/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Die Pfeiler der Macht

Ken Follett


Die Pfeiler der Macht

Ken Follett

1993

1

Das Haus Pilaster, eine der angesehensten Bankiersfamilien Londons, wird insgeheim von der schönen Augusta beherrscht. Hinter der Fassade der Wohlanständigkeit treibt sie rücksichtslos ihre ehrgeizigen Pläne voran, die schon bald das Fundament des Finanzimperiums erschüttern und die Pfeiler seiner Macht ins Wanken bringen. Wird es Hugh Pilaster gelingen, den drohenden Ruin des Bankhauses abzuwenden und damit sein eigenes Lebensglück und das vieler anderer Menschen zu retten?

Inhaltsverzeichnis

I  Prolog

 Mai 1866

II  Teil I

Mai 1873

Juni 1873

Juli 1873

August 1873

September 1873

III  Teil II

Januar 1879

April 1879

Mai 1879

Juni 1879

Juli 1879

IV  Teil III

September 1890

Oktober 1890

November 1890

Dezember 1890

V  Epilog

 1892

DANKSAGUNG

Den folgenden Freunden, Verwandten und Kollegen danke ich für die großzügige Hilfe, die sie mir während der Entstehung dieses Buches gewährt haben:

CAROLE BARON

JOANNA BOURKE

BEN BRABER

GEORGE BRENNAN

JACKIE FARBER

BARBARA FOLLETT

EMANUELE FOLLETT

KATYA FOLLETT

MICHAEL HASKOLL

PAM MENDEZ

M.J. ORBELL

RICHARD OVERY

DAN STARER

KIM TURNER

ANN WARD

JANE WOOD

AL ZUCKERMAN

Teil I

Prolog

Mai 1866

An jenem Tag, an dem die Tragödie ihren Lauf nahm, standen alle Schüler der Windfield School unter Hausarrest und durften ihre Zimmer nicht verlassen.

Es war ein heißer Samstag im Mai. Normalerweise hätten sie den Nachmittag auf dem Rasen im Süden des Internats verbracht, wo die einen Cricket gespielt und die anderen ihnen vom schattigen Saum des Bischofswäldchens aus zugesehen hätten. Aber es war ein Verbrechen geschehen. Vom Schreibtisch Mr. Offertons, des Lateinlehrers, waren sechs Goldmünzen gestohlen worden, und alle Schüler standen unter Verdacht. Bis zur Entlarvung des Diebes mußten die Jungen in ihren Zimmern bleiben.

Micky Miranda saß an einem Tisch, in den schon Generationen gelangweilter Schulbuben ihre Initialen geritzt hatten, und blätterte in einer Regierungsbroschüre mit dem Titel Ausrüstung der Infanterie. Gewöhnlich faszinierten ihn die Abbildungen von Schwertern, Musketen und Gewehren, doch heute war es so heiß, daß er sich nicht konzentrieren konnte. Ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches, sah sein Zimmergenosse Edward Pilaster von seinem Lateinheft auf. Er war gerade dabei, Mickys Tacitus-Übersetzung abzuschreiben. Mit einem tintenbeklecksten Finger deutete er auf die Vorlage und sagte: »Das Wort da kann ich nicht lesen.«

Micky sah sich das Wort an. »Decapitated, enthauptet«, sagte er.

»Im Englischen das gleiche Wort wie im Lateinischen: decapitare.« Latein fiel ihm leicht, was daran liegen mochte, daß viele Wörter im Spanischen ganz ähnlich klangen. Spanisch war Mickys Muttersprache.

Edwards Feder kratzte wieder übers Papier. Von Unruhe getrieben, stand Micky auf und trat ans offene Fenster. Kein Windhauch war zu spüren. Sehnsüchtig sah er über den Stallhof zu den Bäumen hinüber. Am Nordrand des Bischofswäldchens lag ein verlassener Steinbruch mit einem schattigen Teich. Das Wasser dort war kalt und tief…

»Komm, geh’n wir schwimmen«, sagte er unvermittelt.

»Geht nicht«, gab Edward zurück.

»Geht doch, wenn wir durch die Synagoge rausgehen.«

Die »Synagoge« war das Zimmer nebenan, das sich drei jüdische Schüler teilten. In Windfield wurde Religion undogmatisch unterrichtet, man tolerierte jeden Glauben, weshalb das Internat für jüdische Eltern ebenso akzeptabel war wie für Mickys katholischen Vater und Edwards Eltern, die sich zum Methodismus bekannten. Allerdings hatten jüdische Schüler — tolerante Schulpolitik hin oder her — immer unter einem gewissen Maß an Hänseleien zu leiden. »Wir steigen in der Synagoge durchs Fenster, springen aufs Waschhausdach, klettern auf der Giebelseite vom Stall runter und schleichen uns in den Wald.«

Edwards Blick verriet, daß er Angst hatte. »Wenn du erwischt wirst, setzt’s den Rohrstock!«

Der »Rohrstock« war ein harter Eschenknüppel, den Dr. Poleson, der Direktor, schwang. Zwölf schmerzhafte Hiebe waren die Strafe für Entweichen aus dem Arrest. Micky hatte die Prügelstrafe schon hinter sich — wegen verbotenen Glücksspiels —, und ihn schauderte allein bei dem Gedanken daran. Aber die Gefahr, heute erwischt zu werden, war nicht groß — wohingegen die Vorstellung, die Kleider abzustreifen und nackt ins Wasser zu springen, äußerst verführerisch war. Micky glaubte schon fast, das kühle Naß auf seiner verschwitzten Haut zu spüren.

Er betrachtete seinen Zimmergenossen. Der war nicht besonders beliebt hier: zu faul, um ein guter Schüler, zu plump, um sportlich zu sein, und viel zu eigensüchtig, um sich Freunde zu machen. Edwards einziger Freund war er, Micky, und Edward mochte es überhaupt nicht, wenn Micky mit anderen Jungen loszog. »Ich frag’ mal Pilkington, ob er mitmacht«, sagte Micky und ging zur Tür.

»Nein, laß das«, widersprach Edward nervös.

»Warum denn nicht?« fragte Micky. »Du bist einfach viel zu feige.«

»Ich bin nicht zu feige«, behauptete Edward nicht sonderlich überzeugend. »Ich muß noch Latein machen.«

»Dann mach’s. Ich gehe solange mit Pilkington schwimmen.«

Einen Augenblick lang schien Edward auf seinem Standpunkt beharren zu wollen, doch dann gab er klein bei. »Na schön, ich komme mit«, sagte er widerwillig.

Micky spähte zur Tür hinaus. Gedämpfte Geräusche erfüllten das Haus, doch im Gang ließ sich weit und breit kein Lehrer blicken. Micky schoß hinaus und verschwand im angrenzenden Zimmer. Edward folgte ihm auf den Fersen.

»Tag, ihr Hebräer«, grüßte Micky.

Zwei Jungen, die am Tisch Karten spielten, streiften ihn nur mit einem kurzen Blick und vertieften sich wieder in ihr Blatt, ohne ein Wort zu verlieren. Der dritte, Fatty Greenbourne, aß gerade Kuchen. Seine Mutter schickte ihm ständig Freßpakete. »Tag, ihr beiden«, sagte er liebenswürdig. »Stückchen Kuchen gefällig?«

»Himmel, Greenbourne! Du mästest dich wie ein Schwein«, tadelte Micky.

Fatty zuckte nur mit den Schultern und mampfte ungerührt weiter. Da er nicht nur Jude, sondern auch dick war, wurde er noch mehr gehänselt als die anderen, aber es schien ihm nichts auszumachen. Sein Vater, so hieß es, war der reichste Mann der Welt. Vielleicht ist Fatty deshalb so unangreifbar, dachte Micky.

Er ging zum Fenster, riß es auf und sah sich draußen um. Der Stallhof lag verlassen da.

»Was habt ihr vor, ihr zwei?« fragte Fatty.

»Schwimmen gehen«, sagte Micky.

»Das gibt ‘ne Tracht Prügel.«

»Ich weiß«, sagte Edward, und es klang ziemlich kläglich.

Micky schwang sich aufs Fensterbrett, robbte rückwärts und ließ sich dann auf das nur ein paar Zentimeter tiefer liegende Schrägdach des Waschhauses fallen. Er meinte, eine Schieferpfanne knacken zu hören, doch das Dach hielt. Als er aufblickte, sah er Edwards ängstliche Miene im Fenster. »Komm schon!« raunte er ihm zu, kletterte das Dach hinunter, fand ein Abzugsrohr und ließ sich daran zu Boden gleiten. Eine Minute später landete Edward neben ihm.

Micky spähte um die Ecke. Kein Mensch war zu sehen. Er fackelte nicht lange und flitzte über den Hof in den Wald. Erst als ihn die Bäume so weit verbargen, daß er sicher war, von den Schulgebäuden aus nicht mehr gesehen zu werden, machte er halt und holte Luft. Gleich darauf tauchte Edward neben ihm auf.

»Geschafft!« sagte Micky. »Kein Mensch hat uns gesehen.«

»Sie schnappen uns bestimmt, wenn wir zurückkommen«, maulte Edward.

Micky lächelte. Mit seinem glatten Blondhaar, den blauen Augen und der großen Nase, die wie eine breite Messerklinge wirkte, war Edward ein Engländer wie aus dem Bilderbuch. Er war ein großer Junge mit breiten Schultern, stark, aber unbeholfen. Er besaß keinerlei Stilgefühl, und entsprechend schlecht saßen seine Kleider.

Beide Jungen waren gleichaltrig, nämlich sechzehn, doch damit erschöpften sich ihre Gemeinsamkeiten auch schon: Micky mit seinem dunklen Lockenschopf und seinen dunklen Augen war peinlichst genau auf seine Erscheinung bedacht. Unordentlichkeit oder gar Schmutz waren ihm verhaßt.

»Kein Vertrauen, Pilaster?« stichelte Micky. »Hab’ ich nicht immer gut auf dich aufgepaßt?«

Edward grinste besänftigt. »Schon gut. Los jetzt!«

Sie schlugen einen kaum sichtbaren Pfad durch den Wald ein. Unter dem Laubdach der Buchen und Ulmen war es angenehm kühl, und Micky fühlte sich allmählich besser. »Was machst du in den Sommerferien?« fragte er Edward.

»Im August sind wir immer in Schottland.«

»Habt ihr eine Jagdhütte dort?« fragte Micky. Er hatte die Ausdrucksweise der englischen Oberschicht aufgeschnappt und wußte, daß »Jagdhütte« selbst dann die korrekte Bezeichnung war, wenn es sich dabei um ein Schloß mit fünfzig Zimmern handelte.

»Wir mieten eine«, erwiderte Edward. »Aber wir gehen nicht jagen. Mein Vater hat für Sport nicht viel übrig, weißt du.«

Micky erkannte den abwehrenden Ton in Edwards Stimme und fragte sich, was er bedeuten mochte. Er wußte, daß sich die englische Aristokratie im August auf der Vogeljagd und den Winter über auf der Fuchsjagd vergnügte. Er wußte außerdem, daß kein Aristokrat seine Söhne nach Windfield schickte. Die Väter der Windfield-Eleven waren keine Grafen und Bischöfe, sondern Geschäftsleute und Ingenieure, Männer also, die keine Zeit zu verschwenden hatten, weder aufs Jagen noch aufs Schießen. Die Pilasters waren Bankiers, und wenn Edward sagte, sein Vater hätte nicht viel übrig für Sport, so gab er damit indirekt zu, daß seine Familie nicht gerade zu den oberen Zehntausend zählte.

Daß die Engländer Müßiggängern mehr Respekt entgegenbrachten als arbeitenden Menschen, war ein Umstand, der Micky immer wieder aufs neue amüsierte. In seinem eigenen Land hatte man weder vor ziellos dahintreibenden Adligen noch vor hart arbeitenden Geschäftsleuten Respekt. Dort achtete man nur die Macht. Was mehr konnte ein Mann begehren, als Macht über andere zu besitzen — die Macht, zu ernähren oder verhungern zu lassen, die Macht, einzukerkern oder zu befreien, zu töten oder am Leben zu lassen?

»Wie steht’s mit dir?« fragte Edward. »Wo verbringst du denn den Sommer?«

Auf diese Frage hatte Micky nur gewartet. »In der Schule«, lautete seine Antwort.

»Hier? Soll das heißen, daß du die ganzen Ferien über in der Schule bleibst?«

»Was denn sonst? Heimfahren kann ich nicht. Allein für den Hinweg brauche ich sechs Wochen — ich müßte schon umkehren, bevor ich überhaupt zu Hause wäre.«

»Das ist ja gräßlich.«

Das mochte schon sein — nur: Micky hegte gar nicht den Wunsch, nach Hause zu fahren. Seit dem Tod seiner Mutter war ihm sein Vaterhaus verhaßt. Dort gab es inzwischen nur noch Männer: seinen Vater, seinen älteren Bruder Paulo, mehrere Onkel und Vettern und dazu vierhundert Gauchos. Der große Held für all diese Männer war Papa, doch für Micky war er ein Fremder: kalt, unnahbar, ungeduldig.

Ein noch größeres Problem für Micky war Paulo. Der war ebenso stark wie dämlich, haßte den geschickteren und klügeren Micky, und nichts bereitete ihm größeren Spaß, als seinen kleinen Bruder zu demütigen. Wo immer sich eine Chance bot, aller Welt vorzuführen, daß Micky unfähig war, einen Stier mit dem Lasso einzufangen, ein Pferd zuzureiten oder eine Schlange mit einem Kopfschuß zu toten, wurde sie von Paulo weidlich genutzt. Besonderes Vergnügen bereitete es ihm, Mickys Pferd zu erschrecken, so daß es scheute und Micky nichts anderes übrigblieb, als sich in Todesängsten mit fest geschlossenen Augen an den Hals des Tieres zu klammern, bis es, nach wilder Jagd über die Pampa, erschöpft stehenblieb.

O nein, Micky wollte in den Ferien nicht nach Hause. Aber er wollte auch nicht in der Schule bleiben. Er spekulierte auf eine Einladung der Pilasters, den Sommer mit ihnen zu verbringen.

Da Edward nicht sofort von selbst auf den Gedanken kam, ließ Micky das Thema fallen. Er war überzeugt, daß es wieder zur Sprache kommen würde…

Sie kletterten über einen verfallenden Weidezaun und stiegen eine kleine Anhöhe hinauf. Von oben war bereits der Teich zu sehen Zwar waren die behauenen Wände des Steinbruchs ziemlich steil, doch jeder halbwegs gelenkige Junge fand ohne Schwierigkeiten hinunter. Das tiefe Wasserloch am Grunde schimmerte in trübem Grün und beherbergte Kröten, Frösche und ein paar Wasserschlangen.

Micky stellte verblüfft fest, daß sich schon drei andere Jungen im Wasser befanden.

Das Sonnenlicht brach sich an der Wasseroberflache. Micky kniff die Augen zusammen und versuchte, die nackten Gestalten zu erkennen. Es waren drei Windfield-Schüler aus der Untertertia.

Der karottenrote Schopf gehörte zu Antonio Silva, der trotz seiner Haarfarbe ein Landsmann Mickys war. Tonios Vater mochte nicht so viel Land besitzen wie der von Micky, doch die Silvas lebten in der Hauptstadt und hatten einflußreiche Verbindungen. Auch Tonio konnte in den Ferien nicht nach Hause fahren. Da er jedoch Freunde an der Botschaft von Cordoba in London hatte, mußte er nicht den ganzen Sommer über in der Schule bleiben.

Bei dem zweiten Jungen handelte es sich um Hugh Pilaster, einen Vetter Edwards, wiewohl die beiden nicht die geringste Ähnlichkeit aufwiesen: Der schwarzhaarige Hugh hatte ein schmales, ebenmäßiges Gesicht, und sein lausbübisches Grinsen war unverwechselbar. Edward konnte ihn nicht leiden, denn Hugh war ein guter Schüler, neben dem er selbst wie der Trottel der Familie wirkte.

Der dritte Schwimmer war Peter Middleton, ein eher schüchterner Knabe, der gewöhnlich die Nahe des selbstbewußteren Hugh suchte. Drei Dreizehnjährige also, allesamt mit weißen, unbehaarten Körpern, dünnen Armen und schlaksigen Beinen.

Dann bemerkte Micky noch einen vierten Jungen. Er schwamm für sich allein am anderen Ende des Teiches. Er wirkte älter als die anderen drei und schien nicht zu ihnen zu gehören. Aber er war zu weit entfernt, als daß Micky sein Gesicht hatte erkennen können.

Edward setzte ein boshaftes Grinsen auf: Er sah eine Gelegenheit, den anderen einen Streich zu spielen. Verschwörerisch legte er den Finger auf die Lippen, bevor er an der Steilwand hinunterturnte. Micky folgte ihm schweigend.

Als sie den Vorsprung erreichten, wo die Jüngeren ihre Kleider abgelegt hatten, waren Tonio und Hugh untergetaucht, um irgend etwas zu erforschen, wahrend Peter in aller Ruhe seine Bahnen zog. Er war der erste, der die beiden Neuankömmlinge entdeckte. »O nein!« stöhnte er.

»Sieh da, sieh da«, sagte Edward. »Ihr wißt doch, daß das, was ihr hier treibt, verboten ist, oder?«

Jetzt hatte auch Hugh Pilaster seinen Vetter entdeckt und rief ihm zu: »Für dich ist es genauso verboten!«

»Ihr haut besser ab, bevor man euch erwischt«, erwiderte Edward ungerührt und hob eine Hose vom Boden auf. »Aber seht zu, daß eure Kleider nicht naß werden, sonst weiß jeder sofort, wo ihr wart.« Dann warf er die Hose mitten in den Teich und brach in wieherndes Gelächter aus.

»Du gemeiner Kerl!« schrie Peter und stürzte sich auf die im Wasser treibende Hose.

Micky lächelte amüsiert.

Edward griff sich einen Schnürstiefel und ließ ihn der Hose folgen.

Die Jüngeren gerieten allmählich in Panik. Edward nahm eine weitere Hose auf und warf sie in den Teich. Es war ein Heidenspaß zuzusehen, wie die drei Jüngeren schreiend nach ihren Kleidern tauchten, und Micky mußte lachen.

Unverdrossen warf Edward ein Kleidungsstück nach dem anderen in den Teich, während Hugh Pilaster aus dem Wasser kletterte. Micky glaubte, er würde sofort die Flucht ergreifen, doch ganz unerwartet rannte Hugh direkt auf Edward zu und versetzte ihm einen kraftvollen Stoß, so daß der Größere, der sich nicht rechtzeitig umgedreht hatte, die Balance verlor. Er taumelte und stürzte kopfüber in den Teich. Es gab einen gewaltigen Platscher.

Das alles hatte nur Sekunden gedauert. Hugh schnappte sich einen Armvoll Kleider und turnte wie ein Affe die Wand des Steinbruchs hinauf. Peter und Tonio stimmten ein brüllendes Hohngelächter an.

Micky setzte Hugh nach, gab jedoch bald wieder auf, da er einsah, daß er den kleineren und behenderen Knaben nicht würde einholen können. Als er zurückkehrte, sah er als erstes nach Edward. Zur Sorge bestand kein Anlaß: Edward war wieder aufgetaucht und hatte sich Peter Middleton gegriffen. Immer wieder drückte er den Kopf des Jüngeren unter Wasser, um ihm sein Hohngelächter heimzuzahlen.

Tonio rettete sich derweilen ans Ufer, ein Bündel triefender Klamotten umklammernd. Er drehte sich um und sah, wie Edward Peter mißhandelte. »Laß ihn in Ruhe, du blöder Affe!« schrie er ihm zu.

Tonio war schon immer ein tollkühnes Bürschchen gewesen, und Micky fragte sich unwillkürlich, was er wohl im Schilde führte. Tonio lief ein Stück am Ufer entlang. Dann drehte er sich erneut um, diesmal mit einem Stein in der Hand. Micky rief Edward eine Warnung zu, doch es war schon zu spät: Mit erstaunlicher Zielsicherheit traf der Stein Edward am Kopf. Sofort breitete sich auf seiner Stirn ein heller Blutfleck aus.

Edward brüllte vor Schmerzen auf, ließ von Peter ab und schwamm wutentbrannt aufs Ufer zu, um Tonio nachzusetzen.

___________

Die Hände immer noch um die Restbestände seiner Kleidung gekrampft und die Schmerzen mißachtend, die der rauhe Boden seinen nackten Sohlen bereitete, hastete Hugh Pilaster durch den Wald. Dort, wo sich der schmale Pfad mit einem zweiten kreuzte, schlug er einen Haken nach links und rannte noch ein Stück weiter, bevor er sich in die Büsche schlug und im Unterholz verschwand.

Er wartete ab, bis sich sein rasselnder Atem wieder beruhigt hatte. Dann lauschte er angestrengt. Sein Vetter Edward und dessen Busenfreund Micky Miranda waren die miesesten Schweine der ganzen Schule: Drückeberger, Spielverderber und Kinderschinder, denen man tunlichst aus dem Weg ging. Doch jetzt war ihm Edward bestimmt auf den Fersen, denn schließlich haßte er ihn, Hugh, seit eh und je.

Schon ihre Väter hatten sich zerstritten. Toby, Hughs eigener Vater, hatte sein Kapital aus der Familienbank genommen und ein eigenes Unternehmen aufgezogen, einen Farbenhandel für die Textilindustrie. Das schlimmste Verbrechen, das ein Pilaster begehen konnte, war, der familieneigenen Bank sein Kapital zu entziehen — das wußte Hugh bereits mit dreizehn Jahren. Und er wußte, daß Onkel Joseph — Edwards Vater — seinem Bruder Toby diesen Fauxpas nie verziehen hatte.

Hugh fragte sich, was aus seinen Freunden geworden war. Bevor Micky und Edward aufkreuzten, waren sie zu viert im Wasser gewesen: Tonio, Peter sowie er selbst am einen und Albert Cammel, ein älterer Schüler, am anderen Ende des Teichs.

Tonio war normalerweise mutig bis zur Tollkühnheit, aber vor Micky Miranda hatte er eine Höllenangst. Beide kamen sie aus einem südamerikanischen Land namens Cordoba, und Tonio hatte erzählt, die Mirandas seien eine mächtige und grausame Familie.

Hugh kapierte nicht ganz, was das heißen sollte, doch er sah nur allzu deutlich, was es bewirkte: Während kein anderer älterer Schüler vor Tonios Hänseleien sicher war, verhielt er sich Micky gegenüber auffallend höflich, ja geradezu unterwürfig.

Was Peter betraf, der starb sicherlich vor Schreck — er fürchtete sich ja sogar vor seinem eigenen Schatten. Blieb nur die Hoffnung, daß er den miesen Kerlen entwischt war.

Albert Cammel schließlich, der auf den Spitznamen Hump — Höcker — hörte, war nicht mit ihnen gekommen und hatte seine Kleider woanders abgelegt. Wahrscheinlich war er unbehelligt geblieben.

Auch er selbst war ihnen entkommen, doch das hieß noch lange nicht, daß er nun aus dem Schneider war. Seine Unterwäsche, seine Socken und seine Schuhe waren weg. Er würde sich triefnaß in Hemd und Hosen in die Schule schleichen müssen — hoffentlich erwischte ihn keiner der Lehrer oder älteren Schüler dabei! Bei diesem Gedanken stöhnte Hugh laut auf. Warum muß ausgerechnet mir immer so was passieren? fragte er sich. Ihm war hundeelend zumute.

Immer wieder hatte er Ärger, seit er vor achtzehn Monaten nach Windfield gekommen war. Das Lernen machte ihm nichts aus — er lernte gut und schnell, und für seine Klassenarbeiten erhielt er stets Bestnoten. Es waren die kleinkarierten Internatsregeln, die ihm so fürchterlich auf die Nerven gingen. Statt jeden Abend Viertel vor zehn im Bett zu liegen, wie es Vorschrift war, fand er immer wieder einen zwingenden Grund, bis Viertel nach zehn aufzubleiben. Orte, die zu betreten streng verboten war, zogen ihn geradezu magisch an. Sein Forscherdrang trieb ihn immer wieder in den Pfarrgarten, in den Obstgarten des Direktors, in den Kohlen- oder den Bierkeller. Er lief, wenn er gehen sollte, las, wenn er schlafen sollte, und schwätzte während des Gebets. Und immer wieder endete es so wie heute: Er fühlte sich schuldig, hatte Angst und haderte mit seinem Schicksal. Warum tust du dir das bloß an? fragte er sich, wenn wieder einmal alles schiefgegangen war. Minutenlang herrschte Totenstille im Wald, während Hugh düster über seine Zukunft nachgrübelte. Würde er wohl eines Tages als Ausgestoßener enden? Als Verbrecher womöglich, den man ins Gefängnis warf oder als Sträfling nach Australien verbannte? Als Galgenvogel, der am Strick endete?

Im Augenblick schien wenigstens Edward nicht hinter ihm her zu sein. Hugh stand auf und zog sich Hemd und Hose an, beides noch naß. Dann hörte er ein Weinen.

Vorsichtig spähte er aus seinem Versteck — und erkannte Tonios karottenfarbenen Haarschopf. Langsam kam sein Freund den Pfad entlang, die Kleider in den Händen, triefnaß, nackt und schluchzend.

»Was ist los?« fragte Hugh. »Wo bleibt Peter?«

Urplötzlich wurde Tonio wild. »Das sag’ ich nicht! Nie!« rief er. »Sie würden mich umbringen!«

»Na schön, dann laß es eben bleiben«, meinte Hugh. Es war das Übliche: Tonio hatte eine Höllenangst vor Micky, und was immer auch passiert sein mochte, Tonio würde kein Wort verraten. »Am besten ziehst du dich erst mal an«, schlug Hugh vor. Das war das Naheliegendste.

Tonio starrte wie blind auf das Bündel triefender Kleider in seinen Händen. Er stand offenbar unter Schock. Hugh nahm ihm das Bündel ab: Die Schuhe und die Hosen waren da, dazu eine Socke, aber kein Hemd. Er half Tonio beim Anziehen. Dann machten sie sich gemeinsam auf den Rückweg.

Tonio weinte nicht mehr, wirkte aber immer noch zutiefst erschüttert. Hugh konnte nur hoffen, daß die beiden Quälgeister Peter nicht allzusehr zugesetzt hatten. Außerdem kam es jetzt vor allem darauf an, die eigene Haut zu retten. »Wenn wir bloß irgendwie in den Schlafsaal kommen«, sagte er, »dann können wir uns frisches Zeug und andere Schuhe anziehen. Und wenn der Arrest erst mal aufgehoben ist, kaufen wir uns in der Stadt neue Kleider auf Kredit.«

»Einverstanden«, sagte Tonio dumpf und nickte.

Schweigend setzten sie ihren Weg durch den Wald fort. Erneut fragte sich Hugh, was Tonio so verstört haben mochte. Schikanen durch die Älteren waren schließlich nichts Neues in Windfield. Was mochte am Teich noch geschehen sein, nachdem ihm selbst die Flucht gelungen war? Von Tonio konnte er sich kaum Aufklärung erhoffen. Der sagte den ganzen Rückweg über kein Wort mehr.

Das Internat bestand aus sechs Gebäuden, die einst den Mittelpunkt eines großen Gutshofs gebildet hatten. Ihr Schlafsaal befand sich in der ehemaligen Meierei unweit der Kapelle. Um dorthin zu gelangen, mußten sie eine Mauer übersteigen und den Spielhof überqueren. Sie erkletterten die Mauer und spähten hinüber.

Das Spielfeld lag verlassen vor ihnen, wie Hugh erwartet hatte. Dennoch zögerte er. Allein der Gedanke daran, wie der Rohrstock auf sein Hinterteil klatschte, ließ ihn zusammenzucken. Aber ihm blieb keine andere Wahl. Er mußte in die Schule und sich trockene Sachen anziehen.

»Die Luft ist rein«, zischte er. »Los jetzt!«

Gemeinsam sprangen sie über die Mauer und hetzten über das Spielfeld in den kühlen Schatten der steinernen Kapelle. Immerhin — bis jetzt war alles gutgegangen. Sie schlichen sich um die Ostseite, indem sie sich dicht an der Wand hielten. Als nächstes kam ein kurzer Sprint über die Auffahrt und in ihr Gebäude. Hugh verharrte reglos. Kein Mensch war zu sehen. »Jetzt!« flüsterte er.

Die beiden Jungen rannten über den Weg. Doch dann, als sie die Tür bereits erreicht hatten, schlug das Verhängnis zu.

Eine vertraute, autoritätsgewohnte Stimme erklang: »Pilaster, mein Junge, sind Sie das?« Da wußte Hugh, daß das Spiel verloren war.

Das Herz rutschte ihm in den Hosenboden. Er blieb stehen und drehte sich um. Ausgerechnet in diesem Moment mußte Mr. Offerten aus der Kapelle kommen! Jetzt stand er im Schatten des Portals, eine hochgewachsene, mißgelaunte Gestalt in College-Talar und Barett. Hugh unterdrückte ein Stöhnen: Mr. Offerten, genau der Lehrer, dem das Geld gestohlen worden war! Der war der letzte, der Gnade vor Recht ergehen ließ! Und das bedeutete unwiderruflich den Rohrstock. Unwillkürlich verkrampften sich Hughs Gesäßmuskeln.

»Kommen Sie her, Pilaster!« befahl Dr. Offerton. Hugh schlurfte hinüber, Tonio im Schlepptau. Er war der Verzweiflung nahe. Warum lasse ich mich bloß immer wieder auf solch riskante Unternehmen ein? dachte er.

»Ins Büro des Schulleiters, sofort«, sagte Dr. Offerton.

»Jawohl, Sir«, sagte Hugh kleinlaut. Es wurde immer schlimmer! Wenn der Direktor sieht, in welchem Aufzug ich umherlaufe, fliege ich womöglich von der Schule. Was soll ich nur Mutter sagen?

»Also ab!« befahl der Lehrer ungeduldig.

Beide Jungen machten kehrt, doch Dr. Offerton sagte: »Sie nicht, Silva.«

Hugh und Tonio sahen sich fragend an: Weshalb sollte Hugh bestraft werden, Tonio aber nicht? Doch Befehl war Befehl, und Fragen waren nicht gestattet. Also entkam Tonio in den Schlafsaal, während Hugh sich auf den Weg zum Haus des Direktors machte.

Schon jetzt konnte er den Rohrstock spüren. Er wußte, daß er weinen würde, und das war noch viel schlimmer als der Schmerz. Denn mit seinen dreizehn Jahren fand Hugh sich eigentlich schon zu alt für Tränen.

Das Haus des Direktors lag am anderen Ende des Schulgeländes, doch so langsam Hugh auch vorwärts schlich — er kam viel zu früh an. Und das Hausmädchen öffnete die Tür schon eine Sekunde nach dem Klingeln.

Dr. Poleson erwartete ihn in der Diele. Der Schulleiter war ein kahlköpfiger Mann mit dem Gesicht einer Bulldogge, doch aus irgendeinem Grunde sah er nicht so aus wie erwartet. Das Donnerwetter, mit dem Hugh gerechnet hatte, blieb aus. Anstatt sofort Aufklärung darüber zu verlangen, weshalb Hugh nicht nur aus dem Arrest entwichen, sondern darüber hinaus auch noch tropfnaß war, öffnete der Direktor schlicht die Tür zu seinem Büro und sagte ruhig: »Hier herein, meine Junge.« Er spart sich seine Wut für die Prügel auf, dachte Hugh und betrat klopfenden Herzens das Büro.

Zu seiner heillosen Verblüffung sah er dort seine Mutter sitzen.

Noch schlimmer — sie weinte!

»Ich war doch bloß schwimmen!« platzte Hugh heraus. Hinter ihm schloß sich die Tür, und er merkte, daß der Schulleiter gar nicht mit hereingekommen war.

Erst jetzt begann es ihm zu dämmern: Das alles hatte nichts mit dem Arrest zu tun und nichts mit dem Schwimmen. Es ging auch nicht um die verlorenen Klamotten und nicht darum, daß er Mr. Offerten halb nackt in die Arme gelaufen war.

Er hatte das entsetzliche Gefühl, daß alles noch viel, viel schlimmer war.

»Was ist los, Mutter?« fragte er. »Warum bist du gekommen?«

»Ach, Hugh«, schluchzte sie, »dein Vater ist tot.«

___________

Samstag war der schönste Tag der Woche, fand Maisie Robinson. Am Samstag bekam Papa seinen Lohn. Dann gab es Fleisch zum Abendessen und frisches Brot.

Sie saß mit ihrem Bruder Danny auf der Eingangsstufe und wartete darauf, daß Papa von der Arbeit kam. Danny war dreizehn, zwei Jahre älter als Maisie, und sie himmelte ihn an, obwohl er manchmal gar nicht nett zu ihr war.

Das Haus war Bestandteil einer Reihe feuchter, stickiger Wohnquartiere im Hafenviertel einer Kleinstadt an der Nordostküste Englands und gehörte der Witwe MacNeil. Sie bewohnte das vordere Zimmer im Parterre, die Robinsons lebten im Hinterzimmer, und im ersten Stock hauste eine weitere Familie. Wenn Papa von der Arbeit kam, würde Mrs. MacNeil ihn auf der Türschwelle abpassen und sofort die Miete kassieren.

Maisie hatte Hunger. Gestern hatte sie ein paar zerhackte Knochen beim Fleischer erbettelt, und Papa hatte eine Rübe gekauft und Eintopf daraus gekocht. Das war ihre letzte Mahlzeit gewesen. Aber heute war Samstag!

Sie versuchte, nicht an das Abendessen zu denken, denn dann tat ihr der Bauch nur noch mehr weh. Um sich abzulenken, sagte sie zu Danny: »Heute morgen hat Papa ein Schimpfwort gebraucht.«

»Was hat er gesagt?«

»Er hat Mrs. MacNeil eine paskudniak genannt.« Danny kicherte. Das Wort bedeutete Schurkin. Nach einem Jahr im neuen Land sprachen die Kinder fließend Englisch, doch ihr Jiddisch hatten sie nicht vergessen.

Ihr richtiger Name war nicht Robinson, sondern Rabinowicz. Mrs. MacNeil haßte sie, seit sie wußte, daß sie Juden waren. Sie hatte nie zuvor einen Juden gesehen, und als sie ihnen das Zimmer überließ, war es in dem Glauben geschehen, die neuen Mieter seien Franzosen. In dieser Stadt gab es wohl keine Juden. Die Robinsons hatten auch nie hierher gewollt: Ihre Überfahrt hatten sie für eine Stadt namens Manchester gebucht, wo es viele Juden gab, und der Kapitän hatte ihnen vorgeflunkert, dies hier wäre Manchester. Als sie den Betrug bemerkten, hatte Papa gesagt, sie würden sparen, bis sie nach Manchester ziehen könnten — doch dann war Mama krank geworden.

Mama war noch immer krank, und sie waren noch immer hier.

Papa arbeitete am Hafen in einem hohen Speicherhaus, über dessen Tor in großen Lettern Tobias Pilaster & Co. stand, und Maisie fragte sich oft, wer der »Co.« sein mochte. Papa arbeitete als Buchhalter bei Pilaster und erfaßte die Farbenfässer, die hereinkamen und hinausgingen. Er war ein sorgfältiger Mann, ein gewissenhafter Protokollant und Listenschreiber.

Mama war das genaue Gegenteil von ihm, unternehmungslustig und wagemutig. Sie war die treibende Kraft gewesen, als es um die Übersiedlung nach England ging. Mama liebte Feste, Reisen, schöne Kleider und Gesellschaftsspiele und lernte gerne neue Menschen kennen. Darum liebt Papa sie auch so sehr, dachte Maisie: Weil Mama genau das ist, was er nie sein kann.

Doch inzwischen war Mama nur noch ein Schatten ihrer selbst. Den ganzen Tag lang lag sie auf der alten Matratze, döste und schlief; das blasse Gesicht glänzte vor Schweiß, und ihr Atem war heiß und übelriechend. Der Doktor hatte gesagt, man müsse sie täglich mit vielen frischen Eiern und Sahne und Rindfleisch wieder aufpäppeln — und dann hatte Papa ihn mit dem Geld bezahlt, das eigentlich fürs Abendessen vorgesehen war. Inzwischen fühlte sich Maisie jedesmal, wenn sie etwas aß, schuldig, weil sie wußte, daß sie Nahrung zu sich nahm, die ihrer Mutter vielleicht das Leben retten konnte.

Maisie und Danny hatten sich das Stehlen beigebracht. An Markttagen gingen sie auf den Marktplatz und mausten Kartoffeln und Äpfel von den Ständen. Zwar wachten die Händler mit Adleraugen über ihre Ware, doch hin und wieder wurden sie abgelenkt — durch einen Streit übers Wechselgeld, durch raufende Hunde oder einen Trunkenbold —, und dann grabschten die Kinder nach allem, was sie erwischen konnten. Wenn sie Glück hatten, lief ihnen ein reiches Kind über den Weg, das nicht älter war als sie, und dann taten sie sich zusammen und raubten es aus. Solche Kinder trugen immer etwas bei sich — eine Orange oder eine Tüte voller Süßigkeiten, und sehr oft sogar ein paar Pennys. Maisie hatte ständig Angst, sie könnten ertappt werden — Mama würde sich in Grund und Boden schämen. Aber meistens war der Hunger größer als die Angst.

Als sie aufblickte, sah sie eine Traube von Männern die Straße entlangkommen. Wer sie wohl waren? Für Dockarbeiter waren sie noch ein wenig zu früh dran. Sie hielten zornige Reden, fuchtelten mit den Armen und stießen ihre Fäuste in die Luft.

Erst als sie näher kamen, erkannte Maisie Mr. Ross, der im ersten Stock wohnte und wie Papa bei Pilaster arbeitete. Wieso kam er schon nach Hause? Waren die Männer alle gefeuert worden? Nach Mr. Ross’ Zustand zu urteilen, war das gut möglich. Sein Gesicht war puterrot angelaufen; er fluchte und schimpfte über »dumme Trottel, lausige Blutsauger und verlogene Schweinehunde«. Als die Gruppe das Haus erreicht hatte, wandte er sich brüsk ab und stampfte durch die Tür, so daß Maisie und Danny sich wegducken mußten, um nicht unter seine genagelten Stiefel zu geraten. Als Maisie wieder aufblickte, sah sie Papa. Er war ein schmaler Mann mit schwarzem Bart und sanften braunen Augen, der den anderen in einiger Entfernung und mit gesenktem Kopf folgte. Er wirkte so niedergeschlagen und hoffnungslos, daß Maisie hätte weinen können.

»Was ist passiert, Papa?« fragte sie. »Warum kommst du so früh?«

»Kommt mit rein«, sagte er so leise, daß Maisie ihn gerade eben noch verstand.

Beide Kinder folgten ihm ins Hinterzimmer. Dort kniete er sich neben die Matratze und küßte Mama auf die Lippen. Sie erwachte und lächelte ihn an, doch er erwiderte ihr Lächeln nicht.

»Die Firma ist kaputt«, sagte er auf Jiddisch. »Toby Pilaster hat Bankrott gemacht.«

Maisie verstand nicht, was er damit meinte, doch nach Papas Tonfall klang es wie eine Katastrophe. Unwillkürlich sah sie Danny an: Er zuckte die Achseln. Auch er begriff es nicht.

»Aber warum?« fragte Mama.

»Es hat einen finanziellen Zusammenbruch gegeben«, sagte Papa.

»Gestern hat eine große Bank in London Pleite gemacht.«

Mama runzelte die Stirn und versuchte sich zu konzentrieren. »Aber wir sind hier nicht in London«, sagte sie. »Was soll das heißen?«

»Genaueres weiß ich auch nicht.«

»Also hast du keine Arbeit mehr?«

»Keine Arbeit und auch kein Geld.«

»Aber heute haben sie dich doch bezahlt.«

Papa senkte den Kopf. »Nein, sie haben uns nicht bezahlt.«

Wieder sah Maisie Danny an. Das verstanden sie. Kein Geld bedeutete kein Essen, für keinen von ihnen. Danny war sichtlich erschrocken, und Maisie hätte am liebsten geweint.

»Aber sie müssen dich bezahlen«, flüsterte Mama. »Du hast die ganze Woche über gearbeitet, sie müssen dich bezahlen.«

»Sie haben kein Geld«, sagte Papa. »Sie sind bankrott. Bankrott heißt, anderen Leuten Geld zu schulden und sie nicht bezahlen zu können.«

»Aber du hast doch immer gesagt, Mr. Pilaster ist ein anständiger Mann.«

»Toby Pilaster ist tot. Er hat sich erhängt, gestern abend, in seinem Londoner Büro. Sein Sohn ist so alt wie Danny.«

»Aber wie sollen wir nun unsere Kinder ernähren?«

»Ich weiß es nicht«, gestand Papa, und dann fing er zu Maisies Schrecken an zu weinen. »Es tut mir so leid, Sarah«, sagte er, während die Tränen in seinen Bart rollten. »Ich habe dich an diesen grauenvollen Ort gebracht, wo es keine Juden gibt und niemanden, der uns hilft. Ich kann den Arzt nicht bezahlen, ich kann keine Medizin kaufen, ich kann unsere Kinder nicht ernähren. Ich habe völlig versagt. Es tut mir so leid, so schrecklich leid.« Er beugte sich vor und vergrub sein tränennasses Gesicht an Mamas Busen. Mit zitternder Hand strich sie ihm übers Haar.

Maisie war entsetzt. Papa hatte noch nie geweint! Das schien das Ende aller Hoffnungen zu sein. Womöglich mußten sie nun alle sterben.

Danny stand auf, sah Maisie an und deutete mit dem Kopf zur Tür. Sie erhob sich, und auf Zehenspitzen verließen die beiden Kinder das Zimmer. Maisie setzte sich auf die Eingangsstufe und fing an zu weinen. »Was sollen wir bloß tun?« schluchzte sie.

»Wir müssen weglaufen«, sagte Danny.

Bei seinen Worten bildete sich ein kalter Knoten in Maisies Brust.

»Das können wir nicht«, sagte sie.

»Wir müssen. Wir haben nichts zu essen. Wenn wir bleiben, verhungern wir.«

Maisie war das egal, doch plötzlich ging ihr ein anderer Gedanke durch den Sinn: Mama würde von sich aus zu Tode fasten, um ihren Kindern Nahrung zu verschaffen. Mama würde sterben, wenn sie blieben. Also mußten sie gehen, um Mamas Leben zu retten.

»Du hast recht«, sagte Maisie zu Danny. »Wenn wir weggehen, wird Papa vielleicht genug zu essen für Mama auftreiben können. Wir müssen wirklich gehen, um ihretwillen.«

Mit einemmal wurde ihr das ganze Ausmaß des Unglücks bewußt, das ihre Familie getroffen hatte. Es war sogar noch schlimmer als an dem Tag, als sie aus Viskis hatten fliehen und das brennende Dorf hinter sich zurücklassen müssen. Ein eiskalter Zug hatte sie fortgebracht, mit ihrer gesamten Habe, die nicht mehr als zwei Segeltuchtaschen füllte. Damals war Maisie klargeworden, daß Papa sich allezeit um sie kümmern würde, was immer auch geschehen mochte. Jetzt aber mußte sie sich um sich selber kümmern.

»Wohin gehen wir?« fragte sie flüsternd.

»Ich gehe nach Amerika.«

»Nach Amerika! Wie?«

»Im Hafen liegt ein Schiff, das mit der Morgenflut Richtung Boston ausläuft — wenn es dunkel ist, klettere ich an einem Seil an Bord und verstecke mich in einem der Boote.«

»Du fährst als blinder Passagier«, sagte Maisie, und in ihrer Stimme schwang ebenso viel Angst wie Bewunderung mit.

»Genau.«

Als Maisie ihren Bruder betrachtete, sah sie zum erstenmal, daß über seinen Lippen ein Bartflaum zu sprießen begann. Er wurde allmählich ein Mann, und eines Tages würde er den gleichen schwarzen Vollbart tragen wie Papa. »Wie lange dauert die Fahrt nach Amerika?« fragte sie.

Er zögerte und wirkte ein wenig stur, als er antwortete: »Ich weiß nicht.«

Ihr ging auf, daß er sie nicht in seine Pläne einschloß, und ihr wurde elend und ängstlich zumute. »Wir bleiben also nicht zusammen«, sagte sie traurig.

Sein Blick war schuldbewußt, aber er widersprach ihr nicht. »Ich geb’ dir einen guten Tip«, sagte er. »Geh nach Newcastle. Zu Fuß bist du in vier Tagen dort. Es ist eine große Stadt, größer noch als Danzig — dort fällst du keinem auf. Schneid dir die Haare kurz, klau dir ein Paar Hosen, und tu so, als wärst du ein Junge. Such dir einen Mietstall, und hilf, die Pferde zu versorgen — mit Pferden konntest du schon immer gut umgehen. Wenn du deine Sache gut machst, kriegst du Trinkgelder, und vielleicht stellen sie dich nach einer Weile sogar richtig ein.«

Maisie konnte sich nicht vorstellen, ganz auf sich allein gestellt zu sein.

»Ich würde lieber bei dir bleiben«, sagte sie.

»Das geht nicht. Es wird schon schwierig genug für mich alleine. Ich muß mich verstecken, mir was zu essen klauen und so. Da kann ich mich nicht auch noch um dich kümmern.«

»Du brauchtest dich nicht um mich zu kümmern. Und ich wäre mucksmäuschenstill.«

»Ich würde mir aber Sorgen um dich machen.«

»Aber mich ganz allein zu lassen macht dir keine Sorgen?«

»Von heute an müssen wir selber für uns sorgen!« gab Danny schroff zurück.

Maisie erkannte, daß sie ihren Bruder nicht würde umstimmen können — das war ihr noch nie gelungen, wenn Danny sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte.

Voller Furcht im Herzen fragte sie: »Wann sollen wir gehen? Morgen früh?«

Danny schüttelte den Kopf. »Jetzt gleich. Sobald es dunkel ist, muß ich mich an Bord schleichen.«

»Ist das wirklich nötig?«

»Ja.« Wie zum Beweis dafür stand er auf.

Maisie tat es ihm gleich. »Sollen wir irgendwas mitnehmen?«

»Was denn?«

Sie zuckte mit den Schultern. Sie besaß kein Kleid zum Wechseln, keine Erinnerungsstücke, nichts. Es gab auch kein Geld und keine Lebensmittel, die sie hätten mitnehmen können. »Ich möchte Mama einen Abschiedskuß geben«, sagte Maisie.

»Laß es sein«, sagte Danny mit rauher Stimme. »Sonst kommst du nicht von hier weg.«

Er hatte recht. Wenn ich jetzt zu Mama gehe, klappe ich zusammen und erzähle ihr alles, dachte Maisie und schluckte heftig. »Also gut«, sagte sie, während sie mit den Tränen kämpfte. »Gehen wir.«

Seite an Seite schritten sie davon.

Am Ende der Straße hätte Maisie sich gerne noch einmal umgedreht und einen letzten Blick auf das Haus geworfen. Doch sie hatte Angst, sie könnte schwach werden und umkehren. Also ging sie weiter und drehte sich nicht mehr um.

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Ausschnitt aus der Londoner Times:

DER CHARAKTER DES ENGLISCHEN SCHULJUNGEN

Der Stellvertretende Untersuchungsrichter von Ashton, Mr. H. S. Wasbrough, leitete gestern im Bahnhofshotel von Windfield die gerichtliche Untersuchungskommission zur Aufklärung der Todesursache im Falle des 13jährigen Schülers Peter James St. John Middleton. Der Knabe war in einem stillgelegten Steinbruch, unweit der Windfield School, in einem Teich schwimmen. Zwei ältere Schüler hatten, wie dem Gericht mitgeteilt wurde, gemerkt, daß er in Schwierigkeiten geriet.

Einer der beiden, Miguel Miranda, gebürtig aus Cordoba, sagte als Zeuge aus, sein Begleiter, der 16jährige Edward Pilaster, habe sich seiner Oberbekleidung entledigt und sei ins Wasser gesprungen, um den Jüngeren zu retten, jedoch ohne Erfolg.

Der Schulleiter von Windfield, Dr. Herbert Poleson, sagte aus, der Aufenthalt im Steinbruch sei den Schülern untersagt, doch es sei ihm bekannt, daß diese Anordnung gelegentlich übertreten werde. Die Jury kam zu dem Schluß, daß ein Unfalltod durch Ertrinken vorliege.

Abschließend verwies der Stellvertretende Untersuchungsrichter auf die Tapferkeit des Schülers Edward Pilaster, der versucht habe, seinem Freund das Leben zu retten, und sagte, der Charakter des englischen Schuljungen, geformt von Institutionen wie Windfield, sei ein Faktum, auf das wir mit Fug und Recht stolz sein dürften.

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Micky Miranda war hingerissen von Edwards Mutter.

Augusta Pilaster war eine große, stattliche Frau in den Dreißigern. Sie hatte schwarzes Haar und schwarze Augenbrauen und ein hochmütiges Gesicht mit hohen Wangenknochen, einer geraden, scharf geschnittenen Nase und einer starken Kinnpartie.

Strenggenommen war sie nicht schön und schon gar nicht hübsch, aber ihr stolzes Gesicht besaß eine unglaubliche Ausstrahlung. Zu der gerichtlichen Untersuchung trug sie einen schwarzen Mantel und einen schwarzen Hut, was die Dramatik ihres Auftritts noch verstärkte. Doch das eigentlich Faszinierende an ihr war der untrügliche Eindruck, daß sich unter ihren sittsamen Kleidern ein wollüstiger Körper verbarg und daß ihre arrogante, gebieterische Haltung eine leidenschaftliche Natur kaschierte. Micky vermochte ich ihrer Persönlichkeit nicht zu entziehen, ja, er konnte kaum den Blick von ihr wenden.

Neben ihr saß ihr Gatte Joseph, Edwards Vater, ein häßlicher Mann um die Vierzig, der unentwegt eine Leichenbittermiene zur Schau trug. Er besaß die gleiche Hakennase wie Edward und hatte den gleichen hellen Teint, doch seine blonden Haare wichen allmählich einer Glatze, für die der buschige Backenbart wohl einen Ausgleich schaffen sollte. Micky fragte sich, was eine so eindrucksvolle Frau dazu bewegt haben mochte, diesen unansehnlichen Mann zu heiraten. Nun ja, er hatte Geld, sehr viel Geld — das war wohl der Grund.

Sie saßen in einer Mietkutsche, die sie vom Bahnhofshotel in die Schule brachte: Mr. und Mrs. Pilaster, Edward und Micky sowie Dr. Poleson, der Schulleiter. Micky fand es erheiternd, daß auch der Direktor offensichtlich Augusta Pilasters Charme verfallen war. Er erkundigte sich, ob die Untersuchung sie ermüdet habe und ob sie sich in der Kutsche wohl fühle; er befahl dem Kutscher, langsamer zu fahren, und am Ende der Fahrt sprang er als erster aus dem Wagen, um Mrs. Pilaster beim Aussteigen die Hand reichen zu können. Sein Bulldoggengesicht verriet eine Erregung, wie Micky sie noch nie an ihm beobachtet hatte.

Alles war gutgegangen bei der gerichtlichen Untersuchung. Obwohl Micky innerlich furchtbare Ängste ausgestanden hatte, hatte er eine Engelsmiene aufgesetzt, um die Geschichte zu erzählen, die Edward und er sich ausgedacht hatten. Die scheinheiligen Briten nahmen es unglaublich genau mit der Wahrheit, und wäre man ihm auf die Schliche gekommen, wäre er geliefert gewesen, soviel stand fest. Aber die Geschichte vom heldenhaften Internatsschüler hatte das Gericht dermaßen entzückt, daß niemand sie in Frage gestellt hatte. Edward war nervös gewesen und hatte bei seiner Aussage gestottert, doch der Untersuchungsrichter hatte auch dafür verständnisvolle Worte gefunden. Edward, so meinte er, sei wohl noch nicht darüber hinweggekommen, daß seinen Rettungsversuchen kein Erfolg beschieden war. Edward solle sich doch keine Vorwürfe machen …

Von den anderen Schülern war keiner vorgeladen worden. Hugh war noch am Tag des Unglücks aus der Schule genommen worden, weil sein Vater gestorben war. Von Tonio verlangte man keine Aussage, weil niemand wußte, daß er gesehen hatte, wie Peter starb. Micky hatte ihn unter fürchterlichen Drohungen zum Schweigen verdonnert. Zwar gab es noch einen unbekannten Zeugen, den Jungen, der am anderen Ende des Teichs gebadet hatte, doch der hatte sich nicht gemeldet.

Peters Eltern hatte der Schicksalsschlag so hart getroffen, daß sie nicht erschienen waren. Sie hatten ihren Anwalt geschickt, einen alten Mann mit verschlafenen Augen, dessen einziges Ziel es war, die Sache mit möglichst geringem Aufwand hinter sich zu bringen. Anwesend war lediglich Peters älterer Bruder David; er hatte sich ziemlich aufgeregt, als der Anwalt darauf verzichtete, Micky und Edward kritisch zu befragen. Mit einer abwehrenden Handbewegung wies der alte Mann Davids geflüsterten Protest zurück. Ein Glück, dachte Micky, und war dem Anwalt überaus dankbar für seine Trägheit. Er war sich ziemlich sicher, daß Edward schon bei der ersten skeptischen Frage in die Knie gegangen wäre.

Im staubigen Wohnzimmer des Direktors nahm Mrs. Pilaster Edward in die Arme und küßte ihn auf die Stirn, wo Tonios Stein eine Wunde hinterlassen hatte. »Mein armer geliebter Junge«, sagte sie.

Von dem Steinwurf hatten Micky und Edward niemandem erzählt, denn dann hätten sie erklären müssen, was Tonio dazu veranlaßt hatte. Nach ihrer Version hatte Edward sich den Kopf angeschlagen, als er nach Peter tauchte.

Beim Tee lernte Micky eine ganz neue Seite an seinem Freund kennen. Edward saß auf dem Sofa neben seiner Mutter. Unablässig tätschelte und streichelte Augusta ihren »Teddy«, doch statt peinlich davon berührt zu sein wie andere Jungen seines Alters, schien Edward das zu mögen und schenkte seiner Mutter sogar ein gewinnendes Lächeln, das Micky noch nie an ihm gesehen hatte. Sie ist richtig vernarrt in ihn, dachte Micky — und Edward gefällt das.

Nachdem man minutenlang nichts als belanglose Höflichkeiten ausgetauscht hatte, stand Mrs. Pilaster plötzlich auf und brachte damit die Männer ganz durcheinander. Hastig rappelten sie sich auf. »Sie wollen gewiß rauchen, Dr. Poleson«, sagte sie und, ohne seine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Mr. Pilaster wird Sie auf eine Zigarre in den Garten begleiten. Teddy, mein Lieber, du begleitest deinen Vater. Ich werde mir ein paar Minuten stiller Einkehr in der Kapelle gönnen. Vielleicht kann Micky mir den Weg dorthin zeigen.«

»Aber gewiß doch, aber gewiß doch«, stammelte der Direktor und überschlug sich geradezu in seinem Eifer, Augustas Befehlen unverzüglich nachzukommen. »Los, los, Miranda!«

Micky war beeindruckt. Wie mühelos diese Frau die Männer zum Spuren brachte! Er hielt ihr die Tür auf und folgte ihr hinaus. In der Diele fragte er höflich: »Hätten Sie gerne einen Sonnenschirm, Mrs. Pilaster? Es ist recht heiß heute.«

»Nein, danke.«

Vor dem Haus des Direktors drückten sich eine Menge Jungen herum. Offenbar hatte sich die Neuigkeit, was für eine tolle Frau Pilasters Mutter war, wie ein Lauffeuer in der ganzen Schule verbreitet. Alle brannten darauf, sie zu sehen. Micky genoß es, daß er die Dame begleiten und durch die verschiedenen Höfe zur Kapelle führen durfte. »Soll ich hier draußen auf Sie warten?« bot er an.

»Nein, komm mit herein. Ich will mit dir reden.«

Das Vergnügen, die faszinierende Frau herumzuführen, wich Unsicherheit und Nervosität. Was will sie von mir? fragte sich Micky.

Die Kapelle war menschenleer. Mrs. Pilaster setzte sich in eine der hinteren Bänke und deutete auf den Platz neben ihr. Dann sah sie ihm geradewegs in die Augen und sagte: »Jetzt erzähl mir, wie es wirklich war.«

Augusta sah Überraschung und Furcht in den Augen des Jungen aufblitzen und wußte sofort, daß ihr Verdacht gerechtfertigt war.

Doch Micky hatte sich schon wieder gefangen. »Ich habe doch erzählt, wie es war«, lautete seine Antwort.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das hast du nicht.«

Micky lächelte nur, und nun war es an Augusta, überrascht zu sein. Sie wußte, daß sie ihn ertappt und in die Defensive gedrängt hatte. Und doch war er imstande, sie anzulächeln! Nur wenige Männer hatten ihrer Willensstärke etwas entgegenzusetzen, und wie es schien, gehörte dieser Knabe trotz seiner Jugend bereits dazu. »Wie alt bist du?« fragte sie.

»Sechzehn.«

Sie musterte ihn aufmerksam. Mit seinen dunkelbraunen Locken und der glatten Haut sah er geradezu aufregend gut aus, wenngleich die schweren Lider und die vollen Lippen einen Anflug von Dekadenz ahnen ließen. Seine Selbstsicherheit und seine glänzende Erscheinung erinnerten sie an den Grafen Strang …

Der Gedanke versetzte ihr einen Stich, und sie verdrängte ihn voller Schuldgefühle. »Peter Middleton war nicht in Gefahr, als ihr zu dem Teich kamt«, sagte sie. »Er schwamm putzmunter im Wasser herum.«

»Wie kommen Sie darauf?« fragte Micky kühl zurück.

Sie spürte seine Angst — und doch blieb er vollkommen beherrscht. Der Junge war schon erstaunlich reif. Er zwang sie, gegen ihre Absicht mehr von ihrem Wissen preiszugeben, als sie vorgehabt hatte.

»Du vergißt, daß Hugh Pilaster dabei war«, sagte sie. »Er ist mein Neffe. Du hast wahrscheinlich gehört, daß sein Vater sich vergangene Woche das Leben genommen hat, deshalb ist Hugh heute nicht hier. Aber er hat seiner Mutter, also meiner Schwägerin, von dem Vorfall im Steinbruch erzählt.«

»Was hat er gesagt?«

Augusta runzelte die Stirn. »Er sagte, Edward hätte Peters Kleider ins Wasser geworfen«, gestand sie widerwillig. Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf, wie Teddy so etwas tun konnte.

»Und dann?«

Augusta mußte lächeln — der Junge drehte einfach den Spieß um. Statt sich von mir befragen zu lassen, horcht er mich aus! dachte sie. »Erzähl du mir einfach, was passiert ist«, sagte sie.

Micky nickte. »Wie Sie wünschen.«

Seine Worte erleichterten und beunruhigten Augusta gleichermaßen. Sie wollte die Wahrheit wissen, fürchtete sich aber auch ein wenig davor. Armer Teddy, dachte sie bei sich, er wäre als Baby fast gestorben, weil mit meiner Milch etwas nicht stimmte. Er siechte dahin, bis der Arzt das Problem endlich erkannte und vorschlug, eine Amme einzustellen. Der arme Teddy ist heute noch genauso anfällig und empfindlich wie damals. Er braucht den Schutz seiner Mutter. Hätte ich meinen Willen durchgesetzt, hätte er niemals dieses Internat besuchen müssen, aber in diesem Punkt blieb sein Vater einfach unnachgiebig. Augusta wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Micky zu.

»Edward hatte nichts Böses im Sinn«, begann er. »Es war reiner Unfug. Ich meine, daß er die Kleider der Jungen ins Wasser geworfen hat, war ein Scherz.«

Augusta nickte. Soweit klang alles ganz verständlich. Jungs in diesem Alter kabbelten sich ja ständig. Sicher haben sie auch den armen Teddy immer geärgert, dachte sie.

»Dann stieß Hugh Edward ins Wasser.«

»Der kleine Hugh war schon immer ein Unruhestifter«, sagte Augusta. »Er ist keinen Deut besser als sein erbärmlicher Vater.« Dabei dachte sie: Mit ihm wird es wahrscheinlich das gleiche böse Ende nehmen.

»Die anderen lachten, und da hat Edward Peters Kopf unter Wasser getunkt, um ihm eine Lektion zu erteilen. Hugh ist davongerannt, und Tonio warf mit einem Stein nach Edward.«

Augusta war entsetzt. »Er hätte das Bewußtsein verlieren und ertrinken können!«

»Hat er aber nicht. Statt dessen setzte er Tonio nach. Ich hab’ ihnen zugesehen. Auf Peter Middleton hat kein Mensch mehr geachtet. Tonio ist Edward schließlich ausgebüxt, und erst da merkten wir, daß Peter keinen Mucks mehr von sich gab. Wir wissen wirklich nicht, was ihm zugestoßen ist. Vielleicht verlor er die Kraft, als Edward ihn unter Wasser drückte, und bekam nicht mehr genug Luft, um noch ans Ufer zu schwimmen. Jedenfalls trieb er mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Wir holten ihn sofort heraus, aber er war schon tot.«

Dafür konnte Edward eigentlich nichts, dachte Augusta. Unter den Jungen sind solche rohen Spiele doch üblich! Dennoch empfand sie große Dankbarkeit, daß diese Geschichte bei der Untersuchung nicht zur Sprache gekommen war. Micky hatte Edward gedeckt, dem Himmel sei Dank! »Was ist mit den anderen, die dabei waren?« fragte sie. »Sie müssen doch wissen, was los gewesen ist.«

»Wir hatten Glück, daß Hugh noch am gleichen Tag die Schule verließ.«

»Und der andere Junge — Tony, nicht wahr?«

»Antonio Silva, kurz Tonio. Keine Sorge. Der ist ein Landsmann von mir und tut, was ich ihm sage.«

»Wie kannst du dir da so sicher sein?«

»Wenn er mir hier Schwierigkeiten macht, wird seine Familie zu Hause dafür büßen müssen. Das weiß er.«

Mickys Stimme klang auf einmal eiskalt. Augusta schauderte.

»Soll ich Ihnen einen Umhang holen?« fragte Micky aufmerksam.

Augusta schüttelte den Kopf. »Und sonst hat niemand gesehen, was passiert ist?«

Micky runzelte die Stirn. »Als wir ankamen, schwamm noch ein vierter Junge im Teich.«

»Wer war das?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen«, sagte er. »Ich hatte ja keine Ahnung, daß es später wichtig sein würde.«

»Hat er gesehen, was passiert ist?«

»Das weiß ich nicht. Ich kann nicht genau sagen, wann er weggegangen ist.«

»Er war schon fort, als ihr die Leiche aus dem Wasser holtet?«

»Ja.«

»Wenn wir nur wüßten, wer das war«, sagte Augusta sorgenvoll.

»Vielleicht war er gar nicht von der Schule«, erwog Micky. »Er kann ebensogut aus der Stadt sein. Aber wie auch immer — er hat sich nicht als Zeuge gemeldet, also kann er uns wohl kaum gefährlich werden.«

Er kann uns wohl kaum gefährlich werden.

Mit einem Schlag wurde Augusta klar, daß sie sich mit diesem Jungen auf etwas Unehrenhaftes, ja womöglich sogar Gesetzwidriges eingelassen hatte. Was für eine unangenehme Situation! Blind war sie in die Falle getappt, die Miguel Miranda ihr gestellt hatte.

Mit strengem Blick sagte sie: »Was willst du?«

Zum erstenmal hatte sie ihn überrumpelt. Er wirkte verwirrt, als er fragte: »Wie meinen Sie das?«

»Du hast meinen Sohn gedeckt. Du hast heute einen Meineid geschworen.« Ihre Direktheit brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Augusta nahm es befriedigt zur Kenntnis: Jetzt hatte sie das Heft wieder in der Hand. »Ich glaube nicht, daß du das aus reiner Herzensgüte getan hast. Ich glaube, du erwartest eine Gegenleistung. Warum sagst du mir nicht einfach, was du willst?«

Sie sah, wie sein Blick sekundenlang auf ihrem Busen verweilte. Einen irrwitzigen Augenblick lang glaubte sie, er wolle ihr einen unanständigen Antrag machen.

»Ich möchte gerne die Sommerferien bei Ihnen verbringen«, sagte Micky.

Das hatte sie nicht erwartet. »Warum?«

»Ich brauche sechs Wochen für den Heimweg. Deshalb muß ich in den Ferien in der Schule bleiben, ganz allein. Das ist entsetzlich langweilig. Für mich gäbe es nichts Schöneres, als den Sommer mit Edward zu verbringen. Laden Sie mich ein?«

Urplötzlich war er wieder ein ganz normaler Schuljunge. Augusta hatte schon damit gerechnet, er würde Geld fordern oder eine Anstellung beim Bankhaus Pilaster. Und dann dieser harmlose, beinahe kindische Wunsch!

Nun ja, ihm liegt wohl wirklich sehr daran, dachte sie. Schließlich ist er ja auch erst sechzehn.

»Es freut uns, wenn du deine Ferien bei uns verbringst«, sagte sie. Der Vorschlag war ihr gar nicht unangenehm. Micky Miranda war ein Filou, gewiß, und in seiner Art nicht zu unterschätzen. Aber er verfügte über perfekte Manieren und sah gut aus: ein angenehmer Gast. Vielleicht, dachte Augusta, übt er ein wenig Einfluß auf Edward aus. Wenn Teddy einen Fehler hatte, dann war es seine Ziellosigkeit. Micky war das genaue Gegenteil von ihm, und vielleicht übertrug sich ja ein wenig von seiner Willensstärke auf Teddy.

Micky lächelte strahlend. »Vielen Dank«, sagte er. Seine Freude wirkte aufrichtig.

»Du kannst jetzt gehen«, sagte Augusta. Sie wollte noch eine Weile allein bleiben und über das Gehörte nachdenken. »Ich finde selbst wieder zurück.«

Er erhob sich von der Bank, in der sie saßen. »Ich danke Ihnen sehr«, sagte er und streckte ihr die Hand entgegen.

Augusta schüttelte sie. »Ich bedanke mich bei dir. Du hast Teddy beschützt.«

Er verneigte sich, als wolle er ihr die Hand küssen, doch zu Augustas großer Verblüffung küßte er sie auf den Mund. Es ging so schnell, daß ihr keine Zeit blieb, sich abzuwenden. Sie wollte protestieren, doch bevor ihr die richtigen Worte einfielen, hatte er sich schon wieder aufgerichtet und war gegangen.

Empörend! dachte sie. Nein, küssen hätte er mich nicht dürfen, schon gar nicht auf den Mund! Für wen hielt sich der Bengel eigentlich?

Im ersten Moment hätte sie ihre Ferieneinladung am liebsten wieder rückgängig gemacht, aber das ging natürlich nicht.

Warum eigentlich nicht? fragte sie sich. Warum kann ich nicht von dieser Einladung zurücktreten? Ein Schuljunge hat sich unverschämt benommen, also lädt man ihn wieder aus.

Aber Augusta Pilaster war sich ihrer Sache keineswegs sicher, und das nicht nur deshalb, weil Micky ihrem Teddy eine üble Schmach erspart hatte. Es war viel schlimmer: Sie hatte sich mit ihm auf eine kriminelle Verschwörung eingelassen und war ihm nun ausgeliefert.

Micky Miranda hatte sie in der Hand.

Noch lange saß Augusta in dem kühlen Gotteshaus, starrte die kahlen Wände an und fragte sich beklommen, wie dieser hübsche, frühreife Knabe seine Macht nutzen würde.

Teil II

Teil I

Mai 1873

Micky Miranda war dreiundzwanzig, als sein Vater nach London kam, um Waffen zu kaufen.

Señor Carlos Raul Xavier Miranda — für Micky seit jeher nur »Papa« — war ein kleiner, gedrungener Mann mit ausladenden Schultern. Aggressivität und Brutalität hatten tiefe Furchen in sein gebräuntes Gesicht gegraben. Im Sattel auf seinem kastanienbraunen Hengst, in ledernen chaparajos und Sombrero, mochte er eine eindrucksvolle, ehrfurchtgebietende Figur abgeben — hier jedoch, im Hyde Park, angetan mit Gehrock und Zylinder, kam er sich vor wie ein Idiot. Entsprechend übel war seine Laune. In diesem Zustand war er unberechenbar.

Sie sahen einander nicht ähnlich. Micky war groß und schlank und besaß regelmäßige Gesichtszüge. Wenn er etwas wollte, erreichte er es gewöhnlich mit einem Lächeln, nicht mit einem Stirnrunzeln. Er liebte die Annehmlichkeiten des Lebens in London über alles: schöne Kleidung, gute Manieren, linnene Bettwäsche und sanitäre Anlagen. Seine größte Sorge war, Papa konnte es sich in den Kopf gesetzt haben, ihn wieder mit nach Cordoba zu nehmen. Allein der Gedanke, seine Tage wieder im Sattel verbringen und des Nachts auf hartem Boden schlafen zu müssen, war Micky unerträglich — von der Aussicht, wieder unter die Fuchtel seines älteren Bruders Paulo zu geraten, der eine jüngere Ausgabe von Papa war, gar nicht erst zu reden. Sollte Micky eines Tages nach Cordoba zurückkehren, dann aus eigenem Entschluß und als bedeutender Mann, nicht als der jüngere Sohn von Papa Miranda. Er mußte also seinen Vater davon überzeugen, daß er ihm hier in London mehr nutzen konnte als zu Hause.

Es war ein sonniger Samstagnachmittag, und sie flanierten über den South Carriage Drive. Der Park war bevölkert mit vielen gutgekleideten Londonern, die zu Fuß, zu Pferd und in offenen Kutschen das schöne Wetter genossen. Nur Papa war nicht in Genießerlaune. »Ich muß diese Gewehre bekommen!« brummte er auf Spanisch gleich zweimal vor sich hin.

Micky antwortete in der gleichen Sprache. »Du könntest sie zu Hause kaufen«, bemerkte er versuchshalber.

»Zweitausend Stück?« schnaubte Papa. »Ja, könnte ich wohl, aber dann pfeifen es die Spatzen von allen Dächern.«

Er wollte es also geheimhalten. Micky hatte keine Ahnung, was Papa im Schilde führte. Der Preis für zweitausend Gewehre, zuzüglich der erforderlichen Munition, würde wahrscheinlich das gesamte Barvermögen der Familie verschlingen. Wozu brauchte Papa auf einmal so viele Waffen? Seit dem inzwischen legendären »Marsch der Gauchos«, als Papa seine Männer über die Anden geführt hatte, um die Provinz Santamaria von der spanischen Herrschaft zu befreien, hatte es in Cordoba keinen Krieg mehr gegeben. Und für wen waren die Waffen bestimmt? Alles in allem zählten Papas Gauchos, Verwandte, Pöstchenhalter und sonstige Anhänger keine tausend Köpfe. Papa hatte also vor, noch mehr Männer zu rekrutieren. Aber gegen wen wollten sie kämpfen? Darüber hatte er sich nicht geäußert, und Micky wollte ihn auch nicht danach fragen. Er fürchtete sich vor der Antwort.

Statt dessen sagte er jetzt: »Wie dem auch sei, Waffen von solcher Qualität bekommst du zu Hause ohnehin nicht.«

»Das stimmt«, sagte Papa. »Die Westley-Richards ist die beste Flinte, die ich je gesehen habe.«

Micky hatte Papa bei der Auswahl der Gewehre helfen können. Waffen aller Art hatten ihn schon immer fasziniert, und er hielt sich stets auf dem laufenden, was die neuesten technischen Entwicklungen betraf. Was Papa brauchte, waren kurzläufige Gewehre, die auch für einen Reiter nicht zu unhandlich waren. Gemeinsam hatten sie die Fabrik in Birmingham besucht, in der die Westley-Richards-Karabiner hergestellt wurden, Hinterlader mit einem geschwungenen Abzugshebel, der ihnen den Spitznamen »Affenschwanz« eingetragen hatte.

»Außerdem arbeitet die Firma sehr schnell«, sagte Micky.

»Ich hatte mit einem halben Jahr Lieferfrist gerechnet. Aber sie brauchen nur ein paar Tage!«

»Das liegt an den amerikanischen Maschinen, die sie benutzen.« In früheren Zeiten, als die Feuerwaffen noch von Waffenschmieden mehr oder minder passend zusammengesetzt wurden, hätte es in der Tat ein halbes Jahr gedauert, zweitausend Gewehre zu bauen. Doch die modernen Werkzeugmaschinen arbeiteten so präzise, daß jedes Einzelteil eines bestimmten Modells genau zu allen anderen Einzelteilen paßte. Eine gut ausgerüstete Fabrik konnte täglich Hunderte vollkommen identischer Gewehre herstellen, als handle es sich um Nähnadeln.

»Und die Maschine erst, die zweihunderttausend Patronen pro Tag herstellt!« sagte Papa und schüttelte verwundert den Kopf. Doch dann schlug seine Laune wieder um, und er brummte grimmig: »Aber wie können die Geld verlangen, bevor sie liefern?«

Papa begriff nicht, wie der internationale Handel funktionierte. Er hatte sich eingebildet, der Fabrikant würde die Waffen nach Cordoba liefern und dort die Bezahlung entgegennehmen. In Wirklichkeit lief es genau andersherum: Die Zahlung war fällig, bevor die Waffen die Fabrik in Birmingham verließen.

Papa weigerte sich, Fässer voller Silbermünzen per Schiff über den Atlantik zu schicken. Mehr noch, er sah sich einfach nicht imstande, das gesamte Familienvermögen aus der Hand zu geben, bevor die Waffenlieferung sicher in Cordoba angekommen war.

»Es wird sich schon eine Lösung finden«, sagte Micky beschwichtigend. »Dafür sind Handelsbanken schließlich da.«

»Erklär mir das noch mal«, sagte Papa. »Ich will genau wissen, wie das gehandhabt wird.«

Es freute Micky, daß er seinem Vater etwas beibringen konnte. »Die Bank begleicht die Rechnung der Fabrik in Birmingham und kümmert sich darum, daß die Waffen nach Cordoba verschifft werden und auf der Fahrt ordnungsgemäß versichert sind. Wenn sie angekommen sind, wird die Bank in ihrer Niederlassung in Cordoba deine Bezahlung entgegennehmen.«

»Aber dann muß die Bank das Silber nach England verschiffen.«

»Nicht unbedingt. Vielleicht bezahlt sie damit eine Fracht Pökelfleisch von Cordoba nach London.«

»Aber wie wollen diese Bankleute davon leben?«

»Sie schneiden sich überall ein Scheibchen Profit ab. Sie handeln mit dem Waffenfabrikanten einen herabgesetzten Preis aus, berechnen eine Vermittlungsgebühr für Fracht und Versicherung und lassen sich von dir den vollen Preis für die Gewehre bezahlen.«

Papa nickte. Obwohl er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, war er beeindruckt. Micky spürte es und war glücklich.

Sie verließen den Park, überquerten die Kensington Gore und erreichten das Haus, das Joseph und Augusta Pilaster gehörte. In den sieben Jahren, die seit Peter Middletons Tod vergangen waren, hatte Micky all seine Ferien bei den Pilasters verbracht. Nach Schulabschluß hatte er sich mit Edward für ein Jahr auf eine Reise durch Europa begeben und war danach drei Jahre lang Edwards Zimmergenosse an der Universität von Oxford gewesen, wo sie sich nur im äußersten Notfall ihren Studien, hauptsächlich aber ihren Zechgelagen und dem Glücksspiel widmeten und keine Gelegenheit ausließen, Unruhe zu stiften.

Micky hatte Augusta nie wieder geküßt, obwohl er es gerne getan hätte. Er hätte sogar gerne mehr getan, als sie nur zu küssen. Und er spürte, daß sie ihm das vielleicht sogar erlaubt hätte. Denn er war davon überzeugt, daß unter dem Firnis ihrer eisigen Arroganz das heiße Herz einer leidenschaftlichen, sinnlichen Frau schlug. Aus reiner Berechnung hatte Micky sich zurückgehalten. Daß es ihm gelungen war, von einer der reichsten Familien Englands beinahe wie ein Sohn aufgenommen zu werden, war ein unschätzbarer Vorteil. Es wäre heller Wahnsinn gewesen, Joseph Pilasters Ehefrau zu verführen und damit diese Vorzugsstellung zu gefährden. Trotzdem träumte er immer wieder davon.

Edwards Eltern waren erst kürzlich in ihr neues Haus gezogen. Auf der Südseite der Kensington Gore, vor nicht allzu langer Zeit noch eine Landstraße, die von Mayfair durch die Felder in das Dorf Kensington geführt hatte, reihte sich inzwischen Villa an Villa, eine großartiger und prächtiger als die andere. Auf der Nordseite lagen der Hyde Park und die Gärten von Kensington Palace. Für eine reiche Bankiersfamilie war diese Umgebung geradezu ideal.

Der Baustil des Pilasterschen Hauses sagte Micky dagegen weniger zu.

Erstaunlich war das Haus aus roten Ziegeln und weißen Natursteinen auf jeden Fall. Große bleiverglaste Fenster zierten das Erdgeschoß und den ersten Stock, über dem ein hoher Dreiecksgiebel mit drei Reihen Fenstern aufragte: sechs in der untersten Reihe, vier in der mittleren und zwei weitere in der Giebelspitze. Vermutlich verbargen sich dahinter Schlafzimmer für unzählige Verwandte, Gäste und Dienstboten. Auf jeder Treppe des Giebels ruhte ein in Stein gehauenes Tier: Löwen, Drachen und Affen. Die Spitze des Giebels trug ein gemeißeltes Schiff, das unter vollen Segeln stand. Vermutlich stellte es das Sklavenschiff dar, auf das sich, der Familienlegende zufolge, der Pilastersche Wohlstand gründete.

»Ein zweites Haus wie dieses findest du in ganz London nicht«, sagte Micky. Sie waren stehengeblieben und betrachteten das Gebäude.

Papa antwortete auf Spanisch: »Das ist zweifellos der Eindruck, den die Dame erwecken wollte.«

Micky nickte. Papa kannte Augusta noch nicht, schätzte sie aber offensichtlich richtig ein.

Das Haus verfügte über ein großes Untergeschoß. Über dem umlaufenden Fensterschacht führte eine Brücke zur Eingangstür. Sie stand offen. Vater und Sohn Miranda traten ein.

Augusta hatte zum Nachmittagstee geladen, um ihr neues Haus vorzuführen. Gäste und Dienstpersonal drängten sich in der eichengetäfelten Eingangshalle. Micky und sein Vater gaben ihre Hüte einem Diener und bahnten sich dann ihren Weg durch die Menge in das weitläufige Wohnzimmer im rückwärtigen Teil des Hauses. Die Flügeltüren standen offen, und die Gäste verteilten sich auf der Terrasse und in dem langgestreckten Garten.

Zur Einführung seines Vaters im Hause Pilaster hatte Micky ganz bewußt eine Gelegenheit wie diese abgepaßt. In der großen Gesellschaft fiel Papa nicht so auf. Seine Manieren entsprachen nicht unbedingt dem, was man in gehobenen Londoner Kreisen gewohnt war. Die Pilasters sollten Papa deshalb erst allmählich kennenlernen. Selbst in Cordoba, wo geringere Ansprüche gestellt wurden, gab Papa wenig auf feine Umgangsformen. In London seinen Begleiter spielen zu müssen war mitunter, als führe man einen wilden Löwen an der Leine. Papa weigerte sich, seine Pistole abzulegen, er trug sie ständig unter dem Jackett.

Augusta mußte Micky ihm nicht erst zeigen.

Die Dame des Hauses stand in der Mitte des Salons. Sie trug ein königsblaues Seidengewand mit weitem eckigem Ausschnitt, der den Ansatz des Busens frei ließ. Als Papa ihre Hand ergriff, bedachte sie ihn mit einem hypnotischen Blick aus ihren dunklen Augen und sagte mit leiser, samtener Stimme: »Señor Miranda — was für eine Freude, Sie endlich kennenzulernen.«

Papa war sofort hingerissen von ihr. Er beugte sich tief über ihre Hand. »Sie waren so freundlich zu Miguel. Das kann ich nie wiedergutmachen«, sagte er in stockendem Englisch.

Micky spürte genau, wie Augusta seinen Vater in ihren Bann zog. Sie hatte sich kaum verändert seit jenem Tag, da er sie in der Kapelle von Windfield geküßt hatte. Die wenigen neuen Fältchen um ihre Augen machten sie nur noch faszinierender, der Silberhauch in ihrem Haar betonte nur dessen nachtdunkle Schwärze. Gewiß, sie mochte ein wenig gewichtiger sein als früher, doch ihr Körper wirkte dadurch noch üppiger, noch verführerischer.

»Micky hat mir oft von Ihrer großartigen Hazienda erzählt«, sagte sie zu Papa.

Der senkte die Stimme. »Sie müssen uns eines Tages besuchen.«

Da sei Gott vor, dachte Micky. Augusta in Cordoba — sie wäre dort ungefähr so fehl am Platz wie ein Flamingo in einem Kohlenbergwerk.

»Vielleicht werde ich das tun«, sagte Augusta. »Wie weit ist es denn bis dorthin?«

»Mit den schnellen neuen Schiffen dauert die Überfahrt nur noch vier Wochen.«

Noch immer hielt Papa ihre Hand, und seine Stimme schnurrte wie eine Katze. Er war ihr längst ins Netz gegangen. Micky spürte die Eifersucht wie einen Stich. Wenn hier jemand mit Augusta flirten darf, dann allenfalls ich, dachte er, nicht Papa.

»Wie ich hörte, soll Cordoba ein schönes Land sein«, sagte sie.

Micky hoffte inständig, daß Papa nicht in irgendein Fettnäpfchen treten würde. Wenn es ihm in den Kram paßte, konnte er durchaus charmant sein, und tatsächlich schien er sich, Augusta zuliebe, in der Rolle des romantischen südamerikanischen Grande zu gefallen. »Ich verspreche Ihnen, wir werden Sie dort wie eine Königin empfangen«, sagte er mit tiefer Stimme, und jetzt war es offenkundig, daß er ihr schöne Augen machte, »ganz wie es Ihnen gebührt.«

Augusta war ihm durchaus gewachsen. »Sie führen mich direkt in Versuchung«, sagte sie mit schamloser Unaufrichtigkeit über Papas Kopf hinweg. Im gleichen Moment entzog sie ihm ihre Hand und rief über seine Schulter: »Ah, Captain Tillotson, wie reizend, daß Sie kommen konnten!« Und schon wandte sie sich ab, um ihren neuesten Gast zu begrüßen.

Papa stand hilflos da und brauchte einen Moment, um sich wieder zu fassen. Dann befahl er brüsk: »Bring mich zum Direktor der Bank.«

»Sofort«, sagte Micky nervös und sah sich nach dem alten Seth um. Der ganze Pilaster-Clan war anwesend, einschließlich sämtlicher altjüngferlicher Tanten, Neffen und Nichten, Schwägerinnen und Schwäger sowie der Cousins und Cousinen ersten und zweiten Grades. Micky erkannte zwei Parlamentsabgeordnete und ein paar Angehörige des niederen Adels. Die meisten anderen Gäste waren sogenannte »Geschäftsverbindungen«, schätzte Micky — oder Konkurrenten, dachte er, als er die hagere, aufrechte Gestalt Ben Greenbournes sah, des Leiters der gleichnamigen Bank, von dem es hieß, er sei der reichste Mann der Welt. Er war der Vater Solomons, des Jungen, den Micky als »Fatty« Greenbourne gekannt hatte. Seit ihrer Schulzeit waren sie einander nicht mehr begegnet: Fatty hatte weder an der Universität studiert noch eine Europareise unternommen, sondern war sofort in die väterliche Bank eingetreten.

Während es in der Aristokratie als vulgär galt, über Geld zu sprechen, kannten diese Männer keine derartigen Vorbehalte. Immer wieder hörte Micky das Wort Crash, »Zusammenbruch«. Die Zeitungen sprachen mitunter auch vom Krach, hatte das Ganze doch in Österreich begonnen. Nach Auskunft Edwards, der erst kürzlich in der Familienbank angefangen hatte, waren die Aktienkurse gesunken, und der Diskontsatz stand hoch. Manche Leute waren durch die Entwicklung sehr beunruhigt, doch die Pilasters glaubten zuversichtlich, daß Wien London nicht mit in den Abgrund reißen würde.

Micky führte Papa durch die Flügeltüren auf die Terrasse, wo man im Schatten gestreifter Markisen Holzbänke aufgestellt hatte. Dort saß auch der alte Seth. Trotz des warmen Frühlingswetters lag eine Decke über seinen Knien. Er war noch geschwächt von einer nicht näher benannten Krankheit und wirkte zerbrechlich wie ein rohes Ei, doch dank der charakteristischen Hakennase der Pilasters war er allemal eine Respekt einflößende Erscheinung.

Eine Besucherin bemerkte gerade überschwenglich: »Wie schade, Mr. Pilaster, daß Sie sich nicht wohl genug fühlen, um am königlichen Empfang teilzunehmen!«

Micky hätte der Dame sagen können, daß diese wohlgemeinte Bemerkung an einen Pilaster verschwendet war.

Und prompt grummelte der alte Seth: »Ganz im Gegenteil, ich bin froh über diese Ausrede. Ich sehe nicht ein, daß ich meine Knie vor Leuten beugen soll, die in ihrem ganzen Leben noch keinen Penny verdient haben.«

»Aber der Prinz von Wales — diese Ehre!«

Doch Seth war nicht empfänglich für Argumente — das war er ohnehin nur selten — und erwiderte: »Meine liebe junge Dame, der Name Pilaster gilt selbst in Gegenden, wo noch niemand etwas vom Prinzen von Wales gehört hat, als allgemein anerkannte Garantie für ehrenhaften Handel.«

»Aber Mr. Pilaster, das klingt ja beinahe, als lehnten Sie die königliche Familie ab!« ereiferte sich die Frau und versuchte angestrengt, ihren heiteren Ton beizubehalten.

Seth hingegen hatte seit siebzig Jahren keinen Sinn für Heiterkeit.

»Ich mißbillige Müßiggang«, sagte er. »In der Bibel heißt es: ‘Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.’ Das hat der heilige Paulus geschrieben, in seinem zweiten Brief an die Thessaloniker, Kapitel drei, Vers zehn. Er hat demonstrativ darauf verzichtet, königliche Hoheiten von dieser Regel auszunehmen.«

Verwirrt zog sich die Dame zurück. Micky unterdrückte ein Grinsen und sagte: »Mr. Pilaster, darf ich Ihnen meinen Vater vorstellen, Señor Carlos Miranda, der aus Cordoba zu Besuch gekommen ist.«

Seth schüttelte Papa die Hand. »Aus Cordoba, wie? Meine Bank unterhält eine Niederlassung in Ihrer Hauptstadt Palma.«

»Ich komme nur selten in die Hauptstadt«, sagte Papa. »Ich besitze eine Hazienda in der Provinz Santamaria.«

»Demnach handeln Sie mit Rindfleisch.«

»Richtig.«

»Investieren Sie in Kühlung.«

Micky erkannte Papas Verblüffung und erklärte rasch: »Irgend jemand hat eine Maschine erfunden, mit der sich Fleisch kühl halten läßt. Wenn sich diese Maschine in Schiffe einbauen läßt, können wir unser Fleisch ungepökelt in die ganze Welt verschicken.«

Papa runzelte die Stirn. »Das könnte sich als schlecht für uns erweisen. Ich habe eine große Pökelanlage.«

»Reißen Sie sie ab«, sagte Seth. »Investieren Sie in Kühlanlagen.«

Papa mochte es ganz und gar nicht, wenn ihm andere sagten, was er zu tun und zu lassen hatte. Mickys Nervosität kehrte zurück. Nach einem raschen Seitenblick entdeckte er Edward und sagte: »Papa, ich möchte dir meinen besten Freund vorstellen.« Es gelang ihm, seinen Vater von Seth abzulenken und wegzuführen. »Erlaube mir, dir Edward Pilaster vorzustellen.«

Papa musterte Edward mit kühlem, klarsichtigem Blick. Der junge Mann sah nicht sonderlich gut aus — er geriet nach dem Vater, nicht nach der Mutter —, wirkte aber wie ein gesunder Junge vom Land, ein kräftiger Bursche mit hellem Teint. Die langen Nächte und der unmäßige Weingenuß hatten noch keinen Tribut gefordert — bisher jedenfalls nicht. Papa gab Edward die Hand und bemerkte: »Ihr beide seid also schon seit vielen Jahren Freunde.«

»Seelenverwandte«, erwiderte Edward.

Papa verstand ihn nicht und runzelte die Stirn, so daß Micky rasch dazwischenfuhr: »Können wir einen Augenblick fürs Geschäft erübrigen?«

Sie traten von der Terrasse auf den neu angelegten Rasen. Die Randbeete waren erst jüngst bepflanzt worden, so daß zwischen den winzigen Sträuchern noch viel nackte Erde zu sehen war. »Papa hat hier einige Großeinkäufe getätigt«, erklärte Micky. »Wir müssen nun die Fracht und die Finanzierung arrangieren. Das könnte der erste Geschäftsvorgang sein, den du in eure Familienbank einbringst.«

Edward horchte auf. »Es wird mir eine Freude sein, das für Sie zu erledigen«, sagte er zu Papa. »Könnten Sie morgen vormittag in die Bank kommen? Wir werden dann alles Notwendige in die Wege leiten.«

»Ich werde kommen.«

»Verrat mir eins, Edward«, bat Micky. »Was passiert, wenn das Schiff sinkt? Wer trägt den Verlust — wir oder die Bank?«

»Weder — noch«, sagte Edward glatt. »Die Fracht wird bei Lloyds versichert. Wir lassen uns dann die Versicherungssumme auszahlen und senden eine neue Fracht an euch. Ihr zahlt erst, wenn ihr die Ware habt. Worum handelt es sich übrigens?«

»Um Gewehre.«

Edward zog ein langes Gesicht. »Oh … in diesem Fall können wir euch leider nicht helfen.«

Das war Micky ein Rätsel. »Warum?«

»Wegen des alten Seth. Du weißt, er ist Methodist. Na ja, das sind wir alle, die ganze Familie, aber er ist in dieser Hinsicht strenger als die anderen. Waffenkäufe finanziert er nicht, auf keinen Fall. Und da er der Senior unter den Teilhabern ist, ist das auch die offizielle Politik der Bank.«

»Teufel auch!« fluchte Micky und streifte seinen Vater mit einem furchtsamen Blick, doch der hatte Gott sei Dank nicht zugehört.

Micky verspürte ein flaues Gefühl im Magen. Sein Plan durfte doch nicht an Seths dämlicher Religion scheitern! »Der verdammte alte Heuchler steht doch schon mit einem Fuß im Grabe. Was mischt er sich da noch ein?«

»Er wird sich bald von den Geschäften zurückziehen«, erklärte Edward. »Aber ich nehme an, daß Onkel Samuel sein Nachfolger wird, und der hat die gleiche Einstellung.«

Das war ja noch schöner! Samuel war Seths Sohn, ein Junggeselle von dreiundfünfzig Jahren, der sich allerbester Gesundheit erfreute.

»Dann werden wir uns wohl eine andere Handelsbank suchen müssen«, meinte Micky.

»Das sollte euch keine Schwierigkeiten machen«, erwiderte Edward, »vorausgesetzt, ihr könnt zwei solide Referenzen vorlegen.«

»Referenzen? Wozu?«

»Nun ja, jede Bank trägt das Risiko, daß ein Kunde sich nicht an die Vereinbarungen hält. Dann sitzt die Bank am anderen Ende der Welt auf einer Fracht, mit der sie nichts anfangen kann. Sie braucht also eine gewisse Rückversicherung, daß sie es mit einem soliden Geschäftsmann zu tun hat.«

Edward war sich nicht im klaren darüber, daß es in Südamerika so etwas wie einen »soliden Geschäftsmann« nicht gab.

Papa Miranda war ein Caudillo, ein Landbesitzer aus der Provinz, der über hunderttausend Morgen Pampa und eine Heerschar von Gauchos gebot, die ihm gleichzeitig als Privatarmee diente. Seine Herrschaft übte er auf eine Art und Weise aus, wie sie die Briten seit dem frühen Mittelalter nicht mehr erlebt hatten. Da konnten sie ihre Referenzen ja gleich von Wilhelm dem Eroberer erbitten!

Edward gegenüber gab Micky sich ungerührt. »Wir werden schon das Richtige vorlegen«, sagte er. In Wirklichkeit war er vollkommen ratlos. Doch wenn er in London bleiben wollte, mußte er sich etwas einfallen lassen und dafür sorgen, daß das geplante Geschäft doch noch zustande kam.

Sie machten kehrt und schlenderten wieder auf die überfüllte Terrasse zu. Papa hatte bis jetzt noch nicht mitbekommen, daß das Geschäft gefährdet war, doch Micky wußte, daß er ihm bald reinen Wein einschenken mußte — und dann war bestimmt die Hölle los. Für Mißerfolge brachte Papa keine Geduld auf, und er war schrecklich in seinem Zorn.

Augusta erschien auf der Terrasse und wandte sich an Edward. »Teddy, sei so lieb und such mir Hastead«, bat sie ihn. Hastead war ihr willfähriger walisischer Butler. »Es ist kein Fruchtsaft mehr da, und der elende Kerl ist wie vom Erdboden verschluckt.« Edward kam ihrer Bitte umgehend nach, und Augusta beehrte Papa mit einem herzlichen, vertraulichen Lächeln. »Gefällt es Ihnen auf unserer kleinen Gesellschaft, Señor Miranda?«

»Danke, ganz ausgezeichnet«, sagte Papa.

»Sie müssen unbedingt noch eine Tasse Tee oder ein Glas Fruchtsaft trinken.«

Tequila wäre Papa lieber, dachte Micky. Aber da war nichts zu machen. Methodisten pflegten bei ihren Teegesellschaften keine alkoholischen Getränke anzubieten.

Augustas Blick fiel auf Micky. Ihr feines Gespür für die Stimmungen anderer ließ sie sofort erkennen, daß mit Micky etwas nicht stimmte. »Ich sehe, daß du dich nicht amüsierst«, sagte sie. »Was ist los?«

Ohne das geringste Zögern vertraute er sich ihr an. »Ich hatte gehofft, Edward mit Papas Hilfe einen neuen Geschäftsabschluß für die Bank zu verschaffen. Aber es geht um Waffen und Munition. Edward erklärte mir soeben, daß Onkel Seth dergleichen nicht finanziert.«

»Seth wird nicht mehr lange Seniorpartner sein«, meinte Augusta.

»So wie’s aussieht, denkt Samuel in dieser Angelegenheit genauso wie sein Vater.«

»So?« Augustas Ton war schelmisch. »Wer behauptet denn, daß Samuel der neue Seniorpartner wird?«

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Hugh Pilaster trug eine neue himmelblaue Krawatte im Ascot-Stil mit breitem Knoten, der von einer Nadel festgehalten wurde. Eigentlich hätte er längst ein neues Jackett gebraucht, aber er verdiente nur achtundsechzig Pfund im Jahr, so daß er sich damit begnügen mußte, seine alte Jacke mit einer neuen Krawatte aufzumöbeln. Der Ascot-Stil entsprach der neuesten Mode, und Himmelblau war eine gewagte Farbe, doch als er einen Blick in den riesigen Spiegel über dem Kaminsims in Tante Augustas Wohnzimmer warf, sah er, daß die blaue Krawatte und der schwarze Anzug sehr gut zu seinen blauen Augen und seinem schwarzen Haar paßten. Seine Hoffnung, die Ascot-Krawatte könnte ihm einen eleganten, draufgängerhaften Anstrich verleihen, stieg. Zumindest Florence Stalworthy sollte sie beeindrucken. Mode interessierte Hugh erst, seit er Florence kennengelernt hatte.

Es war immer ein wenig peinlich, einerseits so wenig Geld zu haben und andererseits bei Tante Augusta leben zu müssen. Aber die Tradition des Bankhauses Pilaster besagte, daß jedermann den Lohn bekam, den er wert war, gleichgültig, ob es sich dabei um ein Familienmitglied handelte oder nicht. Eine weitere Regel lautete, daß jedermann von der Pike auf zu dienen hatte. In Windfield war Hugh ein hervorragender Schüler gewesen, und er wäre Schülersprecher geworden, hätte er sich nicht immer wieder selbst in Schwierigkeiten gebracht. In der Bank galt seine Bildung freilich so gut wie nichts. Er machte eine Banklehre und wurde entsprechend dafür bezahlt. Weder Onkel noch Tante hatten jemals angeboten, ihm finanziell unter die Arme zu greifen — also mußten sie sich auch damit abfinden, wenn seine Kleidung ein wenig schäbig war.

Hugh interessierte es nicht sonderlich, wie die Pilasters über seine Erscheinung dachten. Florence Stalworthy war es, auf die es ihm ankam. Sie war ein hübsches blasses Mädchen und die Tochter des Grafen von Stalworthy. Doch das Wichtigste an ihr war, daß sie sich für Hugh Pilaster interessierte. Im Grunde war Hugh von jedem Mädchen, das auch nur ein Wort an ihn richtete, sofort hingerissen. Das bekümmerte ihn, bedeutete es doch gewiß, daß seine Gefühle sehr oberflächlich waren. Aber was sollte er dagegen tun? Ein Mädchen brauchte ihn nur zufällig zu berühren, und schon wurde ihm der Mund trocken. Die Neugier, wie ihre Beine unter all diesen Schichten von Röcken und Unterröcken wohl aussehen mochten, bereitete ihm wahre Qualen, ja, es gab Zeiten, da schmerzte ihn sein Verlangen wie eine offene Wunde. Das ging nun schon so, seit er fünfzehn war. Jetzt war er zwanzig, und die einzige Frau, die er in diesen fünf Jahren geküßt hatte, war seine Mutter.

Eine Veranstaltung wie Augustas Teegesellschaft entsprach einer exquisiten Folter. Da es eine festliche Angelegenheit war, gingen die Leute aus sich heraus, zeigten sich freundlich und entgegenkommend, plauderten angeregt und ließen sogar persönliches Interesse erkennen. Die jungen Mädchen hatten sich hübsch zurechtgemacht, lächelten unentwegt, und manchmal flirteten sie sogar diskret. Bei dieser Menschenmenge ließ es sich gar nicht vermeiden, daß das eine oder andere junge Mädchen Hugh im Vorbeigehen streifte, beim Umdrehen gegen ihn stieß, seinen Arm berührte oder sogar die Brüste gegen seinen Rücken drängte, wenn es sich an ihm vorbeidrückte. Das kostet mich eine ganze Woche Schlaf, dachte er betrübt.

Viele der Anwesenden waren natürlich mit ihm verwandt. Sein Vater Tobias und Edwards Vater Joseph waren Brüder gewesen. Doch Hughs Vater hatte sein Kapital aus der Bank genommen und sein eigenes Unternehmen aufgezogen — mit den bekannten Folgen: erst die Pleite, dann der Selbstmord. Hugh hatte deshalb das teure Windfield-Internat verlassen müssen und war Tagesschüler der Folkestone Akademie für die Söhne von Gentlemen geworden. Deshalb hatte er sich nicht die übliche Europareise und ein paar verbummelte Jahre an der Universität leisten können, sondern mit neunzehn Jahren zu arbeiten beginnen müssen; deshalb lebte er heute bei seiner Tante, und deshalb besaß er keinen neuen Anzug, den er auf dieser Gesellschaft hätte tragen können. Er war ein Verwandter, gewiß, aber er war ein armer Verwandter: ein Stein des Anstoßes für eine Familie, deren Stolz, Selbstvertrauen und Stand auf ihrem Reichtum beruhte.

Keinem Pilaster wäre es jemals eingefallen, das Problem dadurch zu lösen, daß er Hugh Geld gab. Armut war die Strafe für den schlechten Geschäftsmann, und fing man erst einmal damit an, Versagern ihr Los zu erleichtern — nun, dann hatten diese doch keinen Anlaß mehr, sich anzustrengen. »Im Gefängnis schläft man auch nicht auf Daunen«, hieß es, wenn irgendwer auf die Idee kam, den vom Schicksal weniger Begünstigten ein wenig unter die Arme zu greifen.

Hughs Vater war das Opfer einer Wirtschaftskrise geworden, doch in den Augen der Pilasters spielte das keine Rolle. Sein Unternehmen hatte am 11. Mai 1866 Bankrott gemacht — ein Tag, der in Bankierskreisen nur als »Schwarzer Freitag« bekannt war. An jenem Tag war eine Maklerfirma namens Overend & Gurney Ltd. mit fünf Millionen Pfund Schulden zusammengebrochen und hatte viele Firmen mit sich in den Abgrund gerissen, darunter nicht nur die London Joint Stock Bank und die Baugesellschaft Sir Samuel Petos, sondern auch Tobias Pilaster & Co. Aber nach der Pilasterschen Philosophie gab es im Geschäftsleben keine Entschuldigung. Auch gegenwärtig herrschte wieder eine Wirtschaftskrise, die die eine oder andere Firma sicher nicht überleben würde. Doch die Pilasters kämpften rigoros darum, ihre Bank aus der Gefahrenzone herauszuhalten: Zahlungsschwache Kunden wurden rücksichtslos abgestoßen, die Kredite wurden verknappt und neue Geschäftsverbindungen nur dann eingegangen, wenn deren Erfolg außer Frage stand. Das Credo der Pilasters lautete: Oberste Pflicht eines Bankiers ist die Selbsterhaltung.

Nun ja, dachte Hugh, auch ich bin ein Pilaster. Ich mag zwar nicht die typische Nase haben, aber von Selbsterhaltung verstehe ich eine ganze Menge. Manchmal, wenn er über das Schicksal seines Vaters nachsann, kochte die Wut in ihm hoch und verstärkte seine Entschlossenheit, es zum reichsten und angesehensten Mann der ganzen verdammten Sippe zu bringen. An seiner billigen Tagesschule hatte man ihm so nützliche Fächer wie Mathematik und Naturwissenschaften beigebracht, während sich sein verwöhnter Vetter Edward mit Latein und Griechisch herumplagte. Der Verzicht auf die Universität hatte ihm einen frühen Start ins Berufsleben ermöglicht. Niemals hatte sich Hugh Pilaster versucht gefühlt, einen anderen Lebensweg einzuschlagen, etwa Künstler, Parlamentsabgeordneter oder Geistlicher zu werden. Das Finanzwesen lag ihm. Der aktuelle Diskontsatz war ihm stets vertrauter als das aktuelle Wetter. Zwar war er entschlossen, nicht so aalglatt und heuchlerisch wie seine älteren Verwandten zu werden, aber an dem Berufsziel des Bankiers hielt er fest. Allerdings dachte er nicht allzuoft darüber nach. Meistens hatte er ohnehin nur Mädchen im Kopf.

Als er aus dem Wohnzimmer auf die Terrasse hinaustrat, sah er Tante Augusta auf sich zusegeln, ein junges Mädchen im Schlepptau.

»Mein lieber Hugh«, sagte sie, »hier haben wir die liebe Miss Bodwin.«

Hugh stöhnte in sich hinein. Rachel Bodwin war ein großes intellektuelles Mädchen mit radikalen Ansichten. Hübsch war sie nicht mit ihrem stumpfbraunen Haar und den hellen, etwas zu eng beieinanderstehenden Augen, aber sie war lebhaft und interessant und steckte voller subversiver Ideen. Anfangs, als er noch neu in London war, hatte Hugh sie recht gern gehabt. Doch dann hatte Augusta sich in den Kopf gesetzt, ihn mit Rachel zu verheiraten, und das hatte die Freundschaft ruiniert. Vorher hatten sie sich ebenso heftig wie unbeschwert über alle möglichen Themen streiten können — Scheidung, Religion, Armut und Frauenstimmrecht. Doch Augustas Verkupplungsstrategie hatte ihnen die Unbefangenheit genommen. Wann immer sie sich seither begegneten, wechselten sie nur noch belanglose Worte und fanden alles furchtbar peinlich.

»Sie sehen ganz reizend aus, Miss Bodwin«, sagte er nun automatisch.

»Wie freundlich von Ihnen«, erwiderte Rachel in gelangweiltem Ton.

Augusta war bereits am Gehen, als ihr Blick auf Hughs Krawatte fiel. »Grundgütiger!« stieß sie aus. »Was ist denn das? Du siehst aus wie ein Kneipenwirt!« Hugh lief knallrot an. Wäre ihm eine ebenso bösartige Retourkutsche eingefallen, er hätte es riskiert und Augusta Paroli geboten. Aber ihm fiel nichts ein, und so konnte er nur murmeln: »Es ist nur eine neue Krawatte. Man nennt das Ascot-Stil.«

»Die gibst du morgen dem Stiefelknecht«, befahl sie, ehe sie sich endgültig von ihm ab wandte.

Eine tiefe Abneigung gegen das Schicksal, das ihn zwang, mit dieser hochfahrenden Tante unter einem Dach zu leben, wallte in ihm auf. »Frauen sollten sich mit Kommentaren über die Kleidung eines Mannes zurückhalten«, sagte er mißgestimmt. »Das ist nicht damenhaft.«

Rachel erwiderte: »Ich bin der Meinung, Frauen sollten zu allem, was sie interessiert, ihren Kommentar abgeben, deshalb sage ich Ihnen, daß mir Ihre Krawatte gefällt. Sie paßt zu Ihren Augen.«

Hugh lächelte. Ihre Worte versöhnten ihn. Ja, Rachel war wirklich ein nettes Mädchen. Tante Augustas Ehepläne hatten freilich andere Hintergründe. Rachel war die Tochter eines Anwalts, der sich auf Handelsrecht spezialisiert hatte. Ihre Familie besaß kein anderes Einkommen als den beruflichen Verdienst ihres Vaters und rangierte auf der sozialen Leiter einige Stufen unter den Pilasters. Hätte Mr. Bodwin der Bank nicht nützliche Dienste erwiesen, wäre Rachel niemals zu dieser Gesellschaft eingeladen worden. Eine Verehelichung mit ihr hätte Hughs Status als Pilaster niederen Ranges endgültig festgeschrieben. Und nichts anderes hatte Tante Augusta im Sinn.

Hugh war dem Gedanken, Rachel einen Heiratsantrag zu machen, dennoch nicht gänzlich abgeneigt. Augusta hatte angedeutet, sie würde ihm ein großzügiges Hochzeitsgeschenk machen, wenn er sich ihrer Wahl beugte. Doch es war nicht das Hochzeitsgeschenk, das ihn in Versuchung führte — es war die Vorstellung, daß er dann Abend für Abend mit einer Frau ins Bett gehen, ihr das Nachthemd über die Fesseln, die Knie, die Schenkel schieben durfte. »Schauen Sie mich nicht so an«, sagte Rachel wissend. »Ich habe nur gesagt, daß mir Ihre Krawatte gefällt.«

Wiederum errötete Hugh. Sie konnte doch wohl nicht wissen, was ihm durch den Kopf ging? Seine heimlichen Gedanken über Mädchen gingen immer sehr in die Einzelheiten — die körperlichen, wohlgemerkt —, und meistens schämte er sich deswegen. »Entschuldigung«, murmelte er.

»Was für eine Unmenge Pilasters es doch gibt«, sagte sie strahlend und ließ ihren Blick durch die Runde schweifen. »Wie kommen Sie nur mit dieser Bande zurecht?«

Hugh folgte ihrem Blick und sah prompt Florence Stalworthy eintreten. Wie hübsch sie war mit ihren blonden Locken, die auf zarte Schultern herabfielen! Sie trug ein rosafarbenes Kleid mit Spitzenvolants und Seidenbändern, und ihr Hut war mit Straußenfedern geschmückt. Ihre Blicke trafen sich, und Florence lächelte Hugh quer durch den Raum zu.

»Ich sehe, Ihre Aufmerksamkeit gilt nicht mehr mir«, stellte Rachel mit der ihr eigenen Offenheit fest.

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung«, sagte Hugh.

Rachel berührte sachte seinen Arm. »Hugh, mein Lieber, hören Sie mir einen Moment lang zu. Ich mag Sie. Sie gehören zu den wenigen Leuten in der Londoner Gesellschaft, die nicht unerträglich langweilig sind. Aber ich liebe Sie nicht, und ich werde Sie niemals heiraten, ganz egal, wie oft Ihre Tante versucht, uns zusammenzubringen.«

Hugh war erschüttert. »Ich muß schon sagen«, begann er.

Aber Rachel war noch nicht fertig. »Und ich weiß, daß Sie genauso empfinden, also brauchen Sie gar nicht erst so zu tun, als hätte ich Ihnen das Herz gebrochen.«

Nach einem Augenblick totaler Verblüffung mußte Hugh grinsen. Genau diese Direktheit war es, die er an Rachel so mochte. Und er nahm an, daß sie recht hatte: mögen war nicht lieben. Er wußte nicht genau, was Liebe war, doch sie schien es zu wissen. »Heißt das, wir können unsere alten Streitgespräche über die Frauenemanzipation wiederaufnehmen?« fragte er fröhlich.

»Ja, allerdings nicht heute. Ich gehe jetzt und unterhalte mich mit Ihrem alten Schulfreund, Señor Miranda.«

Hugh runzelte die Stirn. »Micky könnte ›Emanzipation‹ nicht einmal buchstabieren, geschweige denn erklären, worum es dabei geht.«

»Trotzdem umschwärmt ihn die Hälfte aller Debütantinnen in London.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, warum.«

»Er ist eine männliche Florence Stalworthy«, sagte Rachel, und damit ließ sie ihn stehen.

Stirnrunzelnd dachte Hugh darüber nach. Er wußte, daß er von Micky zur armen Verwandtschaft gezählt und entsprechend behandelt wurde; deshalb fand er es schwierig, ihn objektiv zu betrachten. Micky war eine angenehme Erscheinung und stets hochelegant gekleidet. Hugh erinnerte er an einen Kater — geschmeidig und sinnlich, mit glänzendem Fell. Irgend etwas stimmte nicht mit einem Mann, der immer wie geleckt auftrat. Manche hielten es schlicht für unmännlich, doch die Frauen schien es nicht zu stören.

Hugh folgte Rachel mit seinen Blicken. Sie gesellte sich zu Micky, der neben seinem Vater stand und sich mit Edwards Schwester Clementine, mit Tante Madeleine und der jüngeren Tante Beatrice unterhielt. Jetzt wandte sich Micky Rachel zu, schenkte ihr seine volle Aufmerksamkeit, gab ihr die Hand und sagte etwas, das sie zum Lachen brachte. Hugh ging auf, daß Micky sich immer mit drei oder vier Frauen gleichzeitig unterhielt.

Irgendwie empörte Hugh Rachels Vergleich. Florence war kein weiblicher Micky Miranda. Sie mochte ebenso anziehend und beliebt sein, ja — aber Micky war nach seiner Überzeugung charakterlich nicht ganz sauber.

Er durchquerte den Saal, bis er — aufgeregt und etwas nervös — an Florences Seite stand. »Wie geht es Ihnen, Lady Florence?«

Sie lächelte betörend. »Was für ein außergewöhnliches Haus!«

»Gefällt es Ihnen?«

»Ich weiß nicht so recht …«

»Das sagen die meisten.«

Sie lachte, als hätte er eine witzige Bemerkung gemacht, was Hugh außerordentlich freute.

»Es ist hochmodern, müssen Sie wissen«, fuhr er fort. »Allein die fünf Badezimmer! Und im Keller gibt es einen riesigen Wasserboiler, der durch Heißwasserrohre das ganze Haus heizt.«

»Vielleicht ist das steinerne Schiff auf der Giebelspitze ein bißchen übertrieben.«

Hugh senkte die Stimme. »Das denke ich auch. Es erinnert mich an den Rindskopf, den die Fleischer vor ihre Läden hängen.«

Wieder kicherte sie. Hugh freute sich, daß er sie zum Lachen bringen konnte. Noch netter wäre es, sie für sich allein zu haben, entschied er. »Kommen Sie, lassen Sie sich den Garten zeigen«, sagte er.

»Wie hübsch.«

Der Garten war gar nicht hübsch, dazu war er zu frisch angelegt, doch das spielte keine Rolle. Hugh geleitete Florence aus dem Wohnzimmer auf die Terrasse hinaus, doch dort lauerte auch schon Augusta. Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und sagte: »Lady Florence, wie schön, daß Sie gekommen sind. Edward wird Ihnen den Garten zeigen.« Sie grabschte sich Edward, der ganz in der Nähe stand, und bevor Hugh auch nur einen Ton hervorbrachte, hatte sie die beiden auch schon fortgeschickt. Hugh biß frustriert die Zähne zusammen und schwor sich, sie damit nicht so einfach davonkommen zu lassen. »Mein lieber Hugh, ich weiß doch, daß du dich mit Rachel unterhalten möchtest«, sagte sie, nahm seinen Arm und schleppte ihn wieder ins Haus. Er war machtlos, es sei denn, er hätte ihr ärgerlich seinen Arm entrissen und es auf einen Skandal ankommen lassen. Rachel stand noch immer mit Micky Miranda und dessen Vater zusammen. »Micky«, sagte Augusta, »ich möchte Ihrem Vater meinen Schwager vorstellen, Mr. Samuel Pilaster.« Sie nahm die beiden mit, und wieder fand sich Hugh mit Rachel allein gelassen.

Rachel lachte. »Diese Frau ist nicht zu bremsen.«

»Das käme dem Versuch gleich, einen fahrenden Zug aufzuhalten«, schäumte Hugh. Durchs Fenster sah er, wie Florences Röcke neben Edward durch den Garten wogten.

Rachels Blick war dem seinen gefolgt, und sie sagte: »Gehen Sie ihr nach.«

Hugh grinste. »Danke.«

Er eilte in den Garten. Unterwegs kam ihm ein raffinierter Gedanke in den Sinn: Wie wär’s, wenn ich dasselbe Spielchen triebe wie Tante Augusta und Edward einfach wegschickte? Augusta wird zwar toben, wenn sie mir auf die Schliche kommt — aber das wird durch ein paar Minuten mit Florence unter vier Augen leicht wettgemacht … Zur Hölle mit Augusta! Er hatte die beiden eingeholt.

»Ach, Edward, deine Mutter bat mich, dich zu ihr zu schicken. Sie ist in der Eingangshalle.«

Edward hatte keinen Einwand — er war an plötzliche Meinungsänderungen seiner Mutter gewöhnt. »Bitte entschuldigen Sie mich, Lady Florence«, sagte er nur und ging ins Haus.

»Hat sie wirklich nach ihm geschickt?« fragte Florence.

»Nein.«

»Sie sind ja ein ganz Schlimmer«, sagte sie und lächelte dabei.

Hugh sah ihr in die Augen und sonnte sich im Glänze ihres Einverständnisses. Später würde er für seinen Streich bitter büßen müssen — aber ein Lächeln wie dieses würde ihn das Schlimmste leicht ertragen lassen. »Kommen Sie«, sagte er, »ich zeige Ihnen den Obstgarten.«

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Papa Miranda erheiterte Augusta. Was für ein ungehobelter Bauer! Ganz anders als sein wendiger, eleganter Sohn, den sie geradezu ins Herz geschlossen hatte. In seiner Gegenwart spürte sie immer viel deutlicher als sonst, daß sie eine Frau war, und das, obwohl er so viel jünger war. Wie er sie immer ansah — ganz, als hielte er sie für das begehrenswerteste Geschöpf, das ihm je unter die Augen gekommen war. Es gab Momente in ihrem Leben, da wünschte sie innig, er möge mehr tun, als sie nur ansehen — ein törichter Wunsch, gewiß, aber er stellte sich immer wieder ein.

Das Gespräch über die Nachfolge in der Bank hatte Augusta beunruhigt. Micky ging davon aus, daß Seths Sohn Samuel Seniorpartner werden würde, sobald der alte Seth sich aufs Altenteil begab oder starb. Diese Idee hatte Micky bestimmt nicht aus der Luft gegriffen — irgendein Familienmitglied mußte ihn darauf gebracht haben. Doch Augusta wollte nicht, daß Samuel das Sagen bekam. Sie wollte den Posten für Joseph, ihren Gatten, der Seths Neffe war.

Sie warf einen Blick durchs Wohnzimmerfenster und sah die vier Teilhaber des Bankhauses Pilaster auf der Terrasse beisammen. Drei von ihnen waren echte Pilasters: Seth, Samuel und Joseph — die Methodisten des frühen neunzehnten Jahrhunderts hatten ihren Kindern mit Vorliebe biblische Namen gegeben. Der alte Seth saß mit einer Decke über den Knien da und wirkte nicht ein Jota jünger und gesünder als der alte Invalide, der er tatsächlich war — ein Mann, der seine eigene Nützlichkeit überlebte. Neben ihm befand sich sein Sohn Samuel. Er sah nicht ganz so distinguiert aus wie sein Vater. Zwar besaß er die gleiche Hakennase, doch sein Mund wirkte eher weich und steckte voller schlechter Zähne. Die Familientradition räumte ihm den ersten Anspruch auf die Nachfolge ein, da er nach Seth der älteste der Teilhaber war. Im Augenblick redete Augustas Gatte Joseph auf seinen Onkel und seinen Vetter ein, wobei er seine Worte mit kurzen, abgehackten Handbewegungen unterstrich, die die für ihn typische Ungeduld verrieten. Auch Joseph hatte die Pilaster-Nase geerbt, doch seine Gesichtszüge waren unregelmäßig und sein Haar wurde allmählich schütter. Der vierte Teilhaber stand daneben und hörte mit verschränkten Armen zu: Major George Hartshorn, der Ehemann von Josephs Schwester Madeleine. Der ehemalige Armeeoffizier trug eine unübersehbare Narbe auf der Stirn, die er sich vor beinahe zwanzig Jahren im Krimkrieg zugezogen hatte. Ein Kriegsheld war er deswegen allerdings nicht: Von einer dampfgetriebenen Zugmaschine erschreckt, hatte sein Pferd ihn abgeworfen, worauf er mit dem Kopf auf das Rad eines Kantinen- Waggons geschlagen war. Nach der Heirat mit Madeleine hatte er seine Offizierslaufbahn aufgegeben und war in die Bank eingetreten. Er war ein freundlicher Mann, der sich gerne der Führung anderer unterordnete. Die zur Leitung einer Bank erforderliche Klugheit und Schläue fehlte ihm. Ohnehin hatte es noch nie einen Seniorpartner gegeben, der nicht den Namen Pilaster getragen hätte. Die einzigen Kandidaten, die für die Nachfolge ernsthaft in Betracht kamen, waren Samuel und Joseph.

In der Praxis wurde die Nachfolgefrage durch Abstimmung unter den Teilhabern geregelt, und es war üblich, daß die Familie zu einem Konsens kam, dem jeder zustimmen konnte. In diesem Fall jedoch war Augusta fest entschlossen, ihren eigenen Willen durchzusetzen. Leicht würde es nicht werden.

Der Seniorpartner des Bankhauses Pilaster war eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Welt. Von seiner Entscheidung hingen Königreiche ab: Sein Ja zu einem Kredit konnte einen König retten, sein Nein eine Revolution in Gang setzen. In seinen Händen — und denen einiger weniger Kollegen wie J. P. Morgan, den Rothschilds und Ben Greenbourne — ruhte das Wohl und Wehe ganzer Nationen. Der Seniorpartner des Bankhauses Pilaster wurde von Staatsoberhäuptern umworben, von Premierministern um Rat gebeten und von Diplomaten hofiert — und sie alle umschmeichelten seine Gattin.

Joseph wollte den Posten gerne haben, doch ihm fehlte jede Raffinesse. Schon allein die Vorstellung, er könne sich die Chance durch die Lappen gehen lassen, versetzte Augusta in Angst und Schrecken. Überließ sie ihm die Sache ganz allein, so würde er vermutlich deutlich aussprechen, daß er für den Posten kandidiere, die Entscheidung aber schlichtweg der Familie anheimstellen. Wahrscheinlich kam es ihm gar nicht in den Sinn, daß es auch noch andere Methoden gab, sich die angestrebte Position zu sichern. Es war zum Beispiel unvorstellbar, daß Joseph absichtlich seinen Rivalen in Mißkredit brachte.

Augusta würde Mittel und Wege finden müssen, ihm diese Dinge abzunehmen.

Samuels wunden Punkt herauszufinden bereitete ihr nicht die geringste Mühe. Der dreiundfünfzigjährige Junggeselle lebte mit einem jungen Mann zusammen, der entgegenkommenderweise als sein »Sekretär« bezeichnet wurde. Bisher hatte sich noch kein Familienangehöriger um Samuels Privatleben gekümmert. Augusta fragte sich jetzt, ob sich das nicht grundlegend ändern ließe.

Allerdings war Vorsicht geboten. Samuel war ein penibler Mensch, der zur Pedanterie neigte — ein Mann, der sich von Kopf bis Fuß umzog, nur weil ihm in Kniehöhe ein Tröpfchen Wein auf die Hose gespritzt war. Ein Schwächling, der sich leicht einschüchtern ließ, war er nicht. Ihn frontal anzugehen war die falsche Methode.

Bedenken, ihn zu verletzen, hatte Augusta nicht. Sie hatte Samuel noch nie gemocht. Manchmal tat er ihr gegenüber so, als fände er sie amüsant, doch oft hatte sie das Gefühl, er wolle sie partout nicht ernst nehmen, und das erboste sie jedesmal von neuem.

Während August sich um ihre Gäste kümmerte, verdrängte sie alle Gedanken an ihren Neffen Hugh und dessen empörenden Unwillen, einer jungen Dame den Hof zu machen, die genau die Richtige für ihn wäre. Dieser Zweig der Familie war schon immer etwas schwierig gewesen und durfte sie jetzt nicht von dem viel dringenderen Problem ablenken, das Micky ihr zu Bewußtsein gebracht hatte: Samuel war eine Bedrohung.

In der Eingangshalle entdeckte sie ihre Schwägerin Madeleine Hartshorn. Arme Madeleine! Man sah ihr an, daß sie Josephs Schwester war, denn auch sie hatte die Pilaster-Nase. Dem ein oder anderen Mann in der Verwandtschaft mochte die Nase ja eine gewisse Würde verleihen — eine Frau mit einem solchen Zinken war dagegen schlichtweg unattraktiv.

Madeleine und Augusta waren einst Rivalinnen gewesen. Vor vielen Jahren, als Augusta und Joseph jung verheiratet waren, hatte es Madeleine gar nicht gefallen, daß Augusta mehr und mehr zum Mittelpunkt der Familie wurde. Madeleine selbst besaß indessen weder die magische Ausstrahlung noch die Energie Augustas, die sich in eine Vielzahl von Aktivitäten stürzte: Augusta organisierte Hochzeiten und Beerdigungen, stiftete Ehen, schlichtete Streitigkeiten, kümmerte sich um die Unterstützung der Siechen, Schwangeren und Verwaisten. Durch Madeleines Haltung wäre es einmal fast sogar zu einer Spaltung der Familie in zwei feindliche Lager gekommen — doch dann war sie selbst es gewesen, die Augusta eine entscheidende Waffe in die Hand gegeben hatte.

Eines Nachmittags hatte Augusta ein exklusives Geschäft für Tafelsilber in der Bond Street betreten — und eben noch mitbekommen, wie Madeleine im hinteren Teil des Ladens verschwand. Augusta gab sich unentschlossen beim Kauf eines Toastständers und verlängerte auf diese Weise ihren Aufenthalt im Laden, bis sie nach einer Weile einen gutaussehenden jungen Mann auf dem gleichen Weg wie Madeleine entschwinden sah. Sie hatte schon gehört, daß die über solchen Läden liegenden Räume gelegentlich zu romantischen Stelldicheins zweckentfremdet wurden. Sie war sich fast sicher, daß Madeleine eine Affäre hatte. Eine Fünf- Pfund-Note entlockte der Ladeninhaberin, einer Mrs. Baxter, den Namen des jungen Mannes: Vicomte Tremain.

Augusta war aufrichtig schockiert gewesen — wiewohl sie im ersten Moment daran dachte, genau das, was Madeleine mit dem Vicomte Tremain trieb, mit Micky Miranda zu tun. Aber das kam natürlich nicht in Frage — zumal man sie ebenso leicht ertappen konnte, wie sie Madeleine ertappt hatte.

Es hätte Madeleines gesellschaftlicher Ruin sein können. Ein Mann, der sich einen Seitensprung leistete, galt zwar als Sünder, aber auch als Romantiker; eine Frau, die das gleiche tat, war eine Hure. Drang ihr Geheimnis an die Öffentlichkeit, so wurde sie von der guten Gesellschaft geschnitten, und die Familie schämte sich ihrer. Augustas zweiter Gedanke bestand darin, Madeleine zu erpressen, indem sie ihr mit der Offenbarung ihres Geheimnisses drohte. Doch das hätte ihr Madeleines ewige Feindschaft eingetragen, und es war töricht, sich unnötig immer neue Feinde zu schaffen. Gab es nicht eine Möglichkeit, Madeleine zu entwaffnen und sie gleichzeitig zur Verbündeten zu machen? Augusta dachte gründlich darüber nach und fand schließlich die richtige Strategie: Statt Madeleine mit ihrem Wissen einzuschüchtern, tat sie, als stünde sie auf ihrer Seite. »Ein gutgemeinter Rat, liebe Madeleine«, hatte sie ihr zugeflüstert. »Mrs. Baxter ist nicht vertrauenswürdig. Sag doch deinem Vicomte, daß er sich um einen diskreteren Treffpunkt bemühen muß.« Madeleine hatte sie prompt um die Wahrung des Geheimnisses angefleht. Augusta schwor bereitwillig ewiges Schweigen, was Madeleine mit geradezu rührender Dankbarkeit quittierte. Von jenem Tag an gab es keine Rivalität mehr zwischen den beiden Frauen.

Jetzt nahm Augusta Madeleine beiseite und sagte: »Komm, ich zeig’ dir mein Zimmer. Es wird dir bestimmt gefallen.«

Im ersten Stock befanden sich sowohl ihr als auch Josephs Schlaf- und Ankleidezimmer und ein Arbeitszimmer. Augusta führte ihre Schwägerin direkt in ihr eigenes Schlafzimmer, schloß die Tür hinter sich und wartete auf Madeleines Reaktion.

Der Raum war nach der neuesten Mode im japanischen Stil eingerichtet, mit geflochtenen Stühlen, Pfauenaugentapete und Porzellantellern auf dem Kaminsims. Den riesigen Kleiderschrank zierten aufgemalte Motive aus Japan, und der Fenstersitz im Erker wurde teilweise von Libellenflügel-Stores verdeckt.

»Wie gewagt, Augusta!« rief Madeleine aus.

»Danke.« Madeleines Reaktion machte Augusta beinahe glücklich. »Eigentlich wollte ich einen besseren Vorhangstoff haben, doch bei Liberty’s war er schon ausverkauft. Komm, schau dir auch noch Josephs Zimmer an.«

Sie ging durch die Verbindungstür voran. Josephs Schlafzimmer war im gleichen Stil, wenn auch in gedämpfteren Tönen möbliert, mit lederfarbenen Tapeten und Brokatvorhängen. Augustas ganzer Stolz galt jedoch einer lackierten Vitrine, in der Josephs Sammlung juwelenbesetzter Schnupftabaksdosen auslag.

»Wie exzentrisch Joseph doch ist«, meinte Madeleine mit einem Blick auf die Sammlung.

Augusta lächelte nur. Joseph war genaugenommen nicht im mindesten exzentrisch, doch wenn ein hartgesottener Methodist und Bankier sich eine derart erlesene und frivole Sammlung zulegte, war das schon irgendwie komisch. Die ganze Familie amüsierte sich darüber. »Er meint, sie seien eine gute Geldanlage«, sagte Augusta. Ein Diamanthalsband für seine Frau wäre eine ebenso gute Geldanlage gewesen, doch solche Dinge würde er ihr nie kaufen: Methodisten hielten Geschmeide für überflüssigen Luxus.

»Jeder Mann sollte ein Steckenpferd haben«, sagte Madeleine. »Dann kommt er nicht auf dumme Gedanken.«

Was sie eigentlich meinte, war: Das hält ihn von den Freudenhäusern fern. Die unausgesprochene Anspielung auf die läßlichen Sünden der Männer rief Augusta wieder ihre eigentlichen Absichten in Erinnerung. Sachte, sachte, ermahnte sie sich selbst.

»Madeleine, meine Liebe, so sag mir doch, was wir wegen Samuel und seinem ‘Sekretär’ unternehmen können?«

Madeleine war verwirrt. »Müssen wir denn da etwas unternehmen?«

»Wenn Samuel Seniorpartner werden soll, bleibt uns gar nichts anderes übrig.«

»Warum?«

»Meine Liebe, der Seniorpartner des Bankhauses Pilaster hat es mit Botschaftern, Staatsoberhäuptern und sogar königlichen Hoheiten zu tun. Sein Privatleben muß also untadelig, wirklich vollkommen untadelig sein.«

Madeleine dämmerte es allmählich, und sie errötete. »Du willst doch wohl nicht andeuten, daß Samuel irgendwie … abartig veranlagt ist?«

Genau darauf wollte Augusta hinaus. Sie hütete sich allerdings, es selbst auszusprechen, denn in diesem Fall hätte Madeleine sich bloß bemüßigt gefühlt, ihren Cousin zu verteidigen. »So genau möchte ich das niemals wissen«, sagte sie ausweichend. »Aber es kommt natürlich darauf an, was die Leute denken.«

Madeleine war noch nicht überzeugt. »Glaubst du wirklich, daß die Leute … so etwas denken?«

Augusta mußte sich zur Geduld mit Madeleines Zartgefühl zwingen. »Meine Liebe, wir sind schließlich beide verheiratet und wissen, daß die Männer viehische Gelüste haben. Alle Welt geht davon aus, daß ein unverheirateter Mann von dreiundfünfzig Jahren, der mit einem hübschen jungen Kerl zusammenlebt, ein verderbtes Leben führt — und, weiß der Himmel, in den meisten Fällen hat die Welt wahrscheinlich recht.«

Madeleine runzelte bekümmert die Stirn, doch bevor sie eine Antwort geben konnte, klopfte es an der Tür. Edward trat ein. »Was gibt’s denn, Mutter?« fragte er.

Die Störung verärgerte Augusta, zumal sie keine Ahnung hatte, worauf der Junge hinauswollte. »Was willst du hier?«

»Du hast nach mir geschickt.«

»Das habe ich gewiß nicht. Ich bat dich, Lady Florence den Garten zu zeigen.«

Edward setzte eine beleidigte Miene auf. »Hugh sagte, du wolltest mich sprechen.«

Augusta verstand sofort. »So, sagte er das? Und nun zeigt er wohl selber Lady Florence den Garten, wie?«

Edward begriff ihre Anspielung. »Ja, ich glaube schon«, sagte er mit waidwundem Blick. »Sei mir bitte nicht böse, Mutter.«

Augusta schmolz sofort dahin. »Keine Sorge, Teddy«, sagte sie. »Ich weiß, was für ein verschlagener Bengel Hugh ist.« Doch wenn er glaubt, er kann seine Tante Augusta an der Nase herumführen, dann ist er obendrein auch noch dumm, dachte sie bei sich.

Sie hatte die Unterbrechung anfangs als sehr störend empfunden. Inzwischen war ihr klar, daß das, was sie Madeleine über Vetter Samuel erzählt hatte, fürs erste genügte. Im Augenblick galt es nur, Zweifel zu säen — alles Weitere wäre übereilt. »Ich muß mich wieder um meine Gäste kümmern«, meinte sie und führte Sohn und Schwägerin aus dem Zimmer.

Sie gingen die Treppe hinunter. Der Lärm aus Geschwätz, Gelächter und dem hellen Klingen von hundert silbernen Teelöffeln, die auf Porzellanuntertassen gelegt wurden, ließ den Schluß zu, daß dem Fest ein erfolgreicher Verlauf beschieden war. Augusta überprüfte kurz das Eßzimmer, wo die Dienerschaft Hummersalat, Obsttörtchen und geeiste Getränke bereitstellte. In der Eingangshalle wechselte sie hie und da ein paar Worte mit Gästen, deren Blick den ihren traf, hielt dabei aber nach einer ganz bestimmten Person Ausschau — nach Lady Stalworthy, Florences Mutter.

Die Vorstellung, Hugh könne das Mädchen heiraten, erfüllte Augusta mit Sorge. Hugh machte sich ohnehin schon viel zu gut in der Bank. Er verfügte über das außerordentliche Zahlengedächtnis eines Straßenhändlers und die gewinnenden Manieren eines Falschspielers. Selbst Joseph äußerte sich lobend über ihn — und vergaß dabei ganz die bedrohliche Lage, in die ihr gemeinsamer Sohn dadurch geriet. Sollte Hugh tatsächlich eine Grafentochter ehelichen, so gewänne er zusätzlich zu seinen angeborenen Talenten auch noch gesellschaftlichen Status und würde zu einem gefährlichen Rivalen für Edward. Der liebe Teddy verfügte weder über Hughs oberflächlichen Charme noch über dessen kaufmännische Denkweise und benötigte daher jede Hilfe, die Augusta ihm verschaffen konnte.

Schließlich sah sie Lady Stalworthy am Erkerfenster des Wohnzimmers stehen, eine hübsche Frau mittleren Alters, die ein rosafarbenes Kleid trug, dazu einen kleinen, üppig mit Seidenblüten besetzten Strohhut. Augusta fragte sich besorgt, was Lady Stalworthy über eine mögliche Verbindung zwischen Hugh und Florence dachte. Hugh war zwar keine besonders gute Partie, aber aus Lady Stalworthys Sicht auch keine Katastrophe. Florence war ihre jüngste Tochter. Die beiden älteren hatten sich so gut verheiratet, daß Lady Stalworthy vielleicht ein Auge zudrückte. Dies galt es nun zu verhindern — die Frage war bloß, wie?

Sie stellte sich neben Lady Stalworthy und merkte, daß diese Hugh und Florence im Garten beobachtete. Hugh erklärte irgend etwas, während Florence ihm mit leuchtenden Augen lauschte. »Das sorglose Glück der Jugend«, kommentierte Augusta.

»Hugh macht einen sehr netten Eindruck auf mich«, sagte Lady Stalworthy.

Augusta faßte sie scharf ins Auge. Lady Stalworthy lächelte verträumt. Sie muß einmal ebenso hübsch gewesen sein wie ihre Tochter, vermutete Augusta, und erinnerte sich jetzt ihrer eigenen Jugendzeit. Höchste Zeit, daß sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht wird … »Wie rasch sie vergeht, diese sorglose Zeit.«

»Doch wie idyllisch sie ist, solange sie währt.«

Der Zeitpunkt, das Gift zu verabreichen, war gekommen. »Hughs Vater ist tot, wie Sie wissen«, sagte Augusta. »Seine Mutter lebt sehr zurückgezogen in Folkestone, daher fühlen Joseph und ich uns verpflichtet, so etwas wie Elternstelle an Hugh zu vertreten.« Sie machte eine Pause. »Ich muß Ihnen wohl kaum sagen, daß eine Verbindung mit Ihrer Familie für Hugh ein außerordentlicher Erfolg wäre.«

»Wie freundlich von Ihnen«, erwiderte Lady Stalworthy, als habe man ihr soeben ein hübsches Kompliment gemacht. »Die Pilasters sind selbst eine sehr angesehene Familie.«

»Danke. Wenn Hugh sich anstrengt, wird er eines Tages über ein solides Auskommen verfugen «

Lady Stalworthy wirkte leicht betroffen »Sein Vater hat also gar nichts hinterlassen?«

»Nein.« Augusta mußte ihr zu verstehen geben, daß Hugh bei seiner Heirat kein Geld von seinem Onkel zu erwarten hatte »Er wird sich in der Bank hocharbeiten und von seinem Gehalt leben müssen.«

»Aha«, sagte Lady Stalworthy, und ihre Miene verriet gelinde Enttäuschung »Glücklicherweise verfügt Florence über eine gewisse Unabhängigkeit «

Florence besaß also eigenes Geld. Das war ein harter Schlag für Augusta. Sie fragte sich, wie hoch die Summe sein mochte. Die Stalworthys waren nicht so reich wie die Pilasters — das waren nur ganz wenige —, aber sie standen sich recht gut, wie Augusta glaubte. Doch wie dem auch sein mochte: Die Tatsache, daß Hugh ein armer Schlucker war, reichte nicht aus, um Lady Stalworthy gegen ihn einzunehmen. Augusta mußte ein stärkeres Kaliber auffahren.

»Die liebe Florence wäre Hugh sicherlich eine große Hilfe — ein festigendes Element, da bin ich ganz sicher.«

»Ja«, sagte Lady Stalworthy geistesabwesend, doch dann runzelte sie die Stirn »Festigend?«

Augusta zögerte. Solche Dinge waren nicht ungefährlich, aber sie mußte das Risiko eingehen »Ich gebe natürlich nichts auf das Gerede und Sie gewiß auch nicht«, sagte sie »Tobias war tatsächlich vom Pech verfolgt, darüber kann kein Zweifel bestehen. Überdies gibt es bei Hugh kaum Anzeichen dafür, daß er seines Vaters Schwäche geerbt hat «

»Schon«, sagte Lady Stalworthy, doch nun spiegelte ihr Gesicht tiefe Besorgnis wider.

»Dennoch wären Joseph und ich sehr froh, Hugh mit einem so vernünftigen Mädchen wie Florence verheiratet zu sehen. Man hat unwillkürlich das Gefühl, sie wurde ihn an die Kandare nehmen, wenn…« Augustas Stimme erstarb.

»Ich…« Lady Stalworthy schluckte. »Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, um welche Schwäche es sich bei seinem Vater handelte.«

»Reines Gerede, sonst nichts, ich versichere es Ihnen.«

»Es bleibt selbstverständlich unter uns.«

»Ich hätte es vielleicht gar nicht zur Sprache bringen sollen.«

»Aber ich muß es wissen, ich muß alles wissen. Um meiner Tochter willen. Das verstehen Sie doch?«

»Glücksspiel«, flüsterte Augusta. Sie wollte keine Mithörer. Es gab genug Leute, die gewußt hätten, daß sie log. »Das hat ihn letzten Endes zum Selbstmord getrieben. Sie wissen schon — die Schande «

Der Himmel möge verhüten, daß die Stalworthys das nachprüfen, flehte sie in Gedanken.

»Ich dachte, seine Firma wäre bankrott gegangen.«

»Das kam noch hinzu.«

»Wie tragisch.«

»Zugegeben, Joseph mußte ein- oder zweimal Hughs Schulden bezahlen, doch er hat den Jungen streng ins Gebet genommen. Wir sind sicher, daß es nie wieder vorkommt.«

»Das ist sehr ermutigend«, meinte Lady Stalworthy, doch ihre Miene sprach Bände.

Das dürfte wahrscheinlich genügen, dachte Augusta. Ihre angebliche Freude über die Verbindung hing an einem gefährlich dünnen Faden. Erneut sah sie aus dem Fenster Hugh hatte Florence zum Lachen gebracht — sie warf den Kopf zurück und lachte mit offenem Mund, so daß es schon beinahe…unziemlich wirkte, während Hugh das Mädchen praktisch mit den Augen verschlang. Keinem der Umstehenden konnte entgehen, daß die beiden sich zueinander hingezogen fühlten »Ich denke, es wird nicht mehr lange dauern, bis uns die jungen Leute vor vollendete Tatsachen stellen«, sagte Augusta

»Für heute haben die zwei wohl genug miteinander geplaudert«, meinte Lady Stalworthy mit sorgenvollem Blick »Ich denke, ich muß da einschreiten. Entschuldigen Sie mich bitte.«

»Aber selbstverständlich « Lady Stalworthy machte sich hastig auf den Weg in den Garten.

Augusta empfand Erleichterung. Auch dieses nicht unkritische Gespräch hatte sie erfolgreich bewältigt. In Lady Stalworthys Herzen keimte nun ein Verdacht gegen Hugh. Eine Mutter aber, die einem Bewerber um die Gunst ihrer Tochter mißtraute, ließ sich nur in den seltensten Fällen eines anderen belehren.

Augusta sah sich um und entdeckte Beatrice Pilaster, eine weitere Schwägerin. Joseph hatte zwei Brüder gehabt: Tobias, Hughs verstorbenen Vater, und William, der, da er erst dreiundzwanzig Jahre nach Joseph auf die Welt gekommen war, stets »der junge William« genannt wurde. William war inzwischen fünfundzwanzig und gehörte noch nicht zum Kreis der Teilhaber. Beatrice war seine Frau. Sie erinnerte an einen zu groß geratenen jungen Hund, war fröhlich und ungeschickt und eifrig darauf bedacht, mit allen gut Freund zu sein. Augusta beschloß, mit ihr über Samuel und seinen »Sekretär« zu sprechen. Sie ging auf ihre Schwägerin zu und fragte: »Beatrice, meine Liebe, möchtest du dir auch mein Schlafzimmer anschauen?«

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Nachdem Micky und sein Vater den Empfang verlassen hatten, gingen sie zu Fuß nach Hause. Ihr Weg führte sie ausnahmslos durch Parkanlagen — erst durch den Hyde Park, dann durch den Green Park und schließlich durch St. James’s —, bis sie den Fluß erreichten. In der Mitte der Westminster-Brücke legten sie eine kurze Rast ein und genossen die Aussicht.

Am Nordufer der Themse lag die größte Stadt der Welt. Stromaufwärts standen die Parlamentsgebäude, deren Architektur der benachbarten Westminster Abbey aus dem dreizehnten Jahrhundert nachempfunden war. Stromabwärts sahen sie die Gärten von Whitehall, den Palast des Herzogs von Buccleuch und den weitläufigen Backsteinbau der neuen Eisenbahnstation Charing Cross.

Die Dockanlagen lagen außerhalb ihres Blickfelds, und große Schiffe kamen nie so weit den Strom herauf. Dennoch herrschte auf dem Fluß ein reger Verkehr. Kähne, Leichter und Vergnügungsschiffe fuhren hin und her und boten im Licht der Abendsonne einen malerischen Anblick.

Auf dem Südufer sah es dagegen aus wie in einem anderen Land. Dort lag Lambeth, Standort der keramischen Industrie. Auf dem morastigen, mit windschiefen Töpferwerkstätten übersäten Gelände waren noch immer Heerscharen von graugesichtigen Männern und in Lumpen gekleideten Frauen an der Arbeit. Sie kochten Knochen aus, sortierten Müll, befeuerten die Brennöfen und schütteten den Keramikbrei in Gußformen für Abflußrohre und Kaminaufsätze, für die in der rasch wachsenden Stadt großer Bedarf bestand. Der Gestank war selbst auf der Brücke, eine Viertelmeile entfernt, noch deutlich bemerkbar. Die geduckten Hütten, in denen die Arbeiter wohnten, drängten sich wie Unrat, den die Flut aufs schlammige Ufer gespült hat, an die Mauern des Lambeth Palace, dem Londoner Sitz des Erzbischofs von Canterbury. Die Gegend trug, trotz ihrer Nähe zum erzbischöflichen Palast, im Volksmund den Namen »Teufelsacker«, angeblich deshalb, weil Feuer und Rauch, die hin und her schlurfenden Arbeiter und der entsetzliche Gestank einen an die Hölle denken ließ.

Mickys Wohnung lag in Camberwell, einem respektablen Vorort jenseits der Keramik-Werkstätten. Aber er verweilte noch immer mit seinem Vater auf der Brücke. Der Teufelsacker widerte ihn an; er haßte es, ihn durchqueren zu müssen. Insgeheim verfluchte Micky noch immer das penible Methodistengewissen des alten Seth Pilaster, das ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. »Wir werden schon noch eine Lösung für die Verschiffung der Gewehre finden«, sagte er. »Mach dir deswegen keine Sorgen, Papa.«

Der zuckte die Achseln. »Wer legt uns Steine in den Weg?« wollte er wissen.

Es war eine einfache Frage, die im Sprachgebrauch des Miranda- Clans jedoch eine tiefere Bedeutung besaß. Stand ein Miranda vor einem schwierigen Problem, so fragte er: Wer legt uns Steine in den Weg? In Wirklichkeit hieß das nichts anderes als: Wen müssen wir umlegen? Die Frage erweckte bei Micky die Erinnerung an das barbarische Leben in der Provinz Santamaria und die vielen grauenvollen Gerüchte und Erzählungen, die er am liebsten vergessen hätte. Etwa die Geschichte, wie Papa seine Geliebte für ihre Untreue strafte, indem er ihr einen Gewehrlauf in den Leib schob und abdrückte. Oder das Schicksal jener jüdischen Familie, die in der Provinzhauptstadt neben dem Laden Papas ein Geschäft eröffnet hatte: Papa ließ den neuen Laden anzünden, worauf der Mann mit Frau und Kindern bei lebendigem Leib verbrannte. Micky mußte auch an den Zwerg denken, der sich im Karneval als Papa Miranda verkleidet und dessen stolzierenden Gang zur allgemeinen Belustigung perfekt nachgeahmt hatte. Das ging so lange gut, bis Papa ruhig auf den Zwerg zuging, seine Pistole zückte und ihm fast den Kopf abschoß.

Wenn solche Vorfälle selbst in Cordoba nicht gerade an der Tagesordnung waren, so hatte Papas rücksichtslose Brutalität doch dazu geführt, daß man ihn weithin fürchtete. Hier in England wäre er längst hinter Schloß und Riegel gelandet. »Ich sehe keinen Anlaß für drastische Maßnahmen«, sagte Micky mit gespielter Sorglosigkeit, die seine innere Unruhe verbergen sollte.

»Bis jetzt besteht noch kein Grund zur Eile«, erklärte Papa. »Zu Hause fängt jetzt der Winter an. Vor dem nächsten Sommer wird es keine Kämpfe geben.« Er sah Micky streng ins Gesicht. »Aber bis Ende Oktober muß ich die Waffen haben.«

Sein Blick ließ Micky die Knie zittern, und er mußte sich an das steinerne Brückengeländer lehnen, um nicht ins Schwanken zu geraten. »Keine Sorge, Papa«, sagte er ängstlich, »ich kümmere mich darum.«

Papa nickte, als könne es gar keinen Zweifel daran geben. Eine Minute lang sprach keiner von beiden ein Wort. Dann verkündete Papa wie aus heiterem Himmel: »Ich will, daß du in London bleibst.«

Mickys Schultern entspannten sich vor Erleichterung. Genau das hatte er sich erhofft! Er mußte also bis jetzt alles richtig gemacht haben. »Das wäre vielleicht gar nicht so schlecht, Papa«, erwiderte er, seine Begeisterung sorgfältig verbergend.

Dann ließ Papa die Bombe platzen: »Aber auf deine Monatswechsel mußt du verzichten.«

»Was?«

»Die Familie kann nicht für deinen Unterhalt aufkommen. Das mußt du selber tun.«

Micky war entsetzt. Zwar war Papas Geiz ebenso legendär wie seine Brutalität — doch das kam nun doch unerwartet! Die Mirandas waren keineswegs arm. Papa besaß Tausende von Rindern und das Monopol über den gesamten Pferdehandel in einem riesigen Gebiet. Er verpachtete Land an Kleinbauern, und außerdem gehörten ihm fast alle Läden in der Provinz Santamaria.

In England, das stimmte natürlich, war ihr Geld nicht allzuviel wert. Zu Hause in Cordoba bekam man für einen Silberdollar ein erstklassiges Menü, eine Flasche Rum und eine Hure für die Nacht — hier reichte er allenfalls für einen Imbiß und ein Glas dünnes Bier. Diese Erkenntnis hatte Micky, als er als Schüler nach Windfield kam, wie ein Schlag getroffen. Obwohl es ihm im Laufe der Zeit gelungen war, sein Taschengeld mit Gewinnen beim Kartenspiel aufzubessern, war er immer nur sehr knapp über die Runden gekommen. Erst durch die Freundschaft mit Edward besserte sich seine finanzielle Lage. Selbst heute noch kam Edward für alle Kosten auf, die bei ihren gemeinsamen Unternehmungen anfielen. Edward zahlte die Eintrittskarten für Opern und Pferderennen, finanzierte ihre Jagdausflüge und entlohnte ihre Huren. Dennoch kam Micky ohne ein gewisses Grundeinkommen nicht aus — er mußte seine Miete zahlen und die Schneiderrechnungen, mußte für die Mitgliedsgebühren in den Herrenclubs, die ein unverzichtbarer Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in London waren, ebenso aufkommen wie für Trinkgelder. Wo sollte das Geld denn herkommen? Erwartete Papa von ihm, daß er eine Stelle annahm? Allein der Gedanke daran war entsetzlich. Kein einziger Miranda verdingte sich für Lohn.

Er wollte gerade fragen, wie er ohne Geld sein Leben fristen sollte, als Papa abrupt das Thema wechselte und sagte: »Ich will dir jetzt sagen, wofür die Gewehre bestimmt sind. Wir werden uns die Wüste aneignen.«

Micky war perplex. Die Ländereien der Mirandas erstreckten sich über ein riesiges Areal der Provinz Santamaria, an die der kleinere Besitz der Familie Delabarca angrenzte. Das Land im Norden der beiden Territorien war dermaßen unfruchtbar, daß bisher weder Papa noch sein Nachbar Anspruch darauf erhoben hatte. »Wozu brauchen wir denn die Wüste?« fragte Micky.

»Unter dem Sand liegt ein Mineral namens Salpeter. Es wird als Dünger benutzt und ist viel besser als Mist. Er läßt sich per Schiff in die ganze Welt transportieren und zu hohen Preisen verkaufen. Das ist der Grund, weshalb ich dich in London lasse: Du sollst den Verkauf in die Hand nehmen.«

»Woher wissen wir, daß das Zeug wirklich dort liegt?«

»Delabarca hat schon angefangen, es abzubauen. Der Salpeter hat seine Sippe reich gemacht.«

Das war in der Tat eine aufregende Nachricht. Micky spürte, daß sich hier die Möglichkeit auftat, dem Schicksal der Familie eine neue Zukunftsperspektive zu geben. Natürlich würde es Zeit brauchen und das kurzfristige Problem, woher er das Geld für sein tägliches Leben nehmen sollte, nicht lösen können. Aber auf lange Sicht …

»Wir müssen uns ranhalten«, sagte Papa. »Reichtum ist Macht, und es wird nicht mehr lange dauern, bis die Delabarcas mächtiger sind als wir. Bevor es soweit kommt, müssen wir sie vernichten.«

Juni 1873

WHITEHAVEN HOUSE

Kensington Gore

London, S.W.

den 2. Juni 1873

Meine liebe Florence,

wo sind Sie nur? Erst hoffte ich, Sie auf Mrs. Bridewells Ball zu treffen, dann in Richmond, dann am Samstag bei den Muncasters … Aber Sie waren nicht da, nirgendwo! Bitte geben Sie mir ein Lebenszeichen, ein paar Zeilen genügen.

Ihr sehr ergebener

Hugh Pilaster

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23 PARK LANE

London, W.

den 3. Juni 1873

Herrn Hugh Pilaster, Esq.

Sir,

ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie fortan auf jeglichen Kontakt mit meiner Tochter verzichten würden.

Stalworthy

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WHITEHAVEN HOUSE

Kensington Gore

London, S.W.

den 2. Juni 1873

Liebste Florence,

endlich habe ich eine Vertrauensperson gefunden, die sich bereit erklärt hat, Ihnen diese Nachricht zukommen zu lassen. Warum verstecken Sie sich vor mir? Habe ich Ihre Eltern beleidigt? Oder sogar — Gott bewahre! — Sie selbst? Ihre Cousine

Jane wird mir Ihre Antwort übermitteln. Ich brenne darauf!

Mit lieben Grüßen

Hugh

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STALWORTHY MANOR

Stalworthy Buckinghamshire

den 7. Juni 1873

Lieber Hugh,

ich darf Sie nicht mehr sehen, weil Sie ein Spieler sind wie einst Ihr Herr Vater.

Es tut mir aufrichtig leid, aber ich muß wohl glauben, daß meine Eltern am besten wissen, was gut für mich ist. Ihre betrübte

Florence

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WHITEHAVEN HOUSE

Kensington Gore

London, S.W.

den 8. Juni 1873

Liebe Mutter,

eine junge Dame hat mich kürzlich zurückgewiesen, weil mein Vater ein Spieler gewesen sein soll. Stimmt das? Bitte antworte mir sofort. Ich muß es wissen!

Dein Dich liebender Sohn

Hugh

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2 WELLINGTON VILLAS

Folkestone

Kent

den 8. Juni 1873

Mein lieber Sohn,

nach allem, was ich weiß, hat Dein Vater niemals gespielt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wer sein Andenken in dieser bösartigen Weise verunglimpfen möchte. Es war so, wie man es Dir immer erzählt hat: Dein Vater verlor sein Vermögen beim Zusammenbruch seiner Firma. Andere Ursachen gab es nicht.

Ich hoffe, daß Du gesund und munter bist, mein Junge, und daß das Mädchen, das Du liebst, Dich erhört. Bei mir gibt’s nicht viel Neues. Deine Schwester Dorothy läßt Dich herzlich grüßen, und ich schließe mich ihr an.

Deine Mutter

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WHITEHAVEN HOUSE

Kensington Gore London, S.W.

den 10. Juni 1873

Liebe Florence,

ich glaube, irgend jemand hat Ihnen etwas Falsches über meinen Vater erzählt. Seine Firma ging bankrott, das stimmt. Aber es war nicht seine Schuld: Ein großes Unternehmen namens Overend & Gurney brach zusammen und hinterließ fünf Millionen Pfund Schulden.

Der Ruin riß zahlreiche Gläubiger mit in den Abgrund. Mein Vater hat sich noch am selben Tag das Leben genommen. Doch ein Spieler war er nie, genauso wenig wie ich einer bin.

Wenn Sie diesen Sachverhalt Ihrem Herrn Vater, dem erlauchten Grafen Stalworthy, erklären, wird sicher alles wieder gut sein. Herzlichst Ihr

Hugh

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STALWORTHY MANOR

Stalworthy Buckinghamshire

den 11. Juni 1873

Hugh,

daß Sie mir Unwahrheiten schreiben, macht die Sache nicht besser.

Ich weiß inzwischen genau, daß meine Eltern mir den richtigen Rat gegeben haben, und muß Sie vergessen.

Florence

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WHITEHAVEN HOUSE

Kensington Gore London, S.W.

den 12. Juni 1873

Liebe Florence,

Sie müssen mir glauben! Gut, es ist möglich, daß man mir, was meinen Vater betrifft, die Wahrheit vorenthalten hat — obwohl ich beim besten Willen keinen Anlaß habe, an der Aufrichtigkeit meiner Mutter zu zweifeln.

Nur — was mich selbst betrifft, da weiß ich genau, woran ich bin!

Mit vierzehn habe ich im Derby mal einen Shilling gesetzt und diesen prompt verloren. Seither hat das Wetten und Spielen für mich jeglichen Reiz verloren. Wenn wir uns wiedersehen, schwöre ich Ihnen einen Eid darauf!

In banger Hoffnung

Hugh

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FOLJAMBE & MERRIWEATHER, Rechtsanwälte

Gray’s Inn London, W. C.

den 13. Juni 1873

Herrn Hugh Pilaster

Sir,

unser Klient, der Graf von Stalworthy,

hat uns beauftragt, Sie zu ersuchen, fortan jegliche Kommunikation mit seiner Tochter Florence einzustellen. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, daß der erlauchte Graf, wenn Sie sich nicht umgehend seinem Wunsche fügen, alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen wird, um seinen Willen in dieser Angelegenheit durchzusetzen. Dies schließt auch eine gerichtliche Verbotsverfügung nicht aus.

Kanzlei Foljambe & Merriweather

Albert C. Merriweather

Hugh,

sie hat Ihren letzten Brief meiner Tante gezeigt, also ihrer Mutter.

Sie haben sie bis zum Ende der Londoner Saison nach Paris geschickt und bringen sie dann nach Yorkshire. Es ist ziemlich schlimm — aber Sie bedeuten ihr nichts mehr. Es tut mir aufrichtig leid

Jane

Die Argyll Rooms waren das beliebteste Etablissement Londons, doch Hugh hatte sich bisher dort nicht blicken lassen. Nie wäre er auf den Gedanken gekommen, einen solchen Ort aufzusuchen. Obwohl strenggenommen kein Bordell, hatten die Argyll Rooms doch einen denkbar schlechten Ruf. Ein paar Tage nachdem Florence Stalworthy ihm endgültig den Laufpaß gegeben hatte, scherte sich Hugh aber nicht mehr darum und stimmte sofort zu, als Edward ihn beiläufig fragte, ob er nicht am Abend mit ihm und Micky die Sause machen wolle.

Hugh und Edward verbrachten ihre Freizeit nur selten miteinander. Edward hatte sich nicht geändert: Er war und blieb ein heillos verwöhnter Faulpelz, der mit Vorliebe Schwächere tyrannisierte und andere für sich arbeiten ließ. Hugh dagegen galt schon seit langem als das schwarze Schaf der Familie. Es hieß allgemein, er wandele in den Fußstapfen seines Vaters. Doch obwohl ihn mit Edward kaum etwas verband, war Hugh an diesem Tag entschlossen, sich jenen Ausschweifungen und Ablenkungen hinzugeben, die für Tausende von Männern aus der britischen Oberschicht schlichtweg zum Lebensstil gehörten: Halbweltkneipen und leichte Mädchen. Vielleicht haben sie ja recht, dachte Hugh. Vielleicht ist dies der richtige Weg zum Glück — und wahre Liebe nur eine Schimäre.

War er überhaupt in Florence Stalworthy verliebt gewesen? Er wußte es nicht genau. Ja, er war wütend, weil sich ihre Eltern gegen ihn gestellt hatten, und dies um so mehr, als dahinter eine böse Intrige gegen seinen Vater steckte. Doch sein Herz — er gestand es sich nur mit einem Anflug schlechten Gewissens ein —, sein Herz war nicht gebrochen. Er dachte oft an Florence, aber er litt weder an Schlafstörungen noch an Appetitlosigkeit und konnte sich problemlos auf seine Arbeit konzentrieren. Bewies das, daß er sie nie geliebt hatte? Das Mädchen, das ihm — abgesehen von seiner Schwester Dotty — mehr gefiel als alle anderen, war Rachel Bodwin, und er hatte des öfteren mit dem Gedanken gespielt, sie zu heiraten. War es Liebe? Er wußte es nicht. Vielleicht war er noch zu jung, um zu begreifen, was Liebe eigentlich war. Vielleicht kannte er sie ganz einfach noch nicht.

Die Argyll Rooms lagen in unmittelbarer Nachbarschaft einer Kirche in der Great Windmill Street, nur ein paar Schritt vom Piccadilly Circus entfernt. Nachdem Edward für jeden einen Shilling Eintritt bezahlt hatte, betraten sie das Gebäude. Ihre Kleidung war stilgemäß: schwarzer Frack mit Seidenaufschlägen, schwarze Hose mit Seidenborten, tiefgeschnittene weiße Weste, weißes Hemd und weiße Fliege. Edwards Anzug war neu und teuer. Mickys war nicht ganz so exklusiv, aber vom Schnitt her modischer. Hugh trug den Anzug, den er von seinem Vater geerbt hatte.

Gaslampen tauchten den Ballsaal verschwenderisch in gleißendes Licht, das von riesigen vergoldeten Spiegeln zurückgeworfen wurde. Auf dem Tanzboden drängten sich die Paare, und, abgeschirmt durch ein goldfarbenes ziseliertes Gitterwerk, spielte das halbverborgene Orchester eine zündende Polka. Einige wenige Männer im Frack taten mit ihrer Kleidung kund, daß sie der Oberschicht angehörten und im Milieu Zerstreuung suchten. Die weitaus meisten jedoch trugen seriöse dunkle Tagesanzüge, die sie als Angestellte und kleine Geschäftsleute auswiesen.

Oberhalb des Ballsaals befand sich eine schattige Galerie. Edward zeigte mit dem Finger darauf und sagte zu Hugh: »Wenn du dir eine Puppe angelacht hast, kannst du sie für einen weiteren Shilling mit raufnehmen. Plüschsessel, gedämpftes Licht, blinde Ober … du verstehst.«

Hugh war ganz benommen — und dies nicht nur der Beleuchtung wegen. Die Aussichten waren vielversprechend. Überall Mädchen — und alle waren sie nur aus einem einzigen Grund gekommen: Sie wollten flirten! Manche waren mit ihrem Freund da, andere aber waren offensichtlich unbegleitet. Und wie sie angezogen waren! Phantastisch! Abendkleider mit Turnüren, zum Teil mit sehr gewagten Dekolletes. Und erst die Hüte! Unglaublich … Eines war jedoch auffallend: Auf der Tanzfläche trugen alle Mädchen sittsam ihre Mäntel. Es waren eben keine Prostituierten, sondern ganz normale Mädchen von nebenan, Verkäuferinnen, Dienstmädchen, Schneiderinnen.

»Und wie lernt man sie persönlich kennen?« fragte Hugh. »Einfach anquatschen wie eine Nutte geht doch bei denen nicht, oder?«

Edward deutete auf einen hochgewachsenen, würdevoll aussehenden Herrn im weißen Frack, der eine Art Orden trug und offenbar das Geschehen auf der Tanzfläche überwachte. »Das ist der Zeremonienmeister. Für ein Trinkgeld stellt er dich ihr vor — und sie dir.«

Eine merkwürdige prickelnde Mischung aus Würde und Zügellosigkeit beherrschte die Atmosphäre.

Die Polka ging zu Ende, und einige Tänzerinnen und Tänzer begaben sich wieder an ihre Tische. Wieder fuchtelte Edward mit dem Zeigefinger in der Luft herum und rief: »Verdammich, wenn das nicht Fatty Greenbourne ist!«

Hugh blickte in die angegebene Richtung: Tatsächlich — das war er, ihr ehemaliger Schulkamerad, feister und runder denn je. Die weiße Weste schien aus allen Nähten zu platzen. Und an seinem Arm hing ein Mädchen von berückender Schönheit. Fatty und seine Begleiterin ließen sich an einem Tisch nieder.

»Warum setzen wir uns nicht für ein Weilchen zu ihnen?« fragte Micky leise.

Hugh, der darauf brannte, das Mädchen aus der Nähe betrachten zu können, stimmte bereitwillig zu, woraufhin die drei jungen Männer zielstrebig zwischen den Tischen hindurch auf das seltsame Paar zusteuerten.

»Guten Abend, Fatty!« tönte Edward fröhlich.

»Hallo, alte Bande«, erwiderte der Angesprochene und fügte freundlich hinzu: »Man nennt mich neuerdings Solly, wenn ihr nichts dagegen habt.« Hugh war Solly hin und wieder in der City, dem finanziellen Herzen Londons, begegnet. Solly arbeitete seit einigen Jahren in der Zentrale der Greenbourne-Bank, gleich um die Ecke vom Stammhaus der Pilasters. Edward, erst seit ein paar Wochen in der City tätig, war Solly bislang nicht über den Weg gelaufen.

»Wir dachten, wir setzen uns ein Weilchen zu euch«, sagte Edward salopp und sah das Mädchen neugierig an.

Solly wandte sich an seine Begleiterin: »Miss Robinson, darf ich Ihnen ein paar ehemalige Schulkameraden vorstellen? Edward Pilaster, Hugh Pilaster und Micky Miranda.«

Miss Robinsons Reaktion war verblüffend. Sie erblaßte unter ihrem Rouge und fragte: »Pilaster? Etwa aus der Familie von Tobias Pilaster?«

»Tobias Pilaster war mein Vater«, erwiderte Hugh. »Woher kennen Sie den Namen?«

Die junge Frau hatte sich schnell wieder gefaßt. »Mein Vater war bei Tobias Pilaster & Co. angestellt. Als Kind habe ich mich immer gefragt, wer Co. ist.« Sie lachte, und die anfangs spürbare Spannung war verflogen. »Wollen Sie sich nicht setzen, meine Herren?«

Auf dem Tisch stand eine Flasche Champagner. Solly schenkte Miss Robinson ein und bedeutete dem Ober, ein paar zusätzliche Gläser zu bringen. »Das ist ja ein echtes Schülertreffen der alten Windfield-Boys«, sagte er. »Stellt euch vor, wer noch hier ist — Tonio Silva.«

»Wo?« fragte Micky rasch. Die Nachricht war ihm sichtlich unangenehm. Warum eigentlich? fragte sich Hugh. In der Schule hatte Tonio doch immer Angst vor ihm …

»Auf der Tanzfläche«, sagte Solly. »Er tanzt mit Miss April Tilsley, Miss Robinsons Freundin.«

»Sie können mich ruhig Maisie nennen«, sagte Miss Robinson.

»Ich bin nicht so förmlich.« Und sie zwinkerte Solly frech zu.

Ein Ober erschien und servierte Solly einen Hummer. Solly stopfte sich seine Serviette in den Kragen und fing an zu essen.

»Ich dachte, ihr Judenjungen dürft keine Schalentiere essen«, stichelte Micky ebenso sanft wie unverschämt.

Solly ging — wie immer — auf die Anspielung nicht ein. »Koscher bin ich nur zu Hause«, sagte er.

Maisie Robinson warf Micky einen feindseligen Blick zu. »Wir Judenmädchen essen, was wir wollen«, sagte sie und stibitzte ein Stückchen von Sollys Teller.

Daß sie Jüdin war, überraschte Hugh. In seiner bisherigen Vorstellung waren Juden schwarzhaarig und hatten einen dunklen Teint. Er betrachtete Maisie aufmerksam. Sie war ziemlich klein, machte sich jedoch mit einem hoch aufgetürmten Chignon und einem riesigen, mit künstlichen Blumen und Früchten verzierten Hut ein gutes Stück größer. Der Hut beschattete ein kleines, freches Gesicht mit grünen Augen, in denen der Schalk saß. Der Ausschnitt ihres kastanienbraunen Abendkleids enthüllte einen beachtlichen mit Sommersprossen übersäten Teil ihres Busens. Sommersprossen galten gemeinhin nicht als besonders attraktiv, doch Hugh konnte seine Augen kaum von ihnen abwenden. Nach kurzer Zeit bemerkte Maisie seinen Blick und starrte zurück. Hugh lächelte verlegen und wandte sich ab.

Er verdrängte den Gedanken an Maisies Busen und widmete seine Aufmerksamkeit den ehemaligen Schulkameraden. Sie hatten sich verändert in den vergangenen sieben Jahren. Solly Greenbourne war sichtlich reifer geworden. Obwohl er noch immer ungemein dick war und noch immer das gleiche umgängliche Grinsen zur Schau trug, umgab den Mittzwanziger inzwischen eine Aura der Autorität. Es mochte an seinem immensen Reichtum liegen — aber reich war Edward auch, und dem fehlte jede Spur einer solchen Aura. Solly wurde in der City bereits respektiert. Gewiß, als Erbe der Greenbourne-Bank gewann man leichter Respekt als andere — doch wehe, ein junger Mann in vergleichbar privilegierter Stellung erwies sich als Dummkopf: Er konnte binnen kürzester Zeit zur Lachnummer werden.

Auch Edward war älter geworden, im Gegensatz zu Solly aber nicht reifer. Wie ein Kind kannte er nur das Spiel. Er war nicht dumm, hatte jedoch große Schwierigkeiten, sich auf seine Arbeit in der Bank zu konzentrieren. Er arbeitete dort ungern und wünschte sich immer anderswohin, wollte tanzen, trinken und — spielen.

Micky hatte sich zu einem bildhübschen Teufel mit dunklen Augen, schwarzen Brauen und etwas zu langem lockigem Haar entwickelt. Sein Frack entsprach der Etikette, war aber eine Spur zu forsch: Das Jackett hatte einen Samtkragen und Samtaufschläge, das Hemd war gekräuselt. Micky war ein Frauentyp: Die bewundernden, ja einladenden Blicke der Mädchen an den Nachbartischen waren Hugh nicht entgangen. Maisie Robinson dagegen mochte ihn offenbar nicht, und dies vermutlich nicht nur wegen der dummen Bemerkung über die Judenjungen. Irgend etwas stimmte nicht mit Micky. Er war aufreizend ruhig, verschlossen und dabei stets auf der Hut. Er war nicht aufrichtig, verriet nur selten ein Zögern, eine Unsicherheit oder einen wunden Punkt und gewährte niemandem einen Blick in seine Seele — so er denn eine hatte. Hugh traute ihm nicht über den Weg.

Der nächste Tanz war vorüber. Tonio Silva und Miss April Tilsley kamen an den Tisch. Hugh war Tonio seit der gemeinsamen Schulzeit nur wenige Male begegnet, hätte ihn aber an seinem karottenroten Haarschopf sofort wiedererkannt. Bis zu jenem unglückseligen Tag im Jahre 1866, als plötzlich Mutter kam, ihm die Nachricht vom Tod seines Vaters brachte und ihn aus der Schule nahm, waren sie die besten Freunde gewesen. Sie galten als die bösen Buben der Untertertia und eckten immer wieder an. Und trotz der Prügel, die es mitunter setzte, hatten sie ihr Schülerdasein genossen.

Was war damals am Badeteich wirklich geschehen? Hugh hatte sich diese Frage über die Jahre immer wieder gestellt. Die Version der Zeitungen, der zufolge Edward versucht hatte, Peter Middleton zu retten, hatte er nie für bare Münze genommen, dazu fehlte Edward ganz einfach der Mut. Tonio war nach wie vor verschwiegen wie ein Grab, und der einzige andere Zeuge, Albert Cammel, lebte inzwischen in der Kapkolonie.

Tonio schüttelte Micky die Hand. »Wie geht’s, Miranda?« Obwohl seiner Stimme nichts anzumerken war, spürte Hugh, daß Tonio die alte Angst noch immer nicht überwunden hatte. Seine Miene verriet eine Mischung aus Angst und Bewunderung — wie ein braver Bürger, der unversehens einem für sein aufbrausendes Temperament bekannten Preisboxer begegnet.

April Tilsley, Tonios Begleiterin, war nach Hughs Einschätzung ein wenig älter als ihre Freundin Maisie und, da sie etwas verhärmt wirkte, nicht ganz so attraktiv. Tonio schien sich daran nicht zu stören. Er tätschelte ihren Arm, flüsterte ihr etwas ins Ohr, brachte sie zum Lachen und fühlte sich in ihrer Gesellschaft offensichtlich sehr wohl.

Hugh wandte seine Aufmerksamkeit wieder Maisie zu. Sie redete viel und gerne. Ihre melodische Stimme hatte einen leichten Akzent und erinnerte an den Tonfall jener Gegend im Nordosten Englands, wo Tobias Pilaster einst seine Speicherhäuser hatte. Die Wandlungsfähigkeit ihres Gesichts faszinierte ihn: Sie lächelte, runzelte die Stirn, schob schmollend die Lippen vor, zog die Stupsnase kraus, rollte die Augen. Ihre Wimpern waren blaßblond, auf der Nase verloren sich ein paar Sommersprossen. Sie war eine unkonventionelle Schönheit, gewiß — aber niemand hätte bestreiten können, daß sie die hübscheste Frau im Saal war.

Hugh war wie besessen von dem Gedanken, daß Maisie wahrscheinlich bereit war, noch in dieser Nacht einen der Männer hier am Tisch zu küssen, mit ihm zu schmusen oder es sogar mit ihm… nun ja, eben bis zum Äußersten zu gehen. Sonst wäre sie heute abend nicht in die Argyll Rooms gekommen. Fast immer, wenn Hugh ein Mädchen kennenlernte, hing er Träumen von der geschlechtlichen Liebe nach; wohl aber schämte er sich der Häufigkeit dieser sexuellen Phantasien. Ausgelebt werden durften sie normalerweise nur nach längerer Werbung, nach Verlobung und Eheschließung. Doch Maisie wäre möglicherweise schon heute nacht dazu bereit!

Erneut trafen sich ihre Blicke, und wieder fühlte Hugh sich ertappt. Es war das gleiche peinliche Gefühl, das ihn manchmal in Rachel Bodwins Gegenwart überkam: Sie kennt meine Gedanken, dachte er und suchte verzweifelt nach einem unverfänglichen Gesprächsthema.

»Leben Sie schon immer in London, Miss Robinson?« platzte er schließlich heraus.

»Nein, erst seit drei Tagen«, antwortete sie.

Eine banale Konversation, dachte er, aber wenigstens überhaupt eine. »Ach was? Erst seit so kurzer Zeit? Wo waren Sie denn vorher?«

»Auf Reisen«, erwiderte Maisie, wandte sich ab und sagte etwas zu Solly.

»Aha«, stammelte Hugh. Gespräch beendet, dachte er enttäuscht. Sie benimmt sich fast so, als hätte sie etwas gegen mich …

April Tilsley schien Mitleid mit ihm zu haben. »Maisie arbeitet seit vier Jahren bei einem Zirkus«, erklärte sie.

»Du meine Güte! Was tut sie denn da?«

Maisie antwortete selber: »Reiten ohne Sattel. Auf trabenden Pferden stehen. Von einem Pferderücken auf den anderen springen und solche Sachen.«

»Im Trikot natürlich«, fügte April hinzu.

Maisie im Trikot — die Vorstellung nährte das Feuer. Hugh schlug die Beine übereinander und sagte: »Wie sind Sie zu dieser Arbeit gekommen?«

Maisie zögerte einen Augenblick. Dann drehte sie sich auf ihrem Stuhl um und sah Hugh in die Augen. In ihrem Blick lag ein gefährlicher Glanz. »Das will ich Ihnen sagen«, begann sie. »Mein Vater arbeitete für Tobias Pilaster & Co. Ihr Vater betrog ihn um einen Wochenlohn. Meine Mutter war sehr krank. Ohne das Geld stand ich vor der Wahl: Entweder ich hungere — oder Mutter stirbt. Da lief ich von zu Hause fort. Ich war damals elf.«

Hugh spürte, wie ihm das Blut zu Kopf schoß. »Ich glaube nicht, daß mein Vater jemals irgendeinen Menschen betrogen hat«, sagte er. »Außerdem dürften Sie mit elf Jahren noch kaum imstande gewesen sein zu verstehen, um was es damals ging.«

»Was Hunger und Kälte bedeuten, verstand ich sehr wohl.«

»Vielleicht war Ihr Vater schuld.« Hugh ließ nicht locker, obwohl er wußte, daß es unklug war. »Man soll eben keine Kinder in die Welt setzen, wenn man sie nicht ernähren kann.«

»Er konnte sie ernähren!« fauchte Maisie. »Er arbeitete wie ein Sklave — und dann kamt ihr und stahlt ihm sein Geld!«

»Mein Vater hat Bankrott gemacht, aber er war kein Dieb!«

»Für den, der auf der Verliererseite steht, ist das dasselbe.«

»Nein, es ist nicht dasselbe. Und Sie sind ebenso dumm wie unverschämt, wenn Sie das behaupten!«

Die anderen waren offensichtlich der Meinung, daß Hugh mit dieser Bemerkung zu weit gegangen war. Mehrere von ihnen fingen gleichzeitig an zu sprechen. Tonio sagte: »Streiten wir doch nicht über Dinge, die so lange zurückliegen.«

Hugh wußte, daß es an der Zeit war, den Mund zu halten, aber er war noch immer wütend. »Seit meinem dreizehnten Lebensjahr muß ich mit anhören, wie die Familie Pilaster meinen Vater in den Dreck zieht. Ich lasse mir das nicht auch noch von einer Zirkusartistin bieten.«

Maisie erhob sich. Ihre Augen funkelten wie geschliffene Smaragde. Im ersten Moment glaubte Hugh, sie wollte ihn schlagen. Doch dann sagte sie: »Komm, Solly, tanz mit mir! Vielleicht ist dein ungehobelter Freund nachher verschwunden.«

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Der Streit zwischen Hugh und Maisie brachte die Tischgesellschaft auseinander. Während Solly und Maisie sich entfernten, beschlossen die anderen, sich einen Rattenkampf anzusehen. Obwohl derartige Veranstaltungen gesetzlich verboten waren, gab es im Umkreis von fünf Minuten um den Piccadilly Circus ein halbes Dutzend Arenen, in denen regelmäßig solche Schauspiele stattfanden. Micky Miranda kannte jede einzelne von ihnen.

Als sie die Argyll Rooms verließen und in jenem Londoner Stadtviertel untertauchten, das als »Babylon« bekannt war, herrschte bereits Dunkelheit. Außer Sichtweite der Paläste von Mayfair, aber von den Herrenclubs von St. James aus bequem erreichbar, begann ein Gewirr kleiner Straßen und Gassen, das von Spielsalons, Opiumhöhlen, blutrünstigen Tierkämpfen, Pornographieverkäufern und — vor allem — von Bordellen beherrscht wurde. Es war eine schwüle, schweißtreibende Nacht, und in der schweren Luft hing der Geruch nach Essen, Bier und Gosse. Micky und seine Freunde schlenderten mitten auf der Straße durchs Menschengedränge. Es dauerte keine Minute, da versuchte ein Mann im verbeulten Zylinder ihm ein Buch mit obszönen Versen anzudrehen; ein junger Kerl mit Rouge auf den Wangen zwinkerte ihm zu; eine gutgekleidete Frau in seinem Alter öffnete ihre Jacke und präsentierte Micky für einen Augenblick zwei prächtige nackte Brüste, und eine zerlumpte Alte bot ihm Sex mit einem engelgesichtigen Mädchen, das vielleicht zehn Lenze zählte. Die Kneipen, Tanzschuppen, Hurenhäuser und billigen Absteigen hatten rußgeschwärzte Mauern und schmutzstarrende Fenster, die hie und da Einblicke in wüste, von Gaslichtern erhellte Gelage gewährten. Unter den Passanten sah man junge Stutzer in Frack und weißer Weste wie Micky, Angestellte und kleine Ladenbesitzer mit Melone auf dem Kopf, glotzäugige Bauern, Soldaten in aufgeknöpften Uniformen, Seeleute, die vorübergehend viel Geld in den Taschen hatten, sowie eine überraschend große Zahl von Arm in Arm dahinschreitenden Paaren, die den Eindruck respektabler Bürgerlichkeit erweckten.

Micky genoß den Ausflug. Zum erstenmal seit Wochen war es ihm gelungen, Papa für einen Abend zu entkommen. Sie warteten auf den Tod von Seth Pilaster, um endlich ihr Waffengeschäft unter Dach und Fach zu bringen, doch der alte Mann klammerte sich ans Leben wie die Napfschnecke an den Küstenfelsen. Mit dem eigenen Vater Varietés und Bordelle aufzusuchen machte keinen Spaß, zumal Papa ihn eher wie einen Diener behandelte. Das ging so weit, daß er ihm manchmal befahl, im Vorzimmer zu warten, während er es mit einer Hure trieb. Der heutige Abend war eine wahre Erholung.

Das Wiedersehen mit Solly Greenbourne freute ihn. Die Greenbournes waren noch reicher als die Pilasters; vielleicht erwies sich die Bekanntschaft mit Solly eines Tages noch als nützlich. Die Begegnung mit Tonio Silva war weniger erfreulich.

Tonio wußte zuviel über den Tod von Peter Middleton, der inzwischen sieben Jahre zurücklag. Damals hatte Tonio eine Heidenangst vor Micky gehabt. Vorsichtig war er inzwischen zwar immer noch, und er bewunderte Micky wohl auch noch, aber er war doch nicht mehr so eingeschüchtert wie einst. Tonio war ein Problem, doch vorläufig wußte Micky noch nicht, was er dagegen unternehmen konnte.

Micky bog in eine kleine Seitengasse der Windmill Street ein. Auf Abfallhaufen hockten Katzen und starrten ihn mit funkelnden Augen an. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die anderen noch immer hinter ihm herzogen, betrat er eine finstere Kaschemme, marschierte, vorbei an der Bar, geradewegs zur Hintertür hinaus, überquerte einen vom Mondschein erhellten Hinterhof, in dem gerade eine Hure vor ihrem Freier kniete, und öffnete die Tür zu einem windschiefen, stallartigen Holzschuppen.

Ein Mann mit ungewaschenem Gesicht, der einen langen, verschmierten Mantel trug, verlangte vier Pence als Eintrittsgeld. Edward zahlte, und sie traten ein.

Das Innere des Gebäudes war hell erleuchtet und voller Tabakrauch, in dessen Geruch sich ein fauliger Gestank nach Blut und Exkrementen mischte. Vierzig oder fünfzig Männer und ein paar Frauen umstanden eine kreisförmige Arena. Die Männer stammten aus allen gesellschaftlichen Schichten. Einige von ihnen trugen die schweren Wollanzüge und gepunkteten Halstücher gutsituierter Arbeiter, andere waren in Gehrock oder Abendanzug erschienen. Die Frauen dagegen entsprachen durchweg dem eher halbseidenen Typ der April Tilsley. Ein paar Männer hatten Hunde mitgebracht; sie trugen sie entweder auf dem Arm oder hatten sie an Stuhlbeinen festgebunden.

Micky deutete auf einen bärtigen Mann mit Tweedmütze, der einen Hund an einer schweren Kette hielt. Einige Zuschauer prüften das Tier mit kritischem Blick. Der untersetzte, muskulöse Hund hatte einen massigen Kopf und kräftige Kiefer, die durch einen Maulkorb gebändigt wurden. Er wirkte sehr aufgebracht und unruhig. »Das ist der nächste«, sagte Micky.

Edward entfernte sich, um bei einer Frau mit einem Tablett ein paar Drinks zu erstehen. Micky wandte sich auf Spanisch an Tonio. Es war unhöflich, dies vor Hugh und April zu tun, die beide die fremde Sprache nicht beherrschten, doch Hugh war ein Niemand und April nicht einmal das. »Na, und was treibst du so?« fragte er.

»Ich bin Attaché an der Botschaft Cordobas in London«, antwortete Tonio.

»Ach tatsächlich!« Die Mitteilung machte Micky neugierig. Während die meisten südamerikanischen Länder keine Notwendigkeit darin sahen, in London diplomatische Vertretungen zu unterhalten, war Cordoba seit zehn Jahren durch einen Botschafter repräsentiert. Tonio verdankte den Posten zweifellos seiner Familie, den Silvas, die in Cordobas Hauptstadt Palma über hervorragende Verbindungen verfügte. Verglichen mit ihnen, war Papa ein einflußloser Provinzfürst.

»Worin besteht deine Arbeit?« fragte Micky.

»Ich beantworte Briefe britischer Firmen, die in Cordoba Geschäfte machen wollen. Sie erkundigen sich nach dem Klima, der Währung, den Verkehrsverbindungen, den Hotels und solchen Sachen.«

»Arbeitest du ganztägig?«

»Nur manchmal.« Tonio senkte die Stimme. »Sag’s ja nicht weiter, aber meistens habe ich am Tag nicht mehr als zwei oder drei Briefe zu schreiben.«

»Wirst du bezahlt?« Viele Diplomaten waren finanziell unabhängig und arbeiteten ohne Entgelt.

»Nein. Aber ich habe ein Zimmer in der Residenz des Botschafters. Das Essen ist frei, und ich bekomme eine Kleidungszulage. Außerdem werden mir die Mitgliedsbeiträge für die Clubs erstattet.«

Micky war fasziniert. Das wäre der ideale Job für mich, dachte er voller Neid. Freie Unterkunft und Verpflegung sowie ein Zuschuß für die üblichen Auslagen eines jungen Mannes in dieser Stadt — und das alles für eine Stunde Arbeit am Vormittag! Ob es eine Chance gab, Tonio aus dieser Stellung zu verdrängen?

Edward kam mit fünf gefüllten Brandygläsern zurück und verteilte sie. Micky leerte das seine mit einem Zug. Das Getränk war ebenso billig wie stark.

Der Hund begann unvermittelt zu knurren, riß an der Kette und fing an, wie verrückt im Kreis herumzulaufen. Seine Nackenhaare waren gesträubt.

Micky drehte sich um und sah zwei Männer hereinkommen, die einen großen Käfig mit riesigen Ratten mit sich führten. Die Ratten waren noch wilder als der Hund. Sie rannten sich gegenseitig über den Haufen und kreischten vor Angst. Inzwischen bellten alle Hunde im Raum, und ihre Besitzer brüllten sie an, um sie zum Schweigen zu bringen. Es herrschte ein ohrenbetäubender Lärm.

Der Eingang wurde von innen verschlossen und mit einer Eisenstange zusätzlich gesichert. Der Mann im verschmierten Mantel nahm die ersten Wetten entgegen. »Mein Gott«, sagte Hugh Pilaster, »ich habe noch nie so große Ratten gesehen. Wo kriegen sie die bloß her?«

»Sie werden extra für die Kämpfe gezüchtet«, erklärte Edward und wandte sich an einen der Männer, die die Rattenkäfige hereingebracht hatten. »Wie viele bei dieser Runde?«

»Sechs Dutzend«, erwiderte der Mann.

»Das heißt, sie schicken diesmal zweiundsiebzig Ratten in die Grube«, erläuterte Edward.

»Und wie funktioniert das mit den Wetten?« fragte Tonio.

»Du kannst entweder auf den Hund oder auf die Ratten setzen. Wenn du glaubst, daß die Ratten gewinnen, kannst du auf die Anzahl der Ratten setzen, die beim Tod des Hundes noch am Leben sind.«

Der ungewaschene Mann rief die Gewinnchancen aus. Für das Geld, das er entgegennahm, gab er Zettel aus, auf die er mit einem dicken Stift bestimmte Zahlen kritzelte.

Edward setzte ein Pfund auf den Hund, Micky einen Shilling auf sechs überlebende Ratten. Gewann er, so war ihm das Fünffache des Einsatzes sicher. Hugh lehnte es ab, sich an der Wetterei zu beteiligen. Alter Langweiler, dachte Micky.

Die Arena war ungefähr 1,30 Meter tief und von einem annähernd gleich hohen Holzzaun umgeben. Primitive Leuchter, die in regelmäßigen Abständen rings um den Zaun herum angebracht waren, tauchten die Grube in grelles Licht. Nachdem man ihm den Maulkorb abgenommen hatte, wurde der Hund durch eine Holztür in die Arena gelassen. Dort blieb er mit gestrafften Beinen stehen, starrte angriffslustig nach oben und wartete auf die Ratten. Die Rattenträger hoben den Käfig. Einen Augenblick herrschte gespannte, erwartungsvolle Stille.

Plötzlich sagte Tonio: »Zehn Guineen auf den Hund.«

Micky war überrascht. So wie Tonio sich über seinen Job und dessen Erfordernisse äußerte, gewann man den Eindruck, daß er mit seinem Geld recht sparsam umgehen mußte. Hatte er geschwindelt? Oder riskierte er Wetten, die er sich nicht leisten konnte?

Auch für den Buchmacher war die Wette riskant. Doch nach kurzem Zögern kritzelte er die Zahlen auf, reichte den Zettel Tonio und steckte dessen Geld ein.

Die Männer holten aus, als wollten sie den Käfig mitsamt den Ratten in die Grube werfen. In letzter Sekunde öffnete sich eine mit einem Scharnier befestigte Klappe, und die Ratten flogen durch die Luft; sie quiekten schrill vor Entsetzen. April schrie erschrocken auf, und Micky lachte.

Mit tödlicher Konzentration machte sich der Hund an die Arbeit. Rhythmisch klappten seine Kiefer zusammen, als die Ratten auf ihn herabregneten. Er packte sich ein Tier, brach ihm mit einer ruckartigen Bewegung seines riesigen Kopfes den Hals, ließ den Kadaver fallen und schnappte sich das nächste.

Der Blutgeruch war ekelerregend. Alle Hunde im Raum bellten wie wahnsinnig, und die Zuschauer tobten. Die Frauen kreischten angesichts des Blutbads, die Männer feuerten lauthals entweder den Hund oder die Ratten an. Micky Miranda lachte und lachte.

Die Ratten brauchten eine Weile, bis sie merkten, daß sie in einer Falle saßen. Einige von ihnen rannten an den Wänden der Grube entlang und suchten nach einem Fluchtweg; andere sprangen hoch und bemühten sich erfolglos, an den glatten Wänden Halt zu finden; wieder andere drängten sich zu einem dichten Knäuel zusammen. Ein paar Sekunden lang lief alles nach Geschmack des Hundes, und es gelang ihm, ein gutes Dutzend zu töten.

Doch dann, wie auf ein geheimes Signal, änderten die Ratten ihr Verhalten. Sie stürzten sich auf ihren Widersacher, verbissen sich in seinen Beinen, seinen Lenden und seinem kurzen Schwanz. Einige sprangen ihm auf den Rücken und bissen ihn in Hals und Ohren, und ein besonders kühner Nager hackte seine Zähne in die unteren Lefzen und baumelte kurze Zeit an den mörderischen Kiefern, bis der Hund vor Wut aufjaulte und das Tier mit Wucht zu Boden schleuderte. Zurück blieb eine blutende Wunde.

Der Hund wirbelte in schwindelerregender Hast durch die Grube und tötete eine Ratte nach der anderen, aber es waren immer ein paar Widersacher hinter ihm. Die Hälfte der Ratten war tot, als er zu ermüden begann. Die Zuschauer, die auf sechsunddreißig gesetzt hatten, zerknüllten oder zerrissen ihre Wettscheine. Wer auf eine niedrigere Zahl gesetzt hatte, feuerte die Ratten nun um so lauter an.

Der Hund blutete aus zwanzig oder dreißig Wunden, und der Boden des Kampfplatzes war glitschig von Blut und feuchten Rattenkadavern. Noch immer warf der Hund seinen schweren Kopf hin und her, noch immer zerknackte er mit seinem furchtbaren Maul die spröden Wirbelsäulen der Nager, aber er war längst nicht mehr so schnell wie zuvor, und seine Füße verloren auf dem schleimig-schmierigen Boden ihre Standfestigkeit.

Jetzt, dachte Micky Miranda, jetzt wird es interessant…

Die Ratten spürten die Schwäche des Hundes und wurden immer kühner. Hatte er eine von ihnen in den Fängen, sprang ihm eine andere an die Kehle. Sie wuselten zwischen seinen Beinen hindurch und gingen ihm an die Weichteile. Ein besonders großes und kräftiges Prachtexemplar grub seine Zähne in das linke Hinterbein und ließ nicht mehr locker. Der Hund drehte sich um, um sie zu packen, doch eine andere Ratte sprang ihm auf die Schnauze und lenkte ihn ab. Plötzlich gab das attackierte Bein nach. Die Ratte muß eine Sehne durchtrennt haben, dachte Micky. Der Hund lahmte nun und konnte sich nur noch mit Mühe umdrehen. Die Ratten schienen das sofort zu begreifen: Ein gutes Dutzend von ihnen attackierte nun den hinteren Teil seines Körpers. Müde schnappte er nach ihnen, müde brach er ihnen das Rückgrat, müde ließ er sie auf den blutverschmierten Boden fallen. Doch sein Bauch war nur mehr rohes Fleisch, seine Widerstandskraft gebrochen.

Ich habe gut geschätzt, dachte Micky, vielleicht bleiben tatsächlich sechs Ratten übrig …

Noch einmal bäumte sich der Hund auf. Auf drei Beinen drehte er sich um und tötete vier Ratten in ebenso vielen Sekunden. Aber es war ein letztes Aufbegehren. Er ließ eine Ratte fallen, dann versagten ihm seine Beine den Dienst. Noch einmal drehte er den Kopf und schnappte nach seinen Peinigern, diesmal jedoch ohne Erfolg. Sein Kopf sank zu Boden.

Und schon begannen die Ratten, ihn aufzufressen.

Micky zählte: Sechs waren übriggeblieben.

Er drehte sich nach seinen Begleitern um. Hugh sah krank aus. Edward sagte zu ihm: »Starker Tobak für deinen Magen, was?«

»Der Hund und die Ratten verhalten sich so, wie die Natur es vorgesehen hat. Was mich ankotzt, sind die Menschen hier.«

Edward grunzte irgend etwas und schob ab, um noch ein paar Drinks zu besorgen.

Mit funkelnden Augen sah April Tilsley zu Tonio auf — einem Mann, der, wie sie sich einbildete, so reich war, daß er es sich leisten konnte, bei einer Wette zehn Guineen zu verlieren. Auch Micky Miranda beobachtete Tonio, erkannte jedoch in seiner Miene einen Anflug von Panik. Ich glaube, Tonio kann es sich nicht leisten, zehn Guineen zu verlieren, dachte er.

Er ging zum Buchmacher und kassierte seinen Gewinn: fünf Shilling. Der Abend hatte sich finanziell bereits gelohnt. Doch irgendwie hatte er das Gefühl, daß sich das, was er über Tonio in Erfahrung gebracht hatte, am Ende noch als wesentlich wertvoller erweisen könnte.

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Mickys Verhalten hatte Hugh am allermeisten angewidert. Während des gesamten Kampfes hatte er hysterisch gelacht. Zunächst konnte sich Hugh keinen Reim daraufmachen, warum ihm dieses Lachen so unheimlich bekannt vorkam. Erst später fiel ihm ein, daß Micky damals, als Edward Pilaster Peter Middletons Kleider in den Badesee warf, genauso gelacht hatte. Es war eine unangenehme Erinnerung an ein furchtbares Ereignis aus der Vergangenheit.

Edward, erneut mit Getränken versorgt, kehrte zurück und sagte: »Los, jetzt gehen wir zu Nellie!«

Sie leerten die Brandygläser und machten sich auf den Weg. Wieder auf der Straße, empfahlen sich Tonio und April und verschwanden in einem Gebäude, das wie ein billiges Hotel aussah.

Hugh fragte sich, ob er wirklich bei Edward und Micky bleiben sollte. Doch obwohl ihm der nächtliche Streifzug eigentlich nicht mehr gefiel, interessierte ihn, wer Nellie war und was sie zu bieten hatte. Ich wollte mich heute ganz bewußt gehenlassen, dachte er. Da wäre es albern, auf halbem Wege kehrtzumachen …

Nellies Etablissement lag in der Prince’s Street, unweit vom Leicester Square. An der Tür standen zwei livrierte Dienstmänner, die, als die drei jungen Männer eintrafen, gerade einem Mann mittleren Alters mit Melone auf dem Kopf den Einlaß verwehrten. »Zugang nur mit Abendanzug«, sagte einer von ihnen. Der Mann war ungehalten und protestierte lautstark.

Edward und Micky waren den Türstehern offenbar bekannt. Der eine führte die Hand zum Hut und grüßte, der andere öffnete ihnen. Durch einen langen Gang erreichten sie eine weitere Tür. Ehe sich diese öffnete, wurden die drei Gäste durch ein Guckloch inspiziert.

Der Raum, den sie betraten, erinnerte ein wenig an den geräumigen Salon einer großen Londoner Villa. In zwei offenen Kaminen prasselte das Feuer, und überall standen Sofas, Sessel und kleine Tischchen herum. Zahlreiche Männer und Frauen in Abendkleidung waren zugegen.

Daß es sich um keinen normalen Salon handelte, wurde spätestens auf den zweiten Blick klar. Die meisten Männer hatten ihren Hut nicht abgenommen, und ungefähr die Hälfte von ihnen rauchte — was in den Salons der besseren Gesellschaft als unhöflich galt. Einige hatten auch ihre Jacketts abgelegt und die Krawattenknoten gelöst. Die Frauen waren zum großen Teil vollständig bekleidet; einige wenige schienen jedoch in Unterkleidern herumzulaufen. Manche saßen auf Männerschößen, andere umarmten und küßten männliche Gäste, und ein oder zwei gestatteten ihren Galanen noch wesentlich intimere Zärtlichkeiten.

Zum erstenmal in seinem Leben befand sich Hugh Pilaster in einem Bordell.

Es war ziemlich laut. Die Männer gaben derbe Witze zum besten, die Frauen lachten, irgendwo geigte jemand einen Walzer. Hugh folgte Micky und Edward quer durch den Raum. An den Wänden hingen Bilder von nackten Frauen und kopulierenden Paaren. Hugh spürte, wie ihn diese Darstellungen erregten. Am rückwärtigen Ende des Raums, unter einem riesigen Ölgemälde, das eine detailreiche Orgie unter freiem Himmel zeigte, saß der dickste Mensch, den Hugh jemals gesehen hatte — eine stark geschminkte Frau mit weit ausladendem Busen. Sie trug ein Seidenkleid, das ihre Körperfülle bedeckte wie ein purpurviolettes Zelt, und gluckte, von zahlreichen jungen Mädchen umflattert, auf einem thronartigen Sessel. Hinter ihr führte eine großzügige mit rotem Teppich ausgelegte Treppe ins erste Stockwerk, wo sich vermutlich die Schlafzimmer befanden.

Edward und Micky verneigten sich vor dem Thron, und Hugh tat es ihnen nach.

»Nell, mein Schätzchen«, sagte Edward, »gestatte mir, dir meinen Cousin, Hugh Pilaster, vorzustellen.«

»Willkommen, Jungs«, erwiderte Nell. »Kommt her, und nehmt euch dieser wunderschönen jungen Damen an.«

»Bald, bald, Nell. Wird heute gespielt?«

»Bei Nelly wird immer gespielt«, antwortete sie und wies auf eine Seitentür.

Edward verneigte sich erneut und sagte: »Wir kommen wieder.«

»Enttäuscht mich nicht, Jungs!«

Sie entfernten sich. »Die Frau benimmt sich wie eine königliche Hoheit!« murmelte Hugh.

Edward lachte. »Du bist hier im feinsten Edelpuff der Stadt! Einige der Herrschaften, die sich heute vor Nell verneigen, verneigen sich morgen früh vor der Queen.«

Sie betraten das Nebenzimmer, wo zwölf bis fünfzehn Männer um zwei Bakkarattische versammelt waren. Auf jedem Tisch war, ungefähr dreißig Zentimeter vom Rand entfernt, ein weißer Kreidestrich gezogen, über den die Spieler beim Wetten ihre Jetons schoben. Die meisten hatten gefüllte Gläser neben sich stehen, und in der Luft hing in dicken Schwaden Zigarrenrauch.

An einem Tisch waren noch ein paar Stühle frei. Edward und Micky nahmen sofort Platz. Ein Kellner brachte ihnen ein paar Jetons, und sie unterschrieben eine Empfangsbestätigung.

»Wie hoch ist der Einsatz?« fragte Hugh Edward im Flüsterton.

»Ein Pfund Minimum.«

Wenn ich spiele und gewinne, kann ich mir eine der Frauen nebenan leisten, dachte Hugh. Er hatte zwar nicht soviel Geld bei sich, wie gefordert war, aber Edward galt offenbar als kreditwürdig … Doch dann fiel ihm ein, wie Tonio mir nichts, dir nichts zehn Guineen beim Rattenkampf verloren hatte, und er sagte: »Ich spiele nicht.«

»Damit haben wir auch nicht im entferntesten gerechnet«, bemerkte Micky mit schleppender Stimme.

Hugh fühlte sich alles andere als wohl in seiner Haut. Soll ich den Ober bitten, mir einen Drink zu bringen? dachte er. Nein, der kostet mich wahrscheinlich einen Wochenlohn … Der Bankhalter verteilte die Karten, Micky und Edward wetteten.

Hugh beschloß, sich aus dem Staub zu machen.

Er kehrte in den Salon zurück. Ein näherer Blick aufs Mobiliar entlarvte dasselbe als billigen Flitter: Die Samtpolster waren fleckig, das polierte Holz stellenweise angekohlt. Die Teppiche waren abgelaufen und zerschlissen. Neben Hugh war ein Betrunkener in die Knie gesunken und brachte seiner Hure ein Ständchen dar, was zwei seiner Saufkumpane zu brüllendem Gelächter veranlaßte. Auf der Couch daneben küßte sich ein Pärchen mit offenem Mund. Hugh hatte zwar schon gehört, daß so etwas üblich war, es aber noch nie mit eigenen Augen gesehen. Sein Blick war wie gebannt, als der Mann der Frau das Mieder aufknöpfte und anfing, ihre Brüste zu liebkosen. Sie waren weiß und wabbelig und hatten große dunkelrote Spitzen. Die Szene erregte Hugh und stieß ihn gleichzeitig ab. Trotz seines Widerwillens spürte er, daß er eine Erektion bekam. Der Mann auf der Couch beugte sich über den Busen der Frau und begann, ihre Brüste zu küssen. Hugh traute seinen Augen nicht. Die Frau sah ihn über den Kopf ihres Freiers hinweg an und zwinkerte ihm zu.

Plötzlich flüsterte ihm eine Stimme ins Ohr: »Wenn du willst, kannst du das bei mir auch machen.«

Schuldbewußt, als hätte man ihn bei einer unsittlichen Handlung erwischt, fuhr er herum. Neben ihm stand ein dunkelhaariges, stark geschminktes Mädchen, das ungefähr in seinem Alter war. Unwillkürlich glitt sein Blick in den Ausschnitt ihres Kleides, nur um gleich wieder in höchster Verlegenheit abzuschweifen.

»Sei doch nicht so schüchtern«, sagte das Mädchen. »Schau sie dir an, solange du willst. Du sollst deinen Spaß dran haben, dafür sind sie ja da.« Zu seinem Entsetzen spürte Hugh, wie sie ihm mit der Hand zwischen die Beine fuhr. Schnell fand sie sein steifes Glied und drückte es.

»Mein Gott, du bist vielleicht schon auf Touren«, sagte sie. Hugh litt köstliche Qualen und fürchtete, jeden Moment zu explodieren. Das Mädchen hob den Kopf, küßte Hugh auf die Lippen und rieb mit erfahrener Hand seinen Schwanz. Es war zuviel. Hugh konnte sich nicht mehr beherrschen und entlud sich in seine Unterwäsche.

Das Mädchen merkte es. Im ersten Augenblick war sie verblüfft, dann prustete sie los. »Mein Gott, du bist ja ‘ne Jungfrau!« rief sie lachend. Hugh fühlte sich zutiefst erniedrigt. Das Mädchen sah sich um und sagte zu der nächstbesten Hure: »Ich hab’ ihn kaum angefaßt, da kommt ihm schon die Sahne hoch!« Einige der Umstehenden lachten.

Hugh wandte sich ab und ging zur Tür. Er hatte den Eindruck, das Gelächter verfolge ihn quer durch den Salon. Nur mit Mühe gelang es ihm, die Form zu wahren und nicht einfach davonzulaufen. Kurz darauf stand er auf der Straße.

Es war ein wenig kühler geworden. Er atmete die Nachtluft ein und blieb stehen, um sich zu beruhigen. Wenn das »Zerstreuung« war, so war sie seine Sache nicht. Maisie, dieses Flittchen, hatte seinen Vater beleidigt; der Rattenkampf war von Grund auf widerlich gewesen, und die Huren hatten ihn ausgelacht. Der Teufel sollte die ganze Bande holen!

Einer der beiden Türsteher sah ihn teilnahmsvoll an. »Der Herr haben sich entschlossen, es heute abend nicht zu spät werden zu lassen?«

»So kann man’s auch sagen«, brummte Hugh und entfernte sich.

Micky verlor Geld. Als Bankhalter hatte er gewußt, wie man beim Bakkarat die Mitspieler übers Ohr haut — nur saß er an diesem Abend nicht an der Bank. Innerlich war er erleichtert, als Edward zu ihm sagte: »Komm, holen wir uns zwei Weiber.«

»Geh nur«, erwiderte er, als ginge ihn das nichts an. »Ich spiele weiter.«

Edwards Blick verriet beginnende Panik. »Es wird spät, Micky.«

»Ich versuche nur, meine Verluste auszugleichen«, gab Micky ungerührt zurück.

»Ich zahle dir deine Jetons«, flüsterte Edward.

Micky tat so, als zögere er noch. Dann gab er nach. »Na, meinetwegen. Ich bin einverstanden.«

Edward lächelte.

Als Micky abgerechnet hatte, betraten sie gemeinsam den Salon. Edward wurde gleich von einem blonden Mädchen mit großen Brüsten empfangen. Er legte ihr den Arm um die nackten Schultern, und sie drückte ihren Busen gegen seine Brust.

Micky musterte die verfügbaren Damen. Eine schon ein wenig ältere Frau von verführerischer Verkommenheit wurde auf ihn aufmerksam. Er lächelte sie an, worauf sie zu ihm kam, ihm die Hände auf die Hemdbrust legte und ihre Fingernägel tief in seine Haut grub. Dann hob sie sich auf die Zehenspitzen und biß ihn sanft in die Unterlippe.

Micky sah, daß Edward ihn mit von Erregung gerötetem Gesicht anglotzte. Sein Verlangen wuchs. Er sah der Frau ins Gesicht und fragte sie: »Wie heißt du?«

»Alice.«

»Gehen wir rauf, Alice.«

Zu viert stiegen sie die Treppe hinauf. Auf dem Absatz stand die Marmorstatue eines Zentauren mit einem riesigen erigierten Penis, den Alice im Vorübergehen kurz tätschelte. Neben der Statue kopulierte ein Pärchen im Stehen, ohne sich um den Betrunkenen zu kümmern, der vor ihnen auf dem Boden saß und zuschaute.

Die beiden Frauen steuerten getrennte Zimmer an, doch Edward dirigierte sie in ein und dasselbe.

»’n flotten Vierer heute, Jungs?« fragte Alice.

»Ein Zimmer — halber Preis«, erwiderte Micky, und Edward lachte.

Alice schloß die Tür hinter ihnen. »Schulfreunde, wie?« Sie kannte sich aus. »Habt euch damals gegenseitig … Was?«

»Halt’s Maul«, sagte Micky und nahm sie in die Arme.

Während die beiden sich küßten, machte sich Edward von hinten an Alice heran, umschlang sie mit den Armen und umfaßte ihre Brüste. Alice war im ersten Moment etwas irritiert, ließ ihn aber gewähren. Micky spürte, wie sich Edwards Hände zwischen seinem eigenen Körper und dem der Frau hin und her bewegten, und wußte, daß Edward sich an ihrem Hintern rieb.

»Und ich?« ließ sich das andere Mädchen vernehmen. »Was soll ich denn hier? Ich komme mir irgendwie ausgeschlossen vor …«

»Schlüpfer aus!« befahl Edward. »Du kommst als nächste dran.«

Juli 1873

Als kleiner Junge hatte Hugh stets geglaubt, das Bankhaus Pilaster gehöre den Aufsehern. In Wirklichkeit waren diese Männer nur Dienstboten niederen Ranges. Ihre Körperfülle und die tadellosen Gehröcke mit silbernen Uhrketten über den Westen, vor allem aber die pompöse Würde, mit der sie durch die Bank stolzierten, waren jedoch durchaus imstande, bei einem Kind den Eindruck zu erwecken, sie seien die wichtigsten Personen im ganzen Haus.

Der erste, der dem damals zehnjährigen Hugh die Bank gezeigt hatte, war sein Großvater gewesen, der Bruder des alten Seth. In der marmornen Schalterhalle im Erdgeschoß war er sich vorgekommen wie in einer Kirche, so ungeheuer groß, elegant, still und feierlich war das alles — ein Ort, an dem eine auserwählte Priesterschaft unverständliche Rituale im Dienste einer Gottheit namens Geld zelebrierte. Großvater hatte Hugh im ganzen Gebäude herumgeführt. Er hatte die weihevolle Ruhe im zweiten Stock, wo dicke Teppiche jeden Schritt verschluckten, kennengelernt. Dort residierten die Teilhaber mit ihren Korrespondenzsekretären. Im Direktionszimmer hatte man dem Knaben ein Glas Sherry und einen Teller mit Keksen serviert. Im dritten Stock hatte er die Abteilungsleiter an ihren Schreibtischen gesehen, bebrillte nervöse Herren, umgeben von Papierbündeln, die wie Geschenke von Bändchen zusammengehalten wurden. Im Obergeschoß schließlich saßen die Banklehrlinge vor ihren hohen Pulten, aufgereiht wie zu Hause Hughs Zinnsoldaten, und kritzelten mit tintenbeklecksten Fingern Einträge in die Hauptbücher. Am tollsten freilich hatte Hugh das Kellergeschoß gefunden. Dort lagerten in den Tresoren Verträge, die zum Teil noch älter waren als der Großvater; dort warteten Tausende von Briefmarken darauf, angeleckt und aufgeklebt zu werden, und ein Raum blieb allein der Tinte vorbehalten, die dort in großen Glasbehältern aufbewahrt wurde. Voller Staunen hatte Hugh sich vorzustellen versucht, wie das alles funktionierte: Die Tinte kam in die Bank und wurde von den Schreibern auf Papier aufgetragen. Dann kehrten die Papiere in den Keller zurück, um dort bis in alle Ewigkeit aufbewahrt zu werden. Und auf irgendeine geheimnisvolle Weise entstand dabei Geld.

Von Geheimnissen konnte inzwischen nicht mehr die Rede sein. Hugh wußte längst, daß die schweren in Leder gebundenen Hauptbücher keine mysteriösen Texte enthielten, sondern lediglich Listen über finanzielle Transaktionen, fleißig niedergeschrieben und sorgfältigst auf den neuesten Stand gebracht. Er selbst hatte viele Tage damit zugebracht und seine verkrampften Finger mit Tinte bekleckert. Ein Wechsel war kein Zauberspruch, sondern das auf einem Formular festgehaltene und von der Bank garantierte Versprechen, zu einem bestimmten Termin einer Zahlungsverpflichtung nachzukommen. Und hinter dem Wort Discount, worunter er als Kind die Aufgabe verstanden hatte, rückwärts von Hundert bis Null zu zählen, steckte die Praxis, Wechsel zu einem etwas geringeren Preis als ihrem Nennwert zu kaufen, sie bis zum Fälligkeitstermin zu behalten und dann mit einem kleinen Gewinn einzulösen.

Hughs derzeitige Stellung war die eines Assistenten des Bürovorstehers.

Jonas Mulberry war etwa vierzig Jahre alt und glatzköpfig, ein herzensguter, aber etwas sauertöpfischer Mann. Er nahm sich stets die Zeit, Hugh alles ausführlich zu erklären, war aber, wenn er auch nur den geringsten Anlaß sah, ihm Hast oder Sorglosigkeit vorwerfen zu können, sehr rasch mit Tadel zur Hand. Hugh war ihm nun seit einem Jahr unterstellt, und gestern war ihm ein schwerer Fehler unterlaufen: Er hatte einen Seefrachtbrief über eine Lieferung von Bradford-Tuchen nach New York verlegt. Der Fabrikant aus Bradford hatte in der Bankhalle gestanden und sein Geld verlangt, doch Mulberry konnte die Auszahlung nicht genehmigen, weil er zuvor den Frachtbrief prüfen mußte. Hugh konnte das Dokument einfach nicht finden. Es war ihnen nichts anderes übrig geblieben, als den Mann zu bitten, am nächsten Morgen noch einmal vorbeizukommen.

Zwar hatte Hugh den Frachtbrief schließlich doch noch gefunden, doch zuvor hatte er sich die halbe Nacht lang den Kopf darüber zerbrochen. Am Morgen war ihm endlich ein neues Ablagesystem für Mulberrys Unterlagen eingefallen.

Vor ihm auf dem Tisch befanden sich nun zwei billige Holztabletts, zwei rechteckige Karten, ein Federkiel und ein Tintenfaß. Auf die eine Karte schrieb er langsam und sorgfältig:

Zur Erledigung durch den Bürovorsteher

Auf die zweite Karte schrieb er:

Bereits erledigt vom Bürovorsteher

Sorgfältig löschte er die Tinte und befestigte die beiden Karten mit Reißzwecken an den beiden Tabletts. Dann trug er sie zu Mulberrys Tisch hinüber und trat einen Schritt zurück, um sein Werk zu betrachten. In diesem Moment trat Mr. Mulberry ein. »Guten Morgen, Mr. Hugh«, grüßte er. Um nicht dauernd die verschiedenen Mr. Pilasters durcheinanderzubringen, wurden die Familienmitglieder in der Bank mit den Vornamen angeredet.

»Guten Morgen, Mr. Mulberry.«

»Und was, zum Kuckuck, ist das?« fragte Mulberry unwirsch mit Blick auf die beiden Tabletts.

»Nun ja«, begann Hugh. »Ich habe den Frachtbrief gefunden.«

»Wo war er?«

»Zwischen einigen Briefen, die Sie unterzeichnet hatten.« Mulberry zog die Brauen zusammen. »Wollen Sie damit sagen, es war meine Schuld?«

»Nein, nein«, beeilte sich Hugh zu antworten. »Es ist meine Aufgabe, für Ordnung in Ihren Unterlagen zu sorgen. Deshalb habe ich dieses Ablagesystem eingeführt — so bleiben die Papiere, die Sie bereits abgezeichnet haben, getrennt von denen, die Sie noch nicht durchgesehen haben.«

Mulberry gab ein nichtssagendes Grunzen von sich. Er hängte seine Melone an den Haken hinter der Tür und setzte sich an seinen Tisch. Schließlich bemerkte er: »Probieren wir’s mal aus — vielleicht taugt es ja was. Aber bevor Sie wieder einmal eine Ihrer erfinderischen Ideen in die Tat umsetzen, sind Sie vielleicht so freundlich, mich vorher zu fragen. Dies ist schließlich mein Büro, und ich bin der Bürovorsteher.«

»Gewiß«, erwiderte Hugh. »Ich bitte um Entschuldigung.« Er wußte natürlich, daß er Mulberrys Erlaubnis hätte einholen müssen, war aber von seiner Idee so begeistert gewesen, daß ihm einfach die Geduld dafür gefehlt hatte.

»Gestern war der letzte Emissionstag der Rußland-Anleihen«, fuhr Mulberry fort. »Bitte gehen Sie hinunter in den Postraum, und kümmern Sie sich um die Zählung der Zeichnungen.«

»Sehr wohl.« Die Bank finanzierte eine Anleihe in Höhe von zwei Millionen Pfund für die russische Regierung. Sie hatte daher Anleihen zum Nennwert von hundert Pfund Sterling ausgegeben, die fünf Prozent Zinsen per annum eintrugen. Da die Anleihen jedoch zum Preis von dreiundneunzig Pfund angeboten wurden, lag der Effektivzins bei fünf drei Achtel Prozent. Der größte Teil der Anleihen war von anderen Banken in London und Paris aufgekauft, ein Teil aber auch privaten Interessenten angeboten worden, und nun mußte gezählt werden, wie viele Anleihen gezeichnet worden waren.

»Wir können nur hoffen, daß wir mehr Zeichnungen haben, als Anleihen zur Verfügung stehen«, sagte Mulberry.

»Warum?«

»Weil dann diejenigen, die leer ausgegangen sind, morgen versuchen werden, die Papiere auf dem freien Markt zu kaufen, und das wird den Preis vielleicht auf fünfundneunzig Pfund hinauftreiben. In diesem Fall werden alle unsere Kunden das Gefühl haben, sie hätten ein gutes Geschäft gemacht.«

Hugh nickte. »Und wenn zu wenige gezeichnet haben?«

»Dann muß die Bank dafür geradestehen und den Rest aufkaufen — für dreiundneunzig Pfund. Und morgen sinkt der Preis vielleicht auf zwei- oder dreiundneunzig Pfund; wir würden daher also Verlust machen.«

»Ach so.«

»Also fort mit Ihnen.«

Hugh verließ Mulberrys Büro im zweiten Stock und rannte die Treppen hinunter. Er war froh, daß Mulberry sein Ablagesystem akzeptiert hatte. Daß die Sache mit dem verlegten Seefrachtbrief glimpflich ausgegangen war, erleichterte ihn sehr. Im ersten Stock, wo das Direktionszimmer lag, begegnete er Samuel Pilaster, der in seinem silbergrauen Gehrock mit der marineblauen Krawatte sehr adrett aussah. »Guten Morgen, Onkel Samuel«, grüßte Hugh.

»Morgen, Hugh. Was hast du denn vor?« Samuel zeigte mehr Interesse an Hughs Laufbahn als die anderen Teilhaber.

»Die Zeichnungen für die Rußland-Anleihe zählen.«

Samuel lächelte und zeigte seine schief stehenden Zähne. »Wie schaffst du es nur, so guter Laune zu sein, wenn ein so langweiliger Tag vor dir liegt!«

Auf der Treppe nach unten mußte Hugh daran denken, daß seit einiger Zeit innerhalb der Familie hinter vorgehaltener Hand über Onkel Samuel und seinen Sekretär gemunkelt wurde. Er selbst fand überhaupt nichts dabei, daß Onkel Samuel »weibisch« war, wie die Leute das nannten. Frauen und Pfarrer mochten die geschlechtliche Liebe zwischen Männern als Perversion bezeichnen, doch in Schulen wie Windfield kam so etwas immer wieder vor, und niemand kam dabei zu Schaden.

Im Erdgeschoß betrat er die große Schalterhalle. Es war erst neun Uhr dreißig, und noch immer strömten Dutzende von Bankangestellten, denen der Geruch von Frühstücksspeck und der Untergrundbahn anhaftete, durchs Eingangsportal herein. Hugh nickte Miss Greengrass, der einzigen weiblichen Angestellten, einen Gruß zu. Bei ihrer Einstellung vor einem Jahr waren in der Bank heiße Debatten über die Frage entbrannt, ob eine Frau dieser Arbeit überhaupt gewachsen sei. Miss Greengrass hatte diesen Diskussionen selbst ein Ende gesetzt, indem sie schon sehr bald außerordentliche Kompetenz an den Tag legte. Sie wird sicher nicht die einzige weibliche Angestellte bleiben, dachte Hugh.

Über die rückwärtige Treppe gelangte er ins Kellergeschoß und betrat den Postraum. Zwei Boten sortierten gerade die eingegangenen Sendungen, und die Zeichnungen für die Rußland-Anleihe füllten bereits einen großen Sack. Hugh beschloß, die Formulare von zwei Lehrlingen zählen zu lassen und deren Ergebnisse am Ende zu überprüfen.

Es kostete sie fast den ganzen Tag. Kurz vor vier Uhr prüfte Hugh das letzte Bündel und addierte die letzte Zahlenreihe. Es waren zuwenig Papiere gezeichnet worden: Anleihen im Wert von etwas über einhunderttausend Pfund blieben unverkauft. Gemessen an der Gesamtsumme von zwei Millionen war das kein allzu hoher Verlust. Der Nachteil lag eher im psychologischen Bereich: Es war ein großer Unterschied, ob die Nachfrage höher oder niedriger als die verfügbaren Papiere war. Die Teilhaber würden enttäuscht sein.

Hugh schrieb seine Abrechnung säuberlich auf ein Blatt Papier und machte sich auf den Weg zu Mulberry. In der Schalterhalle war Ruhe eingekehrt. Nur wenige Kunden standen vor den polierten Tischen. Hinter den Schaltern waren die Angestellten eifrig damit beschäftigt, schwere Hauptbücher aus ihren Schrankfächern zu nehmen oder wieder hineinzustellen. Das Bankhaus Pilaster führte, da es eine Handelsbank war, die vorwiegend Kaufleuten Kredite gewährte, nur wenige Privatkonten. Der alte Seth pflegte zu sagen, die Pilasters seien nicht daran interessiert, die schmutzigen Pennies eines Kolonialwarenhändlers oder die speckigen Banknoten eines Schneidermeisters zu zählen — das sei nicht profitabel genug. Allerdings unterhielt jedes einzelne Familienmitglied ein Konto bei der Bank, und es gab einige wenige sehr reiche Kunden, denen man diese Möglichkeit ebenfalls einräumte. Einer dieser privilegierten Kunden fiel Hugh in diesem Moment auf: Sir John Cammel, dessen Sohn Albert Hugh aus seiner Schulzeit in Windfield kannte. Sir John war ein magerer, kahlköpfiger Mann. Aus Kohlengruben und Werften, die auf seinen Ländereien in Yorkshire lagen, bezog er ein gewaltiges Einkommen. Unruhig ging er auf den Marmorfliesen auf und ab; er wirkte ungeduldig und schlechtgelaunt. Hugh sagte: »Guten Tag, Sir John. Ich hoffe, Sie werden schon bedient?«

»Nein, eben nicht, mein Junge. Arbeitet denn hier überhaupt kein Mensch mehr?«

Hugh sah sich rasch um. Es war niemand zu sehen — weder ein Teilhaber noch ein höherer Angestellter. Er beschloß, selbst die Initiative zu ergreifen. »Würden Sie bitte mit ins Direktionszimmer kommen, Sir? Ich bin überzeugt, die Herren werden sich freuen, Sie zu sehen.«

»Na schön.«

Hugh führte ihn die Treppe hinauf. Die Teilhaber arbeiteten alle zusammen in einem Raum — damit sie, wie die Tradition es wollte, einander im Auge behalten konnten. Der Raum war ausgestattet wie das Lesezimmer in einem Herrenklub, mit Ledersofas, Bücherschränken und einem großen Tisch in der Mitte, auf dem die Zeitungen lagen. An den Wänden hingen gerahmte Porträts der Pilaster-Ahnen, die über ihre Hakennasen auf ihre Nachfahren herabblickten.

Das Direktionszimmer war leer. »Einer der Herren wird sicher gleich kommen«, meinte Hugh. »Darf ich Ihnen ein Glas Madeira anbieten?« Er ging zum Büffet und füllte mehr Wein als üblich in ein Glas, während Sir John sich in einem Ledersessel niederließ. »Mein Name ist übrigens Hugh Pilaster.«

»Ach, tatsächlich?« Der Umstand, daß er mit einem Pilaster und nicht mit einem gewöhnlichen Banklehrling sprach, schien Sir John einigermaßen zu besänftigen. »Waren Sie auch in Windfield?«

»Ja, Sir. Gleichzeitig mit Ihrem Sohn Albert. Wir nannten ihn Hump.«

»Alle Cammels werden Hump genannt.«

»Ich habe ihn seit … seit damals nie wiedergesehen.«

»Er ging in die Kapkolonie. Es gefällt ihm dort so gut, daß er bleiben will. Er züchtet jetzt Pferde.«

Auch Albert Cammel war an jenem schicksalsträchtigen Tag im Jahre 1866 am Badeteich gewesen. Bis heute wußte Hugh nicht, was Albert über Peter Middletons Tod aussagen konnte. »Ich würde ihm gerne einmal schreiben«, sagte er.

»Er wird sich bestimmt freuen, von einem alten Schulfreund zu hören. Ich gebe Ihnen seine Adresse.« Sir John ging zu einem Pult, tauchte die Feder in das eingelassene Tintenfaß und kritzelte die Anschrift auf ein Blatt Papier. »Hier, bitte sehr.«

»Vielen Dank, Sir.« Mit Befriedigung konstatierte Hugh, daß Sir John auf einmal recht umgänglich war. »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, während Sie warten?«

»Nun ja, vielleicht könnten Sie sich darum kümmern.« Sir John zog einen Scheck aus der Tasche. Hugh betrachtete ihn und stellte fest, daß er sich auf einhundertzehntausend Pfund belief. Noch nie hatte er einen so hohen Scheck in der Hand gehabt. »Ich habe eines meiner Kohlenbergwerke an meinen Nachbarn verkauft«, erklärte Sir John.

»Soll ich ihn Ihrem Konto gutschreiben lassen?«

»Wie hoch wären die Zinsen?«

»Zur Zeit vier Prozent.«

»Das genügt, denke ich.«

Hugh zögerte. Wenn Sir John sich überreden ließ, Rußland-Anleihen zu kaufen, so war es möglich, daß sich die Emission von einer leicht unterzeichneten in eine leicht überzeichnete verwandelte. Sollte er sie erwähnen? Dadurch, daß er Sir John ins Direktionszimmer geführt hatte, hatte er seine Befugnisse ohnehin schon überschritten. Er beschloß, das Risiko einzugehen. »Für russische Anleihen bekommen Sie zur Zeit fünf drei Achtel Prozent.« Sir John zog die Brauen zusammen. »Und das ginge jetzt gleich?«

»Ja. Gestern war der letzte Zeichnungstag, aber für Sie …«

»Sind die Papiere sicher?«

»So sicher wie die russische Regierung.«

»Ich werd’s mir durch den Kopf gehen lassen.«

Hughs Eifer war geweckt. Er wollte die Sache zu einem erfolgreichen Abschluß bringen. »Wie Sie wissen, kann sich der Kurs morgen ändern. Der Preis schwankt, wenn die Papiere auf den freien Markt gelangen.« Er spürte, daß sein Übereifer ihm schaden konnte, und entschloß sich zu einem Rückzieher. »Ich werde jetzt gleich den Scheck Ihrem Konto gutschreiben. Über die Anleihen können Sie mit einem meiner Onkel sprechen, sofern Sie das wünschen.«

»Einverstanden, Pilaster junior — und jetzt fort mit Ihnen!«

Im Flur stieß Hugh auf Samuel. »Sir John Cammel ist in eurem Büro, Onkel«, sagte er. »Er stand in der Schalterhalle herum und war in schlechter Stimmung, darum bot ich ihm ein Glas Madeira an — ich hoffe, das war richtig.«

»Sehr richtig«, erwiderte Samuel. »Ich kümmere mich um ihn.«

»Er brachte diesen Scheck hier über einhundertzehntausend Pfund. Ich habe die Rußland-Anleihe erwähnt — sie ist um einhunderttausend unterzeichnet.«

Samuel hob die Augenbrauen. »Ein bißchen voreilig, wie?«

»Ich habe nur gesagt, er könne mit einem der Teilhaber darüber sprechen, wenn er einen höheren Zinssatz will.«

»Na gut. Eigentlich kein schlechter Gedanke.«

Hugh kehrte in die Schalterhalle zurück, suchte das Buch heraus, in dem Sir Johns Konto geführt wurde, trug die Einzahlung ein und brachte den Scheck zur Verrechnung. Dann begab er sich wieder in Mulberrys Büro im dritten Stock. Er lieferte seine Abrechnung über die russischen Anleihen ab, erwähnte die Möglichkeit, daß Sir John Cammel vielleicht den Rest kaufen werde, und setzte sich wieder an seinen Tisch.

Ein Bote brachte ein Tablett mit Tee und Butterbroten herein — eine kleine Erfrischung, die allen Bankangestellten serviert wurde, die nach halb fünf noch an der Arbeit waren. Die meisten gingen, wenn es nicht viel zu tun gab, schon um vier Uhr. Das Bankpersonal galt als die Elite der Büroangestellten und wurde heftig beneidet vom Büropersonal der Kaufleute und Reeder, das nicht selten bis in die Abendstunden und mitunter sogar ganze Nächte hindurch arbeiten mußte.

Etwas später kam Samuel herein und händigte Mulberry verschiedene Papiere aus. »Sir John hat die Anleihen gekauft«, sagte er zu Hugh. »Du hast eine gute Gelegenheit bestens genutzt — ich muß dich loben.«

»Vielen Dank.«

Die beschrifteten Tabletts auf Mulberrys Schreibtisch erregten Samuels Interesse. »Was ist das denn?« fragte er in leicht amüsiertem Tonfall. »Zur Erledigung durch den Bürovorsteher … Bereits erledigt vom Bürovorsteher.«

»Es dient dazu, ein- und ausgehende Vorgänge voneinander zu trennen«, antwortete Mulberry. »Auf diese Weise entstehen keine Verwechslungen.«

»Gute Idee. Ich glaube, das mache ich auch.«

»Offen gestanden, Mr. Samuel — der Einfall stammt von Mr. Hugh.«

Samuels amüsierter Blick wandte sich Hugh zu. »Ich sehe, du engagierst dich, mein lieber Junge.«

Hugh, der sich schon mehrfach hatte sagen lassen müssen, er trete ein wenig arrogant auf, hielt es für angebracht, sich bescheiden zu geben. »Ich weiß, daß ich noch eine Menge lernen muß.«

»Nur keine falsche Bescheidenheit! Hör mal, Hugh. Wenn du aus Mr. Mulberrys Diensten ausscheiden solltest, welchen Posten hättest du dann gerne als nächsten?«

Darüber mußte Hugh nicht lange nachdenken. Der begehrteste Posten war der eines Korrespondenzsekretärs. Die meisten Angestellten bekamen nur einen Teil der Transaktionen zu Gesicht — nämlich den, den sie selbst aufzeichneten. Der Korrespondenzsekretär entwarf die Briefe an die Kunden und konnte jeden einzelnen Geschäftsabschluß von A bis Z verfolgen. Auf diesem Posten ließ sich nicht nur am meisten lernen, sondern er bot auch beste Aussichten auf weitere Beförderung. Hugh war überdies bekannt, daß Bill Rose, Onkel Samuels Korrespondenzsekretär, bald in Pension gehen würde. Daher antwortete er jetzt ohne Zögern: »Es wäre schön, wenn ich dein Korrespondenzsekretär werden könnte.«

»Jetzt schon? Du bist doch erst seit einem Jahr in der Bank …«

»Wenn Mr. Rose ausscheidet, werden es achtzehn Monate sein.«

»Das stimmt.« Samuel gab sich noch immer amüsiert, aber er lehnte Hughs Wunsch nicht kategorisch ab. »Nun ja, wir werden sehen«, sagte er nur, bevor er hinausging.

»Haben Sie Sir John Cammel empfohlen, die restlichen Rußland-Anleihen zu kaufen?« fragte Mulberry Hugh.

»Ich habe ihn nur auf die Möglichkeit hingewiesen«, antwortete Hugh.

»So, so«, sagte Mulberry, und gleich noch einmal: »So, so.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Sein forschender Blick blieb minutenlang auf Hugh geheftet.

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Es war ein sonniger Sonntagnachmittag, und ganz London flanierte im besten Sonntagsstaat durch die Stadt. Die breite Prachtstraße, die zum Piccadilly Circus führte, war vom Verkehr befreit, denn am heiligen Sonntag ließen sich allenfalls Gehbehinderte spazierenfahren.

Maisie Robinson und April Tilsley schlenderten die Piccadilly hinunter, sahen sich die Paläste der Reichen an und hielten nach Männern Ausschau.

Sie lebten in Soho, wo sie sich ein Zimmer in einem heruntergekommenen Haus in der Carnaby Street teilten, unweit des Armenhauses von St. James. Gewöhnlich standen sie gegen Mittag auf, kleideten sich sorgfältig an und bummelten dann durch die Straßen. Gegen Abend hatten sie dann meistens zwei Männer aufgetan, die ihnen ein Essen spendierten. Wenn nicht, gingen sie hungrig zu Bett. Geld hatten sie fast keines, allerdings brauchten sie auch wenig. War die Miete fällig, so bat April einen »Freund«, ihr etwas Geld zu »leihen«. Maisie trug stets dasselbe Kleid und wusch Abend für Abend ihre Unterwäsche. Eines schönen Tages würde ihr jemand ein neues Kleid kaufen. Früher oder später, so hoffte sie, würde irgendeiner der Männer, die ihr Abendessen bezahlten, sie heiraten wollen oder sie zu seiner Mätresse machen.

April spukte noch immer der Südamerikaner im Kopf herum, den sie kürzlich kennengelernt hatte. Tonio Silva hieß er. »Stell dir bloß vor, er kann es sich leisten, bei einer Wette zehn Guineen zu verlieren!« sagte sie aufgeregt. »Und rote Haare haben mir schon immer gefallen.«

»Der andere Südamerikaner, der dunkle, hat mir gar nicht gefallen«, gab Maisie zu bedenken.

»Micky? Aber der sieht doch phantastisch aus!«

»Schon, aber er hat so was Verschlagenes an sich. Jedenfalls war das mein Eindruck.«

April deutete mit dem Finger auf eine riesige Villa. »Das ist das Haus von Sollys Vater.«

Die Villa lag etwas abseits von der Straße. Eine halbkreisförmige Auffahrt führte zum Portal. Die Fassade erinnerte an einen griechischen Tempel, denn sie war bis unters Dach mit einer Reihe Pilaster geschmückt. An der mächtigen Eingangstür prangten Messingbeschläge, und die Fenster waren mit roten Samtvorhängen bestückt.

»Stell dir mal vor«, sagte April, »hier könntest du eines Tages wohnen.«

Maisie schüttelte den Kopf. »Ich doch nicht.«

»Es wäre nicht das erste Mal«, behauptete April. »Du mußt bloß ein bißchen schärfer sein als die feinen reichen Mädchen, und das ist doch gar nicht so schwer. Wenn du erst mal verheiratet bist, lernst du die Sprache und all das Zeug in Null Komma nichts. Du drückst dich ja jetzt schon sehr gewählt aus, wenn du nicht gerade wütend bist. Und Solly ist ein netter Kerl.«

»Ein netter, aber fetter Kerl.« Maisie und zog eine Grimasse.

»Aber denk nur, wie reich er ist! Sein Vater soll in seinem Landhaus ein ganzes Symphonieorchester unterhalten — nur für den Fall, daß er nach dem Dinner ein bißchen Musik hören will.«

Maisie seufzte. Sie hatte keine Lust, an Solly zu denken. »Wo seid ihr denn noch gewesen, nachdem ich diesem Hugh die Meinung gegeigt habe?«

»Bei ‘nem Rattenkampf. Danach ging ich mit Tonio ins Hotel Batt.«

»Hast du’s mit ihm getrieben?«

»Aber natürlich! Was glaubst du, warum wir dahin gegangen sind?«

»Zum Whist spielen vielleicht?«

Sie kicherten.

April warf Maisie einen berechnenden Blick zu. »Du hast’s doch mit Solly auch getrieben, oder?«

»Ich hab’ ihn glücklich gemacht«, sagte Maisie.

»Was soll das heißen?«

Maisie machte eine vielsagende Geste mit der Hand, und wieder mußten sie beide kichern.

»Du hast ihm bloß einen runtergeholt?« fragte April. »Warum?«

Maisie zuckte nur die Achseln.

»Na ja, vielleicht liegst du gar nicht so falsch«, meinte April.

»Manchmal ist es ganz gut, wenn man ihnen nicht gleich beim erstenmal alles erlaubt. Je länger man sie zappeln läßt, desto gieriger werden sie.«

Maisie wechselte das Thema. »Daß ich ausgerechnet einen Menschen namens Pilaster treffen mußte! Da sind böse Erinnerungen in mir hochgekommen.«

April nickte verständnisvoll. »Bosse!« brach es aus ihr hervor. »Die Arschlöcher hab’ ich gefressen!« Ihre Ausdrucksweise war noch um einiges gröber als alles, was Maisie im Zirkus gelernt hatte. »Nie werde ich für einen dieser Mistkerle arbeiten. Deshalb gehe ich auf die Straße. Da kann ich den Preis für mich selber bestimmen und werde außerdem im voraus bezahlt.«

»Mein Bruder und ich«, erzählte Maisie, »sind an dem Tag, als Tobias Pilaster bankrott ging, von zu Hause abgehauen.« Sie lächelte traurig. »Daß ich heute hier bin, ist die Schuld der Pilasters. Jedenfalls könnte man das behaupten.«

»Was hast du danach getan? Bist du gleich zu diesem Zirkus gekommen?«

»Nein, nicht gleich.« Die Erinnerung an die Angst und die Einsamkeit nach ihrer Flucht ging Maisie zu Herzen. »Mein Bruder schlich sich auf ein Schiff nach Boston. Ich habe nie wieder etwas von ihm gesehen oder gehört. Ich selber schlief eine Woche lang auf einer Müllkippe. Es war Mai und Gott sei Dank schönes Wetter. Nur in einer Nacht hat es geregnet. Ich habe mich mit Lumpen zugedeckt und hatte danach jahrelang Flöhe … Ja, und ich erinnere mich noch an die Beerdigung.«

»Welche Beerdigung?«

»Die von Tobias Pilaster. Der Trauerzug ging durch die Straßen. Er war ein großer Mann in dieser Stadt. Ich kann mich an einen Jungen erinnern, der nicht viel älter war als ich. Er trug einen schwarzen Mantel und einen Hut und ging an der Hand seiner Mama. Das muß Hugh gewesen sein.«

»Sag bloß!«

»Danach bin ich nach Newcastle gelaufen. Ich hab’ mich als Junge verkleidet und in einem Stall ausgeholfen. Nachts durfte ich im Stroh bei den Pferden schlafen. Drei Jahre bin ich dort geblieben.«

»Und dann?«

»Dann sind mir die da gewachsen«, sagte Maisie und ließ ihre Brüste schwingen. Einem vorübergehenden Mann mittleren Alters, der es zufällig mitbekam, wären beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen. »Als der Stallmeister entdeckte, daß ich ein Mädchen war, versuchte er, mich zu vergewaltigen. Ich hab’ ihm eins mit der Reitpeitsche übers Gesicht gezogen, und damit war ich meine Arbeit los.«

»Ich hoffe, die Striemen sieht man heute noch«, meinte April.

»Auf jeden Fall hab’ ich seine Glut gekühlt.«

»Du hättest ihm die Peitsche über sein Ding ziehen sollen.«

»Das hätte ihm vielleicht noch Spaß gemacht.«

»Und dann? Als du nicht mehr in dem Stall warst?«

»Dann hab’ ich mich dem Zirkus angeschlossen. Zuerst als so ‘ne Art Pferdeknecht, bis ich schließlich reiten durfte.« Maisie seufzte erinnerungsselig. »Im Zirkus war’s schön. Die Leute waren lieb.«

»Zu lieb auf die Dauer, was?«

Maisie nickte. »Mit dem Zirkusdirektor bin ich nie besonders gut ausgekommen, und als er mir dann befahl, ihm einen zu blasen, war’s wieder mal Zeit für mich. Ich dachte mir, wenn ich schon Schwänze lutschen muß, um mich durchzubringen, dann will ich wenigstens ordentlich dafür bezahlt werden. Na, und da bin ich nun …«

Maisie hatte schon immer die Angewohnheit, ihre Redeweise an die anderer Menschen anzupassen, und so färbte inzwischen auch Aprils drastisches Vokabular auf sie ab.

»Und wie viele Schwänze hast du seitdem schon gelutscht?« fragte April, die sich nicht so leicht an der Nase herumführen ließ.

»Keinen einzigen, wenn ich ehrlich sein soll«, gestand Maisie voller Verlegenheit ein. »April, ich kann dich einfach nicht belügen — ich glaube, ich habe einfach keine Begabung für dieses Gewerbe.«

»Aber du bist wie geschaffen dafür!« widersprach die Freundin. »Du hast dieses gewisse Zwinkern in den Augen, dem kein Mann widerstehen kann. Hör zu: Halt dich weiter an Solly Greenbourne. Du mußt ihm jedesmal ein bißchen mehr erlauben. Erst läßt du ihn deine Pussy berühren, das nächstemal erlaubst du ihm, dich nackt zu sehen … Paß auf, es dauert keine drei Wochen, und er verschmachtet nach dir. Und wenn du ihm eines Abends seine Hosen runterziehst und sein Ding in den Mund nimmst, dann sagst du zu ihm: ›Wenn du mir ein Häuschen in Chelsea kaufen würdest, könnten wir das tun, wann immer du Lust dazu hast.‹ Wenn Solly dazu nein sagt — ich schwör’s dir, Maisie, dann geh’ ich ins Kloster!«

Maisie wußte, daß April recht hatte, doch alles in ihr lehnte sich dagegen auf. Sie wußte nicht einmal genau, warum. Zum einen lag es wohl daran, daß sie Solly nicht sehr anziehend fand. Zum anderen aber, und das war geradezu paradox, fand sie ihn einfach zu nett. Sie brachte es nicht fertig, ihn eiskalt zu manipulieren. Am schlimmsten jedoch war das Gefühl, in diesem Fall jede Hoffnung auf echte Liebe, auf eine richtige Ehe mit einem Mann, für den sie Feuer und Flamme war, aufgeben zu müssen. Andererseits aber mußte sie von irgend etwas leben, und eine Existenz, wie ihre Eltern sie geführt hatten, war ihr von Grund auf verhaßt. Sie wollte nicht die ganze Woche auf den Hungerlohn am Zahltag warten und ständig fürchten müssen, entlassen zu werden, bloß weil ein paar hundert Meilen weiter eine Finanzkrise ausgebrochen war.

»Und was ist mit den anderen?« fragte April. »Du könntest dir einen aussuchen.«

»Hugh hat mir gefallen, aber ich hab’ ihn beleidigt.«

»Der hat sowieso kein Geld.«

»Edward ist ein Ferkel, Micky macht mir angst, und Tonio gehört dir.«

»Also doch Solly.«

»Ich weiß nicht so recht.«

»Ich weiß es. Wenn du diese Gelegenheit nicht beim Schopf packst, dann denkst du dein Leben lang jedesmal, wenn du die Piccadilly entlanglatschst: ›In diesem Haus könnte ich jetzt wohnen‹«

»Ja, wahrscheinlich.«

»Und wer soll’s sonst sein, wenn nicht Solly? Am Ende bleibst du an einem widerlichen kleinkarierten Gemüsehändler hängen, der schon auf die Fünfzig zugeht, dir kaum ein Taschengeld gibt und dafür auch noch erwartet, daß du deine Bettwäsche selber wäschst und bügelst.«

Sie hatten das Westende der Piccadilly erreicht und wandten sich nach Norden, gen Mayfair. Maisie war ins Grübeln verfallen. Wenn ich’s darauf anlege, dachte sie, kann ich Solly vielleicht sogar dazu bringen, mich zu heiraten. Die Rolle der großen Dame sollte mir nicht allzu schwer fallen. Die Sprache ist die halbe Miete, und im Nachahmen war ich schon immer gut … Aber den netten, freundlichen Solly zu einer Ehe ohne Liebe verführen? Schon beim Gedanken daran wurde ihr ganz übel.

Sie kamen an einem großen Mietstall vorbei. Maisie, die sogleich wieder wehmütige Erinnerungen an den Zirkus überkamen, blieb vor einem großen dunklen Fuchshengst stehen und tätschelte ihm den Hals. Sofort senkte das Pferd den Kopf und rieb ihn an ihrer Hand.

»Redboy hat was gegen Fremde«, sagte eine Männerstimme.

»Läßt sich eigentlich nicht antatschen.«

Maisie drehte sich um und erblickte einen Mann mittleren Alters, der einen schwarzen Cutaway mit einer gelben Weste darunter trug. Seine förmliche Kleidung stand im Widerspruch zu seinem wettergegerbten Gesicht und seiner ungehobelten Ausdrucksweise. Maisie hielt ihn für einen ehemaligen Stallknecht, der mit Erfolg ein eigenes Geschäft aufgezogen hatte. Sie lächelte und sagte: »Gegen mich hast du nichts, was, Redboy?«

»Reiten können Sie ihn aber nicht, oder?«

»Ihn reiten? Doch, das kann ich, sogar ohne Sattel, und ich stell’ mich sogar auf seinen Rücken. Gehört er Ihnen?« Der Mann machte eine knappe Verbeugung und sagte: »George Sammles, zu Ihren Diensten, meine Damen. Bin der Besitzer, wie’s da steht.« Er deutete auf die Tür, über die sein Name gepinselt war.

»Ich will ja nicht angeben, Mr. Sammles«, sagte Maisie, »aber ich hab’ die letzten vier Jahre in einem Zirkus verbracht. Wahrscheinlich kann ich alles reiten, was in Ihren Ställen steht.«

»Ist das wahr?« sagte er nachdenklich. »Schön, schön, sag’ ich.«

»Worüber denken Sie nach, Mr. Sammles?« mischte sich April ein.

Er zögerte. »Kommt vielleicht ‘n bißchen plötzlich, aber ich überlege gerade, ob diese Dame hier vielleicht an einem geschäftlichen Vorschlag interessiert wäre.«

Maisie, die der Unterhaltung bislang keine Bedeutung beigemessen hatte, wurde auf einmal neugierig. »Lassen Sie hören«, sagte sie.

»Geschäftliche Vorschläge interessieren uns immer«, bemerkte April anzüglich, doch nach Maisies Eindruck hatte Sammles etwas ganz anderes im Sinn als April.

»Sehen Sie, Redboy steht zum Verkauf«, begann der Mann. »Aber Pferde verkaufen sich nicht, wenn man sie im Stall stehen läßt. Wenn Sie allerdings so um ‘ne Stunde rum mit ihm durch den Park reiten würden, also — so ‘ne Lady wie Sie, die, wenn Sie’s mir nicht übelnehmen, noch schmuck wie aus ‘m Schächtelchen aussieht, das würde schon was hermachen … Früher oder später kommt bestimmt einer und fragt Sie, wieviel Sie für das Pferd haben wollen.«

Ist damit etwa Geld zu verdienen? fragte sich Maisie. Sollte das vielleicht sogar eine Chance sein, das Geld für die Miete aufzubringen, ohne daß ich Leib und Seele dafür verkaufen muß? Aber sie fragte nicht nach dem, was sie am meisten interessierte, sondern sagte zu Sammles: »Und dann sag’ ich zu dem Burschen: ‘Gehen Sie zu Mr. Sammles im Curzon-Stall, der Gaul gehört nämlich ihm ’ Hab’ ich Sie richtig verstanden?«

»Glasklar. Bloß ‘n ‘Gaul’ ist mein Redboy ja nun nicht gerade. Sagen Sie lieber ›diese großartige Kreatur‹ oder ›dieses prächt’ge Stück Pferdefleisch‹ oder so.«

»Vielleicht«, sagte Maisie und nahm sich vor, an Stelle von Sammles’ Worten eigene zu finden. »Kommen wir zum Geschäftlichen.« Sie konnte nicht länger so tun, als wäre ihr die Bezahlung gleichgültig. »Wieviel zahlen Sie?«

»Was, glauben Sie, wäre es wert?«

Maisie nannte eine übertrieben hohe Summe. »Ein Pfund pro Tag.«

»Zuviel«, lautete prompt die Antwort. »Ich zahle die Hälfte.«

Maisie konnte ihr Glück kaum fassen. Zehn Shilling pro Tag war ein unglaublich hoher Lohn. Ein Hausmädchen in ihrem Alter konnte sich glücklich schätzen, wenn sie einen Shilling am Tag bekam!

»Wann soll ich anfangen?«

»Morgen vormittag halb elf.«

»Abgemacht.«

Sie besiegelten den Handel mit einem Handschlag, und die Mädchen setzten ihren Weg fort. Sammles rief Maisie noch nach: »Dasselbe Kleid wie heute, wenn ich bitten darf! Steht Ihnen nämlich«’

»Keine Sorge«’ gab Maisie zurück. Es war das einzige Kleid, das sie besaß. Doch das ging Sammles nichts an.

VERKEHR IM PARK

An den Herausgeber der Times

Sir,

es wurde gemeldet, daß sich in den letzten Tagen jeden Vormittag um etwa elf Uhr dreißig im Hyde Park die Kutschen derart stauen, daß für eine Zeitspanne von bis zu einer Stunde kein Vorankommen mehr ist. Zahlreiche Erklärungen wurden dafür angeboten. Etwa, daß zu viele Landadlige zur Saison in die Stadt kommen oder daß Londons Prosperität nun sogar Händlersgattinnen gestattet, sich eine Kutsche zu halten und in den Park zu fahren. Die wahre Ursache wurde bisher jedoch nirgendwo erwähnt.

Sie ist bei einer Dame unbekannten Namens zu suchen, die von der Männerwelt als »die Löwin« bezeichnet wird, zweifellos auf Grund ihres lohfarbenen Haars. Es handelt sich um ein bezauberndes, sehr hübsch gekleidetes Wesen, das mit leichter Hand und feurigem Geist Pferde reitet, die so manchen Mann zu schrecken imstande waren. Überdies lenkt sie mit gleicher Geschicklichkeit eine Kutsche, die von perfekt aufeinander abgestimmten Zweiergespannen gezogen wird. Der Ruf ihrer Schönheit und ihres reiterlichen Wagemuts hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet, so daß ganz London zu jener Stunde, da mit ihrem Erscheinen zu rechnen ist, in den Park pilgert, um dort allerdings die Erfahrung machen zu müssen, daß es weder vor noch zurück geht.

Wäre es Ihnen, Sir, zu dessen beruflichen Pflichten es gehört, alles zu wissen und jeden zu kennen, und dem daher wahrscheinlich auch die wahre Identität der Löwin kein Geheimnis ist, nicht möglich, dahingehend auf sie einzuwirken, daß sie von ihrem Tun abläßt, damit der Park wieder m den gewohnten Zustand gepflegter Ordnung und leichter Passierbarkeit zurückversetzt wird?

Ich verbleibe, Sir, Ihr sehr ergebener Diener

Ein Beobachter

Dieser Leserbrief muß ein Witz sein, dachte Hugh und legte die Zeitung beiseite. Die sogenannte Löwin gab es tatsachlich — er hatte gehört, wie sich die Bankangestellten über sie unterhielten —, aber daß sich im Hyde Park die Kutschen stauten, lag nicht an ihr. Trotzdem war er neugierig geworden. Er spähte durch die bleigefaßten Fenster von Whitehaven House zum Park hinüber. Heute war Feiertag. Die Sonne schien, und zahlreiche Menschen waren bereits unterwegs, zu Fuß, zu Pferd oder in Kutschen. Ich könnte eigentlich auch in den Park gehen und nachsehen, worum sich das ganze Theater dreht, dachte Hugh. Vielleicht habe ich ja Glück …

Auch Tante Augusta hatte vor, in den Park zu fahren. Vor dem Haus wartete schon ihr Landauer. Der Kutscher trug seine Perücke, und der livrierte Diener stand bereit, um hinten aufzusitzen. Augusta fuhr — wie alle Frauen und die männlichen Müßigganger der Oberschicht — fast täglich um diese Zeit in den Park. Sie behaupteten, sie brauchten frische Luft und Bewegung, doch in Wirklichkeit kam es ihnen vor allem darauf an, zu sehen und gesehen zu werden. Der eigentliche Grund für die regelmäßigen Verkehrsstaus lag darin, daß die Leute ihre Kutschen anhielten, um miteinander zu schwatzen, und damit die Straße blockierten.

Hugh vernahm die Stimme seiner Tante. Er erhob sich vom Frühstückstisch und ging in die Eingangshalle. Tante Augusta war, wie üblich, sehr elegant gekleidet. Sie trug ein violettes Tageskleid mit einem eng sitzenden Bolero und meterweise Rüschen darunter. Ihr Hut allerdings war ein Mißgriff: ein flaches Strohhütchen — auch »Kreissage« genannt —, das kaum zehn Zentimeter im Durchmesser maß und über ihrer Stirn auf die Hochfrisur gesteckt worden war. Er entsprach der neuesten Mode und sah bei hübschen jungen Mädchen recht niedlich aus. Augusta war indessen alles andere als niedlich, weshalb das Hütchen an ihr einfach lächerlich wirkte. Oft unterliefen ihr solche Fehler nicht, und wenn, dann gewöhnlich nur deshalb, weil sie sich kritiklos der jeweils neuesten Mode unterwarf.

Sie sprach gerade mit Onkel Joseph. Der hatte die gequälte Miene aufgesetzt, die er häufig zur Schau trug, wenn seine Frau mit ihm redete. Halb abgewandt stand er vor ihr und strich sich ungeduldig über seinen buschigen Backenbart. Hugh fragte sich, ob die beiden sich noch mochten. Früher mußte es einmal so etwas wie Zuneigung zwischen ihnen gegeben haben, denn schließlich hatten sie Edward und Clementine in die Welt gesetzt. Inzwischen gingen sie nicht mehr sehr liebevoll miteinander um, doch manchmal verriet Augusta mit kleinen Gesten, daß ihr Josephs Wohlbefinden am Herzen lag. Wahrscheinlich lieben sie sich also immer noch, dachte Hugh.

Als Hugh hinzutrat, nahm Augusta, wie üblich, keine Notiz von ihm und redete weiter: »Die ganze Familie macht sich große Sorgen«, sagte sie nachdrücklich, als hatte Onkel Joseph das Gegenteil behauptet. »Es konnte zu einem Skandal kommen.«

»Aber die Situation — was immer man darunter verstehen mag -besteht doch schon seit Jahren, und kein Mensch hat sich jemals darüber aufgeregt.«

»Weil Samuel nicht Seniorpartner ist. Ein gewöhnlicher Mann kann viele Dinge tun, ohne daß es auffallt. Aber der Seniorpartner des Bankhauses Pilaster ist eine Persönlichkeit, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht.«

»Gewiß, aber so dringend ist das alles ohnehin nicht. Onkel Seth lebt schließlich noch, und so, wie es aussieht, bleibt er uns auch noch auf unabsehbare Zeit erhalten.«

»Das weiß ich«, sagte Tante Augusta, und ihr Tonfall verriet kaum verhüllte Enttäuschung. »Manchmal wünschte ich mir …« Sie hielt inne, um nicht zuviel von ihrer Gesinnung preiszugeben. »Früher oder später wird er die Zügel doch weiterreichen müssen, und niemand weiß, ob es nicht vielleicht schon morgen soweit ist. Cousin Samuel soll nicht so tun, als gäbe es keinen Anlaß zu gravierenden Bedenken.«

»Mag ja sein«, sagte Joseph, »aber wenn er’s doch tut, läßt sich doch kaum etwas dagegen unternehmen, oder?«

»Vielleicht sollten wir Seth unsere Bedenken nicht länger vorenthalten.«

Hugh fragte sich, wieviel der alte Seth über das Privatleben seines Sohnes wußte. Wahrscheinlich kannte er die Wahrheit, war aber nicht bereit, sie zu akzeptieren, nicht einmal vor sich selbst. Joseph war beunruhigt.

»Das möge der Himmel verhüten.«

»Es wäre gewiß sehr unerfreulich«, behauptete Augusta mit unverfrorener Heuchelei. »Aber wenn Samuel seine Ansprüche aufrechterhält, wirst du ihm beibringen müssen, daß uns nichts anderes übrigbleibt, als seinen Vater ins Vertrauen zu ziehen. Und in diesem Fall müssen alle Fakten auf Seths Tisch.«

Hugh konnte nicht umhin, ihr skrupelloses Intrigenspiel zu bewundern. Augustas Botschaft an Samuel war unmißverständlich: Gib deinen Sekretär auf, oder wir geben deinem Vater zu verstehen, daß sein Sohn — mehr oder minder — mit einem Mann verheiratet ist.

In Wirklichkeit scherte sie sich natürlich keinen Pfifferling um Samuel und dessen Sekretär. Es ging ihr einzig und allein darum, Samuels Ernennung zum Seniorpartner zu verhindern und damit ihrem Gatten den Weg zu ebnen. Es war die reine Niedertracht. Hugh fragte sich, ob Onkel Joseph überhaupt begriff, was seine Frau im Schilde führte.

»Es wäre mir lieber, wir könnten die Dinge ohne solch drastische Maßnahmen regeln«, sagte Joseph betroffen.

Augusta senkte ihre Stimme zu einem vertraulichen, ja intimen Geflüster, das für Hugh ein untrügliches Kennzeichen besonderer Verlogenheit war. Sie kam ihm dann stets vor wie ein Drache, der schnurren wollte wie ein Kätzchen. »Ich bin überzeugt, daß du den richtigen Weg finden wirst«, sagte sie mit einem eindringlich bittenden Lächeln. »Doch sag — wirst du heute mit mir ausfahren? Ich würde mich so über deine Gesellschaft freuen.«

Joseph schüttelte den Kopf. »Ich muß in die Bank.«

»Das ist aber schade! Wie kann man sich an einem so herrlichen Tag wie heute in einem staubigen Büro einschließen?«

»In Bologna hat es eine Panik gegeben.«

Hugh horchte auf. Dem »Krach« in Wien waren in verschiedenen Teilen Europas mehrere Bankenzusammenbrüche und Konkurse gefolgt, doch dies war die erste »Panik«. London war bislang nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. Im Juni war der Diskontsatz, das Thermometer der Finanzwelt, auf sieben Prozent, also bis knapp an die Fiebergrenze, gestiegen. Obwohl er mittlerweile wieder auf sechs Prozent gefallen war, versprach der heutige Tag einige Aufregung.

Augusta sagte: »Ich nehme doch an, die Panik betrifft uns nicht.«

»Nicht, solange wir aufpassen«, antwortete Joseph. »Aber heute ist Feiertag, da ist doch niemand in der Bank! Wer soll dir denn deinen Tee kochen?«

»Ich denke doch, daß ich einen halben Tag ohne Tee auskommen kann.«

»Ich werde dir in einer Stunde Sara schicken. Sie hat Kirschkuchen gebacken, den magst du doch so gerne. Sie wird dir ein Stück bringen und Tee für dich kochen.«

Hugh betrachtete das als Stichwort. »Soll ich mitkommen, Onkel? Vielleicht brauchst du einen Sekretär.«

Joseph schüttelte den Kopf. »Nein, ich brauche dich nicht.« »Vielleicht kann er ein paar Botengänge für dich erledigen«, schlug Augusta vor.

Hugh grinste. »Vielleicht brauchst du auch einen Berater, Onkel.«

Joseph ging auf den Witz nicht ein. »Ich lese bloß die eingehenden Telegramme und entscheide, was zu tun ist, wenn die Finanzmärkte morgen früh wieder öffnen.«

Törichterweise gab Hugh noch immer nicht auf. »Ich würde trotzdem gern mitkommen, bloß aus Interesse.«

Joseph auf den Nerven herumzutanzen war allemal falsch. »Ich sagte doch, daß ich dich nicht brauche«, erwiderte er gereizt. »Fahr mit deiner Tante in den Park, sie braucht eine Begleitung.« Er setzte seinen Hut auf und verließ das Haus.

»Du hast wirklich ein besonderes Talent dafür, den Leuten grundlos das Leben schwerzumachen«, bemerkte Augusta. »Und jetzt hol deinen Hut. Ich bin längst ausgehfertig.«

Eigentlich hatte Hugh keine Lust, mit Augusta auszufahren, doch erstens hatte der Onkel es ihm befohlen, und zweitens wollte er die Löwin sehen. Also fügte er sich.

Augustas Tochter Clementine gesellte sich zu ihnen. Auch sie hatte sich für die Ausfahrt herausgeputzt. Als Kinder hatten Hugh und seine Cousine des öfteren miteinander gespielt. Aber sie hatte sich als Petze erwiesen. Mit sieben hatte sie Hugh einmal gebeten, ihr sein Zipfelchen zu zeigen, nur um gleich danach zu ihrer Mutter zu laufen und ihr alles zu erzählen. Hugh hatte daraufhin Prügel bezogen. Inzwischen war Clementine zwanzig Jahre alt und sah ihrer Mutter sehr ähnlich. Allerdings fehlte ihr das herrische Wesen Augustas; sie ersetzte es durch Hinterhältigkeit.

Sie traten vors Haus, und der Diener half ihnen in den Landauer. Die neue Kutsche war hellblau gestrichen und wurde von einem Paar prächtiger grauer Wallache gezogen — die angemessene Equipage für die Gattin eines bedeutenden Bankiers. Augusta und Clementine setzten sich mit dem Gesicht in Fahrtrichtung, Hugh nahm ihnen gegenüber Platz. Der strahlenden Sonne wegen war das Verdeck herabgelassen. Die Damen spannten ihre Sonnenschirme auf. Der Kutscher ließ die Peitsche knallen, und das Gefährt setzte sich in Bewegung.

Kurze Zeit später erreichten sie den South Carriage Drive. Hunderte von Pferden mit Reitern im Zylinder und Frauen im Damensattel, Dutzende von Kutschen jeglicher Art — offene und geschlossene, zweirädrige und vierrädrige —, dazu Kinder auf Ponys, Pärchen zu Fuß, Kindermädchen mit Kinderwagen und Spaziergänger, die ihre Hunde ausführten, sorgten dafür, daß die Straße tatsächlich so überfüllt war, wie der Leserbriefschreiber in der Times behauptet hatte. Die Kutschen glänzten in frischem Anstrich, die Pferde waren gebürstet und gestriegelt, die Männer trugen den üblichen Cutaway, und die Damen präsentierten sich im lebhaften Bunt der neuartigen chemischen Textilfärbeverfahren. Man bewegte sich gemächlich vorwärts, um Pferde und Kutschen, Kleider und Hüte aufs genaueste begutachten zu können. Augusta und ihre Tochter betrieben eine Konversation, die Hugh nicht mehr als hin und wieder eine angedeutete Zustimmung abverlangte.

»Sieh doch — Lady St. Ann mit einem Dolly-Varden-Hut!« Rief Clementine aus.

»Die sind schon voriges Jahr aus der Mode gekommen«, erwiderte Augusta.

»Ah ja«, machte Hugh.

Neben ihnen fuhr eine andere Kutsche auf. Hugh erkannte seine Tante Madeleine Hartshorn. Wenn sie einen Schnurrbart hätte, sähe sie genauso aus wie ihr Bruder Joseph, dachte er. Sie war Augustas engste Busenfreundin im Familienkreis. Die beiden bestimmten gemeinsam das gesellschaftliche Leben der Pilasters. Augusta war die treibende Kraft und Madeleine ihre treueste Vollzugsgehilfin.

Beide Kutschen hielten an, und die Damen begrüßten sich. Man blockierte die Straße und zwang zwei oder drei nachfolgende Kutschen zum Anhalten. »Fahr doch eine Runde mit uns, Madeleine«, sagte Augusta. »Ich möchte mit dir sprechen.« Madeleines Diener half seiner Herrin beim Umsteigen. Zu viert setzten sie die Fahrt fort.

»Jetzt drohen sie schon, den alten Seth über Samuels Sekretär aufzuklären«, sagte Augusta.

»O nein!« rief Madeleine aus. »Das dürfen sie nicht!«

»Ich habe schon mit Joseph gesprochen, aber sie lassen nicht mit sich reden«, fuhr Augusta fort. Ihr von aufrichtiger Sorge bestimmter Ton raubte Hugh schier den Atem. Wie macht sie das nur? dachte er. Vielleicht redet sie sich wirklich ein, daß alles stimmt, was ihr gerade in den Kram paßt?

»Ich werde mit George reden«, sagte Madeleine. »Der Schock könnte den lieben Onkel Seth umbringen.«

Hugh spielte mit dem Gedanken, Onkel Joseph von diesem Gespräch zu berichten. Joseph wäre zweifellos entsetzt, wenn er wüßte, wie er und die anderen Teilhaber von ihren Frauen manipuliert wurden. Nur — er wird mir nicht glauben. Ich bin ein Niemand — und deshalb schert sich Augusta auch nicht darum, daß ich das alles mitbekomme …

Ihre Kutsche kam nur noch im Schrittempo vorwärts. Ein unübersichtliches Gewühl aus Pferden und Kutschen versperrte den Weg. »Was ist denn hier los?« fragte Augusta gereizt.

»Es muß die Löwin sein!« sagte Clementine aufgeregt.

Hugh spähte in die Runde, konnte die Ursache der Verzögerung jedoch auch nicht erkennen. Vor ihnen befanden sich mehrere Kutschen der unterschiedlichsten Art, neun oder zehn Pferde und einige Fußgänger.

»Was soll dieses Gerede über eine Löwin?« erkundigte sich Augusta.

»Ach, Mutter, das weiß doch jeder!«

Als sie näher kamen, löste sich eine elegante kleine Viktoria aus dem Pulk, die von einem Paar hochtrabender Ponys gezogen und von einer Dame gelenkt wurde.

»Es ist wirklich die Löwin!« quiekte Clementine.

Hugh sah sich nach der Frau in dem kleinen Zweispänner um und staunte. Er kannte sie.

Es war Maisie Robinson.

Sie ließ die Peitsche knallen, und die Ponys liefen schneller. Maisie trug ein Kostüm aus brauner Merinowolle mit Seidenbesätzen, dazu eine blaßgelbbraune Krawatte, die unter dem Kinn zu einer Schleife gebunden war. Auf ihrem Kopf saß ein kecker kleiner Zylinder mit gerollter Krempe.

Hugh überfiel sogleich wieder der Ärger über ihre Vorwürfe gegen seinen Vater. Dieses Mädchen hatte doch von Finanzen keine Ahnung! Und wer gab ihr das Recht, auf so saloppe, unverschämte Art andere Leute der Unehrenhaftigkeit zu bezichtigen? Andererseits ließ sich nicht verhehlen, daß sie absolut hinreißend aussah … Ein unwiderstehlicher Charme ging von ihr aus, wie sie da auf dem Kutschbock saß. Das schräg sitzende Hütchen auf ihrem Kopf und sogar die Art, wie sie Peitsche und Zügel hielt, fügten sich nahtlos zu einem bezaubernden Bild.

Maisie Robinson war also die Löwin! Aber wie kam sie so plötzlich zu Kutsche und Pferden? War sie überraschend zu Geld gekommen? Was bezweckte sie mit diesen Auftritten?

Hugh hatte noch keine Antworten auf seine vielen Fragen gefunden, als plötzlich ein Unfall passierte.

Ein kläffender kleiner Terrier schreckte einen nervösen Vollblüter auf, der gerade an Augustas Landauer vorbeitrottete. Das Pferd bäumte sich auf und warf seinen Reiter ab. Er stürzte unmittelbar vor Maisies Viktoria auf die Straße.

Maisie zeigte sich der Situation gewachsen. Mit einer raschen Bewegung brachte sie die Ponys dazu, zur Straßenmitte hin auszuscheren. Doch geriet ihr Gefährt bei dem Ausweichmanöver direkt in die Bahn von Augustas Pferden. Der Kutscher sah sich zu einer heftigen Bremsung veranlaßt und stieß einen Fluch aus.

Maisie brachte ihre Viktoria unmittelbar neben ihnen abrupt zum Stillstand. Aller Augen ruhten auf dem abgeworfenen Reiter. Er schien nicht verletzt zu sein. Ohne Hilfe kam er wieder auf die Beine, klopfte den Staub aus seinen Kleidern und lief fluchend seinem durchgegangenen Pferd hinterher.

In diesem Moment erkannte Maisie Hugh und rief: »Wenn das nicht Hugh Pilaster ist!«

Hugh errötete. »Guten Morgen«, grüßte er und wußte nicht, wie er sich verhalten sollte.

Noch in derselben Sekunde begriff er, daß er einen schwerwiegenden Faux pas begangen hatte. In Gesellschaft seiner Tanten hätte er Maisie niemals begrüßen dürfen, war es doch undenkbar, ihnen eine solche Person vorzustellen. Er hätte Maisie schneiden müssen.

Maisie gab sich allerdings gar nicht erst die Mühe, mit den Damen ins Gespräch zu kommen. »Wie gefallen Ihnen diese Ponys?« fragte sie Hugh. Ihren Streit schien sie vergessen zu haben.

Die schöne, ungewöhnliche Frau, ihr geschickter Umgang mit Pferd und Wagen und ihr ungezwungenes Benehmen stürzten Hugh in tiefste Verwirrung. »Sie sind sehr hübsch«, sagte er, ohne die Tiere auch nur anzusehen.

»Sie stehen zum Verkauf.«

In eisigem Ton befahl Tante Augusta: »Hugh, sei so gut und sag dieser Person, sie möge uns passieren lassen.«

Erst jetzt nahm Maisie von Augusta Notiz. »Halt’s Maul, du alte Hexe«, sagte sie lässig.

Clementine schnappte nach Luft, und Tante Madeleine stieß einen schrillen Schreckensschrei aus. Hugh fiel der Unterkiefer herab. Maisies fabelhafte Garderobe und die teure Equipage hatten ihn vergessen lassen, daß sie eigentlich ein Gossenmädchen war. Ihre Bemerkung war so ungeheuerlich ordinär, daß es selbst Augusta vorübergehend die Sprache verschlug. Noch nie hatte jemand gewagt, in diesem Ton mit ihr zu sprechen.

Maisie gab ihr nicht die Zeit, sich von ihrem Schock zu erholen. Sie wandte sich wieder an Hugh: »Sagen Sie Ihrem Vetter Edward, er soll meine Ponys kaufen!« Dann schwang sie die Peitsche und fuhr davon.

Augusta explodierte. »Wie kannst du es wagen, mich vor einer solchen Person bloßzustellen!« geiferte sie. »Wie kannst du es wagen, vor ihr den Hut zu ziehen!«

Hugh glotzte Maisie noch immer hinterher. Ihr hübscher Rücken und der flotte Hut wurden immer kleiner und verschwanden schließlich aus seinem Blickfeld.

Tante Madeleine stimmte in Augustas Lamento ein: »Wie ist es möglich, Hugh, daß du so eine Person überhaupt kennst? Das schickt sich nicht für einen jungen Mann aus gutem Hause! Und Edward hast du sie offenbar auch noch vorgestellt!«

Es war umgekehrt gewesen — Edward hatte Maisie Hugh vorgestellt. Aber Hugh wollte seinen Vetter nicht anschwärzen — die Tanten hätten ihm ohnehin nicht geglaubt. »Ich kenne sie eigentlich nur ganz flüchtig«, sagte er.

Clementines Neugier war geweckt. »Und wo, um alles in der Welt, hast du sie kennengelernt?«

»In einem Lokal namens Argyll Rooms.«

Augusta sah Clementine stirnrunzelnd an und sagte: »Solche Dinge bitte ich mir zu ersparen. Hugh, sag Baxter, er soll uns heimfahren.«

»Ich geh’ noch ein Weilchen spazieren«, sagte Hugh und öffnete den Schlag.

»Du willst diesem Weibsbild nachlaufen!« fauchte Augusta. »Das verbiete ich dir!«

»Fahren Sie zu, Baxter!« sagte Hugh und stieg die Stufen hinab. Der Kutscher schüttelte die Zügel, und die Räder setzten sich in Bewegung. Als seine erbosten Tanten davonrollten, lupfte Hugh höflich den Hut.

Natürlich war noch nicht das letzte Wort gesprochen. Hugh sah einiges auf sich zukommen. Augusta und Madeleine würden Onkel Joseph von dem Vorfall erzählen, und in Kürze würden alle Teilhaber wissen, daß er, Hugh, mit Frauen aus der Gosse Umgang pflegte.

Aber noch war Feiertag. Die Sonne schien, und der Park war voller froher, vergnügter Menschen. Über Augustas Empörung konnte er sich später noch den Kopf zerbrechen.

Leichten Sinnes schlenderte er durch den Park. Bewußt hatte er die Gegenrichtung zu Maisie eingeschlagen. Im Park wurden Runden gefahren — es war also gut möglich, daß er ihr noch einmal begegnete.

Er wollte sich unbedingt ausführlicher mit ihr unterhalten und ihr, was seinen Vater betraf, den Kopf zurechtsetzen. Komisch war nur, daß er ihr ihre Vorwürfe gar nicht mehr übelnahm. Sie täuscht sich einfach, dachte er. Wenn ich es ihr erkläre, wird sie’s schon begreifen …

Doch davon ganz abgesehen: Es war einfach aufregend, sich mit ihr zu unterhalten.

Am Hyde Park Corner bog er in die nach Norden führende Park Lane ein. Immer wieder zog er den Hut und begrüßte Verwandte und Bekannte: Der junge William und seine Frau Beatrice rollten in einem Brougham vorbei, Onkel Samuel ritt auf einer braunen Stute, Mr. Mulberry war mit Frau und Kindern zu Fuß unterwegs. Es war gut möglich, daß Maisie ihre Fahrt am anderen Ende des Parks unterbrochen hatte; vielleicht befand sie sich aber auch schon auf dem Heimweg. Allmählich beschlich ihn das Gefühl, daß aus dem erhofften Wiedersehen nichts werden würde.

Doch dann erblickte er sie.

Maisie kam gerade aus der Anlage herausgefahren und überquerte die Park Lane. Die gelbbraune Seidenschleife um ihren Hals war unverkennbar. Sie bemerkte ihn nicht.

Aus einer plötzlichen Eingebung heraus folgte er ihr über die Straße nach Mayfair. Er mußte rennen, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Schließlich erreichte sie das Gelände eines Pferdehändlers, brachte die Viktoria vor einem Stall zum Stillstand und sprang ab. Ein Pferdeknecht eilte herbei und half ihr beim Ausspannen.

Schwer atmend holte Hugh sie ein. Er konnte sich nicht erklären, was in ihn gefahren war. »Hallo, Miss Robinson«, sagte er.

»Hallo noch mal!«

»Ich bin Ihnen gefolgt«, erklärte er überflüssigerweise.

Sie sah ihn offen an. »Warum?«

Unbedacht sprudelten die Worte aus ihm heraus: »Ich wollte nur wissen, ob Sie mal mit mir ausgehen wollen.«

Sie neigte den Kopf zur Seite und bedachte mit leicht gerunzelter Stirn seinen Vorschlag. Ihre freundliche Miene deutete darauf hin, daß sie nicht abgeneigt war, und er rechnete schon fest mit einem Ja. Aber dann schienen ihre Neigungen mit praktischen Erwägungen in Konflikt zu geraten. Sie wandte ihren Blick ab, zog die Brauen ein wenig zusammen und rang sich schließlich zu einer Entscheidung durch.

»Sie können sich mich nicht leisten«, sagte sie bestimmt, kehrte ihm den Rücken zu und verschwand im Stall.

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CAMMEL FARM

Kapkolonie Südafrika

den 14. Juli 1873

Lieber Hugh,

prächtig, daß Du von Dir hast hören lassen! Hier draußen ist man ja ziemlich isoliert, Du kannst Dir also vorstellen, mit welchem Jubel hier ein langer, inhaltsreicher Brief aus der Heimat begrüßt wird. Mrs. Cammel — die ehrenwerte Amelia Clapham, bevor sie mich geheiratet hat — war ganz, besonders angetan von Deinem Bericht über die Löwin

Ich weiß, es ist ein bißchen spät, das zu sagen, aber der Tod Deines Vaters war ein grauenvoller Schock für mich. Schuljungen schreiben natürlich keine Beileidsbriefe. Zudem wurde Deine persönliche Trag