/ Language: Deutsch / Genre:sf / Series: Orbit Hospital

Der Wunderheiler

James White

ORBIT HOSPITAL ist ein Klinikum im All, das allen raumfahrenden Lebensformen der Galaxis medizinische Hilfe leistet. Es nimmt alle Geschöpfe auf, ob sie ein Dutzend Gliedmaßen haben oder gar keine, ob sie sich von Radioaktivität ernähren oder Wasser atmen — von anderen exotischen Gewohnheiten und Bedürfnissen ganz zu schweigen. Es ist ein ökologisches Tollhaus und ein organisatorischer Irrwitz, aber es ist für alle da und es funktioniert. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes — lebensnotwendig.

James White

Der Wunderheiler

HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 0604980

Titel der englischen Originalausgabe Code STAR HEALER

1995 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

ÜBER DEN AUTOR

James White wurde 1928 in Belfast in Nordirland geboren, wohin er zurückkehrte, nachdem er seine Kindheit und Jugend in Kanada verbracht hatte. Bis zu seinem Ruhestand arbeitete er als PR-Manager einer Flugzeugfirma in seiner Heimatstadt. Seine erste Story, Assisted Passagec, erschien 1953 in dem avantgardistischen englischen SF-Magazin New Worlds. Sein erster Roman, the secret visitor, erschien 1957. Seitdem hat er über siebzig Erzählungen und über ein Dutzend Romane veröffentlicht. Am beliebtesten sind seine Erzählungen und Romane über das Orbit Hospitale, eine Klinik am Rande der Galaxis, in der die denkbar verschiedensten Lebensformen Behandlung erfahren. Dieser Zyklus entstand im Zeitraum von mehr als dreißig Jahren, umfaßt inzwischen neun Bände und wurde in alle Weltsprachen übersetzt. Er erscheint hier erstmals gesammelt in ungekürzter und koordinierter Neuübersetzung durch Kalla Wefel. Mehr als alle anderen Werke zeugt der Zyklus vom orbit hospital von der Toleranz und tiefen Menschlichkeit dieses Autors, der in einer von Intoleranz, religiösem Fanatismus und Gewalttätigkeit zerrissenen Stadt lebt.

1. Kapitel

Irgend etwas kam Conway an der neuesten Gruppe von Auszubildenden merkwürdig vor, als er zur Seite trat, um ihnen den Vortritt auf die Zuschauergalerie der hudlarischen Kinderstation zu lassen. Dabei spielte es weder eine Rolle, daß die vierzehn Studenten fünf grundverschiedenen Lebensformen angehörten, noch daß sie Conway — der immerhin Chefarzt an dem größten Hospital mit vielfältigen Umweltbedingungen der Galaxis war — mit einer Herablassung behandelten, die an Unverschämtheit grenzte.

Um zum Studium für Fortgeschrittene am Orbit Hospital im galaktischen Sektor zwölf zugelassen zu werden, mußte der Bewerber nicht nur über ein hohes Maß an medizinischen und chirurgischen Fähigkeiten verfügen, sondern auch in der Lage sein, sich vorbehaltlos den verschiedensten Lebensformen und — umständen anzupassen, wie er sie sich im Krankenhaus seines Heimatplaneten nie hätte träumen lassen. Zu Hause wäre ein außerplanetarischer Patient eine echte Seltenheit, während man am Orbit Hospital gar keine anderen Patienten zu behandeln pflegte. Darüber hinaus hatten viele der neuen Studenten Probleme damit, nicht mehr als ein hochgeschätztes Mitglied der heimatlichen Ärzteschaft, sondern nur noch als einfacher Student am Orbit Hospital angesehen zu werden, aber daran gewöhnten sich die meisten schon bald.

Conway kam zu dem Schluß, daß ihm sein Verstand einen Streich spielte — wahrscheinlich, weil ihm im Moment so viel durch den Kopf ging. So gab es das Gerücht, daß Veränderungen bezüglich der Organisation seines Ambulanzschiffes vorgesehen seien, und am frühen Nachmittag stand für ihn eine einstündige Unterredung mit dem Chefpsychologen auf dem Programm — was man stets als ein äußerst unangenehmes Unterfangen bezeichnen konnte.

Außerdem war Conway wütend darüber, daß man ihm offenbar einen weit mehr als angemessenen Anteil an kurzfristigen Projekten und medizinischen Gelegenheitsarbeiten aufgedrückt hatte — wie zum Beispiel die Aufgabe, mit den Studenten den ersten Besichtigungsrundgang durchs Hospital zu machen — auch wenn die Besatzung seines speziellen Ambulanzschiffes in den letzten Monaten nur sehr wenige Einsätze gehabt hatte.

„Bei den Patienten auf der Station unter uns handelt es sich um Hudlarer im Kindesalter“, erklärte Conway, als die Studenten, hinter ihm und um ihn herum einen unordentlichen Halbkreis gebildet hatten. „Sie gehören einer Spezies mit einer ungeheuren Körperkraft an und sind als Erwachsene gegen Verletzungen und Krankheiten äußerst widerstandsfähig; und zwar in dem Maße, daß ihnen der Begriff der medizinischen Heilbehandlung noch bis vor kurzem unbekannt gewesen ist. Auf Hudlar gibt es keinen medizinischen Beruf, und die hohe Kindersterblichkeitsrate wurde einfach hingenommen. Von der ersten Minute der Geburt an werden die hudlarischen Kinder von einer großen Anzahl einheimischer Krankheitserreger befallen, und diejenigen unter ihnen, die keine Abwehrkräfte dagegen geerbt haben oder diese nicht rasch entwickeln können, gehen zugrunde. Das Hospital versucht zwar, ein breitgefächertes, in der pränatalen Phase durchzuführendes Immunisierungsverfahren zu entwickeln, doch sind diese Bemühungen bisher leider kaum von Erfolg gekrönt.“

Conway deutete auf einen jungen Hudlarer, der direkt unter ihnen stand und zu ihnen heraufblickte. „Aus der allgemeinen Haltung und der Muskulatur dieses Individuums werden Sie bestimmt schon gefolgert haben, daß sich die Spezies auf einem Planeten mit sehr hoher Schwerkraft und verhältnismäßig hohem atmosphärischem Druck entwickelt hat, unter Umweltbedingungen also, die hier auf der Station reproduziert werden. Außerdem werden Sie keine Betten oder Sitzmöbel bemerken; bewegungsfähige Patienten streunen einfach nach Lust und Laune umher. Da ihre Körperhaut so widerstandsfähig ist, sind gepolsterte Ruhebereiche überflüssig. Aufgrund der Schwierigkeiten, die andere Spezies damit haben, Hudlarer auseinanderzuhalten, sind an dem Metallstreifen an der linken Vordergliedmaße mittels Magneten die Erkennungsmarke und die Krankengeschichte des Patienten befestigt. Die sechs Gliedmaßen können dem Hudlarer sowohl als Greif- als auch als Fortbewegungsorgane dienen.

Auf dieser Station werden zwar die Schwerkraft und der atmosphärische Druck reproduziert“, fuhr Conway fort, „aber nicht die genauen Bestandteile der Atmosphäre des Heimatplaneten der Hudlarer. Diese Atmosphäre ähnelt einer dicken, zähflüssigen Suppe voller kleiner, schwebender Nahrungsteilchen, die von speziell entwickelten Hautbereichen aufgenommen und wieder ausgeschieden werden. Wir halten es für praktischer, die Hudlarer in regelmäßigen Abständen mit einem Nahrungspräparat zu besprühen, so, wie es gerade zwei der gepanzerten Krankenpfleger tun.

Möchte angesichts der Fakten, die Sie jetzt kennen, jemand von Ihnen diese Lebensform klassifizieren?“ fragte Conway in die Runde.

Einen Augenblick lang kam keine Antwort. Die orligianischen DBDGs bewegten sich unruhig hin und her, aber der Ausdruck auf ihren humanoiden Gesichtszügen wurde von der dichten Behaarung verdeckt. Das silbrige Fell der raupenähnlichen kelgianischen DBLFs befand sich zwar in ständiger Bewegung, doch die dadurch ausgedrückten Gefühle konnten nur von einem Angehörigen derselben Spezies oder von einem Wesen verstanden werden, das ein kelgianisches Physiologieband im Kopf gespeichert hatte. Und was die elefantenähnlichen tralthanischen FGLIs und die kleinen duwetzischen EGCLs anging, so waren deren Ausdrucksmerkmale zu sehr über den gesamten Körper verstreut, um sie als Ganzes auf die Schnelle deuten zu können, während die harten, knochigen Mundwerkzeuge und die tiefliegenden Augen der melfanischen ELNTs vollkommen ausdruckslos waren.

Als erster brach einer der vier melfanischen Studenten das Schweigen. „Sie gehören der physiologischen Klassifikation FROB an“, brummte es kurz aus dem Translator.

Melfaner auseinanderzuhalten war normalerweise schon schwierig genug, da alle erwachsenen ELNTs die gleiche Körpergröße hatten und der einzig sichtbare Unterschied in den feinen Abweichungen der Rückenpanzerzeichnungen bestand. Zwei der vier melfanischen Studenten schienen zudem eineiige Zwillinge zu sein, so daß es noch schwieriger fiel, sie auseinanderzuhalten, zumal einer von den beiden gerade gesprochen hatte.

„Sehr gut“, lobte Conway den ELNT. „Wie heißen Sie, Doktor?“

„Danalta, Chefarzt Conway.“

Höflich ist er auch, dachte Conway. „Schön, Danalta. Trotzdem haben Sie für diese Klassifikation relativ lange gebraucht, auch wenn Ihre Studienkollegen noch langsamer als Sie waren. Sie alle müssen lernen, fremde Spezies schnell und genau zu klassifizieren…“

„Bei allem Respekt, Chefarzt Conway“, unterbrach ihn der Melfaner, „ich wollte nicht unaufgefordert mit meinen medizinischen Kenntnissen protzen — so beschränkt diese im Moment auch leider noch sein mögen —, bevor meine Studienkollegen Gelegenheit zu einer Antwort hatten. Über das hier angewandte physiologische Klassifikationssystem habe ich alles gelesen, was ich in die Hände bekommen konnte. Aber ich komme von einem rückständigen Planeten, auf dem das Niveau der technologischen Entwicklung sehr niedrig ist und wo kaum interplanetarischer Kulturaustausch stattfindet; was medizinische Informationen über dieses Hospital angeht, hinken wir völlig hinterher.

Übrigens ist die hudlarische Lebensform einzigartig und unverwechselbar und kann nur zur Klassifikation FROB gehören“, fügte er noch hinzu.

Weder Conway noch irgendein anderes Mitglied der galaktischen Föderation hätte Melf als einen rückständigen Planeten bezeichnet, darum mußte dieser Danalta aus einer der kürzlich von Melf gegründeten Kolonien stammen. Um sich mit einem solchen Werdegang für das Orbit Hospital zu qualifizieren, brauchte man sowohl Entschlossenheit als auch Fachkompetenz. Es spielte keine Rolle, daß der Melfaner mit seinem Gehabe eine seltsame Mischung aus Höflichkeit, Zurückhaltung und Schlaumeierei an den Tag legte — das Wort, auf das es ankam, war schlau, und die besten Assistenten, die sich ein mit Arbeit überlasteter Chefarzt wünschen konnte, waren diejenigen, die sich bemühten, ihren Vorgesetzten überflüssig zu machen. Deshalb entschloß sich Conway, Danaltas Fortschritte genau im Auge zu behalten — natürlich aus rein egoistischen Gründen.

„Da die Möglichkeit besteht, daß einige Ihrer Studienkollegen über dieses Thema weniger gut informiert sind als Sie, werde ich das System zur Bestimmung von Lebensformen, dessen wir uns hier im Hospital bedienen, ganz kurz umreißen“, antwortete Conway, ohne auf den Melfaner weiter einzugehen. „Ihre Fachausbilder werden Sie später noch ausführlicher darin unterrichten.“

Er blickte sich nach Danalta um, doch die Studenten hatten ihren Standort gewechselt, und Conway konnte nicht mehr sagen, welcher der beiden gleich aussehenden Melfaner wer war. „Falls Sie nicht bereits in einem Hospital mit vielfältigen Umweltbedingungen gearbeitet haben, werden Sie normalerweise immer nur außerplanetarischen Patienten einer Spezies zur selben Zeit begegnet sein, wahrscheinlich kurzfristig aufgrund eines Schiffsunfalls oder irgendeiner Notlage, und diese nach ihren Herkunftsplaneten bezeichnet haben“, fuhr Conway fort. „Doch hier im Orbit Hospital — wo die schnelle und genaue Identifizierung eintreffender Patienten lebenswichtig ist, weil sich die Verletzten allzuoft nicht in dem körperlichen Zustand befinden, die benötigten physiologischen Informationen über sich selbst geben zu können — haben wir ein aus vier Buchstaben bestehendes Klassifikationssystem entwickelt, das folgendermaßen funktioniert.

Der erste Buchstabe zeigt den Stand der physikalischen Evolution an, den die Spezies beim Erwerb von Intelligenz erreicht hatte“, fuhr er fort. „Der zweite weist auf die Art und Verteilung der Gliedmaßen, Sinnesorgane und Körperöffnungen hin, und die restlichen beiden Buchstaben bezeichnen die Kombination aus dem Metabolismus und der erforderlichen Nahrung und Atmosphäre in Verbindung mit den Schwerkraft- und atmosphärischen Druckverhältnissen des Heimatplaneten, was wiederum ein Hinweis auf die physische Masse und auf die Beschaffenheit der schützenden Epidermis des Wesens ist.“

Conway lächelte, obwohl er wußte, daß eine lange Zeit vergehen würde,

bevor auch nur einer der Studenten in der Lage sein würde, diese für Terrestrier eigentümliche Grimasse als das zu erkennen, was sie war.

„An diesem Punkt des Vertrags pflege ich einige unserer extraterrestrischen Bewerber normalerweise darauf hinzuweisen, daß sie aufgrund des ersten Buchstabens der auf sie zutreffenden Klassifikation keine Minderwertigkeitskomplexe bekommen müssen, da der Stand der physikalischen Evolution von Umweltfaktoren gesteuert wird und praktisch keine Schlüsse auf den Intelligenzgrad einer Spezies zuläßt.“

Weiterhin erklärte er, daß Spezies mit A, B oder C als erstem Buchstaben Wasseratmer seien. Auf den meisten Planeten war das Leben im Wasser entstanden, und diese Wesen hatten Intelligenz entwickelt, ohne das nasse Element verlassen zu müssen. Die Buchstaben D bis F bezeichneten warmblütige Sauerstoffatmer — unter diese Klassifikation fielen die meisten intelligenten Wesen der Föderation. G bis K waren auch Sauerstoffatmer, aber insektenartige Wesen. Die Lebensformen der Kategorie L und M besaßen Flügel und lebten unter geringer Schwerkraft.

Die Chloratmer waren in die Gruppen O und P eingeteilt, darauf folgten die eher exotischen, die physikalisch höher entwickelten sowie einige völlig absonderlich anmutende Spezies. In diese Kategorien fielen die Strahlungsverwerter, die starrblütigen oder kristallinen Wesen und Lebensformen, die ihre körperliche Gestalt beliebig verändern konnten. Diejenigen, die so hochentwickelte übersinnliche Kräfte besaßen, daß sie nicht einmal mehr Fortbewegungs- oder Greiforgane benötigten, hatten unabhängig von Form und Größe als ersten Buchstaben das V.

„Zwar wissen wir heute, daß dieses System nicht ganz fehlerfrei ist“, räumte der Chefarzt ein, „aber schuld daran ist einfach die mangelnde Vorstellungskraft der Urheber gewesen. AACPs sind zum Beispiel eine Spezies mit vegetarischem Metabolismus. Normalerweise weist das A als deren erster Buchstabe auf Wasseratmer hin. Da das System mit seiner Klassifikation jedoch erst bei den fischähnlichen Lebensformen beginnt und die AACPs als pflanzliche Wesen noch vor den Fischen eingestuft werden müßten, hat man sie einfach dieser Gruppe zugeordnet.“

Plötzlich deutete Conway auf eine Schwester, die am anderen Ende der Station einen jungen Hudlarer mit dem Nahrungspräparat besprühte, wobei er sich Danalta zuwandte. „Vielleicht hätten Sie ja Lust, auch diese Lebensform für uns zu klassifizieren, Doktor.“

„Ich bin nicht Danalta“, protestierte der von Conway aufgeforderte Melfaner. Obwohl durch den Übersetzungsvorgang gewöhnlich emotionale Untertöne aus Äußerungen herausgefiltert wurden, klang der ELNT leicht ungehalten.

„Oh, das tut mir leid“, entschuldigte sich Conway und blickte sich — vergeblich — nach dem Zwilling des Melfaners um. Er gelangte zu dem Schluß, daß sich Danalta aus irgendwelchen Gründen hinter der Gruppe tralthanischer Studenten versteckt hatte. Bevor Conway die Frage an jemand anderen richten konnte, wurde sie von einem der Tralthaner beantwortet.

„Das Lebewesen, auf das Sie deuten, steckt in einem schweren Schutzanzug“, sagte der große FGLI, wobei die tiefen, polternden Laute seiner Muttersprache den schwerfälligen und pedantischen Stil der übersetzten Worte noch verstärkten. „Der einzige für mich sichtbare Teil des Wesens ist der kleine Bereich hinter dem Visier, und der ist durch die von der Stationsbeleuchtung herrührenden Spiegelungen verschwommen. Da der Schutzanzug über einen Eigenantrieb verfügt, sind keinerlei Anhaltspunkte für die Zahl und Art der Fortbewegungsorgane vorhanden. Doch die Größe und Form des Anzugs insgesamt sowie die Lage der vier rings um den Ansatz des kegelförmigen Kopfabschnitts verteilten mechanischen Greifer veranlassen mich — vorausgesetzt, diese mechanischen Verlängerungen entsprechen aus ergonomischen Gründen annähernd den Positionen der darunterliegenden natürlichen Gliedmaßen —, mit einem gewissen Maß an Sicherheit zu behaupten, daß es sich bei dem fraglichen Lebewesen um eine Kelgianerin der physiologischen Klassifikation DBLF handelt. Flüchtige Eindrücke einer grauen, pelzartigen Haut sowie eines sich — wenn auch undeutlich — durch den kleinen Bereich des Visiers zeigenden Organs, das das Sehorgan der Kelgianerin zu sein scheint, untermauern diese Klassifizierung.“

„Sehr gut, Doktor!“ Aber bevor Conway den Tralthaner nach dessen Namen fragen konnte, schwang die Einlaßschleuse der Station auf, und ein großes, kugelförmiges Fahrzeug auf Raupenketten rollte herein. Die Kugel war in der Waagerechten von etlichen Sensor- und Greifvorrichtungen umgeben und trug an einer sofort ins Auge fallenden Stelle auf der oberen Vorderfläche das Kennzeichen eines Diagnostikers. Conway deutete statt dessen also auf das Fahrzeug und fragte: „Kann jemand von Ihnen auch diesen Insassen klassifizieren?“

Diesmal meldete sich als erster einer der Kelgianer zu Wort.

„Nur durch Rückschlüsse und logische Ableitungen, Chefarzt Conway“, antwortete er, während ihm von der Nase bis zum Schwanz gleichmäßige Wellen über das Fell liefen. „Augenscheinlich handelt es sich bei der Kugel um ein Druckfahrzeug mit Eigenantrieb, das, nach der an der Kugel sichtbaren Außenversteifung zu urteilen, sowohl die Patienten und das medizinische Personal der Station als auch den Insassen selbst schützen soll. Die Fortbewegungsorgane, wenn der Insasse welche hat, sind durch die Druckhülle verborgen, und ich würde sagen, die Zahl der äußeren Sensor- und Greifvorrichtungen ist so groß, daß der Insasse aller Wahrscheinlichkeit nach nur wenige eigene Greif- und Sinnesorgane besitzt und die Außenvorrichtungen je nach Bedarf bedient. Da ich die Wanddicke des Druckfahrzeugs nicht kenne, verfüge ich über keinerlei genaue Informationen über die Größe und die Körpergestalt des Insassen.“

Der Kelgianer hielt kurz inne und lehnte sich auf seine hintersten Beine zurück, wobei er wie ein dickes, pelziges Fragezeichen aussah. Über seinen Rücken und die Flanken zogen weiterhin kleine silbrige Wellen, während das Fell seiner drei kelgianischen Studienkollegen wahllos zuckte, kleine Büschel bildete und sich wieder legte, als ob auf der Zuschauergalerie ein starker Wind bliese.

Die übrigen Gruppenmitglieder schienen von einer Unruhe befallen zu werden, die einer leichten Aufregung glich. Die Tralthaner hoben und senkten der Reihe nach die stämmigen, elefantenartigen Beine. Das ständige Klackern und Scharren stammte von den Melfanern, die mit ihren krabbenähnlichen Beinen auf den Boden pochten, während in den dunklen, behaarten Gesichtern der Orligianer die weißen Zähne schimmerten, wobei Conway hoffte, daß letztere Wesen nur lächelten.

„Mir sind nur zwei Lebensformen bekannt, die ein derartiges Druckfahrzeug benutzen“, fuhr der Kelgianer fort. „Von den benötigten Umweltbedingungen und der Physiologie her unterscheiden sie sich grundlegend, und von den gewöhnlicheren Sauerstoff- und chloratmenden Spezies würden sie in den exotischeren Kategorien eingeordnet werden. Bei der einen handelt es sich um einen kaltblütigen Methanatmer, der sich bei einer Umgebungstemperatur von nur wenigen Graden über dem absoluten Nullpunkt am wohlsten fühlt, da er sich auf einem der unter ständiger Dunkelheit liegenden Planeten entwickelt hat, die sich von ihrem ursprünglichen Sonnensystem getrennt haben und einsam durch den interstellaren Raum treiben.

Die Körpergröße der Methanatmer ist sehr gering“, setzte der Kelgianer seine Erklärungen fort, „und weist ungefähr ein Drittel der Körpergröße meiner Spezies auf Doch die große Kälte erzeugenden Lebenserhaltungsund Sinnesübertragungssysteme, die diese Wesen beim Kontakt mit fremden Spezies tragen müssen, sind riesengroß und kompliziert und müssen häufig wiederaufgeladen werden.“

Das ist jetzt schon der dritte, der sich so gut auskennt! dachte Conway und blickte sich nach dem Tralthaner um, der die DBLF im Schutzanzug richtig bestimmt hatte, und nach Danalta, dem melfanischen Studenten, der zuvor den FROB klassifiziert hatte, um die Reaktionen der beiden auf den äußerst gut unterrichteten Kelgianer zu beobachten — doch die Gruppenmitglieder liefen so wild durcheinander, daß er nicht genau sagen konnte, bei wem es sich um wen handelte. Gleich nachdem er an der Personaleinlaßschleuse des Hospitals die Leitung der Gruppe übernommen hatte, war ihm aufgefallen, daß an ihr irgend etwas ungewöhnlich war.

„…die zweite Lebensform lebt auf einem feuchten Planeten mit hoher Schwerkraft, der in sehr geringem Abstand um seine Sonne kreist“, fuhr der Kelgianer unbeirrt fort. „Diese Spezies atmet heißen Dampf und besitzt einen recht interessanten Metabolismus, über den ich allerdings nur lückenhaft informiert bin. Auch bei ihr handelt es sich um eine kleine Lebensform, und die enorme Größe der Druckhülle erklärt sich aus der für das Wohlergehen des Insassen unumgänglichen Installation von Heizgeräten sowie von Kühlaggregaten und einer Oberflächenisolierung, damit andere Lebewesen in unmittelbarer Nähe des Gefährts überleben können.

Die Luft auf der Hudlarer-Station ist warm und hat einen hohen Feuchtigkeitsgehalt. Die von einem methanatmenden SNLU benötigte niedrige Innentemperatur würde unabhängig von der Wirksamkeit der Isolierung in einem gewissen Maß bis zur Außenhaut des Druckfahrzeugs geleitet werden, auf der dann kondensiertes Wasser zu sehen wäre. Da dies nicht der Fall ist, enthält das Fahrzeug höchstwahrscheinlich einen Vertreter der unter hohen Temperaturen lebenden Spezies, von der es hier im Hospital einen Diagnostiker geben soll.

Diese Bestimmung ist zwar nur das Ergebnis von logischen Folgerungen, Vermutungen und einem gewissen Grad an Vorwissen, Chefarzt Conway“, schloß der Kelgianer seine Ausführungen, „aber trotzdem würde ich den Fahrzeuginsassen der physiologischen Klassifikation TLTU zuordnen.“

Conway betrachtete eingehend die langsamen, gleichmäßigen Fellbewegungen des außerordentlich gut unterrichteten und ungewöhnlich sachlichen DBLF und warf dann einen Blick auf den aufgewühlten Pelz der kelgianischen Studienkollegen. Da ihm die Gedanken mit Höchstgeschwindigkeit durch den Kopf schossen und nur wenige davon zum Aussprechen geeignet waren, sagte Conway langsam: „Die Antwort ist richtig, ganz gleich, wie Sie zu ihr gelangt sind.“

Er dachte über die DBLF-Klassifkation und insbesondere über ihr ausdrucksfähiges Fell nach. Aufgrund der unzulänglichen Anatomie der kelgianischen Sprechorgane wies die gesprochene Sprache dieser DBLFs keine Intonation und Akzentuierung und damit keinerlei emotionale Ausdrucksfähigkeit auf Doch das wurde durch das äußerst bewegliche Fell ausgeglichen, das die Empfindungen des Sprechers, zumindest für einen zweiten Kelgianer, vollständig, aber auch unwillkürlich widerspiegelte. Deshalb waren diesen Wesen Begriffe wie Lüge, Diplomatie, Taktgefühl oder gar Höflichkeit vollkommen fremd. Ein DBLF sagte genau das, was er meinte oder fühlte, da das Fell ständig seine Empfindungen verriet und es einfach dumm gewesen wäre, sich anders zu verhalten.

Auch über die melfanischen ELNTs und ihren Fortpflanzungsmechanismus, der die Geburt von Zwillingen ausschloß, und über die Wortwahl der freiwillig von Danalta und den anderen beiden Studenten gegebenen Antworten machte sich Conway Gedanken, insbesondere über die des Kelgianers, der zu verstehen gegeben hatte, daß die TLTU-Lebensform nicht besonders exotisch sei. Von dem Moment ihres Eintreffens an hatte Conway gespürt, daß an der Gruppe etwas ausgesprochen Ungewöhnliches war. Er hätte sich auf seinen Spürsinn verlassen sollen.

Dann erinnerte er sich an den ersten Anblick der Neuankömmlinge zurück und hielt sich vor Augen, wie sie seither zu verschiedenen Zeitpunkten ausgesehen und sich verhalten hatten; insbesondere dachte er an ihre Nervosität und daran, daß von ihnen praktisch keine allgemeinen Fragen zum Orbit Hospital gestellt worden waren. War etwa irgendeine Art Verschwörung im Gange? Ohne sich zu auffällig zu verhalten, musterte er der Reihe nach jeden einzelnen Studenten.

Vier kelgianische DBLFs, zwei duwetzische EGCLs, drei tralthanische FGLIs, drei melfanische ELNTs und zwei orligianische DBDGs — insgesamt also vierzehn Studenten.

Aber Kelgianer sind niemals freundlich oder höflich oder in der Lage, besondere Kontrolle über ihr Fell auszuüben, dachte Conway, als er sich unauffällig von den Studenten abwandte und auf die Station hinunterblickte.

„Also, wer von Ihnen ist der Spaßvogel?“ fragte er schließlich.

Niemand antwortete ihm, und er fuhr mit immer noch abgewandtem Gesicht fort: „Über die fragliche Lebensform besitze ich keine Vorkenntnisse, deshalb basiert meine Bestimmung auf Rückschlüssen und logischen Folgerungen sowie auf Verhaltensbeobachtungen.“

Der in der Stimme mitschwingende Sarkasmus ging wahrscheinlich bei der Übersetzung verloren, und die Mehrheit der Extraterrestrier besaß sowieso eine übermäßig nüchterne Denkweise. In sanfterem Ton fuhr Conway fort: „Ich meine denjenigen unter Ihnen, dessen Spezies insofern amöbisch ist, als daß sie die für jede Umgebung oder Situation erforderlichen Gliedmaßen oder Sinnesorgane ausstülpen oder eine Schutzhaut bilden kann. Ich vermute, diese Spezies hat sich auf einem Planeten mit einer äußerst exzentrischen Umlaufbahn und mit derart starken Klimaschwankungen entwickelt, daß zum Überleben ein Höchstmaß an körperlicher Anpassungsfähigkeit erforderlich war. Sie wurde auf ihrem Planeten zur dominanten Lebensform und entwickelte Intelligenz und eine Zivilisation, aber nicht durch das Konkurrieren mit anderen Spezies hinsichtlich natürlicher Waffen, sondern durch die Verfeinerung und Perfektionierung des Anpassungsvermögens. Im Fall der Konfrontation mit natürlichen Feinden hätten sie die Wahl zwischen Flucht, Schutzanpassung oder der Annahme einer für den Angreifer erschreckenden Gestalt.

Die hier an den Tag gelegte Geschwindigkeit und Genauigkeit der Anpassung, insbesondere die fast perfekte Nachahmung von Verhaltensmustern, lassen darauf schließen, daß es sich bei dem Wesen um einen rezeptiven Empathen handelt“, fuhr Conway fort. „Da diese Spezies über solch ein wirksames Mittel zum Selbstschutz verfügt, versteige ich mich sogar zu der Behauptung, daß man ihr keine körperlichen Schäden zufügen kann, es sei denn, man setzt sie Hochtemperaturen aus oder vernichtet sie auf physikalischem Weg. Von daher müßte für die Mitglieder dieser Spezies der Gedanke einer chirurgischen Heilbehandlung ganz unvorstellbar sein. Einen praktisch unzerstörbaren Körper zu besitzen würde bedeuten, daß diese Lebensform keine Mechanismen zum Selbstschutz benötigt, folglich ist sie in den Geisteswissenschaften wahrscheinlich fortgeschritten, in der technologischen Entwicklung jedoch rückständig geblieben.

Ich würde Sie der physiologischen Klassifikation TOBS zuordnen“,

sagte Conway schließlich, wobei er sich ruckartig zu den Studenten umdrehte.

Dann ging er schnell auf die drei Orligianer zu, und zwar aus dem guten Grund, daß es von ihnen nur zwei hätte geben dürfen. Rasch, aber behutsam griff er nach ihren Schultern und schob einen Finger zwischen die Riemen der Harnische und das darunter liegende Fell. Beim drittenmal schlug der Versuch fehl, weil sich das Fell und der Harnisch nicht voneinander trennen ließen.

„Haben Sie eigentlich noch andere Zukunftspläne, als Schabernack zu treiben, Doktor Danalta?“ fragte er den Alien trocken.

Für einen Moment zerflossen und sackten der Kopf und die Schultern zu einer Form zusammen, die die ersten Anfänge eines melfanischen Panzers hätten sein können — nach Conways Dafürhalten würde er sich an solch lästige Metamorphosen dieses Studenten in Zukunft gewöhnen müssen —, bevor sie wieder das orligianische Aussehen annahmen.

„Falls Sie das, was ich vorhin getan habe, beunruhigt hat, tut es mir wirklich aufrichtig leid, Chefarzt Conway“, entschuldigte sich Danalta. „Normalerweise ist mir die Körpergestalt völlig gleichgültig, aber ich dachte, die Anpassung an das Aussehen der Lebensformen im Hospital wäre für die Kommunikation und den gesellschaftlichen Verkehr besser geeignet, und außerdem wollte ich meine Schutzanpassung so früh und so oft wie möglich vor einem Lebewesen durchführen, das höchstwahrscheinlich alle Unstimmigkeiten entdecken würde. Auf der Fähre habe ich diese Absicht mit den anderen Gruppenmitgliedern besprochen, und sie haben sich bereit erklärt mitzumachen.

Mit meiner Bewerbung um eine Stelle am Orbit Hospital habe ich hauptsächlich das Ziel verfolgt, die Gelegenheit zur Zusammenarbeit mit derart vielfältigen Lebensformen zu haben“, fuhr Danalta schnell fort.

„Mit meinen Nachahmungsfähigkeiten — und an dieser Stelle sollte ich darauf hinweisen, daß sie selbst unter den Angehörigen meiner eigenen Spezies als überdurchschnittlich eingestuft werden — stellt dieses Institut eine gewaltige Herausforderung für mich dar, auch wenn ich mir vollkommen bewußt bin, daß es Lebensformen geben wird, die ich nicht nachzubilden imstande bin. Was den Begriff Spaßvogel betrifft, der läßt sich leider nicht in meine Sprache übersetzen. Doch falls ich Sie in dieser Angelegenheit gekränkt haben sollte, möchte ich mich bei Ihnen vorbehaltlos entschuldigen.“

„Ich nehme Ihre Entschuldigung an“, entgegnete Conway, wobei er unwillkürlich an all die verrückten Streiche denken mußte, die er zusammen mit seinen Studienkollegen vor vielen Jahren den anderen Hospitalangehörigen gespielt hatte — Aktivitäten, die nicht einmal im entferntesten Sinne eine Beziehung zur medizinischen Ausbildung gehabt hatten. Schließlich blickte er auf seine Uhr und fügte lächelnd hinzu: „Wenn Sie wirklich so sehr daran interessiert sind, einer großen Anzahl verschiedener Lebensformen zu begegnen, Doktor, dann sollen Sie auch bekommen, was Sie sich wünschen. Ich bitte Sie jetzt alle, mir zu folgen.“

Aber der Orligianer, der kein Orligianer war, rührte sich nicht vom Fleck. „Wie Sie ganz richtig gefolgert haben, Chefarzt Conway, ist unserer Spezies das Praktizieren von Medizin gänzlich unbekannt. Ich bin nicht aus Idealismus hierhergekommen, sondern eher aus Eigennutz, im Grunde sogar zu meinem Vergnügen. Ab jetzt werde ich meine Fähigkeiten nur noch dazu einsetzen, um auf Lebewesen mit körperlichen Funktionsstörungen beruhigend einzuwirken, indem ich ihre Gestalt nachahme, wenn keine Mitglieder derselben Spezies greifbar sind. Auf diese Weise kann ich ihnen die Angst nehmen. Oder ich setze sie zur schnellen Anpassung an Umweltbedingungen ein, die für andere tödlich wären, um die Verzögerung einer dringenden Behandlung durch das zeitraubende Anlegen von Schutzhüllen zu vermeiden, oder aber zur Bildung einer Gliedmaße mit einer speziellen Form oder Funktion, mit der ich ansonsten unzugängliche Bereiche, an denen eine organische Funktionsstörung aufgetreten ist, wiederherstellen könnte. Aber ich bin kein Arzt und sollte deshalb auch nicht mit Doktor angesprochen werden.“

Conway mußte plötzlich lachen. „Wenn das wirklich die Arbeit ist, die Sie hier zu leisten gedenken, Danalta, dann werden wir Sie allerdings niemals mit einem anderen Titel ansprechen können.“

2. Kapitel

Zwischen dem Rand der Galaxis und den dicht besiedelten Sternsystemen der Großen Magellanschen Wolke schwebte in der interstellaren Dunkelheit des galaktischen Sektors zwölf das Orbit Hospital wie ein riesiger, zylindrischer Weihnachtsbaum. Auf den dreihundertvierundachtzig Ebenen konnten die Umweltbedingungen sämtlicher der galaktischen Föderation bekannten intelligenten Spezies reproduziert werden; ein biologisches Spektrum, das bei den unter extremen Kältebedingungen lebenden Methanarten begann und über die eher normalen Sauerstoff- und Chloratmer bis hin zu den seltsamen und außergewöhnlichen Lebensformen reichte, die nicht atmeten und nicht einmal Nahrung zu sich nehmen mußten, sondern ausschließlich von der direkten Umwandlung harter Strahlung lebten.

Hinsichtlich seiner technischen Leistungsfähigkeit wie auch seiner psychologischen Betreuung stellte das Orbit Hospital gleich ein doppeltes Wunder dar. Für den Nachschub und die Wartung war in erster Linie das Monitorkorps verantwortlich, das auch administrative und polizeiliche Aufgaben wahrnahm und dem Gesetz der Föderation Geltung verschaffte. Die sonst üblichen Reibereien zwischen militärischen und zivilen Mitarbeitern traten hier allerdings so gut wie nie auf. Genauso selten waren ernsthafte Meinungsverschiedenheiten unter den ungefähr zehntausend Mitarbeitern des medizinischen Personals, das sich aus mehr als sechzig verschiedenen Lebensformen mit ebenso vielen unterschiedlichen Verhaltensweisen, Körpergerüchen und Lebensanschauungen zusammensetzte.

Platz stand im Orbit Hospital immer hoch im Kurs, und deshalb sollten die Wesen, die zusammen arbeiteten, auch möglichst miteinander essen — aber natürlich nicht vom selben Teller.

Die Studenten hatten das Glück, zwei freie aneinandergrenzende Tische zu finden, jedoch insofern Pech, als daß die Sitze und die Bestecke für die zwergenhaften nidianischen DBDGs vorgesehen waren. Der riesige Speisesaal war für die warmblütigen sauerstoffatmenden Personalangehörigen ausgelegt, und durch einen Blick in die Runde wurde einem deutlich, daß fast immer verschiedene Spezies gemeinsam an ein und demselben Tisch aßen, fachsimpelten oder einfach miteinander plauderten. Sitze von der falschen Größe stellten eine Unannehmlichkeit dar, an die sich die Neuankömmlinge würden gewöhnen müssen, und in ihrem Fall hätte es noch sehr viel schlimmer sein können.

Die Mundwerkzeuge der Melfaner befanden sich in der richtigen Höhe über dem Tisch, und für die ELNTs war es nicht unbequem, im Stehen zu. essen. Die Tralthaner machten auf ihren sechs klobigen Füßen einfach alles, sie schliefen sogar darauf. Die Kelgianer waren in der Lage, sich mit ihrer raupenähnlichen Gestalt an fast jedes Möbelstück anzupassen, und die Orligianer, wie auch Conway selbst, konnten ohne allzu großes Unbehagen auf den Armlehnen der Stühle sitzen. Die kleinen Duwetz hatten überhaupt keine Schwierigkeiten, und der vielgestaltige Danalta hatte sich in einen Duwetz verwandelt.

„Der Automat für die Bestellung und Auslieferung des Essens funktioniert hier praktisch genauso wie auf den Schiffen, mit denen Sie hergekommen sind“, erklärte Conway, wobei er von einem Tisch zum anderen blickte. „Wenn Sie Ihre physiologische Klassifikation eingeben, erscheint auf dem Display die Speisekarte in Ihrer jeweiligen Schriftsprache. Außer bei Danalta. Die TOBS-Lebensform hat vermutlich keine speziellen Ernährungsbedürfnisse, aber bestimmt besondere Vorlieben, oder? Danalta!“

„Entschuldigen Sie, Chefarzt Conway“, entgegnete der TOBS. Während er den Kantineneingang beobachtete, war sein Körper in für einen Duwetz anatomisch unmöglicher Weise verdreht. „Meine Aufmerksamkeit war ganz von den unglaublich verschiedenartigen Lebensformen in Anspruch genommen, die hier ein und aus gehen.“

„Was möchten Sie essen, Danalta?“ erkundigte sich Conway geduldig.

Ohne seinen duwetzischen Kopf herumzudrehen, antwortete der TOBS: „Praktisch alles, was nicht radioaktiv oder chemisch ätzend ist, Chefarzt Conway. Falls nichts anderes vorhanden sein sollte, könnte ich mit meinem Stoffwechsel innerhalb kurzer Zeit auch das Material verarbeiten, aus dem der Kantinentisch besteht. Aber ich esse nur selten und werde erst in mehreren Ihrer Tage wieder Nahrung aufnehmen müssen.“

„Schön.“ Über die Tastatur bestellte sich Conway ein Steak, bevor er fortfuhr: „Und noch etwas, Danalta: Es ist zwar sehr erfreulich, in angemessener Form und mit Respekt angesprochen zu werden — in diesem Krankenhaus kommt das nur selten vor —, aber es kann auch lästig sein. Darum ist es üblich, Medizinalassistenten, Assistenz- und Chefärzte und selbst Diagnostiker einfach mit Doktor anzureden. Haben Sie schon einen physiologischen Typus entdeckt, den Sie nicht nachahmen können?“

Allmählich ärgerte sich Conway darüber, daß Danalta während seiner Ausführungen fortwährend auf den Eingang starrte, und er fragte sich, ob es sich dabei um ein für diese Spezies charakteristisches Merkmal handelte und dieses unhöfliche Verhalten nicht beabsichtigt war. Dann mußte er fast nach Luft ringen, als er sah, daß der TOBS aus der Rückseite des Kopfes ein kleines Auge ausgestülpt hatte, um ihn anzusehen.

„Meinen Fähigkeiten sind gewisse Grenzen gesetzt, Doktor“, entgegnete Danalta. „Die Gestalt zu verändern ist zwar relativ einfach, aber Körpermasse kann ich nicht einfach abwerfen. Dies hier“, er deutete auf sich selbst, „ist ein kleiner, aber äußerst schwerer Duwetz. Und das Lebewesen, das gerade hereingekommen ist, wäre tatsächlich sehr schwer nachzuahmen.“

Conway folgte der Blickrichtung von Danaltas übrigen Augen, stand dann plötzlich auf und winkte.

„Prilicla!“

Bei dem kleinen Wesen, das gerade in die Kantine gekommen war, handelte es sich um einen cinrusskischen GLNO — ein sechsbeiniges, ungeheuer zerbrechlich wirkendes Insekt mit Ektoskelett und zwei Flügelpaaren. Auf seinem Heimatplaneten herrschte weniger als ein Achtel der Erdanziehungskraft, und nur ein doppelter Satz Schwerkraftneutralisatoren bewahrte Prilicla davor, auf dem Boden regelrecht zermalmt zu werden. Erst durch diese G-Gürtel konnte er überhaupt fliegen oder sicher an der Decke oder den Wänden entlangtrippeln, wenn seine überaus zerbrechlichen Gliedmaßen und sein Leben durch die gedankenlosen Bewegungen der kräftigeren Kollegen bedroht waren. Cinrussker auseinanderzuhalten war für Außerplanetarier unmöglich; sogar Cinrussker selbst konnten zwischen Angehörigen der eigenen Spezies lediglich durch die Identifizierung der individuellen emotionalen Ausstrahlung unterscheiden. Doch zum Hospitalpersonal gehörte nur ein einziger GLNO-Empath; also mußte es sich bei diesem hier um Chefarzt Prilicla handeln.

Während der kleine Empath langsam mit seinen breiten, schimmernden, fast durchsichtigen Flügeln auf sie zugeflogen kam, wurde er von der Tischrunde aufmerksam beobachtet. Als er schließlich vorsichtig über der Gruppe schwebte, bemerkte Conway an den sechs bleistiftdünnen Beinen des Empathen ein schwaches, unregelmäßiges Zittern, und auch der Schwebeflug wies deutliche Anzeichen von Instabilität auf.

Irgend etwas beunruhigte den kleinen Cinrussker, doch Conway sagte lieber nichts, weil er wußte, daß seine eigene Besorgnis von dem Empathen bereits wahrgenommen wurde. Plötzlich fragte er sich, ob durch den Anblick des GLNO bei einem der Neuankömmlinge irgendeine tiefsitzende Phobie ausgelöst worden sein könnte und dieser jetzt so große Angst oder starken Abscheu ausstrahlte, daß Priliclas harmonisches Zusammenwirken der Muskeln in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Dergleichen mußte er einen Riegel vorschieben.

„Das hier ist Chefarzt Prilicla“, sagte Conway schnell, als wollte er den Empathen nur vorstellen. „Er stammt vom Planeten Cinruss, gehört zur physiologischen Klassifikation GLNO und verfügt über hochentwickelte empathische Fähigkeiten, die unter anderem für die Feststellung und Überwachung des Zustands tief bewußtloser Patienten von unschätzbarem Wert sind. Durch diese Fähigkeiten ist Prilicla auch sehr stark für die emotionale Ausstrahlung von Kollegen wie uns empfänglich, die bei Bewußtsein sind. In seiner Gegenwart müssen wir uns vor plötzlichen und heftigen Gefühlsreaktionen hüten, sogar vor unwillkürlichen Regungen wie instinktiver Furcht oder Abneigung beim Zusammentreffen mit einer Lebensform, die einem Raubtier auf dem Heimatplaneten einer anderen Spezies ähnelt oder Gegenstand einer Kindheitsphobie ist. Diese Gefühle und Reaktionen müssen Sie nach besten Kräften unter Kontrolle halten oder möglichst negieren, weil sie von dem Empathen noch stärker empfunden werden als von Ihnen selbst. Wenn Sie Prilicla erst einmal besser kennengelernt haben, werden Sie allerdings rasch feststellen, daß man ihm gegenüber gar keine unfreundlichen Gefühle hegen kann.

Und bei Ihnen, mein lieber Prilicla, möchte ich mich entschuldigen, daß ich Sie einfach zum Thema dieses improvisierten Vertrags gemacht habe, ohne Sie vorher um Erlaubnis gebeten zu haben.“

„Keine Ursache, mein Freund. Ich bin mir Ihrer Besorgnis bewußt, die letztendlich die Ursache für diesen Vortrag war, und danke Ihnen dafür. Aber von dieser Gruppe strahlt niemand unfreundliche Gefühle aus. Vielmehr setzt sich die emotionale Ausstrahlung der Anwesenden aus Erstaunen, Ungläubigkeit und starker Neugier zusammen, die ich mit dem größten Vergnügen stillen werde.“

„Aber Sie zittern immer noch.“, warf Conway leise ein, doch entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten überhörte der Cinrussker ihn einfach.

„… außerdem bin ich mir der Anwesenheit eines zweiten Empathen bewußt“, führ Prilicla fort, wobei er zwischen den Tischen entlangflog, bis er über dem falschen Duwetz mit dem zusätzlichen Auge schwebte. „Sie müssen die kürzlich eingetroffene polymorphe Lebensform von Fotawn sein. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen, Freund Danalta. Das hier ist meine erste Begegnung mit der überaus begabten TOBS-Klassifikation.“

„Und meine erste mit einem GLNO, Doktor Prilicla“, antwortete Danalta, wobei seine Duwetz-Gestalt in sich zusammensackte und langsam über den Stuhl floß, was eine freudige Reaktion über eine derartige Äußerung von einem Chefarzt sein mußte. „Aber meine empathischen Fähigkeiten sind nicht annähernd so feinfühlig und gut ausgebildet wie Ihre. Bei meiner Spezies haben sie sich zusammen mit der Gabe der Metamorphose als eine Frühwarnung vor den Absichten in der Nähe befindlicher Raubtiere entwickelt. Im Gegensatz zu den Fähigkeiten Ihrer Spezies, die als wichtigstes Verständigungsmittel ohne Worte genutzt werden, habe ich meine unter willkürlicher Kontrolle, so daß ich die emotionale Ausstrahlung, die meine Rezeptoren erreicht, von der Stärke her nach Belieben verringern oder sogar ganz von mir abhalten kann, falls mich die Empfindungen in meiner näheren Umgebung zu sehr beunruhigen.“

Die Möglichkeit, Emotionen von sich abprallen zu lassen, hielt auch Prilicla für nützlich, und ohne Conway zu beachten, unterhielten sich die beiden Empathen über die Umweltbedingungen ihrer Heimatplaneten, über die freundliche Welt von Cinruss, auf der geringe Schwerkraft herrschte, und den durch und durch schrecklichen und feindseligen Planeten Fotawn, auf dem die TOBS lebten. Die übrigen Studenten, für die Cinruss und Fotawn nur wenig mehr als Namen waren, verfolgten das Gespräch mit großem Interesse und unterbrachen es nur hin und wieder durch Fragen.

Conway, der, wenn ihm keine andere Wahl blieb, genauso geduldig sein konnte wie jedes andere Wesen, konzentrierte sich lieber darauf, sein Gericht aufzuessen, bevor es durch den von Priliclas Flügeln erzeugten Wind zur Ungenießbarkeit abgekühlt war.

Daß die beiden Empathen gut miteinander auskamen, überraschte ihn keineswegs — das war ein Naturgesetz. Ein für Emotionen empfängliches Lebewesen, das durch eigene gedankenlose Handlungen beim Gesprächspartner Gefühle des Zorns oder des Kummers hervorrief, bekam nämlich dieselben Empfindungen seines Gegenübers in voller Stärke buchstäblich ins Gesicht zurückgeschlagen; deshalb lag es im eigenen Interesse eines Empathen, die Atmosphäre für alle Beteiligten so angenehm wie möglich zu gestalten. Offenbar sah es im Falle Danaltas insofern ein wenig anders aus, da dieser die auf ihn eindringende emotionale Strahlung nach Belieben von sich abhalten konnte.

Genausowenig war Conway über die Tatsache überrascht, daß der TOBS so gut über Cinruss und dessen empathischen Bewohner informiert war — seine weitreichenden Kenntnisse über alles und jeden hatte Danalta ja schon bewiesen. Was ihn allerdings überraschte, war, daß Prilicla offensichtlich eine Menge Kenntnisse über Fotawn besaß, die im gegenwärtigen Gespräch noch nicht angeschnitten worden waren, und allmählich gewann er den Eindruck, daß sich der GLNO dieses Wissen erst vor kurzem angeeignet hatte. Aber von wem?

Auf jeden Fall gehörten diese Kenntnisse nicht zum Allgemeinwissen im Orbit Hospital, dachte Conway, während er die Augen auf das Dessert gerichtet hielt und nur gelegentlich einen flüchtigen Blick nach oben warf, wo Prilicla immer noch unruhig schwebte. Die verschiedenen unappetitlichen und zum Teil übelriechenden Gerichte, die die Studenten eifrig zu sich nahmen, sah er aus Gewohnheit nicht an. Wären Neuigkeiten über den Planeten Fotawn und den anstehenden Besuch eines TOBS durchgesickert, hätten schon im Vorfeld der Ereignisse sämtliche Töpfe in der Gerüchteküche des Hospitals auf Hochtouren gekocht. Warum also hatte allein Prilicla diese Informationen erhalten?

„Ich brenne vor Neugier“, warf Conway in der nächsten Gesprächspause ein.

„Ich weiß.“ Für einen Augenblick verstärkte sich das Zittern von Priliclas Beinen. „Schließlich bin ich ein Empath, mein Freund.“

„Und ich fürchte, daß ich nach den vielen Jahren unserer Zusammenarbeit bereits ein gewisses Maß an Empathie für Sie entwickelt habe, mein kleiner Freund“, erwiderte Conway lächelnd. „Es gibt ein Problem.“

Das war eher eine Aussage als eine Frage, und Priliclas Schwebeflug wurde noch unruhiger, so daß er sich auf einer freien Stelle des Tisches niederlassen mußte. Bei seiner Antwort schien er die Worte mit großer Sorgfalt zu wählen, und Conway rief sich ins Gedächtnis zurück, daß der Empath keinesfalls vor Notlügen zurückscheute, wenn er dadurch in seiner Umgebung ein angenehmes emotionales Ausstrahlungsniveau aufrechterhalten konnte.

„Ich hatte eine längere Unterredung mit O'Mara, in deren Verlauf ich einige unangenehme Neuigkeiten erfahren habe“, erzählte Prilicla.

„Und die wären?“ Conway fand, er hätte längst einen akademischen Grad in extraterrestrischer Zahnheilkunde verdient, denn aus Prilicla Informationen herauszuholen war wie das Ziehen von Zähnen.

„Ich bin mir sicher, daß ich mich mit der Zeit darauf einstellen werde“, antwortete der Empath. „Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Ich. ich bin befördert worden und bekleide jetzt eine Position mit viel größerer Verantwortung und Machtbefugnis. Bitte haben Sie Verständnis, mein Freund, aber ich habe diese Beförderung nur mit Widerwillen angenommen.“

„Meinen Glückwunsch!“ freute sich Conway für den Empathen. „Ihren Widerwillen hätten Sie sich dabei ruhig sparen können, und ein schlechtes Gefühl brauchen Sie auch nicht zu haben. O'Mara hätte Ihnen diese Aufgabe bestimmt nicht anvertraut, wenn er sich nicht absolut sicher gewesen wäre, daß Sie der Richtige dafür sind. Was genau sollen Sie denn tun?“

„Darüber würde ich mich lieber nicht hier und jetzt mit Ihnen unterhalten, mein Freund.“ Als sich Prilicla dazu gezwungen sah, etwas zu sagen, das für ihn offensichtlich ans Unangenehme grenzte, zitterte er wieder stärker. „Dies ist weder die Zeit noch der Ort zum Fachsimpeln.“

Conway verschluckte sich an seinem Kaffee. An diesem Ort bestanden die Gespräche normalerweise aus nichts anderem als Fachsimpelei, und das wußten sie beide. Was noch wichtiger war, die Anwesenheit der Neuankömmlinge hätte kein Hindernis sein sollen, da die Studenten bestimmt daran interessiert gewesen wären, ein Gespräch zwischen ranghöheren Personalmitgliedern über Themen zu verfolgen, die sie zwar momentan noch nicht gänzlich verstanden, die sie aber schon bald begreifen würden. Ein derartiges Verhalten hatte er bei Prilicla noch nie erlebt, und Conways immense Neugier brachte den Empathen noch stärker zum Zittern.

„Was hat O'Mara denn nun zu Ihnen gesagt?“ drängte Conway in bestimmtem Ton und fügte hinzu: „Und zwar den genauen Wortlaut, bitte.“ „Er hat gesagt, ich solle mehr Verantwortung übernehmen, lernen, Befehle zu erteilen, und ganz allgemein meinen Einfluß geltend machen. Mein Freund, es ist doch so: Meine Körpergröße ist unbedeutend, meine Muskeln sind praktisch gar nicht vorhanden, und ich glaube, die Gedankengänge des Chefpsychologen sind nur schwer zu ergründen. Aber jetzt muß ich mich entschuldigen. Ich habe auf der Rhabwar noch ein paar routinemäßige Sachen zu erledigen und hatte mir sowieso vorgenommen, auf jeden Fall auf dem Ambulanzschiff Mittag zu essen.“

Man mußte kein Empath sein, um zu wissen, daß sich Prilicla unbehaglich fühlte und keine weiteren Fragen beantworten wollte.

Wenige Minuten, nachdem sich Prilicla entfernt hatte, übergab Conway die Studenten den anderen Ausbildern, die bereits geduldig auf das Ende der Mahlzeit gewartet hatten, und danach standen ihm noch ein paar weitere Minuten zum Nachdenken zur Verfügung, bis sich ein kelgianisches Schwesterntrio an den Nachbartisch setzte und in Begleitung wilder Fellbewegungen zu zetern und zu keifen begann. Er schaltete den Translator aus, damit er nicht durch ihre rege Unterhaltung, eine höchst skandalöse Klatschgeschichte über ein anderes Mitglied ihrer Spezies, abgelenkt wurde.

Nur weil der Cinrussker über seine Beförderung informiert worden war, würde Prilicla nicht eine permanente emotionale Unruhe an den Tag legen. Große medizinische und chirurgische Verantwortung hatte er früher schon oft tragen müssen. Genausowenig dürfte es ihm etwas ausmachen, Befehle zu erteilen. Stimmt, er verfügte über keinen Einfluß, den er hätte geltend machen können, aber andererseits gab er seine Anweisungen immer auf solch höfliche und friedfertige Art, daß seine Untergebenen lieber gestorben wären, als ihn durch Gehorsamsverweigerung unglücklich zu machen. Und die Neuankömmlinge hatten keine unangenehmen Emotionen ausgestrahlt und Conway selbst auch nicht.

Aber angenommen, Prilicla hätte ihm Einzelheiten über die neue Aufgabe erzählt, und er, Conway, hätte sich daraufhin unwohl gefühlt. Das könnte eine Erklärung für das untypische Verhalten des Empathen sein, zumal Prilicla allein die Vorstellung, womöglich die Gefühle eines anderen Wesens zu verletzen, äußerst unangenehm wäre — insbesondere, wenn es sich bei dem Betreffenden um einen engen Freund wie Conway handelte. Und aus einem unerfindlichen Grund wollte oder konnte Prilicla vor den Neuankömmlingen — oder vielleicht auch nur vor einem der Neuankömmlinge — nicht über seine neue Stellung reden.

Womöglich war es gar nicht die neue Aufgabe, die Prilicla beunruhigte, sondern etwas, das er während der Unterredung mit O'Mara erfahren hatte, etwas, das Conway selbst betraf und das der Cinrussker nicht preisgeben durfte. Conway blickte auf die Uhr, stand schnell auf und entschuldigte sich bei den Schwestern.

Die Antwort darauf — und, wie er aus langjähriger Erfahrung wußte, höchstwahrscheinlich auch ein ganzes Bündel neuer Probleme — würde im Büro des Chefpsychologen zu finden sein.

3. Kapitel

Das Büro des Chefpsychologen glich in vieler Hinsicht einer mittelalterlichen Folterkammer, und diese Ähnlichkeit wurde nicht nur durch die große Vielfalt an extraterrestrischen Liegen und Entspannungsmöbeln verstärkt, die mit Haltegurten versehen waren, sondern auch durch den angegrauten Torquemada im Monitorkorpsgrün mit den scharfkantigen Gesichtszügen, der darüber herrschte. Major O'Mara deutete auf einen physiologisch passenden Stuhl.

„Setzen Sie sich, Doktor“, begrüßte er Conway mit einem für ihn vollkommen untypischen Lächeln. „Entspannen Sie sich. In letzter Zeit sind Sie so viel in Ihrem Ambulanzschiff durch die Gegend gerast, daß ich Sie kaum zu Gesicht bekommen habe. Es ist höchste Zeit, daß wir uns einmal ausgiebig unterhalten.“

Conway spürte, wie ihm der Mund trocken wurde.

Das wird ganz schön haarig werden.

Aber was hatte er getan oder unterlassen, daß er eine solche Behandlung verdiente? Im Gesicht des Chefpsychologen konnte man ungefähr so gut lesen wie in einem verwitterten Stück Basalt — mit dem es sogar in mancherlei Hinsicht eine gewisse Ähnlichkeit aufwies —, doch seine Augen, mit denen er Conway musterte — das wußte letzterer aus langer Erfahrung —, enthüllten einen so scharf analytischen Verstand, daß der Major das besaß, was man fast als telepathische Fähigkeiten bezeichnen konnte. Conway schwieg, und auch O'Mara sagte lange Zeit keinen Ton.

Als Chefpsychologe eines Hospitals mit vielfältigen Umweltbedingungen war er für das geistige Wohlbefinden eines riesigen Mitarbeiterstabs verantwortlich, der sich aus mehr als sechzig verschiedenen Spezies zusammensetzte. Obwohl er innerhalb des Monitorkorps nur den Rang eines Majors bekleidete — den man ihm lediglich aus administrativen Gründen verliehen hatte —, waren seine Machtbefugnisse innerhalb des Hospitals nur schwer einzugrenzen. Für ihn waren die Mitarbeiter die eigentlichen Patienten, und eine seiner Aufgabe war es sicherzustellen, daß jedem einzelnen Patienten der für ihn geeignete Arzt zugeteilt wurde, sei er nun Terrestrier oder Extraterrestrier.

Selbst wenn man äußerste Toleranz und gegenseitigen Respekt beim Personal voraussetzte, gab es doch noch Anlässe genug zu Reibereien. Potentiell gefährliche Situationen entstanden in erster Linie durch Unwissenheit und Mißverständnisse, aber auch wenn ein Wesen — trotz der genauen psychologischen Durchleuchtung, der sich jeder Bewerber vor der Zulassung zum Studium am Orbit Hospital unterziehen mußte — eine neurotische Xenophobie entwickelte, die seine geistige Stabilität oder Leistungsfähigkeit oder beides zusammen beeinträchtigte. Ein Arzt von der Erde zum Beispiel, der eine unbewußte Angst vor Spinnen hatte, würde einem cinrusskischen Patienten niemals eine angemessene klinische Versorgung zuteil werden lassen können, die zu seiner Behandlung notwendig wäre. Und wenn jemand wie Prilicla solch einen terrestrischen Patienten zu behandeln hätte, dann.

Ein großer Teil von O'Maras Verantwortung bestand darin, solche Schwierigkeiten innerhalb des medizinischen Stabs zu entdecken und auszuräumen, während andere Mitglieder seiner Abteilung dafür sorgten, daß sich die Probleme nicht wiederholten — und zwar derart gründlich, daß in Fragen der Menschheitsgeschichte bewanderte Terrestrier diesen Vorgang als zweite Inquisition: bezeichneten. Nach O'Maras eigenen Angaben war das hohe Niveau der psychischen Stabilität unter seinen Schützlingen jedoch in Wirklichkeit darauf zurückzuführen, daß sie alle schlichtweg viel zuviel Angst vor ihm hatten, um die öffentliche Zurschaustellung selbst einer unbedeutenden Neurose zu riskieren.

Plötzlich lächelte O'Mara und sagte: „Ich finde, mit dem respektvollen Schweigen übertreiben Sie es heute ein wenig, Doktor. Schließlich möchte ich mich gern mit Ihnen unterhalten, und im Gegensatz zu meinem üblichen Verfahren dürfen Sie freche Antworten geben. Sind Sie mit Ihrem Dienst auf dem Ambulanzschiff zufrieden?“

Normalerweise hatte der Chefpsychologe eine beißende, sarkastische und bis an maßlose Unverschämtheit grenzende Art an sich. Als Erklärung führte er gerne an, daß er sich in Gesellschaft von Kollegen entspannen und sich von seiner üblichen schlecht gelaunten, unausstehlichen Seite zeigen konnte, während er bei potentiellen Patienten Mitgefühl und Verständnis an den Tag legen mußte. Aber auch mit diesem Wissen im Hinterkopf fühlte sich Conway durch den in uncharakteristischer Weise freundlichen Chefpsychologen überhaupt nicht besser.

„Ziemlich zufrieden“, antwortete Conway zurückhaltend.

„Am Anfang waren Sie damit gar nicht zufrieden.“ O'Mara musterte ihn aufmerksam. „Soweit ich mich erinnern kann, Doktor, haben Sie es damals als unter der Würde eines Chefarzts erachtet, die medizinische Leitung auf einem Ambulanzschiff übernehmen zu müssen. Haben Sie irgendwelche Probleme mit den Schiffsoffizieren oder dem medizinischen Team? Gibt es irgendwelche personellen Veränderungen, die Sie vorschlagen möchten?“

„Das alles war doch, bevor mir klargeworden ist, daß es sich bei der Rhabwar um ein ganz besonderes Ambulanzschiff handelt“, erwiderte Conway, indem er die Fragen der Reihe nach beantwortete. „Probleme gibt es nicht. Das Schiff läuft einwandfrei, die Besatzung vom Monitorkorps leistet erfolgreiche Arbeit und verhält sich kooperativ, und die Mitglieder des medizinischen Teams sind. Nein, ich kann mir keinen möglichen Wechsel vorstellen, den man beim Personal vornehmen sollte.“

„Ich schon.“ Für den Bruchteil einer Sekunde flammte in der Stimme des Chefpsychologen ein sarkastischer Unterton auf, als versuchte der alte O'Mara, den Conway nur zu gut kannte und den er nicht besonders schätzte, durchzubrechen. Dann lächelte der Chefpsychologe und fuhr fort: „Sie werden doch bestimmt über die Nachteile, die Unannehmlichkeiten und die Unterbrechungen nachgedacht haben, die die ständige Bereitschaft für einen Ambulanzschiffseinsatz mit sich bringt. Und Sie müssen sich doch ein wenig darüber geärgert haben, daß für jede Operation, die Sie am Orbit Hospital durchführen, ein Ersatzchirurg bereitzustellen hat, falls Sie plötzlich abberufen werden. Außerdem bedeutet der Dienst auf dem Ambulanzschiff, daß Sie an einigen der Projekte nicht teilnehmen können,

zu denen Sie dank Ihres höheren Dienstalters berechtigt wären. Lehren und forschen, die eigene Erfahrung an andere weitergeben, statt auf Rettungseinsätzen durch die gesamte Galaxis zu rasen und.“

„Die personelle Veränderung werde also ich sein“, unterbrach ihn Conway verärgert. „Aber wer soll denn mein Nachfol.?“

„Die Leitung des medizinischen Teams der Rhabwar wird Prilicla übernehmen“, unterbrach ihn O'Mara. „Allerdings hat er die neue Aufgabe nur unter der Bedingung akzeptiert, daß er seinem Freund Conway dadurch keinen ernsthaften Kummer bereitet. In dem Punkt ist er für einen Cinrussker ziemlich unerbittlich gewesen. Obwohl ich ihn gebeten habe, Ihnen gegenüber kein Wort zu erwähnen, bis Sie offiziell davon unterrichtet worden sind, habe ich damit gerechnet, daß er mit der Neuigkeit direkt zu Ihnen läuft.“

„Das ist er allerdings wirklich. Aber er hat nur etwas von einer Beförderung erwähnt, sonst nichts. Ich bin gerade mit einer neuen Studentengruppe zusammengewesen. Prilicla interessierte sich mehr für einen vielgestaltigen Empathen namens Danalta, aber daß unserem kleinen Freund etwas zu schaffen machte, konnte ich deutlich sehen.“

„Prilicla haben mehrere Dinge zu schaffen gemacht“, klärte O'Mara ihn auf. „So wußte er nicht nur, daß er in Ihre Position aufsteigen würde, als Sie das letztenmal die Rhabwar verließen, sondern auch, daß Danalta bereits dafür ausgewählt worden war, seine Stelle einzunehmen. Doch der TOBS weiß bisher noch nichts davon, deshalb konnte Ihnen Prilicla keine Einzelheiten erzählen. Hätte Danalta nämlich von seiner Ernennung aus zweiter Hand erfahren, hätte er zu der Überzeugung gelangen können, durch die selbstverständliche Voraussetzung seines Einverständnisses beleidigt worden zu sein. Bei den TOBS handelt es sich um eine sehr begabte Spezies, die zu Recht auf ihre Fähigkeiten stolz ist, und Danaltas psychologisches Persönlichkeitsdiagramm deutet darauf hin, daß er an solchen Verfahrensweisen zweifellos Anstoß nehmen würde. Aber die Stelle, die wir ihm anbieten, bedeutet für jemanden, der verschiedene Gestalten annehmen kann, eine physiologische Herausforderung, und ich rechne fest damit, daß Danalta sofort zugreifen wird.

Haben Sie gegen diese Veränderungen irgendwelche ernsthaften Bedenken anzumelden, Doktor?“ beendete O'Mara seine Ausführungen.

„Nein.“ Conway wunderte sich selbst, warum er über den Verlust einer Position, um die ihn seine Kollegen beneideten und die er selbst für aufregend und beruflich anspruchsvoll hielt, keine größere Verärgerung und Enttäuschung empfand. Mürrisch fügte er hinzu: „Wenn solche Veränderungen überhaupt notwendig sind.“

„Sie sind notwendig“, erwiderte O'Mara in ernstem Ton. „Wie Sie wissen, liegt es mir nicht besonders, Komplimente zu verteilen. Meine Aufgabe besteht darin, die Leute auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen und nicht, sie abheben zu lassen. Und über die Gründe, aus denen ich bestimmte Maßnahmen oder Entscheidungen treffe, diskutiere ich nicht. Aber der Fall, um den es sich hier dreht, ist keine alltägliche Angelegenheit.“

Seine fast quadratischen Hände hatte der Chefpsychologe mit gespreizten Fingern vor sich auf den Schreibtisch gelegt und betrachtete sie beim Sprechen mit vorgeschobenem Gesicht.

„Zunächst einmal sind Sie schon auf dem Jungfernflug der Rhabwar Leiter des medizinischen Teams gewesen“, fuhr er fort. „Seitdem haben Sie viele erfolgreiche Rettungsaktionen durchgeführt, die Bergungs- und Behandlungsmethoden von Überlebenden sind perfektioniert worden, und Sie verlassen ein äußerst gut funktionierendes Ambulanzschiff, auf dem lediglich aufgrund einer unbedeutenden Veränderung der Besatzung überhaupt nichts Ernsthaftes passieren kann. Vergessen Sie nicht, Prilicla, Murchison und Naydrad werden ja immer noch an Bord sein. Und Danalta. Also, mit zwei Empathen im Team, von denen einer über Muskeln verfügt, nach Belieben die Gestalt verändern und in normalerweise unzugängliche Bereiche eines Schiffswracks vordringen kann, könnte es sogar zu einer Verbesserung der für die Bergungen benötigten Zeit kommen.

Zweitens ist da Prilicla. Sie wissen genausogut wie ich, daß er zwar zu unseren besten Chefärzten gehört, aber auch, daß er aus rein psychologischen Gründen sowie Ursachen, die mit der Evolution der cinrusskischen Spezies zusammenhängen, ungeheuer schüchtern und feige ist und überhaupt kein Durchsetzungsvermögen besitzt. Prilicla in eine Position zu versetzen, in der er — am Schauplatz einer Katastrophe — die ganze Verantwortung und Machtbefugnis in Händen hält, wird ihn mit der Vorstellung vertraut machen, ohne die Hilfe von Vorgesetzten Befehle zu erteilen und Entscheidungen zu treffen. Daß Priliclas Befehle womöglich nicht nach Befehlen klingen werden und man sie nur befolgen wird, weil niemand seine Gefühle durch Einwendungen verletzen will, ist mir klar. Aber mit der Zeit müßte ihm das Befehlen zur Gewohnheit werden, und in den Pausen zwischen den Rettungseinsätzen wird sich diese Gewohnheit auf seine Arbeit im Krankenhaus übertragen. Sehen Sie das auch so?“

Conway versuchte zu lächeln, als er antwortete: „Ich bin froh, daß unser kleiner Freund nicht hier ist, denn meine emotionale Ausstrahlung ist alles andere als angenehm. Aber ansonsten sehe ich das auch so.“

„Dann ist ja gut“, entgegnete der Major und fuhr lebhaft fort: „Und drittens haben wir da den Chefarzt Conway. In diesem Fall sollten wir uns um Objektivität bemühen, was auch der Grund ist, weshalb ich von Ihnen in der dritten Person spreche. In mancher Hinsicht ist dieser Conway ein merkwürdiger Mensch, und das ist er bereits, seit er damals bei uns angefangen hat. In der Anfangszeit legte er ein wenig ein Verhalten wie ein ungezogenes Gör an den Tag und war sehr von sich selbst überzeugt, aber er hat auch gewisse Ansätze gezeigt. Trotz dieser Eigenschaften ist er ein Einzelgänger geblieben, pflegte kaum zwischenmenschliche Kontakte und zog es offenbar vor, sich in der Gesellschaft seiner extraterrestrischen Kollegen zu befinden. Psychologisch gesehen ist das zwar ein höchst verdächtiges Verhalten, aber in einem Hospital mit vielen verschiedenen Spezies bietet ein solches Vorgehen entscheidende Vorteile, weil.“

„Aber Murchison ist doch.“, begann Conway.

„… keine Extraterrestrierin“, beendete O'Mara den Satz für ihn. „Das ist mir klar. So weit ist die Altersschwäche bei mir noch nicht fortgeschritten,

daß ich nicht bemerken würde, daß es sich bei ihr um eine terrestrische Frau der Klassifikation DBDG handelt — und um was für eine! Aber abgesehen von Murchison setzen sich Ihre Freunde aus Wesen wie der kelgianischen Oberschwester Naydrad, dem melfanischen Chefarzt Edanelt, Prilicla und natürlich dem SNLU-Ernährungswissenschaftler mit dem unaussprechlichen Namen von Ebene dreihundertzwei und sogar dem Diagnostiker Thornnastor zusammen. Das ist höchst bezeichnend!“

„Wofür denn?“ fragte Conway, wobei er inständig hoffte, der Chefpsychologe würde aufhören zu reden und ihm Zeit zum Nachdenken lassen.

„Eigentlich sollten Sie in der Lage sein, selbst darauf zu kommen“, entgegnete O'Mara in scharfem Ton und fahr dann fort: „Hinzu kommt, daß Conway über all die Jahre ausgezeichnete Arbeit geleistet hat, viele wichtige und ungewöhnliche Fälle erfolgreich zum Abschluß brachte und sich nicht scheute, für seine fachlichen Entscheidungen die persönliche Verantwortung zu übernehmen. Und nun gibt es erste Anzeichen dafür, daß er womöglich seinen Biß verliert.

Bisher ist diese Erscheinung zwar noch nicht ernst“, fuhr der Chefpsychologe schnell fort, bevor Conway reagieren konnte, „und im Grunde haben es bis jetzt weder die Kollegen noch der Betreffende selbst bemerkt, und es liegt kein Nachlassen der Fachkompetenz vor, aber ich habe Conways Fall sehr genau geprüft, und eine Zeitlang war es für mich offensichtlich, daß er allmählich in einen Trott verfällt und dringend.“

„In einen Trott? An diesem Krankenhaus?“ Conway mußte unwillkürlich lachen.

„Alles ist relativ“, entgegnete O'Mara gereizt. „Nennen wir es eine immer alltäglichere Reaktion auf das vollkommen Unerwartete, wenn Ihnen Trott zu simpel ist. Aber, um fortzufahren, ich bin der ernsthaften Ansicht, daß dieser Mensch völlig neue Aufgaben und Pflichten benötigt. Diesem Tätigkeitswechsel sollte die sofortige Entbindung von den Dienstpflichten auf dem Ambulanzschiff, ein wenig psychiatrischer Beistand und eine Phase der geistig-seelischen Neuorientierung vorausgehen.“

„Eine qualvolle Neuorientierung“, stöhnte Conway, wobei er erneut lachen mußte, ohne zu wissen, warum. „Neuorientierungen sollen nämlich immer qualvoll sein.“

Einen Moment lang musterte O'Mara ihn aufmerksam, dann atmete er langsam durch die Nase aus. Mit sarkastischem Unterton in der Stimme grummelte er: „Ich billige zwar kein unnötiges Leiden, Conway, aber wenn Sie sich bei Ihrer Neuorientierung unbedingt quälen wollen, nur zu.“

Wie Conway bemerkte, war der Major zu seiner normalen aggressiven Art zurückgekehrt. Offenbar betrachtete ihn O'Mara nun nicht mehr als Patienten — was auf angenehme beziehungsweise recht unangenehme Weise beruhigend war. Doch während Conway versuchte, die ganzen Auswirkungen dieser plötzlichen und dramatischen Veränderung seiner Situation in sich aufzunehmen und zu überdenken, fiel ihm nichts Vernünftiges dazu ein, und ihm wurde klar, daß er vorläufig zu keiner schlüssigen Antwort in der Lage war.

„Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken“, murmelte er schließlich.

„Natürlich“, pfichtete O'Mara ihm bei.

„Und ich möchte gerne noch einige Zeit auf der Rhabwar verbringen, um Prilicla Ratschläge zu.“

„Nein!“ O'Mara schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. „Um den größten Erfolg zu erzielen, muß Prilicla lernen, die Arbeit auf seine eigene Weise zu verrichten, so, wie es auch bei Ihnen der Fall gewesen ist. Sie werden sich vom Ambulanzschiff fernhalten und nicht mit dem Cinrussker sprechen, außer um ihm auf Wiedersehen zu sagen und viel Glück zu wünschen. Im Grunde möchte ich Sie so schnell wie möglich aus dem Hospital heraushaben. Von dieser Minute an gerechnet, fliegt in dreißig Stunden ein Aufklärungsschiff des Monitorkorps in Kurierdiensten ab, folglich werden Sie kaum Zeit für lange Abschiedsarien haben.

Daß es für mich irgendeine Möglichkeit gibt, Sie daran zu hindern, Murchison eine längere Abschiedsarie zu widmen, glaube ich allerdings kaum“, fuhr der Chefpsychologe in hämischem Ton fort. „Die Nachricht von Ihrer unmittelbar bevorstehenden Abreise wird Ihrer Frau bereits Prilicla beigebracht haben, und ich kann mir niemanden vorstellen, der das schonender bewerkstelligen könnte, denn Prilicla ist über das, was Sie in den nächsten paar Monaten erwartet, bereits unterrichtet worden.“

„Ich wünschte bloß, irgendwer würde auch mich davon unterrichten“, warf Conway mürrisch ein.

„Also schön“, willigte der Chefpsychologe ein und lehnte sich genüßlich im Stuhl zurück. „Sie sind für unbestimmte Zeit einem Planeten zugeteilt, der — in sehr frei nachempfundenen Lauten — Goglesk heißt. Dort steht man vor einem großen Problem. Die Einzelheiten sind mir zwar nicht bekannt, aber Sie werden nach Ihrer Ankunft jede Menge Zeit haben, sich selbst darüber zu informieren, falls es Sie interessiert. Die Lösung des Problems wird in diesem Fall nicht von Ihnen erwartet; Sie werden sich lediglich ausruhen und.“

O'Maras Gegensprechanlage summte, und eine Stimme sagte: „Entschuldigen Sie, Sir, aber Doktor Fremvessith ist zu früh zur Verabredung erschienen. Soll ich ihn bitten, später wiederzukommen?“

„Das ist der PVGJ, bei dem das Kelgianerband gelöscht werden soll. Da gibt es Probleme“, erklärte O'Mara und sagte dann in die Gegensprechanlage: „Nein, bitten Sie ihn zu warten, und geben Sie ihm, falls erforderlich, ein Beruhigungsmittel.“

An Conway gewandt fuhr er fort: „Wie ich schon gesagt habe, möchte ich, daß Sie sich während Ihres Aufenthalts auf Goglesk schonen, ganz gründlich über Ihre berufliche Zukunft nachdenken und sich viel Zeit für die Entscheidung nehmen, was Sie am Orbit Hospital tun oder nicht tun wollen. Um Ihnen dabei zu helfen, werde ich Ihnen ein Medikament zu Verfügung stellen, das das Erinnerungsvermögen verbessern und die Rückbesinnung auf Träume unterstützen soll. Langfristige Nebenwirkungen hat es nicht. Wenn Sie schon eine geistig-seelische Bestandsaufnahme machen, dann kann ich Ihnen wenigstens das ein oder andere Licht mitgeben, mit dem Sie die dunkleren Winkel Ihres Unterbewußtseins ausleuchten können.“

„Aber wieso?“ fragte Conway, und plötzlich war er sich nicht einmal mehr sicher, ob er die Antwort darauf überhaupt wissen wollte.

O'Mara musterte ihn aufmerksam. Sein Mund war ein dünner, ausdrucksloser Strich, doch in seinen Augen lag ein mitfühlender Blick. „Zu guter Letzt fangen Sie doch noch an, den Zweck dieser Unterredung zu begreifen, Conway. Aber um Ihr überanstrengtes Gehirn vor Abnutzung zu schützen, werde ich es für Sie einfach machen.

Das Orbit Hospital gibt Ihnen die Chance“, schloß er in sehr ernsten Worten, „sich um die Beförderung zum Diagnostiker zu bemühen.“

Zum Diagnostiker…!

Wie die Mehrheit der Ärzte am Orbit Hospital hatte auch Conway schon oft die beunruhigende Erfahrung gemacht, sein Gehirn mit einem fremdartigen Alter ego zu teilen. Bei einem dieser Anlässe war, wenn auch nur scheinbar, für einen relativ kurzen Zeitraum die Kontrolle über seinen Verstand sogar gleich von mehreren Extraterrestriern übernommen worden. Trotzdem hatte O'Mara nach diesem Erlebnis mehrere Tage damit verbringen müssen, die geistig-seelischen Bruchstücke des ursprünglichen Conways wieder zusammenzufügen.

Zwar besaß das Orbit Hospital die notwendige Ausstattung, jede der galaktischen Föderation bekannte intelligente Lebensform zu behandeln, aber kein einzelnes Wesen hätte auch nur einen Bruchteil der für diesen Zweck benötigten physiologischen Daten im Kopf behalten können. Chirurgisches Geschick war eine Frage der Fähigkeiten und der Ausbildung, doch sämtliches Wissen über die physiologische Beschaffenheit eines Patienten wurde durch ein sogenanntes Schulungsband vermittelt. Auf einem solchen Band waren einfach die Gehirnströme einer medizinischen Kapazität aufgezeichnet worden, die der gleichen oder einer ähnlichen Spezies angehörte wie der zu behandelnde Patient.

Wenn zum Beispiel ein terrestrischer Arzt einen kelgianischen Patienten zu behandeln hatte, speicherte er ein DBLF-Physiologieband im Gehirn und behielt es so lange bei sich, bis die Behandlung abgeschlossen war. Danach ließ er es wieder löschen. Die einzigen Ausnahmen von dieser Regel stellten Chefärzte mit Lehraufträgen dar, deren geistige Stabilität erwiesen war, und natürlich die Diagnostiker.

Ein Diagnostiker gehörte zur geistigen Elite und war eines jener seltenen Wesen, deren Psyche und Verstand als ausreichend stabil erachtet wurden, permanent sechs, sieben oder gar zehn Bänder gleichzeitig im Kopf gespeichert zu haben. Ihren mit Daten vollgestopften Hirnen oblag in erster Linie die Aufgabe, medizinische Grundlagenforschung zu leisten und neue Krankheiten bislang unbekannter Lebensformen zu diagnostizieren und zu behandeln.

Mit einem Schulungsband wurden einem aber nicht nur die physiologischen Fakten einer Spezies ins Gehirn eingeimpft, sondern auch die Persönlichkeit und das Gedächtnis des Wesens, das dieses Wissen besessen hatte. Praktisch setzte sich ein Diagnostiker somit freiwillig einer höchst drastischen Form multipler Schizophrenie aus. Die fremden Persönlichkeiten, die seinen Geist scheinbar mit ihm teilten, konnten unangenehme und aggressive Wesen mit allen Arten von Reizbarkeit und Phobien sein — schließlich sind Genies nur selten charmante Persönlichkeiten. Bei der Durchführung einer Operation oder Behandlung machte sich das normalerweise nicht bemerkbar. Die schlimmsten Momente aber waren oftmals die, wenn sich der Bandbesitzer zum Einschlafen entspannen wollte.

Wie Conway wußte, konnten Alpträume von Aliens wirklich entsetzlich alptraumhaft sein. Und die sexuellen Phantasien von Aliens oder die Träume, in denen sich ihre Begierden erfüllten, reichten aus, um in dem Betreffenden den Wunsch hervorzurufen — falls er überhaupt noch imstande war, einen zusammenhängenden Wunsch zu äußern —, lieber tot zu sein. Conway schluckte.

„Ehrlich gesagt, erwarte ich schon irgendeine Reaktion von Ihnen“, merkte O'Mara sarkastisch an, wobei aus seinem Verhalten hervorging, daß er wieder ganz der alte unliebenswürdige Chefpsychologe war und die Unterredung mit Conway für ihn keinen Grund zur Besorgnis mehr darstellte. „Oder soll dieses Gaffen der Versuch einer Verständigung ohne Worte sein?“

„Ich. ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken“, stammelte Conway.

„Zum Nachdenken werden Sie massenhaft Zeit haben“, antwortete O'Mara. Dann stand er auf, blickte demonstrativ auf die Schreibtischuhr und fügte hinzu: „Und zwar auf dem Planeten Goglesk.“

4. Kapitel

Den Offizieren des Auffklärungsschiffs Trennelgon vom Monitorkorps war Conway sowohl dem Namen nach bekannt als auch durch den Umstand, daß er ihrem Kommunikationsoffizier während der Such- und Bergungseinsätze nach den weit verstreuten Trümmern der Lebenserhaltungskapseln des gewaltigen Spulenschiffes, das zu dem CRLT-Gruppenwesen gehörte, gleich zu drei verschiedenen Anlässen Anweisungen erteilt hatte.

Praktisch waren sämtliche Aufklärungsschiffe aus drei galaktischen Sektoren herbeigerufen worden, um bei dieser Operation zu helfen, und in einer gewissen Phase hatte Conway mit den meisten von ihnen freundschaftlich kommuniziert; offenbar sah sich die Besatzung der Trennelgon durch diese eher flüchtigen Bekanntschaften Conways bereits dazu veranlaßt, sich ihm gegenüber zu verhalten, als wäre er ein berühmter Verwandter. Man trieb es damit so weit, daß Conway keine Zeit blieb, nachzudenken oder gar trübsinnig zu werden oder irgend etwas anderes zu tun, als ihre höfliche Neugier über die Rhabwar und deren Rettungsaktionen zu stillen, bis er seine neugierigen Zuhörer unkontrollierbar anzugähnen begann.

Nachdem ihm berichtet worden war, daß für den Flug nur zwei Sprünge erforderlich seien und man im gogleskanischen System in schätzungsweise knapp zehn Stunden eintreffen werde, gestattete man ihm, wenn auch nur schweren Herzens, sich endlich zurückzuziehen.

Aber als er sich auf dem schmalen Dienstbett ausstreckte, mußte er zwangsläufig an Murchison denken, die nicht neben ihm ausgestreckt lag. Seine Erinnerungen an das, was sie zusammen unternommen, getan oder miteinander gesprochen hatten, waren scharf und deutlich wie immer, so daß O'Maras gedächtnisförderndes Medikament mehr als überflüssig war.

Das Abschiedsgespräch hatte Murchison damit begonnen, indem sie die Folgen von Priliclas neuer Stellung und den Nutzen von Danaltas gestaltwandlerischen Fähigkeiten für die routinemäßigen Rettungsverfahren erörtert hatte. Erst nach und nach hatte sie die Unterhaltung auf Conways mögliche Beförderung zum Diagnostiker gelenkt. Zu jenem Zeitpunkt war zwar ganz offensichtlich, daß sie genauso ungern auf das Thema zu sprechen kam wie Conway, aber Murchison war nun einmal in moralischer Hinsicht weniger feige als ihr Lebenspartner.

„Prilicla zweifelt nicht daran, daß du es schaffst, und ich auch nicht“, hörte er sie jetzt wieder sagen. „Aber falls du nicht in der Lage sein solltest, dich darauf einzustellen, oder die Stellung aus irgendeinem anderen Grund nicht annehmen kannst, bleibt es trotzdem ein großes fachliches Kompliment, überhaupt in Betracht gezogen worden zu sein.“

Als Conway daraufhin keine Antwort eingefallen war, hatte sich Murchison zu ihm umgedreht und den Oberkörper auf einen Ellbogen aufgestützt. „Mach dir darum keine Sorgen. Du wirst für ein paar Wochen, vielleicht auch für ein paar Monate fort sein und mich nicht einmal besonders vermissen.“

Daß zumindest das letztere nicht stimmte, wußten beide. Conway blickte nach oben in ihr schwach lächelndes, aber besorgt wirkendes Gesicht und entgegnete: „Als Diagnostiker werde ich vielleicht nicht mehr derselbe Mensch sein wie früher, und das ist es, was mir Sorgen macht. Es könnte sogar damit enden, daß ich für dich nicht einmal mehr dasselbe empfinde wie sonst.“

„Verdammt noch mal, ich werde schon dafür sorgen, daß so etwas nicht passiert!“ protestierte sie wütend und fuhr dann in ruhigerem Ton fort: „Thornnastor ist jetzt seit fast dreißig Jahren Diagnostiker. Da er der Leiter der Pathologie ist, mußte ich schließlich sehr eng mit ihm zusammenarbeiten, und bis auf seinen Hang, über alles und jeden zu tratschen und einen andauernd mit Informationen über die sexuellen Fehltritte sämtlicher Mitglieder des Hospitalpersonals zu überschütten, egal, welcher Spezies diese angehören, sind keine schwerwiegenden Veränderungen in seiner Persönlichkeit zutage getreten.“

„Jedenfalls nicht für eine Nichttralthanerin wie dich“, fügte Conway hinzu.

Jetzt war es an Murchison zu schweigen. „Vor ein paar Jahren mußte ich einen mehrfachen Bruch im Panzer eines Melfaners behandeln“, fuhr Conway fort. „Das war ein langwieriges, stufenweise durchgeführtes Verfahren, und deshalb mußte ich das ELNT-Band drei Tage lang im Kopf behalten. Melfaner haben einen ausgeprägten Sinn für körperliche Schönheit, solange der betreffende Körper ein Ektoskelett und wenigstens sechs Beine aufweist.

Meine Assistentin war damals Operationsschwester Hudson. Du kennst doch Hudson, oder? Als ich die Operation beendet hatte, war ich von ihr jedenfalls sehr beeindruckt, und ich und mein melfanisches Alter ego hielten sie für eine äußerst liebenswürdige, fachlich höchst befähigte Person, aber körperlich für einen unförmigen und reizlosen Teigklumpen. Ich befürchte, ich könnte.“

„Hudson wird sogar von einigen Mitgliedern ihrer eigenen Spezies für einen unförmigen und reizlosen Teigklumpen gehalten“, warf Murchison mit säuselnder Stimme ein.

„Na, na!“ ermahnte Conway sie.

„Ich weiß, das war etwas gehässig. Aber ich mache mir auch Sorgen darum, und es tut mir leid, daß ich die Probleme, vor denen du stehen wirst, nicht richtig einschätzen kann, weil die Schulungsbänder nichts für mich und meinesgleichen sind.“

Spöttisch setzte sie einen finsteren Gesichtsausdruck auf und versuchte, die tiefe, kratzende Stimme von O'Mara nachzuahmen, die er stets anschlug, wenn er sich wieder einmal im Sarkasmus suhlte. „Auf keinen Fall, Pathologin Murchison! Ich bin mir durchaus bewußt, daß Ihnen die Schulungsbänder bei Ihrer Arbeit helfen würden. Aber Sie und die übrigen Frauen des Personals beziehungsweise deren extraterrestrische Entsprechungen werden auch weiterhin ohne Hilfe den eigenen Kopf gebrauchen müssen, und zwar so, wie er ist. Das ist zwar bedauerlich, aber Frauen haben eine tiefe, unauslöschliche und geschlechtsbedingte Aversion, eine Art Überempfindlichkeit, die es ihnen nicht erlaubt, ihre Gehirne mit einer fremden Persönlichkeit zu teilen, die unbeeindruckt von ihren sexuellen.“

Die Anstrengung, die tiefe Stimme beizubehalten, wurde für Murchison zu groß, und sie bekam einen Hustenanfall.

Conway mußte unwillkürlich lachen und fragte dann in flehendem Ton: „Aber was soll ich oder sollen wir denn tun?“

Sanft legte ihm Murchison die Hand auf die Brust und beugte sich näher zu ihm herüber. „Vielleicht wird ja alles gar nicht so schlimm, wie wir es uns jetzt noch ausmalen“, beruhigte sie ihn. „Ehrlich gesagt, kann ich mir nichts und niemanden vorstellen, der dich verändern könnte, wenn du dich nicht verändern lassen willst. Dafür bist du viel zu dickköpfig. Deshalb sollten wir es meiner Meinung nach einfach drauf ankommen lassen. Aber jetzt laß uns mal das Ganze vergessen, damit wir wenigstens noch etwas schlafen können.“

Sie lächelte ihn zärtlich an und fügte hinzu: „Endlich.“

Conway hatte die Erlaubnis erhalten, sich im Kontrollraum auf dem Platz für außerplanmäßige Besucher zu setzen — eine Ehre, die nicht zum Monitorkorps gehörendem Personal nur selten zuteil wurde —, und betrachtete den Hauptbildschirm, als die Trennelgon aus dem Hyperraum im gogleskanischen Sternsystem auftauchte. Der Planet selbst war ein bläulicher, von Wolkenstreifen umgebener Ball, der aus dieser Entfernung genau wie all die anderen Planeten der Föderation aussah, auf denen warmblütigen Sauerstoffatmern das Leben möglich war. Doch galt Conways Hauptinteresse den intelligenten Lebensformen dieses Planeten, und das stellte er so diplomatisch wie möglich klar.

Der Captain, ein orligianischer Major des Monitorkorps namens Sachan-Li, knurrte ihn entschuldigend an, was der Translator folgendermaßen übersetzte: „Tut mir leid, Doktor. Über die wissen wir nichts, und über die Grenzen des Landeplatzes hinaus besitzen wir auch keine weiteren Kenntnisse über diesen Planeten. Wir sind vom Vermessungsdienst abgezogen worden, um die vorhandenen gogleskanischen Sprachdaten zur Verarbeitung zum Haupttranslator im Orbit Hospital zu bringen und um Sie und das Translatorprogramm hierherzulegen.“

Nach an einer kurzen Pause fuhr der Captain fort: „Sie an Bord zu haben, Doktor, stellt für uns eine höchst willkommene Abwechslung von der Eintönigkeit eines sechsmonatigen Kartographieeinsatzes in Sektor zehn dar, und ich hoffe, wir haben Ihnen mit unseren Fragen nicht allzusehr zugesetzt.“

„Überhaupt nicht, Captain“, antwortete Conway. „Ist eigentlich die Umrandung des Landeplatzes gesichert?“

„Nur durch Drahtgeflecht, Doktor, um die nichtintelligenten Gras- und Aasfresser davor zu bewahren, von unserem Heckstrahl gebraten zu werden. Wie ich gehört habe, statten die Einheimischen der Basis hin und wieder einen Besuch ab, aber ich habe noch nie einen gesehen.“

Conway nickte und wandte sich dann wieder dem Bildschirm zu, auf dem jetzt die wichtigsten natürlichen Merkmale des Planeten sichtbar wurden. Mehrere Minuten lang sagte er nichts, weil Sachan-Li und die übrigen Offiziere — ein kleiner Nidianer mit rotem Fell und zwei Terrestrier — mit den letzten Checks zur Vorbereitung der Landung beschäftigt waren. Er beobachtete, wie der Planet über den Bildschirmrand hinauswuchs und sich seine Oberfläche allmählich von einer senkrechten Wand vor dem Schiff in den Boden darunter verwandelte.

Die Trennelgon, die die Form eines Überschallgleiters hatte, flog rüttelnd durch die obere Atmosphäre und verlor dabei mit abnehmender Höhe an Geschwindigkeit. Unter ihr glitten Meere und Gebirge sowie grüne und gelbe Wiesen dahin, die immer noch normal, vertraut und ähnlich wie auf der Erde aussahen. Dann verschwand der Horizont auf einmal am unteren Bildschirmrand. Die Trennelgon stieg wieder empor, verlor an Geschwindigkeit und näherte sich immer langsamer mit dem Heck voran dem Boden, um zur Landung anzusetzen.

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, dem Kommandanten des Stützpunkts dieses Sprachprogramm zu geben, Doktor?“ fragte Sachan-Li, nachdem das Schiff aufgesetzt hatte. „Wir sollen Sie nämlich hier nur absetzen und sofort wieder starten.“

„Überhaupt nichts“, antwortete Conway und verstaute das kleine Päckchen in einer Tasche seiner Uniform.

„Ihre persönlichen Sachen befinden sich bereits in der Luftschleuse, Doktor. Es war mir ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben“, verabschiedete sich der Captain.

Die Trennelgon startete nicht sofort, aber die vom Heckfeuer herrührende Hitze spürte Conway sogar noch heiß im Nacken, als das Schiff einen Kilometer hinter ihm abhob. Er setzte seinen Weg auf die drei dicht beieinander stehenden Halbkugeln fort, bei denen es sich um die Unterkünfte handelte, die normalerweise für provisorische Stützpunkte mit einem Minimum an Personal benutzt wurden. Weil seine Habseligkeiten leicht in einen Rucksack und eine große Tragetasche paßten, hatte er für sein Gepäck keinen G-Schlitten benutzt, aber da die Abendsonne sehr warm auf ihn niederschien, hielt er es für angebracht, die Tasche für einen Augenblick abzustellen und sich auszuruhen — zumal die Dringlichkeit seines Auftrags gleich Null war.

Erst jetzt ging ihm die Fremdartigkeit dieses Planeten auf.

Er blickte nach unten auf die Erde, die nicht von der Erde stammte, auf Gras, das sich auf feine Weise von den terrestrischen Wiesen unterschied, und auf Gestrüpp, wilde Blumen, Pflanzen und ferne Bäume, die ungeachtet äußerer Ähnlichkeiten das Ergebnis eines grundverschiedenen Evolutionsprozesses waren. Als ihn das Gefühl des Eindringens überkam, das er immer bei solchen Anlässen verspürte, ergriff ihn trotz der Hitze ein leichtes Frösteln, und er dachte an die weniger feinen Unterschiede, die sich bald an der dominanten Lebensform dieses Planeten offenbaren würden. Schließlich nahm er die Tragetasche vom Boden auf und setzte sich wieder in Bewegung.

Als er noch einige Minuten vom größten der drei kuppelförmigen Gebäude entfernt war, glitt bereits dessen Haupteingang auf, und eine Gestalt kam auf ihn zugeeilt, um ihn zu begrüßen. Der Mann trug die Uniform und die Rangabzeichen eines Lieutenant der Kulturkontaktabteilung des Monitorkorps, aber keine Mütze — entweder handelte es sich bei ihm um einen von Natur aus schlampigen Menschen oder um einen der Akademiker des Korps, die es zumeist als Zeitverschwendung empfanden, sich um Uniformen oder etwaige andere Kleidungsstücke zu kümmern. Er war kräftig gebaut, hatte an der Stirn bereits lichtes Haar und äußerst lebhafte Gesichtszüge.

Obwohl er noch etliche Meter von Conway entfernt war, stellte er sich bereits vor: „Ich bin Wainright. Sie müssen der Arzt vom Orbit Hospital sein. Doktor Conway, stimmt's? Haben Sie das Sprachprogramm mitgebracht?“

Conway nickte und griff mit der linken Hand in die Uniformtasche, in der sich das Päckchen befand. Als er dem Lieutenant die rechte Hand zum Gruß anbot, wich Wainright sofort einen Schritt zurück.

„Nein, Doktor“, sagte er in entschuldigendem, aber bestimmtem Ton. „Jemandem die Hand zu geben oder irgendeine andere Art der Körperberührung herzustellen, müssen Sie sich hier abgewöhnen. So etwas macht man auf diesem Planeten allenfalls unter ganz bestimmten und äußerst seltenen Umständen, und die Einheimischen empfinden es als. nun ja, als höchst beunruhigend, wenn sie uns dabei beobachten. Aber Ihre Tasche sieht ziemlich schwer aus. Wenn Sie die auf den Boden stellen und sich dann ein Stück davon entfernen könnten, würde ich mich freuen, sie für Sie tragen zu dürfen.“

„Das schaffe ich schon selbst, danke“, entgegnete Conway abwesend. Ihm gingen gleich mehrere Fragen auf einmal durch den Kopf, die sich alle regelrecht darum zu drängeln schienen, als erste ausgesprochen zu werden. Schließlich setzte er sich in Richtung auf die Kuppel in Bewegung, wobei der neben ihm gehende Lieutenant peinlich darauf achtete, zwischen ihnen eine Entfernung von wenigstens drei Metern zu lassen.

„Das Band wird für uns sehr nützlich sein, Doktor“, sagte Wainright. „Unser Übersetzungscomputer müßte jetzt die Sprache sehr viel besser beherrschen können, so daß viel weniger Mißverständnisse auftreten werden. Allerdings hätten wir niemals damit gerechnet, daß so schnell jemand vom Orbit Hospital hergeschickt werden würde. Danke, daß Sie gekommen sind, Doktor.“

Conway machte mit der freien Hand eine fast abfällige Geste und entgegnete: „Erwarten Sie von mir aber bitte nicht, daß ich Ihr Problem so mir nichts, dir nichts lösen kann, egal, worum es sich dabei handelt. Ich bin lediglich hierhergeschickt worden, um die Lage zu beobachten und darüber nachzudenken. Außerdem soll ich.“ Er hielt kurz inne und dachte an den hauptsächlichen Grund, aus dem ihn O'Mara nach Goglesk geschickt hatte, nämlich um sich Gedanken über seine Zukunft am Orbit Hospital zu machen. Aber er hatte keine Lust, dem Lieutenant gerade jetzt davon zu erzählen, deshalb fuhr er fort: „…nun, außerdem soll ich mich hier erholen.“

Wainright warf ihm einen skeptischen Blick zu, und sein Gesicht verriet ernsthafte Besorgnis. Doch ganz offensichtlich war der Lieutenant viel zu höflich, als daß er sich getraut hätte, Conway zu fragen, warum ein Chefarzt vom größten Hospital der Föderation, in dem jede nur vorstellbare medizinische und psychologische Behandlung durchgeführt werden konnte, ausgerechnet auf diesen Planeten fliegen wollte, um sich zu erholen.

Statt dessen fragte er: „Wo wir gerade von Erholung sprechen, Doktor, wie spät war es auf dem Schiff? Ist es für Sie kurz nach dem Frühstück, mitten am Tag oder bereits höchste Zeit zum Schlafengehen? Würden Sie sich jetzt gerne ausruhen? Hier ist es jetzt spät am Nachmittag, und von mir aus können wir uns gern erst morgen früh miteinander unterhalten.“

„Danke, aber bis vor zwei Stunden habe ich noch gut geschlafen und möchte lieber gleich mit Ihnen sprechen. Und wenn Sie mich nicht daran hindern, Ihnen Fragen zu stellen, dann werden Sie noch derjenige sein, der eine Menge Schlaf versäumt, Lieutenant.“

„Ich werde Sie bestimmt nicht daran hindern, Doktor.“ Wainright lachte. „Damit möchte ich keineswegs unterstellen, daß meine Assistenten keine unterhaltsamen Leute sind, so bedienen sie sich zum Beispiel hin und wieder ihrer Fingerfertigkeit, um beim Kartenspielen dem Wahrscheinlichkeitsgesetz nachzuhelfen, aber es ist trotzdem schön, mal jemand anderen hier zu haben, mit dem man sich unterhalten kann. Übrigens, bei Sonnenuntergang verschwinden die Einheimischen, und dann können wir uns in aller Ruhe über diese Aliens unterhalten, allerdings hat uns das bislang nicht besonders weit gebracht.“

Gefolgt von Conway betrat er das Gebäude. Im Innern befand sich ein schmaler Gang, und auf einer der ersten Türen stand der Name des Lieutenant. Wainright blieb direkt davor stehen, blickte sich rasch nach rechts und links um und bat dann Conway um das Band.

„Kommen Sie herein, Doktor“, forderte er den Chefarzt auf, schob die Tür zur Seite und ging durch das große Büro zu einem Schreibtisch, auf dem ein Übersetzungscomputer stand. Conway sah sich im Büro um, das von dem warmen, orangefarbenen Schein der fast untergegangenen Sonne erleuchtet war. Der Raum wirkte relativ leer, da der Schreibtisch, die Aktenschränke, die Projektionsgeräte und selbst die Stühle für Besucher allesamt an der Wand gegenüber vom Fenster zusammengedrängt waren. Neben dem Fenster stand eine große, rundliche, kaktusähnliche Pflanze, deren Stacheln und Haare vielfarbige Muster aufwiesen, die anscheinend immer weniger zufällig wurden, je länger Conway sie betrachtete.

Als er den von der Pflanze ausgehenden schwachen Duft bemerkte, der wie eine Mischung aus Moschus und Pfefferminz roch, ging er durchs Büro, um sich das Gewächs genauer anzusehen.

Der Kaktus wich vor ihm zurück.

„Das ist Khone.“ Der Lieutenant schaltete den Translator an, dann deutete er auf den Chefarzt und sagte: „Das ist Doktor Conway. Er ist ebenfalls Arzt.“

Während Wainright gesprochen hatte, waren aus dem Translator rauhe, seufzende Laute zu hören gewesen, aus denen sich die Sprache des Lebewesens zusammensetzen mußte. Einen Moment lang ließ sich Conway nach und nach eine ganze Reihe höflicher, diplomatischer Redewendungen einfallen, deren sich die terrestrische Spezies bei derartigen Anlässen normalerweise bediente, die er aber allesamt verwarf, da er es für angebrachter hielt, etwas Positives und Eindeutiges zu sagen.

„Ich wünsche Ihnen alles Gute, Khone“, begrüßte er schließlich das fremdartige Wesen.

„Danke, ich Ihnen auch“, entgegnete die Extraterrestrierin.

„Sie sollten wissen, Doktor, daß in einem Gespräch Namen nur ein einziges Mal genannt werden, und zwar nur, um sich gegenseitig vorzustellen, zu identifizieren oder wiederzuerkennen“, mischte sich Wainright schnell ein. „Bemühen Sie sich, nach dem anfänglichen Gebrauch des Namens in möglichst unpersönlicher Form zu sprechen, um irgendwelchen Anstoß zu vermeiden. Später können wir diese Angelegenheit noch ausführlicher miteinander besprechen. Die Gogleskanerin hat fast bis zum Sonnenuntergang gewartet, nur um Sie zu begrüßen, aber jetzt.“

„…muß sie leider gehen“, schloß Khone den Satz.

Der Lieutenant nickte und fügte hinzu: „Es ist ein Fahrzeug mit einer Heckladerampe zur Verfügung gestellt worden, damit die Insassin einsteigen und befördert werden kann, ohne in unmittelbare körperliche Nähe zum Fahrer zu geraten. Die Insassin wird lange vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein.“

„Das ist sehr rücksichtsvoll“, entgegnete die Gogleskanerin, als sie sich zum Gehen wandte. „Danke.“

Während des Wortwechsels hatte Conway die Extraterrestrierin eingehend betrachtet. Die dichte, widerspenstige Behaarung und die Stacheln, die den aufgerichteten, eiförmigen Körper bedeckten, waren von der Länge und der Lage her weniger unregelmäßig, als es zunächst den Anschein gehabt hatte. Die Körperbehaarung war beweglich, obwohl sie nicht das hohe Maß an Flexibilität und Schnelligkeit des Kelgianerfells besaß, und die Stacheln, von denen einige äußerst biegsam und zu Fingerbüscheln gruppiert waren, zeugten von der hohen Spezialisierung dieser Spezies. Die übrigen Stacheln waren länger und steifer, und einige schienen teilweise verkümmert zu sein, als ob sie sich einst zur natürlichen Verteidigung entwickelt hätten, aber schon vor langer Zeit um ihre Daseinsberechtigung gebracht worden wären. Unter dem vielfarbigen Haar auf dem Schädelbereich lag außerdem eine Anzahl langer, blasser Fühler, deren Funktion Conway unklar war.

Den kuppelförmigen, halslosen Kopf umgab ein dünnes Band aus mattem Metall, und ein paar Zentimeter unter diesem Metallreif befanden sich zwei weit auseinanderstehende, tiefliegende Augen. Die Stimme schien aus einer Zahl schmaler, senkrechter Öffnungen zu kommen, die sich um die Hüfte herumzogen. Das Wesen saß auf einem flachen Muskelband, und erst als es sich zum Gehen wandte, sah Conway, daß es auch so etwas wie Beine hatte.

Dabei handelte es sich um vier kurze, ziehharmonikaartige Gliedmaßen, die das Wesen nur um einige Zentimeter größer machten, wenn es auf ihnen stand. Darüber hinaus entdeckte Conway, daß es am Hinterkopf noch über zwei weitere Augen verfügte — offensichtlich hatte diese Spezies in vorgeschichtlicher Zeit sehr wachsam sein müssen —, und plötzlich wurde ihm der Zweck des Metallreifs klar: Er diente als Einfassung einer Korrekturlinse vor einem der gogleskanischen Augen, war also eine Art Monokel.

Trotz der Körpergestalt war die Gogleskanerin eine warmblütige Sauerstoffatmerin und keine intelligente Pflanze, und Conway ordnete sie der physiologischen Klassifikation FOKT zu. Bevor sie den Raum verließ, blieb sie kurz im Türrahmen stehen und zuckte kurz mit einer Gruppe ihrer Fingerbüschel.

„Einen einsamen Aufenthalt“, wünschte sie.

5. Kapitel

Aus Sicht der Kulturkontaktspezialisten handelte es sich bei Goglesk um einen Grenzfall. Der eingehende Kontakt mit einer in technologischer Hinsicht derart rückständigen Zivilisation war gefährlich, weil man sich, wenn die Monitorkorpsschiffe wie aus heiterem Himmel auf die Planetenoberfläche fielen, nie sicher sein konnte, ob man den Einheimischen, wie in diesem Fall den Gogleskanern, eine erstrebenswerte Zukunft bieten oder einen vernichtenden Minderwertigkeitskomplex bereiten könnte. Doch die Einheimischen waren trotz ihrer Rückständigkeit in den Naturwissenschaften und der verheerenden Rassenpsychose, die sie am Fortschritt hinderte, zumindest als Individuen psychologisch gefestigt, und der Planet hatte viele tausend Jahre lang keinen Krieg mehr erlebt.

Für das Korps wäre es bei der Entdeckung des Planeten der einfachste Weg gewesen, sich zurückzuziehen, die gogleskanische Kultur so weitermachen zu lassen, wie sie es seit Beginn ihrer Geschichte getan hatte, und ihre Probleme als unlösbar abzuschreiben. Doch statt dessen hatten sich die Spezialisten vom Kultukontakt zu einem ihrer seltenen Kompromisse durchgerungen.

Kurz nach der Entdeckung errichteten sie einen kleinen Stützpunkt, auf dem sie eine Handvoll Beobachter sowie deren Versorgungsmaterial und Ausrüstung unterbrachten, zu der auch ein Flugzeug und zwei Universalbodenfahrzeuge gehörten. Der Zweck des Stützpunkts bestand darin, zu beobachten und Daten zu sammeln, nicht mehr und nicht weniger. Doch mit der Zeit entwickelten Wainright und sein Team für die leidgeprüften Einheimischen eine immer stärker werdende Zuneigung und wollten entgegen ihren Anweisungen mehr für die Gogleskaner tun.

Beim Erzielen genauer Übersetzungen mit der relativ einfachen Ausrüstung hatten sich allerdings Schwierigkeiten ergeben — die gogleskanischen Sprachlaute wurden durch geringfügige Veränderungen der durch vier verschiedene Atemöffnungen ausgestoßenen Luft erzeugt, und es waren gleich mehrere, potentiell gefährliche Mißverständnisse aufgetreten. Deshalb hatte man sich dazu entschlossen, die gesammelten Sprachdaten zur Überprüfung und Aufbereitung an den riesigen Übersetzungscomputer im Orbit Hospital zu schicken. Um die Anweisungen nicht offen zu mißachten, legten die Spezialisten dem Sprachmaterial eine kurze Stellungnahme zur Lage auf Goglesk bei, und an die Abteilung für ET-Psychologie des Krankenhauses richteten sie zudem die Bitte, sie über sämtliche ähnlichen Lebensformen oder — umstände zu informieren, auf die man im Orbit Hospital vielleicht früher schon einmal gestoßen war.

„Doch anstatt uns Auskünfte zu erteilen“, fuhr der Lieutenant fort, während er das Bodenfahrzeug über einen umgestürzten Baum steigen ließ, der den Pfad versperrte, dem sie gerade durch den Wald folgten, „hat man uns Chefarzt Conway geschickt, der.“

„Nur zur Beobachtung hier ist“, unterbrach ihn Conway, „und um sich auszuruhen.“

Wainright lachte. „In den vergangenen vier Tagen haben Sie sich nicht viel ausgeruht.“

„Das liegt einfach daran, daß ich zu sehr mit dem Beobachten beschäftigt gewesen war“, entgegnete Conway trocken. „Aber ich wünschte, Khone wäre noch einmal zurückgekommen, damit ich mich mit ihr eingehender hätte unterhalten können. Meinen Sie, ich sollte sie mal besuchen?“

„Unter diesen Umständen könnte das die richtige Verhaltensweise sein“, stimmte Wainright ihm zu. „Die Gogleskaner haben einige merkwürdige Regeln und betrachten schon aufgrund ihres ausgeprägten Individualismus zwei aufeinanderfolgende und unangekündigte Besuche vielleicht als ungerechtfertigte Aufdringlichkeit. Aber wenn der erste Besuch einer Person willkommen ist, wird von einem womöglich sogar erwartet, daß man einen Gegenbesuch abstattet. Übrigens kommen wir gleich in das Wohngebiet.“

Nach und nach waren die kleinen Bäume und Büsche vom Waldboden verschwunden, der nun zwischen den gewaltigen Stämmen, die als Pfeiler für die gogleskanischen Wohnhäuser dienten, nur noch von einem dünnen Teppich grasähnlicher Vegetation bewachsen war. Für Conway sahen die Häuser wie Blockhütten aus grauer Vorzeit aus — nur daß sie keine Dächer hatten, weil die überhängenden Äste den notwendigen Witterungsschutz boten —, und aus der großen Vielfalt des Baustils und der handwerklichen Verarbeitung ging deutlich hervor, daß sie eher von ihren Bewohnern selbst als von auf Häuserbau spezialisierten gesellschaftlichen Gruppen errichtet worden waren.

Wenn sich der Fortschritt einer Spezies auf die Zusammenarbeit zwischen Gruppen und Stämmen gründete, war leicht zu verstehen, warum auf Goglesk so wenig Fortschritt stattgefunden hatte. Aber weshalb, fragte sich Conway zum hundertstenmal seit seiner Ankunft, weigerten sich die Gogleskaner zusammenzuarbeiten, wo sie doch offensichtlich so intelligent, freundlich und friedfertig waren?

„Und obendrein richtige Pechvögel“, fügte der Lieutenant hinzu, womit er Conway bewußt machte, daß er eben laut gedacht hatte. „Das hier sieht genau wie der richtige Ort aus, um Fragen zu stellen.“

„Richtig“, pfichtete Conway ihm bei, dann öffnete er das Cockpit. Sie befanden sich gerade auf gleicher Höhe mit drei Gogleskanern, die sich — mit sehr großen Abständen — um eins der Zugtiere mit den spindeldürren Beinen und den merkwürdigen Apparat geschart hatten, vor den es gespannt war. „Danke fürs Mitnehmen, Lieutenant. Ich werde einen Rundgang machen und, falls es mir gelingen sollte, mich nicht nur mit Khone, sondern auch noch mit ein paar anderen Gogleskanern unterhalten. Danach komme ich zu Fuß zum Stützpunkt zurück. Sollte ich mich verlaufen, lasse ich Sie holen.“

Wainright schüttelte den Kopf, unterbrach die Energiezufuhr des Fahrzeugs und ließ es zu Boden sinken. „Sie sind hier nicht in Ihrem Hospital, wo man entweder Arzt oder Patient ist“, sagte er. „Hier lautet die Regel, daß wir uns in Paaren zu bewegen haben. Sofern Sie den Gogleskanern oder mir nicht zu nahe kommen, besteht keine Gefahr, Anstoß zu erregen. Nach Ihnen, Doktor.“

Im gogleskanischen Höflichkeitsabstand vom Lieutenant gefolgt, stieg Conway aus dem Fahrzeug, ging auf die drei Einheimischen zu und blieb mehrere Schritte vor dem nächsten Gogleskaner stehen. Ohne jemanden direkt anzusehen, sagte er: „Ist es möglich, eine Wegbeschreibung zum Wohnort des Wesens Khone zu erhalten?“

Einer der Gogleskaner deutete mit zweien seiner langen Stacheln in die entsprechende Richtung. „Wenn das Fahrzeug in dieser Richtung weiterfährt, kommt man auf eine Lichtung“, erläuterte er in den seufzenden Lauten seiner Sprache. „Dort erhält man vielleicht genauere Auskünfte.“

„Vielen Dank“, entgegnete Conway und ging zum Bodenfahrzeug zurück.

Die Lichtung stellte sich als ein breites, von Gras und Felsen bedecktes Halbrund am Ufer eines riesigen Sees heraus, bei dem es sich, nach den kurzen Wellen und dem Fehlen von Sand zu urteilen, um einen Binnensee handeln mußte. Dort liefen mehrere Landestege bis ins tiefe Wasser hinein, und die meisten der dort vertäuten Schiffe hatten sowohl dünne Schornsteine als auch Segel. Dicht am Rand des Hafenbeckens standen hohe, drei- oder viergeschossige Häuser aus Holz und Stein. Um alle vier Außenwände liefen nach oben führende Rampen, so daß die Gebäude aus bestimmten Blickwinkeln schmalen Pyramiden ähnelten, ein Effekt, der noch durch die hohen, kegelförmigen Dächer verstärkt wurde.

Wäre nicht der alles durchdringende Lärm und Qualm gewesen, hätte man einen Gesamteindruck von einem malerischen Ort mit mittelalterlichem Charme gehabt.

„Das ist die Fabrikations- und Lebensmittelverarbeitungszentrale der Stadt“, erklärte der Lieutenant. „Die habe ich schon mehrere Male vom Flugzeug aus gesehen. Demnächst müßte Ihnen auch der Fischgeruch entgegenschlagen.“

„Schon passiert“, entgegnete Conway. Wenn das hier als Industriegebiet galt, dann entsprach die Ärztin Khone wahrscheinlich einer Art Werksärztin, und er freute sich schon darauf, sich wieder mit ihr zu unterhalten und ihr vielleicht bei der Arbeit zusehen zu können.

Man wies ihnen den Weg an einem großen Gebäude vorbei, dessen Mauerwerk und Holzgebälk rauchgeschwärzt waren und immer noch nach einem kürzlichen Brand rochen. Schließlich gelangten sie in die Nähe des Seeufers, wo ein großes Schiff an der Vertäuung gesunken war. Gegenüber von dem Wrack befand sich ein niedriges, nur teilweise überdachtes Bauwerk, unter dem ein Fluß entlanglief. Von ihrer erhöhten Position im Bodenfahrzeug aus konnten sie direkt in ein Labyrinth aus Fluren und kleinen Räumen sehen, aus denen vermutlich ein Krankenhaus und Khones angrenzende Wohnung bestanden.

Gerade wurde irgend etwas an den Atemöffnungen eines gogleskanischen Patienten gemacht — wie Conway erkennen konnte, handelte es sich dabei um eine nichtoperative Untersuchung, die mit langen hölzernen Sonden und Dehnsonden vorgenommen wurde, gefolgt von der oralen Verabreichung eines Medikaments, wofür ebenfalls ein langstieliges Instrument eingesetzt wurde. Bei diesem Vorgang befanden sich Patient und Ärztin in zwei kleinen, voneinander abgeteilten Räumen. Erst mehrere Minuten später kam Khone nach draußen und bemerkte die beiden Terrestrier.

„Es besteht Interesse an dem Spezialgebiet des Heilens auf Goglesk“, sagte Conway, als sie alle drei an den Eckpunkten eines unsichtbaren gleichseitigen Dreiecks mit einer Kantenlänge von mehr als drei Metern vor dem Gebäude standen. „Man könnte Vergleiche der unterschiedlichen Kenntnisse und Behandlungen, der Krankheiten, Verletzungen und nichtkörperlichen Störungen anstellen und insbesondere die Operationsund anatomischen Untersuchungsmethoden erörtern.“

„Auf Goglesk gibt es keine operativen Heilbehandlungen“, antwortete Khone, wobei sich ihre Aufmerksamkeit auf den freien Raum zwischen Wainright und Conway richtete. „Anatomische Untersuchungen sind nur an von Stacheln und Restgiften befreiten Leichnamen möglich. Außer zur Fortpflanzung oder Betreuung von Kindern ist persönlicher Körperkontakt sowohl für den Arzt als auch für den Patienten äußerst gefährlich. Ein gewisser Mindestabstand ist für die Durchführung der ärztlichen Aufgaben unerläßlich.“

„Aber wieso?“, fragte Conway und näherte sich dabei unwillkürlich der Ärztin. Dann sah er, daß sich Khones Fell in heftiger Bewegung befand und die über den ganzen Körper verteilten Stacheln zitterten. Etwas unbeholfen wandte er sich dem Lieutenant zu und sprach ausdrücklich nur ihn an.

„In meinem Besitz befindet sich ein Instrument, das es einem geübten Arzt ermöglicht, die Lage und Funktion innerer Organe zu betrachten sowie die Lage der Knochen und den Verlauf der Hauptblutgefäße zu erfassen“, erklärte er und holte aus einer großen Hängetasche einen Scanner hervor.

Langsam zog er ihn mit der rechten Hand am linken Arm entlang und führte ihn dann zum Kopf, zur Brust und zum Bauch, wobei er im unpersönlichen Tonfall einer Vortragsstimme die Funktion der auf dem Scannerdisplay sichtbaren Organe, des Knochenbaus und der damit verbunden Muskulatur beschrieb. Anschließend zog er den Teleskopgriff des Scanners ganz heraus und brachte ihn näher an Khone heran.

„All diese Informationen liefert schon allein dieses Gerät, ohne daß man dabei den Körper des Patienten berühren muß, falls das von entscheidender Bedeutung ist“, fügte er hinzu.

Während der Vorführung des Scanners war Khone ein wenig nähergekommen und hatte den Körper gedreht, damit sie mit dem Auge hinter der Korrekturlinse das Display genauer betrachten konnte, das Conway so angewinkelt hielt, daß die Gogleskanerin nun in der Lage war, ihre eigene innere Körperstruktur zu sehen, er selbst jedoch nicht. Allerdings hatte er den Scanner auf Aufnahme geschaltet, um das Material später studieren zu können.

Ihm fiel auf, wie die Stacheln der Ärztin zuckten und wie sich das lange, vielfarbige Haar mehrmals pro Minute starr aufstellte und sich wieder flach anlegte. Einige Strähnen lagen im rechten Winkel zu anderen und riefen so ein buntkariertes Muster hervor. Zwar drang aus den Atemöffnungen ein ängstlich anmutendes Zischen, aber Khone vergrößerte den Abstand zum Scanner nicht und wurde allmählich ruhiger.

„Das reicht“, sagte sie, wobei sie Conway überraschenderweise mit ihrem grotesk bebrillten Auge direkt anblickte. Eine lange Stille trat ein, in der sich die Gogleskanerin, wie deutlich zu sehen war, zu einem Entschluß durchrang.

„Auf diesem Planeten ist die Heilkunst einzigartig, und wahrscheinlich gilt das auch für andere Orte“, setzte sie schließlich zu einer Erklärung an. „Bei der Behandlung eines Patienten untersucht der Arzt möglicherweise heikle Bereiche und Geistesverfassungen und stochert in peinlichem oder sogar schmachvollem, doch stets persönlichem Material herum. Dieses normalerweise verbotene und gefährliche Verhalten ist erlaubt, weil der Arzt über keine der gewonnenen Erkenntnisse sprechen darf, es sei denn gegenüber einem anderen Arzt, der im Interesse des Patienten zu Rate gezogen wird.“

Hippokrates hätte es nicht besser sagen können, dachte Conway.

„Vielleicht ist es möglich, derartige Fragen mit einem außerplanetarischen Arzt zu erörtern“, fuhr Khone fort. „Dabei muß aber klar sein, daß diese Dinge nur für die Ohren eines anderen Arztes bestimmt sind.“

„Als medizinischer Laie weiß ich, wann ich unerwünscht bin“, warf der Lieutenant lächelnd ein. „Ich warte im Fahrzeug.“

Conway beugte das linke Knie, damit sich seine Augen auf gleicher Höhe mit denen der Gogleskanerin befanden. Wenn sie sich als gleichberechtigte Kollegen unterhalten wollten, könnte es eine erhebliche Hilfe sein, wenn — er nicht weit über Khone aufragte, deren Haare und Stacheln erneut heftig zitterten. Inzwischen waren sie weniger als zwei Meter voneinander entfernt, und Conway entschloß sich, die Initiative zu ergreifen.

Er mußte darauf achten, Khone nicht mit unnötigen Darstellungen einer medizinischen Superwissenschaft einzuschüchtern. Deshalb begann er damit, in ganz einfachen Worten die Arbeit des Orbit Hospitals zu beschreiben, wobei er jedoch immer wieder die Vielfalt der behandelten Spezies hervorhob und das für die Durchführung der Behandlungen erforderliche hohe Maß an fachlicher Zusammenarbeit unterstrich. Von dort aus tastete er sich langsam zum Thema Zusammenarbeit im allgemeinen und ihrer Bedeutung in außermedizinischen Bereichen vor.

„Verschiedene Beobachtungen lassen, darauf schließen, daß der hiesige Fortschritt aus Gründen gehemmt worden ist, die bezüglich der hohen Intelligenz der einzelnen Gogleskaner einem Außenstehenden völlig unklar sind“, fuhr Conway fort. „Könnte dazu vielleicht eine Erklärung gegeben werden?“

„Fortschritt ist unmöglich, weil keine Zusammenarbeit möglich ist“, antwortete Khone und wurde auf einmal weniger unpersönlich. „Conway, wir kämpfen unaufhörlich gegen uns selbst und gegen die Verhaltensmuster, die uns durch unsere Überlebensinstinkte aufgezwungen werden. Diese müssen sich nach meinem Dafürhalten zu einer Zeit entwickelt haben, als wir noch nichtintelligente Meeresbewohner waren und sämtlichen Meeresraubtieren auf unserem Planeten als Beute dienten. Um diese Instinkte wirksam zu bekämpfen, ist für unser Denken und Handeln ein hohes Maß an Selbstdisziplin erforderlich, wenn wir unser derzeitiges, äußerst bescheidenes, ja sogar rückständiges kulturelles Niveau nicht ganz einbüßen wollen.“

„Falls die genaue Art des Problems im einzelnen erklärt werden könnte“, begann Conway und verfiel dann ebenfalls in eine persönlichere Ausdrucksweise, „würde ich Ihnen gerne helfen, Khone. Möglicherweise könnte ein ganz fremder Arzt mit einem völlig neuen, vielleicht sogar außerplanetarischen Blickwinkel einen Lösungsvorschlag machen, auf den die Betroffenen sonst nicht gekommen wären und.“ Da weiter landeinwärts ein unregelmäßiges, eindringliches Trommeln begonnen hatte, brach er mitten im Satz ab.

Khone entfernte sich wieder ein Stück von ihm und sagte mit lauter Stimmer: „Entschuldigung wegen des plötzlichen Aufbruchs. Es gibt dringende medizinische Arbeit.“

Wainright lehnte sich aus dem Bodenfahrzeug heraus. „Falls es Khone eilig haben sollte.“, begann er, berichtigte sich aber sogleich: „Falls ein schnelles Transportmittel erforderlich ist, steht es zur Verfügung.“

Der Heckladeraum stand bereits offen, und die Laderampen wurden ausgefahren.

Nach einer der haarsträubendsten Fahrten, die Conway je erlebt hatte — die Gogleskanerin hatte wahrscheinlich wegen ihrer von Natur aus langsamen Fortbewegungsart immer erst dann die Anweisung gegeben, um eine Ecke zu biegen, wenn sie sich schon längst auf der betreffenden Kreuzung befunden hatten —, trafen sie nach etwa zehn Minuten am Unfallort ein. Nachdem Wainright das Fahrzeug neben einem von Khone bezeichneten dreigeschossigen Gebäude, das teilweise zerstört war, aufgesetzt hatte, fragte sich Conway jedenfalls, ob er zum erstenmal im Erwachsenenalter tatsächlich an Reisekrankheit leiden sollte.

Doch als er die Unfallopfer über die geborstenen oder nach und nach einstürzenden Außenrampen nach unten humpeln und taumeln sah und miterleben mußte, wie sich andere durch den großen Eingang im Erdgeschoß, der zum Teil durch herabgestürzte Trümmer versperrt war, ins Freie kämpften, waren alle persönlichen Überlegungen wie weggeblasen. Die vielfarbige Körperbehaarung der Fliehenden war von einer Schicht aus Staub und Holzsplittern bedeckt, und auf einigen wenigen Körpern sah man das feuchte Rot frischer Wunden schimmern. Als Conway aus dem Fahrzeug sprang, stellte er jedoch zu seiner großen Erleichterung fest, daß sich sämtliche Betroffenen noch fortbewegen konnten und sich alle ohne Ausnahme so schnell wie möglich von dem zerstörten Gebäude entfernten, um sich in den großen und überraschend weit entfernten Kreis der Schaulustigen einzureihen.

Plötzlich erblickte Conway eine gogleskanische Gestalt, die unter den Trümmern vor dem Eingang hervorragte, und er vernahm die unübersetzbaren Laute, die von ihr herüberdrangen.

„Warum stehen die alle nur herum?“ rief er Khone mit einer ausladenden Armbewegung in Richtung der Zuschauer zu. „Warum hilft ihm denn niemand?“

„Wenn ein Gogleskaner Schmerzen hat, darf sich nur ein Arzt in seine unmittelbare Nähe begeben“, klärte Khone ihn auf, während sie aus einem um die Mitte ihres Leibs geschnallten Beutel einige dünne Holzstäbe zog und diese zusammenzustecken begann. „Oder jemand, der genügend psychische Selbstbeherrschung besitzt, um sich nicht von diesen Schmerzen beeinflussen zu lassen“, fügte sie hinzu.

Als Khone auf den Verletzten zuging, folgte Conway ihr. „Vielleicht könnte ja ein Lebewesen von einer ganz anderen Spezies das erforderliche Maß an sachlicher Unvoreingenommenheit aufbringen, die bei solch einem Fall angezeigt ist“, schlug er vor.

„Nein“, widersprach ihm Khone in bestimmtem Ton. „Eine Körperberührung oder auch nur eine unmittelbare Annäherung an den Verletzten müssen unbedingt vermieden werden.“

Mittlerweile hatte die Gogleskanerin die Stäbe zu einer Zange mit langen Griffen zusammengesetzt, auf die sie während der Untersuchung des Verunglückten noch eine Reihe von Sonden, Spateln und Linsen steckte. Später tauschte sie diese gegen feine Pinsel und Tupfer aus, die offenbar mit einem Antiseptikum zur Säuberung der Wunden vollgesogen waren. Danach vernähte Khone die größeren Schnittwunden mit einem raffinierten Instrument, das am Ende der Zange befestigt war. Doch konzentrierte sich die Behandlung ausschließlich auf äußere Verletzungen und verlief äußerst langwierig.

Conway zog rasch den Teleskopgriff des Scanners auf die Länge von Khones Zange aus, hockte sich auf alle viere und schob das Gerät der Ärztin zu.

„Dieses Gerät wird anzeigen, ob der Verwundete auch innere Verletzungen hat“, sagte er.

Ein Dankeschön erhielt er zwar nicht — wahrscheinlich war Khone zu beschäftigt, um höflich zu sein —, aber die Gogleskanerin legte sogleich die Zange beiseite und benutzte Conways Scanner. Zunächst bewegten sich ihre Greiforgane noch unbeholfen, doch schon sehr bald hatten sie sich auf die für terrestrische Finger ausgelegten Griffe eingestellt, so daß die gogleskanische Ärztin Abtasttiefe und Vergrößerung allmählich in beinahe fachmännischer Manier veränderte.

„In dem Teil des Körpers, der sich unter den Trümmern befindet, ist eine leichte Blutung aufgetreten“, berichtete die Gogleskanerin kurze Zeit später. „Aber es ist zu beobachten, daß dem Verletzten die größte Gefahr von der Unterbrechung der Blutzufuhr zum Schädelbereich droht, die durch den Druck eines Holzbalkens verursacht wird, der quer über der Hauptkopfschlagader liegt und diese zusammenquetscht. Dieser Druck hat außerdem zur Bewußtlosigkeit geführt, die die in letzter Zeit fehlenden Laute und Körperbewegungen erklärt, wie man wohl ebenfalls bemerkt haben wird.“

„Welche Rettungsmaßnahmen sind demnach angesagt?“ wollte Conway wissen.

„In der vorhandenen Zeit ist keine Rettung möglich“, antwortete Khone. „In welche Einheiten der außerplanetarische Arzt die Zeit einteilt, ist zwar nicht bekannt, doch der Verletzte wird in etwa einem Fünfzigstel der Zeitspanne zwischen der gogleskanischen Morgen- und Abenddämmerung sterben. Auf jeden Fall muß man den Versuch unternehmen.“

Conway blickte zu Wainright hinüber, der ihm leise „Etwa fünfzehn Minuten“ zurief.

„…den Balken mit einem Keil zu fixieren“, fuhr die Gogleskanerin fort, „und den Schutt unter dem Verletzten zu entfernen, damit er in eine tiefere Lage kommt, in der er nicht mehr dem Druck des Balkens ausgesetzt ist. Außerdem besteht die Gefahr eines weiteren Hauseinsturzes, deshalb werden alle Anwesenden außer dem Verletzten und seiner Ärztin im Interesse der eigenen Sicherheit gebeten, sich zu entfernen.“

Khone gab Conway den Scanner mit dem langen Griff voran zurück, und als er ihn entgegennahm, machte sie sich daran, Schaufeln zum Graben an der Zange zu befestigen.

Conway hatte das alptraumhafte Gefühl, vor einem simplen Problem zu stehen, zu dessen Lösung eigentlich nur ein Mindestmaß an Handarbeit erforderlich war, und beide Hände hinter dem Rücken zusammengebunden zu haben. Es war ihm unmöglich, unbeteiligt herumzustehen und einem Verletzten beim Sterben zuzusehen, wo ihm so viele Rettungsmöglichkeiten offenstanden. Und doch hatte man ihm ausdrücklich verboten, sich dem Unfallopfer zu nähern, obwohl die Gogleskanerin wußte, daß er lediglich helfen wollte. Auf den ersten Blick war das natürlich ein dummes Verhalten seitens der Ärztin, aber in der Kultur dieser Spezies mußte es irgendeine Erklärung für diese offensichtliche Dummheit geben.

Hilflos blickte er Wainright und dessen äußerst muskulösen Körper an, durch den der Overall des Lieutenant zu eng wirkte, und versuchte es erneut.

„Wenn ein Verletzter bewußtlos ist“, sagte er verzweifelt, „sollte er sich durch die unmittelbare Nähe oder die Berührung anderer Wesen nicht unmittelbar gestört fühlen. Den Außerplanetariern wäre es vielleicht möglich, den Balken so weit hochzuheben, daß man den Verletzten darunter hervorziehen könnte.“

„Es sind viele Zuschauer da“, gab Khone zu bedenken, und ihre Unschlüssigkeit offenbarte sich durch die Art, in der sie die Zange hob und wieder senkte. Dann steckte sie neue Spitzen auf die Zange, holte von irgendwo eine Rolle mit einem dünnen Seil hervor und machte sich daran, es mit der Zange um die Füße des Verletzten zu wickeln. „Also gut“, willigte sie schließlich ein. „Aber es ist gefährlich. Und die Außerplanetarier dürfen sich weder in unmittelbarer Nähe des Verletzten und seiner Ärztin aufhalten, noch sich von anderen dabei beobachten lassen — dabei spielt es keine Rolle, wie gut ihre Absichten sind.“

Conway erkundigte sich nicht, wie nah diese unmittelbare Nähe war, als er sich vor dem Lieutenant auf den breiten, niedrigen Eingang zubewegte. Als sie ihn erreicht hatten, stemmten sich beide von unten mit der Schulter gegen den Balken, der die eine Seite des Eingangs trug. Zweifellos war die gegenseitige körperliche Nähe von Conway und Wainright für die Zuschauer anstößig, aber der Eingang lag im Schatten, und möglicherweise wurden sie von den schaulustigen Gogleskanern zumindest nicht allzu deutlich erkannt. Im Moment war Conway sowieso viel zu beschäftigt, um sich um die Gedanken der Umstehenden zu kümmern.

Als die beiden das eine Ende des Balkens um zehn, fünfzehn und schließlich fast zwanzig Zentimeter nach oben drückten, regneten Staub und feiner Schutt auf sie herab. Doch am anderen Ende, wo das Opfer eingeklemmt war, hob sich der Balken kaum um fünf Zentimeter. Khone hatte das Seil mit der Zange erfolgreich um die Beine des Verunglückten gewickelt und sich das andere Ende mehrmals um den eigenen Körper geschlungen. Sie nahm das durchhängende Seil auf, drückte die Beine durch und legte sich wie der hinterste Mann einer Mannschaft beim Tauziehen dagegen, jedoch vergebens. Die gogleskanischen FOKTs hatten einen zu leichten Körperbau und waren für das Aufbringen der erforderlichen Zugkraft physiologisch ungeeignet.

„Könnten Sie den Balken einen Moment lang alleine hochhalten, Doktor?“ fragte Wainright. Conways Einverständnis vorausgesetzt, bückte er sich plötzlich und verschwand weiter hinten im Eingang. „Ich sehe etwas, das uns helfen könnte.“

Conway kam es sehr viel länger als einen Moment vor, während der Lieutenant in dem Schutt im Eingang wühlte, denn der Balken grub sich immer tiefer in seine Schulter. In seinen bis zum äußersten angespannten Rücken- und Beinmuskeln brannte ein nicht enden wollender Krampf Er blinzelte sich den Schweiß aus den Augen und sah, daß Khone mittlerweile anders an das Problem heranging: Statt unentwegt zu ziehen, hatte sie sich dem Verletzten wieder so weit wie zulässig genähert und watschelte jetzt so schnell, wie sie konnte, wieder von ihm weg, bis das Seil straff gespannt war, um den Gogleskaner durch den Ruck freizubekommen.

Zwar bewegte sich der Verletzte bei jedem Ruck ein bißchen, doch einige der vernähten Wunden hatten sich dadurch wieder geöffnet und bluteten nun ungehemmt.

Der Balken drückt mir sämtliche Rückenwirbel zu einer starren Knochensäule zusammen, die jetzt jede Sekunde brechen kann, dachte Conway verärgert.

„Beeilen Sie sich, verdammt noch mal!“ fluchte er laut.

„Ich beeile mich ja“, protestierte Khone, die dabei völlig vergaß, unpersönlich zu bleiben, obwohl sie gar nicht gemeint war.

„Ich komme!“ rief der Lieutenant.

Wainright kam mit einem kurzen, dicken Holzklotz an, den er schnell zwischen Balken und Boden keilte. Jetzt, wo seine malträtierten Schultern und der Rücken entlastet waren, fiel Conway erleichtert auf die Knie. Doch war dieser Zustand nur von kurzer Dauer, denn der Lieutenant hatte die Idee, den Balken ein paar Sekunden lang unter Aufbietung aller Kräfte noch höher zu heben, ihn dann mit der Holzstütze daran zu hindern, wieder abzusacken, und den Vorgang zu wiederholen, bis der Verletzte herausgezogen werden konnte.

Das war ein glänzender Einfall, aber der stoßweise herabrieselnde Schutt und Staub prasselte immer dichter und schneller herunter. Der Verletzte war schon beinahe befreit, als plötzlich ein dumpfes Poltern und das Krachen splitternden Holzes aus dem Inneren des Gebäudes drang.

„Verschwinden Sie!“ schrie Khone, nachdem sie sich auf einen letzten, verzweifelten Ruck mit dem Seil vorbereitet hatte. Doch als sie am Ende ihres watschelnden Anlaufs angelangt war, rutschte die Schlinge über die Füße des Verletzten und löste sich. Khone stolperte und rollte schließlich, verheddert im eigenen Rettungsseil, davon.

Später sollte Conway noch eine lange und qualvolle Zeit mit der Frage verbringen, ob er in diesem Moment richtig oder falsch gehandelt hatte, aber es war einfach keine Zeit gewesen, abzuwägen und das Sozialverhalten von Extraterrestriern mit dem von Terrestriern zu vergleichen — er hatte sich zu diesem Verhalten gezwungen gesehen, weil er nichts anderes hätte tun können. Kurz: Er hielt in seiner taumelnden Flucht aus dem einstürzenden Eingang inne, drehte sich instinktiv um und ergriff den bewußtlosen FOKT an den Füßen.

Durch sein höheres Gewicht und seine größere Stärke bekam er den FOKT leicht frei und schleifte ihn, zusammengekauert und in der Hocke rückwärts gehend, aus der Gefahrenzone des einstürzenden Gebäudes heraus. Als sich der Staub allmählich legte, zog er ihn vorsichtig auf ein weiches Stück Rasen. Fast sämtliche von Khones Nähten waren wieder aufgeplatzt, und außerdem hatte der Verletzte eine Reihe neuer Wunden davongetragen, die allesamt bluteten.

Plötzlich öffnete der FOKT die Augen, versteifte sich und stieß dann ein lautes, anhaltendes Zischen aus, dessen Tonhöhe schwankte, so daß es sich zeitweise fast wie ein Pfeifen anhörte.

„Keine Angst!“ schrie Khone eindringlich. „Es besteht keine Gefahr! Das ist ein Arzt, ein Freund.“

Doch das ungleichmäßige Zischen und Pfeifen wurde immer lauter, und Conway bemerkte, daß die Zuschauer, deren Kreis nicht mehr weit entfernt von ihm war, eingestimmt hatten; und zwar so laut, daß er sich kaum selbst denken hören konnte. Khone torkelte um den Verletzten herum, wobei sie sich ihm gelegentlich bis auf wenige Zentimeter näherte und sich dann wieder entfernte, als führte sie einen komplizierten rituellen Tanz auf.

„Das stimmt“, bestätigte Conway in beruhigendem Ton. „Ich bin kein Feind. Ich habe Sie aus den Trümmern gezogen.“

„Sie dummer, dummer Arzt!“ schimpfte Khone, wobei sie sowohl wütend als auch persönlich klang. „Sie ignoranter Außerplanetarier! Verschwinden Sie.!“

Was dann passierte, gehörte zu den seltsamsten Dingen, die Conway jemals mit eigenen Augen gesehen hatte — und im Orbit Hospital hatte er schon viel gesehen. Der verletzte FOKT rollte herum und sprang mit einem Satz auf die Beine, wobei er unaufhörlich den auf- und absteigenden Pfeifton ausstieß. Khone hatte begonnen, die gleichen Geräusche von sich zu geben, und die langen, steifen Haare standen bei beiden Wesen kerzengerade vom Körper ab, wodurch sich der Effekt eines buntkarierten Musters, den die in rechten Winkeln zueinander liegenden verschiedenfarbigen Haare hervorgerufen hatten, nicht mehr einstellte. Auf einmal berührten sich Khone und der Verletzte und waren augenblicklich miteinander verschmolzen oder, genauer gesagt, an der Berührungsstelle fest zusammengeflochten.

Die steifen Haare an den Seiten ihrer Körper hatten sich wie Kette und Schuß eines in alten Zeiten auf der Erde gewebten Teppichs ineinander geschoben und gegenseitig durchdrungen, und es war klar, daß sie durch keinen äußeren Einfluß voneinander zu trennen waren, ohne die Haare beider FOKTs und wahrscheinlich auch die darunter liegende Haut zu entfernen.

„Lassen Sie uns von hier verschwinden, Doktor“, empfahl Wainright, der oben auf dem Bodenfahrzeug stand und auf die von allen Seiten heranrückenden Gogleskaner deutete.

Conway zögerte, während er einen dritten FOKT beobachtete, der sich auf dieselbe unglaubliche Weise mit Khone und dem Verletzten zusammenschloß. Die langen Stacheln, deren Funktion er nicht gekannt hatte, standen jedem Gogleskaner steif vom Kopf ab, und aus ihren Spitzen tröpfelte ein leuchtend gelbes Sekret. Als er auf das Fahrzeug kletterte, zerriß ihm einer der Stacheln den Overall, drang aber nicht in den Stoff darunter oder in die Haut ein.

Während der Lieutenant mit dem Fahrzeug auf höheres Gelände fuhr, um einen besseren Überblick über die Vorgänge zu haben, gab Conway die Reste des gelben Sekrets, die rund um den Riß am Anzug hafteten, in seinen Analysator ein. Durch die Ergebnisse konnte er berechnen, daß der direkt in die Blutbahn eines Menschen gebrachte Inhalt eines Stachels zu sofortiger Lähmung und der von dreien oder mehr zum Tode führen würde.

Die Gogleskaner schlossen sich zu einem Gruppenwesen zusammen, das mit jeder Minute größer wurde. Aus nahegelegenen Gebäuden, vertäuten Schiffen und sogar aus den umliegenden Gehölzen eilten einzelne Gogleskaner herbei, um sich dem riesigen, beweglichen, stechenden Teppich anzuschließen, der um große Bauwerke herumkroch und über kleine hinüber, als ob er nicht wüßte oder sich nicht darum kümmerte, was er tat. Hinter sich ließ er eine Spur aus zerstörten Maschinen, Fahrzeugen, toten Tieren und sogar einem versenkten Schiff zurück. Das Schiff war festgemacht gewesen, und als der Rand des Gruppenwesens aufs Deck gestolpert war, hatte es sich mit einem Ruck auf die Seite gelegt und war mit den Masten und den Aufbauten gegen den Pier geschlagen.

Doch wie Conway sah, fühlten sich die ins Wasser gefallenen Gogleskaner offenbar keineswegs gestört und wurden durch die Fortbewegung der auf festem Boden befindlichen Teile des Gruppenwesens innerhalb weniger Minuten wieder herausgezogen.

„Blind sind die jedenfalls nicht“, stellte Conway fest, dem die massive Zerstörungswut des Gruppenwesens Angst einjagte. Er stand auf seinem Schalensitz, um einen besseren Überblick zu bekommen, und fuhr fort: „Um den Rand herum verfügen sie über genügend unverdeckte Augen, um zu sehen, wohin sie gehen, aber sie scheinen große Schwierigkeiten zu haben, sich für eine Richtung zu entscheiden. Du meine Güte! Die stampfen die Siedlung tatsächlich in Grund und Boden. Könnten Sie das Flugzeug starten und mir von den Vorgängen eine detaillierte Luftaufnahme machen lassen?“

„Kein Problem, Doktor“, antwortete der Lieutenant. Er sprach kurz in den Kommunikator und fuhr dann fort: „Es kommt zwar nicht direkt auf uns zu, aber es versucht immerhin, sich uns zu nähern. Wir sollten lieber den Standort wechseln.“

„Nein, warten Sie“, bat Conway, hielt sich am Rand des geöffneten Cockpits fest und lehnte sich hinaus, um besser den Rand des Gruppenwesens betrachten zu können, das sich jetzt stolpernd bis auf sechs Meter Entfernung genähert hatte. Dutzende von Augen schleuderten ihm eiskalte Blicke entgegen, und die langen Stacheln mit den gelben Spitzen riefen den Eindruck eines spärlich mit Heu bewachsenen Stoppelfelds hervor. „Die sind uns alle feindlich gesinnt, obwohl Khone selbst freundlich war. Aber warum?“

Conways Stimme wurde beinahe von dem brausenden Zischen des Gruppenwesens übertönt, einem Geräusch, das die Translatoren nicht als Sprachlaut erfaßten. Doch irgendwo in dem unverständlichen Brei erhob sich eine flüsternde Stimme der Intelligenz, die sich Bahn zu brechen versuchte, die Stimme der gogleskanischen Ärztin.

„Verschwinden Sie!“ ermahnte sie die beiden Terrestrier. „Verschwinden Sie!“

Conway ließ sich schnell in den Sitz fallen, damit Wainright das Cockpit schließen konnte, und dann fuhren sie davon.

Verärgert grummelte der Lieutenant: „Alles können Sie sich hier nicht erlauben!“

6. Kapitel

Um sich an den Zwischenfall zu erinnern, war das gedächtnisfördernde Medikament, das Conway seit dem Abflug vom Orbit Hospital eingenommen hatte, nicht erforderlich — der Vorfall stand ihm vollständig und in allen Einzelheiten vor Augen. Die Beweise waren unbestreitbar, und vor der vernichtenden Schlußfolgerung, daß er allein für den ganzen bedauernswerten Schlamassel verantwortlich war, gab es kein Entrinnen.

Auf den Videos mit den Luftaufnahmen vom Flugzeug war sofort, nachdem Wainright und Conway in dem Bodenfahrzeug den Schauplatz verlassen hatten, eine Abnahme der zerstörerischen Aktivitäten der herumwütenden Gogleskaner zu beobachten gewesen. Und innerhalb einer Stunde hatte sich das Gruppenwesen wieder in seine Einzelmitglieder aufgelöst, die reglos und weit voneinander entfernt dagestanden und einen hochgradig erschöpften Eindruck gemacht hatten.

Immer wieder hatte sich Conway das Video angesehen, wie auch die Scanneraufzeichnung von Khones Selbstuntersuchung und das später aufgenommene Material von dem verletzten FOKT, dessen Rettung die Vereinigung sämtlicher Gogleskaner der Gegend herbeigeführt hatte. Vergeblich versuchte er, wenigstens einen Anhaltspunkt, einen bloßen Hinweis oder den leisesten Fingerzeig zu entdecken, der die unglaubliche Reaktion der FOKTs auf seine Berührung eines Mitglieds ihrer Spezies erklären könnte.

Zu einem gewissen Zeitpunkt fiel ihm ein, daß er eigentlich zur Erholung hier war und um einen klaren Kopf zu bekommen, damit er wichtige Entscheidungen über seine Zukunft treffen konnte. Bei der Situation auf Goglesk handelte es sich um kein dringendes Problem, und O'Mara zufolge konnte er sich über die hier herrschenden Umstände entweder Gedanken machen oder sie schlichtweg ignorieren. Doch einfach über das Problem hinwegsehen konnte er nicht. Denn unabhängig von der Tatsache, daß er es zum Teil selbst verschlimmert hatte, reizte ihn die Auseinandersetzung mit solch einem fremdartigen Puzzle, bei dem ihm selbst seine langjährige Erfahrung mit dem Verhalten und den Denkweisen von Extraterrestriern im Orbit Hospital keine große Hilfe war, über alle Maßen.

Dabei hatte sich Khone als Individuum so normal verhalten.

Gereizt ließ er sich mit aufs Bett fallen, wobei er sich unentwegt den Scanner vor die Augen hielt und versuchte, aus den FO^-Aufzeichnungen irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Eigentlich war es praktisch kaum möglich, ein Bett unbequem zu finden, dessen Schwerkraftregulieriing auf einen Bruchteil der Erdanziehungskraft eingestellt war, doch Conway warf sich von einer Seite auf die andere, wälzte sich hin und her und schaffte es tatsächlich, sich vollkommen unbehaglich zu fühlen.

Es gelang ihm, die dicht unter der Haut befindlichen Wurzeln der vier FOKT-Stacheln ausfindig zu machen, die zu der Zeit, als sich Khone selbst untersucht hatte, flach am Scheitel angelegen hatten und teilweise vom Haupthaar verdeckt gewesen waren, und die Lage der feinen Kanäle zu erfassen, die die Stacheln mit der Giftblase verbanden. Außerdem bestand eine Nervenverbindung zwischen der Gehirnbasis und den Muskeln, die die Stacheln aufrichteten und die Giftblase zusammenzogen, aber er hatte keine Ahnung, welcher Reiz die Muskelaktivität auslöste. Auch bezüglich der langen, silbrigen Strähnen, die sich zwischen dem gröberen Haar auf dem Kopf befanden, tappte er noch vollkommen im dunkeln.

Seinen ersten Gedanken, daß es sich bei ihnen lediglich um ein Anzeichen fortschreitenden Alters handelte, mußte er revidieren, als eine genauere Untersuchung ergab, daß sich der Aufbau der Follikel vollkommen von der Struktur der ringsum wachsenden Haare unterschied und die Strähnen, genau wie die Stacheln, unter der Haut mit Muskeln und Nerven verbunden waren, durch die sie sich unabhängig bewegen konnten. Die Strähnen waren jedoch länger, feiner und biegsamer als die Stacheln.

Leider konnte Conway die unter der Haut befindlichen Nervenverbindungen, falls diese überhaupt vorhanden waren, nicht aufspüren, da der Scanner nicht auf eine derart feine Abtastung eingestellt gewesen war. Schließlich hatte er lediglich die Absicht gehabt, die gogleskanische Ärztin durch die Bilder ihrer eigenen größeren inneren Organe zu beeindrucken, und keine noch so starke Vergrößerung konnte beim Abspielen der Aufnahme Einzelheiten sichtbar machen, die nicht bereits vorhanden, das heißt, zuvor aufgezeichnet worden waren.

Hätten die FOKTs nicht dieses höchst eigenartige Verhalten an den Tag gelegt, wäre Conway mit den physiologischen Daten, die er sich auf diese Weise verschafft hatte, dennoch sehr zufrieden gewesen. Doch in diesem Fall wollte bei ihm keine Zufriedenheit aufkommen. Er mußte sich unbedingt noch einmal mit Khone treffen und sich mit ihr eingehender befassen, und das sowohl in klinischer als auch in informeller Hinsicht.

Nach dem heutigen Debakel bestanden dafür allerdings denkbar geringe Chancen.

„Verschwinden Sie!“ hatte ihn Khone von irgendwoher aus dem herumwütenden Mob von Gogleskanern aufgefordert. Und auch vom Lieutenant war ihm verärgert „Alles können Sie sich hier nicht erlauben!“ zugerufen worden.

Wie Conway durchaus bewußt war, mußte er allmählich eingeschlafen sein, als er plötzlich merkte, daß er sich nicht mehr auf Goglesk befand. Die Umgebung hatte sich zwar verändert, war ihm aber dennoch vertraut, und die Probleme, mit denen er sich in Gedanken beschäftigte, waren viel einfacher geworden. Er träumte nicht besonders oft — beziehungsweise träumte er, wie ihn O'Mara immer wieder gern erinnerte, genauso häufig wie jedes andere sogenannte intelligente Lebewesen, habe aber das Glück, sich nur an sehr wenige seiner Träume zu erinnern. Der gegenwärtige Traum war angenehm, unkompliziert und hatte keinen Bezug zu seiner momentanen Situation.

Zumindest schien es zunächst so.

Die Stühle waren riesengroß, und man konnte sich nicht einfach darauf setzen, sondern mußte auf sie hinaufklettern. Und um auf die stark gemaserte und auf Hochglanz polierte Holzplatte des gewaltigen, ebenfalls handgefertigten Eßtisches zu sehen, mußte man sich auf die Zehenspitzen stellen. Das, dachte der erwachsene, träumende Conway, versetzte ihn in das Alter von acht Jahren zurück.

Ob dieser Effekt auf O'Maras Medikament oder auf eine ganz eigene psychologische Marotte zurückzuführen war, wußte er zwar nicht, doch verfolgte er den Traum aus dem Blickwinkel eines erfahrenen und umfassend gebildeten Erwachsenen und gleichzeitig mit den Gefühlen eines nicht besonders glücklichen achtjährigen Kindes.

Seine Eltern waren Kolonisten der dritten Generation auf dem mineralienreichen, von der Erde besiedelten Planeten Braemar gewesen, der bis zum Zeitpunkt ihres Todes bereits erforscht, urbar und sicher gemacht worden war, zumindest was die von den Agrar- und Bergbaustädten genutzten Gebiete und den einzigen Raumhafen betraf.

Seine ganze Jugend hatte Conway am Rand dieser Raumhafenstadt verbracht, die eine riesige, sich ständig ausbreitende Zusammenballung von zwei- und dreigeschossigen Gebäuden war. Daß die Blockhütten die weiß aufragenden Blocks der Fabrikationskomplexe, der Verwaltungszentrale, der Raumhafengebäude und des Krankenhauses zahlenmäßig weit übertrafen, oder die Möbel, die nichtmetallischen Haushaltsgegenstände, die Tonwaren und die Schmuckgegenstände samt und sonders selbst angefertigt waren, hatte er für völlig normal gehalten. Wie er heute mit der späten Einsicht des reifen Erwachsenen wußte, war Holz auf Braemar reichlich vorhanden und billig, während von der Erde importierte Möbel und Geräte sehr viel kosteten. Die Kolonisten waren jedenfalls auf die Eigenschöpfungen sehr stolz gewesen und hatten es auch gar nicht anders gewollt.

Dafür wurden die Blockhütten jedoch von modernen Kernfusionsgeneratoren mit Strom und Licht versorgt, und auf den selbstgebauten Möbeln standen hochentwickelte Monitore mit eingebauten Sender-Empfängern, deren Hauptzweck, soweit es den jungen Conway betraf, darin bestand, tagsüber zu unterrichten und abends zu unterhalten. Auch das Boden- und Lufttransportsystem war modern, schnell und so sicher, wie es unter den damals herrschenden Umständen möglich war; nur selten stürzte ein Flugzeug ab und riß alle Passagiere mit sich in den Tod.

Es war nicht einmal der Verlust der Eltern, der ihn so unglücklich gemacht hatte. Conway war viel zu jung gewesen, um von ihnen etwas anderes als ihre unbestimmte, beruhigende Gegenwart in Erinnerung zu behalten, und als man sie zu dem Grubenunglück gerufen hatte, bei dessen Einsatz sie ums Leben gekommen waren, war er in der Obhut eines jungen Paares geblieben, das direkt nebenan gewohnt hatte. Bis nach der Beerdigung war er bei den Nachbarn geblieben, und dann hatte ihn der älteste Bruder seines Vaters bei sich und seiner Familie aufgenommen.

Seine Tante und sein Onkel waren freundliche, verantwortungsbewußte und sehr beschäftigte Leute gewesen, die nicht mehr zu den Jüngsten zählten. Die eigenen Kinder waren schon fast erwachsen und hatten deshalb für den kleinen Conway, von anfänglicher Neugier abgesehen, nur sehr wenig Zeit. Nicht so die im Haus lebende Großmutter, Conways Urgroßmutter, die entschieden hatte, daß das kürzlich zur Waise gewordene Kind ihrer alleinigen Verantwortung zu unterstehen habe.

Ihr Alter war geradezu biblisch — jeder, der sie danach fragte, wagte es kein zweites Mal —, und sie wirkte zwar so zerbrechlich wie ein Cinrussker, aber körperlich und geistig war sie immer noch sehr rege. Sie war überhaupt das erste Kind, das in der Kolonie auf Braemar geboren worden war, und als sich Conway für derartige Dinge zu interessieren begann, erzählte sie ihm aus ihrem unerschöpflichen Vorrat Geschichten über die frühen Tage der Kolonie, die viel aufregender — wenn auch vielleicht weniger sachlich — waren als die Fakten auf den Geschichtsvideos.

Ohne zu jener Zeit bereits zu verstehen, was damit gemeint war, hatte Conway seinen Onkel zu einem Besucher sagen hören, daß die alte Dame und das Kind so gut miteinander auskämen, weil sie das gleiche geistige Alter hätten. Außer wenn ihn seine Urgroßmutter hin und wieder bestrafte, was nur äußerst selten und in den späteren Jahren gar nicht mehr vorkam, hatte er bei ihr immer viel zu lachen. Wenn sich Zwischenfälle ereigneten, an denen er nicht ganz unschuldig war, verteidigte sie ihn, und sie trat auch dann noch vehement für sein Haustiergehege ein, als dieses allmählich von einem kleinen eingezäunten Pferch im Garten hinter dem Haus zu etwas anwuchs, das eher einem Wildpark im Miniaturformat ähnelte, obwohl sie äußerst hartnäckig darauf bestand, daß er keine Tiere bekam, für die er nicht ordentlich sorgen konnte.

Er besaß sowohl einige terrestrische Tiere als auch eine ganze Reihe der kleinen und harmlosen, auf Braemar einheimischen Pflanzenfresser — die hin und wieder krank wurden, sich häufig durch ihre Tolpatschigkeit selbst verletzten und sich praktisch ständig fortpflanzten. Seine Urgroßmutter hatte für ihn sogar die entsprechenden Veterinärvideos angefordert, obwohl derartiges Material für ein Kind als viel zu anspruchsvoll erachtet wurde. Doch dank der Videos und der Ratschläge der Urgroßmutter sowie durch den Umstand, daß er praktisch die gesamte Zeit, die er nicht mit Lernen verbrachte, für seine Tiere opferte, gediehen die Bewohner seines Geheges prächtig. Zur Verwunderung seiner Tante und seines Onkels warfen sie sogar bald einen nicht unbeträchtlichen Gewinn ab, da sich bei den Kindern in der Nachbarschaft rasch herumsprach, welch gesunde, in Haus und Garten zu haltende Tiere man bei ihm erwerben konnte.

Der kleine Conway war immer viel zu beschäftigt gewesen, um überhaupt zu bemerken, daß er in Wirklichkeit ein sehr einsamer Junge war — bis seine Urgroßmutter und einzige Freundin plötzlich das Interesse an Gesprächen über seine Tiere und anscheinend auch an ihm verlor. Nun begann der Arzt, ihr regelmäßige Besuche abzustatten, und bald darauf nahmen es seine Tante und sein Onkel abwechselnd auf sich, Tag und Nacht bei ihr im Zimmer zu verbringen, bis sie es ihm eines Tages sogar verboten, seine einzige Freundin zu sehen.

Natürlich war er deshalb furchtbar unglücklich. Und der erwachsene Conway, der sich nicht nur an die ganze Episode erinnerte, sondern sie auch noch einmal durchlebte, wußte, daß ihm noch mehr Unglück bevorstand. Der Traum war im Begriff, zum Alptraum zu werden.

Eines Abends hatten sie vergessen, die Tür abzuschließen, und als sich Conway ins Schlafzimmer schlich, saß seine Tante mit dem Kinn auf der Brust dösend auf einem Stuhl neben dem Bett. Seine Urgroßmutter lag mit ihm zugewandtem Gesicht im Bett und hatte Mund und Augen weit aufgerissen, aber sie sagte kein Wort und schien ihn gar nicht zu sehen. Als er sich dem Bett näherte, hörte er ihren rauhen, unregelmäßigen Atem und bemerkte den Geruch. Auf einmal fürchtete er sich, doch er streckte die Hand aus, um den dünnen, abgezehrten Arm zu berühren, der neben dem Bettzeug lag. Er dachte, sie würde ihn vielleicht ansehen oder etwas sagen oder ihn womöglich so anlächeln, wie sie es noch bis vor ein paar Wochen immer getan hatte.

Der Arm war kalt.

Der erwachsene und medizinisch bewanderte Conway wußte, daß der Blutkreislauf in den Extremitäten bereits versagt hatte und die alte Dame nur noch Minuten zu leben hatte, und das wußte auch schon der blutjunge Conway, ohne den Grund dafür zu kennen. Unfähig, sich zurückzuhalten, versuchte er, sie zu rufen, und seine Tante wachte auf Sie blickte auf die Urgroßmutter, packte Conway fest am Arm und drängte ihn aus dem Schlafzimmer.

„Verschwinde!“ rief sie und begann zu weinen. „Alles kannst du dir hier nicht erlauben!“

Als Conway jetzt in seinem kleinen Zimmer auf dem Stützpunkt des Monitorkorps auf Goglesk aufwachte, hatte er feuchte Augen, und nicht zum erstenmal fragte er sich, in welchem Maße der Tod der steinalten, zerbrechlichen und warmherzigen Urgroßmutter sein späteres Leben beeinflußt hatte. Der Schmerz und das Gefühl des Verlustes waren zwar abgeklungen, aber nicht die Erinnerung an die völlige Hilflosigkeit, und ein solches Gefühl hatte er nie wieder erleben wollen. Im späteren Leben, als er immer wieder mit Krankheiten, Verletzungen und drohendem Tod konfrontiert worden war, hatte er stets etwas — häufig sogar ziemlich viel — dagegen unternehmen können. Und bis zu seiner Ankunft auf Goglesk hatte er sich nie wieder dermaßen hilflos gefühlt wie damals in seiner Kindheit.

„Verschwinden Sie!“ hatte Khone ihn aufgefordert, als sein verfehlter Versuch zu helfen fast zur Vernichtung einer Stadt geführt und wahrscheinlich auch unermeßliche psychologische Schäden verursacht hatte. Und „Alles können Sie sich hier nicht erlauben!“ hatte ihm der Lieutenant entgegengehalten.

Aber heute war er kein verängstigter, trauernder kleiner Junge mehr, und er weigerte sich einfach, zu glauben, daß er hier nichts tun konnte.

Beim Baden, beim Anziehen und während er das Zimmer in den Tageszustand versetzte, dachte er über die Lage nach, wurde aber am Ende nur auf sich selbst sauer und fühlte sich noch hilfloser als zuvor. Schließlich war er Arzt, sagte er sich, und kein Kulturkontaktspezialist. Bislang war er zumeist auf Extraterrestrier gestoßen, die sich aufgrund einer Krankheit oder wegen der Verletzungen und Haltegurte im Untersuchungszimmer nicht bewegen konnten und die den engen Körperkontakt und die Untersuchung als selbstverständlich betrachteten. Aber auf Goglesk war das anders.

Dabei war er von Wainright vor der krankhaften Eigenwilligkeit der FOKTs von vornherein gewarnt worden, aber offensichtlich mußte er sie erst einmal selbst erlebt haben. Obendrein hatte er sich von seinen terrestrischen Instinkten und Gefühlen leiten lassen, als er sie hätte unterdrücken müssen — zumindest so lange, bis er ein wenig besser über die Umstände Bescheid gewußt hätte.

Und nun wollte ihn das einzige Wesen, das ihm dabei hätte helfen können, die hiesigen Probleme zu verstehen, nämlich Khone, nicht wiedersehen, es sei denn, um ihm gegenüber womöglich gewalttätig zu werden.

Möglicherweise könnte er es noch einmal mit einem anderen Gogleskaner in einer anderen Gegend versuchen, vorausgesetzt, Wainright war damit einverstanden, daß er sich für längere Zeit das einzige Flugzeug des Stützpunktes auslieh — außerdem dürften die FOKTs in dem Fall über kein Langstreckenkommunikationsmittel verfügen. Wahrscheinlich hatte man auf den Funkfrequenzen der Basisstation keine Nachricht mitgehört und auch keine Spur von Ton- oder Bildübertragungssystemen entdeckt, genausowenig wie Hinweise auf intelligente oder nichtintelligente Wesen, die Mitteilungen zu Land oder durch die Luft beförderten.

Als Conway gerade darüber nachdachte, ob eine Spezies, die unmittelbaren körperlichen Kontakt derart blindwütig vermied, überhaupt daran interessiert war, über weite Entfernungen in Verbindung zu bleiben, piepste plötzlich der Kommunikator.

„Ihren Raumsensoren zufolge sind Sie bereits wieder auf den Beinen und laufen in Ihrem Zimmer herum“, meldete sich Wainrights lachende Stimme. „Sind Sie auch geistig einigermaßen wach, Doktor?“

Conway war überhaupt nicht zum Lachen zumute, egal über was, und er hoffte nur, der wohlmeinende Lieutenant war nicht darauf aus, ihn aufzuheitern. „Ja“, antwortete er gereizt.

„Khone ist draußen“, flüsterte Wainright, als hätte er Schwierigkeiten, seinen eigenen Worten zu glauben. „Sie behauptet, sie sei verpflichtet, unseren gestrigen Besuch zu erwidern und sich für alle physischen und psychischen Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, die uns der Vorfall bereitet haben könnte. Doktor, sie möchte sich insbesondere mit Ihnen unterhalten.“

Extraterrestrier stecken doch immer wieder voller Überraschungen, dachte Conway nicht zum erstenmal in seinem Leben. Und dieser hier hatte womöglich auch ein paar Antworten parat. Er verließ das Zimmer in einem Tempo, das nur wenig an die würdevolle Gangart eines Chefarztes erinnerte, sondern vielmehr an eine ausgehungerte Katze auf der Jagd nach einer Maus.

7. Kapitel

Trotz des furchtbar langsamen und unpersönlichen Sprachstils und der langen Pausen zwischen den Sätzen war es offensichtlich, daß sich Khone unterhalten wollte. Was noch wichtiger war, sie beabsichtigte, Fragen zu stellen. Doch fiel es ihr außerordentlich schwer, diese Fragen in Worte zu kleiden, da sie offenbar zu einer Sorte gehörten, die ihre Spezies noch nie vorgebracht hatte.

Conway kannte viele Mitgliedspezies der galaktischen Föderation, deren Standpunkte und Verhaltensmuster äußerst fremd und für einen Terrestrier sogar häufig abstoßend waren, und das selbst für einen terrestrischen Arzt mit reicher extraterrestrischer Erfahrung wie ihm selbst. Deshalb konnte er sich umgekehrt gut vorstellen, welche enorme Mühe sich Khone nun geben mußte, um diesen schrecklichen Außerplanetarier zu verstehen, der sich — neben seinen weiteren merkwürdigen Angewohnheiten — gar nichts dabei dachte, ein Lebewesen aus anderen Gründen als zur Paarung oder Kinderpflege zu berühren. Für ein solches Wesen, das einen derartigen Kampf mit sich selbst austragen mußte, brachte er viel Mitgefühl und auch eine Menge Geduld auf.

In einer der scheinbar endlosen Pausen versuchte er, das Gespräch voranzutreiben, indem er die Schuld für das, was geschehen war, auf sich nahm. Khone tat die Entschuldigung allerdings mit der Bemerkung ab, daß es, wenn die Außerplanetarier die Katastrophe nicht heraufbeschworen hätten, durch irgendeine unglückliche Verkettung gogleskanischer Ereignisse sowieso dazu gekommen wäre. Dann berichtete sie ausführlich von dem angerichteten Schaden. Der werde zwar mit der Zeit behoben, und auch das zerstörte Schiff werde man neu bauen, doch wäre sie nicht einmal überrascht, wenn noch vor Beendigung der Arbeiten wieder ein ähnliches Unglück über die Gogleskaner hereinbrechen würde.

Wie sie weiterhin ausführte, verlören sie mit jedem Gruppenzusammenschluß ein wenig mehr an Boden, bliebe ihnen immer weniger von ihrer Technologie übrig — so primitiv diese nach den Maßstäben von Außerplanetariern auch sein mochte —, so daß selbst die geringen Fortschritte, die sie hatten erzielen können, langsam, aber sicher zunichte gemacht würden. Nach den Geschichten, die von Generation zu Generation weitergegeben worden seien, und nach den Fragmenten der Geschichtsschreibung zu urteilen, die die regelmäßigen Selbstzerstörungsorgien überlebt hätten, sei dies schon immer so gewesen, schloß Khone ihre Ausführungen.

„Falls in irgendeiner Weise geholfen werden kann, sei es nun durch Informationen, Ratschläge oder durch medizinische Mittel oder Geräte, ist nichts weiter als eine einfache Bitte nötig, um all das zur Verfügung zu stellen“, schlug Conway im unpersönlichen Sprachstil der Gogleskaner vor.

„Der Wunsch lautet, daß unsere Spezies von dieser Last befreit wird“, entgegnete Khone nachdenklich. „Die erste Bitte erstreckt sich auf Informationen.“

Da Khone die gestrigen Vorfälle so gnädig verziehen hatte, störte es sie wahrscheinlich nicht allzusehr, wenn Conway die lästigen sprachlichen Feinheiten wegließ, die immerhin einen Teil der Barriere zwischen ihnen ausmachten. „Sie können mir jede Frage zu jedem Thema stellen, ohne dabei befürchten zu müssen, mich zu kränken“, sagte er.

Zwar zuckten Khones Haare, als sie so direkt angesprochen wurde, trotzdem antwortete sie prompt. „Es werden Informationen über andere außerplanetarische Spezies aus Ihrem Erfahrungsschatz erbeten, die ähnliche Probleme haben, wie sie auf Goglesk bestehen. Besonderes Interesse besteht dabei natürlich an denjenigen Spezies, die diese Probleme bereits gelöst haben.“

Auch die Ärztin war in ihrer Formulierung ein bißchen weniger unpersönlich geworden. Conway staunte über die Mühe, die es die Gogleskanerin gekostet haben mußte, ihre lebenslange geistig-seelische Ausrichtung zu durchbrechen oder zumindest an dieser ein wenig zu kratzen. Das Problem war nur, daß er die verlangten Informationen nicht besaß.

Um sich Zeit zum Nachdenken zu verschaffen, beantwortete er die Frage nicht direkt, sondern beschrieb einige der ausgefalleneren Lebensformen, aus denen sich die Föderation zusammensetzte — allerdings nicht so, wie er sie ihr noch vor kurzem beschrieben hatte. Jetzt stützte er sich auf seine im Hospital gemachten Erfahrungen und schilderte die Aliens als Patienten, die sich bei einer unglaublichen Vielfalt an Krankheiten im Orbit Hospital operieren oder behandeln lassen mußten. Er versuchte, Khone Hoffnung zu machen, wußte aber, daß er in Wirklichkeit nichts anderes tat, als Zeit zu schinden, indem er einem Wesen — das zwar eine Art Arzt war, das aber nicht einmal seine Patienten berühren konnte — Krankheitsbilder und klinische Prozeduren beschrieb. Da er nie viel davon gehalten hatte, seinen Patienten falsche Auskünfte zu erteilen, wollte er auch bei einer Arztkollegin nicht damit anfangen.

„Jedenfalls weiß ich ganz genau, daß das Problem, von dem Ihre Spezies betroffen ist, einzigartig ist“, fuhr er fort. „Wenn ein ähnlicher Fall entdeckt worden wäre, hätte man ihn in der wissenschaftlichen Literatur gründlich untersucht und diskutiert, und in einem Hospital mit vielen verschiedenen Spezies wäre er zur Pflichtlektüre für das Personal geworden.

Es tut mir leid“, entschuldigte er sich, „aber der einzige hilfreiche Vorschlag, den ich machen kann, besteht darin, daß ich die Lage auf Goglesk so genau wie möglich untersuche, und zwar unter Mitwirkung eines Wesens, das sowohl Patient als auch Arzt ist, also mit Ihnen.“

Während er auf Khones Stellungnahme wartete, hörte Conway hinter sich Wainright herankommen, der sich aber nicht in das Gespräch einmischte.

„Die Zusammenarbeit ist möglich und erwünscht, darf aber nicht mit engem Körperkontakt vonstatten gehen“, antwortete die Gogleskanerin schließlich.

Conway stieß einen erleichterten Seufzer aus. „Im Gebäude hinter mir befindet sich ein Raum zur Haltung und Beobachtung der einheimischen Tierwelt unter geringstmöglicher Einschränkung der körperlichen Bewegungsfreiheit. Zum Schutz der Beobachter ist der Raum durch eine unsichtbare, aber äußerst widerstandsfähige Wand getrennt. Wäre es unter diesen Bedingungen möglich, sich in Ihre unmittelbare Nähe zu begeben, um Ihren Körper zu untersuchen?“

„Sofern die Widerstandsfähigkeit der Wand nachgewiesen wird, ist diese unmittelbare Nähe möglich“, antwortete die Gogleskanerin vorsichtig.

Wainright räusperte sich und sagte: „Sie müssen schon entschuldigen, wenn ich mich einmische, Doktor, aber bis jetzt hat noch keine Notwendigkeit bestanden, diesen Raum zu nutzen. Deshalb lagere ich dort Brennstoffzellen. Sie brauchen mir nur zwanzig Minuten Zeit zum Aufräumen zu geben, und schon steht er Ihnen zur Verfügung.“

Während Khone und Conway langsam zur Rückseite des Gebäudes herumgingen, erklärte er ihr, daß der Raum, wie sie selbst sehen konnte, einen direkten Ausgang ins Freie besaß, der es gefangenen Lebensformen ermöglichte, nach der Freilassung schnell in die eigene Umgebung zurückzukehren. Wie Conway der Gogleskanerin versicherte, werde man in ihrem Fall natürlich keinerlei Mittel einsetzen, die ihre Bewegungsfreiheit einschränken könnten, und zudem stehe es ihr frei, jede Erörterung oder Untersuchung nach Belieben abzubrechen.

Conways Absicht war es, eine Erklärung für das Verhalten der Gogleskaner zu finden, und zwar durch eine genaue physiologische Untersuchung der Spezies unter besonderer Berücksichtigung des Schädelbereichs, der für ihn vollkommen neuartige Merkmale aufwies und der schon deshalb für die Untersuchung möglicherweise von entscheidender Bedeutung sein konnte. Natürlich hegte er keinesfalls die Absicht, Khone physische oder psychische Schmerzen zuzufügen.

„Auf ein wenig Unbehagen ist man innerlich durchaus eingestellt“, bemerkte die FOKT.

Um Khone noch mehr zu beruhigen, betrat Conway den Raum als erster, und während ihm die Gogleskanerin vom Außeneingang zusah, bewies er ihr mit Fäusten und Füßen die Widerstandsfähigkeit der Wand. Dann deutete er auf die Decke des Raums und beschrieb dabei kurz den Zweck des in beiden Richtungen arbeitenden Kommunikators und der Projektoren der nichtmateriellen Halte- und Greifvorrichtungen, wobei er Khone versicherte, diese nur mit ihrem ausdrücklichen Einverständnis einzusetzen. Anschließend ging er durch die Tür, die weiß umrandet war, damit man sie in der völlig unsichtbaren Wand sehen konnte, und gab dann der Gogleskanerin Zeit, sich an den Raum zu gewöhnen.

Inzwischen hatte Wainright die Brennstoffzellen bereits aus der für den Beobachter bestimmten Hälfte des Raums entfernt und sie durch einen 3-D-Projektor und Conways gesamte medizinische Ausrüstung ersetzt. Außerdem hatte er die Aufnahmen vom Vortag bereitgelegt sowie einige Videoaufzeichnungen mit grundlegenden Informationen, wie sie beim Erstkontakt mit fremden Spezies benutzt wurden.

„Ich werde das Ganze vom Kommunikationszentrum nebenan überwachen und aufnehmen“, sagte Wainright und blieb einen Moment im Inneneingang stehen. „Khone hat die Informationsvideos zwar schon gesehen, aber ich dachte, Sie wollen Ihr vielleicht noch einmal die fünfminütige Sequenz über das Orbit Hospital vorspielen. Falls Sie sonst noch etwas brauchen sollten, lassen Sie es mich wissen, Doktor.“

Nur durch eine dünne, durchsichtige Wand und einen Zwischenraum von etwa drei Metern — was eigentlich viel zuviel war — voneinander getrennt, blieben Khone und Conway allein im Raum zurück.

Auf Hüfthöhe legte Conway die Handfläche gegen die transparente Wand und sagte: „Bitte kommen Sie so nah wie möglich heran, und versuchen Sie, eins Ihrer Greiforgane von Ihrer Seite aus dort auf die durchsichtige Wand zu legen, wo sich meine Hand befindet. Es eilt nicht. Der Zweck des Ganzen ist, Sie an die unmittelbare Nähe zu mir zu gewöhnen, ohne wirklich Körperkontakt herzustellen.“

Während er weiterhin beruhigend auf Khone einredete, kam diese langsam immer näher, und nach mehreren Versuchen, die stets mit einem überhasteten Zurückweichen endeten, legte sie schließlich ihre Fingerbüschel von der anderen Seite der Wand gegen Conways Hand. Jetzt waren sie weniger als einen Zentimeter voneinander entfernt. Mit der freien Hand holte Conway vorsichtig den Scanner hervor und drückte ihn auf gleicher Höhe mit dem Schädel der FOKT ebenfalls an die Wand. Ohne erst gebeten werden zu müssen, preßte die Gogleskanerin ihren Kopf mit der Seite gegen die durchsichtige Oberfläche.

„Ausgezeichnet!“ rief Conway und stellte die Abtasttiefe des Scanners neu ein. „Obwohl die Physiologie der Gogleskaner Elemente aufweist, die mir völlig fremd sind, gleicht die Lebensform im großen und ganzen den übrigen warmblütigen und Sauerstoffatmenden Spezies“, erklärte er. „Die Unterschiede konzentrieren sich auf den Kopfbereich, und diese Tatsache bedarf der Untersuchung, bei der man womöglich auf eine Erklärung stößt, die eventuell keine rein physische Grundlage hat.

Kurz gesagt, wir untersuchen hier eine ziemlich normale Lebensform, die sich lediglich hin und wieder anomal verhält“, faßte er zusammen. „Wenn wir davon ausgehen, daß Verhaltensmuster durch Umwelt- und Evolutionseinflüsse geprägt werden, sollten wir mit der Untersuchung Ihrer Vergangenheit beginnen.“

Er ließ Khone einen Moment lang Zeit zum Nachdenken und fuhr dann fort: „Nach Aussage von Lieutenant Wainright, der von sich selbst mit Recht behaupten kann, ein recht guter Freizeitarchäologe zu sein, ist Ihr Planet seit der Entwicklung Ihrer noch nicht intelligenten Vorfahren beachtlich stabil gewesen. Es hat keine Veränderungen der Umlaufbahn gegeben, keine größeren seismischen Störungen und keine Eiszeiten oder irgendwelche merklichen Klimaveränderungen. All das deutet darauf hin, daß sich Ihr spezielles Verhaltensmuster, das gegenwärtig den Fortschritt Ihrer Zivilisation hemmt, als Reaktion auf eine sehr frühe Bedrohung durch natürliche Feinde entwickelt hat. Was für Feinde sind beziehungsweise waren das?“

„Wir haben keine natürlichen Feinde“, antwortete Khone prompt. „Auf Goglesk gibt es nichts, was für uns eine Bedrohung darstellt — außer uns selbst.“

Das konnte Conway nur schwerlich glauben. Er führte den Scanner zu einer der Stellen, wo ein teilweise von der Kopfbehaarung verdeckter Stachel lag, und verfolgte dann dessen Verbindung zur Giftdrüse, während ein vergrößertes Bild der Abtastung für Khone auf den Bildschirm übertragen wurde. „Das ist eine wirksame natürliche Waffe“, stellte er fest. „Dabei ist es ganz egal, ob sie zum Angriff oder zur Verteidigung gebraucht wurde, und ohne jeden Grund hätte sie sich bestimmt nicht entwickelt. Gibt es irgendwelche Erinnerungen, schriftliche oder mündliche Zeugnisse oder fossile Überreste von einer Lebensform, die derart furchtbar war, daß sie der Grund für die Entwicklung eines solch tödlichen Schutzes gewesen sein könnte?“

Wiederum lautete die Antwort nein, doch Conway mußte Wainrights Hilfe in Anspruch nehmen, um der Gogleskanerin zu erklären, was Fossilien waren. Es stellte sich heraus, daß Khone durchaus von Zeit zu Zeit Versteinerungen gesehen hatte, aber sich nicht im klaren gewesen war, worum es sich dabei handelte, oder sie nicht für wichtig gehalten hatte. Als Wissenschaft war Archäologie ihrem Volk unbekannt. Doch jetzt, wo sie wußte, was die eigenartig geformten Zeichen und Gegenstände in bestimmten Steinen bedeuteten, schien es fast wahrscheinlich, daß die Ärztin eine neue Wissenschaft auf Goglesk ins Leben rufen würde.

„Haben Sie jemals irgendwelche Träume oder Alpträume von einem derartigen Ungeheuer gehabt?“ fragte Conway, ohne von seinem Scanner aufzusehen.

„Bloß die Hirngespinste der Kindheit“, antwortete Khone rasch, wodurch sie bei Conway den Eindruck erweckte, daß sie das Thema lieber wechseln wollte. „Den Köpfen von Erwachsenen machen solche Dinge nur selten zu schaffen.“

„Aber wenn Sie hin und wieder solche Träume haben“, hakte Conway nach, „ist es dann möglich, sich an sie zu erinnern und die Kreatur oder die Kreaturen zu beschreiben?“

Fast eine volle Minute verging, bis die Gogleskanerin darauf antwortete, und in dieser Zeit war auf Conways Scanner ein merkliches Anschwellen der Muskeln rings um die Giftblase und an den Wurzeln der Stacheln zu beobachten. Ganz offensichtlich war er in einen äußerst sensiblen Bereich vorgedrungen, und die ausstehende Antwort würde von großer Bedeutung sein.

Doch die von Khone erteilte Auskunft sollte enttäuschend ausfallen und nur weitere Fragen aufwerfen.

„Es handelt sich dabei nicht um ein Lebewesen mit einer bestimmten Körperform“, sagte die FOKT. „In den Träumen herrscht ein Gefühl großer Gefahr, einer gestaltlosen Bedrohung durch eine sehr flinke wilde Bestie vor, die beißt, zerreißt und verschlingt. Das ist eine Wahnvorstellung, die die Kinder ängstigt, und der Gedanke daran beunruhigt die Erwachsenen. Die Kinder können ihren Ängsten freien Lauf lassen und sich zusammenschließen, damit sie sich wohler fühlen, weil sie noch nicht die körperliche Kraft besitzen, um in ihrer Umgebung größere Schäden zu verursachen. Aber Erwachsene müssen solche destruktiven Gemütsverfassungen vermeiden und sich sowohl körperlich als auch seelisch von anderen absondern.“

„Wollen Sie damit sagen, daß sich junge Gogleskaner nach Belieben zusammenschließen können, die erwachsenen aber nicht?“ erkundigte sich Conway verdutzt.

„Die Kinder daran zu hindern ist schwierig“, antwortete Khone. „Aber man versucht die Zusammenschlüsse einzuschränken, damit sie nicht zu einer Angewohnheit werden, die im Erwachsenenalter zu schwer abzulegen wäre. Mir ist klar, daß Sie darauf brennen, einen Zusammenschluß zu beobachten, bei dem kein Schaden angerichtet wird, doch einen Zusammenschluß von Kindern aus der Nähe zu verfolgen, ohne den betreffenden Eltern psychische Qualen zu bereiten, wodurch man wiederum einen ungewollten Zusammenschluß von Erwachsenen hervorrufen würde, wäre unmöglich.“

Conway seufzte. Khone war ihm einen Schritt voraus, denn genau danach hätte er sich als nächstes erkundigt. Statt dessen fragte er: „Hat meine Spezies denn irgendeine Ähnlichkeit mit diesem Hirngespinst aus ihrer Jugend?“

„Nein“, antwortete Khone. „Aber Ihre unmittelbare Nähe und insbesondere der Körperkontakt mit einem Gogleskaner erschienen gestern als Bedrohung. Die Ursache für die Reaktion und den Ausstoß des Notrufs war völlig instinktiv und nicht logisch bedingt.“

„Wenn wir ganz genau wüßten, was für diese eindeutige Panikreaktion, die sich auf die gesamte Spezies erstreckt hat, verantwortlich war, könnten wir versuchen, sie abzustellen. Aber was genau ist dieses Schreckgespenst eigentlich?“

Das lange Schweigen, das nun folgte, wurde von dem sich räuspernden Lieutenant unterbrochen. „Könnte es sich angesichts der ungenauen Beschreibung sowie des schnellen und lautlosen Auftauchens dieser mysteriösen Gestalt und aufgrund der Tatsache, daß das Tier seine Beute in Stücke reißt und verschlingt, nicht um einen großen, einheimischen Raubvogel aus Vorzeiten gehandelt haben?“ fragte er zögernd.

Während Conway mit dem Scanner die Nervenverbindungen zwischen den dünnen, glänzenden Fühlern inmitten der gröberen Kopfbehaarung und dem mineralienreichen Lappen am Gehirnstamm, wo sie entsprangen, abtastete, dachte er darüber nach. „Gibt es denn für ein derartiges Tier fossile Belege?“ fragte er. „Und wenn die Erinnerung daran bis in die Zeit zurückreicht, als die FOKTs noch keine Intelligenz besaßen und im Meer lebten, wäre es dann nicht möglich, daß der Lebensraum des Raubtiers nicht die Luft, sondern ebenfalls das Wasser gewesen ist?“

Einen Augenblick blieb der Kommunikator stumm; dann entgegnete Wainright: „An den wenigen Stellen, die ich untersucht habe, habe ich keinen Beweis für die Existenz großer Vögel gefunden, Doktor. Aber wenn wir ganz weit zurückgehen, und zwar bis zu der Zeit, als noch sämtliches Leben in den gogleskanischen Meeren war, dann hat es allerdings einige wirklich sehr große Tiere gegeben. Etwa dreißig Kilometer südlich von hier gibt es eine Fläche auf dem Meeresgrund, die — nach geologischen Maßstäben — erst vor ziemlich kurzer Zeit nach oben gedrückt worden ist. Wann immer ich ein paar Stunden dafür erübrigen konnte, habe ich einen Abschnitt davon, der reich an Versteinerungen ist und einst ein weit unter dem Meeresspiegel liegendes Tal gebildet hat, bis in die tiefen Schichten untersucht, um davon eine Computerrekonstruktion zu erstellen. Daraus hat sich ein äußerst verwirrendes Bild ergeben, weil ein beträchtlicher Teil der Fossilien beschädigt oder unvollständig ist.“

„Eine auf seismische Aktivitäten zurückzuführende Verzerrung meinen Sie?“ fragte Conway.

„Möglicherweise“, antwortete der Lieutenant skeptisch. „Aber nach meiner Vermutung wurde die Verzerrung erst durch eine Aktivität in unserer Zeit hervorgerufen. Das Band liegt auf meinem Zimmer, Doktor. Soll ich es holen? Ich meine, dann könnten wir feststellen, ob diese Bilder, so verwirrend sie auch für mich sind, dem Gedächtnis unserer Freundin auf die Sprünge helfen.“

„Ja, bitte“, stimmte Conway zu, und an Khone gewandt fuhr er fort: „Können Sie mir vielleicht sagen, falls die Erinnerung daran nicht zu schmerzhaft sein sollte, wie oft Sie sich schon mit anderen Erwachsenen als Antwort auf eine wirkliche oder eingebildete Bedrohung zusammengeschlossen haben? Und sind Sie in der Lage, die körperliche, geistige und emotionale Verfassung vor, während und nach einem Zusammenschluß zu beschreiben? Ich möchte Ihnen keine Schmerzen bereiten, aber wenn eine Lösung für das Problem gefunden werden soll, ist es wichtig, den Vorgang zu untersuchen und zu verstehen.“

Daß Khone die Erinnerung Unbehagen bereitete, war offensichtlich, doch genauso klar war, daß die Ärztin nach besten Kräften mitarbeiten wollte. Vor dem gestrigen Tag, teilte sie Conway mit, habe es drei Zusammenschlüsse gegeben. Die Reihenfolge der Ereignisse sei folgende: zuerst der Unfall oder die plötzliche Überraschung oder die Gefahr für Leib und Leben, der oder die das bedrohte Wesen veranlaßte, ein akustisches Notsignal auszustoßen, das sämtliche, in Hörweite befindlichen Mitglieder der eigenen Spezies anzog und darüber hinaus in den gleichen Gefühlszustand versetzte. War ein Gogleskaner bedroht, dann war jeder andere, der sich in Hörweite befand, auch bedroht und stand unter demselben Zwang, sofort zu reagieren, sich mit den anderen zusammenzuschließen und die Bedrohung zu überwinden. Khone deutete auf das Organ, von dem das Signal erzeugt wurde, eine Membran, die unabhängig vom Atmungssystem zum Schwingen gebracht werden konnte.

Conway kam der Gedanke, daß diese Membran unter Wasser wahrscheinlich sogar noch wirkungsvoller war, aber er hörte zu eifrig zu, um Khone zu unterbrechen.

Die Gogleskanerin beschrieb nun den Eindruck erhöhter Sicherheit, sobald sich die Körperhaare der FOKTs miteinander verwoben, und das angenehme, aufregende Gefühl gesteigerter Intelligenz und erweiterten Bewußtseins, wenn sich die ersten paar Gogleskaner zusammenschlossen und geistig miteinander verschmolzen. Doch ab einem gewissen Stadium wich diese Empfindung mit jedem weiteren FOKT, der sich anschloß, und das Denken wurde zunehmend schwieriger und wirrer, bis es von dem einen, unwiderstehlichen Drang ausgeschaltet wurde, die Gruppe durch den Angriff auf alles und jeden in der Nähe zu schützen. Als einzelnes Wesen noch irgendwelche zusammenhängenden Gedanken zu fassen war dann völlig unmöglich.

„Sobald die Gefahr beseitigt worden ist oder das Ereignis vorüber ist, das zu dem Zusammenschluß geführt hat, und wenn selbst das getrübte Verständnis des Gruppenwesens keine Bedrohung mehr empfindet, löst sich die Gruppe langsam auf“, fuhr Khone fort. „Eine Zeitlang ist der einzelne geistig verwirrt körperlich erschöpft und schämt sich für sich selbs und die Zerstörung, die er zusammen mit den anderen angerichtet hat. Um als intelligente Spezies zu überleben, muß jeder Gogleskaner nach Einsamkeit streben.“

Conway gab keine Antwort. Sein Verstand mußte sich erst einmal an die plötzliche Erkenntnis gewöhnen, daß die Gogleskaner über telepathische Kräfte verfügten.

8. Kapitel

Die telepathischen Fähigkeiten der Gogleskaner waren eingeschränkt, denn der Notruf, der den Zusammenschluß auslöste, wurde nicht auf geistigem, sondern auf akustischem Weg übermittelt. Dann mußte die telepathische Verbindung durch Berührung hergestellt werden. Conway dachte dabei an die feinen, unter dem groben Kopfhaar verborgenen Fühler, von denen acht vorhanden waren, also mehr als genug, um mit den sich beim Zusammenschluß dicht aneinanderdrängenden FOKTs telepathischen Kontakt zu schließen.

Wieder einmal mußte er laut gedacht haben, denn Khone stellte in sehr bestimmtem Ton klar, daß solch ein Kontakt mit einem anderen Gogleskaner äußerst schmerzhaft sei und sich die Fühler zwar direkt neben denen der anderen Gruppenmitglieder befänden, diese aber nicht berührten. Offensichtlich handelte es sich bei den Fühlern um organische Sende- und Empfangsantennen, die durch simple Induktion arbeiteten.

Doch die Schwierigkeit mit telepathischen Lebensformen — von denen es in der galaktischen Föderation mehrere gab — war, daß die Verständigung nur zwischen Mitgliedern derselben Spezies funktionierte; mit anderen Arten, deren telepathische Organe auf anderen Frequenzen arbeiteten oder die gar nicht über telepathische Fähigkeiten verfügten, kam überhaupt keine Verbindung zustande. Conway selbst hatte einige Erlebnisse mit Übertragungstelepathen gehabt — nach allgemeiner Ansicht besaßen Terrestrier latente telepathische Fähigkeiten, hatten diese aber im Laufe ihrer Entwicklung praktisch völlig abgelegt —, und die Vorstellungen, die er empfangen hatte, waren nur von kurzer Dauer gewesen und hatten bei ihm vorher geistiges Unbehagen hervorgerufen. Außerdem herrschte die allgemeine Ansicht vor, daß sich Spezies, die sich nicht durch Gedanken, sondern durch eine gesprochene und schriftlich fixierte Sprache verständigten, in den Naturwissenschaften zumeist schneller und sehr viel weiter fortentwickeln konnten.

Die Gogleskaner konnten beides und waren in ihrer kulturellen Entwicklung aus irgendeinem Grund wie angewurzelt stehengeblieben.

„Kann es als bewiesen gelten“, fragte Conway ganz vorsichtig und in sehr unpersönlichen Worten, weil er etwas Unangenehmes vorschlagen wollte, „daß der instinktive Zusammenschluß die Hauptursache des gogleskanischen Problems darstellt, da es längst keine ernsthafte Bedrohung mehr gibt und somit auch keine Notwendigkeit dazu besteht? Herrscht weiterhin darin Übereinstimmung, daß die Fühler, bei denen es sich fast mit Sicherheit um die Organe handelt, die den Zusammenschluß einleiten und die Gruppe zu einem Gruppenwesen verbinden, genau und eingehend untersucht werden müssen, wenn das Problem gelöst werden soll? Dazu reicht eine bloße Betrachtung allerdings nicht aus, und es werden vielmehr Untersuchungen notwendig sein, die eine direkte Berührung erforderlich machen. Dazu werden Messungen der Leitfähigkeit der Nerven gehören, die Entnahme von minimalen Gewebeproben, um diese zu analysieren, sowie die Anwendung äußerer Reize, um festzustellen, ob die. Khone! Keine dieser Untersuchungen ist schmerzhaft!“

Trotz dieser hastigen Beschwichtigung waren bei der Gogleskanerin Anzeichen einer wachsenden Panik zu beobachten.

„Ich weiß, daß der Gedanke an jede Art körperlicher Berührung beunruhigend ist, weil auf alles und jeden, der oder das bedrohlich wirkt, eine instinktive Reaktion erfolgt“, fuhr Conway rasch fort, nachdem ihm ein neuer Ansatz eingefallen war, der in seiner Einfachheit umwerfend war, sofern man über die körperlichen Gefahren hinwegsah. „Aber wenn sowohl auf instinktiver als auch intellektueller Ebene bewiesen würde, daß ich keine Bedrohung darstelle, könnte es Ihnen bestimmt möglich sein, diese unwillkürliche Reaktion zu überwinden. Deshalb schlage ich folgendes vor.“

Während Conway seinen Vorschlag erläuterte, kehrte Wainright zurück. Der Lieutenant stand, die Videokassette fest in der Hand umklammert, stumm da und hörte zu, bis Conway fertig war. Dann stellte er in erschrockenem Ton fest: „Sie sind verrückt, Doktor.“

Es dauerte viel länger, die Zustimmung des Lieutenant zu erhalten als die von Khone, aber letztlich setzte sich Conway durch. Wie gewünscht, holte Wainright schließlich aus den Lagerräumen eine Trage, auf die sich nun Conway legte. Dann wurde er an Füßen, Beinen, Armen und am Körper festgeschnallt, und zwar mit Riemen, die vom Lieutenant blitzschnell per Fernbedienung geöffnet werden konnten, da Wainright darauf bestanden hatte. Anschließend wurde Conway in Khones Hälfte des Beobachtungsraums geschoben. Die Trage war für die Gogleskanerin auf eine bequeme Arbeitshöhe eingestellt worden, falls sich Khone überhaupt zu einer Mitarbeit überwinden konnte.

Die Idee war folgende: Da Conway keine körperliche Untersuchung an Khone vornehmen konnte, sollte die Gogleskanerin den völlig hilflosen und zu keinem bedrohenden Verhalten fähigen Chefarzt untersuchen. Durch diesen Vorgang könnte sich die Ärztin an den Gedanken einer körperlichen Untersuchung und Erforschung gewöhnen, bis Conway selbst an der Reihe war. Doch stand schon bald fest, daß dieser Zeitpunkt noch lange nicht gekommen war.

Khone trat ohne allzu großes Unbehagen dicht an die Trage heran und ging unter Conways Anleitung mit dem Scanner ziemlich geschickt um. Allerdings traute sich Khone nur, ihn mittels des Geräts zu berühren. Conway blieb vollkommen reglos auf der Trage liegen und bewegte nur die Augen, um Khones zögernde Bewegungen zu verfolgen oder den Lieutenant zu betrachten, der auf dem Großbildschirm das Video laufen ließ.

Plötzlich spürte Conway eine Berührung, die so leicht war, daß es eine Feder hätte sein können, die auf seinen Handrücken fiel und gleich wieder abglitt. Dann wurde die Berührung wiederholt, dieses Mal aber nachdrücklicher.

Er bemühte sich, nicht einmal die Augen zu bewegen, damit Khone nicht zurückschreckte, und bemerkte deshalb aus seinem peripheren Blickwinkel ein großes Büschel steifen, gogleskanischen Haars und drei von Khones Greiforganen, die sich seitlich an seinem Kopf entlang bewegten und von denen zwei immer noch den Scanner hielten. Im Bereich der Schläfenarterie nahm er eine weitere leichte Berührung wahr; dann begann die Spitze eines Greiforgans ganz sanft die Windungen seines Ohrs zu ertasten.

Abrupt zog sich Khone zurück, und die Membrane vibrierte leicht vor unterdrückter Qual.

Conway dachte daran, welche ungeheuren inneren Kämpfe Khone mit sich selbst ausgefochten haben mußte, nur um ihn das erstemal zu berühren, und er empfand eine derart starke Bewunderung für das kleine rundliche Wesen und machte sich um die gogleskanische Spezies insgesamt solch große Sorgen, daß er eine ganze Weile Probleme hatte, überhaupt einen Ton von sich zu geben.

„Es tut mir aufrichtig leid, daß ich Ihnen derartige psychische Beschwerden bereite“, sagte Conway schließlich, „allerdings müßten die sich mit der Wiederholung der Berührungen verringern. Doch obwohl Sie wußten, daß ich Sie weder in Gefahr bringen wollte noch konnte, haben Sie hörbare Notsignale erzeugt. Mit Ihrer Zustimmung sollte die Außentür dieses Raums geschlossen werden, damit kein Mitglied Ihrer Spezies, das sich in Hörweite befindet, glaubt, Sie würden bedroht. Sonst kommt es noch womöglich hier herein, um sich mit Ihnen zusammenzuschließen.“

„Das ist verständlich und akzeptabel“, stimmte Khone dem Vorschlag sofort zu.

Auf dem Großbildschirm zeigte der Lieutenant das Video, in dem die von Tiefensonden enthüllte dichte Ansammlung von Versteinerungen zu sehen war. Dann veränderte er durch Drehen des Bildes den Blickwinkel und legte ein Maßstabgitter darüber, um das wirkliche Verhältnis von Formen und Größen sichtbar zu machen. Khone schenkte dem Bildschirm nur wenig Beachtung, weil, wie sich Conway klarmachte, eine Spezies mit einer derart primitiven Technologie nicht sofort die greifbare Realität begriff, wie sie von ein paar dünnen Linien auf einem dunklen Bildschirm repräsentiert wurde. Viel größeres Interesse bewies die Gogleskanerin hingegen für den dreidimensionalen und real existierenden Chefarzt, denn sie näherte sich ihm erneut.

Conway wiederum war brennend an den Darstellungen auf dem Bildschirm interessiert.

Während ihm Khone mit zwei Greiforganen sanft das Haar auf dem Scheitel teilte, behielt er den Bildschirm unentwegt im Auge. „Diese unvollständigen Versteinerungen sehen aus, als ob sie auseinandergerissen worden wären“, sagte er zum Lieutenant. „Wenn Sie den Computer eine diese Versteinerungen unter Verwendung der Daten, die uns über Khones Physiologie zur Verfügung stehen, rekonstruieren lassen, würde ich fast wetten, daß Sie einen deutlich erkennbaren FOKT vor der Entwicklung von Intelligenz erhalten werden. Aber was ist das da zwischen den Fossilien für eine. übergroße Pflanze?“

Wainright lachte. „Ich hatte gehofft, daß Sie mich das fragen werden, Doktor. Sie sieht wie eine entstellte Rose ohne Stiel aus, der an den Rändern einiger Blütenblätter so etwas wie Dornen oder Zähne wachsen, und riesengroß ist sie wirklich.“

„Die Form ergibt keinen Sinn“, sagte Conway leise, während die Gogleskanerin ihre Aufmerksamkeit auf eine seiner Hände richtete. „Als Meeresbewohner müßte das Tier eher Flossen als Glieder haben, aber es gibt keinerlei Anzeichen für eine in seiner Bewegungsrichtung verlaufende Stromlinienform oder auch nur für eine elementare Symmetrie rings um die.“

Er brach mitten im Satz ab, um eine Frage von Khone über das Haar auf seinem Handgelenk zu beantworten, und nahm die Gelegenheit wahr, die Gogleskanerin in ihrem tapferen Handeln noch mehr zu ermutigen, indem er ihr vorschlug, an ihm einen einfachen operativen Eingriff vorzunehmen. Dazu sollte das Entfernen eines kleinen Stücks Kopfhaut gehören sowie der Einsatz einer feinen Nadel in Verbindung mit dem Scanner, um aus einer unbedeutenden Vene in Conways Handrücken etwas Blut zu entnehmen. Er versicherte Khone, daß ihm der Eingriff keinerlei Schmerzen bereiten werde und ihm selbst eine etwas ungenau angesetzte Nadel keinerlei Schaden zufügen könne.

Bei diesem Eingriff, so erklärte er darüber hinaus, handele es sich um die Art Untersuchung, die am Orbit Hospital jeden Tag unzählige Male an vielen verschiedenen Patienten durchgeführt werde. Die spätere Analyse der entnommenen Proben sage nämlich eine ganze Menge über den Gesundheitszustand der betreffenden Patienten aus, und in vielen Fällen trügen die erhaltenen Daten zur Heilung bei.

Bei der Probenentnahme könne es kaum zu einer direkten Körperberührung kommen, weil Khone den Scanner, Tupfer, eine Schere und eine Spritze benutzen werde. Ermutigend fügte er fast beiläufig hinzu, daß es genauso selten zu einer Körperberührung kommen werde, sobald er ähnliche Untersuchungen an der Gogleskanerin vornähme.

Einen Moment lang glaubte Conway, er habe die Sache zu sehr übereilt, da Khone zurückgewichen war, bis sie direkt an der Innenseite der geschlossenen Außentür stand. Dort blieb sie, und ihr Haar zuckte, während sie offensichtlich erneut heftige innere Kämpfe ausfocht, doch dann kehrte sie langsam zur Trage zurück. Während er auf eine Antwort von ihr wartete, warf Conway einen raschen Blick auf das erstaunlich lebensechte Bild, das auf Wainrights Bildschirm allmählich Gestalt annahm.

In die Darstellung hatte der Lieutenant sowohl sämtliche Daten über die FOKTs als auch die Informationen aufgenommen, die er schon vorher über die prähistorische Vegetation auf dem Meeresboden gesammelt hatte. Die Versteinerungen, die der Computer als nur etwas kleinere Ebenbilder der heutigen Gogleskaner rekonstruiert hatte, befanden sich einzeln oder zu kleinen Gruppen zusammengeschlossen zwischen den sanft wogenden Meerespflanzen und wurden von hellem grünlichgelben Sonnenlicht bestrahlt, das durch die von Wellen gekräuselte Wasseroberfläche über ihnen hindurchdrang. Nur bei dem riesigen, rosenähnlichen Gegenstand in der Bildmitte mangelte es noch an Details. In Conways Hinterkopf nahm dazu langsam eine Idee Gestalt an, doch bevor sie sich entwickeln konnte, wurde er von Khone durch eine Frage abgelenkt.

Die Gogleskanerin interessierte sich immer noch nicht für den Bildschirm.

„Falls diese Untersuchung Schmerzen bereiten sollte, welche Gegenmaßnahme wäre dann angezeigt?“ erkundigte sie sich auf ihre zurückhaltende Weise. „Und wäre es unter den gegebenen Umständen nicht vorzuziehen, sich die Blutprobe selbst zu entnehmen?“

Ein sehr hilfsbereites, aber auch äußerst achtsames Wesen diese Khone, dachte Conway und bemühte sich, nicht zu lachen, als er antwortete: „Wenn bei einem Eingriff mit Beschwerden zu rechnen ist, wird eine gewisse Menge der Flüssigkeit, die sich in einer der mit gelben und schwarzen Schrägstreifen versehenen Phiolen befindet in die Spritze gesogen und in die entsprechende Stelle injiziert. Dabei hängt die benötigte Menge von der Zeitdauer und der zu erwartenden Stärke der Beschwerden ab.

Bei der besagten Flüssigkeit handelt es sich sowohl um ein schmerzstillendes Mittel für meine Spezies als auch um ein Muskelrelaxans“, fuhr er fort. „Doch in meinem Fall wird es bestimmt nicht benötigt.“

Während er weitere Anleitungen zur Entnahme der Blutprobe gab, erklärte er Khone, daß ein solcher Eingriff viel leichter an jemand anderem durchzuführen sei als an sich selbst. Zu diesem Zeitpunkt erwähnte er noch nicht, daß er, falls er Khone eine Blutprobe entnehmen sollte, als erstes herausfinden wollte, ob sich das gelb-schwarz markierte Medikament oder eins der ähnlichen Präparate in seiner Ausrüstung für den gogleskanischen Metabolismus überhaupt eignete. Sollte dies der Fall sein und sich eine Gelegenheit ergeben, das entsprechende Präparat zu injizieren könnte er Khone in einen derart schmerzfreien, entspannten und ruhigen Zustand versetzen, daß nachfolgende und weit vielversprechendere Untersuchungen überhaupt kein Problem mehr darstellen würden.

Durch chemische Substanzen können sich Muskeln einerseits entspannen, andererseits aber auch verkrampfen dachte Conway, nachdem er seinen Blick wieder au Wainrights Bildschirm konzentriert hatte.

Dem großen Gegenstand in der Bildmitte fehlte sowohl die Symmetrie als auch der sich wiederholende Aufbau einer Pflanze — er sah eher wie ein Blatt Papier aus, das zu einer lockeren, verdrehten Kugel zusammengeknüllt war. Aber falls dieser Gedanke tatsächlich zutraf, mußte sich das Raubtier selbst in diese Form gewunden haben. Unwillkürlich schauderte es Conway.

Das Gift der Gogleskaner war eine äußerst wirksame Substanz.

Aufgeregt sagte er zu Wainright: „Wie klingt das? Bei den versteinerten FOKTs handelt es sich um diejenigen, die den ersten Angriff des Raubtiers nicht überlebt haben. Einige von ihnen sind miteinander verbunden, was darauf hindeutet, daß sie Teil einer größeren Gruppe gewesen sind. Dieses Gruppenwesen hat das Raubtier mit allen verfügbaren Stacheln angegriffen oder sich dagegen verteidigt. Die dabei in den Körper injizierte Menge Gift muß zu vielfachen Muskelkrämpfen bei der Bestie geführt haben, die sich im Todeskampf buchstäblich selbst verknotet hat. Können Sie diesen Knoten vom Computer entwirren lassen?“

Wainright nickte, und schon bald war die verdrehte, gewundene Form in der Bildmitte von einer schwächeren Darstellung umgeben, die sich langsam entfaltete. Das mußte die Auflösung der seltsamen Form sein, dachte Conway, denn alles andere ergab keinen Sinn. Hin und wieder bat er um vergrößerte Ausschnitte vom Knochenbau des gewaltigen Fossils, und jedesmal wurde seine Theorie bestätigt. Doch der Lieutenant war mehrmals gezwungen, die Größe der sich ausbreitenden Darstellung zu verringern, da sie immer wieder über den Bildschirmrand hinauswuchs.

„Allmählich sieht das wie ein Vogel aus“, stellte Wainright fest. „Bestimmte Teile des Flügels wirken sehr zerbrechlich. Im Grunde scheint die gesamte Darstellung ausschließlich aus Flügeln zu bestehen.“

„Das kommt daher, weil die Versteinerung lediglich aus dem Skelett und der Haut besteht“, entgegnete Conway. „Die Muskeln und das Zellgewebe an den Knochen müssen vollständig verlorengegangen sein. An den Stellen, wo Sie gerade auf den Flügel zeigen. jetzt, wo Sie mich darauf gebracht haben, mir das Gebilde als Vogel vorzustellen. müßte die Flügeldicke um das Fünf- oder Sechsfache gesteigert werden. Aber bei dem Knochenbau können die Flügel unmöglich steif gewesen sein. Ich würde sagen, der Vogel hat mit den Flügeln nicht geschlagen, sondern eher wellenförmige Bewegungen gemacht und sich auf diese Weise mit großer Geschwindigkeit fortbewegt. Und sehr interessant ist dieser seitliche Spalt an den vorderen Flügelkanten. Die erinnern mich an die Ansaugöffnungen bei den alten Düsenflugzeugen, nur daß diese Öffnungen hier Zähne haben.“

Er sprach nicht weiter, weil Khone zögernd mit der Spritze in seinen Handrücken stach. Zum erstenmal konnte Conway nachvollziehen, was Patienten durchzustehen hatten, die sich in den Händen eines auszubildenden medizinisch-technischen Assistenten befanden.

„Die Flügelgelenke am Körper deuten darauf hin, daß die Mäuler an den Flügelvorderkanten beim Schwimmen auf- und zugemacht worden sind und dabei alles verschlungen haben, was ihnen in den Weg gekommen ist. Die aufgenommene Nahrung ist dann durch zwei Speiseröhren in den Magen gelangt, der sich in dem zylindrischen Wulst entlang der Mittellinie befunden hat“, fuhr Conway fort, als die Gogleskanerin endlich die richtige Vene gefunden hatte. „Die Vorderkanten der Flügel waren durch eine dickere Haut geschützt, die wahrscheinlich nicht von Stacheln durchstochen werden konnte, und der Magen war vermutlich imstande, das Gift der FOKTs zu verarbeiten, obwohl es tödlich ist, wenn es durch weichere Hautbereiche direkt in die Blutbahn gespritzt wird.

Die einzige Gegenwehr, die die FOKTs leisten konnten, bestand darin, sich miteinander zu verbinden und sich dem Vogel als festgefügter Wall in den Weg zu stellen“, fuhr er aufgeregt fort. „Ziemlich viele von ihnen mußten sterben, bevor sich das Gruppenwesen um das Raubtier zusammenzog und es zu Tode stach. Das läßt sich aus der unvollständigen Versteinerung entnehmen. Aber wie der Raubvogel als Ganzes auf die Gruppenmitglieder gewirkt haben muß, während sie geistig mit ihren sterbenden Freunden verbunden waren, daran möchte ich lieber gar nicht erst denken.“

Innerlich schauderte ihm bei der Vorstellung, wie die FOKTs alle gelitten haben und jedesmal fast gestorben sein mußten, wenn einer aus der Gruppe umgekommen war. Und falls die Angriffe dieses Raubtiers regelmäßig vorgekommen waren, hatten sie das viele Male durchgemacht. Noch schlimmer war, daß sie durch die Erinnerung früherer Überlebender bereits alle wußten, was ihnen bei einem Angriff bevorstand — all die Angst und die Qualen und das ständig miterlebte Sterben anderer.

Zuletzt begriff Conway auch die Schwere der Rassenpsychose, von der die gesamte gogleskanische Spezies ergriffen worden war. Als Individuen fürchteten und haßten die FOKTs den Zusammenschluß und jede unmittelbare körperliche oder geistige Berührung oder Zusammenarbeit, die zu einer möglichen Verbindung zur Gruppe führte. Sich unterbewußt zusammenzuschließen bedeutete, erinnerte Qualen erneut durchleben zu müssen, Qualen, die nur durch blinde Zerstörungswut gelindert werden konnten, die wiederum die Fähigkeit, zu denken oder die eigenen Handlungen zu kontrollieren, auslöschten. Die Angst der FOKTs vor dieser bestimmten Raubtierart mußte ungeheuer gewesen sein, und obwohl ihr alter Feind entweder ausgestorben war oder immer noch im Meer lebte, waren sie nicht in der Lage gewesen, ihn zu vergessen oder eine weniger unsinnige Methode der Selbstverteidigung zu entwickeln.

Das Hauptproblem bestand nun darin, daß der Schutzmechanismus selbst Jahrtausende nach dem Zeitpunkt, als er zwingend notwendig gewesen war, heute noch immer so überempfindlich reagierte, daß er nicht nur durch eine tatsächliche, sondern auch durch eine eingebildete oder eventuelle Bedrohung ausgelöst werden konnte.

Endlich war Khone mit der Entnahme der Blutprobe fertig. Conways Handrücken fühlte sich zwar wie ein Nadelkissen an, doch sagte er über den ersten chirurgischen Eingriff der gogleskanischen Ärztin an einem Außerplanetarier nur äußerst Schmeichelhaftes, wobei er jedes einzelne Wort durchaus ernst meinte. Während Khone den Inhalt der Spritze vorsichtig in eine sterile Phiole füllte, blickte Conway erneut auf den Bildschirm.

Das Raubtier war jetzt vollständig ausgebreitet, und der Lieutenant hatte die Vergrößerung wiederum reduziert, damit die Darstellung in den Bildschirmrahmen paßte. Außerdem hatte Wainright sämtliche verfügbaren Daten und Theorien über die Färbung, die wahrscheinliche Fortbewegungsart und die mit den Flügelschlägen übereinstimmenden Bewegungen des Munds und der Zähne aufgelistet. Langsam drängte sich dann etwas in die Mitte des Großbildschirms: eine gewaltige und schreckliche dunkelgraue Gestalt von mehr als acht Metern Durchmesser, die wie ein gigantischer terrestrischer Stachelrochen schwerfällig mit den Flügeln schlug und alles, was sich in ihrem Weg befand, verschlang, zerriß und auffraß.

Das also war der Alptraum der Gogleskaner aus ihrer vorgeschichtlichen Vergangenheit, und die Körper der rekonstruierten versteinerten FOKTs stellten sich jetzt nur noch als winzige Farbtupfer am unteren Bildschirmrand dar.

„Wainright!“ rief Conway in eindringlichem Ton. „Schalten Sie sofort das Bild ab!“

Doch es war bereits zu spät. Khone hatte sich nach beendeter Arbeit sofort dem Bildschirm zugewandt — und war nun mit der dreidimensionalen Darstellung einer sich bewegenden und scheinbar lebendigen Kreatur konfrontiert worden, die bis dahin nur in ihrem Unterbewußtsein existiert hatte. In der beschränkten Größe des Raums war ihr Notruf von ohrenbetäubender Lautstärke.

Während die Gogleskanerin etwa einen Meter von der Trage entfernt umhertaumelte, verfluchte Conway seine eigene Dummheit. Als die Darstellung nicht viel mehr als eine Anhäufung dünner Linien gewesen war, hatte Khone nur wenig Interesse gezeigt, da ihr die Erfahrung fehlte, die dreidimensionale Realität zu erfassen, die durch die Linien dargestellt wurde. Aber das letzte Bild des Lieutenant war zu realistisch gewesen, als daß es irgendein Gogleskaner hätte betrachten können, ohne dabei durchzudrehen.

Conway sah den rundlichen Körper der FOKT auf sich zukommen und an sich vorbeitorkeln. Die vielfarbigen Haare standen ihr zu Berge und zuckten, die vier Stacheln waren in voller Länge aufgerichtet, aus den Spitzen rannen Gifttröpfchen, doch der von der Membran erzeugte Laut schien etwas weniger ohrenbetäubend geworden zu sein. Conway blieb vollkommen reglos liegen und folgte Khone nicht einmal mit den Augen, als sie sich erst entfernte und dann wieder an die Trage zurückkehrte.

Die verminderte Lautstärke des Notrufs war ein klarer Beweis, daß Khone gegen ihren Instinkt anzukämpfen versuchte, und Conway mußte ihr dabei auf die einzig mögliche Weise helfen, indem er sich absolut regungslos verhielt. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie die Gogleskanerin stehenblieb, wobei sich einer ihrer Stacheln nur Zentimeter neben seinem Gesicht befand und das steife, borstige Haar seinen Overall streifte. Er konnte ihren Atem spüren, der sanft über seine Stirn strich, und er nahm den schwachen Pfefferminzduft wahr, der offenbar ihr Körpergeruch war. Ob Khone aus Angst vor der Darstellung des Lieutenant zitterte oder aus Unschlüssigkeit, ob sie angreifen sollte oder nicht, konnte er nicht sagen.

Wenn er sich absolut still verhielt, sagte er sich verzweifelt, dürfte er für Khone keine Bedrohung darstellen. Rührte er sich jedoch, das wußte er mit einer furchtbaren Sicherheit, dann würde ihn die Gogleskanerin instinktiv stechen, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. Doch an dem Verhaltensmuster der FOKTs gab es noch eine andere Seite, die er vollkommen vergessen hatte.

Zwar griffen sie Feinde blind an, aber jedes Lebewesen, das keine Bedrohung darstellte und es geschafft hatte, in solch unmittelbarer körperlicher Nähe zu bleiben wie Conway, mußte ein Freund sein.

Und in Momenten wie diesem schlossen sich Freunde zusammen.

Plötzlich bemerkte Conway, wie die Borsten an seinem Overall kratzten und sich im Schulter- und Nackenbereich in den Stoff zu schlängeln versuchten. Zwar befand sich der Stachel immer noch unangenehm dicht neben seinem Gesicht, doch irgendwie wirkte er weniger bedrohlich, und deshalb blieb Conway vollkommen reglos. Da erblickte er ganz deutlich einen der langen, dünnen Fühler, der sich nur wenige Zentimeter über seinem rechten Auge bewegte und sich ihm federleicht auf die Stirn legte.

Wie er wußte, schlossen sich die Gogleskaner sowohl geistig als auch körperlich zusammen, doch für die telepathische Verbindung sah er noch geringere Erfolgsaussichten als für die körperliche.

Er irrte sich.

Mit einem starken, nicht zu ortenden Jucken im Kopf fing es an, und wenn seine Hände und Arme nicht festgeschnallt gewesen wären, hätte er wie rasend mit den Fingern in den Ohren herumgestochert. Außerdem war er sich eines unerträglichen Durcheinanders von Geräuschen, Bildern und Gefühlen bewußt, die nicht seine eigenen waren. Dieselbe Empfindung hatte er schon oft nach der Speicherung extraterrestrischer Physiologiebänder im Orbit Hospital gehabt, doch in den Fällen waren die fremden Eindrücke logisch zusammenhängend und geordnet gewesen. Jetzt hatte er das Gefühl, auf einem Fernseher, bei dem die Steuerung des Kanalwählers nicht richtig funktionierte, einen 3-D-Film mit Sinnessteigerung zu sehen. Die hellen, aber chaotischen Bilder und Eindrücke wurden immer intensiver, und er wollte die Augen schließen, weil er hoffte, daß sie dann verschwinden würden; aber er wagte nicht einmal zu blinzeln.

Auf einmal veränderten sich die Bilder nicht mehr, die Empfindungen waren scharf und deutlich, und ein paar Sekunden lang wußte Conway, wie es war, ein äußerst einsames und geistig verzweifeltes Lebewesen wie ein erwachsener Gogleskaner zu sein. Die große Intelligenz und Sensibilität von Khones Verstand flößte ihm Ehrfurcht ein, und er war sich der vielen verschiedenen Arten bewußt, auf die ihn die Ärztin eingesetzt hatte, um die geisteszerstörende Ausrichtung zu bekämpfen und auszuschalten, die die Evolution der gogleskanischen Spezies auf gezwungen hatte. Dabei handelte es sich um Überlegungen, die Khone allesamt angestellt hatte, lange bevor das Monitorkorps oder er selbst auf Goglesk eingetroffen waren.

Weil sein Geist mit Khones verschmolzen war und die Ärztin keine Zweifel hatte, wußte auch Conway genau, daß ihr Verstand, was die Auffassungsgabe der FOKTs betraf, nichts Außergewöhnliches war. Doch an ihrer hohen Intelligenz konnte er lediglich über die langsame, unpersönliche und undeutlich artikulierte Sprache teilhaben, und zu einer wirklichen Geistesverschmelzung kam es nur in der kurzen Zeitspanne zwischen dem Beginn des Zusammenschlusses und der geistigen Abstumpfung und Verwirrung, die unmittelbar darauf folgte. Seine Bewunderung für Khone, die einer Spezies angehörte, deren Mitglieder nur mit höchstem Widerwillen Individualisten waren, wuchs dabei fast ins Unermeßliche.

Die Gedanken, die wir miteinander austauschen, verlieren weder an Schärfe noch an Genauigkeit.

Die Worte, die sich in Conways Kopf bildeten, waren von Gefühlen wie Freude, Dankbarkeit und Neugier begleitet, und von Hoffnung.

Durch die Herstellung der geistigen Verschmelzung zwischen Ihren Mitwesen muß ein bestimmter Bereich des endokrinen Drüsensystems angeregt werden, der die gesamte Gehirntätigkeit desensibilisiert, wahrscheinlich um die in der Vorgeschichte erlittenen Qualen nach einem Zusammenschluß und bei Angriff eines Raubtiers zu lindern. Doch ich bin kein Gogleskaner, deshalb fehlt mir auch der Mechanismus, der mich unempfindlich macht. Jedenfalls sollte unverzüglich eine genaue Untersuchung der entsprechenden endokrinen Drüse vorgenommen und diese isoliert werden. Und falls ein operativer Eingriff angezeigt sein sollte…

Zu spät bemerkte er, wohin ihn dieser Gedankengang führte und welche weitreichenden — und für Khone erschreckenden — Assoziationen er eröffnete. Unter gewaltigen geistigen Anstrengungen hatte sich die Gogleskanerin auf die unmittelbare Nähe und den Körperkontakt mit einem Außerplanetarier eingestellt, und Conway wußte ganz genau, was für eine Mühe das gemacht hatte. Aber jetzt teilte die Ärztin Conways Geist, teilte seine Gedanken, Gefühle und Erfahrungen mit Lebewesen, die am Orbit Hospital arbeiteten oder dort geheilt worden waren und die den im Meer lebenden Alptraum aus der gogleskanischen Vergangenheit im Vergleich wie ein Haustier aussehen ließen.

Das konnte Khone nicht verkraften, und ihr Notsignal, das im Laufe der letzten paar Minuten leiser geworden war, brach wieder in voller, verzweifelter Lautstärke hervor. Doch das kleine Wesen hielt den Kontakt trotz des fremden Alptraums aufrecht, den ihr telepathischer Fühler empfing, und Conway litt mit ihr.

Er bemühte sich, etwas Beruhigendes zu denken, versuchte, sowohl den Verstand der Gogleskanerin als auch den eigenen zu einem geistigen Themenwechsel zu bringen. Zwar hatte er mehrmals geblinzelt, sich aber ansonsten nicht gerührt, und er glaubte — oder hoffte vielmehr —, daß ihn Khone weiterhin als ein regungs- und hilfloses Wesen behandeln würde, das keine Bedrohung darstellte. Doch war das nur die eigene Einbildung oder hatte sich Khones Aussehen tatsächlich auf einmal verändert?

Das steife, vielfarbige Haar zeichnete sich klarer ab, und der Stachel, der Conway am nächsten war, hatte neue Glanzpunkte entwickelt. Einen Moment lang bekam er noch größere Angst als Khone. Da bemerkte er, was gerade vor sich ging.

„Nein, nicht.!“ rief er so laut, wie er ohne Lippenbewegungen konnte. Doch die Membran der Gogleskanerin vibrierte zu heftig, als daß ihn Wainright gehört hätte.

„Ich habe die Außentür geöffnet, Doktor“, schrie der Lieutenant, der die Lautstärke des Kommunikators aufgedreht hatte, damit er durch den von Khone veranstalteten Lärm zu hören war. „Ich öffne Ihre Riemen, jetzt! Laufen Sie nach draußen!“

„Ich befinde mich nicht in Gefahr“, rief Conway, aber seine Stimme wurde von dem ohrenbetäubenden Notsignal und den übermäßig verstärkten Ausrufen des Lieutenant verschluckt. Gelogen hatte er sowieso, denn als sich die Riemen geöffnet hatten, schwebte er sogar in furchtbarer Gefahr.

Er konnte sich wieder bewegen, war nicht mehr hilflos und stellte daher für Khone eine potentielle Bedrohung dar.

In dem Augenblick, bevor sich der Fühler zurückzog, wußte er zwar, daß ihn Khone nicht stechen wollte, doch bei einer reinen Reflexhandlung machte das überhaupt keinen Unterschied'. Während er sich verzweifelt auf den Boden rollte, spürte er in der Schulter den dumpfen Stich der stumpfen Stachelspitze. Als er wegzukriechen versuchte, hatte sich einer der Knöchel

in den Fußriemen verheddert, und ein weiterer Stich riß ihm den Overall auf und ritzte ihn am Oberschenkel. Erneut versuchte er, zur Außentür zu kriechen, aber erst bekam er einen Krampf im rechten Arm und dann im linken Bein. Zu keiner Bewegung fähig, fiel er auf die Seite und landete mit dem Gesicht zur durchsichtigen Trennwand auf dem Boden. Die beiden betroffenen Gliedmaßen schienen in hellen Flammen zu stehen.

Nun befiel der Krampf auch die Muskeln im Nacken und im Bereich des Schulterblatts, und das Feuer breitete sich vom Einstich in der Hüfte bis zu den Bauchmuskeln aus. Ängstlich fragte er sich, ob das Gift auch die nicht dem Willen unterworfenen Muskeln in Mitleidenschaft ziehen würde, insbesondere diejenigen, die zur Funktion von Herz und Lunge erforderlich waren. Sollte das der Fall sein, hatte er nicht mehr lange zu leben. Die Schmerzen waren dermaßen stark, daß ihn der Gedanke an den Tod nicht so sehr erschreckte, wie er es eigentlich erwartet hätte. Voller Verzweiflung versuchte er, sich etwas einfallen zu lassen, was er noch vor dem Ohnmächtigwerden tun könnte.

„Wainright…“, stammelte er mit schwacher Stimme.

Khones Notruf war leiser geworden, und die Ärztin hatte keinen weiteren Versuch unternommen, ihn zu stechen — offensichtlich stellte Conway keine Bedrohung mehr für sie dar. Etwa einen Meter von ihm entfernt stand die Gogleskanerin, deren Haar von den flach am Kopf anliegenden Stacheln hin- und herbewegt wurde. Sie sah wie ein harmloser bunter Heuhaufen aus. Conway versuchte es noch einmal.

„Wainright“, sagte er langsam und mit Mühe. „Die gelb-schwarze Phiole. Injizieren Sie mir den gesamten Inhalt.“

Aber der Lieutenant befand sich nicht mehr auf der anderen Seite der Trennwand, und die Verbindungstür war immer noch geschlossen. Vielleicht hatte Wainright vor, um das Gebäude herum zur Außentür zu eilen und Conway nach draußen zu ziehen, aber er schaffte es nicht mehr, sich herumzudrehen, um nachzusehen. Allmählich fiel es ihm schwer, überhaupt noch etwas zu sehen.

Bevor er ohnmächtig wurde, bemerkte er noch regelmäßige Helligkeitsschwankungen in der Beleuchtung, die ihn an etwas erinnerten. Eine große Energiebelastung, dachte er mit letzter Kraft, wie man sie braucht, um einen Funkspruch durch den Hyperraum zu senden.

9. Kapitel

Als er aus dem ungewohnten Blickwinkel des Patienten zu den Displays aufblickte und das angenehme Gefühl genoß, seine von den qualvollen Krämpfen befreiten Gliedmaßen in voller Länge ausgestreckt zu haben, gewann Conway den Eindruck, an jedes Meß- und Überwachungsgerät in der Anlage angeschlossen zu sein, das zur Verfügung stand. Er bewegte die Augen und erblickte Prilicla, der ihn von der Decke aus aufmerksam betrachtete, sowie Murchison und Naydrad, die auf der einen Seite am Bett standen und ebenfalls auf ihn heruntersahen. Zwischen ihnen befand sich ein auf einem langen, röhrenförmigen Stiel sitzendes großes Auge, das Danalta in derselben Absicht voll ausgefahren hatte.

Conway befeuchtete sich die Lippen und fragte: „Was ist denn passiert?“

„Das ist eigentlich erst die zweite Frage“, entgegnete Murchison. „Die erste lautet stets: Wo bin ich?“

„Ich weiß, wo ich bin, verdammt noch mal. Auf dem Unfalldeck der Rhabwar. Und warum bin ich immer noch an dieses Ding angeschlossen? Du kannst doch bestimmt sehen, daß die Biosensoren ein optimales Niveau aller Lebensfünktionen anzeigen. Was ich wissen will, ist, wie ich hierhergekommen bin.“

Die Pathologin atmete schwach durch die Nase aus. „Das Denken und das Gedächtnis sind offensichtlich nicht beeinträchtigt worden, und du, braust genauso leicht auf wie immer. Aber du mußt dich ausruhen. Die Wirkung des gogleskanischen Gifts ist zwar neutralisiert worden, aber trotz der Displayanzeigen bist du körperlich noch merklich erschöpft und könntest aufgrund eines schweren geistigen Traumas durchaus noch einen verspäteten Schock erleiden. Darum ist äußerste Ruhe angezeigt, und zwar wenigstens so lange, bis wir ins Hospital zurückgekehrt sind und dich dort einer gründlichen Gesamtüntersüchung unterzogen haben.

Und glaub bloß nicht, du könntest mir gegenüber den Chefarzt spielen,

nur um aus dem Bett zu kommen“, fuhr sie mit säuselnder Stimme fort, als Conway in genau dieser Absicht den Mund öffnete. „Diesmal bist du der Patient und nicht der Arzt, Doktor.“

„Dies ist ein guter Augenblick, um uns zurückzuziehen und es Ihnen zu ermöglichen, die Ruhe zu finden, die Sie brauchen, mein Freund“, warf Prilicla an dieser Stelle ein. „Wir sind alle sehr erleichtert und freuen uns, daß Sie sich auf dem Weg der Besserung befinden, und ich glaube, es wäre weniger anstrengend für Sie, wenn wir jetzt alle hinausgehen, damit Freundin Murchison Ihre Fragen allein beantworten kann.“

Der GLNO eilte an der Decke entlang auf den Eingang zu, Naydrad murmelte irgend etwas vor sich hin, das der Translator nicht übersetzte, und folgte dem Empathen. Danalta zog den Augenstiel ein, verfestigte sich zu einer dunkelgrünen, ungleichmäßigen Kugel und rollte hinterher. Schweigend und mit mehr Konzentration, als die Arbeit normalerweise verdiente, nahm Murchison dem Chefarzt die überflüssigen Biosensoren ab und schaltete die Monitore aus.

„Was ist denn nun passiert?“ fragte Conway leise. Als er keine Antwort erhielt, fuhr er fort: „Dieses Gift. Ich habe versucht, mich selbst zu verknoten. Wainright sollte mir das Muskelrelaxans injizieren, aber er war nicht da. Dann, glaube ich mich zu erinnern, wurde das Licht schwächer, und ich wußte, daß er den Hyperraumfünk benutzte. Aber ich habe nicht damit gerechnet, auf derRhabwar aufzuwachen.“

… oder überhaupt wieder aufzuwachen, fügte er in Gedanken hinzu.

Noch immer ohne ihn anzublicken, erklärte Murchison, daß das Ambulanzschiff gerade mit der kompletten Besatzung an Bord direkt außerhalb der Sprungdistanz zum Orbit Hospital neue Geräte getestet habe. Da ihnen die genauen Koordinaten von Goglesk bekannt gewesen seien, als der Hyperraumfunkspruch des Lieutenant einging, hätten sie mit startbereiter Landefähre in unmittelbarer Nähe des Planeten in den Normalraum eintreten können, und seien so in der Lage gewesen, Conway in etwas weniger als vier Stunden zu erreichen.

Als sie ihn gefunden hätten, habe er immer noch versucht, sich zu verknoten, doch seien die Muskelkrämpfe durch die Verabreichung einer starken Dosis des Relaxans DM82 wesentlich verringert worden. Dadurch hätten sich die Verkrampfungen in Grenzen gehalten, so daß er sich keine Knochen gebrochen oder irgendwelche Muskeln oder Sehnen gerissen habe. Er habe sehr großes Glück gehabt.

Conway nickte und entgegnete mit ernster Stimme: „Also hat es der Lieutenant tatsächlich noch geschafft, mit dem Muskelrelaxans rechtzeitig zu mir zu gelangen. Ich würde sagen, keine Sekunde zu spät.“

Murchison schüttelte den Kopf. „Es war die einheimische Gogleskanerin namens Khone, die dir das DM82 verabreicht hat. Nachdem sie dich um ein Haar umgebracht hätte, hat sie dir das Leben gerettet! Als wir dich von dort fortgeschafft haben, hat sie uns ständig von weitem gefragt, ob du auch wirklich wieder gesund wirst, und erst damit aufgehört, als die Einstiegsluke geschlossen war. Da hast du dir ja eine merkwürdige Freundin angelacht, Doktor.“

„Um mir diese Spritze zu geben, mußte sie sich psychisch ungeheuer anstrengen, vielleicht mehr, als ich es unter den gleichen Umständen gekonnt hätte“, merkte Conway an. „Wie nah ist sie denn an euch herangekommen, als ihr mich zur Landefähre gebracht habt?“

Murchison überlegte einen Augenblick lang und antwortete dann: „Als Lieutenant Haslam, der die Fähre geflogen hat, und ich von Wainright an der Schleuse empfangen wurden, hat sie sich uns bis auf etwa zwanzig Meter genähert. Als dann Naydrad, Prilicla und Danalta mit der Trage herausgekommen sind, wurde sie immer unruhiger und hat sich ungefähr auf die doppelte Entfernung zurückgezogen. Wainright hat uns erzählt, was zwischen dir und Khone alles vorgefallen ist. Natürlich haben wir nichts getan oder gesagt, was von ihr als feindlicher Akt ausgelegt werden konnte. Ehrlich gesagt hätte ich ihr für das, was sie dir angetan hat, trotzdem gerne einen Tritt in das Körperteil gegeben, wo sich bei ihr der Musculus glutaeus maximus befindet. Vielleicht hat sie einfach Angst vor der Strafe gehabt.“

„So gut, wie ich Khones Gefühle kenne, hätte sie die Strafe gerne auf sich genommen“, erwiderte Conway mit ernster Miene. Erneut atmete Murchison durch die Nase aus und setzte sich auf die Bettkante, wobei sie sich Conway mit dem Gesicht zuwandte und sich mit den Händen auf der Decke neben seinen Schultern abstützte. Auf ihrem Gesicht war nun auch nichts mehr von der kühlen Sachlichkeit zu sehen, und mit zittriger Stimme sagte sie: „Verdammt, Doktor, du hast dich beinahe umgebracht.“

Plötzlich hatten sich ihre Arme um ihn geschlungen, und ihr Gesicht befand sich nah an seinem. Ohne zu überlegen, zog Conway schnell den Kopf weg. Mit einem überraschten Blick richtete sich Murchison auf.

„Ich. ich bin heute nicht ganz auf dem Posten“, entschuldigte er sich. Wiederum ohne nachzudenken, hatte er sich der stehenden Redewendung bedient, die am Orbit Hospital die annehmbare Entschuldigung für merkwürdiges oder uncharakteristisches Verhalten darstellte.

„Du meinst, daß du ein Schulungsband im Kopf gespeichert hast und dich O'Mara nach Goglesk geschickt hat, ohne es zu löschen?“ fauchte Murchison ihn wütend an. „Was ist es denn, ein Tralthaner, ein Melfaner? Ich weiß, beide Spezies finden den Körper einer terrestrischen Frau alles andere als begehrenswert. Oder bist du freiwillig mit einem Schulungsband im Kopf in den Urlaub gegangen? Toller Urlaub!“

Conway schüttelte den Kopf. „Es ist kein Physiologieband, und O'Mara hat nichts damit zu tun. Ich hatte mit Khone einen sehr engen und ziemlich intensiven telepathischen Kontakt. Das ist ganz unvermutet passiert, ein Unfall, aber die gogleskanische FOKT-Klassiffkation besitzt einige außergewöhnliche Verhaltensmerkmale, und dazu gehört auch.“

Bevor sich Conway zurückhalten konnte, beschrieb er schon die Gesamtsituation auf Goglesk und seine Erlebnisse mit Khone und vor allem mit dem Gruppenwesen, das eine ganze Stadt zerstört hatte. Als eine der führenden Pathologinnen des Hospitals, über der nur noch der große Thornnastor höchstpersönlich stand, hätte diese Schilderung eigentlich Murchisons fachliches Interesse erregen müssen. Das sollte zwar auch noch kommen, doch in diesem Moment war deutlich zu erkennen, daß sie an nichts anderes dachte als an den Zustand, in dem sie Conway noch ein paar Stunden zuvor vorgefunden hatte.

„Der für mich wichtige Punkt ist, daß du niemanden an dich heranlassen willst, sofern er nicht wie ein bunter Heuhaufen aussieht“, sagte sie und versuchte dabei zu lächeln. „Als Entschuldigung ist das allemal besser als K opfschmerzen.“

Conway erwiderte das Lächeln. „Das stimmt überhaupt nicht. Körperkontakt kann jederzeit hergestellt werden, ohne einen Zusammenschluß herbeizuführen, vorausgesetzt, es steckt eine Absicht dahinter, die etwas mit Fortpflanzung zu tun hat.“ Mit der einen Hand griff er nach oben und zog Murchisons Gesicht mit sanftem Druck seiner Handfläche auf ihren Nacken zu sich herunter. „Möchtest du den letzten Satz noch mal hören?“

„Du bist äußerst geschwächt“, gab sie mit einem erleichterten Blick zu bedenken und versuchte, den Kopf unter seiner Hand herauszuziehen, wobei sie sich allerdings nicht sonderlich bemühte. Conway spreizte die Finger in ihrem Haar und ließ auch nicht los, als ihre Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. „Du bringst mir noch die ganze Frisur durcheinander“, hauchte sie ihm ins Ohr.

Conway schob ihr die andere Hand um die Hüfte. „Keine Angst. Dadurch bekommst du viel mehr Ähnlichkeit mit einem begehrenswerten Heuhaufen…“

Er hatte keinerlei Beschwerden und fühlte sich auch nicht besonders geschwächt, aber auf einmal zitterte er, als ihn der verspätete Schock von dem Zwischenfall mit Khone überkam. Plötzlich erinnerte er sich an die qualvollen Muskelkrämpfe, und erst jetzt wurde ihm bewußt, wie nah er dem Tod gewesen war. Murchison hielt ihn fest, bis das Zittern aufgehört hatte, und auch noch eine lange Zeit danach.

Daß sich der sanfte und verständnisvolle Prilicla in seiner Unterkunft zwei Decks über ihnen über die emotionale Ausstrahlung jedes Lebewesens auf dem Schiff im klaren war, wußten sie beide. Der Empath würde schon dafür sorgen, daß sie niemand störte, bis diese Art der Heilbehandlung abgeschlossen war.

Zehn Stunden später — die Rhabwar hatte es nicht nötig gehabt, auf dem Rückfug irgendwelche Rekorde zu brechen — dockte das Ambulanzschiff an der Unfallaufnahmeschleuse auf Ebene einhundertdrei an. Oberschwester Naydrad, die es mit den Bestimmungen manchmal geradezu fanatisch genau nahm, bestand darauf, Conway mit der Trage auf die Beobachtungsstation zu bringen. Conway beharrte seinerseits genauso nachdrücklich darauf, wenigstens das Verdeck zurückzuschieben und beim Transport aufrecht zu sitzen, um die terrestrischen und extraterrestrischen Kollegen zu beruhigen, die in der Einlaßschleuse warteten und sich beunruhigt nach seinem Zustand erkundigten. Murchison hatte ihn verlassen, um Thornnastor Bericht zu erstatten, und Prilicla war vorausgegangen, um den etwas ungestümen Emotionen zu entgehen, die um Conways Trage herum ausgestrahlt wurden.

Doch auf der Beobachtungsstation brauchten der leitende Arzt und sein Stab weniger als eine Stunde, um die Untersuchung abzuschließen und Conways Selbstdiagnose zu bestätigen, daß er körperlich in jeder Hinsicht in guter Verfassung war.

Wiederum eine Stunde später befand sich Conway im Büro von Major O'Mara, der sich um die körperliche Verfassung des Chefarztes keine übermäßigen Sorgen machte.

„Das ist nicht der übliche Eindruck, den die Schulungsbänder hervorrufen“, sagte der Chefpsychologe, als Conway seine Erlebnisse mit Khone beschrieben hatte. „Normalerweise sind auf einem Schulungsband ja sämtliche Gehirnströme desjenigen Wesens aufgezeichnet, von dem es zur Verfügung gestellt worden ist, und trotz der psychologischen Streiche, die demjenigen gespielt werden, der das Band im Kopf gespeichert hat, ist die Persönlichkeit auf dem Band völlig von der des Empfängers getrennt. Die Aufnahme kann nicht verändert werden. Darum ist es möglich, das Band ohne schädliche Auswirkungen auf die Persönlichkeit oder die Geistesverfassung des Empfängers wieder aus dessen Kopf zu löschen. Doch zwischen Ihnen und dieser Khone hat ein vollständiger Austausch stattgefunden, und das bedeutet, Sie haben einen ganz schönen Schwall an Erinnerungen, Gefühlen und Denkprozessen in den kargen Nährboden Ihres Verstands aufgenommen, und die bedauernswerte Khone — Gott stehe ihrer geistigen Gesundheit bei! — hat wiederum einen ziemlich großen Teil Ihrer Welt abbekommen. Sowohl Ihr als auch Khones Verstand war sich des Vorgangs bewußt und wurde durch ihn verändert. Aus diesem Grund sehe ich keine Möglichkeit, bei Ihnen gezielt die gogleskanischen Eindrücke zu entfernen, ohne Schäden an Ihrer Persönlichkeit zu riskieren, so geschädigt diese bereits auch sein mag. Psychologisch gesehen hat, von beiden Gehirnen ausgehend, eine gegenseitige Beeinflussung stattgefunden.

Eine Möglichkeit gibt es allerdings, wenn auch nur eine geringe“, fuhr O'Mara mürrisch fort. „Falls Khone überredet werden könnte, hierherzukommen und ein eigenes Schulungsband zur Untersuchung zur Verfügung zu stellen, wäre es möglich, etwas zu versuchen, das.“

„Sie würde niemals hierherkommen“, erwiderte Conway.

„Nach dem zu urteilen, was Sie mir erzählt haben, neige ich ausnahmsweise einmal dazu, Ihnen zuzustimmen“, sagte der Chefpsychologe, wobei sich sogar ein Anflug von Mitgefühl in seine Stimme stahl. „Das heißt, Sie sitzen jetzt mit Ihrem gogleskanischen Alter ego da, Conway. Ist es. schlimm?“

Conway schüttelte den Kopf. „Abgesehen davon, daß ich mir bei den Reaktionen auf eine bestimmte Situation manchmal nicht sicher bin, ob sie nun von mir ausgegangen ist oder von Khone, ist es auch nicht viel fremdartiger als ein Melfanerband. Ich glaube, ich werde ohne psychiatrischen Beistand damit fertig.“

„Gut“, erwiderte O'Mara trocken und fügte hinzu: „Wie ich Sie kenne, befürchten Sie, daß die Behandlung schlimmer als das Leiden selbst werden könnte, und da haben Sie wahrscheinlich auch recht.“

„Trotzdem gibt es noch etwas zu bedenken“, sagte Conway in bestimmtem Ton. „Die Geschichte mit den Gogleskanern, meine ich. Die gesamte Spezies wird durch einen artspezifischen Reflex am Fortschritt gehindert. Gegen dieses Problem mit dem zerstörungswütigen Gruppenwesen müssen wir irgend etwas unternehmen.“ „Nicht wir, sondern Sie werden etwas dagegen unternehmen müssen“, berichtigte ihn O'Mara, „und zwar neben ein paar anderen Aufgaben, die wir für Sie vorgesehen haben. Schließlich sind Sie derjenige unter uns, der den besten Einblick in die Lage auf Goglesk hat, weshalb sollte ich also jemand anderen beauftragen? Doch zunächst einmal nehme ich an, daß Sie neben der Zerstörung gogleskanischer Städte und dem fehlgeschlagenen Versuch, sich von Ihrer FOKT-Kollegin zu Tode stechen zu lassen, noch ein wenig Zeit für die Entscheidung erübrigt haben, ob Sie sich nun um die Stelle eines Diagnostikers bemühen wollen oder nicht. Wahrscheinlich haben Sie auch mit Ihrer persönlichen Pathologin die damit verbundenen. ahm. Probleme bereits erörtert, nicht wahr?“

Conway nickte. „Wir haben uns darüber unterhalten, und ich werde es versuchen. Aber was die anderen Aufgaben angeht, von denen Sie gesprochen haben ich bin mir nicht sicher, ob ich in der Lage bin.“

Der Chefpsychologe hob die Hand. „Natürlich sind Sie dazu in der Lage. Sowohl Chefarzt Prilicla als auch Pathologin Murchison haben Sie in jeder Hinsicht für physisch und psychisch gesund erklärt.“

Er blickte Conway fest ins Gesicht, dann fügte er hinzu: „Murchison ist nicht auf Einzelheiten eingegangen, sie hat nur gesagt, sie sei zufrieden. Haben Sie noch weitere Fragen?“

„Um wie viele weitere Aufgaben handelt es sich denn?“ erkundigte sich Conway argwöhnisch.

„Um mehrere“, antwortete O'Mara. „Auf dem Video, das Sie sich im Vorzimmer geben lassen können, sind sie genau beschrieben. Ach ja, Doktor, ich hatte von Ihnen keine andere Entscheidung erwartet. Doch von nun an werden Sie für Ihre Diagnosen, Entscheidungen und Behandlungsdirektiven ein größeres Maß an Verantwortung auf sich nehmen müssen, als Sie es als Chefarzt gewohnt waren, und das für Patienten, die normalerweise ausschließlich Ihre Untergebenen sehen werden, sofern nicht irgend etwas völlig danebengeht. Natürlich werden Sie weiterhin Kollegen vom Range eines Diagnostikers oder jedes anderen Dienstgrads um Rat und Hilfe bitten dürfen, aber nur, wenn Sie mich und sich selbst davon überzeugen können, daß Sie ohne eine derartige Unterstützung nicht mehr weiterkommen.

So, wie ich Sie kenne, Doktor“, fügte er mürrisch hinzu, „ist es schwierig zu sagen, wer von uns beiden in der Frage schwerer zu überzeugen wäre.“

Conway nickte. Es war nicht das erstemal, daß ihn O'Mara wegen seines zu großen Berufsstolzes — beziehungsweise seiner Sturheit — kritisiert hatte. Doch ernsthafte Schwierigkeiten hatte Conway stets vermeiden können, weil er in den meisten Fällen eben auch recht behalten hatte.

Er räusperte sich und entgegnete leise: „Ich verstehe. Trotzdem scheint es mir immer noch wichtig, daß man sich mit der Lage auf Goglesk umgehend befassen muß.“

„Das ist bei dem Problem in der geriatrischen Abteilung für FROBs nicht anders“, hielt O'Mara ihm entgegen. „Ganz zu schweigen von der dringenden Notwendigkeit, eine Unterkunft für ein schwangeres Wesen und dessen Nachkommen zu entwerfen, und erst recht von den verschiedenen Lehrverpflichtungen, den praxisbezogenen Vorträgen im OP und allen möglichen anderen Gelegenheitsarbeiten, die sich ergeben könnten und für die Sie sich mit Ihren beruflichen Qualitäten so eignen. Einige dieser Probleme haben wir schon eine lange Zeit, obwohl natürlich nicht so viele Tausende von Jahren wie unsere gogleskanischen Freunde. Als angehender Diagnostiker tragen Sie außerdem die Verantwortung für die Entscheidung, welcher Fall oder welche Fälle vorrangig behandelt werden sollten. Natürlich erst nach reiflicher Überlegung.“

Conway nickte. Seine Stimmbänder hatten offenbar die Verständigung mit dem Gehirn abgebrochen, das die ganzen Auswirkungen einer wahren Flut von Aufträgen in sich aufzunehmen versuchte, zumal deren komplette Erledigung praktisch unmöglich erschien. Einige dieser Probleme und auch die Diagnostiker, die sich mit ihnen befaßt hatten, kannte er, und die Gerüchteküche des Hospitals hatte etliche grauenerregende Berichte über verschiedene Fehlschläge verbreitet. Und während seiner Probezeit als Diagnostiker hatte er nun offensichtlich diese Probleme am Hals.

„Sitzen Sie hier nicht so tatenlos rum, und glotzen Sie mich nicht so dumm an“, sagte O'Mara. „Ich bin mir sicher, Sie finden eine sinnvollere Beschäftigung.“

10. Kapitel

Für Conway war es insofern eine ungewöhnliche Besprechung, als daß er unter den Anwesenden der einzige Mediziner war — bei den übrigen Teilnehmern handelte es sich ausschließlich um Offiziere des Monitorkorps, die für verschiedene Aufgaben der Instandhaltung und Versorgung des Orbit Hospitals verantwortlich waren, sowie um Major Fletcher, den Captain der Rhabwar. Die Besprechung war gleich in zweifacher Hinsicht ungewöhnlich, weil Conway die goldumrandete Armbinde eines Diagnostikers auf Probe mit einer Unbekümmertheit zur Schau trug, von der er in Wirklichkeit selbst nichts verspürte, zumal er völlig auf sich allein gestellt war.

Schulungsbänder, die ihm bei seinem Problem hätten helfen können, gab es nicht, sondern nur die Erfahrung von Major Fletcher und ihm selbst.

„Als erstes benötige ich eine Unterkunft, Nahrungsvorräte und Behandlungsgeräte für eine schwangere Vertreterin der FSOJ-Spezies, deren Angehörige einigen von uns besser als Beschützer der Ungeborenen bekannt sind“, begann Conway förmlich. „Dabei handelt es sich um eine äußerst gefährliche Lebensform, die im Erwachsenenalter über keine Intelligenz verfügt und auf ihrem Heimatplaneten von der Geburt bis zum Tod, der normalerweise zwischen den Tentakeln und Zähnen des zuletzt geborenen Nachkommens eintritt, ständigen Angriffen ausgesetzt ist. Captain, wenn Sie nun so freundlich wären.“

Fletcher drückte auf dem Schaltpult einige Knöpfe, und auf dem Instruktionsschirm erschien das Bild eines erwachsenen Beschützers, das auf einem der Rettungseinsätze der Rhabwar aufgenommen worden war, gefolgt von Bildmaterial über andere FSOJs, das man auf dem Heimatplaneten der Spezies gesammelt hatte. Doch es war nicht der Beschützer selbst, sondern seine zuschnappenden Zähne und wild umherschlagenden Tentakel, mit denen er die Innenverkleidung des Ambulanzschiffs einschlug und verbeulte, die den Zuschauern ein ungläubiges Stöhnen entlockten.

„Wie Sie selbst sehen“, setzte Conway die Erläuterung fort, „handelt es sich bei dem FSOJ um einen großen und äußerst kräftigen Sauerstoffatmer mit einem Panzer, aus dessen Öffnungen die vier starken Tentakel sowie ein Kopf und ein Schwanz entspringen. Die Tentakel und der Schwanz haben gewaltige knöcherne Enden, die mit Nägeln versehenen Keulen ähneln, und die Hauptmerkmale des Kopfs machen die tiefliegenden, äußerst gut geschützten Augen und die Kiefer aus. Zudem werden Sie bemerken, daß die vier kurzen, aus der Unterseite des Panzers hervortretenden Beine knöcherne Sporne besitzen, durch die diese Gliedmaßen zu zusätzlichen Angriffswaffen werden. Auf dem Herkunftsplaneten dieser Lebensform werden all diese Waffen benötigt.

Die Jungen bleiben so lange im Mutterleib, bis sie körperlich gut genug entwickelt sind, um die Geburt in ihrer unglaublich grausamen Umwelt zu überleben, und als Embryo sind sie Telepathen. Aber diese Seite des Problems fällt nicht in Ihren Bereich.

Der ständige brutale Kampf ist ein derart grundlegender Bestandteil des FSOJ-Lebens“, fuhr Conway fort, „daß sie ohne ihn erkranken und sterben. Aus diesem Grund wird sich der Bau einer Unterkunft für diese Lebensform weit schwieriger gestalten als jede andere Ausstattung, um die Sie bisher gebeten worden sind. Der Raum muß eine äußerst stabile Konstruktion haben. Captain Fletcher hier kann Sie über die Körperkraft und Beweglichkeit des FSOJ informieren, und falls seine Ausführungen übertrieben klingen sollten, glauben Sie mir, das sind sie nicht. Der Frachtraum der Rhabwar mußte vollständig wiederaufgebaut werden, nachdem der FSOJ während eines elfstündigen Flugs zum Orbit Hospital darin eingesperrt gewesen war.“

„Mein Schienbein bedurfte ebenfalls einer Reparatur“, fügte Fletcher grinsend hinzu.

Bevor Conway fortfahren konnte, wurde er erneut unterbrochen. Colonel Hardin, der Leiter der Abteilung für Ernährungsfragen, meldete sich zu Wort: „Ich habe den Eindruck gewonnen, Doktor, daß Ihr FSOJ mit seiner Nahrung kämpft, bevor er sie frißt. Nun müssen Sie sich über den hiesigen Grundsatz im klaren sein, daß niemand mit lebendem Futter versorgt wird, sondern nur mit synthetisch erzeugtem tierischen Zellgewebe oder mit eingeflogenen Pflanzen, wenn die Nahrungssynthesizer nicht zur Herstellung von Fleisch in der Lage sind. Einige Beutetiere der Mitgliedspezies der Föderation haben große Ähnlichkeit mit vernunftbegabten galaktischen Bürgern, von denen viele den Verzehr nichtpflanzlicher Stoffe abstoßend finden und außerdem.“

„Kein Problem, Colonel“, unterbrach ihn Conway. „Der FSOJ wird alles fressen. Die größten Kopfschmerzen wird Ihnen die Unterkunft bereiten, die eher einer mittelalterlichen Folterkammer als einem Krankenzimmer gleichen wird.“

„Werden wir auch noch über den Zweck dieses Vorhabens aufgeklärt?“ erkundigte sich ein Offizier, den Conway noch nie zuvor gesehen hatte. Er trug die gelben Streifen eines Wartungsspezialisten und die Rangabzeichen eines Majors. Lächelnd fuhr er fort: „Bei der Arbeit an den ersten Entwürfen würde uns das nicht nur zur Orientierung dienen, sondern auch unsere Neugier stillen.“

„Das Projekt ist nicht geheim“, antwortete Conway, „und der einzige Grund, warum ich es nicht zum allgemeinen Gesprächsgegenstand machen möchte, ist der, daß unsere Erwartungen enttäuscht werden könnten. Da man mir die Leitung dieses Unternehmens übertragen hat, könnte es mich in Verlegenheit bringen, das ist alles.

Bei jedem Mitglied dieser Spezies findet eine ständige Empfängnis statt“, fuhr er abrupt fort. „Der Zweck des Projekts besteht darin, diesen Vorgang genau zu untersuchen, und zwar mit dem Endziel, die Wirkung des Mechanismus, der den vernunftbegabten und telepathischen Teil des Embryogehirns vor der Geburt zerstört, aufzuheben. Wenn ein neugeborener Beschützer die Vernunft und seine telepathischen Fähigkeiten behält, könnte er sich rechtzeitig mit dem eigenen Ungeborenen verständigen und hoffentlich eine Verbindung zu ihm aufbauen, die es beiden unmöglich machen würde, sich gegenseitig etwas anzutun. Außerdem werden wir versuchen, nach und nach die Heftigkeit der Schläge zu vermindern, die die FSOJs bekommen und durch die ihre Umwelt simuliert wird, und die Absonderung der Körpersekrete, die durch die Schläge ausgelöst wird, eher medizinisch als physisch anzuregen. Auf diese Weise dürften die FSOJs allmählich die Gewohnheit ablegen, alles, was ihnen vor die Augen kommt, zu töten und zu fressen. Darüber hinaus müssen die Antworten, auf die wir stoßen, die FSOJs in die Lage versetzen, weiterhin auf ihrem scheußlichen Planeten zu überleben, und ihnen dabei helfen, sich aus der ihnen durch die Evolution gestellten Falle zu befreien, die der Spezies jede Chance genommen hat, eine kultivierte Zivilisation zu entwickeln.“

Die FSOJs haben eine Menge Ähnlichkeit mit den Gogleskanern, fiel Conway dazu ein, und er fügte lächelnd hinzu: „Aber das ist eher eins von meinen Problemen. Ein ganz anderes besteht darin sicherzustellen, daß Sie Ihres umfassend begreifen.“

Nun folgte eine lange und zeitweilig hitzig geführte Diskussion, nach der die Beteiligten sämtliche Probleme einsahen — einschließlich der Notwendigkeit zur Eile. Schließlich konnte der Beschützer nicht für alle Zeiten auf der alten tralthanischen Beobachtungsstation auf Ebene zweihundertzwei gefangen bleiben, wo sich zwei hudlarische Wartungsingenieure damit abwechselten, mit Metallstangen auf ihn einzuschlagen. Die beiden FROBs waren trotz ihrer immensen Kraft und ihres furchteinflößenden Aussehens liebenswürdige Wesen, denen die Arbeit ungeachtet der ständigen Versicherungen, daß die Schläge für das Wohlbefinden des Beschützers unbedingt erforderlich seien, schweres psychisches Unbehagen bereitete.

Jeder hat sein Problem zu tragen, dachte Conway, doch sein vordringlichstes, der Hunger nämlich, war leicht zu beheben.

Den Kantinenbesuch hatte er zeitlich auf die Essenspause des medizinischen Teams der Rhabwar abgestimmt, vor allem, um Murchison zu sehen, die er zusammen mit Prilicla, Naydrad und Danalta an einem für melfanische ELNTs gebauten Tisch entdeckte. Die Pathologin sagte nichts, bis Conway seine Bestellung eingegeben hatte, ein riesiges Steak mit der doppelten Portion Beilagen.

„Offensichtlich bist du noch immer du selbst“, stellte Murchison mit einem neidischen Blick auf seinen Teller fest, „oder bei deinen Alter ego handelt es sich nicht um Vegetarier. Trotzdem macht auch synthetisches Fleisch dick, weißt du? Wie kommt es eigentlich, daß du noch keinen Bauch wie eine schwangere Creppelianerin hast?“

„Dafür ist meine psychologische Einstellung zum Essen verantwortlich“, erwiderte Conway grinsend, während er einen umfangreicheren chirurgischen Eingriff am Steak einleitete. „Nahrungsmittel sind nichts weiter als ein Brennstoff, der verbrannt werden muß. Euch allen müßte es doch deutlich in die Augen springen, daß mir das hier keinen Spaß macht.“

Naydrad stieß einen unübersetzbaren kelgianischen Laut aus und aß weiter. Prilicla setzte kommentarlos den ruhigen Schwebeflug über dem Tisch fort, und Danalta war gerade dabei, ein Paar melfanischer Greiforgane auszustülpen, während sein übriger Körper einer ungleichmäßigen grünen Pyramide mit einem Auge auf der Spitze glich.

„Ich bin noch immer ich selbst, allerdings mit einem kleinen Schuß gogleskanischem FOKT“, sagte Conway zu Murchison. „Man hat mir unter anderem die Sache mit dem Beschützer übertragen, und darüber wollte ich mit dir sprechen. Für einige Zeit bin ich Diagnostiker auf Probe mit voller Verantwortung und Befugnis in Behandlungsfragen und darf um jede benötigte Unterstützung bitten. Ich brauche wirklich dringend Hilfe, weiß aber bis jetzt noch nicht genau, wie diese auszusehen hat. Außerdem will ich keinen anderen Diagnostikern auf die Nerven gehen, auch nicht auf die höfliche Tour, und ganz bestimmt nicht dem leitenden Diagnostiker der Pathologie. Deshalb muß ich es hintenherum machen und mich Thornnastor über dich, seine Chefassistentin, nähern, um den Rat zu bekommen, den ich brauche.“

Murchison sah seiner Brennstoffaufnahme einen Augenblick lang schweigend zu und entgegnete dann in ernstem Ton: „Weißt du, bei Thornnastor brauchst du nicht vorsichtig zu sein. Der möchte unbedingt an dem Beschützer-Projekt beteiligt werden und hätte auch die Leitung bekommen, wenn du nicht der Chefarzt gewesen wärst, der die unmittelbare Erfahrung mit dem FSOJ besitzt und der bereits für den Rang eines Diagnostikers in Betracht gezogen wurde. Thorny wird dir mit Vergnügen in jeder erdenklichen Weise helfen.

Wenn du ihn nicht darum bittest“, schloß sie lächelnd, „wird dir unser Leiter der Pathologie sogar mit seinen sechs Riesenstampfern aufs Dach steigen.“

„Ich würde Ihnen ebenfalls gerne helfen, mein Freund“, bot ihm Prilicla an. „Aber angesichts der kräftigen Muskulatur der Patientin kann ich nur aus sicherer Distanz mitarbeiten.“

„Ich bin auch dabei“, schloß sich Danalta an.

„Und ich“, sagte Naydrad, wobei sie von dem grünen Mischmasch aufsah, den ihre kelgianischen Geschmacksknospen so köstlich fanden, „werde weiterhin das tun, was man mir aufträgt.“

Conway lachte. „Vielen Dank, meine Freunde.“ An Murchison gewandt fuhr er fort: „Nach dem Essen werde ich dich in die Pathologie begleiten und mit Thornnastor darüber reden. Und ich habe keinen falschen Stolz. Wenn ich Gelegenheit habe, das Problem mit den Gogleskanern zu erwähnen und das mit der FROB-Geriatrie und all die anderen Kleinigkeiten, die ich.“

„Auch dafür interessiert sich Thornnastor“, stellte sie in bestimmtem Ton fest. „Der steckt sein gewaltiges Riechorgan gern in alles hinein.“

Zwar nahm das Gespräch mit dem Leiter der Pathologie den gesamten Rest von Conways Arbeitstags in Anspruch — da der Wach- und Schlafzyklus eines Tralthaners sehr viel länger als der eines Terrestriers dauerte, hatte Thornnastor ein völlig anderes Zeitempfinden —, doch fühlte sich Conway danach erheblich besser. Thornnastor war die größte Klatschbase des Hospitals; keinen einzigen seiner Münder konnte er halten, doch seine Auskünfte zu praktisch jedem Aspekt extraterrestrischer Pathologie sowie zu vielen anderen Bereichen, die eigentlich außerhalb seines Spezialgebiets lagen, waren absolut zuverlässig.

Thornnastor wollte alles wissen und war keineswegs verschwiegen, egal, worum es sich handelte.

„Wie Sie ja bereits wissen, Conway“, sagte er schwerfällig, als der Chefarzt schon gehen wollte, „werden wir Diagnostiker von den Mitgliedern unseres Berufsstands im allgemeinen hoch geachtet, und zu dem uns erwiesenen Respekt, soweit man den in diesem Tollhaus überhaupt zeigen kann, gesellt sich noch Mitleid mit den psychischen Qualen, die wir erleiden, und eine fast unbekümmerte Anerkennung der medizinischen Wunder, die wir vollbringen.

Wir sind Diagnostiker, und als solche werden von uns medizinisch eben Wundertaten erwartet“, fuhr der Tralthaner fort. „Doch das Vollbringen wahrer medizinischer Wunder oder die radikalen chirurgischen Verfahren oder der erfolgreiche Abschluß einer xenobiologischen Forschungsreihe kann für eine bestimmte Sorte Arzt persönlich unbefriedigend sein. Damit meine ich jene Praktiker, die trotz ihrer Begabung, Intelligenz und Hingabe an ihre Kunst für die von ihnen geleistete Arbeit ein ziemliches Maß an Anerkennung brauchen.“

Conway schluckte. So hatte der leitende Diagnostiker der Pathologie noch nie mit ihm gesprochen, und die Worte hätten eher zu einer Standpauke des Chefpsychologen über seine persönlichen Mängel gepaßt. Wollte Thornnastor, der Conways Vorliebe kannte, mit möglichst wenig Rückfragen Entscheidungen zu treffen und Behandlungen einzuleiten, damit andeuten, daß er, Conway, lediglich nach Effekten hasche und deshalb zum Diagnostiker ungeeignet sei? Offenbar nicht.

„Als Diagnostiker findet man nur selten vollkommene Befriedigung, wenn man gute Arbeit abliefert, weil man sich nie ganz sicher sein kann, ob die geleistete Arbeit oder die Ideen, die man gehabt hat, von einem selbst stammen“, fuhr der Tralthaner fort. „Zugegebenermaßen statten einen die Schulungsbänder nur mit dem Gedächtnis einer anderen Lebensform aus, aber die lediglich in der Einbildung vorhandene Verschmelzung mit der Persönlichkeit desjenigen, der das Band zur Verfügung gestellt hat, hinterläßt bei einem das Gefühl, alle Anerkennung, die zukünftiger Arbeit gebührt, teilen zu müssen. Hat der betreffende Arzt drei, fünf, vielleicht sogar zehn Schulungsbänder im Kopf gespeichert, dann ist das Lob sehr dünn gesät.“

„Aber niemand im Hospital würde im Traum daran denken“, protestierte Conway, „einem Diagnostiker die gebührende Anerkennung vorzuenthalten, der.“

„Natürlich nicht“, unterbrach ihn Thornnastor. „Es ist ja auch der Diagnostiker selbst, der sich die Anerkennung versagt, nicht seine Kollegen. Das ist selbstverständlich unnötig, gehört aber zu den persönlichen Problemen, die man als Diagnostiker hat. Es gibt noch weitere, für deren Überwindung Sie Ihre eigenen Methoden finden müssen.“

Der Tralthaner hatte alle vier Augen herumgedreht, um Conway zu betrachten — ein seltenes Ereignis und gleichzeitig der Beweis, daß sich Thornnastors unermeßlicher Verstand ausschließlich auf Conways Fall konzentrierte. Der Diagnostiker auf Probe lachte nervös.

„Dann ist es höchste Zeit, bei O'Mara vorbeizuschauen und mir ein paar Bänder im Kopf speichern zu lassen, damit ich eine bessere Vorstellung davon habe, wie meine zukünftigen Probleme aussehen“, sagte er. „Ich denke, zuerst nehme ich ein Hudlarerband, dann eins von einem Melfaner und zum Schluß noch ein kelgianisches. Wenn ich mich daran gewöhnt habe, sofern ich mich jemals daran gewöhne, werde ich O'Mara bitten, mir ein paar der ausgefalleneren.“

„Einige der geistig-seelischen Tricks meiner Kollegen sehen zum Beispiel so aus, daß sie ihrem Lebensgefährten durchaus von den eigenen Problemen erzählen können, aber unter gar keinen Umständen jemandem, zu dem sie in weniger engem Verhältnis stehen“, fuhr Thornnastor schwerfällig fort, ohne Conways Einwurf zu beachten. „Trotz meiner unwiderstehlichen Neugier in diesen Fragen haben sich mir meine Kollegen nicht anvertraut, und der Chefpsychologe wollte mich keinen Blick in die Akten werfen lassen.“

Zwei seiner Augen wandten sich von Conway ab und richteten sich auf Murchison. „Die Speicherung der Bänder noch ein paar Stunden oder auch Tage zu verschieben macht gar nichts“, fuhr er fort. „Der Pathologin Murchison steht es frei zu gehen, und ich rate Ihnen beiden, das Zusammensein auszunutzen, solange Sie das noch ohne die psychologischen Komplikationen durch andere Spezies können.“

Als Conway und Murchison gingen, fügte Thornnastor noch hinzu: „Dieser Ratschlag stammt übrigens von der terrestrischen Persönlichkeit, deren Band ich gerade im Kopf gespeichert habe…“

11. Kapitel

„Die Theorie lautet, daß es auf lange Sicht besser ist, Sie jedesmal stark zu verwirren, und zwar nicht nur ein bißchen, wenn Sie sich an die wirren Denkstrukturen von Aliens gewöhnen wollen“, knurrte O'Mara ihn schon an, als Conway sich noch den Schlaf aus den Augen rieb. „In den vier Stunden, in denen Sie unter leichter Betäubung gestanden und wie ein verrückt gewordener Hudlarer geschnauft haben, sind die Bänder in Ihrem Kopf gespeichert worden. Praktisch sind Sie jetzt gleich in fünffacher Hinsicht ein krasser Individualist.

Wenn Sie Probleme haben, will ich nichts davon hören, bevor Sie nicht mit absoluter Sicherheit wissen, daß diese unlösbar sind“, fuhr der Chefpsychologe fort. „Passen Sie beim Gehen auf, und stolpern Sie nicht über die eigenen Füße. Sie haben wirklich nur zwei, egal, was Ihre Alter egos auch Gegenteiliges behaupten.“

Der Korridor vor O'Maras Büro zählte zu den belebtesten im gesamten Hospital. Zu den verschiedensten physiologischen Klassifikationen gehörende Mitglieder des Arzt- und Wartungspersonals gingen, krochen, fuhren oder schlängelten sich in beiden Richtungen vorbei. Da sie Conways Diagnostikerarmbinde sahen und — in seinem Fall zu Recht — bei ihm von einem gewissen Maß an geistiger Verwirrung und fehlender körperlicher Koordination ausgingen, machten sie um ihn einen so großen Bogen wie möglich. Selbst der TLTU, der in einer auf schweren Raupenketten montierten Druckkugel saß, fuhr mit mehr als einem Meter Abstand an ihm vorbei.

Kurz darauf kam ihm ein tralthanischer Chefarzt entgegen, den Conway zwar kannte, der seinen Gehirnpartnern aber kein Begriff war, was seine Reaktionszeit erheblich verlangsamte. Als er den Kopf wandte, um den Gruß des Tralthaners zu erwidern, wurde ihm plötzlich schwindlig, weil der Hudlarer und der Melfaner in seinem Gehirn Lebensformen waren, deren Kopf sich nicht drehen ließ. Unwillkürlich streckte er den Arm aus, um sich an der Korridorwand abzustützen. Doch statt des harten, spitz zulaufenden Tentakels eines Hudlarers oder der glänzenden schwarzen Zange eines Melfaners handelte es sich bei der Gliedmaße, mit der er sich abstützte, um einen schlaffen rosa Gegenstand mit fünf stummeligen Fingern. Als er sich sowohl seelisch als auch körperlich wieder gefangen hatte, wurde er eines terrestrischen DBDG im Grün des Monitorkorps gewahr, der geduldig darauf wartete, von ihm bemerkt zu werden.

„Sie haben nach mir gesucht, Lieutenant?“ fragte Conway.

„Schon seit ein paar Stunden“, antwortete der Offizier. „Aber Sie haben sich beim Chefpsychologen Bänder einspeisen lassen und durften nicht gestört werden.“

Conway nickte. „Worum geht es denn?“

„Es gibt Schwierigkeiten mit dem Beschützer“, erwiderte der Lieutenant und fuhr schnell fort: „Der Bewegungsraum, wie wir ihn jetzt nennen, obwohl er immer noch eher wie eine Folterkammer aussieht, bekommt zu wenig Energie. Um ihn an die Hauptleitung anzuschließen, die diesen Abschnitt mit Energie versorgt, müßten wir durch vier Ebenen hindurch, von denen nur eine mit warmblütigen Sauerstoffatmern belegt ist. Da wir Vorkehrungen gegen Verseuchungen der verschiedenen Atmosphären treffen müßten, insbesondere was die illensanischen Chloratmer betrifft, wären die Umbauten in den übrigen drei Ebenen äußerst zeitaufwendig. Als Lösung käme eine kleinere Energiequelle in Frage, die im Bewegungsraum installiert werden müßte. Aber falls sich der Beschützer befreit, hält möglicherweise die Abschirmung des Energieaggregats nicht stand, und in dem Fall müßten wegen der Strahlungsgefahr fünf Ebenen — über und unter dem Raum — evakuiert werden, und noch viel zeitraubender wäre die anschließende Reinigung der.“

„Der Raum liegt nahe an der Außenhaut“, unterbrach ihn Conway, der das Gefühl nicht loswerden konnte, daß gerade in diesem Moment eine Menge Zeit damit vergeudet wurde, einen Arzt um Rat in rein technischen Fragen zu bitten, die obendrein auch noch ziemlich einfach waren. „Sie können doch bestimmt einen kleinen Reaktor an der Außenhaut anbringen, wo er vor dem Beschützer sicher ist, und dann eine Leitung nach innen.“ „Das ist die Lösung, auf die ich auch schon gekommen war“, schnitt ihm der Lieutenant das Wort ab, „was allerdings weitere Probleme aufwerfen würde, die nicht soviel mit Technik, sondern eher mit der Verwaltung zu tun haben. Es gibt nämlich haargenaue Bestimmungen, welche Konstruktionen auf der Außenhaut angebracht werden dürfen und welche nicht, und durch einen Reaktor an einer Stelle, wo sich noch nie einer befunden hat, könnten Änderungen an den Regelungen des Hospitals für den Flugverkehr erforderlich werden. Kurz gesagt, es findet ein ziemlich wilder Papierkrieg statt, den ich gewinnen kann, wenn ich mir die Zeit dafür nehme und alle Beteiligten nett und in dreifacher Ausfertigung um die Genehmigung bitte. Aber Sie, Doktor, könnten denen angesichts der Dringlichkeit Ihres Projekts einfach sagen, was Sie brauchen.“

Einen Moment lang schwieg Conway. Er erinnerte sich an die Bemerkungen des Chefpsychologen vor der Speicherung der Bänder, kurz bevor die Betäubung zu wirken begonnen hatte. „Jetzt verfügen Sie über den höchsten Rang im Hospital, Conway, obwohl sich dieser Zustand bei Ihnen womöglich nur als ein vorübergehender Zustand herausstellen könnte“, hatte O'Mara ihm mit einem säuerlichen Lächeln gesagt. „Gehen Sie und gebrauchen Sie ihn. Mißbrauchen Sie ihn sogar, wenn Sie wollen. Zeigen Sie mir einfach, ob Sie was damit anfangen können.“

Um den Ton eines Diagnostikers bemüht, dem niemand im Hospital etwas abschlagen würde, entgegnete Conway: „Ich verstehe, Lieutenant. Ich bin zwar auf dem Weg in die hudlarische Geriatrie, aber ich werde diese Angelegenheit am ersten Kommunikator regeln, an dem ich vorbeikomme. Haben Sie noch ein anderes Problem?“

„Klar habe ich Probleme“, antwortete der Lieutenant. „Jedesmal, wenn Sie einen neuen Patienten ins Hospital einliefern, bekommt die gesamte Wartungsabteilung Magengeschwüre! Frei schwebende Brontosaurier, rollende Dramboner, und jetzt einen Patienten, der noch nicht einmal geboren ist und in einem, einem Berserker steckt!“

Überrascht blickte Conway seinen Gesprächspartner an. Normalerweise verhielten sich Offiziere des Monitorkorps in Fragen der Disziplin und des Respekts sowohl gegenüber militärischen als auch medizinischen Vorgesetzten tadellos. „Magengeschwüre können wir ohne Probleme heilen“, erwiderte er trocken.

„Sie müssen schon entschuldigen, Doktor“, sagte der Lieutenant kleinlaut, „aber in den letzten zwei Jahren bin ich Leiter einer Arbeitsgruppe von Kelgianern gewesen und habe völlig vergessen, was Höflichkeit bedeutet.“

„Aha.“ Conway lachte. Da er selbst gerade ein Kelgianerband im Kopf gespeichert hatte, besaß der Lieutenant sein Mitgefühl. „Bei dem Problem kann ich Ihnen nicht helfen. Haben Sie noch weitere?“

„Oh, ja“, antwortete der Lieutenant. „Die sind zwar unlösbar, aber auch unwichtig. Die beiden Hudlarer haben immer noch etwas dagegen, den Beschützer ununterbrochen zu schlagen. Ich habe O'Mara eindringlich darum gebeten, jemand anderen für diese Arbeit zu finden, jemanden, der psychisch weniger darunter leidet. Daraufhin hat mir der Chefpsychologe geantwortet, er würde sich sofort zur Ruhe setzen, falls jemand, der gegenwärtig am Hospital arbeite, seiner Überprüfung entgangen sein sollte. Deshalb habe ich jetzt diese Hudlarer und ihre verdammte Musik am Hals, bis die neue Unterkunft fertig ist.

Die beiden beteuern, die Musik helfe ihnen dabei, sie von ihrer Arbeit abzulenken, aber haben Sie schon mal ununterbrochen, tagaus, tagein, hudlarische Musik gehört?“

Conway gab zu, bisher noch keine derartige Erfahrung gemacht zu haben, und für den Weg durch die neblig gelben Ebenen der illensanischen Chloratmer und die wassergefüllten Stationen der Meeresbewohner von Chalderescol, die zwischen ihm und den hudlarischen Stationen lagen, stieg er in einen der leichten Anzüge. Obwohl er solche Ausrüstungsgegenstände des Hospitals schon einige tausendmal angelegt hatte und mit geschlossenen Augen dazu in der Lage war, überprüfte er sämtliche Verschlüsse zweimal und las sich mehrmals die Checkliste durch. Aber in diesem Moment war er nicht ganz er selbst, und nach den Vorschriften mußten alle Mitglieder des medizinischen Personals, die ein Schulungsband im Kopf gespeichert hatten und deshalb unter einem gewissen Maß an geistiger Verwirrung litten, die Checkliste mit größter Aufmerksamkeit durchgehen.

Der Lieutenant stand noch immer geduldig neben ihm.

„Gibt's noch was?“ fragte Conway.

Der Offizier nickte. „Nur noch etwas ziemlich Leichtes, Doktor. Hardin, der leitende Ernährungsspezialist, möchte gern die Zusammensetzung der Nahrung für den Beschützer wissen. Wie er sagt, könne er zwar eine synthetische Masse herstellen, die in jeder Hinsicht auf die Ernährungsbedürfnisse des Beschützers zugeschnitten ist, aber bei der Nahrungsaufnahme gäbe es einen psychologischen Aspekt zu berücksichtigen, der für das allgemeine Wohlbefinden dieses speziellen Patienten von Bedeutung sein könnte. Sie hätten mit einem von ihnen in kurzem telepathischen Kontakt gestanden und verfügten deshalb zu diesem Thema über Informationen aus erster Hand. Hardin möchte gerne Ihren Rat hören.“

„Ich unterhalte mich später mit ihm“, stimmte Conway zu und wartete kurz, bevor er sich den Helm aufsetzte. „Aber in der Zwischenzeit können Sie ihm schon mal sagen, daß der FSOJ selten Pflanzen frißt und die Nahrung, die er zu sich nimmt, gewöhnlich in einem dicken Fell oder Ektoskelett steckt und sich wehrt. Ich schlage ihm vor, das Futter in lange, hohle, eßbare Röhren zu schieben, die man in den Bewegungsmechanismus integrieren kann, um den Patienten damit zu schlagen. Das kommt nur dem Realismus der Reproduktion der Umweltbedingungen zugute. Der FSOJ ist in der Lage, mit den Kiefern Stahlplatten zu verbeulen, und darum hat Hardin recht. Der Beschützer wäre nicht gerade froh darüber, so etwas Ähnliches wie schlabbrige Getreideflocken vorgesetzt zu bekommen.“

Conway lachte erneut und fügte grinsend hinzu: „Schließlich sollten wir es nicht soweit kommen lassen, daß ihm die Zähne verfaulen.“

Bei der geriatrischen Abteilung für Hudlarer handelte es sich um eine vergleichsweise neue Ergänzung der Hospitaleinrichtungen. Mehr konnte das Orbit Hospital zur Behandlung psychisch verwirrter Patienten nicht beitragen, und sogar die Behandlung selbst stand nur einigen wenigen zur Verfügung, die man statistisch ausgewählt hatte. Das kam daher, weil die Lösung des Problems, wenn eine gefunden werden konnte, planetenweit auf Hudlar selbst umgesetzt werden mußte.

Die künstliche Gravitation der Station war auf den hudlarischen Normalwert von beinahe der vierfachen Erdanziehungskraft eingestellt worden, und bei dem atmosphärischen Druck handelte es sich um einen Kompromiß, der sowohl den Patienten als auch dem Schwesternpersonal die geringstmöglichen Unannehmlichkeiten bereitete. Dienst hatten drei kelgianische Schwestern, deren Fell sich unter ihren leichten Anzügen und den G-Gürteln in rastloser Bewegung befand, während sie drei der fünf Patienten mit dem Nahrungspräparat besprühten. Conway schnallte sich einen für die terrestrische Körpermasse geeigneten G-Gürtel um, signalisierte, daß er keine Schwester zur Begleitung benötigte, und begab sich zu dem nächsten unversorgten Patienten.

Sofort drängte sich der hudlarische Teil seines Gehirns an die Oberfläche, löschte dabei fast die melfanischen, tralthanischen, kelgianischen und gogleskanischen Bestandteile aus und drohte, Conways eigenen Verstand in einer gewaltigen Gefühlswelle aus Mitleid und hilfloser Wut über den Zustand des Patienten zu ertränken.

„Wie geht es Ihnen heute?“ fragte Conway nach althergebrachtem Brauch.

„Danke, gut, Doktor“, antwortete der Patient, wie es Conway von vornherein gewußt hatte. Wie der Großteil anderer Spezies mit ungeheuren Kräften waren auch die hudlarischen FROBs liebenswürdige, friedfertige und zurückhaltende Lebewesen, von denen keins im Traum daran denken würde, einem Arzt durch die Antwort, ihm würde es nicht gutgehen, irgendeinen Mangel an medizinischen Fähigkeiten zu unterstellen.

Es sprang sofort in die Augen, daß es dem alternden Hudlarer überhaupt nicht gutging. Seine sechs gewaltigen Tentakel, die den schweren Rumpf normalerweise das ganze Leben hindurch beim Schlafen wie beim Wachen in aufrechter Stellung trugen und sowohl als Greif- als auch als Fortbewegungsorgane dienten, hingen schlaff an den Seiten des Stützgestells herab. Die harten Hornhautballen — die Knöchel, auf denen der FROB läuft, während die Finger zum Schutz vor Bodenkontakt nach innen gedreht sind — waren verblaßt und rissig. Die Finger selbst, die gewöhnlich so stark und widerstandsfähig wie Stein waren und sich mit traumwandlerischer Präzision bewegen konnten, lagen in unaufhörlichen spastischen Zuckungen.

Die Hudlarer lebten in einer Umwelt mit großer Schwerkraft und hohem Druck, deren Atmosphäre dermaßen von eßbaren, schwebenden Organismen wimmelte, daß sie einer dickflüssigen Suppe ähnelte, die die Planetenbewohner direkt durch die Haut auf dem Rücken und an den Seiten aufnahmen. Doch hatte der Absorptionsmechanismus des Patienten allmählich versagt, so daß große Bereiche der Haut mit einer Kruste des verblaßten Nahrungspräparats überzogen waren, das man erst abwaschen mußte, bevor die nächste Mahlzeit aufgesprüht werden konnte. Die Verfassung des Patienten hatte sich zusehends verschlimmert, seine Fähigkeit, die Nahrung zu absorbieren, hatte ständig weiter abgenommen, was wiederum den Zustand der Haut verschlechtert hatte.

Die durch die unvollständige Absorption hervorgerufenen chemischen Reaktionen führten bei dem zurückgebliebenen Nahrungspräparat zur Geruchsbildung. Doch noch schlimmer war der Gestank, der vom Ausscheidungsorgan aufstieg, das der Patient nicht mehr unter willkürlicher Kontrolle hatte und dessen Absonderungen wie eine milchige Ausdünstung an der Unterseite des Körpers hängenblieben, bevor sie in das unter dem Gestell befindliche Absauggefäß tropften. Wirklich etwas riechen konnte Conway nicht, da sein Anzug eine eigene Luftversorgung besaß. Aber die FROB-Persönlichkeit, mit der er das Gehirn teilte, hatte diese Situation in ihrem Leben oft erlebt, und psychosomatisch bedingte Gerüche waren, wenn überhaupt, schlimmer als echte.

Der Patient war jedoch bei klarem Verstand, und die Gehirnstruktur würde noch ein paar Augenblicke über den Stillstand des Doppelherzens hinaus organisch unbeeinträchtigt bleiben. Darin lag die wirkliche Tragödie. Nur sehr selten gab es einen hudlarischen Geist, der in einem großen Körper, der um ihn herum unter Schmerzen verfällt, ruhig und ausgeglichen bleiben konnte, besonders wenn sich der Verstand dieses Vorgangs voll und in höchstem Maße bewußt war.

Verzweifelt suchte Conway nach einer Lösung, indem er das gerontologische Wissen durchforstete, über das man zu der Zeit verfügt hatte, als die Bänder in seinem Kopf aufgenommen worden waren, sowie die schmerzlichen Kenntnisse, die mit den Erinnerungen aus seiner Kindheit und den anschließenden medizinischen Erfahrungen zusammenhingen. Doch nirgends in seinem aus vielen verschiedenen Teilen bestehenden Gehirn waren Antworten zu finden. Die übereinstimmende Meinung aller Gehirnpartner lautete, daß er die Dosierung des Schmerzmittels erhöhen sollte, um den Patienten so beschwerdefrei wie möglich zu machen.

Als er diesen Zusatz in die Behandlungstabelle eintrug, vibrierte die Sprechmembran des Hudlarers stark, aber auch der Zustand dieses Organs verschlechterte sich, und diesmal waren die hervorgebrachten Laute zu undeutlich, als daß der Translator irgendeinen Sinn aus ihnen hätte machen können. Conway murmelte irgend etwas Beruhigendes, das, wie sie beide wußten, nichtssagend war, und ging weiter zum nächsten Gestell.

Der Zustand dieses Patienten war einen Hauch besser als der des vorhergehenden, und das Gespräch mit ihm war angeregt und umfaßte sämtliche Themen unter der hudlarischen Sonne bis auf diejenigen Punkte, die dem Patienten unangenehm waren. Aber Conway ließ sich nicht täuschen, und noch weniger sein hudlarisches Alter ego: Er wußte genau, daß dieser FROB sich an den letzten Stunden seines gesunden Verstands erfreute — obwohl das unter diesen Umständen kaum der passende Ausdruck dafür war. Die nächsten beiden Patienten sprachen überhaupt nicht mit ihm, und der letzte konnte sich zwar laut und deutlich ausdrücken, war aber nicht mehr bei Verstand.

Seine Sprechmembran vibrierte unablässig in dem breiten, zylindrischen Schalldämpfer, den man ihm angelegt hatte, um sowohl den Lärm als auch die psychischen Qualen derjenigen zu vermindern, die sich in Hörweite befanden, doch es entwich noch genügend, um Conway wirklich großes Unbehagen zu bereiten. Der Patient befand sich ebenfalls in erbärmlicher körperlicher Verfassung. Zusätzlich zum Zusammenbruch des Absorptionssystems an einem großen Bereich der Körperoberfläche, der Inkontinenz und des merklichen Verfalls, der an allen Gliedmaßen zu beobachten war, hatten zwei der Tentakel die Bewegungsfähigkeit eingebüßt und sahen haargenau wie zwei verfaulte Baumstämme aus.

„Diese Gliedmaßen müssen sofort operiert werden, Doktor“, sagte die Schwester, die damit beschäftigt war, den Patienten mit dem Nahrungspräparat zu besprühen, nachdem sie zuerst seinen Translator ausgeschaltet hatte. In der direkten Art aller Kelgianer fügte sie hinzu: „Um den Patienten am Leben zu erhalten, ist eine Amputation angesagt — falls das überhaupt noch etwas nützt oder wünschenswert ist.“

Unter normalen Umständen war die Verlängerung des Lebens eines Patienten durchaus wünschenswert und im Grunde der Hauptgesichtspunkt, und Conways Verstand wurde mit Informationen und Vorschlägen zur Behandlung des entsprechenden Leidens bei Melfanern, Kelgianern, Tralthanern und Terrestriern regelrecht überflutet. Doch der Spezies der physiologischen Klassifikation FROB war vor der Entdeckung von Hudlar durch die Föderation schon die bloße Vorstellung von einer heilenden Medizin unbekannt gewesen, und jeder umfangreichere operative Eingriff an hudlarischen Patienten war auch heute noch extrem gefährlich. Auf einem Planeten mit großer Schwerkraft und hohem Druck wie Hudlar mußte der Innendruck und die Stoffwechselgeschwindigkeit der dominanten Lebensform genauso hoch sein.

Das Kontrollieren der Blutung war sowohl während als auch nach der Operation schwierig. Und durch den Innendruckverlust, der eine unvermeidbare Begleiterscheinung der Operation war, konnten die neben dem Operationsbereich liegenden Organe deformiert und schwer beschädigt werden. Folglich rieten die hudlarischen Informationen in seinem Gehirn wie auch seine eigenen Fachkenntnisse in der FROB-Chirurgie zur Vorsicht, während die übrige Menge extraterrestrischen Wissens die sofortige Operation befürwortete. Aber eine zweifache Amputation an einem alterskranken und gefährlich geschwächten Patienten. Verärgert schüttelte Conway den Kopf und wandte sich ab.

Die kelgianische Schwester beobachtete ihn genau. „Soll diese Kopfbewegung ein Ja oder ein Nein auf meine Frage bedeuten, Doktor?“ erkundigte sie sich.

„Sie bedeutet, daß ich mich noch nicht entschieden habe“, antwortete Conway etwas ungehalten und flüchtete heilfroh auf die Kinderstation.

Während es der Wahrheit entsprach, daß die Hudlarer den größeren Teil ihres Lebens gegen Krankheiten und auch gegen alle Verletzungen, außer den ganz schweren, unempfindlich waren — der Hauptgrund, weshalb Medizin auf ihrem Planeten eine unbekannte Wissenschaft gewesen war —, galt das nicht für die ersten und letzten Jahre ihres Lebens. Conways jüngstes quälendes Erlebnis hatte allzu deutlich die Leiden gezeigt, für die alternde Hudlarer anfällig waren, und nun breitete sich das andere und viel weniger bedrückende Ende des klinischen Spektrums vor ihm aus.

FROBs im Kindesalter wurden anscheinend von sämtlichen Krankheitserregern in der suppenartigen Atmosphäre auf Hudlar befallen, bis ihre Körper, sofern sie die ersten paar Krankheiten überlebten, die natürlichen Abwehrkräfte entwickelten, die den größten Teil des äußerst langen Lebens anhielten. Zwar waren die meisten dieser Krankheiten von den Symptomen her äußerst spektakulär, führten aber jede für sich zum Glück nicht zum Tode. Der medizinischen Forschung der Föderation war es gelungen, für mehrere von ihnen Heilverfahren zu entwickeln, und an den übrigen Behandlungsmethoden wurde emsig gearbeitet. Obwohl keine Krankheit an sich als tödlich betrachtet werden konnte, drohte leider bei allen der Verlust des Lebens, weil die jungen FROBs durch jedes neue Leiden, das sie sich zuzogen, immer mehr geschwächt wurden. Für die Sterbewahrscheinlichkeit war ausschlaggebend, in welcher Reihenfolge die Krankheiten auftraten und von wie vielen ein FROB auf einmal befallen wurde. Solange keine spezifischen Heilmittel gegen sämtliche Krankheiten hergestellt werden konnten, war keine endgültige Lösung möglich.

Als Conway die höchst geschäftige Station betrat und sich umsah, gab ihm sein hudlarischer Gehirnpartner zu verstehen, daß eine Massenimmunisierung nicht die geeignete Lösung wäre, da seiner starken Überzeugung nach ein derartiger Schutz der jungen FROBs letzten Endes zu einer Schwächung der gesamten Spezies führen würde. Doch der Hudlarer, von dem das Band stammte, hatte nicht als Arzt gearbeitet — denn einen solchen Beruf hatte es damals auf Hudlar nicht gegeben —, sondern war eine seltsame Mischung aus Philosoph, Psychiater und Lehrer gewesen. Trotzdem ließ diese Überzeugung Conway keine Ruhe, bis plötzlich ein sechsbeiniges Kind von einer halben Tonne Lebendgewicht auf ihn zugestürmt kam, lauthals den Wunsch zu spielen kundtat und damit sämtliche Gedanken aus Conways Kopf verscheuchte — bis auf den, ein sofortiges Ausweichmanöver einzuleiten.

Er stellte seinen G-Gürtel auf ein viertel Ge ein und sprang direkt nach oben auf das Geländer des Beobachtungsstegs, gerade noch rechtzeitig, bevor der junge Hudlarer krachend gegen die Wand prallte und damit sowohl die Schalldämpfuing als auch die Konstruktion der Station einem Härtetest unterzog. Von seinem erhöhten Standort aus konnte Conway sehen, daß sich auf der Station weniger als zwanzig Patienten befanden, die sich trotz der vier Ge auf Bodenhöhe allesamt so schnell hin und her bewegten, daß wenigstens dreimal so viele von ihnen vorhanden zu sein schienen. Wenn sie gelegentlich anhielten, um die Richtung zu wechseln, erkannte er, daß die meisten von ihnen einen erschreckenden Hautzustand aufwiesen.

Gerade war eine erwachsene Hudlarerin mit einem auf den Rücken geschnallten Nahrungspräparatbehälter damit fertig, einen jungen FROB zu besprühen, den sie am anderen Ende der Station in die Enge getrieben und ruhiggestellt hatte. Als sie Conway entdeckte, kam sie schwerfällig auf ihn zu.

Sie trug das Abzeichen einer Schwesternschülerin, stellte aber, zumindest auf dieser Station, wenig mehr als eine Kinderpflegerin dar. Doch wie Conway wußte, gehörte sie zu den drei FROBs, die am Orbit Hospital eine medizinische Ausbildung genossen und zu den ersten Mitgliedern dieser Spezies zählten, die man dafür ausgewählt hatte, auf ihrem Planeten das Konzept einer vorbeugenden und heilenden Medizin vorzustellen. In ihrer gegenwärtigen Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht war sie ein ausgesprochen hübsches Wesen und verhielt sich ganz im Gegensatz zur kelgianischen Schwester in der geriatrischen Abteilung ihm gegenüber äußerst höflich und respektvoll.

„Kann ich Ihnen helfen, Doktor?“ fragte sie, wobei sie zu ihm aufsah. Plötzlich breitete sich eine Flut von Lebenserinnerungen seines Alter ego in Conways Kopf aus, so daß er kein Wort über die Lippen brachte.

„Patient sieben, der kleine Metiglesh, der eben mit Ihnen spielen wollte, spricht sehr gut auf die neue, von Diagnostiker Thornnastor erarbeitete Behandlung an“, fuhr die FROB fort. „Falls Sie den Kleinen mit dem Scanner untersuchen wollen, kann ich ihn ganz leicht ruhigstellen.“

Für eine hudlarische Schwester dürfte das allerdings wirklich kein Problem sein, dachte Conway sarkastisch. Deshalb beschäftigte man auf dieser Station auch eine Schwesternschülerin der Klassifikation FROB — diese wußte ganz genau, wieviel Gewalt man bei den kleinen Plagegeistern anwenden mußte, während gleichermaßen oder höher qualifizierte Schwestern anderer Spezies Angst hätten, die tatsächlich notwendige Kraft aufzubringen, weil sie den Patienten nicht verletzen wollten.

Junge Hudlarer waren ungeheuer robust, und manche erwachsene waren unglaublich schön.

„Ich habe nur mal kurz hereingeschaut, um nach dem Rechten zu sehen, Schwester“, gelang es Conway schließlich zu antworten. „Aber offensichtlich haben Sie hier ja alles unter Kontrolle.“

Während er das Wesen unter sich mit großen Augen anstaunte, vermehrten sich seine Kenntnisse über die FROBs um das Wissen darüber, was es wirklich für ein Gefühl war, ein Hudlarer männlichen Geschlechts zu sein, denn das war der Bandurheber zur Zeit der Aufnahme gewesen. Außerdem erinnerte sich Conway kaum weniger deutlich daran, zu den weiblichen FROBs gehört zu haben. Er entsann sich noch der Ankunft eines neuen Nachkommen, und wie der Geburtsvorgang seinen eigenen Hormonhaushalt drastisch verändert hatte, so daß er wieder ein Mann geworden war. Auf Hudlar hatte man das einzigartige Glück, daß beide Partner abwechselnd ihre eigenen Kinder gebären konnten.

„Uns statten viele Wesen aus der geriatrischen Abteilung, die ein hudlarisches Physiologieband im Kopf gespeichert haben, einen Besuch ab“, fuhr die Schwester fort, ohne sich des Chaos bewußt zu sein, das sie in Conways Kopf verursachte. Dessen hudlarisches Alter ego verwirrte ihn mit Wissen, Erinnerungen, Erlebnissen und Wunscherfüllungsphantasien vom Umwerben, vom Liebesspiel und von gewaltigen Paarungen, vor denen sein terrestrisches Gehirn entsetzt zurückschreckte. Doch in diesem Augenblick stand Conway nicht mehr unter der Kontrolle des eigenen Verstands.

Verzweifelt versuchte er, wieder Herr über sich selbst zu werden, den überwältigenden primitiven Instinkt zu bekämpfen, der ihm das Denken unmöglich machte. Während die Schwester weitersprach, bemühte er sich, nur die nichthudlarischen Finger in den dünnen Handschuhen anzusehen, die er um das Geländer gekrallt hatte. „Ein Besuch in der geriatrischen Abteilung ist für einen Hudlarer oder für ein Wesen, das ein Hudlarerband im Kopf gespeichert hat, immer erschütternd. Ich selbst würde, sofern man mich nicht darum bittet, keinen Fuß hineinsetzen, und denjenigen, die das aus rein beruflichem Pflichtgefühl heraus tun, gilt meine uneingeschränkte Hochachtung und Bewunderung. Ein Besuch bei uns soll, wie es heißt, den allzu bedrückten Köpfen oft zu angenehmeren Gedanken verhelfen.

Es steht Ihnen natürlich frei, so lange hierzubleiben, wie Sie es für nötig halten, Doktor, egal, aus welchem Grund“, fügte sie verständnisvoll hinzu. „Und falls ich Ihnen irgendwie helfen kann, brauchen Sie es nur zu sagen.“

Der Verstand von Conways hudlarischem Gehirnpartner war inzwischen auf die Urinstinkte reduziert worden. Der Diagnostiker auf Probe krächzte irgend etwas, mit dem der Translator wahrscheinlich nichts anfangen konnte, und hastete beinahe im Laufschritt den Steg entlang zum Ausgang.

Jetzt reiß dich, um Himmels willen, zusammen! fuhr er sich selbst im stillen an. Die wiegt zwanzigmal soviel wie du…!

12. Kapitel

Dem Meneldensystem waren Katastrophen nicht unbekannt. Vor etwa sechzig Jahren war es von einem Aufklärungsschiff des Monitorkorps entdeckt worden, dessen Captain das traditionelle Recht wahrgenommen hatte, ihm einen Namen zu geben, da keine Anzeichen für im System beheimatetes intelligentes Leben mit einem eigenen Namen für den Planeten bestanden hatten. Sollte es in ferner Vergangenheit solches Leben gegeben haben, dann war davon jede Spur ausgelöscht worden, als ein gewaltiger Erzbrocken vom Umfang eines Planeten in das System raste, mit dem größten äußeren Planeten kollidierte, schwere Zerstörungen anrichtete und zum Schluß auch mit den übrigen Planeten zusammenstieß, die sich alle im engen Orbit um den Hauptplaneten herum befanden.

Als sich das System schließlich wieder stabilisiert hatte, war Menelde eine alternde gelbe Sonne, die von einer schnell umherwirbelnden, zum Großteil aus Metall bestehenden Asteroidenwolke umgeben war. Direkt nach ihrer Entdeckung kam aus allen Ecken der galaktischen Föderation Leben in das Meneldensystem, und zwar in Form von Bergwerksbetrieben und Metallverarbeitungsfabriken sowie des dazugehörigen Personals. Natürlich ereigneten sich in dieser kosmischen Illustration der Brownschen Molekularbewegung auch etliche Unfälle.

Die Einzelheiten von einem dieser Unfälle wurden erst Wochen später bekannt, und wer letztendlich die Verantwortung dafür zu tragen hatte, sollte nie festgestellt werden können.

Von Schleppern wurde gerade eine riesengroße Wohneinheit zur Unterbringung der vielen verschiedenen Spezies, aus denen sich das Personal für den Bergbau und die Metallverarbeitung zusammensetzte, von einem ausgebeuteten Gebiet zu einem noch nicht erschöpften befördert und verfolgte dabei schwerfällig eine Bahn zwischen den sich langsam bewegenden oder relativ reglosen Asteroiden und dem übrigen Bergwerksverkehr, der in ähnlich heiklen dreidimensionalen Navigationsmanövern begriffen war.

Bei einem der Schiffe, das auf seinem Kurs sicher aber auch unangenehm nah an der Wohneinheit und den Schleppern vorbeizufliegen pflegte, handelte es sich um einen bis obenhin mit Metallträgern und — platten beladenen Frachter. Zwischen den Triebwerken am Heck und der winzigen Kommandokapsel am Bug war der Frachter vollkommen offen gebaut, um das Be- und Entladen zu erleichtern. Das führte dazu, das die deutlich sichtbare und anscheinend nicht allzu sicher an den Vertäuungspunkten befestigte Metallmasse den ranghöchsten Schlepperkapitän unter übermäßigen psychischen Druck setzte und ihn veranlaßte den Kapitän des Frachters zum Abdrehen aufzufordern.

Der Kapitän des Frachters protestierte und beteuerte beharrlich, daß sie absolut gefahrlos aneinander vorbeifliegen könnten, während sich sein Schiff und die gewaltige Wohneinheit schwerfällig aufeinander zuschoben. Das letzte Wort hatte jedoch der ranghöchste Schlepperkapitän, der die Verantwortung für ein Gebilde trug, das nicht selbst manövrieren konnte und in dem sich, im Gegensatz zum Frachter mit seiner dreiköpfigen Besatzung, mehr als tausend Lebewesen befanden.

Wegen des ungeheuren Gewichts und der Trägheit seiner Ladung schwenkte der Frachter äußerst langsam quer zur Wohneinheit, um sich auf diese Weise mit den Haupttriebwerken aus der Gefahrenzone zu bringen, bevor sich ihre Pfade kreuzen konnten. Die beiden Schiffe näherten sich, allerdings nur langsam, und es war noch jede Menge Zeit.

In diesem Augenblick entschloß sich der Aufseher der Wohneinheit, obwohl er keinerlei Anlaß zur Besorgnis hatte, eine Notfallübung abzuhalten.

Das eindringliche Aufblitzen der Warnleuchten und das Kreischen der Alarmsirenen, die der ranghöchste Schlepperkapitän im Hintergrund hören konnte, als er mit der Wohneinheit in Sprechverbindung stand, mußten auf ihn beunruhigend gewirkt haben. Er kam zu der Überzeugung, der Frachter wende zu langsam, und schickte zwei seiner Schlepper los, um das Manöver mit Pressorstrahlen zu unterstützen. Ungeachtet der wiederholten bissigen Beteuerungen des Frachterkapitäns, für das Manöver sei noch reichlich Zeit und man habe alles unter Kontrolle, wurde der Frachter schnell quer zur sich nähernden Wohneinheit geschoben, also in die Position, aus der ihn ein kurzer Schub der Triebwerke innerhalb weniger Sekunden herausbringen würde.

Da zündeten die Triebwerke nicht.

Ob das Versagen auf die Wirkung der eiligst auf die freiliegenden, zwischen der Kommandokapsel und den Triebwerken verlaufenden Steuerungsgestänge des Frachters gebündelten Pressorstrahlen zurückzuführen war — die Gestänge konnten durchaus so verbogen worden sein, daß sie sich nicht mehr bewegen ließen —, oder ob das Schicksal entschieden hatte, das Steuerungssystem in genau diesem entscheidenden Moment ausfallen zu lassen, sollte man nie in Erfahrung bringen können. Doch bis zum Zusammenstoß blieben noch ein paar Minuten Zeit.

Ohne das geordnete Durcheinander an Bord der Wohneinheit zu beachten, wo der Aufseher seinen Leuten verzweifelt klarzumachen versuchte, daß die Notfallübung mittlerweile zu einem echten Einsatz geworden war, setzte der Frachterkapitän die Lagesteuerungsdüsen mit maximaler Überlastung ein, um das Schiff wieder auf den ursprünglichen, sicheren Steuerkurs zu bringen. Doch das gewaltige Gewicht eines mit Schwermetallen bis oben hin beladenen Schiffs war mehr, als die Düsen bewältigen konnten. Langsam, beinahe sanft, stieß der Bug des Frachters schließlich gegen den vorderen Teil der Wohneinheit.

Durch den plötzlichen auf die Längsachse einwirkenden Stoß brach der Frachter, dessen Rumpf nur für vertikale Lasten gebaut war, auseinander. Gigantische Metallträger rissen sich von den Vertäuungspunkten los, die Haltegurte aus Metall zerrissen wie Bindfäden, und die langen offenen Gestelle, in denen die Metallplatten lagen, fielen beim Auseinanderbrechen des Schiffsrumpfs zusammen und schleuderten ihre Ladung wirbelnd wie einen langsam fliegenden Wurfmesserhagel auf die Seitenwand der Wohneinheit zu. Und unter den sich drehenden Metallplatten und — trägern und Teilen des Frachterrumpfs befand sich auch radioaktives Material aus dem Schiffsreaktor.

Viele Platten stießen mit der Kante gegen die Einheit und schlitzten die Außenhaut mehrere hundert Meter weit auf, bevor sie wieder weggeschleudert wurden. Dann krachten die Metallträger gegen die bereits beschädigte Außenhaut und rissen in Dutzende von Wohnräume Löcher oder bohrten sich wie riesengroße Speere tief ins Innere der Einheit. Durch die Kollision wurde die vorwärts fliegende Wohneinheit schlagartig zum Stehen gebracht und in ein sich langsam drehendes, halbes Wrack verwandelt, das abwechselnd eine Seite zeigte, die unbeschädigt war, und eine, die ein Bild vollkommener Verwüstung bot. Einer der Schlepper flog der sich ausbreitenden Metallwolke hinterher, die einst der Frachter mitsamt seiner Ladung gewesen war, um deren Kurs für die spätere Bergung zu verzeichnen und nach eventuellen Überlebenden von der Besatzung zu suchen. Die übrigen Schlepper brachten die sich drehende Wohneinheit zum Stillstand und halfen, wo sie nur konnten, bis die Hilfstrupps aus den nahegelegenen Bergbaubetrieben und schließlich die Rhabwar eintrafen.

Bis auf einige Hudlarer, denen das Vakuum nichts ausmachte, und eine Anzahl von Tralthanern, die ebenfalls kurze Zeit im luftleeren Raum existieren konnten, indem sie sich in den Winterschlafzustand versetzten und sämtliche Körperöffhungen schlossen, hatte niemand auf der aufgerissenen Seite der Wohneinheit überlebt.

Selbst die ungeheuer starken und mit widerstandsfähiger Haut versehenen Hudlarer und Tralthaner konnten nicht unter Nulldruck leben, wenn ihre Körper offene Wunden hatten, denn bei starker, explosionsartiger Dekompression zogen sich die bedauernswerten Geschöpfe Leiden zu, die nicht einmal im Orbit Hospital geheilt werden konnten.

Am schwersten waren die Unterkünfte der Hudlarer und Tralthaner von den Folgen des Zusammenstoßes betroffen worden. An allen übrigen Stellen war keine Luft aus der Wohneinheit entwichen, obwohl die Bewohner aufgrund der Bestimmungen für Notfallübungen sowieso Raumanzüge trugen und ein Druckabfall somit kein Problem gewesen wäre.

Dafür hatten in diesen Bereichen die abrupte Geschwindigkeitsabnahme und der Drall nach der Kollision zu Unfallopfern geführt — und zwar zu Hunderten, deren Verletzungen zwar ernsthaft, wegen der schützenden Anzüge aber nicht kritisch ausgefallen waren. Nachdem man in der Wohneinheit die künstliche Schwerkraft wiederhergestellt hatte, wurden diese Verletzten von den Ärzten der eigenen Spezies behandelt, die im Industriekomplex des Meneldensystems arbeiteten, und dann auf provisorische Stationen gebracht, wo sie auf den Transport zum jeweiligen Heimatplaneten zur weiteren Behandlung oder Erholung warteten.

Nur die wirklich schweren Fälle verlegte man ins Orbit Hospital.

Die Nachricht vom Unfall im Meneldensystem hatte das Hospital gerade rechtzeitig erreicht, um Conway die Auseinandersetzung mit einem anderen ernsthaften Problem zu ersparen, obwohl es nach Conways eigenem Dafürhalten weder bewundernswürdig noch selbstlos war, einen schweren Unfall als willkommenen Vorwand für das Verschieben einer besonders beunruhigenden Begegnung zu nehmen.

Allmählich hatten die Schulungsbänder nämlich einen derart starken Einfluß auf ihn genommen, daß er kaum noch sagen konnte, ob bestimmte Gefühle von ihm selbst oder von einem oder allen seiner Gehirnpartner stammten. Dieser Zustand wirkte sich bereits so stark auf ihn aus, daß er, je näher die dienstfreie Zeit rückte, in zunehmendem Maße die Zusammenkunft mit Murchison fürchtete, wenn sie sich unter Umständen, die zwangsläufig zu körperlichen Intimitäten führten, in ihrer Unterkunft begegneten. Er wußte einfach nicht, wie er auf seine Lebenspartnerin reagieren sollte, wie gut er — wenn überhaupt — die Situation in den Griff bekommen könnte und, was am wichtigsten war, wie Murchison seine Reaktionen aufnehmen würde.

Da wurde die Rhabwar plötzlich zum Meneldensystem gesandt, um die Rettungsaktion zu koordinieren und die schwerer Verletzten ins Hospital zu bringen, und Murchison, ein maßgebendes Mitglied des medizinischen Teams, befand sich an Bord.

Zuerst war Conway überaus erleichtert. Doch als früherer Leiter des medizinischen Teams des Schiffs war er sich der Gefahr bewußt, die Murchison von solch einem Unfall drohte, der im Verlauf einer großangelegten Rettungsaktion sehr leicht passieren konnte, und er machte sich allmählich Sorgen. Anstatt sich zu freuen, ihr etwa einen Tag lang nicht begegnen zu müssen, sah er sich auf die Unfallaufnahmeschleuse zusteuern, kurz bevor das Ambulanzschiff nach dem ersten Rückflug andocken sollte.

Er erspähte Naydrad und Danalta, die bei der Schleuse für den Weitertransport standen und einen recht großen Abstand zum Unfallaufnahmeteam hielten, das bei seiner Tätigkeit offenbar keinerlei Hilfe benötigte.

„Wo ist Pathologin Murchison?“ wollte Conway sofort wissen, als eine Trage mit etwas vorbeikam, das wie ein Tralthaner mit einer mehrfachen, durch Gewalteinwirkung herbeigeführten Amputation aussah. Das Wissen vom FGLI-Band drängte sich in seinem Gehirn in den Vordergrund und schlug eindringlich Behandlungsmethoden für diesen Patienten vor. Conway schüttelte unwillkürlich den Kopf, um klare Gedanken zu fassen, und sagte in bestimmterem Ton: „Ich will Murchison sprechen!“

Der neben der völlig untypisch schweigsamen Naydrad stehende Danalta nahm langsam die Körperkonturen einer weiblichen Terrestrierin an, die von den Umrissen und der Größe her denen der Pathologin entsprachen. Als er Conways Mißfallen spürte, sackte er wieder zur eigenen Unförmigkeit zusammen.

„Befindet sie sich an Bord?“ fragte Conway in scharfem Ton.

Das Fell der Schwester kräuselte sich und zog sich zu unregelmäßigen Büschelmustern zusammen, die Conways kelgianischem Alter ego verrieten, daß sie äußerst abgeneigt war zu antworten und mit Unannehmlichkeiten rechnete.

„Ich habe ein kelgianisches Band im Kopf gespeichert“, klärte Conway sie leise auf und deutete auf ihr verräterisches Fell. „Was bereitet Ihnen denn solches Kopfzerbrechen, Schwester?“

„Pathologin Murchison hat es vorgezogen, lieber an der Unglücksstelle zu bleiben, um Doktor Prilicla beim Sortieren der Unfallopfer behilflich sein zu können“, antwortete Naydrad schließlich.

„Beim Sortieren der Unfallopfer?“ stieß Conway ungläubig aus. „Prilicla sollte sich nicht Dingen aussetzen, die. Verdammter Mist! Ich fliege am besten selbst dorthin, um vor Ort zu helfen. Hier sind ja genügend Ärzte zur Behandlung der Verletzten und falls. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden?“

Naydrads Fell bildete eine neue und dringendere Folge von Büscheln und Wellen.

„Doktor Prilicla ist der Leiter des medizinischen Teams“, sagte die Kelgianerin. „Sein angemessener Platz ist am Unglücksort, um die Rettungsaktion und die Aufteilung der Verletzten zu koordinieren, egal, welche körperlichen oder seelischen Schäden möglicherweise daraus erwachsen. Die Anwesenheit eines früheren Teamleiters könnte als indirekte Kritik an seinen beruflichen Fähigkeiten angesehen werden, mit der dortigen Situation nicht fertig zu werden, was er bislang aber vorbildlich gemeistert hat.“

Da er die Bewegungen des ausdrucksfähigen Fells der Kelgianerin beobachtete, war Conway nicht über das Mitgefühl erstaunt, das Naydrad für einen Vorgesetzten bewies, der sich erst wenige Tage im Dienst befand. Es lag in der Natur der Dinge, daß Vorgesetzte respektiert und manchmal gefürchtet wurden und ihre Untergebenen ihnen normalerweise widerwillig gehorchten. Doch hatte Prilicla den Beweis erbracht, daß es durchaus möglich war, die Leitung innezuhaben und dennoch Treue entgegengebracht zu bekommen, indem er die Untergebenen durch eine ganz bestimmte Art Furcht zum Gehorsam bewegte — nämlich durch die Angst, versehentlich die Gefühle des Chefs verletzen zu können.

Als Conway nicht reagierte, fuhr Naydrad fort: „Wir haben Ihr Hilfsangebot vorausgesehen. Deshalb ist Murchison dortgeblieben, um Prilicla zu helfen. Durch seine empathischen Fähigkeiten braucht der Cinrussker, wie Sie ja selbst wissen, nicht in unmittelbarer Nähe der Verletzten arbeiten. Darum kann er einen relativ hohen Sicherheitsabstand einhalten, während sich Murchison unter die Verletzten begibt, wie Sie es getan hätten, wenn Sie an den Unglücksort geflogen wären.“

„Doktor“, brach Danalta sein langes Schweigen, „Pathologin Murchison erhält abwechselnd von mehreren großen, äußerst muskulösen Lebewesen ihrer eigenen oder anderer Spezies Hilfe, die in schweren Rettungstechniken ausgebildet sind. Diese Lebewesen sind dafür verantwortlich, die Verletzten auf Anweisung der Pathologin aus den Trümmern zu bergen und dafür zu sorgen, daß Murchison nicht von denselben Trümmern gefährdet wird.

Ich erwähne das nur, Doktor, um Sie bezüglich der Sicherheit Ihrer Lebensgefährtin zu beruhigen“, fügte Danalta hinzu.

Nach den eher barschen Worten Naydrads klang der höfliche und respektvolle Ton Danaltas beinahe unterwürfig. Doch auch die TOBS hatten als notwendige Ergänzung zu ihren Fähigkeiten zur defensiven und offensiven Schutzanpassung ein gewisses Maß an Empathie entwickelt, und Respekt bewirkte bei ihnen eine Verwandlung, ob diese nun wirklich oder nur vorgetäuscht war.

„Das war sehr rücksichtsvoll von Ihnen, Danalta“, bedankte sich Conway bei dem Gestaltwandler und wandte sich dann wieder an Naydrad. „Wenn ich mir allerdings Prilicla beim Sortieren der Verletzten vorstelle, dann.“

Allein die Vorstellung genügte, um Conway und jeden anderen, der den kleinen Empathen kannte, schaudern zu lassen.

Schon als der Empath Mitglied des medizinischen Teams der Rhabwar gewesen war, hatten die Reichweite und die Empfindlichkeit seiner empathischen Fähigkeiten unschätzbaren Wert besessen, und obwohl Prilicla jetzt das Team leitete, hatte sich an den äußeren Umständen nichts geändert. Der Empath konnte die emotionale Ausstrahlung der Verletzten in einem Wrack spüren, insbesondere von denen, die sich nicht rührten, schwer verwundet waren und anscheinend nicht mehr lebten, und mit absoluter Genauigkeit feststellen, in welchen Schutzanzügen Leichen und in welchen Überlebende steckten. Das gelang ihm, indem er sich auf die restliche emotionale Ausstrahlung des Gehirns des oftmals tief bewußtlosen Verletzten einstellte. Durch die Wahrnehmung der Empfindungen des bewußtlosen Gehirns und die Analyse der Ergebnisse konnte er erkennen, ob Hoffnung darauf bestand, den noch vorhandenen Lebensfunken neu zu entfachen. Wenn ein Überlebender zum Retten übrigbleiben sollte, mußte man sich mit Raumunfällen auf dem schnellsten Wege befassen, und Priliclas empathische Fähigkeiten hatten dabei entscheidende Zeit gespart und sehr viele Leben gerettet.

Diese Fähigkeiten forderten jedoch einen hohen Preis, denn in vielen Fällen mußte Prilicla mit jedem der Verletzten lange oder kurze Zeit leiden, bevor derartige Diagnosen oder Beurteilungen abgegeben werden konnten. Aber die Opfer des Unfalls im Meneldensystem zu sortieren würde für Prilicla bedeuten, auf emotionales Leid von einer völlig neuen Größenordnung zu stoßen. Zum Glück konnten Murchisons Empfindungen für den kleinen Empathen nur als geradezu blindwütig mütterlich bezeichnet werden, und sie würde bestimmt sicherstellen, daß der Cinrussker dem Sturm emotionaler Ausstrahlungen — all die Schmerzen und die panische Angst und das Leid der Verletzten und ihrer am Leben gebliebenen Freunde —, der in dieser zerstörten Wohneinheit tobte, nur aus allergrößter Entfernung und so kurz wie möglich ausgesetzt war.

Zum Sortieren von Unfallopfern war die Anwesenheit eines Chefchirurgen am Ort des Geschehens erforderlich. Prilicla zählte zu den besten Chirurgen des Hospitals, wobei ihm eine Pathologin zur Seite stand, die nur von denjenigen Pathologen übertroffen wurde, die den Rang eines Diagnostikers einnahmen. Mit vereinten Kräften müßten die beiden in der Lage sein, die besonders entsetzliche Aufgabe, den Zustand der Verwundeten zu beurteilen, ohne Verzögerung oder Unschlüssigkeit zu bewältigen.

Dabei würden sie sich nach Verfahren richten, die in ferner Vergangenheit für umfangreiche medizinische Notfälle festgelegt worden waren, zu einer Zeit also, als Luftangriffe, Bombardements, terroristische Bombenanschläge und ähnliche Auswirkungen als Folge der bei verschiedenen Spezies vorkommenden Massenpsychose namens Krieg die Zahl der Todesopfer reiner Naturkatastrophen unnötig vergrößert hatten. In solchen Zeiten konnte man weder medizinische Mittel noch Zeit und Mühe für hoffnungslose Fälle verschwenden, und das war auch der Grundgedanke, der hinter dem Sortieren von Verletzten steckte.

Dabei wurden die Unfallopfer nach der Schwere der Verletzungen eingeschätzt und in drei Gruppen aufgeteilt. Die erste enthielt die Verunglückten mit oberflächlichen oder nicht tödlichen Verletzungen, diejenigen, die an einem seelischen Trauma litten, sowie diejenigen, die nicht sterben würden, selbst wenn sich die Behandlung verzögern sollte, und warten konnten, bis der Transport zu den Krankenhäusern ihrer Heimatplaneten möglich war. Die zweite Gruppe umfaßte die Wesen, die so schwer verwundet waren, daß ihr Zustand trotz aller Maßnahmen zum Tod führen würde, und denen man die letzten Augenblicke vor dem Lebensende nur so angenehm wie möglich gestalten konnte. In der dritten und wichtigsten Gruppe befanden sich schließlich diejenigen, die zwar schwer verletzt waren, aber recht gute Überlebenschancen besaßen, wenn die angezeigte Behandlung ohne Verzögerung vorgenommen werden konnte.

Bei den Verletzten, die man ins Orbit Hospital schickte, handelte es sich um die der dritten Gruppe, dachte Conway, als er gerade auf eine weitere vorbeikommende Trage einen Blick warf, deren Druckhülle aufgeblasen war. Der darunter liegende organische Inhalt war von den Geräten zur Lebenserhaltung dermaßen verdeckt, daß man nicht einmal mit Sicherheit seine physiologische Klassifikation bestimmen konnte. Nach Conways Auffassung handelte es sich bei dem Patienten um einen Grenzfall zwischen den Gruppen zwei und drei.

„Das ist der letzte Verwundete dieses Flugs, Doktor“, sagte Naydrad schnell. „Wir müssen gleich wieder los, um den nächsten Schub zu holen.“

Die Kelgianerin machte sich davon und näherte sich mit wellenförmigen Bewegungen dem Bordtunnel der Rhabwar. Danalta nahm wieder die Form einer dunkelgrünen Kugel an, die außer einem Auge, mit dem er Conway betrachtete, und einem Mund, mit dem er ihn ansprach, keine weiteren Merkmale aufwies.

„Sie werden bereits bemerkt haben, Doktor, daß Chefarzt Prilicla die chirurgischen Fähigkeiten seiner Kollegen äußerst hoch einschätzt und außerdem überaus abgeneigt ist, auch nur einen der Verletzten in die Gruppe der hoffnungslosen Fälle einzuordnen.“

Als der JOBS schnell hinter Naydrad herrollte, wurde der Mund zu einer glatten Fläche, und das Auge zog sich in die Kugel zurück.

13. Kapitel

Von der Rückkehr der Rhabwar mit der letzten Fuhre von Verletzten aus dem Meneldensystem erfuhr Conway, als er gerade seine erste Diagnostikerversammlung besuchen wollte. Da er das neueste Mitglied auf Probe war, hätte man eine plötzliche Absage, nur um ein paar Worte mit Murchison zu wechseln, höchstwahrscheinlich für unhöflich und geradezu aufsässig gehalten, und darum sollte sich seine nächste Zusammenkunft mit Murchison erneut verzögern. Darüber empfand er zwar in erster Linie Erleichterung, wofür er sich allerdings insgeheim furchtbar schämte. Er nahm Platz und rechnete nicht damit, in einer solch erlauchten Runde irgendeinen bedeutenden Beitrag leisten zu können.

Nervös blickte er zu O'Mara hinüber — dem einzigen außer ihm sonst noch anwesenden Nichtdiagnostiker —, der neben dem riesigen Thornnastor zur einen Seite und der Kälte ausstrahlenden kugelförmigen Druckhülle von Semlic zu anderen, dem methanatmenden SNLU-Diagnostiker von den kalten Ebenen, geradezu winzig wirkte. Der Chefpsychologe erwiderte Conways Blick mit einem ausdruckslosen Starren. Genausowenig waren auch die Gesichtszüge der Diagnostiker zu entschlüsseln, die auf den für ihre körperliche Bequemlichkeit gebauten Möbeln im Raum verteilt saßen, kauerten, von ihnen herabhingen oder sie sonstwie belegten, obwohl mehrere von ihnen Conway neugierig musterten.

Ergandhir, einer der anwesenden melfanischen ELNTs, ergriff als erster das Wort. „Gibt es, bevor wir uns über die Unfallopfer aus dem Meneldensystem unterhalten, die bei uns eingewiesen worden sind und deren Behandlung von größter Dringlichkeit ist, weniger eilige Angelegenheiten, die einer allgemeinen Diskussion und einer Anleitung bedürfen? Conway, Sie müssen doch als das neueste Mitglied unseres Clubs der freiwillig Verrückten auf das eine oder andere Problem gestoßen sein, nicht wahr?“

„Und ob, auf einige sogar“, bestätigte Conway und fügte zögernd hinzu: „Im Moment handelt es sich dabei eher um technische Schwierigkeiten, um Dinge also, die zur Zeit außerhalb meines Bereichs liegen, oder um vollkommen unlösbare Probleme.“

„Bitte erläutern Sie das etwas genauer“, forderte ihn ein unbekannter Diagnostiker vom anderen Ende des Raums auf. Das konnte einer von den Kelgianern gewesen sein, deren Sprechöffinungen sich während eines Gesprächs kaum bewegten. „Es ist zu hoffen, daß all diese Probleme nur vorübergehend unlösbar sind.“

Einen Augenblick lang fühlte sich Conway wieder wie ein Assistenzarzt, der von einem ranghöheren Lehrer wegen unlogischen und gefühlsbetonten Denkens gerügt wird, und diese Kritik war wohlverdient. Er mußte sich wieder in den Griff bekommen und anfangen, mit all seinen fünf Gehirnen folgerichtig und logisch zu denken.

Klar und deutlich sagte er: „Die technischen Schwierigkeiten ergeben sich aus der Notwendigkeit, geeignete Umweltbedingungen und Behandlungseinrichtungen für den Beschützer des Ungeborenen bereitzustellen, bevor das Junge zur Welt kommt und.“

„Entschuldigen Sie die Unterbrechung, Conway“, fiel ihm Semlic ins Wort, „aber es ist unwahrscheinlich, daß wir Ihnen bei diesem Problem direkt helfen können. Bei der Bergung des Wesens aus seinem Schiff waren Sie behilflich, mit dem intelligenten Embryo standen Sie in kurzer telepathischer Verbindung, und deshalb sind Sie das einzige Lebewesen, das über ausreichende Kenntnisse aus erster Hand verfügt, um dieses Problem zu lösen. Vielleicht darf ich Ihnen — bei allem Mitleid — sagen, daß Sie dieses Problem gern für sich behalten können.“

„Obwohl ich nicht imstande bin, Ihnen direkt zu helfen“, mischte sich Ergandhir ein, „kann ich Ihnen Informationen über die Physiologie und das Verhalten einer ähnlichen melfanischen Lebensform zur Verfügung stellen, die wie der junge Beschützer voll entwickelt und verteidigungsfähig geboren wird. Die Mutter gebärt nur einmal im Leben, und zwar stets vier Junge. Diese Jungen greifen die Mutter an und versuchen, sie zu fressen, doch gewöhnlich gelingt es der Mutter, sich ausreichend zu verteidigen, und wenn schon nicht, um selbst zu überleben, dann wenigstens so, um noch ein oder zwei ihrer Nachkommen zu töten, die sich hin und wieder gegenseitig umzubringen versuchen. Wäre das anders, hätten sie meinen Planeten längst überschwemmt. Die Spezies ist nicht vernunftbegabt.“

„Dem Himmel sei Dank“, murmelte O'Mara dazwischen.

„….. und wird es höchstwahrscheinlich auch nie werden“, fuhr Ergandhir fort. „Ich habe Ihre Berichte über den Beschützer mit großem Interesse gelesen, Conway, und würde mich freuen, dieses Thema mit Ihnen zu erörtern, falls Sie das für hilfreich halten. Aber Sie haben noch von weiteren Problemen gesprochen.“

Conway nickte, während die melfanischen Kenntnisse in seinem Gehirn mit Bildern der kleinen, eidechsenähnlichen Tiere an die Oberfläche kamen, die die Nahrungsanbaugebiete auf Melf befielen und den umfangreichsten und ausgeklügeltsten Ausrottungsbemühungen zum Trotz überlebt hatten. Die Parallelen zwischen diesen Tieren und den Beschützern erkannte er, und er wollte sich auf jeden Fall mit dem melfanischen Diagnostiker darüber unterhalten, sowie sich eine Gelegenheit dazu ergeben sollte.

„Das anscheinend unlösbare Problem ist Goglesk“ fuhr er fort. „Dabei handelt es sich eigentlich nicht um ein dringendes Problem, außer für mich selbst, weil es eine persönliche Verwicklung mit dem Fall gibt. Deshalb sollte ich Ihre kostbare Zeit lieber nicht länger in Anspruch nehmen, nur um.“

„Ich war mir gar nicht bewußt, daß ein gogleskanisches Band überhaupt zur Verfügung steht“, bemerkte einer der beiden anwesenden illensanischen PVSJs und zuckte dabei unruhig in seinem Chloranzug.

Für einen Moment hatte Conway ganz vergessen, daß der Ausdruck persönliche Verwicklung zu jenen Redewendungen gehörte, mit denen sich Diagnostiker und Chefärzte mit einem Band im Kopf darüber in Kenntnis setzten, daß sie die Gedächtnisaufzeichnung eines Mitglieds der zur Debatte stehenden Spezies im Kopf gespeichert hatten. Bevor er antworten konnte, ergriff O'Mara schnell das Wort.

„Ein derartiges Band ist nicht vorhanden“, sagte er. „Die Gedächtnisübertragung ist versehentlich und unfreiwillig erfolgt, als Conway zu Besuch auf dem Planeten war. Vielleicht möchte er die Einzelheiten zu einem späteren Zeitpunkt mit Ihnen erörtern, aber ich kann ihm nur zustimmen, daß eine solche Diskussion im Moment zeitraubend und ergebnislos wäre.“

Alle Anwesenden starrten Conway an, aber es war Semlic, der ihm die Frage als erster stellte, nachdem er die Linsen der Außenkamera seiner Druckkugel gewechselt hatte, um ihn in stärkerer Vergrößerung zu sehen.

„Soll ich das etwa so verstehen, daß Sie eine Gedächtnisaufzeichnung im Kopf haben, die nicht gelöscht werden kann, Conway?“ erkundigte er sich. „Für mich ist das eine äußerst beunruhigende Vorstellung. Mir selbst bereitet mein überfülltes Gehirn schweren Kummer, und ich habe schon ernsthaft erwogen, durch die drastische Reduzierung von Bändern im Kopf lieber wieder den Rang eines Chefarzts einzunehmen. Doch meine Alter ego sind lediglich Gäste, die jederzeit zum Verschwinden gezwungen werden können, falls ihre Gegenwart unerträglich werden sollte. Aber eine Gedächtnisaufzeichnung, die sich im Kopf häuslich niedergelassen hat und nicht gelöscht werden kann, ist mehr als genug. Keiner der hier anwesenden Kollegen hätte eine weniger hohe Meinung von Ihnen, wenn Sie sich zu dem Schritt entschließen würden, den ich bereits für mich in Erwägung ziehe, nämlich sich die anderen Bänder aus dem Kopf löschen zu lassen.“

„Das behauptet Semlic schon seit sechzehn Jahren von sich, und zwar alle paar Tage“, warf O'Mara mit ausgeschaltetem Translator ein, so daß nur Conway ihn verstehen konnte. „Trotzdem hat er recht. Wenn die gogleskanischen Erinnerungen den anderen entgegenwirken und Sie deshalb ernsthafte Schwierigkeiten haben, lassen Sie die Bänder lieber löschen. Das würde Ihnen keine Schande machen und Ihnen zumindest von den anderen hier Anwesenden nicht als Charakterschwäche ausgelegt werden — und wäre im Grunde sogar vernünftig. andererseits kann man Sie wirklich nicht gerade als vernünftig bezeichnen.“

„…und unter den Gästen in meinem Gehirn“, sagte Semlic gerade, als Conway seine Aufmerksamkeit wieder dem SNLU zuwandte, „befinden sich einige Wesen, die ein. nun, ich möchte mal sagen, sehr interessantes und unorthodoxes Leben geführt haben. Mit all diesen nichtmedizinischen Erfahrungen, über die ich verfüge, könnte ich Ihnen vielleicht sogar Ratschläge geben, falls Sie auf persönliche Schwierigkeiten mit Pathologin Murchison stoßen sollten.“

„MitMurchison…?“ hakte Conway ungläubig nach.

„Wäre ja möglich“, erwiderte Semlic, der den empörten Unterton in Conways Stimme entweder nicht mitbekommen oder absichtlich überhört hatte.

„Wir alle hier haben vor Murchisons Fachkompetenz und Charakteranlage die größte Hochachtung, und mir persönlich würde der Gedanke überhaupt nicht behagen, daß sie ein seelisches Trauma erleiden könnte, nur weil ich es versäumt habe, Ihnen einen Rat zu erteilen. Sie haben wirklich Glück, ein solches Wesen zur Lebensgefährtin zu haben. Natürlich habe ich kein persönliches körperliches Interesse an diesem Wesen.“

„Na, da bin ich aber erleichtert, das zu hören“, entgegnete Conway mit einem leicht verzweifelten und hilfesuchenden Blick auf O'Mara. Allmählich klang es fast so, als würde der SNLU-Diagnostiker seinen unterkühlten kristallinen Verstand verlieren. Der Chefpsychologe beachtete Conway jedoch nicht.

„… meine Begeisterung entspringt dem terrestrischen DBDG-Band, das seit dem Beginn unseres Gesprächs von einem übermäßigen Teil meines Verstands Besitz ergriffen hat“, fuhr der SNLU fort. „Es stammt von einem ganz großartigen Chirurgen, der alle mit der Fortpflanzung in Verbindung stehenden Tätigkeiten ungeheuer gern mochte. Aus diesem Grund wirkt Ihre DBDG-Frau auf mich äußerst beunruhigend. Sie besitzt die — vielleicht unbewußte — Fähigkeit, sich ohne Worte und allein durch den Gang zu verständigen, und die Brustpartie ist besonders.“

„Bei mir ist es die hudlarische Krankenpflegeschülerin auf der Kinderstation für FROBs“, unterbrach ihn Conway hastig. Rasch stellte sich heraus, daß gleich mehrere der anwesenden Diagnostiker hudlarische Physiologiebänder im Kopf gespeichert hatten und sie alles andere als abgeneigt waren, die Fachkompetenz und die körperlichen Merkmale der Schwester lang und breit zu erörtern, doch der SNLU schnitt ihnen schließlich das Wort ab.

„Durch diese Diskussion muß Conway ja einen völlig falschen Eindruck von uns bekommen“, sagte Semlic, wobei seine Außenkamera umherschwenkte, um alle Anwesenden im Raum einzubeziehen. „Das setzt Conways hohe Meinung von Diagnostikern, deren Debatten er wohl eher auf einer vergeistigten und rein fachlichen Ebene vermutet hatte, womöglich stark herab. Lassen Sie mich ihm in unser aller Namen versichern, daß wir unserem neuesten möglichen Mitglied lediglich beweisen wollen, daß der Großteil seiner Probleme keineswegs neu und entweder auf die eine oder andere Art gelöst worden ist, und zwar gewöhnlich mit der Hilfe von Kollegen, die nur allzu gerne dazu bereit sind, ihm jederzeit zur Seite zu stehen.“

„Danke“, sagte Conway.

„Nach dem anhaltenden Schweigen des Chefpsychologen zu urteilen, scheinen Sie die Lage bis jetzt ziemlich gut gemeistert zu haben“, fuhr Semlic fort. „Aber es gibt eine kleine Hilfestellung, die ich Ihnen vielleicht geben kann, und die hat mehr mit Umweltbedingungen als mit persönlichen Angelegenheiten zu tun. Sie können meinen Ebenen jederzeit einen Besuch abstatten, unter der einen Bedingung, daß Sie auf der Zuschauergalerie bleiben.

Denn die warmblütigen Sauerstoffatmer, die sich beruflich für meine Patienten interessieren, sind wirklich dünn gesät“, fügte der SNLU hinzu. „Falls Sie jedoch die Ausnahme sein sollten, müssen besondere Vorkehrungen getroffen werden.“

„Nein, danke“, entgegnete Conway. „Ich könnte gerade jetzt, falls überhaupt, keinen nützlichen Beitrag zur Medizin kristalliner und unter Minustemperaturen lebender Wesen leisten.“

„Trotzdem sollten Sie uns besuchen“, fuhr der Methanatmer unbeirrt fort. „Vergessen Sie nicht, die Ohren zu spitzen und den Translator abzuschalten, und dann hören Sie zu. Aus den Resultaten haben mehrere Ihrer warmblütigen Kollegen einen gewissen Trost geschöpft.“

„Einen mageren und vor allem kalten Trost“, warf O'Mara trocken ein und fügte hinzu: „Außerdem widmen wir meiner Meinung nach einen großen Teil unserer Zeit unrechtmäßigerweise Conways persönlichen Problemen anstatt denen der Patienten.“

Conway musterte die Diagnostiker der Reihe nach und fragte sich, wie viele von ihnen FROB-Physiologiebänder im Kopf gespeichert hatten. „Dann gibt es noch das Problem mit den alterskranken FROBs“, sagte er schließlich an alle gewandt. „Insbesondere die Entscheidung, ob an einem Patienten eine gefährliche mehrfache Amputation vorgenommen werden soll, die, wenn sie glückt, das Leben um eine verhältnismäßig kurze Zeitspanne verlängert, oder ob man der Natur lieber freien Lauf lassen sollte. Im ersten Fall läßt die Qualität des verlängerten Lebens viel zu wünschen übrig.“

Ergandhirs Körper mit dem prächtig gezeichneten Ektoskelett beugte sich im Sitzgestell vor, und der Unterkiefer bewegte sich im Rhythmus mit der Übersetzung. „Das ist eine Situation, mit der ich, wie fast alle von uns, schon oft konfrontiert worden bin, und zwar bei ganz anderen Spezies als bei den Hudlarern. In meinem Fall ist das Ergebnis, um eine melfanische Metapher zu benutzen, ein stark angeschlagener Panzer gewesen. Im wesentlichen ist das jedenfalls eine moralische Entscheidung, Conway.“

„Natürlich!“ rief einer der Kelgianer, bevor Conway antworten konnte. „Diese Entscheidung wird knapp ausgehen und ist ganz persönlich. Wie ich Conway kenne, wird er sich jedoch wahrscheinlich eher zu einem operativen Eingriff entschließen, als den Patienten bis zum Zeitpunkt des Todes unter klinische Beobachtung zu stellen.“

„Dem kann ich nur zustimmen“, sagte Thornnastor, der sich zum erstenmal zu Wort meldete. „Wenn eine Situation schon an sich hoffnungslos ist, ist es besser, wenigstens das Machbare zu tun als überhaupt nichts. Und bei äußeren Operationsbedingungen, unter denen andere Spezies nur mit Schwierigkeiten gute Arbeit leisten können, darf ein erfahrener terrestrischer Chirurg vielleicht mit ordentlichen Ergebnissen rechnen.“

„Terrestrische DBDGs gehören nicht zu den besten Chirurgen der Galaxis“, mischte sich der Kelgianer erneut ein, wobei sein kräuselndes Fell denjenigen, die DBLF-Bänder im Kopf gespeichert hatten, die Empfindungen verriet, die durch die plumpe Sprechweise kaschiert wurden. „Unter gewissen Umständen sind Tralthaner, Melfaner, Cinrussker und wir Kelgianer chirurgisch sehr viel geschickter. Jedoch treten ab und an Situationen auf, in denen diese Geschicklichkeit aufgrund der Umweltbedingungen nicht zum Tragen gebracht werden kann.“

„Der Operationssaal muß auf den Patienten abgestimmt sein, nicht auf den Arzt“, warf irgendeine Stimme ein.

„…oder aufgrund von psychologischen Einflüssen seitens des Chirurgen gehemmt wird“, fuhr der Kelgianer fort. „Die zum Arbeiten unter schädlichen Umweltbedingungen benötigten Schutzanzüge oder — fahrzeuge behindern die feineren Bewegungen von Greiforganen oder Fingern, und ferngesteuerte Greifer arbeiten entweder nicht genau genug oder haben in den kritischsten Momenten eine Fehlüinktion. Die Hand eines DBDGs kann jedoch gegen viele schädliche Umweltbedingungen durch einen lachhaft dünnen Handschuh geschützt werden, der die Fingerbewegungen nicht behindert. Und die Stützmüskulatür des terrestrischen Körpers ist so beschaffen, daß die DBDGs unter erhöhtem Druck und gesteigerter Schwerkraft mit nur minimal verringerter Leistungsfähigkeit arbeiten können. Selbst wenn sich die Hände ein kleines Stück außerhalb des Schwerkraftneutralisatorenfelds befinden, bleiben sie voll funktionsfähig. Obwohl sie eine grobe Form haben und in ihren Bewegungen verhältnismäßig eingeschränkt sind, kommen die terrestrischen Hände überallhin — natürlich rein chirurgisch gesehen — und.“

„Nicht überallhin, Conway“, unterbrach Semlic den Kelgianer. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Ihre überhitzten Hände von meinen Patienten ließen.“

„Für einen Kelgianer ist Diagnostiker Kursedth diplomatisch“, sagte Ergandhir. „Er macht Ihnen Komplimente und erklärt gleichzeitig, weshalb Sie von den unangenehmen Arbeiten wahrscheinlich mehr als Ihren verdienten Anteil abbekommen werden.“

„So etwas Ähnliches habe ich schon befürchtet“, entgegnete Conway lachend.

„Also schön“, meldete sich Thornnastor zu Wort. „Jetzt sollten wir über die dringende Angelegenheit mit den Unfallopfern aus dem Meneldensystem nachdenken. Wenn Sie bitte alle so freundlich wären, Ihren Monitor zu betrachten, werden wir den klinischen Zustand, die geplante Behandlung und die Zuweisungen der chirurgischen Verantwortlichkeiten besprechen.“

Mit den höflichen Nachfragen, dem Mitgefühl und den Ratschlägen, die eine eingehende Untersuchung seiner Gefühle und seiner beruflichen Einstellung bemäntelt hatten, war es, wie Conway jetzt merkte, erst einmal vorbei. Die Leitung der Versammlung hatte Thornnastor übernommen, der erfahrenste und ranghöchste Diagnostiker des Hospitals.

„…wie Sie feststellen können, wurde der Großteil der Fälle Chefärzten verschiedener physiologischer Klassifikationen übertragen, deren Fähigkeiten den Aufgaben mehr als gewachsen sind. Sollten sich unvorhersehbare Schwierigkeiten ergeben, wird einer von uns aufgefordert werden zu assistieren. Unserer direkten Verantwortung werden wesentlich weniger Verletzte unterstehen, nämlich die wirklich schlimmen Fälle. Einigen von Ihnen ist aus Gründen, die Ihnen klarwerden, wenn Sie sich mit den Anmerkungen zu den Fällen befassen, nur ein Patient zugewiesen worden, andere haben mehrere erhalten. Hat noch jemand von Ihnen irgend etwas zu sagen, bevor Sie damit beginnen, Ihre Operationsteams zusammenzustellen und die Maßnahmen im einzelnen zu planen?“

Während der ersten paar Minuten waren alle Diagnostiker viel zu sehr damit beschäftigt, die Einzelheiten der ihnen übertragenen Fälle zu überprüfen, um irgend etwas Brauchbares sagen zu können, und die ersten Bemerkungen hatten eher den Charakter von Beschwerden.

„Die zwei Fälle, die Sie mir gegeben haben, Thornnastor“, meldete sich Ergandhir zu Wort, wobei er mit einer seiner harten, spitz zulaufenden Zangen auf den Bildschirm tippte, „weisen derart viele komplizierte Frakturen und Splitterbrüche auf, daß die Patienten, falls sie überhaupt überleben, mit so viel Drähten, Nägeln und Platten in den Knochen herumlaufen werden, daß ihre Körpertemperatur jedesmal, wenn sie in die Nähe eines Energiegenerators kommen, vom Induktionsstrom in die Höhe getrieben wird. Was haben überhaupt zwei orligianische DBDGs im Meneldensystem zu suchen gehabt?“

„Die beiden sind im Wrack verunglückt“, antwortete der Pathologe. „Sie haben zu einem Rettungsteam von dem nahegelegenen orligianischen Metallverarbeitungswerk gehört. Aber sonst beklagen Sie sich doch immer, daß Sie nie genügend chirurgische Erfahrungen mit DBDGs sammeln können, Ergandhir.“

„Mir haben Sie nur einen einzigen Fall zugeteilt“, beschwerte sich der Diagnostiker Vosan. Der creppelianische Oktopode musterte Thornnastor von oben bis unten, gab dann einen Laut von sich, der nicht übersetzt wurde, und fügte hinzu: „Ein derart entmutigendes klinisches Bild habe ich selten gesehen, und bestimmt habe ich alle acht Hände voll mit diesem Patienten zu tun.“

„Gerade die Anzahl und Geschicklichkeit Ihrer Glieder hat mich in erster Linie dazu veranlaßt, Ihnen diesen Fall zu übertragen“, entgegnete Thornnastor. „Aber für Diskussionen bleibt uns allmählich keine Zeit mehr. Gibt es noch irgendwelche weiteren Anmerkungen, bevor wir uns über die Verfahrenstechniken unterhalten?“

Schnell sagte Ergandhir: „Bei der Arbeit im Schädelbereich, insbesondere bei einem meiner Patienten, wäre eine Überwachung der emotionalen Ausstrahlung ausgesprochen vorteilhaft.“

„Und ich fände es nützlich“, fügte Vosan hinzu, „in der präoperativen Phase den Grad der Bewußtlosigkeit und der erforderlichen Betäubung zu überprüfen.“

„Und ich! Und ich!“ schrien gleich mehrere der anderen Diagnostiker, und einen Moment lang riefen zu viele Stimmen durcheinander, als daß der Translator seine Aufgabe hätte bewältigen können. Mit einer energischen Tentakelbewegung sorgte Thornnastor schließlich für Ruhe.

„Offenbar muß Sie der Chefpsychologe erneut an die physiologischen und psychologischen Fähigkeiten unseres einzigen medizinisch qualifizierten Empathen erinnern“, stellte der Tralthaner fest. „Major?“

O'Mara räusperte sich und sagte auf seine typisch unterkühlte Art: „Ich habe keinen Zweifel, daß Doktor Prilicla Ihnen allen bereitwillig und gerne helfen würde, aber als Chefarzt, der bereits für die Beförderung zum Diagnostiker in Betracht gezogen wird, ist er selbst am besten in der Lage zu beurteilen, wann und wo seine empathischen Fähigkeiten am wirkungsvollsten eingesetzt werden können. Außerdem, auch wenn es nützlich ist, über einen für Emotionen empfänglichen Empathen zu verfügen, der während einer Operation ständig den Zustand eines sich in tiefer Bewußtlosigkeit befindlichen Patienten überwacht, hat der Patient so etwas keinesfalls nötig. Der einzige Vorteil beruht fast immer nur auf der psychischen Erleichterung und der Beruhigung des Chirurgen.

Darüber hinaus funktioniert unser Empath am besten, wenn er sich unter Lebewesen befindet, die ihn mögen und ihm vollstes Verständnis entgegenbringen“, fuhr der Chefpsychologe ungerührt fort, ohne auf die unübersetzbaren Protestbekundungen zu achten, die sich rund um den Tisch herum erhoben. „Und da dies so ist, sollte Ihnen allen klar sein, daß Prilicla große Wahlfreiheit eingeräumt wird, und zwar nicht nur in der Frage, welche Fälle er annimmt, sondern auch, mit welchen Chirurgen er zusammenarbeiten will. Falls also derjenige Arzt, der mit Chefarzt Prilicla seit dessen Anfängen als Assistenzarzt am Orbit Hospital zusammengearbeitet und ihm bei seiner frühen medizinischen Ausbildung geholfen hat, um die Assistenz Priliclas bei einer Operation bäte, würde ihm das keinesfalls abgeschlagen werden. Oder sehe ich das falsch, Conway?“

„Ich. ehm. ich nehme an, Sie sehen das ganz richtig“, stammelte Conway. Die letzten paar Minuten hatte er nicht genau zugehört, weil ihm seine Fälle, diese nahezu hoffnungslosen Fälle, durch den Kopf gegangen waren und er mit dem Gedanken an einen offenen beruflichen Aufstand gespielt hatte.

„Brauchen Sie Prilicla?“ fragte O'Mara leise. „Sie haben als erster das Anrecht auf ihn. Wenn Sie die Hilfe Ihres empathischen Freunds zwar gerne in Anspruch nehmen würden, aber nicht wirklich benötigen, dann sagen Sie das. Auf der linken Seite wird sich in Null Komma nichts eine Schlange Ihrer Kollegen bilden, die ihn brauchen.“

Conway dachte nach und versuchte, die Meinungen seiner Gehirnpartner zu ordnen und abzuwägen.

Selbst die freundliche und ständig erschreckte Khone betrachtete seine Fälle mit Wohlwollen, und dabei hatte früher schon der bloße Anblick eines unverletzten Hudlarers ausgereicht, um bei ihr eine Panikreaktion auszulösen. „Ich glaube nicht, daß mir bei diesen Fällen ein Empath eine große Hilfe wäre“, antwortete er schließlich. „Prilicla kann keine Wunder vollbringen, und wenn die Fälle gemeistert werden sollen, sind wenigstens drei verschiedene übernatürliche Eingriffe erforderlich. Und selbst dann bezweifle ich es noch sehr, daß es uns die Patienten oder deren Angehörige danken werden.“

„Sie können die Fälle ablehnen“, sagte O'Mara leise, „aber Sie müssen uns schon einen besseren Grund dafür nennen, warum es sich dabei um anscheinend hoffnungslose Krankheitsbilder handelt. Wie schon zuvor erwähnt worden ist, wird Ihnen als Diagnostiker auf Probe ein scheinbar ungerecht hoher Anteil von solchen Fällen zugeteilt. Das soll Sie an den Gedanken gewöhnen, daß das Hospital sich nicht nur mit schönen, sauberen und vollkommenen Heilungen beschäftigen kann, sondern auch mit Teilerfolgen und Fehlschlägen fertig werden muß. Bisher haben Sie sich noch nie mit den Problemen der Nachbehandlung befassen müssen, nicht wahr, Conway?“

„Das ist mir durchaus bewußt“, antwortete der Diagnostiker auf Probe verärgert, weil sich O'Maras Erklärung für ihn so angehört hatte, als würde er ihn aufgrund seiner früheren Erfolge kritisieren und ihn bezichtigen, es in irgendeiner merkwürdigen Weise auf Effekthascherei abgesehen zu haben. Dann stellte er sich allerdings selbst die Frage, ob er lediglich deshalb wütend war, weil die Beschuldigung ein gewisses Maß an Wahrheit enthielt. Leiser fuhr er fort: „Vielleicht habe ich bisher das Glück gehabt.“

„Und außerdem das chirurgische Geschick“, warf Thornnastor ein.

„… Fälle zu bekommen, die nur volle Erfolge oder totale Fehlschläge werden konnten“, setzte er seine Ausführungen fort. „Aber bei diesen Patienten — selbst wenn die Lebenserhaltungssysteme permanent laufen — habe ich eher den Eindruck, daß sie nur noch in technischer Hinsicht am Leben gehalten werden, und Priliclas empathische Fähigkeiten würde ich lediglich brauchen, um diese Tatsache zu bestätigen.“

„Diese Unfallopfer hat uns Prilicla geschickt“, gab einer der Kelgianer zu bedenken, der bislang noch nichts gesagt hatte. „Gewiß hat er sie nicht als hoffnungslos betrachtet. Haben Sie Probleme, hinsichtlich der Maßnahmen eine Entscheidung zu treffen, Conway?“

„Ganz bestimmt nicht!“ entgegnete Conway mit entschiedener Stimme. „Ich kenne Prilicla, und Cinrussker sind gewöhnlich unverbesserliche Optimisten. Unangenehme Gedanken wie die Vorstellung, bei einem Patienten zu versagen oder es mit einem von Anfang an hoffnungslosen Fall zu tun zu bekommen, sind Prilicla vollkommen fremd. Es hat Zeiten gegeben, als er mich so beschämt hat, daß ich genauso gedacht habe. Aber jetzt bin ich realistisch. Meinem Eindruck nach handelt es sich bei zweien, vielleicht auch dreien dieser vier Fälle um wenig mehr als um ziemlich tote Exemplare für die pathologische Untersuchung.“

„Zumindest zeigen Sie Anzeichen, daß Sie sich mit Ihrer Lage abfinden, Conway“, sagte Thornnastor mit seiner langsamen, schwerfälligen Stimme. „Vielleicht können Sie sich nie wieder mit Ihrem ganzen Verstand und all Ihren Fähigkeiten auf einen einzigen Patienten konzentrieren. Sie müssen lernen, Fehlschläge zu akzeptieren und sie sich für Ihre zukünftigen Erfolge zunutze zu machen. Vielleicht verlieren Sie sämtliche vier Patienten, möglicherweise retten Sie sie auch alle. Aber egal für welche Maßnahmen und Behandlungsmethoden Sie sich auch entscheiden, und unabhängig von den guten oder schlechten Resultaten, die sich daraus ergeben, werden Sie Ihren vielfach gesteigerten Verstand gebrauchen, um herauszufinden, ob dieser Verstand genügend gefestigt ist oder nicht, damit er Bestand haben und die Kontrolle über Ihre Arbeitsschritte behalten kann, ob Sie die nun selbst vornehmen oder jemand anderem übertragen.

Überdies werden Sie immer daran denken“, fuhr der ranghöchste Diagnostiker fort, „daß Sie während der Behandlung der vier Patienten von der Notfalliste aus dem Meneldensystem noch andere Anliegen haben: das Problem mit den alterskranken FROBs, unsere gegenwärtigen postoperativen Schwierigkeiten bei unzulänglicher Organübertragung, die bevorstehende Geburt bei dem Beschützer und sogar die vom unauslöschlichen Gedächtnis Ihrer gogleskanischen Freundin bereitgestellten Informationen, falls diese bei einem der Probleme Anregungen zu einem neuen Gesichtspunkt oder einer Maßnahme geben. Wenn Sie sich all das vor Augen halten — mein eigener terrestrischer Gehirnpartner ist über diese Redensart nicht glücklich, weil sie das ist, was Ihre DBDGs als Wortspiel bezeichnen —, werden Sie bereits eingesehen haben, daß bei der Behandlung aller vier Fälle die FROB-Transplantationschirurgie eine entscheidende Rolle spielen wird und jeder Mißerfolg den schnellen Zugriff auf die benötigten Organe ermöglichen könnte, um den Erfolg bei einem nicht ganz so hoffnungslosen Fall sicherzustellen.

Wir alle finden es schwierig, uns mit Fehlschlägen abzufinden, Conway“, setzte Thornnastor seine Ausführungen fort, „und Ihr früherer Rekord wird die Sache für Sie auch nicht gerade leichter machen. Aber diese Fälle werden Ihnen nicht aus psychologischen Gründen übertragen. Der Grad Ihrer Fähigkeiten rechtfertigt.“

„Was unser allzu redseliger Kollege wieder einmal sagen will, ist, daß immer die besten Ärzte die hoffnungslosesten Patienten bekommen“, fiel ihm einer der Kelgianer ins Wort, dessen Fell vor Ungeduld bereits Büschel bildete. „Dürfte ich jetzt vielleicht über meine beiden Fälle sprechen, bevor die noch an Altersschwäche sterben?“

14. Kapitel

Die ersten drei Stunden waren trotz des Kühlelements in Conways Anzug schweißtreibend und wurden für vorbereitende Arbeiten verwandt, zum Beispiel für die Säuberung der Körperstellen, an denen am Unfallort durch umherfliegende Metallteile Gliedmaßen abgetrennt worden waren, für das Erfassen des Ausmaßes der inneren Verletzungen und für die Überprüfung der Einsatzbereitschaft des Operationsteams.

In diesem Stadium des Verfahrens bestand Conways Arbeit vor allem in der Überwachung, folglich hing seine erhöhte Schweißabsonderung nicht mit körperlicher Tätigkeit zusammen, sondern war das, was O'Mara als psychosomatisch bedingtes Schwitzen bezeichnet hatte, ein Zustand, den der Chefpsychologe nur in seltenen Ausnahmefällen duldete.

Als einer der Patienten nach der Operation starb, fehlte Conways Gefühlen die Intensität, die er unter diesen Umständen erwartet hatte. Bei dem betreffenden Hudlarer hatte die Prognose sowieso äußerst schlecht ausgesehen, deshalb war es keine Überraschung, als die Sensoren den Tod des Patienten anzeigten. Die melfanischen, illensanischen, kelgianischen, tralthanischen und gogleskanischen Bestandteile seines Gehirns zeigten über den Verlust schwaches berufliches Bedauern; das hudlarische Alter ego hatte zwar etwas stärkere Empfindungen, doch selbst unter dessen Kummer mischte sich auch Erleichterung, weil es wußte, wie drastisch die Lebensqualität des Patienten herabgesetzt worden wäre, wenn dieser überlebt hätte. Da die übrigen drei Fälle den größten Teil seiner Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, lag Conways eigene Reaktion irgendwo dazwischen.

Atmung und Herzfunktion des Leichnams erhielt er aufrecht, damit sich die unbeschädigten Organe und Glieder, so wenige auch von ihnen übrig waren, für die Transplantation in einem optimalen Zustand befanden. Ein kleiner Teil seines Gehirns fragte sich, ob man den Hudlarer wirklich als tot bezeichnen konnte, wenn dessen Organe und Glieder in seine glücklicheren Kollegen verpflanzt wurden. Diese Frage führte in seinem mannigfaltigen Verstand zwangsläufig zu einer kleineren Auseinandersetzung zwischen dem Hudlarer und den anderen Gehirnpartnern über den Umgang mit den körperlichen Überresten nach dem Tod.

Aus Gründen, die nicht einmal von den Mitgliedern der Spezies selbst ganz verstanden wurden, waren die Hudlarer, obwohl sie in jeder anderen Hinsicht einer hochintelligenten, äußerst feinfühligen und philosophisch fortschrittlichen Lebensform angehörten, insofern beispiellos, als daß sie die jüngst Verstorbenen weder in Ehren hielten noch ihnen die geringste Achtung erwiesen. Das Andenken an einen Hudlarer, wie er zu Lebzeiten war, wurde von seinen Freunden bewahrt und in verschiedener Weise ins Gedächtnis zurückgerufen, aber diesen Erinnerungen fehlte unabänderlich jeder Zusammenhang mit der Tatsache, daß der Betreffende gestorben war. Das Leben und die Fertigkeiten des Wesens vergaß man nicht; doch der Tod wurde bewußt ignoriert, und den Verstorbenen beseitigte man so schnell wie möglich und ohne jede Feierlichkeiten, als wäre er ein unansehnlicher, herumliegender Haufen Abfall.

In jenem Fall stellte diese charakteristische Eigenart der Hudlarer allerdings einen eindeutigen Vorteil dar, weil dadurch die notwendigen und oftmals langwierigen Bemühungen entfielen, die Zustimmung der nächsten Angehörigen zur Entnahme von Organen und zu deren Transplantation einzuholen.

Als Conway bewußt wurde, daß er mit den Gedanken plötzlich ganz woanders war und nur Zeit vergeudete, gab er das Startsignal.

Er begab sich zum Operationsgestell, in dem der FROB drei hing, der Patient mit der geringfügig besseren Überlebenschance, und nahm den Platz des Beobachters neben Chefarzt Yarrence ein, dem kelgianischen Chirurgen, der das Team leitete. Ursprünglich hatte Conway die Absicht gehabt, bei der Operation des kürzlich verstorbenen FROB achtzehn dem Team selbst vorzustehen, aber wegen des Tods des Patienten konnte er jetzt die anderen drei Operationen genau beobachten, die alle so dringend und kritisch waren, daß sie nicht nacheinander, sondern gleichzeitig durchgeführt werden mußten. Die Mitglieder seines ursprünglichen Teams waren zwischen Yarrence und Chefarzt Edanelt, dem für FROB zehn verantwortlichen Melfaner, sowie dem tralthanischen Chefarzt Hossantir aufgeteilt worden, der seinerseits FROB dreiundvierzig übernommen hatte.

Die FROB-Lebensform konnte zwar im schwerelosen und luftleeren Raum leben, aber nur, wenn ihre unglaublich widerstandsfähige und elastische Haut unverletzt blieb. War die Haut durchstoßen und lagen die Blutgefäße und Organe darunter frei, wie es bei diesem Patienten an mehreren Stellen geschehen war, dann konnte man keinen tiefgehenden chirurgischen Eingriff vornehmen, solange man nicht die natürlichen Schwerkraft- und Druckverhältnisse hergestellt hatte. Alles andere hätte wegen des hohen Drucks der Körperflüssigkeiten zu starken Blutungen und Organverschiebungen geführt. Aus diesem Grund war das OP-Personal gezwungen, auf vier Ge eingestellte Gravitationsgürtel und schwere Schutzanzüge zu tragen, deren dicke Handschuhe durch enganliegende Operationsmembranen ersetzt worden waren, die die Auswirkungen des hohen Außendrucks auf ein Mindestmaß herabsetzen sollten.

Wie ein Schwärm unbeholfener Fische scharten sie sich um den Patienten, die bereit waren, mit dem chirurgischen Knabbern zu beginnen, dachte Conway.

„Die hinteren Glieder sind mit oberflächlichen Verletzungen davongekommen und werden auf natürlichem Wege verheilen“, berichtete Yarrence, eher für die mitlaufenden Aufnahmegeräte als für Conway. „Die beiden mittleren und die linke vordere Gliedmaße sind abgetrennt worden, und die Stümpfe müssen operativ zugeschnitten und mit Kappen bedeckt werden, um sie für das Anpassen von Prothesen vorzubereiten. Das rechte Vorderglied sitzt immer noch am Körper, ist aber so stark zerquetscht, daß trotz der Bemühungen, die Blutzufuhr zu den betroffenen Bereichen wiederherzustellen, bereits Wundbrand eingetreten ist. Diese Gliedmaße muß amputiert werden und der Stumpf..“

Zwar wurde der FROB in seinem Kopf plötzlich furchtbar unruhig und schien Einwendungen erheben zu wollen, aber Conway schwieg, weil er nicht wußte, wogegen sich sein hudlarischer Gehirnpartner wehrte.

„…mit einer Kappe versehen werden“, fuhr der kelgianische Chefarzt fort. „In den rechten Brustbereich ist ein Metallsplitter eingedrungen und hat eine wichtige Vene verletzt, deren Blutung durch die Anwendung von äußerem Druck nicht ganz eingedämmt worden ist. Dieser Zustand muß dringend korrigiert werden. Auch der Schädel weist eine Verletzung auf, eine große Trümmerfraktur, die den Hauptnervenstrang zusammenpreßt und die Beweglichkeit der hinteren Gliedmaßen beeinträchtigt. Die Genehmigung vorausgesetzt“, Yarrence warf einen kurzen Blick in Conways Richtung, „werden wir die verletzte Vordergliedmaße amputieren, was den Mitgliedern des Teams, die am Schädelbereich operieren, einen leichteren Zugang ermöglicht, und die Stümpfe auf das Anpassen.“

„Nein“, schnitt ihm Conway in bestimmtem Ton das Wort ab. Zwar konnte er unter dem schweren Schutzanzug nichts weiter als den kegelförmigen Kopf des Kelgianers erkennen, doch fiel es ihm nicht schwer, sich vorzustellen, wie dessen Fell vor Wut Büschel bildete. „Bedecken Sie die Stümpfe der Vorderglieder nicht mit Kappen, sondern bereiten Sie sie statt dessen für die Übertragung und Transplantation der hinteren Gliedmaßen vor. Ansonsten ist Ihre Maßnahme so, wie Sie sie umrissen haben, genehmigt.“

„Für den Patienten besteht dann aber ein größeres Risiko, und die Operationsdauer wird um wenigstens zwanzig Prozent erhöht“, widersprach Yarrence in scharfem Ton. „Halten Sie das für wünschenswert?“

Einen Moment lang schwieg Conway und dachte über die verschiedenen Lebensqualitäten nach, die den Patienten nach dem Gelingen der einfachen beziehungsweise nach der komplizierteren Operation erwarteten. Verglichen mit den ungeheuer kräftigen und exakt kontrollierbaren Vordergliedern eines normalen FROB waren die ausziehbaren, dreh- und schwenkbaren Prothesen geradezu lachhaft schwach und nutzlos. Außerdem fanden es hudlarische Amputierte vom ästhetischen Standpunkt her als unangenehm und peinlich, wenn die Vorderglieder künstlich waren,

zumal diese den Augen am nächsten lagen und für die feinfühligeren körperlichen Tätigkeiten benutzt wurden, zu denen auch die langen und komplizierten Einleitungen zur Paarung gehörten. Folglich war es unendlich besser — wenn auch angesichts des geschwächten Zustands des Patienten riskant —, die hinteren Gliedmaßen nach vorne zu verpflanzen, weil der FROB im Falle eines Gelingens der Operation über Vorderglieder verfügen würde, die nur geringfügig weniger feinfühlig und präzise als die Originale wären. Da die Gliedmaßen von demselben Lebewesen stammten, dürfte es auch keine Schwierigkeiten mit dem Immunsystem oder mit Gewebeabstoßungen geben.

Der Hudlarer in Conways Kopf behauptete beharrlich, daß er die Risiken außer acht lasse, während sich sein eigener Verstand verzweifelt bemühte, sie zu verringern.

„Verschieben Sie die Transplantation, bis die Brust- und Schädeloperationen erfolgreich abgeschlossen sind — sonst wäre die Verpflanzung vergebliche Mühe“, sagte er schließlich. „Vergessen Sie nicht, regelmäßig die Haut zu reinigen und danach wieder mit Betäubungsmittel zu besprühen. In Fällen wie diesem wird nämlich der Absorptionsmechanismus stark in Mitleidenschaft gezogen, und zwar von dem allgemeinen Zustand der.“

„Ich weiß, ich weiß.“, unterbrach ihn Yarrence ungeduldig.

„Natürlich wissen Sie das“, fuhr Conway fort. „Sie haben ja auch das Hudlarerband im Kopf gespeichert, wahrscheinlich sogar dasselbe wie ich. Die Operation enthält ein großes Gefahrenelement, liegt aber ohne weiteres im Bereich Ihrer Fähigkeiten, und wenn der Patient bei Bewußtsein wäre, hätte ich keinen Zweifel, daß er.“

„Ich will das Risiko ja auch eingehen“, schnitt ihm Yarrence zum zweitenmal das Wort ab. „Aber wenn der Hudlarer in meinem Kopf so denkt, fühle ich mich als Chirurg verpflichtet, in seinem Interesse zur Vorsicht zu raten. Doch stimme ich Ihnen in allen Belangen zu, Conway — der Eingriff ist absolut wünschenswert.“

Conway löste sich vom Operationsgestell und machte Yarrence auf diese Weise indirekt das Kompliment, nicht die Anfangsstadien der Operation beobachten zu wollen. Um die äußerst widerstandsfähige Haut eines FROB aufzuschneiden, brauchte man jedenfalls eher die Instrumente einer Reparaturwerkstatt als die eines Operationssaals, weil beim Einsatz feiner Laserstrahlen, der bei inneren chirurgischen Eingriffen eigentlich unumgänglich war, am Rand kauterisierte Wunden entstanden, wodurch das Verheilen an den Hauteinschnitten ernstlich gehemmt wurde. Bei den Klingen, die benutzt werden mußten, handelte es sich um kelgianische Skalpelle der Größe sechs mit zwei Griffen, die sowohl mit viel körperlicher Anstrengung als auch mit einem hohen Maß an geistiger Konzentration benutzt werden mußten, und häufig drohte dabei dem Arzt von der Klinge größere Gefahr als dem Patienten. Dies schien der geeignete Zeitpunkt, Yarrence von jeder unnötigen Ablenkung zu befreien, wozu auch die Anwesenheit eines angehenden Diagnostikers gehörte, und sich zu FROB zehn zu begeben.

Auf den ersten Blick war klar, daß dieser Patient seinen Heimatplaneten nie wiedersehen würde. Fünf der sechs Gliedmaßen waren entweder beim Unfall gewaltsam abgetrennt oder über jegliche Möglichkeiten operativer Wiederherstellung hinaus verletzt worden. Zudem hatte sich der FROB eine tiefe Schnittwunde an der linken Körperhälfte zugezogen, die sich bis ins Absorptionsorgan dieser Seite erstreckte und dessen Funktion lahmgelegt hatte. Durch die Dekompression, so kurz sie auch gewesen war, bevor sich die selbstschließende Rettungsblase des Opfers in der Unterkunft ausgebreitet hatte, war auch das Absorptionsorgan auf der rechten Seite in Mitleidenschaft geraten, da die Körperflüssigkeit schlagartig zu der offenen, Nulldruck ausgesetzten Schnittwunde auf der linken Seite geströmt war. Aus diesem Grund konnte FROB zehn kaum noch genügend von dem Nahrungspräparat zum Weiterleben aufnehmen, und das galt auch nur dann, wenn er sich nicht in irgendeiner Weise anstrengte.

Einen sich ständig ausruhenden FROB konnte man sich nur schwer vorstellen. Wenn so etwas überhaupt möglich war, dann würde es sich dabei auf jeden Fall um einen höchst unglücklichen Hudlarer handeln.

„Ein Eingriff, bei dem allerlei ausgetauscht werden muß“, berichtete Chefarzt Edanelt gerade, wobei er auf den sich nähernden Conway ein Auge richtete und ihn nun damit ansah. „Wenn wir ein wichtiges inneres Organ ersetzen müssen, hat es keinen Zweck, statt echter Gliedmaßen Prothesen anzupassen. Aber das macht mir Sorgen, Conway. Mein hudlarisches Alter ego empfiehlt mir, uns mit diesem FROB nicht allzuviel Mühe zu geben, während sich mein eigener, rein selbstsüchtiger melfanischer Verstand in erster Linie dafür interessiert, mehr chirurgische Erfahrungen mit anderen Spezies zu sammeln.“

„Sie gehen mit sich selbst zu streng ins Gericht“, entgegnete Conway und fügte dann nachdenklich hinzu: „Andererseits bin ich sehr froh, daß das Hospital Verwandte vom Besuch der Patienten abhält. Das postoperative Gespräch mit dem Patienten ist schon schlimm genug, insbesondere in einem Fall wie diesem.“

„Falls Ihnen die Aussicht darauf schwere psychische Qualen bereitet, übernehme ich es gern, Sie davon zu befreien“, schlug Edanelt schnell vor.

„Danke, nein“, antwortete Conway, obwohl er sich versucht fühlte. „Das ist jetzt ja meine Aufgabe.“ Schließlich war er bei diesen Fällen der leitende Diagnostiker.

„Natürlich“, sagte Edanelt. „Gehe ich recht in der Annahme, daß die Ersatzorgane und — glieder sofort zur Verfügung stehen?“

„Patient achtzehn ist vor ein paar Minuten gestorben“, antwortete Conway. „Die Absorptions- und Verdauungsorgane sind unversehrt, und es sind drei verwendbare Gliedmaßen vorhanden. Von Thornnastor werden Sie weitere erhalten, sobald oder falls Sie welche brauchen. Der Unfall war so schlimm, daß er uns keinen Mangel an Ersatzorganen beschert hat.“

Als er den Satz beendet hatte, befestigte sich Conway neben Edanelt an dem Operationsgestell und besprach mit ihm die besonderen Schwierigkeiten, die sich bei diesem Fall ergeben würden, insbesondere die Notwendigkeit, drei größere Eingriffe gleichzeitig vorzunehmen.

Wegen der Art der Verletzungen von FROB zehn war das Absorptionssystem zu weniger als fünfzig Prozent funktionsfähig, und sogar dieser Zustand konnte nur noch unter großen Schwierigkeiten aufrechterhalten werden. Zudem war es keineswegs sicher, daß sich die Verfassung nicht im Verlauf der nächsten Stunden weiter verschlechterte. Da der Absorptionsmechanismus entweder das Betäubungsmittel oder das Nahrungspräparat aufnehmen konnte, aber nicht beides gleichzeitig, war es unbedingt erforderlich, die Narkose des Patienten so kurz wie möglich zu halten. Und während es sich bei der Verpflanzung der Gliedmaßen um relativ simple mikrochirurgische Eingriffe handelte, würde die Entnahme des zerstörten Organs bei FROB zehn und die des gesunden bei dem verstorbenen FROB achtzehn kompliziert und nur geringfügig weniger schwierig werden, als das Spenderorgan in den Empfänger zu verpflanzen.

Unter den der galaktischen Föderation bekannten warmblütigen, sauerstoffatmenden Lebensformen waren die Absorptionsorgane der FROBs etwas Einzigartiges — obwohl die Hudlarer genaugenommen gar nicht atmeten. Unter der Haut auf jeder Körperseite gelegen, stellten die Organe große halbkreisförmige und überaus komplexe Gebilde dar, die mehr als ein Sechstel des Körpervolumens einnahmen und an ihren oberen Rändern vom Rückgrat geteilt wurden. Sie bildeten mit der Haut ein Ganzes, die an den entsprechenden Stellen von Tausenden von kleinen Schlitzen durchlöchert war. Die Öffnungs- und Schließbewegungen dieser Schlitze wurden von einem Geflecht willkürlicher Muskeln gesteuert, und sie erstreckten sich bis zu einer Tiefe in den Körper, die ungefähr zwischen fünfundzwanzig und vierzig Zentimetern schwankte.

Da die beiden großen Organe sowohl als Magen als auch als Lunge fungierten, nahmen sie die Mischung aus Nahrungspräparat und Luft auf, aus der die dichte, suppenartige Atmosphäre des Planeten Hudlar bestand, verarbeiteten in beachtlich kurzer Zeit die verwertbaren Inhaltsstoffe des gasförmigen Gemischs aus flüssigen und festen Bestandteilen und leiteten die Rückstände in ein einzelnes, kleineres und biologisch weniger komplexes Organ an der Unterseite des Körpers, wo die Abfallstoffe als eine milchige Flüssigkeit ausgeschieden wurden.

Da die beiden Herzen — die, geschützt von der den Körper in der Mitte durchziehenden Wirbelsäule, hintereinander zwischen den Absorptionsorganen lagen — das Blut mit einer solchen Geschwindigkeit und einem derartigen Druck zirkulieren ließen, waren die frühen Versuche der Hudlarerchirurgie für die Patienten ausgesprochen riskant gewesen. Seit dem Eintritt des Planeten in die Föderation hatte man jedoch eine Menge chirurgischer Fachkenntnisse über FROBs gesammelt, und, was noch wichtiger war, ein Hudlarer war nur sehr schwer zu töten.

Sofern er nicht, wie in diesem Fall, schon mehr als halbtot war.

Ein großer Vorteil bestand für das Team darin, daß es sich bei sämtlichen Eingriffen, den verschiedenen Verpflanzungen der Gliedmaßen und der Absorptionsorgane, um offene Operationen handelte. Das angestrengte Suchen und Schneiden und Nähen in winzigen, begrenzten Organzwischenräumen würde es also gar nicht erst geben. Falls erforderlich, konnten mehrere Chirurgen am Operationsfeld gleichzeitig arbeiten, und Conway wußte mit Sicherheit, daß das Operationsgestell von FROB zehn schon bald der belebteste Ort im ganzen Krankenhaus sein würde.

Als Edanelt den Schwestern die letzten Anweisungen erteilte, in welche Lage der Patient zu bringen sei, wandte sich Conway ab, um nach FROB dreiundvierzig zu sehen. Allmählich bekam er das Gefühl, wieder im Weg zu sein, einen Eindruck, an den er sich in zunehmendem Maße gewöhnt hatte, seit es sein ständiger Aufstieg in den vergangenen Jahren immer häufiger erforderlich gemacht hatte, Vollmachten und Verantwortlichkeiten auch an andere zu übertragen. Wie er zudem wußte, war Edanelt als einer der führenden Chefärzte des Hospitals ein viel zu verantwortungsbewußter Arzt, als daß er auch nur eine Sekunde lang zögern würde, um Conway um Hilfe zu bitten, falls er tatsächlich in Schwierigkeiten geraten sollte.

Schon eine oberflächliche Untersuchung von FROB dreiundvierzig hatte ergeben, daß es nicht schlecht um die Patientin stand. Alle sechs Glieder waren noch vorhanden und befanden sich in eindeutig unverletztem Zustand, die poröse Haut über den Absorptionsorganen war unversehrt, und der Schädel und das Rückgrat hatten, wie deutlich zu sehen war, keine Schäden davongetragen — obwohl sich diese Hudlarerin in einem Abschnitt der zerstörten Wohneinheit befunden hatte, in dem die schwersten Opfer zu beklagen waren. In den Aufzeichnungen zu diesem Fall fand sich die kurze Erwähnung, daß sie durch den Körper eines anderen FROB, der nur geringe Überlebenschancen besaß, geschützt worden war.

Doch das Opfer des Gefährten von FROB dreiundvierzig — aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Lebensgefährte — war vielleicht vergebens gewesen. Direkt unterhalb der Mittelgliedmaße an der rechten Unterseite des Körpers von FROB dreiundvierzig befand sich nämlich eine tiefe, von einem provisorischen Druckverband bedeckte Stichwunde, die von einem Stück Metallstange verursacht worden war, das die Haut wie ein stumpfer Speer durchbohrt hatte. Dabei war die Gebärmutter an der Seite aufgerissen worden — die Patientin hatte zur Zeit des Unfalls dem weiblichen Geschlecht angehört —, und obwohl die Stange die Hauptblutgefäße in diesem Bereich verfehlt hatte, war sie nur wenige Millimeter vor dem hinteren Herzen steckengeblieben.

Der Fötus schien in gutem Zustand zu sein, auch wenn die Metallstange wenige Zentimeter an seiner Wirbelsäule vorbeigegangen war. Während das Herz selbst keine Schäden aufwies, hatte das stumpfe Ende der Stange die Blutzufuhr zur Herzmuskulatur auf der entsprechenden Seite so stark abgeklemmt, daß bleibende Schäden aufgetreten waren. Zwar wurde die Herztätigkeit durch das Lebenserhaltungssystem aufrechterhalten, doch selbst mit dieser Unterstützung drohte ein Herzstillstand, so daß eine Transplantation dringend angezeigt war. Conway seufzte, da er nach der Operation eine weitere emotional schmerzhafte Erfahrung auf sich zukommen sah.

„Zur Transplantation steht das Herz von FROB achtzehn zur Verfügung“, sagte er Hossantir, dem tralthanischen Chefarzt, der die Operation von FROB dreiundvierzig leitete. „Wir entnehmen ihm bereits die Absorptionsorgane und sämtliche unverletzten Gliedmaßen, also dürfte es ihm nichts ausmachen, uns auch sein Herz zu spenden.“

Hossantir richtete eins seiner vier Augen auf Conway und entgegnete: „Da FROB achtzehn und dreiundvierzig Lebensgefährten waren, haben Sie höchstwahrscheinlich recht.“

„Das wußte ich gar nicht“, erwiderte Conway unangenehm berührt, da er eine indirekte Kritik des Tralthaners an seinem respektlosen Gerede vermutete; denn die FGLIs hielten — im Gegensatz zu den Hudlarern — ihre jüngst Verstorbenen in hohen Ehren. „Wie werden Sie vorgehen?“ fragte er den Tralthaner.

Hossantir hatte vor, das immer noch in der Wunde steckende Stück Metallstange dort zu lassen. Von den Mitgliedern des Rettungsteams war es direkt an der Haut abgeschnitten worden, um die Verunglückte leichter transportieren zu können, doch sie hatten klugerweise nicht die gesamte Stange entfernt, weil sie die Verletzungen sonst womöglich noch verschlimmert hätten. Da das untere Ende der Stange durch die Stillung der tieferen inneren Blutungen einen guten Zweck erfüllte, würde das vordringliche Vernähen des Risses in der Gebärmutter bedeuten, daß die für die später erfolgende Herztransplantation erforderlichen Instrumente an der Gebärmutter vorbeikommen mußten, ohne dabei den Fötus zu gefährden.

Die Wundöffnung befand sich zwar nicht an der Stelle, die Hossantir für eine Herztransplantation gewählt hätte, lag aber für das nach der operativen Vergrößerung angestrebte Ziel nahe genug — ein Verfahren, durch das man vermied, die Patientin dem zusätzlichen seelischen Schock eines weiteren tiefen Einschnitts auszusetzen.

Als der Tralthaner seine Erläuterungen beendet hatte, sah sich Conway das Operationsgestell und die Operationsmannschaft an, die schwerelos in der Nähe schwebte. Sie bestand aus einem Melfaner, zwei Orligianern und einem weiteren Tralthaner, die allesamt Assistenzärzte waren, sowie aus fünf kelgianischen und zwei ianischen Schwestern, die ihn samt und sonders schweigend musterten. Conway wußte nur zu gut, daß Chefärzte auf scheinbare Eingriffe in ihre Autorität äußerst empfindlich reagieren konnten, insbesondere, wenn sie aufgrund eines einfachen Versäumnisses ihrerseits die Anweisung erhielten, etwas Bestimmtes zu tun. Sein kelgianisches Alter ego wollte ihn direkt zur Sache kommen lassen, während der tralthanische Bestandteil seines Gehirns zu einem diplomatischeren Ansatz riet.

„Selbst nach einer operativen Vergrößerung der Wunde wird der Zugriff auf das Operationsfeld eingeschränkt sein“, sagte er vorsichtig.

„Natürlich“, erwiderte Hossantir.

Jetzt versuchte Conway es auf direkterem Weg. „Es werden nicht mehr als zwei Chirurgen gleichzeitig operieren können. Folglich ist ein beträchtlicher Teil Ihres Teams überflüssig.“

„Selbstverständlich“, bestätigte Hossantir.

„Chefarzt Edanelt braucht Hilfe“, gab Conway nun unmißverständlich zu verstehen.

Zwei von Hossantirs Augen schwenkten herum und verfolgten die an Edanelts Gestell stattfindenden Vorbereitungen. Dann teilte der Tralthaner schnell seine beiden orligianischen und den tralthanischen Arzt zur Unterstützung des anderen Chefarzts ein und gab ihnen die Anweisung, um die Hilfe von Schwestern zu bitten, sowie oder falls dies erforderlich sein sollte.

„Das war unverzeihlich selbstsüchtig und gedankenlos von mir“, entschuldigte sich Hossantir bei Conway. „Ich danke Ihnen für die taktvolle Art, in der Sie mich vor meinen Untergebenen an meine Unachtsamkeit erinnert haben. Aber seien Sie bitte in Zukunft etwas direkter. Ich habe ständig ein kelgianisches Schulungsband im Kopf gespeichert und werde an einem scheinbaren Eingriff in meine Autorität keinen Anstoß nehmen. Offen gestanden beruhigt mich Ihre Anwesenheit außerordentlich, Conway, da meine Erfahrungen mit tiefen operativen Eingriffen bei Hudlarern nicht sonderlich umfangreich sind.“

Wenn ich meine eigenen Erfahrungen auf dem Gebiet hudlarischer Chirurgie einzeln aufzählen müßte, dachte Conway sarkastisch, wärst du möglicherweise von meiner Anwesenheit überhaupt nicht mehr beruhigt.

Dann lächelte er plötzlich, als er sich erinnerte, wie O'Mara die Funktion eines Diagnostikers im Operationssaal sardonisch als größtenteils psychologisch bezeichnet hatte — der Diagnostiker war vor allem anwesend, um sich Sorgen zu machen und die Verantwortung zu übernehmen, die seine Untergebenen möglicherweise nicht tragen konnten.

Während er zwischen den drei Patienten umherging, rief er sich seine ersten Jahre nach der Beförderung zum Chefarzt in Erinnerung und wie er die Verantwortung übernommen und manchmal geradezu eifersüchtig gehütet hatte. Bei der Arbeit unter Aufsicht hatte er stets zu beweisen versucht, daß der anwesende Diagnostiker eigentlich überflüssig war. Mit der Zeit war ihm das immer erfolgreicher gelungen, denn die Aufsicht hatte sich auf ein Mindestmaß beschränkt und hin und wieder sogar völlig gefehlt. Einige Male war es allerdings auch vorgekommen, daß Thornnastor oder einer der anderen Diagnostiker, die Conway bei den Operationen im Nacken gesessen und ihn ärgerlicherweise abgelenkt hatten, hereinkam und auf diese Weise sowohl das Leben eines Patienten als auch die beruffiche Laufbahn eines frischgebackenen Chefarzts rettete, dessen Begeisterung zeitweilig an Verantwortungslosigkeit grenzte.

Wie es diese Diagnostiker geschafft hatten zuzusehen, ohne einzuschreiten, Alternativmaßnahmen vorzuschlagen oder ihn in jeder Phase schrittweise anzuleiten, wußte Conway nicht, weil er es selbst fast unmöglich fand, so zu verfahren.

Während die Stunden verstrichen, gelang es ihm, mit dem fast Unmöglichen fortzufahren und seine Aufmerksamkeit zwischen den Operationsplätzen von Yarrence, Edanelt und Hossantir und den Tätigkeiten rings um den verstorbenen FROB achtzehn aufzuteilen, bei dem die zur Entnahme der Spenderorgane und der Glieder notwendigen Eingriffe mit der gleichen Sorgfalt und Präzision vorgenommen wurden wie bei den Empfängern. Bei diesen Arbeiten gab es mehrere Aspekte, zu denen er sich hätte äußern können, allerdings nicht in allzu kritischen Worten, deshalb schwieg er und erteilte nur Ratschläge, wenn er darum gebeten wurde. Doch obwohl die drei Chefärzte hervorragende Arbeit leisteten und er sorgfältig darauf achtete, seine Zeit gleichmäßig unter ihnen aufzuteilen, beobachtete er Hossantir am genauesten. Wenn einer der Patienten Schwierigkeiten bereiten würde, dann FROB dreiundvierzig.

Es geschah in der fünften Stunde der verschiedenen chirurgischen Eingriffe. Die Operation des eingedrückten Schädelbruchs und der Arterien bei FROB drei war gut verlaufen, und die weniger kritische Verpflanzung der Gliedmaßen ging in zufriedenstellender Weise voran. Bei FROB zehn waren die Transplantation der Absorptionsorgane abgeschlossen und die Dekompressionsschäden behoben worden, so daß sich auch dieser Patient nur noch den langwierigen mikrochirurgischen Arbeiten an den Gliedmaßen unterziehen mußte. Darum war es nur natürlich, daß sich Conway am Gestell von FROB dreiundvierzig festhakte, um Hossantir bei den äußerst heiklen ersten Schritten zuzusehen, das Spenderherz in den neuen Körper einzusetzen.

Plötzlich schoß lautlos eine Fontäne Hudlarerblut hervor.

15. Kapitel

Hossantir stieß einen Laut aus, der nicht übersetzt wurde, und seine Greiforgane, die die Instrumente mit den langen Griffen hielten, tasteten ungeheuer langsam in dem vollkommen vom Blut verdeckten Operationsfeld umher. Sein Assistent, dessen Bewegungen ebenfalls jede Eile vermissen ließen — was nur auf den subjektiven Eindruck der sich in Conways Kopf überschlagenden Gedanken zurückzuführen sein konnte —, führte eine Klammer ein, konnte jedoch nicht das blutende Gefäß finden. Dank der Übung, auf solche Notfälle schnell und sicher zu reagieren, bewegte sich Conway nicht langsam.

Er konnte sich überhaupt nicht bewegen.

Seine Hände, seine dummen fünfingrigen, terrestrischen und völlig fremdartigen Hände zitterten unkontrollierbar, während sich sein aus vielen Teilen bestehender Verstand verzweifelt zu entscheiden bemühte, was er mit ihnen anstellen sollte.

Daß Ärzten, die zu viele Bänder im Kopf gespeichert hatten, etwas Derartiges zustoßen konnte, wußte Conway, aber ihm war auch klar, daß es nicht zu oft geschehen durfte, wenn der betreffende Arzt hoffte, seinen Weg als Diagnostiker erfolgreich zu gehen. Krampfhaft versuchte er, die widerstreitenden Parteien in seinem Kopf zur Ordnung zu bringen, indem er sich an O'Mara erinnerte, der, was konfuses Denken betraf, absolut kein Mitgefühl besaß — vor allem erfuhr er aus der Erinnerung an den Chefpsychologen, was die Schulungsbänder bedeuteten und — noch wichtiger — was sie nicht bedeuteten.

Egal, welche subjektiven Eindrücke er hatte, die fremden Persönlichkeiten, die offenbar den Verstand mit ihm teilten, übernahmen nicht die Kontrolle darüber — sein terrestrisches Gehirn hatte lediglich eine große Menge extraterrestrischen Wissens erhalten, aus dem es schöpfen konnte. Doch es war äußerst schwierig, sich selbst davon zu überzeugen, da die Kenntnisse von anderen Spezies in seinem Kopf von Ärzten stammten, die ganz eigene Vorstellungen davon hatten, wie er auf diesen Notfall reagieren sollte.

Diese Vorstellungen waren äußerst gut, besonders die des melfanischen und des tralthanischen Bestandteils. Doch sie erforderten den Einsatz der Zangen der ELNTs beziehungsweise der primären Greiforgane der FGLIs, nicht terrestrischer Finger, und Conway wurde dazu gedrängt, zu viele Dinge auf einmal mit den falschen Organen zu tun.

Hossantirs melfanischer Assistent, dessen Kennkarte, wie alles in unmittelbarer Nähe des Operationsfelds, durch den blutigen Sprühnebel nicht zu erkennen war, rief in eindringlichem Ton: „Ich kann nichts mehr sehen. Mein Visier ist völlig.“

Schnell säuberte ihm eine der Schwestern den Helm vor den Augen, ohne Zeit mit dem Rest der durchsichtigen Kugel zu verschwenden. Aber während Conway hinsah, wurde das runde Etwas schon wieder von einem feinen, gelben Sprühnebel bedeckt. Und das war nicht das einzige Problem, denn die Lichtquellen der Instrumente tief im Operationsfeld waren genauso getrübt.

Der tralthanische Chefarzt war der Blutfontäne am nächsten gewesen, deshalb war nur der Vorderteil seines Kugelhelms betroffen. Eins seiner Augen schwenkte nach hinten, um Conway durch die immer noch durchsichtige hintere Hälfte zu betrachten.

„Wir benötigen Hilfe, Conway. Können Sie uns einen Vorschlag machen?“ setzte Hossantir an. Dann bemerkte er die zitternden Hände des Diagnostikers in spe und fragte: „Ist Ihnen nicht gut?“

Langsam ballte Conway die Fäuste — alles schien im langsamsten Zeitlupentempo abzulaufen — und antwortete: „Das ist nur vorübergehend.“

das hoffe ich jedenfalls, fügte er im stillen hinzu.

Aber die fremden Persönlichkeiten, die nicht wirklich da waren, verlangten immer noch lautstark um Aufmerksamkeit. Er versuchte, immer alle bis auf eine zur Zeit zu ignorieren, wobei ihm dunkel das Prinzip des divide et impera vorschwebte, doch das funktionierte auch nicht. Alle seine Gehirnpartner boten ihm medizinischen oder chirurgischen Rat an, alle besaßen unter den gegenwärtigen Umständen potentielles Gewicht, und alle verlangten eine sofortige Reaktion. Die einzigen vorhandenen Kenntnisse, die sich nicht in den Vordergrund drängten, waren die versehentlich von Khone bereitgestellten gogleskanischen Informationen, und die waren sowieso von geringem Wert. Doch aus irgendeinem Grund kehrten Conways Gedanken immer wieder gerade zu ihnen zurück und klammerten sich an diese erschreckte, aber willensstarke fremde Persönlichkeit, als wäre sie eine Art psychologischer Rettungsinsel.

Khones Ausstrahlung war überhaupt nicht wie die deutlichen, intensiven und künstlich verstärkten Eindrücke, die die Schulungsbänder hervorriefen. Er stellte fest, daß er sich auf die geistigen Eindrücke des kleinen Wesens konzentrierte, obwohl die merkwürdigen und optisch furchterregenden Kreaturen rings um das Operationsgestell drohten, es zu einer Panikreaktion zu verleiten. Aber zum gogleskanischen Wissen gehörten auch Kenntnisse über Conways Arbeit am Orbit Hospital, und die hatten Khone bis zu einem gewissen Grad auf genau solch ein Erlebnis wie dieses vorbereitet. Außerdem gehörte Khone zu einer Spezies von Individualisten, deren Denkvorgänge geschickt jede Berührung mit den Wesen in ihrer Nähe vermieden, beziehungsweise deren Einfluß überwanden.

Khone wußte besser als jedes andere Lebewesen, das Conway kannte, wie man andere ignorierte.

Ganz plötzlich zitterten seine Hände nicht mehr, und das Stimmengewirr der Aliens in seinem Kopf war zu einem leisen Murmeln geworden, das er nach Belieben überhören konnte. Er tippte dem melfanischen Assistenten Hossantirs hart auf den Panzer.

„Bitte treten Sie zurück, und lassen Sie die Instrumente an ihrem Platz“, sagte er. An den tralthanischen Chefarzt gewandt, fügte er hinzu: „Das Blut schlägt sich auf allem im Operationsfeld nieder, auch auf den Lupen und Lichtquellen der Instrumente und, wenn wir nahe herankommen, auf den Visieren. Wir müssen.“

„Die Absaugpumpe funktioniert nicht, Conway!“ fiel ihm Hossantir ins Wort. „Solange die Blutung nicht an der Austrittsstelle gestoppt wird, kann sie das auch gar nicht. Aber die Austrittsstelle können wir nicht sehen!“

„Benutzen Sie die Scanner in Verbindung mit Ihren Händen und Augen“, fuhr Conway in ruhigem Ton fort und umfaßte die kleinen, hohlkegelförmigen Griffe der melfanischen Klammer mit seinen terrestrischen Fingern.

Da das normale Sehvermögen wegen der unmittelbaren Nähe des Helms zum Sprühnebel aus der Wunde nutzlos war, hatte Conway die Absicht, Hossantir die beiden Scanner so angewinkelt halten zu lassen, daß sie aus zwei verschiedenen Blickwinkeln und so großer Entfernung wie möglich auf das Operationsfeld gerichtet waren. Das würde ein exaktes, räumliches Bild von den Vorgängen ergeben, die ihm der Chefarzt beschreiben könnte, und gleichzeitig wäre Hossantir in der Lage, die Bewegungen der Klammer zu dirigieren. Conway wollte blind operieren, aber nur so lange, bis er das blutende Gefäß gefunden und verschlossen hatte. Danach konnte die Operation auf normale Weise fortgesetzt werden. Hossantir standen ein paar äußerst unangenehme Minuten bevor, in denen zwei seiner vier Augen bis an den Rand des abgeflachten, ovalen Helms ausgestreckt werden mußten. Außerdem solle er sich vorübergehend von der Operation zurückziehen, erklärte ihm Conway in entschuldigendem Ton, um seine Scanner und den Helm nicht mit dem Sprühnebel in Berührung kommen zu lassen.

„Dadurch könnten meine Augen zwar anfangen, für immer zu schielen, aber das macht mir nichts“, stellte Hossantir fest.

Keins von Conways Alter egos konnte an der Vorstellung von einem großen elefantenartigen Tralthaner, der mit zweien seiner vier Augen schielte, irgend etwas Komisches entdecken. Zum Glück war ein unterdrücktes terrestrisches Lachen unübersetzbar.

Seine Hände und die Instrumente erweckten den Eindruck, schwer und unbeholfen zu sein, und zwar nicht nur, weil er melfanische Klammern benutzte. Das Schwerkraftneutralisierungsfeld um ihn herum erstreckte sich zwangsläufig nicht auf den Patienten, deshalb war alles im Operationsbereich viermal so schwer wie normal. Doch der Tralthaner benutzte die Scanner, um ihn durch Worte zu dem Blutgefäß zu leiten, von dem die massive Blutung ausgehen mußte, und angesichts des hohen Blutdrucks der hudlarischen Lebensform rechnete Conway damit, beim Abklemmen des Gefäßes Widerstand zu spüren.

Aber da war keiner, und die Blutung hielt mit unverminderter Stärke an.

Eines seiner Alter ego hatte während einer Transplantation bei einer vollkommen anderen Lebensform schon einmal etwas Ahnliches wie diese Situation erlebt, und zwar bei einem kleinen Nidianer, dessen Blutdruck nur einen Bruchteil von dem des Hudlarers betrug. In dem Fall hatte die Blutung ebenfalls aus einem feinen Sprühnebel und nicht aus dem für eine offene Arterie typischen pulsierenden Strahl bestanden, und das Problem war nicht auf eine schlechte Operationstechnik, sondern auf mechanisches Versagen zurückzuführen gewesen.

Zwar wußte Conway nicht genau, ob das auch hier das Problem war, doch da sich ein Teil seines vielfach zusammengesetzten Verstands sicher war, entschloß er sich, diesem Teil zu vertrauen.

„Schalten Sie das künstliche Herz aus“, sagte er in bestimmtem Ton. „Stoppen Sie die Blutzufuhr zu der betreffenden Stelle.“

„Den Blutverlust können wir zwar leicht ausgleichen“, wandte Hossantir besorgt ein, „aber die Blutzufuhr für mehr als ein paar Minuten zu stoppen könnte der Patientin das Leben kosten.“

„Schalten Sie es aus!“ sagte Conway.

Innerhalb weniger Sekunden war der leuchtend gelbe Sprühnebel erst schwächer geworden und schließlich ganz versiegt. Eine Schwester reinigte Conway das Visier, während Hossantir mit der Absaugpumpe das Operationsfeld säuberte. Sie brauchten keine Scanner, um zu sehen, was geschehen war.

„Techniker, schnell!“ rief Conway.

Bevor er das zweite Wort über die Lippen gebracht hatte, schwebte neben seinem Ellbogen schon ein kleiner, pelziger Nidianer, der in seinem durchsichtigen Operationsanzug wie ein als Geschenk verpackter Teddybär aussah.

„Das Rückschlagventil im Verbindungsschlauch hat sich in geschlossener Stellung verklemmt“, stellte der Nidianer in seiner abgehackten, bellenden Sprechweise fest. „Ich würde sagen, das wurde durch eins der chirurgischen Instrumente verursacht, das versehentlich gegen das Ventil gestoßen ist und die Einstellung verändert hat. Dadurch ist der Blutstrom aus dem künstlichen Herzen gestaut worden und hat sich durch die Aussparung der Reguliervorrichtung des Ventils einen Weg nach draußen gebahnt, daher der feine, mit hohem Druck ausgetretene Sprühnebel. Das Ventil selbst ist nicht beschädigt, und wenn Sie das Organ anheben würden, damit ich Platz habe, um das Ventil nachzustellen.“

„Ich würde das Herz lieber nicht bewegen“, entgegnete Conway. „Wir haben sehr wenig Zeit.“

„Ich bin kein Arzt“, sagte der Nidianer verärgert. „Diese Reparatur sollte eigentlich auf einer Werkbank durchgeführt werden oder zumindest in einem Raum, wo ich Platz für meine zugegebenermaßen kleinen Ellbogen habe. In enger Berührung mit lebendem Gewebe zu arbeiten ist. ist mir zuwider. Trotzdem sind meine Werkzeuge für solche Notfälle sterilisiert und bereit.“

„Ist Ihnen übel?“ erkundigte sich Conway besorgt, da er den kleinen Nidianer sich schon in den Helm erbrechen sah.

„Nein“, antwortete der Techniker, „ich bin nur verärgert.“

Conway zog die melfanischen Instrumente zurück, um dem Techniker mehr Platz zum Arbeiten zu verschaffen. Inzwischen hatte eine Schwester neben ihm am Gestell ein Tablett mit Instrumenten für terrestrische DBDGs befestigt, und mit der Zeit hatte sich Conway die Instrumente ausgesucht, die er brauchen würde, sobald der Nidianer die verklemmte Ventilklappe befreit hatte. Er bedankte sich gerade bei dem Techniker für die schnelle Reparatur, als ihn Hossantir unterbrach.

„Ich schalte jetzt wieder das künstliche Herz an“, sagte er.

„Nein, warten Sie“, entgegnete Conway scharf. Er hatte auf den Monitor geblickt und das Gefühl bekommen — ein sehr vages Gefühl, das nicht einmal stark genug war, um die Bezeichnung Ahnung zu verdienen —, daß jede weitere Verzögerung gefährlich wäre.

„Mir gefallen die Lebenszeichen nicht. Es ist nichts da, was nicht da sein sollte, obwohl die Blutzufuhr vom künstlichen Herzen unterbrochen war, zuerst durch das verklemmte Ventil im Verbindungsschlauch und später, als das Gerät für die Reparatur abgeschaltet worden ist. Mir ist bewußt, daß im Gehirn nicht rückgängig zu machende Veränderungen stattfinden werden, die zum Tod führen, wenn das künstliche Herz nicht innerhalb der nächsten Minuten eingeschaltet wird. Trotzdem habe ich das Gefühl, es wäre besser, das künstliche Herz nicht wiederanzuschalten, sondern statt dessen sofort das Spenderherz einzusetzen.“

Ihm war klar, daß Hossantir protestieren und lieber den sicheren Weg einschlagen wollte, erneut das künstliche Herz in Betrieb zu nehmen und zu warten, bis man sicher war, daß der Blutkreislauf des Patienten wieder optimal funktionierte, um dann wie ursprünglich geplant fortzufahren. Normalerweise hätte Conway nichts dagegen einzuwenden gehabt, da er es selbst ebenfalls vorzog, keine unnötigen Risiken einzugehen. Doch in seinem Hinterkopf — oder in einem seiner Hinterköpfe — nörgelte irgend jemand herum, und dabei ging es um die Auswirkungen von langwierigen seelischen Schocks auf gewisse schwangere, unter hoher Schwerkraft lebende Wesen, und dieser Eindruck war so nachhaltig, daß er ihm gehorchen mußte. Beim Sprechen hatte Conway seine Instrumente in die Hand genommen, um Hossantir auch ohne Worte — damit er die Gefühle des Chefarzts nicht allzusehr verletzte — zu verstehen zu geben, daß er nicht vorhatte, über diese Frage zu diskutieren.

„… würden Sie bitte die Verbindung zum Absorptionsorgan herstellen und dabei den Monitor im Auge behalten?“ bat er abschließend den Chefarzt.

Conway teilte sich das Operationsfeld mit dem Tralthaner und arbeitete in dem beschränkten Raum schnell und sorgfältig. Er klemmte die Arterie an der Verbindung mit dem künstlichen Herzen ab, machte sie los und verband sie mit dem kurzen Arterienstück, das aus dem Spenderorgan ragte. Anders als in den ersten schrecklichen Sekunden der vorherigen Blutung schien die Zeit jetzt viel schneller zu verstreichen. Conways Hände und die Instrumente befanden sich ein gutes Stück außerhalb des Neutralisatorenfelds unter vierfacher Erdanziehungskraft und schienen deshalb ungeheuer langsam und unbeholfen zu sein. Mehrmals stießen seine Instrumente laut klirrend mit Hossantirs zusammen. Mit dem Chirurgen, der aus Versehen gegen das Verbindungsschlauchventil gekommen war und die Einstellung verändert hatte, konnte er mitfühlen, wer immer es gewesen war. Er mußte sich scharf konzentrieren, um die Instrumente davon abzuhalten, ein Eigenleben zu entwickeln.

Hossantirs Arbeit beobachtete er nicht, denn der Tralthaner beherrschte sein Fach, und für chirurgische Beobachtungen war keine Zeit.

Er legte Stütznähte an, um die Arterie an beiden Seiten des Verbindungsstücks zu fixieren, das sowohl die Enden der Ader beim Wiedereinsetzen des Blutkreislaufs fest an ihrem Platz halten als auch das körpereigene und neu eingepflanzte Gewebe trennen sollte, um postoperative Abstoßungsprobleme zu vermindern. Zuweilen wunderte sich Conway, weshalb ein hochentwickelter und komplizierter Organismus immunologisch gesehen sein eigener schlimmster Feind sein sollte. Als nächstes stellte er die Verbindung zu dem Gefäß her, das einen der Hauptherzmuskel mit Nährstoffen aus dem Absorptionsorgan versorgte.

Hossantir war inzwischen mit dem Anschluß des zweiten Absorptionsorgans fertig und hatte sich dem kleineren Gefäß zugewandt, das die eine Hälfte der Gebärmutter versorgte, wenn der Hudlarer gerade dem weiblichen Geschlecht angehörte — das zweite, unbeschädigte Herz hatte seit Operationsbeginn die doppelte Arbeit geleistet. Die Zeit wurde ihnen knapp, wenn auch bisher noch nicht in gefährlichem Maße, als der Tralthaner mit einem freien Tentakel auf den Monitor deutete.

„Herzrhythmusstörungen“, sagte Hossantir. „Alle fünf, nein, alle vier Schläge ein normaler. Der Blutdruck sinkt. Den Anzeichen nach wird das Herz zu flattern anfangen und sehr schnell zum Stillstand kommen. Der Defbrillator ist bereit.“

Conway warf einen raschen Blick auf den Bildschirm, auf dem die unregelmäßige Herzfrequenz alle vier Schläge einmal in den normalen Rhythmus verfiel. Aus Erfahrung wußte er, wie schnell das in ein schnelles, unkontrollierbares Flattern ausarten und durch den sich daraus ergebenden Verlust der Pumpleistung zum Herzversagen führen konnte. Zwar würde der Defibrillator das Herz mit seinen Stromstößen ganz sicher wieder zum Arbeiten bringen, konnte aber nicht eingesetzt werden, solange noch die Operation am Spenderherz durchgeführt wurde. Conway setzte seine Arbeit in verzweifeltem Tempo, aber dennoch sorgfältig fort. Seine Konzentration war so groß, daß alle Gehirnpartner wieder miteinbezogen wurden, ihre Sachkenntnis beisteuerten und gleichzeitig ihre Verärgerung kundtaten, weil zwei terrestrische Hände die Arbeit vollbrachten und nicht die verschiedenartigen Greiforgane, Zangen und Finger der Alter egos. Als Conway schließlich aufsah, stellte er fest, daß Hossantir und er die Herstellung der Verbindungen zur gleichen Zeit abgeschlossen hatten. Doch ein paar Sekunden später fing das andere Herz zu flattern an und kam kurz darauf zum Stillstand. Nun wurde die Zeit wirklich knapp.

Sie lockerten die Klammern an der Hauptschlagader und den untergeordneten Blutgefäßen, beobachteten, wie sich das schlaffe Spenderherz langsam aufblähte, während es sich mit dem Blut von FROB dreiundvierzig füllte, und überprüften es mit den Scannern auf die Bildung einer möglichen Luftembolie. Da keine vorhanden waren, setzte Conway die vier kleinen Elektroden an die entsprechenden Stellen, um die Anregung des Spenderherzens vorzubereiten. Anders als die für das andere Herz benötigte Stromspannung des Defibrillators, die mehr als fünfundzwanzig Zentimeter zähe Hudlarerhaut und darunterliegendes Gewebe durchdringen mußte, würden die Elektroden direkt auf die Oberflächenmuskulatur des Spenderherzens wirken und deshalb nur mit relativ schwacher Spannung arbeiten.

Der Defibrillator erzielte keinen Erfolg. Für ein paar Augenblicke flatterten beide Herzen unregelmäßig und blieben dann stehen.

„Noch mal!“ rief Conway.

„Das Herz des Embryos ist zum Stillstand gekommen“, meldete Hossantir plötzlich.

„Das hatte ich erwartet“, entgegnete Conway, der zwar nicht allwissend klingen wollte, aber auch keine Zeit für Erklärungen hatte.

Jetzt wußte er, warum er die Verbindungen zum Spenderherzen nach dem Notfall mit der Pumpe so schnell hatte herstellen wollen. Es war keine Ahnung gewesen, sondern eine Erinnerung aus der Vergangenheit, als er Assistenzarzt gewesen war, und diese Erinnerung stammte von ihm selbst.

Es war während des ersten Vertrags über FROBs geschehen, den er besucht hatte und der vom leitenden Diagnostiker der Pathologie, Thornnastor, gehalten worden war. Conway hatte die Bemerkung gemacht, daß sich die hudlarische Spezies glücklich preisen könne, weil sie über ein Ersatzherz verfügte, falls eins versagen sollte. Das hatte er als Witz gemeint, aber Thornnastor war — figürlich gesprochen — mit allen sechs Beinen über ihn hergefallen, weil Conway eine derartige Bemerkung von sich gegeben hatte, ohne vorher die Physiologie der Hudlarer in allen Einzelheiten studiert zu haben. Danach hatte der Pathologe die Nachteile beschrieben, die zwei Herzen mit sich brachten, besonders, wenn es sich bei dem Betreffenden um eine schwangere, gerade dem weiblichen Geschlecht angehörende Hudlarerin handelte, und Conway über das Nervengeflecht ins Bild gesetzt, das die unwillkürliche Muskulatur steuerte und das empfindliche Gleichgewicht zwischen den Impulsen zu vier Herzen, den beiden der Mutter und den beiden des Embryos, aufrechterhielt. Gerade in einem solchen Stadium konnte das Versagen eines Herzens ganz schnell zum Stillstand der übrigen drei führen.

„Und noch mal!“ rief Conway beunruhigt. Damals war der Zwischenfall beim Vortrag nicht der Erinnerung wert gewesen, weil man eine allumfassende Chirurgie bei FROBs in jenen Tagen für unmöglich gehalten hatte. Er fragte sich bereits, ob die Hudlarerin jetzt keine Überlebenschancen mehr hatte, als plötzlich beide Herzen zuckten, noch einmal zögerten, und dann kräftig und gleichmäßig zu schlagen begannen.

„Die Herzen des Fötus arbeiten auch wieder!“ jubelte Hossantir und fügte wenige Sekunden später hinzu: „Pulsschlag optimal.“

Die auf dem Sensorendisplay angezeigten Gehirnströme waren für eine tief bewußtlose Hudlarerin normal und ließen erkennen, daß es durch das mehrminütige Aussetzen des Blutkreislaufs zu keinen Gehirnschäden gekommen war. Allmählich entspannte sich Conway. Seltsamerweise wurden jedoch jetzt, nachdem der Notfall vorbei war, seine übrigen Gehirnpartner unangenehm aufdringlich. Es war, als ob sie ebenfalls erleichtert wären und mit viel zuviel Begeisterung auf die Umstände reagierten. Verärgert schüttelte Conway den Kopf und hielt sich noch einmal vor Augen, daß es sich bloß um Gedächtnisaufzeichnungen handelte, um simple, gespeicherte Massen an Informationen und Erfahrungen, die seinem Gehirn zur Verfügung standen, um benutzt oder ignoriert zu werden, ganz so, wie er es für angebracht hielt. Doch dann kam ihm der unbehagliche Gedanke, daß auch sein eigener Verstand aus nichts weiter als einer Ansammlung von Kenntnissen, Eindrücken und Erfahrungen bestand, und was machte dieses im Gehirn gespeicherte Wissen soviel wichtiger und bedeutender als das der anderen?

Diesen plötzlich erschreckenden Gedanken versuchte er zu verdrängen, indem er sich daran erinnerte, daß er immer noch lebte und in der Lage war, neue Eindrücke zu empfangen und durch sie ständig seine gesamte Erfahrung zu verändern, während das Material auf dem Band bei der Aufnahme in seinem damaligen Zustand eingefroren worden war. Auf jeden Fall waren die Urheber schon lange tot oder weit vom Orbit Hospital entfernt. Trotzdem hatte Conway das beklemmende Gefühl, als zweifelte sein Verstand allmählich die eigene Autorität an, und auf einmal fürchtete er um seine geistige Gesundheit.

Wenn O'Mara gewußt hätte, daß Conway derartigen Gedanken nachhing, wäre er fuchsteufelswild geworden. Nach Ansicht des Chefpsychologen war ein Arzt sowohl physisch als auch psychisch für seine Arbeit und die Mittel verantwortlich, die ihm das Verrichten dieser Arbeit ermöglichten. Konnte der Arzt seine Aufgabe nicht zur vollen Zufriedenheit erfüllen, dann sollte sich der Betreffende eine Beschäftigung suchen, die weniger hohe Anforderungen stellte.

Beschäftigungen, die höhere Anforderungen als die eines Diagnostikers stellten, gab es kaum.

Conways Hände fühlten sich schon wieder irgendwie falsch an, und die fetten, rosa und seltsam unbeholfenen Finger zitterten. Er räumte die DBDG-Instrumente beiseite, wandte sich an Hossantirs melfanischen Assistenten, dessen Kennkarte immer noch blutverschmiert und nur zum Teil zu lesen war, und fragte: „Möchten Sie weitermachen, Doktor?“

„Sehr gerne sogar, Sir“, antwortete der ELNT. Offenbar hatte er wegen Conways Einschreiten die Befürchtung gehabt, der Diagnostiker auf Probe habe ihn für nicht imstande gehalten, seine Aufgabe zu erfüllen.

Dabei ist es im Moment eher genau umgekehrt, dachte Conway grimmig.

„Niemand erwartet von Ihnen, alles selbst zu machen, Conway“, stellte Hossantir in ernstem Ton fest.

Dem Tralthaner war ganz offensichtlich bewußt, daß mit Conway irgend etwas nicht stimmte — Hossantirs Augen entging nichts, selbst wenn alle vier in verschiedene Richtungen blickten. Ein paar Minuten sah Conway noch zu, bis das Team zusammengerückt war, dann verließ er FROB dreiundvierzig, um die Fortschritte bei den anderen beiden Patienten zu überprüfen.

FROB zehn war das Absorptionsorgan bereits erfolgreich eingepflanzt worden, und Edanelt und sein Team befaßten sich jetzt mit den an den neuen Gliedmaßen erforderlichen mikrochirurgischen Eingriffen. Der Patient befand sich jedenfalls außer Gefahr, da das frisch eingepflanzte Organ durch das Auftragen des Nahrungspräparats getestet worden war und die Sensoren anzeigten, daß es zufriedenstellend arbeitete. Während er dem Team zu seiner Arbeit gratulierte, starrte Conway auf die schweren Klammern, die die Ränder der Wunde zusammenhielten — sie waren so eng zusammengepreßt, daß die Wunde wie ein riesiger Reißverschluß aussah. Doch um die harte, dicke und unglaublich widerstandsfähige Haut eines FROBs fest zusammenzuhalten, war dieses Vorgehen absolut erforderlich, und die Klammern wiesen eine instabile Molekularstruktur auf, damit man sie nach Abschluß des Heilungsprozesses zum Abnehmen elastisch machen konnte.

Doch eine fast unsichtbare Narbe dürfte wohl das geringste Problem des Patienten sein, beteuerte der hudlarische Teil in seinem Gehirn.

Auf einmal überfiel ihn das Gefühl, vor dieser ganzen großen Chirurgie und den damit verbundenen postoperativen Problemen am liebsten weglaufen zu müssen, als noch eine Untersuchung am dritten hudlarischen Patienten vorzunehmen.

Yarrence hatte seine Bemühungen auf die Schädelverletzungen konzentriert und die Bauchwunde von FROB drei den Ärzten überlassen, die durch den Tod von FROB achtzehn frei geworden waren, während die übrigen Mitglieder beider Teams mit der Amputation und dem Annähen der Gliedmaßen beschäftigt waren. Schon nach wenigen Minuten stand fest, daß sie zwar eine äußerst komplizierte, aber glatt ablaufende Operation durchführten.

Den rings ums Gestell geführten Gesprächen entnahm Conway, daß es sich zudem um eine noch nie dagewesene Operation handelte. Die fehlenden Vorderglieder durch zwei der hinteren zu ersetzen, hatte Conway für die naheliegendste Lösung des Problems von FROB drei gehalten. Obwohl sie sich nicht so präzise bewegen ließen wie die ursprünglichen Glieder, sollten sie in jeder Hinsicht wesentlich befriedigender sein als Prothesen, und außerdem dürfte es keine Abstoßungsprobleme geben. In den alten medizinischen Lehrbüchern hatte er von terrestrischen Armamputierten gelesen, die gelernt hatten, mit den Füßen zu zeichnen, zu schreiben und sogar zu essen, und hudlarische Beine waren sehr viel anpassungsfähiger als die von terrestrischen DBDGs. Doch von der Bewunderung, die diese einfache Lösung beim Team hervorgerufen hatte, war Conway peinlich berührt, denn unter den gegenwärtigen Umständen hätte jeder darauf kommen können.

Was noch nie dagewesen war, waren die Umstände: die Katastrophe im Meneldensystem, die sowohl die Ursache für schwerverletzte Hudlarer gewesen war, an denen Transplantationen vorgenommen werden mußten, als auch für prompt verfügbare Spenderorgane. Die Möglichkeit, daß einer der Transplantationsfälle mit der Zugabe von einem Paar Vordergliedern auf seinen Heimatplaneten zurückkehren konnte, die beinahe so gut waren wie die ursprünglichen, war ein Gedanke, der jedem moralischen Feigling wie ihm hätte kommen können, der sich vor den postoperativen Gesprächen mit Patienten fürchtete, deren Transplantate nicht von ihnen selbst, sondern von normalen Spendern stammten.

In Gedanken notierte sich Conway, FROB drei von FROB zehn und dreiundvierzig zu trennen, bevor sie das Bewußtsein wiedererlangten und sich miteinander unterhalten konnten. Die Atmosphäre zwischen FROB zehn und seinen beiden weniger glücklichen Kollegen dürfte sich, gelinde gesagt, als angespannt herausstellen und ihre Genesung sich schon schwierig genug gestalten, ohne daß zwei der drei vor Neid platzen würden.

Das Erwägen der Probleme der FROBs hatte wieder den hudlarischen Teil von Conways Verstand in den Vordergrund gerückt, und es war schwierig, bei dem Gedanken an die Lebensweise des Patienten nach der Operation nicht mitzufühlen und mitzuleiden. Er versuchte, die Meinung der tralthanischen, melfanischen und kelgianischen Teile einzuholen, die als Ärzte einer anderen Spezies den Sachverhalt etwas nüchterner hätten betrachten müssen. Doch auch sie hatten allzuviel Mitleid und reagierten schmerzlich berührt. Verzweifelt rief er das Gedächtnis von Khone, der Gogleskanerin, wach, die sich ihren gesunden Verstand und ihre Intelligenz erhielt, indem sie sich von jedem engen Kontakt mit ihren Gefährten abschottete.

Das gogleskanische Gedächtnis hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit denen vom normalen Schulungsband. Es war plastischer, direkter, als würde tatsächlich ein anderes Wesen das Gehirn mit einem teilen, mit welchem Widerwillen auch immer. Bei diesem hohen Maß an Verständnis, das zwischen Conway und Khone herrschte, fragte er sich, was es für ein Gefühl wäre, die Gogleskanerin wiederzusehen und mit ihr zu sprechen.

Im Hospital war diese Begegnung so gut wie ausgeschlossen, da war sich Conway sicher, denn die Eindrücke des Aufenthalts am Orbit Hospital würden Khone wahrscheinlich in den Wahnsinn treiben, und O'Mara gäbe sowieso nie seine Erlaubnis dazu. Einer der strengsten Grundsätze des Chefpsychologen lautete, daß sich Urheber und Träger eines Bands nie begegnen dürften, und zwar aufgrund des in seiner Stärke unberechenbaren psychologischen Traumas, das sich einstellen könnte, wenn zwei Lebewesen von vollkommen verschiedenen Spezies, aber mit identischen Persönlichkeiten, Gedanken auszutauschen versuchten.

Im Licht dessen, was Conway auf Goglesk widerfahren war, mußte O'Mara diesen Grundsatz vielleicht abändern.

Und jetzt verlangten auch die Probleme der Gogleskaner nach Conways Aufmerksamkeit, genau wie seine tralthanischen, kelgianischen, melfanischen und illensanischen Gehirnpartner. Er zog sich bis zu einer Stelle zurück, von der aus er in der Lage war, die Tätigkeiten rings um alle drei Operationsgestelle zu verfolgen, ohne daß die Mitglieder der Teams seine inneren Qualen sehen konnten. Doch das Stimmengewirr der Aliens in seinem Kopf war so schlimm, daß er kaum sprechen konnte, und nur mit großer Mühe war es ihm möglich, sich zu irgendeinem Gesichtspunkt der Arbeit kritisch zu äußern oder einem der Ärzte ein lobendes Wort zu sagen. Auf einmal wollte er nur noch raus und vor seinen vielen Ichs, die allesamt zu hohe Anforderungen an ihn stellten, einfach fliehen.

Mit gewaltiger Anstrengung führte er seine fremdartigen Finger zur Sendetaste für die Kommunikation auf sämtlichen Kanälen und sagte vorsichtig: „Sie sind alle viel zu gut, und für mich gibt es hier nichts zu tun. Falls Schwierigkeiten auftauchen sollten, rufen Sie mich auf der Rot-drei-Frequenz. Auf der Methanebene wartet eine Angelegenheit auf mich, um die ich mich sofort kümmern muß.“

Als er den OP verließ, bog Hossantir einen Augenstiel in seine Richtung und sagte mit ernster Stimme: „Immer ruhig Blut, Conway!“

16. Kapitel

Die Station war kalt und dunkel. Zum Schutz vor der vom Flugverkehr in unmittelbarer Umgebung des Orbit Hospitals freigesetzten Strahlung und Hitze war sie stark abgeschirmt und isoliert, und sie besaß auch keine Fenster, da selbst der von den fernen Sternen ausgehende Schimmer nicht in diese Ebene eindringen durfte. Aus diesem Grund waren die Bilder, die auf dem Bildschirm des Fahrzeugs erschienen, aus dem nicht sichtbaren Spektrum ins sichtbare umgewandelt worden, was ihnen den unwirklichen Anstrich von Phantasien gab. Die Schuppen, von denen Diagnostiker Semlics seesternförmiger Körper mit den acht Tentakeln bedeckt war, strahlten kalt wie vielfarbige Diamanten durch den Methannebel und ließen ihn wie irgendein wunderbares Wappentier erscheinen.

Bilder und Scanneraufzeichnungen von der SNLU-Lebensform hatte Conway schon oft eingehend betrachtet, aber dies war das erstemal, daß er Semlic außerhalb seines tiefgekühlten Lebenserhaltungsfahrzeugs gesehen hatte. Trotz der bewährten Brauchbarkeit von Conways eigenem isolierten Fahrzeug hielt der Diagnostiker einen gewissen Sicherheitsabstand ein.

„Ich komme auf Ihre kürzlich ausgesprochene Einladung hin“, sagte Conway zögernd, „und um dem Tollhaus da oben für eine Weile zu entfliehen. Ich habe nicht die Absicht, einen Ihrer Patienten zu untersuchen.“

„Ach, Conway, Sie sind das da in dem Ding!“ Semlic kam ein ganz kleines Stückchen näher. „Meine Patienten werden über Ihr mangelndes Interesse äußerst erleichtert sein. Der Backofen, in dem Sie unbedingt sitzen müssen, macht sie nämlich nervös. Aber wenn Sie rechts neben der Zuschauergalerie parken, genau dort, können Sie alles sehen und hören, was passiert. Sind Sie schon mal hiergewesen?“

„Zweimal“, antwortete Conway. „Beide Male ausschließlich, um meine Neugier zu befriedigen und um die Ruhe und den Frieden zu genießen.“

Semlic gab einen Laut von sich, der nicht übersetzt wurde, und entgegnete dann: „Ruhe und Frieden sind relativ, Conway. Damit Ihr Translator meine Stimme laut genug empfängt, um sie verarbeiten zu können, müssen Sie die Eingangsempfndlichkeit Ihres Außenmikrophons ein ganzes Stück erhöhen, und dabei spreche ich für einen SNLU schon laut. Einem Wesen wie Ihnen, das fast taub ist, kommt es hier bloß ruhig vor. Ich hoffe, daß Ihnen die Umgebung, so lebhaft und laut sie für mich ist, zu der Stille und dem Frieden verhilft, die Ihr Kopf so dringend braucht.

Und vergessen Sie nicht“, fügte Semlic hinzu, während er sich entfernte, „drehen Sie die Geräuschempfndlichkeit hoch, und schalten Sie den Translator ab.“

„Danke“, erwiderte Conway. Für einen Moment erfüllte ihn die wie Edelsteine glitzernde seesternförmige Gestalt des Diagnostikers fast mit kindlichem Staunen, so daß sich seine Augen durch eine plötzliche Gefühlswelle trübten und den Verwischungseffekt des Methannebels auf der Station verstärkten. „Sie sind ein freundliches, verständnisvolles und sehr warmherziges Wesen“, fügte er hinzu.

Semlic stieß einen weiteren unübersetzbaren Laut aus und entgegnete: „Ich sehe keinen Grund, weshalb Sie plötzlich beleidigend werden.“

Lange Zeit sah Conway dem Treiben auf der belebten Station zu. Wie er feststellte, trugen einige von den unter niedrigen Temperaturen lebenden Schwestern, die die Patienten pflegten, leichte Schutzanzüge, was darauf hindeutete, daß sie eine etwas andere Atmosphäre als die allgemein auf der Station herrschende benötigten. Er sah, wie sie an ihren Schützlingen Arbeiten verrichteten und für sie Dinge taten, die überhaupt keinen Sinn ergaben, sofern er sich nicht ein SNLU-Band im Kopf speichern ließ. Zudem arbeiteten die Schwestern mit der fast absoluten Lautlosigkeit von Wesen mit einer Überempfndlichkeit gegen akustische Schwingungen, und zunächst war nichts zu hören. Doch je mehr er sich konzentrierte, desto deutlicher wurde er sich der auftretenden zarten Schallformen bewußt, einer Art fremder Musik, die kalt und rein war und nichts ähnelte, was er bisher gehört hatte. Schließlich konnte er sogar einzelne Stimmen und Wortwechsel unterscheiden, die sich wie das kühle, leidenschaftslose, zarte und unaussprechlich süße Klingen von sich berührenden Schneeflocken anhörten. Nach und nach ergriffen der Frieden und die Schönheit und die tiefe Fremdartigkeit des Ganzen ihn und die anderen Teile seines Verstands und lösten mit sanfter Gewalt all den Stress und die Konflikte und die geistige Verwirrung auf.

Selbst Khone, bei der Xenophobie ein dringendes Erfordernis der Evolution war, konnte in dieser Umgebung nichts Bedrohliches entdecken und fand ebenfalls die Stille und den Frieden, die es dem Verstand ermöglichen, sich entweder gedankenlos treiben zu lassen oder scharf, ruhig und ohne Sorgen nachzudenken.

Das heißt, bis auf die kleine, quälende Sorge darüber, daß er hier jetzt schon mehrere Stunden saß, während wichtige Arbeit auf ihn wartete. Außerdem waren beinahe zehn Stunden vergangen, seit er etwas gegessen hatte.

Die Kälteebene hatte ihren Zweck sehr gut erfüllt, da sie Conway in jeder Beziehung abgekühlt hatte. Er blickte sich nach Semlic um, aber der Diagnostiker war auf einer Nebenstation verschwunden. Dann schaltete er den Translator ein, um zwei Patienten in der Nähe zu bitten, dem Diagnostiker seinen Dank auszurichten, änderte aber rasch seine Meinung, als er die beiden miteinander reden hörte.

Die zarten, klingelnden und klirrenden Stimmen der beiden SNLU-Patienten wurden vom Translator folgendermaßen übersetzt: „…nichts als eine winselnde, hypochondrische Memme! Wenn er nicht ein so freundliches Wesen wäre, würde er Ihnen das sagen und Sie wahrscheinlich aus dem Hospital werfen. Und die schamlose Art, in der Sie versuchen, seine Zuneigung zu gewinnen, grenzt an Verführung.“ Und die Antwort darauf lautete: „Dafür haben Sie niemanden, den Sie verführen könnten, Sie eifersüchtiges altes Miststück! Sie fallen doch schon auseinander. Aber trotzdem weiß er, wer von uns beiden wirklich krank ist, auch wenn ich das zu verbergen versuche.“

Als er die Station verließ, machte sich Conway in Gedanken die Notiz, O'Mara zu fragen, was eigentlich die unter extremer Kälte lebenden SNLUs unternahmen, um emotional erhitzte Gemüter abzukühlen. Und was das anging, was konnte er selbst tun, um den ständig schwangeren Beschützer des Ungeborenen zu beruhigen, dem er einen Besuch abstatten wollte, sobald er etwas zu essen hatte? Allerdings hatte er das bestimmte Gefühl, daß die Antwort in beiden Fällen gleich lautete — nämlich gar nichts.

Nachdem er in die normale Wärme und Helligkeit des Korridors zwischen den Ebenen zurückgekehrt war, dachte er nicht mehr länger darüber nach.

Die Entfernung zwischen seinem gegenwärtigen Standort und der Ebene, auf der sich der Beschützer befand, war etwa die gleiche wie die zur Hauptkantine, die in entgegengesetzter Richtung lag. Folglich hatte er den doppelten Weg vor sich, egal, wohin er zuerst ging. Aber seine eigene Unterkunft lag zwischen ihm und dem Beschützer, und Murchison hatte immer gerne ein paar Lebensmittel vorrätig — eine Gewohnheit aus ihrer Zeit als Schwester —, falls sie durch einen plötzlichen Notfall oder aufgrund purer Erschöpfung vom Besuch der Kantine abgehalten wurde. Zwar handelte es dabei nicht gerade um sonderlich abwechslungsreiche Kost, aber er wollte ja auch nur neuen Brennstoff aufnehmen.

Zudem gab es noch einen weiteren Grund, nicht in die Kantine zu gehen. Obwohl ihm seine Glieder nicht mehr ganz so fremd vorkamen, die Wesen, die ihm auf dem Korridor begegneten, nicht mehr annähernd so beunruhigend waren wie vor seinem Besuch auf Semlics Station und sich Conway als Herr über seine Alter egos fühlte, war er sich nicht sicher, ob all das so bleiben würde, wenn er sich der Nähe von Essensmassen aussetzte, die seine Gehirnpartner womöglich als ekelerregend empfanden.

Es würde nicht gut aussehen, wenn er Semlic schon so bald einen weiteren Besuch abstatten mußte. Er glaubte zwar nicht, daß der schwache und vor allem kalte Trost, den er empfangen hatte, zur Gewohnheit werden könnte, doch traf dafür höchstwahrscheinlich das Gesetz der immer selteneren Wiederkehr zu.

Als er in der Unterkunft eintraf, war Murchison bereits angezogen und genaugenommen wach, befand sich jedoch in einem völlig erschöpften Zustand und wollte schon wieder zur Arbeit gehen. Wie sie beide wußten, sich aber gegenseitig sorgfältig verschwiegen, hatte O'Mara ihre arbeitsfreien Zeiten so gelegt, daß diese so selten wie möglich zusammenfielen — nach Auffassung des Chefpsychologen sei es manchmal besser, die Lösung eines Problems hinauszuzögern, als durch die Bemühung, es zu früh aus der Welt zu schaffen, unnötigen Kummer zu bereiten. Murchison gähnte Conway an und wollte von ihm wissen, was er gemacht habe und was er, abgesehen vom Schlafen, als nächstes zu tun gedenke.

„Zuerst mal essen“, antwortete Conway und gähnte aus Mitleid mit. „Dann muß ich den Zustand des FSOJ überprüfen. Erinnerst du dich an diesen Beschützer? Du bist damals bei seiner Geburt dabeigewesen.“

Selbstverständlich erinnerte sie sich an ihn, und das gab sie Conway in Worten zu verstehen, die alles andere als damenhaft waren.

„Wie lange ist es her, seit du das letztemal geschlafen hast?“ wollte sie von ihm wissen, wobei sie versuchte, ihre Besorgnis zu kaschieren, indem sie so tat, als wäre sie wütend auf ihn. „Du siehst schon schlimmer aus als so mancher Patient auf der Intensivstation. Deine Gehirnpartner werden nicht müde sein, weil sie das zur Zeit der Aufnahme ihrer Gehirnströme auch nicht gewesen sind, aber laß dich bloß nicht von ihnen dazu verleiten, selbst zu glauben, unermüdlich zu sein.“

Conway unterdrückte ein zweites Gähnen und streckte dann plötzlich die Arme aus, um Murchison um die Taille zu fassen. Als er sie hielt, war er sich ziemlich sicher, daß seine Arme nicht zitterten, und obwohl seine Erregung ähnlichen Gefühlen seiner Alter egos entsprach, zog sich der Kuß dennoch weniger in die Länge als normalerweise. Murchison schob ihn sanft von sich weg.

„Mußt du sofort losgehen?“ fragte er, während er ein weiteres ausgiebiges Gähnen zu unterdrücken versuchte.

Murchison lachte. „In dem Zustand werde ich bestimmt nicht mit dir herumalbern. Wahrscheinlich würdest du sowieso tot umfallen. Leg dich lieber ins Bett, bevor du im Stehen einschläfst. Ich mache dir noch schnell was zu essen, bevor ich gehe, irgendwas, das in einem Sandwich versteckt ist, damit deine Gehirnpartner nichts gegen deine Mahlzeit einzuwenden haben.“

Während sie sich am Essensspender beschäftigte, fuhr sie fort: „Thorny ist am Schwangerschaftsverlauf des Beschützers sehr interessiert und hat mich gebeten, die Verfassung des Patienten in regelmäßigen Abständen zu überprüfen. Falls sich dort etwas Ungewöhnliches ergeben sollte, rufe ich dich. Und ich bin sicher, die Chefärzte im hudlarischen OP werden es genauso handhaben.“

„Ich sollte das alles wirklich lieber selbst überprüfen“, wandte Conway ein.

„Wozu hast du eigentlich Assistenten, wenn du noch immer darauf bestehst, alles selbst zu machen?“ warf sie ihm ungeduldig vor.

Die Reste des ersten Sandwiches in der einen Hand und eine Tasse mit einer nicht spezifizierten, aber zweifellos nahrhaften Flüssigkeit in der anderen, setzte sich Conway auf ihr gemeinsames Bett. „An deinem Einwand ist durchaus etwas dran“, stimmte er ihr schließlich zu.

Sie drückte ihm flüchtig einen fast schwesterlichen Kuß auf die Wange, um sowohl seine Alter egos als auch ihn selbst so wenig wie möglich aufzuregen, und verließ ohne ein weiteres Wort die Unterkunft. O'Mara schien ihr eine ziemlich gründliche Standpauke bezüglich ihres Verhaltens gegenüber einem Lebensgefährten gehalten zu haben, der erst vor kurzem ein Diagnostiker auf Probe geworden war und der sich noch auf den damit verbundenen Gefühlsaufruhr innerlich einstellen mußte.

Falls ihm das nicht bald gelang, konnte er sich allerdings darauf gefaßt machen, zukünftig nicht mehr allzuviel Spaß am Leben zu haben. Das Problem war nur, daß ihm Murchison nur selten Gelegenheit gab, es wenigstens einmal zu versuchen.

Auf einmal wachte er mit ihrer Hand auf der Schulter und den verblassenden Nachwirkungen eines Alptraums auf — bei dem es sich allerdings möglicherweise auch um den Wunschtraum eines Aliens gehandelt haben konnte —, der nur allmählich in die angenehme Realität ihrer gemeinsamen Unterkunft überging.

„Du hast geschnarcht“, flüsterte Murchison ihm ins Ohr. „Wahrscheinlich hast du die letzten sechs Stunden lang geschnarcht. Die Teams aus dem Hudlarer-OP und vom Beschützer haben dir Nachrichten auf Band hinterlassen. Offensichtlich handelt es sich dabei nicht um allzu dringende oder wichtige Angelegenheiten, sonst hätte man dich bestimmt wecken lassen. Die übrigen Dinge im Hospital gehen ihren gewohnten Gang. Willst du noch weiterschlafen?“

„Nein“, antwortete Conway und streckte die Hände aus, um ihre Taille zu umfassen. Murchisons Widerstand war nur gespielt.

„Ich glaube nicht, daß O'Mara das gutheißen würde“, reagierte sie zurückhaltend, wobei in ihrer Stimme deutliche Zweifel mitklangen. „Er hat mich davor gewarnt, daß es zu Gefühlskonflikten kommen könnte, und zwar mit solch schwerwiegenden Folgen, daß unsere Beziehung dauerhaft darunter leiden würde, wenn du dich nicht langsam und ganz beherrscht auf die neue Situation einstellen kannst, und außerdem ist O'Mara.“

„Und außerdem ist O'Mara nicht mit der schönsten weiblichen DBDG im Hospital verheiratet“, fiel ihr Conway ins Wort. „Und seit wann handle ich überstürzt und unbeherrscht?“

„O'Mara ist mit niemand anderem verheiratet als mit seiner Arbeit“, stimmte Murchison ihm lachend zu. „Und ich glaube, seine Arbeit würde sich wegen ständiger Überarbeitung auf der Stelle von ihm trennen, wenn sie könnte. Aber unser Chefpsychologe versteht sein Geschäft, und ich möchte nicht das Risiko einer vorzeitigen Überreizung deines.“

„Jetzt laß doch mal das ewige Gerede“, schnitt ihr Conway sanft das Wort ab.

Möglicherweise hatte der Chefpsychologe recht, dachte Conway, als er Murchison sanft neben sich aufs Bett zog; eigentlich hatte O'Mara immer recht. Seine Alter egos wurden zunehmend ungehaltener und betrachteten die Gesichtszüge auf der Vorderseite des Schädels und die sanft gewölbten Brüste der terrestrischen DBDG, die ihnen derart nahe waren, mit der typischen Mißbilligung fremder Spezies. Und als sich zu der optischen Wahrnehmung auch noch Tastempfindungen gesellten, stieg dieses Mißfallen aufs Äußerste.

Sie reagierten mit geistigen Bildern von dem, was in der entsprechenden Situation bei Hudlarern, Tralthanern, Kelgianern, Melfanern, Illensanern und Gogleskanern vorging, und behaupteten, daß Conways Vorgehen vollkommen und geradezu empörend falsch sei. Was noch schlimmer war, sie versuchten, auch Conway zu der Ansicht zu bringen, er mache alles verkehrt und die Partnerin neben ihm müsse eigentlich zu einer ganz anderen physiologischen Klassifikation gehören, wobei die genaue Spezies von der Gefühlsintensität desjenigen Wesens abhing, das gerade am stärksten protestierte.

Selbst die Gogleskanerin beteuerte, das diese Betätigung grundverkehrt sei, distanzierte sich jedoch von den Vorgängen im Gehirn. Khone war eine krasse Individualistin, ein perfektes Beispiel für eine Einzelgängerin inmitten einer Spezies, die sich bis zu einem Punkt entwickelt hatte, an dem Einsamkeit ein grundlegendes Überlebensmerkmal darstellte. Und plötzlich wurde Conway bewußt, daß er sich Khones gogleskanischer Haltung und ihrer Fähigkeiten bediente, wie er sich ihrer schon mehrmals zuvor bedient hatte, um die Gedanken und Empfindungen zu verdrängen, die einfach verdrängt werden mußten, und seinen terrestrischen Verstand auf das zu richten, was die größte Konzentration erforderte.

Doch waren die Proteste der Aliens immer noch stark, aber die Querulanten wurden in ihre Schranken verwiesen und ganz hintangestellt. Sogar die Einwände der Gogleskanerin wurden zwar zur Kenntnis genommen, ansonsten aber ignoriert. Conway setzte die einzigartige Fähigkeit der FOKT nicht nur gegen die anderen Aliens, sondern auch gegen sie selbst ein, und Khones Spezies wußte ganz genau, wie man sich auf etwas zu konzentrieren hatte.

„Das. sollten wir. lieber lassen“, stammelte Murchison atemlos.

Conway überhörte ihren Einwand und konzentrierte sich auf alles andere. Hin und wieder drängten sich ihm Reaktionen der fremden Lebensformen in entsprechenden Situationen auf, die nachdrücklich hervorhoben, daß seine Partnerin zu groß, zu klein, zu zerbrechlich war, die falsche Form hatte oder sich in der falschen Stellung befand. Doch die Organe, mit denen er sah und fühlte, waren die eines männlichen Terrestriers, und die Reize, die sie wahrnahmen, begruben die rein geistige Einmischung der Aliens einfach unter sich. Gelegentlich schlugen ihm seine Alter egos bestimmte Maßnahmen und Bewegungen vor. Auch die ignorierte er, außer in ein paar Fällen, wenn er sie für seine eigenen Zwecke abändern konnte. Aber letztendlich waren alle Einwürfe und Einwände der Aliens vergebens, und der Hauptreaktor des Hospitals hätte in die Luft gehen können, ohne daß Conway allzuviel davon mitbekommen hätte.

Selbst als ihre erhöhten Puls- und Atemfrequenzen wieder einen Wert angenommen hatten, der annähernd normal war, hielt Murchison ihn weiter fest umschlungen. Sie schwieg die ganze Zeit und wollte Conway noch weniger loslassen als zuvor, bis sie plötzlich leise vor sich hin lachte.

„Bezüglich meines Verhaltens dir gegenüber habe ich für die nächsten Wochen oder Monate genaue Anweisungen erhalten“, sagte sie in einem Ton, in dem sowohl Verlegenheit als auch Erleichterung mitschwangen. „Der Chefpsychologe hat gesagt, ich solle intimen Körperkontakt vermeiden, bei allen Gesprächen eine berufliche und sachliche Art beibehalten und mich ganz allgemein wie eine Art Witwe betrachten, bis du entweder mit den im Kopf gespeicherten Bändern zurechtgekommen wärst oder man dich zwingen würde, wieder deinen früheren Rang als Chefarzt einzunehmen. Es handle sich um eine ausgesprochen ernste Angelegenheit, hat er mir gesagt, und es sei ein hohes Maß an Geduld und Mitgefühl erforderlich, um dir über diese schwierige Zeit hinwegzuhelfen. Ich solle dich als multiplen Schizophrenen betrachten, da die meisten der betreffenden Persönlichkeiten zu mir keine emotionale Bindung hätten und in vielen Fällen mit körperlichem Abscheu auf mich reagieren würden. Dennoch dürfe ich das alles nicht beachten, weil du sonst der Gefahr bleibender psychischer Schäden ausgesetzt wärst.“

Sie küßte ihn auf die Nasenspitze und stieß einen langen, zarten Seufzer aus. „Statt dessen kann ich keine Spur eines körperlichen Abscheus entdecken und. tja, du bist offenbar nicht mehr ganz und gar der alte. Ich kann nicht genau sagen, worin der Unterschied besteht, und ich will mich auch nicht beklagen, aber du scheinst überhaupt keine psychologischen Schwierigkeiten zu haben und. und O'Mara wird sich wirklich freuen!“

Conway grinste. „Ich habe nicht versucht, O'Mara zu erfreuen.“, begann er, als er vom dringlichen Piepen des Kommunikators unterbrochen wurde.

Von Murchison war der Kommunikator darauf eingestellt worden, alle Nachrichten, die nicht dringend waren, auf Band aufzunehmen, und offensichtlich hielt irgend jemand sein Problem für so wichtig, um Conway aufzuwecken. Er entzog sich Murchisons Umklammerung, indem er sie unter den Achselhöhlen kitzelte, und schwenkte die Kamera des Kommunikators vom zerwühlten Bett weg, bevor er antwortete, denn möglicherweise befand sich ein männlicher DBDG von der Erde am anderen Ende.

Auf dem Bildschirm erschien Edanelts eckiges, von Chitin überzogenes Gesicht. „Ich hoffe, ich störe Sie nicht, Conway“, begrüßte ihn der melfanische Chefarzt, „aber FROB dreiundvierzig und FROB zehn sind wieder bei Bewußtsein und haben keine Schmerzen. Sie sind sehr froh, noch am Leben zu sein, und hatten noch keine Zeit, über die damit verbundenen Nachteile nachzudenken. Meiner Meinung nach wäre das der beste Moment, sich mit ihnen zu unterhalten, falls Sie das immer noch wollen.“

„Und ob ich das will“, antwortete Conway, obwohl im nichts einfallen wollte, was er im Augenblick weniger gerne getan hätte, und das wußten sowohl Murchison als auch Edanelt, die ihn beide beobachteten. „Was ist mit FROB drei?“ erkundigte er sich schließlich.

„Noch bewußtlos, aber in stabiler Verfassung“, antwortete der Chefarzt. „Ich habe seinen Zustand ein paar Minuten, bevor ich Sie angerufen habe, überprüft. Hossantir und Yarrence sind vor ein paar Stunden gegangen, um sich diesen Zeiträumen des körperlichen und seelischen Zusammenbruchs hinzugeben, die Sie alle offenbar in solch lachhaft kurzen Abständen brauchen. Wenn FROB drei zu sich kommt, werde ich mich mit ihm unterhalten. Bei ihm sind die Anpassungsschwierigkeiten nicht so groß.“

Conway nickte. „Bin schon auf dem Weg.“

Durch die Aussicht auf das, was vor ihm lag, war die hudlarische Gedächtnisaufzeichnung in den Vordergrund getreten und füllte jetzt praktisch Conways ganzen Kopf aus, so daß er sich ohne körperliche Berührung und nicht einmal mit einem herzlichen Wort von Murchison verabschiedete. Zum Glück fand sie sich mittlerweile mit diesem Verhalten ab und pflegte es einfach nicht zu beachten, bis er wieder der alte sein würde. Als Conway das Zimmer verließ, fragte er sich, was an diesem rosa, schlaffen, unglaublich schwachen und abstoßenden Wesen, mit dem er den Großteil seines Lebens als Erwachsener verbracht hatte, so Besonderes war.

17. Kapitel

„Sie haben großes Glück gehabt“, versicherte Conway seiner Patientin, „wirklich sehr großes Glück, daß weder Ihr Kind noch Sie selbst bleibende Schäden davongetragen haben.“

Medizinisch gesehen war das ganz richtig, sagte er sich. Aber der Hudlarer in seinem Kopf dachte da ganz anders, genauso wie die Mitarbeiter der Genesungsstation, die sich auf diskrete Entfernung zurückgezogen hatten, um es der Patientin und ihrem Arzt zu ermöglichen, ein vertrauliches Gespräch zu führen.

„Nachdem ich Ihnen das gesagt habe“, fuhr Conway fort, „muß ich Ihnen leider mitteilen, daß Sie persönlich den langwierigen und emotional womöglich schmerzlichen Auswirkungen Ihrer Verletzungen nicht entkommen sind.“

Er wußte, daß er nicht besonders feinfühlig an das Problem heranging, aber in vielerlei Hinsicht waren die FROBs genauso offen und direkt wie die Kelgianer, wenn auch wesentlich höflicher.

„Das kommt daher, weil wir eine Herztransplantation vornehmen mußten, um Sie beide am Leben zu erhalten“, erklärte er, indem er in der Hoffnung an die Mutterinstinkte der Patientin appellierte, die gute Nachricht über den jungen Hudlarer würde das Gefühl des Unglücks, das sich jeden Moment bei der FROB einstellen dürfte, in gewissem Maße verringern. „Ihr Nachkomme wird ohne Komplikationen geboren werden, gesund sein und ein ganz normales Leben auf seinem Heimatplaneten oder woanders führen können. Sie werden dazu leider nicht mehr in der Lage sein.“

Mit vibrierender Sprechmembran stellte die Hudlarerin die erwartete Frage.

Bevor er antwortete, dachte Conway einen Moment lang nach, weil er keine zu elementare Erklärung geben wollte. Die Hudlarerin war eine Bergbauspezialistin und hochintelligent; ansonsten hätten sie und ihr Lebensgefährte nicht auf den Asteroiden des Meneldensystems gearbeitet.

Folglich erklärte er FROB dreiundvierzig, daß junge Hudlarer zwar hin und wieder schwer erkranken und einige sogar sterben könnten, erwachsene hingegen niemals etwas hätten und bis zum Eintritt der Altersschwäche keinerlei körperliche Schäden nähmen. Das lag daran, daß sie eine Immunität gegen die Krankheitserreger ihres Heimatplaneten entwickelten, die so lückenlos und perfekt war, wie es bei einem rein biochemischen System überhaupt möglich war, und damit konnte sich keine andere der Medizin der Föderation bekannte Spezies messen. Das Immunsystem der FROBs war so beschaffen, daß es keiner, wie auch immer beschaffenen fremden biologischen Substanz gestattete, sich mit dem Körper eines Hudlarers zu verbinden, ohne sofort mit der Abwehrreaktion zu beginnen. Zum Glück ließ sich das übergründliche Immunsystem, wenn nötig, neutralisieren, und dazu bestand unter anderem dann Veranlassung, wenn lebenswichtige Organe oder Glieder von einem Spender eingepflanzt beziehungsweise angenäht werden mußten.

Conway hatte versucht, den Sachverhalt so einfach und genau wie möglich zu erklären, doch es war offensichtlich, daß FROB dreiundvierzig mit den Gedanken ganz woanders war.

„Was ist mit meinem Lebensgefährten?“ erkundigte sie sich ängstlich, als ob Conway nie etwas gesagt hätte.

Vorübergehend nahm vor Conways geistigem Auge ein Bild des übel zugerichteten Körpers von FROB achtzehn Gestalt an, das zwischen ihm und der Patientin zu schweben schien. Sein eigenes medizinisches Wissen und das seines hudlarischen Gehirnpartners führten dazu, daß ihm der Fall plötzlich sehr naheging. Schließlich räusperte er sich verlegen und entgegnete: „Es tut mir außerordentlich leid, aber Ihr Lebensgefährte war so schwer verletzt, daß wir ihn nicht am Leben erhalten, geschweige denn operativ heilen konnten.“

„Er hat uns mit seinem Körper zu schützen versucht. Wußten Sie das?“ seufzte die Hudlarerin.

Conway nickte mitfühlend und begriff dann, daß einem FROB die geringfügige Bewegung eines terrestrischen Kopfs nichts sagte. Die nächsten Worte wählte er sorgfältig, denn er war sich sicher, daß FROB dreiundvierzig auf eine emotionale Behandlung des Themas äußerst empfindlich reagieren könnte — schließlich war sie durch den erst kürzlich erfolgten umfangreichen operativen Eingriff stark geschwächt, stand kurz vor der Geburt ihres Nachkommen und der darauffolgenden Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht. Nach Ansicht seines hudlarischen Alter ego könnte das schlimmstenfalls zu vorübergehenden psychischen Qualen führen, während seine eigene Erfahrung mit fremden Lebensformen in ähnlichen Situationen darauf hindeutete, daß er vielleicht etwas Gutes tat. Doch für die Patientin waren die Umstände einzigartig, so daß sich Conway über gar nichts sicher sein konnte.

Über eins war er sich allerdings ganz sicher. Irgendwie mußte er die Patientin davon abhalten, in zu starke Selbstbetrachtung über die eigene Lage zu versinken, damit sie mehr an ihr ungeborenes Kind dachte als an sich selbst, wenn sie mit den wirklich schlechten Nachrichten konfrontiert wurde. Aber bei dem Gedanken, die Empfindungen der FROB in dieser Weise zu beeinflussen, kam er sich im wahrsten Sinne des Wortes wie eine äußerst niedrige Lebensform vor, irgendwo auf der Stufe einer terrestrischen Laus.

Er fragte sich, warum er nicht daran gedacht hatte, vor dem weiteren Vorgehen den Fall mit O'Mara zu besprechen — ernst genug, um den Chefpsychologen zu Rate zu ziehen, konnte die Sache allemal werden. Wenn er die Situation jetzt vermasselte, wäre er möglicherweise trotzdem noch gezwungen, sich an O'Mara zu wenden.

„Wir wissen alle, daß Ihr Lebensgefährte versucht hat, Sie zu schützen“, sagte er schließlich. „Unter Spezies von höherer Intelligenz ist diese Form des Verhaltens verbreitet, insbesondere, wenn sich das betreffende Wesen opfert, um das Leben des Partners oder eines Kinds zu retten. In diesem Fall konnte Ihr Lebensgefährte beides retten und hat überdies dazu beigetragen, zwei schwerverwundeten Unfallopfern — eins davon sind Sie — das Leben und die uneingeschränkte Bewegungsfähigkeit zu erhalten, die andernfalls trotz seines früheren Opfers gestorben wären.“

Diesmal hört die Patientin genau zu, ermahnte er sich in Gedanken.

„Ihr Lebensgefährte hat die unverletzten Gliedmaßen und eins seiner Absorptionsorgane dem Patienten gespendet, den Sie am anderen Ende der Station sehen können“, fuhr Conway fort. „Dieser Patient wird, genau wie Sie, bis auf einige lästige Einschränkungen, was die Umweltbedingungen und Unternehmungen innerhalb einer Gruppe von Mitgliedern der eigenen Spezies betrifft, in einem fast makellosen körperlichen Gesundheitszustand weiterleben können. Und Ihr Lebensgefährte hat Sie und Ihr Kind nicht nur während des Unfalls geschützt, sondern Ihnen beiden auch später das Überleben ermöglicht, indem er Ihnen eins der Herzen, das jetzt in Ihrem Körper schlägt, gespendet hat.

Auch wenn Ihnen nur die Erinnerung an ihn geblieben ist“, fügte Conway voller Mitgefühl hinzu, „würde die Behauptung, daß er gestorben ist, zumindest nicht ganz der Wahrheit entsprechen.“

Aufmerksam betrachtete er FROB dreiundvierzig, um zu sehen, wie sie seinen unverfrorenen emotionalen Angriff aufnahm, doch die Haut auf dem Körper war zu hart und glatt, als daß sie irgendwelche Hinweise auf die wirklichen Gefühle der Hudlarerin hätte geben können.

„Ich habe mir größte Mühe gegeben, Sie am Leben zu erhalten“, fuhr er fort, „und deshalb, glaube ich, sind Sie es dem Andenken Ihres Lebensgefährten schuldig, sich weiterhin nach besten Kräften anzustrengen, am Leben zu bleiben, obwohl Momente kommen werden, in denen Ihnen das nicht leichtfallen wird.“

Und nun zu den schlechten Nachrichten, dachte Conway.

Behutsam fuhr er damit fort, die Folgen der Ausschaltung des Immunsystems der FROB zu beschreiben: die keimfreie Umgebung, die die Patientin von nun an brauchte, die speziell zubereitete und behandelte Nahrung und die auf der Pflege- und Isolierstation erforderlichen Schutzmaßnahmen gegen das mögliche Eindringen eines FROB-Infektionskeims in den seiner Abwehrkräfte vollkommen beraubten Körper. Sogar das Kind müsse man der Mutter direkt nach der Geburt wegnehmen. Sie dürfe es nur sehen, da das Kind in jeder Hinsicht normal sein werde und deshalb für die Patientin, die sämtlichen Krankheiten schutzlos ausgeliefert sei, ein Gesundheitsrisiko darstelle.

Wie Conway wußte, würde das Kind auf Hudlar aufgezogen und gut versorgt werden — sowohl die Familien- als auch die Gesellschaftsstrukturen der FROBs waren höchst komplex und flexibel, und von Waisen hatte man überhaupt keinen Begriff. Dem Kind würde es an nichts fehlen.

„Falls Sie auf Ihren Heimatplaneten zurückkehren sollten“, sagte Conway in festerem Ton, „wären dieselben Schutzmaßnahmen erforderlich, um Sie am Leben zu erhalten, allerdings würden Ihre Freunde zu Hause nicht über die Ausrüstung und Erfahrung des Orbit Hospitals verfügen. Sie wären an die eigene Wohnung gefesselt, dürften keinen Körperkontakt mit einem anderen Hudlarer haben, und auch das normale Maß an körperlicher Betätigung und Arbeit wäre Ihnen verboten. Darüber hinaus müßten Sie mit der ständigen Sorge leben, Ihre Schutzhülle könnte einreißen oder das Nahrungspräparat infiziert sein, was Ihren Tod zur Folge hätte, da Sie über keine natürlichen Abwehrkräfte gegen Krankheiten verfügen.“

Da die auf dem Planeten Hudlar lebenden FROBs in medizinischer Hinsicht noch lange nicht so fortgeschritten waren, um derart komplizierte Schutzmaßnahmen aufrechtzuerhalten, wäre der Tod von FROB dreiundvierzig unausweichlich.

Während seiner Erklärungen hatte ihn die Patientin kein einziges Mal aus dem Auge gelassen. Plötzlich begann ihre Sprechmembran zu vibrieren.

„Unter den von Ihnen beschriebenen Umständen würde ich mir wahrscheinlich keine großen Sorgen ums Sterben machen“, sagte sie schließlich.

Zuerst wollte Conway FROB dreiundvierzig an all die Mühen und Arbeit erinnern, die man in die Erhaltung ihres Lebens gesteckt hatte, um damit anzudeuten, daß sie nach seinem Dafürhalten zuwenig Dankbarkeit zeigte. Doch sein hudlarischer Gehirnpartner verglich den normalen Lebensstil der FROB mit dem, den ihr Conway bot. Vom Standpunkt der Patientin hatte er ihr keinen Gefallen getan, höchstens den, daß er das Leben ihres zukünftigen Kinds gerettet hatte. Conway seufzte.

„Es gibt eine Alternative“, sagte er und versuchte dabei, wenigstens etwas Begeisterung in seiner Stimme durchklingen zu lassen. „Es gibt für Sie eine Möglichkeit, ein aktives Arbeitsleben ohne Einschränkung der Bewegungsfreiheit zu führen. Sie könnten im Grunde durch die ganze Föderation fliegen, wieder beim Asteroidenbergbau arbeiten oder alle Berufe ausüben, auf die Sie sonst Lust hätten, solange Sie keinen Fuß auf Hudlar setzen.“

Die Membran der Patientin vibrierte kurz, aber der Translator blieb stumm; wahrscheinlich handelte es sich um einen Laut, der Überraschung ausdrücken sollte.

In den nächsten Minuten mußte Conway der Patientin die grundlegenden Lehrsätze der sich mit allen Spezies befassenden Medizin erläutern und sie darüber aufklären, daß Krankheiten und Infektionen nur zwischen Mitgliedern einer Spezies mit einer gemeinsamen Evolutionsgeschichte und denselben Umweltbedingungen übertragbar waren. Bei einem Terrestrier, der die ansteckendsten und bösartigsten terrestrischen Krankheiten hatte, waren beispielsweise ein Ianer oder ein Melfaner ganz sicher aufgehoben, weil die Erreger im Gewebe jeder anderen außerplanetarischen Spezies unwirksam waren — praktisch ignorierten sich Erreger und Gewebe gegenseitig völlig. Aus diesem Grund konnte sich ein Lebewesen eine Krankheit nur auf dem eigenen Planeten oder von einem Mitglied derselben Spezies zuziehen.

„Sie können sich selbst ausmalen, was das bedeutet“, fuhr Conway schnell fort. „Nachdem Ihre Wunden verheilt sind und Ihr Kind zur Welt gekommen ist, wird man Sie aus dem Hospital entlassen. Aber anstatt sich in ein keimfreies Gefängnis auf Ihrem Heimatplaneten einzusperren und jegliche Betätigung stark einzuschränken, könnten Sie sich einen anderen Planeten aussuchen, auf dem das Fehlen Ihrer Abwehrkräfte keine Rolle spielt, weil die dortigen Krankheitserreger kein Interesse an Ihnen hätten.

Ihr Nahrungspräparat würde vor Ort künstlich hergestellt werden und wäre kein Infektionsherd“, setzte er die Erläuterung der Vorzüge fort. „In regelmäßigen Abständen wird jedoch eine medikamentöse Behandlung zur Unterdrückung der Abwehrkräfte erforderlich sein, damit Ihr Immunsystem nicht wieder zu arbeiten beginnt und das fremde Herz abstößt. Die Behandlung würde von einem Arzt der nächstgelegenen Dienststelle des Monitorkorps durchgeführt, den wir natürlich vorher über Ihren Fall voll und ganz ins Bild setzen werden. Dieser Korpsarzt wird Sie auch vor unmittelbar bevorstehenden Besuchen von Mitgliedern Ihrer Spezies warnen. Wenn es dazu kommen sollte, dürften Sie sich nicht in deren Nähe begeben. Sie sollten nicht im gleichen Gebäude wohnen, falls möglich nicht einmal in derselben Stadt.“

Anders als die Transplantationspatienten von vielen anderen Spezies, die nach einer kurzen Behandlung mit Medikamenten zur Unterdrückung der Abwehrkräfte Spenderorgane ohne Abstoßungsschwierigkeiten vertrugen, mußte das Immunsystem der Hudlarer fortwährend außer Kraft gesetzt werden. Aber nach Conways Auffassung war das jetzt nicht der geeignete Moment, um der Liste noch eine weitere Hiobsbotschaft hinzuzufügen.

„Auch mit Ihren Freunden zu Hause sollten Sie Neuigkeiten ausschließlich über den Kommunikator austauschen“, fuhr Conway fort. „Diesen Punkt muß ich besonders hervorheben. Ein Besucher Ihrer Spezies und selbst ein Paket, das Sie von zu Hause geschickt bekommen, würden die einzigen Krankheitserreger tragen, die Sie infizieren und töten könnten, und zwar sehr schnell.“

Er hielt kurz inne, damit FROB dreiundvierzig die volle Bedeutung seiner Worte begreifen konnte. Sie sah ihn auch weiterhin lange aufmerksam an, und ihre Membran wies keine Anzeichen dafür auf, daß sie etwas sagen wollte. Sie war eine FROB weiblichen Geschlechts, und gegenwärtig galt ihre Hauptsorge der sicheren Geburt, der zukünftigen Gesundheit und dem späteren Glück ihres Nachkommen.

War die Geburt erfolgreich abgeschlossen, wie es ohne Zweifel geschehen würde, hätte der verstorbene männliche Lebensgefährte zugegen sein müssen, um für das Kind zu sorgen und allmählich das weibliche Geschlecht anzunehmen. Wegen seines Tods müßte die Versorgung des Kinds von engen Verwandten übernommen werden. Direkt nach der Geburt würde FROB dreiundvierzig jedoch die unvermeidbare, vollständige Wandlung zum männlichen Geschlecht durchmachen und in diesem Zustand vom Verlust des Lebenspartners besonders betroffen sein.

Bis zum heutigen Tag hatten etliche Lebewesen aller möglichen intelligenten Spezies immer wieder den Lebensgefährten verloren. Entweder hatten sie gelernt, damit zu leben, oder sie waren losgezogen und hatten jemand anderen gefunden, der sie akzeptierte. In diesem Fall war das Problem, daß FROB dreiundvierzig mit keinem anderen Mitglied ihrer Spezies in Körperkontakt treten durfte und deshalb für den Rest ihres Lebens dem männlichen Geschlecht angehören würde, was für einen noch jungen erwachsenen Hudlarer ein äußerst frustrierender und trauriger Zustand war.

Aus dem Schwall an hudlarischen Informationen, die in Zusammenhang mit geschlechtlichen Fragen standen und die sich nun über Conways Verstand ergossen, schälte sich ein rein terrestrischer Gedanke heraus. Wie wäre es, für immer von Murchison und jedem anderen Mitglied der eigenen Spezies getrennt zu sein? Solange er mit Murchison zusammenleben könnte, würde es ihm nichts ausmachen, nur mit einem Haufen Extraterrestrier zu sprechen und zu arbeiten — das war ja sowieso die tägliche Situation am Orbit Hospital. Aber von dem einen warmen, menschlichen, intimen und sowohl körperlich als auch geistig anregenden Kontakt abgeschnitten zu sein, den er so viele Jahre lang als selbstverständlich betrachtet hatte, er wußte wirklich nicht, wie er sich in dem Fall verhalten hätte. Die Frage war nicht zu beantworten weil die Situation unvorstellbar war.

„Ich verstehe“, sagte die Patientin plötzlich, „und ich danke Ihnen, Doktor.“

Sein erster Impuls war, den Dank zurückzuweisen und sich statt dessen zu entschuldigen. Durch das Hudlarerband verfügte er über das Verständnis, das ihm im Grunde auch zum Hudlarer machte, und er wollte der FROB sagen, wie aufrichtig leid es ihm tat sie dem Trauma dieser hochkomplizierten und fachlich schwierigen Operation ausgesetzt zu haben, das ihr durch so viele Jahre hindurch psychisches Leid bereiten würde. Aber ihm war ebenfalls klar, daß sein Verstand im Moment auf alles, was Hudlarer betraf überempfindlich reagierte, und in derart sentimentaler und unprofessioneller Weise sollte ein Arzt nicht mit einem Patienten reden.

Statt dessen sagte er in beruhigendem Ton: „Ihre Spezies ist, was Arbeitsumgebungen angeht, äußerst anpassungsfähig und für Bauvorhaben auf Planeten und im All in der ganzen Föderation sehr begehrt, und Sie werden sich von der Operation vollkommen er holen. Mit gewissen persönlichen Einschränkungen, zu deren Überwindung Sie ein hohes Maß an geistig-seelischer Disziplin benötigen werden, können Sie sich auf ein sehr aktives und nützliches Leben freuen.“

Glückliches Leben wollte er lieber nicht sagen, denn solch ein großer Lügner war er nun auch wieder nicht.

„Ich danke Ihnen, Doktor“, sagte die Patientin erneut.

„Bitte entschuldigen Sie mich jetzt“, sagte Conway und floh.

Aber nicht für lange. Das rasche, unregelmäßige Klopfen sechs melfanischer Beine mit harten Spitzen signalisierte das Eintreffen von Chefarzt Edanelt.

„Das haben Sie wirklich sehr gut gemacht, Conway“, lobte ihn der Chefarzt. „Eine herrliche Mischung aus nüchterner Wahrheit, Mitgefühl und Aufmunterung, obwohl Sie mit der Patientin ein ganzes Stück mehr Zeit verbracht haben, als es für einen Diagnostiker normal ist. Jedenfalls ist für Sie eine Nachricht von Thornnastor eingegangen, in der er Sie um ein Treffen bittet, wann und wo es Ihnen beliebt. Er hat nichts Genaues gesagt, nur daß es sich um den Beschützer drehe und dringend sei.“

„Wenn ich Zeit und Ort wählen kann, wird es schon nicht allzu dringend sein“, entgegnete Conway langsam, der mit den Gedanken noch immer bei den zukünftigen Problemen von FROB dreiundvierzig war. „Wie ist es eigentlich um FROB drei und zehn bestellt?“

„Die müssen ebenfalls dringend beruhigt werden“, antwortete Edanelt. „FROB drei hat der Verantwortung von Yarrence unterstanden, der die komplizierte Operation der eingedrückten Schädelfraktur und des darunter liegenden Gewebes ganz hervorragend bewältigt hat. Allerdings war keine Organverpflanzung erforderlich. Rein optisch wird FROB drei für seine Kameraden ein ästhetisch ansprechendes Lebewesen sein und im Gegensatz zu FROB zehn und dreiundvierzig auch nicht lebenslang von seinem Heimatplaneten und seinen Angehörigen getrennt sein.

FROB zehn steht wohl vor denselben Langzeitproblemen wie FROB dreiundvierzig“, fuhr der Melfaner fort. „Die Verpflanzungen mehrerer Gliedmaßen und des Absorptionsorgans sind allesamt gut verlaufen, und die Prognose lautet auf vollständige Genesung unter der üblichen strengen Behandlung mit Medikamenten zur Unterdrückung der Ab Wehrkräfte. Da Sie wenig Zeit haben, sollte ich mich vielleicht mit dem einen unterhalten, während Sie mit dem anderen sprechen.

Ich bin zwar nur Chefarzt und kein grünschnäbeliger Diagnostiker wie Sie, Conway“, fügte er hinzu, „aber ich würde Thornnastor nicht zu lange warten lassen.“

„Danke“, erwiderte Conway. „Nehmen Sie FROB drei, und ich unterhalte mich dann mit FROB zehn.“

Im Gegensatz zu FROB dreiundvierzig gehörte FROB zehn derzeit dem männlichen Geschlecht an und sollte auf die emotionale Beeinflussung und auf gefühlsmäßige Argumente nicht so empfindlich wie die vorhergehende Patientin reagieren. Nebenbei hoffte Conway, Thornnastor würde nur wie gewöhnlich ungeduldig sein und es nicht wirklich eilig haben, ihn zu sehen.

Als er das Gespräch beendet hatte, befand er sich in viel schlechterer psychischer Verfassung als der Patient, der die ersten Schritte, sich mit seinem Los abzufinden, ohne allzu große Bekümmerung gemacht hatte — der wahrscheinliche Grund dafür war, daß er derzeit keine Lebensgefährtin hatte. Conway wollte seinen Kopf unbedingt von allen Dingen, die Hudlarer betrafen, frei machen, aber das erwies sich als äußerst schwierig. „Für zwei Hudlarer ohne Abwehrkräfte, die nicht auf ihrem Heimatplaneten leben, ist es theoretisch doch bestimmt möglich, sich ohne gegenseitige Gefährdung zu treffen, oder?“ erkundigte er sich bei Edanelt, als sie sich außer Hörweite der Patienten befanden. „Wenn bei beiden das Immunsystem ausgeschaltet ist, müßten sie von Krankheitserregern ihres Herkunftsplaneten frei sein, mit denen sie sich andernfalls gegenseitig infizieren würden. Vielleicht ist es möglich, regelmäßige Zusammenkünfte solcher Heimatlosen zu arrangieren, aus denen sich der Nutzen.“

„Eine nette Idee, die nicht nur von großer Gutherzigkeit, sondern auch, wenn ich das vielleicht mal so sagen darf, von großer Beschränktheit zeugt“, unterbrach ihn Edanelt. „Hätte nämlich einer der Heimatlosen eine angeborene Immunität gegen einen nicht direkt mit dem Abstoßungsprozeß in Verbindung stehenden Erreger, gegen den die übrigen Mitglieder der Gruppe nicht immun wären, dann befänden die sich in großer Gefahr. Aber versuchen Sie es mit der Idee doch einmal bei Thornnastor, der ist ja die anerkannte Autorität auf diesem Gebiet und wird Ihnen.“

„Thornnastor!“ rief Conway entsetzt. „Den hätte ich fast vergessen. Ist er schon.?“

„Nein“, antwortete Edanelt. „Aber O'Mara hatte hereingeschaut, um zu sehen, ob Sie bei den Gesprächen mit den Transplantationspatienten Hilfe benötigen. Mir hat er Ratschläge gegeben, wie ich an die Probleme von FROB drei herangehen sollte, aber er hat gesagt, Sie brauchten offensichtlich keine Hilfe, da Sie sich mit dem Patienten viel zu sehr zu amüsieren schienen, um gestört zu werden. Wollte er mit dieser Bemerkung seine Billigung zu verstehen geben oder nicht? Meiner Erfahrung aus der Arbeit mit terrestrischen DBDGs nach war das vermutlich einer der Fälle, in denen eine unrichtige Aussage in dem Glauben gemacht wird, der Zuhörer werde die gegenteilige Bedeutung für wahr halten. Aber ich begreife diese Form, die Sie Sarkasmus nennen, nicht.“

„Ob O'Mara etwas billigt oder nicht, weiß man nie, weil er immer unhöflich und sarkastisch ist“, bemerkte Conway trocken.

Trotzdem wurde ihm bei der Vorstellung, daß dem Chefpsychologen die Art und Weise, in der er das postoperative Gespräch mit FROB zehn geführt hatte, so sehr gefallen hatte, um ihn nicht einmal dabei zu stören, regelrecht warm ums Herz. Vielleicht hatte O'Mara aber auch geglaubt, Conway würde alles derart in den Sand setzen, daß sich der Chefpsychologe nicht getraut hatte, einem Diagnostiker auf Probe vor rangniedrigeren Personalangehörigen zu sagen, wie grenzenlos sich dieser irre.

Doch die Zweifel, die Conway verspürte, wurden von einem noch stärkeren Gefühl verdrängt, einem körperlichen Bedürfnis, das durch die plötzliche Erkenntnis bestärkt wurde, daß er in den letzten zehn Stunden nichts anderes als ein Sandwich zu essen gehabt hatte. Er begab sich rasch an das Computerterminal auf dieser Station und rief die Pläne mit den Dienstzeiten der warmblütigen sauerstoffatmenden Mitglieder des höheren Personals ab. Er hatte Glück: ihre Dienstpläne deckten sich.

„Würden Sie bitte Thornnastor anrufen und ihm ausrichten, daß ich mich mit ihm in dreißig Minuten in der Kantine treffen möchte?“ bat er Edanelt, bevor er die Station verließ.

18. Kapitel

Den leitenden Diagnostiker der Pathologie kannte Conway gut genug, um ihn von all den anderen Tralthanern, die in der Kantine saßen, unterscheiden zu können, und er war angenehm überrascht, Murchison am selben Tisch zu sehen. Wie üblich versorgte Thornnastor seine Assistentin mit dem neuesten Klatsch über andere Spezies, und die beiden waren darin so vertieft, daß sie nicht einmal bemerkten, als sich Conway zu ihnen an den Tisch gesellte.

„…bei einer Lebensform mit einer Körpertemperatur von nur ein paar Grad über dem absoluten Nullpunkt würde man den Trieb zur wahllosen Paarung nicht für wahrscheinlich oder auch nicht einmal für möglich halten“, polterte die Stimme des Tralthaners pedantisch aus dem Translator. „Aber glauben Sie mir, eine geringfügige Erhöhung der Körpertemperatur kann, selbst wenn sie versehentlich durch die Behandlung verursacht wird, bei den anderen anwesenden SNLU-Geschlechtern zu heftiger Erregung führen. Vier Geschlechter bei einer einzigen Spezies sind sowieso schon verwirrend, selbst wenn man ein SNLU-Band im Kopf gespeichert hat, und ein gewisser melfanischer Chefarzt — Sie wissen schon, wen ich meine — war gefühlsmäßig so durcheinander, daß er mit den Greifvorrichtungen seines Fahrzeugs die Bereitschaft signalisiert hat.“

„Ehrlich gesagt, Sir, sind meine Probleme von etwas anderer Natur.“, begann Murchison.

„Das ist mir klar“, unterbrach Thornnastor sie. „Aber wirklich, das scheint doch kein großes emotionales, physisches oder psychologisches Problem zu sein. Natürlich finde ich die Praktiken dieses Paarungsvorgangs persönlich abstoßend, bin aber dennoch bereit, die Angelegenheit nüchtern zu betrachten und Ihnen jeden Ratschlag zu geben, den ich geben kann.“

„Mein Problem ist die deutliche Erregung, die ich verspürt habe, während ich fünfmal hintereinander untreu gewesen bin“, sagte Murchison.

Die reden über uns! dachte Conway und spürte, wie sein Gesicht allmählich rot anlief. Doch die beiden waren immer noch zu sehr in ihr Gespräch vertieft, um ihn oder seine Verlegenheit zu bemerken.

„Dieses Thema werde ich gerne mit meinen Diagnostikerkollegen erörtern“, sprach Thornnastor schwerfällig weiter. „Vielleicht sind einige von ihnen auf ähnliche Schwierigkeiten gestoßen. Ich selbst natürlich nicht, denn wir FGLIs geben uns diesen Aktivitäten nur einen ganz kurzen Teil des tralthanischen Jahrs über hin, und in dieser Zeit ist die Betätigung. nun ja, eher von frenetischer Begeisterung geprägt und keinesfalls Gegenstand irgendwelcher scharfsinnigen Selbstanalysen.“ Einen Moment lang nahmen alle seine Augen einen verträumten Blick an. Dann fuhr er fort: „Jedenfalls deutet eine kurze Befragung meines terrestrischen Gehirnpartners darauf hin, daß sich DBDGs nicht mit unwichtiger und überflüssiger emotionaler Haarspalterei beschäftigen, sondern sich einfach entspannen und den Vorgang genießen. Ist der Paarungsvorgang für Sie trotz der leichten Unterschiede, die Sie eingangs erwähnt haben, noch immer angenehm und schön?. oh, hallo Conway!“

Thornnastor hatte das Auge, mit dem er zuvor die Mahlzeit betrachtet hatte, zu Conway nach oben geschwenkt und fuhr nun fort: „Wir haben gerade von Ihnen gesprochen. Offenbar stellen Sie sich sehr schnell auf die Probleme mit den vielen verschiedenen Gehirnpartnern ein, und gerade eben hat mir Murchison erzählt, daß Sie.“

„Ja“, bestätigte Conway schnell. Flehend blickte er in das eine Auge des Tralthaners und in die beiden von Murchison und fuhr fort: „Bitte, ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie diese ganz persönliche Angelegenheit mit niemand anderem besprechen würden.“

„Ich sehe keinen Grund, warum man das nicht tun sollte“, entgegnete Thornnastor und richtete auf ihn ein zweites Auge. „Diese Angelegenheit ist zweifellos von grundlegendem Interesse und wäre für Kollegen, die vor ähnlichen Problemen gestanden haben oder demnächst stehen, bestimmt aufschlußreich. Manchmal sind Ihre Reaktionen nur schwer zu verstehen, Conway.“

Der Diagnostiker auf Probe blickte Murchison zornig an, die, wie er meinte, mit ihrem Chef viel zu offen über ihre grundlegend interessanten Probleme gesprochen hatte.

Doch warf sie ihm lediglich ein liebliches Lächeln zurück und sagte dann zu Thornnastor: „Sie müssen ihn entschuldigen, Sir. Ich glaube, er hat Hunger, und Hunger wirkt sich sowohl auf sein Bewußtsein als auch auf seinen Blutzuckerspiegel aus, wodurch er sich manchmal ein wenig unlogisch verhält.“

„Ah ja, auf mich hat Hunger die gleiche Wirkung“, pflichtete ihr der Tralthaner verständnisvoll bei und richtete das Auge wieder auf den Teller.

Murchison bestellte über die Tastatur bereits ein Sandwich, daß für sämtliche Gehirnpartner Conways optisch annehmbar war.

„Bestell bitte gleich drei davon“, bat Conway sie mit einem Lächeln.

Er machte sich gerade über das erste Sandwich her, als Thornnastor, der über den Vorteil verfügte, mit allen vier Mündern sprechen zu können, fortfuhr: „Offenbar muß ich Ihnen dazu gratulieren, wie Sie sich auf Operationsverfahren einstellen, für die chirurgische Kenntnisse anderer Spezies erforderlich sind.

Nicht nur, daß Sie sich dieses Wissen nach kurzer Besinnungszeit oder sogar auf Anhieb ins Gedächtnis gerufen haben, allem Anschein nach haben Sie obendrein neue Verfahren eingeleitet, die auf einer Verbindung von Erfahrungen verschiedener Lebewesen beruhen. Wie ich gehört habe, waren die operierenden Chefärzte höchst beeindruckt.“

In fliegender Hast zerkaute Conway den Sandwichbissen, schluckte ihn hinunter und antwortete: „Die eigentliche Arbeit haben ausschließlich die Chefärzte geleistet.“

„Da haben mir Hossantir und Edanelt aber etwas anderes erzählt“, erwiderte Thornnastor. „Doch vermutlich liegt es in der Natur der Sache, daß Chefärzte den Großteil der Arbeit leisten und Diagnostiker fast das gesamte Lob einstreichen — oder aber auch den Tadel, falls etwas schiefgeht. Wo wir gerade von Fällen sprechen, deren Verlauf sich womöglich nicht so günstig darstellt: Ich würde gerne mit Ihnen erörtern,

was Sie bezüglich des Ungeborenen vorhaben. Die innere Sekretion seines Elternteils und Beschützers ist eine höchst komplizierte Sache, und mich interessiert dieses Wesen außerordentlich. Jedenfalls sehe ich einige rein physische Probleme auf uns zukommen, die.“

Bei dieser Untertreibung blieb Conway fast das Essen im Hals stecken, und es dauerte einen Moment, bevor er wieder sprechen konnte.

„Darf man sich mit einem Terrestrier beim Essen nicht unterhalten?“ erkundigte sich. Thornnastor bei Murchison mit jenem Mund, der ihr am nächsten war. „Warum war Ihre Spezies nicht so vorausblickend, wenigstens eine zusätzliche Körperöffnung zur Nahrungsaufnahme zu entwickeln?“

„Entschuldigen Sie“, sagte Conway mit einem Lächeln. „Ich würde mich über jede Hilfe und jeden Ratschlag freuen, den Sie mir geben können. Nie zuvor sind wir einer Spezies begegnet, die sich einer Behandlung mit solcher Vehemenz widersetzt wie die Beschützer der Ungeborenen, und ich glaube nicht, daß wir schon alle Probleme erkannt, geschweige denn die Lösungen dafür gefunden haben. Im Grunde wäre ich Ihnen sogar äußerst dankbar, wenn Ihre Verpflichtungen es Ihnen gestatten würden, bei der Geburt zugegen zu sein.“

„Ich habe schon befürchtet, Sie würden mich nie mehr darum bitten, Conway“, knurrte Thornnastor.

„Es gibt mehrere Probleme“, fuhr Conway fort, wobei er sich leicht über den Bauch strich und sich fragte, ob eins der Probleme in einer plötzlichen Magenverstimmung bestehen könnte, weil er zu schnell gegessen hatte. In entschuldigendem Ton sagte er: „Aber im Moment bin ich in Gedanken immer noch bei dem hudlarischen Wissen und den Fragen, die durch meine kürzlichen Erlebnisse im hudlarischen OP und auf der Geriatriestation aufgeworfen worden sind. Dabei handelt es sich sowohl um psychologische als auch um physiologische Probleme, die mich so stark beschäftigen, daß ich Schwierigkeiten habe, den Kopf freizubekommen, um mir Gedanken zum Fall des Beschützers zu machen, auch wenn das albern klingt.“

„Ich finde das ganz verständlich, wenn man bedenkt, wie intensiv Sie sich noch vor kurzem mit der FROB-Lebensform beschäftigt haben“, entgegnete Thornnastor. „Falls Sie jedoch im Fall dieser Hudlarer vor ungelösten Problemen stehen sollten, wäre der einfachste Weg, den Kopf von den lästigen Gedanken daran zu befreien, sich sofort alle notwendigen Fragen zu stellen und so viele wie möglich davon zu beantworten. Selbst wenn es sich dabei vielleicht um unbefriedigende oder unvollständige Antworten handelt, treiben Sie die Angelegenheit auf diese Weise wenigstens so weit voran, wie es zum gegenwärtigen Zeitpunkt für Sie machbar ist. Damit wird sich dann Ihr Verstand abfinden und es Ihnen ermöglichen, an andere Dinge zu denken, auch an den ständig schwangeren Beschützer.

Außerdem ist Ihre momentane eigenartige Geistesverfassung alles andere als selten, Conway“, fuhr der Tralthaner fort, wobei er in seinen Vortragston verfiel. „Es muß einen äußerst triftigen Grund geben, warum sich Ihre Gedanken nicht von diesem Thema abwenden wollen. Vielleicht stehen Sie kurz vor wichtigen Schlußfolgerungen, und wenn das Problem jetzt beiseite geschoben wird, könnten die relevanten Überlegungen verblassen und unwiederbringlich verloren sein. Mir ist bewußt, daß ich langsam wie ein Psychologe klinge, aber man kann nicht im medizinischen Bereich tätig sein, ohne sich auch auf diesem Gebiet einige Kenntnisse anzueignen. Natürlich bin ich imstande, Ihnen bei den physiologischen Problemen der hudlarischen Lebensform behilflich zu sein, aber allmählich habe ich den Verdacht, der entscheidende Punkt ist der psychologische Aspekt. In dem Fall sollten Sie unverzüglich O'Mara konsultieren.“

„Sie meinen, ich soll mich gleich jetzt bei ihm melden?“ erkundigte sich Conway etwas zaghaft.

„Theoretisch darf ein Diagnostiker jederzeit jedes Personalmitglied des Hospitals um Hilfe bitten — und umgekehrt“, erwiderte der Tralthaner.

Conway blickte Murchison an, die ihn verständnisvoll anlächelte. „Ruf ihn ruhig an“, riet sie ihm. „Über den Kommunikator kann er seinem Jähzorn ja bloß mit Worten freien Lauf lassen.“

„Das beruhigt mich überhaupt nicht“, erwiderte Conway und griff nach dem Kommunikator.

Ein paar Sekunden später wurde der kleine Bildschirm von den finsteren Gesichtszügen des Chefpsychologen ausgefüllt, so daß man unmöglich sagen konnte, was O'Mara anhatte oder ob er überhaupt vollständig bekleidet war. „An der Geräuschkulisse und der Tatsache, daß Sie noch kauen, erkenne ich, daß Sie aus der Hauptkantine anrufen“, grummelte er in das Mikrophon. „Ich möchte darauf hinweisen, daß ich mich mitten in meiner Ruhepause befinde. Hin und wieder ruhe ich mich nämlich aus, nur um Ihnen und Ihresgleichen vorzugaukeln, ich sei bloß ein Mensch. Vermutlich gibt es für Ihren Anruf einen triftigen Grund, oder wollen Sie sich bei mir nur über das Essen beschweren?“

Conway öffnete den Mund, brachte jedoch kein Wort über die Lippen, da er sich einerseits einem aufgebrachten O'Mara gegenübersah und andererseits in Gedanken immer noch zu eifrig mit der Formulierung der Fragen beschäftigt war.

„Conway.“, drängte O'Mara mit übertriebener Geduld, „was, zum Teufel, wollen Sie?“

„Auskünfte“, antwortete Conway verärgert. Dann mäßigte er den Ton und fuhr fort: „Ich brauche Auskünfte, die möglicherweise bei der Arbeit in der hudlarischen Geriatrie behilflich sein könnten. Diagnostiker Thornnastor, Pathologin Murchison und ich beraten uns gerade über.“

„Das bedeutet, Sie haben sich beim Essen irgendeinen verrückten Plan einfallen lassen“, unterbrach ihn O'Mara mürrisch.

„…eine vorgeschlagene Methode, das Leiden der FROBs zu behandeln“, fuhr Conway fort. „Leider kann man für die gegenwärtigen Kranken auf der Station nur wenig tun, da die altersbedingten Verfallserscheinungen bei ihnen schon zu weit fortgeschritten sind. Aber wenn meine Idee eine physiologische und psychologische Grundlage hat, wäre vielleicht eine frühe Vorsorgebehandlung möglich. Über die Physiologie können mir Murchison und Thornnastor ausführliche Informationen geben, doch der Schlüssel zur Behandlung und jede Hoffnung auf ihren endgültigen Erfolg hängt von dem Verhalten von alten, aber noch nicht unter Verfallserscheinungen leidenden FROBs ab sowie von deren Anpassungsfähigkeit und Umerziehungspotential. Die dabei auftretenden klinischen Schwierigkeiten habe ich bisher noch nicht besprochen, weil das reine Zeitverschwendung wäre, falls die Antworten, die ich von Ihnen erhalte, einer weiteren Untersuchung zuvorkommen würden.“

„Fahren Sie fort“, sagte O'Mara, der nun nicht mehr wie im Halbschlaf klang.

Conway zögerte, da er plötzlich das Gefühl hatte, daß die Zeit, die er intensiv mit Hudlarerchirurgie verbracht hatte, und die Visiten auf der geriatrischen und der Kinderstation der FROBs sowie einige alte Erinnerungen aus seiner frühen Kindheit und vielleicht auch Gedanken und Meinungen seiner Gehirnpartner von anderen Spezies ihn auf eine Idee gebracht hatten, die höchstwahrscheinlich undurchführbar, moralisch fragwürdig und derart albern war, daß O'Mara durchaus Zweifel an seiner Eignung zum zukünftigen Diagnostiker bekommen könnte. Aber für einen Rückzieher war es jetzt zu spät.

„Durch mein FROB-Band und durch Vorträge über hudlarische Pathologie, an denen ich gelegentlich teilgenommen habe, steht für mich außer Zweifel, daß die diversen schmerzhaften und unheilbaren Leiden, denen alte Hudlarer zum Opfer fallen, auf eine gemeinsame Ursache zurückzuführen sind. Der Funktionsverlust der Gliedmaßen und das abnorme Ausmaß der Verkalkung und der Rißbildung an den Extremitäten kann einfach der Verschlechterung des Kreislaufs zugeschrieben werden, die den älteren Angehörigen einer jeden Spezies gemein ist.

Meine Idee ist nicht neu“, fuhr Conway fort, wobei er einen raschen Blick auf Thornnastor und Murchison warf. „Doch durch die Arbeit an einer Vielzahl von hudlarischen Gliedmaßen- und Organverpflanzungen bei den Opfern des Unfalls im Meneldensystem ist mir aufgefallen, daß die Verschlechterung des Zustands, die ich an den Absorptions- und Ausscheidungsorganen der alten FROBs beobachtet habe, große Ähnlichkeit mit dem vorübergehenden Zustand hat, der während einer Herztransplantation aufgetreten ist, obwohl ich zu der Zeit zu beschäftigt war, um die Anzeichen bewußt wahrzunehmen. Kurz gesagt, die Probleme der FROB-Geriatrie sind auf einen beeinträchtigten oder ungenügend funktionierenden Blutkreislauf zurückzuführen.“

„Wenn die Idee nicht neu ist, warum höre ich Ihnen dann überhaupt zu?“ fragte O'Mara, wobei der für ihn typische sarkastische Humor kurz aufblitzte.

Murchison musterte Conway schweigend, während Thornnastor, ebenfalls ohne ein Wort zu sagen, weiterhin mit je einem Auge seine Mahlzeit, Murchison, O'Mara und Conway betrachtete.

„Bei den Hudlarern handelt es sich um eine Spezies mit einem sehr hohen Energiebedarf“, fuhr Conway fort. „Ihre Stoffwechselgeschwindigkeit ist sehr hoch und macht eine praktisch ununterbrochene Nährstoffzufuhr über die Absorptionsorgane erforderlich. Mit den auf diese Weise umgewandelten Nährstoffen werden die Hauptorgane wie die beiden Herzen, die Absorptionsorgane selbst, die Gebärmutter, wenn das betreffende Lebewesen gerade dem weiblichen Geschlecht angehört und schwanger ist, und natürlich die Gliedmaßen versorgt.

In den Vorträgen über Pathologie habe ich damals gelernt, daß die sechs ungeheuer starken Glieder von allen Körperteilen den größten Energiebedarf haben und bis zu achtzig Prozent der umgewandelten Nährstoffe beanspruchen“, setzte Conway seine Ausführungen fort. „Doch erst durch die jüngste Erfahrung mit den verunglückten Hudlarern ist meine Aufmerksamkeit nachdrücklich auf diesen Umstand und die ebenfalls allgemein anerkannte Tatsache gelenkt worden, daß der erwachsene Hudlarer gerade durch die überaus hohe Stoffwechselgeschwindigkeit und den übermäßig großen Nahrungsbedarf so phantastisch widerstandsfähig gegen Verletzungen und Krankheiten wird.“

O'Mara setzte gerade zu einer erneuten Unterbrechung an, deshalb fuhr Conway rasch fort: „Mit dem Eintritt ins hohe Alter beginnen die Schwierigkeiten der FROBs unweigerlich in den Gliedmaßen, die nun einen noch höheren Anteil der Körperressourcen beanspruchen, um die Verfallserscheinungen zu bekämpfen. Dadurch werden die beiden Herzen und die Absorptions- und Ausscheidungsorgane, die ebenfalls alle ihren Teil des Nährstoffgehalts des Kreislaufsystems benötigen und von diesem wie auch voneinander abhängig sind, in zunehmendem Maße belastet. Das wiederum führt zu einem teilweisen Versagen dieser Organe, wodurch die Blutversorgung der Glieder weiter vermindert wird und der gesamte Körper in den Teufelskreis altersbedingten Verfalls gerät und.“

„Conway!“ unterbrach O'Mara ihn in bestimmtem Ton. „Ich nehme an, Sie haben dieses ausführliche, aber zweifellos allzu stark vereinfachte Krankheitsbild nur dem armen unwissenden Psychologen zuliebe geschildert, damit dieser die psychologischen Fragen versteht — falls Sie jemals dazu kommen sollten, diese zu stellen.“

„Das Krankheitsbild ist grob vereinfacht, da stimme ich Ihnen zu, aber im wesentlichen zutreffend“, mischte sich Thornnastor ein, während er in aller Ruhe weiteraß. „Obwohl Conways Art, es zu beschreiben, auf eine neue Betrachtungsweise des Problems hindeutet. Ich kann es ebenfalls kaum erwarten zu erfahren, was Sie denn nun vorhaben, Conway.“

Der Diagnostiker auf Probe holte tief Luft und sagte: „Na gut. Mir erscheint es möglich, die übermäßige Beanspruchung der durch das Alter verminderten Körperreserven der Hudlarer, die sich durch bleibende Schäden an den Gliedmaßen äußert, vor dem Auftreten zu verringern. Durch eine reduzierte Belastung und einen größeren Anteil an der vorhandenen Nährstofffversorgung können die Herzen und die Absorptionsund Ausscheidungsorgane zusätzlich mehrere Jahre lang ihre Funktion erfüllen und eine optimale Durchblutung des verbliebenen Glieds beziehungsweise der verbliebenen Gliedmaßen gewährleisten.“

Mit einem Schlag schien O'Maras Gesicht auf dem Schirm zu einem Standbild geworden zu sein; Murchison starrte Conway mit empörtem Ausdruck an, und Thornnastor hatte ihm sämtliche vier Augen zugewandt, um ihn aufmerksam zu mustern.

„Natürlich wäre ein solcher Eingriff freiwillig und würde nur auf die Bitte und die ausdrückliche Erlaubnis des betreffenden FROB hin vorgenommen werden“, fuhr Conway fort. „Die mit der Entfernung von einigen Gliedmaßen verbundenen Probleme sind relativ simpel. Ausschlaggebend sind die psychologische Vorbereitung und die Nachwirkungen, weil diese darüber entscheiden werden, ob man es mit der Operation versuchen sollte oder nicht.“

O'Mara atmete geräuschvoll durch die Nase aus und grummelte dann: „Nun soll ich Ihnen also sagen, ob es möglich ist, noch nicht von Alterskrankheiten befallenen Hudlarern den Gedanken an die Amputation mehrerer Gliedmaßen schmackhaft zu machen?“

„Mir erscheint eine solche Maßnahme doch ziemlich, nun ja, drastisch zu sein“, wandte Thornnastor ein.

„Dessen bin ich mir bewußt“, entgegnete Conway. „Aber durch das Wissen und die Erfahrungen meines hudlarischen Gehirnpartners liegt es für mich klar auf der Hand, daß diese Spezies allgemein eine Riesenangst vor dem Altwerden hat, die durch das ziemlich erschreckende Krankheitsbild des durchschnittlichen alterskranken FROB hervorgerufen wird. Verstärkt wird diese Angst noch durch das Wissen, daß die alternden Hudlarer geistig klar und rege bleiben, auch wenn fast allen alternden Lebewesen der Hang gemein ist, am liebsten in der Vergangenheit zu leben. Doch am qualvollsten ist es, wenn ein normaler Verstand in einem rapide verfallenden und oftmals schmerzgeplagten Körper gefangen ist. Von daher ist es gut möglich, daß die Hudlarer keine allzu große Abneigung gegen den Gedanken einer Amputation haben, sondern ihn sogar begrüßen.

Doch da meine Kenntnisse in diesem Fall von meinen jüngst gewonnenen persönlichen Erfahrungen und den Gefühlseindrücken meines hudlarischen Gehirnpartners stammen, sind sie rein subjektiv, so daß meine Überlegungen womöglich nicht vollkommen zuverlässig ausfallen. Um zu entscheiden, ob meine Idee etwas taugt oder nicht, ist der objektive Standpunkt eines Psychologen erforderlich, der über Erfahrungen mit Extraterrestriern, einschließlich der FROB-Lebensform, verfügt.“

O'Mara schwieg eine ganze Weile, dann nickte er und fragte: „Was können Sie diesen Hudlarern, die fast sämtlicher Gliedmaßen beraubt wurden, bieten, Conway? Und wodurch könnten diese bedauernswerten Geschöpfe ihr verlängertes und nunmehr weniger schmerzvolles Leben selbst lebenswerter machen?“

„Bisher hatte ich nur Zeit, über einige wenige Möglichkeiten nachzudenken“, antwortete Conway. „Die Situation der FROBs wäre mit der der hudlarischen Amputierten vergleichbar, die wir in ein paar Wochen nach Hause schicken. Diese werden auf den Prothesen eingeschränkt bewegungsfähig sein, während ein oder zwei Vorderglieder voll funktionstüchtig bleiben, und ihre geistigen und körperlichen Kräfte dürften sie bis kurz vorm Tod behalten. Bevor ich mir dessen allerdings sicher sein kann, muß ich natürlich noch mit Thornnastor die physiologischen Einzelheiten besprechen, aber ich.“

„Das ist eine durchaus berechtigte Vermutung, Conway“, fiel ihm der Tralthaner ins Wort. „Ich bezweifle jedenfalls nicht, daß Sie recht haben.“

„Danke, Sir“, entgegnete Conway, der ganz genau spürte, wie ihm bei diesem Kompliment das warme terrestrische Blut ins Gesicht schoß. An O'Mara gewandt fuhrt er fort: „Auf Hudlar steckt die Medizin noch in den Kinderschuhen und wird sich eine Zeitlang vor allem mit der Behandlung von Krankheiten bei sehr jungen FROBs befassen, da die erwachsenen Mitglieder der Spezies nie krank werden. Diese pädiatrischen Fälle bleiben trotz der Krankheit äußerst lebhaft und brauchen kaum gebremst oder beaufsichtigt zu werden, während die verschriebenen Medikamente ihre Wirkung entfalten. Dennoch werden unsere alternden Amputierten körperlich in der Lage sein, die Ausgelassenheit und Verspieltheit der eine halbe Tonne schweren hudlarischen Kleinkinder ohne Verletzungen zu überstehen. Wir bilden bereits die ersten einer ganzen Reihe von Krankenschwestern für die Kinderstation aus, die imstande sein werden, den Kleinen entsprechende Verhaltensregeln beizubringen.“

Die Erwähnung der äußerst gutaussehenden Schwester hatte Conways hudlarischen Gehirnpartner augenblicklich wieder in Erregung versetzt, deshalb mußte sich der Diagnostiker in spe ein paar Sekunden Zeit nehmen, diesen zu ermahnen, sich gefälligst etwas mehr zu beherrschen.

Doch als er versuchte, seine Gedanken wieder auf das zu lenken, was er eigentlich hatte sagen wollen, stiegen in ihm die Erinnerungen an seine steinalte, aber muntere Großmutter und — zu der Zeit — einzige Freundin auf. Das löste plötzlich einen äußerst starken Schmerz von seiten Khones über den in sehr jungen Jahren erlittenen Verlust des Körperkontakts mit den Eltern aus, der für das Fortbestehen des geistig-seelischen Zusammenhalts in der gogleskanischen Gesellschaft so wichtig war. Zusammen mit Khone konnte er den damaligen Verlust dieser Liebe und Wärme nachempfinden und auch ihre bange Erwartung des zukünftigen Verlustes des eigenen Kindes, sobald der eigene Nachkomme geboren und seiner Mutter nur allzu kurz nahe sein würde, bevor er sie endgültig verließ. Und merkwürdigerweise war die kleine Gogleskanerin in der Lage, den Anblick, die Laute und die Erinnerungen an Conways steinalte und gebrechliche erste Freundin ohne das leiseste Anzeichen von Schmerz zu respektieren, obwohl ihrem Wesen beinahe alles zuwiderlief, was Conway und seinen Gehirnpartnern in den Sinn kam.

Wie Conway wußte, war dies ein wichtiger Punkt, denn es gab Anzeichen dafür, daß die Gogleskanerin auch von dem Gedanken an die alterskranken FROBs nicht vollkommen abgestoßen wurde. Zwischen Khone und den übrigen in seinem Kopf herumspukenden Spezies wurde eine Brücke geschlagen, und Conway blinzelte schnell, da ihm plötzlich Tränen in die Augen stiegen.

Er spürte, wie Murchison ihre Hand sanft auf seinen Arm legte, als sie ihn eindringlich fragte: „Was hast du?“

„Conway, ist alles in Ordnung?“ erkundigte sich O'Mara in besorgtem Ton.

„Entschuldigen Sie bitte, aber ich bin gerade in Gedanken ganz woanders gewesen“, antwortete Conway mit leiser Stimme. „Danke, mit mir ist alles in Ordnung. Mir geht es sogar sehr gut.“

„Aha“, entgegnete O'Mara. „Aber die Gründe für Ihre abschweifenden Gedanken, und worum es darin ging, würde ich schon sehr gern mit Ihnen zu einem geeigneteren Zeitpunkt besprechen. Fahren Sie fort.“ „Wie die älteren Mitglieder der meisten intelligenten Spezies haben auch die sehr alten Hudlarer eine enge Wesensverwandtschaft mit den Kleinkindern, und aus dieser Gemeinsamkeit können beide Seiten großen Nutzen ziehen, wenn man sie zusammenlegt“, setzte Conway seine Ausführungen fort. „Die Alten befinden sich in einer salopp als zweite Kindheit bezeichneten Phase, in der sich Eindrücke und Erinnerungen aus den jüngeren Tagen in den Vordergrund drängen, und außerdem wissen sie mit der verbleibenden Zeit nicht mehr allzuviel anzufangen. Die Kinder wiederum hätten einen erwachsenen Spielkameraden, der sie versteht, an ihrer Gesellschaft Freude hat und — anders als die jüngeren Erwachsenen und Eltern — vielleicht nicht so sehr von den täglichen Dingen des Lebens in Anspruch genommen ist, daß er nicht genügend Zeit für die Kinder hätte.

Sollte die Idee der Amputation für die alterskranken FROBs auf Akzeptanz treffen, wären sie nach meiner festen Überzeugung die idealen Kandidaten für die Ausbildung zum Kinderpfleger“, fuhr Conway fort. „Die weniger alten, deren Intelligenzgrad noch bedeutend höher läge, könnten zu Lehrern für ältere Kinder und Jugendliche ausgebildet werden. Vielleicht wären sie auch mit der Überwachung automatisierter Herstellungsprozesse oder dem Beobachtungsdienst auf den Wetterkontrollstationen sinnvoll beschäftigt oder könnten als.“

„Genug!“ unterbrach ihn O'Mara mit erhobener Hand. „Lassen Sie mir bitte auch noch etwas zu tun übrig, Conway, damit ich hier wenigstens eine Existenzberechtigung habe“, fuhr er sarkastisch fort. „Zumindest ist mir jetzt Ihr untypisches Verhalten von vorhin kein Rätsel mehr. Die Unterlagen über Ihre Kindheit im psychologischen Persönlichkeitsdiagramm und Ihr Vorschlag bezüglich der alterskranken Hudlarer erklären den vorübergehenden Verlust der Selbstbeherrschung voll und ganz.

Was Ihre ursprüngliche Frage angeht, kann ich Ihnen leider keine prompte Antwort geben. Aber ich werde mir sofort meine Fachkenntnisse über Hudlarer ins Gedächtnis rufen und anfangen, daran zu arbeiten. Sie haben mir zu viel zum Nachdenken gegeben, als daß ich mich jetzt wieder schlafen legen könnte.“

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Conway, aber das Gesicht des Chefpsychologen war bereits vom Bildschirm verschwunden.

„Auch die Verzögerung tut mir leid“, sagte er zu Thornnastor. „Aber jetzt können wir uns wenigstens über den Beschützer unterhalten und uns.“

Er brach mitten im Satz ab, als die blaue Bitte-den-Tisch-räumen-Lampe zu blinken begann. Damit sollte angedeutet werden, daß sie länger in der Kantine geblieben waren, als für den Verzehr der bestellten Gerichte vorgesehen war, und sie den Speiseraum zu verlassen hatten, um den Tisch für andere hungrige Kantinenbesucher freizumachen, von denen schon etliche ungeduldig warteten.

„Gehen wir in Ihr Büro oder in meins?“ wollte Thornnastor wissen.

19. Kapitel

Der Erstkontakt mit der als Beschützer des Ungeborenem bekannten Spezies war von der Rhabwar geknüpft worden, als das Ambulanzschiff auf ein Notsignal von einem Schiff reagiert hatte, das zwei gefangene Mitglieder dieser Spezies transportierte. Wie man herausfand, waren die Beschützer ausgebrochen und hatten die Schiffsbesatzung getötet, wobei auch einer der beiden Ausgebrochenen ums Leben gekommen war.

Der überlebende Beschützer hatte, kurz bevor er ebenfalls vom Tod ereilt worden war, sein Ungeborenes zur Welt gebracht. Bei diesem frisch geborenen Beschützer handelte es sich um den Patienten, der — nach über einjährigem Aufenthalt im Orbit Hospital — nun seinerseits kurz vor einer Niederkunft stand.

Der Leichnam seines Elternteils war in der Pathologie eingehend untersucht worden und hatte zu Kenntnissen verhelfen, durch die es vielleicht möglich werden würde, das Ungeborene ohne den vollständigen Verlust der höheren Gehimfunktionen zur Welt zu bringen.

„Die bevorstehende Operation dient hauptsächlich dem Zweck, die Intelligenz des Ungeborenen zu bewahren“, wiederholte Conway, wobei er einen Blick auf die gefüllte Zuschauergalerie warf, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder der Station darunter zuwandte, auf der der wild kämpfende Beschützer sein Lebenserhaltungssystem und zwei hudlarische Wärter in einen totalen Krieg verwickelte. „Dabei gibt es körperliche und chirurgische Schwierigkeiten sowie Probleme mit der inneren Sekretion. Diagnostiker Thornnastor und ich haben in den vergangenen zwei Tagen fast über nichts anderes gesprochen. Und nun werde ich sowohl für die Mitglieder des technischen Hilfs- und des Nachbehandlungspersonals, das gerade zu uns gestoßen ist, als auch für die Zuschauer und alle anderen, die später die Aufzeichnungen studieren werden, die vorhandenen Informationen über diesen Fall kurz zusammenfassen.

Der erwachsene, nichtintelligente Beschützer gehört zur physiologischen Klassifikation FSOJ“, fuhr Conway fort. „Wie Sie sehen, handelt es sich bei ihm um ein riesiges, ungeheuer kräftiges Lebewesen mit einem starken geschlitzten Panzer, aus dem vier dicke Tentakel hervorragen, einem schweren gezackten Schwanz und einem Kopf. Die Tentakel enden in mehreren scharfen, knochigen Spitzen und ähneln dadurch mit Nägeln versehenen Keulen. Die Hauptmerkmale des Kopfs bestehen in tiefliegenden, gut geschützten Augen, dem Ober- und Unterkiefer sowie Zähnen, die imstande sind, mit Ausnahme der härtesten Metalllegierungen wortwörtlich alles zu zermalmen.

Drehen Sie ihn bitte um“, bat Conway die beiden Hudlarer, die den Patienten mit dünnen Stahlstangen bearbeiteten. „Und schlagen Sie fester zu! Damit tun Sie ihm nicht weh. Im Gegenteil, so erhalten Sie ihn kurz vor der Geburt bei bester Verfassung.“ An die Zuschauer gewandt fuhr er fort: „Auch die vier Beine besitzen knöcherne Auswüchse und können folglich ebenfalls als natürliche Waffen eingesetzt werden. Obwohl die Körperunterseite nicht wie der Rücken gepanzert ist, bietet sie nur selten eine Angriffsfläche und ist von einer dicken Hautschicht bedeckt, die offenbar ausreichenden Schutz bietet. In der Mitte dieses Bereichs können Sie einen schmalen länglichen Spalt erkennen, die Öffnung des Geburtskanals, die sich jedoch erst wenige Minuten vor der Niederkunft vergrößern wird.

Doch zunächst einen Überblick über die Evolutionsgeschichte und die Umweltbedingungen dieses Lebewesens.“

Die Beschützer hatten sich in einer Welt aus flachen, dampfenden Meeren, Sümpfen und Urwäldern entwickelt, in der es, was körperliche Beweglichkeit und Angriffslust anging, keine eindeutige Grenze zwischen tierischem und pflanzlichem Leben gab. Um überhaupt zu überleben, mußte eine Lebensform verbissen kämpfen und sich schnell fortbewegen, und die dominante Spezies hatte sich auf diesem abscheulichen Planeten ihren Platz erobert, indem sie sich mit größerem Überlebenspotential wehrte, fortbewegte und vermehrte als sämtliche anderen Lebensformen.

Schon auf einer sehr frühen Evolutionsstufe hatte sie die große Härte ihrer Umwelt in eine physiologische Form gezwungen, die den lebenswichtigen Organen größtmöglichen Schutz bot. Gehirn, Herz, Lunge, Gebärmutter — sie alle befanden sich tief in dem unglaublich muskulösen und phantastisch gepanzerten Körper und waren auf ein relativ geringes Volumen zusammengepreßt. Während der Schwangerschaft kam es zu einer beachtlichen Verschiebung der Organe, weil der Embryo vor der Geburt fast bis zur Reife heranwachsen mußte. Es kam nur höchst selten vor, daß einer der Beschützer mehr als drei Geburten überlebte, weil ein alterndes Elternteil normalerweise zu schwach war, um sich gegen den Angriff des hungrigen Letztgeborenen zu verteidigen.

Aber der Hauptgrund für den Aufstieg der Beschützer zur dominanten Lebensform des Planeten war, daß die Jungen schon vor der Geburt über Erfahrungen mit den Überlebenstechniken verfügten.

Am Anfang ihrer Evolution hatte diese Entwicklung auf genetischer Ebene als einfache Vererbung von vielen komplexen Überlebensinstinkten begonnen, aber das enge Nebeneinander der Gehirne des Elternteils und des sich entwickelnden Embryos führte zu einer ähnlichen Wirkung wie bei der Auslösung der mit Gedanken in Verbindung gebrachten elektrochemischen Vorgänge.

Die Embryos entwickelten die Fähigkeit zur Telepathie über kurze Strecken und empfingen alles, was das Elternteil sah oder spürte oder in irgendeiner anderen Weise wahrnahm.

Und noch vor dem Wachstumsende des Embryos entstand in diesem der nächste Embryo, der sich ebenfalls in zunehmendem Maße der Welt außerhalb seines selbstbefruchtenden Großelternteils bewußt war. Schließlich vergrößerte sich nach und nach die telepathische Reichweite und ermöglichte die Kommunikation zwischen Embryos, deren Elternteile sich in Sichtweite zueinander befanden.

Um die Schäden an den inneren Organen des Elternteils auf ein Minimum zu reduzieren, war der heranwachsende Embryo in der Gebärmutter gelähmt, was sich jedoch nicht negativ auf die spätere Funktion der Muskeln auswirkte. Durch die vor der Geburt stattfindende Aufhebung der Lähmung oder möglicherweise auch durch die Geburt selbst verlor der Embryo allerdings sowohl die Intelligenz als auch die Fähigkeit zur Telepathie. Denn ein neugeborener Beschützer mit durch die Fähigkeit zu denken getrübten Überlebensinstinkten hätte in seiner unglaublich grausamen Umwelt nicht lange überleben können.

„Da sie nichts anderes zu tun haben, als Eindrücke von der Außenwelt zu gewinnen, Gedanken mit anderen Ungeborenen auszutauschen und zu versuchen, die Grenzen ihrer telepathischen Fähigkeiten durch den Kontakt mit verschiedenen nichtintelligenten Lebewesen in ihrer Umgebung auszuweiten, haben die Embryos einen Verstand von großer Kraft und Intelligenz entwickelt“, fuhr Conway fort. „Sie können jedoch nichts Gegenständliches erschaffen, sich nicht gemeinsam körperlich betätigen, sich keine schriftlichen Aufzeichnungen machen oder überhaupt etwas zur Beeinflussung ihrer Elternteile tun, die zur Versorgung der immer wachen Embryokörper und den in ihnen enthaltenen Ungeborenen unaufhörlich kämpfen, töten und fressen müssen.“

Einen Moment lang herrschte Stille, die nur durch das gedämpfte Klirren und Klopfen des mechanischen Lebenserhaltungssystems und der Hudlarer unterbrochen wurde, die gemeinsam hart arbeiteten, um es dem kurz vor der Niederkunft stehenden FSOJ so richtig behaglich zu machen. Da meldete sich der Leiter des technischen Hilfsteams, ein Lieutenant, zu Wort.

„Zwar habe ich diese Frage schon einmal gestellt, aber ich habe Schwierigkeiten, mich mit der Antwort abzufinden“, sagte er leise. „Stimmt es wirklich, daß wir auch während der Geburt weiterhin auf den Patienten einschlagen müssen?“

„So ist es, Lieutenant“, antwortete Conway. „Vor, während und nach der Geburt. Denn die Niederkunft kündigt sich uns lediglich durch eine merklich zunehmende Lebhaftigkeit des Beschützers etwa eine halbe Stunde vorher an. Auf seinem Heimatplaneten würde diese Lebhaftigkeit dazu dienen, Raubtiere aus der unmittelbaren Umgebung zu verscheuchen, um dem Jungen eine größere Überlebenschance zu sichern.

Das Ungeborene wird kämpfend zur Welt kommen und benötigt die gleichen Lebenserhaltungsmaßnahmen wie sein Elternteil“, fügte Conway hinzu. „Wegen seiner geringen Größe muß es allerdings ein klein bißchen weniger heftig geschlagen werden.“

Auf der Galerie stießen mehrere Zuschauer ungläubige Laute aus. Thornnastor knurrte in gebieterischem Ton und verlieh Conways vorherigen Erklärungen sowohl körperlich als auch geistig zusätzliches Gewicht.

„Sie müssen sich klarmachen und sich ohne jeden Zweifel damit abfinden, daß für dieses Lebewesen ständige Gewalt etwas ganz Normales ist“, erklärte der Diagnostiker schwerfällig. „Der FSOJ muß fortwährend großen Belastungen ausgesetzt sein, damit das recht komplizierte innere Sekretionssystem richtig funktioniert. Für seinen Organismus ist die permanente Freisetzung eines Hormons erforderlich, das dem Thullis der Kelgianer oder dem Adrenalin der Terrestrier entspricht, und er hat die Fähigkeit entwickelt, damit zu leben.

Hemmt man den Ausstoß dieses Hormons, indem man die ständig drohende Verletzungs- oder Todesgefahr ausschaltet, werden die Bewegungen des Beschützers schwerfällig und ungleichmäßig, und wenn der Angriff nicht rasch fortgesetzt wird, verliert der FSOJ das Bewußtsein“, fuhr der Tralthaner fort. „Dauert die Bewußtlosigkeit länger an, treten sowohl im inneren Sekretionssystem des Beschützers als auch in dem des Ungeborenen bleibende Schäden auf, die schließlich zum Tod führen.“

Diesmal folgte den Ausführungen ein gebanntes Schweigen. Conway deutete von der Galerie auf die Station hinunter und sagte zu den Zuschauern: „Wir werden Sie jetzt so nahe an den Patienten heranführen, wie es ohne Gefahr möglich ist. Sie werden die Einzelheiten des Lebenserhaltungsmechanismus des Beschützers und die der kleineren Version auf der Nebenstation zu sehen bekommen, auf der das Junge nach der Geburt untergebracht wird. Beide Mechanismen besitzen eine geradezu erschreckende Ähnlichkeit mit Instrumenten, die in einem höchst unerfreulichen Abschnitt der terrestrischen Geschichte beim Verhör eingesetzt wurden. Die neuen Mitglieder der Teams machen sich bitte mit diesen Mechanismen und mit der von ihnen geforderten Arbeit vertraut und stellen so viele Fragen wie nötig, damit gewährleistet ist, daß ihnen ihre Pflichten vollkommen klar sind. Gehen Sie aber vor allem nicht rücksichtsvoll oder sanft mit dem Patienten um. Das würde ihm überhaupt nicht weiterhelfen.“

Als man sich dem Ausgang der Galerie zuwandte, schlurften, rutschten und scharrten die diversen Füße, Tentakel und Zangen über den Boden.

Conway hob die Hand und ermahnte die Anwesenden in sehr ernstem Ton: „Ich möchte Sie noch einmal daran erinnern, daß es nicht Sinn und Zweck der Operation ist, dem FROB bei der Geburt zu helfen. Die findet aufjeden Fall statt, mit oder ohne unsere Hilfe, das können Sie mir glauben. Mit dem Eingriff wollen wir vielmehr sicherstellen, daß das Ungeborene, das bald ein neuer Beschützer sein wird, den Intelligenzgrad und die telepathischen Fähigkeiten, über die es jetzt im Leib des Elternteils verfügt, beibehält.“

Thornnastor stieß einen leisen Ton aus, der dem tralthanischen Teil von Conways Gehirn eine pessimistische und besorgte Grundhaltung zu erkennen gab. Nach den zweitägigen Beratungen mit dem tralthanischen Diagnostiker mußten die genauen Einzelheiten des bevorstehenden operativen Eingriffs noch endgültig geklärt werden. Indem er eine Zuversicht ausstrahlte, die er in Wirklichkeit gar nicht empfand, sprach Conway über die Funktion der Kombination aus Operationsgestell und kardanisch aufgehängtem Käfig, in dem sich der Beschützer befand, bevor er die Zuschauer durch die für den Nachkommen bestimmte Nebenstation führte.

Mehr als die Hälfte dieser Station, die von den für ihren Bau verantwortlichen Wartungsingenieuren den Spitznamen Kraftraum erhalten hatte, nahm eine hohle zylindrische Konstruktion ein, die breit genug war, um dem FSOJ-Jungen einen ungehinderten Durchgang zu ermöglichen, und serpentinenartig verlief, damit der junge Beschützer die gesamte Bodenfläche der Station zur Bewegung nutzen konnte. Der Eingang in diesen endlosen Zylinder bestand aus einer kräftig verstärkten Tür in der Seitenwand, die ansonsten aus einem äußerst stabilen Metallgitter konstruiert war. Der Zylinderboden bildete von der Form her die unebene Oberfläche und die natürlichen Hindernisse wie zum Beispiel die beweglichen und gefräßigen Wanderwurzeln nach, die man auf dem Heimatplaneten des Beschützers gefunden hatte, und durch die Öffnungen zwischen den Gitterstäben hatte der Patient ständig Sicht auf die rings um die Außenfläche des Zylinders aufgestellten Bildschirme, über die bewegte dreidimensionale Bilder einheimischer tierischer und pflanzlicher Lebensformen liefen, denen der Patient auf seinem Herkunftsplaneten normalerweise begegnen würde.

Dem medizinischen Team ermöglichte die offene Zylinderkonstruktion zudem, den Patienten in den Genuß der positiveren Seiten des Lebenserhaltungssystems zu bringen, nämlich in den des zwischen den Bildschirmen aufgestellten, furchteinflößend aussehenden Mechanismus, durch den der Patient so rasch und so heftig geschlagen, gerupft und gestoßen werden konnte, wie man wollte.

Um es dem Neuankömmling so richtig gemütlich zu machen, hatte man alles Erdenkliche getan.

„Wie Sie bereits wissen“, fuhr Conway fort, „ist sich das Ungeborene aufgrund seiner telepathischen Fähigkeiten stets der Vorgänge außerhalb des Körpers des Elternteils bewußt. Wir sind keine Telepathen und womöglich nicht imstande, die Gedanken des Ungeborenen zu empfangen, auch nicht in der Phase äußerster geistig-seelischer Belastung, die der Geburt unmittelbar vorausgeht und in der das Ungeborene all seine telepathischen Kräfte zusammennimmt, weil es weiß, daß sein Verstand und seine Persönlichkeit kurz vor der Auslöschung stehen.

Der Föderation sind mehrere telepathische Lebensformen bekannt“, setzte er seine Ausführungen fort, wobei er sich an den einzigen Kontakt mit dem telepathischen Ungeborenen zurückerinnerte. „Dabei handelt es sich im allgemeinen um Spezies, die diese Kräfte entwickelt haben, damit ihre gemeinsamen organischen Sender und Empfänger automatisch miteinander übereinstimmen. Aus diesem Grund ist der telepathische Kontakt zwischen Mitgliedern verschiedener telepathischer Spezies nicht immer möglich. Kommt zwischen einem dieser Wesen und einem Nichttelepathen eine geistige Verbindung zustande, bedeutet das normalerweise, daß der Nichttelepath entweder über schlummernde oder verkümmerte telepathische Kräfte verfügt. Ein derartiger Kontakt kann zwar ein äußerst unangenehmes Erlebnis sein, aber an dem betroffenen Gehirn treten weder physische Veränderungen noch bleibende psychologische Schäden auf“

Als Conway die Bildschirme im Kraftraum einschaltete und auf ihnen die Videoaufzeichnung jener ersten, unglaublich gewaltsamen Geburt laufen ließ, kam bei ihm gleichzeitig die übersinnliche Dimension des eigenen mehrminütigen Kontakts mit dem Ungeborenen hinzu, dessen Geburt schon bald auf den Monitoren zu sehen sein würde.

Seiner geballten Fäuste war sich Conway bewußt, und er bemerkte auch, wie bleich Murchisons Gesicht war, während sie auf einen der Bildschirme schaute. Gerade versuchte der tobende Beschützer wieder einmal, zu ihnen zu gelangen, indem er sich heftig gegen die zum Teil offenstehende Innenluke der Luftschleuse warf. Der Spalt war etwa fünfzehn Zentimeter breit, reichte für die Pathologin, den verletzten Kapitän der Rhabwar und Conway also gerade aus, um alle Vorgänge zu beobachten, zu hören und aufzuzeichnen. Aber an einem sicheren Standort befanden sie sich nicht. Die mit harten Spitzen bewehrten Tentakel des Beschützers hatten in der Schleusenvorkammer durch das Herausreißen ganzer Teile der Metallverkleidung und das Verbeulen der Wandkonstruktion dahinter bereits schwere Zerstörungen angerichtet, und so dick war die Innenluke der Schleuse nun auch wieder nicht.

Ihre einzige Sicherheit bestand in der Schwerelosigkeit der Schleusenvorkammer, und der Beschützer prallte von jeder Wand und jedem Hindernis ab, gegen die oder das er mit den wild umherschlagenden Tentakeln stieß, und wirbelte hilflos in der Kammer herum, was seine Wut und die Brutalität seines Angriffs nur noch verstärkte. Andererseits wurde es dadurch schwieriger, die gerade stattfindende Geburt zu beobachten. Doch die Heftigkeit des Angriffs des Beschützers ließ langsam nach. Durch die Schwerelosigkeit sowie die während der Zusammenstöße mit den Besatzungsmitgliedern des Schiffes erlittenen Verwundungen und den darauffolgenden Defekt des bordeigenen Lebenserhaltungssystems hatte der Beschützer kaum noch genügend Kraft, die Geburt zu beenden, die bereits ein gutes Stück vorangeschritten war. Jetzt bot der sich langsam drehende FSOJ einen guten, wenn auch immer wieder unterbrochenen Blick auf das allmählich sichtbar werdende Ungeborene.

Conway dachte an einen Aspekt der Geburt, den die Aufzeichnung nicht wiedergeben konnte — an die letzten Momente des telepathischen Kontakts mit dem Fötus, bevor dieser den Körper seines Elternteils verließ und ebenfalls zu einem wilden, brutalen und zu keinerlei Vernunft fähigen jungen Beschützer wurde —, und einen Augenblick lang war ihm der Hals wie zugeschnürt.

Dieses Problem des Diagnostikers auf Probe mußte Thornnastor geahnt haben, denn er langte an Conway vorbei und hielt die Aufzeichnung an. Im schwerfälligen Vortragston sagte er: „Wie Sie sehen, sind der Kopf und ein Großteil des Panzers zum Vorschein gekommen, und die daraus hervortretenden Gliedmaßen sind noch schlaff und reglos. Das liegt daran, daß die Sekrete, die abgesondert werden, um die vor der Geburt bestehende Lähmung aufzuheben und gleichzeitig sämtliche, nicht dem Überleben dienende Gehirntätigkeiten zu unterbinden, noch nicht wirken. Bis zu diesem Punkt ist einzig und allein das Elternteil für das Herauskommen des Ungeborenen verantwortlich.“

In der für Kelgianer typischen direkten Art fragte eine der Schwestern: „Wird das nicht vernunftbegabte Elternteil als entbehrlich erachtet?“

Thornnastor schwenkte ein Auge herum, um Conway zu betrachten, dessen Gedanken immer noch fest auf die Umstände der damaligen Geburt gerichtet waren.

„Das liegt keineswegs in unserer Absicht“, antwortete der Tralthaner, als Conway nicht reagierte. „Auch das Elternteil war einmal ein vernunftbegabtes Ungeborenes und ist in der Lage, bis zu drei weitere Ungeborene zur Welt zu bringen. Sollten Umstände eintreten, in denen entschieden werden muß, ob man die Geburt des vernunftbegabten Jungen auf Kosten des momentan nicht vernunftbegabten Elternteils unterstützen oder sie ihren normalen Lauf nehmen lassen soll, so daß schließlich zwei nicht vernunftbegabte Beschützer vorhanden sind, dann muß die Entscheidungsgewalt beim verantwortlichen Chirurgen liegen.

Für die zweite Möglichkeit spräche, wenn man sie in Betracht zöge, daß wir mit zwei Beschützern, einem jungen und einem alten, die im Laufe der Zeit beide telepathische Embryos tragen werden, eine oder mehrere weitere Chancen hätten, um das Problem zu lösen“, fuhr Thornnastor mit einem immer noch auf Conway gehefteten Auge fort. „Doch dazu müßte man die beiden FSOJs langen Schwangerschaftsperioden in einem höchst künstlichen Lebenserhaltungssystem aussetzen, was sich langfristig schädlich auf die neuen Embryos auswirken könnte und nichts anderes als ein Aufschieben der Entscheidung bedeuten würde. Dann müßte die gesamte Prozedur wiederholt werden, wobei aller Wahrscheinlichkeit nach derselbe Entschluß von einem anderen verantwortlichen Chirurgen zu treffen wäre.“

Auch Murchisons Augen ruhten auf Conway. Sie wirkte höchst beunruhigt. Die letzten Worte des Tralthaners waren ein wenig mehr als eine direkte Antwort auf die Frage der Schwester; sie stellten so etwas wie eine berufliche Warnung dar. Durch sie wurde Conway daran erinnert, daß er sich immer noch sehr stark auf dem Prüfstand befand und der leitende Diagnostiker der Pathologie trotz des höheren Rangs keineswegs die endgültige Verantwortung für diesen Fall übernehmen wollte. Conway brachte kein Wort über die Lippen.

„Sie werden beobachten, daß sich die Tentakel des Ungeborenen zu bewegen beginnen, wenn auch langsam“, fuhr Thornnastor fort. „Und jetzt zieht es sich allmählich aus dem Geburtskanal heraus.“

In genau diesem Moment hatte damals die lautlose telepathische Stimme in Conways Kopf die Klarheit verloren. Schmerz, Verwirrung und tiefe Besorgnis hatten den verständlichen Mitteilungsfluß getrübt. Doch die letzte Botschaft des Ungeborenen war ganz einfach gewesen.

Geboren zu werden bedeutet sterben, meine Freunde, hatte die leise Stimme gesagt. Meine Gedanken und meine telepathische Fähigkeit werden nun zerstört. Ich werde jetzt selbst zum Beschützer eines eigenen Ungeborenen, das wachsen, denken und mit Ihnen in Kontakt treten wird. Bitte kümmern Sie sich um ihn.

Das Dumme bei telepathischer Kommunikation war, daß — anders als bei der Verständigung durch Worte — die Vieldeutigkeit fehlte und keine Irreführungen und diplomatischen Lügen möglich waren, dachte Conway bitter. Bei einem telepathisch gegebenen Versprechen blieb kein Hintertürchen offen. Eins zu brechen war ohne einen schweren Verlust an Selbstachtung unmöglich.

Und nun war das Ungeborene, mit dem Conway in telepathischem Kontakt gestanden hatte, sein Patient und ein Beschützer mit einem eigenen Ungeborenen, für das zu sorgen Conway versprochen hatte und das kurz vor dem Eintritt in die äußerst komplizierte und fremde Welt des Orbit Hospitals stand. Wie er am besten weitermachen sollte — beziehungsweise richtiger: welche von mehreren unbefriedigenden Möglichkeiten er wählen sollte —, dessen war er sich immer noch nicht sicher.

Ohne jemanden direkt anzusprechen, sagte er plötzlich: „Wir wissen nicht einmal, ob der Fötus unter den hiesigen Bedingungen normal herangewachsen ist. Vielleicht ist unsere Reproduktion der Umwelt nicht exakt genug gewesen. Womöglich hat das Ungeborene keine Vernunft entwickelt, ganz zu schweigen von telepathischen Fähigkeiten. Bisher hat es keine Anzeichen für.“

Als eine Folge von melodischem Schnalzen und gerollten Lauten von der Decke über ihren Köpfen ertönte, brach er den Satz ab. Aus den Translatoren kamen die Worte: „Ihre Annahme ist möglicherweise nicht ganz korrekt, Freund Conway.“

„Prilicla!“ rief Murchison und fügte überflüssigerweise hinzu: „Sie sind wieder da?“

„Geht es Ihnen. gut?“ fragte Conway. Er dachte an die Opfer des Unfalls im Meneldensystem und wie furchtbar es für einen Empathen gewesen sein mußte, die Leitung über deren Klassifizierung übertragen zu bekommen.

„Mir geht es gut, mein Freund“, antwortete Prilicla, wobei die Beine, mit denen er an der Decke klebte, vom Bad in der Welle freundschaftlicher und besorgter Gefühle, die von den Anwesenden unter ihm ausgingen, erbebten. „Ich habe darauf geachtet, die Arbeiten aus größtmöglicher Entfernung zu leiten, so, wie ich auch großen Abstand zu Ihrem Patienten auf der äußeren Station halte. Die emotionale Ausstrahlung des Beschützers ist für mich unangenehm, aber bei der des Ungeborenen ist das nicht der Fall.

Ich nehme eine hochgradige Geistestätigkeit wahr“, fuhr der Cinrussker fort. „Leider bin ich eher ein Empath als ein echter Telepath, aber ich kann bei dem Ungeborenen eine Frustration spüren, die, so würde ich vermuten, durch die Unfähigkeit verursacht wird, sich mit den Lebewesen außerhalb des Körpers des Elternteils zu verständigen. Außerdem nehme ich vor allem noch Verwirrung und Ehrfurcht wahr.“

„Ehrfurcht?“ wiederholte Conway ungläubig und fügte dann hinzu: „Falls sich das Ungeborene mit uns zu verständigen versucht hat, haben wir jedenfalls nichts gespürt, nicht einmal das leiseste Kitzeln.“

Prilicla ließ sich von der Decke fallen, flog einen sauberen Looping und flatterte auf einen in der Nähe stehenden Instrumentenschrank, damit sich die anwesenden DBLFs und DBDGs nicht den Halswirbel verrenkten, wenn sie ihn ansahen. „Ich kann das zwar nicht mit absoluter Sicherheit sagen, Freund Conway, weil Empfindungen ein weniger zuverlässiges Anzeichen für das Vorhandensein von Intelligenz sind als logisch zusammenhängende Gedanken, aber das Problem scheint mir möglicherweise einfach darin zu bestehen, daß zu viele Lebewesen und damit Gehirne anwesend sind. Während Ihres ursprünglichen Kontakts mit dem damaligen Ungeborenen und heutigen Beschützer mußte das Wesen nur drei Gehirne berücksichtigen, das von Freundin Murchison, von Freund Fletcher und Ihres. Die übrigen Mitglieder der Besatzung und des medizinischen Teams haben sich an Bord der Rhabwar befunden und somit an der äußersten Grenze der telepathischen Reichweite.

Hier sind vielleicht zu viele Köpfe“, fuhr der Empath fort, „Gehirne von einer verwirrenden Vielfalt und einem verblüffenden Maß an Vielgestaltigkeit, einschließlich zweien“ — Priliclas Augen richteten sich auf Thornnastor und Conway —, „in denen eine Vielzahl von Lebewesen zu stecken scheint und die möglicherweise wirklich verwirrend und ehrfurchtgebietend sind.“

„Da haben Sie natürlich recht“, stimmte ihm Conway zu, und nach einer kurzen Denkpause sagte er: „Ich hatte darauf gehofft, mit dem Ungeborenen vor und während der Geburt in telepathischen Kontakt zu treten. In diesem Fall wäre die Unterstützung durch einen Patienten, der bei Bewußtsein ist und mitarbeitet, wirklich eine große Hilfe. Aber die Stärke des OP-Personals und des technischen Hilfsteams können Sie ja selbst sehen. Das sind Dutzende. Die kann ich doch nicht einfach wegschicken.“

Wieder begann Prilicla zu zittern, diesmal aus Unruhe über die zusätzlichen Kopfschmerzen, die er Conway bereitete, obwohl er eigentlich nur die Absicht gehabt hatte, den Diagnostiker über den Geisteszustand des Ungeborenen zu beruhigen. Er unternahm einen zweiten Versuch, die emotionale Ausstrahlung seines Freunds zu verbessern.

„Gleich nach meiner Rückkehr habe ich auf der Hudlarerstation vorbeigeschaut“, berichtete der Cinrussker, „und ich muß sagen, Ihre Leute haben hervorragende Arbeit geleistet. Das waren wirklich schlimme Fälle, die ich dort eingeliefert habe, beinahe so hoffnungslos, wie man es sich schlimmer kaum vorstellen kann, mein Freund, aber Sie haben nur einen einzigen FROB verloren. Das war eine glänzende Leistung, auch wenn Freund O'Mara behauptet, Sie hätten ihm gegenüber noch ein glühendes Stück Metall angefaßt.“

„Ich glaube, Prilicla meint ein heißes Eisen“, übersetzte Murchison lachend die vom Translator übertragenen Worte.

„O'Mara?“ fragte Conway nach.

„Der Chefpsychologe hatte sich nach dem Besuch eines der Hudlarer in der Geriatrie-Abteilung gerade mit einem Ihrer Patienten unterhalten und sich ein Bild von dessen nichtmedizinischem Zustand gemacht. Freund O'Mara wußte, daß ich gekommen war, um Sie zu besuchen, und ich soll Ihnen von ihm ausrichten, daß ein Funkspruch von Goglesk eingetroffen ist, laut dem Ihre Freundin Khone zum Orbit Hospital kommen will, und zwar so bald wie.“

„Ist Khone krank oder hat sie sich etwa verletzt?“ fiel Conway ihm ins Wort, da die Persönlichkeit seiner gogleskanischen Gehirnpartnerin und die eigenen Gefühle für das kleine Wesen die Gedanken an alles und jeden aus seinem Kopf verdrängten. Da Khone über dieses Wissen verfügte, waren auch ihm die vielen Krankheiten und Unfälle bekannt, denen die FOKTs zum Opfer fielen und gegen die man nur sehr wenig unternehmen konnte, weil die gegenseitige Annäherung, um zu helfen, das Heraufbeschwören eines Unglücks bedeutete. Was immer Khone zugestoßen war, es mußte recht schlimm gewesen sein, wenn sie freiwillig ins Orbit Hospital kommen wollte, wo die schrecklichsten Alpträume ihrer Vorstellung körperliche Realität waren.

„Nein, nein, mein Freund“, entgegnete Prilicla, der durch die Heftigkeit von Conways emotionaler Ausstrahlung erneut zitterte. „Khones Zustand ist weder ernst noch dringend zu behandeln. Aber sie hat darum gebeten, von Ihnen persönlich abgeholt und zum Hospital befördert zu werden, damit sie ihre Meinung nicht aus Angst vor Ihren körperlich riesenhaften Freunden ändert. Der genaue Wortlaut von O'Maras Äußerung war, Sie zögen momentan einige sonderbare Mutterschaftsfälle an.“

„Aber sie kann doch nicht freiwillig hierherkommen!“ protestierte Conway. Er wußte, daß Khone geschlechtsreif war und Kinder bekommen konnte. Über kürzliche sexuelle Kontakte fand sich im Gedächtnis der Gogleskanerin nichts, es mußte also nach Conways Abflug von Goglesk geschehen sein. Er begann, auf der Schwangerschaftsperiode der FOKT basierende Berechnungen anzustellen.

„So habe ich zuerst auch reagiert, mein Freund“, sagte Prilicla. „Aber Freund O'Mara hat mich darauf hingewiesen, daß Sie schon länger mit Ihrer gogleskanischen Freundin im Kopf lebten und sich darauf eingestellt hätten und Khone — hoffentlich wird sie damit fertig — gleichermaßen von Ihrem terrestrischen Gehirn beeinflußt worden sei. Das sei das zweite glühende Stück Metall; die Sache mit den alterskranken Hudlarern sei das andere.

Die Psychosen einer werdenden FOKT-Mutter und ihres Kindes auszutreiben, die sich vor vorgeschichtlichen Schatten fürchten, werde nicht einfach werden“, fuhr der Empath fort, „und das Problem mit den alterskranken Hudlarern habe sich so stark ausgeweitet, daß es praktisch Ihre gesamte Zeit in Anspruch nähme. O'Mara hat sehr verärgert und hin und wieder auch richtig böse geklungen, aber seine emotionale Ausstrahlung stand dabei im starken Widerspruch zu seinen Äußerungen. Er war ganz erwartungsvoll und aufgeregt, als freue er sich auf die Herausforderung.“

Prilicla brach den Satz ab und begann erneut zu zittern. Neben dem Instrumentenschrank, auf dem der Cinrussker saß, hob und senkte Thornnastor in keiner bestimmten Reihenfolge einen der sechs elefantenartigen Füße nach dem anderen. Murchison blickte den Diagnostiker an, und auch wenn sie kein Empath war, war sie mit den Gesten ihres Chefs doch so gut vertraut, um einen äußerst ungeduldigen Tralthaner erkennen zu können.

„Das ist ja alles höchst interessant, Prilicla“, sagte sie freundlich, „aber der Zustand des Patienten, der auf der äußeren Station auf uns wartet, ist nicht nur ernst, sondern muß auch dringend behandelt werden.“

20. Kapitel

Dem Gefühl äußerster Dringlichkeit aller Beteiligten zum Trotz schien der Beschützer keine besondere Eile zu haben, seinen Nachwuchs zur Welt zu bringen. Insgeheim war Conway darüber erleichtert. Es verschaffte ihm nämlich mehr Zeit nachzudenken, um alternative Maßnahmen zu erwägen und, wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war, mehr Zeit, um zwischen allen möglichen Entscheidungen unschlüssig hin und her zu schwanken.

Der normalerweise phlegmatische Thornnastor, der drei Augen auf den Patienten und eins auf die Scannerprojektion geheftet hatte, stapfte langsam auf, während er gleichzeitig den Mangel an Tätigkeit im Bereich der Gebärmutter beobachtete. Murchison achtete sowohl auf den Bildschirm als auch auf die kelgianische Schwester, die für die Mittel zur Ruhigstellung des Patienten verantwortlich war, und der mit dem OP-Team über Kommunikator in Verbindung stehende Prilicla war ein weit entfernter, verschwommener Klecks, der am anderen Ende der Station an der Decke klebte, wo die emotionale Ausstrahlung des Beschützers wenn auch nicht gerade angenehm, so doch zumindest erträglich war.

Er sei lediglich aus medizinischer Neugier anwesend, hatte der kleine Empath nachdrücklich beteuert. Doch in Wirklichkeit nahm er wahrscheinlich Conways Besorgnis aufgrund des bevorstehenden Eingriffs wahr und wollte seinem alten Freund helfen.

„Von den Alternativmaßnahmen, die Sie erwähnt haben, ist die erste ein wenig wünschenswerter als die anderen“, sagte Thornnastor plötzlich. „Aber die Geburtsöffnung vor der Geburt zu weiten und das Ungeborene herauszuziehen und gleichzeitig die Drüsenkanäle abzuklemmen. das ist eine ganz schön heikle Geschichte, Conway. Sie könnten es nämlich auf einmal mit einem wachen und höchst lebhaften jungen Beschützer zu tun bekommen, der sich reißend und fressend einen Weg aus dem Elternteil bahnt. Oder haben Sie sich jetzt doch dazu entschieden, daß das Elternteil entbehrlich ist?“

Wieder ging Conway die Erinnerung an den telepathischen Kontakt mit einem Ungeborenen durch den Kopf, einem Ungeborenen, das als geistloser Beschützer geboren worden war — als dieser Beschützer. Ihm war klar, daß er nicht logisch dachte, aber er wollte kein Lebewesen aufgeben, dessen Gedankenwelt er so genau kennengelernt hatte, bloß weil es aus Gründen der Evolution eine Art Gehirntod erlitten hatte.

„Nein“, antwortete er bestimmt.

„Die übrigen Möglichkeiten sind noch schlechter“, sagte der Tralthaner.

„Daß Sie das so sehen würden, hatte ich gehofft“, entgegnete Conway.

„Ich verstehe“, sagte Thornnastor. „Aber mit Ihrem ursprünglichen Vorschlag bin ich auch nicht besonders einverstanden. Die Maßnahme ist — gelinde gesagt — äußerst drastisch und bei einer panzerbewehrten Spezies beispiellos. Ein derart komplizierter Eingriff stellt bei einem Patienten mit vollem Bewußtsein und uneingeschränkter Bewegungsfähigkeit einen.“

„Der Patient wird bewußtlos und ruhiggestellt sein“, fiel ihm Conway ins Wort.

„In Ihrem Kopf scheint mir zur Zeit ein zu großes Durcheinander zu herrschen, das vielleicht auf die vielen verschiedenen Bänder zurückzuführen ist, die Sie darin gespeichert haben, Conway“, sagte Thornnastor in einem für tralthanische Verhältnisse leisen Ton. „Außerdem möchte ich Sie daran erinnern, daß der Patient nicht ruhiggestellt werden kann, egal, für wie lange, weder durch Haltegurte noch durch Betäubungsmittel, ohne daß es zu irreversiblen Stoffwechseländerungen kommt, die rasch zur Bewußtlosigkeit und zum Tod führen. Der FSOJ befindet sich ständig in Bewegung und ist fortwährenden Angriffen ausgesetzt, und das innere Sekretionssystem reagiert in einer Weise, die. Aber das wissen Sie ja genausogut wie ich, Conway! Fühlen Sie sich wohl? Haben Sie vielleicht. vorübergehende psychologische Probleme? Möchten Sie, daß ich für eine Weile die Verantwortung übernehme?“

Murchison hatte gerade ein Gespräch über Kommunikator geführt und deshalb den Anfang von Thornnastors Ausführungen nicht mitbekommen.

Besorgt musterte sie Conway und fragte sich offenbar, was mit ihm nicht stimmte oder vielmehr was nach der Ansicht ihres Chefs nicht mit ihm in Ordnung war. Dann sagte sie: „Eben hat mich Prilicla angerufen. Er wollte seine Vorgesetzten nicht in einer womöglich wichtigen medizinischen Erörterung unterbrechen, hat aber von einer ständigen Zunahme und qualitativen Veränderung der emotionalen Ausstrahlung sowohl des Beschützers als auch des Ungeborenen berichtet. Den Anzeichen nach bereitet sich der Beschützer auf große Anstrengungen vor, und das hat wiederum zu einer Zunahme der Geistestätigkeit beim Ungeborenen geführt. Prilicla möchte wissen, ob du irgendwelche Anzeichen für den Versuch eines telepathischen Kontakts wahrgenommen hast. Er sagt, das Ungeborene gibt sich alle Mühe.“

Conway schüttelte den Kopf und sagte zu Thornnastor: „Bei allem Respekt, diese Informationen standen schließlich in meinem ursprünglichen Bericht über die FSOJ-Lebensform, den ich Ihnen gegeben habe, und mein Gedächtnis hat keineswegs gelitten. Für das Angebot, die Verantwortung zu übernehmen, danke ich Ihnen, und Ihren Rat und Ihre Hilfe nehme ich gerne an, aber ich habe keine psychologischen Probleme, und das eben von Ihnen erwähnte Durcheinander in meinem Kopf ist nicht größer als sonst.“

„Ihre Bemerkungen über die Ruhigstellung des Patienten haben auf etwas anderes schließen lassen“, erwiderte Thornnastor nach einer kurzen Pause. „Ich bin froh, daß Sie sich wohl fühlen, aber was Ihre chirurgischen Absichten betrifft, so bin ich darüber nicht ganz so glücklich.“

„Ich bin mir ja selbst nicht einmal vollkommen sicher, ob ich richtig liege“, räumte Conway ein. „Aber zumindest ist meine Unentschlossenheit weg, und das von mir beabsichtigte Verfahren beruht auf der Annahme, daß wir zu stark von dem Lebenserhaltungsmechanismus des FSOJs und dem Beharren auf körperlicher Beweglichkeit beeinflußt sind.“

Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie Priliclas Gestalt noch verschwommener wurde, als der Empath heftig zu zittern anfing. Conway brach den Satz ab und sagte in seinen Kommunikator: „Ziehen Sie sich zurück, mein kleiner Freund. Bleiben Sie mit uns in Verbindung, aber begeben Sie sich nach draußen auf den Korridor. Die emotionale Ausstrahlung wird hier ziemlich wilde Ausmaße erreichen, also verschwinden Sie lieber schnell.“

„Das hatte ich gerade vor, mein Freund“, erwiderte der Cinrussker. „Aber auch Ihre eigene emotionale Ausstrahlung ist für keinen von uns beiden angenehm. Ich spüre Entschlossenheit und Besorgnis und habe das Gefühl, daß Sie sich zu etwas zwingen, das Sie normalerweise nicht tun würden. Entschuldigung. In meiner Sorge um einen Freund habe ich Dinge angesprochen, die eigentlich als vertraulich gelten sollten. Ich gehe jetzt. Viel Glück, mein Freund.“

Bevor Conway etwas erwidern konnte, berichtete eine der Kelgianerinnen mit sich nachdrücklich kräuselndem Fell, der Geburtskanal beginne sich zu weiten.

„Immer mit der Ruhe“, besänftigte Conway die Schwester, während er die Scannerbilder betrachtete. „Bis jetzt passiert im Innern noch nichts. Legen Sie den Patienten doch bitte so auf die linke Seite, daß sich der rechte Teil des Rückenpanzers oben befindet. Das Operationsfeld wird sich in der Mitte der markierten Stelle achtunddreißig Zentimeter rechts von der Medianlinie des Panzers befinden. Fahren Sie mit den momentanen Lebenserhaltungsmaßnahmen fort, bis ich Ihnen Anweisung gebe aufzuhören, aber mit ein bißchen mehr Begeisterung, falls Sie das fertigbringen. Auf mein Zeichen hin wird das Ruhigstellungsteam die Gliedmaßen des Patienten bewegungsunfähig machen, wobei besonders darauf zu achten ist, die Tentakel zu voller Länge auszustrecken und mit Klammern und Pressorstrahlen festzuhalten. Ich bin gerade zu dem Schluß gekommen, daß diese Aufgabe auch ohne einen während der Operation auf dem Tisch zappelnden und sich windenden Patienten schwierig genug sein wird. Bei der Operation möchte ich nur die unbedingt notwendige Minimalbesetzung des OP- und Hilfspersonals im Raum haben, und diejenigen, die anwesend sind, haben ihre Gedankengänge nach meinen Anordnungen unter Kontrolle zu halten. Haben Sie Ihre Anweisungen verstanden?“

„Ja, Doktor“, bestätigte die Kelgianerin, aber ihr Fell zeigte Zweifel und Mißbilligung. Eine Folge von Erschütterungen, die sich vom Boden durch seine Schuhe fortpflanzten, verrieten Conway, daß Thornnastor erneut mit den Füßen aufstampfte.

„Entschuldigen Sie die Unterbrechungen“, sagte er zum Tralthaner. „Ich wollte gerade darauf hinweisen, daß eine vollständige Ruhigstellung ohne ernsthafte Schäden für den Patienten für die zum Abschluß der Operation erforderliche Zeitspanne durchaus möglich sein könnte. Bevor wir uns dieser Argumentation anschließen, müssen wir uns erst überlegen, was vor, während und nach einer umfangreicheren Operation an einer der Lebensformen geschieht, die im Gegensatz zum FSOJ regelmäßig und häufig in dem uns als Schlaf bekannten Zustand das Bewußtsein verlieren. In derartigen Fällen.“

„Die bekommen Beruhigungsmittel, um die Unruhe vor der Operation auf das Mindestmaß herabzusetzen, werden während des Eingriffs narkotisiert und danach unter Beobachtung gestellt, bis sich der Stoffwechsel und die Lebenszeichen stabilisiert haben“, unterbrach ihn Thornnastor, dessen Füße nach wie vor seine Ungeduld verrieten. „Das ist doch ganz einfach!“

„Das ist mir klar. Ich hoffe nur, die Lösung für unser Problem ist genauso einfach“, gab Conway zu bedenken. Er schwieg einen Moment lang, um seine Gedanken zu ordnen, und fuhr dann fort: „Sie werden mir zustimmen, daß ein Patient trotz Vollnarkose negativ auf den gerade stattfindenden chirurgischen Eingriff reagiert. Wäre er bei Bewußtsein, würde er mit unserem OP-Personal das machen wollen, worum sich der Beschützer bemüht, das heißt versuchen, es zu töten und oder vor der Bedrohung zu fliehen, die es für ihn darstellt. Selbst unter Narkose reagiert ein normaler Patient unterbewußt auf einen Zustand höchster Belastung. Sein Organismus ist mit der jeweiligen Entsprechung von Adrenalin vollgepumpt, die Blut-, Zucker- und Sauerstoffvorräte sind erhöht, und er ist zum Kampf oder zur Flucht bereit. Das ist ein Zustand, an dem sich unser Beschützer ständig erfreut, falls das überhaupt das richtige Wort dafür ist. Er kämpft oder flieht unaufhörlich, weil er permanenten Angriffen ausgesetzt ist.“

Thornnastor und Murchison sahen ihn aufmerksam an, sagten aber beide nichts.

„Da wir ihm dreidimensionale und erschreckend detaillierte Bilder seiner natürlichen Umgebung zeigen und ihn — chirurgisch gesehen — mit einer Heftigkeit angreifen werden, die er bestimmt noch nie erlebt hat, hoffe ich, ihm und seinem endokrinen Drüsensystem weiszumachen, seine Gliedmaßen würden immer noch den Angriff abwehren oder davor zu ffiehen versuchen“, fuhr Conway fort. „Schließlich wehren sich die Glieder gegen die Mittel zur Ruhigstellung, und die dafür erforderliche Muskelanstrengung ist vergleichbar.

Wir werden ihn mit einem großen Kaiserschnitt attackieren, den wir — ohne Narkose — nicht im Unterleibsbereich anlegen, sondern durch den Rückenpanzer führen werden, und ich rechne fest damit, daß der Beschützer genügend Schmerzen haben und im Kopf ausreichend verwirrt sein wird, um zu vergessen, daß sich der Körper nicht in Bewegung befindet, zumindest für die relativ kurze Zeit, die für die Vollendung der Operation nötig ist.“

Murchison starrte ihn mit ausdruckslosem Gesicht an, das jedoch so bleich wie ihre weiße Uniform war. Jetzt erst ging Conway die volle Bedeutung dessen, was er gerade gesagt hatte, auf, und ihm wurde regelrecht schlecht. Er schämte sich. Die Äußerung stand im direkten Widerspruch zu allem, was man ihm als Arzt und Wohltäter beigebracht hatte.

Um Güte zu beweisen, muß man grausam sein, hatte ihm zwar irgend jemand mal gesagt, aber zweifellos war damit nicht eine derartige Grausamkeit gemeint gewesen.

„Der terrestrische Teil meines Gehirns ist über ein solch beispielloses Benehmen erschüttert und empört“, bemerkte Thornnastor schwerfällig.

„Dieser DBDG“, entgegnete Conway und tippte sich dabei selbst ärgerlich auf die Brust, „empfindet dasselbe. Aber Ihr DBDG vom Band mußte auch keinen Beschützer entbinden.“

„Das mußte auch sonst noch niemand“, stellte Thornnastor fest.

Murchison wollte gerade etwas sagen, als es gleich eine doppelte Unterbrechung gab.

„Die Geburtsöffnung beginnt sich zu weiten“, berichtete die kelgianische Schwester, „und die Lage des Fötus hat sich ein klein wenig verändert.“

„Die emotionale Ausstrahlung beider Lebewesen erreicht einen Höchststand“, meldete Prilicla über den Kommunikator. „Sie werden nicht mehr lange warten müssen, Freund Conway. Machen Sie sich keine Sorgen, schließlich kann man sich normalerweise stets auf Ihre medizinischen Überlegungen verlassen.“

Der Cinrussker findet doch immer das passende Wort, dachte Conway dankbar, als ihm Thornnastor zum Operationsgestell folgte.

Zuerst untersuchten sie die Körperunterseite und gingen dabei so dicht wie möglich an den Beschützer heran, wichen jedoch gleichzeitig den wild um sich schlagenden Beinen und dem Hudlarer aus, der mit einer Metallstange auf die Bestie einschlug, um die Angriffe des kleinen Raubtiers mit den scharfen Zähnen vom Heimatplaneten des Beschützers zu simulieren. Die mit den Beinen verbundenen Muskeln befanden sich in ständiger zuckender Bewegung, und im mittleren Bereich des Körpers wurde die Geburtsöffnung langsam länger und breiter.

Für die Aufnahmegeräte berichtete Conway: „Aus dieser Öffnung wird das Junge nicht herauskommen. Normalerweise ist für einen Kaiserschnitt ein langer Schnitt im Unterleib erforderlich, durch den der Fötus entnommen wird. Doch in diesem Fall erscheint ein solches Verfahren aus zwei Gründen als schädlich. Erstens müßten dafür mehrere Beinmuskeln durchtrennt werden, und da dieses Wesen nicht in der Lage ist, ein verletztes Glied während des Heilungsprozesses zu schonen, würde die klinische Verletzung nie heilen, und die betroffenen Gliedmaßen trügen bleibende Schäden davon. Zweitens kämen wir mit dem Schnitt sehr nah an die beiden Drüsen heran, die, wie wir praktisch mit Sicherheit wissen, die Sekrete zur Umkehr der Lähmung vor der Geburt und der Auslöschung des Verstands enthalten. Beide Drüsen sind, wie Sie auf dem Scanner sehen können, mit der Nabelschnur verbunden und entleeren ihren Inhalt im Verlauf der späteren Stadien des Geburtsvorgangs in den Fötus. Bei dieser physiologischen Klassifikation würde ein traditioneller Kaiserschnitt die Drüsen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorzeitig zusammendrücken, und der Zweck der Operation, die Entbindung eines intelligenten Ungeborenen, wäre vereitelt. Deshalb müssen wir es auf die harte Tour machen, indem wir einen Schnitt in einem Winkel durch den Rückenpanzer führen, der die darunterliegenden lebenswichtigen Organe so wenig wie möglich beeinträchtigt.“

Während die Schwester den Beschützer für die Operation in die richtige Lage gebracht hatte, waren die Bewegungen des Ungeborenen nicht wahrnehmbar gewesen, doch jetzt zeigte der Scanner ein langsames, stetes Vorrücken in Richtung des Geburtskanals. Conway mußte sich zwingen, auf die andere Seite des Operationsgestells zu gehen, da er plötzlich den Instinkt verspürte, lieber einfach davonzulaufen; dann vergewisserte er sich, daß sich Thornnastor und Murchison in Position befanden, und sagte leise: „Stellen Sie den Patienten ruhig.“

Die vier Rückententakel waren zu voller Länge ausgestreckt und fast reglos, bis auf ein ganz leichtes Zittern, das von der Anstrengung herrührte, die Mittel zur Ruhigstellung zu überwinden. Conway versuchte, nicht an die Verwüstung zu denken, die schon eins dieser Glieder unter dem OP-Personal anrichten könnte, falls es ihm gelänge, sich zu befreien, und auch nicht daran, daß er am nächsten stand und das erste Opfer wäre.

„Es ist wünschenswert — genaugenommen vielleicht sogar lebensnotwendig —, vor dem Abschluß der Operation telepathischen Kontakt mit dem Ungeborenen herzustellen“, sagte Conway über das Surren seiner Operationssäge hinweg. „Beim ersten Zustandekommen eines derartigen Kontakts waren nur Lebewesen einer physiologischen Klassifikation zugegen, die terrestrischen DBDGs Pathologin Murchison,

Captain Fletcher von der Rhabwar und ich. Möglicherweise erschwert die Vielfalt physiologischer Typen und der Gedankenstrukturen die Herstellung einer Verbindung, oder vielleicht ist es ein wenig einfacher, mit DBDGs in telepathischen Kontakt zu treten. Deshalb müssen.“

„Soll ich gehen?“ fragte Thornnastor.

„Nein“, antwortete Conway entschieden. „Ich brauche Ihre Hilfe, sowohl als Arzt als auch als Endokrinologe. Aber es wäre nützlich, wenn Sie versuchen würden, den terrestrischen Teil Ihres Gehirn in den Vordergrund zu rücken und sich auf dessen Gedankengänge zu konzentrieren.“

„Ich verstehe“, willigte der Tralthaner ein.

Thornnastor und Conway arbeiteten rasch und schnitten ein großes dreieckiges Stück aus dem Panzer heraus. Dann legten sie eine Pause ein, um eine geringfügige Blutung der darunterliegenden Blutgefäße zu stillen. Murchison assistierte zwar nicht direkt, konzentrierte sich jedoch voll und ganz auf den Scanner, damit sie die beiden Operateure warnen konnte, falls es Anzeichen dafür geben sollte, daß das Operationstrauma eine Frühgeburt auslöste. Conway und Thornnastor drangen tiefer ein, indem sie die dicke, beinahe durchsichtige Membrane rings um die Lunge durchschnitten und nach hinten festklemmten.

„Prilicla?“ fragte Conway.

„Der Patient wird immer zorniger und ängstlicher und hat zunehmend stärkere Schmerzen. Anscheinend ist ihm nichts anderes bewußt, als daß er brutal angegriffen wird und sich verteidigt. Daß er sich nicht bewegt, ist ihm offenbar nicht klar, und für eine Funktionsstörung der inneren Sekretion gibt es keine emotionalen Anzeichen.

Auf das Ungeborene wirkt sich der Angriff durch ein merklich gesteigertes Empfindungsvermögen und eine erhöhte Gehirntätigkeit aus“, fuhr der Empath fort. „Das Bewußtsein ist geschärft, und die Anstrengungen sind enorm. Es strengt sich wirklich nach allen Kräften an, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen, mein Freund.“

„Das beruht auf Gegenseitigkeit“, entgegnete Conway. Aber wie er wußte, beschäftigte er sich in Gedanken zu sehr mit dem chirurgischen Aspekt und zu wenig mit der Verständigung, als daß irgendeine Hoffnung auf Erfolg bestanden hätte.

Beim FSOJ befand sich das Herz nicht zwischen den Lungenflügeln, doch dafür durchzogen diesen Bereich mehrere große Blutgefäße, die zusammen mit den mit ihnen verbundenen Verdauungsorganen ohne Schnitt aus dem Weg befördert werden mußten — wenn der Patient bereits Minuten nach dem Abschluß der Operation wieder auf den Beinen war, hatten chirurgische Eingriffe auf das absolute Minimum beschränkt zu werden. Als Conway die Gefäße vorsichtig auseinanderdrückte und die Dehnsonden in Position brachte und fixierte, war ihm klar, daß die Blutversorgung mehrerer dieser Gefäße schwer beeinträchtigt wurde, zumal er einen der Lungenflügel zusammenschnüren mußte, wodurch dessen Leistungsvermögen auf sechzig Prozent herabgesetzt wurde.

„Das ist nur für kurze Zeit“, verteidigte er sich und kam so einer Bemerkung von Thornnastor zuvor. „Außerdem atmet der Patient ja reinen Sauerstoff, was ein voller Ausgleich für den Mangel an.“

Als seine tastenden Finger tiefer drangen und auf einen langen, flachen Knochen stießen, der dort nichts zu suchen hatte, verstummte er. Schnell sah er sich die Stelle, an der sich seine Hand befand, auf dem Scanner an und stellte fest, daß er in Wirklichkeit keinen Knochen, sondern einen der Muskeln einer Rückententakel berührte. Als der Patient versucht hatte, die festgehaltene Gliedmaße freizubekommen, hatte sich dieser Muskel krampfartig versteift. Aber vielleicht war das Ganze auch nur eine Reaktion auf die unerträglichen Schmerzen — wie bei den Mitgliedern anderer Spezies, die zum Beispiel die Zähne zusammenbissen oder die Fäuste ballten.

Als all seine medizinisch ausgebildeten und mitfühlenden Alter ego auf diesen Gedanken reagierten, zitterten Conways Hände plötzlich.

„Freund Conway!“ rief Prilicla, dessen Stimme nicht nur durch den Kommunikator verzerrt war. „Sie beunruhigen mich. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Arbeit und nicht auf Ihre Gefühle!“

„Tyrannisieren Sie mich gefälligst nicht, Prilicla!“ schnauzte Conway zurück. Dann lachte er, als ihm klar wurde, wie albern seine Äußerung gewesen war, und machte sich wieder an die Arbeit. Wenige Minuten später tastete er die Formen des oberen Panzerteils und der kraftlosen Rückententakel des Ungeborenen ab. Er packte einen der Tentakel und begann, sanft zu ziehen.

„Dieses Wesen soll eigentlich kämpfend aus der Gebärmutter herauskommen und mit diesen Gliedmaßen in der Lage sein, schwere Schäden anzurichten“, knurrte ihn Thornnastor an. „Ich glaube nicht, daß die Tentakel abreißen, wenn Sie ein bißchen fester ziehen, Conway.“

Er zog ein wenig fester, und das Ungeborene bewegte sich, allerdings nur ein paar Zentimeter. Bei dem jungen FSOJ handelte es sich um kein Leichtgewicht, und Conway schwitzte bereits vor Anstrengung. Er schob auch die andere Hand in die Öffnung und fand einen zweiten Rückententakel; dann stemmte er sich mit einem Knie gegen das Operationsgestell und zog mit beiden Händen.

Zwar hatte er in seinem Leben schon weit heiklere Meisterleistungen mit Skalpell und Händen vollbracht, aber selbst bei diesem groben Vorgehen weigerte sich das kleine Biest, sich zu rühren.

„Die Öffnung ist zu eng“, stellte er keuchend fest. „Und zwar so eng, daß das Junge meiner Meinung nach durch den Unterdruck festgehalten wird. Können Sie eine lange Sonde zwischen der Innenseite der Dehnsonde und der Innenfläche des Panzers hineinschieben, genau da, damit wir.“

„Der Beschützer kommt allmählich zu sich“, berichtete Prilicla, wobei die bloße Tatsache, daß er unhöflich genug war, seine Vorgesetzten zu unterbrechen, die Dringlichkeit seiner Meldung unterstrich.

Doch bevor der Empath den Satz beendete, hatte Thornnastor schon statt der Sonde das dünne, spitz zulaufende Ende eines Greiftentakels in die Öffnung gesteckt. Als der Unterdruck ausgeglichen wurde, zischte es kurz.

Der Tentakel des Tralthaners drang tiefer ein, ringelte sich um die Hinterbeine des Ungeborenen und half Conway, es herauszuheben und — zuziehen. Binnen weniger Sekunden war es befreit, aber immer noch durch die Nabelschnur mit dem Elternteil verbunden.

„Schön“, sagte Conway, während er das Neugeborene auf die von Murchison schon für diesen Zweck bereitgestellte Schale legte. „Das war der einfache Teil. Wenn wir jemals einen Patienten gebraucht haben, der bei Bewußtsein und zur Mitarbeit bereit ist, dann jetzt.“

„Das Neugeborene ist so niedergeschlagen, daß es schon an Verzweiflung grenzt, Freund Conway“, berichtete Prilicla. „Es dürfte sich immer noch bemühen, mit Ihnen in Verbindung zu treten. Die emotionale Ausstrahlung des Beschützers hingegen wird schwächer, und die Struktur verändert sich, was darauf hindeutet, daß er sich allmählich seiner Reglosigkeit bewußt wird.“

„Wenn wir die jetzt nach der Geburt unnötige Erweiterung durch die Dehnsonden verringern, kann der zusammengeschnürte Lungenflügel wieder effektiver arbeiten“, stellte Conway fest. „Wieviel Platz brauchen wir für die Arbeit im Operationsfeld?“

Thornnastor gab einen Laut von sich, der nicht übersetzt wurde, und antwortete: „Erstens benötige ich für die Arbeit nur eine ziemlich kleine Öffnung, und zweitens bin ich hier der Endokrinologe. Die albernen Fingerknöchel und Handgelenke von euch DBDGs sind für eine solche Spezialaufgabe vollkommen ungeeignet. Bei allem Respekt, ich schlage vor, daß Sie sich auf das Neugeborene konzentrieren.“

„In Ordnung“, willigte Conway ein. Er wußte es zu schätzen, daß der Tralthaner die Tatsache anerkannte, daß er, Conway, die Verantwortung trug, obwohl er bestenfalls für kurze Zeit ein Diagnostiker war, dessen jüngstes Verhalten bei der Operation mit ziemlicher Sicherheit für die vorübergehende Natur des Dienstgrads sorgen würde. Ohne aufzusehen fuhr er fort: „Alle Mitglieder des OP-Personals und des Hilfsteams, die nicht zur Klassifikation DBDG gehören, ziehen sich bitte zum Stationseingang zurück. Sprechen Sie nicht und versuchen Sie, an so wenig wie möglich zu denken, indem Sie eine freie Stelle an der Wand oder Decke anstarren und sich ausschließlich darauf konzentrieren. Auf diese Weise wird es für den Telepathen einfacher, sich auf uns drei hier einzustellen. Machen Sie bitte schnell.“

Auf dem Scannerdisplay war bereits zu erkennen, wie sich zwei der dünnen Tentakel des Tralthaners zu beiden Seiten der Nabelschnur in die Gebärmutter schoben.

Über zwei ovalen Schwellungen, die im Laufe der vergangenen Tage das Ausmaß und die Farbe großer roter Pflaumen angenommen hatten, kamen sie zum Stillstand. In der mittlerweile leeren Gebärmutter war genügend Platz, um verschiedene chirurgische Verfahren durchzuführen, aber Thornnastor unternahm notgedrungen nichts.

„Die beiden Drüsen sind vollkommen identisch, Conway, und es gibt keinen schnellen Weg zu sagen, welche den Wirkstoff zur Aufhebung der Lähmung und welche das Mittel zur Auslöschung des Verstands absondert“, sagte der Tralthaner. „Die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig. Soll ich vorsichtig auf eine der beiden Drüsen drücken, und wenn ja, auf welche?“

„Nein, warten Sie!“ widersprach Conway energisch. „Ich habe noch einmal darüber nachgedacht. Wäre die Geburt normal verlaufen, wären beide Drüsen beim Herauskommen des Ungeborenen zusammengedrückt und die Sekrete direkt durch die Kanäle in die Nabelschnur geleitet worden. Angesichts des Ausmaßes der momentanen Schwellung und der offenbar straff gespannten Haut der Drüsen würde möglicherweise selbst der sanfteste Druck eher zu einem plötzlichen als zu einem allmählichen Ausströmen der Sekrete führen. Meine ursprüngliche Idee, die Absonderung durch leichtes Drücken und durch die Beobachtung der Wirkung auf den Patienten zu dosieren, war nicht gut. Zudem besteht die Möglichkeit, daß beide Drüsen den gleichen Wirkstoff enthalten und dieser beide Funktionen erfüllt.“

„Äußerst unwahrscheinlich“, widersprach Thornnastor. „Dazu sind die Wirkungen zu unterschiedlich. Leider hat die Substanz eine komplexe und unstabile biochemische Struktur, die sich sehr schnell aufspaltet; sonst hätte der Leichnam Ihres ersten Beschützers für uns genügend Rückstände zum Synthetisieren enthalten. Dies ist das erstemal, daß Proben von einem lebenden Beschützer zur Verfügung stehen, aber die Analyse wäre ein langwieriger Prozeß, und in der gegenwärtigen Verfassung leben die Patienten möglicherweise nicht mehr lange.“

„Ich bin voll und ganz Ihrer Meinung“, mischte sich Prilicla ungewöhnlich leidenschaftlich ein. „Der Beschützer gerät in Panik. Er wird sich allmählich des anomalen Zustands vollkommener Bewegungslosigkeit bewußt und weist Anzeichen einer sich rasch und allgemein verschlechternden Verfassung auf. Sie müssen sich aus der Wunde zurückziehen und den Schnitt schließen, mein Freund, und zwar schnell!“

„Ich weiß“, erwiderte Conway und fuhr dann heftig fort: „Denken Sie! Denken Sie an den neugeborenen Beschützer, an die Umstände, in denen er sich befindet, an unsere Schwierigkeiten, an das, was wir für ihn zu tun versuchen. Ich brauche den telepathischen Kontakt, bevor ich es riskieren kann.“

„Ich spüre unregelmäßige, krampfartige Kontraktionen, die immer heftiger werden“, fiel ihm Thornnastor ins Wort. „Dabei handelt es sich wahrscheinlich um anomale, mit der Panik zusammenhängende Bewegungen, aber es besteht die Gefahr, daß sie die Drüsen vorzeitig zusammendrücken. Außerdem glaube ich nicht, daß der telepathische Kontakt mit dem Neugeborenen bei der Identifizierung der richtigen Drüse helfen wird. Schließlich besitzt ein Neugeborenes in der Regel keine detaillierten anatomischen Kenntnisse seines Elternteils.“

„Der Beschützer wehrt sich nicht mehr gegen die Mittel zur Ruhigstellung“, meldete Murchison von der anderen Seite des Operationsgestells.

„Freund Conway!“ rief Prilicla. „Der Patient verliert das Bewußtsein.“

„Also schön!“ fluchte Conway. Verzweifelt versuchte er, allein an das Neugeborene zu denken, doch all seine Alter ego bemühten sich ebenso angestrengt zu denken und verwirrten ihn. Einige der Lösungsvorschläge, die sie vorbrachten, ließen sich nicht anwenden, andere waren albern, und einer — Conway hatte keine Ahnung, von wem er stammte — war so lachhaft simpel, daß er einfach ausprobiert werden mußte.

„Klemmen Sie die Nabelschnur so dicht wie möglich an den Drüsen ab, um einer unbeabsichtigten Absonderung der Sekrete vorzubeugen“, sagte Conway schnell. „Dann trennen Sie die Schnur auf der anderen Seite der Klammer durch, um Elternteil und Neugeborenes zu trennen. Ich werde den Rest der Nabelschnur herausziehen, und Sie stechen bitte zwei Nadeln in die Drüsen. Saugen Sie den jeweiligen Inhalt ab und füllen Sie die Sekrete zum späteren Gebrauch in getrennte Behälter. Vielleicht müssen Sie das Absaugen durch gleichzeitiges Zusammendrücken der Drüsen beschleunigen. Ich würde Ihnen gerne helfen, aber da drinnen ist nicht viel Platz.“

Thornnastor antwortete nicht. Er nahm bereits eine der Absaugnadeln von seinem Instrumententablett, während Murchison probeweise die Pumpe einschaltete und mit zwei kleinen sterilen Behältern verband. Innerhalb weniger Minuten waren die Absaugnadeln eingeführt, und beide aufgeblähten Drüsen schrumpften sichtbar zusammen.

Als der Scanner sie als abgeflachte rote Flecken auf gegenüberliegenden Seiten des Gebärgangs zeigte, sagte Conway: „Das reicht. Ziehen Sie die Nadeln raus. Ich helfe Ihnen beim Vernähen. Und falls Sie noch eine Gehirnwindung frei haben, benutzen Sie die bitte, um an das Neugeborene zu denken.“

„Meine Gehirnwindungen sind zwar alle von anderen Leuten belegt, aber ich werde es versuchen“, entgegnete Thornnastor.

Das Verlassen des Operationsfelds war viel einfacher als das vorherige Eindringen, weil der Beschützer bewußtlos war, die Muskeln sich gelockert hatten und es keine inneren Spannungen mehr gab, die die Nähte beim Anlegen auseinanderzuziehen versuchten. Den Einschnitt, der an der Gebärmutter vorgenommen worden war, schloß Thornnastor wieder; dann drückten sie gemeinsam die vorübergehend verschobenen Organe vorsichtig in ihre Lage zurück und vernähten die dicke Membran rings um die Lungenflügel. Alles, was nun noch zu tun blieb, war das Wiedereinsetzen des dreieckigen Panzerstücks mit Hilfe der Edelmetallklammern, die für die harte und biegsame Haut der hudlarischen FROBs benutzt wurden.

Conway hatte das Gefühl, daß die Operationen an den Hudlarern Jahre zurückzuliegen schien, als Thornnastor plötzlich aufgeregt mit den Füßen aufzustampfen begann.

„Ich habe starke Beschwerden im Schädelbereich“, sagte der Diagnostiker. Während er sprach, steckte sich Murchison einen Finger ins Ohr und bewegte ihn wild hin und her, als würde sie versuchen, einen tief sitzenden Juckreiz zu lindern. Dann spürte es auch Conway, der mit den Zähnen knirschte, da seine Hände anderweitig beschäftigt waren.

Die Empfindungen waren genau dieselben wie diejenigen, die er erlebt hatte, als der Beschützer, zu jener Zeit noch ein Ungeborenes, bei der damaligen Schiffsbergung telepathischen Kontakt hergestellt hatte. Es handelte sich um eine Mischung aus Schmerzen, starker Verärgerung und einer Art mißtönender, unhörbarer Stimme, die immer lauter wurde. Nach diesem ersten Erlebnis hatte Conway einige Theorien darüber aufgestellt und war zu dem Schluß gekommen, daß man eine Fähigkeit, die entweder schlummerte oder verkümmert war, zwingen mußte, sich zu entfalten. Wie bei einem lange nicht benutzten Muskel kam es zu Schmerzen, Steifheit und zu einer Art Protest gegen die Veränderung der alten bequemen Ordnung der Dinge.

Damals, beim erstenmal, hatten sich die Beschwerden bis zu einem Höhepunkt gesteigert, und dann.

Schon seit ein paar Augenblicken vor meiner Entbindung bin ich mir der Gedanken der Wesen Thornnastor, Murchison und Conway bewußt, sagte eine deutliche, leise und eindringliche Stimme in ihren Köpfen, aus denen der unerträgliche geistige Juckreiz plötzlich verschwunden war. Auch Ihr Vorhaben, ein telepathisches Ungeborenes zur Welt zu bringen, das ohne Verlust der Fähigkeiten zum jungen Beschützer wird, ist mir klar, und für Ihre Bemühungen bin ich Ihnen äußerst dankbar, egal, wie das Ergebnis schließlich aussehen wird. Weiterhin kenne ich die gegenwärtigen Absichten des Wesens Conway, und ich möchte Sie dringend bitten, schnell zu handeln. Das wird meine einzige Chance sein. Meine Geisteskräfte lassen nach.

„Vergessen Sie den Patienten erst einmal, und bereiten Sie eine Infusion für das Junge vor“, ordnete Conway in bestimmtem Ton an.

Er gab ihnen nicht die Anweisung, sich zu beeilen, weil sowohl Murchison als auch Thornnastor dieselbe telepathische Mitteilung erhalten hatten. Mit etwas Glück würde es nach Conways Ansicht zu keiner bleibenden Beeinträchtigung der Fähigkeiten des Neugeborenen kommen, da das Nachlassen der Geisteskräfte daran liegen konnte, daß das neugeborene FSOJ genauso reglos wie sein Elternteil war. Während Murchison und Thornnastor arbeiteten, entfernte Conway das überschüssige Ende der Nabelschnur und brachte den Transportkäfig für das Junge an eine geeignetere Stelle, damit er, sollte das beabsichtigte Vorgehen gelingen, für einen plötzlich aktiven und gefährlichen Beschützer bereitstand. Als Conway damit fertig war, hatten Thornnastor und Murchison die Infusionsnadel, die über einen dünnen Schlauch mit einem der sterilen Behälter mit den abgesaugten Drüsensekreten verbunden war, bereits in das abgeschnittene Ende der Nabelschnur des Ungeborenen gesteckt.

Vielleicht ist das hier das falsche, dachte Conway grimmig, während er vorsichtig das Ablaßventil öffnete und zusah, wie das ölige, gelbliche Sekret langsam durch den Schlauch kroch, aber jetzt stehen die Chancen viel besser als fünfzig zu fünfzig.

„Prilicla“, wandte er sich über den Kommunikator an den Empathen, „ich stehe mit dem Neugeborenen in telepathischem Kontakt und hoffe, es wird in der Lage sein, mir alle durch die Infusion hervorgerufenen physischen oder psychologischen Veränderungen mitzuteilen. Das Sekret wird wegen der endgültigen Wirkung in winzigen Dosen verabreicht, bis ich genau weiß, daß ich das richtige erwischt habe. Aber ich brauche Sie, mein kleiner Freund. Sie müssen mich über Veränderungen der emotionalen Ausstrahlung des Neugeborenen auf dem laufenden halten, über Veränderungen, die ihm selbst womöglich nicht bewußt sind. Falls das Neugeborene den Kontakt abbricht oder das Bewußtsein verliert, sind Sie womöglich seine einzige Hoffnung.“

„Ich verstehe, mein Freund“, entgegnete Prilicla, wobei er an der Decke entlang auf sie zukam, um den Abstand zu verringern. „Von hier aus kann ich auch ganz feine Veränderungen der Ausstrahlung wahrnehmen, jetzt, wo sie nicht mehr von den Gefühlen des Beschützers verdrängt wird.“

Thornnastor hatte sich wieder an das Verschließen des Panzers des Elternteils gemacht, dabei jedoch ein Auge auf den Scanner und ein zweites auf Conway geheftet, als sich dieser über die Inlüsionsapparatur beugte und die erste winzige Dosis verabreichte.

Außer einer zunehmenden Schwierigkeit — der Schwierigkeit, mit Ihnen in Kontakt zu bleiben — bin ich mir keiner Veränderungen in meinem Denken bewußt, berichtete die leise Stimme in Conways Kopf. Genausowenig weiß ich von irgendeiner Muskeltätigkeit.

Conway versuchte es mit einer zweiten winzigen Dosis und ließ dann voller Verzweiflung eine weitere folgen, die nicht mehr so winzig war.

Keine Änderung, gab das Neugeborene zu verstehen.

Die Gedanken besaßen keine Tiefe mehr, und die Bedeutung der Worte war durch einen plötzlichen Ausbruch telepathischer Nebengeräusche kaum noch wahrzunehmen. Allmählich stellte sich wieder der Juckreiz irgendwo zwischen den Ohren ein, der dem Kontakt sonst immer vorausging.

„Ich kann Angst wahrnehmen.“, begann Prilicla.

„Ich weiß, daß er Angst hat“, fiel ihm Conway ins Wort. „Schließlich stehe ich mit ihm in telepathischem Kontakt, verdammt noch mal.“

„…und zwar sowohl auf bewußter als auch auf unterbewußter Ebene, mein Freund“, fuhr der Cinrussker fort. „Bewußt macht dem Neugeborenen die körperliche Schwächung und der Verlust des Empfindungsvermögens durch die anhaltende Reglosigkeit angst. Aber auf einer tieferen Ebene nehme ich. vielleicht kann sich ein Gehirn selbst nur aus einem subjektiven Blickwinkel betrachten, Freund Conway, und möglicherweise ist ein den Dienst versagender oder gelähmter Verstand nicht imstande, dieses Versagen wahrzunehmen.“

„Mein kleiner Freund, Sie sind ein Genie!“ lobte Conway den Cinrussker, während er den Schlauch vom eben benutzten Behälter löste und nun mit dem anderen verband.

Diesmal war die Dosis ganz und gar nicht klein, denn die Zeit wurde rasch für beide Patienten knapp. Conway richtete sich auf, um die Wirkung auf das Neugeborene besser beobachten zu können, und duckte sich dann blitzschnell, um einer der Tentakel auszuweichen, die auf seinen Kopf zuraste.

„Halten Sie ihn fest, bevor er von der Schale fällt!“ rief Conway. „Vergessen Sie den Transportkäfig. Der junge FSOJ ist immer noch teilweise gelähmt, halten Sie ihn also an den Tentakeln fest, und tragen Sie ihn in den Kraftraum. Ich würde Ihnen gerne helfen, aber ich muß auf diesen Behälter aufpassen.“

Ich bin mir eines ständig zunehmenden körperlichen Wohlbehagens bewußt, meldete sich das Neugeborene.

Der von Murchison an einem Tentakel und von Thornnastor an den übrigen dreien getragene junge Beschützer schwang aufgrund seiner Bemühungen, sich zu befreien, zwischen der Terrestrierin und dem Tralthaner abwechselnd nach oben und unten. Conway folgte den dreien zur Tür des kleineren FSOJ-Lebenserhaltungskomplexes.

Mit Hilfe tralthanischer Tentakel, weiblicher DBDG-Hände und einem von Conways großen Füßen waren sie in der Lage, das Neugeborene ruhigzustellen, während der Diagnostiker auf Probe den Rest des Sekrets verabreichte, das die Lähmung aufhob. Danach schoben sie den Patienten in den Raum und verschlossen die Tür.

Sofort raste der junge Beschützer, der vor kurzem noch ein Ungeborenes gewesen war, durch den hohlen Zylinder und ging auf die Stangen, Keulen und Spieße los, die nach ihm schlugen und stießen.

„Wie geht's?“ fragte oder vielmehr dachte Conway besorgt.

Gut. Wirklich blendend. Das ist äußerst anregend, lautete die Antwort. Aber ich mache mir Sorgen um mein Elternteil.

„Das geht uns genauso“, erwiderte Conway und ging, gefolgt von Murchison und Thornnastor, zum Operationsgestell zurück, wo Prilicla direkt über dem Beschützer an der Decke klebte. Der minimale Abstand, in dem sich der Empath befand, war sowohl ein Zeichen für seine Besorgnis aufgrund des Zustands des Patienten als auch wegen der schwachen emotionalen Ausstrahlung des FSOJ.

„Lebenserhaltungsteam!“ rief Conway den Wesen zu, die am anderen Ende der Station warteten. „Kommen Sie sofort wieder hierher! Lockern Sie die Fesseln der Gliedmaßen. Lassen Sie ihnen ein wenig Bewegungsfreiheit, aber nicht so viel, daß das Operationsteam gefährdet wird.“

Die Naht des Panzers mußte immer noch fertiggestellt werden, und da Thornnastor und Conway zusammen daran arbeiteten, dauerte die ganze Arbeit nur knapp eine Viertelstunde. In dieser Zeit rührte der Beschützer keinen Muskel, nur hin und wieder durchlief ihn ein leichtes Zittern, das von den Schlägen und Stößen herrührte, die ihm der Lebenserhaltungsmechanismus versetzte. Aus Rücksicht auf den stark geschwächten postoperativen Zustand des Patienten hatte Conway angeordnet, die Anlage auf halber Kraft laufen zu lassen und der Lunge des FSOJ durch Druck reinen Sauerstoff zuzuführen. Doch auch nachdem alle noch fehlenden Nähte angelegt waren und man mit dem Scanner eine eingehende Untersuchung des vorherigen Eingriffs im Körperinnern durchgeführt hatte, erfolgte immer noch keine körperliche Reaktion.

Irgendwie mußte er den Beschützer wachbekommen und zu dem in tiefer Bewußtlosigkeit befindlichen Gehirn durchdringen. Für dieses Vorhaben stand nur ein Weg zur Verständigung offen, nämlich Schmerz.

„Schalten Sie den Lebenserhaltungsmechanismus auf volle Kraft“,

ordnete Conway an, wobei er seine Verzweiflung hinter einer zuversichtlichen Miene verbarg. „Gibt es schon eine Veränderung, Prilicla?“

„Keinerlei Anzeichen für eine Veränderung“, antwortete der Empath und zitterte aufgrund eines Gefühlsausbruchs, der nur von dem Diagnostiker auf Probe stammen konnte.

Plötzlich verlor Conway die Geduld.

„Beweg dich, verdammt noch mal!“ brüllte er und schlug mit der Handkante nach unten auf die Innenseite des Ansatzes des nächsten Tentakels, der immer noch schlaff zu voller Länge ausgestreckt dalag. Die Stelle, die er getroffen hatte, war rosa und relativ weich, weil es nur wenigen der natürlichen Feinde des Beschützers gelungen wäre, so nah heranzukommen, und die Haut dort dünn war. Aber auch so schmerzte Conway die Hand.

„Noch mal, mein Freund“, sagte Prilicla. „Schlagen Sie ihn noch mal, aber fester!“

„W. was?“ fragte Conway.

Jetzt zitterte Prilicla vor Aufregung. „Ich glaube, nein, ich bin mir sicher, daß ich genau im Moment des Schlags ein kurzes Aufflackern des Bewußtseins gespürt habe“, erklärte er. „Schlagen Sie ihn! Schlagen Sie ihn noch mal!“

Gerade wollte Conway der Aufforderung Folge leisten, als sich plötzlich einer von Thornnastors Tentakeln um sein Handgelenk schlängelte. „Durch den wiederholten Mißbrauch der Hand wird die chirurgische Geschicklichkeit dieser lächerlichen DBDG-Finger nicht gerade größer, Conway. Lassen Sie mich mal ran“, schlug er vor.

Der Diagnostiker nahm eine der Dehnsonden und schlug sie mit aller Kraft genau auf die bezeichnete Stelle. Er wiederholte die Schläge, wobei er die Häufigkeit veränderte und die Stärke allmählich steigerte, als Prilicla plötzlich rief: „Fester! Fester!“

Conway bekämpfte erfolgreich den Drang, in hysterisches Gelächter auszubrechen.

„Mein kleiner Freund“, sagte er ungläubig, „versuchen Sie, der erste grausame und sadistische Cinrussker der Föderation zu werden? Sie klingen ganz so, als ob. Warum laufen Sie denn weg?“

Sich zwischen den Beleuchtungskörpern hindurchschlängelnd und sich immer wieder duckend, raste der Empath an der Decke entlang auf den Stationseingang zu. Über den Kommunikator erklärte er: „Der Beschützer kommt rasch wieder zu Bewußtsein und ist äußerst wütend. Seine emotionale Ausstrahlung. na ja, es ist sowieso nicht gerade angenehm, in seiner Nähe zu sein, und wenn er wütend ist, erst recht nicht.“

Als der Beschützer das volle Bewußtsein erlangte und mit Tentakeln, Schwanz und gepanzertem Kopf in alle Richtungen zu dreschen begann, wurde das relativ unstabile Operationsgestell zerstört. Doch der Lebenserhaltungsmechanismus rings um das Gestell war nicht nur dafür gebaut, einer derart groben Behandlung standzuhalten, sondern auch zurückzuschlagen. Eine ganze Weile standen sie alle ehrfürchtig schweigend da und beobachteten den FSOJ, bis Murchison augenscheinlich erleichtert auflachte.

„Ich glaube, wir können mit Fug und Recht behaupten, Elternteil und Junges sind wohlauf“, stellte sie fest.

Thornnastor, der eins seiner Augen auf den Kraftraum gerichtet hatte, entgegnete: „Da wäre ich mir nicht zu sicher. Das Junge hat beinahe ganz aufgehört, sich zu bewegen.“

Sie rannten oder vielmehr trampelten zum kleineren Lebenserhaltungssystem des jungen Beschützers zurück. Als sie ihn ein paar Minuten zuvor verlassen hatten, war er noch durch den Zylinder gestürmt und hatte fröhlich auf alles sich mechanisch Bewegende eingedroschen. Wie Conway aber mit Entsetzen feststellen mußte, stand er nun still in seinem von Keulen gesäumten Tunnel, hatte lediglich zwei seiner Tentakel um einen dicken hervorstehenden Knüppel geschlungen und versuchte, ihn aus der Halterung zu reißen, während die übrigen beiden Tentakel vollkommen reglos herabhingen. Bevor Conway etwas sagen konnte, ging ihm ein kühler, klarer und sorgenfreier Gedankenstrom durch den Kopf.

Danke, meine Freunde. Sie haben mein Elternteil gerettet und erfolgreich die erste Entbindung eines intelligenten und telepathischen Beschützers durchgeführt. Mit großer Mühe habe ich mich auf die Gedanken mehrerer verschiedener Lebensformen in diesem großen Hospital eingestellt, von denen mich jedoch, mit Ausnahme der Wesen Conway, Thornnastor und Murchison, keine empfangen konnte. Aber aufgrund Ihrer Anstrengungen gibt es noch zwei weitere Wesen, mit denen ich mich klar und ohne Schwierigkeiten verständigen kann. Dabei handelt es sich zum einen um das nächste Ungeborene, das bereits im Körper meines Elternteils Gestalt annimmt, und zum anderen um das Ungeborene, das in mir selbst heranwächst. Ich sehe schon eine Zukunft voraus, in der sich eine wachsende Zahl von Ungeborenen als telepathische Beschützer geistig weiterentwickeln und dadurch die technische, kulturelle und philosophische Entfaltung ermöglichen werden…

Auf einmal wurde der klare, ruhige und in stiller Freude übertragene Gedankenstrom durch Besorgnis getrübt.

… ich kann doch davon ausgehen, daß diese knifflige und schwierige Operation wiederholt werden kann?

„Knifflig?“ rief Thornnastor aus und gab einen unübersetzbaren Laut von sich. „Das war der gröbste Eingriff, den ich je erlebt habe. Schwierig, ja. Aber doch nicht knifflig! In Zukunft werden wir bei den Drüsensekreten nicht herumraten müssen. Dann werden wir das richtige Sekret synthetisch hergestellt und jederzeit griffbereit haben, wodurch der Risikofaktor um ein ganzes Stück verringert wird.

Keine Angst, Sie werden Ihre telepathischen Gefährten schon bekommen“, schloß der Tralthaner. „Das verspreche ich Ihnen.“

Telepathische Versprechen waren äußerst schwer zu halten und nur unter noch größeren Schwierigkeiten zu brechen. Conway wollte den Tralthaner davor warnen, derartige Versprechen zu leichtfertig zu geben, aber aus irgendeinem Grund wußte er, daß Thornnastor das begriffen hatte.

Ich danke Ihnen und allen anderen ehemaligen und zukünftigen Beteiligten. Aber jetzt muß ich den Kontakt abbrechen, weil die geistige Anstrengung, die erforderlich ist, um mit Ihren Gedanken in Übereinstimmung zu bleiben, für mich zuviel wird. Nochmals vielen Dank.

„Moment“, sagte Conway in eindringlichem Ton. „Warum haben Sie aufgehört, sich zu bewegen?“

Ich probiere etwas aus. Ich war davon ausgegangen, keine willentliche Kontrolle über meine Körperbewegungen zu haben, aber das ist offensichtlich nicht der Fall. In den vergangenen Minuten ist es mir unter großer geistiger Anstrengung gelungen, alle für mein Wohlbefinden erforderlichen Kräfte für den Versuch zusammenzunehmen, nicht wahllos nach allem zu schlagen, sondern dieses eine Stück Metall zu zerstören. Das ist jedoch äußerst schwierig, und ich muß mich bald ausruhen und wieder dem unwillkürlichen System die Kontrolle überlassen. Das ist der Grund, weshalb ich den zukünftigen Fortschritten meiner Spezies so optimistisch gegenüberstehe. Durch ständige Übung wird es mir möglicherweise gelingen, die Wesen um mich herum vielleicht immer etwa eine Stunde lang nicht anzugreifen. Sich die Angst vor den Angriffen zu vergegenwärtigen, ist viel schwieriger, und da brauche ich womöglich Ihren Rat…

„Das ist ja großartig!“ rief Conway begeistert aus, doch die Stimme fuhr noch einen Moment lang fort.

…aber aus diesem Mechanismus möchte ich nicht herausgelassen werden, weil ich es nicht riskieren will, zwischen Ihren Patienten und Personalmitgliedern Amok zu laufen. Meine Selbstbeherrschung ist alles andere als vollendet, und mir ist klar, daß ich noch nicht zum gesellschaftlichen Umgang mit Ihnen bereit bin.

Einen Augenblick juckte es Conway zwischen den Ohren, dann trat eine große geistige Leere ein, die langsam von eigenen und merkwürdig vereinzelten Gedankengängen ausgefüllt wurde.

21. Kapitel

Conways zweite Diagnostikerversammlung war insofern anders, als daß er dieses Mal zu wissen glaubte, was ihn dort erwartete: nämlich eine Untersuchung und gnadenlose Fachbefragung zu seinem jüngsten Verhalten bei der Operation. Doch diesmal waren auch zwei Nichtdiagnostiker zugegen, der Chefpsychologe und Colonel Skempton, der für die Versorgung und Wartung des Hospitals verantwortliche Monitorkorpsofffizier. Und diese beiden waren es, die offenbar im Zentrum des Interesses, der Befragung und der Kritik standen, und zwar in einem Maße, daß Conway nicht nur Mitleid mit ihnen empfand, sondern ihnen auch dankbar war, weil sie ihm zusätzliche Zeit verschafften, sich auf seine eigene Verteidigung vorzubereiten.

Diagnostiker Semlic mußte bezüglich der Energiequelle für einen neuen Synthesizer beruhigt werden, die zwei Ebenen über seinem dunklen und ungeheuer kalten Herrschaftsbereich installiert wurde, insbesondere darüber, daß die bereits bestehende Abschirmung ausreichenden Schutz vor dem erhöhten Verseuchungsrisiko der Methanstationen durch Hitze und Strahlung bot. Die Diagnostiker Suggrod und Kursedth wollten beide wissen, ob hinsichtlich der Schaffung zusätzlicher Quartiere für das kelgianische medizinische Personal — wenn überhaupt — irgendwelche Fortschritte erzielt worden seien. Einige Mitglieder dieser Spezies bewohnten nämlich die ehemaligen Unterkünfte für Illensaner, die allen Maßnahmen zum Trotz immer noch nach Chlor stanken.

Während Colonel Skempton die beiden Kelgianer zu überzeugen versuchte, daß der Geruch rein psychosomatische Ursachen habe, da er von den hochsensiblen Detektoren seiner Abteilung nicht registriert werde, begann Ergandhir, der melfanische Diagnostiker, bereits damit, eine Anzahl zugegebenermaßen geringfügiger Mängel der Ausstattung der ELNT-Station aufzuzählen, die sowohl bei den Patienten als auch beim Personal zunehmend Verdruß hervorriefen. Der Colonel entgegnete, die Ersatzteile seien bereits bestellt worden, doch müsse aufgrund ihrer höchst speziellen Beschaffenheit mit Verzögerungen gerechnet werden. Dieser Wortwechsel war noch nicht beendet, als Vosan, der wasseratmende AMSL, O'Mara fragte, ob es wirklich wünschenswert sei, die winzigen vogelähnlichen Nallajimer einer Station zuzuteilen, die für die dreißig Meter langen, gepanzerten und mit Tentakeln versehenen Chalder bestimmt sei, die die kleinen MSVKs aller Wahrscheinlichkeit nach versehentlich verschlucken würden.

Bevor der Chefpsychologe antworten konnte, äußerte Diagnostiker Lachlichi, der PVSJ, mit seiner freundlichen, zischenden Stimme ähnliche Vorbehalte gegenüber den Melfanern und Tralthanern, die in wachsender Zahl auf den Ebenen der Chloratmer auftauchten. Um Zeit zu sparen, so schlug er vor, könne O'Mara die Antwort vielleicht so abwandeln, daß sie sich auf beide Fragen beziehe.

„Eine korrekte Annahme, Lachlichi“, entgegnete O'Mara. „Für beide Fragen gilt die gleiche allgemeine Antwort.“ Er wartete, bis Ruhe eingekehrt war, und fuhr dann fort: „Vor vielen Jahren hat meine Abteilung ein Projekt ins Leben gerufen, das den Mitarbeitern, die nach meiner Beurteilung über das erforderliche Maß an psychologischer Anpassungsfähigkeit und Berufsbegabung verfügten, ermöglichen sollte, mit fremden Spezies eine so umfassende Erfahrung wie möglich zu sammeln. Anstatt sich auf die Behandlung von Patienten der eigenen oder einer ähnlichen physiologischen Klassifikation zu spezialisieren, bekamen diese Ärzte oftmals verblüffend verschiedenartige Fälle zugeteilt, für die ihnen auch die Verantwortung übertragen wurde, was dem zu der Zeit bekleideten Dienstgrad nicht immer angemessen war. Den Erfolg dieses Projekts kann man daran ermessen, daß zwei der ursprünglich Ausgewählten heute in dieser Besprechung sitzen“ — er warf einen flüchtigen Blick auf Conway und jemand anderen, der durch die dazwischenliegende Masse von Semlics Lebenserhaltungssystem verdeckt war —, „und die übrigen machen sich gut. Durch das Ausmaß des erreichten Erfolgs war es gerechtfertigt, das ursprüngliche Projekt auszuweiten, ohne die damaligen hohen Anforderungen herunterzuschrauben.“

„Davon hatte ich keine Ahnung“, räumte Lachlichi ein, wobei sich sein stacheliger, membranartiger Körper in der Schutzhülle aus gelbem Nebel unruhig bewegte.

Ergandhir klapperte mit dem Unterkiefer und fügte hinzu: „Ich ebenfalls nicht, obwohl ich vermutet hatte, daß so etwas in Gange sein könnte.“

Beide Diagnostiker starrten zur Stirnseite des Tisches, wo Thornnastor saß.

„In diesem Gebäude Geheimnisse zu bewahren ist schwierig, insbesondere für mich“, stellte der Chefdiagnostiker fest. „Die Anforderungen verlangen die weit überdurchschnittliche Fähigkeit, das für eine große Zahl von verschiedenen intelligenten Spezies Richtige zu verstehen, damit allgemein zurechtzukommen, es wirklich zu mögen und instinktiv zu tun. Aber man hatte sich dazu entschlossen, weder die ausgewählten Ärzte noch deren Kollegen und unmittelbaren Vorgesetzten von dem Projekt zu unterrichten, damit die Kandidaten, die die erforderlichen Eigenschaften an den Tag legten, nicht an dem Aufstieg in die Spitze scheiterten und als geachtete und fachlich begabte Chefärzte endeten. In vielen Fällen sind diese Wesen zu besseren Leistungen fähig als ihre manchmal gleich mehrfach geistesabwesenden Vorgesetzten; sie haben keinen Grund, sich zu schämen oder unzufrieden zu sein.“

Ich bin durchgefallen, dachte Conway verbittert, und Thorny versucht jetzt, mir das so schonend wie möglich beizubringen.

„….. und auf jeden Fall besteht gute Aussicht, daß sie es mit der Zeit schaffen werden“, fuhr Thornnastor fort. „Deshalb darf — aus naheliegenden Gründen — mit niemand anderem als den hier Anwesenden über die Existenz des Projekts und des Auswahlverfahrens des Chefpsychologen gesprochen werden.“

Vielleicht hatte er doch noch eine Chance, dachte Conway, zumal er von O'Maras Projekt unterrichtet worden war. Doch als O'Mara wieder das Wort ergriff, versuchte ein anderer Teil von Conways Gehirn sich trotzdem mit der sonderbaren Vorstellung eines verschwiegenen und heimlichtuerischen Thornnastors anzufreunden, der nicht als das schlimmste Klatschmaul im ganzen Hospital verschrien war.

„Es liegt nicht in unserer Absicht, Mitarbeiter über den Stand ihrer Fachkompetenz hinaus zu befördern“, erklärte der Chefpsychologe. „Aber die an dieses Krankenhaus gestellten Anforderungen machen es für uns notwendig, die medizinischen und“ — er warf einen raschen Blick auf Colonel Skempton — „die wartungstechnischen Mittel so weit wie möglich auszuschöpfen. Hinsichtlich der Invasion von Nallajimern auf den Chalderstationen habe ich festgestellt, daß überall eine ganze Menge zusätzlicher Sorgfalt aufgewandt wird und es sich günstig auf die Arzt-Patienten-Beziehung auswirkt, wenn ein Arzt oder eine Schwester von dem Patienten mehr gefährdet ist als der Patient von der Krankheit oder, wie es auf den Chlorstationen der Fall sein wird, die bloße Körpermasse der Krankenpfleger für den Patienten eine größere Gefahr darstellt als die Krankheit selbst.

Und wo wir gerade bei dem Projekt sind“, fuhr O'Mara fort, „ich habe eine kurze Liste mit Namen von Ärzten erstellt, die, nach meiner Meinung und abhängig von Ihrer Beurteilung der jeweiligen Fachkompetenz, die Beförderung zum Chefarzt verdient haben. Dabei handelt es sich um die Ärzte Seldal, Westimorral, Shu und Tregmar. Ein Chefarzt, dessen Beförderung zum Diagnostiker in Erwägung gezogen werden sollte, ist natürlich Prilicla. Ihr Mund steht offen, Conway. Möchten Sie irgendeine Bemerkung machen?“

Conway schüttelte den Kopf und stammelte: „Ich. ich bin nur überrascht, daß ein Cinrussker ernsthaft in Betracht gezogen wird. Er ist sehr empfindlich und furchtbar schüchtern, und außerdem würde ihn das durch die verschiedenen Persönlichkeiten im Kopf hervorgerufene Durcheinander in Gefahr bringen. Aber als Freund stehe ich natürlich voll auf seiner Seite und würde nicht wollen.“

„Unter den Mitarbeitern des Hospitals gibt es niemanden, der nicht auf Priliclas Seite steht“, unterbrach Thornnastor ihn schwerfällig.

Wie Conway wußte, starrte ihn O'Mara mit Augen an, die einen so scharf analytischen Verstand enthüllten, daß der Chefpsychologe das besaß, was man fast als telepathische Fähigkeiten bezeichnen konnte. Conway war froh, daß sein empathischer Freund nicht anwesend war, denn seine Gedanken und Empfindungen waren nichts, auf das man stolz sein konnte: Es handelte sich um eine Mischung aus verletztem Stolz und Eifersucht. Nicht, daß er auf Prilicla neidisch gewesen wäre oder ihn in irgendeiner Weise hätte herabsetzen wollen. Er war ehrlich erfreut, daß der Cinrussker so gute Zukunftsaussichten hatte. Aber die Vorstellung, daß der Empath für eine Position unter der Elite des Hospitals herangezogen wurde, während er selbst durchaus nur ein fähiger und angesehener Chefarzt bleiben könnte.

„Conway“, sagte O'Mara leise. „Ich schlage vor, Sie erklären mir, warum Prilicla für den Dienstgrad eines Diagnostikers in Betracht gezogen werden sollte. Seien Sie so voreingenommen oder unvoreingenommen wie Sie wollen.“

Einige Sekunden lang schwieg Conway, während er sich sowohl in den Gehirnaufzeichnungen seiner Alter egos als auch im eigenen Kopf um Objektivität bemühte — wenn er an Belanglosigkeiten dachte, brachten seine Gehirnpartner immer wieder ihre Bagatellen vor. Schließlich sagte er: „Die zusätzliche körperliche Verletzungsgefahr ist vielleicht gar nicht so groß, weil Prilicla schon sein ganzes Leben lang physischen und psychologischen Gefahren aus dem Weg geht, und dieser Zustand würde sich fortsetzen, selbst wenn er anfangs von einer Reihe von Gehirnpartnern durcheinandergebracht werden könnte. Diese Verwirrung mag nicht so schlimm sein, wie ich zuerst angenommen habe, da er als Empath bereits mit den Empfindungen einer äußerst großen Bandbreite verschiedener physiologischer Typen vertraut ist, und es ist ja gerade das Vorhandensein dieser fremdartigen Gedanken und Gefühle, die bei uns Nichtempathen die größte geistige Verwirrung hervorrufen.

Im Laufe meiner langjährigen engen Zusammenarbeit mit Prilicla habe ich die Anwendung seiner speziellen Talente beobachtet und dabei festgestellt, daß er in immer größerem Maße Verantwortung übernommen hat, die ihm oft starke emotionale Beschwerden bereitete“, fuhr Conway fort. „Als letztes hat er die Bergung beim Unfall im Meneldensystem organisiert und geleitet und wertvolle Hilfe bei der Entbindung des Ungeborenen geleistet. Ich kann mir niemanden vorstellen, der die Gogleskanerin Khone nach ihrem Eintreffen besser beruhigen könnte und.“

Da er merkte, daß er vom Thema abkam, brach er den Satz ab und erklärte abschließend einfach: „Ich glaube, Prilicla wird ein guter Diagnostiker.“

Im stillen fügte er hinzu: Ich wünschte, es wäre jemand hier, der über mich etwas Nettes sagen würde.

Der Chefpsychologe musterte ihn mit einem langen, forschenden Blick und sagte dann: „Schön, daß wir einer Meinung sind, Conway. Dieser kleine Empath kann sowohl seinen Untergebenen als auch seinen Vorgesetzten Höchstleistungen abverlangen, und zwar ohne dabei das kleinste bißchen unangenehm zu werden, wie es einige von uns nicht vermeiden können.“ Er lächelte säuerlich und sagte dann: „Trotzdem braucht Prilicla noch mehr Zeit. Er muß wenigstens noch ein Jahr als Leiter des medizinischen Teams auf der Rhabwar arbeiten und zwischen den Rettungseinsätzen zusätzliche Verantwortung auf den Stationen übernehmen.“

Conway schwieg, und O'Mara setzte seine Ausführungen fort. „Wenn Ihre FOKT-Freundin im Hospital aufgenommen worden ist und sie mir für die gesamte Palette psychologischer Tests zur Verfügung steht, wird es mir mit ziemlicher Sicherheit gelingen, die Eindrücke auszulöschen, die Sie in Khones Kopf hinterlassen haben und Khone in Ihrem. Ich will jetzt nicht auf Einzelheiten eingehen, aber diese störenden gogleskanischen Empfindungen werden Sie nicht mehr allzu lange belasten.“

O'Mara blickte ihn offenbar in Erwartung eines dankbaren Worts oder irgendeiner Antwort neugierig an, aber Conway brachte keinen Ton heraus. Er dachte über das einsame, geduldige, von Alpträumen verfolgte und dennoch nicht ganz unglückliche Individuum nach, das die Gedanken mit ihm teilte und seine Handlungen beeinflußte, und das manchmal auf so feine Weise, daß er es kaum bemerkte, und er dachte darüber nach, wie unkompliziert das Leben wäre, wenn sein Kopf wieder einzig und allein ihm gehörte — das heißt, bis auf die Gehirnströme der Wesen vom Band, die jederzeit gelöscht werden konnten. Er stellte sich Khone im Krankenhaus vor, die jedesmal das große Zittern befallen würde, sobald eine nichtgogleskanische Lebensform vorbeikäme, was im Orbit Hospital sehr oft geschah, und er erwog die Bedeutung, die ihr Besuch für das Finden einer Lösung der bei der gesamten Spezies verbreiteten Psychose hatte. Aber hauptsächlich dachte er an Khones einzigartige Fähigkeit, die Gedanken in den Hintergrund zu rücken und aufzusplittern, und an ihren beständig von Neugier und Vorsicht bestimmten Standpunkt, der in Conway den Wunsch erweckte, all seine Gedanken und Handlungen noch einmal zu überprüfen, und der nach der Umsetzung von O'Maras Vorschlag nicht mehr da wäre, um ihn zu bremsen. Schließlich seufzte er und entgegnete bestimmt: „Nein, die möchte ich behalten.“

Von der Tischrunde wurden eine ganze Reihe unübersetzbarer Laute ausgestoßen, während O'Mara Conway weiterhin unerschrocken musterte.

Schließlich brach Colonel Skempton das Schweigen. „Welche besonderen Probleme kommen durch diese Gogleskanerin auf meine Abteilung zu?“ erkundigte er sich. „Nach dem Beschützer und dem Kraftraum für das Junge und der plötzlich immens steigenden Nachfrage nach Gliedmaßenprothesen für Hudlarer würde ich es vorziehen, wenn.“

„Es gibt keine besonderen Anforderungen, Colonel“, unterbrach ihn Conway lächelnd, „bis auf einen kleinen Isolierraum mit einer beschränkten Besucherliste und der normalen Umgebung für einen warmblütigen S auerstoffatmer.“

„Na, dem Himmel sei Dank!“ rief Skempton erleichtert aus.

„Und was die Prothesen für Hudlarer betrifft“, meldete sich Thornnastor zu Wort, wobei er ein Auge auf den Colonel richtete, „wird es wegen der von Conway angeregten Amputationen bei noch nicht alterskranken Hudlarern, die inzwischen die Zustimmung des Chefpsychologen und offenbar auch die aller alternden FROBs gefunden haben, an die O'Mara herangetreten ist, zu einer zusätzlichen Nachfrage kommen. Es wird jedoch viel mehr Freiwillige für die Amputation geben, als das Hospital aufnehmen kann, deshalb werden wir Ihre Abteilung nicht an der Massenproduktion von Prothesen für Hudlarer beteiligen, sondern.“

„Da fällt mir ja ein noch größerer Stein vom Herzen“, warf der Colonel ein.

„…diese nach unseren Entwürfen auf Hudlar selbst herstellen lassen“, fuhr Thornnastor fort. „Auch die Operationen werden dort durchgeführt werden, und zwar von hudlarischen Ärzten, die wir hier am Hospital in den erforderlichen Operationstechniken ausbilden werden. Das zu organisieren wird eine gewisse Zeit dauern, Conway, aber ich unterstelle die Angelegenheit Ihrer Verantwortung und möchte Sie bitten, diese besonders vordringlich zu behandeln.“

Conway dachte an den einzigen hudlarischen Arzt, der derzeit am Hospital ausgebildet wurde, und an die große Zahl auszubildender Ärzte derselben Spezies, die hinzustoßen würden, und fragte sich, ob sie eine ähnliche persönliche Ausstrahlung und ebensolche Charaktereigenschaften besäßen. Doch dann hielt er sich die regelrechte Hölle vor Augen, die die Patienten auf der Hudlarergeriatrie durchmachten, die bei voll funktionierendem Verstand in ihren von Krankheit heimgesuchten, verfallenden und schmerzgeplagten Körpern gefangen waren, und entschloß sich, dem Ausbildungsprogramm auch persönlich besonderen Vorrang einzuräumen.

„Ja, natürlich“, sagte er schließlich zu Thornnastor, und an O'Mara gewandt fügte er hinzu: „Dankeschön.“

In beunruhigender Weise verbog Thornnastor die Augenstiele, um alle Anwesenden gleichzeitig anzusehen, und sagte: „Lassen Sie uns diese Besprechung so bald wie möglich beenden, damit wir uns wieder dem Führen des Hospitals zuwenden können, anstatt endlos darüber zu reden. O'Mara, Sie haben noch etwas zu sagen?“

„Nur noch die Vervollständigung der Liste mit den Beförderungs- und Ernennungsvorschlägen“, murmelte der Chefpsychologe und fuhr mit fester Stimme fort: „Ich werde mich kurzfassen. Es steht noch ein Name drauf, der von Conway, der — vorbehaltlich des zufriedenstellenden Ergebnisses der mündlichen Befragung durch die Anwesenden — in seinem derzeitigen Dienstgrad bestätigt und zum leitenden Diagnostiker der Chirurgie ernannt werden soll.“

Thornnastor warf einen kurzen Blick in die Runde, bevor er sich wieder an O'Mara wandte und sagte: „Nicht nötig. Keine Einwände. Bestätigt.“

Nach den Glückwünschen saß Conway nur da und starrte den Chefpsychologen verdutzt an, während die größeren und schwereren Kollegen in der Überzeugung hinausgingen, der frischgebackene Diagnostiker werde hochzufrieden mit sich sein, sobald sich der erste Schreck erst einmal gelegt habe. O'Mara starrte seinerseits mit so grimmiger und vergrätzter Miene zurück wie immer, aber in seinen Augen lag ein Ausdruck, der sehr große Ähnlichkeit mit väterlichem Stolz hatte.

„So, wie Sie sich in den vergangenen Wochen bei den Patienten im wahrsten Sinne des Wortes durchgeschlagen haben“, sagte O'Mara barsch, „was haben Sie da anderes erwartet?“