/ Language: Deutsch / Genre:prose_classic

Die Spur der Füchse

Ken Follett


Die Spur der Füchse

Ken Follett

1976 (Ins Deutsche übertragen von Wolfgang Neuhaus 1996)

Der Gangster:

Tony Cox ist sich für kein Geschäft und keinen miesen Trick zu schade — Hauptsache, unter dem Strich bleibt eine Menge übrig. Diesmal wittert er eine besonders lukrative Beute …

Der Spekulant:

Felix Laski ist es gewohnt, an der Börse große Summen zu bewegen. Der berechnende, knallharte Geschäftsmann plant gerade einen außergewöhnlichen Coup …

Das Opfer:

Tim Fitzpeterson ist noch nie verführt worden — jedenfalls nicht so aufregend wie von dem bildhübschen Mädchen in der letzten Nacht. Aber der hohe Regierungsbeamte fällt in tiefe Verzweiflung, als er merkt, daß er nur als Werkzeug in einem schmutzigen Spiel benutzt wird — gedemütigt und auf alle Zeiten erpreßbar …

Der Journalist:

Kevin Hart ist ein Profi in seinem Geschäft. Er hat immer die Titelseite im Auge und sieht eine ganz große Story, nachdem er einem Selbstmörder das Leben gerettet hat. Denn dieser Mann hat eine ganz unglaubliche Geschichte zu erzählen …

Der Gangster, der Spekulant, das Opfer und der Journalist: Vier Männer, vier Figuren in einem spannenden Spiel, einem raffinierten Monopoly. Aber es läuft nicht so glatt, wie die beiden Abzocker Cox und Laski glauben. Denn wenn Menschen dabei sind, passieren Fehler — auch bei einem scheinbar todsicheren Überfall …

Inhaltsverzeichnis

I  06.00 UHR

1 1

2 2

3 3

II  07.00 UHR

4 4

5 5

6 6

III  08.00 UHR

7 7

8 8

IV  09.00 Uhr

9 9

10 10

11 11

12 12

V  10.00 Uhr

13 13

14 14

15 15

VI  11.00 Uhr

16 16

17 17

18 18

19 19

VII  12.00 Uhr

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21 21

22 22

VIII  13.00 Uhr

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IX  14.00 Uhr

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27 27

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X  15.00 Uhr

29 29

30 30

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XI  16.00 Uhr

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Vorbemerkung

Dieser Roman wurde 1976 geschrieben, kurz vor meinem Thriller Die Nadel, und ich halte Die Spur der Füchse für den besten meiner nicht so bekannten Romane. Wie auch Der Modigliani-Skandal, wurde er unter dem Pseudonym »Zachary Stone« veröffentlicht, denn die Romane ähneln sich: In beiden gibt es keine Hauptfigur; statt dessen werden verschiedene Gruppen von Protagonisten vorgestellt, deren Einzelgeschichten ineinander verwoben sind und die einen gemeinsamen romanhaften Höhepunkt erleben.

In Die Spur der Füchse sind diese Verbindungen weniger zufällig als in Der Modigliani-Skandal, denn der Roman soll zeigen, auf welch korrupte Weise das Verbrechen, die Hochfinanz und der Journalismus miteinander verknüpft sind. Außerdem fällt der Schluß dieses Romans im Vergleich zu Der Modigliani-Skandal ziemlich düster aus; man könnte ihn beinahe schon als Tragödie bezeichnen.

Doch am aufschlußreichsten sind die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen Die Spur der Füchse und Die Nadel. (Leser, die sofort den Kuchen möchten, nicht erst das Rezept, sollten diese Vorbemerkung übergehen und sich sofort Kapitel 1 zuwenden.) Der Plot von Die Spur der Füchse ist der raffinierteste, den ich mir jemals ausgedacht habe, doch die Verkaufszahlen dieses Romans haben mich davon überzeugt, daß raffinierte Plots den Autoren größere Befriedigung verschaffen als den Lesern. Die Handlung von Die Nadel ist vergleichsweise unkompliziert; im Grunde kann man sie in drei Absätzen niederschreiben — wie ich es tatsächlich getan habe, als ich zum erstenmal über diesen Roman nachdachte. In Die Nadel gibt es nur drei oder vier wichtige Figuren, in Die Spur der Füchse hingegen ungefähr ein Dutzend. Doch trotz seines komplexen Handlungsgefüges und der Vielzahl der Personen ist Die Spur der Füchse nur halb so umfangreich wie Die Nadel. Als Schriftsteller mußte ich stets gegen die Neigung ankämpfen, mich allzu knapp zu fassen, und in Die Spur der Füchse habe ich diesen Kampf verloren. Demzufolge sind die vielen Protagonisten in raschen, flüchtigen Pinselstrichen gezeichnet, und es mangelt ein wenig an der starken inneren Beziehung des Verfassers zu Leben und Schicksal seiner Figuren, wie Leser es bei einem Bestseller erwarten.

Eine der Stärken des Romans ist seine Form. Die Handlung beschränkt sich auf einen einzigen Tag im Leben einer Londoner Abendzeitung (1973/74 habe ich selbst für eine solche Zeitung gearbeitet). In jedem Kapitel wird eine Stunde dieses Tages in drei oder vier Abschnitten geschildert; in diesen Abschnitten wiederum wird beschrieben, was sich sowohl in der Redaktion als auch außerhalb ereignet. Mit anderen Worten: Ich erzähle die Geschichten, über die von der Zeitung berichtet wird (sofern die Zeitung sie mitbekommt), wie auch die Geschichten, die sich in der Zeitungsredaktion abspielen.

In Die Nadel ist der inhaltliche Aufbau sogar noch strenger, was meines Wissens noch niemandem aufgefallen ist: Der Roman besteht aus sechs Teilen mit jeweils sechs Kapiteln (bis auf den letzten Teil, der sieben Kapitel aufweist). Der erste Teil eines jeden Kapitels beschäftigt sich mit dem Spion, der zweite mit seinen Jägern; so geht es weiter bis zum jeweils sechsten Kapitel, in dem stets von den internationalen militärischen Konsequenzen der zuvor geschilderten Ereignisse erzählt wird. Den Lesern fällt so etwas kaum auf — und warum auch? Ich bin der Meinung, daß diese Regelmäßigkeit, ja, Symmetrie der Form zu einem Ergebnis führt, das der Leser — auch ohne sich bestimmter Muster bewußt zu sein — als gut erzählte Geschichte aufnimmt.

Das zweite gemeinsame Merkmal von Die Spur der Füchse und Die Nadel ist die Vielzahl der Nebenfiguren — Huren, Diebe, geistig zurückgebliebene Kinder, Arbeiterfrauen und einsame alte Männer. In späteren Romanen bin ich anders verfahren; denn ein solches Konzept lenkt von den Hauptfiguren und deren Geschichten ab. Dennoch frage ich mich häufig, ob ich dabei nicht zu schlau sein möchte.

Was die Verbindungen von Verbrechen, Hochfinanz und Journalismus angeht, bin ich mir heute nicht mehr so sicher wie 1976. Aber ich glaube, der vorliegende Roman ist auf eine andere Weise lebensnah: Er zeigt ein detailliertes Bild Londons, wie ich es aus den siebziger Jahren kenne, mit seinen Polizisten und Ganoven, Bankern und Callgirls; mit seinen Läden und seinen Slums, seinen Straßen und seinem Fluß. Ich habe dieses London geliebt, und ich hoffe, auch Sie werden es lieben.

Teil I

06.00 UHR

Kapitel 1

1

Es war die glücklichste Nacht in Tim Fitzpetersons Leben.

Dies war auch sein erster Gedanke, als er die Augen aufschlug und das Mädchen sah, das neben ihm im Bett lag und schlief. Aus Angst, sie zu wecken, bewegte Tim sich nicht, schaute sie aber im kalten, klaren Licht der Morgendämmerung über London beinahe verstohlen an. Sie lag auf dem Rücken, so vollkommen entspannt wie ein kleines Kind. Tim wurde an seine Tochter Adrienne erinnert, als sie noch ein Baby gewesen war, und rasch verdrängte er diesen unwillkommenen Gedanken.

Das Mädchen neben ihm hatte kurzes rotes Haar, das wie eine Mütze auf ihrem kleinen Kopf saß und ihre winzigen Ohren frei ließ. Alles in ihrem Gesicht war klein: Nase, Kinn, Wangenknochen, die ebenmäßigen Zähne. Einmal, in der Nacht, hatte Tim mit seinen breiten, plumpen Händen ihr Gesicht betastet und seine Finger behutsam auf ihre Wangen gedrückt, hatte ihr übers Haar gestreichelt und ihre Lippen sanft mit den Daumen geöffnet, als könnte seine Haut ihre Schönheit spüren wie die Hitze eines Feuers.

Tims linker Arm ragte schlaff unter der Bettdecke hervor, die so weit heruntergezogen war, daß die schmalen Schultern und eine Brust des Mädchens zu sehen waren; jetzt, im Schlaf, war die Brustwarze weich und flach.

Tim und das Mädchen lagen dicht nebeneinander, ohne sich zu berühren, doch er konnte die Hitze ihres Oberschenkels an dem seinen spüren. Er nahm den Blick von ihr und starrte an die Decke, und für einen Augenblick genoß er den wohligen Schauder verbotener Lüste, als er an den ehebrecherischen Beischlaf letzte Nacht dachte.

Dann stand er auf.

Er verharrte neben dem Bett und schaute auf das Mädchen. Sie schlief noch immer friedlich. Selbst im klaren Licht des frühen Morgens sah sie hübsch aus, trotz ihres zerwühlten Haares und den verwischten Überbleibseln eines einstmals kunstvollen Make-up im niedlichen Gesicht.

Tim wußte, daß das Morgenlicht mit ihm selbst nicht so rücksichtsvoll umging. Deshalb hatte er versucht, das Mädchen nicht zu wecken: Er wollte erst einen Blick in den Spiegel werfen, bevor sie ihn zu Gesicht bekam.

Nackt schlurfte Tim über den stumpfgrünen Wohnzimmerteppich ins Bad. Für einen flüchtigen Moment sah er die Wohnung mit den Augen eines Fremden, der sie zum erstenmal betritt, und er fand sie hoffnungslos trist: Da waren das Sofa — von einem noch stumpferen Grün als der Teppich —, auf dem verblassende, geblümte Kissen lagen; der schmucklose Schreibtisch aus Holz, wie man ihn in Millionen Büros zu sehen bekam; der Schwarzweißfernseher älteren Modells; der Aktenschrank und das Bücherregal, auf dem juristische und wirtschaftswissenschaftliche Lehrbücher sowie mehrere Bände der amtlichen britischen Parlamentsprotokolle standen. Tim hatte sich diese kleine Zweitwohnung in London vor längerer Zeit zugelegt, doch erst letzte Nacht hatte sie sich endlich bezahlt gemacht.

Das Badezimmer besaß einen mannshohen Spiegel. Nicht Tim hatte ihn gekauft, sondern seine Frau Julia — damals, in den alten Zeiten, bevor Julia sich völlig aus dem Großstadtleben zurückgezogen hatte. Tim drehte den Warmwasserhahn auf und blickte in den Spiegel, während er darauf wartete, daß die Wanne vollief. Er fragte sich, was an dem Körper mittleren Alters dran sein mochte, den er nun im Spiegel sah. Wie konnte ein solcher Körper ein bildschönes Mädchen von — hm, fünfundzwanzig Jahren? — in eine so rauschhafte Lust versetzen? Tim war gesund, aber nicht fit — jedenfalls nicht in dem Sinne, wie dieser Begriff zumeist benutzt wird: um einen schlanken, durchtrainierten Mann zu bezeichnen, der Sport treibt und Fitneßstudios besucht. Tim war klein, und sein von Natur aus untersetzter Körper wirkte der überflüssigen Fettpolster wegen — besonders an Brust, Hüften und Gesäß — noch gedrungener. Für einen Mann von einundvierzig Jahren war seine Konstitution zwar in Ordnung, doch was den Sex betraf, war er, wie er wußte, weiß Gott keine Offenbarung.

Der Spiegel beschlug vom Wasserdampf, und Tim stieg in die Wanne. Er aalte sich im heißen Wasser, bettete den Kopf an die Wandung und schloß die Augen. Erst jetzt wurde ihm klar, daß er weniger als zwei Stunden geschlafen hatte; dennoch fühlte er sich einigermaßen ausgeruht. In seinem konservativen Elternhaus hatte man ihn gelehrt, daß Schmerz und Unbehagen, wenn nicht sogar Krankheiten, Folgeerscheinungen von langen Nächten, Tanzen, Ehebruch und starken Drinks seien. Und alle diese Sünden auf einen Streich zu begehen, wie in Tim Fitzpetersons Fall, hätte eigentlich den Zorn Gottes auf den Frevler herabbeschwören müssen.

Doch weit gefehlt: Für Tim war der Lohn der Sünden ungetrübte Freude. Träge seifte er sich ein und dachte an den gestrigen Abend zurück. Die ganze Geschichte hatte bei einem dieser gräßlichen Dinner begonnen: Grapefruit-Cocktails und übergare Steaks und Überraschungseisbombe ohne Überraschung für dreihundert Mitglieder einer überflüssigen Organisation. Tims Rede war nur einer von vielen Erklärungsversuchen zur derzeitigen Regierungspolitik gewesen, deren Sinn und Zweck ohnehin niemand nachvollziehen konnte, wenngleich Tim seine Rede emotional befrachtet hatte, um sich des besonderen Wohlwollens der Zuhörerschaft zu versichern. Nach Ende der Veranstaltung hatte er sich einverstanden erklärt, mit einem seiner Kollegen — einem begabten jungen Wirtschaftswissenschaftler im Regierungsdienst — und zwei halbwegs interessanten Leuten aus der Zuhörerschaft auf einen Drink in ein nettes Lokal zu gehen.

Das nette Lokal erwies sich als Nachtclub, der für Tims Geschmack normalerweise zu teuer gewesen wäre, aber jemand hatte bereits das Eintrittsgeld bezahlt. Und als Tim erst mal drinnen war, hatte er sich herrlich amüsiert — so herrlich, daß er mit seiner Kreditkarte eine Flasche Champagner bestellte. Weitere Personen hatten sich zu ihrer kleinen Partyrunde gesellt: der leitende Angestellte einer Filmgesellschaft, von dem Tim flüchtig gehört hatte; ein Stückeschreiber, von dem er noch nie gehört hatte; ein politisch linksorientierter Wirtschaftsfachmann, der mit trockenem Lächeln Hände schüttelte und sorgsam vermied, über die Arbeit zu reden. Und schließlich waren da die Mädchen gewesen.

Der Champagner und die Bühnenshow brachten Tim ziemlich auf Touren. In den alten Zeiten hätte er sich irgendwann seine Julia geschnappt, wäre mit ihr nach Hause gefahren und hätte mit ihr geschlafen — wild und hastig und lustbetont. Hin und wieder gefiel Julia diese Art von Sex. Aber jetzt kam sie ja nicht mehr nach London, und Tim besuchte für gewöhnlich keine Nachtclubs.

Die jungen Damen in der Bar waren den Herren nicht vorgestellt worden. Tim fing ein Gespräch mit dem Mädchen an, das ihm am nächsten saß, einer schlanken, flachbrüstigen Rothaarigen in einem langen Kleid von blasser Farbe. Sie sah wie ein Model aus, behauptete aber, Schauspielerin zu sein. Tim hatte damit gerechnet, daß dieses Mädchen ihn langweilte und daß sie entsprechend gelangweilt auf ihn reagierte. Doch bald schon spürte er, daß diese Nacht etwas Besonderes werden würde: Das Mädchen schien von ihm fasziniert zu sein.

Das innige Gespräch zwischen Tim und der Rothaarigen isolierte die beiden nach und nach von den anderen Teilnehmern der Party, bis jemand den Vorschlag machte, in einen anderen Club weiterzuziehen — worauf Tim sofort erklärte, daß er nach Hause wolle. Doch die Rothaarige packte seinen Arm und bat ihn, mit ihr zu gehen. Tim, der seit zwanzig Jahren keiner hübschen jungen Frau mehr den Hof gemacht hatte, war auf der Stelle einverstanden.

Als er nun aus der Badewanne stieg, fragte er sich, worüber er sich eigentlich so lange mit dem Mädchen unterhalten hatte. Die Arbeit eines Staatssekretärs im Energieministerium konnte man schwerlich als geeignetes Thema für eine lockere Cocktailparty-Konversation bezeichnen, und sofern es sich nicht um technische Dinge handelte, war es ohnehin eine streng vertrauliche Angelegenheit. Wahrscheinlich, ging es Tim durch den Kopf, haben wir ganz allgemein über Politik geredet.

Hatte er pikante Anekdoten über hochrangige Politiker erzählt in dem trockenen Tonfall, der für ihn die einzige Möglichkeit war, sich humorvoll zu geben? Tim konnte sich nicht mehr erinnern. Er wußte nur noch, wie das Mädchen dagesessen hatte. Fast jeder Körperteil war hingebungsvoll ihm zugewandt: Kopf, Schultern, Knie, Füße — eine Körperhaltung, die gleichermaßen komisch, veralbernd und intim aussah.

Tim wischte den Wasserdampf vom Rasierspiegel und rieb sich prüfend übers Kinn. Er hatte sehr dunkles Haar, und sein Bart, falls er ihn sprießen ließ, wäre dicht und struppig. Der Rest seines Gesichts war — milde ausgedrückt — durchschnittlich. Das Kinn war zu kurz, die Nase spitz, und zu beiden Seiten des Nasenrückens befanden sich zwei weiße Punkte, wo seit fünfunddreißig Jahren das Gestell einer Brille ruhte. Der Mund war zwar nicht klein, aber ein bißchen verkniffen, die Ohren waren zu groß, und die Stirn intellektuell hoch.

Ein Gesicht, in dem nichts zu lesen war, weil es nichts zu lesen gab. Ein Gesicht, das darauf trainiert war, Gedanken zu verbergen, statt Gefühle zu zeigen.

Tim schaltete den Elektrorasierer an, zog eine Grimasse, um die gesamte linke Wange ins Blickfeld zu bekommen, und begann mit der Rasur.

Häßlich war er nicht gerade. Manche Mädchen fuhren auf häßliche Männer ab, hatte er sich sagen lassen — ob derartige Verallgemeinerungen über Frauen zutrafen, konnte er aus Mangel an Erfahrung nicht beurteilen —, doch Tim Fitzpeterson paßte nicht einmal in diese zweifelhaft beneidenswerte Kategorie von Männern. Vielleicht war es an der Zeit, sich einmal wieder Gedanken darüber zu machen, zu welcher Kategorie er denn zählte.

Der zweite Club, den sie am vergangenen Abend besucht hatten, gehörte zu jenen Etablissements, die Tim niemals freiwillig aufsuchen würde. Er war kein Musikliebhaber, und falls er einer gewesen wäre — eine Schallplatte mit diesem ohrenbetäubenden, rhythmisch stampfenden Lärm, der jede Unterhaltung wie ein Schwarzes Loch verschluckte, hätte er niemals in seine Plattensammlung aufgenommen. Dennoch hatte er zu der Musik getanzt — dieses ruckende, zuckende, exhibitionistische Gehüpfe, das in diesem Schuppen gang und gäbe zu sein schien. Es hatte Tim sogar Spaß gemacht, und vermutlich hatte er sich ganz wacker geschlagen; denn ihm waren keine mitleidigen oder erheiterten Blicke seitens der anderen Gäste aufgefallen, wie er befürchtet hatte. Vielleicht war es ihm erspart geblieben, weil viele Gäste in seinem Alter gewesen waren.

Der Discjockey, ein bärtiger junger Mann in einem T-Shirt, auf das — ein für Tim unfaßbarer Fauxpas — die Worte »Harvard Business School« aufgedruckt waren, legte irgendwann eine sehr langsame Ballade auf, die offenbar von einem Amerikaner mit schleppendem Südstaatenakzent gesungen worden war, der sich eine schwere Erkältung zugezogen hatte. Tim und das Mädchen waren gerade auf der kleinen Tanzfläche gewesen, als die Musik einsetzte. Das Mädchen hatte sich an ihn geschmiegt und ihm die Arme um den Hals gelegt. Da hatte Tim gewußt, daß sie mit ihm ins Bett gehen wollte und daß er sich nun entscheiden mußte, ob auch er Lust hatte, mit ihr zu schlafen. Als er ihren kleinen, heißen Körper spürte, der wie ein nasses Handtuch an ihm hing, traf Tim diese Entscheidung sehr, sehr schnell. Er senkte den Kopf — das Mädchen war ein bißchen kleiner als er — und murmelte ihr ins Ohr: »Komm mit zu mir, ja? Wir trinken noch ‘nen Schluck in meiner Wohnung.«

Im Taxi hatte er sie dann geküßt — so etwas herrlich Verderbtes hatte er seit vielen Jahren nicht mehr getan. Der Kuß war lüstern und gierig gewesen, wie der Kuß in einem schwülen Traum, und Tim hatte dabei die Brüste des Mädchens betatscht, die so wundervoll klein und fest unter dem dünnen Stoff ihres Kleides waren, und sie hatte an seinem Hosengürtel genestelt — und schließlich hatten beide sich kaum noch beherrschen können, bis sie in Tims Wohnung waren.

Zu dem versprochenen Drink war es gar nicht erst gekommen. Wir müssen in weniger als einer Minute ausgezogen und im Bett gewesen sein, dachte Tim selbstgefällig, als er nun die Rasur beendete und nach dem Rasierwasser Ausschau hielt. Im Wandschrank stand noch eine alte Flasche, und er rieb sich die Wangen ein.

Dann ging er zurück ins Schlafzimmer. Das Mädchen schlummerte immer noch friedlich. Tim nahm die Zigarettenschachtel aus seiner Anzugjacke und setzte sich in einen Stuhl am Fenster. Ich war richtig klasse im Bett, dachte er, mußte sich dann aber widerwillig eingestehen, daß er sich selbst etwas vormachte: Das Mädchen war die Aktive gewesen, die Kreative. Nur ihrer Initiative war es zu verdanken gewesen, daß Tim im Bett Dinge getan hatte, die er sich mit Julia — selbst nach fünfzehn Ehejahren — nicht einmal hätte vorstellen können.

Julia. Tim starrte blicklos aus dem Fenster der Wohnung im ersten Stock, schaute über die schmale Straße hinweg auf die roten Ziegelsteinmauern des Viktorianischen Schulgebäudes und seinem kläglichen Hof mit den verblassenden gelben Linien eines Korbballfeldes. Was Julia betraf, hatten Tims Gefühle sich nicht geändert: Falls er sie gestern geliebt hatte, liebte er sie heute noch immer. Das mit dem Mädchen war schließlich eine ganz andere Sache. Aber redeten Dummköpfe sich nicht genau das ein, bevor sie sich in eine Affäre stürzten?

Nur nichts übereilen, ermahnte er sich. Für das Mädchen war die vergangene Nacht vielleicht nur ein einmaliges Gastspiel gewesen. Und Tim konnte sich nicht vorstellen, als Liebhaber einen besonders nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu haben. Dennoch wollte er das Mädchen fragen, ob es mit ihnen beiden weitergehen könne, und welche Möglichkeiten es da gab. In diesem Fall mußte er sich allerdings zuvor darüber klarwerden, was seine Ziele und Wünsche waren. Aber das war kein allzu großes Problem. Die Arbeit im Dienste der Regierung hatte Tim gelehrt, sich vor jedem wichtigen Gespräch gewissermaßen selbst einzuweisen.

Wenn er sich mit komplizierten Sachverhalten auseinandersetzen mußte, hatte Tim eine bestimmte StandardVerfahrensweise entwickelt, und die wandte er jetzt an. Frage eins: Was habe ich zu verlieren?

Julia. Schon wieder. Die pummelige, kluge, stets zufriedene Julia, deren geistiger Horizont jedoch mit jedem Jahr ihrer Mutterschaft unaufhaltsam geschrumpft war. Es hatte eine Zeit gegeben, da Tim seine Frau auf Händen trug: Er hatte ihr jedes Kleid gekauft, das ihr gefiel; er hatte Romane gelesen, weil Julia sich für Romane interessierte, und er hatte sich um so mehr über seine politischen Erfolge gefreut, wenn auch Julia sich darüber gefreut hatte.

Doch nach und nach hatte der Schwerpunkt seines Lebens sich verlagert. Bald beherrschte Julia nur noch die unbedeutenden Dinge. Sie wollte in Hampshire wohnen, und weil es Tim im Grunde egal war, wohnten sie jetzt dort. Sie wollte, daß er karierte Jacken trug, doch der Westminster-Schick verlangte nüchtern-elegante Anzüge; deshalb trug Tim nun dunkle, kleinkarierte Anzüge in Grau und Tiefblau.

Je länger er seine Gefühle analysierte, desto deutlicher erkannte er, daß nicht mehr allzu viele Bindungen zu Julia bestanden. Ein bißchen nostalgische Rührseligkeit, vielleicht, und ein verblassendes Bild von ihr waren geblieben: Julia mit ihrem Pferdeschwanz, wie sie in einem engen Kleid den Swing tanzte. War das Liebe? Tim hatte seine Zweifel.

Und seine Töchter Katie, Penny und Adrienne? Quatsch; das war eine ganz andere Sache. Nur Katie war alt genug, um Begriffe wie Liebe und Ehe begreifen zu können. Und die Kinder bekamen ihren Vater ohnehin nicht allzu oft zu sehen, denn Tim war der Meinung, daß auch ein bißchen Vaterliebe eine große Hilfe sein konnte. Auf jeden Fall war es besser, als gar keinen Vater zu haben. In dieser Hinsicht gab es keine Diskussionen. Tims Meinung stand fest.

Und dann war da noch seine Karriere. Eine Scheidung mochte einem Staatssekretär keinen großen Schaden zufügen, doch einen Mann in höherem Amt konnte eine Scheidung ins Verderben stürzen. Einen geschiedenen Premierminister hatte es noch nie gegeben, und genau auf diesen Job hatte Tim Fitzpeterson es abgesehen.

Insofern hatte er sehr viel zu verlieren — im Grunde genommen alles, was ihm lieb und teuer war. Tim wandte den Blick vom Fenster ab und schaute zum Bett hinüber. Das Mädchen hatte sich auf die Seite gedreht, das Gesicht von Tim abgewandt. Der Kurzhaarschnitt stand ihr gut; dadurch kamen ihr schlanker Hals und die schön geformten Schultern besser zur Geltung. Ihre Haut war leicht gebräunt, der Rücken war gerade, die Taille schlank — und was darunter war, wurde zur Zeit vom zerwühlten Bettlaken verborgen.

Es gibt noch so viel Unentdecktes, dachte Tim. »Vergnügen« war ein Wort, für das er in seinem bisherigen Leben wenig Verwendung gehabt hatte; jetzt aber drängte es sich machtvoll in seine Gedanken. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal so richtig vergnügt hatte, falls überhaupt. Vergnügen? Nein. Zufriedenheit? Ja. Wenn er einen fundierten Bericht verfaßt hatte, zum Beispiel; oder wenn er in einer der ungezählten Schlachten in Parlamentsausschüssen oder im Unterhaus einen Sieg davongetragen hatte. Selbst ein gutes Buch oder ein edler Wein konnten ihm Zufriedenheit verschaffen. Aber das rein körperliche, lustvolle Vergnügen, das dieses Mädchen ihm beschert hatte, war etwas Neues für ihn.

Tja, das waren also die Für und Wider. Tims StandardVerfahrensweise verlangte nun, sie gegeneinander abzuwägen, um festzustellen, welches das größere Gewicht besaß. Diesmal aber wollte es mit seiner bewährten Methode nicht so recht klappen. Einige von Tims Bekannten behaupteten, daß sie sowieso nichts taugte. Wahrscheinlich hatten sie recht. Vielleicht war es ein Fehler, davon auszugehen, daß Argumente gezählt werden konnten wie Banknoten. Seltsamerweise fiel Tim das Thema einer Philosophievorlesung ein: »Die Irreführung des menschlichen Verstandes durch sprachliche Mittel«. Was ist länger: ein Flugzeug oder ein Einakter? Was ist mir lieber: Zufriedenheit oder Vergnügen?

Bald schwirrte Tim der Kopf. Er stieß ein lautes, zorniges Schnauben aus; dann warf er einen hastigen Blick aufs Bett, um festzustellen, ob er das Mädchen geweckt hatte. Sie schlief noch. Gut.

Draußen auf der Straße, knapp hundert Meter entfernt, hielt ein grauer Rolls-Royce am Bordstein. Niemand stieg aus. Tim schaute sich die Sache genauer an und sah, wie der Fahrer eine Zeitung aufschlug. War der Mann ein Chauffeur, der jemanden abholen sollte? Jetzt, um halb sieben in der Frühe? Oder war er ein Geschäftsmann, der die Nacht durchgefahren und zu früh ans Ziel gelangt war? Tim konnte das Nummernschild nicht lesen, aber er konnte erkennen, daß der Fahrer ein großer Mann war, groß genug, um das Innere des Rolls-Royce so winzig wie das eines Mini-Cooper erscheinen zu lassen.

Tim wandte sich wieder seinem Dilemma zu. Wie machen wir es in der Politik, fragte er sich, wenn wir uns mit zwei machtvollen, aber gegensätzlichen Forderungen konfrontiert sehen? Die Antwort kam sofort: Wir überlegen uns eine Vorgehensweise, die beide Forderungen erfüllen kann — sei es nun tatsächlich oder nur zum Schein. Die Parallelen seines privaten Dilemmas mit dem politischen Alltag waren offensichtlich. Er würde mit Julia verheiratet bleiben und eine Affäre mit dem Mädchen haben. In Tims Augen war dies eine sehr politische Lösung seines Problems, und das gefiel ihm.

Er zündete sich eine Zigarette an und dachte über die Zukunft nach. Es war ein angenehmer Zeitvertreib. Ja, sagte sich Tim, ich werde mit dem Mädchen noch viele weitere Nächte in dieser Wohnung verbringen, und gelegentliche Wochenendurlaube in einem Hotel auf dem Lande; vielleicht ist sogar ein zweiwöchiger Urlaub in südlichen Gefilden drin, an irgendeinem kleinen, verschwiegenen Strand in Nordafrika oder der Karibik. Im Bikini muß das Mädchen umwerfend aussehen.

Angesichts dieser Hoffnungen verblaßten andere. Tim war fast geneigt zu glauben, sein ganzes bisheriges Leben verschwendet zu haben; aber er wußte, daß dieser Gedanke denn doch ein bißchen übertrieben war. Verschwendet hatte er sein Leben nicht, doch es kam ihm jetzt so vor, als hätte er seine ganze Jugend damit verbracht, vierteilige Divisionen zu addieren, ohne die Differentialrechnung entdeckt zu haben.

Er beschloß, mit dem Mädchen über das Problem und dessen Lösung zu reden. Falls sie bezweifelte, daß es eine Lösung gab, würde er ihr Mut machen und sie darauf hinweisen, daß es seine Spezialität war, Kompromisse zu finden.

Aber wie sollte er anfangen? »Schatz, ich möchte noch einmal die Nacht mit dir verbringen. So viele Nächte wie möglich.« Hörte sich ganz gut an. Was würde sie antworten? »Ich auch.« Oder: »Ruf mich unter dieser Nummer an.« Oder: »Tut mir leid, Timmy, ich bin ein Mädchen für eine Nacht.«

Nein, letzteres bestimmt nicht. Vergangene Nacht hatte es auch dem Mädchen viel zu viel Spaß gemacht — warum, mochte der Teufel wissen. Jedenfalls war er etwas Besonderes für sie. Das hatte sie schließlich gesagt.

Tim erhob sich und drückte die Zigarette aus. Ich gehe jetzt zum Bett, sagte er sich, und dann ziehe ich ganz langsam die Decke von ihr herunter und guck mir ein Weilchen ihren nackten Körper an. Dann lege ich mich neben sie und küsse sie auf den Bauch, und auf die Oberschenkel, und auf die Brüste, bis sie aufwacht. Und dann vernasche ich sie noch einmal. Er nahm den Blick von dem Mädchen, schaute aus dem Fenster und schwelgte in freudiger Erwartung. Der Rolls-Royce stand immer noch an der Straße; er sah wie ein großer grauer Felsblock aus, der in den Rinnstein gerollt war. Aus unerfindlichen Gründen fühlte Tim sich durch den Wagen gestört. Ach, Quatsch, denk nicht mehr daran, sagte er sich und ging zum Bett.

Kapitel 2

2

Felix Laski hatte nicht viel Geld, obwohl er ein sehr reicher Mann war. Sein Vermögen steckte in Aktien, Beteiligungen, Immobilien und diversen nebulösen Investitionen, beispielsweise einem zur Hälfte fertiggestellten Drehbuch für einen Spielfilm oder dem Drittelanteil an der Erfindung eines Geräts zur Herstellung von Instant-Kartoffelchips. Die Zeitungen berichteten gern und oft darüber, daß Laskis Besitztümer — in Bargeld umgewandelt — Abermillionen Pfund ausmachten, und Laski wies ebenso gern und oft darauf hin, daß es praktisch unmöglich sei, seine Reichtümer in Bargeld zu verwandeln.

Felix Laski ging mit flotten Schritten vom Waterloo-Bahnhof in Richtung Innenstadt, denn er vertrat die Ansicht, daß körperliche Trägheit bei Männern seines Alters die Gefahr von Herzattacken heraufbeschwor. Die Sorge um das körperliche Wohlbefinden war in Laskis Fall geradezu lächerlich, denn er war so fit und gesund wie der gesündeste Mann Anfang der Fünfzig im Umkreis von einer Meile. Fast einsneunzig groß, mit einer Brust wie der Bug eines Schlachtschiffes, war Laski ungefähr so herzanfallgefährdet wie ein junger Bulle.

Er machte eine ausgezeichnete Figur, als er im kalten, klaren Sonnenlicht des frühen Morgens über die Blackfriars Bridge schritt. Seine Kleidung — vom blauen Seidenhemd bis hin zu den handgefertigten Schuhen — war teuer; gemessen an den Maßstäben der »City«, des Londoner Banken- und Börsenviertels, war Laski ein Dandy. Seine Vorliebe für exklusive Kleidung war darauf zurückzuführen, daß die Männer in dem Dorf, in dem er das Licht der Welt erblickt hatte, meist Latzhosen aus Baumwolle und Schlägermützen getragen hatten, so daß sein elegantes Outfit Laski immer wieder ein Hochgefühl vermittelte, weil es ihn daran erinnerte, wie weit er es gebracht hatte.

Außerdem gehörte die Kleidung zu seinem Image — dem eines Freibeuters des Londoner Big Business. Laskis Geschäfte waren für gewöhnlich mit Risiken verbunden, oder mit Opportunismus, oder mit beidem, und Laski sorgte zusätzlich dafür, daß seine Geschäfte nach außen hin noch gewagter erschienen, als sie es ohnehin schon waren. Er stand in dem Ruf, den »richtigen Riecher« zu haben; und das war mehr wert als eine eigene Handelsbank.

Von diesem Image hatte Peters sich blenden lassen. Als Laski nun mit forschen Schritten an der St. Paul’s Cathedral vorbei zu ihrem allmorgendlichen Treffpunkt ging, mußte er an Peters denken: ein kleiner, beschränkter Bursche, aber ein Fachmann, was das Bewegen von Geldern betraf — nicht auf Konten, sondern handfestes, richtiges Geld: Banknoten und Münzen. Peters arbeitete für die Bank von England, der ultimativen Quelle aller gesetzlichen Zahlungsmittel Großbritanniens. Peters’ Aufgabe bestand darin, sowohl für die Beseitigung als auch für den Druck und das Prägen von Papiergeld und Münzen zu sorgen. Natürlich traf Peters nicht die Entscheidung, was die Summen betraf, die vernichtet oder produziert wurden — das wurde auf einer viel höheren Ebene beschlossen, vermutlich im Kabinett. Aber Peters besaß Insiderwissen. Zum Beispiel wußte er, wie viele Fünfpfundnoten die Barclays Bank benötigte, bevor seine Bosse es wußten.

Laski hatte Peters auf einer Cocktailparty kennengelernt, die anläßlich der Eröffnung eines Verwaltungsgebäudes gegeben worden war, das eine Discount-Ladenkette errichtet hatte. Laski besuchte derartige Veranstaltungen aus einem einzigen Grund: um Leute wie Peters kennenzulernen, die sich eines Tages als nützlich erweisen konnten.

Fünf Jahre nach der Cocktailparty war Peters nützlich geworden. Laski hatte ihn in der Bank angerufen und ihn gebeten, ihm einen Numismatiker zu empfehlen, der ihn beim fingierten Ankauf einiger alter Münzen beraten sollte. Peters erklärte, er selbst wäre Sammler, wenn auch nur in kleinem Maßstab; aber er wäre gern bereit, sich die Münzen anzusehen, falls Laski einverstanden sei. Großartig, erwiderte Laski und sauste los, um die Münzen zu holen. Peters riet ihm, sie zu kaufen. Plötzlich waren sie Freunde.

(Die Münzen wurden zum Grundstock einer Sammlung, deren Wert inzwischen das Doppelte des Kaufpreises betrug, den Laski bezahlt hatte. Dieser Gewinn war zwar nebensächlich, was Laskis eigentliche Absichten betraf; aber nichtsdestoweniger war er stolz darauf.)

Es stellte sich heraus, daß Peters Frühaufsteher war, was zum einen daran lag, daß er ein Morgenmensch war, zum anderen, daß Geldbewegungen — die Umlagerung und der Transport von Bargeld — größtenteils morgens stattfanden, so daß Peters den Hauptteil seiner Arbeit bis gegen neun Uhr früh erledigen mußte. Laski stellte fest, daß Peters jeden Tag um halb sieben frühstückte, und zwar in einem ganz bestimmten Café, worauf Laski es sich zur Gewohnheit machte, Peters Gesellschaft zu leisten — zuerst gelegentlich, dann regelmäßig. Laski gab vor, selbst ein Frühaufsteher zu sein, und er stimmte in Peters’ Lobeshymnen ein, was die stillen Straßen und die frische Luft am frühen Morgen betraf. In Wahrheit war Laski ein Langschläfer. Doch er war bereit, Opfer auf sich zu nehmen, falls auch nur die vage Möglichkeit bestand, seinen großangelegten Plan in die Tat umzusetzen.

Schwer atmend betrat er das Café. In seinem Alter hatte ein Mann schließlich das Recht auf ein bißchen Erschöpfung, mochte er sich in noch so guter körperlicher Verfassung befinden. Im Innern des Lokals roch es nach Kaffee und frischem Gebäck. Die Wände waren mit Plastiktomaten behangen und wurden von Aquarellen verschönt, welche die italienische Heimatstadt des Cafébesitzers zeigten. Hinter dem Tresen standen eine junge Frau in einem weißen Kittel und ein langhaariger Jugendlicher. Sie häuften Berge von Sandwiches auf, um sich für den Ansturm der Hundertschaften von Büroangestellten zu wappnen, die sich mittags einen Happen mit an den Schreibtisch nahmen. Irgendwo spielte leise ein Radio. Laski schaute sich um und sah, daß Peters bereits an einem Tisch am Fenster saß.

Laski ließ sich eine Tasse Kaffee und ein Leberwurst-Sandwich geben und setzte sich zu Peters an den Tisch. Peters aß Krapfen; offenbar gehörte er zu den Menschen, die keine Gewichtsprobleme kannten. »Wird ein schöner Tag heute«, sagte Laski. Seine Stimme war tief und wohlklingend, wie die eines Schauspielers, und sein osteuropäischer Akzent war kaum herauszuhören.

Peters sagte: »Ein wunderschöner Tag. Wahrscheinlich kann ich schon um halb fünf in meinem Garten sein.«

Laski nahm einen Schluck Kaffee und betrachtete sein Gegenüber. Peters hatte sehr kurzes Haar und einen kleinen Schnauzer, und sein Gesicht sah verhärmt aus. Er hatte noch gar nicht mit der Arbeit angefangen und dachte jetzt schon an den Feierabend. Was für ein armseliges Leben, dachte Laski und verspürte eine kurze Aufwallung von Mitleid für Peters und all die anderen kleinen, unbedeutenden Männer, für die Arbeit das Mittel war, und nicht der Zweck.

»Aber mir macht die Arbeit Spaß«, sagte Peters, als hätte er Laskis Gedanken gelesen.

Laski ließ sich sein Erstaunen nicht anmerken. »Aber Ihr Garten macht Ihnen mehr Spaß.«

»Bei einem solchen Wetter, ja. Haben Sie auch einen Garten … Felix?«

»Meine Haushälterin kümmert sich um die Blumenkästen. Ich bin nicht der Typ, der irgendwelchen Hobbys frönt«, erwiderte Laski und fragte sich, warum Peters gezögert hatte, ihn mit dem Vornamen anzureden. Wahrscheinlich ist der Mann dir gegenüber ein bißchen ehrfurchtsvoll, sagte er sich. Gut.

»Sie haben keine Zeit, nicht wahr?« sagte Peters. »Ich könnte mir vorstellen, daß Sie sehr hart arbeiten.«

»Das sagt man mir nach, ja. Aber ich tu’s gern. Wissen Sie, ich ziehe es vor, zwischen sechs Uhr morgens und Mitternacht fünfzigtausend Pfund zu verdienen, als mir im Fernsehen Schauspieler anzusehen, die nur so tun, als würden sie sich gegenseitig umbringen.«

Peters lachte. »Ich hätte nie damit gerechnet, daß der einfallsreichste Kopf der Londoner Geschäftswelt keine Phantasie hat.«

»Ich kann Ihnen nicht ganz folgen.«

»Sie lesen keine Romane, und Sie gehen auch nicht ins Kino, stimmt’s?«

»Stimmt.«

»Sehen Sie? Das ist Ihr schwacher Punkt — Sie können sich nicht in Fiktionen hineinversetzen. Aber das gilt für die meisten unternehmerisch tätigen Menschen. Diese Phantasielosigkeit scheint mit dem gesteigerten geschäftlichen Scharfsinn erfolgreicher Unternehmer einherzugehen, genauso, wie ein Blinder ein gesteigertes Hörvermögen entwickelt.«

Laski verzog das Gesicht. Von Peters analysiert zu werden, brachte ihn in eine nachteilige Position, und das behagte ihm ganz und gar nicht. »Kann schon sein«, murmelte er.

Peters schien Laskis Unbehagen zu spüren. »Die Karrieren großer Unternehmer haben mich immer schon fasziniert«, sagte er versöhnlich.

»Mich auch«, erwiderte Laski. »Aber noch mehr ihr Geld.«

»Was war eigentlich Ihr erster Coup, Felix?«

Laski entspannte sich. Endlich konnte er sich wieder auf gewohntem Boden bewegen. »Woolwich Chemicals, würde ich sagen«, antwortete er. »Ein kleines pharmazeutisches Unternehmen. Nach dem Krieg hatte die Firma eine kleine Ladenkette eröffnet, Apotheken und Drogerien, mit dem Ziel, sich einen Markt für die eigenen Produkte zu sichern. Das Problem bestand allerdings darin, daß diese Leute zwar alles über Pharmazie wußten, aber vom Einzelhandelsgeschäft nicht die leiseste Ahnung hatten — mit dem Ergebnis, daß die Ladenkette den größten Teil der Gewinne des Mutterunternehmens auffraß.

Damals habe ich für einen Börsenmakler gearbeitet. Ich hatte mir ein bißchen Geld auf die Seite gelegt, mit dem ich spekulieren konnte. Tja, da bin ich zu meinem Boß gegangen und habe ihm die Hälfte des Gewinnanteils angeboten, falls er den Deal finanziert. Wir haben das Unternehmen samt Ladenkette gekauft. Die Chemiefabrik haben wir sofort an die ICI weiterverscherbelt und dabei fast den gleichen Preis erzielt, den wir für das gesamte Aktienpaket bezahlt hatten. Dann haben wir die Läden dichtgemacht und sie einen nach dem anderen verkauft — sie befanden sich allesamt in erstklassigen Lagen.«

»Solche Transaktionen werde ich nie begreifen«, sagte Peters. »Wieso waren die Aktien denn so billig, wo die Firma und die Ladenkette doch so viel wert gewesen sind?«

»Weil das Unternehmen rote Zahlen geschrieben hat. Die Woolwich Chemicals hatte seit zwei Jahren keine Dividende mehr ausgeschüttet. Und die Geschäftsleitung hatte nicht den Mumm, den Krempel hinzuschmeißen. Tja, da haben mein Boß und ich es halt getan. Mut ist der entscheidende Punkt — in allen Bereichen des Geschäftslebens.« Laski biß herzhaft in sein Sandwich.

»Das ist wirklich faszinierend«, sagte Peters und blickte auf die Uhr. »Tja, ich muß jetzt gehen.«

»Ein großer Tag heute?« fragte Laski beiläufig.

»Heute ist einer der Tage — und das bedeutet immer eine Menge Kopfschmerzen.«

»Haben Sie das Problem gelöst?«

»Welches?«

»Die Fahrtroute.« Laski senkte leicht die Stimme. »Die Sicherheitsleute der Bank von England lassen den Transport doch jedesmal eine andere Strecke nehmen, nicht wahr?«

»Äh … nein.« Peters war verlegen: Es war eine Indiskretion gewesen, Laski von seinen Problemen zu erzählen. »In Wirklichkeit gibt es nur eine vernünftige Fahrtroute. Jedenfalls …« Er verstummte und stand auf.

Laski lächelte und sagte im Plauderton: »Demnach wird der Geldtransport heute die gute, alte, direkte Verbindung nehmen.«

Peters legte einen Finger auf die Lippen. »Die Sicherheitsvorschriften«, sagte er.

»Verstehe.«

Peters nahm seinen Regenmantel vom Wandhaken. »Auf Wiedersehen.«

»Bis morgen«, sagte Laski und lächelte breit.

Kapitel 3

3

Arthur Cole stieg die Treppe von der U-Bahn-Haltestelle zur Straße hinauf. Sein Atem ging rasselnd, beängstigend tief in der Brust. Aus den Eingeweiden der U-Bahn stieg ein Schwall warmer Luft empor, umhüllte Cole wie ein feuchtes, übelriechendes Tuch und verflüchtigte sich. Cole schauderte leicht, als er aus dem Schacht auf die Straße trat.

Verdutzt blinzelte er ins Sonnenlicht — als er in die U-Bahn gestiegen war, hatte die Morgendämmerung gerade erst eingesetzt. Noch war die Luft klar und frisch und rein. Im Laufe des Tages würden die Auspuffgase sie dermaßen verpesten, daß es einen Polizisten umhauen konnte, der an einer Hauptkreuzung den Verkehr regeln mußte. So was war tatsächlich schon passiert: Cole konnte sich daran erinnern, als zum erstenmal ein Bulle aus den Latschen gekippt war. Die Story war in der Evening Post als Exklusivbericht gebracht worden.

Cole ging mit gemächlichen Schritten über den Gehsteig, bis sein Atem sich beruhigt hatte. Er war der Meinung, daß die zwanzig Jahre Arbeit bei der Zeitung seine Gesundheit ruiniert hatten. In Wahrheit hätte jede andere Beschäftigung bei Cole die gleichen Auswirkungen gehabt; denn er hatte die Neigung, Ärger in sich hineinzufressen, und einen Hang zur Flasche, und außerdem war er sowieso schwach auf der Brust. Aber es gab ihm Trost, seinem Beruf die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Immerhin hatte er das Rauchen aufgegeben. Er war jetzt seit — Cole blickte auf die Uhr — einhundertachtundzwanzig Minuten Nichtraucher, sofern er die Nacht nicht mit zählte; dann waren es sogar acht Stunden. Er hatte bereits mehrere kritische Augenblicke hinter sich gebracht: unmittelbar nachdem der Wecker um halb fünf geklingelt hatte (normalerweise rauchte Cole die erste Zigarette auf dem Klo); dann bei der Wegfahrt von zu Hause, als er das Autoradio eingeschaltet hatte, um die Fünf-Uhr-Nachrichten zu hören; dann auf der A 12, als er seinen großen Ford das einzige, kurze verkehrsarme Straßenstück hinuntergejagt hatte und der Wagen so richtig in Fahrt gekommen war; und schließlich an der kalten, zugigen U-Bahn-Haltestelle in Ost-London, als er auf die erste Bahn des Tages gewartet hatte.

Die Fünf-Uhr-Nachrichten der BBC hatten Cole auch nicht gerade aufgemuntert. Er hatte ihnen beim Autofahren voller Aufmerksamkeit gelauscht; denn er kannte die Strecke so gut, daß er die Kurven und Kreisverkehre und Kreuzungen praktisch blind fahren konnte, aus dem Gedächtnis.

Die wichtigste Meldung war aus Westminster gekommen: Das Parlament hatte das neueste Gesetz zur betrieblichen Arbeitnehmer-Mitbestimmung verabschiedet, wenn auch nur mit knapper Mehrheit. Cole hatte diese Meldung bereits in den gestrigen Fernseh-Spätnachrichten verfolgt. Dies bedeutete, daß die Morgenzeitungen mit Sicherheit schon darüber berichteten, und das wiederum bedeutete, daß die Evening Post nichts mehr damit anfangen konnte, es sei denn, im Laufe des Tages gab es irgendwelche neuen Entwicklungen.

Dann war ein Bericht über den Einzelhandelsindex gebracht worden. Die Quelle war mit Sicherheit eine offizielle Statistik der Regierung, die vermutlich bis Mitternacht nicht in der Zeitung veröffentlicht werden durfte; das bedeutete, daß wiederum die Morgenzeitungen sich in ihren nächsten Ausgaben damit herumschlagen konnten.

Daß der Streik in der Automobilindustrie weitergeführt wurde, überraschte Cole nicht; es war kaum damit zu rechnen, daß er im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht beigelegt wurde.

Das Problem des Sportredakteurs wurde durch ein Crikket-Länderspiel Australien gegen England gelöst, aber die Niederlage Englands war nicht sensationell hoch genug ausgefallen, um auf der ersten Seite zu landen.

So langsam machte Cole sich Sorgen.

Er betrat das Gebäude der Evening Post und fuhr mit dem Aufzug in die Redaktion, die die gesamte erste Etage einnahm. Sie war ein riesiges, I-förmiges Großraumbüro, das Cole durch den Fuß des »I« betrat. Zu seiner Linken befanden sich die Schreibmaschinen und Telefone der Nachrichten-Direktannahme; hier saßen Mitarbeiter, die Berichte über Telefon erhielten, die sie dann gleich in die Maschine tippten. Zur Rechten standen die Aktenschränke und Bücherregale der Fachjournalisten für Politik, Wirtschaft, Verbrechen, Verteidigung und anderes.

Cole ging den Stamm des »I« hinunter, an Reihen um Reihen von Schreibtischen vorüber, an denen die gewöhnlichen Feld-, Wald- und Wiesen-Reporter saßen; schließlich gelangte er zu dem langen Redaktionstisch, der das Büro in zwei Hälften teilte. Gleich hinter dem Tisch befand sich der U-förmige Tisch der Redakteure, und noch ein Stück dahinter, am oberen Querbalken des »I«, war die Sportredaktion, ein quasi unabhängiges Königreich mit einem eigenen Chefredakteur, eigenen Reportern, eigenen Sekretärinnen, und so fort.

Hin und wieder führte Cole neugierige Verwandte oder Bekannte durch die Redaktion, und stets sagte er zu ihnen: »Eigentlich sollte es hier wie an einem Fließband zugehen, aber in der Regel geht’s hier eher wie bei einer Tortenschlacht zu.«

Das war zwar eine Übertreibung, doch der Lacherfolg war Cole stets sicher.

Der riesige Büroraum war hell erleuchtet und menschenleer. Cole war stellvertretender Chef der Nachrichtenredaktion, deshalb befand sich sein Arbeitsplatz direkt an dem großen Tisch in der Mitte des Büros. Cole zog eine Schublade auf und nahm eine Münze heraus; dann ging er zum Verkaufsautomaten in der Sportredaktion und drückte auf den Knopf für Instant-Tee mit Milch und Zucker. Ein Fernschreiber erwachte ratternd zum Leben und durchbrach die Stille.

Als Cole, den Pappbecher in der Hand, zurück zum Redaktionstisch ging, flog die Tür am gegenüberliegenden Ende des Büroraums auf. Eine kleine, grauhaarige Gestalt in einem ausgebeulten Parka und mit Fahrradklammern an der Hose kam herein. Cole winkte und rief: »Morgen, George.«

»Hallo, Arthur. Kalt genug für dich?« George zog den Parka aus. Der Körper, der darin steckte, war klein und dünn. Trotz seines Alters hatte George es nur bis zum Chef der Büroboten gebracht. Er wohnte in Potters Bar und kam mit dem Fahrrad zur Arbeit, was Cole als erstaunliche Leistung betrachtete.

Er stellte den Becher Tee ab, schlüpfte aus seinem Regenmantel, schaltete das Radio ein und setzte sich. Das Radio begann zu murmeln und zu krächzen. Cole nippte am Tee und ließ den Blick über das gewohnte Durcheinander in der Redaktion der Evening Post schweifen: Stühle standen in wirrer Unordnung herum; die Schreibtische waren mit Zeitungen und Bergen von Papier bedeckt, und eine Renovierung war letztes Jahr im Zuge der Einsparungsmaßnahmen aufgeschoben worden. Doch Cole war dieser Anblick viel zu vertraut, als daß er ihn wahrgenommen hätte. In Gedanken beschäftigte er sich mit der ersten Auflage, die bereits in drei Stunden im Handel sein mußte.

Die heutige Zeitung umfaßte sechzehn Seiten. Vierzehn Seiten der ersten Auflage existierten bereits — als halbzylindrische Metallplatten unten in der Druckerei. Diese Seiten enthielten Anzeigen, Features, Fernsehprogramme und Nachrichten; letztere waren in einem Stil verfaßt, daß dem Leser — so hoffte man jedenfalls — nicht auffallen würde, wie alt diese »Neuigkeiten« in Wirklichkeit waren. Somit blieben noch zwei Seiten: die letzte Seite für die Sportredaktion und die Titelseite für Arthur Cole.

Das Mitbestimmungsgesetz, der Streik, die Inflation — das alles waren alte Kamellen, mit denen sich nicht mehr viel anfangen ließ. Gewiß, es gab die Möglichkeit, das alles aufzumotzen und mit entsprechend reißerischem Aufmacher als »aktuell« zu verkaufen, zum Beispiel: »Dramatischer Kampf um Mitbestimmung«, Unterzeile: »Regierungskrise in letzter Minute vermieden«. Für jede Situation gab es eine derartige Standardformulierung. Eine Katastrophe von gestern, zum Beispiel, wurde zur Neuigkeit von heute, wenn man ihr die Überschrift gab: »Erst in den heutigen Morgenstunden wurde das gesamte Ausmaß des Schreckens deutlich …« Oder für den Mord von gestern: »Vergangene Nacht hat die Polizei fieberhaft nach dem gefährlichen Killer gesucht, der …« Bei der Lösung des Problems, den Schnee von gestern als frisch gefallen zu verkaufen, hatte Arthur Hunderte solcher Klischees hervorgebracht. In einer zivilisierten Gesellschaft, ging es ihm durch den Kopf, würde es keine Zeitungen geben, wenn es keine Neuigkeiten gäbe. Aber das war eine alte Weisheit, und Arthur — unruhig und ungeduldig — verscheuchte diesen Gedanken.

Jeder Mitarbeiter nahm es als gegeben hin, daß die erste Auflage der Post an drei von sechs Tagen aus altem Nach richtenmüll bestand. Das aber war kein Trost für Cole; denn genau das war der Grund dafür, daß er den Job hatte, diese erste Auflage zusammenzustellen. Er war jetzt seit fünf Jahren stellvertretender Chef der Nachrichtenredaktion. In diesen fünf Jahren war der Sessel des Chefredakteurs zweimal frei geworden, doch beide Male hatte man einen jüngeren Mann als Cole befördert. Offenbar war irgend jemand auf der Chefetage zu der Einsicht gelangt, daß der Job als zweiter Mann der Obergrenze Coles journalistischen Fähigkeiten entsprach. Cole war da anderer Meinung.

Eine erstklassige erste Auflage zu produzieren, war für Cole somit die einzige Möglichkeit, seine Begabung unter Beweis zu stellen. Leider war die erste Auflage, was ihre Qualität betraf, in hohem Maße auf Glücksfälle angewiesen. Coles Strategie lautete: Versuche jeden Morgen, eine Zeitung zu machen, die ein bißchen besser ist als die erste Auflage der Konkurrenz. Er war der Überzeugung, diesem selbstgestellten Anspruch gerecht zu werden, doch in der Chefetage schien das bislang noch niemandem aufgefallen zu sein.

George tauchte hinter Cole auf und ließ neben ihm einen Stapel Zeitungen auf den Tisch fallen. »Der junge Stephens hat sich wieder mal krank gemeldet«, sagte George mürrisch.

Cole lächelte. »Was ist es denn diesmal? Ein Kater oder ein Schnupfen?«

»Kannst du dich erinnern, was man uns damals immer gesagt hat? ‘Wenn du laufen kannst, dann kannst du auch arbeiten.’ Aber diese jungen Penner heutzutage. Pah!«

Arthur Cole nickte.

»Hab’ ich recht?« fragte George.

»Vollkommen.« Arthur und George waren seit langer Zeit gute Kumpel bei der Post, wenngleich ihre beruflichen Karrieren sehr unterschiedlich verlaufen waren: Nach dem Krieg hatte Arthur den Mitgliedsausweis der britischen Journalistenvereinigung bekommen. George, den man nicht zur Armee einberufen hatte, war Bürobote geblieben.

George sagte: »Wir waren anders, hab’ ich recht? Wir waren scharf wie Nachbars Lumpi, stimmt’s? Wir wollten arbeiten, nicht wahr?«

Arthur nahm die zuoberst liegende Zeitung vom Stapel. Es war nicht das erste Mal, daß George sich über sein Schicksal und die neue Reportergeneration beklagte, und es war auch nicht das erste Mal, daß Arthur in seine Klagen eingestimmt hatte. Doch Arthur wußte, daß sein alter Freund im Irrtum war, was »die jungen Leute von heute« betraf. Vor dreißig Jahren hatte ein cleverer junger Bursche noch ohne großen Umweg Reporter werden können; heutzutage war dieser direkte Weg versperrt. Das neue System des Aufstiegs hatte Auswirkungen in zweifacher Hinsicht: Intelligente junge Leute besuchten die Universität, statt bei einer Zeitung ganz unten anzufangen. Und diejenigen, die ganz unten anfingen, wußten um ihre miesen Zukunftsaussichten; deshalb bürdeten sie sich gerade soviel Arbeit auf wie nötig, um ihren Job zu behalten. Das aber konnte Arthur seinem alten Kumpel nicht ins Gesicht sagen, denn es würde nur Wasser auf Georges Mühlen gießen. Deshalb zog Arthur es vor, in Georges Klagelied über die »jungen Penner von heute« einzustimmen.

Doch heute schien George entschlossen, sein Gemecker noch eine Weile fortzusetzen. Arthur unterbrach ihn, indem er fragte: »Ist heute nacht irgendwas über die Fernschreiber reingekommen?«

»Ja, ja, ja, ich hol’s dir. Verdammt noch mal, da muß man sich schon mit den Zeitungen abschleppen, und jetzt soll ich auch noch die Scheißfernschreibermeldungen …«

»Nun mach schon. Du weißt doch, daß ich mir als erstes die Fernschreibermeldungen anschauen muß.« Arthur wandte sich von George ab. Er haßte es, seinen höheren Rang herauszukehren. Er hatte nie gelernt, es ganz beiläufig zu tun; vielleicht, weil es ihm keinen Spaß machte. Er blickte auf den Morning Star: Der Aufmacher an diesem Morgen war das neue Mitbestimmungsgesetz.

Es war nicht damit zu rechnen, daß bereits irgendwelche interessanten Fernschreibermeldungen hereingekommen waren, dazu war es noch zu früh. Doch die Agenturmeldungen gingen auch während der Nacht sporadisch ein, und meist war eine Story dabei, die man zur Not als Sensationsmeldung aufmotzen konnte. Meist war es ein Großbrand, ein Serienmörder, ein Aufstand oder ein Umsturz in irgendeinem Teil der Erde. Doch die Post war nun mal eine Londoner Zeitung, und deshalb brachte man nur ungern Nachrichten aus dem Ausland als Hauptartikel — es sei denn, es handelte sich um eine sensationelle Geschichte. Doch selbst eine mittelprächtige Auslandsmeldung war immer noch besser als die Schlagzeile: »Krisensitzung des Kabinetts mit Spannung erwartet.«

Von wem denn? dachte Arthur.

George ließ einen meterlangen Papierstreifen aus dem Fernschreiber auf Arthurs Schreibtisch fallen, ohne daß er ihn auseinandergeschnitten und die einzelnen Stories voneinander getrennt hatte. Das war nun mal Georges Art, die beleidigte Leberwurst zu spielen. Wahrscheinlich legte er es darauf an, daß Arthur sich beklagte, damit auch er, George, sich beklagen konnte, wieviel zusätzliche Arbeit er erledigen müsse, weil dieser junge Penner sich wieder mal krank gemeldet hatte.

Also schwieg Arthur, wühlte auf der Suche nach einer Schere in seinem Schreibtisch herum, schnitt den Papierstreifen auseinander und begann zu lesen.

Zuerst kam eine politische Meldung aus Washington; dann der Bericht über ein Testspiel der Fußballnationalmannschaft; dann eine Nachrichtenübersicht der Ereignisse im Mittleren Osten.

Arthur hatte die Meldung über die Scheidung zweier mäßig bekannter Hollywoodstars gerade zur Hälfte gelesen, als sein Telefon klingelte. Er nahm den Hörer ab und sagte: »Nachrichtenredaktion.«

»Ich habe eine Story für Ihre Klatschspalte.« Es war eine Männerstimme mit breitem Cockney-Akzent.

Cole war sofort mißtrauisch. Das war eindeutig nicht die Stimme eines Mannes, der Insider-Informationen über das Liebesleben der Aristokratie besaß. »Das freut mich«, sagte er. »Aber würden Sie mir erst mal Ihren Namen nennen?«

»Mein Name tut nichts zur Sache. Wissen Sie, wer Tim Fitzpeterson ist?«

»Natürlich.«

»Tja, er macht sich mit einer Rothaarigen zum Trottel. Sie ist mindestens zwanzig Jahre jünger als er. Seine Frau will die Scheidung. Möchten Sie seine Telefonnummer?«

»Bitte.« Cole schrieb die Nummer auf. Jetzt war sein Interesse geweckt. Wenn die Ehe eines Staatssekretärs in die Brüche ging, war das eine interessante Story und nicht bloß ein Thema für die Klatschspalte. »Wer ist das Mädchen?« fragte er.

»Bezeichnet sich als Schauspielerin, ist aber in Wirklichkeit ‘ne Nutte. Rufen Sie Fitzpeterson doch einfach mal an, am besten jetzt sofort, und fragen Sie ihn nach Dizi Disney.«

Damit legte der Anrufer auf.

Cole runzelte die Stirn. Der Anruf kam ihm reichlich seltsam vor: Die meisten Informanten wollten für ihre Tips Geld sehen, besonders für diese Art von Tips. Cole zuckte die Achseln. Die Sache war auf jeden Fall eine Nachprüfung wert. Er beschloß, einem der Reporter später einen entsprechenden Auftrag zu erteilen.

Dann aber änderte er seine Meinung. Unzählige gute Storys waren für immer verlorengegangen, weil man die Nachforschungen nur ein paar Minuten aufgeschoben hatte. Wahrscheinlich machte Fitzpeterson sich gleich auf den Weg ins Unterhaus oder in sein Büro. Außerdem hatte der Informant gesagt: »Rufen Sie ihn doch einfach mal an, am besten jetzt sofort …«

Cole schaute auf die Nummer, die er sich notiert hatte, nahm den Hörer ab und wählte.

Teil II

07.00 UHR

Kapitel 4

4

»Hast du dich beim Bumsen schon mal im Spiegel beobachtet?« hatte die Rothaarige gefragt, und als Tim zugegeben hatte, daß dies nicht der Fall sei, hatte sie darauf beharrt, daß er es einmal ausprobieren solle. So standen sie vor dem mannshohen Spiegel im Badezimmer und probierten, als plötzlich das Telefon klingelte. Das Geräusch ließ Tim heftig zusammenzucken, und das Mädchen schimpfte: »Autsch! Paß doch auf!«

Zuerst wollte Tim das Klingeln gar nicht beachten, doch das beharrliche Eindringen der Außenwelt ließ seine sexuelle Lust erschlaffen, und so ließ er das Mädchen vor dem Spiegel stehen und schlurfte ins Schlafzimmer. Das Telefon stand auf einem Stuhl, unter den Kleidungsstücken des Mädchens. Tim wühlte den Hörer hervor, drückte ihn sich ans Ohr und sagte: »Ja?«

»Staatssekretär Fitzpeterson?« Es war die Stimme eines Mannes in mittlerem Alter mit Londoner Akzent. Er hörte sich leicht asthmatisch an.

»Am Apparat. Wer ist denn da?«

»Die Evening Post, Sir. Entschuldigen Sie bitte, daß ich Sie zu so früher Stunde anrufe, aber ich wollte Sie fragen, ob es stimmt, daß Sie sich scheiden lassen.«

Tim ließ sich schwer auf den Stuhl fallen. Für einen Moment brachte er kein Wort hervor.

»Sind Sie noch dran, Sir?«

»Wer, zum Teufel, hat Ihnen das gesagt?«

»Der Informant hat eine Frau erwähnt, die sich Dizi Disney nennt. Kennen Sie die Dame?«

»Nein! Ich habe noch nie von ihr gehört!« Tim gewann seine Fassung wieder. »Und es ist eine Unverschämtheit, mich am frühen Morgen wegen irgendwelcher dummen Gerüchte zu wecken!« Er legte auf.

Das Mädchen kam ins Schlafzimmer. »Du bist ja ganz blaß«, sagte sie. »Wer war denn dran?«

»Wie heißt du?« fuhr Tim sie an.

»Dizi Disney.«

»Mein Gott.« Seine Hände zitterten plötzlich. Er sprang auf. »Irgendwelche Zeitungsschmierer haben das Gerücht aufgeschnappt, daß ich mich scheiden lassen möchte!«

»So was kriegen die Zeitungen doch am laufenden Band zu hören, wenn es um bedeutende Persönlichkeiten geht.«

»Die wußten aber deinen Namen!« Er ballte die Linke zur Faust und hämmerte sie in die offene Handfläche der Rechten.

»Wie konnten die das so schnell herausfinden? Was soll ich denn jetzt tun?«

Sie wandte ihm den Rücken zu und zog ihren Schlüpfer an.

Tim starrte aus dem Fenster. Der graue Rolls-Royce stand immer noch an Ort und Stelle, doch jetzt saß niemand mehr hinter dem Steuer. Tim fragte sich, wohin der Fahrer gegangen sein mochte, und ärgerte sich im gleichen Augenblick über diesen nebensächlichen Gedanken. Er versuchte, die Situation kühl und sachlich einzuschätzen. Irgend jemand mußte beobachtet haben, wie er mit dem Mädchen den Club verlassen hatte, und dieser Jemand hatte die Information an einen Reporter weitergegeben. Und vermutlich hatte der Informant seine Beobachtung mit der Scheidungsgeschichte ausgeschmückt, um eine möglichst dramatische Wirkung zu erzielen. Doch Tim war sicher, daß niemand gesehen hatte, wie er mit dem Mädchen in seine Wohnung verschwunden war.

»Paß mal auf«, sagte er. »Du hast gestern abend zu mir gesagt, du fühlst dich nicht wohl, ja? Daraufhin habe ich dich aus dem Club gebracht und uns ein Taxi bestellt. Dann bin ich an meiner Wohnung ausgestiegen, und du bist allein zu dir nach Hause gefahren. Alles klar?«

»Was immer du willst«, erwiderte sie desinteressiert.

Ihre spröde Antwort brachte Tim in Rage. »Um Himmels willen, du bist in diese Sache verwickelt!«

»Das war ich. Aber jetzt, glaube ich, hab’ ich meine Rolle zu Ende gespielt.«

»Was soll das denn heißen?«

Jemand klopfte an die Tür.

Tim sagte: »Ach du lieber Himmel, auch das noch.«

Das Mädchen zog den Reißverschluß ihres Kleides zu. »Ich muß jetzt gehen.«

»Stell dich doch nicht so dumm an!« Er packte sie bei den Schultern. »Wahrscheinlich hat kein Mensch uns gesehen, als wir hier reingegangen sind, begreifst du denn nicht? Du bleibst hier im Schlafzimmer. Ich mach’ die Tür auf. Wenn ich den Besucher hereinbitten muß, dann sei mucksmäuschenstill, bis er wieder verschwindet.«

Er zog sich die Unterhose an und streifte sich hastig den Bademantel über, wobei er sich durchs Wohnzimmer in Richtung Tür bewegte. An das Wohnzimmer schloß sich ein winziger Flur an, der zu einer Eingangstür mit Türspion führte. Tim drückte das Auge an das Guckloch und spähte hindurch.

Der Mann auf dem Flur kam ihm irgendwie bekannt vor. Er hatte das Gesicht eines Boxers. Breitschultrig, massig und muskulös, ging der Bursche als Schwergewichtler durch. Er trug einen grauen Mantel mit Samtkragen. Tim schätzte den Mann auf Ende Zwanzig. Er sah nicht gerade wie ein Zeitungsreporter aus.

Tim schob den Riegel zur Seite, schloß auf und öffnete die Tür. »Guten Morgen«, sagte er. »Was kann ich für Sie tun?«

Ohne ein Wort zu erwidern, stieß der Mann Tim zur Seite und schloß die Tür hinter sich. Dann stapfte er ins Wohnzimmer.

Tim holte tief Luft und versuchte, nicht in Panik zu geraten. Er folgte dem Mann. »Hören Sie mal, so geht das aber nicht«, sagte er. »Ich rufe die Polizei an, wenn Sie nicht auf der Stelle …«

Der Mann setzte sich. »Dizi?« rief er. »Bist du da drin?«

Das Mädchen kam aus dem Schlafzimmer.

Der Mann sagte: »Mach uns ‘ne Tasse Tee, Süße.«

»Kennst du diesen Mann?« fragte Tim sie fassungslos.

Sie beachtete ihn gar nicht und ging in die Küche.

Der Mann lachte. »Ob sie mich kennt? Sie arbeitet für mich.«

Tim setzte sich. »Bitte … was hat das alles eigentlich zu bedeuten?« fragte er kläglich.

»Immer mit der Ruhe.« Der Mann schaute sich um. »Ich würde Ihnen ja gern das Kompliment machen, daß Sie ‘ne schöne Wohnung haben, aber das kann man nun wirklich nicht behaupten. Dabei hatte ich etwas Schickes erwartet, Herr Staatssekretär. Übrigens, falls Sie mich nicht erkannt haben sollten, ich bin Tony Cox.« Er streckte die Hand aus. Tim übersah sie geflissentlich. Cox sagte: »Ganz wie Sie wollen.«

Tim dachte nach. Der Name und das Gesicht kamen ihm tatsächlich bekannt vor. Moment mal … ja, dieser Cox war ein ziemlich wohlhabender Geschäftsmann. Aber Tim konnte sich nicht erinnern, in welcher Branche Cox tätig war. Er glaubte, das Gesicht des Mannes in einer Zeitung gesehen zu haben — der Artikel hatte irgend etwas mit der Beschaffung von Geldern für Schwulentreffs im East End zu tun gehabt.

Cox wies grinsend mit dem Kopf in Richtung Küche. »Hat Ihnen das Vögeln Spaß gemacht?«

»Mein Gott!« stieß Tim hervor.

Das Mädchen kam mit einem Tablett ins Zimmer, auf dem zwei Tassen Tee standen. Cox fragte sie: »Hat ihm das Vögeln Spaß gemacht?«

»Was glaubst du denn?« gab sie säuerlich zurück.

Cox holte seine Brieftasche hervor und nahm mehrere Geldscheine heraus. »Hier ist deine Knete«, sagte er zu dem Mädchen. »Gute Arbeit, Süße. Und jetzt verpiß dich.«

Sie nahm das Geld und steckte es in ihre Handtasche. Sie sagte: »Weißt du, Tony, was mir an dir am meisten gefällt? Deine vorbildlichen Manieren.« Und ohne Tim noch einen Blick zu gönnen, stolzierte sie zur Tür.

Ich glaube, dachte Tim, heute nacht habe ich den größten Fehler meines Lebens gemacht.

Die Tür knallte zu, und die Rothaarige war verschwunden.

Cox zwinkerte Tim zu. »Sie ist ein nettes Mädel.«

»Sie ist die niederste Form menschlichen Lebens«, quetschte Tim hervor.

»Aber, aber. So was sollten Sie nicht sagen. Sie ist schlicht und einfach ‘ne gute Schauspielerin. Vielleicht hätte sie’s sogar geschafft, in Spielfilmen mitzuwirken, hätte ich sie nicht schon vorher entdeckt.«

»Sie sind Zuhälter, nehme ich an.«

Zorn flackerte in Cox’ Augen, doch er beherrschte sich.

»Diesen kleinen Scherz werden Sie noch bereuen«, sagte er mit mühsam erzwungener Ruhe. »Dizi tut alles, was ich ihr sage. Mehr brauchen Sie über mich und das Mädchen nicht zu wissen. Wenn ich Dizi sage: ‘Halt die Klappe’, dann hält sie die Klappe. Und wenn ich ihr sage: ‘Erzähl dem netten Mann von der News of the World, wie Staatssekretär Fitzpeterson dich verführt hat’, dann tut sie das. Verstehen Sie, was ich damit sagen will?«

Tim erwiderte: »Ich nehme an, Sie haben bei der Evening Post angerufen.«

»Keine Bange. Ohne Beweise können die Zeitungsfritzen gar nichts unternehmen. Und nur drei Personen können bezeugen, daß Sie eine vergnügliche Nacht hinter sich haben: Sie, Dizi und ich. Sie selbst werden logischerweise den Mund halten, Dizi hat keinen eigenen Willen, und ich kann ein Geheimnis für mich behalten.«

Tim zündete sich eine Zigarette an. Allmählich gewann er seine Zuversicht zurück. Cox war nichts weiter als ein mieser, kleiner Ganove aus einer Proletenfamilie, trotz seines Samtkragens und seines grauen Rolls-Royce. Tim hatte das sichere Gefühl, mit diesem Kerl fertigwerden zu können. »Das ist Erpressung«, sagte er. »Aber diesmal haben Sie Pech gehabt. Ich habe nämlich kein Geld.«

»Ziemlich warm hier drin, nicht wahr?« Cox stand auf und zog seinen Mantel aus. »Tja«, fuhr er dann fort, »wenn Sie kein Geld haben, müssen wir uns überlegen, was Sie mir statt dessen geben können.«

Tim runzelte die Stirn. Plötzlich sah er seine Felle wieder wegschwimmen.

Cox fuhr fort: »In den letzten paar Monaten haben ungefähr ein halbes Dutzend Firmen sich darum geprügelt, die Bohrrechte für ein Nordsee-Ölfeld namens Shield zu bekommen, stimmt’s?«

Tim konnte kaum glauben, was er da hörte. Hatte dieser Schmalspurgangster etwa Verbindungen zu einem der angesehenen Unternehmen, die sich um die Bohrrechte beworben hatten? »Ja«, sagte er. »Aber es ist zu spät, als daß ich noch Einfluß auf das Ergebnis nehmen könnte. Die Entscheidung ist bereits gefallen. Heute nachmittag wird das Energieministerium öffentlich bekanntgeben, welches Unternehmen die Bohrlizenz bekommt.«

»Immer hübsch langsam. Sie sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen. Ich weiß, daß es zu spät ist, an der Vergabe der Lizenz noch etwas zu ändern. Aber Sie könnten mir jetzt schon sagen, wer diese Lizenz bekommen hat.«

Tim starrte Cox verblüfft an. Mehr wollte der Kerl nicht? Das war ja zu schön, um wahr zu sein! »Was könnten Sie mit dieser Information schon groß anfangen?« fragte er.

»Im Grunde genommen gar nichts. Aber ich werde die Information gegen eine andere eintauschen. Wissen Sie, ich habe mit einem bestimmten Herrn ein Geschäft abgeschlossen. Er weiß nicht, wie ich an die Insider-Informationen komme, die ich ihm gebe. Und genausowenig weiß er, was ich mit den Informationen anfange, die er mir gibt. Auf diese Weise behält der Mann eine weiße Weste. Sie verstehen? — Tja, also dann: Wer bekommt die Lizenz?«

Es ist so einfach! dachte Tim. Zwei Worte, und dieser Alptraum ist zu Ende. Sicher, ein Vertrauensbruch wie dieser konnte seine Karriere ruinieren — aber wenn er sich in Schweigen hüllte, war seine Karriere mit Sicherheit im Eimer.

Cox sagte: »Wenn Sie nicht wissen, was Sie tun sollen, dann denken Sie ganz einfach an die Schlagzeilen. ‘Der Staatssekretär und die Schauspielerin. Erst bumst er mich, und dann will er mich nicht zum angetrauten Weibe nehmen, sagte das Showgirl unter Tränen.’ Können Sie sich an den armen alten Tony Lambton erinnern?«

»Halten Sie den Mund«, sagte Tim. »Die Hamilton Holdings bekommt die Bohrrechte.«

Cox lächelte. »Mein Freund wird sehr zufrieden sein«, sagte er. »Wo steht das Telefon?«

Tim wies mit dem Daumen über die Schulter. »Schlafzimmer«, sagte er müde.

Cox ging ins Schlafzimmer, und Tim schloß die Augen. Wie naiv er gewesen war! Wie hatte er glauben können, daß ein junges Ding wie Dizi sich Hals über Kopf in einen Mann wie ihn verlieben könnte! Er war der gutgläubige Trottel in irgendeinem ausgeklügelten Plan, der ein paar Nummern größer war als eine läppische Erpressung.

Tim konnte Cox reden hören. »Laski? Ich bin’s. Hamilton Holdings bekommt die Bohrrechte. Ja. Was? Die öffentliche Bekanntgabe findet heute nachmittag statt. Okay, und wie sieht es nun mit Ihrem Teil unserer Abmachung aus?« Einige Sekunden Stille; dann: »Heute? Phantastisch. Sie haben mir den Tag gerettet, Kumpel. Und welche Fahrtroute?« Wieder eine Pause. »Sie glauben, es ist die übliche Route? Was soll das heißen? Sie sollten doch … ja, schon gut, schon gut. Bis dann.«

Natürlich hatte Tim von Felix Laski gehört — er war ein alternder Senkrechtstarter im Londoner Geschäftsleben —, doch Tim war emotionell zu erschöpft, um angemessen erstaunt zu sein, als er diesen Namen hörte. Er war jetzt beinahe soweit, daß er jedem alles geglaubt hätte.

Cox kam ins Zimmer zurück. Tim stand auf. Cox sagte:

»Tja, das war ein schöner, erfolgreicher Morgen — jedenfalls für mich. Nehmen Sie’s nicht so schwer, alter Junge. Trösten Sie sich mit dem Gedanken, daß Sie ein so heißes Gerät wie Dizi nie mehr ins Bett kriegen.«

»Würden Sie jetzt bitte gehen?« sagte Tim.

»Gern, aber da wäre vorher noch eine Kleinigkeit zu regeln. Geben Sie mir Ihren Bademantel.«

»Warum?«

»Ich werde es Ihnen zeigen. Machen Sie schon.«

Tim war zu niedergeschlagen, um zu widersprechen. Er zog den Bademantel aus und reichte ihn Cox. Dann stand er in der Unterhose da und wartete.

Cox warf das Kleidungsstück beiseite. »Bevor ich gehe, möchte ich Sie kurz an den ‘Zuhälter’ erinnern«, sagte er. Dann hämmerte er Tim die Faust in den Magen.

Tim klappte zusammen wie ein Taschenmesser und übergab sich vor Schmerz. Cox streckte den Arm aus, packte Tims Genitalien mit seiner riesigen Pranke und drückte zu. Tim versuchte zu schreien, bekam aber nicht genug Luft. Er riß den Mund zu einem lautlosen Jaulen auf, während er verzweifelt nach Atem rang.

Cox ließ Tim los und verpaßte ihm einen Tritt, worauf Tim zu Boden stürzte und sich zusammenkrümmte. Tränen schossen ihm in die Augen. Kein bißchen Stolz war ihm geblieben, kein Rest von Würde. Er keuchte: »Bitte, tun Sie mir nicht mehr weh.«

Cox lächelte und zog seinen Mantel an. »Jetzt noch nicht«, sagte er und ging.

Kapitel 5

5

Der ehrenwerte Derek Hamilton erwachte mit Bauchschmerzen. Er lag mit geschlossenen Augen im Bett, während er die Quelle des Übels aufzuspüren versuchte und zum Magen-Darm-Trakt gelangte. Natürlich, es war wieder das Magengeschwür. Derek rief sich das Dinner vom vergangenen Abend in Erinnerung: Spargelcremesuppe war harmlos; die Pfannkuchen mit Meeresfrüchten hatte er nicht angerührt; das Steak war gut durchgebraten und nicht zu fett gewesen, und er hatte Käse den Vorzug vor Apfelkuchen gegeben. Ein leichter Weißwein, Kaffee mit Sahne, Brandy …

Der Brandy. Verdammt noch mal, er hätte beim Weißwein bleiben sollen.

Derek wußte jetzt schon, wie der bevorstehende Tag verlaufen würde. Er würde auf das Frühstück verzichten, und am Vormittag würde der Hunger ihn genauso sehr quälen wie sein Magengeschwür, so daß er einen kleinen Happen essen würde. Zur Mittagszeit würde er dann wieder hungrig und das Magengeschwür noch boshafter sein. Im Laufe des Nachmittags würde er sich ohne triftigen Grund schrecklich über irgendeine Nichtigkeit aufregen, worauf sein Magen sich in einen Glutball aus Schmerz verwandelte, so daß er keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen konnte. Daraufhin würde er nach Hause fahren und zu viele Schmerztabletten schlucken. Dann würde er ein Nickerchen machen, mit Kopfschmerzen aufwachen, zu Abend essen, Schlaftabletten nehmen und ins Bett gehen.

Immerhin, dachte er, kannst du dich auf die Schlafenszeit freuen.

Er wälzte sich auf die Seite, zog die Schublade seines Nachttisches auf, entdeckte eine Tablette und steckte sie in den Mund. Dann setzte er sich aufrecht hin, nahm seine Tasse Tee, nippte daran, schluckte und sagte: »Guten Morgen, Schatz.«

»Morgen.« Ellen Hamilton saß auf der Kante des Doppelbetts, in einen Morgenmantel aus Seide gehüllt; ihre Tasse Tee ruhte auf einem ihrer schlanken Knie. Ellen hatte sich bereits das Haar gekämmt. Ihre Nachtwäsche war so elegant wie der Rest ihrer riesigen Garderobe — ungeachtet der Tatsache, daß nur Derek diese wundervollen Nachthemden zu sehen bekam. Doch er interessierte sich gar nicht dafür, da es ohnehin keine Rolle spielte. Seine Frau war ja nicht darauf aus, bei anderen Männern Begierden zu erwecken — Hauptsache, sie hielt sich für begehrenswert.

Derek trank die Tasse Tee aus und schwang die Beine aus dem Bett. Sein Magengeschwür protestierte bei dieser plötzlichen Bewegung, und er winselte vor Schmerz.

»Schon wieder?« fragte Ellen.

Er nickte. »Brandy. Gestern abend. Ich müßte es eigentlich besser wissen.«

Ihr Gesicht blieb ausdruckslos. »Ich nehme an, es hat nichts mit deiner Halbjahresbilanz zu tun, die du gestern erstellt hast, oder?«

Derek stemmte sich auf die Beine und ging langsam über den vorgartengroßen, austernfarbenen Teppich ins Badezimmer. Das Gesicht, das er im Spiegel sah, war rot und rund; das Haar lichtete sich beängstigend, und die Wangen wurden von dicken Fettpolstern verunziert. Er betrachtete seinen morgendlichen Bart und zerrte dabei die Fettfalten an Hals und Wangen mal hierhin, mal dorthin, damit die Bartstoppeln sich aufrichteten. Dann rasierte er sich. Diese Übung praktizierte er seit nunmehr vierzig Jahren jeden Morgen, doch sie war so ermüdend wie eh und je.

Ja, die Halbjahresbilanz sah schlecht aus. Hamilton Holdings war in Schwierigkeiten.

Als Derek die Hamilton-Druckerei von seinem Vater geerbt hatte, war sie ein solides, erfolgreiches und einträgliches Unternehmen. Jasper Hamilton war Drucker gewesen — fasziniert von Lettern und Schriftarten und stets versessen auf die neueste Technologie. Jasper hatte den öligen Geruch der Druckerpressen geliebt, das gute alte Handwerk. Sein Sohn Derek hingegen war Geschäftsmann, der die ständig fließenden Gewinne der väterlichen Firma abschöpfte und in branchenfremden Unternehmen investierte — Weinimport, Einzelhandel und Verlagsindustrie, Papiermühlen und kommerzielle Radiosender. Auf diese Weise erreichte Derek sein wichtigstes Ziel: Gewinne in Vermögenswerte umzuwandeln und dadurch dem Finanzamt aus dem Weg zu gehen. Statt sich mit Bibeln und Taschenbüchern und Werbeprospekten zu beschäftigen, hatte Derek Hamilton sich mit Liquiditäten, Gewinnen und Renditen befaßt. Er hatte Firmen aufgekauft, neue unternehmerische Aktivitäten begonnen und nach und nach ein Imperium errichtet.

Der anhaltende Erfolg des väterlichen Stammbetriebs hatte die Zerbrechlichkeit und Fadenscheinigkeit dieses Imperiums lange Zeit übertüncht. Doch als die Druckerei in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, mußte Derek erkennen, daß die meisten seiner anderen Firmen unrentabel waren. Er hatte die Investitionen unterschätzt, die erforderlich waren, um sein Imperium erblühen zu lassen; hinzu kam, daß einige Firmen eine sehr lange Anlaufzeit brauchten, um in die schwarzen Zahlen zu kommen.

Als Derek die Notlage erkannte, verkaufte er neunundvierzig Prozent der Aktienanteile jeder seiner Firmen; dann gründete er mit dem eigenen Kapital eine Holding-Aktiengesellschaft, von der er wiederum neunundvierzig Prozent verkaufte. Er beschaffte sich weitere Gelder und handelte einen Überziehungskredit aus, der eine siebenstellige Summe umfaßte. Dieser Kredit erhielt das Firmenimperium zwar am Leben, doch die Zinsen, die im Laufe der letzten zehn Jahre rapide gestiegen waren, fraßen die ohnehin spärlichen Gewinne auf.

Das alles hatte Derek Hamilton sein Magengeschwür eingebracht.

Das »Rettungsprogramm« für seine Firmen war vor fast einem Jahr angelaufen. Die Neuaufnahme von Krediten wurde eingeschränkt, um die Zinslast zu senken und die Verschuldung zu verringern; die Betriebskosten waren auf jede nur erdenkliche Weise gesenkt worden, unter anderem durch den Verzicht auf bereits konzipierte Werbefeldzüge und durch die Benutzung der Reste sämtlicher Druckpapierrollen zur Herstellung von Schreibblocks im ehemals väterlichen Stammbetrieb. Inzwischen führte Derek ein strenges Regiment und hielt seinen Dampfer rigoros auf Sparkurs, doch die Inflation und der allgemeine wirtschaftliche Rückgang waren schneller. Derek hatte damit gerechnet, daß die Halbjahresbilanz aller Welt zeigen würde, daß die Hamilton Holdings die Kurve gekriegt hatte. Statt dessen machte die Bilanz deutlich, daß es weiter bergab ging.

Derek tupfte sich das Gesicht mit einem warmen Handtuch ab, rieb sich die Wangen mit Rasierwasser ein und ging zurück ins Schlafzimmer. Ellen war bereits angezogen, saß vor dem Spiegel und schminkte sich. Sie schaffte es immer, sich dann an- und auszuziehen, wenn ihr Mann sich gerade nicht im Schlafzimmer aufhielt. Derek mußte plötzlich daran denken, daß er Ellen seit Jahren nicht mehr nackt gesehen hatte. Er fragte sich, warum. Waren Ellens fünfundfünfzig Jahre alte Haut so faltig und ihr einst festes Fleisch so schwammig geworden, daß sie alle Hoffnung hatte fahren lassen? Würde ihre Nacktheit sogar die Illusion von Attraktivität zunichte machen? Wahrscheinlich. Doch als Derek in seine vorzeitgroße Unterhose stieg, kam ihm der Verdacht, daß etwas noch Komplizierteres dahinterstecken mußte — irgend etwas, das auf obskure Weise mit seinem eigenen alternden Körper zu tun hatte.

Ellen kleidete sich stets schlicht und zurückhaltend. Schon aus diesem Grunde war Derek nie besonders scharf auf sie — und aus diesem Grunde wiederum hatte sie ihm nicht zeigen müssen, wie unattraktiv sie ihn fand. Mit Absicht?, fragte er sich nun. Eine solche Verbindung von Einfühlungsvermögen und Verschlagenheit wäre typisch für Ellen.

»Und was wirst du jetzt tun?« wollte sie wissen. Die Frage traf Derek völlig unvorbereitet. Im ersten Moment glaubte er, sie hätte seine Gedanken erahnt und sich mit ihrer Frage darauf bezogen; dann erst wurde ihm klar, daß sie den Gesprächsfaden von vorhin wieder aufgenommen hatte und vom Geschäft redete. Derek zog seine Hosenträger stramm und fragte sich, was er antworten sollte. »Ich bin mir noch nicht sicher«, sagte er schließlich.

Sie beugte sich zum Spiegel vor und spähte angestrengt hinein. Derek sah, daß sie irgend etwas mit ihren Wimpern anstellte. »Manchmal frage ich mich, was du eigentlich aus deinem Leben machst.«

Er starrte sie an. Ihre Erziehung hatte Ellen gelehrt, um den heißen Brei herumzureden und niemals direkte und persönliche Fragen zu stellen; denn Aufrichtigkeit und die Preisgabe wahrer Gefühle verdarben jede Party und ließen Damen in Ohnmacht fallen. Es mußte Ellen erhebliche Überwindung gekostet haben, die Frage nach dem Sinn der Existenz eines anderen menschlichen Wesens zu stellen.

Derek setzte sich auf die Bettkante und sagte zu Ellens Rücken: »Ich darf nicht so viel Brandy trinken, das ist alles.«

»Ich bin sicher, du weißt genau, daß meine Frage nichts mit übermäßigem Essen und Trinken zu tun hat.« Sie schminkte sich die Lippen und verzog den Mund, um den Lippenstift gleichmäßig zu verteilen. »Das hat vor neun Jahren angefangen, und dein Vater ist vor zehn Jahren gestorben.«

»Ich habe Druckerschwärze im Blut.« Die Antwort kam ganz automatisch, wie bei der Probe eines Theaterstücks. Bei einem zufälligen Ohrenzeugen hätte das Gespräch einen verwirrenden Eindruck hinterlassen; doch Derek und Ellen kannten dessen Logik. Es gab eine Art Code: Der Tod des Vaters stand für die Übernahme der Verantwortung für die Druckerei, und Dereks Magengeschwür stand für seine geschäftlichen Probleme.

»In deinen Adern fließt keine Druckerschwärze«, sagte Ellen. »In den Adern deines Vaters, ja. Aber du kannst den Geruch des guten alten Handwerks nicht ertragen.«

»Ich habe eine gesunde, solide kleine Firma geerbt, das stimmt. Aber ich möchte meinen Söhnen ein Firmenimperium hinterlassen. Wird nicht genau diese Einstellung von Menschen unserer Gesellschaftsschicht erwartet?«

»Unsere Söhne interessiert es doch gar nicht, was wir ihnen hinterlassen. Michael baut sein eigenes Geschäft auf, aus eigener Kraft. Und Andrew hat nichts anderes im Sinn, als sämtliche Bewohner des afrikanischen Kontinents gegen Windpocken zu impfen.«

Derek konnte beim besten Willen nicht sagen, wie ernst Ellen es meinte. Was sie gerade mit ihrem Gesicht anstellte, machte ihre Miene unleserlich. Kein Zweifel, daß sie es absichtlich tat. Sie tat fast alles absichtlich.

Er sagte: »Ich habe eine Pflicht zu erfüllen. Ich beschäftige mehr als zweitausend Menschen, und vom Wohlergehen meiner Firmen hängen noch weitaus mehr Arbeitsplätze ab.«

»Ich glaube, du hast deine Pflicht getan. Du hast die Firma in Krisenzeiten über Wasser gehalten. Das hat nicht jeder geschafft. Für diese Aufgabe hast du deine Gesundheit geopfert. Du hast zehn Jahre deines Lebens dafür hergegeben und … Gott weiß was sonst noch.« Bei den letzten Worten senkte sie die Stimme, als hätte sie in letzter Sekunde bedauert, sie ausgesprochen zu haben.

»Soll ich denn auch noch meinen Stolz aufgeben?« sagte Derek. Er zog sich weiter an und versuchte, einen festen kleinen Knoten in seine Krawatte zu binden. »Ich habe aus einer kleinen Klitsche eins der tausend größten Unternehmen des Landes gemacht. Meine Firmen sind fünfmal soviel wert wie die Druckerei meines Vaters. Ich habe das alles aus dem Boden gestampft. Nun muß ich auch dafür sorgen, daß die Geschäfte laufen.«

»Aber du mußt es viel besser machen als dein Vater. Du mußt viel härter schuften.«

»Ja, und? Ist das ein so armseliger Lebenszweck?«

»Ja!« Ihr plötzlicher Temperamentsausbruch versetzte ihm einen Schock. »Du solltest lieber auf deine Gesundheit achten und darauf, daß du lange lebst, und … und darauf, daß ich glücklich bin.«

»Würde es dem Unternehmen gutgehen, könnte ich es vielleicht verkaufen. Aber wie die Dinge liegen, bekäme ich nicht einmal den halben Preis dafür.« Er blickte auf die Uhr. »Ich muß jetzt nach unten.«

Er stieg die breite Treppe hinunter. Ein Porträt seines Vaters beherrschte die Eingangshalle. Viele Leute hielten das Gemälde für ein Porträt Dereks im Alter von etwa fünfzig Jahren, doch es zeigte Jasper Hamilton im Alter von fünfundsechzig Jahren. Das Telefon auf der Kommode in der Eingangshalle schrillte los, als Derek daran vorbeiging. Er beachtete es nicht: Morgens nahm er keine Anrufe entgegen.

Er ging in das kleine Eßzimmer — das große war für Parties reserviert, die in letzter Zeit jedoch immer seltener stattfanden. Auf dem runden Tisch lag bereits das Silberbesteck. Eine ältere Frau mit Schürze brachte eine halbe Grapefruit ins Zimmer, die auf einem Teller aus feinem Chinaporzellan lag.

»Heute nicht, Mrs. Tremlett«, sagte Derek zu der Frau. »Nur eine Tasse Tee, bitte.« Er nahm die Financial Times vom Tisch.

Die Frau zögerte, dann stellte sie die Schüssel an Ellens Platz. Derek hob den Blick. »Nehmen Sie das bitte fort, ja?« sagte er leicht gereizt. »Servieren Sie Mrs. Hamilton das Frühstück erst, wenn Mrs. Hamilton herunterkommt, und nicht schon vorher.«

»Wie Sie wünschen«, murmelte Mrs. Tremlett und entschwand mit der Grapefruit und dem Porzellanteller.

Als Ellen ins Eßzimmer kam, setzte sie das Streitgespräch an dem Punkt fort, an dem es unterbrochen worden war. »Ich glaube nicht, daß es eine Rolle spielt, ob du für die Firma fünfhunderttausend oder fünf Millionen Pfund auftreiben kannst. So oder so wären wir nicht besser dran als jetzt. Wir führen ja ohnehin kein schönes, harmonisches Leben. Da spielt es doch gar keine Rolle, ob wir dieses Leben als arme Schlucker oder als reiche Leute führen.«

Derek legte die Zeitung auf den Tisch und blickte Ellen an. Sie trug ein sündhaft teures, cremefarbenes Kostüm, eine bedruckte Bluse aus Seide und handgefertigte Schuhe. Er sagte: »Du hast ein luxuriöses Zuhause. Du hast Bedienstete. Du hast Freunde, und du kannst am gesellschaftlichen Leben teilhaben, wenn du dir die Mühe machst, deine Möglichkeiten zu nutzen. Aber sieh dich doch an. Heute morgen trägst du Kleidung im Wert von mehreren hundert Pfund, und wahrscheinlich fährst du nicht weiter als bis ins Dorf. Manchmal frage ich mich, was du vom Leben erwartest.«

Ellen wurde rot — ein seltenes Ereignis. »Das will ich dir sagen«, begann sie.

Jemand klopfte an die Tür, und ein gutaussehender Mann kam ins Zimmer. Er trug einen Überzieher und hielt eine Mütze in den Händen. »Guten Morgen, Sir — Madam«, sagte er. »Wenn Sie den Zug um Viertel vor acht noch erreichen wollen, Sir …«

»Schon gut, Pritchard«, sagte Derek. »Warten Sie in der Eingangshalle.«

»Sehr wohl, Sir. Darf ich fragen, ob Sie heute den Wagen benutzen möchten, Madam?«

Hamilton sah Ellen an. Ohne den Blick vom Teller zu nehmen, erwiderte sie: »Ich glaube schon. Ja.«

Pritchard nickte und verließ das Zimmer.

Derek sagte: »Du wolltest mir vorhin erklären, was du vom Leben erwartest.«

»Ich finde, ein solches Thema sollte man nicht am Frühstückstisch diskutieren. Zumal du es so eilig hast, deinen Zug zu bekommen.«

»Wie du meinst.« Er stand auf. »Viel Spaß bei deiner Spritztour. Fahr nicht zu schnell.«

»Bitte?«

»Fahr vorsichtig.«

»Oh. Äh, Pritchard fährt mich.«

Derek beugte sich zu ihr hinunter, um sie auf die Wange zu küssen, doch sie wandte ihm das Gesicht zu und küßte ihn auf den Mund. Als Derek sich aufrichtete, sah er, daß sie schon wieder errötet war. Sie hielt seine Hand und sagte: »Ich brauche dich, Derek.«

Er starrte sie an.

»Ich möchte, daß wir noch eine lange, glückliche, gemeinsame Zeit verbringen, wenn du dich erst aus dem Ge schäftsleben zurückgezogen hast«, fuhr sie hastig fort. »Ich möchte, daß du endlich zur Ruhe kommst, daß du dich vernünftig ernährst und wieder schlank und gesund wirst. Ich möchte den Mann wiederhaben, der mir in einem Riley-Kabrio den Hof gemacht hat … den Mann, der mit Orden an der Brust aus dem Krieg heimkehrte und mich geheiratet hat … den Mann, der meine Hand hielt, als ich unsere Kinder zur Welt gebracht habe. Ich möchte dich lieben.«

Derek stand da wie vom Donner gerührt. So war sie noch nie zu ihm gewesen, noch nie zuvor. Er machte gar nicht erst den Versuch, ihre Worte geistig zu verarbeiten. Er wußte nicht, was er sagen sollte, was er tun sollte, wohin er schauen sollte. Er sagte: »Ich … muß den Zug erwischen.«

Sie hatte sich rasch wieder unter Kontrolle. »Ja. Du mußt dich beeilen.«

Derek schaute sie länger an als ursprünglich beabsichtigt, doch sie wich seinem Blick aus. Er sagte: »Äh … auf Wiedersehen.«

Sie nickte stumm.

Derek ging aus dem Zimmer. In der Eingangshalle setzte er seinen Hut auf und ließ sich von Pritchard die Tür öffnen. Der dunkelblaue Mercedes stand auf der kiesbedeckten Auffahrt und schimmerte im Sonnenlicht. Sieht ganz so aus, als würde Pritchard den Wagen jeden Morgen waschen, bevor ich aufstehe, ging es Derek durch den Kopf.

Während Pritchard ihn zum Bahnhof fuhr, dachte Derek an das sehr merkwürdige Gespräch mit Ellen. Durch das Seitenfenster beobachtete er, wie das Sonnenlicht auf den bereits herbstbraunen Blättern der Bäume spielte, und rief sich dabei die Schlüsselszenen des Gesprächs ins Gedächtnis. Ich möchte dich lieben, hatte Ellen gesagt, mit der Betonung auf dich. Und als sie über die Dinge sprach, die er dem Unternehmen geopfert hatte, war die Bemerkung … und Gott weiß was sonst noch gefallen.

Ich möchte nur dich lieben, keinen anderen Mann. Hat Ellen das gemeint?, fragte sich Derek. Hast du nicht nur deine Gesundheit, sondern auch die Treue deiner Frau verloren? Nein, wahrscheinlich hatte sie ihn bloß eifersüchtig machen wollen, indem sie den Verdacht erweckte, daß sie einen Liebhaber hatte. Das wäre typisch für Ellen. Sie verstand sich darauf, ein kunstvolles Netz zu spinnen. Plumpe Hilfeschreie waren nicht ihr Stil.

Nach der niederschmetternden Halbjahresbilanz konnte Derek häusliche Probleme ungefähr so gut gebrauchen wie eine Gläubigerversammlung.

Aber da war noch etwas anderes. Ellen war errötet, als Pritchard sie gefragt hatte, ob sie heute den Wagen brauche; dann hatte sie — sehr hastig — gesagt: Pritchard fährt mich.

Derek fragte: »Wohin bringen Sie Mrs. Hamilton, Pritchard?«

»Sie fährt selbst, Sir. Ich mache mich am Haus und im Garten nützlich … da gibt es immer sehr viel …«

»Zu tun, ja. Schon gut«, unterbrach Derek ihn. »Ich war nur neugierig. Es sollte keine Zeitstudie sein.«

»Sehr wohl, Sir.«

Sein Magengeschwür stach ihn. Der Tee, dachte Derek. Ich hätte zum Frühstück Milch trinken sollen.

Kapitel 6

6

Herbert Chieseman knipste das Licht an, stellte den Wecker ab, drehte die Lautstärke des Radios höher, das die ganze Nacht eingeschaltet gewesen war, und drückte auf die Rückspultaste des Tonbandgeräts. Dann stieg er aus dem Bett.

Er stellte einen Kessel Wasser auf die Herdplatte und sah aus dem Fenster seines Studio-Apartments, während er darauf wartete, bis die Sieben-Stunden-Spule des Tonbandgeräts zurückgespult war. Der Morgen war hell und klar. Später am Tag würde die Sonne kräftig scheinen, aber noch war es kalt. Herbert zog eine Hose und einen Pullover über die Unterwäsche, die er im Bett getragen hatte, und schlüpfte in die Pantoffeln.

Seine Wohnung bestand aus einem einzigen großen Zimmer in einem Haus im Norden Londons. Das Haus, in viktorianischem Stil erbaut, hatte seine beste Zeit hinter sich. Die Möbel, der Heizkörper und der alte Gasherd gehörten dem Vermieter. Das Radio, ein Hochleistungsempfänger, gehörte Herbert. In seiner Miete war das Benutzungsrecht für ein Gemeinschaftsbad und — besonders wichtig — für die alleinige Nutzung des Dachbodens enthalten.

Das Radio beherrschte das Zimmer, Es war ein großes, sehr empfangsstarkes UKW-Gerät — aus Teilen zusammengebaut, die Herbert in einem Dutzend verschiedener Läden an der Tottenham Court Road sorgfältig ausgewählt hatte. Die Antenne befand sich auf dem Dachboden. Das Tonband war ebenfalls Marke Eigenbau.

Herbert goß Tee in eine Tasse, gab Kondensmilch aus der Dose hinzu und setzte sich an seinen Arbeitstisch. Von den elektronischen Geräten abgesehen, stand nur ein Telefon auf diesem Tisch; daneben lagen ein Schreibheft mit linierten Blättern und ein Kugelschreiber. Herbert schlug das Schreibheft an einer unbeschriebenen Seite auf und trug in großen, kursiven Buchstaben oben auf der Seite das Datum des heutigen Tages ein. Dann drehte er die Lautstärke des Radios herunter, stellte das Tonband ein und spielte die Aufnahme von letzter Nacht im Schnellvorlauf ab. Jedesmal, wenn ein quäkendes, schrilles Geräusch ertönte, wußte Herbert, daß menschliche Stimmen auf dem Band waren. Immer dann hielt er sofort einen Finger in die Spule und verringerte die Drehgeschwindigkeit des Bandes von Hand so weit, daß er die einzelnen Worte unterscheiden konnte.

»… fahren wir jetzt weiter zum unteren Ende der Holloway Road, um den Streifenbeamten zu unterstützen …«

»… hier Wagen einundzwanzig, Ludlow Road, West Five. Eine Mrs. Shaftesbury … hört sich nach einer Einheimischen an …«

»… Inspektor sagt, daß er Hühnchen mit Reis und Chips haben will, wenn der Chinese noch auf hat …«

»… he, Holloway Road! Kommt in die Gänge! Der Streifenbeamte ist in Schwulitäten …«

Herbert hielt das Band an und machte sich eine Notiz.

»… hat Einbruchsdiebstahl in einem Haus gemeldet … nein, das ist in der Nähe von Wimbledon Common …«

»… Wagen achtzehn, bitte melden …«

»… alle verfügbaren Streifenwagen im Gebiet von Lee sofort zur Feather Street zweiundzwanzig zur Unterstützung der Feuerwehr …«

Wieder machte Herbert sich eine Notiz.

»… Wagen achtzehn, bitte melden …«

»… Ich weiß auch nicht, gib ihr ein Aspirin …«

»… tätlicher Angriff mit einem Messer, aber keine ernsthaften …«

»… hier Wagen achtzehn …«

»… wo, zum Teufel, haben Sie gesteckt, Wagen achtzehn …?«

Herberts Blick schweifte vom Schreibheft zu dem Foto auf dem Sims des holzverkleideten Kamins. Das Foto war schmeichelhaft: Vor zwanzig Jahren, als seine Frau ihm dieses Bild gegeben hatte, hatte Herbert dies sehr wohl gewußt; inzwischen aber hatte er es längst vergessen. Seltsamerweise sah er seine Frau vor dem geistigen Auge niemals so, wie sie wirklich gewesen war. Wenn er an sie dachte, stellte er sich immer eine Frau mit makellosem Teint und dezent geschminktem Gesicht vor, wie sie vor dem verblaßten Hintergrund eines Landschaftsbildes in einem Fotostudio posierte.

»… Diebstahl eines Farbfernsehers und Einschlagen einer Schaufensterscheibe …«

In seinem Freundeskreis hatte Herbert als erster »die Frau verloren«, wie die Kumpels es ausdrückten. Seither war zwei weiteren Freunden das gleiche Schicksal widerfahren: Einer war zu einem lustigen Säufer geworden, der andere hatte eine lustige Witwe geheiratet. Herbert hingegen hatte sich in sein Hobby vergraben, den Amateurfunk. Mit der Zeit hatte er eine Vorliebe für den Polizeifunk entwickelt, den er zuerst tagsüber mithörte, wenn er sich nicht gut genug fühlte, um zur Arbeit zu gehen, was ziemlich häufig der Fall war.

»… in der Grey Avenue, Golders Green … ja, tätlicher Angriff …«

Eines Tages, als Herbert die Gespräche der Polizei nach einem Banküberfall mitgehört hatte, rief er bei der Evening Post an. Ein Reporter hatte sich herzlich für Herberts Information bedankt und sich seinen Namen und die Anschrift notiert. Es war ein großer Banküberfall gewesen — eine Viertelmillion Pfund Beute —, und die Story war noch am Abend dieses Tages auf der Titelseite der Post erschienen. Herbert war mächtig stolz gewesen, daß er der Zeitung den Tip gegeben hatte, und noch am gleichen Abend gab er diese Geschichte in drei Kneipen zum besten. Dann vergaß er die ganze Sache. Drei Monate später bekam er von der Zeitung einen Scheck über fünfzig Pfund geschickt. In dem Umschlag hatte außerdem ein Zeitungsausschnitt gesteckt, mit Datum und der Schlagzeile: »ZWEI TOTE BEI 250.000-PFUND-RAUB«.

»… laß gut sein, Charlie. Solange sie keine Beschwerde einlegt, ist es doch egal …«

Am nächsten Tag war Herbert zu Hause geblieben und hatte jedesmal die Post angerufen, wenn er irgend etwas über den Polizeifunk aufgeschnappt hatte. Am Nachmittag wurde er von einem Mann angerufen, der sich als stellvertretender Chef der Nachrichtenredaktion vorstellte. Der Mann erklärte Herbert, was die Zeitung von Leuten wie ihm haben wollte. Herbert solle, sagte der Mann, nicht bei jedem Ladendiebstahl die Post anrufen, sondern nur bei Überfällen, bei denen geschossen wurde und wenn es Verletzte oder, besser noch, Tote gegeben hatte; bei Einbruchsdiebstählen könne er, Herbert, zwar auch anrufen, aber nur dann, wenn die Tat in besseren Wohngegenden wie Belgravia, Chelsea oder Kensington verübt worden sei. Und bei Überfällen solle er sich nur dann melden, wenn Waffen benutzt worden seien oder eine große Summe Bargeld erbeutet wurde.

»… fahren Sie weiter zu Narrow Road dreiundzwanzig, und warten Sie dort …«

Herbert hatte schnell begriffen, worauf es ankam, denn er war kein Dummkopf, und die Post ließ sich nicht lumpen, wenn sie einen heißen Tip bekam. Herbert erkannte rasch, daß er an seinen »Kranktagen« ein bißchen mehr verdienen konnte, als wenn er zur Arbeit ging. Außerdem konnte er sein Hobby zum Beruf machen: Er hörte viel lieber den ganzen Tag Polizeifunk, als Gehäuse für Fotoapparate zu montieren. Bald darauf kündigte Herbert seinen Job und wurde zu einem professionellen »Ohrwurm«, wie die Zeitungen seinesgleichen nannten.

»… du solltest mir jetzt lieber die Beschreibung geben …«

Nachdem Herbert mehrere Tage als Vollzeit-Ohrwurm an seinem Hochleistungsempfänger gearbeitet hatte, besuchte ihn der stellvertretende Chef der Post-Nachrichtenredaktion zu Hause — damals wohnte Herbert noch nicht in dem Studio-Apartment — und führte ein Gespräch mit ihm. Der Mann sagte, daß Herberts Arbeit von großem Nutzen für die Zeitung sei, und ob er Interesse habe, ausschließlich für »sein Blatt« zu arbeiten. Das würde bedeuten, daß Herbert seine Informationen nur noch an die Post liefern dürfe, an keine andere Zeitung. Selbstverständlich würde er einen wöchentlichen Vorschuß erhalten, um seinen Einkommensverlust auszugleichen. Wie gesagt, war Herbert kein Dummkopf; deshalb verlor er natürlich kein Wort darüber, daß er bis dahin noch gar keine andere Zeitung angerufen hatte. Großzügig nahm er das Angebot an.

»… halten Sie die Stellung. In ein paar Minuten schicken wir Ihnen Unterstützung …«

Im Laufe der Jahre hatte Herbert sowohl seine Geräte als auch seine Kenntnisse darüber verbessert, auf welche Informationen die Zeitung scharf war. Herbert machte die Erfahrung, daß die Reporter am Morgen für praktisch alle Informationen dankbar waren; erst im Laufe des Tages wurden sie wählerischer und anspruchsvoller. Ab etwa fünfzehn Uhr mußte schon ein Mord auf offener Straße oder ein spektakulärer Raubüberfall geschehen, am besten mit Gewaltanwendung oder Geiselnahme, um das Interesse der Reporter zu erregen. Außerdem erkannte Herbert, daß die Zeitung — genau wie die Polizei — sich sehr viel weniger für Verbrechen interessierte, die an Farbigen in einer von Farbigen bewohnten Gegend begangen wurden. Nach Herberts Dafürhalten war das ganz normal, denn wie jeden Leser der Evening Post interessierte es ihn nicht besonders, ob die Nigger sich in ihren Londoner Wohnvierteln gegenseitig die Schädel einschlugen. Herbert vermutete — vollkommen zutreffend —, daß auch die Post sich schlicht und einfach deshalb nicht für solche Vorfälle interessierte, weil Leute wie Herbert, die die Post kauften, sich auch nicht dafür interessierten.

Herbert entwickelte nach und nach die Fähigkeit, gewissermaßen zwischen den Zeilen des Polizeifunk-Jargons zu lesen. Er wußte, wann ein »tätlicher Angriff« sich als häusliche Streiterei erwies; er konnte den Unterton der Dringlichkeit in der Stimme der diensthabenden Beamten in der Funkzentrale heraushören — zum Beispiel, wenn die Aufforderung zur Unterstützung eines Kollegen einen verzweifelten Beiklang besaß; er entdeckte, wie man alle störenden Gedanken aussperren konnte, wenn die Polizei über Funk eine lange Liste der Kennzeichen gestohlener Autos durchgab.

Aus dem großen Lautsprecher drang das Klingeln von Herberts Wecker — das Zeichen, daß die Sieben-StundenSpule abgelaufen war. Herbert stellte das Tonband ab. Dann drehte er die Lautstärke des Radios höher und wählte die Nummer der Post. Er nippte an seinem Tee, als er darauf wartete, daß der Hörer abgenommen wurde.

»Post, ‘n Morgen.« Es war eine Männerstimme.

»Die Nachrichten-Direktannahme, bitte«, sagte Herbert. Wieder trat eine Pause ein.

»Nachrichten-Direktannahme.«

»Hallo. Hier Chieseman. Es ist jetzt … null sieben neunundfünfzig Uhr.«

Im Hintergrund war das Klappern von Schreibmaschinen zu hören. »Hallo, Bertie. Hat sich was getan?«

»Scheint ‘ne ruhige Nacht gewesen zu sein«, sagte Herbert.

Teil III

08.00 UHR

Kapitel 7

7

Tony Cox stand in einer Telefonzelle an der Quill Street im Stadtteil Bethnal Green und hatte sich den Hörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt. Er schwitzte in seinem warmen Mantel mit dem Samtkragen. In der Hand hielt er das eine Ende einer Kette, das andere Ende war am Halsband eines Hundes befestigt, der draußen vor dem Telefonhäuschen stand. Auch der Hund schwitzte.

Der Hörer am anderen Ende der Leitung wurde abgehoben, und Tony schob eine Münze in den Schlitz.

Eine Stimme sagte: »Ja?« Der Tonfall ließ darauf schließen, daß die Stimme jemandem gehörte, der sich noch nicht so recht an diese neumodischen Telefone gewöhnt hatte.

»Die Sache steigt heute«, sagte Tony hastig. »Bereite alles vor.« Dann hängte er ein, ohne seinen Namen zu nennen oder eine Antwort abzuwarten.

Er schlenderte über den schmalen Bürgersteig und zog den Hund hinter sich her. Es war ein Boxer mit Ahnentafel, getrimmtem Fell und muskulösem Körper, und Tony mußte kräftig an der Leine zerren, damit das Tier Schritt mit ihm hielt. Der Boxer war stark, aber sein Herrchen war noch viel stärker.

Die Türen des alten Reihenhauses befanden sich direkt an der Straße. An einer dieser Türen, vor der sein grauer Rolls-Royce geparkt war, blieb Tony stehen, dann stieß er sie auf. Die Tür war nie abgeschlossen, denn die Bewohner dieses Hauses hatten keine Angst vor Dieben.

In dem kleinen Haus roch es nach Essen. Tony zerrte den Hund hinter sich her in die Küche und setzte sich auf einen Stuhl. Dann löste er die Kette vom Halsband des Hundes und gab ihm einen Klaps auf den Hintern, worauf das Tier in die Diele verschwand. Tony stand auf und zog seinen Mantel aus.

Ein Wasserkessel stand auf dem Gasherd, und auf einem Stück Ölpapier lagen einige Scheiben Speck. Tony zog eine Schublade auf und nahm ein Messer mit einer dreißig Zentimeter langen Klinge heraus. Behutsam drückte er den Daumen auf die Schneide, um die Schärfe zu prüfen. Das Messer war ihm zu stumpf. Tony ging durch die Hintertür auf den Hof, um das Messer zu wetzen.

In einem angebauten Schuppen stand ein alter Schleifstein. Tony zog sich einen Holzschemel heran und setzte sich davor. Er hatte seinen alten Herrn vor Jahren beim Messerschleifen beobachtet, und nun wetzte Tony die Klinge auf die gleiche Art und Weise, wobei er kräftig in die Pedale trat, um den Schleifstein in Schwung zu halten. Es machte Tony Spaß, eine Arbeit genauso zu tun, wie sie einst sein Vater getan hatte. Er rief sich das Bild seines Alten ins Gedächtnis: ein hochgewachsener Mann, gutaussehend, mit gewelltem Haar und strahlenden Augen, der die Funken vom Schleifstein sprühen ließ, während die Kinder vor Lachen quietschten. Der alte Cox hatte einen Verkaufsstand auf dem Straßenmarkt besessen und Porzellan und Kochtöpfe an den Mann und die Frau gebracht, wobei er seine Waren mit der kräftigen, weittragenden Stimme der Marktschreier angepriesen hatte. Cox senior hatte sich oft einen Spaß daraus gemacht, den Gemischtwarenhändler zu piesacken, der seinen Stand gleich nebenan hatte, zum Beispiel, indem er sagte: »Hast du gesehen? Ich hab’ schon wieder einen Kochtopf für ‘nen halben Lappen verscherbelt. Und wie viele Kartoffeln mußt du armer Hund verscheuern, bis du auch nur zehn Shilling kassiert hast?« Cox senior konnte eine fremde Frau auf zehn Meter Ent fernung entdecken, und wenn das der Fall war, nutzte er sein gutes Aussehen schamlos aus. Einer Dame mittleren Alters mit Haarnetz, zum Beispiel, hätte er zugerufen: »Soll ich Ihnen mal was verraten, Schätzchen? Hier unten, an diesem Ende vom Markt, kriegen wir nicht viele hübsche junge Mädels wie Sie zu Gesicht. Also werde ich Ihnen diesen wunderschönen Kochtopf unter Preis verkaufen und hoffen, daß Sie mich bald wieder beehren. Gucken Sie sich das Prachtstück mal an. Ein Boden aus reinem Kupfer! Ist mein letzter. Mit den anderen Töpfen hab’ ich genug Geld verdient, darum geb’ ich Ihnen den hier für vier … drei … ach, was sag’ ich … für zwei Pfund, weil Ihr Anblick das Herz eines alten Mannes schneller schlagen läßt. Ich hab’ das Doppelte für den Topf bezahlt. Also greifen Sie schnell zu, bevor ich’s mir anders überlege.«

Tony war entsetzt gewesen, wie schnell der Alte sich verändert hatte, nachdem man ihm einen Lungenflügel wegoperieren mußte. Sein Haar war weiß geworden, die Wangen waren eingefallen, und die einst so kräftige Stimme war schwach und quäkend geworden. Nach dem Ableben seines Alten stand die Marktbude von Rechts wegen Tony zu, doch zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits seine eigenen Einnahmequellen. Deshalb hatte er dem jungen Harry den Stand überlassen, seinem stummen Bruder, der mit einem bildschönen Mädchen aus Whitechapel verheiratet war, das die nötige Geduld aufgebracht hatte, die Sprache ihres Mannes zu erlernen und statt mit dem Mund mit den Händen zu reden.

Es brauchte schon eine gehörige Portion Mumm, als Stummer einen Marktstand zu betreiben, das Handeln mit den Kunden über eine Schreibtafel abzuwickeln und eine schlichte Pappkarte mit der Aufschrift DANKE in die Höhe zu halten, sobald man handelseinig geworden war. Doch Harry machte seine Sache so gut, daß Tony ihm Geld lieh, um einige Zeit später einen richtigen Laden eröffnen und einen Verkäufer einstellen zu können. Und auch dieser Laden florierte. Ja, dachte Tony. Mumm liegt bei den Cox’ nun mal in der Familie.

Das Messer war jetzt scharf genug; denn als Tony die Klinge erneut mit dem Daumen prüfte, schnitt er sich. Er steckte den Daumen in den Mund und ging in die Küche.

Seine Mutter war in der Zwischenzeit zurückgekommen.

Lillian Cox war klein und hatte ein bißchen Übergewicht — ihr Sohn hatte die Veranlagung zur Pummeligkeit von ihr geerbt, nicht aber die zur Kleinwüchsigkeit —, und sie hatte mehr Energie als eine Durchschnittsfrau von dreiundsechzig Jahren. Sie sagte: »Ich mach’ dir ein paar Scheiben gebratenen Speck, ja?«

»Wunderbar.« Tony legte das Messer zur Seite und machte sich auf die Suche nach einem Pflaster für die Schnittwunde.

»Sei vorsichtig mit dem Messer, Mom. Ich hab’s ein bißchen zu scharf geschliffen.«

Worauf Mrs. Cox die Schnittwunde entdeckte und einen ziemlichen Aufstand machte. Tony mußte den Daumen unter fließendes kaltes Wasser halten und bis hundert zählen. Dann schmierte seine Mutter eine Salbe gegen Entzündungen darauf, legte ein Stück Mull auf die Wunde, wickelte einen Verband darum und steckte ihn mit einer Sicherheitsnadel fest. Tony stand artig da und ließ die Prozedur widerspruchslos über sich ergehen.

Mrs. Cox sagte: »Du bist ein braver Junge, daß du die Messer für mich wetzt. Aber sag mal, wo bist du eigentlich so früh am Tag gewesen?«

»Ich war mit dem Hund im Park spazieren. Und ich mußte jemanden anrufen.«

Mrs. Cox stieß ein widerwilliges Schnauben aus. »Ich werde nie begreifen, warum du unseren Apparat im Wohnzimmer nicht benutzen willst.«

Tony beugte sich über die Pfanne und schnüffelte am brutzelnden Speck. »Du weißt doch, wie das ist, Mom. Die Polypen könnten das Telefon angezapft haben.«

Sie drückte ihm eine Teekanne in die Hand. »Quatsch! Geh lieber schon mal rüber und schenk uns Tee ein.«

Tony ging mit der Kanne ins Wohnzimmer. Auf dem altersschwachen Tisch lag bereits Besteck für zwei Personen auf der bestickten Tischdecke; daneben standen Salz- und Pfefferstreuer sowie Flaschen mit Ketchup und Soßen.

Tony stellte die Teekanne auf ein Deckchen und setzte sich auf den Stuhl am Kamin, auf dem sein Vater immer gesessen hatte. Dann beugte er sich zur Seite und nahm zwei Tassen und zwei Untertassen aus der Anrichte. Wieder stellte Tony sich seinen Alten vor, wie er bei den Mahlzeiten präsidiert und mit Argusaugen und so manchem derben Spruch für gute Tischmanieren gesorgt hatte. »Nimm die Flossen von der Platte!« raunzte er immer, wenn jemand die Hände auf den Tisch gelegt hatte. Oder wenn Tony die Finger nahm: »Du frißt wie ein Schwein, Sohn! Messer … äh, rechts, Gabel links.«

Nur eins nahm Tony seinem Vater heute noch übel: wie er Mom behandelt hatte. Obwohl sie so hübsch und so liebevoll war, ging der Alte fremd, und manchmal gab er sogar sein ganzes Geld dafür aus, diesen Weibern Gin zu kaufen, statt die Moneten nach Hause zu bringen. Immer, wenn das der Fall war, gingen Tony und sein Bruder zum Smithfield Market, klauten Fettgrieben und verkauften sie für ein paar Shilling an die Seifenfabrik.

»Was ist mit dir?« Mrs. Cox, die soeben ins Zimmer gekommen war, riß Tony aus seinen Gedanken. »Willst du weiterschlafen, oder möchtest du uns den Tee eingießen?« Sie stellte Tony einen Teller hin und setzte sich zu ihm an den Tisch. »Laß nur gut sein. Ich mach’ das schon selbst.«

Tony nahm das Besteck, wobei er das Messer wie einen Bleistift hielt, und begann mit der Mahlzeit. Der Hund lag neben Tonys Stuhl und sah hoffnungsvoll zu seinem Herrchen auf: Es gab Würstchen, Spiegeleier, gebratene Speckscheiben und eingemachte Tomaten, die sich zwar in eine unappetitlich aussehende Matsche verwandelt hatten, aber sehr lecker schmeckten, wie Tony feststellte, als er zuerst eine Gabel voll davon aß, bevor er die Hand nach der Ketchup-Flasche ausstreckte. Nach dem anstrengenden Morgen war er sehr hungrig.

Seine Mutter reichte ihm seine Tasse Tee. »Ich glaube nicht«, sagte sie, »daß du mit dem Telefon recht hast. Dein Vater, Gott hab ihn selig, hatte nie Angst, den Apparat zu benutzen. Er hat schließlich immer darauf geachtet, keine Schwierigkeiten mit der Polizei zu bekommen. Er war ein sehr vorsichtiger Mann.«

Tony runzelte die Stirn. Zu seines Vaters Lebzeiten hatten sie noch gar kein Telefon besessen. Aber er ließ seine Mutter in dem Glauben. Statt dessen sagte er: »Ja. Er war so vorsichtig, daß er als armer Schlucker gestorben ist.«

»Aber als ehrlicher Mann!«

»Bist du sicher?«

»So etwas will ich nie wieder hören! Du weißt verdammt gut, daß dein Vater eine ehrliche Haut war.«

»Du solltest nicht fluchen, Mom.«

»Und du solltest mich nicht ärgern.«

Worauf Tony schweigend weiteraß und seine Mahlzeit beendete. Dann kippte er seinen Tee hinunter und wickelte eine Zigarre aus ihrer Zellophanhülle.

Mrs. Cox beugte sich vor und nahm Tonys Tasse. »Möchtest du noch Tee?«

Tony blickte auf die Uhr. »Nein, danke. Ich muß noch ein paar Dinge erledigen.« Er zündete die Zigarre an und erhob sich. »Hat mich richtig in Schwung gebracht, dein Frühstück.«

Seine Mutter machte schmale Augen. »Hast du wieder ein krummes Ding vor?«

Die Frage ärgerte Tony. Er stieß eine Wolke Zigarrenrauch aus. »Das geht niemanden was an.«

»Tja, du mußt es selbst wissen. Dann mach jetzt, daß du wegkommst. Wir sehen uns später. Und paß auf dich auf.«

Tony schaute seine Mutter für einen Augenblick an. Auch wenn sie nachgab, war sie eine starke Frau. Seit der Vater gestorben war, hatte sie die Familie allein durchgebracht; sie hatte die Fäden bei der Hochzeit ihrer Söhne gezogen; sie hatte sich von dem einen Sohn Geld geliehen, um es dem anderen zu borgen; sie hatte Ratschläge erteilt und dabei ihre Mißbilligung klug genutzt, um Kapital daraus zu schlagen.

Außerdem hatte Mrs. Cox sich erfolgreich allen Bemühungen widersetzt, sie zum Umzug von der Quill Street in einen netten kleinen Bungalow in Bournemouth zu bewegen, weil sie — vollkommen zutreffend — vermutete, daß ihr altes Haus und die damit verbundenen Erinnerungen ein machtvolles Symbol ihrer Autorität darstellten. Früher hatte stets ein Ausdruck monarchischer Arroganz auf ihrem Gesicht mit seiner langen, geraden Nase und dem spitzen Kinn gelegen. Auch jetzt noch, Jahre später, war ihre Miene hoheitsvoll, wenngleich sie die Bitterkeit einer abgedankten Königin widerspiegelte, die eingesehen hatte, daß es besser war, die Zügel der Macht aus der Hand zu geben, und es gleichzeitig bedauerte. Tony erkannte, daß seine Mutter ihn genau deshalb brauchte: Er war jetzt der König, und solange er bei ihr wohnte, befand sie sich in unmittelbarer Nähe des Thrones. Und Tony liebte seine Mutter, weil sie ihn brauchte. Denn außer seiner Mutter brauchte ihn niemand.

Sie stand auf. »Tja, was ist nun? Gehst du jetzt?«

»Äh … ja.« Tony, der völlig in Gedanken versunken war, legte ihr den Arm um die Schultern und drückte sie kurz an sich. Einen Kuß gab er ihr nie. »Tschüs, Mom.« Er nahm seinen Mantel, tätschelte den Hund und verließ das Haus.

Im Innern des Rolls-Royce war es heiß. Tony drückte auf den Knopf des elektrischen Fensterhebers und ließ die Seitenscheibe ein Stück herunter; dann kuschelte er sich in den ledernen Fahrersitz und fuhr los.

Er genoß das Gefühl, in seiner Nobelkarosse zu sitzen, als er sie nun durch die engen Straßen von East End lenkte. Der Kontrast zwischen dem schamlosen Luxus des Rolls-Royce und den schäbigen Mietskasernen und schmutzigen Straßen erzählte die Geschichte von Tony Cox’ Leben. Die Leute starrten den Wagen an — Hausfrauen, Zeitungsjungen, Arbeiter, kleine Gauner — und sagten einander: »Das ist Tony Cox. Der hat’s geschafft.«

Lässig schnippte Tony die Asche von der Zigarrenspitze durch den Fensterschlitz. Ja, er hatte es wirklich geschafft. Mit sechzehn Jahren hatte er sich für sechs Pfund seinen ersten Wagen gekauft. Dreißig Shilling hatte er auf dem Schwarzmarkt für eine Blanko-Zulassung hingelegt. Dann hatte er die Zulassungspapiere auf den Wagen ausgestellt und ihn anschließend für achtzig Pfund weiterverkauft.

Binnen kurzer Zeit betrieb Tony einen schwungvollen Handel mit Gebrauchtwagen, der sich nach und nach zu einem legalen Geschäft entwickelte. Dann verkaufte er seine Gebrauchtwagenhandlung mitsamt des Fahrzeugbestandes und investierte den Gewinn — fünftausend Pfund — ins Wucher- und Schwindelgeschäft.

Das ging so: Mit den fünftausend Pfund eröffnete Tony ein Bankkonto, wobei er als Bürgen den Mann eintragen ließ, dem er seine Gebrauchtwagenhandlung verkauft hatte. Tony nannte dem Bankangestellten seinen richtigen Namen, aber eine falsche Anschrift — dieselbe falsche Anschrift, die er dem Käufer der Gebrauchtwagenhandlung gegeben hatte.

Daraufhin mietete er ein Lagerhaus und zahlte drei Monatsmieten im voraus. Er kaufte Radios, Fernseher und Hi-Fi-Anlagen direkt vom Hersteller — allesamt kleine Lieferungen — und verkaufte die Geräte an Londoner Einzelhandelsgeschäfte weiter. Die Lieferanten wurden auf der Stelle mit Schecks bezahlt, was kräftige Bewegungen auf Tonys Bankkonto zur Folge hatte. Binnen zweier Monate machte er geringe Verluste und erwarb sich den Ruf der Kreditwürdigkeit.

Damit war der Zeitpunkt gekommen, eine Reihe größerer Bestellungen aufzugeben. Die Lieferanten, die Tony bislang prompt mit Schecks über ein paar hundert Pfund bezahlt hatte, gaben sich die Klinke in die Hand, um Tony zu günstigen Kreditzinsen nun Waren im Wert von drei-, viertausend Pfund zu liefern; denn Mr. Tony Cox schien sich zu einem Großabnehmer zu entwickeln.

Als Tonys Lagerhaus von teuren elektronischen Geräten, für die er keinen Penny bezahlt hatte, aus allen Nähten platzte, veranstaltete er einen Räumungsverkauf. Farbfernseher, Plattenspieler, Digitaluhren, Tonbandgeräte, Verstärker und Radios gingen für Dumpingpreise über den Ladentisch; manche Stücke für die Hälfte des durchschnittlichen Einzelhandelspreises. Binnen zweier Tage war das Lagerhaus wie leergefegt und Tony Cox um dreitausend Pfund in bar reicher. Er stopfte das Geld in zwei Koffer, verschloß das Lagerhaus und ging nach Hause.

Trotz der Hitze im Wagen fröstelte Tony, als er an diese alte Geschichte dachte. Ein solches Risiko würde er nie wieder eingehen. Man stelle sich vor, dachte er, einer meiner Lieferanten hätte von dem »Räumungsverkauf« Wind bekommen, oder der Geschäftsführer der Bank hätte mich ein paar Tage später in einer Kneipe gesehen.

Natürlich betätigte Tony sich noch immer sporadisch im Wucher- und Schwindelgeschäft, allerdings benutzte er nun Strohmänner, die einen langen Urlaub in Spanien verbrachten, sobald die Sache über die Bühne war. Niemand bekam Tonys Gesicht zu sehen.

Doch inzwischen waren seine geschäftlichen Aktivitäten sehr viel weiter gefächert: Er besaß Wohnungen in der Londoner Innenstadt, die er zu Wucherpreisen an junge Damen vermietete; ihm gehörten Nachtclubs; ja, er war sogar Manager mehrerer Popgruppen. Einige seiner Projekte waren legal, einige kriminell; andere waren eine Mischform, und wieder andere bewegten sich an der nebulösen Grenzlinie zwischen Recht und Kriminalität, an der sich das Gesetz nicht entscheiden kann, die aber von ehrbaren Geschäftsleuten, die einen Ruf zu verlieren haben, nicht betreten wird.

Natürlich wußten die Bullen über Tony Bescheid. Heutzutage gab es so viele Spitzel, daß es niemand mehr zu einem geachteten Gangster bringen konnte, ohne daß sein Name in einer Akte bei Scotland Yard auftauchte. Doch für die Polizei bestand das Problem darin, an Beweise heranzukommen, zumal es mehrere Scotland-Yard-Beamte gab, die bereit waren, Tony gegen ein Entgelt vorzuwarnen, wenn eine Razzia angesetzt war. Er war nie knauserig, was die Summen betraf, die er in dieses Frühwarnsystem investierte. Jeden August gab es in Benidorm drei oder vier Londoner Polizistenfamilien, die sich auf Tonys Kosten in der Sonne braten ließen.

Aber deshalb vertraute er den Bullen auf seiner Schmiergeldliste noch lange nicht. Sie waren nützlich, klar, aber sie alle redeten sich auch ein, eines Tages ihre Treueschuld bei Vater Staat abtragen zu müssen, indem sie Tony ans Messer lieferten. Auch ein bestochener Polyp war und blieb letztendlich ein Polyp. Deshalb erfolgten alle derartigen Transaktionen nur in bar; es wurden keine Bücher über Schmiergelder geführt, außer in Tonys Kopf, und sämtliche Aufträge wurden seinen Mitarbeitern mündlich übermittelt.

In zunehmendem Maße trat Tony ohnehin nur noch als Makler und Finanzier in Erscheinung, das war sicherer. Zum Beispiel: Ein Hintermann bekam eine Insider-Information und dachte sich einen Plan aus. Daraufhin tat er sich mit einem Ganoven zusammen, der die nötigen Verbindungen besaß, um die erforderlichen Leute und die Ausrüstung zu besorgen. Dann wandten die beiden sich an Tony und erläuterten ihm den Plan. Wenn Tony der Plan gefiel, borgte er den beiden Bargeld für die Bezahlung der Schmiergelder und die Anschaffung der Waffen, Fahrzeuge, Sprengstoffe oder was immer sie brauchten. Wenn sie den Coup gelandet hatten, zahlten sie Tony das Fünf-oder Sechsfache der geliehenen Summe zurück.

Doch der Coup, den Tony am heutigen Tag landen wollte, war nicht so einfach. Diesmal war er Hintermann, Finanzier und Ausübender zugleich und mußte deshalb besonders vorsichtig sein.

Er parkte den Wagen in einer Nebenstraße und stieg aus. In dieser Gegend waren die Häuser größer; schließlich wohnten hier die Vorarbeiter und Handwerker, und nicht die Malocher und Handlanger. Dennoch waren die Gebäude genauso trist und heruntergekommen wie die Bruchbuden an der Quill Street. Die Betonfassaden waren rissig, die hölzernen Fensterrahmen verrottet, und die Vorgärten waren kleiner als der Kofferraum von Tonys Wagen. Nur die Hälfte der Gebäude waren Wohnhäuser, bei den übrigen handelte es sich um Büros, Läden und Lagerhäuser.

Die Tür, an die Tony klopfte, trug ein Schild mit der Aufschrift »B ll rd u d Pool«, weil ein paar Buchstaben von »Billard« und »und« abgefallen waren. Die Tür wurde sofort geöffnet, und Tony trat ins dahinterliegende Zimmer.

Er schüttelte Walter Burden die Hand und folgte ihm die Treppe hinauf. Ein Verkehrsunfall hatte Walter ein lahmes Bein und einen bleibenden Sprachfehler beschert und ihn seines Jobs als Hafenarbeiter beraubt. Tony hatte Walter die Geschäftsführung seiner Poolhalle übertragen; denn er wußte, daß ihm diese Geste — die ihn keinen Penny kostete — gesteigertes Ansehen bei den Bewohnern des East End und Walter Burdens unverbrüchliche Treue und Ergebenheit einbrachten.

Walter fragte: »Willst du ‘ne T-tasse T-tee, T-tony?«

»Nein, danke, Walter. Ich habe gerade gefrühstückt.« In der leicht arroganten Pose des Eigentümers ließ Tony den Blick durch die Halle schweifen, die sich im ersten Stock des Gebäudes befand. Die Billardtische waren mit Tüchern abgedeckt, der Linoleumfußboden war sauber gefegt, und die Queues standen ordentlich in Reih und Glied in den Regalen.

»Du hältst den Laden gut in Schuß, Walter.«

»T-tu’ nur meinen Job, T-tony. Bin ich dir schuldig — und noch viel m-mehr.«

»Ja.« Tony trat ans Fenster und schaute hinunter auf die Straße. Ein blauer Morris 1100 stand ein paar Meter entfernt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. In dem Wagen saßen zwei Personen. Tony grinste zufrieden: Es war richtig gewesen, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. »Wo steht das Telefon, Walter?« fragte er.

»Im Büro.« Walter humpelte zu einer Tür und hielt sie seinem Chef auf. Tony stolzierte hindurch, und Walter schloß die Tür und blieb davor stehen.

Das Büro war winzig und sauber. Tony setzte sich an den Schreibtisch und wählte eine Nummer.

Eine Stimme fragte: »Ja?«

»Hol mich ab«, sagte Tony.

»Bin in fünf Minuten da.«

Tony legte auf. Seine Zigarre war erloschen. Immer, wenn ihn irgend etwas nervös machte, ließ er sein Rauchzeug erlöschen. Mit einem goldenen Dunhill-Feuerzeug zündete er die Zigarre wieder an, dann verließ er das Büro.

Erneut trat er ans Fenster, damit die Bullen ihn sehen konnten. »Also dann, alter Junge, ich muß mich jetzt wieder auf die Socken machen«, sagte er zu Walter. »Sollte es sich einer von den jungen Kripo-Fritzen da unten in dem blauen Wagen in den Kopf setzen, hier an die Tür zu klopfen, dann mach gar nicht auf. In ungefähr ‘ner halben Stunde bin ich wieder zurück.«

»M-mach dir keine Sorgen. Du kannst dich auf mich verlassen, das weißt du doch.« Walter nickte mit dem Kopf wie ein unruhiges Pferd.

»Ja, ich weiß.« Tony legte dem alten Mann kurz die Hand auf die Schulter. Dann ging er in den hinteren Teil der Poolhalle, öffnete die Tür und stieg eilig die Treppe des Notausgangs hinunter.

Im Hof angelangt, umrundete er einen rostigen Kinderwagen, eine schimmelige Matratze und das Wrack eines alten Pkw. Hier und da sproß Unkraut aus den Rissen im Beton hervor. Eine schmuddelige Katze ergriff kreischend die Flucht, als Tony, dessen teure italienische Schuhe schmutzig wurden, sich ihr näherte.

Ein Tor führte vom Hinterhof in eine schmale Gasse. Tony ging zum einen Ende dieser Gasse. Dort angekommen, wartete er. Augenblicke später kam ein roter Fiat mit drei Insassen herangebraust und blieb vor Tony am Bordstein stehen. Tony stieg auf den freien Rücksitz, und der Wagen fuhr sofort wieder los.

Der Fahrer war Jacko, Tonys erster Mann. Neben Jacko saß Einohr-Willie, der inzwischen mehr von Sprengkörpern verstand als vor zwanzig Jahren, als er bei dem Versuch, einen Safe zu sprengen, das linke Trommelfell und einen Teil seiner Hörfähigkeit eingebüßt hatte. Auf der Rückbank, neben Tony, saß Peter »Jesse« James, der zwei Leidenschaften hatte: Schußwaffen und Mädchen mit dicken Titten. Jacko, Willie und Jesse waren tüchtige Leute und fest angestellt in Tonys Unternehmen.

»Wie geht es deinem Jungen, Willie?« fragte Tony.

Einohr-Willie drehte den Kopf und wandte sein gesundes Ohr in Tonys Richtung. »Was?«

»Ich hab’ gefragt, wie es dem jungen Billy geht.«

»Wird heute achtzehn«, sagte Willie. »Ist aber immer noch das gleiche mit ihm, Tony. Er wird’s nie schaffen, allein fertigzuwerden. Die Sozialarbeiterin hat mir und meiner Alten gesagt, wir sollten mal darüber nachdenken, ob wir Billy nicht besser in ein Heim geben.«

Tony stieß ein mitfühlendes Schnalzen aus. Er gab sich immer besondere Mühe, zu Willies schwachsinnigem Sohn nett zu sein; denn Geisteskranke jagten ihm Angst ein. »Aber das wirst du nicht tun, stimmt’s?«

»Ich hab’ zur Frau gesagt: Was weiß ‘ne Sozialarbeiterin denn schon?« erklärte Willie. »Vor allem, wenn sie ‘n Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren ist. Ja, gut, sie war auf ‘ner höheren Schule, aber sie hat trotzdem keine Ahnung von den Gefühlen von ‘nem Jungen, der ja gar nichts dafür kann, daß er nicht ganz richtig in der Birne ist und der …«

»Es ist alles vorbereitet, Tony«, unterbrach Jacko ungeduldig Einohr-Willies Monolog. »Die Jungs sind an Ort und Stelle, und die Wagen stehen bereit.«

»Gut.« Tony blickte Jesse James an. »Wie sieht’s mit den Knarren aus?«

»Ich hab’ zwei Schrotflinten und ‘ne Uzi.«

»Eine was?«

Jesse grinste stolz. »Eine Maschinenpistole, Kaliber neun Millimeter. Israelisches Modell.«

»Interessant«, murmelte Tony.

Jacko sagte: »Da wären wir.«

Tony zog eine Schlägermütze aus der Tasche und setzte sie auf. »Ihr habt die Jungs doch drinnen postiert, oder?«

»Ja«, erwiderte Jacko.

»Es stört mich überhaupt nicht, wenn die Burschen wissen, daß hier ein Tony-Cox-Job abgezogen wird«, sagte Tony. »Aber ich will nicht, daß die Kerle sagen können, sie hätten mich gesehen.«

»Ist klar, Tony.«

Jacko lenkte den Wagen auf einen Schrottplatz. Es war ein bemerkenswert kleiner Platz. Je drei Karosserien von Schrottfahrzeugen waren aufeinandergestapelt und in mehreren ordentlichen Reihen nebeneinander aufgestellt; die ausgeschlachteten Teile der Autos waren säuberlich vor den Reihen aufgehäuft und bildeten eine Säule aus Reifen, eine Pyramide aus Hinterachsen und einen Würfel aus Zylinderblöcken.

In der Nähe des Einfahrtstores standen ein Kran und ein langer Lkw für den Autotransport. Auf dem Gelände des Schrottplatzes, neben einem Sauerstoff-Acetylen-Schneidbrenner, stand ein blauer Ford-Lieferwagen mit Doppelreifen an der Hinterachse.

Der Fiat hielt, und Tony stieg aus. Er war zufrieden. Es gefiel ihm, wenn alles seine Ordnung hatte. Seine drei Mitarbeiter standen herum und warteten darauf, daß ihr Chef irgend etwas tat oder sagte. Jacko zündete sich eine Zigarette an.

»Hast du dich mit dem Eigentümer vom Schrottplatz geeinigt?« fragte Tony.

Jacko nickte. »Er hat den Kran, den Autotransporter und den Schneidbrenner selbst hierhergebracht. Aber er hat keine Ahnung, wozu das alles gut sein soll. Außerdem haben wir ihm was auf die Rübe gegeben und ihn gefesselt, um den Schein zu wahren.« Er begann zu husten.

Tony nahm Jacko die Zigarette aus dem Mund und drückte sie mit dem Absatz in den Matsch. »Von den Dingern kriegst du Husten und landest früh im Grab«, sagte er und nahm eine Zigarre aus der Tasche. »Rauch die hier, und du stirbst als alter Mann.«

Dann ging Tony zurück zum Einfahrtstor des Schrottplatzes. Die drei Männer folgten ihm. Tony stakste vorsichtig über Pfützen hinweg und umrundete schlammige Stellen. Er kam an einem Stapel aus Tausenden ausgedienter Autobatterien vorbei, ging zwischen kleinen Hügeln aus Getriebegehäusen und Kardanwellen hindurch und gelangte schließlich zu dem Kran. Es war ein kleineres Modell mit Raupenketten, das imstande war, einen Pkw, einen Lieferwagen oder sogar einen Kleinlaster in die Höhe zu heben. Tony knöpfte seinen Mantel auf und stieg die Leiter zur Führerkabine hinauf.

Er setzte sich in den Stuhl des Kranführers. Die Rundumfenster erlaubten ihm, den gesamten Schrottplatz zu überschauen. Er war in der Form eines Dreiecks angelegt. Eine Seite des Dreiecks wurde von einer Eisenbahnbrücke gebildet, einem Viadukt aus Ziegelsteinen; unter den Bögen, zwischen den Stützpfeilern, hatte man Lagerräume errichtet. Auf der an die Brücke angrenzenden Seite des Dreiecks befand sich eine hohe Mauer, die den Schrottplatz von einem Kinderspielplatz und einem Trümmergrundstück trennte. Die Basis des Dreiecks schließlich wurde von der leicht gewundenen Straße gebildet, die den Biegungen des Flusses folgte, dessen Ufer sich ein paar Meter hinter der Bankette befand. Es war eine breite, aber wenig befahrene Straße.

Auf der zum Schrottplatz liegenden Seite des Eisenbahn-Viadukts stand ein Schuppen, der aus alten Türbrettern errichtet war, die ein mit Teerpappe vernageltes Dach trugen. In diesem Schuppen hielten sich bereits Tonys Jungs auf. Um einen elektrischen Heizkörper geschart, tranken sie vermutlich Tee und rauchten vor Nervosität und Ungeduld eine Zigarette nach der anderen.

Es war alles in Ordnung. Tony spürte, wie Hochstimmung ihn erfaßte, als sein Instinkt ihm sagte: Die Sache klappt. Er kletterte aus dem Kran.

Mit Absicht verlieh er seiner Stimme einen gleichermaßen gelassenen wie nachdrücklichen Beiklang: »Also, hört zu. Der Transporter fährt nicht immer die gleiche Route. Aus der Innenstadt bis nach Loughton kann man ‘ne Menge verschiedener Strecken nehmen. Aber an dem Schrottplatz hier müssen sie vorbei, wenn sie eine der üblichen Routen nehmen — es sei denn, sie fahren über Birmingham oder Watford. Solche Umwege machen die schon mal. Vielleicht ist heute so ein Tag. Falls der Transporter also nicht hier vorbeikommt, dann gebt den Jungs eine Prämie und schickt sie bis zum nächsten Versuch nach Hause.«

Jacko sagte: »Die Burschen wissen Bescheid.«

»Gut. Gibt es sonst noch was?«

Die drei Männer schwiegen.

Tony erteilte seine letzten Anweisungen. »Jeder trägt seine Strumpfmaske. Jeder trägt seine Handschuhe. Keiner sagt einen Mucks. Kapiert?« Die Männer nickten, als Tony einen nach dem anderen anschaute. Dann sagte er: »Gut. Dann bringt mich jetzt zurück.«

Kein Wort wurde gesprochen, als der rote Fiat durch die kleinen, engen Straßen kurvte und schließlich an der Gasse hinter der Poolhalle hielt.

Tony stieg aus. Dann lehnte er sich an die Beifahrertür und sagte durchs heruntergekurbelte Fenster: »Es ist ein guter Plan, und wenn ihr alles richtig macht, dann klappt’s auch. Es gibt zwar ein paar kleine Haken an der Sache — Sicherheitsleute, Transportbegleiter —, aber wenn ihr die Ruhe bewahrt und eure Sache gut macht, dann kann nichts schiefgehen.«

Er hielt inne und fügte mahnend hinzu: »Und daß ihr mir keinen mit dieser verdammten Maschinenpistole über den Haufen ballert!«

Er ging die Gasse hinunter und betrat die Poolhalle durch die Hintertür. Walter stand an einem der Tische und spielte Billard. Als er die Tür knarren hörte, richtete er sich auf.

»Alles klar, T-tony?«

Tony ging zum Fenster. »Haben die Bullen sich vom Fleck gerührt?« Er sah, daß der Morris noch immer unten an der Straße stand.

»Nee. Haben sich nur zu Tode gequalmt.«

Ein Glück, dachte Tony, daß die Polypen nicht genug Personal haben, um mich nachts genauso scharf zu überwachen wie tagsüber. Die polizeiliche Observierung von neun bis siebzehn Uhr war günstig für Tony, denn sie ermöglichte es ihm, sich Alibis zu verschaffen, ohne seine Aktivitäten ernsthaft einschränken zu müssen. Eines Tages würden die Bullen ihn rund um die Uhr beschatten, aber er würde reichlich Gelegenheit haben festzustellen, wann es soweit war.

Walter wies mit dem ausgestreckten Daumen auf den Billardtisch. »Wie wär’s mit ‘ner Partie?«

»Nein.« Tony wandte sich vom Fenster ab und ging zur Tür.

»Ich habe heute viel zu tun.« Er stieg die Treppe hinunter. Walter humpelte ihm hinterdrein.

»Tschüs, Walter«, sagte Tony, als er hinaus auf die Straße trat.

»Bis dann, T-tony«, sagte Walter. »Gott segne dich, mein Junge.«

Kapitel 8

8

Die Zeitungsredaktion erwachte schlagartig zum Leben. Um acht Uhr war sie noch so still wie eine Leichenhalle gewesen, nur unterbrochen von mechanischen Geräuschen — dem Klappern der Fernschreiber und dem Rascheln der Zeitungen, in denen Cole blätterte. Jetzt hämmerten drei Leute von der Nachrichten-Direktannahme in die Tasten; ein Bürobote pfiff einen Popsong, und ein Fotograf in einem Ledermantel unterhielt sich mit einem Redakteur über ein Fußballspiel. Nach und nach trudelten die Reporter ein. Die meisten hatten bestimmte frühmorgendliche Rituale entwickelt, wie Cole festgestellt hatte: Einer holte sich als erstes einen Becher Tee im Automaten; ein anderer zündete sich eine Zigarette an, und wieder ein anderer schlug zuerst die Seite drei der Sun auf, um sich das Nacktfoto anzuschauen. Jeder hatte bestimmte Gewohnheiten, die ihm halfen, in den Arbeitstag hineinzufinden.

Cole hielt es für richtig, die Reporter ein paar Minuten in Ruhe zu lassen, bevor man ihnen die Arbeit zuwies. Es trug dazu bei, eine halbwegs entspannte Atmosphäre und eine gewisse Ordnung zu schaffen. Cliff Poulson, der Chef der Nachrichtenredaktion und Coles unmittelbarer Vorgesetzter, handhabte die Sache jedoch anders. Poulson, der froschähnliche grüne Augen und einen Yorkshire-Akzent besaß, beherzigte den Wahlspruch: »Laßt uns keine Sekunde Zeit verlieren, Leute.« Seine Vorliebe für spontane Entscheidungen, seine permanente Unrast und seine spröde Aura der Jovialität schufen eine hektische Atmosphäre: Poulson war ein Geschwindigkeitstüchtiger, ein Tempo-Verrückter. Cole konnte sich nicht erinnern, daß ein Artikel schon mal nicht erschienen war, weil jemand sich eine Minute Zeit genommen hatte, genauer darüber nachzudenken.

Kevin Hart war seit nunmehr fünf Minuten in der Redaktion. Er stand in einem gestreiften Anzug, eine Hüfte lässig an die Schreibtischkante gelehnt, da und las im Mirror. Cole rief ihm zu: »Kevin! Ruf bitte beim Yard an, ob es etwas Neues gibt.« Der junge Mann nahm den Hörer ab.

Die Bertie-Chieseman-Tips lagen vor Cole auf dem Nachrichtenschalter: ein dickes Bündel von Durchschlägen. Cole schaute in die Runde. Die meisten Reporter waren inzwischen eingetrudelt. Jetzt wurde es Zeit, sie auf Trab zu bringen. Cole blätterte Berties Informationen durch. Einige Durchschläge spießte er auf einen Metalldorn, andere reichte er mit kurzen Anweisungen an verschiedene Reporter weiter. »Hier, Anna. In der Holloway Road ist gestern nacht ein Streifenbeamter in Schwierigkeiten geraten. Telefoniere mit dem nächsten Bullenkloster und versuch herauszufinden, was da passiert ist. Wenn es um Trunkenheit geht, laß die Sache sausen, es sei denn, es ist Blut geflossen. — Joe, im East End hat es diese Nacht einen Brand gegeben. Ruf die Feuerwache an, und laß dir Genaueres erzählen. — Phillip, für dich habe ich einen Einbruchsdiebstahl in Chelsea. Guck aber vorher im ‘Who is Who’ nach, ob unter dieser Adresse ein Prominenter wohnt. — Barney: ‘Polizei hat einen Iren verfolgt und festgenommen, nachdem sie zu einem Haus in der Queenstown Street in Camden gerufen wurde.’ Ruf beim Yard an und frag nach, ob der Bursche irgendwas mit der IRA zu tun hat.«

An Coles Arbeitsplatz am Redaktionstisch klingelte das Haustelefon. Er nahm den Hörer ab. »Arthur Cole.«

»Was hast du denn heute Schönes für mich, Arthur?«

An der Stimme erkannte Cole den Fotoredakteur. Er sagte: »Im Moment sieht es so aus, als wäre die Abstimmung im Unterhaus der Knüller des Tages.«

»Die Abstimmung? Die ist gestern abend schon im Fernsehen gezeigt worden!«

»Hast du mich angerufen, um mich was zu fragen, oder um mir was zu erzählen?«

»Tja, ich glaube, dann sollte ich jemand in die Downing Street schicken, um ein aktuelles Foto vom Premierminister zu schießen. Gibt es sonst noch was Neues?«

»Ja. Aber das kannst du alles in den Morgenzeitungen nachlesen.«

»Schon gut, Arthur.«

Cole legte auf. Es ist armselig, dachte er, eine Story von gestern als Aufmacher zu bringen. Dennoch tat er sein Bestes, um den Artikel über das Mitbestimmungsgesetz auf den neuesten Stand zu bringen: Zwei Reporter riefen Gott und die Welt an, um Reaktionen darauf zu bekommen. Im Parlament bekamen sie jedoch nur Hinterbänkler an die Strippe, die Unfug redeten und sich zu profilieren versuchten.

Ein Reporter mittleren Alters mit einer Pfeife im Mund rief: »Mrs. Poulson hat gerade angerufen. Cliff kommt heute nicht. Er hat sich Montezumas Rache zugezogen.«

Cole stöhnte: »Wie kann er sich in Orpington den Dünnschiß holen?«

»Zu viel Curry zum Abendessen.«

»Sieh mal an.« Dieser clevere Mistkerl, dachte Cole. Es sah ganz so aus, als wäre heute der langweiligste Tag seit Monaten, was interessante Nachrichten betraf, und Poulson meldete sich krank. Und da der zweite verantwortliche Nachrichtenredakteur Urlaub hatte, war Cole auf sich allein gestellt.

Kevin Hart kam an Coles Tisch. »Beim Yard gibt es nichts Neues«, sagte er. »Es war die ganze Nacht vollkommen ruhig.«

Cole schaute auf. Hart war ungefähr dreiundzwanzig Jahre alt und sehr groß, hatte blondes gewelltes Haar, das er ziemlich lang trug. Cole unterdrückte eine Aufwallung von Zorn.

»Das ist lächerlich«, sagte er. »Bei Scotland Yard gibt es nie eine vollkommen ruhige Nacht. Oder macht die Pressestelle einen Betriebsausflug?«

»Wir könnten eine Story daraus machen«, sagte Hart. »‘Die erste verbrechensfreie Nacht in London seit eintausend Jahren.«’

Harts Schnoddrigkeit machte Cole wütender, als er ohnehin schon war. »Laß dich nie mehr mit einer so blöden Auskunft abspeisen, wenn du beim Yard anrufst! Kapiert?« sagte er scharf.

Hart errötete. Es war ihm peinlich, wie ein Volontär belehrt zu werden. »Soll ich noch mal anrufen?«

»Nein«, sagte Cole, weil er merkte, daß seine Worte gewirkt hatten. »Ich möchte, daß du eine Story schreibst. Du hast doch schon von diesem neuen Ölfeld in der Nordsee gehört, oder?«

Hart nickte. »Das Shield, nicht wahr?«

»Genau. Heute, im Laufe des Tages, wird der Energieminister bekanntgeben, welches Unternehmen die Bohrrechte für dieses Ölfeld bekommt. Schreib die Rohfassung eines Artikels, so daß du ihn nur noch zu überarbeiten und den Namen des Unternehmens einzusetzen brauchst, das die Lizenz bekommt. Mach eine Hintergrundstory daraus — wo das Ölfeld liegt, wie groß es ist, welche Bedeutung die Bohrlizenz für die Firma hat, die den Zuschlag bekommt, auf welcher Grundlage der Minister seine Entscheidungen trifft, und so weiter und so fort. Wir können deinen Artikel heute nachmittag immer noch rausschmeißen und eine vernünftige Meldung in die Lücke setzen, falls sich was Besseres findet.«

»Ist gut.« Hart wandte sich um und ging zur Handbibliothek hinüber. Er wußte, daß ihm dieser langweilige Job als eine Art Strafe aufgebrummt worden war.

Der Junge schluckte die bittere Pille mit Haltung, das muß man ihm lassen, dachte Cole. Für einen Augenblick schaute er dem jungen Reporter hinterher. Oh, Mann, wie ihm die langen Haare und die Gigolo-Anzüge dieses Burschen auf die Nerven gingen. Außerdem war der Grünschnabel ein bißchen zu vorlaut und zu selbstsicher — andererseits brauchte man als Reporter ein gerüttelt Maß an Dreistigkeit.

Cole stand auf und ging zum großen, U-förmigen Tisch der Redakteure hinüber. Vor dem Redakteur fürs Ressort Innenpolitik lagen eine Fernschreibermeldung über die Verabschiedung des Mitbestimmungsgesetzes sowie die ersten Artikel, die Coles Reporter geschrieben hatten. Cole schaute dem Redakteur über die Schulter. Der Mann hatte auf ein Notizblatt die Meldung geschrieben:

MITBESTIMMUNGSGESETZ

UMSTRITTEN

Der Redakteur kratzte sich den Bart und schaute Cole an. »Was halten Sie davon?«

»Nichts. Das ist doch keine Schlagzeile«, sagte Cole. »Tut mir leid, aber ich finde es bescheuert.«

»Ich auch.« Der Redakteur riß das Blatt vom Notizblock, knüllte es zusammen und warf es in einen Mülleimer aus Blech. »Gibt es denn nichts Neues?«

»Noch nicht. Ich habe gerade erst die Tips unserer Ohrwürmer an meine Reporter verteilt.«

Der bärtige Mann nickte und schaute gewohnheitsmäßig auf die Uhr, die vor ihm von der Decke hing. »Dann kann ich nur hoffen, daß ich in den nächsten drei Sekunden etwas Vernünftiges auf den Tisch bekomme.«

Cole beugte sich über ihn, nahm einen Stift und schrieb auf den Notizblock:

ARBEITNEHMER-MITBESTIMMUNG

IN GEFAHR!

Er sagte: »Ein bißchen interpretatorische Freiheit muß erlaubt sein. Wir sind ja nicht die Buchhaltung.«

Der Redakteur grinste. »Suchen Sie ‘nen Job?«

Cole ging zurück an seinen Arbeitsplatz. Annela Sims kam zu ihm und sagte: »Der Vorfall an der Holloway Road war eine Niete. Nur eine Bande Rowdies. Keine Festnahmen, keine Verletzten.«

»Schade«, sagte Cole.

Joe Barnard legte den Telefonhörer auf und rief: »Das mit Feuer war nichts, Arthur! Keine Verletzten!«

»Wie viele Bewohner hatte das Haus?« fragte Cole automatisch.

»Zwei Erwachsene, drei Kinder.«

»Dann ist eine fünfköpfige Familie knapp dem Tode entronnen. Schreib das.«

Phillip Jones sagte: »Arthur? Die ausgeraubte Wohnung in Chelsea gehört Nicholas Crost, einem ziemlich bekannten Geiger.«

»Gut«, erwiderte Cole. »Ruf beim Polizeirevier in Chelsea an und frag dort nach, was gestohlen wurde.«

»Hab’ ich schon.« Phillip grinste. »Eine Stradivari ist verschwunden.«

Cole lächelte. »Braver Junge. Schreib es, und dann fahr nach Chelsea raus. Sieh zu, daß du den niedergeschmetterten Maestro interviewen kannst.«

Das Telefon klingelte, und Cole nahm den Hörer ab.

Obwohl er es niemals zugegeben hätte, machte ihm die Arbeit plötzlich einen Heidenspaß.

Teil IV

09.00 Uhr

Kapitel 9

9

Tim Fitzpeterson hatte keine Tränen mehr, und das viele Weinen hatte nicht mal geholfen. Er lag auf dem Bett, das Gesicht ins feuchte Kissen gepreßt. Jede Bewegung bereitete ihm schreckliche Schmerzen. Er versuchte, an gar nichts zu denken; sein Verstand wies jeden Gedanken zurück wie ein Kneipenbesitzer neue Gäste, wenn sein Lokal gerammelt voll ist. An einem bestimmten Punkt schaltete Tims Hirn sich vollständig aus, und er schlief ein paar Minuten. Doch das Entrinnen vor dem Schmerz und der Verzweiflung war nur von kurzer Dauer, und er wachte wieder auf.

Tim stieg erst gar nicht aus dem Bett, weil er nicht wußte, was er tun oder wohin er gehen sollte, und weil ihm niemand einfiel, dem er gegenübertreten konnte. Also blieb ihm nur eins: liegenbleiben und nachgrübeln, warum die lustvollen Verheißungen ihn so bitter getrogen hatten. Doch Tony Cox hatte mit seiner schmutzigen Bemerkung in gewisser Weise recht gehabt: »Ein so heißes Gerät wie Dizi kriegen Sie nie mehr ins Bett.« Deshalb konnte Tim die immer wieder aufblitzenden Erinnerungen an den schlanken, sich stöhnend unter ihm windenden Körper des Mädchens nicht gänzlich vertreiben. Aber jetzt hatten diese Erinnerungen einen widerlichen bitteren Beigeschmack. Erst hatte sie ihm das Paradies gezeigt, um ihm dann die Tür vor der Nase zuzuschlagen.

Und dieses Biest hatte ihm ihre Ekstase natürlich nur vorgespielt, während er selbst ehrlich gewesen war, was seine Gefühle betraf. Vor wenigen Stunden hatte er noch über ein neues Leben nachgedacht — Gedanken, die einer sexuellen Liebe entsprungen waren, von deren Existenz er gar nichts mehr gewußt hatte. Nun aber kam ihm seine ganze Zukunft plötzlich sinnlos vor.

Er konnte die Kinder draußen auf dem Schulhof hören, wie sie schrien und kreischten und sich zankten, und er beneidete sie um die völlige Trivialität ihres Lebens. Tim rief sich ins Gedächtnis, wie er selbst als Schuljunge ausgesehen hatte, in seiner schwarzen Jacke und der kurzen grauen Hose. Jeden Tag drei Meilen Fußmarsch über Landstraßen in Dorset, um zur Grundschule zu kommen, die nur eine einzige Klasse besessen hatte. Er war der klügste Schüler gewesen, den diese Schule je gehabt hatte — was aber nicht viel besagte. Doch man hatte ihn Arithmetik gelehrt und ihm einen Platz auf dem Gymnasium besorgt, und mehr hatte er nicht gebraucht.

Tim konnte sich erinnern, daß er auf dem Gymnasium regelrecht aufgeblüht war. Er war der Boß einer Bande gewesen, die Sportveranstaltungen und Spiele auf dem Schulhof organisiert und Aufstände im Klassenzimmer angezettelt hatte. Bis er seine Brille bekam.

Das war es: Tim hatte sich zu erinnern versucht, wann er schon einmal im Leben so verzweifelt gewesen war wie jetzt. Nun wußte er es: an dem Tag, als er in der Schule zum erstenmal die Brille tragen mußte. Die Mitglieder seiner Bande waren zuerst bestürzt gewesen, dann erheitert, dann gehässig. In der großen Pause wurde Tim von einer Horde Mitschüler verfolgt, die im Chor ‘Vierauge! Vierauge!’ gerufen hatten — immer wieder. Nach dem Mittagessen hatte Tim versucht, ein Fußballspiel zu organisieren, doch John Willcott hatte gesagt: »Das ist jetzt nicht mehr dein Spiel.« Worauf Tim seine Brille in die Jackentasche gesteckt und Willcott eins aufs Maul gegeben hatte. Doch Willcott war ein großer, starker Kerl, und Tim — der für gewöhnlich von der Kraft seiner Persönlichkeit beherrscht wurde — war kein Kämpfer. Die Sache endete damit, daß Tim mit blutiger Nase im Umkleideraum stand, während Willcott die Spieler der gegnerischen Fußballmannschaften auswählte.

Tim hatte versucht, im Geschichtsunterricht ein Comeback zu starten, indem er vor den Augen von Miß Percival — Old Percy — mit Tinte getränkte Papierbälle nach Willcott warf. Aber die sonst so nachsichtige Old Percy beschloß ausgerechnet an diesem schicksalhaften Tag, die Unnachgiebige herauszukehren, und Tim wurde zum Schulleiter geschickt, um sich sechs Schläge mit der Rute abzuholen. Auf dem Nachhauseweg mußte er sich einem weiteren Kampf stellen, der mit einer weiteren Niederlage endete. Dabei wurde seine Jacke zerrissen, worauf Tims Mutter das Sparschwein ihres Sohnes schlachtete, um von dem Geld — das Tim zur Anschaffung eines Elektronik-Baukastens vorgesehen hatte — eine neue Jacke zu kaufen, was Tim finanziell um ein halbes Jahr zurückwarf. Es war der schwärzeste Tag im Leben des jungen Tim Fitzpeterson gewesen, und seine Führungsqualitäten hatten einen so schweren Schlag erlitten, daß sie erst wieder zum Vorschein kamen, als er die Universität besucht hatte und der Partei beigetreten war.

Zwei verlorene Kämpfe, eine zerrissene Jacke und sechs Schläge mit der Rute — hätte er doch auch jetzt solche Sorgen! Draußen auf dem Schulhof ertönte ein schriller Pfiff, und abrupt wurde der Lärm der Kinder leiser. Ich könnte meine Probleme ebenso rasch beenden, ging es Tim durch den Kopf. Der Gedanke war verlockend.

Wofür habe ich gestern eigentlich gelebt?, fragte er sich. Für meine Karriere, für mein Ansehen, für eine erfolgreiche Regierungsarbeit. Heute kam ihm das alles unwichtig vor.

Am Pfiff auf dem Schulhof erkannte Tim, daß es neun Uhr durch war. Eigentlich hätte er jetzt eine Ausschußsitzung leiten müssen, bei der über die Produktivität verschiedener Arten von Kraftwerken diskutiert werden sollte. Wie hatte er sich jemals für etwas so Bedeutungsloses interessieren können? Dann dachte Tim an sein Lieblingsprojekt: die Erstellung einer Prognose des Energiebedarfs der britischen Industrie bis zum Jahre 2000. Lieblingsprojekt? Jetzt konnte ihn die Sache überhaupt nicht mehr begeistern. Dann dachte er an seine Töchter, und die bloße Vorstellung, den Mädchen gegenüberzutreten, jagte ihm eine Heidenangst ein. Alles war in Scherben gegangen. Was spielte es da noch für eine Rolle, wer bei den nächsten Wahlen siegte? Die Geschicke Großbritanniens wurden ohnehin von Mächten bestimmt, die sich der Kontrolle durch die politisch Verantwortlichen entzogen. Tim hatte schon vor langer Zeit erkannt, daß die Politik ein Spiel war, aber jetzt legte er keinen Wert mehr darauf, mitzuspielen oder gar die Preise einzuheimsen.

Es gab niemanden, mit dem er reden konnte. Keine Menschenseele. Er stellte sich vor, wie es sein würde, wenn er sich seiner Frau anvertraute. »Schatz, ich habe eine Dummheit gemacht. Ich bin dir untreu geworden. Eine Nutte hat mich verführt — ein wunderschönes, anschmiegsames junges Mädchen. Und dann hat sie mich erpreßt …« Julia würde mit Eiseskälte reagieren. Vor dem geistigen Auge sah Tim das Gesicht seiner Frau, wie es den Ausdruck des Ekels und der Verachtung annahm, während alle Gefühle, die sie noch für ihn hegen mochte, in ihrem Innern erstarben. Er würde die Hand nach ihr ausstrecken, und sie würde kreischen: »Rühr mich nicht an!«

Nein, er konnte es Julia nicht sagen. Vielleicht später einmal, wenn er sicher war, daß seine eigenen Wunden verheilt waren … falls sie jemals verheilten. Doch Tim bezweifelte, daß er es so lange durchhalten würde.

Oder gab es jemand anderen, dem er sich anvertrauen konnte? Parteifreunde? Kollegen aus der Fraktion? Nein. Die würden sagen: »Du lieber Himmel, Tim, alter Junge — das tut mir aber schrecklich leid für dich!« Und dann würden sie sich sofort daranmachen, sich eine Rückzugsstellung zu suchen, aus der sie den Angriff auf seinen Posten als Staatssekretär führen konnten, sobald die Affäre ans Tageslicht kam und Tim ging oder gegangen wurde. Und die Kollegen würden dafür sorgen, daß man sie mit keinem von Tims Projekten, mit keiner seiner Entscheidungen in Verbindung bringen konnte. Sie würden sich so selten wie möglich in Tims Gesellschaft sehen lassen. Vielleicht würde der eine oder andere Aspirant auf das Amt des Staatssekretärs sich sogar schon vor Tims Rücktritt öffentlich über ‘Politik und Ethik’ auslassen, um sich den Anstrich moralischer Glaubwürdigkeit zu geben. Doch Tim haßte die Kollegen deshalb nicht; denn seine Vermutungen basierten darauf, was er selbst in einer solchen Situation getan hätte.

Und sein Ministerialdirigent? Er hatte sich mitunter fast wie ein wahrer Freund verhalten. Aber der Mann war noch jung, er konnte nicht wissen, wieviel bei einem Politiker nach zwanzig Jahren Verheiratetsein von ehelicher Treue abhing. Er würde Tim zynisch empfehlen, sich irgendeine glaubwürdige Vertuschungsgeschichte einfallen zu lassen — und die Schäden, die die Seele seines Chefs bereits erlitten hatte, gar nicht zur Kenntnis nehmen.

Vielleicht konnte er mit seiner Schwester reden? Sie war eine Frau aus der Arbeiterklasse, mit einem Schreiner verheiratet, und hatte Tim schon immer ein bißchen beneidet. Nein, sie würde sich an seinem Kummer weiden. Es lohnte sich nicht, nur einen Gedanken daran zu verschwenden.

Und sein Vater war tot, seine Mutter senil.

Bist du denn so knapp an Freunden?, fragte sich Tim.

Was hast du eigentlich mit deinem Leben angefangen, daß du nun ohne einen Menschen dastehst, der fest zu dir hält?

Vielleicht hatte er deshalb niemanden, dem er sich anvertrauen konnte, weil echte Zuwendung immer auf Gegenseitigkeit beruhen mußte, und Tim hatte stets darauf geachtet, daß er jeden Menschen fallenlassen konnte, wenn die Situation es gebot oder wenn der Betreffende sich als entbehrlich erwies.

Nein, er konnte nicht auf Hilfe hoffen. Ihm standen nur die eigenen Mittel zur Verfügung. Was tun wir Politiker, fragte er sich, wenn wir bei Wahlen eine erdrutschartige Niederlage einstecken? Wir nehmen Neuordnungen vor; wir richten uns auf die Jahre ein, die wir als Opposition verbringen müssen; wir hacken vom Fundament der Partei ab, was überflüssig ist, und benutzen unseren Zorn und unsere Enttäuschung als Treibstoff für den Kampf.

Tim hielt in seinem Innern nach Wut und Haß und Bitterkeit Ausschau — nach Regungen, die ihn in die Lage versetzen konnten, Tony Cox den Sieg doch noch streitig zu machen. Doch er fand nur Feigheit und ohnmächtigen Zorn. Aber er hatte schon des öfteren Schlachten verloren und Demütigungen hinnehmen müssen. Außerdem war er ein Mann, und Männer hatten bekanntlich die Kraft, sich nicht unterzukriegen lassen und immer weiterzukämpfen. Oder doch nicht?

Was Tim betraf, hatte er seine Kraft stets aus einem bestimmten Bild geschöpft, das er sich von sich selbst machte: das Bild eines kultivierten Mannes, standhaft, vertrauenswürdig, treu und couragiert; ein Mann, der mit Stolz siegen und mit Würde verlieren konnte. Doch Tony Cox hatte ihm ein neues Bild des Tim Fitzpeterson gezeigt: das Bild eines Mannes, der naiv genug war, sich von einer hohlköpfigen Nutte verführen zu lassen; der so schwach war, daß er gleich bei dem ersten Versuch einer Erpressung einen Vertrauensbruch beging; der so verängstigt war, daß er auf dem Boden kroch und um Gnade winselte.

Tim kniff fest die Augen zusammen, doch dieses Bild drängte sich machtvoll in seinen Geist. Es würde ihn für den Rest seines Lebens verfolgen.

Aber das mußte ja nicht für lange sein.

Zum erstenmal seit vielen Minuten bewegte sich Tim. Er setzte sich auf die Bettkante, dann stand er auf. Da war Blut, sein Blut, auf den Bettlaken — eine demütigende Erinnerung an die jämmerliche Szene mit Tony Cox. Die Sonne stand schon ziemlich hoch am Himmel und schien hell durchs Fenster. Tim hätte das Fenster gern geschlossen, doch die Anstrengung war zu groß für ihn. Er humpelte aus dem Schlafzimmer und ging durchs Wohnzimmer in die Küche. Der Kessel und die Teekanne standen noch dort, wo dieses Weibsstück beides hatte stehen lassen, nachdem sie Tee gekocht hatte. Schlampig, wie sie war, hatte sie ein paar Blätter auf der Arbeitsplatte aus Resopal verstreut, und sie hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Flasche Milch wieder in den kleinen Kühlschrank zurückzustellen.

Der Erste-Hilfe-Kasten befand sich oben in einem hohen, verschlossenen Geschirrschrank, wo kleine Kinder nicht herankommen konnten. Tim zog sich einen Stuhl heran und stieg darauf. Der Schlüssel lag auf dem Schrank. Tim fischte ihn herunter, schloß die Schranktür auf und nahm eine alte blecherne Keksdose, auf deren Deckel die Kathedrale von Durham abgebildet war, aus einem der Fächer.

Dann stieg er vom Stuhl, stellte die Blechdose ab und klappte den Deckel auf. Im Innern entdeckte er Pflaster, Verbandmull, Scheren, eine Salbe gegen Entzündungen, Kolikmittel für Babys, eine Tube Sonnencreme, die in dieser Kiste gar nichts zu suchen hatte, und eine kleine, prall gefüllte Flasche mit Schlaftabletten. Tim nahm die Flasche aus der Blechdose und klappte den Deckel wieder zu. Dann holte er sich aus dem Küchenschrank ein Glas.

Das Aufräumen ersparte er sich. Er stellte die Flasche Milch nicht in den Kühlschrank zurück; er beseitigte die auf der Arbeitsplatte verstreuten Teeblätter nicht; er stellte die Erste-Hilfe-Keksdose nicht zurück, und er verschloß den Geschirrschrank nicht. Diese Mühe kannst du dir sparen, mußte er sich immer wieder selbst erinnern.

Er nahm das Trinkglas und die Tabletten, ging ins Wohnzimmer und stellte beides auf den Schreibtisch, auf dem nur das Telefon stand, denn Tim räumte den Tisch stets ab, wenn er seine Arbeit beendete.

Er klappte die Türen des Schranks unter dem Fernseher auf. Da standen sie, die Getränke, aus denen er ihr einen Drink hatte mixen wollen: Whiskey, Gin, trockener Sherry, ein guter Brandy sowie einige ungeöffnete Flaschen eau de vie prune, die ein Bekannter ihm aus der Dordogne mitgebracht hatte.

Tim entschied sich für den Gin, obwohl er das Zeug nicht mochte.

Tim goß einen kräftigen Schluck in das Glas auf dem Schreibtisch, dann setzte er sich in den Stuhl mit der geraden Rückenlehne.

Er würde nicht den Willen aufbringen, womöglich jahrelang auf den Tag der Rache zu warten, der ihm seine Selbstachtung zurückgeben konnte. In seiner derzeitigen Situation vermochte er Cox nur dann Schaden zufügen, indem er sich selbst einen viel größeren Schaden zufügte. Cox bloßzustellen würde auch ihn bloßstellen.

Aber Tote spüren keinen Schmerz.

Er konnte Cox vernichten und dann sterben.

Unter den gegebenen Umständen blieb Tim keine andere Wahl.

Kapitel 10

10

Derek Hamilton wurde am Bahnhof Waterloo von einem anderen Chauffeur in Empfang genommen, diesmal in einem Jaguar. Der Rolls-Royce — das standesgemäße Gefährt eines Aufsichtsratsvorsitzenden — war im Zuge der Sparmaßnahmen dem Rotstift zum Opfer gefallen. Bedauerlicherweise hatten die Gewerkschaften diese noble Geste nicht zu würdigen gewußt.

Der Chauffeur nahm seine Mütze ab und hielt die Tür auf. Derek stieg ein, ohne ein Wort zu sagen.

Als der Wagen anfuhr, traf Derek eine plötzliche Entscheidung: Er würde nicht geradewegs zum Büro fahren. »Bringen Sie mich zu Nathaniel Fett«, sagte er. »Wissen Sie, wo das ist?«

Der Chauffeur erwiderte: »Ja, Sir.«

Sie überquerten die Waterloo Bridge, bogen in die Aldwych ein und fuhren in Richtung des Londoner Banken- und Börsenviertels. Sowohl Derek als auch Nathaniel Fett hatten die Westminster School besucht: Nathaniel Fett senior hatte — vollkommen zutreffend — vermutet, daß sein Sprößling an dieser Hochschule nicht darunter leiden mußte, daß er Jude war; Lord Hamilton, weil er der Meinung gewesen war, daß sein Sohn Derek sich dort nicht zu einem ‘Upper-class-Trottel’ entwickeln würde, um seiner Lordschaft Worte zu benutzen.

Oberflächlich betrachtet, besaßen die beiden Männer sehr ähnliche familiäre Hintergründe: Beide hatten reiche, dynamische Väter und höchst attraktive Mütter; beide stammten aus Häusern, in denen ein intellektuell geprägter, kultivierter gesellschaftlicher Verkehr gepflegt wurde (häufig kamen Politiker zum Dinner); beide wuchsen in einer Umgebung kostbarer Ölgemälde und ungezählter Bücher auf. Doch als die Freundschaft fester wurde und die beiden jungen Männer nach Oxford wechselten — Fett zu Balliol, Hamilton zu Magdalen —, hatte das Haus der Hamiltons im direkten Vergleich den kürzeren gezogen. Derek hatte erkennen müssen, daß der Intellekt seines Vaters doch relativ beschränkt war. Der tolerante alte Fett diskutierte freimütig über Sozialismus und Kommunismus, abstrakte Malerei und Be-Bob-Jazz, um diese von ihm verhaßten politischen Weltanschauungen, Kunst- und Musikrichtungen anschließend mit chirurgischer Präzision in Stücke zu schneiden. Lord Hamilton vertrat zwar die gleichen konservativen Standpunkte, artikulierte sie jedoch mit der Holzhammer-Methode und den plumpen Klischees einer Rede im Oberhaus.

Auf der Rückbank des Jaguar lächelte Derek still vor sich hin. Er war mit seinem Vater immer zu hart ins Gericht gegangen, aber vielleicht taten das ja alle Söhne. Doch nur wenige Männer hatten sich so gut auf politisches Geplänkel verstanden wie der alte Lord Hamilton. Die Bauernschläue seines alten Herrn hatte Derek zu handfester Macht verholfen, wohingegen Nathaniel Fett senior intellektuell zu abgehoben gewesen war, als daß er es zu wirklichem Einfluß in Staatsangelegenheiten gebracht hätte.

Doch auch Nathaniel junior hatte eine brillante Karriere gemacht, da er die Intelligenz seines Vaters geerbt und genutzt hatte. Den Geldverleih, der von sechs Generationen erstgeborener Söhne mit Namen Nathaniel Fett weitervererbt worden war, hatte Nathaniel der Siebente in eine Handelsbank umgewandelt. Die Leute waren immer schon zu Nathaniel gekommen, wenn sie Rat brauchten, sogar, als er noch zur Schule gegangen war. Inzwischen betätigte Nathaniel sich als Banker, Börsenmakler sowie als Berater bei Unternehmensfusionen, -übernahmen und -auflösungen.

Der Jaguar hielt, und Derek sagte zum Chauffeur: »Warten Sie bitte auf mich.«

Die Büros von Nathaniel Fett waren nicht besonders eindrucksvoll eingerichtet; er hatte es nicht nötig, seinen Reichtum zur Schau zu stellen. An der Eingangstür des Gebäudes, das sich unweit der Bank von England befand, war nur ein kleines Namensschild angebracht. Zur einen Seite der Eingangstür befand sich ein Café, zur anderen ein Tabakladen. Ein nichtsahnender Betrachter hätte Nathaniels Bank- und Börsenhandelsunternehmen für eine kleine — und nicht besonders gutgehende — Versicherungsagentur oder ähnliches gehalten. Aber dieser Betrachter konnte ja nicht ahnen, wie weit allein der Fettsche Immobilienbesitz sich zu beiden Seiten der Straße erstreckte.

Das Innere des Gebäudes war eher zurückhaltend als opulent. Es gab eine Klimaanlage und indirekte Beleuchtung, Teppiche und Tapeten waren in Ehren gealtert. Der nichtsahnende Betrachter hätte wahrscheinlich vermutet, daß die Ölgemälde, die an den Wänden hingen, kostbar waren. Er hätte mit dieser Vermutung recht gehabt — und auch wieder nicht: Die Gemälde waren tatsächlich kostbar, aber sie hingen nicht an den Wänden, sondern waren in Vertiefungen im Mauerwerk eingelassen und wurden von Panzerglasscheiben geschützt; nur die falschen Rahmen waren an der Wand befestigt.

Hamilton wurde umgehend in Fetts Büro im Erdgeschoß geführt. Nathaniel saß in einem Clubsessel und las in der Financial Times. Er stand auf, um seinem Freund die Hand zu schütteln.

Hamilton sagte: »Ich habe dich noch nie an diesem Schreibtisch sitzen sehen. Ich dachte immer, du hättest ihn nur zu Dekorationszwecken aufstellen lassen.«

»Setz dich, Derek. Tee? Kaffee? Sherry?«

»Ein Glas Milch, bitte.«

»Würden Sie wohl so nett sein, Valerie?« Fett nickte seiner Sekretärin zu, und die Frau verließ das Büro, um das Gewünschte zu holen. »Der Schreibtisch … nein, ich benutze ihn nie. Meine gesamte Korrespondenz diktiere ich, und nichts, was ich lese, wiegt so viel, als daß ich es nicht in den Händen halten könnte. Warum also sollte ich an einem Schreibtisch sitzen wie ein Buchhalter in einem Roman von Charles Dickens?«

»Verstehe. Dann ist der Schreibtisch nur Staffage.«

»Diesen Schreibtisch gibt es hier schon länger als mich. Er ist zu groß, als daß man ihn an einem Stück zur Tür hinausbekäme, und zu wertvoll, um ihn zu zerlegen. Ich glaube, der Schreibtisch ist so alt, daß dieses Gebäude damals um ihn herum errichtet wurde.«

Hamilton lächelte. Valerie kam mit dem Glas Milch ins Zimmer und verschwand sofort wieder. Derek nahm einen Schluck und musterte seinen Freund. Fett und sein Büro entsprachen einander: Beide waren klein, aber nicht zwergenhaft; dunkel, aber nicht düster; leger, ohne an Seriosität einzubüßen. Nathaniel trug eine Brille mit dickem Gestell, und sein Haar war pomadisiert. Seine Clubkrawatte war ein Markenzeichen gesellschaftlicher Anerkennung. Diese Krawatte ist das einzig Jüdische an ihm, dachte Derek mit einem Anflug von Ironie.

Er stellte das Glas ab und fragte: »Hast du vorhin in der Financial Times etwas über mich gelesen?«

»Ich habe den Artikel nur überflogen. Die Reaktion war vorauszusehen. Vor zehn Jahren hätte eine so schlechte Bilanz wie die der Hamilton Holdings noch hohe Wellen geschlagen — von A, wie Automobilaktien, bis hin zu Z, wie Zinkpreise. Heutzutage ist deine Holding nur einer von vielen Mischkonzernen, die in Schwierigkeiten stecken. Es gibt ein Wort dafür: Rezession.«

Hamilton seufzte. »Warum tun wir das, Nathaniel?«

»Bitte?« fragte Fett verdutzt.

Derek zuckte die Achseln. »Warum schuften wir uns zu Tode, schlafen zu wenig, setzen Vermögen aufs Spiel?«

»Und bekommen Magengeschwüre.« Fett lächelte, doch seine Haltung hatte sich plötzlich verändert. Die Augen hinter den dicken Brillengläsern waren schmal geworden, und er strich sich mit einer Geste über das pomadisierte Haar, die Derek richtig deutete: Fett schlüpfte in seine Rolle als fachkundiger Mann der Finanzwelt, als freundlicher Ratgeber mit objektivem Standpunkt. Deshalb war seine Antwort von wohlberechneter Unverfänglichkeit. »Warum wir tun, was wir tun? Um Geld zu machen. Warum denn sonst?«

Derek schüttelte den Kopf. Seinem Freund mußte man immer zweimal winken, bevor er ins tiefere Wasser trat.

»Oberprimanerwissen in Wirtschaftslehre«, sagte Derek abfällig. »Ich hätte größere Gewinne gemacht, hätte ich meinen Erbteil verkauft und das Geld aufs Postsparbuch gebracht. Die meisten Menschen, die große Unternehmen besitzen, könnten herrlich und in Freuden von den Zinsen leben, würden sie genau das tun. Warum klammern wir uns so an unser Vermögen? Warum versuchen wir, es zu mehren? Ist es Gier? Die Gier nach Geld, nach Macht, nach Ansehen? Ist es Abenteuerlust? Oder leiden wir alle unter zwanghafter Spielsucht?«

»Ich habe das Gefühl, Ellen hat sich dir gegenüber sinngemäß geäußert«, sagte Fett.

Hamilton lachte. »Das stimmt. Aber es tut mir weh, daß du offenbar der Meinung bist, ich selbst wäre zu solchen Betrachtungen nicht fähig.«

»Oh, ich bezweifle keineswegs, daß du meinst, was du sagst. Aber Ellen hat eine bestimmte Ausdrucksweise, wenn sie bestimmte Dinge in Worte kleidet, die dir durch den Kopf gehen. Trotzdem hättest du Ellens Bemerkung mir gegenüber nicht wiederholt, wäre sie bei dir nicht auf fruchtbaren Boden gefallen, stimmt’s?« Er hielt inne. »Paß gut auf, Derek, daß du Ellen nicht verlierst.«

Für einen Augenblick starrten die Männer sich an. Dann schauten sie beide weg. Im Zimmer war es totenstill. Sie waren im Rahmen ihrer Freundschaft an die Grenze des Persönlichen gestoßen.

Schließlich sagte Fett: »Es könnte sein, daß wir in den nächsten Tagen ein unverfrorenes Angebot bekommen.«

Hamilton war erstaunt. »Wie meinst du das?«

»Jemand könnte auf den Gedanken kommen, daß er dein Unternehmen gewissermaßen als Sonderangebot kaufen kann, weil du über die Halbjahresbilanz schockiert warst und in Panik geraten bist.«

»Was würdest du mir denn empfehlen?« fragte Hamilton.

»Das hängt vom Angebot ab. Aber ich möchte dir den Rat geben, erst einmal abzuwarten. Heute müßten wir erfahren, ob du die Bohrrechte für dieses Ölfeld bekommen hast.«

»Das Shield.«

»Ja. Solltest du den Zuschlag erhalten, werden deine Aktien wieder steigen.«

»Die Aussichten auf Gewinne bleiben trotzdem dürftig.«

»Aber es wäre eine gute Möglichkeit, dein Unternehmen aufzukaufen und anschließend die Vermögenswerte mit Gewinn zu veräußern.«

»Das stimmt«, erwiderte Hamilton nachdenklich. »Ein Spekulant würde sein Angebot noch heute unterbreiten, bevor der Minister seine Entscheidung über die Vergabe der Bohrrechte bekanntgibt. Ein Opportunist würde sein Angebot morgen machen, falls wir die Lizenz bekommen. Ein ernsthafter Investor würde bis nächste Woche warten.«

»Und ein kluger Mann würde ihnen allen einen Korb geben.«

Hamilton lächelte. »Geld ist nicht alles, Nathaniel.«

»Großer Gott!«

»War meine Bemerkung so ketzerisch?«

»Ganz und gar nicht.« Fett war erheitert; seine Augen funkelten hinter den dicken Brillengläsern. »Ich weiß das schon seit Jahren. Aber es überrascht mich, diese Worte aus deinem Munde zu hören.«

»Das überrascht mich selbst.« Hamilton hielt inne. »Nur aus reiner Neugier: Meinst du, wir bekommen die Bohrrechte?«

»Das weiß ich nicht.« Schlagartig wurde die Miene des Börsenmaklers wieder verschlossen. »Hängt davon ab, wie der Minister darüber denkt. Kann sein, daß er einer Firma den Zuschlag gibt, die bereits mit Gewinn arbeitet — als Bonus. Es kann aber auch sein, daß er einem angeschlagenen Unternehmen die Rechte überträgt — als Rettungsring.«

»Hm. Weder noch, vermute ich. Denk daran, wir leiten nur das Syndikat. Was wirklich zählt, ist der Firmenverbund als Ganzes. Die Hamilton Holdings, als der Kopf des Syndikats, verfügt über die erforderlichen politischen Beziehungen und das nötige Wissen, was das Management angeht. Wir beschaffen die erforderlichen Investitionen, statt sie aus eigener Tasche zu bezahlen. Andere Firmen des Syndikats steuern das Fachwissen im Ingenieurwesen bei, die nötige Erfahrung im Ölgeschäft, die erforderlichen Mittel für Transport und Vertrieb und so weiter.«

»Also hast du eine gute Chance.«

Wieder lächelte Hamilton. »Sokrates.«

»Sokrates?«

»Er konnte die Menschen dazu bringen, ihre Fragen selbst zu beantworten.« Hamilton wuchtete seinen massigen Körper aus dem Sessel. »Ich muß jetzt gehen.«

Fett begleitete ihn zur Tür. »Derek, was Ellen betrifft … Ich hoffe, du nimmst mir meinen Rat nicht übel …«

»Nein.« Sie schüttelten sich die Hände. »Dein Rat ist mir lieb und teuer.«

Fett nickte und öffnete die Tür. »Egal, was du tust, Derek — du darfst nicht in Panik geraten.«

»Geht klar.« Erst als er das Gebäude verließ, wurde Hamilton bewußt, daß er diesen Ausdruck seit dreißig Jahren nicht mehr benutzt hatte.

Kapitel 11

11

Die vier Motorradpolizisten bockten ihre Maschinen zu beiden Seiten des Hintereingangs der Bank auf. Einer der Beamten zog einen Ausweis hervor und drückte ihn an die Scheibe des kleinen Fensters neben der Tür. Der Mann im Innern des kleinen Wachraumes studierte den Ausweis eingehend. Dann nahm er den Hörer eines roten Telefons ab und sagte irgend etwas hinein.

Ein schwarzes Transportfahrzeug ohne Aufschrift kam herangefahren und blieb zwischen den vier Motorrädern stehen; die Schnauze des Lieferwagens war dem Eingang des Gebäudes zugewandt. Beide Seitenfenster der Fahrerkabine waren hinter den Glasscheiben zusätzlich mit einem Netz aus Maschendraht bespannt, und die zwei Männer im Transporter trugen polizeiähnliche Uniformen sowie Schutzhelme mit durchsichtigem Visier. Der geschlossene Aufbau des Transporters hatte keine Fenster, obwohl ein dritter Mann im Innern saß.

Die vier Polizisten stiegen wieder auf ihre Motorräder und setzten sich zu beiden Seiten vor und hinter den Lieferwagen, so daß der kleine Konvoi wieder vollständig war.

Das Stahltor am Hintereingang bewegte sich langsam und ratternd in die Höhe, und der Transporter fuhr an. Er gelangte in einen kurzen Tunnel, der von Neonröhren hell erleuchtet wurde. Dann mußte das Fahrzeug vor einem zweiten Stahltor stehenbleiben, das identisch mit dem ersten war. Als der Transporter stand, schloß das erste Tor sich hinter ihm. Die vier Motorradpolizisten blieben vor dem Tor auf der Straße.

Der Fahrer des Transporters kurbelte das Seitenfenster herunter und sprach durch das Maschendrahtnetz in ein Mikrofon auf einem Ständer aus Metall, »’n Morgen«, sagte er fröhlich.

In eine Wand des Tunnels war ein großes Sichtfenster aus kugelsicherem Glas eingelassen. Hinter diesem Fenster sprach ein Mann in kurzärmeligem Hemd und mit wachen, mißtrauischen Augen in ein Mikrofon, das mit dem Mikro draußen neben dem Transporter in Sprechverbindung stand. Da die Worte des Mannes über einen Verstärker gingen, hallte seine Stimme laut und dröhnend im Tunnel wider. »Das Codewort, bitte«, sagte er, ohne den Gruß zu erwidern.

Der Fahrer — er hieß Ron Biggins — sagte: »Obadja«. Der leitende Sicherheitsbeamte, der an diesem Tag für den Ablauf des Transports verantwortlich zeichnete, war Hilfsprediger einer baptistischen Kirchengemeinde.

Der Mann in dem kurzärmeligen Hemd drückte auf einen großen roten Knopf in der weiß angestrichenen Wand hinter ihm, und das zweite Stahltor glitt in die Höhe. Ron Biggins murmelte: »Du arroganter Hurenbock«, und fuhr langsam an. Auch das zweite Tor schloß sich hinter dem Transporter.

Das Fahrzeug befand sich nun in einem fensterlosen Raum tief in den Eingeweiden des Gebäudes. Der größte Teil des Fußbodens wurde von einer Drehscheibe eingenommen. Ansonsten war der Raum vollkommen leer, Decke und Wände waren kahl. Ron lenkte den Transporter langsam auf die markierten Fahrspuren, bis der Wagen genau auf der Drehscheibe stand. Dann stellte er den Motor ab. Die Drehscheibe setzte sich in Bewegung. Das Fahrzeug wurde langsam um hundertachtzig Grad gedreht, und die Scheibe kam wieder zum Stillstand.

Jetzt zeigten die Doppeltüren am Heck des Transporters auf einen Aufzug an der — vom Fahrerhaus gesehen — hin teren Wand. Ron beobachtete im Außenspiegel, wie die Türen des Aufzugs auseinanderglitten und ein bebrillter Mann in schwarzer Jacke und gestreifter Hose erschien. Der Mann hatte einen Schlüssel in der Hand und hielt ihn am ausgestreckten Arm, wie eine Taschenlampe oder eine Schußwaffe. Er schloß die Hintertüren des Transporters auf. Dann wurden die Türen auch von innen geöffnet. Der dritte Wachtmann stieg aus.

Zwei weitere Männer kamen mit einer Metallkiste von der Größe eines Koffers aus dem Lift, schleppten sie zum Transportfahrzeug, hoben sie auf die Ladefläche und machten kehrt, um die nächste Kiste zu holen.

Während der Transporter beladen wurde, schaute Ron sich um. Auch dieser Raum war vollkommen leer. Er besaß zwei Eingänge, und an der Decke waren drei parallele Reihen Neonröhren sowie ein Lüftungsventil für die Klimaanlage angebracht. Es war ein kleiner, kahler und trister Raum. Ron vermutete, daß nur wenige Mitarbeiter der Bank von der Existenz dieses Raumes wußten. Der Lift führte vermutlich nur bis zum Tresorraum, und das vordere Stahltor an der Straße besaß keine erkennbare Verbindung zum Haupteingang der Bank, der sich hinter einer Gebäudeecke an einer anderen Straße befand.

Stephen Younger — der Wachtmann, der im Innern des Transporters gesessen hatte — kam ans Fenster auf der linken Seite des Fahrzeugs, an dem Max Fitch saß, Rons Beifahrer. Stephen sagte: »Ist verdammt viel Knete heute.«

»Kann uns doch egal sein«, erwiderte Ron und warf wieder einen Blick in den Außenspiegel: Sämtliche Kisten waren inzwischen verladen.

Stephen sagte zu Max: »Der Obermacker da drüben, der Kerl mit der Brille und der gestreiften Hose, steht auf Western.«

»Ehrlich?« fragte Max neugierig. Er war zum erstenmal in diesen Gewölben, und der bebrillte Bankangestellte in der gestreiften Hose sah nicht gerade wie John Wayne aus. »Woher weißt du das?«

»Paß mal auf«, sagte Stephen. »Er kommt.«

Der Bankmensch trat neben Rons Fenster und sagte: »Okay, Cowboy, gib die Zügel frei.«

Max prustete und versuchte, einen Lachanfall zu unterdrücken. Stephen ging zum hinteren Teil des Transporters und stieg ein. Der Mann in der gestreiften Hose, der Stephen gefolgt war, schloß hinter ihm die Türen ab.

Dann verschwanden die drei Bankangestellten im Aufzug. Zwei oder drei Minuten lang geschah nichts, dann hob sich das Stahltor. Ron ließ den Motor an und fuhr in den Tunnel. Dort blieb er stehen und wartete, bis das innere Tor sich hinter dem Transporter geschlossen und das äußere Tor sich gehoben hatte. Kurz bevor sie losfuhren, sagte Max über das Mikrofon zu dem sturen und schweigsamen Mann hinter der Panzerglasscheibe: »Bis zum nächstenmal, du Witzbold.«

Der Transporter rollte durch das Tor auf die Straße.

Die Motorradeskorte stand schon bereit, und die Polizisten nahmen wieder ihre Plätze ein: zwei Maschinen setzten sich vor den Lieferwagen, zwei dahinter. Dann fuhr der Konvoi in östliche Richtung.

An einer großen Straßenkreuzung im Osten Londons bog der Lieferwagen auf die A 11 ab. Dabei wurde er von einem hochgewachsenen Mann in einem grauen Mantel mit Samtkragen beobachtet, der sich sofort zur nächsten Telefonzelle begab.

Max Fitch, der Beifahrer des Transporters, sagte: »Rate mal, wen ich gerade gesehen habe, Ron.«

»Keine Ahnung.«

»Tony Cox.«

Rons Miene blieb unbewegt. »Aha. Und wer ist Tony Cox?«

»War früher mal Profiboxer. Ein toller Fighter. Ich hab’ den Kampf gesehen, als er Kid Vittorio in Bethnal Green Bath ausgeknockt hat. Das muß jetzt ungefähr zehn Jahre her sein. Mann, was konnte Tony hinlangen! Ein prächtiger Bursche.«

Max hatte eigentlich Polizist werden wollen, war aber beim Intelligenztest durchgerasselt und daraufhin Mitarbeiter einer Wach- und Schließgesellschaft geworden. Er hatte Unmengen Krimis gelesen — mit dem Erfolg, daß er nun der irrigen Annahme verfallen war, die schärfste Waffe eines Kriminalbeamten wäre die Gabe zu logischen Schlußfolgerungen. Zu Hause, in seiner Freizeit, betätigte Max sich gern als Amateurdetektiv. Beispielsweise hatte er vor kurzem im Aschenbecher eine Zigarettenkippe entdeckt, an deren Filter Spuren von Lippenstift zu sehen waren, worauf er großspurig verkündete, daß berechtigter Grund zu der Annahme bestehe, Mrs. Ashford von nebenan sei in der Wohnung gewesen.

Unruhig verlagerte Max immer wieder sein Körpergewicht auf dem Beifahrersitz. »In solchen Kisten, wie wir sie heute geladen haben, werden immer alte Geldscheine aufbewahrt, nicht wahr?«

»Genau«, sagte Ron geistesabwesend.

»Demnach«, Max’ Gesicht erhellte sich vor Stolz, »fahren wir zur Verbrennungsanlage in Essex. Stimmt’s, Ron?«

Ron antwortete nicht, sondern starrte auf die vier Motorradpolizisten vor und hinter dem Transportfahrzeug und machte ein düsteres Gesicht. Als Chef seines dreiköpfigen Teams war Ron der einzige, dem man den jeweiligen Zielort eines Transportes mitteilte. Jetzt aber dachte er nicht an Max’ Schlußfolgerung oder an die Fahrtroute oder den Auftrag, und erst recht nicht an Tony Cox, den Ex-Boxer. Er versuchte zu ergründen, warum seine Tochter sich ausgerechnet in einen Hippie verliebt hatte.

Kapitel 12

12

In Felix Laskis Bürogebäude in Poultry war nirgends sein Name zu entdecken. Es war ein altes Haus, das Schulter an Schulter mit zwei Nachbarn stand, die architektonisch anders gestaltet waren. Hätte Laski die Genehmigung der Baubehörde bekommen, die Bruchbude abreißen und einen Wolkenkratzer errichten zu lassen, hätte er Millionen scheffeln können. Statt dessen war das alte Gemäuer irgendwie symbolhaft dafür, wie Felix Laski seinen Reichtum hinter einer armseligen Fassade zu verbergen verstand. Doch Laski ging davon aus, daß auf lange Sicht der Druck immer größer wurde, bis irgendwann der Deckel vom Faß der baulichen Einschränkungsvorschriften flog. Außerdem war er ein geduldiger Mann, was Geschäfte anging.

Der Großteil des Gebäudes war vermietet. Die meisten Mieter waren kleine ausländische Banken, die eine Anschrift in der Nähe der altehrwürdigen Bank von England haben wollten. Entsprechend aufdringlich prangten ihre Firmenschilder an den Fenstern, Wänden und Eingängen. In der Öffentlichkeit ging man davon aus, daß Laski Beteiligungen an den Banken besaß, und Laski förderte diese irrige Annahme auf jede nur erdenkliche Weise — das platte Lügen ausgenommen. Außerdem gehörte ihm tatsächlich eine der Banken.

Die Innenausstattung des Gebäudes war seinen Zwecken angemessen, aber billig: robuste alte Schreibmaschinen, angestaubte Aktenschränke, Schreibtische aus zweiter Hand und abgetretene Teppichböden. Wie jeder erfolgreiche Mann mittleren Alters kommentierte auch Laski seine Erfolge gern mit Aphorismen. Sein Lieblingszitat lautete: »Ich gebe kein Geld aus. Ich investiere es.« Dies kam der Wahrheit sogar näher als die meisten anderen Sprüche dieser Art. Laskis Privathaus, eine kleine Villa in Kent, war im Wert gestiegen, seit er sie kurz nach Kriegsende gekauft hatte. Wann immer möglich, legte er seine Mahlzeiten so, daß er sie als steuerlich absetzbare (und erfolgversprechende) Geschäftsessen einnehmen konnte. Und selbst die Gemälde, die er besaß — sie hingen nicht an den Wänden, sondern lagen in einem Safe —, hatte er nur deshalb erworben, weil sein Kunsthändler ihm gesagt hatte, daß sie im Wert steigen würden. Für Laski hatte Geld die gleiche Bedeutung wie die Spielbanknoten beim Monopoly: Er war nicht seiner Kaufkraft wegen darauf versessen, sondern weil man es brauchte, um das Spiel zu spielen.

Dennoch war Laskis Lebensstil nicht gerade bescheiden. Ein Grundschullehrer, zum Beispiel, oder die Frau eines Landarbeiters hätten Laskis Lebensgewohnheiten als unverzeihliche Völlerei und unverschämten Luxus betrachtet.

Das Zimmer, das er als Büro benutzte, war klein und schmucklos. Es war mit einem Schreibtisch ausgestattet, auf dem drei Telefone standen. Hinter dem Schreibtisch stand ein Drehstuhl, davor befanden sich zwei Sessel für Besucher, und an einer Wand stand ein langes, dick gepolstertes Sofa. Auf dem Bücherregal neben dem Wandsafe waren Reihen dicker Bände über Steuer- und Wirtschaftsrecht untergebracht. Es war ein Zimmer ohne jede Ausstrahlung: Es gab keine Fotos geliebter Menschen an den Wänden, keinen aus dem Hilton-Hotel gestohlenen Aschenbecher und kein Geschenk eines wohlmeinenden Enkelkindes, zum Beispiel einen gräßlichen Plastikfederhalter oder eine dieser kitschigen Glaskugeln, in denen der Schnee rieselt, als Briefbeschwerer.

Laskis Sekretärin war ein tüchtiges, übergewichtiges Mädchen, das stets viel zu kurze Röcke trug. Staunenden Besuchern pflegte Laski zu sagen: »Als der liebe Gott den Menschen den Sex-Appeal gegeben hat, war Carol gerade unterwegs, um sich eine Extraportion Gehirn zu holen.« Das war ein guter Scherz, fand Laski, ein richtig englischer Scherz, wie ihn sich Direktoren und Manager in der Kantine der leitenden Angestellten erzählten. Carol war an diesem Morgen um fünf vor halb zehn ins Büro gekommen und hatte festgestellt, daß der Korb mit dem Schild ‘Korrespondenz/Ausgang’ bis obenhin voller Papiere lag, was am gestrigen Nachmittag, als sie Feierabend gemacht hatte, noch nicht der Fall gewesen war. So etwas tat Laski gern, denn es beeindruckte die Mitarbeiter, hielt sie auf Trab und trug dazu bei, der Entstehung von Neid entgegenzuwirken. Carol rührte die Papiere nicht an, bevor sie ihrem Chef Kaffee gekocht hatte. Auch das gefiel Laski.

Er saß auf dem Sofa in seinem Büro, hinter der aufgeschlagenen Times versteckt, die Tasse Kaffee neben sich auf der Armlehne eines Sessels, als Ellen Hamilton hereinkam.

Sie machte leise die Tür zu und schlich auf den Spitzen ihrer Stöckelschuhe über den Teppich, so daß Felix sie erst sah, als sie die Times hinunterdrückte und ihn über den oberen Rand der Zeitung hinweg anschaute. Das plötzliche Rascheln des Papiers ließ Felix heftig zusammenzucken.

Sie sagte: »Mr. Laski.«

Er sagte: »Mrs. Hamilton!«

Sie hob ihren Rock bis zu den Hüften und sagte: »Gib mir einen Gutenmorgenkuß.«

Unter dem Rock trug sie altmodische Strapse, aber kein Höschen. Laski beugte sich vor und rieb sein Gesicht in ihrem struppigen Schamhaar. Sein Herz schlug ein bißchen schneller, und er kam sich herrlich verderbt vor.

Er lehnte sich zurück und schaute sie an. »Du schaffst es immer wieder, daß mir der Sex schmutzig vorkommt«, sagte er. »Das gefällt mir so an dir.« Er faltete die Zeitung zusammen und ließ sie auf den Boden fallen.

Mrs. Hamilton ließ den Rocksaum wieder sinken und sagte: »Manchmal kommt es einfach über mich.«

Er lächelte wissend und ließ den Blick über ihren Körper wandern. Sie war um die Fünfzig, sehr schlank und hatte kleine, spitze Brüste. Die Tatsache, daß ihre Haut alterte, wurde von einer tiefen Bräune kompensiert, die sie den ganzen Winter über auf einer Sonnenbank hegte und pflegte. Ihr Haar war schwarz, glatt und vorteilhaft geschnitten; die grauen Haare, die von Zeit zu Zeit erschienen, wurden in einem exklusiven Frisiersalon in Knightsbridge gekonnt gefärbt. Sie trug ein cremefarbenes Kostüm, sehr elegant, sehr teuer und sehr englisch. Felix konnte nicht anders: Er streckte die Hand aus, schob sie unter Ellens perfekt geschneiderten Rock und ließ sie am Oberschenkel langsam höher wandern. Mit der dreisten Respektlosigkeit des intimen Liebhabers streichelte und kniff er ihre Pobacken. Er fragte sich, ob irgend jemand ihm glauben würde, daß die spröde Gattin des ehrenwerten Derek Hamilton ohne Höschen durch die Gegend lief, so daß ein Felix Laski ihren nackten Hintern betatschen konnte, wann immer er wollte.

Mrs. Hamilton wand sich vor Wonne. Dann schob sie widerwillig seine Hand weg und setzte sich neben ihn auf das Sofa, auf dem sie in den letzten vier Monaten Felix’ wildeste sexuelle Träume hatte in Erfüllung gehen lassen.

Ursprünglich wollte Felix Mrs. Hamilton nur eine winzige Nebenrolle in seinem großangelegten Plan zuweisen, doch sie hatte sich als sehr appetitliche Dreingabe erwiesen.

Felix hatte sie auf einer Gartenparty kennengelernt. Die Gastgeber waren Freunde der Hamiltons, nicht die seinen; doch Felix hatte eine Einladung bekommen, indem er den Gastgebern vortäuschte, finanzielles Interesse an ihrem Maschinenbau-Unternehmen zu haben. Es war ein heißer Julitag. Die Frauen trugen Sommerkleider, die Männer Leinenjacketts; Laski war im weißen Anzug erschienen. Hochgewachsen und schlank, wie er war, noch dazu mit seinem leicht fremdländischen Einschlag, war er der Star bei den Damen, und das wußte er auch.

Für die älteren Gäste stand ein Crocketplatz zur Verfügung, für die jungen Leute ein Tennisplatz und für die Kinder ein Swimmingpool. Die Gastgeber sorgten für einen stetig fließenden Strom von Champagner und Erdbeeren mit Sahne.

Laski hatte seine Hausaufgaben gut gemacht, was die Gastgeber betraf — selbst wenn er heuchelte, tat er es gründlich. Deshalb wußte er, daß diese Leute sich das alles eigentlich gar nicht leisten konnten. Dennoch hatten sie Felix widerwillig eingeladen und auch nur, weil er mehr oder weniger darum gebeten hatte. Wieso, fragte er sich, gibt ein Industriellen-Ehepaar, das knapp bei Kasse ist, eine sinnlose Party für Leute, die es nicht braucht? Englands bessere Gesellschaft gab ihm immer wieder Rätsel auf. Natürlich kannte Felix ihre Spielregeln und verstand deren Logik, aber warum die Leute dieses Spiel spielten, würde er wohl nie begreifen.

Da kannte er sich schon sehr viel besser aus, was die Psychologie von Damen mittleren Alters betraf. Mit der Andeutung einer Verbeugung nahm er Mrs. Hamiltons Hand, und als er sie anschaute, sah er das Funkeln in ihren Augen. Dieses Funkeln — und die Tatsache, daß ihr Gatte ein unansehnlicher, fetter Kloß war, während sie ihre Schönheit im wesentlichen konserviert hatte — genügte Felix, um zu erkennen, daß Mrs. Hamilton einem Flirt nicht abgeneigt war. Eine Frau wie sie verbrachte einen Großteil ihrer Zeit damit, sich die Frage zu stellen, ob sie einen Mann noch richtig scharfmachen konnte. Vermutlich fragte sie sich außerdem, ob sie jemals wieder die lustvollen Freuden des Sex erleben würde.

Laski spielte den europäischen Charmeur alten Schlages so gekonnt, daß jeder zweitklassige Schmierenkomödiant vor Neid erblaßt wäre. Er schob Mrs. Hamilton den Stuhl hin, rief nach dem Sommelier, auf daß er ihr Champagner nachschenke, und berührte sie diskret, aber unablässig: ihre Hand, ihren Arm, ihre Schultern, ihre Hüfte. In diesem Fall bestand keine Veranlassung, mit Raffinesse und Feingefühl vorzugehen, das konnte er spüren. Wenn Mrs. Hamilton tatsächlich verführt werden wollte, dann konnte er seine Bereitschaft, ihr diesen Wunsch zu erfüllen, so deutlich wie möglich signalisieren.

Wenn sie nicht verführt werden wollte, konnte sein ganzes Affentheater ohnehin nichts daran ändern.

Als Mrs. Hamilton ihre Erdbeeren mit Sahne gegessen hatte — Laski aß keine: Speisen zurückzuweisen, bei denen einem buchstäblich das Wasser im Mund zusammenlief, war ein Zeichen von Klasse —, führte er sie von der Villa weg, indem er mit ihr von Gästegruppe zu Gästegruppe schlenderte, dort stehenblieb, wo interessante Konversation geführt wurde, und weiterging, wo gesellschaftlicher Klatsch das Thema war. Mrs. Hamilton machte Felix mit verschiedenen Leuten bekannt, und er hatte die Gelegenheit, sie zwei Börsenmaklern vorzustellen, die er flüchtig kannte.

Sie beobachteten, wie die Kinder im Wasser planschten, und Felix flüsterte ihr ins Ohr: »Haben Sie Ihren Bikini dabei?«, worauf Mrs. Hamilton kicherte. Sie setzten sich in den Schatten einer gewaltigen Eiche und schauten den Tennisspielern zu, die langweilig professionell spielten. Dann schlenderten sie über einen kiesbedeckten Gehweg, der sich durch ein kleines, künstlich angelegtes Wäldchen schlängelte, und als sie von der Villa aus nicht mehr gesehen werden konnten, nahm er ihr Gesicht in beide Hände und küßte sie. Mrs. Hamilton steckte ihm die Zunge in den Mund, schob beide Hände unter seine weiße Anzugsjacke und grub die Finger in seine Brust — mit einer Kraft, daß er nur so staunte. Dann löste sie sich von ihm und blickte verstohlen den Gehweg hinauf und hinunter.

Er sagte hastig: »Gehst du mit mir zu Abend essen? Bald?«

»Sehr bald«, hauchte sie.

Dann gesellten sie sich wieder zu den Partygästen und trennten sich. Mrs. Hamilton ging, ohne Felix auf Wiedersehen zu sagen. Am nächsten Tag mietete er eine Suite in einem Hotel in der Park Lane, und dort bekam sie ihr Abendessen und Champagner. Dann ging er mit ihr ins Bett, und in ebendiesem Bett machte Felix die Entdeckung, daß er sich in Ellen getäuscht hatte. Er hatte mit einer sexhungrigen Frau gerechnet, die man leicht befriedigen konnte. Statt dessen machte er die Feststellung, daß ihre sexuellen Vorlieben mindestens ebenso exotisch waren wie die seinen. Im Laufe der darauffolgenden Wochen trieben sie fast alles im Bett, was Mann und Frau miteinander treiben konnten. Als ihnen die Ideen ausgingen, tätigte Laski einen Anruf, worauf eine zweite Frau erschien, die ihnen neue Betätigungsfelder eröffnete, da sie nun zu dritt waren. Alles, was Ellen tat, tat sie mit der aufrichtigen Freude eines Kindes, das auf dem Rummelplatz plötzlich ein Karussell entdeckt, auf dem man umsonst fahren durfte.

Während Felix in diesen Erinnerungen schwelgte, schaute er Ellen an, als sie nun neben ihm auf dem Sofa in seinem Büro saß. Ein Gefühl der Wärme stieg in ihm auf. Manche Leute, ging es ihm durch den Kopf, würden dieses Gefühl vielleicht als Liebe bezeichnen.

»Was gefällt dir eigentlich an mir?« fragte er.

»Was für eine egozentrische Frage!«

»Ich habe dir aber gesagt, was mir an dir gefällt. Komm, sag schon, was du an mir so gern hast.«

Sie blickte auf seinen Schoß hinunter. »Dreimal darfst du raten.«

Er lachte. »Möchtest du Kaffee?«

»Nein, danke. Ich gehe einkaufen. Wollte nur auf einen kleinen Schmatz bei dir hereinschauen.«

»Du bist ein schamloses Weib.«

Sie grinste träge.

»Wie geht es Derek?«

»Na, wie wohl? Er ist am Boden zerstört. Warum fragst du?«

Laski zuckte die Achseln. »Dein Mann interessiert mich. Ein Mann, der eine Kostbarkeit wie Ellen Hamilton besitzt und sie sich aus den Fingern gleiten läßt.«

Sie schaute zur Seite. »Laß uns über etwas anderes reden.«

»Na gut. — Bist du glücklich?«

Sie lächelte. »Ja. Ich hoffe nur, es bleibt so.«

»Warum sollte es nicht so bleiben?« sagte er leichthin.

»Ich weiß nicht. Ich treffe mich mit dir, und dann rammeln wir wie … wie …«

»Wir rammeln.«

»Bitte?«

»Wir rammeln wie die Hasen. So ist der korrekte Ausdruck in der Jägersprache.«

Sie kicherte. »Du alter Dummkopf. Hach, Gott, ich liebe dich, wenn du so durch und durch preußisch-korrekt bist. Aber das tust du nur, um mich aufzuheitern, nicht wahr?«

»Wir treffen uns und rammeln wie die Hasen. Aber du meinst, daß es so nicht weitergehen kann, oder?«

»Du kannst doch nicht leugnen, daß unsere Beziehung irgend etwas … Unbeständiges hat.«

»Wäre es dir anders lieber?« fragte er vorsichtig.

»Ich weiß nicht.«

Ihm wurde klar, daß es die einzige Antwort war, die sie geben konnte.

»Wäre es dir denn anders lieber?« wollte sie wissen.

Er wählte seine Worte mit Bedacht. »Das ist jetzt das erstemal, daß ich die Gelegenheit habe, über die Fortdauer oder den Abbruch unserer Beziehung nachzudenken, und ich würde sagen …«

»Du redest wie ein Aufsichtsratsvorsitzender, wenn er die Jahresbilanz vorträgt. Hör bitte auf damit und sprich vernünftig.«

»Aber nur, wenn du aufhörst, wie die Heldin in einer Liebesschnulze zu reden. Wo wir gerade von Bilanzen sprechen — ich nehme an, das ist der Grund für Dereks Kummer.«

»Ja. Er glaubt zwar, daß es ihm wegen eines Magengeschwürs so schlecht geht, aber ich weiß es besser.«

»Würde er sein Unternehmen verkaufen? Was meinst du?«

»Ich wollte, er würde es tun.« Sie blickte Laski aufmerksam an. »Würdest du die Hamilton Holdings kaufen?«

»Schon möglich.«

Sie starrte ihn längere Zeit schweigend an. Er wußte, daß sie sich seine Bemerkungen durch den Kopf gehen ließ, die Möglichkeiten einschätzte, seine Motive zu ergründen versuchte. Sie war eine sehr kluge Frau.

Sie beschloß, nicht auf seine Äußerungen einzugehen.

»Tja, ich muß jetzt los«, sagte sie statt dessen. »Ich möchte zum Mittagessen zu Hause sein.«

Beide standen auf. Er küßte sie und betatschte sie dabei mit plumper Lüsternheit am ganzen Körper. Sie steckte ihm einen Finger in den Mund, und er saugte daran.

»Wiedersehen«, sagte sie.

»Ich rufe dich an«, murmelte Laski.

Dann war sie verschwunden. Laski ging zum Bücherregal neben dem Wandtresor und starrte mit leerem Blick auf den Buchrücken vom Verzeichnis der Aufsichtsräte und Direktoren. Ellen hatte auf seine Frage, ob sie glücklich sei, geantwortet: Ja. Ich hoffe nur, es bleibt so. Das mußte er sich genauer durch den Kopf gehen lassen. Sie hatte eine Art, bestimmte Dinge auszudrücken, die ihn nachdenklich stimmte. Sie war eine scharfsinnige Frau. Was also wollte sie? Eine Heirat? Auf seine dahingehende Frage hatte sie geantwortet: Ich weiß es nicht. Und wenngleich sie schwerlich eine andere Antwort hätte geben können — Laski hatte dennoch das Gefühl, daß sie aufrichtig gewesen war.

Und was willst du selbst?, fragte er sich. Willst du sie heiraten?

Er setzte sich hinter den Schreibtisch. Er hatte noch viel zu tun. Er drückte auf die Taste der Gegensprechanlage und sagte zu Carol: »Rufen Sie bitte beim Energieministerium an. Versuchen Sie herauszufinden, wann bekanntgegeben wird, wer die Bohrrechte für das Shield-Ölfeld bekommt. Mich interessiert der genaue Zeitpunkt.«

»In Ordnung«, sagte Carol.

»Anschließend rufen Sie bitte bei Fett und Co. an. Lassen Sie sich den Chef geben, Nathaniel Fett, und stellen Sie ihn zu mir durch.«

»Wird gemacht.«

Laski nahm den Finger vom Knopf und lehnte sich zurück. Wieder fragte er sich: Willst du Ellen Hamilton heiraten?

Plötzlich wußte er die Antwort, und sie erstaunte ihn.

Teil V

10.00 Uhr

Kapitel 13

13

Der Chefredakteur der Evening Post war der irrigen Ansicht, zur »herrschenden Klasse« zu zählen. Als Sohn eines Eisenbahnschaffners war er in den zwanzig Jahren, die seit seinem Schulabschluß vergangen waren, sehr schnell die soziale Leiter hinaufgeklettert. Wenn er sich unsicher fühlte, erinnerte er sich immer selbst daran, daß er kein Geringerer war als der Chef aller Reporter und Redakteure der Evening Post GmbH, und noch dazu ein Meinungsmacher. Außerdem sorgte sein Einkommen dafür, daß er zu den bestverdienenden neun Prozent der britischen Familienoberhäupter zählte. Auf den Gedanken, daß er nie ein Meinungsmacher geworden wäre, hätten seine Meinungen nicht hundertprozentig mit denen des Zeitungsverlegers übereingestimmt, kam er nicht. Auch die Tatsache, daß er seinen Posten der Vergabe durch den Zeitungsverleger verdankte, wurde ihm niemals bewußt. Ebenso blieb ihm die Einsicht verschlossen, daß die ‘herrschende Klasse’ eher durch ihr Vermögen und weniger durch ihr Einkommen definiert wurde. Und er hatte nicht die leiseste Ahnung, daß sein Cardin-Anzug von der Stange, seine gestelzte Ausdrucksweise und seine Villa mit vier Schlafzimmern in Chislehurst ihn in den neidischen Augen eines ausgemachten Zynikers wie Arthur Cole als arroganten Emporkömmling und neureiches Arschloch erscheinen ließen, zu dem Schlägermütze und Fahrradklammern sehr viel besser gepaßt hätten.

Punkt zehn Uhr erschien Cole im Büro des Chefredakteurs. Seine Krawatte war sorgfältig gebunden, seine Ge danken geordnet, sein Zorn gezügelt und seine Liste getippt. In dem Moment, als er das Büro betrat, wurde Cole bewußt, daß er einen Fehler gemacht hatte. Er hätte mit zwei Minuten Verspätung hemdsärmelig und keuchend ins Büro platzen sollen, um den Eindruck zu vermitteln, er hätte sich widerwillig von seinem heißen Stuhl inmitten des wütenden Chaos’ in der Nachrichtenzentrale losgerissen, nur um einem weniger bedeutsamen Angestellten wie dem Chefredakteur einen im Grunde überflüssigen, kurzen Bericht zu erstatten, was in den wirklich wichtigen Abteilungen des Hauses vor sich ging. Aber so etwas fiel Cole immer erst ein, wenn es zu spät war. Sobald es darum ging, sich selbst zu verkaufen, war er schon immer eine ziemliche Niete gewesen. Aber es würde interessant zu beobachten sein, wie die anderen Abteilungschefs und leitenden Angestellten zu dieser morgendlichen Konferenz erschienen.

Die Einrichtung des Büros lag voll im neuesten modischen Trend. Der Schreibtisch des Chefredakteurs erstrahlte in leuchtendem Weiß, und die Sessel am Konferenztisch waren nach neuesten ergonomischen Gesichtspunkten gestaltet. Vor den Fenstern befanden sich vertikale Jalousien, der Boden war mit einem blauen Teppich bedeckt, und die Bücherschränke waren aus Aluminium und Kunststoffharz mit Türen aus Rauchglas. Auf einem Beistelltisch lagen Exemplare sämtlicher englischer Morgenzeitungen sowie ein Stapel von Evening Post-Ausgaben des Vortages.

Der Chefredakteur saß hinter seinem weißen Schreibtisch, rauchte eine dünne Zigarre und las im Mirror. Beim Anblick der Zigarre stieg in Cole das wilde Verlangen nach einer Zigarette auf. Hastig steckte er sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund, um die schlimmsten Qualen zu mildern.

Dann kamen die anderen Konferenzteilnehmer gleichzeitig ins Büro: der Chef der Fotoredaktion, in engsitzendem Hemd und mit schulterlangem Haar, um das viele Frauen ihn beneidet hätten; der Chef der Sportredaktion, in Tweedjacke und fliederfarbenem Hemd; der Redakteur für Sonderbeiträge, mit Pfeife und einem permanenten leichten Grinsen, und der Vertriebsleiter, ein junger Mann in makellosem grauen Anzug, der seine Karriere als Außendienstverkäufer von Lexika begonnen hatte und in nur fünf Jahren in die schwindelnden Höhen seiner jetzigen beruflichen Position gelangt war. Für ein dramatisches Erscheinen in allerletzter Minute sorgte der Chef der Druckerei, ein kleiner Kerl mit kurzgeschorenem Haar, Hosenträgern und einem Bleistift hinter dem Ohr.

Als alle Platz genommen hatten, warf der Chefredakteur den Mirror auf den Beistelltisch und ruckte in seinem Stuhl näher an den Schreibtisch heran. »Die erste Auflage ist noch nicht fertig?« fragte er.

»Nein.« Der Druckerei-Boß schaute auf die Armbanduhr. »Wegen eines Defekts an einer Rotationsmaschine haben wir acht Minuten verloren.«

Der Chefredakteur ließ den Blick zum Vertriebsleiter schweifen. »Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Abteilung?«

Auch der Vertriebsleiter schaute auf die Uhr. »Wenn es nur acht Minuten sind und wenn wir die Zeit bis zur nächsten Auflage wieder hereinholen, könnten wir’s verkraften.«

»Mir scheint, wir haben jeden Tag einen Defekt an einer der verflixten Rotationsmaschinen«, sagte der Chefredakteur.

»Das liegt an dem Klopapier, auf dem wir drucken müssen«, erwiderte der Druckerei-Boß leicht eingeschnappt.

»Tja, nun, damit müssen wir so lange leben, bis wir wieder schwarze Zahlen schreiben.« Der Chefredakteur nahm eine Kopie der Liste, die Cole ihm auf den Schreibtisch gelegt hatte. Auf dieser Liste waren die neuesten Artikel für die aktuelle Ausgabe verzeichnet. »Hm«, sagte er. »Aber es sieht nicht so aus, als wäre diesmal etwas dabei, das unsere Auflagenzahl in die Höhe treiben könnte, Arthur.«

»Es ist ein ruhiger Morgen. Aber mit ein bißchen Glück bekommen wir bis Mittag eine Kabinettskrise.«

»Und die würde bei dieser beschissenen Regierung sowieso keinen Menschen interessieren.« Der Chefredakteur las die Liste weiter. »Die Stradivari-Story gefällt mir.«

Cole fuhr mit dem Zeigefinger die Liste entlang und sagte zu jeder Story einige erläuternde Worte. Als er fertig war, erklärte der Chefredakteur: »Tja, es ist kein einziger Knüller dabei. Und es gefällt mir nicht, daß wir jeden Tag mit einem politischen Artikel aufmachen. Die Leser erwarten von uns, daß wir ‘alle Facetten des Londoner Tagesgeschehens’ beleuchten, um unseren eigenen Werbespruch zu zitieren. Können wir aus dieser Stradivari vielleicht eine Ein-Millionen-Pfund-Violine machen? Oder geht das nicht?«

»Das ist … nicht übel«, sagte Cole. »Aber ich bezweifle, daß das Ding so viel wert ist. Aber wir können es trotzdem versuchen.«

Der Druckerei-Boß sagte: »Wenn es mit englischen Pfunden nicht geht, dann versuch’s doch mit ‘die Millionen-Dollar-Geige’. Oder noch besser, ‘die Millionen-Dollar-Fiedel’.«

»Ausgezeichnete Idee!« sagte der Chefredakteur. »Also, jemand besorgt aus der Bibliothek das Foto einer Stradivari. Außerdem führen wir Interviews mit drei Top-Geigern … Wir fragen sie … wir fragen sie, wie sie sich fühlen würden, wenn ihnen ihr Lieblingsinstrument abhanden käme.« Er hielt kurz inne. »Außerdem möchte ich einen großen Artikel über diese Ölfeld-Lizenz. Die Leute inter essieren sich für Öl aus der Nordsee — schließlich wird es als letzte Hoffnung für die marode englische Wirtschaft betrachtet.«

Cole sagte: »Das Energieministerium wird um halb eins bekanntgeben, welches Unternehmen die Bohrrechte bekommt. Ich schlage vor, wir bringen bis dahin irgendwelches Hintergrundmaterial, damit die Sache heiß bleibt.«

»Aber seien Sie vorsichtig. Unsere eigene Muttergesellschaft ist eine der Mitstreiterinnen um die Bohrrechte, falls Sie das noch nicht wissen sollten. Denken Sie daran, daß eine Ölquelle nicht sofort Gewinne heraussprudelt, wenn man sie angebohrt hat. Eine solche Quelle bedeutet zunächst einmal, daß man über viele Jahre hinweg gewaltige Summen investieren muß.«

»Sicher, sicher.« Cole nickte.

Der Vertriebsleiter wandte sich an den Chef der Druckerei.

»Ich schlage vor, wir drucken sofort Straßenplakate über diese Violinen-Story und den Brand im East End …«

Geräuschvoll wurde die Tür geöffnet, und der Vertriebsleiter verstummte. Alle blickten auf und sahen Kevin Hart im Türeingang stehen. Er schaute so aufgeregt drein wie ein Kind unter dem Christbaum. Cole stieß einen innerlichen Seufzer aus.

Hart sagte: »Ähm … es tut mir leid, daß ich Sie störe, aber ich glaube, wir haben etwas Fettes an der Angel.«

»Und was?« fragte der Chefredakteur stirnrunzelnd.

»Ich habe gerade einen Anruf von Timothy Fitzpeterson bekommen, dem Staatssekretär im …«

»Ich weiß, wer er ist«, sagte der Chefredakteur. »Was hat er gesagt?«

»Er behauptet, von zwei Personen namens Laski und Cox erpreßt zu werden. Seine Stimme hat sich angehört, als wäre er völlig am Boden zerstört. Er …«

Wieder wurde Hart vom Chefredakteur unterbrochen. »Kennen Sie Fitzpetersons Stimme?«

Der junge Reporter errötete heftig. Offensichtlich hatte er nicht mit einem Kreuzverhör gerechnet, sondern einen freudigen und wilden Ausbruch hektischer Aktivität erwartet.

»Ich habe jedenfalls noch nie mit ihm gesprochen«, sagte er.

Cole warf ein: »Heute morgen habe ich eine ziemlich schäbige anonyme Information über Fitzpeterson bekommen. Ich habe die Sache nachprüfen lassen. Fitzpeterson hat es entschieden abgeleugnet.«

Der Chefredakteur verzog das Gesicht. »Die Sache stinkt«, sagte er. »Wir lassen die Finger davon.«

Der Druckerei-Boß nickte zustimmend. Hart blickte niedergeschlagen drein.

Cole sagte: »In Ordnung, Kevin. Wir reden darüber, sobald wir hier fertig sind.«

Hart verließ das Büro und schloß die Tür hinter sich.

»Das ist aber ein leicht zu begeisternder junger Mann«, bemerkte der Chefredakteur.

»Er ist kein Dummkopf«, sagte Cole, »aber er muß noch viel lernen.«

»Dann bringen Sie’s ihm bei«, erwiderte der Chefredakteur.

»Also, weiter. Wie sieht es in der Fotoredaktion aus?«

Kapitel 14

14

Ron Biggins dachte an seine Tochter, und das war ein Fehler. Statt dessen hätte er an den Transporter denken sollen, den er fuhr, und an dessen Fracht: alte Banknoten, angeblich im Wert von mehreren hunderttausend Pfund — zerknitterte, vollgekritzelte, angerissene, vollkommen verdreckte Geldscheine, die nur noch dazu taugten, in der Verbrennungsanlage der Bank von England in Laughton, Essex, vernichtet zu werden. Doch im Grunde konnte man es Biggins nachsehen, daß er mit den Gedanken woanders war; denn eine Tochter ist schließlich wichtiger als schnöde Banknoten, und wenn es sich um die einzige Tochter handelt, ist sie eine Königin, und wenn es sich noch dazu um das einzige Kind handelt, ist es das Wichtigste im Leben eines Mannes.

Schließlich, ging es Ron Biggins durch den Kopf, verbringt ein Mann sein halbes Erwachsenenleben damit, die Tochter großzuziehen — in der Hoffnung, daß ihr ein solider, ehrlicher, strebsamer junger Bursche über den Weg läuft, wenn sie in das entsprechende Alter kommt. Ein junger Mann, der sich genauso um sie kümmert, wie der Vater es getan hat. Aber kein ständig besoffener, stinkiger, schmutziger, langhaariger, Hasch rauchender, arbeitsloser Scheißherumtreiber …

»Was?« fragte Max Fitch.

Abrupt wurde Roy aus seinen Gedanken gerissen. »Hab’ ich was gesagt?«

»Du hast irgendwas gemurmelt«, sagte Max. »Geht dir was durch den Kopf?«

»Könnte sein, mein Junge«, sagte Ron und dachte: Wahrscheinlich ging mir ein Mord durch den Kopf. Aber er wußte natürlich, daß das ein bißchen übertrieben war. Langsam beschleunigte er das Fahrzeug, um den Abstand zwischen dem Transporter und den Motorrädern der Polizei wiederherzustellen.

Mehr als einmal wäre Ron dem arbeitsscheuen Schweinekerl am liebsten an die Gurgel gefahren. Zum Beispiel als er gesagt hatte: »Ich und Judy haben uns überlegt, daß wir am besten ‘ne Zeitlang zusammenwohnen, damit wir sehen, ob’s mit uns beiden was werden kann.« Der Mistkerl hatte es so beiläufig gesagt, als wollte er mit Judy ins Kino gehen.

Und dieser Penner war zweiundzwanzig, fünf Jahre älter als Judy! Gott seit Dank war sie noch minderjährig und mußte ihrem Vater von Rechts wegen gehorchen. Ihr Hippie-Freund — er hieß Lou — hatte im Wohnzimmer gesessen, als er diesen Vorschlag machte, und nervös aus der schmuddeligen Wäsche geguckt. Er trug ein unbeschreibliches Hemd, eine ausgefranste Jeans mit einem seltsam verzierten Ledergürtel, der an ein mittelalterliches Folterinstrument erinnerte, und Sandalen ohne Socken, so daß man seine schmutzigen Schweißfüße sehen konnte. Als Ron den Penner gefragt hatte, womit er seinen Lebensunterhalt verdiene, hatte er sich als arbeitslosen Dichter bezeichnet, worauf Ron den Verdacht hegte, daß dieser kleine Hurensohn ihn auf die Schippe nehmen wollte.

Nach Lous Bemerkung über das ‘Zusammenleben auf Probe’ mit Judy hatte Ron den Penner aus der Wohnung geschmissen. Aber damit hatte der Ärger erst richtig angefangen. Zuerst hatte Ron seiner Tochter erklärt, daß sie nicht mit Lou zusammenleben dürfe, weil sie sich ihre Unschuld für den zukünftigen Ehemann bewahren müsse, worauf Judy ihm ins Gesicht gelacht und gesagt hatte, daß sie schon mindestens ein halbes dutzendmal mit Lou ins Bett gegangen sei — immer dann, wenn sie angeblich die Nacht bei einer Freundin in Finchley verbracht hatte. Der fassungslose Ron hatte erwidert, daß sie ihm jetzt wohl auch noch anvertrauen würde, daß sie schwanger sei, worauf Judy sagte, er solle sich nicht so dämlich anstellen; seit ihrem sechzehnten Geburtstag nähme sie die Pille, nachdem die Mutter mit ihr zur Familienberatungsstelle gegangen sei. In diesem Augenblick war Ron drauf und dran gewesen, seine Frau zum erstenmal in zwanzig Ehejahren zu verprügeln.

Ron hatte einen Kumpel bei der Polizei gebeten, Nachforschungen über einen Louis Thurley, Weißer, Alter zweiundzwanzig, arbeitslos, wohnhaft Barracks Road, Harringey, anzustellen. Die Durchsicht der Akten hatte ergeben, daß Lou zweimal vorbestraft war: einmal wegen Genuß von Haschisch beim Pop-Festival in Reading, ein andermal wegen Ladendiebstahls in einem Lebensmittelgeschäft in Muswell Hill. Diese Information hätte eigentlich reichen müssen, um das Kapitel Lou endgültig abzuschließen. Aber Lous finstere Vergangenheit konnte Rons Frau nicht überzeugen, und Judy sagte nur, daß sie bereits alles über diese beiden Vorfälle wisse. Sich ‘einen Joint reinzuziehen’, sollte ohnehin straffrei sein, erklärte sie. Und was den Ladendiebstahl angehe: Lou und seine Freunde hätten im Grunde gar nichts geklaut, sie hätten bloß in dem Lebensmittelgeschäft auf dem Fußboden gehockt, Schweinefleischpasteten aus einem Regal genommen und sie gegessen, als plötzlich die Polizei gekommen sei und sie verhaftet habe. Lou und seine Freunde hätten das nur getan, weil sie Hunger, aber kein Geld hatten. Judy schien ein derartiges Verhalten für vollkommen normal, ja, vernünftig zu halten.

Da Ron es einfach nicht schaffte, seine Tochter zur Vernunft zu bringen, erteilte er ihr schließlich ein abendliches Ausgehverbot. Judy nahm es gelassen hin. Sie würde gehorchen, erklärte sie, und in vier Monaten — dann wurde sie achtzehn — in Lous Einzimmerwohnung ziehen und dort mit ihm, seinen drei Freunden und deren gemeinsamer Freundin zusammenleben.

Ron war am Boden zerstört. Seit einer Woche zermarterte er sich das Hirn, um eine Lösung des Problems zu finden, doch bis jetzt war ihm noch keine Möglichkeit eingefallen, wie er das Mädchen davor bewahren konnte, ein Leben in Elend zu führen — denn nichts anderes stand ihr bevor; das war für Ron so sicher wie das Amen in der Kirche.

Das kam dabei herum, wenn ein junges Mädchen dem falschen Kerl auf den Leim ging! Schaudernd hatte Ron sich Judys zukünftiges Leben vorzustellen versucht. Der arbeitslose Dichter sitzt zu Hause vor der Glotze und pumpt sich mit Haschisch und Schnaps voll, während Judy malochen geht. Ab und zu macht der Kerl einen Bruch, um sich Fusel und Hasch besorgen zu können. Dann kriegen sie ein, zwei Kinder, und Judy muß den Job an den Nagel hängen. Ihr Mann wird geschnappt und wandert für ein paar Jahre in den Knast, und plötzlich sitzt das arme Mädchen allein mit den Bälgern da und muß versuchen, eine Familie von der Sozialhilfe und ohne Ehemann über Wasser zu halten.

Ron hätte sein Leben für Judy gegeben — er hatte achtzehn Jahre seines Lebens für sie gegeben —, und nun dankte sie es ihm, indem sie alles fortwarf, was Ron verkörperte, und ihm ins Gesicht spuckte. Er hätte geweint, hätte er sich daran erinnern können, wie das geht.

Diese Gedanken ließen Ron einfach nicht los, und so beschäftigten sie ihn um 10 Uhr 16 an diesem Morgen noch immer. Deshalb bemerkte Ron den Hinterhalt nicht schon früher, doch sein Konzentrationsmangel hatte ohnehin kaum Auswirkungen auf die Geschehnisse in den nächsten Minuten.

Unter einer Eisenbahnbrücke bog Ron auf eine lange, gewundene Straße ab, die parallel zum Fluß verlief, der sich auf der linken Seite der Straße befand; zur Rechten lag ein Schrottplatz. Es war ein milder, klarer Tag, deshalb hatte Ron keine Probleme, den großen Autotransporter zu sehen, als er der sanften Krümmung der Straße folgte. Der Hänger des Lkw besaß zwei Ladeflächen, die bis obenhin mit verschiedenen Schrottfahrzeugen beladen waren. Der Fahrer hatte offenbar Schwierigkeiten, das lange Gefährt rückwärts durch die Toreinfahrt auf den Schrottplatz zu lenken.

Zuerst sah es so aus, als würde der Lastwagen es rechtzeitig schaffen, bevor der kleine Konvoi am Tor des Platzes anlangte. Aber der Fahrer hatte offensichtlich einen falschen Einschlagwinkel gewählt; denn er mußte den Laster ein Stück nach vorn setzen, wobei er die Straße blockierte.

Die beiden Motorradpolizisten, die vor Rons Transporter fuhren, hielten an. Ron bremste und blieb dicht hinter ihnen stehen. Einer der Polizisten schwang sich von seiner Maschine, bockte sie auf, sprang auf das Trittbrett am Führerhaus des Autotransporters und rief dem Fahrer irgend etwas zu. Der schwere Motor des Lastwagens dröhnte donnernd auf, und schwarzer Rauch schoß aus dem Auspuff.

»Gib der Zentrale durch, daß wir einen unvorhergesehenen Stop einlegen müssen«, sagte Ron zu Max. »Es ist besser, wenn wir uns genau an die Vorschriften halten.«

Max nahm das Mikrofon des Funkgeräts aus der Halterung.

»Konvoi an Obadja -Einsatzleitung, bitte kommen.«

Ron betrachtete den Lastwagen, der mit einem merkwürdigen Sammelsurium verschiedener Fahrzeuge beladen war: ein alter grüner Lieferwagen mit dem Schriftzug ‘Coopers Metzgerei — Meisterbetrieb’ auf einer Seitenwand des Aufbaus; ein verbeulter Ford Anglia ohne Reifen; zwei aufeinandergestapelte VW-Käfer, und schließlich, auf der oberen Ladefläche, ein großer, weißer australischer Ford sowie ein neu aussehender Triumph. Die ganze Sache machte einen bedrohlich wackeligen Eindruck, besonders die beiden Käfer in ihrer rostigen Umarmung — sie sahen wie zwei riesige Insekten aus, die es miteinander trieben. Ron blickte nach vorn zum Führerhaus des Lkw: Der Motorradpolizist bedeutete dem Fahrer durch Handzeichen, den Laster zurückzusetzen und dem Konvoi Platz zu machen.

Max wiederholte: »Konvoi an Obadja-Einsatzleitung! He, pennt ihr?«

So nah am Fluß müssen wir an einer ziemlich tiefen Stelle an der Strecke sein, ging es Ron durch den Kopf. Vielleicht ist die Funkverbindung deshalb so schlecht. Wieder betrachtete er die Fahrzeuge auf dem Laster, und jetzt erst fiel ihm auf, daß sie nicht mit Ketten oder Seilen festgezurrt waren. Das war verdammt gefährlich. Wie weit mochte der Lkw mit seiner ungesicherten Ladung Schrott wohl gefahren sein?

Schlagartig erkannte Ron die Gefahr. »Gib den Notruf durch!« rief er.

Max starrte ihn an. »Was?«

Irgend etwas knallte dröhnend auf das Dach des Transporters. Der Lkw-Fahrer stürzte sich aus der Kabine auf den Polizisten. Mehrere Männer, die sich Strumpfmasken über den Kopf gezogen hatten, schwangen sich über die Mauer des Schrottplatzes. Ron warf einen hastigen Blick in den Außenspiegel und sah, daß die beiden Motorradpolizisten hinter dem Transporter von ihren Maschinen gezerrt und zu Boden geschlagen wurden. Genauso erging es dem zweiten Polizisten vor dem Transporter, bevor er die Flucht ergreifen konnte.

Plötzlich machte der Transporter einen Satz nach vorn. Dann, unbegreiflicherweise, schien er sich in die Luft zu erheben. Ron schaute aus dem rechten Seitenfenster und sah, daß der Ausleger eines Krans über die Mauer hinweg bis zum Dach des Transporters ragte. Er riß dem entsetzensstarren Max das Mikrofon aus der Hand, als einer der maskierten Männer auf das Fahrerhaus losstürmte. Der Mann schleuderte irgend etwas Kleines, Weißes, das wie ein Cricketball aussah, gegen die Windschutzscheibe.

Die nächste Sekunde verging sehr langsam und in einer Abfolge verschiedener Bilder, die aufblitzten und erloschen: Ein Sturzhelm segelte durch die Luft: ein Holzknüppel wurde auf den Kopf eines Mannes geschmettert; Max, wie er nach dem Schaltknüppel griff, als der Transporter sich zur Seite neigte; Rons Daumen, wie er die Sprechtaste am Mikrofon drückte, während seine Stimme gellte: »Alaaarm! Wir …« Dann die kleine Bombe, die wie ein Kricketball aussah, wie sie die Windschutzscheibe traf, explodierte und eine Fontäne aus Glassplittern in die Höhe schießen ließ; dann der wuchtige Schlag, als die Druckwelle ins Führerhaus des Transporters fegte, und schließlich die lautlose Finsternis der Bewußtlosigkeit.

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In der Funkzentrale der Polizei hörte Sergeant Wilkinson irgendwann das Rufsignal ‘Obadja’ zwischen den anderen Polizeifunk-Meldungen, doch er beachtete es nicht. Es war ein turbulenter Morgen gewesen: drei größere Verkehrsstaus, eine Autoverfolgungsjagd durch ganz London nach einer Fahrerflucht, zwei schwere Verkehrsunfälle, ein Brand in einem Lagerhaus und die improvisierte Demonstration einer Gruppe von Anarchisten in der Downing Street. Als Rons Notruf ertönte, nahm Sergeant Wilkinson gerade die Tasse Instantkaffee und ein Schinkensandwich von einem jungen dunkelhäutigen Mädchen aus der Karibik entgegen und fragte: »Was sagt eigentlich dein Mann dazu, daß du ohne BH zur Arbeit gehst?«

Das Mädchen, das einen gewaltigen Busen besaß, erwiderte: »Dem fällt das gar nicht auf«, und kicherte.

Constable Jones, der auf der anderen Seite des Kontrollpults saß, grinste und sagte: »Oho, Dave. Ein Wink mit dem Zaunpfahl.«

»Was machst du heute abend?« fragte Wilkinson das Mädchen.

Sie lachte, denn sie wußte, daß er es nicht ernst meinte.

»Arbeiten«, sagte sie.

Aus dem Radio ertönte: »Konvoi an Obadja-Einsatzleitung, bitte kommen! Bitte kommen!«

Wilkinson fragte: »Du hast noch einen anderen Job? Welchen denn?«

»Ich bin Tänzerin in einer Bar.«

»Oben ohne?«

»Da müssen Sie schon kommen und selbst gucken«, sagte das Mädchen und schob den Tee- und Sandwich-Wagen weiter.

Aus dem Radio ertönte: »Alaaarm! Wir …«, und dann erklang ein dumpfer Knall, wie eine statische Entladung oder eine Explosion.

Schlagartig wich das Grinsen aus Wilkinsons Jungengesicht. Er drückte eine Taste und sagte ins Mikrofon: »Hier Obadja-Leitstelle. Konvoi, bitte kommen.«

Keine Antwort. Wilkinson verlieh seiner Stimme einen drängenden Beiklang, als er zu seinem Vorgesetzten hinüberrief: »Chef? Chef!«

Inspektor ‘Harry’ Harrison, ein hochgewachsener Mann, kam zu Wilkinson geschlendert. Er war sich mit der Hand durch das lichte Haar gefahren, was ihn noch mitgenommener aussehen ließ, als er ohnehin schon war. »Na?« sagte er. »Alles im Griff, Sergeant?«

»Ich glaube, da ist gerade ein Notruf von Obadja gekommen, Chef.«

»Was soll das heißen, ich glaube?« pflaumte Harrison ihn an.

Wilkinson hatte es nicht bis zum Sergeanten gebracht, indem er seine Fehler zugegeben hatte. Er sagte: »Die Meldung kam verzerrt, Sir.«

Harrison nahm das Mikrofon. »Obadja-Einsatzleitung an Konvoi, können Sie mich hören? Ende.« Er wartete, dann wiederholte er die Durchsage. Keine Antwort. Er sagte zu Wilkinson: »Zuerst eine verzerrte Meldung, und dann hat jemand die Funkverbindung unterbrochen. Wir müssen die Sache wie eine Fahrzeugentführung behandeln. Das hat uns gerade noch gefehlt! Und wer hat Dienst? Ich. Ich!« Er besaß die Aura eines Mannes, den das Schicksal nicht bloß ungerecht, sondern zutiefst feindselig behandelt hatte.

Wilkinson sagte: »Ich kann ihren derzeitigen Standort nicht bestimmen, Chef.«

Beide Männer drehten die Köpfe und starrten auf die gigantische Karte Londons an der Wand.

»Der Konvoi hat die Strecke den Fluß entlang genommen«, sagte Wilkinson. »Das letzte Mal haben sie sich in Aldgate gemeldet. Der Verkehr ist normal. Also müssen sie … sie könnten vielleicht … in der Gegend um Degenham sein … zum Beispiel.«

»Hervorragend, Sergeant«, sagte Harrison zynisch. Er dachte kurz nach. »Verständigen Sie sämtliche Streifenwagen. Dann ziehen Sie drei Wagen aus dem Osten Londons ab. Sie sollen sich auf die Suche nach dem Transportfahrzeug machen. Alarmieren Sie Essex, und sorgen Sie dafür, daß die lahmen Ärsche dort erfahren, wieviel Scheißgeld im Transportfahrzeug ist. Nun machen Sie schon!«

Wilkinson machte sich daran, die Funksprüche abzusetzen. Harrison blieb eine Zeitlang hinter ihm stehen, tief in Gedanken versunken. »Über kurz oder lang muß sich jemand melden«, murmelte er. »Irgend jemand muß sie gesehen haben.«

Er verstummte, grübelte weiter. »Aber wenn der Täter so clever war, das Funkgerät abzustellen, bevor die Jungs sich melden konnten, dann ist er auch clever genug, das Geld irgendwo am Arsch der Welt in aller Ruhe auf die Seite zu schaffen.«

Wieder machte Harrison eine Pause, diesmal etwas länger. Schließlich sagte er: »Ich glaube nicht, daß wir ‘ne Chance haben.«

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Das klappt ja wie am Schnürchen, dachte Jacko. Der Kran hatte den Geldtransporter über die Mauer gehoben und behutsam auf dem Schrottplatz abgesetzt, direkt neben dem Schneidbrenner. Die vier Motorradpolizisten waren mitsamt ihren Maschinen auf die Ladefläche des Lastwagens verfrachtet worden, den der Fahrer dann rückwärts auf den Hof gesetzt hatte. Nun lagen die vier Uniformierten in einer ordentlichen Reihe nebeneinander, jeder an Händen und Füßen gefesselt, und das Tor zum Schrottplatz war geschlossen.

Zwei Männer, die Schutzbrillen über ihren Strumpfmasken trugen, brannten mit dem Schneidbrenner an einer Seite ein mannshohes Loch in den Laderaum des Geldtransporters, während der blaue Lieferwagen, der auf dem Schrottplatz gestanden hatte, zurückgesetzt wurde, bis er Heck an Heck mit dem Transporter stand. Kurz darauf fiel eine große, rechteckige Stahlplatte zu Boden, und durch das mannshohe Loch sprang ein weiterer uniformierter Wachtmann aus dem Innern des Geldtransporters, die Arme emporgereckt. Jesse fesselte ihm die Hände und sorgte dafür, daß der Mann sich neben die Polizeieskorte legte.

Der Schneidbrenner wurde schleunigst beiseite gerollt. Zwei Männer stiegen durch das Loch in den Laderaum des Transporters und reichten die Geldkisten an ihre Kumpane weiter. Die Kisten verschwanden unverzüglich im Innern des blauen Lieferwagens.

Jacko ließ den Blick über die Gefangenen schweifen. Jeder hatte ein bißchen was auf den Schädel bekommen, aber es war nichts Ernstes. Die Kerle waren allesamt wieder bei Bewußtsein. Jacko schwitzte unter der Maske, wagte es aber nicht, sie abzunehmen.

Aus der Führerkanzel des Krans, von der aus einer der Ganoven Wache hielt, ertönte plötzlich ein Ruf. Jacko schaute hinauf. Im gleichen Moment hörte er das Heulen einer Sirene.

Er blickte sich gehetzt um. Das konnte nicht wahr sein! Hatten die Wachtleute doch noch Gelegenheit gehabt, über Funk Alarm zu schlagen? Jacko fluchte. Seine Kumpane blickten ihn ratsuchend an.

Der Autotransporter war inzwischen hinter einem Stapel alter Reifen geparkt worden, so daß die weißen Motorräder der Polizisten nicht mehr zu sehen waren. Der Kran, der blaue Lieferwagen und der Geldtransporter sahen von der Straße aus unverdächtig aus. Jacko rief: »Alles in Deckung!« Dann fielen ihm die Gefangenen ein. Die Zeit reichte nicht mehr, sie in ein Versteck zu schleifen. Jackos Blick fiel auf eine Plane. Er zog sie über die fünf Körper, dann tauchte er hinter einem Container unter.

Die Sirene wurde rasch lauter. Der Fahrer schien ein Höllentempo draufzuhaben. Jacko hörte das Kreischen von Reifen, als der Wagen um die Kurve unter der Eisenbahnbrücke jagte; dann vernahm er das Aufheulen des Motors, als der Fahrer hinunterschaltete und aus der Kurve heraus beschleunigte. Plötzlich wurde das Sirenengeheul tiefer und verebbte allmählich in der Ferne. Der Wagen war am Tor des Schrottplatzes vorbeigerast. Jacko stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und rief: »Alles in Ord…«, als er plötzlich eine zweite Sirene hörte. »Alles in Deckung bleiben!« brüllte er.

Auch der zweite Wagen raste am Schrottplatz vorbei, und dann hörte Jacko einen dritten. Wieder erklang das Kreischen von Reifen unter der Eisenbahnbrücke; wieder heulte der Motor auf, als der Fahrer aus der Kurve heraus beschleunigte — aber diesmal verlangsamte der Wagen die Geschwindigkeit, als er sich dem Tor des Schrottplatzes näherte.

Alles schien plötzlich totenstill zu sein. Jackos Gesicht unter der Maske aus Nylon war unerträglich heiß. Er glaubte, ersticken zu müssen. Er vernahm das Geräusch von Schritten. Es hörte sich an, als würde jemand in Polizeistiefeln sich dem Tor nähern. Dann erklang ein Scharren draußen am Tor, und ab und an waren dumpfe Schläge zu hören, als würden Stiefel gegen das Metall prallen. Offenbar versuchte einer der Polypen, das Tor hinaufzuklettern, um einen Blick auf den Schrottplatz zu werfen. Plötzlich erinnerte sich Jacko, daß ja noch zwei weitere Wachtmänner in der Fahrerkabine des Transporters saßen. Er schickte ein Stoßgebet zum Himmel, daß die Kerle nicht gerade jetzt aus der Ohnmacht erwachten.

Was hatte der Bulle da draußen eigentlich vor? Er war das Tor nicht hinaufgeklettert. Vielleicht hatten die Polypen beschlossen, das Tor aufzubrechen und auf den Schrottplatz zu kommen, um sich genauer umzuschauen. Dann sah es duster aus.

Ach was — kein Grund zur Panik, beruhigte sich Jacko. Wir sind zehn Mann und können mit der Besatzung eines einzigen Streifenwagens leicht fertigwerden. Das aber würde Zeit in Anspruch nehmen, und vielleicht war einer der Polypen im Wagen sitzen geblieben, so daß der Kerl über Funk Verstärkung anfordern konnte …

Jacko glaubte beinahe zu spüren, wie ihm all das viele schöne Geld aus den Fingern glitt. Am liebsten hätte er um die Ecke des Containers gespäht. Doch es war riskant und zudem überflüssig: Falls die Bullen verschwanden, konnte man es ja am Geräusch des Wagens erkennen.

Was taten die Kerle hier?

Wieder blickte Jacko zum Geldtransporter hinüber. Du lieber Himmel — einer von den beiden Typen in der Fahrerkabine bewegte sich! Jacko hob die Schrotflinte. Es kam zum Kampf, kein Zweifel. Er flüsterte: »Oh, Scheiße.«

Aus dem Fahrerhaus des Geldtransporters drang ein Geräusch — ein heiserer Schrei. Jacko kämpfte sich auf die Beine und verließ seinen Platz hinter dem Container, die Schrotflinte im Anschlag.

Es war niemand zu sehen.

Dann hörte er, wie der Streifenwagen draußen vor dem Tor mit kreischenden Reifen davonjagte. Die Sirene heulte wieder los und wurde leiser, als der Wagen in der Ferne verschwand.

Einohr-Willie kam hinter der rostigen Karosserie eines Mercedes-Taxis zum Vorschein. Gemeinsam mit Jacko ging er zum Geldtransporter hinüber. Willie sagte: »Ein toller Spaß, nicht wahr?«

»Umwerfend«, erwiderte Jacko säuerlich. »Jedenfalls besser, als sich das Scheißfernsehprogramm anzugucken.«

Beide Männer schauten in die Kabine des Transporters. Der Fahrer stöhnte, sah aber nicht schwer verletzt aus. »Komm raus, Opa«, sagte Jacko durch die zerborstene Windschutzscheibe. »Die Teepause ist zu Ende.«

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Die Stimme hatte eine beruhigende Wirkung auf Ron Biggins. Bis zu diesem Zeitpunkt war er benommen und gleichzeitig von dumpfer Angst erfüllt gewesen. Er schien nicht mehr richtig hören zu können. In seinem Kopf wütete ein rasender Schmerz, und als er die Hand zum Gesicht führte, ertastete er etwas Warmes, Klebriges.

Der Anblick des Mannes mit der Strumpfmaske hatte eine seltsam belebende Wirkung auf Ron. Plötzlich war alles ganz klar: Sie waren Opfer eines sehr gut geplanten, schnell und präzise verübten Überfalls geworden. Ron kam nicht umhin, den Ganoven eine gewisse Bewunderung zu zollen, so reibungslos war die ganze Sache über die Bühne gegangen. Die Kerle hatten die Fahrtroute und den Zeitplan des Obadja-Geldtransports gekannt. Bei diesem Gedanken stieg Wut in Ron auf. Ein bestimmter Prozentsatz der Beute würde mit Sicherheit auf das geheime Bankkonto eines korrupten Polizeibeamten wandern. Und wie die meisten Polizisten und Sicherheitsleute haßte auch Ron bestechliche Bullen noch mehr als Ganoven.

Der Mann, der Ron ‘Opa’ genannt hatte, öffnete die Tür, indem er den Arm durch die zerschmetterte Seitenscheibe und das zerfetzte Drahtgitter schob und das Türschloß von innen entriegelte. Ron stieg aus. Die Bewegung bereitete ihm Schmerzen.

Der Mann war jung — Ron konnte das lange Haar unter der dünnen Strumpfmaske erkennen. Er trug Jeans und hielt eine Schrotflinte in den Händen. Der Mann stieß Ron verächtlich an und sagte: »Streck die Flossen nach vorn und halte sie schön dicht zusammen, Alter. Gleich darfst du ins Krankenhaus. Dauert nicht mehr lange.«

Der Schmerz in Rons Kopf schien in gleichem Maße wie sein Zorn zu wachsen. Er kämpfte das Verlangen nieder, gegen irgend etwas zu treten. Statt dessen rief er sich ins Gedächtnis, wie er sich bei einem Überfall verhalten sollte. Leisten Sie keinen Widerstand. Arbeiten Sie mit den Gangstern zusammen. Geben Sie ihnen das Geld. Unsere Firma ist gegen solche Überfälle versichert, und Ihr Leben ist uns wertvoller. Also spielen Sie nicht den Helden.

Rons Atem ging schwer. Er hatte eine Gehirnerschütterung erlitten, und in seinem umnebelten Verstand sah er in dem jungen Mann mit der Schrotflinte plötzlich den korrupten Polizisten, der den Transport verraten hatte, und Lou Thurley, wie er sich keuchend und stöhnend auf der unschuldigen, jungfräulichen Judy wand, nachdem er sie im verwanzten Bett in seiner schmuddeligen Einzimmerwohnung bestiegen hatte. Und plötzlich erkannte Ron, daß der Schweinehund vor ihm stand, der ihm Judy weggenommen und sein Leben kaputt gemacht hatte, und daß er vielleicht nur als Held die Achtung seines einzigen Kindes zurückgewinnen konnte … und daß ein Nichtsnutz wie dieser korrupte Polizist im Bett eine Strumpfmaske trug, wenn er mit Judy schlief … und wer eine Schrotflinte trug, gehörte sowieso zu den Schweinehunden, die braven Menschen wie Ron Biggins alles kaputtmachten, und so trat Ron zwei Schritte vor und hämmerte dem verdutzten jungen Burschen die Faust auf die Nase, und der Mann taumelte zurück und zog beide Abzüge der Schrotflinte. Doch er traf nicht Ron, sondern einen anderen Maskierten, der neben dem Schützen stand. Der Getroffene schrie auf und stürzte zu Boden, und Ron starrte entsetzt auf das blutende Opfer — bis der Kerl, der geschossen hatte, die Schrotflinte hob und Ron den stählernen Lauf wuchtig auf den Schädel schlug. Und erneut verlor Ron das Bewußtsein.

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Jacko kniete neben Einohr-Willie und zupfte dem älteren Mann die Fetzen der Strumpfmaske vom Gesicht. Willies Antlitz war ein scheußlicher Anblick, und Jacko wurde blaß. Er und seinesgleichen fügten ihren Opfern für gewöhnlich nur Verletzungen mit stumpfen Waffen zu, deshalb hatte Jacko noch nie eine Wunde gesehen, die von einer Schrotladung stammte. Und weil ein Erste-Hilfe-Kurs nicht zu Tony Cox’ firmeninternem Ausbildungsprogramm zählte, hatte Jacko nicht die leiseste Ahnung, was er jetzt tun sollte. Doch immerhin besaß er die Fähigkeit, schnell zu denken und zu handeln.

Er hob den Blick. Die anderen standen um ihn und Einohr-Willie herum und schauten zu. Jacko brüllte sie an: »Macht weiter, ihr dämlichen Arschgesichter!« Die Männer rannten los.

Jacko beugte sich tiefer zu Willie hinunter und fragte:

»Kannst du mich hören, alter Junge?«

Willies Gesicht verzog sich, aber er konnte nicht sprechen.

Jesse kniete sich auf der anderen Seite neben Willie nieder.

»Wir müssen ihn ins Krankenhaus bringen«, sagte er.

Jacko nickte. »Ich brauch’ einen schnellen Wagen«, sagte er, schaute sich um und zeigte auf einen blauen Volvo, der in der Nähe geparkt war. »Wem gehört diese blaue Kiste da vorn?«

»Dem Besitzer vom Schrottplatz«, erwiderte Jesse.

»Sehr gut. Hilf mir, Willie reinzutragen.«

Jacko packte die Schultern, Jesse die Beine des Verwundeten. Sie trugen den winselnden Willie zum Wagen und legten ihn auf die Rückbank. Der Zündschlüssel steckte.

Einer der anderen Männer rief vom Geldtransporter herüber: »Wir sind fertig, Jacko.«

Jacko hätte dem Mann am liebsten eine aufs Maul gegeben, weil der Dummkopf seinen Namen genannt hatte, aber er war zu beschäftigt. »Kennst du den Weg zum Bauernhof?« fragte er Jesse.

»Ja. Aber du mußt doch mit uns kommen!«

»Das geht jetzt nicht. Erst bringe ich Willie ins Krankenhaus. Dann treffen wir uns am Bauernhof. Sag Tony, was passiert ist. Und fahr langsam. Drück nicht auf die Lichthupe, halte an den Zebrastreifen. Fahr so, als wäre es ‘ne verdammte Führerscheinprüfung. Kapiert?«

»Ja«, sagte Jesse. Er rannte zum blauen Lieferwagen und rüttelte prüfend an den Hintertüren. Sie waren abgeschlossen. Gut. Er riß das braune Klebeband von den Nummernschildern, das dem Zweck gedient hatte, es der Polizei unmöglich zu machen, die Nummer des Wagens zu notieren: Tony Cox dachte eben an alles. Dann setzte Jesse sich hinter das Steuer.

Jacko ließ derweil den Motor des Volvo an. Einer der Ganoven öffnete das Tor zur Straße. Die anderen stiegen bereits in ihre eigenen Fahrzeuge, zerrten sich die Strumpfmasken von den Köpfen und zogen die Handschuhe aus. Jesse lenkte den Lieferwagen durch das Tor und bog nach rechts ab; Jacko, in dem blauen Volvo, folgte ihm und fuhr nach links.

Als er den Wagen beschleunigte, warf Jacko einen raschen Blick auf die Uhr: siebenundzwanzig Minuten nach zehn. Die ganze Sache hatte elf Minuten gedauert. »Ihr seid schneller auf und davon, als die Polizei braucht, um die paar Meter fünfzig vom Bullenkloster an der Vine Street bis zur Isle of Dogs zu kommen«, hatte Tony Cox gesagt und damit wieder mal recht gehabt.

Ein sagenhafter Coup, dachte Jacko zufrieden — von dem Mißgeschick mit dem armen Einohr-Willie einmal abgesehen. Jacko hoffte, daß Willie mit dem Leben davonkam, damit er noch Gelegenheit hatte, seinen Anteil an der Beute auszugeben.

Schließlich näherte er sich dem Krankenhaus. Jacko hatte sich bereits einen Plan zurechtgelegt, aber er mußte dafür sorgen, daß niemand Willie zu Gesicht bekam. Er sagte: »Willie? Könntest du dich auf den Boden legen?« Keine Antwort. Über die Schulter warf Jacko einen Blick auf die Rückbank. Willies