/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Stoner (dt.)

John Williams


Stoner

John Williams

1965

1

‘Stoner’ war einer der großen vergessenen Romane der amerikanischen Literatur. John Williams erzählt das Leben eines Mannes, der, als Sohn armer Farmer geboren, schließlich er seine Leidenschaft für Literatur entdeckt und Professor wird — es ist die Geschichte eines genügsamen Lebens, das wenig Spuren hinterließ — aber auch die Geschichte des wahrhaftigen Lebens.

Ein Roman über die Freundschaft, die Ehe, ein Campusroman, ein Gesellschaftsroman, schließlich ein Roman über die Arbeit. Über die harte, erbarmungslose Arbeit auf den Farmen, über die Arbeit, die einem eine zerstörerischen Ehe aufbürdet, über die Mühe, in einem vergifteten Haushalt mit geduldiger Einfühlung eine Tochter großzuziehen und an der Universität oft teilnahmslosen Studenten Literatur nahebringen zu wollen. Vor allem aber ist ‘Stoner’ ein Roman über die Liebe. Über die Liebe zur Poesie und zur Literatur. Und über die Liebe zwischen Mann und Frau.

Es ist ein Roman darüber, was es heißt, ein Mensch zu sein.

Inhaltsverzeichnis

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

Dieses Buch ist meinen Freunden und früheren Kollegen am Fachbereich Englisch der Universität Missouri gewidmet. Sie werden ohne Weiteres erkennen, dass es sich hierbei um ein Werk der Fiktion handelt, dass keine der darin vorkommenden Personen noch lebende oder bereits gestorbene Vorbilder haben und dass kein Ereignis seinen Widerpart in jener Wirklichkeit findet, wie wir sie an der Universität Missouri kannten. Sie werden ebenfalls bemerken, dass ich mir mit der Universität Missouri gewisse Freiheiten sowohl in räumlicher wie in historischer Hinsicht erlaubt habe, weshalb auch sie letztlich ein fiktiver Ort ist.

I

William Stoner begann 1910, im Alter von neunzehn Jahren, an der Universität von Missouri zu studieren. Acht Jahre später, gegen Ende des Ersten Weltkriegs, machte er seinen Doktor der Philosophie und übernahm einen Lehrauftrag an jenem Institut, an dem er bis zu seinem Tode im Jahre 1956 unterrichten sollte. Er brachte es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten, die an seinen Kursen teilnahmen, erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn. Als er starb, spendeten seine Kollegen der Universitätsbibliothek ihm zu Ehren ein mittelalterliches Manuskript, das man dort vermutlich noch heute in der Abteilung für seltene Bücher findet. Es enthält die Widmung: »Der Bibliothek der Universität Missouri überreicht zur Erinnerung an William Stoner, Fachbereich Englisch. Von seinen Kollegen.«

Der ein oder andere Student, der den Namen William Stoner liest, mag sich fragen, wer er war, doch geht die Neugier selten über müßige Spekulationen hinaus. Stoners Kollegen, die ihn zu seinen Lebzeiten nicht besonders schätzten, erwähnen ihn heutzutage nur noch selten: Den Älteren bedeutet sein Name eine Erinnerung an das Ende, das sie alle erwartet, für die Jüngeren ist er bloß ein Klang, der ihnen weder die Vergangenheit näherbringt noch eine Person, die sich mit ihnen oder ihrer Karriere verbinden ließe.

___________

Er wurde 1891 auf einer kleinen Farm im tiefsten Missouri unweit des Dorfes Booneville geboren, etwa sechzig Kilometer außerhalb der Universitätsstadt Columbia. Obwohl die Eltern bei seiner Geburt noch jung waren — der Vater fünfundzwanzig, die Mutter kaum zwanzig —, fand Stoner sie auch als kleiner Junge schon alt. Mit dreißig wirkte sein Vater wie fünfzig und blickte, von der Arbeit gebeugt, ohne Hoffnung über den kargen Flecken Land, der seine Familie von einem aufs andere Jahr ernährte. Die Mutter nahm ihr Leben so geduldig hin, als währte es nur eine kurze Spanne, die sie durchzustehen hatte. Ihre Augen waren blass und trüb, und die winzigen Falten ringsherum wurden vom dünnen, ergrauenden Haar noch betont, das straff am Schädel anlag und im Nacken zu einem Knoten zusammengefasst war.

Solange William Stoner sich erinnern konnte, hatte er Pflichten zu erledigen. Mit sechs Jahren melkte er die mageren Kühe, fütterte die Schweine im wenige Meter vom Haus entfernten Stall und sammelte die kleinen Eier einer Schar dürrer Hühner ein. Auch als er anfing, in die zwölf Kilometer entfernte Landschule zu gehen, bestimmten seinen Tag die unterschiedlichsten Tätigkeiten, vom Morgengrauen bis nach Sonnenuntergang. Und bereits mit siebzehn begannen seine Schultern, sich unter der Last dieser Mühen zu beugen.

Es war ein einsamer Hof, auf dem er das einzige Kind blieb, doch die Not der täglichen Plackerei hielt den Haushalt zusammen. Abends saßen die drei beim Licht der Petroleumlampe und starrten in die gelbe Flamme; der einzige Laut, den man in der knappen Stunde zwischen Abendbrot und Bett hören konnte, war meist nur das Räkeln eines müden Körpers auf einem harten Stuhl oder das leise Knarren eines Pfostens, der sacht unter dem Alter des Mauerwerks nachgab.

Das Haus war etwa im Quadrat gebaut, und das rohe Gebälk, das auf der Veranda und an den Türen schon ein wenig durchhing, hatte mit den Jahren die Farben der ausgelaugten Felder angenommen — grau und braun mit weißlichen Streifen. Auf der einen Seite war das langgezogene Wohnzimmer, spärlich möbliert mit geradlehnigen Stühlen und einigen grob behauenen Tischen, außerdem die Küche, in der die Familie gewöhnlich ihre wenige gemeinsame Zeit verbrachte. Auf der anderen Seite lagen zwei Schlafzimmer, in denen jeweils ein eisernes, weiß emailliertes Bettgestell, ein einzelner Stuhl und ein Tisch mit Lampe und Waschschüssel standen. Der Boden war aus blanken, ungleich verlegten, altersrissigen Dielen, durch die ständig Staub drang, der von Stoners Mutter Tag für Tag wieder nach draußen gefegt wurde.

In der Schule erledigte William Stoner seine Aufgaben, als zählten sie zu seinen täglichen Pflichten, auch wenn sie nicht ganz so anstrengend waren wie die auf der Farm. Im Frühjahr 1910 schloss er die Highschool ab und nahm an, auf der Farm nun weitere Arbeiten übernehmen zu müssen; es schien ihm, als sei der Vater in letzter Zeit immer schwerfälliger und müder geworden.

Eines Abends im späten Frühling aber, nachdem die beiden Männer den ganzen Tag lang Mais gehackt hatten, richtete sein Vater, sobald das Abendbrot abgeräumt worden war, in der Küche das Wort an ihn.

»Der Viehhändler kam letzte Woche.«

William blickte von dem ordentlich mit einem rot-weiß karierten Wachstuch bedeckten runden Küchentisch auf, sagte aber nichts.

»Angeblich gibt’s ein neues Institut an der Universität in Columbia. Heißt Landwirtschaftscollege. Meinte, du solltest hin. Dauert vier Jahre.«

»Vier Jahre«, sagte William. »Kostet das was?«

»Für Kost und Logis kannst du arbeiten«, erwiderte sein Vater. »Deine Ma hat einen Vetter, dem gehört bei Columbia ein Hof. Und dann wären da noch Bücher und so Sachen, aber ich würde dir jeden Monat zwei, drei Dollar schicken.«

William spreizte die Hände auf dem im Licht der Lampe matt schimmernden Tischtuch. Er war nie weiter fort als im fünfzehn Meilen entfernten Boonesville gewesen und musste schlucken, ehe er mit ruhiger Stimme fragen konnte:

»Glaubst du denn, du kommst hier allein zurecht?«

»Deine Ma und ich, wir schaffen das schon. Ich könnte auf den oberen zwanzig Morgen Weizen anpflanzen, macht weniger Arbeit.«

William sah zu seiner Mutter hinüber. »Ma?«, fragte er.

Mit tonloser Stimme antwortete sie: »Du tust, was dein Pa dir sagt.«

»Ihr wollt das wirklich?«, fragte er, als rechne er halb damit, dass sie es sich anders überlegten. »Ihr wollt wirklich, dass ich das mache?«

Sein Vater verlagerte sein Gewicht auf dem Stuhl und betrachtete die dicken, schwieligen Finger, in deren Risse die Erde so tief eingedrungen war, dass sie sich nicht mehr herauswaschen ließ. Dann verschränkte er die Hände und hielt sie über dem Tisch, als wollte er beten.

»War nicht viel, was ich an Schule hatte«, sagte er, den Blick noch auf die Hände gerichtet. »Hab auf dem Hof angefangen, sobald ich mit der sechsten Klasse fertig war. Hielt auch nicht viel von der Schule, als ich noch jung war, aber heute? Ich weiß nicht. Kommt mir vor, als würde das Land von Jahr zu Jahr trockener und der Boden schwerer zu bearbeiten, dabei war es schon kein guter Boden, als ich noch klein war. Der Viehhändler sagt, es gibt neue Ideen, neue Methoden, die sie einem an der Universität beibringen. Vielleicht hat er recht. Manchmal, auf dem Acker, da mache ich mir so meine Gedanken.« Er schwieg. Die Finger pressten sich fester aneinander, die verschlungenen Hände sanken auf den Tisch. »… so meine Gedanken.« Stirnrunzelnd betrachtete er die Hände und schüttelte den Kopf. »Kommenden Herbst gehst du zur Universität. Und deine Ma und ich, wir schaffen das schon.«

Es war die längste Rede, die ihm sein Vater je gehalten hatte. Also fuhr er im Herbst nach Columbia und schrieb sich am Kolleg für Agrarwirtschaft ein.

___________

Mit einem neuen Anzug aus feinem schwarzen Tuch, bestellt aus dem Katalog von Sears & Roebuck und bezahlt mit Mutters Eiergeld, sowie einem gebrauchten Mantel vom Vater, einer Hose aus blauer Serge, die er bislang nur einmal im Monat zum Besuch der Methodistenkirche in Booneville getragen hatte, sowie mit zwei weißen Hemden, Arbeitssachen zum Wechseln und fünfundzwanzig Dollar in bar, die sich sein Vater vom Nachbarn auf den Herbstweizen geliehen hatte, machte er sich auf den Weg nach Columbia. Von Booneville aus, wohin ihn Vater und Mutter am frühen Morgen mit dem von ihrem Esel gezogenen, flachen Hofkarren gebracht hatten, ging er zu Fuß.

Es war ein warmer Herbsttag, der Weg von Booneville nach Columbia staubig und Stoner schon gut eine Stunde unterwegs, als neben ihm ein Lieferwagen hielt. Der Fahrer fragte, ob er aufsteigen wolle, woraufhin Stoner nickte und sich auf den Kutschbock setzte. Bis hinauf zu den Knien war die Sergehose rot vom Staub, das von Sonne und Wind gegerbte Gesicht sandverkrustet, wo sich Straßenstaub und Schweiß vermischt hatten. Während der langen Fahrt klopfte er immer wieder mit verlegener Geste die Hosenbeine ab und fuhr sich mit den Fingern durchs glatte hellbraune Haar, das einfach nicht flach anliegen wollte.

Sie erreichten Columbia am späten Nachmittag. Der Fahrer ließ Stoner am Stadtrand absteigen und zeigte auf eine Gruppe von hohen Ulmen überschatteter Bauten. »Das ist die Universität«, sagte er. »Da werden Sie studieren.«

Noch mehrere Minuten, nachdem der Mann weitergefahren war, stand Stoner reglos da und starrte zu dem Gebäudekomplex hinüber. Nie zuvor hatte er etwas so Imposantes gesehen. Die roten Ziegelsteinbauten ragten aus einer weiten, allein von Steinmauern und kleinen Gärten unterbrochenen Grünanlage auf. In der Ehrfurcht, die er empfand, schwang ein überraschendes Gefühl der Sicherheit und Gelassenheit mit, wie er es nie zuvor empfunden hatte. Und obwohl es schon spät war, wanderte er viele Minuten lang am Rand des Universitätsgeländes auf und ab und schaute, als wäre ihm das Betreten nicht gestattet.

Es war schon fast dunkel, als er einen Passanten nach Ashland Gravel fragte, jener Straße, die zur Farm von Jim Foote führte, dem Vetter seiner Mutter, für den er arbeiten sollte; und es war längst dunkel, als er zu dem weißen zweistöckigen Holzhaus kam, in dem er von nun an wohnen würde. Er kannte die Footes noch nicht, und es kam ihm seltsam vor, sie so spät abends aufzusuchen.

Sie begrüßten ihn mit einem Kopfnicken, um ihn dann aufmerksam zu begutachten. Nach einer Weile, in der Stoner verlegen in der Tür stehen blieb, bedeutete ihm Jim Foote, in ein kleines, düsteres, mit Möbeln und Nippes auf matt glänzenden Tischen vollgestelltes Wohnzimmer zu treten. Er setzte sich nicht.

»Zu Abend gegessen?«, fragte Foote.

»Nein, Sir«, antwortete Stoner.

Mrs Foote lockte ihn mit gekrümmtem Zeigefinger und tappte davon. Stoner folgte ihr durch mehrere Zimmer in eine Küche, wo sie ihn anwies, sich an den Tisch zu setzen, um dann einen Krug Milch und mehrere Kanten kaltes Maisbrot vor ihn hinzustellen. Er nippte an der Milch, bekam aber mit seinem vor Aufregung trockenen Mund keinen Bissen hinunter.

Foote kam herein und stellte sich neben seine Frau. Er war ein kleiner Mann, kaum eins sechzig groß, mit hagerem Gesicht und kantiger Nase. Seine Frau war zehn Zentimeter größer; eine dicke, randlose Brille verdeckte ihre Augen, und die dünnen Lippen hielt sie zusammengepresst. Beide Eheleute sahen gierig zu, wie er an seiner Milch nippte.

»Morgens Vieh füttern und tränken, Schweinetröge auffüllen«, brach es aus Foote heraus.

Stoner blickte ihn verständnislos an. »Was?«

»Das machst du morgens«, sagte Foote, »vor der Universität. Abends fütterst du wieder das Vieh, füllst noch einmal die Tröge auf, sammelst Eier ein und melkst die Kühe. Falls du dann noch Zeit hast, kümmerst du dich ums Feuerholz. Und an Wochenenden hilfst du mir bei meiner Arbeit.«

»Ja, Sir«, antwortete Stoner.

Foote musterte ihn einen Moment lang. »College«, sagte er dann und schüttelte den Kopf.

Um sich neun Monate im Jahr Kost und Logis zu verdienen, fütterte und tränkte er also das Vieh, füllte die Schweinetröge, sammelte Eier, melkte Kühe und hackte Holz. Außerdem pflügte und eggte er die Felder, grub Baumstümpfe aus (wobei er sich im Winter durch zehn Zentimeter gefrorenen Boden arbeiten musste) und schlug Butter für Mrs Foote, die mit im Takt nickendem Kopf und grimmiger Zustimmung dabei zusah, wie der Holzstampfer durch die Milch platschte.

Stoner wurde im oberen Stock untergebracht, in einem ehemaligen Vorratsraum, dessen Mobiliar allein aus einem eisernen schwarzen Bettgestell mit durchhängendem Rost bestand, auf dem eine dünne Federmatratze lag, sowie einem wackligen Tisch mit Petroleumlampe, einem harten Stuhl auf unebenem Boden und einer großen Kiste, auf der er schrieb. Im Winter wärmte ihn nur die aufgeheizte Luft, die von den unteren Räumen durch den Boden aufstieg; er wickelte sich in zerlumpte Flickendecken, dazu in die ihm zugeteilten Wolldecken und blies sich in die Hände, damit er die Seiten der Bücher umblättern konnte, ohne sie zu zerreißen.

Seine Arbeit für die Universität erledigte er wie die Arbeit auf der Farm — gründlich, gewissenhaft, weder gern noch widerwillig. Am Ende des ersten Jahres lag sein Notenschnitt bei Zwei minus, und es freute ihn, dass er nicht schlechter abgeschnitten hatte; dass er nicht besser war, kümmerte ihn kaum. Er wusste, dass er Sachen lernte, von denen er zuvor nichts geahnt hatte, doch war für ihn nur wichtig, dass er sich im zweiten Jahr hoffentlich ebenso gut halten würde wie im ersten.

Im Sommer nach dem ersten Studienjahr kehrte er nach Hause zurück und half bei der Ernte. Einmal fragte ihn der Vater, wie es ihm an der Universität gefalle, und er antwortete, es gefalle ihm gut. Sein Vater nickte und kam mit keinem Wort mehr darauf zurück.

Erst in seinem zweiten Jahr sollte William Stoner erfahren, warum er ans College gekommen war.

___________

Im zweiten Jahr war er auf dem Campus eine vertraute Gestalt. Bei jedem Wetter trug er denselben Anzug aus schwarzem Tuch, dazu ein weißes Hemd mit schmaler Krawatte, die Handgelenke ragten aus den Jackenärmeln hervor, und die Hose schlotterte ihm um die Beine, als gehörte sie zu einer Uniform, die zuvor von jemand anderem getragen worden war.

Mit der zunehmenden Gleichgültigkeit seiner Verwandten wuchs die Zahl seiner Tätigkeiten auf der Farm; außerdem verbrachte er lange Abende auf dem Zimmer damit, seine Universitätsaufgaben methodisch abzuarbeiten. Er hatte den Studiengang begonnen, der mit einem Bakkalaureat in Naturwissenschaften abgeschlossen wurde, und musste während des ersten Semesters seines zweiten Studienjahres zwei Grundkurse in Naturwissenschaft belegen, einen Kurs in landwirtschaftlicher Bodenanalyse sowie einen Kurs, der für alle Studenten vorgeschrieben war, obwohl ihm keine besondere Bedeutung beigemessen wurde — eine Einführung in die englische Literatur.

Schon nach wenigen Wochen hatte er mit den Kursen in Naturwissenschaft kaum noch Probleme, obwohl es so viel zu tun gab, so vieles, was er sich merken musste. Der Kurs in landwirtschaftlicher Bodenanalyse weckte auf eine eher allgemeine Weise sein Interesse, da ihm noch nie der Gedanke gekommen war, dass jene bräunlichen Klumpen, die er nahezu sein Leben lang bearbeitet hatte, etwas anderes als das sein könnten, was sie allem Anschein nach waren, und er begann zu ahnen, wie seine wachsende Kenntnis von Nutzen sein würde, wenn er denn erst einmal zur Farm des Vaters zurückgekehrt war. Nur der vorgeschriebene Einführungskurs in die englische Literatur verstörte und beunruhigte ihn auf eine Weise wie nichts zuvor.

Der Dozent, ein Mann gesetzteren Alters, Anfang fünfzig, Archer Sloane mit Namen, ging seinem Lehrauftrag offenbar nur widerwillig und mit scheinbarer Geringschätzung nach, so als registriere er zwischen seinem Wissen und dem, was er vermitteln konnte, eine derart profunde Kluft, dass sich keinerlei Mühe lohnte, sie schließen zu wollen. Bei den meisten seiner Studenten war er gleichermaßen gefürchtet wie unbeliebt, worauf er amüsiert und mit ironischer Distanz reagierte. Archer Sloane war ein Mann mittlerer Größe mit langem, zerfurchtem, glatt rasiertem Gesicht, der die Angewohnheit besaß, sich mit den Fingern ungeduldig durch die graue, lockige Haarmähne zu fahren. Seine Stimme klang flach und trocken, drang über sich kaum bewegende Lippen, die ihr weder Gefühl noch Betonung verliehen, doch die langen, schlanken Finger bewegten sich mit einer Anmut und Überzeugung, als wollten sie den Worten zu einer Ausdruckskraft verhelfen, die seine Stimme ihnen nicht geben konnte.

Wenn Stoner seinen Pflichten auf der Farm nachging oder in der fensterlosen Dachkammer im Dämmerlicht der Lampe blinzelnd seine Bücher studierte, gewahrte er oft, wie das Bild dieses Mannes vor seinem inneren Auge auftauchte. Obwohl es ihm keineswegs leichtfiel, das Gesicht eines anderen Dozenten aufzurufen oder sich an etwas Besonderes aus einem der übrigen Seminare zu erinnern, wartete an der Schwelle seiner Wahrnehmung stets die Gestalt von Archer Sloane auf ihn, seine trockene Stimme und seine so verächtlich wie beiläufig vorgebrachten Worte über irgendeinen Passus in Beowulf oder über einige Verse von Chaucer.

Er spürte, dass er mit dem Einführungskurs nicht wie mit den anderen Kursen zurechtkam. Obwohl er sich an die Autoren und ihre Werke erinnerte, an Daten und Einflüsse, hätte er den ersten Test fast verpatzt, auch mit dem zweiten erging es ihm nicht viel besser. Er las die Bücher, die auf der Leseliste standen, und las sie so oft wieder, dass die Arbeit für die übrigen Kurse darunter zu leiden begann, dennoch blieben, was er las, nur Worte auf dem Papier, und er begriff nicht, welchen Sinn sein Tun hatte.

Also grübelte er über das, was Archer Sloane im Unterricht sagte, als könnte er hinter den im flachen, trockenen Ton vorgebrachten Worten einen Hinweis entdecken, der ihn dorthin führte, wohin er zu gehen hatte. Stoner beugte sich über das Pult seines Schreibstuhls, der zu klein für ihn war, um bequem darauf sitzen zu können, und umklammerte die Tischkanten mit so kräftigem Griff, dass die Knöchel weiß unter der braunen, ledrigen Haut hervortraten; dabei runzelte er konzentriert die Stirn und biss sich auf die Unterlippe. Doch je verzweifelter Stoner und dessen Mitstudenten sich anstrengten, desto erbarmungsloser wurde Archer Sloanes Verachtung. Einmal aber steigerte sich diese Verachtung zu heller Wut und richtete sich allein gegen William Stoner.

Im Seminar hatten sie zwei Stücke von Shakespeare gelesen, und die Woche endete mit dem Studium seiner Sonette. Die Studenten waren gereizt und verwirrt, fast verängstigt von der wachsenden Spannung zwischen ihnen und jener gebeugten Gestalt, die sie hinter dem Rednerpult hervor ansah. Sloane hatte ihnen das dreiundsiebzigste Sonett laut vorgelesen; und nun schweifte sein Blick durch den Raum, die Lippen zu humorlosem Lächeln zusammengepresst.

»Was bedeutet dieses Sonett?«, fragte er abrupt, schwieg wieder und suchte den Raum mit einer grimmigen, beinahe freudigen Hoffnungslosigkeit ab. »Mr Wilbur?« Keine Antwort. »Mr Schmidt?« Jemand hustete. Sloane drehte sich mit dunkel blitzenden Augen zu Stoner um. »Mr Stoner, was bedeutet das Sonett?«

Stoner schluckte und versuchte, den Mund zu öffnen.

»Es ist ein Sonett, Mr Stoner«, erklärte Sloane trocken, »eine lyrische Komposition aus vierzehn Zeilen in einer bestimmten Anordnung, die Sie fraglos auswendig gelernt haben. Es wurde in der englischen Sprache geschrieben, die Sie, wenn ich nicht irre, bereits seit einigen Jahren beherrschen. Der Verfasser heißt William Shakespeare, ein Dichter, der zwar schon tot ist, aber in den Köpfen nicht weniger Menschen dennoch einen Platz von einiger Bedeutung einnimmt.« Er blickte Stoner noch einen Moment an, dann wurde der Blick ausdruckslos, während die Augen einen unsichtbaren Punkt außerhalb des Seminars fixierten. Ohne ins Buch zu schauen, trug er das Gedicht erneut vor, wobei seine Stimme tiefer und weicher klang, so als wären Wort, Ton und Rhythmus einen Moment lang er selbst geworden:

Den späten Herbst kannst Du in mir besehen:

Die letzten gelben Blätter eingegangen

An Zweigen, die dem Frost kaum widerstehen,

Und Chorruinen, wo einst Vögel sangen.

In mir siehst Du den späten Tag sich neigen,

Das Dunkel in die graue Dämmrung dringen,

Die Nacht mit ihrer Schwärze langsam steigen

Und Todes Bruder, Schlaf, die Welt umschlingen.

In mir siehst Du die Glut von alten Bränden,

Gebettet auf die Asche bessrer Zeiten —

Ein Sterbelager, wo sie muss verenden,

Verzehrt vom Brennstoff eigner Lustbarkeiten.

Siehst Du all dies, wird’s Deine Liebe steigern:

Denn was Du liebst, wird Tod Dir bald verweigern.

In einem Augenblick der Stille räusperte sich jemand. Sloane wiederholte die letzten Zeilen, und seine Stimme wurde flach, er wieder er selbst.

Siehst Du all dies, wird’s Deine Liebe steigern:

Denn was Du liebst, wird Tod Dir bald verweigern.

Sloanes Augen richteten sich wieder auf William Stoner, und er meinte trocken: »Über drei Jahrhunderte hinweg redet Mr Shakespeare mit Ihnen, Mr Stoner. Können Sie ihn hören?«

William Stoner fiel auf, dass er mehrere Sekunden lang die Luft angehalten hatte. Behutsam atmete er nun weiter und war sich bis ins Detail bewusst, wie die Kleidung über seinen Leib glitt, als ihm der Atem aus den Lungen fuhr. Er wandte den Blick von Sloane ab und ließ ihn durch den Raum wandern. Licht fiel schräg durch die Fenster auf die Gesichter seiner Mitstudenten, doch so, als leuchtete die Helligkeit aus ihnen heraus in die frühe Dämmerung; ein Student blinzelte, und ein dünner Schatten fiel auf eine Wange, in deren Härchen sich Sonnenschein verfing. Stoner spürte, wie sich der feste Griff lockerte, mit dem seine Finger das Schreibpult umklammerten. Er drehte die Hände vor den Augen und staunte, wie braun sie waren, wie passend die Nägel in stumpfen Fingerkuppen ausliefen, und meinte, das unsichtbare Blut durch die winzigen Adern und Arterien strömen, es zart und schutzlos von den Fingerspitzen durch den Körper pochen zu spüren.

Sloane redete wieder. »Was sagt er Ihnen, Mr Stoner? Was bedeutet das Sonett?«

Stoner hob langsam und zögerlich den Blick. »Es bedeutet«, sagte er und streckte mit vager Bewegung die Hände in die Höhe, wobei er spürte, wie sein Blick die Gestalt von Archer Sloane suchte und zugleich glasig wurde. »Es bedeutet«, sagte er noch einmal, konnte aber nicht beenden, was er zu sagen begonnen hatte.

Sloane sah ihn neugierig an. Dann nickte er abrupt, sagte: »Der Unterricht ist beendet« und verließ, ohne jemanden anzusehen, den Raum.

William Stoner war sich der Studenten kaum bewusst, die um ihn herum murmelnd und murrend von den Plätzen aufstanden und nach draußen drängten. Noch mehrere Minuten, nachdem sie gegangen waren, saß er da, ohne sich zu rühren, und starrte vor sich auf die schmalen Bodendielen, deren Lack von den ruhelosen Füßen so vieler Studenten abgetragen worden war, von Menschen, die er nie sehen oder kennenlernen würde. Er ließ die eigenen Füße über den Boden gleiten, hörte das trockene Scharren der Schuhsohlen und konnte das raue Holz durch das Leder spüren. Dann stand er auf und ging langsam nach draußen.

Die leichte Kühle des späten Herbsttages drang durch seine Kleider. Er schaute sich um und sah die kahlen, knorrigen Äste der Bäume, wie sie sich in den fahlen Himmel rankten und wanden. Über den Campus zu ihren Seminaren hastende Studenten rempelten ihn an; und er hörte das Gemurmel ihrer Stimmen, das Klappern der Schuhe auf den Wegen, sah die vor Kälte geröteten Gesichter, die gegen den aufkommenden Wind gesenkten Köpfe. Er musterte sie so neugierig, als hätte er sie nie zuvor gesehen, und fühlte sich ihnen zugleich fern und nah. Er behielt dieses Gefühl, als er zur nächsten Unterrichtsstunde eilte, behielt es auch während der Vorlesung seines Professors für Bodenanalyse, behielt es trotz der monotonen Stimme, die vortrug, was in Notizbücher niedergeschrieben und gelernt werden sollte, eine mühselige Plackerei, die ihm jetzt schon fremd zu werden begann.

Im zweiten Semester dieses Studienjahres meldete sich William Stoner aus beiden Grundkursen Naturwissenschaft ab und schied auch aus dem Studiengang Agrarwirtschaft aus, stattdessen belegte er Einführungskurse in Philosophie und Frühgeschichte sowie zwei Kurse in englischer Literatur. Im Sommer kehrte er wieder auf die Farm seiner Eltern zurück und half dem Vater bei der Ernte; sein Studium an der Universität erwähnte er mit keinem Wort.

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Wenn er, bereits viel älter, auf diese letzten beiden Studienjahre zurückblickte, kamen sie ihm vor wie eine unwirkliche Zeit, die zu jemand anderem zu gehören schien, eine Zeit, die nicht im gewohnten steten Fluss vergangen war, sondern in Brüchen und Sprüngen. Ein Augenblick folgte dem nächsten und war doch von ihm getrennt, wodurch Stoner meinte, der Zeit enthoben zu sein, ihr dabei zusehen zu können, wie sie vor ihm gleich einem großen, sich unstet drehenden Diorama ablief.

Er wurde sich in einem zuvor ungekannten Maße seiner selbst bewusst. Manchmal betrachtete er sich im Spiegel, das lange Gesicht mit dem Schopf brauner, spröder Haare, berührte die ausgeprägten Wangenknochen, sah die dürren Handgelenke zentimeterweit aus den Mantelärmeln lugen und fragte sich, ob ihn die anderen ebenso lächerlich fanden, wie er es in seinen Augen war.

Er hatte keine Pläne für die Zukunft, redete aber mit niemandem über diese Ungewissheit und verdiente sich weiterhin bei den Footes Kost und Logis, wenn er auch nicht mehr so lange arbeitete wie noch in den ersten beiden Studienjahren. Drei Stunden am Nachmittag und einen halben Tag am Wochenende ließ er sich von Jim und Serena Foote nach deren Gutdünken ausnutzen; die übrige Zeit beanspruchte er für sich.

Einen Teil davon verbrachte er in seiner kleinen Dachkammer im Haus der Footes, doch sooft er konnte, kehrte er nach Erledigung der Hausaufgaben und der Farmarbeit zur Universität zurück. Abends spazierte er dann gern über den langgezogenen offenen Vorplatz unter den dort schlendernden, leise miteinander murmelnden Paaren und fühlte sich ihnen verbunden, obwohl er keinen Menschen kannte und mit niemandem redete. Manchmal blieb er in der Mitte des Platzes stehen und schaute auf die fünf riesigen, aus kühlem Gras in die Nacht aufragenden Säulen vor Jesse Hall, die, wie er wusste, Überreste des ursprünglichen, vor vielen Jahren durch einen Brand zerstörten Universitätsgebäudes waren. Grausilbern im Mondlicht, klar und rein, schienen sie ihm ein Sinnbild des Lebensweges zu sein, für den er sich entschieden hatte, so wie ein Tempel Sinnbild des in ihm verehrten Gottes war.

In der Universitätsbibliothek wanderte er zwischen den Regalen umher, unter abertausend Büchern, und atmete den modrigen Geruch von Leder, Leinen und trockenem Papier ein, als wäre es ein exotisches Parfüm. Manchmal blieb er stehen, zog einen Band aus dem Regal und hielt ihn einen Augenblick in den großen Händen, die noch immer kribbelten beim unvertrauten Gefühl von Buchrücken, Buchdeckel und nachgiebigem Papier. Dann blätterte er ein wenig, las hier und da einen Abschnitt und schlug die Seiten mit steifen Fingern so behutsam um, als könnte er sie in seinem Ungeschick zerreißen und damit vernichten, was sie so beharrlich zu offenbaren trachteten.

Er hatte keine Freunde, und zum ersten Mal in seinem Leben wurde er sich seiner Einsamkeit bewusst. Manchmal sah er abends in seiner Dachkammer von dem Buch auf, in dem er las, und blickte in die dunklen Winkel des Zimmers, dorthin, wo Lampenlicht mit Schatten spielte. Starrte er nur lange und intensiv genug, verdichtete sich das Dunkel zu einem Licht, das die flüchtigen Konturen dessen annahm, was er gerade gelesen hatte. Er konnte spüren, dass er außerhalb der Zeit existierte, und fühlte sich wie an jenem Tag im Seminar, an dem Archer Sloane mit ihm gesprochen hatte. Die Vergangenheit schälte sich aus dem Dunkel, in dem sie blieb, und die Toten erhoben sich, um vor ihm zum Leben zu erwachen; beide, die Vergangenheit und die Toten, mischten sich in die Gegenwart und unter die Lebenden, wodurch Stoner einen intensiven Moment lang eine Vision von Dichtigkeit überkam, in die er fest eingefügt war und der er nicht entkommen konnte, der er auch gar nicht entkommen wollte. Vor ihm gingen Tristan und Isolde die schoene Minne; Paolo und Francesca wirbelten durch die glühende Dämmerung; Helena und der strahlende Paris traten aus dem Zwielicht, die Mienen bitter angesichts der Folgen ihres Tuns. Und er war auf eine Weise bei ihnen, wie er nie bei seinen Mitmenschen sein konnte, die von Seminar zu Seminar eilten, ihre Heimstatt in einer großen Universität Columbias fanden und unbekümmert im tiefsten Missouri lebten.

Im ersten Jahr lernte er Griechisch und Latein gut genug, um einfache Texte lesen zu können; seine Augen waren oft rot und brannten vor Überanstrengung und Schlafmangel. Manchmal dachte er daran, wie er noch vor wenigen Jahren gewesen war, und ihn erstaunte die Erinnerung an diese seltsame Gestalt, braun und teilnahmslos wie die Erde, der sie entsprungen war. Dachte er an seine Eltern, schienen sie ihm beinahe ebenso seltsam wie das Kind, das sie geboren hatten, doch empfand er für sie eine Mischung aus Mitleid und verhaltener Liebe.

Etwa gegen Mitte seines vierten Jahres an der Universität sprach ihn eines Tages nach dem Unterricht Archer Sloane an und bat ihn, zu einer Unterredung in sein Büro zu kommen.

Es war Winter, und ein klammer Nebel hing tief über dem Campus. Noch am späten Vormittag glitzerte Raureif an den dürren Zweigen der Hartriegelbüsche; funkelnde Kristalle überzogen den die großen Säulen vor Jesse Hall hinaufrankenden schwarzen Wein und glitzerten in all dem Grau. Sein Mantel war so schäbig und verschlissen, dass Stoner beschlossen hatte, ihn trotz der Kälte nicht für den Termin bei Sloane anzuziehen. Bibbernd eilte er über den Weg und die breiten Steinstufen hinauf, die zur Jesse Hall führten.

Nach der Kälte draußen war es drinnen richtig heiß. Das Grau von draußen sickerte durch Fenster und Glastüren auf beiden Seiten des Flurs, sodass die gelben Fliesen heller schimmerten als das Licht, das auf sie fiel; dunkel glimmten die großen Eichenpfeiler und Wischwände. Schuhe scharrten über den Boden, das Stimmengemurmel wurde von den enormen Weiten der Flure gedämpft; undeutliche Gestalten trieben langsam dahin, begegneten und trennten sich, und die betäubende Luft verströmte den Geruch geölter Wände und feuchter Wollsachen. Stoner ging die Treppe aus glattem Marmor hinauf zu Archer Sloanes Büro im ersten Stock. Er klopfte an die verschlossene Tür, hörte eine Stimme antworten und trat ein.

Das schmale, langgezogene Zimmer wurde von einem einzigen Fenster am hinteren Ende erhellt. Mit Büchern überladene Regale reichten bis an die Decke, und neben dem Fenster stand ein zwischen die Regale gedrängter Tisch, an dem Archer Sloane saß, halb zu ihm umgedreht, eine dunkle Silhouette vor dem Licht.

»Mr Stoner«, begrüßte ihn Sloane trocken, erhob sich halb und wies auf einen ihm gegenüberstehenden, lederbezogenen Sessel. Stoner setzte sich.

»Ich habe mir Ihre Arbeiten angesehen.« Sloane verstummte, nahm einen Ordner vom Tisch und musterte ihn mit ironischer Reserviertheit. »Ich hoffe, meine Neugier ist Ihnen nicht unangenehm.«

Stoner feuchtete die Lippen an, verlagerte sein Gewicht und versuchte, die großen Hände so zu falten, dass sie unsichtbar wurden. »Nein, Sir, ist sie nicht«, antwortete er mit heiserer Stimme.

Sloane nickte. »Gut. Mir ist aufgefallen, dass Sie Ihr Studium als Student der Agrarwirtschaft begonnen haben, im zweiten Jahr aber zur Literaturwissenschaft wechselten. Ist das korrekt?«

»Ja, Sir«, sagte Stoner.

Sloane lehnte sich in seinem Sessel zurück und schaute zu dem Lichtviereck auf, das durch das kleine, hohe Fenster fiel. Er tippte die Fingerspitzen aneinander und wandte sich dann wieder dem jungen Mann zu, der steif vor ihm hockte.

»Der offizielle Zweck dieses Gesprächs ist es, Ihnen mitzuteilen, dass Sie die Änderung Ihrer Studienfächer beantragen müssen und Ihre Absicht, das anfängliche Studienprogramm aufgeben und sich endgültig für ein neues Studienziel entscheiden zu wollen, förmlich kundzutun haben. Eine Angelegenheit von fünf Minuten im Büro des Sekretariats. Sie kümmern sich darum, nicht wahr?«

»Ja, Sir«, erwiderte Stoner.

»Doch wie Sie bereits erraten haben dürften, ist dies nicht der eigentliche Grund, weshalb ich Sie bat, bei mir vorbeizuschauen. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich Sie ein wenig nach Ihren Zukunftsplänen befrage?«

»Nein, Sir«, antwortete Stoner und blickte auf seine eng ineinander verflochtenen Hände.

Sloane strich über den Aktenordner, den er auf seinen Schreibtisch gelegt hatte. »Wenn ich mich nicht irre, waren Sie bereits ein wenig älter, als Sie an die Universität kamen. Fast zwanzig, glaube ich?«

»Ja, Sir.«

»Und damals hatten Sie vor, den Studiengang Agrarwirtschaft zu absolvieren?«

»Ja, Sir.«

Sloane lehnte sich wieder in seinem Sessel zurück und sah zu der im Zwielicht verschwindenden hohen Decke hinauf. Dann fragte er abrupt: »Und wie sehen jetzt Ihre Pläne aus?«

Stoner blieb stumm. Das war etwas, woran er nicht gedacht hatte, woran er nicht denken wollte. Schließlich antwortete er leicht verstimmt: »Ich weiß nicht. Ich habe mir darüber bislang kaum Gedanken gemacht.«

»Freuen Sie sich auf den Tag, an dem Sie diese klösterlichen Mauern verlassen und in das hinaustreten können, was manch einer die Welt nennt?«

Stoner grinste durch seine Verlegenheit hindurch. »Nein, Sir.«

Sloane tippte auf den Papierstapel auf seinem Tisch. »Diese Unterlagen haben mir verraten, dass Sie aus einer ländlichen Gegend stammen. Ich nehme also an, dass Ihre Eltern Farmer sind?«

Stoner nickte.

»Und wollen Sie auf diese Farm zurückkehren, sobald Sie hier Ihren Abschluss gemacht haben?«

»Nein, Sir«, erwiderte Stoner, und die Bestimmtheit seines Tons überraschte ihn. Mit einigem Erstaunen registrierte er die Entscheidung, die er gerade getroffen hatte.

Sloane nickte. »Es würde mich nicht sonderlich überraschen, wenn ein ernsthafter Student der Literaturwissenschaften feststellen sollte, dass seine Fähigkeiten den Anforderungen des Ackerbodens nicht recht genügen.«

»Ich gehe nicht zurück«, fuhr Stoner fort, als hätte Sloane nichts gesagt. »Auch wenn ich nicht genau weiß, was ich tun soll.« Er schaute wieder auf seine Hände und sagte, als spräche er zu ihnen: »Ich kann gar nicht glauben, dass ich schon so bald fertig bin und Ende des Jahres die Universität verlassen muss.«

Wie beiläufig sagte Sloane: »Natürlich besteht keine unbedingte Notwendigkeit, dass Sie von der Universität abgehen. Irre ich mich, wenn ich annehme, dass Sie über kein eigenes Einkommen verfügen?«

Stoner schüttelte den Kopf.

»Ihre Studienergebnisse sind ausgezeichnet. Bis auf …«, er zog die Augenbrauen in die Höhe und lächelte, »… bis auf Ihre Zensur für den Einführungskurs in die englische Literatur haben Sie lauter Einsen in sämtlichen Literaturseminaren vorzuweisen, und auch in keinem anderen Fach stehen Sie schlechter als zwei. Wenn Sie also den Unterhalt für ein weiteres Jahr aufzubringen vermöchten, könnten Sie, da bin ich mir sicher, erfolgreich Ihren Magister ablegen, wonach sich für die Dauer der Arbeit an Ihrer Promotion gewiss die Möglichkeit zum Unterrichten ergäbe, falls Sie denn an dergleichen überhaupt interessiert sind.«

Stoner fuhr zurück. »Was wollen Sie damit sagen?«, fragte er und hörte Furcht in seiner Stimme mitschwingen.

Sloane beugte sich vor, bis sein Gesicht nur noch eine Handbreit von ihm entfernt war, sodass Stoner sah, wie sich die Furchen in dem schmalen, langen Gesicht glätteten, und er hörte, wie die trockene, spöttische Stimme plötzlich sanft und ungeschützt klang.

»Wissen Sie es denn nicht, Mr Stoner?«, fragte Sloane. »Kennen Sie sich selbst noch so wenig? Sie sind ein Lehrer.«

Die Wände des Büros wichen zurück, und Sloane schien mit einem Mal sehr fern zu sein. Stoner fühlte sich, als schwebte er im weiten Äther, und er hörte seine Stimme fragen: »Sicher?«

»Ich bin mir sicher«, antwortete Sloane leise.

»Aber wie können Sie das sagen? Woher wollen Sie das wissen?«

»Es ist Liebe, Mr Stoner«, erwiderte Sloane fröhlich. »Sie sind verliebt. So einfach ist das.«

Und so einfach war es. Stoner merkte, wie er Sloane zunickte, irgendwas Belangloses sagte und dann das Büro verließ. Seine Lippen kribbelten, die Fingerspitzen waren taub; er ging wie ein Schlafwandler und war sich doch sehr genau seiner Umgebung bewusst, strich über die polierten holzvertäfelten Flurwände und meinte, Wärme und Alter des Holzes spüren zu können. Langsam folgte er der Treppe und staunte über den kalten, vielädrigen Marmor, der sich unter seinen Füßen ein wenig rutschig anfühlte. Die einzelnen Stimmen der Studenten in den Korridoren hoben sich jetzt deutlich vom gedämpften Murmeln ab, und die Gesichter waren nah und so fremd wie vertraut. Er trat aus der Jesse Hall auf den Campus, und das morgendliche Grau wirkte nicht länger bedrückend; es zog den Blick ins Weite und hinauf in den Himmel, sodass Stoner meinte, einer Möglichkeit entgegenzusehen, für die er keinen Namen hatte.

___________

In der ersten Juniwoche des Jahres 1914 erhielt William Stoner zusammen mit sechzig anderen jungen Männern und einigen wenigen Damen zum Abschluss seines Studiums an der Universität Missouri den Titel eines Bachelors.

Um bei der Feier dabei sein zu können, waren seine Eltern tags zuvor in einem geliehenen, von ihrer alten, falben Stute gezogenen Einspänner aufgebrochen, um nachts die knapp sechzig Kilometer zu den Footes zurückzulegen, wo sie steif von schlafloser Fahrt kurz nach Anbruch der Morgendämmerung eintrafen. Stoner ging hinunter in den Hof, um seine Eltern zu begrüßen. Sie standen Seite an Seite im ersten Morgenlicht und erwarteten ihn.

Ohne sich anzusehen, gaben Vater und Sohn einander die Hand, eine einmalige, rasche Pumpbewegung.

»Wie geht’s?«, fragte sein Vater.

Die Mutter nickte. »Dein Pa und ich sind hergefahren, um bei deiner Abschlussfeier dabei zu sein.«

Einen Moment lang schwieg Stoner, dann sagte er schließlich: »Kommt rein und lasst uns frühstücken.«

Sie saßen allein in der Küche, denn seit Stoner auf dem Hof war, hatten es sich die Footes angewöhnt, lang zu schlafen. Doch weder in diesem Augenblick noch später, als seine Eltern mit dem Frühstück fertig waren, brachte er es über sich, ihnen von seinen geänderten Plänen zu erzählen und von dem Entschluss, nicht auf die Farm zurückzukehren. Ein- oder zweimal setzte er an, sah dann aber die sonnenverbrannten Gesichter, die rosig und nackt aus den neuen Kleidern ragten, und dachte an die lange Fahrt, die seine Eltern zurückgelegt, an die Jahre, in denen sie auf seine Rückkehr gewartet hatten. Steif saß er da, bis sie den Kaffee ausgetrunken hatten und die Footes aufgestanden und in die Küche gekommen waren. Dann sagte er, er müsse früh zur Universität; er sähe sie ja später bei der Feier.

Er wanderte über den Campus mit Barett und geliehenem schwarzem Talar, der schwer und hinderlich war, doch wusste er nicht, wo er ihn lassen sollte. Er dachte daran, was er seinen Eltern sagen musste, und begriff zum ersten Mal, wie endgültig seine Entscheidung war, woraufhin er sich fast wünschte, er könnte sie rückgängig machen. Angesichts des Ziels, das er sich so leichtsinnig gesetzt hatte, fand er sich mit einem Mal schrecklich unzureichend und spürte eine Sehnsucht nach jener Welt, die von ihm aufgegeben worden war. Er trauerte um den eigenen Verlust und um den seiner Eltern, aber noch in seiner Trauer spürte er, wie es ihn fortzog.

Dieses Gefühl von Trauer legte sich während der ganzen Abschlussfeier nicht, und als sein Name fiel und er zum Podium ging, um von einem Mann, dessen Gesicht hinter einem weichen grauen Bart verschwand, seine Urkunde entgegenzunehmen, konnte er die eigene Anwesenheit kaum fassen; die Pergamentrolle in der Hand besaß für ihn keinerlei Bedeutung. Er musste nur immerzu daran denken, dass seine Eltern irgendwo in der Menge saßen, steif und unbehaglich.

Nach der Feier fuhr er mit ihnen zu den Footes zurück, wo sie über Nacht bleiben und bei Tagesanbruch die Rückreise antreten wollten.

Sie saßen im Wohnzimmer. Jim und Serena Foote blieben noch eine Weile mit ihnen auf. Dann und wann nannte Jim oder Stoners Mutter den Namen eines Verwandten, doch versanken sie gleich darauf wieder in Schweigen. Sein Vater saß auf einem der geradlehnigen Stühle, die Füße gespreizt, ein wenig vorgebeugt, die Hände umfassten die Knie. Irgendwann sahen die Footes sich an, gähnten und verkündeten, es sei schon spät. Sie gingen in ihr Schlafzimmer, und die drei blieben allein zurück.

Wieder herrschte Schweigen. Seine Eltern, die vor sich in die von den eigenen Leibern geworfenen Schatten starrten, warfen gelegentlich einen Seitenblick auf ihren Sohn, so als wagten sie es angesichts seines neu erworbenen Bildungsstandes nicht, ihn zu stören.

Nach mehreren Minuten beugte sich William Stoner schließlich vor und sagte nachdrücklich und lauter als eigentlich beabsichtigt: »Ich hätte es euch früher sagen sollen. Letzten Sommer oder heute Morgen.«

Im Licht der Lampe wirkten die Mienen seiner Eltern dumpf und ausdruckslos.

»Was ich sagen will: Ich komme nicht mit euch zurück auf die Farm.«

Niemand regte sich. Sein Vater sagte: »Wenn du hier noch ein paar Dinge zu erledigen hast, können wir morgen vorfahren und du kommst in ein paar Tagen nach.«

Stoner rieb sich das Gesicht mit offener Hand. »So … habe ich das nicht gemeint. Ich versuche euch zu sagen, dass ich überhaupt nicht auf die Farm zurückkomme.«

Sein Vater umfasste seine Knie etwas fester und richtete sich auf. »Steckst du in Schwierigkeiten?«

Stoner lächelte. »Nein, nichts dergleichen. Ich werde noch ein weiteres Jahr zur Universität gehen, vielleicht auch noch zwei, drei Jahre.«

Der Vater schüttelte den Kopf. »Ich habe doch heute Abend gesehen, wie du fertig geworden bist. Und der Viehhändler hat gesagt, die Landwirtschaftsschule dauert vier Jahre.«

Stoner versuchte, dem Vater seine Absichten zu erklären, versuchte, in ihm jenes Gefühl für Sinn und Bedeutsamkeit zu wecken, das er selbst empfand, doch hörte er seine Worte wie aus dem Mund eines Fremden dringen und sah dabei das Gesicht seines Vaters, auf das diese Worte einhieben wie der wiederholte Schlag einer Faust auf einen Stein. Als er verstummte, saß der Vater da, die Hände zwischen die Knie geklemmt, den Kopf gesenkt. Er lauschte der Stille im Zimmer.

Endlich regte er sich, und Stoner blickte auf, blickte in die Gesichter seiner Eltern und hätte sie am liebsten laut angefleht.

»Ich weiß nicht«, sagte sein Vater mit rauer, müder Stimme. »So habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich dachte, dich hierherzuschicken sei das Beste, was ich für dich tun kann. Deine Ma und ich, wir wollten nämlich immer nur das Beste für dich.«

»Ich weiß«, sagte Stoner und konnte sie nicht länger anschauen. »Kommt ihr denn zurecht? Ich könnte im Sommer eine Weile aushelfen. Ich könnte …«

»Wenn du meinst, dass du hierbleiben und deine Bücher studieren musst, dann musst du das wohl. Deine Ma und ich, wir schaffen das schon.«

Seine Mutter hielt ihm das Gesicht zugewandt, sah ihn aber nicht an. Sie kniff die Augen zusammen, presste die geballten Fäuste an die Wangen, atmete schwer, und ihre Miene war wie vor Schmerz verzerrt. Erstaunt begriff Stoner, dass sie weinte, stumm und aus tiefstem Innern, mit all der Scham und Verlegenheit eines Menschen, der selten weint. Er betrachtete sie einen Augenblick, dann erhob er sich schwerfällig, ging aus dem Wohnzimmer und erklomm die schmale Stiege, die in seine Dachkammer führte; er lag noch lange auf dem Bett und starrte mit offenen Augen in die Dunkelheit.

II

Zwei Wochen, nachdem Stoner das Studium abgeschlossen hatte, wurde in Sarajewo Erzherzog Franz Ferdinand von einem serbischen Nationalisten erschossen, und noch vor dem Herbst herrschte überall in Europa Krieg. Für die älteren Studenten war dies ein Thema von drängendem Interesse, da sie sich fragten, welche Rolle Amerika in diesem Krieg zufalle, sodass sie der eigenen Zukunft mit wohliger Verunsicherung entgegensahen.

Vor William Stoner aber lag die Zukunft klar, solide und unwandelbar. Für ihn war sie keine Abfolge von Ereignissen, Veränderungen und Möglichkeiten, sondern ein Territorium, das nur darauf wartete, erkundet zu werden. Sie war wie die große Universitätsbibliothek, der neue Flügel angebaut, neue Bücher einverleibt, die, auch wenn alte Werke entliehen werden mochten, im Kern doch unverändert blieb. Er sah seine Zukunft in dieser Institution, der er sich verschrieben hatte und die er nur so unvollkommen verstand, sah sich als jemanden, der sich in dieser Zukunft veränderte, nur war ihm die Zukunft selbst Instrument dieser Veränderung, nicht ihr Objekt.

Gegen Ende jenes Sommers, kurz vor Beginn des Herbstsemesters, besuchte er seine Eltern. Eigentlich wollte er bei der Sommerernte helfen, erfuhr dann aber, dass sein Vater einen schwarzen Landarbeiter eingestellt hatte, der mit stillem, entschlossenem Eifer zupackte und an einem Tag fast so viel schaffte wie William und sein Vater früher gemeinsam. Seine Eltern freuten sich, ihn zu sehen, und schienen ihm seine Entscheidung nicht übelzunehmen. Allerdings merkte er bald, dass er ihnen nichts zu sagen hatte und dass sie einander bereits fremd wurden, ein Verlust, der seine Liebe zu ihnen noch vermehrte. Eine Woche früher als geplant kehrte er nach Columbia zurück.

Er begann aufzubegehren gegen die Zeit, die er für die Farmarbeit bei den Footes benötigte. Da er so spät mit dem Studium angefangen hatte, spürte er nun umso deutlicher dessen Dringlichkeit. Manchmal, wenn er in die Bücher vertieft war, überkam ihn eine Ahnung dessen, was er alles nicht wusste, was er noch nicht gelesen hatte, und die Ruhe, auf die er hinarbeitete, wurde von der Erkenntnis erschüttert, wie wenig Zeit ihm doch im Leben blieb, um so viel lesen, um all das lernen zu können, was er wissen musste.

Im Frühjahr 1915 beendete er den Magisterstudiengang und verbrachte den Sommer damit, seine Abschlussarbeit zu schreiben, eine Sprachstudie über eine der Erzählungen in den Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer. Noch vor dem Ende des Sommers sagten ihm die Footes, dass sie ihn auf ihrer Farm nicht länger gebrauchen konnten.

Damit hatte er gerechnet, und in gewisser Weise begrüßte er seine Entlassung, dennoch überkam ihn einen Moment lang ein Anflug von Panik. Ihm war, als würde die letzte Verbindung zu seinem alten Leben gekappt. Die verbleibenden Wochen dieses Sommers verbrachte er auf der Farm seines Vaters, um letzte Korrekturen an seiner Arbeit vorzunehmen. Archer Sloane hatte inzwischen dafür gesorgt, dass er zwei Einführungskurse Englisch für Erstsemester geben konnte, während er selbst damit begann, auf den Doktor hinzuarbeiten. Fürs Unterrichten erhielt er vierhundert Dollar im Jahr. Also räumte Stoner seine Habseligkeiten aus Footes’ winziger Dachkammer, in der er fünf Jahre lang gehaust hatte, um ein noch kleineres Zimmer in der Nähe der Universität zu beziehen.

Obwohl er einer bunt gemischten Gruppe von Erstsemestern nur Grundkenntnisse in Grammatik und Komposition beibringen sollte, sah er seiner Aufgabe voller Begeisterung und in der festen Überzeugung entgegen, etwas Wichtiges zu leisten. Er begann mit den Kursvorbereitungen in der letzten Woche vor dem Herbstsemester und entdeckte Möglichkeiten, wie man sie wahrnimmt, wenn man sich ernsthaft mit den Inhalten und Zielen eines Unterfangens beschäftigt; er besaß ein Gefühl für die Logik der Grammatik und meinte sehen zu können, wie sie alles durchdrang, die Sprache prägte, die Gedanken strukturierte. In den simplen kompositorischen Übungen, die er sich für die Studenten ausdachte, sah er die Möglichkeiten der Prosa und ihre Schönheiten aufleuchten, und er freute sich darauf, die Studenten mit einem Gefühl für das, was er selbst wahrnahm, begeistern zu können.

Doch als er sich nach anfänglichen Routineaufgaben wie dem Erstellen von Anwesenheitslisten und Studienplänen den eigentlichen Themen und seinen Studenten zuwandte, fühlte er in den ersten Sitzungen, dass jenes Staunen in ihm verborgen blieb. Wenn er zu den Studenten sprach, war ihm manchmal, als stünde er neben sich und sähe einen Fremden zu einer widerwillig versammelten Schar reden; er hörte die eigene Stimme den vorbereiteten Stoff tonlos wiedergeben, und seinem Vortrag war nichts von der eigenen Begeisterung anzumerken.

Erleichterung und Erfüllung aber fand er in den Seminaren, in denen er selbst Student war. Sie weckten in ihm jenes Entdeckergefühl aufs Neue, das er zum ersten Mal gespürt hatte, als Archer Sloane sich im Unterricht an ihn gewandt hatte und er in einem einzigen Augenblick zu einem anderen Menschen geworden war. Während sein Verstand sich mit dem Thema befasste und die Macht der von ihm studierten Literatur zu begreifen, ihr Wesen zu verstehen suchte, war er sich der konstanten Veränderung seiner selbst bewusst. In diesem Wissen bewegte er sich aus sich hinaus in die Welt, der er angehörte, weshalb er verstand, dass das von ihm gelesene Gedicht von Milton, der Essay von Bacon, das Theaterstück von Ben Jonson jene Welt veränderten, die zugleich ihr Thema war, und sie nur deshalb verändern konnten, weil sie darin fußten. Im Seminar meldete er sich selten zu Wort, und seine schriftlichen Arbeiten stellten ihn fast nie zufrieden. Wie seine Vorträge vor den jungen Studenten verrieten sie nichts von dem, wovon er zutiefst überzeugt war.

Er lernte einige Mitstudenten näher kennen, die am selben Fachbereich unterrichteten. Mit zweien freundete er sich besonders an, mit David Masters und Gordon Finch.

Masters war ein schlanker, dunkelhaariger junger Mann mit scharfer Zunge und sanften Augen. Wie Stoner hatte er gerade mit der Promotion begonnen, war allerdings ein gutes Jahr jünger. Am Fachbereich und bei den Studenten besaß er den Ruf, arrogant und impertinent zu sein, weshalb man allgemein annahm, dass es ihm letztlich sicher nicht leichtfallen würde, den Doktortitel zu erringen. Stoner hielt ihn für einen brillanten Kopf und ordnete sich ihm neidlos und ohne jeden Widerwillen unter.

Gordon Finch war groß und blond und begann bereits im Alter von dreiundzwanzig Jahren dick zu werden. Er hatte seinen Abschluss an einer Handelsschule in St. Louis gemacht und es an der Universität mit mehreren weiterführenden Studiengängen versucht, so in Wirtschaftswissenschaften, Geschichte und Maschinenbau. Auf eine Promotion am Fachbereich Literatur hatte er sich wohl nur deshalb eingelassen, weil es ihm in letzter Sekunde gelungen war, eine bescheidene Unterrichtsstelle zu ergattern. Rasch erwies er sich als der Student am Fachbereich, der wohl das geringste Interesse für sein Studiengebiet aufbrachte, doch war er bei den Erstsemestern beliebt; außerdem verstand er sich gut mit den älteren Fakultätsmitgliedern und den Verwaltungsangestellten.

Diese drei — Stoner, Masters und Finch — machten es sich zur Gewohnheit, freitagnachmittags in einer kleinen Bar in der Stadt ein paar große Gläser Bier zu trinken und bis zu später Stunde miteinander zu reden. Obwohl Stoner kein anderes gesellschaftliches Vergnügen als diese Abende kannte, fragte er sich oft verwundert, was sie eigentlich verband. Sie kamen zwar gut miteinander aus, waren aber beileibe keine engen Freunde, zogen einander nur selten ins Vertrauen und sahen sich kaum außerhalb ihrer wöchentlichen Treffen.

Keiner von ihnen stellte ihre Beziehung je in Frage. Stoner wusste, Gordon Finch wäre derlei nie in den Sinn gekommen, doch nahm er an, dass dies nicht für David Masters galt. Einmal saßen sie spätabends an einem der hinteren Tische der schummrigen Bar, und Stoner und Masters redeten über ihre Seminare und ihr Studium im verlegen scherzhaften Ton der ganz Ernsthaften. Wie eine Kristallkugel hielt Masters ein hartgekochtes Ei vom kostenlosen Mittagessen in die Höhe und fragte: »Habt ihr, Gentlemen, je über die wahre Natur der Universität nachgedacht? Mr Stoner? Mr Finch?«

Lächelnd schüttelten sie die Köpfe.

»Natürlich habt ihr das nicht. Ich stelle mir vor, dass sie für Stoner einem großen Vorratsraum gleicht, einer Bibliothek vielleicht oder einem Bordell, etwas, wohin Männer aus freien Stücken gehen, um zu suchen, was sie vervollständigt, ein Ort, an dem alle wie kleine Bienen in einem Bienenkorb zusammenarbeiten. Die Ehrlichen, die Guten, die Schönen. Sie warten gleich um die Ecke oder im nächsten Flur, sind im nächsten Folianten, in dem, den du noch nicht gelesen hast, auf jeden Fall aber im nächsten Bücherstapel, mit dem du noch nicht angefangen hast, doch eines Tages anfangen wirst. Und wenn es dann so weit ist — wenn es dann so weit ist …« Noch einmal blickte er auf das Ei, biss ein großes Stück davon ab und wandte sich mit kauenden Kiefern und funkelnden dunklen Augen zu Stoner um.

Stoner lächelte unbehaglich, und Finch lachte laut und schlug auf den Tisch. »Er hat dich durchschaut, Bill. Er hat dich wirklich durchschaut.«

Masters kaute noch einen Moment, schluckte und richtete den Blick dann auf Finch. »Und du, Finch. Wie sieht deine Vorstellung aus?« Er hob die Hand. »Du protestierst und sagst, du hättest noch nie drüber nachgedacht. Aber das hast du. Hinter dem herzlichen, gutmütigen Äußeren arbeitet ein schlichter Verstand. Für dich ist diese Institution ein Werkzeug des Guten — gut für die Welt im Ganzen, natürlich, und zufälligerweise auch gut für dich. Du siehst darin eine Art geistiges Tonikum, das du jeden Herbst verabreichst, um die kleinen Racker über einen weiteren Winter zu bringen, wobei du der freundliche alte Doktor bist, der gütig ihre Köpfe tätschelt und ihre Gebühren einsackt.«

Finch lachte erneut und schüttelte den Kopf: »Also ehrlich, Dave, wenn du erst einmal anfängst …«

Masters stopfte sich das restliche Ei in den Mund, kaute zufrieden und nahm dann einen kräftigen Schluck Bier. »Doch ihr irrt euch beide«, sagte er. »Es ist eine Klapse oder — wie nennt man das heute? — eine Art Seniorenheim, eine Zuflucht für die Gebrechlichen, die Alten, die Unzufriedenen oder die auf andere Weise Unzulänglichen. Schaut euch uns drei doch an — wir sind die Universität. Ein Fremder könnte nicht ahnen, dass wir so viel gemeinsam haben, aber wir wissen es, nicht wahr? Wir wissen es genau.«

Finch lachte. »Was denn, Dave?«

Da Masters nun selbst interessierte, was er zu sagen hatte, lehnte er sich gespannt über den Tisch. »Nehmen wir dich zuerst, Finch. Ich versuche es möglichst freundlich zu sagen, aber du bist der Unzulängliche. Wie du selbst weißt, bist du eigentlich nicht besonders gescheit — auch wenn es daran allein nicht liegt.«

»Also bitte«, sagte Finch, immer noch lachend.

»Doch bist du klug genug — gerade mal klug genug —, um zu begreifen, wie es dir draußen in der Welt ergehen würde. Du bist zum Scheitern bestimmt, und das weißt du. Zwar kannst du ein ziemlicher Hundsfott sein, bist aber nicht skrupellos genug, um es auf Dauer zu bleiben. Und du bist nicht der ehrlichste Mensch, den ich kenne, bist aber auch nicht über die Maßen unehrlich. Du kannst einerseits arbeiten, bist aber faul genug, nicht so hart zu arbeiten, wie es draußen in der Welt von dir verlangt wird. Andererseits bist du auch nicht so faul, dass du der Welt ein Gefühl für deine Wichtigkeit vermitteln könntest. Und du hast kein Glück — zumindest nicht genug. Dich umgibt keine Aura, und du ziehst ein Gesicht, bist verwirrt. Draußen in der Welt stündest du stets am Rand des Erfolgs und würdest von deinem Scheitern vernichtet. Also bist du auserwählt, ausersehen; die Vorsehung, deren Sinn für Humor mich seit jeher amüsiert, hat dich den Klauen der Welt entrissen und wohlbehalten im Kreis deiner Brüder platziert.«

Immer noch lächelnd, ironisch, böswillig, wandte er sich Stoner zu. »Du entkommst mir ebenso wenig, mein Freund. Nein, du nicht. Wer bist du? Ein schlichter Bauernsohn, wie du gern vorgibst? Keineswegs. Auch du gehörst zu den Unzulänglichen — du bist der Träumer, der Verrückte in einer noch verrückteren Welt, unser Don Quichotte des Mittleren Westens, der, wenn auch ohne Sancho, unter blauem Himmel herumtollt. Du bist klug genug — jedenfalls klüger als unser gemeinsamer Freund. Doch trägst du den Makel der alten Unzulänglichkeit. Du glaubst, hier wäre etwas, das es zu finden gilt. Nun, draußen in der Welt würdest du bald eines Besseren belehrt, denn du bist gleichfalls zum Scheitern bestimmt, auch wenn du nicht gegen die Welt ankämpfst. Du lässt dich von ihr verschlingen und wieder ausspeien, und dann liegst du da und fragst dich verwundert, was falsch gelaufen ist. Du unterstellst der Welt stets, etwas zu sein, was sie nicht ist, was sie nicht einmal sein will. Der Rüsselkäfer in der Baumwolle, der Wurm im Bohnenkraut, der Wurzelbohrer im Mais. Du könntest dich dem Ungeziefer nicht stellen, könntest es nicht bekämpfen, denn du bist zu schwach, und du bist zu stark. Außerdem hast du keinen Platz in der Welt.«

»Und was ist mit dir?«, fragte Finch. »Was ist mit dir selbst?«

»Ach«, sagte Masters und lehnte sich zurück. »Ich bin einer von euch. Schlimmer noch. Ich bin zu klug für diese Welt und kann den Mund nicht halten; gegen dieses Gebrechen ist kein Kraut gewachsen. Also muss ich dort eingesperrt werden, wo ich gefahrlos unverantwortlich sein, wo ich keinen Schaden anrichten kann.« Er beugte sich erneut vor und lächelte sie an. »Wir sind alle arme Thoms, und uns friert’s.«

»König Lear«, sagte Stoner ernst.

»Dritter Akt, vierte Szene«, ergänzte Masters. »Und so hat die Vorsehung, die Gesellschaft oder das Schicksal — welche Bezeichnung ihr auch bevorzugt — diese armselige Bleibe für uns geschaffen, auf dass wir uns dorthin vor jeglichem Unwetter flüchten können. Unseretwegen gibt es die Universität, für die Enteigneten der Welt, nicht für die Studenten und nicht für das selbstlose Streben nach Wissen, auch nicht aus einem der anderen Gründe, die man euch nennen mag. Wir teilen die Gründe aus und lassen einige Gewöhnliche ein, jene, die in der Welt bestehen könnten, doch geschieht das bloß zur Tarnung. Wie die Kirche im Mittelalter, die sich keinen Deut um Laien oder gar um Gott scherte, haben wir unsere Vorwände, die es uns zu überleben gestatten. Und wir werden überleben — denn das müssen wir.«

Finch schüttelte bewundernd den Kopf. »Du lässt uns wirklich schlecht aussehen, Dave.«

»Vielleicht«, sagte Masters. »Doch schlecht wie wir sind, sind wir doch besser als jene draußen im Schmutz, die armen Dreckskerle der Welt. Wir fügen keinen Schaden zu, wir sagen, was wir wollen, und werden noch dafür bezahlt; das ist ein Triumph der natürlichen Tugend oder kommt ihm doch zumindest verdammt nahe.«

Gleichgültig lehnte sich Masters vom Tisch zurück, als interessierte ihn nicht länger, was er gerade gesagt hatte.

Gordon Finch räusperte sich. »Tja, nun«, sagte er in ernstem Ton. »Es mag was dran sein an dem, was du sagst, Dave, aber ich finde, du gehst zu weit. Ganz ehrlich.«

Stoner und Masters lächelten einander an, doch sie erörterten diese Frage an jenem Abend nicht weiter. Noch Jahre später erinnerte sich Stoner aber in den seltsamsten Augenblicken an das, was Masters gesagt hatte, und obwohl das Gesagte für ihn nicht auf die Universität zutraf, der er sich verpflichtet hatte, verriet es ihm allerhand über seine Beziehung zu den zwei Männern und gewährte ihm einen flüchtigen Blick auf die zersetzende, unverdorbene jugendliche Bitterkeit.

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Am 7. Mai 1915 versenkte ein deutsches U-Boot den britischen Passagierdampfer Lusitania mit einhundertvierzehn amerikanischen Passagieren an Bord; bis gegen Ende des Jahres 1916 herrschte seitens der Deutschen ein uneingeschränkter U-Boot-Krieg, und die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA wurden zunehmend schlechter. Im Februar 1917 brach Präsident Wilson die diplomatischen Beziehungen ab. Am 6. April folgte eine Erklärung des Kongresses und die Vereinigten Staaten traten offiziell in den Krieg ein.

Als wären sie erleichtert, dass die zermürbende Ungewissheit endlich vorüber war, stürmten gleich nach dieser Erklärung überall im Land Abertausende junger Männer die während der letzten Wochen hastig eingerichteten Anwerbestellen. Mehrere Hundert hatten Amerikas Kriegsbeitritt gar nicht erst abgewartet und sich schon 1915 freiwillig zum Dienst bei den kanadischen Truppen oder als Sanitätsfahrer bei einer der alliierten europäischen Truppen gemeldet. Zu ihnen gehörten auch einige ältere Studenten der Universität, und obwohl William Stoner keinen davon gekannt hatte, hörte er ihre legendären Namen mit zunehmender Häufigkeit während jener Monate und Wochen, die bis zu dem Augenblick verstrichen, von dem sie alle wussten, dass er irgendwann kommen musste.

Der Krieg wurde an einem Freitag erklärt, und auch wenn für die folgende Woche Unterricht vorgesehen blieb, gaben sich nur wenige Studenten oder Professoren den Anschein, ihren Pflichten Genüge tun zu wollen. Sie schlenderten über die Korridore, standen in kleinen Gruppen beisammen und murmelten mit gedämpften Stimmen. Manchmal explodierte die angespannte Stille geradezu, und zweimal kam es zu allgemein antideutschen Demonstrationen, auf denen die Studenten wirres Zeug riefen und mit amerikanischen Wimpeln wedelten. Einmal gab es eine kurzlebige Demonstration gegen einen Professor, einen alten, bärtigen Dozenten der Germanistik, der, in München geboren, als Jugendlicher die Universität in Berlin besucht hatte. Als der Professor jedoch der aufgebrachten, triumphierenden kleinen Gruppe Studenten gegenübertrat, verwirrt blinzelte und ihnen die dürre, zitternde Hand hinstreckte, löste sich das Häuflein in mürrischer Konfusion wieder auf.

Während dieser ersten Tage nach der Kriegserklärung litt Stoner ebenfalls unter einer gewissen Verwirrung, doch unterschied seine sich gründlich von jener, die fast alle auf dem Campus Anwesenden erfasst hatte. Obwohl er mit Dozenten und älteren Studenten über den Krieg in Europa geredet hatte, hatte er doch nie recht daran glauben wollen; und nun, da er ausgebrochen war, für ihn wie für sie alle, entdeckte er in sich ein großes Reservoir der Gleichgültigkeit. Ihm missfiel die Unruhe, die der Universität vom Krieg aufgedrängt wurde; außerdem konnte er in sich kein besonders ausgeprägtes patriotisches Gefühl wahrnehmen, und er brachte es auch nicht über sich, die Deutschen zu hassen.

Doch die Deutschen waren da, um gehasst zu werden. Einmal sah Stoner, wie Gordon Finch zu einer Gruppe älterer Fakultätsmitglieder sprach. Finchs Gesicht war verzerrt, und er spuckte auf den Boden, wenn er von den ‘Hunnen’ redete. Als er dann später in dem großen Büro, das sich ein halbes Dutzend jüngerer Dozenten teilte, auf Stoner zukam, war die Stimmung wieder umgeschlagen. In hektischer Jovialität klopfte er Stoner auf die Schulter.

»Das können wir denen doch nicht durchgehen lassen, Bill«, brach es aus ihm heraus. Wie ein Ölfilm glitzerte der Schweiß auf seinem runden Gesicht, und das dünne blonde Haar klebte ihm in dünnen Strähnen am Kopf. »Nein, Sir. Ich melde mich freiwillig. Mit Sloane habe ich bereits geredet, und er meinte, ich könne gehen. Also fahre ich morgen nach St. Louis und lasse mich rekrutieren.« Für einen Augenblick gelang es ihm, seinem Gesicht den Anschein von Ernsthaftigkeit zu verleihen. »Wir müssen schließlich alle unseren Teil leisten.« Dann grinste er und schlug Stoner erneut auf die Schulter. »Komm doch am besten gleich mit.«

»Ich?«, fragte Stoner und dann noch einmal ungläubig: »Ich?«

Finch lachte. »Na klar. Alle melden sich. Ich habe gerade mit Dave geredet — er kommt auch.«

Wie betäubt schüttelte Stoner den Kopf. »Dave Masters?«

»Sicher. Der alte Dave redet manchmal ein bisschen wirr, aber wenn es hart auf hart kommt, steht er seinen Mann und leistet seinen Teil. Genau wie du, Bill.« Finch boxte ihm auf den Arm. »Genau wie du.«

Stoner schwieg einen Moment. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht«, sagte er schließlich. »Mir geht das alles viel zu schnell. Ich muss erst mit Sloane reden und sage dir dann Bescheid.«

»Natürlich«, erwiderte Finch. »Du leistest schon deinen Teil«, setzte er dann mit belegter Stimme hinzu. »Das hier stehen wir gemeinsam durch, Bill, wir alle gemeinsam.«

Stoner verließ Finch, ging aber nicht gleich zu Archer Sloane, sondern fragte stattdessen auf dem Campus nach David Masters und fand ihn schließlich in der Bibliothek, wo er allein in einem Lesekabinett hockte, seine Pfeife qualmte und auf ein Bücherregal starrte.

Stoner setzte sich ihm gegenüber auf den Schreibtisch, und als er ihn gefragt hatte, ob er wirklich zur Armee gehen wolle, antwortete Masters: »Aber sicher, warum nicht?«

Als Stoner dann noch nach dem Warum fragte, sagte Masters: »Du kennst mich ziemlich gut, Bill. Mir sind die Deutschen scheißegal. Und ich fürchte, wenn ich drüber nachdenke, dann liegt mir an den Amerikanern auch nicht besonders viel.« Er klopfte die Pfeifenasche auf dem Boden aus und verrieb sie mit dem Schuh. »Letzten Endes mache ich es wohl nur, weil es nicht darauf ankommt, ob ich es mache oder nicht. Außerdem könnte es doch ganz amüsant sein, noch einmal die Welt zu sehen, ehe ich in diese Klostermauern und zu dem langsamen Untergang zurückkehre, der uns hier alle erwartet.«

Obwohl Stoner ihn nicht verstand, nickte er und akzeptierte, was Masters sagte. »Gordon meint, ich solle mich mit euch melden.«

Masters lächelte. »Gordon fühlt zum allerersten Mal den Überschwang der Tugend, und natürlich möchte er den Rest der Welt daran teilhaben lassen, damit er weiterhin glauben kann. Klar. Warum nicht? Komm mit. Es könnte dir gut tun, die Welt einmal zu sehen, wie sie in Wirklichkeit ist.« Er schwieg und schaute Stoner aufmerksam an. »Aber falls du dich dazu entschließt, dann um Himmels willen nicht wegen Gott, Vaterland und der lieben, alten Alma Mater. Tue es um deiner selbst willen.«

Stoner hielt einen Augenblick inne, bevor er sagte: »Ich rede mit Sloane und lasse es dich dann wissen.«

Er wusste nicht, wie Archer Sloanes Reaktion ausfallen würde, dennoch wurde er überrascht, als er ihn in seinem engen, von Büchern gesäumten Büro aufsuchte und von der Entscheidung erzählte, die er noch nicht endgültig getroffen hatte.

Sloane, der ihm gegenüber stets eine Haltung distanzierter, höflicher Ironie gewahrt hatte, platzte der Kragen. Das schmale, hagere Gesicht lief puterrot an, und die Falten um beide Mundwinkel vertieften sich vor Wut, als er sich mit geballten Fäusten halb aus dem Sessel erhob. Dann ließ er sich wieder sinken, öffnete bedächtig die Hände und legte sie auf die Schreibtischplatte; die Finger zitterten, die Stimme aber war rau und fest.

»Ich muss Sie bitten, meine plötzliche Erregung zu verzeihen, doch habe ich in den letzten Tagen fast ein Drittel der Fakultätsmitglieder verloren und sehe keine Möglichkeit, sie zu ersetzen. Nicht, dass ich mich über Sie persönlich ärgere, aber …« Er wandte sich von Stoner ab und sah zum hohen Fenster am anderen Ende des Büros. Das Licht fiel direkt auf sein Gesicht, betonte die Falten und vertiefte die Schatten unter den Augen, weshalb er einen Moment lang alt und krank aussah. »Ich wurde 1860 geboren, kurz vor dem Rebellionskrieg, an den ich mich natürlich nicht erinnern kann; ich war noch zu klein. Ich kann mich auch nicht an meinen Vater erinnern; er wurde im ersten Kriegsjahr in der Schlacht von Shiloh getötet.« Rasch blickte er zu Stoner hinüber. »Doch kann ich die Folgen sehen. Ein Krieg tötet nicht bloß einige Tausend oder Hunderttausend junger Männer. Er tötet etwas in einem Volk, das nie mehr wiederbelebt werden kann. Und wenn ein Volk genügend Kriege mitmacht, bleibt schließlich nur noch das Biest übrig, jene Kreatur, die wir — Sie und ich und andere wie wir — aus dem Schlamm heraufbeschworen haben.« Er schwieg einen Moment, dann lächelte er ein wenig. »Der Gelehrte sollte nicht gebeten werden, das zu zerstören, was er sein Leben lang aufzubauen versucht hat.«

Stoner räusperte sich und erwiderte zögerlich: »Alles scheint so schnell zu geschehen. Irgendwie habe ich nie daran gedacht, bis ich von Finch und Masters gefragt wurde. Es kommt mir immer noch nicht ganz real vor.«

»Ist es natürlich auch nicht«, sagte Sloane. Rastlos wandte er sich dann von Stoner ab. »Ich werde Ihnen nicht sagen, was Sie tun sollen. Ich sage nur: Es ist Ihre Entscheidung. Es wird eine Einberufung geben, aber Sie könnten davon ausgenommen werden, falls Sie dies wollen. Sie haben doch keine Angst zu gehen, oder?«

»Nein, Sir«, antwortete Stoner. »Ich denke nicht.«

»Dann haben Sie die Wahl, und Sie müssen sie allein für sich treffen. Dabei versteht sich von selbst, dass Sie — sollten Sie sich entscheiden, zur Armee zu gehen — bei Ihrer Rückkehr in Ihre jetzige Stellung übernommen werden. Entschließen Sie sich aber, nicht zu gehen, können Sie bleiben, werden deshalb jedoch keine Vorteile genießen. Es ist sogar möglich, dass es Ihnen zum Nachteil gereicht, sei es heute oder später.«

»Ich verstehe«, sagte Stoner.

Es folgte ein langes Schweigen, bis Stoner entschied, dass Sloane offenbar mit ihm fertig war. Doch gerade als er aufstand, um das Büro zu verlassen, begann Sloane noch einmal zu sprechen.

Bedächtig sagte er: »Sie müssen daran denken, was Sie sind und wofür Sie sich entschieden haben, an die Bedeutung dessen, was Sie tun. Es gibt Kriege, Niederlagen und Siege der menschlichen Spezies, die nicht militärischer Natur sind und in den Annalen der Geschichte nicht verzeichnet werden. Denken Sie daran, während Sie sich zu entscheiden versuchen.«

Zwei Tage lang ging Stoner nicht zum Unterricht und sprach mit niemandem, den er kannte. Er blieb auf dem kleinen Zimmer und rang mit seiner Entscheidung. Bücher und Stille umgaben ihn; nur selten drangen die Geräusche der Außenwelt zu ihm vor, die fernen Laute rufender Studenten, das rasche Geklapper eines Einspänners auf der gepflasterten Straße, das dumpfe Tuckern eines der gut ein Dutzend Automobile der Stadt. Er hatte nie zur Nabelschau geneigt und fand die Aufgabe, sich über seine Motive klar zu werden, schwierig und auch ein wenig unangenehm; er merkte, dass er sich selbst kaum etwas zu bieten hatte und dass es in ihm wenig gab, das er finden konnte.

Als er schließlich zu einer Entscheidung gelangte, war ihm, als hätte er von Anfang an gewusst, wie sie ausfallen würde. Er traf sich am Freitag mit Masters und Finch und sagte ihnen, dass er nicht gegen die Deutschen kämpfen werde.

Gordon Finch, noch immer vom Tugendüberschwang getrieben, erstarrte und ließ zu, dass sich ein Ausdruck vorwurfsvollen Kummers auf seinem Gesicht breitmachte. »Du enttäuschst uns, Bill«, sagte er mit belegter Stimme. »Du enttäuschst uns alle.«

»Sei still«, sagte Masters. Er musterte Stoner aufmerksam. »Ich habe mir bereits gedacht, dass du dich so entscheiden könntest; du hast schon immer etwas Asketisches, Passioniertes gehabt. Natürlich ist es egal, aber was hat dich letztlich zu dieser Entscheidung bewogen?«

Einen Moment lang antwortete Stoner nicht. Er dachte an die letzten beiden Tage, an das stille Ringen, das kein Ende zu finden und keine Bedeutung zu haben schien, dachte an sein Leben an der Universität während der letzten sieben Jahre, an die Jahre davor, die fernen Jahre mit den Eltern auf der Farm, an die Leblosigkeit, der er auf wundersame Weise entronnen war.

»Ich weiß nicht«, sagte er dann. »Alles, glaube ich. Ich kann’s nicht sagen.«

»Es wird nicht leicht werden«, sagte Masters. »Hier zu bleiben.«

»Ich weiß«, sagte Stoner.

»Aber es lohnt sich, meinst du?«

Stoner nickte.

Masters grinste und sagte wieder im gewohnt ironischen Ton: »Du hast jedenfalls den asketischen, hungrigen Blick. Du bist verdammt.«

Finchs kummervoller Ausdruck war in so etwas wie vorsichtige Verachtung umgeschlagen. »Das wirst du noch bedauern, Bill«, brachte er heiser heraus, und seine Stimme schwebte zwischen Drohung und Mitleid.

Stoner nickte. »Das kann gut sein«, sagte er.

Dann verabschiedete er sich und ging. Seine beiden Freunde würden am nächsten Tag nach St. Louis fahren, um sich anwerben zu lassen, und Stoner musste den Unterricht für die kommende Woche vorbereiten.

Er hatte wegen seiner Entscheidung kein schlechtes Gewissen, und als die allgemeine Einberufung erfolgte, beantragte er seine Freistellung ohne ein Gefühl der Reue, doch war er sich der Blicke bewusst, die ihm die älteren Kollegen zuwarfen, der kaum verhohlenen Respektlosigkeit, die sich im allgemeinen Verhalten seiner Studenten ihm gegenüber zeigte. Er meinte sogar zu spüren, dass sich Archer Sloane, der seine Entscheidung, an der Universität zu bleiben, seinerzeit mit herzlicher Zustimmung begrüßt hatte, kühler und reservierter verhielt, je länger der Krieg andauerte.

Im Frühjahr 1918 schloss er die Doktorarbeit ab und erhielt die Promotion im Juni desselben Jahres. Einen Monat ehe er den Titel zugesprochen bekam, traf ein Brief von Gordon Finch ein, der die Offiziersschule durchlaufen hatte und an ein Ausbildungslager am Stadtrand von New York überstellt worden war. Der Brief informierte Stoner, dass man es Finch gestattete, in seiner Freizeit an der Universität von Columbia zu studieren, wo er seine Doktorarbeit beenden und im kommenden Sommer am dortigen Lehrerkolleg das Examen machen würde.

Gleichfalls teilte man ihm in diesem Brief mit, dass Dave Masters nach Frankreich geschickt worden war, wo er fast genau ein Jahr nach seiner Rekrutierung mit den ersten amerikanischen Truppen, die in Gefechte verwickelt waren, bei Château-Thierry getötet wurde.

III

Eine Woche vor der Abschlussfeier, während der Stoner den Doktortitel verliehen bekommen sollte, bot ihm Archer Sloane eine Vollzeitdozentur an. Er erklärte, es entspreche zwar nicht den Gepflogenheiten der Universität, die eigenen Doktoranden einzustellen, doch habe er angesichts des kriegsbedingten Mangels an ausgebildeten und erfahrenen Collegelehrern die Verwaltung überreden können, in diesem Fall eine Ausnahme zu machen.

Ein wenig widerstrebend hatte Stoner zuvor Bewerbungsbriefe an Universitäten und Colleges im Umkreis geschrieben und knapp seine Qualifikationen aufgelistet. Als er keine Antwort erhielt, fühlte er sich seltsam erleichtert, eine Erleichterung, die er halbwegs verstand, hatte er doch an der Universität von Columbia jene Art von Sicherheit und Geborgenheit kennengelernt, die er als Kind daheim hätte fühlen sollen, aber nie empfunden hatte; und er wusste nicht, ob er sie auch woanders finden würde. Also nahm er Sloanes Angebot dankbar an.

Dabei fiel ihm auf, dass Sloane im Laufe des Krieges deutlich gealtert war. Mit Ende fünfzig wirkte er zehn Jahre älter; das lockige Haar, einst eine widerspenstige, eisengraue Mähne, lag nun weiß, flach und leblos am knochigen Schädel an. Die schwarzen Augen blickten so matt, als wären sie von einem feuchten Film überzogen; das schmale, gefurchte Gesicht, einst fest wie gespanntes Leder, wirkte nun so brüchig wie altes, trockenes Papier, und die flache, ironische Stimme war zittrig geworden. Bei seinem Anblick dachte Stoner: Er wird sterben — in ein oder zwei Jahren, vielleicht auch in zehn, aber er wird sterben. Ein verfrühtes Gefühl von Verlust packte ihn, und er wandte sich ab.

In jenem Sommer des Jahres 1918 weilten seine Gedanken oft beim Tod. Masters’ Tod hatte ihn stärker getroffen, als er sich eingestehen wollte; außerdem wurden die ersten Listen mit amerikanischen Opfern in Europa veröffentlicht. Hatte er zuvor an den Tod gedacht, war er für ihn ein literarisches Ereignis gewesen oder der langsame, stille Verfall unvollkommenen Fleisches im Laufe der Zeit. Die Explosion von Gewalt auf einem Schlachtfeld war ihm dabei nie in den Sinn gekommen, der Blutschwall aus aufgeschlitzter Kehle. Er dachte über den Unterschied zwischen diesen Sterbensarten nach, darüber, was er zu bedeuten hatte, und spürte, wie in ihm jene Bitterkeit wuchs, die er einmal im Herzen seines Freundes David Masters entdeckt zu haben meinte.

Das Thema seiner Doktorarbeit lautete »Der Einfluss der Antike auf die mittelalterliche Lyrik«. Einen Großteil des Sommers verbrachte er folglich damit, erneut die lateinischen Dichter zu lesen, die klassischen wie die mittelalterlichen, insbesondere ihre Gedichte über den Tod. Und wieder erstaunte ihn die leichte, würdevolle Haltung, mit der diese römischen Dichter die Tatsache des Todes akzeptierten, als wäre das Nichts, das sie erwartete, ein Tribut an den Reichtum der genossenen Jahre; und er staunte über die Bitterkeit, die Angst, den kaum verhüllten Hass, dem er bei einigen der späteren christlich-lateinischen Dichter begegnete, sobald sie sich mit dem Tod befassten, der ihnen doch, wie vage auch immer, eine herrliche, ekstatische Ewigkeit versprach. Sie lasen sich, als wären ihnen Tod und Verheißung nur eine Farce, die ihnen die Tage ihres Lebens trübten. Dachte Stoner an Masters, sah er in ihm einen Catull oder einen sanfteren, lyrischeren Juvenal, einen Exilanten im eigenen Land; und sein Tod wurde für ihn zu einem weiteren Exil, seltsamer und dauerhafter, als er es je gekannt hatte.

Als das Herbstsemester 1918 begann, nahm man allgemein an, dass der Krieg in Europa nicht mehr lange dauern könne. Die letzte, verzweifelte Gegenoffensive der Deutschen wurde vor Paris gestoppt, und Marschall Foch befehligte einen Gegenangriff der Alliierten, der die Deutschen rasch in die Ausgangsstellungen zurücktrieb. Im Norden rückten die Briten vor, und die Amerikaner marschierten durch den Argonner Wald, wenn auch unter Opfern, die in der allgemeinen Begeisterung meist übersehen wurden. Die Zeitungen gingen davon aus, dass die Deutschen noch vor Weihnachten kapitulierten.

Das Semester begann daher in einer Atmosphäre angespannten Hochgefühls und Wohlbefindens. Studenten und Dozenten ertappten sich dabei, wie sie einander auf den Fluren zulächelten und eifrig nickten; Anfälle von Ausgelassenheit und leichter Gewalt unter den Studenten wurden von Fakultät und Verwaltung ignoriert, und ein unbekannter Student wurde über Nacht zu einer Art Volksheld, als er eine der riesigen Säulen vor der Jesse Hall hinaufkletterte und an ihrer Spitze den Kaiser in Gestalt einer Strohpuppe aufhängte.

Der einzige Mensch an der Universität, den die allgemeine Aufregung kalt zu lassen schien, war Archer Sloane. Seit Amerikas Eintritt in den Krieg hatte er sich immer stärker zurückgezogen, was noch deutlicher wurde, je mehr sich der Krieg dem Ende näherte. Sloane redete nicht mit seinen Kollegen, sofern ihn Fachbereichsangelegenheiten nicht dazu zwangen, und man flüsterte sich zu, sein Unterricht sei derart exzentrisch geworden, dass Studenten die Vorlesungen zu fürchten begannen; dumpf und mechanisch trug er seine Anmerkungen vor, sah den Studenten nie ins Gesicht und verstummte oft, wenn er auf seine Notizen blickte, woraufhin ein, zwei, manchmal gar fünf Minuten Stillschweigen folgten, in denen er sich nicht rührte und auch nicht auf die verlegenen Fragen seiner Zuhörer reagierte.

William Stoner sah ein letztes Mal eine Spur von jenem brillanten, ironischen Mann, den er in Studententagen gekannt hatte, als Archer Sloane ihm seine Lehraufgaben für das laufende akademische Jahr zuteilte. Sloane betraute Stoner mit zwei Anfängerkursen Einführung ins wissenschaftliche Schreiben sowie mit einem Einführungskurs in Mittelenglisch für höhere Semester. Und dann sagte er mit einem Anflug der alten Ironie: »Wie so viele unserer Kollegen und nicht wenige Studenten wird es Sie gewiss freuen zu erfahren, dass ich eine Reihe meiner Seminare aufgeben werde. Dazu gehört mein überaus unbeliebtes Lieblingsseminar, der Einführungskurs in die englische Literatur. Sie erinnern sich?«

Stoner nickte lächelnd.

»Ja«, fuhr Sloane lächelnd fort, »das habe ich mir gedacht. Ich möchte Sie bitten, diesen Kurs zu übernehmen. Kein großartiges Geschenk, ich weiß, aber ich dachte, es könnte Ihnen gefallen, Ihre Karriere als Lehrer dort zu beginnen, wo Sie selbst als Student angefangen haben.« Sloane schaute ihn einen Moment lang an, der Blick wach, die Augen leuchtend wie vor dem Krieg. Dann überzog sie wieder der Schleier der Gleichgültigkeit; und Sloane wandte sich von Stoner ab, um einige Papiere auf seinem Tisch umzusortieren.

Also begann Stoner, wo er angefangen hatte, ein hochgewachsener, hagerer, gebeugter Mann, in demselben Raum, in dem er als hochgewachsener, hagerer, gebeugter Junge Worte vernommen hatte, die ihn dorthin führten, wo er heute war. Nie betrat er den Raum, ohne einen Blick auf den Platz zu werfen, auf dem er einst gesessen hatte, und stets reagierte er leicht überrascht, wenn er feststellen musste, dass er nicht dort saß.

Am 11. November dieses Jahres, zwei Monate nach Semesterbeginn, wurde der Waffenstillstand unterzeichnet. Die Nachricht verbreitete sich an einem Unterrichtstag, und sogleich lösten sich die Seminare auf; Studenten rannten ziellos über den Campus und begannen, kleine Paraden abzuhalten, strömten auseinander und versammelten sich erneut, marschierten durch Säle, Seminarräume und Büros. Halb gegen seinen Willen geriet Stoner in eine dieser Prozessionen, die durch Jesse Hall mäanderte, über Flure, Treppen hinauf und wieder über Flure. Mitgerissen von der kleinen Schar Studenten und Dozenten, kam er an der offenen Tür zu Archer Sloanes Büro vorbei und konnte einen flüchtigen Blick auf Sloane werfen, der auf seinem Schreibtischstuhl saß und — das Gesicht verzerrt und unbedeckt — so bitterlich weinte, dass die Tränen über die tiefen Hautfalten rannen.

Wie unter Schock ließ Stoner sich noch einen Moment lang von der Menge davontragen. Dann scherte er aus und ging in sein eigenes Büro. Dort saß er im Halbdunkel, hörte draußen die Freudenrufe, die Erleichterung, und dachte an Archer Sloane, der über eine Niederlage weinte, die nur er allein sah oder zu sehen meinte; und er wusste, Sloane war ein gebrochener Mann, der nie wieder so sein würde, wie er einmal gewesen war.

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Ende November kamen viele Männer aus dem Krieg nach Columbia zurück, und überall auf dem Campus war das Olivgrün ihrer Uniformen zu sehen. Zu denen, die vorläufig nur auf verlängerten Urlaub heimkehrten, gehörte auch Gordon Finch. In den anderthalb Jahren seiner Abwesenheit von der Universität hatte er zugenommen, das breite, offene Gesicht, das früher so fügsam gewirkt hatte, war einer Miene leutseligen, doch gesetzten Ernstes gewichen; er trug die Abzeichen eines Captains und sprach oft mit väterlichem Wohlwollen von ‘seinen Jungs’. William Stoner gegenüber gab er sich verhalten freundlich, und er achtete darauf, den älteren Mitgliedern des Fachbereichs gebührenden Respekt zu erweisen. Das Herbstsemester war bereits zu weit fortgeschritten, als dass man ihn noch mit Lehraufgaben hätte betrauen können, weshalb ihm für den Rest des akademischen Jahres ein Posten als Verwaltungsassistent beim Dekan für Kunst und Wissenschaften zugewiesen wurde, wenn auch erklärtermaßen nur vorübergehend. Er besaß genügend Feingefühl, sich der Unbestimmtheit seiner neuen Stellung bewusst zu sein, und war klug genug, ihre Möglichkeiten zu erkennen; die Beziehungen zu seinen Kollegen hielt er auf so behutsame wie höfliche Weise unverbindlich.

Josiah Claremont, der Dekan für Kunst und Wissenschaften, war ein schmalbärtiger Mann fortgeschrittenen Alters, der den obligatorischen Zeitpunkt des Ausscheidens aus dem Amt bereits um mehrere Jahre versäumt hatte. Seit Anfang der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts aus dem einfachen College eine reguläre Universität geworden war, gehörte er dem Lehrkörper an, und sein Vater zählte zu ihren ersten Präsidenten. Claremont war so fest etabliert und derart Teil der Geschichte dieser Universität, dass trotz der zunehmenden Inkompetenz, mit der er sein Amt verwaltete, niemand den Mut besaß, auf sein Ausscheiden zu insistieren. Sein Erinnerungsvermögen ließ merklich nach, und manchmal verlief er sich sogar auf den Fluren von Jesse Hall, weshalb er dann wie ein Kind in sein Büro geführt werden musste.

In Universitätsangelegenheiten war er so unzuverlässig geworden, dass die Ankündigung seines Büros, bei ihm daheim werde ein Empfang zu Ehren der in die Fakultät und den Verwaltungsstab zurückgekehrten Veteranen stattfinden, ausnahmslos als raffinierter Scherz oder als ein Versehen aufgenommen wurde. Doch handelte es sich um keines von beiden. Gordon Finch bestätigte die Einladungen, und es wurde allgemein gemunkelt, dass er es auch gewesen war, der den Empfang angeregt und dieses Vorhaben durchgesetzt hatte.

Der seit langen Jahren verwitwete Josiah Claremont lebte allein mit drei schwarzen, nahezu gleichaltrigen Dienstboten in einem jener großen Häuser aus der Vorbürgerkriegszeit, die in Columbia einmal weit verbreitet gewesen waren, nun aber rasch dem Vordrängen zahlreicher Neubausiedlungen und kleiner, unabhängiger Farmer samt ihren Gebäuden wichen. Der Stil des Hauses war gefällig, jedoch nicht näher bestimmbar; und auch wenn es in seiner Weitläufigkeit und allgemeinen Anlage einer ‘Südstaatenvilla’ glich, fehlte die neoklassizistische Strenge eines typischen Virginia-Hauses. Die Fassaden waren weiß gestrichen und die Fenster grün, wie die Balustraden der kleinen Balkone, die hier und da im oberen Stock vorlugten. Das Grundstück ging in einen Wald über, der das Anwesen umgab, und hohe Pappeln, kahl an diesem Dezembertag, säumten Auffahrt und Wege. Es war das prächtigste Haus, dem William Stoner sich je genähert hatte, und an besagtem Freitagnachmittag schritt er ein wenig befangen über die Zufahrt, um sich zu einer Gruppe ihm unbekannter Fakultätsmitglieder zu gesellen, die vor der Haustür darauf warteten, eingelassen zu werden.

Gordon Finch, noch in Uniform, öffnete ihnen die Tür; die Gruppe betrat ein kleines, quadratisches Foyer, an dessen Ende eine steile Treppe mit poliertem Eichengeländer in den ersten Stock führte. Den eintretenden Männern direkt gegenüber hing ein französischer Wandteppich, dessen Blau und Gold so verblichen waren, dass man sein Muster im trüben gelben Licht der schwachen Glühbirnen kaum erkennen konnte. Stoner besah ihn sich aufmerksam, während sich jene, die mit ihm ins Haus gekommen waren, in dem kleinen Foyer unterhielten.

»Gib mir deinen Mantel, Bill.« Die Stimme, so nah an seinem Ohr, ließ ihn zusammenfahren. Er drehte sich um. Finch lächelte und bat um den Mantel, den Stoner noch nicht abgelegt hatte.

»Du bist noch nie hier gewesen, stimmt’s?«, fragte Finch im Flüsterton. Stoner schüttelte den Kopf.

Finch wandte sich den übrigen Männern zu und verschaffte sich Gehör, ohne die Stimme zu heben. »Meine Herren, gehen Sie bitte in den großen Salon.« Er wies zu einer Tür auf der rechten Foyerseite. »Es sind bereits fast alle da.«

Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Stoner. »Ein prächtiges altes Haus«, sagte er, während er Stoners Mantel in einen großen Wandschrank unterhalb der Treppe hängte. »Eines der wahren Schmuckstücke dieser Gegend.«

»Ja«, erwiderte Stoner. »Ich habe davon reden hören.«

»Und Dekan Claremont ist ein prächtiger alter Mann. Er hat mich gebeten, gewissermaßen an seiner statt ein Auge auf den Ablauf des heutigen Abends zu haben.«

Stoner nickte.

Finch nahm ihn am Arm und führte ihn zu jener Tür, auf die er zuvor gedeutet hatte. »Wir müssen uns später noch ein wenig unterhalten, aber jetzt geh erst einmal rein. Ich komme gleich nach. Es gibt da ein paar Leute, die du unbedingt kennenlernen solltest.«

Als Stoner antworten wollte, hatte Finch sich bereits abgewandt, um eine weitere Gruppe zu begrüßen, die gerade ins Haus gekommen war. Stoner holte tief Luft und öffnete die Tür zum großen Salon.

Da er aus dem kalten Foyer kam, schlug ihm die Wärme entgegen, als wollte sie ihn zurückdrängen; beim Öffnen der Tür schwoll das Gemurmel einen Augenblick lang an, dann hatte sich sein Gehör daran gewöhnt.

Etwa zwei Dutzend Gäste hielten sich im Raum auf, und einen Moment lang meinte er, niemanden zu kennen; er sah das nüchterne Schwarz, Grau und Braun der Männeranzüge, das Olivgrün der Uniformen und hier und da das zarte Rosa oder Blau eines Frauenkleides. Träge bewegten die Gäste sich durch die Wärme, und er bewegte sich mit ihnen, war sich, wenn er an den Sitzenden vorbeiging, seiner Körpergröße bewusst und nickte Gesichtern zu, die ihm unbekannt waren.

Am gegenüberliegenden Ende führte eine weitere Tür in einen gediegenen Salon, der an den langen Speisesaal grenzte. Die Doppeltür zum Saal stand offen und gab den Blick auf einen mächtigen Walnusstisch frei, der mit gelbem Damast, weißem Geschirr und blitzenden Silberschüsseln gedeckt war. Mehrere Leute hatten sich um den Tisch versammelt, an dessen Kopf eine junge Frau mit hellbraunem Haar, schlank und hochgewachsen, in einem Kleid aus blauer Moiréseide, Tee in goldrandige Porzellantassen goss. Wie gefangen von ihrem Anblick verharrte Stoner in der Tür. Ihr schmales zart geformtes Gesicht lächelte den Umstehenden zu, und die feingliedrigen, fast fragilen Finger hantierten geschickt mit Kanne und Tassen. Während er sie betrachtete, wurde sich Stoner mit einem Mal der eigenen linkischen Unbeholfenheit bewusst.

Mehrere Sekunden lang verharrte er in der Tür und hörte ihre sanfte Stimme über das Gemurmel der Gäste aufsteigen. Als sie den Kopf hob, sahen sie sich plötzlich in die Augen; ihre waren blass und groß und schienen wie von einem inneren Licht erhellt. Verwirrt trat er von der Tür zurück, ging wieder ins Wohnzimmer, fand einen freien Sessel an der Wand, setzte sich und musterte den Teppich unter seinen Füßen. Er sah nicht wieder zum Speisesaal hinüber, meinte aber dann und wann zu spüren, wie der Blick der jungen Frau weich über sein Gesicht strich.

Um ihn herum bewegten sich die Gäste, tauschten Plätze und änderten ihren Tonfall mit jedem neuen Gesprächspartner. Stoner sah sie wie durch einen Nebel, so als wäre er ein außenstehender Betrachter. Nach einer Weile kam Gordon Finch zurück, und Stoner stand auf, um ihm quer durchs Zimmer entgegenzugehen. Geradezu barsch unterbrach er Finchs Gespräch mit einem älteren Mann, zog seinen Freund beiseite und verlangte, ohne auch nur die Stimme zu senken, dass er der jungen Dame, die Tee einschenkte, vorgestellt werde.

Finch stutzte kurz, aber die verärgerte Falte, die sich auf seiner Stirn bilden wollte, verschwand, und seine Augen weiteten sich. »Du möchtest was?«, fragte er. Obwohl er kleiner als Stoner war, schien er auf ihn hinabzublicken.

»Ich möchte ihr vorgestellt werden«, sagte Stoner und spürte, wie ihm warm im Gesicht wurde. »Kennst du sie?«

»Natürlich«, antwortete Finch. Ein Grinsen begann an seinen Mundwinkeln zu zupfen. »Sie ist eine entfernte Cousine des Dekans, kommt aus St. Louis und hält sich hier auf, um eine Tante zu besuchen.« Das Grinsen wurde breiter. »Alter Junge. Wer hätte das gedacht? Aber sicher stelle ich dich vor. Komm mit.«

Sie hieß Edith Elaine Bostwick und wohnte bei ihren Eltern in St. Louis, wo sie letztes Jahr an einer privaten Lehranstalt für junge Damen einen zweijährigen Studiengang absolviert hatte. In Columbia besuchte sie für einige Wochen die ältere Schwester ihrer Mutter, mit der sie im Frühjahr zur Grand Tour durch Europa aufbrechen wollte — etwas, das nun, nach Kriegsende, wieder möglich geworden war. Ihr Vater, Präsident einer der kleineren Banken von St. Louis, war Anfang der siebziger Jahre aus Neuengland nach Westen gezogen, um die älteste Tochter einer wohlhabenden Familie aus dem tiefsten Missouri zu heiraten. Edith hatte ihr Leben lang in St. Louis gewohnt und war erst wenige Jahre zuvor mit den Eltern für eine Saison nach Boston gezogen, kannte die New Yorker Oper und hatte auch die Museen der Stadt besucht. Sie war zwanzig Jahre alt, spielte Klavier und hegte künstlerische Neigungen, in denen sie von ihrer Mutter unterstützt wurde.

Später konnte sich William Stoner nicht erklären, wie er all dies an jenem ersten Nachmittag und frühen Abend in Josiah Claremonts Haus erfahren hatte, denn die Zeit dieser steifen Begegnung schien ihm in der Erinnerung so undeutlich wie die Gestalten auf dem Treppengobelin im Foyer. Er wusste, er hatte mit ihr geredet, damit sie ihn ansah, in seiner Nähe blieb und ihn mit ihrer sanften Stimme erfreute, sooft sie ihm antwortete, um darauf ihrerseits eine beiläufige Frage zu stellen.

Die Gäste brachen auf. Abschiedsworte wurden gerufen, Türen zugeschlagen, der Raum leerte sich, doch Stoner blieb noch, als die meisten Gäste bereits gegangen waren. Sobald Ediths Wagen vorfuhr, folgte er ihr ins Foyer, half ihr in den Mantel und fragte im Hinausgehen, ob er sie am folgenden Abend besuchen dürfe.

Sie aber öffnete die Tür, als hätte sie ihn nicht gehört, und blieb einige Augenblicke stehen, ohne sich zu rühren; ein kalter Luftschwall drang durch die Tür und streifte Stoners heißes Gesicht. Dann drehte sie sich um, sah ihn an und blinzelte mehrere Male; ihre blassen Augen musterten ihn nachdenklich, fast kühn. Schließlich nickte sie und sagte: »Ja, Sie dürfen mich besuchen.« Sie lächelte nicht.

___________

Also ging er an einem bitterkalten Winterabend quer durch die Stadt zum Haus ihrer Tante und besuchte sie. Am Himmel hing keine Wolke; der Halbmond schien auf die am Nachmittag gefallene dünne Schneedecke, und die Straßen lagen verlassen; nur das Knirschen des trockenen Schnees unter seinen Schritten störte die gedämpfte Stille. Lange blieb er vor dem großen Gebäude stehen, zu dem er schließlich gelangte, und lauschte dem Schweigen. Seine Füße waren taub vor Kälte, aber er rührte sich nicht. Aus einem verhängten Fenster fiel dämmriges Licht als gelber Fleck auf den blauweißen Schnee, und er meinte im Haus eine Bewegung wahrzunehmen, war sich aber nicht sicher. Dann, in voller Absicht und so, als verpflichte er sich zu etwas, trat er vor, folgte dem Weg zur Veranda und klopfte an die Tür.

Ediths Tante (sie hieß, wie Stoner zuvor erfahren hatte, Emma Darley und war seit einer Reihe von Jahren Witwe) öffnete ihm und bat ihn ins Haus. Sie war eine kleine, rundliche Frau mit feinem, weißem Haar, das ihr Gesicht umfloss; die dunklen Augen blinzelten feucht, und sie redete so leise und atemlos, als verriete sie Geheimnisse. Stoner folgte ihr in den Salon und setzte sich, ihr zugewandt, auf ein langes Walnussholzsofa, dessen Sitzfläche und Rückenlehne mit schwerem blauem Samt bespannt waren. Schnee haftete an seinen Schuhen, und Stoner sah zu, wie sich auf dem dicken, geblümten Teppich unter seinen Füßen feuchte Tauflecken bildeten.

»Edith hat mir erzählt, dass Sie an der Universität lehren, Mr Stoner«, sagte Mrs Darley.

»Ja, Ma’am«, erwiderte er und räusperte sich.

»Es ist wirklich nett, mal wieder mit einem jungen Professor plaudern zu können«, erklärte Mrs Darley freudestrahlend. »Mein verstorbener Gatte, Mr Darley, saß einige Jahre im Kuratorium der Universität — aber ich vermute, das wissen Sie längst.«

»Nein, Ma’am«, sagte Stoner.

»Oh«, sagte Mrs Darley. »Nun, früher kamen nachmittags oft junge Professoren zum Tee, aber das war vor dem Krieg und ist jetzt einige Jahre her. Waren Sie im Krieg, Professor Stoner?«

»Nein, Ma’am«, sagte er. »Ich war an der Universität.«

»Natürlich«, erwiderte Mrs Darley und nickte vergnügt. »Und Sie unterrichten …?«

»Englisch«, antwortete Stoner. »Allerdings bin ich kein Professor. Nur Dozent.« Er wusste, wie rau seine Stimme klang, konnte aber nichts dagegen tun. Er versuchte zu lächeln.

»Ach ja«, seufzte sie. »Shakespeare … Browning …«

Sie verstummten; Stoner wrang die Hände und blickte zu Boden.

»Ich werde mal nachsehen, wo Edith bleibt«, sagte Mrs Darley. »Wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen …«

Stoner nickte und erhob sich, während sie hinausging. Aus dem Hinterzimmer hörte er heftiges Flüstern. Reglos verharrte er noch ein paar Minuten.

Plötzlich stand Edith im breiten Türrahmen, blass und ohne zu lächeln. Sie sahen sich an, als würden sie sich nicht wiedererkennen. Edith wich einen Schritt zurück, trat dann aber wieder vor, die Lippen schmal und angespannt. Ernst gaben sie einander die Hand und setzten sich aufs Sofa. Sie hatten noch kein Wort gesagt.

Edith war größer, als er sie in Erinnerung hatte, auch zarter, das Gesicht lang und schmal, und die Lippen hielt sie über eher kräftigen Zähnen geschlossen. Ihre Haut war von jener durchschimmernden Art, die schon beim leisesten Reiz einen Anflug von Farbe und Wärme zeigt, das Haar von einem hellen Rotbraun. Sie trug es in dicken, hochgesteckten Zöpfen, doch waren es ihre Augen, die ihn, wie schon am Tag zuvor, betörten und gefangennahmen. Sie waren groß und vom blassesten Blau, das er sich nur vorzustellen vermochte. Sah er sie an, schienen sie ihn aus sich heraus in ein Mysterium hineinzuziehen, das er nicht ganz verstand. Er hielt sie für die schönste Frau, die er je gesehen hatte, und spontan brach es aus ihm heraus: »Ich … ich möchte mehr über Sie wissen.« Sie wich ein wenig zurück. Hastig fügte er hinzu: »Ich meine — gestern, bei dem Empfang, da hatten wir eigentlich keine Gelegenheit, miteinander zu reden. Ich wollte ja, aber da waren so viele Leute. Manchmal können Leute hinderlich sein.«

»Es war ein sehr netter Empfang«, sagte Edith leise. »Ich fand, alle waren sehr nett.«

»O gewiss, natürlich«, sagte Stoner. »Ich meinte …« Er sprach nicht weiter. Edith blieb stumm.

Er sagte: »Ich habe gehört, dass Sie und Ihre Tante bald nach Europa fahren?«

»Ja«.

»Europa …« Er schüttelte den Kopf. »Sie müssen schrecklich aufgeregt sein.«

Sie nickte zögerlich.

»Wohin fahren Sie? Ich meine … in welche Länder?«

»England«, erwiderte sie. »Frankreich. Italien.«

»Und wann — im Frühling?«

»April.«

»Fünf Monate«, sagte er. »Das ist nicht mehr lang. Ich hoffe, bis dahin können wir …«

»Ich bin bloß noch drei Wochen hier«, warf sie rasch ein. »Dann kehre ich zurück nach St. Louis. Für die Weihnachtstage.«

»Das ist wirklich sehr kurz.« Er lächelte und schaute sie verlegen an. »Also muss ich Sie einfach so oft wie möglich sehen, damit wir uns kennenlernen können.«

Beinahe mit Entsetzen blickte sie ihn an. »So habe ich das nicht gemeint«, sagte sie. »Bitte …«

Stoner schwieg einen Moment. »Tut mir leid, ich … Dennoch, ich möchte Sie gern wiedersehen, so oft, wie Sie mögen. Darf ich?«

»Ach«, sagte sie. »Nun ja.« Sie hielt die schlanken Finger im Schoß verschränkt, und die Knöchel waren weiß, wo die Haut sich spannte. Auf den Handrücken zeigten sich helle Sommersprossen.

Stoner sagte: »Ich bin in so etwas nicht besonders gut, oder? Seien Sie nachsichtig mit mir. Jemandem wie Ihnen bin ich noch nie begegnet, und deshalb rede ich dummes Zeug. Bitte verzeihen Sie, falls ich Sie in Verlegenheit gebracht habe.«

»O nein«, erwiderte sie, drehte sich zu ihm um und verzog die Lippen auf eine Weise, die er für ein Lächeln halten musste. »Ganz und gar nicht. Ich finde es wunderbar. Wirklich.«

Er wusste nicht, was er darauf erwidern sollte, erwähnte das Wetter und entschuldigte sich dafür, Schnee auf den Teppich getragen zu haben; sie murmelte irgendwas. Er erzählte von den Seminaren, die er an der Universität gab, und sie nickte verwirrt. Dann saßen sie stumm da. Stoner stand auf; er bewegte sich so langsam und schwerfällig, als wäre er müde. Edith schaute ausdruckslos zu ihm hoch.

»Nun«, setzte er an und räusperte sich. »Es wird spät, und ich … Hören Sie, es tut mir leid. Darf ich in einigen Tagen wieder vorbeischauen? Vielleicht …«

Es war, als hätte er gar nicht mit ihr geredet. Er nickte, sagte »Gute Nacht« und wandte sich ab, um zu gehen.

Mit hoher, schriller Stimme und im stets gleichbleibenden Ton begann Edith Bostwick daraufhin zu reden: »Als ich ein kleines Mädchen war, gerade sechs Jahre alt, konnte ich schon Klavier spielen, und ich habe gern gemalt und war sehr schüchtern, weshalb meine Mutter mich auf Miss Thorndykes Mädchenschule in St. Louis geschickt hat. Dort war ich die Jüngste, was aber nicht weiter schlimm war, weil mein Daddy im Schulausschuss saß und sich um alles gekümmert hat. Erst gefiel es mir gar nicht in der Schule, aber später habe ich sie geliebt. Die Mädchen waren alle sehr nett und wohlerzogen, und ich fand einige Freundinnen fürs Leben und …«

Stoner hatte sich wieder umgedreht, sobald sie zu reden begann, und betrachtete sie mit einem Erstaunen, das sein Gesicht nicht verriet. Der Blick war starr, die Miene ausdruckslos, und ihre Lippen bewegten sich, als läse sie ihm, ohne ein Wort zu verstehen, aus einem unsichtbaren Buch vor. Langsam ging er durchs Zimmer zu ihr zurück und setzte sich wieder neben sie. Sie schien ihn nicht wahrzunehmen; ihre Augen blieben unverwandt geradeaus gerichtet, und sie fuhr fort, ihm von sich zu erzählen, als hätte er sie darum gebeten. Er wollte ihr sagen, sie solle aufhören, wollte sie trösten, sie berühren, doch tat er nichts und sagte nichts.

Sie redete weiter, und nach einer Weile begann er zu hören, was sie sagte. Erst Jahre später ging ihm auf, dass sie ihm in den anderthalb Stunden jenes Dezemberabends, an dem sie zum ersten Mal längere Zeit miteinander verbrachten, mehr über sich erzählt hatte, als sie es je wieder tun sollte. Kaum war es vorbei, spürte er, dass sie einander auf eine Weise fremd waren, die er nicht erwartet hätte; und er wusste, er hatte sich verliebt.

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Edith Elaine Bostwick war sich vermutlich gar nicht bewusst, was sie William Stoner an jenem Abend erzählte, und wäre sie es gewesen, hätte sie nicht ahnen können, welche Bedeutung ihre Worte für ihn gewannen. Stoner aber behielt, was sie gesagt hatte, und sollte es nie vergessen; was er hörte, war eine Art Beichte, und was er zu verstehen meinte, war eine Bitte um Hilfe.

Als er sie besser kennenlernte, erfuhr er mehr über ihre Kindheit; und ihm wurde klar, wie typisch sie für ein Mädchen ihrer Zeit und Herkunft gewesen war. Edith wurde in der Annahme erzogen, dass sie behütet bliebe vor den raueren Ereignissen, die das Leben mit sich bringen mochte, wie auch in der Annahme, dass sie keine andere Aufgabe zu erfüllen hätte, als ein so graziöses wie manierliches Accessoire in ebendiesem behüteten Leben zu sein, gehörte sie doch einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schicht an, für die dieses behütete Leben eine geradezu heilige Verpflichtung bedeutete. Sie ging auf Privatschulen für Mädchen, wo sie Lesen, Schreiben und einfache Rechenaufgaben zu lösen lernte; und sie wurde in ihrer Freizeit angehalten, Klavier zu spielen, zu sticken, Aquarelle zu malen oder sich über einige der dezenteren Werke der Literatur zu verbreiten. Außerdem erhielt sie Unterricht in Fragen der Mode, in Körperhaltung, Moral und damenhafter Diktion.

Die moralische Erziehung, wie sie Edith sowohl in der Schule als auch daheim erhielt, war dem Wesen nach negativ, im Kern verbietend und nahezu ausschließlich auf das Sexuelle gerichtet. Nur blieb die Sexualität indirekt und uneingestanden, weshalb sie jeden Bereich einer Ausbildung prägte, die ihre Energie größtenteils aus ebendieser verborgenen und unbenannten moralischen Kraft zog. Edith lernte, dass sie Pflichten gegenüber ihrem Gatten und ihrer Familie haben würde, die es zu erfüllen galt.

Selbst in den gewöhnlichsten Augenblicken des Familienlebens verlief ihre Kindheit steif und förmlich. Die Eltern wahrten stets eine distanzierte Höflichkeit; nie erlebte Edith, dass sie einander mit der spontanen Emotion von Ärger oder Liebe begegneten. Ärger bedeutete Tage höflichen Schweigens, Liebe war ein Wort höflicher Zuneigung. Edith blieb ein Einzelkind, und Einsamkeit gehörte zu den frühesten Befindlichkeiten ihres Lebens.

Also wuchs sie mit einem zarten Talent für die vornehmeren Künste auf und besaß keinerlei Kenntnis von den Zwängen des alltäglichen Lebens. Ihre Stickarbeiten waren delikat und nutzlos; sie malte neblige Landschaften in verwaschenen Aquarelltönen, spielte Klavier mit präzisem, doch kraftlosem Anschlag und besaß nicht die geringste Kenntnis ihrer eigenen Körperfunktionen, hatte sie sich doch nie auch nur einen Tag ihres Lebens allein um sich selbst kümmern müssen, noch wäre ihr je in den Sinn gekommen, sie könne einmal für das Wohlergehen eines anderen Menschen verantwortlich sein. Ihr Leben war unveränderlich wie ein tiefer Summton, und dass es so blieb, darüber wachte ihre Mutter, die, als Edith noch ein Kind war, stundenlang und als wäre eine andere Beschäftigung für sie beide gar nicht denkbar, dabei zusah, wie ihre Tochter Bilder malte oder Klavier spielte.

Im Alter von dreizehn Jahren machte Edith die übliche geschlechtliche Entwicklung durch; allerdings durchlief sie eine körperliche Veränderung, die eher ungewöhnlicher Natur war. Im Laufe nur weniger Monate wuchs sie fast um dreißig Zentimeter, sodass sie beinahe die Größe eines erwachsenen Mannes erreichte. Davon, dass es zwischen ihrem schlaksigen Körper und einer neuen, ungewohnten Sexualität einen Zusammenhang gab, sollte sie sich nie mehr erholen. Zudem vertieften die Veränderungen eine angeborene Schüchternheit — Edith hielt sich von ihren Klassenkameradinnen fern, hatte auch zu Hause niemanden, mit dem sie reden konnte, und kehrte sich mehr und mehr nach innen.

In diese innere Privatsphäre drang nun William Stoner vor. Und etwas Unvermutetes geschah, ein Instinkt regte sich und ließ sie ihn zurückrufen, als er zur Tür ging, ließ sie rasch und so verzweifelt reden, wie sie nie zuvor geredet hatte und nie wieder reden würde.

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Während der nächsten zwei Wochen sah er Edith fast jeden Abend. Sie gingen gemeinsam zu einem von der neuen Musikfakultät unterstützten Konzert, und an Abenden, an denen es nicht allzu kalt war, spazierten sie gemächlich durch die Straßen von Columbia, meist aber saßen sie in Mrs Darleys Salon. Manchmal unterhielten sie sich, oder Edith spielte ihm etwas vor, und während er zuhörte, beobachtete er, wie ihre Hände matt über die Tasten wanderten. Nach ihrem Gespräch am ersten Abend blieben die Unterhaltungen seltsam unpersönlich; und es gelang Stoner nicht noch einmal, sie aus der Reserve zu locken; als er merkte, wie peinlich ihr seine Anstrengungen waren, stellte er sie ein. Dennoch gab es zwischen ihnen eine gewisse Leichtigkeit, und er glaubte, sie besäßen eine Übereinkunft. Weniger als eine Woche bevor Edith nach St. Louis zurückkehren sollte, gestand er ihr seine Liebe und machte ihr einen Antrag.

Zwar hatte er keine Vorstellung davon, wie sie seine Erklärung und seinen Antrag aufnehmen würde, doch ihr Gleichmut überraschte ihn. Nachdem er geredet hatte, bedachte sie ihn mit einem langen, zugleich abwägenden und eigenartig kühnen Blick; und er musste an jenen ersten Nachmittag denken, an dem er um ihre Erlaubnis gebeten hatte, sie besuchen zu dürfen, daran, wie sie ihn von der Tür her angeschaut und ein kalter Wind geweht hatte. Dann wich dieser Blick, doch kam Stoner die Überraschung, die sich anschließend auf ihrem Gesicht zeigte, unwirklich vor. Edith sagte, in diesem Sinne hätte sie eigentlich nie an ihn gedacht, hätte sich derlei nie vorgestellt und wisse nun nicht recht.

»Aber du musst doch gemerkt haben, dass ich dich liebe«, sagte er. »Ich wüsste nicht, wie ich das hätte verbergen können.«

Mit einem Hauch von Temperament erwiderte sie: »Nein, habe ich nicht. Ich habe nichts dergleichen gemerkt.«

»Dann muss ich es dir noch einmal sagen«, erwiderte er sanft. »Und du musst dich daran gewöhnen. Ich liebe dich, und ich kann mir nicht vorstellen, ohne dich zu leben.«

Sie schüttelte wie verwirrt den Kopf. »Aber meine Europareise«, sagte sie leise. »Tante Emma …«

Er spürte, wie ein Lachen in seiner Kehle aufstieg, und in frohem Zutrauen erwiderte er: »Ach, Europa. Ich zeige dir Europa. Eines Tages fahren wir zusammen hin.«

Sie wandte sich von ihm ab und legte die Fingerspitzen an die Stirn. »Du musst mir Zeit zum Nachdenken lassen. Und ich muss mit Mutter und Daddy reden, ehe ich auch nur ernsthaft …«

Weiter mochte sie sich nicht festlegen. Vor ihrer Abreise nach St. Louis in wenigen Tagen würde sie ihn nicht wiedersehen, weshalb sie ihm schreiben wollte, nachdem sie mit den Eltern gesprochen und selbst einen Entschluss gefasst hatte. Als er an diesem Abend ging, beugte er sich vor, um sie zu küssen, sie aber wandte den Kopf ab, sodass seine Lippen nur die Wange streiften. Sie drückte ihm leicht die Hand und ließ ihn zur Vordertür hinaus, ohne ihn noch einmal anzusehen.

Zehn Tage später erhielt er besagten Brief. Es war ein seltsam förmliches Schreiben, das mit keinem Wort darauf einging, was sich zwischen ihnen ereignet hatte, und nur erwähnte, dass Edith es gern sähe, wenn er ihre Eltern kennenlernte, und dass sie sich alle darauf freuten, ihn begrüßen zu dürfen, wenn er, sofern ihm dies möglich sei, am nächsten Wochenende nach St. Louis käme.

Ediths Eltern begegneten ihm mit genau der kühlen Höflichkeit, die er von ihnen erwartet hatte; und sie versuchten gleich, ihm jegliches Gefühl von Leichtigkeit zu nehmen, das er noch gehabt haben mochte. So stellte ihm etwa Mrs Bostwick eine Frage und reagierte auf seine Antwort mit einem langgezogenen ‘ja-a’ in höchst zweifelhaftem Ton, um ihn dann so neugierig anzusehen, als hätte er einen Pickel im Gesicht oder eine blutende Nase. Wie Edith war sie groß und hager, und anfangs irritierte Stoner diese unerwartete Ähnlichkeit, doch waren Mrs Bostwicks Züge grob und lethargisch, ohne jede Andeutung von Feinsinnigkeit oder Stärke, und ihr Gesicht verriet die tiefen Spuren dessen, was man wohl eine notorische Unzufriedenheit nennen konnte.

Horace Bostwick war ebenfalls groß gewachsen, nur wirkte er auf merkwürdige und beinahe substanzlose Weise füllig, fast korpulent; ein Kranz grauer Haare umlockte den ansonsten kahlen Schädel, und vom Kiefer hing die Haut in schlaffen Falten herab. Wenn er mit Stoner sprach, blickte er über dessen Kopf hinweg, als ob er hinter ihm etwas sähe, und wenn Stoner antwortete, trommelte er mit dicken Fingern auf den gepaspelten Längssaum seiner Weste.

Edith begrüßte Stoner, als wäre er ein zufälliger Besucher, dann ließ sie sich unbekümmert treiben und ging belanglosen Aufgaben nach. Er folgte ihr mit den Blicken, konnte sie aber nicht bewegen, ihn anzusehen.

Es war das größte und eleganteste Haus, in dem Stoner sich je aufgehalten hatte. Die Zimmer waren dunkel, sehr hoch und vollgestellt mit Vasen aller Art und Größe, mit matt glänzenden Silbergefäßen auf marmorbelegten Tischen, Kommoden und Truhen sowie mit überaus delikat geformten Möbeln, die mit reich verzierten Stoffen bezogen waren. Sie gingen durch mehrere Zimmer zu einem Salon, in dem, so murmelte Mrs Bostwick, sie und ihr Gatte mit Freunden gern zwanglos zusammensaßen und plauderten. Stoner nahm in einem Sessel Platz, der so zerbrechlich aussah, dass er nicht wagte, sich darauf zu bewegen; er meinte spüren zu können, wie der Sessel unter seinem Gewicht nachgab.

Edith war verschwunden; nahezu hektisch sah Stoner sich nach ihr um, doch kam sie beinahe zwei Stunden nicht wieder zurück in den Salon, sondern erst, nachdem Stoner und die Eltern ihr ‘Gespräch’ gehabt hatten.

Das ‘Gespräch’ verlief indirekt, anspielungsreich und zäh und wurde immer wieder von langem Schweigen unterbrochen. Horace Bostwick hielt kurze Reden über sich selbst, die er an eine Stelle gut zehn Zentimeter über Stoners Kopf richtete, wodurch dieser erfuhr, dass Bostwick ein Bostoner war, dessen Vater in Neuengland gegen Ende seines Lebens nicht nur die eigene Karriere im Bankgeschäft, sondern auch die Zukunft seines Sohnes durch eine Reihe törichter Investitionen ruiniert hatte, aufgrund derer das Bankhaus schließen musste. (»Verraten«, erklärte Bostwick der Zimmerdecke, »von falschen Freunden.«) So war der Sohn kurz nach dem Bürgerkrieg mit der Absicht nach Missouri gekommen, weiter in Richtung Westen zu ziehen, doch sollte er nie über Kansas City hinauskommen, wohin ihn gelegentliche Geschäftsreisen führten. Eingedenk des väterlichen Scheiterns oder des Verrats gab er seine erste Stelle bei einer kleinen Bank in St. Louis nie wieder auf und heiratete mit Ende dreißig, finanziell als Junior-Vizepräsident abgesichert, ein ortsansässiges Mädchen aus gutem Hause. Der Ehe entsprang ein einziges Kind; Bostwick hatte sich einen Sohn gewünscht, bekam aber eine Tochter, und das war eine weitere Enttäuschung, die er kaum zu verbergen suchte. Wie so viele Menschen, die ihren Erfolg ungenügend finden, war er über die Maßen eitel und verzehrt vom Gefühl der eigenen Bedeutsamkeit. Alle zehn oder fünfzehn Minuten zog er aus seiner Westentasche eine große goldene Uhr, warf einen Blick darauf und nickte gedankenschwer.

Mrs Bostwick sprach weniger und auch nicht so direkt über sich selbst, doch machte sich Stoner rasch ein Bild von ihr. Sie gehörte zu einem gewissen Typ Südstaatendame und stammte aus alter, diskret verarmter Familie, aufgewachsen in der Annahme, dass die beschränkten Bedingungen, unter denen die Familie darbte, ihrem Status unangemessen waren. Man hatte ihr beigebracht, nach einer Verbesserung dieses Zustands zu trachten, ohne die Art dieser Verbesserung je genau zu benennen. Die Ehe mit Horace Bostwick hatte sie mit einer derart zur Gewohnheit gewordenen Unzufriedenheit geschlossen, dass diese längst Bestandteil ihrer Persönlichkeit geworden war. Im Laufe der Jahre wuchsen Unzufriedenheit und Bitterkeit noch, wodurch sie so allgemein und umfassend wurden, dass kein Kraut mehr dagegen gewachsen zu sein schien. Ihre Stimme war schrill und hoch, und es schwang darin eine Hoffnungslosigkeit mit, die jedem Wort, das sie sagte, eine eigene Bedeutsamkeit verlieh.

Es war später Nachmittag, ehe auch nur einer von ihnen erwähnte, weshalb sie zusammengekommen waren.

Sie erzählten Stoner, wie sehr ihnen Edith am Herzen liege, wie besorgt sie um ihr künftiges Glück seien, und redeten von den Vorteilen, die ihre Tochter genossen habe. Stoner saß in qualvoller Verlegenheit vor ihnen und versuchte, Antworten zu geben, von denen er hoffte, dass man sie für angemessen hielt.

»Ein außergewöhnliches Mädchen«, sagte Mrs Bostwick. »So sensibel.« Die Falten in ihrem Gesicht vertieften sich, als sie mit alter Bitterkeit fortfuhr: »Kein Mann — niemand kann in vollem Maße verstehen, wie zart … wie …«

»Ja«, unterbrach Horace sie knapp. Und er begann, Stoner nach dessen ‘Aussichten’ zu befragen. Stoner antwortete, so gut er es eben vermochte, hatte aber nie zuvor über seine ‘Aussichten’ nachgedacht und war überrascht, wie bescheiden sie sich anhörten.

Bostwick sagte: »Und außer Ihrem Beruf haben Sie weiter keine … Mittel?«

»Nein, Sir«, erwiderte Stoner.

Betrübt schüttelte Mr Bostwick den Kopf. »Edith hat gewisse … Vorteile … gehabt, wissen Sie. Ein gutes Zuhause, Dienstboten, die besten Schulen. Ich frage mich — also, ich beginne zu fürchten, dass sie bei dem reduzierten Standard, wie er durch Ihre … ähm, Bedingungen … gewiss unvermeidlich wird, nun, dass sie …« Seine Stimme wurde leiser und verstummte schließlich.

Stoner fühlte Übelkeit in sich aufsteigen, aber auch Wut. Er wartete einen Augenblick, ehe er antwortete, und sagte dann so gefasst und ausdruckslos, wie es ihm nur möglich war: »Ich muss gestehen, Sir, dass ich derlei materielle Fragen noch nicht bedacht habe. Ediths Glück ist natürlich mein … Falls Sie glauben, Edith könnte unglücklich werden, dann muss ich …« Er schwieg, suchte nach Worten und wollte Ediths Vater von seiner Liebe zu dessen Tochter überzeugen, davon, wie gewiss er sich ihres gemeinsamen Glücks war, von der Art Leben, das sie führen würden. Doch redete er nicht weiter. Er hatte auf Horace Bostwicks Gesicht einen Ausdruck solcher Sorge, Verzweiflung und beinahe Furcht entdeckt, dass er überrascht verstummte.

»Nein«, warf Horace Bostwick hastig ein, und seine Miene klärte sich. »Sie haben mich missverstanden. Ich wollte lediglich versuchen, Ihnen gewisse … Schwierigkeiten … darzulegen, die in Zukunft auf Sie zukommen könnten. Aber ich bin mir sicher, ihr jungen Leute habt diese Dinge ausgiebig besprochen, und ich denke, Sie konnten sich bereits Ihre Meinung bilden. Ich respektiere Ihr Urteil und …«

Damit war es abgemacht. Es wurden noch einige Worte gesagt, und Mrs Bostwick fragte sich laut, wo Edith nur während all der Zeit geblieben war. Mit ihrer hohen, schrillen Stimme rief sie laut den Namen ihrer Tochter, und wenige Augenblicke später betrat Edith das Zimmer, in dem sie alle auf sie warteten. Sie sah Stoner nicht an.

Horace Bostwick sagte, er und der ‘junge Mann’ hätten ein nettes Gespräch geführt und dass sie beide, er und ihre Mutter, ihnen ihren Segen gaben. Edith nickte.

»Und nun«, sagte die Mutter, »müssen wir Pläne schmieden. Eine Hochzeit im Frühjahr. Oder vielleicht im Juni.«

»Nein«, sagte Edith.

»Wie bitte, Liebes?«, fragte ihre Mutter sanft.

»Wenn es denn sein soll«, sagte Edith, »dann soll es möglichst rasch geschehen.«

»Die Ungeduld der Jugend«, sagte Mr Bostwick und räusperte sich. »Aber möglicherweise hat deine Mutter recht, mein Liebes. Es gilt Pläne zu machen, und dafür ist Zeit vonnöten.«

»Nein«, sagte Edith erneut, und in ihrer Stimme schwang eine Festigkeit mit, die sie alle zu ihr hinüberblicken ließen. »Es muss bald sein.«

Darauf herrschte Stille. Dann sagte ihr Vater in überraschend gutmütigem Ton: »Also schön, mein Liebes. Wie du willst. Ihr jungen Leute habt wohl eure eigenen Pläne.«

Edith nickte, murmelte etwas von einer Arbeit, die sie zu erledigen habe, und schlüpfte aus dem Zimmer. Stoner sah sie erst zum Abendessen wieder, über das Horace Bostwick in herrschaftlichem Schweigen präsidierte. Nach dem Essen spielte Edith Klavier, doch spielte sie steif und schlecht und machte viele Fehler. Dann erklärte sie, sie fühle sich nicht wohl, und zog sich auf ihr Zimmer zurück.

Im Gästezimmer in jener Nacht konnte William Stoner nicht schlafen. Er starrte ins Dunkel, staunte darüber, welch seltsame Entwicklung sein Leben genommen hatte, und fragte sich zum ersten Mal, ob das, was er vorhatte, wirklich vernünftig war. Bei dem Gedanken an Edith fühlte er sich jedoch ein wenig beruhigt und sagte sich, dass sich gewiss alle Männer so unsicher fühlten, wie er es plötzlich geworden war, und dass sie wohl die gleichen Zweifel hegten.

Am nächsten Morgen musste er mit einem frühen Zug zurück nach Columbia, weshalb nach dem Frühstück nur noch wenig Zeit blieb. Er wollte die Straßenbahn zum Bahnhof nehmen, aber Mr Bostwick bestand darauf, ihn von einem der Dienstboten im Landauer fahren zu lassen. Edith würde in einigen Tagen Näheres über die Hochzeitspläne schreiben. Stoner dankte den Bostwicks und wünschte ihnen Lebwohl; sie begleiteten ihn und Edith bis zur Haustür. Er hatte schon fast das Gartentor erreicht, als er eilige Schritte hinter sich hörte. Er drehte sich um. Es war Edith. Steif und hochgewachsen stand sie vor ihm, das Gesicht blass, und sah ihn direkt an.

»Ich will versuchen, dir eine gute Frau zu sein, William«, sagte sie. »Ich will es versuchen.«

Ihm fiel auf, dass er zum ersten Mal, seit er zu den Bostwicks gekommen war, mit dem Vornamen angesprochen worden war.

IV

Aus Gründen, die Edith zu erklären sich weigerte, wollte sie nicht in St. Louis heiraten, weshalb die Hochzeit in Columbia stattfand, und zwar in jenem großen Salon von Emma Darley, in dem sie ihre ersten gemeinsamen Stunden verbracht hatten. Es war Anfang Februar, gleich nach Beginn der Semesterferien. Die Bostwicks nahmen den Zug von St. Louis, und Williams Eltern, die Edith noch nicht kannten, verließen ihre Farm und kamen am Samstagnachmittag an, einen Tag vor der Hochzeit.

Stoner wollte sie in einem Hotel unterbringen, doch zogen sie es vor, bei den Footes zu wohnen, obwohl die Footes sich kalt und abweisend verhalten hatten, seit William nicht mehr für sie arbeitete.

»Wüsste nicht, wie man sich in einem Hotel benimmt«, sagte sein Vater ernst. »Und die Footes können uns ruhig für eine Nacht bei sich aufnehmen.«

Am Abend mietete William einen Einspänner und fuhr mit den Eltern in die Stadt zu Emma Darleys Haus, damit sie Edith kennenlernen konnten.

An der Tür begrüßte sie Mrs Darley, die Williams Eltern mit kurzem, verlegenem Blick musterte und sie dann ins Wohnzimmer bat, wo sie sich so vorsichtig setzten, als fürchteten sie, sich in ihren steifen neuen Kleidern zu bewegen.

»Ich weiß nicht, wo Edith nur bleibt«, murmelte Mrs Darley nach einer Weile. »Wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen.« Sie ging aus dem Zimmer zu ihrer Nichte.

Nach längerem Warten kam Edith schließlich. Zögerlich trat sie ins Wohnzimmer, widerstrebend, mit einer Art verängstigtem Trotz.

Man erhob sich, stand mehrere Augenblicke zu viert verlegen da und wusste nicht, was sagen. Dann trat Edith steif vor und gab erst Williams Mutter, dann seinem Vater die Hand.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte Letzterer höflich, während er ihre Hand wieder losließ, als fürchtete er, sie zu zerbrechen.

Edith blickte ihn an, versuchte zu lächeln und wich zurück. »Setzen Sie sich doch«, sagte sie. »Bitte, setzen Sie sich.«

Sie setzten sich. William sagte irgendwas. Er fand, seine Stimme klang angespannt.

Als spräche sie einen Gedanken laut aus, sagte seine Mutter leise und wie erstaunt in die Stille: »Du meine Güte, sie ist ein schönes Ding, nicht?«

William lachte kurz und sagte sanft: »Ja, Ma, das ist sie.«

Danach fiel ihnen die Unterhaltung ein wenig leichter, auch wenn sie sich weiterhin nur hastige Blicke zuwarfen, um gleich darauf irgendwo ins Zimmer zu starren. Edith murmelte, sie freue sich, sie zu sehen, und es tue ihr leid, dass sie sich nicht schon früher kennengelernt hätten.

»Wenn wir uns eingerichtet haben …« Sie schwieg, und William fragte sich, ob sie den Satz zu Ende sprechen würde. »Wenn wir uns eingerichtet haben, müssen Sie uns mal besuchen kommen.«

»Danke, sehr nett von Ihnen«, erwiderte seine Mutter.

Das immer wieder von langem Schweigen unterbrochene Gespräch zog sich hin, und Edith wurde zunehmend nervös. Ein-, zweimal antwortete sie nicht auf eine Frage, die ihr jemand gestellt hatte. Schließlich erhob William sich, und auch seine Mutter blickte sich unruhig um und stand auf. Nur sein Vater rührte sich nicht. Er sah Edith offen an und ließ seinen Blick lange auf ihr ruhen.

Dann sagte er: »William ist immer ein guter Junge gewesen. Und ich bin froh, dass er eine gute Frau gefunden hat. Ein Mann braucht eine Frau, die sich um ihn kümmert und ihm Trost spendet. Seien Sie nur gut zu William. Er sollte wirklich jemanden haben, der gut zu ihm sein kann.«

Wie im Schock zuckte Ediths Kopf mit weit aufgerissenen Augen vor; und einen Moment lang dachte William, sie wäre wütend. Doch das war sie nicht. Sein Vater und Edith schauten sich lange an, die Blicke unverwandt.

»Ich werde es versuchen, Mr Stoner«, sagte Edith. »Ich werde es versuchen.«

Da stand sein Vater auf, verbeugte sich unbeholfen und sagte: »Es wird spät; wir machen uns besser auf den Weg.« Und er ging mit seiner formlosen, neben ihm klein aussehenden dunkelhaarigen Frau zur Tür und ließ Edith und seinen Sohn allein zurück.

Edith sagte kein Wort. Doch als William sich ihr zuwandte, um ihr eine gute Nacht zu wünschen, sah er Tränen in ihren Augen. Er beugte sich vor, küsste sie und spürte die fragile Kraft ihrer schlanken Finger auf seinen Armen.

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Schräg fiel das kalte, klare Licht des Februarnachmittags durch die Vorderfenster des Hauses Darley und wurde von den Gestalten gebrochen, die sich im großen Salon bewegten. Neugierig standen seine Eltern allein in einem Zimmerwinkel; die erst eine Stunde zuvor mit dem Frühzug eingetroffenen Bostwicks standen neben ihnen, ohne sie anzusehen; Gordon Finch wanderte gewichtig und so besorgt umher, als führte er die Aufsicht über irgendwas; und es gab einige Leute, Freunde von Edith oder ihren Eltern, die er nicht kannte. Er hörte sich mit Gästen reden, spürte, wie seine Lippen lächelten, und vernahm Stimmen, die wie durch Stofflagen gedämpft zu ihm drangen.

Gordon Finch stand an seiner Seite; über dem dunklen Anzug glühte das verschwitzte Gesicht. Er grinste nervös. »Alles klar, Bill?«

Stoner merkte, wie sein Kopf nickte.

Finch sagte: »Hat der Verurteilte einen letzten Wunsch?«

Stoner lächelte und schüttelte den Kopf.

Finch klopfte ihm auf die Schulter. »Bleib einfach in meiner Nähe und tu, was ich dir sage; alles ist unter Kontrolle. Edith wird in wenigen Minuten unten sein.«

Er fragte sich, ob er sich an dies hier erinnern würde, wenn es vorbei war; alles schien so verschwommen, als blickte er durch einen Schleier. Er hörte sich Finch fragen: »Der Priester — ich habe ihn noch nicht gesehen. Ist er da?«

Finch lachte, schüttelte den Kopf und sagte etwas; dann ging ein Murmeln durch den Raum. Edith kam die Treppe herab.

In ihrem weißen Kleid war sie wie ein kaltes Licht, das ins Zimmer drang. Stoner wollte ihr unwillkürlich entgegengehen, spürte aber auf dem Arm Finchs Hand, die ihn zurückhielt. Edith sah blass aus, warf ihm jedoch ein kleines Lächeln zu. Dann war sie neben ihm, und sie gingen gemeinsam. Ein Fremder mit rundem Kragen stand vor ihnen; er war klein, dick, hatte ein undeutliches Gesicht, murmelte irgendwas und blickte dabei in ein weißes Buch in seinen Händen. William hörte sich in das Schweigen hinein antworten. Er spürte, wie Edith an seiner Seite zitterte.

Dann folgte eine lange Stille, wieder Gemurmel, darauf Gelächter. Jemand sagte: »Küss die Braut!« Er wurde herumgedreht; Finch grinste ihn an. Er lächelte auf Edith hinab, deren Gesicht vor ihm schwamm, und er küsste sie; ihre Lippen waren so trocken wie seine.

Er fühlte, wie ihm die Hand geschüttelt wurde; Leute klopften auf seinen Rücken, lachten, drängten sich in den Raum. Immer mehr kamen durch die Tür. Auf dem langen Tisch am gegenüberliegenden Ende des Salons tauchte ein großes Kristallgefäß mit Punsch auf. Es gab Kuchen. Jemand hielt seine und Ediths Hand übereinander; da war ein Messer; er begriff, dass man von ihm erwartete, ihre Hand zu führen, während sie den Kuchen anschnitt.

Dann wurde er von Edith getrennt und konnte sie im Gewühl nicht wiederfinden. Er redete und lachte, nickte und blickte sich nach Edith um und sah seine Mutter und seinen Vater noch immer in derselben Ecke des Salons stehen, aus der sie sich nicht fortgerührt hatten. Mutter lächelte; Vater hatte ihr unbeholfen eine Hand auf die Schulter gelegt. Er wollte zu ihnen, konnte sich aber nicht von jenen lösen, mit denen er gerade sprach.

Dann entdeckte er Edith. Sie stand bei ihrem Vater, ihrer Mutter sowie ihrer Tante, und der Vater blickte mit leichtem Stirnrunzeln über den Salon, als fehlte es ihm an Geduld. Ediths Mutter weinte, rote, verquollene Augen über schweren Wangenknochen, der Mund wie bei einem schmollenden Kind nach unten verzogen. Mrs Darley und Edith hatten die Arme um sie gelegt, und Mrs Darley redete so rasch auf sie ein, als versuche sie, ihr etwas zu erklären. Selbst über den Salon hinweg konnte William allerdings sehen, dass Edith stumm blieb; ihr Gesicht war wie eine Maske, weiß und ausdruckslos. Kurz darauf führte man Mrs Bostwick nach draußen, und William sah Edith erst wieder, als der Empfang vorbei war, Gordon Finch ihm etwas ins Ohr flüsterte, ihn zu einer Seitentür geleitete, die in einen kleinen Garten führte, und ihn nach draußen schob. Edith wartete dort, dick eingemummelt gegen die Kälte, den Kragen hochgeschlagen, sodass er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Gordon Finch lachte, sagte Worte, die William nicht verstand, und drängte sie beide einen Weg entlang zur Straße, wo eine Kutsche mit Verdeck darauf wartete, sie zum Bahnhof zu fahren. Erst als sie im Zug saßen, der sie zu ihrer Flitterwoche nach St. Louis bringen sollte, begriff William Stoner, dass alles vorbei war und er eine Frau hatte.

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Sie begannen ihre Ehe unschuldig, wenn auch auf sehr verschiedene Weise unschuldig. Beide waren sie jungfräulich, und sie wussten um ihre Unerfahrenheit, doch wohingegen der auf einer Farm aufgewachsene William die natürlichen Lebensprozesse nicht weiter bemerkenswert fand, waren sie für Edith unerwartet und ein großes Mysterium. Sie wusste nichts darüber, und etwas in ihr wollte auch nichts darüber wissen.

Wie für so viele Frischvermählte waren ihre Flittertage ein Debakel, doch wollten sie sich dies nicht eingestehen, und auch die Bedeutung dieses Debakels begriffen sie erst sehr viel später.

Am Sonntagabend trafen sie in St. Louis ein. Umgeben von Fremden, die sie neugierig und wohlwollend musterten, war Edith im Zug aufgedreht, beinahe fröhlich gewesen. Sie lachten, hielten sich an der Hand und redeten über die kommenden Tage. In der Stadt dann, als William eine Kutsche aufgetrieben hatte, die sie zu ihrem Hotel brachte, schlug Ediths Ausgelassenheit ins leicht Hysterische um.

Lachend trug er sie halb durch den Eingang des Ambassador-Hotels, ein mächtiges Gebäude aus braunem Sandstein. Die Lobby lag fast verlassen da, dunkel und mächtig wie eine Höhle. Bei ihrem Eintritt verstummte Edith abrupt und schwankte unsicher, als sie über den weiten Fliesenboden zum Empfangstisch gingen. Kaum waren sie dann auf ihrem Zimmer, schien sie nahezu körperlich krank zu sein, zitterte wie im Fieber, und die Lippen hoben sich blau von der kalkweißen Haut ab. William wollte einen Arzt rufen, doch beharrte Edith darauf, dass sie nur müde sei und etwas Ruhe brauche. Ernst unterhielten sie sich über die Anstrengungen des Tages, und Edith deutete eine Schwäche an, die ihr von Zeit zu Zeit zu schaffen mache. Ohne ihn anzuschauen und ohne die Stimme zu verändern, murmelte sie, sie wolle, dass ihre ersten gemeinsamen Stunden vollkommen seien.

Und William sagte: »Das sind sie, Liebes. Das werden sie sein. Du musst dich ausruhen. Unsere Ehe beginnt morgen.«

Und wie so manch ein Bräutigam, von dem er gehört und auf dessen Kosten er sich gelegentlich lustig gemacht hatte, verbrachte er die Hochzeitsnacht nicht an der Seite seiner Frau, sondern rollte den langen Leib auf einem unbequemen, kleinen Sofa zusammen, lag schlaflos da und blickte mit offenen Augen in die vergehende Nacht.

Er wachte früh auf. Ihre Suite, als Hochzeitsgeschenk von Ediths Eltern gebucht und bezahlt, lag im zehnten Stock und bot einen weiten Blick über die Stadt. Leise rief er nach Edith, die wenige Minuten später aus dem Schlafzimmer kam, sich die Schärpe um den Morgenmantel band, verschlafen gähnte und ein wenig lächelte. William spürte, wie ihm die Liebe zu ihr die Kehle zudrückte, nahm Edith an der Hand, und zusammen standen sie vor dem Fenster im Wohnzimmer und blickten in die Tiefe. Automobile, Fußgänger und Kutschen schoben sich unter ihnen durch die engen Straßen; und sie fühlten sich dem Alltag und Streben der Menschen enthoben. In der Ferne, hinter quadratischen Gebäuden aus rotem Ziegel gerade noch zu erkennen, schlängelte sich der Mississippi bläulich-braun in der Morgensonne; Flussboote und Schlepper glitten wie Spielzeuge durch seine langen Kurven, und ihre Schornsteine gaben in rauen Mengen grauen Rauch in die winterliche Luft ab. Eine Art Ruhe überkam ihn; er legte den Arm um seine Frau und drückte sie leicht an sich, während sie beide auf eine Welt hinabschauten, die ihnen voller Versprechen und stillem Abenteuer zu sein schien.

Sie frühstückten zeitig. Edith wirkte erfrischt, gänzlich erholt von ihrer Unpässlichkeit am Abend zuvor; sie war fast wieder fröhlich und blickte William mit einer Innigkeit und Wärme an, die er ihrer Dankbarkeit und Liebe zuschrieb. Sie erwähnten den Abend zuvor mit keinem Wort; nur gelegentlich schaute Edith auf ihren neuen Ring und drehte daran.

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Sie zogen sich warm an, spazierten durch die Straßen von St. Louis, die sich gerade erst mit Passanten füllten, und blieben vor den Schaufenstern stehen. Sie redeten über die Zukunft und fragten sich nachdenklich, wie sie zu füllen sei, während William allmählich jene Leichtigkeit und sprachliche Gewandtheit wiederfand, die er zu Beginn seines Werbens um diese Frau entdeckt hatte, die nun seine Gattin geworden war. Edith hing an seinem Arm und schien ihm so aufmerksam zuzuhören wie nie zuvor. Ihren vormittäglichen Kaffee tranken sie in einem kleinen, freundlichen Lokal und sahen dabei den durch die Kälte huschenden Fußgängern nach. Sie fanden eine Kutsche, die sie zum Kunstmuseum brachte. Arm in Arm wanderten sie durch die hohen Hallen, deren satte Lichtflut von den Bildern zurückgestrahlt wurde. In der Stille, der Wärme, der Luft, denen die alten Gemälde und Statuen eine Aura der Zeitlosigkeit verliehen, empfand William Stoner eine Woge der Zuneigung für diese groß gewachsene, zarte junge Frau an seiner Seite und fühlte in sich eine ruhige Leidenschaft für sie aufsteigen, so warm und sinnlich wie die Farben, die von den Wänden ringsum auf ihn eindrangen.

Als sie am späten Nachmittag wieder nach draußen kamen, hatte sich der Himmel zugezogen, und es fiel ein leichter Nieselregen, doch trug William Stoner noch die Wärme in sich, die er im Museum aufgesogen hatte. Kurz nach Sonnenuntergang waren sie zurück im Hotel; Edith ging ins Schlafzimmer, um sich auszuruhen, und William telefonierte mit dem Empfang, um ein leichtes Abendessen aufs Zimmer bringen zu lassen. Einer plötzlichen Eingebung folgend ging er dann selbst nach unten in die Bar und bat, man möge eine Flasche Champagner kaltstellen und in einer Stunde nach oben schicken. Der Barkeeper nickte mürrisch und sagte, dass es aber kein guter Champagner sei. Seit dem 1. Juli gelte landesweit die Prohibition, und es sei nun verboten, Alkohol zu brennen. Im Keller des Hotels gebe es kaum mehr als fünfzig Flaschen Champagner unterschiedlicher Sorten. Außerdem würde er ihm mehr berechnen müssen, als der Champagner eigentlich wert sei. Stoner lächelte und sagte, das gehe schon in Ordnung.

Zu besonders feierlichen Anlässen hatte Edith im Haus ihrer Eltern gelegentlich schon einen Schluck Wein getrunken, nie zuvor aber Champagner probiert. Beim Essen, das auf einem kleinen, quadratischen Tisch im Wohnzimmer angerichtet worden war, warf sie nervöse Blicke auf die seltsame Flasche im Eiskübel. Zwei weiße Kerzen glommen in matten Messinghaltern unstet gegen die Dunkelheit an; alle übrigen Lichter hatte William gelöscht. Während sie sich unterhielten, flackerte der Widerschein der Kerzen; ihr Licht fing sich in der sanften Wölbung der dunklen Flasche und glitzerte über das Eisbett. Sie waren nervös und auf gleichsam vorsichtige Weise gut gelaunt.

Ungeschickt zog er den Korken aus dem Champagner; der laute Knall ließ Edith zusammenzucken; weißer Schaum sprudelte aus dem Flaschenhals und lief ihm über die Hand. Sie lachten über seine Tollpatschigkeit, tranken einen Schluck, und Edith tat, als wäre sie beschwipst. Sie leerten ein zweites Glas. William meinte zu sehen, wie Edith eine gewisse Mattigkeit überkam, Stille sich auf ihr Gesicht senkte, Nachdenklichkeit die Augen verdunkelte. Er stand auf und trat neben dem kleinen Tisch hinter sie, legte die Hände auf ihre Schultern und staunte über seine dicken, schweren Finger auf ihrer zarten Haut, den zarten Knochen. Unter seiner Berührung versteifte sie sich, und er strich mit seinen Händen behutsam über den schlanken Hals, ließ sie sanft über das feine rötliche Haar wandern. Ihr Hals war stockstarr und so angespannt, dass die Sehnen pulsierten. Mit beiden Händen griff er unter ihre Arme und hob sie an, damit sie sich von ihrem Platz erhob; er drehte sie zu sich um. Ihre Augen, weit offen und blass, im Kerzenlicht beinahe durchsichtig, schauten ihn mit leerem Blick an. Er empfand eine ferne Nähe, Mitleid für ihre Hilflosigkeit; Verlangen schnürte ihm die Kehle zu, sodass er kein Wort hervorbrachte. Er zog sie ein wenig in Richtung Schlafzimmer und spürte raschen, störrischen Widerstand, merkte aber, wie sie im selben Augenblick willentlich diesen Widerstand verdrängte.

Er ließ die Tür zum kaum erhellten Schlafzimmer offen; Kerzenlicht glomm in der Dunkelheit. Er murmelte, als wollte er sie trösten, sie beruhigen, doch erstickten seine Worte, sodass er sich selbst nicht hören konnte. Er legte die Hände auf ihren Körper und mühte sich mit den Knöpfen ab, durch die sie sich für ihn öffnen würde. Ohne es persönlich zu meinen, stieß sie ihn jedoch fort, hielt im Dämmerlicht die Augen geschlossen, die Lippen zusammengepresst, wandte sich von ihm ab und löste mit rascher Bewegung das Kleid, das sich gleich darauf um ihre Füße fältelte. Arme und Schultern waren nackt; und als wäre ihr kalt, schauderte sie und sagte mit tonloser Stimme: »Warte nebenan. Ich bin in einer Minute fertig.« Er berührte ihre Arme, presste seine Lippen an ihre Schulter, aber sie wollte sich nicht zu ihm umdrehen.

Im Wohnzimmer starrte er in die Kerzen, die über den Resten ihres Abendessens wachten, in der Mitte die Champagnerflasche, noch halb voll. Er schenkte sich einen Schluck ein und nippte daran; der Schaumwein war warm geworden und schmeckte süßlich.

Als er wieder eintrat, lag Edith im Bett, die Decke bis ans Kinn gezogen, das Gesicht nach oben gewandt, die Augen geschlossen, auf der Stirn eine schmale Falte. So leise, als schliefe sie, zog Stoner sich aus und kroch zu ihr. Augenblicke lang lag er da mit seinem Verlangen, das etwas Unpersönliches geworden war und ihm allein gehörte, dann redete er mit Edith, als suchte er eine Zuflucht für das, was er fühlte; sie gab keine Antwort. Er berührte sie, tastete unter dem dünnen Tuch des Nachtgewands über ihre Haut, ein Gefühl, nach dem er sich sehnte. Dann streichelte er sie; Edith rührte sich nicht; die Falte wurde tiefer. Erneut begann er zu reden, sagte ihren Namen in die Stille, legte dann seinen Leib auf ihren, sanft in aller Unbeholfenheit. Als er das Weiche zwischen den Oberschenkeln berührte, drehte sie abrupt den Kopf zur Seite und hob einen Arm, um die Augen zu bedecken. Sie gab keinen Laut von sich.

Hinterher lag er neben ihr und redete zu ihr in der Stille seiner Liebe. Da hatte sie die Augen offen und starrte ihn aus dem Schatten heraus an, das Gesicht ausdruckslos. Plötzlich warf sie die Decke von sich und eilte ins Bad. Er sah das Licht angehen und hörte sie laut und erbärmlich würgen. Er rief ihren Namen, ging hinüber, aber die Badezimmertür war verschlossen. Er rief erneut, sie gab keine Antwort. Er ging zurück ins Bett und wartete. Nach mehreren Minuten Stille erlosch das Licht im Bad, die Tür ging auf. Edith kam heraus und trat steif ans Bett.

»Es war der Champagner«, sagte sie. »Das zweite Glas hätte ich nicht trinken sollen.«

Sie zog die Decke über sich und wandte ihm den Rücken zu; gleich darauf ging ihr Atem fest und regelmäßig; sie war eingeschlafen.

V

Zwei Tage früher als geplant kehrten sie nach Columbia zurück, von ihrer Isolation erschöpft und so ruhelos, als lebten sie gemeinsam in einem Gefängnis. Edith sagte, sie sollten nach Columbia fahren, damit William seinen Unterricht vorbereiten und sie damit anfangen könne, es in ihrer neuen Wohnung gemütlich zu machen. Stoner willigte sofort ein — und sagte sich, dass es gewiss besser werden würde, wenn sie erst in ihren eigenen Räumen lebten und unter Menschen waren, die sie kannten, in einer vertrauten Umgebung. Am Nachmittag packten sie und saßen noch am selben Abend im Zug nach Columbia.

In den hektischen, chaotischen Tagen vor der Hochzeit hatte Stoner nur fünf Häuserblocks von der Universität entfernt eine freie Wohnung im ersten Stock eines alten, scheunenähnlichen Gebäudes gefunden. Sie war leer und düster und bestand aus einem kleinen Schlafzimmer, einer winzigen Küche und einem großen Wohnzimmer mit hohen Fenstern. Zuvor hatte ein Künstler darin gewohnt, ein Dozent, der nicht allzu sauber gewesen war; die dunklen, breiten Dielen waren übersät mit leuchtend gelben, blauen und roten Flecken, die Wände mit Dreck und Farbspritzern verschmiert. Stoner fand die Wohnung romantisch und geräumig und hielt sie für einen guten Ort, um ein neues Leben anzufangen.

Edith zog in die neue Wohnung, als wäre sie ein Feind, den es zu erobern galt. Obwohl sie körperliche Arbeit nicht gewohnt war, scheuerte sie die Farbkleckse von Boden und Wänden und fiel grimmig über den Dreck her, den sie überall verborgen glaubte. Ihre Hände bekamen Blasen, und sie sah müde aus, hatte dunkle Ringe um die Augen. Als Stoner zu helfen versuchte, wurde sie störrisch, presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf; er brauche die Zeit für seine Studien, sagte sie; dies hier sei ihre Aufgabe. Als er ihr seine Hilfe aufdrängte, reagierte sie mürrisch und beleidigt. Verwirrt und ratlos zog er sich zurück und sah verdrossen zu, wie Edith unbeholfen fortfuhr, den glänzenden Boden und die Wände zu schrubben, an den hohen Fenstern ungleich lang genähte Vorhänge aufzuhängen und die gebrauchten Möbel, die sich allmählich ansammelten, zu reparieren, zu streichen und erneut zu übermalen. Ihrer Ungeschicktheit zum Trotz arbeitete sie mit einer stummen, wilden Entschlossenheit und war meist völlig erschöpft, wenn William am Nachmittag von der Universität nach Hause kam. Mit letzter Kraft machte sie ihm dann das Abendessen, aß selbst nur wenige Bissen und verschwand schließlich mit einem Murmeln im Schlafzimmer, um wie betäubt im Bett zu liegen, bis William am nächsten Morgen wieder zum Unterricht aus dem Haus gegangen war.

Nach einem Monat wusste er, dass seine Ehe scheitern würde, nach einem Jahr hoffte er nicht mehr darauf, dass es je besser werden würde. Er lernte, mit der Stille zu leben und nicht auf seiner Liebe zu beharren. Wenn er zärtlich mit ihr redete oder sie berührte, wandte sie sich von ihm ab, kehrte sich nach innen und wurde wortlos, erduldete ihn und trieb sich noch Tage später zu äußerster Erschöpfung. Aus einer unausgesprochenen Sturheit, die ihnen beiden eigen war, teilten sie weiterhin dasselbe Bett, und manchmal rückte sie im Schlaf unwissentlich an ihn heran. Und manchmal dann zerbrachen Entschlossenheit und besseres Wissen vor seiner Liebe, und er legte sich auf sie. War sie wach, verkrampfte und versteifte sie sich, wandte den Kopf in vertrauter Geste ab und vergrub das Gesicht im Kissen, erduldete die Schmach; und Stoner entledigte sich seiner Liebe bei diesen Gelegenheiten so rasch er nur konnte, hasste sich für seine Hast und bedauerte die Leidenschaft. Manchmal aber war sie noch halb betäubt vom Schlaf, blieb passiv und murmelte schläfrig vor sich hin, ob aus Protest oder Überraschung, hätte er nicht sagen können. Auf diese seltenen und unvorhersehbaren Momente freute er sich, erlaubte ihm ihre schlafbetäubte Nachgiebigkeit doch, sich einzureden, sie käme ihm irgendwie entgegen.

Er konnte mit ihr auch nicht über das reden, was er für ihre Unzufriedenheit hielt. Wenn er es versuchte, hielt sie das von ihm Vorgebrachte für Überlegungen zu ihrer Person, ihrem Ungenügen, weshalb sie sich ihm so gereizt entzog, wie sie es auch oft tat, wenn er sie geliebt hatte. Er schrieb es seiner Unbeholfenheit zu, wenn sie sich derart distanzierte, und übernahm die Verantwortung für das, was sie empfand.

Mit einer stillen, seiner Verzweiflung entspringenden Skrupellosigkeit versuchte er, ihr auf unterschiedliche Weise eine Freude zu machen. Er brachte ihr Geschenke mit, die sie gleichgültig annahm und dabei nur manchmal zaghaft auf die Kosten hinwies; er nahm sie auf Spaziergängen und zu Picknicks in den Wäldern rund um Columbia mit, doch wurde sie rasch müde und manchmal auch krank; er redete mit ihr über seine Arbeit so wie damals, als er noch um sie geworben hatte, allerdings zeigte sie dafür nur noch ein oberflächliches, nachsichtiges Interesse.

Obwohl er wusste, wie schüchtern sie war, bestand er schließlich doch so behutsam wie nur möglich darauf, dass sie gelegentlich Gäste empfingen. Also veranstalteten sie einen zwanglosen Teenachmittag, zu dem einige der jüngeren Dozenten und Assistenzprofessoren aus dem Fachbereich eingeladen wurden; außerdem gaben sie mehrere kleine Dinnerpartys. Edith ließ sich auf keine Weise anmerken, ob sie damit zufrieden oder unzufrieden war, doch bereitete sie diese Treffen dermaßen fieberhaft und gründlich vor, dass sie beim Eintreffen der Gäste halb verrückt vor Erschöpfung und Entkräftung war, auch wenn dies außer William niemand bemerkte.

Sie war eine gute Gastgeberin. Mit ihren Gästen unterhielt sie sich so entspannt und angeregt, dass William sie wie eine Fremde fand, und mit ihm selbst sprach sie bei diesen Gelegenheiten mit einer Vertrautheit und Zärtlichkeit, die ihn stets aufs Neue überraschte. Sie nannte ihn Willy, was ihn seltsam rührte. Und manchmal legte sie ihre zarte Hand auf seine Schulter.

Doch sobald die Gäste gingen, fiel die Fassade und offenbarte ihre Erschöpfung. Bitter redete sie dann über die gegangenen Gäste, bildete sich obskure Beleidigungen und Kränkungen ein und zählte leise und verzweifelt auf, was sie für ihre eigenen, unverzeihlichen Mängel hielt. Still saß sie in dem Durcheinander, das die Gäste hinterlassen hatten, brütete vor sich hin, ließ sich auch nicht von William aus ihrer Apathie reißen und antwortete ihm nur kurz angebunden mit flacher, monotoner Stimme.

Nur einmal zeigte die Fassade Risse, als die Gäste noch anwesend waren.

Mehrere Monate nach Stoners und Ediths Heirat hatte sich Gordon Finch mit einer jungen Frau verlobt, die er während seiner Stationierung in New York zufällig kennengelernt hatte und deren Eltern in Columbia wohnten. Finch war die Dauerstelle des stellvertretenden Dekans eingeräumt worden, und man ging stillschweigend davon aus, dass er, sollte Josiah Claremont sterben, zu den Ersten gehörte, die für das Dekanat des Colleges infrage kamen. Ein wenig verspätet lud Stoner Finch und dessen Zukünftige zur Feier der Verlobung und der neuen Anstellung zum Abendessen ein.

Sie kamen kurz vor Einbruch der Dämmerung an einem warmen Abend Ende Mai in einer neuen, glänzend schwarzen Limousine vorgefahren, die eine Reihe kleiner Explosionen von sich gab, als Finch sie gekonnt auf der Ziegelstraße vor Stoners Haus zum Stehen brachte. Er drückte auf die Hupe und winkte fröhlich, bis William und Edith die Stufen herunterkamen. Eine kleine dunkelhaarige Frau mit rundem, lächelndem Gesicht saß an seiner Seite.

Er stellte sie als Caroline Wingate vor, und zu viert unterhielten sie sich einen Moment, während Finch ihr half, aus dem Wagen zu steigen.

»Nun, wie gefällt er euch?«, fragte Finch und hieb mit der Faust auf den vorderen Kotflügel. »Ein Schmuckstück, nicht? Gehört Carolines Vater, aber ich denke daran, mir auch so einen anzuschaffen, damit …« Er verstummte, kniff die Augen zusammen und betrachtete nachdenklich, aber auch distanziert das Automobil, als wäre es die Zukunft.

Dann wurde er wieder lebhaft und fröhlich. Mit gespieltem Ernst legte er einen Zeigefinger an die Lippen, sah sich verstohlen um und griff sich eine große braune Papiertüte vom Vordersitz. »Fusel«, flüsterte er. »Direkt vom Schiff. Gib mir Feuerschutz, Kumpel, vielleicht schaffen wir es bis zum Haus.«

Das Abendessen verlief problemlos. Finch war umgänglicher, als Stoner ihn in Jahren erlebt hatte. Er musste an jenen fernen Freitagnachmittag denken, an dem er selbst, Finch und Dave Masters nach dem Seminar noch zusammengesessen, Bier getrunken und sich unterhalten hatten. Caroline, die Verlobte, redete nur wenig; meist lächelte sie zufrieden, während Finch Witze riss und ihr zublinzelte. Für Stoner war es fast ein Schock, als ihm voller Neid aufging, dass Finch diese hübsche dunkelhaarige Frau wirklich gern hatte und dass sie nur aus lauter Zuneigung für ihren Verlobten schwieg.

Sogar Edith verlor ein wenig ihre Zurückhaltung und Angespanntheit, lächelte oft, und ihr Lachen kam spontan. Stoner begriff, dass Finch mit Edith auf eine vertraute, spielerische Weise umging, die ihm, ihrem eigenen Mann, nie gelingen würde, und Edith wirkte so glücklich wie seit Monaten nicht mehr.

Nach dem Essen streifte Finch die braune Tüte von der Kühlbox, in die er zuvor den Alkohol gestellt hatte, und förderte eine Reihe dunkelbrauner Flaschen zutage. Es war selbst gebrautes Bier, das er unter äußerster Geheimhaltung und großem Brimborium im Schrank seiner Junggesellenwohnung hergestellt hatte.

»Kein Platz mehr für meine Kleider«, sagte er, »aber schließlich muss man Prioritäten setzen.«

Mit auf blasser Haut schimmerndem Licht, schütter werdendem blondem Haar und zusammengekniffenen Augen goss er, vorsichtig wie ein Apotheker, der eine seltene Substanz austeilt, das Bier in die Gläser.

»Muss aufpassen mit dem Zeugs«, erklärte er. »Am Boden sammeln sich jede Menge Ablagerungen, und die kommen ins Glas, wenn man zu schnell schüttet.«

Sie tranken jeder ein Bier und gratulierten Finch zu dem gelungenen Getränk. Es war tatsächlich überraschend gut, herb, leicht und von kräftiger Farbe. Sogar Edith trank aus und nahm noch ein zweites Glas.

Sie waren ein bisschen betrunken, lachten grundlos, wurden sentimental und sahen sich mit neuen Augen.

Stoner hielt sein Glas ans Licht und sagte: »Ich frage mich, wie Dave dieses Bier gefallen hätte.«

»Dave?«, fragte Finch.

»Dave Masters. Weißt du noch, wie gern er Bier getrunken hat?«

»Dave Masters«, erinnerte sich Finch. »Der gute alte Dave. Eine verdammte Schande.«

»Masters?«, fragte Edith und lächelte verschwommen. »War das nicht euer Freund, der im Krieg getötet wurde?«

»Ja«, erwiderte Stoner. »Genau der.« Die alte Traurigkeit überkam ihn, doch erwiderte er Ediths Lächeln.

»Der gute alte Dave«, wiederholte Finch. »Weißt du, Edith, dein Mann, Dave und ich, wir haben uns oft ordentlich einen hinter die Binde gekippt — natürlich lange ehe er dich kannte. Der gute, alte Dave.«

Sie lächelten bei der Erinnerung an David Masters.

»War er ein guter Freund?«, fragte Edith.

Stoner nickte. »Das war er.«

»Château-Thierry.« Finch trank aus. »Krieg ist die Hölle.« Er schüttelte den Kopf. »Aber der alte Dave, der lacht bestimmt gerade irgendwo über uns. Leid täte er sich jedenfalls nicht. Ich frage mich, ob er überhaupt was von Frankreich gesehen hat.«

»Weiß nicht«, antwortete Stoner. »Er wurde schon bald nach der Ankunft getötet.«

»Wäre eine Schande, wenn nicht. Ich habe immer geglaubt, etwas von Europa zu sehen, war für ihn einer der wichtigsten Gründe, sich freiwillig zu melden.«

»Europa«, wiederholte Edith undeutlich.

»Tja«, sagte Finch. »Viele Wünsche hatte er nicht, der alte Dave, aber Europa wollte er vor seinem Tod unbedingt sehen.«

»Ich wollte auch mal nach Europa«, sagte Edith. Sie lächelte, und ihre Augen schimmerten hilflos. »Weißt du noch, Willy? Kurz vor unserer Hochzeit wollte ich mit Tante Emma hinfahren. Erinnerst du dich?«

»Ich erinnere mich.«

Edith lachte unangenehm und schüttelte wie verwirrt den Kopf. »Scheint mir schon so lang vorbei zu sein, ist es aber gar nicht. Wie lang ist das jetzt her, Willy?«

»Edith …«, sagte Stoner.

»Warte mal, im April wollten wir fahren. Und dann ein Jahr. Jetzt haben wir Mai. Ich wäre also …« Plötzlich füllten sich ihre Augen mit Tränen, obwohl ihr Gesicht immer noch in einem strahlenden Lächeln erstarrt war. »Jetzt komme ich wohl nie mehr hin. Tante Emma wird bald sterben, und ich habe keine Gelegenheit mehr …«

Und dann strömten Tränen aus ihren Augen, und sie begann zu schluchzen, obwohl das Lächeln noch ihre Lippen straffte. Stoner und Finch erhoben sich aus ihren Sesseln.

»Edith«, sagte Stoner hilflos.

»Ach, lass mich in Ruhe!« Mit einer seltsam verdrehten Bewegung erhob sie sich mit einem Mal und stand vor ihnen, die Augen fest zusammengepresst, die Hände zu Fäusten geballt. »Ihr alle! Lasst mich einfach in Ruhe!« Sie wandte sich um, taumelte ins Schlafzimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

Einen Moment lang sagte niemand ein Wort; nur Ediths gedämpftes Schluchzen war zu hören. Dann sagte Stoner: »Ihr müsst sie entschuldigen. Sie ist müde, und es geht ihr nicht allzu gut. Die Anspannung …«

»Sicher, ich weiß doch, wie das ist.« Finch lachte lahm. »Frauen! Schätze, ich werde mich schon bald dran gewöhnen müssen.« Er warf Caroline einen Blick zu, lachte erneut und senkte dann die Stimme. »Nun, wir wollen Edie nicht weiter stören. Richte ihr bitte unseren Dank aus und sag ihr, das Essen sei hervorragend gewesen. Sobald wir uns eingerichtet haben, müsst ihr auch bald mal zu uns kommen.«

»Danke, Gordon«, erwiderte Stoner. »Ich werde es ihr sagen.«

»Und mach dir keine Sorgen«, sagte Finch und boxte Stoner auf den Arm. »So was passiert schon mal.«

Nachdem Gordon und Caroline gegangen waren und nachdem er zugesehen hatte, wie der neue Wagen in die Nacht davongeröhrt und -geknattert war, stand William Stoner mitten im Wohnzimmer und lauschte Ediths trockenem, gleichmäßigem Schluchzen. Es waren merkwürdig flache, fast gefühllose Laute, die andauerten, als ob sie niemals wieder aufhören würden. Er wollte ihr gut zureden, wollte sie trösten, nur wusste er nicht, was er sagen sollte. Also stand er da und lauschte, und erst nach einer Weile fiel ihm auf, dass er Edith nie zuvor weinen gehört hatte.

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Nach dem unglückseligen Essen mit Gordon Finch und Caroline Wingate wirkte Edith fast zufrieden und auch ruhiger als je zuvor während ihrer Ehe. Allerdings wollte sie niemanden mehr im Haus haben, und es widerstrebte ihr, die Wohnung zu verlassen. Stoner erledigte die meisten Einkäufe mithilfe von Listen, die Edith ihm in ihrer seltsam umständlichen und kindlichen Schrift auf kleine Zettel aus blauem Notizpapier schrieb. Am glücklichsten war sie offenbar, wenn sie allein war; dann saß sie stundenlang und nähte oder stickte Tischdecken und Servietten, auf den Lippen ein nach innen gekehrtes Lächeln. Immer häufiger besuchte sie zudem ihre Tante Emma Darley. Wenn William am Nachmittag von der Universität heimkam, sah er die beiden oft zusammensitzen, Tee trinken und sich so leise unterhalten, dass man glauben konnte, sie flüsterten. Sie grüßten ihn stets höflich, doch wusste William, dass sie ihn mit Bedauern kommen sahen. Nach seiner Ankunft blieb Mrs Darley selten länger als einige Minuten. Er lernte, eine unaufdringliche und behutsame Rücksicht für jene Welt an den Tag zu legen, in der Edith zu leben begonnen hatte.

Im Sommer des Jahres 1920 verbrachte er eine Woche bei seinen Eltern, während der Edith ihre Verwandten in St. Louis besuchte; er hatte seine Mutter und seinen Vater seit der Hochzeit nicht mehr gesehen.

Ein, zwei Tage arbeitete er auf dem Feld und half seinem Vater sowie dem schwarzen Landarbeiter. Doch weder der warm, feucht, unter seinen Füßen nachgebende Ackerboden noch der Geruch frisch aufgebrochener Erde weckten in ihm ein Verlangen nach Rückkehr oder ein Gefühl der Vertrautheit. Er fuhr nach Columbia zurück und verbrachte den restlichen Sommer damit, ein neues Seminar vorzubereiten, das er im kommenden akademischen Jahr halten wollte. Die meiste Zeit saß er daher in der Bibliothek und kehrte manchmal erst spätabends zu Edith in die Wohnung zurück, roch den schweren, süßlichen Geruch vom Geißblatt in der warmen Luft, wenn er an den zarten, sich allmählich verfärbenden Blättern der Hartriegelbäume vorbeilief, die gespenstisch im Dunkeln raschelten. Seine Augen brannten vor lauter Konzentration auf nur schummrig beleuchtete Texte, der Kopf war ihm schwer vom Gelesenen, und die Finger fühlten sich taub an von Pappdeckel, Papier und altem Leder, doch war er offen für die Welt, an der er seine Freude fand.

Bei den Fakultätstreffen tauchten einige neue Gesichter auf, einige vertraute fehlten, und Archer Sloanes langsamer Verfall, den Stoner bereits während des Krieges bemerkt hatte, setzte sich unaufhaltsam fort. Sloanes Hände zitterten, und er begann beim Reden immer öfter den Faden zu verlieren. Der Fachbereich selbst wurde ebenso von dem Schwung getragen, den ihm die eigene Tradition verlieh, wie von seiner bloßen Existenz.

Stoner kümmerte sich um seinen Unterricht mit einer Intensität und Leidenschaft, die manch neuem Mitglied des Fachbereichs großen Respekt abnötigte, aber auch zu einiger Besorgnis unter jenen Kollegen führte, die ihn schon länger kannten. Er sah verhärmt aus, verlor an Gewicht, und der krumme Rücken krümmte sich noch stärker. Im zweiten Semester des Studienjahres erhielt er Gelegenheit, gegen Bezahlung Extrastunden zu geben, und er nahm das Angebot an; außerdem unterrichtete er in jenem Jahr an der neuen Sommerschule, ebenfalls für ein zusätzliches Gehalt. Er hegte die vage Idee, Geld für eine Reise nach Europa zu sparen, damit er Edith zeigen konnte, worauf sie seinetwegen verzichtet hatte.

Als er im Sommer des Jahres 1921 nach einem Verweis auf ein lateinisches Gedicht suchte, das er vergessen hatte, nahm er zum ersten Mal wieder seine drei Jahre zuvor eingereichte Dissertation zur Hand und las darin. Da sie seinem Urteil standhielt, überlegte er, den Text zu redigieren und als Buch herauszubringen, auch wenn er sich ein wenig vor der eigenen Vermessenheit fürchtete. Und obwohl er diesen Sommer wieder durchgehend unterrichtete, las er noch einmal alle sachbezogenen Quellen und begann anschließend, seine Forschungen auszudehnen. Ende Januar entschied er, dass ein Buch durchaus möglich sei; zu Beginn des Frühjahrs war er so weit, dass er sich die ersten Seiten zu schreiben traute.

Es geschah im Frühling desselben Jahres, dass Edith ihm ruhig, beinahe gleichgültig erzählte, sie habe sich entschieden, sie wolle ein Kind.

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Der Entschluss kam plötzlich und ohne erkennbaren Auslöser, weshalb Edith, als sie eines Morgens beim Frühstück, nur wenige Minuten ehe William zum ersten Unterricht musste, ihre Ankündigung machte, selbst ein wenig überrascht zu sein schien, beinahe, als hätte sie gerade eine Entdeckung gemacht.

»Was?«, fragte William. »Was hast du gesagt?«

»Ich will ein Baby«, sagte Edith. »Ich glaube, ich will ein Baby.«

Sie knabberte an einem Stück Toast, wischte sich die Lippen mit einem Zipfel ihrer Serviette ab und lächelte starr.

»Findest du nicht, dass wir eines haben sollten?«, fragte sie. »Wir sind jetzt schon fast drei Jahre verheiratet.«

»Natürlich«, erwiderte William und stellte äußerst behutsam die Tasse auf dem Unterteller ab. Er sah sie nicht an. »Bist du dir sicher? Wir haben nie darüber geredet. Ich möchte nur nicht, dass du …«

»O ja«, sagte sie. »Ich bin mir sehr sicher. Ich finde, wir sollten ein Kind haben.«

William schaute auf die Uhr. »Ich bin spät dran. Schade, dass wir nicht mehr Zeit zum Reden haben. Ich möchte, dass du dir wirklich ganz sicher bist.«

Zwischen ihren Augen zeigte sich eine kleine Falte. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich mir sicher bin. Willst du etwa kein Kind? Warum fragst du immer weiter? Ich will nicht mehr darüber reden.«

»Na gut.« Einen Moment blieb William noch sitzen, schaute sie an und sagte schließlich: »Ich muss los.« Doch er rührte sich nicht. Dann legte er unbeholfen eine Hand über ihre auf dem Tischtuch ruhenden langen Finger, die er hielt, bis sie ihre Hand fortzog. Er stand auf, bewegte sich fast schüchtern um sie herum und sammelte seine Bücher und Papiere ein. Wie stets kam Edith ins Wohnzimmer, um zu warten, bis er ging. Er küsste sie auf die Wange — etwas, was er schon lange nicht mehr getan hatte.

An der Tür drehte er sich um und sagte: »Es … es freut mich, dass du ein Kind willst, Edith. Ich weiß, unsere Ehe ist in mancher Hinsicht eine Enttäuschung für dich, aber ich hoffe, ein Kind wird etwas zwischen uns ändern.«

»Ja«, sagte Edith. »Du kommst zu spät zum Unterricht. Beeil dich lieber.«

Nachdem er gegangen war, blieb Edith noch eine Weile mitten im Zimmer stehen und starrte auf die geschlossene Tür, als versuchte sie, sich an etwas zu erinnern. Dann durchquerte sie ruhelos den Raum, ging von Zimmer zu Zimmer und bewegte sich in ihren Kleidern, als ertrüge sie den Stoff nicht länger, der raschelnd über ihre Haut glitt. Also knöpfte sie den steifen grauen Taftmorgenmantel auf, ließ ihn zu Boden fallen, kreuzte die Arme vor der Brust, umarmte sich und knetete durch das dünne Flanellnachthemd die Haut ihrer Oberarme. Wieder blieb sie stehen, um dann zielstrebig ins winzige Schlafzimmer zu gehen und die Schranktür zu öffnen, an deren Innenseite ein großer Spiegel hing. Sie richtete den Spiegel nach dem Licht aus, trat einen Schritt zurück und musterte ihre lange, schlanke Gestalt in dem glatten blauen Nachthemd. Ohne den Blick vom Spiegel zu wenden, knöpfte sie ihr Nachthemd auf und zog es über den Kopf, sodass sie nun nackt im Morgenlicht stand. Dann ballte sie das Hemd zusammen und warf es in den Schrank. Sie drehte sich vor dem Spiegel und inspizierte ihren Körper, als wäre er ihr fremd, strich sich über die kleinen, leicht hängenden Brüste und ließ die Hände sanft über die schlanke Taille und den flachen Bauch hinabwandern.

Sie wandte sich vom Spiegel ab, ging zum immer noch ungemachten Bett, nahm die Decke ab, faltete sie achtlos und legte sie in den Schrank. Dann glättete sie das Laken und legte sich auf den Rücken, die Beine langgestreckt, die Arme an den Seiten. Reglos und ohne zu blinzeln blickte sie zur Zimmerdecke auf und wartete den ganzen Morgen und auch den langen Nachmittag.

Als William Stoner an diesem Abend nach Hause kam, war es fast dunkel, doch fiel kein Licht aus den Fenstern im ersten Stock. Ein wenig besorgt ging er die Treppe hoch und knipste die Wohnzimmerleuchte an. Der Raum war leer. Er rief: »Edith?«

Keine Antwort. Er rief noch einmal.

Er schaute in die Küche; das Frühstücksgeschirr stand noch auf dem winzigen Tisch. Rasch ging er durchs Wohnzimmer und öffnete die Tür zum Schlafzimmer.

Edith lag nackt auf dem kahlen Bett. Als die Tür aufging und Licht vom Wohnzimmer auf sie fiel, wandte sie den Kopf nach ihm, stand aber nicht auf. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an, und leise Laute drangen aus dem geöffneten Mund.

»Edith!«, rief er und ging zu ihr, kniete sich neben sie. »Was ist los? Alles in Ordnung?«

Sie gab keine Antwort, aber die Laute aus ihrem Mund wurden heftiger, der Körper an seiner Seite regte sich. Plötzlich fuhren ihre Hände wie Klauen auf ihn zu, sodass er fast zurückgeschreckt wäre, aber sie suchten nur seine Kleider, griffen danach, zerrten daran und zogen ihn neben sich aufs Bett. Ihr Mund kam ihm entgegen, heiß und offen; ihre Hände wanderten über ihn hinweg, zogen an seinen Sachen, suchten ihn, und während der ganzen Zeit blieb ihr Blick starr, und die Augen waren weit geöffnet, als gehörten sie jemand anderem und sähen nichts.

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Es war eine neue Seite, die er an Edith kennenlernte, dieses Verlangen, das sie so heftig wie nagender Hunger überfiel und nichts mit ihr selbst zu tun zu haben schien; und kaum war es befriedigt, begann es sich erneut zu regen, sodass sie beide in der angespannten Erwartung seiner Wiederkehr lebten.

Obwohl die nächsten zwei Monate für William und Edith Stoner die einzige Zeit der Leidenschaft füreinander sein sollte, änderte sich ihre Beziehung eigentlich kaum. Schon bald begriff Stoner, dass die Macht, die ihre Körper zueinander zog, nur wenig mit Liebe zu tun hatte; sie paarten sich mit wilder, aber teilnahmsloser Entschlossenheit, trennten sich und paarten sich erneut, ohne dass sie die Kraft besessen hätten, diesem Bedürfnis widerstehen zu können.

Tagsüber, während sich William an der Universität aufhielt, packte Edith die Gier manchmal so heftig, dass sie nicht untätig bleiben konnte; dann verließ sie die Wohnung und ging rasch die Straßen auf und ab oder lief ziellos umher. Wenn sie zurückkehrte, zog sie die Vorhänge zu, entkleidete sich und wartete, im Halbdunkel zusammengerollt, auf Williams Rückkehr. Sobald er die Tür öffnete, fiel sie über ihn her, die Hände, wild und fordernd, als verfügten sie über ein Eigenleben, zogen ihn ins Schlafzimmer und aufs Bett, das noch zerwühlt war von der Nacht oder vom Vormittag.

Im Juni wurde Edith schwanger und begann fast sofort, an einer Unpässlichkeit zu leiden, von der sie sich während der gesamten Schwangerschaft nicht mehr recht erholen sollte. Noch im selben Moment, in dem sie schwanger wurde, und ehe dies von Arzt oder Kalender bestätigt wurde, hörte das Verlangen nach William auf, das fast zwei Monate in ihr gewütet hatte. Sie gab ihrem Mann zu verstehen, dass sie die Berührung seiner Hände nicht länger ertrug, und er gewann den Eindruck, sie empfinde selbst die Blicke, mit denen er sie betrachtete, als eine Art Vergewaltigung. Die Intensität ihrer Leidenschaft verblasste zur Erinnerung, bis sie für Stoner schließlich zu einer Art Traum wurde, der mit ihnen beiden eigentlich nicht das Geringste zu schaffen hatte.

So wurde das Bett, die Arena ihrer Leidenschaft, für Edith zum Hort ihrer Krankheit. Fast den ganzen Tag blieb sie liegen, stand nur in der Frühe auf, weil ihr übel wurde; und am Nachmittag ging sie mit unsicherem Schritt für einige Minuten ins Wohnzimmer. Sobald William von der Arbeit an der Universität zurückgeeilt war, putzte er nachmittags oder abends die Zimmer, machte den Abwasch, bereitete das Essen zu und trug es Edith auf einem Tablett ans Bett. Sie wollte nicht, dass er mit ihr aß, doch schien es ihr zu gefallen, anschließend eine Tasse dünnen Tee mit ihm zu trinken. Am Abend dann unterhielten sie sich leise und beiläufig eine Weile, als wären sie alte Freunde oder erschöpfte Feinde. Kurz darauf schlief Edith meist ein, und William ging zurück in die Küche, erledigte die restliche Hausarbeit und schob sich einen Tisch ans Wohnzimmersofa, um Seminararbeiten durchzusehen oder Vorlesungen vorzubereiten. Nach Mitternacht nahm er die Decke, die er ordentlich gefaltet hinter dem Sofa aufbewahrte, rollte sich zusammen, deckte sich zu und schlief unruhig bis zum Morgen.

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Das Kind, ein Mädchen, wurde Mitte März des Jahres 1923 nach drei Tagen Wehen geboren. Sie nannten es Grace nach einer von Ediths Tanten, die viele Jahre zuvor gestorben war.

Schon bei der Geburt war Grace ein schönes Kind mit klaren Gesichtszügen und einem leichten, goldenen Haarflaum. Bereits nach wenigen Tagen wandelte sich die anfangs gerötete Haut zu hell schimmerndem Rosa. Grace weinte nur selten und schien sich ihrer Umgebung fast bewusst zu sein. William verliebte sich auf der Stelle, und die Zuneigung, die er Edith nicht zeigen konnte, bewies er nun seiner Tochter. Sich um sie zu kümmern bereitete ihm ein Vergnügen, mit dem er nicht gerechnet hatte.

Bis etwa ein Jahr nach Grace’ Geburt blieb Edith teilweise bettlägerig, und man fürchtete, sie könne auf Dauer zur Invalidin werden, obwohl der Arzt keinen spezifischen Grund dafür finden konnte. William stellte eine Frau ein, die vormittags kam und sich um Edith kümmerte; außerdem legte er seine Seminare so, dass er früh am Nachmittag wieder zu Hause sein konnte.

Auf diese Weise erledigte William über ein Jahr lang die Hausarbeit und versorgte zwei hilflose Menschen. Vor dem Morgengrauen stand er auf, benotete Seminararbeiten, ging seine Vorlesungen durch, fütterte Grace, und ehe er zur Universität eilte, machte er Edith und sich Frühstück und bereitete sich einen Lunch vor, den er in der Aktenmappe mitnahm. Nach dem Unterricht kehrte er in die Wohnung zurück, putzte, fegte und wischte Staub.

Seiner Tochter war er eher Mutter als Vater, wechselte ihre Windeln und wusch sie, wählte ihre Kleider aus, die er, falls nötig, auch stopfte, er fütterte Grace, badete sie und wiegte sie in den Armen, wenn sie Kummer hatte. Hin und wieder rief Edith in quengeligem Ton nach ihrem Baby, und dann brachte William die Kleine zu ihrer Mutter, die aufgestützt im Bett saß und Grace einige Augenblicke lang hielt, so still und unbehaglich, als gehörte das Kind einer Fremden. Schon bald ermüdete sie und reichte William mit einem Seufzer das Baby zurück. Von dunklen Gefühlen aufgewühlt, weinte sie dann ein wenig, wischte sich die Augen und wandte sich anschließend von Mann und Kind ab.

So kannte Grace Stoner im ersten Jahr ihres Lebens nur die Zärtlichkeit ihres Vaters, seine Stimme und seine Liebe.

VI

Zu Sommerbeginn des Jahres 1924 wurde Archer Sloane von mehreren Studenten gesehen, wie er an einem Freitagnachmittag in sein Büro ging. Am darauffolgenden Montag entdeckte ihn der Hausmeister kurz nach dem Morgengrauen, als er seine Runde durch die Büros von Jesse Hall machte, um die Papierkörbe zu leeren. Sloane saß zusammengesunken auf dem Stuhl an seinem Schreibtisch, der Kopf seltsam schief, die Augen offen und in schrecklichem Blick erstarrt. Der Hausmeister sprach den Professor an und lief gleich darauf schreiend durch die leeren Korridore. Ehe man die Leiche aus dem Büro entfernen konnte, kam es zu einiger Verzögerung, weshalb sich bereits mehrere Studenten auf den Fluren herumtrieben, als die seltsam gekrümmte, mit einem Laken bedeckte Gestalt auf einer Trage die Treppe hinab zum wartenden Krankenwagen gebracht wurde. Später stellte man fest, dass Archer Sloane irgendwann am späten Freitagabend oder frühen Samstagmorgen eines offenkundig natürlichen Todes gestorben war und folglich das ganze Wochenende an seinem Schreibtisch gesessen und endlos vor sich hin gestarrt haben musste. Der Leichenbeschauer nannte als offizielle Todesursache Herzversagen, doch blieb William Stoner davon überzeugt, dass Sloane in einem Augenblick der Verärgerung und Verzweiflung sein Herz willentlich zum Stehen gebracht hatte, gleichsam in einer letzten stummen Geste der Liebe und Verachtung für eine Welt, die ihn so umfassend verraten hatte, dass er es nicht länger ertragen konnte.

Bei der Beerdigung gehörte Stoner zu den Sargträgern. Während der Andacht konnte er sich nicht auf die Worte des Priesters konzentrieren; außerdem wusste er, wie bedeutungslos sie waren. Und er dachte daran, wie er Sloane zum ersten Mal im Seminarraum gesehen hatte, dachte an ihre frühen Gespräche und an das langsame Dahinsiechen dieses Mannes, der sein entfernter Freund gewesen war. Später, als die Andacht vorüber war und er den grauen Sarg anhob und half, ihn auf den Leichenwagen zu tragen, da schien er ihm so leicht zu sein, dass er kaum glauben konnte, es läge überhaupt etwas in der schmalen Kiste.

Sloane besaß keine Familie, sodass sich nur Kollegen und einige Stadtleute an der schmalen Grube versammelten, um dem Priester ehrfürchtig, verlegen oder respektvoll zu lauschen. Und da keine Familie und niemand, der ihn liebte, um sein Dahinscheiden trauerte, war es Stoner allein, der weinte, als der Sarg in die Erde gelassen wurde, als könnten seine Tränen die Einsamkeit dieses letzten Augenblicks lindern. Nur wusste er nicht, ob er um sich selbst weinte, um den Teil seiner Geschichte und Jugend, der mit dem Sarg in der Erde versank, oder um die arme, dürre Gestalt, die einmal jener Mann gewesen war, den er verehrt hatte.

Gordon Finch fuhr ihn zurück in die Stadt, und sie redeten während der Fahrt kaum ein Wort. Erst als sie sich der Stadt näherten, erkundigte sich Gordon nach Edith; William antwortete und fragte nach Caroline. Gordon erwiderte etwas, und dann herrschte erneut Schweigen. Kurz bevor sie vor Williams Wohnung hielten, ergriff Gordon Finch noch einmal das Wort.

»Ich weiß nicht. Während der Andacht musste ich ständig an Masters denken. An Dave, wie er in Frankreich starb, und an den alten Sloane, wie er da tot zwei Tage an seinem Tisch saß; als wären die Tode vergleichbar. Ich habe Sloane nicht besonders gut gekannt, denke aber, er war ein guter Mann, zumindest habe ich das gehört. Und jetzt müssen wir seine Stelle neu besetzen und einen neuen Vorsitzenden für den Fachbereich finden. Es ist, als drehte sich alles im Kreis, drehte und drehte sich immer weiter. Da kommt man schon ins Grübeln.«

»Ja«, sagte William und verstummte dann wieder. Einen Moment lang aber hatte er Gordon Finch sehr gern; und als er aus dem Wagen stieg und ihm nachsah, wie er davonfuhr, spürte er mit einem Mal deutlich, wie sich ein weiterer Teil von ihm selbst, von seiner Vergangenheit langsam, nahezu unmerklich in die Dunkelheit entfernte.

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Zusätzlich zu seinen Pflichten als stellvertretender Dekan betraute man Gordon Finch mit dem Interimsvorsitz des englischen Fachbereichs, und es gehörte zu seinen unmittelbar anstehenden Aufgaben, einen Ersatz für Archer Sloane zu finden.

Erst im Juli konnte die Angelegenheit geregelt werden. Dann rief Finch jene Fakultätsmitglieder zusammen, die über den Sommer in Columbia geblieben waren, um ihnen mitzuteilen, wer die Stelle bekommen sollte. Hollis N. Lomax, erzählte Finch der kleinen Gruppe, sei ein Spezialist für das 19. Jahrhundert, der erst kürzlich seinen Doktor an der Universität Harvard gemacht, aber bereits mehrere Jahre an einem kleinen New Yorker geisteswissenschaftlichen College gelehrt habe. Er komme mit den besten Empfehlungen, habe bereits zu publizieren begonnen und werde als Assistenzprofessor eingestellt. Was den Vorsitz des Fachbereichs angehe, so gebe es keine unmittelbaren Pläne, betonte Finch; er werde noch für mindestens ein weiteres Jahr den Interimsvorsitz behalten.

Für den Rest des Sommers blieb Lomax eine mysteriöse Gestalt und das Objekt mancher Spekulationen seitens der fest angestellten Mitglieder des Fachbereichs. Die Artikel, die er in diversen Zeitschriften veröffentlicht hatte, wurden ausgegraben und mit anerkennendem Nicken herumgereicht. Lomax tauchte während der Erstsemesterwoche nicht auf und kam am Freitag auch nicht zur allgemeinen Fachbereichssitzung vor der Einschreibung der Studenten am Montag. Und während die Fachbereichsmitglieder bei der Einschreibung in einer langen Reihe am Tisch saßen und gelangweilt den Studenten bei der Wahl ihrer Seminare oder der trostlosen Routine des Ausfüllens diverser Formulare halfen, sahen sie sich wiederholt nach einem neuen Gesicht um. Lomax aber ließ sich immer noch nicht blicken.

Erst nach Abschluss der Einschreibung bekamen sie ihn auf einer Fachbereichssitzung am späten Dienstagnachmittag zu sehen. Betäubt von der Monotonie der letzten beiden Tage und doch angespannt von jener Aufregung, die stets mit dem Beginn eines neuen akademischen Jahres einhergeht, hatte der englische Fachbereich Lomax schon fast vergessen. Man fläzte sich auf Schreibtischstühlen im großen Vorlesungssaal des Ostflügels von Jesse Hall und blickte so verächtlich wie erwartungsvoll zum Podium hinüber, auf dem Gordon Finch stand und Wohlwollen verströmte. Ein leises Stimmengewirr erfüllte den Raum; Stuhlbeine scharrten über den Boden, und gelegentlich lachte jemand rau und viel zu laut. Gordon Finch hob die rechte Hand und hielt sie mit der Innenfläche dem Publikum entgegen; der Lärm legte sich ein wenig.

Jedenfalls wurde es so leise, dass alle im Saal hören konnten, wie hinten knarrend die Tür aufging und sich jemand mit auffälligem, langsamem Schlurfschritt über den nackten Holzboden näherte. Man wandte sich um; und das allgemeine Murmeln erstarb. Jemand flüsterte: »Das ist Lomax.« Die Worte waren im ganzen Raum deutlich zu verstehen.

Er war durch die Tür getreten, hatte sie geschlossen, war einige Schritte über die Schwelle hinaus in den Saal gegangen und blieb nun stehen. Er maß kaum eins fünfzig und war auf groteske Weise missgestaltet. Ein kleiner Buckel zog die linke Schulter bis zum Hals hoch; der linke Arm hing schlaff herab. Der Oberkörper war massig und eigenartig schief, weshalb er stets ums Gleichgewicht zu kämpfen schien; die Beine waren dünn, das steife rechte Bein zog er nach. Mehrere Augenblicke stand er da und hielt den blonden Kopf gesenkt, als inspizierte er die scharfe Bügelfalte seiner schwarzen Hose und die aufpolierten schwarzen Schuhe. Dann hob er den Kopf und riss in einer plötzlichen Bewegung den rechten Arm hoch, sodass die steife, weiße Manschette mit goldenem Manschettenknopf zu sehen war; in den langen, fahlen Fingern hielt er eine Zigarette. Er nahm einen tiefen Zug, inhalierte und blies den Rauch in dünnem Strom wieder aus. Erst dann konnte man sein Gesicht sehen.

Es war das Gesicht eines Leinwandhelden, lang, hager, lebhaft und stark ausgeprägt, die Stirn hoch und schmal mit vortretenden Adern, dazu dichtes, wallendes Haar von der Farbe reifen Weizens, in einer leicht theatralischen Tolle nach hinten gekämmt. Er ließ die Zigarette auf den Boden fallen, trat sie aus und sagte: »Ich bin Lomax.« Dann schwieg er, die Stimme tief und voll, die Worte präzise, mit dramatischer Resonanz artikuliert. »Ich hoffe, ich störe Ihre Zusammenkunft nicht.«

Die Sitzung nahm weiter ihren Lauf, doch achtete niemand mehr auf das, was Gordon Finch zu sagen hatte. Lomax saß allein hinten im Saal, rauchte, starrte an die Decke und schien nicht zu merken, dass sich dann und wann jemand nach ihm umwandte und ihn anstarrte. Als die Sitzung vorbei war, blieb er auf seinem Stuhl sitzen und ließ die Kollegen kommen, auf dass sie sich vorstellten und sagten, was sie zu sagen hatten. Er begrüßte jeden mit wenigen Worten und einer Höflichkeit, die eigenartig spöttisch wirkte.

Während der nächsten Wochen wurde deutlich, dass Lomax nicht vorhatte, sich den sozialen, kulturellen und akademischen Gepflogenheiten von Columbia, Missouri, anzupassen. Zwar blieb er seinen Kollegen gegenüber auf ironische Weise nett, doch nahm er keine Einladung an und sprach auch keine aus; selbst am alljährlichen Tag des offenen Hauses ging er nicht zu Dean Claremont, obwohl dieses Ereignis als so traditionell galt, dass der Besuch fast obligatorisch war. Lomax wurde auf keinem Universitätskonzert gesehen und auch bei keiner Vorlesung; es hieß, sein Unterricht sei lebhaft, sein Verhalten im Seminar exzentrisch. Er war ein beliebter Dozent; außerhalb der Seminarzeiten scharten sich die Studenten um seinen Tisch, und sie folgten ihm durch die Korridore. Man wusste, dass er Gruppen von Studenten gelegentlich in seine Räume einlud, um sie mit Konversation oder den Aufnahmen eines Streichquartetts zu unterhalten.

William Stoner hätte ihn gern näher kennengelernt, nur wusste er nicht, wie er das anstellen sollte. Er redete mit Lomax, wenn es etwas zu sagen gab, und er lud ihn zum Abendessen ein. Als Lomax ihm antwortete, wie er allen anderen geantwortet hatte — ironisch, höflich und distanziert —, und die Einladung ausschlug, wusste Stoner nicht, was er sonst noch tun konnte.

Es dauerte eine Weile, ehe Stoner begriff, was ihn an Lomax faszinierte. In Lomax’ Arroganz, seiner Wortgewandtheit und fröhlichen Verbitterung meinte Stoner ein zwar verzerrtes, doch wiedererkennbares Abbild seines Freundes Dave Masters zu sehen. Er hätte gern so mit Lomax geredet, wie er mit Dave geredet hatte, doch war ihm dies selbst dann nicht möglich, als er sich seinen Wunsch eingestand. Die verlegene Scheu der Jugend hatte ihn noch nicht verlassen, wohl aber der Eifer und die Unmittelbarkeit, die eine Freundschaft vielleicht möglich gemacht hätte. Er wusste, was er sich wünschte, war ausgeschlossen; und das bekümmerte ihn.

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Wenn er abends die Wohnung geputzt, das Geschirr gespült und Grace in ihr Bettchen in der Wohnzimmerecke gebracht hatte, machte er sich an die Überarbeitung seines Buches. Ende des Jahres war er damit fertig, und obwohl er noch nicht ganz zufrieden war, schickte er es an einen Verlag. Zu seiner Überraschung wurde die Abhandlung angenommen und für eine Publikation im Herbst 1925 vorgesehen. Aufgrund der anstehenden Veröffentlichung wurde er fest angestellt und zum Assistenzprofessor befördert.

Wenige Wochen, nachdem sein Buch angenommen worden war, wurde seine Beförderung bestätigt, was Edith zum Anlass nahm, ihm zu sagen, dass sie mit dem Baby für eine Woche nach St. Louis fahren und ihre Eltern besuchen wolle.

Nach nicht einmal einer Woche kehrte sie zurück, erschöpft und müde, doch auf stille Weise triumphierend. Sie habe ihren Besuch abgekürzt, weil es für ihre Mutter zu anstrengend geworden sei, sich um die Kleine zu kümmern, und sie selbst habe die Reise derart aufgerieben, dass sie sich außerstande sah, sich um Grace zu kümmern. Dennoch habe sie etwas erreicht. Sie zog aus ihrer Handtasche einen Stoß Papiere und reichte William ein schmales Blatt.

Es war ein Scheck über sechstausend Dollar, ausgestellt auf Mr und Mrs William Stoner und unterschrieben von Horace Bostwick, ein kühnes, kaum leserliches Gekritzel. »Was soll das?«, fragte Stoner.

Sie reichte ihm die übrigen Papiere. »Das ist ein Darlehen«, erklärte sie. »Du brauchst dies hier nur noch zu unterschreiben. Ich habe schon.«

»Sechstausend Dollar? Wofür denn?«

»Ein Haus«, sagte Edith. »Ein richtiges Haus, ganz für uns allein.«

William Stoner warf einen Blick in die Papiere, blätterte sie rasch durch und sagte dann: »Das geht nicht, Edith. Tut mir leid, aber — sieh mal, ich verdiene nächstes Jahr bloß sechzehnhundert. Und die Raten für dies hier sind über sechzig Dollar im Monat — das ist fast die Hälfte von meinem Einkommen. Dann noch Steuern und Versicherungen und — ich glaube einfach nicht, dass wir das schaffen. Warum hast du bloß nicht vorher mit mir geredet?«

Mit bekümmertem Gesicht wandte sie sich von ihm ab. »Es sollte eine Überraschung sein. Ich kann doch so wenig tun, aber das hier, das konnte ich tun.«

Er protestierte, sagte, er sei ihr dankbar, aber Edith wollte sich nicht trösten lassen.

»Ich habe nur an dich und das Baby gedacht«, sagte sie. »Du könntest ein Arbeitszimmer haben und Grace einen Hof, in dem sie spielen kann.«

»Ich weiß«, sagte William. »Vielleicht in ein paar Jahren.«

»In ein paar Jahren?«, wiederholte Edith und schwieg dann, ehe sie schließlich matt hervorstieß: »Ich kann so nicht leben. Nicht mehr. In einer Wohnung. Wo ich hingehe, höre ich dich, und auch das Baby, und dann dieser Geruch. Ich-ertrage-ihn-nicht-länger! Tag für Tag dieser Windelgestank, ich … ich halte das nicht mehr aus, und ich weiß nicht, wie ich ihm entkommen soll. Verstehst du das nicht? Verstehst du das denn nicht?«

Letzten Endes nahmen sie das Geld. Stoner entschied, statt im Sommer zu arbeiten und zu schreiben, wie er es sich fest vorgenommen hatte, könnte er auch wieder unterrichten, zumindest in den nächsten Jahren.

Edith machte es sich zur Aufgabe, ein Haus zu finden. Vom späten Frühjahr bis in den Sommer hinein war sie unermüdlich in ihrer Suche, die sie auch schlagartig von ihrer Krankheit zu heilen schien. Sobald William von der Universität nach Hause kam, zog sie los und kehrte oft erst bei Anbruch der Dunkelheit zurück. Manchmal ging sie zu Fuß, manchmal ließ sie sich aber auch von Caroline Finch fahren, mit der sie sich ein wenig angefreundet hatte. Ende Juni fand sie dann das Haus, nach dem sie gesucht hatte, unterschrieb eine Kaufoption und willigte Mitte August in den Erwerb ein.

Es war ein altes, zweistöckiges Gebäude und nur wenige Häuserblocks von der Universität entfernt; die früheren Besitzer hatten es so verkommen lassen, dass sich die dunkelgrüne Farbe von der Fassade schälte; der Rasen war braun und voller Unkraut. Dafür war der Garten groß und das Haus geräumig; es besaß eine schäbige Eleganz, die Edith meinte auffrischen zu können.

Von ihrem Vater lieh sie sich weitere fünfhundert Dollar für Möbel, und in den Wochen zwischen Sommerunterricht und Beginn des Herbstsemesters strich William das Haus; Edith wünschte es sich weiß, und er musste drei Mal streichen, ehe das Dunkelgrün nicht mehr durchschimmerte. In der ersten Septemberwoche verkündete Edith dann, dass sie ein Fest feiern wolle — eine Einzugsparty, wie sie es nannte. Dies brachte sie so entschieden vor, als sollte die Feier ein Neubeginn sein.

Sie luden alle Mitglieder des Fachbereichs ein, die bereits aus den Sommerferien zurück waren, zudem einige von Ediths Bekannten aus der Stadt. Hollis Lomax sorgte für eine allgemeine Überraschung, als er die Einladung annahm, die erste seit seiner Ankunft in Columbia ein Jahr zuvor. Stoner trieb einen Schwarzbrenner auf, dem er mehrere Flaschen Gin abkaufte; Gordon Finch versprach, von seinem Bier mitzubringen, und Ediths Tante Emma steuerte zwei Flaschen alten Sherry für jene bei, die keine harten Sachen tranken. Edith zögerte, überhaupt Alkohol zu servieren, da es offiziell illegal war. Caroline Finch aber meinte, an der Universität würde es niemand unschicklich finden, und davon ließ sie sich überzeugen.

In diesem Jahr wurde es frühzeitig Herbst. Am 10. September, einen Tag vor der Einschreibung der Studenten, fiel leichter Schnee; und in der Nacht überzog eisiger Frost das Land. Ende der Woche, am Tag der Party, war es mit dem kalten Wetter vorbei, nur eine leichte Kühle lag noch in der Luft, doch hatten die Bäume ihre Blätter verloren, der Rasen begann braun zu werden, und die Natur wirkte allgemein schon recht kahl, was einen strengen Winter versprach. Das kühle Wetter draußen, im Garten die entlaubten, schroff sich abzeichnenden Pappeln und Ulmen sowie die Wärme drinnen und die diversen Utensilien der bevorstehenden Party erinnerten William Stoner an einen anderen Tag. Eine Weile kam er nicht darauf, woran er sich zu erinnern versuchte — dann fiel ihm ein, dass er an einem ebensolchen Tag vor sieben Jahren zum Haus von Josiah Claremont gegangen war und Edith zum ersten Mal gesehen hatte. Das schien ihm weit fort und lang vorbei zu sein; nicht einmal annähernd hätte er all die Veränderungen aufzählen können, die diese wenigen Jahre gebracht hatten.

Vor der Party verlor sich Edith fast eine Woche lang im Wirbel der Vorbereitungen; sie hatte für eine Woche ein schwarzes Hausmädchen eingestellt, das ihr helfen, aber auch bedienen sollte, und sie beide schrubbten die Böden und die Wände, wienerten das Holz, staubten die Möbel ab, polierten sie, stellten sie um, wieder und wieder — sodass Edith am Abend des Festes eigentlich schon völlig erschöpft war. Um die Augen zeigten sich dunkle Ringe, und ihre Stimme drohte ins Hysterische zu kippen. Gegen sechs — die Gäste sollten um sieben Uhr eintreffen — zählte sie noch einmal die Gläser und stellte fest, dass sie für die erwarteten Gäste nicht ausreichten. Sie brach in Tränen aus, stürzte nach oben und schluchzte, egal, was passiere, sie käme nicht wieder nach unten. Stoner versuchte, sie zu beruhigen, aber sie antwortete ihm nicht einmal. Er sagte, sie brauche sich keine Sorgen zu machen, er werde weitere Gläser besorgen. Dann sagte er dem Mädchen, er komme bald zurück, und eilte aus dem Haus. Fast eine Stunde lang suchte er nach einem noch geöffneten Geschäft, und als er schließlich eines gefunden, die Gläser ausgewählt und zum Haus zurückgetragen hatte, war es bereits nach sieben, und die ersten Gäste waren eingetroffen. Edith stand im Wohnzimmer mitten unter ihnen, lächelte und schwatzte, als plagte sie nicht die geringste Ungewissheit oder Sorge. Fast beiläufig grüßte sie William und sagte ihm, er möge das Paket in die Küche bringen.

Die Party verlief wie so viele Feste. Gespräche begannen, gewannen rasch an Intensität, verloren aber auch gleich wieder an Schwung und gingen bedeutungslos in andere Gespräche über; kurzes, nervöses Gelächter brandete auf, winzige Explosionen überall im Raum, ein kontinuierliches, doch zusammenhangloses Sperrfeuer, und die Partygäste schlenderten entspannt von einem Platz zum nächsten, als besetzten sie insgeheim neue strategische Positionen. Andere wanderten wie Spione durchs Haus, von Edith oder William geführt, und gaben Kommentare darüber ab, wie vorteilhaft doch solch alte Häuser im Vergleich mit jenen neuen, minderwertigen Gebäuden seien, die hier und da am Rand der Stadt errichtet wurden.

Gegen zehn Uhr hatten sich die meisten Gäste kalten Schinken und Truthahnaufschnitt auf ihre Teller geladen, eingelegte Aprikosen und verschieden garnierte Kirschtomaten, Selleriestängel, Oliven, saure Gurken, scharfe Radieschen und kleine rohe Blumenkohlröschen; einige wenige waren betrunken und wollten nichts essen. Gegen elf Uhr hatten sich die meisten Gäste verabschiedet; zu denen, die noch geblieben waren, gehörten Gordon und Caroline Finch, einige Fachbereichsmitglieder, die Stoner schon seit Jahren kannte, und Holly Lomax. Lomax war ziemlich betrunken, was man ihm allerdings kaum anmerkte; er ging so vorsichtig, als trüge er eine Last über unebenes Terrain, und ein Schweißfilm lag auf dem schmalen, blass schimmernden Gesicht. Der Alkohol lockerte ihm die Zunge, und seine Stimme hatte, obwohl er sich noch sehr präzise ausdrückte, ihren ironischen Ton verloren, weshalb er seltsam schutzlos wirkte.

Er schilderte seine einsame Kindheit in Ohio, wo sein Vater ein kleiner, mäßig erfolgreicher Geschäftsmann gewesen war, und erzählte, als redete er über einen Fremden, von der Isolation, die ihm von seiner Missbildung aufgezwungen wurde, und den frühen Schamgefühlen, deren Ursache er nicht begriff, weshalb er sich gegen sie auch nicht zu wehren wusste. Und als er die langen Tage und Abende beschrieb, die er allein in seinem Zimmer verbracht hatte, berichtete, wie er gelesen hatte, um jene Grenzen zu überwinden, die ihm sein deformierter Körper setzte, und wie er allmählich ein Gefühl von Freiheit gewann, das wuchs, je deutlicher ihm das Wesen dieser Freiheit wurde, da empfand William Stoner eine Nähe zu ihm, mit der er nicht gerechnet hatte; er wusste, Lomax hatte die gleiche Verwandlung erlebt, die Epiphanie, durch Worte etwas zu erkennen, was sich in Worte nicht fassen ließ, wie Stoner sie während Archer Sloanes Unterricht widerfahren war. Lomax hatte sie früh und allein durchlebt — weshalb dieses Wissen in höherem Maß ein Teil von ihm geworden war, als es für Stoner galt, doch auf jene Weise, auf die es letztlich ankam, waren sich die beiden Männer sehr ähnlich, auch wenn sie es einander oder auch nur sich selbst höchst ungern eingestanden hätten.

Sie redeten bis vier Uhr morgens, und obwohl sie noch mehr tranken, wurde ihre Unterhaltung immer leiser und stiller, bis schließlich niemand mehr etwas sagte. Wie auf einer Insel saßen sie inmitten der Überreste ihrer Party so eng beieinander, als suchten sie Wärme und Geborgenheit. Nach einer Weile erhoben sich Gordon und Caroline Finch und boten Lomax an, ihn zu seiner Wohnung zu fahren. Lomax gab Stoner die Hand, erkundigte sich nach dessen Buch und wünschte ihm damit Erfolg; darauf ging er zu Edith, die aufrecht im Sessel saß, und ergriff ihre Hand, um sich für das Fest zu bedanken. Und dann, wie von einem stummen, spontanen Einfall getrieben, beugte er sich ein wenig vor und legte seinen Mund auf ihre Lippen; Edith fuhr ihm mit der Hand leicht ins Haar, und einige Augenblicke verharrten sie beide in dieser Stellung, während die anderen zuschauten. Es war der keuscheste Kuss, den Stoner je gesehen hatte, und er fand ihn ganz natürlich.

Stoner brachte seine Gäste zur Tür und blieb noch einen Moment, sah sie die Stufen hinabgehen und aus dem Lichtschein der Veranda treten. Die kühle Luft drang durch seine Kleider, und er atmete tief ein; ihre scharfe Kälte belebte ihn. Widerstrebend schloss er schließlich die Tür und wandte sich um; das Wohnzimmer war leer, Edith bereits nach oben gegangen. Er machte die Lichter aus und fand durch das unaufgeräumte Zimmer den Weg zur Treppe. Das Haus wurde ihm bereits vertraut; er griff nach dem Geländer und ließ sich davon nach oben führen. Oben angelangt, konnte er den Flur sehen, den das Licht aus der halb geöffneten Schlafzimmertür erhellte. Die Dielen knarrten unter seinen Schritten.

Ihre Kleider lagen unordentlich vor dem Bett, die Decke war achtlos zurückgeschlagen, und Edith lag unbekleidet und im Licht schweißglänzend auf dem weißen, glatten Laken. So nackt ausgestreckt wirkte ihr Körper wollüstig entspannt und glitzerte wie fahles Gold. William trat ans Bett. Sie schlief fest, doch ließ ihn der Lichteinfall glauben, ihr leicht geöffneter Mund formte lautlose Worte der Leidenschaft und Liebe. Lange stand er da, schaute sie an und empfand undeutliches Mitgefühl, zögerliche Freundschaft und vertrauten Respekt, aber auch eine müde Trauer, da er wusste, dass ihr bloßer Anblick nie mehr jene Agonie des Begehrens in ihm auslösen konnte, die er einst gekannt hatte, so wie er auch wusste, dass ihre Nähe ihn nie mehr derart erregen würde, wie sie es einst getan hatte. Dann verklang die Traurigkeit, und er deckte seine Frau sanft zu, machte das Licht aus und legte sich neben sie ins Bett.

Am nächsten Morgen war Edith müde und krank, weshalb sie tagsüber auf ihrem Zimmer blieb. William putzte das Haus und kümmerte sich um seine Tochter. Am Montag sah er Lomax und redete ihn in einem herzlichen Ton an, der noch vom Abend der Party herrührte; Lomax aber antwortete mit einer Ironie, die nach kalter Wut klang, und erwähnte die Party mit keinem Wort, weder an diesem Tag noch irgendwann später. Es war, als hätte er die Chance zu einer Feindschaft entdeckt, die ihn von Stoner fernhalten würde und die er nicht mehr loslassen wollte.

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Wie William befürchtet hatte, erwies sich das Haus bald als eine erdrückende finanzielle Last. Obwohl er mit seinem Gehalt durchaus sparsam umging, hatte er am Monatsende fast nie etwas übrig, und jeder Monat verringerte die wenigen Rücklagen, die er durch den Sommerunterricht angespart hatte. Im ersten Jahr nach dem Hauskauf blieb er Ediths Vater zwei Zahlungen schuldig und erhielt einen Brief, der ihn in frostigem Ton zu Prinzipientreue und vernünftiger Finanzplanung gemahnte.

Dennoch begann er, sich über seinen Besitz zu freuen und auf eine Weise Trost daran zu finden, wie er es nie erwartet hatte. Sein Arbeitszimmer lag ebenerdig neben dem Wohnzimmer, und ein hohes Fenster wies nach Norden, sodass tagsüber sanftes Licht eindrang; außerdem verbreitete das alte Holzpaneel den Eindruck wohliger Wärme. Im Keller fand er eine Anzahl Bretter, die gut zum Paneel passen würden, waren die von Schmutz und Fäulnis hinterlassenen Schäden erst einmal beseitigt. Und weil er von seinen Büchern umgeben sein wollte, machte er sich ans Werk und zimmerte ein Regal; in einem Trödelladen fand er ein paar klapprige Stühle, ein Sofa und einen alten Tisch, für die er ein paar Dollar zahlte, um sie dann in vielen Wochen zu restaurieren.

Durch die Arbeit an seinem Zimmer, das langsam Gestalt annahm, begriff er, dass er, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein, viele Jahre lang verschämt ein Bild in sich bewahrt hatte, ein Bild, das vermeintlich einen Ort zeigte, aber eigentlich ihn selbst darstellte. Er selbst war es also, den er zu definieren versuchte, wenn er an seinem Arbeitszimmer werkelte. Während er die alten Bretter für sein Regal abschmirgelte und sah, wie das raue Äußere verschwand und unter dem grau Verwitterten das eigentliche Holz hervorkam, der satte Reichtum von Maserung und Struktur, während er die Möbel reparierte und im Zimmer aufstellte, war er selbst es, der langsam Gestalt gewann, war er es, dem er irgendwie eine Ordnung verlieh, war er es, den er möglich machte.

Obwohl Schulden und Not ihn immer wieder zu erdrücken drohten, waren die nächsten Jahre glücklich, und im Großen und Ganzen führte er ein Leben, wie er es sich als junger Student und auch damals, gleich nach der Heirat, erträumt hatte. Nur spielte Edith darin eine nicht gar so große Rolle wie einst erhofft, genau genommen schien für sie beide sogar eine lange Zeit des Waffenstillstands begonnen zu haben, die ihm wie ein Schachmatt vorkam. Meist führten sie getrennte Leben; Edith hielt das Haus, in das nur selten Gäste kamen, makellos sauber. Und wenn sie nicht fegte, Staub wischte, wusch oder polierte, blieb sie auf ihrem Zimmer, womit sie ganz zufrieden zu sein schien. Williams Arbeitszimmer betrat sie kein einziges Mal; es war, als würde es für sie gar nicht existieren.

William kümmerte sich weiterhin nahezu allein um ihre Tochter. Wenn er nachmittags von der Universität kam, holte er Grace aus der oberen Schlafkammer, die er zu einem Kinderzimmer umgebaut hatte, und ließ sie in seinem Arbeitszimmer spielen. Sie beschäftigte sich still und genügsam auf dem Boden und schien gern allein zu sein. Gelegentlich redete William mit ihr, worauf sie in ihrem Tun innehielt und ernst aufschaute, ehe sich langsam ein seliges Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete.

Manchmal lud er Studenten zu Treffen und Gesprächen ein, kochte Tee auf einer kleinen Heizplatte, die neben seinem Tisch stand, und spürte eine unbeholfene Zärtlichkeit für die jungen Leute, die verlegen auf den Stühlen saßen, Bemerkungen über seine Bibliothek oder Komplimente über seine hübsche Tochter machten. Er entschuldigte sich für die Abwesenheit seiner Frau und erklärte, dass sie krank sei, bis er begriff, dass seine wiederholten Entschuldigungen ihre Abwesenheit nur betonten; also erwähnte er sie nicht mehr und hoffte, sein Schweigen möge weniger kompromittierend sein als seine Erklärungen.

Hätte Edith nicht in seinem Leben gefehlt, wäre es fast vollkommen gewesen. Er las und schrieb, falls er nicht gerade Seminare vorbereitete, Klausuren korrigierte oder Doktorarbeiten durchging. Mit der Zeit hoffte er, sich als Lehrer wie als Gelehrter einen guten Ruf erarbeiten zu können. Seine Erwartungen für das erste Buch waren vorsichtig und bescheiden, und sie erwiesen sich als angemessen; ein Rezensent nannte es ‘gründlich’, ein anderer ‘eine kompetente Studie’. Anfangs war er sehr stolz darauf gewesen, hatte es in Händen gehalten, darin geblättert und mit den Fingerspitzen über den schlichten Einband gestrichen. Zart und lebendig wie ein Kind kam es ihm vor. Gedruckt las er seine Arbeit noch einmal und war gelinde überrascht, dass sie weder besser noch schlechter als erwartet ausfiel. Nach einer Weile hatte er sich allerdings daran satt gesehen, doch konnte er nie ohne ein Gefühl des Staunens und der Ungläubigkeit über die eigene Vermessenheit und die übernommene Verantwortung an sein Werk oder seine Autorenschaft denken.

VII

Im Frühling des Jahres 1927 kam William Stoner eines Abends spät nach Hause. In der feuchtwarmen Luft hing der Duft aufgehender Blüten; Grillen zirpten im Verborgenen; in der Ferne wirbelte ein einsames Automobil Staub auf und zerriss die Stille mit lautem, trotzigem Geknatter. Er ging langsam, wie gebannt von dieser schlaftrunkenen neuen Jahreszeit, gerührt von den winzigen grünen Knospen, die aus dem Schatten von Baum und Busch hervorglühten.

Als er ins Haus kam, stand Edith am anderen Ende des Wohnzimmers, hielt den Telefonhörer am Ohr und schaute ihn an.

»Du kommst spät«, sagte sie.

»Ja«, erwiderte er freundlich. »Ich komme aus einem Rigorosum.«

Sie reichte ihm den Hörer. »Für dich. Ein Ferngespräch. Jemand versucht schon den ganzen Nachmittag, dich zu erreichen. Ich habe ihm gesagt, dass du in der Universität bist, aber er hat trotzdem alle Stunde hier angerufen.«

William nahm den Hörer und sprach in die Muschel. Niemand antwortete. »Hallo?«, sagte er noch einmal.

Ihm antwortete die unbekannte blecherne Stimme eines Mannes.

»Bill Stoner?«

»Ja. Wer spricht denn?«

»Sie kennen mich nicht. Ich bin nur zufällig vorbeigekommen, und Ihre Ma hat mich gebeten, diesen Anruf zu machen. Ich versuche schon den ganzen Nachmittag, Sie zu erreichen.«

»Ja«, sagte Stoner. Seine Hand, die den Hörer hielt, zitterte. »Was ist denn?«

»Es geht um Ihren Pa«, sagte die Stimme. »Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll.«

Die trockene, lakonische, verängstigte Stimme fuhr fort, und William Stoner hörte ihr apathisch zu, als existierte sie allein in dem Hörer, den er sich ans Ohr hielt. Was er vernahm, betraf seinen Vater. Er hatte (sagte die Stimme) sich schon fast eine Woche nicht besonders gefühlt, aber da sein Landarbeiter mit dem Pflügen und Anpflanzen nicht nachkam, war er trotz hohen Fiebers früh am Morgen aufgestanden, um bei der Aussaat zu helfen. Am späten Vormittag hatte ihn der Landarbeiter gefunden, bewusstlos und mit dem Gesicht nach unten auf dem gepflügten Acker. Er hatte ihn ins Haus getragen, ins Bett gelegt und den Arzt gerufen, aber gegen Mittag war er tot.

»Vielen Dank für den Anruf«, sagte Stoner mechanisch. »Sagen Sie meiner Mutter, dass ich morgen komme.«

Er legte den Hörer auf die Gabel und starrte lange die glockenförmige Sprechmuschel am Ende des schmalen schwarzen Zylinders an. Dann drehte er sich um und blickte ins Zimmer. Edith beobachtete ihn aufmerksam.

»Und? Was ist?«, fragte sie.

»Mein Vater«, antwortete Stoner. »Er ist tot.«

»Ach, Willy!«, rief Edith und nickte. »Da wirst du wohl für den Rest der Woche fort sein.«

»Ja«, sagte Stoner.

»Dann bitte ich Tante Emma zu uns, damit sie mir mit Grace hilft.«

»Ja«, sagte Stoner gedankenverloren. »Ja.«

Er bat jemanden, für den Rest der Woche seinen Unterricht zu übernehmen, und stieg früh am nächsten Morgen in den Bus nach Booneville. Die Straße von Columbia nach Kansas City, die durch Booneville führte, war dieselbe, die er siebzehn Jahre zuvor gefahren war, als er zum ersten Mal zur Universität kam, nur war sie jetzt breit gepflastert, und ordentliche Zäune umgrenzten Mais- und Weizenfelder, die hinterm Busfenster vorüberhuschten.

In den Jahren, in denen er nicht dort gewesen war, hatte sich Booneville kaum verändert. Einige neue Häuser waren gebaut, einige alte abgerissen worden, doch wirkte die Stadt noch ebenso trostlos und baufällig wie zuvor, fast, als wäre sie etwas Provisorisches, das jeden Moment auch wieder aufgegeben werden könnte. Die meisten Straßen waren in den letzten Jahren gepflastert worden, trotzdem hing wie eh und je ein dünner Staubschleier über der Stadt, und es gab sogar noch einige von Pferden gezogene, eisenbereifte Karren, deren Räder gelegentlich Funken sprühten, wenn sie an den Bordsteinen von Straße oder Gasse entlangschrappten.

Auch das Haus hatte sich kaum verändert. Vielleicht war es noch ein wenig trockener und grauer geworden, die Schindeln hatten den letzten Rest Farbe verloren, und die ungestrichenen Dielen der Veranda waren noch ein bisschen tiefer zur nackten Erde herabgesackt.

Es waren mehrere Leute im Haus — Nachbarn —, an die Stoner sich nicht erinnerte; ein hochgewachsener, hagerer Mann mit schwarzem Anzug, weißem Hemd und schmaler Krawatte beugte sich über seine Mutter, die auf einem harten Stuhl neben der schmalen Holzkiste saß, in der sein Vater lag. Stoner ging durch das Zimmer auf sie zu. Der hochgewachsene Mann sah ihn und kam ihm entgegen; seine Augen waren so grau wie Murmeln aus gebranntem Ton. Mit tiefem, salbungsvollem Bariton brachte er leise und heiser ein paar Worte vor, nannte Stoner »Bruder«, sprach von »Verlust« und »Gott, der ihn zu sich genommen hat«, und wollte wissen, ob Stoner nicht mit ihm beten möge. Stoner drängte sich an ihm vorbei und blieb vor seiner Mutter stehen; ihr Gesicht verschwamm vor seinem Blick. Wie durch einen Schleier sah er sie nicken und vom Stuhl aufstehen. Sie nahm seinen Arm und sagte: »Du willst sicher deinen Pa sehen.«

Mit einer so leichten Berührung, dass er sie kaum spürte, führte sie ihn zum offenen Sarg. Er sah hinein, schaute, bis sich sein Blick klärte, und wich entsetzt zurück. Der geschrumpfte, winzige Körper schien einem Fremden zu gehören, das Gesicht glich einer dünnen Maske aus braunem Papier mit tiefen schwarzen Dellen, wo seine Augen hätten sein sollen. Der dunkelblaue Anzug, in dem die Leiche steckte, war auf groteske Weise viel zu groß, und die aus den Ärmeln ragenden Hände, die gefaltet auf der Brust lagen, glichen getrockneten Tierklauen. Stoner drehte sich zu seiner Mutter um und wusste, dass ihm sein Entsetzen anzumerken war.

»Dein Pa hat in den letzten ein, zwei Wochen ziemlich viel Gewicht verloren«, sagte sie. »Ich habe ihn gebeten, nicht aufs Feld zu gehen, aber er war schon aufgestanden und verschwunden, ehe ich wach wurde. Er hatte nicht mehr alle Sinne beisammen und war so krank, so außer sich, dass er nicht wusste, was er tat. Der Arzt sagte, er hätte es nicht bis aufs Feld geschafft, wenn es anders gewesen wäre.«

Während sie redete, sah Stoner sie sehr deutlich, und ihm war, als wäre sie auch schon tot, als läge ein Teil von ihr unwiederbringlich in der Kiste neben ihrem Mann, um nie zurückzukehren. Er betrachtete sie, das Gesicht schmal und eingefallen, selbst in der Ruhe so abgespannt, dass die Zahnspitzen unter den dünnen Lippen vortraten. Sie bewegte sich, als hätte sie kein Gewicht und keine Kraft. Er murmelte irgendwas, ging, betrat das Zimmer, in dem er aufgewachsen war, und stand eine Weile einfach nur in dem kargen Raum. Seine Augen waren heiß und trocken; er konnte nicht weinen.

Er traf die nötigen Anordnungen für die Beerdigung und unterschrieb die Papiere, die unterschrieben werden mussten. Wie alle Leute auf dem Land besaßen auch seine Eltern eine Sterbeversicherung, für die sie selbst in den bittersten Zeiten jede Woche einige Pennys beiseitegelegt hatten. Sie machte einen armseligen Eindruck, diese Police, die seine Mutter aus einer alten Truhe im Schlafgemach holte; das Blattgold der verschnörkelten Schrift zerbröselt, das billige Papier altersbrüchig. William Stoner redete mit seiner Mutter über die Zukunft; er wollte, dass sie mit ihm nach Columbia zurückkehre. Es gebe genügend Platz, sagte er, und Edith (innerlich wand er sich bei dieser Lüge) würde sich über ihre Gesellschaft freuen.

Doch seine Mutter wollte nicht mitkommen. »Das käme mir nicht richtig vor«, sagte sie. »Dein Pa und ich — wir haben hier fast mein ganzes Leben gelebt. Ich glaube nicht, dass ich noch woanders hinziehen und mich da wohlfühlen könnte. Und außerdem hat Tobe …«, Stoner fiel ein, dass der schwarze Landarbeiter, den sein Vater vor vielen Jahren eingestellt hatte, Tobe hieß, »… hat Tobe gesagt, er würde so lange bleiben, wie ich ihn brauchen kann. Er hat sich ein nettes Zimmer im Keller eingerichtet. Wir kommen schon zurecht.«

Stoner stritt mit ihr, aber sie rückte von ihrem Standpunkt nicht ab. Schließlich sah er ein, dass sie nur noch sterben wollte, und zwar da, wo sie auch gelebt hatte. Und er wusste, sie verdiente jenes bisschen Würde, das sie darin fand, genau das zu tun, was sie tun wollte.

Sie begruben seinen Vater auf einem kleinen Friedhof am Stadtrand von Booneville, danach fuhr William mit seiner Mutter zurück zur Farm. In jener Nacht konnte er nicht schlafen. Er zog sich an und ging hinaus aufs Feld, das von seinem Vater jahrein, jahraus bis zu ebenjenem Ende, das er nun gefunden hatte, beackert worden war. Stoner versuchte, sich an seinen Vater zu erinnern, doch konnte er das Gesicht, das er in seiner Jugend so gut gekannt hatte, kaum mehr heraufbeschwören. Er kniete auf dem Feld nieder, nahm einen trockenen Erdklumpen in die Hand, zerbröselte ihn und musterte im Mondlicht die dunklen Brocken, zerdrückte sie und ließ die Krumen durch seine Finger rieseln. Dann wischte er sich die Hand am Hosenbein ab, stand auf und ging zurück zum Haus.

Er schlief nicht; er lag auf dem Bett und blickte aus dem einzigen Fenster, bis die Dämmerung anbrach, bis keine Schatten mehr auf dem Land lagen, bis es sich grau, ausgelaugt und schier unendlich vor ihm ausdehnte.

Nach dem Tod seines Vaters fuhr Stoner so oft wie nur möglich übers Wochenende zur Farm; und jedes Mal, wenn er seine Mutter sah, war sie dünner, blasser und stiller geworden, bis allein ihre eingesunkenen, glänzenden Augen noch am Leben zu sein schienen. Während ihrer letzten Tage sprach sie kein Wort mit ihm; nur ihre Augen flackerten noch schwach, wenn sie aus dem Bett zu ihm aufsah; und manchmal entwich ihren Lippen ein leiser Seufzer.

Er begrub sie neben ihrem Mann. Als nach der Andacht die wenigen Trauergäste gegangen waren, stand er allein im kalten Novemberwind und blickte auf die beiden Gräber, eines noch geöffnet, das andere ein mit dünnem Rasenpelz bedeckter Hügel. Er drehte sich um auf dem kleinen, kahlen, baumlosen Friedhof, auf dem Leute wie sein Vater und seine Mutter begraben lagen, und blickte über das flache Land zur Farm, auf der er geboren worden war und auf der seine Eltern ihre Leben verbracht hatten. Er dachte daran, was ihnen Jahr um Jahr die Erde abverlangt hatte, die doch blieb, wie sie gewesen war — nur vielleicht ein wenig karger, ein wenig ärmer. Nichts hatte sich geändert. Ihr Leben war in freudloser Arbeit verausgabt, ihr Wille gebrochen, ihr Verstand betäubt worden. Jetzt lagen sie in der Erde, der sie alles gegeben hatten, und langsam, Jahr um Jahr, würde die Erde sie sich holen. Feuchtigkeit und Fäulnis würden sich über die Kiefernkisten hermachen, in denen ihre toten Körper lagen, würden langsam auch auf ihr Fleisch übergreifen, bis schließlich auch die letzten Spuren ihrer Existenz vernichtet waren. Dann würden sie ein bedeutungsloser Teil der widerspenstigen Erde geworden sein, der sie sich schon vor langer Zeit verschrieben hatten.

Er ließ Tobe den Winter über auf der Farm wohnen und bot sie im Frühjahr 1928 zum Verkauf an. Mit Tobe hatte er vereinbart, dass er bis zum Verkauf bleiben und behalten durfte, was er erntete. Tobe richtete die Farm so gut her, wie er nur konnte, reparierte das Haus und strich die kleine Scheune. Dennoch fand Stoner keinen geeigneten Käufer vor dem Frühjahr 1929. Er nahm das erste Angebot an, das man ihm machte, ein wenig über zweitausend Dollar, gab Tobe davon ein paar hundert Dollar ab und schickte den Rest Ende August seinem Schwiegervater, um die Summe zu mindern, die er ihm noch für das Haus in Columbia schuldete.

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Im Oktober des Jahres brach der Aktienmarkt zusammen, und in den regionalen Zeitungen standen Geschichten über die Wall Street, über Vermögen, die verloren gingen, und über dramatische Veränderungen im Leben berühmter Menschen. In Columbia waren davon nur wenige Leute betroffen; in dieser konservativen Stadt besaß kaum jemand Aktien oder Wertpapiere. Doch verbreiteten sich Neuigkeiten über Banken, die überall im Land vor dem Bankrott standen, und bei einigen Stadtbewohnern regten sich erste Unsicherheiten; einige Bauern hoben ihre Ersparnisse ab, andere erhöhten (von den örtlichen Bankangestellten ermuntert) ihre Einlagen. Niemand aber machte sich ernsthaft Sorgen, bis sich die Kunde vom Zusammenbruch einer kleinen Privatbank herumsprach, der Merchant’s Trust in St. Louis.

Stoner aß in der Cafeteria der Universität zu Mittag, als er davon hörte, und eilte gleich nach Hause, um Edith davon zu erzählen. Merchant’s Trust war jene Bank, bei der sie die Hypothek auf ihr Haus aufgenommen hatten und deren Präsident Ediths Vater war. Noch am selben Nachmittag rief Edith in St. Louis an und redete mit ihrer Mutter, die fröhlich verkündete, Mr Bostwick habe ihr versichert, es gebe keinen Grund zur Sorge und in wenigen Wochen sei alles wieder in bester Ordnung.

Drei Tage später war Horace Bostwick tot, Selbstmord. Er hatte morgens in ungewöhnlich guter Laune die Bank betreten und dabei mehrere Angestellte begrüßt, die noch hinter den geschlossenen Türen der Bank arbeiteten, war in sein Büro gegangen, nachdem er seiner Sekretärin mitgeteilt hatte, dass er keine Anrufe entgegennehmen würde, um dann die Tür hinter sich zuzuziehen. Gegen zehn Uhr vormittags schoss er sich schließlich mit einem tags zuvor gekauften und in der Aktentasche in die Bank gebrachten Revolver in den Kopf. Er hinterließ kein Schreiben, doch verrieten die sorgsam auf dem Tisch angeordneten Papiere, was er zu sagen hatte. Und sie verrieten, dass er finanziell schlechterdings ruiniert war. Wie sein Bostoner Vater hatte er unklug investiert, allerdings nicht nur eigenes Geld, sondern auch das der Bank. Sein Bankrott war so umfassend, dass er keinen anderen Ausweg sah. Erst später stellte sich heraus, dass sein Ruin keineswegs so vollständig gewesen war, wie er es im Augenblick seines Selbstmords geglaubt hatte. Laut Nachlassregelung blieb der Familie das Wohnhaus, und ein kleineres Grundstück am Stadtrand von St. Louis reichte aus, um seine Frau für den Rest ihres Lebens mit einem minimalen Einkommen zu versorgen.

Allerdings wurde dies nicht gleich bekannt. William Stoner erhielt einen Anruf, der ihn über Horace Bostwicks Bankrott und Selbstmord informierte, und er brachte Edith die Neuigkeit so schonend bei, wie es ihm sein entfremdetes Verhältnis zu ihr nur erlaubte.

Edith trug es mit Fassung, beinahe, als hätte sie damit gerechnet. Mehrere Augenblicke schaute sie Stoner an, ohne etwas zu sagen, dann schüttelte sie den Kopf und meinte nachdenklich: »Arme Mutter. Was soll sie nun tun? Es hat immer jemanden gegeben, der sich um sie kümmert. Wie wird sie jetzt leben?«

Stoner antwortete: »Sag ihr …« Verlegen brach er ab. »… sag ihr, wenn sie mag, kann sie bei uns wohnen. Sie ist hier willkommen.«

Mit einer eigenartigen Mischung aus Zuneigung und Verachtung lächelte Edith ihn an. »Ach, Willy, sie würde lieber sterben. Das weißt du doch, nicht?«

Stoner nickte. »Ich glaube schon«, sagte er.

Und so verließ Edith Columbia am Abend des Tages, an dem Stoner besagten Telefonanruf erhalten hatte, um zur Beerdigung nach St. Louis zu fahren und dort so lange zu bleiben, wie sie gebraucht wurde. Als sie eine Woche fort war, erhielt Stoner eine kurze Notiz, die ihn informierte, dass sie weitere zwei Wochen bei ihrer Mutter bleiben werde, vielleicht noch länger. Sie blieb fast zwei Monate, und William lebte allein mit seiner Tochter in dem großen Haus.

In den ersten Tagen empfand er das leere Haus als eigenartig und unerwartet beunruhigend, doch gewöhnte er sich rasch an die Leere und begann, Gefallen daran zu finden; nach einer Woche merkte er, dass er so glücklich war wie seit Jahren nicht mehr, und wenn er an Ediths unvermeidliche Rückkehr dachte, dann mit einem stillen Bedauern, das er nicht länger vor sich zu verheimlichen brauchte.

Im Frühling jenes Jahres feierte Grace ihren sechsten Geburtstag, und im Herbst begann für sie das erste Schuljahr. Jeden Morgen machte Stoner sie für die Schule fertig, und nachmittags war er rechtzeitig von der Universität zurück, um sie zu begrüßen, wenn sie nach Hause kam.

Mit sechs Jahren war Grace ein hochgewachsenes, schlankes Kind mit eher blondem als rötlichem Haar, heller, makelloser Haut und dunkelblauen, beinahe violetten Augen. Sie war ein stilles, fröhliches Kind und konnte sich auf eine Weise über etwas freuen, die in ihrem Vater ein Gefühl von fast wehmütiger Bewunderung auslöste.

Manchmal spielte Grace mit den Nachbarskindern, meist aber saß sie bei ihrem Vater im großen Arbeitszimmer und sah zu, wie er Arbeiten korrigierte, las oder schrieb. Dann redete sie mit ihm, und sie unterhielten sich — so still und ernst, dass William Stoner eine Zärtlichkeit überkam, wie er sie nie erwartet hätte. Auf gelbe Papierbögen malte Grace unbeholfene, bezaubernde Bilder, die sie feierlich ihrem Vater überreichte, oder sie las ihm laut aus ihrem Lesebuch für Erstklässler vor. Abends, wenn Stoner sie ins Bett gebracht hatte und in sein Arbeitszimmer zurückgekehrt war, fehlte sie ihm, und er tröstete sich allein mit dem Wissen, dass sie wohlbehalten im Zimmer über ihm schlief. Auf eine ihm kaum bewusste Weise hatte er mit ihrer Erziehung begonnen und sah voll Staunen und Liebe, wie sie vor seinen Augen wuchs und ihre Klugheit sich in ihrem Gesicht abzuzeichnen begann.

Edith kehrte erst Anfang Januar des nächsten Jahres zurück, weshalb Stoner und seine Tochter Weihnachten allein verbrachten. Am Morgen des ersten Weihnachtstages beschenkten sie sich; für ihren Vater, der nicht rauchte, hatte Grace in ihrer der Universität angegliederten, behutsam progressiven Schule einen plumpen Aschenbecher modelliert; William schenkte ihr ein neues Kleid, das er selbst in einem Geschäft in der Stadt ausgesucht hatte, mehrere Bücher und einen Malkasten. Den größten Teil des Tages unterhielten sie sich und saßen vor dem kleinen Baum, um die im Baumschmuck funkelnden Lichter und das wie verstecktes Feuer aus dunkelgrüner Tanne leuchtende Lametta zu betrachten.

Während der Weihnachtsferien, dieser seltsamen, im dahineilenden Semester wie ausgesetzten Zeit, wurde William Stoner zweierlei klar: Er begriff, wie wichtig Grace für ihn geworden war, und er begann einzusehen, dass er durchaus ein guter Lehrer werden konnte.

Er war aber auch bereit, sich einzugestehen, dass er bislang kein guter Lehrer gewesen war. Seit dem Tag, an dem er mit Mühe und Not seine ersten Einführungskurse hinter sich gebracht hatte, war ihm der Abgrund bewusst, der sich zwischen dem auftat, was er für sein Fach empfand, und dem, wie er es im Seminar präsentierte. Er hatte gehofft, Zeit und Erfahrung würden diesen Abgrund überbrücken, nur war es nie dazu gekommen. Was er am höchsten schätzte, wurde aufs Schlimmste verraten, wenn er zu seinen Studenten sprach; was für ihn am lebendigsten war, verkümmerte in seinen Worten, und was ihn zutiefst bewegte, wurde kalt und blass, sobald er es aussprach. Das Wissen um dieses Ungenügen machte ihm derart zu schaffen, dass er es für selbstverständlich hielt, weshalb es ebenso ein Teil von ihm wurde wie seine krummen Schultern.

Doch während der Wochen, die Edith sich in St. Louis aufhielt, verlor er sich während seiner Vorträge manchmal derart, dass er nicht nur seine Unfähigkeit vergaß, sondern auch sich selbst und überdies die Studenten. Dann riss ihn die eigene Begeisterung mit, bis er stammelte, gestikulierte und nicht mehr an seine Notizen dachte, die üblicherweise seine Vorlesungen bestimmten. Anfangs irritierten ihn diese Aufwallungen, als erlaubte er sich eine zu große Vertraulichkeit mit seinem Thema, und er entschuldigte sich bei den Studenten, doch als sie anfingen, nach dem Unterricht zu ihm zu kommen, und sich in ihren Arbeiten erste Zeichen von Phantasie und die Ansätze einer zaghaften Liebe zeigten, fühlte er sich ermuntert, etwas zu tun, was ihm niemand beigebracht hatte. Die Liebe zur Literatur, zur Sprache, zum Mysterium des Verstandes und des Herzens, wie sie sich in den kleinen, seltsamen und unerwarteten Kombinationen von Buchstaben und Wörtern zeigte, in der schwärzesten, kältesten Druckertinte — die Liebe, die er verborgen gehalten hatte, als wäre sie gefährlich und verboten, diese Liebe begann er nun offen zu zeigen, zögerlich zuerst, dann mutiger und schließlich voller Stolz.

Die Entdeckung dessen, was er vermochte, bekümmerte und ermutigte ihn zugleich; er fand, er hatte unabsichtlich sowohl seine Studenten wie sich selbst getäuscht. Studenten, die seine Seminare bislang durch stupides Wiederholen bestanden hatten, warfen ihm verwirrte und verärgerte Blicke zu, jene, die zuvor nicht zu ihm gekommen waren, setzten sich nun in seine Vorlesungen und nickten ihm auf den Fluren zu. Er sprach mit größerem Selbstvertrauen, spürte, wie in ihm eine warme, feste Ernsthaftigkeit heranreifte, und nahm an, dass er mit zehn Jahren Verspätung zu begreifen begann, wer er war. Die Gestalt, die er sah, war zugleich mehr und weniger, als er sich einst für sich erhofft hatte. Er spürte, dass er endlich ein richtiger Lehrer wurde, also ein Mann, der sein Buch für wahr hält und dem eine Würde der Kunst gegeben ist, die nur wenig mit seiner Dummheit, Schwäche oder menschlichen Unzulänglichkeit zu tun hat. Es war eine Erkenntnis, über die er nicht reden konnte, doch eine, die ihn derart veränderte, dass niemand ihre Wirkung zu übersehen vermochte.

Als Edith aus St. Louis zurückkam, fand sie ihn daher auf eine Weise verändert vor, die sie zwar nicht begriff, aber sofort bemerkte. Sie kam mit dem Nachmittagszug, ohne dies vorher anzukündigen, ging durchs Wohnzimmer ins Arbeitszimmer, wo ihr Mann und ihre Tochter still beieinander saßen, und hatte gehofft, beide durch ihr plötzliches Auftauchen und ihr verändertes Äußeres zu schockieren, doch als William zu ihr aufsah und sie die Überraschung in seinen Augen bemerkte, wusste sie gleich, dass die eigentliche Veränderung mit ihm vorgegangen war, eine Veränderung, die so tief reichte, dass ihr neues Aussehen seine Wirkung auf ihn verfehlte. Ein wenig distanziert und doch auch verblüfft dachte sie: Ich kenne ihn besser, als mir je klar gewesen ist.

William war von ihrer Anwesenheit und ihrem veränderten Äußeren überrascht, doch kümmerte ihn beides nicht in dem Maße, wie es das früher vielleicht getan hätte. Er musterte sie einige Augenblicke lang, dann erhob er sich von seinem Tisch, ging durchs Zimmer und begrüßte sie ernst.

Edith hatte sich das Haar zu einem Bubikopf frisiert und einen jener Hüte aufgesetzt, die sich so eng an den Kopf anpassten, dass das gestutzte Haar wie ein unregelmäßiger Rahmen ihr Gesicht umschmiegte; die Lippen glänzten orangerot, und zwei kleine Flecken Rouge betonten die Wangenknochen. Sie trug eines der kurzen Kleider, die bei jungen Frauen in den letzten Jahren Mode geworden waren; es hing glatt von den Schultern herab und endete kurz über den Knien. Verlegen lächelte sie ihren Mann an und ging dann zu ihrer Tochter, die auf dem Boden saß und sie still und aufmerksam betrachtete. Edith kniete sich umständlich hin; das neue Kleid spannte um die Beine.

»Gracie, mein Liebes«, sagte sie mit einer Stimme, die für William angespannt und brüchig klang, »hast du deine Mommy vermisst? Hast du geglaubt, sie kommt nie zurück?«

Grace küsste ihre Mutter auf die Wange und betrachtete sie ernst. »Du siehst anders aus«, sagte sie.

Edith lachte und erhob sich vom Boden, wirbelte herum und hielt die Hände über dem Kopf. »Ich habe ein neues Kleid, neue Schuhe und eine neue Frisur. Gefällt’s dir?«

Grace nickte zögerlich. »Du siehst anders aus«, wiederholte sie.

Ediths Lächeln wurde breiter; auf einem der Zähne war ein blasser Lippenstiftfleck zu sehen. Sie wandte sich zu William um und fragte: »Sehe ich anders aus?«

»Ja«, sagte William. »Sehr charmant. Sehr hübsch.«

Sie lachte und schüttelte den Kopf. »Armer Willy«, sagte sie, um sich dann wieder ihrer Tochter zuzuwenden. »Ich glaube, ich bin auch anders«, sagte sie ihr. »Ich glaube, ich bin wirklich anders.«

William Stoner wusste, dass ihre Worte ihm galten. Und irgendwie wusste er im selben Moment auch, dass Edith ihm, ohne es zu wissen, ohne es zu beabsichtigen oder es wirklich zu begreifen, eine neue Kriegserklärung zu machen versuchte.

VIII

Ihre Erklärung war Teil der Veränderungen, die von Edith während jener Wochen eingeleitet worden waren, die sie nach dem Tod ihres Vaters ‘daheim’ in St. Louis verbracht hatte. Veränderungen, die verschärft und schließlich konkret und auf brutale Weise durch jene andere Veränderung wirksam wurden, die allmählich mit William Stoner vorging, als er merkte, dass er ein guter Lehrer werden könnte.

Edith hatte die Beerdigung ihres Vaters seltsam unberührt gelassen. Während der langatmigen Zeremonie saß sie aufrecht und mit einer wie versteinerten Miene da, die sich auch dann nicht änderte, als sie an dem prächtig hergerichteten, fülligen Leichnam ihres Vaters in dem prunkvollen Sarg vorüberging. Auf dem Friedhof aber, als der Sarg ins schmale, mit Kunstrasenmatten ausgelegte Loch hinabgelassen wurde, barg sie das ausdruckslose Gesicht in den Händen und hob erst wieder den Kopf, als ihr jemand eine Hand auf die Schulter legte.

Nach der Beerdigung verbrachte sie mehrere Tage auf ihrem alten Zimmer, jenem, in dem sie groß geworden war; ihre Mutter sah sie nur zum Frühstück und zum Abendessen. Besucher glaubten, sie habe sich vor Kummer zurückgezogen. »Sie standen sich sehr nahe«, deutete Ediths Mutter geheimnisvoll an. »Weit näher, als es den Anschein hatte.«

Wie zum allerersten Mal aber ging Edith in ihrem Zimmer auf und ab, frei, berührte Wände und Fenster und prüfte, wie solide sie waren. Sie ließ sich einen Koffer voll mit Kindheitssachen vom Dachboden bringen und durchforstete die Schubladen ihrer Kommode, die über ein Jahrzehnt nicht mehr geöffnet worden waren. Leicht irritiert, doch mit einer Muße, als verfügte sie über alle Zeit der Welt, ging sie ihre Sachen durch, streichelte sie, drehte sie mal so, mal so und untersuchte sie mit einer fast feierlichen Sorgfalt. Als sie einen Brief entdeckte, den sie in Kindertagen erhalten hatte, las sie ihn so aufmerksam von Anfang bis Ende, als läse sie ihn zum ersten Mal; als sie eine vergessene Puppe fand, lächelte sie und strich über die angemalten Keramikwangen, als wäre sie wieder ein Kind, das beschenkt worden ist.

Schließlich verteilte sie all ihre Kindersachen auf zwei ordentliche Haufen; zu dem einen gehörten Spielzeug und Nippes, das sie sich selbst zugelegt hatte, heimliche Fotos und Briefe von Schulfreundinnen, Geschenke, die ihr von fernen Verwandten gemacht worden waren; der andere Haufen enthielt all das, was ihr Vater ihr gegeben hatte, sowie Dinge, die in direktem oder indirektem Zusammenhang mit ihm standen. Letzterem Haufen widmete sie dann ihre ganze Aufmerksamkeit. Methodisch und mit einem ausdruckslosen Gesicht, das weder Wut noch Freude verriet, nahm sie diese Dinge und vernichtete sie eines nach dem anderen. Die Briefe und Kleider, die Füllung der Puppen, die Nadelkissen und Bilder verbrannte sie im Kamin; Ton- und Porzellanköpfe, Hände, Arme und Beine der Puppen zerstampfte sie in der Feuerstelle zu feinem Pulver; und was nach Brennen und Zerstampfen übrig blieb, fegte sie zusammen und spülte es die Toilette im angrenzenden Badezimmer hinunter.

Als die Arbeit getan war — der Rauch aus dem Zimmer abgezogen, der Kamin gefegt und der verbliebene Besitz wieder in den Schubladen lag —, setzte sich Edith Bostwick Stoner an die Frisierkommode und betrachtete sich in dem kleinen Spiegel, dessen abgegriffene silberne Rückseite sich stellenweise schon löste, sodass ihr Bild hier und da nur unvollständig oder überhaupt nicht wiedergegeben wurde, was ihrem Gesicht ein eigenartig unvollständiges Aussehen verlieh. Sie war dreißig Jahre alt. Ihr Haar verlor den jugendlichen Glanz, winzige Fältchen zeigten sich rund um die Augen, und die Haut über ihren vorspringenden Wangenknochen begann sich zu straffen. Sie nickte dem Bild im Spiegel zu, stand abrupt auf und ging nach unten, wo sie sich zum ersten Mal seit Tagen vergnügt und fast vertraulich mit ihre Mutter unterhielt.

Sie wolle, sagte sie, sich verändern. Zu lange sei sie gewesen, was sie war; sie erzählte von ihrer Kindheit, ihrer Ehe. Und aus Quellen, über die sie reden konnte, wenn auch nur vage und unbestimmt, schuf sie sich ein Bild, dem sie gerecht zu werden wünschte. Fast die gesamten zwei Monate, die sie in St. Louis bei ihrer Mutter blieb, strebte sie nach dieser Selbstverwirklichung.

Sie bat darum, sich eine gewisse Summe borgen zu dürfen, doch ihre Mutter machte ihr das Geld spontan zum Geschenk. Daraufhin kaufte sich Edith eine neue Garderobe und verbrannte die alten, aus Columbia mitgebrachten Kleider; sie ließ sich das Haar kurz schneiden und nach neuester Mode frisieren; und sie kaufte Kosmetikartikel und Parfüms, deren Gebrauch sie täglich auf ihrem Zimmer übte. Sie lernte zu rauchen und gewöhnte sich eine neue Art zu reden an, ein sprödes, unbestimmtes, leicht schrill klingendes Englisch. Nach Columbia kehrte sie erst zurück, als sie eins mit den äußeren Veränderungen geworden war; eine weitere mögliche Veränderung hielt sie noch geheim.

Während der ersten Monate nach ihrer Rückkehr sprühte sie vor Energie und hielt es offenbar nicht länger für nötig, sich einzureden, dass sie krank oder schwach war. Sie trat einer kleinen Theatergruppe bei und widmete sich ganz den Aufgaben, die ihr zugewiesen wurden, entwarf und malte Bühnenbilder, sammelte Geld für die Truppe und übernahm sogar einzelne kleine Rollen. Wenn Stoner nachmittags nach Hause kam, war das Wohnzimmer voll mit ihren Freunden, fremden Menschen, die ihn wie einen Eindringling anstarrten und denen er freundlich zunickte, ehe er sich in sein Arbeitszimmer verzog, durch dessen Wände gedämpft ihre deklamierenden Stimmen drangen.

Edith kaufte ein gebrauchtes Klavier und ließ es ins Wohnzimmer stellen, direkt an die Wand zu Williams Arbeitszimmer. Sie hatte das Klavierspielen kurz vor der Heirat aufgegeben und musste fast wieder von vorn beginnen, übte Tonleitern, probierte Stücke, die viel zu schwer für sie waren, und spielte oft zwei, drei Stunden am Tag, meist abends, wenn Grace bereits im Bett lag.

Die Studentengruppen, die Stoner zu Gesprächen in sein Arbeitszimmer lud, wurden größer, die Treffen häufiger, und Edith gab sich nicht länger damit zufrieden, oben zu bleiben und sich von diesen Versammlungen fernzuhalten. Sie bestand darauf, Tee oder Kaffee zu servieren, und blieb danach gleich im Zimmer, redete laut und aufgekratzt und schaffte es, das Gespräch auf ihre Arbeit im kleinen Theater zu lenken, auf ihre Musik, ihre Malerei und Bildhauerei, mit der sie (wie sie verkündete) beginnen wolle, sobald sie Zeit dafür finde. Die so verblüfften wie verlegenen Studenten blieben bald aus, und Stoner begann, sich mit ihnen auf einen Kaffee in der Cafeteria der Universität oder in einem der kleinen Cafés auf dem Campus zu verabreden.

Ihr verändertes Benehmen ärgerte ihn nicht besonders, weshalb er sie deswegen nicht zur Rede stellte; sie schien ihm glücklich zu sein, wenn auch ihr Glück etwas aufgesetzt wirkte. Letztlich schrieb er es sich selbst zu, dass ihr Leben eine neue Richtung nahm, da er es ihr nicht möglich gemacht hatte, einen Sinn in ihrem gemeinsamen Leben zu finden, in ihrer Ehe. Folglich war es ihr gutes Recht, einen Sinn auf Gebieten zu finden, die mit ihm nichts zu tun hatten, und Wege zu gehen, auf denen er ihr nicht folgen konnte.

Von seinem Erfolg als Lehrer und seiner wachsenden Popularität unter den besseren Magisteranwärtern ermutigt, begann Stoner im Sommer des Jahres 1930 mit einem neuen Buch. Er verbrachte jetzt nahezu seine gesamte freie Zeit im Arbeitszimmer. Zwar wahrten sie den Anschein, das Schlafgemach zu teilen, doch betrat er diesen Raum nur noch selten und niemals in der Nacht. Er schlief auf dem Sofa im Arbeitszimmer und bewahrte dort sogar seine Kleider in einem kleinen Eckschrank auf, den er selbst gebaut hatte.

Er konnte mit Grace zusammen sein. Wie sie es sich während der langen Abwesenheit ihrer Mutter angewöhnt hatte, verbrachte sie viel Zeit mit ihrem Vater im Arbeitszimmer; Stoner beschaffte ihr sogar einen kleinen Stuhl und Tisch, damit sie einen Platz für ihre Hausarbeiten und zum Lesen hatte. Die Mahlzeiten nahmen sie meist allein ein, da Edith sich oft außer Haus aufhielt, und blieb sie doch einmal daheim, gab sie gewöhnlich kleine Partys für ihre Theaterfreunde, bei denen ein Kind unerwünscht war.

Urplötzlich aber begann Edith wieder, länger zu Hause zu bleiben. Erneut nahmen sie ihre Mahlzeiten zu dritt ein, und Edith unternahm sogar gewisse Anstrengungen, sich um den Haushalt zu kümmern. Es wurde still; selbst das Klavier blieb ungenutzt, sodass sich Staub auf den Tasten sammelte.

In ihrem gemeinsamen Leben waren sie an einem Punkt angelangt, an dem sie nur noch selten über sich oder übereinander sprachen, um das heikle Gleichgewicht nicht zu gefährden, das ihnen ihr Zusammenleben ermöglichte. Deshalb fragte Stoner erst, nachdem er lange gezögert und die möglichen Folgen bedacht hatte, ob etwas nicht in Ordnung sei.

Sie saßen am Esstisch; Grace hatte sich entschuldigt und war mit einem Buch in Stoners Arbeitszimmer gegangen.

»Wie meinst du das?«, fragte Edith.

»Deine Freunde«, erwiderte William. »Sie sind schon seit einer Weile nicht mehr hier gewesen, und du scheinst auch nichts mehr mit dem Theater zu tun zu haben. Also frage ich mich, ob irgendwas nicht in Ordnung ist.«

Mit einer fast männlichen Geste schüttelte Edith eine Zigarette aus der Packung neben ihrem Teller, steckte sie sich zwischen die Lippen und zündete sie am Stummel einer nur halb gerauchten Zigarette an. Dann inhalierte sie tief, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, und legte den Kopf in den Nacken, sodass sie, als sie William ansah, die Augen zusammenkneifen musste, was ihr einen fragenden, berechnenden Blick verlieh.

»Alles in Ordnung«, sagte sie. »Die Leute und ihre Arbeit fingen nur an, mich zu langweilen. Muss denn immer gleich irgendwas nicht stimmen?«

»Nein«, erwiderte William. »Ich habe mich nur gefragt, ob du dich vielleicht nicht wohlfühlst oder so.«

Er dachte nicht weiter über ihr Gespräch nach, stand kurz darauf vom Tisch auf und ging ins Arbeitszimmer, wo Grace an ihrem Tisch saß, vertieft in ein Buch. Das Licht der Tischlampe spiegelte sich in ihrem Haar und zeigte ihr schmales, ernstes Gesicht als klare Silhouette. Sie ist im letzten Jahr gewachsen, dachte William; und eine nicht unangenehme Traurigkeit ließ einen kleinen Kloß in seiner Kehle aufsteigen. Er lächelte und setzte sich leise an den Schreibtisch.

Wenige Augenblicke später war er in seine Arbeit vertieft. Am Abend zuvor hatte er die Routineaufgaben erledigt, Seminararbeiten durchgesehen und Vorlesungen für die kommende Woche vorbereitet. Er dachte an den Abend, der sich vor ihm erstreckte, und an die vielen weiteren Abende, an denen er an seinem neuen Buch arbeiten konnte. Worüber er schreiben wollte, war ihm noch nicht genau klar; im Großen und Ganzen wollte er seine erste Studie sowohl zeitlich wie inhaltlich erweitern, wollte über die englische Renaissance arbeiten und die Einflüsse klassischen und mittelalterlichen Lateins auf diese Zeit einbeziehen. Er war in der Planungsphase, eine Phase, die ihm größtes Vergnügen bereitete — die Wahl zwischen unterschiedlichen Vorgehensweisen, die Entscheidung gegen bestimmte Strategien, das Geheimnisvolle und Ungewisse, das unerforschte Möglichkeiten barg, die Folgen seiner Entscheidungen … Was sich ihm an Perspektiven auftat, begeisterte ihn derart, dass er nicht länger stillsitzen konnte. Er stand vom Tisch auf, schritt auf und ab und begann aus einer unerfüllten Vorfreude heraus mit seiner Tochter zu reden, die von ihrem Buch aufsah und ihm antwortete.

Sie spürte seine Stimmung, und etwas, das er sagte, brachte sie zum Lachen. Dann lachten sie zusammen, lachten so hemmungslos, als wäre sie beide Kinder. Plötzlich ging die Tür zum Arbeitszimmer auf, und das harsche Licht vom Wohnzimmer fiel bis in die letzten schattigen Winkel. Edith stand da, von diesem Licht umrahmt, und sagte langsam und deutlich: »Dein Vater versucht zu arbeiten, Grace. Du musst ihn nicht stören.«

Einige Augenblicke lang waren William und seine Tochter über dieses unvermittelte Eindringen so verblüfft, dass sich keiner von beiden regte oder etwas sagte. »Ist schon gut, Edith«, konnte William schließlich hervorbringen. »Sie stört mich nicht.«

Als hätte er nichts gesagt, fuhr Edith fort: »Hast du mich nicht gehört, Grace? Komm bitte sofort aus dem Zimmer.«

Perplex erhob sich Grace von ihrem Stuhl und ging zur Tür. Mitten im Zimmer aber blieb sie stehen und sah erst ihren Vater, dann ihre Mutter an. Edith setzte an und wollte etwas sagen, aber William kam ihr zuvor.

»Ist schon gut, Grace«, sagte er, so sanft er konnte. »Ist schon gut. Geh mit deiner Mutter.«

Als Grace durchs Arbeitszimmer ins Wohnzimmer ging, sagte Edith zu ihrem Mann: »Dem Kind wird zu viel Freiheit gelassen. Es ist doch nicht normal, so still zu sein, so zurückgezogen; außerdem ist sie viel zu viel allein. Sie sollte mehr unternehmen und mit Kindern ihres Alters spielen. Merkst du denn nicht, wie unglücklich sie ist?«

Sie schloss die Tür, ehe er antworten konnte.

Lange Zeit regte er sich nicht, blickte auf den mit Notizen und aufgeschlagenen Büchern übersäten Schreibtisch, ging dann langsam durchs Zimmer und begann gedankenlos, die Papiere und Bücher zu ordnen. Mehrere Minuten stand er darauf nur da, die Stirn in Falten gelegt, als versuche er, sich an etwas zu erinnern. Dann drehte er sich um, ging zu Grace’ kleinem Tisch und blieb wieder wie zuvor am eigenen Tisch einfach nur stehen. Schließlich knipste er die Lampe aus, was den kleinen Tisch grau und leblos aussehen ließ, ging zum Sofa, legte sich hin, die Augen offen, und starrte an die Zimmerdecke.

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Das Ungeheuerliche wurde ihm erst allmählich klar, sodass es etliche Wochen dauerte, ehe er sich eingestand, was für ein Spiel Edith trieb; und als er es schließlich konnte, geschah es fast ohne jede Überraschung. Edith führte ihren Feldzug so geschickt und klug, dass er keinen vernünftigen Grund zur Klage fand. Nach dem abrupten, fast brutalen Auftritt in seinem Arbeitszimmer, der ihm im Nachhinein wie ein Überraschungsangriff vorkam, änderte Edith ihre Strategie, um nun indirekter, stiller und zurückhaltender vorzugehen. Es war eine Strategie, die sich als Liebe und Fürsorge tarnte, weshalb er sich gegen sie machtlos fühlte.

Edith war jetzt fast ständig zu Hause. Morgens und am frühen Nachmittag, wenn sich Grace in der Schule aufhielt, machte sie sich daran, Grace’ Schlafzimmer neu zu gestalten. Sie holte den kleinen Tisch aus Stoners Arbeitszimmer, strich ihn blassrosa an und beklebte den Rand der Platte mit einem breiten Band aus farblich passendem Rüschensatin, sodass er keine Ähnlichkeit mehr mit dem Tisch besaß, an den sich Grace gewöhnt hatte. Mit einer stummen Grace an ihrer Seite ging sie eines Nachmittags sämtliche Kleider durch, die William ihr gekauft hatte, warf das meiste davon fort und versprach ihrer Tochter, noch am Wochenende mit ihr in die Stadt zu gehen und die entsorgten Sachen durch passendere Kleidung zu ersetzen, durch »etwas Mädchenhaftes«. Und das taten sie. Am späten Nachmittag kehrte dann eine müde, doch triumphierende Edith mit einem Stapel Pakete und einer erschöpften Tochter zurück, die sich offenbar äußerst unwohl fühlte in dem neuen, steif gestärkten und mit Myriaden von Rüschen behafteten Kleid, unter dessen glockenförmigem Saum Beine dünn wie jämmerliche Stöckchen hervorlugten.

Edith kaufte ihrer Tochter Puppen und Spielzeug und blieb in der Nähe, während Grace pflichtbewusst damit spielte. Sie verordnete Klavierstunden und saß beim Üben neben ihrer Tochter auf der Bank. Aus nichtigstem Anlass organisierte sie kleine Partys, zu denen die Nachbarskinder kamen, mürrisch und verbittert, weil sie ihre steifen, besten Kleider tragen mussten. Außerdem überwachte Edith Lektüre und Hausarbeit ihrer Tochter und achtete streng darauf, dass sie nicht mehr Zeit dafür verwandte, als sie ihr zugestand.

Ediths Besucher waren jetzt Mütter aus der Nachbarschaft. Sie kamen vormittags, tranken Kaffee und redeten, solange ihre Kinder in der Schule waren; nachmittags brachten sie die Kinder mit, sahen ihnen zu, wie sie im großen Wohnzimmer spielten, und trotz des Getöses unterhielten sie sich über Gott und die Welt.

Während dieser Nachmittage saß Stoner meist am Schreibtisch und konnte verstehen, was die Mütter sagten, da sie sich quer durchs Zimmer unterhielten und die Stimmen ihrer Kinder übertönten.

Als der Lärm einmal abflaute, hörte er Edith sagen: »Die arme Grace. Sie hat ihren Vater wirklich gern, aber der findet kaum Zeit für sie. Die Arbeit, wissen Sie, und jetzt das neue Buch …«

Seltsam neugierig und doch beinahe distanziert beobachtete er, wie seine Hände, die ein Buch hielten, zu zittern begannen. Sie zitterten mehrere Sekunden lang, ehe er sie wieder in seine Gewalt brachte, indem er sie tief in die Taschen grub und zu Fäusten ballte.

Er sah seine Tochter nur noch selten. Zwar nahmen sie ihre Mahlzeiten zu dritt ein, doch wagte er bei diesen Gelegenheiten kaum, mit ihr zu reden, denn wenn er es tat und Grace ihm antwortete, fand Edith bald etwas an ihren Tischmanieren auszusetzen oder an der Art, wie sie auf dem Stuhl hockte, um sie dann so scharf zurechtzuweisen, dass Grace für den Rest der Mahlzeit nur noch stumm und deprimiert am Tisch saß.

Die schlanke Grace wurde noch schlanker, was Edith nur lachend mit den Worten kommentierte, dass sie zwar ‘in die Höhe, aber nicht in die Breite’ wachse. Ihr Blick wurde wachsam, geradezu misstrauisch; ihre Miene, früher meist ernst und ruhig, war nun entweder leicht mürrisch oder die eines ausgelassenen, übergedrehten Kindes, das sich am schmalen Rand der Hysterie entlangbewegte. Grace lächelte nur noch selten, lachte aber viel. Wenn sie allerdings lächelte, dann war es, als huschte ein Geist über ihr Gesicht. Einmal war Edith oben, als William seiner Tochter im Wohnzimmer begegnete. Schüchtern lächelte Grace ihm zu, woraufhin er sich unwillkürlich auf den Boden kniete und sie umarmte. Er spürte, wie sich seine Tochter versteifte, und merkte ihrem bestürzten Gesicht an, dass sie Angst hatte, also stand er auf, wich behutsam von ihr zurück, sagte irgendetwas Belangloses und zog sich in sein Arbeitszimmer zurück.

Am Morgen nach diesem Vorfall blieb er am Frühstückstisch sitzen, bis Grace zur Schule gegangen war, obwohl er wusste, dass er sich zu seinem Seminar um neun Uhr verspäten würde. Nachdem Edith ihre Tochter zur Tür gebracht hatte, kam sie nicht ins Esszimmer zurück; sie ging ihm aus dem Weg. Also betrat er das Wohnzimmer, in dem seine Frau mit einer Tasse Kaffee und einer Zigarette auf dem Sofa saß, und sagte ohne jede Einleitung: »Edith, mir gefällt nicht, was mit Grace passiert.«

Wie auf ihr Stichwort hin sagte sie: »Was meinst du?«

Er setzte sich ans andere Ende des Sofas, weit fort von ihr. Ein Gefühl der Hilflosigkeit überkam ihn. »Du weißt, was ich meine«, sagte er müde. »Lass ihr ein wenig Luft. Nimm sie nicht so hart ran.«

Edith drückte ihre Zigarette auf dem Unterteller aus. »Grace ist es noch nie besser gegangen. Sie hat jetzt Freundinnen und Sachen, mit denen sie sich beschäftigen kann. Ich weiß, du bist viel zu beschäftigt, um so etwas wahrzunehmen, aber … dir muss doch auch aufgefallen sein, dass sie in letzter Zeit viel mehr aus sich herausgeht. Und sie lacht. Früher hat sie nie gelacht. Fast nie.«

William betrachtete sie in stillem Erstaunen. »Glaubst du das wirklich?«

»Natürlich glaube ich das«, sagte Edith. »Ich bin ihre Mutter.«

Und sie glaubte es tatsächlich, begriff Stoner. Er schüttelte den Kopf.

»Ich habe es mir nie eingestehen wollen«, sagte er, innerlich fast ruhig, »aber du hasst mich, nicht wahr, Edith?«

»Was?« Das Erstaunen in ihrer Stimme war echt. »Ach, Willy!« Sie lachte laut und hemmungslos. »Sei doch kein Narr. Natürlich nicht. Du bist mein Mann.«

»Lass es nicht an dem Kind aus.« Er konnte das Zittern in seiner Stimme nicht länger verhindern. »Das brauchst du nicht mehr, das weißt du. Nimm alles, nur nicht das Kind. Wenn du Grace weiter so missbrauchst, dann werde ich …« Er sprach nicht zu Ende.

Nach einem Moment fragte Edith: »Was wirst du dann?« Sie sprach leise und ohne ihn provozieren zu wollen. »Alles, was du tun kannst, ist, mich zu verlassen, und das würdest du nie tun. Das wissen wir beide.«

Er nickte. »Wahrscheinlich hast du recht.« Blindlings stand er auf, ging in sein Arbeitszimmer, holte den Mantel aus dem Schrank und griff nach der Mappe, die auf ihrem Platz neben dem Schreibtisch lag. Als er durchs Wohnzimmer kam, wandte sich Edith noch einmal an ihn.

»Ich würde Grace nie wehtun, Willy. Das solltest du wissen. Ich liebe sie. Schließlich ist sie meine Tochter.«

Er wusste, dass das stimmte; sie liebte Grace, und diese Einsicht trieb ihm fast die Tränen in die Augen. Er schüttelte den Kopf und ging nach draußen.

Als er an diesem Abend nach Hause kam, musste er feststellen, dass Edith tagsüber mithilfe eines Arbeiters aus der Nachbarschaft all seine Habe aus dem Arbeitszimmer geräumt hatte. In einer Ecke des Wohnzimmers zusammengedrängt standen Schreibtisch und Sofa, drum herum lagen in achtlosem Durcheinander Kleider, Papiere und all seine Bücher.

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Da sie jetzt mehr Zeit zu Hause verbringe, habe sie (erzählte sie ihm) sich entschlossen, wieder mit dem Malen und der Bildhauerei zu beginnen; und sein Arbeitszimmer mit dem Fenster nach Norden sei nun mal das einzige Zimmer im Haus mit anständigem Licht. Sie wusste, umzuziehen mache ihm nichts aus; er könne ja den Wintergarten hinten im Haus nutzen, der sei weiter vom Wohnzimmer entfernt, also hätte er da auch mehr Ruhe für seine Arbeit.

Doch der Wintergarten war so klein, dass er seine Bücher nicht ordentlich darin unterbringen konnte; außerdem gab es dort weder Platz für seinen Schreibtisch noch für das Sofa, weshalb er beides im Keller lagern musste. Im Winter war der Raum schwierig zu heizen, und im Sommer, das wusste er, fiel das pralle Sonnenlicht so auf die Glasscheiben, dass der Raum nahezu unbewohnbar sein würde. Trotzdem arbeitete er dort mehrere Monate. Er besorgte sich einen kleinen Tisch, den er als Schreibtisch nutzte, und kaufte sich einen tragbaren Heizkörper, um die Kälte ein wenig zu mindern, die abends durch die dünne Bretterverschalung drang. Nachts schlief er in eine Decke gewickelt auf dem Sofa im Wohnzimmer.

Nach einigen Monaten relativen, wenn auch unbequemen Friedens fand er, wenn er nachmittags von der Universität nach Hause kam, immer öfter ausrangierte Haushaltsgegenstände — kaputte Lampen, zerschlissene Decken, kleine Truhen und Kisten mit irgendwelchem Tand — achtlos in jenem Raum abgestellt, der jetzt als sein Arbeitszimmer diente.

»Im Keller ist es zu feucht«, sagte Edith, »da sind die Sachen gleich ruiniert. Es macht dir doch nichts aus, wenn ich sie eine Weile hier abstelle, oder?«

An einem Nachmittag im Frühling kehrte er während eines heftigen Unwetters heim, um festzustellen, dass eine der Glasscheiben zerbrochen war und der Regen mehrere Bücher beschädigt sowie einige seiner Notizen unleserlich gemacht hatte; wenige Wochen später kam er nach Hause und fand heraus, dass es Grace und einigen ihrer Freundinnen erlaubt worden war, in seinem Zimmer zu spielen, wobei mehrere Notizblätter und die ersten Seiten des Manuskripts seines neuen Buches zerrissen worden waren. »Ich habe sie nur ein paar Minuten hereingelassen«, sagte Edith, »aber irgendwo müssen sie ja spielen. Ich hatte doch keine Ahnung. Du solltest ein ernstes Wort mit Grace reden. Schließlich habe ich ihr oft genug gesagt, wie wichtig dir deine Arbeit ist.«

Da gab er auf. So viele Bücher wie nur möglich stellte er in seinem Büro unter, das er mit drei jüngeren Dozenten teilte, und verbrachte danach jene Zeit, die er zuvor daheim verbracht hatte, überwiegend in der Universität. Früh kam er nur noch nach Hause, wenn seine Einsamkeit und das Verlangen, ein Wort mit seiner Tochter zu reden oder auch nur einen flüchtigen Blick auf sie zu werfen, es ihm unmöglich machten, noch länger fortzubleiben.

Im Büro hatte er allerdings bloß Platz für wenige Bücher, und die Arbeit am Manuskript wurde oft unterbrochen, da ihm die notwendigen Texte fehlten; außerdem besaß einer seiner Bürokollegen, ein ernster junger Mann, die Angewohnheit, für den Abend Treffen mit seinen Studenten anzuberaumen. Das Gezischel ihrer unterdrückten Gespräche war im ganzen Raum zu hören und lenkte ihn dermaßen ab, dass es ihm schwerfiel, sich zu konzentrieren. Schließlich verlor er das Interesse an seinem neuen Buch; die Arbeit daran verlangsamte sich, bis sie bald ganz zum Erliegen kam, und ihm wurde klar, dass sie für ihn zur Zuflucht geworden war, zu einem Vorwand, sich zurückzuziehen und abends ins Büro zu kommen. Er las und arbeitete jedoch weiterhin und fand in dem, was er tat, zu guter Letzt sogar ein wenig Trost, ein wenig Vergnügen, gar einen Hauch der alten Freude, da er sich bildete, ohne damit einen bestimmten Zweck zu verfolgen.

Edith hatte in der Bevormundung ihrer Tochter und der besessenen Sorge um Grace etwas nachgelassen, sodass das Kind gelegentlich wieder lächelte und sich manchmal beinahe entspannt mit ihm unterhielt. So fand er es möglich zu leben und auch, glücklich zu sein, jedenfalls dann und wann.

IX

Der Interimsvorsitz des englischen Fachbereichs, den Gordon Finch seit dem Tod von Archer Sloane innehatte, wurde Jahr für Jahr erneuert, bis sich die Mitglieder der Fakultät schließlich an jene lässige Anarchie gewöhnt hatten, die irgendwie dafür sorgte, dass Seminare anberaumt und unterrichtet, neue Mitarbeiter eingestellt, die trivialen Details des Fachbereichsbetriebs erledigt wurden und ein Jahr aufs andere folgte. Man ging allgemein davon aus, dass der Vorsitz dauerhaft neu besetzt werden würde, sobald Finch Dekan des Fachbereichs Kunst und Wissenschaften werden konnte, eine Stellung, die er de facto, aber nicht offiziell innehatte. Josiah Claremont drohte, niemals zu sterben, auch wenn man ihn nur noch selten über die Flure wandern sah.

Die Mitglieder des Fachbereichs gingen ihrer Wege, hielten Vorlesungen, die sie schon im Jahr zuvor gehalten hatten, und besuchten sich zwischen den Seminaren gegenseitig in ihren Büros. Formell trafen sie nur zu Beginn eines jeden Semesters zusammen, wenn Gordon Finch ein allgemeines Fachbereichstreffen einberief, sowie dann, wenn ihnen der Dekan des Graduiertenkollegs Aktennotizen schickte, in denen er sie bat, für die älteren Semester, die kurz vor Abschluss ihres Studiums standen, mündliche und schriftliche Prüfungen anzusetzen.

Solche Prüfungen nahmen einen wachsenden Teil von Stoners Zeit in Anspruch. Überrascht stellte er fest, dass er sich als Dozent einer bescheidenen Popularität erfreute und sogar Studenten abweisen musste, die an seinem Fortgeschrittenenseminar über Latein und die Literatur der Renaissance teilnehmen wollten; seine Einführungskurse für Erstsemester waren immer voll. Mehrere Doktoranden baten ihn, ihre Doktorarbeit zu betreuen, und noch mehr wählten ihn zum Prüfer für ihre kommissionelle Prüfung.

Im Herbst des Jahres 1931 war das Seminar schon vor dem Tag der Anmeldung nahezu komplett belegt; viele Studenten hatten sich bei Stoner bereits am Ende des vorhergehenden akademischen Jahres oder im Laufe des Sommers gemeldet. Eine Woche nach Semesterbeginn, als das Seminar bereits einmal stattgefunden hatte, kam ein Student in Stoners Büro und bat darum, noch aufgenommen zu werden.

Stoner saß an seinem Schreibtisch, vor sich eine Liste der Seminarstudenten, und versuchte, ihnen Themen für ihre Seminararbeiten zuzuteilen, was er besonders knifflig fand, da er viele Teilnehmer noch gar nicht kannte. Es war ein Nachmittag im September, und das Fenster neben dem Schreibtisch stand offen; die Fassade des großen Gebäudes lag im Schatten, und auf dem grünen Rasen davor zeichneten sich deutlich die Umrisse des Gebäudes, das Halbrund des Kuppelbaus und die unregelmäßige Dachsilhouette ab, die das Grün verdunkelten und unmerklich über den Campus wanderten. Eine kühle Brise drang durchs Fenster und brachte frischen Herbstgeruch mit.

Als es klopfte, drehte er sich zur offenen Tür um und sagte: »Herein.«

Eine Gestalt schob sich aus dem dunklen Flur ins helle Zimmer. Stoner blinzelte träge gegen das Zwielicht an und bemerkte einen Studenten, der ihm bereits auf den Fluren aufgefallen war, obwohl er ihn nicht kannte. Der linke Arm des jungen Mannes hing steif nach unten, und er zog den linken Fuß beim Gehen nach. Das Gesicht war blass und voll, die Hornbrille rund, das schüttere schwarze Haar präzise gescheitelt und flach am Kopf anliegend.

»Dr. Stoner?«, fragte er, die Stimme durchdringend und abgehackt, die Aussprache präzise.

»Ja«, erwiderte Stoner. »Wollen Sie sich nicht setzen?«

Der junge Mann nahm auf dem harten Holzstuhl vor Stoners Schreibtisch Platz; das linke Bein gerade ausgestreckt, darauf ruhte die dauerhaft zu einer halb geschlossenen Faust verkrümmte linke Hand. Er lächelte, nickte und sagte in eigenartig selbstironischem Ton: »Sie kennen mich vielleicht noch nicht; ich bin Charles Walker, Doktorand im zweiten Jahr. Ich bin der Assistent von Dr. Lomax.«

»Ja, Mr Walker«, sagte Stoner. »Was kann ich für Sie tun?«

»Nun, ich bin gekommen, um Sie um einen Gefallen zu bitten, Sir.« Wieder lächelte Walker. »Ich weiß, Ihr Seminar ist schon voll, aber ich möchte trotzdem noch gern daran teilnehmen.« Er schwieg und setzte dann ein wenig nachdrücklich hinzu: »Dr. Lomax meinte, ich solle mit Ihnen reden.«

»Ich verstehe«, antwortete Stoner. »Und was ist Ihr Spezialgebiet, Mr Walker?«

»Die romantischen Dichter«, sagte Walker. »Dr. Lomax ist mein Doktorvater.«

Stoner nickte. »Wie weit sind Sie mit Ihrer Arbeit?«

»Ich hoffe, in zwei Jahren fertig zu sein«, erwiderte Walker.

»Tja, das macht die Sache einfacher«, sagte Stoner. »Ich biete das Seminar jedes Jahr an. Es ist jetzt wirklich schon so voll, dass man es kaum noch ein Seminar nennen kann, und ein Student mehr würde gleichsam das Fass zum Überlaufen bringen. Warum warten Sie nicht bis zum nächsten Jahr, wenn Sie das Seminar unbedingt mitmachen wollen?«

Walker wandte den Blick von ihm ab. »Nun, ehrlich gesagt«, antwortete er und bedachte Stoner dann wieder mit einem strahlenden Lächeln, »bin ich das Opfer eines Missverständnisses. Was natürlich allein meine Schuld ist. Mir war nicht klar, dass jeder Doktorand mindestens vier Fortgeschrittenenseminare absolvieren muss, weshalb ich bis zum letzten Jahr überhaupt keines belegt habe. Und wie Sie wissen, ist mehr als eines pro Semester nicht gestattet. Wenn ich also in zwei Jahren meinen Abschluss machen will, muss ich nun jedes Semester eines dieser Seminare belegen.«

Stoner seufzte. »Ich verstehe. Also interessieren Sie sich gar nicht spezifisch für die Einflüsse der lateinischen Tradition?«

»Doch, natürlich, Sir. Ganz bestimmt. Das Thema wäre für meine Arbeit überaus hilfreich.«

»Sie sollten wissen, Mr Walker, dass dies ein hochspezielles Oberseminar ist, weshalb ich niemanden ermuntere, daran teilzunehmen, wenn er sich nicht ernsthaft dafür interessiert.«

»Aber ja, Sir«, erwiderte Walker. »Ich kann Ihnen versichern, dass ich mich wirklich ernsthaft dafür interessiere.«

Stoner nickte. »Wie ist Ihr Latein?«

Walker wackelte mit dem Kopf. »Ach, bestens, Sir. Ich habe die Lateinprüfung zwar noch nicht abgelegt, kann es aber recht gut lesen und verstehen.«

»Und wie sieht es mit Französisch und Deutsch aus?«

»Aber ja, Sir. Auch da habe ich die Prüfungen allerdings noch nicht bestanden; ich dachte, ich räume sie mir Ende dieses Jahres alle zusammen aus dem Weg. Allerdings beherrsche ich die beiden Sprachen ziemlich gut.« Walker schwieg und setzte dann hinzu: »Dr. Lomax sagte, er glaube, ich werde mit der Arbeit im Seminar keine Schwierigkeiten haben.«

Stoner seufzte erneut. »Also gut«, sagte er. »Ein Großteil der Lektüre ist auf Latein, manches auf Französisch und Deutsch, aber notfalls behalten Sie auch ohne Kenntnis der letzteren Sprachen den Anschluss. Ich gebe Ihnen eine Leseliste, und wir sprechen nächsten Mittwochnachmittag über das Thema Ihrer Seminararbeit.«

Walker dankte ihm überschwänglich und erhob sich mit einiger Mühe von seinem Stuhl. »Ich fang gleich mit der Lektüre an«, erklärte er. »Ich bin mir sicher, Sie werden es nicht bedauern, Sir, dass Sie mich noch in das Seminar aufgenommen haben.«

Stoner blickte ihn leicht überrascht an. »Mir ist nicht einmal der Gedanke gekommen, Mr Walker«, sagte er trocken. »Wir sehen uns am Mittwoch.«

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Das Seminar fand in einem kleinen Kellerraum im Südflügel von Jesse Hall statt. Die Wände verströmten einen klammen, aber keineswegs unangenehmen Geruch, und Füße scharrten mit hohlem Geflüster über nackten Zementboden. Eine einzelne Glühbirne hing an der Decke und leuchtete so herab, dass jene, die an ihren Pulten in der Zimmermitte Platz nahmen, in einem hellen Lichtklecks saßen; die Wände jedoch waren dämmriggrau und die Ecken so schwarz, als saugte der glatte, unverputzte Beton alles Licht auf, das von der Decke fiel.

An jenem zweiten Mittwoch im Semester kam William Stoner einige Minuten zu spät, begrüßte die Studenten und begann, Bücher und Papiere auf dem schmalen gebeizten Eichentisch anzuordnen, der quer vor der Tafel stand. Stoner musterte die über den Raum verteilte kleine Gruppe. Einige Studenten kannte er, zwei waren Doktoranden, deren Arbeiten er betreute, vier Magisterstudenten am Fachbereich, die er schon in ihren ersten Semestern unterrichtet hatte, von den verbleibenden Studenten strebten drei einen Abschluss im Fach Moderne Sprachen an, einer war Philosophiestudent, der seine Dissertation über die Scholastik schrieb, eine Frau mittleren Alters war Lehrerin an einer Highschool und wollte während eines Freisemesters ihren Magister nachholen, und die letzte eine dunkelhaarige junge Frau, eine neue Dozentin am Fachbereich, die für zwei Jahre einen Lehrauftrag übernahm, um in dieser Zeit ihre Dissertation zu beenden, mit der sie angefangen hatte, als sie den Unterricht an einer der Ostküsten-Universitäten aufgab. Sie hatte Stoner gefragt, ob sie als Gasthörerin an seinem Seminar teilnehmen dürfe, und er hatte eingewilligt. Charles Walker war nicht anwesend. Stoner wartete noch einige Augenblicke, sortierte seine Papiere, räusperte sich dann und begann.

»Bei unserem ersten Treffen haben wir den inhaltlichen Rahmen dieses Seminars abgesteckt und beschlossen, unser Studium des mittelalterlichen Lateins auf die ersten drei der sieben freien Künste zu beschränken — also auf Grammatik, Rhetorik und Dialektik.« Er legte eine Pause ein und beobachtete die Studenten, die ihm ihre aufmerksamen, neugierigen, maskenhaften Gesichter zuwandten und auf jedes seiner Worte achteten.

»Eine solch rigide Begrenzung mag einigen von Ihnen töricht erscheinen, doch zweifle ich nicht daran, dass wir genügend Stoff haben, um uns selbst dann noch zu beschäftigen, wenn wir auch nur oberflächlich die Entwicklung des Triviums bis ins 16. Jahrhundert hinein verfolgen. Dabei gilt es unbedingt zu begreifen, dass diese Künste, also Rhetorik, Grammatik und Dialektik, für den Menschen des späten Mittelalters und der frühen Renaissance eine Bedeutung hatten, die wir heute ohne jede historische Imagination nur noch ungefähr erahnen können. Für einen damaligen Gelehrten ging es bei der Kunst der Grammatik beispielsweise nicht bloß um eine eher mechanische Anordnung der einzelnen Teile seiner Rede, da Studium und Praxis der Grammatik von der späthellenistischen Zeit bis tief ins Mittelalter nicht allein die bei Platon und Aristoteles erwähnte ‘Kunst des Lesens und Schreibens’ umfassten, sondern auch, und dies wurde immer wichtiger, ein Studium der Dichtkunst in all ihrer sprachlichen Raffinesse einschlossen, eine Exegese der Lyrik sowohl nach Form und Inhalt als auch nach den Schönheiten des Stils, sofern Letzterer sich von der Rhetorik unterschied.«

Er erwärmte sich für sein Thema und merkte, wie mehrere Studenten sich vorbeugten und aufhörten, sich Notizen zu machen. Er fuhr fort: »Würden wir im 20. Jahrhundert gefragt, welche dieser drei Künste die wichtigste sei, entschieden wir uns gewiss für Dialektik oder Rhetorik und wohl kaum für die Grammatik. Der römische oder mittelalterliche Gelehrte aber — und der Dichter — hätte höchstwahrscheinlich die Grammatik als die Wichtigste dieser drei Künste genannt. Wir dürfen nicht vergessen …«

Ein lautes Geräusch unterbrach ihn. Die Tür war aufgegangen, und Charles Walker betrat den Raum. Als er die Tür schloss, glitten ihm seine Bücher aus dem verkrüppelten Arm und krachten zu Boden. Umständlich beugte er sich vor, wobei er das steife Bein nach hinten ausstreckte, um bedächtig seine Bücher und Papiere wieder einzusammeln. Dann richtete er sich auf und schlurfte nach vorn, wobei die über den nackten Zement schleifenden Füße ein vernehmliches, durchdringendes Scharren erzeugten, das seltsam hohl und zischelnd klang. Er entschied sich für einen Stuhl in der ersten Reihe und setzte sich.

Nachdem Walker Platz genommen und seine Papiere und Bücher auf dem Pult geordnet hatte, fuhr Stoner fort: »Wir dürfen nicht vergessen, dass das mittelalterliche Verständnis von Grammatik noch allgemeiner als das im späten Griechenland oder in Rom war. Man meinte damit nicht nur die Wissenschaft der korrekten Rede und die Kunst der Textauslegung, sondern auch das, was wir heute unter Analogie verstehen, Etymologie, Methoden der Präsentation sowie der Konstruktion und Kondition poetischer Freizügigkeit und deren entsprechende Ausnahmen — sie beinhaltete selbst Metaphorik und Redewendungen.«

Während er fortfuhr, die genannten Kategorien der Grammatik weiter auszuführen, streifte Stoners Blick über die Studenten, und er bemerkte, dass er ihre Aufmerksamkeit durch Walkers Ankunft verloren hatte; bis er sie erneut aus sich herauslocken konnte, würde es eine Weile dauern, das war ihm klar. Immer wieder sah er neugierig zu Walker hinüber, der, nachdem er sich eine Weile eifrig Notizen gemacht hatte, nun langsam den Stift auf das Blatt sinken ließ, während er Stoner mit verwirrtem Stirnrunzeln betrachtete. Schließlich schoss seine Hand in die Höhe; Stoner beendete den Satz, den er angefangen hatte, und nickte ihm zu.

»Sir«, sagte Walker, »entschuldigen Sie, aber das verstehe ich nicht. Was kann …«, er legte eine Pause ein und ließ zu, dass sich seine Lippen um das nächste Wort kräuselten, »… Grammatik mit Lyrik zu tun haben? Fundamental, meine ich. Mit echter Lyrik.«

Besonnen antwortete Stoner: »Wie ich bereits vor Ihrer Ankunft erklärt habe, Mr Walker, verstanden sowohl die römischen wie die mittelalterlichen Rhetoriker unter ‘Grammatik’ weit mehr, als wir dies heutzutage tun. Für sie bedeutete …« Er hielt inne, als ihm auffiel, dass einige Studenten unruhig wurden, weil er im Begriff stand, den ersten Teil seines Vortrags zu wiederholen. »Nun, ich denke, dieser Bezug wird für Sie im weiteren Verlauf deutlich, wenn wir sehen werden, wie viel die Dichter und Theaterschriftsteller selbst der mittleren und späten Renaissance den lateinischen Rhetorikern verdankten.«

»Alle, Sir?« Walker lächelte und lehnte sich zurück. »War es nicht Samuel Johnson, der von Shakespeare sagte, er habe kaum Latein und noch weniger Griechisch gekonnt?«

Als ein unterdrücktes Lachen im Raum laut wurde, spürte Stoner, wie ihn eine Art Mitleid überkam. »Sie meinen natürlich Ben Jonson.«

Walker nahm die Brille ab, putzte sie und blinzelte hilflos. »Natürlich«, erwiderte er. »Ein Versprecher.«

Obwohl Walker ihn noch mehrfach unterbrach, gelang es Stoner, seinen Vortrag ohne allzu große Mühe zu Ende zu bringen und sogar Themen für die ersten Seminararbeiten zu verteilen. Er entließ die Studenten eine halbe Stunde früher und eilte zur Tür, als er sah, dass Walker mit einem starren Grinsen im Gesicht in seine Richtung schlurfte. Während er polternd über die Holztreppe aus dem Keller nach oben hastete und auf der glatten Marmortreppe, die in den ersten Stock führte, immer zwei Stufen auf einmal nahm, wurde er das seltsame Gefühl nicht los, dass Walker beharrlich hinter ihm her schlurfte und versuchte, seine Flucht zu vereiteln. Scham und schlechtes Gewissen schlugen wie eine Welle über ihm zusammen.

Im zweiten Stock ging er direkt in Lomax’ Büro. Lomax unterhielt sich mit einem Studenten. Stoner steckte den Kopf durch die Tür und sagte: »Kann ich Sie eine Minute sprechen, Holly, wenn Sie so weit sind?«

Lomax winkte ihm freundlich zu. »Kommen Sie ruhig herein. Wir sind gerade fertig.«

Stoner trat ein und tat, als studiere er die Titel der Bücher auf den Regalen, während Lomax und der Student sich verabschiedeten. Kaum war der Student fort, setzte sich Stoner auf den Stuhl, der soeben frei geworden war. Lomax sah ihn fragend an.

»Es geht um einen Studenten«, sagte Stoner. »Charles Walker. Er behauptet, Sie hätten ihn zu mir geschickt.«

Lomax legte die Fingerspitzen aneinander, betrachtete sie und nickte. »Ja, ich glaube, ich habe angedeutet, dass ein Besuch Ihres Seminars für ihn sinnvoll sein könnte. Was war es noch gleich? — der Einfluss des Lateinischen?«

»Können Sie mir etwas über ihn erzählen?«

Lomax blickte von seinen Händen auf, schaute an die Zimmerdecke und schob nachdenklich die Unterlippe vor. »Ein guter Student. Ein überragender Student, wage ich zu behaupten. Schreibt seine Dissertation über Shelley und das hellenistische Ideal, und sie verspricht brillant zu werden, wirklich brillant. Wird zwar nicht das sein, was man gewöhnlich« — er zögerte, suchte bedachtsam nach dem Wort — »solide nennt, doch wird sie zweifellos höchst einfallsreich sein. Warum? Gibt es einen bestimmten Grund für Ihre Frage?«

»Ja«, sagte Stoner. »Er hat sich heute im Seminar ziemlich danebenbenommen, und ich habe mich gefragt, ob ich dem eine besondere Bedeutung beimessen soll.«

Lomax’ frühere Freundlichkeit war verschwunden, und die vertrautere Maske der Ironie hatte sich erneut über sein Gesicht gelegt. »Ach ja«, sagte er mit frostigem Lächeln. »Die Unvernunft und Taktlosigkeit der Jugend. Aus Gründen, die Sie gewiss verstehen werden, ist Walker auf eine linkische Weise eher schüchtern und deshalb manchmal zu defensiv oder im