/ Language: Deutsch / Genre:adventure

Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne


Jules Verne

Die Leiden eines Chinesen in China

Erstes Capitel.

In dem der Charakter und die Nationalität der handelnden Personen nach und nach zu Tage treten.

»Man muß doch zugeben, daß das Leben seine guten Seiten hat! rief der eine Theilnehmer einer Tafelrunde aus, der sich mit dem Arme gegen die Marmorlehne seines Sessels stützte und seelenvergnügt eine überzuckerte Wasserlilienwurzel verzehrte.

– Aber auch seine schlechten! bemerkte ein Anderer, unterbrochen von Hustenanfällen, da ihn die Spitze einer delicaten Haifischflosse zu ersticken drohte.

– Werdet nur endlich Philosophen! mischte sich da eine ältere Persönlichkeit ein, auf deren Nase eine ungeheure Brille mit runden, in Holz gefaßten Gläsern ruhte. Heute denkt man zu ersticken und morgen geht Alles so glatt ab, wie ein Schluck von diesem Nektar durch die Gurgel rinnt! Das ist das Bild des Menschenlebens!«

Mit diesen Worten leerte der sich in Alles schickende Epikuräer ein Glas des herrlichen erwärmten Weines, dessen leichte Dampfwölkchen aus einem blitzenden, metallenen Theekessel aufwirbelten.

»Was mich betrifft, ließ sich ein vierter Tischgenosse vernehmen, so erscheint mir unser Erdenwallen nur dann beachtenswerth, wenn man nichts thut und auch die Mittel besitzt, der süßen Muße zu fröhnen!

– Falsch! Grundfalsch! warf da der Fünfte ein. Das wahre Glück gewährt nur die Arbeit. Wer die größte Summe von Kenntnissen erwirbt, der ist damit auf dem Wege, wirklich glücklich zu sein….

– Und zu lernen, daß er, bei Lichte besehen, doch nichts weiß.

– Ist das nicht der Weisheit Anfang?

– Gewiß, doch wo ist deren Ende?

– Die Weisheit hat kein Ende! erwiderte philosophisch der Mann mit der Brille. Gesunden Menschenverstand zu besitzen, bleibt doch die höchste Befriedigung!«

Nun wendete sich der erste Tafelgast direct an den Amphitryo, der das obere Ende des Tisches, das heißt den untergeordnetsten Platz einnahm, wie es die landesüblichen Gesetze der Höflichkeit erheischten. Theilnahmslos und etwas zerstreut, hörte dieser, ohne ein Wort dazu zu sagen, obigem Meinungsaustausche inter pocula zu.

– Was denkt wohl unser liebenswürdiger Gastgeber über diese Auseinandersetzungen bei vollem Glase? Hält er das Menschenleben heutzutage für gut oder schlecht? Ist er ein Freund oder Feind desselben?

– Pah!« antwortete der Angeredete.

Das ist so recht eigentlich das beliebteste Wort aller gleichgiltigen Seelen. Es sagt sowohl Alles als gar nichts. Es gehört allen Sprachen an und sollte sich in jedem Wörterbuche der Erdkugel finden. Es ist etwa das »artikulirte Mundaufthun«.

Die fünf Gäste, welche jener Gelangweilte bewirthete, stürmten jetzt aber, jeder für seine Ansicht, mit Argumenten aller Art auf ihn ein. Man wollte mit aller Gewalt seine Meinung hören. Anfänglich verweigerte er jede Antwort und sagte zuletzt nur, daß das Leben im Grunde weder gut, noch schlecht zu nennen sei. Seiner Meinung nach wäre es eine ziemlich zwecklose, im Ganzen genommen etwas unerquickliche »Erfindung«.

»Nun da habt Ihr ganz unseren alten Freund!

– Wie kann er nur so sprechen, da noch nicht die Falte eines Rosenblattes seine Ruhe gestört hat?

– Und wo er noch so jung ist!

– Jung und kerngesund!

– Gesund und reich!

– Sehr reich!

– Mehr als reich!

– Vielleicht nur zu reich!«

Diese Ausrufe kreuzten sich wie die Raketen eines Feuerwerkes, ohne auf dem unerregbaren Gesichte des Amphitryonen auch nur ein leises Lächeln hervorzurufen. Er begnügte sich, mit den Achseln zu zucken, wie ein Mensch, der noch niemals, nicht einmal eine kurze Stunde lang, im Buche seines Lebens geblättert, ja, der noch nicht einmal dessen erste Bogen aufgeschnitten hat.

Und doch zählte dieses Muster von Indifferentismus erst einunddreißig Sommer, erfreute sich der besten Gesundheit, besaß ein großes Vermögen, einen nicht ungebildeten Geist und natürliche Anlagen, die ihn weit über den Mittelschlag der Menschheit erhoben – mit einem Worte, er hatte Alles, was so manchem Anderen fehlt, um der Glücklichste unter der Sonne zu sein. Warum war er das nicht?

Warum?

Da ließ sich die ernste Stimme des Philosophen vernehmen, der gemessen sprach wie der Führer des altgriechischen Chors.

»Wenn Du nicht glücklich bist, mein Freund!« sagte er. (S. 7.)

»Wenn Du hiernieden nicht glücklich bist, mein Freund, sagte er, so kommt das nur daher, daß Dein Glück stets ein rein negatives war. Mit dem Glücke verhält sich’s wie mit der Gesundheit. Um sie zu genießen, muß man sie einmal entbehrt haben. Du bist niemals krank…. oder richtiger, niemals unglücklich gewesen! Das ist’s, was Deinem Leben fehlt. Wer vermag wohl das Glück zu schätzen, wenn ihn nicht, auch nur einen Augenblick lang, das Unglück beugte?«

Kin-Fo. (S. 14.)

Mit diesen salbungsvollen Worten erhob der Philosoph sein Glas voll des feinsten Champagners.

»Ich wünsche der Sonne unseres Wirthes ein klein wenig Schatten, rief er, seinem Leben nur einmal das Gefühl des Schmerzes!«

Hierauf leerte er den Becher in einem Zuge.

Der Amphitryo machte eine leise Handbewegung und versank wieder in seine gewohnte Apathie.

Und wo fand dieses Gespräch wohl statt? Etwa in einem europäischen Speisesaale von Wien, Paris, Petersburg oder London? Unterhielten sich die sechs Tischgenossen wohl im Salon eines Restaurants der Neuen oder der Alten Welt? Wer waren die Leute, welche, ohne viel getrunken zu haben, derartige, Fragen bei einem reichlichen Mahle verhandelten?

Auf jeden Fall keine Franzosen, denn sie sprachen nicht von Politik.

Die sechs Tafelfreunde saßen am Tische eines mittelgroßen, verschwenderisch ausgestatteten Salons. Durch die blauen und orangefarbenen Scheiben leuchteten eben die Strahlen der niedergehenden Sonne. Draußen am Fenstergebälk schaukelten Guirlanden von natürlichen und künstlichen Blumen im sanften Hauche des Abendwindes, und einige bunte farbige Laternen mischten ihren milden Schein mit dem ersterbenden Schimmer des Tages. Ueber den Fensteröffnungen wanden sich reizende Arabesken hin, da und dort unterbrochen von herrlichen Bildhauereien verschiedener Art, welche himmlische und irdische Schönheiten, Thiere und Pflanzen einer phantastischen Fauna und Flora darstellten.

An den Wänden des mit Seidentapeten geschmückten Salons glänzten Spiegel mit Spiegelglasrahmen. Eine an der Decke angebrachte »Punka« milderte die umgebende Temperatur durch die Bewegung ihrer Perkalinflügel.

Die Tafel selbst bildete ein großes, schwarz lackirtes Viereck. Kein Tischtuch verhüllte die Fläche desselben, welche das reiche Silber-und Porzellangeschirr gleich der reinsten Krystallscheibe widerspiegelte. An Stelle der Servietten hatte jeder Tischgast eine gewisse Anzahl seiner Papierbogen, jeden mit passendem Sinnspruch, neben sich liegen. Rund um die Tafel standen Sessel mit marmornen Rückenlehnen, welche unter jenen Breitegraden offenbar vor den Seidenpolstern unserer modernen Hausgeräthe den Vorzug verdienten.

Die Bedienung besorgten recht hübsche junge Mädchen mit Lilienblüthen und Chrysanthemum in den schwarzen Flechten und mit coquett um die Arme geschlungenen Spangen aus Gold oder Nephrit. Heiter lächelnd, brachten sie die Gerichte oder entfernten das Geschirr stets nur mit einer Hand, während sie mit der anderen graziös einen breiten Fächer schwangen, der die Luftströmungen von der Punka der Zimmerdecke lebhafter in Bewegung setzte.

Die Tafel selbst ließ nichts zu wünschen übrig. Man konnte nicht wohl köstlichere Gerichte erdenken, als sie die berühmte Küche hier lieferte. Der Herr des Hauses hatte sich, im Bewußtsein, es hier mit Kennern zu thun zu haben, bei der Bereitung der hundertfünfzig Gänge dieser Mahlzeit fast selbst übertroffen.

Die Einleitung bildeten kleine Zuckerkuchen, Caviar, gebackene Heuschrecken, getrocknete Früchte und Ning-Po-Austern. Dann folgten in kurzen Zwischenräumen Setzeier von Enten, Tauben und Kibitzen, Schwalbennester mit Rührei »Fricassé von »Gingseng«, Kiemen vom Stör mit Compote, Walfischnerven mit Zuckersauce, Flußalant, gelbe Krabben in Ragout, Sperlingskröpfe und Lämmerangen mit Knoblauch, Rübchen mit der Milch von Aprikosenkernen, Seegurken, Bambusschößlinge mit Sauce, gezuckerter Salat von jungen Radieschen u.s.w. Ananas aus Singapore, Erdnußbaum-Mandeln, saftige Mango-und Long-yen-Früchte mit zartem, weißem Fleisch, »Litchi« mit gelblicher Pulpa, Wasserkastanien, eingemachte Orangen aus Canton und dergleichen bildeten die Endgerichte dieser schon drei Stunden dauernden Mahlzeit, bei der in reichlicher Menge Bier, Champagner und Chao-Chigne-Wein getrunken ward, während der unvermeidliche Reis, den die Tischgäste mit Hilfe kleiner Elfenbeinstäbchen verzehrten, das Dessert des sachkundig angeordneten Speisezettels bildete.

Endlich brachten die jungen Dienerinnen mit lauem Wasser getränkte Servietten herbei, mit welchen jeder Tafelgenosse sich unter großer Befriedigung das Gesicht abwischte.

Immerhin trat jetzt nur eine Art Zwischenakt der Mahlzeit ein, ein Stündchen des dolce far niente, das durch musikalische Vorträge verkürzt wurde.

Im Salon sammelte sich nun eine Truppe Sängerinnen und Instrumentisten. Die jungen, sehr hübschen Tänzerinnen bewahrten eine höchst bescheidene und decente Haltung. Aber die Musik und die Vortragsweise! Da gab es ein Miauen und Glucken ohne Takt und Zusammenklang und Töne, welche bis zur letzten Grenze der menschlichen Gehörfähigkeit hinausgingen. Die Instrumente, darunter Violinen, deren Saiten sich mit den Roßhaaren der Bögen verwickelten, mit Schlangenhaut an Stelle des Resonanzbodens überzogene Guitarren, schreiende Clarinetten, Harmonikas in Gestalt kleiner tragbarer Orgeln waren der Sänger und Sängerinnen ganz würdig, die sie mit dem Aufgebote aller Stimmmittel begleiteten.

Der Dirigent dieses Carneval-Orchesters hatte beim Eintritt das Verzeichniß seines Repertoires vertheilt. Auf ein Zeichen des Amphitryonen, der ihm die Auswahl selbst überließ, spielten die Musiker das »Bouquet der zehn Blumen«, ein Stück, das damals sehr in Aufnahme und bei der seinen Welt sehr beliebt war.

Darauf zog sich die reichlich bezahlte Sänger-und Tänzergesellschaft unter lebhaften Bravo-Rufen zurück, deren sie auch in den übrigen Salons noch genug erntete.

Die sechs Tischgenossen verließen nun, ohne weitere Ceremonien oder Redensarten, die Tafel, doch nur, um an einer anderen Platz zu nehmen.

An dieser zweiten stand für Jeden eine kleine bedeckte, mit der Abbildung des wie gewöhnlich auf dem hergebrachten Flosse stehenden Bodhidharama (ein berühmter Buddhisten-Priester) geschmückte Tasse bereit. Dazu wurde eine gewisse Menge Thee geliefert, welche Jeder selbst in das kochende Wasser der Tasse warf, und ohne Zucker fast sofort genoß.

Das war aber ein Thee! Hier brauchte man nicht zu fürchten, daß die, Firma Gibb-Gibb & Comp., welche denselben geliefert, ihn durch Zumischung fremdartiger Blätter verfälscht habe, noch daß er schon einmal abgebrüht worden und nur noch zum Reinigen der Teppiche geeignet sei, oder daß ihn ein gewissenloser Fälscher mittels Curcuma gelb oder mittels Berlinerblau grün gefärbt habe. Nein, das war echter Kaiserthee in tadelloser Reinheit! Das waren die köstlichen, der Theeblume selbst ähnlichen Blätter der ersten Ernte im März, die man nur selten benützt, weil die Pflanze dadurch eingeht, die Blätter, welche nur Kinder mit Handschuhen zu pflücken berechtigt sind.

Ein Europäer würde nicht genug Lobsprüche über dieses Getränk zu verschwenden wissen, das unsere sechs, Freunde – bewährte Kenner, welche dabei kein Wort verloren – in kleinen Zügen schlürften.

Damit soll indeß nicht gesagt sein, daß sie die Vorzüge dieses herrlichen Aufgusses nicht zu würdigen gewußt hätten. Als Leute aus guter Gesellschaft, reich bekleidet mit der »Han-chaol«, einer Art leichtem Vorhemd, dem »Ma-kual«, einem kurzen Rocke, der »Haol«, einem längeren, an der Seite zugeknöpften Unterkleid; an den Füßen gelbe Stiefelchen mit durchbrochenen Schäften tragend, dazu seidene, in der Taille mit einer troddelgeschmückten Schärpe gehaltene Beinkleider, waren die Männer ja auch in dem Lande geboren, wo der Theestrauch jährlich seine Ernte wohlriechender Blätter liefert. Sie hatten jene Mahlzeit, in der Schwalbennester, Seegurken, Walfischnerven und Haifischflossen figurirten, verzehrt, wie sie es der Vorzüglichkeit ihrer Zubereitung wegen verdiente; der Speisezettel aber, der jeden, Fremden in Verwunderung gesetzt hätte, enthielt für sie nichts Außergewöhnliches.

Woran von ihnen aber Keiner gedacht hätte, das war die Mittheilung, welche der Gastgeber seinen Freunden noch machen sollte, als sie eben die Tafel verlassen wollten. Jetzt erst erfuhren jene, weshalb die heutige Einladung erfolgt war.

Noch standen die Tassen halb gefüllt. Da, als der Gleichgiltige die seine zum letzten Male leerte, begann er, die Arme auf den Tisch gestützt und mit den Augen ziellos umherblickend, wie folgt:

»Meine Freunde! Nun hört mich einmal ohne Lachen an. Der Würfel ist gefallen. Ich gedenke in mein Leben ein neues Element einzuführen, das vielleicht dessen Monotonie zu verscheuchen vermag! Ob es zum Glück oder Unglück führen wird, kann nur die Zukunft lehren. Der Schmaus, zu dem ich Euch heute bat, soll das Abschiedsfest meines – Junggesellenlebens sein. In vierzehn Tagen werde ich verheirathet und….

– Und der Glücklichste unter der Sonne sein! fiel der Optimist ein. Pass’ auf, alle Vorzeichen sind Dir günstig!«

Wirklich warfen eben die Lampen knisternd einen fahlen Schein, die Elstern schaukelten sich auf den Blumenguirlanden der Fenster und wagrecht schwammen die kleinen Theeblätter in den Tassen. Lauter günstige und für untrüglich angesehene Vorbedeutungen.

Alle beeilten sich denn auch, ihren Wirth zu beglückwünschen, der diese Gratulationen indeß sehr kühl aufnahm. Da er die Person, welche die Rolle des »neuen Elementes« zu spielen bestimmt war, aber nicht selbst nannte, beging auch Niemand die Indiscretion, ihn danach zu fragen.

Der Philosoph allein hatte bei den eifrigen Beglückwünschungen geschwiegen. Mit gekreuzten Armen und halbgeschlossenen Augen saß er da, während ein ironisches Lächeln seine Lippen umspielte, so als ob er weder mit den Darbringern, noch mit dem Empfänger jener Gratulationen vollkommen einverstanden wäre.

Da stand der Letztere selbst auf, legte die Hand auf seine Schulter und fragte mit weniger ruhiger Stimme, als man sonst bei ihm gewöhnt war:

»Bin ich etwa schon zu alt, um zu heirathen?

– Nein.

– Vielleicht zu jung?

– Noch weniger.

– Meinst Du, daß ich Unrecht thue?

– Vielleicht!

– Die, welche ich gewählt und die Du übrigens kennst, besitzt alle Eigenschaften, um mich glücklich zu machen.

– Das weiß ich.

– Nun und….

– Du hast nicht alle Eigenschaften, um es zu werden. Sich im Leben allein zu langweilen, ist schlimm! Zu Zweien – das ist noch schlimmer!

– Ich werde also niemals glücklich sein?….

– Nein, wenigstens wenn Du das Unglück nicht kennen lernst.

– Das Unglück kann mich nicht treffen!

– Desto schlimmer, so bist Du unheilbar!

– O, über diese Philosophen! rief der jüngste der Freunde. Man darf gar nicht auf sie hören. Das sind Theorie-Maschinen. Sie fabriciren dergleichen von jeder Sorte! Es ist nicht der Mühe werth, darauf Gewicht zu legen. Verheirathe Dich, bester Freund, nimm Dir ein Weib! Ich würd’ es Dir nachthun, hätte ich nicht gelobt, unvermählt zu bleiben. Tritt in die Ehe, und mögen, wie unsere Dichter sagen, die beiden Phönix Dir immer in trautem Bunde erscheinen. Ich trinke auf das Wohl unseres Wirthes, meine Freunde!

– Und ich, erwiderte der Philosoph, auf das demnächstige Eingreifen einer barmherzigen Schutzgöttin, die unseren Freund, um ihn glücklich zu machen, einmal die Schale des Unglücks kosten läßt!«

Nach diesem bizarren Trinkspruche erhoben sich die Tafelgenossen und berührten einander mit vorgestreckten Fäusten, etwa wie die Boxer vor dem Wettkampfe; dann senkten sie die Hände langsam, erhoben sie, sich dazu verbeugend, wieder und nahmen von einander Abschied.

Aus der Beschreibung des Saales, in dem obige Mahlzeit abgehalten wurde, aus dem eigenartigen Speisezettel der letzteren, aus der Kleidung der Tischgäste und der Art ihrer Ausdrucksweise, vielleicht auch aus der Eigenthümlichkeit ihrer Theorien hat der Leser wahrscheinlich schon errathen, daß hier von Chinesen die Rede ist, doch nicht von solchen »Kindern des Himmels«, wie man sie wohl auf spanischen Wänden oder importirtem Porzellangeschirr abgebildet sieht, sondern von modernen Bewohnern des »Himmlischen Reiches«, welche durch ihre Studien, ihre Reisen und häufigen Berührungen mit den Völkern des Abendlandes schon halb und halb »europäisirt« waren.

Der reiche Kin-Fo hatte in Begleitung seines von ihm unzertrennlichen Hausgenossen, des Philosophen Wang, vier seiner vertrautesten Jugendfreunde, nämlich Par-Shen, einen Mandarinen vierter Klasse mit blauem Knopfe, Yin-Pang, einen reichen Seidenhändler aus der Pharmaceuten-Straße in Canton, Tim, den vollendeten Lebemann, und Hual, den Gelehrten, auf einem der bekannten Blumenschiffe des Perlenflusses bewirthet.

Es geschah das am siebenundzwanzigsten Tage des vierten Mondes während der ersten der fünf Wachen, in die man die Stunden der chinesischen Zeit so poetisch einzutheilen pflegt.

Zweites Capitel.

In welchem Kin-Fo und der Philosoph Wang dem Leser etwas eingehender dargestellt werden.

Wenn Kin-Fo seinen Freunden einen Abschiedsschmaus in Canton gegeben hatte, so kam das daher, daß er selbst einen Theil seiner Jugend in jener Hauptstadt der Provinz Kuang-Tong verlebte. Von den zahlreichen Bekannten, an denen es einem reichen, freigebigen jungen Manne ja niemals fehlt, waren ihm jetzt nur noch die vier, auf das Blumenschiff eingeladenen Freunde übrig geblieben. Die übrigen, welche die Wechselfälle des Lebens nach allen Seiten hin verschlagen hatte, hätte er heute wohl vergeblich um sich zu vereinigen gesucht.

Kin-Fo wohnte zu der Zeit in Shang-Haï, und nur um seine tödtliche Langweile zu unterbrechen, begab er sich für einige Tage nach Canton. Noch an demselben Abend gedachte er jedoch den Dampfer zu benutzen, der die Hauptküstenpunkte jener Provinz anläuft, um ruhig nach seinem Yamen zurückzukehren.

Wenn Wang dabei Kin-Fo begleitete, so erklärt sich das dadurch, daß er seinem ehemaligen Schüler, den er auch jetzt noch täglich zu belehren suchte, eben niemals von der Seite wich. Dieser freilich schlug die guten Lehren meist in den Wind. Wie viele schöne Grundsätze und Sprüche der Weisheit gingen dabei verloren! Doch die »Theorien-Maschine« – wie der Lebemann Tim sich äußerte – arbeitete unverdrossen weiter.

Kin-Fo war so in rechtem Sinne des Wortes der Typus jener Chinesen des Nordens, deren Race einer vollständigen Umwandlung entgegengeht, während sie sich vor einer Vermischung mit den Tataren zu bewahren wußten. In den südlichen Provinzen, wo die höchsten wie die niedrigsten Klassen sich vielfach mit der Mantschu-Race kreuzten, trifft man kaum jemals auf solche Erscheinungen. In Kin-Fo’s Adern rollte, weder von Seite seines Vaters noch seiner Mutter, deren Familien sich seit der Zeit der Eroberung des Reiches sehr zurückgezogen hatten, auch nicht ein Tropfen tatarischen Blutes. Groß, wohlgebaut und von mehr weißer als gelber Hautfarbe, konnte er mit seinen geradlinigen Augenbrauen, den horizontalen oder doch nur unmerklich nach den Schläfen hin aufsteigenden Augen, der feingeschnittenen Nase und bei seinem keineswegs abgeplatteten Gesicht recht wohl mit den schönsten Erscheinungen der abendländischen Völker in die Schranken treten.

Den Chinesen erkannte man in Kin-Fo wirklich nur an dem sorgsam rasirten Schädel, der Stirn und dem bartlosen Kinn, sowie an dem prächtigen Zopfe, der vom Hinterhaupte aus wie eine Schlange aus Bergwachs über den Rücken herabfiel. Sehr sorgfältig bezüglich seiner äußeren Erscheinung, trug er einen seinen, die Lippen halbkreisförmig überdachenden Schnurrbart und ein Bärtchen unter denselben, das dem Punkte unter einer Note auffallend ähnlich sah. Seine Nägel waren über einen Centimeter lang, ein Beweis seiner Zugehörigkeit zu denjenigen Gesellschaftsklassen, welche auch ohne zu arbeiten, leben können. Vielleicht trug auch die Nonchalance seines Auftretens neben einer gewissen Hochmüthigkeit seiner Haltung zu der vollendeten Erscheinung des »großen Herrn« bei, die sich in seiner ganzen Person ausprägte.

Uebrigens rühmte sich Kin-Fo, in Peking geboren zu sein, worauf alle Chinesen ohne Unterschied sehr stolz sind. Er konnte Jedem, der ihn fragte, mit ruhigem Selbstbewußtsein antworten: »Ich bin von hohem Stamme!«

Sein Vater Tchung-Heu wohnte nämlich zur Zeit der Geburt des Sohnes in Peking, und dieser hatte sich erst seit sechs Jahren in Shang-Haï niedergelassen.

Dieser würdige, einer hervorragenden Familie aus dem Norden des Reiches entstammende Chinese besaß, wie die meisten seiner Landsleute, sehr entwickelte Anlagen zum Handel. Während der ersten Jahre seiner selbständigen Thätigkeit kaufte, verkaufte und exportirte er alle Erzeugnisse des dichtbevölkerten Landes, Papier aus Sevatow und Seidenwaaren aus Su-Tchen ebenso wie candirten Zucker aus Formosa, Thee aus Hankow und Foochow, Eisen aus Hanon wie rothes und gelbes Kupfer aus der Provinz Yunanne. Sein Hauptgeschäft, sein »Hong«, befand sich in Shang-Haï, doch besaß er auch Filial-Comptoirs in Nan-King, Tien-Tsin, Macao und Hong-Kong. Sehr vertraut mit europäischen Zuständen, beförderten ihm die englischen Dampfer seine Waarenballen und übermittelte ihm der elektrische Draht die Marktpreise der Seidenstoffe in Lyon und des Opiums in Calcutta. Er befreundete sich schnell mit jedem Kulturfortschritte, wie mit dem Dampfe und der Elektricität, im Gegensatze zu den meisten Chinesen, welche sich dagegen ablehnend verhalten unter dem Einflusse der Mandarinen und der Regierung, deren Ansehen dadurch mehr und mehr abnimmt.

Kurz, Tchung-Heu ging sowohl rücksichtlich des Binnenhandels im Reiche selbst wie bei seinen Transactionen mit den portugiesischen, deutschen, englischen, französischen und amerikanischen Geschäftshäusern in Shang-Haï, Macao und Hong-Kong so geschickt zu Werke, daß sich sein Vermögen zur Zeit der Geburt Kin-Fo’s schon auf 400.000 Dollars bezifferte.

Wang. (S. 15.)

Während der nächstfolgenden Jahre erreichte dasselbe die doppelte Höhe, Dank einem neuen Geschäftszweige, dem, Kuli-Handel mit der Neuen Welt«. Bekanntlich leidet China an Uebervölkerung, trotz der ungeheueren Ausdehnung seines Gebietes, das man dichterisch das Himmlische Reich, das Reich der Mitte oder das Land der Blumen genannt hat.

Man schätzt die Zahl der Bewohner auf mehr als 300 Millionen, das heißt fast den vierten Theil der Bevölkerung der Erde überhaupt. So wenig nun der ärmere Chinese auch ißt, so ißt er doch immer, und trotz der unzähligen Reisplantagen und der endlosen Hirse-und Kornfelder vermag ihn China nicht hinreichend zu ernähren. Daher stammt der Ueberfluß, der nun durch die Breschen zu entweichen sacht, welche englische und französische Kanonen in die materiellen und moralischen Mauern des Himmlischen Reiches geschossen haben.

Eben dieser Ueberfluß fließt nach Nordamerika, vorzüglich nach Californien hin ab. Es geschieht das aber mit solcher Heftigkeit, daß der Congreß sich gegenüber dieser Ueberschwemmung, die man wegwerfender Weise als »gelbe Pest« bezeichnete, zu beschränkenden Maßregeln entschließen mußte. Man gelangte nämlich zu der Ueberzeugung, daß fünfzig Millionen nach den Vereinigten Staaten ausgewanderte Chinesen ihr Vaterland nicht merklich schwächen konnten, während sich damit die Absorption der angelsächsischen Race zu Gunsten der mongolischen vollzogen haben würde.

Jedenfalls nahm die Auswanderung große Dimensionen an. Die von einer Handvoll Reis, einer Tasse Thee und einer Pfeife Tabak lebenden Kulis, welche sich in jede Thätigkeit fanden, wußten sich am Salzsee, in Oregon und vorzüglich in Californien, wo sie die Arbeitslöhne bedeutend herabdrückten, sehr bald Geltung zu verschaffen.

Es bildeten sich Gesellschaften zum Zwecke der Beförderung jener so wenig kostspieligen Emigranten. Fünf solche arbeiteten in fünf Provinzen des Himmlischen Reiches mit der Anwerbung derselben, eine sechste hatte ihren Sitz in San-Francisco. Die ersteren beförderten die Waare, die letztere nahm sie in Empfang. Eine weitere Agentur, die des »Ting-Tong«, schaffte sie wieder zurück.

Letzteres verlangt eine Erklärung.

Die Chinesen sind wohl bereit, ihr Vaterland zu verlassen und bei den »Melikauern«, so nennen sie die Bewohner der Vereinigten Staaten, ihr Glück zu versuchen, doch nur unter der einen Bedingung, daß ihre Leichen getreulich zurückbefördert werden, um in heimischer Erde eine Ruhestätte zu finden. Das ist eine der Hauptbedingungen ihrer Contracte, eine conditio sine qua non, zu welcher sich die Gesellschaften den Auswanderern gegenüber verpflichten müssen und der sie sich unter keinerlei Vorwand zu entziehen im Stande sind.

Die Ting-Tong, früher die Todten-Agentur genannt, verfügt über ihre besonderen Fonds, und ihr fällt die Aufgabe zu, die Leichenschiffe zu heuern und zu befrachten, welche mit voller Ladung nach Shang-Hong-Kong oder Tien-Tsin zurücksegeln. Dieses Geschäft bildet wiederum einen Handelszweig und eine neue Quelle von Einnahmen.

Dem scharf blickenden und unternehmenden Tchung-Heu entging das natürlich nicht. Bei seinem 1866 eingetretenen Tode war er Vorsteher der Gesellschaft Kuang-Than, in der Provinz gleichen Namens, und Vicevorsitzender der Gesellschaft der Leichencasse in San-Francisco.

Damals erbte der nun vater-und mutterlose Kin-Fo ein Vermögen von über drei Viertelmillionen Dollars, angelegt in Actien der Californischen Centralbank, welche er sich sorgsam zu bewahren suchte.

Als er seinen Vater verlor, hätte der junge Erbe allein gestanden, wenn nicht Wang, der von ihm unzertrennliche Wang gewesen wäre, der ihm als Lehrer und Freund treu blieb.

Wer war denn dieser Wang eigentlich? Seit siebzehn Jahren schon wohnte er in dem Yamen von Shang-Haï. Er war der stete Genosse des Vaters gewesen, wie später der des Sohnes. Und woher kam er? Welche Vergangenheit lag hinter ihm? Das waren ebenso viele Fragen als Räthsel, über welche nur Tchung-Heu und Kin-Fo hätten Auskunft geben können.

Wenn sie das gewollt – was übrigens sehr unwahrscheinlich war – so hätte man Folgendes gehört:

Es weiß Jedermann, daß China vor allen anderen das Reich ist, wo Revolutionen gleich viele Jahre lang fortdauern und Hunderttausende von Menschen in Bewegung setzen können. Im 17. Jahrhundert nun herrschte die berühmte, ihrem Ursprunge nach chinesische Dynastie der Ming schon dreihundert Jahre lang über das Himmlische Reich, als das Haupt derselben, der sich gegen die, seine Hauptstadt bedrängenden Rebellen zu schwach fühlte, im Jahre 1648 einen Tatarenkönig um Hilfe anging.

Dieser König ließ sich nicht zweimal bitten; er eilte herbei und vertrieb zwar die Rebellen, benützte aber zugleich die Gelegenheit, Den, der seine Hilfe erbeten hatte, selbst zu stürzen und seinen eigenen Sohn, Chun-Tche, zum Kaiser ausrufen zu lassen.

Von dieser Zeit ab trat die Herrschaft des tatarischen Stammes an Stelle der des chinesischen, und die Mantschu-Kaiser bestiegen den Thron.

Nach und nach vermischten sich, vorzüglich in den niederen Volksschichten, die beiden Racen, während die reichen Familien des Nordens vielfach auf das strenge Auseinanderhalten chinesischen und tatarischen Blutes achteten. So unterscheidet man, vorzüglich in den mittleren Provinzen des Nordens, diese beiden Typen auch noch heutigen Tages ohne Schwierigkeit. In jenen Gegenden sammelten sich die »Unversöhnlichen« als treue Anhänger des gestürzten Herrscherhauses.

Kin-Fo’s Vater zählte zu den letzteren und verleugnete niemals die Ueberlieferungen seiner Familie, welche es verschmäht hatte, mit den Tataren zu pactiren. Eine Erhebung gegen die Herrschaft der Fremdlinge, auch nach deren fast dreihundertjährigem Besitze der Gewalt, hätte ohne Zweifel seine Zustimmung und Unterstützung gefunden.

Es bedarf wohl kaum der Versicherung, daß Kin-Fo seine politischen Anschauungen nach allen Seiten theilte.

Im Jahre 1860 herrschte noch Kaiser S’Hiene-Fong, der England und Frankreich den Krieg erklärte – ein Krieg, der mit dem am 25. October desselben Jahres in Peking abgeschlossenen Vertrage endigte.

Schon vor dieser Zeit bedrohte die herrschende Dynastie aber eine gefährliche Empörung. Die Tschang-Mao oder Taï-Ping, die »langhaarigen Rebellen«, hatten sich 1853 Nan-Kings und 1855 Shang-Haïs bemächtigt. Nach S’Hiene-Fong’s Ableben hatte sein junger Sohn große Mühe, die Taï-Ping zu Paaren zu treiben. Ohne den Vicekönig Li, den Prinzen Kong und vorzüglich ohne die Unterstützung des englischen Oberst Gordon möchte er wohl kaum noch auf seinem Throne sitzen.

Die für eine Rebellion gut organisirten Taï-Ping wollten, als erklärte Feinde der Tataren, die Dynastie der Tsing durch die der Wang ersetzen. Sie bildeten vier verschiedene Heerhaufen; der erste, mit schwarzer Fahne, hatte die Aufgabe zu tödten; der zweite, mit rothem Banner, sollte Feuer anlegen; der dritte, mit gelber, sollte plündern, und dem vierten, mit weißer Fahne lag es ob, die drei anderen zu verproviantiren.

In dem Districte Kiang-Su spielten sich die wichtigsten Ereignisse ab. Su-Tchen und Kia-Hing, fünf Meilen von Shang-Haï, fielen den Rebellen in die Hände und wurden von den kaiserlichen Truppen nur mit Mühe zurückrobert. Auch das sehr bedrohte Shang-Haï wurde am 18. August 1860 angegriffen, gerade als die Generale Grant und Montauban, die Befehlshaber der englisch-französischen Armee, die Forts am Peï-Ho bombardirten.

Jener Zeit bewohnte Tchung-Heu, Kin-Fo’s Vater, eine Besitzung in der Nähe Shang-Haïs, unsern der prachtvollen Brücke, welche chinesische Ingenieure über den Su-Tchen gebaut hatten. Die Erhebung der Taï-Ping sah er natürlich, da sie ihre Spitze gegen die Tataren richtete, mit wohlwollendem Auge an.

An jenem 18. August, an dem die Rebellen nach blutigem Kampfe von Shang-Haï abgedrängt wurden, war es, als sich das Thor zu Tchung-Heu’s Wohnung rasch öffnete.

Ein Flüchtling, der seinen Verfolgern glücklich entgangen war, warf sich flehend Tchung-Heu zu Füßen. Der Unglückliche besaß keine Waffe mehr, sich vertheidigen zu können. Wenn ihn Der, bei dem er eine Freistatt sachte, der kaiserlichen Soldateska auslieferte, war er verloren.

Unmöglich konnte aber Kin-Fo’s Vater an einem in sein Haus geflüchteten Taï-Ping zum Verräther werden.

Er verschloß hinter jenem vielmehr eiligst seine Thür.

»Ich will nicht fragen und mag es niemals wissen, was Du bist, was Du gethan, noch woher Du kommst! Du bist mein Gast und in dieser Eigenschaft allein schon bei mir in sicherer Hut.«

Der Flüchtling wollte sprechen, um ihm zu danken…. Fast fehlte ihm die Kraft dazu.

»Dein Name? fragte ihn Tchung-Heu.

– Wang.«

In der That rettete Tchung-Heu’s Edelmuth damals Wang das Leben, ein Edelmuth, der dem Ersteren den eigenen Kopf gekostet hätte, wenn man vermuthete, daß er einem Rebellen Zuflucht gäbe. Tchung-Heu gehörte aber zu den Männern der alten Zeit, denen jeder Gast heilig war.

Einige Jahre später erlag die Empörung vollständig. Schon 1864 nahm das Oberhaupt der Taï-Ping in Nan-King, wo er residirte, Gift, um nicht den Kaiserlichen in die Hände zu fallen.

Seit dem erwähnten Tage blieb Wang in dem Hause seines Wohlthäters. Ueber seine Vergangenheit verlangte Niemand Ausschluß, Niemand richtete deshalb auch nur eine entfernte Frage an ihn. Vielleicht fürchtete man mehr zu hören, als erwünscht sein mochte. Die durch die Rebellen begangenen Grausamkeiten wurden als wahrhaft fürchterliche geschildert. Ob nun Wang unter dem schwarzen, rothen, gelben oder weißen Banner gedient, wollte man am liebsten nicht wissen, und bestrebte man sich, den guten Glauben zu bewahren, daß er nur dem Verproviantirungs-Heere angehört habe.

Der mit dem ihm zugefallenen Lose so glückliche Wang wurde also der stete Genosse des gastlichen Hauses. Auch nach Tchung-Heu’s Ableben wollte sich der Sohn auf keinen, Fall von ihm trennen, so sehr hatte er sich an die Gesellschaft des liebenswürdigen Mannes gewöhnt.

Wer hätte aber auch zur Zeit des Beginnes unserer Geschichte einen alten Taï-Ping – einen Mörder, Plünderer oder Brandstifter, ganz nach Belieben – in jenem fünfzigjährigen Philosophen, dem Moralprediger mit der Riesenbrille, jenem chinesischen Chinesen mit den schiefen geschlitzten Augen und dem althergebrachten Schnurrbart wieder erkannt? Gab ihm nicht sein langes Oberkleid von wenig auffallender Färbung, sein in Folge von Fettleibigkeit etwas nach oben gerutschter Gürtel, die nach kaiserlicher Vorschrift geordnete Frisur nebst der Kopfbedeckung, das heißt einer Art Pelzhut, von dessen Rande eine Quaste von rothen, Fäden herabhing, vollkommen das Aussehen eines würdigen Professors der Weltweisheit, eines jener Gelehrten, die sich aller 80.000 Zeichen der chinesischen Schrift mit Geläufigkeit zu bedienen wissen, eines Eingeweihten der höheren Sprachweise, eines mit Auszeichnung Geprüften, der damit das Recht erlangt hatte, in Peking durch das große, nur für bevorzugte Söhne des Himmels reservirte Thor zu gehen?

Vielleicht hatte der frühere Rebell, seine blutige Vergangenheit vergessend, sich im Umgange mit dem wackeren Tchung-Heu zähmen gelernt und war allmälich auf den Weg der speculativen Philosophie übergeleitet worden. So waren auch an jenem Abend Kin-Fo und Wang, die sich niemals trennten, bei dem geschilderten Abschiedsschmaus zusammen in Canton und gingen ebenso miteinander längs der Quais hin, um den Dampfer aufzusuchen, der sie in kurzer Zeit wieder nach Shang-Haï zurückführen sollte.

Kin-Fo wanderte schweigsam, selbst etwas sorgenvoll dahin. Wang blickte weder nach rechts, noch nach links, philosophirte über den Mond und die glitzernden Sterne, ging lächelnd durch das »Thor der ewigen Reinheit«, das er für sich nicht zu hoch fand, ferner durch das »der ewigen Freude«, dessen Flügel nur für ihn geöffnet schienen, und verschwand endlich im Schatten der Thürme der Pagode »Zu den fünfhundert Gottheiten«.

Hier lag der Steamer »Perma« schon unter Dampf. Kin-Fo und Wang nahmen die beiden für sie aufbewahrten Cabinen ein. Die rasche Strömung des Perlenflusses, der mit seinem Schlamme täglich die Leichname Hingerichteter dem Meere zuwälzt, verlieh dem Schiffe eine außerordentliche Schnelligkeit. Einem Pfeile gleich, flog der Dampfer vorüber an Ruinen, welche von den Kanonen Frankreichs herrührten, vor der neun Etagen hohen Pagode Haf-Way’s, vor der Jardyne-Spitze, nahe bei Whampoa, wo die größeren Schiffe vor Anker gehen, und zwischen den Inseln und Bambusdickichten der beiden Ufer dahin.

Die hundertfünfzig Kilometer, das heißt die dreihundertfünfundsiebzig »Lis«, welche Canton von der Mündung des Stromes trennten, wurden im Laufe der Nacht zurückgelegt.

Mit Sonnenaufgang passirte die »Perma« den »Rachen des Tigers« und endlich die beiden Hafenmauern an der Küste. Einen Augenblick leuchtete der 1825 Fuß hohe Victoria-Peak der Insel Hong-Kong durch den Morgennebel, und nach ungemein günstiger Ueberfahrt dampften Kin-Fo und unser Philosoph erst in dem gelblichen Wasser des Blauen Flusses hinauf und landeten endlich in Shang-Haï, an dem zur Provinz Kiang-Nan gehörigen Ufer.

Drittes Capitel.

In dem der Leser ohne Beschwerde eine Ueberblick über die Stadt Shang-Haï gewinnt.

Ein chinesisches Sprichwort sagt:

Die beiden Freunde gingen langsamen Schrittes über den Quai. (S. 22.)

»Wenn die Säbel rosten, glänzen die Spaten –

»Wenn die Kerker leer werden, füllen sich die Speicher –

»Wenn die Tempelstufen von den Tritten der Gläubigen abgenützt und die Gerichtshoftreppen mit Gras bedeckt sind –

»Wenn die Aerzte zu Fuße gehen und die Fleischer reiten –

»Dann ist das Reich am besten verwaltet.«

Das Spichwort ist gut. Man könnte es wohl mit demselben Rechte auf alle Staaten der Alten und Neuen Welt anwenden. Wenn es aber überhaupt einen giebt, wo dieser fromme Wunsch seiner Erfüllung am fernsten ist, so ist

das vor Allem das Himmlische Reich. Hier glänzen die Säbel und rosten die Spaten, hier strotzen die Kerker von Unglücklichen und leeren sich die Speicher. Die Fleischer gehen weit mehr zu Fuß als die Aerzte, und wenn auch die Pagoden noch fromme Seelen anlocken, so fehlt es dagegen auch den Gerichtshöfen niemals weder an Anklägern, noch an Vertheidigern.

Uebrigens kann ein Reich von 180.000 Quadratmeilen, das von Norden nach Süden über 800, von Osten nach Westen mehr als 900 Meilen mißt, das ohne die Tributärstaaten, die Mongolei, Mantschurei, Tibet, Tonking, Korea, die Inseln Liu-Tchu u.a.m., allein achtzehn ungeheuere Provinzen umfaßt, ein solches Reich kann wohl auch niemals tadellos verwaltet werden.

Der Sien-cheng wendete die Karte um. (S. 29.)

Wenn die Chinesen darüber nur einen leisen Zweifel hegen, so sind alle Fremden in dieser Hinsicht vollkommen einig. Höchstens der Kaiser allein, der in seinem Palaste eingeschlossen lebt und nur sehr selten durch dessen, von einer dreifachen Stadtmauer beschützten Thore herauskommt, dieser Sohn des Himmels, der Vater und die Mutter seiner zahllosen Unterthanen, dem durch das Recht der Geburt die Einkünfte des Reiches zufließen, dieser Selbstherrscher, der nach Belieben Gesetze giebt oder aufhebt, dem das Recht über Leben und Tod Aller zusteht und vor dem sich alle Stirnen in den Staub beugen – nur er allein ist vielleicht der Meinung, daß hier Alles besser geordnet ist als in der übrigen Welt. Es wäre auch vergeblich, ihn davon überzeugen zu wollen, daß er sich irre. Ein Sohn des Himmels irrt sich eben niemals.

Von Kin-Fo war man fast versucht zu glauben, daß er die europäische Regierungsweise der chinesischen vorzog. So wohnte er schon nicht in Shang-Hat, sondern außerhalb auf dem Gebiete der englischen Niederlassung, die sich eine gewisse Autonomie zu bewahren gewußt hat.

Die eigentliche Stadt Shang-Haï liegt am linken Ufer des kleinen Flusses Huang-Pu, der sich rechtwinkelig mit dem Wusung vereinigt und in den Yantse-Kiang oder Blauen Fluß ausmündet, der dem Gelben Meere zuströmt.

Sie bildet ein von Norden nach Süden verlaufendes Oval und hat in ihren hohen Mauern fünf nach den Vorstädten führende Thore. Ein unentwirrbares Netz mit groben Steinen gepflasterter Straßen, welche unsere modernen Reinigungsmaschinen bald verderben würden; dunkle Läden ohne Vorbau oder Schaufenster, in denen sich halbnackte Händler bewegen; kein Wagen, kein Palankin und nur selten ein Reiter; einige Tempel der Einheimischen neben Kapellen der Ausländer; an Stelle von Spaziergängen nichts als ein »Theegarten« und ein ziemlich morastiger Paradeplatz auf ausgefülltem Lande, das früher Reisplantagen einnahmen und dem noch heute sumpfige Gase entströmen; und in jenen Straßen mit ihren schmalen, aber tiefen Häusern eine Bevölkerung von über 200.000 Seelen – das ist das Bild dieser, bezüglich ihrer Wohnlichkeit wenig einladenden, für den Handel aber doch ungemein wichtigen Stadt.

Hier war es nämlich, wo die Fremden nach dem Vertrage von Nan-King zuerst das Recht erlangten, Comptoirs zu errichten. Diese Stadt diente den europäischen Kaufleuten als das erste offene Thor für ihren Handel nach China. Außerhalb Shang-Haïs und seiner Vorstädte überließ dazu die Regierung gegen eine jährliche Rente drei Stück Land den Engländern, Amerikanern und Franzosen, welche zusammen etwa 2000 Köpfe zählen.

Ueber die französische Niederlassung, die unbedeutendste von allen, ist nicht viel zu sagen. Dieselbe grenzt fast an die nördliche Umwallung der Stadt und reicht bis zu dem Bache Yang-King-Pang, der sie von dem englischen Gebiete trennt. Hier erheben sich die Kirchen der Lazaristen und der Jesuiten, welche auch, vier Meilen von Shang-Haï, das Collegium von Tsikave besitzen, wo Eingeborne zu Geistlichen herangebildet werden. Die französische Kolonie bleibt jedoch weit hinter den zwei anderen zurück. Von den im Jahre 1861 gegründeten zehn Handelshäusern sind nur noch drei übrig, und selbst das Wechsel-Comptoir hat es später vorgezogen, auf englisches Gebiet überzusiedeln.

Das amerikanische Territorium nimmt weiter rückwärts die nach dem Wusung zu gelegene Fläche ein. Von dem englischen Gebiete ist es durch den mit einer Brücke überspannten Su-Tchen-Creek abgegrenzt. Hier befinden sich das Hôtel Astor und die Missionskirche und liegen auch die zur Ausbesserung der europäischen Schiffe ausgegrabenen Docks.

Von allen drei Ansiedelungen steht aber die englische ohne Widerspruch in höchster Blüthe. Prächtige Wohngebäude längs der Quais, Häuser mit lauschigen Veranden oder duftenden Gärten, Paläste der Handelsfürsten, die »Oriental-Bank«, der, Hong« des weltberühmten Hauses Dent nebst seiner mit ihm verbundenen Firma Lao-Tchi-Tchang’s, die Comptoirs der Jardyne, Russel und anderer bedeutender Geschäfte, der englische Club, das Theater, Ballhaus, die Rennbahn und Bibliothek, das Alles bietet diese reiche Schöpfung der Angelsachsen, welche mit Recht den Namen einer »Musterkolonie« erhalten hat.

Es erregt deshalb wohl auch weniger Verwunderung, auf diesem privilegirten Territorium unter höchst liberaler Verwaltung nach Leon Rousset’s Berichte »eine chinesische Stadt von ganz eigenthümlichem Charakter zu finden, die nirgends ihresgleichen besitzt«.

Auf diesem kleinen Fleckchen Erde sieht also der Fremde, der auf dem pittoresken Wege des Blauen Flusses hierher gelangte, vier verschiedene Landesflaggen im Winde flattern, nämlich die drei französischen Farben, die »Yacht« des Vereinigten Königreiches, das Sternenbanner Amerikas und das auf grünem Grunde liegende gelbe Andreaskreuz des Landes der Blumen.

Die nächste Umgebung von Shang-Haï zeigt eine Ebene ohne Bäume, durch welche sich schmale, steinichte Landstraßen und einander rechtwinkelig kreuzende Fußwege hinziehen; dazwischen Cisternen und »Arroyos« zur Bewässerung der ausgedehnten Reisfelder, Kanäle mit Djonken, welche mitten durch die Anpflanzungen dahingleiten wie die Barken in den holländischen Niederungen. Es ist ein großes Bild von vorherrschend grüner Farbe, aber ohne Rahmen.

Die »Perma« hatte bei ihrer Ankunft am Quai des einheimischen Hafens, vor der östlichen Vorstadt Shang-Haïs angelegt. Hier gingen auch Wang und Kin-Fo im Laufe des Nachmittags aus Land.

Das Gedränge der Geschäftsleute am Ufer war ungeheuer, auf dem Flusse selbst unbeschreiblich. Djonken zu Hunderten, Blumenboote, Sampans, das sind Gondeln, welche nur durch Ruder fortbewegt werden, Gigs und andere Fahrzeuge jeder Größe bildeten zusammen eine ganze schwimmende Stadt, wo eine Bevölkerung von Seeleuten und Stromschiffern wohnte, welche mindestens auf 40.000 Seelen abzuschätzen ist – eine Volksklasse von niedrigem Range, aus der selbst die Wohlhabenden nicht Gelehrte oder Mandarinen werden können.

Die beiden, Freunde gingen langsamen Schrittes über den Quai mitten durch die bunte Menge von Händlern aller Art, wie Verkäufern von Erdnüssen, Orangen, Arekanüssen und Pomeranzen, von Seeleuten aller Nationen, Wasserträgern, Wahrsagern, Bonzen, Lamas, katholischen Priestern in chinesischer Tracht mit Zopf und Fächer, eingebornen Soldaten, »Tipaos«, das sind Stadtpolizisten, und »Compradores« oder reisenden Mäklern, welche die Geschäfte für die europäischen Häuser vermitteln und ausführen.

Kin-Fo bewegte sich, den Fächer in der Hand, theilnahmlos durch die Menge und hatte kein Auge für das, was um ihn vorging. Weder der metallische Klang der mexikanischen Piaster, noch der Silber-oder der Kupfer-Sapeken,1 welche Käufer und Verkäufer geräuschvoll aus einer Hand in die andere gehen ließen, vermochte ihn abzulenken. Er besaß ja selbst so viel, um die ganze Vorstadt kaufen und baar bezahlen zu können.

Wang seinerseits hatte einen ungeheueren gelben, mit schwarzen monströsen Gestalten geschmückten Regenschirm aufgespannt und sachte, immer »auf der Lauer«, wie sich das für einen Vollblut-Chinesen geziemt, einen seiner Aufmerksamkeit würdigen Gegenstand.

Als sie an dem »Thore des Ostens« vorüberkamen, streifte sein Blick zufällig ein Dutzend Bambusstangen, von denen noch die Köpfe der am Tage vorher Hingerichteten herabgrinsten.

»Vielleicht, sagte er halblaut, gäb’ es doch etwas Besseres zu thun, als Köpfe abzuschlagen. Man thäte gescheidter daran, die Leute etwas aufgeklärter zu machen!«

Kin-Fo entging offenbar Wang’s Ausspruch, der ihn, als von einem alten Taï-Ping herrührend, gewiß verwundert hätte.

Beide folgten dem Quai, der sich um die Mauern der chinesischen Stadt herum fortsetzt, schweigend weiter.

Am Ende der Vorstadt, nahe der französischen Niederlassung, erregte ein Eingeborner in langem, blauem Oberkleide, der mit einem kleinen Stock auf ein dumpf tönendes Büffelhorn schlug, die Aufmerksamkeit der Menge.

– Ein Sien-cheng, begann der Philosoph.

– Was geht das uns an? erwiderte Kin-Fo.

– Freund, fuhr Wang fort, befrage ihn um Deine Zukunft. Jetzt, da Du Dich verheirathen willst, ist es die passendste Zeit.«

Kin-Fo wollte seinen Weg fortsetzen. Wang hielt ihn zurück.

Der »Sien-cheng« ist eine Art populärer Prophet, der für einige Sapeken den Leuten die Zukunft vorhersagt. Als professionelle Geräthschaften führt er nichts Anderes bei sich als einen Käfig mit einem kleinen Vogel darin, den er, an einen Rockknopf gehängt, trägt, und ein Spiel von vierundsechzig Karten, welche die Gestalten von Göttern, Menschen und Thieren darstellen. Die im Allgemeinen abergläubischen Chinesen aller Klassen legen auf diese Weissagungen des Sien-cheng, der sie wahrscheinlich selbst nicht sehr ernst nimmt, dennoch hohen Werth.

Auf ein Zeichen Wang’s breitete jener einen baumwollenen Teppich auf der Erde aus, setzte den Vogelbauer in dessen Mitte, ergriff sein Kartenspiel, mischte dasselbe und breitete es, die Bilder verdeckt, auf dem Teppich aus.

Hierauf öffnete er die Thür des Käfigs. Der kleine Vogel hüpfte heraus, wählte eine Karte aus und schlüpfte, belohnt mit einem Reiskörnchen, in seinen Bauer zurück.

Der Sien-cheng wendete die Karte um. Diese zeigte das Bild eines Mannes nebst einigen Worten in Kunan-runa-Schriftzügen, der officiellen Mandarinensprache des Nordens, welcher sich die gebildeten Leute zu bedienen pflegen.

Darauf wandte sich der Weissager an Kin-Fo und prophezeite ihm, was wahrscheinlich auch alle Collegen desselben, ohne sich zu compromittiren, gesagt hätten, daß er nach einer demnächstigen Prüfung zehntausend Jahre des reinsten Glückes zu gewärtigen habe.

»Eines, antwortete Kin-Fo, nur ein einziges, die übrigen will ich Dir schenken!«

Dann warf er einen Silber-Taël auf die Erde, auf den sich der Prophet wie ein verhungerter Köter, dem man einen guten Knochen anbietet, eiligst stürzte. Solch’ ein Glücksregen traf ihn nicht alle Tage.

Nachher begaben sich Wang und sein Schüler nach der französischen Kolonie hin, der Erstere in Gedanken über jene Vorhersagung, die mit seinen eigenen Ansichten über das Glück so auffallend übereinstimmte, der Andere in der Ueberzeugung, daß ihn keine Prüfung treffen könne.

So kamen sie am Gebäude des französischen Consulats vorbei, überschritten, eine Strecke weiterhin, die kleine Brücke über den Yang-King-Pang, und schlugen nun eine schräg durch die englische Niederlassung führende Richtung ein, um nach dem Quai des europäischen Hafens zu gelangen.

Jetzt läutete es zum Mittagsessen. Die vorher so lebhaften Geschäfte fanden wie durch Zauberschlag ein Ende. Der Arbeitstag war sozusagen geschlossen, nun folgte die Ruhe auf das Lärmen, selbst in der englischen Stadt, welche in dieser Beziehung ganz chinesisch geworden war.

Eben langten mehrere Schiffe, die meisten unter der Flagge des Vereinigten Königreichs, im Hafen an. Leider muß man sagen, daß unter je zehn neun derselben mit Opium befrachtet sind. Diese entnervende Drogue, mit der England das Reich der Mitte überschwemmt, veranlaßt einen Handel, dessen Werth mehr als zweihundert Millionen Mark beträgt und der wohl dreihundert Procent Nutzen abwirft. Vergebens bemühte sich die chinesische Regierung, die Einfuhr von Opium in das Himmlische Reich zu verhindern. Der Krieg von 1841 und der Vertrag von Nan-King haben den englischen Waaren unbehinderten Eingang und den Großmoguls des Handels gewonnenes Spiel gegeben. Hierzu kommt noch, daß, wenn die Regierung in Peking auch jeden Chinesen, der Opium verkaufen würde, mit dem Tode bedroht, doch selbst die höchsten Beamten derselben gegen klingende Münze darüber mit sich reden lassen. Man behauptet sogar, daß der Gouverneur von Shang-Haïjährlich eine Million dadurch allein gewinnt, daß er über die Hautirung seiner Unterbeamten ein Auge zudrückt.

Es versteht sich von selbst, daß weder Kin-Fo, noch Wang der abscheulichen Sitte des Opiumrauchens huldigten, welche den Organismus so allseitig schädigt und zu einem frühen Tode führt.

Niemals war eine Unze dieser Substanz in die reiche Wohnung gekommen, in der die beiden Freunde eine Stunde nach ihrer Landung am Quai von Shang-Haï anlangten.

Wang sagte da – wiederum ein bemerkenswerther Ausspruch von einem alten Taï-Ping:

»Vielleicht gäb’ es etwas Besseres zu thun, als durch jenen Import ein ganzes Volk zu verthieren! Der Handel ist an sich etwas recht Gutes, die Philosophie aber etwas weit Besseres! Vor allem Anderen sollten die Menschen Philosophen sein!«

Fußnoten

1 1 Piaster = M. 4·25 = fl. 2·12; 1 Taël = M. 6 bis 7 = fl. 3 bis 3 1/2; die Sapeke = 1/2 Pfennig = 1/4 Neukreuzer.

Viertes Capitel.

In welchem Kin-Fo einen wichtigen Brief, freilich um acht Tage verspätet, erhält.

Ein »Yamen« stellt eine Reihe verschiedener in gerader Linie errichteter Gebäude dar, den eine andere Reihe von Kiosks und Lusthäusern rechtwinkelig schneidet. Gewöhnlich dient ein Yamen als Amtswohnung für höhere Mandarinen und ist er im Besitze des Kaisers; doch verbietet kein Gesetz den reichen Chinesen, sich selbst einen solchen zu erbauen, und in einem dieser prachtvollen »Herrensitze« hauste auch der steinreiche Kin-Fo.

Wang und sein Schüler befanden sich vor dem geöffneten Hauptthore am Vordertheil der Mauer, welche die verschiedenen Baulichkeiten des Yamen und dessen Gärten und Hofräume umschloß.

Wäre dieser, statt des Sitzes eines reichen Privatmannes, die Residenz eines Staats-Mandarinen gewesen, so hätte sich unter dem reich geschnitzten und bemalten Vordache der Thür eine große Trommel befunden. An dieselbe schlagen dann, gleichviel ob am Tage oder in der Nacht, Diejenigen an, welche sich über irgend etwas zu beklagen hatten und Gerechtigkeit suchten. An Stelle dieser »Anklage-Trommel« schmückten hier den Eingang zum Yamen große Porzellanvasen mit kaltem Thee, für dessen Vorhandensein der erste Hausmeister stets Sorge zu tragen hatte. Der Inhalt jener Vasen stand jedem Vorübergehenden zur freien Verfügung, eine Freigebigkeit, welche Kin-Fo zu hoher Ehre gereichte.

Die Dienerschaft schritt ehrfurchtsvoll hinter ihnen. (S. 34.)

Er war in Folge dessen auch »wohlangesehen, wie man sagte, bei allen Nachbarn im Osten wie im Westen«.

Ein Schnitt mit scharfer Scheere. (S. 38.)

Bei der Ankunft des Herrn lief die ganze Dienerschaft des Hauses zur Begrüßung desselben am Thore zusammen. Kammerdiener, Läufer, Thorhüter, Chaisenträger, Stallknechte, Kutscher, Aufwärter, Nachtwächter, Köche, kurz Alles, was die Dienerschaft eines vornehmen chinesischen Hauses bildet, stand unter Anführung des Hausmeisters in Reih’ und Glied. Ein Dutzend nur für die niedrigsten Arbeiten gemiethete Kulis hielten sich etwas beiseite.

Der Hausmeister wünschte dem Herrn ein Willkommen. Dieser erwiderte dasselbe kaum durch eine Handbewegung und ging schnell vorüber.

»Soun! rief er kurz.

– Soun! antwortete Wang mit Lachen, wenn der da wäre, so wäre es Soun gar nicht mehr!

– Wo ist Soun?« wiederholte Kin-Fo.

Der Hausmeister mußte gestehen, daß Niemand von seinem Verbleiben wisse.

Soun nahm nun aber die Stelle des ersten Kammerdieners bei Kin-Fo selbst ein und Letzterer konnte ihn keinen Augenblick entbehren.

Soun war also wohl das Muster eines Dieners? Keineswegs. Keiner waltete seines Amtes nachlässiger als er. Zerstreut, bald dies, bald jenes vornehmend, ungeschickt in Worten und Werken, Feinschmecker im höchsten Grade, einigermaßen Störenfried, kurz, ein richtiger Chinese von der spanischen Wand, war er doch ein treu ergebener Mensch und allein im Stande, seinen Brotherrn zu erregen. Zwanzigmal des Tages fand Kin-Fo Ursache, über Soun böse zu werden, und wenn er ihn nur zehnmal ausschalt, so brachte es ihn doch ebenso viele Male aus seiner gewöhnlichen Trägheit und setzte seine Galle in Bewegung. Es war sozusagen wirklich ein hygienischer Diener.

Soun stellte sich übrigens, so wie die meisten chinesischen Dienstboten, selbst zur Entgegennahme der Bestrafung ein, wenn er eine solche verdient hatte. Sein Herr verschonte ihn damit niemals. Doch wenn es auch Rohrhiebe auf seinen Rücken hagelte, so kümmerte das Soun blutwenig. Ungemein empfindlich erwies er sich aber gegen die stückweisen Verstümmelungen, durch welche Kin-Fo seinen auf dem Rücken herabhängenden Zopf unnachsichtlich verkürzte, wenn es sich um ein ernsteres Vergehen handelte.

Es ist bekannt, welch’ hohen Werth die Chinesen im Allgemeinen auf dieses bizarre Anhängsel legen. Der Verlust des Zopfes ist die erste Strafe des Verbrechers, wodurch er Zeit seines Lebens geschändet wird. Auch der bedauernswerthe Kammerdiener fürchtete nichts mehr als die Verurtheilung zum Verluste eines Stückes dieses besten Schmuckes. Vor vier Jahren, als Soun in Kin-Fo’s Dienste trat, maß sein Zopf – eines der schönsten Exemplare im ganzen Himmlischen Reiche – gut ein und ein viertel Meter. Heute war er nur noch siebenundfünfzig Centimeter, also nicht einmal halb so lang.

Wenn das so fort ging, mußte Soun binnen zwei Jahren kahl sein!

Inzwischen durchschritten Wang und Kin’Fo, die Dienerschaft ehrfurchtsvoll hinter ihnen, den Garten, dessen meist in gebrannten Thongefäßen stehende Bäume höchst kunstreich, aber leider so albern beschnitten waren, daß sie in Form phantastischer Thiergebilde erschienen. Dann wandelten sie um das von »Gouramis« und rothen Fischen belebte Bassin, dessen klares Wasser vor den blaßrothen großen Blüthen der »Nelumbo«, der schönsten im Reiche der Blumen einheimischen Nymphäe, kaum zu sehen war. Sie begrüßten die hieroglyphische Darstellung an einer besonders dazu aufgeführten Mauer, welche eine symbolische, lebhaft gefärbte Frescomalerei bildete, und gelangten endlich nach der Hauptthür des Wohnhauses im Yamen.

Dieses Gebäude bestand aus einem Erdgeschoß mit einer Etage darüber, und war auf einer Terrasse, nach welcher sechs breite Marmorstufen hinaufführten, errichtet. Bambusflechtwerk vor den Thüren und Fenstern milderte durch einen Schatten einigermaßen die drückende Hitze und hinderte dabei doch nicht den Wechsel der Luft im Innern des Hauses. Das flache Dach des letzteren unterschied sich auffallend von den phantastischen Dachstühlen der innerhalb des Yamen launenhaft verstreuten Pavillons, die mit ihren seltsamen Zinnen, den bunten Dachziegeln und den seinen, Arabesken bildenden Backsteinen das Auge ergötzten.

Im Innern befanden sich, mit Ausnahme der eigentlichen Wohnzimmer für Kin-Fo und Wang, größere Räume, von den umgebenden kleineren Gemächern mittelst durchscheinender Wände getrennt, über welche sich gemalte Blumenguirlanden hinzogen oder Kernsprüche aus der chinesischen Moral, mit denen man überhaupt nicht geizig ist, zu lesen waren. Ueberall standen sonderbar gestaltete Sitze aus gebranntem Thon oder Porzellan, aus Holz oder Marmor, ohne hier ein Dutzend Polstermöbel von mehr einladender Weichheit zu übergehen; überall hingen Lampen und Laternen in mannigfachster Gestalt aus zartgefärbtem Glase, und mit Quasten, Fransen und dergleichen reichlicher ausgeputzt als ein spanisches Maulthier; vielfach standen auch jene kleinen Theetischchen umher, welche man »Tcha-ki« nennt und als unentbehrlichen Bestandtheil einer chinesischen Zimmereinrichtung ansieht. Bei Betrachtung der Kunstwerke aus gravirtem Elfenbein und Perlmutter, der eingelegten Bronzen, der Räuchergefäße, der mit Gold-und Silber-Filigranarbeiten geschmückten lackirten Gegenstände, der milchweißen und smaragdgrünen Nephrite, der runden oder prismatischen Vasen von der Dynastie der Ming und Tsing her, des noch gesuchteren Porzellans aus der Zeit der Dynastie der Yen, der Emailarbeiten mit rosenrothen und gelben durchscheinenden Wänden, deren Herstellung noch heute ein ungelöstes Räthsel ist, hätte man mehrere Stunden zwar nicht verloren, aber gewiß darauf verwenden müssen. Diese luxuriöse chinesische Wohnung zeigte mit einem Worte die ganze chinesische Phantasie in Verbindung mit dem Comfort Europas.

In der That gehörte Kin-Fo, wie wir es schon aussprachen und sein Geschmack es bezeugte, zu den Anhängern des Fortschrittes. Keiner neueren Erfindung der Abendländer gegenüber verhielt er sich ablehnend und gehörte der noch kleineren Kategorie der Söhne des Himmels an, welche es sich angelegen sein lassen, gründliche Kenntnisse der Chemie und Physik zu erwerben. Er hielt sich fern von den Barbaren, deren ruchlose Hand die Telegraphendrähte durchschnitt, welche die Firma Reynolds bis Wusung hinleiten wollte, um die mit der englischen und amerikanischen Post anlangenden Nachrichten schneller zu verbreiten; wie von jenen befangenen Mandarinen, welche, um die Anheftung des unterseeischen Kabels zwischen Shang-Haï und Hong-Kong an dem Gebiete des Reiches zu umgehen, die Unternehmer zwangen, dasselbe auf einem in dem Flusse verankerten Fahrzeuge zu befestigen.

Im Gegentheil! Kin-Fo stimmte Denen bei, die das Gouvernement lobten, die Arsenale und Werften von Fu-Chao unter Leitung französischer Ingenieure angelegt zu haben. Er besaß auch Antheilscheine der chinesischen Dampfer-Gesellschaft, welche in rein nationalem Interesse den Verkehr zwischen Tien-Tsin und Shang-Haï besorgt, und war ebenso betheiligt an den schnellsegelnden Schiffen, welche die englische Post von Singapore um drei bis vier Tage überholen.

Wie erwähnt, drangen ihm die neuzeitlichen Fortschritte leicht in Fleisch und Blut ein. So setzten z.B. telephonische Apparate die einzelnen Baulichkeiten seines Yamen miteinander in Verbindung. Elektrische Klingeln befanden sich in allen Räumen der Wohnung. Während der kalten Jahreszeit ließ er Feuer anzünden und wärmte sich ohne Scheu vor der Landessitte, vernünftiger als seine Mitbürger, welche vor dem leeren Herde trotz ihrer vierund fünffachen Bekleidung zittern vor Frost. Er erleuchtete sein Haus mit Gas, so gut wie der Oberzoll-Inspector von Peking oder der steinreiche Mr. Yang, der Hauptbesitzer der Leihanstalten im Reiche der Mitte. Endlich benützte der fortschrittliche Kin-Fo unter Vermeidung des veralteten Hilfsmittels der Schrift bei seiner vertraulichen Correspondenz – wie wir bald sehen werden – den von Edison kürzlich zu hoher Vollkommenheit entwickelten Phonographen.

Dem Schüler Wang’s fehlte es also, sowohl nach materieller als auch nach geistiger Seite, eigentlich an nichts, um glücklich zu sein. Und doch war er es nicht! Er hatte sogar Soun, um seinen Unmuth täglich an Jemand auszulassen, doch auch Sonn konnte ihm das gesuchte Glück nicht gewähren.

Eben jetzt zeigte sich von Sonn, der überhaupt niemals am rechten Platze war, nicht die leiseste Spur. Er mochte wohl irgend einen bedeutenderen Fehler, irgend eine grobe Dummheit während der Abwesenheit des Herrn begangen haben, und wenn auch nicht für seinen Rücken, der sich an den darauf tanzenden Rohrstock schon genügend gewöhnt hatte, so fürchtete er, allem Anscheine nach, doch desto mehr für seinen geliebten Zopf.

»Soun! rief Kin-Fo noch einmal, als er in den Vorraum mit den Eingängen zu den Salons der rechten und linken Seite trat, während der Ton seiner Stimme eine schlecht verhehlte Ungeduld erkennen ließ.

– Soun! wiederholte auch Wang, dessen Ermahnungen und gute Rathschläge bei dem unverbesserlichen Diener immer erfolglos verhallten.

– Man suche Soun und bringe ihn mir her!« befahl Kin-Fo, sich an den Hausmeister wendend, der sofort alle Füße zur Aufsuchung des Unsichtbaren in Bewegung setzte.

Wang und Kin-Fo blieben allein.

»Die Weisheit, begann der Philosoph, empfiehlt dem Reisenden, der nach seinem Herd zurückgekehrt, sich einige Ruhe zu gönnen.

– Seien wir also weise!« antwortete gelassen der Schüler Wang’s.

Er drückte leise des Philosophen Hand und begab sich in sein Zimmer, während Wang sich in das seinige zurückzog.

Als er allein war, streckte sich Kin-Fo auf einem jener weichen Divans europäischen Fabrikats aus, welche ein chinesischer Tapezierer nimmer hätte in gleicher Weise herstellen können. Er versank in Nachdenken. Sann er nach über seine Heirat mit der liebenswürdigen hübschen Frau, welche die Gefährtin seines Lebens werden sollte? Wahrscheinlich, denn schon am nächsten Tage wollte er ja zu ihr hineilen. Die Erwählte seines Herzens wohnte nämlich nicht selbst in Shang-Haï. Sie weilte in Peking, und Kin-Fo hielt es für passend, ihr gleichzeitig mit der Nachricht von der Rückkehr nach Shang-Haï seine nahe bevorstehende Ankunft in der Hauptstadt des Himmlischen Reiches anzumelden. Es darf wohl nicht wundernehmen, wenn sich in ihm ein lebhafter Wunsch, ja eine gewisse Sehnsucht regte, sie wiederzusehen. Er war ihr ja wirklich mit aufrichtiger Neigung zugethan. Wang hatte ihm das nach den unbestreitbarsten Regeln der Logik bewiesen, und dieses in sein Leben neu eintretende Element konnte ihn vielleicht ein noch unbekanntes Etwas bieten, nämlich das Glück…. das…. welches…. von dem….

Träumend schloß der gute Kin-Fo die Augen und wäre jetzt gewiß sanft eingeschlummert, wenn er nicht plötzlich ein gewisses Kitzeln in der rechten Hand gefühlt hätte.

Instinctmäßig schlossen sich seine Finger und erfaßten dabei einen cylindrischen Körper mit schwachen Knoten und von ansehnlicher Länge, den sie gewiß richtig anzuwenden gewohnt waren.

Kin-Fo konnte sich nicht darüber täuschen, daß ein Rohrstock in seine Hand geglitten war, denn gleichzeitig klangen ihm auch einige mit höchst resignirter Stimme gesprochene Worte in’s Ohr:

»Wann es dem Herrn beliebt!« verstand er erwachend.

Kin-Fo erhob sich und schwang, wie in Folge einer natürlichen Bewegung, das elastische Besserungs-Instrument.

Vor ihm stand tief zusammengebückt der zerknirschte Soun und bot ihm geduldig die breiten Schultern. Mit der einen Hand stützte er sich dabei auf den Teppich des Zimmers, mit der anderen hielt er seinem Richter einen Brief hin.

»Bist Du endlich da, Du Schlingel! herrschte ihn Kin-Fo an.

– Ai, ai, ya! seufzte Soun. Ich erwartete den Herrn erst in der dritten Wache! Wann es Ihnen beliebt.«

Kin-Fo warf den Rohrstock zur Erde. So gelb Sonn von Natur auch aussah, jetzt wurde er doch bleich wie Wachs.

»Wenn Du den Rücken ohne jede Erklärung herhältst, so hast Du auch mehr verdient als das! Was ist geschehen?

– Hier, dieser Brief!….

– So rede doch! rief Kin-Fo, den Brief aus Soun’s Händen nehmend.

– Ich war so ungeschickt, zu vergessen, Ihnen diesen Brief vor der Abreise nach Canton auszuhändigen.

– Um acht Tage verspätet!

– Ja, Herr, ich habe Unrecht gethan!

– Hierher!

– Ich bin wie eine arme Krabbe ohne Füße, die nicht fort kann! Ai, ai, ya!«

Die letzteren Ausrufe waren ein Schrei der Verzweiflung, denn Kin-Fo hatte Soun am Zopfe gepackt und schnitt ihm mit scharfer Scheere das Ende desselben ab.

Man muß wohl annehmen, daß der Krabbe die Füße schnell wieder gewachsen waren, wenigstens lief der arme Teufel eiligst davon, ohne sich sogar um den auf der Erde liegenden Appendix seines Kopfschmuckes zu bekümmern.

Von siebenundfünfzig Centimeter Länge war Soun’s Zopf auf fünfundvierzig eingeschrumpft.

Gänzlich beruhigt, hatte sich Kin-Fo wieder auf den Divan geworfen und betrachtete, als habe er nicht die geringste Eile, das seit acht Tagen eingetroffene Schreiben. Er zürnte Soun ja nur wegen der Nachlässigkeit, nicht wegen der Verspätung. Was in aller Welt konnte dieser Brief auch besonders Interessantes enthalten? Für ihn hatte er doch dann allein einen Werth, wenn er ihn zu erregen vermochte. Aber was konnte diese Macht haben?

Er betrachtete ihn also doch nur zerstreuten Blickes.

Der aus Steifleinwand bestehende Umschlag zeigte auf beiden Seiten etwas weinrothe und chocoladebraune Briefmarken und unter dem Kopfbilde eines Mannes auf denselben die Bezeichnung »zwei« und »sechs Cents«.

Hieraus war zu ersehen, daß die Sendung aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika herrührte.

»Schön! murmelte Kin-Fo achselzuckend, nichts als eine Mittheilung meines Correspondenten in San-Francisco!«

Und er warf den Brief verächtlich in eine Ecke des Divans.

Was konnte ihm jener Correspondent auch zu melden haben? Daß die Papiere, welche nahezu sein ganzes Vermögen repräsentirten, ruhig in den Schränken der Californischen Centralbank lagen, daß seine Actien um 15 oder 20 Procent gestiegen seien oder daß die diesjährige Dividende die des Vorjahres übersteigen werde u.s.w.

Einige Tausend Dollars mehr oder weniger, das konnte ihn nicht aus der gewohnten Ruhe bringen!

Ganz gedankenlos ergriff er einige Minuten später den Brief auf’s Neue und zerriß mechanisch dessen Couvert; statt ihn jedoch zu lesen, sah er nur nach dessen Unterschrift.

»Richtig, sprach er für sich, es ist ein Schreiben meines Correspondenten. Der kann mir nur von Geschäften reden! Das hat Zeit bis morgen!«

Schon wollte Kin-Fo den Brief ein zweites Mal beiseite legen, als sein Auge plötzlich auf ein, in den Zeilen der Vorderseite des zweiten Blattes wiederholt vorkommendes, besonderes Wort fiel. Es war das Wort »Passiva«, auf welches der amerikanische Correspondent die Aufmerksamkeit seines Clienten in Shang-Haï offenbar absichtlich besonders hinzulenken bemüht gewesen schien.

Jetzt erst sah Kin-Fo nach dem übrigen Inhalte der Zeilen und las dieselben vom Anfang bis zum Ende, nicht ohne eine bei ihm immerhin etwas auffällige Neugier.

Einen Augenblick lang zogen sich seine Augenbrauen zusammen; bald aber, als er zu Ende gekommen, spielte wieder ein verächtliches Lächeln um seine Lippen.

Kin-Fo erhob sich darauf, ging mehrmals im Zimmer auf und ab und näherte sich auch dem Sprachrohre, das ihn mit Wang in unmittelbare Verbindung setzte. Schon setzte er das Mundstück an, um den Genannten anzurufen; doch er besann sich eines Besseren, ließ den Kautschuk fallen und streckte sich wieder auf dem Divan aus.

»Pah!« machte er, tief athmend.

Der ganze Kin-Fo sprach sich in dieser Silbe aus.

»Und sie! murmelte er. Sie ist bei der ganzen Geschichte eigentlich viel mehr interessirt als ich!«

Er näherte sich darauf einem lackirten Tischchen, auf dem ein länglich viereckiges, kostbar geschnitztes Kästchen stand. Schon wollte er es öffnen, doch zögerte seine Hand noch einmal.

»Was enthielt denn ihr letzter Brief?« murmelte er.

Statt den Deckel jenes Kästchens zu lüften, löste er jetzt eine Feder an dessen schmaler Seite aus.

Sofort ließ sich eine sanfte Stimme vernehmen.

»Mein lieber kleiner älterer Bruder! Bin ich nicht mehr Deine Meihua-Blume im ersten Monde, Deine Aprikosenblüthe im zweiten und Deine Pfirsichblüthe im dritten Monde? Mein theures Herz von kostbarem Edelstein, ich grüße Dich tausend, zehnmal tausendmal!….«

Es war die Stimme der jungen Witwe, deren zärtliche Worte der Phonograph naturgetreu wiedergab.

»Arme kleine jüngere Schwester!« sagte Kin-Fo.

Dann öffnete er das Kästchen, entnahm demselben das mit seinen Strichen bedeckte Blättchen, welches eben alle Modulationen der entfernten Stimme getreulich hervorgebracht hatte, und ersetzte es durch ein anderes.

Der Phonograph besaß schon die vollendete Construction, daß es hinreichte, mit mäßig lauter Stimme hineinzusprechen, um die schwingende Membran in Bewegung zu setzen, wobei eine durch Uhrwerk gleichmäßig getriebene Welle die Worte auf dem eingelegten Blättchen fixiren ließ.

Etwa eine Minute lang sprach Kin-Fo. Aus seiner gleichmäßig ruhigen Stimme hätte Niemand errathen können, ob ihm die Gedanken unter dem Einflusse der Freude oder Traurigkeit aufstiegen.

Drei bis vier Sätze, nicht mehr, das war Alles, was Kin-Fo sprach. Dann hemmte er die Bewegung des Phonographen und entnahm demselben das Blättchen, auf welchem die von der Membran bewegte Nadel feine schiefe Striche verschiedener Länge, seinen Worten entsprechend, erzeugt hatte; dieses Blättchen schob er in ein Couvert ein, versiegelte dasselbe und schrieb darauf, doch von der rechten zur linken Seite:

»Ist schon geschehen!« antwortete Mamsell Nan. (S. 46.)

»Madame Le-U,

Cha-Cyua-Allee.

Peking.«

Eine elektrische Klingel rief sofort den Diener herbei, dem die Beförderung der Correspondenz oblag. Er erhielt Auftrag, den Brief sofort zur Post zu besorgen.

Eine Stunde später schlummerte Kin-Fo ganz friedlich, wobei er in den Armen seinen »Tchu-Fu-jen« hielt, das ist eine Art Schlummerrolle aus seinem Bambusgeflecht, mittelst welcher man sich auch in chinesischen Betten eine unter jenen warmen Himmelsstrichen besonders geschätzte erträgliche Temperatur zu sichern vermag.

Fünftes Capitel.

In welchem Le-U einen Brief erhält, den sie wahrscheinlich lieber nicht erhalten hätte.

»Du hast noch keinen Brief für mich?

– Nein, Madame!

– O, wie mir die Zeit so lang wird, alte Mutter!«

So sagte die reizende Le-U wohl schon zum zehnten Male in ihrem Boudoir der Cha-Chua-Allee in Peking. Die »alte Mutter«, die ihr antwortete und der sie diese, in China für bejahrtere Dienerinnen gebräuchliche Bezeichnung gab, war die mürrische und nichts weniger als angenehme Mamsell Nan.

Mit achtzehn Jahren hatte Le-U einen Gelehrten ersten Grades geheirathet, der an dem berühmten Sse-Khu-Tsuane-Chu1 mitarbeitete. Der würdige Mann war noch einmal so alt wie sie und starb schon im dritten Jahre dieser etwas unpassenden Ehe.

Die junge Witwe stand also mit einundzwanzig Jahren allein in der Welt. Kin-Fo sah dieselbe bei Gelegenheit einer Reise, die er zu jener Zeit nach Peking machte. Wang kannte die liebenswürdige Person schon von früher her und suchte die Aufmerksamkeit seines theilnahmlosen Schülers auf sie zu lenken. Kin-Fo befreundete sich nach und nach mit dem Gedanken, seine bisherige Lebensweise aufzugeben und die junge Witwe heimzuführen. Le-U zeigte sich nicht unempfindlich gegen diesen Antrag. Jetzt sollte die Hochzeit, welche zur größten Befriedigung des Philosophen wirklich festgestellt worden war, gefeiert werden, sobald Kin-Fo, nach Anordnung alles Nothwendigen in Shang-Haï, nach Peking zurückkommen würde.

Im Himmlischen Reiche ist es nicht gebräuchlich, daß sich Witwen zum zweiten Male verheirathen, nicht etwa, daß sie das nicht ebensogut wünschten wie ihre in gleicher Lage befindlichen Schwestern im Abendlande, aber weil sie wenig Männer finden, welche auf eine Witwe reflectiren. Wenn Kin-Fo von dieser Regel eine Ausnahme machte, so kam es eben daher, daß er überhaupt seine eigenen Wege zu gehen liebte. Vermählte sich Le-U wieder, so begab sie sich damit freiwillig des Rechtes, unter den »Pae-lus« hinweg gehen zu dürfen, jenen Denkmälern, welche mancher Kaiser zu Ehren der ihren verstorbenen Ehemännern treu verbliebenen Frauen errichten ließ: wie z.B. die Witwe Soung, die niemals zum Verlassen des Grabes ihres verewigten Mannes zu bewegen war, die Witwe Kung-Kiang, die sich beim Tode ihrer stärkeren Hälfte einen Arm zerbrach, oder die Witwe Yen-Tchiang, welche sich aus Schmerz das hübsche Gesicht völlig entstellte. Le-U glaubte aber bei ihren einundzwanzig Jahren noch etwas besseres anfangen zu können. Sie entschloß sich, das unterwürfige Leben noch einmal zu beginnen, zu dem die chinesische Sitte jede Frau verdammt, auf die Dinge der Außenwelt zu verzichten und sich den Vorschriften des Buches »Li-nun«, das von den häuslichen Tugenden handelt, ebenso getreulich zu unterwerfen, wie denen des Buches »Nei-tse-pien« über die ehelichen Pflichten, um endlich jene Achtung wieder zu erwerben, welche in den höheren Gesellschaftsclassen die Gattin stets genießt, während es eine gänzlich falsche Vorstellung ist, zu glauben, daß sie ein Leben gleich einer Sklavin führe. Die intelligente, wohlunterrichtete Le-U, die recht gut wußte, welche Aufgabe ihr in dem Hause des reichen Sonderlings bevorstand, und danach strebte, ihm den Beweis zu liefern, daß es ein Glück auch schon hienieden gebe, ergab sich also nicht ungern dem ihr zugefallenen Lose.

Bei seinem Ableben hatte der Gelehrte die junge Witwe zwar in gesicherten, aber doch nur mittelmäßigen Umständen zurückgelassen. Das Haus in der Cha-Chua-Allee war nur ein bescheidenes Besitzthum. Die unausstehliche Nan schaltete hier als einzige Dienerin; Le-U hatte sich jedoch allzu sehr an ihre unangenehmen Manieren gewöhnt, welche übrigens bei den chinesischen weiblichen Dienstboten gar nichts seltenes sind.

In ihrem Boudoir hielt sich die junge Frau mit besonderer Vorliebe auf. Dessen Ausstattung wäre ohne die reichen Geschenke, welche seit zwei Monaten in kurzen Zwischenräumen eintrafen, eine einfache zu nennen gewesen. An den Wänden hingen einige Bilder unter Anderem ein Meisterwerk des alten Malers Huan-Tse-Neu,2 das die Aufmerksamkeit jedes Kenners erregt hätte, zwischen grünen Pferden, violetten Hunden und blauen Bäumen von jüngeren einheimischen Meistern. Auf einem lackirten Tische lagen, wie ungeheure Schmetterlinge mit ausgebreiteten Flügeln, viele Fächer aus der berühmten Schule von Swatow. Aus schwebenden Porzellanvasen hingen lange, zierliche Guirlanden von künstlichen Blumen herab, die aus dem Marke der »Arabia papyfera« von Formosa so prächtig hergestellt werden, und die mit den weißen Nymphäen, dem gelben Chrysanthemum und den rothen Lilien wetteiferten, welche sich aus hölzernen, kunstreuh geschnitzten Blumenständern erhoben. Ueber das Ganze drang durch die Bambus-Jalousien der, Fenster nur ein gedämpftes Licht, dessen einzelne Strahlen gleichsam zerlegt erschienen. Ein prächtiger Ofenschirm aus großen Sperberfedern, die sinnreich angeordnet mit ihren helleren Stellen eine große Päonie bildeten – das Emblem der Schönheit im Reiche der Blumen – zwei Volièren in Form von Pagoden, wahrhafte Kaleidoskope durch die glänzenden, darin umherflatternden Vögel Indiens, einige »Tiemaols«, das sind Aeolsharfen, deren Glasstränge im sanften Luftzuge erklangen, und tausend Kleinigkeiten, die sie an den abwesenden Geber erinnerten, vervollständigten die eigenartige Ausstattung dieses Raumes.

»Noch kein Brief, Nan?

– Nein, Madame, noch immer keiner!«

Die junge Le-U war wirklich eine reizende, Frau Hübsch von Gesicht selbst vor dem Urtheil europäischer Augen, weiß und nicht gelb, wie ihre Landsmänninnen, erhoben sich ihre sanften Augen kaum nach den Schläfen, zierten sie dunkle volle Haare, welche grüne Malachitnadeln zusammenhielten, kleine weiße Zähne und regelmäßige Augenbrauen, denen sie kaum mit ein wenig seiner, chinesischer Tusche nachgeholfen hatte. Sie färbte ihre Wangen weder mit Honigmilch noch mit spanischem Weiß, wie es die Schönheiten des Himmlischen Reiches zu thun pflegen, malte keinen Carminstreifen um die Unterlippe oder einen kleinen verticalen Strich zwischen die Augen, noch gebrauchte sie irgend ein Schminkpflästerchen, für welche der kaiserliche Hof jährlich zehn Millionen Sapeken ausgiebt. Die junge Witwe bedurfte solcher Hilfsmittel nicht. Sie verließ ihr Haus an der Cha-Chua-Allee nur selten und verachtete die entstellende Maskirung, der sich die chinesischen Frauen bedienen, wenn sie sich auf die Straße begeben.

In der Kleidung hielt sich Le-U so einfach als möglich und trug sich doch stets höchst elegant. Ein langes, vierfach geschlitztes und mit breitem gestickten Rande umsäumtes Oberkleid, darunter einen faltigen Rock, der an der Taille mit golddurchwirkter Borte festgehalten wurde, am Gürtel befestigte Beinkleider, die an den seidenen Strümpfen zusammengeknüpft waren, reich mit Perlen verzierte Pantoffeln, kurz, es fehlte der jungen Witwe nichts, wenn man dazu bemerkt, daß sie kleine seine Händchen hatte und ihre langen und rosenrothen Nägel sorgsam in kleinen silbernen und sein ciselirten Fingerhütchen pflegte.

Und ihre Füße? Nun, diese waren klein, doch nicht in Folge der gebräuchlichen barbarischen Gewohnheit, welche sich zum Glück mehr und mehr zu verlieren scheint, sondern weil die Natur sie so geschaffen hatte. Die erwähnte grausame Mode besteht schon seit siebenhundert Jahren und verdankt ihren Ursprung wahrscheinlich einer von Natur verstümmelten Prinzessin. Das Verfahren dabei ist sehr einfach, indem die Mittelfußknochen nach unten zusammengebogen werden, während der Fersenknochen intact bleibt, wodurch der Fuß zu einer Art Klumpen verunstaltet wird, der das Gehen fast ganz verhindert, zur Blutarmuth Veranlassung giebt, und für welche Verunstaltung wahrscheinlich keine andere Ursache zu entdecken ist, als die Eifersucht der Ehemänner. Jetzt läßt man, seit dem Einfall der Tataren, allmälich von dieser Mode. Unter zehn Chinesinnen finden sich heutzutage schon kaum noch drei, welche im zartesten Alter dieser schmerzhaften Operation unterworfen worden wären, die jene Formenveränderung des Fußes zur Folge hat.

»Es ist ganz unmöglich, daß heute kein Brief ankommen sollte! sagte Le-U noch einmal. Sieh’ doch einmal nach, alte Mutter.

– Ist schon geschehen!« antwortete Mamsell Nan schnippisch und ging murmelnd aus dem Zimmer.

Le-U wollte zum Zeitvertreib ein wenig arbeiten. Auch dabei mußte sie ja an Kin-Fo denken, denn sie stickte ihm ein Paar Strümpfe, deren Herstellung jeder chinesischen Frau, sie mag einer Gesellschaftsclasse angehören, welcher sie wolle, stets überlassen ist. Bald fiel ihr aber die Arbeit aus den Händen. Sie erhob sich, nahm aus einem Behälter einige Wassermelonen, welche sie mit den kleinen Zähnen brach, und schlug dann ein Buch auf, den »Nushun«, den Codex von Vorschriften, den jede rechtschaffene Frau tagtäglich ein Weilchen durchlesen muß.

»So wie der Frühling die geeignetste Zeit zur Arbeit ist, so ist auch der frühe Morgen die beste Zeit des Tages.

»Steh’ zu guter Stunde auf und überlaß Dich nicht zu lange der Süßigkeit des Schlafes.

»Besorge den Maulbeerbaum und den Hanf.

»Spinne fleißig Seide und Baumwolle.

»Der Frauen Tugend ist Thätigkeit und Sparsamkeit.

»Die Nachbarn werden Dich loben….«

Da fiel ihr das Buch zu. Die zärtliche Le-U dachte gar nicht mehr an das, was sie las.

»Wo ist er wohl jetzt? fragte sie sich. Er wollte nach Canton reisen. Mag er schon nach Shang-Haï zurückgekehrt sein? Wann wird er in Peking ankommen? War das Meer ihm hold? Möge die Göttin Koanine ihn beschützen!«

So sprach die junge Frau in der Unruhe ihres Herzens. Dann streiften ihre Augen wie von ungefähr eine aus Tausenden von Stückchen kunstreich zusammengesetzte Tischdecke, eine Art portugiesischer Stoff-Mosaikarbeit, welche eine Mandarinen-Ente mit ihren Küchlein, das Sinnbild der Treue, darstellte. Endlich näherte sie sich einem Blumenständer und pflückte auf’s Gerathewohl eine Blüthe.

»O, sagte sie, die Blüthe der grünen Weide, das Bild des Frühlings, der Jugend und der Freude! Und hier das gelbe Chrysanthemum, das Bild des Herbstes und der Trauer!«

Sie wollte die Angst verscheuchen, die sich ihrer jetzt unwillkürlich bemächtigte. In der Nähe hing ihre Laute; leise ertönten die Saiten; ihre Lippen sangen die ersten Worte des »Liedes von den verschlungenen Händen«, doch sie mußte bald abbrechen.

»Sonst blieben seine Briefe nicht so lange aus, dachte sie. Wie las ich sie mit bewegtem Herzen! Noch mehr, statt der todten Buchstaben, die sich nur an meine Augen wendeten, konnte ich ja seine eigene Stimme hören. Dort jener sonst leblose Bote sprach ja zu mir, als wäre er selbst in der Nähe!«

Le-U blickte dabei auf ihren Phonographen, der auf einem lackirten Säulentischchen stand und in allen Stücken dem glich, dessen sich Kin-Fo in Shang-Haï bediente. Auf diese Weise konnten Beide sich hören oder vielmehr ihre Stimmen vernehmen, trotz der Entfernung, die sie trennte…. Aber auch heute, wie schon seit mehreren Tagen, blieb der Apparat stumm und brachte keine Botschaft von des Abwesenden Gedanken.

In diesem Augenblick trat die bejahrte Dienerin ein.

»Da hier, Ihr Brief!« sagte sie.

Nan verschwand wieder, nachdem sie Le-U einen Brief mit dem Poststempel von Shang-Haï übergeben.

Ein glückliches Lächeln umspielte die Lippen der jungen Frau. Ihre Augen leuchteten in erhöhtem Glanze. Sie zerriß schnell das Couvert, ohne es vorher zu betrachten, wie sie es sonst zu thun pflegte.

Die Hülle enthielt keinen geschriebenen Brief, sondern eines jener feingestreiften Blättchen, welche vermittelst des Phonographen die menschliche Stimme in allen ihren Biegungen wiedergeben.

»O, das ist mir noch lieber! rief Le-U erfreut. So werde ich ihn ja selbst hören!«

Sie befestigte das Blättchen auf der Rolle des Phonographen, die ein Uhrwerk sofort in Bewegung setzte, und als Le-U ihr Ohr dem Apparate näherte, hörte sie eine Stimme, welche sagte:

»Kleine, jüngere Schwester! Ein Unfall hat mein Vermögen geraubt, wie der Ostwind die gelben Blätter im Herbste verweht! Ich will Dich nicht dadurch elend machen, daß ich auch Dich an mein Unglück fessele! Vergiß den Armen, den das Schicksal zehntausendfach getroffen hat.

Dein verzweifelter Kin-Fo.«

Welcher Schlag für das arme Weib! Ein bittereres Leben als das Gentianbitter wartete ihrer. Ach, der Sturm des Unheils sollte ihr auch die letzte Hoffnung auf Den rauben, den sie so innig liebte! War denn Kin-Fo’s Liebe für sie wirklich für immer entschwunden? Konnte sich ihr Freund kein Glück mehr vorstellen, ohne seine Schätze? Arme Le-U! Sie glich jetzt einem Papierdrachen in der Luft, dessen haltender Faden reißt und der nun schwankend zur Erde stürzt!

Die herbeigerufene Nan zuckte über die Erscheinung ihrer Herrin nur die Achseln und trug sie auf ihren »Hang«. Doch obwohl das ein künstlich zu erwärmendes, sogenanntes »Ofen-Bett« war, wie kalt erschien das Lager der unglücklichen Le-U! Wie lang erschienen ihr die fünf Wachen dieser Nacht, die sie schlaflos dahinbrachte!

Fußnoten

1 Dieses im Jahre 1773 begonnene Werk soll 160.000 Bände erhalten; jetzt ist es erst bis zu dem 78.738sten vorgeschritten.

2 Der Ruhm jener großen Meister ist durch Ueberlieferung bis auf uns gekommen, die, wenn auch nicht verbürgt, doch der Beachtung werth erscheint. So erzählt man uns z.B., daß Tsao-Puh-Ying, ein Maler des 3. Jahrhunderts, nach Vollendung eines prächtigen Ofenschirmes für den Kaiser, wie zum Zeitvertreib noch einige Fliegen auf jenen malte und die Befriedigung hatte, zu sehen, daß Seine Majestät ein Taschentuch nahm und dieselben zu vertreiben versuchte. Nicht weniger berühmt war Huan-Tse-Nen um das Jahr 1000. Mit der Ausschmückung der Wände in einem Saale des Palastes betraut, malte er darauf mehrere Fasanen. Als später fremde Gesandte dem Kaiser als Geschenk einige Falken mitbrachten, stürzten sich die abgerichteten Jagdvögel sofort auf die gemalten Vögel, freilich mehr zum Nachtheil ihrer Schädel als zur Befriedigung ihres verführten Instinctes.

Sechstes Capitel.

Das dem Leser vielleicht Lust macht, einen Gang nach den Bureaux der »Hundertjährigen« zu machen.

Am folgenden Tage verließ Kin-Fo, der die gewohnte Mißachtung aller Dinge dieser Welt auch nicht einen einzigen Augenblick verleugnete, allein seine Wohnung. Mit stets unverändertem Schritt wanderte er am rechten Ufer des Creek dahin. An der Holzbrücke angelangt, welche die englische Niederlassung mit der amerikanischen verbindet, überschritt er den Fluß und wendete sich nach einem hübschen Hause zwischen der Missionskirche und dem Consulate der Vereinigten Staaten.

An der Vorderseite dieses Hauses prangte ein großes Kupferschild, auf dem in riesigen Buchstaben folgende Inschrift zu lesen war:

Die Hundertjährige.

Gesellschaft für Lebens-und Feuerversicherung.

Garantiecapital: 20,000.000 Dollars.

Generalagent: William J. Bidulph.

Kin-Fo öffnete die Thür, hinter der sich noch eine zweite gepolsterte Flügelthür befand, und trat in ein durch zwei armhohe Geländer getheiltes Bureau ein.

Le-U hörte: »Kleine jüngere Schwester!« (S. 47.)

Verschiedene Pappbände, Bücher mit Nickelschlössern, ein amerikanischer diebessicherer Geldschrank mit Selbstvertheidigung, ferner zwei oder drei Tische, an der die Gehilfen der Agentur arbeiteten, nebst einem vielfächerigen Schreibtische des ehrenwerthen William J. Bidulph: das war die Ausstattung dieses Raumes, der mehr einem Haus des Broadway als einem Gebäude an den Ufern des Wusung anzugehören schien.

William J. Bidulph war in China der Generalagent einer Lebens-und Feuerversicherungs-Gesellschaft, die ihren Sitz in Chicago hatte. Die in den Vereinigten Staaten sehr wohlangesehene »Hundertjährige« – gewiß ein verlockender Titel, der ihr Clienten gewinnen mußte – besaß Zweigniederlassungen und Vertreter in allen fünf Erdtheilen. Sie machte ungeheure und ausgezeichnete Geschäfte, Dank ihrer ebenso umfassenden als liberalen Statuten, welche es erlaubten, sich gegen jede denkbare Gefahr zu versichern.

Auch die Bewohner des Himmlischen Reiches befreundeten sich allmälich mit dem zeitgemäßen Ideenstrom, der die Cassen dieser und ähnlicher Gesellschaften füllte. Sehr viele Gebäude im Reiche der Mitte waren schon gegen Brandschäden versichert, und auch die Policen für den Todesfall trugen, eben wegen der Vielfältigkeit ihrer Bedingungen, chinesische Unterschriften schon in großer Anzahl. Das Schild der »Hundertjährigen« glänzte bereits über vielen Thüren in Shang-Haï und unter Anderem auch über dem reich geschmückten Säuleneingange zu Kin-Fo’s Yamen. Sein Hab und Gut gegen Feuer zu versichern, das konnte der Grund also nicht sein, weshalb der Schüler Wang’s jetzt dem erwähnten William J. Bidulph einen Besuch abstattete.

»Herr Bidulph?« fragte der Eintretende.

William J. Bidulph war bei der Hand, »in Person«, wie der Photograph, der allein arbeitet, stets dem Publikum zu Diensten bereit ist – ein Mann von vierzig Jahren in tadelloser schwarzer Kleidung mit weißer Cravate und bis auf den Schnurrbart ein ganzer Amerikaner.

»Mit wem hab’ ich die Ehre? fragte William J. Bidulph.

– Mein Name ist Kin-Fo aus Shang-Haï.

– Ah, Herr Kin-Fo, einer der Clienten der »Hundertjährigen«, Police Nummer 27.200….

– Ganz richtig.

– Es würde mich ungemein freuen, Ihnen zu Diensten sein zu können.

– Ich möchte Sie unter vier Augen sprechen!« antwortete Kin-Fo.

Die Verhandlung zwischen den beiden Männern ging um so leichter von statten, als William J. Bidulph ebensogut chinesisch sprach, wie Kin-Fo englisch.

Der reiche Client wurde also mit der ihm gebührenden Zuvorkommenheit in ein Nebencabinet geführt, das mit dicken Tapeten geschmückt und mit Doppelthüren versehen war, wo man über den Umsturz der Dynastie der Tsing ruhig hätte verhandeln können, ohne Gefahr, von den seinen Ohren der Tipaos des Himmlischen Reiches gehört zu werden.

»Mein Herr, begann Kin-Fo, als sich Beide im Schaukelstuhle vor einem mit Gas geheizten Kamin niedergelassen hatten, ich wünschte mit Ihrer Gesellschaft zu verhandeln, um im Falle meines Todes, die Auszahlung eines Capitals, dessen Höhe sofort bestimmt werden soll, zu erlangen.

– O, die einfachste Sache von der Welt, antwortete William J. Bidulph; zwei Unterschriften, die Ihrige und die meinige unter einem Policebogen, und die Versicherung ist, bis auf Erfüllung einiger unwesentlicher Formalitäten, abgeschlossen. Doch, Sie erlauben mir eine Frage…. Sie haben doch den Wunsch, nur in sehr hohem Alter zu sterben, der ja übrigens ein sehr natürlicher ist?

– Warum? fragte Kin-Fo. Gewöhnlich deutet der Abschluß einer Lebensversicherung doch weit mehr darauf hin, daß man eher einen frühzeitigen Tod befürchtet…

– O, mein Herr, erwiderte William J. Bidulph ganz ernsthaft, von einer solchen Furcht kann bei den Clienten der »Hundertjährigen« nicht die Rede sein! Sagt das nicht schon der Name unserer Gesellschaft? Glauben Sie sicher, man erwirbt sich hier die gesicherte Aussicht auf ein sehr langes Leben! Ich bitte um Verzeihung, aber es ist sehr selten, daß unsere Versicherten nicht das hundertste Lebensjahr überschreiten… sehr… sehr selten!… In deren Interesse sollten wir allerdings ihr Leben abzukürzen suchen! Eben aus genannter Ursache erfreut sich ja unsere Gesellschaft einer so hohen Blüthe. Nein, ich wiederhole Ihnen, mein Herr, wer sich in der »Hundertjährigen« einkauft, gewinnt damit fast die Gewißheit, selbst ein solcher Hundertjähriger zu werden!

– So!« bemerkte Kin-Fo gelassen, indem er William J. Bidulph mit frostigen Blicken musterte.

Der Generalagent, der so ernsthaft sprach wie ein Minister, hatte aber gar nicht das Aussehen, als könne er jemals scherzen.

»Sei dem, wie ihm wolle, fuhr Kin-Fo nach kurzer Unterbrechung fort, ich möchte mich mit 200.000 Dollars versichern.

– Ganz recht! Wir sagen also für ein Capital von 200.000 Dollars!« antwortete William J. Bidulph ebenso ruhig.

Und er notirte die Zahl in seinem Buche, als hätte es sich um zehn Dollars gehandelt.

»Es ist Ihnen bekannt, fügte er hinzu, daß die Versicherung erlischt und die bezahlten Prämien, ohne Rücksicht auf deren Betrag, der Gesellschaft verfallen, wenn die Person, auf deren Kopf die Versicherung lautet, durch die That des über die stattgefundene Versicherung unterrichteten Erbberechtigten um’s Leben kommt?

– Das weiß ich.

– Und welche Risiken gedenken Sie zu versichern, geehrter Herr?

– Alle.

– Die Gefahren der Reise zu Land und Wasser und auch die eines Aufenthaltes außerhalb der Grenzen des Himmlischen Reiches?

– Ja.

– Das Risico eines gerichtlichen Todesurtheils.

– Gewiß.

– Das eines Zweikampfes?

– Ebenso.

– Das Risico des Militärdienstes?

– Ja wohl.

– Dann wird die Prämie aber ziemlich hoch ausfallen?

– Mag sein, ich bezahle sie.

– Wie Sie wünschen.

– Aber, begann Kin-Fo, es giebt ja noch ein Risico, von dem Sie kein Wort erwähnen.

– Und das wäre?

– Der Selbstmord; ich glaubte, die Statuten der »Hundertjährigen« ließen auch eine Versicherung hiergegen zu.

– Ei freilich, mein Herr, ganz gewiß, antwortete William J. Bidulph, der sich schon die Hände rieb. Das ist sogar unsere reichste Einnahmequelle. Sie begreifen, daß unsere Clienten gewöhnlich Leute sind, die gar sehr am Leben hängen, und gerade Diejenigen, welche sich aus übergroßer Vorsicht auch gegen Selbstmord versichern, legen so gut wie niemals Hand an sich.

– Das gilt mir gleich, antwortete Kin-Fo. Aus persönlichen Gründen will ich mich auch gegen dieses Risico sicher stellen.

– Ganz nach Wunsch; doch steigt damit natürlich auch die Prämie beträchtlich.

– Ich wiederhole Ihnen, daß ich bezahlen werde, was Sie fordern.

– Einverstanden. – Wir sagen also, murmelte William J. Bidulph, der seine Notizen vervollständigte, gegen das Risico der See-und Landgefahren, des Selbstmordes…

– Nun, und was habe ich in diesem Falle an Prämie zu entrichten? fragte Kin-Fo.

– Mein lieber Herr, antwortete der Generalagent, unsere Prämien sind mit mathematischer Genauigkeit berechnet, was unsere Gesellschaft ruhmvoll auszeichnet. Sie beruhen nicht mehr, wie das früher der Fall war, auf den Sterblichkeitstafeln von Deparcieux… ah, kennen Sie Deparcieux?

– Nein, ich kenne Deparcieux nicht.

– Ein hervorragender Statistiker, aber schon alt… so alt, daß er sogar schon gestorben ist. Zur Zeit als er seine weltbekannten Tafeln veröffentlichte, welche noch den meisten europäischen Gesellschaften als Unterlage dienen, war die mittlere Lebensdauer eine kürzere als heute – eine Folge des allseitigen Fortschreitens der Menschheit. Wir dagegen nehmen also eine höhere mittlere Lebensdauer an und bieten den Versicherten, der eine geringere Prämie bezahlt und länger lebt, unleugbare Vortheile.

– Wie hoch beläuft sich meine Prämie? fragte Kin-Fo noch einmal, in der Absicht, den wortreichen Agenten, der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, ohne das Lob der »Hundertjährigen« mit vollen Backen zu preisen, endlich zum Schweigen zu bringen.

– Zur Beantwortung dieser Frage, mein Herr, muß ich mir die indiscrete Frage erlauben: Wie alt sind Sie jetzt?

– Einunddreißig Jahre.

– Nun dann, bei jeder anderen Gesellschaft würden Sie in einem Alter von einunddreißig Jahren, wenn es sich nur um Versicherung der gewöhnlichen Risiken handelte, zwei und dreiundachtzig Hundertel Procent entrichten müssen. Bei der »Hundertjährigen« beträgt die Prämie nur zwei und sieben Zehntel Procent, das ergiebt für ein Capital von 200.000 Dollars jährlich fünftausendvierhundert Dollars.

– Und unter den von mir gestellten Bedingungen? warf Kin-Fo ein.

– Bei Versicherung gegen jederlei Gefahr, inclusive des Selbstmordes?…

– Vorzüglich des Selbstmordes.

– Ja, mein Herr, fuhr William J. Bidulph in liebenswürdigem Tone fort, nachdem er die letzte Seite seines Notizbuches nachgeschlagen, in diesem Falle können wir es nicht unter fünfundzwanzig Procent thun.

– Und das macht?

– Fünfzigtausend Dollars.

– In welcher Weise muß die Prämie bezahlt werden?

– Entweder auf einmal oder monatlich, ganz nach Belieben des Versicherten.

– Was hätte ich also für die ersten zwei Monate zu entrichten?

– Achttausenddreihundertzweiunddreißig Dollars, deren heutige Einlieferung in unsere Casse Sie auf zwei Monate, d.h. vom 30. April bis 30. Juni laufenden Jahres, decken würde.

– Einverstanden, mein Herr, erwiderte Kin-Fo kurz und trocken. Hier sind die beiden ersten Monate meiner Prämie!«

Damit legte er ein dickes Packet Dollarsscheine, die er aus der Tasche zog, auf den Tisch nieder.

»Schön, mein Herr… sehr schön…! antwortete William J. Bidulph. Vor der Ausfertigung der Police wäre nur noch eine einzige Formalität zu erfüllen.

– Und diese wäre?

– Sie werden den Besuch des Gesellschaftsarztes erhalten.

– Wozu das?

– Um festzustellen, daß Sie von Haus aus von gesunder Constitution sind und an keinem organischen Fehler leiden, der Ihr Leben vorzeitig verkürzen könnte, damit wir einige Sicherheit haben, daß Sie recht lange leben.

– Ich begreife nicht… da ich mich auch gegen Zweikampf und Selbstmord versichert habe… bemerkte Kin-Fo.

– Ei, mein lieber Herr, erwiderte William J. Bidulph mit seinem gewöhnlichen Lächeln, trügen Sie den Keim zu einer Krankheit in sich, der Sie uns rauben könnte, so würde uns das ein gutes Stück Geld, nämlich 200.000 Dollars kosten!

– Ich denke, mein Selbstmord dürfte Ihnen ebenso theuer zu stehen kommen.

– Bester Herr, antwortete der Agent verbindlich, indem er Kin-Fo’s Hand ergriff und sanft darauf klopfte, ich hatte schon die Ehre, Ihnen zu sagen, daß sich Viele unserer Clienten gegen Selbstmord versichert, aber noch niemals Hand an sich gelegt haben. Uebrigens steht es uns frei, Sie überwachen zu lassen, natürlich mit größter Vorsicht.

– Ah so! warf Kin-Fo dazwischen.

– Ich füge als eine persönliche Bemerkung hinzu, daß von allen Clienten der »Hundertjährigen« gerade diese es sind, welche ihre Prämie am längsten entrichten. Und unter uns, warum sollte der reiche Herr Kin-Fo sein Leben eigenmächtig abkürzen?

– Ja, warum mag sich dann der reiche Herr Kin-Fo überhaupt versichern?

– O, sehr einfach, erklärte William J. Bidulph, um die Gewißheit zu haben, sehr lange zu leben, wie alle Clienten der »Hundertjährigen«.

Mit dem Hauptagenten der berühmten Gesellschaft war eben kaum zu streiten. Er hielt sich seiner Sache gar zu sicher.

»Zu wessen Vortheil aber, fügte er hinzu, wird die Versicherung auf 200.000 Dollars abgeschlossen? Wer wird der Erbe dieses Contracts sein?

– Als solche sind zwei Personen bestimmt, erwiderte Kin-Fo.

– Welche gleichen Antheil haben sollen?

– Nein, einen ungleichen, der Eine fünfzigtausend Dollars, der Andere hunderfünfzigtausend Dollars.

– Wir setzen also mit fünfzigtausend, Herrn…?

– Wang.

– Den Philosophen Wang?

– Denselben.

– Und mit der übrigen Summe?

– Madame Le-U in Peking.

– In Peking,« wiederholte William J. Bidulph, der die Namen der Rechtsnachfolger aufzeichnete. Dann fuhr er fort:

– Wie alt ist Madame Le-U?

– Einundzwanzig Jahre, antwortete Kin-Fo.

– O, eine noch junge Dame, bemerkte der Agent, welche doch ziemlich bejahrt sein wird, wenn sie in die Lage kommt, das versicherte Capital zu erheben.

– Weshalb, wenn ich bitten darf?

– Ei, weil Sie länger als hundert Jahre leben werden, bester Herr. Und der Philosoph Wang?

– Fünfundfünfzig Jahre.

– Nun, dieser gute Mann braucht sich allerdings keine Hoffnung zu machen, jemals einen Cent zu erheben!

– Das wird sich finden, mein Herr!

– Wenn ich, geehrter Herr, antwortete William J. Bidulph, mit fünfundfünfzig Jahren der Erbe eines dreißigjährigen Mannes wäre, der nicht vor seinem hundertsten Jahre sterben wird, so wäre ich nicht so beschränkt, mir überhaupt die geringste Hoffnung zu machen.

– Ergebener Diener, mein Herr, erwiderte Kin-Fo, dem diese Unterhaltung allmälich lästig wurde, kurz, und wendete sich zur Thüre des Cabinets.

»Kennen Sie Deparcieux?« (S. 53.)

– Ganz der Ihrige!« gab der ehrenwerthe William J. Bidulph, indem er sich vor dem neuen Clienten der »Hundertjährigen« verbindlich verneigte, schnell zurück.

Am folgenden Tage machte der Gesellschaftsarzt seinen vorgeschriebenen Besuch bei Kin-Fo. »Ein Körper von Eisen, Muskeln von Stahl, Lungen wie Orgelpfeifen«, so lautete sein Bericht. Es bestand kein Hinderniß für die Gesellschaft, den Vertrag mit einer von Natur so vorzüglich ausgestatteten Persönlichkeit abzuschließen.

Hierauf sollte der Katafalk folgen. (S. 61.)

Die Police wurde also am nämlichen Tage von Kin-Fo einerseits, zu Gunsten der jungen Witwe und des Philosophen Wang, und andererseits von William J. Bidulph als Vertreter der Gesellschaft vorschriftsmäßig unterzeichnet und vollzogen.

Weder Le-U noch Wang sollten, abgesehen von ganz außerordentlichen Umständen, nicht eher erfahren, was Kin-Fo für sie gethan habe, als an dem Tage, wo die »Hundertjährige« in die Lage kam, ihnen das versicherte Capital, die letzte Wohlthat des Millionärs, auszuzahlen.

Siebentes Capitel.

Das sehr traurig wäre, wenn es sich darin nicht um einige, dem Himmlichen Reiche eigenthümliche Sitten und Gebräuche handelte.

Was der ehrenwerthe William J. Bidulph auch sagen und denken mochte, diesesmal war die Casse der »Hundertjährigen« in ihren Beständen ganz ernstlich bedroht. Kin-Fo’s Plan gehörte nicht zu denen, deren Ausführung man, nach reiflicher Ueberlegung, auf unbestimmte Zeit vertagt. Vollständig ruinirt, wie er war, hatte Wang’s Schüler den festen Entschluß gefaßt, einem Leben ein Ende zu machen, das ihm selbst, als er noch Reichthümer besaß, nichts als tödtliche Langweile geboten hatte.

Der ihm von Soun acht Tage nach seinem Eintreffen übergebene Brief kam aus San-Francisco. Er brachte die Mittheilung von der Zahlungseinstellung der Centralbank von Californien. Kin-Fo’s Vermögen bestand nun, wie wir wissen, zum weitaus größten Theile aus Actien dieser so berühmten und bis zur Stunde als unbedingt sicher geltenden Bank. Doch ließ die Thatsache keinen Zweifel aufkommen. So unwahrscheinlich die Sache auch klang, war sie doch leider nur zu wahr. Die Zahlungseinstellung der Californischen Centralbank fand in den nach Shang-Haï gelangenden Zeitungen ihre Bestätigung. Der Concurs war eröffnet worden und Kin-Fo damit ein ruinirter Mann.

Außer den Actien dieser Bank blieb ihm ja nichts, oder doch fast nichts übrig. Der immerhin schwer ausführbare Verkauf seiner Wohnung in Shang-Haï konnte ihm nur unzureichende Geldmittel liefern. Die achttausend Dollars, welche er als Prämie in die Casse der »Hundertjährigen« eingezahlt, nebst wenigen Actien der Dampfer-Compagnie von Tien-Tsin, die, wenn er sie heute auf den Markt brachte, ihn höchstens für die allernächste Zeit über Wasser zu halten vermochten, das war jetzt sein ganzes Eigenthum.

Ein Abendländer, ein Engländer oder Franzose, hätte diesen Schicksalsschlag vielleicht mit Ruhe hingenommen und sich durch ernste Arbeit ein neues Leben zu gründen gesucht. Ein Kind des Himmels dagegen mußte im Rechte zu sein glauben, wenn es anders dachte und handelte. Als Chinese von echtem Schrot und Korn gedachte Kin-Fo sich durch einen freiwilligen Tod aus dieser Lage zu befreien und überlegte sich das mit der größten Gewissensruhe und der typischen Gleichgiltigkeit, welche die gelbe Race auszeichnet.

Der Chinese besitzt sozusagen nur einen passiven Muth, diesen aber in hohem Grade. Seine Gleichgiltigkeit gegen den Tod ist wahrhaft erstaunlich. Ist er krank, so sieht er ihn ohne Anwandlung von Schwäche herannahen; als Verurtheilter zeigt er selbst unter der Hand des Henkers keine Furcht. Die so häufigen öffentlichen Hinrichtungen, der Anblick der entsetzlichen Strafen, welche das Gesetzbuch des Himmlischen Reiches vorschreibt, haben den Sohn des Himmels beizeiten an den Gedanken gewöhnt, die Freuden dieser Welt ohne Bedauern zu missen.

Hiernach wird man auch weniger erstaunen, in allen Familien fast tagtäglich eine Unterhaltung über den Tod mit anzuhören. Er steht hier keinem Ereignisse des Lebens fremd gegenüber. Der Cultus der Vorfahren findet sich selbst bei den ärmsten Leuten pietätvoll entwickelt. Es giebt kein reiches Haus, wo man nicht einen Raum als Familien-Heiligthum reservirte, keine elende Hütte, in der nicht ein Winkel den Reliquien der Ahnen vorbehalten wäre, für welche jeden zweiten Monat besondere Feste gefeiert werden. Eben deshalb findet man z.B. auch in denselben Läden, in denen etwa Bettchen für Neugeborne und Heirathskörbe verkauft werden, eine große Auswahl fertiger Särge als stehenden Handelsartikel.

Der Einkauf eines Sarges ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kinder des Himmels. Man würde die Ausstattung eines Hauses für unvollständig halten, wenn ihr das letzte Ruhebett abginge. Der Sohn hält es für Pflicht, dasselbe seinem Vater bei Lebzeiten darzubieten, was als rührendes Zeichen zärtlicher Liebe betrachtet wird. Dieses »Möbel« findet dann seinen Platz in einem besonderen Raume. Man schmückt dasselbe, hält es in bestem Stand und bewahrt es oft noch, nachdem es sterbliche Ueberreste aufgenommen hat, lange Jahre hindurch mit zärtlicher Sorgfalt. Mit einem Wort, die Achtung vor den Todten bildet einen Grundzug der chinesischen Religion und trägt sehr wesentlich dazu bei, die Bande der Familie auf’s engste zu verknüpfen.

Dank seinem Temperament, wußte Kin-Fo sich mit dem Gedanken, seinen Tagen ein Ziel zu setzen, also in größter Ruhe zu befreunden. Er hatte ja die Zukunft zweier Wesen, die ihm theuer waren, sichergestellt. Was blieb ihm nun noch zu bedauern übrig? Nichts. Ein Selbstmord konnte ihm keinerlei Gewissensbisse verursachen. Was in den civilisirten Ländern des Occidents als Verbrechen erscheint, ist inmitten dieser eigenthümlichen Civilisation des östlichen Asiens ein ganz gerechtfertigter Act.

Kin-Fo’s Entschluß war also gefaßt, und nichts wäre im Stande gewesen, ihn von dessen Ausführung abzuhalten, nicht einmal der Einspruch des Philosophen Wang.

Uebrigens wußte dieser ja zunächst kein Sterbenswörtchen von den Absichten seines Schülers. Auch Soun befand sich in derselben Lage und hatte seit Kin-Fo’s Rückkehr nur die eine Beobachtung gemacht, daß dieser gegen seine täglichen Dummheiten etwas weniger empfindlich schien.

Jedenfalls stand Soun sich dabei sehr gut; ja, er konnte sich keinen besseren Herrn wünschen, und jetzt wackelte der kostbare Zopf in aller Sicherheit auf seinem breiten Rücken.

Ein chinesisches Sprichwort sagt:

»Um auf Erden glücklich zu sein, muß man in Canton leben und in Lian-Tcheu sterben.«

In der That bot Canton die meisten Annehmlichkeiten des Lebens und in Lian-Tchen verfertigte man die besten und schönsten Särge.

Kin-Fo unterließ natürlich nicht, seine Bestellung bei dem besten Hause zu machen, so daß das letzte Bett für ihn rechtzeitig eintreffen mußte. Für jeden Sohn des Himmlischen Reiches, der zu leben versteht, ist es ja stets eine Hauptaufgabe, dafür zu sorgen, daß für seinen ewigen Schlaf Alles bestens und vorschriftsmäßig bereit ist.

Gleichzeitig kaufte Kin-Fo einen weißen Hahn, von dem bekannt ist, daß er die entschwebenden Geister in sich aufnimmt und dabei eines der sieben Elemente erhascht, aus denen die chinesische Seele besteht.

Man erkennt hieraus, daß der Schüler des Philosophen Wang sich zwar sehr gleichgiltig gegen alle irdischen Dinge verhielt, aber auf Alles, was seinen Tod betraf, hohen Werth legte.

Nachdem das geschehen, hatte er also nur noch die Einzelheiten seines Begräbnisses festzustellen. Noch am nämlichen Tage vertraute er einem Blatte Papier – sogenanntem Reispapier, mit dessen Zusammensetzung der Reis nicht das Geringste zu thun hat – seinen letzten Willen an.

Zunächst schrieb er der jungen Witwe sein Haus in Shang-Haï zu, Wang aber ein Porträt des Kaisers Taï-Ping, das der Philosoph ein und alle Tage mit größtem Wohlgefallen betrachtete – natürlich unbeschadet der bei der »Hundertjährigen« versicherten Capitalien – und bestimmte dann in größter Seelenruhe die Reihenfolge der Personen, die an seinem Leichenzuge theilnehmen sollten.

Da er keine Angehörigen hatte, sollte ein Theil der ihm noch verbliebenen, Freunde in weißer Kleidung, das ist in der im Himmlischen Reiche gebräuchlichen, Farbe der Trauer, die Spitze des Zuges bilden. Längs der Straßen und bis zu dem, auf dem Friedhofe von Shang-Haï schon längst hergestellten Grabe sollte eine doppelte Reihe von Leichendienern Spalier bilden und dabei verschiedene Attribute tragen, wie blaue Sonnenschirme, Hellebarden, Scepter mit einer Hand am oberen Theile, seidene Schirme und Tafeln mit der eingehenden Beschreibung der Feierlichkeit, diese Leute aber bekleidet mit schwarzem Oberrock und weißem Gürtel und bedeckt mit schwarzem Filzhut mit rother Aigrette. Hinter der Gruppe der, Freunde sollte ein Führer, scharlachroth von dem Kopf bis zu den Füßen, gehen und den Gong anschlagen, nach ihm aber ein Wagen fahren, der in einer Art Reliquienschrein das Bild des Entseelten enthielt Hierauf würde eine zweite Gruppe Freunde zu folgen haben; nämlich Diejenigen, welche der Reihe nach auf besonders dazu bereiteten Kissen in Ohnmacht zu fallen hatten. Endlich sollte sich ein Zug junger Leute unter einem großen, blau und goldenen Thronhimmel anschließen, denen die Aufgabe zufiel, kleine weiße und so wie die Sapeken mit einem Loche versehene Papierstückchen auszustreuen, welche dazu bestimmt waren, die bösen Geister zu vertreiben, die sich dem Aufzuge etwa anzuschließen versuchen könnten.

Hierauf sollte der Katafalk folgen, überdacht von einem ungeheuren Palankin von violetter Seide mit Goldtroddeln, den fünfzig Diener inmitten einer Doppelreihe von Bonzen auf den Schultern zu tragen hatten. Die in grauen, rothen und gelben Gewändern einhergehenden Priester sollten dabei abwechselnd mit dem Donner der Gongs, dem Heulen der Flöten und den rauschenden Tönen der sechs Fuß langen Trompeten die letzten Gebete absingen.

Hinter dem Katafalk sollten weiß überzogene Trauerwagen diesen pompösen Aufzug abschließen, dessen Unkosten die letzten Schätze des reichen Verstorbenen gerade aufzehrten.

Dieses Programm nun enthielt immerhin nicht etwa etwas so Außergewöhnliches. Durch die Straßen von Canton, Shang-Haï oder Peking bewegten sich gar nicht so selten derartige Trauerzüge, in denen die Bewohner des Reiches der Mitte nichts Anderes sahen als eine ganz natürliche, den sterblichen Ueberresten des Verblichenen dargebrachte Huldigung.

Am 20. desselben Monats traf eine aus Lian-Tchen abgesendete große Kiste unter Kin-Fo’s Adresse in dessen Wohnung zu Shang-Haï ein. Sie enthielt den sorgfältig verpackten Sarg des Adressaten. Weder Wang noch Soun oder ein anderer Diener in dem Yamen fanden darin etwas Absonderliches, denn wie gesagt, hält jeder Chinese streng darauf, die Truhe, in welcher er den ewigen Schlaf zu thun gedenkt, schon bei Lebzeiten zu besitzen.

Dieser Sarg, übrigens ein Meisterwerk des Fabrikanten in Lian-Tcheu, wurde im »Ahnen«-Zimmer des Hauses untergebracht. Dort hätte er wohl, geschmückt, eingesalbt und angeräuchert, lange Zeit rasten können, ehe der Tag zu erwarten war, an dem ihn der Schüler des Philosophen Wang selbst nöthig hatte…. dem sollte aber nicht so sein. Kin-Fo’s Tage waren gezählt und die Stunde ziemlich nahe, mit der auch er in die Reihe der Vorfahren der Familie eintreten sollte.

An dem nämlichen Abend faßte Kin-Fo den unabänderlichen Entschluß, diesem Jammerthale Lebewohl zu sagen.

Im Laufe des Tages kam ein Schreiben der trostlosen Le-U an. Die junge Witwe stellte Kin-Fo Alles zur Verfügung, was sie besaß. Ihr galt der Reichthum nichts! Sie würde ihn zu entbehren wissen! Sie liebte ihn ja! Was brauchte er mehr? Sollten sie nicht auch unter bescheideneren Verhältnissen glücklich werden können?

Auch dieser von zärtlichster Theilnahme eingegebene Brief vermochte an Kin-Fo’s Beschluß nichts zu ändern.

»Nur mein Tod allein, kann ihr von Nutzen sein!« dachte er.

Jetzt blieb ihm nur noch übrig, festzustellen, wie und wo er die letzte Hand an sich legen sollte. Kin-Fo fand ein gewisses Vergnügen daran, sich das ganz im Einzelnen zu überlegen. Er hoffte heimlich, daß ihm in jenem letzten Augenblicke, und wenn nur für ganz kurze Zeit, doch das Herz einmal vor innerer Erregung klopfen sollte.

In der Umgebung des Yamen erhoben sich vier hübsche Kiosks, ausgeschmückt mit all der Phantasie, welche die chinesischen Künstler auszeichnet. Sie trugen besonders gewählte Namen: das Lusthaus des »Glücks«, das Kin-Fo niemals betrat; das Haus des »Reichthums«, das er nur mit tiefer Verachtung ansah; das Haus des »Vergnügens«, dessen Thüren für ihn schon seit langer Zeit geschlossen blieben, und das Haus des »langen Lebens«, das er schon hatte abbrechen lassen wollen.

Sein Instinct leitete ihn heute, sich gerade für dieses Lusthaus zu entschließen. Er gedachte sich mit einbrechender Nacht dahin zu begeben. Dort sollte man ihn am nächsten Morgen, schon glücklich im Tode, auffinden.

Nachdem der Ort bestimmt war, kam die Frage an die Reihe, wie er sterben solle. Sollte er sich den Bauch aufschlitzen, wie ein Japanese, sich mit der seidenen Schnur erdrosseln, wie ein Mandarin, oder sich im wohlriechenden Bad die Adern öffnen, wie ein Epikuräer des alten Roms? Nein. Alle diese Todesarten schienen ihm zu roh und mußten für seine Freunde und Diener etwas Abstoßendes haben. Ein oder zwei Körnchen Opium, gemischt mit einem scharfen Gifte, mußten ja hinreichen, ihn aus dieser Welt in jene andere zu befördern, ohne daß er etwas davon fühlte, ja, vielleicht während eines schönen Traumes, der den zeitlichen Schlaf mit dem ewigen vermittelte.

Schon neigte sich die Sonne dem Horizont zu. Kin-Fo hatte nur noch wenige Stunden zu leben. Er wollte auf einem letzten Spaziergange noch einmal den Friedhof von Shang-Haï und die Ufer des Huang-Pu sehen, an denen er so oft gelangweilt dahingewandelt war. So verließ er denn den Yamen ganz allein – er hatte den ganzen Tag über Wang nicht ein einziges Mal gesprochen – um dahin zum letzten Mal zurückzukehren und ihn nie wieder lebend zu verlassen.

Er schlenderte ganz mit demselben Schritte wie früher – denn auch diese letzte Stunde seines Lebens vermochte darin nichts zu ändern – über das englische Gebiet, die Brücke über den Creek und die französische Niederlassung weg. Längs des Quais, der nach dem nächsten Thore führt, ging er um die Stadtmauer Shang-Haïs bis zur katholischen Hauptkirche, deren Kuppel die südliche Vorstadt überragt. Dann wandte er sich nach rechts und schlug seelenruhig den Weg ein, der zur Pagode Lung-Hao’s führt.

Hier dehnte sich das weite, flache Land bis zu den dunklen Höhen, welche das Thal des Min begrenzen, vor seinen Blicken aus, eine ungeheure sumpfige Ebene, aus der der Fleiß des Landwirthes üppige Reisfelder zu machen gewußt hat. Hie und da ein Netz von Kanälen, welche die Fluth des Meeres anfüllte, einige elende Dörfer, deren Hütten zwar von Rosen umrankt, die aber sonst mit gelblichem Schmutz bedeckt waren, oder einzelne zum Schutze gegen Ueberfluthung etwas höher angelegte, kahle Felder. Auf den schmalen Fußwegen entflohen eine Menge Hunde, weiße Ziegen, Enten und Gänse in größter Eile, wenn ein Wanderer sie aus ihrer Ruhe aufstörte.

Die chinesische Ebene dient gleichzeitig als allgemeiner Friedhof.

Dieses sorgsam cultivirte Feld, dessen Anblick einen Eingebornen nicht in Verwunderung setzen konnte, hätte doch wahrscheinlich die Aufmerksamkeit, ja das Entsetzen jedes Fremden erregen müssen.

Eine junge Tankadere. (S. 66.)

Ueberall nämlich sah man hier Särge zu Hunderten, ohne von den Erdhügeln zu sprechen, welche sich über den wirklich Beerdigten erhoben, nichts als Haufen von länglichen Kasten, Pyramiden von Särgen, welche wie Stämme in einem Zimmerhofe übereinanderlagen. Die chinesische Ebene in der Nähe der Stadt dient eben gleichzeitig als allgemeiner Friedhof. Ebenso wie zu viel Lebende, birgt das Land auch zu viel Leichen.

Man sagt, es sei verboten, die Särge unter die Erde zu bringen, so lange eine und dieselbe Dynastie den Thron des Himmlischen Reiches einnimmt, und solche Dynastien bleiben ja Jahrhunderte lang am Ruder. Ob hieran nun etwas Wahres ist oder nicht, jedenfalls harren die Cadaver in ihren Särgen, von denen die einen in hellen Farben leuchten, die anderen dunkel und bescheidener aussehen, oder die zum Theile noch neu und glänzend erscheinen, zum Theile auch schon in Staub zerfallen, meist ungeheuer lange auf den Tag ihrer Beerdigung.

Kin-Fo verwunderte sich über diesen Zustand der Dinge natürlich nicht. Er wandelte weiter, ohne die Blicke viel umherschweifen zu lassen. Zwei Fremde in europäischer Kleidung, die ihm folgten, seitdem er aus dem Yamen heraustrat, erregten nicht einmal seine Aufmerksamkeit. Er selbst sah sie nicht, obwohl jene bemüht schienen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Sie hielten sich stets in gemessener Entfernung, gingen weiter, wenn sich Kin-Fo fortbewegte, und blieben stehen, wenn jener rastete. Dann und wann wechselten sie wohl auch bedeutungsvolle Blicke oder einige wenige Worte, und jedenfalls befanden sie sich nur hier, um den lebensmüden Wanderer zu beobachten. Mittelgroß, gegen dreißig Jahre alt gewandt und wohlgebaut, schienen sie mehr zwei Spürhunden mit scharfen Augen und schnellen Beinen ähnlich zu sein.

Nachdem Kin-Fo sich eine Stunde lang im Freien bewegt hatte, kehrte er nach den Ufern des Huang-Pu zurück.

Ebenso plötzlich kehrten die beiden Gestalten um.

Auf dem Wege begegnete Kin-Fo einigen elenden Bettlern, denen er ein Almosen verabreichte.

Etwas weiter kreuzten einige christliche Chinesinnen – von dem Orden, den die französischen Barmherzigen Schwestern gründeten – seinen Weg. Sie gingen dahin mit Tragkörben auf dem Rücken und in denselben Krippen mit armen, verlassenen Wesen. Man hat sie mit Recht »Lumpensammlerinnen« genannt. Diese kleinen unglücklichen Wesen sind ja auch nichts Anderes als weggeworfene, unbrauchbare, lebende Gegenstände.

Kin-Fo leerte seine Börse in die Hand der Barmherzigen Schwestern.

Die beiden Fremden erschienen sehr erstaunt über die Mildthätigkeit eines Sohnes des Himmlischen Reiches.

Der Abend sank herab. Als Kin-Fo an den Mauern von Shang-Haï war, schlug er wieder den Weg nach dem Quai ein.

Die schwimmende Bevölkerung schlief noch nicht. Geschrei und Gesang ertönten von allen Orten.

Kin-Fo horchte. Er war begierig, die letzten Worte zu erfahren, die sein Ohr vernehmen sollte.

Eine junge Tankadere, welche ein Boot durch die dunklen Fluthen des Huang-Pu führte, sang folgende Strophen:

»Meine Barke mit den lachenden Farben

Ist geschmückt

Mit tausend und zehntausend Blumen.

Ich erwarte ihn mit sehnendem Herzen!

Morgen muß er wiederkommen!

Blauer Gott, wache über ihn! Mög’ Deine Hand

Seine Rückkehr beschützen,

Und mögest Du den langen Weg

Ihm freundlich kürzen.«

»Er wird morgen wiederkommen! Und ich, wo werde ich wohl morgen sein?« dachte Kin-Fo, den Kopf schüttelnd.

Die junge Tankadere fuhr fort:

»Er ist so weit von uns gegangen,

Ich weiß es ja,

Bis zum Land der Mantschus

Bis zu den Mauern Chinas!

O, wie mein Herz so oft

Klopfte, wenn der Wind

Sich erhob und mächtig anwuchs

Und dahinsausend schnell

Das Unwetter vertrieb.«

Kin-Fo lauschte noch immer, ohne ein Wort zu sagen.

Die Tankadere schloß wie folgt:

»Was hast Du nöthig, zu streben

Nach irdischem Glück?

Fern von mir willst Du sterben?

Schon leuchtet der dritte Mond!

Komm’, der Bonze wartet unser,

Um zugleich zu vereinen

Die beiden Phönix,1 unsere Zeichen!

Komm’! O komm zurück! Ich liebe Dich so heiß,

Und Dein Herz ist ja auch mein!«

»Ja, vielleicht! murmelte Kin-Fo, der Reichthum ist ja nicht Alles auf der Welt! Das Leben ist es aber nicht werth, daß man sich um dasselbe bemüht!«

Eine halbe Stunde später kehrte Kin-Fo in seine Wohnung zurück. Die beiden Fremden, welche seinen Schritten gefolgt waren, mußten auf der Straße bleiben.

Seelenruhig schritt Kin-Fo auf den »Pavillon des langen Lebens« zu, öffnete dessen Thür, verschloß sie wieder und befand sich nun allein in dem von einer mattgeschliffenen Lampe halb erleuchteten Raume.

Auf einem, aus einem einzigen Stücke Nephrit bestehenden Tische stand ein Kästchen mit einigen Stücken mit tödtlichem Gifte versetztem Opium, ein »Helfer in der Noth«, den der reiche gelangweilte Mann stets in Vorrath führte.

Kin-Fo nahm zwei dieser Körner, legte sie auf die rothe Thonpfeife, wie sie die Opiumraucher zu benützen pflegen, und wollte diese eben in Brand setzen.

»Zum Kukuk, rief er, auch jetzt, wo ich einschlafen will, um nie wieder zu erwachen, nicht die geringste Erregung!«

Er zögerte einen Augenblick.

»Nein! rief er und warf die Pfeife auf den Boden, daß sie in tausend Trümmer zersprang, ich will aber einmal erregt sein und wäre es auch nur durch die Erwartung. – Ich will es! – Ich werde es zu erreichen wissen!«

Mit diesen Worten verließ Kin-Fo den Kiosk und begab sich, schneller als sein Schritt sonst war, nach dem Zimmer Wang’s.

Fußnoten

1 »Die beiden Phönix« sind das Sinnbild der Ehe im Reiche der Mitte.

Achtes Capitel.

In dem Kin-Fo seinem Lehrer Wang einen ganz ernstlich gemeinten Vorschlag macht, den dieser ebenso ernsthaft aufnimmt.

Der Philosoph hatte sich noch nicht niedergelegt. Auf einem Divan ausgestreckt, las er eben die letzte Nummer der »Pekinger Zeitung«. Wenn seine Stirn sich ein wenig runzelte, so kam das gewiß daher, daß das Blatt etwas zu freigebig war mit Lobsprüchen gegen die herrschende Dynastie der Tsing.

Kin-Fo öffnete die Thür, trat in das Zimmer und warf sich in einen Lehnstuhl, während er ohne jede Einleitung in die Worte ausbrach:

»Ich komme, Wang, Dich um einen Liebesdienst anzugehen.

– Gern um zehntausend! erwiderte der Philosoph, indem er das Blat weglegte. Sprich, mein Sohn, sprich ohne Scheu, Alles, was Du verlangst, werde ich so gerne thun.

– Den Dienst, um den es sich handelt, kann ein Freund dem Anderen nur ein einziges Mal erweisen! Ich entbinde Dich also von den neuntausendneunhundertneunundneunzig anderen und sage Dir im voraus, daß Du von meiner Seite auf keinen Dank rechnen darfst.

– Auch der gewandteste Deuter räthselhafter Worte würde Dich doch nicht verstehen. Um was handelt es sich?

– Wang, erklärte Kin-Fo ruhig, ich bin ruinirt.

– Aha, aha! sagte der Philosoph in einem Tone, als erführe er eher eine angenehme, als eine so niederschlagende Nachricht.

– Ein Brief, den ich bei unserer Rückkehr von Canton hier vorfand, fuhr Kin-Fo fort, meldete mir das Fallissement der Californischen Centralbank. Außer diesem Yamen und einer kleinen Summe, welche mir noch einen oder zwei Monate das Leben fristet, besitze ich nichts mehr.

– Der steinreiche Kin-Fo ist es also nicht mehr, fragte Wang mit einem scharf beobachtenden Blicke auf seinen Schüler, der hier zu mir spricht?

– Nein, nur der arme Kin-Fo, den seine Armuth übrigens nicht im mindesten erschreckt.

– Wohl gesprochen, mein Sohn, antwortete der Philosoph aufstehend. Ich habe also meine Zeit nicht damit vergeudet, daß ich Dir die Lehren der Weisheit einzuprägen suchte. Bisher vegetirtest Du nur ohne Geschmack am Leben, ohne Leidenschaften, ohne Kämpfe! Nun wirst Du wirklich leben lernen. Die Zukunft gestaltet sich Dir anders. Immerhin sagte der große Confucius, es ereignet sich stets weniger Unglück, als man fürchtet! Nun werden wir uns die tägliche Reissuppe verdienen müssen. Die »Nun-Schum« lehrt uns, daß es auf Erden Hohe und Niedere geben muß. Immer wendet sich das Rad des Glücks, und der Frühlingswind wechselt stets. Ob reich, ob arm, daß man seine Pflicht erfüllt, ist die Hauptsache. Komm, laß uns fortgehen von hier!«

Wang, als praktischer Philosoph, war wirklich bereit, die prächtige Wohnung sofort und auf immer zu verlassen.

Kin-Fo hielt ihn zurück.

»Ich sagte Dir zwar, daß die Armuth mich nicht erschreckt, begann er, aber ich füge Dir auch hinzu, daß ich entschlossen bin, sie nicht zu ertragen!

– Wie, erwiderte Wang, Du willst also….

– Sterben!

– Sterben! wiederholte der Philosoph sehr ruhig. Wer mit der Absicht umgeht, seinen Lebensfaden mit eigener Hand zu zerreißen, spricht davon gegen keinen Anderen.

– Es wäre schon Alles abgethan, erwiderte Kin-Fo mit einer Seelenruhe, die der des Philosophen in keiner Weise nachstand, wenn ich nicht wünschte, daß mein Tod wenigstens mich zum ersten und letzten Male erregte. Als ich aber im Begriffe war, eine von den Dir bekannten Opiumpillen zu verschlucken, schlug mir das Herz so wenig, daß ich das Gift wegwarf und Dich aufsuchte.

– Du willst vielleicht, daß wir zusammen in den Tod gehen sollen? fragte Wang lächelnd.

– O nein, entgegnete Kin-Fo schnell, Du mußt leben bleiben!

– Weshalb?

– Deine Hand soll mir den Tod geben!«

Auch bei dieser unerwarteten Zumuthung erzitterte Wang nicht. Kin-Fo glaubte aber, als er ihn aufmerksam ansah, in seinen Augen ein lebhafteres, Feuer zu bemerken. Erwachte vielleicht der frühere Taï-Ping wieder in ihm? Sollte er dem Verlangen seines Schülers wirklich ohne alles Zögern entsprechen können? Achtzehn lange Jahre wären über das allmälich ergraute Haupt dahin gegangen, ohne den Blutdurst der Jugendjahre auslöschen zu können? Für den Sohn seines einstmaligen Retters hatte er kein Wort der Abmahnung? Ohne Gewissensbisse übernahm er es, Den von der Last dieses Lebens zu befreien, gegen den er doch gewiß nicht den mindesten Groll hegte! Ja, ja, er, Wang, der Philosoph, er war das im Stande.

Jenes aufleuchtende Feuer erlosch jedoch sofort wieder. Wang nahm wieder die gewöhnliche ehrliche Physiognomie an und erschien höchstens etwas ernsthafter.

Dann setzte er sich wieder.

»Das ist also wohl der Liebesdienst, den Du von mir verlangen wolltest? sagte er.

– Ja, bestätigte Kin-Fo, und dieser Dienst entledigt Dich aller Schuld, die Du gegen Tchung-Heu und dessen Sohn in Deiner Einbildung nur irgend haben könntest.

– Nun, und was soll ich thun?

– Zwischen heute und dem fünfundzwanzigsten Juni, merke wohl, dem achtundzwanzigsten Tage des sechsten Mondes, dem Tage, Wang, an dem mein einunddreißigstes Lebensjahr zu Ende geht – muß ich aufgehört haben zu leben!

Ich muß auch durch Deine Hand fallen, gleichviel, ob von vorn oder hinten, gleichviel wo oder wie, ob am Tage oder in der Nacht, ob stehend, sitzend, liegend, wachend oder schlafend, durch Stahl oder Gift. Ich muß während der achtzigtausend Minuten, die mein Leben während dieser fünfundfünfzig Tage zählt, denken, hoffen oder fürchten können, daß ihm jeden Augenblick ein jähes Ende droht! Ich muß diese achtzigtausend Erregungen vor mir haben, um in dem Augenblicke, wenn sich die sieben Elemente meiner Seele von einander trennen, wenigstens sagen zu können: Endlich, endlich habe ich doch einmal gelebt!«

Kin-Fo hatte, ganz gegen seine Gewohnheit, mit einer gewissen Lebhaftigkeit gesprochen. Der Leser sieht auch, daß er die letzte Grenze seines Lebens auf sechs Tage vor dem Erlöschen der Police festsetzte. Er handelte dabei mit klugem Vorbedacht, da eine weitere Verzögerung ohne erneuerte Prämienzahlung seine Erben leicht ihrer jetzt berechtigten Ansprüche hätte berauben können.

Der Philosoph hatte ihm ernsthaft zugehört und dabei einige Seitenblicke auf das, seine Zimmerwand zierende Porträt des Kaiser Taï-Ping fallen lassen, von dem er ja noch nicht wußte, daß es ihm als Erbtheil zufallen sollte.

»Du wirst also vor der übernommenen Verpflichtung, mich zu tödten, auf keinen Fall zurückschrecken?« fragte Kin-Fo.

Wang deutete nur durch ein Zeichen an, daß das seine Sache nicht sei. Er erinnerte sich wohl so mancher Scenen aus der Zeit, da er unter dem Banner der Taï-Ping kämpfte. Er stellte aber doch noch einige Fragen, da er sich ohne Erschöpfung aller möglichen Einwürfe offenbar nicht verpflichten wollte.

»Du verzichtest also auf die Aussicht eines langen Lebens, das der »Wahre Meister« Dir schon von der Wiege an bestimmte?

– Ja gewiß!

– Ohne Bedauern?

– Ganz ohne Bedauern! bekräftigte Kin-Fo. Als Greis zu leben! Einem Stücke Holze zu gleichen, das Niemand mehr schneiden kann! Reich – würde ich das nicht wünschen; arm – mag ich es noch viel weniger!

– Und die junge Witwe in Peking? warf Wang ein. Vergaßest Du das Sprichwort: »Die Blume zur Blume!«, »Die Weide zur Weide!« Die Uebereinstimmung zweier Herzen schafft hundert Jahre Frühling!….

»Sterben!« wiederholte der Philosoph. (S. 70.)

– Gegen dreihundert Jahre Herbst, Sommer und Winter! bemerkte Kin-Fo achselzuckend dazu. Nein! Arm würde Le-U mit mir ebenfalls unglücklich sein. Mein Tod dagegen sichert ihr ein Vermögen.

– Das hättest Du gethan?

– Ja, und für Dich, Wang, sind auf meinen Namen ebenfalls fünfzigtausend Dollars eingeschrieben.

– Ah, erwiderte trocken der Philosoph, Du hast doch auf Alles eine Antwort.

Sonn war nicht der Mann zu widerstehen. (S. 76.)

– Ich denke auf Alles, selbst auf einen Einwurf, den Du noch nicht erhoben hast.

– Und der wäre?

– Ja…. die Dir drohende Gefahr, nach meinem Tode als Mörder erfolgt zu werden.

– O, meinte Wang, nur die Tölpel und Prahlhänse lassen sich einfangen. Welches Verdienst wäre es auch, Deinen Wunsch zu erfüllen, wenn ich dabei gar nichts zu wagen hätte?

– Nein, nein Wang! Ich ziehe es doch vor, Dich für alle Fälle sicherzustellen. Es soll Niemand einfallen können, Dich zu belästigen!« Mit diesen Worten ging Kin-Fo nach einem Tische, suchte ein Stück Papier und schrieb darauf folgende Worte in seinen, deutlichen Zügen: »Ich habe mir selbst aus eigenem freien Willen aus Lebensüberdruß den Tod gegeben. Kin-Fo.«

Diesen Zettel übergab er dem Freunde.

Der Philosoph las denselben erst für sich, dann noch einmal laut. Darauf faltete er das Papier sorglich zusammen und steckte es in ein Taschenbuch, das er stets bei sich trug.

Noch einmal leuchtete sein Auge heller auf.

»Das ist Alles wirklich Dein Ernst? fragte er mit einem forschenden Blicke auf seinen früheren Schüler.

– Vollkommen.

– Ich nehme es also ganz ebenso an.

– Ja – Du versprichst mir….?

– Gewiß.

– Also, vor dem fünfundzwanzigsten Juni werde ich aufgehört haben zu leben?

– Ich weiß nicht, ob Du in dem Sinne, wie Du es verstehst, gelebt haben wirst, antwortete sehr ernsthaft der Philosoph, auf jeden Fall aber wirst Du todt sein!

– Ich danke Dir, und nun leb’ wohl, Wang.

– Leb’ wohl, Kin-Fo.«

Damit verließ Kin-Fo beruhigt das Zimmer des Philosophen.

Neuntes Capitel.

Dessen Schluß, so eigenthümlich er auch erscheinen mag, den Leser doch vielleicht nicht überraschen dürfte.

»Nun, wie steht’s, Craig-Fry? fragte am folgenden Tage der ehrenwerthe William J. Bidulph zwei seiner Agenten, welche speciell den Auftrag erhalten hatten, den neuen Clienten der »Hundertjährigen« zu überwachen.

– Gestern, antwortete Craig, folgten wir ihm bei einer langen Wanderung durch die Umgebung der Stadt….

– Wobei er aber keineswegs so aussah, als wollte er Hand an sich legen, vervollständigte Fry.

– Bei Einbruch der Nacht begleiteten wir ihn bis zu seiner Thür…

– Vor der wir natürlich leider stehen bleiben mußten.

– Und heute Früh, erkundigte sich William J. Bidulph weiter.

– Hörten wir schon, begann Craig, daß er sich so….

– Wohl befand wie ein Fisch im Wasser!« schloß Fry den Satz.

Die Agenten Craig und Fry, zwei Vollblut-Amerikaner, zwei Vettern im Dienste der »Hundertjährigen«, bildeten in der That nur ein einziges, aus zwei Personen bestehendes Wesen. Mehr als diese Beiden konnte Niemand übereinstimmen, was sogar so weit ging, daß der Eine stets die angefangenen Sätze des Anderen vollendete. Es erschien, als besäßen sie nur ein Gehirn, ein und denselben Gedankengang, ein Herz, einen Magen, nur eine Art des Auftretens. Sie waren eben vier Hände, vier Arme, vier Beine zweier verschmolzener Körper – mit einem Worte siamesische Zwillinge, deren Verbindungsstrang ein kühner Chirurg getrennt hatte.

»In das Haus selbst konnten Sie also noch nicht gelangen? fragte William J. Bidulph.

– Noch…. sagte Craig.

– Nicht, fiel Fry ein.

Das wird seine Schwierigkeiten haben, fuhr der General-Agent fort, ist für uns jedoch unumgänglich nothwendig. Es handelt sich für die »Hundertjährige« nicht allein darum, eine enorme Prämie zu gewinnen, sondern auch darum, sie vor einem Verluste von zweimalhunderttausend Dollars zu schützen. Zwei Monate, und wenn unser neuer Client die Police erneuert, noch länger, müssen wir also sorgsam auf der Hut sein.

– Er hat da einen Diener…. äußerte Craig.

– Den man vielleicht gewinnen könnte…. setzte Fry fort.

– Um Alles zu erfahren, was…. nahm Craig den Satz auf.

– In dem betreffenden Hause von Shang-Haï vorgeht! schloß ihn Fry.

– Hm! murmelte William J. Bidulph. So ködern Sie den Diener. Kaufen Sie ihn. Er wird für den Klang von Taëls nicht taub sein. An Taëls soll es nicht fehlen. Und müßten Sie alle dreitausend Höflichkeitsformeln erschöpfen, welche die chinesische Etiquette kennt, so schrecken Sie nicht davor zurück. Sie werden Ihre Mühe belohnt sehen.

– Das wäre…. begann Craig.

– Abgemacht!« vervollständigte Fry.

Die beiden Agenten suchten sich also mit dem erwähnten Vermittler in Verbindung zu setzen, und Soun war nicht der Mann dazu, der verführerischen Lockspeise der Taëls und dem verbindlichen Angebot verschiedener Gläser amerikanischen Liqueurs zu widerstehen.

Craig-Fry erfuhren in der Folge Alles, was sie zu wissen wünschten. Es bezog sich das aber auf Folgendes:

Zeigte sich in Kin-Fo’s Lebensweise irgendwelche Veränderung?

Nein, höchstens verfuhr er etwas glimpflicher mit seinem treuen Diener; die entsetzliche Scheere feierte zu Gunsten von dessen Zopfe und der Rohrstock sanfte nicht so häufig auf dessen Rücken nieder.

Hatte Kin-Fo etwa Mordwaffen bei der Hand?

Keineswegs; er zählte überhaupt nicht zu den Liebhabern solch’ lebensgefährlicher Werkzeuge.

Was genoß er bei seinen Mahlzeiten?

Nur wenige und einfach zubereitete Gerichte, welche nicht im Geringsten an die sonst so phantastische Küche der Söhne des Himmels erinnerten.

Um wie viel Uhr pflegte er aufzustehen?

Mit der fünften Wache, zur Zeit, wenn die Morgenröthe beim Krähen der Hähne am Horizont aufdämmerte.

Legte er sich beizeiten nieder?

Mit der zweiten Wache, wie er das, soweit Soun es kannte, von jeher gewohnt war.

Erschien er niedergeschlagen, gedankenvoll, gelangweilt oder lebensmüde?

So eigentlich heiter und aufgelegt war er von jeher niemals. Gerade in den letzten Tagen dagegen schien er an den Dingen dieser Welt mehr Geschmack zu finden. Soun wenigstens fand ihn minder theilnahmslos, so als erwartete er…. was? konnte jener freilich nicht sagen.

Besaß sein Herr endlich irgend eine Giftsubstanz, mit der er sich schädigen könnte?

Wahrscheinlich nicht, denn an demselben Morgen waren auf sein Geheiß ein Dutzend kleiner verdächtiger Pillen in den Huang-Pu geworfen worden.

Nach keiner Seite hin fand sich also ein Anzeichen, das den Generalagenten der »Hundertjährigen« besonders hätte beunruhigen können. Niemals lebte der reiche Kin-Fo, dessen Verhältnisse außer Wang ja kein Mensch kannte, scheinbar glücklicher als eben jetzt.

Jedenfalls aber blieben Craig und Fry nach wie vor beauftragt, sich über Alles, was ihr Client vornahm, auf dem Laufenden zu erhalten, und ihm auch bei seinen Spaziergängen zu folgen, da er ja möglicher Weise außer dem Hause Hand an sich legen könnte.

Die beiden Unzertrennlichen erfüllten ihre Pflicht. Sonn bediente sie mit den gewünschten Nachrichten, und das um so reichlicher, weil er in dem Gespräche mit den beiden liebenswürdigen Herren seinen klingenden Vortheil fand.

Es wäre zu weit gegangen, wenn man behaupten wollte, der Held dieser Erzählung habe von der Zeit an mehr am Leben gehangen, als er den Entschluß gefaßt hatte, sich desselben zu entledigen. Dagegen fehlte es ihm, mindestens während der ersten Tage, nicht an der erhofften Erregung. Er hatte sich ein Damokles-Schwert über den Schädel gehängt, das eines Tages auf sein Haupt herabfallen sollte. Ob heute, morgen, heute Morgen, heut’ Abend – darüber blieb er ungewiß, das verursachte ihm ein bisher nicht gekanntes Herzklopfen.

Dazu traf er mit Wang seit den zuletzt gewechselten Worten nur ganz flüchtig zusammen. Einestheils verließ der Philosoph das Haus häufiger als sonst, anderentheils schloß er sich enger in seinem Zimmer ab. Kin-Fo suchte ihn nicht auf – das paßte nicht zu ihrer Verabredung – und bekümmerte sich absichtlich nicht darum, auf welche Weise Wang seine Zeit hinbrachte. Vielleicht bereitete er dem Schüler eine unerwartete Falle? Ein alter Taï-Ping konnte ja nicht in Verlegenheit kommen, einen Menschen auf diese oder jene Weise in’s Jenseits zu befördern. Das erregte aber seine Neugier und erweckte folglich ein gewisses Interesse.

Bei Tische trafen Lehrer und Schüler dagegen tagtäglich zusammen. Natürlich vermied man dabei jede Hindeutung auf ihr zukünftiges Verhältniß des Mörders und des Opfers. Sie plauderten von dem und jenem – im Ganzen nur wenig. Wang wandte gern die Augen ab, welche seine Brillengläser nicht vollständig verbargen, und schien an einer fortwährenden Beklemmung zu leiden. Sonst voll guter Laune und mittheilsamer Natur, war er traurig und wortkarg geworden. Früher ein tüchtiger Esser, und, wie jeder Philosoph, glücklicher Besitzer eines gesunden Magens, reizten ihn jetzt die köstlichsten Gerichte nicht mehr und ließ er den herrlichen Wein von Chao-Chigne fast unberührt.

Jedenfalls machte es Kin-Fo ihm bequem. Er kostete zuerst von jeder Schüssel und hielt sich für verpflichtet, nichts wieder abtragen zu lassen, ohne es wenigstens berührt zu haben. Kin-Fo verzehrte in Folge dessen mehr als sonst, sein früher gewissermaßen gelähmter Gaumen bekam wieder einige Geschmacksempfindung, er aß wirklich mit gutem Appetit und verdaute vortrefflich. Offenbar war Gift die Waffe nicht, welche der alte Haudegen des Rebellenkönigs für ihn erwählt, doch durfte dessen Opfer deshalb keine Möglichkeit vernachlässigen.

Wang war es ja so leicht als möglich gemacht, seine Aufgabe zu vollenden. Die Thür zu Kin-Fo’s Schlafzimmer z.B. blieb fortwährend offen. Tag und Nacht fand der Philosoph hier ungehindert Eintritt und konnte jenen schlafend oder wachend abthun. Kin-Fo wünschte dabei nur, daß seine Hand rasch sei und ihn gut in’s Herz treffe.

Kin-Fo genoß zwar zuerst die erwünschte Aufregung, nach wenigen Nächten aber hatte er sich schon so sehr an diese Erwartung des Todesstoßes gewöhnt, daß er trotzdem den Schlaf des Gerechten schlief und am Morgen frisch und munter erwachte. Das durfte nicht so fortgehen.

Da kam ihm der Gedanke, es möchte Wang’s Gefühl widerstreben, ihn in demselben Hause zu tödten, in dem er lange Jahre hindurch eine so gastliche Aufnahme gefunden. Er beschloß also, es jenem noch bequemer zu machen. Nun durchstreifte der Lebensmüde die Umgebungen, suchte einsame Orte auf oder verweilte bis zur vierten Wache in den berüchtigtsten Straßen Shang-Haïs, wahren Mördergruben, wo fast alltäglich Mordthaten mit größter Sicherheit ausgeführt wurden. Er irrte durch die engen, dunklen Gassen, stieß zuerst mit Trunkenbolden jeder Nationalität zusammen, oder befand sich während der letzten Nachtstunden fast allein, wenn die Brotkuchen-Verkäufer ihr »Mantou! Mantou!« ausriefen und dazu klingelten, um die schlaftrunkenen Opiumraucher zu ermuntern. Nach der Wohnung kehrte er erst mit dem Frühroth heim, und immer heil und gesund, ja im besten Wohlbefinden, selbst ohne die unzertrennlichen Craig und Fry gesehen zu haben, die unentwegt seinen Schritten folgten, um ihm im Nothfall helfend beizuspringen. Ging das in derselben Weise weiter, so gewöhnte sich Kin-Fo offenbar auch an diese neue Lebensart und die Langeweile würde ihn geplagt haben wie vorher.

Wie viele Stunden entrannen ihm schon, ohne daß er sich im Geringsten daran erinnerte, sozusagen zum Tode verurtheilt zu sein!

Eines Tages, es war am 12. Mai, verursachte ihm ein Zufall doch wieder einmal eine gewisse Erregung. Als er leise in des Philosophen Zimmer eintrat, bemerkte er, wie dieser die ausgefaserte Spitze eines Dolches mit dem Finger prüfte und sie darauf in ein verdächtiges blaues Glasgefäß eintauchte.

Wang, dem das Eintreten seines Schülers entgangen war, packte den Dolch fest und schwang ihn mehrmals in der Luft, wie um sich zu überzeugen, ob er ihm gut in die Hand passe. Der Ausdruck in seinem Gesicht ließ dabei das Schlimmste ahnen. Das Blut schien ihm wirklich in die Augen zu treten!

»Wahrscheinlich die Vorbereitung für den heutigen Tag!« sagte sich Kin-Fo.

Darauf zog er sich vorsichtig, ungehört und ungesehen, wieder zurück.

Den ganzen Tag über hielt sich Kin-Fo in seinem Zimmer auf…. Der Philosoph erschien aber nicht.

Kin-Fo legte sich schlafen; am folgenden Morgen stand er jedoch ebenso lebend auf wie der gesündeste Mensch.

Alle Aufregung war umsonst gewesen; das wurde allmälich ärgerlich.

Schon waren zehn Tage verflossen! Freilich hatte Wang zwei Monate Frist zur Ausführung.

»Es liegt auf der Hand, er spielt mit mir! sagte sich Kin-Fo. Ich habe ihm zweimal zu viel Zeit eingeräumt!«

Der alte Taï-Ping mochte unter den Annehmlichkeiten Shang-Haïs mildere Sitten angenommen haben, dachte er.

Seit eben jenem Tage schien Wang indeß sorgenvoller und selbst erregter zu sein. Er ging in dem Yamen aus und ein wie ein Mensch, der nirgends Ruhe findet. Kin-Fo bemerkte sogar, daß der Philosoph wiederholt den Ahnensaal besuchte, in welchem auch der aus Liao-Tcheu gekommene prachtvolle Sarg Platz gefunden hatte. Von Soun hörte er mit einem gewissen Interesse, daß Wang angeordnet habe, das betreffende Möbel sorgsam zu bürsten, zu reiben und abzustäuben, mit einem Wort, es in Stand zu setzen und zu erhalten.

»Wie sanft wird mein Herr darin ruhen! fügte der treue Diener hinzu. Es sieht aus, als lüde er Sie zum Versuche ein!«

Diese rührende Bemerkung brachte Soun eine kleine Belohnung ein.

Der 13., 14. und 15. Mai gingen dahin.

Alles blieb beim Alten.

Gedachte Wang vielleicht die ganze Frist verstreichen zu lassen und wie ein Kaufmann seine Schuld erst am Verfallstage, nicht vor dem Termine, quitt zu machen? Dann ging für ihn aber die ganze Ueberraschung und folglich auch die Erregung verloren.

Da, am 15. Mai des Morgens, zur Zeit der »Mao-che«, das ist in der sechsten Frühstunde, erlitt das gewohnte Einerlei eine recht bezeichnende Unterbrechung.

Er irrte durch enge, dunkle Gassen. (S. 78.)

Kin-Fo hatte eine schlechte Nacht gehabt. Doch beim Erwachen litt er unter dem Drucke eines recht unangenehmen Traumes. Prinz Jen, der oberste Richter der chinesischen Hölle, hatte ihn verurtheilt, nicht eher vor ihm zu erscheinen, als bis der zwölfhundertste Mond über das Himmlische Reich aufstiege. Ein Jahrhundert sollte er noch leben, ein ganzes volles Jahrhundert!

»Die Vorbereitung für den heutigen Tag,« sagte sich Kin-Fo. (S. 79.)

Kin-Fo war sehr mißgestimmt, es schien sich ja Alles gegen ihn zu verschwören.

In derselben üblen Laune empfing er auch Soun, als dieser sich wie gewöhnlich zur Hilfeleistung bei der Morgentoilette einstellte.

»Geh’ zum Teufel! herrschte er den Diener an. Zehntausend Fußtritte mögen Dein Lohn sein, Du…

– Aber, bester Herr….

– Pack’ Dich, sag’ ich Dir!

– Nein, entgegnete Soun bestimmt, wenigstens nicht eher, als bis ich Ihnen mitgetheilt habe….

– Was willst Du?

– Daß Herr Wang….

– Wang? Was ist mit Wang? fragte Kin-Fo rasch, indem er Sonn am Zopfe packte. Was hat Wang gethan?

– Lieber Herr! heulte Soun, der sich wie ein Wurm krümmte, er hat uns beauftragt, den Sarg des Herrn nach dem Lusthaus des langen Lebens zu schaffen….

– Das hat er gethan! rief Kin-Fo, dessen Stirn sich erheiterte. Geh’, Soun, geh’, mein Freund! Doch halt, hier hast Du noch zwei Taëls, aber sorge dafür, daß Wang’s Anordnungen pünktlich befolgt werden!«

Auf’s höchste verwundert, ging Soun von dannen.

»Mein Herr ist entschieden übergeschnappt, wiederholte er sich mehrmals, aber er leidet wenigstens an einer freigebigen Tollheit!«

Nun konnte Kin-Fo kaum noch zweifeln. Der Taï-Ping gedachte ihn in jenem Pavillon des langen Lebens umzubringen, in dem er zuerst selbst den Tod hatte suchen wollen. Es war, als hätte er ihm dort ein Stelldichein zugesagt. Er wollte es sicher nicht verfehlen. Die Katastrophe nahte nun raschen Schrittes.

Wie lang erschien dieser Tag dem armen Kin-Fo! Das Wasser der Uhren floß gar nicht mit der gewöhnlichen Schnelligkeit. Die Zeiger schlichen zögernd über das Nephrit-Zifferblatt.

Endlich verschwand mit der ersten Wache die Sonne unter dem Horizont und allgemach ward es Nacht rings um den Yamen.

Kin-Fo begab sich nach dem Lusthause, das er lebend nicht wieder zu verlassen hoffte. Er streckte sich auf einen weichen, zum langen Ausruhen wie geschaffenen Divan und wartete der weiteren Dinge.

Da kam ihm noch einmal die Erinnerung an seine nutzlos verbrachten Tage in den Sinn, die Langeweile, der Widerwille, welche sein Reichthum nicht hatte besiegen können, und welche die Armuth nur vermehren mußte.

Ein einziger hellerer Punkt schimmerte in diesem düsteren Lebensbilde, das trotz seiner Schätze für ihn ohne Reiz gewesen war – seine Neigung für die junge Witwe! Dieses Gefühl erregte ihm noch das Herz, eben als es bald seine letzten Schläge thun sollte. Aber die arme Le-U mit ihm unglücklich zu machen – – niemals!

Die vierte, der neuen Morgenröthe vorhergehende Wache, während der alles Leben entschlummert zu sein scheint, diese vierte Wache verlief für Kin-Fo in fast ängstlicher Erregung. Er lauschte erwartungsvoll auf jedes Geräusch. Seine Augen drangen durch das Dunkel. Er horchte gespannt auf den leisesten Laut. Mehr als einmal glaubte er zu hören, wie eine vorsichtige Hand die Thür öffnete. Ohne Zweifel hoffte Wang, ihn eingeschlummert zu finden und so ihn umbringen zu können.

Da erwachte in seinem Innern ein recht eigenthümliches Gefühl. Er fürchtete und wünschte gleichzeitig die drohende Erscheinung des Taï-Ping.

Mit der fünften Wache bleichte das junge Tageslicht die Tiefen des Zeniths. Nach und nach ward es hell um ihn.

Plötzlich öffnete sich die Thür des Salons.

Kin-Fo schnellte in die Höhe, er hatte in dieser letzten Secunde mehr gelebt als alle übrigen Jahre vorher!….

Da stand Soun vor ihm, mit einem Briefe in der Hand.

»Sehr eilig!« sagte einfach der Diener.

Kin-Fo überlief eine Ahnung. Er ergriff den Brief, der den Poststempel von San-Francisco trug, zerriß den Umschlag, durchflog ihn raschen Blickes und stürmte aus dem Pavillon des langen Lebens fort.

»Wang! Wang!« rief er laut.

In einem Augenblick stand er vor der Zimmerthür des Philosophen und stieß dieselbe hastig auf.

Wang war nicht da. Wang hatte gar nicht in dem Yamen geschlafen, und als Kin-Fo’s Leute auf seinen Ruf hin die ganze Wohnung durchsucht hatten, gewann man die Ueberzeugung, daß Wang – spurlos verschwunden sei.

Zehntes Capitel.

In welchem Craig und Fry dem neuen Clienten der »Hundertjährigen« officiell vorgestellt werden.

»Ja, ja, Herr Bidulph, ein einfaches Börsenmanöver, ein richtiger amerikanischer Puff!« sagte Kin-Fo zu dem General-Agenten der Versicherungs-Gesellschaft.

Der ehrenwerthe William J. Bidulph lächelte mit Kennermine.

»Und wahrlich ein wohlgelungener, antwortete er, denn alle Welt glaubte daran.

– Selbst mein Correspondent! fügte Kin-Fo hinzu. Es war nichts mit der Einstellung der Zahlungen, nichts mit dem Concurs, mein Herr, nichts als falsche Nachrichten! Acht Tage später bezahlte man an den Schaltern. Das Geschäft war gemacht. Die um achtzig Procent entwertheten Actien wurden von der Centralbank selbst wieder aufgekauft, und als man den Director fragte, was bei dem Concurs herauskommen werde, antwortete er schmunzelnd: – »175 Procent!« So meldet mir mein Correspondent in einem heute Früh eingetroffenen Briefe, eben als ich mich für vollständig ruinirt hielt….

– Wo Sie eben Hand an sich legen wollten? rief William J. Bidulph.

– Nein, erklärte Kin-Fo seelenruhig, aber wo ich eben ermordet zu werden hoffte!

– Ermordet!

– Mit meiner schriftlich hinterlassenen Einwilligung, ein verabredeter, beschworener Mord, der Ihnen….

– Der uns zweimalhunderttausend Dollars gekostet hätte, da jede Art des Todes versichert war. O, wir würden Sie gewiß aufrichtig betrauert haben, werther Herr….

– Für den Betrag der Summe?….

– Und für die Interessen dazu!«

William J. Bidulph ergriff die Hand seines Clienten und schüttelte sie nach amerikanischer Weise kräftig.

»Doch ich begreife nicht…. begann er wieder.

– Sie werden Alles begreifen lernen!« versicherte Kin-Fo.

Er erzählte ihm nun die Verpflichtungen, die ein Mann, der sein volles Vertrauen besaß, ihm gegenüber eingegangen war. Er wiederholte wörtlich den Brief, den jener in der Tasche hatte, ein Brief, der ihn vor jeder Verfolgung schützte und ihm völlige Straflosigkeit sicherte. Leider war zu erwarten, daß das Versprechen erfüllt, das gegebene Wort gehalten werde, das litt kaum einen Zweifel.

»Und dieser Mann ist ein Freund von Ihnen? fragte der General-Agent.

– Ein vertrauter Freund, bestätigte Kin-Fo.

– Und aus reiner Freundschaft?….

– Gewiß, aus Freundschaft – doch, wer weiß, vielleicht auch aus Berechnung! Ich ließ für ihn fünfzigtausend Dollars auf meinen Kopf eintragen.

– Fünfzigtausend Dollars! wiederholte William J. Bidulph. Es handelt sich also um Herrn Wang?

– Ganz richtig.

– Ein Philosoph! O, der wird nie zugeben….«

Kin-Fo wollte antworten:

»Dieser Philosoph, hätte er gesagt, ist ein alter Taï-Ping. In der ersten Hälfte seines Lebens hat er mehr Mordthaten ausgeführt, als nöthig wären, die »Hundertjährige« an den Bettelstab zu bringen, wenn alle seine Opfer deren Clienten gewesen wären. Seit achtzehn Jahren schon hat er seine wilden Begierden jedoch gezügelt; heute freilich, wo ihm direct Gelegenheit geboten ist, wo er mich zugrunde gerichtet und zu sterben entschlossen glaubt, wo er andererseits weiß, daß er durch meinen Tod ein kleines Vermögen gewinnt, dürfte er keinen Augenblick zögern…..«

Doch Kin-Fo sagte nichts von alledem. Er hätte ja Wang damit compromitirt, denn William J. Bidulph würde nicht einen Augenblick gezaudert haben, jenen als alten Taï-Ping bei dem Gouverneur der Provinz zu denunciren. Das wußte Kin-Fo unzweifelhaft, aber er hätte Wang damit in’s Verderben gestürzt.

»Ei nun, fuhr der Agent der Versicherungs-Gesellschaft nach kurzem Schweigen fort, dagegen giebt es ja ein einfaches Hilfsmittel.

– Und das wäre?

– Herr Wang muß benachrichtigt werden, daß sich die Verhältnisse geändert haben, er muß den gefährlichen Brief wieder ausliefern, der….

– Ja, das ist leichter gesagt, als gethan, warf Kin-Fo ein. Wang ist seit gestern verschwunden und kein Mensch weiß, wohin er sich gewendet hat.

– Hm!« brummte der Agent, den diese Entgegnung doch etwas außer Fassung brachte.

Er heftete einen durchdringenden Blick auf seinen Clienten.

»Jetzt, lieber Herr, fragte er ihn, haben Sie wohl gar keine Lust mehr zu sterben?

– Meiner Treu, nein, gab Kin-Fo zur Antwort. Der Puff der Californischen Centralbank hat mein Vermögen nahezu verdoppelt und ich stehe im Begriff, mich baldigst zu verheirathen! Letzteres thue ich jedoch nicht eher, als bis Wang wieder entdeckt worden oder die zwischen uns verabredete, frist bis zur letzten Minute abgelaufen ist.

– Wann kommt dieser Zeitpunkt?

– Am 25. Juni dieses Jahres. Während dieses Zeitraumes läuft die »Hundertjährige« nach wie vor Gefahr. Es wird also ihre Sache sein, die nothwendig erscheinenden Maßregeln zu treffen.

– Und den Philosophen wieder aufzufinden!« setzte William J. Bidulph hinzu. Mit den Händen auf dem Rücken ging der Agent mehrmals auf und ab.

»Gut, begann er dann, wir werden ihn wiederfinden, diesen guten Freund für Alles, und hätte er sich in den Eingeweiden der Erde verborgen! Bis dahin, mein Herr, werden wir Sie gegen jeden Mordversuch zu schützen wissen, wie wir schon über Ihren etwaigen Selbstmord gewacht haben.

– Was wollen Sie damit sagen? fragte Kin-Fo.

– Daß seit dem 30. April, dem Tage der Unterzeichnung ihrer Police, zwei meiner Agenten ihnen auf Schritt und Tritt gefolgt sind und Alles belauschten, was Sie vornahmen.

– Ich habe jedoch nichts davon bemerkt….

– O, das sind discrete Leute! Ich ersuche Sie um die Erlaubniß, Ihnen jene nun vorstellen zu dürfen, da sie nun nicht mehr im Geheimen zu wirken haben, außer etwa in Bezug auf Herrn Wang.

– Recht gern, antwortete Kin-Fo.

– Craig-Fry müssen in der Nähe sein, da Sie sich hier befinden!«

William J. Bidulph rief laut:

»Craig-Fry!«

Craig-Fry befanden sich wirklich hinter der Thür des Privatcabinets. Sie hatten den Clienten der »Hundertjährigen« heimlich geleitet und warteten nun, bis er die Bureaux wieder verlassen würde?

»Craig-Fry, begann der General-Agent, Sie werden während der ganzen Dauer seiner Police unseren kostbaren Clienten ferner nicht mehr gegen sich selbst, sondern gegen einen seiner besten Freunde, den Philosophen Wang, in Schutz zu nehmen haben, der sich verpflichtet hat, ihn zu tödten!«

Die beiden Unzertrennlichen wurden nun eingehend unterrichtet. Sie begriffen die Sachlage und versprachen, darnach zu handeln. Der reiche Kin-Fo gehörte ihnen. Treuere Diener konnte er nicht finden.

Doch, was war nun zu thun?

Nach Ansicht des General-Agenten boten sich zweierlei Wege: entweder sich in dem Hause in Shang-Haï aufzuhalten und dieses so zu überwachen, daß Wang, ohne von Craig und Fry bemerkt zu werden, nicht eindringen konnte, oder Alles daran zu setzen, um besagten Wang aufzufinden und ihm den Brief abzunehmen, der aller Form gemäß für nichtig erklärt werden mußte.

»Der erste Ausweg hat keinen großen Werth, entgegnete Kin-Fo; Wang würde doch Gelegenheit finden, ungesehen zu mir zu gelangen, denn mein Haus ist auch das seinige. Man wird ihn auf jeden Fall aufsuchen müssen.

– Sie haben Recht, mein Herr, bestätigte William J. Bidulph, das Sicherste bleibt es immer, den besagten Wang aufzufinden, und das werden wir!

– Todt oder…. versicherte Craig.

– Lebend! stimmte Fry ein.

– Nein, lebend, verlangte Kin-Fo. Ich gebe nicht zu, daß Wang um meines Fehlers willen nur im Geringsten in Gefahr komme!

– Craig und Fry, fügte William J. Bidulph geschäftsmäßig hinzu, Sie bleiben noch siebenundfünfzig Tage für unseren Clienten verantwortlich. Bis nächsten 30. Juni hat der Herr für uns einen Werth von zweimalhunderttausend Dollars!«

Der Client und der General-Agent der »Hundertjährigen« nahmen nun von einander Abschied. Zehn Minuten später kehrte Kin-Fo, escortirt von seiner aus zwei Mann bestehenden Leibwache, die ihn von nun an nicht mehr verlassen sollte, nach dem Yamen zurück.

Soun sah es natürlich mit einigem Bedauern, als Craig und Fry sich officiell in der Wohnung einrichteten. Nun gab es keine Fragen und keine Antworten, aber auch keine Taëls mehr für ihn. Sein Herr dagegen hatte mit der Luft zum Leben auch wieder seine alte Gewohnheit angenommen, den faulen und ungeschickten Diener empfindlich zu bestrafen. Armer Soun! Was würde er erst gesagt haben, wenn er geahnt hätte, was die Zukunft für ihn im Schoße barg!

Auf’s höchste verwundert, ging Soun von dannen. (S. 82.)

Kin-Fo’s erste Sorge war nun, nach Peking in die Cha-Chua-Allee zu »phonographiren«, daß die Umstände sich geändert und er reicher sei als je vorher. Die junge Frau vernahm die Stimme Desjenigen, den sie schon für immer verloren glaubte, hörte, wie diese ihr die süßesten Zärtlichkeiten zuflüsterte!

Man schüttelte sich vor Lachen bis in die entferntesten Provinzen. (S. 92.)

Er werde seine kleine jüngere Schwester nun bald wiedersehen! Der siebente Mond sollte nicht vorübergehen, ohne daß er zu ihr geeilt sei, um sie nie wieder zu verlassen. Nachdem er aber bemüht gewesen, sie nicht unglücklich zu machen, wolle er sich jetzt wenigstens hüten, daß sie nicht zum zweiten Male Witwe werde.

Le-U verstand nicht recht den Sinn des letzten Satzes; ihr Herz hörte nur das Eine, daß der Bräutigam wiederkommen und daß sie binnen zwei Monaten die Seine werden würde.

An diesem Tage gab es im ganzen Himmlischen Reiche kein glücklicheres Weib als unsere junge Witwe.

In Kin-Fo’s Kopf hatte sich eine vollständige Umwälzung vollzogen, als er, Dank der so erfolgreichen Operation der Californischen Centralbank, zum vierfachen Millionär geworden war. Jetzt wollte er leben und auch glücklich leben. Zwanzig Tage wiederholter Erregung hatten ihn umgewandelt. Weder der Mandarin Pao-Shen, noch der Kaufmann Yin-Pang, der Lebemann Tim oder Hual, der Gelehrte, hätten in ihm den lebensüberdrüssigen Amphitryo wieder erkannt, der ihnen vor kurzer Zeit auf dem Blumenschiffe des Perlenflusses den Abschiedsschmaus als Junggesell gab. Selbst Wang hätte seinen Augen nicht geglaubt, wenn er zugegen gewesen wäre. Er war und blieb aber spurlos verschwunden und kehrte nie nach dem Hause in Shang-Haï zurück. Natürlich lebte Kin-Fo deshalb in großer Sorge und seine beiden Wächter in fortwährender Angst.

Zwei Tage später, am 24. Mai, wußte man ebensowenig von dem Philosophen und besaß keinerlei Andeutung, um daraufhin nach ihm zu suchen. Vergeblich durchwanderten Kin-Fo, Craig und Fry die ausländischen Niederlassungen, die Bazars, die berüchtigten Quartiere und alle Umgebungen Shang-Haïs. Vergeblich spähten die gewandtesten Tipaos der Polizei überall umher. Der Philosoph blieb unentdeckt.

Craig und Fry wurden mit der Zeit immer unruhiger und verdoppelten ihre Wachsamkeit. Sie verließen ihren Clienten weder am Tage noch in der Nacht, aßen mit ihm an demselben Tische und schliefen des Nachts mit ihm in seinem Zimmer. Sie suchten ihn auch zu überreden, ein Panzerhemd zu tragen, um gegen einen Dolchstich geschützt zu sein, und nichts zu essen als gekochte Eier, die doch nicht vergiftet sein konnten.

Kin-Fo sorgte reichlich dafür, das Jene Bewegung hatten. Warum schloß man ihn auch nicht einfach in einen diebessicheren Behälter der »Hundertjährigen« unter dem Vorwande ein, daß er der Gesellschaft 200.000 Dollars werth war?

Als praktischer Mann schlug William J. Bidulph seinem Clienten auch noch vor, ihm die gezahlte Prämie zurückzuerstatten und den Versicherungsschein zu vernichten.

»Bedauere sehr, antwortete darauf Kin-Fo kurz, das Geschäft ist abgeschlossen und Sie werden die Consequenzen desselben tragen.

– Gut, es sei, versetzte der General-Agent, sich in das Unvermeidliche fügend, es sei! Sie haben Recht! Aber Sie werden in Ihrem Leben nicht sorgfältiger bewacht werden als durch uns!

– Und niemals billiger!« meinte Kin-Fo.

Elftes Capitel.

In dem Kin-Fo zum berühmtesten Manne im ganzen Reiche der Mitte wird.

Wang war und blieb verschwunden. Kin-Fo wurde allmälich wüthend, zur Unthätigkeit verdammt zu sein und den Philosophen nicht einmal verfolgen zu können. Doch wie wäre das möglich gewesen, da Wang davongegangen war, ohne nur eine Spur zu hinterlassen!

Diese Complication verursachte selbstverständlich auch dem General-Agenten der »Hundertjährigen« eine gewisse Unruhe. Nachdem er sich zuerst gesagt, daß alles das nicht ernst gemeint sei, daß Wang sein Versprechen nicht erfüllen werde, daß man selbst in dem excentrischen Amerika nicht solchen Unsinn treibe, kam er allmälich auf den Gedanken, daß in diesem eigenartigen Lande, welches man das Himmlische Reich nennt, eben nichts unmöglich zu nennen sei. Er bekannte sich bald zu Kin-Fo’s Anschauung, daß der Philosoph, wenn es nicht gelang, ihn aufzufinden, gewiß sein Wort einlösen werde. Auch sein Verschwinden deutete man sich dahin, daß er zur That dann verschreiten werde, wenn sein Schüler es am wenigsten erwartete, daß er ihn treffen wolle wie ein Blitzschlag, und ihm mit rascher und sicherer Hand den Tod geben werde. Nachdem er dann den Brief an dem Körper seines Opfers befestigt, werde er sich ruhig und furchtlos in dem Bureau der »Hundertjährigen« einstellen, um das ihm zufallende Capital zu beanspruchen.

Man mußte also Wang zuvorkommen und ihn womöglich aufklären, obwohl das auf derartigem Wege unthunlich war.

Der ehrenwerthe William J. Bidulph ergriff also das Auskunftsmittel, sein Ziel durch die öffentliche Presse zu erreichen. Binnen wenig Tagen erhielten die chinesischen Zeitungen Nachricht über die Sache, während die fremden Journale der Alten und Neuen Welt durch Telegramme dafür interessirt wurden.

Der »Tching-Pao«, das Regierungsorgan für Peking, die in chinesischer Sprache erscheinenden Blätter von Shang-Haï und Hong-Kong, sowie die verbreitetsten Journale Europas, Nord-und Südamerikas druckten bald in fetter Schrift folgenden Aufruf ab:

»Herr Wang aus Shang-Haï wird hiermit ersucht, das zwischen ihm und Herrn Kin-Fo am 2. Mai d.J. getroffene Uebereinkommen als nicht geschehen zu betrachten, da genannter Herr Kin-Fo nur noch den einen Wunsch hat, womöglich als Hundertjähriger zu sterben.«

Dieser eigenthümlichen Annonce folgte noch eine, jedenfalls Aufmerksamkeit erregende Nachschrift:

»Zweitausend Dollars oder eintausenddreihundert Taëls Belohnung erhält Derjenige, der William J. Bidulph, dem General-Agenten der »Hundertjährigen« in Shang-Haï, den Aufenthalt des genannten Herrn Wang aus derselben Stadt so mittheilt, daß Letzterer gefunden wird.«

Es war ja nicht wohl anzunehmen, daß der Philosoph während der ihm zur Erfüllung seines Versprechens gegebenen Frist von fünfundfünzig Tagen eine Reise um die Welt ausführen könne. Wahrscheinlich hielt er sich in der Umgebung Shang-Haïs verborgen, um jede sich bietende Gelegenheit benützen zu können; der ehrenwerthe William J. Bidulph glaubte jedoch in seinen Vorsichtsmaßregeln nicht weit genug gehen zu können.

Wiederum vergingen mehrere Tage ohne Aenderung der Sachlage. Dagegen erreichte man jedoch, daß viele kurze Annoncen, in denen man nach amerikanischer Manier nur »Wang! Wang! Wang!« und daneben »Kin-Fo! Kin-Fo! Kin-Fo!« las, erst die allgemeine Aufmerksamkeit und dann eine ebenso allgemeine Heiterkeit erregten.

Man schüttelte sich vor Lachen bis in die entferntesten Provinzen des Himmlischen Reiches.

»Wo ist Wang?«

– Wer hat Wang gesehen?

– Wo wohnt Wang?

– Was macht Wang?

– Wang! Wang! Wang!« riefen die kleinen Chinesen auf allen Straßen.

Aehnliche Fragen waren bald in Aller Munde.

Aber auch Kin-Fo, der würdige Chinese, »der den lebhaften Wunsch hegte, hundert Jahre alt zu werden«, der an Langlebigkeit mit dem berühmten Elephanten wetteifern wollte, dessen zwanzigstes Lustrum eben in den Ställen des Palastes von Peking seinem Ende nahte, auch er wurde natürlich bekannt bei Groß und Klein.

»Nun, wie steht’s mit Herrn Kin-Fo? Nimmt er an Alter zu?

– Wie befindet sich der brave Mann?

– Verdaut er denn noch gut?

– Wird man ihn noch im gelben Kleide der Greise zu sehen bekommen?«1

So überbot sich Alles in Witzeleien, die Mandarinen vom Civil und Militär, die Händler von der Börse, die Kaufleute in ihren Comptoirs, das Volk auf den Straßen und Plätzen, wie die Bootsleute auf ihren schwimmenden Städten.

Sie sind sehr lustig und bissig, diese Chinesen, und man wird zugeben, daß hier einiger Stoff für sie vorlag. Da gab es nun Scherze jeder Art und selbst Carricaturen, welche sogar in das Privatleben des Helden hinübergriffen.

Zu seinem großen Mißvergnügen mußte Kin-Fo die Uebelstände dieser eigenthümlichen Berühmtheit ertragen. Man ging sogar so weit, ihn nach der Melodie »Man-Tchian-Hung«, d.h., der Wind, der durch die Weiden geht«, zu besingen. Zuletzt erschien gar noch eine Posse, welche »die fünf Wachen des Hundertjährigen« in Scene setzte, und bei ihrem verheißenden Titel zu drei Sapeken das Stück reißenden Absatz fand.

Wenn Kin-Fo sich erregte über den Lärmen, den sein Name verursachte, so war William J. Bidulph dagegen in hohem Grade damit zufrieden; Wang blieb aber trotzdem jedem Auge verborgen.

Diese Verhältnisse wurden nun allmälich so auf die Spitze getrieben, daß es Kin-Fo kaum noch aushalten konnte. Ging er aus, so begleitete ihn ein Haufen Chinesen jeden Alters und Geschlechts durch die Straßen nach den Quais, selbst über die concessionirten Territorien und weithin durch die Umgebungen. Kehrte er heim, so sammelte sich eine Menge Witzbolde nicht der feinsten Sorte vor der Thür des Yamen.

Jeden Morgen mußte er auf dem Balkon seines Hauses erscheinen, um den Beweis zu liefern, daß seine Leute ihn nicht vorzeitig in den Kiosk des langen Lebens niedergelegt hatten. Die Zeitungen veröffentlichten spöttischer Weise Bulletins über seine Gesundheit mit ironischen Bemerkungen, als gehörte er der regierenden Dynastie der Tsing an. Mit einem Worte, er wurde vollkommen lächerlich.

Eine Folge davon war, daß der vexirte Kin-Fo eines Tages, am 21. Mai, den ehrenwerthen William J. Bildniph aufsuchte und ihm seine Absicht mittheilte, sofort abreisen zu wollen.

Er hatte von Shang-Haï und dessen Bewohnern sozusagen genug.

»Damit laufen Sie vielleicht aber weit mehr Gefahr! bemerkte ihm sehr richtig der General-Agent.

– Das gilt mir gleich! erwiderte Kin-Fo. Treffen Sie danach Ihre Maßregeln.

– Wohin gedenken Sie zu gehen?

– Der Nase nach!

– Und wo wollen Sie bleiben?

– Nirgends.

– Wann gedenken Sie zurückzukehren!

– Niemals!

– Und wenn ich Nachricht von Wang erhalte?

– Ach, zum Teufel mit Wang! O, über die dumme Idee, dem Menschen jenen albernen Brief zu geben!«

Im Grunde verlangte Kin-Fo nach nichts mehr als danach, den Philosophen wiederzufinden. Sein Leben in den Händen eines Anderen zu wissen, dieser Gedanke fing nach und nach an, ihn zu beherrschen. Allmälich verstärkte sich die fixe Idee. Noch einen Monat unter solchen Verhältnissen auszuharren, das hätte er nie über sich gebracht! Das Lamm wurde endlich zum Tiger!

»Nun gut, so reisen Sie ab, sagte da William J. Bidulph, Craig und Fry werden Ihnen folgen, wohin Sie auch gehen.

– Wie es Ihnen beliebt, doch versichere ich Ihnen im voraus, daß Sie zu laufen haben werden.

– Das werden sie, bester Herr, sie können laufen und sind nicht die Leute dazu, die Beine zu schonen!«

Kin-Fo kehrte nach seinem Yamen zurück und traf sofort alle Vorbereitungen zur Abreise.

Soun – ein abgesagter Feind jeder Ortsveränderung – sollte, zu seinem größten Leidwesen, seinen Herrn begleiten. Er wagte jedoch keinen Einspruch, der ihm gewiß ein gutes Stück seines Zopfes gekostet hätte.

Craig-Fry waren als echte Amerikaner jeden Augenblick zu einer Reise bereit, und wenn es an’s Ende der Welt gegangen wäre. Sie stellten nur eine einzige Frage:

»Wohin wird… sagte Craig.

– Der Herr gehen? setzte Fry hinzu.

– Zuerst nach Nang-King und nachher zum Teufel.«

Auf den Lippen Craig-Fry’s erschien gleichzeitig ein und dasselbe Lächeln.

Sie waren Beide entzückt. Zum Teufel! Was hätte ihnen mehr Vergnügen machen können? Sie beeilten sich also, von dem ehrenwerthen William J. Bidulph Abschied zu nehmen und noch chinesische Kleidung anzulegen, um auf der bevorstehenden Fahrt durch das Himmlische Reich die Aufmerksamkeit Anderer weniger auf ihre Person zu lenken.

Eine endlose Straße mit ungeheueren Thiergestalten (S. 100.)

Eine Stunde später kehrten Craig und Fry, einen Handkoffer an der Seite und den Revolver im Gürtel, nach dem Yamen zurück.

In der Dämmerung verließen Kin-Fo und seine Begleiter geräuschlos das amerikanische Territorium und schifften sich auf dem Dampfer ein, der den Dienst zwischen Shang-Haï und Nan-King versieht.

Diese Reise gleicht mehr einem Spaziergange. Binnen zwölf Stunden kann ein Steamer unter Benützung der Fluth den Blauen Fluß bis zur alten Hauptstadt des mittleren Chinas hinaufdampfen.

Während der kurzen Ueberfahrt sorgten sich Craig und Fry weniger um ihren kostbaren Kin-Fo, nachdem sie die Passagiere alle genau in Augenschein genommen hatten. Sie kannten ja den Philosophen – welcher Bewohner der drei Territorien hätte auch die gute sympathische Erscheinung nicht gekannt – und überzeugten sich, daß er nicht mit am Bord sei. Nichtsdestoweniger widmeten sie dem Clienten der »Hundertjährigen« doch alle mögliche Aufmerksamkeit, untersuchten die Schanzkleidung, auf die er sich vielleicht stützte, prüften erst mit den Füßen die Stufen, welche jener betrat, hielten ihn fern von den Feuerungsanlagen, wo ihnen die Kessel gefährlich erschienen, ermahnten ihn höflich, sich nicht dem scharfen Abendwinde auszusetzen, um sich bei der feuchten Luft nicht zu erkälten, wachten darüber, daß die kleinen Lichtpforten seiner Cabine hermetisch verschlossen waren, schalten auf Soun, den nachlässigen Diener, der niemals bei der Hand war, wenn sein Herr ihn verlangte, vertraten wohl auch selbst seine Stelle, um den Thee und das Abendbrot zu serviren, und schliefen endlich vollkommen angekleidet vor der Thür der Cabine Kin-Fo’s mit dem Rettungsgürtel um die Hüften, um jenem Hilfe leisten zu können, wenn der Dampfer in Folge einer Explosion oder Collision in den dunklen Wellen des Stromes versinken sollte. Es geschah aber nichts, was die unbegrenzte Bereitwilligkeit Craig-Fry’s auf eine ernsthafte Probe gestellt hätte. Das Dampfboot lief rasch auf dem Wusung hinab, glitt in den Yang-tse-Kiang oder Blauen Fluß hinüber, passirte die Insel Tson-Ming, ließ die Leuchtfeuer von Ou-Song und Langhan hinter sich, fuhr mit der Fluth stromauf durch die Provinz Kiang-Su und landete am 22. früh seine Passagiere heil und gesund am Quai der alten kaiserlichen Hauptstadt. Sonn hatte es nur den beiden Leibwachen zu verdanken, daß sein Zopf während der Fahrt sich nicht noch weiter verkleinerte. Der Faulpelz hatte also gewiß keine Ursache, sich zu beklagen.

Kin-Fo begab sich, als er Shang-Haï verließ, nicht ohne Grund zuerst nach Nan-King. Er glaubte einige Aussicht zu haben, den Philosophen hier zu entdecken.

Er trat näher und las. (S. 100.)

Wang konnte sich in der That durch seine aus früherer Zeit herrührenden Erinnerungen nach dieser unglücklichen Stadt, dem Ausgangs-und Mittelpunkte der Empörung der Tchang-Mao, hingezogen fühlen. Wurde sie nicht erobert und vertheidigt von jenem bescheidenen Schulmeister, dem furchtbaren Rong-Sieou-Tsien, der sich zum Kaiser der Taï-Ping aufschwang und die Autorität der Mantschu so lange in Schach zu halten wußte? Proclamirte derselbe nicht von hier aus die neue Aera des »Großen Friedens«?2 Nahm er nicht hier im Jahre 1864 das tödtliche Gift, um seinen Feinden nicht lebend in die Hände zu fallen? Entwich nicht aus dem hiesigen Palaste der Könige sein Sohn, in zartem Alter, den die Kaiserlichen einsingen und ohne Gnade enthaupteten? Wurden seine Gebeine nicht aus dem Grabe in der brennenden Stadt wieder ausgewühlt und wilden, ausgehungerten Bestien zum Fraße vorgeworfen? War es endlich nicht in dieser Provinz, wo hunderttausend alte Waffengefährten Wang’s binnen drei Tagen hingemordet wurden?

Es erschien also wohl denkbar, daß der Philosoph nach der plötzlichen Veränderung aller Verhältnisse nach diesem Orte, an den ihn so viele persönliche Erinnerungen knüpften, gegangen sei. Von hier aus konnte er in wenig Stunden nach Shang-Haï zurückkehren, um seinen Freund…

Deshalb also begab sich Kin-Fo zunächst nach Nan-King und gedachte, sich hier aufzuhalten. Fand er Wang auf, so konnte Alles mündlich geregelt und damit der eigenthümlichen und gewiß nicht angenehmen Lage ein Ende gemacht werden. Traf er jenen nicht, so wollte er seine Wanderung durch das Himmlische Reich weiter fortsetzen bis zu dem Tage, wo er nach Ablauf der vereinbarten Frist von seinem alten Lehrer und Freund gewiß nichts mehr zu fürchten haben würde.

Begleitet von Craig und Fry und gefolgt von Sonn, begab sich Kin-Fo nach einem Hôtel in einem jener halb entvölkerten Quartiere, welche noch inmitten der Ruinen des weitaus größeren Theiles der Stadt vorhanden sind.

»Ich reife unter dem Namen Ki-Nan, wandte sich Kin-Fo an seine Begleiter, und hoffe, daß mein wahrer Name unter keinerlei Vorwand jemals ausgesprochen werde.

– Ki… begann Craig.

– Nan, vollendete Fry.

– Ki-Nan« wiederholte Soun noch einmal.

Es leuchtet wohl ein, daß Kin-Fo, während er wegen der unangenehmen Folgen seiner unfreiwilligen Berühmtheit aus Sang-Haï entfloh, nicht Lust hatte von denselben unterwegs ebenso belästigt zu werden. Von der möglichen Anwesenheit des Philosophen in Nan-King erwähnte er Craig-Fry gegenüber kein Wort. Die ängstlichen Agenten hätten gewiß einen Luxus von Vorsichtsmaßregeln entfaltet, der zwar dem Werthe ihres Clienten entsprechen mochte, diesem selbst aber nur höchst lästig gewesen wäre. Und hätten sie eine Million in der Tasche geführt, unmöglich hätten sie auf einer Reise durch ein gefährlicheres Land größere Sorgfalt entwickeln können. Doch war es nicht auch eine Million, welche die »Hundertjährige« ihnen hier anvertraut hatte?

Der ganze Tag verging mit dem Besuche der Quartiere, Plätze und Straßen Nan-Kings. Von der Pforte des Ostens bis zu der des Westens, von Süden bis Norden wurde die ihres früheren Glanzes beraubte Stadt schnell durchwandert. Kin-Fo schritt rüstig darauf zu, sprach nur wenig, hatte aber die Augen überall.

Nirgends zeigte sich ein verdächtiges Gesicht, weder auf den Kanälen, wo sich die meisten Bewohner aufhielten, noch in den halb unter Trümmern begrabenen Alleestraßen, welche schon das Unkraut überwucherte. Kein Fremder war sichtbar, der unter dem geborstenen Marmorthore dahinwanderte, oder die Reste der verbrannten Mauern betrachtete, welche die Stelle des früheren kaiserlichen Palastes bezeichneten, den Schauplatz des letzten erbitterten Kampfes, an dem Wang seinerzeit jedenfalls bis zum Ende theilnahm. Kein Mensch suchte sich den Blicken der Besucher zu entziehen, weder in der Nähe des Yamen der katholischen Missionäre, welche die Bewohner von Nan-King im Jahre 1870 ermorden wollten, noch in der Umgebung der Waffenfabrik, die erst neuerdings wieder aus dem unzerstörbaren Material errichtet wurde, das der berühmte, von den Taï-Ping abgetragene Porzellanthurm in großer Menge geliefert hatte.

Kin-Fo schien keine Ermüdung zu kennen. Noch immer ging er raschen Schrittes weiter, seine beiden Akolythen getreulich mit ihm, während der arme, an derlei Anstrengungen nicht gewöhnte Soun ein gutes Stück zurückblieb, zum östlichen Thore hinaus und geraden Weges fort in die Weite.

Unfern von der Stadtmauer zeigte sich eine endlose Straße mit ungeheueren Thiergestalten zu beiden Seiten.

Kin-Fo eilte womöglich noch schneller auf diese zu.

Am entgegengesetzten Ausgang schloß ein kleiner Tempel dieselbe ab. Hinter letzterem erhob sich ein Grabmal, so groß wie ein Hügel. Unter dieser Anhöhe ruhte Rong-U, der frühere Bonze und spätere Kaiser, einer der kühnsten Patrioten, der vor fünf Jahrhunderten gegen die fremden Eindringlinge gefochten hatte. Sollte der Philosoph nicht hierher geirrt sein, sich an den glorreichen Erinnerungen des Ortes zu erlaben, nach diesem Grabe, das den Gründer der Ming-Dynastie umschloß?

Der Hügel war leer, der Tempel verlassen. Niemand bewachte dieselben als gewaltige, kaum aus dem Marmor herausgemeißelte Kolosse und jene phantastischen Thiergestalten, welche die lange Straße bevölkerten.

Ueber der Thür des Tempels bemerkte Kin-Fo aber zu seiner Verwunderung einige Zeichen von fremder Hand und neueren Ursprungs. Er trat näher und las die drei Buchstaben:

W. K.-F.

Wang! Kin-Fo! Kein Zweifel, der Philosoph hatte diese Stelle unlängst besucht.

Ohne etwas zu äußern, sah sich Kin-Fo überall um… Niemand! Gegen Abend kehrten Kin-Fo, Craig, Fry und Soun, der kaum noch die Füße erschleppen konnte, nach dem Hôtel zurück und am nächsten Morgen hatten Alle Nan-King verlassen.

Fußnoten

1 Jeder Chinese, der das achtzigste Jahr erreicht, erhält damit das Recht, einen gelben Rock zu tragen. Da Gelb die Farbe der kaiserlichen Familie ist, so betrachtet man jene Erlaubniß als eine dem Alter dargebrachte Huldigung.

2 Uebersetzung des Wortes Taï-Ping.

Zwölftes Capitel.

In dem Kin-Fo, seine beiden Akolythen und sein Diener planlos in die Welt hinausziehen.

Wer ist jener Reisende, den man auf allen schiffbaren und fahrbaren Straßen, auf allen Kanälen und Strömen des Himmlischen Reiches dahineilen sieht? Er zieht weiter und weiter und weiß am Abend noch nicht, wo er sich des Morgens befinden wird. Er fliegt durch die Städte, ohne sie anzusehen, rastet in Hotels und Gasthäusern nur, um wenige Stunden zu schlafen, und betritt die Restaurants nur, um schnell eine Mahlzeit einzunehmen. Mit dem Gelde geizt er nicht; er verschwendet es, ja, er wirst es weg, um sein Fortkommen zu beschleunigen.

Ein Kaufmann, der seine Geschäfte betreibt, ist das nicht. Ein Mandarin ist es nicht, den die Regierung etwa mit einer wichtigen und eiligen Sendung betraut hätte. Ein Künstler ist es nicht, der die Reize der Landschaften aufsucht. Auch kein Gelehrter, der seine Vorliebe für alte Documente zu befriedigen strebt, welche in den Bonzerien und Lamanerien des alten China vergraben liegen. Ein Studirender ist es ebenfalls nicht, der etwa zur Pagode der Prüfungen reiste, um sich die höchsten Grade zu erwerben, so wenig wie ein Priester Buddha’s, der das Land durchstreift, um die kleinen, zwischen den Wurzeln des geheiligten Banyanbaumes errichteten ländlichen Altäre zu inspiciren, noch endlich ein Pilger, der vielleicht in der Erfüllung eines den fünf heiligen Bergen Chinas gethanen Gelübdes begriffen wäre.

Es ist eben der falsche Ki-Nan in Begleitung Craig’s und Fry’s, welche immer munter ausharren, und Soun’s, dessen Kräfte mehr und mehr zur Neige gehen. Es ist Kin-Fo in der sonderbaren Gemüthsstimmung, die ihn den verschwundenen Wang gleichzeitig zu fliehen und aufzusuchen drängt. Es ist der Client der »Hundertjährigen«, der bei diesen unaufhörlichen Kreuz-und Querzügen nichts Anderes sucht als das Vergessen seiner Lage und vielleicht eine Garantie gegen die unsichtbaren Gefahren, von denen er sich bedroht glaubt. Der beste Schütze kann ja ein in Bewegung befindliches Ziel verfehlen, und Kin-Fo sucht dieses Ziel zu sein, das nie zur Ruhe kommt.

Von Nan-King aus hatten die Reisenden einen jener schnellsegelnden amerikanischen Dampfer benutzt, jener schwimmenden Hôtels, welche auf dem Blauen Flusse verkehren. Sechzig Stunden später landeten sie in Ran-Keu, ohne selbst den eigenthümlichen Felsen, den »Kleinen Waisenknaben«, bewundert zu haben, der mitten aus der Strömung des Yang-tse-Kiang emporsteigt und dessen Gipfel ein von Bonzen bedienter Tempel krönt.

In Ran-Keu, am Zusammenflusse des Yang-tse-Kiang und dessen wichtigsten Nebenarmes, des Ran-Kiang,1 hielt sich der umherirrende Kin-Fo nur einen halben Tag lang hier auf. Auch hier erinnerten traurige Ruinen an das entsetzliche Treiben der Taï-Ping; doch weder in dieser handelsthätigen Stadt, welche freilich nur einen Annex zu der auf dem rechten Ufer des erwähnten Nebenflusses erbauten Bezirksstadt Ran-Yang-Fu darstellt, noch in U-Tchang-Fu, der am rechten Ufer des Stromes gelegenen Hauptstadt der Provinz Ru-Pe, hatte der flüchtige Wang eine Spur seiner Anwesenheit hinterlassen. Auch jene Buchstaben fanden sich nicht wieder, die Kin-Fo bei Nan-King an dem Grabtempel des gekrönten Bonzen gesehen hatte.

Wenn Craig und Fry jemals leise hofften, bei dieser Reise durch China die Sitten der Bewohner oder den Charakter der Städte näher kennen zu lernen, so sahen sie sich jetzt gründlich getäuscht. Selbst nur flüchtige Notizen zu Papier zu bringen, fehlte es ihnen an Zeit, jene hätten sich denn einzig auf die Namen der Städte und Flecken und auf das Datum ihres Aufenthaltes daselbst beziehen müssen. Im Gegentheil sprachen sie fast niemals. Wozu auch? Was Craig dachte, dachte Fry ja ebenfalls. Ein Gespräch wäre zum bloßen Monolog geworden. Ebensowenig wie ihrem Clienten fiel ihnen deshalb die Doppelphysiognomie der meisten chinesischen Städte auf, welche im Inneren todt, in den Vorstädten dagegen höchst lebendig sind. In Ran-Keu bemerkten sie nicht einmal das europäische Quartier mit den breiten, rechtwinkelig verlaufenden Straßen, den eleganteren Wohnungen und der von großen Bäumen beschatteten Promenade, die sich am Ufer des Blauen Flusses hinzieht. Sie hatten ja nur Augen für Einen Mann, und dieser Eine blieb unsichtbar.

Der Dampfer konnte in Folge der Hochfluth im Ran-Kiang diesen Nebenfluß noch dreißig Meilen weiter, bis Lao-Ro-Keu, hinauffahren.

Kin-Fo fiel es zunächst gar nicht ein, dieses Beförderungsmittel aufzugeben, das ihm vorzüglich zusagte. Er gedachte sich desselben vielmehr bis zu der Stelle zu bedienen, wo der Ran-Kiang aufhören würde, schiffbar zu sein. Das Weitere würde sich dann finden. Auch Craig und Fry hatten keinen anderen Wunsch, als daß die Reise zu Wasser die ganze Zeit über andauern möchte. An Bord gestaltete sich die Ueberwachung leichter und drohten offenbar weniger Gefahren. Später, auf den unsicheren Straßen des inneren China, mußte sich das ändern.

Auch Soun behagte dieses Leben auf dem Dampfboote. Er strengte sich nicht durch Gehen an, that nichts, überließ seinen Herrn der Sorge Craig’s und Fry’s, und hatte keine andere Sorge, als in seinem Winkel ruhig auszuschlafen, wenn er gefrühstückt oder zu Mittag und zu Abend aus der vortrefflichen Schiffsküche gegessen hatte.

Einige Tage später trat auch ein Wechsel in der Art der Beköstigung ein, der jedem Anderen als diesem Dummkopfe gesagt hätte, daß die Reisenden allgemach in andere geographische Breiten gelangten.

Bei den Mahlzeiten trat nämlich an Stelle des Reises das Korn in Form kleiner ungesäuerter Brote von recht angenehmem Geschmacke, wenn man sie frisch aus dem Ofen genießt.

Soun, als echter Chinese des Südens, vermißte sein nationales Reisgericht schmerzlich. Er benutzte so geschickt die kleinen Stäbchen, mit denen er die Reiskörner aus der Schüssel in seinen breiten Mund beförderte. Und welche Massen vertilgte er davon! Reis und Thee, was braucht ein echter Sohn des Himmels mehr?

Das Schiff gelangte also, während es den Ran-Kiang stromaufwärts dampfte, allgemach in die Region des Getreides. Der Erdboden veränderte ebenfalls seine Gestalt. Am Horizont erhoben sich einzelne Berge, bekrönt mit, Festungsanlagen von der alten Dynastie der Ming her. An Stelle der künstlichen Uferdämme, welche das Wasser des Flusses zusammendrängten, traten niedrige Ufer, zwischen denen dessen Bett sich auf Kosten der Tiefe ansehnlich verbreiterte. Das Land gehörte hier zu dem Districte Guan-Lo-Fu.

Es war hier die Gegend des »Löß«. (S. 106.)

In der Hauptstadt desselben ging Kin-Fo nicht einmal während der wenigen Stunden an’s Land, welche die Einnahme frischer Lebensmittel und die Förmlichkeiten auf den Zollschiffen beanspruchten. Was sollte er auch in dem Orte, der ihm keinerlei Interesse bot? Wo er keine Spur von dem Philosophen entdeckte, bewegte ihn nur der eine Wunsch, immer tiefer in das Innere Chinas einzudringen; denn wenn er Wang dabei auch nicht finden sollte, so fand doch Wang ebenso bestimmt auch ihn nicht.

Er eilte längs des Gelben Flusses dahin. (S. 110.)

Nach Guan-Lo-Fu tauchten zwei einander gegenüber erbaute Städte auf, die Handelsstadt Fan-Tcheng am linken und die Districtsstadt Siang-Yang-Fo am rechten Ufer des Flusses; die erste belebt von einer geschäftigen Volksmenge, die andere zwar der Sitz der Behörden, sonst aber mehr todt als lebend.

Hinter Fan-Tchend bog der Ran-Kiang in scharfem Winkel direct nach Norden ab und blieb noch bis Lao-Ro-Keu schiffbar. Weiter konnte der Dampfer aber aus Mangel an Wasser nicht vordringen.

Nun gestalteten sich die Verhältnisse anders. Von dieser letzten Station aus ging die Reise unter veränderten Bedingungen weiter. Jetzt mußte man die Wasserstraße, »die Wege, welche selbst gehen«, verlassen und sich auf eigenen Fäßen weiter helfen oder doch mindestens gegenüber dem sanften Hingleiten des Schiffes mit den Schwankungen und Stößen der erbärmlichen Fuhrwerke vorlieb nehmen, die im Himmlischen Reiche in Gebrauch sind. Du armer Soun! Jetzt kam für Dich die Zeit der Qualen, der Anstrengungen und der Vorwürfe. Und wahrlich, es hätte Jeder zu thun gehabt, der Kin-Fo auf dieser abenteuerlichen Fahrt von Stadt zu Stadt, von Provinz zu Provinz gefolgt wäre. Heute z.B. reiste er mit einem Wagen, aber mit welch’ einem Wagen! Ein ohne Federn unmittelbar auf der Achse zwei roher, mit starken Eisennägeln beschlagener Räder befestigter harter Kasten, geschleppt von einigen widerspänstigen Maulthieren und überspannt mit einem Leinendache, durch das der Regen ebenso wie der Sonnenschein hindurchdrang. Morgen saß er in einem Maulesel-Tragsessel einer Art zwischen zwei langen Bambusstengeln aufgehängten Schilderhäuschen, welches bei jeder Bewegung so furchtbar rollte und stampfte, daß ein Schiff dabei in allen Fugen gekracht hätte. Zwei Adjutanten gleich, ritten dann Craig und Fry zu beiden Seiten dieses Fahrzeuges auf Eseln, welche womöglich noch regellosere Bewegungen und Sprünge machten als jenes. Ging dann der Marsch etwas schneller vor sich, so hinkte der arme Soun grollend und wetternd hinterdrein und stärkte sich mehr als nöthig mit einem tüchtigen Schluck guten Branntweins von Kao-Liang. Auch er verspürte ein erkleckliches Rollen und Schwanken, das indeß nicht den Unebenheiten des Bodens zuzuschreiben war. Mit einem Worte, die kleine Gesellschaft wäre auch auf stürmischem Meere nicht ärger durcheinander geschüttelt worden.

Zu Pferde – natürlich waren es erbärmliche Klepper – hielten Kin-Fo und seine Begleiter ihren Einzug in Si-Gnan-Fu, der alten Hauptstadt des Reiches der Mitte, in der die Kaiser aus der Dynastie der Tang ehemals Hof hielten.

Welche Strapazen und Gefahren kostete es aber, um diese entlegene Provinz Chen-Si zu erreichen und ihre endlosen dürren und nackten Ebenen zu durchziehen!

Unter einer, der des südlichen Spaniens entsprechenden Breite sandte die Mai-Sonne ihre kaum erträglichen Strahlen herab, und wirbelte der seine Staub der Straßen auf, welche noch durch keine Steinschüttung verbessert waren. Aus den gelblichen, die Atmosphäre wie ein ungesunder Dunst erfüllenden Wolken kam der Wanderer grau heraus vom Kopfe bis zu den Füßen. Es war hier die Gegend des »Löß«, eine eigenartige geologische, im nördlicheren China vorherrschende Bodenformation, ein Gebilde, »das weder Erde noch Stein ist, oder richtiger ein Stein, der noch nicht Zeit gefunden hat, sich zu erhärten«. (Leon Rousset.)

Auch die wirklichen Gefahren darf man nicht unterschätzen in einem Lande, wo die Polizei eine gewaltige Furcht vor den Dolchstichen der Räuber hat. Wenn die Tipaos den Spitzbuben schon in den Städten aus dem Wege gehen, wenn in bevölkerten Ortschaften die Einwohner es nicht wagen, des Nachts auf den Straßen zu erscheinen, so kann man sich daraus wohl ein Urtheil über den Grad der Sicherheit auf den Landstraßen bilden. Mehrmals zeigten sich auch verdächtige Gruppen, wenn die Reisenden sich in tiefen, durch die gewaltigen Löß-Schichten geschnittenen Hohlwegen befanden; noch immer verfehlte aber der Anblick der Revolver in den Händen Craig’s und, Fry’s auf die Wegelagerer nicht seine abschreckende Wirkung. Zuweilen freilich beschlich die Agenten der »Hundert jährigen« eine unheimliche Furcht, nicht wegen ihrer eigenen Person, wohl aber wegen der lebendigen Million, die sie escortirten. Ob Kin-Fo unter dem Dolche Wang’s fiel oder unter dem Messer eines Straßenräubers, kam ja völlig auf Eines hinaus. Jedenfalls traf der Stoß die Casse ihrer Gesellschaft.

Wie die Verhältnisse jetzt lagen, hielt sich übrigens Kin-Fo, der reichlich mit Waffen versehen war, selbst jeden Augenblick zur Vertheidigung bereit. Das Leben galt ihm jetzt mehr als je, und er hätte, wie Craig und Fry sagten, »sich umbringen lassen, um es zu erhalten«.

In Si-Gnan-Fu durfte man kaum darauf rechnen, eine Spur des Philosophen zu finden. Ein alter Taï-Ping konnte niemals auf den Gedanken kommen, hierher zu gehen. Die starken Mauern dieser Stadt vermochten die Rebellen nicht zu bezwingen, und auch heute barg dieselbe eine zahlreiche Besatzung von Mantschu-Truppen. Wenn er nicht eine besondere Liebhaberei für archäologische Curiositäten hatte, welche sich hier in großer Menge vorfinden, oder den Geheimnissen der Inschriftenkunde nachspüren wollte, von denen ein Museum mit dem Namen der »Tabletten-Wald« eine überaus reiche Auswahl enthielt, was sollte Wang sonst in dieser Stadt beginnen?

Kin-Fo verließ sie also auch schon am Morgen seiner Ankunft wieder und zog von diesem wichtigen Knotenpunkte für den Handel zwischen Central-Asien, Tibet, der Mongolei und China nach Norden weiter.

Ueber Kao-Lin-Sien und Sing-Tong-Sien, d.h. in dem Thale des Uei-Ro mit seinen, von dem Löß (Mergel), durch den er sich sein Bett gewühlt, gelblich gefärbten Fluthen gelangte die kleine Gesellschaft nach Rua-Tcheu, dem Herde einer entsetzlichen Empörung der Muselmanen im Jahre 1860. Von hier aus erreichte Kin-Fo mit seinen Begleitern, bald im Boote, bald im Wagen, unter großer Anstrengung die Festung Tong-Kuan am Zusammenflusse des Uei-Ro und des Ruang-Ro.

Der Ruang-Ro ist der berühmte Gelbe Fluß. Er kommt in gerader Richtung aus Norden, strömt durch die östlichen Provinzen und mündet in das Meer, das seinen Namen trägt, aber ebensowenig gelb ist, wie das Rothe Meer roth, daß Weiße Meer weiß und das Schwarze Meer schwarz aussieht. Ja, ein berühmter Strom, offenbar himmlischen Ursprunges, da seine Farbe die der Kaiser ist. Ein Sohn des Himmels, aber auch »der Kummer Chinas« wegen seiner gewaltigen Ueberschwemmungen, welche den großen Kaiserkanal zum Theile unfahrbar gemacht haben.

In Tong-Kuan wären die Reisenden, selbst in der Nacht, in Sicherheit gewesen. Es ist das keine Handelsstadt, sondern eine Militär-Niederlassung, in welcher keine nomadische Bevölkerung lebt, sondern die Tataren-Mantschus, die Kerntruppen des chinesischen Heeres, ihren ständigen Sitz haben. Vielleicht gedachte Kin-Fo hier einige Tage zu rasten. Vielleicht suchte er in einem passenden Hôtel einmal ein bequemes Zimmer, eine schmackhafte Mahlzeit, ein gutes Bett – lauter Dinge, auf welche sich Craig und Fry, vorzüglich aber der arme Soun herzlich freute.

Der Tölpel, dem seine Unvorsichtigkeit diesmal ein großes Stück seines edlen Zopfes kostete, beging aber die Unklugheit, auf der Zollstation statt des angenommenen Namens den wahren Namen seines Herrn anzugeben. Er vergaß eben, daß es nicht Kin-Fo, sondern Ki-Nan war, den er die Ehre hatte zu bedienen. Das gab ein schweres Ungewitter! Der Letztere sah sich gezwungen, die Stadt augenblicklich wieder zu verlassen. Der Name hatte seine Wirkung gethan. Der berühmte Kin-Fo war in Tong-Kuan angekommen. Jeder drängte sich, den Mann zu sehen, »dessen einziger lebhafter Wunsch es war, hundert Jahre alt zu werden«.

Der entsetzte Reisende gewann kaum Zeit, mit seinen Begleitern der Ansammlung von Neugierigen zu entfliehen, die ihn auf jedem Schritte umringte. Zu Fuß – ja, buchstäblich zu Fuß – eilte er nun längs des Gelben Flusses dahin und unaufhörlich weiter, bis er sammt seinen Begleitern in einem kleinen Flecken vor Erschöpfung zusammenbrach, wo ihm sein Incognito doch wenigstens einige Stunden Ruhe sichern mußte.

Der ganz außer Fassung gerathene Soun wagte kein Wort über die Lippen zu bringen. Mit dem kurzen Rattenschwänzchen, das noch von seinem Kopfe hing, wurde er zur Zielscheibe mancher verletzenden Witzelei. Die Gassenbuben liefen hinter ihm her und riefen ihm allerlei Dummheiten nach.

Wie sehnte er sich danach, endlich anzukommen – aber wo? – da sein Herr, wie er sich damals William J. Bidulph gegenüber ausdrückte, immer der Nase nach weiter reisen wollte.

In dem kleinen, zwanzig Li (ein Li = 442 Meter) von Tong-Kuan gelegenen Flecken, wo man gerastet hatte, gab es nun weder Pferde noch Esel, weder Wagen noch Tragbahren. Hier mußte man entweder bleiben oder den Weg zu Fuß fortsetzen. Diese Alternative war nicht geeignet, dem Schüler des Philosophen Wang, der sich hier sehr wenig als Philosoph erwies, die gute Laune wiederzugeben. Er schimpfte auf alle Welt und verdankte diese Lage doch nur sich selbst. O, wie bedauerte er jetzt die schöne Zeit, die er unter Verachtung jedes Genusses am Leben verbrachte! Wenn der Mensch das Glück nur soll schätzen lernen, nachdem er Langweile, Noth und Qual gekostet, wie Wang behauptete – er hatte jetzt Alles und bis auf die Neige gekostet.

Bei dieser Reise sah er noch überdies wiederholt brave Leute unterwegs, die vielleicht keinen Heller in der Tasche hatten, aus deren Augen aber der Widerschein des Glückes leuchtete. Er überzeugte sich, daß die freudig gethane Arbeit die Mutter der Zufriedenheit ist.

Hier waren es Feldarbeiter, die sich über die Furchen bückten; dort Andere, welche singend ihr Tagewerk vollbrachten. Verschuldete nicht der Mangel an Arbeit allein bei Kin-Fo die Unempfindlichkeit für jedes Vergnügen? O, diese Lection war eine gründliche! Er glaubte es wenigstens…. Nein, Freund Kin-Fo, sie war es nicht!

Craig und Fry durchsuchten die ganze Ortschaft, klopften an jede Thür und entdeckten wirklich zuletzt eine Art Fuhrwerk, aber nur ein einziges. Auf demselben fand ferner nur eine Person Platz und, was das Schlimmste war, ein Zugthier dazu gab es nicht.

Das Gefährt bestand aus einem Handwagen – einer Art Pascal’schen Schiebkarren – der vielleicht schon lange vor genanntem Gelehrten von den alten Erfindern des Pulvers, der Schrift, des Compasses und der Drachen gebaut wurde. In China ist das, übrigens ziemlich große Rad dieses Fortschaffungsmittels aber nicht wie bei uns zwischen zwei nach der einen Seite zu vorspringenden Armen, sondern in der Mitte angebracht und bewegt sich also innerhalb des Kastens selbst, wie das Centralrad mancher Dampfboote. Der eigentliche Behälter des Gesäyrtes ist also seiner Längsrichtung nach in zwei Abtheilungen getrennt, in deren einer der Reisende Platz nehmen kann, während die andere zur Aufnahme des Gepäckes dient.

Der Motor dieses Wagens ist und kann nur ein Mensch sein, der ihn nicht zieht, sondern vorwärts schiebt. Er hat seinen Platz also hinter dem Fahrenden, dem er die Aussicht nicht versperrt, ähnlich wie der Kutscher eines englischen Cab. Bei günstigem Winde, d.h. wenn dieser von rückwärts weht, benützt der Mann die Naturkraft, die ihm nichts kostet. Er stellt vorn im Wagenkasten einen kleinen Mast auf, hißt an demselben ein viereckiges Segel und wird bei kräftigem Winde, statt den Wagen zu schieben, von diesem mit fortgezogen, oft schneller, als ihm lieb ist.

Das Gefährt nebst allem Zubehör wurde käuflich erworben. Kin-Fo nahm darin Platz. Der Wind blies günstig, das Segel ward entfaltet.

»Nun vorwärts, Soun!« rief Kin-Fo.

Soun beeilte sich, ganz behaglich in der zweiten Abtheilung des Wagens Platz zu nehmen.

»An die Deichsel! donnerte ihn da Kin-Fo in einem Tone an, der jeden Widerspruch von vornherein abschnitt.

– Aber, Herr, wie… wir… ich!… jammerte Soun, dessen Beine sich schon im voraus krümmten wie die eines überangestrengten Gaules.

– Dafür klage Dich selbst, Deine Zunge und Deine Dummheit an!

– Nun vorwärts, Soun! drängten auch Craig-Fry.

– An die Deichsel! wiederholte Kin-Fo mit einem spähenden Blick nach dem erbärmlichen Reste des Zopfes. An die Deichsel, Dummkopf, und hüte Dich, zu stolpern, sonst…«

Der Zeige-und Mittelfinger Kin-Fo’s, die sich wie zwei Scheerenblätter bewegten, ließen über diese Drohung keinen Zweifel übrig, so daß Soun schleunigst den Tragriemen über die Schultern warf und die Handhaben des Karrens ergriff. Fry und Craig begaben sich jeder nach einer Seite des Gefährtes, und mit Unterstützung des günstigen Windes trottete die kleine Gesellschaft in leichtem Trabe ab.

Wir verzichten auf die Schilderung der stillen, ohnmächtigen Wuth Soun’s, als er sich zum Zugthier degradirt sah. Craig und Fry waren jedoch menschenfreundlich genug, ihn zeitweilig abzulösen. Zum Glück unterstützte sie der Südwind ohne Unterbrechung und verrichtete drei Viertel der Arbeit. Da der Karren durch das in der Mitte angebrachte Rad sehr leicht im Gleichgewichte zu halten war, so beschränkte sich die Thätigkeit des Führers etwa auf die des Steuermannes auf einem Schiffe, das heißt, er hatte nur auf Einhaltung seiner Richtung zu achten.

In dieser Equipage erschien Kin-Fo also in den nördlichen Provinzen Chinas, marschirend, wenn er die halb steif gewordenen Beine einmal üben, oder gefahren, wenn er ausruhen wollte.

So zog Kin-Fo, unter Umgebung von Huan-Fu und Cafong, hinauf am Ufer des berühmten Kaiserkanals, der noch vor kaum zwanzig Jahren, bevor der Gelbe Fluß sein altes Bett wieder aufsuchte, von Su-Tcheu, dem Lande des Thees, bis Peking auf eine Entfernung von mehreren hundert Meilen eine bequeme Wasserstraße bildete.

So reiste er durch Tsinan, Ho-Kien und gelangte in die Provinz Pe-Tche-Li, in der sich Peking, die vierfache Haupstadt des Himmlischen Reiches erhebt.

So kam er durch das von einer Mauer und zwei Forts vertheidigte Tsien-Tsin, eine Stadt von viermalhunderttausend Seelen, in deren geräumigen, durch die Vereinigung des Peï-Ho und des Kaiserkanals gebildeten Hafen durch die Einfuhr von Baumwollenwaaren aus Manchester, von Wollenstoffen, Kupfer, Eisen, Zündhölzchen aus Deutschland, Sandelholz u.s.w. und durch die Ausfuhr von Brustbeeren, Wasserlilien-Blättern, tatarischem Tabak u.s.w. ein Waarenumsatz von 160 Millionen jährlich stattfindet; Kin-Fo kam es aber nicht einmal in den Sinn, in dem merkwürdigen Tsien-Tsin die berühmte Pagode der höllischen Verdammten zu besuchen; er durchstreifte nicht die interessanten Straßen der »Laternen« und der »Alten Kleider« in der östlichen Vorstadt, er frühstückte in dem Restaurant der »Harmonie und, Freundschaft«, das der Muselman Leu-Lao-Ki bewirthschaftet, und dessen Weine sich des besten Rufes erfreuen, was auch Mohammed darüber denken mag; er gab auch – und das aus guten Gründen – seine große rothe Visitenkarte nicht ab im Palaste Liu-Tchong-Tang’s, dem Vicekönige der Provinz seit 1870, Mitgliede des Geheimen Rathes und des Großen Staatsrathes des Reiches, der nebst der gelben Weste den Titel eines Fei-Tse-Chao-Pao führt.

Nein! Kin-Fo durchfuhr, immer von Soun geschoben, die Quais, wo ganze Berge von Säcken mit Salz lagerten; die Vorstädte, die englischen und amerikanischen Territorien, das Rennfeld, die mit Sorgho, Gerste, Sesam und Weinstöcken bedeckte Landschaft, die reichen Gemüse-und Fruchtgärten und die weiten Ebenen, welche Tausende von Hafen, Rebhühnern und Wachteln liefern, die man durch abgerichtete Falken, meist Lerchen-oder Baumfalken, einfängt. Alle Vier folgten nun der vierundzwanzig Meilen langen, mit Quadersteinen belegten Straße nach Peking, zwischen Baumgruppen der verschiedensten Art und dem hohen Schilfe des, Flusses, und gelangten so nach Tchong-Tcheu, Alle heil und gesund, Kin-Fo noch immer im Werthe von 200.000 Dollars, Craig und Fry frisch und munter wie im Beginn der Reise, Soun keuchend, hinkend, auf beiden Beinen verschlagen und nur mit drei Zoll Zopf auf dem Scheitel.

Jetzt war der 19. Juni. In sieben Tagen ging die mit Wang vereinbarte Frist zu Ende!

Wo verbarg sich aber dieser Wang?

Fußnoten

1 Im südlichen China bezeichnet man Ströme und Flüsse durch die Endsilbe »Kiang« im nördlichen China durch die Endsilbe »Ro«.

Dreizehntes Capitel.

In welchem man die berühmte Posse »Von den fünf Wachen des Hundertjährigen« mit anhört.

»Meine Herren, redete Kin-Fo seine beiden Leibwächter an, als der Karren am Eingange der Vorstadt von Tchong-Tcheu anhielt, wir befinden uns nur noch vierzig Li (21/2 geographische Meilen) von Peking entfernt, und es ist meine Absicht, hier zu bleiben, bis die rechtliche Wirkung der zwischen mir und Wang getroffenen Vereinbarung erlischt. In dieser Stadt von viermalhunderttausend Seelen wird es leicht sein, unerkannt zu wohnen, wenn Soun nicht vergißt, daß er im Dienste Ki-Nan’s, eines einfachen Händlers aus der Provinz Chen-Si steht.«

Nein, sicherlich Soun würde das nicht vergessen! Seine Ungeschicktheit hatte ihn während der letzten acht Tage zu Pferdediensten erniedrigt, und er hoffte, daß Herr Kin-Fo…

»Ki… sagte Craig.

– Nan!« setzte Fry hinzu.

… ihn nicht ferner seiner eigentlichen Beschäftigung fernhalten werde. Jetzt, bei seiner Kraftlosigkeit ohne Gleichen, erbat er nur die Erlaubniß von Herrn Kin-Fo…

»Ki… sagte Craig.

– »Nan!« wiederholte Fry.

… die Erlaubniß, achtundvierzig Stunden in einem Strich auszuschlafen.

»Meinetwegen acht Tage lang! antwortete Kin-Fo auf seine Rede. Wenn Du schläfst, bin ich wenigstens vor Deinem Schwatzen sicher.«

In dieser Equipage erschien Kin-Fo. (S. 110.)

Kin-Fo und seine Begleiter ließen es sich angelegen sein, ein passendes Hôtel zu suchen, woran es in Tong-Tcheu nicht mangelte. Diese ungeheuere Stadt bildet im Grunde nur einen Vorort von Peking. Die Alleestraße, welche sie mit der Hauptstadt verbindet, ist in ihrer ganzen Ausdehnung mit Villen, Häusern, Gehöften, Gräbern, kleinen Pagoden und lachenden Baumgruppen geschmückt, und es herrscht auf derselben von Wagen, Reitern und Fußgängern ein unaufhörlicher, lebhafter Verkehr!

Kin-Fo kannte die Stadt schon und ließ sich nach dem, Tae-Uang-Mia«, das ist der Tempel der unabhängigen Fürsten, geleiten. Dieser besteht aus einer zum Hôtel umgewandelten Bonzerie, wo jetzt Fremde ein sehr behagliches Unterkommen finden.

Kin-Fo, Craig und Fry richteten sich sogleich häuslich ein, die beiden Agenten natürlich in einem, unmittelbar an den Wohnraum ihres kostbaren Clienten grenzenden Zimmer.

Soun verschwand eiligst, um in der ihm angewiesenen Ecke auszuschlafen, und ward nicht wieder sichtbar.

Eine Stunde später verließen Kin-Fo und seine Getreuen ihre Zimmer, frühstückten mit gutem Appetit und fragten sich, was nun zu beginnen sei.

»Zunächst wollen wir, schlugen Craig-Fry vor, die Regierungs-Zeitung lesen, um zu sehen, ob sich darin ein, unsere Angelegenheit betreffender Artikel findet.

– Sie haben Recht, stimmte Kin-Fo zu. Vielleicht erfahren wir dabei, was aus Wang geworden ist.«

Alle Drei verließen das Hôtel. Aus Vorsicht gingen die beiden Akolythen zur Seite ihres Clienten, faßten alle Vorüberkommenden scharf in’s Auge und ließen Niemand nahe heran. So wanderten sie durch die engen Straßen der Stadt und gelangten nach den Quais. Hier ward eine Nummer des officiellen Journals gekauft und aufmerksam durchgelesen.

Vergeblich! Sie enthielt nichts als das Versprechen einer Belohnung von 2000 Dollars oder 1300 Taëls für Denjenigen, der William J. Bidulph den derzeitigen Aufenthaltsort des Herrn Wang aus Shang-Haï mittheilen würde.

»Er ist also noch nicht wieder zum Vorschein gekommen, sagte Kin-Fo.

– Er hat folglich die ihn betreffende Anzeige nicht gelesen, bemerkte Craig.

– Und hält sich folglich noch an seine Verpflichtungen gebunden, setzte Fry hinzu.

– Doch, wo in aller Welt mag er sein? rief Kin-Fo.

– Halten Sie sich, fragten Craig-Fry wie aus einem Munde, für mehr bedroht während der letzten Tage Ihrer Vereinbarung?

– Ohne Zweifel, versicherte Kin-Fo. Kennt Wang nicht die eingetretene Veränderung meiner Lage, und das ist höchst wahrscheinlich, so wird er sich der Nothwendigkeit, sein Versprechen einzulösen, nicht entziehen können. Nach einem, nach zwei und drei weiteren Tagen bin ich also mehr bedroht als heute, und nach sechs Tagen noch mehr.

– Doch, wenn die Frist verstrichen?…

– O, dann ist nichts mehr zu fürchten.

– Nun, mein Herr, sagten Craig-Fry wie aus einem Munde, es giebt drei Mittel, Sie während dieser sechs Tage jeder Gefahr zu entziehen.

– Und das erste wäre?… fragte Kin-Fo.

– In das Hôtel zurückzukehren, antwortete Craig, und sich daselbst bis zum Ablauf der Vertragsfrist einzuschließen.

– Das zweite?

– Sich als Verbrecher verhaften zu lassen, erklärte Fry, um im Gefängnisse von Tong-Tcheu in Sicherheit zu sein.

– Und das dritte?

– Sie für todt auszugeben, riefen Craig-Fry gleichzeitig, und nicht eher wieder erwachen zu lassen, als bis Sie außer aller Gefahr sind.

– Da kennen Sie Wang schlecht! warf Kin-Fo ein. Wang würde Mittel und Wege zu finden wissen, in mein Hôtel, in mein Gefängniß und in mein Grab einzudringen. Wenn er bisher noch keinen Mordanfall auf mich versuchte, so hat er es eben noch nicht gewollt, oder er zieht es aus bestimmten Gründen vor, mir bis zum letzten Augenblicke das Vergnügen oder die Unruhe der Erwartung zu bereiten. Wer vermag seine Beweggründe zu durchschauen? Jedenfalls sehe ich den nächsten Tagen lieber auf freiem Fuße entgegen.

– Nun gut!… Indeß… sagte Craig.

– Es scheint mir doch… setzte Fry fort.

– Ich werde thun, was mir beliebt, erklärte Kin-Fo sehr trockenen Tones. Und wenn ich vor dem Fünfundzwanzigsten dieses Monats sterbe, was verliert Ihre Gesellschaft dabei?

– Zweimalhunderttausend Dollars, antworteten Fry-Craig, zweimalhunderttausend Dollars an Ihre Rechtsnachfolger.

– Und ich mein gesammtes Vermögen und das Leben obendrein! Ich bin bei der Sache folglich noch mehr interessirt als Sie!

– Ganz richtig!

– Sehr wahr!

– Wachen Sie also auch ferner so über mich, wie Sie es für angezeigt halten, ich werde nach meinem Gefallen handeln!«

Hiergegen war nichts einzuwenden.

Craig-Fry mußten sich damit begnügen, stets in der unmittelbaren Nähe ihres Clienten zu bleiben und ihre Vorsichtsmaßregeln zu verdoppeln. Sie verheimlichten sich aber nicht, daß der Ernst der Lage sich mit jedem Tage verschlimmerte.

Tong-Tcheu ist eine der ältesten Städte des Himmlischen Reiches. Bei seiner Lage an einem kanallsirien Arme des Peï-Ho und einem zweiten Kanale, der eine Verbindung mit Peking herstellt, herrscht daselbst ein reges geschäftliches Treiben. Besonders die Vorstädte zeigen eine überraschende Lebhaftigkeit.

Kin-Fo und seine Begleiter waren wirklich erstaunt, als sie nach den Quais kamen, wo die Sampanen und Handelsdschonken vertäut liegen.

Unter Erwägung aller Umstände glaubten Craig und Fry unter einer großen Menschenmenge am meisten gesichert zu sein. Der Tod ihres Clienten sollte ja der Verabredung nach als Selbstmord erscheinen. Der Brief, den man bei ihm finden würde, sollte darüber jeden Zweifel beseitigen. Wang konnte seinen Auftrag also gar nicht unter den Verhältnissen ausführen, wie sie eine belebte Straße oder der offene Platz einer Stadt boten. In Folge dessen hatten Kin-Fo’s Wächter einen plötzlichen Ueberfall hier nicht zu befürchten. Ihre einzige Aufgabe bestand vielmehr darin, zu erspähen, ob der alte schlaue Taï-Ping nicht vielleicht gar von Shang-Haï aus ihrer Fährte folgte. Sie strengten deshalb die Augen nicht wenig an, alle Vorüberkommenden zu fixiren.

Plötzlich hörte man einen Namen aussprechen, bei dem sie die Ohren nicht wenig spitzten.

»Kin-Fo! Kin-Fo!« riefen einige kleine Chinesen, die mitten unter einem Gedränge aufspringend in die Hände klatschten.

War Kin-Fo erkannt worden und brachte sein Name nun die gewohnten Wirkungen hervor?

Der Held wider Willen hemmte seinen Schritt.

Craig-Fry hielten sich in seiner Nähe, bereit, ihn im Nothfalle mit ihren Leibern zu decken.

Kin-Fo’s Person galten jene Rufe aber nicht im mindesten. Kein Mensch hatte eine Ahnung von seiner Anwesenheit. Er blieb also stehen, begierig zu erfahren, was es mit der Nennung seines Namens für eine Bewandtniß habe.

Eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern umringten einen umherziehenden Sänger, der bei dem Straßenpublikum in besonderer Gunst zu stehen schien. Man rief, klatschte in die Hände und applaudirte schon im voraus.

Als der Sänger ein hinlänglich zahlreiches Auditorium versammelt sah, nahm er ein Packet bunt verzierter Zettel aus seinem Rocke und verkündete mit durchdringender Stimme:

»Die fünf Wachen des Hundertjährigen!«

Das war die berühmte, im ganzen Himmlischen Reiche verbreitete Posse, welche an jeder Straßenecke abgesungen wurde.

Craig-Fry suchten ihren Clienten mit sich fortzuziehen; gerade jetzt aber bestand Kin-Fo darauf, dazubleiben. Ihn kannte ja Niemand. Er hatte das Scherzgedicht, das sein Thun und Treiben erzählte, noch nicht kennen gelernt, und war begierig, es einmal mit anzuhören.

Der Sänger begann wie folgt:

»Während der ersten Wache beleuchtet der Mond nur das spitzgiebelige Dach des Hauses in Shang-Haï. Kin-Fo ist noch jung. Er wird zwanzig Jahre alt und gleicht der Weide, deren erste Blätter ihre kleine grüne Spitze zeigen.

»Während der zweiten Wache bescheint der Mond die Ostseite des reichen Yamen. Kin-Fo zählt vierzig Jahre. Seine zehntausend Geschäfte stehen in hoher Blüthe. Die Nachbarn singen sein Lob.«

Die Physiognomie des Sängers änderte sich mit jeder Strophe und zeigte den Ausdruck des zunehmenden Alters. Rauschender Beifall.

Er fuhr fort:

»In der dritten Wache erhellt der Mond den ganzen Weltraum. Kin-Fo erreicht das sechzigste Jahr. Nach den grünen Blättern des Frühlings sprießen des Herbstes gelbe Chrisanthemen auf!

»Mit der vierten Wache ist der Mond im Westen niedergegangen. Kin-Fo zählt achtzig Jahre. Sein Körper ist zusammengeschrumpft wie der einer Krabbe in siedendem Wasser. Er nimmt ab! Er nimmt ab, gleich dem Gestirne der Nacht!

»Nach der fünften Wache endlich begrüßen die Hähne ein neues Morgenroth. Kin-Fo ist hundert Jahre alt. Er stirbt nach Erfüllung seines Herzenswunsches, doch höhnisch verweigert Fürst Jen seine Aufnahme unter die Seligen. Fürst Jen liebt die gar zu alten und meist geschwätzigen Leute nicht, und ohne Ruhe finden zu können, irrt der alte Kin-Fo in Ewigkeit umher!«

Noch einmal donnerte der Beifallssturm der Zuhörer und der Sänger verkaufte das Spottgedicht, zu drei Sapeken das Stück, zu Hunderten von Exemplaren.

Warum sollte sich Kin-Fo nicht auch selbst ein solches erwerben? Er holte etwas Geld aus der Tasche und streckte den Arm mit gefüllter Hand durch die ersten Reihen der Menschenmenge.

Plötzlich öffnete sich unwillkürlich seine Hand. Die Geldstücke entfielen ihm und rollten auf die Erde…

Ihm gegenüber stand ein Mann, dessen Blicke sich mit den seinen kreuzten.

»Ach endlich!« rief Kin-Fo, ohne es zu wollen.

Craig-Fry drängten sich zu ihm; sie glaubten ihn erkannt, bedroht, angefallen oder gar schon todt.

»Wang! rief er laut.

– Wang!« wiederholten Craig-Fry.

Da stand wirklich Wang in eigener Person! Auch er bemerkte seinen früheren Schüler; doch anstatt sich jetzt auf diesen zu stürzen, bahnte er sich mit Gewalt einen Weg durch das Gedränge und entfloh, so schnell ihn seine langen Beine tragen konnten.

Kin-Fo war rasch entschlossen. Er wollte endlich die Centnerlast von seinem Herzen genommen wissen und eilte zur Verfolgung Wang’s hinweg. Craig-Fry, die ihn weder überholen, noch selbst zurückbleiben wollten, zu seinen beiden Seiten.

Sie hatten ebenfalls den bisher unauffindbaren Philosophen erkannt und aus dem Erstaunen, das jener an den Tag legte, ersehen, daß er Kin-Fo nicht mehr zu sehen erwartete, als Kin-Fo sich träumen ließ, ihn hier zu finden.

Warum in aller Welt entfloh aber Wang? Das war ganz unerklärlich, genug, er entfloh, als wenn ihm die Polizei des ganzen Himmlischen Reiches auf den Fersen wäre.

Jetzt begann eine wahrhaft unsinnige Jagd.

»Ich bin nicht zugrunde gerichtet! Wang! Wang! Nicht ruinirt! rief Kin-Fo dem Flüchtling nach.

– Reich! Reicher als je!« setzten Craig-Fry hinzu.

Wang hatte jedoch einen zu großen Vorsprung, um jene Worte verstehen zu können, die ihn bewegen sollten, inne zu halten. Er eilte über den Quai, längs des Kanals hin und erreichte den Eingang zur westlichen Vorstadt.

Die drei Verfolger flogen hinter ihm drein, vermochten ihm aber nicht näher zu kommen, im Gegentheile schien der Flüchtling mehr Distanz zu gewinnen.

Ein halbes Dutzend Chinesen folgten wieder Kin-Fo, und außer diesen noch mehrere Tipaos, die einen Mann, der so eilig dahinlief, unwillkürlich für einen Missethäter halten mußten.

Ein sonderbares Schauspiel, diese keuchende, schreiende, heulende Gruppe dahinstürmen zu sehen, der sich unterwegs mehr und mehr freiwillige Theilnehmer anschlossen. In der Umgebung des Bänkelsängers hatte man sehr wohl gehört, das Kin-Fo den Namen Wang aussprach. Zum Glück nannte der Philosoph nicht den seines früheren Schülers, denn gewiß hätte sich dann die ganze Stadt an die Sohlen eines so berühmten Mannes geheftet. Aber auch der Name Wang’s reichte schon hin, Alles in Bewegung zu setzen. Das war ja die räthselhafte Person, für deren Entdeckung eine so bedeutende Belohnung in Aussicht stand. Jedes Kind wußte davon. Wenn Kin-Fo in diesem Augenblicke also seinem Vermögen von 800.000 Dollars nachlief, so verfolgten Craig-Fry die versicherten 200.000 Dollars im Interesse ihrer Gesellschaft und suchten die Uebrigen die ausgesetzte Belohnung von 2000 Dollars zu erhaschen, gewiß Grund genug, um aller Welt flinke Beine zu machen.

»Wang! Wang! Ich bin ja reicher als je! rief Kin-Fo unablässig, so weit ihm dies die Anstrengung des Laufens gestattete.

– Nicht ruinirt! Im Gegentheil! fügten Craig-Fry noch hinzu.

– Aufhalten! Aufhalten!« kreischte der Haufen der übrigen Verfolger.

Wang hörte auf nichts. Er hielt die Arme eingestemmt und wollte sich offenbar nicht durch eine Antwort schwächen, noch durch ein Umwenden des Kopfes an Schnelligkeit verlieren.

So ging die Jagd durch die ganze Vorstadt weiter. Wang eilte nach der mit Quadersteinen belegten Straße längs des Kanals. Diese war menschenleer und bot ihm also die wenigsten Hindernisse. Nun flog er womöglich noch schneller dahin! Natürlich verdoppelten aber auch seine Verfolger ihre Bemühung, ihn einzuholen.

Zwanzig Minuten lang währte schon das tolle Treiben, ohne daß Jemand dessen endlichen Ausgang voraussehen konnte. Nach und nach schien der Flüchtling jedoch zu ermatten. Der Raum, der ihn von den Verfolgern trennte, verkleinerte sich allmälich.

Wang mochte das selbst fühlen; er machte daher einen Bogen und verschwand hinter dem dichten Gebüsch in der Nähe einer rechts an der Straße stehenden Pagode.

»Zehntausend Taëls, wer ihn aufhält! rief Kin-Fo.

– Zehntausend Taëls! wiederholten Craig und Fry.

– Ya! ya! ya!« heulten die Vordersten aus dem Volkshaufen.

Alle wandten sich seitwärts, dem Philosophen nach und schwärmten um die Mauer der Pagode.

»Nicht ruinirt!« rief Kin-Fo. (S. 118.)

Wang war wieder sichtbar geworden. Er folgte einem schmalen Fußpfade längs eines Bewässerungs-Kanals und machte, um seine Verfolger zu täuschen, dann wieder einen Bogen, der ihn nach der gepflasterten Hauptstraße führte.

Es sah aus, als wolle sich ein Haufen Clowns produciren. (S. 122.)

Allmälich schien er aber zu ermatten, denn er sah sich wiederholt fast ängstlich um. Kin-Fo, Craig und Fry fühlten noch keine Abnahme ihrer Kräfte. Sie eilten, sie flogen dahin, und keiner der Taël-Jäger vermochte sie zu überholen.

Die Katastrophe näherte sich – es war nur noch eine Frage der Zeit – und zwar einer sehr kurzen, vielleicht blos einiger Minuten.

Jetzt erreichten Wang, Kin-Fo, dessen Begleiter und alle Uebrigen die Stelle, wo die Straße mittelst der berühmten Palikao-Brücke den Strom überschreitet.

Achtzehn Jahre früher, am 21. September 1860, hätten sie in dieser Gegend der Provinz Pe-Tche-Li keinen freien Weg vor sich gehabt. Damals bedeckte eine Menge anderer Flüchtlinge die Straße. Die Armee des Generals San-Ko-Li-Tsin, des Onkels vom Kaiser, hatte, nachdem sie von den französischen Bataillonen zurückgeworfen war, Halt gemacht an genannter Palikao-Brücke, einem prachtvollen Bauwerke mit weißen Marmor-Balustraden, welche überlebensgroße Löwen schmücken. Hier wurden die in ihrem Fatalismus übrigens heldenmüthig Stand haltenden Mantschu-Tataren von den europäischen Kanonen aufgerieben.

Jetzt war die Brücke, welche noch immer die Spuren jenes Kampfes zeigte, vollkommen frei.

Wang floh immer weiter. Mit dem Aufgebote aller Kräfte kamen ihm Kin-Fo und die Anderen näher. Bald trennten sie nur noch zwanzig, fünfzehn, noch zehn Schritte von dem Flüchtling.

Man durfte gar nicht versuchen, Wang durch unnütze Zurufe, die er nicht hörte oder nicht hören wollte, zum Stehen zu bringen. Man mußte ihn einholen, packen, nöthigenfalls fesseln… nachher konnte die Erklärung folgen.

Wang sah ein, daß er unterliegen müsse; und da er in Folge einer unerklärlichen Starrsinnigkeit zu fürchten schien, seinem früheren Schüler Auge in Auge gegenüberzustehen, wagte er sogar das Leben daran, jenem zu entkommen.

Mit einem Satze schwang er sich auf die Seitenmauer der Brücke und sprang kurz entschlossen in den Peï-Ho.

Kin-Fo stutzte einen Augenblick und rief:

»Wang! Wang!«

Sofort faßte aber auch er einen herzhaften Entschluß.

»Ich werde ihn lebend auffischen! sagte er rasch zu seinen Begleitern und stürzte sich in den Strom nach.

– Craig! stotterte Fry.

– Fry! gab Craig ebenso zurück.

– Da liegen zweimalhunderttausend Dollars im Wasser!«

Schnell erklommen Beide die Balustrade und sprangen dem gefährlichen Clienten der »Hundertjährigen« zu Hilfe nach.

Etliche von den Freiwilligen folgten ebenfalls. Es sah aus, als wolle ein Haufen Clowns sich mit Springkunststückchen produciren.

Und doch erwies sich aller Eifer vergebens. So aufmerksam auch Kin-Fo, Craig-Fry und die von der versprochenen Belohnung angefeuerten Anderen den Peï-Ho absuchten, Wang wurde nicht wiedergefunden. Jedenfalls hatte die Strömung den unglücklichen Philosophen erfaßt und weit hinweg getrieben.

Ob Wang mit seinem Sprung in den Strom nur den nachstürmenden Verfolgern entgehen, oder aus geheimnißvollen Gründen damit seinem Leben ein Ende machen wollte, konnte Niemand entscheiden.

Zwei Stunden später befanden sich Kin-Fo, Craig und Fry, zwar enttäuscht in ihrer Hoffnung, aber wieder trocken und gestärkt, nebst Soun, den man aus dem besten Schlafe wecken mußte und der natürlich heimlich darüber schimpfte und wetterte, schon auf dem Wege nach Peking.

Vierzehntes Capitel.

In dem der Leser vier Städte in Form einer einzigen und ohne alle Anstrengung druchwandern kann.

Pe-Tche-Li, die nördlichste der achtzehn Provinzen Chinas, zerfällt in neun Districte. Die Hauptstadt eines des letzteren ist Chun-Kin-Fo, das heißt »die dem Himmel unterworfene Stadt ersten Ranges«; diese Stadt ist Peking.

Vergegenwärtige sich der geneigte Leser einen Wirrwarr von Gassen, wie er nur in China möglich erscheint, der eine Fläche von sechstausend Hektaren bedeckt, einen Umfang von acht Meilen hat und dessen unregelmäßige Einzeltheile ein richtiges Viereck ausfüllen, das ist jenes geheimnißvolle Kambalu, von dem Marco Polo gegen Ende des 13. Jahrhunderts eine so merkwürdige Beschreibung lieferte, das ist die Hauptstadt des Himmlischen Reiches.

Peking selbst besteht aus zwei streng getrennten Städten, welche ein langer Boulevard und eine befestigte Mauer trennen; die eine, die Chinesenstadt, bildet ein rechtwinkeliges, längliches Viereck; die andere, die Tatarenstadt, ein fast vollkommenes Quadrat; letztere umschließt zwei andere Städte, Hoang-Tching oder die Gelbe Stadt, und Tsen-Kin-Tching, die Rothe oder die Verbotene Stadt.

Früher zählten alle diese Theile zusammen wohl zwei Millionen Einwohner. Die durch grenzenloses Elend hervorgerufene Auswanderung hat jene Zahl bis auf die Hälfte herabgemindert. Die Bewohner bestehen aus Tataren und Chinesen, zu denen noch gegen zehntausend Mohammedaner nebst einer Anzahl Mongolen und Tibetaner als flottirende Bevölkerung zu rechnen sind.

Der Grundplan dieser beiden Städte bildet etwa eine Truhe, von der die chinesische Stadt den Kasten, die tatarische den Deckel darstellt.

Die Tatarenstadt umgiebt eine sechs Meilen lange, vierzig bis fünfzig Fuß hohe und breite, äußerlich mit Backsteinen bekleidete Umwallung, auf der in Entfernungen von je zweihundert Metern noch hervorspringende Thürme angebracht sind, während sie an den Ecken in ausgedehntere Bastionen ausläuft, welche stets von stärkeren Truppen-Abtheilungen besetzt sind.

Man sieht hieraus, daß der Kaiser, der Sohn des Himmels, sorgsam beschützt und bewacht ist.

Im Centrum der Tatarenstadt enthält die sogenannte Gelbe Stadt innerhalb ihres, etwa sechshundertsechzig Hektaren betragenden Gebietes, zu welchem acht Thore den Zugang vermitteln, einen dreihundert Fuß hohen Kohlenberg, den hervorragendsten Punkt der Hauptstadt, einen herrlichen Kanal, das »Meer der Mitte«, über den eine prachtvolle Marmorbrücke führt, zwei Bonzen-Convente, eine Pagode der Prüfungen, die Pei-tha-sse, d.i. eine auf einer Halbinsel erbaute Bonzerie, die auf dem Gewässer des Kanals zu schwimmen scheint, den Peh-Tang oder die Niederlassung der katholischen Missionäre, die kaiserliche Pagode mit ihrem prächtigen, reich mit hellen Glöckchen behangenen Dache aus lasurblauen Ziegeln, den großen, den Ahnen der Herrscherfamilie gewidmeten Tempel, ferner den Tempel der Geister, den des Genius des Windes wie des Genius der Blitze, den Tempel des Erfinders der Seide, den umfangreichen Tempel des Herrn des Himmels, die fünf Pavillons der Drachen, das Kloster der »Ewigen Ruhe« u.s.w. u.s.w.

Im Mittelpunkte dieser viereckigen sogenannten Gelben liegt nun die Verbotene Stadt in der Ausdehnung von achtzig Hektaren und umgeben von einem kanalisirten Graben mit sieben Marmorbrücken. Da die herrschende Dynastie zu den Mantschu gehört, kann es nicht auffallen, daß die erste der genannten Complexe, die Tatarenstadt, nur von einer Bevölkerung der nämlichen Race bewohnt wird. Die Chinesen sind daraus verwiesen und nehmen in dem nebenliegenden Straßencomplexe den Kasten der Truhe ein.

In das Innere der erwähnten Verbotenen Stadt, welche wieder von einer Mauer aus rothen Backsteinen mit einer Art Dach aus goldgelb gefirnißten Ziegeln eingeschlossen wird, gelangt man durch das Thor des Südens oder die Pforte der »Großen Reinheit«, die nur für den Kaiser und die Kaiserin vollständig geöffnet wird. Hier erheben sich der Ahnentempel der Tataren-Dynastie mit seinem Doppeldache aus vielfarbigen Ziegeln; die den Geistern der Erde und des Himmels geweihten Tempel Che und Tsi; der Palast der »Höchsten Eintracht«, der zu großen Feierlichkeiten und officiellen Festbanketten bestimmt ist; der Palast der »Kleineren Eintracht«, wo sich die Ahnenbilder des Sohnes des Himmels befinden; der Palast der »Schützenden Eintracht«, in dessen Mittelsaal der kaiserliche Thron aufgestellt ist; der Pavillon »Nei-Ko’s, wo die Sitzungen des Staatsrathes abgehalten werden, denen Prinz Kong1, der Minister der auswärtigen Angelegenheiten und Vaters Bruder des letzten Souveräns, präsidirt; der Pavillon der »Literarischen Blumen«, in dem der Kaiser jährlich einmal die heiligen Bücher erklärt; der Pavillon von Tchuane-Sine-Tiene, in welchem zu Confucius’ Ehren großartige Opfer dargebracht werden; das Bureau der Geschichtsschreiber; der Vu-Igne-Tiene, wo man die zur Herstellung der Bücher gebrauchten Kupferplatten und Holzstöcke aufbewahrt; die Ateliers zur Anfertigung der Kleidungsstücke für den kaiserlichen Hof; der Palast der »Himmlischen Reinheit«, bestimmt zur Verhandlung von Familien-Angelegenheiten; der Palast des »Höheren irdischen Elements«, in dem jeder neuen Kaiserin gehuldigt wird; der Tempel der verstorbenen Eltern; die vier, ursprünglich für die Witwe und Kinder des im Jahre 1861 verstorbenen Hien-Fong errichteten Paläste; der Tchu-Sieu-Kong, der Wohnsitz der kaiserlichen Gattinnen; der Palast der »Besonderen Schönheit«, mit den Sälen zu dem officiellen Empfange der Hofdamen; der Palast der »Allgemeinen Ruhe«, die sonderbare Bezeichnung einer Officierskinder-Schule; der Palast der »Reinigung und Verjüngung«; der Palast der »Reinheit des Nephrits«; die Wohnstätten der Prinzen von Geblüt; der Tempel des »Schutzgottes der Hauptstadt«; ein Tempel in tibetanischem Style; das Magazin der Krone; der Hof-Intendantur; der Lao-Kuang-Ko, die Wohnung der Eunuchen, von denen es in der Rothen Stadt nicht weniger als Fünftausend giebt; und endlich noch andere ausgezeichnete Bauwerke, mit denen die Zahl der Paläste innerhalb des eingeschlossenen Kaisersitzes auf achtundachtzig ansteigt, ohne hierbei den Tsen-Kuang-Ko, den am See der Gelben Stadt gelegenen Pavillon des »Purpurnen Lichtes« mitzuzählen, in welchem am 19. Juni 1873 die fünf Gesandten Deutschlands, Englands, Hollands, Rußlands und der Vereinigten Staaten vom Kaiser empfangen wurden.

Welches Forum des Alterthums hatte jemals eine solche Anhäufung an äußerer Gestalt so verschiedener und ihrem Inhalte nach so kostbarer Bauwerke aufzuweisen? Welche europäische Hauptstadt vermöchte mit obiger langen Nomenclatur zu concurriren?

Zu jenem Verzeichnisse tritt noch der zwei Meilen von Peking gelegene Uane-Cheu-Chane oder »Sommerpalast« hinzu. Nach seiner Zerstörung im Jahre 1860 finden sich jetzt freilich kaum noch Spuren seiner Gärten der »Vollkommenen Klarheit« und »Ruhigen Klarheit«, von dem Hügel der »Nephriten-Quelle« und dem Berge der »Zehntausend langen Leben«.

Rings um die Gelbe Stadt liegt die Tatarenstadt. Hier befinden sich die englische, französische und russische Gesandtschaft, das Hospital der Londoner Missions-Gesellschaft, die katholischen Missionshäuser des Ostens und des Nordens, die alten Elephantenställe, welche jetzt nur ein einäugiges hundertjähriges Exemplar dieser Thiere bergen. Hier erheben sich der berühmte Glockenthurm mit seinem rothen Dache, das durch grüne Ziegel in gleichmäßige Felder getheilt ist; der Tempel Confucius’; das Kloster der tausend Lamas; der Tempel Faquas; die alte Sternwarte mit ihrem gewaltigen, viereckigen Thurme; der Yamen der Jesuiten; der Yamen der Gelehrten, in dem die Staatsprüfungen abgehalten werden, und die Triumphbogen des Ostens und des Westens. Hier fließen das »Meer des Nordens« und das mit Seerosen und blauen Nymphäen bedeckte »Meer der Rosen«, welche, von dem Sommerpalaste herkommend, den Kanal der Gelben Stadt speisen. Hier glänzen ferner mehrere Paläste kaiserlicher Prinzen und der Minister der Finanzen, des Cultus, des Krieges, der öffentlichen Arbeiten und des Auswärtigen; der Rechnungshof, das Collegium für Astronomie und die Akademie der Medicin. Alles liegt wirr durcheinander, in engen, während der Sommers stauberfüllten, während des Winters tiefkothigen Gassen, zu beiden Seiten mit elenden niedrigen Häusern, unter die sich da und dort die von prächtigen Bäumen beschattete Wohnung eines hohen Würdenträgers verirrt zu haben scheint. Dazwischen tummeln sich herrenlose Hunde, schreiten mongolische Kameele mit ihrer Steinkohlenlast dahin, schwanken Palankine mit vier oder acht Trägern, je nach dem Stande der betreffenden Person, und rollen Wagen mit Mauleseln, polternde Karren, oder schwärmen arme Leute, nach Choutzé »eine Bettlerarmee von 60.000 Köpfen« umher; auch kommt es, sagt P. Aréne, »in den von stinkendem schwarzen Schmutz erfüllten Gassen mit Wasserlachen, in die man leicht bis aus Knie versinken kann, nicht selten vor, daß ein blinder Bettler unbeachtet ertrinkt«.

Nach vielen Seiten hin gleicht der chinesische Stadttheil Pekings, der selbst Vaï-Tcheng genannt wird, dem tatarischen Theile; nur in einzelnen Stücken unterscheidet er sich von jenem.

Die Mitte desselben nehmen zwei berühmte Bauwerke: der Tempel des Himmels und der des Ackerbaues ein; an verschiedenen Stellen vertheilt liegen die Tempel der Göttin Koanine, des Schutzgeistes der Erde, der Reinigung, des schwarzen Drachen und der Geister des Himmels und der Erde, ferner die Goldfischteiche, das Kloster von Fayuan-sse, Märkte, Theater u.s.w.

Des rechtwinkelige Parallelogramm, welches die Chinesenstadt bildet, wird von Norden nach Süden von einer bedeutenden Verkehrsader, der »Großen Allee«, durchschnitten, die von dem Thore Hung-Tings im Süden bis zum Thore Tiens im Norden führt. Quer durch dieselbe läuft eine noch längere Straße, welche jene in rechtem Winkel schneidet und von dem Thore Cha-Chuas im Osten bis zu dem Cuan-Tsus im Westen reicht. Diese heißt die Cha-Chua-Allee und hundert Schritte von ihrem Durchschneidungspunkte mit der Großen Allee wohnte die zukünftige Frau Kin-Fo.

Der Leser erinnert sich, daß die junge Witwe, wenige Tage nach dem Eintreffen des Briefes mit der Meldung seines Ruins, einen zweiten erhielt, der ganz anders lautete und ihr mittheilte, daß der siebente Mond nicht vorübergehen sollte, bevor »ihr kleiner jüngerer Bruder« zu ihr zurückgekehrt sein werde.

Häufig sahen sie die Bonzen. (S. 130.)

Es ist wohl unnütz, hervorzuheben, daß Le-U seit jenem Datum, dem 17. Mai, Tage und Stunden sehnsuchtsvoll zählte. Im Laufe seiner tollen Reise, deren Richtung und Wege er auf keinen Fall bekannt geben wollte, hatte Kin-Fo nicht eine Silbe von sich hören lassen. Le-U schrieb zwar nach Shang-Haï, doch blieben ihre Briefe ohne Antwort. Gewiß erscheint ihre Unruhe begreiflich, als ihr auch bis zum 19. Juni keine weitere Nachricht zugegangen war.

Sie ging auf eine sogenannte »Gebet-Mühle« zu. (S. 131.)

Niemals hatte die junge Frau während dieser langen Tage ihr Haus in der Cha-Chua-Allee verlassen. Sie harrte voller Sorge. Die grämliche Nan erschien auch nicht geeignet, sie in ihrer Einsamkeit zu trösten. Die »alte Mutter« benahm sich eigensinniger denn je und hätte jeden Monat hundertmal fortgejagt zu werden verdient.

Wie viele angstvolle Stunden sollten noch bis zu Kin-Fo’s Ankunft in Peking vergehen! Le-U zählte sie und die Reihe kam ihr sehr lang vor!

Wenn die Religion Lao-Tsu’s die älteste in China ist, und der etwa zu derselben Zeit (gegen 500 v. Chr.) verbreiteten Lehre des Confucius der Kaiser, die Gelehrten und die hohen Mandarinen zugethan sind, so zählt doch der Buddhismus oder die Lehre Fo’s weitaus die meisten Anhänger, auf der Erde überhaupt mehr als dreihundert Millionen. Der Buddhismus umschließt selbst wieder zwei verschiedene Secten, deren eine Bonzen mit grauem Ornat und rother Kopfbedeckung, die andere Lamas in gelbem Ornat als Priester hat.

Le-U war Buddhistin der ersten Secte. Häufig sahen sie die Bonzen in dem der Göttin Koanine gewidmeten Tempel Koan-Ti-Miaos. Daselbst betete sie für den Freund ihres Herzens und verbrannte, mit der Stirn auf dem Steingetäfel des Tempels liegend, wohlriechende Stäbchen.

Eben heute wollte sie sich wieder an die Göttin wenden und ihre Wünsche in innigstem Gebete darlegen. Eine unbestimmte Ahnung sagte ihr, daß der, dessen Ankunft sie so sehnsüchtig erwartete, von ernstlicher Gefahr bedroht sei.

Le-U rief also »die alte Mutter« und trug ihr auf, vor der Kreuzung der Großen Allee eine Sänfte herzurufen.

Nan zuckte die Achseln, wie sie es immer zu thun pflegte, und verschwand, dem erhaltenen Befehle nachzukommen.

Inzwischen betrachtete die in ihrem Boudoir allein zurückgebliebene junge Witwe traurig den verstummten Apparat, der sie jetzt nicht mehr die Stimme des Entfernten hören ließ.

»Ach, seufzte sie, er soll wenigstens erfahren, daß ich nicht aufgehört habe, seiner zu gedenken, und meine Stimme soll es ihm bei seiner endlichen Wiederkehr sagen!«

Le-U löste also die Feder aus, welche die Phonographen-Walze in Bewegung setzte, und sprach laut in den Apparat hinein, was ihr das liebevolle Herz eingab.

Nan’s plötzliches Eintreten unterbrach ihre zärtlichen Worte.

»Die Sänfte erwartet Sie, Madame, übrigens hätten Sie klüger gethan, zu Hause zu bleiben!«

Le-U hörte diese Worte nicht mehr. Sie machte sich sofort auf, ließ die »alte Mutter« nach Belieben schelten und murren und bestieg die Sänfte, welche sie nach dem Koan-Ti-Miao bringen sollte.

Der Weg dorthin verlief ziemlich gerade. Er führte die Cha-Chua-Allee hinauf bis zur Straßenkreuzung und dann längs der Großen Allee hin bis zum Thore Tiens.

Die Sänfte bewegte sich jedoch nur mühsam vorwärts. Es war jetzt eben Geschäftszeit, und in diesem stark bevölkerten Stadttheile herrschte dann ein besonders lebhafter Verkehr. Auf der Straße gaben die vielen Buden der Verkäufer der Allee das Aussehen eines Meßplatzes mit seinem Geschrei und Getümmel. Hier traten Redner auf, dort öffentliche Lehrer oder Wahrsager, Photographen, Caricaturenzeichner, welche selbst die Mitglieder der Mandarinenkaste mit ihrem Griffel nicht verschonten. Alles schrie und polterte wild durcheinander. Dann kam wieder ein pomphafter Leichenzug, der jede Bewegung hemmte, oder eine Hochzeitsgesellschaft, bei der es vielleicht weniger lustig zuging als bei dem vorigen, die aber einen ebenso großen Raum für sich in Anspruch nahm. Vor dem Yamen einer Magistratsperson sammelte sich eine Menschenmenge. Ein Kläger hatte auf die »Beschwerde-Trommel« geschlagen und begehrte die Entscheidung des Gerichtes. Auf dem Steine »Leu-Ping« kniete noch ein Verbrecher, der eben eine Tracht Hiebe erhalten und den Polizeisoldaten in rothknöpfiger Mantschumütze, ausgerüstet mit einem kurzen Spieße und zwei Säbeln in einer einzigen Scheide, bewachten. Weiterhin wurden einige widerspenstige Chinesen, die man mit ihren Zöpfen aneinandergebunden hatte, nach der Polizeiwache geschleppt. Ein armer Teufel, dessen linke Hand und rechter Faß in den Löchern eines Brettes befestigt waren, hinkte wie ein sonderbares Thier dahin. An einer anderen Stelle kauerte ein überwiesener Dieb in einem umgestürzten Kübel, durch dessen Boden nur der Kopf herausragte, der Mildthätigkeit der Vorübergehenden überlassen, ohne welche er Hungers sterben müßte, oder es keuchten Andere des Weges, mit dem Schandpfahl im Nacken, wie Ochsen unter dem Joche. Diese Unglücklichen suchten absichtlich belebtere Orte auf, indem sie, auf die Weichherzigkeit der Passanten speculirend, hier eine reichere Ernte von Almosen einzuheimsen hoffen durften, freilich nur zum Schaden der Bettler jeder Art, wie z.B. der Einarmigen, Hinkenden, Gelähmten, ganzer Reihen von Blinden, die ein Einäugiger führte, und der tausend Varietäten wahrer und falscher Gebrechlicher, die in den Städten des Reiches der Blumen umherwandern.

Die Sänfte konnte also nur langsam vorwärts kommen. Das Straßengewühl nahm immer mehr zu, je mehr man sich dem Ende der Allee näherte. Endlich gelangte sie jedoch an’s Ziel und hielt innerhalb des Walles, der den Eingang zum Tempel der Göttin Koanine vertheidigt.

Le-U verließ die Sänfte, trat in den Tempel und fiel zuerst auf die Kniee, worauf sie sich vor der Göttin zur Erde warf. Dann ging sie auf einen eigenthümlichen Apparat, eine sogenannte, Gebet-Mühle« zu.

Diese besteht aus einer Art Haspel, deren acht Speichen am Ende kleine Papierrollen mit frommen Sprüchen tragen.

Neben dem lächerlichen Apparate wartete ein Bonze in feierlichem Ernste, das Anliegen der Frommen und vorzüglich den dafür zu zahlenden Preis zu erfahren.

Le-U händigte dem Diener Buddha’s einige Taëls ein, als Beitrag zu den Unkosten des Gottesdienstes; dann ergriff sie mit der rechten Hand die Kurbel der Haspel und setzte sie, die linke Hand auf dem Herzen, durch einen leisen Druck in Umdrehung. Offenbar bewegte sich die Mühle zu langsam, um der Wirksamkeit des Gebetes sicher zu sein.

»Schneller!« mahnte sie der Bonze.

Die junge Frau haspelte noch eiliger.

Das mochte eine Viertelstunde währen, wonach der Bonze erklärte, die Gebete der Andächtigen würden Erhörung finden.

Noch einmal sank Le-U vor der Statue der Göttin zur Erde, verließ hierauf den Tempel und bestieg wieder die Sänfte, um nach ihrer Wohnung zurückzukehren.

Kaum in die Große Allee gelangt, mußten die Träger plötzlich zurück weichen. Rücksichtslos trieb eine Abtheilung Bewaffneter die Menschenmenge hinweg. Buden und Läden wurden geschlossen. Die einmündenden Seitenstraßen schloß man unter Aufsicht von Tipaos mittelst blauer Tapeten ab.

Ein langer Zug erschien in der Allee und bewegte sich geräuschvoll vorwärts.

Es war der Kaiser Koang-Sin, dessen Name so viel wie »die Fortsetzung des Ruhmes« bedeutet, der in seine Tatarenstadt zurückkehrte und vor dem sich das große Mittelthor der Verbotenen Stadt öffnen sollte.

Hinter zwei vorausmarschirenden Soldaten kam eine Abtheilung Reiter, nach diesen ein Haufen Piqueurs in Doppelreihen mit einem Stocke im Bandelier.

Nun folgte eine Gruppe hoher Officiere, den großen gelben flatternden Sonnenschirm tragend, der mit Drachenbildern, dem Embleme des Kaisers, geschmückt war, während ein Phönix das Sinnbild der Kaiserin ist.

Hierauf kam der Palankin, dessen gelbseidene Gardinen zurückgeschlagen waren, getragen von sechzehn Mann in rothen Gewändern mit weißen Rosetten und in seidenen, gestickten Westen. Prinzen von Geblüt, hohe Würdenträger, deren Pferde Sättel und Schabracken von gelber Seide trugen, begleiteten das kaiserliche Gefährt.

In dem Palankin saß halb liegend der Sohn des Himmels, der Vetter des früheren Kaisers Tong-Tche und Neffe des Prinzen Kong.

Nach dem Palankin folgten noch Stallknechte und Träger zum Ablösen der anderen.

Unter dem Thore Tiens verschwand endlich der ganze Zug zur Befriedigung der Spaziergänger ebenso, wie der Kaufleute und Bettler, welche nun ihre unterbrochenen Geschäfte fortsetzen konnten.

Auch Le-U’s Sänfte setzte sich wieder in Bewegung und brachte sie, nach einer Abwesenheit von zwei Stunden, glücklich nach Haus.

O, welch freudige Ueberraschung hatte die gute Göttin Koanine der jungen Frau inzwischen bereitet!

Gerade als die Sänfte anhielt, erschien ein ganz überstäubter, von zwei Mauleseln gezogener Wagen an ihrer Thür. Aus demselben stieg – Kin-Fo, gefolgt von Craig-Fry und Soun!

»Du! Du! rief Le-U, die ihren Augen kaum zu trauen wagte.

– Liebste, kleine jüngere Schwester! antwortete Kin-Fo, Du zweifeltest doch nicht an meinem Wiederkommen?…«

Le-U erwiderte kein Wort. Sie ergriff nur die Hand des Freundes und führte ihn in ihrem Boudoir nach dem Phonographen, dem vertrauten Freunde ihrer Klagen.

»Jeden Augenblick harrte ich Dir entgegen, Du liebes Herz mit seidenen Blumen!« sagte sie.

Dann verschob sie die Walze des Apparates und löste die Feder aus, welche jene trieb.

Da hörte Kin-Fo eine sanfte Stimme wiederholen, was die zärtliche Le-U wenige Stunden vorher gesprochen hatte.

»O, kehre zurück, geliebter kleiner Bruder! Komm zu mir zurück! Laß unsere Herzen stets vereinigt sein wie die beiden Sterne Castor und Pollux! Alle meine Gedanken sind nur bei Dir…«

Der Apparat schwieg eine Secunde… nur eine Secunde. Dann tönte eine zänkische Stimme aus demselben:

»Als ob es nicht genug wäre an einer Herrin im Hause, nun soll man gar noch einen Herrn bekommen! Daß sie Prinz Jen doch Beide erwürgte!«

Diese zweite Stimme war gar zu leicht kenntlich. Es war die Nan’s. Die mürrische »alte Mutter« hatte nach Le-U’s Fortgehen ihrem Unmuthe Luft gemacht, als der Apparat noch im Gang war, der nun ohne ihr Wissen jene unvorsichtigen Worte registrirte.

Ihr Diener und Kammermädchen, hütet Euch vor dem Phonographen!

Noch am nämlichen Tage erhielt Nan ihren Abschied und wurde noch vor Ausgang des siebenten Monats aus dem Hause gejagt.

Fußnoten

1 T. Choutzé erzählt in seinem Reisewerke: »Peking und der Norden Chinas« folgenden Zug vom Prinzen Kong, der wohl vor dem Vergessen bewahrt zu werden verdient:

Es war im Jahre 1870 während des blutigen Krieges, der damals in Frankreich hauste. Prinz Kong stattete aus irgendwelchem Grunde allen ausländischen Gesandten Besuche ab. Bei der französischen Gesandtschaft, die ihm zunächst am Wege lag, hatte er den Anfang gemacht. Eben war die Nachricht von der Niederlage bei Sedan eingetroffen. Graf von Rochechouart, der damalige französische Gesandte, theilte sie dem Prinzen mit.

Dieser rief sofort einen Officier seines Gefolges herbei.

»Befördern Sie eine Karte nach der Norddeutschen Gesandtschaft mit der Meldung, daß ich erst morgen vorsprechen könne!«

Dann wendete er sich wieder an den Grafen:

»Ich kann unmöglich an demselben Tage, wo ich dem Vertreter Frankreichs mein Beileid ausgesprochen habe, dem Vertreter Deutschlands meine Glückwünsche darbringen!«

Prinz Kong würde überall ein »Fürst« sein.

Fünfzehntes Capitel.

Das sicherlich für Kin-Fo, vielleicht auch für den Leser eine Ueberraschung enthält.

Jetzt stand der Vermählung des reichen Kin-Fo aus Shang-Haï und der liebenswürdigen Le-U aus Peking kein Hinderniß mehr entgegen. Zwar endigte die zur Erfüllung seines Versprechens Wang’s zugestandene Frist erst in sechs Tagen. Der unglückliche Philosoph hatte ja seine sinnlose Flucht aber mit dem Leben bezahlt. Jetzt war nichts mehr zu fürchten. Die Hochzeit konnte ausgerichtet werden. Sie wurde auf den 25. Juni, d.h. auf denselben Tag bestimmt, den Kin-Fo vorher als den letzten seines Erdenwallens festgesetzt hatte.

Die junge Frau erfuhr nun Alles, was inzwischen vorgefallen war. Sie sah ein, warum Derjenige, der jetzt zurückkehrte, um ihr das Glück des Lebens zu sein, sich zuerst geweigert hatte, sie unglücklich und dann sie noch einmal zur Witwe zu machen.

Als Le-U von dem Tode des Philosophen hörte, konnte sie sich doch einiger Thränen nicht erwehren. Sie kannte ihn ja und liebte ihn als den ersten Vertrauten ihres Herzensgeheimnisses.

»Armer Wang! sagte sie. Wir werden ihn bei unserer Hochzeit schmerzlich vermissen.

– Gewiß! Der arme Wang! wiederholte Kin-Fo, der auch selbst den Führer seiner Jugend, den zwanzigjährigen Freund aufrichtig bedauerte. Und doch fügte er hinzu, lebte er noch, so hätte er mich, seinem Versprechen, gemäß, getödtet!

– Nein, nein! erklärte Le-U, das schöne Köpfchen schüttelnd, vielleicht hat er den Tod in den Fluthen des Peï-Ho nur gesucht, um sich dieser entsetzlichen Verpflichtung zu entziehen!«

Diese Annahme hatte wirklich die größte Wahrscheinlichkeit für sich. Darüber, daß Wang sich ertränkt habe, um der Ausführung seines Auftrages überhoben zu sein, stimmten hier zwei Herzen überein, in denen das Bild des Philosophen wohl niemals verbleichen sollte.

Nach der Katastrophe an der Palikao-Brücke verschwanden aus den chinesischen Zeitungen natürlich die lächerlichen Aufrufe des ehrenwerthen William J. Bidulph, und auch die unbequeme Berühmtheit Kin-Fo’s verlor sich so schnell, wie sie entstanden war.

Was wurde nun aus Craig und Fry? Wohl reichte ihr Auftrag, das Interesse der »Hundertjährigen« wahrzunehmen, noch bis zum 30. Juni, also noch zehn Tage lang, im Grunde bedurfte Kin-Fo aber ihrer Dienste nicht weiter. Da Wang nicht mehr lebte, war ja gar nicht daran zu denken, daß er jenen noch umbringen könnte. Oder stand etwa zu befürchten, daß ihr Client nun selbst die verbrecherische Hand gegen sich erheben würde? Gewiß nicht. Kin-Fo verlangte ja auch nichts, als zu leben, als recht gut und recht lange zu leben. Die unausgesetzte Ueberwachung seitens Craig’s und Fry’s wurde damit also eigentlich gegenstandslos.

Alles in Allem waren die beiden Originale wirklich brave Männer. Galt ihre Opferwilligkeit eigentlich nur dem ihnen fremdstehenden Clienten der »Hundertjährigen«, so nahmen sie ihre Aufgabe doch sehr ernst und vergaßen derselben keinen Augenblick. Kin-Fo bat sie deshalb, nun auch noch den Hochzeitsfeierlichkeiten beizuwohnen, und sie willigten gern ein.

»Uebrigens, bemerkte Craig scherzend zu Fry, ist eine Heirat manchmal so viel wie ein Selbstmord!

– Wo man sein Leben hingiebt, während man es zu erhalten glaubt!« fügte Fry mit stillem Lächeln hinzu.

Am folgenden Tage trat in dem Hause in der Cha-Chua-Allee eine geeignetere Person an die Stelle Nan’s. Eine Tante der jungen Witwe, Frau Butalu, zog einstweilen zu ihr und wollte bis zur Feier der Hochzeit Mutterstelle bei derselben vertreten. Frau Butalu, die Gattin eines Mandarinen vierten Ranges, zweiter Classe mit blauem Knopfe, früher kaiserlicher Lehrer und Mitglied der Akademie Han-Liu, besaß alle körperlichen und geistigen Eigenschaften, um jenes wichtige Amt würdig auszufüllen.

Kin-Fo gedachte Peking gleich nach der Vermählung zu verlassen, da er nicht zu den Leuten gehörte, welche die Nachbarschaft eines Hofes leiden mögen. Ganz glücklich konnte er sich erst dann fühlen, wenn er seine junge Frau in dem reichen Yamen zu Shang-Haï schalten sah.

Kin-Fo reichte der hübschen Le-U die Hand. (S. 141.)

Kin-Fo mußte sich also nach einer vorläufigen Wohnung umsehen und fand, was er suchte, in Tiene-Fu-Tang, dem »Tempel des Himmlischen Glückes«, ein seines Hotel und Restaurant, nahe dem Boulevard Tiene-Men, zwischen der Tataren-und Chinesenstadt.

Ungeheure leuchtende Papierdrachen stiegen empor. (S. 141.)

Hier fanden auch Craig und Fry, die nun einmal von ihres Clienten Seite nicht weichen konnten, ein behagliches Unterkommen. Soun versah seinen Dienst wieder murrend wie immer, aber immer auf der Hut vor einem verrätherischen Phonographen. Nan’s Erfahrung hatte ihn vollständig gewitzigt.

Kin-Fo hatte die Freude, zwei seiner Bekannten aus Canton anzutreffen, und zwar den Kaufmann Yin-Pang und den Gelehrten Hual. Außerdem kannte er verschiedene Beamte und Händler in der Hauptstadt, welche es für ihre Pflicht betrachteten, bei dem bevorstehenden wichtigen Ereignisse als Zeugen zu dienen.

Jetzt war er wirklich glücklich, der ehemalige Lebensmüde, der unerregbare Schüler des Philosophen Wang! Zwei Monate voller Sorgen, Angst und Strapazen dieser stürmischen Periode seines Lebens hatten hingereicht, ihn schätzen zu lernen, was irdisches Glück ist, sein soll und sein kann. Ach, der weise Philosoph hatte gar zu sehr recht! Wäre er nur noch einmal hier gewesen, um den Werth seiner Lehren anerkannt zu sehen!

Kin-Fo verbrachte bei der jungen Frau jeden Augenblick, in dem ihn nicht die Vorbereitungen für die Hochzeit in Anspruch nahmen. Le-U strahlte vor Glückseligkeit, seit der Freund ihres Herzens in ihrer Nähe weilte. Warum plünderte er noch die reichsten Läden der Hauptstadt, um sie mit prächtigen Geschenken zu überhäufen? Sie dachte auch ohnedies ja nur an ihn und wiederholte sich die weisen Lehren des berühmten Pan-Hoei-Pan:

»Besitzt ein Weib einen Mann nach ihrem Herzen, so soll das für das ganze Leben sein.

»Die Frau soll eine unbegrenzte Achtung vor Dem haben, dessen Namen sie trägt, und unausgesetzt auf sich selbst aufmerksam sein.

»Die Frau soll im Hause sein wie ein bloßer Schatten und wie ein einfaches Echo.

»Der Gatte ist der Himmel der Gattin.«

Inzwischen schritten die Vorbereitungen zu dem Hochzeitsfeste, das Kin-Fo mit allem Glanze gefeiert wissen wollte, weiter vorwärts.

Schon standen die dreißig Paar gestickter Schuhe, welche zur Ausstattung einer Chinesin gehören, in der Wohnung an der Cha-Chua-Allee. Die Zuckerbäckereien der Firma Sinnyane, als Confituren, trockene Früchte, Mandeln, Gerstenzucker, Prünellensyrup, Orangen, Ingwer, Pomeranzen, auch prächtige Seidenstoffe, Schmucke aus kostbaren Steinen und seinem ciselirten Gold, Spangen, Armbänder, Nagel-Etuis, Kopfnadeln u.s.w., kurz alle die reizenden, phantastischen Erzeugnisse der Kunstfertigkeit Pekings sammelten sich in Le-U’s Zimmer an.

In dem nach allen Seiten so eigenartigen Reich der Mitte erhält eine sich verheirathende Tochter keinerlei Mitgift. Sie wird von den Eltern des Mannes oder auch von diesem selbst wirklich gekauft, und auch wenn sie keine Brüder hat, kann sie von dem väterlichen Vermögen nur dann einen Antheil erben, wenn das von Seite des Vaters ausdrücklich erklärt ist. Diese Verhältnisse werden gewöhnlich durch Zwischenhändler, sogenannte »Mei-jin«, geordnet und eine Heirath nicht eher abgeschlossen, als bis man sich in dieser Hinsicht geeinigt hat.

Die Braut wird hierauf den Eltern des zukünftigen Gatten vorgestellt. Dieser selbst bekommt sie nicht zu sehen. Er erblickt dieselbe zum ersten Male, wenn sie in verschlossener Sänfte an dem Hause des bestimmten Gatten anlangt. Nun erhält der Letztere den Schlüssel der Sänfte. Er öffnet deren Thür. Ist ihm die Braut genehm, so bietet er ihr die Hand; gefällt sie ihm nicht, so wirst er einfach die Thür zu und Alles ist aufgehoben, nur daß die Eltern des jungen Mädchens das bedungene Aufgeld behalten.

Bei der Verheirathung Kin-Fo’s lagen die Sachen ja ganz anders. Er kannte die junge Frau und brauchte sie von Niemand zu kaufen. Damit gestaltete sich Alles weit einfacher.

Der 25. Juni kam heran.

Der Sitte gemäß blieb das Haus Le-U’s drei Tage lang vorher im Innern erleuchtet. Drei Nächte hindurch mußte Frau Butalu, welche die Familie der Zukünftigen repräsentirte, sich jedes Schlafes enthalten, ein Gebrauch, durch den man seine Trauer zu erkennen giebt, wenn die Braut das Vaterhaus verlassen soll. Hätte Kin-Fo noch Eltern gehabt, so würde auch sein Haus zum Zeichen der Trauer beleuchtet worden sein, weil man die Heirath des Sohnes gewissermaßen als den Tod des Vaters betrachtet, dem der Erstere nun zu folgen scheint, sagt der Hao-Khieu-Tchuen.

Konnte man bei der Vereinigung der bezüglich ihrer Person völlig unabhängigen Verlobten auch von mancher Förmlichkeit absehen, so mußte man doch einige andere unbedingt beachten.

So wurden der Sitte entsprechend die Astrologen befragt. Das nach allen Regeln der Kunst gestellte Horoskop deutete auf eine völlige Uebereinstimmung der Wünsche des Brautpaares. Die Zeit des Jahres und das Alter des Mondes zeigten sich günstig. Noch nie wurde eine Hochzeit unter so vortrefflichen Aussichten vollzogen.

Der Empfang der Braut sollte um acht Uhr Abends im Hôtel zum »Himmlischen Glück« stattfinden, d.h. die Gattin sollte dem Gatten dorthin, als dessen zeitweiliger Wohnung, zugeführt werden. In China bedarf es bei einer solchen Gelegenheit niemals ebensowenig einer weltlichen Behörde, wie der Mitwirkung eines Priesters, eines Bonzen, Lamas oder eines Anderen.

Um sieben Uhr empfing Kin-Fo, stets in Gesellschaft Craig’s und Fry’s, beide Letztere immer in derselben feierlichen Haltung, wie bei einer europäischen Hochzeit, die geladenen Freunde an der Schwelle seines Zimmers.

Welche Verschwendung von Höflichkeiten! Die vornehmen Gäste hatten eine Einladung auf rothem Papier mit einigen Linien in mikroskopisch kleinen Schriftzügen erhalten: »Herr Kin-Fo aus Shang-Haï, so lauteten dieselben, grüßt demüthig Herrn…. und bittet ihn noch demüthiger…. der erbärmlichen Ceremonie beizuwohnen…. u.s.w.«

Alle haben sich eingestellt, um das verlobte Paar zu ehren und an dem reichlichen Festessen für Herren theilzunehmen, während für die Damen eine besondere Tafel servirt war. Hier erschienen der Kaufmann Yin-Pang und der Gelehrte Hual; ferner einige Mandarinen in officieller Kopfbedeckung mit rothem, taubeneigroßem Knopfe als Zeichen, daß sie unter die ersten drei Ordnungen gehörten, Andere von niedrigerem Range hatten nur blaue oder weiße Knöpfe. Die meisten Theilnehmer bestanden aus Civilbeamten von chinesischer Herkunft, was sich wohl von selbst versteht, da der Gastgeber aus Shang-Haï der tatarischen Race abhold war. Alle trugen die besten Kleider von prächtigen Stoffen nebst festlichem Kopfschmuck und bildeten eine wahrhaft glänzende Versammlung.

Kin-Fo erwartete sie, wie es die Höflichkeit erforderte, am Eingang des Hôtels. Sobald sie ankamen, führte er sie nach dem Empfangssalon, wobei er dieselben stets zweimal bat, durch die von Dienern geöffneten Thüren vor ihm einzutreten. Er nannte Alle mit ihren »vornehmen Namen«, erkundigte sich nach ihrer »vornehmen Gesundheit« und nach ihrer »vornehmen Familie«.

Auch der peinlichste Beobachter und gründlichste Kenner dieser läppischen Höflichkeitsbezeugungen hätte ihm keinen Verstoß gegen dieselben nachweisen können.

Craig und Fry bewunderten seine Gewandtheit; trotz aller Bewunderung verloren sie jedoch den ihrer Sorge anvertrauten Clienten nie aus den Augen.

Beiden war nämlich plötzlich ein und derselbe Gedanke gekommen. Wie, wenn nun, obwohl das kaum möglich schien, Wang doch nicht in den Wellen des Flusses umgekommen wäre?

Wenn er sich unbemerkt unter die Zahl der Gäste mischte?… Noch hatte ja die vierundzwanzigste Stunde des 25. Juni – die letzte der gewährten Frist – nicht geschlagen. Noch war die Hand des alten Taï-Ping nicht entwaffnet! Wenn er nun im letzten Augenblick…?

Nein, das konnte man kaum annehmen, und doch schien es nicht unmöglich.

Aus gewohnter Vorsicht musterten Craig und Fry sorgsam alle Anwesenden… Kein verdächtiges Gesicht befand sich darunter.

Inzwischen verließ die zukünftige Gattin ihr Haus in der Cha-Chua-Allee und nahm in einer verschlossenen Sänfte Platz.

Hatte Kin-Fo auch nicht die Kleidung eines Mandarinen angelegt – ein Recht, das jedem Bräutigam zusteht zu Ehren der Vermählung, auf welches die alten Gesetzgeber einen hohen Werth legten – so befolgte Le-U desto strenger alle in der vornehmen Gesellschaft giltigen Regeln. Sie glänzte in vollkommen rother, aus schweren, gestickten Seidenstoffen hergestellter Toilette. Ihr Gesicht verbarg sich sozusagen hinter einem Schleier feiner Perlen, welche von dem reichen, die Stirn begrenzenden goldenen Diadem herabzutropfen schienen. Köstliche Steine und künstliche Blumen schmückten ihr volles Haar und ihre langen Zöpfe. Kin-Fo mußte sie noch reizender finden als bisher, wenn sie aus der Sänfte steigen würde, die seine Hand bald öffnen sollte.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Er überschritt die Straßenkreuzung nach der Großen Allee zu und folgte dann dem Boulevard Tiene-Men. Es wäre gewiß mehr Pracht entfaltet worden, wenn es sich statt um eine Hochzeit um eine Beerdigung gehandelt hätte, doch erregte der Zug auch jetzt schon die Aufmerksamkeit der Leute auf der Straße.

Freundinnen und Jugendgefährtinnen Le-U’s folgten dem Palankin und trugen die verschiedenen Stücke des Brautschatzes zur Schau. Voraus gingen etwa zwanzig Musiker, die mit ihren Kupfer-Instrumenten, unter denen sich auch ein Gong befand, einen Heidenlärm zu machen wußten. Um die Sänfte herum schwärmten eine Menge Träger mit Fackeln und bunten Laternen. Die Braut selbst blieb allen Blicken entzogen. Der Etiquette gemäß durfte sie eben Niemand eher sehen als der zukünftige Gatte.

So kam der Zug inmitten einer jubelnden Volksmenge gegen acht Uhr Abends am »Hotel des Himmlischen Glückes« an.

Kin-Fo stand mit seinen Freunden vor dem reich geschmückten Eingang. Er erwartete den Palankin, um sofort dessen Thür zu öffnen. Nachher schrieb ihm die Pflicht vor, die Braut nach einem besonderen Zimmer zu geleiten, wo Beide viermal den Himmel anrufen sollten. Erst darauf erschien das Paar bei dem Festmahle. Die Braut mußte vor dem Erwählten viermal auf die Kniee fallen, Letzterer vor ihr ebenfalls zweimal. Dann verspritzten Beide einige Tropfen Wein als Sühnopfer und boten den »Vermittelnden Geistern« Speise und Trank an. Zuletzt sollte man ihnen zwei gefüllte Becher bringen, welche sie zur Hälfte zu leeren hatten; der Rest wird endlich gemengt und von den Verlobten gemeinschaftlich getrunken, womit die Verbindung besiegelt ist.

Der Palankin langte an. Kin-Fo schritt auf denselben zu. Ein Ceremonienmeister überlieferte ihm den Schlüssel. Er ergriff diesen, öffnete die Thür und reichte der gerührten Le-U die Hand. Die Braut stieg aus und durchschritt die Reihe der Gäste, die sie durch Erheben der Hand bis zur Höhe der Brust ehrerbietig begrüßten.

Eben als die junge Frau den Eingang des Hôtels betrat, ertönte ein Signal. Ungeheure leuchtende Papierdrachen stiegen empor, schaukelten sich im leichten Abendwind und zeigten die vielfarbigen Embleme von Drachen, Phönix und anderen Andeutungen einer Hochzeit. Gleichzeitig flogen an Faden Tauben auf, die einen tönenden Apparat trugen und die Luft mit sanfter Harmonie erfüllten. Dazu brannte man Schwärmer und Leuchtkugeln in allen Farben ab, welche zerspringend einen wahren Goldregen ausschütteten. Plötzlich hörte man von dem Boulevard Tiene-Men her ein entferntes Geräusch. Es war ein Geschrei, untermischt mit den durchdringenden Tönen einer Trompete. Dann ward es einen Augenblick still und nachher erhob sich der Lärm von Neuem.

Der Trubel kam näher und näher und erreichte endlich die Stelle, wo der Hochzeitszug Halt gemacht hatte.

Kin-Fo lauschte. Seine Freunde warteten, daß die junge Frau in das Hôtel eintreten sollte.

Dann entstand auf der Straße eine eigenthümliche Bewegung. Näher und deutlicher vernahm man das Schmettern der Trompete.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte Kin-Fo.

Le-U’s Gesichtsausdruck verdüsterte sich. Ein dunkles Vorgefühl ließ ihr Herz stürmischer schlagen.

Jetzt brach ein Menschenstrom in die Straße ein. Alles umringte einen Herold in kaiserlicher Livree, den mehrere Tipaos begleiteten.

Dieser Herold rief unter allgemeinem Schweigen einige Worte aus, auf welche ein Gemurmel antwortete:

»Die verwitwete Kaiserin ist verschieden!

Verbotene Zeit! Verbotene Zeit!«

Kin-Fo begriff Alles. Das war ein Schlag, der ihn empfindlich traf. Er vermochte kaum einen Ausbruch des Zornes zurückzuhalten.

In Folge des Todes der verwitweten Kaiserin hatte der Hof jetzt Trauer bekommen. Während einer durch Gesetz zu bestimmenden Zeit war es Jedermann untersagt, sich den Kopf zu rasiren, öffentliche Feste oder Schaustellungen zu veranstalten, während die Gerichte ihre Sitzungen aussetzten und auch keine Vermählung abgeschlossen werden durfte.

Trostlos, aber ergeben machte Le-U zum bösen Spiele gute Miene, um ihrem Verlobten nicht noch mehr Herzeleid zu bereiten. Sie ergriff die Hand Kin-

»So warten wir noch!« sagte sie mit einer Stimme, in welcher sich doch ihre Erregung nicht ganz verbergen konnte.

Die Sänfte kehrte mit der jungen Frau nach der Cha-Chua-Allee zurück, die Festlichkeiten wurden eingestellt, die Tafeln abgeräumt, die Musik nach Haus geschickt und die Freunde des verzweifelnden Kin-Fo trennten sich, nachdem sie ihm ihr herzliches Bedauern ausgesprochen hatten.

Das kaiserliche Verbot im Geheimen zu übertreten, daran war gar nicht zu denken.

Das Mißgeschick verfolgte Kin-Fo noch immer. Es war für ihn wieder Gelegenheit, sich der weisen Lehren zu erinnern, die er von seinem alten Lehrer erhalten hatte.

Kin-Fo war mit Craig und Fry allein in dem verlassenen Saale des »Hôtels zum Himmlischen Glück« – ein Name, der ihm jetzt als recht bitterer Sarkasmus erschien – zurückgeblieben.

Die Dauer der verbotenen Zeit konnte von dem Sohne des Himmels ganz nach Gutdünken festgesetzt werden. Und er hatte darauf gerechnet, auf der Stelle nach Shang-Haï zurückzukehren, die junge Frau in seinem reichen Yamen einzuführen und unter veränderten Verhältnissen nun ein neues Leben zu beginnen!…

Eine Stunde später trat ein Diener ein, der ihm einen, eben von einem Boten abgegebenen Brief überlieferte.

Kin-Fo, der die Schriftzüge der Adresse erkannte, konnte einen leisen Schrei nicht unterdrücken.

Der Brief kam von Wang und enthielt Folgendes:

»Mein Freund! Ich bin nicht todt, doch wenn Du diese Zeilen erhältst, werde ich aufgehört haben zu leben!

»Ich sterbe, weil mir der Muth fehlt, mein Versprechen zu halten. Doch beruhige Dich, ich habe für Alles gesorgt.

»Lao-Shen, ein Anführer der Taï-Ping, mein alter Kriegskamerad, besitzt Deinen Brief! Er wird das Herz und die sichere Hand dazu haben, den entsetzlichen Auftrag auszuführen, den Du mir aufdrängtest. Ihm wird also das für mich versicherte Capital zufallen, das ich ihm überwiesen habe, und das er erheben wird, wenn Du nicht mehr bist!

»Leb’ wohl! Ich gehe Dir im Tode voran! Leb’ wohl, Freund, auf baldiges Wiedersehen!…

Wang!«

Sechzehntes Capitel.

In welchem Kin-Fo noch immer als Junggesell von Neuem in die Welt geht.

Kin-Fo’s eigenthümliche Lage gestaltete sich ernster als je.

Wang war also doch, als es darauf ankam, seinem alten Schüler den Todesstoß zu geben, trotz seines Versprechens vor der Ausführung der That zurückgeschreckt. Er wußte offenbar nichts von der Veränderung der Umstände Kin-Fo’s, denn sein Brief enthielt darüber nicht die geringste Andeutung. Wang hatte einen Anderen dafür gewonnen, sein Versprechen einzulösen, und was für einen Anderen! Einen der gefürchtetsten Taï-Ping, der sich kein Gewissen daraus machen würde, einen einfachen Mord zu begehen, für den ihn kein Mensch zur Verantwortung ziehen konnte! Kin-Fo’s eigenhändiger Brief sicherte ihm vollständige Straflosigkeit, und Wangs Cession überdies ein Capital von fünfzigtausend Dollars!

»Zum Teufel, nun wird mir die Sache doch zu toll!« rief Kin-Fo in der ersten Aufwallung des Unmuthes.

Craig und Fry nahmen in das Schreiben Wangs Einsicht.

»Ihr Brief bezeichnet also nicht den 25. Juni als letzten Tag der Frist? fragten die Agenten.

– Leider nein! erwiderte Kin-Fo. Wang konnte und wollte ja erst das Datum meines Todestages selbst hinzusetzen. Jetzt kann jener Lao-Shen davon Gebrauch machen, wann er will, und ist an keine Zeit gebunden.

»Verbotene Zeit! Verbotene Zeit! (S. 142.)

– O, entgegneten Fry-Craig, er hat ein Interesse daran, bald zur That zu schreiten.

– Weshalb?

– Nun, er muß darauf achten, daß Ihre Police nicht abgelaufen ist, da das Capital ihm sonst verloren geht!«

Gegen diese Bemerkung war kein Widerspruch zu erheben.

»Richtig, bestätigte Kin-Fo, aber ich darf dennoch keine Stunde verlieren, um meinen Brief womöglich wieder zu erlangen, und müßte ich ihn Lao-Shen mit den ihm garantirten fünfzigtausend Dollars abkaufen.

– Ganz recht, sagte Craig.

– Gewiß, fügte Fry hinzu.

– Ich werde also wieder aufbrechen! Zunächst gilt es, zu wissen, wo sich jener Taï-Ping-Führer aufhält. Er wird doch nicht ebenso unauffindbar sein wie unser Wang!«

Als er so sprach, litt es Kin-Fo schon gar nicht mehr an einer Stelle. Er ging unruhigen Schrittes auf und ab. Die aufeinander folgenden Schicksalsschläge, welche ihn trafen, versetzten den Armen in eine ungewöhnliche Aufregung.

»Ich reife ab, erklärte er bestimmt. Ich suche Lao-Shen auf. Sie, meine Herren, mögen thun, was Ihnen gefällt.

– Die Interessen der »Hundertjährigen« antwortete Craig-Fry, sind jetzt mehr bedroht als je. Wir würden unsere Pflicht verletzen, wenn wir Sie verließen. Wir werden also bei Ihnen bleiben!«

Nun galt es zu eilen. Vor allem freilich schien es nothwendig, zu wissen, an welchem Orte sich der bezeichnete Lao-Shen aufhielt. Er war zu bekannt, als daß dies hätte Schwierigkeiten haben können.

Jener alte Waffenbruder Wang’s aus der Zeit der Mang-Tchan hatte sich, das wußte man, nach dem Norden Chinas, jenseits der Großen Mauer zurückgezogen und hauste in der Nähe des Golfes von Leao-Tong, einem Annex des Golfes Pe-Tche-Li. Wenn die kaiserliche Regierung mit ihm noch nicht, wie mit vielen anderen Rebellenführern, verhandelt hatte und er also noch nicht zurückgekehrt war, so ließ sie ihn doch jenseits der eigentlichen Grenzen Chinas ungestört sein Wesen treiben, wo der jetzt zu einer bescheidenen Rolle verurtheilte Lao-Shen sich als einfacher Straßenräuber bemerkbar machte. Wahrlich, Wang hätte keinen besseren für seinen Auftrag wählen können! Jener würde gewiß kein Bedenken tragen, und ein Dolchstoß mehr oder weniger konnte sein Gewissen auch nicht weiter belästigen.

Kin-Fo und die beiden Agenten suchten sich also möglichst genau zu unterrichten und erfuhren, daß der Taï-Ping zuletzt in der Umgebung von Fu-Ning, einem kleinen Hafen im Golf Leao-Tong, sichtbar gewesen sei. Dorthin beschlossen sie also ohne Zögern zu eilen.

Zuerst wurde Le-U über das Vorgefallene benachrichtigt. Ihre Sorge und Angst begann von Neuem. Ihre schönen Augen füllten sich mit Thränen. Sie bemühte sich, Kin-Fo von dieser Reise abzureden. Ging er nicht einer unabwendbaren Gefahr entgegen? Erschien es nicht gerathener zu warten, von hier wegzugehen, nöthigenfalls das Himmlische Reich zu verlassen und in einem entfernten Winkel der Welt Zuflucht zu suchen, wo der Arm des blutdürstigen Lao-Shen ihn nicht würde erreichen können? Kin-Fo hielt der jungen Frau dagegen ein, daß es ihm unmöglich sein werde, unter diesem fortwährenden Bedrohtsein zu leben, der Gnade eines solchen Schurken anheimgegeben zu sein und für immer eine ungewisse Zukunft vor sich zu haben. Nein! dem mußte nun ein für alle Mal ein Ende gemacht werden. Kin-Fo und seine getreuen Akolythen wollten noch an demselben Tage aufbrechen, den Taï-Ping aufsuchen, ihm den so unerwartet folgenschweren Brief um jeden Fall abkaufen und gedachten nach Peking vor der Aufhebung des kaiserlichen Erlasses zurückzukehren.

»Liebe kleine Schwester, redete Kin-Fo die Verlobte an, jetzt bin ich fast zufrieden damit, daß unsere Hochzeit auf kurze Zeit verschoben werden mußte! Wie unglücklich wären wir, wenn sie schon vorüber wäre!

– O, dann hätte ich das Recht und die Pflicht, Dir zu folgen und würde das gewiß auch thun! erwiderte Le-U.

– Nein, entgegnete Kin-Fo, lieber würde ich tausendmal den Tod erleiden, als Dich nur einer Gefahr aussetzen!… Leb’ wohl, Le-U, leb’ wohl!…«

Mit feuchten Augen entriß sich Kin-Fo den Armen der jungen Frau, die ihn zurückzuhalten suchten.

Noch an dem nämlichen Tage verließen Kin-Fo, Craig und Fry, gefolgt von Soun, der nun einmal keinen Augenblick Ruhe genießen sollte, Peking und begaben sich zunächst nach Tong-Tcheu, das sie binnen einer Stunde erreichten.

Inzwischen hatte man sich auch über die nächsten Schritte verständigt.

Eine Reise über Land, quer durch mehrere ziemlich unsichere Provinzen bot voraussichtlich zu viel Schwierigkeiten.

Hätte es sich nur darum gehandelt, bis zur Großen Mauer im Norden der Hauptstadt vorzudringen, so hätte man sich trotz der Gefahren dieses etwa hundertsechzig Li (etwa einundsiebzig Kilometer) langen Weges doch vielleicht für denselben entschieden. Der Hafen von Fu-Ning lag aber nicht eigentlich im Norden, sondern im Nordosten des Reiches. Die Wasserstraße versprach unbedingt mehr Sicherheit und Zeitgewinn. Ueber das Meer gehend, konnten Kin-Fo und seine Begleiter binnen vier bis fünf Tagen dort ankommen und sich über die weiter zu thuenden Schritte einigen.

Jetzt mußte man sich erst darüber vergewissern, ob auch bald ein Schiff nach Fu-Ning abging, worüber ja die Schiffscommissionäre in Tong-Tcheu unterrichtet sein mußten.

Gegenüber dem Unglück, das sonst seinen Fersen folgte, begünstigte diesmal der Zufall Kin-Fo’s Absicht. Ein Fahrzeug, das nach Fu-Ning geladen hatte, lag an der Mündung des Peï-Ho.

Sofort wollte man nun einen jener schnellen Dampfer besteigen, welche den Strom befahren, und auf dem bezeichneten Schiffe an Bord gehen.

Craig und Fry hatten vorher nur eine Stunde zu den nothwendigsten Vorbereitungen beansprucht, die sie dazu verwendeten, alle denkbaren Rettungsapparate einzukaufen, von dem einfachen Gürtel bis zu der gegen das Versinken sichernden Kleidung des Kapitän Boyton. Kin-Fo war ja noch immer 200.000 Dollars werth. Er begab sich auf’s Meer ohne Zahlung einer Extraprämie, da er ja alle Gefahren versichert hatte. Ein Unglücksfall war dabei nicht gänzlich ausgeschlossen. Man mußte sich also vorsehen und that das auch nach jeder Seite hin.

Am 26. Juni zu Mittag betraten Kin-Fo, Craig, Fry und Soun also den »Peï-Tang« und fuhren mit demselben den Peï-Ho hinab. Der Strom verläuft in so starken Krümmungen, daß die Länge desselben von Tong-Tcheu bis zur Mündung wohl das Doppelte der Luftlinie beträgt; er ist jedoch kanalisirt und auch für Schiffe von großem Tiefgang fahrbar. Der Schiffsverkehr auf demselben ist daher auch sehr lebhaft und übertrifft beiweitem den auf der Landstraße, welche ziemlich parallel mit ihm verläuft.

Rasch glitt der »Peï-Tang« zwischen den Baken des Stromes hinab, peitschte mit seinen Schaufelrädern dessen gelbliche Fluthen und trieb die dem Ufer nachtreibenden Wellen in die Bewässerungskanäle zu beiden Seiten. Bald kam man an dem hohen Thurm einer Pagode in der Nähe von Tong-Tcheu vorüber, welche bei einer scharfen Biegung des Flusses ebenso schnell den Blicken wieder entschwand.

In dieser Gegend ist der Peï-Ho noch nicht besonders breit. Er strömt abwechselnd dahin zwischen sandigen Dünen, kleinen Meiereien, in ziemlich bewaldeter Landschaft mit Obstgärten und lebenden Hecken. Von bedeutenderen Ortschaften liegen an dessen Ufern Matao, He-Si-Vu, Nane-Tsae und Yang-Tsune, wo sich schon der Wechsel von Ebbe und Fluth bemerkbar macht.

Bald zeigte sich Tien-Tsin. Hier gab es einigen Aufenthalt, da erst die öffentliche Brücke geöffnet werden mußte, welche beide Ufer des Stromes verbindet; dazu lagen Hunderte von Schiffen im Hafen, durch welche der Dampfer sich vorsichtig seinen Weg zu bahnen hatte. Da gab es Geschrei von allen Seiten und mancher Barke kostete es ihre Taue, mit denen sie im Strome festgehalten war. Letztere schnitt man übrigens einfach entzwei, ohne zu fragen, ob man Anderen dadurch einen Schaden bereite oder nicht. Natürlich entstand gleichzeitig ein gewaltiger Wirrwarr von stromabwärts treibenden Schiffen, welche den Hafenmeistern von Tien-Tsin ein gut Stück Arbeit verursacht hätten, wenn es hier überhaupt Hafenmeister gegeben hätte.

Es versteht sich von selbst, daß Craig und Fry während der ganzen Fahrt ihren Clienten nicht einen Augenblick aus den Augen ließen.

Es handelte sich ja nicht mehr um den Philosophen Wang, mit dem man sich leicht hätte verständigen können, wenn es nur gelang, ihm die nöthigen Mittheilungen zu machen, sondern um Lao-Shen, einen Taï-Ping, den sie noch nicht einmal kannten und der ihnen deshalb um so gefährlicher erschien. Da man auf dem Wege zu ihm war, hätte man sich hier eigentlich sicher fühlen können, doch wer stand dafür, daß er sich nicht selbst schon aufgemacht hatte, sein Opfer zu suchen? Craig und Fry sahen in jedem Passagier des Peï-Tang einen Mörder! Sie aßen nicht mehr, sie schliefen nicht mehr, sie waren für alles Andere abgestorben!

Waren aber Kin-Fo, Craig und Fry nur sehr unruhig, so verging der arme Soun fast vor Angst. Schon der Gedanke, auf das Meer zu gehen, schnürte ihm das Herz zusammen. Er erbleichte mehr und mehr, je mehr der »Peï-Tang« sich dem Golfe von Pe-Tche-Li näherte. Seine Nase spitzte sich zu und der Mund krampfte sich zusammen, obwohl der Dampfer vollkommen ruhig das Wasser des Stromes durchschnitt.

Was sollte erst daraus werden, wenn Soun die kurzen, stoßenden Wellen eines eingeschränkten Meeres ertragen sollte, bei denen die Schiffe weit heftiger und häufiger stampfen als im freien Ocean!

»Sie waren noch nie auf See? fragte ihn Craig.

– Noch niemals.

– Es bekommt Ihnen wohl nicht? fragte Fry.

– Nein!

– Halten Sie den Kopf immer hoch, sagte Craig.

– Den Kopf?

– Und machen Sie den Mund nicht auf…. setzte Fry hinzu.

– Den Mund?…«

Soun machte den beiden Agenten begreiflich, daß er am liebsten gar nicht spreche, und begab sich nach der Mitte des Schiffes, nicht ohne einen Blick über den jetzt schon sehr breiten Strom geworfen zu haben; jenen melancholischen Blick der Leute, denen man es ansieht, daß sie der für den Zuschauer immer etwas lächerlichen Seekrankheit nicht entgehen werden.

Der Anblick der Landschaft zu den Seiten des Flusses hatte sich allmälich verändert. Das rechte, steilere Ufer contrastirte mit seinen Abhängen merkbar gegen das linke, an dessen flachem Strande eine leichte Brandung schäumte. Jenseits erstreckten sich endlose Felder mit Sorgho, Mais, Weizen und Hirse.

So wie überall in China – eine Mutter, die so viele Millionen Kinder zu ernähren hat – sah man nirgends das kleinste Stückchen kulturfähigen Landes, das brach gelegen hätte. Ueberallhin schlängelten sich Kanäle zur Bewässerung oder waren Bambusgerüste aufgestellt, mit einer Art sehr einfacher Schöpfräder, welche reichliche Wassermengen nach allen Seiten verbreiteten. Da und dort erhoben sich in der Nähe von Dörfern, welche ganz aus gelbem Lehm zu bestehen schienen, vereinzelte Baumgruppen, darunter uralte Apfelbäume, welche auch einer Ebene der Normandie zur Zierde gereicht hätten. An den Ufern tummelten sich eine Menge Fischer, denen Seeraben als Jagdhunde, oder vielmehr als »Fischhunde« dienten. Diese Vögel tauchten nämlich auf das Geheiß ihres Herrn in’s Wasser und bringen die Fische heraus, die sie nicht verschlucken können, weil ihnen ein Ring den Hals halb einschnürt. Daneben fliegen bei dem Geräusch des Dampfbootes Enten, Krähen, Raben, Elstern und Sperber zu Tausenden vom Strande auf.

Bot die Landstraße längs des Flusses jetzt das Bild der Verlassenheit, so nahm der Verkehr auf dem. Peï-Ho eher noch mehr zu. Welche Unzahl von Schiffen jeder Art bewegte sich auf demselben stromauf-oder stromabwärts! Kriegsdschonken mit ihrer Deckbatterie, deren Dach von vorn nach hinten einen tiefen concaven Bogen bildet und welche entweder von zwei Reihen von Rudern oder auch durch von Menschenhänden getriebene Schaufelräder bewegt werden; Zolldschonken mit zwei Masten und Schaluppensegeln, deren Vorder-und Achtersteven die Köpfe und Schwänze phantastischer Thiergestalten schmückten; Handelsdschonken von großem Tonnengehalt, deren plumper Rumpf die kostbarsten Erzeugnisse des Himmlischen Reiches trägt, und welche sich nicht scheuen, den Wirbelstürmen der benachbarten Meere zu trotzen; Personenfahrzeuge, welche je nach den Gezeiten durch Ruder oder Zugseile befördert wurden und die nur für Leute passen, welche viel Zeit übrig haben; Mandarinenboote, Lustjachten, Sampanen, das sind Wohnschiffe jeder Form mit Binsensegeln, von denen die kleinste Art von Frauen gesteuert werden, die das Ruder in der Hand und ein Kind auf dem Rücken tragen, und welche ihren Namen, der eigentlich »drei Planken« bedeutet, vollständig rechtfertigen; endlich ungeheure Holzflöße, wirklich schwimmende Dörfer, mit Hütten, Obst-und Gemüsegärten darauf, welche irgend einem Walde der Mantschurei entstammen, den die Holzfäller bis zum letzten Baum niedergelegt haben. Neben den Ufern kamen Ortschaften nur seltener zum Vorschein. Es giebt auch nur etwa zwanzig zwischen Tien-Tsin und Taku, an der Mündung des Stromes. Dagegen wirbelten aus verschiedenen Ziegeleien schwarze Wolken empor, die sich mit den Rauchsäulen des Dampfes vermengten und die Luft verpesteten. Nun kam der Abend, dem in diesen Breiten eine längere Dämmerung vorhergeht. Bald unterschied man nur noch eine Reihe weißer Dünen, von gleichmäßiger Form und in bestimmten, schon im Halbdunkel verschwindenden Reihen. Das waren nichts als große Salzhausen, die aus den benachbarten Salinen herrührten. In dieser unfruchtbaren trostlosen Gegend öffnete sich die Ausmündung des Peï-Ho, nach Bouroir »ein Stück Land, das nur aus Salz und Sand, aus Staub und Asche besteht«.

Noch vor Sonnenaufgang erreichte der »Peï-Tang« am 27. Juni den Hafen von Taku, am Ausfluß des Stromes.

Hier erhoben sich auf beiden Ufern die Forts des Nordens und des Südens, seit der Einnahme durch das englisch-französische Heer im Jahre 1860 nur noch ein Haufen Ruinen. Hier machte General Collineau am 24. August desselben Jahres den glorreichen Angriff, bei dem die Kanoniere den Eingang in den Strom forcirten; hier dehnte sich der kaum über das Meer emporstehende schmale Landstreifen aus, den man die französische Concession nennt, und sieht man noch den Grabhügel, der die Gebeine mancher, bei jenem denkwürdigen Kampfe gefallenen Officiere und Soldaten bedeckt.

Der »Peï-Tang« ging nicht weiter. Alle Passagiere mußten in Taku an’s Land gehen. Taku ist jetzt schon eine nicht unwichtige Stadt, der gewiß eine große Zukunft bevorstände, wenn die Mandarinen jemals den Bau einer Eisenbahn zwischen hier und Tien-Tsin gestatteten.

Das nach Fu-Ning bestimmte Fahrzeug sollte noch am nämlichen Tage die Anker lichten. Kin-Fo und seine Begleiter hatten keine Stunde zu verlieren. Sie winkten also eine Sampane herbei und befanden sich eine Viertelstunde später am Bord der »Sam-Yep«.

Siebzehntes Capitel.

In welchem der Handelswerth Kin-Fo’s noch einmal in Frage gestellt wird.

Acht Tage vorher war ein amerikanisches Schiff im Hafen von Taku vor Anker gegangen. Gemiethet von der sechsten chino-californischen Gesellschaft, war es für Rechnung der Agentur Fuk-Ting-Tong befrachtet, welche ihren Sitz bei dem Kirchhof von Laurell-Hill, in der Nähe von San-Francisco, hat.

Treu ihrer Religion, erwarten die in Amerika verstorbenen Söhne des Himmels hier die Rückkehr nach dem Vaterlande, bis sie in mütterlicher Erde eine Ruhestätte finden.

Das nach Canton bestimmte Schiff hatte laut Bericht der Agentur eine Ladung von zweihundertfünfzig Särgen, von welchen fünfundsiebzig in Taku gelandet werden sollten, um nach den Provinzen des Nordens übergeführt zu werden.

Die Umladung von dem amerikanischen Schiffe nach einem chinesischen war vollendet, und an eben diesem Morgen des 27. Juni sollte letzteres nach dem Hafen von Fu-Ning segeln.

Auf diesem Fahrzeuge hatten Kin-Fo und seine Begleiter Passage genommen. Sie hätten es vielleicht nicht gewählt; wegen Mangels an anderer Gelegenheit mußten sie sich aber mit demselben begnügen, denn es lag kein anderes zur Fahrt nach dem Golf von Leao-Tong bereit. Es handelte sich übrigens nur um eine Reise von zwei bis drei Tagen, welche zu dieser Jahreszeit meist sehr bequem von statten geht.

In dieser Gegend ist der Peï-Ho noch nicht besonders breit. (S. 148.)

Die »Sam-Yep« war eine seetüchtige Dschonke von etwa dreihundert Tonnen Tragfähigkeit. Solche Schiffe giebt es in großer Anzahl, und ihr Tiefgang von nur sechs Fuß gestattet ihnen mit Bequemlichkeit, über die Sandbänke am Eingange der chinesischen Ströme hinwegzugleiten.

Zu lang für ihre Breite, segeln sie schlecht, außer ganz dicht am Winde, aber wenden auf der Stelle, wie sich ein Kreisel dreht. Die Fläche ihres ungeheuren Steuers ist nach einer in China sehr beliebten Methode vielfach durchlöchert, eine Einrichtung, deren Vorzüge wohl mit Recht anzufechten sind. Doch, wie dem auch sei, diese geräumigen Fahrzeuge wagen sich ungestraft auf die Meere längs der Küsten.

Man erzählt sogar, das eine solche, von einem Handelshause in Canton geheuerte Dschonke unter dem Befehle eines amerikanischen Kapitäns eine Ladung Thee und Porzellan nach San-Francisco gebracht habe. Jedenfalls ist es außer Zweifel, daß sich diese Schiffe auf dem Meere gut bewähren, eine Ansicht, in der alle Sachverständigen übereinstimmen, während man die Chinesen im Allgemeinen für sehr gute Seeleute hält.

Die »Sam-Yep« erinnerte bei ihrer modernen Construction mit ziemlich geradem Vorder-und Hintersteven mehr an die europäischen Schiffe. Sie war ohne Mithilfe von Nägeln und Schrauben aus Bambus hergestellt, mit Werg und Cambodje-Harz kalfatert und so wasserdicht, daß sie nicht einmal eine Pumpe besaß. In Folge ihrer Leichtigkeit schwamm sie wie ein Stück Kork auf den Wellen. Uebrigens führte sie einen Anker aus sehr hartem Holz, ungemein festes und doch geschmeidiges Tauwerk aus Palmenfasern, Segelwerk, das vom Verdeck aus gestellt und einem Fächer ähnlich ausgebreitet oder zusammengefaltet wurde, ferner zwei Maste, entsprechend etwa dem Großmast und dem Besan eines Luggers, außerdem hatte sie kein Uebergewicht nach dem Stern zu, war aber in ihrer Art trefflich ausgerüstet und für die Küstenfahrt gewiß ganz geeignet.

Niemand hätte der »Sam-Yep« von außen angesehen, daß sie für diese Reise von ihren Rhedern zu einem ungeheuren Leichenwagen umgewandelt worden war.

In der That trat an Stelle der Theekisten, Seidenballen und der Nebenfracht von chinesischen Specereien diesmal die erwähnte Ladung von Särgen. Dabei behielt jedoch die Dschonke den früheren lebhaften Farbenschmuck unverändert bei. Am Vorder-und am Hintertheile wehten lustige Oriflammen und vielfarbige Flaggen. Ganz vorn saß ein großes, blitzesprühendes Auge, das ihr das Aussehen eines gigantischen Ungeheuers gab. Vom Top der Masten wehte das leuchtende Flaggentuch Chinas. Ueber die Schanzkleidung lugten die Mündungen zweier kurzer Schiffskanonen heraus, die in der Sonne wie ein Spiegel glänzten – in diesem von Seeräubern belästigten Meere gewiß ganz nützliche und nothwendige Beigaben, Alles, was man sah, machte einen angenehmen, fast erheiternden Eindruck. Die »Sam-Yep« rüstete sich ja gewissermaßen zu einer Heimreise – freilich eine Heimreise mit Leichnamen, doch sozusagen mit zufriedenen stummen Leuten.

Kin-Fo und Soun stießen sich, als geborne Chinesen, an diesem Umstande nicht im mindesten. Craig und Fry, welchen diese Art Fracht, sowie Vielen ihrer Landsleute, einen gewissen Widerwillen einflößte, hätten wohl gern ein anderes Handelsschiff zur Ueberfahrt gewählt, mußten sich jedoch dem Zwange der Umstände fügen.

Die ganze, übrigens zur Führung der Dschonke hinreichende Besatzung bestand aus einem Kapitän und sechs Mann. Der Compaß soll der Sage nach in China erfunden worden sein. Das ist möglich; gewiß ist aber, daß die Küstenfahrer auf denselben verzichten und nach ihrem Gutdünken steuern. Kapitän Yin, ein kleiner, stets lächelnder, lebhafter und geschwätziger Mann, war der lebende Beweis des vergeblich gesuchten Perpetuum mobile. Er konnte an keiner Stelle bleiben und kein Glied des Körpers still halten. Seine Arme, Hände und Augen sprachen fast noch mehr als die Zunge, welche übrigens hinter der hübschen Reihe weißer Zähne so gut wie niemals zur Ruhe kam. Er schalt auf seine Leute, rief sie mit groben Worten an und behandelte sie überhaupt nicht freundlich; dagegen war er ein tüchtiger, bezüglich der Fahrt an diesen Küsten sehr erfahrener Seemann, der seine Dschonke dirigirte, als hätte er sie zwischen den Fingern gehabt. Der ziemlich hohe Preis, den Kin-Fo für sich und seine Leute bezahlt hatte, vermehrte jedoch seine von Natur gute Laune. Passagiere, die für eine Fahrt von sechzig Stunden hundertfünfzig Taëls (= 960 Mark) wegwarfen – das war ein Geschäft; vorzüglich, wenn ihre Ansprüche auf Comfort und Nahrung die der stillen Gäste im Raume des Schiffes nicht zu sehr übertrafen.

Kin-Fo, Craig und Fry hatten wohl oder übel in dem Wohnhäuschen auf dem Hintertheile Platz gefunden; Soun hauste im sogenannten Volkslogis des Vorderdecks.

Die beiden allezeit mißtrauischen Agenten musterten zuerst aufmerksam die Leute des Kapitäns, unter denen sie nichts fanden, was ihren Verdacht gerechtfertigt hätte. Eine heimliche Uebereinstimmung mit Lao-Shen vorauszusetzen, war doch zu unwahrscheinlich, da sich ihr Client dieser Dschonke ja nur aus Zufall bei seiner Reise bediente, und wie sollte diese Zufälligkeit gerade mit den etwaigen Absichten des alten Taï-Ping zusammenfallen? Von den Gefahren, die das Meer selbst bieten konnte, abgesehen, durften sie also erwarten, einige Tage von ihrer gewöhnlichen Besorgniß befreit zu bleiben, weshalb sie Kin-Fo auch mehr sich selbst überließen.

Letzterer schien darüber nicht eben böse zu sein. Er schloß sich in seiner Cabine ein und hing nach Belieben seinen Träumereien nach. Der arme Mann, der das Glück noch nicht kennen, den Werth des Lebens in seinem Yamen zu Shang-Haï noch nicht schätzen gelernt hatte, da ihm die Sorge fremd blieb und er die Arbeit verachtete! Kam er wieder in den Besitz seines Briefes, dann mußte es sich ja zeigen, ob er von der ihm zu Theil gewordenen Lehre Nutzen gezogen, ob aus dem Thoren ein Weiser geworden war!

Doch würde er diesen Brief denn jemals wieder erhalten? Ohne Zweifel, er war ja bereit, den Werth, den jener in der Hand eines Andern haben konnte, voll zu ersetzen. Für Lao-Shen konnte die ganze Angelegenheit nur eine Geldfrage sein. Jedenfalls aber mußte er diesen überraschen und sich nicht von demselben zuvorkommen lassen. Das war aber nicht so leicht. Lao-Shen unterrichtete sich höchst wahrscheinlich über Alles, was mit Kin-Fo vorging; Kin-Fo wußte dagegen nicht, was jener vornahm. Natürlich lag unter diesem verschiedenen Verhältnisse eine große Gefahr verborgen, sowie Craig-Fry’s Client den Boden der Provinz betrat, in der der Tat-Ping sein Wesen trieb. Alles drehte sich also um die Möglichkeit, dem bestellten Mörder zuvorzukommen. Es war wohl vorauszusetzen, daß Lao-Shen seine fünfzigtausend Dollars lieber von dem lebenden, als von dem todten Kin-Fo annahm. Im ersteren Falle ersparte er ja eine Reise nach Shang-Haï und einen Besuch in den Bureaux der »Hundertjährigen«, der für ihn, trotz der bisherigen Langmuth der Regierung, doch nicht ganz gefahrlos sein konnte.

Mit solchen Gedanken trug sich der jetzt ganz umgewandelte Kin-Fo, und man wird nicht fehl gehen, wenn man annimmt, daß auch die liebenswürdige junge Witwe in Peking in seinen Zukunftsplänen nicht die mindest bedeutende Rolle spielte.

Was dachte aber Soun in dieser Zeit?

Soun dachte an gar nichts. Er lag der Länge lang im Volkslogis auf der Erde und zahlte den menschenfeindlichen Gottheiten des Golfes von Pe-Tche-Li den schuldigen Tribut. Kam er ja dazu, einen Gedanken zu fassen, so schimpfte er heimlich auf seinen Herrn, den Philosophen Wang und den Banditen Lao-Shen. Sonst war er abgestumpft in Gefühlen und Gedanken. Er dachte weder an Reis, noch an den geliebten Thee. Welch’ unseliger Wind hatte ihn verschlagen! Welche tausend und zehntausendfache Dummheit beging er seinerseits, bei einem Herrn in Dienst zu treten, dem es einfallen konnte, auf die See zu gehen! Wie gern hätte er sogar den Rest seines Zopfes dahingegeben, wenn er jetzt nicht mit hier zu sein brauchte. Er hätte sich den ganzen Schädel rasirt und wäre lieber Bonze geworden. Ihm war immer, als zerfleischte ein gelber Hund ihm die Leber und die Eingeweide! Ai, ai ya!

Getrieben von günstigem Südwinde, glitt die »Sam-Yep« indessen in der Entfernung von drei bis vier Meilen längs den Küsten hin, die hier von Osten nach Westen verliefen. Sie kam bei Peh-Tang, an der Mündung des gleichnamigen, Flusses vorüber, unfern der Stelle, wo die europäischen Heerhaufen an’s Land stiegen, dann bei Shan-Tung, bei Tschian-Ho, am Ausflusse des Tau, und bei Hai-Ve-Tse vorbei.

Nun ward es auf dem Wasser des Golfes allmählich stiller. Der an der Mündung des Peï-Ho sich zusammendrängende Schiffsverkehr nahm in demselben Verhältnisse ab wie die Entfernung von jenem Brennpunkte. Nur vereinzelte Dschonken kreuzten den Meerbusen, auf dem ein Dutzend Fischerbarken schaukelten, während dicht am Ufer die Boote der Thunfischfänger sichtbar waren. Im Uebrigen dehnte sich die weite Wasserfläche ununterbrochen bis zum Horizonte vor ihren Augen aus.

Craig und Fry machten die Bemerkung, daß die erwähnten Fischerboote, selbst solche von nur fünf bis sechs Tonnen Gehalt, mit einer oder zwei kleinen Kanonen bewaffnet waren.

Als sie sich darüber gegen den Kapitän Yin aussprachen, antwortete dieser, sich die Hände reibend:

»Sie müssen sich wohl darauf einrichten, den Seeräubern Respect einzuflößen.

– Giebt es denn hier im Golfe von Pe-Tche-Li auch Seeräuber? fragte Craig mit einiger Verwunderung.

– Warum denn nicht? erwiderte Yin. Hier wie überall! Diese Kerle fehlen in keinem Meere Chinas!«

Der würdige Kapitän lachte dazu und zeigte die beiden Reihen seiner glänzenden Zähne.

»Sie scheinen dieselben aber nicht allzu sehr zu fürchten? bemerkte ihm Fry.

– Hab’ ich nicht meine beiden Kanonen da, die eine verständliche Sprache sprechen, wenn ihnen Jemand zu nahe kommt?

– Sind dieselben geladen? fragte Craig.

– Gewöhnlich.

– Und jetzt?

– Jetzt nicht.

– Aber warum nicht?

– Weil ich kein Pulver an Bord habe, erklärte Kapitän Yin gelassen.

– Was nützen dann die beiden Kanonen? sagten Craig und Fry, welche jene Antwort nicht besonders befriedigte.

– Was sie nützen? rief der Kapitän. Ei, sie vertheidigen mir Schiff und Ladung, wenn ich eine an Bord habe, um derentwillen es sich der Mühe lohnt, wenn ich z. B. Theekisten und Opiumladung fahre. Heute aber, mit einer Ladung von…

– Woher sollen denn die Seeräuber wissen, forschte Craig weiter, ob es sich der Mühe lohnt oder nicht, Ihr Schiff anzugreifen?

– Sie scheinen einen Besuch dieser wackeren Jungen sehr zu fürchten, meinte der Kapitän, indem er sich achselzuckend im Kreise herumdrehte.

– So ist es.

– Und haben doch kaum ein Stück Gepäck an Bord!

– Das mag sein, sagte Craig, aber trotzdem haben wir sehr triftige Gründe, von jenen verschont zu bleiben.

– Nun, beruhigen Sie sich, tröstete der Kapitän. Wenn wir auch Seeräubern begegnen, wird es denselben nicht einfallen, unsere Dschonke anzufallen.

– Warum nicht?

– Weil sie im voraus wissen, was ich für Fracht führe, sobald sie das Schiff erblicken!«

Kapitän Yin wies bei diesen Worten nach einer weißen Flagge, welche am Halbmast der Dschonke im Winde flatterte.

»Eine weiße Flagge in Schau! Die Flagge der Trauer! Die Kerle werden es bleiben lassen, sich wegen einer Ladung Leichen zu bemühen.

– Sie könnten versucht sein zu glauben, warf Craig ein, daß Sie nur aus Vorsicht unter dieser Flagge segelten, und doch an Bord kommen, um sich zu überzeugen…

– Nun, wenn sie kommen, werden wir sie einfach aufnehmen, antwortete Kapitän Yin, und wenn sie ihren Besuch abgestattet haben, werden sie eben wieder abziehen, wie sie gekommen sind!«

Craig-Fry fragten nicht weiter, theilten aber nur in geringem Grade die unerschütterliche Ruhe des Kapitän Yin. Der Fang einer Dschonke von dreihundert Tonnen, auch wenn sie nur unter Ballast segelte, durfte den »wackeren Jungen«, von denen Kapitän Yin sprach, doch wohl verlockend genug erscheinen, um wenigstens einen Versuch zu wagen. Unter den gegebenen Umständen mußte man sich eben beruhigen und hoffen, daß die Fahrt glücklich ablaufe.

Uebrigens hatte der Kapitän nichts vernachlässigt, um möglichst jedes Unglück zu verhüten. Bei ihrer Abfahrt war zu Ehren der Gottheiten des Meeres ein Hahn geopfert worden. Am Besanmast flatterten noch die Federn des unglücklichen Hühnerthieres. Einige Tropfen von seinem Blut, die man auf dem Deck verspritzte, und ein Glas Wein, das man über Bord goß, vervollständigten dieses Sühnopfer. Was konnte die Dschonke »Sam-Yep« unter Führung ihres würdigen Kapitän Yin nun zu fürchten haben?

Es schien aber doch, als wenn die launischen Götter nicht zufrieden gewesen wären. Mochte nun der Hahn zu mager oder der Wein nicht aus den besten Gehegen von Chao-Chigne bezogen gewesen sein, jedenfalls überfiel ein entsetzlicher Windstoß die schmucke Dschonke. Gerade an diesem freundlichen klaren Tage und bei der eben wehenden günstigen Brise hätte kein Mensch denselben vorhersehen können. Auch der Seemann mit der besten Nase hätte gewiß kein Anzeichen dafür bemerkt.

Gegen acht Uhr Abends sollte die »Sam-Yep« eben das Cap umschiffen, von dem aus das Land sich nach Nordosten hinzieht. Jenseits desselben bekam sie voraussichtlich den Wind von der Seite, also in der denkbar günstigsten Richtung. Ohne die Eigenschaften seines Fahrzeuges zu überschätzen, glaubte Kapitän Yin die Gestade von Fu-Ning innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden zu erreichen.

Kin-Fo sah der Minute seiner Landung nicht ohne eine gewisse Ungeduld entgegen, welche Soun in höchstem Grade empfand. Craig-Fry dagegen hatten nur den einen Gedanken, daß, wenn Kin-Fo seinen Brief von Lao-Shen nicht binnen drei Tagen zurückerhalten habe, die »Hundertjährige« sich nicht mehr um ihn zu kümmern brauche. Seine Police ging mit der Nacht des 30. Juni zu Ende, da er nur den Betrag für eine Versicherung auf Zeit von zwei Monaten an den ehrenwerthen William J. Bidulph eingezahlt hatte. Später….

»All… sagte Fry.

Right!« setzte Craig hinzu.

Diese Vögel tauchen nämlich… (S. 150.)

Gegen Abend, gerade als die Dschonke in den Eingang des Golfes von Leao-Tong einlief, sprang der Wind plötzlich nach Nordosten über, drehte sich dann nach Norden und wehte endlich aus Nordwesten.

Sind dieselben geladen? fragte Craig. (S. 157.)

Hätte Kapitän Yin einen Barometer an Bord gehabt, so hätte er ersehen können, daß die Quecksilbersäule plötzlich um vier bis fünf Millimeter gefallen war. Diese schnelle Abnahme des Luftdruckes deutete auf einen nicht sehr entfernten Typhon1 hin, der schon die oberen Schichten der Atmosphäre in Bewegung setzte. Oder hätte Kapitän Yin die Beobachtungen des Engländers Paddington oder des Amerikaners Maury gekannt, so würde er gestrebt haben, seinen Kurs zu ändern und nach Nordosten zu steuern, um daselbst ein minder gefährliches Gebiet zu erreichen, wo er dem Mittelpunkte des Wirbelsturmes entging.

Kapitän Yin benützte aber weder einen Barometer, noch bekümmerte er sich um das Gesetz der Cyclone. Hatte er denn nicht einen Hahn geopfert, und mußte ihn das nicht allein gegen jeden Unfall schützen? Er handelte übrigens gewissermaßen aus Instinct so, wie es ein europäischer Kapitän gethan hätte.

Der Typhon entwickelte sich nur als mäßige Cyclone, die eine große Umdrehungs-Geschwindigkeit und eine centrale Fortbewegung von mehr als hundert Kilometern in der Stunde hatte. Er trieb die »Sam-Yep« also nach Osten, was deshalb noch günstig zu nennen war, weil sie sich dabei von einer gänzlich ungeschützten Küste entfernte, an der das Schiff gewiß in kurzer Zeit zugrunde gegangen wäre.

Um elf Uhr Nachts wüthete der Sturm in größter Heftigkeit. Unterstützt von seiner Mannschaft, erwies sich Kapitän Yin jetzt als tüchtiger Seemann.

Er lachte zwar nicht mehr bewahrte aber seine ganze Kaltblütigkeit. Mit kräftiger Hand regierte er das Steuer und lenkte das leichte Fahrzeug, das wie eine Möve auf den Wogen tanzte.

Kin-Fo hatte seinen Wohnraum auf dem Hinterdeck verlassen. An die Schanzkleidung geklammert, betrachtete er den Himmel mit den schwarzen, zerfetzten Wolken, welche zum Theile als schwere Dunstmassen über das Wasser jagten. Seine Blicke schweiften über das Meer, das durch die dunkle Nacht in weißem Schaume leuchtete und dessen Wogen der Typhon zu gewaltiger Höhe emportrieb. Die drohende Gefahr erregte weder sein Erstaunen, noch kam ihm dabei das Gefühl der Furcht. Er rechnete Alles auf die endlose Reihe von Widerwärtigkeiten, welche das erbitterte Schicksal auf ihn häufte. Eine Ueberfahrt von sechzig Stunden ohne Sturm und im schönen Sommer – Glückskindern wäre sie gewiß zu Theil geworden, er zählte aber einmal nicht zu diesen.

Craig und Fry empfanden eine weit größere Unruhe, wenn sie sich des Handelswerthes ihres Clienten erinnerten. Ihr Leben war gewiß nicht weniger werth als das Kin-Fo’s. Fanden sie jedoch mit ihm den Tod, so war mindestens das Interesse der »Hundertjährigen« außer Gefahr. Sich selbst vergaßen die gewissenhaften Agenten aber ganz und gar und hatten nur den einen Gedanken, ihre Pflicht zu erfüllen. Umkommen?… Kleinigkeit! Zusammen mit Kin-Fo?… Gleichgiltig… aber nicht vor Mitternacht des 30. Juni. – Eine Million zu retten, das war Craig-Fry’s einziges Sinnen und Trachten!

Für Soun unterlag es keinem Zweifel, daß die Dschonke dem Untergange geweiht, oder vielmehr, daß man schon in dem Augenblicke so gut wie verloren gewesen sei, als man sich, trotz des herrlichen Wetters, dem treulosen Elemente anvertraute. O, wie gut hatten es die Passagiere des Raumes! Ai, ai, ya! Sie fühlten kein Rollen und Schaukeln! Ai, ai, ya! Und doch legte sich der unglückliche Soun die Frage vor, ob er nicht auch an ihrer Stelle noch die Seekrankheit bekommen hätte!

Drei Stunden lang schwebte die Dschonke in nicht geringer Gefahr. Eine falsche Bewegung des Steuers konnte ihr den Untergang bereiten, da das wüthende Meer über sie hinweg gebrandet wäre. Konnte sie auch nicht kentern wie eine Kufe, so konnte sie sich doch mit Wasser füllen und versinken. Sie mitten in den von Sturm gepeitschten Wogen in bestimmter Richtung zu erhalten, daran war ja gar nicht zu denken. Ebensowenig vermochte irgend Jemand den eingehaltenen Kurs und den zurückgelegten Weg abzuschätzen.

Inzwischen fügte es ein günstiger Zufall, daß die »Sam-Yep« ohne größere Havarien den eigentlichen Mittelpunkt des atmosphärischen Wirbels erreichte, der einen Umkreis von etwa hundert Kilometer haben mochte. Hier dehnte sich auf zwei bis drei Meilen eine ruhige Meeresfläche aus, über der man kaum einen Windhauch spürte. Diese beschränkte Stelle erschien wie ein friedlicher See inmitten des tobenden Oceans.

Das rettete die Dschonke, die der Orkan hierher getrieben hatte. Gegen drei Uhr Morgens legte sich die Wuth des Sturmes wie durch Zauberschlag, und rings um den stillen See flachten sich die riesigen Wellen allmählich ab.

Doch als der Tag graute, hätte man vergeblich versucht, von der »Sam-Yep« aus Land zu entdecken. Da war keine Küste in Sicht. Die bis zur Kreislinie des Horizonts reichenden Wasser des Golfes umgaben das Schiff gleichmäßig von allen Seiten.

Fußnoten

1 Die Drehstürme heißen »Tornados« an der Westküste Afrikas und »Typhons« in den chinesischen Meeren. Der wissenschaftliche Name für dieselben ist »Cyclone«.

Achtzehntes Capitel.

In dem Craig und Fry von ihrer Neugierde getrieben, den Raum der »Sam-Yep« besuchen.

»Wo sind wir, Kapitän Yin? fragte Craig-Fry, als alle Gefahr vorüber war.

– Das kann ich nicht genau wissen, sagte der Kapitän, dessen Gesicht wieder in alter Lustigkeit strahlte.

– Im Golfe von Pe-Tche-Li?

– Vielleicht.

– Oder in dem Golfe von Leao-Tong?

– Auch möglich.

– Aber wo werden wir an’s Land gehen?

– Wo der Wind uns hintreibt.

– Und wann?

– Ja, das kann ich nicht sagen.

– Ein echter Chinese weiß sich überall zurechtzufinden, sagte Kin-Fo in ziemlich schlechter Laune, eine Stelle aus einem im Reiche der Mitte gerade damals sehr im Schwange befindlichen Gedichte recitirend.

– Auf dem Lande, ja! antwortete Kapitän Yin. Auf dem Meere, nein!«

Dabei verzog er den Mund bis zu den Ohren.

»Ich finde hierbei gar nichts zu lachen, sagte Kin-Fo.

– Aber auch nichts zu weinen!« versetzte der Kapitän.

Und in der That, wenn die Lage der »Sam-Yep« vorderhand gar nichts Beunruhigendes hatte, so konnte doch Kapitän Yin unmöglich sagen, wo sich die »Sam-Yep« befinde. Wie hätte er den Kurs ohne Boussole controliren wollen bei einem unsteten Winde, der in kurzer Zeit über drei Viertel des Compasses räumte? Da ihre Segel eingezogen waren, gehorchte die Dschonke dem Steuer fast gar nicht mehr und war nur der Spielball des Orkans. Ohne Grund waren also jene unbestimmten Antworten des Kapitäns keineswegs. Nur hätte er sie mit weniger jovialem Ausdruck geben sollen.

Ob sie nun aber nach dem Golfe von Leao-Tong getrieben oder nach dem von Pe-Tche-Li zurückgeworfen worden war, jedenfalls mußte die »Sam-Yep« baldmöglichst einen Kurs nach Nordwesten einschlagen. In dieser Richtung mußte das Land sich finden; nur wie weit es bis dahin sein mochte, das war die einzige Frage.

Kapitän Yin hätte gewiß auch die Segel gehißt und wäre in gleicher Richtung mit der Sonne gefahren, die eben in hellstem Glanze leuchtete, wenn ihm das möglich gewesen wäre.

Das war jedoch nicht möglich.

Nach dem Typhon herrschte die vollständigste Ruhe, keine Bewegung in den Schichten der Atmosphäre, kein noch so leiser Windhauch. Ringsum lag ein gleichmäßig ebenes Meer, das keine Welle kräuselte, kaum fühlte man ein langsames, dem Athmen vergleichbares Senken und Heben des Wassers, das sich dabei nicht von der Stelle regte. Auf dem Meere lag ein warmer Dunst, und der in der Nacht von kämpfenden Wolkenmassen bedeckte Himmel sah jetzt aus, als könne er niemals zürnen. Es trat eine jener unheimlichen Windstillen ein, deren Ende Niemand absehen konnte.

»Sehr schön, sagte Kin-Fo mit einem gewissen Galgenhumor, nach dem Sturm, der uns auf die hohe See verschlägt, eine Windstille, die uns hindert, an’s Land zu kommen!«

Er wendete sich an den Kapitän.

»Wie lange kann diese Stille andauern? fragte er.

– Aber, bester Herr, wer könnte das in der jetzigen Jahreszeit voraussagen! erwiderte der Kapitän.

– Stunden-oder tagelang?

– Tage-oder wochenlang! verbesserte Yin mit resignirtem Lächeln, das seine Passagiere fast außer sich brachte.

– Wochenlang! fuhr Kin-Fo auf. Glauben Sie denn, ich habe Zeit, hier wochenlang zu warten?

– Es wird nichts Anderes übrig bleiben, wenn wir die Dschonke nicht schleppen lassen.

– Zum Kukuk mit ihrer Dschonke, mit allen Denen, die sie trägt, und zuerst mit mir, der die alberne Idee hatte, auf dieselbe an Bord zu gehen.

– Darf ich Ihnen zwei Rathschläge ertheilen, mein Herr? sagte Kapitän Yin.

– Wie es Ihnen beliebt!.

– Der erste ist der, daß Sie sich niederlegen und schlafen, wie ich es eben thun werde, das dürfte nach einer auf Deck durchwachten Nacht das Gescheidteste sein.

– Und Ihr zweiter Rath? fragte Kin-Fo, den die Ruhe des Kapitäns fast noch mehr außer Fassung brachte, als die des Meeres.

– Der zweite, erwiderte Yin, ist der, es zu machen wie meine Passagiere im Raume unten: sie beklagen sich nicht und nehmen die Zeiten, wie sie kommen!«

Nach dieser philosophischen Bemerkung, welche wirklich eines Wang würdig gewesen wäre, begab sich der Kapitän nach seiner Cabine und ließ nur zwei bis drei Mann von der Besatzung auf dem Deck zurück.

Eine Viertelstunde lang ging Kin-Fo mit gekreuzten Armen und mit den Fingern vor Ungeduld Triller schlagend auf dem Schiffe hin und her. Dann warf er noch einen letzten Blick auf die traurige Einöde, deren Mittelpunkt die Dschonke einnahm, zuckte die Achseln und schritt auf das Wohnhäuschen zu, selbst ohne ein Wort an Craig-Fry zu richten.

Die beiden Agenten lehnten auf dem Barkholz und unterhielten sich wie gewöhnlich mit einander, ohne ein Wort dabei zu sprechen. Sie hatten Kin-Fo’s Fragen, ebenso wie die Antworten des Kapitäns gehört, vermieden es aber, sich einzumischen. Was hätte es ihnen auch nützen können, und weshalb sollten sie in die Klagen über diese Verzögerung einstimmen, die ihrem Clienten die Laune so gründlich zu verderben schien?

Was sie an Zeit verloren, gewannen sie ja offenbar an Sicherheit. Da Kin-Fo an Bord keiner Gefahr ausgesetzt war und die Hand Lao-Shen’s ihn hier unmöglich treffen konnte, was hätten sie mehr wünschen können?

Uebrigens nahte der Zeitpunkt, mit dem ihre Verantwortlichkeit zu Ende ging, mehr und mehr heran. Noch fünfzig Stunden – und wenn sich dann die ganze Armee des Tat-Ping auf den Ex-Clienten der »Hundertjährigen« gestürzt hätte – sie hätten kein Haar daran gewagt, ihn zu vertheidigen. O, diese Amerikaner sind praktische Leute! Alles für Kin-Fo, so lange er ihnen zweimalhunderttausend Dollars galt! Nichts – sobald er für sie kaum noch eine Sapeke werth war.

Mit einem solchen Gedankengang im Kopfe, nahmen Craig und Fry mit gutem Appetit ein kräftiges, Frühstück ein. Ihr vorräthiger Proviant ließ nichts zu wünschen übrig. Sie aßen von derselben Schüssel, von demselben Teller, verzehrten dieselben Bissen Brot und Stücke kalten Fleisches. Sie tranken gleichmäßig viel Gläser eines vortrefflichen Weines von Chao-Chigne auf die Gesundheit des ehrenwerthen William J. Bidulph, sie rauchten Jeder ein halbes Dutzend Cigarren und lieferten noch einmal den Beweis, daß man, ohne als solches geboren zu sein, doch nach Sitte und Gewohnheiten ein siamesisches Zwillingspaar darstellen kann.

Brave Yankees, die nun bald am Ende ihrer Leiden zu sein glaubten!

Der Tag verlief ohne Unfall, ohne Zwischenfall. Immer dieselbe Ruhe der Atmosphäre, derselbe friedliche Anblick des Himmels. Nichts deutete auf eine bevorstehende Aenderung der Witterung hin. Die Gewässer des Meeres schlummerten stille wie die eines Landsees.

Gegen vier Uhr erschien Soun wieder auf dem Verdeck, aber wankend und schwankend wie ein Trunkener, obwohl er in seinem Leben noch nie so mäßig gelebt hatte wie in den letzten Tagen.

Nachdem er zuerst ein violettes Aussehen, dann ein blaues und zuletzt ein grünes angenommen, änderte sich seine Farbe wieder nach und nach in gelb um. Wenn sie dann nach der Rückkehr an’s Land orangenfarbig wurde und aus dieser gewöhnlichen Farbe, wenn etwas seinen Zorn erregte, in’s Rothe überging, so hatte sie allmählich und in richtiger Ordnung die ganze Farbenscala des Sonnenspectrums durchlaufen.

Mit halb geschlossenen Augen und ohne einen Blick über die Schanzkleidung der »Sam-Yep« zu werfen, schleppte sich Soun mühsam zu den beiden Agenten hin.

»Sind wir noch nicht am Ziele? fragte er.

– Nein, antwortete Fry.

– Kommen wir bald an?

– Nein! erklärte ihm Craig.

– Ai, ai, ya!« seufzte Soun.

Voller Verzweiflung und außer Stande, noch länger zu sprechen, streckte er sich, von würgenden Krämpfen geschüttelt, am Fuße des Großmastes nieder, wobei sein kleiner Zopf wie ein kurzer Hundeschweif wedelte.

Zum Zweck der Lüftung des Raumes hatte Kapitän Yin die Deckluken öffnen lassen. Während des Typhon brandeten einzelne Wellen nämlich bis auf das Deck und drangen theilweise in den Schiffsraum ein. Die dadurch entstandene Feuchtigkeit sollte die warme Sonne nun daraus entfernen.

Während sie planlos auf dem Deck hin und her wandelten, waren Craig und Fry wieder an der großen Luke stehen geblieben. Mehr und mehr erwachte in ihnen die Neugier, dieses provisorische Grabgewölbe einmal in Augenschein zu nehmen. Sie kletterten also an den stufenförmig eingeschnittenen Deckstützen hinunter.

Unter der großen Luke erleuchtete die Sonne einen großen viereckigen Fleck mit ihren vollen Strahlen; nach beiden Seiten von demselben lag der Raum in tiefe Dunkelheit gehüllt. Craig’s und Fry’s Augen gewöhnten sich jedoch bald an diese Finsterniß, so daß sie erkennen konnten, wie man die eigenthümliche Ladung der »Sam-Yep« verstaut hatte.

Den Schiffsraum trennten hier keine Scheidewände, wie es sonst auf Handelsfahrzeugen der Fall zu sein pflegt, in Längsabtheilungen. Er bildete von einem Ende zum anderen einen freien Behälter für die Last, da die Wohnungen auf dem Verdeck für die Besatzung vollständig hinreichten.

An beiden Seiten dieses Raumes, der übrigens an Sauberkeit mit dem Vorzimmer eines Cenotaphiums wetteiferte, standen die nach Fu-Ning bestimmten fünfundsiebzig Särge reihenweise übereinander. Sorgsam mit Tauen befestigt, konnten sie weder beim Rollen noch beim Stampfen der Dschonke ihre Stelle verändern und gefährdeten die Sicherheit derselben in keiner Weise.

Zwischen den beiden Reihen war ein Weg freigelassen, so daß man von einem Ende des Raumes bis zum anderen gelangen konnte; an zwei, den Luken entsprechenden Stellen fand das Licht jetzt in jenen Eingang, während die übrigen Theile im Helldunkel begraben lagen.

Der Kapitän lachte nicht mehr. (S. 162.)

Craig und Fry gingen schweigend, als befänden sie sich in einem Mausoleum, längs dieses Weges hin.

Sie betrachteten die ungewöhnliche Ladung mit lebhaftem Interesse. Hier standen Särge jeder Form und Größe, die einen reich geschmückt, die anderen ärmlich ausgestattet.

»Wie lange kann diese Stille andauern?« (S. 165.)

Von den Auswanderern, welche die Noth des Lebens nach jenseits des Pacifischen Oceans verschlagen hatte, erwarben sich wohl einzelne, doch leider nur wenige, in den Bergwerken von Nevada oder Colorado ein bescheidenes Vermögen. Die Meisten kamen arm dorthin und kehrten jetzt ebenso zurück. Jetzt kamen sie, im Tode gleich, wieder nach dem Strande der Heimat. Die Ladung des Schiffes bestand etwa aus zehn Särgen von kostbarem Holze, die mit aller Phantasie des chinesischen Luxus verziert waren, die übrigen hatte man aus vier grob gearbeiteten und nothdürftig gelb angestrichenen Planken gezimmert. Ob reich oder arm, trug doch jeder eine Aufschrift mit dem Namen der Verstorbenen, welche Craig und Fry da und dort erkennen konnten. Da las man deutlich: Lien-Fu aus Young-Ping-Fu, Nan-Lou aus Fu-Ning, Shen-Kin aus Lin-Kin, Luang aus Ku Li-Koa u.s.w. Eine Verwechslung schien gar nicht möglich. Jeder Leichnam sollte, mit genauer Adresse versehen, weiter befördert werden, um in den Obstgärten, mitten im Felde oder in öder Ebene die Zeit seiner definitiven Beerdigung abzuwarten.

»Gut gepackt! sagte Fry.

–Und gut erhalten!« setzte Craig hinzu.

Sie sprachen ganz so, als befänden sie sich in den Magazinen eines Kaufmannes oder in den Lagerräumen eines Spediteurs von New-York oder San-Francisco.

Als Craig und Fry nahe dem Vordertheile des Schiffes an das dunkelste Ende des Raumes gekommen waren, blieben sie stehen und ließen die Blicke durch den Zwischengang schweifen, der unwillkürlich an den Seitenweg eines Friedhofs erinnerte.

Schon wollten sie wieder nach dem Deck hinaufsteigen, als ein leises Geräusch ihre Aufmerksamkeit fesselte.

»Wahrscheinlich eine Ratte! sagte Craig.

– Was könnte es weiter sein? antwortete Fry.

– Eine Ratte unter Leichen! Eine Ladung Hirse, Reis oder Mais würde ihr wohl lieber gewesen sein!«

Das Geräusch hielt an. Man hörte es etwa in Menschenhöhe, es mußte also aus der oberen Sargreihe herrühren. Es klang, als knabberten spitzige Zähne an Holz, oder als scharrten Fingernägel an einem der Deckel.

»Frrr! Frrr!« machten Craig und Fry.

Das Scharren dauerte fort.

Die beiden Agenten schlichen näher und lauschten mit verhaltenem Athem. Offenbar kam das Geräusch aus dem Innern eines der Särge her.

Sollten sie hier etwa einen nur scheintodten Chinesen mit verladen haben?…. meinte Craig.

– Der nach einer Ueberfahrt von fünf Wochen nun wieder erwachte?« fügte Fry hinzu.

Sie legten damit die Hand auf den verdächtigen Sarg und überzeugten sich, daß sich darin etwas bewegte.

»Zum Teufel! raunte Craig.

– Zum Kukuk!« murmelte Fry.

Natürlich kam ihnen ganz gleichzeitig der Gedanke, daß ihrem Clienten hieraus irgend eine Gefahr erwachsen könne.

Sie zogen die Hand zurück und fühlten, wie sich der Deckel des betreffenden Sarges langsam erhob.

Craig und Fry, zwei Leute, welche eigentlich nichts zu erschrecken vermochte, blieben stehen und horchten, da sie in der hier herrschenden Dunkelheit nichts deutlich sehen konnten, nicht ohne eine gewisse Beängstigung.

»Bist Du es, Kuo?« flüsterte eine Stimme vorsichtig.

Fast in demselben Augenblicke öffnete sich auch ein Sarg am Backbord.

»Bist Du es, Fa-Kim?«

Darauf hörte man noch folgendes, flüchtige leise Gespräch:

»Also diese Nacht?….

– Ja, in dieser Nacht.

– Bevor der Mond aufgeht?

– In der zweiten Wache.

– Und unsere Genossen?

– Sind über Alles unterrichtet.

– Sechsunddreißig Stunden im Sarge – ich hab’ es satt.

– Ich noch mehr.

– Doch Lao-Shen wollte es so!

– Still! Still!«

Als Craig-Fry den gefürchteten Namen des Taï-Ping vernahmen, überlief sie, so sehr sie sich sonst beherrschten, doch ein gewisser Schauer.

Die beiden Deckel waren wieder auf die länglichen Kisten herabgesunken. In dem Raume der »Sam-Yep« herrschte wieder die Ruhe des Grabes.

Vorsichtig schlichen Craig-Fry durch den freien Gang und klommen an den Deckstützen hinaus. Sofort begaben sie sich hinter das Volkslogis, wo sie Niemand hören konnte.

»Todte, welche sprechen…. begann Craig.

– Sind eben nicht todt!« schloß Fry den Satz.

Der Name Lao-Shen hatte ihnen Alles offenbart.

Es hatten sich also Helfershelfer des schrecklichen Taï-Ping an Bord mit eingeschlichen. Konnte man angesichts dieser Thatsachen zweifeln, daß Kapitän Yin, seine Mannschaft, die Rheder im Hafen von Taku, welche die Ladung Leichen verschifft hatten, nicht unter einer Decke spielten? Gewiß nicht! Nach Löschung des amerikanischen Schiffes, das die Särge von San-Francisco brachte, hatten diese einige Tage auf dem Lager des Hafenortes gestanden. Ein Dutzend, vielleicht noch mehr Mitglieder von Lao-Shen’s Räuberbande stahlen von dort die Särge, entleerten dieselben und nahmen dafür selbst in jenen Platz. Um diesen Streich aber auf Veranlassung ihres Chefs auszuführen, mußten sie doch wohl davon Kenntniß haben, daß Kin-Fo sich ebenfalls auf der »Sam-Yep« einschiffen werde. Wie in aller Welt hatten sie das erfahren können?

Das blieb ein dunkler Punkt, welchen aufzuhellen jetzt nicht die geeignete Zeit schien.

Das eine stand ja fest, daß sich eine Anzahl Chinesen der schlimmsten Sorte seit der Abfahrt aus Taku an Bord der Dschonke befand, daß von einem derselben Lao-Shen’s Name genannt worden war und daß Kin-Fo’s Leben jetzt die furchtbarste nahe bevorstehende Gefahr drohte.

Die heutige Nacht, die Nacht vom 28. zum 29. Juni, sollte der »Hundertjährigen« noch zweihunderttausend Dollars kosten, während die Gesellschaft fünfundvierzig Stunden später, wenn die Police bis dahin nicht erneuert war, den Rechtsnachfolgern ihres gefährlichen Clienten keinen Cent zu zahlen hatte.

Man würde Craig und Fry sehr falsch beurtheilen, wenn man glaubte, daß sie in so bedrohter Lage etwa gar den Kopf verloren hätten. Sie blieben keine Minute unschlüssig; Kin-Fo mußte gezwungen werden, vor der zweiten Wache die Dschonke zu verlassen und mit ihnen zu entfliehen.

Doch wie? Sollte man sich des einzig vorhandenen Bootes bemächtigen? Unmöglich. Dasselbe war eine so schwere Schaluppe, daß die ganze Mannschaft nur eben hinreichte, es mit vereinten Kräften in’s Meer hinabzulassen. Kapitän Yin und seine Leute würden hierzu aber schwerlich die Hand geboten haben. Man mußte sich also auf andere Weise zu helfen suchen, trotz aller Gefahren, die damit verbunden sein konnten.

Es war jetzt gegen sieben Uhr Abends. Der Kapitän verweilte in seiner Cajüte und erwartete offenbar die mit Lao-Shen’s Spießgesellen verabredete Stunde.

»Hier ist kein Augenblick zu verlieren!« sagten Craig-Fry.

Gewiß, nicht ein einziger! Die beiden Agenten schwebten hier in gleich großer Gefahr, als ob sie mit einem Brander, dessen Lunte schon brannte, auf der hohen See trieben.

Die Dschonke hatte man einfach der Strömung des Wassers überlassen. Nur ein Matrose schlief auf dem Vorderdeck.

Craig und Fry öffneten vorsichtig die Thür der Wohnung auf dem Achter und begaben sich zu Kin-Fo.

Auch dieser schlummerte.

Man weckte ihn.

»Was giebt es?« fragte er.

Mit kurzen Worten wurde Kin-Fo, der dabei keineswegs den Muth verlor, über die Sachlage aufgeklärt.

»Wir wollen alle die falschen Leichname ins Meer werfen!« schlug er vor.

Gewiß eine verwegene, doch unausführbare Idee, da Kapitän Yin mit seinen Passagieren im Raume aller Wahrscheinlichkeit nach im Einverständnisse war.

»Ja, was wollen wir dann beginnen?

– Hier diese Kleidung anlegen!« erwiderten Craig-Fry wie aus einem Munde.

Damit öffneten sie eines der in Tong-Tcheu mit eingeschifften Packete und hielten ihrem Clienten einen jener ausgezeichneten, von Kapitän Boyton erfundenen Rettungsanzüge hin.

Das Packet enthielt auch noch drei ganz gleiche, mit allem nöthigen Zubehör, durch den diese Apparate sich vor allen anderen auszeichnen.

»Gut, sagte Kin-Fo. Holen Sie Soun!«

In kurzer Zeit brachte Fry den Diener angeführt, der gar nicht verstand, was hier vorging, und von den Anderen angezogen werden mußte. Er ließ Alles willenlos mit sich geschehen und stöhnte nur sein gewöhnliches Ai, ai, ya! dazu.

Um acht Uhr waren Kin-Fo und seine Begleiter fertig. Es sah aus, als wollten sich vier Robben aus dem Eismeere in das Wasser stürzen. Freilich hätte die Robbe Soun nur eine sehr unzureichende Vorstellung von der Gewandtheit und Geschicklichkeit dieser Thiere gegeben, so schlaff und welk stand er in seiner unversenkbaren Kleidung da.

Schon ward es im Osten dunkler. Die Dschonke lag vollkommen ruhig auf der unbewegten Wasserfläche.

Craig und Fry öffneten eines der nach dem Hintertheile des Schiffes gerichteten Fenster des Wohnhäuschens. Dann packten sie ohne Umstände den unglücklichen Soun, hoben ihn über den Schiffsrand und ließen ihn in das Meer hinab. Kin-Fo folgte diesem auf der Stelle. Craig und Fry versahen sich mit allem nothwendigen Zubehör und glitten auch ihrerseits ins Meer.

Kein Mensch konnte eine Ahnung davon haben, daß die Passagiere der »Sam-Yep« das Schiff verlassen hätten!

Neunzehntes Capitel.

Das weder für Kapitän Yin noch für die Mannschaft der »Sam-Yep« glücklich endigt.

Der Apparat des Kapitän Boyton besteht in der Hauptsache aus einer Kautschuk-Kleidung, welche Beinkleid, Jacke und Kopfbedeckung umfaßt. Schon die Natur des Stoffes macht dieselbe undurchdringlich. Doch wenn sie auch gegen das Wasser schützt, so würde sie doch die Kälte nicht abhalten können, welche bei längerem Eintauchen in Wasser auf den Menschenkörper einwirken müßte. Deshalb wird der Rettungsanzug aus zwei Blättern hergestellt, zwischen welche eine gewisse Menge Luft eingeblasen werden kann.

Die Luft erfüllt also einen doppelten Zweck: erstens erhält sie den Apparat nebst einer Person schwimmend auf der Oberfläche des Wassers, und zweitens hindert sie jede Berührung mit demselben und schützt in Folge dessen vollständig gegen die Abkühlung des Körpers. In dieser Weise bekleidet, könnte ein Mensch eigentlich unbegrenzt lange im Wasser ausdauern.

Daß auf den dichten Schluß aller Verbindungsstellen besondere Aufmerksamkeit verwendet ist, versteht sich von selbst. Das Beinkleid z.B., an dessen Füßen schwere Sohlen befestigt sind, sitzt an einem Metallgürtel fest, der weit genug ist, um dem Körper einige freie Bewegung zu gestatten. Die Jacke schließt an der unteren Seite ebenfalls an diesen Gürtel an und endigt oben in einem soliden Halsstück, mit dem die Kopfbedeckung zusammenhängt. Diese umhüllt endlich den Kopf und schließt sich mittels eines elastischen Bandes hermetisch an Stirn, Wangen und Kinn an, so daß vom Gesicht nur Augen, Nase und Mund frei bleiben.

An der Jacke befinden sich mehrere Kautschukschläuche zum Einblasen der Luft, deren Spannung in dem Apparate man demnach völlig in der Gewalt hat. So kann man z.B. nach Belieben bis an den Hals oder auch nur bis zum halben Körper einsinken, aber auch eine horizontale Lage einnehmen. Alles in Allem gewährt der Apparat bei hinreichender Freiheit jeder Bewegung eine so gut wie absolute Sicherheit.

Das ist der Boyton’sche Rettungsanzug, für den der kühne Erfinder so reichlichen Beifall einerntete und dessen Nützlichkeit bei Seeunfällen wohl klar auf der Hand liegt. Zu ihm gehören noch mehrere Nebenapparate, z.B. ein wasserdichter Sack mit den nothwendigsten Stärkungsmitteln und Geräthen (Messer, Gabel u.s.w.), der am Gürtel eingehängt wird; ein fester Stock, eingerichtet zum Befestigen in einer Art Dille am Fuße und zur Anbringung eines kleinen Focksegels; und eine leichte Pagaie, welche je nach Umständen als Riemen oder Steuerruder dient.

In dieser Weise ausgerüstet, schwammen Kin-Fo, Craig und Fry nebst Soun jetzt auf den Wellen. Den Letzteren mußte einer der Agenten immer antreiben, doch gelang es Allen, sich mittels einiger Ruderschläge aus der unmittelbaren Nähe der Dschonke zu entfernen.

Die jetzt schon sehr dunkle Nacht begünstigte das Unternehmen. Selbst wenn Kapitän Yin und seine Matrosen auf das Verdeck gekommen wären, hätten sie die Flüchtlinge nicht mehr wahrnehmen können. Uebrigens ahnte ja kein Mensch, daß und wie sie das Schiff verlassen hatten. Die im Raume verborgenen Schurken konnten das nur im letzten Augenblicke gewahr werden.

»Während der zweiten Wache«, hatte sich der falsche Todte im letzten Sarge geäußert, d.h. gegen Mitternacht.

Kin-Fo und seine Genossen hatten also einige Stunden Zeit, um etwas Vorsprung zu gewinnen, und hofften auch von der »Sam-Yep« wenigstens eine Meile unter dem Winde wegzukommen. Die Wasserfläche kräuselte eben ein leiser Hauch, doch so unfühlbar, daß man nur auf die Ruder zählen konnte, um wenigstens eine kleine Strecke zurückzulegen.

Sehr bald gewöhnten sich Kin-Fo, Craig und Fry so sehr an die Handhabung ihrer Apparate, daß sie fast instinctiv sich fortbewegten und stets die für den Augenblick passendste Körperhaltung wählten. Auch Soun hatte wieder mehr Herrschaft über sich bekommen und befand sich jetzt besser als an Bord der Dschonke. Seine Seekrankheit war vorübergegangen.

»Frrr! Frrr!« machten Craig und Fry. (S. 170.)

Es ist nämlich ein ganz anderes Ding, und Soun bestätigte das mit großer Befriedigung, ob man dem Rollen und Stampfen eines Fahrzeuges ausgesetzt ist, oder sich mit der Welle selbst hebt und senkt, während der halbe Körper in das Wasser eintaucht.

Soun wurde in das Meer hinabgelassen. (S. 173.)

Litt Soun jetzt aber nicht mehr an jener Krankheit, so plagte ihn dafür das Gefühl der Furcht desto mehr. Er glaubte, die Haifische möchten noch nicht schlafen gegangen sein, und zog instinctmäßig die Beine an sich, als schnappte schon der Rachen eines solchen Ungeheuers nach denselben!…. Es muß übrigens zugegeben werden, daß eine solche Befürchtung nicht ganz am falschen Platze war.

So arbeiteten sich also Kin-Fo und seine Gefährten, die ein mißgünstiges Geschick in die wunderbarsten Lagen brachte, langsam vorwärts. Während des Ruderns hielten sie sich nahezu wagrecht. Ruhten sie aus, so nahmen sie wieder eine senkrechte Haltung ein.

Eine Stunde nach dem Verlassen der »Sam-Yep« lag diese eine halbe Meile von ihnen vor dem Winde. Sie hielten inne, stützten sich ein wenig auf die flach auf das Wasser gelegten Pagaien und berathschlagten, was nun zu beginnen sei, aber immer mit der Vorsicht, kein lautes Wort hören zu lassen.

»Dieser Schurke von Kapitän! begann Craig wie zur Einleitung.

– Und der Spitzbube Lao-Shen! setzte Fry hinzu.

– Setzt Sie das in Erstaunen? fragte Kin-Fo im Tone eines Mannes, denn nichts mehr verwundern kann.

– Gewiß! erklärte Craig, denn ich kann nicht begreifen, wie diese Wichte erfahren konnten, daß wir an Bord der Dschonke gehen würden.

– Das ist in der That unerklärlich! bestätigte Fry.

– Was thut es, erwiderte Kin-Fo, daß sie davon wußten, da wir ihnen nun doch entwischt sind?

– Entwischt! warf Craig dagegen ein, nein! So lange die »Sam-Yep« in Sicht bleibt, ist noch keineswegs jede Gefahr vorüber.

– Nun, was sollen wir dagegen thun? fragte Kin-Fo.

– Einige Kräfte sammeln, antwortete Fry, und so weit zu entkommen suchen, daß wir auch bei Tagesanbruch nicht mehr sichtbar sind!«

Fry blies noch mehr Luft in seinen Apparat und erhob sich dadurch mit dem halben Körper über das Wasser. Er zog darauf den angehängten Beutel bis zur Brust empor, öffnete ihn und nahm daraus eine kleine Flasche und ein Gläschen, das er, mit stärkendem Branntwein gefüllt, seinem Clienten darreichte.

Kin-Fo ließ sich nicht erst bitten, sondern leerte das Glas bis zum letzten Tropfen. Craig-Fry thaten desgleichen und auch Soun ward nicht vergessen.

»Es geht…? fragte ihn Craig.

– Besser! antwortete Soun, nachdem er getrunken. Vorzüglich, wenn wir etwas Kräftiges zu beißen hätten.

– Morgen Früh, tröstete ihn Craig, werden wir mit Tagesanbruch frühstücken und auch einige Tassen Thee….

– Kalten? unterbrach ihn Soun mit einer Grimasse.

– Nein, warmen! versicherte Craig.

– Sie werden Feuer anzünden?

– Natürlich.

– Weshalb dann bis morgen warten? fragte Sonn.

– Wollen Sie denn, daß der Feuerschein uns dem Kapitän Yin und seinen Helfershelfern verrathen soll?

– Um Gotteswillen, nein!

– Nun also, Geduld bis morgen!«

Wahrlich, die Leutchen plauderten, als wären sie »zu Haus«. Der leichte Seegang hob und senkte sie nur abwechselnd ein wenig, was einen fast komischen Anblick gewährte. Sie stiegen je nach den Wellen hinauf oder herab, wie die Hammer eines Pianos, wenn dessen Tasten angeschlagen werden.

»Die Brise frischt etwas auf! bemerkte Kin-Fo.

– So lichten wir die Anker!« antworteten Craig-Fry.

Sofort wurden die Stöcke eingesetzt und die kleinen Segel daran befestigt, als Soun plötzlich einen jämmerlichen Schrei ausstieß.

»Wirst Du schweigen, Dummkopf! rief sein Herr ihn an. Willst Du uns denn verrathen?

– Ich glaubte…. ich sah, murmelte Soun.

– Was denn?

– Ein furchtbares Thier, das heranschlich… Wahrscheinlich ein Hai!…

– Eine Täuschung, Soun! beruhigte ihn Craig, nachdem er sich rings umgesehen.

– Aber mir war’s, als fühlte ich…. heulte Soun weiter.

– Schweige nun, Hasenfuß! sagte Kin-Fo, indem er eine Hand auf die Schulter des Dieners legte. Und wenn Du einen Hai schon an Deinem Beine fühlst, verbiete ich Dir, zu schreien, oder…

– Oder, fügte Fry hinzu, einen Messerschnitt in seinen Apparat und wir senken ihn in die Tiefe, wo er schreien mag nach Herzenslust!«

Die Qualen des unglücklichen Soun fanden also noch kein Ende. Die Angst marterte ihn zwar jämmerlich, doch wagte er nicht mehr, einen Laut von sich zu geben. Wenn er sich jetzt auch noch nicht nach der Dschonke, der Seekrankheit und den Passagieren des Schiffsraumes zurücksehnte, so konnte das doch nicht mehr lange dauern.

Wie Kin-Fo gesagt, nahm die Brise ein wenig zu; es war aber nichts als einer jener Localwinde, welche meist mit Aufgang der Sonne wieder aufhören. Nichtsdestoweniger mußte man denselben benützen, um so weit als möglich von der »Sam-Yep« hinwegzukommen. Wenn Lao-Shen’s Leute Kin-Fo nicht mehr in seiner Cabine trafen, würden sie gewiß nach ihm suchen, und war er dann noch in Sicht, so mußte es für ein Boot ein Leichtes sein, ihn wieder einzufangen. Um jeden Preis galt es jetzt, vor dem Morgengrauen möglichst weit zu entfliehen.

Der Wind wehte von Osten. Wohin auch die Dschonke von dem Orkan verschlagen sein mochte, ob nach dem Golfe Leao-Tong, nach dem von Pe-Tche-Li oder gar nach dem Gelben Meere hinaus, jedenfalls näherte man sich der Küste, wenn man nach Westen gelangte. Dort konnte man wohl darauf rechnen, einem Handelsschiffe zu begegnen, das nach der Mündung des Peï-Ho segelte. Dort kreuzten Tag und Nacht Fischerboote in der Nähe der Küste. Die Aussicht, irgendwo Aufnahme zu finden, wuchs damit in verstärktem Maße. Blies jetzt der Wind dagegen aus Westen und war die »Sam-Yep« weiter südlich als das Ufer von Korea verschlagen worden, so winkte Kin-Fo und seinen Leidensgefährten freilich keine Rettung mehr. Vor ihnen dehnte sich dann das endlose Meer aus, und trieben sie auch bis zu den Küsten Japans, so konnten sie damit nur als Leichen ankommen, die in ihrer unversenkbaren Kautschukhülle an’s Land geschwommen wären.

Doch, wie gesagt, aller Wahrscheinlichkeit nach legte sich die Brise wieder mit Aufgang der Sonne, und man mußte sie benützen, um außer Gesichtsweite zu kommen.

Es war jetzt gegen zehn Uhr Abends. Der Mond sollte kurz vor Mitternacht über den Horizont emporsteigen. Man hatte also keinen Augenblick zu verlieren.

»Fort, unter Segel!« mahnten Craig-Fry.

Sofort setzte man sich in Bewegung. Die Sache ging ganz einfach. Auf den starken Sohlen des rechten Fußes jedes Apparates befand sich eine Dille zur Aufnahme des als Mast dienenden Stockes.

Kin-Fo, Soun und die beiden Agenten streckten sich lang auf den Rücken aus; dann zogen sie durch eine Beugung des Knies den Fuß an sich und befestigten den Stock in der Dille, nachdem sie vorher die Hißleine des kleinen Segels durch eine Oese an dessen oberen Ende gesteckt hatten. Sobald sie den Fuß wieder ausstreckten, erhob sich der Stock, der nun einen rechten Winkel mit dem Körper bildete, senkrecht in die Höhe.

»Gehißt!« commandirten Craig-Fry.

Alle zogen mit der rechten Hand die Leine an und brachten damit das kleine dreieckige Segel an seine Stelle.

Die Leine ward hierauf am Metallgürtel des Apparates befestigt, die Schote hielt man in der Hand, und die, die vier Focksegel aufblähende Brise trieb nun die kleine Flottille von Skaphandern unter leichtem Wirbeln des Wassers dahin.

Verdienten diese »Menschenschiffe« nicht mit mehr Recht den Namen von Skaphandern als die unter dem Wasser thätigen Arbeiter, denen man ihn gewöhnlich beilegt?

Zehn Minuten später schon manövrirte Jeder mit vollkommener Sicherheit und Leichtigkeit. Alle »flossen« neben einander hin, ohne sich je zu entfernen. Man hätte eine Gesellschaft ungeheurer Seemöven vor sich zu haben geglaubt, welche mit ausgespannten Flügeln leicht über die Wasserfläche hinglitten.

Der Zustand des Meeres begünstigte übrigens diese Fahrt außerordentlich. Keine Sturzwelle, kein schäumender Wasserberg unterbrach die langsame, ruhige Bewegung an der Oberfläche.

Nur zwei-oder dreimal schluckte der ungeschickte Soun, der auf Craig’s und Fry’s Ermahnungen nicht hörte, einen tüchtigen Mund voll des salzigen bitteren Wassers, das er indeß bald wieder erbrach. Uebrigens machte ihm das den geringsten Kummer, aber die Hals, die gefräßigen Räuber des Meeres, wenn sie nur nicht gewesen wären!

Man belehrte ihn, daß er sich einer geringeren Gefahr aussetze, wenn er in horizontaler Lage verharrte. Der Rachen des Hals ist nämlich so geformt, daß dieser sich stets umwenden muß, um eine Beute zu erschnappen, und das wird ihm nicht leicht, wenn er einen wagrecht schwimmenden Gegenstand zu erlangen sucht. Außerdem will man beobachtet haben, daß diese Thiere, wenn sie sich auch gierig auf unbewegte Körper stürzen, doch vor solchen, die nicht an der Stelle bleiben, einigermaßen zurückschrecken. Sonn mußte sich also entschließen, unausgesetzt zu rudern, und er ruderte aus Leibeskräften, das läßt sich wohl denken.

So segelten die Skaphander eine Stunde lang dahin. Eher durften sie nicht ruhen, da die Dschonke noch zu sehr in der Nähe war; länger konnten sie aber die Spannung des Segels, das jetzt ein frischerer Wind schwellte, nicht ertragen, da auch das Wasser etwas unruhiger geworden war.

Craig-Fry commandirten zu »stoppen«. Man ließ die Schoten schießen und die Flottille hielt an.

»Fünf Minuten Pause, wenn es Ihnen gefällig ist, wendete sich Craig an Kin-Fo.

– Recht gern!«

Alle außer Soun, der aus Vorsicht ausgestreckt blieb und weiter zappelte, nahmen wieder eine aufrechte Stellung an.

»Noch ein Gläschen Branntwein? fragte Fry.

– Mit Vergnügen!« antwortete Kin-Fo.

Für den Augenblick genügten ihnen einige Tropfen einer stärkenden Flüssigkeit. Von Hunger spürten sie noch nichts. Eine Stunde vorher, bevor sie die Dschonke verließen, hatten sie zu Abend gegessen und konnten wohl bis zum Morgen warten. Sich zu erwärmen, erschien auch unnöthig. Die Luftschicht zwischen ihrem Körper und dem Wasser schützte sie ja vor jeder Abkühlung. Die Normaltemperatur ihres Körpers war seit der Abfahrt gewiß nicht um einen Grad gesunken.

Und hatte man die »Sam-Yep« noch immer in Sicht?

Craig und Fry drehten sich um. Fry nahm aus seinem Beutel ein Nachtfernrohr und prüfte sorgsam den ganzen Horizont im Osten.

Er sah nichts! Nicht einen jener kaum bemerkbaren Schatten, den sonst die Schiffe auch am dunklen Himmel zu erzeugen scheinen. Uebrigens war die Nacht pechschwarz, etwas dunstig und fast sternenlos. Die Planeten bildeten am Himmel nur eine Art Nebelfleck. Wahrscheinlich aber zerstreute der bald in Form einer halben Scheibe aufgehende Mond die seinen Dünste und beleuchtete die ganze Umgebung.

»Die Dschonke ist fern von uns! meldete Fry.

– Die Schurken schlafen noch, meinte Craig, und werden nicht daran gedacht haben, die Brise zu benützen.

– Wenn es Ihnen beliebt?« erinnerte Kin-Fo, indem er die Schote anzog und das Segel wieder in den Wind brachte.

Die Anderen folgten seinem Beispiele und schwammen, getrieben von dem etwas kräftigeren Winde, in der früheren Richtung weiter.

Sie segelten nach Westen. Der im Osten aufgehende Mond konnte ihre Augen also nicht unmittelbar treffen; er mußte aber mit seinen ersten Strahlen den gegenüberliegenden Horizont erleuchten, und ihnen lag natürlich weit mehr daran, den letzteren genau erkennen zu können. Vielleicht zeigte er doch statt der Kreislinie an der Grenze zwischen Himmel und Wasser ein unebenes Profil mit helleren und dunkleren Stellen. Die Skaphander hofften, sich darüber nicht täuschen zu können. Sie konnten ja nichts anderes vor sich haben als die Küste des Himmlischen Reiches, und wo sie daselbst auch landeten, überall winkte ihnen die Rettung. Die Küste ist übrigens offen und hat fast gar keine Brandung.

Eine Gefahr beim Landen hatte man also nicht zu fürchten. Einmal am Ufer, wollte man sich dann überlegen, was weiter zu thun sei.

Gegen drei Viertel zwölf Uhr durchdrang ein schwacher Lichtschein die Dünste am Zenith. Das Viertel des Mondes stieg langsam über die Wasserlinie empor.

Weder Kin-Fo, noch einer seiner Gefährten wandte sich nach rückwärts. Die noch mehr zunehmende Brise, welche den Himmel reinigte, trieb sie ja mit einer gewissen Geschwindigkeit dahin. Sie bemerkten aber, daß es allmälich heller wurde.

Gleichzeitig erschienen die Sternbilder deutlicher. Der Wind verjagte den Nebel und die Wellen spielten lebhafter um die Kopftheile der Skaphander.

Bald erleuchtete die Mondscheibe, von der kupferrothen Farbe in’s Weißliche übergehend, den ganzen Himmel.

Plötzlich entfuhr Craig’s Munde ein kräftiger amerikanischer Fluch:

»Da ist die Dschonke!« rief er.

Alle hielten an.

»Die Segel herunter!« befahl Fry.

Sofort sanken die vier Focksegel herab und die Stöcke wurden aus den Dillen genommen.

Kin-Fo und seine Begleiter richteten sich auf und sahen hinter sich.

Da trieb die »Sam-Yep« kaum eine Meile von ihnen entfernt, mit allen Segeln, wie ein schwarzes Gespenst am erleuchteten Horizont.

In der That, das war die Dschonke! Auch sie hatte die günstige Brise nicht ungenützt gelassen. Kapitän Yin mochte das Verschwinden Kin-Fos bemerkt haben, ohne zu begreifen, wie es ihm möglich geworden sei, zu entfliehen. Jedenfalls versuchte er jetzt, in Uebereinstimmung mit seinen Spießgesellen aus dem Raume, auf gut Glück den Flüchtling wiederzufinden, und vor Ablauf einer Viertelstunde konnten Kin-Fo, Soun, Craig und Fry den Räubern wieder in die Hände gefallen sein.

Immerhin war kaum anzunehmen, daß sie bei dem Mondlichte, das auf der Wasserwüste ruhte, schon gesehen worden seien.

»Die Köpfe herunter!« rief Craig, der durch dieses Mittel noch entrinnen zu können hoffte.

»Dieser Schurke von Kapitän!« (S. 178.)

Man verstand ihn. Sofort ließ man aus dem Apparate einen Theil der Luft entweichen und die vier Skaphander sanken um so viel tiefer, daß nur noch der Kopf mit der Kappe darüber das Wasser überragte. Nun galt es, sich still zu verhalten und auf jede Fortbewegung zu verzichten.

Die Dschonke näherte sich sehr schnell. Ihre hohen Segel warfen einen schwarzen Schlagschatten auf das Wasser.

Alle flossen neben einander hin. (S. 181.)

Nach fünf Minuten war die »Sam-Yep« kaum noch eine halbe Meile entfernt. Auf dem Verdeck liefen die Matrosen hin und her. Am Achter stand der Kapitän selbst am Steuer. Hatte er wirklich die Absicht, die Flüchtlinge zu verfolgen, oder suchte er sich nur am Winde zu erhalten? Niemand vermochte das zu entscheiden. Plötzlich vernahm man lautes Geschrei. Auf dem Deck der »Sam-Yep« erschienen eine Menge Menschen. Der Lärm nahm zu.

Offenbar handelte es sich um einen Kampf zwischen den falschen Todten aus dem Raume und der Mannschaft des Schiffes.

Warum entstand aber dieser Kampf? Sollten die Spitzbuben, die Matrosen und Seeräuber, doch nicht unter einer Decke stecken?

Deutlich hörten Kin-Fo und seine Genossen einerseits wildes Zurufen, andererseits schmerzliches, verzweifelndes Geschrei, das jedoch binnen wenigen Minuten wieder schwieg. Dann ein Klatschen und Plätschern längs der Dschonke, als ob man schwere Körper herunterwerfe.

Nein, Kapitän Yin und seine Leute waren nicht die Helfershelfer des Räubers Lao-Shen! Im Gegentheile wurden die armen Leute selbst überrascht und elend hingemordet. Die Schurken, welche sich wahrscheinlich mit Hilfe der Verfrachter in Taku an Bord zu verbergen wußten, gingen dabei nur darauf aus, sich für den Taï-Ping der Dschonke zu bemächtigen, und ahnten gewiß nicht, daß Kin-Fo sich auf der »Sam-Yep« als Passagier befand.

Hätte man ihn freilich gesehen und erwischt, so würden weder er noch Craig-Fry oder Soun von den Banditen verschont worden sein.

Die Dschonke näherte sich immer mehr, sie erreichte sie, doch unerwarteter Weise fiel der Schatten der Segel auf die Schwimmenden.

Diese tauchten einen Augenblick unter.

Als sie die Köpfe wieder hoben, war die Dschonke vorübergerauscht, ohne Jemand bemerkt zu haben, und segelte rasch weiter.

In ihrem Kielwasser schwamm ein Leichnam, der nach und nach in die Nachbarschaft der Skaphander getrieben wurde.

Es war der Körper des Kapitäns mit einem Dolche in der Seite. Die weiten Falten seines Oberkleides hielten ihn noch über Wasser.

Dann versank er und verschwand in der Tiefe des Meeres.

So endete der lustige Kapitän Yin, der Befehlshaber der »Sam-Yep«.

Zehn Minuten später war die Dschonke nach Westen hin verschwunden und Kin-Fo, Craig-Fry und Soun befanden sich allein auf der ungeheuren Wasserfläche.

Zwanzigstes Capitel.

In dem man sehen wird, welchem Zufälligkeiten Leute ausgesetzt sind, die sich der Apparate des Kapitän Boyton bedienen.

Nach drei Stunden graute allmählich der Tag am Horizont. Bald ward es ganz hell, so daß man das Meer in seiner ganzen Ausdehnung übersehen konnte. Die Dschonke war nicht mehr sichtbar. Sie hatte die Skaphander, die sie an Schnelligkeit der Bewegung übertraf, schon weit überholt. Letztere hielten zwar denselben Weg ein und segelten mit derselben Brise, doch die »Sam-Yep« mochte sich jetzt wenigstens schon drei Meilen unter dem Winde von ihnen befinden. Von ihrer Seite hatte man also kaum noch etwas zu fürchten.

Trotz Vermeidung der zunächst drohenden Gefahr war die Situation jedoch keineswegs eine günstige zu nennen.

Ringsum lag das Meer verlassen. Kein Fahrzeug, keine Fischerbarke in Sicht. Nirgends Land, weder im Norden, noch im Westen. Nichts, was die Nähe einer Küste verrathen hätte. Dazu herrschte eine völlige Ungewißheit, ob diese Gewässer dem Golfe von Pe-Tche-Li oder dem Gelben Meere angehörten.

Noch bewegte ein schwacher Wind die Oberfläche, von dem Niemand wußte, wie lange er anhalten würde. Die von der Dschonke gesteuerte Richtung bewies, daß sich – in größerer oder geringerer Entfernung von hier – im Westen das Land befinden mußte, daß man es nur dort zu suchen habe.

Die Skaphander sollten also baldigst wieder unter Segel gehen, wenigstens nachdem sie sich einigermaßen gestärkt hatten. Die Magen verlangten ihr Recht, und zwar nach einer zehnstündigen Fahrt unter solchen Umständen ziemlich stürmisch.

»Wir wollen frühstücken, sagte Craig.

– Und zwar tüchtig!« fügte Fry hinzu.

Kin-Fo gab durch ein Zeichen seine Zustimmung zu erkennen, und Soun bewegte die Kinnladen in einer Weise, daß sich Niemand darüber täuschen konnte, was er damit sagen wolle. Jetzt, wo ihn der Hunger quälte, dachte er nicht mehr an die Gefahr, auf der Stelle selbst aufgefressen zu werden.

Fry brachte hierauf aus dem wasserdichten Sacke verschiedene wohlerhaltene Nahrungsmittel, wie Brot, Conserven, einiges Tischgeräth, kurz alles Nothwendige zur Stillung des Hungers und Durstes. Zwar fehlten diesmal von den hundert Gerichten, die sonst auf einer chinesischen Tafel erscheinen, nicht weniger als achtundneunzig, der Rest genügte aber doch, die vier Leute zu befriedigen, und unter den gegebenen Umständen war es ja nicht am Platze, sich besonders wählerisch zu erweisen.

Man frühstückte also, und zwar mit gutem Appetit. Der Sack enthielt Vorräthe für zwei Tage. Entweder kam man vor Ablauf dieser zwei Tage an’s Land oder – niemals.

»Wir haben aber die beste Hoffnung, bemerkte Craig.

– Ich möchte wohl wissen warum? fragte Kin-Fo mit etwas ironischem Lächeln.

– Weil uns das Glück wieder hold ist, antwortete Fry.

– Sie finden wirklich?

– Gewiß, fuhr Craig fort, da wir der schlimmsten Gefahr, der seitens der Dschonke, entrinnen konnten.

– Sie, mein Herr, erklärte Fry, waren, seitdem wir die Ehre haben, Sie zu begleiten, noch niemals in vollkommenerer Sicherheit als jetzt hier.

– Alle Taï-Ping der ganzen Welt…. sagte Craig.

– Können Ihnen nichts zu Leide thun, fügte Fry hinzu.

– Und Sie schwimmen so hübsch, meinte Craig.

– Für einen Mann, der zweimalhunderttausend Dollars wiegt!« schloß Fry den Satz.

Kin-Fo mußte wirklich lachen.

»Wenn ich jetzt schwimme, so verdanke ich das nur Ihnen, meine Herren. Ohne Ihren Beistand dürfte ich wohl schon dem armen Kapitän Yin Gesellschaft leisten.

– Wir auch, riefen Craig-Fry.

– Und ich nicht minder, ließ sich Soun vernehmen, der gerade ein großes Stück Brot hinunterwürgte.

– Nun, ich weiß, was ich Ihnen schuldig bin, fuhr Kin-Fo fort.

– Sie schulden uns gar nichts, entgegnete Fry, denn Sie sind Client der »Hundertjährigen«….

– Gesellschaft für Lebensversicherung….

– Grundcapital 20,000.000 Dollars….

– Und wir leben der Hoffnung….

– Daß sie auch Ihnen nichts schuldig sein wird.«

Im Grunde genommen war Kin-Fo sehr gerührt von der Vorsorge und Opferwilligkeit der beiden Agenten für seine Person, aus welchen Gründen jene Ergebenheit auch herzuleiten sein mochte, und er verhehlte ihnen das nicht.

»Wir sprechen hiervon weiter, sagte er, wenn Lao-Shen mir den Brief zurückerstattet hat, den Wang boshafter Weise aus der Hand gegeben!«

Craig und Fry wechselten einen Blick, ihre Lippen umspielte ein kaum bemerkbares Lächeln. Offenbar bewegte sie ein und derselbe Gedanke.

»Soun! rief Kin-Fo.

– Was steht zu Diensten?

– Den Thee!

– Sofort!« antwortete Fry.

Und Fry that sehr recht daran, die Antwort zu übernehmen, denn Soun hätte doch darauf nichts zu sagen gewußt, als daß es ihm absolut unmöglich sei, diesem Verlangen zu entsprechen.

Die beiden Agenten freilich waren nicht die Leute dazu, wegen einer solchen Bagatelle in Verlegenheit zu kommen.

Fry entnahm seinem Sacke noch ein kleines Geräth, das Kapitän Boyton’s Apparat wesentlich vervollständigt. Dasselbe kann nämlich als Leuchte in der Nacht, als Ofen in der Kälte und als Herd dienen, wenn man ein warmes Getränk bereiten will.

Dabei ist es ungemein einfach. Ein auf einem metallischen Behälter angebrachtes Rohr von fünf bis sechs Zoll Länge trägt oben und unten einen kleinen Hahn, das Ganze ist in einer Korkplatte befestigt, wie man das öfters mit Thermometern in Badeanstalten sieht.

Fry setzte diesen Apparat auf die glatte Wasserfläche.

Mit der einen Hand öffnete er hierauf erst den oberen, dann mit der anderen den unteren Hahn, der etwas in’s Wasser eintauchte.

Sofort schlug aus dem oberen Ende der Röhre eine helle Flamme heraus, die eine ziemlich starke Hitze verbreitete.

»Da haben wir den Herd!« sagte Fry.

Soun konnte kaum seinen Augen trauen.

»Sie machen mit Wasser Feuer? rief er erstaunt.

– Ja wohl, mit Wasser und Phosphor-Calcium!« antwortete Craig.

Der hier in Rede stehende Apparat verdankt seine Vorzüge einer merkwürdigen Eigenschaft des Phosphor-Calciums, einer Verbindung des Phosphors, welches in Berührung mit Wasser Phosphor-Wasserstoffgas bildet. An der Luft entzündet sich dieses Gas von selbst, und weder Wind noch Regen vermögen die Flamme desselben auszulöschen. Deshalb findet es jetzt zur Beleuchtung verbesserter Rettungsbaken Verwendung. Das Schwanken der Bake auf den Wellen bringt das Wasser dabei in Contact mit dem Phosphor-Calcium. Sofort entwickelt sich eine lange Flamme, bei deren Schein ein über Bord Gefallener die Bake leicht bemerken und die Mannschaft des Schiffes Jenem sichere Hilfe leisten kann.1

Ueber die Gasflamme am Ende der Röhre hielt Craig nun ein Kesselchen mit Süßwasser, von dem sich in seinem wasserdichten Sacke einiger Vorrath befand.

Binnen wenigen Minuten kam die Flüssigkeit in’s Sieden. Craig goß sie nun in eine Theekanne mit einer geringen Menge der duftigen Blätter, und Kin-Fo so gut wie Soun genossen das Nationalgetränk diesmal auf amerikanische Weise, ohne einen Widerspruch laut werden zu lassen.

Dieses warme Getränk bildete den passenden Schluß des auf der Oberfläche des Meeres unter »so und so viel« der Breite und »so und so viel« der Länge servirten Frühstücks. Es fehlte nur ein Sextant und ein Chronometer, um die Position bis auf wenige Secunden genau zu bestimmen. Gewiß dürfte man später die Boyton’schen Rettungsanzüge auch noch mit diesen Instrumenten ausrüsten, damit Schiffbrüchige, welche sich derselben bedienen, nicht Gefahr laufen, sich im Ocean zu verirren.

Durch das Ausruhen und den Imbiß gestärkt, entfalteten Kin-Fo und seine Gefährten nun die kleinen Segel auf’s Neue und setzten ihre durch das Frühstück angenehm unterbrochene Fahrt nach Westen weiter fort.

Zwölf Stunden lang hielt die Brise noch an und legten die Skaphander, mit dem Winde im Rücken, ein gutes Stück Weg zurück. Nur dann und wann halfen sie mit einigen Ruderschlägen nach, um sich im richtigen Kurs zu erhalten. Die horizontale Lage und das weiche Wasserbett erweckten in allen eine nicht geringe Neigung zum Schlafe, der man unter den gegebenen Umständen doch widerstehen mußte. Craig und Fry zündeten sich also, um munter zu bleiben, eine Cigarre an und dampften, wie es die Badestutzer in den Schwimmschulen zu thun pflegen.

Mehrmals wurden die Skaphander übrigens von mancherlei Seethieren incommodirt, was Soun stets den heillosesten Schreck einjagte.

Glücklicher Weise waren es nur ganz unschuldige Meerschweine. Diese »Clowns« der offenen See wollten sich offenbar darüber unterrichten, wer diese in ihrem Elemente dahinschwimmenden Wesen seien.

Ein merkwürdiges Schauspiel! Die Meerschweine näherten sich truppenweise; sie flogen pfeilschnell dahin, wobei das Wasser smaragdfarben schillerte; dann sprangen sie fünf bis sechs Fuß hoch heraus; ein Beweis für die Geschwindigkeit und Kraft ihrer Muskeln. O, wenn die Skaphander das Wasser ebenso schnell hätten zertheilen können, sie wären wohl vor dem besten Schiffe an das Land gekommen. Man verspürte fast Lust, sich von einem jener Thiere schleppen zu lassen. Bei den Sprüngen und Taucherkunststückchen derselben erschien es aber doch rathsamer, sich zur Fortbewegung nur auf die Kraft des Windes zu verlassen, eine Methode, die trotz ihrer Langsamkeit jedenfalls den Vorzug größerer Sicherheit gewährte.

Gegen Mittag legte sich die Brise fast gänzlich. Sie endigte mit mehreren »Stößen«, welche die kleinen Segel einen Augenblick schwellten, aber sofort wieder schlaff herabhängen ließen. Die Schote hing locker in der Hand. Weder an den Füßen, noch an den Köpfen der Skaphander kräuselten sich die Wellen.

»Ein unangenehmer…. begann Craig.

– Zwischenfall!« schloß Fry.

Man hielt einen Augenblick an. Die Masten wurden ausgehoben, die Segel eingezogen und Alle beobachteten, in senkrechte Lage zurückgekehrt, den weiten Horizont.

Noch immer zeigte sich das Meer verlassen. Kein Segel kam in Sicht, keine Rauchwolke eines Dampfers zog am Himmel hin. Die brennende Sonne hatte alle Dünste aufgesaugt und schien die Luft verdünnt zu haben. Das Wasser wäre Jedem warm vorgekommen, selbst wenn ihn nicht eine doppelte Kautschukhülle schützte.

So sehr sich Craig-Fry auch das Aussehen gaben, als könne dieses etwas gewagte Unternehmen gar nicht fehlschlagen, so quälte sie doch eine gewisse Unruhe. Die binnen sechzehn Stunden zurückgelegte Entfernung vermochte man zwar nicht abzuschätzen, daß aber gar nichts auf die Nachbarschaft der Küste hindeutete, daß weder ein Handelsschiff, noch eine Fischerbarke in Sicht kam, erschien doch mehr und mehr unerklärlich.

Zum Glück waren Kin-Fo, Craig und Fry nicht die Leute dazu, vorzeitig zu verzweifeln. Noch besaßen sie ja Mundvorräthe für einen Tag und auch die Witterung blieb im Ganzen günstig.

»Die Ruder zur Hand!« mahnte Kin-Fo.

Offenbar handelte es sich um einen Kampf. (S. 185.)

Schnell machten sich die Skaphander, bald auf dem Rücken, bald auf dem Bauche schwimmend, wieder auf den Weg nach Westen.

Freilich ging es nur langsam vorwärts. Das Rudern strengte Jeden wegen Mangels an Uebung nicht wenig an. Man war häufig gezwungen, anzuhalten und Sonn zu erwarten, der immer zurückblieb und wiederholt Jeremiaden anstimmte. Sein Herr rief zwar nach ihm, schalt und drohte, Soun aber, der den Rest seines Zopfes jetzt in der Kautschukkappe in Sicherheit wußte, kümmerte sich darum blutwenig.

»Sie machen mit Wasser Feuer?« (S. 189.)

Nur die, Furcht, hier allein zurückgelassen zu werden, trieb ihn an, nicht allzu weit zurückzubleiben. Gegen zwei Uhr zeigten sich einzelne Vögel, es waren Möven. Gerade diese fliegen aber oft sehr weit in die See hinaus. Aus ihrem Erscheinen war also noch kein Schluß auf die Nähe einer Küste zu ziehen. Doch betrachtete man dieselben immerhin als ein günstiges Vorzeichen.

Eine Stunde später verirrten sich die Skaphander in ein Sargasso-Netz, aus dem sie sich nur mit Mühe wieder befreiten. Sie verwickelten sich darin wie die Fische in den Maschen eines Sacknetzes. Man mußte die Messer zu Hilfe nehmen, um mittelst derselben einen Ausweg zu bahnen. Damit verlor man eine gute halbe Stunde und daneben auch viel Kräfte, welche besser hätten verwendet werden können.

Um vier Uhr hielt die kleine schwimmende Gesellschaft höchst erschöpft auf’s Neue an. Eben erhob sich eine ziemlich frische Brise, aber von Süden her. Das war recht mißlich. Denn damit kamen die Skaphander in die Lage eines Schiffes, das sich nur durch das Steuerruder in seinem Kurs zu erhalten vermochte. Entfaltete man die Segel, so drohte die Gefahr, nach Norden hin verschlagen zu werden und einen Theil des Weges einzubüßen, den man schon nach Westen zurückgelegt hatte. Gleichzeitig wurde auch der Seegang lebhafter, die Wellen plätscherten stark und machten die Situation recht unangenehm.

Die Rast dauerte ziemlich lange. Man wollte nicht nur ausruhen, sondern suchte sich auch durch Nahrung zu stärken. Das Mittagsessen verlief weniger heiter als das Frühstück. In einigen Stunden sollte es schon wieder Nacht werden. Der Wind blies kräftiger. Was war zu thun?

Kin-Fo sprach, gestützt auf seine Pagaie, die Stirn gefaltet und mehr erbittert als beunruhigt über das Mißgeschick, das ihn verfolgte, kaum ein Wort. Sonn jammerte ohne Unterlaß und nieste schon wie Einer, den ein entsetzlicher Schnupfen bedroht.

Craig und Fry fühlten es heraus, daß die anderen Beiden sie stillschweigend um ihre Meinung fragten, doch wußten sie jetzt nichts mehr zu antworten.

Da half ein glücklicher Zufall das lange Schweigen brechen.

Kurz vor fünf Uhr streckten Craig und Fry gleichzeitig die Hand nach Süden hin aus und riefen:

»Ein Segel! Dort ein Segel!« Wirklich erschien, etwa drei Meilen unter dem Winde, ein Fahrzeug, das mit vollen Segeln daherkam. Wenn es den augenblicklich gesteuerten Kurs einhielt, mußte es voraussichtlich nahe an der Stelle vorbeikommen, wo Kin-Fo und seine Begleiter rasteten.

Jetzt hatte man also weiter nichts zu thun, als sich ein Stückchen weiter zu bewegen, um jenem sicher zu begegnen.

Die Skaphander zögerten keinen Augenblick. Die Hoffnung gab ihnen neue Kräfte. Jetzt hatten sie die Rettung sozusagen in den Händen, und es lag an ihnen, sie festzuhalten.

Die Richtung des Windes gestattete leider nicht die Benützung der kleinen Segel, doch mußten für die nur geringe Entfernung die Ruder wohl ausreichen.

Allmählich erschien das Fahrzeug deutlicher und größer. Es war nur eine Fischerbarke, deren Anwesenheit die Gewißheit gab, daß die Küste nicht fern sein könne, da sich die chinesischen Fischer niemals weit in die See hinaus wagen.

»Kräftig! Kräftig!« riefen Craig-Fry, die darauf losruderten, was sie konnten.

Sie hatten kaum nöthig, ihre Gefährten zur Eile anzuspornen. Kin-Fo flog, lang auf dem Wasser ausgestreckt, wie ein Kaperschiff dahin. Soun übertraf sich selbst und arbeitete sich sogar allen Anderen voraus, so sehr fürchtete er, zurückgelassen zu werden.

Man hatte etwa eine halbe Meile weit zu rudern, um den Weg des Fahrzeuges zu kreuzen. Noch war es heller Tag, doch wenn die Skaphander auch der Barke nicht so nahe kommen sollten, um leicht gesehen zu werden, hofften sie doch, sich durch Lärm bemerkbar machen zu können. Wenn die Fischer aber nun beim Anblick der eigenthümlichen Seegeschöpfe, welche sie anriefen, die Flucht ergriffen? Das wäre freilich ein Strich durch die Rechnung gewesen.

Immerhin, jetzt galt es, sich zu beeilen. Da strengten sie die Arme an, die Ruder schlugen klatschend in die Wellen ein und die Entfernung verminderte sich sichtlich, als Soun, der immer voraus war, einen schrecklichen Schrei ausstieß.

»Ein Hai! Ein Hai!«

Diesmal täuschte Soun sich nicht.

In einem Abstande von etwa zwanzig Fuß tauchten die Flossen eines gefräßigen, diesem Meere eigenthümlichen Geschöpfes auf. Es war der sogenannte Tiger-Hai, der seinem Namen alle Ehre macht, da ihn die Natur mit der doppelten Wuth des Wals und des Tigers ausstattete.

»Die Messer zur Hand!« riefen Craig und Fry.

Andere als diese, vielleicht unzureichenden Waffen besaßen die vier Gefährten eben nicht.

Soun hielt selbstverständlich eiligst an und kam schleunig zurück.

Der Hai hatte die Skaphander gesehen und schwamm auf sie zu. Einen Augenblick lang erkannte man bei der Durchsichtigkeit des Wassers seinen grün gestreiften und gefleckten Körper von sechzehn bis achtzehn Fuß Länge. Ein wahres Ungeheuer.

Auf Kin-Fo stürzte sich das Thier zuerst, indem es sich, um zuschnappen zu können, halb umwendete. Kin-Fo behielt sein kaltes Blut wie immer. Eben als der Hai ihn erfassen wollte, schlug er jenem seine Pagaie so heftig auf den Rücken, daß er wieder Kehrt machte. Craig und Fry, gleich gerüstet zum Angriffe wie zur Abwehr, eilten hinzu.

Der Haifisch tauchte kurze Zeit unter und stieg wieder empor mit geöffnetem Rachen, der einer Scheere mit vierfachen Zahnreihen ähnelte.

Kin-Fo wollte sich auf die nämliche Weise vertheidigen, wie er es soeben mit Glück versucht hatte; seine Pagaie gerieth dabei aber in den Rachen des Thieres, das dieselbe glatt abbiß.

Halb auf der Seite liegend, stürmte das Unthier nun auf seine Beute los. Da quollen plötzlich Blutströme aus dessen Körper, die das Wasser roth färbten.

Craig und Fry hatten das Thier wiederholt getroffen, und so hart seine Haut auch war, ihre amerikanischen Messer mit sehr langen Klingen durchdrangen dieselbe doch.

Das Ungethüm riß den Rachen weit auf und schloß ihn wieder, während die Schwanzflosse die Wellen peitschte. Fry erhielt dabei einen Schlag, der ihn zehn Schritte weit zurückschleuderte.

»Fry! rief Craig voll Angst und mit einem Ausdruck von Schmerz, als habe der Schlag ihn selbst getroffen.

– Hurrah!« antwortete Fry, wieder auf dem Kampfplatze erscheinend.

Er war nicht verwundet. Sein Kautschuk-Küraß hatte die Gewalt des Schlages gebrochen.

Der Angriff auf den Hai wurde nun mit verdoppelter Wuth erneuert. Er drehte und wendete sich krampfhaft im Wasser. Kin-Fo gelang es, ihm das Ende der zerbissenen Pagaie in das Auge zu stoßen, und er versuchte nun, auf die Gefahr hin, verschlungen zu werden, die Bestie festzuhalten, während Craig und Fry das Herz derselben zu durchbohren suchten.

Es mußte ihnen doch gelungen sein, denn das Ungeheuer schlug nur noch einige Male mit der Schwanzflosse und versank dann in einem dicken Blutstrom.

»Hurrah! Hurrah! Hurrah! riefen Craig-Fry wie aus einem Munde, die Messer schwingend.

– Ich danke Ihnen, sagte einfach Kin-Fo.

– Keine Ursache, entgegnete Fry, einen Bissen von zweimalhunderttausend Dollars für solch’ einen Fisch!

– Niemals!« fügte Craig hinzu.

Und Soun? Wo war denn Soun. Diesmal weit voraus und in der Nähe der Fischerbarke, kaum drei Kabellängen von derselben entfernt. Der Hasenfuß entfloh mit Hilfe der Ruder, so schnell er konnte. Das wäre beinahe sein Unglück gewesen.

Die Fischer bemerkten ihn zwar bald, konnten sich aber nicht vorstellen, daß in dieser Seehund-Verkleidung ein menschliches Wesen verborgen sei. Sie gingen also daran, ihn zu angeln wie eine Robbe oder einen Seehund. Als das vermeintliche Thier nahe genug heran war, schleuderten sie von Bord aus eine lange Leine mit einem tüchtigen Haken.

Der Haken faßte Soun dicht über den Gürtel und zerriß, als er herangezogen ward, die Kautschukhülle vom Rücken bis zum Nacken.

Da Sonn jetzt nur noch von der in den Beinkleidern eingeschlossenen Luft getragen wurde, stürzte er um, so daß der Kopf in’s Wasser kam und die Beine in der Luft zappelten.

Kin-Fo, Craig und Fry kamen noch rechtzeitig herzu und gebrauchten die Vorsicht, die Fischer in gutem Chinesisch anzurufen.

Da fuhr den braven Leuten aber ein Heidenschreck in die Glieder! Seehunde, welche sprechen konnten! Natürlich hatten sie keinen anderen Gedanken, als den, zu entfliehen.

Kin-Fo gab sich indeß alle erdenkliche Mühe, sie zu beruhigen und ihnen klar zu machen, daß er und seine Begleiter Menschen, und zwar Chinesen seien, wie sie.

Bald darauf befanden sich die drei Landsäugethiere an Bord.

Nun war Soun noch übrig. Man holte ihn mit einem Bootshaken heran und richtete seinen Kopf über das Wasser empor. Einer der Fischer ergriff ihn an dem Reste des Zopfes und zog daran….

Da blieb ihm Soun’s Zopf allein in der Hand, und der arme Teufel tauchte auf’s Neue unter.

Nun schlangen die hilfreichen Fischer ein Tau um ihn und hißten den Diener nicht ohne Mühe an Bord der Barke.

Kaum hatte er das Deck betreten und das verschluckte Seewasser wieder von sich gegeben, als Kin-Fo auf ihn zuging und in strengem Tone sagte:

»Es war also ein falscher?

– Ei, ohne diesen wäre ich, da ich Ihre Gewohnheiten kannte, nie in Ihre Dienste getreten!« erwiderte Soun.

Ein allgemeines Lachen folgte diesen Worten.

Die Fischer gehörten nach Fu-Ning. Nach kaum zwei Stunden zeigte sich der Hafen, nach dem Kin-Fo gelechzt hatte.

Um acht Uhr Abends ging er mit seinen Genossen an’s Land und Alle nahmen nach Ablegung der Kapitän Boyton’schen Rettungsanzüge wieder das Aussehen menschlicher Wesen an.

Fußnoten

1 Die Herren Seyferth und Silas, Archivare der französischen Gesandtschaft in Wien, sind die Erfinder dieser jetzt auf allen Kriegsschiffen eingeführten Rettungsbake.

Einundzwanzigstes Capitel.

In dem Craig und Fry den Mond mit größter Befriedigung aufgehen sehen.

»Nun zu dem Taï-Ping!«

So lauteten die ersten Worte Kin-Fo’s am Morgen des 30. Juni, nachdem die Helden dieser merkwürdigen Abenteuer eine Nacht der Ruhe genossen hatten.

Sie kamen nun endlich nach dem Schauplatze der Thaten Lao-Shens; jetzt sollte der Streit beginnen.

Würde Kin-Fo aus demselben als Sieger hervorgehen? Gewiß, wenn es ihm nur gelang, den Taï-Ping zu überraschen, denn er gedachte den Brief mit dem Preise zu bezahlen, den Lao-Shen verlangen würde. Sicherlich nicht aber, wenn er sich überraschen ließ, wenn ihn ein Dolchstoß in die Brust traf, bevor es ihm möglich wurde, mit dem grausamen Beauftragten Wang’s zu verhandeln.

»Zu dem Taï-Ping!« wiederholten auch Craig-Fry, nachdem sie einige Blicke gewechselt.

Die Erscheinung Kin-Fo’s, Craig-Fry’s und Soun’s in ihren sonderbaren Kostümen, sowie die Art und Weise, wie die Fischer sie aus dem Meere aufgenommen hatten, verfehlten natürlich nicht, den kleinen Hafen Fu-Ning vollständig in Aufregung zu versetzen, so daß man sich der Neugier der Menge beim besten Willen nicht ganz zu entziehen vermochte. So hatte man sie am Abend nach einem Gasthaus begleitet, wo sie sich mit dem Geld, das sich in dem Gürtel Kin-Fo’s und den Kautschuksäcken Craig-Fry’s vorfand, wieder einen bequemen Anzug verschafften. Hätte Kin-Fo und die Uebrigen auf dem Wege nach dem Gasthause nicht eine so dichte Menge umdrängt, so hätte ihnen wohl ein Mann auffallen müssen, der keinen Schritt von ihrer Seite wich. Ihr Erstaunen wäre gewachsen, wenn sie den Schlingel die ganze Nacht über vor der Hausthür hätten warten sehen, und ihr Mißtrauen wäre ohne Zweifel rege geworden, wenn sie ihn auch am Morgen noch an der nämlichen Stelle fanden.

Doch sie sahen nichts, sie argwöhnten nichts, ja, sie erstaunten nicht einmal darüber, als jene verdächtige Persönlichkeit ihnen, als sie das Haus verließen, seine Dienste als Führer anbot.

Es war ein Mann von dreißig Jahren und ziemlich gewinnender Erscheinung.

In Craig und Fry stieg aber doch ein leiser Verdacht auf, der sie veranlaßte, an jenen eine Frage zu richten.

»Wie kommt Ihr dazu, Euch als Führer anzubieten, und wohin wollt Ihr uns führen?«

Es gab wohl nichts Natürlicheres als diese beiden Fragen, aber auch nichts Natürlicheres als die Antwort, welche darauf erfolgte.

»Ich vermuthe, sagte der Führer, daß Sie die Absicht haben, die Große Mauer zu besuchen, wie alle Reisenden, welche nach Fu-Ning kommen. Ich kenne das Land und erbot mich deshalb als Führer.

– Mein Freund, mischte da Kin-Fo sich ein, ehe wir uns bestimmen können, möchte ich wissen, ob die Provinz sicher ist.

– Vollkommen sicher, antwortete der Führer.

– Spricht man im Lande nicht von einem gewissen Lao-Shen? fragte Kin-Fo.

– Von Lao-Shen, dem Taï-Ping?

– Ja, von ihm.

– Das wohl, erklärte der Führer, doch diesseits der Großen Mauer ist von ihm nichts zu fürchten. Er wird sich nicht auf das kaiserliche Gebiet wagen. Jenseits desselben durchstreift seine Bande die mongolischen Provinzen.

– Weiß man, wo er sich jetzt aufhält?

– Zuletzt soll er in der Gegend von Tchin-Tang-Ro, nur wenige Lis von der Großen Mauer, gesehen worden sein.

– Und wie weit ist es von Fu-Ning bis Tching-Tang-Ro«

– Etwa fünfzig Lis.1

– Gut, ich nehme Eure Dienste an.

»Hurrah!« antwortete Fry. (S. 196.)

– Sie bis an die Große Mauer zu führen?

– Mich nach dem Lager Lao-Shen’s zu bringen!«

In dem Gesicht des Fährers spiegelte sich ein Ausdruck von Verwunderung.

»Ich werde Euch reichlich bezahlen!« setzte Kin-Fo noch hinzu.

Der Fährer schüttelte den Kopf, als fürchte er sich, die Grenze zu überschreiten.

»Bis an die Große Mauer, antwortete er dann, ja; bis darüber hinaus nicht. Dabei setzt man das Leben auf’s Spiel.

Der Zopf blieb ihm in der Hand. (S. 197.)

– So sagt, was Euch das Eurige gilt, ich bezahle es.

– Nun, meinetwegen!« warf der Führer hin.

Kin-Fo wendete sich hierauf an die beiden Agenten.

»Jetzt, meine, Freunde, brauchen Sie mich nicht weiter zu begleiten.

– Wir gehen mit…. erwiderte Craig.

– Wohin Sie gehen!« vervollständigte Fry.

Der Client der »Hundertjährigen« hatte für sie den Werth von zweimalhunderttausend Dollars noch nicht verloren.

Nach obigem Gespräche schienen übrigens die beiden Agenten bezüglich des Führers vollkommen beruhigt. Seiner Aussage nach drohten ernstliche Gefahren ja erst jenseits des Walles, den die Chinesen einst zur Abhaltung mongolischer Horden errichtet haben.

Man rüstete sich nun sofort zum Aufbruch. Soun wurde gar nicht gefragt, ob es ihm gelegen war, weiter mitzuziehen. Er mußte sich eben fügen.

Transportmittel, wie Wagen oder Karren, fehlten gänzlich in dem kleinen Flecken Fu-Ning. Pferde oder Maulesel gab es ebensowenig. Dagegen fand sich eine Anzahl Kameele von den Handelszügen der Mongolen her. Diese kühnen Händler legen den Weg von Peking nach Kiachta nur zu größeren Karawanen vereinigt zurück, wobei sie große Heerden dickschwänziger Hammel vor sich hertreiben. Auf diese Weise unterhalten sie den Verkehr zwischen dem asiatischen Rußland und dem Himmlischen Reiche. Immer betreten sie die weiten Steppen nur in Gesellschaft und stets wohlbewaffnet.

»Es sind wilde und stolze Kerle, schreibt de Beauvoir über sie, welche den Chinesen nur mit Verachtung behandeln.«

Man kaufte also fünf Kameele nebst dem sehr mangelhaften Riemenzeug für dieselben ein. Diese belud man mit Provisionen, besorgte sich einige Waffen und reiste unter Leitung des Führers ab.

Diese Vorbereitungen nahmen aber doch einige Zeit in Anspruch. Erst um ein Uhr Nachmittags war Alles bereit. Trotz dieser Verzögerung versicherte der Führer, daß die Gesellschaft noch vor Mitternacht am Fuße der Großen Mauer eintreffen werde. Dort wollte er für eine Lagerstatt sorgen und am folgenden Morgen, wenn Kin-Fo wirklich auf seinem unklugen Beschlusse beharren sollte, die Grenze überschreiten.

Fu-Ning’s Umgebungen zeigten sich von Hügeln erfüllt. Dicke gelbliche Sandwolken wälzten sich auf den zwischen bebauten Feldern verlaufenden Wegen hin. Man sah hier an Allem, daß das Land noch zu dem fruchtbaren Gebiete des Himmlischen Reiches gehörte.

Die Kameele gingen in abgemessenem, zwar nicht schnellem, aber doch gleichbleibendem Schritte fort. Der Führer nahm die Spitze des Zuges ein, während Kin-Fo, Soun, Craig und Fry, zwischen den Höckern ihrer Reitthiere sitzend, folgten. Soun gefiel diese Art zu reisen ausnehmend; er wäre so bis an’s Ende der Welt mitgegangen.

Wenn das Fortkommen aber nicht beschwerlich war, so brannte dafür die Sonne entsetzlich. Auf den, von der Widerstrahlung des Erdbodens erhitzten Luftschichten entstanden mannigfache Spiegelungen. Weite Wasserstrecken, so groß wie ein Meer, erschienen am Horizont und verschwanden bald darauf zur großen Genugthuung Soun’s, der sich schon von einer neuen Seefahrt bedroht glaubte.

Trotz der Lage dieser Provinz am nördlichen Ende von China, darf man sich dieselbe doch keineswegs öde und verlassen vorstellen. So groß das Himmlische Reich auch ist, reicht es doch nicht für die Volksmenge hin, die sich in ihm zusammendrängt. Deshalb findet man, selbst an den äußersten Grenzen der asiatischen Wüsteneien, immer eine sehr dichte Bevölkerung.

Hier arbeiteten Männer im Felde, dort beschäftigten sich tatarische Frauen, erkennbar an ihrer röthlichen und blauen Kleidung, mit leichteren Arbeiten. Heerden von gelben Schafen mit langen Schweifen – die Soun nicht ohne das Gefühl des Neides sah – weideten an verschiedenen Stellen, beobachtet von einem schwarzen Adler. Weh’ dem unglücklichen Wiederkäuer, der sich von der Heerde trennte! Jene Adler sind gefährliche Raubvögel, welche Schafe und junge Antilopen in den Fängen wegschleppen und den Kirghisen in den Steppen Central-Asiens sogar als Jagdhunde dienen.

Daneben flatterten ganze Wolken von Federwild auf. Ein Gewehr hätte hier hinreichende Beschäftigung gefunden; der echte Jäger konnte aber nur mit Bedauern die Netze, Schlingen und andere, mehr einem Wilddiebe würdigen Fangapparate sehen, welche überall zwischen den Korn-, Mais-und Hirsefeldern den Boden bedeckten.

Kin-Fo und seine Gefährten drangen mitten durch die lästigen Staubwirbel vor. Sie machten niemals Rast, weder an schattigen Stellen des Weges oder an den vereinzelten Meierhöfen, noch in den Dörfern, die sich schon von fern durch die, zu Ehren irgend eines buddhistischen Helden errichteten Grabthürme verriethen. Sie zogen hinter einander hin, geleitet von ihren Kameelen, welche die Gewohnheit haben, eines hinter dem anderen zu gehen, und die das Läuten einer an ihrem Halse befestigten Glocke in gleichmäßigem Tact erhält.

Eine Unterhaltung verbot sich unter diesen Umständen von selbst. Der von Natur wenig gesprächige Führer nahm stets die Spitze des Zuges ein und ließ die Blicke über die Landschaft schweifen, so weit es der dichte Staub erlaubte. Ueber den einzuschlagenden Weg war er nie im Unklaren, selbst an Straßenkreuzungen, wo ihm kein Wegweiser zu Hilfe kam. Wenn Craig und Fry ihr Mißtrauen nach und nach aufgaben, so beobachteten sie dafür den kostbaren Clienten der »Hundertjährigen« desto sorgsamer. Erklärlicher Weise steigerte sich ihre Unruhe, je mehr sie sich dem Ziele näherten. Jeden Augenblick konnten sie ja, ohne in der Lage zu sein, dem zuvorzukommen, einem Menschen gegenüber stehen, der ihnen durch einen wohlgezielten Stoß die anvertrauten zweimalhunderttausend Dollars raubte.

Kin-Fo für seine Person befand sich in jener Gemüthsverfassung, in der die Erinnerung an die Vergangenheit keinem Gedanken an die Zukunft Raum giebt. Er überblickte im Geiste sein Leben während der letzten zwei Monate. Sein beharrliches Mißgeschick flößte ihm doch einige Unruhe ein. Seit dem Tage, an dem sein Correspondent in San-Francisco ihm die Nachricht seines vermeintlichen Ruins übermittelte, hatte ihn ein Unfall nach dem anderen verfolgt. Sollte wohl der zweite Theil seines Lebens wieder gut machen, was er unter Verachtung der Annehmlichkeiten des ersten verloren? Würde diese Reihe von Enttäuschungen noch mit der Wiedererlangung jenes Briefes endigen, der sich jetzt in Lao-Shen’s Händen befand, vorausgesetzt, daß ihn jener ohne Schwierigkeiten herausgab? Und würde es der liebenswürdigen Le-U gelingen, durch ihre Gegenwart, ihre Sorgfalt und Zärtlichkeit die bösen Geister zu besänftigen, die gegen ihn verschworen zu sein schienen? Alles das ging ihm durch den Kopf und verursachte ihm Sorge und Unruhe. Und Wang? Ihm konnte er ja nicht einmal einen Vorwurf machen, ein gegebenes Versprechen haben halten zu wollen; aber Wang, der langjährige Gast des Yamens in Shang-Haï, war ja im besten Falle doch nicht mehr vorhanden, ihm mit seinem weisen Rathe zur Seite zu stehen!

»Sie werden fallen, rief da plötzlich der Führer, dessen Kameel von dem Kin-Fo’s gestoßen worden war, während Letzterer mitten in seinen Träumereien fast aus dem Sattel fiel.

– Sind wir am Ziele? fragte er.

– Es ist erst acht Uhr, antwortete jener, und ich schlage vor, Halt zu machen, um etwas Abendbrot zu genießen.

– Und nachher?

– Nachher ziehen wir wieder weiter.

– Darüber wird es Nacht werden.

– O, fürchten Sie nicht, daß ich mich verirre. Die Große Mauer liegt in einer Entfernung von kaum zwanzig Lis von hier und wir müssen unseren Thieren ein wenig Ruhe gönnen.

– Wie Sie denken!« erwiderte Kin-Fo.

Neben der Straße stand ein altes, baufälliges Haus. Vor demselben schlängelte sich ein Bach dahin, in dem die Kameele ihren Durst löschen konnten.

Inzwischen ließen sich Kin-Fo und seine Begleiter in dem Gebäude nieder und schmausten wie Leute, deren Appetit durch einen langen Marsch rege geworden ist.

Eine Unterhaltung wollte auch jetzt nicht in Fluß kommen. Kin-Fo bemühte sich vergebens, das Gespräch auf Lao-Shen zu bringen. Er fragte den Führer nach diesem Taï-Ping und ob er ihn persönlich kenne. Der Führer schüttelte den Kopf und vermied es offenbar, deutliche Antwort zu geben.

»Kommt er zuweilen in diese Provinz? fragte Kin-Fo.

– Nein, entgegnete der Führer, doch drangen einige Taï-Ping seiner Bande manchmal über die Große Mauer vor, und es war nicht gerathen, ihnen in den Weg zu kommen. Buddha behüte uns vor den Taï-Ping.

Auf diese Erklärungen hin, von denen der Führer nicht einmal wußte, wie sehr sie den Fragesteller interessirten, wechselten Craig und Fry einen Blick, zogen ihre Uhren aus der Tasche und schüttelten den Kopf.

»Warum sollten wir nicht ruhig den Tag erwarten? sagten sie.

– Unter diesem Gerölle? versetzte der Fährer. Da ziehe ich doch das freie Feld vor, wo man vor einem Ueberfall gesicherter ist.

– Wir haben ausgemacht, heute Abend an der Großen Mauer einzutreffen, erklärte Kin-Fo. Ich will und werde dahin gelangen!«

Die Entschiedenheit des Tones seiner Stimme schnitt jeden Einwurf ab. Selbst Soun, dem vor Angst schon die Zähne klapperten, wagte keinen Widerspruch.

Nach beendigter Mahlzeit – es mochte gegen neun Uhr sein – gab der Führer das Zeichen zum Aufbruch.

Kin-Fo begab sich nach seinem Reitthier. Craig und Fry suchten die ihrigen.

»Sie sind also fest entschlossen, sagten sie, Lao-Shen in die Hände zu laufen?

– Unbedingt! versicherte Kin-Fo. Ich muß und will meinen Brief um jeden Preis wieder haben.

– Sie setzen aber Alles auf’s Spiel, erwiderten jene, wenn Sie sich in das Lager des Taï-Ping wagen.

– Ich bin nicht bis hierher gekommen, um zuletzt feig zurückzuweichen! entgegnete Kin-Fo. Es steht ja ganz bei Ihnen, ob Sie mir weiter folgen wollen!«

Der Führer hatte inzwischen eine kleine Taschenlaterne entzündet. Die beiden Agenten näherten sich ihm und sahen ein zweites Mal nach ihren Uhren.

»Es wäre offenbar klüger, bis morgen hier zu warten! sagten sie gleichzeitig.

– Weshalb? erwiderte Kin-Fo. Lao-Shen ist morgen oder übermorgen nicht minder gefährlich als heute. Also vorwärts.

– Vorwärts!« wiederholten Craig-Fry.

Der Führer hatte die letzten Worte gehört. Mehrmals schon, wenn die beiden Agenten Kin-Fo zu bestimmen suchten, nicht weiter zu ziehen, nahm sein Gesicht den Ausdruck der Unzufriedenheit an. Als sie jetzt wiederum darauf zurückkamen, schien seine Geduld fast am Ende.

Kin-Fo war das zwar nicht entgangen, doch vermochte nichts seinen einmal gefaßten Beschluß zu erschüttern. Höchst erstaunt war er aber doch, als der Führer, während er ihm beim Aufsteigen half, sich zu seinem Ohre neigte und ihm die Worte zuflüsterte.

»Hüten Sie sich vor jenen beiden Männern!«

Hatte in dem Geiste des Clienten Craig-Fry’s ein Samenkorn des Mißtrauens Wurzel geschlagen? Vermochten jene unerwarteten und unerklärlichen Worte des Führers in ihm die Erinnerung an die von den beiden Agenten stets bewiesene Ergebenheit zu verlöschen? Nein, gewiß nicht! Und doch legte Kin-Fo sich die Frage vor, warum Craig-Fry ihm wohl gerathen haben möchten, seinen Besuch im Lager des Tat-Ping zu verschieben oder auch gänzlich aufzugeben. Waren sie denn nicht so plötzlich von Peking abgereist, nur um jenen aufzusuchen? Lag es nicht jedenfalls im Interesse der beiden Agenten der »Hundertjährigen«, ihn im Besitz seines albernen und ihn stets gefährdenden Briefes zu wissen? Er verstand ihre Bitte auf keine Weise.

Kin-Fo verbarg die Gefühle, welche in ihm aufstiegen. Er nahm wiederum seinen Platz dicht hinter dem Führer ein. Craig-Fry folgten ihm und so zogen Alle zwei gute Stunden hin.

Es mochte gegen Mitternacht sein, als der Führer, stehen bleibend, nach einer langen, dunklen Linie im Norden hinwies, die sich nur undeutlich von dem etwas helleren Himmel abhob. Hinter derselben strebten einige Hügel empor, deren Gipfel das Licht des noch unter dem Horizont verborgenen Mondes versilberte.

»Die Große Mauer! sagte der Führer.

– Können wir noch diese Nacht durch dieselbe gelangen? fragte Kin-Fo.

– Wenn Sie es mit aller Gewalt wollen, ja!

– Ich will es!«

Die Kameele hielten an.

»Ich will nach einem Durchgang sehen, sagte da der Führer. Erwarten Sie mich hier!«

Er entfernte sich.

Da traten Craig und Fry zu Kin-Fo heran.

»Mein Herr!…. begann Craig.

– Mein Herr!« sagte auch Fry.

Beide fügten dann in einem Tone hinzu:

»Waren Sie, während der zwei Monate, seit der ehrenwerthe Herr William J. Bidulph uns Ihnen zur Seite gab, mit den Ihnen geleisteten Diensten zufrieden?

– Vollkommen!

– Würden Sie auch die Freundlichkeit haben, dieses kleine Papier zu unterzeichnen, um zu bezeugen, daß Sie keine Ursache hatten, über Vernachlässigung zu klagen?

– Dieses Papier? erwiderte Kin-Fo erstaunt über den Anblick eines aus dem Notizbuche Craig’s gerissenen Blattes, das ihm der Genannte vorhielt.

– Ja, das Zeugniß von Ihnen, setzte Fry hinzu, wird uns zur Empfehlung bei dem Director der Gesellschaft dienen.

– Und vielleicht – eine Extraprämie einbringen.

– Hier, mein Rücken kann Ihnen als Pult dienen, sagte Fry, sich niederbeugend.

– Und hier ist die nöthige Tinte, um uns diesen schriftlichen Beweis ihrer Anerkennung geben zu können!« fügte Craig hinzu.

Kin-Fo fing an zu lachen und unterschrieb das Gewünschte.

»Doch warum das Ganze, fragte er; an diesem Orte und zu dieser Stunde?

– An diesem Orte, erklärte ihm Fry, weil wir nicht die Absicht haben, Sie noch weiter zu begleiten.

– Und zu dieser Stunde erklärte Craig, weil es binnen wenig Minuten Mitternacht sein wird.

– Was geht Ihnen die Stunde an?

– Mein Herr, nahm da Craig das Wort, das Interesse unserer Gesellschaft für Lebensversicherung bezüglich ihrer werthen Person….

Der Führer nahm die Spitze des Zuges ein. (S. 202.)

– Erlischt binnen wenig Augenblicken…. fuhr Fry fort.

– Und Sie können sich nun selbst umbringen….

– Oder sich umbringen lassen….

– Wann und wo es Ihnen beliebt!«

»Die Große Mauer!« sagte der Führer. (S. 206.)

Kin-Fo sah verwundert die beiden Agenten an, die ihm das mit dem liebenswürdigsten Tone sagten. Da stieg der Mond über dem östlichen Horizont herauf und traf sie mit seinen ersten Strahlen.

»Ah, der Mond! rief Fry.

– Und heute ist der 30. Juni! sagte Craig.

– Er geht um Mitternacht auf….

– Und da Ihre Police nicht erneuert ist….

– Haben Sie aufgehört, der Client der »Hundertjährigen« zu sein….

– Gute Nacht, Herr Kin-Fo!…. rief Craig.

– Herr Kin-Fo, gute Nacht!« wünschte ihm Fry.

Die beiden Agenten wendeten ihre Kameele um und schwanden bald ihrem verdutzten Clienten aus dem Gesicht.

Kaum waren die Tritte der Kameele, welche die beiden Amerikaner hinwegtrugen, unhörbar geworden, als sich eine von dem Führer befehligte Anzahl Männer auf Kin-Fo, der sich vergeblich zu vertheidigen, und auf Soun stürzte, der vergeblich zu entfliehen suchte.

Einige Minuten später sahen sich Herr und Diener in den unteren Raum einer jener verlassenen Bastionen der Großen Mauer eingesperrt, dessen Thür sorgfältig hinter ihnen geschlossen wurde.

Fußnoten

1 Etwa sieben geographische Meilen.

Zweiundzwanzigstes Capitel.

Welches der Leser hätte selbst schreiben können, da es in kaum unerwarteter Weise endigt.

Die Große Mauer – ein chinesischer Windschirm von vierhundert Meilen Länge – erbaut vom Kaiser Tisi-Chi-Huang-Ti im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, erstreckt sich vom Golf Leao-Tong, in dem sie ihre beiden Wände eintaucht, bis nach Kan-Su, wo sie in der Größe und Stärke einer gewöhnlichen Steinwand ausläuft. Sie besteht aus einer ununterbrochenen Folge eines doppelwandigen Walles mit Bastionen und Thürmen, in der Höhe von fünfzig und der Breite von zwanzig Fuß, dessen Grund aus Granit, die Außenbekleidung aus Ziegelsteinen hergestellt ist und der sich streng dem Profil der verschiedensten Berge anschließt, welche die Grenze zwischen dem eigentlichen China und der Mongolei und Mandschurei bilden.

Nach der Seite des Himmlischen Reiches hin befindet sich die Mauer in sehr vernachlässigtem Zustande; nach der Mandschurei hin bietet sie noch einen tröstlicheren Anblick und ist sogar fast durchgängig noch von steinernen Zinnen bekrönt.

An Vertheidigungstruppen für diese lange Befestigung oder an Kanonen auf derselben darf man freilich nicht denken. Russen, Tataren, Kirghisen schreiten durch deren Thoröffnungen ebenso unbehindert wie die Söhne des Himmlischen Reiches. Der Windschirm schützt eben die Nordgrenze des Kaiserthums nicht mehr, nicht einmal gegen den seinen mongolischen Staub, den der Nordwind nicht selten bis zur Hauptstadt selbst hinführt.

Durch das Ausfallsthor einer jener verlassenen Bastionen sollten Kin-Fo und Soun nach einer auf Strohlagern erbärmlich verbrachten Nacht am nächsten Tage weiter ziehen unter Bedeckung von etwa einem Dutzend Männern, welche offenbar Lao-Shen’s Bande angehörten.

Der bisherige Führer hatte sich aus dem Staube gemacht. Kin-Fo konnte sich indeß jetzt auf keinen Fall mehr täuschen. Auf diesen Weg leitete ihn jener Verräther gewiß nicht aus reinem Zufall; er hatte den Ex-Clienten der »Hundertjährigen« seiner Zeit sicherlich schon erwartet. Die Weigerung, auch über die Große Mauer hinaus mitzugehen, sollte wahrscheinlich nur jeden etwaigen Verdacht von ihm nehmen. Der Spitzbube war ohne Zweifel nur ein Geselle des Taï-Ping, in dessen Namen und Auftrage er handelte.

Kin-Fo’s Frage an einen der Männer, der die Escorte zu leiten schien, erhob ihm diese Annahme zur Gewißheit.

»Sie führen mich jedenfalls nach dem Lager Lao-Shen’s, Ihres Anführers? wandte er sich an jenen.

– Vor Ablauf einer Stunde werden wir daselbst eintreffen!« bestätigte der Mann.

Nun, und wen suchte der Schüler Wang’s denn zu finden? Nur den Beauftragten des Philosophen. Jetzt führte man ihn ja seinem Ziele entgegen. Ob er freiwillig oder gezwungen dahin gelangte, konnte ihm schließlich gleichgiltig sein. Das Jammern und Klagen darüber überließ er Soun, dem die Zähne klapperten und dem der Kopf zwischen den Schultern nicht mehr festzusitzen schien.

Kin-Fo bewahrte seinen ganzen Gleichmuth und ließ sich willig führen. Endlich sollte er ja dazu gelangen, mit Lao-Shen wegen des Rückkaufes seines Briefes zu verhandeln. Das wünschte er ja. Was hätte er zu klagen gehabt?

Von der Großen Mauer aus folgte die kleine Truppe nicht der Hauptverkehrsstraße der Mongolei, sondern bog auf steile, gewundene Fußstege ein, die sich in den rechten, bergigeren Theil der Provinz hineinschlängelten. Eine Stunde lang zog man, so gut das Terrain es zuließ, raschen Schrittes dahin. Kin-Fo und Soun gingen unter strenger Bewachung in der Mitte, so daß sie nicht hätten fliehen können, woran sie übrigens auch gar nicht dachten.

Nach anderthalb Stunden bekamen Wächter und Gefangene, als sie um einen Bergabhang bogen, ein halbverfallenes Bauwerk zu Gesicht.

Es war eine alte, auf einem Berggipfel errichtete Bonzerie, ein merkwürdiges Denkmal buddhistischer Architektur. Wohl durfte man sich freilich die Frage vorlegen, welche Art von Gläubigen es wagten, diesen Tempel in der Einöde zu besuchen. Vielmehr sah es aus, als ob Jeder, der sich hierher verirrte, in dem unterbrochenen, zu Fallen und Hinterhalten höchst günstigen Terrain das Leben aufs Spiel setzte.

Dagegen mußte zugegeben werden, daß der Tat-Ping, Lao-Shen, wenn er seinen Schlupfwinkel in diese wilde Gegend verlegte, eine sehr zweckentsprechende Wahl getroffen hatte.

Auf eine Anfrage Kin-Fo’s bestätigte der Führer der Escorte, daß Lao-Shen wirklich in jener Bonzerie hauste.

»Ich wünschte ihn sofort zu sehen, sagte Kin-Fo.

– Ja, ja, sofort!« antwortete der Mann.

Nachdem man Kin-Fo und Soun alle Waffen vorsorglich abgenommen, wurden sie in einen geräumigen Vorraum, das Atrium des Tempels, eingeführt. Hier standen etwa zwanzig bewaffnete Männer im malerischen Kostüme der Straßenräuber, deren wilder Gesichtsausdruck nichts Gutes versprach.

Kin-Fo schritt beherzt durch die Doppelreihe der Taï-Ping hin. Soun freilich mußte vorwärtsgedrängt und gestoßen werden, womit er auch nicht verschont wurde.

Vom Hintergrunde dieses Vorraumes aus durchbrach die dicke Umfassungsmauer eine Treppe, deren Stufen weit durch das Bergesinnere hinführten.

Offenbar befand sich also eine Krypte unter dem Hauptgebäude der Bonzerie, nach dem man nur sehr schwierig, oder ohne nähere Kenntniß der unterirdischen Irrgänge vielleicht gar nicht vordringen konnte.

Etwa dreißig Stufen führte jene Treppe nach unten, dann ging es gegen hundert Schritte gerade aus, wobei mehrere Leute von der Escorte mit rauchenden Fackeln leuchteten, und hierauf betraten die beiden Gefangenen einen weiten, ebenfalls von Fackellicht mäßig erleuchteten Saal.

Es war das eine Höhle. Dicke Pfeiler, geschmückt mit grinsenden Köpfen von Ungeheuern, welche der grotesken Fauna der chinesischen Mythologie angehörten, trugen die gedrückte Deckenwölbung, deren Rippen in mächtigen Schlußsteinen zusammenliefen.

In dem unterirdischen Raume erhob sich ein dumpfes Gemurmel beim Eintritte der beiden Fremdlinge.

Der Saal war nämlich keineswegs leer; ihn füllte eine Menge Menschen bis in die dunkelsten Tiefen.

Hier hatte sich die ganze Bande des Taï-Ping wie zu einer verdächtigen Feierlichkeit versammelt.

Im Grunde der Höhle stand ein großer kräftiger Mann auf einer steinernen Estrade, der etwa dem Präsidenten eines geheimen Gerichtes glich. Einige seiner Leute, die sich ebenso unbeweglich hielten wie er, schienen die Stelle von Beisitzern zu vertreten.

Jener Mann gab ein Zeichen mit der Hand. Sofort zertheilte sich die Menge und ließ die beiden Gefangenen passiren.

»Da ist Lao-Shen!« sagte der Führer der Escorte, auf die stehende Persönlichkeit hinweisend.

Kin-Fo schritt auf den Bezeichneten zu und ging ohne Vorrede auf den Zweck seines Erscheinens ein, entschlossen, seiner ungewissen Lage auf eine oder die andere Weise ein Ende zu machen.

»Lao-Shen, begann er, Du bist im Besitze eines Dir von Wang, Deinem alten Kriegskameraden, überlassenen Briefes von mir. Derselbe ist jetzt gegenstandslos geworden und ich ersuche Dich, mir denselben zurückzugeben!«

Auf diese laut und vernehmbar gesprochenen Worte bewegte der Taï-Ping nicht einmal den Kopf. Man hätte ihn für eine Bronzestatue halten können.

»Was verlangst Du für die Auslieferung jenes Briefes?« fuhr Kin-Fo nach kurzer Pause fort.

Er wartete vergeblich auf eine Antwort.

»Lao-Shen, nahm Kin-Fo nochmals das Wort, ich erbiete mich, Dir auf jeden beliebigen Banquier und in welcher Stadt Du willst, eine Anweisung zu geben, welche ohne Umstände bezahlt werden wird, ohne daß Deinem Vertrauensmanne, den Du etwa zur Erhebung des Geldes sendest, ein Haar gekrümmt werden kann!«

Dasselbe eisige Schweigen des Taï-Ping, ein Schweigen von wenig guter Vorbedeutung.

Kin-Fo betonte nun seine Worte noch mehr.

»Auf welche Summe wünschest Du eine solche Anweisung ausgestellt? Ich biete Dir fünftausend Taëls (30.000 Mark)!«

Keine Antwort.

»Zehntausend Taëls?«

Lao-Shen und seine Umgebung blieben ebenso stumm wie die Steinfiguren dieser merkwürdigen Bonzerie.

Jetzt wurde Kin-Fo etwas ungeduldig. Sein Angebot verdiente doch wohl irgend eine Antwort.

»Hörst oder verstehst Du mich nicht?« sagte er zu dem Taï-Ping.

Lao-Shen neigte den Kopf ein wenig, als Zeichen, daß er ihn vollkommen verstände.

»Zwanzigtausend Taëls! Dreißigtausend Taëls! rief Kin-Fo dringender. Ich biete Dir ebensoviel, als Dir die »Hundertjährige« früher für meinen Tod bezahlt hätte. Das Doppelte! das Dreifache! So sprich doch! Bist Du damit zufrieden?«

Kin-Fo, den das hartnäckige Schweigen seines Gegners ganz außer sich brachte, trat mit gekreuzten Armen der Gruppe noch näher.

»Um welchen Preis willst Du mir den Brief zurückverkaufen?

– Um gar keinen Preis, ließ sich endlich der Taï-Ping vernehmen. Du hast durch Verachtung des Dir gegönnten Lebens Buddha beleidigt und der Gott will seine Rache haben. Erst im Angesicht des Todes wirst Du den Werth des von Dir so lange mißachteten Lebens wirklich schätzen lernen!«

Nach diesen, mit einer solchen Bestimmtheit, daß sie jeden Widerspruch ausschlossen, gesprochenen Worten gab Lao-Shen wiederum ein Zeichen. Bevor Kin-Fo nur an Abwehr denken konnte, wurde er gefesselt und fortgeschleppt. Bald darauf sah er sich in einen hermetisch verschlossenen, etwa einer Sänfte ähnlichen Käfig eingesperrt.

Den unglücklichen Soun traf, trotz seines Heulens und Wehklagens, dieselbe Behandlung.

»Jetzt geht’s zum Tode, dachte Kin-Fo. Nun, meinetwegen. Wer das Leben verachtete, verdient ja zu sterben.«

So unvermeidlich ihm indeß sein Schicksal auch erschien, so überzeugte er sich doch bald, daß sein Ende noch nicht unmittelbar bevorstand, nur konnte er nicht errathen, welch’ entsetzliche Todesstrafe der wilde Taï-Ping für ihn erdacht haben mochte.

So verstrichen zwei Stunden voller Angst. Da fühlte Kin-Fo, daß sein Kerker aufgehoben und auf irgend ein Gefährt gesetzt wurde. Die Unebenheiten des Weges, das Getrappel von Pferden und das Klirren der Waffen der Escorte ließen ihm darüber keinen Zweifel. Man schaffte ihn fort. Wohin – war und blieb für ihn ein Geheimniß.

Nach etwa sieben-bis achtstündiger Fahrt bemerkte Kin-Fo, daß der Wagen anhielt und der Kasten, in dem er eingeschlossen saß, wieder abgehoben wurde. Nun trat eine sauftere Fortbewegung an die Stelle des Fahrens auf dem Lande.

»Befinde ich mich etwa auf einem Schiffe?« fragte er sich.

Ein deutliches Rollen und Stampfen und das von den Umdrehungen einer archimedischen Schraube herrührende Erzittern unter seinen Füßen bestätigte diese Muthmaßung.

»Der Tod in den Fluthen! dachte er. Sei’s darum! Das erspart mir manche schlimmere Qualen. Ich danke Dir, Lao-Shen!«

Wiederum verstrichen zweimal vierundzwanzig Stunden. Zweimal täglich wurde durch eine kleine Schiebethür etwas Nahrung in seinen Kerker befördert, ohne daß er die Hand sehen konnte, die sie brachte, oder auf seine Fragen nur eine Silbe Antwort erhalten konnte.

Nun, Kin-Fo hatte ja, bevor er sich entschloß, seinem behäbigen, sorgenlosen Leben ein Ende zu machen, vergeblich nach Aufregung gesucht. Es war ja sein Wunsch gewesen, wenigstens einmal das stürmische Klopfen seines Herzens zu fühlen, ehe dieses für immer still stand. Jetzt erfüllte sich, was er ersehnt, und vielleicht mehr, als ihm lieb war.

Denn wenn es sein Leben kosten sollte, so wollte er doch wenigstens im Lichte des Tages sterben. Der Gedanke, daß dieser Käfig jeden Augenblick ins Wasser gesenkt werden könnte, quälte ihn entsetzlich. Zu sterben, ohne noch ein einziges Mal die Sonne und die arme Le-U, deren Bild seinem Geiste vorschwebte, gesehen zu haben, das war zu viel!

Endlich, nach Ablauf eines längeren Zeitraumes, den er nicht näher abzuschätzen vermochte, schien die lange Wasserfahrt plötzlich beendigt zu sein. Das Zittern der Schraube hörte auf. Das Schiff, welches sein Gefängniß trug, hielt an. Kin-Fo fühlte, wie der Käfig nochmals aufgehoben wurde.

Jetzt schien das letzte Stündlein gekommen und der Verurtheilte flehte herzlich um Vergebung für seine Irrthümer und Fehler.

Einige Minuten schlichen dahin – für ihn Jahre, Jahrhunderte!

Da ward Kin-Fo zum höchsten Erstaunen gewahr, daß sein Kerker wieder auf festem Grund und Boden stand.

Kin-Fo und Soun wurden in einen geräumigen Vorraum geführt. (S. 212.)

Plötzlich öffnete sich sein Gefängniß. Kräftige Arme packten ihn, man schnürte ihm eine Binde um die Augen und schleppte ihn unsanft nach außen. Erst mußte er eine Strecke weit gehen, dann zwangen ihn seine Wächter, still zu stehen.

»Wenn ich denn sterben soll, rief er, so fällt es mir nicht ein, um mein Leben zu betteln, das ich nicht zu benutzen verstand; aber gewährt mir wenigstens das Eine, als Mann dem Tode frei ins Gesicht zu schauen!

Du hast Buddha beleidigt. (S. 214.)

– Zugestanden! antwortete da eine ernste Stimme. Es geschehe, wie der Verurtheilte es wünscht!«

Schnell fiel die Binde von seinen Augen. Kin-Fo ließ den Blick im Kreise schweifen…. Täuschte ihn das Bild eines Traumes? Da stand eine reich gedeckte Tafel, an der ihn seine fünf Gefährten von Canton nur zu erwarten schienen, um die Mahlzeit zu beginnen. Zwei Plätze standen noch für Gäste leer.

»Wie, Ihr? Meine Freunde! Meine liebsten Freunde! Sehe ich Euch wirklich?« rief Kin-Fo in gar nicht wiederzugebendem Tone.

Nein, er täuschte sich nicht! Da war Wang der Philosoph! Da standen Yin-Pang, Hual, Pao-Shen und Tim, seine Cantoner Freunde, dieselben, die er vor zwei Monaten auf dem Blumenschiffe des Perlenstromes bewirthet, die Zeugen seines Abschiedes aus dem Junggesellenstande!

Kin-Fo konnte kaum seinen Augen trauen. Er befand sich zu Hause im Speisezimmer seines Yamens in Shang-Haï.

»Wenn Du es bist, begann er, sich an Wang wendend, wenn es nicht Dein Schatten ist, der vor mir steht, so sage mir….

– Ich bin es selbst, mein Freund, antwortete der Philosoph. Wirst Du Deinem alten Lehrer diese letzte, etwas harte Lection der praktischen Lebensweisheit, die er Dir zu Theil werden ließ, verzeihen können?

– Wie! rief Kin-Fo, das wäre Dein Werk, Wang?

– Gewiß, erklärte Wang, ich hatte es übernommen, Deinem Leben ein Ende zu machen, damit Du keinen Anderen damit beauftragen solltest. Ich, der ich eher als Du selbst es wußte, daß Dein Vermögen nicht verloren war und die Stunde kommen würde, wo Du Deinen schnellen Entschluß bereutest. Mein alter Genosse Lao-Shen, der sich eben unterworfen hat, um ferner eine verläßliche Stütze des Reiches zu sein, bot mir seine Mithilfe an, um Dir den Werth des Lebens kennen zu lehren. Wenn ich Dich der schrecklichsten Angst als Beute überließ und, schlimmer noch, Dich, so sehr mein Herz dabei blutete, in Lagen trieb, welche kaum ein Mensch wieder aushalten möchte, so geschah es, weil ich wußte, daß Du Dir das entbehrte Glück erjagtest, daß Du es später desto süßer schmecken würdest!«

Kin-Fo stürzte in die Arme Wang’s, der ihn warm an’s Herz drückte.

»Mein armer Wang, sagte darauf Kin-Fo sehr bewegt, wenn ich nur allein von einer Stelle zur anderen gejagt wäre! Doch was hab’ ich auch Dir dabei angethan! Wie habe ich Dich verfolgt und gar zu einem Sturzbade von der Palikao-Brücke herab genöthigt!

– O, erwiderte Wang lachend, das hat mir für meine fünfundfünfzig Jahre recht gut gethan. Ich war zwar sehr warm und das Wasser gehörig kalt. Doch, was da, ich bin ja davon gekommen; man läuft und schwimmt nie besser als im Interesse Anderer!

– Im Interesse Anderer! wiederholte Kin-Fo fast feierlich. Ja, man muß für Andere Alles zu thun im Stande sein. Darin liegt das Geheimniß des Glückes!«

Da trat Soun ein, bleich wie ein Mensch, dem die Seekrankheit achtundvierzig qualvolle Stunden lang schonungslos mitgespielt hat. So wie sein Herr war auch der Diener von Fu-Ning nach Shang-Haï zurückbefördert worden. Was er dabei gelitten, konnte man in seinen Zügen lesen.

Nachdem Kin-Fo sich der stürmischen Umarmung Wang’s entzogen hatte, drückte er seinen Freunden die Hände.

»Wahrhaftig, sagte er, so wie jetzt ist es doch besser. Ich bin ein Thor gewesen….

– Doch, Du kannst noch weise werden! warf der Philosoph ein.

– Ich will’s versuchen, antwortete Kin-Fo, und mit dem Bestreben, meine Angelegenheiten zu ordnen, den Anfang machen. Es läuft von mir in der Welt ein kleines Papier herum, das mir so viele Leiden verursacht hat, daß ich dasselbe nicht unbeachtet lassen kann. Was ist aus dem vermaledeiten Briefchen geworden, das ich Dir übergab, lieber Wang? Hast Du es wirklich aus den Händen gelassen? Es wäre mir wahrhaftig lieb, dasselbe wiederzusehen, denn wenn es nun dennoch an den Unrechten käme…. Ist Lao-Shen noch immer dessen Besitzer, so kann er, der die näheren Umstände kennt, doch unmöglich auf den Papierfetzen noch irgendwelchen Werth legen, und es würde mir sehr unlieb sein, wenn es in andere – weniger rücksichtsvolle – Hände fiele!«

Da schlugen Alle ein lautes Gelächter auf.

»Meine Freunde, nahm Wang das Wort, unser Kin-Fo hat von seinen Abenteuern doch den einen Nutzen mit heimgebracht, ein Mann geworden zu sein, der nicht mehr so gleichgiltig und theilnahmslos in die Welt hineinschaut wie früher, sondern sich um seine Angelegenheiten bekümmert..

– Das bringt mir aber, bemerkte Kin-Fo, meinen Brief, meinen albernen Brief, noch immer nicht wieder. Ich schäme mich nicht, einzugestehen, daß ich nicht eher Ruhe haben werde, als bis derselbe verbrannt und seine Asche in alle Winde verstreut ist!

– Du bestehst also auf der Wiedererlangung Deines Briefes?…. fragte Wang.

– Gewiß, antwortete Kin-Fo. Solltest Du grausam genug sein, ihn als Sicherstellung gegen einen etwaigen Rückfall in meine alten Thorheiten behalten zu wollen?

– O nein.

– Nun, so…

– Ja, lieber Freund und Schüler, der Erfüllung Deines Wunsches steht leider ein Hinderniß entgegen, an dem ich nicht die Schuld trage. Weder ich habe Deinen Brief, noch Lao-Shen….

Die liebenswürdige Le-U erschien, den berüchtigten Brief haltend. (S. 221.)

– Ihr habt ihn nicht mehr?

– Nein.

– So habt Ihr ihn vernichtet?

– Nein, das auch nicht.

– Ihr waret etwa gar so unvorsichtig, ihn fremden Händen anzuvertrauen?

– Ja freilich.

– Wem? Wem? forschte Kin-Fo, dessen Geduld zu Ende ging, dringender. Sage mir, wem?

– Einer Person, die ihn nur Dir selbst wiedergeben will!«

Da erschien die liebenswürdige Le-U, welche hinter einem Schirme verborgen dieser ganzen Scene mit beigewohnt hatte, den berüchtigten Brief in den Fingerspitzen haltend, während sie ihn fast herausfordernd, hin und her bewegte.

Kin-Fo eilte mit offenen Armen auf sie zu.

»Halt, ein wenig Geduld! rief die hübsche junge Frau, indem sie Miene machte, wieder hinter den Schirm zurückzuschlüpfen. Mein sehr weiser Herr Gemahl – erst die Geschäfte!«

Darauf hielt sie ihm das Schreiben unter die Augen.

»Erkennt das mein kleiner jüngerer Bruder wieder?

– Ob ich es erkenne! rief Kin-Fo. Wer anders als ich hätte einen so dummen Brief schreiben können?

– Nun, vor Allem also, sagte Le-U, und wie Du so lebhaft wünschtest, zerreiße, verbrenne, vernichte diese unklugen Zeilen. Möge dabei auch von dem Kin-Fo, der sie dereinst schrieb, nichts mehr übrig bleiben!

– Gern, gern! erwiderte Kin-Fo und hielt das leichte Papier in die Flamme. Doch nun, mein süßes Herz, laß’ Dich von dem Verlobten umarmen und Dich bitten, an dieser glücklichen Tafelrunde theilzunehmen. Ich denke, einer guten Mahlzeit alle Ehre anzuthun.

– Und wir auch, stimmten die fünf Gäste ein. Glücklichsein macht hungrig.«

Wenige Tage später wurde nach Aufhebung des kaiserlichen Verbotes die Hochzeit gefeiert.

Die beiden Gatten liebten sich herzlich, jetzt und immerdar. Tausend und zehntausend Glückseligkeiten bot ihnen die Zukunft!

Ja, man muß nach China gehen, uni Derartiges zu erleben!