/ Language: Deutsch / Genre:prose_classic

Nacht über den Wassern

Ken Follett


Nacht über den Wassern

Ken Follett

1991 (Aus dem Englischen von Gabriele Konrad und Lore Straßl)

Meiner Lieben Schwester Hannah

Im Sommer 1939 eröffnete Pan American die erste Passagierfluglinie zwischen den USA und Europa. Doch die neue Flugverbindung sollte nicht lange währen: Sie wurde eingestellt, als Hitler in Polen einrückte.

Dieser Roman ist die Geschichte eines der letzten Flüge des Pan-American-Clippers einige Tage nach der Kriegserklärung. Die Ereignisse dieses Fluges, die Passagiere und die Crew sind frei erfunden. Das Flugzeug selbst jedoch hat es wirklich gegeben.

Inhaltsverzeichnis

I  I

1

2

3

4

5

II  II

1

2

3

4

5

III  III

1

2

3

4

5

IV  IV

1

2

3

4

5

V  V

1

2

3

4

5

VI  VI

1

2

3

Anmerkung des Autors

Danksagung

Teil I

I

1

Es war das romantischste Flugzeug, das man je gebaut hatte.

An dem Tag, als der Krieg erklärt wurde, stand Tom Luther um zwölf Uhr dreißig im Hafen von Southampton; er spähte zum Himmel und wartete ungeduldig und unruhig auf das Flugzeug. Immer wieder summte er ein paar Takte aus dem ersten Satz von Beethovens c-Moll-Konzert vor sich hin, eine mitreißende Melodie — so passend kriegerisch.

Eine Menge Schaulustiger hatten sich ringsum eingefunden: Flugzeugbegeisterte mit Feldstechern, kleine Jungen und viele, die einfach neugierig waren. Es war jetzt bereits das neunte Mal, daß der Pan-American-Clipper in der Bucht von Southampton landete, aber der Reiz des Neuen hielt immer noch an. Das Langstreckenflugzeug war so faszinierend, so aufregend, daß die Leute sogar an dem Tag herbeiströmten, an dem ihr Vaterland in den Krieg eintrat. Am Pier schaukelten zwei prächtige Ozeanriesen im Wasser, die hoch über der Menge aufragten, aber kaum einer beachtete die schwimmenden Hotels. Alle starrten gebannt zum Himmel.

Nichtsdestotrotz unterhielt man sich — mit diesem feinen britischen Akzent — über den Krieg. Die Kinder waren in ihrer Abenteuerlust begeistert davon; die Männer redeten mit gesenkter Stimme sachverständig über Panzer und Artillerie; die Frauen machten verbissene Gesichter. Luther war Amerikaner, und er hoffte, sein Land würde sich aus dem Krieg heraushalten: Amerika hatte nichts damit zu tun. Außerdem konnte man den Nazis immerhin zugute halten, daß sie den Kommunismus bekämpften.

Luther war Geschäftsmann; er stellte Wollstoffe her und hatte einmal in seiner Fabrik eine Menge Schwierigkeiten mit den Roten gehabt. Er war ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert gewesen, und sie hatten ihn fast in den Ruin getrieben. Die Sache verbitterte ihn immer noch. Die jüdische Konkurrenz hatte das Herrenbekleidungsgeschäft seines Vaters unrentabel gemacht, und dann war Luthers Wollstoffbetrieb durch die Machenschaften der Kommunisten gefährdet gewesen — von denen die meisten wiederum Juden waren! Doch das änderte sich alles, als er Ray Patriarca kennenlernte. Patriarcas Leute wußten, was man mit Kommunisten machte. Es kam zu Unfällen. Die Hand eines Hitzkopfs verfing sich in einer Webmaschine. Ein Betriebsrat kam bei einem Unfall mit Fahrerflucht ums Leben. Zwei Arbeiter, die sich über Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften beschwert hatten, gerieten in eine Prügelei in einer Kneipe und fanden sich im Krankenhaus wieder. Eine Quertreiberin gab ihren Prozeß gegen die Firma auf, nachdem ihr Haus abgebrannt war. Das Ganze hatte nur ein paar Wochen gedauert, aber von da an kam es zu keinen Unruhen mehr. Patriarca war sich in einem mit Hitler einig: Kommunisten mußten wie Ungeziefer zertreten werden. Luther stampfte unwillkürlich mit dem Fuß auf und summte Beethovens c-Moll-Konzert weiter.

Ein Boot überquerte vom Imperial-Airways-Flugbootpier aus die trichterförmige Flußmündung bei Hythe und fuhr mehrmals die Wasserungsstelle ab, um sicherzugehen, daß kein Treibgut auf dem Wasser schwamm.

Aufgeregtes Gemurmel wurde unter den Schaulustigen laut: Das Flugzeug mußte nun jeden Augenblick kommen.

Ein kleiner Junge, dessen dünne Beine in riesig anmutenden, neuen Stiefeln steckten, war der erste, der es sah. Er hatte kein Fernglas, aber die Augen des Elfjährigen waren schärfer als jede Linse. ≫Es kommt!≪ rief er mit schriller Stimme. ≫Der Clipper kommt!≪ Er deutete nach Südwesten. Alle spähten in diese Richtung. Zunächst konnte Luther nur ein unscharfes Gebilde erkennen — es hätte ein Vogel sein können, doch schon bald nahmen die Umrisse Kontur an, und eine Woge der Aufregung ging durch die Menge, als ersichtlich wurde, daß der Junge recht hatte.

Alle nannten das Flugzeug nur den Clipper, aber genauer gesagt war es eine Boeing 314. Pan American hatte Boeing damit beauftragt, ein Flugzeug zu bauen, das Passagieren bei einem Flug über den Atlantik allen nur denkbaren Luxus bieten konnte. Das Ergebnis war sensationell: gewaltig, majestätisch, mit unglaublich starken Motoren — ein wahres Traumflugzeug. Die Fluggesellschaft hatte sechs dieser fliegenden Paläste abgenommen und sechs weitere in Auftrag gegeben. Was Komfort und Eleganz betraf, standen sie den Ozeandampfern, die in Southampton anlegten, in nichts nach, nur brauchten die Schiffe vier bis fünf Tage, um den Atlantik zu überqueren, der Clipper dagegen lediglich vierundzwanzig bis dreißig Stunden.

Luther fand, daß das näher kommende Flugzeug wie ein geflügelter Wal aussah. Wie ein Wal hatte es eine große stumpfe Schnauze, einen wuchtigen Körper, der sich nach hinten verjüngte und in steil aufsteigenden Schwanzflossen endete. Die gewaltigen Motoren waren in den Tragflächen untergebracht. Und unterhalb der Tragflächen befanden sich zwei weitere Tragflächen, die an ein Paar Flossenstummel erinnerten und dazu dienten, das Flugzeug bei der Landung im Wasser zu stabilisieren. Außerdem war die Unterseite des Rumpfes mit einer Art Kiel versehen.

Bald konnte Luther auch die zwei unregelmäßigen Reihen großer rechteckiger Fenster des oberen und unteren Decks sehen. Er war vor genau einer Woche mit dem Clipper nach England gekommen, deshalb wußte er, wie er innen aussah. Auf dem oberen Deck befanden sich das Cockpit, alle technischen Anlagen und der Frachtraum, während das untere Deck ausschließlich für die Passagiere bestimmt war. Statt Sitzreihen hatte das Passagierdeck mehrere Abteile, Lounges mit Schlafsesseln. Zu den Mahlzeiten wurde die Hauptlounge zum Speiseraum, und nachts verwandelte man die Schlafsessel in Betten.

Alles wurde getan, um die Fluggäste von der Welt und dem Wetter draußen abzuschirmen. Es gab dicke Teppiche, gedämpftes Licht, Samtvorhänge, geschmackvolle Farben und weiche Polsterung. Durch die ausgezeichnete Schalldämpfung war das Dröhnen der riesigen Motoren nur als ein fernes, sanftes Brummen zu hören. Der Flugkapitän strahlte Souveränität aus, die Besatzung war freundlich und adrett in ihrer Pan-American-Uniform, die Stewards zuvorkommend und aufmerksam; es gab stets zu essen und zu trinken, und jeder Wunsch wurde einem von den Augen abgelesen wie in einem Märchen: geschlossene Vorhänge zur Schlafenszeit, frische Erdbeeren zum Frühstück. Die Welt außerhalb des Flugzeugs erschien zunehmend unwirklich — wie ein Film, der auf die Fenster projiziert wurde —, während das Innere des Flugzeugs einem wie ein eigenes Universum vorkam.

Solcher Komfort war nicht billig. Der Hin- und Rückflug kostete 675 Dollar, für das Doppelte konnte man schon ein Häuschen kaufen. Doch für die Passagiere — meist Aristokraten, Filmstars, Vorsitzende großer Konzerne oder Präsidenten kleiner Länder — spielte Geld keine Rolle.

Tom Luther gehörte zu keiner dieser Kategorien. Er war reich, aber er hatte sich sein Geld sauer verdient und hätte es normalerweise nicht für solch eine Luxusreise verschwendet. Doch es war erforderlich, daß er sich ein genaues Bild des Flugzeugs machte. Er hatte einen gefährlichen Job übernommen — für einen mächtigen Mann. Einen sehr mächtigen Mann sogar. Bezahlt würde er für seine Arbeit nicht werden, aber bei einem solchen Mann einen Gefallen gutzuhaben war mehr wert als Geld.

Vielleicht wurde die Sache auch abgeblasen. Luther wartete noch immer auf eine Nachricht mit dem endgültigen Okay. Seine Gefühle waren gemischt. Einerseits wollte er die Sache so schnell wie möglich in Angriff nehmen; dann wiederum hoffte er, daß es nicht dazu käme.

Das Flugzeug neigte sich in einem schrägen Winkel, den Schwanz tiefer als die Nase. Inzwischen war es schon sehr nahe, und wieder war Luther beeindruckt von seiner enormen Größe. Er wußte, daß der Clipper dreiunddreißig Meter lang war und eine Spannweite von fünfundvierzig Metern hatte, doch das waren nur Zahlen — bis man das gottverdammte Ding dann in seinem ganzen Ausmaß vor sich in der Luft sah.

Plötzlich hatte es den Anschein, als würde das Flugzeug nicht mehr fliegen, sondern jeden Moment wie ein Stein vom Himmel fallen und auf den Meeresgrund sinken. Einen atemberaubenden Augenblick lang hing es unmittelbar über der See wie an einem unsichtbaren Strick. Schließlich berührte es das Wasser, hüpfte über die Oberfläche und platschte durch die Wellenkämme wie ein Stein, den man flach über das Wasser wirft. Einen Moment später stieß der Rumpf ins Wasser, und Gischt sprühte explosionsartig auf, dem Rauch einer Bombe gleich.

Der Clipper durchschnitt die Oberfläche wie ein Pfeil, pflügte eine weiße Furche in das Grün und schickte zu beiden Seiten Fontänen von Schaum in die Luft; Luther mußte unwillkürlich an eine Wildente denken, die mit gespreizten Flügeln und angezogenen Füßen auf einem See aufsetzt. Der Flugzeugrumpf sank tiefer, und die segelförmigen Gischtschleier, die links und rechts hochschossen, wurden größer, dann begann er, sich nach vorn zu neigen. Gischt spritzte auf, während das Flugzeug sich geradelegte und der Rest seines gigantischen Walbauchrumpfes ins Wasser tauchte. Schließlich hatte es auch die Nase unten. Seine Geschwindigkeit verringerte sich plötzlich, die sprühenden Fontänen fielen zu schäumenden Wogen zusammen, und das Flugzeug fuhr durch das Meer wie ein Schiff, was es ja auch war, so ruhig und sicher, als hätte es nie gewagt, nach dem Himmel zu greifen.

Luther bemerkte, daß er unwillkürlich den Atem angehalten hatte, nun stieß er ihn in einem langen, erleichterten Seufzer aus und fing wieder zu summen an. Der Clipper schwamm auf den Anlegeplatz zu. Vor einer Woche war Luther hier von Bord gegangen. Der Anlegeplatz war ein Spezialfloß mit zwei Piers. In wenigen Minuten würden Taue an den Vorrichtungen am vorderen und hinteren Teil des Flugzeugs befestigt, um es mit einer Winde mit dem Heck voran zu seinem Anlegeplatz zwischen den Piers zu ziehen. Dann konnten die Fluggäste aussteigen — auf die breite Oberfläche des Flossenstummels, von dort auf das Floß und dann die Gangway hinauf, die an Land führte.

Luther drehte sich um und zuckte zusammen. Unmittelbar neben ihm stand jemand, den er zuvor nicht bemerkt hatte: ein Mann von etwa seiner Größe. Er trug einen dunkelgrauen Straßenanzug und einen Bowler und wirkte wie ein Angestellter auf dem Weg ins Büro. Luther wollte schon weitergehen, hielt dann jedoch inne, um den Mann eingehender zu mustern. Das Gesicht unter der ≫Melone≪ war nicht das eines Angestellten. Der Mann hatte eine hohe Stirn, tiefblaue Augen, ein ausgeprägtes Kinn und einen schmalen, brutalen Mund. Er war älter als Luther, etwa vierzig, aber breitschultrig und offenbar in bester Form. Er sah gut aus und wirkte gefährlich. Er starrte geradewegs in Luthers Augen.

Luther hörte auf zu summen.

≫Ich bin Henry Faber≪, sagte der Fremde.

≫Tom Luther.≪

≫Ich habe eine Nachricht für Sie.≪

Luthers Herz setzte einen Schlag aus. Er versuchte, seine Aufregung zu verbergen, und erwiderte ebenso kurz angebunden wie der andere: ≫Gut. Reden Sie.≪

≫Der Mann, an dem Sie interessiert sind, wird den Clipper nehmen, der am Mittwoch nach New York fliegt.≪

≫Sind Sie sicher?≪

Der Mann antwortete lediglich mit einem durchdringenden Blick.

Luther nickte grimmig. Also doch. Zumindest war damit die quälende Ungewißheit zu Ende. ≫Danke≪, sagte er.

≫Das ist noch nicht alles.≪

≫Ich höre.≪

≫Der zweite Teil der Nachricht lautet: ‘Enttäuschen Sie uns nicht.’≪

Luther holte tief Atem. ≫Richten Sie denen aus, daß sie sich keine Sorgen zu machen brauchen≪, sagte er mit mehr Zuversicht, als er wirklich empfand. ≫Der Bursche verläßt Southampton vielleicht, aber er wird nie in New York ankommen.≪

_____

Imperial Airways hatte eine Flugbootwartungsanlage auf der anderen Seite der Flußmündung, dem Hafen gegenüber. Mechaniker der Imperial führten die Wartung unter der Aufsicht des jeweiligen Flugingenieurs von Pan American durch. Diesmal überwachte Eddie Deakin die Vorbereitungen für den nächsten Flug.

Es war eine sehr aufwendige Arbeit, aber die Männer hatten drei Tage Zeit. Nachdem die Passagiere am Anlegeplatz 108 ausgestiegen waren, glitt der Clipper hinüber nach Hythe. Dort wurde er im Wasser auf ein Gestell mit Rädern manövriert, mit einer Winde eine Helling hochbefördert und schließlich in den riesigen grünen Hangar geschleppt — ein Anblick, der an einen Wal auf einem Kinderwägel- chen denken ließ.

Der Transatlantikflug verlangte den Motoren viel ab. Auf dem längsten Streckenabschnitt, von Neufundland bis Irland, befand das Flugzeug sich neun Stunden in der Luft (und auf dem Rückflug brauchte es — wegen des Gegenwinds — für die gleiche Strecke sechzehneinhalb Stunden). Stunde um Stunde floß unentwegt der Treibstoff, die Kerzen zündeten, die Kolben in den Vierzehnzylindermotoren stampften unermüdlich, und die Viereinhalbmeterpropeller schnitten durch Wolken, Regen und Sturm.

Für Eddie war das der Zauber der Technik. Es war wie ein Wunder und kaum zu glauben, daß der Mensch Maschinen herzustellen vermochte, die Stunden um Stunden präzise funktionierten. Es gab so vieles, was hätte versagen können, so viele bewegliche Teile, die mit größter Präzision hergestellt und exakt zusammengefügt werden mußten, damit sie nicht brachen, sich nicht lösten, blockierten oder ganz einfach nur abnutzten, während sie ein Flugzeug von einundvierzig Tonnen über Tausende von Kilometern trugen.

Am Mittwoch morgen würde der Clipper für einen neuen Transatlantikflug bereitstehen.

2

Der Tag, an dem der Krieg ausbrach, war ein schöner Spätsommersonntag, mild und sonnig.

Ein paar Minuten, bevor die Nachricht im Radio gemeldet wurde, stand Margaret Oxenford vor dem herrschaftlichen Ziegelbau, dem Wohnsitz ihrer Familie. Mantel und Hut waren bei dem sommerlichen Wetter fast zu warm, und überdies kochte sie innerlich vor Wut, weil sie zur Messe gehen mußte. Die einsame Glocke im Turm der Kirche auf der anderen Seite des Ortes erklang in monotonem Geläute.

Margaret haßte den Kirchgang, aber ihr Vater bestand darauf, daß sie am Gottesdienst teilnahm, obwohl sie bereits neunzehn war und alt genug, eine eigene Meinung über Religion zu haben. Vor einem Jahr hatte sie den Mut gefaßt, ihm zu sagen, daß sie nicht mehr gehen wollte, aber er hatte sich geweigert, sie auch nur anzuhören. ≫Findest du nicht, daß es Heuchelei ist, wenn ich in die Kirche gehe, ohne an Gott zu glauben?≪ hatte Margaret gefragt, und ihr Vater hatte geantwortet: ≫Mach dich nicht lächerlich.≪ Niedergeschlagen und zornig hatte sie ihrer Mutter erklärt, daß sie nie wieder in die Kirche gehen würde, wenn sie erst volljährig war. Mutters Erwiderung war gewesen: ≫Darüber wird dein zukünftiger Mann entscheiden, Liebes.≪ Soweit es ihre Eltern betraf, war der Streitpunkt damit erledigt; aber Margaret hatte seither jeden Sonntag vor Wut gekocht.

Ihre Schwester und ihr Bruder traten aus dem Haus. Elizabeth war einundzwanzig, ein großes, plumpes und nicht sonderlich hübsches Mädchen. Früher einmal waren die beiden Schwestern sehr vertraut miteinander gewesen. Als Kinder und Halbwüchsige waren sie ständig zusammen, denn sie besuchten nie eine Schule, sondern hatten eine ziemlich willkürliche Erziehung durch Gouvernanten und Hauslehrer genossen. Stets hatten sie sich gegenseitig ihre Geheimnisse anvertraut. Doch dann war eine Entfremdung eingetreten. In den letzten Jahren war Elizabeth ganz auf die starren traditionsgebundenen Ansichten ihrer Eltern eingeschwenkt. Sie war extrem konservativ, leidenschaftlich royalistisch, blind gegenüber neuen Ideen, und sie haßte jede Veränderung. Margaret hatte die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Sie war Feministin und Sozialistin und interessierte sich für Jazz und Kubismus. Elizabeth warf Margaret vor, daß sie mit ihren radikalen Ideen Verrat an der eigenen Familie übe. Margaret ärgerte sich über die Borniertheit ihrer Schwester, aber es betrübte sie auch, daß sie keine Freundinnen mehr waren. Sie hatte nicht viele richtige Freundinnen.

Percy war vierzehn. Er war weder für noch gegen radikale Ideen, aber ein aufgeweckter Junge, und er sympathisierte mit Margarets rebellischem Wesen. Da sie beide unter der Tyrannei ihres Vaters litten, unterstützten sie einander voll Mitgefühl, und Margaret liebte ihren kleinen Bruder sehr.

Einen Augenblick später kamen die Eltern heraus. Vater trug eine gräßliche orangegrüne Krawatte. Er war nahezu farbenblind, aber wahrscheinlich hatte Mutter sie ihm gekauft. Mutter hatte rotes Haar, seegrüne Augen und eine helle, durchscheinende Haut; Farben wie Orange und Grün standen ihr ausgezeichnet. Aber Vater hatte schwarzes, allmählich ergrauendes Haar und ein rötliches Gesicht, an ihm sah der Binder wie ein Warnschild aus.

Elizabeth war mit ihrem dunklen Haar und den unregelmäßigen Zügen dem Vater nachgeraten. Margaret dagegen hatte das Aussehen ihrer Mutter geerbt; sie hätte gern einen Schal aus dem Seidenstoff von Vaters Krawatte besessen. Percys Aussehen veränderte sich so rasch, daß niemand hätte sagen können, wem er schließlich ähnlicher sehen würde.

Sie schritten die lange Einfahrt bis zum Tor hinunter. Dahinter begann der kleine Ort. Die meisten Häuser gehörten Vater, ebenso das gesamte Ackerland ringsumher. Er hatte nichts zum Erwerb dieses Reichtums beigetragen: Mehrere Eheschließungen im frühen neunzehnten Jahrhundert hatten die drei bedeutendsten Grundbesitzer der Grafschaft vereint, und der gewaltige Besitz, der dadurch entstand, war unvermindert von Generation zu Generation weitergegeben worden.

Sie spazierten die Dorfstraße entlang und über den Anger zu der grauen Steinkirche. Wie bei einer Prozession schritten sie durch das Portal: Vater und Mutter voraus, Margaret und Elizabeth als nächste, und Percy hinter den Schwestern. Die Dorfbewohner legten grüßend die Hand an die Stirn, als die Oxenfords den Mittelgang entlang zu ihrer angestammten Bank schritten. Die wohlhabenderen Farmer, die alle ihr Land von Vater gepachtet hatten, verneigten sich höflich; und die Angehörigen der mittleren Klasse, wie Dr. Rowan und Colonel Smythe und Sir Alfred, nickten ergeben. Margaret wand sich innerlich jedesmal vor Verlegenheit bei diesem lächerlichen, feudalen Ritual. Sollten vor Gott denn nicht alle gleich sein? Am liebsten hätte sie laut gerufen: ≫Mein Vater ist nicht besser als jeder von euch und schlimmer als die meisten!≪ Vielleicht würde sie eines Tages den Mut dazu aufbringen. Falls sie eine Szene in der Kirche machte, brauchte sie sie vielleicht nie wieder zu besuchen. Aber dazu hatte sie zuviel Angst vor ihrem Vater.

Als sie zu ihrer Bank kamen und aller Augen auf ihnen ruhten, murmelte Percy mit voller Absicht gerade laut genug, daß alle es hören konnten: ≫Hübsche Krawatte, Vater.≪ Margaret unterdrückte ein Kichern. Sie und Percy setzten sich rasch und verbargen scheinbar betend das Gesicht, bis der unbändige Drang zu lachen verging. Danach fühlte Margaret sich besser.

Der Vikar hielt seine Predigt über den verlorenen Sohn. Margaret dachte, daß der alte Trottel ruhig ein aktuelleres Thema hätte wählen können, das wohl allen im Kopf herumging: die Gefahr, daß der Krieg ausbrach. Der Premierminister hatte Hitler ein Ultimatum gestellt, der Führer hatte es einfach ignoriert, und so wurde jeden Augenblick mit der Kriegserklärung gerechnet.

Margaret fürchtete den Krieg. Ein Junge, den sie geliebt hatte, war im spanischen Bürgerkrieg gefallen. Es war inzwischen über ein Jahr her, aber sie weinte manchmal nachts im Bett immer noch. Für sie bedeutete Krieg, daß es Tausenden von Mädchen ebenso ergeben würde wie ihr. Der Gedanke war unerträglich.

Und doch wollte ein anderer Teil ihres Ichs den Krieg. Jahrelang hatte sie Großbritanniens Feigheit während des spanischen Bürgerkrieges gewurmt. Ihr Vaterland hatte untätig zugesehen, während eine von Hitler und Mussolini mit Waffen versorgte Bande von Machthungrigen die gewählte sozialistische Regierung stürzte. Hunderte von idealistischen jungen Männern aus ganz Europa waren nach Spanien geeilt, um für Demokratie zu kämpfen. Doch es fehlte ihnen an den nötigen Waffen, und die demokratischen Regierungen der Welt hatten sich geweigert, sie damit zu versorgen. Auf diese Weise hatten viele der jungen Männer ihr Leben verloren, und Menschen wie Margaret hatten Wut, Hilflosigkeit und Scham empfunden. Wenn Großbritannien sich nun entschlossen gegen die Faschisten stellte, könnte sie wieder stolz auf ihr Vaterland sein.

Es gab noch einen Grund, weshalb ihr Herz bei der Aussicht auf den Krieg höher schlug. Ganz gewiß würde er das Ende dieses eingeengten Lebens bei ihren Eltern bedeuten, das ihr die Luft abschnürte. Die immer gleichen Rituale der Familie, das sinnlose gesellschaftliche Leben langweilte, lähmte und frustrierte sie. Sie sehnte sich danach, fortzukommen, ihr eigenes Leben zu führen, aber das schien unmöglich: Sie war noch nicht volljährig, hatte kein eigenes Geld, und es gab offenbar keine Arbeit, für die sie geeignet war. Aber, dachte sie erregt, im Krieg würde ganz bestimmt alles anders werden.

Voll Faszination hatte sie gelesen, wie im letzten Krieg Frauen in Hosen geschlüpft waren und in Fabriken gearbeitet hatten. Und heutzutage hatten Armee, Marine und Luftstreitkräfte sogar eigene Abteilungen für Frauen. Margaret träumte davon, sich freiwillig zum Auxiliary Territorial Service zu melden, der ≫Frauenarmee≪. Zu ihren paar praktischen Fähigkeiten gehörte das Autofahren. Vaters Chauffeur, Digby, hatte es ihr mit dem Rolls beigebracht, und Ian, der Junge, der im Krieg gefallen war, hatte sie mit seinem Motorrad fahren lassen. Sie kam sogar mit einem Motorboot gut zurecht, denn Vater hatte in Nizza eine kleine Jacht. Der A.T.S. brauchte Krankenwagenfahrerinnen und Meldegängerinnen, die Motorrad fahren konnten. Sie sah sich schon in Uniform und Helm, mit einem Bild von Ian in der Brusttasche ihres Khakihemds, auf einem Krad dringende Meldungen von einem Schlachtfeld zum nächsten bringen. Sie war überzeugt, daß sie den Mut hatte, wenn man ihr die Chance gab.

Tatsächlich wurde, noch während sie in der Kirche saßen, der Krieg erklärt, wie sie später erfuhren. Zwei Minuten vor halb zwölf — mitten im Gottesdienst — gab es sogar Fliegeralarm, aber das Dorf bekam davon nichts mit, außerdem war es ohnedies ein falscher Alarm. Jedenfalls schritt die Familie Oxenford von der Kirche nach Hause, ohne zu ahnen, daß sie sich bereits im Krieg mit Deutschland befanden.

Percy wollte eine Flinte holen und auf Hasenjagd gehen. Sie konnten alle schießen, das war ein Familienzeitvertreih, ja schon fast eine Besessenheit. Aber natürlich gestattete Vater es Percy nicht, denn an einem Sonntag durfte nicht herumgeballert werden. Percy war enttäuscht, aber er fügte sich. Obwohl er ständig Unfug im Sinn hatte, war er noch nicht Manns genug, sich seinem Vater offen zu widersetzen.

Margaret liebte Percys Unbekümmertheit. Er war der einzige Sonnenstrahl in der Düsternis ihres Lebens. Wie oft wünschte sie sich, sie könnte Vater verspotten, wie Percy es tat, und hinter seinem Rücken über ihn lachen, aber dazu ärgerte sie sich zu sehr.

Als sie heimkamen, trafen sie auf das neue Hausmädchen, das am Eingang Blumen goß. Seltsamerweise ging sie barfuß. Vater, der das Mädchen noch nicht kannte, runzelte die Stirn. ≫Wer sind Sie?≪ fragte er scharf.

Mutter sagte mit ihrer sanften Stimme und ihrem amerikanischen Akzent: ≫Sie heißt Jenkins und hat erst diese Woche hier zu arbeiten angefangen.≪

Das Mädchen machte einen Knicks.

≫Wo zum Teufel sind ihre Schuhe?≪ wandte Vater sich an Mutter.

Das Mädchen blickte verwirrt auf. Dann warf sie einen anklagenden Blick auf Percy. ≫Verzeihen Sie, Ihre Lordschaft, aber der junge Lord Isley sagte, daß Hausmädchen am Sonntag als Zeichen der Ehrerbietung barfuß laufen müssen.≪ Percys Titel war Earl von Isley.

Mutter seufzte, und Vater brummte verärgert. Diesmal konnte Margaret ein Kichern nicht unterdrücken. Percy hatte ein diebisches Vergnügen daran, neue Dienstboten mit erfundenen Hausregeln vertraut zu machen. Er konnte die verrücktesten Dinge mit glaubwürdiger Miene sagen, und da die Familie für ihre Exzentrizität bekannt war, trauten ihnen die Leute so gut wie alles zu.

Percy brachte Margaret oft zum Lachen, aber jetzt tat ihr das arme Hausmädchen leid, das barfuß dastand und sich sichtlich sehr dumm vorkam.

≫Ziehen Sie Ihre Schuhe an≪, sagte Mutter.

≫Und glauben Sie Lord Isley nichts mehr≪, fügte Margaret hinzu.

Sie legten ihre Hüte ab und traten in den kleinen Salon. Margaret zog Percy an den Haaren und zischte: ≫Das war gemein von dir!≪ Ihr Bruder grinste nur, er war unverbesserlich. Einmal hatte er dem Vikar weisgemacht, daß Vater in der Nacht an einem Herzanfall gestorben war. Der ganze Ort trauerte, bis sich herausstellte, daß es gar nicht stimmte.

Vater schaltete den Rundfunkempfänger ein, und da hörten sie, daß Großbritannien Deutschland den Krieg erklärt hatte.

Margaret spürte, wie sich wilde Freude in ihr regte, die jener Erregung ähnlich war, die sie empfand, wenn sie mit hoher Geschwindigkeit fuhr oder bis zum Wipfel eines hohen Baumes hinaufkletterte. Es hatte nun keinen Sinn mehr, deshalb quälenden Überlegungen nachzuhängen. Natürlich würde es zu Tragödien kommen, zu Verlust und Trauer und Leid. Doch daran war jetzt nichts mehr zu ändern, die Würfel waren gefallen, und es mußte gekämpft werden. Bei diesen Gedanken schlug ihr Herz schneller. Alles würde anders werden. Gesellschaftliche Konventionen würden aufgegeben werden müssen. Frauen würden zum Hilfsdienst aufgerufen werden, Klassenschranken würden fallen, alle würden zusammenarbeiten. Schon jetzt konnte sie einen Hauch von Freiheit spüren. Und sie würden im Krieg mit den Faschisten sein, die den armen Ian auf dem Gewissen hatten und Tausende andere junge Männer wie ihn. Margaret hielt sich nicht für besonders rachsüchtig, aber wenn sie an den Kampf gegen die Nazis dachte, verspürte sie doch den Wunsch nach Vergeltung. Und dieses Gefühl war neu für sie, erschreckend und aufregend zugleich.

Vater tobte vor Wut. Er war ohnehin dick und hatte ein rotes Gesicht, aber wenn er zornig wurde, sah er immer aus, als würde er platzen. ≫Verdammter Chamberlain!≪ knirschte er. ≫Verfluchter Kerl!≪

≫Algernon, bitte!≪ rügte ihn Mutter ob seiner Unbeherrschtheit.

Vater war einer der Gründer der B.U.F. — der Britischen Union der Faschisten. Damals war er ein anderer Mensch gewesen, nicht nur jünger, sondern auch schlanker, besser aussehend und weniger reizbar. Er hatte mit seinem Charme die Sympathie und Loyalität vieler gewonnen. Er hatte ein umstrittenes Buch geschrieben: Mischlinge — Die Gefahr durch Rassenvermischung. Es erläuterte, wie es mit der Kultur bergab ging, seit Weiße angefangen hatten, sich mit Juden, Asiaten, Orientalen, ja sogar Negern einzulassen. Er hatte mit Adolf Hitler korrespondiert und ihn für den größten Staatsmann seit Napoleon gehalten. Es hatte im Haus der Oxenfords jedes Wochenende große Gesellschaften mit wichtigen Politikern gegeben, manchmal auch mit ausländischen Staatsmännern und ein unvergeßliches Mal sogar mit dem König. Die Diskussionen dauerten bis tief in die Nacht hinein, der Butler holte immer wieder eine neue Flasche Weinbrand aus dem Keller, während die Diener gähnend in der Halle herumstanden. Während der Wirtschaftskrise hatte Vater nur darauf gewartet, daß das Land ihn rufe, damit er es in der Stunde der Not rette, und ihn bitte, Premierminister in einer Regierung für den nationalen Wiederaufbau zu werden. Doch der Ruf war nie erfolgt. Die Wochenendparties waren seltener und kleiner geworden; die bekannteren Gäste hatten Mittel und Wege gefunden, sich öffentlich von der Britischen Union der Faschisten zu distanzieren; und Vater war zu einem verbitterten, enttäuschten Menschen geworden. Mit seiner Zuversicht verlor er auch seinen Charme, und sein gutes Aussehen ruinierte er selbst durch Groll, Langeweile und Alkohol. Er war nie besonders intelligent gewesen. Margaret hatte sein Buch gelesen und mit Entsetzen erkannt, daß seine Ansichten nicht nur falsch, sondern auch dumm waren.

In den letzten Jahren war sein politisches Programm zu einer einzigen besessenen Idee geschrumpft: daß Großbritannien und Deutschland sich gegen die Sowjetunion verbünden sollten. Das hatte er in Artikeln in Zeitschriften propagiert und in Briefen an Zeitungen und bei den immer selteneren Gelegenheiten, da man ihn einlud, bei politischen Versammlungen und vor Hochschuldiskussionsgruppen zu reden. Er hielt auch noch starrsinnig an dieser Idee fest, als die Ereignisse in Europa seine politischen Vorstellungen zusehends unrealistischer werden ließen. Und nun, da der Krieg zwischen Großbritannien und Deutschland erklärt war, starb auch seine letzte Hoffnung. Inmitten all ihrer anderen aufgewühlten Gefühle empfand Margaret sogar ein wenig Mitleid mit ihm.

≫Großbritannien und Deutschland werden sich gegenseitig zerfleischen, und Europa wird dadurch der Herrschaft des atheistischen Kommunismus anheimfallen≪, prophezeite er.

Die Bemerkung über den Atheismus erinnerte Margaret wieder daran, daß man sie zwang, zur Kirche zu gehen. ≫Das ist mir egal≪, sagte sie. ≫Ich bin Atheistin!≪

≫Das ist doch gar nicht möglich, Liebes, du gehörst der Church of England an≪, meinte Mutter.

Unwillkürlich mußte Margaret lachen. Elizabeth, die den Tränen nahe war, rief: ≫Wie kannst du nur lachen? Es ist eine Tragödie!≪

Elizabeth war eine glühende Bewunderin der Nazis. Sie sprach deutsch — aber das taten beide Schwestern, dank einer deutschen Gouvernante, die länger durchgehalten hatte als die meisten anderen, — war mehrmals in Berlin gewesen und hatte zweimal mit dem Führer höchstpersönlich gespeist. Margaret vermutete, daß die Nazis Snobs waren, denen es gefiel, sich von englischen Aristokraten beklatschen zu lassen. Sie wandte sich Elizabeth zu und sagte: ≫Es wird Zeit, daß wir es diesen Leuteschindern zeigen!≪

≫Sie sind keine Leuteschinder!≪ protestierte Elizabeth empört. ≫Sie sind stolze, starke, reinrassige Arier, und es ist eine Tragödie, daß unser Vaterland sich nun im Krieg mit ihnen befindet. Vater hat recht — die Weißen werden einander ausrotten, und dann wird die Welt den Mischlingen und Juden gehören.≪

Margaret hatte nicht die Geduld, sich solches Geschwafel anzuhören. ≫An den Juden ist nichts auszusetzen!≪ erklärte sie hitzig.

Vater hob belehrend den Finger. ≫An den Juden ist nichts auszusetzen — wenn sie dort bleiben, wo sie hingehören.≪

≫Unter den Stiefeln deines — deines faschistischen Systems vielleicht?≪ Margaret war nahe daran gewesen, ≫deines verdammten Systems≪ zu sagen, aber plötzlich bekam sie es mit der Angst und verkniff sich die Bemerkung. Es war gefährlich, Vater zu sehr zu reizen.

≫Und in deinem bolschewistischen System haben die Juden das Sagen!≪ entgegnete Elizabeth.

≫Ich bin kein Bolschewist, ich bin Sozialist!≪

≫Das ist nicht möglich, Liebes≪, meinte Percy, den Tonfall der Mutter imitierend, ≫du gehörst der Church of England an.≪

Auch diesmal mußte Margaret gegen ihren Willen lachen, was ihre Schwester nur noch mehr erboste. ≫Du willst nur alles zerstören, was edel und rein ist, und dich darüber lustig machen!≪ erklärte sie verbittert.

Solche dummen Reden überhörte man am besten, aber Margaret wollte doch wenigstens ihren Standpunkt klarmachen. Sie wandte sich ihrem Vater zu und sagte: ≫Was Neville Chamberlain betrifft, bin ich jedenfalls deiner Meinung. Dadurch, daß er zugelassen hat, daß die Faschisten Spanien übernahmen, hat er unsere militärische Lage ungemein verschlechtert. Jetzt ist der Feind ebenso im Westen wie im Osten.≪

≫Chamberlain hat nichts damit zu tun, daß die Faschisten in Spanien an die Macht gekommen sind≪, erklärte ihr Vater. ≫Großbritannien hatte einen Nichteinmischungspakt mit Deutschland, Italien und Frankreich. Wir haben lediglich unser Wort gehalten.≪

Das war absolute Heuchelei, und er wußte es. Margaret spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. ≫Wir haben unser Wort gehalten, während die Italiener und die Deutschen ihres brachen!≪ rief sie entrüstet. ≫Also bekamen die Faschisten die Waffen, und die Demokraten nichts — außer Helden.≪

Einen Augenblick herrschte verlegenes Schweigen.

Schließlich sagte die Mutter: ≫Es tut mir wirklich leid, daß Ian gefallen ist, Liebes, aber er hatte einen sehr schlechten Einfluß auf dich.≪

Plötzlich war Margaret den Tränen nahe.

Ian Rochdale war ihre große Liebe gewesen, und der Schmerz über seinen Tod überwältigte sie immer noch.

Jahrelang hatte sie bei den Jagdbällen mit hohlköpfigen jungen Männern des Landadels getanzt, die nichts anderes im Sinn hatten, als zu saufen und zu jagen. Sie hatte schon daran gezweifelt, daß sie je einen Mann ihres Alters kennenlernen würde, der sie interessierte. Ian war wie das Licht der Aufklärung in ihr Leben gekommen, und seit er tot war, lebte sie wieder in der Dunkelheit.

Als sie ihn kennenlernte, studierte er im letzten Semester in Oxford. Margaret wäre schrecklich gern auch auf eine Universität gegangen, aber sie hätte wohl kaum eine Chance gehabt, aufgenommen zu werden — sie hatte ja nie eine richtige Schule besucht. Doch sie war sehr belesen — was hätte sie außer Lesen auch tun können! —, und sie war begeistert, einen Wesensverwandten gefunden zu haben, jemanden, der leidenschaftlich gern diskutierte. Ian war der einzige, der ihr etwas erklären konnte, ohne dabei herablassend zu wirken. Nie war sie jemandem begegnet, der so klar denken konnte; bei Diskussionen bewies er unendliche Geduld; und er war ohne jede intellektuelle Eitelkeit — nie gab er vor, etwas zu verstehen, wenn es nicht der Fall war. Sie bewunderte ihn vom ersten Augenblick an.

Lange Zeit dachte sie gar nicht daran, daß es Liebe sein könnte. Doch eines Tages gestand er ihr seine Gefühle; unbeholfen, voll Verlegenheit suchte er nach den richtigen Worten und hatte zum ersten Mal Schwierigkeiten, sich auszudrücken, bis er schließlich sagte: ≫Ich glaube, ich habe mich wohl in dich verliebt — wird das alles zwischen uns zerstören?≪ Und da wurde ihr voller Glück bewußt, daß auch sie ihn liebte.

Er veränderte ihr Leben. Ihr war, als wäre sie plötzlich in einem anderen Land. Sie sah alles mit anderen Augen: die Landschaft, das Wetter, die Leute, das Essen. Und sie genoß alles. Die Zwänge und der Ärger, die ein Leben mit ihren Eltern mit sich brachte, erschienen ihr unbedeutend.

Selbst nachdem Ian sich der Internationalen Brigade angeschlossen hatte und in Spanien für die gewählte sozialistische Regierung und gegen die faschistischen Aufrührer kämpfte, erhellte er ihr Leben. Sie war stolz auf ihn, weil er den Mut hatte, zu seiner Überzeugung zu stehen und bereit war, sein Leben für die Sache einzusetzen, an die er glaubte. Manchmal erhielt sie einen Brief von ihm. Einmal schickte er ihr ein Gedicht. Und dann kam die Mitteilung, daß er gefallen war, daß eine Granate ihn getroffen hatte. Und Margaret hatte das Gefühl, mit ihm gestorben zu sein.

≫Einen schlechten Einfluß≪, wiederholte sie bitter. ≫Ja, er lehrte mich, Dogmen in Frage zu stellen, Lügen nicht zu glauben, Ignoranz zu hassen und Heuchelei zu verabscheuen. Infolgedessen passe ich kaum in diese zivilisierte Gesellschaft hier.≪

Plötzlich redeten alle gleichzeitig, dann hörten sie ebenso abrupt auf, weil keiner verstanden werden konnte. Da sagte Percy in die Stille: ≫Weil wir von Juden reden: Ich habe ein komisches Bild im Keller gefunden, in einem dieser alten Koffer aus Stamford.≪ Stamford in Connecticut war Mutters Heimatstadt. Percy zog aus seiner Hemdtasche eine zerknitterte und verblaßte bräunliche Fotografie. ≫Meine Urgroßmutter hieß doch Ruth Glencarry, nicht wahr, Mutter?≪

≫Ja — sie war die Mutter meiner Mutter. Warum, Liebes, was hast du gefunden?≪

Wortlos reichte Percy seinem Vater die Fotografie, und die anderen drängten sich um ihn, um sie ebenfalls zu betrachten. Das Bild zeigte eine Straßenszene in einer amerikanischen Stadt, New York wahrscheinlich, vor etwa siebzig Jahren. Im Vordergrund stand ein Jude von ungefähr dreißig mit schwarzem Bart. Er trug die Kleidung eines Arbeiters und einen Hut. Hinter ihm befand sich ein Handkarren mit einem Schleifstein. ≫Reuben Fishbein — Scherenschleifer≪, konnte man an der Karrenseite lesen. Neben dem Mann stand ein etwa zehnjähriges Mädchen in einem verschossenen Baumwollkleid und dicken Stiefeln.

≫Was soll das, Percy? Wer ist dieses Lumpenpack?≪ fragte der Vater.

≫Dreh das Bild um≪, riet ihm Percy.

Vater tat es. Auf der Rückseite stand: ≫Ruthie Glencarry, geb. Fishbein, mit zehn Jahren.≪

Margaret blickte ihren Vater an. Er sah aus, als würde ihn der Schlag treffen.

≫Interessant, daß Mutters Großvater die Tochter eines herumziehenden jüdischen Scherenschleifers heiratete≪, meinte Percy, ≫aber das ist halt in Amerika so, wie man hört.≪

≫Das ist unmöglich!≪ rief Vater, doch seine Stimme zitterte, und Margaret vermutete, daß er es für nur allzu möglich hielt.

Percy fuhr unbekümmert fort: ≫Jedenfalls wird das Judentum durch die Mutter vererbt, und da die Großmutter meiner Mutter eine Jüdin war, bin ich ein Jude.≪

Vater war kreidebleich. Mutter blickte verwirrt und mit leicht gerunzelter Stirn drein.

≫Ich kann nur hoffen, daß nicht die Deutschen diesen Krieg gewinnen, denn sonst darf ich nicht mehr ins Kino gehen, und Mutter wird gelbe Sterne auf ihre Ballkleider nähen müssen≪, sagte Percy.

Das war einfach zu schön, um wahr zu sein. Margaret studierte eingehend die Worte auf der Rückseite des Bildes, dann dämmerte ihr die Wahrheit. ≫Percy≪, sagte sie schmunzelnd, ≫das ist deine Schrift!≪

≫Nein, bestimmt nicht!≪ protestierte Percy.

Aber inzwischen hatten auch die anderen seine Schrift erkannt. Margaret lachte schadenfroh. Percy hatte dieses alte Bild eines kleinen jüdischen Mädchens irgendwo aufgetrieben und den Text auf der Rückseite erfunden, um Vater hereinzulegen. Und Vater war prompt darauf hereingefallen. Kein Wunder! Es mußte der absolute Alptraum für jeden Rassisten sein, festzustellen, daß nicht alle seine Vorfahren reinrassig waren. Geschah ihm ganz recht!

≫Pah!≪ meinte Vater und warf das Bild auf den Tisch. Mutter sagte vorwurfsvoll: ≫Percy, also wirklich!≪ Sicherlich hätten sie noch mehr zu sagen gehabt, doch in diesem Moment meldete Bares, der griesgrämige Butler: ≫Mylady, es ist angerichtet.≪

Sie verließen den Salon und gingen durch die Eingangshalle zum kleinen Eßzimmer. Es würde viel zu durchgeschmortes Roastbeef geben wie immer am Sonntag, und Mutter bekam ihren obligatorischen Salat: Sie aß nie etwas Gekochtes, weil sie überzeugt war, daß das Kochen Qualität und Geschmack zerstörte.

Vater sprach das Tischgebet, und sie setzten sich. Bates bot Mutter Räucherlachs an. Geräucherte, marinierte oder auf andere Weise konservierte Nahrungsmittel waren nach ihrer Theorie in Ordnung.

≫Es ist klar, was wir jetzt zu tun haben≪, meinte Mutter, als sie sich von der Platte mit Lachs bediente. Sie redete so beiläufig, als würde sie nur das aussprechen, was alle schon wußten. ≫Wir müssen nach Amerika fahren und dortbleiben, bis dieser dumme Krieg zu Ende ist.≪

Einen Augenblick herrschte bestürztes Schweigen.

Dann platzte Margaret entsetzt heraus: ≫Nein!≪

≫Ich meine, es hat heute bereits genug Streit für einen Tag gegeben≪, erklärte Mutter ungerührt. ≫Wir wollen jetzt unser Mittagessen in Ruhe und Frieden zu uns nehmen! ≪

≫Nein!≪ protestierte Margaret noch einmal. Sie brachte vor Empörung kaum ein weiteres Wort hervor. ≫Ihr — ihr könnt das nicht tun!

Es ist…≪, stammelte sie schließlich. Sie wollte sie anschreien, sie des Hochverrats und der Feigheit bezichtigen, ihre Verachtung hinausbrüllen; aber sie fand die Worte nicht und alles, was sie sagen konnte, war: ≫Das geht doch nicht!≪

Selbst das war zuviel. ≫Wenn du deinen Mund nicht halten kannst, dann gehst du jetzt besser≪, sagte Vater.

Margaret preßte ihre Serviette gegen den Mund, um ein Schluchzen hinunterzuwürgen, stieß ihren Stuhl zurück, stand auf und floh aus dem Zimmer.

_________

Die Eltern hatten die Sache offensichtlich seit Monaten geplant.

Percy kam nach dem Mittagessen in Margarets Zimmer und berichtete ihr die Einzelheiten. Das Haus sollte geschlossen, die Möbelstücke mit Tüchern gegen Staub geschützt und die Dienstboten entlassen werden. Vaters Geschäftsführer sollte die Verwaltung des gesamten Besitzes übernehmen. Mieten und Pachteinnahmen würden sich in der Bank ansammeln, denn aufgrund der kriegsbedingten Währungskontrollbestimmungen konnte das Geld nicht nach Amerika überwiesen werden. Die Pferde würden verkauft, die Wolldecken eingemottet und das Silber weggeschlossen werden.

Elizabeth, Margaret und Percy sollten je einen Koffer packen, ihre übrigen persönlichen Sachen würden durch eine Transportfirma nachgeschickt werden. Vater hatte bereits die Flüge gebucht — am Mittwoch würden sie alle mit dem Pan-American-Clipper abreisen.

Percy war schrecklich aufgeregt. Er war zwar schon zweimal geflogen, aber mit dem Clipper würde das etwas ganz anderes sein. Das Flugzeug war gewaltig und außerordentlich luxuriös. Die Zeitungen waren voll davon gewesen, als die Fluglinie vor ein paar Wochen eröffnet wurde. Der Flug nach New York dauerte neunundzwanzig Stunden, und nachts, über dem Atlantik, konnte man sich sogar ins Bett legen.

Das ist mal wieder typisch, dachte Margaret, daß sie in Pomp und Luxus abreisten und ihre Landsleute den Entbehrungen und Härten des Krieges überließen.

Percy ging, um seine Sachen zu packen, und Margaret legte sich auf ihr Bett und starrte verbittert und in ohnmächtiger Wut gegen die Zimmerdecke, bis ihr die Tränen in die Augen stiegen.

Sie blieb bis zur Schlafenszeit in ihrem Zimmer.

Am Montag morgen, als sie noch im Bett lag, kam Mutter in ihr Zimmer. Margaret richtete sich auf und musterte sie mit feindseligem Blick. Mutter setzte sich an den Frisiertisch und blickte Margaret im Spiegel an. ≫Bitte, fang keinen Streit mit deinem Vater an≪, sagte sie.

Margaret entging nicht, wie nervös ihre Mutter war. Unter anderen Umständen wäre sie vielleicht sanfter mit ihr umgegangen, aber im Moment war sie zu erregt, als daß sie hätte Mitgefühl empfinden können. ≫Es ist so feige!≪ platzte sie heraus.

Mutter wurde blaß. ≫Wir sind nicht feige!≪

≫Aber fortzulaufen, wenn ein Krieg beginnt!≪

≫Wir haben keine Wahl. Wir müssen weg.≪

Margaret blinzelte verwirrt. ≫Wieso?≪

Nun drehte Mutter sich vom Spiegel um und blickte sie fest an. ≫Weil man sonst deinen Vater verhaften wird.≪

Margaret war vollkommen verblüfft. ≫Aber wieso? Wie können sie das tun? Es ist doch kein Verbrechen, ein Faschist zu sein.≪

≫Es gibt besondere Notstandsgesetze. Was spielt das schon für eine Rolle? Ein Bekannter aus dem Innenministerium hat uns gewarnt. Wenn Vater Ende der Woche noch hier ist, wird er verhaftet.≪

Margaret fiel es schwer zu glauben, daß man ihren Vater wie einen gemeinen Dieb ins Gefängnis werfen wollte. Plötzlich kam sie sich sehr dumm vor, weil sie überhaupt nicht bedacht hatte, wie sehr der Krieg ihr Leben verändern würde.

≫Aber sie gestatten uns nicht, Geld mitzunehmen≪, fuhr Mutter bitter fort. ≫Soviel zum Fair play der Briten!≪

Geld war das letzte, worüber Margaret sich jetzt Sorgen machte. Ihr gesamtes Leben hing in der Schwebe. Sie faßte sich ein Herz und beschloß, ihrer Mutter die Wahrheit zu sagen. Bevor sie der Mut wieder verließ, holte sie tief Luft und sagte: ≫Mutter, ich werde nicht mitkommen!≪

Mutter zeigte kein Erstaunen. Vielleicht hatte sie so etwas sogar erwartet. In dem milden, gleichmütigen Ton, dessen sie sich immer bediente, wenn sie sich bemühte, eine Diskussion zu vermeiden, erklärte sie: ≫Du mußt mitkommen, Liebes.≪

≫Mich werden sie nicht ins Gefängnis stecken. Ich kann bei Tante Martha wohnen oder bei Kusine Catherine. Bitte sprich mit Vater darüber, ja?≪

Mit einemmal wurde Mutter ungewohnt heftig. ≫Ich habe dich unter dem Herzen getragen und werde nicht zulassen, daß du dein Leben in Gefahr bringst, solange ich es verhindern kann!≪

Einen Augenblick lang erschrak Margaret über Mutters Gefühlsausbruch, dann begehrte sie auf: ≫Ich sollte schließlich auch etwas dazu sagen dürfen — immerhin ist es mein Leben!≪

Mutter seufzte. Auf ihre übliche ruhige, scheinbar gleichmütige Weise meinte sie: ≫Es spielt keine Rolle, was wir, du und ich, denken. Dein Vater wird dich nicht hierbleiben lassen, egal, was wir sagen.≪ Die Passivität ihrer Mutter brachte Margaret nur noch mehr auf, und sie entschied sich, sofort etwas zu unternehmen. ≫Ich werde selbst mit ihm reden. Jetzt gleich.≪

≫Bitte, laß es bleiben.≪ Jetzt schwang ein flehender Ton in Mutters Stimme mit. ≫Es ist so schon furchtbar schwer für ihn. Er liebt England, das weißt du. Unter anderen Umständen würde er das Kriegsministerium anrufen und fragen, ob sie eine Arbeit für ihn haben. Es bricht ihm das Herz.≪

≫Was ist mit meinem Herzen?≪

≫Für dich ist es etwas anderes. Du bist jung, dein Leben liegt noch vor dir. Für ihn aber ist es das Ende aller Hoffnung.≪

≫Ich bin nicht daran schuld, daß er ein Faschist ist≪, sagte Margaret barsch.

Mutter stand auf. ≫Ich hatte gehofft, du hättest mehr Herz≪, sagte sie leise und verließ das Zimmer.

Jetzt quälte Margaret ein schlechtes Gewissen, aber gleichzeitig ärgerte sie sich auch. Es war so ungerecht! Seit sie denken konnte, hatte Vater ihre Meinung stets voll Verachtung abgetan, und nun, da die Ereignisse bewiesen, daß seine Ansichten falsch waren, sollte sie auch noch Mitleid mit ihm empfinden!

Sie seufzte. Ihre Mutter war schön, exzentrisch und vollkommen gleichmütig. Sie war reich geboren und wußte, was sie wollte. Ihre Exzentrik entsprang einem starken Willen, nur fehlte ihr die nötige Klarsicht. Sie hielt an törichten Ideen fest, weil sie zwischen Sinn und Unsinn nicht zu unterscheiden vermochte. Die Unbestimmtheit war das Mittel einer starken Frau, mit der Dominanz des Mannes fertig zu werden: Sie durfte ihrem Mann nicht widersprechen, und so war die einzige Möglichkeit, sich seinem Diktat zu entziehen, vorzutäuschen, daß sie ihn nicht verstand. Margaret liebte ihre Mutter und akzeptierte ihre Eigenarten mit einer gewissen Nachsicht; aber sie war entschlossen, nicht wie sie zu werden, so sehr sie sich auch äußerlich ähnelten. Wenn die anderen ihr eine Ausbildung verweigerten, würde sie das eben selbst in die Hand nehmen. Und sie wollte lieber eine alte Jungfer werden, als irgendein Mannsbild zu heiraten, das glaubte, ein Recht zu haben, sie wie ein dummes Hausmädchen herumzukommandieren.

Manchmal sehnte sie sich nach einem anderen Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie wollte sich ihr anvertrauen, ihr Verständnis gewinnen, sie um Rat bitten. Sie könnten Verbündete sein, gemeinsam um ihren Platz in einer Welt kämpfen, in der Frauen nur ein schmückendes Beiwerk waren. Aber Mutter hatte diesen Kampf schon lange aufgegeben und wollte, daß Margaret das ebenfalls tat. Aber dazu war sie nicht bereit! Margaret würde sich nicht untreu werden. Ihr Entschluß stand fest. Aber wie konnte sie ihr Ziel erreichen?

Den ganzen Montag brachte sie keinen Bissen hinunter. Sie trank eine Tasse Tee nach der anderen, während die Dienstboten das Haus zum Verschließen fertigmachten. Am Dienstag, als Mutter klarwurde, daß Margaret nicht vorhatte zu packen, wies sie Jenkins an, es für sie zu tun. Natürlich wußte das neue Hausmädchen nicht, was sie einpacken sollte, darum mußte Margaret ihr helfen. So hatte Mutter ihren Willen schließlich wieder durchgesetzt, wie meistens.

≫So ein Pech für Sie, daß wir das Haus schließen, kaum daß Sie eine Woche hier arbeiten≪, meinte Margaret.

≫Ich werd’ bestimmt schnell eine neue Stellung finden, M’lady≪, entgegnete Jenkins. ≫Unser Dad sagt, daß es im Krieg so was wie Arbeitslosigkeit nicht gibt.≪

≫Was werden Sie tun? In einer Fabrik arbeiten?≪

≫Ich werd’ mich freiwillig melden. Im Radio hab’ ich gehört, daß gestern siebzehntausend Frauen zum A.T.S. gegangen sind. Vor allen Rathäusern im ganzen Land stehen Schlangen an — ich hab’ ein Bild in der Zeitung gesehen.≪

≫Sie haben es gut≪, stellte Margaret bedrückt fest. ≫Das einzige, wofür ich mich anstellen kann, ist ein Flugzeug nach Amerika.≪

≫Sie müssen tun, was der gnädige Herr will≪, sagte Jenkins.

≫Was sagt Ihr Dad dazu, daß Sie zum A.T.S. wollen?≪

≫Ich werd’s ihm gar nicht erzählen — ich tu’s einfach.≪

≫Aber was ist, wenn er Sie zurückholt?≪

≫Das kann er nicht. Jedenfalls nicht, sobald sie mich genommen haben. Ich bin achtzehn. Und wenn man alt genug ist, können die Eltern gar nichts mehr dagegen tun.≪

Überrascht blickte Margaret sie an. ≫Sind Sie sicher?≪

≫Natürlich. Das weiß doch jeder.≪

≫Ich habe es nicht gewußt≪, murmelte Margaret nachdenklich.

Jenkins trug Margarets Koffer hinunter in die Halle. Sie würden schon früh am Mittwoch morgen aufbrechen. Als Margaret die Koffer sah, wurde ihr bewußt, daß sie die Zeit des Krieges in Connecticut verbringen würde, wenn sie bloß schmollend herumsaß. Trotz Mutters Flehen, keinen Ärger zu machen, mußte sie mit ihrem Vater sprechen.

Schon bei dem Gedanken wurden ihr die Knie weich. Sie kehrte auf ihr Zimmer zurück, um sich selbst Mut zu machen. Sie würde ganz ruhig sein. Tränen rührten ihn nicht, und Wut würde nur seinen Spott herausfordern. Sie mußte vernünftig, verantwortungsbewußt und reif wirken. Sie durfte nicht groß herumargumentieren, weil ihn das bloß in Rage versetzen würde, und das wiederum würde sie so einschüchtern, daß sie nicht weiterreden könnte.

Wie sollte sie anfangen? ≫Ich finde, daß ich ein Recht habe, meine Zukunft selbst zu gestalten.≪

Nein, das wäre nicht gut. Er würde entgegnen: ≫Ich bin für dich verantwortlich, deshalb habe ich zu entscheiden!≪

Vielleicht sollte sie sagen: ≫Kann ich mit dir über die Reise nach Amerika reden?≪

Er würde vermutlich antworten: ≫Darüber gibt es nichts zu reden.≪

Ihre Eröffnung mußte so unverfänglich sein, daß er sie nicht gleich abschmetterte. Sie beschloß zu sagen: ≫Darf ich dich etwas fragen?≪ Dazu mußte er ja sagen.

Was dann? Wie konnte sie zum Thema kommen, ohne daß er es gleich mit einem seiner schrecklichen Wutanfälle unterband? Sie könnte sagen: ≫Du warst im letzten Krieg doch in der Armee, nicht wahr?≪ Sie wußte, daß er in Frankreich an der Front gewesen war. Dann würde sie fortfahren: ≫War Mutter auch im Einsatz?≪ Auch darauf kannte sie die Antwort. Mutter war freiwillige Krankenschwester in London gewesen und hatte verwundete amerikanische Offiziere gepflegt. Schließlich würde sie sagen: ≫Ihr habt beide euren Ländern gedient, deshalb bin ich überzeugt, daß du verstehen wirst, wenn ich das gleiche tun möchte.≪ Also dagegen konnte er doch wirklich nichts sagen.

Wenn er dagegen prinzipiell nichts zu sagen vermochte, würde sie mit seinen anderen Einwänden schon fertig werden, dachte sie. Sie könnte bei Verwandten wohnen, bis sie im A.T.S. aufgenommen wurde, und das würde bestimmt in wenigen Tagen der Fall sein. Sie war neunzehn: Viele Mädchen in diesem Alter arbeiteten bereits seit sechs Jahren. Sie war alt genug zu heiraten, einen Wagen zu fahren und ins Gefängnis gesteckt zu werden. Da konnte es doch keinen Grund geben, weshalb man ihr nicht erlauben sollte, in England zu bleiben.

Das klang logisch. Nun brauchte sie nur noch den nötigen Mut.

Vater war jetzt vermutlich mit seinem Geschäftsführer im Arbeitszimmer. Margaret verließ ihr Zimmer, doch auf dem Gang begann sie vor Angst zu zittern. Vater wurde immer so wütend, wenn man sich ihm widersetzte. Sein Zorn war entsetzlich und seine Strafen grausam. Mit elf hatte sie einmal einen ganzen Tag in einer Ecke seines Arbeitszimmers stehen müssen, mit dem Gesicht zur Wand, weil sie unhöflich zu einem Gast gewesen war; mit sieben hatte er ihr den geliebten Teddybären weggenommen, weil sie ins Bett gemacht hatte; und einmal hatte er in seiner Wut eine Katze aus einem Fenster im ersten Stock geworfen. Was würde er jetzt tun, wenn sie ihm erklärte, daß sie in England bleiben und gegen die Nazis kämpfen wollte?

Sie zwang sich, die Treppe hinunterzugehen, doch ihre Furcht wuchs, je mehr sie sich dem Arbeitszimmer näherte. Sie stellte sich vor, wie er zornig wurde, wie sein Gesicht sich rötete, wie seine Augen hervorquollen, da lähmte ihre Angst sie fast. Sie versuchte sich zu beruhigen, indem sie sich fragte, was sie zu befürchten hatte. Sie war kein kleines Mädchen mehr, dem man das Herz brechen konnte, indem man ihm den Teddy wegnahm. Doch tief im Innern wußte sie, daß ihm sicher eine neue Herzlosigkeit einfiel, die sie wünschen lassen würde, tot zu sein.

Während sie zitternd vor der Tür zum Arbeitszimmer stand, kam die Haushälterin in einem raschelnden schwarzen Seidenkleid durch die Halle. Mrs. Allen herrschte mit strenger Hand über das weibliche Hauspersonal, aber den Kindern gegenüber war sie immer nachsichtig. Sie mochte die Familie und war traurig darüber, daß sie wegging; für sie war es das Ende eines Lebensabschnitts. Sie lächelte Margaret unter Tränen an.

Als Margaret sie anblickte, kam ihr eine Idee, die so kühn war, daß ihr Herz aussetzte.

Sie sah alles genau vor sich. Sie würde sich Geld von Mrs. Allen leihen, das Haus jetzt sofort verlassen, mit dem 16-Uhr-55-Zug nach London fahren, bei ihrer Kusine Catherine übernachten und gleich in der Frühe im A.T.S. eintreten. Bis Vater sie fand, würde es bereits zu spät sein.

Der Plan war so einfach und wagemutig, daß sie kaum glauben konnte, er sei wirklich durchführbar. Doch ehe sie es sich überlegte, hörte sie sich bereits sagen: ≫Oh, Mrs. Allen, könnten Sie mir bitte etwas Geld leihen, ich will mir schnell noch etwas besorgen, möchte jedoch Vater nicht stören, er ist so beschäftigt.≪

Mrs. Allen zögerte nicht einen Moment. ≫Selbstverständlich, Mylady. Wieviel brauchen Sie?≪

Margaret hatte keine Ahnung, wieviel eine Fahrkarte nach London kostete, sie hatte noch nie selbst eine gekauft. Aufs Geratewohl antwortete sie: ≫Oh, ein Pfund müßte genügen.≪ Dabei dachte sie: Träume ich das nicht vielleicht nur?

Mrs. Allen nahm zwei Zehnshillingscheine aus der Geldbörse. Sie hätte ihr wahrscheinlich sogar ihre gesamten Ersparnisse überlassen, wenn sie darum gebeten hätte.

Margaret nahm das Geld mit zitternder Hand. Das kann meine Fahrkarte in die Freiheit sein, dachte sie, und trotz ihrer Angst flackerte eine kleine Hoffnungsflamme freudig in ihrer Brust.

Mrs.

Allen, die annahm, daß sie der bevorstehenden Abreise wegen so erregt war, drückte ihr die Hand. ≫Es ist ein trauriger Tag, Lady Margaret≪, sagte sie. ≫Ein trauriger Tag für uns alle.≪ Bedrückt schüttelte sie ihr grauhaariges Haupt und verschwand in den hinteren Teil des Hauses.

Margaret schaute wild um sich. Es war niemand zu sehen. Ihr Herz flatterte wie ein gefangener Vogel, und ihr Atem kam als flaches Keuchen. Sie wußte, daß sie den Mut verlieren würde, wenn sie zögerte. Sie wagte es nicht einmal mehr, sich einen Mantel zu holen. Mit den Geldscheinen in der Hand verließ sie das Haus.

Der Bahnhof befand sich gute drei Kilometer entfernt in der nächsten Ortschaft. Bei jedem Schritt auf der Straße befürchtete Margaret, Vaters Rolls Royce hinter sich brummen zu hören. Aber woher sollte er wissen, was sie getan hatte? Es war unwahrscheinlich, daß irgend jemand sie vor dem Abendessen vermißte, und selbst wenn, würden sie annehmen, daß sie noch etwas einkaufte, wie sie Mrs. Allen gesagt hatte. Trotzdem zitterte sie vor Angst.

Sie hatte noch viel Zeit, als sie den Bahnhof erreicht und ihre Fahrkarte gekauft hatte — es war sogar mehr als genug Geld übriggeblieben —, so setzte sie sich in den Wartesaal für Damen und beobachtete die Zeiger der großen Wanduhr.

Der Zug hatte Verspätung.

Sechzehn Uhr fünfundfünfzig verging, dann siebzehn Uhr, siebzehn Uhr fünf. Inzwischen war Margarets Angst so gewachsen, daß sie nahe daran war, aufzugeben und nach Haus zurückzukehren, nur um die Anspannung nicht mehr ertragen zu müssen.

Um siebzehn Uhr vierzehn schließlich lief der Zug im Bahnhof ein, und Vater war noch immer nicht da. Margaret schlug das Herz bis zum Hals, als sie einstieg.

Sie schaute aus dem Fenster auf den Bahnbeamten, der am Eingang die Karten lochte, und erwartete, daß ihr Vater im letzten Augenblick noch dort erscheinen und sie aus dem Zug holen würde.

Endlich setzte sich der Zug in Bewegung.

Sie konnte es kaum glauben, aber ihre Flucht schien zu glücken.

Der Zug wurde schneller. Die erste zaghafte Begeisterung rührte sich. Wenige Sekunden später hatte der Zug den Bahnhof verlassen. Margaret sah zu, wie das Städtchen kleiner wurde, und ein Gefühl des Triumphs erfüllte sie. Sie hatte es geschafft — sie war entkommen!

Plötzlich spürte sie, wie ihre Knie nachzugeben drohten. Sie schaute sich nach einem Sitzplatz um und bemerkte erst jetzt, wie überfüllt der Zug war. Jeder Platz war besetzt, sogar in der ersten Klasse, und auf dem Boden saßen Soldaten. Sie mußte sich mit einem Stehplatz zufriedengeben.

Ihre Euphorie ließ nicht nach, obwohl die Fahrt objektiv betrachtet ein Alptraum war. Jedesmal, wenn der Zug anhielt, drängten sich weitere Fahrgäste in die Wagen. Dicht vor Reading mußte der Zug drei Stunden warten. Alle Glühbirnen waren wegen der Verdunkelung herausgeschraubt worden, so daß nach Einbruch der Dunkelheit völlige Finsternis im Zug herrschte, die nur hin und wieder von der Taschenlampe eines Schaffners durchbrochen wurde, der seinen Kontrollgang machte und über die Fahrgäste steigen mußte, die auf dem Boden saßen oder lagen. Als Margaret nicht mehr stehen konnte, setzte auch sie sich auf den Boden. Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr, sagte sie sich. Ihr Kleid würde zwar entsetzlich schmutzig werden, aber morgen würde sie ohnehin schon Uniform tragen. Alles war anders: Es herrschte Krieg.

Margaret fragte sich, ob Vater inzwischen bereits von ihrer Flucht wußte, die richtigen Schlüsse gezogen hatte und sofort nach London gebraust war, um sie am Bahnhof Paddington abzufangen. Es war unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, jedenfalls hämmerte ihr Herz, als der Zug in London einfuhr.

Doch als sie schließlich ausstieg, war Vater nirgendwo zu sehen, und wieder erfüllte sie ein wildes Triumphgefühl. Er war eben doch nicht allwissend! Im Bahnhof war es düster wie in einer Höhle, trotzdem gelang es ihr, ein Taxi zu finden. Es fuhr sie nur mit Standlicht nach Bayswater. Der Fahrer benutzte eine Taschenlampe, um sie zu dem Gebäude zu bringen, in dem ihre Kusine Catherine eine Wohnung hatte.

Alle Fenster des Hauses waren verdunkelt, doch die Eingangshalle war hell beleuchtet. Der Portier hatte seinen Dienst längst beendet — inzwischen war es fast Mitternacht —, doch Margaret fand auch ohne seine Hilfe zu Catherines Wohnung. Sie stieg die Treppe hinauf und läutete.

Nichts rührte sich in der Wohnung.

Sie erschrak.

Wieder läutete sie, obwohl sie wußte, daß es sinnlos war: Die Wohnung war klein und die Glocke laut. Catherine war nicht da!

Es war eigentlich nicht verwunderlich, sie hätte damit rechnen müssen: Catherine lebte bei ihren Eltern in Kent und benutzte die Wohnung lediglich als zeitweilige Unterkunft. Mit Londons Gesellschaftsleben war es im Moment natürlich vorbei, und so hatte es für Catherine auch keinen Grund gegeben hierzubleiben.

Margaret war nicht niedergeschmettert, aber enttäuscht. Sie hatte sich schon darauf gefreut, Catherine bei einer Tasse heißer Schokolade alles über ihr großes Abenteuer zu erzählen. Das würde nun warten müssen. Sie überlegte, was sie jetzt tun könnte. Sie hatte mehrere Verwandte in London, aber die meisten von ihnen würden wohl gleich Vater anrufen. Catherine wäre eine großartige Verschwörerin gewesen, den anderen Verwandten dagegen konnte sie nicht trauen.

Da erinnerte sie sich, daß Tante Martha glücklicherweise gar kein Telefon hatte.

Eigentlich war sie eine Großtante, eine mürrische, richtige alte Jungfer von etwa siebzig Jahren. Sie wohnte einen guten Kilometer von hier entfernt und würde sicherlich ungehalten sein, mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen zu werden, aber das ließ sich jetzt nicht ändern. Wichtig war, daß sie keine Möglichkeit hatte, Vater darüber zu informieren, wo Margaret sich aufhielt.

Margaret stieg die Treppe wieder hinunter und trat hinaus auf die Straße — in totale Finsternis.

Die Dunkelheit war furchteinflößend. Margaret blieb vor der Haustür stehen und starrte mit weit aufgerissenen Augen um sich, konnte jedoch absolut nichts erkennen. Ein Gefühl der Übelkeit stieg in ihr auf, und ihr wurde leicht schwindelig.

Sie schloß die Augen und versuchte sich die vertraute Straßenszene vorzustellen. Hinter ihr befand sich Ovington House mit Catherines Wohnung; normalerweise fiel Licht aus verschiedenen Fenstern, und über dem Eingang brannte eine helle Lampe. An der Ecke zu ihrer Linken war die kleine Kirche der Marinehelferinnen, deren Portikus die ganze Nacht hindurch von Flutlicht angestrahlt wurde.

Entlang dem Bürgersteig standen Straßenlatemen in regelmäßigen Abständen, und jede warf einen kleinen Lichtkreis; und normalerweise gab es natürlich auch noch die Scheinwerfer von Omnibussen, Taxis und Autos.

Margaret öffnete die Augen wieder — alles blieb dunkel.

Es war entmutigend. Einen Moment lang bildete sie sich ein, daß es ringsum überhaupt nichts gäbe: keine Straße, keine Stadt — sie befand sich im Nichts und fiel durch beängstigende Leere. Sie schwankte wie eine Seekranke. Dann nahm sie sich zusammen und versuchte, sich den Weg zu Tante Marthas Haus in Erinnerung zu rufen.

Ich muß mich von hier aus ostwärts halten, überlegte sie, und an der zweiten Abzweigung nach links abbiegen. Tante Marthas Haus liegt am Ende dieses Blocks. Das dürfte selbst in dieser Dunkelheit leicht zu finden sein.

Sie sehnte sich nach irgend etwas, das diese schreckliche Dunkelheit unterbrach: ein beleuchtetes Taxi, den Vollmond oder einen hilfreichen Schutzmann. Einen Augenblick später erfüllte sich ihr Wunsch: Ein Wagen kroch herbei, dessen Standlicht sie in dieser Finsternis an die Augen einer Katze erinnerte, und plötzlich konnte sie den Bürgersteig bis zur Straßenecke sehen.

Sie marschierte los.

Der Wagen fuhr vorüber, seine roten Rücklichter verloren sich in der Dunkelheit. Margaret glaubte sich noch drei oder vier Schritte von der Ecke entfernt, als sie den Bordstein hinunterstolperte. Sie überquerte die Straße und fand den gegenüberliegenden Bürgersteig, ohne dort über den Randstein zu fallen. Das ermutigte sie, und sie ging mit mehr Selbstvertrauen weiter.

Plötzlich schlug ihr etwas Hartes mit voller Wucht ins Gesicht.

Sie schrie vor Schmerz und plötzlicher Angst auf. Einen Augen- blick erlag sie blinder Panik und wollte umkehren und weglaufen. Mit aller Willenskraft beruhigte sie sich. Sie rieb die brennende Wange. Was in aller Welt war passiert? Wogegen konnte sie mitten auf dem Bürgersteig geprallt sein? Sie streckte beide Arme aus, berührte etwas und riß die Hände erschrocken zurück. Dann biß sie die Zähne zusammen und versuchte es noch einmal. Sie ertastete etwas Kaltes, Hartes, Rundes — wie eine übergroße Kuchenform, die mitten in der Luft schwebte. Ihre Hände glitten weiter und erfühlten eine runde Säule mit einer rechteckigen Öffnung. Als ihr bewußt wurde, was es war, lachte sie unwillkürlich trotz ihres schmerzenden Gesichts — ein Briefkasten hatte sie angegriffen!

Sie tastete sich um ihn herum und tappte mit ausgestreckten Armen weiter.

Nach einer Weile stolperte sie erneut über einen Bordstein. Nachdem sie wieder ins Gleichgewicht gekommen war, atmete sie erleichtert auf. Sie hatte Tante Marthas Straße erreicht. Nun bog sie nach links ab.

Da erst kam ihr der Gedanke, daß Tante Martha die Klingel möglicherweise gar nicht hören würde. Sie lebte allein, es gab also niemanden sonst, der die Tür öffnen würde. Wenn Tante Martha sie tatsächlich nicht hörte, würde Margaret zu Catherines Gebäude zurückkehren und im Hausflur schlafen müssen. Es würde ihr nicht allzuviel ausmachen, auf dem Boden zu liegen, aber ihr graute davor, noch einmal durch die Finsternis tappen zu müssen. Vielleicht kauerte sie sich auch nur auf Tante Marthas Eingangsstufe zusammen und wartete den Tagesanbruch ab.

Tante Marthas Häuschen befand sich am Ende eines langen Blocks. Schritt für Schritt bewegte Margaret sich vorsichtig weiter. Die Stadt war zwar dunkel, doch nicht still. Dann und wann war ein Wagen in der Ferne zu hören; Hunde bellten hinter Türen, an denen sie vorüberkam; Katzen sangen ihre mißtönende Liebeswerbung, ohne sie zu beachten; einmal hörte sie die beschwingten Klänge einer Party; und ein Stück weiter hatte ein Paar eine laute Auseinandersetzung hinter einem verdunkelten Fenster. Margaret sehnte sich danach, in einem hellen Zimmer mit einer Tasse Tee vor dem Kamin zu sitzen.

Der Häuserblock kam ihr länger vor als in der Erinnerung. Aber sie konnte sich doch nicht verlaufen haben: Sie war an der zweiten Kreuzung nach links abgebogen. Trotzdem wuchs die Angst, daß sie sich verirrt hatte. Sie verlor das Zeitgefühl. Wie lange ging sie diesen Block schon entlang? Fünf Minuten? Zwanzig Minuten? Zwei Stunden oder bereits die ganze Nacht? Plötzlich war sie sich nicht einmal mehr sicher, ob sich überhaupt Häuser in der Nähe befanden. Sie konnte ebensogut mitten im Hyde Park sein. Das gruselige Gefühl beschlich sie, daß ringsumher Monster lauerten, die nur auf ihr Stolpern warteten, um über sie herzufallen. Ein Schrei stieg in ihrer Kehle auf, sie vermochte ihn nur mühsam zurückzudrängen.

Sie zwang sich, zu überlegen. Wo könnte sie falsch abgebogen sein? Sie wußte, daß es eine Kreuzung gewesen war, wo sie über den Randstein gestolpert war. Aber wie sie sich jetzt erinnerte, gab es außer den sich kreuzenden größeren Straßen auch Gassen, die die Straße durchzogen. Vielleicht war sie in eine davon eingebogen. Und inzwischen stapfte sie vielleicht bereits einen Kilometer oder mehr in die verkehrte Richtung.

Vergeblich versuchte sie sich an das herrliche Gefühl von Aufregung und Triumph zu erinnern, das sie im Zug so berauscht hatte. Im Moment fürchtete sie sich nur, so ganz allein im Dunkeln.

Sie blieb eine Weile stehen, bis sie jedes Zeitgefühl verloren hatte. Sie hatte Angst, sich überhaupt von der Stelle zu bewegen. Furcht lähmte sie. Sie würde hier einfach stehenbleiben, bis sie vor Erschöpfung in Ohnmacht fiel oder bis es hell wurde.

Da näherte sich ein Wagen.

Sein trübes Standlicht vermittelte nicht viel Helligkeit, aber im Vergleich zu der Finsternis zuvor erschien es ihr wie Tageslicht. Sie stellte fest, daß sie tatsächlich mitten auf der Straße stand, und hastete auf den Bürgersteig, um nicht angefahren zu werden. Sie befand sich auf einem Platz, der ihr vertraut vorkam. Der Wagen fuhr an ihr vorbei und bog um eine Ecke. Sie eilte ihm nach in der Hoffnung, irgend etwas Bekanntes zu sehen, an dem sie sich orientieren konnte. Als sie die Ecke erreichte, hatte der Wagen fast das Ende einer kurzen, schmalen Geschäftsstraße erreicht, in der sie einen Laden erkannte: die Modistin, bei der Mutter Kundin war. Margaret wurde bewußt, daß sie sich nur noch wenige Meter von Marble Arch entfernt befand.

Vor Erleichterung hätte sie fast geheult.

An der nächsten Ecke wartete sie wieder auf ein Auto, das ihr den Weg beleuchten würde, dann bog sie nach Mayfair ein.

Wenige Minuten später stand sie vor dem Hotel Claridge. Natürlich war es ebenfalls verdunkelt, aber sie fand den Eingang und überlegte, ob sie hineingehen sollte.

Wahrscheinlich hatte sie nicht genügend Geld für ein Zimmer dabei, aber sie erinnerte sich, daß man die Rechnung erst bezahlte, wenn man das Hotel verließ. Sie könnte ein Zimmer für zwei Nächte nehmen, am Morgen weggehen, als würde sie wieder zurückkommen, sich gleich beim A.T.S. aufnehmen lassen, dann das Hotel anrufen und bitten, die Rechnung an Vaters Anwalt zu senden.

Sie holte tief Atem und schob die Tür auf.

Wie die meisten öffentlichen Gebäude, die nachts geöffnet waren, hatte das Hotel eine zweite Tür anbringen lassen, wie bei einer Luftschleuse, damit man eintreten konnte, ohne daß das Licht nach draußen fiel. Margaret wartete, bis sich die äußere Tür hinter ihr geschlossen hatte, dann drückte sie die zweite auf und trat dankbar in das erleuchtete Foyer. Eine ungeheure Erleichterung erfüllte sie. Hier herrschte Normalität, der Alptraum war zu Ende.

Ein junger Nachtportier döste hinter dem Empfang. Margaret hüstelte, woraufhin er zusammenzuckte und benommen aufblickte. ≫Ich brauche ein Zimmer≪, sagte Margaret.

≫Mitten in der Nacht?≪

≫Ich habe mich wegen der Verdunkelung verlaufen≪, erklärte sie, ≫jetzt komme ich nicht mehr nach Hause.≪

Der Portier begann aufzuhorchen. ≫Kein Gepäck?≪

≫Nein≪, entgegnete Margaret schuldbewußt; da kam ihr ein Gedanke, und sie fügte hinzu: ≫Natürlich nicht — ich hatte schließlich nicht vor, mich zu verlaufen!≪

Er musterte sie mit merkwürdigem Blick. Er würde sie doch wohl nicht abweisen? Schließlich schluckte er, rieb sich das Gesicht und tat, als schaute er in dem Buch vor sich nach. Was war los mit diesem Kerl? Er überlegte kurz, dann klappte er das Buch zu und behauptete: ≫Es ist kein Zimmer mehr frei.≪

≫Ah, kommen Sie, Sie müssen doch noch irgendein…≪

Er unterbrach sie und meinte augenzwinkernd: ≫Sie hatten wohl Streit mit Ihrem Alten?≪

Margaret glaubte sich in einem Alptraum. ≫Ich kann heute nacht nicht mehr nach Hause≪, wiederholte sie eindringlich, da der Bursche sie anscheinend beim erstenmal nicht verstanden hatte.

≫Das ist nicht meine Schuld≪, sagte er. Offenbar hielt er sich für geistreich, als er hinzufügte: ≫Beschweren Sie sich bei Hitler.≪

Er war ziemlich jung. ≫Wo ist Ihr Vorgesetzter?≪ fragte sie.

Jetzt wirkte er beleidigt. ≫Bis sechs Uhr bin ich hier verantwortlich!≪

Margaret schaute sich um. ≫Dann werde ich wohl bis zum Morgen im Foyer sitzen müssen≪, erklärte sie müde.

≫Das geht nicht!≪ rief der Portier erschrocken. ≫Ein junges Mädchen ohne Begleitung und ohne Gepäck nachts im Foyer? Das kann mich die Stellung kosten!≪

≫Ich bin kein junges Mädchen!≪ sagte sie verärgert. ≫Ich bin Lady Margaret Oxenford.≪ In der Verzweiflung bediente sie sich ihres Titels, was sie sonst nur ungern tat.

Aber das nutzte ihr nichts. Der Portier grinste unverschämt. ≫Was Sie nicht sagen.≪

Margaret wollte ihn schon anschreien, da fiel ihr Blick auf ihr Spiegelbild in der Glastür, und sie sah, daß sie ein blaues Auge hatte. Obendrein waren ihre Hände schmutzig, und ihr Kleid war zerrissen.

Kein Wunder, sie war gegen einen Briefkasten geprallt und hatte im Zug auf dem Boden gesessen. Sie verstand jetzt, warum der Portier ihr kein Zimmer geben wollte. ≫Aber Sie können mich doch nicht in die Nacht hinausjagen!≪ protestierte sie verzweifelt.

≫Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig≪, entgegnete der junge Mann.

Margaret fragte sich, was er tun würde, wenn sie sich einfach hinsetzte und sich weigerte zu gehen. Sie fühlte sich hundemüde und schwach von der Nervenanspannung. Aber sie hatte so viel durchgemacht, daß sie keine Kraft mehr fand, sich zu widersetzen. Außerdem war es spät, und sie war allein mit diesem Kerl, da konnte man nie wissen, was er tun würde, wenn sie ihm einen Vorwand gab, Hand an sie zu legen.

Müde drehte sie ihm den Rücken zu und kehrte bitter enttäuscht in die Finsternis zurück.

Schon während sie vom Hotel wegstapfte, wünschte sie sich, sie hätte mehr Widerstandsgeist bewiesen. Wie kam es nur, daß sie nicht so energisch handeln wie denken konnte. Nun, da sie nachgegeben hatte, war sie zornig genug, es dem Portier zu zeigen. Fast hätte sie kehrtgemacht. Doch dann ging sie doch weiter: Es erschien ihr einfacher.

Sie wußte nicht, wohin. Catherines Haus würde sie bestimmt nicht mehr finden; Tante Marthas Haus hatte sie nicht gefunden; anderen Verwandten konnte sie nicht trauen, und sie war zu abgerissen, um ein Hotelzimmer zu bekommen.

Es blieb ihr deshalb nichts anderes übrig, als umherzuirren, bis es hell wurde. Glücklicherweise war das Wetter angenehm, es regnete nicht, und die Nachtluft war zwar kühl, aber erträglich. Wenn sie in Bewegung blieb, würde sie nicht frieren. Jetzt konnte sie wenigstens einigermaßen erkennen, wo sie war: Im West End herrschte etwas mehr Verkehr. Aus Nachtlokalen ertönte Musik und Stimmengewirr, und hin und wieder sah sie Leute ihrer Gesellschaftsschicht: Damen in eleganter Abendtoilette und Herren im Smoking mit weißer Fliege, die von einer Party kommend von ihrem Chauffeur bis direkt vor den Eingang ihres Hauses gefahren wurden. In einer Straße bemerkte sie drei aufgedonnerte Frauen, die seltsamerweise ohne Begleitung waren: Eine stand vor einer Tür, eine lehnte sich an eine Laterne, und eine saß in einem Wagen. Alle drei rauchten und warteten offensichtlich auf jemanden. Ob das wohl ≫gefallene Mädchen≪ waren, wie Mutter es immer nannte?

Margaret war ziemlich erschöpft. Immer noch trug sie die leichten Schuhe, die sie im Haus angehabt hatte, als sie weggelaufen war. Ohne zu überlegen, setzte sie sich auf eine Eingangsstufe und rieb die schmerzenden Füße.

Als sie aufblickte, stellte sie fest, daß sie die Umrisse der Häuser auf der anderen Straßenseite erkennen konnte. Wurde es endlich hell? Vielleicht konnte sie eine Imbißstube finden, die schon aufhatte. Sie würde sich Frühstück bestellen und dort warten, bis die Rekrutierungsstellen öffneten. Sie hatte seit zwei Tagen kaum etwas gegessen, und der Gedanke an Eier mit Speck machte ihr den Mund wässerig.

Plötzlich tauchte ein weißes Gesicht vor ihr auf. Erschrocken schrie sie auf. Das Gesicht kam näher, und sie sah einen jungen Mann im Abendanzug. ≫Hallo, Süße≪, lallte er.

Hastig stand sie auf. Sie konnte Betrunkene nicht ausstehen, sie waren so — würdelos. ≫Bitte gehen Sie weg!≪ Sie bemühte sich, entschieden zu klingen, aber ihre Stimme zitterte.

Er torkelte näher heran. ≫Küß mich wenigstens.≪

≫Was bilden Sie sich ein!≪ rief sie entrüstet. Sie wich einen Schritt zurück, stolperte und ließ die Schuhe fallen. Ohne Schuhe fühlte sie sich hilflos und verwundbar. Sie drehte sich um und bückte sich, um nach ihnen zu tasten. Er lachte lüstern, und zu ihrem Entsetzen spürte sie plötzlich seine Hand mit schmerzhafter Plumpheit zwischen ihren Schenkeln. Sofort richtete sie sich ohne ihre Schuhe auf und machte hastig einen Schritt zur Seite. Dann drehte sie sich zu ihm um und schrie: ≫Lassen Sie mich in Ruhe!≪

Er lachte. ≫So ist’s recht, mach nur so weiter, ich hab’s gern ein bißchen kratzbürstig.≪ Mit überraschender Wendigkeit faßte er sie bei den Schultern und zog sie an sich. Sein Alkoholatem war wie eine betäubende Nebelschwade, und plötzlich küßte er ihren Mund.

Es war unbeschreiblich ekelhaft, und ihr wurde regelrecht übel, aber er drückte sie so heftig an sich, daß sie kaum atmen, geschweige denn protestieren konnte. Sie wand sich verzweifelt, aber er hörte nicht auf, sie zu küssen. Dann nahm er eine Hand von ihrer Schulter und legte sie auf ihre Brust. So hart quetschte er sie, daß Margaret vor Schmerz keuchte. Doch da er ihre Schulter losgelassen hatte, konnte sie sich ein bißchen von ihm wegkrümmen und schrie, so laut sie konnte.

Wie von weit her hörte sie ihn besorgt sagen: ≫Schon gut, schon gut, führ dich nicht so auf, ich habe es ja nicht bös gemeint.≪ Aber ihre Angst war zu groß, als daß sie vernünftig hätte denken können, und so schrie sie einfach weiter. Gesichter tauchten aus der Dunkelheit auf, ein Passant in Arbeitskleidung, ein Straßenmädchen mit Zigarette und Handtasche, ein Kopf erschien an einem Fenster des Hauses hinter ihnen. Der Betrunkene verschwand in die Nacht. Margaret hörte auf zu schreien und begann zu weinen. Dann hörte sie die eiligen Schritte schwerer Stiefel, sah das abgeblendete Licht einer Taschenlampe und den Helm eines Bobbies.

Der Polizist richtete seine Lampe auf Margarets Gesicht.

Das Straßenmädchen murmelte: ≫Sie ist keine von uns, Steve.≪ Der mit Steve angesprochene Schutzmann fragte: ≫Wie heißen Sie, junge Frau?≪

≫Margaret Oxenford.≪

Der Arbeiter mischte sich ein: ≫Ein Besoffener hat sie für ein Flittchen gehalten, so war’s.≪ Zufrieden stapfte er weiter.

≫Etwa Lady Margaret Oxenford?≪ fragte der Polizist.

Margaret schniefte und nickte.

Die Frau warf ein: ≫Ich hab’ dir doch gesagt, daß sie keine von uns ist.≪ Sie nahm einen tiefen Zug ihrer Zigarette, ließ den Stummel fallen, zertrat ihn und verschwand.

≫Kommen Sie mit mir, Mylady. Jetzt ist alles in Ordnung.≪ Margaret wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. Der Polizist bot ihr den Arm und leuchtete auf das Pflaster unmittelbar vor ihr, und sie setzten sich in Bewegung.

Nach einem Augenblick schüttelte Margaret sich. ≫Dieser schreckliche Mann≪, murmelte sie.

Freundlich, aber nicht gerade mitfühlend, entgegnete der Schutzmann: ≫Man kann es ihm nicht wirklich ankreiden, immerhin ist dies die berüchtigtste Straße von ganz London. Wenn man zu dieser Stunde hier auf ein Mädchen ohne Begleitung stößt, muß man ja annehmen, daß es eine Straßendirne ist.≪

Er hatte wahrscheinlich recht, trotzdem fand Margaret seine Bemerkung unpassend.

Das gedämpfte Licht eines Polizeireviers schimmerte bläulich in der Morgendämmerung. ≫Wenn Sie erst eine schöne Tasse Tee trinken, fühlen Sie sich gleich besser≪, meinte der Polizist.

Sie traten ein. Gegenüber der Tür befand sich ein Tisch, der gleichzeitig als Schranke diente, dahinter saßen zwei Uniformierte, einer untersetzt und mittleren Alters, der andere jung und schmächtig. An beiden Seitenwänden standen hölzerne Bänke. Auf einer wartete eine bleiche Frau mit Kopftuch und in Hausschuhen mit müder Geduld.

Margarets Retter bat sie, auf der gegenüberliegenden Bank Platz zu nehmen, dann trat er zu dem Wachhabenden hinter der Schranke. ≫Sergeant≪, meldete er, ≫das ist Lady Margaret Oxenford. Sie wurde von einem Betrunkenen in der Bolting Lane belästigt.≪

≫Er nahm wohl an, daß sie auf Freiersuche war.≪

Margaret staunte über die Vielfalt von Euphemismen für Prostitution. Offenbar scheute man allgemein davor zurück, sie beim Namen zu nennen und umschrieb sie. Bisher hatte sie nur auf sehr vage Weise davon gehört und bis heute nicht wirklich geglaubt, daß sie tatsächlich ausgeübt wurde. Aber an den Absichten des jungen Mannes im Abendanzug war durchaus nichts vage gewesen.

Der Sergeant schaute interessiert zu ihr herüber, dann sagte er etwas so leise, daß sie es nicht hören konnte.

Jetzt fiel Margaret wieder ein, daß sie ihre Schuhe auf der Eingangsstufe hatte stehenlassen und bemerkte, daß sie Löcher in den Strümpfen hatte. Sie machte sich Sorgen: In diesem Zustand konnte sie sich nicht in der Rekrutierungsstelle sehen lassen. Vielleicht sollte sie, sobald es hell war, in jene Straße zurückkehren und sich die Schuhe holen. Aber vielleicht standen sie gar nicht mehr dort. Außerdem müßte sie sich dringend waschen, und ein sauberes Kleid brauchte sie ebenfalls. Es wäre schrecklich, wenn sie, nach allem, was sie durchgemacht hatte, vom A.T.S. abgelehnt würde. Aber wo konnte sie sich frisch machen? Am Morgen wäre sie auch in Tante Marthas Haus nicht mehr sicher. Vater würde sie bestimmt dort suchen. Aber ihr schöner Plan durfte doch eines Paares Schuhe wegen nicht ins Wasser fallen!

Der Polizist kam mit einer dicken Steinguttasse voll Tee zurück. Er war schwach und zu stark gesüßt, aber Margaret nippte ihn dankbar. Der Tee weckte ihre Lebensgeister wieder. Sie würde es schon irgendwie schaffen. Sobald sie den Tee getrunken hatte, würde sie das Revier verlassen und sich in einem weniger vornehmen Viertel nach einem Laden umsehen, wo es billige Kleidung gab, sie hatte ja noch ein paar Shillinge. Sie würde sich ein Kleid, ein Paar Sandalen und Unterwäsche kaufen, zur nächsten öffentlichen Toilette gehen und sich dort waschen und umziehen. Dann war sie bereit für die Armee.

Während sie sich ihren Plan durch den Kopf gehen ließ, erklang Tumult vor der Tür, und gleich darauf stürmte eine Schar junger Männer herein. Sie waren gut gekleidet, einige in Abend-, andere in Straßenanzügen. Einen Augenblick später wurde Margaret klar, daß sie einen unfreiwilligen Begleiter mit sich zerrten. Einer der jungen Herren fing an, auf den Sergeanten hinter der Schranke einzubrüllen.

Der Wachhabende unterbrach ihn. ≫Schon gut, schon gut, beruhigen Sie sich!≪ sagte er mit befehlsgewohnter Stimme. ≫Sie sind hier nicht auf einem Rugbyplatz, sondern auf einem Polizeirevier.≪ Der Tumult legte sich etwas, aber es war immer noch laut. ≫Wenn Sie sich nicht anständig aufführen, sperr’ ich Sie alle in die verdammten Arrestzellen!≪ brüllte der Sergeant. ≫Und jetzt, verflucht noch mal, RUHE!≪

Die Männer benahmen sich nun etwas gesitteter und ließen ihren Gefangenen los, der sich aufrichtete und mürrisch vor sich hinstarrte. Der Sergeant deutete auf einen der jungen Herren, einen dunkelhaarigen Burschen von etwa Margarets Alter. ≫Also gut — Sie! Worum geht es?≪

Der junge Mann deutete auf den Mitgeschleiften und sagte empört: ≫Dieser Kerl hat meine Schwester in ein Restaurant eingeladen und sich dann aus dem Staub gemacht, ohne zu bezahlen!≪ Er sprach mit dem Akzent der Oberschicht. Sein Gesicht kam Margaret irgendwie bekannt vor. Sie hoffte, er würde sie nicht erkennen; es wäre zu demütigend, wenn es sich herumspräche, daß ihr die Polizei zu Hilfe hatte kommen müssen, nachdem sie von zu Hause fortgelaufen war.

Ein jüngerer Herr in gestreiftem Anzug fügte hinzu: ≫Er heißt Harry Marks und gehört eingesperrt!≪

Margaret betrachtete Harry Marks interessiert. Er war ein auffallend gutaussehender Mann von zwei- oder dreiundzwanzig Jahren mit blondem Haar und ebenmäßigen Zügen. Obwohl er etwas mitgenommen wirkte, trug er seine doppelreihige Smokingjacke mit lässiger Eleganz. Er sah sich abfällig um und sagte: ≫Diese Burschen sind betrunken.≪

Der Jüngling im gestreiften Anzug platzte heraus: ≫Vielleicht sind wir betrunken, aber er ist ein Schuft — und ein Dieb. Sehen Sie, was wir in seiner Tasche gefunden haben!≪ Er warf etwas auf den Tisch. ≫Diese Manschettenknöpfe wurden etwas früher am Abend Sir Simon Monkford gestohlen.≪

≫Also gut≪, meinte der Sergeant. ≫Sie beschuldigen diesen Mann demnach, sich einen materiellen Vorteil durch Täuschung verschafft zu haben — damit ist die nicht bezahlte Restaurantrechnung gemeint — und des Diebstahls. Sonst noch etwas?≪

Der Jüngling im gestreiften Anzug lachte höhnisch und sagte: ≫Genügt Ihnen das nicht?≪

Der Wachhabende deutete mit seinem Bleistift auf den Burschen. ≫Vergessen Sie nicht, wo Sie sind, Jungchen. Sie befinden sich hier auf einem Polizeirevier! Auch wenn Sie reiche Eltern haben, gibt Ihnen das kein Recht zu Unverschämtheiten, außer Sie legen es darauf an, sich den Rest der Nacht eine Zelle von innen anzusehen.≪

Der Jüngling machte ein betroffenes Gesicht und schwieg.

Der Sergeant wandte sich dem anderen Ankläger zu. ≫Können Sie mir nähere Einzelheiten angeben? Ich brauche den Namen und die Adresse des Restaurants, Name und Adresse Ihrer Schwester sowie Name und Adresse des rechtmäßigen Besitzers dieser Manschettenknöpfe.≪

≫Das kann ich Ihnen alles sagen. Das Restaurant …≪

≫Gut. Sie bleiben hier!≪ Er deutete auf den Beschuldigten. ≫Sie setzen sich!≪ Er machte eine Geste, die alle anderen jungen Herren einschloß. ≫Sie können heimgehen.≪

Das brachte ihm verdutzte Blicke ein. Mit einem solchen Ende ihres großen Abenteuers hatten sie nicht gerechnet. Einen Moment lang rührte sich keiner.

≫Los, los! Weg mit euch. Wird’s bald?≪ meinte der Sergeant.

So viel Gefluche wie an diesem einen Tag hatte Margaret noch nie zuvor gehört.

Die jungen Herren setzten sich brummelnd in Bewegung. Der Jüngling im gestreiften Anzug sagte: ≫Da führt man einen Dieb der Gerechtigkeit zu und wird behandelt, als wäre man selbst ein Verbrecher!≪ Aber er war halb aus der Tür, als er den Satz beendete.

Der Sergeant befragte den dunkelhaarigen jungen Mann und machte sich Notizen. Harry Marks blieb noch einen Augenblick neben ihm stehen, dann drehte er sich ungeduldig um. Er entdeckte Margaret, schenkte ihr ein sonniges Lächeln und setzte sich neben sie. ≫Alles in Ordnung, Mädchen? Was machst du hier zu dieser nachtschlafenden Zeit?≪

Margaret blinzelte verwirrt. Er war wie ausgewechselt. Seine hochmütige Art und der vornehme Ton waren verschwunden, und er sprach jetzt in der gleichen Mundart wie der Sergeant. Einen Moment lang war sie zu verblüfft, um zu antworten.

Harry warf einen abschätzenden Blick auf den Ausgang, als überlege er, ob ihm eine Flucht gelingen könnte, dann blickte er zum Tisch zurück und sah, daß der jüngere Polizist ihn nicht aus den Augen ließ. Offenbar gab er den Gedanken zu fliehen auf und wandte sich wieder Margaret zu. ≫Wer hat dir dieses Veilchen verpaßt? Dein Alter?≪

Margaret fand die Stimme wieder und sagte: ≫Ich habe mich in der Dunkelheit verirrt und bin gegen einen Briefkasten geprallt.≪

Jetzt war er verblüfft. Er hatte sie für ein Mädchen der Arbeiterklasse gehalten. Nun, da er ihren Akzent hörte, erkannte er seinen Irrtum. Ohne mit der Wimper zu zucken, wechselte er zu seiner vorherigen Rolle zurück. ≫Ich muß schon sagen, ein schlimmes Mißgeschick.≪

Margaret war fasziniert. Welches war sein wirkliches Ich? Er roch nach Kölnischwasser. Sein Haar war zwar eine Spur zu lang, hatte jedoch einen guten Schnitt. Er trug einen nachtblauen Abendanzug, dazu Seidensocken und Lackschuhe. Sein Schmuck war gediegen: brillantenbesetzte Krawattennadel, dazu passende Manschettenknöpfe, eine goldene Uhr mit schwarzem Krokodillederarmband und am kleinen Finger seiner Linken einen schweren Siegelring. Seine Hände waren groß und kräftig, die Fingernägel makellos sauber.

Leise fragte sie ihn: ≫Haben Sie das Restaurant wirklich verlassen, ohne zu bezahlen?≪

Er blickte sie nachdenklich an, ehe er mit verschwörerischer Miene nickte.

≫Aber warum?≪

≫Wenn ich Rebecca Maugham-Flint noch eine Minute länger hätte zuhören müssen, wie sie von ihren verflixten Pferden sprach, hätte ich mich wahrscheinlich nicht mehr beherrschen können und sie erwürgt.≪

Margaret kicherte. Sie kannte Rebecca Maugham-Flint. Sie war ein kräftiges, nicht gerade mit Schönheit gesegnetes Mädchen, die Tochter eines Generals — mit dem energischen Wesen und der lauten Kommandostimme ihres Vaters. ≫Das kann ich mir vorstellen≪, entgegnete sie. Sie konnte sich kaum eine unpassendere Dinnerbegleiterin für den anziehenden Mr. Marks vorstellen.

Steve, der Polizist, kam zurück und nahm Margarets leere Tasse. ≫Fühlen Sie sich jetzt besser, Lady Margaret?≪

Aus den Augenwinkeln sah sie Harry Marks’ Reaktion auf ihren Titel. ≫Viel besser, danke. Sie waren sehr freundlich.≪ Einen Moment lang hatte sie im Gespräch mit Harry ihre eigenen Schwierigkeiten vergessen, nun erinnerte sie sich an alles, was sie noch vorhatte.

≫Dann werde ich Sie jetzt verlassen, damit Sie sich wieder Wichtigerem zuwenden können.≪

≫Lassen Sie sich Zeit≪, entgegnete der Schutzmann. ≫Ihr Vater ist bereits unterwegs, um Sie abzuholen.≪

Margarets Herzschlag stockte. Wie konnte das sein? Sie war so überzeugt, daß sie sich in Sicherheit befand — sie hatte ihren Vater unterschätzt! Jetzt quälte sie wieder die gleiche Angst wie auf dem Weg zum Bahnhof. Er war auf dem Weg hierher, jetzt, in dieser Minute! Sie zitterte. ≫Woher weiß er, wo ich bin?≪ fragte sie mit hoher, angespannter Stimme.

Der junge Polizist blickte sie voll Stolz an. ≫Ihre Beschreibung wurde gestern nacht durchgegeben, und ich las sie bei Dienstbeginn. Ich habe Sie in der Dunkelheit natürlich nicht erkannt, aber mich an Ihren Namen erinnert. Die Anweisung lautete, Seine Lordschaft sofort zu benachrichtigen. Sobald ich Sie hierhergebracht hatte, rief ich ihn an.≪

Margaret stand auf, ihr Herz hämmerte. ≫Ich werde nicht auf ihn warten≪, erklärte sie. ≫Es ist inzwischen hell.≪

Der Polizist wirkte besorgt. ≫Einen Augenblick≪, meinte er nervös. Er wandte sich dem Wachhabenden zu. ≫Sergeant, die Lady möchte nicht auf ihren Vater warten.≪

Harry Marks zwinkerte Margaret zu: ≫Keiner kann Sie zwingen, hier zu warten — von zu Hause fortzulaufen ist in Ihrem Alter kein Verbrechen. Wenn Sie wollen, brauchen Sie bloß hinauszuspazieren.≪

Margaret hatte entsetzliche Angst, daß man versuchen würde, sie hier festzuhalten.

Der Sergeant stand auf und kam um die Schranke herum. ≫Er hat recht≪, sagte er, ≫Sie können jederzeit gehen.≪

≫Oh, danke≪, seufzte Margaret erleichtert.

Der Sergeant lächelte. ≫Aber Sie haben keine Schuhe und Löcher in den Strümpfen. Wenn Sie unbedingt wegmüssen, ehe Ihr Vater kommt, sollten Sie ein Taxi nehmen. Wir rufen eines für Sie.≪

Sie überlegte kurz. Der Polizist hatte Vater gleich angerufen, als sie hier im Revier angekommen waren, doch das war noch keine Stunde her. Vater konnte frühestens in einer Stunde hier sein. ≫Gut≪, sagte sie zu dem freundlichen Sergeanten. ≫Danke.≪

Er öffnete die Tür zum Gang. ≫Sie haben es hier bequemer, während Sie auf das Taxi warten.≪ Er schaltete das Licht ein.

Margaret wäre lieber auf der Bank sitzen geblieben und hätte sich mit dem faszinierenden Harry Marks unterhalten, aber sie wollte den Sergeanten nicht mit einer Ablehnung kränken, schon gar nicht, nachdem er ihrem Wunsch nachgegeben hatte. ≫Danke≪, sagte sie erneut.

Während sie zur Tür ging, hörte sie Harry sagen: ≫Das sollten Sie lieber nicht tun!≪

Sie trat in das kleine Zimmer. Es war mit ein paar billigen Stühlen und einer Bank ausgestattet, eine Glühbirne ohne Schirm hing von der Decke, und das Fenster war vergittert. Sie verstand nicht, wieso der Sergeant diesen Raum für bequemer halten konnte. Sie drehte sich um, um es ihm zu sagen.

Die Tür schloß sich vor ihrer Nase. Eine schreckliche Ahnung befiel sie. Sie sprang zur Tür und griff nach der Klinke. In diesem Moment wurde ihre Befürchtung bestätigt, und sie hörte, wie der Schlüssel sich im Schloß drehte. Sie rüttelte heftig an der Klinke. Die Tür öffnete sich nicht.

Von draußen hörte sie ein leises Lachen, dann Harrys Stimme gedämpft, aber verständlich: ≫Sie Dreckskerl!≪

Die Stimme des Sergeanten klang nun alles andere als freundlich. ≫Maul halten!≪ knurrte er.

≫Sie haben kein Recht dazu, das wissen Sie ganz genau!≪

≫Ihr Vater ist ein verdammter Lord, und das gibt mir das Recht.≪ Mehr wurde nicht gesagt.

Verbittert erkannte Margaret, daß sie verloren hatte. Ihre so vielversprechende Flucht war gescheitert. Ausgerechnet die Leute hatten sie verraten, von denen sie dachte, sie würden ihr helfen. Eine Zeitlang war sie frei gewesen, damit war nun Schluß. Sie würde sich heute nicht zum A.T.S. melden können, dachte sie niedergeschlagen; statt dessen würde sie an Bord eines Pan-Am-Clippers gehen und nach New York fliegen, vor dem Krieg davonlaufen. Trotz allem, was sie durchgemacht hatte, änderte sich nichts an ihrem Schicksal. Es war alles so furchtbar ungerecht.

Sie drehte sich um und ging mit hängenden Schultern die paar Schritte zum Fenster. Durch das Gitter konnte sie einen leeren Hof sehen und eine Ziegelmauer. Niedergeschlagen und hilflos blickte sie ins heller werdende Tageslicht und wartete auf ihren Vater.

_________

Eddie Deakin checkte den Pan-American-Clipper ein letztes Mal durch. Die vier Wright Cyclone 1500-PS-Motoren glänzten vor Öl. Jede Maschine war so groß wie ein Mann. Alle sechsundfünfzig Zündkerzen waren gegen neue ausgetauscht worden. Einer Eingebung folgend, holte Eddie eine Fühlerlehre aus seiner Overalltasche und schob sie in eine Motorbefestigung zwischen Gummi und Metall. Die Vibration während des langen Fluges beanspruchte das Material außerordentlich. Aber Eddies Fühlerlehre drang nicht einmal sechs Millimeter ein. Die Verbindungen hielten.

Er schloß die Klappe und stieg die Leiter hinunter. Während das Flugzeug vorsichtig ins Wasser gelassen wurde, schlüpfte er aus seinem Overall, machte sich frisch und zog seine schwarze Pan-American-Fluguniform an.

Die Sonne schien, als er den Hafen verließ und den Hügel hinauf zu dem Hotel schritt, in dem die Besatzung während des hiesigen Aufenthalts untergebracht war. Er war stolz auf das Flugzeug und seine Arbeit. Die Clipper-Crew war eine gesonderte Elitetruppe, die Besten der Fluggesellschaft, denn die neue Transatlantiklinie war die Renommierroute von Pan Am. Sein Leben lang würde er damit angeben können, daß er als einer der ersten bei den Transatlantiklinienflügen dabeigewesen war.

Aber er beabsichtigte, seine Stellung bald zu wechseln. Er war jetzt dreißig, seit einem Jahr verheiratet, und Carol-Ann war schwanger. Für einen Alleinstehenden war an seinem Job nichts auszusetzen, aber er hatte nicht vor, sein Leben fern von Frau und Kindern zu verbringen. Er hatte gespart und schon fast genug beisammen, um sich selbständig zu machen. Er hatte ein Grundstück in der Nähe von Bangor in Maine in Aussicht, das einen großartigen kleinen Flugplatz abgeben würde. Dort wollte er die Wartung von Flugzeugen übernehmen und Treibstoff verkaufen, und er hoffte, sich irgendwann auch eine eigene Maschine für Charterflüge leisten zu können. Sein heimlicher Traum war, einmal eine eigene Fluglinie aufbauen zu können, wie Juan Trippe, der Gründer von Pan American und Pionier in diesem Geschäft.

Er betrat die Grünanlage des Hotels Langdown Lawn. Die Pan Am Crews hatten Glück, daß es ein so schönes Hotel so verhältnismäßig nahe beim Imperial-Airways-Komplex gab. Es war ein typisch englisches Landhaus, von einem sehr netten und zuvorkommenden Ehepaar geführt, das an sonnigen Nachmittagen den Tee sogar draußen servierte. Eddie Deakin ging ins Haus und sah in der kleinen Empfangshalle als erstes seinen zweiten Ingenieur, Desmond Finn, der für alle nur Mickey hieß. Mickey war ein fröhlicher, unbekümmerter Bursche mit strahlendem Grinsen und einem Hang zur Heldenverehrung, soweit es Eddie betraf, den diese Anbetung äußerst verlegen machte. Mickey telefonierte gerade, und als er Eddie jetzt sah, sagte er: ≫Oh, warten Sie! Sie haben Glück, er kommt gerade herein.≪ Er reichte Eddie den Hörer. ≫Ein Anruf für dich.≪ Diskret ließ er Eddie allein und stieg die Treppe hinauf.

≫Hallo?≪ sagte Eddie in die Sprechmuschel.

≫Ist dort Edward Deakin?≪

Eddie runzelte die Stirn. Die Stimme war ihm nicht bekannt, und niemand nannte ihn Edward. ≫Ja, ich bin Eddie Deakin. Wer sind Sie?≪

≫Warten Sie. Ich gebe Ihnen Ihre Frau.≪

Eddie erschrak. Weshalb rief Carol-Ann aus den Staaten an? Irgend etwas mußte passiert sein.

Einen Augenblick später hörte er ihre Stimme. ≫Eddie?≪

≫Hallo, Schatz, was ist los?≪

Er hörte, wie sie in Tränen ausbrach.

Die gräßlichsten Vorstellungen kamen ihm in den Sinn: Das Haus war abgebrannt; jemand war gestorben; sie hatte irgendeinen Unfall gehabt oder eine Fehlgeburt…

≫Carol-Ann, beruhige dich. Fehlt dir etwas?≪

Zwischen Schluchzern sagte sie: ≫Mir — geht’s — gut…≪

≫Was ist es denn?≪ fragte er besorgt. ≫Was ist passiert? Versuch, es mir zu erklären, Baby.≪

≫Diese Männer — kamen ins Haus.≪

Eine eisige Hand legte sich um Eddies Herz. ≫Welche Männer? Was haben sie getan?≪

≫Mich in einen Wagen geschleppt.≪

≫Großer Gott, wer sind sie?≪ Seine hilflose Wut war wie ein Druck auf die Brust, und er mußte um Atem ringen. ≫Haben sie dir etwas getan?≪

≫Mir fehlt nichts — aber, Eddie, ich habe solche Angst.≪

Er wußte nicht, was er sagen sollte. Zu viele Fragen drängten sich ihm auf. Irgendwelche Männer waren in ihr Haus gekommen und hatten Carol-Ann zu einem Wagen geschleppt! Was ging da vor? Schließlich fragte er nur: ≫Aber warum?≪

≫Sie sagen es mir nicht.≪

≫Was sagen sie denn?≪

≫Eddie, du mußt tun, was sie verlangen. Mehr weiß ich nicht.≪ Trotz seiner Angst spürte Eddie, wie ein Widerwillen in ihm aufstieg. Was sollte dieses Katz-und-Maus-Spiel? Doch er zögerte keine Sekunde. ≫Ich werde alles tun, aber was…≪

≫Versprich es!≪

≫Ich verspreche es!≪

≫Gott sei Dank!≪

≫Wann ist es passiert?≪

≫Vor zwei Stunden.≪

≫Wo bist du jetzt?≪

≫In einem Haus, nicht weit von…≪ Er hörte einen schrillen Schrei.

≫Carol-Ann, was ist passiert? Bist du in Ordnung?≪

Er erhielt keine Antwort. Wütend, verängstigt und hilflos umklammerte Eddie den Hörer, bis sich seine Fingerknöchel weiß unter der Haut abhoben.

Dann ertönte die Stimme des vorherigen Sprechers. ≫Hören Sie mir genau zu, Edward.≪

≫Sie hören mir zu, Scheißkerl!≪ tobte Eddie. ≫Wenn Sie ihr auch nur ein Haar krümmen, bringe ich Sie um! Das schwöre ich bei Gott! Ich werde Sie aufspüren, und wenn ich den Rest meines Lebens dazu brauche, und wenn ich Sie gefunden habe, Sie Mistkerl, drehe ich Ihnen eigenhändig den Hals um! Haben Sie mich verstanden?≪

Einen Moment herrschte Schweigen, als hätte der Mann am anderen Ende nicht mit einem solchen Wortschwall gerechnet. Schließlich sagte er: ≫Führen Sie sich nicht auf wie ein Wilder, so einen langen Arm haben selbst Sie nicht.≪ Er hörte sich ein wenig erschrocken an, aber er hatte recht: Eddie konnte im Moment gar nichts tun. Der Mann fuhr fort: ≫Hören Sie jetzt mal gut zu!≪

Nur mühsam hielt Eddie die Zunge im Zaum.

≫Sie bekommen Ihre Anweisungen im Flugzeug, und zwar von einem gewissen Tom Luther.≪

Im Flugzeug! Was hatte das zu bedeuten? War dieser Tom Luther ein Passagier? ≫Was wollen Sie von mir?≪ fragte Eddie.

≫Maul halten! Luther wird es Ihnen sagen. Und gehorchen Sie seinen Befehlen bis aufs I-Tüpfelchen, wenn Sie Ihre Frau wiedersehen wollen!≪

≫Wie soll ich wissen …≪

≫Noch was. Verständigen Sie nicht die Polizei. Es würde Ihnen absolut nichts nützen. Aber wenn Sie es tun, fick’ ich Ihre Frau, bloß um Ihnen eins auszuwischen.≪

≫Sie Mistkerl, ich werde …≪

Der andere legte auf.

3

Harry Marks war ein Glückspilz.

Seine Mutter hatte ihm immer versichert, daß er ein Glückskind sei. Zwar war sein Vater im Krieg gefallen, aber zu seinem Glück hatte er eine starke und fähige Mutter, die ihn großzog. Sie putzte Büros für ihren Lebensunterhalt, und selbst während der Weltwirtschaftskrise war sie keinen Tag arbeitslos gewesen. Sie wohnten in einer Mietskaserne in Battersea, wo es nur auf den Fluren jedes Stockwerks Wasserhähne gab und die Aborte sich im Freien befanden, aber sie hatten nette Nachbarn, die einander in schwierigen Zeiten aushalfen. Und was auch passierte, Harry hatte stets Glück. Wenn der Lehrer in der Klasse Schläge verteilte, brach sein Rohrstock gewöhnlich, kurz bevor Harry an der Reihe gewesen wäre. Harry hätte vor ein Fuhrwerk fallen können, und die Räder wären an ihm vorbeigerollt, ohne ihm auch nur ein Haar zu krümmen.

Seine Vorliebe für Schmuck hatte ihn zum Dieb gemacht.

Als Halbwüchsiger war er gern durch die prächtigen Geschäfts-straßen des West Ends geschlendert und hatte die Schaufenster von Juwelierläden bestaunt. Er war hingerissen von den Brillanten und Edelsteinen, die auf dunklem Samt in hell beleuchteten Auslagen prangten. Er liebte sie um ihrer Schönheit willen, aber auch, weil sie Symbol einer Lebensart waren, über die er in Büchern gelesen hatte, ein Leben in großen Herrenhäusern mit Grünanlagen ringsum, wo hübsche Mädchen mit Namen wie Lady Penelope und Jessica Chumley den ganzen Nachmittag Tennis spielten und dann erschöpft ins Haus gingen, um Tee zu trinken.

Er hatte eine Lehrstelle bei einem Goldschmied bekommen, aber er war zu gelangweilt und unruhig gewesen und hatte sie nach sechs Monaten aufgegeben. Gerissene Bänder von Armbanduhren zusammenzuflicken und für übergewichtige Gattinnen Eheringe zu weiten entbehrte jeglichen Reizes für ihn. Aber er hatte in dieser Zeit gelernt, einen Rubin von einem Granat zu unterscheiden, eine Zuchtperle von einer natürlich gewachsenen und einen modernen Brillantschliff von einem aus dem neunzehnten Jahrhundert. Er hatte auch den Unterschied zwischen einer gefälligen Fassung und einer plumpen, einem eleganten Design und einem geschmacklos protzigen kennengelernt. Und diese Fähigkeit zu unterscheiden, hatte seine Schwäche für edlen Schmuck ebenso verstärkt wie sein Verlangen nach dem dazugehörenden Lebensstil.

Er fand schließlich eine Möglichkeit, beide Neigungen zu befriedigen, indem er sich Mädchen wie Rebecca Maugham-Flint zu Nutzen machte.

Rebecca hatte er in Ascot kennengelernt. Er lernte häufig reiche Mädchen bei Rennen kennen. Die Veranstaltung im Freien und die Menschenmenge ermöglichten es ihm, sich so zwischen zwei Gruppen von jungen Besuchern zu halten, daß jeder dachte, er gehöre zur anderen Gruppe. Rebecca war ein kräftiges Mädchen mit großer Nase. Ihr gräßliches gerüschtes Jerseykleid und ihre Robin-Hood-Kopfbedeckung verrieten, daß sie sich nicht zu kleiden verstand. Keiner kümmerte sich um sie, und so war sie auf geradezu überschwengliche Weise dankbar, daß Harry mit ihr plauderte.

Er hatte die Bekanntschaft nicht sogleich vertieft, denn es war besser, nicht aufdringlich zu wirken. Aber als er ihr einen Monat später zufällig in einer Kunstgalerie begegnet war, hatte sie ihn wie einen alten Freund begrüßt und ihn ihrer Mutter vorgestellt.

Mädchen wie Rebecca besuchten natürlich Lokale und Lichtspieltheater mit jungen Männern nicht ohne Anstandsdame, so etwas kam nur für Verkäuferinnen und Fabrikarbeiterinnen in Frage. Aus diesem Grund erzählten sie ihren Eltern, daß sie mit einer ganzen Gruppe ausgingen; und damit es den richtigen Eindruck erweckte, begannen sie den Abend gewöhnlich auf einer Cocktailparty. Danach konnten sie sich diskret paarweise absetzen. Das paßte Harry gut. Da er Rebecca nicht offiziell den ≫Hof machte≪, hielten ihre Eltern es nicht für nötig, sich näher über ihn zu erkundigen, und sie stellten seine vagen Äußerungen über ein Landhaus in Yorkshire und eine kleine Privatschule in Schottland ebenso wenig in Frage wie die über eine Mutter, die um ihrer Gesundheit willen in Südfrankreich lebte, und über den bevorstehenden Beginn seiner Offizierslaufbahn in der Royal Air Force.

Unbestimmte Äußerungen waren in der oberen Gesellschaft gang und gäbe, wie er festgestellt hatte. Junge Männer, die nicht zugeben wollten, daß sie arm wie Kirchenmäuse waren oder Eltern hatten, die hoffnungslose Alkoholiker waren oder aus Familien kamen, die durch einen Skandal Schande auf sich geladen hatten, flüchteten sich in charmante Lügen. Niemand machte sich die Mühe, der Wahrheit nachzugehen, bis ein junger Mann nicht wirklich ernste Absichten gegenüber einem Mädchen aus vornehmer Familie zeigte.

Auf diese unverbindliche Weise war Harry drei Wochen lang mit Rebecca ausgegangen. Sie hatte dafür gesorgt, daß er zu einer Wochenedparty in Kent eingeladen wurde, wo er Kricket gespielt und Geld von den Gastgebern gestohlen hatte, denen es zu peinlich war, die Polizei einzuschalten, aus Angst, sie könnten ihre Gäste kränken. Rebecca hatte ihn auch auf mehrere Bälle mitgenommen, wo er in Taschen gelangt und Geldbörsen geleert hatte. Außerdem hatte er, wenn er sie abholte, aus dem Haus ihrer Eltern kleinere Geldsummen und Silberbesteck eingesteckt, sowie drei viktorianische Broschen, die ihre Mutter noch gar nicht vermißte.

Er fand das beileibe nicht unmoralisch. Die Leute, die er bestahl, hatten ihre Reichtümer nicht verdient. Die meisten hatten in ihrem ganzen Leben keinen Finger krumm gemacht. Und die wenigen, die irgendeine Art von Stellung haben mußten, nutzten ihre Beziehungen, die sie in ihrer Privatschule geknüpft hatten, um fette Pfründe zu bekommen: Sie waren Diplomaten, Präsidenten und Vorsitzende von großen Firmen, Richter oder Parlamentsmitglieder. Sie zu bestehlen war eher ein Dienst an der Öffentlichkeit als ein Verbrechen.

Er machte das inzwischen schon zwei Jahre und wußte sehr wohl, daß er es nicht auf die Dauer fortsetzen konnte. Die Welt der feinen englischen Gesellschaft war groß, aber begrenzt, und irgendwann mußte ihm einmal jemand auf die Schliche kommen. Der Krieg hatte genau zu dem Zeitpunkt begonnen, als er bereit war, sich nach einer anderen Lebensweise umzusehen.

Er hatte jedoch nicht vor, als einfacher Soldat zur Armee zu gehen. Schlechtes Essen, kratzige Kleidung, sich herumkommandieren zu lassen und militärische Zucht waren nichts für ihn. Außerdem stand ihm die olivfarbene Uniform absolut nicht. Air-Force-Blau dagegen paßte zu seinen Augen, und er konnte sich durchaus als Pilot vorstellen. Also würde er Offizier bei der Royal Air Force werden. Er wußte noch nicht wie, aber es würde ihm gelingen. In solchen Dingen hatte er Glück.

Er beschloß, Rebecca inzwischen zu benutzen, ihm Einlaß zu einem vornehmen Haus zu verschaffen, ehe er sie fallenließ.

Sie begannen den Abend am Belgrave Square bei einem Empfang im Haus von Sir Simon Monkford, einem reichen Verleger.

Harry plauderte eine Zeitlang mit der ehrenwerten Lydia Moss, der dicken Tochter eines schottischen Grafen. So plump und einsam, wie sie war, gehörte sie genau zu der Art von Mädchen, die besonders empfänglich für seinen Charme waren, und so bezauberte er sie zwanzig Minuten lang mehr oder weniger aus Gewohnheit. Dann unterhielt er sich eine Weile mit Rebecca, um sie nicht zu verärgern. Danach hielt er den Augenblick für gekommen, um auf Fischzug zu gehen.

Er entschuldigte sich und verließ den Saal. Die Party fand in dem riesigen Salon im ersten Stock statt. Als er sich die Treppe weiter hinaufstahl, spürte er den erregenden Adrenalinstoß, der ihn immer durchzuckte, wenn er einen Job anging. Das Bewußtsein, daß er seine Gastgeber bestehlen würde und die Gefahr einging, bei der Tat ertappt und als Betrüger entlarvt zu werden, erfüllte ihn gleichermaßen mit Angst und Erregung.

Er erreichte das zweite Stockwerk und folgte dem Korridor zur Vorderseite des Hauses. Er nahm an, daß die Tür, die der Front am nächsten war, zu den Schlafzimmern der Gastgeber führte. Er öffnete sie und sah ein geräumiges Zimmer mit geblümten Vorhängen und einer rosa Tagesdecke über dem Bett. Er wollte gerade hineingehen, als eine Stimme herausfordernd rief: ≫Ich muß schon sagen!≪

Harry drehte sich um, seine Nerven waren aufs äußerste angespannt. Er sah einen Herrn seines Alters auf den Gang treten und ihn forschend mustern.

Wie immer, wenn er sie brauchte, kamen sogleich die richtigen Worte über Harrys Lippen. ≫Ah, ist sie nicht da drinnen?≪ fragte er.

≫Wer?≪

≫Die Toilette.≪

Die Miene des jungen Mannes hellte sich auf. ≫Oh, ich verstehe. Das ist die grüne Tür am anderen Ende des Korridors.≪

≫Herzlichen Dank.≪

≫Nichts zu danken.≪

Harry schritt den Gang zurück. ≫Ein sehr schönes Haus≪, bemerkte er.

≫Nicht wahr?≪ Der junge Herr stieg die Treppe hinunter und verschwand Harry gestattete sich ein erleichtertes Grinsen. Wie leichtgläubig die Leute doch sein konnten!

Er kehrte wieder um und betrat das rosa Zimmer. Wie erwartet, gehörte es zu einer ganzen Flucht. Der Farbzusammenstellung nach war es wohl Lady Monkfords Gemach. Ein rascher Blick zeigte ihm hinter einer Seitentür einen kleinen Ankleideraum, ebenfalls in Rosa; ein anschließendes, nicht ganz so großes Schlafzimmer mit grünen Ledersesseln und gestreifter Tapete und einer Tür zu einem Herren-ankleideraum. Ehepaare der Oberschicht schliefen oft getrennt, wie Harry wußte; ihm war jedoch nicht klar, ob sie das taten, weil sie weniger scharf auf ehelichen Sex waren als die Arbeiterklasse, oder weil sie ganz einfach fanden, daß sie die vielen Räumlichkeiten ihrer riesigen Häuser nutzen mußten.

In Sir Simons Ankleideraum stand ein schwerer Mahagonischrank mit dazugehörender Herrenkommode. Harry zog die oberste Schublade heraus. In einer kleinen Schmuckschatulle aus Leder befanden sich Krawattennadeln, Kragenstäbchen und Manschettenknöpfe, keineswegs ordentlich abgelegt, sondern wirr durcheinander, nach der Benutzung offenbar einfach hineingeschmissen. Das meiste davon war ziemlich schlicht, aber Harrys fachmännisches Auge entdeckte ein hübsches Paar Manschettenknöpfe aus Gold, mit kleinen Rubinen besetzt. Er steckte sie in seine Tasche. Neben der Schmuckschatulle lag eine Brieftasche aus feinem Leder, sie enthielt etwa fünfzig Pfund in Fünfpfundscheinen. Harry nahm sich zwanzig Pfund heraus und war sehr zufrieden mit sich. In einer schmutzigen Fabrik mußte man zwei Monate schwer arbeiten, um zwanzig Pfund zu verdienen.

Er stahl nie alles. Wenn nur vereinzelt Stücke fehlten, waren sich die Bestohlenen nie ganz sicher, ob sie den vermißten Schmuck nicht vielleicht nur verlegt oder sich bei der Geldsumme geirrt hatten; deshalb zögerten sie, den Diebstahl zu melden.

Er schloß die Lade und ging in Lady Monkfords Schlafzimmer. Er war versucht, sich gleich mit der wertvollen Beute, die er bereits gemacht hatte, in Sicherheit zu bringen, entschied sich jedoch, noch ein paar Minuten zu riskieren. Frauen hatten gewöhnlich teureren Schmuck als ihre Gatten. Möglicherweise besaß Lady Monkford Saphirschmuck. Harry liebte Saphire.

Es war ein milder Abend, und ein Fenster stand weit offen. Harry warf einen Blick hindurch und sah einen kleinen Balkon mit schmiedeeiserner Balustrade. Er begab sich rasch in den Ankleideraum und setzte sich an die Frisiertoilette. Er öffnete alle Schubladen und fand mehrere Schatullen und offene Schalen mit Schmuckstücken. Er kramte schnell darin herum und lauschte dabei wachsam, ob sich nicht jemand der Tür näherte.

Lady Monkford hatte keinen guten Geschmack. Sie war eine hübsche Frau, aber Harry hatte sie gleich auf den ersten Blick für ein wenig beschränkt gehalten, und sie — oder ihr Gemahl — wählte auffallenden, verhältnismäßig wertlosen Schmuck. Ihre Perlen waren ungleichmäßig, ihre Broschen groß und schreiend, ihre Ohrringe plump und ihre Armbänder protzig. Er war enttäuscht.

Er zögerte gerade noch bei einem einigermaßen hübschen Anhänger, als er hörte, wie die Schlafzimmertür geöffnet wurde.

Er erstarrte, sein Magen krampfte sich zusammen, und seine Gedanken überschlugen sich.

Die einzige Tür des Ankleideraums führte ins Schlafzimmer. Es gab zwar ein kleines Fenster, doch das war geschlossen und ließ sich wahrscheinlich nicht schnell und leise genug öffnen. Er überlegte, ob er sich vielleicht im Schrank verstecken sollte.

Wo er stand, konnte er die Schlafzimmertür nur teilweise sehen. Er hörte, wie sie geschlossen wurde, dann das Husten einer Frau und leichte Schritte auf dem Teppich. Er beugte sich zum Spiegel hinüber, in dem sich ein Teil des Schlafzimmers spiegelte. Lady Monkford war gekommen und näherte sich der Tür zum Ankleideraum. Es war nicht einmal mehr Zeit, die Schubläden zu schließen.

Sein Atem ging schnell. Seine Nerven waren angespannt vor Angst, aber er befand sich nicht zum ersten Mal in einer Klemme wie dieser. Er wartete einen Augenblick und zwang sich, gleichmäßig zu atmen.

Dann stand er auf, schritt rasch durch die Tür ins Schlafzimmer und sagte: ≫Du meine Güte!≪

Lady Monkford hielt mitten im Zimmer im Schritt inne, hob die Hand an den Mund und stieß einen leisen Schrei aus.

≫Du meine Güte≪, wiederholte Harry und gab sich leicht verwirrt. ≫Ich habe gerade jemanden aus Ihrem Fenster springen sehen.≪

Sie fand ihre Stimme wieder. ≫Was in aller Welt meinen Sie?≪ fragte sie. ≫Und was machen Sie in meinem Schlafzimmer?≪

Seiner Rolle gemäß rannte Harry zum Fenster und beugte sich hinaus. ≫Schon verschwunden≪, stellte er fest.

≫Bitte erklären Sie mir, was das alles bedeutet!≪

Harry holte tief Atem, als wolle er seine Gedanken ordnen. Lady Monkford war etwa vierzig, eine leicht überspannt wirkende Dame in grünem Seidenkleid. Wenn er die Nerven behielt, konnte er mit ihr zurechtkommen. Er lächelte gewinnend und gab sich als offener, rugbyspielender Student — ein Typ, der ihr vertraut sein mußte — und erzählte ihr eine rasch erfundene Geschichte.

≫Das war das Merkwürdigste, was ich je gesehen habe≪, begann er. ≫Ich kam den Korridor entlang, als ein seltsamer Kerl aus diesem Zimmer herausspähte. Er sah mich und wich rasch wieder zurück. Ich wußte, daß es Ihr Schlafzimmer war, weil ich selbst versehentlich hineingeschaut hatte, als ich die Toilette suchte. Ich fragte mich, was der Bursche im Schild führte — er sah keineswegs wie einer Ihrer Diener aus, und bestimmt war er kein Gast. Als ich die Tür öffnete, sprang er aus dem Fenster.≪ Dann, als Erklärung für die noch offenen Laden der Frisiertoilette, fügte er hinzu: ≫Ich habe gerade in Ihrem Ankleidezimmer nachgesehen und fürchte, er war hinter Ihrem Schmuck her.≪

Das war brillant, lobte er sich. Ich sollte wirklich für den verdammten Rundfunk arbeiten!

Sie legte die Hand an die Stirn. ≫Oh, wie entsetzlich!≪ hauchte sie.

≫Sie sollten sich setzen≪, riet Harry besorgt. Er führte sie zu einem kleinen rosa Sessel.

≫Schrecklich!≪ flüsterte sie. ≫Wenn Sie ihn nicht verjagt hätten, wäre er noch hiergewesen, als ich hereinkam! Ich mag gar nicht daran denken! Ich fürchte, ich falle in Ohnmacht.≪ Sie griff nach Harrys Hand und umklammerte sie. ≫Ich bin Ihnen so dankbar!≪

Harry unterdrückte ein Grinsen. Er hatte es wieder einmal geschafft!

Er dachte rasch weiter. Sie durfte keinen zu großen Wirbel machen. Am besten wäre es natürlich, wenn sie die ganze Angelegenheit für sich behielte. ≫Bitte, erzählen Sie Rebecca nichts davon≪, flehte er sie an. ≫Sie neigt zu nervöser Überreaktion, und es würde sie vielleicht wochenlang ängstigen.≪

≫Mich auch≪, entgegnete Lady Monkford. ≫Wochenlang!≪ Sie war zu erregt, darüber nachzudenken, daß die kräftige, sportliche Rebecca wohl kaum der Typ für nervöse Überreaktionen war.

≫Sie werden wahrscheinlich die Polizei rufen müssen. Nur schade, daß das die Party stören, wenn nicht gar beenden würde≪, fuhr er fort.

≫Oje — das wäre ja furchtbar! Müssen wir sie denn hinzuziehen?≪ ≫Nun…≪ Harry verbarg seine Befriedigung. ≫Es kommt wohl darauf an, was der Schuft gestohlen hat. Sie sollten vielleicht erst einmal nachsehen.≪

≫O ja, natürlich.≪

Harry drückte ihr ermutigend die Hand und half ihr hoch. Er begleitete sie zum Ankleideraum. Als sie die offenen Schubläden sah, schnappte sie erschrocken nach Luft. Harry führte sie fürsorglich zum Frisierhocker. Sie ließ sich darauf fallen und begann in ihrem Schmuck zu kramen. Nach einer kurzen Weile sagte sie: ≫Es sieht nicht so aus, als hätte er viel gestohlen.≪

≫Vielleicht überraschte ich ihn, ehe er dazu kam, überhaupt etwas einzustecken≪, meinte Harry.

Sie sah ihre Halsketten, Armbänder und Broschen nun sorgfältiger durch. ≫Ich glaube, das haben Sie wirklich≪, sagte sie schließlich. ≫Ich bin Ihnen so dankbar!≪

≫Wenn Ihnen nichts gestohlen wurde, brauchen Sie eigentlich mit niemandem darüber reden.≪

≫Außer natürlich mit Sir Simon.≪

≫Natürlich≪, bestätigte Harry, obwohl er gehofft hatte, sie würde es nicht tun. ≫Sie könnten es ihm erzählen, wenn die Gäste gegangen sind. Dann würden Sie ihm die Party nicht verderben.≪

≫Welch eine gute Idee!≪ sagte sie dankbar.

Sehr zufriedenstellend. Harry war ungemein erleichtert. Er beschloß aufzuhören, solange er einen solchen Vorteil hatte. ≫Ich gehe jetzt lieber wieder hinunter≪, meinte er, ≫dann können Sie sich ungestört von Ihrem Schrecken erholen.≪ Er beugte sich schnell hinunter und hauchte ihr einen Kuß auf die Wange. Das kam völlig unerwartet für sie, und sie errötete. Er flüsterte ihr ins Ohr: ≫Sie sind sehr tapfer.≪ Damit verließ er sie.

Frauen mittleren Alters waren sogar noch leichter zu betören als ihre Töchter, dachte er. Auf dem leeren Korridor sah er sich im Spiegel. Er blieb stehen, zupfte seine Fliege zurecht und grinste sein Spiegelbild triumphierend an. ≫Du bist ein Teufelskerl, Harold≪, lobte er sich.

Die Party neigte sich ihrem Ende zu. Als Harry in den Salon zurückkehrte, fragte Rebecca gereizt: ≫Wo warst du so lange?≪

≫Ich habe mit unserer Gastgeberin geplaudert≪, antwortete er. ≫Entschuldige. Wollen wir gehen?≪

Er verließ das Haus mit den Manschettenknöpfen seines Gastgebers und zwanzig Pfund in der Brusttasche.

Direkt am Belgrave Square bekamen sie ein Taxi und fuhren zu einem Restaurant in Piccadilly. Harry liebte gute Restaurants. Die gestärkten Servietten, die polierten Gläser, die Speisekarte auf französisch und die zuvorkommenden, ja ehrerbietigen Kellner lösten ein tiefes Wohlbehagen in ihm aus. Sein Vater hatte so ein Lokal nie von innen gesehen, seine Mutter vielleicht, aber nur, falls sie in einem geputzt hatte. Er bestellte eine Flasche Sekt, nachdem er die Getränkekarte sorgfältig studiert und einen Jahrgang gewählt hatte, von dem er wußte, daß er gut, aber keine Seltenheit und der Preis deswegen nicht zu hoch war.

Als er anfing, Mädchen in Restaurants zu führen, hatte er ein paar Fehler gemacht. Aber er hatte rasch gelernt. Ein nützlicher Trick war, die Speisekarte ungeöffnet neben sich zu legen und zu sagen: ≫Ich hätte gerne Seezunge, haben Sie welche?≪ Dann schlug der Kellner die Speisekarte auf und deutete auf Sole meunière, Les goujons de sole avec sauce tartare und Sole grillée, und wenn er bemerkte, daß er zögerte, sagte er meistens: ≫Ich kann Ihnen heute die goujons sehr empfehlen, mein Herr.≪ Harry kannte bald die französischen Namen der wichtigsten Speisen. Es entging ihm auch nicht, daß Gäste, die solche Lokale frequentierten, die Kellner oft fragten, was denn ein bestimmtes Gericht auf der Karte war. Reiche Engländer mußten nicht unbedingt Französisch verstehen. Danach machte er es sich zur Gewohnheit, jedesmal, wenn er in einem vornehmen Restaurant speiste, nach der Übersetzung des einen oder anderen Ausdrucks auf der Karte zu fragen. Inzwischen kannte er sich mit Speisekarten besser aus als die meisten vornehmen Herren seines Alters. Auch der Wein war kein Problem. Weinkellner freuten sich sogar gewöhnlich, wenn man sie ersuchte, bei der Auswahl des Weines zu helfen; sie erwarteten nicht, daß ein junger Mann sich mit all den Weingütern und Rebsorten und Jahrgängen auskannte. Der Trick in Restaurants war, wie im Leben überhaupt, völlig gelassen zu wirken, vor allem, wenn man es nicht war.

Der Sekt war gut, aber seine Laune leider nicht. Es lag an Rebecca, wie ihm bald klarwurde. Immer wieder mußte er daran denken, wie schön es wäre, mit einem hübschen Mädchen in einem Lokal wie diesem zu sitzen. Er ging immer mit Mädchen aus, die man wahrhaftig nicht anziehend nennen konnte: mit häßlichen Mädchen, mit unansehnlichen, mit fetten, mit pickeligen, mit dümmlichen Mädchen. Es war leicht, eine Bekanntschaft mit ihnen anzuknüpfen, und wenn sie erst einmal ≫angebissen≪ hatten, waren sie nur zu bereit, ihn für das zu nehmen, was er zu sein vortäuschte, und zögerten, ihm peinliche Fragen zu stellen, aus Angst, sie könnten ihn verlieren. Um in reiche Häuser zu kommen, war diese Methode unübertrefflich. Der Haken war nur, daß er seine ganze Zeit mit Mädchen verbrachte, die ihm nicht gefielen. Vielleicht eines Tages …

Rebecca war heute abend besonders mürrisch und unzufrieden. Vielleicht fragte sie sich, weshalb Harry — obwohl er sie bereits seit drei Wochen regelmäßig ausführte — nicht wenigstens versucht hatte, ≫zu weit zu gehen≪. Aber er brachte es einfach nicht fertig, seine vorgetäuschten Gefühle in die Tat umzusetzen. Er konnte Rebecca mit seinem Charme betören, konnte vortäuschen, romantisch zu sein, sie zum Lachen bringen und dazu, daß sie sich in ihn verliebte; aber sie begehren, nein, das war unmöglich. Bei einer schauderhaften Gelegenheit war er mit einem dünnen, deprimierten Mädchen, das entschlossen war, ihm seine Unschuld zu opfern, auf einem Heuboden gelandet, und er hatte sich gezwungen, ihren Wunsch zu erfüllen, aber sein Körper hatte sich geweigert mitzumachen. Er wand sich immer noch vor Verlegenheit, wenn er nur daran dachte.

Seine sexuelle Erfahrung hatte er hauptsächlich bei Mädchen seiner eigenen Schicht gesammelt, und keine dieser Beziehungen war von Dauer gewesen. Er hatte nur eine wirklich befriedigende Affäre gehabt. Als er achtzehn war, hatte sich eine um Jahre ältere Dame in der Bond Street schamlos an ihn herangemacht. Sie war die Gattin eines vielbeschäftigten Anwalts, die sich von ihrem Mann vernachlässigt fühlte. Ihr Verhältnis hatte zwei Jahre gedauert, und er hatte viel von ihr gelernt — alles über die Liebe, wobei sie ihm eine begeisterte Lehrmeisterin gewesen war; gute Manieren, wie sie in der Oberschicht üblich waren — das hatte er ihr allerdings heimlich abgesehen; und Poesie, sie hatten Gedichte gelesen und im Bett darüber diskutiert. Harry hatte sie sehr gemocht. Sie hatte das Verhältnis abrupt abgebrochen, als ihr Gatte herausfand, daß sie einen Liebhaber hatte (wer es war, erfuhr er nie). Inzwischen war Harry dem Ehepaar mehrmals begegnet, und die Frau hatte immer durch ihn hindurchgeblickt, als wäre er überhaupt nicht da. Harry fand das grausam. Sie hatte ihm viel bedeutet und er ihr offenbar auch etwas. Hatte sie einen so starken Willen, oder war sie ganz einfach herzlos? Das würde er wahrscheinlich nie erfahren.

Der Sekt und das hervorragende Abendessen hoben weder Harrys noch Rebeccas Stimmung. Unruhe erfüllte ihn. Er hatte sowieso vorgehabt, sie nach dem heutigen Abend sanft fallenzulassen, aber plötzlich wurde ihm allein schon der Gedanke unerträglich, den Rest dieses Abends noch mit ihr zu verbringen. Er verfluchte sich, daß er sein Geld für das Dinner mit ihr vergeudete. Er blickte auf ihr verdrossenes Gesicht, das so ganz ohne Make-up und unter dem lächerlichen kleinen Hut mit Feder fast abstoßend war, und fing an, sie zu hassen.

Als sie das Dessert beendet hatten, bestellte er Kaffee und ging zur Herrentoilette. Die Garderobe befand sich gleich daneben und war von ihrem Tisch aus nicht zu sehen. Einem unwiderstehlichen Impuls folgend, ließ Harry sich seinen Hut aushändigen, gab der Garderobenfrau ein Trinkgeld und verließ das Restaurant.

Es war eine laue Nacht. Durch die Verdunkelung war es finster, aber Harry kannte sich im West End gut aus, und immer wieder fuhren Autos mit Parklichtern vorbei. Er fühlte sich, als hätte er unerwartet schulfrei bekommen. Er war Rebecca los, hatte sieben oder acht Pfund gespart und die Nacht für sich — alles mit einem einzigen begnadeten Streich.

Theater, Kinos und Tanzlokale waren von der Regierung geschlossen worden, ≫bis das Ausmaß deutscher Angriffe auf Großbritannien abgesehen werden kann≪, wie die Erklärung lautete. Aber Nachtclubs wurden vielfach am Rand der Legalität betrieben, und es hatten auch jetzt noch diverse Lokalitäten geöffnet, man mußte nur wissen, wo. Schon bald machte Harry es sich an einem Tisch in einer Kellerbar in Soho bequem, trank Whisky, genoß die erstklassige amerikanische Jazzband und spielte mit dem Gedanken, sich an eine der hübschen Zigarettenverkäuferinnen heranzumachen.

Er überlegte immer noch, als Rebeccas Bruder hereinstürzte.

_________

Am nächsten Morgen saß er in einer Kellerzelle unter dem Gerichtssaal. Er war niedergeschlagen und zerknirscht, während er darauf wartete, vor den Richter geführt zu werden. Er befand sich in großen Schwierigkeiten.

Das Restaurant einfach so zu verlassen war idiotisch gewesen. Rebecca gehörte nicht zu den Mädchen, die ihren Stolz schluckten und die Rechnung ohne Aufhebens bezahlten. Sie hatte ein riesiges Theater gemacht, woraufhin der Geschäftsführer die Polizei rief, und dann war ihre Familie mit hineingezogen worden…Das war genau das Aufsehen, das Harry normalerweise zu vermeiden suchte. Trotzdem hätte er davonkommen können, wäre ihm nicht durch unglaubliches Pech zwei Stunden später Rebeccas Bruder über den Weg gelaufen.

Er befand sich in einer großen Zelle mit fünfzehn oder zwanzig anderen Festgenommenen, die alle noch am Vormittag dem Gericht vorgeführt werden sollten. Es gab hier keine Fenster, und der Zigarettenqualm war zum Schneiden dick. Gegen Harry würde heute nicht verhandelt werden, ihn erwartete nur eine vorläufige Anhörung.

Natürlich würde er schließlich verurteilt werden. Die Beweise gegen ihn waren unwiderlegbar. Der Oberkellner würde Rebeccas Aussage bestätigen und Sir Simon Monkford die Manschettenknöpfe als seine identifizieren.

Aber es war noch schlimmer gekommen. Ein Inspektor der Sonderkommission hatte ihn vernommen. Der Mann hatte einen Kammgarnanzug mit einfachem weißem Hemd und schwarzer Krawatte getragen, eine Weste ohne Uhrkette und auf Hochglanz polierte, aber keineswegs neue Straßenschuhe — der für Kriminalbeamte typische Aufzug. Und er war ein erfahrener Kriminalist mit scharfem, wachsamem Verstand. Er hatte gesagt: ≫Während der letzten zwei, drei Jahre wurde uns des öfteren aus reichen Häusern gemeldet, daß Schmuckstücke verlorengingen. Nicht gestohlen, natürlich. Sie waren nur verschwunden. Armbänder, Ohrringe, Anhänger, Manschettenknöpfe…Die Besitzer betonten stets, daß die vermißten Sachen nicht gestohlen worden sein konnten, da die einzigen, die Gelegenheit gehabt hätten, sie an sich zu nehmen, ihre Gäste gewesen waren; und daß sie es nur meldeten, damit man sie benachrichtige, falls die verschwundenen Schmuckstücke irgendwo gefunden würden.≪ Harry hatte nur stumm zugehört und sich nichts anmerken lassen, obwohl ihm regelrecht übel war. Er war so überzeugt gewesen, daß seine ≫Karriere≪ bisher völlig unbemerkt geblieben war. Jetzt war er entsetzt, als er das Gegenteil erfuhr: Sie waren ihm bereits geraume Zeit auf der Spur!

Der Kripobeamte öffnete einen dicken Ordner und zählte auf: ≫Der Graf von Dorset eine georgianische Silberbonbonniere und eine Schnupftabakdose, Lackarbeit, ebenfalls georgianisch. Mrs. Harry Jaspers ein Perlenarmband mit Rubinverschluß von Tiffany. Die Komtesse einen Art-déco-Brillantanhänger an einem Silberkettchen. Dieser Mann hat guten Geschmack.≪ Der Inspektor blickte unmißverständlich auf Harrys Brillantmanschettenknöpfe.

Harry wurde klar, daß die Akte Einzelheiten von Dutzenden seiner Diebstähle enthalten mußte. Ihm wurde auch klar, daß man ihm zumindest einige davon würde nachweisen können. Dieser schlaue Beamte hatte alle grundlegenden Fakten zusammengetragen, er könnte mühelos Zeugen zusammentrommeln, die bestätigen würden, daß Harry sich zur Zeit des Abhandenkommens der Stücke im Haus ihrer Besitzer aufgehalten hatte. Früher oder später würden sie seine und die Wohnung seiner Mutter durchsuchen. Den Großteil des Schmuckes hatte er über Hehler verkauft, aber ein paar Stücke doch behalten. Die Manschettenknöpfe, die dem Inspektor aufgefallen waren, hatte er einem schlafenden Betrunkenen bei einem Ball am Grosvenor Square abgenommen, und seiner Mutter hatte er eine Brosche geschenkt, die er bei einem Hochzeitsempfang in einem Garten in Surrey einer Gräfin geschickt vom Busen gepflückt hatte. Und was sollte er sagen, wenn man ihn fragte, wovon er lebte?

Er mußte mit einer langen Haftstrafe rechnen, und nach seiner Entlassung würde er zum Wehrdienst einberufen werden, was fast dasselbe war. Bei diesem Gedanken wurde ihm eiskalt.

Er weigerte sich hartnäckig, auch nur einen Ton zu sagen, sogar als der Inspektor ihn eigenhändig an den Revers seiner Smokingjacke packte und gegen die Wand stieß. Aber sein Schweigen würde ihn nicht retten. Die Zeit arbeitete für das Gesetz.

Harry hatte nur eine Chance. Er mußte die Richter dazu bringen, ihn auf Kaution freizulassen, und dann verschwinden. Plötzlich sehnte er sich nach der Freiheit, als säße er bereits seit Jahren in einer Zelle.

Zu verschwinden würde nicht leicht sein, aber die Alternative ließ ihn schaudern.

Während er die Reichen bestahl, hatte er sich an ihren Lebensstil gewöhnt. Er stand spät auf, trank Kaffee aus kostbarem Porzellan, trug elegante Kleidung und speiste in teuren Restaurants. Hin und wieder kehrte er auch ganz gern in seine ehemaligen Kreise zurück, trank mit alten Kumpeln in Pubs oder führte seine Mutter ins Odeon aus. Aber der Gedanke ans Gefängnis war unerträglich: die trostlose Kleidung, das gräßliche Essen, keinerlei Privatsphäre und, was am schlimmsten war, die drückende Langeweile einer absolut Sinnlosen Existenz.

Er schüttelte sich vor Ekel und konzentrierte sich nun auf das Problem, gegen Kaution freigelassen zu werden.

Die Polizei würde natürlich gegen Kaution sein, aber die Entscheidung trafen die Richter. Harry hatte bisher noch nie vor Gericht erscheinen müssen, doch auf den Straßen seines alten Viertels kannten die Leute sich mit Gerichtsverfahren ebenso aus wie damit, wer ein Recht auf eine Sozialwohnung hatte und wie man Schornsteine fegte. Nur in Mordfällen wurde Kaution verweigert. Ansonsten stand es den Richtern frei, sie zu gewähren oder nicht. Normalerweise richteten sie sich nach der Empfehlung des zuständigen Ermittlungsbeamten, aber nicht immer. Manchmal ließen sie sich von einem schlauen Anwalt oder einem Beklagten mit einer auf die Tränendrüse drückenden Geschichte über ein krankes Kind überreden. Dann und wann, wenn der Ermittler zu arrogant war, gestatteten sie Freilassung auf Kaution, nur um ihm zu beweisen, daß er ihnen nichts vorzuschreiben hatte. Seine Kaution würde vermutlich auf fünfundzwanzig oder fünfzig Pfund festgesetzt werden. Das war kein Problem; er hatte genug Geld. Ein Anruf war ihm erlaubt worden, er hatte Bernie angerufen, den Zeitschriftenhändler an der Ecke der Straße, wo seine Mutter wohnte, und ihn gebeten, Mutter von einem seiner Jungs ans Telefon holen zu lassen. Als sie endlich dran war, sagte er ihr, wo sie sein Geld finden würde.

≫Sie lassen mich bestimmt auf Kaution raus, Ma≪, meinte er großspurig.

≫Ich weiß, mein Sohn≪, erwiderte seine Mutter. ≫Du hast immer Glück gehabt.≪

Aber wenn nicht…

Ich hab’ mich schon aus so mancher Verlegenheit rausgeredet, dachte er zuversichtlich.

Aber nicht aus einer so schlimmen.

Ein Wärter brüllte: ≫Marks!≪

Harry stand auf. Er hatte nicht geplant, was er sagen würde. Er redete am liebsten aus dem Stegreif. Aber diesmal wünschte er sich, er hätte etwas vorbereitet. Bringen wir es hinter uns, dachte er düster. Er knöpfte seine Jacke zu, rückte die Fliege zurecht und strich das weiße Einstecktuch in seiner Brusttasche glatt. Wenn ich mich nur hätte rasieren dürfen, dachte er, während er sein Kinn rieb. Im letzten Moment fiel ihm etwas ein, worauf er eine Geschichte aufbauen konnte. Er nahm die Manschettenknöpfe aus den Ärmelaufschlägen und steckte sie in die Hosentasche.

Die Tür der Zelle schwang auf, und er trat hinaus.

Man führte ihn eine Steintreppe hinauf, und er kam direkt an der Anklagebank mitten im Gerichtssaal hinaus. Vor ihm befanden sich die leeren Sitze der Anwälte, der besetzte Platz des Gerichtsschreibers, der ein qualifizierter Anwalt war, und dahinter der Richtertisch mit drei Laienrichtern.

Harry sandte ein Stoßgebet zum Himmel. Lieber Gott, ich hoffe, die drei Kerle lassen mich gehen!

Auf der Pressebank an der Seite saß ein junger Reporter mit einem Stenoblock. Harry drehte sich um und schaute zu den Zuhörerbänken. Er sah Ma in ihrem besten Mantel und einem neuen Hut. Sie tippte vielsagend auf ihre Tasche. Harry schloß daraus, daß sie das Geld für seine Kaution mitgebracht hatte. Zu seinem Entsetzen bemerkte er jedoch, daß sie die Brosche trug, die er der Gräfin von Surrey entwendet hatte.

Er schaute nun nach vom und klammerte sich an das Geländer, um die Hände vom Zittern abzuhalten. Der Vertreter der Anklage, ein kahlköpfiger Polizeiinspektor mit Knollennase, sagte: ≫Nummer drei auf Ihrer Liste, Euer Gnaden: Diebstahl von zwanzig Pfund in Scheinen und einem Paar goldener Manschettenknöpfe im Wert von fünfzehn Guineen, Eigentum von Sir Simon Monkford, und die Erlangung eines finanziellen Vorteils durch Betrug im Restaurant Saint Raphael in Piccadilly. Die Kriminalpolizei beantragt Haftanordnung, da sie in weiteren Vergehen ermittelt, in denen es um größere Summen geht.≪

Harry studierte die Richter aufmerksam. An einer Seite saß ein Hagestolztyp mit weißen Koteletten und steifem Kragen, an der anderen ein ehemaliger Offizier, was an seiner Regimentskrawatte erkennbar war. Beide blickten hochmütig auf ihn herab; er schätzte, daß sie jeden, der vor ihnen erscheinen mußte, von vornherein für einen Schurken hielten. Er hatte nicht viel Hoffnung. Doch dann sagte er sich, daß dumme Vorurteile sich durchaus rasch in ebenso dumme Leichtgläubigkeit verwandeln ließen. Es war ganz gut, wenn sie nicht so klug waren, da konnte er ihnen besser etwas vormachen. Der Vorsitzende in der Mitte war der einzige, der wirklich zählte. Er war mittleren Alters, hatte einen grauen Schnurrbart und trug einen grauen Anzug; seine Miene deutete an, daß er bereits mehr Lügengeschichten gehört hatte, als ihm lieb war. Auf ihn muß ich aufpassen, dachte Harry.

Der Vorsitzende sagte jetzt zu ihm: ≫Ersuchen Sie, auf Kaution entlassen zu werden?≪

Harry tat verwirrt. ≫Oh! Meine Güte! Ich denke schon. Ja — ja, natürlich.≪

Alle drei Richter horchten auf, als sie seinen Oberklassenakzent hörten. Harry genoß diese Wirkung. Er war stolz auf seine Fähigkeit, andere in ihrem Standesdünkel zu verblüffen. Die Reaktion des Richterkollegiums gab ihm Mut. Ich kann ihnen was vormachen, jubelte er innerlich, ich wette, daß ich es kann!

≫Was können Sie zu Ihrer Verteidigung vorbringen?≪ fragte der Vorsitzende.

Harry lauschte aufmerksam dem Akzent des Mannes, um sich ein Bild seiner Herkunft zu machen. Er schloß, daß er aus der gebildeten Mittelschicht kam, ein Apotheker vielleicht oder Bankdirektor. Er war bestimmt klug, aber wahrscheinlich auch gewohnt, sich nach den oberen Schichten zu richten.

Harry setzte eine verlegene Miene auf und bediente sich des Tones eines Schuljungen, der vor dem Rektor steht. ≫Ich fürchte, das Ganze hat sich zu einem schrecklichen Durcheinander entwickelt, Sir≪, begann er. Das Interesse der Richter wuchs noch ein wenig. Sie beugten sich aufmerksam vor. Das würde kein gewöhnlicher Fall werden, das konnten sie bereits sehen, und sie waren dankbar für die Abwechslung von den üblichen ermüdenden Fällen. Harry fuhr fort: ≫Ehrlich gesagt, einige der Kameraden tranken gestern im Carlton Club zuviel Portwein, und dadurch kam es dazu.≪ Er hielt inne, als wäre das Erklärung genug, und blickte das Kollegium erwartungsvoll an.

Der Richter mit dem Regimentsbinder wiederholte: ≫Der Carlton Club!≪ Seine Miene besagte, daß Mitglieder dieser hehren Institution nicht oft hier vor Gericht erschienen.

Harry fragte sich, ob er etwa zu weit gegangen war. Vielleicht würden sie bezweifeln, daß er ein Mitglied war. Er setzte hastig fort: ≫Es ist mir furchtbar peinlich, aber ich werde alle aufsuchen und mich auf der Stelle entschuldigen und die Sache ohne Zögern klären…≪ Er täuschte vor, sich plötzlich zu erinnern, daß er im Abendanzug war. ≫Das heißt, sobald ich mich umgekleidet habe.≪

Der alte Hagestolz blickte ihn an: ≫Wollen Sie damit sagen, daß Sie nicht beabsichtigten, die zwanzig Pfund und die Manschettenknöpfe zu nehmen?≪

Das klang ungläubig, trotzdem war es ein gutes Zeichen, daß sie Fragen stellten. Es bedeutete, daß sie seine Geschichte nicht einfach abtaten. Sie würden sich nicht die Mühe machen, ihn nach Einzelheiten zu fragen, wenn sie gar nichts davon glaubten. Ihm wurde leichter ums Herz, vielleicht kam er tatsächlich frei!

Er sagte: ≫In der Tat habe ich mir die Manschettenknöpfe geliehen — ich hatte meine völlig vergessen.≪ Er streckte die Arme aus, um die offenen Hemdaufschläge zu zeigen, die aus den Ärmeln der Smokingjacke herausschauten. Seine Manschettenknöpfe steckten in der Hosentasche.

Der Hagestolz fragte: ≫Und was ist mit den zwanzig Pfund?≪

Das war eine schwierigere Frage, wie Harry besorgt bewußt wurde. Ihm fiel keine glaubhafte Ausrede ein. Man konnte zwar seine Manschettenknöpfe vergessen und sich ohne viel Umstände irgend jemandes leihen, aber sich Geld zu borgen, ohne den Besitzer darum zu bitten, war stehlen. Er war der Panik nahe, als ihm ein rettender Einfall kam. ≫Ich glaube, es könnte sein, daß Sir Simon sich bei dem Betrag irrte, den er ursprünglich in seiner Brieftasche hatte.≪ Harry senkte die Stimme, als wolle er den Richtern etwas sagen, was die einfachen Leute auf den Zuhörerbänken nicht verstehen sollten. ≫Er ist schrecklich reich, Sir.≪

≫Er wurde nicht dadurch reich, daß er vergaß, wieviel Geld er hatte≪, entgegnete der Vorsitzende. Gedämpftes Lachen erklang im Gerichtssaal. Humor war eigentlich ein ermutigendes Zeichen, aber der Vorsitzende verzog keine Miene. Er hatte es nicht als witzige Bemerkung gedacht. Das ist ein Bankdirektor, dachte Harry, für ihn ist Geld nichts, worüber man Späße macht. Der Vorsitzende fuhr fort: ≫Und warum haben Sie Ihre Rechnung im Restaurant nicht bezahlt?≪

≫Ich gestehe, das tut mir jetzt entsetzlich leid. Ich hatte eine äußerst unangenehme Auseinandersetzung mit meiner — Begleiterin.≪ Harry nannte ostentativ keinen Namen: Unter jungen Männern, die von vornehmen Privatschulen kamen, galt es als unfein, den Namen einer Bekannten auszuplaudern, und das wußten die Richter zweifelsohne. ≫Ich fürchte, ich bin einfach davongestürmt, an die Rechnung habe ich dabei überhaupt nicht gedacht.≪

Der Vorsitzende blickte über den Brillenrand und fixierte Harry mit einem durchdringenden Blick. Harry hatte das Gefühl, daß er irgend etwas falsch gemacht hatte. Ihm wurde flau. Was hatte er gesagt? Da wurde ihm bewußt, daß er eine gleichgültige Einstellung gegenüber Schulden gezeigt hatte. Das war in den oberen Schichten völlig normal, doch ein Bankdirektor sah es zweifellos als Todsünde. Panik ergriff ihn, und er befürchtete, daß er wegen eines kleinen Einschätzungsfehlers alles verlieren würde. Rasch sprudelte er heraus: ≫Furchtbar unverantwortlich von mir, Sir, selbstverständlich werde ich die Rechnung heute mittag sofort begleichen. Das heißt, wenn Sie mir die Möglichkeit dazu geben.≪

Er konnte nicht erkennen, ob der Vorsitzende besänftigt war oder nicht. ≫Sie wollen uns also weismachen, daß die Anklage gegen Sie höchstwahrscheinlich zurückgezogen wird, sobald Sie die Sachlage erklärt haben?≪

Harry fand, daß er aufpassen mußte, um nicht den Eindruck zu erwecken, daß er auf alles eine schlagfertige Antwort hatte. Er senkte den Kopf und blickte zerknirscht drein. ≫Ich glaube, es würde mir verflixt recht geschehen, wenn die Leute sich weigerten, die Anklage fallenzulassen≪

≫Das würde es vermutlich≪, bestätigte der Vorsitzende streng.

Aufgeblasener alter Furz, dachte Harry, aber er wußte, so demütigend das auch sein mochte, es doch gut für seinen Fall war. Je mehr sie ihm den Kopf zurechtrückten, desto unwahrscheinlicher wurde es, daß sie ihn ins Gefängnis zurückschickten.

≫Haben Sie sonst noch etwas zu sagen?≪ fragte der Vorsitzende.

Leise antwortete Harry: ≫Nur, daß ich mich entsetzlich schäme.≪

≫Hm≪, brummte der Vorsitzende skeptisch, aber der ehemalige Offizier nickte befriedigt.

Die drei Laienrichter besprachen sich eine Zeitlang gedämpft. Harry hielt unwillkürlich den Atem an. Es war eine unerträgliche Vorstellung, daß seine ganze Zukunft von diesen alten Trotteln abhing. Er wünschte, sie würden sich beeilen, zu einer Entscheidung zu kommen; doch als sie alle nickten, wünschte er sich wiederum, der schreckliche Augenblick würde sich verzögern.

Schließlich blickte der Vorsitzende auf. ≫Ich hoffe, eine Nacht in der Zelle war eine heilsame Lektion für Sie≪, sagte er.

O Gott, ich glaube, er läßt mich laufen! dachte Harry. Er schluckte und sagte: ≫Das kann man wohl sagen, Sir. Ich möchte nie wieder eine von innen sehen!≪

≫Dann benehmen Sie sich auch entsprechend!≪

Wieder setzte eine kurze Pause ein, dann wandte der Vorsitzende sich von Harry ab und dem Gericht zu. ≫Ich sage nicht, daß wir alles glauben, was wir gehört haben, aber wir sind nicht der Meinung, daß in diesem Fall Untersuchungshaft erforderlich ist.≪

Eine Welle ungeheurer Erleichterung überwältigte Harry, und seine Knie wurden weich.

Der Vorsitzende sagte: ≫Für sieben Tage auf Kaution entlassen. Hinterlegen Sie die Summe von fünfzig Pfund.≪

Harry war frei.

_________

Er sah die Straßen mit neuen Augen, als wäre er ein Jahr im Gefängnis gewesen, nicht ein paar Stunden. London bereitete sich auf den Krieg vor. Dutzende von silbernen Fesselballonen schwebten hoch am Himmel, um deutsche Flugzeuge zu behindern. Um Läden und öffentliche Gebäude waren Sandsäcke gestapelt, die sie vor Bomben schützen sollten. In den Parks gab es neue Luftschutzbunker, und alle Passanten trugen eine Gasmaske bei sich. Alle hielten es für möglich, daß sie jeden Moment ausradiert würden; das hatte dazu geführt, daß sie ihre Reserviertheit ablegten und sich ungezwungen mit Fremden unterhielten.

Harry erinnerte sich nicht an den Weltkrieg — bei seinem Ende war er zwei Jahre alt gewesen. Als kleiner Junge hatte er geglaubt, ≫Krieg≪ wäre ein Ort, denn alle sagten zu ihm, ≫dein Vater ist im Krieg gefallen≪, auf dieselbe Weise, wie sie sagten, ≫geh und spiel im Park; fall nicht ins Wasser; Ma geht zum Pub.≪ Später, als er alt genug war zu verstehen, was er verloren hatte, war jede Erwähnung des Weltkriegs schmerzlich für ihn. Mit Marjorie, der Frau des Anwalts, die zwei Jahre seine Geliebte gewesen war, hatte er die Gedichte über den Krieg gelesen, und eine Zeitlang hatte er sich Pazifist genannt, bis er die Faschisten durch London hatte marschieren sehen und die besorgten Gesichter alter Juden. Da hatte er gedacht, daß manche Kriege es wert waren, geführt zu werden. In den letzten Jahren hatte es ihn verärgert, daß die britische Regierung beide Augen zudrückte, wenn es um die Schändlichkeiten in Deutschland ging, nur weil sie hoffte, Hitler würde die Sowjetunion vernichten. Doch jetzt, da der Krieg tatsächlich ausgebrochen war, dachte er nur an all die kleinen Jungen, die wie er leben würden — mit einem Loch in ihrem Leben, wo ein Vater sein sollte.

Aber die Bomber waren noch nicht gekommen, und es war wieder ein sonniger Tag.

Harry beschloß, nicht in seine Wohnung zu gehen. Die Kripo würde wütend sein, weil er auf Kaution frei war, und ihn bei der erstbesten Gelegenheit wieder verhaften wollen. Er mußte sich eine Zeitlang zurückhalten. Ins Gefängnis wollte er wirklich nicht zurück. Aber wie lange würde er ständig über die Schulter spähen müssen? Konnte er der Polizei auf Dauer entgehen? Und wenn nicht, was sollte er tun?

Er stieg mit seiner Mutter in den Bus. Er würde sich einstweilen bei ihr in Battersea einquartieren.

Ma wirkte traurig. Sie wußte, wovon er lebte, obwohl sie nie darüber gesprochen hatten. Jetzt sagte sie nachdenklich: ≫Ich hab’ dir nie ’was geben können.≪

≫Du hast mir alles gegeben, Ma!≪ widersprach er.

≫Nein, hab’ ich nicht, sonst tät’st du ja nicht stehlen müssen.≪ Darauf hatte er keine Antwort.

Als sie aus dem Bus stiegen, trat er in die Zeitschriftenhandlung an der Ecke. Er dankte Bernie, daß er Ma ans Telefon geholt hatte, und kaufte den Daily Express. Die Schlagzeilen sprangen ihm ins Auge: POLEN BOMBARDIEREN BERLIN. Als er wieder auf die Straße trat, sah er einen Bobby auf dem Fahrrad näher kommen, und einen Augenblick erfüllte ihn idiotische Panik. Fast wäre er davongelaufen, doch er konnte sich gerade noch rechtzeitig beherrschen, denn es fiel ihm ein, daß zur Verhaftung immer zwei Mann geschickt wurden.

So kann ich nicht leben! dachte er.

Sie gingen zu dem Haus, in dem Ma wohnte, und stiegen die Steintreppe zum vierten Stock hinauf. Ma setzte den Kessel auf und sagte: ≫Ich hab’ deinen blauen Anzug aufgebügelt — du kannst dich umziehen.≪ Sie kümmerte sich immer noch um seine Sachen, nähte Knöpfe an und stopfte seine Seidensocken. Harry ging ins Schlafzimmer, zog seine Mappe unter dem Bett hervor und zählte sein Geld.

Nach zwei Jahren des Stehlens besaß er zweihundertsiebenundvierzig Pfund. Ich muß viermal soviel geklaut haben, dachte er. Ich frage mich, wofür ich den Rest ausgegeben habe?

Er besaß auch einen amerikanischen Reisepaß.

Er blätterte ihn nachdenklich durch. Er erinnerte sich, wie er ihn im Schreibtisch des Hauses eines Diplomaten in Kensington entdeckt hatte. Ihm war aufgefallen, daß der Name des Besitzers Harold war und der Mann auf dem Paßbild ihm ähnlich sah, deshalb hatte er ihn eingesteckt.

Amerika, dachte er.

Er brachte einen amerikanischen Akzent zustande. Und er wußte etwas, wovon die meisten Briten keine Ahnung hatten — daß es mehrere verschiedene amerikanische Dialekte gab, von denen einige vornehmer waren als andere. Man brauchte nur das Wort ≫Boston≪ zu nehmen. Leute aus Boston würden sagen: Bahston; Leute aus New York: Bawston. Je englischer man klang, desto vornehmer war man in Amerika. Und es gab Millionen reicher Amerikanerinnen, die nur darauf warteten, daß man ihnen den Hof machte.

In seiner Heimat dagegen erwartete ihn das Gefängnis und die Armee.

Er hatte einen Reisepaß und eine Tasche voll Geld, einen frischen Anzug, und er konnte sich ein paar Hemden und einen Koffer kaufen. Bis nach Southampton waren es hundertzwanzig Kilometer.

Er könnte noch heute abreisen.

Es war wie ein Traum.

Seine Mutter riß ihn aus den Gedanken, als sie von der Küche rief: ≫Harry — magst du ein Speckbrot?≪

≫Ja, bitte.≪

Er ging in die Küche und setzte sich an den Tisch. Sie gab ihm eine Scheibe Brot, aber er biß nicht ab. ≫Fahren wir nach Amerika, Ma≪, sagte er.

≫Ich? In Amerika? Das wär’ so was!≪

≫Ohne Spaß! Ich fahre.≪

Sie wurde ernst. ≫Das ist nichts für mich, mein Sohn. Zum Auswandern bin ich zu alt.≪

≫Aber hier ist Krieg!≪

≫Ich habe einen Krieg mitgemacht und einen Generalstreik und eine Wirtschaftskrise.≪ Sie schaute sich in der winzigen Küche um. ≫’s ist nichts Besonderes, aber mein Zuhause!≪

Harry hatte nicht wirklich erwartet, daß sie zustimmen würde, doch nun, da sie es ausgesprochen hatte, fühlte er sich elend. Mutter war sein ein und alles.

≫Was willst du denn dort?≪ fragte sie.

≫Hast du Angst, daß ich stehle?≪

≫’s endet doch immer gleich, wenn man klaut. Ich hab’ noch nie gehört, daß Langfinger nicht irgendwann mal erwischt wurden.≪

Harry ging nicht darauf ein. ≫Ich möchte zur Air Force und Fliegen lernen.≪

≫Werden sie dich lassen?≪

≫Da drüben ist es egal, auch wenn man von der Arbeiterklasse ist, solange man Köpfchen hat.≪

Da erhellte sich ihre Miene. Sie setzte sich zu ihm und trank ihren Tee, während Harry sein Speckbrot aß. Als er fertig war, holte er sein Geld hervor und zählte fünfzig Pfund ab.

≫Wofür ist das?≪ fragte sie. Soviel verdiente sie durch Büroputzen in zwei Jahren.

≫Für Notfälle≪, antwortete er. ≫Nimm es, Ma. Ich will, daß du eine Reserve hast.≪

Sie nahm die Scheine. ≫Dann willst du also wirklich weg.≪

≫Ich werde mir Sid Brennans Motorrad borgen und heute noch nach Southampton fahren, um mich nach einem Schiff umzusehen.≪ Sie langte über den Tisch und nahm seine Hand. ≫Viel Glück, mein Sohn.≪

Er drückte liebevoll ihre Hand. ≫Ich werde dir Geld aus Amerika schicken.≪

≫Nicht nötig, außer du hast mal was übrig. Mir ist’s lieber, du schreibst mir hin und wieder, damit ich weiß, wie’s dir geht.≪

≫Ich schreibe bestimmt.≪

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. ≫Komm zurück und besuch deine alte Mama wieder, ja?≪

Wieder drückte er ihre Hand. ≫Ganz bestimmt, Ma. Ich komme wieder.≪

_____

Harry betrachtete sich im Spiegel des Friseurs. Der blaue Anzug, der ihn dreizehn Pfund gekostet hatte, saß wunderbar und paßte gut zu seinen blauen Augen. Der weiche Kragen seines neuen Hemds wirkte amerikanisch. Der Friseur bürstete über die gepolsterten Schultern des doppelreihigen Jacketts. Harry gab ihm ein Trinkgeld und ging.

Er stieg die Marmortreppe vom Untergeschoß hinauf in das prunkvolle Foyer des Hotels South-Western. Es war gedrängt voll, da es der Ausgangspunkt für die meisten Überseereisen war und Tausende von Personen England verlassen wollten — wie viele hatte Harry erkennen müssen, als er versucht hatte, eine Kabine auf einem Dampfer zu bekommen. Alle Schiffe waren seit Wochen ausgebucht. Einige Schiffahrtslinien hatten ihre Schalter geschlossen, um nicht Arbeitszeit zu vergeuden, wenn sie Interessenten doch nur wegschicken mußten. Eine Zeitlang war Harry nahe daran gewesen, aufzugeben und sich irgend etwas anderes einfallen zu lassen, als ein Angestellter eines Reisebüros den Pan-American-Clipper erwähnte.

Harry hatte in den Zeitungen über den Clipper gelesen. Die Linienflüge hatten im Sommer begonnen. Statt in vier oder fünf Tagen mit dem Schiff konnte man in weniger als dreißig Stunden mit dem Flugzeug in New York sein. Aber ein einfacher Flug kostete neunzig Pfund. Neunzig Pfund! Dafür bekam man fast ein neues Auto.

Harry hatte das Ticket dennoch gekauft. Es war Wahnsinn, doch nachdem er sich einmal entschlossen hatte, hätte er jeden Preis bezahlt, um das Land verlassen zu können. Und das Flugzeug war verführerisch luxuriös: Champagner die ganze Strecke nach New York. Das war die Art von verrückter Extravaganz, die Harry liebte.

Er zuckte jetzt nicht mehr jedesmal zusammen, wenn er einen Polizisten sah. In Southampton konnte die Polizei unmöglich etwas von ihm wissen. Aber er war nervös, weil er noch nie zuvor geflogen war.

Er blickte auf seine Armbanduhr, die er einem Kammerherrn aus dem Buckingham Palast entwendet hatte. Er hatte noch Zeit für eine schnelle Tasse Kaffee, um seinen Magen zu beruhigen. Er ging in die Lounge.

Während er seinen Kaffee nippte, kam eine umwerfend schöne Frau herein. Sie war von makellosem Blond und trug ein rotgetüpfeltes cremefarbenes Seidenkleid, das ihre Wespentaille betonte. Harry schätzte sie auf Anfang Dreißig, also etwa zehn Jahre älter als sich, aber das hielt ihn nicht davon ab, sie anzulächeln, als ihr Blick auf ihn fiel.

Sie setzte sich an den Nebentisch, und Harry bewunderte, wie die gepunktete Seide sich um ihren Busen schmiegte und über ihre Knie drapierte. Sie trug cremefarbene Schuhe und einen Strohhut und stellte eine kleine Handtasche auf den Tisch.

Einen Augenblick später setzte sich ein Herr in einem Blazer zu ihr.

Als sie sich unterhielten, erkannte Harry, daß sie Engländerin war, er jedoch Amerikaner. Harry lauschte aufmerksam, um seinen Akzent aufzufrischen. Sie hieß Diana und der Herr Mark. Er sah, wie Mark ihren Arm berührte. Sie lehnte sich an ihn. Sie waren verliebt und sahen niemanden sonst: Die Lounge hätte leer sein können.

Harry verspürte ein wenig Neid.

Er wandte den Blick ab. Er hatte immer noch ein mulmiges Gefühl. Ein Flug über den ganzen Atlantik stand ihm bevor. Das war eine sehr lange Strecke, ganz ohne Land unter sich. Das Prinzip des Fliegens hatte er nie verstanden, die Propeller drehten sich unentwegt, wie war es also möglich, daß das Flugzeug in die Luft kam?

Während er Mark und Diana zuhörte, versuchte er, nonchalant zu wirken. Er wollte nicht, daß die anderen Passagiere im Clipper erkannten, wie nervös er war. Ich bin Harry Vandenpost, sagte er sich, ein wohlhabender junger Amerikaner, der nach Hause zurückkehrt — wegen des Kriegs in Europa. Jurrup auf amerikanisch ausgesprochen. Ich habe momentan keine Stellung, aber ich werde wohl bald wieder eine finden. Mein Vater hat Kapitalanlagen. Meine Mutter, Gott hab’ sie selig, war Engländerin, und ich besuchte die Schule in England. Zur Universität ging ich nicht — hielt nie was vom Büffeln (sagten die Amerikaner so? Er war sich nicht sicher). Ich war so lange in England, daß ich mir ein wenig die Umgangssprache angewöhnte. Ich bin ein paarmal geflogen, aber dies ist mein erster Flug über den Atlantik. Ich freue mich schon sehr darauf.

Als er den Kaffee ausgetrunken hatte, hatte er kaum noch Angst.

_________

Eddie Deakin hängte auf. Er schaute sich in der Empfangshalle um: Sie war leer. Dann starrte er haßerfüllt auf das Telefon, das ihn in einen solchen Horror versetzt harte, als könne er den Alptraum beenden, wenn er den Apparat zerschmetterte. Schließlich drehte er sich schwerfällig um.

Wo waren sie? Wohin hatten sie Carol-Ann gebracht? Warum hatten sie sie entführt? Was konnten sie nur von ihm wollen? Die Fragen surrten in seinem Kopf herum wie Fliegen in einem Glas. Er versuchte zu denken. Er zwang sich, sich jeweils auf eine Frage zu konzentrieren.

Wer waren sie? Könnte es sich ganz einfach um Verrückte handeln? Nein, sie waren zu gut organisiert. Verrückte würden es vielleicht fertigbringen, jemanden zu entführen; aber sorgfältige Planung war erforderlich gewesen, um herauszufinden, wo Eddie sich gleich nach dem Flug aufhalten würde, um ihn im richtigen Augenblick mit Carol-Ann ans Telefon zu bekommen. Es waren kühl berechnende Leute, bereit, das Gesetz zu brechen. Es konnte sich bei ihnen um irgendwelche Anarchisten handeln, aber er tippte eher auf Gangster.

Wohin hatten sie Carol-Ann gebracht? Sie hatte gesagt, sie befinde sich in einem Haus. Es konnte einem der Entführer gehören, aber wahrscheinlicher war, daß sie sich in einem einsam gelegenen, leeren Haus eingenistet oder es gemietet hatten. Carol hatte erwähnt, daß es vor zwei Stunden passiert war, folglich konnte das Haus sich nicht weiter als hundert bis hundertzwanzig Kilometer von Bangor entfernt befinden.

Warum hatten sie sie entführt? Sie wollten etwas von ihm, etwas, das er nicht freiwillig geben oder für Geld tun würde.

Es mußte mit dem Clipper zusammenhängen.

Er würde seine Anweisungen im Flugzeug erhalten, hatten sie ihm gesagt, und zwar von einem Mann namens Tom Luther. Konnte es sein, daß Luther für jemanden arbeitete, der Details über Konstruktion und Funktionsweise des Flugzeugs haben wollte? Eine andere Fluggesellschaft möglicherweise, oder ein anderes Land? Von der Hand zu weisen war es nicht. Die Deutschen oder Japaner erhofften sich vielleicht, eine ähnliche Maschine als Bomber bauen zu können. Aber es gab zweifellos einfachere Methoden, an Blaupausen heranzukommen. Und Hunderte, ja Tausende konnten ihnen dazu nähere Informationen geben: Mitarbeiter von Pan Am, von Boeing, ja sogar Imperial-Airways-Mechaniker, die den Clipper hier in Hythe warteten. Eine Entführung wäre in einem solchen Fall überflüssig. Verdammt, allein schon in Zeitschriften waren mehr als genug technische Details veröffentlicht worden.

Wollte jemand das Flugzeug etwa stehlen? Das konnte er sich schwer vorstellen.

Die plausibelste Erklärung war, daß Eddie ihnen helfen sollte, etwas oder jemanden in die Vereinigten Staaten zu schmuggeln.

Nun, soviel wußte er oder konnte er zumindest annehmen. Aber was sollte er tun?

Er war ein gesetzestreuer Bürger und Opfer eines Verbrechens, und er wollte unbedingt die Polizei verständigen.

Aber er hatte tödliche Angst.

Nie zuvor in seinem ganzen Leben hatte er solche Angst gehabt. Als kleiner Junge hatte er sich vor Papa und dem Teufel gefürchtet, doch seither hatte ihm nichts mehr wirklich angst gemacht. Jetzt aber war er hilflos und starr vor Angst. Er fühlte sich wie gelähmt. Einen Augenblick lang konnte er nicht einmal einen Schritt machen.

Er dachte an die Polizei.

Er war im gottverdammten England, und es wäre wirklich sinnlos, sich an die hiesigen Polizisten zu wenden, die auf einem Fahrrad Dienst machten. Aber er könnte versuchen, den County Sheriff zu Hause anzurufen oder die Polizei des Bundesstaats Maine oder gar das F.B.I., damit sie anfingen, nach einem abgelegenen Haus zu suchen, das erst kürzlich von einem Mann gemietet worden war…

≫Verständigen Sie nicht die Polizei. Es würde Ihnen absolut nichts nützen≪, hatte die Stimme am Telefon gesagt. ≫Aber wenn Sie es tun, fick’ ich Ihre Frau, bloß um Ihnen eins auszuwischen.≪

Eddie glaubte ihm. In der boshaften Stimme hatte ein Hauch von Verlangen geschwungen, als hoffte der Kerl geradezu auf eine Ausrede, seine Frau zu vergewaltigen. Mit ihrem leicht gerundeten Bauch und den angeschwollenen Brüsten sah sie aufregend wie eine Fruchtbarkeitsgöttin aus…

Er ballte die Fäuste, aber da war nichts als die Wand, auf die er hätte einboxen können. Mit einem verzweifelten Stöhnen stolperte er ins Freie und überquerte halb blind den Rasen. Vor einer Baumgruppe blieb er abrupt stehen und lehnte die Stirn an die rissige Rinde einer Eiche.

Eddie war ein einfacher Mann. Er war auf einem Gehöft ein paar Kilometer außerhalb von Bangor geboren. Sein Vater war nur ein kleiner Farmer gewesen, der sich mit ein paar Kartoffeläckern, einer Schar Hühner, einer Kuh und einem Feld durchschlug, auf dem er Gemüse anbaute. Für arme Leute war New England ein schlimmes Fleckchen Erde: Die Winter waren lang und bitterkalt. Mama und Papa glaubten, daß alles, was geschah, Gottes Wille sei. Sogar als Eddies Schwesterchen als Baby an Lungenentzündung starb, hatte Papa gesagt, Gott habe es aus einem Grund beschlossen, ≫den wir nur nicht verstehen können≪. Zu jener Zeit hatte Eddie davon geträumt, im Wald einen vergrabenen Schatz zu finden: eine messingbeschlagene Piratentruhe bis obenhin voll mit Gold und Edelsteinen, wie in den alten Geschichten. In seiner Phantasie ging er mit einer Goldmünze nach Bangor und kaufte große, weiche Betten, einen ganzen Anhänger voll Brennholz, feines Porzellan für seine Mutter, Schaffellmäntel für die gesamte Familie, dicke Steaks und einen ganzen Eiskasten voll Gefrorenes und eine Ananas. Das baufällige Farmhaus wurde zu einem warmen, gemütlichen Zuhause voller Glück.

Einen vergrabenen Schatz fand er nicht, aber er erwarb sich eine Schulbildung, obwohl er dazu jeden Tag zehn Kilometer zu Fuß gehen mußte. Er tat es gern, weil es im Klassenzimmer wärmer war als zu Hause; und Mrs. Maple mochte ihn, weil er immer genau wissen wollte, wie etwas funktionierte.

Jahre später schrieb Mrs. Maple an den Kongreßabgeordneten, der Eddie schließlich die Aufnahmeprüfung für die Marineakademie in Annapolis ermöglichte.

Für Eddie war die Naval Academy ein Paradies. Es gab Wolldek- ken und gute Kleidung und zu essen, soviel man wollte. Nie hatte er von einem solchen Luxus bisher auch nur geträumt. Der harte körperliche Drill machte ihm gar nichts aus; das Geschwafel war nicht schlimmer als das, was er sein Leben lang in der Kirche gehört hatte; und die Maßregelungen waren eine lächerliche Schikane verglichen mit der Prügel, die er von seinem Vater bezogen hatte.

In Annapolis wurde ihm zum erstenmal bewußt, welchen Ein- druck er auf andere machte, daß er gewissenhaft, hartnäckig, starrköpfig und fleißig war. Trotz seiner schmächtigen Statur wurde er selten von den Schlägertypen unter den Mitschülern belästigt, die andere tyrannisierten: Der Ausdruck seiner Augen, wenn er sie nur anblickte, machte ihnen angst. Man mochte ihn, weil er zuverlässig war und wirklich hielt, was er versprach, aber niemand weinte sich je an seiner Schulter aus.

Er war überrascht, daß man ihn lobte, weil er so hart arbeitete. Sowohl Papa wie Mrs. Maple hatten ihn gelehrt, daß man bekommen konnte, was man wollte, wenn man dafür arbeitete, und Eddie hatte sich eine andere Möglichkeit auch nie vorgestellt. Trotzdem war er stolz auf dieses Lob. Seines Vaters höchste Wertschätzung war gewesen, jemanden einen ≫driver≪ zu nennen, das in Maine übliche Wort für einen, der hart arbeitete.

Er wurde zum Leutnant ernannt und zur Ausbildung auf Flugbooten abgestellt. Annapolis war komfortabel gewesen, verglichen mit seinem Zuhause, und die U.S. Navy war regelrecht luxuriös. Er konnte seinen Eltern Geld schicken, damit sie das Hausdach reparierten und einen neuen Herd kauften.

Er war vier Jahre in der Navy, als Mama starb, und Papa folgte ihr nur fünf Monate später. Das bißchen Ackerland wurde von der benachbarten Farm übernommen, aber das Haus und das Waldstück erhielt Eddie für ein Butterbrot. Er verließ die Navy und bekam eine gutbezahlte Stellung bei Pan American Airways.

Zwischen den Flügen arbeitete er an dem alten Haus, installierte sanitäre Anlagen und elektrische Leitungen und einen Boiler. Das Material bezahlte er von seinem Ingenieursgehalt. Er kaufte elektrische Heizkörper für die Schlafzimmer, ein Radio und ließ sogar ein Telefon anschließen. Dann lernte er Carol-Ann kennen. Bald, so hatte er gedacht, würde Kinderlachen das Haus erfüllen und damit sein Traum wahr werden.

Statt dessen hatte nun ein Alptraum begonnen.

4

Die ersten Worte, die Mark Alder zu Diana Lovesey sagte, waren: ≫Meine Güte, so was Erfreuliches wie Sie ist mir heute den ganzen Tag noch nicht untergekommen.≪

Dergleichen sagten die Leute ständig zu ihr. Sie war hübsch und quicklebendig und zog sich gern gut an. An diesem Abend trug sie ein langes türkises Kleid mit kleinen Aufschlägen, gekräuseltem Oberteil und kurzen Ärmeln, die am Ellbogen gerafft waren; und sie wußte, daß sie gut aussah.

Sie nahm im Hotel Midland in Manchester an einem Wohltätigkeitsball teil. Sie war nicht sicher, ob die Handelskammer dazu eingeladen hatte oder die Damen der Freimaurer oder das Rote Kreuz. Bei diesen Veranstaltungen traf man immer dieselben Leute. Sie hatte bereits mit den meisten Geschäftsfreunden Mervyns, ihres Gatten, getanzt, die sie zu dicht an sich zogen und ihr auf die Füße getreten waren — wenn die Blicke ihrer Gemahlinnen hätten töten können, wäre sie längst tot umgekippt. Wie merkwürdig, dachte Diana, wenn ein Mann sich eines hübschen Mädchens wegen zum Narren macht, gab seine Frau immer dem Mädchen die Schuld, nie ihm. Nicht daß Diana Absichten auf nur einen dieser selbstgefälligen Ehemänner gehabt hätte, die schon fünf Meilen gegen den Wind nach Whisky rochen.

Sie hatte sie alle schockiert, und ihr war nicht entgangen, wie verlegen ihr Mann gewesen war, als sie dem stellvertretenden Bürgermeister einen Jitterbug beibrachte. Aber dann hatte sie unbedingt eine Pause gebraucht und hatte sich, mit der Ausrede, sich Zigaretten zu holen, an die Hotelbar zurückgezogen.

Mark saß dort allein bei einem Cognac und schaute sie an, als hätte sie die Sonne mitgebracht. Er war ein kleiner, gepflegter Mann mit einem jungenhaften Lächeln und amerikanischem Akzent. Seine Bemerkung war offenbar spontan, und er hatte eine charmante Art, deshalb lächelte sie ihm zu, sagte jedoch nichts. Sie kaufte sich Zigaretten, trank ein Glas Mineralwasser und kehrte zu dem Ball zurück.

Er mußte wohl den Barkeeper gefragt haben, wer sie war, und irgendwie hatte er ihre Adresse herausgefunden, denn am nächsten Tag erhielt sie einen Brief auf Hotelpapier von ihm.

Eigentlich war es ein Gedicht.

Es begann:

Tief in meinem Herzen für alle Ewigkeit

Ist das Bild deines Lächelns gefangen

Unberührt von Schmerz und Kummer und Zeit

Sie mußte weinen.

Sie weinte wegen allem, was sie sich erhofft und nie erreicht hatte. Sie weinte, weil sie mit einem Mann, der nie Ferien machen wollte, in einer häßlichen Industriestadt wohnte. Sie weinte, weil das Gedicht seit fünf Jahren das einzig Schöne und Romantische war, das sie erlebt hatte. Und sie weinte, weil sie Mervyn nicht mehr liebte.

Alles andere geschah sehr rasch.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Am Montag ging sie in die Stadt. Normalerweise hätte sie als erstes die Bibliothek aufgesucht, um ihr Buch abzugeben und sich ein neues mitzunehmen; dann im Paramount-Kino in der Oxford Street für zwei Shillings und Sixpence eine Karte für Lunch-und-Matinee erstanden. Nach dem Film wäre sie zum Kaufhaus Lewis und zu Finnigan gegangen und hätte ein paar Seidenbänder oder Servietten oder kleine Geschenke für die Kinder ihrer Schwester gekauft. Vielleicht wäre sie dann noch weiter zu den kleinen Läden in The Shambles spaziert, um exotischen Käse oder einen besonderen Schinken für Mervyn zu besorgen. Danach nahm sie immer den Zug zurück nach Altrincham, dem Vorort, wo sie wohnte, rechtzeitig, um das Abendessen zu richten.

Diesmal trank sie Kaffee im Café des Hotels Midland, speiste zu Mittag in dem deutschen Restaurant im Untergeschoß des Hotels Midland und trank den Nachmittagstee in der Lounge des Hotels Midland. Aber nirgendwo sah sie den charmanten Mann mit dem amerikanischen Akzent.

Niedergeschlagen kehrte sie nach Hause zurück. Lächerlich, schalt sie sich. Sie hatte ihn eine knappe Minute gesehen und kein Wort zu ihm gesagt! Dennoch schien er ihr alles zu symbolisieren, was sie in ihrem Leben vermißte. Aber wenn sie ihn wirklich wiedertraf, würde sie wahrscheinlich feststellen, daß er dümmlich war, irgendeine schleichende Krankheit hatte oder Körpergeruch — vielleicht sogar alles zusammen.

Sie stieg aus dem Zug und schritt die Straße mit den großen Vorortvillen entlang, wo sie wohnte. Als sie sich ihrem eigenen Haus näherte, sah sie plötzlich voller Aufregung, daß er die Straße entlangschlenderte und auf sie zukam.

Sie errötete heftig, und ihr Herz hämmerte wild. Auch er war offensichtlich verwirrt. Er blieb stehen, doch sie schritt weiter, aber als sie an ihm vorbeikam, sagte sie: ≫Kommen Sie morgen vormittag in die Stadtbibliothek!≪

Sie erwartete nicht, daß er antwortete, aber er verfügte — wie sie später feststellen würde — über Humor und Schlagfertigkeit, und er fragte sofort: ≫In welche Abteilung?≪

Es war zwar eine große Bibliothek, aber nicht so groß, daß sich zwei Personen dort nicht schnell finden konnten. Sie sagte das erste, was ihr in den Sinn kam: ≫Biologie.≪ Und er lachte.

Sie betrat das Haus mit diesem Lachen im Ohr: Es war ein warmes, entspanntes Lachen, das Lachen eines Menschen, der das Leben liebte und mit sich zufrieden war.

Das Haus war leer. Mrs. Rollins, die die Hausarbeit machte, war bereits heimgegangen, und Mervyn war noch nicht da. Diana setzte sich in die moderne saubere Küche und hing altmodischen, nicht ganz so sauberen Gedanken über ihren humorvollen amerikanischen Dichter nach.

Am nächsten Vormittag fand sie ihn an einem Tisch unter einem Schild, auf dem gebeten wurde, leise zu sein. Als sie ≫Hallo≪ sagte, drückte er einen Finger auf die Lippen, deutete auf einen Stuhl und schrieb ihr einen Zettel.

Mir gefällt Ihr Hut, stand darauf.

Sie trug einen kleinen Hut, der wie ein umgedrehter Blumentopf mit breitem Rand aussah, und hatte ihn so verwegen schief aufgesetzt, daß er ihr linkes Auge fast verbarg, das war die neueste Mode, allerdings hatten wenige Damen in Manchester den Mut dazu.

Sie kramte in ihrer Handtasche nach einem Bleistift und kritzelte unter seine Worte: Er würde Ihnen nicht stehen.

Aber meine Geranien würden sich gut in ihm machen, schrieb er.

Sie kicherte, und er mahnte: ≫Psst!≪

Ist er verrückt oder absichtlich komisch? dachte Diana.

Sie schrieb: Ich liebe Ihr kleines Gedicht.

Und er schrieb: Ich liebe Sie.

Wirklich verrückt, dachte sie, aber Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie schrieb: Ich kenne nicht einmal Ihren Namen!

Er reichte ihr seine Visitenkarte. Er hieß Mark Alder und lebte in Los Angeles.

Kalifornien!

Sie aßen früh zu Mittag in einem vegetarischen Restaurant, weil sie da sicher sein konnte, daß sie ihrem Mann nicht zufällig begegnen würde. Keine zehn Pferde hätten ihn in ein vegetarisches Restaurant bringen können. Dann, weil es Dienstag war, gab es ein Mittagskonzert in der Houldsworth Hall in Deansgate mit dem berühmten Hallé Orchester der Stadt und seinem neuen Dirigenten Malcolm Sargent. Diana war stolz, daß ihre Stadt einem Besucher einen solchen kulturellen Leckerbissen bieten konnte.

An diesem Tag erfuhr sie, daß Mark Komödien für Radioshows schrieb. Sie hatte von den Leuten, für die er schrieb, noch nie gehört, aber er versicherte ihr, daß sie berühmt waren: Jack Benny, Fred Allen, Amos ’n’ Andy. Ihm gehörte auch ein eigener Sender. Er trug einen Kaschmirblazer und war auf längerem Urlaub hier, um seinem Stammbaum nachzugehen: Seine Familie stammte ursprünglich aus Liverpool, der wenige Kilometer westlich von Manchester liegenden Hafenstadt. Er war ein kleiner Mann, nicht viel größer als Diana, etwa in ihrem Alter, und er hatte haselnußbraune Augen und ein paar Sommersprossen.

Und er war der Sonnenschein in Person.

Er war intelligent, lustig und charmant. Er hatte gute Manieren, gepflegte Hände und trug geschmackvolle Kleidung. Er mochte Mozart, aber auch Louis Armstrong. Vor allem aber mochte er Diana.

Es ist eigenartig, dachte sie, wie wenige Männer Frauen tatsächlich mögen. Die Männer, die sie kannte, umschmeichelten sie, versuchten sie zu betatschen, machten ihr hinter Mervyns Rücken unmißverständliche Anträge, und manchmal, wenn sie stockbesoffen waren, erklärten sie ihr ihre Liebe. Aber daß sie sie wirklich mochten, nein, davon war nichts zu spüren. Ihre Unterhaltung war seichtes Geplänkel, sie hörten ihr nie richtig zu und wußten nichts über sie. Mark war ganz anders, wie sie in den folgenden Tagen und Wochen erkannte.

Am Tag nach ihrer Verabredung in der Bibliothek mietete er einen Wagen und fuhr mit ihr an die Küste, wo sie im sanften Wind Sandwiches am Strand aßen und sich im Schutz der Dünen küßten.

Er hatte eine Suite im Hotel Midland, aber sie konnten es nicht riskieren, sich dort zu treffen, da Diana zu bekannt war. Hätte man sie gesehen, wie sie nach dem Mittagessen die Treppe zu den Zimmern hinaufgingen, würde die ganze Stadt es zur Teezeit bereits wissen. Doch der einfallsreiche Mark fand eine Lösung. Sie nahmen einen Koffer mit, fuhren zu dem Küstenstädtchen Lytham St. Annes und ließen sich als Mr. und Mrs. Alder ein Zimmer in einem Hotel geben. Sie aßen Lunch, dann gingen sie zu Bett.

Mit Mark machte die Liebe Spaß.

Beim ersten Mal wurde er zum Pantomimen, als er ihr vormachte, wie man sich vollkommen lautlos auszog, und sie mußte zu sehr lachen, als daß sie Scham empfunden hätte, während sie aus ihren Sachen schlüpfte. Sie machte sich keine Gedanken darüber, ob sie ihm gefallen würde: Ganz offensichtlich betete er sie an. Sie war nicht nervös, weil er so nett war.

Sie verbrachten den Nachmittag im Bett, dann beglichen sie die Rechnung, nachdem sie erklärt hatten, daß sie doch weiterreisen wollten. Mark bezahlte den ganzen Preis, auch für die Nacht, damit es zu keinem Ärger kam. Er setzte sie eine Station vor Altrincham ab, und sie kam dort mit dem Zug an, als hätte sie den Nachmittag in Manchester verbracht.

Das machten sie einen ganzen glücklichen Sommer lang.

Mark sollte Anfang August in die Staaten zurückkehren, um an einer neuen Show zu arbeiten, aber er blieb und schrieb Folgen für eine Serie über einen Amerikaner, der Urlaub in Großbritannien macht. Die Manuskripte sandte er wöchentlich mit dem neuen Luftpostdienst ab, den Pan American betrieb.

Obwohl sie wußte, daß die gemeinsame Zeit irgendwann für sie zu Ende ging, dachte Diana nicht zu oft an die Zukunft. Natürlich würde Mark eines Tages in die Staaten zurückkehren, aber morgen war er noch hier, und weiter wollte sie gar nicht denken. Es war wie mit dem Krieg, von dem jeder wußte, daß er schrecklich werden würde, aber nicht, wann er anfing; und bis es soweit war, konnte man ohnehin nichts tun, als einfach weiterzumachen und zu versuchen, die Zeit zu nutzen und zu genießen.

Am Tag nach der Kriegserklärung sagte er ihr, daß er nach Hause zurückkehren würde.

Sie saß im Bett, die Decke gerade bis unter den Busen hochgezogen, so daß ihre Brüste zu sehen waren: Mark liebte es, wenn sie so saß. Er fand ihre Brüste wundervoll, obwohl sie sie für zu groß hielt.

Sie unterhielten sich mit ernster Miene. Großbritannien hatte Deutschland den Krieg erklärt, darüber mußte sogar ein glückliches Liebespaar sprechen. Diana hatte schon das ganze Jahr den gräßlichen Konflikt in China verfolgt, und der Gedanke an Krieg in Europa erfüllte sie mit Angst. Genau wie die Faschisten in Spanien hatten die Japaner keine Skrupel, Bomben auf Frauen und Kinder abzuwerfen; und das Blutbad war grauenvoll gewesen.

Sie stellte Mark die Frage, die alle beschäftigte: ≫Was, glaubst du, wird passieren?≪

Ausnahmsweise hatte er keine humorige Antwort. ≫Ich glaube, es wird furchtbar werden≪, entgegnete er ernst. ≫Ich fürchte, Europa wird verwüstet. Vielleicht wird dieses Land überleben, weil es eine Insel ist. Ich hoffe es.≪

≫Oh!≪ flüsterte Diana. Plötzlich hatte sie Angst. Briten sagten so etwas nicht. Die Zeitungen waren voll Geschwätz über ruhmvollen Kampf, und Mervyn konnte den Krieg kaum erwarten. Aber Mark war ein Ausländer, und seine Meinung, die er auf diese ruhige amerikanische Art äußerte, klang erschreckend realistisch. Würde auch Manchester bombardiert werden?

Sie erinnerte sich, was Mervyn gesagt hatte, und wiederholte es: ≫Amerika wird früher oder später am Krieg teilnehmen.≪

Mark erschreckte sie, als er heftig erwiderte: ≫Großer Gott, hoffentlich nicht! Das ist eine europäische Streitigkeit, die nichts mit uns zu tun hat. Ich verstehe ja, weshalb Großbritannien den Krieg erklärt hat, aber ich will verdammt sein, wenn ich gutheiße, daß Amerikaner sterben, weil sie das verdammte Polen verteidigen.≪

So hatte sie ihn nie fluchen gehört. Manchmal, während sie sich liebten, keuchte er ihr derbe Worte ins Ohr, aber das war etwas anderes. Jetzt wirkte er zornig. Sie dachte, daß er vielleicht ein wenig Angst hatte. Sie wußte, daß Mervyn Angst hatte: Bei ihm äußerte sie sich als scheinbar unbekümmerter Optimismus. Marks Furcht machte sich in Verwünschungen bemerkbar.

Sie war bestürzt über seine Einstellung, aber sie konnte seinen Standpunkt verstehen. Warum sollten Amerikaner für Polen oder überhaupt für Europa in den Krieg ziehen? ≫Und ich?≪ fragte sie. Sie bemühte sich um einen leichtfertigen Ton. ≫Du möchtest doch nicht, daß ich von blonden Nazis in spiegelblanken Stiefeln vergewaltigt werde, oder?≪ Das war nicht sehr komisch, und sie bereute es sofort.

Da holte Mark einen Umschlag aus seinem Koffer und reichte ihn ihr.

Sie zog ein Ticket heraus und studierte es. ≫Du fliegst heim!≪ rief sie. Es war wie das Ende der Welt.

Er blickte sie ernst an und sagte nur: ≫Es sind zwei Flugtickets≪ Ihr war, als müßte ihr Herz aussetzen. ≫Zwei Flugtickets≪, wiederholte sie tonlos. Sie war verwirrt.

Er setzte sich neben sie aufs Bett und nahm ihre Hand. Sie wußte, was er sagen würde, und war gleichermaßen freudig erregt und verstört.

≫Komm mit mir, Diana≪, bat er. ≫Flieg mit mir nach New York. Dann reise nach Reno und laß dich scheiden. Danach fahren wir nach Kalifornien und heiraten. Ich liebe dich.≪

Fliegen! Sie konnte sich kaum vorstellen, über den Atlantik zu fliegen. So etwas gehörte in ein Märchen.

Nach New York! New York war ein Traum von Wolkenkratzern und Nachtclubs, von Gangstern und Millionären, von reichen modischen Frauen und großen Autos.

Laß dich scheiden! Frei von Mervyn sein!

Danach fahren wir nach Kalifornien! Wo Filme gemacht wurden, wo Orangen wuchsen und die Sonne jeden Tag schien.

Und heiraten! Und Mark die ganze Zeit haben, jeden Tag, jede Nacht.

Sie brachte kein Wort hervor.

Mark sagte: ≫Wir könnten ein Kind haben.≪

Sie hätte weinen können.

≫Frag mich noch einmal≪, flüsterte sie.

≫Ich liebe dich, willst du mich heiraten und Kinder von mir haben?≪

≫O ja≪, antwortete sie, und ihr war, als fliege sie bereits. ≫Ja, ja, ja!≪

_____

Sie mußte es Mervyn an diesem Abend sagen.

Es war Montag. Am Dienstag würde sie mit Mark nach Southampton reisen. Der Clipper startete am Mittwoch um vierzehn Uhr.

Sie schwebte im siebenten Himmel, als sie am Montag nachmittag heimkam, doch kaum hatte sie das Haus betreten, schwand ihre Euphorie.

Wie sollte sie es ihm beibringen?

Es war ein schönes Haus, eine große neue Villa mit rotem Ziegeldach. Sie hatte vier Zimmer, von denen drei so gut wie nie benutzt wurden, ein modernes Badezimmer und eine Küche mit den neuesten Haushaltsgeräten. Nun, da sie es verließ, sah sie alles voller Nostalgie: das war fünf Jahre lang ihr Zuhause gewesen!

Sie bereitete Mervyns Mahlzeiten selbst zu. Mrs. Rollins machte die Wäsche und besorgte den Haushalt, und wenn Diana nicht gekocht hätte, hätte sie gar nichts zu tun gehabt. Außerdem war Mervyn im Grunde seines Herzens ein Kind der Arbeiterklasse, und er mochte es, wenn seine Frau die Mahlzeit auf den Tisch stellte, sobald er heimkam. Er nannte die Mahlzeit sogar ≫Tee≪, und er trank auch Tee dazu, obwohl es immer etwas Herzhafteres war: Würstchen oder Steak oder Fleischpastete. ≫Dinner≪ gab es für Mervyn in Hotels. Zu Hause hatte man Tee.

Was würde sie ihm sagen?

Heute bekam er kaltes Roastbeef, das vom Sonntagsbraten übriggeblieben war. Diana band sich eine Schürze um und schnitt Kartoffeln zum Rösten. Als sie daran dachte, wie wütend Mervyn sein würde, zitterten ihre Hände so sehr, daß sie sich mit dem Gemüsemesser in den Finger schnitt.

Sie kämpfte um ihre Fassung, während sie den Finger unter das kalte Wasser hielt, ihn mit einem Küchentuch abtrocknete und einen Verband herumwickelte. Wovor habe ich Angst? fragte sie sich. Er wird mich nicht umbringen. Und aufhalten kann er mich nicht, ich bin über einundzwanzig und lebe in einem freien Land.

Das beruhigte ihre Nerven auch nicht.

Sie deckte den Tisch und wusch den Kopfsalat. Obwohl Mervyn hart arbeitete, kam er fast immer zur selben Zeit heim. Er klagte stets: ≫Was nutzt es, daß ich der Chef bin, wenn ich mit der Arbeit doch aufhören muß, sobald die anderen heimgehen?≪ Er war Ingenieur und besaß eine Fabrik, die alle Arten von Rotoren herstellte, angefangen von kleinen Flügeln für Ventilatoren für Kühlsysteme bis zu riesigen Schiffsschrauben für Überseedampfer. Mervyn hatte immer Erfolg gehabt — er war ein guter Geschäftsmann —, aber den Glückstreffer hatte er gemacht, als er anfing, Propeller für Flugzeuge herzustellen. Fliegen war sein Hobby, und er besaß seine eigene kleine Maschine, eine Tiger Moth, die auf einem Flugplatz außerhalb der Stadt stand. Als die Regierung vor zwei oder drei Jahren angefangen hatte, die Air Force auszubauen, hatte es wenige Hersteller gegeben, die gewölbte Rotoren mit mathematischer Präzision fabrizieren konnten, und Mervyn war einer dieser wenigen gewesen. Seither hatte das Geschäft einen gewaltigen Aufschwung erlebt.

Diana war seine zweite Frau. Die erste hatte ihn vor sieben Jahren verlassen, sie war mit einem anderen Mann durchgebrannt und hatte ihre beiden Kinder mitgenommen. Mervyn hatte sich so schnell wie möglich von ihr scheiden lassen und Diana einen Heiratsantrag gemacht, sobald die Scheidung amtlich war. Diana war damals achtundzwanzig gewesen und er achtunddreißig. Er sah gut aus, wirkte männlich, war wohlhabend und betete sie an. Sein Hochzeitsgeschenk war ein Brillantkollier gewesen.

Vor ein paar Wochen, zu ihrem fünften Hochzeitstag, hatte er ihr eine Nähmaschine gekauft.

Wenn sie so zurückblickte, wurde ihr klar, daß die Nähmaschine das Faß zum Überlaufen gebracht hatte. Sie hatte sich einen eigenen Wagen erhofft. Sie konnte Auto fahren, und Mervyn hätte ihn sich leisten können. Als sie die Nähmaschine sah, hatte sie gespürt, daß es so nicht mehr weitergehen konnte. Sie waren fünf Jahre beisammen, und ihm war nicht einmal aufgefallen, daß sie nie nähte.

Sie wußte, daß Mervyn sie liebte, aber er sah sie nicht. In seiner Welt war sie eine Person, die er als ≫Ehefrau≪ katalogisiert hatte. Sie war hübsch, sie führte ihre gesellschaftlichen Pflichten zufriedenstellend aus, sie setzte ihm sein Essen vor und war im Bett immer willig: Was konnte man sich von seiner Ehefrau sonst noch wünschen? Er fragte sie nie um ihren Rat. Da sie weder Geschäftsmann noch Ingenieur war, kam er nicht einmal auf den Gedanken, daß sie Verstand haben könnte. Mit den Männern in seiner Fabrik sprach er auf viel intelligentere Weise als mit ihr. In seiner Welt wollten die Männer Autos und die Frauen Nähmaschinen.

Und doch war er sehr gescheit. Sein Vater war Dreher gewesen, trotzdem hatte er das Gymnasium besuchen dürfen und danach auf der Universität von Manchester Physik studiert. Er hatte die Möglichkeit gehabt, von dort nach Cambridge zu gehen und seinen Doktor zu machen, aber er war nicht der akademische Typ und nahm statt dessen eine Stellung im Konstruktionsbüro einer großen Maschinenfirma an. Er verfolgte weiterhin die Entwicklung in der Physik und unterhielt sich endlos mit seinem Vater — natürlich nie mit Diana — über Atome und Strahlung und Kernfusion.

Bedauerlicherweise verstand Diana von Physik wirklich nichts. Sie kannte sich in Musik und Literatur aus, auch in Geschichte. Aber Mervyn war nicht an Kultur irgendeiner Art interessiert, obwohl er Filme und Tanzmusik mochte. Deshalb hatten sie keine gemeinsamen Themen.

Anders wäre es vielleicht gewesen, wenn sie Kinder gehabt hätten, aber Mervyn reichten die zwei von seiner ersten Frau und er wollte keine mehr. Diana war bereit gewesen, sie in ihr Herz zu schließen, aber sie bekam nicht einmal die Chance. Ihre Mutter hatte sie gegen Diana aufgehetzt, hatte so getan, als wäre Diana der Grund für das Scheitern ihrer Ehe gewesen. Dianas Schwester in Liverpool hatte niedliche Zwillingstöchter mit kurzen Zöpfen. Diana verwöhnte die beiden mit der ganzen Liebe, die sie gern ihren eigenen Kindern gegeben hätte.

Sie würde die Zwillinge sehr vermissen.

Mervyn liebte den gesellschaftlichen Umgang mit den führenden Geschäftsleuten und Politikern der Stadt, und eine gewisse Zeit genoß Diana es auch, die perfekte Gastgeberin zu spielen. Immer schon hatte sie ein Faible für schöne Kleider gehabt, und sie verstand es, sie zur Geltung zu bringen. Aber das Leben mußte doch aus mehr bestehen als nur daraus!

Eine Zeitlang hatte sie die Rolle der Nonkonformistin in der Gesellschaft von Manchester gespielt — hatte Zigaretten geraucht, sich extravagant angezogen, über freie Liebe und Kommunismus geredet. Es hatte ihr Spaß gemacht, die Matronen zu erschrecken, aber Manchester war keine sehr konservative Stadt, und Mervyn ebenso wie seine Freunde waren Liberale, deshalb hatten sich die Gemüter auch nicht sonderlich darüber erregt.

Sie war unzufrieden, aber sie fragte sich, ob das berechtigt war. Die meisten Frauen hätten gern mit ihr getauscht. Sie hatte einen soliden, zuverlässigen, großzügigen Mann, ein herrliches Zuhause und einen riesigen Freundeskreis. Sie sagte sich, daß sie glücklich sein müßte. Aber das war sie nicht — und dann war Mark in ihr Leben getreten.

Sie hörte Mervyns Wagen vorfahren. Es war ein so vertrautes Geräusch, aber heute erschien es ihr drohend, wie das Knurren eines gefährlichen Raubtiers.

Mit zittrigen Händen stellte sie die Bratpfanne auf den Herd.

Mervyn kam in die Küche.

Er sah atemberaubend gut aus. Sein dunkles Haar war jetzt mit Grau durchzogen, aber dadurch wirkte er nur noch distinguierter. Er war groß und im Gegensatz zu seinen Freunden nicht in die Breite gegangen. Eitelkeit kannte er nicht, aber Diana sorgte dafür, daß er gutgeschnittene dunkle Anzüge und teure weiße Hemden trug, weil sie wollte, daß er so erfolgreich aussah, wie er war.

Sie hatte schreckliche Angst, daß er ihr das schlechte Gewissen vom Gesicht ablesen und darauf bestehen würde, daß sie ihm sagte, was los war.

Er küßte sie auf die Lippen. Schuldbewußt erwiderte sie seinen Kuß. Manchmal schloß er sie in die Arme und drückte die Hand in den Spalt zwischen den Gesäßbacken, dann erfaßte sie beide die Leidenschaft so sehr, daß sie ins Schlafzimmer stürzten und das Essen auf dem Herd anbrannte. Aber das kam nicht mehr oft vor, auch heute nicht, Gott sei Dank. Er küßte sie abwesend und drehte sich um.

Er zog sein Jackett und seine Weste aus, nahm Krawatte und Kragen ab, stülpte die Ärmel hoch und wusch sich Gesicht und Hände unter dem Hahn des Spülbeckens. Er hatte breite Schultern und kräftige Arme.

Ihm war nicht aufgefallen, daß etwas nicht stimmte. Das hätte sie eigentlich wissen müssen. Er sah sie nicht; sie war einfach da — wie der Küchentisch. Sie brauchte sich keine Sorgen zu machen. Er würde nichts ahnen, bis sie es ihm sagte.

Ich sage es ihm noch nicht gleich, dachte sie.

Während die Kartoffeln brieten, strich sie Butter auf Brotscheiben und brühte Tee auf. Sie war immer noch zittrig, konnte es jedoch verbergen. Mervyn las die Manchester Evening News und blickte sie kaum an.

≫Ich hab’ einen verdammten Unruhestifter im Werk≪, sagte er, als sie den Teller vor ihn stellte.

Nichts könnte mir gleichgültiger sein, dachte Diana hysterisch. Ich habe nichts mehr mit dir zu tun.

Warum habe ich ihm dann das Essen gerichtet?

≫Er ist ein Londoner aus Battersea, und ich glaube, ein Kommunist. Jedenfalls verlangt er höheren Stundenlohn für die Arbeit an dem neuen Lehrenbohrwerk. Es ist im Grund genommen nicht unverschämt, aber ich habe den Kostenvoranschlag nach den bisherigen Löhnen berechnet, also wird er sich damit abfinden müssen.≪ Diana nahm ihren ganzen Mut zusammen. ≫Ich muß dir etwas sagen.≪ Dann wünschte sie sich inbrünstig, sie könnte die Worte ungesagt machen, aber dafür war es zu spät.

≫Was hast du mit deinem Finger gemacht?≪ Er hatte den Verband bemerkt.

Das nahm ihr ganz den Wind aus den Segeln. ≫Nichts≪, sagte sie und ließ sich auf den Stuhl fallen. ≫Mir ist das Messer beim Kartoffelschneiden abgerutscht.≪ Sie griff nach ihrem Besteck.

Mervyn aß mit gesundem Appetit. ≫Ich sollte besser achtgeben, wen ich einstelle, aber das Problem ist, daß gute Handwerker heutzutage schlecht zu kriegen sind.≪

Er erwartete nicht, daß sie etwas zum Thema beitrug, wenn er über sein Werk sprach. Wenn sie tatsächlich etwas einwarf, quittierte er es mit einem gereizten Blick, als wäre sie eine Schülerin, die es wagte, etwas zu sagen, ohne aufgerufen worden zu sein. Sie war nur zum Zuhören da.

Während er von seinem neuen Lehrenbohrwerk und dem Kommunisten aus Battersea erzählte, erinnerte sie sich an ihren Hochzeitstag. Ihre Mutter hatte damals noch gelebt. Sie waren in Manchester getraut worden, und die Feier hatte im Hotel Midland stattgefunden. Mervyn war für Diana in seinem Cut der schönste Mann von England gewesen, und sie hatte gedacht, das würde immer so bleiben. Der Gedanke, daß ihre Ehe nicht von Dauer sein könnte, war ihr gar nicht in den Sinn gekommen. Vor Mervyn hatte sie noch nie jemanden gekannt, der geschieden war. Als sie sich erinnerte, wie glücklich sie sich damals gefühlt hatte, hätte sie am liebsten geweint.

Sie wußte, daß es ein schrecklicher Schlag für Mervyn sein würde, wenn sie ihn verließ. Er hatte keine Ahnung, was sie vorhatte. Daß seine erste Frau ihn auf die gleiche Weise verlassen hatte, machte es natürlich noch schlimmer. Es würde ihn furchtbar mitnehmen. Aber zunächst würde er rasend vor Wut sein.

Er aß seine Roastbeefscheiben auf und goß sich Tee nach. ≫Du hast aber nicht viel gegessen≪, bemerkte er. Tatsächlich hatte sie überhaupt nichts gegessen.

≫Das Mittagessen war zu reichlich≪, antwortete sie.

≫Wo warst du?≪

Diese harmlose Frage versetzte sie in Panik. Sie hatte mit Mark Sandwiches im Bett gegessen, in einem Hotel in Blackpool, und ihr fiel keine glaubhafte Lüge ein. Die Namen der renommierten Restaurants in Manchester fielen ihr natürlich ein, aber es war möglich, daß Mervyn zum Lunch selbst in einem davon gewesen war. Nach einer peinlichen Pause antwortete sie: ≫Im Café Waldorf.≪ Es gab mehrere Waldorf-Cafés — es handelte sich um eine Kette billiger Restaurants, wo man Steak und Pommes frites bekam.

Mervyn fragte nicht, in welchem.

Sie griff nach den Tellern und stand auf. Ihre Knie waren so weich, daß sie befürchtete, sie würden unter ihr nachgeben, aber sie schaffte es bis zum Spülbecken. ≫Möchtest du eine Nachspeise?≪ fragte sie.

≫Ja, bitte.≪

Sie ging in die Speisekammer und kehrte mit einer Büchse Pfirsiche und Dosenmilch zurück. Sie öffnete beides und setzte ihm das Dessert vor.

Während sie ihm zusah, wie er die Dosenpfirsiche aß, überschwemmte sie Entsetzen über das, was sie vorhatte. Es erschien ihr unverzeihlich und grausam. Wie der Krieg würde es alles vernichten. Das Leben, das sie und Mervyn hier in diesem Haus, in dieser Stadt geführt hatten, würde ruiniert.

Plötzlich wurde ihr klar, daß sie es nicht tun konnte.

Mervyn legte den Teelöffel hin und schaute auf seine Taschenuhr. ≫Halb acht — schalten wir die Nachrichten ein.≪

≫Ich kann es nicht≪, sagte Diana laut.

≫Was?≪

≫Ich kann es nicht≪, sagte sie erneut. Sie würde das Ganze abblasen. Sie würde zu Mark gehen, gleich jetzt, und ihm sagen, daß sie ihre Meinung geändert hatte, daß sie nicht mit ihm kommen würde.

≫Warum kannst du die Nachrichten nicht anhören?≪ fragte Mervyn ungeduldig.

Diana starrte ihn an. Sie war versucht, ihm die ganze Wahrheit zu gestehen; aber auch dazu fehlte ihr der Mut. ≫Ich muß noch einmal weg.≪ Verzweifelt suchte sie nach einer Ausrede. ≫Doris Williams liegt im Krankenhaus, und ich sollte sie besuchen.≪

≫Wer ist Doris Williams, um Himmels willen?≪

Es gab keine solche Person. ≫Sie wurde dir doch vorgestellt≪, improvisierte Diana hastig. ≫Sie ist operiert worden.≪

≫Ich erinnere mich nicht an sie≪, erklärte er, aber er war nicht mißtrauisch. Er hatte kein gutes Gedächtnis, wenn es um flüchtige Bekanntschaften ging.

Diana kam der gloriose Einfall zu fragen: ≫Möchtest du mitkommen?≪

≫Großer Gott, nein!≪ entgegnete er, genau wie sie es erwartet hatte.

≫Dann fahre ich selbst.≪

≫Aber fahr nicht zu schnell in der Verdunkelung.≪ Er stand auf und ging in den Salon, wo der Rundfunkempfänger stand.

Diana starrte ihm einen Augenblick nach. Er wird nie wissen, wie nahe ich daran war, ihn zu verlassen, dachte sie traurig.

Sie setzte einen Hut auf und nahm den Mantel über den Arm. Der Wagen sprang glücklicherweise gleich beim erstenmal an. Sie lenkte ihn aus der Einfahrt und bog nach Manchester ab.

Die Fahrt war ein Alptraum. Sie war in verzweifelter Eile, aber sie mußte dahinschleichen, weil ihre Scheinwerfer abgeblendet waren und sie nur ein paar Meter weit sehen konnte, obendrein war ihr Blick von Tränen verschleiert, weil sie einfach nicht aufhören konnte zu weinen. Wenn sie den Weg nicht so gut gekannt hätte, wäre sie wahrscheinlich irgendwo aufgefahren.

Die Entfernung betrug nur etwa fünfzehn Kilometer, aber sie brauchte fast eine Stunde dafür.

Als sie den Wagen schließlich vor dem Midland parkte, war sie vollkommen erschöpft. Sie saß eine Minute ganz still und bemühte sich, ihre Fassung wiederzugewinnen. Sie holte ihre Puderdose aus der Tasche und frischte ihr Make-up auf, um die Tränenspuren zu beseitigen.

Sie wußte, daß Mark verzweifelt sein würde, aber er würde nicht daran zugrunde gehen. Er würde das Ganze bald als Sommerromanze sehen. Es war weniger grausam, eine kurze, leidenschaftliche Liebes- affäre zu beenden, als eine fünfjährige Ehe zu brechen. Sie und Mark würden den Sommer 1939 immer in sentimentaler Erinnerung be- halten…

Sie brach wieder in Tränen aus.

Es hatte keinen Sinn, hier herumzusitzen und zu grübeln, rügte sie sich nach einer Weile. Sie mußte ins Hotel und es hinter sich bringen. Noch einmal frischte sie ihr Make-up auf und stieg dann aus dem Wagen.

Sie ging durchs Hotelfoyer und die Treppe hinauf, ohne am Empfang stehenzubleiben. Sie kannte Marks Zimmernummer. Natürlich war es skandalös, wenn eine Frau sich ohne Begleitung in das Hotelzimmer eines alleinstehenden Mannes begab, aber daran wollte sie jetzt nicht denken. Die Alternative wäre, sich mit Mark in der Lounge oder Bar zu treffen; aber was sie ihm zu sagen hatte, konnte sie ihm unmöglich in aller Öffentlichkeit mitteilen. Sie schaute sich nicht um, deshalb wußte sie nicht, ob sie von irgend jemandem gesehen worden war, der sie kannte.

Sie klopfte an seine Tür. Hoffentlich war er da! Aber wenn er sich entschlossen hatte, noch in ein Restaurant oder ein Filmtheater zu gehen? Die Tür wurde nicht geöffnet. Wieder klopfte sie, fester. Wie konnte er zu einer solchen Zeit ins Kino gehen?

Da hörte sie seine Stimme. ≫Ja?≪

Noch einmal klopfte sie und sagte: ≫Ich bin es!≪

Rasche Schritte näherten sich. Die Tür flog auf, und Mark stand da mit erstaunter Miene. Dann lächelte er glücklich, zog sie ins Zimmer, schloß die Tür und umarmte Diana.

Nun fühlte sie sich ihm gegenüber so treulos wie zuvor Mervyn gegenüber. Sie küßte ihn schuldbewußt, und die vertraute Wärme des Verlangens breitete sich in ihrem Körper aus; aber sie entzog sich ihm und sagte: ≫Ich kann nicht mit dir kommen.≪

Er wurde blaß. ≫Sag so etwas nicht!≪

Sie schaute sich in der Suite um. Er war beim Packen. Kleiderschrank und Schubläden standen offen, seine Koffer lagen auf dem Boden, und wohin sie blickte, sah sie gefaltete Hemden, saubere Stapel Unterwäsche und Schuhe in Beuteln. Er war so ordentlich. ≫Ich kann nicht mitkommen!≪ wiederholte sie.

Er faßte sie bei der Hand und zog sie ins Schlafzimmer. Sie setzten sich aufs Bett. Er wirkte verstört. ≫Das kann doch nicht wahr sein!≪ flüsterte er.

≫Mervyn liebt mich, und wir sind seit fünf Jahren verheiratet. Ich kann ihm das nicht antun.≪

≫Und was ist mit mir?≪

Sie blickte ihn an. Er trug einen Pullover in dunklem Fraise, eine Fliege, eine blaugraue Flanellhose und Korduanschuhe. Er sah zum Anbeißen aus. ≫Ihr liebt mich beide≪, entgegnete sie. ≫Aber er ist mein Mann.≪

≫Wir lieben dich beide, doch ich bin auch dein Freund!≪

≫Und du meinst, er nicht?≪

≫Ich glaube, daß er dich nicht einmal kennt. Hör zu. Ich bin fünfunddreißig und nicht zum erstenmal verliebt. Ich hatte einmal ein Verhältnis, das sechs Jahre gehalten hat. Verheiratet war ich noch nicht, aber ich habe Erfahrung. Ich weiß, daß unsere Beziehung vollkommen ist. Noch nie hat jemand so gut zu mir gepaßt. Du bist schön, du hast Humor, du bist unkonventionell, du bist gescheit, und die Liebe macht dir Spaß. Ich bin nett, ich bin unkonventionell, ich bin gescheit, und ich möchte dich lieben, jetzt gleich…≪

≫Nein≪, sagte sie, aber es klang nicht überzeugend.

Er zog sie sanft an sich, und sie küßten sich.

≫Wir passen so gut zusammen≪, murmelte er. ≫Erinnerst du dich, wie wir uns in der Bibliothek Zettelchen geschrieben haben? Du hast sofort mitgemacht, ohne Erklärung. Andere Frauen halten mich für verrückt, aber du magst mich so.≪

Das stimmt, dachte sie. Und wenn sie etwas Unkonventionelles tat, wie Pfeife zu rauchen oder ohne Unterwäsche auszugehen oder eine Versammlung der Faschisten zu besuchen und Feueralarm zu geben, wurde Mervyn böse auf sie, während Mark begeistert lachte.

Er streichelte ihr Haar, dann ihre Wange. Langsam ließ ihre Panik nach, und sie entspannte sich. Sie legte den Kopf an seine Schulter und ließ die Lippen zärtlich über die weiche Haut seines Halses wandern. Sie spürte seine Fingerspitzen auf ihrem Bein unter dem Kleid. Sie streichelten die Innenseite ihrer Schenkel, wo die Strümpfe endeten. Ich hätte das nicht zulassen sollen, dachte sie noch.

Er drückte sie sanft mit dem Rücken aufs Bett, und ihr Hut fiel herunter. ≫Bitte nicht≪, sagte sie schwach. Er küßte ihren Mund, knabberte mit den Lippen weich an den ihren. Sie spürte seine Finger durch die feine Seide ihres Höschens und erschauderte vor Lust. Einen Augenblick später glitt seine Hand hinein.

Er wußte genau, wie sie es mochte.

Eines Tages im Frühsommer, während sie nackt in einem Hotelzimmer lagen und die Brandung der Wellen durchs offene Fenster zu hören war, hatte er gesagt: ≫Zeig mir, was du tust, wenn du dich berührst.≪

Sie war sehr verlegen geworden und hatte getan, als verstünde sie ihn nicht. ≫Was meinst du?≪

≫Du weißt schon. Wenn du dich berührst. Zeig es mir. Dann weiß ich, wie du es magst.≪

≫Ich — tu so etwas nicht≪, log sie.

≫Nun — als du ein Mädchen warst, bevor du geheiratet hast, hast du es doch bestimmt getan — jeder tut es. Zeig mir, was du da gemacht hast.≪

Sie wollte sich schon weigern, als sie merkte, wie eine merkwürdige Erregung sie überkam. ≫Du möchtest, daß ich mit mir selbst spiele — da unten —, während du zusiehst?≪ fragte sie, und ihre Stimme war rauchig vor Verlangen.

Er nickte und grinste anzüglich.

≫Du meinst — bis zum Ende?≪

≫Bis zum Ende.≪

≫Das könnte ich niemals≪, sagte sie; aber sie tat es.

Nun berührten seine Fingerspitzen sie gekonnt an genau den richtigen Stellen, mit derselben vertrauten Bewegung und genau dem richtigen Druck; und sie schloß die Augen und gab sich ganz dem erregenden Gefühl hin.

Nach einer Weile fing sie leise an zu stöhnen und ihre Hüften rhythmisch zu heben und zu senken. Sie spürte seinen warmen Atem auf dem Gesicht, als er sich näher beugte. Dann, gerade als sie die Kontrolle zu verlieren begann, sagte er drängend: ≫Sieh mich an!≪

Sie öffnete die Augen. Er fuhr fort, sie auf genau die gleiche Weise zu liebkosen, nur ein kleines bißchen schneller. ≫Schließ die Augen nicht≪, bat er. In seine Augen zu blicken, während er das tat, war schockierend intim, ein Gefühl tiefster Nacktheit. Es war, als könne er alles sehen und alles über sie wissen, und eine wundersame Freiheit überwältigte sie, weil sie sich ihm so ganz auslieferte und nichts mehr zu verbergen hatte. Der Höhepunkt kam, und sie zwang sich, den Blick nicht von seinen Augen zu lösen, während ihre Hüften sich ruckhaft bewegten und ihr Gesicht sich verzerrte und ihr Atem keuchend kam bei den ekstatischen Zuckungen, die ihren ganzen Körper erschütterten. Und er lächelte die ganze Zeit zu ihr hinab und sagte: ≫Ich liebe dich, Diana; ich liebe dich so sehr!≪

Als es vorüber war, griff sie nach ihm und hielt ihn, noch ganz atemlos von den Nachwehen der Lust geschüttelt, fest, als wolle sie ihn nie wieder loslassen. Sie hätte geweint, wenn noch Tränen übriggewesen wären.

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Sie sagte es Mervyn nicht.

Mark hatte eine Lösung gefunden, und sie ließ sie sich durch den Kopf gehen, während sie ruhig und gefaßt und fest entschlossen nach Hause fuhr.

Mervyn war im Schlafanzug und Morgenrock, rauchte eine Zigarette und hörte sich Musik aus dem Rundfunk an. ≫Das war aber ein verdammt langer Besuch≪, sagte er sanft.

Diana war nur ein bißchen nervös, als sie entgegnete: ≫Ich mußte sehr langsam fahren.≪ Dann schluckte sie, holte tief Atem und sagte: ≫Ich werde morgen verreisen.≪

≫Wohin?≪ fragte er ein wenig überrascht.

≫Ich möchte Thea und die Zwillinge besuchen: mich vergewissern, daß es ihnen gutgeht. Man kann ja nie wissen, wann ich wieder eine Gelegenheit haben werde. Die Züge fahren bereits jetzt unregelmäßig, und nächste Woche wird das Benzin rationiert.≪

Er nickte zustimmend. ≫Ja, du hast recht. Besuch sie jetzt, solange es noch geht.≪

≫Ich gehe hinauf und packe meinen Koffer.≪

≫Pack für mich auch einen, ja?≪

Einen entsetzlichen Moment glaubte sie, er wolle mitkommen. ≫Warum?≪ fragte sie bestürzt.

≫Ich habe keine Lust, in einem leeren Haus zu schlafen. Ich werde morgen im Club übernachten. Bist du am Mittwoch zurück?≪

≫Ja, natürlich≪, log sie.

≫Gut.≪

Sie ging hinauf. Während sie seine Unterwäsche und Socken in einen kleinen Koffer packte, dachte sie: Das ist das letzte Mal, daß ich das für ihn tue. Sie faltete ein weißes Hemd und griff nach einer silbergrauen Krawatte. Gedämpfte Farben paßten zu seinem dunklen Haar und den braunen Augen. Sie war erleichtert, daß er ihr die Geschichte abgenommen hatte, aber auch irgendwie frustriert, als gäbe es noch etwas Unerledigtes. Obwohl sie schreckliche Angst hatte, es ihm ins Gesicht zu sagen, hätte sie ihm doch gerne erklärt, weshalb sie ihn verließ, das wurde ihr jetzt klar. Er sollte wissen, daß er sie enttäuscht hatte; daß er einfach über sie bestimmte, ohne sich irgendwelche Gedanken über sie zu machen; daß sie ihm nicht mehr soviel bedeutete wie früher. Doch das würde sie ihm nie mehr sagen können, und das empfand sie auf seltsame Weise enttäuschend.

Sie klappte seinen Koffer zu und verstaute Toilettensachen und Make-up in ihrem Kulturbeutel. Komisch, fünf Jahre Ehe mit dem Packen von Socken und Zahnpasta und Nachtcreme zu beenden.

Nach einiger Zeit kam Mervyn herauf. Sie war fertig mit dem Packen und saß in ihrem schlichtesten Nachthemd vor der Frisierkommode und schminkte sich gerade ab. Er trat hinter sie und legte seine Hände auf ihre Brüste.

O nein! dachte sie. Bitte nicht heute nacht!

Obwohl sie entsetzt war, merkte sie, wie ihr Körper unwillkürlich reagierte, und sie errötete schuldbewußt. Mervyns Finger strichen über ihre steifen Brustwarzen, und sie sog den Atem in leisen Seufzern der Lust und Verzweiflung gleichermaßen ein. Er nahm ihre Hände und zog sie hoch. Sie folgte ihm hilflos, als er sie zum Bett führte. Er drehte das Licht aus, und sie legten sich in völliger Dunkelheit nieder. Er bestieg sie sofort und liebte sie mit scheinbar wilder Verzweiflung, als wüßte er, daß sie ihn verließ und es nichts gab, was er dagegen tun konnte. Gegen ihren Willen geriet sie zunehmend in Erregung, und Lust und Scham schüttelten ihren Körper. Sie konnte doch nicht innerhalb von zwei Stunden Orgasmen mit zwei Männern haben. Sie versuchte, dagegen anzugehen, es nicht dazu kommen zu lassen, aber ihr Körper hatte seinen eigenen Willen.

Als sie kam, weinte sie.

Glücklicherweise bemerkte es Mervyn nicht.

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Diana fühlte sich beschwingt und frei, als sie am Mittwoch vormittag in der eleganten Lounge des Hotels South-Western saß und auf ein Taxi wartete, das sie und Mark zum Anlegeplatz 108 im Hafen von Southampton bringen sollte, wo sie an Bord des Pan-American-Clippers gehen würden.

Jeder in der Lounge schaute sie an oder bemühte sich, es nicht zu tun. Besonders bewundernd starrte ein gutaussehender Mann am Nebentisch zu ihr herüber. Er trug einen blauen Anzug und war bestimmt zehn Jahre jünger als sie. Aber das war sie gewöhnt. Das passierte immer, wenn sie nicht nur gut aussah, sondern sich auch gut fühlte; und heute war sie umwerfend. Ihr rotgepunktetes cremefar- benes Seidenkleid war frisch, duftig und auffallend. Ihre Schuhe paßten genau dazu, und der Strohhut war das Tüpfelchen auf dem I. Sie hatte zuerst nach den roten Schuhen gegriffen, doch dann gefunden, daß sie zu dem Kleid geschmacklos aussahen.

Sie liebte alles, was zum Reisen gehörte: das Packen und Auspacken ihrer Sachen; neue Leute kennenzulernen; mit Champagner und Delikatessen verwöhnt zu werden; neue Orte zu sehen. Wegen des Fliegens war sie allerdings ein wenig nervös, aber den Atlantik zu überqueren war die herrlichste Reise überhaupt, denn an ihrem Ende lag Amerika. Sie konnte es kaum erwarten, dorthin zu kommen. Ihre Vorstellungen waren die eines Kinobesuchers. Sie sah sich bereits in einem Art-déco-Apartment, von Fenstern und Spiegeln umgeben, und ein Hausmädchen in schwarzem Kleid mit weißem Häubchen und Schürzchen half ihr in einen weißen Pelzmantel. Auf der Straße wartete eine lange schwarze Limousine mit laufendem Motor und einem farbigen Chauffeur, der sie zu einem Nachtclub fuhr, wo sie Martini extra dry bestellen und zu den Rhythmen einer Jazzband tanzen würde, in der Bing Crosby sang. Sie wußte natürlich, daß das reine Phantasie war, aber sie freute sich darauf, die Wirklichkeit zu entdecken.

Ihre Gefühle waren gemischt, weil sie Großbritannien verließ, jetzt — da gerade der Krieg begann. Es erschien ihr feige, andererseits war sie froh wegzukommen.

Sie kannte viele Juden. Manchester hatte eine große jüdische Gemeinde; die Juden von Manchester hatten in Nazareth tausend Bäume gepflanzt. Dianas jüdische Freunde verfolgten die Ereignisse in Europa mit Furcht und Grauen. Aber es waren ja nicht nur die Juden. Die Faschisten haßten die Farbigen ebenso und die Zigeuner und die Homosexuellen und jeden, der mit dem Faschismus nicht konform ging. Diana hatte einen Onkel, der vom anderen Ufer war. Er war immer nett zu ihr gewesen und hatte sie wie seine eigene Tochter behandelt.

Sie war zu alt, sich für den Kriegsdienst zu melden, aber vielleicht wäre sie doch besser in Manchester geblieben, um freiwilligen Hilfsdienst zu leisten, vielleicht Verbände für das Rote Kreuz zu wickeln…

Auch das war Phantasie, sogar noch unwahrscheinlicher, als zu tanzen, während Bing Crosby sang. Sie war nicht der Typ, der Verbände wickelte. Strenge Nüchternheit und Uniformen paßten nicht zu ihr.

Aber das war alles unwesentlich. Das einzige, was zählte, war ihre Liebe. Sie würde mit Mark überallhin gehen, wenn es sein müßte, würde sie ihm sogar mitten aufs Schlachtfeld folgen. Sie würden heiraten und Kinder haben. Er kehrte nach Hause zurück, und sie ging mit ihm.

Ihre Zwillingsnichten würden ihr fehlen. Sie fragte sich, wann sie sie wiedersehen würde. Vielleicht waren sie dann schon erwachsen und trugen Büstenhalter und Make-up statt weißen Söckchen und baumelnden Zöpfen.

Aber vielleicht würde sie auch eigene kleine Mädchen haben…

Sie war schrecklich aufgeregt, daß sie mit einem Pan-American-Clipper reisen würde. Sie hatte im Manchester Guardian alles darüber gelesen, doch nicht im Traum daran gedacht, daß sie einmal selbst damit fliegen würde. In kaum mehr als einem Tag nach New York zu kommen, erschien ihr wie ein Wunder.

Sie hatte Mervyn einen kurzen Brief geschrieben, doch nichts davon, was sie ihm wirklich hatte sagen wollen. Es stand auch nicht darin, daß er langsam, aber unausweichlich ihre Liebe durch seine Achtlosigkeit und Gleichgültigkeit verloren hatte oder wie wundervoll sie Mark fand. Lieber Mervyn, hatte sie geschrieben, ich verlasse Dich. Ich spüre, daß Deine Gefühle für mich erkaltet sind, und ich habe mich in einen anderen verliebt. Wenn Du dies liest, werden wir bereits in Amerika sein. Es tut mir sehr leid für Dich, aber es ist zu einem guten Teil Deine eigene Schuld. Sie wußte nicht so recht, wie sie unterschreiben sollte — ≫in Liebe≪ oder ≫Deine≪ wäre unpassend —, also schrieb sie nur ≫Diana≪.

Zuerst hatte sie vorgehabt, den Brief zu Hause auf den Küchentisch zu legen. Doch dann quälte sie der Gedanke, daß Mervyn seine Pläne möglicherweise umwarf und, statt in seinem Club zu übernachten, doch nach Hause kam; dann würde er den Brief finden und ihr und Mark vielleicht Schwierigkeiten machen, ehe sie das Land verlassen hatten. Deshalb hatte sie den Brief an seine Fabrik gesandt, wo er heute ankommen mußte.

Sie blickte auf ihre Armbanduhr (ein Geschenk von Mervyn, der stets auf ihre Pünktlichkeit bedacht war). Sie kannte seinen Tagesablauf, der immer gleich war: Er verbrachte den größten Teil des Vormittags in der Werkshalle, gegen Mittag ging er dann hinauf in sein Büro und sah — vor dem Essen — seine Post durch. Diana hatte groß PERSÖNLICH auf den Umschlag geschrieben, damit seine Sekretärin ihn nicht öffnete. Er würde zwischen einer Menge Rechnungen, Bestellungen, Geschäftsschreiben und innerbetrieblichen Mitteilungen liegen. Vielleicht las er ihn in diesem Augenblick. Bei diesem Gedanken regte sich ihr Schuldbewußtsein, und sie war traurig, aber auch erleichtert, daß über dreihundert Kilometer zwischen ihnen lagen.

≫Unser Taxi ist da≪, sagte Mark.

Sie war ein wenig nervös. Über den Atlantik in einem Flugzeug!

Mark blickte sie an. ≫Es wird Zeit.≪

Sie unterdrückte ihre Angst, setzte die Kaffeetasse ab, stand auf und schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln. ≫Ja≪, sagte sie glücklich. ≫Zeit zum Fliegen.≪

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Eddie war Mädchen gegenüber immer schüchtern gewesen.

Annapolis hatte er sozusagen unberührt verlassen. Während seiner Stationierung in Pearl Harbor hatte er sich mit Prostituierten eingelassen, aber das hatte ihm nur Ekel vor sich selbst eingebracht. Nachdem er die Marine verlassen hatte, blieb er allein, und wenn ihn das Verlangen nach einer Frau packte, fuhr er ein paar Kilometer weit zu einer Bar. Carol-Ann war Bodenhosteß der Fluggesellschaft in Port Washington, Long Island, gewesen, dem New Yorker Terminal für Wasserflugzeuge — eine sonnengebräunte Blondine mit blauen Augen. Eddie hätte es nie gewagt, sie um eine Verabredung zu bitten. Aber eines Tages gab ihm ein junger Bordfunker in der Kantine zwei Karten für ein Theaterstück, das am Broadway gespielt wurde, und als Eddie sagte, daß er niemanden hatte, den er mitnehmen könnte, wandte sich der Funker einfach zum Nebentisch um und fragte Carol-Ann, ob sie Lust hätte mitzukommen.

≫Klar≪, antwortete sie, und da wußte Eddie plötzlich, daß sie aus seiner Welt war.

Später erfuhr er, daß sie sich entsetzlich einsam gefühlt hatte, denn sie war ein Mädchen vom Land, wie sie es selbst nannte, und die blasierte Art der New Yorker schüchterte sie ein. Sie war sinnlich, aber sie wußte nicht, was sie tun sollte, wenn Männer versuchten, sich Freiheiten herauszunehmen, deshalb ließ sie in ihrer Verlegenheit von vornherein alle entrüstet abblitzen, die ihr Avancen machten. Ihre durch Unsicherheit bedingte abweisende Haltung brachte ihr bald den Namen ≫Eisprinzessin≪ ein, deshalb wurde sie auch selten eingeladen.

Doch von alldem wußte Eddie zu jener Zeit nichts. Er fühlte sich als König mit ihr am Arm. Er führte sie zum Dinner aus und brachte sie in einem Taxi zu ihrem Apartment zurück. Vor der Tür dankte er ihr für den schönen Abend, nahm allen Mut zusammen und küßte sie auf die Wange. Daraufhin brach sie in Tränen aus und sagte, er sei der erste anständige Mann, dem sie in New York begegnet sei. Ehe er wußte, was er sagte, hatte er sich bereits wieder mit ihr verabredet.

Er verliebte sich in sie bei diesem zweiten Zusammentreffen. Sie besuchten Coney Island an einem heißen Freitag im Juli, und sie trug eine lange weiße Hose und eine himmelblaue Bluse. Überrascht bemerkte er, daß sie offenbar tatsächlich stolz war, mit ihm gesehen zu werden. Sie aßen Eis, fuhren mit der Achterbahn, die sich ≫The Cyclone≪ nannte, kauften sich verrückte Hüte, hielten sich bei der Hand und verrieten einander kleine Geheimnisse. Als er sie nach Hause brachte, gestand Eddie ihr offen, daß er in seinem ganzen Leben noch nie so glücklich gewesen sei, und sie überraschte ihn wieder, als sie erwiderte, das gleiche sei bei ihr der Fall.

Bald vernachlässigte er sein Farmhaus und verbrachte seine ganze Freizeit in New York, wo er auf der Couch eines erstaunten, aber ihn ermutigenden Ingenieurkollegen übernachtete. Carol-Ann nahm ihn nach Bristol in New Hampshire mit, damit er ihre Eltern kennenlernte. Es waren schmächtige, arme und schwer arbeitende Leutchen mittleren Alters. Sie erinnerten ihn an seine eigenen Eltern, hatten jedoch nicht deren starre religiöse Ansichten. Sie konnten kaum glauben, daß sie eine so schöne Tochter in die Welt gesetzt hatten, und Eddie verstand ihre Gefühle; er konnte es ja selbst kaum glauben, daß sich ein solches Mädchen in ihn verliebt hatte.

Er dachte daran, wie sehr er sie liebte, während er jetzt auf dem Rasen des Hotels Langdown Lawn stand und auf die Rinde der Eiche starrte. Er war in einem Alptraum gefangen, in einem dieser schrecklichen Träume, in die man hineingeriet, wenn man sich glücklich und sicher fühlte, sich aber in einem Anflug müßiger Überlegung ausmalte, was das Schrecklichste wäre, das passieren könnte. Und dann stellte man plötzlich fest, daß es tatsächlich geschah, daß das Schrecklichste auf der Welt unaufhaltsam passierte und man nichts dagegen tun konnte.

Was es noch schlimmer machte, war, daß sie sich, kurz bevor er von zu Hause losfuhr, gestritten hatten und auseinandergegangen waren, ohne sich wieder zu versöhnen.

In einem Drillichhemd von ihm und nicht viel mehr hatte sie auf der Couch gesessen, die langen, sonnengebräunten Beine vor sich ausgestreckt, ihr weiches Haar fiel ihr wie ein Schal auf die Schultern. Sie las eine Zeitschrift. Ihre Brüste waren normalerweise ziemlich klein, doch in letzter Zeit waren sie angeschwollen. Es drängte ihn danach, sie zu berühren, und er dachte, warum nicht? Also schob er die Hand unter das Hemd und berührte eine Brustwarze. Sie blickte auf, lächelte ihn voll Zuneigung an, dann las sie weiter.

Er küßte sie aufs Haar, dann setzte er sich neben sie. Sie hatte ihn von Anfang an überrascht. Zunächst waren sie beide scheu gewesen, doch bald nachdem sie aus ihren Flitterwochen zurückgekehrt waren und miteinander hier in dem alten Bauernhäuschen lebten, hatte sie alle Hemmungen abgelegt.

Zuerst wollte sie ihn bei eingeschaltetem Licht lieben. Eddie war nicht ganz wohl dabei, trotzdem gab er nach, und es gefiel ihm auch, obwohl es ihn verlegen machte. Dann fiel ihm auf, daß sie die Tür nicht verschloß, wenn sie badete. Danach kam es ihm dumm vor, sich beim Baden einzuschließen, und auch er tat es nicht mehr. Eines Tages marschierte sie dann einfach nackt herein und stieg zu ihm in die Wanne. So verlegen war Eddie in seinem ganzen Leben noch nie gewesen. Keine Frau hatte ihn mehr nackt gesehen, seit er etwa vier Jahre alt gewesen war. Sein Glied schwoll an, während er Carol zusah, wie sie sich die Arme wusch, und er bedeckte es mit einem Waschlappen, bis sie ihn auslachte.

Sie spazierte im Farmhaus mehr oder weniger bekleidet herum, wie es ihr gerade in den Sinn kam. So, wie sie jetzt gekleidet war, hatte sie nach ihrem Maßstab schon zuviel an — man konnte ein weißes Baumwolldreieck zwischen den Schenkeln sehen, wo das Hemd ihren Slip nicht ganz bedeckte. Normalerweise trug sie noch weniger. Es kam vor, daß er Kaffee in der Küche machte und sie nur in ihrer Unterwäsche hereinkam und anfing Brötchen zu toasten; oder er rasierte sich, und sie trat lediglich im Höschen, ohne BH, neben ihn und putzte sich die Zähne; oder sie trat splitternackt mit seinem Frühstück auf dem Tablett ins Schlafzimmer. Er fragte sich, ob sie ≫sexbesessen≪ war. Er hatte dieses Wort von anderen gehört. Aber er mochte sie, wie sie war. Er mochte sie so sogar sehr. Nie hätte er es sich träumen lassen, daß er eine so schöne Frau haben würde, die unbekleidet in seinem Haus herumwanderte. Welch ein Glück er doch hatte!

Ein Jahr mit ihr hatte ihn völlig verändert. Er hatte seine Hemmungen verloren; er ging nackt aus dem Schlafzimmer ins Bad; manchmal zog er nicht einmal einen Schlafanzug an, wenn er sich niederlegte; einmal hatte er sie sogar im Wohnzimmer geliebt, hier auf dieser Couch.

Eddie fragte sich manchmal, ob diese Art von Verhalten noch normal war, aber dann sagte er sich, daß es keine Rolle spielte. Er und Carol-Ann konnten tun, was ihnen gefiel. Als er das akzeptiert hatte, fühlte er sich wie ein Vogel, den man aus dem Käfig befreit hatte. Es war unglaublich; es war wundervoll; es war wie im siebenten Himmel.

Er saß wortlos neben ihr und genoß es ganz einfach, bei ihr zu sein und die würzige Luft zu atmen, die aus dem Wald durch die offenen Fenster kam. Seine Tasche war gepackt, und in ein paar Minuten mußte er nach Port Washington aufbrechen. Carol-Ann hatte ihre Stellung bei der Pan American aufgegeben — sie konnte nicht in Maine wohnen und in New York arbeiten — und einen Job in einem Laden in Bangor angenommen. Darüber wollte Eddie mit ihr sprechen, ehe er losfuhr.

Carol-Ann blickte von ihrer Zeitschrift auf und fragte: ≫Was?≪ ≫Ich habe doch gar nichts gesagt.≪

≫Aber du willst etwas sagen, nicht wahr?≪

Er grinste. ≫Woher weißt du das?≪

≫Eddie, du müßtest doch inzwischen wissen, daß ich es hören kann, wenn die Rädchen in deinem Gehirn arbeiten. Was gibt es?≪

Er legte seine große Hand auf ihren Bauch und fühlte die leichte, pralle Rundung. ≫Ich möchte, daß du deinen Job aufgibst.≪

≫Dazu ist es zu früh…≪

≫Das ist schon okay. Wir können es uns leisten. Ich möchte, daß du dich schonst.≪

≫Das tue ich, soweit es nötig ist. Ich höre auf zu arbeiten, wenn ich es für an der Zeit halte.≪

Er war leicht gekränkt. ≫Ich dachte, du würdest dich freuen. Warum willst du weiterarbeiten?≪

≫Weil wir das Geld brauchen und ich etwas zu tun haben muß.≪

≫Ich sagte doch, daß wir es uns leisten können.≪

≫Ich würde mich langweilen.≪

≫Die wenigsten Frauen arbeiten.≪

Sie hob die Stimme. ≫Eddie, weshalb willst du mich anbinden?≪ Er wollte sie nicht anbinden, und der Vorwurf ärgerte ihn. ≫Warum bist du denn gleich so aufgebracht?≪

≫Ich bin nicht aufgebracht! Ich habe nur keine Lust, hier herumzusitzen!≪

≫Hast du denn nichts zu tun?≪

≫Was?≪

≫Babysachen stricken, Marmelade kochen, dich ausruhen…≪

≫Also wirklich!≪ sagte sie spöttisch.

≫Was, um Himmels willen, ist daran so schlimm?≪ meinte er brummig.

≫Dafür ist noch mehr als genug Zeit, wenn das Baby kommt. Ich möchte meine letzten Wochen der Freiheit genießen!≪

Eddie fühlte sich gedemütigt, aber er wußte nicht so recht, wodurch. Er wollte weg von hier. Er schaute auf die Uhr. ≫Ich muß zum Zug.≪

Carol-Ann wirkte traurig. ≫Ärgere dich nicht≪, bat sie versöhnlich.

Aber er ärgerte sich trotzdem. ≫Ich fürchte, ich kann dich nicht verstehen≪, entgegnete er gereizt.

≫Ich ertrage es nicht, angebunden zu sein!≪

≫Ich habe es nur gut gemeint.≪ Er stand auf und ging in die Küche, wo seine Uniformjacke am Haken hing. Er kam sich dumm und mißverstanden vor. Er hatte etwas Großzügiges tun wollen, und sie verkehrte es ins Gegenteil.

Sie holte seinen Koffer aus dem Schlafzimmer und reichte ihn ihm, als er in die Jacke geschlüpft war. Dann hob sie das Gesicht, und er gab ihr einen flüchtigen Kuß.

≫Geh nicht im Streit≪, bat sie.

Aber er tat es.

Und nun stand er in einer Gartenanlage in einem fremden Land, Tausende von Kilometern weit fort von ihr, mit einem Herzen so schwer wie Blei, und fragte sich, ob er seine Carol-Ann je wiedersehen würde.

5

Nancy Lenehan stellte fest, daß sie zum erstenmal in ihrem Leben zugenommen hatte.

Sie stand in ihrer Suite im Hotel Adelphi in Liverpool neben einem Stapel Gepäck, das an Bord der S.S. Orania gebracht werden sollte, und starrte entsetzt in den Spiegel.

Sie war weder schön noch häßlich, aber sie hatte regelmäßige Züge — eine gerade Nase, glattes dunkles Haar und ein energisches Kinn — und wirkte attraktiv, wenn sie sich entsprechend kleidete, was fast immer der Fall war. Heute trug sie ein federleichtes Flanellkostüm in Kirschrot, dazu eine graue Seidenbluse. Die Jacke war der Mode entsprechend taillenbetont, und eben das war es, was ihr verriet, daß sie zugenommen hatte. Als sie die Jacke zuknöpfte, bildete sich eine leichte, aber unverkennbare Falte, und die unteren Knöpfe drohten die Knopflöcher zu sprengen.

Es gab nur eine Erklärung dafür: Die Taille der Kostümjacke war schmäler als die von Mrs. Lenehan.

Gewiß lag es daran, daß sie den ganzen August hindurch, zu Mittag und Abend, in den besten Restaurants von Paris gespeist hatte. Sie seufzte. Sie würde während der ganzen Fahrt über den Atlantik eine Diät machen. Bis sie in New York ankam, hatte sie bestimmt ihre alte Figur zurück.

Sie hatte noch nie zuvor eine Diät gemacht. Ihr graute nicht davor, denn obwohl sie gutes Essen schätzte, war sie nicht versessen darauf. Was sie jedoch beunruhigte, war die Vermutung, daß ihre Gewichtszunahme etwas mit ihrem Alter zu tun hatte.

Heute war ihr vierzigster Geburtstag.

Sie war immer schlank gewesen und sah gut aus in teuren, maßgeschneiderten Kostümen. Sie hatte die Mode der zwanziger Jahre mit dem drapierten, flachen Look gar nicht gemocht und war glücklich gewesen, als die Taille wieder betont wurde. Nichts tat sie lieber, als durch die Geschäfte zu streifen, und sie sparte weder Zeit noch Geld, wenn sie einen Einkaufsbummel machte.

Manchmal bediente sie sich der Ausrede, daß sie gut gekleidet sein mußte, weil sie in der Modebranche tätig war, aber in Wirklichkeit kleidete sie sich gut, weil es ihr Freude machte.

Ihr Vater hatte 1899, ihrem Geburtsjahr, in Brockton, Massachusetts, in der Nähe von Boston, eine Schuhfabrik gegründet. Er ließ sich teure Markenschuhe aus London schicken, stellte billige Kopien her und nutzte das Plagiat auch noch zu Werbungszwecken: Auf seinen Anzeigen setzte er einen Londoner Schuh, der 29 Dollar kostete, neben einen ebenso aussehenden von Black für 10 Dollar und fragte: ≫Erkennen Sie einen Unterschied?≪ Er arbeitete hart, und sein Einsatz machte sich bezahlt. Während des Weltkriegs erhielt er seinen ersten Auftrag für das Militär, das er auch jetzt noch belieferte.

In den zwanziger Jahren baute er eine Ladenkette, hauptsächlich in New England, auf, die nur seine Schuhe verkaufte. Als die Wirtschaftskrise zuschlug, reduzierte er die Modelle von tausend auf fünfzig und führte einen Standardpreis von 6,60 Dollar für jedes Paar Schuhe ein, egal welches Modell. Sein Wagemut machte sich bezahlt; während so gut wie alle anderen bankrott gingen, machte Black Gewinn.

Er pflegte zu sagen, daß es ebenso viel kostete, minderwertige Schuhe herzustellen wie gute, und daß er keinen Grund sah, weshalb Arbeiter schlechte Schuhe tragen müßten. Zu einer Zeit, als arme Leute sich Schuhe mit Sohlen aus Pappe kauften, die in wenigen Tagen durchgelaufen waren, konnte man Black’s Boots billig bekommen, und sie hatten obendrein eine lange Lebensdauer. Black war stolz darauf und seine Tochter Nancy ebenfalls. Für sie rechtfertigten die guten Schuhe, die ihre Familie herstellte, die riesige Villa an der Back Bay, in der sie wohnten, den großen Packard mit Chauffeur, die Parties, ihre schönen Kleider und die Dienstboten. Anders als manche der reichen Töchter sah sie ererbten Besitz nicht als selbstverständlich an.

Sie wollte, sie hätte das gleiche für ihren Bruder sagen können.

Peter war achtunddreißig. Als Papa vor fünf Jahren starb, hinterließ er Peter und Nancy die gleichen Geschäftsanteile — vierzig Prozent für jeden. Papas Schwester erhielt zehn Prozent und die restlichen zehn gingen an Danny Riley, seinen zwielichtigen alten Anwalt.

Nancy hatte immer damit gerechnet, nach dem Tod ihres Vaters die Firma zu übernehmen. Papa hatte sie Peter vorgezogen. Eine Frau an der Spitze eines Unternehmens war nicht alltäglich, aber vor allem in der Bekleidungsindustrie nicht ungewöhnlich.

Papa hatte einen Geschäftsführer gehabt, Nat Ridgeway, einen sehr tüchtigen Mann, der keinen Zweifel daran ließ, daß er sich für den richtigen Mann an der Spitze von Black’s Boots hielt.

Aber Peter wollte diesen Posten ebenfalls, und er war der Sohn. Nancy hatte immer ein schlechtes Gewissen gehabt, weil sie Papas Liebling war. Für Peter wäre es eine Demütigung und bittere Enttäuschung gewesen, wenn nicht er Papas Platz einnehmen durfte. Nancy brachte es nicht übers Herz, es ihm zu verwehren. Also erklärte sie sich einverstanden, daß Peter die Leitung übernahm. Und da sie und ihr Bruder zusammen achtzig Prozent der Firmenanteile besaßen, konnten sie sich auch durchsetzen, wenn sie einer Meinung waren.

Nat Ridgeway hatte gekündigt und eine Stellung bei General Textiles in New York angenommen. Das war ein Verlust für die Firma, aber auch für Nancy persönlich. Kurz vor Papas Tod hatten Nat und Nancy angefangen, miteinander auszugehen.

Seit Sean, ihr Mann, gestorben war, war Nancy nie mehr ausgegangen. Sie hatte es nicht gewollt. Aber Nat kam zum richtigen Zeitpunkt, denn nach fünf Jahren hatte Nancy das Gefühl, daß ihr Leben nur noch aus Arbeit bestand, deshalb war sie bereit für eine Romanze gewesen. Sie waren ein paarmal zum Dinner ausgegangen und ins Theater und hatten sich mit einem Gutenachtkuß verabschiedet. Vielleicht hätten sie sich ineinander verliebt, aber dann starb Vater, und sein Tod veränderte alles. Und als Nat die Firma verließ, endete auch ihre Romanze, und Nancy fühlte sich um ihr Glück betrogen.

Seither hatte Nat bei General Textiles einen kometenhaften Aufstieg erlebt und war jetzt der Präsident der Gesellschaft. Er hatte auch geheiratet, eine hübsche Blondine, die zehn Jahre jünger war als Nancy.

Im Gegensatz zu ihm hatte Peter wenig Erfolg zu verzeichnen. Ihm fehlten einfach die Voraussetzungen für den Posten eines Vorsitzenden. In den fünf Jahren, während er die Firma geleitet hatte, war es steil bergab gegangen. Die Läden machten keinen Gewinn mehr, sie hielten sich nur knapp über der Verlustgrenze. Peter hatte einen eleganten Laden mit teuren, modischen Damenschuhen in der Fifth Avenue in New York eröffnet, der seine ganze Zeit in Anspruch nahm, aber ein Verlustgeschäft war.

Nur die Fabrik, die Nancy leitete, brachte Gewinn. Mitte der dreißiger Jahre, als Amerika sich allmählich von der Weltwirtschaftskrise erholte, hatte sie angefangen, sehr billige Damensandalen herzustellen, die bald außerordentlich gefragt waren. Sie war überzeugt, daß bei Damenschuhen die Zukunft bei leichten, farbenfrohen Erzeugnissen lag, die spottbillig waren.

Sie hätte die doppelte Menge der von ihr hergestellten Schuhe verkaufen können, wenn sie die Produktionskapazität gehabt hätte. Aber ihr Gewinn wurde von Peters Verlusten verschlungen, und es blieb nichts für eine Expansion übrig.

Nancy wußte, was getan werden mußte, um die Firma zu retten.

Die Ladenkette würde verkauft werden müssen, vielleicht an ihre Geschäftsführer, um Kapital flüssig zu machen. Das Geld aus dem Verkauf sollte zur Modernisierung der Fabrik benutzt werden, um auf Fließbandproduktion umzustellen, die in allen fortschrittlicheren Schuhfabriken eingeführt wurde. Peter mußte die Leitung an sie abtreten und sich darauf beschränken, sein New Yorker Geschäft zu führen, und zwar innerhalb einer strikten Kostenrechnung.

Sie hatte nichts dagegen, daß er nominell der Vorsitzende blieb und das Prestige behielt, das dieser Posten mit sich brachte, und sie würde weiterhin sein Schuhgeschäft mit dem Gewinn der Fabrik unterstützen, in Grenzen natürlich. Aber seine bisherige Machtbefugnis würde er aufgeben müssen.

Sie hatte diese Vorschläge in allen Punkten schriftlich dargelegt, sie waren nur für Peters Augen bestimmt. Und er hatte versprochen, sie sich durch den Kopf gehen zu lassen. Nancy hatte ihm so taktvoll wie nur möglich erklärt, daß es mit dem Niedergang der Firma auf keinen Fall so weitergehen dürfe und sie sich, falls er nicht auf ihre Pläne einging, über seinen Kopf hinweg an den Vorstand zu wenden beabsichtigte. Das bedeutete, daß er abgesetzt und sie Vorsitzende würde. Sie hoffte inbrünstig, daß er zur Vernunft kam. Wenn nicht, konnte es nicht anders als mit einer demütigenden Niederlage für ihn und einem Bruch der Familie enden.

Er schien zumindest nicht beleidigt zu sein. Er wirkte ruhig und nachdenklich und blieb freundlich. Sie beschlossen, miteinander nach Paris zu reisen. Peter kaufte modische Schuhe für seinen Laden, und Nancy machte Einkäufe für sich persönlich bei den Haute Couturiers und achtete auf Peters Ausgaben. Nancy liebte Europa, Paris besonders, und hatte sich auf London gefreut, und dann war es zur Kriegserklärung gekommen.

Sie hatten beschlossen, sofort in die Staaten zurückzukehren; aber andere hatten natürlich dieselbe Absicht, und so war es ungeheuer schwierig, Passagen zu buchen. Schließlich hatte Nancy Tickets für ein Schiff bekommen, das von Liverpool abfuhr. Nach einer langen Fahrt von Paris mit Zug und Fähre waren sie gestern hier angekommen und sollten heute an Bord gehen.

Sie war bestürzt über Englands Kriegsvorbereitungen. Gestern nachmittag war ein Page in ihr Zimmer gekommen und hatte herunterziehbare, dichte schwarze Vorhänge über den Fenstern angebracht. Sämtliche Fenster mußten jeden Abend verdunkelt werden, damit die Stadt aus der Luft nicht gesehen werden konnte. Über die Fensterscheiben waren kreuz und quer breite Klebstreifen gezogen worden. Das sollte verhindern, daß Glassplitter flogen, wenn die Stadt bombardiert wurde. Vor dem Hotel hatte man Sandsäcke aufg