/ Language: Deutsch / Genre:prose_classic

Die Nadel

Ken Follett


Die Nadel

Ken Follett

1978

1

April 1944. Die Invasion steht unmittelbar bevor. Um den Deutschen eine Landung bei Calais zu suggerieren, haben die Britten mit Gummipanzern, Pappflugzeugen und potemkinschen Kaserene das größte Täuschmanöver aller Zeiten in Südostengland inszeniert. Diese Geisterarmee ist so geschickt in das Funk- und Meldesystem der alliierten Streitkräfte eingewoben, daß selbst Canari’s Abwehraparat sie für echt hält. Denn was Canaris nicht weiß: Seine Spione in England sitzen hinter Gittern und funken nur Spielmaterial – bis auf einen: Henry Faber, genannt Die Nadel.

Lange vor dem Krieg nach England eingeschleust, hat er es verstanden, unentdeckt zu bleiben. Herny Faber, ehemals preußischer Offizier, bevor er in die Abwehr eintrat, gelingt das Unmögliche: Er kommt den Engländern auf die Schlicher und enttarnt das Unternehmen Fortitude. Aber das Schwierigste steht ihm noch bevor: er muß seine unter Lebensgefahr geschossenen Photos als Beweis in die Hände des deutschen Generalstabs bringen. Sein Fluchtweg quer durch Großbritanien zum Treffpunkt mit U-505 vor der schottischen Küste wird zur blutigen Spur, den der britische Geheimdienst hat sich an seine Fersen geheftet, und Mr. Godliman, eine ehemaliger Geschichtsprofessor, zieht mit intuitiver Logik das Netz der Fahndung immer enger um die Nadel, so kaltblütig Faber auch immer wieder entkommen kann. Die Geschichte läuft mit einem halsbrecherischen Tempo ab, bis sich die Spannung in einem leidenschaftlichen, furiosen Finale entlädt.

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

I  1

1

2

3

4

5

6

II  2

7

8

9

10

11

12

III  3

13

14

15

16

17

18

IV  4

19

20

21

22

23

24

V  5

25

26

27

28

29

30

VI  6

31

32

33

34

35

36

37

38

EPILOG

VORWORT

Zu Beginn des Kriegsjahres 1944 stellte der deutsche Geheimdienst Beweismaterial für die Anwesenheit einer riesigen Armee im Südosten Englands zusammen. Aufklärungsflugzeuge brachten Photographien von Kasernen und Flugplätzen sowie von Schiffsflotten in The Wash zurück; heftiger Funkverkehr bei dem Signale zwischen Regimentern ausgetausch wurden, wurd abgehört; deutsche Spione in Großbritannien bestätigten die Vorgänge in ihren Berichten.

Natürlich gab es keine Armee. Die Schiffe waren Nachbildungen aus Gummi und Holz, die Kasernen nicht echter als eine Filmkulisse; die Funksignale waren bedeutungslos, die Spione Doppelagenten.

Der Feind sollte veranlaßt werden, sich auf eine Invasion über die Straße von Dover einzustellen, damit die Landung in der Normandie am D-Day als Überraschungscoup gelingen konnte.

Es war ein gewaltiges, fast unmögliches Täuschungsmanöver. Tausende von Menschen waren an dessen Durchführung beteiligt. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn keiner von Hitlers Spionen je davon erfahren hätte.

Gab es überhaupt Spione? Damals glaubten die Engländer, von Mitgliedern der sogenannten Fünften Kolonne umgeben zu sein. Nach dem Krieg entstand der Mythos, der englische Geheimdienst MI 5 habe bis Weihnachten 1939 alle ausgehoben gehabt habe. In Wahrheit scheint es nur sehr wenige gegeben zu haben, und der MI 5 fing fast alle.

Aber einer genügt schon …

Wir wissen, daß die Deutschen in Südostengland das sahen, was sie sehen sollten; daß sie einen Trick vermuteten und daß sie sich sehr bemühten, die Wahrheit herauszufinden.

Soweit ist alles Geschichte. Was folgt, ist frei erfunden.

Aber ich glaube, so ähnlich ist es geschehen …

Ken Follett

Die Deutschen wurden fast völlig irregeführt — nur Hitler hatte richtig geraten, und er zögerte, auf seine Ahnung zu setzen.

A. J. P. Taylor

English History 1914- 1945

Teil I

1

1

Es war der kälteste Winter seit fünfundvierzig Jahren. Die Dörfer waren eingeschneit, und die Themse war zugefroren. An einem Tag im Januar verspätete sich der Zug von Glasgow nach London sogar um 24 Stunden. Der Schnee und die Verdunklung ließen das Autofahren immer gefährlicher werden: Die Zahl der Unfälle verdoppelte sich, und die Menschen erzählten sich Witze darüber, daß es gefährlicher sei, mit einem Austin Seven nachts durch Picadilly zu fahren, als mit einem Panzer durch den Westwall zu stoßen.

Als der Frühling endlich kam, war es herrlich. Sperrballons trieben majestätisch am hellen, blauen Himmel, und Soldaten auf Heimaturlaub flirteten mit Mädchen in ärmellosen Kleidern auf den Straßen von London.

London wirkte kaum wie die Hauptstadt eines Landes, das sich im Krieg befand. Natürlich gab es Anzeichen dafür. Henry Faber, der mit dem Rad von Waterloo Station nach Highgate fuhr, bemerkte sie: Haufen von Sandsäcken vor wichtigen öffentlichen Gebäuden, Anderson-Schutzräume in den Gärten der Vorstädte, Propagandaplakate über Evakuierung und Luftschutz. Faber fielen diese Dinge auf — er war weit aufmerksamer als ein durchschnittlicher Eisenbahnangestellter. Er sah Scharen von Kindern in den Parks und schloß daraus, daß die Evakuierung ein Fehlschlag gewesen war. Ihm entging nicht die Zahl der Autos, die trotz der Benzinrationierung auf der Straße fuhren, und er las, welche neuen Modelle die Autofirmen ankündigten. Faber wußte, wie bedeutsam es war, daß Arbeiter zur Nachtschicht in die Fabriken strömten, in denen wenige Monate zuvor die Tagschicht kaum genug zu tun gehabt hatte. Vor allem beobachtete er die Truppenbewegungen über das britische Eisenbahnnetz: Alle Papiere gingen durch sein Büro. Daraus ließ sich eine Menge erfahren. Heute hatte er zum Beispiel einen Stoß Formulare abgestempelt, die ihn vermuten ließen, daß eine neue Expeditionsstreitmacht gesammelt wurde. Er war sich recht sicher, daß sie aus rund hunderttausend Mann bestehen und für Finnland bestimmt sein würde.

Es gab Anzeichen, ja, aber das Ganze hatte etwas Scherzhaftes. Im Radio machte man sich über den Bürokratismus der Kriegsverordnungen lustig, in den Luftschutzbunkern wurde gemeinsam gesungen, und elegante Frauen trugen ihre Gasmasken in eigens von Modeschöpfern entworfenen Behältern. Man unterhielt sich über den Sitzkrieg. Man empfand ihn überlebensgroß und trivial wie einen Film. Alle Fliegeralarme hatten sich bisher ausnahmslos als falsch erwiesen.

Faber hattei enen anderen Standpunkt — aber er war auch ein ganz anderer Mensch.

Er bog mit seinem Rad in die Archway Road und beugte sich ein wenig vor, um die Steigung besser zu bewältigen; seine langen Beine pumpten so unermüdlich wie die Kolben einer Lokomotive. Für sein Alter war er sehr fit. Er war neununddreißig, aber das durfte niemand wissen, wie viele andere Dingen auch. nicht unnötig zu gefährden.

Faber begann zu schwitzen, während er den Hügel nach Highgate emporkletterte. Das Haus, in dem er wohnte, war eines der am höchsten gelegenen Londons, deshalb hatte er es sich ausgesucht. Es war ein viktorianischer Ziegelbau am Ende einer Terrasse von sechs gleichartigen Bauten. Die Häuser waren hoch, schmal und finster — wie der Geist der Männer, für die sie gebaut worden waren. Jedes besaß drei Stockwerke und ein Untergeschoß mit einem Dienstboteneingang. Für das gehobene Bürgertum des 19. Jahrhunderts war ein Dienstboteneingang unverzichtbarer Bestandteil, selbst wenn man keine Diener hatte. Faber war zynisch, was die Engländer anging.

Nummer sechs hatte Mr. Harold Garden gehört, dem Besitzer von Garden’s Tea and Coffee, einer kleinen Firma, die während der Weltwirtschaftskrise pleite ging. Da er nach dem Prinzip gelebt hatte, daß Zahlungsunfähigkeit eine Todsünde ist, war dem bankrotten Mr. Garden nichts anderes übriggeblieben, als zu sterben. Das Haus war alles, was er seiner Witwe hinterlassen hatte, die nun gezwungen war, Mieter aufzunehmen. Sie hatte Spaß an ihrer Rolle als Hauswirtin, obwohl die Etikette ihres gesellschaftlichen Kreises verlangte, daß sie so tat, als schäme sie sich ein bißchen darüber. Faber hatte ein Zimmer mit Giebelfenster im Obergeschoß. Er wohnte dort von Montag bis Freitag und erzählte Mrs. Garden, daß er das Wochenende bei seiner Mutter in Erith verbringe. In Wirklichkeit hatte er eine weitere Hauswirtin in Blackheath, die ihn Mr. Baker nannte und ihn für den Handelsreisenden einer Papierwarenfirma hielt, der die ganze Woche unterwegs war.

Er schob sein Rad unter den finsteren, abweisenden, hohen Vorderzimmerfenstern vorbei den Gartenpfad hinauf. Dann stellte er es in den Schuppen und kettete es mit einem Vorhängeschloß am Rasenmäher an — es war nämlich verboten, ein Fahrzeug unverschlossen abzustellen. Die Saatkartoffeln in den Kästen, die überall im Schuppen standen, trieben Keime. Mrs. Garden pflanzte jetzt auf ihren Blumenbeeten Gemüse an — ihr Beitrag zum Krieg an der Heimatfront.

Faber betrat das Haus, hängte seinen Hut an den Ständer im Flur, wusch sich die Hände und ging hinein zum Abendessen.

Drei der anderen Mieter aßen schon: ein pickeliger Junge aus Yorkshire, der versuchte, in die Armee aufgenommen zu werden, ein Vertreter für Süßwaren mit zuruückweichendem sandfarbenem Haar und ein pensionierter Marineoffizier, der nach Fabers Überzeugung an Altersschwachsinn litt. Faber nickte ihnen zu und setzte sich.

Der Vertreter erzählte gerade einen Witz. »Der Staffelführer sagte: ‘Sie sind entschieden zu früh zurück!’ Da drehte sich der Pilot um und sagte: ‘Warum? Ich habe meine Flugblätter bündelweise abgeworfen. War das nicht richtig?’ Da meinte der Staffelführer: ‘Um Gottes willen, Sie hätten jemanden verletzen können!’«

Der Marineoffizier gackerte, und Faber lächelte. Mrs. Garden kam mit einer Teekanne herein. »Guten Abend, Mr. Faber. Wir haben schon ohne Sie angefangen. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus.«

Faber bestrich eine Scheibe Vollkornbrot dünn mit Margarine und sehnte sich für einen Moment nach einer Scheibe fetter Wurst. »Ihre Saatkartoffeln können gepflanzt werden«, sagte er.

Er beeilte sich mit dem Essen. Die anderen diskutierten darüber, ob Chamberlain entlassen und durch Churchill ersetzt werden solle. Immer, wenn Mrs. Garden etwas sagte, blickte sie Faber an und schien auf seine Reaktion zu warten. Sie litt etwas an Bluthochdruck und war ein bißchen übergewichtig. Obwohl in Fabers Alter, trug sie die Kleidung einer Dreißigjährigen. Faber hatte schnell gemerkt, daß sie nach einem neuen Mann Ausschau hielt. Er beteiligte sich nicht an der Diskussion.

Mrs. Garden drehte das Radio an. Es summte eine Weile, dann sagte ein Sprecher: »Hier ist der BBC Home Service. It’s That Man Again!«

Faber kannte die Sendung. Regelmäßig trat ein deutscher Spion namens Funf auf. Faber entschuldigte sich und ging auf sein Zimmer.

Nach der Sendung It’s That Man Again blieb Mrs. Garden allein im Wohnzimmer zurück. Der Marineoffizier war mit dem Vertreter in den Pub gegangen, und der Junge aus Yorkshire, der enen Hang zum Religiösen hatte, nahm an einer obskuren Gebetsversammlung teil. Sie saß mit einem kleinen Glas Gin im Wohnzimmer, betrachtete die Verdunklungsvorhänge und dachte an Mr. Faber. Wenn er nur nicht soviel Zeit in seinem Zimmer verbringen würde! Sie brauchte Gesellschaft, und zwar seine.

Solche Gedanken machten sie schuldbewußt. Um das Gefühl zu betäuben, dachte sie an Mr. Garden. Ihre Erinnerungen waren vertraut, doch verschwommen wie eine alte Filmkopie mit ausgefransten Transportlöchern und einem undeutlichen Tonstreifen. Obwohl sie sich leicht daran erinnern konnte, wie es war, ihn bei sich im Zimmer zu haben, konnte sie sich nur mit Mühe sein Gesicht oder seine Kleidung oder seinen Kommentar zu den Kriegsnachrichten des Tages vorstellen. Er war ein kleiner, flinker Mann gewesen, erfolgreich im Geschäft, wenn das Glück ihm lächelte, und erfolglos, wenn nicht, zurückhaltend vor anderen und von unersättlicher Zärtlichkeit im Bett. Sie hatte ihn sehr geliebt. Wenn dieser Krieg je richtig auf Touren kam, würde es viele Frauen in ihrer Lage geben. Sie goß sich einen weiteren Drink ein.

Mr. Faber war so ruhig — das war das Problem. Er schien keine Laster zu haben. Er rauchte nicht, sie hatte nie Alkohol in seinem Atem gespürt, und er verbrachte fast jeden Abend in seinem Zimmer und hörte sich im Radio klassische Musik an. Außerdem las er viele Zeitungen und machte lange Spaziergänge. Sie vermutete, daß er trotz seiner niederen Stellung sehr klug war. Seine Beiträge zum abendlichen Gespräch im Eßzimmer waren immer etwas durchdachter als die der anderen. Sicher könnte er eine bessere Stelle bekommen, wenn er es versuchte. Er schien sich selbst nicht die Chance zu geben, die er verdiente.

Das gleiche galt für sein Aussehen. Er war eine beeindruckende Gestalt, hochgewachsen, Nacken und Schultern recht muskulös, ohne ein Gramm Fett, lange Beine. Er hatte ein ein kräftiges Gesicht mit hoher Stirn, nicht zu kurzem Kinn und hellblauen Augen; es war nicht hübsch wie das eines Filmstars, doch ein Gesicht, das einer Frau gefällt. Sein Mund allerdings war klein und dünnlippig. Sie stellte sich vor, daß er grausam sein konnte. Mr. Garden war zu jeder Grausamkeit unfähig gewesen.

Trotzdem gehörte Mr. Faber auf den ersten Blick nicht zu den Männern, nach denen eine Frau Aufmerksamkeit schenken würde. Die Hose seines alten, abgetragenen Anzugs war immer ungebügelt — sie hätte sie mit Freuden für ihn gebügelt, doch er bat sie nie darum —, und er trug immer einen schäbigen Regenmantel und eine flache Schauermannsmütze. Er hatte keinen Schnurrbart. Sein Haar ließ er alle zwei Wochen kurz schneiden. Es war, als wolle er wie ein Nichts aussehen.

Er brauchte eine Frau, darüber gab es keinen Zweifel. Sie fragte sich einen Moment lang, ob er das war, was man als »weibisch« bezeichnete, verwarf den Gedanken jedoch sofort. Er brauchte eine Frau, die ihn herausputzte und seinen Ehrgeiz weckte. Sie brauchte einen Mann, der ihr Gesellschaft leistete und — sie liebte.

Aber er machte nicht den geringsten Annäherungsversuch. Manchmal hätte sie vor Verzweiflung schreien können. Dabei war sie sicher, daß sie attraktiv aussah. Während sie sich einen weiteren Gin einschenkte, schaute sie in den Spiegel. Sie hatte ein nettes Gesicht, blondes lockiges Haar und genug, an dem sich ein Mann festhalten konnte …Sie kicherte. Wahrscheinlich war sie beschwipst.

Sie nippte an ihrem Drink und überlegte, ob sie den ersten Schritt machen sollte. Mr. Faber war offensichtlich schüchtern — chronisch schüchtern. Das andere Geschlecht war ihm nicht gleichgültig — das hatte sie bei zwei Gelegenheiten an seinen Augen ablesen können, als er sie im Nachthemd gesehen hatte. Vielleicht konnte sie seine Schüchternheit durch Keßheit überwinden? Was hatte sie schon zu verlieren? Sie versuchte, sich das Schlimmste vorzustellen. Angenommen, er würde sie zurückweisen. Nun, es wäre peinlich — sogar demütigend, aber niemand brauchte etwas davon zu erfahren. Er würde eben ausziehen müssen.

Der Gedanke, einen Korb zu bekommen, hatte ihr den ganzen Plan verdorben. Sie erhob sich langsam. Es war Zeit, ins Bett zu gehen. Wenn sie im Bett noch einen Gin trank, würde sie schlafen können. Sie nahm die Flasche mit nach oben.

Ihr Schlafzimmer lag unter dem von Mr. Faber. Während sie sich auszog, konnte sie Geigenmusik aus seinem Radio hören. Sie zog ein neues Nachthemd an — rosa, mit besticktem Ausschnitt, und niemand würde es bewundern! Dann goß se sich ihren letzten Drink ein, nahm ihn mit ins Bett und griff nach ihrem Buch, aber es war zu anstrengend, sich auf die Buchstaben zu konzentrieren. Außerdem war sie der nachempfundenen Abenteuer überdrüssig. Geschichten über gefährliche Liebschaften sind angenehm zu lesen, wenn man mit seinem Mann ein ganz ungefährdetes Liebesverhältnis hat, aber eine Frau braucht mehr als Romane von Barbara Cartland. Sie schlürfte ihren Gin und wünschte sich, daß Mr. Faber das Radio abstellen würde. Es war, als versuche man, bei einem Tanztee zu schlafen!

Natürlich könnte sie ihn bitten, es abzuschalten. Sie schaute auf die Uhr neben ihrem Bett: Es war nach zehn. Sie könnte ihren Morgenrock anziehen, der zu ihrem Nachthemd paßte, ihr Haar ein wenig durchkämmen, dann in ihre Hausschuhe schlüpfen — ganz hübsche, mit einem Rosenmuster —, hinauf zum nächsten Treppenabsatz huschen, ja — und einfach an seine Tür klopfen. Er würde aufmachen, vielleicht mit Hose und Unterhemd bekleidet, und sie dann so ansehen, wie er sie angesehen hatte, als sie im Nachthemd auf dem Weg ins Badezimmer gewesen war …

Sie leerte ihr Glas, stand auf, zog ihren Morgenrock an, schlüpfte in ihre Hausschuhe und ergriff ihren Schlüsselbund, falls er die Tür abgeschlossen hatte und ihr Klopfen wegen des Radios nicht hören konnte.

Niemand war auf dem Treppenabsatz. Sie fand die Treppe in der Dunkelheit. Zwar hatte sie vor, die knarrende Stufe auszulassen, doch sie stolperte auf dem losen Teppich und trat besonders heftig darauf. Aber niemand schien sie zu hören, deshalb ging sie weiter und pochte ganz oben an die Tür. Vorsichtig drückte sie den Griff hinunter. Die Tür war abgeschlossen.

Das Radio wurde leiser gestellt, und Mr. Faber rief: »Ja, bitte?«

Er hatte eine gute Aussprache: Seine Stimme war weder die eines Cockneys noch die eines Ausländers, sie war ganz einfach angenehm neutral.

Sie fragte: »Dürfte ich mit Ihnen sprechen?«

Er schien zu zögern, dann antwortete er: »Ich bin ausgezogen.«

»Ich auch«, sagte sie kichernd und öffnete die Tür mit ihrem Zweitschlüssel. Er stand mit einer Art Schraubenzieher in der Hand vor dem Radio. Er trug eine Hose, aber kein Unterhemd. Sein Gesicht war weiß, er schien zu Tode erschrocken.

Sie trat ein und schloß die Tür hinter sich. Was sollte sie sagen? Plötzlich erinnerte sie sich an einen Satz aus einem amerikanischen Film und fragte: »Würden Sie ein einsames Mädchen zu einem Gläschen einladen?« Es war eigentlich albern, da sie wußte, daß er keinen Alkohol auf dem Zimmer hatte, und ihr Aufzug zum Ausgehen bestimmt nicht geeignet war. Aber es klang verführerisch.

Es schien die gewünschte Wirkung zu haben. Ohne ein Wort zu sagen, kam er langsam auf sie zu. Sie machte einen Schritt nach vorne, seine Arme umfingen sie, sie schloß die Augen und hob das Gesicht. Er küßte sie, und sie bewegte sich ein wenig in seinen Armen. Dann spürte sie einen entsetzlichen, unerträglich scharfen Schmerz im Rücken und öffnete den Mund, um zu schreien.

__________

Er hatte sie auf der Treppe stolpern hören. Wenn sie noch eine Minute länger gewartet hätte, wären der Sender wieder in seinem Koffer und die Codebücher in der Schublade gewesen, und sie hätte nicht zu sterben brauchen. Bevor er das Beweismaterial jedoch hatte verstecken können, war der Schlüssel im Schloß zu hören gewesen. Als sie die Tür öffnete, hatte das Stilett schon in seiner Hand gelegen.

Da sie sich in seinen Armen wand, verfehlte Faber ihr Herz mit dem ersten Stich der Waffe. Er mußte ihr die Finger in den Rachen stecken, um sie am Schreien zu hindern. Noch einmal stieß er zu, doch sie bewegte sich wieder, so daß die Klinge eine Rippe traf und nur ihre Haut oberflächlich ritzte. Dann spritzte das Blut heraus, und er wußte, daß es keine saubere Arbeit sein würde. Das war es nie, wenn man nicht mit dem ersten Stoß traf.

Sie zappelte jetzt zu sehr, um mit einem Stich getötet zu werden. Er ließ die Finger in ihrem Mund, packte sie mit dem Daumen am Kinn und stieß sie zurück gegen die Tür. Ihr Kopf knallte gegen das Holz. Wenn er nur das Radio nicht leiser gestellt hätte! Aber wie hätte er so etwas auch ahnen sollen?

Er zögerte, bevor er sie umbrachte, denn es wäre viel besser, wenn sie auf dem Bett stürbe — besser für die Vertuschung, die er schon zu planen begann —, aber er konnte nicht sicher sein, daß er sie leise dorthin bekommen würde. Er packte ihr Kinn noch fester, preßte ihren Kopf gegen die Tür, so daß sie ihn nicht bewegen konnte, und holte mit dem Stilett zu einem weiten Bogen aus, der ihre Kehle fast ganz zerriß, denn das Stilett war kein Messer mit scharfer Schneide und die Kehle nicht Fabers bevorzugtes Ziel.

Er sprang zurück, um dem ersten Spritzen des Blutes auszuweichen, und machte dann wieder einen Schritt nach vorne, um sie aufzufangen, bevor sie zu Boden fiel. Danach schleppte er sie zum Bett, wobei er versuchte, ihren Hals nicht anzusehen, und legte sie nieder.

Faber hatte schon früher getötet, deshalb rechnete er mit der Reaktion: Sie kam immer, sobald er sich sicher fühlte. Er ging hinüber zu dem Ausguß in der Zimmerecke und wartete darauf. Sein Gesicht war in dem kleinen Rasierspiegel zu sehen. Es war weiß, und seine Augen waren glasig. Er betrachtete sein Spiegelbild und dachte: Mörder. Dann übergab er sich.

Danach fühlte er sich besser. Jetzt konnte er an die Arbeit gehen. Er wußte, was zu tun war. Noch während er sie getötet hatte, waren ihm eingefallen, was im einzelnen erledgit werden mußte.

Er wusch sich das Gesicht, putzte sich die Zähne und säuberte das Waschbecken. Dann setzte er sich an den Tisch vor das Funkgerät. Er schaute in sein Notizbuch, fand die Stelle und begann, den Schlüssel zu tippen. Es war eine lange Botschaft — über die Aufstellung einer Armee für Finnland. Mittendrin wurde er unterbrochen; er schrieb die Mitteilung in Chiffre auf den Notizblock. Als er fertig war, verabschiedete er sich mit: »Grüße an Willi.«

Nachdem Faber das Sendegerät säuberlich in einen speziell dafür entworfenen Koffer untergebracht hatte, packte er den Rest seiner Habseligkeiten in einen zweiten Koffer. Er zog seine Hose aus, tupfte die Blutflecke mit einem Schwamm ab und wusch sich dann am ganzen Körper.

Schließlich blickte er zu der Leiche hinüber.

Jetzt berührte ihn das Geschehen kaum noch. Es war Krieg, und sie waren Feinde. Wenn er sie nicht umgebracht hätte, hätte sie seinen Tod verursacht. Sie war eine Bedrohung gewesen; nun verspürte er nichts als Erleichterung darüber, daß diese Bedrohung beseitigt war. Sie hätte ihn nicht erschrecken sollen.

Trotzdem war seine letzte Aufgabe widerwärtig. Er öffnete ihren Morgenrock, hob ihr Nachthemd und zog es bis zu ihrer Hüfte. Sie trug einen Schlüpfer. Er zerriß ihn, so daß ihr Schamhaar zu sehen war. Arme Frau, sie hatte ihn nur verführen wollen! Aber er hätte sie nicht aus dem Zimmer bekommen, ohne daß sie den Sender gesehen hätte. Die britische Propaganda hatte dafür gesorgt, daß diese Leute auf fast lächerliche Weise vor Spionen auf der Hut waren. Wenn die Abwehr tatsächlich über so viele Spione verfügte, wie die Zeitungen behaupteten, hätten die Briten den Krieg schon längst verloren.

Er trat zurück und betrachtete die Leiche mit herabgebeutem Kopf. Irgend etwas stimmte nicht. Er versuchte, sich in die Lage eines Sexualverbrechers hineinzuversetzen. Wenn ich wahnsinnig vor Begierde nach einer Frau wie Una Garden wäre und sie getötet hätte, nur um mich an ihr auszutoben, was würde ich dann tun?

Natürlich: So ein Wahnsinniger würde ihre Brüste sehen wollen. Faber beugte sich über den Körper, packte den Ausschnitt des Nachthemdes und riß ihn bis zur Hüfte auf. Ihre großen Brüste sackten zur Seite.

Der Polizeiarzt würde bald herausfinden, daß sie nicht vergewaltigt worden war, aber das spielte keine Rolle. Faber hatte an einem Kriminalistenlehrgang in Heidelberg teilgenommen und wußte, daß viele Sexualverbrechen nicht zu Ende geführt wurden. Außerdem hätte er die Täuschung nicht so weit treiben können, auch für das Vaterland nicht. Er drängte den Gedanken zurück.

Faber wusch sich noch einmal die Hände und zog sich an. Es war fast Mitternacht. Er würde noch eine Stunde warten, bevor er verschwand. Das war sicherer.

Er setzte sich, um zu überlegen, was er falsch gemacht hatte.

Es gab keinen Zweifel, daß er er einen Fehler begangen haben mußte. Wenn er eine vokkommene Tarnung gehabt hätte, wäre er völlig sicher gewesen. Wenn er völlig sicher gewesen wäre, hätte niemand sein Geheimnis entdecken können. Mrs. Garden hatte sein Geheimins entdeckt — besser gesagt, sie hätte es entdeckt, wenn sie ein paar Sekunden länger gelebt hätte —, also war er nicht völlig sicher gewesen, also hatte er keine vollkommene Tarnung gehabt, also hatte er einen Fehler begangen.

Er hätte einen Riegel an der Tür anbringen sollen. Es war besser, für chronisch schüchtern gehalten als nachts heimlich von Hauswirtinnen im Nachthemd und mit Zweitschlüsseln besucht zu werden.

Das war der oberflächliche Fehler. Der entscheidende Nachteil bestand darin, daß er eine zu gute Partie war, um Junggeselle zu sein. Es war ein irritierender, kein selbstgefälliger Gedanke. Er wußte, daß er ein angenehmer, attraktiver Mann war und es keinen offensichtlichen Grund dafür gab, weshalb er unverheiratet sein sollte.

Er würde die Nacht im Freien verbringen müssen — im Highgate Wood. Am nächsten Morgen würde er seine Koffer in der Gepäckaufbewahrung eines Bahnhofes abgeben und dann abends zu seinem Zimmer in Blackheath fahren.

Seine zweite Identität würde ihm Zuflucht bieten. Es war kaum zu befürchten, daß die Polizei ihn fassen würde. Der Handelsreisende, der das Zimmer in Blackheath an Wochenenden bewohnte, unterschied sich stark von dem Eisenbahnangestellten, der seine Hauswirtin ermordet hatte. In Blackheath war er überschwenglich, vulgär und aufdringlich; er trug auffallende Krawatten, lud im Pub zu Runden ein und kämmte sein Haar anders. Die Polizei würde die Beschreibung einem elendigen kleinen Perversen in Umlauf bringen, der nicht piep sagen konnte, bis er vor Begierde enthemmt war. Niemand würde einen zweiten Blick auf den gutaussehenden Vertreter im gestreiften Anzug verschwenden, der offensichtlich ständig vor Begierde enthemmt war und es nicht nötig hatte, Frauen umzubringen, damit sie ihm ihren Busen zeigten.

Er würde sich noch eine weitere Identität zulegen müssen — zwei waren das mindeste. Er brauchte eine neue Arbeitsstelle und neue Papiere: Paß, Kennkarte, Lebensmittelbuch, Geburtsurkunde. Zum Teufel mit Mrs. Garden. Warum hatte sie sich nicht wie gewöhnlich betrunken, bis sie einschlief?

Es war ein Uhr. Faber schaute sich ein letztes Mal im Zimmer um. Es war ihm gleichgültig, daß er Spuren hinterließ. Seine Fingerabdrücke waren natürlich im ganzen Haus zu finden; niemand würde daran zweifeln, wer der Mörder war. Auch verspürte er kein Bedauern, den Ort zu verlassen, der zwei Jahre sein Zuhause gewesen war. Er hatte ihn nicht als sein Zuhause betrachtet. Noch nie hatte er etwas als sein Zuhause angesehen. Dies hier würde für ihn immer nur das Zimmer sein, in dem er begriffen hatte, daß an eine Tür ein Riegel gehört.

Er knipste das Licht aus, nahm seine Koffer, schlich die Treppe hinunter, aus der Tür hinaus und verschwand in der Nacht.

2

Heinrich II. war ein bemerkenswerter König. In einem Zeitalter, in dem der Begriff »Blitzbesuch« noch nicht geprägt worden war, raste er mit einer solchen Geschwindigkeit zwischen England und Frankreich hin und her, daß man ihm magische Kräfte zumaß — ein Gerücht, das er verständlicherweise nicht zu unterdrücken suchte. Im Jahre 1173 — entweder im Juni oder im September, je nachdem, welche Sekundärquelle man bevorzugt — traf er in England ein und reiste so schnell wieder nach Frankreich ab, daß kein zeitgenössischer Schreiber es je herausfand. Später entdeckten Historiker Aufzeichnungen über die Kosten seiner Unternehmungen in den Schatzkammerrollen. Damals wurde sein Königreich im Norden und Süden von seinen Söhnen angegriffen — nämlich an der schottischen Grenze und im Süden von Frankreich. Aber was genau war der Zweck seines Besuches? Mit wem traf er sich? Warum wurde der Besuch geheimgehalten, obwohl der Nimbus von der magischen Reisegeschwindigkeit des Königs eine Armee aufwog? Was erreichte er damit?

Dieses Problem beschäftigte Percival Godliman im Sommer des Jahres 1940, als Hitlers Armeen wie eine Sichel über die französischen Kornfelder fegten und sich die Briten in blutiger Verwirrung aus dem Flaschenhals von Dünkirchen ergossen.

Professor Godliman wußte mehr über das Mittelalter als jeder lebende Mensch. Sein Buch über den Schwarzen Tod hatte alle bisherigen Thesen der Mittelalterforschung auf den Kopf gestellt; es war ein Bestseller gewesen und als Penguin-Taschenbuch herausgekommen. Danach hatte er sich einer etwas früheren und noch schwerer zugänglichen Periode zugewandt.

Eine der Sekretärinnen des Instituts fand Godliman um 12.30 Uhr an einem strahlenden Junitag in London über eine Handschrift gebeugt. Er übersetzte mühsam das mittelalterliche Latein und machte Notizen in seiner eigenen, noch weniger leserlichen Handschrift. Der Sekretärin, die ihren Lunch im Garten des Gordon Square essen wollte, gefiel der Handschriftenraum nicht, weil er so muffig roch. Man brauchte auch so viele Schlüssel, um dorthin zu kommen — es hätte ein Grabgewölbe sein können.

Godliman stand wie ein Vogel auf einem Bein am Lesepult; ein Scheinwerfer strahlte sein Gesicht von oben unfreundlich an. Er hätte der Geist des Mönchs sein können, der das Buch verfaßt hatte und nun in der Kühle bei seiner geliebten Chronik wacht. Das Mädchen räusperte sich und wartete darauf, daß er sie bemerkte. Godliman war ein kleiner, kurzsichtiger Mann mit runden Schultern, der einen Tweedanzug trug. Sie wußte, daß er völlig vernünftig sein konnte, wenn man ihn einmal aus dem Mittelalter herausgezerrt hatte. Wieder hüstelte sie und sagte: »Professor Godliman?«

Er blickte auf und lächelte, als er sie erkannte. Jetzt wirkte er nicht mehr wie ein Geist, sondern eher wie ein zerstreuter Familienvater. »Hallo!« sagte er in erstauntem Tonfall, als begegne er seiner Hausnachbarin mitten in der Sahara.

»Ich sollte Sie daran erinnern, daß Sie im Savoy mit Colonel Terry zum Lunch verabredet sind.«

»Oh, ja.« Er nahm seine Uhr aus der Westentasche und schaute auf das Ziffernblatt. »Wenn ich zu Fuß gehe, wird es Zeit.«

Sie nickte. »Ich habe Ihre Gasmaske mitgebracht.«

»Sie sind sehr aufmerksam!« Er lächelte wieder, und sie kam zu dem Schluß, daß er ganz nett aussah. Er nahm die Gasmaske. »Brauche ich meinen Mantel?«

»Sie hatten heute morgen keinen dabei. Es ist ziemlich warm. Soll ich hinter Ihnen abschließen?«

»Vielen Dank, vielen Dank.« Er zwängte sein Notizbuch in die Jackentasche und ging hinaus.

Die Sekretärin blickte sich um, erschauerte und folgte ihm.

__________

Colonel Andrew Terry war ein rotgesichtiger Schotte, lattendürr, was daran liegen mochte, daß er schon ein Leben lang stark rauchte, unt mit schütterem dunkelblonden Haar, das ausgiebig pomadisiert war. Godliman traf ihn an einem Ecktisch im Savoy Grill an; er trug Zivil. Drei Zigarettenstummel lagen im Aschenbecher. Terry stand auf, um ihm die Hand zu schütteln.

Godliman sagte: »Morgen, Onkel Andrew.« Terry war der jüngere Bruder seiner Mutter.

»Wie geht’s, Percy?«

»Ich schreibe ein Buch über die Plantagenets.« Godliman setzte sich.

»Sind deine Handschriften immer noch in London? Das überrascht mich.«

»Wieso?«

Terry zündete sich eine weitere Zigarette an. »Du solltest sie aufs Land bringen, um sie vor Bomben zu schützen.«

»Wirklich?«

»Die halbe Nationalgalerie ist in ein Riesenloch irgendwo in Wales verpflanzt worden. Wäre vielleicht vernünftig, auch dorthin zu verschwinden. Du hast doch bestimmt nicht mehr viele Studenten.«

»Das stimmt.« Godliman ließ sich von einem der Kellner die Speisekarte geben und sagte: »Ich möchte nichts zu trinken.«

Terry sah seine Speisekarte nicht an. »Im Ernst, Percy, warum bist du noch in der Stadt?«

Godlimans Augen schienen klar zu werden wie das Bild auf einer Leinwand, wenn der Projektor eingestellt wird, als müsse er zum erstenmal nachdenken, seit er das Restaurant betreten hatte. »Es ist richtig, wenn Kinder und nationale Einrichtungen wie die Bertrand-Russell-Stiftung nicht hier bleiben. Aber ich — mir käme es vor, als liefe ich davon und ließe andere für mich kämpfen. Das ist natürlich kein sehr rationales Argument. Aber es ist auch Gefühlssache, nichts Logisches.«

Terry lächelte wie jemand, dessen Erwartungen sich erfüllt haben. Doch er ließ das Thema fallen und studierte die Speisekarte. Nach einer Weile sagte er: »Du meine Güte, Le-Lord-Woolton-Pastete!«

Godliman grinste. »Ich bin sicher, daß es trotzdem nur Kartoffeln und Gemüse sind.«

Als sie bestellt hatten, fragte Terry: »Was hältst du von unserem neuen Premierminister?«

»Der Mann ist ein Esel. Aber Hitler ist ein Narr, und sieh nur, wie erfolgreich er ist. Und du?«

»Wir können mit Winston auskommen. Wenigstens ist er kriegerisch.«

Godliman zog die Augenbrauen hoch. »Wir? Bist du wieder im Fach?«

»Ich habe eigentlich nie damit aufgehört.«

»Aber du hast doch gesagt — «

»Percy. Kannst du dir eine Dienststelle vorstellen, deren ganzes Personal behauptet, nicht für die Armee zu arbeiten?«

»Das ist doch nicht zu glauben. Die ganze Zeit …«

Der erste Gang wurde gebracht. Sie brachen eine Flasche weißen Bordeaux an. Godliman aß Lachsersatz und wirkte nachdenklich.

Schließlich sagte Terry: »Denkst du an das letzte Mal?«

Godliman nickte. »Ich war noch jung damals. Eine schreckliche Zeit.« Doch seine Stimme klang sehnsüchtig.

»Dieser Krieg ist ganz anders. Meine Leute gehen nicht hinter die feindlichen Linien und zählen Biwaks wie ihr. Na ja, das kommt noch vor, aber das ist jetzt nicht mehr so wichtig. Heutzutagen hören wir einfach den Funkverkehr an.«

»Senden sie nicht in Code?«

Terry zuckte die Achseln. »Codes können gebrochen werden. Wir erfahren heute fast alles, was wir wissen wollen.«

Godliman blickte sich um, aber niemand war in Hörweite. Er brauchte Terry nicht zu sagen, daß solch sorgloses Gerede lebensgefährlich sein konnte.

Terry fuhr fort: »Meine Aufgabe ist es eigentlich, dafür zu sorgen, daß sie nicht die Informationen kriegen, die sie über uns benötigen.«

Als nächster Gang folgte Hühnerpastete. Rindfleisch stand nicht auf der Karte. Godliman schwieg, doch Terry sprach weiter.

»Canaris ist ein komischer Bursche. Admiral Wilhelm Canaris, Chef der Abwehr. Ich habe ihn einmal getroffen, bevor es losging. England gefällt ihm. Ich würde sagen, daß er hält nicht allzuviel von Hitler. Jedenfalls wissen wir, daß er den Befehl erhielt, eine großangelegte Geheimdienstoperation gegen uns einzuleiten, als Vorbereitung für die Invasion — aber er tut nicht viel. Einen Tag nach Kriegsausbruch haben wir ihren besten Mann in England verhaftet. Er sitzt im Wandsworth-Gefängnis. Unfähig, Canaris’ Spione. Alte Damen in Pensionen, verrückte Faschisten, kleine Gauner!«

Godliman unterbrach: »Hör zu, mein Lieber, jetzt reicht’s.« Er zitterte leicht vor Zorn und Verständnislosigkeit. »All das ist geheim. Ich will davon nichts wissen!«

Terry war unbeeindruckt. »Möchtest du noch etwas? Ich nehme Schokoladeneis.«

Godliman stand auf. »Nein, danke. Ich gehe zurück an meine Arbeit, wenn es dir nichts ausmacht.«

Terry blickte kühl zu ihm hoch. »Die Welt kann auf deine Neueinschätzung der Plantagenets warten, Percy. Wir haben Krieg, mein Guter. Ich möchte, daß du für mich arbeitest.«

Godliman starrte für einen langen Moment zu ihm hinab. »Was in aller Welt könnte ich schon tun?«

Terry lächelte wie ein Wolf. »Spione fangen.«

__________

Auf dem Rückweg zum College war Godliman trotz des Wetters deprimiert. Keine Frage, er würde Colonel Terrys Angebot annehmen. Sein Land führte Krieg. Es war ein gerechter Krieg. Wenn er auch zu alt war, um zu kämpfen, war er immer noch jung genug, um zu helfen.

Doch der Gedanke, seine Arbeit unterbrechen zu müssen — und für wie viele Jahre? —, deprimierte ihn. Seine Liebe galt der Geschichte. Seit dem Tode seiner Frau vor zehn Jahren hatte ihn das mittelalterliche England ganz in Beschlag genommen. Ihm gefielen die Entwirrung von Geheimnissen, die Entdeckung kaum sichtbarer roter Fäden, die Lösung von Widersprüchen, die Demaskierung von Lügen, Propaganda und Mythen. Sein neues Buch würde auf seinem Gebiet das beste der letzten hundert Jahre sein, und für eine weiteres Jahrhundert würde sich kein anderes mit ihm vergleichen können. Es hatte sein Leben so lange Zeit beherrscht, daß der Gedanke, es im Stich zu lassen, fast unwirklich schien, so schwer zu verdauen wie die Nachricht, daß man Waise ist und überhaupt nicht verwandt mit den Menschen, die man immer Mutter und Vater genannt hat.

Das schrille Heulen der Sirenen unterbrach seine Gedanken. Er überlegte, ob er den Alarm ignorieren sollte. So viele Menschen taten es, und zu Fuß würde er nur zehn Minuten bis zum College brauchen. Aber er hatte keinen wirklichen Grund mehr, in sein Arbeitszimmer zurückzukehren — er wußte, daß er heute nicht mehr arbeiten würde. Deshalb eilte er in eine U-Bahn-Station und schloß sich der dichten Menge von Londonern an, die sich die Treppe hinab auf den verschmutzten Bahnsteig drängten. Er stand dicht neben der Mauer„ starrte ein Reklameplakat für Bovril-Brühe an und dachte: Aber es sind nicht nur die Dinge, die ich hinter mir lasse.

Es deprimierte ihn auch, wieder ins Fach zurückzukehren. Es gab einiges, was ihm daran gefiel: die Bedeutung von Kleinigkeiten, der Nutzen, einfach nur clever zu sein, die Gewissenhaftigkeit, die Mutmaßungen. Doch er haßte Dinge die Erpressung und den Verrat, den Betrug, die Verzweiflung und die Art und Weise, wie man dem Feind das Messer immer in den Rücken stieß.

Der Bahnsteig füllte sich weiter. Godliman setzte sich, solange es noch Platz gab, und merkte, daß er sich an einen Mann in der Uniform eines Busfahrers lehnte. Der Mann lächelte und sagte: »Oh, in England zu sein, nun da der Sommer hier ist. Wissen Sie, wer das gesagt hat?«

»Nun da der April dort ist«, korrigierte Godliman. »Es war Browning, Robert Browning. Viktorianisches Zeitalter.«

»Ah, ich dachte, es war Adolf Hitler«, sagte der Fahrer. Eine Frau neben ihm quietschte vor Lachen, und er wandte ihr seine Aufmerksamkeit zu. »Haben Sie gehört, was der Evakuierte zu der Frau des Farmers sagte?«

Godliman schaltete ab und erinnerte sich an einen April, in dem er sich nach England gesehnt hatte. Er hatte hoch oben auf dem Ast einer Platane gehockt und durch den kalten Nebel über ein französisches Tal hinweg hinter die deutschen Linien gespäht. Selbst durch sein Fernrohr hatte er nichts als vage dunkle Gestalten sehen können. Er hatte gerade hinunterrutschen und vielleicht noch eine Meile weiter gehen wollen, als ganz plötzlich drei deutsche Soldaten aufgetaucht waren. Sie hatten sich um den Fuß des Baumes gesetzt und Zigaretten angezündet. Nach einer Weile hatten sie Karten hervorgeholt und zu spielen begonnen. Dem jungen Percival Godliman war klargeworden, daß sie es irgendwie geschafft hatten, sich zu drücken, und daß sie den ganzen Tag hier sein würden. Er war auf dem Baum geblieben, fast ohne sich zu bewegen, bis er erbärmlich fror, seine Muskeln steif wurden und seine Blase zu platzen drohte. Da hatte er seinen Revolver hervorgezogen und die drei erschossen — einen nach dem anderen, von oben durch ihre kurzgeschorenen Schädel. Drei Menschen, die gelacht und geflucht und ihren Sold verspielt hatten, waren einfach ausgelöscht worden. Es war das erste Mal gewesen, daß er getötet hatte, und er hatte nichts denken können als: Nur weil ich pinkeln mußte.

Godliman rückte auf dem kalten Beton des Bahnsteigs zur Seite. Ein warmer Wind wehte aus dem Tunnel, und ein Zug fuhr ein. Die Menschen, die ausstiegen, suchten sich einen Platz, um auf die Entwarnung zu warten. Godliman lauschte den Stimmen.

»Hast du Churchill im Radio gehört? Wir haben ihn im Duke of Wellington gehört. Der alte Jack Thornton hat geheult. Blöder alter Trottel …«

»Anscheinend ist Kathys Junge in einem Herrenhaus und hat seinen eigenen Diener! Mein Alfie melkt die Kuh …«

»Wir haben schon so lange kein Filetsteak auf der Speisekarte gehabt, daß ich den Geschmack ganz vergessen habe…Weinkomitee sah den Krieg kommen und kaufte zweihunderttausend Flaschen, Gott sei Dank …«

»Ja, eine Hochzeit im kleinen Kreis, aber warum soll man warten, wenn man nicht weiß, was morgen passiert?«

»Sie nennen es Frühling, Ma, sagt er mir, und dort gibt’s jedes Jahr einen…«

»Sie ist wieder schwanger, mußt du wissen …Ja, dreizehn Jahre seit dem letzten Mal …Dabei dachte ich, ich weiß, wie es kommt!«

»Nein, Peter ist nie aus Dünkirchen zurückgekommen …«

Der Busfahrer bot ihm eine Zigarette an. Godliman lehnte ab und zog seine Pfeife hervor. Jemand begann zu singen.

Ein Luftschutzwart kam her und schrie:

»Ma, laß den Laden runter —

Sie nur, was du zeigst« — und wir

Riefen: »Ist doch munter.« Oh!

Hoch die Knie, Mother Brown …

Es dauerte nicht lang, bis alle sangen. Godliman fiel ein. Er wußte, daß dies eine Nation war, die einen Krieg verlor und sang, um ihre Angst zu verbergen, wie ein Mann pfeift, der nachts an einem Friedhof vorbeigeht. Er wußte, daß die plötzliche Zuneigung, die er zu London und den Londoner verspürte, ein kurzlebiges Gefühl war, verwandt mit Massenhysterie. Er mißtraute seiner inneren Stimme, die flüsterte: »Das, das ist es, weshalb wir Krieg führen, dafür lohnt es sich zu kämpfen.« Er wußte es, doch es machte ihm nichts aus, da er zum erstenmal seit vielen Jahren das unverfälschte körperliche Gefühl von Kameradschaft fühlte und genoß. Als das Entwarnungssignal ertönte, gingen alle singend die Treppe hinauf zur Straße. Godliman fand eine Telefonzelle und rief Colonel Terry an, um ihn zu fragen, wann er anfangen könne.

3

Die kleine Dorfkirche war alt und sehr schön. Eine Feldsteinmauer umschloß den Friedhof, auf dem wilde Blumen wuchsen. Die Kirche selbst — jedenfalls Teile davon — hatte schon hier gestanden, als Großbritannien zuletzt von einer wirklichen Invasion heimgesucht worden war, vor fast einem Jahrtausend. Die Nordwand des Hauptschiffs, mehrere Fuß breit und nur von zwei winzigen Fenstern durchbrochen, würde sich an diese letzte Landung erinnern können. Sie war gebaut worden, als Kirchen nicht nur Schutz vor geistiger, sondern auch vor körperlicher Verfolgung boten. Die kleinen halbrunden Fenster waren besser dazu geeignet, Pfeile hinauszuschießen, als den Sonnenschein des Herrn einzulassen. Tatsächlich hatte die Bürgerwehr detaillierte Pläne für den Einsatz der Kirche, falls und wenn die gegenwärtigen europäischen Halsabschneider den Kanal überquerten.

Aber in diesem August des Jahres 1940 dröhnten keine Armeestiefel in dem fliesenvertäfelten Chors — noch nicht. Die Sonne glühte durch die bunten Fensterscheiben, die Cromwells Bilderstürmer und die Habgier Heinrichs VIII. überlebt hatten; das Dach vibrierte unter den Klängen einer Orgel, die noch nicht von Holzwürmern und Trockenfäule zerfressen war.

Es war eine wunderschöne Hochzeit. Lucy trug natürlich ein weißes Kleid. Ihre fünf Schwestern in aprikosenfarbenen Kleidern waren Brautjungfern. David hatte die Ausgehuniform eines Oberleutnants der Royal Air Force an; sie war noch ganz steif und neu, da er sie zum erstenmal trug. Sie sangen den 23. Psalm ‘Der Herr ist mein Hirte’ zu der Melodie von Crimond.

Lucys Vater sah stolz aus, wie es sich für einen Mann an dem Tag gehört, da seine älteste und schönste Tochter einen prächtigen Jungen in Uniform heiratet. Er war Farmer, doch er hatte seit langem nicht mehr auf einem Trecker gesessen, da er sein Ackerland verpachtete und seine Einkünfte benutzte, um Rennpferde zu züchten. Aber in diesem Winter würde seine Weide natürlich gepflügt werden, so daß man Kartoffeln anpflanzen konnte. Obwohl er im Grunde mehr Gentleman als Farmer war, besaß er die von der frischen Luft gebräunte Haut, den breiten Brustkasten und die großen, kräftigen Hände wie die meisten Männer aus dem Landvolk auf seiner Seite der Kirche.

Auch die Brautjungfern waren ihm ähnlich; sie waren Landmädchen. Doch die Braut war wie ihre Mutter. Ihr Haar war tizianrot, lang und kräftig, glänzend und prachtvoll. Sie hatte weit auseinanderstehende bernsteinfarbene Augen in einem ovalen Gesicht. Als sie den Pfarrer mit ihrem klaren, direkten Blick anschaute und mit ihrer festen, deutlichen Stimme »Ja« sagte, war er verblüfft und dachte: »Mein Gott, sie meint es ernst!« — ein seltsamer Gedanke eines Pfarrers mitten in der Hochzeit.

Die Familie auf der anderen Seite des Kirchenschiffs hatte auch gewisse Kennzeichen. Davids Vater war Rechtsanwalt. Sein ständiges Stirnrunzeln diente einer berufsmäßigen Verstellung und verbarg ein sonniges Gemüt. (Er war im letzten Krieg Armeemajor gewesen und dachte, daß all das Gerede über die RAF und den Luftkrieg eine Modeerscheinung sei, die bald vorübergehen werde.) Doch niemand sah so wie er aus, nicht einmal sein Sohn, der jetzt am Altar stand und versprach, seine Frau bis zum Tode zu lieben, was vielleicht nur kurz sein würde, Gott verhüte es. Nein, sie alle mit ihrem fast schwarzen Haar, der dunklen Haut und den langen, schlanken Gliedern glichen Davids Mutter, die jetzt neben ihrem Mann saß.

David war der größte von allen. Er hatte im letzten Jahr an der Cambridge University eine Reihe von Hochsprungrekorden gebrochen. Für einen Mann sah er beinahe zu gut aus — sein Gesicht wäre feminin gewesen, hätte es nicht den dunklen, nicht zu beseitigenden Schatten eines starken Bartes gehabt. Er rasierte sich zweimal am Tag. Seine Wimpern waren lang, und er sah intelligent aus, was stimmte, und feinfühlig, was nicht stimmte.

Es war ein Idyll: Zwei glückliche, hübsche Menschen, Kinder von soliden, wohlhabenden Familien, wie sie das Rückgrat Englands bildeten, heirateten bei schönstem Sommerwetter, das Großbritannien bieten kann, in einer Dorfkirche.

Als sie zu Mann und Frau erklärt wurden, waren die Augen beider Mütter trocken, und beide Väter weinten.

__________

Während ein weiteres Paar champagnernasser Lippen mittleren Alters ihre Wange beschmierte, dachte Lucy, daß es ein barbarischer Brauch sei, die Braut zu küssen. Wahrscheinlich leitete er sich von noch barbarischeren Bräuchen im Mittelalter ab, als es jedem Mann des Stammes gestattet war — jedenfalls wurde es Zeit, sich endlich zivilisiert zu benehmen und die ganze Sache abzuschaffen.

Lucy hatte gewußt, daß ihr dieser Teil der Hochzeit nicht gefallen würde. Sie mochte Champagner gern, aber sie war nicht gerade verrückt nach Hühnerkeulen oder Kaviarklumpen auf kaltem Toast. Und dann die Reden und die Photographien und die Witze über die Flitterwochen …Aber es hätte schlimmer kommen können. Im Frieden hätte ihr Vater die Albert Hall gemietet.

Bis jetzt hatten neun Leute gesagt: »Mögen all eure Sorgen klein sein«; einer hatte mit kaum zu übertreffender Originalität erklärt: »Ich wünsche mir, daß mehr als ein Zaun um euren Garten läuft.« Lucy hatte zahllose Hände geschüttelt und so getan, als überhöre sie Bemerkungen wie: »Ich hätte nichts dagegen, heute nacht in Davids Pyjama zu stecken.« David hatte eine Rede gehalten, in der er Lucys Eltern dafür dankte, daß sie ihm ihre Tochter gaben, als wäre sie ein lebloses Objekt, das man wie ein Geschenk in weißen Atlas wickelt und dem verdientesten Bewerber überreicht. Lucys Vater war einfallslos genug gewesen zu verkünden, daß er keine Tochter verliere, sondern einen Sohn gewinne. Es war alles hoffnungslos meschugge, aber man tat es eben für seine Eltern.

Ein entfernter Onkel tauchte leicht schwankend aus der Richtung der Bar auf. Lucy unterdrückte ein Schaudern. Sie stellte ihn ihrem Mann vor: »David, das ist Onkel Norman.«

Onkel Norman schüttelte kräftig Davids knochige Hand auf und ab.

»Na, mein Junge, wann beginnt dein Einsatz?«

»Morgen, Sir.«

»Was, keine Flitterwochen?«

»Nur vierundzwanzig Stunden.«

»Aber wie ich höre, hast du gerade erst deine Pilotenausbildung beendet.«

»Ja, aber ich konnte schon vorher fliegen. In Cambridge gelernt. Bei allem, was passiert, kann man Piloten nicht entbehren. Ich nehme an, daß ich schon morgen in der Luft bin.«

Lucy sagte ruhig: »David, hör auf!« — doch er achtete nicht auf sie.

»Was wirst du fliegen?« fragte Onkel Norman begeistert wie ein Schuljunge.

»Eine Spitfire. Ich habe sie gestern gesehen. Tolle Mühle!« David hatte sich bewußt die ganzen Ausdrucksweise der RAF angeeignet — Mühlen und Kisten und der Bach und Banditen um 2 Uhr. »Sie hat acht Geschütze, fliegt 350 Knoten und kann in einem Schuhkarton gewendet werden.«

»Großartig, großartig. Ihr Jungs haut die Luftwaffe ganz schön in die Pfanne, was?«

»Gestern haben wir sechzig runtergeholt und nur elf von unseren verloren«, sagte David stolz, als hätte er sie alle selbst abgeschossen. »Vorgestern, als sie Yorkshire angriffen, haben wir die ganze Meute mit dem Schwanz zwischen den Beinen zuruckgeschick,t — und keine einzige Mühle dabei verloren!«

Onkel Norman packte David an der Schulter mit der Inbrunst des Beschwipsten. »Nie«, zitierte er schwülstig, »hatten so viele so wenigen so viel zu verdanken. Das hat Churchill vor kurzem gesagt.«

David versuchte bescheiden zu Grinsen. »Er muß von den Kasinorechnungen gesprochen haben.«

Lucy war die Art zuwider, wie sie Blutvergießen und Zerstörung verharmlosten. Sie sagte: »David, wir sollten jetzt abfahren und uns umziehen.«

Sie fuhren getrennt zu Lucys Heim. Ihre Mutter half ihr aus dem Hochzeitskleid. »Nun, mein Kind, ich weiß nicht genau, was du heute nacht erwartest, aber du solltest wissen — «

»Oh, Mutter, du brauchst uns nicht in Verlegenheit zu bringen« unterbrach Lucy. »Es ist ungefähr zehn Jahre zu spät, um mich aufzuklären. Wir schreiben das Jahr 1940!«

Ihre Mutter errötete leicht. »Na gut, Kind«, sagte sie freundlich. »Aber wenn du über irgend etwas sprechen möchtest, später vielleicht …«

Lucy fiel ein, daß es ihre Mutter einige Mühe kosten mußte, so etwas zu sagen, und sie bedauerte ihre scharfte Antwort. »Danke.« Sie berührte die Hand ihrer Mutter. »Ich denke daran.«

»Dann lass’ ich dich jetzt allein. Ruf mich an, wenn du etwas brauchst.« Sie küßte Lucy auf die Wange und ging hinaus.

Lucy saß im Unterrock vor dem Frisiertisch und begann ihr Haar zu bürsten. Sie wußte genau, was heute nacht zu erwarten hatte. Mit einem leichten Glühen der Freude erinnerte sie sich.

Es war eine gut geplante Verführung gewesen, obwohl Lucy damals nicht daran gedacht hatte, daß David jeden Schritt vorausberechnet haben könnte.

Es geschah im Juni, ein Jahr nachdem sie sich beim »Fröhlichen Lumpenball« kennengelernt hatten. Inzwischen trafen sie sich jede Woche, und David hatte einen Teil der Osterferien bei Lucys Familie verbracht. Mutter und Vater waren mit ihm einverstanden: Er sah gut aus, war klug, benahm sich wie ein Gentleman und stammte aus genau derselben Gesellschaftsschicht wie sie. Ihr Vater hielt ihn für etwas zu überheblich, doch ihre Mutter meinte, daß der Landadel das seit sechshundert Jahren über Studenten gesagt habe; sie selbst glaubte, daß David gut zu seiner Frau sein werde, was auf lange Sicht schließlich am wichtigsten sei. Im Juni verbrachte Lucy also ein Wochenende auf Davids Familienwohnsitz.

Es war die viktorianische Imitation eines Landsitzes aus dem 18. Jahrhundert, ein rechteckiges Haus mit neun Schlafzimmern und einer von Bäumen umgebenen Terrasse. Es war sehr behaglich, und die beiden tranken in der Nachmittagssonne auf der Terrasse Bier. David erzählte, daß er zusammen mit vier Freunden aus dem Fliegerclub der Universität zur Offiziersausbildung der RAF angenommen worden war. Er wollte Jagdflieger werden.

»Ich fliege nicht schlecht«, sagte er, »und man wird Leute brauchen, wenn dieser Krieg erst richtig losgeht. Die Leute sagen, daß er diesmal in der Luft entschieden wird.«

»Hast du keine Angst?« fragte sie leise.

»Kein bißchen«, antwortete er. Dann legte er eine Hand auf seine Augen und sagte: »Ja, ich habe Angst.«

Sie fand, daß er sehr tapfer sei, und hielt seine Hand.

Etwas später zogen sie Badezeug an und gingen zum See hinunter. Das Wasser war klar und kühl, aber die Sonne schien noch kräftig, und die Luft war warm. Sie plätscherten fröhlich umher, als wüßten sie, daß ihre Kindheit zu Ende war.

»Kannst du gut schwimmen?« fragte er.

»Besser als du!«

»Schön, um die Wette bis zur Insel.«

Lucy schirmte die Augen gegen die Sonne abr. Sie hielt diese Pose für eine Weile, als wisse sie nicht, wie begehrenswert sie mit erhobenen Armen und den nach hinten gereckten Schultern in ihrem nassen Badeanzug aussah. Die Insel war ein kleiner Fleck aus Büschen und Bäumen in der Mitte des Sees — knapp dreihundert Meter entfernt.

Sie ließ die Hände sinken, rief »Los!« und begann schnell zu kraulen.

David mit seinen langen Armen und Beinen gewann natürlich. Lucy geriet in Schwierigkeiten, als sie noch fast fünfzig Meter von der Insel entfernt war. Sie schaltete auf Brustschwimmen um, doch sogar dafür war sie zu erschöpft, so daß sie sich auf den Rücken legen und treiben lassen mußte. David, der schon am Ufer saß und wie ein Walroß prustete, glitt wieder ins Wasser und schwamm ihr entgegen. Er hielt sie von hinten mit dem korrekten Rettungsschwimmergriff unter den Armen fest und zog sie langsam zur Insel. Seine Hände lagen genau unter ihren Brüsten.

»Das macht mir Spaß«, sagte er, und sie kicherte trotz ihrer Atemlosigkeit.

Kurz darauf meinte er: »Vielleicht sollte ich’s dir doch sagen.«

»Was?« keuchte sie.

»Der See ist nur vier Fuß tief.«

»Du Schuft!« Sie wand sich prustend und lachend aus seinen Armen heraus und fand Boden unter den Füßen.

David nahm ihre Hand und führte sie aus dem Wasser hinaus durch die Bäume. Er zeigte auf ein altes Ruderboot, das umgedreht war und unter einem Weißdorn verfaulte. »Als Junge bin ich damit immer hierher gerudert. Ich hatte eine von Papas Pfeifen, eine Schachtel Streichhölzer und ein bißchen Tabak in einem Stückchen Papier bei mir. Hier hab’ ich dann immer geraucht.«

Sie waren auf einer völlig von Büschen umsäumten Lichtung. Der grasbedeckte Untergrund war sauber und elastisch. Lucy ließ sich zu Boden fallen.

»Wir schwimmen langsam zurück«, sagte David.

»Davon möchte ich noch nicht einmal sprechen«, erwiderte sie.

Er ließ sich neben sie nieder und küßte sie, dann schob er sie sanft zurück, bis sie auf dem Rücken lag. Während er ihre Hüfte streichelte ihre Kehle küßte, hörte sie auf zu frösteln. Als er die Hand vorsichtig und nervös auf den weichen Hügel zwischen ihren Beinen legte, wölbte sie den Körper nach oben, damit er fester zudrückte. Sie zog sein Gesicht an sich und küßte ihn leidenschaftlich. Seine Hände glitten zu den Trägern ihres Badeanzugs, und er schob sie über ihre Schultern nach unten. Sie sagte: »Nein.«

Er vergrub das Gesicht zwischen ihren Brüsten. »Lucy, bitte.«

»Nein.«

Er sah sie an. »Es könnte meine letzte Chance sein.«

Sie rollte sich zur Seite und stand auf. Dann — wegen des Krieges, wegen des bittenden Ausdrucks auf seinem geröteten jungen Gesicht und wegen des beharrlichen Glühens in ihrem Innern — zog sie ihren Badeanzug mit einer einzigen schnellen Bewegung aus und nahm die Badekappe ab, so daß sich ihr tizianrotes Haar über ihre Schultern ergoß. Sie kniete sich vor ihn hin, nahm sein Gesicht in die Hände und führte seine Lippen an ihre Brust.

Sie verlor ihre Jungfräulichkeit schmerzlos, mit Begeisterung und nur ein wenig zu schnell.

Ihr Schuldbewußtsein würzte die Erinnerung und machte sie noch angenehmer. Es mochte eine geschickt eingefädelte Verführung gewesen sein, aber sie war ein bereitwilliges, um nicht zu sagen begieriges Opfer gewesen, besonders am Ende.

Lucy zog ihre Reisesachen an. Sie hatte ihn an jenem Nachmittag auf der Insel zweimal überrascht: Zuerst, als sie wollte, daß er ihre Brust küßte, und dann, als sie ihm mit den Händen geholfen hatte, in sie einzudringen. Anscheinend geschah so etwas nicht in den Büchern, die er las. Wie die meisten ihrer Freundinnen las Lucy D. H. Lawrence, um sich über Sex zu informieren. Sie vertraute seiner Choreographie, mißtraute aber der Begleitmusik. Die Dinge, die seine Romanfiguren miteinander anstellten, klangen angenehm, aber so angenehm nun auch wieder nicht. Sie erwartete keine Trompetenstöße, Donnerschläge und das Klirren von Zimbeln bei ihrem sexuellen Erwachen.

David war noch ein wenig unwissender als sie. Aber er war rücksichtsvoll und fand Vergnügen an ihrem Vergnügen. Sie war sicher, daß das am wichtigsten war.

Seit dem ersten Mal hatten sie es nur einmal wiederholt. Genau eine Woche vor der Hochzeit hatten sie wieder miteinander geschlafen. Es hatte ihren ersten Streit ausgelöst.

Diesmal war es im Hause ihrer Eltern — morgens, als alle weg waren. Er kam im Morgenmantel in ihr Zimmer und schlüpfte zu ihr ins Bett. Fast hätte sie begonnen, an Lawrence’ Trompetenstöße und Zimbeln geglaubt. David stand sofort danach wieder auf.

»Geh nicht«, sagte sie.

»Und wenn jemand kommt?«

»Das Risiko gehe ich ein. Komm wieder ins Bett.« Sie fühlte sich wohlig, schläfrig und zufrieden, und sie wollte ihn neben sich haben.

Er zog seinen Morgenrock an. »Es macht mich nervös.«

»Vor fünf Minuten warst du nicht nervös.« Sie streckte die Hand nach ihm aus. »Leg dich zu mir. Ich möchte deinen Körper kennenlernen.«

»Mein Gott, du bist schamlos.«

Sie blickte ihn an, um zu sehen, ob er gescherzt hatte. Als sie merkte, daß er es ernst gemeint hatte, wurde sie wütend. »Was, zum Teufel, soll das bedeuten?«

»Du benimmst dich nicht …wie es sich gehört!«

»Was für ein Blödsinn — «

»Du benimmst dich wie eine — eine Nutte.«

Nackt und wütend sprang sie aus dem Bett. Ihre schönen Brüste wogten vor Zorn. »Was verstehst du denn schon von Nutten?«

»Nichts!«

»Und was verstehst du von Frauen?«

»Ich weiß, wie sich eine Jungfrau benehmen soll!«

»Ich bin …ich war …bevor du …« Sie setzte sich auf die Bettkante und brach in Tränen aus.

Das war natürlich das Ende des Streits. David legte die Arme um sie und sagte: »Es tut mir leid, ehrlich, wirklich. Für mich bist du auch die erste. Ich weiß nicht, was ich erwarten soll, und ich bin verwirrt …Schließlich wird einem darüber nie etwas gesagt, oder?«

Sie schniefte und schüttelte zustimmend den Kopf. Was ihn wirklich nervös machte, war bestimmt die Gewißheit, daß er in acht Tagen mit einem zerbrechlichen Flugzeug starten und über den Wolken um sein Leben kämpfen mußte. Sie verzieh ihm also, er trocknete ihre Tränen, und sie legten sich wieder ins Bett und klammerten sich aneinander, um Mut zu schöpfen.

__________

Lucy war fast fertig. Sie musterte sich in einem bis zum Boden reichenden Spiegel. Ihr Kostüm wirkte mit seinen geraden Schultern und Epauletten leicht militärisch, doch die Bluse darunter war zum Ausgleich sehr weiblich. Ihr Haar war unter einem eleganten, flachen runden Hut in Ringellöckchen gelegt. In diesem Jahr wäre es nicht richtig gewesen, bei der Abreise Staat zu machen. Aber sie hatte den Eindruck, daß es ihr gelungen war, flott-praktisch und doch attraktiv auszusehen, wie es jetzt immer mehr Mode wurde.

David wartete schon im Flur auf sie. Er küßte sie und sagte: »Sie sehen wunderbar aus, Mrs. Rose.«

Sie wurden zurück zum Empfang gefahren, damit sie sich von allen verabschieden konnten, bevor sie abreisten, um die Nacht in London, im Claridge’s, zu verbringen. Danach würde David weiter nach Biggin Hill fahren und Lucy nach Hause zurückkehren. Sie würde bei ihren Eltern wohnen. Wenn David Urlaub hatte, konnten sie ein Landhaus benutzen.

Eine weitere halbe Stunde lang wurden Hände geschüttelt und Küsse ausgetauscht, dann gingen sie hinaus zum Auto. Ein paar von Davids Cousins hatten sich sein MG-Kabrio vorgenommen. Konservendosen und ein alter Stiefel waren mit Bindfäden an den Stoßstangen befestigt, die Armaturen waren von Konfetti bedeckt, und »Jungverheiratet« war mit hellem roten Lippenstift überall über den Lack gekritzelt.

Sie fuhren lächelnd und winkend ab, während die Gäste fast die ganze Straße hinter ihnen füllten. Eine Meile weiter hielten sie an und säuberten das Auto.

Es dämmerte bereits, als sie wieder starteten. Davids Scheinwerfer waren mit Verdunklungsklappen versehen, aber er fuhr trotzdem ungemein schnell. Lucy war sehr glücklich.

David sagte: »Im Handschuhfach ist eine Flasche Champagner.«

Lucy öffnete das Fach. Der Champagner und zwei Gläser waren sorgfältig in Seidenpapier eingewickelt. Er war noch recht kalt. Der Korken löste sich mit einem lauten Knall und schoß hinaus in die Nacht. David zündete sich eine Zigarette an, während Lucy den Sekt einschenkte.

»Wir kommen zu spät zum Abendessen«, sagte er.

»Na und?« Sie reichte ihm ein Glas.

Sie war im Grunde zu erschöpft und müde, um zu trinken. Das Auto schien schrecklich schnell zu fahren. David trank fast den ganzen Champagner. Er fing an, den St. Louis Blues zu pfeifen.

Es war ein merkwürdiges Erlebnis, während der Verdunklung durch England zu fahren. Man vermißte plötzlich Lichter, die man vor dem Krieg gar nicht zur Kenntnis genommen hatte: Lichter auf Veranden von Landhäusern und in den Fenstern von Bauernhäusern, an den Türmen von Kathedralen und an den Rëklameschildern der Gasthöfe — vor allem aber das helle Glühen der tausend Lichter einer nahen Stadt, das sich niedrig am Horizont zeigt. Selbst wenn man etwas hätte sehen können, hätte es keine Wegweiser gegeben, um sich zu orientieren: Sie waren entfernt worden, um die deutschen Fallschirmspringer zu verwirren, mit denen jederzeit gerechnet wurde. Aber David kannte den Weg nach London ohnehin gut.

Sie fuhren eine lange Steigung hinauf. Der kleine Sportwagen bewältigte sie spielend. Lucy blickte mit halbgeschlossenen Augen in die vor ihnen liegende Schwärze. Der Abhang des Hügels war steil und gewunden. Lucy hörte das ferne Brummen eines näher kommenden Lastwagens.

Die Reifen des MG quietschten, während David um die Kurven raste. »Du fährst, glaube ich, zu schnell«, sagte Lucy nachsichtig.

Das Hinterteil des Autos geriet in einer Linkskurve ins Schleudern. David schaltete zurück; er wollte nicht bremsen, um nicht weiter zu schleudern. Zu beiden Seiten waren die Heckenreihen vage im Licht der abgedunkelten Scheinwerfer zu erkennen. Eine scharfe Rechtskurve folgte, und David verlor wieder die Gewalt über den Wagen. Die Kurve schien überhaupt nicht aufzuhören. Das kleine Auto rutschte zur Seite und drehte sich um hundertachtzig Grad, so daß es in die entgegengesetzte Richtung fuhr; dann drehte es sich weiter.

Lucy schrie. »David!«

Plötzlich trat der Mond hinter den Wolken hervor, und sie sahen den Lastwagen. Er kämpfte sich im Schneckentempo den Hang empor. Dichter Rauch, vom Mondlicht versilbert, strömte aus seiner schnauzenförmigen Motorhaube. Lucys Blick erhaschte das Gesicht des Fahrers, sogar seine Tuchmütze und seinen Schnurrbart. Er hatte den Mund entsetzt aufgerissen, während er sich auf die Bremsen stemmte. Das Auto fuhr jetzt wieder vorwärts. Der Platz reichte gerade aus, wenn David die Beherrschung über das Auto wiedergewinnen konnte. Er zog das Lenkrad mühsam herum und berührte das Gaspedal. Das war ein Fehler.

Der MG und der Lastwagen stießen frontal zusammen.

4

Das Ausland hat Spione: England den Military Intelligence, den britischen Geheimdienst. Als ob der Euphemismus nicht genügte, wird er auch noch zu MI abgekürzt. Im Jahre 1940 war der MI ein Teil des Kriegsministeriums. Er breitete sich damals — was niemanden überraschte — aus wie Unkraut, und seine verschiedenen Abteilungen wurden durch Ziffern gekennzeichnet: MI 9 kümmerte sich um die Fluchtrouten aus Kriegsgefangenenlagern durch das besetzte Europa hindurch in neutrale Länder; MI 8 hörte den Funkverkehr des Feindes ab und war wertvoller als sechs Regimenter; MI 6 schickte Agenten nach Frankreich.

Es war der MI 5, dem sich Professor Percival Godliman im Herbst des Jahres 1940 anschloß. Er tauchte an einem kalten Septembermorgen er im Kriegsministerium in Whitehall auf, nachdem er die Nacht damit zugebracht hatte, überall im East End Feuer zu löschen. Die deutschen Luftangriffe hatten ihren Höhepunkt erreicht, und er war Hilfsfeuerwehrmann.

Im Frieden, wenn es nach Godlimans Meinung auf Spionage ohnehin nicht ankam, wurde der Geheimdienst von Soldaten betrieben. Doch jetzt fand er heraus, daß der MI mit Amateuren besetzt war; er entdeckte zu seiner Freude, daß er die Hälfte der Angehörigen des MI 5 kannte. Am ersten Tag traf er einen Rechtsanwalt aus seinem Klub, einen Kunsthistoriker, mit dem zusammen er das College besucht hatte, einen Archivar von seiner Universität und einen Schriftsteller, dessen Kriminalromane er am liebsten las.

Um 10 Uhr wurde er in Colonel Terrys Büro gebeten. Terry war schon mehrere Stunden dort gewesen: Im Papierkorb lagen zwei leere Zigarettenschachteln.

Godliman fragte: »Muß ich dich jetzt ‘Sir’ nennen?«

»Hier gibt’s nicht viel Trara, Percy. ‘Onkel Andrew’ genügt vollkommen. Setz dich!«

Trotzdem strahlte Terry eine Energie aus, die ihm beim Lunch im Savoy gefehlt hatte. Godliman fiel auf, daß er nicht lächelte und daß sich seine Aufmerksamkeit immer wieder einem Stapel ungelesener Funksprüche auf dem Schreibtisch zuwandte.

Terry schaute auf seine Uhr und sagte: »Ich werde dich ganz kurz ins Bild setzen — den Vortrag beenden, den ich beim Lunch begonnen habe.«

Godliman lächelte. »Diesmal werde ich mich nicht aufs hohe Roß setzen.«

Terry zündete sich eine neue Zigarette an.

»Canaris’ Spione in Großbritannien waren von Anfang an unfähig.« (Terry fuhr fort, als sei ihre Unterhaltung nicht schon vor drei Monaten, sondern erst vor fünf Minuten unterbrochen worden.)

»Dorothy O’Grady war ein typischer Fall: Man erwischte sie dabei, wie sie militärische Telephonleitungen auf der Insel Wight zerschnitt. Sie schickte Briefe nach Portugal, die mit einer Art unsichtbarer Tinte geschrieben waren, wie man sie in Geschäften für Scherzartikel kaufen kann.

Eine neue Welle von Spionen landete im September an. Ihre Aufgabe war, Großbritannien vorbereitend für die Invasion auszukundschaften. Sie sollten Karten von Küstenstreifen anfertigen, die für eine Landung von geeignet waren, von Feldern und Straßen, die Lastensegler zum Truppentransport benutzen konnten, von Panzerfallen und Straßensperren und Stacheldrahthindernissen.

Man schien sie schlecht ausgewählt, hastig eingezogen, unzureichend ausgebildet und miserabel ausgerüstet zu haben. Die vier, die in der Nacht vom 2. zum 3. September herüberkamen, waren typisch. Meier, Kieboom, Pons und Waldberg. Kieboom und Pons landeteten in der Morgendämmerung nicht weit von Hythe und wurden von einem Gefreiten namens Tollervey von der Somerset Light Infantry verhaftet, der sie dabei überraschte, wie sie in den Dünen eine große Wurst verputzten. Waldberg gelang es sogar, einen Funkspruch nach Hamburg abzusetzen:

SICHER ANGEKOMMEN. DOKUMENT VERNICHTET. ENGLISCHE PATROUILLE 200 METER VON DER KÜSTE. STRAND MIT BRAUNEN NETZEN UND EISENBAHNSCHWELLEN IN EINER ENTFERNUNG VON 50 METERN. KEINE MINEN. WENIG SOLDATEN. UNVOLLENDETES BLOCKHAUS. NEUE STRASSE. WALDBERG.

Offensichtlich wußte er nicht, wo er war, und er hatte nicht einmal einen Codenamen besessen. Die Qualität siner Instruktionen wurde dadurch belegt, daß er nichts von den englischen Ausschankgesetzen wußte: Er betrat um 9 Uhr morgens einen Pub und bestellte ein Viertel Cider.«

Godliman mußte darüber lachen, und Terry sagte: »Warte — es kommt noch lustiger.

Der Gastwirt riet Waldberg, um 10 Uhr wiederzukommen. Er könne in der Stunde doch die Dorfkirche besichtigen. Erstaunlicherweise ist Waldberg genau um 10 Uhr wieder aufgetaucht und von zwei auf Fahrrädern herbeigeeilten Polizisten verhaftet worden.«

»Das könnte eine Textvorlage für It’s That Man Again sein«, warf Godliman ein.

»Meier wurde ein paar Stunden später gefunden. Elf weitere Agenten wurden danach in wenigen Wochen gefangen, die meisten von ihnen innerhalb von Stunden nach ihrer Landung auf britischem Boden. Fast allen stand der Gang aufs Schafott bevor.«

»Fast allen?«, fragte Godliman.

»Ja«, antwortete Terry. »Ein paar wurden unserer Abteilung B 1(a) übergeben. Ich komme gleich darauf zurück.

Andere landeten in der Republik Irland. Einer war Ernst Weber-Drohl, ein bekannter Akrobat, der zwei uneheliche Kinder in Irland hat. Er war dort in Varietés als ‘der stärkste Mann der Welt’ aufgetreten. Die Garda Siochana verhaftete ihn, belegte ihn mit einer Geldstrafe von drei Pfund und überließ ihn B 1(a).

Ein weiterer Fall war der von Hermann Goetz. Er sprang irrtümlich mit dem Fallschirm über Nord- statt über Südirland ab, wurde von der IRA ausgeraubt, durchschwamm die Boyne in seiner gefütterten Unterwäsche und schluckte schließlich seine Selbstmordtabletten. Er hatte eine Taschenlampe bei sich, auf der ‘Made in Germany’ stand.«

»Warum beschäftigen wir gescheite Burschen wie dich«, fuhr Terry fort, »wenn es so leicht ist, diese Stümper zu schnappen?

Zwei Gründe. Erstens: Wir können nicht wissen, wie viele wir nicht geschnappt haben. Zweitens: Entscheidend ist, was wir mit denen machen, die wir nicht aufhängen. Hier kommt B 1(a) ins Spiel. Aber um das zu erklären, muß ich bis ins Jahr 1936 zurückgehen.

Alfred George Owens war Elektroingenieur bei einer Firma, die einige Regierungsaufträge erhalten hatte. Er besuchte Deutschland mehrmals in den dreißiger Jahren und gab der Admiralität hin und wieder freiwillig technische Informationen, die er dort bekommen hatte. Schließlich reichte der Marinegeheimdienst ihn an den MI 6 weiter, der ihn als Agenten einsetzte. Die Abwehr warb ihn ungefähr zur selben Zeit an — wie der MI 6 herausfand —, als er einen Brief von ihm an eine bekannte deutsche Deckadresse abfing. Offensichtlich war er ein Mann ohne Prinzipien. Ihm kam es nur darauf an, Spion zu sein. Wir nannten ihn Snow, die Deutschen nannten ihn Johnny.

Im Januar 1939 erhielt Snow einen Brief, der (a) die Gebrauchsanweisung für ein Funkgerät und (b) einen Schein für die Gepäckaufbewahrung in Victoria Station enthielt.

Er wurde am Tage nach Kriegsausbruch verhaftet. Man sperrte ihn und sein Funkgerät (das er gegen Vorlage des Gepäckscheins in einem Koffer abgeholt hatte) ins Wandworth-Gefängnis ein. Er hielt den Kontakt mit Hamburg aufrecht, aber jetzt wurden all seine Botschaften von der Abteilung B 1(a) des MI 5 geschrieben.

Die Abwehr stellte eine Verbindung zwischen ihm und zwei weiteren deutschen Agenten her, die sofort erwischt wurden. Sie gaben ihm außerdem einen Code und Anweisungen für den Funkverkehr, was von unschätzbarem Wert war.

Nach Snow kamen Charlie, Rainbow, Summer, Biscuit und schließlich ein kleines Heer von feindlichen Agenten, die alle regelmäßigen Kontakt mit Canaris hatten, alle sein Vertrauen zu genießen schienen — und alle völlig vom britischen Gegenspionage-Apparat gelenkt wurden.

Da begann MI 5 in der Ferne eine überwältigende und verlockende Möglichkeit wahzunhemen: Mit ein bißchen Glück konnte man das gesamte deutsche Spionagenetz in Großbritannien kontrollieren und manipulieren.

Agenten zu Doppelagenten zu machen, statt sie zu hängen, hat zwei entscheidende Vorteile«, beendete Terry seinen Vortrag. »Da der Feind seine Spione immer noch für aktiv hält, versucht er nicht, sie durch andere zu ersetzen, die vielleicht nicht gefangen werden. Und da wir die Informationen liefern, die die Spione an ihre Leitstellen weitergeben, können wir den Feind täuschen und seine Strategen irreführen.«

»So einfach kann es doch nicht sein«, sagte Godliman.

»Natürlich nicht.« Terry öffnete ein Fenster, um den Mief aus Zigaretten- und Pfeifenrauch hinauszulassen. »Damit das System funktioniert, muß es nahezu lückenlos sein. Wenn es hier eine erhebliche Zahl von echten Agenten gibt, widersprechen ihre Informationen denen der Doppelagenten, und die Abwehr riecht den Braten.«

»Es klingt ungeheuer aufregend«, meinte Godliman. Seine Pfeife war ausgegangen.

Terry lächelte zum ersten Mal an diesem Morgen. »Man wird dir hier erzählen, daß es sehr anstrengend ist — lange Arbeitszeiten, starke Belastung, Frustrationen —, aber du hast recht, es ist aufregend.« Er schaute auf die Uhr. »Ich möchte dich jetzt mit einem sehr aufgeweckten jungen Mann aus meinem Stab bekanntmachen. Ich begleite dich zu seinem Büro.«

Sie verließen das Zimmer, stiegen über einige Treppen und gingen durch mehrere Flure. »Er heißt Frederick Bloggs und ärgert sich, wenn man Witze darüber macht, denn er ist alles andere als ein Tölpel«, fuhr Terry fort. »Wir haben ihn Scotland Yard abgeknöpft — er war Inspektor im Special Branch. Wenn du Arme und Beine brauchst, setz ihn ein. Dein Rang ist höher als seiner, aber darauf würde ich nicht zuviel geben — das ist hier nicht üblich. Aber wahrscheinlich brauche ich dir das gar nicht zu sagen.«

Sie betraten ein kleines, kahles Zimmer, dessen Fenster auf eine nackte Wand schaute. Es gab keinen Teppich. Die Photographie eines hübschen Mädchens hing an der Wand, und ein Paar Handschellen baumelte am Hutständer.

Terry sagte: »Frederick Bloggs, Percival Godliman. Ich lasse euch jetzt allein.«

Der Mann hinter dem Schreibtisch war blond und untersetzt. Er muß gerade groß genug gewesen sein, um in den Polizeidienst aufgenommen zu werden, dachte Godliman. Seine Krawatte war alles andere als eine Augenweide, aber er hatte ein angenehmes, offenes Gesicht und ein gewinnendes Grinsen. Sein Händedruck war fest.

»Hören Sie zu, Percy«, sagte er, »ich wollte gerade zum Lunch nach Hause flitzen — wollen Sie nicht mitkommen? Meine Frau macht großartige Würstchen mit Pommes frites.« Er sprach mit breitem Cockney-Akzent.

Wurst mit Pommes frites war nicht gerade Godlimans Lieblingsessen, doch er schloß sich Bloggs an.

Sie gingen zum Trafalgar Square und nahmen einen Bus nach Hoxton.

Bloggs sagte grinsend: »Ich habe ein wunderbares Mädchen geheiratet, aber sie kann um’s Verrecken nicht kochen. Es gibt jeden Tag Wurst und Pomes frites.«

Ostlondon schwelte immer noch nach dem Luftangriff in der letzten Nacht. Sie kamen an Gruppen von Feuerwehrmännern und Freiwilligen vorbei, die in den Trümmern wühlten, die letzten Glutherde löschten und den Schutt von den Straßen räumten. Sie sahen einen alten Mann, der sein Radio, offenbar das teuerste Stück für ihn, aus einem halbzerbombten Haus heraustrug.

Godliman machte Konversation. »Wir sollen also zusammen Spione fangen?«

»Wir werden’s versuchen, Percy.«

Bloggs’ Heim war eine schmale Doppelhaushälfte in einer Straße, in der alle Häuser gleich aussahen. In jedem der winzigen Vorgärten wurde Gemüse angebaut. Mrs. Bloggs war das hübsche Mädchen von der Photographie an der Bürowand. Sie sah erschöpft aus. Bloggs sagte: »Sie fährt einen Krankenwagen während der Luftangriffe. Stimmt’s, Liebling?« Er war stolz auf sie. Sie hieß Christine.

»Jeden Morgen, wenn ich zurückkomme, frage ich mich, ob das Haus noch da ist«, erklärte sie.

»Wie Sie merken, macht sie sich um das Haus mehr Sorgen als um mich«, flachste Bloggs.

Godliman nahm eine Medaille aus einem Schaukästchen vom Kaminsims. »Wofür ist die?«

Ehe Bloggs etwas sagen konnte, hatte Christine schon geantwortet. »Er hat einem Verbrecher, der ein Postamt überfallen hatte, die Schrotflinte abgenommen.«

»Ich sehe, Sie passen glänzend zusammen«, entgegnete Godliman.

»Sind Sie verheiratet, Percy?« fragte Bloggs.

»Ich bin Witwer.«

»Tut mir leid.«

»Meine Frau starb 1930 an Tuberkulose. Wir hatten keine Kinder.«

»Wir wollen auch noch keine«, sagte Bloggs. »Nicht, während die Welt in diesem Zustand ist.«

»Aber Fred, das interessiert ihn doch gar nicht!« tadelte Christine. Sie ging hinaus in die Küche.

Sie setzten sich zum Essen an einen quadratischen Tisch in der Mitte des Zimmers. Godliman war gerührt über dieses Paar und seine Häuslichkeit und dachte plötzlich an seine Eleanor. Das war ungewöhnlich, da er seit Jahren immun gegen Sentimentalität gewesen war. Vielleicht wurden seine Nerven endlich wieder zum Leben erweckt. Der Krieg brachte merkwürdige Dinge zustande.

Christines Kochkunst war wirklich grauenhaft. Die Würste waren angebrannt. Bloggs ertränkte seine Mahlzeit in Tomatenketchup, und Godliman tat fröhlich das gleiche.

Wieder in Whitehall, zeigte Bloggs Godliman die Kartei über noch nicht identifizierte Feindagenten, die vermutlich immer noch in Großbritannien operierten.

Es gab drei Informationsquellen über sie. Die erste bestand aus den Einwanderungsvezeichnissen des Innenministeriums. Die Paßkontrolle war seit langem ein Arm des Geheimdienstes, und es gab eine Liste — die bis zum letzten Krieg zurückging — von Ausländern, die ins Land eingereist, es aber nicht verlassen hatten und auch nicht auf andere Weise, etwa als Sterbefall oder bei Einbürgerung, erfaßt worden waren. Bei Kriegsausbruch waren sie alle vor Kommissionen geladen worden, die sie in drei Gruppen einteilten. Zuerst wurden nur Ausländer der Gruppe »A« interniert, aber bis Juli 1940 waren, nach einiger Panikmache durch die Fleet Street, auch die Gruppen »B« und »C« aus dem Verkehr gezogen. Es gab eine kleine Zahl von Einwanderern, die nicht ausfindig gemacht werden konnten. Die Annahme, daß einige von ihnen Spione waren, bot sich an.

Ihre Daten waren in Bloggs’ Kartei festgehalten.

Die zweite Quelle war der Funkverkehr. Die Abteilung C des MI 8 tastete in jeder Nacht die Frequenzen ab, zeichnete alles auf, was nicht mit Sicherheit britischen Ursprungs war, und gab es an das Institut für Codes und Geheimschriften, das von der Regierung eingerichtet worden war, weiter. Dieses Institut, die erst kürzlich von der Londoner Berkeley Street in ein Landhaus in Bletchley Park verlegt worden war, konnte man eigentlich nicht als solches bezeichnen. Unter seinem Dach hatten sich Schachmeister, Musiker, Mathematiker und Kreuzworträtselanhänger versammelt, die sich dem Glauben verschrieben hatten, daß jeder Code, den ein Mensch ersinnen kann, von einem Menschen müßte gebrochen werden können. Alle im Vereinigten Königreich gesendeten Signale, die nicht von irgendeiner der Waffengattungen ausgingen, wurden als Botschaften von Spionen betrachtet.

Bloggs’ Kartei enthielt die dechiffrierten Botschaften.

Schließlich gab es noch die Doppelagenten, doch ihr Nutzen wurde eher vermutet, als daß er offen zutage trat. Botschaften von der Abwehr an sie hattten die Ankfut mehrerer neuer Agenten in England verraten und eine schon ansässige Spionin entlarvt: Mrs. Matilda Krafft aus Bornemouth, die mit der Post Geld an Snow geschickt hatte und danach ins Holloway-Gefängnis gesteckt worden war. Die Doppelagenten waren aber nicht dazu in der Lage gewesen, die Identität oder den Standort jener unauffälligen und tüchtigen professionellen Spione aufzudecken, die für einen Geheimdienst am wertvollsten sind. Niemand bezweifelte, daß es sie gab. Dafür waren Anhaltspunkte vorhanden: Jemand mußte zum Beispiel Snows Funkgerät aus Deutschland herübergebracht und in der Gepäckaufbewahrung von Victoria Station für ihn hinterlegt haben. Doch entweder die Abwehr oder die Spione selbst waren zu vorsichtig, um durch Doppelagenten gefäßt zu werden.

Jedenfalls waren auch diese Anhaltspunkte in Bloggs’ Kartei.

Andere Quellen wurden erschlossen: Wissenschaftler im Dienst der Regierung waren dabei, die Methoden der trigonometrischen Netzlegung (der Funkpeilung von Sendern) zu verbessern; und MI 6 versuchte, das Agentennetz in Europa wiederaufzubauen, das in der Flutwelle von Hitlers Armeen untergegangen war.

Was darüber an kärglichen Erkenntnissen vorlag, war in Bloggs’ Kartei.

»Es kann einen manchmal zur Raserei treiben«, sagte er zu Godliman. »Schauen Sie sich das an.«

Er entnahm der Kartei einen langen abgefangenen Funkspruch über britische Pläne zur Entsendung einer Expeditionsstreitmacht nach Finnland. »Das wurde Anfang des Jahres abgefangen. Eine tadellose Information. Man versuchte gerade, ihn festzunageln, als er anscheinend ohne Grund mittendrin abbrach — vielleicht wurde er gestört. Einige Minuten später fing er wieder an, aber er hatte schon wieder aufgehört zu senden, bevor unsere Jungs sich anschließen konnten.«

»Was soll das — ‘Grüße an Willi’?« fragte Godliman.

»Ja, das ist wichtig«, sagte Bloggs. Er begann sich zu ereifern. »Hier ist ein Teil einer anderen Botschaft, noch gar nicht lange her. Sehen Sie: ‘Grüße an Willi.’ Diesmal wurde ihm geantwortet. Er wird als ‘die Nadel’ bezeichnet. Der Bursche ist ein Profi. Gucken Sie sich seine Funksprüche an: knapp, sparsam, aber detailliert und völlig unmißverständlich.«

Godliman studierte das Fragment der zweiten Nachricht. »Es scheint sich um die Wirkung der Bombenangriffe zu handeln.«

»Er muß sich im East End umgetan haben. Ein Profi.«

»Was wissen wir sonst noch über die Nadel?«

Bloggs’ Gesicht jugendlichen Eifers wurde von komischer Verzweiflung abgelöst. »Das ist leider alles.«

»Sein Codename ist ‘die Nadel’; er verabschiedet sich mit ‘Grüße an Willi’; er hat gute Informationen — und das ist alles?«

»Tja, leider.«

Godliman saß auf der Schreibtischkante und starrte aus dem Fenster. An der Mauer des gegenüber liegenden Gebäudes konnte er unter einem reichverzierten Fenstersims das Nest einer Schwalbe erkennen.

»Haben wir auf dieser Grundlage irgendwelche Aussichten, ihn zu fassen?«

Bloggs hob die Schultern. »Auf dieser Grundlage gar keine.«

5

Das Wort »öde« muß für Orte wie diesen erfunden worden sein. Die Insel ist ein J-förmiger Felsbrocken, der sich mürrisch aus der Nordsee erhebt. Auf der Karte gleicht sie der oberen Hälfte eines zerbrochenen Spazierstocks; sie verläuft parallel zum Äquator, aber viel, viel weiter nördlich; der gebogene Griff weist nach Aberdeen, der zerbrochene, zerklüftete Stumpf zeigt drohend auf das ferne Dänemark. Die Insel ist zehn Meilen lang.

Am größten Teil ihrer Küste ragen ragen die Klippen schroff aus dem kalten Meer. Kein lieblicher Strand schmeichelt den Wellen. Erbittert über diese Grobheit, hämmern die Wellen in ohnmächtigem Zorn auf den Felsen ein — ein zehntausend Jahre währender Wutanfall, den die Insel straflos mißachtet.

In der Biegung des J ist das Meer ruhiger, denn dort hat es sich selbst einen angenehmeren Zugang geschaffen. Seine Gezeiten haben so viel Sand und Tang, Treibholz und Kieselsteine und Muscheln in die Krümmung geworfen, daß dort nun zwischen dem Fuß der Klippen und dem Rand des Wassers eine Sichel entstanden ist — mehr oder weniger ein Strand.

Jeden Sommer lassen die Pflanzen auf der Spitze der Klippen eine Handvoll Samen auf den Strand fallen, so wie ein reicher Mann Bettlern Wechselgeld zuwirft. Wenn der Winter milde ist und der Frühling nicht zu spät kommt, fassen einige Samen mühsam Wurzeln. Aber sie sind nie kraftvoll genug, um selbst zu blühen und ihre eigenen Samen zu verbreiten. Die Vegetation des Strandes hängt also von Jahr zu Jahr von Almosen ab.

Auf dem eigentlichen Land, das durch die Klippen dem Zugriff des Meeres entzogen ist, wächst und vermehrt sich Grünzeug. Die Vegetation besteht vor allem aus einer dürftigen Grasnarbe, die gerade gut genug ist, um die wenigen knochigen Schafe zu ernähren, aber zäh genug, um die Bodenkrume auf den Felsen der Insel zu verankern. Ein paar Dornensträucher dienen den Kaninchen als Behausung, und eine mutige Gruppe von Koniferen steht am windgeschützten Hang des Hügels am Ostende.

Das höher gelegene Land wird von Heidekraut beherrscht. Alle paar Jahre steckt der Mann — ja, es gibt hier einen Mann — die Heide in Brand, so daß Gras wächst und die Schafe auch hier grasen können. Nach ein oder zwei Jahren kommt das Heidekraut jedoch wieder — Gott weiß, woher — und vertreibt die Schafe, bis der Mann es wieder abbrennt.

Die Kaninchen sind hier, weil sie hier geboren wurden, die Schafe sind hier, weil man sie hierhergebracht hat, der Mann ist hier, um sich um die Schafe zu kümmern, doch die Vögel sind hier, weil es ihnen gefällt. Es gibt Hunderttausende von ihnen: langbeinige Strandpieper, die piep piep piep pfeifen, während sie aufsteigen, und pe-pe-pe-pe, wenn sie im Sturzflug sind wie eine Spitfire, die mit der Sonne im Rücken eine Messerschmidt angreift; Wiesenknarren, die der Mann selten zu Gesicht bekommt, von deren Anwesenheit er aber weiß, da ihr Krächzen ihn nachts wachhält; Raben und Aaskrähen und Dreizehenmöwen und zahllose Seemöwen; dazu ein Paar Goldadler, auf die der Mann schießt, wenn er sie sieht, denn er weiß, daß sie lebende Lämmer schlagen und sich nicht mit Kadavern begnügen.

Der beständigste Besucher der Insel ist der Wind. Er kommt meist aus Nordost, von wirklich kalten Orten, wo es Fjorde und Gletscher und Eisberge gibt. Oft bringt er Schnee und peitschenden Regen und kalten, kalten Nebel als unwillkommene Geschenke mit. Manchmal kommt er mit leeren Händen, nur um einen Höllenlärm zu machen: Er heult und brüllt, reißt Sträucher aus, knickt Bäume und peitscht den ungezügelten Ozean zu neuen Ausbrüchen schaumgesprenkelter Wut.

Das Haus des Mannes ist rustikal und niedrig, gebaut nach alter Handwerkskunst, die diesen Wind von jeher kennt, aus großen grauen Steinen und grauen Schieferplatten, grau wie die Farbe des Meeres. Es steht oben auf dem Hügel am Ostende der Insel, nicht weit von dem zersplitterten Stumpf des zerbrochenen Spazierstocks. Es krönt den Hügel und trotzt Wind und Regen, nicht aus Großtuerei, sondern damit der Mann die Schafen sehen kann.

Ein weiteres, sehr ähnliches Haus steht zehn Meilen entfernt am gegenüberliegenden Ende der Insel in einer Umgebung, die mehr oder weniger ein Strand ist. Vor einiger Zeit wohnte hier noch ein Mann. Er glaubte, alles besser zu wissen als die Insel; deshalb wollte er Hafer und Kartoffeln anbauen und ein paar Kühe halten. Er kämpfte drei Jahre mit dem Wind und der Kälte und dem Boden, bevor er seinen Irrtum eingestand. Als er gegangen war, wollte niemand sein Haus haben.

Die Insel ist unnachgiebig. Nur unnachgiebige Dinge können hier überleben: harte Felsen, anspruchsloses Gras, zähe Schafe, wilde Vögel, massive Häuser und starke Männer; harte und kalte Dinge, grausame und bittere und scharfe Dinge, rauhe, ruhige und entschlossene Dinge; Dinge, die so kalt und hart und unbarmherzig sind wie die Insel selbst.

Das Wort »öde« wurde für Orte wie diesen erfunden.

»Die Insel heißt Storm Island«, sagte Alfred Rose. »Ich glaube, sie wird euch gefallen.«

David und Lucy Rose saßen im Bug des Fischerbootes und blickten über das bewegte Wasser. Es war ein schöner Novembertag, kalt und windig, doch klar und trocken. Die schwache Sonne glänzte auf den kleinen Wellen.

»Ich habe sie 1926 gekauft«, fuhr Papa Rose fort, »als wir dachten, daß es eine Revolution geben würde und wir uns irgendwo vor der Arbeiterklasse verstecken müßten. Für eine Genesung ist sie bestens geeignet.«

Lucy hielt seinen Tonfall für verdächtig munter, aber sie mußte zugeben, daß die Insel hübsch aussah: vom Wind zerzaust, natürlich und frisch. Und dieser Schritt war vernünftig. Sie mußten sich von ihren Eltern lösen und von neuem versuchen, ihre Ehe zu beginnen. Es hatte wenig Sinn, in eine Stadt zu ziehen, die bombardiert werden würde, da keiner von ihnen gesund genug war, um helfen zu können. Es schien zu schön, um wahr zu sein, als Davids Vater plötzlich verraten hatte, daß er eine Insel vor der Küste Schottlands besaß.

»Mir gehören auch die Schafe«, sagte Papa Rose. »Jeden Frühling kommen Scherer vom Festland herüber, und die Wolle bringt gerade genug ein, um Tom McAvity zu entlohnen. Der alte Tom ist der Schafhirte.«

»Wie alt ist er?« fragte Lucy.

»Du lieber Himmel, er muß — siebzig sein!«

»Vermutlich ist er exzentrisch.« Das Boot wendete in der Bucht, und Lucy konnte zwei kleine Gestalten auf der Anlegestelle erkennen: einen Mann und einen Hund.

»Eigenartig? Nicht mehr als du, wenn du seit zwanzig Jahren allein gelebt hättest. Er unterhält sich mit seinem Hund.«

Lucy wandte sich an den Besitzer des kleinen Bootes. »Wie oft kommen Sie hier vorbei?«

»Einmal alle zwei Wochen, Missus. Ich bringe Toms Einkäufe — das ist nicht viel — und seine Post — das ist noch weniger. Sie brauchen mir nur jeden zweiten Montag Ihre Liste zu geben, und wenn die Sachen in Aberdeen gekauft werden können, bringe ich sie mit.«

Er schaltete den Motor ab und warf Tom ein Tau zu. Der Hund bellte und lief, außer sich vor Aufregung, im Kreis herum. Lucy stellte einen Fuß auf das Schanzdeck und sprang auf die Anlegestelle.

Tom nahm ihre Hand. Sein Gesicht war wie aus Leder, und er hatte eine gewaltige Bruyèrepfeife mit einem Deckel im Mundwinkel. Er war kleiner als sie, aber sehr breit, und sah unglaublich gesund aus. Er trug die verfilzteste Tweedjacke, die sie je gesehen hatte, darunter einen Strickpullover, den irgendeine ältliche Schwester wer weiß wo gestrickt haben mußte, eine karierte Mütze und Armeestiefel. Seine Nase war riesig, rot und geädert. »Freut mich sehr«, sagte er höflich, als sei sie heute schon die neunte Besucherin, und nicht die erste Menschenseele, die er seit vierzehn Tagen gesehen hatte.

»Hier, Tom«, sagte der Kapitän. Er reichte zwei Pappkartons aus dem Boot. »Diesmal gibt’s keine Eier, aber hier ist ein Brief aus Devon.«

»Der muß von meiner Nichte sein.«

Lucy dachte: Das erklärt den Pullover.

David war immer noch im Boot. Der Schiffer stand hinter ihm und fragte: »Sind Sie bereit?«

Tom und Papa Rose lehnten sich in das Boot, um ihm zu helfen, und die drei hoben David in seinem Rollstuhl auf die Anlegestelle.

»Wenn ich jetzt nicht verschwinde, muß ich zwei Wochen auf den nächsten Bus warten«, sagte Papa Rose mit einem Lächeln. »Ihr werdet sehen, daß das Haus ganz nett hergerichtet ist. All eure Sachen sind dort. Tom zeigt euch, wo alles ist.« Er küßte Lucy, drückte Davids Schulter und schüttelte Tom die Hand. »Ruht euch ein paar Monate zusammen aus, werdet ganz gesund, und kommt zurück. Es gibt für euch beide wichtige Kriegsaufgaben.«

Lucy wußte, daß sie nicht zurückkehren würden — jedenfalls nicht vor Ende des Krieges. Doch sie hatte es noch niemandem gesagt.

Papa stieg wieder ins Boot. Es drehte in einem engen Kreis ab. Lucy winkte, bis es hinter der Landspitze verschwunden war.

Da Tom den Rollstuhl schob, nahm Lucy seine Lebensmittel. Zwischen dem zum Land hin gelegenen Ende der Anlegestelle und der Spitze der Klippe war eine lange, steile, schmale Rampe, die sich wie eine Brücke hoch über den Strand erhob. Lucy hätte Mühe gehabt, den Rollstuhl nach oben zu bekommen, aber Tom schaffte es ohne sichtliche Anstrengung.

Das Haus war klein und grau und lag windgeschützt in einer Mulde. Alle Holzteile waren frisch gestrichen, und ein wilder Rosenbusch wuchs neben der Türstufe. Rauch kräuselte aus dem Schornstein und wurde von der Brise fortgetrieben. Die winzigen Fenster blickten auf die Bucht hinaus.

Lucy sagte: »Ich finde es herrlich!«

Das Haus war gesäubert, gelüftet und frisch gestrichen worden; auf dem Steinfußboden lagen dicke Teppiche. Das Haus hatte vier Zimmer: unten eine modernisierte Küche und ein Wohnzimmer mit einem Steinkamin; oben zwei Schlafzimmer. Die eine Seite des Hauses war umsichtig umgebaut worden, damit moderen Installation für das Badezimmer oben und den Küchennebenaschluß unten eingebaut werden konnten.

Ihre Kleider war in den Schränken untergebracht. Im Badezimmer hingen Handtücher und in der Küche standen Lebensmittel.

Tom sagte: »Ich möchte Ihnen in der Scheune etwas zeigen.«

Es war ein Schuppen, keine Scheune. Er war hinter dem Haus versteckt. Darin stand ein glänzender neuer Geländewagen.

»Mr. Rose sagt, daß er extra umgebaut wurde, damit der junge Mr. Rose ihn fahren kann«, erklärte Tom. »Er hat eine automatische Schaltung, der Gashebel und die Bremse werden mit der Hand bedient. Das hat er gesagt.« Er schien die Worte wie ein Papagei zu wiederholen, als könne er sich wenig unter einer Schaltung, einem Gashebel und einer Bremse vorstellen.

»Ist es nicht toll, David?« fragte Lucy.

»Prima. Aber wohin soll ich damit fahren?«

»Sie können mich jederzeit besuchen und mit mir eine Pfeife rauchen und einen Whisky trinken«, sagte Tom. »Ich habe mich schon lange darauf gefreut, wieder Nachbarn zu haben.«

»Vielen Dank«, meinte Lucy.

»Das hier ist der Generator«, sagte Tom, der sich umgedreht hatte und mit dem Finger darauf deutete. »Ich habe genauso einen. Hier kommt der Treibstoff rein. Er liefert Wechselstrom.«

»Das ist ungewöhnlich«, erwiderte David. »Kleine Generatoren liefern meist Gleichstrom.«

»Tja, ich weiß eigentlich nicht, was der Unterschied ist, aber das hier soll sicherer sein.«

»Stimmt. Hier würde Sie ein elektrischer Schlag nur durchs Zimmer werfen, aber Gleichstrom würde Sie umbringen.«

Sie gingen zurück zum Haus. »Na, Sie werden sich häuslich einrichten wollen, und ich muß mich um die Schafe kümmern«, sagte Tom. »Auf Wiedersehen also! Oh! Fast hätte ich’s vergessen: Bei einem Notfall können Sie mit dem Festland über Funk Verbindung aufnehmen.«

David war überrascht. »Sie haben einen Sender?«

»Ja«, antwortete Tom stolz. »Ich bin Feindbeobachter für das Königliche Flugmeldekorps.«

»Haben Sie schon mal einen beobachtet?« fragte David.

Lucys Augen blitzten bei dem Sarkasmus, der in Davids Stimme lag, mißbilligend auf, aber Tom schien nichts bemerkt zu haben.

»Noch nicht«, entgegnete er.

»Na, dann auf jeden Fall viel Glück.«

Nachdem Tom fortgegangen war, sagte Lucy: »Er will eben auch etwas tun.«

»Es gibt viele in England, die auch etwas tun wollen«, gab David bitter zurück. Und das, dachte Lucy, ist das Problem. Sie ließ das Thema fallen und schob den Rollstuhl, in dem ihr verkrüppelter Mann saß, in ihr neues Heim.

__________

Als man Lucy gebeten hatte, die Krankenhauspsychologin aufzusuchen, hatte sie sofort angenommen, daß David einen Hirnschaden davongetragen habe. Sie hatte sich geirrt. »Das einzige, was mit seinem Kopf nicht stimmt, ist eine schlimme Prellung an der linken Schläfe«, hatte die Psychologin gesagt. »Der Verlust beider Beine verursacht jedoch ein Trauma, und man kann nicht sagen, wie das seinen Geisteszustand beeinflussen wird. Hat er sich sehr gewünscht, Pilot zu werden?«

Lucy überlegte. »Er hatte Angst, aber ich glaube, daß er es sich trotzdem sehr gewünscht hat.«

»Er wird jeden Trost und jede Hilfe brauchen, die Sie ihm geben können. Und Geduld natürlich. Wir können Ihnen jetzt schon sicher sagen, daß er für eine Weile empfindlich und schlecht gelaunt sein wird. Er braucht Liebe und Ruhe.«

Während der ersten Monate auf der Insel schien er jedoch weder das eine noch das andere zu wollen. Er schlief nicht mit ihr, vielleicht weil er wartete, bis seine Verletzungen voll ausgeheilt waren, doch er ruhte sich auch nicht aus. Er widmete sich ganz der Schafzucht und raste mit seinem Jeep, auf den er hinten den Rollstuhl verladen konnte, über die Insel. Als Betsy blind zu werden begann, half er Tom, einen neuen Hund abzurichten, er verbrannte das Heidekraut, baute Zäune an den gefährlichen Klippen und schoß auf die Adler. Und als nichts zu tun blieb, fällte er eines Tages eine große alte Kiefer in der Nähe von Toms Haus und verbrachte zwei Wochen damit, sie zu entrinden und in handliche Scheite zu hacken, die er als Feuerholz zum Haus transportierte. Nichts ging ihm über wirklich schwere körperliche Arbeit. Er lernte, sich fest an den Rollstuhl zu schnallen, damit er Halt hatte, wenn er eine Axt oder einen Vorschlaghammer schwang. Wenn Tom keine Arbeit für ihn hatte, übte er stundenlang mit zwei Keulen, die er sich geschnitzt hatte. Seine Arm- und Rückenmuskeln nahmen groteske Formen an wie die von Männern, die Bodybuilding-Wettbewerbe gewinnen.

Er weigerte sich unverblümt, Geschirr abzuwaschen, Essen zu kochen oder das Haus zu säubern.

Lucy war nicht unglücklich. Sie hatte gefürchtet, daß er den ganzen Tag am Kamin sitzen und über sein Pech nachbRüten werde. Seine besessene Art zu arbtein machte ihr leichte Sorgen, aber wenigstens vegetierte er nicht dahin.

Zu Weihnachten erzählte sie ihm von dem Baby. Am Morgen gab sie ihm eine Motorsäge geschenkt und erhielt von ihm eine Rolle Seide. Tom kam zum Dinner; sie aßen eine Wildgans, die er geschossen hatte. Danach fuhr David den Schafhirten nach Hause. Als er zurückkam, öffnete Lucy eine Flasche Brandy.

Dann sagte sie: »Ich habe noch ein Geschenk für dich, aber du kannst es erst im Mai aufmachen.«

Er lachte. »Wovon in aller Welt redest du? Wieviel Brandy hast du getrunken, während ich weg war?«

»Ich bekomme ein Kind.«

Er starrte sie an. In seiner Miene war nichts von dem Lachen geblieben. »Mein Gott, das hat uns gerade noch gefehlt.«

»David!«

»Ja, verdammt …Wann ist das passiert?«

»Das ist nicht schwer auszurechnen, oder?« sagte sie bitter. »Es muß eine Woche vor der Hochzeit gewesen sein. Ein Wunder, daß es den Unfall überstanden hat.«

»Warst du bei einem Arzt?«

»Ha — wann denn?«

»Du bist also nicht sicher?«

»Oh, David, mach dich nicht lächerlich. Ich bin sicher, weil meine Periode aufgehört hat und meine Brustwarzen weh tun und ich mich morgens übergebe und meine Taille zehn Zentimeter dicker geworden ist. Wenn du mich je anschautest, wärest du auch sicher.«

»Schon gut.«

»Was ist los mit dir? Eigentlich solltest du begeistert sein.«

»Oh, natürlich. Vielleicht haben wir einen Sohn, dann kann ich mit ihm spazierengehen und Fußball mit ihm spielen. Er wird aufwachsen und sich wünschen, wie sein Vater, der Kriegsheld, zu sein — ein beschissener, beinloser Krüppel!«

»Oh, David, David«, flüsterte Lucy. Sie kniete sich vor seinen Rollstuhl. »David, so etwas darfst du nicht denken. Er wird dich respektieren. Er wird zu dir aufblicken, weil du wieder mit deinem Leben fertig wirst, weil du in deinem Rollstuhl die Arbeit von zwei Männern leistest und weil du deine Behinderung mit Mut und Gelassenheit trägst.«

»Sei nicht so verdammt herablassend«, schnappte er. »Du klingst wie ein salbungsvoller Priester.«

Sie stand auf. »Tu nicht so, als wenn’s meine Schuld wäre. Auch Männer können sich vorsehen.«

»Vor unsichtbare Lastwagen in der Verdunklung kann man sich nicht vorsehen!«

Es war eine alberne, unsinnige Entschuldigung. Sie wußten es beide, deshalb antwortete Lucy nicht. Der ganze Weihnachtsgedanke schien ihr plötzlich vollkommen abgedroschen; die Fetzen bunten Papiers an der Wand, der Baum in der Ecke, die Reste des Gänsebratens, die in der Küche darauf warteten, weggeworfen zu werden — nichts davon hatte das geringste mit ihrem Leben zu tun. Sie begann sich zu fragen, warum sie auf dieser öden Insel war, mit einem Mann, der sie nicht zu lieben schien, mit einem Baby, das er nicht wollte. Dann erkannte sie, daß sie nirgendwohin gehen, nichts anderes mit ihrem Leben anfangen und niemand anders sein konnte als Mrs. David Rose.

Schließlich sagte David: »Ich gehe jetzt schlafen.« Er rollte hinaus auf den Flur, stemmte sich aus dem Stuhl und hievte sich rückwärts die Treppe hinauf. Sie hörte, wie er über den Boden schrammte, wie das Bett knarrte, als er sich hinaufhievte, wie er seine Kleidung in die Zimmerecke schleuderte, als er sich auszog, und das letzte Ächzen der Bettfedern, als er sich hinlegte und die Decke über seinen Pyjama zog.

Trotzdem weinte sie nicht.

__________

Eine Art Friede kam im Frühling über sie, als seien alle Drohungen hinausgeschoben, solange das Baby noch nicht geboren war. Als der Februarschnee getaut war, pflanzte sie Blumen und Gemüse auf dem Fleckchen Erde zwischen der Küchentür und der Scheune. Eigentlich glaubte sie nicht, daß sie wachsen würden. Sie putzte das Haus gründlich und sagte David, daß er es selbst tun müsse, wenn er es vor August noch einmal für nötig hielt. Sie schrieb an ihre Mutter, strickte viel und bestellte Windeln mit der Post. Ihre Mutter schlug vor, sie solle nach Hause fahren, um dort das Baby zu bekommen, doch sie wußte, daß sie dann nie zurückkehren würde. Sie machte lange Spaziergänge durch die Moore, bis es ihr am Ende zu schwer fiel.

Drei Wochen bevor das Kind geboren werden sollte, nahm sie das Boot nach Aberdeen. David und Tom winkten ihr von der Anlegestelle nach. Die See war so rauh, daß Lucy und der Schiffer entsetzliche Angst hatten, sie könne niederkommen, bevor sie das Festland erreichten. In Aberdeen ging sie ins Krankenhaus. Vier Wochen später brachte sie das Baby auf demselben Boot mit nach Hause.

David erfuhr gar nichts. Wahrscheinlich dachte er, daß Frauen so leicht gebären wie Mutterschafe. Er wußte nichts vom Schmerz der Wehen und der schrecklichen, unmöglichen Dehnung, von der Qual danach und den rechthaberischen, neunmalklugen Schwestern, die nicht wollten, daß man sein Baby anfaßte, weil man nicht so flott und tüchtig und ausgebildet und steril war wie sie. Er sah nur, daß sie schwanger abreiste und mit einem schönen, weiß eingewickelten, gesunden Jungen zurückkehrte, und er sagte: »Wir werden ihn Jonathan nennen.«

Sie setzten »Alfred« nach Davids und »Malcolm« nach Lucys Vater und »Thomas« nach dem alten Tom hinzu, doch sie nannten den Jungen »Jo«, als sei er zu winzig für »Jonathan«, ganz zu schweigen von »Jonathan Alfred Malcolm Thomas Rose«. David lernte, ihm die Flasche zu geben, ihn aufstoßen zu lassen und seine Windeln zu wechseln; gelegentlich schaukelte er ihn sogar auf dem Schoß, aber sein Interesse war distanziert, unbeteiligt.

David und Lucy umarmten immer noch nicht.

Zuerst waren da seine Verletzungen gewesen, danach ihre Schwangerschaft, und dann hatte sie sich von der Geburt erholen müssen. Aber inzwischen gab es keine Gründe mehr.

Eines Nachts sagte sie: »Mein Zustand ist wieder normal.«

»Wie meinst du das?«

»Nach dem Baby. Mein Körper ist normal. Ich bin gesund.«

»Ach so! Das ist schön.« Und er rollte sich auf die andere Seite.

Sie sorgte dafür, daß sie immer gleichzeitig zu Bett gingen, damit er sie beim Ausziehen beobachten konnte, aber er wandte ihr immer den Rücken zu.

Während sie kurz vor dem Einnicken dalagen, bewegte sie sich oft so, daß ihre Hand oder ihr Schenkel oder ihre Brust ihn berührte — eine flüchtige, aber unmißverständliche Einladung. Er reagierte nicht.

Lucy war davon überzeugt, daß bei ihr alles stimmte. Sie war keine Nymphomanin; denn sie wollte nicht einfach Sex, sondem Sex mit David. Sogar wenn es einen anderen Mann unter siebzig auf der Insel gegeben hätte, wäre sie bestimmt nicht in Versuchung geraten. Sie war keine Dirne, die nach Sex gierte, sondern eine Ehefrau, die nach Liebe hungerte.

Der entscheidende Moment kam eines Nachts, als sie beide Seite an Seite wach auf dem Rücken lagen und auf den Wind und Jos leise Atemgeräusche aus dem Nebenzimmer lauschten. Es schien Lucy an der Zeit, daß er es entweder tat oder geradeheraus sagte, warum nicht. Er würde eine Entscheidung vermeiden, wenn sie sie nicht erzwang. Vielleicht war es besser, sie sofort zu erzwingen, als noch länger unter diesem elenden Nichtbegreifen zu leiden.

Sie fuhr also mit dem Arm über seine Schenkel, öffnete den Mund, um zu sprechen — und schrie vor Überraschung fast auf, als sie merkte, daß er eine Erektion hatte. Er war also dazu fähig! Und er wollte es auch, oder warum …Ihre Hand schloß sich triumphierend um den Beweis seines Verlangens, sie rückte näher an ihn heran und seufzte: »David — «

»Um Gottes willen!« Er packte ihr Handgelenk, stieß ihre Hand von sich und drehte sich auf seine Seite.

Aber diesmal wollte sie seine Zurückweisung nicht mit bescheidenem Schweigen hinnehmen. »David, warum nicht?«

»Oh, verflucht!« Er warf die Decken ab, schwang sich auf den Fußboden, ergriff die Daunendecke mit einer Hand und schleppte sich zur Tür.

Lucy setzte sich im Bett auf und schrie ihn an: »Warum nicht?«

Jo begann zu weinen.

David zog die leeren Hosenbeine seines abgeschnittenen Pyjamas hoch, zeigte auf die faltige weiße Haut seiner Stummel und erwiderte: »Deshalb nicht! Deshalb nicht!«

Er rutschte die Treppe hinunter, um auf dem Sofa zu schlafen. Lucy ging ins Nebenzimmer, um Jo zu beruhigen.

Sie brauchte lange, um ihn wieder in den Schlaf zu wiegen, wahrscheinlich weil sie selbst so sehr Trost benötigt hätte. Das Baby schmeckte die Tränen auf ihren Wangen, und sie fragte sich, ob es schon ihre Bedeutung ahnte: Mußten Tränen denn nicht zu den ersten Dingen gehören, die ein Baby verstehen lernt? Sie Sie drückte Jo fest an sich und schaukelte ihn hin und her, und als er sie mit seiner Wärme und seinen umklammernden Armen beruhigt hatte, schlief er ein.

Sie legte ihn zurück in sein Kinderbett, blieb stehen und betrachtete ihn für eine Weile. Es hatte keinen Sinn, sich wieder hinzulegen. Sie konnte Davids tiefes Schnarchen aus dem Wohnzimmer hören — er mußte starke Tabletten nehmen, damit der alte Schmerz ihn nicht wach hielt. Lucy mußte fort von ihm, sie wollte ihn weder sehen noch hören und für ein paar Stunden nicht von ihm gefunden werden. Sie zog eine Hose und einen Pullover, einen schweren Mantel und Stiefel an, schlich nach unten und hinaus in die Nacht.

Draußen herrschte nebeliger Dunst, feucht und bitterkalt, wie es typisch für die Insel war. Lucy schlug den Kragen ihres Mantels hoch, überlegte, ob sie wieder hineingehen und einen Schal holen sollte, entschied sich aber dagegen. Sie patschte den schlammigen Pfad entlang und war froh darüber, daß der Nebel sie in die Kehle bieß. Das kleine Unbehagen, das vom Wetter verursacht wurde, lenkte sie von dem größeren Schmerz in ihrem Innern ab.

Sie erreichte die Spitze der Klippen und ging behutsam die steile, schmale Rampe hinab, indem sie die Füße vorsichtig auf die glitschigen Bretter stellte. Unten sprang sie auf den Sand und stapfte zum Rand des Meeres.

Lucy ließ ihr Bewußtsein von dem Lärm und dem Wetter betäuben. Sie wanderte den steinigen Strand entlang, bis er jäh dort endete, wo das Wasser auf die Klippen traf. Hier drehte sie um und ging zurück. Die ganze Nacht hindurch marschierte sie am Strand auf und ab. Kurz vor der Morgendämmerung hatte sie einen Einfall, ohne sich darum bemüht zu haben: So beweist er seine Stärke.

Was hatte er gesagt? »…sein Vater, der Kriegsheld, ein beinloser Wicht…« Er wollte etwas beweisen, etwas, das, in Worte gefaßt, abgedroschen klang — etwas, das er als Kampfflieger hätte tun können, aber nun mit Bäumen, Zäunen, Keulen und einem Rollstuhl tun mußte. Man hatte ihn nicht zur Prüfung zugelassen, und er wollte sagen können: »Ich hätte sie sowieso bestanden, seht doch, wie ich leiden kann.«

Es war von grausamer, hoffnungsloser, zum Himmel schreiender Ungerechtigkeit: Er hatte den Mut besessen, er hatte sich Verletzungen zugezogen, aber er konnte nicht stolz darauf sein. Wenn eine Messerschmidt ihn die Beine gekostet hätte, wäre der Rollstuhl wie ein Orden gewesen, wie eine Tapferkeitsmedaille. Doch jetzt würde er sein ganzes Leben lang sagen müssen: »Es war während des Krieges — nein, nicht im Kampf. Es war ein Autounfall. Ich hatte meine Ausbildung beendet und sollte am nächsten Tag kämpfen. Meine Mühle war eine Schönheit, ich hatte sie gesehen. Ich weiß, daß ich tapfer gewesen wäre…«

Ja, so will er beweisen, wie stark er ist. Vielleicht konnte auch sie stark sein. Sie könnte einen Weg finden, das Wrack ihres Lebens auszubessern, damit man damit wieder auf Fahrt gehen konnte. David war einmal gut und großzügig und liebevoll gewesen, und sie mußte nun lernen, geduldig zu warten, während er darum kämpfte, der vollständige Mann zu werden, der er früher gewesen war. Sie konnte neue Hoffnungen finden, neue Dinge, für die es sich zu leben lohnte. Andere Frauen hatten die Kraft, mit schmerzlichen Verlusten, mit ausgebomten Häusern und mit Ehemännern in Kriegsgefangenschaft fertig zu werden.

Lucy hob einen Kieselstein auf, holte aus und schleuderte ihn mit aller Kraft hinaus aufs Meer. Sie sah oder hörte nicht, wie er hinunterfiel; er könnte seine Bahn ewig fortgesetzt haben und die Erde umkreisen wie ein Satellit im Weltraum.

Sie rief: »Ich kann auch stark sein!«

Dann drehte sie sich um und ging langsam die Rampe hinauf zum Haus zurück. Es war fast Zeit, Jo zum erstenmal zu füttern.

6

Es sah wie eine Villa aus. Im gewissen Sinne war es das auch: ein großes Haus mit eigenem Park in dem mit Laubbäumen durchssetzten Städtchen Wohldorf im Norden Hamburgs. Es hätte der Besitz eines Reeders, eines erfolgreichen Importeurs oder eines Industriellen sein können. In Wirklichkeit gehörte es der Abwehr.

Für sein Schicksal war das Wetter verantwortlich — nicht hier, sondern zweihundert Meilen südöstlich in Berlin, wo die atmosphärischen Bedingungen ungeeignet für den Funkverkehr mit England waren.

Nur bis zum Erdgeschoß war es eine Villa. Darunter befanden sich zwei riesige Betonbunker und Funkgeräte im Wert von mehreren Millionen Reichsmark. Das elektronischen System war von einem gewissen Major Werner Trautmann aufgebaut worden. Er hatte gute Arbeit geleistet. Jeder Bunker hatte zwanzig kompakte, schalldichte kleine Abhörkabinen, in denen Funker saßen, die einen Spion an der Art erkennen konnten, wie er seine Botschaft morste — so leicht, wie man die Handschrift seiner Mutter auf einem Briefumschlag erkennt.

Beim Bau der Empfangsgeräte hatte man auf Qualität geachtet; denn die Geräte, mit denen die Botschaften gesendet wurden, waren eher im Hinblick auf Raumersparnis als auf Leistungsfähigkeit entworfen worden. Die meisten von ihnen waren die kleinen, Klamotten genannten Koffergeräte, die Telefunken für Admiral Wilhelm Canaris, den Chef der Abwehr, entwickelt hatte.

An diesem Abend waren die Frequenzen vergleichsweise ruhig, so daß jeder wußte, daß sich die Nadel gemeldet hatte. Die Mitteilung wurde von einem der älteren Funker entgegengenommen. Er morste eine Bestätigung, schrieb die Botschaft schnell um, riß das Blatt von seinem Notizblock und ging zum Telephon. Nachdem er den Funkspruch dem Hauptquartier in der Sophienterrasse in Hamburg über die direkte Leitung mitgeteilt hatte, kam er zu seiner Kabine zurück, um eine Zigarette zu rauchen.

Er bot dem Jungen in der benachbarten Kabine eine Zigarette an. Die beiden standen ein paar Minuten lang zusammen, lehnten sich gegen die Wand und rauchten.

Der Junge fragte: »Was Wichtiges?«

Der Ältere zuckte die Achseln. »Es ist nie unwichtig, wenn er sich meldet. Aber diesmal ist’s nicht viel. Die Luftwaffe hat Paulskathedrale wieder nicht getroffen.«

»Keine Antwort für ihn?«

»Wir glauben nicht, daß er auf Antworten wartet. Er ist ein selbstsicherer Hund. War er schon immer. Ich habe ihm das Funken beigebracht. Als ich damit fertig war, dachte er schon, alles besser zu wissen als ich.«

Der Junge war von Ehrfurcht überwältigt. »Du hast die Nadel getroffen?«

»Oh, ja«, sagte der Ältere und schnippte die Asche weg.

»Was ist das für einer?«

»Als Saufkumpan taugt er so viel wie ein toter Fisch. Ich glaube, er mag Frauen, heimlich jedenfalls, aber mit den Kumpels ein paar Runden zu kippen — da spielt sich nichts ab. Trotzdem ist er der beste Agent, den wir haben.«

»Wirklich?«

»Mit Sicherheit. Manche sagen, der beste Spion, den wir je hatten. Es gibt eine Geschichte, daß er sich für fünf Jahre im NKWD in Rußland hocharbeitete und schließlich einer der Berater wurde, denen Stalin am meisten traute …Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber er wäre dazu fähig. Ein echter Profi. Der Führer weiß das auch.«

»Hitler kennt ihn?«

Der Ältere nickte. »Früher wollte er immer alle Botschaften der Nadel sehen. Ich weiß nicht, ob er es noch tut. Aber der Nadel wäre es auch egal. Den Mann kann nichts beeindrucken. Weißt du was? Er sieht jeden so an, als ob er sich überlegt, wie er ihn umbringen kann, wenn er eine falsche Bewegung macht.«

»Ich bin froh, daß ich ihn nicht ausbilden mußte.«

»Er lernte schnell, das muß ich zugeben.«

»Ein guter Schüler?«

»Einer der besten. Er arbeitete jeden Tag 24 Stunden. Als er das Metier beherrschte, sagte er nicht mal mehr guten Morgen zu mir. Es fällt ihm sogar schwer, Canaris zu grüßen.«

»Ach du Scheiße!«

»Oh ja. Wußtest du nicht, daß er immer mit ‘Grüße an Willi’ aufhört? Soviel macht er sich aus Dienstgraden.«

»Nein! Grüße an Willi? Ach du Scheiße!«

Sie rauchten ihre Zigaretten zu Ende, ließen sie auf den Boden fallen und traten sie aus. Dann hob der Ältere die Stummel auf und steckte sie in die Tasche, da es eigentlich nicht erlaubt war, im Bunker zu rauchen. Die Empfangsgeräte waren immer noch ruhig.

»Ja, er weigert sich, seinen Codenamen zu benutzen«, fuhr der Ältere fort. »Von Braun hat ihm den verpaßt, und er hielt nie viel davon. Er mag auch von Braun nicht. Erinnerst du dich — nein, das war, bevor du hier anfingst —, wie Braun der Nadel befahl, zu dem Flugplatz in Farnborough in Kent zu fahren? Die Antwort kam zuruück wie ein Blitz: ‘Es gibt keinen Flugplatz in Farnborough in Kent. Aber in Farnborough in Hampshire ist einer. Zum Glück versteht die Luftwaffe mehr von Geographie als du, du Arschloch.’ Einfach so.«

»Das ist vielleicht verständlich. Wenn wir Fehler machen, setzen wir ihr Leben aufs Spiel.«

Der Ältere runzelte die Stirn. Er war es, der solche Einschätzungen vortrug, und mochte es gar nicht, wenn seine Zuhörer eigene Meinungen äußerten. »Vielleicht«, sagte er widerwillig.

Der Junge kehrte zu seiner naiven Rolle zurück: »Wieso mag er seinen Codenamen nicht?«

»Er sagt, daß er eine Bedeutung hat und daß ein Codewort mit einer Bedeutung jemanden verraten kann. Von Braun hörte nicht darauf.«

»Eine Bedeutung? Die Nadel? Was bedeutet das?«

Aber in diesem Moment piepste das Gerät des Älteren, und er eilte an seinen Platz zurück. Der Junge fand es nie heraus.

Teil II

2

7

Die Mitteilung verärgerte Faber, weil sie ihn dazu zwang, sich mit Problemen zu befassen, denen er ausgewichen war.

Hamburg war verdammt sicher gewesen, daß die Botschaft ihn erreichte. Er hatte sein Rufzeichen gesendet, und statt mit dem üblichen »Empfangen — Fortfahren« hatten sie mit »Gehen Sie zu Rendezvous Eins« geantwortet.

Er bestätigte den Befehl, übermittelte seinen Bericht und packte das Funkgerät wieder in den Koffer. Dann schob er sein Fahrrad aus dem Moor von Erith hinaus — er war als Vogelbeobachter getarnt — und erreichte die Straße nach Blackheath. Während er zu seiner engen Zweizimmerwohnung zurückfuhr, fragte er sich, ob er dem Befehl gehorchen solle.

Zwei Gründe sprachen dagegen: ein professioneller und ein persönlicher.

Der professionelle Grund bestand darin, daß »Rendezvous Eins« ein alter Code war, den Canaris schon 1937 aufgestellt hatte. Er besagte, daß er an der Tür eines bestimmten Ladens zwischen Leicester Square und Piccadilly Circus einen anderen Agenten treffen solle. Beide würden einander daran erkennen, daß sie eine Bibel trugen. Dann mußten eiige Bemerkungen ausgetauscht werden:

»Welches Kapitel nehmen wir heute?«

»Das erste Buch der Könige, Kapitel 13.«

Wenn sie sicher waren, daß man sie nicht verfolgte, würden sie dann darin übereinstimmen, daß das Kapitel höchst interessant sei Sonst würde einer sagen: »Tut mir leid, ich habe es noch nicht gelesen.«

Der Ladeneingang mocht nicht mehr da sein, aber das beunruhigte Faber nicht. Er befürchtete, daß Canaris den Code wahrscheinlich an die meisten der tollpatschigen Amateure gegeben hatte, die den Kanal im Jahre 1940 überquert hatten und in den Armen des MI 5 gelandet waren. Faber wußte, daß man sie erwischt hatte, da die Exekutionen bekanntgegeben worden waren — zweifellos, um die Öffentlichkeit zu überzeugen, daß etwas gegen die sogenannte Fünfte Kolonne unternommen wurde. Wahrscheinlich hatten sie ihre Geheimnisse vor dem Tod verraten, so daß die Briten den alten Rendezvouscode jetzt vermutlich kannten. Wenn sie den Funkspruch aus Hamburg abgefangen hatten, mußte der Geschäftseingang jetzt schon von höflichen jungen Engländern wimmeln, die Bibeln bei sich trugen und übten, »höchst interessant« mit deutschem Akzent auszusprechen.

Damals, in jenen berauschenden Tagen, als die Invasion so nahe schien, hatte die Abwehr jeglichen Professionalismus in den Wind geschlagen. Seitdem hatte Faber Hamburg nicht mehr getraut. Er teilte ihnen nicht mit, wo er wohnte; er weigerte sich, mit anderen Agenten in Großbritannien Verbindung aufzunehmen; er änderte seine Sendefrequenz, ohne sich darum zu kümmern, ob er dabei die Botschaften eines anderen dabei durcheinanderwarf.

Wenn er seinen Vorgesetzten immer gehorcht hätte, wäre er nicht so lange am Leben geblieben.

In Woolidge schloß sich eine Menge anderer Radfahrer Faber an. Es waren Arbeiter, die am Ende der Tagschicht aus der Munitionsfabrik strömten. Ihre fröhliche Erschöpfung erinnerte Faber an seinen persönlichen Grund, nicht zu gehorchen: Er glaubte, daß seine Seite den Krieg verlor.

Jedenfalls konnte keine Rede davon sein, daß sie gewann Die Russen und Amerikaner waren in den Krieg eingetreten, Afrika war verloren, die Italiener hatten kapituliert. Die Alliierten mußten in diesem Jahr — 1944 — in Frankreich landen.

Faber wollte sein Leben nicht sinnlos riskieren.

Er kam nach Hause und stellte das Fahrrad weg. Während er sich das Gesicht wusch, wurde ihm klar, daß er aller Logik zum Trotz zu dem Treffen gehen wollte.

Es war ein dummes Riski, das er für eine verlorene Sache auf sich nahm, aber es kribbelte ihn einfach. Der Grund war, daß er sich unerträglich gelangweilt fühlte. Die Routinebotschaften, das Beobachten der Vögel, das Fahrrad, das Essen in Pensionen — es war vier Jahre her, seit er etwas erlebt hatte, was entfernt an Aktion erinnerte. Er schien nicht in der geringsten Gefahr zu sein, und das machte ihn nervös, weil er sich unsichtbare Bedrohungen einbildete. Am wohlsten fühlte er sich, wenn er ab und zu eine wirkliche Bedrohung identifizierte und Maßnahmen zu ihrer Beseitigung ergreifen konnte.

Ja, er würde das Rendevouz einhalten. Aber nicht so, wie man es erwartete.

__________

Trotz des Krieges drängten sich die Menschen immer noch im West End von London. Faber fragte sich, ob es in Berlin genauso sei. Er kaufte eine Bibel in der Buchhandlung Hatchard’s in Piccadilly und zwängte sie in die Innentasche seines Mantels, so daß sie nicht zu sehen war. Es war ein milder, feuchter Tag, an dem es von Zeit zu Zeit nieselte. Faber trug einen Regenschirm.

Das Treffen war für die Zeit zwischen 9 und 10 Uhr oder zwischen 17 und 18 Uhr vorgesehen. Man sollte jeden Tag dorthin gehen, bis der andere auftauchte. Wenn an fünf aufeinanderfolgenden Tagen kein Kontakt hergestellt war, kehrte man zwei Wochen lang an jedem zweiten Tag wieder. Danach gab man auf.

Faber traf um zehn nach neun am Leicester Square ein. Der Kontaktmann stand im Eingang des Tabakwarengeschäfts. Er hatte eine schwarz eingebundene Bibel unter dem Arm und tat so, als stelle er sich unter. Faber beobachtete ihn aus den Augenwinkeln heraus und lief mit gesenktem Kopf an ihm vorbei. Der Mann war recht jung, hatte einen blonden Schnurrbart und wirkte wohlgenährt. Er trug einen schwarzen, zweireihigen Regenmantel, las den Daily Express und kaute Gummi. Faber kannte ihn nicht.

Als Faber zum zweitenmal auf der gegenüber liegenden Straßenseite vorbeiging, entdeckte er den Verfolger. Ein kleiner, stämmiger Mann, der einen Trenchcoat und einen Schlapphut trug, die bei englischen Polizisten in Zivil so beliebt waren, stand vorne am Foyer eines Bürogebäudes und beobachtete den Spion im Geschäftseingang durch die Glastüren über die Straße hinweg.

Es gab zwei Möglichkeiten. Wenn der Agent nicht wußte, daß man ihm auf die Schliche gekommen war, brauchte Faber ihn nur vom Treffpunkt fortzulotsen und den Verfolger abzuschütteln. Die Alternative war jedoch, daß man den Agenten gefangen hatte und der Mann im Eingang ihn ersetzte. Dann durften weder er noch der Verfolger Fabers Gesicht sehen.

Faber nahm das Schlimmst an und überlegte sich, wie er damit fertig werden könne.

Auf dem Platz stand eine Telefonzelle. Faber ging hinein und merkte sich die Nummer. Dann suchte er das erste Buch der Könige, Kapitel 13, in der Bibel, riß die Seite heraus und kritzelte auf den Rand: »Kommen Sie zu der Telefonzelle auf dem Platz.«

Er spazierte in den Gassen hinter der Nationalgalerie umher, bis er einen kleinen Jungen von etwa zehn oder elf Jahren fand, der auf einer Stufe saß und Steine in eine Pfütze warf.

Faber fragte ihn: »Kennst du das Tabakgeschäft auf dem Platz dort?«

»Jo«, antwortete der Junge.

»Magst du Kaugummi?«

»Jo.«

Faber gab ihm die Seite, die er aus der Bibel gerissen hatte. »Im Eingang des Tabakladens steht ein Mann. Wenn du ihm das gibst, kriegst du von ihm Kaugummi.«

»Geht klar«, sagte der Junge. Er stand auf. »Is’ das ’n Yankee?«

»Jo«, sagte Faber.

Der Junge rannte davon. Faber folgte ihm. Als der Junge sich dem Agenten näherte, duckte Faber sich in den Eingang des gegenüberliegenden Gebäudes. Der Verfolger war immer noch da und spähte durch das Glas. Faber stand genau vor der Tür, nahm dem Verfolger die Sicht über die Straße hinweg, öffnete seinen Regenschirm und tat so, als habe er damit Mühe. Er sah, wie der Agent dem Jungen etwas gab und davonging. Faber beendete die Posse mit dem Regenschirm und schlug die entgegengesetzte Richtung ein. Er blickte über die Schulter zurück und sah, wie der Verfolger auf die Straße lief und nach dem verschwundenen Agenten Ausschau hielt.

Faber betrat die nächstgelegene Telefonzelle und wählte die Nummer der Zelle auf dem Platz. Er brauchte ein paar Minuten, um durchzukommen. Endlich war eine tiefe Stimme zu hören: »Hallo?«

Faber sagte: »Welches Kapitel nehmen wir heute?«

»Das erste Buch der Könige, Kapitel 13.«

»Höchst interessant.«

»Ja, nicht wahr?«

Der Trottel hat keine Ahnung von der Gefahr, in der er schwebt, dachte Faber. Laut sagte er: »Nun?«

»Ich muß Sie sehen.«

»Das ist unmöglich.«

»Aber ich muß es!« Die Stimme hatte einen Beiklang, der Faber am Rande der Verzweiflung zu sein schien. »Die Botschaft kommt von ganz oben — verstehen Sie?«

Faber gab vor zu schanken. »Also gut. Ich treffe Sie heute in einer Woche um 9 Uhr am Haupteingang von Euston Station.«

»Geht’s nicht eher?«

Faber hängte auf und trat hinaus. Er verschwand rasch um zwei Ecken und hatte die Telefonzelle auf dem Platz im Blickfeld. Der Agent ging in Richtung Piccadilly. Der Verfolger war nicht zu entdecken. Faber folgte dem Agenten.

Der Mann betrat die U-Bahn-Station am Piccadilly Circus und löste eine Fahrkarte nach Stockwell. Faber erkannte sofort, daß es dorthin eine direkte Route gab. Er verließ die Station, ging schnell zum Leicester Square und nahm einen Zug der Northern Line. Der Agent würde in Waterloo umsteigen müssen, während Fabers Zug durchfuhr. Faber würde also Stockwell zuerst erreichen.

Tatsächlich mußte Faber vor der Station in Stockwell 25 Minuten warten, bis der Agent auftauchte. Faber folgte ihm wieder. Er betrat ein Café.

Nach einer halben Stunde kam er wieder heraus. Faber beschattete ihn durch eine Reihe von Wohnstraßen. Der Agent hatte es nicht eilig. Er schlenderte wie ein Mann, der nach Hause zurückkehrt und für den Rest des Tages nichts mehr zu tun hat. Da er sich nie umschaute, dachte Faber: Also tatsächlich ein Amateur.

Endlich ging er in ein Haus — eines der schäbigen, anonymen, unauffälligen Logierhäuser, denen Spione überall den Vorzug geben. Unter dem Dach war ein Fenster. Dort würde das Zimmer des Agenten sein, hoch oben zum besseren Funkempfang.

Faber schritt vorbei und musterte die gegenüber liegende Straßenseite. Ja — dort. Eine Bewegung hinter einem Fenster im Obergeschoß. Er erhaschte einen flüchtigen Blick auf ein Jackett und eine Krawatte, ein beobachtendes Gesicht, das zuruückgezogen wurde: Der Feind war auch hier. Der Agent mußte gestern zum Treffpunkt gefahren sein und nicht bemerkt haben, daß der MI 5 ihm nach Hause folgte — das heißt natürlich, wenn er nicht selbst zum MI 5 gehörte.

Faber bog um die Ecke, ging die nächste Parallelstraße hinunter und zählte die Häuser. Fast unmittelbar hinter dem Gebäude, das der Agent betreten hatte, lag die Ruine eines zerbombten Doppelhauses. Sehr gut.

Auf dem Weg zurück zur Station schien er ein erregendes Summen zu hören. Seine Schritte ware elasticher, sein Herzschlag eine Nuance schneller, und er blickte aufmerksam und munter um sich. So gefiel es ihm. Das Spiel hatte begonnen.

__________

In dieser Nacht zog er sich schwarz an: eine Wollmütze, einen Rollkragenpullover unter einer kurzen ledernen Fliegerjacke, eine in die Socken gesteckte Hose, Schuhe mit Gummisohlen — alles schwarz. Er würde fast unsichtbar sein, da auch London in der Verdunklung schwarz war.

Faber fuhr auf dem Fahrrad, dessen Beleuchtung gedämpft war, durch ruhige Gassen und vermied die Hauptstraßen. Es war nach Mitternacht, und er sah niemanden. Eine Viertelmeile vor seinem Ziel schloß er sein Rad mit einem Vorhängeschloß an den Zaun im Hof eines Pubs.

Er ging nicht zum Haus des Agenten, sondern zu der Ruine in der nächsten Straße. Vorsichtig bahnte er sich seinen Weg durch das Geröll im Vorgarten, trat durch den klaffenden Eingang und durchquerte das Haus. Es war sehr dunkel. Ein dichter Vorhang aus niedrigen Wolken verhüllte den Mond und die Sterne. Faber mußte langsam mit vorgestreckten Händen gehen.

Er erreichte das Ende des Hintergartens, sprang über den Zaun und schlich durch die nächsten beiden Gärten. In einem der Häuser bellte ein Hund einen Moment lang.

Der Garten des Logierhauses war ungepflegt. Faber geriet in einen Brombeerstrauch. Die Dornen zerkratzten sein Gesicht. Er duckte sich unter einer Wäscheleine — das Licht reichte gerade, um sie zu erkennen.

Nachdem er das Küchenfenster gefunden hatte, nahm er ein kleines Gerät mit schaufelförmiger Schneide aus der Tasche. Der Fensterkitt war alt und brüchig und löste sich hier und dort schon. Nach zwanzig Minuten lautloser Arbeit nahm er die Scheibe aus dem Rahmen und legte sie sanft auf das Gras. Er leuchtete mit einer Taschenlampe durch das Loch, um sich zu vergewissern, daß ihm nichts den Weg versperrte, und kletterte hinein.

In dem verdunkelten Haus roch es nach gekochtem Fisch und Desinfektionsmittel. Faber schloß die Hintertür auf — für den Fall einer schnellen Flucht —, bevor er den Flur betrat. Er schaltete den scharfgebündelten Strahl seiner Taschenlampe einmal ganz schnell an und aus. Dieser Moment gnügte, um ihn einen gekachelten Gang, einen Nierentisch, den er umgehen mußte, eine Reihe von Mänteln an Haken und zur Rechten eine mit einem Läufer belegte Treppe wahrnehmen zu lassen.

Leise kletterte er die Treppe empor.

Am Ende der zweiten Treppenflucht war nur eine einzige Tür. Faber probierte sie vorsichtig aus. Sie war verschlossen.

Er nahm ein weiteres Werkzeug aus der Jackentasche, öffnete die Tür und lauschte.

Tiefes, regelmäßiges Atmen war zu hören. Er trat ein. Das Geräusch kam aus der gegenüberliegenden Zimmerecke. Er konnte nichts sehen. Ganz langsam durchquerte er das pechschwarze Zimmer und streckte bei jedem Schritt die Hände nach vorn aus, bis er neben dem Bett stand.

Faber hatte die Taschenlampe in der linken Hand, das Stilett lose im Ärmel, und seine rechte Hand war frei. Er knipste die Taschenlampe an und packte die Kehle des Schlafenden mit einem Würgegriff.

Der Agent riß die Augen auf — sie waren voller Furcht —, konnte aber keinen Laut von sich geben. Faber stieg rittlings auf das Bett und setzte sich auf ihn. Dann flüsterte er: »Das erste Buch der Könige, Kapitel 13«, und lockerte seinen Griff.

»Sie!« sagte der Agent. Er starrte in den Strahl der Taschenlampe und versuchte, Fabers Gesicht auszumachen. Dabei rieb er sich den Hals dort, wo Fabers Hand zugedrückt hatte.

Faber zischte: »Seien Sie still!« Er richtete die Taschenlampe auf die Augen des Agenten und zog das Stilett mit der rechten Hand.

»Wollen Sie mich nicht aufstehen lassen?«

»Im Bett sind Sie mir lieber. Da können Sie nicht noch mehr anrichten.«

»Anrichten? Noch mehr?«

»Sie wurden auf dem Leicester Square beobachtet, ich konnte Ihnen hierher folgen, und dieses Haus wird überwacht. Wie kann ich Ihnen also trauen?«

»Mein Gott, es tut mir leid.«

»Warum hat man Sie geschickt?«

»Die Botschaft mußte persönlich übergeben werden. Der Befehl kommt vom Führer selbst.« Der Agent hielt inne.

»Ja, was für ein Befehl?«

»Ich …muß sicher sein, daß Sie der Richtige sind.«

»Wie können Sie sicher sein?«

»Ich muß Ihr Gesicht sehen.«

Faber zögerte und richtete dann kurz die Taschenlampe auf sich selbst. »Zufrieden?«

»Die Nadel«, flüsterte der Mann.

»Und wer sind Sie?«

»Major Friedrich Kaldor, zu Befehl.«

»Also müste ich zu Ihren Diensten sein.«

»Oh, nein. Sie sind in Ihrer Abwesenheit zweimal befördert worden. Jetzt sind Sie Oberstleutnant.«

»Haben die in Hamburg nichts Besseres zu tun?«

»Sind Sie nicht froh darüber?«

»Ich wäre froh, wenn ich zurückkehren und Major von Braun zum Latrinendienst abordnen könnte.«

»Darf ich aufstehen?«

»Auf keinen Fall. Vielleicht vegetiert der wirkliche Major Kaldor im Wandsworth-Gefängnis dahin, und Sie sind ein Betrüger, der nur darauf wartet, seinen Freunden im Haus gegenüber ein Zeichen zu geben.«

»Wie Sie wollen.«

»Welchen Befehl hat also Hitler selbst gegeben?«

»Nun, im Reich glaubt man, daß es dieses Jahr eine Invasion in Frankreich geben wird.«

»Brilliant, brilliant. Weiter.«

»Man glaubt, daß General Patton die First United States Army Group in East Anglia zusammenzieht. Wenn das die Invasionstruppe ist, folgt daraus, daß sie über die Straße von Dover angreift.«

»Das ist logisch. Aber ich habe noch keine Zeichen von Pattons Armee gesehen.«

»Auch in den höchsten Kreisen in Berlin zweifeln manche. Der Astrologe des Führers — «

»Was?«

»Ja, er hat einen Astrologen, der ihm rät, die Normandie zu verteidigen.«

»Du lieber Himmel! Ist es schon so weit gekommen?«

»Er bekommt aber auch viele irdische Ratschläge. Ich persönlich glaube, daß er den Astrologen als Alibi benutzt, wenn er meint, daß die Generale unrecht haben, ihre Argumente aber nicht widerlegen kann.«

Faber seufzte. Er hatte sich vor Neuigkeiten wie dieser gefürchtet. »Fahren Sie fort.«

»Sie haben den Auftrag, die Stärke von FUSAG einzuschätzen: Truppenzahl, Artillerie, Luftunterstützung — «

»Ich weiß, wie man die Stärke von Armeen feststellt, vielen Dank.«

»Natürlich.« Er unterbrach sich. »Ich habe den Befehl, die Bedeutung des Auftrags zu unterstreichen, Herr Oberstleutnant.«

»Das haben Sie ja nun getan. Sagen Sie — sieht’s in Berlin wirklich so schlecht aus?«

Der Agent zögerte. »Nein. Die Moral ist gut, die Waffenproduktion wird jeden Monat vergrößert, die Menschen spucken auf die Bomber der RAF — «

»Das genügt«, unterbrach ihn Faber. »Propaganda kann ich auch im Radio hören.«

Der jüngere Mann verstummte.

»Haben Sie mir sonst noch etwas mitzuteilen?« fragte Faber. »Offiziell, meine ich.«

»Ja. Für die Dauer des Auftrags haben Sie einen speziellen Fluchtweg.«

»Die Sache wird tatsächlich für wichtig gehalten.«

»Sie werden von einem U-Boot in der Nordsee aufgenommen, genau zehn Meilen östlich von Aberdeen. Es wird auftauchen, wenn Sie es auf Ihrer normalen Frequenz rufen. Sobald ich Hamburg mitgeteilt habe, daß der Befehl weitergeleitet ist, steht die Route zur Verfügung. Das Boot wird jeden Freitag und Montag um 18 Uhr da sein und bis 6 Uhr morgens warten.«

»Aberdeen ist eine große Stadt. Haben Sie die genauen Koordinaten?«

»Ja.« Der Agent nannte die Ziffern, Faber prägte sie sich ein.

»Ist das alles, Major?«

»Ja, Herr Oberstleutnant.«

»Was gedenken Sie mit den Herren vom MI 5 auf der anderen Straßenseite anzufangen?«

Der Agent zuckte die Schultern. »Ich werde Ihnen entwischen müssen.«

Faber dachte: Es hat keinen Zweck. »Wie sind Ihre Befehle, nachdem Sie mich getroffen haben? Haben Sie einen Fluchtweg?«

»Nein. Ich soll an einen Ort namens Weymouth fahren, ein Boot stehlen und damit nach Frankreich zurückkehren.«

Das war nicht als Plan zu bezeichnen. Faber dachte: Canaris wußte, was geschehen wird. Also gut. »Und wenn die Briten Sie fangen und foltern?«

»Ich habe eine Selbstmordtablette.«

»Und Sie werden sie benutzen?«

»Ganz sicher.«

Faber blickte ihn an. »Ich nehme an, daß es stimmt«, sagte er. Er drückte die linke Hand auf den Brustkasten des Agenten und stemmte sich darauf, als wolle er vom Bett hinabsteigen. Auf diese Weise spürte er genau, wo die Rippen zu Ende waren und der Unterleib begann. Er stieß die Spitze des Stiletts direkt unterhalb der Rippen hinein und trieb es nach oben zum Herzen. Die Augen des Agenten weiteten sich in einem Moment des Entsetzens. Ein Schrei bildete sich in seiner Kehle, ohme zu entweichen. Sein Körper verkrampfte sich. Faber stieß das Stilett noch einen Zoll weiter hinein. Die Augen schlossen sich, und der Körper wurde schlaff.

Faber sagte: »Du hast mein Gesicht gesehen.«

8

»Ich glaube, die Sache ist uns aus den Händen geglitten«, sagte Percival Godliman.

Frederick Bloggs nickte zustimmend. »Es ist meine Schuld.«

Der Junge sieht erschöpft aus, dachte Godliman. Er sah schon seit fast einem Jahr so aus — seit der Nacht, in der man die zerquetschte Leiche seiner Frau unter den Trümmern ihres zerbombten Hauses in Hoxton hervorgezogen hatte.

»Ich bin nicht daran interessiert, die Schuldfrage zu untersuchen«, entgegnete Godliman energisch. »Tatsache ist, daß in den wenigen Sekunden, in denen Sie Blondie aus den Augen verloren haben, auf dem Leicester Square etwas geschehen ist.«

»Meinen Sie, daß der Kontakt hergestellt wurde?«

»Möglicherweise.«

»Als wir ihn dann in Stockwell wieder erwischten, dachte ich, daß er es einfach für den Tag aufgegeben hatte.«

»Wenn das stimmte, wäre er gestern und heute wieder am Treffpunkt erschienen.« Godliman legte auf seinem Schreibtisch Streichhölzer zu Mustern zusammen — eine Denkhilfe, die ihm zur Gewohnheit geworden war. »Rührt sich im Haus immer noch nichts?«

»Nein. Er ist seit 48 Stunden dort geblieben.« Bloggs wiederholte: »Es ist meine Schuld.«

»Hören Sie bloß auf, alter Junge«, sagte Godliman. »Ich traf die Entscheidung, ihn nicht festzunehmen, damit er uns zu einem anderen führen könnte. Ich glaube immer noch, daß es richtig war.«

Bloggs saß bewegungslos da, seine Miene war ausdruckslos., seine Hände steckten in den Taschen seines Regenmantels. »Wenn der Kontakt hergestellt wurde, sollten wir Blondie sofort schnappen und herausfinden, welchen Auftrag er hatte.«

»Dadurch verlieren wir jede Möglichkeit, Blondie zu jemandem zu folgen, der wirklich gefährlich ist.«

»Ihre Entscheidung.«

Godliman hatte seine Streichhölzer eine Kirche gebildet. Er starrte sie einen Augenblick lang an, nahm dann einen Halfpenny aus der Tasche und warf ihn hoch. »Zahl«, sagte er. »Geben Sie ihm noch 24 Stunden.«

__________

Der Hauswirt war ein irischer Republikaner mittleren Alters aus Lisdoonvarna im County Clare, der die heimliche Hoffnung hatte, daß die Deutschen den Krieg gewinnen und die Grüne Insel für immer von der englischen Unterdrückung befreien würden. Er humpelte arthritisch durch das alte Haus, sammelte seine wöchentliche Miete ein und stellte sich vor, wieviel Geld er hätte, wenn er diese Mieten bis zum echten Marktpreis anheben könnte. Ein reicher Mann war er nicht — er besaß nur zwei Häuser, dieses und das kleinere, in dem er wohnte. Er war ständig schlecht gelaunt.

In der ersten Etage klopfte er an die Tür eines alten Mannes. Dieser Mieter freute sich immer, ihn zu sehen. Wahrscheinlich freute er sich über jeden Besuch. Er sagte: »Hallo, Mr. Riley, möchten Sie eine Tasse Tee?«

»Habe heute keine Zeit.«

»Schade.« Der alte Mann übergab ihm das Geld. »Ich nehme an, daß Sie das Küchenfenster schon gesehen haben?«

»Nein, ich war noch nicht dort.«

»Oh! Eine Glasscheibe fehlt. Ich habe einen Verdunklungsvorhang drübergehängt, aber natürlich zieht es.«

»Wer hat sie eingeschlagen?« fragte der Hauswirt.

»Komisch, sie ist nicht zerbrochen. Liegt einfach so auf dem Gras. Vielleicht ist ja der alte Kitt einfach abgefallen. Ich repariere es selbst, wenn Sie ein bißchen Kitt besorgen können.«

Du alter Narr, dachte der Hauswirt. Laut sagte er: »Ist Ihnen nicht eingefallen, daß jemand eingebrochen haben könnte?«

Der alte Mann schien erstaunt. »Daran habe ich nicht gedacht.«

»Vermißt jemand Wertgegenstände?«

»Davon hat mir keiner was gesagt.«

Der Hauswirt ging zur Tür. »In Ordnung, ich seh’s mir an, wenn ich unten bin.«

Der alte Mann folgte ihm nach draußen. »Ich glaube nicht, daß der Neue oben ist«, meinte er. »Seit zwei Tagen habe ich keinen Laut gehört.«

Der Hauswirt schnupperte. »Hat er in seinem Zimmer gekocht?«

»Keine Ahnung, Mr. Riley.«

Die beiden stiegen die Treppe hinauf. Der alte Mann sagte: »Er ist sehr ruhig, wenn er jetzt da ist.«

»Er muß mit dem Kochen aufhören. Es riecht widerlich.«

Der Hauswirt klopfte an die Tür. Niemand antwortete. Er öffnete und trat ein. Der alte Mann folgte ihm.

__________

»So, so, so«, sagte der alte Sergeant jovial. »Ich glaube, wir haben’s mit ’nem Toten zu tun.«

Er überschaute das Zimmer. »Irgendwas angefaßt, Paddy?«

»Nein«, erwiderte der Hauswirt. »Und ich heiße Mr. Riley.«

Der Polizist achtete nicht darauf. »Aber noch nicht lange tot. Ich hab’ schon Schlimmeres gerochen.« Sein prüfender Blick glitt über die alte Kommode, den Koffer auf dem niedrigen Tisch, das verblichene Teppichquadrat, die schmutzigen Vorhänge an dem Dachfenster und das zerwühlte Bett in der Ecke. Es gab keine Zeichen eines Kampfes.

Er ging hinüber zum Bett. Das Gesicht des jungen Mannes war friedlich, seine Hände waren an die Brust gepreßt. »Ich würde sagen Herzanfall, wenn er nicht so jung wäre.« Es gab kein leeres Schlaftablettenröhrchen, das auf einen Selbstmord hindeutete. Er nahm die lederne Brieftasche von der Kommode und sah sich ihren Inhalt an: eine Kennkarte, ein Lebensmittelmarkenheft und ein ziemlich dickes Bündel Banknoten. »Die Papiere sind in Ordnung, und ausgeraubt hat man ihn nicht.«

»Er wohnt erst seit etwa einer Woche hier«, bemerkte der Hauswirt vorsichtig. »Ich weiß fast gar nichts über ihn. Er ist aus Nordwales gekommen, um in einer Fabrik zu arbeiten.«

»Wenn er so gesund gewesen wäre, wie er aussah, hätte er Soldat sein müssen«, sagte der Sergeant. Er öffnete den Koffer auf dem Tisch. »Verflucht, was ist das denn?«

Der Hauswirt und der alte Mann hatten sich inzwischen in das Zimmer vorgeschoben. Der Hauswirt erklärte: »Das ist ein Funkgerät«, während der alte Mann gleichzeitig sagte: »Er blutet.«

»Rühren Sie die Leiche nicht an!« warnte der Segeant.

»Er hat ein Messer in den Bauch gekriegt«, sagte der alte Mann beharrlich.

Der Sergeant hob behutsam eine der leblosen Hände, die auf der Brust lagen, hoch und entdeckte einen kleinen Fleck getrockneten Blutes. »Er hat geblutet«, sagte er. »Wo ist das nächste Telefon?«

»Fünf Häuser weiter unten«, antwortete der Hauswirt.

»Schließen Sie dieses Zimmer ab, und bleiben Sie draußen, bis ich zurückkomme.«

Der Sergeant verließ das Haus und klopfte an die Tür des Nachbarn, der ein Telefon hatte. Eine Frau öffnete. »Guten Morgen, Madam. Darf ich Ihr Telefon benutzen?«

»Kommen Sie herein.« Sie zeigte ihm das Telefon, das auf einem Tischchen im Flur stand. »Was ist passiert — etwas Aufregendes?«

»Ein Mieter ist in einem Logierhaus gestorben, etwas weiter die Straße rauf«, sagte er, während er wählte.

»Ermordet?« fragte sie mit aufgerissenen Augen.

»Das überlasse ich den Experten. Hallo? Polizeirat Jones, bitte. Hier spricht Canter.« Er sah die Frau an. »Darf ich Sie bitten, eben in die Küche zu gehen, während ich mit meinem Chef spreche?«

Sie gehorchte enttäuscht.

»Hallo, Chef. Die Leiche hat eine Stichwunde, und im Koffer ist ein Funkgerät.«

»Wie war noch die Adresse, Sarge?«

Sergeant Canter gab sie ihm.

»Ja, das ist die, die sie beobachtet haben. Das ist Sache des MI 5, Sarge. Gehen Sie zu Nummer 42, und erzählen Sie der übermwachungsmannschaft, was Sie gefunden haben. Ich rede mit deren Chef. Also los!«

Canter dankte der Frau und überquerte die Straße. Er war recht aufgeregt. Dies war erst sein zweiter Mord in 31 Jahren als städtischer Polizist, und er hatte sogar mit Spionage zu tun! Vielleicht schaffte er es doch noch bis zum Inspektor.

Er pochte an die Tür von Nummer 42. Sie öffnete sich, und zwei Männer standen vor ihm.

Sergeant Canter fragte: »Sind Sie die Geheimagenten vom MI 5?«

__________

Bloggs traf zur selben Zeit ein wie der Mann vom Special Branch, Detective-Inspector Harris, den er noch aus seinen Tagen bei Scotland Yard kannte. Canter zeigte ihnen die Leiche.

Sie standen einen Augenblick lang still und betrachteten das friedliche junge Gesicht mit dem blonden Schnurrbart.

Harris fragte: »Wer ist das?«

»Sein Codename ist Blondie«, erklärte Bloggs. »Wir nehmen an, daß er vor zwei Wochen mit dem Fallschirm abgesprungen ist. Wir fingen einen Funkspruch ab, in dem er mit einem anderen Agenten ein Treffen arrangierte. Da wir den Code kannten, konnten wir den Treffpunkt überwachen. Wir hofften, daß Blondie uns zu dem eigentlich gesuchten Agenten führen würde. Der ist viel gefährlicher.«

»Und was ist hier passiert?«

»Keine Ahnung.«

Harris warf einen Blick auf die Wunde in der Brust des Agenten. »Stilett?«

»Wahrscheinlich. Saubere Arbeit. Unter den Rippen durch direkt ins Herz. Geht ganz schnell.«

»Man kann auf schlimmere Art sterben.«

Sergeant Canter warf ein: »Möchten Sie sehen, wie er hereingekommen ist?«

Er führte sie nach unten in die Küche. Sie schauten sich den Fensterrahmen und die unzerbrochene Glasscheibe an, die auf dem Rasen lag.

»Außerdem ist die Zimmertür mit einem Dietrich geöffnet worden«, sagte Canter.

Sie setzten sich an den Küchentisch, und Canter machte Tee. Bloggs bemerkte: »Es geschah in der Nacht, nachdem ich ihn am Leicester Square aus den Augen verloren hatte. Ich habe alles versaut.«

»Niemand ist vollkommen«, sagte Harris.

Sie tranken ihren Tee und schwiegen eine Weile. »Wie geht’s dir eigentlich?« fragte Harris. »Du läßt dich im Yard nicht mehr sehen.«

»Viel zu tun.«

»Wie geht’s Christine?«

»Bei den Bombenangriffen umgekommen.«

Harris’ Augen weiteten sich. »Du armer Kerl.«

»Bei dir alles in Ordnung?«

»Habe meinen Bruder in Afrika verloren. Kanntest du ihn?«

»Nein.«

»’Ne tolle Nummer. Saufen? So was hast du noch nicht gesehen. Hat so viel dafür ausgegeben, daß er es sich nicht leisten konnte zu heiraten — vielleicht ganz gut, so wie sich die Dinge entwickelt haben.«

»Die meisten haben irgend jemanden verloren.«

»Wenn du nichts vorhast, komm am Sonntag zu uns zum Dinner.«

»Danke, aber ich arbeite jetzt sonntags.«

Harris nickte. »Na, dann eben, wenn es dir paßt.«

Ein Kriminalbeamter steckte den Kopf durch die Tür und wandte sich an Harris: »Können wir das Beweismaterial einpacken, Chef?«

Harris blickte Bloggs an.

»Ich bin fertig.«

»In Ordnung, Jungs, fangt an«, befahl Harris.

»Angenommen, er hat den Kontakt hergestellt, nachdem ich ihn verloren hatte, und den hiesigen Agenten hierherbestellt«, sagte Bloggs. »Der hiesige Agent könnte eine Falle vermutet haben — das würde erklären, weshalb er durchs Fenster hereinkam und das Schloß heimlich aufmachte.«

»Dann wäre er ein verteufelt mißtrauischer Hund«, bemerkte Harris.

»Vielleicht haben wir ihn deshalb nie gefangen. Egal, er schleicht in Blondies Zimmer und weckt ihn auf. Jetzt weiß er, daß es keine Falle ist, stimmt’s?«

»Stimmt.«

»Warum bringt er Blondie dann um?«

»Vielleicht sind sie handgreiflich geworden.«

»Dafür gibt es keine Anzeichen.«

Harris runzelte die Stirn und blickte in seine leere Tasse. »Vielleicht hat er rausgekriegt, daß Blondie beobachtet wurde, und hatte Angst, daß wir uns den Jungen schnappen und ihn zum Reden bringen würden.«

Bloggs sagte: »Dann wäre er ein rücksichtsloser Hund.«

»Vielleicht haben wir ihn deshalb nie gefangen.«

__________

»Kommen Sie herein. Setzen Sie sich. MI 6 hat gerade angerufen. Canaris ist entlassen worden.«

Bloggs trat ein, setzte sich und fragte: »Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht?«

»Eine ganz schlechte«, antwortete Godliman. »Es ist im allerschlechtesten Moment passiert.«

»Darf ich erfahren, wieso?«

Godliman betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen. »Ich denke, daß Sie es wissen müßten. Im Augenblick haben wir vierzig Doppelagenten, die falsche Informationen über alliierte Pläne für die Invasion in Frankreich nach Hamburg senden.«

Bloggs pfiff durch die Zähne. »Ich wußte nicht, daß es um so viel geht. Ich vermute, die Doppelagenten sagen, daß wir in Cherbourg landen, aber in Wirklichkeit ist es Calais, oder umgekehrt.«

»So ungefähr. Anscheinend brauche ich die Einzelheiten nicht zu wissen. Man hat sie mir jedenfalls nicht erzählt. Egal, das Ganze ist in Gefahr. Wir kennen Canaris, wir wußten, daß wir ihn getäuscht hatten, und wir hätten ihn weiter täuschen können. Ein neuer Besen wird den Agenten seines Vorgängers vielleicht mißtrauen. Außerdem: Ein paar Leute sind von der anderen Seite zu uns übergelaufen. Sie würden die Spione der Abwehr hier verraten haben, wenn sie nicht schon vorher entlarvt worden wären. Das ist ein weiterer Grund für die Deutschen, unsere Doppelagenten zu verdächtigen.

Möglicherweise könnte auch etwas durchgesickert sein. Tausende von Menschen wissen von unserem Täuschungsmanöver. Es gibt Doppelagenten in Island, Kanada und Ceylon — früher auch im Nahen Osten.

Und letztes Jahr machten wir einen schweren Fehler, als wir einen Deutschen namens Erich Carl zurückschickten. Wir erfuhren erst später, daß er ein Abwehragent war — ein echter. Während seiner Internierung auf der Insel Man könnte er von zwei Doppelagenten, Mutt und Jeff, und vielleicht von einem dritten, Tate, gehört haben.

Wir haben uns also aufs Glatteis begeben. Wenn ein anständiger Abwehragent in Großbritannien von Fortitude — das ist die Codebezeichnung für das Täuschungsmanöver — erfährt, ist die ganze Strategie in Gefahr. Um es klar zu sagen, wir könnten den Scheißkrieg verlieren.«

Bloggs unterdrückte ein Lächeln. Er konnte sich an Zeiten erinnern, in denen Professor Godliman nicht einmal die Bedeutung solcher Wörter kannte.

Der Professor fuhr fort: »Ich habe dafür zu sorgen — das hat der Zwanzigerausschuß ganz deutlich gemacht —, daß es keine Abwehragenten in Großbritannien gibt.«

»Letzte Woche wären wir recht sicher gewesen, daß es tatsächlich so ist«, sagte Bloggs.

»Jetzt wissen wir, daß es wenigstens einen gibt.«

»Und er ist uns durch die Finger geschlüpft.«

»Dann müssen wir ihn eben wieder aufspüren.«

»Ich weiß nicht«, antwortete Bloggs düster. »Wir wissen nicht, von welchem Teil des Landes aus er operiert, und wir haben nicht die geringste Ahnung, wie er aussieht. Er ist zu gerissen, um sich durch die Funkpeilung orten zu lassen, während er sendet — sonst hätten wir ihn schon vor langer Zeit geschnappt. Wir kennen nicht einmal seinen Codenamen. Womit sollen wir also anfangen?«

»Mit ungelösten Verbrechen«, sagte Godliman. »Einem Spion bleibt nichts anderes übrig, als das Gesetz zu brechen. Er fälscht Papiere, stiehlt Benzin und Munition, vermeidet Kontrollstellen, betritt Sperrgebiete, macht Photos, und wenn jemand ihm auf die Schliche kommt, bringt er ihn um. Die Polizei muß einfach von einigen dieser Verbrechen erfahren, wenn der Spion schon längere Zeit tätig ist. Wenn wir die Akten mit den seit Kriegsbeginn ungelösten Verbrechen durchgehen, werden wir Anhaltspunkte finden.«

»Ist Ihnen nicht klar, daß die meisten Verbrechen ungelöst sind?«, fragte Bloggs ungläubig. »Die Akten würden die Albert Hall füllen!«

Godliman zuckte die Schultern. »Dann beschränken wir uns eben auf London und fangen mit den Morden an.«

__________

Sie fanden das, was sie suchten, schon am ersten Tag.

Zufällig stieß Godliman darauf. Zuerst erkannte nicht, wie bedeutsam es war.

Es war die Akte über den Mord an einer Mrs. Una Garden in Highgate im Jahre 1940. Jemand hatte ihr die Kehle durchgeschnitten, und sie war sexuell belästigt, wenn auch nicht vergewaltigt worden. Sie war mit einer erheblichen Alkoholmenge im Blut im Zimmer ihres Mieters gefunden worden. Die Situation ließ sich ziemlich gut rekonstruieren: Sie hatte ein Stelldichein mit dem Mieter gehabt, er hatte weiter gehen wollen, als ihr lieb war, sie hatten sich gestritten, er hatte sie umgebracht, und durch den Mord war seine Libido neutralisiert worden. Aber die Polizei hatte den Mieter nie gefunden.

Godliman hatte die Akte übergehen wollen: Spione ließen sich nicht auf Sexualverbrechen ein. Aber er war ein gewissenhafter Mann, was Aufzeichnungen betraf, und las der jedes Wort. Infolgedessen entdeckte er, daß die unglückliche Mrs. Garden neben der tödlichen Verletzung an der Kehle auch Stilettwunden im Rücken hatte.

Godliman und Bloggs saßen sich an gegenüberliegenden Seiten eines Holztisches im Archiv von Old Scotland Yard. Godliman warf die Akte über den Tisch. »Ich glaube, das ist er.«

Bloggs blätterte sie durch und sagte: »Der Stilettmörder.«

Sie unterschrieben, um die Akte ausleihen zu können, und legten die kurze Entfernung zum Kriegsministerium zu Fuß zurück. Als sie Godlimans Zimmer betraten, lag ein dechiffrierter Funkspruch auf dem Schreibtisch. Er las ihn flüchtig durch und schlug dann mit der Faust auf den Tisch. »Er ist es!«

Bloggs las: »Befehl empfangen. Grüße an Willi.«

»Erinnern Sie sich an ihn?« fragte Godliman. »Die Nadel.«

»Ja«, sagte Bloggs zögernd. »Aber hieraus läßt sich nicht viel entnehmen.«

»Überlegen Sie! Ein Stilett ist wie eine Nadel. Es ist derselbe Mann: der Mord an Mrs. Garden, all die Funksprüche, die wir 1940 nicht einordnen konnten, das Rendevouz mit Blondie …«

»Möglicherweise.« Bloggs sah nachdenklich aus.

»Ich kann es beweisen«, sagte Godliman. »Entsinnen Sie sich an den Funkspruch über die Invasionstruppe für Finnland, den Sie mir zeigten, als ich am ersten Tag hierherkam? An den, der unterbrochen wurde?«

»Ja.« Bloggs ging zur Kartei, um ihn herauszusuchen.

»Wenn mein Gedächtnis mich nicht im Stich läßt, ist das Datum des Funkspruchs dasseble wie das Datum des Mordes …und ich wette, daß die Todeszeit mit der Unterbrechung zusammenfällt.«

Bloggs blickte auf die Botschaft in der Kartei. »Stimmt beide Male.«

»Na also!«

»Er hat wenigstens fünf Jahre in London operiert, und wir haben bis jetzt gebraucht, um ihm auf die Spur zu kommen«, sann Bloggs. »Es wird nicht leicht sein, ihn zu fangen.«

Godliman wirkte plötzlich raubtierhaft. »Er mag gerissen sein, aber er ist nicht so gerissen wie ich«, sagte er mit gepreßter Stimme. »Ich werde ihn festnageln. Darauf kann der Scheißkerl sich verlassen.«

Bloggs lachte laut. »Mein Gott, Sie haben sich verändert, Professor.«

Godliman sagte: »Ist Ihnen klar, daß Sie zum erstenmal seit einem Jahr gelacht haben?«

9

Das Versorgungsboot umrundete die Landspitze herum und knatterte unter einem blauem Himmel in die Bucht von Storm Island. Zwei Frauen waren darin: Die eine war die Frau des Schiffers — er war eingezogen worden, und sie betrieb jetzt das Geschäft —, und die andere war Lucys Mutter.

Sie verließ das Boot. Sie trug praktische Kleidung — eine Art Männerjacke und einen Rock, der nicht bis zu den Knien reichte. Lucy umarmte sie mit aller Kraft.

»Mutter! Was für eine Überraschung!«

»Aber ich habe dir doch geschrieben.«

Der Brief lag bei der Post auf dem Boot. Ihre Mutter hatte vergessen, daß die Post nur alle vierzehn Tage nach Storm Island kam.

»Ist das mein Enkel? Ist er nicht ein großer Junge?«

Der kleine Jo, der fast drei Jahre alt war, drehte sich schüchtern um und versteckte sich hinter Lucys Rock. Er war dunkelhaarig, hübsch und groß für sein Alter.

»Ist er nicht wie sein Vater!« rief Mutter.

»Ja«, sagte Lucy. »Frierst du dich nicht tot? Komm hinauf zum Haus. Wo hast du nur diesen Rock her?«

Sie nahmen die Lebensmittel und stiegen die Rampe zur Spitze der Klippen hinauf. Mutter plapperte dabei. »Das ist Mode, mein Kind. Man spart Stoff. Aber auf dem Festland ist es nicht so kalt wie hier. So ein Wind! Ich kann meinen Koffer wohl an der Anlegestelle lassen — wer sollte ihn stehlen! Jane ist mit einem amerikanischen Soldaten verlobt — einem Weißen, Gott sei Dank. Er kommt aus Milwaukee und mag kein Kaugummi. Ist das nicht schön? Nun brauche ich nur noch vier Töchter zu verheiraten. Dein Vater ist jetzt Captain in der Bürgerwehr, wußtest du das? Er patrouilliert die halbe Nacht auf dem Gemeindeanger und wartet auf deutsche Fallschirmspringer. Onkel Stevens Warenhaus wurde zerbombt — ich weiß nicht, was er tun wird, es handelt sich um einen feindlichen Akt oder — «

»Nicht so eilig, Mutter, du hast vierzehn Tage Zeit, um mir alle Neuigkeiten zu erzählend«, lachte Lucy.

Sie erreichten das Haus. Mutter sagte: »Ist es nicht schön?« Sie traten ein. »Es ist einfach wunderschön.«

Lucy bat ihre Mutter, sich an den Küchentisch zu setzen, und machte Tee. »Tom wird deinen Koffer bringen. Er kommt bald zum Lunch.«

»Der Schafhirte?«

»Ja.«

»Findet er denn genügend Sachen, um David zu beschäftigen?«

Lucy lachte. »Es ist genau umgekehrt. Ich bin sicher, daß er dir selbst davon erzählen wird. Du hast mir noch nicht gesagt, warum du hier bist.«

»Meine Liebe, es wird langsam Zeit, daß ich dich besuche. Ich weiß, daß wir keine unnötigen Reisen machen sollen, aber einmal in vier Jahren ist ja nicht besonders extravagant, oder?«

Sie hörten den Jeep vor der Tür, und einen Moment später rollte David herein. Er küßte seine Schwiegermutter und stellte Tom vor.

Lucy sagte: »Tom, Sie können sich Ihren Lunch heute dadurch verdienen, daß Sie Mutters Koffer heraufbringen. Sie hat dafür Ihre Lebensmittel getragen.«

David wärmte seine Hände am Herd. »Es ist eisig heute.«

»Du nimmts die Schafzucht also wirklich ernst?« fragte Mutter.

»Die Herde ist dreimal so groß wie vor drei Jahren«, erwiderte David. »Mein Vater hat diese Insel nie richtig bewirtschaftet. Ich habe oben auf den Klippen sechs Meilen eingezäunt, die Weiden verbessert und moderne Zuchtmethoden eingeführt. Wir haben nicht nur mehr Schafe, sondern jedes Tier liefert auch mehr Fleisch und Wolle.«

Mutter sagte zögerlich: »Ich nehme an, daß Tom die körperliche Arbeit macht und du die Befehle gibst.«

David lachte. »Wir sind gleichberechtigte Partner, Mutter.«

Es gab Herz zum Lunch, und beide Männer aßen Berge von Kartoffeln. Mutter lobte Jos Tischmanieren. Nach dem Essen zündete David eine Zigarette an, und Tom stopfte seine Pfeife.

»Was ich wirklich wissen möchte, ist, wann ich mehr Enkelkinder bekomme«, erklärte Mutter. Sie lächelte strahlend.

Es folgte ein langes Schweigen.

__________

»Es ist wirklich großartig, wie David sich gemacht hat«, sagte Mutter.

»Ja«, antwortete Lucy. Wieder klang leichtes Mißfallen mit. Sie gingen oben auf den Klippen spazieren. Der Windwar am dritten Tag von Mutters Besuch schwächer geworden, und es war milde genug, um hinauszugehen. Sie nahmen Jo mit, der einen Fischerpullover und einen Pelzmantel trug. Auf einem Hügel hatten sie haltgemacht, um David, Tom und den Hund beim Zusammentreiben der Schafe zu beobachten. Lucy sah, daß das Gesicht ihrer Mutter einen inneren Kampf widerspiegelte: Sorge wetteiferte mit Zurückhaltung. Sie beschloß, ihrer Mutter die Mühe des Fragens zu ersparen.

»Er liebt mich nicht«, sagte sie.

Mutter blickte sich schnell um, um sicherzugehen, daß Jo nicht in Hörweite war. »So schlimm ist es bestimmt nicht, Kind. Männer zeigen ihre Liebe auf versch …«

»Mutter, wir sind nicht mehr Mann und Frau gewesen — nicht richtig —, seit wir heirateten.«

»Aber …?« Sie deutete mit einem Nicken auf Jo.

»Das war eine Woche vor der Hochzeit.«

»Oh! O Gott.« Sie war schockiert. »Ist es — der Unfall?«

»Ja, aber nicht so, wie du denkst. Es ist nichts Körperliches. Er …will einfach nicht.« Lucy weinte leise; die Tränen kullerten an ihren windgebräunten Wangen hinab.

»Habt ihr darüber gesprochen?«

»Ich habe es versucht. Mutter, was soll ich tun?«

»Vielleicht wird es mit der Zeit besser — «

»Es ist schon fast vier Jahre her!«

Sie begannen schweigend über die Heide zu wandern, der schwachen Nachmittagssonne entgegen. Jo jagte Möwen. Mutter sagte: »Einmal hätte ich deinen Vater fast verlassen.«

Nun war Lucy schockiert. »Wann?«

»Kurz nachdem Jane geboren wurde. Es ging uns damals noch nicht so gut — Vater arbeitete noch für seinen Vater, und es gab eine Wirtschaftskrise. Ich war zum drittenmal seit drei Jahren schwanger, und mir schien, daß sich vor mir ein Leben erstreckte, in dem ich ein Baby nach dem anderen haben würde und mit dem Geld sehr haushalten müßte. Nichts schien die Eintönigkeit zu durchbrechen. Dann entdeckte ich, daß er sich mit einer seiner alten Freundinnen traf — Brenda Simmonds, du kanntest sie nicht, sie ging nach Basingstoke. Plötzlich fragte ich mich, wofür ich all das tat, und mir fiel keine vernünftige Antwort ein.«

Lucy erinnerte sich nur schwach und bruchstückhaft an jene Tage. Damals war ihr die Ehe ihrer Eltern als Beispiel zufriedener Beständigkeit und dauerhaften Glücks erschienen. Sie fragte: »Warum hast du es nicht getan? Ihn verlassen, meine ich.«

»Oh, das tat man damals eben nicht. Man konnte sich nicht so leicht scheiden lassen, und eine Frau bekam keine Arbeitsstelle.«

»Heute arbeiten Frauen überall.«

»Das haben sie im letzten Krieg auch getan, aber danach änderte sich alles, als es ein bißchen Arbeitslosigkeit gab. Diesmal wird es wohl nicht anders sein. Die Männer setzen sich durch, im allgemeinen jedenfalls.«

»Und du bist froh, daß du geblieben bist.« Es war keine Frage.

»Leute in meinem Alter sollten keine Erklärungen über ‘das Leben’ abgeben. Doch in meinem Leben mußte ich immer Kompromisse schließen, und das gilt auch für die meisten Frauen, die ich kenne. Beständigkeit sieht immer wie ein Opfer aus, aber das stimmt nur selten. Ich will dir da keinen Rat geben. Du würdest sie nicht annehmen, und wenn du es tätest, würdest du mich wahrscheinlich für deine Probleme verantwortlich machen.«

»Oh, Mutter.« Lucy lächelte.

»Wollen wir umkehren? Ich glaube, daß wir für einen Tag weit genug gegangen sind.«

__________

Eines Abends in der Küche sagte Lucy zu David: »Ich möchte gern, daß Mutter noch zwei Wochen bleibt, wenn sie will.«

Mutter war oben, brachte Jo zu Bett und erzählte ihm eine Geschichte.

»Genügen zwei Wochen nicht, um meine Persönlichkeit auseinanderzunehmen?«

»Sei nicht albern, David.«

Er rollte hinüber zu ihrem Stuhl. »Willst du behaupten, daß ihr nicht über mich redet?«

»Natürlich reden wir über dich — du bist mein Mann.«

»Was erzählst du ihr denn?«

»Warum machst du dir solche Sorgen?« fragte Lucy, nicht ohne Bosheit. »Weshalb schämst du dich?«

»Verdammt, es gibt nichs, weshalb ich mich schämen müßte. Nur, wer hat es schon gern, wenn sein persönliches Leben von zwei klatschenden Weibern durchgehechelt wird?«

»Wir klatschen nicht über dich.«

»Was erzählst du ihr?«

»Wie empfindlich du bist!«

»Beantworte meine Frage!«

»Ich erzähle ihr, daß ich dich verlassen will, und sie versucht, es mir auszureden.«

Er wirbelte herum und rollte davon. »Sag ihr, daß sie sich meinetwegen keine Gedanken zu machen braucht.«

»Meinst du das ernst?« rief Lucy.

Er hielt an. »Ich brauche niemanden, verstehst du? Ich komme allein zurecht. Ich bin auf keinen Menschen angewiesen.«

»Und was ist mit mir?« sagte sie ruhig. »Vielleicht brauche ich jemanden.«

»Wozu?«

»Um mich zu lieben.«

Mutter kam herein und spürte die Spannung. »Er schläft fest«, sagte sie. »Er war schon eingenickt, bevor Aschenbrödel auf den Ball kam. Ich werde jetzt ein bißchen packen an, damit ich nicht alles morgen machen muß.« Sie ging wieder hinaus.

»Glaubst du, daß es sich je ändern wird, David?« fragte Lucy.

»Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Wird es je so sein …wie vor unserer Hochzeit?«

»Meine Beine werden nicht wieder wachsen, wenn du das meinst.«

»O Gott, weißt du denn nicht, daß mir das nichts ausmacht? Ich will nur geliebt werden.«

David zuckte mit den Schultern. »Das ist dein Problem.« Er rollte hinaus, bevor sie zu weinen begann.

__________

Mutter blieb nicht noch weitere zwei Wochen. Lucy ging am nächsten Tag mit ihr hinunter zur Anlegestelle. Es regnete stark, und sie trugen beide Gummimäntel. Sie warteten stumm auf das Boot und sahen zu, wie der Regen das Meer mit winzigen Kratern übersäte. Mutter hielt Jo in den Armen.

»Es wird mit der Zeit bestimmt besser werden«, sagte sie. »Vier Jahre sind nichts in einer Ehe.«

»Ich glaube nicht, daß er sich ändern wird, aber mir bleibt kaum was anderes übrig, als darauf zu hoffen. Jo, der Krieg und Davids Behinderung — wie könnte ich ihn verlassen?«

Das Boot kam. Lucy tauschte ihre Mutter gegen drei Kartons mit Lebensmitteln und fünf Briefe ein. Die See war rauh. Mutter saß in der winzigen Kajüte des Bootes. Sie winkten ihr nach bis zum Ende der Landspitze nach. Lucy fühlte sich sehr einsam. Jo begann zu weinen. »Ich will nicht, daß Oma weggeht!«

»Ich auch nicht«, sagte Lucy.

10

Godliman und Bloggs gingen Seite an Seite auf dem Bürgersteig einer von Bomben beschädigten Londoner Geschäftsstraße entlang. Sie waren ein Paar, das schlecht zusammenpaßte: der gebeugt gehende Professor mit dicken Brillengläsern und einer Pfeife, der nicht auf den Weg achtete und kurze, trippelnde Schritte wie ein Vogel machte, und der plattfüßige junge Mann, blond und zielstrebig, mit seinem Trenchcoat und dem melodramatischen Hut. Eine Karikatur, die nach einer Unterzeile verlangte.

Godliman sagte: »Ich glaube, die Nadel hat gute Beziehungen.«

»Wieso?«

»Wie könnte er sonst so aufsässig sein, ohne bestraft zu werden? Seine ‘Grüße an Willi’ müssen sich auf Canaris beziehen.«

»Sie meinen, daß er ein Freund von Canaris ist.«

»Er ist mit irgend jemandem befreundet — vielleicht mit einem, der mächtiger ist, als Canaris es war.«

»Ich habe das Gefühl, daß Sie auf etwas hinauswollen.«

»Leute, die gute Beziehungen haben, knüpfen diese gewöhnlich in der Schule, an der Universität oder an der Stabsakademie. Sehen Sie sich das an.«

Sie standen vor einem Geschäft, das ein riesiges Loch hatte, wo einst ein Schaufenster gewesen war. Ein primitives, handbemaltes Schild war an den Fensterrahmen genagelt. Darauf stand: Noch offener als sonst.

Bloggs lachte. »Ich habe neulich eines an einer zerbombten Polizeiwache gesehen: ‘Benehmt euch. Hier ist immer noch offen.’«

»Es ist zu einer kleinen Kunstform geworden.«

Sie gingen weiter. Bloggs sagte: »Und wenn nun die Nadel zusammen mit hohen Tieren von der Wehrmacht ausgebildet wurde?«

»Bei solchen Lehrgängen werden immer Bilder gemacht. Midwinter im Kellergeschoß in Kensington — wo MI 6 vor dem Krieg war — hat eine Sammlung mit Tausenden von Photographien deutscher Offiziere: Lehrgangsphotos, Saufgelage in der Messe, Abschiedsparaden, Händedruck mit Adolf, Zeitungsbilder — einfach alles.«

»Ich verstehe. Wenn Sie also recht haben und die Nadel das deutsche Pendant zu Eton oder Sandhurst besucht hat, haben wir wahrscheinlich ein Bild von ihm.«

»Mit größter Sicherheit. Spione sind notorisch kamerascheu, aber sie werden erst Spione, wenn sie längst erwachsen sind. Auf Midwinters Photos wird die Nadel noch jung sein.«

Sie umgingen einen gewaltigen Krater vor einem Friseurladen. Der Laden hatte nichts abbekommen, doch der traditionelle rot und weiß gestreifte Stab lag zersplittert auf dem Bürgersteig. Auf dem Schild im Fenster stand: »Wir wären fast wegrasiert worden — warum kommen Sie nicht auch zur Rasur?«

»Wie können wir ihn erkennen?« fragte Bloggs. »Niemand hat ihn je gesehen.«

»Doch. In Mrs. Gardens Pension in Highgate kennt man ihn sehr gut.«

__________

Das viktorianische Haus stand auf einem Hügel, der einen Ausblick auf London bot. Es war aus roten Ziegelsteinen gebaut. Bloggs schien, daß es wütend über den Schaden sah, den Hitler in seiner Stadt anrichtete. Es lag sher hoch; von hier ließen sich gut Funksprüche absetzen. Die Nadel mußte in der obersten Etage gewohnt haben. Bloggs fragte sich, welche Geheimnisse der Spion in den dunklen Tagen des Jahres 1940 von hier aus nach Hamburg übermittelt haben mochte. Koordinaten von Flugzeugfabriken und Stahlwerken, Einzelheiten über die Küstenverteidigung, politischen Klatsch über Gasmasken, Anderson-Schutzräume, Sandsäcke und die britische Moral. Berichte über Bombenschäden: »Gut gemacht, Leute, Ihr habt Christine Bloggs endlich erwischt« — Schluß jetzt!

Die Tür wurde von einem alten Mann in einer schwarzen Jacke und mit gestreifter Hose geöffnet.

»Guten Morgen. Ich bin Inspektor Bloggs von Scotland Yard. Dürfte ich bitte mit dem Hausbesitzer sprechen?«

Bloggs sah, daß plötzlich Furcht in den Augen des Mannes stand. Dann erschien eine junge Frau an der Tür und sagte: »Bitte, treten Sie ein.«

Der getäfelte Flur roch nach Bohnerwachs. Bloggs hängte Hut und Mantel an einen Ständer. Der alte Mann verschwand in der Tiefe des Hauses, und die Frau führte Bloggs in ein Wohnzimmer. Es war wertvoll eingerichtet, auf üppige, altmodische Art. Auf einem Servierwagen standen Flaschen mit Whisky, Gin und Sherry; alle waren ungeöffnet. Die Frau setzte sich auf einen Sessel mit Blumenmuster und schlug die Beine übereinander.

»Warum hat der alte Mann Angst vor der Polizei?« fragte Bloggs.

»Mein Schwiegervater ist deutscher Jude. Er kam 1935 hierher, um Hitler zu entkommen. 1940 wurde er von Ihren Leuten in ein Konzentrationslager gebracht. Seine Frau beging Selbstmord. Er ist gerade von der Insel Man entlassen worden. Der König schrieb ihm einen Brief und entschuldigte sich für die Ungelegenheiten, die man ihm bereitet hat.«

Bloggs erwiderte: »Wir haben keine Konzentrationslager.«

»Wir haben sie erfunden. In Südafrika. Wußten Sie das nicht? Wir sind stolz auf unsere Geschichte, aber wir vergessen gern Teile davon. Es fällt uns leicht, die Augen vor unangenehmen Tatsachen hinwegzutäuschen.«

»Vielleicht ist das ganz gut so.«

»Bitte?«

»1939 täuschten wir uns über die unangenehme Tatsache hinweg, daß wir einen Krieg gegen Deutschland nicht gewinnen konnten — und sehen Sie, was passiert ist.«

»Das sagt mein Schwiegervater auch. Er ist nicht so zynisch wie ich. Was können wir tun, um Scotland Yard zu helfen?«

Der Wortwechsel hatte Bloggs Spaß gemacht. Widerwillig wandte er sich seiner Arbeit zu. »Es geht um einen Mord, der sich hier vor vier Jahren ereignete.«

»Das ist lange her!«

»Vielleicht haben wir jetzt neues Beweismaterial.«

»Ich weiß natürlich davon. Die frühere Eigentümerin wurde von einem Mieter ermordet. Mein Mann kaufte das Haus von ihrem Nachlaßverwalter — sie hatte keine Erben.«

»Ich möchte die anderen Leute finden, die damals hier Mieter waren.«

»Ja.« Die Feindseligkeit der Frau war jetzt verschwunden. Ihr intelligentes Gesicht zeigte, daß sie angestrengt versucht sich zu erinnern. »Als wir hierherkamen, waren noch drei da, die schon vor dem Mord hier wohnten: ein pensionierter Marineoffizier, ein Vertreter und ein Junge aus Yorkshire. Der Junge ist in die Armee eingetreten — er schreibt noch an uns. Der Vertreter wurde einberufen und star auf See. Das weiß ich, weil zwei seiner fünf Frauen mit uns Kontakt aufnahmen! Und der Commander ist noch hier.«

»Noch hier!« Das war ein Glücksfall. »Könnte ich mit ihm sprechen?«

»Natürlich.« Sie stand auf. »Er ist ziemlich alt geworden. Ich bringe Sie zu seinem Zimmer.«

Sie stiegen die mit einem Läufer begelegte Treppe zum ersten Stockwerk hinauf. Sie sagte: »Während Sie mit ihm reden, suche ich den letzten Brief von dem Jungen heraus.« Sie klopfte an die Tür. Meine Hauswirtin hätte das nicht getan, dachte Bloggs ironisch.

Eine Stimme rief: »Es ist offen«, und Bloggs trat ein.

Der Commander saß mit eine Decke über den Knien in einem Sessel neben dem Fenster. Er trug einen Blazer, Schlips und Kragen und eine Brille. Sein Haar war dünn, sein Schnurrbart grau und seine Haut schlaff und faltig in einem Gesicht, das einmal energisch gewesen sein mochte. Das Zimmer war das Heim eines Mannes, der von Erinnerungen lebt: Bloggs sah Gemälde von Segelschiffen, einen Sextanten, ein Teleskop und eine Photographie des Commanders als Junge an Bord von HMS Winchester.

»Sehen Sie sich das an«, sagte der Commander, ohne sich umzudrehen. »Warum ist der Bursche nicht in der Marine?«

Bloggs ging hinüber zum Fenster. Ein von einem Pferd gezogener Bäckerwagen stand am Bordstein vor dem Haus; das alte Pferd steckte den Kopf in seinen Futterbeutel, während die Ware ausgeliefert wurde. Der Bursche war eine Frau mit kurzem blonden Haar, die eine Hose trug. Sie hatte einen prächtigen Busen. Bloggs lachte. »Es ist eine Frau in Hosen«, sagte er.

»Du meine Güte, Sie haben recht!« Der Commander drehte sich um. »Heutzutage kann man nie wissen. Frauen in Hosen!«

Bloggs stellte sich vor. »Wir untersuchen erneut einen Mord, der hier 1940 begangen wurde. Wie ich höre, haben Sie damals zur selben Zeit wie der Hauptverdächtige, ein gewisser Henry Faber, hier gewohnt.«

»Stimmt! Was kann ich für Sie tun?«

»Wie gut entsinnen Sie sich an Faber?«

»Sehr gut. Ein hochgewachsener Bursche, dunkles Haar, höflich, ruhig. Ziemlich schäbige Kleidung — wenn man ihn nur nach dem Äußeren beurteilte, konnte man sich leicht irren. Ich hatte nichts gegen ihn — hätte ihn gern besser kennengelernt, aber das wollte er nicht. Er muß in Ihrem Alter gewesen sein.«

Bloggs unterdrückte ein Lächeln. Er war daran gewöhnt, daß man ihn für älter hielt, einfach weil er Detektiv war.

Der Commander fuhr fort: »Ich bin sicher, daß er es nicht getan hat. Ich verstehe etwas von Persönlichkeiten, und wenn der Mann ein Sexualverbrecher war, bin ich Hermann Göring.«

Bloggs stellte plötzlich einen Zusammenhang zwischen der Blondine in Hosen und der falschen Einschätzung seines Alters her. Die Schlußfolgerung deprimierte ihn. »Wissen Sie, Sie sollten von einem Polizisten immer verlangen, daß er seinen Ausweis zeigt.«

Der Commander war ein wenig verblüfft. »Also gut, zeigen Sie ihn mir.«

Bloggs öffnete seine Brieftasche und klappte sie um, so daß Christines Bild zu sehen war. »Hier.«

Der Commander musterte es einen Moment lang, dann sagte er: »Sehr gut getroffen.«

Bloggs seufzte. Der alte Mann war fast blind.

Er stand auf. »Das ist zur Zeit alles. Vielen Dank.«

»Immer zu Ihrer Verfügung. Möchte helfen, so gut ich kann. Heute bin ich nicht mehr viel für England wert — man muß schon ein ziemlich hoffnungsloser Fall sein, wenn man nicht einmal mehr für die Bürgerwehr tauglich ist.«

»Auf Wiedersehen.« Bloggs ging hinaus.

Die Frau stand unten im Flur. Sie übergab Bloggs einen Brief. »Die Adresse ist ein Postfach der Streitkräfte. Sie werden leicht herausfinden können, wo es ist.«

»Sie wußten, daß mir der Commander nicht helfen kann.«

»Ich habe es mir gedacht. Aber er ist dankbar für jeden Besucher.« Sie öffnete die Tür.

Bloggs gab einem inneren Drang nach. »Darf ich Sie zum Essen einladen?«

Ein Schatten glitt über ihr Gesicht. »Mein Mann ist immer noch auf der Insel Man.«

»Entschuldigen Sie — ich dachte — «

»Keine Ursache. Ich fühle mich trotzdem geschmeichelt.«

»Ich wollte Sie überzeugen, daß wir nicht die Gestapo sind.«

»Das weiß ich. Eine Frau, die einsam ist, wird leicht verbittert.«

»Ich habe meine Frau bei de Bombenangriffen verloren.«

»Dann wissen Sie, wie einen der Haß überwältigt.«

»Ja«, sagte Bloggs. »Der Haß überwältigt einen.« Er schritt die Stufen hinab. Die Tür schloß sich hinter ihm. Es hatte zu regnen angefangen.

__________

Im Krieg werden Jungen zu Männern, Männer werden Soldaten, und Soldaten werden befördert. Deshalb wurde Billy Parkin, der achtzehn Jahre alt war und Lehrling in der Gerberei seines Vaters in Scarborough hätte sein sollen, in der Armee aber für einundzwanzig gehalten wurde, zum Sergeant befördert. Er hatte den Befehl erhalten, seinen Vorhuttrupp durch einen heißen, trockenen Wald auf ein staubiges, gekalktes italienisches Dorf zuzuführen.

Die Italiener hatten kapituliert, aber die Deutschen noch nicht. Sie waren es, die Italien gegen die gemeinsame britisch-amerikanische Invasion verteidigten. Die Alliierten marschierten auf Rom vor, und für Sergeant Parkins Trupp war es ein langer Marsch.

Sie kamen auf der Kuppe eines Hügels aus dem Wald und legten sich flach auf den Bauch, um hinab ins Dorf zu schauen. Parkin holte seinen Feldstecher hervor und sagte: »Verdammte Scheiße, was würde ich für eine Tasse Tee geben.« Inzwischen hatte er sich an Alkohol, Zigaretten und Frauen gewöhnt, und seine Ausdrucksweise unterschied sich nicht mehr von der jedes anderen Soldaten. An Gebetsversammlungen nahm er nicht mehr teil.

Manche dieser Dörfer wurden verteidigt, manche nicht. Parkin mußte zugestehen, daß es eine vernünftige Taktik war: Man wußte nicht, welche verteidigt wurden, und deshalb mußte man sich allen vorsichtig nähern, und Vorsicht kostete Zeit.

Der Hang des Hügels bot wenig Deckung — nur ein paar Sträucher. Das Dorf begann an seinem Fuß. Es bestand aus einigen weißen Häusern, einem Fluß mit einer Holzbrücke, dann noch mehr Häusern an einer kleinen Piazza mit einem Rathaus und einem Uhrenturm. Vom Turm bis zur Brücke war die Sicht unbehindert. Wenn der Feind überhaupt hier war, mußte er im Rathaus sein. Ein paar Gestalten arbeiteten auf den umliegenden Feldern. Der Himmel wußte, wer sie waren. Sie konnten echte Bauern sein oder Mitglieder aller möglichen Gruppen: fascisti, mafiosi, corsos, partigianos, communisti …oder sogar Deutsche. Man wußte nicht, auf wessen welcher Seite sie standen, bevor die Schießerei losging.

Parkin sagte: »Also los, Corporal.«

Corporal Watkins verschwand wieder im Wald und tauchte fünf Minuten später auf dem Sandweg auf, der ins Dorf führte. Er trug einen Zivilhut und eine schmutzige alte Decke über der Uniform. Er stolperte mehr, als daß er ging, und auf seinen Schultern lag ein Bündel, das alles enthalten konnte — von einem Sack Zwiebeln bis zu einem toten Kaninchen. Am diesseitigen Rand des Dorfes verschwand er in der Dunkelheit eines niedrigen Häuschens.

Nach einer Weile kam er heraus. Dicht an der Wand stehend, wo er vom Dorf aus nicht gesehen werden konnte, blickte er hinauf zu den Soldaten auf dem Hügel und winkte: eins, zwei, drei.

Der Trupp kletterte den Hang hinunter zum Dorf.

»Alle Häuser leer, Sarge«, meldete Watkins.

Parkin nickte. Es hatte nichts zu sagen.

Sie schoben sich durch die Häusern bis zum Fluß vor. Parkin befahl: »Du bist dran, Smiler. Schwimm über den Mississippi hier.«

Soldat »Smiler« Hudson legte seine Ausrüstung säuberlich zusammen, nahm den Helm ab, zog Stiefel und Uniformjacke aus und glitt in den schmalen Strom. Er tauchte an der gegenüberliegenden Seite auf, kletterte am Ufer empor und verlor sich zwischen den Häusern. Diesmal mußten sie länger warten: Die Fläche, die ausgekundschaftet werden mußte, war größer. Schließlich kam Hudson über die Holzbrücke zurück. »Wenn se hier sind, verstecken’se sich«, sagte er.

Er nahm seine Sachen wieder an sich, und der Trupp überquerte die Brücke ins Dorf. Sie hielten sich an der Häuserfront entlang, während sie sich der Piazza näherten. Ein Vogel flog von einem Dach auf und ließ Parkin zusammenschrecken. Einige der Männer traten ein paar Türen auf, an denen sie vorbeikamen. Niemand zeigte sich.

Sie standen am Rand der Piazza. Parkin nickte zum Rathaus hinüber. »Bist du reingegangen, Smiler?«

»Ja, Sir.«

»Sieht also aus, als wenn das Dorf uns gehört.«

»Ja, Sir.«

Parkin machte einen Schritt nach vorn, um die Piazza zu überqueren — da brach der Sturm los. Gewehre knallten, und überall pfiffen Kugeln. Jemand schrie. Parkin rannte, Haken schlagend und sich duckend, nach vorn. Vor ihm brüllte Watkins vor Schmerz und umklammerte sein Bein. Parkin hob ihn hoch. Eine Kugel prallte klingend von seinem Stahlhelm ab. Er raste auf das nächste Haus zu, warf sich gegen die Tür und fiel nach innen.

Die Schießerei hörte auf. Parkin riskierte einen Blick nach draußen. Ein Mann lag verletzt auf der Piazza: Hudson. Brutale Gerechtigkeit. Hudson bewegte sich, und ein einzelner Schuß ertönte. Dann war es still. Parkin sagte: »Scheißkerle.«

Watkins fingerte fluchend an seinem Bein herum. »Kugel noch drin?« fragte Parkin.

Watkins schrie »Au!«, grinste und hielt etwas in die Höhe. »Nicht mehr.«

Parkin spähte wieder hinaus. »Sie sind im Uhrenturm. Kaum zu glauben, daß sie genug Platz haben. Können nicht viele sein.«

»Aber sie können schießen.«

»Ja, sie haben uns festgenagelt.« Parkin runzelte die Stirn. »Hast du Knallfrösche dabei?«

»Ja.«

»Laß mal sehen.« Parkin öffnete Watkins’ Tornister und nahm das Dynamit heraus. »Hier. Mach ’ne Zündschnur für zehn Sekunden.«

Die anderen waren in dem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Parkin rief: »He!«

Ein Gesicht erschien an der Tür. »Sarge?«

»Ich schmeiße ’nen Knaller. Gebt mir Deckung, wenn ich schreie.«

»In Ordnung.«

Parkin zündete eine Zigarette an und ließ sich von Watkins ein Bündel Dynamit geben. Er brüllte »Feuer!«, steckte die Zündschnur mit der Zigarette an, sprang auf die Straße, holte aus und warf die Bombe auf den Uhrenturm. Er eilte gebückt ins Haus, während ihm das Feuer seiner eigenen Männer in den Ohren widerhallte. Eine Kugel rasierte über das Gebälk, und ein Splitter traf ihn unter dem Kinn. Er hörte, wie das Dynamit explodierte.

Bevor er aufblicken konnte, schrie jemand auf der anderen Straßenseite: »Volltreffer!«

Parkin trat hinaus. Der alte Uhrenturm war zusammengebrochen. Ein widersinniges Läuten erklang, während sich der Staub auf den Trümmer niederließ.

»Haben Sie mal Cricket gespielt?« fragte Watkins. »Das war ein verdammt guter Wurf.«

Parkin ging zur Mitte der Piazza. Dort lagen menschliche Einzelteile, die auf etwa drei Deutsche schließen ließen. »Der Turm war sowieso etwas wacklig. Wahrscheinlich wäre er umgefallen, wenn wir alle zusammen geniest hätten.« Er wandte sich ab. »Noch ’n Tag, noch ’n Dollar.« Es war eine Redensart der Yankees.

»Sarge? Telefon.« Es war der Fernsprechbetriebsfunker.

Parkin ging zurück und nahm ihm das Feldtelefon ab. »Sergeant Parkin.«

»Major Roberts. Sie sind ab sofort vom aktiven Dienst freigestellt, Sergeant.«

»Warum?« Parkins erster Gedanke war, daß sie sein wahres Alter entdeckt hatten.

»Hohe Tiere wollen, daß Sie nach London kommen. Fragen Sie mich nicht, warum, denn ich weiß es auch nicht. Übergeben Sie Ihrem Korporal das Kommando, und kommen zurück zum Stützpunkt. Ein Wagen kommt Ihnen auf der Straße entgegen.«

»Ja, Sir.«

»Der Befehl besagt auch, daß Sie auf keinen Fall Ihr Leben riskieren sollen. Verstanden?«

Parkin grinste und dachte an den Uhrenturm und das Dynamit. »Verstanden.«

»Na, schön. Also los, Sie Glückspilz.«

__________

Alle hatten ihn als Jungen bezeichnet, aber sie hatten ihn nur gekannt, bevor er in die Armee eintrat, dachte Bloggs. Ohne Zweifel war er jetzt ein Mann. Er bewegte sich selbstbewußt und elegant, wirkte aufmerksam und war im Beisein von Vorgesetzten respektvoll, aber nicht eingeschüchtert. Bloggs wußte, daß er log, was sein Alter betraf, nicht wegen seines Aussehens oder seines Verhaltens, sondern wegen der kleinen Anzeichen, die immer dann zutage traten, wenn vom Alter gesprochen wurde — Anzeichen, die Bloggs als erfahrener Vernehmer gewohnheitsmäßig wahrnahm.

Parkin war amüsiert gewesen, als er erfahren hatte, daß er sich Bilder ansehen sollte. Nun, an seinem dritten Tag in Mr. Midwinters staubigem Gewölbe in Kensington, war die Belustigung verflogen, und Langeweile hatte eingesetzt. Am meisten ärgerte ihn, daß er nicht rauchen durfte.

Es war noch langweiliger für Bloggs, der dabeizusitzen und ihn zu beobachten hatte.

Einmal bemerkte Parkin: »Sie würden mich nicht aus Italien zuruückrufen, um bei einem vier Jahre alten Mordfall zu helfen, der bis nach dem Krieg Zeit hätte. Außerdem sind auf diesen Bildern meist deutsche Offiziere. Sagen Sie mir’s lieber, wenn es etwas ist, worüber ich den Schnabel halten soll.«

»Es ist etwas, worüber Sie den Schnabel halten sollen«, sagte Bloggs.

Parkin wandte sich wieder seinen Bildern zu.

Alle waren alt, meistens vergilbt und verblichen. Viele stammten aus Büchern, Zeitschriften und Zeitungen. Manchmal nahm Parkin ein Vergrößerungsglas, das Mr. Midwinter aufmerksamerweise zur Verfügung gestellt hatte, um sich ein winziges Gesicht in einer Gruppe genauer anzusehen. Immer, wenn das geschah, wurde Bloggs’ Puls schneller, bis Parkin das Glas zur Seite legte und sich das nächste Bild vornahm.

Ihren Lunch aßen sie in einem Pub in der Nähe. Das Ale war dünn wie fast alles Bier während des Krieges, aber Bloggs hielt es für klug, dem jungen Parkin nicht mehr als zwei Krüge zu gestatten — allein hätte er eine ganze Gallone ausgetrunken.

»Mr. Faber war ein ruhiger Typ«, sagte Parkin. »Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Na ja, die Hauswirtin sah nicht schlecht aus. Und sie brauchte es. Vielleicht hätte ich sie selbst haben können, wenn ich gewußt hätte, wie man’s anstellt. Aber ich war erst — achtzehn.«

Sie aßen Brot und Käse, und Parkin schluckte ein Dutzend eingelegter Zwiebeln. Auf dem Rückweg blieben sie vor dem Haus stehen, während Parkin eine weitere Zigarette rauchte.

»Wissen Sie«, fuhr er fort, »er war ein ziemlich großer Bursche, gutaussehend, mit guter Aussprache. Wir dachten alle, daß er keine große Leuchte ist, weil seine Kleidung ärmlich war, weil er mit einem Fahrrad fuhr und kein Geld hatte. Vielleicht war das aber auch nur eine geschickte Verkleidung?« Seine Augenbrauen waren fragend hochgezogen.

»Vielleicht«, sagte Bloggs.

An jenem Nachmittag fand Parkin nicht nur ein Bild von Faber, sondern deren drei.

Eines davon war erst neun Jahre alt.

Und Mr. Midwinter hatte das Negativ.

__________

Henrik Rudolf Hans von Müller-Guder (»Wir wollen ihn einfach Faber nennen«, sagte Godliman lachend) wurde am 26. Mai 1900 in dem Dorf Oln in Westpreußen geboren. Die Familie seines Vaters besaß seit Generationen in der Gegend ausgedehnte Güter. Sein Vater war der zweite Sohn, ebenso wie Henrik. Alle zweitältesten Söhne wurden Heeresoffiziere. Seine Mutter, die Tochter eines hohen Beamten im wilhelminischen Kaiserreich, wurde dazu geboren und erzogen, einen Adeligen zu heiraten — was sie auch tat.

Im Alter von dreizehn Jahren besuchte Henrik die Kadettenanstalt in Potsdam; zwei Jahre später wurde er in das angesehene Groß-Lichterfelde bei Berlin geschickt. Beides waren Anstalten, in denen strenge Diszplin herrschte, in denen der Geist der Schüler mit Rohrstöcken, kalten Bädern und schlechtem Essen verbessert wurde. Hnrik lernte trotzdem Englisch und Französisch und beschäftigte sich vorzugsweise mit Geschichte; er legte die Reifeprüfung mit den besten Noten ab, die seit der Jahrhundertwende verzeichnet waren. Daneben gabe es nur drei andere bemerkenswerte Punkte in seiner Schullaufbahn: In einem bitterkalten Winter widersetzte er sich den Vorschriften, schlich bei Nacht und Nebel aus der Schule und wanderte 150 Meilen bis zum Haus seiner Tante. Seinem Ringkampflehrer brach er den Arm beim Training. Und er wurde wegen Ungehorsam gezüchtigt.

Im Jahre 1920 diente er kurz als Fähnrich in der neutralen Zone von Friedrichsfeld bei Wesel; er absolvierte 1921 einen symbolischen Offizierslehrgang an der Kavallerie-Schule in Hannover und erhielt 1922 sein Leutnantspatent.

In den nächsten Jahren übernahm er kurzfristig ein halbes Dutzend verschiedener Posten, wie es für jemanden üblich ist, der für den Generalstab vorbereitet wird. Er zeichnete sich weiterhin als Sportler aus, wobei er sich auf Langstreckenlauf spezialisierte. Er hatte keine engen Freunde, war nie verheiratet und zeigte keine Neigungen, in die NSDAP ainzutreten. Seine Beförderung zum Oberleutnant wurde durch einen Zwischenfall, der vertuscht wurde, offensichtlich aber etwas mit der Schwangerschaft der Tocher eines Oberleutnants im Generalstab zu tun hatte, um einiges hinausgezögert, kam aber im Jahre 1928 durch. Seine Gewohnheit, mit höheren Offizieren wie mit Gleichrangigen zu reden, wurde als verzeihlich akzeptiert, da er nicht nur ein aufstrebender junger Offizier, sondern auch ein preußischer Adeliger war.

In den späten zwanziger Jahren freundete sich Admiral Wilhelm Canaris mit Henriks Onkel Otto an, dem älteren Bruder seines Vaters, und verbrachte einige Male seinen Urlaub auf dem Familiengut in Oln. Im Jahre 1931 war Adolf Hitler, damals noch nicht deutscher Kanzler, dort zu Gast.

1933 wurde Henrik zum Hauptmann befördert und zur besonderen Verwendung nach Berlin beordert. Aus dieser Zeit stammte die letzte Photographie von ihm.

Dann schien er nach den veröffentlichten Informationen, plötzlich nicht mehr zu existieren.

»Wir können uns den Rest zusammenreimen«, sagte Percival Godliman. »Die Abwehr bildet ihn im Funken, im Ver- und Entschlüsseln von Codes, in Kartographie, Einbruch, Erpressung, Sabotage und im unauffälligen Mord aus. Er kommt etwa 1937 nach London und hat genug Zeit, um sich eine solide Identität aufzubauen — vielleicht zwei. Sein Einzelgängerinstinkt wird durch die Spionage noch verschärft. Als der Krieg ausbricht, glaubt er, die Berechtigung zum Töten zu haben.« Er betrachtet das Photo auf seinem Schreibtisch. »Ein stattlicher Bursche!«

Es war ein Bild der Leichtathletikmannschaft des Jägerbataillons 10, Hannover. Faber war in der Mitte und hielt einen Pokal hoch. Er hatte eine hohe Stirn, kurzgeschorenes Haar, ein langes Kinn und einen kleinen Mund, den ein schmaler Schnurrbart zierte.

Godliman gab das Bild an Billy Parkin weiter. »Hat er sich sehr verändert?«

»Er sieht etwas älter aus, aber das könnte an seinem …Auftreten liegen.« Er musterte die Photographie nachdenklich. »Sein Haar ist jetzt länger, und der Schnurrbart ist verschwunden.« Er schob das Bild über den Schreibtisch zurück. »Aber er ist es, kein Zweifel.«

»Es gibt noch zwei weitere Punkte in seiner Akte, beides Mutmaßungen«, sagte Godliman. »Erstens wird angenommen, daß er sich dem Geheimdienst 1933 angeschlossen hat — das ist die automatische Vermutung, wenn für einen Offizier grundlos keine Unterlagen mehr vorliegen. Der zweite Punkt betrifft ein Gerücht, das durch keine zuverlässige Quelle bestätigt wurde: Er soll für ein paar Jahre unter dem Namen Vassilij Zankov ein enger Berater Stalins gewesen sein.«

»Das ist unglaublich«, meinte Bloggs. »Ich kann’s mir nicht vorstellen.«

Godliman zuckte die Achseln. »Irgend jemand überredete Stalin dazu, die Elite seines Offizierskorps hinrichten zu lassen, während Hitler seine Macht ausbaute.«

Bloggs schüttelte den Kopf und wechselte das Thema. »Was unternehmen wir jetzt?«

Godliman dachte nach. »Sergeant Parkin muß zu uns versetzt werden. Er ist der einzige, der die Nadel tatsächlich gesehen hat. Außerdem weiß er zuviel, um an der Front eingesetzt werden zu können: Er könnte gefangen und verhört werden und uns das Spiel verderben. Zweitens, lassen Sie einen erstklassigen Abzug von diesem Photo machen; ein Retuschierkünstler soll das Haare verlängern und den Schnurrbart wegnehmen. Dann können wir Kopien davon verteilen.«

»Sollen wir eine Großfahndung auslösen?« fragte Bloggs zweifelnd.

»Nein. Zunächst müssen wir vorsichtig sein. Wenn es in allen Zeitungen steht, erfährt er davon und verschwindet. Senden Sie das Photo im Moment nur an alle Polizeidienststellen.«

»Ist das alles?«

»Ich glaube schon. Wenn Ihnen nicht noch etwas einfällt.«

Parkin räusperte sich. »Sir?«

»Ja.«

»Ich würde lieber zu meiner Einheit zurückgehen. Ich bin eigentlich kein Schreibstubenhengst, wenn Sie wissen, was ich meine.«

»Sie haben keine Wahl, Sergeant. In diesem Stadium spielt ein italienisches Dorf mehr oder weniger keine Rolle — aber durch diesen Faber könnten wir den Krieg verlieren. Das ist mein voller Ernst.«

11

Faber war zum Angeln gefahren.

Er hatte sich auf dem Deck eines dreißig Fuß langen Bootes ausgestreckt, genoß den Frühlingssonnenschein und bewegte sich mit etwa drei Knoten über den Kanal. Eine Hand lag lässig auf dem Ruder, die andere auf einer Angelrute, deren Leine im Wasser hinter dem Boot herschleppte.

Er hatte den ganzen Tag noch nichts gefangen.

Er angelte nicht nur, sondern beobachtete auch Vögel — beides aus Interesse (er wußte inzwischen recht viel über die blöden Vögel) und als Erklärung dafür, daß er einen Feldstecher trug. Heute morgen zum Beispiel hatte er das Nest eines Eisvogels gesehen.

Die Leute im Verleih in Norwich hatten ihm das Boot mit Freuden für zwei Wochen vermietet. Das Geschäft ging schlecht: Sie hatten nur noch zwei Boote, und eines davon war seit Dünkirchen nicht mehr benutzt worden. Faber hatte über den Preis gefeilscht, aber nur der Form halber. Am Ende hatten sie noch einen Kasten voller Konserven dazu gegeben. Man hatte ihn noch nicht einmal gebeten, seine Kennkarte zu zeigen.

So weit, so gut.

Die wirklichen Schwierigkeiten standen ihm noch bevor. Denn es war nicht nur schwierig, die Stärke einer Armee zu erkunden, zunächst mußte man sie finden.

Im Frieden stellte die Armee ihre eigenen Wegweiser auf. Jetzt hatte sie nicht nur ihre eigenen, sondern auch alle anderen Wegweiser entfernt.

Die einfachste Lösung wäre, sich in ein Auto zu setzen und dem ersten besten Militärfahrzeug zu folgen, bis es anhielt. Faber hatte jedoch kein Auto. Es war nahezu unmöglich für einen Zivilisten, eines zu mieten; selbst wenn man sich ein Auto verschaffen konnte, war dafür kein Benzin zu bekommen. Außerdem lief ein Zivilist, der im Landgebiet hinter Armeelastwagen herfuhr und sich Armeelager anschaute, Gefahr, verhaftet zu werden.

Deshalb hatte er sich das Boot besorgt.

Einige Jahre bevor man verboten hatte, Karten zu verkaufen, hatte Faber entdeckt, daß Großbritannien Binnenwasserstraßen besaß, die Tausende von Meilen lang waren. Das natürliche Flußnetz war während des 19. Jahrhunderts durch ein Spinnengewebe von Kanälen erweitert worden. In manchen Gegenden gab es fast so viele Wasserwege wie Straßen. Norfolk gehörte zu diesen Gebieten.

Das Boot hatte viele Vorteile. Auf einer Straße mußte man ein Ziel haben; auf einem Fluß konnte man einfach dahinsegeln. Man fiel auf, wenn man in einem geparkten Auto schlief; in einem vertäuten Boot zu schlafen war normal. Der Wasserweg war menschenleer. Und wer hatte je von einer Kanalsperre gehört?

Es gab auch Nachteile. Flugplätze und Kasernen müssen in der Nähe von Straßen sein, aber der Zugang zum Wasser spielt für ihren Standort keine Rolle. Faber mußte die Gegend bei Nacht erforschen. Er ließ sein vertäutes Boot hinter sich und streifte im Mondlicht über die Hügel. Es waren erschöpfende Rundgänge von vierzig Meilen, bei denen er das, was er suchte, leicht verpassen konnte — wegen der Dunkelheit oder einfach, weil er nicht genug Zeit hatte, jede Quadratmeile Land abzusuchen.

Wenn er ein oder zwei Stunden nach dem Morgengrauen zurückkehrte, schlief er gewöhnlich bis zum Mittag und segelte dann weiter, wobei er gelegentlich beidrehte, um auf einen nahe gelegenen Hügel zu klettern und die Aussicht zu prüfen. An Schleusen, einsamen Farmhäusern und Pubs am Flußufer unterhielt er sich mit den Menschen, weil er einen Hinewise auf militärische Vorgänge erhoffte. Bis jetzt hatte er keinen erhalten.

Faber begann sich zu fragen, ob er in der richtigen Gegend sei. Er versuchte, sich in General Pattons Lage zu versetzen: Wenn ich plante, von einem Standort in Ostengland aus in Frankreich östlich der Seinemündung zu landen, wo würde ich meine Truppen stationieren? Norfolk war offensichtlich: ein einsames Landgebiet von weiter Ausdehnung, viel flaches Gelände für Flugzeuge, dicht am Meer, so daß das Unternehmen rasch gestartet werden konnte. Und The Wash war außerdem ein natürlicher Ort, um eine Flotte zu sammeln. Seine Vermutungen mochten jedoch aus Gründen, die er nicht kannte, unzutreffend sein. Bald würde er sich überlegen müssen, ob er rasch über das Land hinweg ein neues Gebiet aufsuchen sollte: vielleicht das Fenn.

Eine Schleuse tauchte vor ihm auf; er holte die Segel ein, wurde langsamer, glitt weich in die Schleuse und stieß sanft gegen die Tore. Das Haus des Schleusenwärters stand am Ufer. Faber legte seine Hände trichterförmig um den Mund und rief: »Hallo!« Dann begann er zu warten. Er hatte gelernt, daß Schleusenwärter zu der Sorte Mensch gehörten, die sich nicht antreiben ließ. Überdies war Teezeit; dann konnte man sie kaum dazu bringen, sich in Bewegung zu setzen.

Eine Frau trat an die Tür des Hauses und winkte ihn zu sich. Faber winkte zurück, sprang ans Ufer, vertäute das Boot und ging ins Haus. Der Schleusenwärter saß in Hemdsärmeln am Küchentisch und sagte: »Sie haben’s doch nicht eilig?«

Faber lächelte. »Überhaupt nicht.«

»Gieß ihm eine Tasse Tee ein, Mavis.«

»Nicht nötig«, sagte Faber höflich.

»Keine Sorge, wir haben gerade eine Kanne voll gemacht.«

»Vielen Dank.« Faber setzte sich. Die kleine Küche war gut durchlüftet und sauber, und sein Tee wurde ihm in einer hübschen Porzellantasse serviert.

»Angelurlaub?« fragte der Schleusenwärter.

»Angeln und Vögel beobachten«, antwortete Faber. »Ich möchte bald irgendwo anlegen und ein paar Tage an Land verbringen.«

»Ach so. Dann bleiben Sie am besten auf der anderen Seite des Kanals. Sperrgebiet auf dieser Seite.«

»Wirklich? Ich wußte nicht, daß es in dieser Gegend Armeegelände gibt.«

»Doch, es fängt ungefähr eine Meile von hier an. Ob’s die Armee ist, weiß ich nicht. Das hat mir keiner gesagt.«

»Wahrscheinlich brauchen wir’s nicht zu wissen.«

»Ja. Wenn Sie ausgetrunken haben, lasse ich Sie durch die Schleuse. Und danke, daß ich meinen Tee in Ruhe austrinken durfte.«

Sie verließen das Haus, Faber stieg ins Boot und band es los. Das Tor hinter ihm schloß sich langsam, dann ließ der Wärter das Schleusenwasser ausströmen. Das Boot sank allmählich mit dem Wasserspiegel in der Schleuse, danach öffnete sich das Vordertor.

Faber setzte Segel und trieb hinaus. Der Schleusenwärter winkte ihm nach.

Nach etwa vier Meilen hielt er wieder an und vertäute das Boot an einem kräftigen Baum am Ufer. Während er auf den Anbruch der Nacht wartete, aß er Wurst aus der Dose und trockene Kekse. Er zog seine schwarze Kleidung an, legte seinen Feldstecher, seine Kamera und ein Exemplar von Seltene Vögel Ostenglands in eine Umhängetasche, steckte seinen Kompaß ein und ergriff seine Taschenlampe. Er war bereit.

Faber löschte die Sturmlaterne, schloß die Kabinentür ab und sprang ans Ufer. Nachdem er im Licht der Taschenlampe auf seinen Kompaß gesehen hatte, betrat er den Waldgürtel, der am Kanal entlang verlief.

Er ging von seinem Boot aus ungefähr eine halbe Meile genau südlich, bis er auf einen Zaun traf. Es war ein Maschendrahtzaun, sechs Fuß hoch, der oben mit Stacheldraht gesichert war. Er zog sich in den Wald zurück und kletterte auf einen hohen Baum.

Der Himmel war leicht bewölkt. Ab und zu trat der Mond hervor. Hinter dem Zaun lag offenes Gelände, eine sanfte Anhöhe. Faber war schon oft in der gleichen Lage gewesen, bei Biggin Hill in Aldershot und bei einer Unzahl von Militärgebieten in ganz Südengland gesehen. Es gab zwei Methoden der Sicherung: eine Patrouille am Zaun entlang und ständige Posten bei den Anlagen.

Beide konnten mit Geduld und Vorsicht umgangen werden.

Faber kletterte vom Baum herunter und kehrte zu dem Zaun zurück. Er versteckte sich hinter einem Busch und wartete.

Er mußte wissen, wann die Patrouille an dieser Stelle vorbeikam. Wenn er Glück hatte, würde es bald sein. Er hatte Glück. Kurz nach 22 Uhr hörte er Stiefeltritte, und drei Männer marschierten an der Innenseite des Zaunes vorbei.

Fünf Minuten später kletterte Faber über den Zaun.

Er benutzte seine Taschenlampe nicht, hielt sich, wenn er konnte, möglichst eng an Hecken und Bäume und vermied Höhen, auf denen er sich als Silhouette bein einem plötzlichen Aufleuchten des Mond abheben konnte. Die karge Landschaft wirkte wie eine abstrakte Komposition in Schwarz, Grau und Silber. Der Boden war etwas aufgeweicht, als ob es Sümpfe in der Nähe gäbe. Ein Fuchs rannte über das Feld vor ihm, so schnell wie ein Windhund und so anmutig wie eine Katze.

Es war 23.30 Uhr, als er auf die ersten Anzeichen militärischer Aktivität stieß — höchst seltsame Anzeichen.

Der Mond trat hervor, und er sah, vielleicht eine Viertelmeile vor sich, mehrere Reihen eingeschossiger Gebäude, die der Bauweise nach Militärbaracken sein mußten.

Er ließ sich sofort zu Boden fallen, bezweifelte aber schon die Realität dessen, was er zu sehen glaubte; Er vermißte Lichter und Lärm.

Faber kroch weiter.

Als er näher kam, merkte er, daß die Kasernengebäude nicht nur unbewohnt, sondern auch unfertig waren. Die meisten von ihnen bestanden aus kaum mehr als einem Dach, das von Eckpfosten gestützt wurde. Manche besaßen nur eine einzige Wand.

Ein plötzliches Geräusch ließ ihn verhalten: das Lachen eines Mannes. er lag still und beobachtete. Ein Streichholz flammte kurz auf, verlöschte und hinterließ zwei glühende rote Punkte in einer der unfertigen Hütten: Wachtposten.

Faber berührte das Stilett in seinem Ärmel und kroch weiter, von den Posten fort auf die andere Seite des Lagers zu.

Die halbfertigen Hütten hatten keinen Fußboden und kein Fundament. Es gab keine Baufahrzeuge, keine Schubkarren, Betonmischmaschinen, Schaufeln oder Haufen von Ziegelsteinen. Ein Schlammpfad führte vom Lager aus über die Felder, doch in den Furchen wuchs neues Gras: Offensichtlich war er in letzter Zeit nicht oft benutzt worden.

Es war, als habe jemand beschlossen, hier zehntausend Mann unterzubringen, und dann seine Absicht ein paar Wochen nach Beginn der Bauarbeiten geändert.

Aber irgend etwas paßte nicht ganz zu dieser Erklärung.

Faber strich leise umher, immer auf der Hut, falls es den Posten in den Kopf kam, einen Rundgang zu machen. In der Mitte des Lagers stand eine Gruppe von Militärfahrzeugen. Sie waren alt und rostig und ausgeschlachtet — keines hatte einen Motor oder irgendwelche Innenteile. Doch wenn man schon veraltete Fahrzeuge ausschlachtet, verschrottet man dann nicht auch die Karosserien?

Die Hütten, die eine Wand besaßen, standen in der äußersten Reihe, und ihre Wände waren nach außen gerichtet. Es war wie eine Filmkulisse, nicht wie ein Bauplatz.

Faber meinte, alles erfahren zu haben, was er hier erfahren konnte. Er ging zum Ostrand des Lagers, ließ sich auf Hände und Knie fallen und kroch davon, bis er hinter einer Hecke außer Sicht war. Eine halbe Meile weiter, kurz vor der Kuppe eines Hügels, schaute er sich um. Nun sah es wieder genau wie eine Kaserne aus.

Der Keim einer Idee bildete sich. Faber gab ihm noch Zeit, sich zu entwickeln.

Fünf Meilen weiter sah er den Flugplatz.

Dort standen mehr Flugzeuge, als er der gesamten Royal Air Force zugetraut hätte: Pathfinders zum Abwerfen von Leuchtbomben, Lancasters und amerikanische B-17 für zermürbende Bombardements, Hurricanes und Spitfires und Moskitos für Aufklärungs- und Tiefflüge — genug Maschinen für eine Invasion.

Ihre Fahrgestelle waren ausnahmslos in die weiche Erde eingesunken, und sie standen bis zum Rumpf im Schlamm.

Wieder fehlten Lichter und Geräusche.

Faber tat das gleiche wie vorher; er kroch flach auf die Flugzeuge zu, bis er die Posten ausgemacht hatte. In der Mitte des Flugplatzes stand ein kleines Zelt. Das schwache Glühen einer Lampe drang durch die Zeltwand. Zwei Männer, vielleicht drei.

Als Faber sich den Maschinen näherte, schienen sie flacher zu werden, als seien sie alle zusammengedrückt worden.

Er erreichte die erste und berührte sie verblüfft. Es war ein Stück Sperrholz von einem halben Zoll Dicke, das wie der Umriß einer Spitfire ausgesägt, mit Tarnfarbe angestrichen und mit Seilen am Boden befestigt worden war.

Alle anderen Flugzeuge waren von derselben Art.

Es gab mehr als tausend davon.

Faber stand auf. Er beobachtete das Zelt aus den Augenwinkeln, bereit, sich bei der geringsten Bewegung zu Boden fallen zu lassen. Er schlich auf den ganzen falschen Flugplatz umher, betrachtete die falschen Kampfflugzeuge und Bomber und brachte sie mit der kulissenartigen Kaserne in Verbindung. Bei dem Gedanken an die Folgerungen aus dem, was er gefunden hatte, wurde ihm schwindelig.

Er wußte, daß er weitere Flugplätze wie diesen, weitere halbgebaute Kasernen finden würde, wenn er seine Nachforschungen fortsetzte. Wenn er zu The Wash führe, würde er eine Flotte aus Sperrholz-Zerstörern und -truppentransportern finden.

Es war ein gewaltiger, sorgfältig geplanter, kostspieliger, unerhörter Trick.

Natürlich konnte ein Betrachter auf keinen Fall lange irregeführt werden. Aber dies hier sollte auch nicht Beobachter am Boden Boden täuschen.

Es sollte us der Luf gesehen werden.

Sogar ein niedrig fliegendes Aufklärungsflugzeug, das mit den modernsten Kameras und den Filmen mit kurzer Belichtungszeit ausgerüstet war, würde mit Bildern zurückkommen, die unbestreitbar eine enorme Konzentration von Männern und Maschinen zeigten.

Kein Wunder, daß der Generalstab mit einer Landung östlich der Seine rechnete.

Die Täuschung würde noch durch andere Maßnahmen gestützt werden. Die Briten würden sich im Funkverkehr auf FUSAG beziehen und dabei Codes benutzen, die, wie sie wußten, gebrochen waren. Gefälschte Spionageberichte würden durch die portugiesische Diplomatenpost nach Hamburg geschleust werden. Es gab zahllose Möglichkeiten.

Die Briten hatten vier Jahre Zeit gehabt, sich für diese Invasion auszurüsten. Der größte Teil der Deutschen Wehrmacht kämpfte in Rußland. Wenn die Alliierten einmal auf französischem Boden Fuß faßten, würden sie nicht mehr aufzuhalten sein. Die einzige Chance der Deutschen bestand darin, sie schon am Strand anzugreifen und zu vernichten, während sie die Landungsboote verließen.

Wenn die Deutschen an der falschen Stelle warteten, wäre auch diese eine Chance vertan.

Die ganze Strategie wurde mit einemmal deutlich. Sie war einfach und von verheerender Wirkung.

Faber mußte Hamburg benachrichtigen.

Er fragte sich, ob man ihm glauben würde.

Kriegsstrategien werden selten auf das Wort eines einzigen Mannes hin geändert. Sein Ansehen war außergewöhnlich groß, aber war es so groß?

Er mußte Beweise sammeln und sie selbst nach Berlin bringen.

Er benötigte Photographien.

Zunächst würde er Bilder von dieser gigantischen Scheinarmee machen, dann nach Schottland fahren, sich von dem U-Boot abholen lassen und die Bilder persönlich dem Führer übergeben. Mehr konnte er nicht tun.

Um photographieren zu können, brauchte er Licht. Er würde bis zum Morgengrauen warten müssen. Auf seinem Weg hierher hatte er eine verfallene Scheune bemerkt; dort konnte er den Rest der Nacht verbringen.

Er orientierte sich an seinem Kompaß und machte sich auf. Die Scheune war weiter entfernt, als er gedacht hatte, und er brauchte eine Stunde, um sie zu erreichen. Es war ein alter Holzbau mit Löchern im Dach. Die Ratten hatten sie schon längst verlassen, da sie nichts mehr zu fressen fanden, aber auf dem Heuboden hingen Fledermäuse.

Faber legte sich auf ein paar Bretter, konnte jedoch nicht schlafen, da er ständig daran denken mußte, daß er allein imstande war, den Verlauf des größten Krieges der Geschichte zu ändern.

Sonnenaufgang war um 5.21 Uhr. Um 4.20 Uhr verließ Faber die Scheune.

Obwohl er nicht hatte schlafen können, hatten die zwei Stunden Ruhe gereicht, seinen Körper und Geist zu erfrischen; er war jetzt in bester Stimmung.

Er hatte die Zeit gut abgepaßt. Der Himmel wurde merklich heller, als er in Sichtweite des »Flugplatzes« kam.

Die Posten waren immer noch in ihrem Zelt. Wenn er Glück hatte, schliefen sie noch. Faber wußte aus eigener Erfahrung, daß es bei solchen Aufgaben am schwersten ist, die letzten Stunden wach zu bleiben.

Und wenn sie herauskämen, würde er sie eben töten müssen.

Er suchte sich einen Standort aus und legte einen 35 mm-Agfa-Film mit 36 Bildern und kurzer Belichtungszeit in die Leica ein. Er hoffte, daß die lichtempfindliche Beschichtung nicht gelitten hatte, denn er hatte den Film schon vor Kriegsbeginn in seinem Koffer verstaut. In Großbritannien konnte man zur Zeit keine Filme kaufen. Als sich der rote Rand der Sonne langsam über den Horizont schob, begann er mit den Aufnahmen. Er machte eine Reihe von Bildern aus verschiedenen Winkeln und Entfernungen und beschloß die Serie mit einer Nahaufnahme von einer der Flugzeugattrappen: Die Bilder würden sowohl die Illusion als auch die Realität zeigen.

Während er die letzte Aufnahme machte, bemerkte Faber aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Er ließ sich flach auf die Erde fallen und kroch unter eine Moskito aus Sperrholz. Ein Soldat kam aus dem Zelt hervor, ging ein paar Schritte und pinkelte auf den Boden. Der Mann streckte sich, gähnte und zündete sich eine Zigarette an. Er warf einen Blick über den Flugplatz, erschauderte und kehrte zum Zelt zurück.

Faber stand auf und lief los.

Nach einer Viertelmeile schaute er sich um. Der Flugplatz war außer Sicht. Er hielt sich westlich in Richtung auf die »Kaserne«.

Dies würde mehr sein als ein gewöhnlicher Spionagecoup. Sein ganzes Leben lang hindurch hatte Hitler immer die richtigen Ahnungen gehabt. Der Mann, der den Beweis erbrachte, daß der Führer wieder einmal recht hatte und alle Experten sich irrten, würde nicht mit einem Schulterklopfen abgespeist werden. Faber wußte, daß Hitler ihn schon jetzt für den besten Agenten der Abwehr hielt. Dieser Triumph ürde ihm wahrscheinlich Canaris’ Posten einbringen.

Wenn er es schaffte.

Er vergrößerte seine Geschwindigkeit, indem er abwechselnt zwanzig Meter im Trott und zwanzig im normalen Schrittempo zurücklegte: Um 6.30 Uhr hatte er die »Kaserne« erreicht. Mittlerweile war es ganz hell geworden, und er konnte nicht nahe herangehen, da die Posten sich nicht in einem Zelt, sondern in einer der Hütten ohne Wände aufhielten, von wo sie nach allen Seiten freie Sicht hatten. Er legte sich neben einer Hecke nieder und machte seine Bilder aus der Entfernung. Gewöhnliche Abzüge würden nur eine Kaserne zeigen, aber entsprechenden Vergrößerungen müßten die Einzelheiten des Betrugs enthüllen.

Als Faber zum Boot zurückkehrte, hatte er dreißig Aufnahmen gemacht. Wieder beeilte er sich, denn jetzt war er schrecklich auffällig: ein schwarzgekleideter Mann, der einen Segeltuchbeutel mit Ausrüstungsgegenständen trug und über die offenen Felder eines Sperrgebietes lief.

Er erreichte den Zaun eine Stunde später, ohne etwas anderes als Wildgänse gesehen zu haben. Während er über den Draht kletterte, ließ seine Spannung spürbar nach. Innerhalb des Zaunes sprachen weit mehr Verdachtsmomente gegen ihn als außerhalb. Jetzt konnte er wieder in seine Rolle als Vogelbeobachter, Angler und Segler aufnehmen. Das größte Risiko war überstanden.

Faber kam am Kanal an. Es war vorbei. Das Boot wirkte einladend in der Morgensonne. Sobald er wieder unterwegs war, würde er sich etwas Tee machen, dann —

Ein Mann in Uniform trat aus der Kabine des Bootes und fragte: »Na, wer sind Sie denn wohl?«

Faber blieb regungslos stehen, bis eisige Ruhe von ihm Besitz ergriffen hatten. Der Eindringling trug die Uniform eines Captains der Bürgerwehr, und Faber hatte mit einem Blick bemerkt, daß die Pistolentasche am Gürtel verschlossen war. Er war groß und sehnig, schien aber schon Ende Fünfzig zu sein. Unter seiner Mütze war weißes Haar zu sehen. Er machte keine Anstalten, seine Pistole zu ziehen. Faber hatte all das zur Kenntnis genommen, bevor er antwortete: »Sie sind auf meinem Boot, deshalb sollte ich Sie fragen, wer Sie sind.«

»Captain Stephan Langham, Bürgerwehr.«

»James Baker.« Faber blieb am Ufer. Ein Captain patroullierte nicht alleine.

»Und was tun Sie hier?«

»Ich mache Urlaub.«

»Wo sind Sie gewesen?«

»Vögel beobachten.«

»Schon vor dem Morgengrauen? Halten Sie ihn in Schach, Watson.«

Ein jüngerer Mann in Drillichzeug erschien hinter Faber. Er trug eine Schrotflinte. Faber blickte sich um. Ein weiterer Soldat stand rechts von ihm.

Der Captain rief: »Aus welcher Richtung ist er gekommen, Corporal?«

Die Antwort kam vom Wipfel einer Eiche. »Aus dem Sperrgebiet, Sir.«

Faber rechnete sich seine Chancen aus. Drei zu eins — bis der Corporal vom Baum herunterkam. Sie hatten nur zwei Schußwaffen: die Schrotflinte und die Pistole des Captains. Außerdem waren sie Amateure. Auch das Boot würde ihm helfen.

Er sagte: »Sperrgebiet? Ich habe nur ein Stück Zaun gesehen. Würden Sie bitte den Schießprügel nicht auf mich richten. Er könnte losgehen.«

»Niemand beobachtet Vögel in der Dunkelheit«, erklärte der Captain.

»Wenn man sich sein Versteck im Schutz der Dunkelheit aussucht, ist man getarnt, wenn die Vögel aufwachen. So wird’s normalerweise gemacht. Hören Sie, ich weiß, die Bürgerwehr ist unheimlich patriotisch und eifrig, aber wir wollen’s doch nicht übertreiben, oder? Genügt es nicht, wenn Sie meine Papiere überprüfen und einen Bericht machen?«

Der Captain schien leicht verunsichert. »Was ist in dem Segeltuchbeutel?«

»Ein Feldstecher, eine Kamera und ein ornithologischer Führer.« Fabers Hand glitt zu dem Beutel.

»Lassen Sie das«, befahl der Captain. »Gucken Sie hinein, Watson.«

Da war er: der Fehler des Amateuer.

»Hände hoch«, sagte Watson.

Faber hob die Hände über den Kopf; seine rechte Hand war dicht am linken Jackenärmel. Er überlegte sich den Ablauf der nächsten paar Sekunden: Auf keinen Fall durfte geschossen werden.

Watson näherte sich Faber von links, richtete die Schrotflinte auf ihn und öffnete die Klappe des Segeltuchbeutels. Faber zog das Stilett aus dem Ärmel, wich der Flinte aus und stach das Messer bis zum Heft nach unten in Watsons Nacken. Seine andere Hand entwand dem jungen Mann die Schrotflinte.

Der Capitain schaute ihn ungläubig an, und der Corporal kletterte krachend durch das Geäst der Eiche herab.

Faber zog das Stilett aus Watsons Nacken, während der Mann zusammenbrach. Der Captain nestelte an der Klappe seiner Pistolentasche. Faber sprang in den Vertiefung des Bootes. Es schaukelte und ließ den Captain taumeln. Faber stieß mit dem Messer nach ihm, aber der Mann war für einen genauen Stoß zu weit entfernt. Die Spitze verfing sich im Aufschlag seiner Uniformjacke, schnellte dann ruckartig nach oben und schlitzte sein Kinn auf. Seine Hand löste sich von dem Halfter und griff nach der Wunde.

Faber wirbelte zum Ufer herum. Der Soldat sprang. Faber machte einen Ausfallschritt nach vorn und streckte den rechten Arm steif aus. Der springende Soldat wurde von dem acht Zoll langen Messer durchbohrt.

Der Aufprall warf Faber um, wobei er das Stilett losßließ. Der Soldat fiel auf die Waffe. Faber lag auf den Knien. Er hatte keine Zeit, das Stilett zuruckzuholen, da der Captain sein Halfter öffnete. Faber sprang ihn an, und seine Hände fuhren dem Offizier ins Gesicht. Die Pistole war gezogen. Fabers Daumen bohrten sich in die Augen des Captains, der vor Schmerz schrie und versuchte, Fabers Arme zur Seite zu stoßen.

Er schwankte und prallte gegen ihn. Faber stieß ihn zurück. Seine Mütze flog durch die Luft, als er nach hinten über das Schanzdeck stolperte und mit einem lauten Platschen in den Kanal fiel.

Der Corporal spran die letzten sechs FU’s von der Eiche zu Boden. Faber holte sich sein Stilett aus dem aufgespießten Soldaten zurück, und sprang ans Ufer. Watson lebte noch, aber es würde nicht mehr lange dauern: Blut sprudelte aus der Wunde in seinem Nacken hervor.

Faber und der Corporal standen einander gegenüber. Der Corporal hatte eine Pistole.

Er war außer sich vor Schreck. In den wenigen Sekunden, die er gebraucht hatte, um die Eiche herunterzuklettern, hatte dieser Fremde zwei seiner Kameraden getötet und den dritten in den Kanal geworfen. Entsetzen flackerte in seinen Augen.

Faber warf einen Blick auf die Pistole. Sie war alt und erinnerte an ein Museumsstück. Wenn der Corporal nur das geringste Vertrauen zu ihr gehabt hätte, hätte er sie schon längst abgefeuert.

Der Corporal machte einen Schritt nach vorne, und Faber bemerkte, daß er sein rechtes Bein schonte — vielleicht hatte er es verletzt, als er vom Baum heruntergesprungen war. Faber trat zur Seite und zwang den Corporal, sein Gewicht auf das schwache Bein zu legen, um die Pistole weiter auf sein Ziel gerichtet zu halten. Faber schob die Schuhspitze unter einen Stein und warf ihn nach oben. Die Augen des Corporals glitt zu dem Stein, und Faber griff an.

Der Corporal drückte den Abzug durch, doch nichts geschah. Die alte Pistole hatte Ladehemmung. Selbst wenn er gefeuert hätte, hätte er Faber verfehlt: Seine Augen waren auf den Stein gerichtet, er taumelte auf dem schwachen Bein, und Faber hatte sich bewegt.

Faber tötete ihn mit einem Stoß in den Nacken.

Nur der Captain war noch übrig.

Faber blickte auf und sah, daß der Mann am gegenüberliegenden Ufer aus dem Wasser kletterte. Er fand einen Stein und schleuderte ihn hinüber. Der Stein traf den Kopf des Captains, aber der Mann hievte sich an Land und begann zu laufen.

Faber rannte zum Ufer, tauchte ins Wasser, schwamm ein paar Ze und kam an der anderen Seite hoch. Der Captain war hundert Meter vor ihm und lief davon, doch er war alt. Faber nahm die Jagd auf. Er kam stetig näher, bis er das gehetzte, stoßweise Atmen des Mannes hören konnte. Der Captain wurde langsamer, und brach über einem Busch zusammen.

Faber hatte ihn eingeholt und drehte ihn um. »Du bist …der Teufel«, stammelte der Captain.

»Du hast mein Gesicht gesehen«, sagte Faber und tötete ihn.

12

Die dreimotorige Transportmaschine vom Typ Ju 52 mit dem Hakenkreuz auf den Tragflächen kam hoppelnd auf der regennassen Landebahn bei Rastenburg in den ostpreußischen Wäldern zum Stehen. Ein Mann mit ausgeprägten Gesichtszügen — einer großen Nase, einem breitem Mund und großen Ohren — stieg aus und schritt schnell über das Rollfeld zu einem wartenden Mercedes.

Während das Auto durch den finsteren, feuchten Wald fuhr, nahm Feldmarschall Erwin Rommel seine Mütze ab und strich sich nervös über das dünner werdende Haar. Er wußte, daß in ein paar Wochen ein anderer Mann diesen Weg mit einer Bombe in der Aktentasche zurücklegen würde — einer Bombe, die für den Führer selbst bestimmt sein würde. Inzwischen mußte weitergekämpft werden, damit der neue deutsche Regierungschef Deutschlands aus einer starken Position mit den Alliierten verhandeln konnte.

Nach einer Fahrt von fünfzehn Kilometern kam der Wagen an der Wolfsschanze an, dem Führerhauptquartier, an.

Am Tor zu Hitlers persönlichem Quartier setzte Rommel die Mütze auf und stieg aus dem Auto. SS-Gruppenführer Rattenhuber, der Chef des Sicherheitskommandos, streckte wortlos die Hand aus, um Rommels Pistole entgegenzunehmen.

Die Konferenz sollte in dem unterirdischen Bunker stattfinden, einem kalten, feuchten, stickigen Schutzraum, der mit Beton gepanzert war. Rommel ging die Stufen hinab und trat ein. Etwa ein Dutzend Teilnehmer wartete schon auf die Mittagsbesprechung: Himmler, Göring, von Ribbentrop, Keitel. Rommel nickte ihnen grüßend zu und setzte sich auf einen harten Stuhl, um ebenfalls zu warten.

Alle standen auf, als Hitler eintrat. Er trug eine graue Uniformjacke und eine schwarze Hose. Rommel fiel auf, daß der Führer immer gebeugter aussah. Er ging direkt auf das andere Ende des Bunkers zu, wo eine große Karte von Nordwesteuropa an der Wand befestigt war. Hitler wirkte müde und gereizt. Er begann ohne Einleitung zu sprechen.

»Es wird eine Invasion der Alliierten geben. Ihr Ausgang wird nicht nur die Entscheidung für dieses Jahr, sondern für den ganzen Krieg bringen. Wenn es gelingt, die Invasionstruppen zurückzuwerfen, kann und wird sich ein solcher Versuch nicht so bald wiederholen. Das bedeutet, daß deutsche Reserven für die Verwendung in Italien und an der Ostfront frei werden. Dann läßt sich die Ostfront wieder stabilisieren. Wenn wir jedoch die Invasoren im Westen nicht zurückwerfen können, ist die Niederlage besiegelt. Ein Stellungskrieg im Westen ist schon deshalb unmöglich, weil sich die durch Frankreich verlaufende Front mit jedem Schritt rückwärts verbreitern wird. Ohne bedeutende strategische Reserven wird es unmöglich sein, eine solche Front mit genügend starken Kräften zu besetzen. Deshalb muß der Angreifer beim ersten Versuch abgewehrt werden.«

Er blickte sich um, als fordere er seinen Stab heraus, ihm zu widersprechen. Alle schwiegen. Rommel fröstelte: Der Bunker war kalt wie ein Grab.

»Die Frage ist: Wo werden sie landen? Herr von Roenne — Ihr Bericht.«

Oberst Alexis von Roenne, Chef der Fremden Heere West, stand auf. Er hatte eine steile Karriere hinter sich, seit er während der Wiederbewaffnung als einfacher Hauptmann erneut in die Wehrmacht eingetreten war. Er hatte Hitler vor dem Frankreichfeldzug eine Analyse geliefert, die als entscheidender Faktor für den deutschen Sieg bezeichnet wurde. Es war ungewöhnlich, daß Roenne selbst vortrug, denn eigentlich lief alles über den SD, der nach Canaris’ Entlassung im Februar 1944 und der Eingliederung von dessen Abwehrorganisation noch mächtiger geworden war als zuvor.

Roenne sagte: »Unsere Informationen sind umfassend, aber keineswegs vollständig. Der Codename der Alliierten für die Invasion ist Overlord. Die Truppenkonzentrationen in Großbritannien sind folgende.« Er nahm einen Zeigestock und ging zur Wandkarte. »Erstens: entlang der Südküste. Zweitens: hier in der Gegend von Südostengland. Drittens: in Schottland. Die Konzetration in Südostengland ist bei weitem die größte. Wir vermuten, daß die Invasion drei Stoßrichtungen haben wird.

Erstens: ein Ablenkungsmanöver in der Normandie. Zweitens: der Hauptstoß über die Straße von Dover auf die Küste von Calais zu. Drittens: eine unterstützende Invasion von Schottland aus über die Nordsee nach Norwegen. Alle Geheimdienstquellen stützen diese Voraussage.« Er setzte sich.

»Ihre Meinung, meine Herren?« fragte Hitler.

Rommel, Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, dem die Verteidigung der Atlantikküste oblag, sagte: »Es gibt bestätigende Anzeichen. Die Straße von Dover ist mit Abstand am stärksten bombardiert worden.«

Göring fragte: »Welche Geheimdienstquellen stützen Ihre Prognose, Herr von Roenne?«

Roenne erhob sich wieder. »Es gibt drei: Luftaufklärung, Abhören feindlichen Funkverkehrs und Agentenberichte.« Er setzte sich.

Hitler verschränkte die Hände schützend vor den Genitalien, eine nervöse Angewohnheit, die bedeutete, daß er eine Rede halten würde. »Ich will Ihnen sagen, welche Überlegungen ich anstellen würde, wenn ich Winston Churchill wäre. Ich würde mich fragen: östlich der Seine oder westlich. Der Osten ist näher. Aber in der modernen Kriegsführung gibt es nur zwei Entfernungen — innerhalb und außerhalb der Reichweite von Kampfflugzeugen. Beide Möglichkeiten befinden sich innerhalb dieser Reichweite. Deshalb spielt die Entfernung keine Rolle.

Im Westen gibt es einen großen Hafen — Cherbourg — im Osten keinen. Und vor allem — der östliche Teil der Küste ist stärker befestigt als der westliche. Auch der Feind verfügt über Luftaufklärung.

Ich würde mich für den westlichen Teil entscheiden. Und was täte ich anschließend? Ich würde den Deutschen das Gegenteil weismachen! Ich würde doppelt so viele Bomber zur Straße von Dover wie in die Normandie schicken. Ich würde jede Brücke über die Seine zerstören. Dann würde ich irreführende Funksprüche senden, falsche Geheimdienstberichte abschicken und den Aufmarsch meiner Truppen in irreführender Weise vornehmen. Ich würde Dummköpfe wie Rommel und von Roenne täuschen und hoffen, den Führer selbst hinters Licht zu führen!«

Göring sprach als erster nach einer langen Pause. »Mein Führer, ich glaube, daß Sie Churchill schmeicheln, wenn Sie ihm so viel Scharfsinn wie sich selbst zutrauen.«

Die Spannung in dem ungemütlichen Bunker ließ merklich nach. Göring hatte genau das Richtige gesagt; es war ihm gelungen, seine abweichende Meinung in ein Kompliment zu kleiden. Die anderen schloßen sich ihm an, wobei jeder glaubte, die Lage noch etwas überzeugender vorzutragen. Die Alliierten würden der höheren Geschwindigkeit wegen den kürzeren Seeweg wählen. Die