetzt und konnte das Gesicht daher leicht von der Ausfahrt des anderen Parkhauses abwenden, dabei aber weiterhin die herauskommenden Fahrzeuge nach Petanes Ford Arabian absuchen. Ihr Atem wurde ruhiger, als er am Steuer des feuerroten Sportwagens auftauchte. Das Logo mit dem sich aufbäumenden Pferd am Kühlergrill war nicht zu übersehen.

Die Verfolgung war nicht einfach, sie musste weit genug zurückbleiben, um von ihm nicht bemerkt zu werden, aber doch nahe genug, um ihn nicht zu oft aus den Augen zu verlieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Peilsignal entdeckt wurde, war zwar gering, aber nicht ganz zu vernachlassigen. Dass sie wusste, wohin ihn sein Weg führte, half natürlich. Die von Petane gewählte Route war offenkundig und direkt, eben das Verhalten eines Mannes mit festen Angewohnheiten, der sich sicher fühlt. Das Apartment. zu dem er fuhr, befand sich in einem Gebäudekomplex einer Vorstadt, in dem Angehörige der unteren Mittelklasse wohnten. Nachdem er das Gebäude betreten hatte, beobachtete sie es sorgfältig und wartete darauf, dass irgendwo Licht eingeschaltet wurde. Das war nicht unproblematisch, da es ja noch Tag war, aber eine andere Möglichkeit hatte sie nicht. Glücklicherweise schalteten die meisten Leute die Innenbeleuchtung schon ein, wenn das Tageslicht noch ausgereicht hätte, und Petane und die Person, mit der er sich traf, bildeten da keine Ausnahme. Nun ja, wahrscheinlich war das jedenfalls die richtige Wohnung. Ein guter Anfang. Der abendliche Stoßverkehr hatte noch nicht eingesetzt, und so konnte Cally den verlassenen Parkplatz nutzen, konnte unauffällig zum Gebäudeeingang hinübergehen und mit dem Körper den Türknopf abdecken, während sie das altmodische, noch mit einem Schlüssel zu sperrende Schloss knackte. Um die Wohnungsnummern in den richtigen Zusammenhang zu bringen, musste sie die Apartments im Erdgeschoss und im ersten Stock betrachten.

Als sie dann die Adresse hatte, war es ein Kinderspiel, durch die Hintertür bei der Telefongesellschaft die Telefone in Apartment 302 C ausfindig zu machen, die in Benutzung waren, und sie binnen Sekunden zu verwanzen. Trifft der Kerl denn überhaupt keine Vorsichtsmaßnahmen? Sie schaltete ihren PDA so, dass die Audioaufnahme auf einem Würfel gespeichert und in Echtzeit abgespielt wurde. Den Geräuschen nach zu schließen und da Petanes Vorname »Charles« war, hatte sie das richtige Apartment für seine Freundin. Sie rief ihre Notizen von der Kamerasuche auf. Es hat immer etwas leicht Obszönes an sich, einer Zielperson beim Vögeln zuzuhören. Okay, wie es aussieht, besucht er seine Freundin Montag, Mittwoch und Freitag. Vielleicht nicht so regelmäßig, aber jedenfalls scheint er ein Gewohnheitstier zu sein. Wenn ich die Freundin betäube und einen Geräuschdämpfer mitbringe, kann ich ihn hier verhören — offiziell wird man ihn erst dann vermissen, wenn seine Frau unruhig wird, und Fleet Strike bemerkt möglicherweise erst am nächsten Morgen etwas. Wenn ich noch mal nachsehe, nachdem ich nach dem Job sauber gemacht habe, verwandle ich mich in Sinda und bleibe auf dem Radar. Also Montag. Herzanfall. Freundin wacht etwas benommen auf, kann sich nicht richtig erinnern und findet neben sich eine Leiche. Kein schöner Tagesbeginn für sie, aber ein sauberer Hit, bei dem sie am Leben bleibt. Flunitrazepam und Alkohol für sie, ein Cocktail aus Viagra, Insulin und Koks für ihn, eine richtig nette, kleine Party. Zuerst werde ich mit dem Kotzbrocken sanft umgehen müssen, auf die freilich sehr geringe Chance hin, dass an dem Burschen mehr dran, ist als man auf den ersten Blick erkennen kann und er sich als der große Treffer erweist. Na ja, wir werden sehen.

Als er das Apartment verließ und nach Hause fuhr, folgte sie ihm, um sich seine Adresse aufzuschreiben, fand in der Nähe ein billiges Motel und zahlte dort im Voraus für drei Nächte bar. Sie richtete sich in dem Motelzimmer ein, stellte den Wecker auf vier Uhr früh und legte sich ihre Kleidung in Reichweite bereit. Einerseits hatte es wenig Sinn, ihn am Samstag zu beobachten, weil der Job bis Donnerstag erledigt sein musste. Wochenendmuster waren demnach nutzlos. Andererseits würde sie auf die Weise vielleicht zusätzliche Informationen gewinnen, die dabei halfen, seinen Wert als Informationsquelle zu beurteilen, und wenn es möglich war, konnte es ja auch nicht schaden, am Montag Zugang zu seinem Haus zu haben.

New Orleans. Mardi-Gras-Umzug, kein Krieg, keine Ausbildung, ein langes, freies Wochenende. Billige Plastikperlen, Hurrikane und ein jung aussehender Soldat von den Zehntausend, der so aussieht, als würde er viel Zeit an den Trainingsmaschinen verbringen. An dem Abend ist sie Lilly und lacht ihm ins Gesicht, versucht diesmal, nicht mitzugehen, aber das tut sie immer, und jetzt ist es Morgen, und er erzählt ihr schon wieder von seiner Frau, und versucht immer wieder aus dem Bett zu kommen und den Dreckskerl in die Eier zu treten, aber sie kann sich nicht bewegen und ist wieder im Überlebenstraining in Minnesota, und der Schnee fällt und fällt und fällt.

Samstag, 18. Mai

Sie hieb auf den Knopf, damit das lästige Piepsen aufhörte, und wälzte sich aus dem Bett, ließ das Licht ausgeschaltet, um ihre Nachtsicht nicht zu verlieren. So früh am Morgen war ihr Gesicht feucht und verklebt, aber noch nicht richtig nass. Eigenartigerweise konnte sie sich überhaupt nicht erinnern, wovon sie geträumt hatte. Aber das konnte sie nie, wenn sie mitten in der Nacht rausmusste. Die zu weiten Jeans, das T-Shirt und die Windjacke waren alle in mittleren Grautönen. Das Baumwollhalstuch, das sie sich in die Tasche steckte, war einmal schwarz und weiß gemustert gewesen, aber seit sie es ein paarmal mit dunkler Kleidung gewaschen hatte, in ein schmieriges Graubraun übergegangen. Die Rollsneakers mit dem Segeltuchoberteil hatten ihr Dasein hellblau begonnen, waren aber inzwischen eingelaufen und hatten sich einen soliden Überzug aus Schmutz und Staub zugelegt. Der Saum der Windjacke bedeckte den schwarzen Nylonriemen der grauen Gürteltasche aus Segeltuch, den sie sich um die Hüften schnallte.

Zuerst fuhr sie zu seinem Haus, parkte ein Stück entfernt auf. der Straße und joggte das letzte Stück. Die Kamera zu platzieren bedeutete eigentlich nur, die kleinen grauen Punkte, halb so groß wie ein Zehncentstück, auf Infrarotsendung über kurze Distanz zu stellen. Sie benutzte das Display ihres PDA, um sie anzuordnen, und befestigte sie mit Klebemasse. Als sie dann auf das Ziel eingestellt waren, genügte ein leichter Druck auf einen Button, um sie auf Aufzeichnung zu schalten. Ein halbes Dutzend von den Dingern waren auf die Garage der Zielperson sowie auf strategische Punkte an Bäumen und Verkehrszeichen eingestellt. Gleich darauf saß sie wieder im Wagen und war zum Apartment seiner Freundin unterwegs. Inzwischen zeigte die Uhr halb sechs, und allmählich ging das Grau des frühen Morgens in Rosa über, als sie auf dem Parkplatz des Wohnblocks ein paar Kameras an Bäumen und Stangen anbrachte und sich dabei sorgfältig nach Frühaufstehern umsah — so etwas konnte man selbst an einem Samstag nicht ausschließen. Irgendjemand musste immer arbeiten, und einmal war sie gezwungen, abzubrechen und ans Ende der Gebäudereihe zu joggen und wieder zurück, ehe sie zwei Kameras auf die Tür und eine auf die Fenster des Apartments eingestellt hatte.

Ihre graue Kleidung passte zu einem morgendlichen Jogger, und darüber hinaus war sie natürlich ideal, um in der Dunkelheit oder im Zwielicht nicht aufzufallen, aber sobald es heller geworden war, würde sie mit solcher Kleidung auffallen, die für eine Studentin mit einem Funken Selbstachtung einfach zu düster war. Glücklicherweise hatte sie ihre Arbeit jetzt verrichtet und somit ein paar Stunden Zeit, um zum Motel zurückzukehren und dort zu schlafen. Schließlich hatte es ja keinen Sinn, sich zu überanstrengen, solange das nicht erforderlich war.

Nach einem späten Frühstück fuhr sie zur East Chicago SubUrb, fuhr unter einem tiefblauen Himmel dahin, der sich in endlose Weiten zu dehnen schien und mit kleinen Wattewölkchen betupft war. Zwischen den gelegentlich auftauchenden zerbröckelnden Gebäuden am Straßenrand wuchsen Bäume und Unkraut. Im Krieg waren viele Gebäude verlassen worden, als die jungen Männer zum Militär und die alten Männer, die Jungs und die Frauen in die SubUrbs gingen und nie von dort zurückkehrten. Denn für jede Familie der nächsten Generation, die mutig genug war, um sich wieder an der Oberfläche anzusiedeln, entschied sich eine zweite für die Sterne und die Chance der Verjüngung.

Als sie sich der eigentlichen SubUrb näherte, drängten sich billige vorfabrizierte GalPlas-Häuser mit gepflegten Vorgärten und hie und da einem kleinen Gemüsefeld dazwischen um ein paar große Fabrikanlagen, wo die Angestellten und Arbeiter, die auf ihren zweimal täglichen Busfahrten aus der Urb und zurück die Oberfläche gesehen hatten und sie allmählich neu kolonisierten, stets auf der Suche nach Sonnenschein und frischer Luft waren.

Jede SubUrb hatte ihre »Straßen«-Korridore, wenn man wusste, wie man sie fand. Die Wartungsdatenspeicher lieferten einem die Information. Man brauchte bloß die heruntergekommenen Viertel zu suchen, in die sich die Leute vom Wartungspersonal nur ungern allein trauten. Aufgesprühte Graffiti bedeckten die Mauern, und die meisten Beleuchtungskörper waren herausgerissen, abgesehen von einigen wenigen, die man einfach brauchte, um nicht über die Müllberge in den Ecken zu stolpern. Öffentliche Komm-Stationen waren Vandalismus zum Opfer gefallen, nicht zuletzt auch, um Verirrte davon abzuhalten, Hilfe anzufordern. Wenn Marilyn Grant wirklich allein hierher gekommen wäre, hätte man sie sicherlich auch als eine jener Verirrten betrachtet. So reichte ein einziger Blick auf Cally O’Neals Gesicht, um anderes Raubgelichter einen weiten Bogen um sie machen zu lassen, und dies in einer Umgebung, in der sich dank Darwin die Fähigkeit, Räuber und Beute voneinander zu unterscheiden, zu einer Kunst entwickelt hatte. Als sie an ein kleines Stück Korridor kam, dessen perfekte Beleuchtung wie ein Leuchtturm durch die Dunkelheit drang, wusste sie, dass sie gefunden hatte, was sie brauchte. Ein vielleicht zwölfjähriger Junge war völlig darauf konzentriert, ein Graffiti-Gemälde über das vorbehandelte GalPlas zu malen. Cally sah das Bild einer freundlichen Mutter, die auf einem roten Knautschsack saß und ihr Baby stillte, und ihre Augen wurden unwillkürlich feucht.

»Ist das jemand, den du kennst?«, fragte sie leise.

»Meine Mama und das Baby, ehe letztes Jahr die Grippeepidemie kam.« Er erschrak nicht, als Cally ihn ansprach, hielt es aber auch nicht für nötig, sich von seinem Kunstwerk abzuwenden. »Ich kenne dich nicht.«

»Nein, du kennst mich nicht. Ich bin von … draußen. Ich bin hier, um … einzukaufen.«

»Ein seltsamer Ort zum Einkaufen.«

»Da du hier wohnst, hatte ich gehofft, du könntest mir vielleicht sagen, mit wem man reden muss, wenn man ein paar Sachen kaufen will.«

Jetzt drehte er sich zu ihr um, und sie konnte das Kruzifix und eine Christophorus-Medaille sehen, die ihm über sein farbverschmiertes Hemd hingen. Vielleicht bildete sie es sich nur ein, dass er ein wenig enttäuscht wirkte, als er meinte: »Und bist du auch sicher, dass du hier einkaufen willst? Da gibt es anderswo bestimmt bessere Orte und auch bessere Sachen.«

»Ja, wahrscheinlich schon«, erwiderte sie und nickte, »aber ich habe da eine Liste, was ich kaufen soll.«

»Ich kümmere mich drum, Tony.« Ein ordentlich gekleideter junger Mann trat aus dem Schatten, und Cally sah ihn mit einem leichten Lächeln an. »Ich habe so das Gefühl, dass Sie vielleicht jemand kennen, der mir beim Einkaufen behilflich sein kann.«

»Könnte schon sein. Kommt ganz darauf an, was Sie wollen und wie es bei Ihnen mit Geld aussieht.«

Sie zog ein abgegriffenes Bündel FedCreds und Dollars heraus und zeigte es ihm, ehe sie es wortlos wieder in die linke vordere Tasche steckte.

»Yeah, wir können reden.« Er bedeutete ihr mit einer Handbewegung, ihm in das Zwielicht des Korridors hinter dem Wandgemälde zu folgen. »Überrascht mich eigentlich, dass Sie es ohne Schwierigkeiten bis hierher geschafft haben, noch dazu mit so viel Geld.«

»Ich habe gewöhnlich keinen Ärger, zumindest sucht er mich nicht.« Sie zuckte die Achseln, und ihr Blick schien in die Ferne zu wandern. »Das liegt wohl an meinem Gesicht.«

»Soll mir recht sein. Was wollen Sie denn kaufen?«

Sie verließ den jungen Mann mit wesentlich weniger Geld, dafür aber den nötigen Präparaten und Spritzen, einer kleinen Flasche Äther und ihrer teuersten Erwerbung, einem guten Luftreiniger — glücklicherweise inzwischen ein ziemlich alltäglicher Gegenstand für all diejenigen, die in einer Urb etwas … Sensitives brauchten. In der normalen Einkaufszone fand sie noch eine billige Heizplatte, ein paar Markerstifte, einen kleinen Mörser mit dazugehörigem Pistill, Salz- und Pfefferstreuergarnitur mit Schraubdeckel, ein paar Trinkgläser, eine Flasche Scheibenreiniger sowie eine Schachtel mit langen, hölzernen Partyzahnstochern. Damit war genügend gut versorgt, um zu ihrem Motel zurückzukehren und dort etwas zu kochen.

Es kostete ein wenig Fantasie und Geschick, um ihren Koffer, den Hotelwecker und die Gideons-Bibel aus der Nachttischschublade so anzuordnen, dass sie den Luftreiniger über der Heizplatte positionieren konnte. Sie zermahlte die verschiedenen Feststoffe, bis sie die entsprechende Konsistenz angenommen hatten, um sich in dem warmen Äther aufzulösen. Das erforderte einige Geduld. Ein paar weitere Flaschen aus ihrem Koffer lieferten einige Stoffe, die man in Petanes Kreislauf finden musste. Voilà. Sofortiger Hinweis auf Missbrauch. Gut für etwa zweiundsiebzig Stunden in Lösung. Wenn am Montag irgendetwas schiefgeht, werde ich frisch ansetzen müssen. Sie goss die Lösungen in einen der Salzstreuer, verklebte die Löcher im Deckel mit Isolierband und markierte beide — rot für sie, blau für ihn — stellte sie in den kleinen Kühlschrank und hängte anschließend das »Nicht-stören-Schild« draußen an den Türknopf. Zimmerservice konnte sie jetzt wirklich nicht gebrauchen, nicht wahr?

Sie machte sauber, verstaute die Sachen in der untersten Schublade der Kommode und stellte das Uhrenradio des Hotels neu ein, nachdem sie es wieder dort eingestöpselt hatte, wo es hingehörte. Erstaunlich eigentlich, dass es erst vier Uhr am Nachmittag war. Gerade genug Zeit, um einen Happen zu essen und sich ein schickes, neues Outfit zu kaufen — sie rümpfte die Nase angesichts der Falten, die ihre Kleider im Koffer bekommen hatten — ehe sie ausging. So, und wo kann ein Mädchen jetzt am Samstagabend in Chicago ein wenig Unterhaltung finden?

6

Ein paar Minuten nach sieben bestieg sie den Expresszug zum Rekrutierungsbüro von Fleet Strike. Sie war mit einem karierten blauen Faltenmini, knöchellangen Socken, flachen schwarzen Lederpumps und einem weißen Oxfordhemd bekleidet. Die paar Minuten der Zugfahrt benutzte sie dazu, rosafarbenen Lippenstift aufzulegen, sich die Nägel im gleichen Rosa zu lackieren und ihre großen, braunen Augen mit geschicktem Make-up noch größer erscheinen zu lassen. Danke, Wendy, richtige Waschbärenaugen, kann man sagen.

Die Daten im Netz waren richtig gewesen. Gegenüber der Bahnstation stand ein bescheidenes holzverkleidetes Gebäude, das offensichtlich wie eine Strandhütte aus der Vorkriegszeit aussehen sollte, mit einer Tafel, die in Englisch und in japanischen Kanji-Schriftzeichen potenzielle Gäste darüber informierte, dass sie vor dem Famous New Kobe Sushi Bar and Pool Saloon standen. Eine kleine Wolke aus dichtem Tabakrauch schlug ihr durch die Tür entgegen, als sie sie öffnete, und mit ihr eine nicht unangenehme Mischung aus Sojasauce, Ingwer, Wasabi und Bier. Den zahlreichen Fleet-Uniformen nach zu schließen, hatte sie den richtigen Ort gefunden. Sie lächelte verschmitzt über ein paar bewundernde Pfiffe, die offenbar ihr galten, sah sich im Raum um und schloss aus den diversen Flaschen und Dosen auf den Tischen, dass man hier Bier aus Milwaukee schätzte. Sollte ihr recht sein. Sie nahm an der Bar Platz, bestellte sich ein Bier und äußerte keine Einwände, als einer der Raumsoldaten an der Bar anbot, sie dazu einzuladen.

»Na ja, ich kann eigentlich nicht gut fragen, ob du oft hierher kommst, weil ich mich dann sicher an dich erinnern würde, also … nun ja, hi, ich bin Eric Takeuchi.« Er streckte ihr die Hand entgegen, aber als er dann danach griff, schüttelte er sie nicht etwa, sondern führte sie an die Lippen, beobachtete sie dabei aber aufmerksam, um sicherzugehen, dass er ihr nicht zu nahe trat.

Verführer. Ob ich spielen will? Keine Ahnung. Sie musterte ihn, bildete sich mit einem Blick eine Meinung über ihn. Das glatte schwarze Haar, das vorne eine Spur zu lang war und ihm in die Stirn fiel, das vergnügte männliche Interesse in den dunkelbraunen Augen, die makellose Uniform. Sieht ja ganz nett aus, denke ich, aber wahrscheinlich mehr Charmeur als wirklich aufrichtig. Kann’s noch nicht sagen. Einen Happen mit ihm essen und ein paar Runden Billard. Vielleicht, wenn er mit Stil verlieren kann.

Sie versuchte ihr Sashimi-Mix selbst zu bezahlen, nahm aber höflich an, als er dagegen protestierte.

»Ein paar Runden Billard?« Sie deutete mit ihrem Bier zu einem Billardtisch hinüber, der gerade frei geworden war.

»Gern. Du magst also Billard?«

Freundlich, liebenswürdig, aber nicht übermäßig intelligent. Sie nahm mit der anderen Hand ihren Teller, ging zu dem Tisch hinüber, stellte ihren Teller auf den Tisch und suchte sich unter den Queues im Regal eins aus, das einigermaßen gerade war.

»Willst du anfangen?« Er stellte sein Bier neben das ihre, nahm sich selbst ein Queue und lehnte es an den Tisch, während er die Kugeln aufbaute.

»Ja, gern.« Immerhin konnte er die Kugeln regelgemäß ordnen. Sie rieb sich die Finger mit Kreide ein, ehe sie die weiße Kugel von ihm entgegennahm — legte sie hin, bereitete sich auf ihren Stoß vor und stieß dann zu, unterdrückte ein selbstgefälliges Grinsen, als zwei Halbe eine Tasche fanden.

»Schätze, da muss ich mich anstrengen.« Er prostete ihr mit seinem Bier zu. »Sauberer Stoß für ein Mädchen.«

»Ja, kann man sagen.« Sie nickte und blickte ihm nach, wie er aufstand und um den Tisch herumging, um seinen Stoß auszuführen.

»Das hast du wohl schon mal gehört.«

»Vielleicht sogar ein paarmal.« Sie grinste verkniffen. Na ja, wie viele blöde Redensarten gibt es schon, die ich bei meinem Alter nicht schon mal gehört habe. Mitgehen oder nicht, das ist die Frage. Ach was, benimm dich, Cally … aber das hat er sich verdient. Nee, muss mich benehmen.

Sie zeigte auf Kugel vierzehn, sagte die Tasche in der linken Ecke an und stieß dann eine Spur zu heftig zu. Die Kugel verfehlte die Tasche, prallte auf das Tuch zurück, sodass die Weiße für einen einfachen Stoß auf die Kugel in der rechten Tasche dalag. Sie zuckte überzeugend zusammen und zog einen Schmollmund. »Na ja, wenigstens habe ich keine von deinen Kugeln versenkt. Du bist dran.«

»Äh, ja.« Er sah sie einen Augenblick lang an und schüttelte den Kopf, als würde er gern etwas sagen, habe es sich dann aber anders überlegt.

»Was?« Sie grinste, tauchte eine Nori-Rolle in die Wasabi-Sauce, biss davon ab und beobachtete ihn, wobei sie für den Fall, dass Sauce heruntertropfen sollte, die andere Hand unter das Kinn hielt.

»Nein, das kann ich nicht sagen«, sagte er mit einem breiten Grinsen und schüttelte den Kopf.

»Na schön, meinetwegen.« Sie legte den Kopf nachdenklich etwas zur Seite, als er auf die beiden Ecktaschen deutete und die Eins und die Sieben ordentlich darin versenkte. Bei seinem nächsten Stoß hatte die Weiße eine Spur zu viel Effet im Uhrzeigersinn, worauf die Vier hängen blieb und vor der linken Seitentasche zum Stillstand kam.

Sie reckte sich ein wenig behielt die Hände dabei aber dicht am Körper, griff sich ihr Queue und ging auf die andere Tischseite. Okay, verliere ich jetzt geschickt, nehm ihn mit nach draußen und leg ihn flach. Oder riskiere ich, dass er ein Miesmacher ist, und spiele ein wenig? Sie sah sich in der Bar um, die sich mittlerweile weiter mit Uniformen gefüllt hatte; ihr fiel auf, wie zwei Typen riesige Lautsprecher auf die schmale Bühne rollten. Scheiß drauf. Ich mag nicht verlieren. Wenn er sich blöd anstellt, na ja, hier gibt’s noch andere Typen.

Er wippte leicht auf den Fußballen, offenbar juckte es ihn, auf und ab zu gehen. Stattdessen zog er sich einen Stuhl heran, setzte sich rittlings darauf und nahm einen Schluck von seinem Bier, ehe er die Arme über die Stuhllehne legte. Das trug ihm ein strahlendes Lächeln von ihr ein.

»Ich denke, ich kann die Elf und die Vierzehn dort versenken.« Sie deutete mit dem Zeigefinger auf die entsprechende Ecke und sah ihn dann schmollend an. »Wenn ich das versuche, wirst du doch nicht etwa sauer sein, falls ich unterwegs ein paar andere kleine Kugeln treffe, oder?«

Er schob die Augenbrauen hoch, wehrte aber dann mit einer bewusst galanten Geste ab. »Aber selbstverständlich nicht, Lady.«

Der bildet sich ein, dass er mich jagt. Richtig lieb. Ihr Lächeln zuckte leicht, als sie sich über ihr Queue beugte und hart die Drei anstieß, worauf die Elf sauber in die Tasche plumpste, während die Weiße an der gegenüberliegenden Seite von der Bande abprallte, zurückkam und der Vierzehn einen kleinen Schubs verpasste, worauf diese in der Tasche versank, während die Weiße dicht vor dem Loch liegen blieb.

»Wow, geschafft.« Sie klatschte in die Hände und sah ihn aus großen Augen an.

Er wäre beinahe an seinem Bier erstickt, aber sie musste zugeben, dass er sich gut im Griff hatte. »Ein ausgezeichneter Stoß. Du spielst offenbar so gut wie du schön bist.«

Armes Kerlchen. Er trägt ein wenig zu dick auf. Na ja, wenigstens wird er sich gebührend begeistert geben. Sie wies auf die Bühne, wo inzwischen ein Schlagzeug und eine Kabeltrommel aufgetaucht waren, die jetzt mit einer Schalttafel hinter der Bar verbunden wurde. Einer der Typen in Jeans und T-Shirt ging hinter dem Kabel her und befestigte es mit Isolierband am Boden. »Taugen die was?«

»Kann man wohl sagen! Die sind wirklich gut. Der Leadsänger war in der Grundausbildung in meiner Einheit. Sie haben Sondererlaubnis, bei ihren Shows Zivil zu tragen. Das ist so eine Art Revival von klassischem Heavy Metal, allerdings mit ihrer eigenen Musik. Aber sie bringen in jeder Show bloß eine Nummer davon. Dann magst du also Musik?« ja, und deshalb fürchte ich, dass das ziemlich schmerzlich sein wird. Ganz zu schweigen davon, dass es mir vor einem Einsatz das Gehör versaut und ich dann nicht richtig auf die Platte achten kann. Was also tun? Einsehen, dass es keinen Sinn hat, oder versuchen, mich von ihm flachlegen zu lassen? Verdammte Hormone. Das ist genauso schlimm, als ob man ein siebzehnjähriger Junge wäre. Aber die meisten Frauen wären nicht einverstanden, wenn bei der Verjüngung die Uhr für ihre Hormone zu weit zurückgedreht würde. Verdammte Idioten. »Ich mag Live-Musik! Heavy Metal, was? Klassische Kriegsmusik ist so cool.«

Sie versenkte beiläufig die Neun in die Seitentasche, wo die Vier ihr nicht den Weg versperrte.

»Ich bin froh, dass ich nicht gegen dich gewettet habe, Lady.« Er betrachtete die Dreizehn, die hinter der Zwei und der Sechs lag, und anschließend die Zehn an der Bande.

»Yeah, heute Abend habe ich wirklich Glück. Ich hätte wetten können, dass ich den letzten Stoß verpasse, und jetzt bin ich schon wieder dran.« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung, ging um den Tisch herum und setzte sich schräg auf die Kante, um das Queue hinter ihrem Rücken in die richtige Position zu bringen.

»Brauchst du die Brücke?«

»Eigentlich schon, aber ich kann das nicht besonders gut«, log sie und stieß die Weiße von dieser Seite weg, sodass sie über die Bande zurück zu den anderen Kugeln rollte und sie um mindestens zwei Zentimeter verfehlte — und ihm daher einen sauberen, geraden Stoß auf die Sechs ermöglichte. Ich bezweifle stark, dass er mit einem Stoß fünf Kugeln versenken kann, aber verdammt, ’ne Chance hat er. In diesem Spiel jedenfalls. »Ups, Foul. Du bist dran.«

Sie schmiegte sich an ihr Queue und zog mitfühlend einen Flunsch, als er auf dem Weg zum Tisch stolperte. Ja, jetzt bist du über deine Zunge gestolpert. Braver Junge. Sie ging um den Tisch herum, um neben ihm zu stehen, aber ohne ihn zu behindern.

Er leckte sich über die Lippen, stieß eine Idee zu heftig zu und sah der Weißen nach, wie sie hinter der Sechs in der Tasche versank. Er verzog das Gesicht, legte die Kugel wieder auf den Tisch und drückte ihr die Weiße in die Hand.

»Schon wieder über Bande«, schmollte sie. »Ich denke, ich werde ihn von der Zwei in die Ecktasche befördern müssen.« Sie legte die Kugel auf den Tisch und machte ihren Stoß, erwischte die Dreizehn von hinten und streifte die Zwei gerade genug, um deren Bahn zu korrigieren und sie locker ins Eckloch zu befördern. Sie deutete auf die Acht. »Ecktasche.« Letzte Phase.

»Noch ein Spiel?« Ein etwas gequälter Blick von der Seite, wie er einem guten Verlierer zukam.

»Na klar.« Sie schob sich ein Stück Sashimi in den Mund und fing an, die Kugeln aufzureihen. Hinter der Bühne rollten weitere junge Männer in Jeans und T-Shirts, einer davon mit kahl geschorenem Schädel, ein Transparent aus, auf dem man lesen konnte, dass die Gruppe sich »The Awesome God« nannte. Cally verzog das Gesicht. Tut richtig weh, wenn das etwas über ihre Originalität sagen soll …

Er versenkte die Eins und die Dreizehn. »Was für Musik magst du denn, Marilyn?«

»Das kommt auf meine jeweilige Stimmung an. Meistens eine Mischung aus Organic und Antimaterie-Fusion. Ich bin aber ziemlich wählerisch. Weißt du, manchmal leg ich auch einen alten Urb Jam auf oder etwas Klassisches.«

»Was verstehst du unter Klassisch?«

»Hauptsächlich kriegerisches Zeug. Du weißt schon, Nirvana, Van Halen. Alles, bloß nicht von dieser Alanys-Tante, oder wie sie heißt. Das ist jämmerliches Geheule!«

»Oh, ich denke, die habe ich schon mal gehört. Meine Ex-Freundin hatte da ein paar ziemlich wilde Würfel.« Er legte einen sauberen Stoß hin.

Es könnte schlimmer sein. Schließlich könnte sie auch im Hotel sitzen und die Wände anstarren. Sie versenkte drei Kugeln, ehe sie einen Stoß verpatzte, um sich wieder ihrem Bier widmen zu können. Gerade war sie bei ihrem Stuhl angekommen, als die erste laute Tonexplosion, die man sehr großzügig als Akkord hätte bezeichnen können, an ihre Ohren drang. Autsch.

Offensichtlich war die Glatze zugleich Leadsänger und Leadgitarre. Bassist und Schlagzeuger hatten sich beide nicht sonderlich überzeugende »Metall«-Perücken aufgesetzt. Oh, was für ein Gag! Sie lächelte verzerrt. Man sollte die Heulboje an den Daumen aufhängen …, nein, das wäre abgedroschen …, den großen Zehen. Über einem kochenden Kessel mit geschmolzenem Stinkkäse. Und dabei müsste er Kopfhörer tragen, die ständig auf dieses Gesäusel von Fahrstuhlmusik eingestellt sind. Und dann müsste man ihm die Gedärme aus dem Leib ziehen und Feuerameisen darauf ansetzen. Richtig hungrige Feuerameisen. Und der Bassist … dem müsste man diese kanadische Tussi anhängen. Und ihn aufs Rad flechten. Ich habe das nie einem angetan. Yeah. Das sollte funktionieren. Und der Drummer. Nackt in einem Kessel voll Sand und Giftefeu. Und Moskitos. Texasmoskitos. Und dazu sollte ihm dieser Typ etwas in die Ohren jammern, der ständig die Sache von dieser Taube gewimmert hat. Das sollte ziemlich lange vorhalten …

»Ist das nicht großartig?!«

Cally zuckte zusammen, fuhr in die Höhe und sah sich um, sah ihn hinter sich stehen und grinste ihm vergnügt zu.

Mein Gott, der hat sich tatsächlich von hinten an mich angeschlichen? Ich muss echt sauer sein. Awesome God! Wirklich schrecklich. Sie unterdrückte einen Seufzer. Okay, langweilige, sich ständig wiederholende, einem die Trommelfelle zerreißende Musik ist kein hinreichender Grund für Totschlag. Aber, verdammt noch mal, eigentlich sollte sie das sein. Die sollten die Regeln ändern. Verdammter Mist. Das verdammte Hotel ist mir da letztlich doch tausendmal lieber.

»Ist fabelhaft, aber ich muss gehen.« Sie versuchte verzweifelt, ihm eine plausible Ausrede aufzutischen. »Mir ist gerade eingefallen, dass meine Großmutter Geburtstag hat, und ich habe versprochen, dass ich sie anrufe.« Sie lächelte Nachsicht heischend und stand auf, nahm ihr Bier mit, als sie sich den Weg durch die Menge zur Tür bahnte, bloß weg von diesem schrecklichen Lärm.

Natürlich folgte er ihr nach draußen.

»Wirklich schade, dass du gehen musst. Wir hatten doch solchen Spaß zusammen. Was ist, darf ich dich zu deinem Wagen bringen, oder so?«

»Ich bin mit dem Zug da.«

Seine Gesichtszüge entgleisten ihm leicht, hellten sich aber schnell wieder auf. »Das ist auf der anderen Straßenseite. Ich komme mit. Ein hübsches Mädchen wie du sollte nach Einbruch der Dunkelheit nicht allein an einem Stützpunktort sein. Besonders am Wochenende. Ich meine, ich hoffe, dass dich niemand belästigen würde, aber du weißt ja, Matrosen …« Er verstummte, ging neben ihr bis zur Kreuzung und sah sich nach beiden Seiten um, ob die Straße frei war.

Auf dem Parkplatz des Bahnhofs gab es ein paar dunkle Stellen, wo eine Lampe ausgebrannt und nicht ersetzt worden war, darunter auch eine bei einem kleinen Gebüsch. Sie warf ihm einen prüfenden Blick zu, als sie daran vorbeikamen, nahm seine Hand und zog ihn in den Schatten.

Eine Weile später kamen sie wieder heraus und setzten den kurzen Weg zum Zug fort. Sein Arm lag jetzt über ihrer Schulter, und er küsste sanft ihr Haar, bemühte sich, die kurze Strecke Weges möglichst in die Länge zu ziehen.

Cally konzentrierte sich ganz darauf, normal zu gehen. Na ja, das war totale Zeitvergeudung. Trotzdem lehnte sie sich an ihn und lächelte süß. Es hatte ja keinen Sinn, sich etwas anmerken zu lassen. Sagen wir viereinhalb auf einer Skala von eins bis zehn. Dieser seltsam metallische Schweißgeruch ist … ganz und gar nicht erotisch. Und sein Mund, der ihm die halbe Zeit offen stand wie bei einem Fisch, war das auch nicht. Na ja, das sollte heute Abend eben nichts werden. Dabei sah er ganz nett aus …

»Wenn ich, äh … deine Telefonnummer hätte, könnte ich, äh … du weißt schon, in Verbindung bleiben«, erbot er sich mit einem hoffnungsvollen, albernen Lächeln.

»Gern, hast du einen Stift?« Sie rasselte eine Nummer herunter, die der Vorwahl nach aus Chicago stammen konnte, und küsste ihn leidenschaftlich, ehe sie ihre Marke in den Schlitz schob und durch das Drehkreuz ging. Als sie eine passende Stelle auf dem nur schwach besetzten Bahnsteig suchte, konnte sie das Kreischen der Bremsen eines ankommenden Zugs hören. Der Zug hielt rasselnd an, und als die Türen aufgingen, stieg sie ein und fand einen Sitzplatz. Sie sah sich nicht um.

Erst halb elf, stellte sie nach einem Blick auf die Uhr fest. Na ja, egal, Schlaf ist gesund.

Sonntag, 19. Mai

Um drei Uhr morgens hinauszufahren, um sich einen Download von ihren Kameras zu holen, machte nicht gerade Spaß. Zu wissen, dass sie gerade nahe genug heranfahren musste, um den Download auf Sichtweite vorzunehmen, dann zum Hotel zurückzukehren und dort zu Bett zu gehen, machte es nicht leichter. Das lohnte nicht einmal eine Tasse Kaffee aus einem Schnellimbiss. Etwa eineinhalb Stunden, nachdem sie ihr Zimmer verlassen hatte, kroch sie ins Bett zurück und wälzte sich dann gute zwei Stunden auf dem zu weichen Kopfkissen und der durchgelegenen Matratze herum, ehe sie schließlich wieder einschlief.

Als sie am frühen Nachmittag aus dem Bett taumelte, hatte sie einen Geschmack im Mund, der sie an Klebstoff und den Inhalt eines Aschenbechers erinnerte. Nach einer Dusche und Kaffee aus der Kaffeemaschine in ihrem Zimmer holte sie einen Beutel Studentenfutter aus dem Koffer und mampfte das Zeug, während sie die Kameraausbeute mit ein paar Suchfiltern auf Szenen einkürzte, auf denen Menschen oder fahrende Fahrzeuge zu sehen waren. Das Ergebnis sah sie sich auf dem Fernseher in ihrem Zimmer an und gab unterdessen eine Mustergrafik auf ihrem PDA ein. Unglücklicherweise war das System zu lange eingeschaltet gewesen und stürzte deshalb ab. Sie fand irgendwo eine Büroklammer und bog sie auf, um an den Resetknopf zu kommen, schnitt dem schreienden Gesicht auf dem Bildschirm eine Grimasse, als das System bootete, und wartete dann ungeduldig, während das Gesicht erstarrte und nach einer Weile verschlafen die Augen aufschlug. »Guten Morgen … okay, dann eben schönen Nachmittag … ich bin dein Buckley, und ich weiß jetzt schon, dass das ein schlimmes Ende nehmen wird.«

»Okay, Buckley, Stimmzugang abschalten.«

»Was? Dann bin ich doch stumm! Du würdest mir doch das nicht antun, oder?«

»Buckley, Stimmzugang abschalten.«

»Ich sehe schon, du verstehst keinen Spaß. Pfft!« Das Gesicht verabschiedete sich mit einem unflätigen Geräusch von ihr, ehe es verstummte und in die Leiste unten am Bildschirm einschrumpfte. »Okay, ganz wie du willst, lässt dir ja doch nichts einreden. Was nun?«

Sie kritzelte in das Eingabefeld und sah, wie ihre Befehle unter der Bildschirmausgabe des PDA auftauchten. »Gesichtssimulation abstellen.«

»Yeah, na ja, bist ja selbst auch nicht so hübsch«, huschte es über den Bildschirm, sichtlich verärgert, zuckte dann aber ganz oben auf den leeren Bildschirm.

»KI-Emulation auf Level zwei einstellen.«

»Was? Hör zu, du Schlampe, als ob ich nicht schon genug Ärger hätte! Zuerst hängst du mir einen Maulkorb um, dann knallst du mir die Tür vor der Nase zu und dann noch eine Lobotomie … bereit zur Befehlseingabe.«

Sie tippte den Okay-Button und rief dann wieder das Video auf, um es über die improvisierte Labelverbindung auf den Fernseher zu übertragen, schob es dann in den Hintergrund, rief ihr Musterprogramm auf und seufzte. »Ich hasse Booten.«

»Du hasst Booten!«, scrollte es unten über den Bildschirm.

»Klappe halten, Buckley.« Sie griff sich wieder eine Hand voll Studentenfutter und fuhr fort, die Leerstellen auszufüllen. Die simulierte Persönlichkeit würde Tage brauchen, bis sie wieder schlafen konnte.

In gewisser Weise waren die Samstagsdaten der Kamera nicht sonderlich nützlich, da die Leute am Wochenende gewöhnlich ihre Verhaltensmuster gründlich ändern. Trotzdem musste es sein. Ihre Zimmerkollegin auf der Schule hatte eine Übung geschmissen, bloß weil sie bei ihrer Überwachungsaufgabe nicht aufgepasst und deshalb nicht bemerkt hatte, dass die Zielperson einen Hausgast hatte. Die achtzigjährige, blauhaarige Mutter der Zielperson war plötzlich ins Zimmer geplatzt, als sie gerade damit beschäftigt war, einen Haufen schmutziger Unterwäsche und Socken zu durchwühlen, und hatte sie anschließend die Treppe hinunter und nach draußen geprügelt und ihr dabei lautstark eine Predigt über verkommene Schlampen gehalten. Bei der Abschlussbesprechung hatte sie dann erfahren, dass die Mutter eine verjüngte Agentin mit einem kosmetischen Alterungspaket gewesen war, was die ungewöhnliche Lebhaftigkeit der alten Dame erklärte. Cally sah immer noch Cheryls entsetzten Gesichtsausdruck auf dem Bildschirm der Überwachungskamera, als sie aus dem Haus geflohen war und mit beiden Händen versucht hatte, die Stockschläge der alten Dame abzuwehren.

Die Lektion hatte sie sich gemerkt.

Diese Videos hier zeigten einen äußerst beruhigenden Mangel an Überraschungen, und als sie zum Mittagessen ging, fühlte sie sich einigermaßen sicher, dass diese Solooperation recht glatt ablief.

Den Rest des Sonntags gab sie sich alle Mühe, nicht zu sehr unter den Nachteilen jeglicher Art von Überwachungstätigkeit zu leiden — nämlich der Langeweile. Glücklicherweise hatten ihr die Kameras so viel Arbeit abgenommen, dass sie wesentlich mehr Freiheiten hatte, als das in der Zeit vor dem Krieg der Fall gewesen wäre. Sie sah sich einen Film an und verbrachte einige Stunden in einem Fitnessstudio mit Hip-Hop.

Nach dem Abendessen legte sie sich schlafen. Es gab eine Unzahl chemischer Ersatzmöglichkeiten für Schlaf, und für einige davon war sie nicht einmal immun, aber keine davon war so wirksam wie das einzig Wahre. Morgen würde es ein langer Tag werden.

Montag, 20. Mai

Um vier Uhr morgens kämpfte sie immer noch mit der Müdigkeit, als die erste Krise des Tages einsetzte und sie fluchend vor der überlaufenden Hoteltoilette stand. Das dafür erforderliche Werkzeug war natürlich nicht vorhanden. Sie warf die Handtücher auf den Boden, arbeitete sich angewidert auf Zehenspitzen an die Hinterseite des Dings und kauerte sich nieder, um hinten das Wasser abzustellen. Dann trottete sie zum Waschbecken hinaus und benutzte den letzten sauberen Waschlappen, um sich das Gesicht zu waschen und sich einigermaßen sauber zu machen. Okay, dann muss heute eben der Hausmeister hier rein. Lässt sich nicht vermeiden. Muss ich eben alles einpacken.

Um fünf stand sie an der Hoteltheke, gab sich alle Mühe, nicht mit den Fingern auf die Theke zu trommeln oder — was noch besser wäre — den Angestellten dahinter zu erwürgen, während sie ihn anbrüllte, gefälligst seinen Hintern in Bewegung zu setzen. Offensichtlich setzte das Hotel nicht gerade seine besten Leute für die Nachtschicht ein. Es war beinahe halb sechs, bis der Trottel es schließlich geschafft hatte, jemanden für ihr altes Zimmer zu bestellen, sie auszubuchen und sie für den nächsten Tag in ein anderes Zimmer neu einzubuchen. Sie stopfte sich die Schlüsselkarte in die Tasche und ging. Es hatte keinen Sinn, ihre Sachen — das Wenige, was sie mit hatte — wieder aus dem Kofferraum zu holen, und eine Menge gute Gründe, es bleiben zu lassen.

Sie stieg in ihren Wagen und saß einen Augenblick lang da, ohne den Zündschlüssel umzudrehen. Eigentlich muss ich diesen Dreckskerl ja nicht umbringen. Sie knirschte mit den Zähnen, ließ den Motor an und rollte von dem Parkplatz in den noch schwachen, aber zusehends dichter werdenden Verkehr. Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf, als sich vor ihrem inneren Auge das Bild eines hoch gewachsenen Mannes — hoch gewachsen für eine Achtjährige — aufbaute, der stumm dastand und die Saurierziele aufstellte, als sie in Schussweite kamen. Die Hand auf ihrer Schulter, die sie stützte, damit sie den Gravkarabiner wieder aufs Ziel richten konnte. Sicher muss ich das nicht. Keinen würde es kümmern, wenn ich es nicht täte … keinen, außer die Toten. Und mich muss ich jeden Tag im Spiegel sehen. Und Robertson in die Augen, wenn ich je wieder mit ihm arbeite. Und was Grandpa denken würde. Und ein Scheißverräter ist er auch und gehört umgebracht. Verdammt. Und er ist der Letzte. Der Letzte, dem ich es schuldig bin. Der Einzige, dessen Leiche ich nicht gesehen habe und dem ich nicht selbst die DNA-Werte entnommen habe. Und das sollte mir verdammt noch mal eigentlich eine Lehre sein, aber hinterher ist es bloß mehr Arbeit. Der Letzte.

Der Verkehr zur Wohnung seiner Freundin, wo sie die Kameras versorgen musste, war gar nicht schlimm. Ihr Name war Lucy Michaels, aber Cally zog es vor, ihre Beziehung zu einer Frau, die sie unter Drogen setzen und dann mit einem Toten im Bett liegen lassen würde, so unpersönlich wie möglich zu halten. Sie machte sich eigentlich ziemliche Mühe, vergleichsweise gesprochen, die Nicht-Zielperson am Leben zu lassen. Worth hätte das nicht getan. Selbst einige von den Bane Sidhe hätten es nicht getan. Aber sie würde sich besser dabei fühlen.

Die Zeit, die sie brauchte, um zu der ersten Kamera zu kommen und den Download vorzunehmen, ließ unglücklicherweise dem Montagmorgen-Verkehr genügend Zeit, dichter zu werden, und die Route quer durch die Stadt zum Haus der Zielperson war nicht gerade verstopft, aber viel fehlte daran nicht. An einer Verkehrsampel schob sie den Würfel mit ihrer Musiksammlung in die Audiokonsole und ließ sich den Katalog anzeigen. Mhm. Evanescence. Gutes Album. Ich frage mich immer noch, welchen Einfluss wohl die ersten Landungen und die Anpassung an das Leben in einer Urb auf sie gehabt haben. Aber das werden wir wohl nie erfahren.

Die Ampel schaltete um, und sie fuhr zu den ersten Klängen von »Going Under« an.

Als sie das Viertel ihrer Zielperson erreichte, war es kurz nach halb acht, und sie parkte gleich um die Ecke, aber noch in Reichweite für einen Download. Ein männlicher Agent wäre bestimmt nicht damit durchgekommen, so offensichtlich in einer Wohnstraße zu parken. Aber Cally schob sich einen Streifen Bubble Gum in den Mund, drehte die Anlage ihres Wagens auf eine zu einem Teenager passende Radiostation, drehte die Lautstärke ein wenig höher und fing dann an, sich die Nägel in einer äußerst trendigen Farbe zu lackieren. Jeder, der sie so sitzen sah, würde annehmen, dass das einfach bloß ein Teenager war, der auf seine Freundin wartete. Das grell rosa Frottee-Schweißband unter ihrem Haar und über der Stirn und das äußerst voluminöse T-Shirt und die grauen Sweat Pants waren eine Kluft, in der sich ein Teenager nicht einmal tot in der Mall würde sehen lassen, aber um am Morgen mit einer Freundin zu joggen, war das gerade richtig.

Während sie den Überlack aufpinselte, lief auf ihrem PDA ein Suchmuster ab, das die Videosegmente mit menschlichen Gestalten oder bewegten Fahrzeugen ausfilterte. Die Zielperson und seine Frau hatten offensichtlich einen ruhigen Sonntag zu Hause verbracht. Und, was das Wichtigste war, es gab keinerlei Anzeichen für unerwartete Hausgäste, nichts, was darauf hindeutete, dass außer der Zielperson und seiner Frau jemand dort wohnte. Wie erwartet, war die Zielperson bereits weg. Die Frau war noch da.

Sie schaltete die Kameras auf Echtzeit plus zwei Sekunden und schlug eine Modezeitschrift auf, die sie mit großem Interesse studierte. Jedes Mal, wenn eine menschliche Gestalt oder ein bewegtes Fahrzeug in das Sichtfeld der Kameras kam, piepte der PDA leise. Ein kurzer Blick auf den Bildschirm reichte aus, um ihr zu sagen, ob es sich dabei um die Frau der Zielperson handelte. Für eine Immobilienmaklerin fing sie recht spät an. Als die Frau schließlich kurz vor neun Uhr fünfzehn das Haus verließ, war Cally sorgsam darauf bedacht, ihren Wagen keines Blickes zu würdigen, als er an ihr vorbeirollte. Es würde keinen Augenkontakt geben, den die Frau bemerken und an den sie sich später erinnern würde.

Cally wartete eine gute Viertelstunde, ehe sie aus dem Wagen stieg und um die Ecke und dann die Straße hinunter zum Haus der Zielperson joggte. Das war die kniffligste Phase dieses Einsatzes. Sie musste von der Straße ins Haus der Zielperson und später wieder aus ihm heraus kommen, ohne gesehen zu werden oder zumindest dabei so alltäglich wirken, dass niemand sich an sie erinnerte. Sie bog ab, ging die Einfahrt hinauf und nach hinten zur Küchentür, als ob sie ihr Laufpensum erledigt hätte und nachhause zurückkehrte; währenddessen hoffte sie heiß und innig, überhaupt nicht gesehen zu werden.

Das elektronische Schloss an der hinteren Tür zu knacken, kostete sie unter Einsatz eines hochgradig illegalen Zusatzgerätes ihres PDA nur wenige Sekunden. Normalerweise registrierte es das Schloss, wenn die Passepartout-Schaltung eines Schlüsseldienstes benutzt wurde, vergewisserte sich, dass dessen Einheit bei den städtischen Behörden registriert war, und zeichnete zusätzlich die Seriennummer der Einheut auf. Ihr Gerät fing dieses Signal nicht nur auf, sondern hackte sich auch in die Einstellung des Schlosses, versicherte ihm glaubwürdig, dass es ausgebaut und zur Reparatur in die Fabrik geschickt worden war, öffnete das Schloss, lud dann die Einstellungen neu und vermittelte ihm zu guter Letzt bezüglich des ganzen Vorfalls eine gründliche Amnesie.

Sobald sie sich im Inneren der Wohnung befand, würde sie die Sperrknöpfe für weitere Manipulationen an der Tür verwenden können, die ja schließlich gemäß ihrer Programmierung dafür sorgen sollten, dass unbefugte Leute draußen blieben, nicht etwa drinnen. Sie streifte sich Gummihandschuhe über, sperrte die Tür hinter sich ab und ging die Treppe suchen.

Das Haus war makellos gepflegt und roch nach Möbelpolitur und Ölseife. Jemand, vermutlich Mrs. Petane, schätzte offenbar Orientteppiche und Möbelreproduktionen im Queen-Anne-Stil. Das Mobiliar war gut, aber spärlich; wer auch immer die Wohnung eingerichtet hatte, hatte darauf geachtet, dass jedes einzelne Stück gut zur Geltung kam und die Räume nicht überladen wirkten. Das verlegte Parkett freilich veranlasste sie dazu, leicht die Nase zu rümpfen. Eigentlich eine sehr gute Wahl, aber einfach zu gepflegt. Da war kein Laut zu hören. Was sollte das?

Im Obergeschoss gab es ein kleines Arbeitszimmer mit Schreibtisch, Sessel, Couch sowie einem Bildschirm mit Würfelständer und darunter ein Sammelsurium von Musik- und Videowürfeln. Eine Hand voll Memorywürfel und ein paar Aktendeckel, aus denen Prospekte von Immobilienmaklern ragten, waren über den Schreibtisch verteilt.

Es gab auch zwei Gästeschlafzimmer, eines davon für ein Kind eingerichtet und beide von einer dicken Staubschicht bedeckt, so als ob sie schon lange Zeit nicht mehr benutzt worden wären. Im hinteren Bereich des Hauses fand sie das Schlafzimmer des Ehepaars und das dazugehörige Bad. Sie würde ihr kleines Geschenk im Bad unterbringen. Der Trick bestand darin, es so zu platzieren, dass die Frau der Zielperson es mit Sicherheit nicht finden würde, und zugleich sicherzustellen, dass die Ermittler darauf stoßen würden.

Sie hob ihr T-Shirt an und zog das flache, mit Isolierband verklebte Päckchen heraus. Für eine Immobilienmaklerin würde der kleine Handspiegel harmlos und normal wirken. Sie schob ihn in eine Schublade unter ein paar Flaschen Enthaarungscreme und Männerkölnisch. Okay, wo ist die beste Stelle für das Zeug? Unter dem Waschbecken?

Cally zuckte zusammen, als sie in der Einfahrt ein Motorengeräusch hörte. »Scheiße!«

Hastig schlug sie die Tür des Wandschränkchens zu und drückte das Päckchen an sich. Das Büro kam nicht infrage. Keine Ahnung, wo die zuerst nachsehen würden. Sie biss sich auf die Lippen, als sie zur Tür des ersten Gästezimmers rannte und wäre fast hineingehuscht, blieb aber dann wie angewurzelt auf der Schwelle stehen und starrte entsetzt auf den Staub, der das Parkett bedeckte und der jeden ihrer Schritte verraten würde. Sie konnte das schwache Piepsen des Schlosses an der Hintertür im Erdgeschoss hören und eilte ins Schlafzimmer zurück. Nicht den begehbaren Kleiderschrank — das war eine tödliche Falle. Und niemals ein Badezimmer. Schritte auf der Treppe. Sie verwünschte den elitären Geschmack der Frau, der dazu geführt hatte, dass es keine Möbel gab, hinter denen man sich verstecken konnte, und zwängte sich unter das Bett, griff unter ihr Hemd und presste sich das Päckchen mit dem Isolierband wieder an den Bauch.

Großartig gemacht, Cally. Wirklich zum Kotzen. »Spezialistin für Auftragsmord unter dem Bett der Zielperson gefunden!« Schwester Thomasina würde Schreikrämpfe kriegen. Nein, an die Decke würde sie gehen. Sie sah die Staubflusen an, die dicht vor ihrem Gesicht auf dem Boden lagen, und hielt sich ganz still, als das Klacken hoher Absätze und halblaute Verwünschungen einer Frauenstimme die Treppe herauf und ins Zimmer kamen. Na schön, sie ist nicht gerade die perfekte Hausfrau, oder? Idiot. Ich hätte auf der Straße auf beiden Seiten Kameras auf das Haus richten müssen, Buckley auf die Fahrzeuge der Familie aufpassen lassen und im Voraus ein Versteck aussuchen sollen. Schlampige Arbeit. Dabei bin ich nie schlampig. Wo zum Teufel kommt das heute her? Und jetzt liege ich unter dem verdammten Bett. Gott sei Dank mache ich das heute solo, denn sonst würde ich das einfach nicht überleben. Wenn ich es schaffe, hier heil rauszukommen, werde ich das vor keinem zugeben.

Sie fuhr fort, sich lautlos zu verwünschen, und gab sich dabei alle Mühe, nicht niesen zu müssen. Unglücklicherweise musste die Frau der Zielperson im Wagen etwas Parfüm aufgelegt haben. Eine Wolke von dem Zeug schwebte mit ihr ins Zimmer, und Cally spürte, wie ihre Augen zu tränen begannen. Jetzt bewegten sich die hohen Absätze zu dem begehbaren Schrank. Die Türen wurden geöffnet. Ein Kleiderbügel klapperte, dann fiel etwas Weiches auf das Bett. Die Frau klick-klackte ins Bad, dann wurde Wasser eingelassen. Anscheinend füllte sie das Waschbecken. Cally riskierte es, sich ganz leise zu räuspern. Das Wassergeräusch verstummte. Jetzt wieder die klickenden Absätze, bis sie neben dem Bett stehen blieben. Cally konzentrierte sich darauf, ganz langsam und gleichmäßig und möglichst lautlos zu atmen. Die Versuchung, in solchen Fällen den Atem anzuhalten, war immer groß, aber das war keine gute Idee. Am Ende musste man dann doch Luft holen, und das war dann lauter als gleichmäßig langsamer Atem.

Gerade setzte die Frau sich wieder in Bewegung; und Cally lauschte, wie die Schlafzimmertür geschlossen wurde, und unterdrückte ein erleichtertes Aufseufzen, als das Absatzklappern sich über den Flur entfernte, leiser wurde und schließlich die Treppe hinunter verklang. Jetzt atmete sie ein wenig leichter, als die hintere Tür sich schloss, bewegte sich aber erst wieder, als sie hörte, wie der Wagen draußen auf der Einfahrt anfuhr. Sie rutschte unter dem Bett heraus, aber noch ehe sie sich aufrichtete, zog sie ihren PDA aus der Tasche und drückte die Knöpfe, um den KI-Simulator und den Stimmzugang zu aktivieren.

»Alles im Eimer, oder?«, fragte der Buckley mürrisch.

»Buckley, beobachte die Kameras auf den Straßen der Umgebung nach den beiden Autos, die zu diesem Haus gehören.« Jetzt richtete sie sich auf und ging zur Tür, um ein richtiges Versteck zu finden für den unwahrscheinlichen Fall, dass dieses Miststück noch einmal zurückkam, ehe sie fertig war.

»Ich sehe eines.«

Sie knallte die Tür zu und war halb unter dem Bett, ehe sie sich ganz beruhigt hatte. »Buckley, kam es auf uns zu oder hat es sich von uns entfernt?«

»Hat wer was?«

»Das Auto, das du gerade gesehen hast.«

»Welches Auto?«

Die Knöchel der Hand, die den PDA hielten, wurden weiß. »Das Auto, das zu diesem Haus gehört, von dem du gesagt hast, dass du es gesehen hast.«

»Oh, das. Das ist jetzt weg.« Die Stimme klang fast vergnügt.

Sie richtete sich langsam und bedächtig auf, so als fürchte sie sich davor, was sie tun könnte, falls sie auch nur einen Augenblick lang die Kontrolle über sich verlor, und ging zur Tür, über den Flur die Treppe hinunter; unten sah sie ins Esszimmer. Da. Der Sessel mit der hohen Lehne am Piano würde ihr Deckung bieten. Wahrscheinlich staubig, aber wenn sie ihn benutzen musste, konnte sie die ganze Fläche hinter dem Sessel sauber wischen, dann würde niemand etwas bemerken. Ausgezeichnet. Sie überlegte gründlich, ehe sie redete.

»Buckley, wenn irgendjemand außer dir und mir dieses Haus betritt, solange wir hier drinnen sind, wirst du keinen Laut von dir geben, angefangen bei dem Augenblick, wo er, sie, es das Haus betritt, bis mindestens eine volle Minute, nachdem er, sie, es wieder gegangen ist. Ist das klar?«

»Schließt das den Würfelleser im Arbeitszimmer mit ein?«

Sie verdrehte die Augen. »Nein.«

»Und was ist mit dem Schloss und der Mikrowelle?«

»Nein!«

»Und mit dem AID auf dem Beistelltisch dort drüben?«

Sie fuhr herum, ihre Augen weiteten sich erschreckt, und dann stieß sie eine Verwünschung aus.

»War bloß ein Witz.«

»Buckley! Halt die Klappe. Sofern du nicht wieder einen Wagen siehst, der zu diesem Haus gehört, hältst du einfach die Klappe.« Sie biss sich auf die Lippen und gab sich alle Mühe, die Treppe nach oben nicht hinaufzurasen, sondern ging langsam und mit gemessenen Schritten. Im Bad schwamm eine Seidenbluse mit einem Kaffeeflecken im Waschbecken, der allmählich in der Seifenlösung verblasste.

Sie warf einen Blick in den Spiegel, pickte sich angewidert ein paar Flusen aus dem Haar und spülte sie die Toilette hinunter.

Es dauerte nur ein paar Augenblicke, das Päckchen mit dem kleinen Beutel voll weißem Pulver, dazu einen Löffel, ein kleines Fläschchen Äther und eine Nadel herauszuholen, eine winzige Menge Koks auf den Boden fallen zu lassen und dann das Päckchen mit frischem Isolierband hinten an der Unterseite des Waschbeckens zu befestigen. Sanft blies sie auf die winzige Menge von dem weißen Zeug, um es zu verteilen. Jetzt konnte man nichts mehr sehen, aber der Hund würde es mit Sicherheit riechen. Und sobald die toxikologischen Tests der Leiche da waren, würden sie einen Hund einsetzen.

Als sie gerade im Begriff war, die hintere Tür zu öffnen und hinauszugehen, hielt sie inne. »Buckley, Stimmzugang abschalten.«

»Aber dann kann ich ja nicht einmal um Hilfe schreien, wenn alles hochgeht!«

»Buckley, Stimmzugang abschalten.«

»Hab mir’s gleich gedacht.« Der PDA gab ein übertrieben langes, leidvolles Seufzen von sich und verstummte.

Cally klinkte sich in die Kommandoleitung ein und nahm einen Reset der KI-Emulation vor. Buckleys brachten nicht die beste Leistung, wenn man die Emulation zu hoch schaltete; sie ließen sich dann zu viele Gründe einfallen, um in Panik zu geraten. Gleich darauf streifte sie die Handschuhe ab und stopfte sie unter ihren schwarzen Sport-BH, den das zu weite T-Shirt verdeckte, und atmete tief durch. Ich gehöre hierher, ich gehe jetzt joggen. Sie trat durch die Tür ins Freie.

Als sie um das Haus herumging, unterdrückte sie eine Verwünschung. Sie war gesehen worden! Von einem kleinen, blonden Jungen von etwa vier Jahren, der ganz ruhig bemüht war, einen sehr geduldig aussehenden Golden Retriever an einen kleinen, grünen Wagen zu binden. Der Junge betrachtete sie ernst und legte den Zeigefinger auf die Lippen. »Schsch …« Ein etwas gequältes Kichern unterdrückend, legte Cally ebenfalls einen Finger auf die Lippen, ging die Einfahrt zur Straße hinunter und joggte dann um den Block herum zu ihrem Wagen. Sie sah sich nicht um. So wie sich das anließ, war dies nicht gerade ihr Tag.

Nachdem sie drei verschiedene Geschäfte aufgesucht hatte, verfügte sie über mehrere Paar Strumpfhosen, Kabelbinder und ein Päckchen billige Stofftaschentücher. Dann suchte sie eine Mall in der Nähe des Apartments der Freundin auf und machte dort bis zum Mittagessen einen Schaufensterbummel. Das war einer der Aspekte ihres Jobs, an den man sich nie gewöhnte. Sie hatte das zumindest bis jetzt nicht geschafft. Stunden um Stunden hektischer Hast, dann wieder Warten und dazwischen kurze Perioden hektischer Adrenalinstöße. Ihr Körper reagierte natürlich atypisch auf Adrenalin, ganz so, wie das bei den anderen Kolleginnen und Kollegen in der Sonderklasse ihrer Schule auch der Fall gewesen war. Wenn nicht zu Anfang, dann ganz sicherlich nach der Ausbildung und weiß Gott was für Manipulationen. Adrenalin löste eine Art Zeitdehnung aus, steigerte die Konzentration und stumpfte einen emotional ab. Aber Cally hatte Grund zu der Annahme, dass ihre eigene atypische Adrenalinreaktion etwas ganz Natürliches war, einfach weil sie sie schon Jahre vor der Schule gehabt hatte. Das war möglicherweise ein Familienerbstück.

Aber gegen Langweile half das überhaupt nicht. Jeder Agent hatte eigene Methoden, um damit klarzukommen. Einige von ihnen lasen. Andere spielten Spiele auf ihren PDAs. Einige sammelten die kompliziertesten Kreuzworträtsel, die sie in die Finger bekommen konnten. Und Cally ging zum Shoppen. Oh, natürlich nicht, wenn es strategisch von Vorteil war, unterzutauchen. Sie hatte für alle Fälle eine riesige Sammlung von bunten Katalogen. Aber hauptsächlich beobachtete sie die Leute, probierte Kleider oder Schuhe an und ließ sich die neuesten technischen Spielsachen erklären. Jemand hatte ihr einmal erklärt, dass dies eine Reaktion auf die Entbehrungen ihrer Kindheit war. Sie selbst war freilich der Ansicht, dass die Gehirnklempner totalen Blödsinn verzapften. Für eine junge, attraktive Frau gab es einfach keinen anonymeren und unauffälligeren Ort als eine Mall. Im Lauf einer Stunde wurde sie bestimmt von mindestens hundert Leuten gesehen, aber niemand würde sich an sie erinnern. Sie achtete darauf, nie so viel zu kaufen, dass die Verkäuferin eine nennenswerte Provision bekam, reagierte nie auf Augenkontakt mit irgendwelchen männlichen Wesen, reagierte praktisch überhaupt nicht, abgesehen von einem völlig unpersönlichen, beiläufigen Lächeln. Ebenso gut hätte sie unsichtbar sein können, und indem sie von Geschäft zu Geschäft ging, wurde sie ein wenig von ihrer Nervosität los und konnte ihre Energie umsetzen. Und außerdem fand sie manchmal wirklich gute Schnäppchen. Heute war das eine wirklich hübsche Bluse mit viereckigem Ausschnitt im Sonderangebot. Sie war blau und würde klasse zu den sandfarbenen Slacks und dem Blazer passen, die sie heute Abend tragen wollte. Die Bluse war deshalb reduziert, weil sie am Rücken ein kleines Loch hatte, das man gleich sehen würde, wenn sie den Blazer auszog. Aber das war ideal, weil sie sie ohnehin nur einmal tragen würde.

Mitten am Nachmittag war die kleine Toilette leer genug, dass sie sich dort umziehen und Make-up auflegen konnte, ohne sonderlich Aufmerksamkeit zu erregen. Dank der Dauerwelle brauchte sie ihre Locken nur kurz auszubürsten.

Kurz vor vier hielt sie auf einem Parkplatz vor einem Laden in der Nähe der Wohnanlage an. Sie tippte auf die Knöpfe, um den KI-Simulator zu wecken. »Hey, Buckley.«

»Jetzt geht alles in die Brüche, oder?«

»Nein, Buckley. Ich möchte bloß, dass du die drei wahrscheinlichsten Routen vom Fleet Strike Tower zu dem Apartmentgebäude an der Lucky Avenue Nr. 2256, die auf den Verhaltensmustern der Zielperson basieren, ausarbeitest.«

»Das ist alles, was du kannst? Geht nicht.«

»Was soll das heißen, geht nicht? Buckley, du arbeitest jetzt die Routen aus, okay?«

»Sorry, geht nicht.«

»Buckley, ich bin jetzt wirklich nicht für so etwas in der Stimmung.«

»Um meine Stimmung kümmert sich nie einer. Da stehen wir jetzt, unser Einsatz fliegt uns gleich um die Ohren, und ohne Zweifel werden wir gleich von den Posleen überrannt oder jemand wirft ein Nuke auf uns oder ein K-Dek fällt uns auf den Kopf oder ein Gebäude bricht …«

»Jetzt reicht’s, Buckley.« Sie ballte verärgert die Fäuste. »Warum kannst du keine wahrscheinliche Route für das Subjekt vom Tower zum Apartmentgebäude ausarbeiten?«

»Wer hat denn gesagt, dass ich das nicht kann? Ich habe nie gesagt, dass ich das nicht kann.« Das klang unerträglich selbstgefällig.

Sie zählte ganz langsam bis zehn. »Buckley, bestimme die wahrscheinlichste Route vom Tower zum Apartmentgebäude, basierend auf den Bewegungsmustern der Zielperson. Auf dem Bildschirm anzeigen.«

»Okay.« Ein Teil des Stadtplans von Chicago mit einer rot markierten Route erschien auf dem Bildschirm. Sie sah wie die aus, an die sie sich vom Freitag erinnerte, aber sie wollte sichergehen.

»So, und jetzt füge dieser Route, ohne sie zu löschen, die zweitwahrscheinlichste Route für die Zielperson vom Tower zu dem Apartmentgebäude hinzu.«

»Warum hängt man mir immer die Idioten an? Das geht nicht.« Dem Tonfall nach zu schließen war der PDA darüber ziemlich erfreut.

»Warum kannst du diesen letzten Befehl nicht befolgen, Buckley?«, fragte sie mit zusammengebissenen Zähnen.

»Es gibt keine Daten über die Bewegungen der Zielperson, die mit der ersten Route nicht kongruent wären.«

»Er nimmt diese Route jedes Mal?« Sehnt sich dieser Kerl nach dem Tod oder was?

»Brillant. Wenn du so weitermachst, wirst du möglicherweise sogar einige von den vielen Dingen begreifen, die in dieser Situation schief gehen, könnten. Nicht, dass es viel nützen würde«, erklärte das Gerät mürrisch.

»Na großartig. Dann hackst du dich jetzt ein und beobachtest die Kameras entlang seiner Route. Pass aber auf, dass der Server dich nicht erwischt. Wenn er sich jetzt auf dieser Route bewegt oder wann auch immer er damit anfängt, sagst du mir Bescheid und platzierst einen Punkt auf dem Bildschirm, um seine mutmaßliche Position anzuzeigen, und aktualisierst diese Information immer dann, wenn du von den Kameras neue Daten bekommst.«

»Und du bist sicher, dass du das wissen willst?«

»Warum, ist er schon unterwegs?«, fragte sie bissig.

»Nein. Ich dachte nur, falls du zu den Leuten gehören solltest, die besser mit Katastrophen klarkommen, wenn sie nicht wissen, dass sie kommen …«

»Buckley, du wirst mir jetzt nur sagen, wenn die Zielperson den Tower nach hierher verlässt oder wenn er ein anderes Ziel ansteuert. Ansonsten hältst du die Klappe.«

»Heute sind wir aber empfindlich, wie?« Der Buckley verstummte.

Cally warf einen Blick in den billigen Aktenkoffer, den sie in einem Bürobedarfsgeschäft in der Mall erstanden hatte. Kleider zum Wechseln, in Plastik eingeschweißt, gut. Okay, Drogen, Weinkühler, Kabelbinder, mehrere Paar Strumpfhosen, Handschuhe, Knebel, Klappmesser, Soundbox … Sie nahm die kleine graue Box mit dem Schalter oben und knipste sie an. »Test, Test, Test.« Die Verkehrsgeräusche wurden gedämpft, und ihre Stimme klang hohl. Sie schaltete das Gerät ab und hängte es sich an den Gürtel, ehe sie das Klappmesser herausnahm und es in die Tasche schob. Wenn man vermeiden wollte, jemanden zu töten, war das eine nützliche Waffe, weil das Messer sie meist sofort davon überzeugte, dass man sie wirklich töten würde und auf die Weise dafür sorgte, dass sie mit einem kooperierten. Na ja, bei bestimmten Typen wirkte es jedenfalls. Im Augenblick war die gesunde Angst der Nicht-Zielperson die beste Überlebenschance der Frau.

Sie öffnete den Weinkarton und trank ein paar Schlucke, damit oben etwas Platz wurde. Dann nahm sie die Flasche mit der roten Markierung und goss die Drogen vorsichtig in den Wein. Anschließend wanderte die Drogenflasche wieder in eine Tasche des Aktenkoffers, dann schraubte sie die Plastikkappe auf den Weinkarton und schüttelte ihn leicht. Zum Mischen braucht es nicht viel, aber wir wollen nicht, dass etwas herausspritzt.

Mit einem der Marker machte sie ein rotes Zeichen auf das Etikett und verstaute den Weinkarton wieder in dem Koffer neben einem ungeöffneten und holte dann ein kleines rosafarbenes Namensschild heraus und steckte es sich an das Revers ihrer Jacke. Auf dem Namensschild stand, dass sie Lisa Johnson war, und darunter war das vertraute Logo einer bekannten Kosmetikfirma zu erkennen. Sie sah auf die Uhr. Zwölf Minuten nach vier.

»Buckley.«

»Wir werden jetzt gleich sterben, oder?«

»Nein, Buckley. Halte weiter Ausschau nach dem Wagen der Zielperson, aber außerdem musst du die Kameras anzapfen, die ich in Apartment 302C untergebracht habe und mir sagen, ob jemand zu Hause ist und wo sie sich befinden.«

»Ah, das Vertrauen der Jugend. Zwei in dem Apartment.«

»Zwei?!«

»Eine in der Küche, eine unter der Couch.«

»Unter der …« Den bringe ich noch um. »Buckley, kümmere dich nicht um die verdammte Katze. Wie viele menschliche Wesen in 302C?«

»Du unterschätzt offensichtlich den Schaden, den eine hinreichend wütende Hauskatze anrichten kann. Ein Mensch, erwachsene Frau, in der Küche.«

»Richtig. Sag mir Bescheid, wenn sie das Apartment verlässt oder wenn es jemand betritt.«

»Bitte.«

»Danke, Buckley«, fügte sie hinzu.

»Weißt du, es ist noch nicht zu spät, um nach Hause zu fliegen und die ganze Geschichte zu vergessen«, schlug er voll Hoffnung vor.

»Halt die Klappe, Buckley.« Ein paar Augenblicke lang herrschte Stille im Wagen. »Oh, ich meine davon abgesehen, dass du mir sagst, wenn die Zielperson weggeht, und mich darüber informierst, wie er auf der Route hierher vorankommt.«

»Richtig.«

Sie gab sich Mühe, nicht mit den Fingern zu trommeln, während sie wartete. In all den Jahren hatte es ihr immer die meiste Mühe bereitet, ihre Ungeduld zu unterdrücken. Das erforderte immer noch bewusste Willensanstrengung. Sie rief irgendwelche Musik im Audiosystem des Wagens auf, einfach was auf dem Würfel als Nächstes kam, und zwang sich erneut, nicht etwa den Takt mitzuklopfen, als die Pianoklänge von »Hello« aus den Lautsprechern tönten. Sie rümpfte die Nase. »Nein, vielen Dank«, sagte sie und suchte weiter, bis sie »Don’t Fear the Reaper« fand. Nicht, dass der moderne Re-Mix besser als das Original gewesen wäre, aber das Ganze wirkte nicht so … altmodisch. Einige Mitglieder der ursprünglichen Band hatten ziemlich früh eine Verjüngung gekauft, indem sie sich für eine Kolonientour auf Diess verpflichtet hatten, hatten dort eine Unzahl Abendkonzerte gegeben und von ihren Mit-Kolonisten und dem Personal von Fleet und Fleet Strike genügend Geld verdient, um ihre Verträge zurückzukaufen und für die Passage nach Hause zu bezahlen.

Eine ganze Band mit Runderneuerten war hier auf der Erde natürlich nicht jedermanns Sache, aber sie waren eben eine Rockband. Sie waren das gewöhnt. Sie befahl dem System, das ganze Album zu spielen.

Die schrillen Gitarren bei der Eröffnung von »Godzilla« klangen so machtvoll wie eh und je, und es tat ihr wirklich Leid, unterbrechen zu müssen, als der Buckley ihr mitteilte, dass die Zielperson unterwegs sei.

»Ist die Frau in 302C immer noch in der Küche, Buckley?«

»Bedauerlicherweise ja. Hättest du gern eine Liste der zehn schlimmsten Dinge, die bei diesem Einsatz schief gehen könnten?«

»Nein!«

»Ehrlich, es würde mir gar keine Mühe machen«, erbot der Apparat sich.

»Halt die Klappe, Buckley.«

»Geht in Ordnung.«

7

Cally stand an der Tür von 302C. Den Reißverschluss ihrer Aktentasche hatte sie geöffnet, hielt sie aber so, dass man den Inhalt nicht sehen konnte. Sie schloss kurz die Augen und schlüpfte in die Rolle der Kosmetikvertreterin. Als sie sie wieder öffnete, zeigte ihr Gesicht ein strahlendes Lächeln, und ihre Augen strahlten vor Begeisterung. Sie klingelte und wartete.

Kurz darauf hörte sie es auf der anderen Seite der Tür rascheln. Vermutlich die Freundin, die durch den Türspion lugte. Die Tür ging auf.

»Äh … Hallo?« Die Frau hatte Lockenwickler im Haar, und ihr Gesicht war ohne Make-up, so als ob sie sich gerade gewaschen hätte.

»Hi, ich bin Lisa von Pink Passion Cosmetics und wollte Sie fragen, ob Sie an unserer Gratisaktion heute Nachmittag interessiert wären? Dauert nur fünf Minuten.« Sie strahlte förmlich Hilfsbereitschaft und gute Laune aus.

»Fünf Minuten … und ich muss nichts kaufen?« Die Augen der jungen Frau hatten sich bei dem Wort »gratis« geweitet. Sie musterte nachdenklich den gepflegten Teint der Vertreterin, dem man das professionelle Make-up ansah.

»Nein, garantiert nichts. Ich mache Ihnen ein frisches Make-up, lasse Ihnen einen Katalog und meine Telefonnummer da, und wenn Sie dann etwas aus dem Katalog haben wollen, rufen Sie mich an. Wenn nicht, dann eben nicht.« Sie lächelte freundlich und ein wenig verschwörerisch.

»Fünf Minuten.« Die Frau sah auf die Uhr. »Äh, na ja, sicher. Kommen Sie rein.« Sie trat zur Seite und bedeutete der Auftragskillerin, dass sie eintreten solle.

Cally griff sich unauffällig an den Gürtel, als sie durch die Tür schritt, und legte den kleinen Schalter um. Gleich nachdem die Freundin die Tür geschlossen hatte, hatte Cally die Aktentasche fallen lassen, die Frau gepackt, sie neben der Tasche zu Boden gerissen, lag über ihr und hielt ihr das Klappmesser an die Kehle.

»Lady, Sie haben jetzt die Wahl. Entweder können Sie hier auf ziemlich unangenehme Art sterben, oder tun, was ich sage, und leben. Mir ist’s egal, wofür Sie sich entscheiden.« Sie drückte der Frau dabei das Messer leicht gegen die Kehle, um ihr klar zu machen, dass sie es ernst meinte. Es gab da einen Trick, wie man das Messer genau im richtigen Winkel hielt, damit es sich scharf genug anfühlte, um die andere Person zu beeindrucken, ohne tatsächlich die Haut zu verletzen. Mit einem einigermaßen scharfen Messer, wie dem hier, war das besonders schwierig. Aber sie hatte ja genügend Übung.

»O mein Gott, mein Gott, tun Sie mir nichts. Bitte, töten Sie mich nicht. O Gott. Was wollen Sie? Ich tue alles, was Sie verlangen, bloß, bitte, bitte, bringen Sie mich nicht um.«

»Ich brauche Sie nicht umzubringen. Ich muss mir nur für kurze Zeit Ihr Apartment ausborgen.« Sie suchte in der Tasche herum, zog den Pappbehälter mit dem Wein heraus und vergewisserte sich, dass es der rot markierte war. »Trinken Sie das. Da ist natürlich ein Schlafmittel drin. Damit Sie schlafen und mir nicht im Weg sind.« Sie reichte den Karton der verängstigten Frau.

»Woher weiß ich, dass das kein Gift ist?«

»Sie wissen es nicht. Sie wissen bloß, dass Sie jetzt und sofort hier sterben werden, wenn Sie es nicht trinken, und zwar auf recht schmerzhafte und unappetitliche Art. Das ist Ihre einzige Chance. Überlegen Sie es sich, ich habe nicht viel Zeit.«

Die andere Frau fing an, den Verschluss aufzuschrauben, hielt aber plötzlich inne.

»Charles. Sie sind hinter Charles her.« Ihr Tonfall verriet ihr wachsendes Entsetzen.

»Wem?« Callys Gesicht hätte nicht verblüffter blicken können. »Man hat mir gesagt, dass Sie hier allein leben. Wird da noch jemand kommen?«, fragte sie streng und drückte mit dem Messer etwas stärker zu, achtete aber immer noch sorgsam darauf, die Haut nicht zu verletzen.

»Äh … nein«, log die Frau schnell, »Charles ist … ist meine Katze.«

»Ist ja großartig. Und ich bin allergisch. Würden Sie jetzt bitte schnell machen und das hier trinken, ehe ich Sie töten muss?«

Die Frau starrte sie an, als versuche sie, sich ihre Gesichtszüge einzuprägen, und trank dann. Cally beobachtete sie die etwa zehn Minuten, die es dauerte, bis ihre Augen glasig wurden, und legte dann das Messer weg.

»In Ihrem Bett werden Sie bequemer schlafen. Kommen Sie, ich bringe Sie hin, damit Sie sich hinlegen können.« Sie half der Frau auf, führte sie ins Schlafzimmer, wobei sie sie stützen musste, fesselte ihr dann — sanft, aber sicher — mit den Kabelbindern Hände und Füße und knebelte sie. Unter dem Einfluss des Schlafmittels würde die Frau ihr keine Schwierigkeiten machen, und bis sie die Besinnung verlor, würde es ohnehin nicht mehr lang dauern. Cally hatte bis jetzt sorgsam darauf geachtet, so wenig wie möglich in dem Apartment zu berühren, aber den Rest des Abends würde sie Gummihandschuhe tragen müssen.

Sie zog ihren PDA heraus und sah sich auf dem Bildschirm den Stadtplan mit dem blinkenden Punkt an, der den Standort des Wagens der Zielperson anzeigte. Bis jetzt war sie recht gut im Zeitplan. Bis Petane hier eintraf, würde noch eine gute Viertelstunde vergehen.

Eigentlich war gar nicht sonderlich viel zu tun, um sich auf ihn vorzubereiten. Einer der Küchenstühle würde für die Befragung ausreichen. Sie stellte ihn hinter die Tür, wo er ihn nicht sehen konnte und deshalb beim Hereinkommen auch nicht erschrecken würde. Angewidert rümpfte sie die Nase über das nicht geleerte Katzenklo, dessen Geruch eine große Schale mit Äpfeln nicht ganz überdecken konnte, und ging dann ins Wohnzimmer zurück, um den gebrauchten Pappbecher in der Aktentasche zu verstauen. Es hatte ja wirklich keinen Sinn, irgendwelche DNA von dritten so offen herumliegen zu lassen.

Sie holte die Strumpfhosen aus ihren Verpackungen und schnitt die Beine auseinander. Die waren nicht so einfach und schnell zu benutzen wie die Kabelbinder, aber vermutlich würde die Zielperson zunächst gegen die Fesseln ankämpfen, und wenn man die Strumpfhosen richtig knotete, würden sie keine Spuren hinterlassen. Sie zog ihre Jacke aus und stopfte sich die Strumpfhosen in die Taschen. Dann war nichts mehr zu tun — außer zu warten. Sie hatte gründlich darüber nachgedacht, wie sie ihn erledigen wollte. Einerseits wollte sie mit den Chemikalien, die man bei der Autopsie in seinem Blutkreislauf finden würde, besonders vorsichtig sein. Andererseits war er ein gutes Stück schwerer als sie und auch größer, das durfte sie trotz ihrer gesteigerten Kräfte nicht vernachlässigen.

Petane war ganz offensichtlich runderneuert, also hatte er Nanniten, die möglicherweise etwaige Reste von Äther oder Chloroform wirksam beseitigen würden, ehe sie mit ihrer Befragung fertig war. Vielleicht aber auch nicht. Und dann war auch möglich, dass er immun war. In seinen Unterlagen war nichts über nennenswerte Ausbildung in Nahkampftechniken zu finden gewesen, nichts über das hinaus, was er bei der Grundausbildung mitbekommen hatte, aber man konnte das nie genau wissen. Schließlich hatte sie sich dafür entschieden, dass sie ihn festhalten und würgen musste, aber dazu würde sie eine auf Knopfdruck reagierende Injektionsspritze mit dem am wenigsten leicht nachweisbaren Betäubungsmittel für alle Fälle bereithalten, falls er sich im Nahkampf erfahrener zeigen sollte, als dies aus seinen Akten hervorging.

»Okay, Buckley, aufwachen.« Sie tippte den Bildschirm an. »Du kannst jetzt aufhören, irgendwelche Kameras zu überwachen, an denen er bereits vorbeigefahren ist. Beobachte die Kamera, die ich dort draußen auf dem Parkplatz platziert habe. Wenn er parkt, dann sag mir … äh … warte, nein, sag es mir nicht. Lass einfach den Bildschirm blau werden.« Wenn ich ihm sage, dass er mir irgendetwas sagen soll, dann wette ich darauf, dass er exakt im falschen Augenblick zu tönen beginnt und ich wieder einmal einen PDA in den Müll kippen muss. Und ich brauche ihn, um die Befragung aufzuzeichnen.

»Du hast Angst, dass ich zum falschen Augenblick etwas Falsches sage und das dann für uns beide der Tod ist, nicht wahr?«, klagte der Buckley sie an.

»Nein, ich würde es bloß vorziehen, in dieser Phase unseres Einsatzes keine unnötigen Geräusche zu haben.«

»Doch, du hast Angst. Du brauchst mich nicht anzulügen, um meine Gefühle zu schonen.«

»Halt die Klappe, Buckley.«

»Geht in Ordnung.«

Sie sah stumm zu, wie der Punkt auf der Straße näher kam. Der Bildschirm wurde blau, und sie schaltete das Gerät auf stimmaktivierte Aufzeichnung, klappte es zu, richtete sich auf, streckte sich kurz und lehnte sich dann gelockert hinter der Tür an die Wand. Für gute Aufnahmequalität musste der PDA sich in weniger als dreißig Prozent Abstand des Subjekts zum Dämpfer befinden.

Das Warten kam ihr länger vor, als es wirklich dauerte. Das Adrenalin in ihrem Kreislauf wirkte bereits und dehnte die Zeit. Sie konnte ihr Herz in der Brust schlagen spüren und verspürte bereits jenes ganz spezielle Einsatzgefühl, bei dem sie sich eine Extraportion lebendiger fühlte. Die Farben im Raum waren voller und intensiver als noch vor ein paar Minuten. In die Katzen- und Luftauffrischergerüche des Apartments mischte sich jetzt der Geruch des Tees, den die Freundin in der Küche getrunken hatte. Sie konnte den leicht hohlen Klang ihres eigenen Atems hören, während der Schalldämpfer versuchte, den Lärm zu kompensieren.

Es dauerte gar nicht lange, bis sie den Schlüssel in dem altmodischen Schloss hörte. Sie zwang sich, gelockert und völlig ruhig zu bleiben, als der Türknauf sich drehte und die Tür nach innen schwang.

Er betrat den Raum mit noch weniger Bewusstsein der Lage als ein Zweijähriger, der sich wenigstens für seine Umgebung interessiert hätte. Als er die Tür mit einer Hand hinter sich schloss, drehte er sich erwartungsvoll in Richtung Küche herum. Cally bezweifelte, dass er sie auch nur aus dem Augenwinkel sah, als sie hinter ihn trat, ihn bei den Haaren packte, ihm den Kopf nach hinten zog und ihm in die Kniekehle trat.

Als ihm die Knie einknickten und so sein Kopf tiefer war als der ihre, schlang sich ihr anderer Arm um seine Kehle und drückte gegen seine Luftröhre, während die Hand in seinem Haar nach hinten glitt und seinen Hinterkopf festhielt, sodass er keine Chance hatte, nach Luft zu schnappen.

Unglücklicherweise setzte in diesem Augenblick sein Überlebenstrieb ein, und er begann wild um sich zu schlagen und versuchte, ihren Griff zu brechen.

Die einfachste Reaktion darauf wäre gewesen, sich fallen zu lassen und ihm das Genick zu brechen. Eine zum Kampf fähige Person, und als solche war Petane marginal anzusehen, lebend zu nehmen, war immer schwieriger als eine schlichte Tötung.

Schwer zu sagen, ob er absichtlich oder instinktiv versuchte, gegen einen Beistelltisch voll zerbrechlich wirkenden Nippesgegenständen zu treten, aber es wäre definitiv schlecht, in dem Apartment Spuren eines Handgemenges zu hinterlassen. Genauso schlecht wäre es, den Kerl versehentlich zu erwürgen. Und verdammt noch mal, ich habe keine Ahnung mehr, wie viele es inzwischen sind!

Sie trat einen Schritt zurück und zerrte ihn mitten ins Zimmer, wo er beim Umsichschlagen nichts erreichen konnte; dann beobachteten sie den Sekundenzeiger der Wanduhr, um den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, und ließ ihn ein paar Sekunden, nachdem er aufgehört hatte, um sich zu schlagen, zu Boden sinken.

Lausige Instinkte — er hat an der Schwelle nicht einmal gezögert. Sie seufzte erleichtert auf, als sie seinen Puls fand. Den Mistkerl mit Herzmassage wiederzubeleben wäre lästig gewesen.

Beeilung war angesagt, seine Hände und Füße mit den Plastikbändern zu sichern, ehe sie sich den Stuhl und die Strumpfhosen holte. Das Risiko, dass er zu sich kam, ehe sie ihn an den Stuhl gefesselt hatte, war recht groß, und so musste es natürlich auch heute kommen. Gerade hatte sie seine Handgelenke gesichert und die Plastikbänder abgenommen — die Wahrscheinlichkeit, dass sie Spuren hinterließen, war zu groß -, als er zu sich kam und wieder anfing zu brüllen und um sich zu schlagen. Dabei kippte er mit dem Stuhl um. Sie achtete nicht darauf und fesselte seine beiden Beine an das jeweilige Stuhlbein, ehe sie den Stuhl wieder aufstellte. Er brüllte immer noch. Was für ein Schwachkopf. »Jetzt hören Sie mal her, Sie Idiot«, erklärte sie. »Hören Sie dieses hohle Geräusch? Das ist ein Dämpfer. Niemand kann Sie außerhalb des Zimmers hören, Sie brüllen sich bloß heiser.«

Sie hätte sich gerne eine Zigarette angezündet und sie geraucht, während er sich allmählich beruhigte, aber es ging natürlich nicht an, abgestandenen Rauch zu hinterlassen. Also legte sie bloß den Kopf etwas zur Seite und beobachtete ihn, wartete. Gott sei Dank dauerte es nicht sehr lange, bis ihm der Dampf ausging.

»Wahrscheinlich haben Sie sich gefragt, weshalb ich diese Besprechung einberufen habe.« Sie grinste schief und seufzte dann. »Schauen Sie, Petane, wir führen eine umfassende Überprüfung der von Ihnen gelieferten Informationen durch, gehen sie Punkt für Punkt durch, inklusive dem, was Sie jetzt sagen, und vergleichen es mit Ihren Berichten in der Vergangenheit. Je früher Sie es ausspucken, desto früher können Sie dorthin zurückkehren und Ihrer Freundin ein paar Aufputschmittel geben, um sie zu wecken und dann Ihren Abend fortzusetzen.« Sie zuckte die Achseln. »Schauen Sie, mir ist das alles ziemlich egal, ich muss bloß dieses dämliche Verhör hinter mich bringen, damit ich mich wieder meiner echten Arbeit widmen kann.«

»Himmel nochmal, Ihr Typen habt mich jetzt total verbrannt, ist Ihnen das klar? Zumindest so gut wie. Warum in drei Teufels Namen sind Sie das Risiko eingegangen, sich hier mit mir zu treffen? Warum haben Sie nicht einfach über den Briefkasten ein Treffen verlangt und mir Zeit gelassen, das ordentlich vorzubereiten … oh. Spionageabwehr.« Seine Schultern sackten nach vorne. »Sind Sie Fleet Strike oder Army?« Seine Stimme hatte den hohlen, hoffnungslosen Klang eines Mannes, der nicht damit rechnete, den morgigen Tag zu erleben.

»Sehr scharfsinnig überlegt.« Sie grinste ein Raubtiergrinsen. »Aber Sie können immer noch nützlich sein, Colonel. Wir brauchen bloß einen Katalog, wie viel Schaden Sie angerichtet haben, und dann sagen wir Ihnen, was Sie denen sagen sollen. Sie können sich glücklich preisen, Mann. Wenn wir Sie genügend nützlich machen können, überleben Sie möglicherweise sogar.«

»Augenblick mal … ich … ich möchte Ihren Ausweis sehen«, sagte er.

»Oh, einen Ausweis wollen Sie. Dann haben Sie also gewusst, mit wem Sie es zu tun hatten, als Sie sich dazu entschlossen haben, ein beschissener Verräter zu werden.« Das spie sie ihm förmlich ins Gesicht.

Er wurde bleich.

»Also, Colonel, warum sind Sie zur anderen Seite übergegangen?« Das war keine Frage, sondern eine Forderung. »Ich will es aus Ihrem Mund hören, Sie minderwertiger Hurensohn.«

»Ich hatte doch keine Wahl! Die hätten mich sonst umgebracht!« Jede Spur von Gelassenheit war von dem Mann abgefallen. »Ich bin doch in diesen Schlamassel hineingeraten, indem ich euch Typen geschützt habe! Ihr habt gesagt, ihr würdet für mich sorgen, und als die dann bei mir auftauchten, wart ihr nirgends zu sehen. Was zum Teufel hätte ich denn tun sollen?«

»Ich vermute, es ist Ihnen nie in den Sinn gekommen, dass man auch wie ein Soldat einfach sterben kann«, sagte sie kalt.

»Yeah, das dürfen Sie meinetwegen mal versuchen.« Seine Stimme klang bitter und rau.

»Also, fangen wir ganz am Anfang an.« Sie setzte sich auf die Couch und machte eine beiläufige Handbewegung. »Fangen wir einfach da an, als Sie ›in diesen Schlamassel‹ geraten sind, wie Sie es formuliert haben. Fangen Sie dort an. Lassen Sie nichts weg. Das meiste wissen wir. Also brauche ich wohl kaum zu sagen, dass Sie wirklich, ganz wirklich nichts weglassen sollten. Wenn ich sauer bin, bin ich nämlich nicht besonders nett.« Sie klappte den PDA auf und tippte den Knopf, unter dem Record stand. Der Abstand zu ihm stimmte ziemlich genau.

»Okay, der Anfang also. Ich war Major, als man mich bei Kriegsbeginn aus der Reserve einberufen hat. Ich hatte ein paar Jobs bei … na ja, Chefs, die meine Leistung nicht zu würdigen wussten. Vor dem Krieg war ich bei Beförderungen übergangen worden und deshalb in den Ruhestand getreten. Aber für eine Kommandostelle stand ich auf der Verjüngungsliste nicht weit genug oben, und die Präparate dafür fingen auch an, knapp zu werden, ehe sie zu mir kamen. Aber ich stand auf der Liste, verdammt.« Er rieb sein Kinn am Hemd, weil es ihn offenbar juckte.

»Hören Sie, muss ich das wirklich noch einmal alles runterhaspeln? Ihr wisst das doch alles. Ich war in meiner Loge ziemlich weit oben. Ich war Freimaurer, mein Dad war ebenfalls Freimaurer gewesen und sein Dad auch. Und das waren anständige Leute, ich habe ihnen vertraut und sie haben mir vertraut, aber dann seid ihr Typen von der Abwehr aufgetaucht …«

»Und haben Sie gekauft.«

»Na ja, ihr habt nach Clubs und nach Verbindungen und Geheimgesellschaften und all dem gefragt, und ich wollte helfen und alles …«

»Im Austausch für …«, lieferte sie ihm das Stichwort.

»Na schön, ja, ich war euch Typen ja dankbar, dass ihr ein Unrecht ausgeglichen habt, indem ihr die Beurteilung dieses selbstgerechten Arschlochs habt verschwinden lassen, okay? Und ihr wolltet auch ständig alle möglichen Albernheiten wissen, und jeder weiß, dass dieses paranoide Gerede, die Freimaurer seien eine Geheimgesellschaft, absoluter Quatsch ist. Jedenfalls wolltet ihr dann wissen, wo denn auswärtige Logenmitglieder unterkämen, wenn sie in die Stadt kamen. Und ich wusste das nicht, bloß dass ein jüngeres Logenmitglied glaubte, ich sei bereits so weit oben, dass ich es bereits wüsste, und sich verplappert hat. Na ja, und dann war ich schon ziemlich sauer, als ich hörte, dass da in meiner eigenen Loge unsaubere Dinge im Gange waren, von denen mir keiner etwas gesagt hatte.«

»Und was, dachten Sie, dass wir mit dieser Information anfangen würden?«

»Hören Sie, ich habe darüber nicht nachgedacht, falls Sie das meinen. Ging mich ja schließlich nichts an. Was hatte die Loge denn schon für mich getan? Als ob die mir die Verjüngung für mich und meine Frau angeboten hätten, und außerdem hatten wir damals zuhause ziemlichen Ärger, und ich sollte sie ohnehin kriegen, jedenfalls war ich dankbar, dass ihr das Ganze beschleunigt habt. Aber über eure Beweggründe große Spekulationen anzustellen stand mir ja schließlich nicht zu, oder?« Einen Augenblick lang wirkte er verwirrt, und er verstummte, blinzelte ein paarmal.

»Hey, wie kommt es, dass Sie einen Buckley haben und nicht etwa ein AID?«, fragte er.

»Die Verjüngung wäre doch für dieselbe Frau, die Sie jetzt gerade betrügen,, oder?« Ihre Handbewegung bezog das ganze Apartment ein.

»Hey, ich liebe meine Frau«, protestierte er, »aber aktive, dominante Männer waren nie für Jahrhunderte der Monogamie geschaffen. Das ist etwas, was Frauen einfach nicht an uns Männern verstehen, falls Sie begreifen, was ich damit meine. Wir Männer sind schließlich das, was wir sind. Aber ich liebe meine Frau. Und Sie haben mir immer noch nicht gesagt, weshalb Sie kein AID haben.« Das sagte er mit der selbstgefälligen Miene eines Menschen, der es raffiniert geschafft hat, plötzlich die Oberhand zu bekommen.

»Sie sind schon wirklich ein armseliger Wicht, oder? Ich stelle hier die Fragen.«

»Augenblick mal, da brauchen Sie nicht gleich pampig zu werden. Ihr habt mir immer den Ausweis gezeigt, ehe …«

Sie sah, wie seine Gesichtszüge erstarrten, als schließlich der Groschen fiel und seine Lippen sich zusammenpressten. Was für ein totaler Schwachkopf. Ein ganzes Team wegen dieses Idioten verbrannt, wegen ihm und den anderen Schwachköpfen, die versucht haben, ihre Fehler im Einsatz zu vertuschen, indem sie ihn rekrutiert haben.

»Ohne Ausweis sage ich jetzt kein Wort mehr«, erklärte er.

»Natürlich werden Sie das«, erklärte Cally im Gesprächston, »denn wer auch immer ich bin, ich bin immer noch dieses verdammt unangenehme Miststück, das Sie an einen Stuhl gefesselt und einen Dämpfer aufgestellt hat.«

»Hey, Baby, es gibt Schlimmeres, als von einer schönen Frau gefesselt zu werden«, feixte er.

Cally war so schnell aufgesprungen und hatte ihm zwischen die Beine getreten, dass er es kaum wahrgenommen hatte, ehe er die Besinnung verlor.

Unglücklichweise hörte sie, gerade als er wieder zu sich kam, ganz schwach durch das Dämpfungsfeld die Türklingel und eine Stimme, die etwas rief, was möglicherweise wie »Akropolis Pizza« klang. Sie funkelte Petane an.

»Au.« Er zuckte zusammen, blickte auf die Türglocke und versuchte vor ihr wegzukriechen, so weit der Stuhl das zuließ.

»Verdammte Scheiße. Muss denn heute alles schief gehen?« Sie zog ein paar Taschentücher aus der Aktentasche und knebelte ihn schnell, zerrte den Stuhl in die Küche. Als sie schließlich die Tasche hinter der Tür versteckt, ihre Geldbörse herausgezogen hatte und zur Tür gegangen war, wusste sie nicht, ob es ein zweites Mal geklingelt hatte.

Die Augen des Pizzamannes erfassten ihr zerzaustes Haar und ihr leicht verschmiertes Make-up, und er zog sofort den falschen, wenn auch für sie jetzt durchaus bequemen Schluss; seine Augen funkelten wissend, als er auf seinen Lieferschein sah.

»Ich habe eine Pizza für ›Charles‹ an diese Adresse. Das wären dann vierundfünfzig siebenundneunzig.«

Sie zog ein paar Geldscheine heraus und gab sie ihm und lächelte leicht benommen. »Danke.«

Sie sah ihm nach, wie er vor sich hin pfeifend die Treppe hinuntereilte. Sie behielt ihr Lächeln im Gesicht, bis sie die Tür verschlossen und neu versperrt hatte.

»Okay, Arschloch, wir machen weiter.« Sie schob ihr Gesicht auf fünfzehn Zentimeter an das seine heran. »Oh, und lassen Sie sich bloß nicht in den Sinn kommen, dass ich jemals auch nur in Betracht ziehen würde, mich irgendwie mit Ihnen einzulassen. Das sollten Sie wirklich nicht. Ist das klar?«

Er nickte schnell.

»Bitte, nicht noch einmal treten. Ich … ich … und zwingen Sie mich bloß nicht zu reden und bringen Sie mich auch nicht um, ja? Diese Typen sind brutal. Freimaurer können Sie nicht sein und von der Abwehr schätze ich auch nicht, also weiß ich nicht, wer oder was in drei Teufels Namen Sie sind, aber diese Typen kennen keine Gnade. Soweit mir bekannt ist, bin ich der Einzige aus dieser Loge oder von den ursprünglichen Abwehrheinis, der noch am Leben ist. Bitte, Lady, Sie können mir zwar wehtun, aber ich kann Ihnen unmöglich etwas sagen, sonst ist das mein Tod. Bitte, bringen Sie mich nicht um.« Er fing an zu zittern.

»Ich wünsche mir sehnlich, dass sich das alles anders entwickelt hätte, aber ich kann es nun nicht mehr ändern. Über dreißig Jahre lebe ich jetzt und habe jeden Tag gehofft, den nächsten Tag noch zu erleben. Wenn Sie mir wehtun oder mich umbringen, dann kann ich Sie nicht daran hindern, aber bitte, bitte, tun Sie’s nicht.«

Ihr langsames Klatschen durchbrach die Stille, die ein paar Augenblicke, nachdem er zu Ende gesprochen hatte, eingetreten war.

»Damit sind Sie jetzt etwa dreißig Jahre zu spät dran, Colonel. Wie viele Leute haben in diesen dreißig Jahren Ihretwegen den nächsten Tag nicht mehr erlebt? Wissen Sie das überhaupt? Wie zum Teufel haben Sie je die Grundausbildung geschafft?« Sie schnitt ihm das Wort ab, ehe er etwas sagen konnte. »Nein, geben Sie keine Antwort, sonst muss ich mich vielleicht übergeben.« Sie griff in die Tasche und holte ein mit einem Reißverschluss verschlossenes Päckchen heraus.

»Schauen Sie, ich bin es leid, mit Ihnen rumzualbem — mir reicht es jetzt.« Sie holte eine Injektionsspritze heraus. »Sind Sie immun gegen Natrium-Pent, Colonel? Mal sehen.«

Sein Blick erinnerte sie an einen verängstigten Cockerspaniel, und sie seufzte, als sie ihm eine Injektion in den Arm gab.

Drei Testspritzen später fand sie ein Verhörpräparat, gegen das er nicht immun war. Es war eines der Standardpräparate, zu denen Fleet Strike Zugang hatte.

»Was denn, die hatten nie vor, Ihnen etwas wirklich Geheimes zu sagen, wie? Was für ein wichtiger Mann.«

Das Verhör dauerte drei Stunden. Normalerweise hätte sie während der Arbeit nicht gegessen, aber irgendwie musste sie die Pizza ja loswerden, und da sich im Magen der Freundin nichts davon finden würde, hatte es auch keinen Sinn, ihm welche aufzuzwingen. Die Pizza war ein Problem, aber falls davon je etwas herauskam, würde sie ohnehin an einem anderen Ort ein anderes Gesicht tragen. Manchmal konnte man da einfach nichts machen. Herrgott, dass heute auch alles schiefgehen musste.

Schließlich hatte sie aus Petane so viele Informationen herausgepresst, wie er in seinem Gehirn hatte. Wie Robertson gesagt hatte, war nichts davon von einer Größenordnung, die es gerechtfertigt hätte, einen Verräter dreißig Jahre am Leben zu lassen. Und wenn niemand im Establishment von Fleet Strike sich die Mühe gemacht hatte, ihn gegen die Verhördrogen höheren Niveaus zu immunisieren, würde man ihm auch nichts anvertrauen, was wichtig genug war, um wirklich nützlich zu sein. Er war nicht wachsam genug, um abzulehnen, als sie ihm einen der unmarkierten Weinkartons anbot, und trank durstig aus dem Glas, das sie einem der Schränke entnommen hatte.

Zeit, hier sauber zu machen. Meine Meinung über Team Hector ist jetzt wirklich auf dem Tiefpunkt. Dass die das mitgemacht haben! Eine andere Spritze in dem Päckchen enthielt eine winzige Menge eines Farbstoffs, der sich biologisch schnell abbaute, aber bei geschicktem Einsatz sehr echt wirkende Nadelspuren hinterließ.

Unglücklicherweise baute sich das Präparat nur dann richtig ab, wenn das Subjekt noch lebte, also musste sie sich sein Wimmern anhören, während sie ihm mehrfach in die Venen stach und jeweils eine winzige Menge von dem Zeug injizierte. Als sie das auf der Schule hatte üben müssen, war das alles andere als erfreulich gewesen. Ihre Nervosität gegenüber Nadeln hatte ihr das genommen, aber der Farbstoff brannte ziemlich.

Als sie genügend Stiche angebracht hatte, um überzeugend zu wirken, wartete sie fünf Minuten und fesselte ihm dann die Hände und die Füße aneinander statt an den Stuhl. Die Wirkung der Verhörpräparate ließ jetzt nach, aber er stand immer noch hinreichend unter Drogen, um wenig Widerstand zu leisten, als sie ihn sich über die Schulter legte und ihn ins Schlafzimmer trug. Für ihre aufgewertete Muskulatur stellte sein Gewicht kein Problem dar, aber seine Größe war hinderlich — insbesondere weil er nicht völlig reglos war und immer wieder zuckte.

Im Schlafzimmer tat sie die geschmacklosen, aber notwendigen Dinge, derer es bedurfte, um den Schauplatz für die Leute von der Gerichtsmedizin vorzubereiten, und gab ihm dann seine abschließende Injektion, bereitete ein zweites Glas mit den Lippenspuren der Freundin und mit Schlafmittel versetztem Wein vor und stellte die beiden Gläser auf den Nachttisch neben das Bett. Den Inhalt des zweiten Weinkartons spülte sie in den Ausguss und hatte dann zwei saubere, leere Behälter für den Küchenabfall.

Sie war dabei, den diversen Müll — gebrauchte Plastikfesseln, Knebel, Spritzen — beiseite zu schaffen, als sie plötzlich das unerwartete Bedürfnis verspürte, ins Bad zu eilen. Sie übergab sich heftig in die Toilette und fluchte halblaut vor sich hin, als sie sich nachher das Gesicht mit Toilettenpapier säuberte und sich vergewisserte, dass jeder noch so winzige Rest des unwillkommenen Beweismaterials gründlich hinuntergespült worden war. Anschließend schrubbte sie noch die Toilettenschüssel aus. Dass die Freundin für ihren Besuch ein wenig sauber gemacht hatte, würde durchaus plausibel sein und daher nicht auffallen.

Genau der richtige Zeitpunkt für eine Darmgrippe. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal krank war. Und schwanger bin ich ganz sicher nicht, Gott sei Dank. Sie kehrte in die Küche zurück und setzte ihre Säuberungsarbeiten fort.

»Du kannst mit der Aufzeichnung aufhören, Buckley. Lege es unter … sagen wir mal ›Hector-Archiv‹ ab.«

»Jetzt müssen wir uns beeilen, oder? Nicht, dass es viel Sinn hätte.«

»Nein, Buckley. Ich bin hier praktisch fertig. Du kannst die KI Emulation auf Stufe zwei zurückstellen.«

»Aber … aber … aber … na schön …« Der Buckley verstummte. Wenn die Dinge gut liefen, war er nie sonderlich begeistert.

Vor elf zu Hause. Cally sah auf die Uhr und nahm sie vom Handgelenk. Für eine Solomission war das zumindest gar nicht schlecht.

Die Aktentasche mit all dem belastenden Beweismaterial wanderte mit ihr ins Motelzimmer, genau nach Vorschrift, falls keine Crew zur Verfügung stand. Sie würde sie selbst tragen, wenn sie morgen Meldung machte, und sie der Reinigungsabteilung übergeben. Äußerst gründlich hatte sie darüber nachgedacht, wie sie sich ihren Vorgesetzten gegenüber äußern würde, falls die Schwierigkeiten wegen ihres Urlaubs machen sollten, und war zu dem Entschluss gelangt, es auf die harte Tour zu machen. Sie wollte über die Prioritäten reden, die es ermöglicht hatten, dass ein Verräter, der den Tod eines ganzen Agententeams verursacht hatte, nach seinem Verrat noch jahrzehntelang am Leben geblieben war. Das sollte ein guter Anfang für das Gespräch sein.

Sie schminkte sich langsam ab und fühlte sich eigenartig müde. Nun ja, das ist absolut und endgültig und ohne Frage die letzte Position auf meiner »Besser tot«-Liste. Ich hatte eigentlich gedacht, dass Worth das wäre, aber okay, dann war es eben Petane. Halleluja. Irgendwie werde ich das feiern müssen. Sie schüttelte den Kopf, wie um Klarheit in ihre Gedanken zu bekommen, und holte sich ein sauberes Nachthemd. Keine Lust, noch mal auszugehen? Ich? Anscheinend braut sich da wirklich etwas in mir zusammen. Na ja, da ist früh zu Bett gehen wohl am besten.

Beim Umziehen betrachtete sie sich im Spiegel und fuhr sich mit der Hand durch die braunen Locken. Bis morgen um diese Zeit würden die vermutlich weg sein. Sinda Makepeace hatte so platinblondes Haar und einen derart hellen Teint, dass sie wie ein typisches schwedisches Skihäschen aussah. Es kam selten vor, dass sie eine Tarnidentität mit hellerer Farbe annahm. Jetzt fang ich gleich wieder an zu brüten. Du liebe Güte, ich muss wirklich müde sein. Auf ins Bett. Sie griff sich einen Waschlappen, ohne darüber nachzudenken, und klatschte ihn auf den Nachttisch, schaltete den Wecker und anschließend das Licht ab.

Am nächsten Morgen wäre sie gern noch ein wenig liegen geblieben. Es war ein so wunderschöner Traum gewesen. Sie hätte schwören können, tatsächlich eins der köstlichen Conch-Omelettes zu schmecken und sogar ein Stück frischen Key Lime Pie. Sie hatte auf Moms Schoß gesessen, und Dad hatte gerade ein frisches Glas Limonade hereingebracht, frisch gepresst und eiskalt.

Das Eis in der Limonade war nicht das einzig Kalte. Reflexartig griff sie nach dem Waschlappen und wühlte sich aus den verschwitzten Laken; diese stanken nach saurem Schweiß. Hastig streifte sie ihr Nachthemd ab, ließ es mit dem Laken auf dem Boden liegen und ging in die Dusche, um heiß zu duschen und dabei warm zu werden. Puh. Anscheinend war das Fieber. Ich hasse es, krank zu sein.

Dienstag, 21. Mai

Nachdem sie aus dem Motel ausgecheckt hatte, holte sie ihr Handy heraus und wählte eine Nummer. »Ich brauche ein Taxi.« Sie gab die Adresse an.

Als das Taxi kam, ließ sie ihren Koffer und den Rucksack im Kofferraum ihres Wagens und nahm nur die Aktentasche sowie ihre Handtasche mit. Der Taxifahrer redete kein Wort mit ihr, bis sie vor einer Münzwäscherei anhielten.

»Neben der Toilette hinten ist eine Feuertür. Kümmern Sie sich nicht um die Tafel wegen des Alarms. Steigen Sie hinten in den Lieferwagen«, sagte er und tippte an etwas, das neben ihm auf dem Sitz lag. Vielleicht war es der Bildschirm eines PDA.

»Danke.« Sie gab ihm ein reichliches Trinkgeld und schenkte ihm dazu ein Lächeln, obwohl die Uhr offensichtlich nicht gelaufen war.

Die einzige Person in der Münzwäscherei blickte nicht einmal auf, als sie eintrat und gleich darauf hinten wieder hinausging. Handelte sich hier wohl um ein Viertel, in dem es nicht üblich war, sich um andere Leute zu kümmern.

In der Seitengasse stand ein Lieferwagen und daneben eine stämmige Frau in einem grauen Overall, die die hintere Tür des Lieferwagens aufhielt. Sie sagte nichts zu Cally, wartete bloß, bis sie eingestiegen war, und schloss dann hinter ihr die Tür. Die Schachteln im Laderaum des Wagens, offenbar voll irgendwelcher Haushaltsgegenstände, waren alle festgezurrt, um nicht herumzurutschen, und Cally war den Unbekannten, die den Lieferwagen beladen hatten, für diese Aufmerksamkeit dankbar. Es war gerade noch genug Platz, um sich hinzusetzen.

Bei den Agenten der oberen Ränge war bekannt, dass die Bane Sidhe im Bereich Chicago einen Stützpunkt hatte, eine Art Mini-SubUrb. In diesem Fall bedeutete »bei« eine Fahrt von ungefähr zwei Stunden. Heute dauerte sie länger, und als der Lieferwagen schließlich langsamer wurde, abbog, wieder anfuhr, anhielt und dann ein paarmal vor und zurück fuhr, taten ihr alle Knochen weh, und sie war froh, dass die Tortur endlich ein Ende genommen hatte.

Als dann die Tür hinten geöffnet wurde, wäre ihr nichts lieber gewesen, als sich auf ein paar Stunden in eine heiße Badewanne zu setzen, aber zunächst suchte sie ein kleines Büro, dicht neben dem unterirdischen Parkplatz, auf. Sie reichte die Aktentasche und ihre Autoschlüssel einem Mann undefinierbaren Alters mit grauem Haar und einer riesigen Nase.

»Marty, ich brauche die volle Prozedur für Tasche und Inhalt.« Sie schnappte sich einen Stift und kritzelte eine Adresse sowie Marke und Kennzeichen ihres Wagens auf einen Block auf der Theke. »Der Wagen ist ebenfalls schmutzig und muss heute abgeholt werden — er steht auf einem Motelparkplatz. Sie können die Kleider in der Mülltüte im Koffer sauber machen, aber den Rest der Kleider und den Rucksack mit Inhalt möchte ich zurück. Wie geht’s Mary?«

»Gut, sehr gut. Was haben Sie denn getrieben! Ich wusste gar nicht, dass Sie im Einsatz sind.«

»Zufallsziel. Hatte keine Zeit für eine komplette Vorbereitung. Tut mir Leid. Ich weiß, dass die improvisierten Jobs schwieriger sind. Wie geht’s Sue und Cary?«

»Sie hat diesen Frühling ihre Abschlussprüfung gemacht. Hat sich ’nen anderen Job als ich oder ihre Mom gesucht. Ich weiß nicht, was das Mädchen an den Maschinen hat, aber alle sagen, sie sei eine Künstlerin. Und von dem Jungen habe ich diese Woche einen Brief bekommen. Anscheinend ist er dahinter gekommen, dass es wirklich eine gute Idee ist, auf das zu hören, was einem die Nonnen sagen.«

Cally erwiderte sein schiefes Grinsen.

»Ist das alles?«, fragte er und tätschelte ihr die Hand, als sie nickte. »Hier sind Sie jetzt sicher, Süße. Machen Sie sich’s bequem und versuchen Sie alles zu vergessen.«

Sie loggte sich in einer der Kurzzeit-Suiten ein und bereitete ihr Bad vor. Bis sie aus der Wanne stieg, sollte ihr Koffer mit ihren persönlichen Habseligkeiten angekommen und im Zimmer aufgestellt sein. Sie stellte das »Nicht auspacken«-Schild auf die Kommode und ging ins Bad. Die Organisation hatte Verständnis für die Gefühle von Feldagenten ohne feste Wurzeln und hielt deshalb immer ein ganzes Sortiment persönlicher Gegenstände für sie bereit. Ganze Apartments für Agenten vorzuhalten, die möglicherweise nie von einem Einsatz zurückkehren würden, verbot sich aus Kostengründen, und deshalb wurden die persönlichen Habseligkeiten in einer Art modernem Äquivalent von Übersee-Koffern aufbewahrt, die in die Suite der Agenten gebracht wurden, wenn diese auf dem Stützpunkt eintrafen, und anschließend wieder in die Lagerräume zurückgebracht.

Cally wusste es zu schätzen, auf dem Stützpunkt ihre eigenen Kleider und Habseligkeiten zur Verfügung zu haben, zog es aber vor, sie selbst auszupacken oder auch im »Koffer« zu lassen anstatt sie wiederholt von Fremden, geschweige denn von Freunden oder Bekannten anfassen zu lassen.

Sie ließ sich ihr Mittagessen aufs Zimmer bringen. Wenn sie die Cafeteria aufsuchte, würde sie zweifellos auf Bekannte stoßen und mit ihnen reden müssen. Genauer gesagt, sie würde Cally O’Neal sein müssen, und dazu war sie noch nicht ganz bereit. Und das war ein untrüglicher Hinweis darauf, dass sie dabei war, irgendetwas auszubrüten und deshalb nur für alle Fälle dem Arzt eine Visite abstatten sollte. Bloß dass ihr eigentlich gar nicht danach war. Vielleicht würde ein langes, heißes Bad und anschließend eine Stunde im Fitnessstudio und früh zu Bett gehen alles wieder in Ordnung bringen. Es hatte ja schließlich keinen Sinn, einen Arzt wegen etwas so Trivialem wie einer Magenverstimmung zu belästigen, und möglicherweise waren diese nächtlichen Schweißausbrüche ja bloß ein harmloses Fieber. Und im Augenblick hatte sie schließlich kein Fieber, bloß ein wenig müde war sie.

Im Bad goss sie etwas Badesalz aus einem Glas unter der Theke ins Wasser. Natürlich unparfümiertes Badesalz, da die Verwaltung ja nie wusste, ob der betreffende Agent im Zimmer männlichen oder weiblichen Geschlechts war, aber jedenfalls gut für die Entspannung. Die echte Dekadenz würde warten müssen, bis ihre eigenen Sachen eintrafen.

Sie nahm die braunen Kontaktlinsen heraus, sodass ihr aus dem Spiegel ihre eigenen blauen Augen entgegenblickten, als sie sich das Haar feststeckte und dabei etwas wehmütig eine Locke musterte. Nach der Dauerwelle und der Farbe würde sie jetzt nicht auch noch eine Blondierung anwenden, dann würde sie nämlich die nächsten paar Tage wirklich so aussehen, als hätte sie einen strohblonden Besen auf dem Kopf. Das würde warten müssen, bis sie ihr auf der Platte ihre neue Tarnung verpassten.

Voller Vorfreude griff sie sich den voluminösen weißen Frotteebademantel von dem Regal vor dem Badezimmer und hängte ihn innen an die Tür, ließ ihre Kleider einfach fallen und tauchte bis zum Kinn ins heiße Wasser ein.

Levon Martin sah in den Spiegel und musterte seine dunklere Haut und die dunklen Kontaktlinsen, fuhr sich mit der Hand über die in sein Haar einrasierten Muster und zuckte die Achseln. Er leckte sich die dünnen Lippen und holte einen Lippenbalsam heraus. Da das Wetter sich erwärmt hatte, sollte das bald kein Problem mehr sein. Er freute sich darauf, wieder seine eigene Haut zurückzubekommen, aber sein Erkundungsgang am Nachmittag in der Stadt hatte eine Tarnung notwendig gemacht. Das Gespräch, das ihm bevorstand, würde nicht viel Spaß machen. Er zog sich sein Golfhemd zurecht und vergewisserte sich, dass es ordentlich in seiner Hose steckte, ehe er das Zimmer verließ, hörte, wie das elektronische Schloss leise hinter ihm klickte, als er in den Flur der Basis Chicago trat. Der Expresslift am Ende des Flurs brauchte nicht lange, um ihn in den Verwaltungsoktanten der Urb zu bringen, wo er nur ein kurzes Stück durch einen Korridor gehen musste, bis er ein Vorzimmer betrat.

Der Mann hinter der Empfangstheke befand sich nicht dort, weil man ihn brauchte, um Termine oder Formulare zu koordinieren, obwohl er beides tat, sondern weil die Zeit seines Vorgesetzten wertvoll war und er sich als dafür talentiert erwiesen hatte, diese Zeit vor unnötigen Störungen zu schützen.

»Martin, Team Hector. Ich bin zu früh dran.«

»Stimmt. Warten Sie einen Augenblick.« Der Mann stand auf, öffnete die Tür einen Spalt und murmelte etwas so leise, dass nur die Person auf der anderen Seite es verstehen konnte. Martin hätte es dank seines verstärkten Gehörs dennoch verstehen können, wenn er gewollt hätte. So wie die Dinge lagen, verzichtete er jedoch darauf.

»Sie können reingehen«, sagte der Mann. »Wir hatten gerade schon eine Unterbrechung, und da macht es nichts aus.«

Martin betrat das Büro, setzte sich und wartete, bis der jung aussehende Mann, der einer einigermaßen exzentrischen Neigung folgend immer noch einen Priesterkragen trug, von seinem AID aufblickte. Von seiner Seite des Schreibtischs aus war das Hologramm verschwommen.

Father Nathan O’Reilly galt offiziell als nicht verjüngt, sodass sein unglaublich guter Gesundheitszustand allmählich nicht mehr glaubwürdig geworden war, und hatte deshalb seinen Platz »innen« in der Erdbürokratie, die sich unvermeidbar entwickelt hatte, nachdem die Bane Sidhe den Kontakt mit ihren menschlichen Verbündeten wieder aufgenommen hatte.

Ihn »hereinzunehmen« hatte sorgfältige Planung erfordert und war recht riskant gewesen. Auf Gewaltanwendung zurückzuführende Todesfälle waren bei katholischen Priestern einigermaßen selten, und damals war es aus verschiedenen Gründen notwendig gewesen, dass mehrere Leute seinen Tod tatsächlich hatten bezeugen können. Das benutzte Präparat war das Produkt einer aufwändigen Kooperation zwischen den Indowy und den Krabben, eine Variante von Hiberzine ohne die äußerlichen Symptome dieses Präparats. Das Hauptproblem damit bestand darin, dass die Dosierung recht kompliziert war und sehr genaue Kenntnis des physischen Zustands des Patienten erforderte. Darüber hinaus hatten die Veränderungen, die die sichtbaren Symptome reduzierten, auch nachteilige Auswirkungen auf die Schlafeffizienz. Wenn die Dosis auch nur in geringem Maße nicht stimmte oder das Gegenmittel nicht innerhalb von zwölf Stunden gereicht wurde, war es möglich, dass der simulierte Tod in einem Ausmaß Wirklichkeit wurde, um selbst der Platte keine Änderungsmöglichkeiten zu lassen.

Das Präparat war so geheim, dass es nicht einmal einen Namen hatte, und wurde gewöhnlich in einer wasserunlöslichen Kapsel verpackt, die die Zielperson zerbeißen und schlucken musste. Die Zeitverzögerung erfüllte einen doppelten Zweck. Zum einen ließ sie der Magensäure des Patienten genügend Zeit, das Kapselmaterial völlig aufzulösen, zum anderen schloss sie jede Möglichkeit aus, dass ein genau hinsehender Beobachter etwa sah, wie der Patient die Pille nahm und gleich darauf »tot« umkippte.

Trotzdem hatte ihm das zehnprozentige Risiko, überhaupt nicht mehr aufzuwachen, ein hohes Maß an Vertrauen abverlangt, und auch die Nachwirkungen des Präparats waren nicht zu unterschätzen. Unter all diesen Umständen war er recht froh, dass er das Präparat nie wieder würde einnehmen müssen.

Gerade in Anbetracht der dezentralen Struktur der Bane Sidhe erforderte ein funktionierendes planetarisches Zellensystem ein gewisses Maß an zentraler Organisation. Basis Chicago erfüllte dieses Bedürfnis. Der Priester hatte das Kommando über den Stützpunkt gleich nach seiner Einrichtung übernommen. Die Bauarbeiten waren in einem zehn Jahre dauernden Projekt unter größter Diskretion abgelaufen und hatten es erforderlich gemacht, den Himmit dafür ein paar ausnehmend gute Storys zu liefern, um sie zu ihrer Unterstützung zu … ermuntern.

»Bildschirm aus«, wies er sein AID an. »Also, Levon, was haben Sie auf dem Herzen?«

»Einer meiner Agenten ist heute Morgen einem Herzanfall erlegen«, begann er.

»Oh, das tut mir aber Leid. Wusste man, dass er krank war?«

»Nein, im Gegenteil. Man hat ihn tot im Bett seiner Freundin gefunden. Eine vorläufige Untersuchung hat ergeben, dass der Herzanfall auf eine Drogenüberdosis zurückzuführen ist, die im Einklang mit dem Drogenproblem des Agenten steht.«

»Wussten wir von seiner Drogenabhängigkeit?«

»Nein, Sir. Tatsächlich hatte er offenbar auch der Freundin Drogen verschafft, und auch ihre Drogenabhängigkeit war nicht bekannt. Sie erinnert sich an gar nichts. Die Ermittler sind übereinstimmend der Ansicht, dass er an ihr sexuelle Handlungen vornehmen wollte, denen sie bei vollem Bewusstsein vermutlich nicht zugestimmt hätte, und ihr deshalb Drogen verabreicht hat und selbst welche genommen hat, die seine Empfindungen verstärken sollten und die ihn getötet haben, ehe er diese Handlungen vollziehen konnte.«

»Davon glauben Sie selbst doch kein Wort.« Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Der Priester winkte Martin aufmunternd zu.

»Interessiert es Sie, dass der Tote ein gewisser Colonel Charles Petane war und dass heute kurz nach elf Miss O’Neal hier eingecheckt und eine Tasche für die Reinigungsabteilung mitgebracht hat?«

Der Priester blieb einen Augenblick lang stumm und erwiderte dann würdevoll: »Angehörige der Priesterschaft der Heiligen Mutter Kirche enthalten sich unflätiger Sprache.«

»Das ist mir bewusst, Father.«

»Das galt auch nicht Ihnen. Raus damit. Was haben Sie sonst noch?«

»Eine Person, die der Beschreibung von Miss O’Neal bei ihrem Eintreffen auf der Basis entspricht, hat heute Morgen ein Motel in Chicago verlassen. Dasselbe Motel, wo Miss O’Neals Taxi sie auf dem Weg hierher abgeholt hat. Dasselbe Motel, von dessen Parkplatz die Reinigungsabteilung auf ihren Wunsch hin ein Fahrzeug und diverse persönliche Gegenstände abholen und reinigen soll. Der Name im Hotelregister lautete übrigens Marilyn Grant. Miss Grant war seit Freitagabend Gast des Motels. Solange sich dafür keine diskrete Gelegenheit bietet, werde ich das nicht mit Sicherheit wissen, vermute aber, dass ich beim Überprüfen von Bäumen und anderen wahrscheinlichen Stellen in der Umgebung des Hauses des verblichenen Colonel und des Apartments seiner Freundin Spuren des Klebstoffs finden werde, den wir üblicherweise dazu benutzen, um provisorische Überwachungskameras zu befestigen.«

»Lassen Sie es bleiben. Wenn sie damit durchgekommen ist, möchte ich keinen Verdacht erwecken, bei verspäteten Säuberungsarbeiten erwischt zu werden.« Er rief auf seinem AID die Petane-Akte auf und überflog sie kurz. »Falls sich herausstellt, dass da ein unsauberes Spiel gelaufen ist, war Petane hinreichend unbedeutend, dass eine Ermittlung nicht weiterführen wird. Wir wollen einfach hoffen, dass es als Überdosis und nicht etwa als ungelöster Mord in den Büchern bleibt.« Er kniff sich in den Nasenrücken und schloss kurz die Augen. »Ich bezweifle, dass sie die leiseste Ahnung hat, was für chaotische Folgen das wahrscheinlich bei unseren Indowy-Freunden haben wird.«

Er stand auf, ging um seinen Schreibtisch herum und schüttelte dem Jüngeren die Hand, als dieser sich erhob. »Vielen Dank, Levon. Das Weitere übernehme ich.«

Als der Agent das Büro verließ, hörte er, wie sein Vorgesetzter in knappen Worten seinem AID Anweisungen erteilte.

»Schaff mir schnellstmöglich Mike O’Neal senior her. Auch wenn du dafür eigens einen Shuttle schicken musst. Wenn möglich, sollte der Rest vom Team Isaac mitkommen, aber das darf seine Abreise um maximal zwei Stunden verzögern.«

8

Das Mobiliar in Father O’Reillys Büro war seit dem Nachmittag auf diskrete Weise verändert worden, ebenso die Beleuchtung. Ein kleiner Lagerraum, der sich im selben Flur befand, enthielt Mobiliar, das für jede der Spezies geeignet war, mit der ein Bane-Sidhe-Stützpunktkommandant mutmaßlich im Laufe seiner Amtspflichten zu tun haben würde. Vor O’Reillys Schreibtisch standen jetzt ein bequemer Sessel für Menschen, einer für Indowy und ein für beide Spezies geeigneter niedriger Beistelltisch. Er hatte sein AID auf den Beistelltisch gestellt, um damit der Versuchung zu entgehen, daran herumzuspielen, wenn etwas besonders Unangenehmes zu besprechen war.

Im Gegensatz zu Feldagenten benutzte das Personal einer Bane-Sidhe-Basis AIDs. Saubere. Genauer gesagt solche, die an Ort und Stelle hergestellt waren. O’Reillys AID verfügte über Informationen nicht nur über die für Menschen und jede Alien-Spezies geeigneten Lichtfrequenzkombinationen, sondern in gleicher Weise auch über die für jede beliebige Kombination am wenigsten unbequemen.

Als der Indowy Aelool eintraf, standen bereits ein frisch gebrauter Topf starken Kaffees und ein Eiskübel mit einer Flasche destillierten Wassers bereit, das mit ästhetisch passenden Spurenmineralien angereichert war.

Als er dem Aelool sein übliches Glas Eiswasser mit einer Olive überreichte, musste er unwillkürlich und trotz der langen Zeit ihrer Bekanntschaft an einen kleinen, grünen Teddybären denken.

Gesichtsausdruck und Körpersprache von Menschen und Indowy hatten praktisch nichts gemein, aber von allen Rassen, die mit anderen Spezies zu tun hatten, machten gerade diese beiden es sich häufig zur Gewohnheit, nonverbale Hinweise der anderen Rassen zu studieren, um sie interpretieren und kopieren zu können.

Demzufolge wusste der Priester ganz genau, was sein Freund meinte, als er den Muskel über dem rechten Auge emporschob und den Kopf leicht zur Seite neigte, als der Mensch einen reichlichen Schuss Whiskey der Marke Bushmill’s in seinen Kaffee tat.

»Wir haben ein Problem«, sagte Father O’Reilly.

»Das hatte ich angenommen. Normalerweise fügen Sie eine derartige Substanz Ihrem Getränk erst sehr viel später am Abend zu.«

»Thomas, bitte den Colonel zeigen«, wies der Priester sein AID an. Ein dreißig Zentimeter hohes Hologramm des verblichenen Colonel Charles Petane baute sich über dem Beistelltisch auf.

»Bis gestern war dieser Mann einer unserer weniger wichtigen Agenten. Um Ihr Gedächtnis aufzufrischen: Er wurde rekrutiert, nachdem er entscheidenden Anteil am Verlust von Team Conyers hatte. Man ging damals davon aus, seine Position als Verbindungsoffizier der US Army zu Fleet Strike könnte mit der Zeit dazu führen, dass er sich zu einer wichtigen Informationsquelle entwickeln und sein potenzieller Wert den Abschreckungswert überwiegen könnte, der damit zu erreichen gewesen wäre, ihn als Vergeltung für den Tod der Teammitglieder zu töten«, begann O’Reilly und hielt dann inne, um sich zu vergewissern, dass er damit Aelools Gedächtnis hinreichend aufgefrischt hatte.

»Wenn ich mich richtig erinnere, war dies Gegenstand einiger Diskussion.«

»Die unter anderem zu der Entscheidung führte, einige unserer Agenten vor der Kenntnis dieser Entscheidung zu beschützen, richtig. Ein schrecklicher Euphemismus, nicht wahr? Konkreter gesprochen, wir haben gelogen.« Er nahm einen großen Schluck aus seiner Kaffeetasse.

»Die meisten meiner Landsleute auf unserer Seite der Organisation haben diese Notwendigkeit nicht begriffen«, sagte Aelool, »aber, ja, ich erinnere mich, dass Ihre Leute es für notwendig hielten, und ich glaube, ich kann das auch nachvollziehen. Ich kann mich nicht erinnern, dass man hinsichtlich der Nützlichkeit der von dem Agenten gelieferten Informationen nachgefasst hätte, aber im Augenblick interessiert mich eher, weshalb Sie in Bezug auf ihn die Vergangenheitsform gewählt haben.« Aelools Augen schienen sich ganz auf die Olive auf dem Boden seines Glases zu konzentrieren, das er jetzt leicht kippte, um zuzusehen, wie sie nach unten rollte.

»Seit gestern Abend ist der Agent verschieden. Wir vermuten, Cally O’Neal hat erfahren, dass er am Leben war, und hat ihn getötet. Wir sind immer noch dabei, Informationen zu sammeln.«

»Das ist keine Kleinigkeit.« Die Haltung des Aliens ließ O’Reilly Besorgnis erkennen. Er war zum Experten in der Kommunikation mit Indowy im Allgemeinen und diesem Indowy im Speziellen geworden. Er stellte jetzt sein Glas bedächtig auf den Tisch und sah dem Menschen in die Augen.

»Ich wäre sehr dankbar, wenn Sie einen halben Schuss aus jener Flasche in mein Glas gießen würden.« Aelool saß völlig reglos und ohne jeden Ausdruck da und wartete, bis sein Gastgeber seinen Wunsch erfüllt hatte. »Mir ist bewusst, dass Sie in der Psychologie nicht Ihrer eigenen Spezies angehöriger Sophonten sehr erfahren sind, Father O’Reilly, aber ich frage mich, ob Sie wirklich begreifen können, wie nachteilig meine Leute auf diesen Zwischenfall vermutlich reagieren werden.« Er rieb sich mit einer Hand langsam über das Gesicht. »Wie haben Sie bis jetzt reagiert?«

»Ich habe Michael O’Neal senior unverzüglich hierher in Marsch gesetzt und soeben Sie von dem Vorfall informiert. Miss O’Neal ist aus freien Stücken heute am späten Vormittag hier eingetroffen, sodass ich bis jetzt noch keine Notwendigkeit sah, irgendwelche Maßnahmen zu treffen, um ihre Anwesenheit sicherzustellen. Bis jetzt hat noch niemand versucht, unsere Besorgnis mit ihr zu diskutieren.« Er griff nach der Flasche und schenkte dem Indowy nach. In den vergangenen zwanzig Jahren hatte er Aelool bis jetzt vielleicht zweimal Alkohol konsumieren gesehen. Die Auswirkung von Alkohol auf Indowy war ein wenig intensiver als auf Menschen, selbst unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Körpermasse. Sie tranken selten.

»Gut. Ich würde vorschlagen, dass Sie das auch unterlassen. Sie werden sich von ihr Informationen besorgen müssen, das verstehe ich. Das wird den Schaden nicht sehr mindern, aber zumindest wird es hilfreich sein, wenn O’Neal senior in dieser Angelegenheit sämtliche Gespräche mit ihr führt. Obwohl ihr Menschen keine Clans wie wir habt, wird für meine Leute der Eindruck entstehen, dass sie sich vor ihrem Clan-Oberhaupt für ihre Handlung hat verantworten müssen. Das wird nicht sehr viel bewirken, aber immerhin ein wenig. Wie Ihnen sicherlich klar ist, ist ein solches Zusammentreffen, wenn es zu Fehlverhalten gekommen ist, bei den Indowy an und für sich bereits eine sehr ernsthafte Konsequenz.«

»Wird es ausreichen?«

»Keineswegs. Dass Sie auch nur die Frage stellen, illustriert das Problem in gewissem Maße. Aber, immerhin wird es ein Anfang sein und vielleicht die Voraussetzung dafür schaffen, den verbleibenden Schaden im Laufe der Zeit zu heilen, immer vorausgesetzt, dass mit der gebotenen Sorgfalt vorgegangen wird. Ich werde, um es mit Ihren Worten auszudrücken, schnell reden müssen.«

Cally saß in dem Besprechungszimmer, das Papa O’Neal reserviert hatte, als er dieses Gespräch noch vor dem Mittagessen mit ihr arrangiert hatte. Tatsächlich hatte es länger gedauert, als sie angenommen hatte, bis jemand Verbindung mit ihr aufgenommen hatte, und in der Abrechnung, die jetzt auf beiden Seiten angezeigt war, war dies ein interessanter Eröffnungszug.

Sie spielte Solitär auf dem Bildschirm, als der PDA sich meldete. »Jetzt ist’s so weit, und die Kacke ist wirklich am Dampfen.«

»Vielleicht«, sagte sie.

»Du teilst also meine Meinung. Dann ist es noch viel schlimmer, als ich angenommen hatte. Keiner von uns beiden wird hier lebend rauskommen, oder?«

»Halt die Klappe, Buckley.«

»Geht in Ordnung.«

Ein rothaariger Mann mit uralten Augen und einer Beule in der Wange kam zur Tür herein und setzte sich auf die Tischkante. Er roch nach Kautabak Marke Red Man und spuckte den Priem jetzt in den leeren Plastikkaffeebecher, den er in der Hand hielt; anschließend stellte er ihn auf den Tisch, nahe genug, um ihn jederzeit erreichen zu können, aber weit genug weg, um ihn nicht versehentlich umzustoßen.

»Cally, hast du Colonel Petane getötet?« Er sprach jedes Wort langsam und sorgfältig aus, als würde er die Antwort bereits kennen.

»Ja, allerdings, Grandpa. Das habe ich.« Sie klappte den PDA zu, ließ ihn in ihre Handtasche fallen, holte eine Zigarette heraus und zündete sie an, ohne ihren Großvater dabei aus den Augen zu lassen. Dann stützte sie den rechten Ellbogen in die linke Hand, zog an der Zigarette und wartete darauf, dass er etwas sagte.

O’Neal senior blieb einen Augenblick lang stumm und stützte die Stirn auf die rechte Hand, ehe er mit ihr über sein Gesicht wischte und sich dann das Kinn rieb. Er griff nach dem Becher und spuckte noch einmal hinein, ehe er ihn wieder abstellte.

»Weißt du, man hofft ja immer, dass man es irgendwie schafft, die nächste oder auch übernächste Generation davon abzuhalten, dieselben Fehler zu machen, die man selbst gemacht hat. Das hat wohl mit dem Altwerden zu tun.« Er atmete tief und blieb dann eine ganze Weile stumm. »Würdest du mir erklären, was du dir dabei gedacht hast, als du zu dem Schluss kamst, dass das eine gute Idee wäre?«

»Sicher, gar kein Problem. Während meines Urlaubs erfuhr ich, dass jemand auf unserer Liste von Ermessenszielen irrtümlich als inaktiv gekennzeichnet war, weil der Datenspeicher ihn zu diesem Zeitpunkt fälschlicherweise als verstorben erfasst hatte. Natürlich konnte er korrekterweise nicht als inaktiv betrachtet werden, da er ja tatsächlich am Leben war. Deshalb habe ich, da er ja auf der Liste der Ermessensziele geführt wurde, gemäß üblicher Organisationsdoktrin die Zielperson eliminiert und mich anschließend auf dem Stützpunkt gemeldet, um meinen Einsatzbericht zu Protokoll zu geben und mich auf den nächsten Einsatz vorzubereiten.«

»Ich habe dich aber nicht als Advokaten großgezogen, junge Frau.«

»Jung ist ja wohl übertrieben.« Sie blies einen perfekten Rauchring, der träge zu einer Abzugdüse in der Decke emporschwebte.

»Aber so verhältst du dich.«

»Du hast mich auch nicht dazu erzogen, einfach auf meine Verantwortung gegenüber meinen Teamkollegen zu scheißen.« Sie griff nach ihrem Plastikbecher mit Kaffee, blickte mit gerunzelter Stirn auf den braunen Kaffeesatz und schnippte ihre Zigarettenasche hinein.

»Zum einen: Team Conyers war nicht dein Team. Zweitens: Glaubst du ehrlich, dass das Team die Eliminierung einer potenziell nützlichen Informationsquelle aus reinen Rachemotiven gebilligt hätte? Glaubst du das?«

»Zum einen: Du hast Recht. Sie waren nicht mein Team, sie waren ein Kollegenteam. Zweitens: Ich habe Petane nicht auf die Liste der Ermessensziele gesetzt, und was ich getan habe, habe ich auch nicht aus Rachemotiven getan. Soweit mir bekannt ist, hat man ihn auf diese Liste gesetzt, weil es einfach schlechte Politik ist, Leute, die Feldagenten verraten und damit ihren Tod herbeigeführt haben, weiter atmen zu lassen. Dass man ihn nicht von der Liste entfernt hat, ist für mich ein Hinweis auf Folgendes: Irgendwo war sich jemand völlig darüber im Klaren, dass man einen Fehler gemacht hatte. Drittens hat eine gründliche Befragung nicht immer ergeben, dass Petane bis zur Stunde keineswegs eine nützliche Informationsquelle war, sondern darüber hinaus auch, dass sein Potenzial für künftige Nützlichkeit als Informationsquelle unbedeutend war. Würdest du gerne meinen Bericht haben?«, erbot sie sich dann kühl.

»Cally, du hast ganz genau gewusst, dass dies oberhalb deiner Gehaltsstufe war. Ist es dir nie auch nur durch den Kopf gegangen, dass es vielleicht richtig sein könnte, den Stützpunkt aufzusuchen, das Thema zu diskutieren und eine formelle und offizielle Neubewertung des Status dieses wertlosen Kotzbrockens vorzuschlagen? Ist dir das auch nur durch den Kopf gegangen? Sag mir doch: Worin, glaubst du, besteht deine Rolle in dieser Organisation?«

»Ich sehe mich gern als das Chlor in der Leitung.«

»Wenn du meinst, dass dies der richtige Augenblick für flapsige Bemerkungen ist, haben wir ein wesentlich größeres Problem, als ich angenommen hatte.«

»Okay, genau das glaube ich nicht. Ich glaube, dass es eine sehr fragwürdige Entscheidung war, einen Verräter am Leben zu lassen, der durch seinen Verrat den Tod von Agenten herbeigeführt hat. Und das sage ich selbst für den Fall, dass er eine Informationsquelle von hoher Qualität gewesen wäre. Aber wenn das der Fall gewesen wäre, hätte ich ihn auch am Leben gelassen, und er hätte dann lediglich geglaubt, dass meine Befragung routinemäßig erfolgt ist — ein Test, den er bestanden hatte. Ich hätte ihn leben lassen, und dies trotz meiner festen Überzeugung, dass dies eine falsche Entscheidung war.«

»Was, du bist also jetzt aus eigener Machtvollkommenheit die Entscheidungsinstanz über den Wert eines Agenten? Wer hat gesagt, dass du der liebe Gott bist, Cally?«

»Mir ist im gleichen Augenblick bewusst geworden, dass er nichts wert ist, als mir bewusst wurde, dass er am Leben ist. Die Befragung hat das nur bestätigt. Trotzdem, wenn er als Informationsquelle auch nur den geringsten Wert besessen hätte, würde er jetzt noch atmen.«

»Yeah, die undichte Stelle haben wir gefunden. Zum Glück ist er nicht mein Problem«, sagte O’Neal.

»Würdest du gerne meinen Bericht hören?«

»Ob ich ihn möchte? Nein. Ob ich ihn brauchen werde, um diesen Schlamassel aus der Welt zu schaffen, falls das überhaupt je möglich ist? Ja. Lad ihn mir rüber.«

»Buckley, Befragungsdaten und Abschlussbericht an AID von Michael O’Neal senior übertragen.« Ausnahmsweise traf der Buckley diesmal die korrekte Entscheidung, sich eines Kommentars zu enthalten.

»Miss O’Neal, Sie haben sich als unter Hausarrest stehend zu betrachten, dies gilt, bis in dieser Angelegenheit eine Entscheidung getroffen ist«, erklärte er förmlich und fügte dann hinzu, »und, Cally — das gilt auch für irgendwelche elektronischen Freiheiten mit den Computern dieser Basis oder sonst wo. Mahlzeiten werden dir auf das Zimmer gebracht werden. Wenn die Bane Sidhe es für notwendig hält, dass du irgendeinen anderen Ort auf dieser Basis aufsuchst, wirst du die entsprechenden Anweisungen von mir erhalten. Du wirst ohne direkte Anweisung meinerseits mit sonst niemandem in Verbindung treten. Ist das klar?«

»Yes, Sir.« Callys Gesicht war völlig ausdruckslos, als sie sich so entlassen sah, nach ihrer Handtasche griff und den Raum verließ, um in ihre Suite zurückzukehren.

Als sie in ihre Räume zurückkam, hatten die Reinigungsleute ihr Gepäck bereits geliefert. Sie brauchte eine volle Viertelstunde, um sich zu vergewissern, was alles noch da war. Dabei war ihr nicht recht klar, ob sie sich nun wundern sollte oder nicht, dass mit Ausnahme der Plastiktüte mit ihren vom Einsatz verschmutzten Kleidern alles da war. Jemand war sogar so aufmerksam gewesen, ihren Musikwürfel aus dem Audiosystem des Wagens dazuzulegen. Daneben lagen ein zweiter Würfel und eine kleine Flasche mit einer durchsichtigen Flüssigkeit. Sie schaltete die KI-Emulation des Buckley völlig ab, um den PDA als dummen Würfelleser zu benutzen, und schob den Würfel hinein.

»Nicht alle sind der Ansicht, dass Sie etwas Unrechtes getan haben. Die Kacke ist nun mal am Dampfen, aber Sie sollen wenigstens Ihre Sachen zurückbekommen. Diese Nachricht wird sich in zehn Sekunden selbst zerstören, aber Sie sollten den Würfel trotzdem löschen und wegspülen. Danke, dass Sie den Glauben bewahren, Miss O’Neal.« Sie las den Text von einem Hologramm auf einem altmodischen Videoschirm ab. Anschließend holte sie den Würfel heraus und ließ ihn in den Essig fallen, den ihr anonymer Bewunderer ihr mitgeliefert hatte. Dann schüttete sie den Essig in die Toilette und spülte. Wenn sie nicht ganz speziell darauf achteten, würde damit die Nachricht ein für alle Mal beseitigt sein.

Natürlich konnte das Ganze ein Test sein, aber genau betrachtet war sie nicht so jung, wie sie aussah, und viel zu alt, um so paranoid zu sein. Sie schaltete die KI-Emulation wieder ein.

»Also, Buckley, gibt es für Leute mit Stubenarrest eine Bane-Sidhe-Vorschrift, wonach das Downloaden von ein paar Büchern und Filmen aus der Stützpunktbibliothek als ›elektronische Freiheiten‹ angesehen werden könnte?«

»Man wird dich wahrscheinlich erschießen und mich löschen und anschließend irgendeinem Halbwüchsigen als Video-Gamebox übergeben.«

»Gibt es eine solche Vorschrift, Buckley?«, wiederholte sie kühl.

»Nein, aber du glaubst doch nicht etwa wirklich, dass das denen etwas ausmachen wird, oder? Soll ich die fünf Regeln auflisten, die die dazu benutzen könnten, wenn sie eine Rechtfertigung wollen, um dich zu erschießen?«

»Halt die Klappe, Buckley.«

»Wirklich, es würde mir gar keine Mühe machen.«

»Halt die Klappe, Buckley.«

»Geht in Ordnung.«

Unter den Gegenständen von ihrer Reise, die sich in ihrem Rucksack fanden, war auch der Würfel mit den Aufzeichnungen ihrer Recherchen über Sinda Makepeace. Dort war zu finden, dass sie in Wisconsin aufgewachsen war. Neben einer ziemlich großen Auswahl wirklich alter Filme verfügte die Stützpunktbibliothek über ein Schulbuch mit einer Geschichte des Staates Wisconsin auf dem Niveau Oberstufe Volksschule, und dort fand sie auch einen ziemlich dicken Band mit dem Titel Komplette und ungekürzte Geschichte des Käses sowie ein ganzes Bündel Fleet-Strike-Handbücher über Ausbildung und Spezialkenntnisse von Makepeace im Allgemeinen.

Falls sie ihre Entscheidung änderten und sie nicht auf ihren Einsatz schickten, würde das nichts ausmachen. Wenn sie es doch taten, könnte es echt unangenehm werden, nicht vorbereitet zu sein. Somit vor die Wahl gestellt, die Vorbereitungen in Angriff zu nehmen oder sich einen Schwarzweißfilm mit Fred Astaire und Ginger Rogers anzusehen, entschied sie sich für Ersteres und verbrachte damit einige Stunden, bis es an ihrer Tür klopfte und man ihr das Mittagessen brachte.

Sie musterte mit ungläubiger Miene das Maisbrot, das Maispüree sowie den Plastikbehälter mit Milch und den Apfel auf ihrem Tablett.

»Ich kann’s einfach nicht glauben. Ich denke, die sind wirklich sauer auf mich, Buckley.«

»Das kriegst du jetzt erst mit? Früher warst du intelligenter. Eingehende Nachricht von Michael O’Neal senior. Willst du die schlechten Nachrichten jetzt oder nach dem Essen?«

»Abspielen, Buckley.«

Ein dreißig Zentimeter hohes Hologramm ihres Großvaters von den Schultern aufwärts baute sich über dem PDA auf. Sie musste um den Tisch herumgehen, um sein Gesicht zu sehen. Der Buckley war nicht intelligent genug, um die Nachricht auf Gesprächsdistanz vor ihr darzustellen, wie das ein echtes AID getan hätte.

»Cally, du hast einen Termin um fünfzehn Uhr fünfzehn in der Medizinischen Abteilung. Bitte komme ein paar Minuten vorher.«

Na ja, das klang immerhin nicht danach, dass er selbst kommen und sie persönlich hinbringen oder eine Eskorte schicken würde. Immerhin etwas.

Doktor Albert Vitapetroni hatte ein gut trainiertes Pokergesicht und ein mitfühlendes Wesen. Für einen Psychiater war das berufsnotwendig. Als Chef der Psychiatrie der Klinik der Basis Chicago würde er möglicherweise sämtliche menschlichen Angehörigen der Großen Organisation betreuen müssen. Es wäre menschlich unmöglich, ganz zu schweigen in speziellen Fällen sogar unvernünftig, von ihm zu verlangen, seine sämtlichen Patienten auch zu mögen.

Der drahtige Mann mit dem schütteren Haar, der jetzt in seinem Büro auf und ab schritt und dabei mit einem seiner Schreibtischutensilien spielte, war nicht gerade einer seiner Lieblingskollegen. Als Patienten konnte man den Mann eigentlich nicht bezeichnen, denn als Computerspezialist geriet der Mann so gut wie nie ins Schussfeld und benötigte daher Vitapetronis Dienste nicht. Und dieser Dienste wegen war er natürlich auch nicht hier. Vielmehr ging er Vitapetroni im Augenblicklich ziemlich auf die Nerven, indem er über seine Fünfzehn-Uhr-fünfzehn-Patientin schwadronierte.

»Das ist das Problem mit Agenten in ihrem Tätigkeitsbereich. Wenn jemand jahrelang als Killer eingesetzt wird, muss er ja schließlich mit der Zeit zum Psychopathen werden.«

»Mr. Wallace, Sie haben gerade deutlich gemacht, weshalb wir Psychiater es nicht mögen, wenn Laien unseren Jargon benutzen. Miss O’Neal ist ganz sicherlich keine Psychopathin.«

»Soziopathin, Psychopathin, was soll’s? Und solange man sie nicht gesehen hat, kann man das schließlich nicht behaupten? Wenn Sie schon mit einer vorgefassten Meinung an ihre Patienten herangehen, dann finde ich, würden Sie allen einen Dienst erweisen, wenn Sie, na ja, ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber wenn Sie …«

»Agent Wallace, ich habe Ihren Vater als Berufskollegen bewundert, aber ich sollte Sie vielleicht daran erinnern, dass man nicht schon dadurch zum Psychiater wird, dass man einen Psychiater zum Vater hat.« Er atmete tief durch und gab sich alle Mühe, seinen professionellen Gleichmut zurückzugewinnen. »Jay, wenn Sie reden müssen oder so, sollten Sie mit meiner Assistentin sprechen, sie gibt Ihnen dann einen Termin. Wenn Ihnen das lieber ist, brauchen wir es nicht einmal einen Termin zu nennen, aber jetzt muss ich mich wirklich um meinen Papierkram kümmern, ehe am Nachmittag wieder die Patienten kommen. Tut mir Leid, wenn ich Sie rausschmeißen muss, aber wenn Sie mich entschuldigen würden …«

»Ja, geht klar. Kein Problem. Ich werde dann eben später kommen.« Der Agent zog sich rückwärts durch die Tür zurück und schloss sie hinter sich.

Der Doktor blickte ihm nach und starrte eine Weile die geschlossene Tür an, oder besser gesagt, starrte durch sie hindurch. Ich habe keinerlei rationale Gründe, die ich benennen könnte, abgesehen von kleinen Lästigkeiten wie das, was gerade jetzt vorgefallen ist, aber ich mag ihn einfach nicht. Ich habe ihn nie bei irgendwelchen unsauberen Dingen erwischt — na ja, jedenfalls nicht öfter als irgendwelche anderen Agenten -, und in seiner Akte ist absolut nichts, auch die Testergebnisse sind in Ordnung, aber ich kann den kleinen Mistkerl einfach nicht leiden. Und dieser ganze Cally O’Neal Schlamassel ist zusätzlicher Stress, den ich in dieser Woche ganz bestimmt nicht gebraucht habe. Verdammt noch mal, ich hob denen schon vor Jahren gesagt, was passieren wird, wenn sie je dahinterkommt, dass dieser Dreckskerl noch am Leben ist. Ich hab denen gesagt, sie sollen das geheim halten und aufpassen, dass sie nie nach Chicago kommt, damit sie nicht einmal zufällig auf ihn stößt. Aber da hört natürlich keiner zu, und jetzt landet der ganze Schlamassel bei mir. Herrgott, ich bin wirklich urlaubsreif.

Um zehn nach drei klopfte es an Vitapetronis Tür, und er rief laut »Herein«. Das passte zu ihr, zu früh zu kommen. Er würde mehr Zeit brauchen, seine Eindrücke niederzuschreiben als sie zu gewinnen. Subjekt war ordentlich, aber leger gekleidet. Ausgebleichte, aber saubere Jeans und olivfarbenes T-Shirt, passend zur persona Cally. Den Kopf trug sie ein wenig schief. Wahrscheinlich unbehaglich mit einer Haarfarbe, die nicht zur augenblicklichen Rolle passt. Keine Kontaktlinsen, Augen Naturfarbe.

»Cally, wie geht es Ihnen? Kommen Sie rein und nehmen Sie Platz.« Als er nach ihrer Hand griff, stellte er fest, dass sie keinen Nagellack trug und ihre Nägel stumpf waren, als ob sie erst vor kurzem den Nagellack entfernt hätte. Ebenfalls zur persona Cally passend. Gut.

»Tag, Doc.« Sie lächelte strahlend, aber als sie in einem seiner bequemen, wenn auch billigen Polstersessel saß, konnte er erkennen, dass sie die Arme dicht am Körper hielt, dass ihr Körper leicht abgeknickt war und sie ihm auch nicht gerade in die Augen sah. Ihre Hände waren nicht ineinander verschränkt, aber sie lagen beide in ihrem Schoß, und die Fingerspitzen berührten einander.

Er musterte sie mit hochgeschobenen Augenbrauen und wartete, während er in seinem Schreibtischsessel Platz nahm. Der Schreibtisch stand an der Wand, sodass er keine Barriere zwischen ihm und dem Patienten bildete. Er wartete, aber sie war lang genug im Geschäft, um das Spiel zu beherrschen, und schließlich brachten die denen bei, nicht rumzuplappern. Sie tat nichts, um das Schweigen zu beenden.

»Das war keine rhetorische Frage. Ich habe das so gemeint. Wie geht es Ihnen?«

»Mir ist’s schon besser gegangen. Die Arbeit war in letzter Zeit ziemlich anstrengend.« Ihr Tonfall klang immer noch unecht fröhlich.

»Aber Ihr augenblickliches Problem ist ja nicht auf Ihre Arbeit zurückzuführen, oder?« Er machte sich ein paar Notizen auf seinem zweiten PDA, dem einzigen, der im Augenblick im Raum war, was insofern ungewöhnlich war, als er über keinerlei KI verfügte. Er vertraute den Dingern nicht. In seinem Beruf hatte er zu viele wirklich verkorkste Programmierer kennen gelernt, um ihren Imitationen des menschlichen Bewusstseins vertrauliche Patientendaten anzuvertrauen. Das hatte nichts damit zu tun, dass er schon einmal versucht hatte, einen Buckley zu behandeln. Es hatte ein schlimmes Ende genommen.

»Oh, ich denke, das ist Ansichtssache, finden Sie nicht?« Ihre Stimme klang jetzt leicht gereizt.

»Na ja, man hat mir gesagt, Sie hätten einen Bane Sidhe Agenten getötet. Während Sie eigentlich im Urlaub sein sollten. Das ist, wie Sie ganz richtig erklärt haben, deren Ansicht. Ich würde gerne die Ihre hören«, sagte er.

»Okay. Auf der Liste der Ermessensziele befand sich ein Individuum, das irrtümlich als tot gelistet war. Mir ist der Fehler und der Standort der Zielperson aufgefallen. Ich hatte Zeit, mir war nach einem kleinen Ausflug, und ich habe die Zielperson eliminiert und meinen Bericht abgeliefert. Wenn die Organisation nicht möchte, dass ein bestimmtes Individuum getötet wird, dann sollte die Organisation dieses Individuum vielleicht, ich sage ausdrücklich vielleicht, nicht auf der Ermessenszielliste haben.« Sie lächelte dünn.

»Petane war auf der Ermessenszielliste? Okay. Also, sehen Sie, eigentlich ist es ja nicht meine Aufgabe, Ihren Abschlussbericht für die Organisation entgegenzunehmen. Das ist etwas für die Ops. Mein Job ist es, Ihren mentalen Zustand zu bewerten. Da Sie und alle anderen darin übereinstimmen, dass Sie ihn getötet haben, sollten wir vielleicht damit beginnen, was Sie in Bezug auf seine Person empfunden haben und wie Ihre Gefühle zu dem Zeitpunkt waren, als Sie beschlossen haben, ihn zu töten?«

»Welche Gefühle? Er war am Leben. Er sollte tot sein. Das habe ich erledigt.«

»Kommen Sie schon, Cally, machen Sie das nicht schlimmer als es unbedingt sein muss. Irgendwelche Selbstmordgedanken?«, fragte er.

»Ach was, nein.« Sie sah ihn missbilligend an.

»Verspüren Sie den aktiven Wunsch zu leben?« Er machte sich eine Notiz.

»Aber sicher«, sagte sie.

»Dann können Sie das zeigen, indem Sie mit mir sprechen. Bitte versuchen Sie sich daran zu erinnern, was Sie empfanden, als Sie beschlossen haben, Colonel Petane zu töten.« Er blickte auf. In dieser Phase musste er ihre Körpersprache besonders sorgfältig beobachten.

»Ihre Tour gefällt mir wirklich, Al.« Sie grinste sarkastisch.

»Wäre es Ihnen lieber, wenn ich Sie anlüge? Ich denke doch wohl nicht. Erinnern Sie sich, wo Sie waren, als Sie den Beschluss gefasst haben, Petane zu töten?«, beharrte er geduldig.

»Charleston. Zu Hause«, sagte sie.

»Und was haben Sie empfunden, als Sie die Entscheidung getroffen haben?«

»Verstimmt, ja? Verstimmt fühlte ich mich, verärgert.« Ihre Finger tippten nervös auf dem Verschluss ihrer Handtasche, und schließlich, offenkundig nach einem kurzen inneren Kampf, holte sie sich eine Zigarette heraus und zündete sie an.

»Vielleicht ein wenig verraten?« Er schob ihr einen Aschenbecher hin.

»Würden Sie das nicht so empfinden?«, fragte sie.

»Vielleicht. Kamen Sie sich ein wenig verraten vor?«, wiederholte er.

»Ja, schon.« Sie seufzte. Ihre Finger ballten sich zu Fäusten, öffneten sich wieder.

»Und waren Sie vorzugsweise über Petane verstimmt oder über die Bane Sidhe oder über sonst jemanden?« Wenigstens redete sie.

»Über die Bane Sidhe war ich verstimmt, okay?« Sie beugte sich vor, stippte Asche in den Aschenbecher, hielt aber die Arme immer noch dicht am Oberkörper.

»Das kann ich verstehen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, selbst wenn die Gründe vielleicht nahe liegend sind, mir diese Gründe zu schildern?«, fragte er sanft.

»Die Bane Sidhe hat seit dem Neukontakt immer die Linie vertreten, Leute, die unsere Agenten töten, oder solche, die unsere Leute verraten, sofern das zu ihrem Tod führt, nicht am Leben zu lassen. Das ist eine sehr klare und kluge Linie. Sie aufzugeben wäre wirklich dumm. Und für uns Agenten gefährlich.« Das klang eiskalt, aber sie blieb geduldig.

»Selbst wenn die betreffende Person der Organisation immer noch wichtige Informationen liefern kann?«

»Hören Sie, damit kann ich umgehen. Womit ich nicht umgehen kann ist, dass Petane keine wertvollen Informationen geliefert hat und das auch nicht vorhatte und dass keiner von den Leuten in der Verwaltung und in der Einsatzplanung, die ursprünglich diesen Fehler gemacht hatten, den Mumm hatte, die Verantwortung zu übernehmen und das Problem zu lösen. Stattdessen haben sie einfach alle fünfe gerade sein lassen und den Typen ohne guten Grund weiterhin am Leben gelassen.« Ihre Hände zitterten jetzt, als sie wieder an ihrer Zigarette zog und schließlich die Beine übereinander schlug.

»Und woher wollen Sie wissen, dass seine Informationen wertlos waren oder dass er nicht vielleicht in Zukunft bessere Informationen liefern würde?«, bohrte er.

»Schauen Sie, ich habe ihn verhört, ja? Er war nicht einmal gegen sämtliche Verhördrogen immun, die Fleet Strike zur Verfügung hat. Daraus kann man doch schließen, dass die nie vorhatten, diesem Mann wirklich wichtige Informationen anzuvertrauen. Und zwar niemals«, sagte sie.

»Hätten Sie ihn am Leben gelassen, wenn Ihr Verhör ein anderes Ergebnis gehabt hätte? Und welche Folgen hätte dieses Verhör Ihrer Ansicht nach für seine Nützlichkeit und Kooperationsbereitschaft gehabt?« Interessant.

»Die Befragung war lediglich eine Bestätigung, ja? Ich wusste bereits, dass er als Informationsquelle wertlos war, das ist ja einer der wesentlichen Gründe, weshalb ich wirklich ernsthaft wütend war. Aber, ja, ich wäre sauer gewesen, aber ich hätte ihn leben lassen«, räumte sie mit einem Seufzer ein.

»Okay, das wäre dann ja wohl geklärt. Und wie haben Sie ihn verhört und getötet? Die Sache mit seiner Überwachung können wir hier übergehen. Fangen Sie einfach mit der Befragung an«, sagte er.

»Haben Sie Zeit?« Sie grinste wieder schief, wieder verbittert.

»Für Sie, Cally, habe ich den ganzen Nachmittag. Kommen Sie schon, erzählen Sie mir alles.« Er lehnte sich zurück und winkte ihr einladend zu.

9

Wilson, sein Assistent, hatte das Mobiliar erneut verändert. Um den niedrigen Tisch standen jetzt vier Sessel, zwei für Indowy und zwei für Menschen. Im Augenblick waren drei davon besetzt, und Wilson hatte gerade ein Tablett mit Kaffee und mineralisiertem Wasser hereingebracht. O’Reilly sah Aelool mit hochgeschobener Augenbraue an.

»Sollten wir auf Roolnai warten oder anfangen?«, fragte er.

»Ich denke, es wäre besser, wenn wir beginnen. Clanhäuptling Roolnai ist indisponiert. Ich werde ihn später über unser Gespräch informieren.« Seine grünen Pelzfasern — in Wirklichkeit ein photosynthetischer Symbiont — fächelten schwach im Luftstrom der Klimaanlage.

Vitapetroni und O’Reilly wechselten Blicke. Dann sah der Psychiater zu Boden und schüttelte leicht den Kopf.

»Also, Doktor, womit genau haben wir es hier zu tun?« Der Priester nippte vorsichtig an seiner Tasse. Wilson war in vielen Dingen ausgesprochen tüchtig und verlässlich, aber Kaffee gelang ihm unterschiedlich. Manchmal war er zu kalt, manchmal kochend heiß. Wenn man zu hastig trank, konnte einem leicht passieren, dass man sich die Zunge verbrannte.

»Sie ist normal. Nun ja, für das, was wir aus ihr gemacht haben, so normal wie das eben möglich ist. Sie ist überarbeitet und konzentriert sich zu stark auf ihre Aufgabe. Sie braucht dringend einen längeren Urlaub, um zu heiraten und Kinder zu kriegen. Aber davon abgesehen hat sie völlig im Einklang mit ihrer Ausbildung und ihrem Training gehandelt. Als Sie damals die Entscheidung über Petanes Sicherstellung getroffen haben, habe ich Ihnen gesagt, dass das zu Schwierigkeiten führen könnte. Miss O’Neal ist das, was wir aus ihr gemacht haben; sie hat nach den Regeln ihres Jobs gehandelt.« Der Doktor sah erst seine Hände an, blickte dann zu dem Priester auf und sah schließlich zu dem Aelool hinüber. Er zuckte die Achseln.

»Ich fürchte, dass dieses Beispiel eines erwartungsgemäß handelnden Menschen für meine Leute ein Problem sein könnte.« Aelools Augen blickten, wie es für seine Spezies charakteristisch, für ihn aber ungewöhnlich war, starr zu Boden.

»Miss O’Neal sagt, sie hätte den Mann nicht getötet, wenn sein Name entweder von der Zieleliste entfernt und nicht etwa nur wegen eines registrierten Todes deaktiviert worden wäre oder wenn er mehr als nur eine minimal wertvolle Informationsquelle gewesen wäre oder zumindest die Wahrscheinlichkeit hätte erkennen lassen, in Zukunft mehr als nur eine minimal wertvolle Informationsquelle zu sein. Ich neige dazu, ihr Glauben zu schenken«, gab Vitapetroni zu bedenken.

»Ja, Al, aber Tatsache ist und bleibt doch, dass sie ihn getötet hat, obwohl sie hinreichend Grund zu der Annahme haben musste, dass wir seine Tötung nicht wollten«, sagte O’Reilly.

»Die Wünsche und Bedürfnisse der Organisation sind für sie kein Regulativ. Das war eine sehr bewusste Entscheidung für alle Feldagenten ihrer Spezialität, mit der Zielsetzung, nicht dadurch die Effizienz von Agenten zu beeinträchtigen. Mit anderen Worten, wenn die Bane Sidhe eine Tötung anordnet und darüber unterschiedliche Ansichten herrschen, sollten diese unterschiedlichen Ansichten die Effizienz des Agenten nicht beeinträchtigen. Sie hat festgestellt, dass er nicht tot war, sie hat die Liste der Ermessensziele überprüft, sein Name befand sich auf ihr, und sie hat ihn getötet. Ebenso gut hätte sie eine Lenkwaffe sein können. Wir haben sie dazu ausgebildet, gewisse Befehle zu befolgen. Sie hat sie befolgt. Ohne ihre persönlichen Gefühle hätte sie sich um Klärung bemühen können. Das hätte sie wahrscheinlich auch getan. Aber ich kann nicht nachdrücklich genug darauf hinweisen, dass man unseren Auftragskillern einfach nicht sagen darf, dass sie jemanden töten sollen, wenn Sie diese Tötung nicht wollen«, erklärte der Doktor.

»Bei euch Menschen gibt es einen Satz, der hier möglicherweise zutrifft. Etwas von Anwälten, die Häuser schützen?« Aelool sah die beiden Menschen ernst, beinahe würdevoll an.

»Winkeladvokaten. Sie glaubt wahrscheinlich, glaubt tatsächlich, dass sie sich wie einer verhalten hat. Aber sie ist ausdrücklich dafür ausgebildet, einige der psychologischen Aspekte eben dieser Ausbildung nicht wahrzunehmen. Beispielsweise die Unterdrückung des traumatischen Traumzyklus. Sie stellt sich nie ernsthaft die Frage, weshalb sie keine Albträume hat. Ihr freier Wille, jemanden auf der Zielliste nicht zu töten, dem sie begegnete oder der zu ihrer Kenntnis gelangte und den sie töten konnte, ohne ihren Einsatz zu gefährden … nun, ich will nicht gerade sagen, dass dieser freie Wille nicht existiert hätte. Aber er war jedenfalls wesentlich weniger stark ausgeprägt, als sie das annimmt und er das auch offenbar nach ihrer Einschätzung war. Ich sage es noch einmal, meine Herren, man darf einem dieser Auftragskiller einfach nicht sagen, dass jemand Zielperson ist, wenn man nicht will, dass diese Person getötet wird«, betonte Vitapetroni.

»Team Hector wusste zwei Jahrzehnte lang über Petane Bescheid. Team Hector konnte offenbar der Versuchung widerstehen, ihn zu töten«, gab der Priester zu bedenken.

»Dem Auftragskiller von Team Hector hat man gesagt, dass Petane am Leben ist, und man hat ihm befohlen, ihn nicht zu töten«, erklärte der Doktor.

»Wenn ich mich richtig entsinne, hatten Sie uns gesagt, wir dürften nicht verlässlich erwarten, dass Miss O’Neal einen solchen Befehl befolgen würde und dass man sie vor der Kenntnis seines Status schützen musste«, erklärte Aelool.

»Ja, das habe ich. Sie hatte das Gefühl, gegenüber Team Conyers in einer Ehrenschuld zu stehen oder glaubte das jedenfalls, nachdem Team Conyers versucht hatte, ihr Leben zu retten, als sie das Ziel eines Attentatsversuchs war; und nachdem das Team auf der Seite der O’Neals gekämpft hatte, als die Posleen das O’Neal-Haus angegriffen hatten. Ich war nicht sicher, dass sie dem Befehl nicht gehorchen würde, aber ich war sicher, dass die Belastung, die seine Befolgung für sie bedeuten würde, eine erhebliche Gefahr für ihre mentale Stabilität sein würde.«

»Wir sind uns zwar stets bewusst, wie tief unsere Leute in der Schuld des O’Neal-Clans stehen, andererseits erfüllt es uns mit Besorgnis, dass dieses ganz spezielle Problem in jenem Clan schon früher aufgetreten ist. Obwohl es bis jetzt erst zwei solcher Vorkommnisse gegeben hat, ist der Clan doch so groß, im nicht menschlichen Teil der Bane Sidhe Besorgnis aufkommen zu lassen, dass wir hier möglicherweise den Anfang eines Musters erleben könnten. So sehr es uns mit Bedauern erfüllt, das Thema auch nur andeutungsweise anzusprechen, müssen wir uns doch fragen, ob wir nicht möglicherweise den Anfang einer Schwachstelle vor uns haben.« Aelools Augen blickten jetzt noch konzentrierter auf den Boden.

»Was interpretieren Ihre Leute denn als mögliche Schwachstelle? Es wäre hilfreich für uns, wenn wir nach Hinweisen suchen könnten, die diese Interpretation entweder bestätigen oder widerlegen. Wir müssten dazu zusätzliche Details über das Ausmaß Ihrer Besorgnis kennen.« Father O’Reilly sah Aelools Gesichtsausdruck und hatte alle Mühe, seine unbewegte Miene zu bewahren. »Bitte, Aelool, ich sage ja nicht, dass es keinen Grund zur Besorgnis gibt oder dass wir Ihre Besorgnis nicht in gewissem Maße nachempfinden können. Ich sage nur, dass es hilfreich wäre, wenn Sie die Besorgnis Ihrer Leute etwas detaillierter schildern könnten, damit wir auch ganz sicher sein können, nicht irgendwelche Feinheiten zu übersehen. Nur auf die Weise können wir gemeinsam daran gehen, Abhilfe zu finden und die Probleme zur Zufriedenheit aller Clans in der Bane-Sidhe-Allianz zu lösen.«

»Es ist sehr schwer, das in menschlichen Begriffen zu erklären. Es ist nicht etwa so, dass die Handlung eines Individuums oder einer kleinen Gruppe von Individuen zum eigenen Nutzen, aber gegen die Interessen des Clans als Ganzem meinen Leuten als unehrenhaft und illoyal erscheinen würde, obwohl es davon gewisse Untertöne gibt, und zwar in solchem Maße, dass uns das … ich glaube, das beste Wort in Ihrer Sprache wäre dafür geistesgestört vorkommt. Uns erscheint das so, als hätten wir gewalttätige, verrückte, unkontrollierbare Fleischfresser ans Herdfeuer des Clans selbst geholt.« Er hob beschwichtigend die Hand. »Es ist nicht etwa so, als würde ich die Menschen so sehen, aber Sie müssen begreifen, dass … bei Ihnen gibt es ein Sprichwort, das etwa so lautet, dass ›Knöpfe gedrückt werden‹. Es wäre nicht übertrieben, wenn man sagte, dass diese eine Handlung so ziemlich jeden Knopf drückt, den meine Spezies bezüglich des Umgangs mit Fleischfressern hat.«

»Okay, in Anbetracht der Kultur, der Biologie und der gesellschaftlichen Struktur Ihrer Spezies kann ich einigermaßen begreifen, dass Sie das so empfinden«, sagte Vitapetroni, »aber ich würde doch gern ein paar Feststellungen treffen, die wir vielleicht alle hier beachten sollten. Zum Ersten ist sie nicht unkontrollierbar. In diesem Fall haben die Kontrollsysteme versagt, weil sie nicht befolgt wurden. Zum Zweiten ist ihre Bereitschaft zu töten kein natürliches menschliches Verhalten. Jeder einzelne unserer Attentatsspezialisten ist sehr sorgfältig manipuliert worden mit dem Ziel, einen Menschen zu schaffen, der bei voller Zurechnungsfähigkeit imstande ist, auf Anweisung zu töten. Diese Manipulation muss mit größter Präzision geschehen. Zum Dritten hatte sie einen rationalen Grund, ihre Handlung als nicht gegen die tatsächlichen Interessen der Bane Sidhe als Ganzes gerichtet wahrzunehmen. Der einzige tatsächliche Schaden, der dabei angerichtet wurde: dass es die Leute in Verlegenheit gebracht hat, die es unterlassen haben, neuerdings die Entscheidung, Petane am Leben zu lassen, zu überprüfen. Zum Vierten handelt sie immer noch völlig im Einklang mit den festgelegten Kontrollparametern und hat im Laufe von über dreißig Jahren der Bane Sidhe viel mehr Nutzen als Schaden gebracht. Wenn die Bane Sidhe willens war, aus pragmatischen Gründen Petane zu halten und weiterhin zu nutzen, dann sollte sie in viel höherem Maße willens sein, weiterhin Cally O’Neals Ausbildung und Talente zu nutzen.«

»Diese letzte Feststellung kann ich dazu benutzen, um meine Leute davon zu überzeugen, dass es richtig ist, den nächsten planmäßigen Einsatz durchzuführen, insbesondere in Anbetracht seiner Bedeutung und unter der Voraussetzung, dass Sie mir versichern, es ist hochgradig unwahrscheinlich, Miss O’Neal werde bei diesem Einsatz die falsche Person oder falsche Personen töten. Das übergeordnete Thema der Loyalitätsstandards spricht Ihre Feststellung allerdings nicht an«, erklärte der Indowy.

»Bei allem Respekt, Aelool, wir werden das nicht genauso sehen wie Ihre Leute, weil wir, nun ja, weil wir nicht Sie sind. Wenn Ihre Leute von uns erwarten, dass wir, nun ja, Indowy sind, die man für gewaltorientierte Einsätze verwenden kann, werden Sie enttäuscht sein. Jede Lösung, die wir hier finden, wird die Unterschiede zwischen der Psychologie unserer beiden Spezies in Betracht ziehen müssen«, sagte Vitapetroni.

»Al, Sie sollen uns hier helfen.« O’Reilly seufzte.

»Das will ich auch. Ich bin kein Fachmann für Xeno-Psychologie, aber mir ist wohl bewusst und ich weiß auch zu schätzen, dass Loyalität für die Indowy so etwas wie eine Einbahnstraße ist. Hundertprozentig. Vom individuellen Clanmitglied für den Clan. Bei Menschen funktioniert das nicht so. Wenn die Indowy mit dieser menschlichen Eigenschaft nicht klarkommen können, wird diese Allianz nicht funktionieren. Sie dürfen einfach menschliche Mitglieder der Bane Sidhe nicht als Mitglieder Ihres Clans betrachten. Das würde zu … unrealistischen Erwartungen führen«, beharrte er.

»Uns ist sehr wohl bewusst, dass Menschen keine Indowy sind, vielen Dank.«

»Aber nicht bewusst genug. Andernfalls hätten Ihre Leute verstanden, dass es sich bei der Loyalität ›von oben nach unten‹, also der von der Organisation zum Individuum, nicht etwa um irgendein exzentrisches Detail der Etikette handelt, sondern um etwas beim Umgang mit Menschen in einer Organisation entscheidend Wichtiges. Man hätte dann Petanes Status überprüft. Dafür, dass das nicht geschehen ist, nehme ich einen Teil der Schuld auf mich. Ich hätte nicht von einem höheren Maß an wechselseitigem Verständnis ausgehen dürfen, als tatsächlich vorhanden war. Ich hätte Sie ausdrücklich über die organisatorischen Gefahren informieren sollen, die die Petane-Entscheidung mit sich brachte, konkret gesagt, die Gefahren, die darin lagen, die Entscheidung nicht periodisch zu überprüfen, um festzustellen, ob es immer noch gerechtfertigt war, den Mann weiterleben zu lassen. Dieser Teil, mich also nicht zu vergewissern, dass Sie diese Notwendigkeit begreifen oder dass unser Stützpunktkommandant hier sich nicht darüber im Klaren war, dies unbedingt thematisieren zu müssen, ist meine Schuld.« Der Psychiater klopfte sich mit der Hand auf die Brust.

»Und würden Sie dann sagen, dass es unsere Schuld war, Sie nicht zu verstehen?« Aelools Hand, die das Glas hielt, spannte sich.

»Keineswegs. Ich würde sagen, dass wir gelernt haben, einander besser zu verstehen. Wie wir das herausgefunden haben, war nicht gerade angenehm.« Er verzog das Gesicht. »Ich will ja nicht wie ein Gehirnklempner klingen, aber ich denke, beide Seiten müssen ein wenig darüber nachdenken, wie diese Erkenntnis künftig unser Verhalten beeinflussen soll.«

»Oder die Übereinkunft selbst«, seufzte der Alien.

»Das haben wir verstanden. Zugleich ist es aber möglich, dass wir diese Erkenntnis dazu nutzen können, um künftig unsere gemeinsamen Ziele besser zu verfolgen, ohne dass sich ein solcher Vorgang wiederholt«, gab der Priester zu bedenken.

»Ja, das ist möglich. Ich hätte gerne die Unterstützung des Doktors, um sämtliche Einzelheiten und Verästelungen zu erforschen und sicherzustellen, dass wir auch nicht die kleinste Kleinigkeit übersehen haben. Unterdessen glaube ich, dass ich den Fall angemessen präsentieren kann, insbesondere wenn man bedenkt, wie dringend dieser ganz spezielle Einsatz ist und wie gut die Typenübereinstimmung zwischen Miss O’Neal und Miss Makepeace ist, um diesen Einsatz weiterzuführen. Anschließend …« Er sprach nicht zu Ende.

»Ich bin Ihrer Ansicht. Die anderen Themen können wir besprechen, nachdem Team Isaac in Einsatz ist.« O’Reilly nickte.

»Ich denke, wir müssen alle unsere Hoffnung darauf setzen, dass dieser Einsatz gut verläuft.« Der Gesichtsausdruck des Aliens war das Indowy-Äquivalent einer besorgt gerunzelten Stirn.

Mittwochmorgen, 22. Mai

Als ein Klopfen an der Tür ihr das Frühstück ankündigte, sah sie auf ihren Wecker. Halb acht? Puh. Sie schlüpfte in ihren Morgenrock, trottete zur Tür und rieb sich die Augen. Mit gründlich ausschlafen wird wohl nichts. Die wollen mir klar machen, dass ich in Verschiss bin. Mir egal. Der Mistkerl hat den Tod verdient — selbst wenn er bloß ein armseliger Wicht war.

Sie öffnete die Tür und trat verblüfft zurück, als ihr Großvater mit dem Tablett ins Zimmer trat. Es enthielt ein Gedeck für zwei, mit Pfannkuchen, Spiegeleiern, gebratenen Würstchen, Orangensaft und Kaffee. Es duftete himmlisch, besonders nach einem Abendessen, das aus zu schwach gesalzenen Pintobohnen und Mais-Tortillas bestanden hatte.

»Okay, vielen Dank. Aber … warum? Gestern hatte ich den Eindruck, du bist echt sauer«, sagte sie.

»Bin ich auch. Ich bin echt sauer darüber, dass du dich von diesem Job auffressen lässt. Der Kerl, den du umgebracht hast, war ein Arschloch ohne jeden Wert. Dass er gestorben ist, ist vermutlich völlig ohne Belang, ganz gleich, wie man es auch sieht. Ja, er hat es verdient zu sterben, aber wahrscheinlich hätte es auch niemandem geschadet, ihn leben zu lassen.« Er klopfte auf seine Tasche und wollte schon den Tabak herausziehen, sah dann aber auf das Tablett und schüttete stattdessen Sirup über seine Pfannkuchen.

»Ich kann’s einfach nicht glauben, dass du so etwas sagst. Team Conyers hat schließlich auch deinen Hintern gerettet, als die Posleen den Pass heraufkamen. Bedeutet dir das denn gar nichtsHerrgott, das klang ja richtig schrill. Ich bin doch nie schrill.

»Na klar. Ich finde, die hatten beschissenes Pech, dass sie so jung gestorben sind …«

»Umgebracht wurden!«, fiel sie ihm ins Wort.

»Yeah, das kommt in diesem Geschäft über kurz oder lang immer mal vor. Und ich kann dir jetzt gleich sagen, dass ich nicht möchte, wenn mich mal irgend so ein Mistkerl oder auch ein Rudel Mistkerle erwischt, dass du jemanden umbringst, den man dir nicht ausdrücklich zu töten befohlen hat, bloß weil du glaubst, das mir schuldig zu sein. Du hast durchaus meinen Segen, dafür zu plädieren, dass jemand, der daran beteiligt war, kalt gemacht gehört, und kannst meinetwegen auch den Einsatz übernehmen, wenn er befohlen wird, aber ich möchte nicht, dass du so etwas noch einmal tust. Ich glaube auch nicht, dass Team Conyers das gewollt hätte«, fügte er hinzu.

»Das willst du. Wir werden nie wissen, was die gewollt hätten, weil die nämlich tot sind und das wegen eines beschissenen Verräters, der jetzt selbst tot ist.« Sie konnte immer noch wütend darüber werden.

»Du wirst jemandem, der in der Hierarchie über dir steht, die Entscheidung darüber überlassen, wer tot sein soll, sonst frisst dein Job dich bei lebendigem Leib auf. Du brauchst ein eigenes Leben, sonst frisst dein Job dich bei lebendigem Leib auf. Du hast kein eigenes Leben außerhalb deines Jobs, Cally, und das macht mir mehr als Sorge. Es bedrückt mich. Ich bin schon lange Zeit Profi, ich habe andere Profis erlebt, ich habe erlebt, wie dieser Job Menschen in Stücke reißt und dann einfach ausspuckt, und wenn du es nicht schaffst, dir irgendwie ein sinnvolles Leben außerhalb deiner Arbeit aufzubauen — und das bald! -, wird es dir genauso ergehen.« Er rieb sich die Stirn, als ob er Kopfschmerzen hätte.

»Hör mal, wie wär’s, wenn wir jetzt essen würden, ehe der Kaffee kalt wird?« Sie nippte an ihrer Tasse, verzog das Gesicht und rührte Maissirup und Sahne hinein.

»Schon gut. Schau mal, ich bin nicht nur deshalb hierher gekommen, um dir die Hölle heiß zu machen. Der Einsatz läuft, und das bedeutet, dass wir morgen unsere Einsatzbesprechung abhalten müssen. Du kannst mich jetzt entweder sofort ins Bild setzen, und dann übernehme ich die Information des Teams, oder du kannst das selbst übernehmen. Dein Stubenarrest ist aufgehoben und logischerweise hast du auch wieder Computerzugang«, erklärte er.

»Was, einfach so?« Sie musterte ihn ungläubig.

»Oh, es wird natürlich irgendeine formale Entscheidung oder einen Abschluss oder so etwas geben, wenn wir zurückkommen, aber für den Augenblick haben die entschieden, dass dieser Einsatz viel zu kritisch ist, um ihn abzubrechen, und es ist auch viel zu spät, ihn jemand anderem zuzuteilen.«

»Okay«, nickte sie.

»Okay? Hattest du vor, dich auf die Ersatzbank setzen zu lassen, oder was sollte das?« Er wirkte wütend.

»Du weißt doch, was das sollte, verdammt! Komm mir jetzt nicht mit Psychogebrabbel, Grandpa.« Sie nahm einen Schluck von ihrem Kaffee.

»Ich spreche nicht davon, dass du Petane getötet hast. Ich spreche davon, wie du das getan hast — ohne eine Überprüfung anzufordern. Wolltest du denn auf die Ersatzbank?«, fragte er erneut.

»Oh, selbstverständlich nicht.« Sie fuhr sich mit den Fingern durch die braunen Locken und verzog das Gesicht. »Schau mal, der letzte Einsatz war ziemlich stressig, und vielleicht hast du ja mit dem Recht, was du da von wegen eigenes Leben redest. Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen, okay? Und sobald wir zurück sind, ich meine, wenn die Bosse mich dann nicht erschießen oder so, werde ich richtigen Urlaub nehmen. Einen echten, meine ich, einen, in dem ich keinen töte, okay?«

»Und dich nicht gerade in einer Bar nach einem Mann umsehen?«, fragte er.

»Hey, ich habe versprochen, Urlaub zu nehmen, aber nicht, dass ich mit der großen Liebe meines Lebens sesshaft werden und sechs Kinder auf die Welt bringen will, klar?« Sie sah erneut auf die Flasche mit dem Sirup, schüttelte dann aber den Kopf und aß ihre Pfannkuchen, ohne Sirup darüber zu schütten. Der Geschmack von Ahornsirup ging ihr im Augenblick auf die Nerven.

Vitapetroni trug sein Tablett mit dem Mittagessen in das kleine Nebenzimmer und schloss die Tür. Die Wände waren mit Werbeplakaten für berühmte Städte geschmückt, Plakaten aus der Vorkriegszeit. Er setzte sich so hin, dass er Paris den Rücken zukehrte, und ließ seine Augen über das Panorama von Venedig wandern, ehe er den jungen alten Mann auf der anderen Seite des Tisches ansah.

»Lisel, Wanzensuche, bitte.«

»Sehr gerne.« Die rauchige Stimme aus dem PDA des Doktors entsprach nicht gerade den Vorstellungen, die man von einem würdevollen Psychiater hatte.

»Die einzigen Wanzen hier sind ich und Mister O’Neals AID, und Susan würde uns sicherlich nicht belauschen«, meldete der PDA dann.

»Susan, hör nicht zu, bis ich wieder deinen Namen nenne«, befahl Papa O’Neal.

»Geht klar, Mike, wie wär’s, wenn wir beide uns auf die Bahamas verdrücken und du dort eine ehrliche Frau aus mir machen würdest? Schalte ab.« Dann herrschte Stille.

»Lisel, bitte abschalten.« Vitapetroni setzte sich.

»Aber sicher, Doktor«, schnurrte sie. »Wiedersehen.«

»Sie haben eine Lisel auf Ihren Buckley geladen? Führt das nicht häufig zu Abstürzen?«, fragte Papa O’Neal.

»Ich hab die Emulation ganz runtergeschaltet. Hab einfach kein Vertrauen zu künstlicher Intelligenz. Ich weiß, dass unsere AIDs und Buckleys sauber sind, es ist nur … wissen Sie, Xeno-Geschichte ist eines meiner Hobbys, und ich habe für die Betrachtungsweise der Indowy durchaus Verständnis.« Er aß ein Stück seines Taco und schien sogar Geschmack daran zu finden.

»Aber auf Papier sind Sie nicht zurückgegangen?«, witzelte O’Neal.

»Ich habe gesagt, dass ich misstrauisch bin, nicht etwa Luddit.« Der Doktor holte ein kleines Fläschchen mit scharfer Soße aus einer Tasche und träufelte etwas davon auf sein Essen.

»Wissen Sie, Habanera Soße ist eigentlich Schwindel. Okay, Doc, es ist Ihr Groschen«, sagte er.

»Groschen? Jetzt weiß ich also endlich, wie alt Sie sind, Sie alter Knackerkollege.« Er kniff sich in den Nasenrücken. »Was Cally betrifft … und zuallererst möchte ich klarstellen, dass ich mit Ihnen als Callys Teamleiter spreche, nicht etwa ihrem Großvater. Die Vertraulichkeitsregeln lassen das eine zu, aber nicht das andere.«

»Ja, ich weiß Bescheid. Nur zu, sagen Sie, was Sie sagen müssen.« Er griff nach dem Fläschchen und goss ein wenig in seine Chili-Schale.

»Es gibt da schon einiges, was ich nicht weitergegeben habe. Sie ließ nach dieser Tötung physische Anzeichen von Schuldgefühl erkennen.« Er schluckte und warf einen schnellen Blick auf die Tür. »Das könnte gut sein oder schlecht, je nachdem wie sie damit umgeht. Für den Einsatz ist sie wahrscheinlich okay, sonst hätte ich es erwähnt, aber … ich möchte, dass Sie ein Auge auf sie haben.«

»Ist das alles?« Er strich sich Butter auf einen Mais-Muffin, führte ihn halb zum Mund und blickte auf, wartete.

»Yeah, das ist es. Es hat wahrscheinlich nicht viel zu sagen, aber falls Sie vor Ort eingreifen müssen, psychologisch meine ich, sollten Sie das wissen.« Der Doktor gab etwas Pfeffer auf sein Maispüree.

»Und für welches Team sind Sie? Ich mag Charleston.« Papa O’Neal nahm einen Löffel Chili, überlegte einen Augenblick und goss dann noch mehr Soße drauf.

»Das ist reiner Lokalpatriotismus. Ich sage, Indianapolis wird die fertig machen.«

»Soll das ein Witz sein? Die Braves haben seit dem Krieg erst ein einziges Mal den Wimpel nach Hause getragen. Selbst meine arthritische Großmutter könnte die schlagen.« Er grinste.

Mittwochnachmittag, 22. Mai

Als Tommy Sunday in seiner Geburtsstadt Fredericksburg herangewachsen war, hatte er gerne Tacos gegessen. Dann kamen die Posleen, Fredericksburg ging unter, und Tommy wurde einer der Zehntausend und trat anschließend in die Gepanzerten Kampfanzüge ein — auch als GKA bekannt. Als Verpflegung hatte den Zehntausend gedient, was sie sich eben hatten beschaffen können, wobei die Auswahl vorzugsweise nach dem Nährwert und erst in zweiter Linie nach dem Geschmack erfolgt war. Später, bei den GKA, waren die Anzugrationen ordentlich gewesen, aber an Tacos kamen sie nicht heran.

Bevor er und Wendy »starben«, hatten sie es geschafft, einen beachtlichen Anteil ihrer FedCreds zu verstecken und später auf diskreten Konten zu investieren. Damit waren echte Tacos und eine ganze Menge anderer Dinge erschwinglich geworden, obwohl die Bane Sidhe nicht gerade großzügige Gehälter zahlte.

Er versuchte den Anflug von Enttäuschung zu verbergen, als er auf seinen Teller blickte. Das hier entsprach nicht ganz seiner Vorstellung von echten Tacos. Die Maistortilla war echt, ebenso auch die Bohnen, der Käse und das Gemüse. Aber Tofu mit der Struktur und dem Geschmack von Rindfleisch ließ einiges zu wünschen übrig. Unglücklicherweise war die Alternative Hühnchen, und nach Tommys fachmännischer Ansicht waren Hühnchen-Tacos noch schlimmer als Tofu-Tacos. Und seine Fleischration aß er dann lieber als gebratenes Hühnchen, statt es gehackt in seinem Taco zu sich zu nehmen und sich dann über den unvermeidlichen Tofu zu ärgern. Aber er hatte begriffen: Dass er und Wendy sich einiges leisten konnten, lag an den nach allgemeinen Maßstäben exorbitanten Gehältern, die die GKA im Posleen-Krieg bezahlt hatten und die seine Frau klug angelegt hatte. Dass sie außerdem beträchtliches Geschick im An- und Verkauf von Antiquitäten entwickelt hatte, tat dem nicht gerade einen Abbruch.

Nach der Posleen-Landung war in Fredericksburg das alte Hobby seiner damaligen Freundin, Recherchen in örtlicher Geschichte anzustellen … nicht mehr zu halten gewesen. Sie war in die Franklin-SubUrb umgezogen und hatte dort erfolglos versucht, in der Feuerwehr einen Beitrag zur Kriegsführung zu leisten. Dann war die SubUrb aufgefressen worden. Nachdem Wendy auch diesem Schicksal hatte entkommen können, war ihr Zutrauen zur Stabilität jeder beliebigen Stadt oder Ortschaft ernsthaft erschüttert gewesen. Als der Krieg dann zu Ende gegangen war und sie geheiratet hatten und sesshaft geworden waren, hatte sie ihr Interesse an der Geschichte auf Gegenstände konzentriert, die man leicht befördern konnte.

Nach der Rückkehr der Flotte hatte sie den organisierten Widerstand der Posleen durch gezielten Beschuss aus dem Orbit niedergekämpft. Und anschließend hatte es unendlich viel aufzuräumen gegeben.

Tommy hatte der Bravo-Kompanie des 555th unter Iron Mike O’Neal angehört — dem einzigen Sohn von Papa O’Neal. Und in den heißesten Schlachten des Krieges war die Bravo-Kompanie immer dort gewesen, wo es am heißesten hergegangen war.

In der Säuberungsphase war die Kompanie dank der überlegenen Beweglichkeit und Robustheit der Anzüge zu so etwas wie einer Dampfwalze geworden, die jeden überlebenden Gottkönig überrollt hatte, der auch nur den Versuch unternahm, eine Technologiebasis zu errichten.

So war Tommy schließlich nach fünf Jahren globaler Säuberungseinsätze entlassen worden, um zu seiner Überraschung festzustellen, dass das Geld, das er seit der Rückkehr der Flotte Wendy nach Hause geschickt hatte — hauptsächlich, um es ihr zu ermöglichen, nicht wieder in eine SubUrb ziehen zu müssen -, nicht nur angewachsen war, sondern sich effektiv verdoppelt hatte.

Nach dem Krieg hatte er sich als Programmierer betätigt, als die Erfahrung von Kriegsteilnehmern, die sich mit AIDs auskannten, eine wahre Modewelle ständig neuer und komplizierterer PDAs ausgelöst hatte. Das Gehalt war nur ein Bruchteil dessen gewesen, was er bei den GKA verdient hatte, aber trotzdem hatten er und Wendy nicht gerade von Hot Dogs und Erdnussbutter leben müssen. Bis ihn dann die Cyberpunks rekrutiert und die Bane Sidhe seinen und Wendys »Tod« arrangiert hatten und sie beide der Bane Sidhe beigetreten waren.

Seitdem hatten sie sein Gehalt mit sorgfältig ausgewählten Investitionen vermehrt. Die meisten Agenten hatten es da nicht so gut getroffen. Medizinische und zahnärztliche Versorgung waren unübertroffen, dagegen ließ die Verpflegung so manches zu wünschen übrig. Womit er wieder bei den lausigen Tacos angelangt war.

Tommy richtete sich auf, sah sich in der Cafeteria nach vertrauten Gesichtern um und grinste, als er Martin und Schmidt an einem etwas wackeligen runden Tisch in der Nähe der Kletterfeige in der Ecke sitzen sah. Zu Anfang seiner Tätigkeit hatte er gemeinsam mit Martin ein paar Ausbildungskurse absolviert, und die beiden hatten bald eine gemeinsame Vorliebe für Chili-Hot-Dogs und eine ziemlich obskure Filmkomödie aus der Vorkriegszeit entdeckt. Er hätte sich liebend gern an den äußerst durchschnittlich aussehenden Schwarzen angeschlichen und etwas Schlaues gesagt, aber es überraschte ihn überhaupt nicht, dass er nur die Hälfte des Weges unentdeckt schaffte.

»Was sind das für Leute, die im Film Strumpfhosen tragen?« Der Kopf des Mannes blieb nach vorne gerichtet, aber seine laute Tenorstimme hallte durch den ganzen Saal.

»Hey, Lips, Mann, ich weiß doch, was du magst.« Tommy grinste und trug sein Tablett zu dem runden Tisch, stellte es ab und schnappte sich vom Nebentisch einen Stuhl.

»Ihr werdet doch jetzt nicht irgendwelche verrückten Dinge mit euren Ellbogen machen, oder?« Schmidt war klein. Mit seinem einen Meter achtundsechzig und dem glatten, blonden Haar, das so aussah, als ob ihm jemand einfach zwei Hand voll Stroh auf den Kopf geklebt hätte, sah Schmidt nach der Verjüngung wie etwa vierzehn aus. In mancher Umgebung fiel ein Junge in einer Jeansjacke und einem ausgefransten Rucksack bei weitem nicht so auf wie ein Erwachsener.

»Bloß, weil du keinen Sinn für das klassische Kino hast, George …«

Levon hatte sich auf seinem Stuhl herumgedreht und Tommy die Hand hingestreckt, als der jetzt Platz nahm. »Hey, Sunday, wie geht’s denn?«

»Gar nicht übel. Tut wirklich gut, mal auf ein oder zwei Wochen aus dem Haus zu kommen«, räumte Tommy ein.

»Oh? Dabei hatte ich immer gedacht, du und Wendy wärt die typischen Jungvermählten«, sagte Martin.

»Wendy ist meine große Liebe, aber in dieser Phase ist sie immer ein wenig nervig. Sie wird froh sein, mich eine Weile los zu sein, und bis ich dann wieder zurück bin, ist sie wieder ganz die Alte«, sagte er.

»Mann, ihr beiden habt offensichtlich die reinste Wissenschaft daraus gemacht.« Schmidt blickte auf den wie ein T-Bone-Steak geformten Brocken Tofu. Er runzelte die Stirn, griff sich den Pfeffer und streute genügend darüber, um die unechten Spuren des Grillrosts zuzudecken, ehe er sich ein Stück abschnitt und dann mürrisch darauf herumkaute. »Verdammt, ich kann’s gar nicht erwarten, wieder ins Feld zu kommen.«

»Also anscheinend lassen die jetzt hier jeden rein.« Jay stellte sein Tablett ab und zog sich mit dem ausgestreckten Fuß einen freien Stuhl heran.

»Säbelmann! Dich habe ich ja ’ne Ewigkeit nicht mehr gesehen.« George grinste und streckte dem anderen die Hand hin.

»Säbelmann?«, fragte Tommy. »Weiß ich, was das soll?«

»Oh, auf der High School war Jay beim Borna Warrior unschlagbar. Ich habe nie kapiert, wie er das gemacht hat, aber damals, in der Unterstufe, war das, glaube ich, das coolste Spiel, das es in der Bibliothek gab.« George schüttete Maissoße über das Tofu-Steak.

»Ich kenne einen Typen, der daran gearbeitet hat. Du weißt schon, im sechsten Level, wo man um eine Ecke geht und einen plötzlich ein ganzes Rudel Fleisch fressender Mini-Lops überfällt? Das habe ich ihm empfohlen.« Tommy goss ein wenig Tabasco auf sein Taco, biss davon ab und würzte nach.

»Du warst das? Saucool fand ich das, aber hie und da hatte eines von diesen Biestern ein Klappmesser und war einfach nicht umzubringen …« Schmidt spießte mit der Gabel ein Stück Tofu auf. »Mann, ich kann’s nicht erwarten, wieder in den Feldeinsatz zu kommen.«

»Was? Ich wusste gar nicht, dass du so scharf darauf bist?« Jay schmunzelte ungläubig.

»Nicht das, Jay. Du musst doch zugeben, dass das Essen besser ist. Und was das andere betrifft, na ja, einer muss ja schließlich die Dreckarbeit machen. Die Bullen schaffen ja nicht weg, was die verdammten Elfen hinterlassen. Also bin ich so eine Art kosmischer Hausmeister.« Er grinste. »Du hast kein Problem, wenn Shari jemanden aus der Arbeiterklasse heiratet, oder, Alter?« Er sah Martin mit einer hochgeschobenen Augenbraue durch die Haarsträhne an, die ihm wieder über die Augen gefallen war.

»Dafür wär’s jetzt wohl ein wenig spät. Und trag mal von wegen ›alt‹ nicht so dick auf, wenn’s dir nichts ausmacht.« Levon nahm einen großen Bissen von seinem Cheeseburger und sah mannhaft darüber hinweg, dass er fast überhaupt kein Fleisch enthielt.

»Übrigens, tut mir Leid, wenn ich damit vielleicht jemanden auf die Zehen trete, aber wie sieht’s denn mit Cally aus? Ist ja unglaublich, was da für Gerüchte in Umlauf sind«, meinte George und sah dabei Tommy an.

»Keine Ahnung, Mann. Du weißt wahrscheinlich mehr als ich. Uns haben die bloß gesagt, wir sollten uns unsere Sachen schnappen und zusehen, dass wir den Shuttle erwischen.« Er schüttelte leicht den Kopf. »Ich habe sie nicht gesehen, und Papa O’Neal hat gesagt, wir sollten keine Fragen stellen. Und als er das sagte, hatte er seinen ›Kommt mir bloß nicht blöd‹-Blick.«

»Ah, irgendwie wird er das schon hinkriegen. Ich meine, sie ist schließlich eine O’Neal, weißt du?« Jay grinste, und wenn das Grinsen eine Spur unecht ausfiel — nun ja, schließlich machten sie sich alle Sorgen um ihre Teamkollegin. Und nicht nur, weil sie vielleicht diejenige im ganzen Verein war, die von allen am besten schoss.

Tommy wandte den Blick von seinen Teamkollegen und sah zu Martin hinüber. Er atmete tief durch.

»Ich habe gehört, dass du vielleicht eine ganze Menge darüber weißt, aber nicht damit rausrückst, Levon«, meinte er.

»Ja, das stimmt, und ich wünschte, es wäre nicht so. Seht mal, ich mag Cally. Ich respektiere sie. Ich würde sie jederzeit gern in meinem eigenen Team haben. Aber die letzten paar Jahre … ich weiß nicht, vielleicht arbeitet sie einfach zu viel. Schließlich haben wir das ja alle irgendwie kommen sehen.« Er schüttelte den Kopf.

»Entschuldigung? Was kommen sehen?« Tommys Stimme klang jetzt schärfer.

»Sunday, jetzt spiel du mir nicht den großen Bruder. Das Mindeste, was ich für sie tun kann, ist, es ihr zu überlassen, dir das selbst zu erklären. So viel bin ich ihr schuldig, und du übrigens auch«, sagte er.

»Dann bist du also ziemlich sicher, dass sie in ein paar Tagen wieder im aktiven Dienst ist und alles das?«, fragte Jay beiläufig mit vollem Mund.

Martin blieb eine ganze Weile stumm.

»Wenn sie das nicht ist, könnt ihr mich ja noch einmal fragen«, sagte er.

Donnerstagmorgen, 23. Mai

Tommy warf sich zur Seite, als der Typ im grauen Anzug auf ihn zielte und dann das volle Magazin seiner Pistole auf ihn verfeuerte. Er hatte Zeit, den Splint zu ziehen und eine Handgranate zu werfen — die Munition war ihm ausgegangen -, ehe der schnell absinkende Gesundheitsindikator ihm zeigte, dass er getroffen und am Verbluten war. Er erwischte den anderen, aber das war bereits in den »zehn Sekunden des toten Mannes« gewesen. Trotzdem schrieb der Computer ihm den Treffer gut, und, was noch wichtiger war, der Überfall war genauso erfolgt wie er das sollte, nachdem sein Hackfehler zuvor zu seiner Entdeckung geführt hatte. Die holographische Projektion des Spiels verblasste.

»Du bist tot, Mann.« Er spürte, wie Jay ihm auf den Rücken klopfte.

»Hübsche Sonnenbrille. Und ich soll das auch sein.« Bei einer Größe von zwei Metern und hundertvierzig Kilo Gewicht war Tommy Sunday nicht gerade klein. Trotzdem sah er, von seiner Größe einmal abgesehen, für einen Runderneuerten im ersten Jahrhundert ziemlich typisch aus. Das heißt, er sah aus wie zwanzig und das, obwohl er inzwischen erwachsene Enkelkinder hatte, die als Babysitter für seine und Wendys kleine Kinder fungieren konnten.

»Spielen wir noch ein Szenario durch?« Jay grinste vergnügt, als er sich neben seinem Teamkollegen auf einen Stuhl plumpsen ließ und die Füße neben Tommy auf den Tisch legte.

»Jo. Und nach dem grandiosen Mist, den ich vorher beim Hacken eines Systems gebaut habe, nun ja, da hatte ich zwar theoretisch noch eine kleine Chance, zu überleben, aber eigentlich hätte es meinen Hintern rösten müssen. Was ja auch der Fall war.« Tommy seufzte.

»Ah, was für Opfer man doch manchmal für die Qualitätskontrolle bringen muss.« Papa O’Neal holte sich einen Styroporbecher von dem Stapel neben der Kaffeekanne, zog einen kleinen Beutel aus der Tasche und biss einen frischen Priem ab.

»Ich habe das schon real durchgespielt. Und mehrere Male interaktiv. Jetzt will ich sehen, ob ich es knacken kann.« Der ehemalige GKA-Soldat zuckte die Achseln und beendete das Spiel, schob einen frischen Würfel in den Leseschlitz, als Cally hereinkam, um mit ihrer Unterweisung zu beginnen. Die braunen Locken verblüfften ihn nicht. Er hatte sie im Laufe der Jahre so ziemlich mit jeder vorstellbaren Haarfarbe und Frisur gesehen und fragte sich jetzt lediglich, ob die braunen Locken kamen oder gingen.

»Okay, Leute, das ist ein Anti-Spionageeinsatz vom Standardtyp. Wir haben Grund zu der Annahme, dass Fleet Strike über uns Bescheid weiß und dass man unsere Tarnung geknackt hat. Sie haben einen Mann eingeschleust. Deshalb ist dies eine Lagebesprechung in elfter Stunde, und weder ihr noch ich werden irgendwelche unüberwachte Kommunikation aufnehmen, und keiner von uns wird außerhalb dieses Raums oder mit irgendjemandem außer den hier Anwesenden über diesen Einsatz sprechen. Die Zahl der Personen in der Bane-Sidhe-Hierarchie, die Details über diesen Einsatz kennen, ist auf absolutem Minimum gehalten. Unser Auftrag besteht darin, die Identität des Lecks zu finden und es zu stopfen.« Sie drückte einen Knopf auf dem Bildschirm ihres PDA und rief damit ein Hologramm eines Mannes, scheinbar Anfang dreißig, in einer Generalsuniform von Fleet Strike auf — was bedeutete, dass er wahrscheinlich bereits seine zweiten hundert Jahre bekommen hatte.

»Dies ist General Bernhard Beed. General Beed ist mit der Aufgabe betraut worden, im Grunde genommen alles über uns in Erfahrung zu bringen, was ihm möglich ist. Er ist dabei, sein Hauptquartier auf der Titan Basis zu errichten, um dort die von Fleet Strike entwickelten und noch zu entwickelnden Abwehraktivitäten zu koordinieren. Nach außen hin ist sein Büro dort mit Kriminalermittlungen und der Leitung der Militärpolizei auf der Basis Titan betraut.« Sie tippte wieder an den Bildschirm, und das Hologramm wechselte und zeigte jetzt eine junge Göttin in der Uniform eines Captain.

»Und meine Tarnung, Sinda Makepeace.«

Scheiße, wirklich ein sagenhafter Busen. Und dann diese Gewichtsheberschenkel. Ich bin richtig froh, dass Wendy Cally nicht so zu sehen bekommt.

»Captain Makepeace befindet sich augenblicklich auf der Erde und soll diesen Sonntag um null acht eins fünf in Chicago O’Hare an Bord eines Shuttle zum Titan gehen. Nach der vorläufigen Planung soll der Austausch am Flughafen stattfinden. Ich gehe in einer Stunde auf die Platte.« Sie warf jedem von ihnen einen Würfel zu.

»Hier ist der Rest von dem, was die Oberen mir gegeben haben und was ich daraus entwickeln konnte. Tommy und Jay, ihr beiden müsst mir ein komplettes Profil über sämtliche Leute in diesem Büro beschaffen, einschließlich Stimm- und Bewegungsmuster für Makepeace. Grandpa, du solltest dich bitte um den Flughafen und die Titan-Basis kümmern, den Austausch planen sowie unseren Abgang, nachdem ich die Daten beschafft habe. Deine Tarnidentität ist ein Mannschaftsmitglied auf einem Systemfrachter, der Industriegüter zu den Läden im Geschäftsviertel bringt. Die örtliche Tong wird dich decken, weil du eine inoffizielle Ladung Verjüngungspräparate mitnehmen wirst. Wie es scheint, gibt es genügend Soldaten, die es sich so ziemlich jede Summe kosten lassen, Abnutzungserscheinungen von Verwandten etwas abzubauen. Selbstverständlich werden sie dich für die Präparate bezahlen — sie bekommen lediglich einen besonders guten Preis. Sie wissen nicht, weshalb du dich in der Umgebung der Titan-Basis aufhalten möchtest und wollen das auch nicht wissen.« Sie bemerkte, dass alle immer noch das Hologramm anstarrten, deshalb tippte sie den Bildschirm des PDA erneut an und sah, wie sie beim Verschwinden des Bildes blinzelten.

»Hat noch jemand Fragen? Nein? Sehr gut. Ich gehe jetzt in die medizinische Abteilung, wir sehen uns dann hier in drei Stunden wieder.« Sie griff sich ihren PDA und ging zur Tür.

»Äh … kleinen Augenblick, Cally«, rief Jay ihr nach und sah Tommy und Papa dabei an. »Ich wollte bloß sagen, und ich glaube, damit spreche ich für jeden hier: Wir alle sind froh, dass du mit uns auf diesen Einsatz kommst. Und ich bin auch sicher, dass ich für uns alle spreche, wenn ich sage, ich bin sicher, dass, nun ja, dass alles gut ausgehen wird.«

»Äh … vielen Dank, Jay.« Ihre Stirn hatte sich leicht gerunzelt, aber ihr Blick wurde wärmer, als sie sich umwandte und hinausging.

»Wirst du eine namenlose Pille bei dir haben?« Papas Stimme klang, als ob er das für eine sehr gute Idee hielte.

»Nein. Das Geheimnis dieser Pille ist mehr wert als ich. Und wenn die mich schnappen, könnten sie sie finden, und selbst wenn das nicht der Fall wäre, wäre die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass du innerhalb der Zeitgrenze an mich herankommst. Für meinen Geschmack ist das zu sehr wie eine Selbstmordpille. Ich habe nicht vor, mich erwischen zu lassen, aber wenn es dazu kommt, werde ich alles tun, was die Nonnen uns beim Survival-Training beigebracht haben. Außerdem würde die Zeit vermutlich gar nicht ausreichen, um eine Pille nach meinen neuen Werten herzustellen. Und offen gestanden, ich habe nicht vor, sie zu brauchen.«

»Wenn das nicht die kürzeste Einsatzbesprechung war, die ich je erlebt habe, müsste ich mich schwer täuschen.« Tommy starrte noch einen Augenblick auf die Tür, ehe er den Würfel nahm, den Cally ihm hingeworfen hatte, und ihn in den Leseschlitz seines AID steckte.

»Wollen wir doch zur Sache kommen«, meinte O’Neal und spuckte zielsicher in seinen Becher, während er eine Karte des Flug- und Raumhafens Chicago aufrief.

»Okay, ich fühle mich jetzt besser, seit ich sehe, was sie vorbereitet und uns übergeben hat. Cally hatte immer ein gutes Gefühl dafür, mit wie viel Hacken sie durchkommt.« Er ging zur Maschine und holte sich einen frischen Kaffee.

»Jay, du übernimmst die Deckung, ich besorge mir die Personalakten des restlichen Stabes.«

»Ich hätte das ungern vor Cally gesagt, aber der Captain ist schon verdammt gut gebaut«, meinte Jay beeindruckt.

»Ja, das schon, aber die Nase ist eine Spur schief, und sie wird immer Make-up brauchen, um ihre Augenbrauen dunkler zu machen und so«, bemerkte Tommy.

»Du hast tatsächlich auf Nase und Augenbrauen geachtet?«, fragte Jay ungläubig. Papa O’Neal schüttelte bloß den Kopf.

»Kurz. Ganz kurz«, grinste Tommy.

»Macht weiter, Leute. Ich muss noch etwas erledigen. Bin gleich wieder da.« Papas Blick war finster.

Silverton, Texas

Samstag, 25. Mai

Johnny Stuart war kein Morgenmensch. Unglücklicherweise hatte das Coburn-Mädchen den Vormittag frei, weil sie zum Zahnarzt musste, und Mary Lynn war wie die meisten Kinder Frühaufsteher. Deshalb saß er jetzt in einem zerwühlten Bett und rieb sich die Augen, während ihm eine Fünfjährige auf den Schoß kletterte.

Mary Lynn hatte dunkelbraune Locken wie ihre Mutter, aber Johnnys Gesichtszüge. Bloß dass sie an ihr besser aussahen. Nachdem seine Frau vor drei Jahren an Krebs gestorben war, hatten die Ärzte ihm gesagt, dass dieser Umstand das Risiko für Mary Lynn erheblich erhöhte. Mit Beziehungen hätte er es vielleicht geschafft, sich die neuen Präparate zu besorgen, um sie zu retten, aber Sue hatte nicht viel von Beziehungen gehalten, und der Krebs hatte sich plötzlich eingestellt, und ehe er etwas hätte tun können, war Sue tot, und ihm blieb nichts übrig, als sich um Mary Lynn alle Mühe zu geben. Er verstand nicht viel von den Zahlen, die der Doktor erwähnt hatte, schließlich war er auf der Schule nur bis zu Algebra gekommen, aber dass er es Sue schuldig war, nie in eine Lage zu kommen, in denen der den Seinen nicht helfen konnte, wenn sie krank waren, ganz besonders, wenn es um seine Tochter ging, war ihm sehr wohl klar.

Also war er daran gegangen, für die Leute mit den meisten Beziehungen zu arbeiten, die er finden konnte, und hatte sich bei ihnen den Ruf erworben, ein findiger Mensch zu sein, der bereit war, alles für sie zu tun, ganz gleich, was das erforderte. Häufig waren das Dinge gewesen, die außerhalb der normalen Regeln gelegen hatten. Aber ein Mann, der für die Seinen nicht ein paar Regeln brach, war kein richtiger Mann. Das war das Beste an seiner kürzlichen Beförderung. Wenn er es schaffte, das durchzuziehen und die verdammten Aliens dabei glücklich machte, würden er und Mary Lynn sich nie mehr Sorgen zu machen brauchen.

»Wie geht’s meinem Sonnenschein heute?« Er fing an, sie gnadenlos zu kitzeln, bis sie sich ihm schließlich entwand und vom Bett kletterte.

»Du bist albern, Daddy«, sagte sie. »Ich habe Hunger. Wo ist Traci?«

»Traci musste zum Zahnarzt, Sonnenschein. Heute Morgen sind bloß wir beide da, du und ich. Ich will uns Kaffee machen und nachsehen, ob ich irgendwo Cornflakes finde.« Er gähnte.

»Lucky Charms!« Sie rannte kichernd in Richtung Küche davon.

»Okay, ich glaube, wir haben noch welche«, rief er ihr nach und zog sich die schon ein wenig fadenscheinige Pyjamahose ein wenig höher, als er aus dem Bett stieg. Vielleicht sollte er sich mal einen neuen Schlafanzug kaufen. Er trottete in die Küche, machte Kaffee und holte zwei kleine Schüsseln heraus, während die braune Brühe aus der Kaffeemaschine tropfte. Er war eigentlich bloß nach Silverton zurückgekehrt, um seine Angelegenheiten dort abzuschließen und in Ordnung zu bringen. Die Beförderung bedeutete, dass sie nach Chicago ziehen mussten, und künftig würde er häufig reisen müssen. Das bedeutete, dass er Mary Lynn häufig allein lassen musste, und passte ihm gar nicht, aber schließlich war seine neue Tätigkeit zu ihrem Vorteil, und er würde sie künftig besser beschützen können. Das war hart, aber wenn sie älter war, würde sie das verstehen.

Mehrmals hatte er versucht, Traci Coburn dazu zu bewegen, mitzukommen, damit Mary Lynn sich nicht an einen neuen Babysitter zu gewöhnen brauchte, aber Traci hatte sich nicht von ihrer Familie trennen wollen. Das konnte er verstehen. Man musste schon recht kosmopolitisch eingestellt sein, um ebenso gut mit Stadtleuten wie mit solchen vom Lande zurechtzukommen. Und das musste man Johnny lassen, er kam wirklich gut mit Leuten zurecht. Der Trick bestand darin, ihnen das zu sagen, was sie hören wollten, mit möglichst wenig echten Lügen darunter. Das Talent dafür hatte er immer gehabt, aber in den Jahren nach Sues Tod hatte er sich wirklich Mühe gegeben und seine Fähigkeit zu einer echten Kunst entwickelt.

Er stellte Mary Lynn die Schüssel hin, setzte sich ebenfalls an den Tisch und rief auf seinem AID seine Vormittags-E-Mails auf. Auf Anhieb konnte er sehen, dass es heute ein wenig schwierig werden würde. Die Sekretärin des Tir wollte wissen, was er hinsichtlich von Worth’ Tod in Erfahrung gebracht hatte, und die nackte Wahrheit war, dass er sich darum zwar über eine Woche bemüht, aber praktisch nichts zu bieten hatte. Also würde er sich heute etwas einfallen lassen müssen, das vielleicht nicht exakt den Tatsachen entsprach, aber doch überzeugend genug war, um auszureichen, bis er wirkliche Erkenntnisse zu bieten hatte. Er schickte ihr kurz eine E-Mail und versprach, gleich Montag früh einen Bericht zu schicken. Sie länger hinzuhalten würde nicht gut sein.

Johnny war sich ziemlich sicher, dass es ein Auftragsmord gewesen war, aber er würde seinen neuen Job nicht damit beibehalten, dass er Offensichtliches wiederholte. Er brauchte etwas Greifbares, und zwar schnell. Vielleicht half es, sie ein wenig in die Irre zu führen. Schließlich starben die ganze Zeit Menschen. Wenn er nichts über Worth’ Tod finden konnte, dann vielleicht etwas über irgendjemand anderen, der auch tot war. Und dann würde er einfach behaupten, dass es eine Verbindung gab. Ob das wirklich zutraf oder nicht, war ziemlich egal. Paranoia zog immer, und wenn man sich nur genügend Mühe gab, konnte man alles mit allem in Verbindung bringen. Einige seiner besten Gerüchte hatte er nach diesem Prinzip aufgebaut. Außerdem, wenn er später auf etwas stieß, das dazu im Widerspruch stand, dann war das ja vielleicht eine echte Erkenntnis über diese Worth-Geschichte, und er würde dann einfach nur gute Arbeit tun. Und wenn er nichts Widersprüchliches fand, nun ja, dann würde das ja der Geschichte keinen Abbruch tun, oder?

Als Mary Lynn genügend von der großen rosa-schwarzen Hummel und den vielen lächelnden Kindern in Beschlag genommen war, die den ganzen Bildschirm einnahmen, klappte Johnny ein Tablett auf und ließ sein AID eine virtuelle Tastatur sowie einen Holoschirm projizieren. Er brauchte jetzt bloß jemanden zu finden, der einmal für die Darhel tätig gewesen und jetzt nicht mehr am Leben war, vorzugsweise jemand, der seit Worth’ Hinscheiden gestorben war, aber im Notfall auch vorher.

»Leanne, durchsuche die Datenbanken bitte nach Leuten, die für unsere Organisation gearbeitet haben, und nenne mir alle, die zwischen dem 9. Mai dieses Jahres und dem heutigen Tag gestorben oder verschwunden sind«, sagte er.

»Worth, Charles. Seit 13. Mai als verschwunden gemeldet, wahrscheinlich tot. Fiek, Samuel. Seit 13. Mai verschwunden, wahrscheinlich tot. Greer, Michael. Seit 15. Mai tot, absichtliche Liquidierung nach Kontrakt. Samuels, Vernard. Tot seit 19. Mai, Autounfall. Petane, Charles. Tot seit 21. Mai, Rauschgiftüberdosis. Liste komplett«, rezitierte das AID.

Okay, Fiek und Worth standen fast mit Sicherheit in Verbindung, und das bedeutete, dass sie nach achtzehn Uhr fünfundvierzig am 10. Mai verschwunden waren, wo ein Junge sich erinnerte, einem Mann in Fieks Apartment eine Pizza geliefert zu haben. Der Pizza-Junge hatte Fieks Gesicht aus einer Anzahl von Bildern herausgepickt, nachdem er ihm ein halbes Dutzend Zwanziger gegeben hatte.

Es gab für Fiek keine bekannten Gründe für Abneigung gegenüber Worth, und das galt auch umgekehrt. Genauer gesagt, die Darhel hatten ihre örtlichen Bankkonten überprüft und auch ihre persönlichen Nummernkonten, die jeder insgeheim in diskreten Ländern eröffnet hatte, und ihr Geld war unangetastet, seit Worth am Vormittag des Zehnten einen bescheidenen Betrag abgehoben hatte. Es war fast nicht vorstellbar, dass jemand, der für die Darhel arbeitete, kein Geld von ihnen hatte.

Wenn er raten müsste, hätte er gesagt, dass das, was auch immer geschehen war, im Chicagoer Apartment von Worth abgelaufen war. Fiek wohnte in demselben Gebäude, und obwohl Worth die meiste Zeit nicht dort lebte, benutzte er die Wohnung doch häufig, wenn er in der Stadt war. Er hatte die beiden Apartments persönlich zusammen mit einem Cousin durchsucht, der früher im Sheriffsbüro in Silverton tätig gewesen war. Bobby hatte gesagt, für ihn sähe Worth’ Apartment ein wenig zu sauber aus, und hatte darauf hingewiesen, dass es dort keinerlei Staub oder irgendwelche Flusen gab, auch nicht unter der Wand, wo das seltsame Zeug angeschraubt war. Johnny hoffte, dass er nie erfahren würde, was sein toter Chef damit angestellt hatte. Zumindest so lange nicht, bis er sich beruflich damit befassen musste.

Seinen Cousin ins Geschäft zu bringen war einer der Gründe für ihn gewesen, diesen Job anzunehmen, und er war stolz darauf. Ein Mann musste sich schließlich um seine Angehörigen kümmern. Und nachdem man Bobby rausgeschmissen hatte, weil er bei der Arbeit high gewesen war, hatte Johnny die Chance erkannt, die sich ihm damit bot, und war Bobby behilflich gewesen, hatte sich die Nanodrogen beschafft, um den Affen von seinem Rücken zu holen und ihm ein Einkommen verschafft, an das seine Ex-Frau nicht rankonnte. Es machte ihm richtig Spaß, diese Situation in Ordnung zu bringen. Brenda war eine billige Hure, und sie war Jimmy Simms’ Kind, nicht etwa Bobbys, und das wusste jeder in der Stadt. Der Richter wusste leider außerdem noch, dass Jimmy ein nutzloser Säufer war, der nach wie vor bei seiner Mama lebte, und deshalb hatte er dem armen Bobby die Rechnung angehängt, sodass der für den Bankert der Schlampe sorgen musste. Johnny hatte viel für Kinder übrig, für Mary Lynn würde er alles tun und hatte das auch fast getan, aber so etwas war einfach nicht in Ordnung.

Also, Worth und Fiek hatte man irgendwann am Wochenende des Zehnten in seinem Apartment alle gemacht. Mehr hatte er nicht in der Hand. Worth hatte sein Aussehen verändert und seine Verhaltensmuster so oft gewechselt, dass normale Suchtechniken bei ihm einfach nicht funktionieren würden. Und deshalb würde Johnny, wenn er sich nicht ganz schnell eine verdammt gute Geschichte einfallen ließ, ziemlich in der Scheiße sitzen.

»Okay, Leanne, ich brauche Akten über alle, gedruckt, soweit du rankannst, auf meiner Arbeitsfläche, und darüber hinaus alles, was wir über den Tod jedes einzelnen Kandidaten wissen.« Keine Frauen. Das war seltsam, aber eine ganze Menge ihrer Leute im Feld waren Kerle, also konnte das auch reiner Zufall sein. Nun gut, ehe er sich um die Kleinigkeiten kümmerte, würde er versuchen, sich ein Gesamtbild zu machen.

»Leanne, eine Weltkarte, etwa so groß.« Er breitete die Arme aus und sah zu, wie die holographische Illusion eines großen Flachbildschirms vor ihm in die Luft projiziert wurde.

»Steck eine Nadel dorthin, wo jeder gestorben ist. Moment mal, sind das drei? Chicago vergrößern. Wer ist diese dritte Nadel?«

»Welche dritte Nadel?« Das AID klang verwirrt. Die Dinger waren ziemlich schlau, aber manchmal tickten sie trotzdem nicht ganz richtig.

»Welcher von den Toten, die du außer Fiek und Worth gerade genannt hast, war in Chicago?«

»Petane, Charles.«

»Was du nicht sagst. Danke, Leanne. Geh auf Standby.« Es gab da einen Trick, um mit den AIDs umzugehen, ein paar alte Veteranen hatten ihn aus dem Krieg mitgebracht. Das Entscheidende war, dass man seine Gedanken für sich behielt, wenn man irgendetwas vorhatte oder plante. Sie zeichneten ständig alles auf, aber dass sie Gedanken lesen konnten, war bis jetzt noch nicht bekannt geworden. Der Trick in einer solchen Situation bestand daher darin, dass man seine Gedanken für sich behielt, alles in die Datei eingab und die einzelnen Punkte miteinander verband, auch wenn sie nicht genau zueinander passten, und dann dem AID seine Interpretation vortrug, so, als würde man laut denken. Wenn man eine ganze Menge aufzeichnen konnte, war es leicht, die Dinge zu vergessen, die man nicht aufzeichnen konnte. Und außerdem, wer weiß, vielleicht würde er etwas finden.

Okay, Petane — die Überdosis. Das war gut. Aus einer Rauschgiftüberdosis konnte man immer etwas Verdächtiges machen. Das Schlimme war, dass es nicht auch ein Fall von Verschwinden war, aber er würde das so hinstellen, dass »sie« raffiniert genug waren, ihre Methoden zu ändern. Die Gerichtsmedizin hatte es als Unfall eingestuft, aber das hatte nichts zu besagen. Zuallererst würde er dafür sorgen müssen, dass seine eigenen Leute irgendwelche gespeicherten Gewebeproben in die Hand bekamen und sie durch die Mangel drehten. Im Bett seiner Freundin gefunden. Musste hart für die Frau sein. Die Freundin stand unter Rauschgift, die Bullen nahmen an, dass er es ihr verpasst hatte, und war nicht bei Bewusstsein, als er neben ihr starb. Und nicht um dem zu viel Bedeutung beizumessen, aber die Gerichtsmedizin hatte erklärt, dass er nicht gekommen war. Wenn das nicht zum Himmel stank. Gut. Keine Ahnung, wer den geilen Kotzbrocken wirklich alle gemacht hatte. Vielleicht die Frau. Höchst unwahrscheinlich, dass es etwas mit den Darhel zu tun hatte. Er hatte nur einmal etwas Nützliches getan, und das lag jetzt dreißig Jahre zurück. Trotzdem, wenn er die Story gut genug machte, war das wesentlich besser, als letztlich mit leeren Händen dazustehen.

Unter einem Kornfeld in Indiana

Sonntag, 26. Mai, 04:00

Für die letzte Besprechung vor dem Einsatz waren sie in demselben Konferenzraum wie am vorhergehenden Donnerstag versammelt. Der billige klappbare Konferenztisch und die nackten GalPlas-Wände sahen auch nicht besser aus, wenn man sie ein paarmal gesehen hatte, aber der Kaffee war gut, und die Maisbrötchen waren … na ja, zumindest waren sie vorhersehbar.

»Okay, Leute, noch einmal. Cally, du zuerst.« Papa O’Neal, mit hellbraunem Haar und ohne seinen üblichen Kautabak ein recht seltsamer Anblick — aber immerhin spuckte er dennoch abwesend in einen Becher.

»Gepäckaufgabe um sechs, Sicherheit gegen sechs fünfundvierzig, im Frauenbereich gegenüber dem Gate Sierra Six in der Abfluglounge bis sieben null fünf. Sobald ich dort bin, werde ich, falls ich Grandpa und Tommy nicht sehe, eine ›Angekommen‹-SMS schicken, damit ihr wisst, dass ich an Ort und Stelle bin. Ich warte, bis mein PDA mir sagt, dass die Zielperson in Bewegung ist. Wenn sie dann reinkommt, verpasse ich ihr eine Tranquilizer-Spritze, tausche mit Tommys Hilfe mit ihr die Kleidung, gehe wieder raus und nehme den Shuttle zur Basis Titan et cetera«, sagte sie und deutete auf Jay. Ihr platinblondes Haar war ungekämmt, und die weißen Sweat Pants und das zu weite Männersweatshirt mit waagerechten blauen und weißen Streifen brachten ihre Figur bestens zur Geltung, wobei bestens wirklich das richtige Wort war. Kontaktlinsen ließen Sindas kornblumenblaue Augen in einem unauffälligen Graubraun erscheinen. Eine billige Brille mit null Wirkung saß schlecht genug, dass sie ihr dauernd über die Nase herunterrutschte, und sie schob sie nervös zurück und knabberte hie und da verstohlen an einem Schokoriegel.

»Hey, wieso kriegt sie Schokolade und wir bloß das hier?«, fragte Tommy und starrte leicht angewidert auf einen Muffin.

»Gehört zu meiner Ausstattung«, erwiderte sie herablassend, räusperte sich und wackelte dann ein wenig, als würde sie in neue Kleider schlüpfen, als sie wieder in ihre Rolle zurückkehrte. »Weiter, Jay.« Dabei schob sie Tommy verstohlen einen Schokoriegel aus ihrer Handtasche zu.

»Um fünf fünfundvierzig gehe ich durch die Gepäckausgabe und gebe eine Tasche ab. Bis sechs fünfzehn bin ich durch die Sicherheit. Um sieben bin ich in der Abflughalle S-6 und sitze mit einem Becher Eiswasser aus einer der Imbissbuden dort. Wenn Makepeace die Lounge betritt und Platz nimmt, begebe ich mich in ihre Nähe. Ich nehme ein kurzes Video der Zielperson und ihres Standorts auf und leite es an das Team weiter, damit Cally weiß, wo sie sitzen soll und welche Sachen ›ihr‹ gehören. Wenn die Zielperson bis sieben dreizehn nicht von sich aus in die Damentoilette geht, stelle ich mich dämlich an und kippe ihr den Inhalt meines Glases in den Schoß. Ich entschuldige mich überschwänglich, und sobald sie zur Toilette geht, drücke ich den Knopf auf meinem PDA, der euch drei alarmiert. Wenn Cally als Makepeace wieder herauskommt, greift sie sich ans linke Ohr, um zu bestätigen, dass der Wechsel stattgefunden hat. Ich gehe mit Tommy und O’Neal zum Treffpunkt und treffe dort spätestens um acht Uhr dreißig ein. Ich ziehe mich um, wir kehren über den Frachteingang zum Hafen zurück, gehen an Bord des Frachters und starten um elf fünfzig zum Titan. Tommy?«

»Papa und ich treffen um null sechs fünfundvierzig in Crewkleidung dort ein und haben Jays Kleider und die Uniformen der Säuberungscrew im Kofferraum. Wir ziehen uns im Frachter um und holen den Karren der Säuberungsmannschaft, der dort verstaut ist. Dann haben wir bis null siebenhundert Zeit, um zur Damentoilette in der Abflughalle S-6 zu kommen. Ich schicke Cally eine ›Eingetroffen‹-SMS. Wir hängen ein ›Defekt, Wartungsarbeiten‹-Schild auf, lassen aber Cally ein. Sobald wir Nachricht erhalten haben, dass die Zielperson in Bewegung ist, entfernen wir das Schild und rollen den Karren beiseite in Richtung Herrentoilette. Alle anderen, mit Ausnahme der Zielperson, weisen wir höflich ab. Wenn die Zielperson die Toilette betritt, kehren wir mit dem Schild zurück und warten auf Callys Signal. Dann schiebe ich den Karren hinein, helfe nach Bedarf beim Kleiderwechsel, verstaue Makepeace im Abfallbehälter und decke sie mit entsprechenden Abfällen zu. Wir bringen Makepeace zum Wagen, setzen ihr die Perücke aus dem Handschuhkasten auf, verpassen ihr das billige Bier und die Whiskeyproben, die dort bereitliegen, fahren sie zu Treffpunkt eins, spritzen ihr Hiberzine und übergeben sie der Reinigungscrew. Treffpunkt zwei erreichen wir spätestens um null acht dreißig und machen dann so weiter, wie Jay es gesagt hat. Papa?« Er leckte sich Schokoladereste von den Fingern, ehe er die Hülle zusammenknüllte und sie mit einem wohl gezielten Wurf in den Papierkorb in der Ecke beförderte.

»Ich habe den leichten Vortrag. Genau wie Tommy, bloß dass ich vor der Toilette warte, während du beim Kleiderwechsel hilfst. Abbruchcode?«

»Toledo«, tönten sie wie aus einem Mund.

»Richtig. Wenn euer PDA oder AID Toledo ruft, verschwindet ihr und haltet euch mindestens zwei Tage versteckt, ehe ihr zum Stützpunkt zurückkehrt, oder ihr schickt der Bane Sidhe einen Würfel, eure Entscheidung. Wir sind alle erfahrene Agenten. Wenn ihr nach bestem Ermessen an irgendeinem Punkt ›Abbruch‹ sagen wollt, dann tut es. In diesem Geschäft ist kein Platz für Heldentaten. Jay, es passt überhaupt nicht zu ihrem Profil, aber falls Makepeace erst in letzter Sekunde ans Gate gerannt kommt und sich überhaupt nicht hinsetzt, dann rufst du einfach Toledo. Ein Austausch, der nicht sauber ist, wäre schlimmer als ein Abbruch, ganz besonders bei diesem Einsatz. Also gut. Wir verduften jetzt hier.« Er betrachtete den Muffin, den er in der Hand hielt, mit einem schiefen Grinsen, blieb an der Tür stehen und überlegte offenbar, ob er ihn unangetastet wegwerfen sollte. Dann nahm er einen Bissen davon und ging hinaus.

»Was ist denn los, Grandpa? Magst du keine Maismuffins? Wir haben das so selten«, sagte sie und grinste.

»Du Miststück, ich kann zu jeder Mahlzeit Maisbrot essen. Selbst wenn die Yankees darauf bestehen, Zucker hineinzutun.«

Sonntagmorgen, 26. Mai

Callys unechter Koffer passte gut zu ihrer Person. In ihren Papieren stand, dass sie Irene Grzybowski war. Irene war die Art von Frau, für die an einem überfüllten Ort wie einem Flughafen niemand einen zweiten Blick übrig hatte: zwischen vierzig und fünfzig, unförmige Figur, die meiste Zeit zu Boden blickend, den Sicherheitsbeamten gegenüber höflich, aber nicht freundlich. Und deshalb würdigte sie auch niemand eines zweiten Blickes. Niemand sah sie an, als sie den abgewetzten Stoffkoffer, der so aussah, als ob man ihn aus dem Sofa einer College-Studentin gemacht hatte, auf die Theke hievte. Niemand sah sie an, als sie, die Plastikspritze mit dem Tranquilizer mit Heftpflaster im Elastikband ihres Büstenhalters festgeklebt, durch die Sicherheitssperre ging. Einem Büstenhalter übrigens, der viel dazu beitrug, sie fett und unförmig und nicht etwa gut gebaut erscheinen zu lassen. Niemand sah sie an, als zu Gate S-6 ging, die Damentoilette gegenüber der Abflughalle aufsuchte und in der zweiten Kabine von hinten eine für diese Räumlichkeit natürlich wirkende Sitzhaltung einnahm. Sie war Grandpa und Tommy zuvorgekommen und hatte sich nicht nach Jay umgesehen. Das wäre unprofessionell gewesen.

Sie holte ihren PDA aus der Handtasche, klappte ihn auf und stellte ihn auf den Behälter mit dem Toilettenpapier. Der Stimmzugang des Buckley war natürlich abgeschaltet. Sofern der Abbruchcode hereinkam, würde der PDA zu vibrieren beginnen. Sie hoffte, dass das nicht notwendig sein würde.

Ein Blick auf das Uhren-Icon auf dem Bildschirm: null sechs dreiundfünfzig. Gut im Zeitplan. Nachdem sie Tommy die SMS geschickt, die Spritze herausgeholt und vorbereitet und sich das Haar gebürstet hatte, gab es eigentlich nichts mehr für sie zu tun, außer sich zu beeilen und zu warten. Der Trick bei solchen Einsätzen war es, sich auf den Bildschirm des PDA zu konzentrieren, ohne davon in eine Art Hypnose zu geraten. Callys Lösung dafür war, den Bildschirm zu teilen und die kleinen Icons mit der Bezeichnung »in motion« und »Video« in die obere Hälfte zu platzieren und auf der unteren Hälfte ein uraltes Minensuchspiel aufzurufen.

Um sechs achtundfünfzig blinkte das Nachrichtenicon: Tommy und Grandpa waren eingetroffen.

Das Blinken des Videoicons fiel ihr um sieben null fünf ins Auge. Sie legte das Bild auf die untere Bildschirmhälfte und hatte gerade die Zielperson zum ersten Mal zu sehen bekommen, als das »In motion«-Icon zu blinken begann. Okay, Zeit genug, mir den Film anzusehen, nachdem ich mit ihr fertig bin. Wenn sie aus freien Stücken kommt, muss sie hierher kommen. Am besten schnappe ich sie mir, wenn sie die Kabine verlässt. Sie atmete gleichmäßig, als die Tür sich öffnete, alle ihre Sinne waren hellwach. Etwas stimmte hier nicht. Der Schritt war zu schwer, und das waren auch nicht die Schuhe einer Frau. Ihre Muskeln spannten sich.

»Cally?«, flüsterte eine Stimme.

Das könnte Tommy sein. Oder nicht. »Äh … die Kabine ist besetzt.«

»Sie hat sich einen Donut gekauft und sich wieder hingesetzt. Mach einen Reset und warte, dass er sich erneut meldet«, sagte er.

»Geht klar.« Die Stimme war eindeutig Tommy. Sie hörte, wie er den Raum wieder verließ, als sie die Reset-Schaltung vornahm und sich dabei beeilte, um zu wissen, wann die Zielperson wieder ihren Platz verließ. Ganz gleich, wie der Auftrag auch aussah, es gab immer etwas, das nicht ganz nach Plan lief. Trotzdem wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass das nicht wieder so ein Tag aus der Hölle wird. Du liebe Güte, unter dem verdammten Bett!

Sie betrachtete das Video, registrierte den Sitzplatz der Zielperson und dass sie ein Notebook bei sich hatte. Das war durchaus logisch, schließlich übte sie einen Verwaltungsjob aus. Normale Bildschirme waren immer noch die geringste Belastung für die Augen.

Während sie so wartete, konnte sie gelegentlich Männerstimmen hören, wenn Tommy und Grandpa weibliche Reisende zur nächsten Toilette weiterschickten. Um sieben vierzehn blinkte das »In motion«-Icon erneut.

Sie schaltete ab, steckte den PDA ein, nahm die Spritze in die Hand und stand auf. Als die Tür aufging, betätigte sie die Spülung, damit ja alles echt wirkte, öffnete die Tür ihrer Kabine und ging zum Waschbecken, als die Zielperson zur Tür hereinkam, an ihrer Fleet-Seide herunterblickte und leise Verwünschungen vor sich hin murmelte.

Als Cally das Waschbecken erreicht hatte, hatte sich die andere Frau eine Hand voll Papiertaschentücher gegriffen und wischte an dem feuchten Flecken herum. Sie blickte nicht einmal auf, als die Attentäterin hinter sie glitt, ihr die Hand über den Mund presste und mit geübtem Blick den richtigen Punkt für eine Halsinjektion fand. Makepeace hatte keine Zeit, sich lange zu wehren, als das starke Präparat sich in ihrem Kreislauf verbreitete und sie erschlaffte, gleichmäßig atmend, während Cally sie zu Boden sinken ließ.

Du hast Glück, dass ich dich leben lassen kann. Sie ging zur Tür, öffnete sie einen Spalt und winkte Tommy mit dem Karren herein. Grandpa nickte ihr kurz zu, ehe er sich wieder umdrehte und nach irgendwelchen Bedrohungen Ausschau hielt. Als Tommy hereinkam, stand sie bereits wieder bei den Waschbecken und hatte damit begonnen, die Verschlüsse am Oberteil der grauen Seidenuniform der Zielperson zu lösen.

»Ich mach das, zieh du dich aus.« Tommy winkte sie von der bewusstlosen Frau weg.

Sie zog sich schnell bis auf den Schlüpfer aus und ließ ihre Kleider ordentlich und in der Reihenfolge auf dem Boden liegen, wie sie sie für die andere Frau brauchen würden. Dann schlüpfte sie in den erfreulicherweise gut gearbeiteten BH der Frau und deren Seide, fand in ihrer Handtasche genügend Kosmetikartikel, um eine passable Kopie ihres Make-ups herzustellen, und steckte sich ihr platinblondes Haar in einen Knoten. Gott sei Dank trägt sie keinen Nagellack. Die richtige Farbe auf die Schnelle hinzukriegen, wäre lästig gewesen.

Socken und Halbstiefel, die zum Glück nicht vorschriftsmäßig waren — mit Stützsohlen — und sie war fast fertig. Den Buckley auf ihrem PDA und den Speicher hatte ein Spezialist am Abend zuvor gereinigt und äußerlich Marke und Modell dem PDA der anderen Frau angeglichen. Aus der Sicht des Buckley war sie bereits Captain Sinda Makepeace. Der Würfel im Leseschlitz hatte die einzige wichtige Information. Sie reichte Tommy ihren PDA und den von Makepeace und fuhr fort, die Zielperson anzukleiden, während Tommy den anderen PDA dazu überredete, seine Dateien dem ihren zu übergeben. Dann öffnete er die Flasche mit »Reinigungsflüssigkeit«, ließ den Würfel hineinfallen und reichte ihr ihren PDA zurück.

»Und jetzt, denk dran, um Zugang zu dem Transmitter zu bekommen, musst du auf dein ›Photopak‹-Icon gehen, es öffnen, Hilfe aufrufen und dann ein Foto übertragen. Die Anwendung lässt dich dann alles übermitteln, was auf deinem PDA oder im Würfelschlitz steckt«, sagte er.

Sie war ihm behilflich, den Tatort schnell zu säubern und die jetzt namenlose Frau auf dem Karren unter Abfällen zu verstecken. Dabei musste sie vorsichtig vorgehen, um nicht weitere Flecken auf die Uniform zu bekommen. Die feuchte Stelle würde, bis sie getrocknet war, schlimm genug aussehen. Und sie fühlte sich klebrig an. Igitt. Wahrscheinlich wird das erst trocken sein, wenn wir oben im Schiff sind. Ich muss ganz sicher mein Quartier aufsuchen und mich umziehen, ehe ich sonst etwas weiter tue.

»Wir sehen uns auf Titan.« Sie drückte Tommy schnell die Hand und eilte hinaus.

10

Cally verließ die Damentoilette, ging an Gra — dem zweiten Mann vom Reinigungstrupp — vorbei hinaus und wünschte ihm einen angenehmen Tag. Die mit dunkelblauem Kunststoff bezogenen Sitze und der dunkelblau und beige gemusterte Teppich der Abflughalle zeigten den Einfluss einer Dekorationsmodeströmung von vor sieben Jahren. Makepeace hatte den Laptop neben ihrem Sitz stehen lassen. Callys Blick suchte die Lounge ein paar Sekunden lang ab. Da war er, neben dem tollpatschigen Kahlkopf, dem Himmel sei Dank. Er sah sie an, und sie zupfte kurz an ihrem rechten Ohr, ehe sie den Blick wieder abwandte und die Hand sinken ließ. Dann ging sie weiter und strich sich mit der linken Hand über das Haar, so als ob sie nicht gewöhnt wäre, es hochgesteckt zu tragen. Beiderseits von ihrem Platz waren die Sessel leer, aber der Saal füllte sich allmählich mit Reisenden. Sie setzte sich und klappte ihren Laptop auf. Da sie noch ein paar Minuten Zeit hatte, war das jetzt eine gute Gelegenheit, sich damit vertraut zu machen. Der Glatzkopf stand auf und ging weg.

Beim Booten des Computers konnte sie erkennen, dass er ein altes Betriebssystem hatte. Gut. Zunächst galt es festzustellen, ob er vom Würfelleser aus bootet. Sie fuhr ihn herunter und gleich darauf mit einem Testwürfel wieder hoch. Sehr gut. Er lehnte ihn nicht ab. Zeit, den Knackerwürfel einzuschieben. Als sie gerade wieder beim Booten war, kam ein Typ und stellte sich vor den Sessel neben ihr und räusperte sich nervös. Nicht jetzt, du Loser. Im Augenblick ist mir überhaupt nicht nach Anbaggern. Aha! Er fährt bis zu dem Knackerwürfel hoch.

»Ist — ist dieser Platz besetzt?«, fragte er »Ja, es sei denn, Sie können sich die Augenbrauen lecken«, herrschte sie ihn an und benutzte die Hilfsmittel des Würfels dazu, das Passwort und die Zugangsberechtigung des Laptops neu einzustellen.

Zu ihrem großen Ärger ließ der Typ sich trotzdem auf dem Sessel nieder, und sie hatte sich gerade halb zu ihm herumgedreht, um ihn anzufauchen, als er ihr ins Wort fiel.

»Wie denken Sie denn, dass ich mir den Scheitel ziehe?«, sagte er.

Die Kinnlade fiel ihr herunter, und sie machte schnell den Mund wieder zu und erwiderte seine Ehrenbezeigung ein wenig benommen. Er war schmächtig gebaut und hatte glattes schwarzes Haar. Eine Strähne davon sah so aus, als würde sie ihm ständig in die Stirn fallen. Er hatte freundlich blickende, braune Augen und war viel zu jung. Aber was sie besonders überraschte, war, dass dies der junge Mann war, dessen Bild man ihr bei der Einsatzbesprechung gezeigt hatte, der Adjutant von General Beed. Sie gab sich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen.

»Tut mir Leid, dass ich so patzig war. Bin wohl ein wenig nervös. Können wir noch einmal von vorne anfangen? Ich bin Sinda Makepeace.« Sie streckte ihm die Hand hin.

»Joshua Pryce. Ihr erster Flug in den Weltraum, Ma’am?« Seine Hand fühlte sich warm und trocken an.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass er immer noch ihre Hand hielt und dass sie ihn anstarrte. Sie riss sie ihm weg und wurde rot. Rot werden? Ich? Was zum Teufel läuft hier eigentlich? Ich bin seit Jahren nicht mehr rot geworden.

»Äh … ja, richtig. Man hat mich zur Basis Titan versetzt. Wahrscheinlich bin ich ein wenig nervös vor einem solchen Flug. Sie wissen schon, ringsum Weltraum und keine Luft zu atmen.« Sie schauderte. »Das setzt mir ganz schön zu.«

»Ihr Name kommt mir bekannt vor.« Er runzelte die Stirn, klappte seinen PDA auf und rief eine Liste auf. »Sagten Sie Sinda Makepeace, Captain?«

»Ja, allerdings.« Sie lächelte und legte den Kopf etwas zur Seite.

»Ich dachte mir schon, dass ich den Namen einmal gesehen habe. Wir haben auf Titan denselben Chef. Würde mich gar nicht überraschen, wenn wir am Ende im selben Büro arbeiten würden, Ma’am.« Seine Augen lösten sich von ihr. Eine Sekunde lang hatte es fast so gewirkt, als würde er in ihre Seele starren.

»Oh, dann arbeiten Sie also auch für General Beed?«, fragte sie mit einem strahlenden Lächeln.

»Ja, Ma’am.« Er sah sie mit ernster Miene an. »Würde — würden Sie weniger nervös sein, wenn ich es so einrichten könnte, dass ich auf dem Flug zum Raumschiff neben Ihnen sitze, Ma’am?«

»Ihre Gesellschaft wäre mir sehr angenehm, Lieutenant Pryce.« Sie streckte sich, drückte die Schultern zurück. Die gefallen dir wohl, wie? Verdammt, Mädchen, benimm dich!

Sonntagmorgen, 26. Mai

Die Weltraumfahrt, so wie die Föderation sie betrieb, sah so aus, dass man den Großteil der Reisezeit zwischen den Sternen im normalen Raum verbrachte, »Sublicht« hieß das für den Laien, auf dem Weg zu den Ley-Linien oder Pfaden zwischen den Sternen, wo der Zugang zu den Hyperraumregionen viel bequemer war. Im Prinzip war es zwar möglich, sich von überall Zugang zum Hyperraum zu verschaffen, aber das erforderte wesentlich mehr Energie, die Maximalgeschwindigkeit war geringer und der Austrittspunkt war mehr oder weniger Zufallssache. Das ließ zwar prinzipiell systeminterne Sprünge zu, aber eine verkehrsreiche Umgebung, wie sie bei der Titan-Basis gegeben war, verbot dieses. Demzufolge dauerte es zwar nur etwa sechs Monate, um von der Erde zu einem der bewohnten Planeten in einem relativ nahe gelegenen System zu kommen, die Innersystemreise zur Titan-Basis mit einem Kurierschiff der Föderation hingegen nahm reichliche acht Tage in Anspruch. Ihr Glück war, dass sich Erde und Saturn im Augenblick auf derselben Seite der Sonne befanden. Bei maximaler Distanz dauerte der Flug wegen des erforderlichen Umwegs um die Sonne fast einen Monat.

Die Galaktische Föderation war bestrebt, eine genügend große Zahl von Schiffen zwischen Erde und Titan im Einsatz zu haben, sodass es mindestens einen Flug pro Woche gab. Dies geschah nicht etwa aus besonderer Zuneigung zur Erde oder den Menschen. Im Gegenteil, die Menschen als die einzigen Fleisch fressenden Sophonten in der Föderation wurden im Allgemeinen bestenfalls als nützliche Barbaren betrachtet, nützlich insofern, als sie fähig waren, die Posleen von diversem Immobilienbesitz im Weltraum zu verjagen, den sie erobert hatten und den die Galakter zurückwollten. Die recht dichte Schiffsfrequenz diente also weniger der Bequemlichkeit sondern sollte sicherstellen, dass Fleet und Fleet Strike nach Bedarf wichtiges Personal auch zwischen größeren Truppenverlegungen hin und her transportieren konnten.

Handgepäck war an Bord des Shuttle nicht erwünscht. Die Flotte zog es vor, wenn alle beweglichen Gegenstände fest verzurrt im Laderaum verstaut waren. Als Cally mit Sindas Handtasche und ihrem Laptop an Borg ging, trug ihr das einen recht finsteren Blick des Piloten ein, der an der Tür stand, einem Fleet Captain in schwarzer Uniform. Ob sich dieser finstere Blick auf ihre Uniform bezog oder darauf, dass sie nicht nur einen, sondern sogar zwei Gegenstände bei sich hatte, wusste sie nicht. Sie reagierte darauf mit einem sonnigen Lächeln und flüsterte dem Lieutenant, als sie vorbei waren, über die Schulter zu:

»Der Captain sieht so aus, als ob er heute Morgen eine zweite Tasse Kaffee vertragen könnte.«

»Yes, Ma’am.« Pryce stolperte, ob nun über eine Unebenheit im Boden oder die eigenen Füße, war ihr nicht klar, aber als er an sie anstieß und sich auf ihrer Schulter abstützte, roch sie ein wenig Rasierwasser und sauberen Männerduft. Ihre Nasenflügel weiteten sich, als er sich überschwänglich entschuldigte. Sie erteilte sich selbst den Befehl, ihre Reaktion auf ihn zu ignorieren.

Das ist ein Baby. Erinnerst du dich an den Letzten? Das fehlte ja gerade noch, dass du dich auf diesem Trip als Runderneuerte verrätst. Makepeace ist nicht verjüngt. Ich bin dreiundzwanzig. Trotzdem, Hände weg von dem Baby — und auch wenn er noch so gut riecht.

Im Inneren sah der Shuttle im Großen und Ganzen wie ein kleines Passagierflugzeug aus, mit dem Unterschied, dass die Sitzgurte funktioneller waren — Fünf-Punkt-Gurte anstelle der mehr für das Auge vorhandenen Beckengurte. Außerdem waren im Deckenbereich Netze gespannt, um die wenigen losen Gegenstände bei Bedarf dort zu verstauen. Das war besser als die üblichen Klappfächer. Die Sitze wirkten ähnlich, waren allerdings nur dafür gebaut, den Körper ein oder zwei Stunden zu unterstützen nicht etwa für längere Flugzeiten. Sie ließen sich nicht zurückkippen, zur großen Erleichterung langbeiniger Passagiere. Allerdings besaßen sie Fußstützen in bequemer Höhe, um Indowy-Personal ein Mindestmaß an Komfort zu verschaffen, wenn der Shuttle für sie eingesetzt wurde. Wo in einer Passagiermaschine die erste Klasse gewesen wäre, gab es in dem Shuttle ein paar Sitze, die für Darhel-Anatomie konfiguriert waren. Ebenso wie die Sitze war auch die Beleuchtung ein wenig anders als im menschlichen Bereich.

»Wird es auf diesem Flug Darhel geben?«, fragte sie den Lieutenant.

»Nein. Warum fragen Sie?« Er sah zu ihr hinüber.

»Oh, einfach aus Neugierde, schließlich ist das für mich das erste Mal off-planet. Ich habe hinten drei Indowy gesehen und dachte, wenn dies ein gemischter Flug ist …« Sie sprach den Satz nicht zu Ende.

»Oh. Na ja, es gibt wesentlich weniger Darhel als Indowy, Ma’am. Ich habe nie welche gesehen, die mit Menschen gereist sind. Die Darhel, meine ich. Wissen Sie, ich habe überhaupt nur ein einziges Mal einen zu sehen bekommen. Und bei all den Gewändern sieht man eigentlich kaum etwas«, fügte er dann ergänzend hinzu.

Sonntagmittag, 26. Mai

Wenn sie erwartet, dass der Trip nach draußen eine lange Folge von Kartenspielen und Filmen ist, wird sie bald merken, dass sie sich da getäuscht hat. General James Stewart grinste seinem Spiegelbild im Wandspiegel seiner Kabine zu und schob sich die ihm nicht vertrauten Lieutenantstreifen an seinem Kragen zurecht. Makepeace war eindeutig ein erfreulicher Anblick. Wahrscheinlich hatte sie gelegentlich Rückenschmerzen, aber die dienten einer guten Sache. Viel zu jung — bei der Zusammenarbeit mit ihr würde das einzige Problem sein, dass er die Hände von ihr lassen musste. Aber als allzu schwierig sollte sich das nicht erweisen, denn schließlich würde sie sich nicht für einen tollpatschigen Lieutenant wie Pryce interessieren.

Scheiße. Makepeace ist ein erfreulicher Anblick. Und Beed ist ein widerlicher Dreckskerl. Absichtlich hätte Pete das sicherlich nie getan. Wenn Vanderberg tatsächlich etwas damit zu tun gehabt hat, bring ich ihn um. Nee. Pete würde so etwas einfach nicht tun. Wenn er das gewusst hätte, hätte er sie viel eher wegversetzt. Verdammt.

Das Schiff hatte vierundzwanzig Stunden Übertragungszeit und mehrere verfügbare Frequenzen — mehr als genug Zeit, um jeden Tag gewaltige Mengen komprimierter und verschlüsselter Daten inklusive Fehlerüberprüfung zu übertragen. Na schön, die Übertragungsverzögerung betrug etwas mehr als eine Stunde, aber das hatte ja eigentlich nur bei Gesprächen oder ihrem Textäquivalent etwas zu sagen. In der Praxis bedeutete das, dass der Würfel mit seinem täglichen Arbeitspensum, als sie an Bord gekommen waren, bereits vor seinem Gepäck in seinem Quartier eingetroffen war.

Als Tagesuniform an Bord war Seide Vorschrift, und Seide knitterte nicht sehr, also brauchte er sich eigentlich nicht umzukleiden. Aber er wollte Makepeace genug Zeit zum Umziehen lassen. Beim Eintreffen in der Abflughalle hatte er gesehen, dass sie sich umziehen musste, aber ein Lieutenant hätte nie gewagt, sie nach der Ursache zu fragen oder auch nur etwas zu bemerken, und deshalb hatte er den Mund gehalten.

Er ließ sich, wie er fand, angemessen Zeit, die Vormittagsakten zu sortieren. Beed würde ihm ganz offensichtlich einiges abverlangen. Seine Unterlagen enthielten als »Hintergrundmaterial« sämtliche Kriminalfälle der letzten zehn Jahre auf Titan, und dazu eine Unmenge statistischer Daten über Militär- wie Zivilpersonal, das zurzeit auf Titan wohnte, sowie einen mit Anmerkungen versehenen Plan des Stützpunkts einschließlich der sorgfältig aufgezeichneten Beobachtungen des CID-Personals, das sie ersetzen würden — die guten Viertel der Stadt, die schlechten Viertel der Stadt, Zuhälter, Dealer, wo sich die Nutten gewöhnlich aufhielten, wo welches Glücksspiel angeboten wurde, welche Geschäfte mit welcher Tong in Verbindung standen. Die Anmerkungen lasen sich wie ein Lexikon des Lasters. Das war so nützlich, dass er bezweifelte, ob es Beeds Idee gewesen war.

Er summte mithilfe der Schiffssprechanlage ihr Quartier an.

»Was kann ich für Sie tun, Lieutenant Pryce?«, meldete sie sich, nur Stimme, Video war abgeschaltet.

»Captain M-Makepeace? Ich dachte, Sie würden vielleicht Zeit haben, sich mit mir zu treffen? Ich habe mir den täglichen Würfel mit der Arbeit für den General angesehen und wollte mit Ihnen darüber reden, wann wir anfangen können. Ich weiß, dass Sie sich noch nicht angemeldet haben, aber der General will offensichtlich vermeiden, dass wir uns langweilen«, fügte er ein wenig verlegen hinzu.

»Na, ist ja großartig. Ich hatte schon Angst, ich müsste mir die Zeit mit alten Filmen und Monopoly vertreiben. Gibt es irgendwo auf diesem Schiff einen Schreibtisch, oder werden wir hier arbeiten müssen?«, fragte sie.

Dass sie die zusätzliche Arbeit so bereitwillig annahm, verschaffte ihr einen Pluspunkt bei ihm. Er überlegte, ob sie versuchen sollten, in der Messe zu arbeiten, aber das würde bedeuten, dass sie dann erst nach der zweiten Frühstücksschicht anfangen konnten und kurz darauf bereits wieder für die beiden Mittagsschichten unterbrechen mussten. Dann malte er sich aus, wie es sein würde, mit Captain Sinda Makepeace in ihrer Kabine zu arbeiten, einem Würfel von weniger als zwei Meter Seitenlänge und mit ihrer Liege als einziger Sitzfläche, und das eine ganze Woche lang. Manchmal war es wirklich nicht leicht, die richtige Entscheidung zu treffen.

»Ich denke, wir werden uns mit der Messe begnügen müssen, und zwar zwischen den Mahlzeiten, Ma’am«, sagte er.

»Soll mir recht sein. Sind Sie jetzt dorthin unterwegs?«

»Ja, Ma’am.«

»Gut. Dann sehen wir uns in ein paar Minuten dort.« Sie drückte den Knopf, der das Gespräch beendete.

Gegenüber früheren Konstruktionen hatte man die modernen Kurierschiffe der Föderation dahingehend verbessert, dass die meisten Bereiche des Schiffes jetzt selbst wahrnehmen konnten, welche Spezies gerade durchkam und die Beleuchtung entsprechend anpassten. Die Wände reflektierten jede Version der Beleuchtung in einer für die Insassen akzeptablen Art und Weise. Für Menschen lief das auf ein schlammiges Braun hinaus, das keine bedrückenden Nebenwirkungen hatte. Trotzdem wirkten die grauen Seidenuniformen in Anbetracht der düsteren Wände ausgewaschen, sodass das amtliche Hellgrün der nur den Menschen zugeteilten Messe geradezu als Erleichterung wirkte. Mit Ausnahme der Erde selbst waren selbstverständlich alle Essbereiche für Menschen nach allgemeinem ästhetischem Dekret der anderen galaktischen Rassen ausschließlich Menschen vorbehalten.

Sie war vor ihm eingetroffen, nun, ihre Kabine lag näher. Stewart sah, dass sie bereits eine halbe Tasse Kaffee intus hatte. Er nahm Haltung an und salutierte, machte dann aber die ganze Wirkung wieder zunichte, indem er mit dem Schenkel an einen Tisch stieß, zusammenzuckte und sich dann wieder aufrichtete.

Makepeace zögerte ungläubig, als sie gerade angefangen hatte, seine Ehrenbezeigung zu erwidern. Er grinste verlegen.

»Ich schätze, ich muss erst noch raumfest werden, Ma’am.«

»Geht schon in Ordnung, Lieutenant. Wie wär’s, wenn Sie sich eine Tasse Kaffee holen würden, dann können wir uns ja gemeinsam den Würfel vornehmen, den der General uns geschickt hat«, sagte sie und lächelte.

»Für Sie auch eine frische Tasse, Ma’am?«, fragte er.

Ihre Augen weiteten sich erschreckt, zweifellos malte sie sich aus, eine Ladung Kaffee auf den Schoß geschüttet zu bekommen.

»Äh, nein! Ich meine, ich habe genug, Lieutenant, vielen Dank.«

Das haben Sie allerdings, Captain, ganz sicherlich sogar. Vielleicht sogar ein wenig zu viel an den Schenkeln, aber alles andere ist wirklich genug. Stewart ging an ihr vorbei zur Kaffeemaschine und unterdrückte dabei ein Grinsen.

Nachdem er seinen Kaffee abgestellt und Platz genommen hatte, zog er seinen PDA heraus und sah sie einen Augenblick lang an, ehe sein Blick sich von ihren Augen löste und sich auf einen Punkt irgendwo über ihrer linken Schulter konzentrierte.

»Darf ich offen sprechen, Ma’am?«

»Was haben Sie auf dem Herzen, Lieutenant?« Sie beugte sich vor, legte die Hände übereinander und sah ihn an, ein Bild ungeteilter Aufmerksamkeit.

»Ma’am, wie viel hat man Ihnen über diesen Job gesagt?«

»Sehr wenig, Lieutenant. Falls Sie etwas aus der Gerüchteküche anzubieten haben, wäre das sehr hilfreich.«

»Sie kommen doch aus der Personalverwaltung, stimmt das, Ma’am?« Als sie nickte, fuhr er fort: »Na ja, worin besteht denn dort die Arbeit?«

»Also ich weiß jetzt nicht recht, warum Sie das wissen wollen, aber in erster Linie hatte ich dafür zu sorgen, dass die richtigen Leute auf die richtigen Posten kamen. Das bedeutet, dass ich die Stellenanforderungen überprüft habe, um mich zu vergewissern, dass sie korrekt waren und nicht etwa ein bisschen verbogen, damit jemand seinen Kumpel unterbringen konnte. Na ja, nicht sehr natürlich«, korrigierte sie sich. »Meistens habe ich die Positionen abgefragt und Optimierungsprogramme laufen lassen und dann hinter den Computern her geprüft, um sicherzugehen, dass deren Empfehlungen auch vernünftig waren. Der menschliche Faktor, Sie wissen schon.«

»Nun ja, Madam, diese Position ist möglicherweise ein wenig … anders … als das, was Sie erwartet haben.«

»Also, konkrete Erwartungen hatte ich eigentlich gar nicht. In welcher Hinsicht anders, Lieutenant Pryce?«

Bei fast jedem erfahrenen Offizier von Fleet Strike hätte das, was er da gesagt hatte, Alarmsignale ausgelöst. Falls ein solches Signal auch in Makepeaces Bewusstsein aufgeflackert war, ließen ihre ernst und ein wenig verwirrt blickenden blauen Augen zumindest nichts davon erkennen. Sie beugte sich nur ein wenig weiter vor, und das verstärkte den Eindruck aufmerksamen Zuhörens eher noch ein wenig.

»Ma’am, erinnern Sie sich vielleicht daran, dass Sie auf dem College ein von einem Computer gelehrtes Wahlfach belegt hatten, das sich Geschichte der juristischen Verwaltung nannte?«

»Okay, was ist damit?«

Ihre blauen Augen wirkten immer noch aufmerksam, aber sonst ohne jeden Ausdruck. Stewart hatte das Gefühl, einem Zombie gegenüberzusitzen.

»Ma’am, General Beed liebt Papier.«

»Na schön. Das kommt nicht sehr häufig vor, aber manchmal sammeln die Leute höchst ungewöhnliche Dinge. Hat er die Sammlung in seinem Büro oder so etwas? Ich werde ihr natürlich die gebotene Bewunderung zollen. Vielen Dank für …«

»Nein, tut mir Leid, wenn ich Sie unterbrechen muss, Ma’am, aber das habe ich nicht gemeint. Er sammelt nicht Papier, er besteht darauf, mit Papier zu arbeiten.«

»Ich weiß nicht, ob ich Sie richtig verstehe.« Sie legte den Kopf etwas zur Seite und wartete darauf, dass er deutlicher wurde.

»Ma’am, der General benutzt kein AID, er benutzt keine Computer. Die einzigen elektronischen Geräte in seinem Büro, bei denen ich sicher bin, dass er sie benutzt, sind die Beleuchtung und die Lebenserhaltung. Oh, und die Kaffeemaschine«, fügte er hinzu.

»Papier?«, flüsterte sie, und endlich dämmerte so etwas wie das Licht der Erkenntnis in ihren Augen. »Also, ich muss schon sagen, das … das ist etwas Besonderes.« Sie hielt inne, offensichtlich tief in Gedanken. Stewart begann zu argwöhnen, dass sie sich leicht in Gedanken verlieren konnte.

»Wie schafft er denn damit seine Arbeit?«, fragte sie.

»Ma’am, Fleet Strike hat Sie zum Captain befördert und Sie hierher geschickt, weil Ihre Ausbildung der einer Anwaltssekretärin am nächsten kommt. In diesem Fall sind Sie sozusagen die am besten geeignete Person für die offene Stelle. Ich fürchte, das bedeutet, dass diese Position ein wenig anders ist als das, woran Sie gewöhnt sind, Ma’am«, schloss er.

Er vermied sorgfältig zu erwähnen, dass ihre Beförderung vielleicht gewisse Ähnlichkeit mit einem Trostpreis eines Kollegen im Personalbereich hatte, der damit sein schlechtes Gewissen über den miesen Job beruhigte, den er ihr hatte anhängen müssen. Eigentlich sollten Beförderungen nicht so vorgenommen werden, aber die Erbsenzähler hielten gewöhnlich zusammen.

Sie strich sich mit der linken Hand über das Haar, was eigentlich völlig überflüssig war.

»Lieutenant Pryce, ein guter Offizier von Fleet Strike geht dorthin, wo man ihn hinschickt, und tut, was man von ihr verlangt.« Sie zuckte die Achseln. »Ich vermute, ich werde mich ein wenig mit Papier befassen müssen.«

»Ja, Ma’am.«

»Danke für den Hinweis, Pryce.« Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, und Stewart war plötzlich froh, dass er auf der anderen Tischseite saß. »Jetzt zu der Arbeit, die Sie erwähnt haben. Sollten wir nicht besser damit anfangen?«

Okay, sie hat Mordstitten, und ihr Gesicht und ihre Haare sind auch nicht übel. Schön wäre sicherlich kein zu starker Begriff dafür. Aber um Himmels willen, Mann, du bist nicht mehr siebzehn! Nicht in ihrer Kabine zu arbeiten, ist eindeutig eine gute Idee, ein ständiger Abstand von zwei Metern wäre wohl etwa richtig. Unglücklicherweise rief das in ihm die Vorstellung der Art von Tätigkeit wach, die er gerne in ihrer Kabine verrichten würde, darunter auch ein erstaunlich lebendiges Bild ihrer nackten Brüste in seinen Händen — er verdrängte den Gedanken und gab ihr die Kopie, die er von dem ursprünglichen Würfel hergestellt hatte. Ein kleiner elektrischer Funke sprang zwischen ihren Händen über, und er atmete scharf ein. Die Tussi war vermutlich strohdumm, aber offensichtlich gab es da doch eine gewisse chemische Reaktion, wie sie bei jedem gesunden, normalen jungen Mann auf eine wie sie gebaute Frau zu erwarten war. Nicht, dass er jung gewesen wäre. Aber sein Körper war vermutlich der Ansicht. Das würde eine lange Woche werden.

Cally war nach dem Abendessen in ihre Kabine entkommen. Da es sich um ein Schiffsquartier handelte, glich diese einem Besenschrank, in den man das nötige Mobiliar und die erforderliche Elektronik hineingezwängt hatte, alles, mit Ausnahme einer Toilette. Die befand sich ein Stück weiter unten am Flur und war nicht gerade so konstruiert, dass sie die Privatsphäre ihres Benutzers sonderlich gut schützte. Die Konstruktionsdaten für diese Schiffe waren festgelegt worden, als es bei Fleet Strike nur eine verschwindend geringe Zahl weiblicher Menschen gegeben hatte, und im Übrigen hatte die Flotte ohnehin eine recht lockere Einstellung zu Fragen des Schamgefühls entwickelt. Das hatte dazu geführt, dass ihre Duschschicht am Morgen unversehens stärker bevölkert gewesen war, als das unbedingt nötig gewesen wäre. Ein paar von den Soldaten, die in ihrer Schicht geduscht hatten, waren mit Sicherheit für eine andere eingeteilt gewesen. Aber da keiner sie anfasste, und auch alle mit ihren Blicken einigermaßen diskret waren — und Makepeace auch hinreichend dämlich war, um damit klarzukommen -, tat sie so, als würde sie nichts bemerken. Was sie bemerkte, war, dass der Lieutenant nicht zu ihren verdeckten Bewunderern gehörte. Er war für dieselbe Schicht eingeteilt, hielt sich aber bei den Duschen weiter hinten an der Wand auf. Und wenn er sie anstarrte, tat er das wenigstens so, dass er dabei nicht erwischt wurde.

Sie und Pryce hatten mit den anderen Offizieren und ein paar recht niedergeschlagen wirkenden Mannschaftsdienstgraden, die vermutlich die andere Schicht vorgezogen hätten, die erste Frühstücksschicht.

Blieb das Problem, was sie tun sollten, während die zweite Schicht die Messe benutzte. Da der Raum äußerst knapp war, verbrachten sie die Zeit gewöhnlich damit, sich draußen im Flur an die Wand zu lehnen. Cally genehmigte sich dann meist eine zweite Tasse Kaffee oder spielte gegen Pryce Space Invaders. Sie hatten festgestellt, dass sie beide großen Spaß an sehr frühen Computerspielen dieser Art hatten. Er hatte angeboten, ihr seine Spielesammlung zu zeigen, sobald sie auf Titan gelandet waren. Sie hielt dies nicht unbedingt für einen Vorwand und war sich nicht recht sicher, was sie eigentlich davon halten sollte.

Heute hatte Pryce genuschelt, er brauche etwas aus seiner Kabine. Sie hatte nicht sehr darauf geachtet und war eigentlich froh, dass ihr das Zeit ließ, ein wenig darüber nachzudenken, was sie eigentlich hinsichtlich seiner Person empfand. Er war nicht gerade der größte Tollpatsch, dem sie je begegnet war, aber viel fehlte daran nicht. Vielleicht hat Grandpa Recht. Mein Job fängt an, an mir Wirkung zu zeigen. Okay, das waren jetzt zwei Wochen, und ich habe ganz normale gesunde Hormone, aber mindestens die Hälfte der Kerls in der Dusche sahen genauso gut aus, und keiner von ihnen stolperte ständig über die eigenen Füße. Okay, diese Haarsträhne, die ihm ständig in die Stirn fällt, ist irgendwie sexy, aber … es muss wirklich der Job sein. Wenn ich das nächste Mal einen vernünftigen Vorwand habe, mit jemandem ins Bett zu steigen, werde ich wegen dieser Hormone etwas unternehmen müssen.

Ihre Kaffeetasse war leer, also ging sie in die Messe zurück, um sich nachzuschenken. Sie konnte ein paar geflüsterte Bemerkungen hören und auch Blicke spüren, aber die Abzeichen an ihrem Kragen verhinderten Eindeutigeres. Als sie mit dem frischen Kaffee wieder hinauskam, war Pryce zurück.

»Ich frage mich, was heute auf dem Würfel ist. Haben Sie schon nachgesehen?«, erkundigte sie sich.

»Nein, Ma’am.« Er lehnte sich an die Wand, ein kleines Stück außerhalb normaler Gesprächsdistanz, als ob er Angst hätte, ihr zu nahe zu kommen.

»Okay. Vielleicht erzählen Sie mir dann ein wenig über unser Büro auf Titan. Waren Sie schon mal dort?« Ihr Rücken schmerzte bereits ein wenig, und sie stand ein Stück von der Wand entfernt, um nach hinten zu greifen und den kleinen Krampf wegmassieren zu können.

»Was? Oh.« Er schüttelte leicht den Kopf. »Ich war schon auf Basis Titan, Ma’am, aber nicht beim CID. Ich habe mich bei dem General gemeldet, ehe er die Erde verlassen hat. Okay, Ma’am, Sie wissen, dass der General gerade erst das Kommando über die Dritte MP-Brigade auf Titan übernommen hat. Der größte Teil der Brigade, praktisch alle mit Ausnahme von zwei Kompanien, dem Brigadehauptquartier und der CID-Sektion, ist bei diversen Infanterieeinheiten im vorgeschobenen Einsatz. Was das Tagesgeschäft angeht, wird die Brigade praktisch vom XO, Colonel Tartaglia, geleitet. Der General ist der Ansicht, dass er sich vorzugsweise um CID kümmern sollte, und deshalb werde ich, mit Ausnahme der altehrwürdigen Aufgabe, Canapés zu verteilen, höchstwahrscheinlich dort den Großteil meiner Zeit verbringen. Das ist auch der Grund, weshalb der General so großen Wert darauf gelegt hat, dass Sie mit allen Hintergrundinformationen der CID vertraut sind. Wenn er Sie auffordert, ihm etwas zu suchen, dann … nun ja, Geduld und Erklärungen gehören nicht zu seinen starken Seiten, Ma’am.«

»Ich fange schon an, mich richtig auf diesen Job zu freuen«, bemerkte sie trocken.

Stewart hatte immer Jobs ohne feste Zeiteinteilung gehabt. Als die meisten Teenager seines Alters in Junkfood-Lokalen darauf gewartet hatten, dass ihre Schicht zu Ende ging, hatte Stewart unter seinem ursprünglichen Namen, Manuel Guerrera, eine erfolgreiche Street Gang geführt. Damals wie jetzt war es nicht möglich gewesen, Organisationsprobleme und Zuständigkeiten innerhalb festgelegter Bürozeiten zu erledigen. Und deshalb lag er jetzt hier auf seiner Pritsche, während Captain Makepeace entweder in ihrer Kabine war oder weiß Gott was tat, eine Liste von Namen und detaillierten Sicherheitsprofilen studierte und herauszufinden versuchte, wer von den Fleet-Strike-CID zugeteilten Leuten auf Titan mit größter Wahrscheinlichkeit von der namenlosen feindlichen Organisation eingeschleust worden war, die ihr Kontakt ihnen genannt hatte.

Heute Morgen waren endlich die kompletten Profile reingekommen, aber so wie er die Arbeit mit Makepeace geplant hatte, hatte er sie sich untertags nicht ansehen können. Sie würden morgen Nachmittag auf Titan Orbit eintreffen, und er wollte, dass die Liste vor ihrer Landung fertig war. Während er auf der Erde war, waren fünf weitere von ihren Leuten auf Titan eingetroffen, und er wollte wissen, womit er es zu tun hatte, ehe er ihnen das erste Mal begegnete.

Das war eine äußerst schwierige Aufgabe, weil sie über die Zielsetzungen und Motive des Feindes praktisch überhaupt nichts wussten, wenn man einmal davon absah, dass dazu Spionage gegen Militär- und Regierungsorganisationen der Föderation zählte, was an und für sich schon ausreichte, um auf unfreundliche, wahrscheinlich sogar feindselige Absichten zu deuten. Nach derzeitiger Kenntnis, oder besser gesagt nach derzeitigen Theorien, hatten sich extreme Kreise unter den Humanisten endlich hinreichend organisiert, ein Gedanke, der einem Angst machen konnte, wenn man bedachte, wie viel wilde Posleen sich noch auf der Erde und anderen Planeten befanden, und in welchem Maß die Verteidigung der Erde gegen sie immer noch vom Kauf von GalTech-Technik und Gerätschaften abhing.

Für die Flotte und auch für Fleet Strike lag die oberste Priorität in ständiger Wachsamkeit gegen eine mögliche Reorganisation der Posleen, und dazu gehörte auch das Bestreben, von den Posleen eingenommene Gebiete zurückzuerobern. Jeder einzelne wilde Posleen stellte eine potenzielle Gefahr dar, weil jeder mit dem fundamentalen Wissen seiner Spezies zur Welt kam. Bei den meisten wilden Posleen handelte sich es zwar um die dummen und kaum vernunftbegabten Normalen, aber alle Posleen waren Hermaphroditen, die sich im Notfall auch selbst befruchten konnten. Ein einziger intelligenter Gottkönig verfügte über das Potenzial, die ganze wütende Horde neu ins Leben zu rufen.

Demzufolge bestand der erste Teil seiner Aufgabe darin, sämtliche Humanistenverbindungen der einzelnen Personen aufzulisten und — das war der zweite Teil der Aufgabe — alles zu registrieren, was in diesen Unterlagen oder denen ihrer Freunde und Verwandten aufschien und auf jegliche Unzufriedenheit mit der Föderation deutete.

Das wurde eine lange Liste und demzufolge eine lange Nacht. Anders beispielsweise hatte einen Bruder und einen zweiten Cousin, die Humanisten waren, wobei der Bruder der Aktivere war, aber sie und ihr Bruder waren angeblich zerstritten und hatten schon seit Jahren kein Wort mehr miteinander gewechselt. Konnte stimmen. Konnte aber auch Tarnung sein. Bakers Familie lebte in der Indianapolis Urb und war scheinbar völlig unpolitisch. Carlucci hatte außerhalb von Fleet Strike weder Familie noch Freunde. Sergeant Franks hatte eine Frau, die Humanistin war. Ihr Profil war in dem Bericht enthalten und man wusste von ihr, dass sie der Ansicht war, die Aliens steckten mit den Freimaurern, den Illuminati und dem Satan unter einer Decke — die typische humanistische Spinnerin. Jedenfalls machte ihn das eindeutig zu einem Sicherheitsrisiko. Und mit dem Rest verhielt es sich ähnlich. Selbst Makepeace hatte einen Nachbarn auf der daneben gelegenen Farm mit einer Tochter, die Humanistin war. Von fünfzehn Leuten im Büro hatten zwölf die eine oder andere dokumentierte humanistische Verbindung. Die anderen drei, nun ja, sicher sein konnte man nie, oder?

Nirgendwo im bewohnten Universum war der Smog so dicht wie auf der Titan-Basis. Aus der Schwärze des Weltraums kommend sah der leuchtend blaue Rand der Stickstoffatmosphäre fast erdähnlich aus, aber die orangebraune Schicht aus Kohlenwasserstoff-Smog war so dick, dass man überhaupt nicht hindurchsehen konnte, und hätte Los Angeles oder Mexiko City der Vorkriegszeit oder das heutige Chicago wie eine schimmernde Bastion atmosphärischer Reinheit erscheinen lassen.

Der Shuttle verzichtete auf künstliche Schwerkraft, und deshalb fühlte sich die erste Etappe ihres Eintritts in die Atmosphäre von Titan an, als würden sie einen steilen Hügel hinaufreiten, wobei »unten« in Richtung ihrer Sitzlehnen war. Pryce hatte ihr den Fensterplatz überlassen, und Cally starrte zum Fenster hinaus, bemüht, nicht völlig wie ein Tourist zu wirken. In einundfünfzig Jahren eines Lebens, das in vieler Hinsicht jede Art von kosmopolitischem Schliff hinterwäldlerisch erscheinen ließ, war dies ihre erste Reise off-planet. Zum Glück galt dies auch für Sinda, sodass sie ihre natürliche Neugierde und die damit einhergehende Erregung nicht zu sehr zu unterdrücken brauchte.

Der Lieutenant griff über ihre Schulter und deutete auf eine flockige, weiße Masse. »Da, schauen Sie, eine Wolke. Davon bekommen wir nicht zu viele zu sehen.«

»Das ist Methan, nicht wahr?« Sie starrte zum Fenster hinaus.

»Ja, Ma’am.«

Als sie in den dichten braunen Dunst eindrangen, bogen sie auf die Nachtseite des Mondes. Draußen wurde es schwarz. Unglücklicherweise befanden sie sich im falschen Winkel, sodass sie von ihrem Fenster aus den Saturn nicht sehen konnten. Sie überwanden den »Hügel« des freien Falls, und es ging nach »unten«, sodass sie leicht nach vorne gegen die Sitzgurte gedrückt wurden, als der Shuttle abzubremsen begann.

»Werden wir vom Stützpunkt aus Saturn sehen können?« Sie reckte den Nacken, um sehen zu können, ob durch das abgedunkelte Fenster etwas Interessantes zu erkennen war.

»Nur gelegentlich als verschwommenen hellen Punkt in der Dunkelheit, Ma’am.« Er lächelte bedauernd. »Abgesehen davon ist es im Großen und Ganzen so, als würde man in einem Vogelkäfig unter Wasser leben, einem Käfig übrigens, über den man eine Decke gelegt hat. Na ja, immerhin hat der Käfig elektrisches Licht«, fügte er grinsend hinzu.

Die Landung war eine Folge gedämpfter Stöße, und dann hatte sie bei einem Siebtel ihres gewohnten Gewichts das Gefühl, sich auf dem Grund eines Swimmingpools zu befinden.

»Und jetzt kommt der Augenblick, wo wir für unsere warmen Seidenuniformen dankbar sein werden«, sagte er.

»Wie kalt ist es denn?«

»Draußen? Etwa minus einhundertvierzig Celsius. Im Rohr zur Kuppel ein paar Grad unter Null.« Er schnallte sich los und stand auf.

»Brrr.« Sie schauderte. »Und die können das nicht wärmer machen?«

»Tun sie nicht.« Er zuckte die Achseln. »Eine Frage der Sicherheit. Der ganze Stützpunkt ist auf verschiedenen Eisschollen gebaut. Eine der größten Herausforderungen für unsere Ingenieure, abgesehen vom Überdruck, besteht darin, Hitzelecks zu minimieren, die den Boden unter uns destabilisieren könnten.«

»Könnten die das denn nicht isolieren? Oder schweben?« Beim Aufstehen musste sie nach hinten greifen und sich an der Stelle unten an der Wirbelsäule kratzen, die ständig wehtat.

»Oh, die isolieren schon, Ma’am. Das können Sie mir glauben. Diese Plattform und der Stützpunkt selbst stehen etwa fünfzehn Meter über dem Boden, damit darunter die Luft zirkulieren kann. Auf kurze Zeit kann man auf dem Boden bauen, und bei Forschungsfahrzeugen ist das auch gar kein Problem, weil die sich bewegen. Aber man kann nicht ein paar Jahrhunderte lang einen großen heißen Fleck aufs Eis stellen. Eine Weile hat man an Schwimmkonstruktion gedacht, die Idee dann aber wieder verworfen. Es hat etwas mit Gravitationseffekten und der Stabilität zu tun.«

»Das ist alles Eis? Ich meine, ohne Felsen darunter?« Sie sah ihn an, als wäre ihr das völlig unvorstellbar.

»Ein wenig. Aber nicht genug«, sagte er.

»Und können die Krabben nicht etwas mit der Schwerkraft machen?«

»Klar können sie das, und sie haben es auch getan, für die Basis selbst. Ich glaube, bei der endgültigen Konstruktionsentscheidung haben Kostenerwägungen eine große Rolle gespielt.« Er ließ ihr mit einer Handbewegung den Vortritt in den Mittelgang.

Die Kälte traf sie voll ins Gesicht und an der Nase, und sie konnte ihren Atem sehen, als sie mit den anderen Passagieren durch die Röhre in die Hauptkuppel der Basis Titan gingen. Es roch ein wenig wie an einer Tankstelle.

»Was ist das für ein Geruch?« Sie rümpfte die Nase und machte eine unbestimmte Handbewegung.

»Undichtigkeit. Bei so viel Überdruck ist das nicht zu vermeiden. Die hätten das lecksicher machen können, aber es hätte eine Menge mehr gekostet. So ungefähr habe ich das gehört.« Er griff nach ihrem Ellbogen, als sie eine rote Linie auf dem Boden überschritten und plötzlich wieder die volle Schwerkraft einsetzte.

Sie hatte damit gerechnet und keineswegs erwartet hinzufallen, aber plötzlich stolperte sie gegen ihn, und ihr Ellbogen prickelte an der Stelle, wo er sie berührt hatte, als ob sie gerade einen elektrischen Schlag bekommen hätte. Plötzlich war sie kurzatmig und wurde tatsächlich rot, als er sie stützte und am Fallen hinderte. Was in drei Teufels Namen? So attraktiv ist er doch nicht. Okay, er riecht recht gut. Korrektur. Sehr gut. Na und? Mein Gott, was stimmt nicht mit mir? Das muss die Aufregung meiner ersten Weltraumreise sein. Wer hätte das gedacht?

Als sie die Röhre verließen und durch die Schleusentür den Shuttle-Hafen und anschließend durch die doppelten Glastüren die eigentliche Ankunftshalle betraten, wurde es deutlich wärmer, aber sie konnte immer noch ihren Atem sehen. Die Luft fühlte sich schwer, kalt und drückend an.

Eine Anzahl auf alt gemachter Analoguhren an der Wand zeigten die Lokalzeit und die Zeit in verschiedenen Zeitzonen auf der Erde an. Sie stellte verblüfft fest, dass Lokalzeit und Lokal »tag« mit Chicago synchron waren, so wie das bei der Schiffszeit auf dem Kurierboot der Fall gewesen war. Wow, sie brauchte nicht einmal ihre Uhr umzustellen.

Die Wände säumten kleine immergrüne Bäume in Pflanzkübeln. Dem Lieutenant musste ihr verblüffter Gesichtsausdruck aufgefallen sein, als er sich umwandte und sie durch eine Doppeltür in einen Raum führte, bei dem es sich offensichtlich um die Bar des Shuttle-Hafens handelte.

»Es sieht nicht nur hübsch aus. Das gehört auch mit dazu, aber in erster Linie helfen die Pflanzen mit, Kohlenwasserstoff aus der Luft auszufiltern. Dass sie dabei in geringem Maße Sauerstoff abgeben, kommt noch hinzu«, sagte er.

In der Bar war es warm genug, dass sie die Handschuhe ausziehen konnten, und sie sah sich um, wo sie ihren Laptopbehälter für einen Augenblick abstellen konnte. Er zog einen der hohen Barhocker mit Lehne für sie heraus, faltete seine dünnen, aber warmen Handschuhe zusammen und stopfte sie in die Tasche im Futter seines Baretts.

Es war etwa drei Uhr nachmittags Greenwich-Zeit, und die Bar war mit Ausnahme des asiatischen Barkeepers, der seine Gläser polierte und sich ein Video ansah, leer. Als der Lieutenant ihren Mantel weghängte und sie auf den Hocker kletterte, hängte er das Glas, das er gerade ausgespült hatte, in das Gestell und kam zu ihnen herüber.

»Was darf ich Ihnen bringen?« Er nickte ihnen kurz zu, griff nach einem Tuch und wischte abwesend über einen kleinen Wasserfleck auf seiner Bar.

»Zwei Irish Coffee, Sam, aber nicht zu viel Irish.« Er drehte sich zu ihr um. »Würde es Sie überraschen, Ma’am, dass heiße Drinks hier recht beliebt sind?«, fragte er.

»Oh, schrecklich.« Sie lachte. »Warum? Ist es im Stützpunkt auch so kalt?«

»Dafür habe ich zwei Theorien gehört. Die erste ist die konventionelle — um die Wärmestrahlung zu minimieren. Der zweiten gemäß hat jemand im Konstruktionsteam festgestellt, dass die Durchschnittstemperatur auf der Erde fünfzehn Grad Celsius beträgt, und danach entschieden, dass das die optimale Einstellung sei.« Er schob eine Augenbraue hoch, sah sie an und wartete.

»Die zweite Theorie hört sich gut an.« Sie lachte, nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und stellte das Glas dann ab.

»Wissen Sie, als ich meinen Offizierskurs gemacht habe, hat man mir glaube ich nicht empfohlen, mich mit einer Alkoholfahne bei meinem neuen Vorgesetzten zu melden«, sagte sie.

»Ma’am, Beed ist echt ein alter Knacker, aber er stammt noch aus der Zeit, bevor man den Begriff ›politically correct‹ erfunden hat. Er hält ihn für Spinnerei. Solange wir bei ihm nicht betrunken und dienstunfähig aufkreuzen, und das wird nicht der Fall sein, wird es ihm nichts ausmachen.«

»Na ja, immerhin ein Gutes an diesem neuen Einsatz.« Sie legte beide Hände um ihr Glas und nahm einen genießerisch langen Zug. Sam machte verdammt guten Kaffee.

Nachdem sie ihr Gepäck in der Gepäckausgabe abgeholt hatten, hatten sie einen der Transitwagen bestiegen, die einzeln oder in Ketten auf horizontalen und vertikalen Schienen durch den Stützpunkt verkehrten. Stewart trug neben seiner Tasche auch die des Captains und suchte einen abfahrtbereiten Wagen mit freien Plätzen aus. Der Wagen gehörte zu einer Reihe, die offenbar eine Gruppe bildete, aber nicht körperlich verbunden war. Eine Leuchtfläche über dem vordersten Wagen gab den Zielort an: Fleet Strike Quadrant. Dem Verkehrsaufkommen nach zu schließen war der Shuttle von der Erde nicht der einzige gewesen, der gerade eingetroffen war. Ihre grauen Barette waren von hellblauen Infanterie Baretten umgeben, und Cally/Sinda blickte neugierig in die Runde. Pryce vermutete, dass sie bis jetzt noch nicht viele Soldaten im echten Einsatz zu sehen bekommen hatte, da sie ja in ihrer noch kurzen Laufbahn im Personalbereich eingesperrt gewesen war.

»Die Basis ist in vier einigermaßen gleich große Sektionen aufgeteilt, Ma’am«, erklärte er. »Beiderseits von uns sind die Quadranten von Fleet und Transit, auf der anderen Seite befinden sich Ingenieurbau und Fleet Strike.«

»Wäre es nicht sinnvoller, wenn der Shuttle-Hafen bei der Bauabteilung positioniert wäre, ich meine, wegen des angelieferten Materials?«, fragte sie.

»Dort ist auch einer. Dies hier ist der Passagierhafen.«

»Also«, sagte sie und machte eine Bewegung mit ihrem PDA, »gibt es einen Plan dieses Standorts, den ich downloaden kann oder so etwas?«

»Ja, Augenblick, ich beame ihn Ihnen, Ma’am.« Er tippte ein paar Buttons an und richtete seinen PDA auf den ihren, damit sie downloaden konnte. »Das Quartier für unverheiratete Offiziere ist markiert. Ihr Quartier ist rot, meines blau eingezeichnet und das Büro grün.«

»Meine Unterkunft ist auf Ihrer Karte markiert?«, witzelte sie. »Was bedeutet das rot — Stopp?«

»Zumindest Gefahr, Ma’am.«

»Und unsere Arbeitsstelle ist sicher? Sie sind eine interessante Person, Lieutenant«, sagte sie. »Wie es aussieht, liegt das Offiziersquartier auf unserem Weg. Wahrscheinlich ist es am besten, dort unsere Taschen abzuladen, ehe wir uns melden.«

»Ja, Ma’am.«

»Keine Sorge, Lieutenant. Ich werde meine Tasche selbst reintragen. Sie brauchen die Gefahrenzone nicht zu betreten.«

»Danke, Ma’am.« Er drehte sich um und sah zum Fenster des Transitwagens hinaus, damit sie nicht sehen konnte, wie seine Augen sich verengten. Biest. Das wär’s jetzt. Warte nur, Sinda Makepeace.

11

Montag, 3. Juni

Das Büro des Generals und das ihre befanden sich im Außenbereich einer oberen Etage der Kuppel. Die Flure jener Etage hatten daher nicht die sonst übliche selbstleuchtende Decke, sondern öffneten sich vielmehr nach oben zu einer kaum bemerkbar gekrümmten Kuppelpartie. Nicht, dass das irgendeinen Vorteil mit sich gebracht hätte. Im Augenblick war es beinahe Mittag auf Titan, und der Himmel außerhalb der Kuppel zeigte sich in einförmigem, dunklem Orangebraun. Der oberste halbe Meter der Wände war natürlich mit Leuchtfarbe gestrichen, die, um die durch den fehlenden Raum im Deckenbereich reduzierte Beleuchtung auszugleichen, heller eingestellt war als im übrigen Stützpunkt.

Falls irgendein Angehöriger der Architektur- oder Wartungsteams auch nur einen Funken Talent für Innendekoration gehabt hatte, hatte er sich alle Mühe gegeben, das zu verbergen, jedenfalls war das der Eindruck, den die in amtlichem GalPlas-Grün gehaltenen Wände mit ihren schlachtschiffgrauen Türen vermittelten. Neben der Tür, auf die sie gerade zugingen, gab es ein Schild mit dem Hinweis, dass sie zum Hauptquartier der Dritten MP-Brigade führte. Der Leutnant musste sich ebenfalls beim General melden und war kurz vor ihr an der Tür eingetroffen; er zeigte seinen Ausweis vor, den die Tür automatisch mit seinem Profil im Speicher verglich, seine biometrischen Daten als korrekt erkannte und sie beide einließ.

Drinnen gab es einen Empfangstisch und Schilder, die nach rechts zum CID und nach links zum Büro des Kommandierenden Generals wiesen. Hinter dem Schreibtisch saß ein weiblicher Corporal, deren Namensschild sie als Anders identifizierte. Hinter dem Corporal zeigte ein großer Holoschirm an der Rückwand einen Wasserfall — der Vegetation nach zu schließen auf der Erde.

»Captain Makepeace und Lieutenant Pryce, Corporal … Anders, nicht wahr? Wir sind hier, um uns zu melden und dem General unseren Antrittsbesuch abzustatten. Ich nehme an, er erwartet uns.« Cally erwiderte die Ehrenbezeigung des Corporal und wartete.

»Ja, Ma’am. Ich sage ihm Bescheid, dass Sie hier sind.« Sie griff nach ihrem PDA und forderte ihn auf, sie mit dem General zu verbinden.

»General Beed, Sir?«

Callys gesteigertes Hörvermögen hatte keine Mühe, beide Teile des Gesprächs zu erfassen, und sie wartete mit ruhiger, höflicher Miene.

»Sind die beiden da, Corporal? Gott sei Dank. Ohne eine vernünftige Sekretärin ersticke ich hier beinahe im Papierkrieg. Schicken Sie sie her.«

»Yes, Sir. Ende Gespräch.« Sie stellte den PDA weg.

»Sie können nach hinten gehen, Ma’am, Sir.« Mit einer leichten Kopfbewegung wies sie in Richtung auf das Büro des Generals.

Cally ging an dem Corporal vorbei und anschließend an einigen verschlossenen grauen Türen entlang den Korridor hinunter zum Büro des Generals, Pryce hinter ihr her. Das Licht unter dem Namensschild zeigte an, dass die Tür nicht versperrt war, und deshalb schob sie sich auf Callys Handbewegung hin zur Seite. Sie trat ein, ging bis zu dem Schreibtisch, nahm Haltung an und salutierte. Da die Dienstvorschrift verlangte, dass sie den Blick fünfzehn Zentimeter über den Kopf des Generals richtete, musste sie ihn und den Raum, in dem er sich befand, mit ihrer peripheren Sicht studieren. Ein Kinderspiel.

Für einen Offizier seines Alters sah Beed gut aus. Das dunkelblonde Haar und die tiefblauen Augen waren auf eine Stelle ein ganzes Stück unterhalb ihres Gesichts gerichtet. Aber nach dem Flug zum Titan hatte sie sich daran allmählich gewöhnt. Sein Schnauzbart war vielleicht ein wenig affektiert, aber der Mann war muskulös und sichtlich gut in Form. Fleet-Seide war bei aller Dauerhaftigkeit nicht gerade das Material, das viel verbergen konnte. Ohne Verjüngung hätte sie ihn vielleicht für vierunddreißig gehalten. Mit Verjüngung musste er sich bereits in seinem zweiten Jahrhundert befinden. Nach galaktischen Maßstäben immer noch jung. Nicht so heiß wie Pryce, aber jedenfalls keine Beleidigung für die Augen. Falls er auf die Idee kommen sollte, sie um den Schreibtisch herumzujagen, würde sie wenigstens nicht mit Brechreiz oder dergleichen zu kämpfen haben.

»Captain, was für ein erfreulicher Anblick für meine müden Augen.« Seine Hand wies mit einer weit ausholenden Bewegung auf seinen Schreibtisch, der mindestens fünfzehn Zentimeter hoch mit Papieren aller Art bedeckt war, und das galt nur für die Täler zwischen den höheren Stapeln. Cally hatte alle Mühe zu verhindern, dass ihr die Augen aus dem Kopf traten. »Willkommen auf Basis Titan. Ihr Büro ist gleich draußen links. Im Grunde sollten Sie mit allem vertraut sein, was wir hier tun, und ich habe mir schon erlaubt, den Corporal Aktenschränke und Aktendeckel und dergleichen bringen zu lassen. Ich habe einiges mit dem Lieutenant zu besprechen, aber das machen wir am besten, während Sie eine Art Ablagesystem organisieren. Wie Sie das anstellen, ist mir egal, solange Sie es mir mit einfachen Worten erklären und wir beide bei Bedarf alles finden können. Der Lieutenant und ich werden jetzt mindestens zwei Stunden weg sein, und das sollte für Sie ausreichen, das Zeug hier wegzuschaffen, damit ich meine Schreibtischplatte wieder sehen kann.« Er sah sie erwartungsvoll an.

»Yes, Sir«, antwortete sie forsch.

»Großartig, Honey. Wenn Sie das hinkriegen, werden wir beide großartig miteinander auskommen.« Er blinzelte ihr tatsächlich zu und wandte sich an den Lieutenant. »Lieutenant, nach meiner Kenntnis sind Adjutanten von Generälen befugt, zwei goldene Fangschnüre auf der Schulter zu tragen. Ein guter Offizier achtet immer exakt darauf, sich in korrekter Uniform zu präsentieren, verstanden?«

»Yes, Sir. Ich habe dafür keine Entschuldigung, Sir.« Falls überhaupt noch möglich, wurde Pryce’ Haltung dabei noch eine Spur straffer.

»Rühren. Lassen Sie uns von hier verschwinden und das Weitere Makepeace regeln.« Er hielt inne, musterte sie beim Hinausgehen von Kopf bis Fuß. »Sie achten korrekt auf Einzelheiten, Captain Makepeace. Sehr ordentlich.« Dann waren sie draußen.

Cally starrte auf die Tür, als diese hinter den beiden Offizieren wieder in die Wand glitt, und kämpfte dagegen an, laut aufzulachen. Und da zerbreche ich mir den Kopf, wie ich den Mann aus seinem Büro kriege, damit ich in aller Ruhe suchen kann. Sie schaltete die KI ihres PDA auf Stufe acht.

»Da ist etwas darauf aus, uns umzubringen, nicht wahr, Captain?«, sagte das Gerät.

»Achte auf die Umgebung, Buckley. Wenn sich jemand anderer als ich der Tür auf sechs Meter nähert, piepst du einmal mit mittlerer Lautstärke.«

»Okay. Nicht, dass das viel nützen würde.«

Sie stellte den PDA auf den Schreibtisch und schnaubte verärgert, als ein kleiner Stapel Papiere herunterfiel und sich über den Boden verteilte. Dann durchsuchte sie eilig die Schreibtischschubladen. Das ging besonders schnell, weil da nichts zu finden war. Ein paar leere Blocks und Kugelschreiber, die sie ohne etwas Brauchbares zu finden sezierte, anschließend wieder zusammensetzte und an den alten Platz legte. Dann schaltete sie den PDA wieder ein und machte sich an die Arbeit, die Papierberge zu sortieren und zu ordnen, die sie ohnehin hätte durchsuchen müssen.

Am Ende war sie nach den zwei Stunden, die Beed brauchte, um in sein Büro zurückzukehren, noch nicht fertig. Pryce war nicht bei ihm.

»Also, Sie sind ja gut vorangekommen, Captain.« Er trat hinter sie und stand ein Stück zu nahe bei ihr, als sie sich über den Schreibtisch beugte, um nach einem weiteren Papierstapel zu greifen. Zufälligerweise zog das den grauen Stoff über ihren Pobacken straff, sodass er die Konturen ihrer Hinterpartie deutlich erkennen konnte.

»Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich Sie bitte, ein wenig länger zu bleiben? Wir machen gewöhnlich gegen fünf Schluss, aber … wenn Sie mögen, lade ich Sie zum Abendessen ein. Wo ich Sie doch bitte, Überstunden zu machen.« Sie konnte jetzt fast am Hals seinen Atem spüren.

Sie richtete sich auf und drehte sich um, hielt die Papiere in der Hand und blickte zu ihm auf. Er befand sich ganz eindeutig innerhalb ihrer Intimsphäre.

»Aber, Sir, das ist doch nicht nötig.« Ihre blauen Augen wurden groß und rund.

»Natürlich nicht, Captain. Aber Sie könnten mir dann erklären, wo Sie alles hintun. Sie würden mir wirklich einen persönlichen Gefallen tun, wenn Sie meine Einladung annehmen, Sinda. Es ist Ihnen doch recht, wenn ich Sie Sinda nenne, oder?« Er lächelte bezaubernd. Das machte er recht gut, die Charmesache. Sie wusste das zu schätzen.

»Aber überhaupt nicht, Sir.« Sie lächelte. »Und Abendessen wäre mir recht.«

Er brachte sie in ein recht elegantes kantonesisches Lokal ein Stück weiter unten am Korridor. Cally gab sich alle Mühe, sich nicht wie ein Tourist zu benehmen. Jedenfalls nicht zu sehr. Von dem Korridor zu sprechen, wurde den Gegebenheiten nicht ganz gerecht. Tatsächlich bestand die »Innenstadt« von Basis Titan aus einem von der Bodenplatte bis zur Kuppeldecke reichenden Stapel von Korridoren, wobei man zwischen den Etagen Räume frei gelassen hatte, sodass man am Geländer einer Etage stehen und bis ganz nach oben oder unten sehen konnte. Dies war einer der wenigen Orte, wo man die gewaltigen Ausmaße des Stützpunkts wirklich wahrnehmen und einigermaßen verarbeiten konnte. Okay, nicht so gigantisch wie die Hologramme von Indowy Wolkenkratzern, die sie gesehen hatte, aber immerhin war sie selbst hier, und Titan fühlte sich echt an. Vermutlich lag das daran, dass so viel TerraTech eingesetzt war. Na schön, auch eine ganze Menge angepasste GalTech, aber wenn dahinter menschliche Arbeit in Firmen auf der Erde steckte, dann zählte das eigentlich nicht.

Nach Beeds Erklärung teilte der Korridor die Basis von Osten nach Westen — Himmelsrichtungen, die man nach der Rotationsachse des Mondes festgelegt hatte, da es keine nennenswerte geo-magnetische Aktivität gab. Im Norden überwachte die Militärpolizei von Fleet Strike ihren eigenen Quadranten, der für Ersatzteile, Produktionsanlagen und die galaktischen Rassen reserviert war, sowie den Korridor selbst. Im Süden war die Sicherheitspolizei von Fleet für ihren eigenen Quadranten zuständig, der Kolonisten, Durchgangsreisenden und Zivilpersonen zugeteilt war und auch den Shuttle-Hafen enthielt. Jemandem, der die ultramachiavellischen Tendenzen der Darhel nicht richtig kannte, mochte es seltsam erscheinen, dass Fleet Strike für die Bewachung von Ersatzteilen und Vorräten zuständig war, die in erster Linie von der Flotte benutzt wurden. Für Cally war das bloß ein weiteres Beispiel dafür, dass man die Dinge komplizierter machen konnte, um sie leichter manipulieren zu können.

Die Besitzer des Restaurants hatten es sich offenbar einiges kosten lassen, mit der Dekoration ein Gefühl kantonesischer Authentizität aufkommen zu lassen und deshalb die GalPlas Wände mit rot-goldener Tapete mit einem Drachenmotiv tapezieren lassen. Die Leuchtfarbe der Tafel vor dem Lokal war so verändert worden, dass man das Gefühl hatte, ein Neonschild vor sich zu sehen, das in englischer Sprache den Namen des Etablissements »The Golden Dragon« verkündete. Anscheinend handelte es sich um ein Restaurant der oberen Klasse, in dem Offiziere, wohlhabende Geschäftsleute und gelegentlich Kolonisten verkehrten, die vor der letzten Etappe nach draußen etwas harte Währung für eine letzte ordentliche Mahlzeit springen ließen.

Trotzdem war es an diesem Montagabend nicht einmal annähernd voll, und man führte sie schnell an einen Tisch in einer Ecke, der von einer kleinen Kugel beleuchtet wurde, die — fast, aber nicht ganz — wie Kerzenlicht flackerte. Neben den Tellern lagen eine zusammengefaltete Serviette aus echtem Stoff, eine Gabel und zwei Essstäbchen aus Plastik. Sie bestellte Hühnchen süß-sauer und eine Frühlingsrolle. Das Lokal gab sich sehr kultiviert, wirkte aber für ihren geübten Blick trotzdem touristenhaft. Da bestellte man am besten etwas, das nicht so leicht zu verpatzen war.

»Konservativer Geschmack?«, fragte er, nachdem er den Phoenix and Dragon bestellt hatte.

»Warum? Habe ich etwas gewählt, was ich nicht hätte nehmen sollen, Sir?« Sie blickte verlegen zur Seite. »Ich dachte nur, es sieht interessant aus. Würden Sie mich für eine … Landpomeranze … halten, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich meine Besuche in Restaurants wie diesem an den Fingern einer Hand aufzählen kann?«

»Nein, Captain — Sinda — Hühnchen süß-sauer ist schon in Ordnung.« Er lächelte, es wirkte beinahe sanft. »Ich vergesse manchmal, wie jung einige unserer Offiziere sind.« Ihre Hand lag auf dem Tisch, und er griff hinüber und strich ihr über den Handrücken. Sie fuhr sich mit der Zunge nervös über die Lippen und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Jung, aber durchaus eine sehr erwachsene Frau. Nach allem, was ich bis jetzt gesehen habe, sind Sie ein tüchtiger junger Offizier, Sinda«, sagte er.

»Danke, Sir.« Sie drehte sich halb zu ihm herum, und strahlte ihn mit ihren kornblumenblauen Augen an. Beim Durchsuchen seines Büros habe ich das nicht gefunden, was ich brauchte. Vielleicht gelingt es mir, wenn ich den General durchsuche. Außerdem wäre das ein guter Vorwand, etwas für meine überschüssigen Hormone zu tun. Ob ich die Unschuldige spiele? Wird vielleicht am besten sein.

Dienstag, 4. Juni

Am nächsten Morgen begegnete sie Pryce beim Kaffeeautomaten, sah ihn aber, nachdem er dann in Richtung CID weggegangen war, den ganzen Vormittag nicht mehr. General Beed hingegen blieb unübersehbar. Ihre erste Aufgabe am Morgen, so erklärte er ihr, bestand darin, mithilfe ihres PDA sein E-Mail-Konto aufzurufen und seine Korrespondenz auszudrucken und sie für ihn nach Kategorien zu sortieren. Sie musste sich auf die Lippen beißen, um ihn nicht darauf hinzuweisen, dass er die Mails von einem AID oder PDA sortieren, nach Wichtigkeit anordnen und auch in Routinefällen beantworten lassen konnte — er brauchte es nur zu verlangen. Nachdem er sich dann die Korrespondenz angesehen und darauf vermerkt hatte, was damit geschehen sollte, holte sie den Stapel aus seinem Ausgangskorb, um alles durch eine nur leicht verbesserte Version eines Vorkriegskopierers zu jagen, wobei eine Kopie in seine Akte ›Korrespondenzeingang‹ abgelegt werden musste, ehe irgendetwas beantwortet oder in anderer Weise bearbeitet werden durfte.

Der Mann war ganz offenkundig ein Dinosaurier, und wenn er mit ihr sprach, hatte sie manchmal alle Mühe, beim Lächeln nicht mit den Zähnen zu knirschen.

Aber in einem Punkt legte sie sich mit ihm an. Wer auch immer hier den Kaffee machte, sollte von Rechts wegen erschossen werden.

»Sir, ist Ihnen etwas, äh … Seltsames an unserem Kaffee aufgefallen?«, begann sie.

»Er wird hier vor Ort angebaut, in der Hydroponik, Makepeace. Es hat mit der Luft zu tun — Sie werden sich daran gewöhnen.« Er zuckte die Achseln und summte leise vor sich hin, während er sich durch ein paar Berichte des Fleet-Strike-Militärgefängnisses arbeitete.

Der Gefängniskomplex befand sich auf dem Stützpunkt, allerdings in einer völlig separaten Kuppel. Flucht war natürlich möglich. Es hatte auch schon solche Fälle gegeben. Einige Male. Für Fleet Strike war das größte Ärgernis daran, dass man anschließend eine Crew in Anzügen hinausschicken musste, um die Leichen zu bergen. Cally war sich nicht sicher, ob sie es den Gefangenen übel nehmen sollte. In nicht atembarem Smog zu ersticken war vermutlich ein wesentlich angenehmerer Tod als ein Unfall bei Null-g-Arbeit im Orbit, und das war gewöhnlich das Schicksal aller Gefangenen, die nicht eine ausgesprochen kurze Strafe zu verbüßen hatten. Und Gefangene mit kleineren Problemen wurden normalerweise gar nicht erst zur Titan-Basis geschickt.

Nachdem sie seine Korrespondenz erledigt hatte, was darauf hinauslief, nach hingekritzelten Notizen zu diktieren, was ihrer Meinung nach als Antwort angebracht war, diese Antwort ausdruckte, sie Beed für etwaige Änderungen vorlegte, ihm dann einen weiteren Ausdruck zur Genehmigung brachte, ehe sie sie wegschickte — und zu dem Zeitpunkt lag bereits ein weiterer Stapel Papier in seinem Ausgangskorb. Sie stellte fest, dass er mehrere Vorwände gebrauchte, um in ihr Büro zu kommen, scheinbar um irgendwelche Arbeiten zu überprüfen. Danach zu schließen, freilich, wie er dabei jeweils viel zu dicht hinter ihr stand und ihr die Hand auf die Schulter legte, wenn er Bemerkungen machte, die stets plausibel, aber nie unbedingt notwendig waren, konnte man deutlich erkennen, dass der General dabei nicht nur die Arbeit im Sinn hatte. Seinem Profil hatte sie entnommen, dass er verheiratet war, eine Tatsache, die er ihr gegenüber bisher noch nicht erwähnt hatte und die auch, da er keinen Ring trug, nicht offenkundig war. Sie hatte den Unterlagen ebenfalls entnehmen können, dass seine Frau siebenundvierzig und nicht verjüngt war. Sie hatte ihn zur Basis Titan begleitet, aber Cally konnte sich sehr gut vorstellen, dass die arme Frau nicht mit ihm Schritt halten konnte.

Kurz nach halb zwölf kam er herein und zog demonstrativ ein paar Schubladen in Aktenschränken auf und blätterte in den Unterlagen.

»Sie haben die Sachen gut organisiert, Sinda. Seit Sie jetzt hier ein System eingerichtet haben, sollte es viel leichter sein, etwas zu finden, wenn ich es brauche.« Er sah auf seine Armbanduhr und dann wieder sie an. »Zeit fürs Mittagessen. Wie wär’s, wenn wir uns ein Sandwich schnappen und Sie mir beim Mittagessen das neue Ablagesystem erklären?«

»Selbstverständlich, Sir. Wann möchten Sie gehen?«

»Ich dachte jetzt gleich, Captain.« Er sah sie mit einem entwaffnenden Lächeln an. »Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist, aber mein Magen fängt zu knurren an.«

»Du liebe Güte, Sir, das geht natürlich nicht. Lassen Sie mir nur einen Augenblick Zeit, um eine Liste der Dateien auszudrucken, dann bin ich so weit.« Sie lächelte ihn freundlich an, wandte sich dann ab und sagte mit leiser Stimme etwas zu ihrem PDA. »So. Jetzt können wir die Liste beim Hinausgehen an dem Drucker von CID abholen.«

Er trat einen Schritt von der Tür zurück, wollte ihr offenbar den Vortritt nach draußen lassen und schob sie dann sanft — und völlig unnötig — mit der Hand am Rücken hinaus. Eine Hand, die er gleich wieder wegnahm, als sie um die Ecke bogen und den allgemeinen Empfangsbereich betraten.

Der General wartete, während sie hinten am Flur den Ausdruck holte. Als sie dann den Raum verließen, machte Anders den Eindruck, als wäre sie völlig in die holografische Darstellung irgendeines Formulars vertieft.

Der Sturm auf das Mittagessen hatte noch kaum begonnen, und deshalb brauchten sie nur kurz auf einen Wagen zum Korridor zu warten.

»Gibt es im Quadranten von Fleet Strike eine Cafeteria oder etwas Ähnliches?« Cally legte den Kopf etwas zur Seite und sah ihn fragend an.

»Da wäre die Messe, der Offiziersclub und eine Snack-Bar in der Mannschaftskantine. Das Essen im Offiziersclub ist recht anständig, aber dort ist es immer ein wenig … voll. Kein guter Ort für ein Arbeitsessen«, sagte er.

Der Grill, in den er sie brachte, befand sich in einer der oberen Etagen. Die Nischen bestanden aus hohen Gal-Plas-Wänden, die man so eingestellt hatte, dass sie das Licht in einem rosigen Braun reflektierten, das an Kirschholz erinnerte. Der niedrige Geräuschpegel und der etwas hohle Klang der Stimme des Kellners, als der sich vorstellte und ihnen ihre Speisekarten gab, verrieten ihr, dass das Lokal über elektronische Schalldämpfung verfügte. Niedriges Niveau. Aus dem Augenwinkel sah sie eine kleine, runde Scheibe, die hinter dem Serviettenhalter hing.

Er bestellte ein Roastbeef-Sandwich, sie einen Hühnchensalat auf Pitabrot.

»So, Sie wollten mir das Ablagesystem erklären«, lud er sie mit einer aufmunternden Handbewegung ein.

»Yes, Sir. Ich habe die Akten aufgeteilt in Hauptquartier, CID, und dann die verschiedenen Einheiten. Und darunter ist es dann alphabetisch.«

»Darf ich die Liste sehen?« Er wartete nicht ab, bis sie sie ihm gab, sondern griff nach dem Papier und streifte dabei keineswegs zufällig ihre Hand. Seine Augen musterten dabei die ihren und warteten auf eine Reaktion. Sie gestattete sich ein verschwörerisches Aufblitzen.

Wäre schließlich nicht das erste Mal, dass sie bei einem Auftrag Sex einsetzen musste, wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal. Und im Bett war er wahrscheinlich eher mittelmäßig als regelrecht schlecht. Die meisten Männer waren das.

Die wöchentliche Lagebesprechung fand am späten Nachmittag statt. Sie wurde immer dicht beim Wechsel zwischen der ersten und zweiten Schicht angesetzt, damit die oberen Dienstgrade beider Waffengattungen, gleichgültig zu welcher Schicht sie gehörten, daran teilnehmen konnten.

Das sorgte dafür, dass der General das Büro verließ, und Cally schaffte es, sich genügend Arbeit zurechtzulegen, um Überstunden zu rechtfertigen. Es war auch eine gute Gelegenheit, sich unbeobachtet Zugang zu einigen der CID-Räumlichkeiten zu verschaffen, um ein wenig herumzustöbern. CID arbeitete normal. Die bizarre Versessenheit des Generals auf Papier galt offenbar nicht für Dinge, die nicht durch seine Hände gehen mussten, und deshalb hatte sie gleich am ersten Abend einen großen Teil ihrer Suche per Computer erledigen können. Als Sekretärin des Generals hatte sie kein Problem, durch die Tür zu kommen, und anschließend galt es nur noch ihre Spuren zu verbergen. Sie hatte nichts von Interesse gefunden und hoffte, dass sie vielleicht auf Datenwürfel mit nicht direkt in den Systemen abgelegtem Material stoßen würde.

Nach der ersten Schicht setzte das Hauptquartier zwei Militärpolizisten an der Endstation des Stützpunktzuges ein, um das Kommen und Gehen zu überwachen und dafür zu sorgen, dass Unbefugte draußen blieben, aber Anders und die CID-Agenten gingen gewöhnlich um siebzehn Uhr oder kurz danach weg. Sie wartete, bis fünf fünfundvierzig, ehe sie absichtlich eine Akte falsch ablegte, die der General beim Mittagessen erwähnt hatte, und ging dann zum Wasserspender, der bequemerweise drüben im CID stand.

CID war ein Flur von sechs Büros, die alle an ein Besprechungszimmer grenzten. Die Wände zwischen den Türen waren mit Ausnahme der Namensschilder und der Schließplatten leer. In dem Büro neben dem Besprechungsraum stand der Wasserspender, und dort lagerte auch Beeds Papiervorrat. Als sie an den geschlossenen Türen vorbeiging, konnte sie die Türschilder eines jeden Büros betrachten und etwaige Stimmen hören. Aus den geschlossenen Türen und der herrschenden Stille war mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zu schließen, dass die Agenten bereits alle nach Hause gegangen waren.

Sie nahm am Spender einen Schluck Wasser und lauschte dann noch einmal einen Augenblick, ehe sie das Büro verließ und vorsichtig die Bürotür von Agent Carlucci öffnete. Die Türen der Agenten waren natürlich versperrt. aber da der General jederzeit eine Akte verlangen konnte, stand sie auf der Liste der Leute mit Generalzugang.

Carluccis Schreibtisch bestand aus massivem Plastikmaterial. Die meisten Einrichtungsgegenstände waren das, da vor Ort reichlich organisches Material vorhanden war und deshalb nicht von der Erde oder anderen Orten im Sol-System hertransportiert werden musste. Seine Pinwand war erfrischend schwach bestückt, sie enthielt lediglich sein Abschlusszertifikat aus dem Ermittlerkurs und eine Tafel mit einer Belobigung für zehn Jahre Dienst im CID. Auf dem Schreibtisch: ein altmodisches Foto seiner Frau und nicht viel mehr. Auf dem Boden stand ein Ficus in einem Plastikkübel und ein Boston-Farn in einem Topf, der auf einem Plastikständer stand, dessen Lackierung Schmiedeeisen vortäuschen sollte. Abgesehen von einem Trainingsgerät für die Handmuskeln, drei verpackten Proteinriegeln und zwei Drei-Kilo-Hanteln enthielt sein Schreibtisch nichts außer Staub, und sie achtete sorgfältig darauf, darin keine Spuren zu hinterlassen.

Weiter in Bakers Büro. Es war dem von Carlucci ganz ähnlich, andere Pflanzen, kein Foto. An seiner Wand hing ein gerahmter Monet-Druck. In seinem Schreibtisch lag ein Würfel ohne Etikett. Sie las ihn in den Aktivspeicher ein. Sah aus wie Musikdateien, aber sie würde sich den Inhalt heute Abend jedenfalls gründlich ansehen, um ihn nach versteckten Daten zu durchsuchen. Wäre nicht das erste Mal, dass wichtige Daten unter irgendetwas völlig Harmlosem versteckt gewesen wären.

Li war ziemlich neu und hatte mit Ausnahme eines tropisch aussehenden Baums mit großen, glänzenden Blättern noch nichts in sein Büro gebracht. Nicht einmal staubig war es. Vermutlich hatte jemand es sauber gemacht, ehe er eintraf, und er war noch nicht lange genug da gewesen, dass sich eine neue Staubschicht hätte bilden können. Sie war über die unterste Schublade gebeugt und gerade dabei, sie wieder zu schließen, als sie draußen im Flur ein Geräusch hörte. Damit war sie rechtzeitig gewarnt, um nicht zusammenzuzucken, als die Tür sich aufschob. Sie blickte nur auf und schloss in aller Ruhe die leere Schublade. Es war Pryce, und obwohl sie eine knappe Sekunde Vorwarnung gehabt hatte, spürte sie, wie ihr Atem schneller ging und ihre Handflächen feucht wurden.

»K-k-kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, Ma’am?«, fragte er.

»Vielleicht. Haben Sie die Urlaubsakte gesehen?« Sie wischte sich die Hände an ihrer Seidenkombination ab und richtete sich ganz auf. »Sie enthält den markierten Entwurf der Überarbeitung für die Urlaubsdaten der Brigade und sämtliche Vorschriften für Krankmeldungen.«

»Oh, die.« Seine Stirn runzelte sich kurz. »Sanchez hat sie heute Nachmittag gehabt, Ma’am.«

»Er hat sie zurückgebracht. Daran erinnere ich mich, und ich dachte, ich hätte sie abgelegt. Doch jetzt finde ich sie nicht, und es wäre mir wirklich peinlich, wenn der General sie morgen verlangen würde und ich sie dann suchen müsste.« Ihr Gesicht verfinsterte sich nachdenklich.

»Vielleicht ist Sanchez noch eine Bemerkung eingefallen, die er nachträglich anbringen wollte, und er hat sie sich noch einmal ausgeborgt, Ma’am?«

»Könnte sein. Wir können ja schnell nachsehen.« Und so kam es, dass Pryce bei ihr war, als sie Sanchez’ Büro durchsuchte, und deshalb wagte sie es nicht, die drei Würfel zu kopieren, die sie in seiner obersten Schreibtischschublade fand.

»Nichts gefunden, hm?«, fragte er.

»Leider nicht.« Sie richtete sich auf und ging an ihm vorbei zur Tür hinaus. Anscheinend war er aus dem Gleichgewicht geraten, als er sich hinter ihr umdrehte, denn er stolperte wieder gegen sie und hielt sich mit einer Hand an ihrem Arm, dicht unter der Schulter, mit der anderen an ihrer Hüfte fest. Sie wusste genau, wo seine Hände gewesen waren, weil die Haut dort immer noch prickelte, als er wieder fest auf den Beinen stand und die Hände wegnahm. »M-Ma’am, tut mir sehr Leid.« Er senkte den Blick. Ihm war das offenbar schrecklich peinlich. »Ich schätze, ich bin manchmal ein wenig ungeschickt.«

»Denken Sie sich nichts dabei, Pryce, niemand ist vollkommen.« Sie lächelte mitfühlend. »Sie waren doch schon mal auf Titan. Sie wissen nicht zufällig, ob es irgendwo auf diesem riesigen Schneeball ein Lokal gibt, wo man eine ordentliche Pizza bekommt, oder?« War das gerade eine Einladung? Jo. Warum in drei Teufels Namen fühle ich mich eigentlich zu diesem Tollpatsch hingezogen? Wahrscheinlich sollte ich mit dem General ein wenig schneller machen, ehe ich völlig durchdrehe. Du hast hier Arbeit zu erledigen, Cally. Wach auf, verdammt, anstatt dich an nette Lieutenants ranzumachen.

»Ja, da weiß ich genau das richtige Lokal, Ma’am. Ich könnte Ihnen den Weg erklären, aber es hat keine besonders große Tafel. Die kostet bloß Geld, und ich schätze, Lin ist der Ansicht, dass er das nicht braucht. Er macht ohnehin das größte Geschäft mit Lieferung ins Haus. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Gesellschaft zu haben, ich habe auch noch nicht gegessen …«

»Äh, das wäre nett, Pryce.« Schließlich muss ich ohnehin essen. Das hat überhaupt nichts mit diesen abgrundtiefen schwarzen Augen zu tun. Überhaupt nichts.

Die Little Venice Pizzeria war ein winziges Lokal auf der unteren Etage. Stewart schätzte, dass die Küche die Hälfte der gesamten Fläche einnahm. In der kleinen Gaststube herrschte etwas mehr Betrieb als üblich, aber sie brauchten nicht lange zu warten, bis sie einen Tisch bekamen. Während der Helfer ihren Tisch sauber machte, nutzte er das Sammelsurium von Drucken und neu interpretierten Holos des alten Venedig als Anregung für Small Talk. Rings um die Gaststube hingen Blumenkästen mit üppigem Grün, sodass das ganze Lokal viel stärker an die Erde erinnerte als jeder andere Ort, den sie bisher auf Titan kannte. Im Hintergrund lief eine Tony-Bennett-Schnulze. Stewart sah, dass sie die Plastikrosen auf dem Tisch bemerkt hatte und lächelte.

»Nicht gerade der richtige Ort für ein Geschäftsessen, Lieutenant.«

»Wollten wir über das Geschäft reden, Ma’am? Die machen hier eine sehr ordentliche Pizza. Ich weiß nicht, ob Sie sehr hungrig sind, aber ich bin es jedenfalls. Teilen wir uns eine Große?«

»Klingt gut. Bilde ich mir das ein oder riecht es hier drinnen nicht so … nach Smog … wie draußen?«, fragte sie.

»Das bilden Sie sich nicht ein. Lin hat zusätzliche Filter einbauen lassen, und die Pflanzen helfen auch. Er sagt, die Luftverschmutzung sei schlecht für die Hefe, was immer das bedeutet. Also, Ma’am, was mögen Sie gerne auf Ihrer Pizza?«

»Alles und zusätzlichen Käse.« Makepeace grinste wie ein kleines Kind.

»Äh … Ma’am, wie wär’s mit con tutto, aber ohne Anchovis?« Er ging zur Theke und sah sich nach ihr um, schob eine Augenbraue hoch.

»Einverstanden.«

»Eine große Müllpizza, extra Käse und ohne Katzenfutter.« Er musterte die schmächtige Brünette hinter der Theke neugierig. »Hi, Suzannu, nett, Sie wieder mal zu sehen. Wo ist Lin?«

»Seine Frau ist krank, also helfe ich hier ein paar Tage aus, bis es ihr wieder besser geht. Hab’s kapiert, einmal Müll ohne Katze, zusätzlich Käse. Kommt in einer Viertelstunde. Wollen Sie was dazu trinken?« Sie stellte zwei leere Becher auf die Theke. »Tut mir Leid, hab nicht viel Zeit, um mich zu unterhalten. Weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht und wie ich das alles hier schaffen soll, bloß ich und Jon, und wir haben wirklich Hochbetrieb.«

Ganz wie er das erwartet hatte, als er seinen Ausweis rauszog und ihn durch den Leser zog, versuchte Makepeace zu bezahlen, aber das ließ er nicht zu, und sie ging nicht so weit, einen Befehl daraus zu machen. Wahrscheinlich würde er sie beim nächsten Mal bezahlen lassen. Was? Augenblick mal — nächstes Mal? Sie ist nicht einmal ein Drittel so alt wie du, du Idiot, und außerdem strohdumm. Komplikationen brauchst du bei diesem Job ganz sicherlich nicht. Also, nach dem Job — sie ist immer noch nur ein Drittel so alt wie du und strohdumm, aber … sie ist offensichtlich volljährig und, hey, Hirn ist schließlich nicht alles. Und Wahnsinnstitten hat sie.

Sie bekamen ihre Drinks und nahmen Platz, was einen Augenblick lang Verwirrung auslöste, weil beide einen Platz mit Blick zur Tür suchten. Er ließ ihr den Vortritt. Sie war Captain, und er lief hier als Lieutenant. Der Tür den Rücken zuzuwenden, nervte ihn, aber da konnte man nichts machen.

»Weshalb sind Sie eigentlich zu Fleet Strike gegangen, Pryce?«

»Um aus der SubUrb rauszukommen, für die Runderneuerung, um off-planet gehen zu können, das Universum sehen, Posties wegpusten. Reicht das, Ma’am?«

»Also, wenn Sie nicht mit Ma’am aufhören, wird das ein langer Abend, Pryce. Außer Dienst können Sie das Ma’am getrost weglassen und einfach Makepeace sagen, okay?«

»Okay Und warum sind Sie ausgerechnet zu Fleet Strike gegangen?« Er vertilgte das erste Drittel seines Drinks.

»Um von der Farm zu kommen. Für die Verjüngung. Um wenigstens von einer Welt ein bisschen mehr zu sehen zu bekommen, ohne gleich Kolonistin werden zu müssen. Ich wollte nicht Farmersfrau auf der Erde werden und auch nicht auf irgendeinem anderen gottverlassenen Planeten. Zuhause hatte ich nicht die leiseste Chance. Mein Bruder wird die Farm übernehmen, und ich hätte inzwischen entweder drei kleine Kinder haben und mir dort, wo ich aufgewachsen bin, als Farmersfrau den Hintern aufreißen können. Oder hier sein. Ich habe mich für hier entschieden. Und wenn die mich rausgeschickt hätten, um Posties kaltzumachen, na ja, die sind immerhin der Grund, dass ich nie meine Großmutter mütterlicherseits kennen gelernt habe, also haben die, schätze ich, noch was von meiner Familie gut.«

»Die Verjüngung war mir auch wichtig, aber am Ende wäre ich genau deswegen beinahe doch nicht dazu gegangen. Wo ich herkomme, mag man keine Runderneuerten«, sagte er.

»Vielleicht wird das Vorurteil nicht mehr so groß sein, wenn wir in fünfzig Jahren rauskommen. Oder die Präparate sind dann allgemein verfügbar, und es gibt keinen Grund mehr, darauf neidisch zu sein.« Sie zupfte am Tischtuch.

»Optimist.« Er grinste, und sie grinste zurück, und in diesem Augenblick war sie für ihn so schön, dass er einen Augenblick den Atem anhielt und sie bloß anstarrte.

Als er schließlich wieder einatmete, ging das ganz plötzlich, und dann hingen ihre Augen aneinander, und beide hatten aufgehört zu lächeln. Suzannu zerstörte den Zauber, indem sie seinen Namen rief und eine Pizzaplatte auf die Theke schob. Er nutzte die Chance, den Blick von ihr loszureißen und das Essen zu holen.

Sinda dabei zuzusehen, wie sie ein Stück Pizza aß, war faszinierend. Sie nahm es mit einer Hand und stützte die Pizzaschnitte mit zwei Fingern der anderen ganz vorn unter der Spitze. Er war fest überzeugt, dass sie sich alles, was auf dem Teig lag, in den Schoß kippen würde, aber das tat sie nicht. Sie biss vorsichtig ab und schloss die Augen, um den ersten Bissen voll zu genießen.

»Mmmm. Das schmeckt herrlich.« Sie schlug die Augen wieder auf und biss ein zweites Mal ab, und Stewart bemerkte, dass er sie nicht nur anstarrte, sondern dass er sich selbst nichts genommen hatte und die Pizza kalt werden ließ. Er legte sich ein Stück auf seinen Teller und rückte ihm mit Messer und Gabel zu Leibe. Ja, zu ihm würde es passen, das ganze Stück zu nehmen und sich etwas davon auf die Hosenbeine fallen zu lassen, aber das würde einen peinlichen Flecken auf seiner Seide hinterlassen, und er hatte keine Lust, sich vor Sinda zum Narren zu machen.

Du bist zu alt für sie, du Idiot, schalt er sich, aber trotzdem verzichtete er auf irgendwelche peinlichen Tollpatschigkeiten.

»So, Pryce, und was machen Sie für den General, ich meine, abgesehen davon, dass Sie Neuankömmlinge über die Vorgeschichte seines Kommandos informieren?«

»Und Schnittchen herumreichen?« Er grinste.

Sie musste lachen, und dabei bewegte sie leicht den Kopf, und das Licht fiel auf ihr Haar. Er sah ihr in die Augen. Sich nicht ganz auf Makepeaces wirklich spektakulären Oberkörper zu konzentrieren, das erforderte ziemlich große Willenskraft.

»Ich koordiniere die Wochenberichte der Agenten und die Dienstag- und Donnerstagsonderberichte über wichtige Ermittlungen«, sagte er.

»Heißt das organisiertes Verbrechen?«

»Jo, die Tongs.« Er nickte.

»Ich habe die Unterlagen gelesen, aber daraus konnte ich nicht entnehmen, weshalb ihr nicht einfach mit denen Schluss macht.« Sie hatte den Kopf etwas zur Seite gelegt und war jetzt ganz Wissbegierde.

»Das hat man versucht. Vor etwa zwanzig Jahren.« Während er sprach, beugte sie sich vor, die Hände auf dem Tisch verschränkt, und lauschte gebannt. »Plötzlich kamen die Reisearrangements von Fleet Strike völlig durcheinander, es kam zu unmöglichen Verspätungen, zu Problemen mit der Schiffsverpflegung, und die Umweltbedingungen in den Quartieren fielen ständig aus. Also hat der General von Fleet Strike mit dem General von Fleet gesprochen, und das Ende vom Lied war, dass wir die Tongs als legitime, bürgerliche Organisationen behandeln und nur individuelle Mitglieder verhaften, die wir bei regelrechten Straftaten erwischen.«

»Okay.« Sie nickte, aber ihr leicht glasiger Blick ließ ihn argwöhnen, dass sie noch nicht ganz verstanden hatte.

»Was haben sie dann hinsichtlich all der Probleme in der Flotte unternommen?«, fragte sie.

»Fleet hat sie gelöst«, antwortete er langsam.

Sie nickte wieder, und er hatte alle Mühe, nicht laut aufzulachen.

Wenn dies eine normale Verabredung gewesen wäre oder überhaupt eine Verabredung, hätte er jetzt über den Tisch gegriffen und ihre Hand gehalten, und dann hätten sie vielleicht eine zweite Runde Getränke bestellt und wären sitzen geblieben und hätten sich nach dem Essen noch eine Weile unterhalten. So sagte sie, sie habe noch Einkäufe zu machen, und er meinte, er habe in seinem Quartier noch einiges zu erledigen, und sie gingen getrennte Wege. Auf dem Transitwagen zu seinem Quartier sah er immer wieder ihr platinblondes Haar und die Lichtreflexe darauf und wie Sinda über eine seiner scherzhaften Bemerkungen lachte, wie sie Schmolllippen bekam, wenn sie an ihrem Glas nippte. Und dann war die Fahrt schon vorüber, als hätte sie überhaupt keine Zeit in Anspruch genommen.

12

Cally öffnete die Tür zu ihrem Apartment und trug ihre Einkäufe hinein. Dies war erst ihr zweiter Tag, aber das langweilige Grün der Wände und das graue Mobiliar gingen ihr schon jetzt auf die Nerven. Sie warf einen großen, roten Schal über den hässlichen grauen Nachttisch aus Plastik, der zum Zimmer gehörte, stellte die Glasvase, die sie gekauft hatte, auf den Tisch und tat gelbe Seidenrosen hinein. Dann befestigte sie zwei Poster mit Einhörnern und Pegasussen — oder hieß das Pegasi? — an den Wänden. Zugegeben, seltsamer Geschmack, aber sie hatte schon Bettdecken mit hässlicheren Motiven gehabt. Zumindest waren die Bilder farbenfreudig. Sie hatte sogar eines gefunden, das nicht in Pastelltönen gehalten war.

Was ist das für ein widerliches Piepsen? Sie warf einen Blick auf ihren PDA, aber der war ganz friedlich. Sie sah sich im Zimmer um und stellte schließlich fest, dass das Geräusch aus dem Nachttisch kam, über den sie ihren Schal geworfen hatte, und zwar aus der obersten Schublade. Oh. Das Telefon. Wieso rufen die nicht meinen PDA an? Der steht doch im Telefonverzeichnis … Oh. Der Papierfreak.

Sie holte das Telefon aus der Schublade und sah das rote Licht darauf, das im Takt mit dem Piepen an- und ausging. Einen Augenblick lang musste sie die Knöpfe des Apparats studieren, bis sie den fand, mit dem man eine Nachricht abspielen konnte. Aber da war keine, und sie musste eine Weile mit weiteren Knöpfen herumexperimentieren, bis sie schließlich die Kombination fand, mit der man das Telefon dazu veranlassen konnte, die Nummer des letzten Anrufers anzuzeigen. Sie las sie ihrem PDA vor und forderte ihn auf, die Nummer anzurufen. Dann wartete sie, bis jemand sich meldete.

»Hallo, hier bei Beed. Kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragte eine Frauenstimme.

»Äh … ja, ich denke schon. Ist der General zu Hause? Ich bin seine Sekretärin und ich glaube, er hat versucht, mich zu erreichen.«

»Oh, sind Sie Captain Makepeace? Augenblick, ich hole ihn.«

Cally setzte sich aufs Bett, wartete und teilte dabei den Bildschirm ihres PDA, um die untere Hälfte als Fernbedienung benutzen zu können. Auf dem Würfel von gestern Abend wartete noch eine Ladung Filme, die sie noch nicht gesehen hatte. Der Würfel war in der Handtasche der ursprünglichen Sinda Makepeace gewesen, als sie den Wechsel vorgenommen hatte, er gab also vermutlich ihren Geschmack an Filmen recht gut wieder. Sie ließ ihn anlaufen, um die Werbung am Anfang hinter sich zu bringen, und schaltete ihn dazu auf stumm. Bis der General sich schließlich meldete, musste sie noch ein paar Sekunden warten. Heutzutage nahmen die meisten Leute ihren PDA überallhin mit. Nun ja, wenn sie kein AID hatten. So wie sie Beed kannte, war er wahrscheinlich mehrere Räume von dem entfernt, aus dem er angerufen hatte. Cally malte sich das Bild eines großen, schwarzen Telefons mit Wählscheibe aus, das irgendwo auf einem Tisch stand, und musste an sich halten, um nicht laut aufzulachen, als schließlich seine Stimme ertönte.

»Hallo, Captain?« Es klang jedenfalls wie der General.

»Ja, Sir. Sie hatten versucht, mich zu erreichen?«

»Äh … ja. Ich wollte ein wenig Bürokram aufarbeiten und dabei habe ich festgestellt, dass ich die Li-Akte brauche. Ich erwarte jetzt nur gerade einen anderen Anruf und kann deshalb nicht weg. Ich weiß, es ist eine Zumutung, aber hätten Sie vielleicht einen Augenblick Zeit, im Büro vorbeizuschauen und mir die Akte zu bringen? Ich störe doch hoffentlich nicht gerade?«

»Nein, Sir, überhaupt nicht. Ich bringe Ihnen die Akte gern«, schwindelte sie.

»Gut, gut. Ich hatte schon Sorge, dass das vielleicht ein ungünstiger Zeitpunkt wäre, weil Sie vorher nicht da waren, als ich angerufen hatte. Ich dachte, Sie hätten vielleicht irgendetwas vor.« Seine Stimme klang fragend.

»Ja, ich bin gerade vom Abendessen nach Hause gekommen, Sir.«

»Ein bisschen spät, nicht wahr?« Offenbar wartete er auf so etwas wie eine Erklärung.

»Ja, Sir. Ich war noch ein wenig im Büro geblieben, um alles in Ordnung zu bringen, und dann musste ich noch Einkäufe erledigen.«

»Ah. Okay. Nun ja, wenn Sie kurz beim Büro vorbeischauen und mir dann diese Akte bringen würden, Captain. Vielen Dank.« Ein Klicken war zu hören, als er das Gespräch beendete.

Sie starrte das Telefon ein paar Augenblicke lang an. Ist das zu glauben? Und er nimmt natürlich ganz selbstverständlich an, dass ich weiß, wo er wohnt. Nicht, dass er nicht meinen PDA anrufen und mich sofort hätte erreichen können. Allmählich glaube ich, dass die echte Sinda Makepeace bei dem Tausch besser weggekommen ist. Und ich muss ja in meiner Rolle bleiben, verdammt.

Die Adresse des Generals zu finden machte selbstverständlich keine Mühe. Die Stützpunktauskunft hatte kein Problem damit, seiner Sekretärin zu sagen, wo er wohnte.

Hinzukommen dauerte auch nicht lange, schließlich war es Dienstagabend und mitten in einer Schicht. Der Transitverkehr war schwach, und die MPs, die an der Transitstation für das Brigadehauptquartier Dienst hatten, waren überrascht, dass jemand so spät ankam, ließen sie aber nach einem kurzen Blick auf ihren Ausweis durch.

Augenblicke später schob sie die Akte in einen Umschlag, passierte beim Hinausgehen erneut die MP-Wache und nahm einen Transitwagen, der sie drei Etagen tiefer brachte.

Der Korridor, an dem höhere Offiziere von Fleet Strike wohnten, war nicht in amtlichem Grün gehalten. Die Türen waren auch nicht schlachtschiffgrau. Hier waren die Wände cremefarben und die Türen wedgwoodblau mit einem Streifen Tapete oben an den Wänden, die den Eindruck vermitteln sollten, dass dort geschnitzte Leisten angebracht waren. Der anthrazitgraue Teppichboden war dick und so weich, dass sie fast einsank. Insgesamt erinnerte sie das an Filme, in denen man Vorkriegshotels sehen konnte, wo Geschäftsreisende abstiegen, die ein knappes Spesenkonto hatten, aber nicht das Gefühl haben wollten, in einer billigen Absteige zu wohnen.

Suite G eins-null-drei war etwa fünfzig Meter von den Türen der Transitlinie entfernt. Sie hatte das übliche elektronische Schloss und einen kleinen, leuchtenden Knopf in einer Messingplatte mit eingravierten Blättern.

»Captain Sinda Makepeace für General Beed, bitte«, verkündete sie der Tür deutlich. Nichts geschah. Sie wartete und meldete sich dann ein zweites Mal. Immer noch nichts. Er konnte doch nicht … die hatten doch ganz sicher keinen … ach was, zum Teufel, ich versuch es. Sie drückte den Knopf und hörte aus dem Inneren des Apartments sofort ein Klingeln. Die haben doch tatsächlich ein Loch durch das GalPlas gebohrt, um das verdammte Ding zu installieren.

Als die Tür sich zur Seite schob, schlug ihr ein unverkennbarer Hauch von Herrenkölnisch entgegen. Beed stand im Eingangsflur, machte aber keine Anstalten, den Umschlag von ihr entgegenzunehmen.

»Ah, gut. Sie haben die Akte. Falls es Ihnen nichts ausmacht, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie reinkommen würden. Vielleicht brauche ich Sie noch. Es macht Ihnen doch nichts aus, oder?«

»Nein, Sir, natürlich nicht, Sir.« Sie trat ein, und die Tür schloss sich hinter ihr. Es hatte vielleicht wie eine Frage geklungen, aber sie erkannte einen Befehl, wenn sie einen hörte. Außerdem würde sie auf die Weise vielleicht das Problem mit ihren überschüssigen Hormonen lösen können und zugleich mit ihrem Auftrag ein Stück weiterkommen. Insgesamt gar nicht so schlecht.

»Eigentlich habe ich die Akte gar nicht gebraucht.« Er sah ihr in die Augen und wandte den Blick nicht von ihr, als er nach dem Umschlag griff und ihn auf ein kleines Tischchen neben der Tür warf.

»Das habe ich auch nicht angenommen, Sir.«

»Hören Sie auf mit dem Sir, Sinda. In der Öffentlichkeit, ja, aber … hätten Sie gern ein Glas Wein?«

»Nur, wenn es kein hiesiger ist, danke. Wenn die Luft so auf Kaffeebohnen wirkt, hätte ich wirklich Sorge, was sie mit armen wehrlosen Trauben anrichten kann.«

»Nein, er ist von der Erde. Ein schöner Chardonnay aus Kalifornien. Er wird Ihnen schmecken.« Er führte sie aus dem Foyer ins Wohnzimmer. Auf dem Couchtisch standen ein Eiskübel mit einer gekühlten Flasche Wein und zwei Gläser. Beed entkorkte die Flasche, schenkte mit eleganten Bewegungen ein, reichte ihr ein Glas und prostete ihr zu. Er hatte Recht. Der Wein schmeckte vorzüglich.

»Verzeihen Sie die Frage, aber wo ist Mrs. Beed heute Abend? Und wenn ich nicht ›Sir‹ sagen soll, was dann?«

»Meine Freunde nennen mich Bernie. Und Mrs. Beed ist mit ein paar von den anderen Frauen im Kino. Anschließend trinken sie noch einen Schluck. Sie wird frühestens um null einhundert wieder hier sein.«

»Ich — ich habe das noch nie gemacht.« Sie nahm einen großen Schluck aus ihrem Weinglas und senkte die Augen.

Er stellte sein Glas weg, nahm das ihre und stellte es neben das andere; dann trat er einen Schritt vor, bis er sie fast berührte. Er griff ihr unters Kinn, beugte sich vor und küsste sie.

»Ich glaube, mir wird es großen Spaß machen, es dir zu erklären«, sagte er.

Sein Mund schmeckte nach Pfefferminz, und sein Schnurrbart kitzelte sie an den Lippen, als sie ihm beide Hände um den Nacken legte. Seine Hände spielten mit ihren Brüsten, und ihr Atem ging schneller. Sie drückte sich an ihn.

Dann tasteten seine Hände nach den Verschlüssen ihrer Seidenkombination, öffneten sie vorne, sodass man die weiße Spitze ihres BHs sehen konnte. Eine Hand glitt über ihren Rücken, drückte sie fester an sich, während die andere ihre Brust liebkoste. Sie presste sich gegen ihn, krallte die Finger in sein Haar, als sein Mund an ihrem Kinn entlang über ihren Nacken glitt, während sie sich immer fester an ihn drückte. Okay, das wird gar nicht so schlimm. Mhm … mhm … ja, hier.

»Nicht hier«, murmelte er dicht an ihrem Ohr. Sie ließ zu, dass er ihre Hand nahm und sie über den Flur in ein Schlafzimmer führte. Es roch ein wenig staubig, wie ein Gästezimmer, und alles sah zu ordentlich, zu perfekt aus. Und zu feminin. Das Schlafzimmer eines Ehepaars sollte niemals eine Tagesdecke mit rosa Blümchenmuster haben. Sie legte den Kopf etwas zur Seite, um ihn zu küssen, während er die Seidenkombination von ihrer Schulter schob, sodass ihre Hände jetzt frei waren, um ihn an den Hüften zu packen. Betont langsam schlängelte sie sich aus ihrer Uniform, ließ sie zu Boden gleiten, wo sie als kleines Häufchen liegen blieb, und begann dann am Verschluss seiner Uniform ein wenig herumzunesteln, bis er schließlich aufging, sodass sie jetzt beide Hände an seinen Rücken pressen konnte.

Sie ging mit, als er sie aufs Bett drückte, über ihr liegend, aber das Gewicht auf Hände und Zehenspitzen stützend. Während sie einander küssten, half sie ihm aus seiner Uniform, und er schob die Hand unter ihren Rücken, um ihren BH zu öffnen. Als der dann weg war, lehnte er sich einen Augenblick lang zurück, um sie anzusehen. Männer taten das immer. Sie lächelte und zog ihn wieder zu sich herunter. Seine Brust war glatt und haarlos, so glatt wie sein Kinn, und sie überlegte kurz, ob er sie mit Enthaarungsschaum behandelt hatte, entschied dann aber, dass es ihr eigentlich gleichgültig war. Sie wollte ihren Spaß haben, das hätte ihr auch der Arzt verschrieben, und so wie es aussah, würde sie auch ihren Spaß haben.

Nachher half sie ihm die Laken wechseln und das Bett frisch zu beziehen. Sie dachte, damit würde er sich verraten, aber als er die sauberen Laken herausholte, waren sie genau gleich wie die, die sie gerade abgezogen hatten.

»Werden die deiner Frau nicht auffallen?«

»Ganz sicher nicht. Die sind gleich wieder sauber und im Schrank. Ich bin nicht total gegen moderne Technik, Sinda.«

Er war jetzt offenbar ein wenig verlegen, reizbar, so als wisse er nicht recht, worüber er mit ihr reden sollte. Sie verabschiedete sich unter einem Vorwand und ging. In dieser Stimmung war das nicht der richtige Augenblick für intime Kopfkissengespräche. Vielleicht das nächste Mal. Zum größten Teil hatte sie ja das bekommen, wozu sie gekommen war. Immerhin etwas. Tee und Sympathie im Büro und dafür sorgen, dass er sich wohl fühlte. Und dann hatte sie ja auch noch den Würfel. War ja immerhin möglich, dass etwas Brauchbares darauf war. Das Problem bestand ihrer Meinung nach darin, dass der General möglicherweise mit irgendjemandem zusammenarbeitete, also galt es, alles genau zu überprüfen.

Und dann musste sie sich natürlich noch melden. In der guten alten Zeit, wo nur Menschen gegen Menschen standen, war ein persönliches Zusammentreffen das Gefährlichste, was es für einen aktiven Agenten gab. Aber die Erfahrung der Bane Sidhe hatte da zu anderen Erkenntnissen geführt. Die Erfahrung der Darhel mit elektronischem Zauberkram hatte sie schon vor Jahrtausenden zu der Erkenntnis gebracht, dass persönliche Treffs die größtmögliche Sicherheit boten. Möglicherweise würde die menschliche Fertigkeit in elektronischer Kriegführung eines Tages die der Darhel übertreffen, aber bis jetzt war das noch nicht der Fall. Demzufolge wurden kritische Informationen nur dann auf elektronischem Wege übermittelt, wenn es absolut keine andere Alternative gab.

Sie würde jetzt die Transitlinie benutzen, um damit zum Korridor zu gelangen und hatte keine Mühe, einen Wagen zu finden, der in ihre Richtung fuhr.

Auf der zweiten Etage von unten, auf der Seite, die von der Flotte benutzt wurde, gab es eine Sportbar, in der sich eine solide Mischung aller Kreise auf Titan mit Ausnahme von Kolonisten, Touristen und Nicht-Menschen versammelt hatte. Die Bar war bei ihrer Klientel sehr beliebt, weil die Getränke relativ billig, das Essen gut und nahrhaft und die Spiele im Tank so lebensecht wie möglich waren, wenn man bedachte, dass sie als Teil der normalen Erde/Titan-Bandbreite per Richtstrahl übertragen wurden. Sah man genauer hin, konnte man vermutlich bemerken, dass Leute dazu neigten, mehr zu trinken, wenn die Getränke billig waren, dass Betrunkene dazu neigten, riskanter zu spielen, und dass das Etablissement einen sehr bequemen Zugang zu einem speziell für das Haus tätigen Buchmacher ermöglichte, falls jemand vielleicht den Wunsch verspüren sollte, eine kleine Wette auf ein Spiel abzuschließen.

Die Tafel über dem Eingang zu Charlie’s war ein Kunstwerk. Anstelle von Leuchtfarbe, die wie Neon aussah, war es eine echte Neontafel. Nun ja, Neon oder eines von den anderen Edelgasen. Jedenfalls nicht Leuchtfarbe, sondern eine große, mehrfach gebogene Glasröhre. Wie viele Etablissements am Korridor, so verfügte auch die Bar über Doppeltüren, um sicherzustellen, dass sich nicht zu viel Stationsluft mit der Luft im Lokal mischte. Im Falle von Charlie’s stellte das vorzugsweise sicher, dass die schlechte Luft drinnen blieb, nicht so sehr, dass sie fern gehalten wurde. Dies war nämlich einer der wenigen Orte, wo man Tabak rauchen konnte, ohne entweder einen Filter mit sich herumzuschleppen, um hinter sich sauber zu machen, oder eine Zusatzsteuer für die Luftreinigung zu bezahlen. Der Eigentümer, dessen Name keinerlei Ähnlichkeit mit »Charlie« hatte, nahm richtigerweise an, dass der deutliche Bargeruch bei der Klasse von Gästen, die er anziehen wollte, nostalgische Assoziationen wachrief und andererseits prüde Touristen und Kolonisten fern hielt — die in seiner ganz speziellen Marktnische nur schlecht fürs Geschäft gewesen wären.

In den Unterlagen der Bane Sidhe war Cally gewarnt worden, was sie in dieser ganz speziellen Bar zu erwarten hatte, aber dennoch war es fast unmöglich, die Wirklichkeit richtig zu beschreiben, wie sie feststellte, als sie durch die Doppeltüren in den Dunst aus abgestandenem und frischem Tabak und billigem Bier trat — fast ohne jeglichen Beigeschmack der ganz speziellen Mischung aus Sumpfgas, die für Titan so typisch war. Seit dem Shuttle-Hafen in Chicago war dies der erste Ort, der tatsächlich so wie auf der Erde roch. Sie spürte ein scharfes Prickeln in den Augen, als sie tief Luft holte. Der Rauch scheint sie zu reizen.

Die Bar war nicht überfüllt, aber für einen Wochentag gut besucht. Sie arbeitete sich zwischen den Tischen und den Rauchwolken zur Bar vor. Unter anderem hatte sie gelesen, dass Charlie’s einmal versucht hatte, einen Holotank einzusetzen, aber das hätte eine Entscheidung zwischen Tabak und Holographie erfordert, und damit war diese Frage entschieden gewesen. Demzufolge waren die Tische alle so aufgestellt, dass man von ihnen aus gute Sicht auf große, hoch auflösende Flachbildschirme hatte. Aber ihre Aufmerksamkeit wurde nicht von dem Flachbildschirm über der Bar angezogen. Was sie wirklich froh machte, dass sie hierher gekommen war, war das Schild, das sie neben dem beeindruckenden Flaschensortiment an der Wand hinter dem Tresen sah. »Unser Kaffee ist zu hundert Prozent aus Jamaika importiert.«

»Kaffee, bitte. Mit einem Schuss Crème de Cacao.« Sie legte ein paar Geldscheine auf die Theke, gab dann reichlich Trinkgeld und drehte sich etwas zur Seite, um auf den Bildschirm sehen zu können. Baseball. Indianapolis gegen Topeka. Die Braves waren mit zwei Punkten im Rückstand. Sie sah sich nicht an der Bar um. Das wäre unprofessionell gewesen, außerdem hatte sie sich gleich beim Hereinkommen gründlich im Raum umgesehen. Er war noch nicht hier. Wenn er eintraf, würde er sich bei ihr bemerkbar machen.

Das Ergebnis war unverändert, aber McKenzie hatte gerade ein Foul übersehen, und sie war bereits bei ihrer zweiten Tasse Kaffee, als ein rothaariger Mann an die Bar trat und einen Kentucky Bourbon und eine zweite Tasse bestellte. Nachdem er den Bourbon gekippt hatte, stopfte er sich einen Brocken Kautabak aus einem kleinen Lederbeutel in den Mund, blickte zum Bildschirm auf und rieb sich kurz das Kinn, ehe er in den Becher spuckte. Dann sah er wieder zum Bildschirm und murmelte etwas, das aber niemand ohne Gehörsteigerung aus dem allgemeinen Geräuschpegel der Bar hätte herausfiltern können.

»Ich habe ihm doch gesagt, dass sein Pitcher nichts taugt«, sagte er.

Cally wartete, bis sie sah, dass sein Blick zu ihr herüber und an ihr vorbeiwanderte und jemanden links von ihr einen Augenblick lang scharf musterte, gerade so, als ob er gefunden hätte, wen er suchte. Sie leerte ihre Tasse und stieg vom Hocker. Der Kontakt war hergestellt, das komplette Team war eingetroffen. Als sie sich zwischen den Tischen den Weg nach draußen bahnte, trat ihr ein auffällig großer Raumfahrer mit ausgestrecktem Arm in den Weg und zog sie an sich. Sie quietschte.

»Hey, Baby, ich hab etwas, was dir sicher gefallen wird!«, feixte er.

Cally schlug ihm mit der flachen Hand so ins Gesicht, dass ihm der Kopf zur Seite flog und dabei einen grellroten Handabdruck auf seiner Wange hinterließ. Die andere Hand schob ihm einen Würfel in die Tasche, als sie sich von ihm frei machte und, das Urbild weiblicher Entrüstung, zur Tür stolzierte. Die überwiegend männliche Kundschaft grinste oder pfiff anerkennend, als der große und offenbar stark angetrunkene Raumfahrer sich verblüfft die Wange rieb.

»Was habe ich denn getan?!«, protestierte er, ohne dabei jemanden anzusehen.

Mittwoch, 5. Juni

Am Mittwochmorgen schmeckte der Kaffee im Büro sogar noch schlechter, schließlich hatte sie jetzt einen Vergleich aus jüngster Vergangenheit. Und General Beed war offenbar nicht der Typ, der sich mit hie und da ein wenig Bettgymnastik zufrieden gab. Wenn sie allein waren, grabschte er ständig an ihr herum — nicht, dass sie grundsätzlich gegen so etwas Einwände gehabt hätte, aber, Himmel noch mal, hatte der Mann denn gar keine Vorstellung von Privatsphäre? Offenbar nicht. Sie machte gute Miene zum bösen Spiel und fand sich lächelnd damit ab, dass er gelegentlich um seinen Schreibtisch herumkam. Der Typ war schlimmer als ein rolliger Kater, dachte sie.

Zu ihrem Glück war eine der Theorien des Generals hinsichtlich korrekter Führungsqualitäten, dass ein Vorgesetzter häufig und unvorbereitet bei den Männern auftauchen sollte, die er befehligte. In der Praxis wirkte sich das als eine Tendenz zum Mikro-Management seiner Untergebenen aus, denen er ständig lästig fiel, statt sie vernünftig arbeiten zu lassen. Cally freilich war darüber froh, weil das zur Folge hatte, dass er am Nachmittag meist ein paar Stunden unterwegs war und sie auf die Weise wenigstens eine Weile ihre Ruhe hatte.

An diesem Nachmittag hatte er einen Besuch im Gefängnis eingeplant und würde deshalb mindestens den halben Nachmittag nicht im Büro sein. Pryce hatte ihn nicht begleitet, er war mit Vorbereitungen für die Geburtstagsparty des Generals beschäftigt, eine der gesellschaftlichen Verpflichtungen, die auch im galaktischen Zeitalter zu den seltsamen, aber echten Realitäten der Militärbürokratie gehörte.

Und wenn ich an Pryce denke, dann hat das Rumbumsen mit Beed immerhin den Vorteil, dass ich damit meine aufgestauten Hormone unter Kontrolle bekomme und nicht in Versuchung gerate, den nächstbesten Mann hinter einen Busch zu zerren … oder, nun ja, meinetwegen hinter eine Topfpflanze. Also, dem Himmel sei Dank, dass einer mich ordentlich durchgefickt hat … oder, na ja, das war vielleicht an der Grenze von Blasphemie … äh … was auch immer. Nach diesem Einsatz werde ich ganz entschieden zu Father O’Reilly gehen und ihn bitten, mir die Beichte abzunehmen. Das … habe ich in letzter Zeit etwas vernachlässigt.

Sie war dabei, die Ausdrucke der vormittäglichen E-Mail abzulegen und sich dabei ein paar künstlerisch kreative Todesarten für Beed auszudenken, als sie ein lautes Krachen hörte und zusammenzuckte. Sie fuhr herum und sah den Lieutenant auf ihrer Schreibtischkante sitzen, während ihr Klammerapparat dicht daneben auf dem Boden lag. Er zuckte verlegen die Achseln.

»Du lieber Gott, Pryce! Sie sollten sich nicht so an mich heranschleichen!« Mit der Hand fuhr sie sich an die Brust. »Sie haben mir eine Todesangst eingejagt.« Wie zum Teufel hat er es nur geschafft, sich so heranzuschleichen? An mich? Niemand schleicht sich an mich heran. Das ist einfach … nicht richtig. Ich fühle mich in Ordnung, da ist nichts, was nicht stimmt … Herrgott, ist der leise! Na ja, bis er über etwas stolpert oder etwas umwirft.

»T-tut mir wirklich Leid, Ma’am. Ich hab bloß mal vorbeigesehen, wie Sie zurechtkommen.« Er grinste schelmisch. »Na ja, und auch, um mal eine kleine Pause beim Verteilen von Schnittchen und den dazugehörigen Vorbereitungen zu machen.«

Sein Blick und sein Grinsen führten dazu, dass sie plötzlich das Gefühl hatte, ihre sämtlichen Knochen wären einfach weggeschmolzen. Sie stand da und starrte ihn ein paar Sekunden lang entgeistert an, ehe sich schließlich ihr Verstand wieder einschaltete und sie zu ihrem Schreibtisch zurückkehrte.

»Ich denke, ich habe mich ganz gut eingelebt.« Sie schob sich das Haar aus dem Gesicht. »Gibt es auf Titan viele Schnittchen-Situationen?«

»Na ja, schon einige.« Er zuckte die Achseln. »Irgendwas brauchen unsere Oberen doch, an dem sie Spaß haben können.«

»Das ist aber eine recht respektlose Einstellung, Pryce.«

»Ja, Ma’am. Unentschuldbar, Ma’am.« Aber seine Augen blitzten dabei, und sie lächelte.

»Ich würde Sie heute Abend zum Essen einladen, wenn wir nicht in derselben Einheit wären.« Seine Augen ließen die ihren nicht los.

»Ich würde die Einladung annehmen, wenn wir nicht in derselben Einheit wären«, sagte sie, erwiderte seinen Blick und sah dann weg, »und wenn ich nicht annehmen würde, dass ich heute Überstunden machen muss.«

Er griff ihr unter das Kinn, zog ihren Kopf sanft zu sich herum und sah ihr in die Augen. Sie hielt seinem Blick einen Augenblick lang stand, auch wenn sie das Gefühl hatte, dass der Augenblick eine Stunde dauerte, vielleicht sogar ein Jahr.

»Okay.« Er nickte, und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er verstand. Sie wusste nicht, wie das sein konnte oder woher er es wusste, aber sie wusste es dennoch.

An diesem Abend lud General Beed sie nicht zu einem Arbeitsessen ein. Er kehrte auch nicht am Nachmittag ins Büro zurück. Stattdessen rief er im Büro an — eine weitere Exzentrizität! Sie hatte ein echtes Telefon auf dem Schreibtisch stehen, wo sie doch einen perfekt funktionsfähigen PDA hatte, den sie stets bei sich trug, wenn sie nicht an ihrem Schreibtisch war! Er forderte sie am Telefon auf, einen Bissen zu Abend zu essen und dann die Urlaubsakte mitzunehmen; danach fragte er sie, ob es ihr recht wäre, wenn er zwischen zwei Besprechungen vorbeikäme, um die Änderungen zu redigieren und zu genehmigen, damit sie das Dokument dann für eine Sitzung am frühen Donnerstag fertig machen und ausdrucken könne. Sie hatte natürlich zugestimmt. Aber sicher, General, Liebster. Du bumst mich, und dann werde vielleicht ich dich bumsen.

Und da saß sie jetzt, bei Super Burgers, mit einem Double-Deluxe-Cheeseburger, Pommes, einem doppelten Erdbeershake und einem Umschlag und genoss die fluoreszierenden GalPlas-Dekoration in Orange und Salzsäuregrün, während sie sich das Essen in den Mund stopfte, ehe sie in ihre Wohnung zurückkehrte, um dort zu versuchen, mit ihrer eigentlichen Aufgabe voranzukommen. Oh, große Freude. Er sieht ja nicht schlecht aus und ist auch im Bett gar nicht so schlecht, wenn er nur ein wenig mehr Feingefühl hätte.

Die schrille Dekoration des Restaurants tat ihre beabsichtigte Wirkung, und sie aß schnell zu Ende, ging, und stopfte beim Hinausgehen die Abfälle durch den Schlitz. Im Transitwagen auf der Fahrt zu ihrem Quartier rief sie die Zimmersteuerung auf ihrem PDA auf und schaltete Beleuchtung, Temperatur und Hintergrundmusik so, dass sie die richtige Stimmung wiedergaben. Entspannt war gut.

Sie war noch nicht lange zu Hause, als er eintraf. Sie hatte in Erwägung gezogen, ihre Fleet-Seide gegen etwas Bequemeres zu vertauschen, das etwas verführerischer war, war dann aber zu dem Entschluss gelangt, dass das nicht zu ihr passte. Und das war auch gut so. Beed war ihr nicht ausgesprochen unsympathisch, und er war immerhin besser, als ganz allein zu sein. Und schließlich wollte sie ja herausfinden, was er wusste. Trotzdem fühlte sie sich wohler, wenn sie sich mit ihm in der gewöhnlichen Uniform ihrer Tarnidentität traf. Ein Negligé wäre da wirklich eine Spur zu persönlich gewesen. Was eigentlich seltsam war, denn normalerweise wäre sie inzwischen so tief in ihre Rolle eingetaucht, dass sie sie bewusst gar nicht mehr als Tarnung empfunden hätte.

Als er durch die Tür trat und sie hinter sich zugleiten ließ, strich sie sich, ganz Sinda, mit einer Hand über das Haar. Das erinnerte sie daran, wer sie war, als sie scheu, aber mit zunehmendem Eifer seinen Kuss erwiderte.

Ein paar Minuten später, als sie sich mit ihm durch einen weiteren Stellungswechsel wälzte, musste sie an sich halten, um nicht laut aufzulachen. Okay, heute ist also Akrobatiknacht. Warum müssen das Männer immer tun? So ist das immer beim ersten oder zweiten Mal, sie ziehen immer die gleichen verdammten fünf Stellungen durch, als wollten sie demonstrieren, wie weltgewandt, gerissen oder gebildet sie sind oder was auch immer. Die Augen leicht geweitet, natürlich habe ich das noch nie zuvor getan. Zurück in die Rolle, muss da mitmachen, ich … würde … das wirklich … nicht gern türken. Mhm … das ist gut … okay … das funktioniert … wir wollen nett und begeistert sein, damit er weiß, dass es funktioniert. »Oh. O Gott, das ist gut! Herrgott … bitte, bitte, bitte, nicht aufhören … ah … äh … ah …« Okay, jetzt … kapiert er’s. Yeah, gut. Okay, jetzt bist du dran, los geht’s, ja, natürlich hast du mir das beigebracht, du bist ein ganz großer Hengst. Klar hast du das. Komm schon, komm schon … so. Gut. So und jetzt ist die Frage: Bist du jetzt genügend entspannt?

»Oh, Bernie, danke. Das war gut.« Sie schmiegte sich an ihn, küsste ihn auf die Brust und strich ihm dann mit den Fingern darüber, während sie sich an seine Schulter kuschelte.

»So habe ich das noch nie erlebt. Ich habe da ein Gefühl von, ich weiß nicht … Autorität vielleicht. Ich weiß nicht, es klingt vielleicht ein bisschen albern und …« Sie ließ die Finger über seine Brust spazieren, »es war einfach herrlich.« Sie drückte ihn an sich, lächelte halb benommen und gab ihm wieder einen Kuss auf die Brust.

»Oh, ich glaube nicht, dass das — wie hast du gesagt? — alltäglich ist.« Er legte die Hand über ihre Brust und spielte mit ihren Nippeln. »Du bist eine sehr einfallsreiche Frau, Sinda. Ich finde das bezaubernd.«

»Du«, sie küsste ihn auf die Brust, wanderte langsam tiefer, »schmeichelst mir.« Sie begann seine Haut zu lecken, ihn zu küssen, genug um ihn abzulenken, aber nicht genug, um ihn atemlos zu machen.

»Man braucht nicht viel Intuition, um zu wissen, dass du ein General bist, General.« Ihre Zunge wanderte im Kreis um die Falte, wo sein Schenkel an der Hüfte ansetzte. Aber ein wenig Schmeichelei ist schon in Ordnung. »Ich mag das. Ist das, ich meine, ist das gut so, wenn ich das tue? Es macht dir doch nichts aus? Sag mir, du weißt schon, ob ich es richtig mache.«

»Genau richtig machst du es, Süße. Lass einfach deiner Fantasie freien Lauf. Nur … äh … nicht die Zähne, ja?«

»Mhm … kein Problem.«

»Hab ich … habe ich das … richtig gemacht?« Das klang unsicher, klang nach nervösem, kleinem Mädchen, als sie sich wieder an ihn kuschelte.

»Und ob«, hauchte er. »Du solltest immer auf deine Intuition vertrauen, ganz besonders im Bett. Weißt du, ich bin nicht bloß irgendein beliebiger General.« Sein Brustkasten weitete sich ein wenig. »Generäle gibt es zu Dutzenden. Ich habe diesen Posten bekommen, weil man mir ein sehr wichtiges Projekt anvertraut hat.« Er schmunzelte, strich ihr übers Haar. »Du bist doch keine Spionin?«, witzelte er. »Und im Übrigen … ich hab dir ja auch gar nichts gesagt. Bloß deine Intuition bestätigt.« Er küsste sie leicht auf die Stirn, ehe er die Beine über den Bettrand schwang.

»Musst du schon gehen?« Sie ließ den Finger an seiner Hüfte entlangwandern. Er griff nach ihrer Hand, hob sie an die Lippen und ließ sie dann wieder sanft heruntersinken.

»Ich fürchte schon. Clarice wird … unangenehm …, wenn ich über Nacht wegbleibe.«

Sie sah ihm scheinbar fasziniert zu, wie er sich anzog, wie er sie küsste, wie er ging. Als die Tür sich hinter ihm zuschob, schaltete sie den Filter neben ihrem Bett ein und zündete sich eine Zigarette an.

»Licht aus.« Sie saß mit dem Rücken an die GalPlas-Wand gelehnt, die als Kopfteil des Bettes diente, die Augen offen ins Leere blickend, während die Glut ihrer Zigarette Schatten auf die Wände warf.

Donnerstag, 6. Juni

Am Donnerstagvormittag kam Pryce in ihr Büro, als der General indisponiert war. Den Jungen sollte der Teufel holen. Man sollte meinen, meine Hormone hätten sich jetzt nach zwei näheren Begegnungen mit dem General in ebenso vielen Tagen einigermaßen beruhigt. Niemand sollte so gut riechen dürfen. Das sollte … ich weiß nicht … verboten sein oder so was.

»Was gibt’s, Pryce?«

»Ich habe bloß ganz kurz Zeit.« Er wandte sich von ihr ab, fuhr sich mit der Hand durchs Haar. So wie Beed auf Äußerlichkeiten versessen war, eigentlich keine gute Idee.

»Sie … investieren doch nicht zu viel, emotionell, ich meine ich, in Überstunden … ich hoffe … verdammt noch mal, Makepeace, Sie sind einfach zu jung, und ich möchte nicht, dass Sie etwas verletzt!«

»Ich bin jung. Pryce? Hey?«

Er wandte sich um, stolperte dabei und wurde rot.

»Okay, freilich, aus meinem Mund klingt das d-d-dämlich, aber … Sie sind einfach nett, Captain, und ich hoffe nur, dass Sie … aufpassen«, sagte er.

»Pryce, keine Sorge. Und ich bin auch nicht auf irgendwelche Gefälligkeiten aus. Hören Sie, abends länger arbeiten ist manchmal gar nicht so schlimm und wo doch … Sie wissen schon, also, Ehen zwischen Verjüngten und nicht Verjüngten gibt es beim Militär eine ganze Menge, nicht wahr? Herrgott, sehen Sie sich nur diesen Berg Arbeit an. Aber es ist schon in Ordnung. Der General ist heute glücklich, und alles das hier«, sie machte eine Handbewegung, die das viele Papier und die Aktenschränke einschloss, »geht viel leichter, wenn er glücklich ist, nicht wahr, Lieutenant?«

»Ja, Ma’am, Captain.« Er griff nach der Akte, die der Grund seines Kommens gewesen war, und blieb an der Tür noch einmal stehen. »Sie haben da wahrscheinlich schon die richtige Einstellung, Ma’am.«

»Pryce?«

»Ist schon okay, Makepeace. Wirklich.« Er hatte jetzt regelrechte Dackelaugen, und das musste ihr genügen.

Es war sechs Uhr abends geworden, sie war gerade dabei, Unterlagen für eine Präsentation zusammenzustellen, und malte sich dabei in Gedanken aus, wie es wohl sein würde, dabei zusehen zu können, wenn Bernhard Beed von riesigen Fleisch fressenden Ameisen zernagt wurde. Riesigen Fleisch fressenden, giftigen Ameisen. Und der General auf dem Eis und an vier Pfählen festgebunden. Nein, nicht Eis, das stumpfte den Schmerz zu sehr ab. Heißer Sand? Nägel. Nägel, ja, das war gut. Dieser widerwärtige, gefühllose, egoistische Mistkerl. Er hatte sie doch tatsächlich den größten Teil des Nachmittags mit überflüssigen Arbeiten rumsitzen lassen und sie dann um zwanzig vor fünf in sein Büro gerufen und ihr die Arbeit für diese alberne Präsentation aufgehalst, die aus geheimnisvollen Gründen besonders sorgfältig vorbereitet werden musste und die er morgen früh um sieben Uhr noch einmal durchgehen wollte. Bloß weil er zur Geburtstagsparty seiner Frau musste und deshalb heute Abend keine Zeit für ein kleines Techtelmechtel hatte, sorgte dieser Mistkerl jetzt dafür, dass sie anderweitig beschäftigt war.

Säure. Konzentrierte Salzsäure auf kleiner Flamme, von den Zehen aufwärts. Dieser Hurensohn. Ihr war gar nicht bewusst geworden, dass sie das laut ausgesprochen hatte, bis sie die vertraute Stimme hinter sich hörte.

»Also, so schlimm kann es doch auch nicht sein«, sagte er.

»Sollten Sie nicht eigentlich Schnittchen verteilen?« Sie drehte sich nicht um. Im Augenblick war ihr überhaupt nicht danach, aufgeheitert zu werden.

»Ja, schon, aber der General hat mich mit diesen drei Seiten hergeschickt. Die sollen zwischen dem Tortendiagramm und der anderen Grafik eingelegt werden, und ich soll ihm zurückmelden, dass alles in Ordnung geht.«

»Dieser widerwärtige Drecksack will mich wohl kontrollieren, wie? Nicht genug, dass ich mit dem Kerl ins Bett gehe, der Hundesohn muss mich auch noch in meiner Freizeit kontrollieren. Ooohhh!«

»Also, Makepeace, ich finde, Sie sollten Ihre Gefühle wirklich nicht so in sich aufstauen«, sagte er.

Sie drehte sich um und erstarrte mitten in der Bewegung, als sie ihm gerade den Stapel Papier ins Gesicht werfen wollte, aber da war etwas an seinem völlig ausdruckslosen Gesicht mit der hochgeschobenen rechten Augenbraue, das sie plötzlich laut herausprusten ließ.

»Okay, okay. Ich habe vielleicht ein bisschen übertrieben.« Sie schüttelte den Kopf, hielt sich die Seiten und atmete tief durch. »Nein, das stimmt wohl auch nicht, aber das hat mir auch nicht geholfen.«

»Hey, Sie dürfen durchaus Dampf ablassen. Solange Sie allein sind. Aber vorher sollten Sie sich vergewissern, dass Sie wirklich allein sind, Ma’am.«

»Wollten Sie etwa nicht sicher sein?«

»Nicht heute Abend. Ich muss jetzt zurück und Schnittchen verteilen. Mir hat bloß nicht gepasst, dass er das so gesehen hat.«

»Ist schon okay, Pryce«, meinte sie und sah ihn mit großen Kulleraugen an, als er zur Tür hinausging. »Ich glaube nicht, dass Sie ungefährlich sind.«

Für Beed war das Angenehme an diesem Abend, dass sie beschäftigt und nicht in Sichtweite seiner Frau war. Für sie war angenehm, dass sie, sobald sie mit dem Kopieren und Zusammentragen fertig war, seit Pryce gegangen war, die einzige Person im Büro war und daher einen perfekten Grund dafür hatte, hier zu sein. Das erlaubte ihr, völlig ungestört den gesamten CID Bereich zu durchsuchen, wobei sie auf drei Würfel mit diversen Daten stieß, die möglicherweise mit ihrem Auftrag zu tun hatten. In diesem Punkt fing Cally allmählich an, etwas nervös zu werden. Okay, sie hatte ja nicht gerade mit einem großen Neonschild gerechnet, auf dem ständig »Zugang zu den geheimen Akten« blinkte, aber abgesehen von dem Wenigen, das ihr der General im Bett anvertraut hatte, war sie bis jetzt nicht auf undichte Stellen gestoßen. Die drei Agenten, von denen sie vermutet hatten, dass sie in die Operation verwickelt waren, waren offenbar alle drei ausschließlich mit regulären CID-Ermittlungen beschäftigt.

Das einzig Interessante, was sie bis jetzt gefunden hatte, war ein Plan im Datenspeicher von Corporal Anders, der die Bereiche in diesem Stockwerk aufzeigte, die zum Hauptquartier der 3rd gehörten. Meist handelte es sich um Räumlichkeiten, zu denen sie Generalzugang hatte. Bei einigen war dies freilich nicht der Fall. Wenn man bedachte, dass das beste Versteck meist das offenkundigste war, musste sie natürlich alles durchsuchen. Mühsam, aber nicht zu vermeiden. Die Zusammenstellung der Präsentationsunterlagen lieferte ihr einen Vorwand, einen als Lagerraum gekennzeichneten Bereich ein Stück weiter unten am Flur aufzusuchen. Sie konnte immer behaupten, sie würde dort nach einer Schachtel mit geheimnisvollen Gegenständen suchen, die man als »Büroklammern« bezeichnete.

Als sie sich genügend staubig gemacht und eine Anzahl Schachteln mit Sicherungswürfeln, einer alten Kaffeemaschine, Uniformstapeln und Uniformteilen, drei nagelneuen PDAs, ein paar Gummiknüppeln, Papiervorräten und kurioserweise eine uralt aussehende Schachtel mit silbernen Partyhüten für Kinder durchsucht hatte, fing ihr Magen heftig zu knurren an. Die Sicherungswürfel, mit Ausnahme der jüngsten, sahen so aus, als befänden sie sich schon seit ziemlich langer Zeit an ihrem augenblicklichen Ort. Sie würde nur dann ihre Zeit damit vergeuden, sie auszulesen, wenn sie sonst gar nichts fand.

Mit der Zeit wurde es lästig, jede Mahlzeit im Lokal einzunehmen. Also kaufte sie sich zunächst in einem Café neben einer Transithaltestelle am Korridor eine Portion Hühnchensalat und eine Schale Gazpacho und fand nur wenig später einen Asienladen, wo sie einen ganzen Sack voll selbst erhitzender Fertigmahlzeiten kaufte. Hühnchen auf Zitronengras, Schweinefleisch Mu Shu, General Tsu’s süß-saure Suppe, Frühlingsrollen, Ente mit Pflaumensoße, Kaliforniarolle mit Sashimi … köstlich.

Diese Packungen waren großartig. Die Heizeinheit befand sich im unteren Teil der Packung, man musste bloß an einem Streifen ziehen, worauf sich die Chemikalien vermischten und die Hitze durch das jeweilige Gericht aufstieg. Nun gut, für einige Spezialitäten wie etwa Frühlingsrollen steckte das Essen auf leitenden Metallzahnstochern, die im Boden der Packung verankert waren. Köstlich. Und man brauchte die Wohnung nicht zu verlassen, um sie zu holen. So wie die Dinge standen, würde sie vermutlich nach wie vor die meisten Mahlzeiten in Lokalen einnehmen. Aber wenigstens hatte sie jetzt auch andere Möglichkeiten. Mikrowelle ging schneller, aber die selbst erhitzenden Sachen schmeckten besser. Schön, das war natürlich Geschmackssache. Und ob man lieber leere Packungen wegwarf oder einmal die Woche die Mikrowelle sauber machte, spielte da auch mit. Cally war wirklich nicht besonders scharf auf Hausarbeit.

Donnerstag, 6. Juni

Stewart forderte sein AID auf, das Hologramm abzuschalten, lehnte sich zurück und rieb sich die Augen. Das Problem bei derartigen Ermittlungen war, dass man wirklich niemanden von der Liste streichen konnte, solange man nicht fündig geworden war. Manche waren einfach nur wahrscheinlicher als andere.

Bedächtig drehte er den Kugelschreiber zwischen den Fingern während er überlegte, eine Angewohnheit, die er sich in seiner ersten Stabsposition zugelegt hatte, lange bevor man das Papier als Medium der militärischen Bürokratie abgeschafft hatte. Er starrte ohne richtig hinzusehen auf das gerahmte Plakat, das er sich ausgedruckt hatte, um damit das fade Hellgrün der Bürowände etwas aufzulockern. Die Agenten hatten den Druck verständnisvoll gemustert, als er ihn aufgehängt hatte, und sich wahrscheinlich gedacht, dass er sich deshalb für Papier anstelle eines ein Fenster simulierenden Bildschirms entschieden hatte, um damit dem Chef in den Hintern zu kriechen.

Tatsächlich handelte es sich aber um den Nachdruck eines Plakats, das in seiner Kindheit eine Wand in der Wohnung seiner Tante Rosita geziert hatte. Mit Ausnahme von Beed waren alle anderen zu jung, um sich an Malibu Beach aus der Vorkriegszeit erinnern zu können. Und Beed stammte aus dem falschen Landesteil. Was er besonders an Sinda schätzte, war die Art und Weise, wie sie sein Plakat betrachtet hatte: ein wenig wehmütig. Er hatte dabei den Eindruck gewonnen, dass sie tatsächlich kapierte. Obwohl es so viele Dinge gab, über die er einfach nicht mit ihr reden konnte, brachte sie es doch irgendwie fertig, ihm das Gefühl zu vermitteln … verstanden zu werden.

Und das erklärte vielleicht, weshalb ihm diese dumme Blondine einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte und er jetzt hier saß und grübelte statt zu arbeiten.

»Diana, schalte meinen Monitor wieder ein und gib mir eine Tastatur und einen Peilpunkt.« Im gleichen Augenblick erschien auf seinem Schreibtisch eine Tastatur. Der rote Kreis war rechts von der Tastatur projiziert, und die beiden Knöpfe darunter erfüllten die Funktion einer altmodischen Maus. Da er vor dem Krieg gelernt hatte, Maschine zu schreiben, konnte er auf die Weise viel schneller arbeiten. Glücklicherweise beherrschten moderne PDAs fast alles, mit Ausnahme echter KI, er brauchte sich also keine Sorgen zu machen, dass Beed dahinter kam, dass hier ein echtes AID im Einsatz war und wie viel von seiner täglichen Tätigkeit aufzeichnet wurde. Ein Adjutant stand schließlich ganz logischerweise oft neben seinem General.

Als Teil ihres Einsatzes hatten sie häufige Versetzungen in sein Büro eingeplant, häufiger, als es normalerweise der Fall gewesen war. Die Tarnung dafür bestand darin, dass sich ein neuer Vorgesetzter naturgemäß möglichst viele seiner Leute selbst aussuchen wollte. Sie hatten es geschafft, elf von den siebzehn unmittelbaren Untergebenen im Hauptquartier und bei CID zu ersetzen. Von den jetzt dreizehn Mitarbeitern mit nachgewiesener Verbindung zu den Humanisten hatten neun sowohl diese Verbindung und waren neu.

Makepeace stand natürlich auf der Liste, aber das galt für die Hälfte des Personals, wenn er sich selbst und Beed abzog. Franks stand logischerweise ganz oben auf der Liste der Verdächtigen. Stewart hatte in über sechzig Lebensjahren gelernt, dass der offensichtlich Verdächtige im Gegensatz zu Filmen oder Holos sehr häufig auch tatsächlich der Schuldige war. Trotzdem hatte die feindliche Organisation bereits eines bewiesen: Man konnte nicht darauf bauen, dass sie einem den Gefallen tat, offenkundige Dummheiten zu begehen.

Das lief darauf hinaus, dass er fünfzehn Leute auf Verhaltensmuster, elf genau und neun sehr genau beobachten musste.

Franks hatte mehrere Kommunikationsverbindungen mit der Erde von seinem Quartier aus aufzuweisen, eine davon mit einem bekannten Aktivisten der Humanistenbewegung, der zugleich der Schwager seiner Frau war, eine andere mit einem Freund der Familie, der sich zwar nicht mit humanistischen Sympathiebezeigungen hervorgetan hatte, bei dem sich aber bei genauerer Untersuchung herausgestellt hatte, dass er eine ganze Anzahl Freunde und Bekannte in einschlägigen Kreisen hatte. Die Anrufe waren mit einem relativ leistungsfähigen öffentlichen Zerhackersystem verschlüsselt worden, das irgendein anonymer Schlaumeier herausgegeben hatte. Die Behörden waren verärgert gewesen, und Stewart sollte das vielleicht auch sein, konnte aber nicht verhehlen, dass er eigentlich recht froh darüber war. Er schrieb das seiner wilden Jugend auf der anderen Seite des Gesetzes zu. Einer Jugend, die, wenn man es genau überlegte, doch rechten Spaß gemacht hatte.

Anders hatte in der ersten Woche jede Nacht einen Boyfriend zu Hause angerufen, aber später waren die Anrufe dann weniger geworden. Offenbar war die Distanz doch zu groß, und die Liebe begann zu erkalten.

Makepeace hatte auf zwei lange Briefe ihrer Mutter per E-Mail geantwortet, sich aber in ihrem Schreiben auf Belanglosigkeiten wie die Beschreibung von Arbeitskollegen, Restaurants und Läden am Korridor beschränkt.

Sanchez hatte eine Bestellung für Zigarren, Bourbon und Tabasco-Soße an eine Versandfirma geschickt. Ansonsten verhielt er sich insofern recht typisch, als Fleet Strike mit der Zeit so etwas wie eine Familie für ihn wurde, je mehr sein Alter und die allgemeinen Vorurteile gegen Runderneuerte ihn von früheren Bekanntschaften absonderten.

Keally hielt Kontakt zu seiner Frau und seiner Tochter, die ihn nicht zum Stützpunkt begleitet hatten, hatte aber offenbar keinerlei Kontakte zu seinem besten Freund von der High School, der in North Topeka an der First Methodist Sunday School unterrichtete und sich sehr dezidiert gegen die differenzierte Verjüngung eines Ehepartners ausgesprochen hatte.

Bei den anderen war es mehr oder weniger ähnlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass Franks sein Mann war, war recht groß. Das einzige Problem war, dass bis jetzt alles auf Indizien beruhte. Irgendwelche konkreten Tätigkeiten hatte es nicht gegeben. Und das bedeutete, dass er sich täuschen konnte. Und das wiederum erforderte, ganz gleich wie man es auch sah, dass er sich weiter mit dem Privatleben von vierzehn unschuldigen Leuten befasste.

»Alles abschalten, Diana. Zeit für eine Ladung Tacos.« Tacos. Mhm. Manchmal hatte er das Gefühl und wusste zugleich, dass es mehr als das war, dass ein ganzes Leben vergangen war, seit er sich in seinem Bemühen, die Entbehrungen seiner Kindheit hinter sich zu lassen, völlig anglisiert hatte. Damals hatte er es für notwendig gehalten. Rückblickend wusste er jetzt, dass das nicht der Fall gewesen war. Oh, hie und da hatte es ihm die Vorurteile mancher Leute erspart, aber was ihn wirklich umgedreht hatte, waren der gute Einfluss und das Beispiel von Gunny Pappas und Mike O’Neal gewesen. Sie hatten ihm den Traum von Demokratie und Freiheit vermittelt, manchmal ohne auch nur ein Wort zu sagen. Gute Männer am Ende eines guten Zeitalters. Wie schade, dass der Traum gestorben war. Er wusste nicht, wie es dazu gekommen war. Vielleicht als der Präsident das Capitol per Dekret nach Chicago verlegt hatte. Der Vorwand, die Verfassung nicht zu ändern, war der nationale Notstand gewesen, und die Zahl von Bundesstaaten, die der Feind überrannt hatte. Vielleicht hatte es damit angefangen, als die Kandidaten für öffentliche Ämter und die Überreste der politischen Parteien angefangen hatten, anonyme Spenden in FedCreds anzunehmen und niemand etwas dagegen unternommen hatte. Vielleicht auch damit, dass sie die Bewohner der SubUrbs dazu gebracht hatten, durch Unterschrift auf gewisse Rechte zu verzichten und sich damit ihr Wohnrecht zu sichern. Vielleicht, als man die Büros der Toledo Blade angezündet hatte. Nein, der Schaden war schon vorher angerichtet worden. Das war nur der offensichtlichste Nagel im Sarg dieses Traums. Statt einer echten Ermittlung hatte man nur ein wenig daran herumgestochert, und dann waren die restlichen Zeitungen auf die Linie der Regierung umgeschwenkt. Nicht, dass er es ihnen eigentlich hätte verübeln können. Er hatte die Bilder des Redaktionsstabs gesehen, Bilder, die die Gerichtsmediziner geliefert hatten.

Er ging um seinen Schreibtisch herum und legte fast liebkosend die Hand auf das kalte Glas mit dem papierenen Strand darunter. Ein schöner Traum war das gewesen. Er seufzte. Auf ins La Colima.

13

Donnerstag, 13. Juni

Eine Woche später — sie hatte inzwischen dreimal mit dem General geschlafen, aber keine weiteren brauchbaren Informationen erhalten, und die Umgebung seines Büros gründlich, aber ohne Erfolg durchsucht — konnte Cally sich nicht länger der Erkenntnis verschließen, dass es Zeit für Plan B war. Die Bereiche, zu denen sie keinen Zugang hatte, verfügten über wirksame Sicherheitsvorkehrungen, die auch ihrem von Tommy beschafften Spezialgerät widerstanden hatten, als sie einmal das Glück gehabt hatte, außer Sichtweite eines Militärpolizisten an dem Schloss hantieren zu können.

Allerdings hatte sie es geschafft, die Akte mit den Zugangsberechtigungen auf einen Würfel zu kopieren, und nachdem sie den an Tommy weitergeleitet hatte, hatte ihr der die interessante Information geliefert, dass zwar sie zu diesen Räumen keine Zugangsbefugnis hatte, wohl aber der Adjutant des Generals, Pryce. Und das führte dazu, dass sie beim Sortieren der morgendlichen E-Mail-Ausdrucke für Beed über die ihr gar nicht so unsympathische Alternative nachdachte, Plan B in die Tat umzusetzen. Ganz und gar nicht unsympathisch.

Sich an Pryce heranzumachen würde freilich durch Beeds widerwärtige, ständige Kontrollen erschwert werden, eine Angewohnheit, die sich in den letzten Tagen bei ihm eher noch verstärkt hatte. Trotzdem würde ihr dabei auch einiges zustatten kommen. Zuallererst die Tatsache, dass der General offenbar nichts dagegen einzuwenden hatte, wenn sein Adjutant mit ihr Kontakt hatte, wohingegen er bezüglich anderer Männer geradezu eifersüchtig darüber wachte, sie nicht mit ihnen allein zu lassen. Ob dies nun Pryces niedrigem Rang zuzuschreiben war oder der Tatsache, dass seine schreckliche Tollpatschigkeit und sein Stottern sich in Anwesenheit des Generals eher noch verstärkten, jedenfalls schien Beed ihm gegenüber so etwas wie einen blinden Fleck zu haben. Und sie war natürlich fest entschlossen, durch ihr Verhalten in der Öffentlichkeit diese Tendenz noch zu fördern.

»Guten Morgen, Sir« begrüßte sie ihn vergnügt, als sie in sein Büro tänzelte, den Stapel Ausdrucke in seinen Eingangskorb legte und dafür einen etwa vier Zentimeter dicken Papierstapel aus dem Ausgangskorb nahm.

»Kommen Sie einen Moment her, Sinda, ich muss Ihnen da etwas zeigen.« Er winkte sie auf seine Seite des Schreibtischs und nutzte den Korrekturabzug, den er in der Hand hielt, als fadenscheinigen Vorwand, sie nahe genug heranzuholen, um ihre linke Brust zu begrapschen. Sie gaukelte ihm mit einem affektierten Stöhnen Erregung vor.

»Ja, Sir, ich werde mich sofort darum kümmern, Sir.«

»Oh, und eines noch, Sinda«, seufzte er, »wir werden uns leider heute Abend nicht sehen können. Clarice hat eine Einladung zum Abendessen geplant und besteht darauf, dass ich teilnehme.«

»Oh.« Sie sah ihn betrübt an. »Na ja, ich habe einen Würfel mit Filmen, die ich mir ansehen wollte, und ein paar Fertigmahlzeiten, da werde ich mir einfach einen ruhigen Abend machen, Sir.« Für den befriedigten Blick, den ihr das eintrug, hätte sie ihn am liebsten geohrfeigt. Sie nahm nicht an, dass er ihr das angemerkt hatte, wandte sich aber trotzdem ab und nahm den Stapel Papiere mit hinaus. So unpassend wäre das im Übrigen auch gar nicht gewesen, denn wahrscheinlich wäre die echte Sinda auch sauer gewesen.

Später kam Pryce mit einem Notizblock herein und ließ sich auf ihrer Schreibtischkante nieder. Dabei stieß er einen Heftapparat und einen Klammernspender herunter.

»Die hebe ich beim Hinausgehen auf. Hat der General Ihnen etwas von seiner Rede gesagt?«, fragte er.

»Rede?«, wiederholte sie.

»Ja, das Abendessen heute Abend ist ein wenig mehr, als er Ihnen gegenüber vielleicht erwähnt hat. Seine Frau versucht, auf dem Stützpunkt einen Toastmasters-Abend zu organisieren, und hat sich dazu mit der Frau von General Harrison zusammengetan. Ich habe jedenfalls den Entwurf hier. Es wäre nett, wenn Sie mir ein wenig helfen könnten. Vier Augen sehen schließlich mehr als zwei. Ich denke dabei hauptsächlich an Grammatik.«

»Aber gern.« Sie nahm den Block von ihm entgegen. »Das gibt wohl wieder einen heißen Abend für Sie, was?«

»Eigentlich nicht. Wir hatten das Nebenzimmer im Offiziersclub gebucht, aber nach dem Küchenbrand letzte Woche, na ja, die Rauchschäden sind ziemlich schlimm. Also musste ich in letzter Minute im Cherry Blossoms buchen, und dann fehlten uns zwei Plätze, worauf Colonel Lee und ich großzügigerweise das Opfer gebracht haben, auf dieses Vergnügen zu verzichten.« Er grinste verschmitzt. »Sie können sich ja vorstellen, dass ich total am Boden zerstört bin.«

»Das kann man erkennen, Pryce.« Ihre Mundwinkel zuckten leicht, und ihre Augen tanzten. »Also heute Abend keine Schnittchen. Was fangen Sie da bloß mit Ihrer Zeit an, Pryce?«

Seine Augen suchten die ihren — da war er plötzlich wieder, dieser wissende Blick — seine Augen waren wirklich dunkel -, und sie spürte ein Kribbeln im Magen. Sie rutschte auf ihrem Stuhl etwas zur Seite und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, sah, wie sein Blick kurz zu ihrer Brust wanderte und dann wieder zu ihren Augen zurück, fast als hätte er eigentlich gar nicht hinsehen wollen.

»Sind Sie auch ganz sicher, dass Sie das wollen, Captain? Ich bin kein General. Und ganz entschieden nicht General Beed.«

»Äh … wollen?«, stieß sie hervor. War das ich? Na großartig, Cally, du klingst jetzt echt wie ein vollendeter Idiot.

»Ähem. Ich meine, ich weiß nicht, was Sie vorhaben, Pryce, aber bei all dem Papierkrieg hier, ich meine, ich habe allein ein halbes Dutzend Versetzungen zu erledigen. Und wahrscheinlich werde ich allein den ganzen Nachmittag dazu brauchen, um die Soldsache von Simkovitsch hinzubekommen. Ich denke, ich werde heute Abend ziemlich lange zu tun haben.« Sie merkte selbst, dass sie angefangen hatte zu plappern, aber ihr Mund schien wie von selbst auf Hochtouren zu laufen, was durchaus zu Sinda passte, und deshalb tat sie es vermutlich. Sie zuckte bei dem leichten elektrischen Schlag zusammen, der sie durchlief, als seine Hand die ihre berührte.

»W-w-wissen Sie, mir ist plötzlich eingefallen, dass ich auch eine ganze Menge Papierkram zu erledigen habe.«

Als Beed schließlich mit seiner Rede in der Hand das Büro verließ, war Cally mit dem Großteil ihrer Arbeit fertig. Er hatte ihr natürlich in letzter Minute eine ganze Ladung weiterer Aufträge erteilt. Dachte er wenigstens. Das meiste davon hatte sie bereits vorhergeahnt. Üblicherweise wählte er für diese Extraaufträge Arbeiten aus, die ohnehin erledigt werden mussten, wenn auch später, und ließ sich dann Gründe einfallen, weshalb er die Ergebnisse unbedingt gleich morgen früh haben musste. Wenn sie tatsächlich gewartet hätte, bis er ihr den Auftrag erteilt hatte, nämlich um siebzehn Uhr dreißig, hätte sie noch gute drei Stunden zu tun gehabt. So war höchstens noch eine halbe Stunde Arbeit übrig, als er zur Tür hinausstolzierte und die entsprechenden Akten in einer Art künstlerischen Unordnung auf ihren Schreibtisch drapierte. Arschloch.

Um sechs fünfzehn ging sie zum Kopierer und zählte die noch in ihrem Büro befindlichen Mitarbeiter. Anders war so gut wie weg, Carlucci und Sanchez saßen noch an ihren Schreibtischen.

Als sie auf dem Rückweg an Pryces Büro vorbeikam und er kurz zu ihr aufblickte, fragte sie sich, ob er wirklich arbeitete oder ähnlich ihr nur so tat.

Um sechs fünfundvierzig musste sie an sich halten, um nicht Däumchen zu drehen. Sie ging erneut zum Kopierer und stellte befriedigt fest, dass die beiden Agenten endlich das Büro verlassen hatten. Wenigstens hoffte sie das.

»Buckley«, flüsterte sie, »lausche eine Minute und sage mir dann, ob du außer mir und Pryce noch jemanden im Bürobereich hörst.« Sie war ein paar Sekunden ganz leise, atmete auch kaum hörbar.

»Nein, Captain. Die haben sich zu gut versteckt, als dass ich sie hören könnte. Die müssen wirklich gut sein. Vielleicht werden wir schnell sterben.«

»Okay, du darfst jetzt die Klappe halten, Buckley. Und hör auf zu lauschen.« Okay, sie wusste natürlich, dass es bloß ein Computerprogramm war. Trotzdem wollte sie nicht, dass es sie belauschte, während sie mit Pryce zusammen war. Das wäre ihr unheimlich gewesen.

»Aber was ist, wenn ich höre, wie die sich an uns anschleichen?«

»Halt die Klappe und hör auf zu lauschen, Buckley.«

»Geht in Ordnung.«

»Wissen Sie, dass es inzwischen Zusatzprogramme mit Persönlichkeitsüberlagerung gibt, um die deprimierenden Gewohnheiten dieser Standard-Buckleys zu beseitigen?« Pryce war hinter sie getreten, und sie zuckte zusammen, ehe sie sich zu ihm umdrehte.

»Lassen Sie das gefälligst! Sie haben mir Todesangst eingejagt.« Sie hatte sich mit der Hand an die Brust gegriffen und erstarrte einen Augenblick lang. Seine Augen waren groß und dunkel, und plötzlich war ihr klar, was damit gemeint war, wenn es hieß, man könne jemanden in die Seele sehen. Konnte er in die ihre sehen? Und wenn er das konnte, würde er dann bleiben? Ihr wurde bewusst, dass ihr der Mund halb offen stand, und sie klappte ihn zu, fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen und spielte mit einer Haarsträhne.

Dann trat sie ganz bewusst einen Schritt vor und drückte sich mit dem ganzen Körper an ihn. Es war, als würde sie ein unter Strom stehendes Kabel berühren. Als er ihren Mund ungestüm an den seinen heranzog, konnte sie durch ihre Seidenuniform seine heißen Schenkel spüren. Sie waren hart und angespannt, und als sie mit der Wade außen an seinem Bein hochfuhr und sich noch fester an ihn drückte, war sie zum ersten Mal froh darüber, dass Sinda nicht gerade schlank war. Sie spürte seine Rückenmuskeln unter ihren Händen. Sein Mund schmeckte nach Zimt, als ob er gerade Gummi gekaut hätte, und die Knie versagten ihr den Dienst, als seine Zunge, seine Zähne und seine Lippen schließlich den Kommentar abschalteten, der immer noch in ihrem Gehirn ablief, und sie sich alle Mühe gab, sich noch enger an ihn zu schmiegen. Kleider. Im Weg, verdammt. Geduld? Wieso Geduld. Zum Teufel mit Geduld.

Nachher zuckte er zusammen, als er sich von ihr löste, damit sie von dem Schreibtisch herunterkonnte.

»Alles in Ordnung?« Dem Himmel sei Dank, dass da eine Schachtel mit Papiertüchern auf dem Tisch war, na ja, jetzt eben auf dem Boden. Sie schlüpfte wieder in ihren BH und zog sich die Seidenkombination zurecht. Dem Himmel sei Dank für Material, das nicht knitterte, unter keinen Umständen knitterte.

»Wo du mich da gebissen hast, tut es weh.« Er rieb sich an rotes Mal an der Schulter.

»Tut mir Leid.«

»Hey, nicht, dass ich es nicht bemerkt hätte. Ich meine, natürlich habe ich es bemerkt, aber es war nicht … es hat nicht … war schon in Ordnung. Herrgott, was rede ich da? Sinda, danke, du hast mich … richtig fertig gemacht. Wow.«

»Mhm. Du auch. Wow ist genau richtig. Einverstanden, wenn ich jetzt gar nicht versuche nachzudenken oder so? Herrgott, hat das gut getan.« Sie musste die Hand loslassen, an die sie sich geklammert hatte, damit auch er seine Uniform in Ordnung bringen konnte, aber er gab sie ihr gleich wieder zurück.

Dann musste sie ihn ein paar Minuten loslassen, als sie den Stapel Papier und anderen Bürokram, der auf dem Boden gelandet war, aufheben mussten, aber als er sich bückte, um einen Klammernentferner aufzuheben, nutzte sie die Gelegenheit, ihn in den Hintern zu kneifen. Das war … nett. Gewöhnlich war ihr nach dem Sex gar nicht so nach Kuscheln zumute. Irgendwie war das cool. Als sie dann beide wieder standen, schlang sie von hinten die Arme um ihn und rieb sich an ihm wie eine Katze. Herrgott, er riecht so gut. So … männlich … o Gott, ich muss weg von ihm. Sonst bin ich bloß enttäuscht. Das wird schon eine Weile dauern, bis er wieder kann.

»Wie ist’s, möchtest du etwas essen?« Sie löste sich von ihm, obwohl es sie Mühe kostete.

»Ich habe heute Nachmittag ein paar Fertiggerichte reingeschmuggelt, solche zum Aufheizen. Draußen darf man uns ja wirklich nicht sehen«, sagte er, Nachsicht heischend, und sah sie an, als wüsste er, wie aufgeputscht sie immer noch war. »Aber das hat auch seine Vorteile. Sobald wir ein wenig gegessen haben und wieder zu Kräften gekommen sind, sind wir immer noch allein.«

Seine Augen waren so tief, dass sie das Gefühl hatte, sie müsse gleich dort, wo sie gerade stand, zu einer Pfütze schmelzen.

»Komm, ich habe die Sachen in meinem Büro«, sagte er.

Sie zog ihren Stuhl heran, während er die Schachteln aus seinem Schreibtisch holte und an den Tabs zog.

»Weißt du, wir müssen die Schachteln dann wieder hinausschmuggeln. Beed ist argwöhnisch und eifersüchtig und tut so, als wäre ich sein Eigentum …« Sie verstummte, als er ihr den Finger auf die Lippen legte.

»Wir werden uns den Abend nicht von dem Ekel verpatzen lassen. Also, möchtest du süß-saure Shrimps oder Cashew-Hühnchen?«

»Mmm, ich liebe Seafood. Kann ich die Shrimps haben?« Sie leckte sich über die Lippen.

»Aber sicher.« Er reichte ihr eine der Packungen. Es dauerte noch ein paar Minuten, bis sie sie öffnen konnte. »Das muss aber hart für dich gewesen sein, als Kind. Ich meine, ein Mädchen von einer Farm in Wisconsin, das gern Meeresfrüchte isst.«

»Eigentlich nicht. Wenn man etwas nicht kriegt, kriegt man es eben nicht. Wir hatten mehr als die meisten Leute. Immer noch besser, als in irgendeiner Urb ohne Sonne aufzuwachsen.« Sie fuhr sich mit der Hand an den Mund. »Oh, du meine Güte, du bist in einer SubUrb aufgewachsen, oder nicht, Pryce?«

»Yeah. Wir hatten nicht viel, aber ich hab’s überstanden.« Sein Mund spannte sich unwillkürlich.

»Ich? Nicht wir?«, fragte sie.

»Na ja, meine Mom war meistens nicht da. Sagen wir mal, ich bin mithilfe meiner Freunde durchgekommen.« Das klang nach schmerzlichen Erinnerungen.

»Oh, warst du lange in einer Krippe?« Klingt gar nicht nach einer angenehmen Kindheit.

»So was Ähnliches. Sagen wir einfach, dass wir meistens selbst auf uns aufpassen mussten«, meinte er.

»Das klingt so, als hättest du schon früh auf eigenen Beinen gestanden.« Da haben wir etwas gemeinsam.

»Ja, irgendwie schon. Ich habe früh gelernt, mir die richtigen Freunde auszusuchen und ihnen zu vertrauen. Und auch wie man mit Leuten umgeht, denen ich überhaupt nicht vertrauen konnte. Und du? Konntest du mit anderen Kindern spielen oder warst du viel allein oder was?« Er nahm ihre Hand.

»Da waren nicht viele andere Kinder. Ich bin hauptsächlich mit meinem Daddy aufgewachsen. Er war mein bester Freund.« Na ja, eben Grandpa. Nach der ersten Landung hätte er ebenso gut mein Dad sein können.

»Frische Luft. Sonne. Das klingt … gesund. Ich bin nicht sehr gesund aufgewachsen«, sagte er.

»Nicht so viel, wie du vielleicht denkst. Daddy war ein ehemaliger Soldat. Wie die meisten Leute, denke ich. Aber ich würde das nicht gesund nennen, eher … ich weiß auch nicht … praktisch?« Wie erklärt man das, ohne etwas zu sagen. Das ist die Frage.

»Darum beneide ich dich. Ich meine, dass du einen Erwachsenen hattest, an den du dich halten konntest. Ich musste mir das meiste selbst zurechtreimen oder es einfach ausprobieren.« Er klappte seine Schachtel auf, und der würzig süße Duft der Cashewnüsse zog durch den Raum.

»Ich beneide dich, dass du gleichaltrige Freunde gehabt hast. Die Farm war da etwas einsam. In mancher Hinsicht konnte ich gar nicht richtig Kind sein.« Jedenfalls nicht über mein achtes Lebensjahr hinaus.

»Da haben wir etwas gemeinsam. Wir waren Kinder, aber doch nicht richtig, weißt du?« Er sah wieder mit diesem ganz speziellen Blick in ihre Seele.

»Ja, ich weiß. Mann, das ist aber ein ernstes Gespräch.« Sie klappte den Deckel von ihren Shrimps auf und atmete den Dampf ein, der der Packung entwich. »Das riecht lecker.«

»Willst du Reis? Ich habe nur gedünsteten Reis mitgebracht. Ich mag gebratenen Reis in solchen Wärmepackungen nicht. Was da an den Eiern dran ist, schmeckt immer wie Gummi.« Er hielt ihr eine Schachtel hin.

»Das ist eine gute Wahl. Gedämpft schmeckt er viel besser. Danke. Das riecht auch gut.« Sie wies auf die Schachtel, die er gerade geöffnet hatte.

»Willst du einen Happen? Tauschen wir?« Er spießte ein Stück Hühnchen auf die Gabel und hielt es ihr hin, hielt die offene Hand darunter, für den Fall, dass Sauce heruntertropfte. Seine Hand fühlte sich warm an ihrem Kinn an, als sie kostete.

Während sie dann zusah, wie er ein Stück Shrimp von ihrer Gabel nahm, musste sie natürlich wieder auf seinen Mund sehen. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie ihn angestarrt hatte, bis er ihr schließlich die Gabel zurückreichte. Sie wusste bloß, dass der zweite Bissen wesentlich kühler als der erste war. Aber eigentlich war sie gar nicht so hungrig. Sie hatte höchstens die Hälfte von ihrer Portion gegessen, als sie die Schachtel wegschob. Irgendwann während des Essens hatte sie ihren Sessel näher an den seinen gerollt, aber sie konnte die Wärme spüren, die von seinem Schenkel ausstrahlte, ganz nahe, und doch nicht nahe genug.

Offenbar dachte er dasselbe, denn kaum dass er mit seinem Essen fertig war, ebenfalls nur der Hälfte, spürte sie, wie er sie plötzlich auf seinen Schoß zog, eine Hand um ihre Brust gelegt. Viel zu weit unten, wie sie fand. Sie drehte sich etwas zur Seite und spürte, wie seine Finger über ihre Brustwarzen strichen. Dabei verlagerten sich auch ihre Hüften, und das veranlasste ihn dazu, seine Sitzposition zu verändern, und sie spürte seine Erektion am Bein und hielt es plötzlich nicht mehr aus. Wie kann er nur auf den Beinen so tollpatschig sein und so … ach, zum Teufel, wen interessiert das eigentlich!

Dann konnte sie erst wieder bewusst denken, als er gekommen war und sie merkte, dass sie auf dem Boden über ihm zusammengesunken war und einen leichten Wadenkrampf verspürte. Sie wusste nicht, wie viele Orgasmen sie durchzuckt hatten, während ihr Gehirn auf Standby geschaltet hatte. Sie wusste nur, als sie sich von ihm löste, sich seitlich wegschob, dass ihre Muskeln zu Wasser geworden waren. Erschöpft ließ sie den Kopf auf seiner Schulter ruhen, und der völlig entspannte Zustand seiner Muskeln bildete einen scharfen Kontrast zu der Spannung, unter der sie noch vor Minuten gestanden hatten. Sie fuhr mit dem Zeigefinger durch die Haare auf seiner Brust, leckte sich den dünnen Schweiß von der Fingerspitze. Es schmeckte salzig und irgendwie undefinierbar, unbeschreiblich, nur dass sie wusste, dass sie danach süchtig sein würde. Aber … erst … viel später … nachdem sie sich ein wenig ausgeruht hatte. Oder vielleicht auch lange ausgeruht.

Erstaunlicherweise stellte sich heraus, dass Fleet-Seide doch knittern konnte.

Freitag, 14. Juni

Am Freitag fiel ihr aus nahe liegenden Gründen das Aufstehen immer am leichtesten. In ihrem Fall kam noch hinzu, dass Beed das ganze Wochenende über nicht von seiner Frau loskommen würde. So schritt sie besonders munter aus, als sie auf dem Weg zur Arbeit einen kleinen Umweg zu Claybourne’s Coffee machte, spürte allerdings noch an einigen recht ungewöhnlichen Stellen einen leichten Muskelkater.

Zu den interessanten Vorzügen des Lebens auf dem Stützpunkt zählte, dass man hier wirklich hervorragende Arbeit geleistet hatte, als es darum ging, die Beleuchtung dem menschlichen Tagesrhythmus anzupassen. Die ständig gleiche Beleuchtung war eines der Konstruktionsprobleme der frühen SubUrbs gewesen, dem man eine Menge der psychologischen Probleme zuschrieb, die während und nach dem Postie-Krieg aufgetreten waren. In den besseren Vierteln der meisten Urbs hatte man inzwischen nachträglich justierbare Leuchtfarbe angebracht und die auf optimale Tageszyklen programmiert. Auf Titan war das nur in geringem Maße notwendig geworden, da man von Anfang an gewusst hatte, dass ein künstlicher Tagesrhythmus gebraucht wurde. Das war zumindest die Erklärung gewesen. Aber was auch immer der Grund sein mochte, es war jedenfalls interessant, den Korridor bei Tageslicht zu erleben und zugleich zu wissen, dass diese Beleuchtung nicht etwa natürliches Sonnenlicht war, das nur irgendwelche Deckenfenster diffus gemacht hatten. Die Imitation war wirklich hervorragend gelungen, die Pflanzen jedenfalls gediehen dabei ganz vorzüglich. Auf diesem Stockwerk hatte man das GalPlas so strukturiert, dass man den Eindruck von altem Ziegelpflaster hatte, und das helle Rosa der Steine bildete einen angenehmen Kontrast mit den Terrakotta Pflanzkübeln. Bienen summten um die Blumen, die in diversen Hängekörben in Blüte standen, und die unechten Neonschilder der vorzugsweise nachts geöffneten Geschäfte waren dunkel. Alles hier sah bei Tag so völlig anders aus, dass in ihr dabei fast so etwas wie Heimweh angekommen, wäre, wenn da nicht der fremdartige Chemikaliengeruch und die trockene Luft gewesen wären, die sich so deutlich von der feuchten Salzluft von Charleston unterschied.

Sie ließ sich davon nichts anmerken, aber ihr Gefühl, sich in einer Tarnidentität zu bewegen, bekam doch einen leichten Schock, als sie an der Schaufensterpuppe in dem Kleiderladen nebenan ein rotes Halstuch entdeckte. Wie spät auch immer es heute Abend werden mochte, sie würde sich unbedingt die Zeit nehmen müssen, um sich mit Grandpa zu treffen. Dabei hatte sie ihm, abgesehen von all dem, was nicht geklappt hatte, kaum etwas mitzuteilen — außer halt der Bestätigung dafür, dass Beed an einem zusätzlichen Projekt arbeitete, was wahrscheinlich ihre »undichte Stelle« war. Vielleicht hat Grandpa etwas zum Thema Tongs zu bieten.

Nachdem sie einen Latte Macchiato zu sich genommen und sich eine Tüte Kirschen gekauft hatte, saß sie im Transitwagen nach oben ins Büro. Aus irgendeinem Grund schmeckten die Kirschen und Pflaumen auf Basis Titan wesentlich besser als das sonstige Obst und Gemüse, das die Hydroponik hier erzeugte — wahrscheinlich weil die Hydroponikfarm sich in der untersten Etage des Flottenquadranten befand. Nachdem sie zum ersten Mal mit auf dem Stützpunkt erzeugten Kaffee Bekanntschaft gemacht hatte, hatte sie den Bürokaffee nur mehr in Fällen ausgeprägten Koffeinentzugs zu sich genommen. Einmal hatte sie sich sogar bei Carlucci danach erkundigt. Aber offenbar war es so, wie Beed gesagt hatte — man gewöhnte sich daran. Alle, die länger hier waren, schienen den Unterschied überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. Sie würde vermutlich auch anfangen müssen, das scheußliche Zeug zu trinken. Sinda Makepeace würde den Akklimatisierungsprozess hinter sich bringen, schließlich war es nicht gut für ihre Tarnung, wenn sie weiterhin darauf bestand, teuren importierten Erdkaffee zu trinken. Unprofessionell.

Im Büro schenkte sie sich aus der Kaffeemaschine im Kopierraum eine Tasse ein und musste ein leichtes Grinsen unterdrücken, als sie am Arbeitstisch vorbeikam, auf dem gewöhnlich die Kopien zusammengetragen wurden. Sie verzog das Gesicht, als sie die übel riechende Flüssigkeit im Becher sah, tat aber dennoch Zucker und Milchpulver hinein und machte sich dabei klar, dass sie schließlich um der guten Sache willen schon viel schlimmere Dinge getan hatte.

Pryce hatte seine Sache besser gemacht, als sie das angenommen hatte, und sich ganz normal verhalten, als er Guten Morgen gesagt hatte. Gestern Nacht vor dem Einschlafen hatte sie die Sorge geplagt, er könnte sich als schlechter Lügner erweisen. Aber er war okay. Vielleicht ergab sich sogar eine Gelegenheit, an diesem Wochenende mit ihm zusammenzukommen. Sie grübelte jetzt schon ein paar Tage an einem Plan, und die Chemie zwischen ihnen beiden war gut genug, dass er vielleicht sogar funktionieren könnte. Wenn sie ein wenig auf seinen Wunsch nach Abwechslung einging und in ihm den Eindruck erweckte, dass verschiedene Stellen im Büro besonders gut für Sex wären, konnte sie ihn vielleicht dazu bewegen, ihr Zugang zu Bereichen zu verschaffen, die ihr normalerweise versperrt waren oder sie konnte ihm einfach den Ausweis stibitzen.

Sie sah sich auf ihrem PDA den morgendlichen Posteingang an und versuchte dabei, den wirklich grauenhaften Kaffee Schluck für Schluck hinunterzuzwingen, beschloss aber schließlich, ihn doch wegzukippen, wenn niemand hersah. Zum Teufel, jetzt sah gerade niemand her, und wenn die Brühe richtig heiß war, schmeckte sie vielleicht nicht ganz so scheußlich. Gleich darauf musterte sie den leeren Becher zufrieden und versuchte bei dem etwas sauren Nachgeschmack nicht die Nase zu rümpfen.

Der Bericht über Belobigungen war vom ersten Bataillon auf Dar Ent reingekommen. Verdammt, ich wüsste gerne, wem Simkowitsch wohl in die Suppe gepinkelt hat? Akten verloren, dass ich nicht lache.

»Buckley, komplette Kopie der Simkowitsch-201-Akte an Personal schicken, Kopie davon an Zahlstelle mit kompletter Kopie seiner sämtlichen Zahlungsunterlagen. Kodieren, dass es von General Beed kommt. Gib an, der General hat den dringenden Wunsch, dass diese Angelegenheit heute spätestens um sechzehnhundert erledigt ist. Falls das nicht möglich sein sollte, sollen die bitte sofort antworten und detailliert die Gründe für die Verzögerung und die dafür verantwortlichen Personen nennen. Kopie von dem ganzen Schlamassel an das AID von General Franklin. Und dann schickst du dem AID Lisa noch ein privates Memo dazu und erklärst ihr, dass sie nach eigenem Ermessen entscheiden soll, ob sie es ihrem Boss zeigen möchte, falls der Name denen nicht endlich Feuer unter dem Hintern macht. Vier Monate Verzögerung, nicht zu glauben.«

Als sie ein paar Augenblicke später über den Flur ging, um sich die morgendlichen Ausdrucke von Beed zu holen, kam ihr Pryce entgegen, der gerade von irgendwo in sein Büro zurückkehrte. Sie blieb nicht stehen, ging aber so dicht an ihm vorbei, dass ihre Brust seinen Arm streifte. Als sie dann den Weg den Flur hinunter fortsetzte, um die dämlichen Papiere zu holen, war ihr Schritt beschwingt. Plötzlich hätte sie am liebsten vor sich hingepfiffen.

Stewart betrat sein Büro und hätte am liebsten gleichzeitig geflucht und gegrinst. Im Übrigen musste er einen Augenblick lang bewusst an etwas anderes denken, um seine Seidenkombination wieder präsentabel zu machen. Bedauerlicherweise sah es so aus, als ob Sinda sich nicht zu einer besonders guten Lügnerin entwickeln würde. Das war unvorsichtig. Aber eigentlich kein Wunder. Sie war eben doch ein Dummchen. Nicht dass sie das nicht auf ihre Art ausgeglichen hätte. Sie war nett, setzte sich für ihre Arbeit ein — und dann schüttelte er den Kopf, als ihm bewusst wurde, dass er jetzt schon eine ganze Weile denselben Punkt an der Wand angestarrt hatte. Tatsache war, dass sie ein Dummchen war. Aber ein sehr nettes. Und er sollte jetzt wirklich über die einzelnen Stufen nachdenken, die es brauchte, um einen Soldaten mit einem neuen GKA-Anzug auszustatten. Das lag lange genug zurück, dass man sich wirklich auf die einzelnen Schritte konzentrieren musste …

Schließlich war er so weit, dass er zu diesem Kotzbrocken, diesem widerlichen Vorwand für einen General, gehen konnte. Denk wie ein Lieutenant. Fröhlich, eifrig, tollpatschig, eben Lieutenant Pryce, als Beweis dafür, dass der Herrgott wirklich keinen Spaß versteht. Er stolperte beim Hinausgehen über die Schwelle, einfach zur Übung, und stellte fest, dass Sinda von ihrem Schreibtisch aus nicht nur seine Tür sehen konnte, sondern ihn tatsächlich beobachtete und dies mit leicht benommener Miene. Mann, wie man so einem total dämlichen Blondchen verfallen kann, ist mir einfach unverständlich. Offenbar steigt dir deine Rolle als Lieutenant in den Kopf. Okay, ich weiß auch, dass ich jetzt gerade nicht mit meinem Gehirn denke. Ups! »… nach Anpassung des Stiefels müssen die Nanniten dazu veranlasst werden, den Unterschichtbildungsprozess einzuleiten …«

Er betrat das Büro des Generals, stolperte dabei über die eigenen Füße und grinste innerlich, als er sah, wie Beeds Gesicht sich verärgert rötete. Als die Tür hinter ihm zuglitt, nahm er vor dem Schreibtisch Haltung an.

»Unsere Quelle hat wieder Kontakt aufgenommen. Er bietet zusätzliche Informationen zum Verkauf an«, sagte der General.

»Wen schicken die denn zu ihm?« Als ob ich das nicht wüsste.

»Er ist hier. Ich habe heute Abend keine Zeit, mich mit ihm zu treffen. Sie müssen das übernehmen. Hier ist die Adresse. Prägen Sie sie sich ein.« Er hielt ihm ein Blatt Papier hin und wartete, während Stewart das Papier ein paar Augenblicke lang anstarrte, nahm es dann zurück und stopfte es in eine Schreibtischschublade.

»Und dass Sie mir das ja nicht verpatzen, Lieutenant«, sagte Beed mit grimmiger Miene.

Yeah, einen Grund hättest du, Mist zu bauen, du Arschloch. Wenn Mr. Jones auf Titan ist, frage ich mich, wer sonst noch auf Titan ist. Dies ist der erste Hinweis, den wir bis jetzt haben, dass unsere Strategie vielleicht tatsächlich funktioniert. Herrgott, wie ich mich darauf freue, diesen Mistkerl abzulösen. Allein schon wegen Sinda.

»Yes, Sir. Wäre das alles, Sir?«

»Sehen Sie bloß zu, dass Sie mir etwas Ordentliches bringen, Pryce. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass wir bis jetzt noch völlig im Dunkeln tappen, und das sieht nicht gut aus. Eine gute Beurteilung bei einem solchen Einsatz könnte der Karriere eines jungen Offiziers sehr nützlich sein. Wegtreten.«

Mistkerl. »Yes, Sir.« Pryce salutierte, machte ziemlich wacklig kehrt und verließ den Raum, ehe seine Fassade in Gefahr geriet. Seine Tarnung zu halten, würde schwieriger sein, als er das erwartet hatte.

Freitag, 14. Juni, Abend

In der Sake-Bar verkehrte eine bestimmte Klasse jüngerer Flottenoffiziere. Das Etablissement war für Fleet-Strike-Personal, mit Ausnahme von MPs im Dienst, off limits, aber Stewarts Aufgabe an diesem Abend rechtfertigte die Zivilkleidung, die er trug, und sein militärischer Haarschnitt war auch bei Zivilisten durchaus verbreitet. Wenn er zwei oder drei Stunden später gekommen wäre, hätte das mit Sicherheit eine Schlägerei ausgelöst, aber es war noch früh genug, dass die Flotte sich hauptsächlich auf das Trinken konzentrierte und einige ihr Glück an den überall herumstehenden Spielekonsolen versuchten.

Im Allgemeinen schlug Stewart einen weiten Bogen um das lausige Bier, das dadurch noch schlechter war, dass es im Lokal aus örtlich hydroponisch gezüchtetem Hopfen gebraut wurde. Aber die Animationen waren große Klasse. Die großen … Augen … der projizierten Frauen machten zwar bei weitem nicht so viel Spaß wie natürliche weibliche Attribute — er musste wieder einmal dagegen ankämpfen, sich ein gewaltsames Ende für Beed auszumalen -, aber die Animation war wirklich gut gemacht.

Der fit wirkende Zivilist mit schütterem Haar, der vor einem Teller Miso-Suppe an der Bar saß, war nicht so hübsch anzusehen. Offen gestanden waren ihm Verräter im Allgemeinen zuwider, so zuwider, dass er diesen Gedanken gar nicht zu Ende denken durfte. Aber der Umgang mit unappetitlichen Leuten gehörte eben mit zum Geschäft, wenn man im Geheimdienst tätig war, und deshalb konnte er sich diese Abneigung im Augenblick einfach nicht leisten. Für einen ehrlichen Gegner oder sogar Feind konnte Stewart wie jeder Soldat ein gewisses Maß an widerstrebendem Respekt aufbringen. Leute hingegen, die an ihrer eigenen Sache Verrat begingen, lösten in ihm einen so tief sitzenden Widerwillen aus, dass er wirklich Mühe hatte, ihn zu unterdrücken, als er jetzt auf die Bar zuging.

»Mr. Smith, wie nett, Sie wiederzusehen«, sagte der Mann.

»Mr. Jones. Sie sind aber weit gereist, nicht wahr?«, stellte Stewart fest.

»Das könnte man von Ihnen auch sagen«, antwortete der Verräter.

»Ja, wenn Sie wüssten, wo ich zu Hause bin, könnten Sie das wahrscheinlich.« Er zog sich einen Barhocker heran und lächelte, obwohl allein der Gedanke, jetzt mit diesem Wurm trinken zu müssen, fast ausgereicht hätte, dass sich ihm der Magen umdrehte.

»So, was haben Sie denn anzubieten, Mr. Jones? Begnügen Sie sich immer noch mit Kleinkram oder sind Sie bereit für lohnendere Dinge? Ich hoffe, Sie verübeln es mir nicht, wenn ich das sage, aber es ist doch ein erheblicher Wechsel in der Szenerie, nicht wahr?« Er würde ihm ein wenig den Stachel geben, um zu sehen, was dabei herauskam.

»Ich reise. Diesmal will ich nicht bloß Bargeld. Sie hatten gesagt, Sie würden für mehr auch mehr bezahlen. Nun, jetzt werden wir sehen, ob es Ihnen damit ernst war.« Auf der Oberlippe des Verräters standen kleine Schweißtröpfchen. Ob er nervös war?

»Reden Sie weiter.« Ihm nichts geben, woran er sich festhalten kann, er soll selbst rausrücken.

»Ich brauche ein Ablenkungsmanöver. Sie wollen einen Teil unserer Organisation. Ich sehe da eine wechselseitige Chance. Sie helfen mir, Beweismaterial zu platzieren, und ich liefere Ihnen die Person, auf die das Material deutet. Möglicherweise brauchen Sie dazu den Rest des Teams, für den Fall, dass Sie mit Ihren neuen Spielsachen ein wenig unsanft umgehen müssen. Aber an dem Punkt käme dann Geld ins Spiel.« Seine Stimme ließ ein gewisses Maß an Verzweiflung erkennen.

Du großer Gott, da haben wir einen echten Haupttreffer gezogen. Okay, aber jetzt die schwierige Frage: warum?

»Und worin genau würde dieses Platzieren von Beweismaterial bestehen?«, fragte er.

»Das Übliche und Offensichtliche. Ein paar Banktransaktionen und ein paar am richtigen Ort platzierte Luxusartikel. Wenn Sie ihn holen, wird es aussehen, als hätte er Ihnen schon die ganze Zeit Informationen geliefert und wäre dann aus der Kälte gekommen.« Das Grinsen des Verräters wirkte jetzt besonders widerlich.

»Sie wissen, dass es in diesem Spiel meistens darum geht, die Informationen zu bekommen, ohne den anderen wissen zu lassen, dass man sie hat.« Er konnte nicht umhin, ein wenig sarkastisch zu werden. Auch wenn er sich noch so große Mühe gab, ihm ging das einfach unter die Haut, mit jemandem zu verhandeln, der die eigenen Freunde verriet.

»Wenn man das kann. Aber ich will Ihnen was sagen: Die wissen, dass sie eine undichte Stelle haben. Sie verlieren also nichts, was nicht schon verloren wäre. Die brauchen nicht einmal zu wissen, dass Sie ihn haben. Sie können es ja so aussehen lassen, als ob er auf einem Kolonistenschiff nach draußen geflogen wäre.« Offenbar spürte der Glatzkopf schon, wie das Netz sich um ihn schloss.

Okay, die würden das »Ablenkungsmanöver« dieses Schwachkopfs nur schlucken, wenn sie wirklich dämlich wären, und um jemanden bei uns einzuschleusen, was ihnen ja gelungen ist, dürften sie das wirklich nicht sein. Nein, dumm sind die auch nicht. Andererseits, wenn er uns tatsächlich Insider liefert, ist das gleichgültig. Und ich habe meine Antwort. Seine Leute sind dabei, ihm auf die Pelle zu rücken, und er versucht, sich zu decken. Wenn das der Preis ist, komme ich damit klar. Was muss ich ihm pro Kopf bezahlen? Drei Millionen US Dollar pro Teammitglied?

»Ich denke, das wird sich machen lassen. Wir werden das Beweismaterial nach Wunsch platzieren und bezahlen Ihnen eine Million Dollar US für diesen Typen und für jedes Mitglied seines Teams, das wir erwischen«, sagte er.

»Seh ich aus, als wär ich blöd? Fünf Millionen US pro Nase, und zwar für jede Person, deren Identität ich Ihnen liefere. Wenn Sie sie erschießen wollen statt sie zu schnappen, oder wenn Sie die ganze Geschichte verpatzen, ist das Ihr Problem.« Der Verräter litt offenbar nicht an einem Mangel an Selbstbewusstsein.

Es bedurfte noch einigen Feilschens, aber schließlich einigten sie sich auf zweieinhalb, die Hälfte bei Lieferung der Namen, die zweite Hälfte, sobald bestätigt war, dass der Name zu einer konkreten Person gehörte, die glaubhaft als Agent der Organisation identifiziert war. Dazu kamen die üblichen wechselseitigen Sicherheitsvorkehrungen. Ein geringer Preis für das, was ich bekomme.

»So, Mr. Jones, bloß als Geste des guten Glaubens, werden Sie jetzt sicherlich begreifen, dass ich für die Leute, denen ich berichte, etwas brauche, ehe sie mir so viel Geld zur Verfügung stellen. Dieses Team, das Sie uns geben werden, hat das irgendeine interne Bezeichnung?«

»Hat es: Hector.«

Samstag, 15. Juni, 03:30

Michael O’Neal senior hatte sich nie an das Warten gewöhnen können. Oh, er hatte sehr früh im Leben gelernt, so zu tun, als wäre er geduldig, sonst hätte er nicht überlebt. Aber das hieß nicht, dass es ihm gefallen musste. Und das tat es auch nicht. Seine Enkeltochter war nicht gerade verspätet, da sie für ihr Treffen keine bestimmte Zeit festgesetzt hatten, und bei ihrer Tarnung konnte es im Einsatz natürlich alle möglichen Gründe geben, weshalb sie nicht früher wegkonnte oder vielleicht auch gar nicht.

Was das Warten nicht gerade leichter machte.

Er hatte Cally die Kunst des Überlebens beigebracht, des Überlebens im Gefecht und des Überlebens in feindlicher Umgebung, und hatte mit dieser Ausbildung in ihrem achten Lebensjahr begonnen. Als kleines Mädchen im Krieg gegen die Posleen war sie standfester als so mancher erwachsene Mann gewesen. Sie hatte den Attentäter getötet, der zu ihnen gekommen war, um sie beide umzubringen, falls es ihm nicht gelang, ihn, Michael O’Neal, zu rekrutieren und hatte anschließend neben Team Conyers gegen die Posties gekämpft, als sie durch das Gap heraufgekommen waren.

Er spuckte hingebungsvoll in die zweite Tasse, die ihm die Bedienung freundlicherweise gebracht hatte.

Nach dem Krieg hatte sie in einer privaten Kirchengemeinde bei dem Bane-Sidhe-Kader von Killernonnen eine erstklassige Ausbildung genossen. Ihre Fähigkeiten waren dort zu höchster Vollkommenheit entwickelt worden. Es war vermutlich keine Übertreibung, sie als die beste lebende Attentäterin auf der Erde oder außerhalb zu bezeichnen — allenfalls mit einer einzigen Ausnahme, nämlich ihm selbst. Obwohl er nicht über ihre … natürlichen Vorzüge verfügte.

Aber da dies so war — warum musste er sich dann jedes Mal, wenn sie im Feldeinsatz war, wie ein nervöser Vater fühlen, dessen Tochter ihr erstes Rendezvous hatte?

Er unterdrückte den Drang aufzustehen und auf und ab zu marschieren, unterdrückte ihn nicht nur, sondern erwürgte ihn und riss ihn in Stücke. Cally war schon lange über ihr erstes Rendezvous hinaus. Das war sogar ein gewisses Problem. Man konnte einem Mädchen beibringen, wie man verlässlich aus tausend Meter Distanz eine Zielscheibe mit zwanzig Zentimeter Durchmesser traf, man konnte ihr beibringen, wie man Fallen erkannte und ihnen aus dem Weg ging, man konnte ihr neun unterschiedliche Methoden beibringen, wie man in der Dunkelheit lautlos einen Menschen tötete, aber man konnte ihr nicht beibringen, wie man mit den Belastungen ihres Jobs zurechtkam. Das war eines der Dinge, die jeder Attentäter selbst lernen musste.

Cally war schon immer ein Naturtalent gewesen. Er erinnerte sich noch gut an das erste Mal, als er dem Kind eine Pistole in die Hand gedrückt hatte. Natürlich war sie nicht einmal imstande gewesen, eine Scheunenwand zu treffen, aber nachdem sie ihr erstes Magazin auf dem Schießplatz leer geschossen hatte, hatte sie sich umgedreht und ihn angesehen. Sie war damals schlank gewesen, nein, nicht schlank, dürr, und ihr blondes Haar war stets wirr und zerzaust gewesen. Und an der Nase war da ein Schmutzfleck gewesen, wo sie sich gekratzt hatte. Die Ohrenschützer waren groß und leuchtend grün gewesen, und die Schutzbrille war ihr auf die Nasenspitze gerutscht, aber das Grinsen, mit dem sie ihn angesehen hatte, hatte ihr ganzes Gesicht zum Leuchten gebracht. Und im Laufe der Zeit war ihm klar geworden, dass sie außer ihrer Begeisterungsfähigkeit noch über zwei andere wichtige Fähigkeiten verfügte. Sie hatte ungewöhnlich scharfe Augen und eine ausnehmend ruhige Hand. Er hatte darauf geachtet, beides zu schützen — Letztere unter anderem vor Lastern wie Koffein. Es gab Wesenszüge, die besser zu heranwachsenden Kriegern passten.

Und dann war sie natürlich auch stur gewesen. Keine Ahnung, woher sie das hatte. Er schmunzelte. Und diesen Mistkerl hatte sie in die Kniekehle geschossen, als er versucht hatte …

Die Tür schob sich auf, und da war sie endlich, sein Baby, seine Enkeltochter — aber was in drei Teufels Namen hatte sie da an? Der einteilige schwarze Lederanzug hätte gut zu einer Tarnung als Nutte gepasst — falls es eine Kombination für ihre Maße gewesen wäre. So ließ sich der Reißverschluss hinten nur halb schließen, ohne dass sie aus dem Anzug platzte. Und nach seiner Ansicht bestand diese Gefahr immer noch. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte sie in eine Decke gehüllt.

»Hey, Süße, was darf ich dir zu trinken bestellen?«, fragte er, als sie in den Raum geschlendert kam, sich rittlings auf einen Barhocker setzte und die Arme über die Armlehne legte, während die Tür sich hinter ihr zuschob. Ihr federnder Schritt passte seiner Ansicht nach überhaupt nicht zu der Rolle, die sie spielte. Huren hatten einen anderen Gang.

»Bushmill Black, Wasser. Für billigen Whiskey ist das Leben zu kurz«, sagte sie. Mit dem linken Fuß tippte sie nervös auf den Boden, als könnte sie nicht richtig stillsitzen, obwohl es bereits spät war und sie doch eigentlich hätte müde sein sollen.

»Du gefällst mir«, sagte er. Das Leben zu kurz? Cally hatte schon lange nicht mehr gedacht, dass das Leben für irgendetwas zu kurz wäre. Da ist etwas im Busch.

»Fortschrittsbericht?« Er holte einen Dämpfer heraus und stellte ihn auf den Tisch, schnippte ihn an. »Ich habe den Raum bereits nach Wanzen abgesucht.«

»Ich habe gar nichts gefunden. Ich konnte lediglich bestätigen, dass vom Büro aus ein Geheimeinsatz läuft. Vermutlich der Geheimeinsatz, aber mehr habe ich nicht. Den General ins Bett zu bekommen war kein Problem. Wahrscheinlich wäre es eher ein Problem gewesen, es nicht zu tun. Er ist halt der Typ dazu. Ich habe alles durchsucht, wo ich mir Zugang verschaffen konnte, und arbeite jetzt an dem Adjutanten, der Zugang zu weiteren Räumen hat, an die ich bislang nicht rankomme«, sagte sie.

Bildete er sich das bloß ein, dass ihre Stimme am Ende rauchig geworden war? Ach was, Blödsinn. Was nun?

»So, dann sag mir mehr über diesen Adjutanten.« Er spuckte in den Becher und überlegte. »Du hast vor, dir Zugang zu den restlichen Räumen zu verschaffen, wie willst du das anstellen?«

»Oh, das ist einfach.« Sie rutschte auf ihrem Hocker herum und sah ihn verschmitzt an. »Wenn das die einzigen Orte im Büro sind, wo wir es noch nicht getan haben, denke ich, wird er … sich nicht abgeneigt erweisen, wenn ich ihm weitere Vorschläge mache.« Die Art und Weise, wie sie sich dabei mit der Zunge über die Lippen fuhr, ließ ihn an die Katze denken, die den Kanarienvogel gefressen hatte.

»Du solltest das Geschäft nicht mit dem Vergnügen mischen.« Oh, Scheiße.

»Du hast doch selbst gesagt, dass ich mir einen Boyfriend besorgen soll.« Sie zuckte die Achseln und musterte dann eindringlich die Nägel ihrer rechten Hand.

»Ich zögere etwas, das zu sagen, Enkeltochter, aber du solltest nicht so tief einsteigen.« Scheiße. Sie wird nicht auf mich hören. Zu spät.

»Oh, das werde ich nicht. Das überlasse ich Pryce. Wirklich, Grandpa, ich bin nicht mehr zwölf. Könntest du jetzt meinen Drink bestellen? Ich wollte doch wirklich etwas Gutes. Wo ich doch bereits hier bin.« Sie wechselte das Thema, drehte den Barhocker herum und machte es sich darauf etwas bequemer.

Er gab einen nichts sagenden Laut von sich, schaltete den Dämpfer ab und ging zu der Konsole an der Tür, um die Drinks einzutippen. Als er sich wieder setzte und sie ihren Stuhl heranzog und sich an ihn kuschelte, worauf er den Arm über ihre Schulter legte, damit die Bedienung, die ihnen die Drinks brachte, das auch ja zur Kenntnis nahm, musste er sich einen Augenblick lang ins Gedächtnis rufen, dass diese ausnehmend gut gebaute begehrenswerte junge Frau nicht etwa nur wie seine Enkeltochter aussah, sondern dies auch tatsächlich war. Wenn sie diesen jungen Mann, diesen Pryce, nicht ausgerechnet bei einem Einsatz kennen gelernt hätte, würde er ihn ja mit offenen Armen empfangen. Na schön, meinetwegen, vielleicht war er ja ganz in Ordnung. Trotzdem, sie waren für Extraktionseinsätze ausgebildet, und es war ja nicht so, dass Fleet Strike all die Lieutenants auch brauchte. Andererseits, nein, letzte Überlegung bitte streichen. Eigentlich konnte man darauf zählen, dass jeder Mann, der einen Schuss Pulver wert war, negativ darauf reagieren würde, wenn man ihn kidnappte. Nun ja, vielleicht. Der Köder war immerhin beachtlich.

14

Basis Titan

Samstag, 15. Juni, 10:00

Fleet Strike unterschied sich in vieler Hinsicht von den Streitkräften der alten Vereinigten Staaten. Die Begeisterung, die die höheren Offiziere freilich dem Golfspiel entgegenbrachten, war unverändert. Während der Konstruktionsphase des Stützpunkts hatte ein intelligenter und ehrgeiziger junger Spezialist für Lebenserhaltungssysteme eine Möglichkeit entdeckt, wie man die im Pflichtenheft enthaltene Forderung nach widerstandsfähigen, nicht der Ernährung dienenden, winterfesten Pflanzen erfüllen und sich zugleich bei den Vorgesetzten lieb Kind machen konnte. Demzufolge hatte die gesamte untere Etage der Quadranten von Fleet Strike ausnehmend hohe Decken und war mit üppigem Rasen einer Spezialzüchtung bedeckt. Die Indowy dazu zu bringen, die absolute Notwendigkeit der Deckenkonfiguration zu genehmigen, hatte es erforderlich gemacht, eine kleine Herde von Miniaturpferden aus Kentucky zu importieren. Aus irgendwelchen Gründen war es erstaunlich leicht gewesen, die Unterschriften für den Transport der Tiere zu bekommen. Etwas schwieriger war das bei den Ventilatoren für die computergenerierten Zufallsmuster für die Windbewegungen gewesen, aber auch das hatte man letztlich geschafft. Welchen Sinn hatte es schließlich, so viel Sauerstoff zu erzeugen, wenn man nicht auch über die Fähigkeit verfügte, ihn mit dem Rest der Stationsluft zu mischen?

Cally ließ sich an diesem Morgen nichts von ihrem Amüsement anmerken, als Beed, während er sich dem dritten Loch näherte, den Gegenwind verwünschte. Für sie war Golf ein Spiel der Herausforderungen, insbesondere in dieser Umgebung. Ihre gesteigerte Muskeldichte, die auch unter der Oberfläche Sindas verblieben war, und ihre hoch entwickelte Körperbeherrschung in Verbindung mit gesteigertem räumlichem Orientierungsvermögen führten dazu, dass sie mit Leichtigkeit eine der drei besten Golfspieler des Stützpunkts war.

Die Unterlagen von Sinda Makepeace enthielten keinerlei Hinweise darauf, dass sie jemals auch nur besuchsweise einen Golfplatz betreten hatte, geschweige denn das Spiel gespielt hatte.

Beed brauchte Schmeicheleinheiten, es galt ihn davon zu überzeugen, dass er ihr das Golf spiel beibrachte.

Die Folge davon war, dass ihre schauspielerischen Fähigkeiten auf dem Golfplatz mehr denn je gefordert waren, da sie ja ständig exakt beweisen musste, wie lausig ihr Spiel sein musste.

Das Seltsame war, dass sie an diesem Vormittag einige Male das verrückte Gefühl gehabt hatte, dass Pryce sich ebenfalls zurückhielt, um den General gewinnen zu lassen. Sie lächelte. Da hat mir dieser Kerl jetzt ein- oder zweimal im Bett gezeigt, dass er wirklich eine große Nummer ist, und plötzlich bilde ich mir für ihn alle möglichen neuen Fähigkeiten ein.

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie er über den Trageriemen des Golfsacks stolperte und es kaum schaffte, sich am Golfwagen festzuhalten, um nicht zu stürzen. Als Nächstes würde sie ihn sich wahrscheinlich auch noch als den größten Redner aller Zeiten vorstellen. Mann!

»Also gut, Sinda, meine Liebe, jetzt sind Sie dran.« Beeds lüsterner Blick zog ihr die Kleider vom Leibe, und sie lächelte strahlend zurück und fragte sich, wie sie es selbst in ihrer Tarnung je geschafft hatte, in ihm auch nur auf kurze Zeit etwas anderes zu sehen als das schmierige Ekel, das er offensichtlich war. »Haben Sie bemerkt, wie ich mich nach meinem Schlag einen Augenblick lang völlig ruhig verhalten habe? Das nennt man ›dem Ball folgen‹, und das ist bei diesem Spiel sehr wichtig.«

Sie nickte, die Hände vor sich verschränkt, hörte aufmerksam zu, die Augen strahlend vergnügt, ernst und leer. Sie sah, wie Beed nachsichtig lächelte und ließ sich nichts anmerken, als er ihr den Putter wegnahm und ihr einen anderen Schläger in die Hand drückte.

»Gut aufpassen, meine Liebe. Die Auswahl des richtigen Schlägers ist sehr wichtig«, sagte er.

Mit ihrem gesteigerten Hörvermögen konnte sie hören, wie Pryce mit den Zähnen knirschte, als Beed von hinten die Arme um sie schlang, um sie beim Schlag zu führen. Sie hoffte, dass Beed das nicht hören konnte, obwohl es ihr vor dem Hintergrund des an diesem Morgen ungewöhnlich leeren Golfplatzes, auf dem mit Ausnahme des fernen Ventilatorensummens kein Laut zu vernehmen war, laut vorkam.

Der würzige Duft des frisch geschnittenen Grases stieg ihr in die Nase, und als Beed ihr die Hand am Schläger zurechtschob, konnte sie an ihrem Oberschenkel seine Erektion spüren. Zum Teufel, damit ist mein Nachmittag im Eimer. Nicht, dass ich es nicht erwartet hätte. Unglücklicherweise hat der General die typische Libido des Runderneuerten. Ständig spitz wie Nachbars Lumpi. Wirklich schade, dass die Bane Sidhe mächtig sauer wäre, wenn ich den Dreckskerl umbringen würde. Okay, er ist immerhin ein Mensch, und ich würde ihn nicht ohne weiteres und ohne Grund umbringen, aber ich schwör’s, wenn der mir weiter so auf den Geist geht, könnte ich wirklich der Versuchung nachgeben, ihm … ehe ich hier abgehe, ein paar Schrammen zu versetzen. Dieser widerwärtige Dreckskerl von einem Papierkrieger. Es gibt einfach ein paar persönliche Eigenschaften, die auch noch so gutes Aussehen nicht ausgleichen können. Ach was, zum Teufel, schließlich habe ich ja gewusst, dass das mit zu meinem Job gehört, als ich ihn übernommen habe. Aber ich muss zugeben, dass ich schon Schlimmeres mitgemacht habe. Das arme Schwein kann ja nichts dafür, dass er im Vergleich damit schlecht wegkommt.

Sie spähte aufmerksam das Grün hinunter und nahm dann eine ganz kleine Änderung an ihrer Haltung vor, die dafür sorgen würde, dass der Ball in einem Sandbunker landete.

»Da, sehen Sie, wie weit ich geschlagen habe! Wow!« Sie hüpfte erregt auf und ab und bot damit den beiden Männern einen wirklich aufregenden Anblick. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Pryce kräftig schluckte und unterdrückte ihr Grinsen.

»War das gut?« Sie legte den Kopf etwas zur Seite und strahlte den unseligen General an.

Basis Titan

Samstag, 15. Juni, Nachmittag

»Ein abgefangenes Signal ist hereingekommen, das den Kriterien entspricht, die Ihre Kenntnisnahme erfordern, Euer Tir.« Die Stimme des AID war so melodisch, wie das alle Darhel-Stimmen waren, aber sie hatte auch eine gewisse undefinierbare Intensität an sich. Die Nackenhaare des Tir sträubten sich leicht, als seine Ohren sich in einer unbewussten Reaktion ein wenig nach außen entspannten.

»Abspielen«, sagte er und lehnte sich dem Indowy-Leibdiener ein wenig entgegen, der ihn gerade an einer Stelle hinter dem rechten Ohr kratzte, wo er einen lästigen Juckreiz verspürte, aber nicht weit genug, um sich von dem anderen Diener zu lösen, der im Augenblick an einer Verspannung seiner Schultermuskeln arbeitete. Natürlich gab es in diesen Räumlichkeiten keine echten Fenster, obwohl sie recht geräumig waren und über simulierte Fenster verfügten, die Bilder von ein paar Dutzend Welten wiedergaben. Schwerkraft und Beleuchtung waren ohnehin künstlich und auf angenehme Weise auf die Werte der Heimatwelt eingestellt. Er drückte die Ballen seiner nackten Füße wohlig in den dicken Teppich. Als provisorische Unterkunft war die Suite, die ihm im menschenfreien Sektor der Titan-Basis zur Verfügung stand, durchaus angemessen.

»Memo an Lieutenant General Peter Vanderberg, OFSI, Chicago, von First Lieutenant Joshua Pryce, als Adjutant zugeteilt Brigadier General Bernard Beed, 3rd MP Brigade, kommandierend. Betreff: Hartford. Nachricht: Habe Gelegenheit, Beschaffung wesentlicher Projektbestandteile zu beschleunigen. Lieferquelle wird von Lieferdepot als Codename Hector angegeben. Kontaktinformation folgt. Da die betreffenden Gegenstände sich in Ihrem Operationsbereich befinden, schlage ich vor, dass Ihre Leute sich um die lokale Beschaffung bemühen. Habe mir erlaubt, Mr. Jones eine Anzahlung zu leisten, Restzahlung erfolgt nach Übergabe. Ausgehandelter Preis liegt im Rahmen des freigegebenen Projektbudgets. Memo endet. Eine Datei ist beigefügt, bei der es sich anscheinend um eine Liste von vier Namen, diversen Decknamen, DNA-Codeproben und diversen Orts- und Zeitangaben pro Namen handelt.«

Der Tir saß jetzt kerzengerade da, und seine Schnurrbarthaare zitterten. Er nahm sich einen Augenblick Zeit, bis sein Atem wieder normal ging, ehe er etwas sagte.

»Leite die Information an Mr. Stewart weiter. Sage ihm, wir würden es vorziehen, möglichst viele Informationen hinsichtlich dieser … Gegenstände … zu erhalten, aber Fleet Strike soll sie auf keinen Fall bekommen. Wenn die Gegenstände in unkontrollierter Umgebung Informationen preisgeben würden, wäre das … gegen unsere Interessen«, sagte er.

»Ja, Euer Tir. Ist erledigt«, antwortete das AID.

Die Indowy setzten ihre Bemühungen ohne Unterbrechung fort. Einer verschwand kurz in der Küche und kehrte gleich darauf mit einem pompös wirkenden Tablett mit frischem Gemüse von drei verschiedenen Welten zurück. Der persönliche Dienst ließ, wie das stets der Fall war, die Lebensmittel eine Spur weniger widerwärtig erscheinen.

Indiana

Samstag, 15. Juni, Nachmittag

Nathan O’Reilly blickte auf, als seine Bürotür sich aufschob, ohne dass man ihm jemanden gemeldet hatte, und stellte überrascht fest, dass der Indowy Aelool in der Tür stand. Die Muskeln um seine Augen waren verkniffen und seine Ohren leicht nach innen gerichtet, ein Ausdruck, der entweder Besorgnis oder großen Ernst, möglicherweise auch beides bedeutete.

»Meine Güte, was ist denn passiert?« Er holte eine Flasche Wasser aus einem kleinen Kühler, füllte ein frisches Glas, stellte es auf den Couchtisch und trat einen Schritt zurück. Sein Freund gab sich gewöhnlich in Gegenwart von Menschen aus Höflichkeit unbesorgt, aber der Priester hatte das Gefühl, dass das in seinem augenblicklich sichtlich beunruhigten Zustand zu viel erwartet wäre.

»Team Hector ist kompromittiert. Unser Leck, wie Sie es nennen, hat sich erneut geöffnet.« Der Indowy saß wie entrückt auf dem für Menschen gebauten Stuhl, wippte nervös mit den Beinen und zupfte abwesend an den grünen Fäden seines linken Beins.

»Wann und was können wir unternehmen?« O’Reilly rief mit einem kurzen Befehl an sein AID den Zeitplan des Teams auf.

»Identitäten und Zeitpläne für die nächsten paar Tage befinden sich in den Händen von Fleet Strike und der Darhel. Namen, Decknamen, DNA-Muster. Das gesamte Team«, brummte er dann. »Unglücklicherweise, und so groß der Verlust eines ganzen Teams auch sein wird, verblasst das im Vergleich mit dem Wert unserer Informationsquellen in der unmittelbaren Umgebung des Tir. Wir können wenig unternehmen. Gar nichts, sofern wir keine plausible Erklärung für unser Wissen haben.«

»Wir können ein Extraktionsteam bereitstellen. Es aktivieren, falls uns eine brauchbare Tarnung einfällt, und sie andernfalls einfach dort lassen. Wer weiß, vielleicht unterläuft der Gegenseite ein Flüchtigkeitsfehler.« Sehr zuversichtlich klang der Priester nicht.

»Gibt es etwas Neues von Team Isaac?«, fragte der Indowy.

»Seit unserem letzten Gespräch? Nein, bedauerlicherweise nicht. Harris in der Verkehrsanalyse ist ein kluger Kopf. Ich habe sie darauf angesetzt, nach irgendetwas zu suchen, das wir als plausible Erklärung für unser Wissen an die Gegenseite durchsickern lassen könnten. Ich glaube, recht viel mehr bleibt uns nicht übrig.« Er ging zu seinem virtuellen Fenster.

»Solange Sie absolut sicher sind, dass das Extraktionsteam, solange es keine direkte Anweisung erhält inaktiv bleibt. Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, dass wir hier um sehr hohe Einsätze spielen.« Aelools Stimme klang beinahe schrill.

»Also — riskieren wir eine Nachricht an Papa O’Neal, dass jetzt ein guter Zeitpunkt für Ergebnisse wäre?« Er tippte mit den Fingerspitzen aufs Glas.

»Davon würde ich abraten. Die kennen die Risiken und wissen um die Wichtigkeit ihrer Mission. Ich gehe doch wohl nicht fehl in der Annahme, dass sie bereits höchst motiviert sind, oder? Dann hätten wir nichts zu gewinnen, bloß viel zu riskieren. Nein, ich bin dagegen.« Er trat neben seinen Freund und blickte zu dem falschen Fenster auf. Wie alle Indowy konnte er vermutlich nur mit großer Mühe begreifen, weshalb Menschen immer das Bedürfnis hatten so zu tun, als wären sie der Außenseite nahe, der Außenseite und den freien Räumen, selbst wenn sie so behaglich auf engem Raum mit ihren eigenen Clans und ihren besten Freunden zusammengepfercht waren.

»Richtig«, nickte der Priester.

»Sie beten immer noch, nicht wahr? Vielleicht wäre das ein guter Zeitpunkt.« Ein wenig verdutzt blickend, vermutlich hauptsächlich wegen des virtuellen Fensters, ging Aelool hinaus.

Chicago

Samstag, 15. Juni, Nachmittag

»Peter, für dich kommt gerade ein dringendes Memo von General Stewart, getarnt als Lieutenant Pryce auf Basis Titan, herein«, tönte sein AID.

»Hat er einen erwischt?« Vanderberg saß plötzlich kerzengerade auf seinem Sessel.

»Das nicht gerade, Peter. Aber er hat vier Namen und identifizierende Informationen, einschließlich DNA, Bewegungsdaten, Decknamen und zeitnahe Beschreibungen von Agenten im Bereich Chicago«, erklärte das AID.

»Heiliger Bimbam! DNA auch?« Jemand dort oben muss mich mögen.

»Das sagt er, und die beigefügte Datei enthält das auch alles.« Das AID klang erfreut.

»Wow. Zeig mir die Datei.« Er schüttelte den Kopf, als er sich die Einzelheiten angesehen hatte. »Klasse, Stewart hat einen Volltreffer gelandet. Ich will Morrison sprechen.« Er stand auf, ging ans Fenster und tippte sich dabei mit den Fingern auf die Lippen.

»Tut mir Leid, Peter. Morrison ist nicht erreichbar. Er hat einen Zahnarzttermin«, meldete das AID.

»Einen Zahnarzttermin?« Vanderberg drehte sich um und starrte das AID auf seinem Schreibtisch an, als könne er nicht glauben, was er da hörte.

»Ihm ist ein Zahn abgebrochen. Er bekommt einen Ersatz.«

»Hey, ist da etwas passiert? Was war da los?«, fragte er.

»Kein Unfall. Ich glaube, über kurz oder lang war das statistisch zu erwarten. Er kaut Eis.« Die Stimme des AID klang schulmeisterhaft, wie es bei seinesgleichen häufig der Fall war, wenn sie etwas missbilligten. Manchmal hatten die AID-Persönlichkeiten seltsame Vorstellungen davon, was sich geziemte und was nicht. In diesem Fall rührte die Missbilligung vermutlich daher, dass das AID es einfach nicht für richtig hielt, dass jemand etwas so Unvernünftiges tat, was am Ende dazu führen konnte, dass er wertvolle Arbeitszeit damit vergeuden musste. Gelegentlich konnten AIDs wirklich seltsam sein.

»Okay, dann sorge dafür, dass er gleich morgen früh zu mir kommt. Aber das kann nicht so lange warten. Schick mir Lewis rein, denke ich. Nein, besser nicht. Ich verliere lieber einen Tag, als eine weitere Person in eine solche Sache einzuschalten. Scheiße. Sag Morrison, dass ich ihn morgen früh um halb acht hier haben will. Zumindest können wir dann gleich anfangen.« Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und begann auf und ab zu schreiten, fing bereits an, mögliche Szenarien zu durchdenken.

»Dir ist bewusst, dass morgen Sonntag ist, ja?«, fragte es.

»Yeah. Passt mir überhaupt nicht, aber diese Sache duldet keinen Aufschub.« Er machte eine ungeduldige Handbewegung und fuhr fort, auf und ab zu gehen.

»Geht schon in Ordnung, Peter. Ich habe nur ausdrückliche Anweisung von dir, dich daran zu erinnern.«

»Ja, geht schon klar. Danke, Jenny.« Wow. Endlich!

Basis Titan

Samstag, 15. Juni, nachmittags

Heutzutage gab es nur mehr ganz wenige öffentliche Terminals. Schließlich hatte jeder einen PDA, na schön, ausgenommen die paar Glückspilze mit AIDs. Nun ja, die mit sauberen AIDs jedenfalls. Aber PDAs stürzten manchmal ab oder gingen zu Bruch oder man verlor sie — wie auch immer, dem Himmel sei Dank für öffentliche Terminals.

Dieser hier befand sich mitten im verkehrsreichsten Teil des Korridors, den er finden konnte. Hier herrschte derartiger Betrieb, und es waren so viele Leute unterwegs, dass kein Fußgänger sich jemals an ihn erinnern würde. Nicht, dass außer der Bane Sidhe jemand interessiert gewesen wäre, und bis die anfingen, ihn zu suchen, würde er längst woanders sein.

Er hatte wirklich vorgehabt, seinen Ruhestand auf der Erde zu verbringen — die Möglichkeiten, die man dort hatte, waren einfach viel besser, selbst wenn man darauf achten musste, nicht aufzufallen. Na schön, die Dinge waren eben so, wie sie waren.

Dulain war ein guter Planet. Einer der ersten, der von Menschen kolonisiert worden war und natürlich nicht ganz ohne Gefahren, aber es gab dort einen breiten Gürtel sehr angenehmer Inseln. Vielleicht nicht so erstrebenswert, wenn man als Kolonist ohne einen Penny in der Tasche dort arbeiten musste. Aber für jemanden mit entsprechenden Ersparnissen wirklich attraktiv. Und am Dienstag um 19.30 Uhr startete ein Schiff. Perfekt. Er brauchte bloß ein paar Augenblicke, um seine flüssigen Mittel von seinem Nummernkonto auf mehrere Nummernkonten auf Dulain zu überweisen. Mit einem Teil des Bargelds, das er bekommen hatte, hatte er auf Titan ein Konto eröffnet. Den Rest hatte er bedauerlicherweise in einem öffentlichen Schließfach deponieren müssen, was nicht ohne Risiken war. Aber das brachte den Vorteil mit sich, dass er sein Ticket nach Dulain mit einer Identität erwerben konnte, die nicht kompromittiert war.

Und er würde nie wieder Sojabohnen-Burger essen müssen. Nie wieder.

Basis Titan

Samstag, 15. Juni, später Nachmittag

An dem Zeitungsstand an der Ecke achte Etage/Flur Romeo am Korridor gab es eine reichliche Auswahl an Drogerieartikeln, darunter auch ein paar gerade populäre Schlankheitsdiäten, bei denen es sich hauptsächlich um Diuretika handelte. Cally wählte die auffällig orange und gelb gehaltene Packung, weil dieses Entwässerungspräparat nicht nur sehr schnell wirkte, sondern auch so gut wie keinen Eigengeschmack hatte und die effektive Dosis sehr gering war. Ein Bier würde ausreichen, um den recht milden Geschmack zu überdecken, selbst für jemand wie sie.

Mir ist es wirklich unangenehm, ihm das Präparat zu verpassen. Das Wenigste, was ich tun kann, ist ein möglichst harmloses Mittel zu verwenden. Nun ja, harmlos hin oder her, peinlich könnte es ja werden, wenn er nicht schnell genug rennt. Trotzdem, harmloser geht es nicht. Und ich habe ja auch noch ein paar Tage Zeit.

Sie trug ihren am wenigsten auffälligen BH unter der Fleet-Strike-Seide, als sie den Kauf tätigte. Weniger weil sie ihn wirklich gebraucht hätte, sondern einfach, weil die Professionalität Unauffälligkeit erforderte. Aber offenbar reichte das nicht. Sie war ziemlich sicher, dass der asiatische Kassier ihr während der ganzen Transaktion nie in die Augen gesehen hatte. Sein Blick war nie über ihr Schlüsselbein hinausgekommen.

Basis. Titan

Samstag, 15. Juni, abends

James Stewart stand vor dem Glas seines Standbilds und versuchte darin zu erkennen, ob sein Haar richtig saß. Es war schon lange her, dass er sich so darauf gefreut hatte, am Samstagabend zur Arbeit gehen zu müssen. Aber er war ja schließlich auch nicht zum Arbeiten hier.

In dem leeren Büro war es still, und er konnte das Zischen der Eingangstür hören. Einen Augenblick lang wunderte er sich über die Tüte, die sie in der Hand hielt, aber dann erinnerte er sich, dass sie verabredet hatten, sie würde das Abendessen mitbringen. Eigentlich hätte er hungrig sein sollen, aber im Augenblick war ihm nach anderen Genüssen zumute und er grinste breit, als sie hereinkam und die Tasche auf den Schreibtisch stellte.

Er breitete die Arme aus und zog sie an sich, presste ihr eine Hand ins Kreuz und vergrub die andere in ihrem Haar. Ihr Bauch war fest gegen den seinen gepresst, ihre Brüste drückten weich gegen seine Brust. Er wollte sie jetzt nehmen. Jetzt sofort. Deshalb versuchte er, sie nach hinten zu ziehen, in sein Büro oder das ihre, aber sie sträubte sich, lachte.

»Warum nicht gleich hier?« Sie tippte auf die Schreibtischplatte, grinste verschwörerisch. »Oder hier …« Sie rutschte vom Schreibtisch und ließ sich auf den Sessel fallen, drehte sich damit im Kreis und lachte.

Er schob skeptisch die Augenbrauen hoch, malte sich aus, wie weit er die Knie würde durchbiegen müssen, damit das klappte. Aber sie war ihm bereits weit voraus. Entweder das oder sie hatte seine Gedanken gelesen, denn sie drückte den Knopf für die Sesselhydraulik, worauf sich die Sitzfläche weit nach oben schob.

Als sie den vorderen Saum ihrer Seidenkombination öffnete und sie sich von den Schultern schob, überlegte er. Vielleicht würde es doch gehen. Ganz besonders, wenn sie die Knie anhob …

Nachdem sie Anders’ Philodendron wieder neu eingetopft hatten, der in der Hitze des Gefechts irgendwie aus seinem Terrakottakübel geraten war, aßen sie in Sindas Büro zu Abend. Er wusste nicht, wie sie es fertig gebracht hatte, ein altmodisches Picknick aus kaltem gebratenem Hühnchen, Kartoffelsalat, harten Eiern und Schokoladeplätzchen zustande zu bringen, aber es schmeckte jedenfalls herrlich. Ganz besonders das eiskalte echte Milwauk