/ Language: Deutsch / Genre:adv_history / Series: Liebe des Ulanen

Die Spione von Paris

Karl May


ERSTES KAPITEL 

Die Sahara-Expedition

Die Zeit verging. Am 12. September 1819 starb Blücher, von ganz Deutschland, am allermeisten aber von unseren Bekannten, tief und innig betrauert.

Kurze Zeit später beglückte Margot ihren Gatten mit einem Söhnchen, welcher zu Ehren Blüchers Gebhard genannt wurde. Er wuchs heran, ein vielversprechendes Ebenbild seines Vaters und seiner Mutter. Er war nur kurze Zeit dem Knabenalter entwachsen, so kam die Nachricht, daß die Baronin de Sainte-Marie gestorben sei und ihm, da sie keine anderen Verwandten besitze, den Meierhof Jeannette vermacht habe. Das war eine traurige und zugleich erfreuliche Überraschung.

Natürlich war es Hugos Wunsch, daß sein Sohn Offizier werde. Gebhard hatte nicht nur die Lust, sondern auch die nötige Begabung dazu, und so kam es, daß er sich unter den Militärschülern bald auszeichnete. Ein einziger war es, der mit ihm gleichen Schritt hielt, namens Kunz von Goldberg. Beide schlossen sich aneinander an und unterstützten sich in ihren Bestrebungen.

Die Jugend träumt gern von der Ferne. Auch die beiden jungen Freunde träumten diesen Traum. Er sollte ihnen erfüllt werden. Sie hatten ihr Examen bestanden und ihr Offizierspatent in der Tasche. Nach verhältnismäßig kurzem Dienst wurde Goldberg der Pariser Gesandtschaft attachiert. Er trat somit in das Leben hinaus, wo ihm leichter Gelegenheit geboten war, sich auszuzeichnen.

Vielleicht erinnert sich der Leser noch des Namens Kunz von Goldberg. Er war später General, und seinen Namen nebst seinem Bild fand nach Jahren die schöne Nanon in dem Innern des Löwenzahns, welchen Fritz Schneeberg, das Findelkind, an einer goldenen Kette an seinem Hals trug.

Wohl über ein Jahr hatte Kunz von Goldberg sich in Paris befunden, als sich auch für Gebhard von Königsau Gelegenheit fand, seiner Wanderlust und seinem Wissensdurst Genüge zu leisten.

Es wurde nämlich eine Expedition durch die Sahara nach Timbuktu ausgerüstet, und man sah sich dabei nach einem jungen, mutigen und zugleich auch in Beziehung auf Wissenschaften nicht ungebildeten Militär um, welcher geeignet sei, die Expedition zu begleiten. Die Wahl fiel auf Gebhard, und dieser willigte mit großer Freude ein, obgleich es seinen Eltern schwere Überwindung kostete, ihr einziges Kind so großen Gefahren entgegengehen zu lassen. Die Sahara war damals dem Wanderer noch weit gefährlicher als jetzt, da sie zu einem bedeutenden Teil erschlossen ist.

Es gab da vieles anzuschaffen, Karten, Instrumente und viele andere Dinge, welche in bester Qualität nur in Paris zu haben waren. Daher wurde diese Stadt zum Sammelpunkt der verschiedenen Mitglieder der Expedition bestimmt.

Gebhard reiste ab, nachdem er den zärtlichsten Abschied von den Seinen genommen hatte. In Paris angekommen, war es sein erstes, seinen Freund Kunz von Goldberg aufzusuchen, von welchem er mit Freude empfangen wurde. Er hatte noch keine Ahnung, zu welchem Zweck Gebhard nach Paris gekommen sei, da dieser ihm nicht geschrieben hatte, um ihn zu überraschen.

„Du in Paris?“ fragte Kunz. „Wohl eine Erholungsreise?“

„Als Umweg nach der Sahara.“

„Nach der Sahara?“ fragte Kunz erstaunt. „Du willst doch nicht sagen, daß du die Absicht hast, nach der Wüste zu gehen!“

„Nicht nur nach der Wüste, sondern quer durch dieselbe.“

„So bitte ich dich dringend, mir das Rätsel zu erklären!“

„Meine Erklärung ist ganz einfach die, daß ich das Glück habe, Mitglied einer Expedition zu sein, welche nach Timbuktu gehen soll.“

„Nach Timbuktu? Das klingt ja wie ein Märchen!“

„Es kommt mir selbst so vor.“

„Aber sage doch, wie kommst du dazu? Wer alles ist Mitglied dieser Expedition, und welche Zwecke soll dieselbe in Timbuktu verfolgen?“

Nachdem er den erbetenen Aufschluß bekommen hatte, umarmte er den Freund vor Freude und sagte:

„Ich gratuliere dir, lieber Gebhard. Du glaubst nicht, wie glücklich ich bin, zu hören, daß wenigstens dir unser Lieblingswunsch in Erfüllung geht. Du lernst die Sahara kennen.“

„Ich danke!“ antwortete Gebhard in scherzender Ironie. „Ich lerne die Sahara kennen; ich wate im tiefsten Sand, während du in den feinen Salons deine Studien machst. Du bereicherst dich mit Kenntnissen, während ich von der Sonne ausgebraten werde. Wenn ich dann später zurückkehre, bist du Major oder Oberst, ich aber – ein Mohr.“

„Meinetwegen!“ meinte Kunz lustig. „Ich wollte doch, ich könnte mit dir tauschen. Welche Aussicht auf Abenteuer eröffnet sich dir! Du wirst dich mit den wilden Berbern, Arabern und Tuaregs herumschlagen. Du wirst Hyänen, Schakale und Löwen töten – Löwen, sacré, Löwen, da fällt mir Hedwig ein.“

„Hedwig?“ fragte Gebhard. „Hyänen, Schakale, Löwen und Hedwig? Soll das eine Steigerung der Wildheit bedeuten?“

„Hm! Beinahe! Hedwig ist nicht sehr zahm.“

„Ah!“ lachte Gebhard. „So ist diese Hedwig wohl eine ungezähmte Tigerin, welche ihre Wohnung im zoologischen Garten hat?“

Kunz schüttelte geheimnisvoll den Kopf und antwortete:

„Nein. Hedwig ist ein wunderschönes, allerliebstes Kreatürchen, welches allerdings einen gewissen, höchst bezaubernden Grad von Unbezähmbarkeit besitzt, aber nicht in einem Tigerkäfig, sondern in einem der Paläste der Rue de Grenelle wohnt.“

„Ah! Also kein Raubtier, sondern genus homo?“

„Ja.“

„Jung und schön?“

„Schön zum Verrücktwerden.“

„Reich?“

„Bedeutende Erbschaft zu erwarten.“

„Wohl reicher Onkel?“

„Nein, sondern steinreiche Tante.“

„Alle Teufel! Nimm du die Hedwig, und laß mir die Tante!“

„Mit größtem Vergnügen! Besser für dich aber wäre es, wenn du nach der Schwester trachtetest. Da teilten wir die Erbschaft.“

„Sapperlot! Diese Hedwig hat eine Schwester. Auch nicht übel, besonders wegen der Erbschaft. Darf ich um eine möglichst genaue Beschreibung dieser Schwester bitten?“

„Dir stehe ich sehr gern zur Verfügung, einem andern aber nicht.“

„Welch eine Auszeichnung! Nimm meinen Dank! Also beginnen wir mit der Beschreibung: Alter?“

„Siebzehn.“

„Also ein Jahr jünger als Hedwig. Haar?“

„Mittelblond.“

„Schön, meine Lieblingsfarbe. Augen?“

„Hellgrau, mild leuchtend wie Sterne.“

„Komet oder Planetoid?“

„So sanft und mild, wie du nur willst.“

„Du zeichnest ganz mein Ideal! Gestalt?“

„Schlank, aber voll, trotz ihrer Jugend.“

„Stimme?“

„Wie ein silbernes Glöckchen.“

„Hm! Sehr nach Goldarbeiter klingend! Hat sie einen, so einen wie die Hedwig bereits hat?“

„Dich, mein Sohn!“

„Alle Teufel, wenn sie mich doch hätte! Da aber liegt der Hase im Pfeffer.“

„Wohl schwerlich! Ich denke vielmehr, sie hat dich, du aber nicht sie.“

„Magst recht haben! Also, ob sie so einen hat?“

„Noch nicht.“

„Höchst günstig! Der Name?“

„Ida.“

„Klingt nicht ganz unschön. Eltern?“

„Keine.“

„Ah! Also fertig zum Heiraten?“

„Leider nicht. Der alte Zerberus liegt vor der Tür.“

„Besteht dieser Zerberus, zu deutsch Höllenhund, etwa in der alten, reichen Tante, so machen wir es wie Herkules: wir besiegen diesen Hund.“

„Mit dem Knittel oder mit Liebenswürdigkeit; je nachdem.“

„Da hilft weder Waffe noch Gesellschaftskunst. Ich liebe unglücklich.“

Kunz seufzte komisch.

„Man sieht es dir an“, meinte Gebhard. „Das Unglück hängt um dich herum wie die Mönchskutte um den Bajazzo. Vielleicht bin ich glücklicher.“

„Will es dir von Herzen wünschen.“

„So tue deine Pflicht. Führe mich nach der Rue de Grenelle zu dem Zerberus.“

„Ich befürchte sehr, daß er bellt, heult und beißt!“

„Schrecklich! Aber ich fürchte mich dennoch nicht. Ich heiße Leberecht; mein Pate war ein gewisser Blücher, und mein Wahlspruch heißt: Vorwärts. Doch du sprichst von Bellen, Heulen und Beißen. In welche Unterabteilung des menschlichen Geschlechts gehört denn da die alte, reiche Tante?“

„Sie ist die Gräfin de Rallion.“

„Wie kamst du zu ihr?“

„Wurde ihr von unserem Sekretär vorgestellt.“

„Sie ist also nicht umgänglich?“

„Ausgezeichnete Deutschenhasserin. Sie liebt überhaupt keinen Menschen.“

„Aber du liebst ihre Nichte Hedwig.“

„Leider! Mit Hindernissen!“

„Welche sind das? Die Alte?“

„Erstens diese, zweitens die Hedwig selbst und drittens so ein verteufelter Cousin, der mir immer im Weg herumläuft, Graf Jules de Rallion.“

„Gib ihm einen Hieb, daß er aus dem Weg fliegt.“

„Bei nächster Gelegenheit ganz sicher.“

„Bevorzugt ihn denn der Drache?“

„Nicht im mindesten. Der Drache hat überhaupt nicht die geringste Lust, einen Menschen zu bevorzugen.“

„Hm! Scherz beiseite! Du machst mir wirklich Lust, die Familie kennenzulernen. Ich bitte dich, mich einzuführen.“

„Wie lange bleibst du hier?“

„Nicht viel länger als zwei Wochen.“

„Gut, so bist du mir nicht sehr gefährlich. Ich werde dich einführen.“

„Oho! Ich dir gefährlich? Wo denkst du hin.“

„Pah! Du bist größer, stärker, überhaupt hübscher als ich.“

„Aber ich bin dein Freund! Hedwig hat nichts zu befürchten. Übrigens bete ich ausgelassene Naturen, wie sie eine zu sein scheint, nicht sonderlich an.“

„Sie ist ausgelassen. Ida ist mild und sanft. Ich bin überzeugt, daß du ihr gut werden würdest, wenn du länger hierbleiben könntest.“

„Zwei Wochen genügen“, lachte Gebhard. „Ich kam, sah und ward besiegt. Aber sage einmal, hat denn die Tante nicht eine schwache Seite, irgendeine Eigenschaft, bei welcher sie zu fassen wäre?“

„Eigenheit? Donner und Wetter. Davon bin ich ganz abgekommen. Davon wollte ich ja sprechen, als ich vorhin sagte, daß mir Hedwig eingefallen sei. Freilich hat die Alte eine schwache Seite, und Hedwig ebenso.“

„Welche Schwäche wäre das?“

„Eine ganz und gar eigentümliche, wie man sie bei Damen wohl selten finden wird. Hast du von Gérard gehört?“

„Gérard? Welcher Gérard? Der General?“

„Nein, der Löwentöter.“

„Der berühmte Saharajäger? Natürlich! Was ist mit ihm?“

„Tante und Hedwig schwärmen für ihn.“

„Das ist sonderbar, aber nicht gerade unweiblich.“

„Mir aber desto unangenehmer, dach ich leider kein Löwenjäger bin.“

„Ah! Die Kleine will nur einen Löwenjäger heiraten. So spricht sie, vielleicht nur um dich zu ärgern, und in diesem Fall könntest du dir Glück wünschen! Denn ein Mädchen, welches es partout darauf anlegt, einen Herrn, der ihm nichts getan hat und es im Gegenteil auszeichnet, zu ärgern, ist sicherlich in ihn verliebt.“

„Meinst du wirklich?“

„Ich bin überzeugt davon.“

„Herrgott, hast du Erfahrungen.“

„Massenhaft!“ lachte Gebhard unter einer Miene komischen Stolzes.

„Das ist aber keine große Ehre für dich. Ich habe dich bisher stets für einen unverdorbenen Jüngling gehalten!“

„Das bin ich auch, lieber Kunz. Es hat sich nämlich noch keine die Mühe gegeben, mich zu verderben. Wie aber kommt es, daß die Damen so begeistert für diesen Löwenjäger sind?“

„Das hat zwei Gründe anstatt nur einen.“

„Laß sie hören! Der erste?“

„Die Tante liest außerordentlich viel, fast den ganzen Tag, Reisebeschreibungen. Hedwig liest sehr schön und muß ihr also vorlesen. Daher kommt es, daß beide eine besondere Vorliebe für Abenteuer haben und für diejenigen Personen, welche solche bestehen. Gérard ist jetzt in aller Munde. Was Wunder also, wenn auch diese beiden für ihn schwärmen!“

„Das ist ein Grund. Und der zweite?“

„Der liegt nur in der Tante. Sie hat nämlich Gérard gesehen. Sie hat ihn sogar einmal eingeladen und hat seinetwegen eine Soiree gegeben, was bei ihrem Geiz ein fürchterliches Opfer gewesen ist. Dabei aber hat sie eine ganz besondere Ähnlichkeit herausgefunden zwischen Gérard und – hm, ich weiß nicht, ob ich das sagen darf. Ich werde indiskret.“

„Pah! Wir sind Freunde!“

„Allerdings. Also sie hat gefunden, daß Gérard eine bedeutende Ähnlichkeit besitzt mit einem ihrer früheren Anbeter, den sie begünstigt haben muß.“

„So, so! Das hat sie dir noch nicht gesagt? Woher weißt du es also?“

„Mein Sohn, ich bin Diplomat!“

„Ich denke, einstweilen noch Lieutenant!“

„Aber dem diplomatischen Korps einstweilen beigezählt, also doch Diplomat.“

„Schön! Meine Hochachtung, lieber Papa.“

„Als Diplomat aber lernt man intrigieren, kombinieren, spionieren und manches heraustüfteln und schließen, was anderen verborgen bleibt.“

„Du bist, bei Zeus, ein Kerl, von dem die Welt einst reden wird. So hast du also den früheren, begünstigten Liebhaber der Alten auch herausgetüftelt?“

„Ja, mit unvergleichlichem Scharfsinn.“

„Auf welche Weise?“

„Ich war einst in ihrem Boudoir –“

„Donner! Nicht als früherer, sondern als gegenwärtiger Liebhaber?“

„Als keines von beiden, sondern einfach als Vorleser. Eine Mappe, welche sie mir zeigte, enthielt nur Bilder von Anverwandten. Ein einziges Aquarell war das Porträt eines Nichtverwandten. Sie betrachtete es mit einem so ganz besonderen Blick, so liebevoll, sie konnte es fast gar nicht aus der Hand bringen, und es war auch wirklich ein schöner Kopf.“

„Ah, da begann nun dein berühmtes Tüfteln.“

„Natürlich! Ich fragte sofort, wessen Bild das sei.“

„Neugierde, holder Jüngling.“

„Das ist wahr. Sie wurde aber befriedigt. Ich erfuhr, daß das Original der Bankier ihres seligen Mannes gewesen sei. Da aber mochte sie doch ahnen, daß sie sich verraten habe, denn sie setzte schnell hinzu, daß das Aquarell sich nur deshalb in der Mappe befinde, weil es von Meisterhand gefertigt sei.“

„Das war so halb und halb herausgebissen.“

„Aber doch nicht ganz. Ich wußte nun, woran ich war.“

„Schlaukopf. Den Namen des Bankiers hast du nicht erfahren?“

„Von der Alten nicht. Die hätte sich gehütet, ihn mir zu sagen. Ich wendete mich vielmehr an die Nichte, nämlich an Ida.“

„Ah, an die Sanfte, Freundliche, Zarte.“

„Ja, an die Unbefangene. Sie wußte den Namen und gab mir Auskunft. Es war ein Pariser Bankier, der sich einst sehr gut gestanden hatte, später aber durch die Verführung eines Barons de Reillac herunterkam, so daß er elend zugrunde ging.“

„Reillac?“ fragte Gebhard schnell. „Wie hieß der Bankier?“

„Richemonte.“

„Richemonte, mein Gott, wäre es vielleicht – ah!“

Kunz blickte den Freund betroffen an.

„Was ist mit dir?“ fragte er. „Dieser Name frappiert dich?“

„Ungeheuer sogar.“

„Weshalb?“

„Das ahnst, das begreifst du nicht? Denke an die Familie meiner Mutter.“

„Sapperlot! Ja, da fällt mir ein, daß deine Mutter eine Französin ist, eine geborene Richemonte.“

„Deren Vater Bankier war –“

„Der von jenem Reillac verführt und betrogen wurde –“

„So, daß er zugrunde ging und Frau und Tochter unglücklich machte.“

„Wahrhaftig! Verzeihung, lieber Gebhard, daß ich nicht daran dachte. Ich hatte nicht die mindeste Ahnung von dem Zusammenhang dieser Dinge.“

„Ich bin überzeugt davon, lieber Freund. Ich habe den Großvater nicht gekannt, also auch nicht lieb gehabt. Ob ich sein Andenken in Ehren zu halten habe, darüber bin ich mir noch jetzt im Zweifel. Also du meinst, daß er ein Anbeter dieser alten Gräfin de Rallion gewesen sei?“

„Jedenfalls, obgleich ich dich damit vielleicht kränke.“

„Nicht im mindesten. Meine Großmutter war seine zweite Frau. Vielleicht ist das vorher gewesen.“

„Übrigens mag die Gräfin früher ganz und gar nicht häßlich gewesen sein. Sie hat noch heute den Teufel im Leib, wenn auch in anderer Weise, als es in jüngeren Jahren der Fall zu sein pflegt. Ich glaube, daß sie das Temperament besessen hat, einen Mann zu verlocken.“

„Wie gut, daß du sie damals nicht gekannt hast.“

„Freilich! Jetzt lasse ich mich von der Nichte verlocken.“

„Von der unbezähmbaren! Ich gestehe dir offen, daß ich beginne, mich auf das Lebhafteste für diese Familie zu interessieren.“

„So muß ich dich wirklich einführen. Du hast es ja gewaltig notwendig.“

„Das versteht sich, da mir nur so kurze Zeit geboten ist. Zu welcher Tageszeit empfängt die Gräfin am liebsten Besuch?“

„Des Abends, obgleich ich auch des Tages hingehe, oft sogar zweimal.“

„Das ist bei einem Verliebten ganz und gar glaubhaft.“

„Spotte immer! Wenn du Hedwig siehst, so wirst du dich nicht wundern, daß man sie liebt. Ein Glück, daß die Gräfin nicht viele Besuche empfängt! Sonst wären die beiden Nichten längst vergriffen.“

„Trotz des Drachens?“

„Ja, trotz des Drachens.“

„Und nun möchtest du die eine Nichte vergreifen! Na, ich will dir gern wünschen, daß es dir gelingt.“

„Ich will dir gestehen, daß dies mein höchstes Verlangen ist. Ich liebe Hedwig so wahr und innig, daß ich es für eine Unmöglichkeit halte, von ihr lassen zu können, um einer anderen das gleiche Gefühl entgegenzubringen. Würde es dir heute abend passen?“

„Ich bin so halb und halb versagt; aber ich werde es doch ermöglichen. Wir treffen uns um acht Uhr hier bei dir.“

„Ich ersuche dich darum und werde die Gräfin noch im Laufe des Nachmittags besuchen, um dich anzumelden.“

„Wäre es nicht vielleicht geratener, dies zu unterlassen? Sie könnte es abschlagen, während sie mich annehmen muß, wenn du mich am Abend unangemeldet mitbringst.“

„Du kennst sie nicht. Nur ihr Wille gilt, gesellschaftliche Rücksichten sind ihr fremd. Bringe ich dich mit, ohne ihr vorher davon zu sagen, so muß ich gewärtig sein, daß sie uns beide nicht empfängt.“

„So tue, was du für das beste hältst. Aber ich ersuche dich, von meinen Familienverhältnissen noch nichts zu sagen. Ich selbst möchte es sein, der zuerst davon mit ihr spricht, um aus ihrem Verhalten meine Schlüsse zu ziehen.“

„Ob dein Großvater wirklich ihr Bekannter war?“

„Ja. Jetzt aber gehe ich. Da ich den Abend dir zu widmen beabsichtige, muß ich meinen anderweitigen Verpflichtungen bereits vorher nachkommen.“

Sie trennten sich. Es war Gebhard ganz eigentümlich zumute. Das Familienbild, welches der Freund vor ihm entrollt hatte, interessierte ihn auf das lebhafteste. Er hatte noch nicht geliebt. Er konnte jetzt, da er eine lange und gefährliche Reise antrat, auch nicht die Absicht haben, ein Verhältnis einzugehen. Aber doch war es ihm wie eine Ahnung, daß hier von Personen die Rede gewesen sei, denen er auf diese oder auf jene Weise später nahe stehen werde. Darum fand er sich des Abends zur angegebenen Zeit bei Kunz von Goldberg ein.

„Welch eine Pünktlichkeit!“ sagte dieser, welcher bereits in Gesellschaftstoilette seiner wartete. „Ida, die Sanfte, scheint Zugkraft zu besitzen.“

„Der Drache vielleicht ebenso“, lachte Gebhard. „Die allermeiste aber jedenfalls Hedwig, die Unbezähmbare, weil du bereits in Gala meiner wartest.“

Kunz errötete ein wenig.

„Soll ich dich etwa im Schlafrocke empfangen?“ fragte er.

„Warum nicht? Ich hätte es dir nicht übelgenommen. Aber da du bereitstehst, so scheint es, daß die Gräfin mich empfangen will?“

„Allerdings. Das hast du meiner ganz dringlichen Empfehlung zu danken.“

„So nimm den Dank, Bruderherz!“

„Ich spreche im Ernst. Sie ist nicht Freundin von zahlreichen Bekanntschaften. Als sie hörte, daß du ein Deutscher, runzelte sie die Stirn, und als sie gar hörte, daß du ein junger Lieutenant seist, da –“

„Da runzelte sie sogar das Kinn, die Ohren und die Nase!“ fiel Gebhard lachend ein.

„Fast war es so. Sie sagte, daß sie für dich nicht zu sprechen sei.“

„Wie kam es, daß sie diesen Entschluß doch noch änderte?“

„Ich sagte ihr, daß ich dir mein Wort gegeben hätte, sie werde dich empfangen. Ich muß doch nicht ganz übel bei ihr stehen, daß sie darauf Rücksicht nahm. Im anderen Fall wäre es ihr höchst gleichgültig gewesen, ob ich gezwungen sei, wortbrüchig zu sein oder nicht. Übrigens bedeutete sie mir, daß sie dich nur dieses eine Mal empfangen werde.“

„Alle Teufel, das ist sehr kategorisch.“

„Ich rate dir, den Angenehmen zu spielen.“

„Fällt mir gar nicht ein.“

„So tust du mir leid.“

„Ich gebe mich stets so, wie ich bin. Wer mich angenehm haben will, der mag mir angenehm entgegenkommen.“

„Mein lieber Freund, man merkt es, daß du nach der Wüste willst. Du handelst bereits ganz und gar nach den Regeln der Sahara.“

„Und du bist bereits ganz und gar ein Diplomat. Dein Hauptgrundsatz ist, dich möglichst angenehm aufzuspielen. Übrigens scheint es nicht, daß diese alte Tante so sehr für Reisen schwärmt, weil sie mich, den angehenden berühmten Afrikareisenden, nicht bei sich empfangen wollte. Ist das etwa Sympathie für die Sahara?“

„Vergib es ihr. Sie weiß kein Wort davon, da du mir verboten, von deinen Familienverhältnissen zu sprechen, so hielt ich es für angezeigt, auch über das andere zu schweigen.“

„Hm! Vielleicht hast du recht daran getan. Gehen wir, lieber Kunz?“

„Ja, komm, alter Wüstenräuber.“

Sie nahmen einen Wagen und erreichten in kurzer Zeit die Rue de Grenelle und die Wohnung der Gräfin. Es war ein großes, massiv gebautes Haus; dennoch stand kein Portier am Tor, und im hohen Flur brannte nur ein ärmlich zu nennendes Lämpchen. Ebenso waren Treppe und Korridor nur spärlich erleuchtet. Doch fanden sie oben wenigstens einen Diener, an den sie sich wendeten.

„Ist Madame, die Gräfin, zu sprechen?“ fragte Kunz.

„Ja, für Sie beide, Monsieur“, antwortete der Mann, „sie befindet sich bereits im Salon. Die gnädigen Demoiselles sind bei ihr.“

„Sonst niemand?“

„O doch!“ antwortete der Diener unter einem listigen Augenzwinkern.

Kunz griff in die Tasche, zog ein Frankenstück hervor und gab es ihm.

„Wer?“ fragte er.

Der Diener, dem bei dem Geiz der Gräfin nur selten selbst ein so geringfügiges Geschenk in die Hand fließen mochte, verbeugte sich tief und antwortete:

„Graf Rallion, der Neffe. Danke sehr, Monsieur!“

„Bereits lange hier?“

„Nein, vor fünf Minuten erst gekommen.“

„Melden Sie mich und Monsieur, den Lieutenant von Königsau.“

Der Domestike gehorchte dieser Weisung, und dann traten die beiden ein.

Der Salon war ein ziemlich großes Gemach mit Möbeln, welche früher sicher reich und kostbar gewesen waren, jetzt aber nur noch an eine glänzende Vergangenheit zu erinnern vermochten. Auf dem Tisch, welcher in der Mitte stand, brannten zwei Kerzen auf einem sechsarmigen Leuchter. Das gab ein sehr spärliches Licht, und darum hatten sich die anwesenden Personen ganz nahe um diesen Leuchter gruppiert. Sie erhoben sich, als die beiden Deutschen eintraten.

Der Blick Gebhards von Königsau fiel zunächst auf die Gräfin, die ihm am nächsten stand. Sie war eine nicht sehr hohe, aber wie es schien, sehr bewegliche Dame, im Anfang der sechziger Jahre, mit scharfem Gesicht und ebenso scharfen, dunkel glühenden Augen. Gebhard gab seinem Freund recht, sie mußte früher sehr hübsch, wohl gar schön gewesen sein und schien noch heute ein Etwas in Blick, Bewegung und Miene zu besitzen, was auf Sieg berechnet zu sein schien.

Ihr zur Rechten und zur Linken standen zwei Wesen, welche von der dunkel gekleideten Gräfin sich hell und sympathisch hervorhoben. Die Rechte war jedenfalls Hedwig, die Unbezähmbare. In graue Seide gekleidet, glich sie einer Sylphide, welche darauf wartet, von Zeus zur Venus umgewandelt zu werden, bewegungslos stand sie da. Blitzende Augen, neckische Grübchen in Wangen und Kinn, ein spöttisches Mündchen und das leise zurückgeworfene Köpfchen gaben ihr etwas Kampfbereites, welches allerdings verführen konnte.

Ganz anders dagegen die Schwester. Obgleich ein Jahr jünger, war Ida doch mehr entwickelt als Hedwig. Ihre wohl gerundeten Glieder waren in rosa Seide gehüllt. Das Köpfchen senkte sich unter der Fülle des Haares. Sanfte, seelenvolle Augen, von langen Wimpern halb und züchtig verhüllt, zart rosig angehauchte Wangen, ein feines Kinn und volle schön gebogene Lippen bildeten mit der elfenbeinernen Stirn und den lieblich geschweiften Brauen ein Ganzes, welches auf Gebhard den Eindruck machte, als müsse er sogleich nahetreten, um die Hand des holden Wesens mit den Worten zu ergreifen: „Wie schön und gut bist du. Wer dich nicht liebt, der ist ein böser Mensch!“

Die vierte Person war einige Schritte seitwärts getreten, um unter dem Schutz des Halbdunkels Beobachtungen anzustellen, ohne selbst scharf beobachtet werden zu können. Graf Rallion, der ‚Neffe‘, war jedenfalls bereits dem dreißigsten Jahre nahe. Lang und hager gebaut, war auch sein Kopf aus der Breite in die Höhe gedrückt. Das schmale, scharfe Gesicht glich dem Kopf eines Raubvogels. Die Augen waren stechend, die Brauen buschig und an der Nasenwurzel zusammenstoßend; die Lippen waren schmal, und das Kinn machte über dem langen, dünnen, aus einer hohen Krawatte hervorschießenden Hals, wie es schien, eine Bewegung nach seitwärts, als erheische es der aristokratische Stolz seines Besitzers, sich nicht berühren zu lassen. Das war Graf Jules Rallion.

Vielleicht erinnert sich der freundliche Leser, daß im Jahre 1870 ein Graf Jules Rallion nach Ortry zu dem alten Kapitän Richemonte kam, um seinen Sohn mit der schönen Marion zu verheiraten, welche Doktor Müller, der verkleidete deutsche Offizier liebte. Und ebenso wird wohl noch erinnerlich sein, daß die sterbende Seiltänzerin damals, als sie vom Seil gestürzt war, dem braven Diener Fritz Schneeberg die Worte in das Ohr flüsterte: „General – Kunz von Goldberg – Vater – rauben lassen Graf – Jules Rallion – Cousin Hedwig – Bajazzo – bezahlt.“ Es schürzt sich hier eben der Knoten, von welchem die Fäden nach verschiedenen Richtungen auseinandergehen, um in dem angegebenen Jahr in Ortry zusammenzulaufen.

So spinnt das Leben seine wunderbaren Gewebe, und der schwache Mensch steht staunend vor der Weisheit des Schicksals, dessen tief und scharf berechnendes Walten eine jede irdische Tat mit untrüglicher Genauigkeit abzuwägen und mit wunderbarer Gerechtigkeit zu belohnen oder zu bestrafen weiß.

Die beiden Offiziere, welche hier allerdings in Zivil gekleidet gingen, verbeugten sich vor den Anwesenden, und Kunz von Goldberg sagte:

„Meine Damen und mein Herr, ich stütze mich auf die mir heute gewordene Erlaubnis, Ihnen meinen Freund, den Lieutenant Gebhard von Königsau, vorzustellen!“

Die Gräfin trat einen Schritt näher, betrachtete den Genannten mit kalten und scharfen Augen und antwortete:

„Ich heiße Sie willkommen, Lieutenant von Goldberg. Herr Lieutenant von Königsau, Sie sehen hier zwei Komtessen von Rallion, meine Nichten, und da den Grafen Jules de Rallion, meinen Neffen.“

Sie hatte also nur Kunz willkommen geheißen, nicht aber auch Gebhard. Dieser tat, als ob er diese Unhöflichkeit gar nicht bemerkt habe, verbeugte sich und antwortete im höflichsten Ton:

„Ergebensten Dank, gnädige Frau! Ich kam erst heute in Paris an; dieser erste Tag mußte meinem Freund gewidmet sein, und da er Ihnen den Abend zu widmen hatte, so sah ich mich leider gezwungen, mich ihm anzuschließen, wenn ich nicht auf seine Gesellschaft verzichten wollte.“

Das war natürlich mit anderen Worten gesagt: Ich komme nicht um Euretwillen, sondern meines Freundes wegen, Gebhard hatte also der Unhöflichkeit der Gräfin eine zweite entgegengesetzt, die aber in ein besseres Gewand gekleidet war als die ihrige.

Die Gräfin warf einen erstaunten Blick auf den jungen Menschen, welcher dieses wagte. Die Lider Idas hoben sich einen kurzen Augenblick empor, um einen warnenden Blick passieren zu lassen. Hedwig legte das Köpfchen sofort noch etwas weiter nach hinten und schnipste leise mir den rosigen Fingerchen; Graf Rallion ließ ein halblautes, indigniertes Hüsteln hören, und selbst Kunz von Goldberg konnte nicht umhin, dem Freund einen warnenden Blick zuzuwerfen.

„Setzen Sie sich!“ sagte die Gräfin kurz und scharf. Und als dies geschehen war, fuhr sie, zu Kunz gewendet fort: „Also, Monsieur, Ihr Freund wollte heute abend Ihnen gehören?“

„Allerdings“, antwortete der Gefragte gewandt; „aber nicht so ausschließlich, wie es die Herrschaften nach seinen Worten meinen könnten.“

„So mag es gelten“, erwiderte sie in einem ironischen Ton. „Vielleicht ist er des Französischen nicht so mächtig, als notwendig ist, sich präziser Ausdrücke zu bedienen.“

Der Graf nahm augenblicklich diese Gelegenheit wahr, seinem Ärger Luft zu machen, indem er meinte:

„Die Deutschen sprechen nie ein gutes Französisch. Und was haben sie für unbequeme Namen. Der Vorname des Lieutenants ist Gepar; wie sinnlos! Wie schwer auszusprechen.“

„Sie irren, Graf“, entgegnete Königsau. „Nicht Gepar, sondern Gebhard ist mein Name. Und wenn unsere deutschen Worte Ihnen so schwer fallen, so beweist dies nur, daß Sie des Deutschen nicht so mächtig sind, wie wir des Französischen. Ich muß nämlich auch die Frau Gräfin dahin berichtigen, daß ich des Französischen so vollständig Herr bin wie ein geborener Franzose, und daß ich auch in dieser Sprache gerade nur sage, was und wieviel ich will.“

Da war es gerade, als sei ein Stück der Decke eingefallen. Die Rallions blickten einander mit großen Augen an. Kunz stieß den kühnen Sprecher mit dem Fuß, und nur Ida ließ keinen Unwillen bemerken. Sie wußte, daß der Deutsche zuerst von ihrer Tante beleidigt worden sei und bewunderte den Mut und die Kaltblütigkeit, mit welchen er diesen gesellschaftlichen Fehler zurechtwies.

„Pah!“ schnarrte der Graf zornig. „Gebhard ist doch ein schlechter Name. Blücher hieß so.“

„Mich hat man so genannt, weil der Feldmarschall von Blücher der Freund meines Vaters und mein Pate war“, antwortete Königsau.

„Wie, Monsieur, Blücher war Ihr Pate?“ fragte der Graf.

„Ja, Monsieur.“

„Dann werde ich Ihnen raten, hier diesen Umstand zu verschweigen oder gar keine Pariser Gesellschaft zu besuchen, weil Blücher ein Ungeheuer war; er hat das schöne Frankreich unendlich unglücklich gemacht.“

„So meinen Sie wohl, daß Napoleon ein Engel war, der das häßliche Deutschland unendlich glücklich gemacht hat? Ehe Sie mir einen Rat geben, lernen Sie erst, Nationen und weltgeschichtliche Personen gerecht beurteilen. Ich bin hier mit ausgesuchter Unhöflichkeit empfangen worden, Herr Graf und Madame. So etwas könnte bei den Deutschen, welche Sie Barbaren nennen, niemals vorkommen. Meine Mutter ist eine geborene Pariserin: ich bin also Ihrer Nation, welche ich achte, nicht fremd und weiß ihre Fehler und Vorzüge genau zu beurteilen. Man hat mich bisher überall, wo ich eingeführt wurde, willkommen geheißen, nur hier bei Ihnen nicht, wo man sich im Gegenteil sogleich im ersten Augenblick über meinen Namen und mein Französisch, welches doch dem Ihrigen vollständig ebenbürtig ist, mokierte. Ich reise von hier nach der Sahara und bin überzeugt, daß der wilde Tuba oder Tuareg, in dessen Zelt ich trete, mir sein ‚Habakek îa Sihdi, sei willkommen, o Herr‘, zurufen wird. Wünschen Sie, daß ich diesen räuberischen Nomaden erzählen soll, daß in Paris, der großen Metropole der Zivilisation, diese schöne Sitte noch nicht herrsche, oder daß selbst hochgräfliche Personen Frankreichs es darauf anfangen, von einem bildungslosen Kamelhirten an Höflichkeit übertroffen zu werden?“

Er schwieg. Lautlose Stille herrschte. Da niemand antwortete, erhob er sich von seinem Stuhl und fuhr fort:

„Sie wurden mir von meinem Freunde als Aristokraten feinster Distinktion geschildert, und ich kam zu Ihnen, innig erfreut von dem Bewußtsein, bei der ersten Familie, welche mir Zutritt gestattet, den Beweis zu finden, daß in den Franzosen sich wirklich der Begriff des untadelhaften Kavaliers kristallisiert. Herr von Goldberg ist trotz seiner Jugend ein tüchtiger Menschenkenner. Sagen Sie mir, ob er sich heute zum ersten Mal geirrt hat.“

Noch immer schienen alle ganz starr zu sein vor Staunen, vor Schreck oder Zorn; aber da erklang eine volle, reine Altstimme: „Wie, Herr Lieutenant, Ihre Mama ist eine geborene Pariserin?“

„Ja, mein Fräulein“, antwortete Gebhard.

„Und Sie gehen von hier wirklich nach der Sahara?“

„Durch die Sahara hindurch bis nach Timbuktu und vielleicht noch weiter.“

„Dann muß Ihre Mama sehr mutig sein, wenn sie ihren Sohn solchen Gefahren entgegengehen läßt. Ich wollte, ich könnte ihr sagen, daß ich ihr Gottvertrauen bewundere.“

Ida war die Sprecherin. Mit jener Schlauheit, welche selbst dem reinsten, unverdorbensten Weib eigen ist, hatte sie aus Gebhards Rede jene beiden Punkte herausgegriffen, welche geeignet waren, das Interesse der zornigen Tante zu wecken. Ihre Stimme war wie ein versöhnender Engelsruf durch den Salon gedrungen.

Gebhard trat auf sie zu, reichte ihr die Hand und sagte:

„Mademoiselle, ich danke Ihnen innig! Sie sprechen mit freundlicher Sympathie von meiner heißgeliebten Mutter, obgleich Sie dieselbe nicht kennen. Ich nahm ihr Bild mit aus der Heimat fort, um die teuren Züge auch im Sonnenbrand der Wüste bei mir zu haben. Sie sollen meine Mutter wenigstens im Bild kennenlernen, und wenn ich einst nach Hause zurückkehre, so werde ich ihr erzählen von der hochherzigen Landsmännin, die mir das erste freundliche Wort gönnte, weil ich eine edle, gute, mutige Mutter habe.“

Er nestelte ein Medaillon von seiner Uhrkette los, öffnete es und reichte es ihr hin. Sie trat mit demselben näher an das Licht heran, um es zu betrachten.

„Oh, mein Herr“, sagte sie, „welch schöner, herrlicher Kopf; was für prächtige, seelenvolle Augen. Ja, Ihre Mutter muß ein großes, edles Weib sein. Liebe Tante, magst du dir nicht einmal diesen Kopf betrachten?“

Sie reichte das Medaillon der Gräfin hin, und diese, noch im Zweifel, ob sie zornig losbrechen oder diesen Fremden lieber mit einem stillen, aber gebieterischen, unwiderstehlichen Wink der Hand zur Tür hinausweisen solle, hatte das kleine Elfenbeinbild in den Fingern, sie wußte nicht, wie. Unwillkürlich senkte sich ihr Blick nieder auf dasselbe. Im nächsten Momente stand auch sie nahe am Leuchter, um das Porträt besser und schärfer betrachten zu können. Dann blickte sie rasch zu Gebhard hinüber und fragte:

„Das ist wirklich das Porträt Ihrer Mutter?“

Ihre Stimme klang noch immer hart und zurückweisend.

„Ja, Madame“, antwortete er.

„Sie behaupten, daß dieselbe aus Paris stammt, wie lautet der Familienname Ihrer Mutter?“

„Richemonte.“

„Richemonte? Ah, ich habe eine Familie dieses Namens gekannt. Es war eine Tochter da, welche ich öfters gesehen habe. Sie würde jetzt ungefähr dieselben Züge besitzen, welche ich hier sehe. Was war der Vater Ihrer Mutter?“

„Ursprünglich Bankier, Madame.“

Ihr Auge verlor seine bisherige Schärfe, und unter einer raschen Bewegung ihrer Hände und mit sichtlichem Interesse fragte sie weiter:

„Wie war sein voller Name?“

„Jean Pierre Richemonte; eigentlich de Richemonte. Ein Vorfahre hatte das ‚Von‘ aus irgendeinem Grund abgelegt.“

Das Gesicht der Gräfin begann sich zu beleben. Ihre Züge wurden sichtlich milder, und ihr Auge ruhte mit einer Art von Wärme auf der Gestalt Gebhards, als sie fortfuhr:

„Mon dieu! Ich glaube, das ist der Mann, dessen Familie ich gekannt habe. Können Sie mir sagen, wo er wohnte?“

„Er hat sein Büro in der Rue de Vaugirard gehabt. Später, nach seinem Tod zog Mama nach der Rue d'ange, wo mein Vater, welcher damals preußischer Offizier war, sie kennenlernte.“

„Sie hat ihn geliebt?“ fragte sie mit wieder steigender Härte. Kunz von Goldberg hatte sie ja als ‚Deutschenhasserin‘ bezeichnet.

„Ja, gnädige Frau. Sie liebt ihn sogar noch“, antwortete Gebhard lächelnd.

„War und ist das recht von ihr, als Französin?“

„Jedenfalls, Madame. Schon Christus will, daß alle Menschen, welcher Nationalität sie auch sein mögen, sich lieben sollen. Und der gute Gott hat uns ja ein Herz gegeben, dessen Sprache so mächtig wirkt, daß vor ihr die Stimme des Parteihasses, der Rache, des Vorurteils verstummen muß. Dieses Herz hat wohl in jeder menschlichen Brust einmal gesprochen. Wohl dem, welchem es erlaubt war, diesen süßen und beglückenden Einflüsterungen Folge zu leisten.“

Idas Augen ruhten mit zustimmendem Wohlgefallen auf ihm. Es lag eine Art von Bewunderung der beredten Art und Weise in ihrem Blick, in welcher er seine Sache zu führen verstand.

Auch auf ihre Tante schienen seine Worte nicht ohne Eindruck zu bleiben. Ihre vorher mißfällig zusammengekniffenen Augen erweiterten sich wieder. Ihr Blick richtete sich empor, ins Weite. Er schien in der Ferne zu ruhen, in welcher sich ihm Erinnerungsbilder der Liebe boten, von welcher der junge Mann soeben gesprochen hatte.

„Sie mögen recht haben“, sagte sie langsam und zögernd. „Ich will nicht richten, zumal ich keineswegs annehmen darf, dazu berufen zu sein. Aber noch weiß ich nicht, ob Ihre Familie wirklich diejenige ist, an welche ich denke. Hatte Ihre Mutter Geschwister?“

„Einen Bruder.“

„Wie war sein Name?“

„Albin.“

„A la bonne heure! Was war er? Auch Kaufmann oder Bankier?“

„Nein, Madame. Er war Offizier, Kapitän bei der alten Kaisergarde.“

„Das stimmt; das stimmt! Lebt er noch?“

„Vielleicht. Niemand weiß es.“

„Niemand weiß es? Sie müssen doch über die Schicksale eines so nahen Verwandten irgendwelche Nachrichten haben!“

„Dies ist hier nicht der Fall, gnädige Frau.“

„Sie haben keinen Umgang mit ihm gepflogen?“

„Sie haben ihn gemieden. Und wenn er selbst eine vorübergehende Annäherung herbeiführte, so ist die Folge stets ein Unglück für sie gewesen.“

Sie nickte langsam mit dem Kopf.

„Ja“, sagte sie; „er war ein Schurke, ein böser Mensch, welcher mitgeholfen hat, seinen Vater in das Unglück zu stürzen. Wissen Sie davon?“

„Es ist mir allerdings einiges bekannt.“

„Kennen Sie auch seinen Verbündeten, mit welchem er daran arbeitete, die Eltern und die Schwester in das Elend zu führen?“

„Sie meinen den Baron de Reillac? Der ist tot.“

„Ah! So besitzt die Erde eine gefährliche Kreatur, ein Raubtier weniger. Er hat einen schlimmen Tod verdient. Woran ist er gestorben?“

„Er ist ermordet worden.“

„Wann?“

„Schon längst, nämlich am Tag oder einige Tage vor der Schlacht bei Ligny.“

„Wer war der Mörder?“

„Sein Freund, Kapitän Richemonte.“

„Sein eigener Freund, Kumpan und Verbündeter? Welch eine Fügung! Sie werden mir davon erzählen müssen, auch von den Ihrigen! Zuvor aber“ – und dabei nahm ihre Stimme wieder den harten, klanglosen Ausdruck an – „zuvor aber muß ich Ihnen sagen, daß die Art und Weise, in welcher Sie sich bei mir eingeführt haben, keineswegs eine angenehme und empfehlende ist.“

Der Blick der Gräfin ruhte forschend und auffordernd auf Königsau, als ob sie eine Entschuldigung erwarte. Er aber verbeugte sich unter einem höflichen Lächeln und antwortete, indem er leise mit der Achsel zuckte:

„Madame, der Deutsche kennt ein oft angewendetes Sprichwort, welches auch hier am Platz sein dürfte. Es lautet: Wie es in den Wald schallt, so schallt es wieder heraus.“

„Dieses Sprichwort klingt nicht gut. Es beweist, daß der Deutsche der Mann der Vergeltung, der Rache, der Revanche, ist, welche er doch dem Franzosen so gern und geflissentlich vorzuwerfen pflegt.“

„Oh, er will damit doch nur einen gewöhnlichen Erfahrungssatz ausdrücken, welchen auch Sie anerkennen werden. Der Deutsche scheint mir mehr passiv, als aktiv zu sein. Er schreitet nur dann zur Vergeltung, wenn er mit Gewalt dazu getrieben wird.“

„Wer hat Sie vorhin mit Gewalt dazu getrieben?“

„Die Antwort liegt in Ihrer eigenen Frage, gnädige Frau Gräfin. Indem Sie zugeben, daß ich mich zu einer Art von Abwehr treiben ließ, gestehen Sie ein, daß vorher ein Angriff stattgefunden hat.“

„Dieser Angriff war kein direkter.“

„Aber dennoch ein sehr fühlbarer und energischer.“

„Oh, nur ein kleiner, gesellschaftlicher Unterlassungsfehler, wie er sehr leicht einmal vorkommen kann. Und besonders, da er von einer Dame begangen wurde, so wäre es höflich gewesen, denselben mit Stillschweigen zu übergehen.“

Ihr Blick ruhte streng und herausfordernd auf ihm. Er hatte große Lust, das Wortgefecht weiterzuführen, aber er sah das Auge Idas mit stummer und doch beredter Bitte auf sich gerichtet; darum nahm er einen heiteren und leichteren Ton an und antwortete:

„Sie haben recht, gnädige Frau. Eine Dame hat unter allen Umständen diejenigen Aufmerksamkeiten zu erwarten, welche ihr von den gesellschaftlichen Gesetzen zugesprochen worden. Habe ich gegen diese Regeln gesündigt, so würde ich recht glücklich sein, von Ihnen Absolution zu empfangen.“

Die Falten von ihrer Stirn verschwanden. Er bat sie um Verzeihung, sie hatte also, wenigstens scheinbar, einen Sieg über ihn errungen. Das erlaubte ihr, nun Freundlichkeit und Milde walten zu lassen. Sie antwortete:

„Ich will keineswegs grausam sein, Herr von Königsau. Ich verzeihe Ihnen also und heiße Sie nachträglich willkommen.“

Sie reichte ihm die Hand entgegen, welche er ergriff und hochachtungsvoll küßte. Über Hedwigs hübsches Gesichtchen glitt ein Zug, welcher ganz deutlich sagte: „Er hat aber doch gesiegt, dieser Deutsche.“ Idas Augen strahlten dem letzteren warm entgegen; aber aus dem Halbdunkel, in welches sich der Graf zurückgezogen hatte, erklang es scharf und wie zurechtweisend:

„Liebe Tante, du vergißt, daß du dich nicht allein hier befindest.“

Sie wendete sich ihm mit einem Ausdruck des Erstaunens zu und fragte:

„Was willst du damit sagen?“

„Daß mehrere Personen vorhanden sind, welche beleidigt wurden, und daß du also nicht eigenmächtig verzeihen darfst.“

„Ah“, meinte sie, „ich ahnte nicht, daß du annimmst, auch angegriffen worden zu sein. Fühlst du dich beleidigt, so ist das einfach deine Sache. Jedenfalls aber nehme ich für mich das Recht in Anspruch, für meine Person verzeihen zu können. Das andere aber geht mich nichts an.“

„Ich will nicht bestreiten, daß du das Recht hast, für dich persönlich zu verzeihen; aber ich habe auch die Überzeugung, daß du in deiner Eigenschaft als Tante einen Angriff auf deinen Neffen nicht so gleichgültig übersehen darfst, wie es in deiner Absicht zu liegen scheint.“

„Ja, wenn dieser Neffe ein Kind wäre, welches dieses Schutzes bedarf. Ihr Herren aber seid stets so passioniert, euch Männer zu nennen, daß ich mir in dieser Angelegenheit wohl erlauben darf, dich dir selbst zu überlassen.“

„Das heißt, du nennst diesen Mann wirklich willkommen?“

„Jawohl; du hast es gehört.“

Da trat er aus dem Halbdunkel hervor auf sie zu.

„So muß ich allerdings annehmen“, sagte er, „daß ich dir weniger willkommen, vielleicht sogar unwillkommen bin.“

Er hatte die Augen finster zusammengekniffen, und die Stellung, welche er einnahm, war eine herausfordernde, ja, fast drohende zu nennen.

Sie dagegen behielt ihre vollständige Ruhe bei. Ihm einen nur verwunderten Blick zuwerfend, sagte sie:

„Mein Neffe ist mir jederzeit willkommen gewesen, und auch noch jetzt kenne ich keinen Grund zu einer Änderung meiner Ansicht hierin. Wen ich aber außer ihm bei mir empfangen will, darüber steht mir sicher das alleinige Urteil zu. Mein Haus ist mein Eigentum, und ich kenne keinen Menschen, welchem ich erlauben werde, die für mich daraus hervorgehenden Rechte mir streitig zu machen.“

Er zog unter einem beinahe höhnischen Lächeln die Schultern nach vorn, machte eine ironische Verbeugung und sagte:

„Ich lasse dir natürlich dieses Recht; es kann mir gar nicht einfallen, es dir zu schmälern, da ich nicht die Erlaubnis dazu habe. Aber ich bitte, zu den Stunden, in welchen du mir unsympathische Personen empfängst, auf das Glück deiner Nähe verzichten zu dürfen.“

Da legte sie den Kopf in den Nacken, geradeso, wie es die hübsche Hedwig in ihrer Gewohnheit hatte, warf ihm einen ernsten, dominierenden Blick entgegen und antwortete:

„Ich habe nichts dagegen, daß du selbst in den Stunden, in denen du dich wohl bei mir fühlen würdest, auf mich verzichtest. Ich verliere nichts dabei.“

„Fällt mir nicht ein“, entgegnete er. „Eines Fremden, eines Eindringlings wegen gebe ich dich ebensowenig auf, als ich auf eine Person oder Sache verzichten würde, welche mir lieb und angenehm ist. Ich habe keineswegs die Absicht, dich zu beleidigen, sondern ich will dich nur warnen, Bekanntschaften anzuknüpfen, welche dir Enttäuschung bringen können. Ich hoffe, Cousinchen Ida ist ganz gleicher Meinung mit mir?“

Diese letztere Frage war an die Genannte direkt gerichtet. Sie sah sich darum zu einer Antwort gezwungen.

„Ich wohne bei der Tante und habe mich nach ihr zu richten“, sagte sie. „Auch kann ich nicht sagen, daß Herr von Königsau mich beleidigt hat.“

Der Graf hatte diese Antwort vielleicht nicht erwartet. Er verschmähte eine Gegenbemerkung und wendete sich an die andere Schwester:

„Und du, liebe Hedwig?“

Diese zuckte leichthin die Achsel, zog ein schnippisches Mäulchen und sagte:

„Cousin, du mußt gestehen, daß du außerordentlich unartig bist. Schwestern sollen stets einerlei Meinung haben; ich stimme Ida vollständig bei.“

Da bleichte der Zorn seine Wangen. Er trat zurück und sagte: „So stehe ich also allein! Aber es wird die Zeit kommen, in welcher ihr einsehen lernt, wer euch wirklich nahe steht und auf wessen Meinung ihr hättet Gewicht legen sollen. Ich verabschiede mich für heute abend von euch.“

Und sich mit einer raschen Umdrehung zu Kunz von Goldberg wendend, fuhr er mit erhobener Stimme fort:

„Mein Herr, Sie haben seit der ersten Stunde, da wir uns hier trafen, merken müssen, daß mir Ihre Besuche höchst unangenehm waren. Sie haben dieselben trotzdem fortgesetzt. Ich finde das höchst sonderbar.“

„Pah!“ antwortete Kunz. „Ich glaubte, Sie würden seit der ersten Stunde, da wir uns hier trafen, gemerkt haben, daß meine Besuche nicht Ihnen galten. Daß Sie dies selbst jetzt noch nicht einsehen, finde ich noch sonderbarer.“

„Diable! Wollen Sie etwa höhnen?“

„Nein. Ich will Ihnen damit nur sagen, da ich nicht Sie, sondern Ihre Tante, die Frau Gräfin, besuche, so kann es mir sehr egal sein, ob Ihnen meine Anwesenheit angenehm ist oder nicht. Und hinzufügen will ich noch, daß mir überhaupt auch alles andere, was Sie denken und meinen, vollständig gleichgültig ist. Sie müssen längst erkannt haben, daß Sie für mich gar nicht existieren.“

„Nun, so werde ich hoffentlich wenigstens für Ihren Freund existieren.“

Er wendet sich zu Gebhard, welcher unterdessen wieder Platz genommen hatte und bisher ein scheinbar teilnahmsloser Hörer gewesen war, und fragte:

„Sie sind Offizier, Herr von Königsau?“

„Ja, wie Sie gehört haben“, antwortete dieser kurz und gelassen.

„Ich zweifle daran.“

„Das kann mir gleichgültig sein.“

Der Graf trat ihm einen Schritt näher. Er sagte in einem Ton, dem man die beabsichtigte Provokation anhören mußte: „Sie sind in Wirklichkeit nicht Offizier.“

Gebhard wendete sich zur Seite und verzichtete darauf, eine Antwort zu geben. Der Graf trat ihm noch näher und meinte:

„Ich sehe, daß Sie nicht antworten. Nun, wenn ich sage, daß Sie in Wirklichkeit nicht Offizier sind, so meine ich damit, daß ich Sie für einen Lügner erkläre, wenn Sie behaupten, Offizier zu sein.“

In Gebhards Augen blitzte es auf. Aber er verstand es, sich zu beherrschen, und seine Stimme klang hell und ruhig, als er entgegnete:

„Sie erlauben mir, Ihnen meine Antwort morgen zu geben.“

„Ich brauche Ihre Antwort nicht. Wer sich da eindrängt, wo er unangenehm ist, der ist kein Offizier und Kavalier. Sie haben die Frau Gräfin beleidigt; Sie haben sich mit ausgesuchter Grobheit betragen und besitzen die Stirn, hier Ihren Platz festzuhalten: Sie sind nicht Offizier.“

„Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich Ihnen meine Antwort morgen geben werde.“

„Und ich habe Ihnen darauf bemerkt, daß ich darauf verzichte, eine Antwort von Ihnen zu empfangen.“

Jetzt verließ auch Gebhard seinen Stuhl. Er erhob sich und stand ganz nahe vor dem Grafen.

„Wissen Sie wohl“, sagte er, „was ich meinte, als ich Ihnen zweimal erklärte, daß Sie meine Antwort morgen empfangen werden?“

„Ich habe wirklich keine Ahnung davon“, erklärte der Graf.

„Ah! Sind Sie Offizier?“

„Nein.“

„Aber Edelmann?“

„Allerdings. Ich bin, wie Sie gehört haben, Graf Jules de Rallion.“

„Und dennoch wissen Sie nicht, was ich gemeint habe?“

„Ganz und gar nicht!“

„Nun, ich habe bisher geglaubt, daß auch die Edelleute Frankreichs sich auf die Art und Weise gewisser Antworten verstehen, welche nicht mit dem Mund gegeben werden; ich scheine mich aber doch geirrt zu haben.“

Da forcierte der Graf ein erstauntes Gesicht. Er wich, wie infolge einer plötzlichen Verwunderung, zurück und fragte:

„Sie meinen doch nicht etwa ein Duell?“

„Ah, Sie scheinen auch das nicht zu wissen, daß man in Gegenwart von Damen nicht über gewisse Dinge zu sprechen pflegt.“

„Was mich angeht, können diese Damen hören. Sie wollen sich mit mir schlagen, mein Herr?“

„Sie werden das anderweit erfahren.“

„Nun, ich erkläre Ihnen hiermit, daß ich mich auf keinen Fall mit Ihnen schlagen werde.“

„Warum?“

Der Graf warf sich in eine Attitüde, welche Furcht erwecken sollte, nahm eine Stellung an, als ob er sich auslegen wollte, und antwortete:

„Weil ich Sie schonen müßte. Ich bin lange Jahre Fechtmeister gewesen und würde Sie in Grund und Boden hauen!“

Gebhard konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Er entgegnete mit einem beredten Blick auf Kunz:

„Sie würden mich nicht im mindesten zu schonen brauchen. Mein Kamerad, Herr von Goldberg, hier, wird mir gern bezeugen, daß ich als ein Schläger bekannt bin, der keinen anderen zu fürchten braucht.“

Der Graf bezwang sich, ein enttäuschtes Gesicht zu verbergen.

„Mon dieu!“ meinte er leichthin. „So würde ich Sie in Grund und Boden schießen!“

„Auch das verfängt nicht, mein Herr. Ich schieße die Schwalbe aus der Luft. Und um Ihnen zu beweisen, daß ich wirklich Offizier bin, der im Krieg seinen Mann nicht verfehlen darf, würde ich Ihnen meine erste Kugel durch den Kopf jagen.“

Der Graf war sichtlich entmutigt. Er wußte nicht, was er sagen sollte, und meinte endlich:

„Daß wird Ihnen nicht gelingen; ich versichere es Ihnen.“

„Warum nicht, Monsieur?“

„Weil ich mich überhaupt niemals mit Ihnen schlagen werde.“

„Ich darf jedenfalls nach dem Grunde dieses höchst sonderbaren Entschlusses fragen?“

„Ich schieße mich mit keinem Menschen, der nicht satisfaktionsfähig ist.“

„Warum meinen Sie, ich sei ein solcher Mensch?“

„Weil Sie durch Ihr heutiges Verhalten bewiesen haben, daß Sie kein Ehrenmann sind.“

„Ah, eine neue Beleidigung. Nun, da Sie diese heikle Sache vor das Forum der Damen förmlich gezwungen haben, so will ich Ihnen auch in Gegenwart derselben meine Entscheidung sagen; ich werde nämlich –“

„Ich bin neugierig, dieselbe zu hören, da ich mir nicht erklären kann, wie gerade Sie dazu kommen, eine Entscheidung zu fällen“, unterbrach ihn der Graf.

„Ich bin der Beleidigte und habe also auf Satisfaktion zu dringen, wäre es auch nur, um Ihnen die Überzeugung beizubringen, daß ich wirklich ein Offizier bin. Herr von Goldberg wird die Güte haben, mir zu sekundieren. Morgen früh punkt neun Uhr ist er bei Ihnen, um zu hören, welchen Herrn Sie zum Beistand wählen, und wie Sie mit diesem sich vereinbaren. Sollten Sie meine Forderung nicht annehmen, so erkläre ich Sie für den größten Feigling Frankreichs und werde das auch öffentlich bekanntgeben.“

„Sie wollen mich fürchten machen; das aber soll Ihnen doch nicht gelingen“, antwortete der Graf. „Ich weiß ganz genau, wie Leute Ihres Schlages zu behandeln sind, und werde Ihnen das beweisen. Gute Nacht, die Damen.“

Er drehte sich scharf auf dem Absatz um und ging.

Wie bei solchen unangenehmen Szenen gewöhnlich, trat zunächst eine Pause ein, welche allerdings nicht lange währte, denn die Gräfin begann unter völliger Ignorierung des zuletzt Vorgefallenen:

„Herr von Königsau, Sie versprachen mir, uns von dem Tod dieses Baron de Reillac zu erzählen.“

„Ich bin gern bereit, mein Wort zu halten“, antwortete Gebhard. „Nur weiß ich nicht, ob die Ermordung eines Menschen ein Damenthema ist.“

Da ergriff ihm gegenüber Hedwig zum ersten Mal das Wort:

„Erzählen Sie immerhin, Herr Lieutenant“, sagte sie, indem sie sich behaglich in ihrem Sessel zurechtrückte. „Ein Mord ist allerdings fürchterlich; aber wenn Sie wüßten, wie gern ich grusele, so würden Sie mich keinen Augenblick warten lassen.“

„Nun, mein Fräulein“, antwortete er lächelnd, „so muß ich es allerdings versuchen. Und ich hoffe, daß Ihnen der Genuß des Gruselns nicht verlorengeht.“

Er erzählte. Die Damen hörten mit gespannter Erwartung zu, ihn nur zuweilen durch einen teilnahmsvollen Ausruf unterbrechend. Das Erlebnis, von welchem er berichtete, stand in so innigem Zusammenhange mit seinen Familienverhältnissen, daß dann später Frage auf Frage ausgesprochen wurde, die er zu beantworten hatte.

So entspann sich eine außerordentlich animierte Unterhaltung. Er war ein guter Sprecher und ein sehr angenehmer Gesellschafter, überhaupt ein hübscher, kenntnisreicher und gewandter junger Mann. Die Damen lauschten seiner Unterhaltung. Sie hörten aus jedem seiner Worte, daß er trotz seiner für seine Jugend höchst bedeutenden Kenntnisse nicht die mindeste Einbildung besaß, sondern sich selbst aus dem Zusammenleben mit den Angehörigen des Offizierskorps seine ursprüngliche Einfachheit und Bescheidenheit gerettet hatte.

Das zog sie zu ihm hin. Die sonst so muntere Hedwig war schweigsam und hörte lieber auf ihn, als daß sie sich zum vordringlichen Sprechen entschloß. Ida sprach fast kein Wort, aber ihr Auge verriet desto mehr, und immer und immer wieder begegnete ihr Blick dem seinigen, so daß sie hundertmal gezwungen war, die schönen, geheimnisvollen Wimpern niederzuschlagen.

So kam es, daß die Kosten der Unterhaltung fast nur von den beiden Offizieren und der Gräfin getragen wurden.

Die letztere hatte ihr vorheriges Wesen vollständig abgelegt. Sie war mitteilsam und gesprächig geworden, und besonderen Dank verdiente sie sich bei Gebhard dadurch, daß sie mit keiner Silbe ihres Neffen gedachte, der zu einer so außerordentlich peinlichen Szene Veranlassung gegeben hatte. Sie lud die beiden jungen Männer ein, am Souper teilzunehmen, was natürlich mit großem Dank angenommen wurde.

Am meisten schienen sich die beiden Nichten zu freuen. Es war außerordentlich selten, daß die Tante einem Herrn die Ehre gönnte, mit ihnen zu speisen, und so kam es, daß sie durch die Einladung der Gräfin in die beste Laune versetzt wurden, welche wieder ihren guten Einfluß auf die anderen äußerte.

Kurz vor der Tafel entfernte sich die Gräfin auf kurze Zeit, und diesen günstigen Augenblick benutzte Kunz von Goldberg, um Hedwig zu folgen, welche an das Piano getreten war und sich mit den daraufliegenden Noten zu beschäftigen begann. In den letzteren blätternd und scheinbar sich über dieselben unterhaltend, führten sie ein halblautes Gespräch, von welchem die beiden anderen nichts verstehen konnten oder vielmehr nichts verstehen gekonnt hätten, selbst wenn ihre Absicht gewesen wäre, einige der Worte zu erlauschen.

„Sagen Sie einmal, Herr von Goldberg“, begann Hedwig; „war es Ihrem Freund mit der Forderung wirklich ernst?“

„Ganz gewiß, Mademoiselle“, antwortete er.

„Das Duell wird also stattfinden?“

„Ich bin davon überzeugt.“

„Wie uninteressant!“

„Uninteressant?“ fragte er. „Und Sie gruseln doch so gern. Ist bei Ihnen vielleicht nur die Erzählung eines Mordes interessant?“

Sie blickte ihn ein wenig verächtlich von der Seite an und sagte:

„Was ihr Deutschen doch für Menschenkenner seid!“

„Nicht wahr?“ lachte er, ohne zu tun, als ob er den Blick bemerkt habe.

„Ja. Sagten Sie nicht erst vorgestern, daß es Ihnen ein außerordentliches Interesse gewähre, mich zu studieren? Und daß Sie sich schmeicheln, mich ganz und genau zu kennen? Und doch glauben Sie, daß nur ein Mord mich interessieren könne?“

„Muß ich es nicht glauben, da Sie ein Duell uninteressant nennen?“

Sie zog die schönen, vollen Schultern empor, so daß das rosige Fleisch derselben aus dem Ausschnitt des Kleids hervortrat, um sich nur langsam wieder unter dem weichen Stoff zu verbergen, und antwortete:

„Es kommt auf die Veranlassung an.“

„Wieso, Mademoiselle?“ fragte er.

„Ein Duell nur deshalb, weil einer nicht glaubt, daß der andere Offizier ist – wie kindisch.“

„Oder, wollen Sie sagen, ein Duell, weil der eine dem anderen gewaltsam provoziert.“

„Das ist barbarisch, aber doch nicht interessant.“

„Wann würde denn ein Duell für Sie interessant sein?“

„Hm! In vielen Fällen“, antwortete sie, indem sie ein höchst nachdenkliches Gesichtchen zog, welches ihr ganz allerliebst stand.

„Darf ich vielleicht einen von diesen vielen Fällen erfahren?“

„Neugieriger! Aber es ist wahr, Sie sind in Beziehung auf das Duell so ganz und gar unwissend, daß ich es schon unternehmen muß, Ihnen Unterricht zu geben.“

Sie zog die Brauen empor und bemühte sich, die strenge, gelehrte Miene eines pedantischen Lehrers anzunehmen. Das sah so allerliebst aus, daß Kunz sie gleich hätte umarmen mögen. Er sagte:

„Ich brenne vor Wißbegierde. Belehren Sie mich, Mademoiselle.“

„Nun, es kommt vor allen Dingen auf den Gegenstand an, wegen dessen man sich schlägt. Ist dieser interessant, so ist es auch das Duell. Nun, mein Herr von Goldberg, nennen Sie mir einmal einen Gegenstand, welcher interessanter ist als eine rohe oder kindische Provokation.“

Er nickte ihr mit einem ahnenden Lächeln zu und antwortete:

„Darf ich es da nicht am besten gleich wagen, den interessanten Gegenstand zu nennen?“

„Ja. Aber ich bitte mir aus, nicht im besonderen, sondern nur im allgemeinen zu sprechen.“

„Ah, meine schöne Hedwig, Sie haben mich im Verdacht, daß ich sofort eine gewisse Person nennen würde?“

„Ja, ich habe Sie da sogar in einem sehr dringenden Verdacht.“

„Warum?“ fragte er leise flüsternd, indem er sich ganz nahe zu ihr hinüberbog.

Sie versetzte ihm einen leisen, scherzenden Schlag mit dem Fächer und antwortete:

„Diese Deutschen sind allesamt rechte, echte Bären, und Sie insbesondere sind –“

Sie stockte.

„Was? Was bin ich?“ fragte er.

Sie blickte ihn wie furchtsam von der Seite an und antwortete rasch:

„So ein ganz gewaltiger Doppelbär.“

Er fuhr in scherzhaftem Schreck zurück und sagte:

„Mademoiselle, Sie kommen ganz von unserem Thema ab.“

„O nein, mein Herr, wir sind dabei.“

„Das sehe ich nicht ein. Oder meinen Sie vielleicht, daß nur ein Duell zwischen Doppelbären interessant ist?“

„O nein. Ich möchte mich da gern eines deutschen Wortes bedienen. Wie übersetzen Sie das schöne französische Wort lourdaud in das Deutsche?“

„Dieses Wort würde das schöne deutsche Wort Tolpatsch ergeben.“

„Schön. Und wie würde das Eigenschaftswort davon lauten?“

„Tolpatschig.“

„Nun, so will ich Ihnen sagen, daß ein Duell zwischen Doppelbären höchst tolpatschig aussehen, also ganz und gar nicht interessant sein würde. Wir sprachen aber gar nicht von Bären, am allerwenigsten von Doppelbären.“

„Wovon sonst, meine schöne Tadlerin?“

„Nur Sie allein sind so ein langweiliger Mensch, welcher niemals bei einem Thema standhalten kann. Sooft ich mich mit Ihnen unterhalte, habe ich mir die größte Mühe zu geben, Sie bei der Sache festzuhalten.“

Sie sprach das so ernsthaft aus, daß er lachen mußte.

„Gut“, meinte er. „Halten wir jetzt also stand.“

„Ja, ich fordere Sie allen Ernstes dazu auf. Der bekannte Bär kam nur deshalb zum Vorscheine, weil Sie mich fragten, weshalb ich Ihnen die Nennung einer ganz besonderen Person zutraue.“

„Ah, jetzt endlich besinne ich mich. Ich habe Sie wirklich zu bitten, nachsichtig mit meinem allzu altersschwachen Gedächtnis zu sein –“

„Altersschwach wohl nicht, aber sehr ungeübt“, fiel sie ihm in die Rede.

„Mag sein. Also ich sollte keine Person nennen, sondern nur ganz im allgemeinen sprechen?“

„Ja. Sie sollen mir einen Gegenstand nennen, welcher interessant ist.“

„Nun, ist der Ausdruck Dame ein allgemeiner?“

„Aus alter Rücksicht für Sie will ich das einmal zugeben.“

„Und ist eine Dame interessant?“

Sie blickte ihn erstaunt an und antwortete unter Kopfschütteln:

„Natürlich. Was kann interessanter sein als eine Dame? Etwa ein Herr?“

„Natürlich niemals!“

„Nun also! Wie weiter?“

„Sie schließen: Da eine Dame interessant ist, wird ein Duell auch interessant sein, wenn es wegen einer Dame vorgenommen wird.“

„Ja, das ist meine Meinung.“

„Ich möchte diesen Schluß einer kleinen Beschränkung unterwerfen?“

„Welcher?“

„Es gibt auch uninteressante Damen –“

„Ah, das ist mir völlig neu.“

„Ja. Ein Duell wegen einer solchen würde also nicht interessant sein.“

„Sie sind abermals ein Bär! Nennen Sie mir eine einzige uninteressante Dame, dann will ich glauben, daß es solche gibt.“

„Nun, würden Sie sich für eine Schlägerei wegen eines Apfelweibes interessieren?“

„Fi donc! Nein!“

„Wegen Ihrer Näherin?“

„Vielleicht.“

„Wegen Ihrer Zofe?“

„Schon mehr?“

„Wegen Ihrer Tante?“

„Sehr!“

„Wegen Ihrer selbst?“

„Oh, ganz gewaltig!“

„Ah“, lachte er; „damit sagen Sie nun selbst, was zu sagen Sie mir vorher so streng verboten haben.“

„Was?“

„Daß Sie die interessanteste Dame sind.“

Wieder gab sie ihm einen Schlag mit dem Fächer, diesmal aber einen derberen.

„Viel Ehre!“ meinte sie. „Apfelhändlerin, Näherin, Zofe, Tante, das ist die Gesellschaft, in welche Sie mich bringen. Sie sind zum dritten Mal ein Bär! Aber lassen Sie uns nicht scherzen. Sagen Sie mir lieber, ob Ihr Freund wirklich ein so guter Fechter und Schütze ist, wie er sagt.“

„Er ist der beste, den ich kenne.“

„So ist mein Cousin verloren, weil er nicht mit den Waffen umzugehen versteht.“

„Ich denke, er will meinen Freund in Grund und Boden schlagen“, meinte Kunz von Goldberg.

„Fällt ihm gar nicht ein.“

„Oder in Grund und Boden schießen.“

„Er lügt.“

„Ah, er sagte doch, daß er längere Zeit Fechtmeister gewesen sei.“

„Das war Aufschneiderei. Er tat es vor Angst. Er hat eine angeborene Aversion gegen alles, was Waffe heißt; daher ist er nicht Militär geworden.“

„Mein Freund wird dennoch auf Satisfaktion beharren.“

„Aber wenn der Graf nicht einwilligt, weil er nicht versteht, mit den Waffen umzugehen?“

„Dann darf er es auch nicht unternehmen, einen Ehrenmann in so schmachvoller Weise zu beleidigen. Übrigens ist es nicht gesagt, daß der Sieg nur dem gehört, welcher Herr seiner Waffe ist.“

„Ein anderer kann auch treffen?“

„Sehr gut sogar, wie es bereits vorgekommen ist.“

„Mein Gott, das wäre sehr schlimm, wenn Herr von Königsau verwundet würde“, meinte sie ängstlich.

Die Sorge, welcher sie jetzt Worte gab, war keine geheuchelte, sondern eine wirkliche; das sah man ihr an. Kunz bemerkte dies. Über seine Stirn zog sich ein kleines, dunkles Fältchen, und er fragte:

„Würde Ihnen dies so unangenehm sein?“

„Sehr, allerdings sehr.“

„Ah, so beneide ich ihn.“

Sie verstand ihn sofort.

„Warum beneiden Sie ihn, mein Herr?“

„Weil Sie für ihn fürchten. Wer weiß, ob Sie die geringste Sorge hätten, wenn ich vor einem Zweikampf stände.“

„Sorge?“ lachte sie. „Sorge? Ihretwegen, Monsieur? Oh, nicht die mindeste!“

Das Fältchen auf seiner Stirn wurde tiefer, ohne daß sie darauf zu achten schien. Er schwieg einen Augenblick, ehe er sich mit stockender Stimme erkundigte:

„Ist das wahr, mein Fräulein? Ganz gewiß? Wirklich gewiß?“

„Wirklich und ganz gewiß.“

„Leben Sie wohl.“

Er wollte sich rasch abwenden, doch gelang ihm dies nicht, denn noch rascher hatte sie ihn beim Ärmel erfaßt, so daß er bleiben mußte, wenn er die beiden anderen nicht aufmerksam machen wollte.

„Wohin, Herr von Goldberg?“ fragte sie.

„Von Ihnen fort“, antwortete er kurz.

„Warum?“

Er schwieg. Ihre Augen blickten noch immer neckisch auf ihn, als sie fragte:

„Wohl weil ich keine Sorge um Sie haben würde?“

Er antwortete auch jetzt nicht.

„Ja, Sie sind ein Bär, ein rechter, großer Bär! Sagen Sie mir doch einmal, was mich verpflichten soll, mich gerade um Sie zu sorgen.“

Er hob das Auge, in welchem ein eigentümliches Licht schimmerte, langsam zu ihr empor und antwortete:

„Sie haben recht, Komtesse! Was geht Sie der deutsche Tolpatsch an! Er bangt seit langer, langer Zeit nach einem freundlichen Wort, nach einem warmen Blick von ihnen. Mag er sich sehnen, mag er hoffen und harren; käme er einmal in Gefahr, Sie hätten nicht die geringste Sorge um ihn.“

Er hatte das in tiefer Erbitterung gesprochen, dennoch antwortete sie:

„Ja, das ist wirklich wahr.“

„Wie? Das wiederholen Sie?“

„Gewiß.“

„So lassen Sie mich doch auch gehen.“

„Aber warum doch nur?“ fragte sie, indem sie ihn abermals festhielt.

Da legte er seine Hand auf die ihrige und bat in tiefem Ernst:

„Hedwig, bitte, treiben Sie nicht ein frivoles Spiel mit mir. Sagen Sie mir einmal aufrichtig: Hassen Sie mich?“

„Hassen? O nein“, flüsterte sie.

„Aber gleichgültig bin ich Ihnen?“

„Auch das nicht. Ein Freund des Hauses kann doch nie gleichgültig sein.“

„Ich habe also für Sie nur das Interesse, welches ein solcher zu beanspruchen hat? Mehr nicht?“

Sie senkte das Köpfchen tief in ein aufgeschlagenes Notenbuch, antwortete aber nicht. Da ergriff er auch ihre andere Hand und flehte:

„Hedwig, bitte, nicht dieses tödliche Schweigen. Geben Sie eine Antwort.“

Da flüsterte sie:

„Ich soll noch größere Teilnahme für Sie hegen?“

„Oh, wie unendlich glücklich würde mich das machen.“

„Ah, womit hätten Sie sich denn diese Teilnahme verdient, mein Herr?“

Da ließ er ihre Hände los und seufzte:

„So können Sie fragen? Ja, ich will Ihnen antworten. Ich habe eine so große Teilnahme allerdings nicht verdient. Man kann alles Große tun, und doch wäre ein solcher Lohn noch zu hoch. Aber daß es Ihnen so gleichgültig sein würde, wenn ich in Todesgefahr käme, das tut weh.“

„Wer hat denn das gesagt?“ fragte sie rasch.

„Sagten Sie nicht, daß Sie sich ganz und gar nicht um mich sorgen würden?“

„Allerdings.“

„Nun, ist das nicht der größte Grad von Gleichgültigkeit?“

„Ganz und gar nicht.“

„So begreife ich Sie nicht.“

„Sie sind abermals und abermals ein Bär. Das begreifen Sie nicht? Wenn der Bär geht, um mit dem Wolf oder Fuchs zu kämpfen, wer wird da Sorge um ihn haben? Er muß und wird auf alle Fälle siegen.“

Er schüttelte den Kopf.

„Nie und nie werden Sie den Scherz lassen können“, klagte er. Da erweiterten sich ihre Augen; ihr Blick war groß und voll auf ihn gerichtet, und in tieferem Ton als gewöhnlich antwortete sie:

„Oh, mein Herr, ich kann auch ernsthaft sein.“

„Darf ich das glauben?“

Sie nickte ihm freundlich zu und sagte:

„Glauben Sie es. Ich kann sehr, sehr ernst sein, nämlich dann, wenn es wirklich gilt.“

„Wenn das so ist, so erfüllen Sie mir eine einzige Bitte.“

„Welche?“

„Seien Sie auch jetzt einmal ernst, Mademoiselle Hedwig.“

„Ist denn das so sehr notwendig?“

„Ja; ich versichere es Ihnen.“

„Nun gut, so will ich Ihnen diese Bitte erfüllen.“

„Warum sagten Sie vorhin, daß Sie um mich keine Sorge haben würden?“

Jetzt war sie es, welche ihr Händchen auf seinen Arm legte.

„Ich will ernst sein, sehr ernst“, sagte sie, „und dennoch muß ich Sie abermals einen Bären nennen. Überlegen Sie sich doch meine Worte! Sind Sie denn nicht ein klein wenig Logiker?“

Er schüttelte langsam und zweifelnd den Kopf, indem er antwortete:

„Ich wollte, ich könnte Sie verstehen und begreifen.“

„So bin ich wahrhaftig gezwungen, mich Ihnen verständlich zu machen. Wissen Sie, um wen man Sorge hat?“

„Nun?“

„Um Kinder –“

„Ah.“

„Ja, um Kinder, um unsichere und unzuverlässige Personen. Ich weiß nicht, ob ich recht habe und ob ich mich richtig ausgedrückt; aber um Personen, denen man ein volles Vertrauen schenkt, die man achtet oder hochachtet, kann man sich nicht sorgen.“

„Aber das Weib eines Kriegers, der im Feld ist?“

„Ist das Sorge, was sie fühlt? Ist es nicht vielmehr Angst?“

„Mag sein. Also Sie sorgen sich nicht um jemand, den Sie achten und dem Sie vertrauen?“

„Das habe ich gesagt.“

„Auch nicht um jemand, den Sie lieben?“

Da zog sie ihre Hand wieder von seinem Arm und antwortete:

„Sie fragen zu viel, Monsieur.“

Er haschte ihr Händchen wieder, hielt es fest und fuhr fort:

„So sagen Sie wenigstens, ob Sie bereits jemand kennen, um den Sie sich nicht sorgen, weil Sie ihn lieben.“

Da glitt ihr gewöhnliches schalkhaftes Lächeln wieder über ihr Gesicht.

„Ja“, antwortete sie in versicherndem Ton.

Er schien fast zu erschrecken und fragte leise und stockend:

„Wer ist das, wer? Darf ich das erfahren?“

„Ja, mein Herr; es ist ja kein Geheimnis.“

„Nun, wer ist es?“

„Ida, meine Schwester.“

„Donnerw –“; fast hätte er diesen Fluch ausgestoßen. Er hielt aber die zweite Hälfte desselben glücklich zurück und fuhr fort:

„Mein Gott, Komtesse, wollen Sie mich denn wirklich in Verzweiflung bringen? Ich versichere Ihnen, daß ich Ihre Schwester nicht gemeint habe.“

Da endlich schien sie ihn zu verstehen; sie machte ein sehr ernsthaftes Gesicht und sagte:

„Ah, jetzt erst weiß ich, woran Sie dachten!“

Ihre Miene gab ihm Veranlassung, neue Hoffnung zu schöpfen, darum sagte er, zu ihr hinübergeneigt:

„Gott sei Dank. Also, gibt es eine solche Person?“

„Ja, Herr Lieutenant“, antwortete sie leise und ihm freundlich zunickend.

„Wer ist es?“

„Meine Tante, die Gräfin.“

Das war ihm zu toll. Er öffnete bereits den Mund, um irgendein derbes Wort zu sagen, besann sich aber noch und hielt zurück. Doch drehte er sich um, um sich von ihr zu entfernen. Sie wollte ihn abermals festhalten, dies gelang ihr aber nicht, und so tat sie, was in diesem Fall am geratensten war. Sie folgte ihm, um an seiner Seite zu den beiden anderen zurückzukehren. Doch während der wenigen langsamen Schritte, die sie bis dahin taten, sagte sie:

„Sie zürnen mir?“

„Ja“, antwortete er kurz.

„Habe ich das verdient? Womit?“

„Ich glaubte, einen Stern in Ihnen zu finden. Sie aber sind der reine Irrwisch.“

Nur der Ärger hatte vermocht, ihm dieses letztere Wort zu entreißen.

„Mein Herr, Sie sind nun wieder und wieder ein Bär“, antwortete sie. „Vielleicht ist ein Irrwisch gerade für einen Bären ein Stern. Übrigens muß ich Ihnen sagen, daß auch ich höchst zornig auf Sie bin.“

„Ah! Warum?“

„Sagen Sie, wollen Sie heiraten?“

Er war ganz verblüfft über diese Frage. Diese hatte er keinesfalls erwartet. Es fiel ihm in der Schnelligkeit keine andere Antwort ein, als:

„Natürlich werde ich einmal heiraten.“

„Aber wann?“

„Zum Teufel“, dachte er bei sich im Inneren; „wozu diese nüchternen Fragen!“ Laut jedoch antwortete er ebenso nüchtern:

„Sobald mein Beruf und die Verhältnisse es erlauben, Mademoiselle.“

„So haben Sie also mit Ihrem Beruf und mit den Verhältnissen zu rechnen?“

„Leider!“

„O weh. Ich beklage ein jedes Herz, welches zu rechnen hat!“

„Beklagen Sie auch das meinige?“

„Vielleicht mehr als jedes andere.“

„Mehr? Wohl weil es umsonst rechnet und fühlt?“

„Nein, sondern weil ich wünsche, daß es fühlen dürfe, ohne zu rechnen.“

„Ja, die Damen hassen gewöhnlich das Rechnen.“

„Ich nicht. Ich halte es für ein angenehmes Turnen des Geistes.“

„Da möchte ich Sie bitten, mir beizustehen.“

„Im Rechnen?“

„Ja.“

„Gut. Hier meine Hand. Wir wollen miteinander berechnen. Die Ansprüche Ihres Berufs und die Gunst oder Ungunst der Verhältnisse.“

„Bis wie lange?“

„Bis wir ein gutes Fazit erreichen.“

„Und dieses Fazit heißt?“

„Schon wieder ein Bär! Man darf nicht mit den Pranken dreinschlagen.“

„Verzeihung. Aber ehe wir das Fazit erlangen, könnte das Irrlicht verlöschen.“

„Oder doch zeigen, daß es kein Irrlicht, sondern ein Stern sei.“

„Aber nicht für mich!“

„Für wen sonst?“

„Für einen anderen.“

Sie waren während der wenigen Schritte, welche sie zu tun hatten, einige Male halten geblieben. Auch jetzt blieb Hedwig stehen und sagte:

„Warum glauben Sie das?“

„Weil es so die Natur des Irrlichtes ist.“

„Aber es ist ja ein Stern, und Sie wissen, daß ein jeder Stern treu und unverdrossen um einen anderen kreist. Haben Sie denn nie Vertrauen?“

„Mein Gott, wer kann Vertrauen haben, wenn man nie ein Wort hört, welches so ernst ist, daß man darauf bauen könnte.“

Da trat sie ganz nahe zu ihm heran, ergriff seine Hand und sagte:

„Ist Hedwig ein Wort?“

„Ja, ein Name.“

„Bauen Sie auf dieses Wort. Ein besseres, festeres und sicheres kann ich Ihnen nicht sagen.“

Dann trat sie von ihm hinweg und begab sich nach dem Fenster, an welchem Ida mit Gebhard gestanden hatte, und zwar so vertieft in ihre Unterhaltung, daß sie auf Hedwig und Kunz gar keine Aufmerksamkeit gerichtet hatte.

Als Hedwig nach der Entfernung der Gräfin sich vom Stuhl erhoben hatte, um an das Piano zu treten, hatte sich Ida dem Fenster genähert, wie um irgend etwas in einem dort stehenden Stickkörbchen zu suchen. Da Gebhard sich nun allein am Tisch befunden hatte, war er ihr langsam gefolgt. Sie hörte das Nahen seines leisen Schritts und wendete sich langsam zu ihm um.

„Herr Lieutenant“, sagte sie, „glauben Sie, daß es mir erst in diesem Augenblick einfällt, daß ich beinahe einen Raub an Ihnen begangen hätte?“

Er wußte, was sie meinte. Als die Gräfin das Bild seiner Mutter betrachtet gehabt, hatte sie dasselbe an Ida zurückgegeben. Das schöne Mädchen hatte es spielend in der Hand behalten; spielend hatte sie es im Laufe der Unterhaltungen an ihre eigene Uhrkette genestelt und später nicht wieder daran gedacht. Erst jetzt war es ihr wieder eingefallen.

„Ja, einen Raub, einen großen Raub haben Sie an mir begangen“, antwortete er, indem er neben sie in die Fensternische trat, in welcher sie stand.

Sie wurden beide von den Gardinen so verdeckt, daß sie von der Schwester und Goldberg gar nicht gesehen werden konnten.

Bei dieser Antwort errötete Ida.

„Ich habe es vergessen“, meinte sie verlegen, „hätte Tante nicht während des Soupers Ihre Gegenwart gewünscht, so wären Sie gegangen, und ich hätte das Kleinod zurückbehalten – ganz ohne Absicht.“

„Ich wäre wiedergekommen und hätte es von Ihnen zurückerhalten“, antwortete er. „Aber Fräulein, ich meinte einen anderen Raub.“

„Einen anderen? Ich habe keine Ahnung –!“

Sie hatte mit gedämpfter Stimme gesprochen. War es infolge einer leisen Ahnung, trotzdem sie das Gegenteil behauptete?

„Sie ahnen es nicht, Komtesse? Ahnungslosigkeit ist in vielen Fällen ein sehr beneidenswerter Zustand, und so will ich Ihnen denselben nicht stören.“

„O nein, Monsieur“, entgegnete sie schnell, „habe ich ein Unrecht an Ihnen begangen, so bitte ich Sie um Verzeihung und um Mitteilung desselben.“

„Unrecht?“ sagte er. „O nein, tausendmal nein! Bitte, Mademoiselle, geben Sie mir einmal Ihr Händchen.“

Sie reichte ihm vertrauensvoll ihre Rechte dar. Er ergriff dieselbe und sagte:

„So! Diese Hand muß ich Ihnen drücken voll inniger Dankbarkeit, daß Sie mir in einem Augenblick zu Hilfe kamen, da ich schon alles verloren gab.“

Sie ließ ihm ihre Hand und antwortete:

„Sie haben einen vollständigen Sieg errungen, Herr von Königsau.“

„Oh, nur durch Ihr rechtzeitiges Einschreiten!“

„Ich tat nur, was mir mein Herz gebot. Tante hatte ein großes Unrecht gegen Sie begangen. Wie freut es mich, daß sie ihre Meinung so schnell geändert hat! Sie haßt leider die Deutschen und – die Offiziere, oder vielmehr den Stand der letzteren.“

„Warum, mein Fräulein?“

„Sie ist leidenschaftlich Französin.“

„Und da meinen Sie, müsse sie die Deutschen hassen?“

„Nicht meine Meinung ist es, sondern die ihrige, mein Herr.“

„Sie würden also keinen hassen aus dem einzigen Grund, daß er ein Deutscher ist?“

„Nein, nie! Sie haben mir vielmehr ganz aus der Seele gesprochen, als Sie jenes schöne Gebot des Erlösers erwähnten und die Stimme des Herzens, welche –“

Sie stockte. Dachte sie, zuviel gesagt oder überhaupt ein Gebiet berührt zu haben, welches zu betreten sie keine Berechtigung hatte? Er hielt ihre Hand noch immer in der seinigen. Sie machte nicht die leiseste Anstrengung, sie ihm zu entziehen. Es war beiden, als ob es so sein müsse und nicht anders sein könne. Ein süßer Schauer durchrieselte ihren Körper, als sie jetzt von ihm einen leisen Fingerdruck fühlte und dann die Worte hörte:

„Die Stimme des Herzens, welche –? O bitte, fahren Sie fort.“

„Nein, nein, ich weiß es nicht“, flüsterte sie verlegen.

„Ich glaube es Ihnen“, antwortete er zart. „Auch ich wußte es nicht, bin aber so glücklich, es erfahren zu haben.“

Es war ihm, als ob er ein ganz, ganz wenig bemerkbares Zucken ihrer Hand empfinde. War das infolge seiner Worte? Er konnte dies nicht erfahren, denn sie brachte ein anderes Thema, indem sie fragte:

„Sie erzählten von jener bösen Hiebwunde, welche Ihr Papa empfangen hat. Leidet er jetzt noch daran?“

„Sie verursacht ihm zuweilen Schmerzen.“

„Wie leid, wie sehr leid mir das tut. Ihr Vater muß ein außerordentlich angelegter Charakter sein.“

„Ich bin allerdings überzeugt, daß er schnell Karriere gemacht hätte, wenn jene Verwundung nicht dazwischen gekommen wäre.“

„Das ist lebhaft zu bedauern. Glauben Sie, daß ich Ihre Eltern persönlich kenne?“

„Wie? In Wirklichkeit persönlich?“ fragte er, im höchsten Grad überrascht.

Sein Staunen erheiterte sie, und ein leises Lächeln glitt über ihre schönen, sanften Züge.

„Ich bitte es nicht so ganz wirklich zu nehmen“, sagte sie. „Sie sind ein sehr guter Erzähler. Sie schildern so lebhaft und anschaulich, daß man die Personen, von denen Sie sprachen, gewissermaßen vor sich sieht und so liebgewinnt. Das ist es, was ich sagen wollte, und so habe ich es gemeint.“

„Sie haben meine Eltern lieb?“

„Ja, wer könnte das Bild Ihrer Mama sehen, ohne ihr die wärmste, vollste Sympathie zuzuwenden? Und derjenige, dem sie sich für das Leben anvertraut hat, muß ihrer würdig sein.“

Wie wohl taten diese Worte dem Lieutenant! Sie liebte seinen Vater und seine Mutter. War er nicht berechtigt, folgendermaßen weiter zu schließen: Sie liebt meinen Vater, weil er der Mutter würdig ist; nach den Gesetzen der Natur und Erfahrung, werde ich der Eltern nicht unwert sein, folglich kann auch mir die Liebe zu eigen werden. Sie fuhr fort:

„Ihr Vater ist ein sehr mutiger, sogar verwegener Mann gewesen. Ich bin überzeugt, daß Sie sein Ebenbild sind.“

„Woher vermuten Sie das?“ fragte er.

„Es ist keine Vermutung, sondern Überzeugung. Wer in die Sahara geht, der hat ein mutiges Herz. Und daß Sie ein solches besitzen, haben Sie ja auch heute wiederholt und zur Genüge bewiesen. Werden Sie mir glauben, daß ich für Sie gezittert habe?“

„Dieses Duells wegen?“

„O nein, Herr Lieutenant, sondern der Tante wegen.“

„Ist sie so schlimm?“ fragte er in einem scherzhaften Ton.

„Schlimm nicht, aber sehr eigen. Fast befürchtete ich, daß sie dem Diener Befehl geben werde, Sie fortzuführen. Sie hat das bereits öfters getan. Wegen des Duells aber befürchte ich nicht das geringste.“

„Das ist ein Beweis, daß auch Sie ein mutiges Herz besitzen.“

„O nein; ich bin im Gegenteil ein ganz und gar zaghaftes Wesen.“

„Aber, Mademoiselle, ein Duell ist eine sehr ernsthafte Sache!“

„Ich weiß das, mein Herr.“

„Man kann verwundet werden, man kann sogar fallen.“

„Wie sehr haben Sie recht! Deshalb habe ich es auch nie begreifen und verstehen können, daß gewisse Gesellschaftsklassen gezwungen sein sollen, ihre Differenzen auf eine so rohe, meist auch ungerechte Weise beizulegen, während andere Kreise die Wohltat einer geordneten Gesetzgebung genießen.“

„Es mag sein, daß die Angehörigen der ersten Klasse vielfach von Gebrauch, Herkommen und Vorurteil fortgerissen werden. Aber ich bitte Sie, mir zu sagen, wie anders ich Ihrem Cousin hätte antworten dürfen?“

„Sie mußten ihn allerdings fordern, um nicht als Feigling zu gelten. Das ist, wie ich gehört habe, in Offizierskreisen die Gepflogenheit.“

„Es war sogar das wenigste, was ich tun konnte.“

„Noch mehr also?“

„Ja. Wäre er mir an einem anderen Ort und nicht in Ihrer Gegenwart in dieser Weise entgegengetreten, so hätte ich ihn an Ort und Stelle, und zwar augenblicklich persönlich gezüchtigt.“

„Mon dieu!“ rief sie erschrocken. „Wie gut, daß das nicht stattgefunden hat.“

„Ich begreife die Rücksicht, mit welcher die Frau Gräfin diese unangenehme Angelegenheit mit Schweigen übergangen hat; aber aufrichtig muß ich Ihnen gestehen, daß ich diese Ruhe deshalb bewundere, weil es sich dabei doch um einen so nahen Verwandten handelt.“

„Daran ist nichts zu bewundern“, lächelte sie. „Ich hörte, daß Sie ein so guter Schütze und Fechter sind?“

„Oh, das war nur Redensart, die ich in Anwendung brachte, weil Ihr Cousin behauptete, mich in Grund und Boden hauen oder schießen zu wollen.“

„Und doch weiß ich, daß Sie die Wahrheit gesagt haben. Aber all Ihre Kunst und Geschicklichkeit wird hier vergeblich sein.“

„Ah, Sie meinen, daß mein Gegner mir überlegen sei?“

„Ganz und gar nicht. Ich meine vielmehr, daß das Duell gar nicht stattfinden wird.“

„Ich habe eine andere Überzeugung.“

„Ich spreche aus Erfahrung.“

„So hat der Graf schon einmal oder mehrere Male sich geschlagen?“

„Oh, nicht ein einziges Mal. Er schlägt sich ja überhaupt nie.“

„Aber, ich denke, daß Sie aus Erfahrung sprechen?“

„Allerdings. Er war schon öfters gefordert, hat aber nicht angenommen.“

„Ah, wissen Sie, daß dies ehrlos ist?“

Sie schwieg ein Weilchen und antwortete dann:

„Sie haben recht. Er ist ein großer Feigling. Tante verachtet ihn, und wir –“

„Und Sie –?“ fragte er, als sie fortzufahren zögerte.

„Wir können ihn weder lieben noch anbeten.“

„Ich werde ihn veranlassen, ehrenvoll zu handeln.“

„Wieso?“

„Indem ich ihn zwinge, sich mit mir zu schlagen?“

„Das wird Ihnen auf keinen Fall gelingen.“

„Dann werde ich Sie, Mademoiselle, wohl niemals wiedersehen dürfen.“

„Niemals? Warum?“ fragte sie rasch.

„Weil ich etwas tun werde, was mir Ihren Zorn zuziehen wird.“

„Dürfen Sie mir dies mitteilen?“

„Ja, ich will, ich muß es Ihnen sagen. Vielleicht besitzen Sie soviel Einfluß auf Ihren Cousin, das drohende Unheil von ihm abzuwenden.“

„Ah, Sie machen mich wirklich fürchten.“

Er mußte leise lächeln, als er ihr mit der Frage antwortete:

„So lieben Sie also das Gruseln nicht so wie Komtesse Hedwig?“

„O nein, nein; ich fürchte es. Aber welches Urteil droht dem Grafen?“

„Wenn er meine Forderung zurückweist, werde ich ihn öffentlich demütigen.“

„Muß das denn geschehen?“

„Ja. Wenn ich mich ohne dieses abweisen lasse, würde der Vorwurf der Feigheit auf mich fallen.“

Sie schüttelte mißbilligend das schöne Köpfchen.

„Ich mache Ihnen keine Vorwürfe“, sagte sie; „aber ich beklage Sie und alle Ihre Standesgenossen, welche von derartigen Anschauungen und Herkömmlichkeiten abhängig sind. Doch sehe ich ein, daß Sie den Vorwurf der Feigheit auf keinen Fall auf sich laden dürfen. Darf ich wissen, auf welche Weise Sie in diesem Fall die Demütigung des Grafen vornehmen würden?“

„Das weiß ich selbst noch nicht; es wird dies durch die gegebenen Umstände bestimmt werden.“

„Wird es durch Schrift oder Wort geschehen, oder gar durch die Tat?“

„Auch das ist möglich, vielleicht noch eher möglich, als das andere.“

Sie schwieg und blickte sinnend zum Fenster hinaus. Noch immer hielt er ihre Hand in der seinigen. Da drehte sie sich rasch herum, gab ihm auch die Linke und sagte, indem sie den Kopf näher zu ihm neigte:

„Werden Sie mir eine Bitte, eine recht eigentümliche Bitte erfüllen und mir sie auch nicht anders deuten, als sie gemeint wird?“

Es war ein höchst unangenehmes Gefühl, welches ihn überschlich.

„Ich glaube, diese Bitte erraten zu können“, sagte er. „Aber leider wird es mir unmöglich sein, sie zu erfüllen.“

„Nein, Sie erraten sie nicht, und bei nur einigem guten Willen wird es Ihnen gar nicht schwer werden, mir diese Liebe zu erweisen.“

Liebe – dieses Wort hatte sie ausgesprochen. Es wurde ihm so warm, so weit, so eigentümlich und unbeschreiblich im Herzen.

„Sie wollen für Ihren Cousin um Schonung bitten?“ fragte er zagend.

„Nein, o nein! Wie könnte ich dieses tun! Wie könnte ich einen Wunsch aussprechen, mit dessen Erfüllung Ihre Ehre beleidigt würde.“

„So sprechen Sie, Mademoiselle.“

„Ja, ich will wagen, zu sprechen. Bitte, handeln Sie in dieser Angelegenheit so, daß das Bild, welches Sie Ihrer Mama von sich zurückgelassen haben, nicht getrübt werde! Das ist meine Bitte. Und nun sagen Sie mir, ob Sie mir zürnen oder ob Sie mir verzeihen können.“

„Jetzt verstehe ich Sie vollkommen“, antwortete er, und aus seinem halblauten Ton klang es wie Glück und Jubel heraus. „Ich Ihnen zürnen? O nein und tausendmal nein. Ich werde zwar so handeln, wie ich auf alle Fälle gehandelt hätte; aber ich habe von Ihnen ein Geschenk empfangen, so kostbar, so wertvoll, daß ich es gegen Schätze und Reichtümer nicht vertauschen würde.“

„Ein Geschenk?“ fragte sie ahnungslos.

„Ja, ein großes, kostbares Geschenk, welches Sie mir freiwillig darbringen, ohne es zu wissen. Mademoiselle, Sie haben mit Ihrer Bitte aufrichtig zu mir gesprochen; darf ich ebenso aufrichtig gegen Sie sein?“

„Ja, Monsieur, sprechen Sie!“

Sie nickte ihm dabei so freundlich und aufmunternd zu, daß er Mut faßte.

„Sie haben das Bild meiner Mutter gesehen“, begann er. „Sie ist ein Engel an Schönheit gewesen, aber auch ein Engel an Reinheit und Herzensgüte.“

„Ich bin davon überzeugt, Herr von Königsau.“

„Mein Vater war ein tüchtiger Offizier, offen, bescheiden, dabei kenntnisvoll schneidig und sogar verwegen. Als diese beiden sich zum ersten Mal sahen, fühlten sie sofort, daß sie sich für das Leben angehörten. Glauben Sie, daß die Liebe so stark, so mächtig und – so schnell sein kann?“

Sie senkte errötend das Köpfchen und antwortete sehr leise:

„Fast glaube ich es.“

„Werden Sie auch glauben, daß mein Vater dann beim ersten Beisammensein der Mutter von seiner Liebe gesprochen hat?“

„Sie sagen es, und da muß es ja wahr sein.“

„Werden Sie das nicht für eine Verwegenheit von ihm erklären?“

„Ich habe keinen Maßstab für solche Vorkommnisse, Herr Lieutenant; aber ich denke, wer eine wirkliche und wahre Liebe, die keine Täuschung enthält, im Herzen trägt, der muß auch die Erlaubnis haben, von ihr sprechen zu dürfen.“

„Sie meinen doch die Erlaubnis, zur Geliebten sprechen zu dürfen?“

„Ja. Es ist besser, er erfährt gleich in der ersten Stunde, daß seine Liebe erhört werden kann oder eine vergebliche sei, da ihm in dem letzteren Fall wohl noch die Möglichkeit bleibt, sie zu bekämpfen.“

„Da ist aber vorausgesetzt, daß die geliebte Person auch gleich in der ersten Stunde einen Eindruck empfangen hat, der es ihr möglich macht, über ein so großes Glück oder ein so schweres Weh zu entscheiden.“

„Ist dies nicht stets der Fall, Monsieur?“ fragte sie.

Diese Frage brachte einen solchen Sturm von Gefühlen in ihm hervor, daß er eine volle Minute schweigend verharrte, ehe er antwortete:

„Ich glaube, es ist dies meist der Fall. Und nun will ich Ihnen sagen, daß auch ich die Stimme des Herzens gehört habe, von welcher Sie vorhin sprechen wollten, aber nicht weiter sprachen. Es ist so schnell und unerwartet gekommen; es hat mich überfallen so hell und blendend, wie ein mächtiger, gewaltiger Lichtstrahl, der in die finstere Tiefe dringt, und dann regen sich Millionen und aber Millionen unbekannte Triebe, um hinauszustreben und hinauszuwachsen in das Reich des Lichtes und der Wonne.“

Er hatte langsam und mit Innigkeit gesprochen. Noch immer hielt er ihre Hände gefaßt, die sie ihm noch nicht entzogen hatte. Sie schwieg; aber es war ihm, als ob er diese weichen, warmen Händchen leise, leise beben fühlte.

„Und Sie fragen nicht“, fuhr er fort, „wer diese Sonne ist, deren Strahl so mächtig, so schöpferisch in mein Herz gedrungen ist?“

„Wie dürfte ich fragen?“ sagte sie nach einer Pause.

„Sie dürfen! Ja, Sie sind es, welche es am ersten und am meisten darf. Soll ich es Ihnen sagen, Mademoiselle Ida?“

Sie wendete das Köpfchen langsam zur Seite.

„Bitte, bitte! Darf ich?“ wiederholte er mit dringlichster Innigkeit.

„Sprechen Sie“, hauchte sie, so daß er es kaum hören konnte.

„Es gibt eine Sage, daß Gott immer zwei Seelen zur Erde sende, welche zueinander gehören. Sie nehmen Wohnung in menschlichen Körpern, welche näher oder entfernter voneinander wohnen; aber wenn sich diese beiden Menschenkinder begegnen, so erkennen sich die Seelen und bleiben von nun an beieinander für das ganze Erdenleben.“

„Welch eine schöne Sage!“ flüsterte sie.

„Sie fiel mir ein, als ich heute bei Ihnen Zutritt nahm. Ich sah da zwei Augen auf mich gerichtet, zwei Augen von wunderbarer Tiefe und Milde, so rein und innig, wie ich noch keine je gesehen hatte. Aus diesen Augen blickte es mir entgegen wie ein treuer Gruß aus einer anderen Welt; ich fühlte, daß ich hier meine Seele gefunden habe, welche mir ihr Willkommen entgegenstrahlte. Habe ich mich geirrt, Mademoiselle?“

Sie war von einer tiefen Bewegung ergriffen. Ihr Busen wogte, und ihr Atem wurde hörbar. Sie hatte seine Worte bereitwillig angehört, sie entzog ihm ihre Hände nicht, aber sie wagte nicht, eine Antwort zu geben.

„Soll ich vergebens fragen?“ fuhr er fort. „O bitte, bitte, sagen Sie mir, ob ich mich geirrt habe oder nicht.“

Er neigte das Ohr zu ihr nieder, um ihre Antwort besser zu vernehmen. Er lauschte längere Zeit vergeblich; da aber klang es endlich, kaum hörbar:

„Kann denn ich das wissen?“

„Ja, Sie allein können es wissen, Sie und keine andere, denn Sie sind es ja, aus deren Augen mir dieser Gruß entgegenflutete. Sie sind es, zu der mich meine Seele zieht. Sie sind es, die mir vorkommt wie eine fleischgewordene Verheißung unendlicher Seligkeit. Ihr Blick ist es gewesen, welcher mir in das Herz gedrungen ist wie ein übermächtiger Sonnenstrahl, und nun ist jeder Puls meines Herzens, jeder Zug meines Atems und jede Faser meines Innern eine Frage an Sie, ob es so wahr ist, daß Sie mein Licht, mein Sonnenstrahl und meine Seele sind.“

„O Gott“, flüsterte sie; „kann ich denn antworten? Darf ich antworten? Was soll ich Ihnen sagen?“

„Nur das, was Sie selbst fühlen, nichts anderes.“

„Und doch kann ich nicht sprechen“, hauchte sie in holder Verwirrung. „Das kommt so schnell, so ungeahnt. Das ist so unbesiegbar, so gewaltig, und macht mich doch so bang und bringt mir Angst und Furcht.“

Er sah zwei große Tropfen in ihren Augen stehen. Die echte, wahre Liebe ist unüberwindlich. Er zweifelte nicht an seinem Glück; aber er begriff die gewaltige Aufregung, welche seine Worte in dieser reinen, bisher so ruhigen Mädchenseele hervorbringen mußten. Nicht Leid und Weh, sondern dieser Sturm des Herzens war es, welcher die Tränen emporgetrieben hatte, daß sie nun als Perlen an den Wimpern glänzten, beredte Zeugen einer Gemütstiefe, welche noch andere Schätze bergen mußte, als nur diese Perlen. Es wurde ihm so wunderbar zumute. Es wäre ihm unmöglich gewesen, die Aufregung der Geliebten zu benutzen, um sich einen Beweis der Zärtlichkeit zu erlauben. Die Nähe einer reinen, unbefleckten Seele wirkt heiligend. Er hielt nur immer noch ihre Hände in den seinigen und sagte bittend und in beruhigendem Ton:

„Sie können sprechen, Ida! Haben Sie nicht Angst und Furcht! Es ist mir, als stehe meine Mutter neben uns und höre ein jedes meiner Worte. Ich spreche aus der tiefsten Tiefe meines Herzens zu Ihnen, aber ich habe die Kraft, die Pforte dieses Herzens augenblicklich zu schließen, wenn Sie meine Worte nicht hören wollen. Ich würde unendlich traurig von Ihnen scheiden; aber ich würde das Bewußtsein mitnehmen, zwar aufrichtig gewesen zu sein, Sie aber nicht gekränkt zu haben. Nur diese lieben, lieben Händchen will ich halten; nur in Ihre Augen will ich blicken, und Ihre Stimme will ich hören. Können Sie mich lieben, so bin ich selig und unendlich beglückt; aber ich werde nichts, nichts weiter von Ihnen verlangen und erbitten, als nur dies eine Wort, welches zwischen uns entscheidet. Ich werde meinem Beruf folgen und in die Fremde gehen; ich werde das Andenken an Sie und meine gute Mutter mitnehmen als das Doppelgestirn, zu dem ich voller Dank und Ehrfurcht emporblicke, und dann, wenn ich zurückkehre und Sie die Überzeugung gewonnen haben, daß ich Ihrer würdig bin, dann erst werde ich mir eine süße Gabe von Ihnen erbitten, eine Gabe, welche mir bisher nur von der Mutter wurde – einen Kuß, den ersten Kuß der Liebe.“

Da plötzlich entzog sie ihm die Hände. Schon glaubte er, sie beleidigt zu haben; aber er sah den eigentümlich seligen Blick, mit welchem sie ihre Augen groß und voll auf sein Antlitz richtete.

„Dann, nach so langer Zeit erbitten Sie den Kuß?“ fragte sie.

„Ja“, antwortete er.

„Und jetzt genügt Ihnen das Wort, daß ich die Ihrige bin?“

„Genügen? Ida, welch ein Wort! Die Überzeugung, daß Sie mir gehören wollen, wiegt ja alle Schätze der Erde auf.“

Das vorhin so ängstliche Mädchen war plötzlich ganz anders geworden. Die Liebe ist allmächtig. Ein süßer, unwiderstehlicher Drang trieb Ida, die Arme um den Hals des Geliebten zu legen. Sie schlang sie um seinen Nacken, legte das Köpfchen an seine Brust und flüsterte:

„Hier hast du diese Schätze, und hier hast du auch den Kuß, nicht nach Jahren, sondern bereits heute!“

Und ehe er es sich versah, fühlte er ihren warmen Mund auf seinen Lippen.

Er legte voller Wonne die beiden Arme um sie, erwiderte den Kuß und fragte:

„Ist es wahr, du Holde, du Reine, du liebst mich wirklich?“

„Oh, wie sehr, wie innig!“ hauchte sie.

„Und kennst mich doch erst seit Stunden?“

„Sagtest du nicht selbst, daß die Liebe so mächtig, so unwiderstehlich – so schnell sei?“

„Ja, das sagte ich, denn ich hatte es an mir selbst erfahren. Und dir ist es ebenso ergangen?“

„Ganz so wie dir, Geliebter. Die Sage von den beiden Seelen ist wahr.“

„Sie ist wahr. Die Seelen haben sich gefunden, und nun sollen sie nicht mehr zwei, sondern eine Seele sein.“

So standen sie innig aneinandergeschmiegt am Fenster beisammen, bis Kunz von Goldberg und Hedwig herbeitraten. Wie anders war Ida als Hedwig, und doch waren beide Schwestern. Und doch fühlte auch Goldberg sich beglückt. Die letzten Worte der schönen ‚Unbezähmbaren‘ hatten ihm Hoffnung gemacht, daß sein Herzenswunsch sich doch noch erfüllen werde.

„Ah, Vorstudien!“ sagte er munter.

„Wieso?“ fragte Gebhard, indem er sich zwang, auf seinem Gesicht nichts von dem Glück, welches ihn beseligte, merken zu lassen.

„Du stehst mit deiner Dame am Fenster und zählst die Sterne. Das soll in der Wüste noch viel leichter und interessanter sein. Ist nicht der Sirius dort dreimal so groß, als hier bei uns der Mond?“

„Das glaube ich kaum; aber in meinem ersten Brief, den du erhältst, werde ich dir darüber eine ganz genaue Auskunft erteilen.“

„Ich hoffe es. Jetzt hätten wir auch keine Zeit zu so himmlischen Betrachtungen, denn da kommt die gnädige Frau zurück.“

Die Gräfin trat wieder ein, und gleich darauf wurde gemeldet, daß angerichtet sei. Nun während der Tafel erst brachte die Dame des Hauses das Gespräch auf ihr Lieblingsthema, auf das Reisen und die Erforschung fremder Kontinente und Länder. Sie war auf diesem Gebiet außerordentlich belesen und hatte sich geographische Kenntnisse angeeignet, welche man nicht bei einer Dame zu finden gewöhnt ist.

Gebhard konnte ihr treulichst sekundieren, was sie in ein wahres Entzücken versetzte. Und als er nun gar sich innig vertraut mit den Erlebnissen von Gérard, dem Löwenjäger, zeigte, da hatte er ihre vollständige Zuneigung sich erobert.

„Sonst sind die Deutschen große geographische Ignoranten“, meinte sie. „Wie kommt es, daß Sie eine so rühmliche Ausnahme machen?“

Gebhard hütete sich, zu verraten, daß er ihrer Behauptung nicht beipflichte, sondern vollständig anderer Meinung sei. Er antwortete:

„Ich interessierte mich schon als Knabe für dieses Fach und habe mir wirkliche Mühe gegeben, mir einige Kenntnisse anzueignen.“

„Einige? Sie sind sogar sehr gut bewandert, und ich glaube, daß selbst ich nicht viel vor Ihnen voraus habe. Ihre Sprachkenntnisse besitze ich nicht. Sagen Sie, ob Sie auch Arabisch verstehen. Sie brauchen doch dasselbe bei Ihrer Reise durch die Wüste.“

„Ich hatte mich bislang noch nicht mit dieser Sprache beschäftigt; aber nachdem ich meine gegenwärtige Bestimmung erhalten, habe ich schleunigst ihr Studium begonnen. Wir werden übrigens gute Dolmetscher haben.“

„Besuchen Sie mich täglich. Ich werde Professor Grénaux einladen: Er ist Lehrer der arabischen Sprache und wird Ihnen nützlich sein können.“

Das war außerordentlich viel. Kunz von Goldberg sprach sich ganz verwundert darüber aus, als sie auf dem Heimweg begriffen waren.

„Glückskind!“ sagte er. „Wer hätte das gedacht?“

„Ich selbst nicht“, antwortete Gebhard.

„Ich kann dir aufrichtig sagen, daß ich dich erst für etwas verrückt hielt.“

„Als ich der Gräfin meine Meinung sagte?“

„Ja. Das war mehr als verwegen.“

„Hat aber gewaltig imponiert“, lachte Königsau vor sich hin.

„Und dann dieser Graf Rallion. Ich glaube, daß er sich nicht wieder bei der Tante sehen läßt, sobald wir bei ihr sind.“

„Ich hoffe, daß du mir morgen zu Diensten sein wirst.“

„Gewiß. Ich werde zur angegebenen Zeit bei ihm vorsprechen und dir das Resultat mitteilen. Wie gefällt dir die Gräfin?“

„Sehr gut.“

„Ah, weil du Hans im Glück bei ihr gewesen bist. Sieh zu, daß du es auch ferner bleibst. Und was sagst du zu den Nichten?“

„Hm. Junge Mädchen.“

„Was?“ fragte Goldberg erstaunt. „Junge Mädchen? Weiter nichts?“

„Was weiter?“

„Hübsch.“

„So la la!“

„Geistreich.“

„Aber unbezähmbar.“

„Große Erbschaft zu erwarten.“

„Haben sie aber noch nicht.“

„Erlaube mir, dich nicht zu begreifen.“

„Ist dir sehr gern gestattet.“

„Erst branntest du vor Begierde, die Familie kennenzulernen, und nun ich dich eingeführt habe, bist du die personifizierte Gleichgültigkeit.“

„Hm, ich bin befriedigt!“ antwortete Gebhard zweideutig.

„So so! Wirst du wieder hingehen?“

„Das versteht sich. Die Gräfin interessiert mich außerordentlich.“

„Aber die Nichten weniger. Mensch, du hast wirklich Fischblut in den Adern. Sage mir übrigens, welchem von den beiden Mädchen du den Vorzug geben würdest!“

„Ida. Du ziehst natürlich die Unbezähmbare vor.“

„Allerdings.“

„Ihr wart heute verteufelt musikalisch.“

„Bitte, nicht zu sticheln. Wir studierten einfach Partituren und Noten.“

„Gab es da vielleicht die Partitur einer gewissen Oper, die Zähmung der Widerspenstigen genannt?“

„Du, ist das nicht vielmehr ein Lustspiel?“

„Mir gleich, wenn dir nur die Zähmung gut gelungen ist.“

„Vielleicht.“

„Ah, wirklich?“

„Ja. Weißt du, lieber Freund, ich glaube, daß ich Hedwig bisher doch falsch behandelt habe. Sie ist munter, übersprudelnd, voller Schnacken und Schnurren; ich aber bin stets furchtbar elegisch gewesen.“

„Das ist ein Fehler.“

„Der aber von nun an vermieden werden soll.“

„Wünsche guten Erfolg.“

Die beiden Freunde trennte sich voneinander, jeder erfüllt von der Gewißheit, daß er von der Geliebten träumen werde.

Aber der Traumgott ist ein neckischer, schadenfroher Kerl, es beliebte ihm heute, diesen Wunsch weder Goldberg noch Königsau zu erfüllen.

Am nächsten Abend begaben beide sich wieder zur Gräfin, bei welcher sie versprochenermaßen den Professor fanden. Beide nahmen Königsau so in Beschlag, daß es ihm unmöglich war, mit Ida ein vertrauliches Wort zu sprechen. Erst als nach der Tafel Hedwig als gewandte Pianistin sich an das Instrument setzte, um eine längere Komposition vorzutragen, nahm er neben der Geliebten Platz und flüsterte mit ihr, während beide sich jedoch den Anschein gaben, als ob sie dem Vortrag mit der größten Aufmerksamkeit folgten.

Die erste Frage Idas galt ihrem Cousin, dem Grafen.

„War dein Freund bei ihm?“ erkundigte sie sich.

„Ja. Das ist geschehen.“

„Abgewiesen, nicht wahr?“

„Nein; aber er hat ihn gar nicht getroffen.“

„Ah, er hat sich euch durch einen Spaziergang entzogen?“

„Nein, sondern sogar durch eine Reise.“

„Das ist ebenso vorsichtig wie feig. Wohin ist er?“

„Nach Genf und dann weiter.“

„Was beabsichtigst du nun gegen ihn zu unternehmen?“

„Jetzt gar nichts. Es wurde gesagt, daß er erst nach Monaten wiederkehren werde; dann bin ich längst nicht mehr hier. Ich werde mit dieser Angelegenheit also warten müssen, bis auch ich von meiner Reise zurückkehre.“

„Und dann?“

„Dann sollst du meine Ratgeberin sein, meine Seele.“

„Wirklich? Wirst du auf mich hören?“

„Gewiß, denn ich bin überzeugt, daß du nichts wünschen wirst, was die Rücksicht auf meine Ehre dir abschlagen müßte. Wir besitzen seit gestern nur ein Leben und ein Wollen, also hast du in dieser Angelegenheit ebenso zu entscheiden wie ich.“

Sie drückte ihm voll innigster Dankbarkeit die Hand.

So fand er sich täglich bei der Gräfin ein, oft des Tages zweimal, und obgleich er sich nicht direkte Mühe gab, ihr Wohlwollen zu festigen, schien dasselbe doch von Tag zu Tag zu wachsen. Solange er sich in Paris befand, schrieb er täglich an die Eltern und erhielt auch täglich eine Antwort. Diese Briefe überließ er der Gräfin zur Durchsicht, wodurch sie immer weitere Einsicht in die Verhältnisse seiner Familie erhielt und ein immer größeres Interesse an den Seinigen gewann. – – –

So nahte der Tag seiner Abreise immer mehr heran. Endlich war der Aufbruch für übermorgen bestimmt. Er saß des Abends wieder bei der Gräfin, mit ihr über Jagd- und Reiseabenteuer sprechend, während Kunz mit den beiden jungen Damen das Auditorium bildeten. Da unterbrach sich die Gräfin plötzlich im Redefluß, indem sie fragte:

„Ah, was ich vorhin vergaß. Ist kein Brief von Ihren guten Eltern angekommen?“

„Ja, Madame; der letzte, den ich in Paris zu erwarten habe.“

„Ist er diskreter Natur?“

„Nein, gar nicht. Darf ich Ihnen denselben zur Verfügung stellen?“

„Ich bitte darum.“

Er gab ihr das Schreiben. Sie setzte die Brille auf, zog die Astrallampe näher und begann zu lesen. Unterdessen unterhielten sich die jungen Leute halblaut miteinander, wobei jedoch Gebhard die Gräfin scharf, aber verstohlen beobachtete.

Da plötzlich, bei einer Stelle, blickte sie über das Papier scharf zu ihm herüber. Sie fixierte ihn eine ganze Weile, ohne daß er tat, als ob er es bemerkte. Ihr Gesicht hatte dabei nach langer Zeit wieder einmal den alten, harten Ausdruck angenommen. Dann sah sie wieder in den Brief zurück, um ihn bis zum Ende zu lesen.

Als sie fertig war, gab sie ihm denselben zurück, ohne aber, wie früher gewöhnlich, eine ganze Reihe von Bemerkungen daran zu knüpfen. Aber nach der Tafel machte sie ihm die Mitteilung, daß heute einige geographische Werke angekommen seien. Wenn er Einsicht in dieselben nehmen wolle, möge er ihr in ihr Zimmer folgen.

Diese Auszeichnung war ihm noch nicht zuteil geworden. Er folgte ihr. Durch mehrere Räume, und auch die Bibliothek, welche er kennengelernt hatte, hindurchschreitend, führte sie ihn in ihr Boudoir. Er kannte dasselbe aus der Beschreibung, welche ihm Kunz davon gegeben hatte. Dort bot sie ihm einen Sessel an, während sie selbst nicht Platz nahm, sondern im Raum hin und her schritt, wie es ihre Angewohnheit war, wenn sie von irgendeinem Gedanken oder einer Angelegenheit mehr als gewöhnlich in Beschlag genommen wurde.

„Junger Mann, Sie erwarten, geographische Werke zu sehen“, begann sie; „aber ich gestehe Ihnen, daß ich keine bekommen habe.“

Er hatte das geahnt, machte aber doch ein einigermaßen verwundertes Gesicht, als ob er sich die Ursache ihres Verhaltens gar nicht denken könne.

„Es war dies nur ein Behelf, mit Ihnen unter vier Augen sprechen zu können. Es betrifft einen wichtigen Gegenstand. Werden Sie aufrichtig mit sich reden lassen?“

„Ich hoffe, gnädige Frau, daß Sie mich kennen –“

„Schon gut. Sie selbst aber sind keineswegs aufrichtig mit mir gewesen.“

Er tat, als ob er sie nicht recht verstehe; darum fuhr sie fort:

„Darf ich mir den Brief Ihrer Mama nochmals erbitten?“

„Gern. Hier ist er.“

Sie nahm ihn, faltete ihn auseinander und sagte:

„Ich werde Ihnen einige Zeilen, welche ich hier fand, vorlesen, obgleich Sie dieselben bereits ebensogut und noch besser kennen als ich. Hören Sie.“

Sie las:

„Was nun die hochwichtige Mitteilung betrifft, welche Du uns in Deinem letzten Schreiben machst, so ist mein Mutterherz voller Freude, daß Du gerade in Paris, meiner Vaterstadt, ein Wesen gefunden hast, welches Deiner so sehr wert zu sein scheint und Dich mit seiner Liebe beglücken will. Unserer Zustimmung bedarfst Du nicht. Wir kennen Dich und wissen, daß Deine Wahl eine gute sein wird. Nimm daher unseren Segen und sei mit dem lieben Kind, nachdem es Dein Weib geworden ist, ebenso glücklich, wie Deine Eltern es durch einander wurden.“

Obgleich der Brief weiterging, las die Gräfin nur bis hierher. Sie gab ihm das Papier zurück, schritt einige Male nachdenklich hin und her, und begann dann mit einem sehr ernsten Ton:

„Geben Sie zu, nicht aufrichtig mit mir gewesen zu sein?“

„Ah, Madame, Sie meinen, weil ich Ihnen nicht dieselbe Mitteilung gemacht habe, welche ich hier meinen Eltern machte?“

„Ja. Ich habe zwar kein direktes Recht, eine solche Aufrichtigkeit zu verlangen; aber es hätte mich doch sehr gefreut, sie zu finden.“

„So habe ich Sie allerdings sehr um Verzeihung zu bitten.“

„Ich verzeihe Ihnen. Aber seien Sie jetzt aufrichtig. Ich glaubte, daß Sie Ihre Heimat verlassen haben, ohne Ihr Herz dort zurückzulassen?“

„So war es auch, wenigstens in dem Sinn, welchen Sie meinen.“

„Jetzt aber lieben Sie eine Pariserin?“

„Ja.“

„Ich will nicht weiter in Sie dringen, als unbedingt nötig ist. Ist es ein Mädchen aus anständiger Familie und Ihnen ebenbürtig?“

„Vollständig.“

„Sie erwidert Ihre Liebe?“

„Herzlich.“

„Es ist also keine Vernunftheirat, welche Sie beabsichtigen.“

„Nein, sondern eine Herzensverbindung.“

„Ich beneide Sie.“

Sie blieb stehen und blickte zum Fenster hinaus, welches sie geöffnet hatte. Der Schein des Lichtes erhellte ihr Profil, und Gebhard meinte, dasselbe noch nie so weich gesehen zu haben. Welche Gedanken mochten jetzt durch ihre Seele gehen!

Da trat sie zurück, öffnete ein Pult und zog eine Mappe hervor. Aus derselben nahm sie ein Aquarellporträt und gab es ihm.

„Sehen Sie diesen Mann. Kennen Sie ihn?“

Gebhard ahnte, wer es sei, doch antwortete er wahrheitsgemäß:

„Ich habe ihn nie gesehen.“

„Das weiß ich, und dennoch steht er Ihnen nahe, viel näher, als Sie es denken.“

Sie blieb vor ihm stehen, kreuzte die Arme über der Brust, wie es willenskräftige Frauen gern zu tun pflegen, und fuhr fort:

„Auch ich war einmal jung; auch ich liebte – diesen da. Mein Vater war Baron, der seinige jedoch ein einfacher Bürgersmann, dessen Vorfahren auf ihr ‚von‘ verzichtet hatten. Man trennte uns. Es war ein Herzeleid. Ich wurde Gräfin Rallion, und er nahm sich auch ein Weib. Wir sahen uns nicht, aber wir vergaßen uns auch nicht. Er war Bankier und wurde der finanzielle Rat meines Mannes. Nun sahen wir uns öfter. Die alte Liebe erwachte, aber wir mußten uns fremd bleiben. Eins nur habe ich gerettet außer der Erinnerung – dieses Porträt. Es ist mir mehr wert, als manches Juwel, welches ich besitze. Er starb. Auch mein Mann starb, und ich wurde Witwe. Ich war reich gewesen, aber nicht glücklich; ich blieb reich, aber auch unglücklich. Da begegnete mir ein Nachkomme dieses Mannes, und sofort erwachte das alte Gemüt und das alte Herz, welches ich tot und verknöchert wähnte. Raten Sie, wer der Nachkomme ist.“

Gebhard sah sich gezwungen, eine kleine Unwahrheit zu sagen.

„Ich habe keine Ahnung“, antwortete er.

„Sie sind es, Sie selbst.“

„Ich?“ fragte er im Ton des höchsten Erstaunens.

„Ja, Sie! Sie sehen hier das Porträt von Ihrem Großvater, dem Bankier Richemonte, dem Vater Ihrer Mutter.“

„Ah! Das wäre er? Das wäre er?“ rief er aus.

Er hatte es vorher geahnt und das Bild doch nur oberflächlich betrachtet, da seine Hauptaufmerksamkeit auf die Gräfin gerichtet war. Jetzt aber trat er mit dem Bild näher zum Licht.

„Ja, betrachten Sie ihn“, sagte sie. „Er war ein schöner Mann und ist elend zugrundegegangen, wie Sie ja wissen. Ich lernte Sie kennen; ich prüfte Sie und war mit Ihnen zufrieden. Wir hatten die gleichen Liebhabereien und Sympathien. Sie waren es wert, und so beschloß ich, Ihr Glück zu machen.“

„Mein Glück?“ fragte er, ziemlich betreten.

„Ja. Oder meinen Sie, daß ich nichts hätte für Sie tun können?“

„Gnädige Frau, Sie haben bereits genug an mir getan.“

„Ich hatte noch mehr vor, viel mehr und Besseres. Sie haben es mir aber unmöglich gemacht.“

„Wieso, Madame?“

„Durch – ja, durch Ihre so unerwartete Liebe.“

„Durch meine Liebe, gnädige Frau?“

„Ja. Ich will aufrichtig sein. Ich wollte Sie verheiraten.“

Das hatte er nicht erwartet; er war so überrascht, daß ihm wirklich der Mund für einige Augenblicke offenstand.

„Sie staunen?“ fragte sie. „Es ist dennoch wahr. Sie wissen, daß ich eine Sympathie für weitgereiste Leute hege. Sie gehen nach der Wüste; Sie besitzen Mut und Kenntnisse; Sie werden ein berühmter Mann werden. Das ist es, was mich im stillen entzückte. Wenn Sie als Kapitän wiederkehren, wollte ich Ihnen das Kostbarste geben, was ich besitze.“

„Was, Madame?“ fragte er, noch immer wie auf Wolken schreitend.

„Ich sagte bereits, das Kostbarste, was ich habe, nämlich meine Nichte.“

„Sie haben deren zwei.“

„Ich meine Ida, meine stille, gute Ida, welche ich zärtlich liebe, ohne daß ich es mir so anmerken ließ.“

Er hätte am liebsten grad hinausgejubelt. Aber die Situation war eine so glückliche und interessante, daß er sich beherrschte.

„Ida?“ fragte er. „Komtesse Ida, sagen Sie? Wären Sie dieser Dame denn auch sicher gewesen?“

„Ich bin überzeugt davon.“

„Wußte Mademoiselle Ida von Ihrem Plan?“

„Kein Wort. Ich hoffte, Ihre Herzen sollten sich gegenseitig finden.“

„Leider kann dies nicht mehr stattfinden“, sagte er im Ton des innigsten Bedauerns.

„Ja, Sie haben Ihr Herz verschenkt.“

„Ida das ihrige auch.“

Sie machte eine Bewegung des Erschreckens.

„Wie? Was sagen Sie? Ida – Ida liebt – und wen?“

„Einen Offizier, einen Deutschen.“

„Mon dieu! Sie meinen doch nicht etwa Herrn von Goldberg?“

„Madame, Sie wissen, daß Goldberg mein Freund ist. Ich werde niemals das Geheimnis eines Freundes verraten.“

„Ah, er ist's, er ist's! Er ist ja noch da! Er ist ja noch anwesend. Kommen Sie, Herr von Königsau, kommen Sie rasch! Ich werde – – –“

Sie wollte forteilen. Es hatte sich ihrer ein außerordentlicher Zorn bemächtigt. Gebhard ergriff sie bei der Hand.

„Bitte, Madame! Warten Sie noch. Ich muß Ihnen sagen, daß – – –“

„Nichts will ich hören, nichts, gar nichts! Kommen Sie schnell!“

Sie riß sich los und eilte fort. Er folgte ihr, innerlich die folgende Szene bereits ausmalend.

Die beiden Schwestern saßen mit Goldberg am Tisch, als die Gräfin die Tür aufriß und hereingestürmt kam. Bei ihrem Anblick erhoben sich alle drei. Sie erkannten sofort, daß sie sich im Zustand zorniger Aufregung befand.

„Herr von Goldberg, ich habe mit Ihnen zu sprechen!“ rief sie.

„Ich stehe zur Verfügung, gnädige Frau“, antwortete er.

„Das erwarte ich. Ich verlange von Ihnen, daß Sie mir die volle Wahrheit sagen.“

„Gewiß.“

Er hatte nicht die mindeste Ahnung, worüber er überhaupt die reine Wahrheit sagen solle. Sie stellte sich mit zornig funkelnden Augen vor ihn hin und fuhr fort:

„Sie sind ein Verführer!“

Er war wie aus den Wolken gefallen und fragte:

„Ein Verführer? Ich? Madame, ich bitte Sie.“

„Ja, ein Verführer sind Sie. Ich habe die Beweise in den Händen.“

„Welche Beweise?“

„Sie leugnen noch? Wollen Sie leugnen, daß Sie lieben?“

Er fuhr ganz erstaunt zurück.

„Ich, lieben? Ich, gnädige Frau?“

„Ja, Sie. Sie lieben.“

„Wen denn, gnädige Frau?“

„Meine Nichte!“

Der also Interpellierte wußte in dem ersten Augenblick nicht, wie er dieser Anklage zu begegnen habe; er blickte verwundert auf die Dame, die wie eine Richterin vor ihm stand.

Goldberg ging ein Licht auf. Die Gräfin war mit Gebhard allein gewesen. Sie hatten miteinander gesprochen, und jetzt kam sie zurück, von Zorn erfüllt.

„Ah, du hast es verraten?“ fragte er den Freund.

„Verraten hat es niemand“, antwortete die Gräfin; „aber erraten hat es jemand, Ihr Freund ist verschwiegen; er hat mir Ihren Namen nicht genannt; ich aber habe es dennoch erfahren. Wollen Sie noch leugnen?“

Er glaubte sich wirklich verraten; er sah ein, daß kein Leugnen helfen könne; darum antwortete er:

„Madame, die Stimme des Herzens ist oft übermächtig; es ist ganz –“

„Schweigen Sie von der Stimme des Herzens! Sprechen Sie lieber von der Stimme der Vernunft und der Pflicht. Es wäre Ihre Pflicht gewesen, zuvor mit mir zu sprechen. Von einem Ehrenmann mußte ich das erwarten.“

„Ich war ja der Einwilligung von Mademoiselle noch gar nicht sicher!“

„Aber jetzt sind Sie sicher?“

„Leider auch noch nicht ganz.“

„Wie, noch nicht ganz?“

„Ich sage die Wahrheit!“

„Ich werde mich überzeugen!“

Sie trat auf Ida zu und forderte diese im strengsten Ton auf:

„Wenn er noch leugnet, so hoffe ich wenigstens von dir, daß du die Wahrheit sagst. Ich habe das an dir verdient. Liebst du ihn?“

Ida war bereits über das von großem Zorn zeugende Hereintreten der Tante höchst erschrocken gewesen. Die jetzige strenge Frage brachte sie um alle weitere Fassung. Sie unterschied in diesem Augenblick nicht, wer mit dem ‚Er‘ gemeint sei, und antwortete voller Angst:

„Liebe Tante, Verzeihung!“

„Ich will wissen, ob du ihn liebst!“ wiederholte die Gräfin.

„Ja, beste Tante!“

„Und er dich? Ihr habt miteinander darüber gesprochen?“

„Ja.“

„Wann?“

„Am Schluß voriger Woche.“

„Er hat dir also seine Liebe in aller Form gestanden?“

„Ja.“

Die Gräfin wollte soeben ihrem Zorn einen erneuten Ausdruck geben, als sie hinter sich ein lautes Schluchzen hörte. Sie drehte sich um und sah, daß es von Hedwig kam, welche bleich wie eine Leiche dastand und das Taschentuch an die Augen hielt.

„Was ist mit dir?“ fragte sie. „Warum weinst du?“

„Oh, der Schreckliche!“ schluchzte die Gefragte.

„Wer?“

„Dieser Lügner!“

„Ich frage, wer?“

„Lieutenant von Goldberg!“

„Warum nennst du ihn einen Lügner?“

„Weil er auch zu mir von Liebe gesprochen hat.“

„Ah! Wirklich?“ rief die Gräfin, jetzt beinahe außer sich vor Zorn.

„Ja.“

„Und du? Was hast du geantwortet?“

„Ich – ich – ich –!“

„Heraus damit! Ich will die Wahrheit hören, die volle Wahrheit!“

Goldberg hatte ganz perplex dagestanden. Jetzt endlich gelang es ihm, sich zu fassen und zu Wort zu kommen. Er trat rasch heran und sagte:

„Gnädige Frau, das muß ein Irrtum sein!“

„Ein Irrtum? Schweigen Sie! Hedwig wird mich nicht belügen.“

„Nein, sie lügt allerdings nicht; sie hat die Wahrheit gestanden.“

„Nun, was sprachen Sie da von einem Irrtum?“

„Ich meine Mademoiselle Ida.“

„Diese? Nun, die lieben Sie ja auch!“

„Keineswegs! Ich begreife gar nicht, wie –!“

„Schweigen Sie!“ unterbrach sie ihn. „Ida hat mir ganz sicher die Wahrheit gesagt. Sie hat mich noch nie belogen!“

„Und doch ist sie dieses Mal der Wahrheit nicht treu geblieben.“

„Ja, Tante“, stimmte Ida höchst verlegen bei. „Ich habe mich geirrt!“

Da schlug die Gräfin die Hände zusammen und rief:

„Geirrt hast du dich? Herr von Goldberg hat dir nicht gesagt, daß er dich liebt? Das hast du ja vorhin gestanden.“

„Ah, ich dachte – mein Gott, ich – dachte –“

Weiter konnte sie nicht vor Angst. Die Gräfin aber drang in sie:

„Was dachtest du? Ich will die volle Wahrheit hören!“

„Ich dachte, du meintest – einen anderen“, stieß sie endlich hervor.

Frau von Rallion wußte in diesem Augenblick vor Schreck gar nicht, was sie denken und sagen solle. Erst nach einer Weile rief sie:

„Einen anderen? Einen anderen, der dich liebt?“

„Ja, liebe Tante.“

„Und den du wieder liebst?“

„Ja, beste Tante.“

„Und der zu dir von Liebe gesprochen hat?“

„So ist es!“

„Ah, ist es möglich, daß so etwas hinter meinem Rücken vorgeht! Bester Herr von Königsau, entschuldigen Sie! Sie sehen, daß es sich hier um sehr zarte und diskrete Angelegenheiten handelt. Sie gestatten wohl, Sie morgen vormittag zu empfangen.“

Gebhard machte eine verbindliche Verbeugung und antwortete:

„Gewiß, gnädige Frau. Also wünschen Sie, daß ich mich zurückziehe?“

„Ich muß Sie leider darum ersuchen!“

„Wenn Sie es wünschen, muß ich gehorchen, obgleich ich glaube, daß gerade meine Gegenwart hier am notwendigsten ist.“

„Die Ihrige? Wieso?“

„Weil ich imstande bin, Ihnen die nötige Aufklärung zu geben.“

„Worüber?“

„Über die gegenwärtige Situation. Ich bin nämlich dieser andere.“

„Welcher andere?“

„Von welchem Mademoiselle Ida sprach.“

„Was? Der sie liebt und sie ihn wieder?“

„Gott sei Dank, ja!“

Er trat bei diesen Worten zu Ida heran, legte die Hand um ihre Taille, strich ihr mit der anderen Hand beruhigend über das reiche Haar und sagte:

„Sei nicht ängstlich, meine Seele! Unsere liebe, gute Tante wird dir das Mißverständnis gern verzeihen.“

Jetzt hätte man das Gesicht der Gräfin studieren müssen. Erstaunen, Ärger, Freude und Zorn stritten sich auf demselben um die Herrschaft. Das Erstaunen behielt zunächst die Oberhand.

„Ihr beide also liebt euch?“ fragte sie.

„Ja, und dort die beiden auch“, antwortete Königsau, indem er auf Hedwig und Goldberg deutete.

„Mit diesen beiden werde ich nachher sprechen. Jetzt habe ich es mit Ihnen zu tun. Sie sagten doch, daß Sie eine andere lieben.“

„O nein, Madame. Ich habe keinen Namen genannt.“

„Dann sagten Sie, daß Herr von Goldberg Ida liebe!“

„Auch das nicht. Sie selbst haben ja vorhin erst bestätigt, daß ich ihn gar nicht genannt habe.“

„Mein Gott, da werde ich an mir selbst ganz irre. Was haben Sie denn überhaupt gesagt?“

„Daß ich von ganzem Herzen ein reizendes, prächtiges Mädchen liebe. Und sodann habe ich gesagt, daß Ida auch liebt, und zwar einen deutschen Offizier.“

„Aber, warum haben Sie mir denn nicht sofort gesagt, daß Ihre Geliebte und Ida identisch sind?“

„Darf ich Ihnen die volle Wahrheit mitteilen, gnädige Frau?“

„Ich bitte sehr energisch darum!“

„Ich bemerkte die Zuneigung, welche mein Freund Goldberg für Mademoiselle Hedwig hegte und sah, daß dieselbe erwidert wurde –“

„Sie haben das wirklich bemerkt? Ich nicht!“

„Ich wußte das. Ebenso sah ich, daß sie sich liebten, ohne zur Klarheit, zu einem Resultate zu kommen. Das war unrecht, das tötet die Liebe. Hier war ein Gewaltstreich nötig, und ich habe es gewagt, ihn auszuführen. Jetzt hat Herr von Goldberg gestanden, daß er Fräulein Hedwig liebt, und diese hat das Geheimnis ihres Herzchens verraten. Mein Zweck ist erfüllt. Ich bitte um gnädige Strafe!“

Die anderen standen da und blickten einander an.

„Garstiger!“ rief endlich Hedwig, die sich noch darüber ärgerte, daß sie über Goldbergs vermeintliche Untreue geweint hatte.

„Intrigant!“ flüsterte Ida ihm zu, obgleich es ihr gar nicht wohl zumute war. Sie kannte ja den Inhalt des Gesprächs nicht, welches er mit der Gräfin geführt hatte.

Die Gräfin wußte wirklich nicht, ob sie zürnen oder über die vorgekommenen Verwechslungen lachen solle. Sie fühlte sich ganz glücklich, daß ihr ursprünglicher Plan doch noch geraten sei, und war doch böse darüber, daß auch Goldberg eine Nichte für sich in Anspruch nahm.

In dieser Pause hinein erscholl Goldbergs an Gebhard gerichtete Frage:

„Geheimniskrämer. Warum hast du mir das verschwiegen?“

„Unglückliche Liebe klagt, glückliche aber schweigt“, antwortete Königsau.

„Seit wann seid ihr denn einig?“

„Gleich seit dem ersten Tage.“

„Unsinn!“

„Wirklich. Nicht wahr, Ida?“

Sie nickte mit dem Köpfchen. Da fragte auch die Gräfin:

„Wirklich seit dem allerersten Tag?“

„Ja, gnädige Frau“, antwortete Gebhard.

„Mein Gott, wie habt ihr das denn eigentlich angefangen?“

„Das wird Ihnen Ida unter vier Augen erzählen müssen. Wir waren eben füreinander bestimmt.“

„Und sagtet euch das hinter meinem Rücken!“

Sie wollte beginnen wieder zornig zu werden; aber er drohte ihr scherzend mit dem Zeigefinger und sagte:

„Die Vorherbestimmung war auch hinter unserem Rücken geschehen!“

Da endlich brach sie in ein herzliches Lachen aus.

„Diese Jugend ist doch unverbesserlich. Niemand lernt sie durchschauen. Und glaubt man, einmal einen Aufrichtigen gefunden zu haben, so entpuppt er sich ganz unversehens als ein Intrigant comme il faut. Na, ich werde euch eure Strafe noch diktieren.“

Da ergriff Gebhard ihre Hand und zog sie an seine Lippen.

„Verzeihung, beste Gräfin!“ bat er. „Ich hatte Ida gesagt, daß ich sie über mein Leben lieb habe, aber ich hatte auch hinzugefügt, daß ich von dieser Liebe erst nach meiner Rückkehr von der Reise sprechen werde. Darum schwiegen wir. Ich wollte mir erst Ihre Achtung verdienen. Habe ich daran unrecht getan, so hoffe ich dennoch Gnade zu finden.“

Da trat in ihre Augen ein feuchter Glanz, wie ihn selbst die Nichten noch nicht in denselben bemerkt hatten, und mit bewegter Stimme antwortete sie:

„Ich verzeihe euch beiden. Es mag bei dem, was ihr besprochen habt, bleiben. Eure Liebe mag sich bewähren. Tut sie das, so soll sie ihren Lohn finden. Nun aber zu den beiden anderen. Also, Herr von Goldberg, Sie behaupten, meine Nichte Hedwig zu lieben?“

„Von ganzem, ganzem Herzen!“ antwortete er.

„Und du, Hedwig?“

Bei dieser trat sofort das ursprüngliche neckische Wesen hervor.

„Ich? Oh, ich mag ganz und gar nichts von ihm wissen“, antwortete sie schmollend.

„Warum nicht?“

„Er hat mich einen Irrwisch genannt.“

„Der bist du auch!“ bestätigte die Tante.

„Sie aber hat mir versprochen“, fügte Goldberg hinzu, „daß aus diesem Irrlichte ein Stern werden solle, auf dessen sicheren, treuen Glanz ich mich verlassen könne.“

„Ist das wahr, Hedwig?“

Die Gefragte neigte das Köpfchen verlegen zur Seite, antwortete aber doch:

„Ja, liebe Tante, das habe ich ihm versprochen.“

„Und Sie glauben an dieses Versprechen, Herr von Goldberg?“

„Wie an Gottes Wort, gnädige Frau“, beteuerte der Gefragte.

„So sagen Sie mir zunächst, was Sie meiner Nichte zu bieten haben?“

„Für jetzt ein Herz voll innigster Liebe und den festen Willen, mir eine Zukunft zu gründen, welcher ihrer würdig ist.“

„Suchen Sie dieses Ziel zu erreichen; dann wird auch Ihre Liebe nicht vergeblich sein. Wie schade, daß Sie kein Geograph sind!“

„Ich kann in meiner gegenwärtigen Stellung ebenso Gutes wirken.“

„Aber Sie könnten Herrn von Königsau begleiten. Ihr Name wäre dann mit einem Mal berühmt. Das werden Sie doch einsehen!“

„Madame mögen recht haben, doch muß ich mit den Aussichten, welche sich mir bieten, fürlieb nehmen. Ich habe alle Hoffnung, Ihnen beweisen zu können, daß nun, da das Irrlicht verlischt auf meinen Beruf mir Sterne aufgehen, deren Leitung ich mich anvertrauen kann.“ – – –

Nach diesen Ereignissen waren volle zwei Jahre vergangen, da kamen drüben im Süden von Algerien drei Reiter das Wadi (Tal) Guelb herabgeritten. Anstatt auf Pferden, saßen sie auf hochbeinigen Dromedaren, schienen aber sehr gut beritten zu sein, denn ihre Tiere gehörten zu jener grauhaarigen Rasse welche Bischarinkamele genannt werden.

Zwei davon waren Europäer, Herr und Diener allem Anschein nach. Der dritte war ein Beduine, welcher ihnen als Führer diente. Er sprach mit ihnen jenes Gemisch von Arabisch, Französisch und Italienisch, welches an der Nordküste Afrikas gebräuchlich ist.

Es war noch am Morgen; aber die Sonne lag doch bereits brennend auf dem Sand und den Felsen der Wüste. Darum war es kein Wunder, wenn der Europäer sich nach einem Ort umsah, an welchem ein wenig Schatten zu finden sei, um in demselben während der heißen Mittagszeit eine Kühlung zu finden.

„Gibt es in der Nähe keinen Ruheort?“ fragte er den Führer.

„Nein, Herr. Erst am Ziel, am Ende des Wadi, finden wir Felsen und Mimosen, welche uns Schatten bieten.“

„Wie weit ist es bis dahin?“

„Zur Zeit des Mittags sind wir dort.“

„Und dort soll der Löwe sein?“

„Ja, dort ist der Herr des Erdbebens, welcher fast sämtliche Rinder des Stammes gefressen hat.“

„So laß die Tiere ausgreifen, daß wir den Ort baldigst erreichen.“

Der Führer zog eine einfache Holzpfeife hervor, um auf derselben, die nur drei Töne hatte, eine monotone Melodie zu pfeifen. Bei diesen Klängen spitzten die Kamele die Ohren und verdoppelten ihre Schritte.

So ging es ohne Aufenthalt immer nach Osten.

Die Sonne stieg höher und höher, und endlich, als sie den Zenit erreicht hatte, war auch das Versprechen des Führers erfüllt. Das Tal trat enger zusammen, zu seinen beiden Seiten stiegen hohe Felsen empor, und stachelige Mimosen bildeten kleine Wälder, in welchem es allerdings nicht ungefährlich war, Zuflucht vor dem Sonnenbrand zu suchen.

„Allah sei Dank!“ rief da der Führer. „Seht Ihr die Zelte?“

„Wo?“

„Da links im Tal. Dorthin haben sich die Söhne der Wüste vor dem Löwen zurückgezogen. Reiten wir hin.“

„Werden wir willkommen sein?“

„Ja. Wir werden Salz, Brot und Datteln bekommen, denn diese Beduinen sind keine Tuaregs, denen nicht zu trauen ist.“

An der einen Seite des Wadi standen fünf einsame Zelte, vor denen einige Kamele und Pferde angebunden waren. Eine kleine Anzahl Schafe weideten in der Nähe.

Als sich die Fremdlinge näherten, wurden die Zelte geöffnet, und die männlichen Bewohner traten hervor. Sie brachten Salz und Brot zum Zeichen des Willkommens und teilten auch ihre wenigen Datteln mit ihnen.

Der Bey el urdi (Herr des Lagers) winkte den Führer abseits und fragte:

„Wer sind die Fremdlinge, welche du uns gebracht hast?“

„Es sind zwei Franken“, lautete die Antwort.

„Ich liebe die Franken nicht. Wann reiten sie wieder ab?“

„Wenn sie den Herrn des Erdbebens geschossen haben.“

„Den Löwen? Allah 'l Allah! Sie wollen den Löwen schießen?“

„Ja. Wir hörten, daß er in der Nähe sei.“

„Er hat sein Lager oben im Nebental, welches du von hier erblickst. Aber sie sind ja nur zu zweien!“

„Und dennoch wollen sie den Löwen schießen.“

„Allah hat ihnen den Verstand genommen. Wir sind zu sechzig ausgeritten, um ihn zu töten; er aber hat vier Männer von uns getötet und viele verwundet, ohne daß wir ihn bestrafen konnten.“

„Hast du noch nicht gehört, daß oft ein einziger Franke ausgeht, um den Löwen zu schießen?“

„Allah ist groß. Die Franken sind böse Geister, die sich nicht zu fürchten brauchen.“

Als der Führer zu seinem Gebieter zurückgekehrt war, teilte er ihm mit, was er erfahren hatte. Der Herr blickte nach dem Seitental hinüber und schätzte die Entfernung mit dem Blick ab.

„Wir bleiben hier, um beim Morgengrauen unser Heil zu versuchen. Endlich, endlich einmal ein Löwe. Ich hoffe, daß ich Wort halten kann!“

Beide hatten ein echt militärisches Aussehen und sprachen jetzt reines Französisch miteinander. Der Diener antwortete:

„Auch ich wünsche, daß wir einmal so ein Tier zu Gesicht bekommen. Es ist doch ein eigener Wunsch von einer Braut, das Fell und die Reißzähne eines Löwen zu besitzen. Dies beides zu holen, ist gefährlich.“

„Fürchtest du dich?“

„Nein. Ein Löwe ist doch nur eine etwas größere Katze!“

„Hm. Eine etwas sehr große Katze sogar. Es geht mir gerade wie dir, ich habe auch noch keinen wirklich wilden Löwen gesehen. Vielleicht wäre es gut, wenn wir während des Mittags die Gegend einmal rekognoszierten.“

„Das Seitenteil, wo das Vieh stecken soll?“

„Ja. Natürlich zu Fuß. Wir hätten nur eine halbe Stunde bis hinüber.“

„Ich stehe zu Befehl, Herr Hauptmann.“

Einige Zeit später brachen sie auf, geradeso, als ob sie einen Gang auf Hasen oder Hühner unternehmen wollten. Die Beduinen sahen ihrem Beginnen mit Kopfschütteln zu; es war ihnen ein wahnsinniges Wagstück.

Die beiden wanderten über die Breite des Haupttals hinüber und schritten dann das weit engere Nebental empor. Es war mit Mimosen und Terebinthen bestanden und mit wirrem Fels und Geröll angefüllt. In diesem Tal sollte, wie sie bereits gestern erfahren hatten, ein männlicher Löwe sein Lager haben. Sie hofften, seine Fährte zu finden und so den Ort zu entdecken, wo sie ihn morgen bei Tagesgrauen aufsuchen wollten.

Es ist wahr, daß der Löwe sich nur selten zur Mittagszeit zeigt. Indessen, durch irgendeinen Umstand aus seiner Ruhe aufgescheucht, kann er doch einmal zum Vorschein kommen, und dann ist es gefährlich, ihm zu begegnen. Er rächt sich für die ärgerliche Störung.

Indem sie so zwischen Busch und Felsen emporstiegen, blieb der Diener plötzlich stehen und faßte den Herrn am Arm.

„Um Gottes willen, was ist das?“ fragte er, empor nach der Talwand deutend.

Der Hauptmann folgte mit dem Blick der angedeuteten Richtung und zuckte zusammen, ob vor Überraschung oder Schreck, das war schwer zu unterscheiden.

„Tausend Donner! Ein Löwe!“ flüsterte er. „Ja, das ist ein echter, richtiger Löwe und nicht so einer, wie man in der Menagerie findet. Was tun wir? Wagen wir es?“

Seitwärts vor ihnen, und zwar etwas über ihnen, kam ein riesiges Tier talabwärts geschritten, langsam und majestätisch im Bewußtsein seiner Riesenkraft. Noch zwei Minuten, so mußte der Löwe die beiden sehen. Der Diener war ein waghalsiger Patron. Er antwortete:

„Der Kerl ist gerade noch einmal so groß, als ich mir ihn vorgestellt habe; aber geschossen wird er. Wer weiß, ob wir ihn morgen so vor die Büchse bekommen. Wohin schießt man ihn?“

„In das Herz. Nur im Notfall zielt man in das Auge.“

„Gut. Ducken wir uns hier hinter die Büsche nieder. Da sieht er uns nicht. Jeder hat zwei Kugeln, das gibt vier und wird genügen.“

Gesagt, getan! Sie knieten hinter den Büschen nieder und legten die Gewehre an. Das Tier befand sich jetzt wohl dreißig Schritt vor ihnen und zwanzig Fuß höher als sie.

„Schieß du zuerst“, befahl der Hauptmann. „Ich bleibe zur Sicherheit in Reserve.“

Er tat recht daran, wie sich sofort zeigte. Der Diener zielte und drückte ab. Der Schuß krachte, allein der Löwe blieb unversehrt. Die zweite Kugel traf ihn in den Leib, ohne ihn tödlich zu verletzen.

Jetzt aber hatte er auch die Stelle bemerkt, von welcher aus er angegriffen worden war. Er stieß ein tiefes, fürchterliches Brüllen aus und kam herbeigesprungen. Dazu genügten ihm fünf Sprünge.

„Um Gottes willen, wir sind verloren!“ schrie der Diener und warf sich zu Boden. Vorher so verwegen, war es jetzt mit seinem Mut vorüber.

Der Hauptmann blieb unbeweglich knien. Als der Löwe im Sprung sich in der Luft befand, drückte er zum ersten Mal ab, und gleich darauf folgte auch die zweite Kugel. Das gewaltige Tier machte mitten im Sprung eine Wendung seitwärts und stürzte zur Erde nieder. Ein kurzes, dumpfes Brüllen und Röcheln, ein krampfhaftes Schlagen und Zucken der Pranken; dann war es tot.

„Gott sei Dank. Das waren zwei Meisterschüsse!“ meinte der Diener. „Ich glaubte bereits, mein Ende sei gekommen.“

Der Hauptmann sagte gar nichts. Er trat an das Tier heran und betrachtete es. Dann strich er sich den Angstschweiß von der Stirn und meinte:

„Zum ersten und zum letzten Mal! Es waren nur drei Sekunden; aber ich bin während ihrer Dauer fünfmal gestorben. Was werden die Araber sagen! Jetzt das Fell herunter und die Reißzähne heraus.“

Besonders die letztere Arbeit war eine außerordentlich schwierige. Sie nahm einige Stunden in Anspruch. Eben waren die beiden fertig und schickten sich an, aufzubrechen, als sie Pferdegetrappel vernahmen. Sie lauschten und sahen bald, daß sich zwei Reiter näherten, welche das Tal herunterkamen. Die Löwenjäger konnten nicht gesehen werden, da sie ebenso wie der Kadaver des erlegten Tiers hinter dem Busch versteckt lagen.

Die Reiter kamen rasch näher und hielten gerade vor dem Busch an. Der Ältere von ihnen trug einen langen, grauen Bart. Beide schienen Beduinen zu sein; aber der Graubärtige sagte im reinsten Französisch zu seinem Gefährten, welcher noch ziemlich jung zu sein schien:

„Dort geht das Wadi zu Ende. Wir müssen vorsichtig sein. Reite vor und kundschafte aus, ob es dort Leben gibt.“

Der Jüngere gehorchte. Als er nach kurzer Zeit zurückkehrte, meldete er:

„Fünf Zelte im Wadi Guelb.“

„Viele Leute dabei?“

„Nein.“

„Wir dürfen uns dennoch nicht sehen lassen. Wenn der Handstreich gelingt, wird er großes Aufsehen erregen, und man wird sich nach jedem einzelnen Passanten erkundigen, um die Täter zu entdecken.“

„Wo hat dieser Deutsche sein letztes Nachtlager gehalten?“

„Wir werden gegen Abend im Osten des Brunnens Saadis auf ihn stoßen. So meldeten gestern die Kundschafter. Wir beide entfernen uns so schnell wie möglich mit unserem Anteil. Die Beni Hassan aber wird man als Täter festnehmen und bestrafen.“

„Wie reiten wir jetzt?“

„Schnell zurück und dann einen Bogen nach Osten hinüber. Wir müssen wirklich eilen, sonst entkommt uns dieser Königsau mit seinen ganzen Schätzen doch vielleicht noch.“

Sie wendeten ihre Tiere und eilten zurück. Es war niemand anderer als Kapitän Richemonte und sein Verwandter.

Die beiden Lauscher blickten einander erschrocken an.

„Was war das, Herr Hauptmann?“ fragte der Diener. „Überfallen wollen diese Kerls jemand, wenn ich recht gehört habe?“

Der Gefragte war aufgesprungen und hatte sein Gewehr ergriffen.

„Herrgott“, sagte er, „mein Freund Königsau soll überfallen und ausgeraubt werden. Dieser gefährliche Löwe hat uns doch noch Glück gebracht. Auf, auf! In vollstem Lauf nach den Zelten zurück! Wir müssen diesen Menschen zuvorkommen.“

Der Diener hatte gar keine Zeit zu weiteren Erkundigungen und Fragen. Sie rafften das Fell des Löwen empor und eilten trotz der glühenden Hitze im hastigen Lauf das Tal hinab und den Zelten zu.

Als sie dort ankamen, wollten die Araber gar nicht glauben, daß sie einen Löwen erlegt hätten, und als sie es dennoch glauben mußten, sollte ein großes Freudengeschrei erhoben werden; aber der Hauptmann machte dem ein rasches Ende, indem er sich an seinen Führer wendete.

„Kennst du den Brunnen Saadis?“ fragte er.

„Ja, Herr“, lautete die Antwort.

„Wie weit ist es bis dorthin?“

„Es ist der fünfte Teil einer Tagesreise.“

„Wir müssen sofort aufbrechen.“

„Herr, das halten meine Tiere nicht aus.“

„Ich zahle dir, was du verlangst.“

„Ist es notwendig?“

„Ja. Es hängen vielleicht Menschenleben von unserer Eile ab.“

„Gibst du sechzig Münzen, welche ihr Franken nennt?“

„Ja, du sollst sechzig Francs erhalten.“

„So werde ich sogleich satteln.“

Eine Viertelstunde später flogen sie auf ihren tüchtigen Kamelen weiter. Die Tiere hatten sich nicht einmal ausgeruht; aber es hätte sie doch kein frisches Pferd einzuholen vermocht.

Wüste und immer wieder nur Wüste war zu sehen, bis endlich kurz vor Einbruch des Abends sich am Horizont einige Palmen zeigten.

„Was ist das?“ fragte der Hauptmann.

„Es ist der Brunnen Saadis, zu dem du willst“, berichtete der Führer.

Der Brunnen Saadis ist keine hervorragende Tränkstelle. Höchstens zwei Dutzend Palmen wachsen um eine Quelle herum, welche langsam aus dem Sand steigt, um ebenso schnell wieder in demselben zu verschwinden.

Als die drei Reiter sich näherten, bemerkten sie, daß die Quelle bereits besetzt war. Es waren wohl an die zwanzig Reit- und Lastkamele zu sehen, bei denen sich aber nur fünf Männer befanden. Diese erhoben sich beim Anblick der sich Nähernden.

Der Hauptmann sprang vom Kamel und betrachtete sich die Leute einen nach dem anderen. Ehe er aber noch den Richtigen erkannt hatte, rief dieser schon, und zwar in deutscher Sprache:

„Kunz! Goldberg! Ist das eine Menschenmöglichkeit?“

Der Genannte betrachtete sich den Sprecher und antwortete:

„Gebhard! Königsau! Mohr! Neger! Mumie! Welcher Teufel soll denn dich wieder erkennen? Du bist ja schwärzer als der Teufel!“

„Welch eine Überraschung! Welch ein Wunder. Wie kommst denn du in die Sahara?“

„Davon später. Zunächst kam ich, dich zu retten.“

„Zu retten? Wovor?“

„Vor einem Überfall.“

„Alle Teufel. Wer will mich überfallen?“

„Zwei Franzosen mit Hilfe der Beni Hassan.“

„Wer sind die Franzosen?“

„Ich kenne sie nicht.“

„Und wo soll der Überfall stattfinden?“

„Im Osten von hier, heute vor Anbruch der Nacht.“

„Ah, welch ein Glück, daß ich zurückgeblieben bin.“

„Ja, persönlich bist du zwar gerettet; aber deine Sachen?“

„Befinden sich auf diesen Tieren. Ah, ich wußte, daß die Kunde von meiner Ladung wie ein Feuer vor mir herlaufen werde. Ich ließ daher stets die Kaffilah voranziehen und folgte selbst eine halbe Tagesreise später. Diesem Umstand habe ich also auch heute meine Rettung zu verdanken.“

„Aber die Kaffilah ist verloren?“

„Jedenfalls. Ich werde sofort einen Boten auf einem Eilkamel nachsenden, um sie zu warnen, falls noch Zeit dazu ist.“

„Und wenn es zu spät ist?“

„So kann ich nichts ändern. Dreißig Krieger der Ibn Batta haben mich begleitet. Sind sie niedergemacht worden, so haben sie doch nur den Lohn für ihre früheren Taten erhalten. Diese Kerls sind alle Mörder und Räuber. Diese dreißig sollten meine Beschützer sein und wurden dafür bezahlt, dennoch aber haben sie mich Tag und Nacht bestohlen, so daß ich nur froh sein kann, sie losgeworden zu sein. Aber nun sage, um Gottes willen, wie du nach der Sahara kommst?“

„Als Löwenjäger. Siehst du dort das Fell?“

„Ah, du hast einen erlegt?“

„Ja. Bist du auch so glücklich gewesen?“

„Öfters, mein Freund. Aber fast kann ich mir denken, weshalb du den Löwenjäger spielst.“

„Nun, weshalb?“

„Deine Hedwig und die liebe Schwiegermama wollen, daß auch du berühmt werden sollst, und so hast du deinen Urlaub zu einem Pirschgang auf Löwen verwendet. Nicht?“

„Genau erraten! Ich soll wenigstens ein Löwenfell und zwei Löwenzähne und sodann sichere Nachricht von dir bringen.“

„Du wirst mich selbst bringen. Was macht Ida?“

„Sie sehnt sich zu Tode nach dir, während meine ‚Unbezähmbare‘ mich unter die Löwen jagt. Bin übrigens Hauptmann geworden!“

„Und ich Mohr, wie ich es dir prophezeit habe. Gratuliere bestens.“

„Danke!“

Den Gegenstand ihrer höchst belebten Unterhaltung bildete natürlich das halbe Wunder, sich am fernen Wüstenbrunnen zu treffen, der eine als der Retter des anderen. Dann mußte der Hauptmann von Goldberg, der spätere General, von der fernen Heimat berichten, und endlich erzählte Königsau von seinen abenteuerlichen Erlebnissen auf der wunderbaren Reise nach Timbuktu.

So wurde es Nacht. Die Sterne stiegen höher und höher. Fast um Mitternacht kehrte der ausgesendete Bote zurück.

„Hast du sie eingeholt?“ fragte Königsau.

„Ja“, antwortete er einsilbig.

„Und sie gewarnt?“

„Sie hörten mich nicht. Sie waren tot!“

Diese Botschaft erregte zunächst Schreck, dann aber auch Freude über die ebenso glückliche wie wunderbare Rettung der Hauptperson und der Hauptschätze der Karawane. Dreißig Ibn-Batta-Krieger und zahlreiche Handelsleute, welche sich der Karawane angeschlossen gehabt hatten, waren getötet und ausgeraubt worden. Es war ein Fall, der, so nahe an der Grenze der Zivilisation passiert, jedenfalls eine exemplarische Bestrafung zu erwarten hatte.

„Was aber wirst du nun tun?“ fragte Goldberg den Freund.

„Ich verändere meine Route“, antwortete dieser. „Ich gehe grad nach Norden. Es bleibt mir nichts anderes übrig.“

„Und ich gehe mit dir. Die Stämme, an denen wir vorüberkommen, sind den Europäern freundlich gesinnt. Wann brechen wir auf?“

„Sofort. Ich warte nicht bis zum Morgen.“

„Warum nicht?“

„Die Räuber, welche die Karawane überfallen haben, werden bemerkt haben, daß ich zurückgeblieben bin, und mir einen Besuch abstatten. Sicher ist sicher. Ich habe diese Kerls kennengelernt.“

Es wurde gepackt, und dann setzte sich der kleine Trupp in Bewegung. Eine Zeitlang von dem Glanz der Sterne bestrahlt, verschwand er jedoch bald im Dunkel des nördlichen Horizonts.

Königsau war um keine Viertelstunde zu früh aufgebrochen. Denn gerade diese Zeit später kamen die Tuaregs, welche die Karawane überfallen hatten, nach dem Brunnen, um nach ihm zu suchen. Sie mußten zu ihrem Ärger mit leeren Händen abziehen.

Kurze Zeit später bewegte sich ein langer, langer Zug französischer Chasseurs d'Afrique von den Bergen herab, welche das Gebiet der feindlichen Beni Hassan im Norden begrenzen. An der Spitze dieses Zuges ritten zu beiden Seiten des Kommandeurs die beiden Verräter Richemonte und sein Cousin. Beide gaben dem Offizier den Rat, die Beni Hassan mit einem Schlag zu vernichten.

„Glaubt ihr, daß man uns Widerstand leisten wird?“ fragte er sie.

„Wenig oder gar nicht. Diese Kerls sind viel zu feig. Sie haben nur Mut zu nächtlichen Räubereien und Überfällen.“

„Und sie sind wirklich die Täter gewesen?“

„Sicher! Man wird die Effekten der Ermordeten noch bei ihnen finden.“

„Wie viele sind gefallen?“

„Dreißig Krieger der Ibn Batta, ein Führer, fünfzehn Treiber, der Oberste der Kamelbesitzer und der deutsche Offizier mit mehreren Leuten.“

Er wußte am besten, daß dies letztere eine Lüge sei. Er selbst hatte einige der erbeuteten Kamele nebst ihren Lasten bis in die Nähe der Beni Hassan getrieben und sie dort stehen lassen. Er war überzeugt, daß man sich ihrer bemächtigt hatte. Das gab Beweis genug, daß die Beni Hassan die Räuber gewesen seien.

Es wurde so eingerichtet, daß die Truppen das Lager mitten in der Nacht erreichten. Es wurde umzingelt, und als die unschuldigen Araber des Morgens aus ihren Zelten traten, sahen sie sich von allen Seiten von einer von Waffen starrenden Mauer umgeben.

Der Scheik Menalek sandte sofort einen Boten zu dem Anführer. Dieser letztere ließ auf Anraten Richemontes zunächst die Dschema, die Versammlung der Ältesten des Stammes, zu sich kommen, um sich ihrer zu versichern. Man versteht darunter nicht etwa ausnahmslos die an Jahren Ältesten. Es sind auch junge Männer mit dabei, gewöhnlich Verwandte des Scheiks. So kam es, daß sich auch Saadi, der Schwiegersohn des Scheiks Menalek, dabei befand. Diese wurden in Fesseln gelegt und dann einem Verhör unterworfen.

„Ihr habt eine Karawane der Ibn Batta überfallen“, war die wiederholte Behauptung, welche man ihnen entgegenschleuderte.

„Nein, wir sind unschuldig“, war ihre stehende, bestimmte Antwort.

„Man wird suchen und finden!“ drohte endlich der Kommandeur.

„Ja, man wird allerdings finden“, antwortete Menalek. „Wir fanden des Morgens vier beladene Kamele neben unseren Zelten und haben sie zu uns genommen. Und dann fanden wir auf unserem Gebiet die Leichen der Beraubten. Wir begruben sie nach den Regeln des heiligen Koran, nahmen ihnen aber vorher weg, was ihnen nichts mehr nützen konnte. Das alles werdet ihr finden.“

Das wurde natürlich nur für Ausflucht gehalten. Man holte mehr und mehr Männer aus dem Lager, bis endlich die ganze männliche Bevölkerung in Banden lag. Jetzt wurde das Urteil gefällt. Es lautete kurz und bestimmt auf Tod durch die Kugel.

Die Kunde davon rief ein geradezu unbeschreibliches Jammergeschrei unter den Weibern und Kindern des Lagers hervor. Sie wollten bitten und flehen, sie wollten sich den unmenschlichen Richtern weinend zu Füßen werfen, aber das Lager war mit Posten umstellt worden, so daß niemand es verlassen konnte.

Bereits zu Mittag, als die Sonne am höchsten stand, sollte die Vollstreckung des Todesurteiles beginnen. Um diese Zeit schritt der Cousin Richemontes durch die Postenkette in das Lager. Überall tönten ihm Jammergeschrei und Wehklagen entgegen; er hörte nicht darauf. In das Zelt des Scheiks trat er ein. Das Weib desselben und Liama lagen weinend am Boden. Sie sprangen empor, als sie ihn erblickten.

„Salam aaleïkum“, grüßte er.

„Wie, du bringst den Gruß des Friedens“, rief das arme Weib, „und draußen harrt der Tod unserer Männer und Söhne!“

„Es wird keiner entgehen; nur euch allein bringe ich Frieden. Ist Liama bereits das Weib Saadis geworden?“

„Ja“, antwortete ihre Mutter.

Liama war als Frau noch schöner denn als Mädchen. Vor Jammer hatte sie die gewohnte Sorgfalt für ihr Äußeres außer acht gelassen; ihr Gewand hatte sich verschoben, so daß das Auge des fast unsinnig verliebten Schurken genug Punkte fand, an denen sich seine Glut verdoppeln konnte.

„Der Scheik muß sterben und auch Saadi!“ sagte er.

„O Allah, gibt es keine Rettung für sie?“ rief Liama.

„Keine.“

Da näherte sie sich ihm und sagte, indem sie die Hände faltete:

„Du bist ein Freund der Franken. Unsere Männer sind unschuldig. Du vermagst viel. Vielleicht könntest du sie retten.“

„Es ist mir nur erlaubt, zwei zu retten.“

„Wen, wen?“ fragten die beiden Frauen schnell.

„Ich darf sie mir auswählen.“

„Oh, so rette den Scheik, meinen Mann!“ rief die Mutter.

„Und rette Saadi, welcher schuldlos ist!“ rief die Tochter.

„Welchen Dank erhalte ich?“ fragte er.

„Fordere alles, was du begehrst!“ sagte die Mutter.

„Nun wohl! Ich habe Liama zum Weib begehrt, und man hat sie mir verwehrt. Wenn sie einwilligt, mein Weib zu werden und mit mir zu ziehen, so sollen der Scheik und Saadi gerettet werden.“

Liama erbleichte. Ihre Mutter dagegen erschrak nicht so sehr. Einen anderen Schwiegersohn zu haben, das war nicht so schlimm als der Tod ihres Mannes.

„Wirst du Wort halten?“ fragte sie.

„Ja“, antwortete er.

„Schwöre es mir!“

„Ich schwöre es beim Barte des Propheten!“

Liama aber rang die Hände und rief:

„Er mag schwören, ich gehe doch nicht mit ihm!“

„Willst du die Mörderin deines Vaters sein?“ klagte ihre Mutter.

„Ich kann nicht! Ich liebe ihn nicht. Ich gehöre zu Saadi!“

„Nein; er gibt dich frei, um dich zu retten“, antwortete er.

„Beweise es!“ rief die Mutter.

„Auch der Scheik befiehlt euch, zu tun, was ich verlange, damit er sein Leben nicht verliere.“

„Beweise es!“

„Hier!“ sagte er.

Er zog aus der Tasche ein Stück beschriebenes Pergament hervor, welches in französischer Sprache und arabischer Schrift beschrieben war.

„Hier ist das Dokument, welches unser Kommandant und der Scheik und Saadi unterschrieben haben. Kennt ihr das Siegel des Scheiks?“

„Ja“, antworteten beide.

„So seht her und lest diese Schrift!“

Die Mutter konnte nicht lesen; aber Liama buchstabierte den Befehl ihres Vaters und ihres Mannes zusammen. Beide geboten ihr, augenblicklich mit dem Überbringer dieses Schreibens zu gehen, um Mann und Vater zu retten und so ein Allah wohlgefälliges Werk zu tun.

„Kennt ihr auch die Hamaïls des Scheiks und Saadis?“ fragte er weiter.

„Ja“, antwortete sie.

Unter Hamaïl versteht man ein Exemplar des in Mekka geschriebenen Koran, welches sich die Pilger dort kaufen und dann während der ganzen Lebenszeit am Hals tragen. Nur in der alleräußersten Not gibt der Moslem dieses Hamaïl von sich.

„Hier sind sie beide!“

Bei diesen Worten reichte er ihnen die zwei Koranexemplare hin, die sie sofort erkannten. Das war mehr als genug Beweis für sie.

„Ich glaube dir!“ sagte die Mutter.

Sie ahnte nicht, daß das Schreiben gefälscht war, und daß der unmenschliche Schurke den beiden Gefangenen Siegel und Hamaïl mit Gewalt entrissen hatte. Liama hatte sich schluchzend auf den Boden geworfen.

„O Allah, o Allah!“ rief sie. „Sie gebieten es mir; aber ich kann dennoch nicht! O Allah, Allah, was soll ich tun!“

„Gehorchst du nicht, so müssen sie sterben“, antwortete der Franzose kalt.

„Meine Tochter, gedenke deiner Pflicht!“ mahnte die Mutter ängstlich.

„Ja“, meinte der verkappte Franzose. „Ich werde vor das Zelt treten, um euch eine kleine Weile zur ruhigen Überlegung allein zu lassen. Beredet euch, und tut dann, was ihr beschlossen habt. Aber zögert nicht lange, die Zeit ist kostbar.“

Er trat hinaus. Im ganzen Zeltdorf ertönte lautes Wehklagen, und doch hörte er noch deutlich das verzweifelte Jammern im Inneren des Zelts. Harte Worte der Mutter ließen sich dazwischen vernehmen.

Da plötzlich krachte draußen vor dem Lager eine Gewehrsalve. Ein einziger, aber vielstimmiger, schriller Angstschrei ertönte durch das Lager. Er trat in das Zelt, dessen Tür das Weib des Scheiks soeben aufreißen wollte. Liama stand totenbleich inmitten des Raums.

„Wer hat geschossen? Was hat man getan?“ fragte die Mutter.

„Man hat die ersten fünf Mann soeben erschossen“, antwortete er.

„O Allah! Ist der Scheik dabei?“

„Noch nicht; aber in zwei Minuten werden wieder fünf Mann fallen, und der Scheik und Saadi werden dabei sein.“

„Liama geht mit!“ rief die Mutter in höchster Angst.

„Ist es wahr?“ fragte er die schöne, junge Frau.

„Ach ja“, hauchte sie, mehr tot als lebendig.

„So ziehe dich zur Reise an. Ich werde unterdessen das Zeichen geben, daß man die beiden verschonen soll!“

Einige Zeit später öffnete sich der Kordon, welchen die Chasseurs bildeten. Man ließ zwei Pferde und ein Kamel passieren. Auf den ersteren saßen Richemonte und sein Kumpan, und das letztere trug eine Atuscha, in welcher ein wunderbar schönes Weib unter heißen Tränen vor Leid und Weh zu sterben meinte. Es war Liama, die spätere Bewohnerin des schwarzen Turms in der Nähe vom Schloß Ortry.

Auch von den beiden Löwenzähnen, welche Kunz von Goldberg dem ‚Herrn des Erdbebens‘ ausgebrochen hatte, ist der Leser dem einen bereits begegnet. Fritz, der Diener des verkleideten Doktor Müller, trug ihn an seinem Hals. –

ZWEITES KAPITEL 

Ein teuflischer Plan

Seit den letzterzählten Ereignissen war eine Reihe von Jahren vergangen. Noch lebte Hugo von Königsau, der einstige Liebling des alten Feldmarschalls ‚Vorwärts‘, in stiller Zurückgezogenheit auf seinen beiden nebeneinanderliegenden Gütern. Er genoß an der Seite seiner treuen Margot ein Glück, wie es nur wenigen Irdischen beschieden ist.

Ein einziges Mal wurde dasselbe getrübt, als Margots Mutter, Frau Richemonte, starb. Wäre außerdem eine Trübung desselben möglich gewesen, so hätte das nur dadurch geschehen können, daß er sich noch immer mit jener leeren, dunklen Stelle beschäftigte, welche infolge des empfangenen Hiebes in seinem Gedächtnis zurückgeblieben war.

Fast so alt geworden wie der treue Kutscher Florian Rupprechtsberger, der ihm aus Jeanette nach Preußen gefolgt war, saß er mit diesem stundenlang beisammen, um über diesen unaufgeklärten Punkt zu verhandeln; aber vergebens, denn es war und blieb ihm unmöglich, sich auf den Ort zu besinnen, an welchem er die Kriegskasse vergraben hatte. Wenn dann Margot dazu kam, so ahnte sie stets, welches der Gegenstand des Gesprächs gewesen war. Sie legte ihm den Arm um den Nacken und meinte dann gewöhnlich in bittendem Ton:

„Ich vermute, daß du wieder über diese böse Kriegskasse nachgedacht hast. Ist es nicht so, lieber Hugo?“

„Leider, ja!“ pflegte er dann entweder trübe oder ärgerlich zu antworten.

„Laß das doch endlich auf sich beruhen! Wie oft habe ich dich schon darum gebeten, und doch willst du mir nicht diesen einzigen Gefallen tun!“

„Ich möchte wohl gern, das darfst du mir glauben; aber wenn der Gedanke kommt, so habe ich doch nicht die Macht, ihn von mir zu weisen.“

„Es ist aber überflüssig und vergeblich. Selbst wenn du dich auf den Ort besinnen könntest, dürftest du den Schatz ja doch nicht haben.“

„Warum nicht, meine Liebe?“

„Weil die Kriegskasse eine französische ist. Ihre Aneignung würde ja ein Diebstahl sein. Anders wäre es allerdings, wenn sie deutsches, oder überhaupt Eigentum der Verbündeten gewesen wäre.“

„Ich kann dir nicht unrecht geben. Aber wenn wieder einmal ein Krieg zwischen den Deutschen und Franzosen ausbrechen würde, wenn wir diese Gegend okkupierten, dann hätten wir das Recht, uns der Beute, welche uns damals entgangen ist, zu bemächtigen.“

„Hoffen wir nicht, daß sich jene Zeit des Blutvergießens wiederhole.“

„Ich stimme dir bei. Aber auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen würde es vorteilhaft für mich sein, wenn ich mich auf den Ort besinnen könnte. Ich könnte eine bedeutende Gratifikation von Frankreich erlangen, wenn ich anzugeben vermöchte, wo eine solche Summe zu finden ist.“

„Laß das gut sein, lieber Hugo! Wir sind ja nicht in so bedrängter Lage, einer Gratifikation zu bedürfen.“

Auf diese Bemerkung pflegte der alte Rittmeister nicht zu antworten; er tat, als sei er beruhigt, aber im stillen sann und grübelte er weiter.

Margot hatte sehr recht, wenn sie sagte, daß sie sich nicht in einer bedrängten Lage befänden. Ihre beiden Güter brachten ihnen ein, was sie brauchten. Übrigens hatten sie ja den großen Meierhof Jeannette von der verstorbenen Baronin de Sainte-Marie geerbt. Diesen Besitz hatten sie im Laufe der Jahre sehr verbessert und dann einem tüchtigen Pächter übergeben. Er stand jetzt viel höher im Wert als vorher, obgleich sie dort, da der Hof ja in Frankreich lag, sich nur äußerst selten sehen ließen.

Ihr Sohn Gebhard war glücklich aus Afrika zurückgekehrt. Er hatte die Ergebnisse seiner Forschungen veröffentlicht und sich dadurch einen ehrenvollen Ruf erworben. Das veranlaßte ihn, auf diesem Feld weiterzuarbeiten. Er nahm zunächst Urlaub, um sich an weiteren Expeditionen zu beteiligen, welche ihm neue Ehren einbrachten. Darum kam er endlich um seinen Abschied ein. Da nicht die mindeste Aussicht auf einen Krieg war, so konnte er dies, ohne sich eine Blöße zu geben oder einen unwürdigen Verdacht auf sich zu laden. Er erhielt ihn sofort, da man gar wohl wußte, daß er dem Allgemeinen durch seine jetzige Tätigkeit weit mehr Nutzen bringe, als wenn man ihn auf eine enge Garnison beschränke. Und so war er von da an im Dienst der Wissenschaft oft lange Zeit von seinem Vaterland abwesend.

Ida de Rallion war seine Frau geworden. Sie liebten sich von ganzem Herzen und fanden in ihrer Ehe ganz dasselbe Glück, welches Gebhards Eltern in ihrer Vereinigung gefunden hatten. Freilich sah Ida es nicht gern, daß Gebhard so oft und so lange von der Heimat entfernt war; aber sie freute sich seines Ruhmes und fühlte doppelte Seligkeit, wenn er einmal zu ihr zurückkehrte. Während er in fernen Zonen weilte, fand sie Trost bei den geliebten Schwiegereltern, und als sie nun gar die Wonne hatte, erst einen Sohn und später auch eine Tochter zu haben, pflegte ihr die Zeit des Wartens nicht mehr so lang zu werden wie früher.

Ihr Sohn war Richard genannt worden. Vater und Mutter hingen in vereinter Liebe an ihm und dem kleinen Schwesterchen, und doch schien es beinahe, als ob ihre Zärtlichkeit von derjenigen der Großeltern fast noch überboten werde. Natürlich hatte der Knabe die Bestimmung, einst Offizier zu werden, und seine Erziehung erhielt eine streng nach diesem Ziel visierte Richtung. Bei der reichen Begabung, durch welche er sich auszeichnete, brachten die Bemühungen seiner Großeltern, Eltern und Lehrer überreichliche Früchte, und es ließ sich hoffen und erwarten, daß er einst dem Stand, für welchem man ihn bestimmt hatte, alle Ehre machen werde. –

Während so die Familie Königsau sich eines reinen und beinahe ungetrübten Glückes erfreute, zog sich im Südwesten von ihnen eine schwere Wetterwolke gegen sie zusammen.

Napoleon der Dritte war erst Präsident und dann Kaiser von Frankreich geworden. Dieses Ereignis kam zweien sehr gelegen, welche bisher vergeblich auf eine erfolgversprechende Gelegenheit gewartet hatten, ihre Pläne in Ausführung zu bringen: Kapitän Richemonte und sein Verwandter und Adoptivsohn, welcher sich in Afrika Ben Ali genannt hatte. Sobald der Neffe des Onkels Kaiser geworden war, ließ sich annehmen, daß für alle diejenigen, welche an den Traditionen des ersten Kaiserreiches festgehalten hatten und Anhänger Napoleons des Ersten gewesen waren, nun endlich die längst ersehnte Zeit gekommen sei, sich geltend zu machen. Und sie hatten recht. Der Neffe, welcher keineswegs den gewaltigen Geist des großen Korsen hatte, suchte doch ein Nachahmer desselben zu sein. Er schmeichelte sich, in dessen Fußstapfen treten zu können, und war doch nichts als ein Nachäffer der äußeren Eigentümlichkeiten und Gepflogenheiten des großen Korsen.

Aber der Stand der Dinge in Europa war ihm günstig. Das Flittergold seiner Krone schien echtes Metall zu sein, und die Glasflimmer, mit denen er sich schmückte, warfen einen Glanz, daß man sie für echte Diamanten hielt. Hatte der Onkel durch die Gewalt seines Genies sich zum Schiedsrichter der halben Welt gemacht, so gelang es dem Neffen, durch verschlagene Taschenspielerstückchen die Völker und sogenannte Diplomaten zu täuschen. Man staunte, man war verblüfft; man bewunderte ihn sodann, und das war es ja, was er beabsichtigte; denn vom Angestaunt- und Bewundertwerden bis zur wirklichen Herrschaft ist ja nur ein kleiner Schritt, und diesen zu tun versäumte er nicht.

Hatte Napoleon es verstanden, das Genie zu sich emporzuziehen, selbst wenn er es in der niedersten Klasse des Volkes gesucht hatte, so äffte ihm auch hier der Neffe nach, indem er nicht versäumte, sich Kreaturen zu schaffen, welche er für geeignet hielt, dem falschen Glanz seines Throns noch einen kleinen Strahl hinzuzufügen. Welchen Wert diese Männer hatten, zeigte sich erst, als der Thron zusammenbrach. Und vielleicht gab es nur zwei Männer, welche diesen Wert oder vielmehr Unwert erkannt hatten und richtig zu beurteilen verstanden – Bismarck und Moltke, unter deren Fausthieben der ganze Kartenbau des Kaiserreichs später zusammenfiel.

Seit einiger Zeit gehörte zu jenen Günstlingen des Kaisers und der Kaiserin ein Mann, der uns bereits begegnet ist, nämlich Graf Jules Rallion, welcher zu wenig Ehre besessen hatte, auf die Forderung Gebhards von Königsau mit der Waffe in der Hand zu antworten.

Er war damals feig entflohen, hatte sich aber nach Gebhards Entfernung sofort wieder eingefunden, um seine Bewerbung um seine Cousine Ida fortzusetzen. Er war aber mit Verachtung zurück- und zurechtgewiesen worden und hatte mit Grimm sehen müssen, daß der Deutsche seine schöne Verwandte als Frau in sein Vaterland führte.

Seit jener Zeit haßte er Königsau noch mehr als früher, und dieser Haß erstreckte sich auch auf Kunz von Goldberg, welcher es verstanden hatte, die zweite Cousine und ebenso auch die alte, strenge Tante zu gewinnen. Wie gern hätte er sich an diesen beiden Deutschen gerächt! Aber leider fand sich keine Gelegenheit dazu. Und eine solche herbeizuführen, dazu war er weder mutig, noch erfinderisch genug.

Obgleich ihm diese beiden Eigenschaften entgingen, gelang es ihm dennoch, sich bei Hofe einzubürgern. Eine Grafenkrone gibt Relief genug, um die Blicke von Schwächen abzuziehen, welche nicht geeignet waren, den Träger dieser Krone zu Ehren zu bringen. Infolge seines untertänigen Wesens und anderer negativen Eigenschaften, welche aber von einem glanzsüchtigen Fürsten lieber bemerkt werden als positive Vorzüge, wußte er sich besonders in die Gunst der Kaiserin einzuschmeicheln, und bald war es allgemein bekannt, daß die Stimme des Grafen Rallion das beste Mittel sei, sich das Kaiserpaar geneigt zu machen.

Kapitän Richemonte hörte davon. Schlau und rücksichtslos, wie er war, fand er bald Gelegenheit, sich dem Grafen auf eine verbindende Weise nützlich zu machen. Er erhielt Zutritt in dessen Gemächer, und seiner diabolischen Natur wurde es nicht schwer, bald einen gewissen Einfluß auf den schwachen Günstling zu gewinnen.

Nun erzählte er ihm von dem Baron de Sainte-Marie, welcher als Marabut gestorben sei und einen Sohn hinterlassen habe, der im Besitz der nötigen Papiere sei, sich als den rechtmäßigen Besitzer des Meierhofs Jeannette auszuweisen.

Der Graf nahm diese Erzählung mit Verwunderung entgegen. Als aber Richemonte berichtete, daß Bonaparte eine Nacht auf jener Besitzung zugebracht und dabei sein Herz verloren habe, fragte er schnell:

„An wen, lieber Kapitän?“

„An meine Schwester.“

„Wie? Sie haben eine Schwester?“

„Ja, gnädiger Herr.“

„Eine Schwester, welche von Bonaparte geliebt wurde? Und Sie haben mir dieselbe noch nicht vorgestellt? Das muß ich sehr übel vermerken, Kapitän. Eine Dame, welche die Zuneigung des großen Kaisers besessen hat, würde persona grata am hiesigen Hofe sein. Sie haben da eine Unterlassungssünde begangen, welche ich Ihnen fast gar nicht verzeihen darf.“

„Ich hätte das, was Sie eine Unterlassungssünde nennen, sicherlich nicht begangen, Verehrtester, wenn es mir überhaupt möglich gewesen wäre, die Schwester Ihnen vorzustellen. Sie lebt nicht in Frankreich, sondern in Deutschland.“

Rallion blickte den Kapitän erstaunt an.

„In Deutschland?“ fragte er. „Wie kommt es, daß sie es sich bei den Feinden ihres kaiserlichen Geliebten gefallen läßt?“

„Sie würde sich die Anwendung des zärtlichen Wortes, welches Sie soeben zu ihr in Beziehung brachten, wohl verbitten. Sie ist der Zuneigung des Kaisers nicht wert gewesen; sie hat sich ablehnend verhalten und ihm einen deutschen Lieutenant vorgezogen, dessen Frau sie geworden ist.“

„Ah, sie ist in Deutschland verheiratet! Welch ein Unsinn! Welch eine Dummheit! Welch ein Verrat an dem Land, in welchem sie geboren wurde!“ rief der Graf. „Aber ich habe freilich auch andere Mädchen gekannt, von denen diese ungeleckten deutschen Barbaren uns vorgezogen wurden. Man sollte diese Art von Frauenzimmer mehr als mit bloßer Verachtung strafen. Ich sage dies, obgleich diejenige, von welcher soeben die Rede war, Ihre Schwester ist. Dem Patriotismus dürfen Sie das nicht übelnehmen!“

„Daran denke ich nicht im entferntesten! Diese Abtrünnigkeit der Schwester ist es ja gewesen, welche veranlaßt hat, daß ich mich von der letzteren vollständig losgesagt habe.“

„Ah! Sie verkehren gar nicht mit ihr?“

„Nein. Ich denke aber, jetzt wenigstens aus der Ferne und durch den Advokaten mit meinem Herrn Schwager in Verhandlung zu treten; denn diese verhaßte Familie ist es ja, welche sich unrechtmäßigerweise in den Besitz jenes Meierhofs Jeannette gesetzt hat, dessen rechtmäßiger Eigentümer eigentlich der Baron de Sainte-Marie ist, von welchem ich Ihnen erzählte.“

Der Graf machte eine Bewegung der Überraschung und sagte:

„Ah, wirklich? Ist es so? Das wäre ein Umstand, welcher hier sehr in Betracht zu ziehen sein dürfte. Wie heißt jener Schwager?“

„Königsau.“

Der Graf trat unter allen Zeichen der höchsten Überraschung einen Schritt zurück und rief:

„Königsau? Wäre das möglich?“

„Ist Ihnen der Name bekannt?“ fragte der Kapitän, jetzt ebenso überrascht wie vorher der Graf.

„Oh, mehr als bekannt!“ antwortete dieser. „Wie ist der Vorname jenes Königsau?“

„Hugo.“

Der Graf sann einen Augenblick nach und meinte dann:

„Ich lernte einst bei meiner Tante einen Lieutenant von Königsau kennen, welcher erzählte, daß sein Vater viel mit diesem alten Barbaren, dem Marschall Blücher, verkehrt habe.“

„So hat er Hugo von Königsau gemeint und ist sein Sohn gewesen.“

„Er nannte sich Gebhard.“

„Das stimmt. Ich bin zwar jetzt nicht in Deutschland gewesen, aber ich habe Erkundigungen über die Familie eingezogen. Hugo von Königsau hat einen Sohn, welcher Gebhard heißt.“

„Und jetzt besinne ich mich, bei meiner Tante gehört zu haben, daß Königsau, der Vater, eine gewisse Margot Richemonte geheiratet habe.“

„Das eben war meine Schwester. Sein Sohn, jener Gebhard, hat eine Dame Ihres Namens, welche Französin ist, eine gewisse Ida de Rallion, zur Frau genommen.“

Das Gesicht des Grafen verfinsterte sich. Es war darin der Ausdruck eines tiefen, unversöhnlichen Hasses zu erkennen.

„Diese Ida de Rallion war meine Cousine“, sagte er.

Der Kapitän warf einen forschenden Blick auf den Grafen. Seinem Scharfsinne fiel es nicht schwer, das Richtige zu erraten. Ein solcher Haß konnte nur in einem verlorenen Erbteil oder in verschmähter Liebe, vielleicht auch in beidem zugleich, begründet sein.

„Ich hoffe nicht, daß Sie diese Cousine, welche ich eine Abtrünnige nennen muß, vermißt haben?“ fragte er schlau.

Der Graf ballte die Faust und antwortete:

„Wir waren so viel wie versprochen miteinander“, sagte er. „Aber wenn Ihre Schwester einen deutschen Lieutenant dem Kaiser vorgezogen hat, so darf ich mich nicht wundern, wenn es meiner Cousine eingefallen ist, mich gegen einen solchen Menschen zurückzusetzen. Oh, wie hasse ich diese Deutschen! Und wie hasse ich erst alles, was Königsau heißt und mit dieser Sippe in Verbindung steht!“

Der Kapitän nickte mit dem Kopf. Er ließ jenes Fletschen der Zähne sehen, welches bei ihm in Augenblicken des Ärgers, des Grimmes zu bemerken war. Doch dabei spielte ein Zug um seinen Mund, welcher einen aufmerksamen Beobachter, als der Graf war, leicht hätte erraten lassen, daß ihm der Zorn desselben ganz willkommen sei.

„Mein Haß begegnet sich mit dem Ihrigen“, sagte er, Rallion mit verstecktem Blick beobachtend. „Ich gäbe viel darum, wenn ich ein Mittel wüßte, die ganze Brut zu verderben!“

Der Graf ging sofort in die Falle, indem er eifrig zustimmte:

„Das ist ja auch mein Wunsch! Leider reicht mein Einfluß nicht weit genug. Man darf eine Faust in der Tasche machen, weiter nichts.“

„Und doch hätten wir gerade jetzt die beste Gelegenheit, diesen Königsaus einen prächtigen Streich zu spielen“, meinte er nachdenklich.

„Wieso?“

„Indem wir sie zwingen, Jeanette herauszugeben.“

„Ah, wirklich! Das ist ja wahr! Aber dann müßte Ihr Schützling vorher als Baron de Sainte-Marie anerkannt sein!“

„Dem steht nichts im Wege. Wir haben ja die klarsten Beweise in den Händen.“

„Darf ich dieselben sehen?“

„Wenn Sie erlauben, werde ich sie Ihnen vorlegen und Ihnen dabei auch den vorstellen, welchen Sie meinen Schützling nennen.“

„Ich bitte Sie darum! Es wird mir nicht schwer werden, den Kaiser für ihn zu interessieren. Ja, ich hoffe sogar, daß dieser mit ihm und Ihnen zu sprechen verlangen wird. Er wird sofort auch für Sie Teilnahme empfinden, wenn ich ihm erzähle, daß Ihre Schwester schön und interessant genug war, die Augen Bonapartes auf sich zu ziehen. Um dies zu können, muß ich aber besser unterrichtet sein, als dies jetzt der Fall ist. Wollen Sie mir nicht erzählen, auf welche Weise Ihre Schwester dem Kaiser begegnete?“

Richemonte folgte dieser Aufforderung. Seinem Bericht lag jener Überfall im Wald und der Aufenthalt Napoleons auf dem Meierhof Jeanette zugrunde. Dies war aber auch das einzig Wahre daran. Er fügte Ausschmückungen und Episoden hinzu, welche nur zu dem Zweck erfunden waren, ihn selbst in einem günstigen Licht, die Königsaus aber in einem desto gehässigeren erscheinen zu lassen. Als er geendet hatte, meinte der Graf:

„So also ist es gewesen! Interessant, höchst interessant! Ich will Ihnen gestehen, lieber Kapitän, daß Sie mir gleich im Augenblick unserer ersten Begegnung eine warme Sympathie eingeflößt haben. Jetzt verstehen wir einander noch besser, und ich denke, daß eine Gelegenheit kommen wird, den Gefühlen, welche wir beiderseits hegen, einen Ausdruck zu geben, der dieser deutschen Familie nicht angenehm sein wird. Ich bin nicht der Mann, der eines Menschen Verderben will, aber einem Königsau werde ich niemals verzeihen können, daß er diesen Namen trägt. Reichen wir uns die Hand zu dem Übereinkommen, uns gegenseitig zu unterstützen, wenn es gilt, denen, welche uns auf eine solche Weise beleidigten, zu zeigen, daß ein Franzose sich wenigstens von einem Deutschen nie ungeahndet beleidigen läßt!“

Nichts konnte dem Kapitän willkommener sein, als diese Aufforderung. Er schlug sofort in die dargebotene Hand des Grafen und sagte:

„Ich bin von ganzem Herzen bereit, auf ein solches Bündnis einzugehen. Es liegt in der menschlichen Natur, ja, es ist sogar die heiligste Pflicht eines jeden, der sich einen Mann nennt, keine Beleidigung ungerächt zu lassen. Wir erfüllen also nur diese Pflicht, indem wir die Absicht, welche Sie andeuteten, zur Wirklichkeit werden lassen.“

„Sie haben recht. Ich bin heute zur Kaiserin befohlen und werde nicht versäumen, die Angelegenheit des Barons de Sainte-Marie zum Vortrag zu bringen. Daß Baron de Sainte-Marie der Mörder seiner Frau gewesen ist, darf der Sohn nicht entgelten. Und daß dieser letztere zugleich der Sohn eines Mädchens ist, welches nicht zum Adel gehörte, kann auch kein Hindernis sein, die Rechte, welche sein Vater beanspruchen durfte, auf ihn übergehen zu lassen. Bringen Sie ihn umgehend zu mir, und dann werde ich Ihnen morgen am Vormittag mitteilen, welche Hoffnungen wir hegen dürfen!“

Diese für den nächsten Morgen angekündigte Unterhaltung fand statt, und es stellte sich heraus, daß Richemonte allerdings große Hoffnungen hegen durfte, seinen Plan in Erfüllung gehen zu sehen. Der Kaiser hatte verlangt, ihn in einer Privataudienz zu empfangen, bei welcher auch die Kaiserin zugegen sein sollte. Diese letztere, die einstige Dame des im höchsten Grad schlüpfrigen spanischen Hofs, goutierte gewisse Dinge, welche sonst nicht vor das Ohr einer Dame zu gehören pflegen. Sie war begierig, etwas über die letzte Liebe Napoleons zu erfahren, und interessierte sich daher schon im voraus lebhaft für den Mann, welcher ihr diesen Genuß bereiten sollte.

Die Audienz fand statt. Richemonte verstand es, diese Gelegenheit zu benutzen. Er stellte seine damaligen Erlebnisse und Taten in ein möglichst vorteilhaftes Licht, gab sich sozusagen als Märtyrer, und als er entlassen wurde, ging er mit der Gewißheit von dannen, daß er, der einst aus der Armee Gestoßene, rehabilitiert werde. Und was den angeblichen Sohn des in Afrika verstorbenen Barons de Sainte-Marie betrifft, so hatte Napoleon der Dritte sich alle auf ihn bezüglichen Legitimationen und Dokumente vorlegen lassen, sich nach Durchsicht derselben befriedigt erklärt und das Versprechen gegeben, diese Angelegenheit sofort in die besten Hände niederzulegen.

Um diese Zeit befand Gebhard von Königsau sich in der Heimat, und so war es die vollzählige Familie, welche von der amtlichen Mitteilung getroffen wurde, daß ein Sohn des einst verschwundenen Sainte-Marie erschienen sei und die Rückgabe des ihm rechtmäßigerweise zukommenden Erbes verlange.

Es wurde sofort der Rat eines tüchtigen Juristen eingeholt; er bestand in einem Achselzucken. Die Achseln anderer Sachverständigen wurden ebenso gezuckt. Darauf ging die Nachricht ein, daß die betreffende Person sich vollständig als der Sohn des Barons ausgewiesen habe und selbst vom Kaiser als derselbe anerkannt worden sei. Sollte man einen langwierigen Aktenkampf beginnen, dessen Ende gar nicht abzusehen war? Nein! Königsau, Vater und Sohn, entschlossen sich, den Meierhof abzutreten, und in Wahrheit mußten sie noch froh sein, daß ihnen nicht auch noch zugemutet wurde, für die Zeit, während welcher derselbe in ihrem Besitz gewesen war, Entschädigung zu zahlen.

Es war das kein geringer Verlust, welcher sie traf, aber sie verschmerzten ihn doch bei dem Gedanken, daß sie durch ihn noch lange nicht verarmt seien. Besaßen sie doch ihre zwei Güter, welche ihnen niemand nehmen konnte.

Niemand? Wie leicht ist oft etwas möglich, was unmöglich scheint! Der erste Blitz, welchen die im Südwesten aufgegangene Gewitterwolke entsendete, hatte getroffen, wenn auch nicht zerstörend gewirkt. War aber dadurch die elektrische Spannung ausgeglichen worden?

Der falsche Baron de Sainte-Marie hatte den Besitz der Meierei angetreten, aber nicht selbständig, sondern unter der heimlichen Bevormundung des alten Kapitäns. Dieser hatte ein doppeltes Spiel erreicht. Er war, wenn auch nicht der nominelle, aber doch der tatsächliche Gebieter von Jeanette geworden und hatte sich zugleich an seinem Todfeind gerächt.

Der Baron spielte in jeder Beziehung eine jämmerliche Rolle, freilich ohne sich derselben zu schämen. Ein einziges Mal hatte er es gewagt, dem Kapitän Widerstand leisten zu wollen, war aber auf das Energischste zurückgewiesen worden. Der Kapitän hatte ihm erklärt, daß er hier auf dem Meierhof nichts zu sagen habe.

„Aber wer ist der Herr?“ hatte der Baron gefragt. „Du oder ich?“

„Ich!“ hatte die feste und bestimmte Antwort gelautet.

„So? Ah! Und wer ist der Baron?“

„Du bist es; aber durch einen Mord. Du hast den Sohn des Einsiedlers erschossen und dich an seine Stelle gesetzt. Ich will dir ein für alle Mal sagen, daß du mich nicht beherrschen kannst. Hüte dich, mich zu reizen! Der Versuch würde dich deine Baronie kosten.“

„Willst du etwa damit sagen, daß du mich als Mörder anzeigen willst?“

„Ja, nichts anderes.“

„Du hast mir dabei geholfen!“

„Beweise es!“

„So beweise, daß ich der Mörder war, ohne daß du dabei gezwungen sein wirst, deine Mittäterschaft einzugestehen!“

„Rede nicht kindisch! Ich werde es dir natürlich nicht sagen, wie ich es anfangen würde, dich unschädlich zu machen, du weißt ganz genau, daß du mir nicht gewachsen bist, und das ist genug. Sei froh, daß du, der einstige Spion, Baron de Sainte-Marie genannt wirst und ein behagliches, ruhiges und sorgenfreies Leben führen kannst, und sei ferner froh, daß ich dir deinen glühendsten Wunsch erfüllt habe, das schönste Weib der Erde zu besitzen!“

„Du meinst Liama?“

„Wen sonst?“

„Die ist ja nicht mein Weib!“

„Das ist nicht meine Sache, sondern die deinige. Bist du so dumm, sie nicht faktisch als Frau zu besitzen, so ist das deine eigene Schuld.“

„Ich bin ja nicht mit ihr getraut. Sie ist Mohammedanerin geblieben.“

„Das braucht kein Mensch zu wissen.“

„Und sie läßt sich von mir nicht berühren.“

„So handelst du eben geradezu lächerlich. Du bist in sie verliebt noch weiter als bis zu den Ohren, du girrst um sie wie ein Täuberich um sein Täubchen, sie befindet sich vollständig in deiner Gewalt, und doch wagst du es nicht, sie anzurühren. Das verstehe, wer es verstehen kann; ich aber vermag nicht, es zu begreifen.“

Und doch war es sehr leicht zu begreifen. Einer reinen, keuschen Weiblichkeit gegenüber fühlt ein mutloser Bösewicht sich ohne Macht. Das konnte der Kapitän, welcher doch ein Menschenkenner war, sich leicht sagen.

Diese beiden Menschen hatten Liama aus ihrer Heimat durch einen gräßlichen Betrug hinweggelockt. Sie hatte ihnen vertraut und war ihnen in der Überzeugung gefolgt, dadurch ihren Vater und den geliebten Mann zu retten. Später hatte sie Gelegenheit gehabt, ihr Tun und Treiben zu beobachten, und war mißtrauisch geworden. Es war ihr der Zweifel gekommen, ob das ihr gegebene Versprechen erfüllt worden sei. Sie hatte nach Beweisen verlangt, daß ihr Mann und ihr Vater am Leben geblieben seien, diese Beweise waren ihr nicht geliefert worden. Hatte sie die beiden bereits früher gehaßt, so haßte sie dieselben jetzt noch viel mehr. Es kam ihr der Gedanke an Flucht; aber wie sollte sie diese bewerkstelligen? Sie verstand kein Wort Französisch, sie wurde in Jeanette fast wie eine Gefangene gehalten und bemerkte, daß sie keinen einzigen Augenblick ohne Aufsicht gelassen wurde. Der Kapitän war von allem Anfang an gegen die wahnwitzige Liebe seines Verwandten gewesen, er hatte dennoch Gründe gehabt, derselben zu willfahren, aber er sah gar wohl ein, in welcher Gefahr er Liama gegenüber sich stetig befand, und so war es kein Wunder, daß er ihr feindlich gesinnt blieb und sie fest im Auge behielt.

Dennoch aber hätte das arme, betrogene Weib seinen Entschluß, zu fliehen, ausgeführt, wenn nicht ein Ereignis eingetreten wäre, welches sie zwang, noch auszuhalten. Sie wurde nämlich Mutter und gab einem Mädchen das Leben, in dessen liebem Gesicht sie die Züge ihres Saadi wiederzusehen glaubte. Dieser ihr von dem Kadi angetraute Mann war der Vater des lieblichen Kindes. All ihre Liebe, welche sie dem ersteren nicht mehr zu widmen vermochte, konzentrierte sich auf das letztere. Sie vergaß ihr Elend und lebte nur in dem Wesen, welchem sie das Leben gegeben hatte.

Diese Liebe war es auch, welche ihr die Kraft und Ausdauer verlieh, sich den Ansprüchen und Liebkosungen des Barons zu widersetzen. Er besuchte sie täglich wiederholt in den Räumen, welche ihr ausschließlich angewiesen waren und welche sie nicht verlassen durfte. Er knüpfte an die Erhörung seiner Wünsche die Erlaubnis zu einer freieren Bewegung; aber mit dem Scharfsinn des Naturkinds erkannte sie seine Schwäche und erriet, daß er dem Kapitän gegenüber vollständig machtlos war, in dessen Händen auch sie sich befand.

Je länger und fester sie widersprach, desto mehr steigerte sich die Gier des Barons. Es gab Augenblicke, in denen er sich fast sinnlos gebärdete. Dazu kamen Bilder aus der Vergangenheit, welche ihn des Nachts beängstigten. Finstere, drohende Schatten bewegten sich in seinen Träumen, Schüsse knallten, blutige Tropfen umspritzten ihn, und wenn er dann erwachte, war es ihm, als ob er mit wirklichen Gestalten zu kämpfen gehabt hätte; er stöhnte und wimmerte leise vor sich hin, und es gab nur einen, der ihn zum Schweigen brachte – der alte Kapitän, welcher erst zu Drohungen, dann aber zu Tätlichkeiten griff, um die Geister zu bannen, die sich des Barons bemächtigt hatten.

Diese Anfälle traten je länger, desto öfter ein. Es kam vor, daß der Baron selbst durch die angegebenen Mittel nicht zur Ruhe und zum Schweigen gebracht werden konnte. In diesem Zustand der Angst, Furcht und Verzweiflung verlangte er nach Liama, und der alte Richemonte war klug genug, sich diesem Wunsch nicht zu widersetzen. Liama, die Betrogene, wurde die Trösterin des Betrügers. Ihr bloßer Anblick genügte, ihn zu beruhigen und ihm den Gebrauch seiner Sinne zurückzugeben.

Dies rettete ihr vielleicht das Leben. Der Kapitän kannte ihren glühenden Wunsch nach Befreiung aus ihren Fesseln. Ihr Entkommen aber wäre sein Verderben gewesen, und da ihre immerwährende unausgesetzte Bewachung keine leichte war, so ließ sich bei seiner Rücksichts- und Gewissenlosigkeit wohl vermuten, daß er zu dem Entschluß kommen könne, sich durch eine Gewalttat seine Sicherheit wiederzugeben. Aber ebenso gefährlich war ihm der Wahnwitz des Barons, und da die Ausbrüche desselben nur durch Liama gemildert und beruhigt werden konnten, so war es notwendig, sie leben zu lassen.

Das Kind der Baronin, von welchem der Baron wohl wußte, daß es nicht das seinige sei, wurde schweigend von ihm anerkannt und auf den Namen Marion getauft. Sein junges Leben bildete die Kette, durch welche die unglückliche Mutter in ihrer Gefangenschaft festgehalten wurde. Es wäre ihr niemals in den Sinn gekommen, ohne dasselbe zu fliehen; das erkannte der Kapitän, und daher bewachte er die kleine Marion noch sorgfältiger als ihre Mutter, und bedeutete der letzteren übrigens noch, daß der geringste Ungehorsam gegen ihn dem Mädchen das Leben kosten werde. Das war mehr als genug, jeden Fluchtgedanken von Liama fernzuhalten.

Was die Bevölkerung der Umgegend betrifft, so war derselben wohl bekannt geworden, daß der Baron verheiratet sei, das Weitere ging ja keinem Menschen etwas an. Zwar gelang es zuweilen einem Auge, die schöne, geheimnisvolle Frau zu erblicken, aber warum dieselbe sich in so außerordentlicher Verborgenheit halte, das versuchte man gar nicht zu ergründen. Vornehme Herrschaften haben ja ihre Schrullen.

Selbst wenn Graf Rallion nach Jeannette kam, wurde Liama nicht zur Gesellschaft gezogen. Ein kleiner Umstand hätte ja leicht alles verraten können. Daß der Graf einmal energisch nach der Baronin verlangen könne, stand gar nicht zu erwarten. Er erkundigte sich in höflicher, aber gleichgültiger Weise nach ihr, wenn er kam; er ließ sich ihr empfehlen, wenn er wieder abreiste, das war alles, was er tat.

Dieses Verhalten war zwar seltsam, aber dennoch leicht zu erklären.

Die beiden, er und der Kapitän, hatten sich nach und nach immer besser kennengelernt. Jeder erblickte ein höchst brauchbares Werkzeug in dem anderen. War der Graf feig und gewissenlos, so war der Kapitän frech und rücksichtslos. Der erstere hielt es am liebsten mit der weniger gefährlichen Hinterlist, während der letztere vor keiner Gefahr, vor keiner Tat zurückbebte, wenn es galt, seinen Zweck zu erreichen. So ergänzten sich beide, sobald ihre Zwecke dieselben waren, und dieser Fall kam nicht sehr selten vor.

Wenn sie beieinander saßen, kam die Rede stets auf die Familie Königsau. Beide fühlten sich sehr befriedigt darüber, daß es ihnen gelungen war, ihr den Meierhof Jeanette zu entreißen; aber noch weit größere Freude hätten sie empfunden, wenn ihnen die Mittel gegeben wären, diese verhaßte Familie ganz und vollständig zu verderben.

So befanden sie sich einst bei einer abermaligen Anwesenheit des Grafen in dem Zimmer des Kapitäns und unterhielten sich über dieses Thema. Sie suchten mit wahrhaft diabolischem Scharfsinn nach einem Weg, auf welchem es möglich sei, eine vollständige Rache auszuüben, aber all ihr Sinnen und Forschen führte zu keinem befriedigenden Resultat. Darum gingen sie mißmutig auseinander, um sich schlafen zu legen.

Der Kapitän hatte die Gewohnheit, stets, bevor er sich zur Ruhe begab, seine geschäftlichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Er hatte heute von einem Getreidehändler eine größere Summe Geld geschickt bekommen, welche von ihm noch nicht gebucht und nachgezählt worden war. Darum schloß er den Laden, setzte sich an den Schreibtisch und zog das Geld hervor.

Die leichte Arbeit war bald getan, und eben hatte er das Geld in Beutel gegeben, wieder verschlossen und den Schlüssel zu sich gesteckt, als es ihm war, als ob er draußen auf dem Gang leise Schritte vernehme.

Er lauschte. Ja, wirklich! Da draußen schlich sich jemand näher und hielt vor seiner Tür an. Wer war das? Was wollte man? Kam ein Diener, um ihm noch etwas Notwendiges mitzuteilen? Das war sehr unwahrscheinlich. Er hatte Geld gezählt; der Gedanke an einen Dieb lag ihm daher nahe. Rasch entschlossen, wie er war, löschte er sein Licht aus, nahm das Terzerol, welches stets geladen neben seinem Bett hing, und legte sich in das Bett. Er deckte sich so zu, daß nur sein Kopf zu sehen war, so, daß man nicht bemerken konnte, daß er noch angekleidet sei.

Das Terzerol schußbereit haltend, wartete er still und bewegungslos der Dinge, die da kommen sollten.

Er brauchte nicht lange zu warten. Er bemerkte, daß fast unhörbar von außen ein Schlüssel angesteckt wurde. Er hatte den seinigen von innen abgezogen und dann den Nachtriegel vorgeschoben. Nach seiner Ansicht war es also unmöglich, in das Zimmer zu gelangen, da der Nachtriegel ja nicht mittels eines Schlüssels zurückgeschoben werden konnte. Aber er täuschte sich. Zu seinem Erstaunen hörte er, daß der Riegel leise, ganz leise sich bewegte, und ein kühler Luftzug, welcher hereindrang, verriet ihm trotz der Dunkelheit, daß die Tür geöffnet worden sei.

Er lauschte in atemloser Spannung. Eine ganze Weile lang war nicht der Hauch eines Geräusches zu vernehmen. Es stand fest, daß derjenige, welcher geöffnet hatte, unter der Tür stand, um zu hören, ob der Kapitän fest schlafe. Dieser ließ daher jetzt ruhige, gleichmäßige Atemzüge ertönen.

Diese Manipulation war von Erfolg. Fast unhörbare Schritte nahten sich langsam. Abermals wurde gelauscht, und dann erhellte ein plötzlicher Lichtstrahl das ganze Zimmer.

Der Kapitän hielt das eine Auge fest geschlossen; das aber, welches mehr im Schatten war, öffnete er ein ganz klein wenig und gewahrte so einen Mann, welcher ungefähr drei Fuß vor seinem Bett stand und den Schein einer rasch geöffneten Blendlaterne auf das letztere fallen ließ. Eine Waffe war nicht zu sehen. Er hatte eine Maske vor das Gesicht gebunden und beobachtete den Kapitän, ob derselbe wirklich fest im Schlaf liege.

Richemonte setzte sein ruhiges Atmen fort, war aber bereit, bei der geringsten gefährlich erscheinenden Bewegung des Eingedrungenen die Hand mit dem Terzerol unter der Bettdecke hervorzustrecken.

Der Maskierte schien befriedigt zu sein. Er wendete sich ab und trat völlig unhörbar zum Schreibtisch. Dabei fiel der Schein der Laterne auf die Tür, und der Kapitän bemerkte, daß dieselbe zugeklinkt worden sei. Der Dieb schien in seinem Handwerk außerordentlich gewandt und erfahren zu sein.

Er griff in eine Tasche und zog einen Schlüssel hervor. Es zeigte sich, daß derselbe ganz genau in das Schloß jenes Faches passe, in welchem das Geld lag. Der Mann öffnete, zog den Kasten auf und steckte das Geld zu sich, und zwar mit einer Sicherheit, als ob er von den Verhältnissen auf das genaueste unterrichtet sei. Dann schloß er das Fach wieder zu, steckte den Schlüssel ein und schickte sich an, sich ebenso leise zu entfernen, wie er gekommen war.

Ihm dies zu gestatten, lag aber ganz und gar nicht in der Absicht des Kapitäns. Dieser war schlau genug, einzusehen, daß er sich vor allen Dingen der brennenden Laterne bemächtigen müsse, wenn es ihm gelingen solle, den Dieb zu fangen und einen jedenfalls gefährlichen Kampf im Finsteren zu vermeiden. Er fuhr daher in dem Augenblick, in welchem der Mann sich vom Schreibtisch abwandte, aus dem Bett empor und mit einem raschen Sprung an dem Dieb vorüber, welchem er dabei die Laterne entriß. Sich zwischen ihn und die Tür stellend, ließ er den Schein des Lichts auf ihn fallen und hielt ihm zugleich das Terzerol entgegen.

„Halt!“ gebot er ihm in nicht zu lautem, aber doch befehlendem Ton.

Der Mann war so überrascht und erschrocken, daß er einige Augenblicke lang wie erstarrt stehenblieb. Dann aber drehte er sich, da ihm die Flucht durch die Tür unmöglich schien, nach dem Fenster um.

„Abermals halt!“ gebot der Kapitän. „Auch dort lasse ich dich nicht durch, mein Bursche!“

Da zog der Mensch ein langes Messer aus der Tasche und machte Miene, sich den Ausgang mit demselben zu erzwingen.

„Steck das Messer ein, Kerl, sonst schieße ich!“

Dieser Befehl war in einem so nachdrücklichen Ton gegeben worden, daß der Dieb die Hand mit dem Messer sinken ließ.

„Weg das Messer, sage ich, sonst schieße ich!“ wiederholte Richemonte. „Eins – zwei – dr –“

Er kam nicht dazu, ‚drei‘ zu sagen. Der Dieb mochte immerhin ein verwegener Kerl sein, aber er mußte doch einsehen, daß eine Kugel schneller ist als eine Messerklinge. Er steckte also das Messer langsam wieder zu sich.

„Leg das Geld wieder hin auf dem Schreibtisch!“

Der Dieb schien zögern zu wollen, als aber Richemonte ihm mit dem erhobenen Terzerol drohend einen Schritt nähertrat, wandte er sich nach dem Tisch, zog die Beutel, in denen sich das Geld befand, hervor und legte sie an den angegebenen Ort.

„Nun die Maske ab!“ befahl der Kapitän.

„Das tue ich nicht!“

Das waren die ersten Worte, welche er hören ließ. Bei dem Ton dieser Stimme zuckte der Kapitän zusammen.

„Alle Teufel! Höre ich recht?“ fragte er. „Du willst dein Gesicht also nicht sehen lassen, mein Bursche?“

„Nein!“

„So weiß ich gar wohl, warum.“

Der Mann schwieg; darum fuhr Richemonte fort:

„Du schämst dich, dein Gesicht zu enthüllen, weil es jedenfalls schmachtvoller ist, seinen Herrn zu bestehlen als einen Fremden. Habe ich recht, Henry?“

Er erhielt keine Antwort.

„Nun“, meinte der Kapitän, „wenn du weder sprechen noch dich demaskieren willst, so ist das um so schlimmer für dich. Ich werde Leute herbeirufen, während ich im anderen Fall vielleicht geneigt sein dürfte, diese Angelegenheit unter vier Augen mit dir in Ordnung zu bringen.“

Er war sonst ganz und gar nicht der Mann, eine solche Milde walten zu lassen; aber es war ihm im gegenwärtigen Augenblick ein Gedanke gekommen, welcher mehr wert war als die Genugtuung, einen Dieb bestraft zu sehen.

„Ist das wahr?“ fragte jetzt der Mann.

„Ja.“

„So versprechen Sie es mir mit Ihrem Ehrenwort!“

„Unsinn! Einem Spitzbuben gibt man kein Ehrenwort. Das merke dir! Ich habe ja noch gar nicht gesagt, daß mit dem Ordnen unter vier Augen eine Straflosigkeit gemeint sei; aber es ist dennoch möglich, daß dieser Fall eintritt, wenn du mir nämlich unbedingt gehorchst. Versprechen aber werde ich nichts.“

„Nun, ich bin ja doch in Ihrer Hand. Diese verdammte Pistole hatte ich in meinem Programm nicht einkalkuliert. Ich muß mich also auf Gnade oder Ungnade ergeben.“

„Gut. Also fort mit der Maske!“

Jetzt gehorchte der Mann. Er nahm die Maske ab, und nun kam ein Gesicht zum Vorschein, welches einem vielleicht noch nicht ganz dreißig Jahre alten Mann gehörte. Dieses hätte keineswegs den Verdacht erregt, einem Spitzbuben anzugehören. Die Züge waren regelmäßig und beinahe hübsch zu nennen. Freilich weiß man ja, daß gerade solche Gesichter am meisten trügen.

„Henry!“ sagte der Kapitän. „Also habe ich mich doch nicht getäuscht, als ich glaubte dich an der Stimme zu erkennen. Mein eigener Diener bricht bei mir ein!“

Es mochte in dem Ton oder in dem Gesicht des Alten etwas für den Dieb Beruhigendes liegen, denn die Züge des letzteren nahmen einen frivolen Ausdruck an, indem er antwortete:

„Aber er wird dabei erwischt!“

„Ja, Mensch! Das Erwischen ist schlimmer als das Einbrechen. Ich wenigstens rechne dir das erstere viel mehr an als das letztere. Du hast dich da ganz schauderhaft blamiert.“

„Oh, Herr Kapitän, ich werde es nicht wieder tun!“

„Was? Das Einbrechen oder das Erwischenlassen?“

„Das weiß ich nicht genau.“

Der Alte bemühte sich, ein grimmiges Gesicht zu ziehen, und doch vermochte er nicht, ein befriedigtes Zucken zu verbergen. Das grimmige Zähnefletschen, welches man jetzt hätte erwarten sollen, war ganz und gar nicht zu bemerken.

„Bist du toll!“ meinte er. „Ist das die Stimme eines Spitzbuben, welcher bei der Tat ertappt worden ist?“

„Nein“, lachte der Mann, „es sind vielmehr die Worte eines ehrlichen Menschen, welcher offen sagt, was er denkt.“

„Du weißt also wirklich noch nicht genau, ob du nach der Lehre, welche du gegenwärtig empfängst, das Einbrechen lassen wirst?“

„Nein, ich weiß es nicht.“

„Donnerwetter! Kerl! Mensch! Was soll ich da von dir denken? Hast du nicht bereits in der Schule gelernt, daß nur die wahre Reue Rücksicht und Begnadigung verdient?“

„Ja; aber ich glaube nicht daran.“

„Henry, du bist wirklich ein ganz und gar schlechter Kerl.“

„Das ist vielleicht recht gut für mich. Ich habe sehr oft gesehen und erfahren, daß es den schlechtesten Menschen am besten geht, während die Guten elend und unglücklich sind.“

„Das ist aber nicht der regelrechte Verlauf der Dinge, und eine Ausnahme darf man sich doch nicht zur Richtschnur dienen lassen!“

„O doch! Die Ausnahme, welche ich mir zum Vorbild genommen habe, werden Sie jedenfalls gelten lassen!“

„Ah! Welche wäre das?“

„Sie selbst!“

„Ich? Tausend Donner! Mensch, werde, um Gottes willen, nicht frech! Das könnte dir bei mir sehr üble Früchte bringen.“

Der Dieb ließ sich keineswegs irre machen. War er im Augenblick des Ertapptwerdens erschrocken gewesen, so schien er sich jetzt vollständig beruhigt zu fühlen. Er zeigte ein sicheres Lächeln und antwortete achselzuckend:

„Wollen Sie mir wirklich Angst einflößen, Herr Kapitän?“

„Glaubst du etwa, daß ich scherze?“

„Ja, gerade das glaube ich!“

„Das wäre toll! Ich sage dir, daß ich ganz und gar nicht mehr geneigt bin, Nachsicht walten zu lassen.“

Der Mann verneigte sich tief und fast ironisch und antwortete:

„Herr Kapitän, Sie werden diesen Gedanken dennoch festhalten. Ich kenne ein Mittel, Sie dazu zu bewegen.“

„Wirklich? So bin ich neugierig, ob du es wagen wirst, es in Anwendung zu bringen.“

Der Dieb warf den Kopf leicht und sorglos zur Seite und meinte:

„Es ist ganz und gar kein Wagnis dabei. Ich schlage vor, Herr Kapitän, unsere gegenwärtige Lage in Ruhe zu besprechen.“

Die Augen des Alten wurden vor Erstaunen größer und weiter. Er schüttelte langsam den Kopf und sagte:

„Fast scheint es, als ob du glaubest, mir hier mein Verhalten vorschreiben zu können, Schurke!“

„Pah! Vielleicht können Sie mich gerade darum am besten gebrauchen, weil ich ein Schurke bin. Sie entsinnen sich doch, daß ich zuerst bei dem Grafen Rallion in Kondition stand?“

„Wozu diese Frage? Die Empfehlung des Grafen war es ja, welche mich bewog, dich in meine Dienste zu nehmen.“

Der Diener zuckte lächelnd die Achseln und sagte dann:

„Glauben Sie nicht etwa, daß Sie dem Grafen für diese Empfehlung Dank schuldig sind. Er war im Gegenteil sehr froh, mich loszuwerden.“

Dem Alten wäre vor Erstaunen über eine solche Frechheit beinahe das Terzerol entfallen. Er machte ein Gesicht, wie ein Mensch, welcher absolut nicht weiß, was er denken soll, und rief:

„Kerl, ich werde an deinem Verstand irre!“

„Ich nicht, Herr Kapitän. Der Graf benutzte mich zu allerlei Dingen, zu welchen sich nicht jeder andere eignet. Ich gewann dadurch Einsicht in Verhältnisse, in welche man nicht gern fremde Augen blicken läßt, und der Graf mochte bemerken, daß meine Hochachtung vor ihm desto tiefer sank, je mehr er mich in jene Verhältnisse eindringen ließ. Er sah sich genötigt, mich mit guter Miene zu entlassen, und da Sie um dieselbe Zeit ihm sagten, daß Sie in der Lage seien, sich einen zuverlässigen und verschwiegenen Diener zu suchen, so wurde ich Ihnen von ihm sehr warm empfohlen. Dadurch wurde er mich auf gute Art los, ohne gewisse Rachegedanken in mir zu erregen.“

„Wenn das wirklich die Wahrheit ist, so schulde ich ihm allerdings sehr wenig Dank.“

„Es ist wahr. Ich trat bei Ihnen ein und machte ganz dieselbe Erfahrung wie bei dem Grafen.“

„Welche Erfahrung meinst du, Spitzbube?“

„Ich wurde zu außerordentlichen Diensten verwendet, ohne auch außerordentlich belohnt zu werden.“

„Mensch, ich erwürge dich!“ rief der Alte vor Zorn.

„Oh, was das betrifft, so soll das Erwürgen eine der angenehmsten Todesarten sein! Ich hatte da zum Beispiel bei Ihnen den Wächter der Baronin und der kleinen Marion zu machen. Das erforderte eine Tag und Nacht angestrengte Aufmerksamkeit; aber eine Gratifikation wollte sich ärgerlicherweise nicht einstellen –“

„Mensch, du hast die beste Anlage zum Galgenvogel!“

„Mag sein. Ich habe immer Unglück gehabt. Mein Ziel war, so viel zu verdienen, daß ich einmal sorgenfrei von meinem Einkommen leben könne; aber es rückte in immer weitere Ferne, bis ich auf den Gedanken kam, dem Glück ein wenig nachzuhelfen. Ich sah heute, welche Summe Sie empfingen. Einen Schlüssel zu Ihrem Schreibtisch hatte ich schon längst bereit –“

„Ah! So ist es!“ dehnte der Kapitän. „Wer hat den Schlüssel angefertigt?“

„Ich selbst. Sie müssen nämlich wissen, daß ich ursprünglich Kunstschlosser bin. Ich wußte, daß Sie stets den Nachtriegel vorzuschieben pflegen; daher machte ich mich während Ihrer Abwesenheit an Ihr Türschloß, um demselben eine solche Einrichtung zu geben, daß beim Aufschließen von draußen auch der Riegel mit zurückgeschoben werde.“

„So hattest du auch einen Schlüssel zur Tür?“

„Natürlich! Heute nun wollte ich mir die erwartete Gratifikation von Ihnen holen. Es war alles so schön vorbereitet; daß es mißlingen konnte, vermag ich nicht zu begreifen, und ich möchte Sie ersuchen, mir zu sagen, in welcher Weise Ihr Verdacht, daß Ihr Geld in Gefahr stehe, abgeholt zu werden, entstanden ist.“

Das war eine mehr als ungewöhnliche Unterredung zwischen Herrn und Diener. Der Kapitän, welcher doch selbst ein Bösewicht war, konnte nicht begreifen, wie der Diener es wagen könne, mit solcher Frechheit und Unverschämtheit zu sprechen. Er glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu dürfen, und fragte daher:

„Schuft! Habe ich recht gehört? Du verlangst von mir noch gar die Mitteilung, was meinen Verdacht erregt habe?“

„Ich habe sie nicht verlangt, sondern nur darum gebeten.“

„Der Teufel wird dir antworten, aber nicht ich! Ich hatte mit dir erst anderes vor. Nun ich aber sehe, welch ein galgenreifer Patron du bist, werde ich mich hüten, Milde walten zu lassen.“

„Oh, Sie werden sicherlich nichts unternehmen, was Ihnen Schaden bringen könnte. Dazu sind Sie zu klug.“

„Welchen Schaden könnte es mir bringen, wenn man dich einige Jahre hinter Schloß und Riegel steckt?“

„Den Schaden, daß ich Schloß und Riegel von meinem Mund nehmen würde.“

Die Augen des Alten flammten grimmig auf. Es war, als ob er den Diener mit seinem Blick versengen und verbrennen wolle.

„Tod und Teufel!“ rief er. „Willst du mir etwa drohen?“

„Ja!“ antwortete Henry, indem er seine Gestalt hoch und zuversichtlich aufrichtete. „Halten Sie das für unmöglich? Ich gebe zu, daß der Einbruch, welchen ich unternahm, etwas unvorsichtig ausgeführt wurde, ich bin in solchen Sachen niemals leichtsinnig gewesen, hier aber sagte ich mir, daß ich selbst im Falle, daß ich von Ihnen erwischt werde, nichts zu fürchten habe. Und daß ich einen Augenblick erstarrt schien, war nicht eine Folge der Angst oder Furcht, sondern immer nur der momentanen Überraschung.“

Dem Kapitän war es, als ob er diesen Menschen sofort zermalmen müsse. Er setzte die Hähne seines Terzerols in Ruhe, warf die Waffe auf den Tisch und ballte die Fäuste, als ob er bereit sei, zum Angriff vorzugehen. Henry aber zeigte nicht die mindeste Besorgnis; er trat vielmehr einen Schritt näher und sagte im Ton größter Kaltblütigkeit und Seelenruhe:

„Ich will nicht hoffen, daß Sie sich mit mir messen wollen. Ich bin nicht unerfahren im Handgemenge, da ich Soldat gewesen bin.“

„Was? Soldat warst du?“ knirschte der Alte. „Macht man auch Diebe zu Soldaten?“

„Jawohl. Diebe, Räuber und Mörder. Man macht sie nicht bloß zu Soldaten, sondern sogar zu Offizieren. Es ist möglich, daß es der größte Spitzbube bis zum Kapitän und Ehrenlegionär, vielleicht noch höher bringen kann.“

Jetzt endlich zeigte sich jenes gefährliche Zähnefletschen, welches dem Alten in Augenblicken des höchsten Zorns eigen war.

„Wie meinst du das, oder wen meinst du?“ fragte er.

„Wen? Hm. Das ist vielleicht nicht ganz gleichgültig. Ich will nur erwähnen, daß ich die angedeutete Erfahrung in Afrika, in Algerien gemacht habe.“

Der Schnurrbart des Alten sank augenblicklich herab, und das Fletschen der Zähne war verschwunden.

„Wie? Was?“ fragte er. „In Afrika, in Algerien warst du? Hast du dort gestanden? Als was?“

„Nur als Chasseur d'Afrique“, lachte der Diener.

Da entfärbte sich der Kapitän. Sein Gesicht war leichenblaß geworden. Er begann zu ahnen, daß Henry ihn selbst gemeint habe, als er sagte, daß der größte Spitzbube es bis zum Kapitän und Ehrenlegionär bringen könne.

„Mensch, warum hast du mir das nicht früher gesagt?“

Der Diener zuckte die Achsel und antwortete:

„Weil ich nicht glaubte, daß es Sie interessieren würde.“

„Wie lange warst du dort?“

„Lange genug, um ein wenig Arabisch verstehen zu lernen.“

Der Alte fuhr zurück. Erst bei diesen Worten Henrys begann er das Richtige zu ahnen.

„Ah!“ fragte er in tief grollendem Ton. „Du verstehst Arabisch?“

„So ziemlich.“

„Du hast die Baronin bewachen sollen, und sie hat Arabisch mit dir gesprochen?“

„Nein, kein Wort.“

„Mit wem sonst?“

„Mit der kleinen Komtesse Marion.“

„Lüg nicht.“

„Warum sollte ich lügen? Ich ersehe keinen Grund dazu!“

„Wie könnte sie mit dem Kind sprechen, welches ja kaum zu lallen versteht!“

„Hm! Haben Sie noch keine Mutter beobachtet? Haben Sie noch nie gesehen oder gehört, daß eine Mutter bereits mit ihrem Neugeborenen spricht, um ihm süße Namen zu geben und ihm allerlei mitzuteilen, wie's eben nur ein Mutterherz versteht?“

„Unsinn. Kinderei!“

„Nein, kein Unsinn. Das Mutterherz quillt über von Glück und Liebe; es will sich mitteilen, und daher spricht die Mutter mit dem Kind, obgleich sie weiß, daß dasselbe kein Wort versteht. Aber wenn die Augen des Kindes offen und lächelnd auf die Mutter gerichtet sind, so versenkt sich die letztere in die süße Täuschung, von dem kleinen Liebling verstanden worden zu sein.“

„Nichts als Schwätzerei!“

„Wohl nicht. Was da gesprochen wird, ist nicht immer unsinniges Zeug. Und wenn eine Frau, welcher es an Umgang und Gesellschaft keineswegs mangelt, mit ihrem Kind redet, was wird dann eine andere, welche wie die Frau Baronin gefangen gehalten wird, erst recht tun? Mit ihrem Kind reden. Und was wird sie mit ihm sprechen? Was wird sie ihm erzählen?“

Das Auge des einstigen Chasseur d'Afrique und jetzigen Einbrechers war scharf triumphierend auf den Alten gerichtet.

„Nun, was?“ fragte dieser stockend.

„Sie wird ihm erzählen, warum sie so arm, so elend ist. Sie wird ihm erzählen von der Wüste, von den hingemordeten Stämmen der Beni Hassan, von Saadi, dem richtigen Vater des Kindes –“

„Tausend Donner!“

„Von dem Fakihadschi Malek Omar“, fuhr der Diener unbeirrt fort, „und von dessen Sohn oder Gefährten Ben Ali, der aber gar nicht sein Sohn sein kann.“

„Mensch, du faselst!“

„Ich wiederhole nur das, was ich gehört habe.“

„Du träumst – oder hast geträumt!“

„Oh, ich war im Gegenteil sehr wach und munter. Aber in diesem Augenblick ist ja alles gleichgültig; es würde seine Bedeutung erst vor dem Richter erhalten. Für jetzt frage ich Sie bloß, ob Sie geneigt sind, mich als Einbrecher anzuzeigen.“

Der Alte steckte die Hände in die Taschen, als ob, wenn er ihnen die Bewegung raube, auch sein Innerstes zur Ruhe kommen müsse.

„Setz dich!“ gebot er.

Er schritt, als Henry gehorchte, mehrere Male im Zimmer auf und ab, trat dann zur Tür, schob den Riegel vor und wendete sich dann mit weit gedämpfterer Stimme als vorher an den anderen:

„Es ist also wahr, daß du die Baronin in ihrem Arabisch belauscht hast?“

„Ja, Herr Kapitän.“

„Und sie hat wirklich das gesagt, was du vorhin erwähntest?“

„Wüßte ich sonst davon?“

„Wovon hat sie sonst gesprochen?“

Das Gesicht des Dieners nahm einen unbeschreiblich schlauen, aber ebenso zurückhaltenden und berechnenden Ausdruck an. Wäre ein Zeichner zugegen gewesen, so hätte er diesen Menschen als die Personifikation der größten Verschlagenheit in die Mappe bringen können.

„Von sehr vielem noch“, antwortete er.

„Ich will das hören! Verstehst du? Ich muß es wissen!“

„Hm! Ich kann es nicht sagen.“

„Warum nicht?“

„Weil es mir augenblicklich nicht einfällt.“

„So besinne dich. Denke nach.“

„Das geht nicht so schnell und auf Kommando, wie Sie es wünschen und verlangen. Es können Tage, ja Wochen vergehen, ehe ich mich klar und deutlich erinnern kann.“

„Ich verstehe dich, Halunke. Aber glaube ja nicht, daß die dunklen Andeutungen, welche du doch nur gehört haben kannst, imstande sein werden, mich in Verlegenheit zu bringen.“

„Oh, es waren mehr als dunkle Andeutungen! Warum erhält übrigens die Frau Baronin keine Gelegenheit, Französisch zu lernen? Warum darf niemand mit ihr sprechen?“

„Das geht dich den Teufel an! Du hast mir zu antworten, nicht aber zu fragen! Also gestehe, ob du mit der Baronin gesprochen hast!“

„Kein Wort!“

„Das lügst du! Ich glaube dir nicht!“

„Dann halten Sie mich leider für dümmer, als ich bin. Es lag mir natürlich daran, so viel wie möglich zu hören und zu erlauschen; darum mußte ich so tun, als ob ich kein einziges Wort verstehe. Hätte die Baronin das Gegenteil bemerkt, so hätte ich wohl vergebens gewartet, meine Neugierde befriedigt zu sehen.“

„Du hattest nicht zu lauschen und nicht hinzuhören!“

„Sollte ich mir die Ohren verstopfen?“

Der Kapitän war für den Gegenstand ihres Gesprächs so außerordentlich interessiert, daß er es gar nicht beachtete, welch ein Spiel sein Diener mit ihm trieb und in welchen Ausdrücken dieser sich bewegte. Er drohte nur:

„Ich werde mich bei meiner Schwiegertochter erkundigen, und ich befinde mich im Besitz der nötigen Mittel, sie zum Geständnis zu bringen, ob du mit ihr gesprochen hast.“

„Tun Sie das! Ich kann ruhig sein.“

„Ich hoffe es. Aber nun sage mir, was du getan hättest, wenn dir der jetzige Raub geglückt wäre?“

„Was hätte ich tun sollen? Ich hätte das Geld einstweilen vergraben.“

„Aber der Verdacht hätte auf dich kommen können!“

„Das glaube ich nicht.“

„Der Dieb konnte nur im Haus sein.“

„Pah! Man hätte keine Spur entdeckt. Es war kein Schloß verletzt. Sie hatten Ihr Geld gezählt und sich dann eingeriegelt. Der Diebstahl wäre vollständig unerklärlich geblieben und auch niemals aufgeklärt worden. Das Geld hätte ich, wie gesagt, an einem sicheren Ort einstweilen vergraben.“

„Aber man hätte die Nachschlüssel bei dir finden können. Ich hätte natürlich Haussuchung halten lassen.“

„Man hätte nichts gefunden. Auch sie wären vergraben worden.“

„Aber der Zufall und der Teufel treiben oft ihr Spiel. Am sichersten für dich wäre doch die Flucht gewesen.“

Bei diesen Worten hielt er sein Auge forschend auf Henry gerichtet. Dieser bemerkte den lauernden Blick und antwortete:

„Halten Sie mich für unzurechnungsfähig? Ich hätte ja gerade durch diese Flucht den Verdacht auf mich gelenkt!“

„Hm! Ich sehe, daß ich mich vielleicht in dir getäuscht habe. Da du dich erwischen ließest, so hatte ich keine große Meinung von deiner Umsicht und Geschicklichkeit.“

„Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich überzeugt war, im Falle des Mißlingens straffrei auszugehen. Bei anderer Gelegenheit würde ich sicherlich nicht ergriffen werden.“

„Bist du so überzeugt davon?“

„Vollständig! Ein tüchtiger Einbrecher schlägt lieber zehn Angreifer tot, als daß er sich ergreifen läßt.“

„Mensch, ich beginne zu glauben, daß du ein höchst gefährliches Subjekt bist!“

„Möglich!“ nickte Henry kaltblütig.

„Du sprichst vom Einbrechen ganz in der Weise, als ob du etwas Ähnliches bereits begangen hättest.“

„Ich leugne es auch gar nicht.“

„Und als ob du bereit seist, ganz dasselbe wieder zu tun?“

„Hier wenigstens nicht. Sie werden schon dafür sorgen, daß Ihre Kasse von jetzt an sicher ist.“

„Aber anderwärts?“

Henry blickte seinen Herrn ziemlich lange von der Seite an; dann meinte er langsam und mit Betonung:

„Das wird ganz allein von der Lage abhängen, in welche Sie mich versetzen. Jagen Sie mich ohne Zeugnis fort, so erhalte ich keine Stelle und muß sehen, was ich tue.“

„Wie nun, wenn ich dich nicht fortjage?“

„Wollen Sie den Fuchs im Stall behalten?“

„Nein. Aber ich will ein anderes Tier zum Vergleich heranziehen. Der Leopard raubt und mordet, aber sobald man klug ist, kann man sich seiner zur Jagd bedienen.“

Der Diener nickte leise vor sich hin.

„Das oder so etwas Ähnliches habe ich mir gedacht“, sagte er. „Das lag auch mit in meiner Kalkulation, ehe ich mich daran machte, den Schlüssel in Ihr Schloß zu stecken.“

Der Alte, welcher noch immer auf und ab schritt, blieb jetzt vor ihm stehen und sagte:

„Henry, wenn das wahr ist, so bist du allerdings ein Kopf, der zu gebrauchen ist. Ich habe wirklich Lust, dich zu begnadigen!“

„Damit Sie mich als Jagdleopard gebrauchen können?“ lachte der Diener. „Versuchen Sie es einmal, Herr Kapitän!“

„Wärst du bereit dazu?“

„Warum nicht? Aber man muß seine gute Rechnung dabei finden.“

„Ich würde dafür sorgen, daß dies der Fall ist. Aber hier gilt es Verwegenheit, Verschlagenheit und Verschwiegenheit.“

„Mit diesen drei Gerichten kann ich Ihnen aufwarten. Sagen Sie mir nur, was ich zu tun habe!“

„Geduld! Geduld! Ich muß vor allen Dingen deiner auch sicher sein.“

„Sind Sie das etwa nicht?“

„Du verlangst doch nicht etwa, daß ich dir ganz plötzlich vertraue, nachdem ich dich wenige Minuten vorher beim Einbruch ertappt habe.“

„Habe ich Ihnen nicht gerade durch diesen Einbruch bewiesen, daß Sie mir etwas Ähnliches sorglos anvertrauen können?“

„Vielleicht. Aber – hm, es geht doch nicht! Es fehlt dir etwas, was jedenfalls unumgänglich notwendig vorhanden sein muß. Du verstehst kein Deutsch!“

Da stand Henry vom Stuhl auf und antwortete lächelnd:

„Wer hat Ihnen diese Lüge aufgebunden?“

„Alle Wetter! Verstehst du es?“

„Leidlich, vielleicht sogar besser als leidlich.“

„Wo hast du es gelernt?“

„Von meiner Gouvernante.“

Richemonte nahm an, daß diese Antwort ein Scherz sein solle, aber als er sah, welch ernstes Gesicht der Diener dabei zeigte, fragte er:

„Eine Gouvernante hast du gehabt, Kerl?“

„Eine ganze Reihe vielmehr. Es konnte keine bei mir aushalten, denn ich war ein verdammt wilder Knabe. Meine Eltern ließen mir alles angehen. Ich weiß ihnen für das jetzt keinen Dank, denn sie allein sind schuld, daß ich das wurde, was ich bin.“

„Wer war dein Vater?“

Der Einbrecher starrte eine Minute lang in das Licht der Laterne, ohne zu antworten. Was zuckte nur jetzt über sein nicht unschönes Gesicht? Waren es Schatten, oder waren es die Zeichen einer plötzlich über ihn gekommenen Rührung, einer milden, reuigen Regung, wie sie ja auch der ärgste Verbrecher nicht immer von sich zu weisen vermag? Dann aber fuhr er mit der Hand durch die Luft und antwortete, indem seine Stimme einen heiseren Klang annahm:

„Pah! Man soll nicht an Vergangenes denken, sondern es lieber ruhen lassen! Ich sitze auf der Lawine, und sie rollt bergab. Vielleicht begräbt sie mich unter sich, vielleicht auch rettet mich ein kühner Sprung im rechten Augenblick.“

„Nun also, was war dein Vater?“

„Erlassen Sie mir die Antwort. Sie kann nichts nützen, und es hätte ja auch keinen Zweck, wenn ich Ihnen eine Unwahrheit aufladen wollte. Es mag genug sein, daß mir mein jetziges Schicksal nicht an der Wiege gesungen wurde. Was ich war, das geht mich nichts mehr an; ich will es vergessen; ich will nichts mehr davon sagen und hören. Und was ich jetzt bin, das will ich auch ganz sein!“

Da streckte ihm der Kapitän die Hand entgegen und sagte:

„So ist es recht! Ich sehe ein, daß ich mich auf dich werde verlassen können. Hat dir das Geschwätz dieser dummen Baronin wirklich erlaubt, einen kleinen, kurzen Blick in verborgene Sachen zu werfen, so wirst du erkannt haben, daß auch mein Schicksal kein erfreuliches gewesen ist. Aber ich habe gerade wie du gesagt: Die Vergangenheit vergessen, die Gegenwart ergreifen und für die Zukunft sorgen. So ist es mir gelungen, und ich bin überzeugt, daß es auch dir gelingen wird, Herr deines Geschicks zu werden. Der Mensch ringt dem Schicksal kein Jota mehr ab, als sein eigener Wert beträgt. Kann ich mich auf dich verlassen?“

Henry schlug die dargebotene Hand ein und antwortete:

„Ich denke es und werde es Ihnen beweisen.“

„So laß uns aufrichtig sprechen! Schreckst du vor einem Diebstahl zurück, wenn er dir reichlich belohnt wird, auch wenn es ein schwerer, ein Einbruch sein würde?“

„Nein.“

„Aber wenn man dich dabei überraschte und ergreifen wollte?“

„Pah! Ich würde gut bewaffnet sein!“

„Das heißt, du würdest von den Waffen entschlossenen Gebrauch machen und dich verteidigen?“

„Ja. Wer mich angreifen wollte, müßte daran glauben!“

„Welche Belohnung würdest du fordern?“

„Das käme auf die Schwierigkeit des Unternehmens an und auf den Wert des Objekts, Monsieur Kapitän.“

„Beides ist bis jetzt noch nicht zu bestimmen. Aber erkläre mir noch einen Widerspruch. Erst sagtest du, daß du eigentlich Kunstschlosser seist, und dann ließest du ahnen, daß deine Wiege nicht an einer gewöhnlichen Stelle gestanden habe.“

„Beides ist richtig. Ich stürzte von der Stelle hinab, auf welcher ich geboren wurde. Ich wurde zunächst ein Glücksritter und später etwas noch weniger Gutes und dabei war es notwendig, sich zuweilen mit gewissen Schlosserarbeiten zu beschäftigen. Einer meiner Kollegen hatte dieses Handwerk oder, wie es hier genannt werden muß, diese Kunst gelernt, und zu ihm ging ich in die Lehre.“

„Das befriedigt mich. Für heute mag es genug sein. Vielleicht ist es zu deinem Glück, daß du heute deine Kunst an meiner Kasse versuchtest. Ich hoffe, du bist überzeugt, daß du von mir nichts zu befürchten hast?“

„Ich befürchte nicht das mindeste.“

„Nun, solltest du dennoch einen kleinen Zweifel hegen, so will ich denselben hiermit zerstreuen. Da, nimm!“

Er öffnete den einen der noch auf dem Tisch liegenden Beutel, welcher lauter Gold enthielt, nahm eine Handvoll heraus und gab es ihm.

„Danke, Monsieur!“ meinte Henry, indem er das reiche Geschenk in seine Tasche verschwinden ließ. „Wenn ich von der Höhe dieses unerwarteten Geschenks schließen soll, um was es sich bei dem erwähnten weiteren Einbruch handelt, so darf ich es mir nicht als einen Pappenstiel denken.“

„Es wird sich allerdings nicht um eine Kleinigkeit handeln.“

„Sie sollen mit mir zufrieden sein!“

„Ich hoffe es! Das Nähere vielleicht bald. Alles übrige, das heißt, deine jetzige Arbeit und so weiter bleibt beim alten. Gute Nacht!“

„Gute Nacht!“

Er ging und begab sich leise nach demjenigen Teil des Schlosses, in welchem die Dienerschaft schlief. In seinem Zimmerchen angekommen, öffnete er die Laterne und warf sich in einen Stuhl. Er stemmte den Kopf in die Hand und begann zu grübeln. Das Licht beleuchtete sein Gesicht, und wenn es einmal aufflackerte, so huschten gespenstische Schatten durch den Raum. Er bemerkte es nicht.

Woran mochte er jetzt denken? An die Eltern, denen er vorhin die Schuld aufgebürdet hatte, ihn zu dem gemacht zu haben, der er war – zum kühnen und verschlagenen Verbrecher? Wer kann das wissen! Wußte doch er selbst es kaum. Er gab sich seinen Gedanken widerstandslos hin, ohne Rechenschaft von sich zu fordern. Das Licht brannte herab, es flackerte einige Male kurz auf und verlöschte dann. Erst jetzt erwachte er aus seinem Grübeln.

„Finster“, murmelte er. „So geht es auch mit dem Licht der Jugend, des Glücks und des Lebens. Aber sorgen wir dafür, daß ein neues vorhanden sei, um angezündet zu werden, wenn das alte verlöschen will! Was nützt das Grübeln und Sorgen! Ich sehe, daß ich richtig gerechnet und mich in dem Kapitän nicht getäuscht habe. Er meint, mir überlegen zu sein; er denkt, in mir ein gutwilliges, dankbares und einträgliches Werkzeug gefunden zu haben; er wird entschlossen sein, mich auszunutzen, bis er mich nicht mehr braucht. Aber er irrt sich. Ich werde ihm dienen um meines eigenen Vorteils willen, aber mich zu betrügen soll ihm nicht gelingen!“

Als am anderen Morgen der Kapitän erschien, um sich mit dem Grafen zum Frühstück, welches sie allein einnahmen, niederzusetzen, zeigte sein sonst so strenges Gesicht einen Ausdruck von Heiterkeit, welcher Rallion sofort auffallen mußte. Dieser fragte daher:

„Über welches Glück sind Sie denn bereits heute am frühen Tag hinweggestürzt, daß ich Sie bei so vorteilhafter Laune sehe?“

„Heute nicht, sondern bereits am gestrigen Abend, gleich nachdem wir uns getrennt hatten“, antwortete der Gefragte. „Und zwar ist es ein Glück, welches Sie ebenso nahe angeht, wie mich selbst.“

„Sie machen mich um so neugieriger. Darf man dieses Glück, von welchem ich mir also auch einen Teil erhoffe, kennenlernen?“

„Ja. Erinnern Sie sich des Gegenstandes, über welchen wir vor unserer Trennung sprachen?“

„Natürlich! Wir sprachen über Königsau.“

„Und fanden keine Handhabe, sehr fatalerweise. Aber ich bin sehr erfreut, Ihnen sagen zu können, daß mir ein außerordentlich glücklicher Gedanke gekommen ist.“

„Ist er wirklich glücklich und auch ausführbar, so ist er mehr als Gold wert. Ich hoffe, daß ich ihn erfahren werde!“

„Das versteht sich. Vorher will ich Ihnen aber von einem anderen Glücke berichten, welches ich gestern abend noch gehabt habe. Es wurde nämlich bei mir eingebrochen.“

Der Graf öffnete erstaunt den Mund und sah den Alten erwartungsvoll an.

„Eingebrochen? Hier im Schloß?“ fragte er.

„Ja, sogar in meinem Schlafzimmer.“

„Himmel! Welch ein Wagnis! Eingebrochen in Ihrem Schlafzimmer! Und das nennen Sie ein Glück?“

„Sogar ein sehr großes, ein sehr bedeutendes.“

„Das begreife der Teufel! Ich halte einen Einbruch für einen sehr gewagten Streich von seiten des Einbrechers und für ein großes Malheur für den Betroffenen.“

„Hm. Ja. Von gewagten Streichen sind Sie ja überhaupt nie ein Freund gewesen!“

Der Graf runzelte die Stirn und fragte in nicht sehr freundlichem Ton:

„Zweifeln Sie etwa an meinem Mut?“

„Oh, ganz und gar nicht“, lachte der Alte. „Es gibt ja sehr verschiedene Arten von Mut.“

„Das ist mir neu. Mut ist doch immer gleich.“

„O nein. Es gibt Mut der Unbesonnenheit, den Mut der Liebe, den Mut der Entsagung, den Mut der Verzweiflung, ja, sogar den Mut der Feigheit.“

„Der letztere ist ein Unding.“

„Keineswegs. Aber jedenfalls war er demjenigen fremd, welcher gestern abend bei mir eingebrochen ist.“

„Was hat er gestohlen?“

„Nichts, gar nichts. Der Einbruch ist ihm nicht gelungen. Ist das nicht ein Glück für mich zu nennen, da ich über zwanzigtausend Franc im Kasten hatte, den er öffnete?“

„Das war allerdings ein Glück!“

„Und das nicht allein. Ich habe ihn sogar erwischt und festgehalten. Ist das kein Glück?“

Der Graf machte eine Bewegung des Schrecks und rief:

„Unvorsichtiger! Wie können Sie so etwas wagen! Einen Einbrecher festzunehmen! Ohne alle andere Hilfe! Wie nun, wenn er Sie massakriert hätte? Das wäre ja leicht möglich gewesen.“

„Er hat es aber doch nicht getan.“

„Er hatte also den Kasten bereits offen?“

„Ja, und das Geld bereits in der Tasche; aber ich zwang ihn, es wieder herauszugeben.“

„Kapitän, das ist wirklich entsetzlich! Das sind leichtsinnige Jugendstreiche von Ihnen. Ich rühme mich doch auch einer gehörigen Portion von Mut und Verwegenheit, aber einem Einbrecher jage ich seinen Raub niemals wieder ab. So etwas kann höchst unglücklich ausfallen, wie zahlreiche Beispiele beweisen. Aber, da fällt mir ja ein, daß man gar nichts gehört und bemerkt hat.“

„Was sollte man denn hören?“

„Hilferuf und Kampfgetümmel!“

„Nichts weniger als das. Es ist vielmehr sehr ruhig dabei hergegangen.“

„Das begreife ich nicht. Wo steckt denn der Kerl? Es war nur einer?“

„Glücklicherweise, ja.“

„Sie haben ihn doch sofort in Eisen schmieden und forttransportieren lassen?“

„Fällt mir gar nicht ein.“

„Nicht? Was denn sonst?“

„Ich habe ihn wieder freigelassen.“

Da machte der Graf ein Gesicht, als ob er geradezu Ungeheuerliches vernommen habe. Er starrte den Kapitän eine ganze lange Weile sprachlos an und rief dann aus:

„Freigelassen? Sie scherzen doch wohl nur?“

„Nein, ich spreche im völligen Ernste.“

„Welch eine Unverzeihlichkeit! Einen Dieb, einen Mörder, einen Einbrecher frei zu lassen, der nun bei anderen abermals einbrechen wird.“

„Das ist ja gerade der Grund, weshalb ich ihm die Freiheit schenkte!“

„Daß er auch andere nächtlich überfallen soll?“

„Ja doch! Gerade dieses.“

„Da hört sich denn doch alles auf! Sind Sie denn verrückt, Kapitän?“

„Nicht die Spur. Ich handelte aus schlauer Berechnung, was bei Verrückten und Wahnsinnigen doch nicht vorzukommen pflegt.“

„Aber wohin ist der Mensch nun?“

„Er ist hier im Schloß.“

Da zog der Graf die Beine erschrocken an sich, als ob er Sorge trage, daß der freigelassene Einbrecher sich unter dem Tisch befinde.

„Im Schloß?“ fragte er. „Ist das wirklich wahr? Höre ich recht?“

„Ihr Gehör scheint ganz ausgezeichnet zu sein. Der Mann befindet sich hier im Schloß; er gehört zu meiner Dienerschaft.“

„Donnerwetter! Bedient er etwa auch mich mit?“

„Ja, allerdings.“

„War er bewaffnet, als er einbrach?“

„Mit einem langen, scharfen und sehr spitzen Messer.“

Da schnellte der Graf von seinem Sessel empor, als ob er von einer Spannfeder in die Höhe getrieben worden sei, und rief entsetzt:

„Das ist genug! Nein, nein, das ist sogar zu viel, mehr als zu viel! Kapitän, wollen Sie mir einen großen Gefallen erweisen?“

„Gern, wenn ich vermag.“

„Sie vermögen es. Lassen Sie sofort und unverweilt anspannen.“

„Warum, lieber Graf?“

„Weil ich abreisen will, schleunigst abreisen. Oder denken Sie etwa, daß es mir einfallen kann, hier zu bleiben und zu warten, bis der Kerl kommt, mit dem Messer in der Hand, um nun auch bei mir einzubrechen? Ich bin im glücklichen Besitz einer tüchtigen Portion Mut und Verwegenheit; ich bin sogar in meinem Leben schon sehr oft geradezu tollkühn gewesen, aber ein vorsichtiger Mann ist nur dann mutig, kühn und verwegen, wenn es sich nicht um Tod und Leben handelt. Ich habe keine Lust, mich erdolchen zu lassen.“

Der Alte lachte kurz und leise auf, zog die Spitzen seines weißen Schnurrbartes breit und sagte unter einem nicht sehr bewundernden Blick:

„Ja, ja, tollkühn sind Sie sehr oft gewesen, dagegen läßt sich nicht streiten; aber dieses Mal werden Sie ja gar keine Gelegenheit haben, Ihre Verwegenheit zu betätigen. Ich habe den Mann völlig unschädlich gemacht.“

„Unschädlich? Völlig?“ fragte der Graf, indem er tief Atem holte und sich langsam wieder auf seinen Sitz niederließ. „Ihn freigelassen und doch unschädlich gemacht? Wie haben Sie das angefangen?“

„Ich habe mich mit ihm in aller Freundlichkeit noch eine ganze Weile unterhalten und ihn sogar wegen des Einbruchs belohnt.“

„Belohnt?! Kapitän, jetzt bemerke ich allerdings, daß Sie nur flunkern, ganz gewaltig flunkern. Sie wollen mir ein Märchen aufbinden, um zu sehen, ob ich wirklich Mut besitze, ob ich in Wirklichkeit kühn sein kann. Ich bitte Sie, mich heute und die nächsten Tage in dem betreffenden Zimmer schlafen zu lassen. Wenn es ihm einfallen sollte, den Einbruch abermals in Szene zu setzen, so will ich ihn empfangen. Ich werde ihm die Knochen so zusammenschütteln, wie ein Knabe die Steinchen und Gläser eines Kaleidoskops zusammenwirft.“

„Hm! Ja, das traue ich Ihnen zu“, lachte Richemonte. „Leider aber werden Sie keine Gelegenheit finden, diesen Mut zu betätigen. Was ich Ihnen erzählte, ist zwar wörtlich wahr, aber der Mann wird nicht wieder als Einbrecher, sondern nur als mein Verbündeter das Zimmer betreten, von welchem Sie sprechen.“

„Als Ihr Verbündeter? Alle Wetter! Das klingt ja ganz und gar, als ob Sie von jetzt an in Gemeinschaft mit ihm den Einbrecher spielen wollten.“

„So ist es auch.“

„Diable. Ich vermag Sie nicht zu verstehen. Sie geben mir da Rätsel auf, welche ich nicht zu lösen vermag, obgleich ich mich rühmen kann, eine ganz gehörige Portion von Scharfsinn zu besitzen.“

„Ich beabsichtige gar nicht, diesen mir so wohlbekannten Scharfsinn auf die Probe zu stellen, er ist mir bereits bekannt. Ich will Ihnen alles kurz erklären, indem ich Ihnen sage, daß der gestrige Einbruch mich eben auf den Plan gebracht hat, mit dessen Hilfe wir den Königsaus eine Schlappe beibringen, welche sie nie verwinden werden.“

Kaum waren diese Worte gesprochen, so rückte der Graf näher.

„Ah. Wirklich?“ fragte er schnell. „Sprechen Sie! Teilen Sie es mir mit.“

„Dieser Einbrecher wird das Werkzeug sein, mit dessen Hilfe wir die Familie unserer Feinde ein für allemal ruinieren werden. So unwahrscheinlich das klingen mag, so wahr und sicher ist es doch. Hören Sie. Aber leise, damit kein zufälliger Lauscher ein Wort vernehmen kann.“

Sie führten lange und in sichtlicher Erregung ein leise geflüstertes Gespräch. Die Augen des Alten glühten in tückischer Freude, und im Gesichte des Grafen war eine Spannung zu bemerken, welche nach und nach in den Ausdruck der Genugtuung überging.

„Nun, was sagen Sie zu dem Plan?“ fragte endlich der Kapitän.

„Daß er herrlich, geradezu genial erdacht ist.“

„Er wird gelingen.“

„Das ist das allerbeste an ihm. Wir wagen nichts.“

„Trotzdem wir bei Ihrer bekannten Tollkühnheit vor einem Wagnis keineswegs zurückschrecken würden!“ meinte der Alte im Ton versteckter Ironie.

„Ganz und gar nicht!“ stimmte der Graf eifrigst bei. „Aber der Geldpunkt? Wie regeln wir diesen?“

„Wie Freunde dergleichen untereinander zu regeln pflegen.“

„Das heißt, wir teilen? Mir ist das recht. Aber wer hat das Geld zu beschaffen?“

„Beide, wenn auch jeder nach seinen Kräften. Sie sind viel, viel reicher als ich; aber ich glaube doch, daß es mir möglich sein wird, bare hunderttausend Francs aufzubringen.“

„Gut. Das übrige zahle ich. Wieviel wird es ungefähr betragen?“

„Ich weiß das nicht. Wir werden, um uns eine Zurückweisung zu ersparen, natürlich sehr weit über den eigentlichen Wert bieten müssen: aber das bringt uns doch nicht den mindesten Schaden.“

„Es gilt dabei zu bedenken, daß sie uns beide kennen. Ich fürchte, daß sie von uns gar nichts werden wissen wollen.“

„Wir werden doch nicht solche Toren sein, das Geschäft in unseren Namen oder gar persönlich entrieren zu wollen.“

„Ah. Vielleicht einen Strohmann?“

„Nichts anderes. Wir schieben einen Strohmann vor, der uns für einige hundert Francs gern zu Diensten sein wird.“

„Und wie wird es diesem famosen Diener Henry, diesem verteufelten Einbrecher, gelingen, seine Aufgabe zu erfüllen?“

„Er sucht Zutritt in der Familie.“

„Etwa als Diener, gerade wie er zu Ihnen gekommen ist? Weiß man denn, ob sie einen Diener gebrauchen können und engagieren werden?“

„Von solchen Unwahrscheinlichkeiten dürfen wir das Gelingen unseres Vorhabens ganz und gar nicht abhängig machen. Ich habe während dieser ganzen Nacht mir alles zurechtgelegt und auch einen sehr leichten Weg gefunden, Henry den Zutritt zu eröffnen.“

„Er wird nach Berlin gehen müssen.“

„Noch weiter. Die Verhältnisse derjenigen Menschen, welche ich entweder liebe oder hasse, sind mir stets genau bekannt; nur um die Schicksale mir gleichgültiger Leute bekümmere ich mich nicht. So lasse ich auch die Familie Königsau stets beobachten. Ich weiß, daß sie sich gegenwärtig auf Breitenheim befindet, jenem Gut, welches der alte Hugo auf Blüchers Bemühung hin geschenkt erhielt. Nur einer fehlt dort, nämlich Gebhard Königsau, welcher sich gegenwärtig im Orient befindet. Dieser Umstand ist für uns von großem Wert, weil er es uns möglich macht, Henry auf gute Weise einzuführen. Habe ich Ihnen erzählt, daß dieser als Chasseur d'Afrique in Algerien gestanden hat?“

„Ja. Ich erinnere mich dessen.“

„Nun, Gebhard Königsau ist ja auch dort gewesen.“

Da schnipste der Graf mit den Fingern und rief bewundernd:

„Ah, ich ahne. Genial, wahrhaft genial. Sie sind ein verdammt spitzer Kopf! Wenn Sie in bezug auf Scharfsinn auch nicht gerade an Unsereinen reichen, so würden Sie doch einen ganz netten Diplomaten abgeben, Kapitän.“

„Meinen Sie?“ fragte Richemonte ironisch.

„Ja. Wenn ich das sage, so ist es wahr, denn ich bin ja Diplomat. Also Henry wird Gebhard in Algerien getroffen haben. Wo liegt dieses Gut Breitenheim?“

„Im preußischen Regierungsbezirke Gumbinnen, eine kleine Strecke hinter Nordenburg.“

„Gumbinnen? Der Teufel hole diese deutschen oder preußischen Namen, bei denen man sich die Zunge verrenkt und verstaucht. Und wo liegt dieses Gumbinnen?“

„Nach der russischen Grenze zu.“

„So weit? Doch das ist egal. Also Henry hat Gebhard von Königsau in Algerien getroffen; er befindet sich auf einer Reise nach Petersburg; kommt durch diese Gegend; da fällt ihm ein, daß sein Freund hier wohnt; er geht, ihn zu besuchen; er findet ihn nicht, bedauert das natürlich sehr, wird aber herzlich und gastfreundlich aufgenommen.“

„Ja, so ist mein Plan“, stimmte der Alte bei.

„Er ist wirklich genial; aber es gibt dabei doch einige Bedenken.“

„Ich kenne kein einziges.“

„Gebhard wird nichts von diesem Freund erzählt haben.“

„Was schadet oder hindert das? Königsau wird während seiner Reise mehrere Bekanntschaften angeknüpft haben, ohne ausdrücklich von ihnen zu berichten.“

„Gut. Aber Henry wird gefragt werden, wo und wie er den Deutschen in Algerien getroffen hat. Wird das, was er antwortet, mit den Erlebnissen Gebhards stimmen?“

„Ganz genau.“

„Das bezweifle ich sehr.“

„Oh, ich habe auch hier bereits gesorgt. Diese Deutschen haben nämlich, trotzdem sie die größten Ignoranten der Wissenschaft und Bildung sind, die famose Monomanie, über alles, was sie sehen, hören, oder denken, ein Buch zu schreiben –“

„Mein Himmel, welch ein Blödsinn!“ fiel der Graf ein. „Wer soll so ein Buch, so ein Schriftwerk, solche Makulatur kaufen?“

„Es gibt genug Dumme, welche dies tun. Gebhard von Königsau hatte natürlich nach seiner Rückkehr aus Afrika auch nichts Eiligeres zu tun, als schleunigst einen Band zusammenzuschmieren.“

„Welcher Unsinn! Was soll in dem Buch stehen?“

„Seine Erlebnisse.“

„Wer in Deutschland kann sich für Afrika interessieren? Kein einziger Mensch. Was weiß ein Deutscher überhaupt von Afrika? Es ist ja bekannt, daß die Deutschen die miserabelsten Geographen sind. Die meisten werden den Namen Afrika noch gar nicht gehört haben. Sie wohnen ja viel zu weit nach Norden; Algerien aber, also Afrika, gehört uns. Wir Franzosen sind es, welche sich ausschließlich mit der Zivilisation des dunklen Erdteils abgeben, und so gebührt uns auch das ausschließliche Recht, Bücher über diesen Erdteil zu schreiben. Daran mögen sich die Deutschen nur niemals wagen.“

„Ich kann Ihnen nicht ganz unrecht geben, trotzdem aber ist jenes Buch von Königsau geschrieben worden und sogar in einer französischen Übersetzung erschienen. Hier erkennt man wieder einmal die selbstlose Großmut unserer glorreichen Nation. Es hat sich ein mitleidiger, französischer Verleger gefunden, um diesem beklagenswerten Deutschen in Form des Honorares ein Almosen zukommen zu lassen. Da ich, wenigstens negativ, mich für Königsau interessieren muß, so habe ich mir diese Übersetzung gekauft. Sie gleicht einem Tagebuch und gibt ganz genau an, was von Datum zu Datum erlebt wurde. Ich werde Henry dieses Buch zu lesen geben, und so wird er wissen, was er zu antworten hat.“

Wie dieser Punkt, so wurden auch noch andere Punkte eingehend besprochen, deren Erörterung zum Gelingen des Planes unumgänglich notwendig war. Das Gewitter im Südwesten stand im Begriff, seinen zweiten Blitzstrahl zu versenden, von welchem anzunehmen war, daß er zerstörender wirken werde, als der erste. –

Einige Wochen später fuhr eine Droschke erster Klasse an einem breiten Hauseingang einer der belebtesten Straßen Berlins vor. Der Insasse, ein langer, schmächtiger Herr in elegantem Reiseanzug, aus dessen ganzem Äußeren man den Franzosen vermuten konnte, stieg aus und trat in den Flur. Dort gab es linker Hand eine Glastür, an deren Scheibe dieselben Worte wie auf der über dem Tor angebrachten Firma zu lesen waren: ‚Samuel Cohn, Bankgeschäft und Länderagentur‘.

Der Fremde öffnete diese Tür, trat ein und fragte den in diesem Raum befindlichen Kommis in französischer Sprache:

„Ist Monsieur Cohn zu sprechen?“

„Ja, Monsieur; der Chef ist soeben gekommen“, antwortete der Kommis mit einer sehr gewandten Verbeugung, aber in einem desto weniger gewandten Französisch.

„Hier, mich melden!“

Der Fremde gab dem Jünglinge die Karte. Kaum hatte dieser einen Blick auf dieselbe geworfen, so machte er, fast wie ein Kautschukmann eine abermalige Verbeugung, welche aber alle zweiunddreißig Richtungen der Windrose durchlief, und sprang dann mit einer Eilfertigkeit davon, als sei er in jeder dieser Richtungen von fünf Taranteln und zehn Skorpionen gezwickt und gebissen worden.

Er durcheilte das nächste, lange, aber schmale Zimmer, in welchem mehrere Kommis an Stehpulten arbeiteten, riß dann eine Tür auf und schrie hinein:

„Herr Cohn, Herr Cohn, Herr Samuel Cohn, beeilen Sie sich schleunigst zu beginnen, sich zu erheben, um aufzustehen von dem Stuhl, auf welchem Sie doch nicht in sitzend ausruhender Stellung empfangen können den Herrn, welcher auf französischer Manier präsentiert eine Karte mit der Krone eines Grafen und begehrt zu sprechen das Bankgeschäft und die Länderagentur des Herrn Samuel Cohn in Berlin.“

Der Prinzipal riß dem Kommis die Karte aus der Hand, betrachtete sie nur den fünfzigsten Teil einer Sekunde und antwortete dann, dem Jüngling eine tiefe Verbeugung machend, welche eigentlich dem zu erwartenden Besuch galt:

„Eine Krone, ein Graf! Seltene Ehre! Feines Geschäft jedenfalls! Mag eintreten!“

Der Kommis wollte zurück, rannte aber dabei im Umdrehen an den Fremden, welcher bereits hinter ihm stand, da er es nicht für opportun gehalten hatte, zu warten.

„Monsieur Cohn?“ fragte der Eintretende in stolzem Ton.

„Habe die Ehre, habe die große Ehre! Bin Cohn selbst, Samuel Cohn vom Bank- und Ländergeschäft!“

Diese Worte stieß der Chef unter einem Dutzend seiner tiefsten Verbeugungen hervor und zog die Tür dabei hinter dem schnell eintretenden Fremden zu. Dieser ließ sich ohne Aufforderung und ohne alle Umstände in den hier befindlichen Diwan nieder, zog eine Zigarre hervor, setzte sie in Brand und sagte dann:

„Ich bin Graf Jules Rallion –“

Der Bankier wollte mit einer Flut von Höflichkeiten antworten; aber der Franzose schnitt ihm dieselbe durch eine rasche Handbewegung ab und fuhr fort:

„Keine überflüssigen Worte! Ich liebe im Geschäft die Kürze. Ich will mit Ihnen ein Geschäft machen.“

„Da wird Heil widerfahren meinem –“

„Lassen Sie das Heil fahren, wohin es will! Die Hauptsache ist das Geschäft. Ist Ihnen der Name Königsau bekannt?“

„Königsau? Ja, ja! Guter Name, gute Zahler, feine Leute, pünktliche –“

„Gut, gut! Wissen Sie, wo die Familie wohnt? Aber antworten Sie möglichst kurz.“

„Ganz wie der Herr Graf befehlen! Diese Familie bewohnt das Gut Breitenheim in der Nähe von Nordenburg. Sie besitzt noch ein zweites Gut, welches an das erstere grenzt und –“

„Schon gut! Ich weiß das! Wissen Sie vielleicht, ob diese beiden Güter verkauft werden?“

Der Jude zog ein langes Gesicht und antwortete dann in verwundertem Ton:

„Verkauft? Nein. Warum sollten werden die Güter verkauft? Hat doch die Familie nicht einen Heller Schulden oder Hypothek auf ihnen.“

„Das ist mir egal!“ antwortete der Graf in zurechtweisendem Ton. „Ich will die Güter kaufen. Ich bin durch jene Gegend gekommen, und sie hat mir gefallen. Ich suche Ihre Vermittlung. Wenn Sie denken, daß Sie nichts tun können, so wende ich mich an einen anderen Agenten.“

Der Jude erschrak. Er versuchte zwar noch einmal den Einwand: „Aber der Besitzer beabsichtigt ja gar nicht, zu verkaufen.“

Doch da erhob sich der Graf von seinem Sitz und meinte:

„Gut! Wenn Sie kein Geschick haben, den Besitzer zum Verkaufen zu bewegen, so suche ich mir einen gewandteren Vermittler.“

Da sprang ihm der Agent in den Weg und rief:

„Bleiben Sie, erlauchter Graf! Gehen Sie nicht fort, durchlauchtigster Monsieur! Was ein anderer kann, das bringt Samuel Cohn auch zustande. Sagen Sie mir nur, ob Sie die Güter partout haben wollen um jeden Preis?“

„Um jeden Preis.“

„Aber das wird Ihnen kosten ein großes und schweres Geld.“

„Was geht das Sie an! Wissen Sie, welchen Wert dieselben haben?“

„Nein. Wieviel wollen Sie an diesen Besitz wenden?“

„Bieten Sie, bis man zuschlägt. Die Summe bezahle ich.“

„Wann, und in welcher Weise, gnädigster Herr?“

„Sofort und bar.“

„Anweisung würde genügen.“

„Ich bezahle bar; dabei bleibt es“, meinte Rallion hartnäckig.

So ein Geschäft und so ein Mann war dem Bankier noch nicht vorgekommen. Dieser Franzose trat auf wie ein Engländer, der seine Guineen gar nicht zählen kann.

„Gut! Schön!“ meinte Cohn. „Ich werde sprechen in eigener Person mit Herrn von Königsau. Wann soll ich reisen?“

„Sofort.“

„Wohin soll ich geben die Nachricht von meinem Erfolg?“

„Ich reise mit Ihnen bis Rastenburg. Dort erwarte ich Ihren persönlichen Bericht. Ihr Honorar können wir unterwegs besprechen. Vorher aber muß ich eine Bedingung machen. Mein Name darf nicht genannt werden. Der Besitzer darf nicht wissen, daß ich es bin, welcher die Güter kauft. Ist dies möglich zu machen?“

„Es ist nicht leicht; aber Samuel Cohn verspricht, zu machen, was möglich ist.“

„Wohlan, so fahre ich nach dem Bahnhof voraus; beeilen Sie sich nachzukommen! Ich bin nicht gewohnt, zu warten.“

Er ging und ließ den Agenten in einem Seelenzustand zurück, welcher die größte Ähnlichkeit mit einem Rausch hatte. Trotz dieser Aufregung und trotz allem, was in größter Eile noch zu besorgen war, gelang es dem Agenten, den Bahnhof früh genug zu erreichen.

Und einige Tage später rollte ein eleganter Mietwagen auf der Straße dahin, welche von Nordenburg und Darkehmen führt. Diese Straße durchschneidet den zu dem Gut Breitenheim gehörigen Wald. Links von derselben führt ein Fahrweg direkt nach dem Gutshof.

In diesen letzteren bog die Kutsche ein und fuhr nach ungefähr fünf Minuten in den offenen Hof der Besitzung. Ein junger, elegant gekleideter und wohlfrisierter Herr stieg aus. Zwei der auf dem Hofe befindlichen Knechte eilten herbei zu seinem Dienst. Er trat ihnen entgegen und fragte in ein wenig fremden Dialekte:

„Dieses Gut gehört Herrn von Königsau?“

„Ja, mein Herr“, antwortete der eine der beiden.

„Ist dieser Herr zu Hause und zu sprechen?“

„Er ist daheim und hoffentlich auch zu sprechen. Wollen Sie die Güte haben, mir zu folgen.“

Er wurde über den sehr sauber gehaltenen Hof nach dem Herrenhaus geführt und dann, in einem Vorzimmer angelangt, wo er seine Karte abgab, gebeten, einen Augenblick zu verweilen. Der Knecht, welcher in augenblicklicher Abwesenheit eines Dieners dessen Stelle vertrat, kehrte sehr rasch zurück und bat den Fremden, ihm zu folgen. Sie gelangten durch zwei Zimmer hindurch in ein drittes, welches augenscheinlich die Bibliothek des Besitzers war. Karten und Pläne lagen auf den Tischen und Stühlen, und an allen drei Wänden ragten Gestelle voll Büchern bis zur Decke empor. Hier war alles einfach; keine Spur von Luxus ließ sich sehen, und doch machte dieses Arbeitszimmer den Eindruck einer anspruchslosen und unbewußten Vornehmheit.

An dem mittleren der drei hohen und breiten Bogenfenster stand ein bequemer Sorgenstuhl, in dessen Kissen eine männliche Gestalt ruhte, deren Eindruck man gleich auf den ersten Augenblick einen imponierenden nennen mußte.

Schneeweißes, kurzgeschnittenes Haar ließ die Formen eines edel gewölbten Schädels erkennen; ein dichter Vollbart von eben derselben Farbe umrahmte ein leicht gebräuntes, schönes Greisenangesicht, aus welchem ein Paar Augen blickten, so hell, so klar, wie man es bei so hohem Alter selten zu bemerken pflegt. Über diesem Angesicht lag es wie ein milder Seelenfrieden ausgebreitet, und doch konnten bei näherer Betrachtung zwei kleine Fältchen nicht unbemerkt bleiben, welche, obwohl von den Spitzen des Schnurrbartes leicht verdeckt, sich an den Mundwinkeln schräg vorüberzogen und eine leichte Störung dieses Seelenfriedens zu bedeuten schienen. Die Gestalt dieses Mannes, welcher ein geöffnetes Buch in der Hand hielt, in welchem er soeben mit noch unbewaffnetem Auge gelesen hatte, war hoch und breit. So und nicht anders mußten die Recken Karls des Großen gebaut gewesen sein, welche mit größter Leichtigkeit Rüstungen von solcher Schwere trugen, daß ein jeder andere durch sie zur Erde niedergedrückt worden wäre.

Seinem Stuhl gegenüber, an dem Pfeiler, an welchem ein hoher und breiter Spiegel befestigt war, stand ein Möbel, halb Bett und halb Stuhl. In den darauf befindlichen Kissen erblickte man, mehr sitzend als liegend, eine Frauengestalt, welche nicht weniger Interessen erregte als der Mann.

Unter starken und langen schneeweißen Locken, welche jetzt zu einer Art Kranz geflochten waren, erblickte man einen unbeschreiblich schönen Matronenkopf. Zwar zeigte das Gesicht desselben eine krankhafte, fast wächserne Blässe; aber das milde Licht, welches aus den großen, dunklen Augen strahlte, der versöhnliche Ernst, welcher auf der trotz des Alters noch faltenfreien Stirn thronte, die fast noch jugendlich zu nennende Rundung der Wangen, das Kinn, welches weder zu voll, noch zu spitz und scharf in den weißen Hals überging, sie bildeten zusammen einen Beweis der Wahrheit, daß der Mensch nicht alt werden kann, so lange das Herz jung bleibt. Nur die Lippen, einst jedenfalls voll, schön entworfen und zum Küssen einladend, waren dünner und bleicher geworden, und ihre etwas zusammengezogene Stellung gegeneinander ließ vermuten, daß diese Greisin in unbewachten und unbeobachteten Augenblicken den Mund heimlich zusammenpresse, um innere Schmerzen zu unterdrücken und zu verbergen, welche von den Ihrigen nicht geahnt und entdeckt werden sollten.

Der untere Körper dieser Dame war bis über die Füße herab mit einer wollenen Decke verhüllt. Sollte diese Greisin, deren Augen noch so froh und jugendlich zu lächeln verstanden, ein von ihr aus Liebe nicht eingestandenes Leiden in sich tragen, welches von den Füßen auf begonnen hatte, dem Körper die so notwendige Lebenswärme zu entziehen?

Diese beiden, der Greis und die Matrone, waren Hugo von Königsau, der einstige Liebling Blüchers, und Margot, seine Frau, welche das Glück an seiner Seite der Liebe eines Kaisers vorgezogen hatte.

Aus dem ehrwürdigen Haar Hugos lief ein roter, fingerbreiter Streif schräg bis über die Hälfte der Stirn herab. Das war die Narbe jenes verhängnisvollen Hiebes, welcher ihm fast das Leben gekostet und seinem Gedächtnis eine unausfüllbar scheinende Lücke gerissen hatte.

Margot hielt die Hände wie zum Gebet gefaltet, zu jenem Gebet, welches unbewußt aus dem Auge blickt, von der Wange strahlt, um die Lippen lächelt und um den ganzen Menschen weht, wie der süße, reine Duft den Kelch der bescheidenen Resedablüte umzittert.

Ihr Auge war auf die Mitte des Zimmers gerichtet, wo ein Knabe auf Händen und Füßen hin und her trabte, um den englischen Zelter vorzustellen, auf welchem eine kleine, allerliebste Reiterin saß und seinen Rücken mit den quatschigen Fäustchen traktierte, um den armen, bereits schwitzenden Gaul aus dem Trab gar noch in den Galopp zu treiben. So ein kleines Tausendschönchen weiß eben auch schon ganz genau, daß es sich ungestraft erlauben darf, das gutmütige stärkere Geschlecht in Zaum und Zügel zu nehmen.

Und daneben stand, diese Gruppe betrachtend, mit glückstrahlendem Auge eine liebe, milde Madonnengestalt, die Mutter dieser beiden schönen Kinder, und doch noch so jungfräulich angehaucht, als ob die Liebe noch gar nicht dagewesen sei, ihr Herz, Mund und Sinn zu erschließen – Ida von Rallion, die Frau Gebhards von Königsau, welcher leider jetzt in der Ferne weilte.

Dieses Stilleben wurde durch den Knecht unterbrochen, welcher eintrat, um eine Karte zu überbringen und dabei zu melden, daß ein fremder Herr angekommen sei und nach Herrn von Königsau gefragt habe. Hugo nahm die Karte, warf einen Blick auf dieselbe und las laut:

„Henry de Lormelle. Diesen Namen kenne ich nicht. Hast du ihn vielleicht einmal gehört, beste Margot?“

„Nie“, antwortete die Matrone.

„Oder du, liebe Ida?“

„Ich auch nicht, Papa.“

„Nun, wir werden ja gleich sehen. Ich bitte den Herrn, einzutreten.“

Diese Worte waren an den Knecht gerichtet, welcher sich entfernte, um den Fremden herbeizubringen. Als derselbe eintrat, grüßte er stumm, aber mit einer Verbeugung, welche bewies, daß er gewohnt sei, sich in guter Gesellschaft zu bewegen. Er wurde nicht mit jenen kalten, neugierig oder gar zudringlich fragenden und taxierenden Blicken empfangen, mit denen in manchen Familien der zum ersten Mal Zutritt Nehmende begafft oder gar beleidigt wird, sondern Königsau legte sein Buch weg, erhob sich, ging ihm entgegen, reichte ihm die Hand und begrüßte ihn französisch, da er aus dem Namen schließen konnte, daß der Besuch ein Franzose sei.

„Willkommen, Monsieur de Lormelle! Ich heiße Königsau, und diese Damen sind meine Frau und die Gattin meines Sohnes. Die Enkel spielen dort Kavallerie, was ich gütigst zu entschuldigen bitte. Ebenso mögen Sie verzeihen, daß meine Frau sich nicht erheben kann. Ihr Leiden wehrt ihr die Möglichkeit, Sie anders als sitzend zu begrüßen.“

Das klang so warm, so herzlich, als ob der Franzose bereits seit Jahren Bekannter der Familie sei. Er schritt auf Margot zu, küßte ihr die Hand und sagte:

„Ich würde es sehr beklagen, wollten Sie sich meinetwegen auch nur eine Spur von Schmerz bereiten, Madame. Gott lasse Sie gesunden durch die Freude, welche Sie an dem herzlieben Bild haben müssen, eine Freude, an welcher die Mama dieser reitenden Kavallerie sicherlich teilnehmen wird.“

Dabei deutete er mit der Linken auf die beiden Kinder und ergriff mit der Rechten auch die Hand Idas, um sie zum chevaleresken Gruß an seine Lippe zu ziehen.

Das alles geschah so gewandt, so ungesucht, daß es auf die Familie den besten Eindruck machte.

„Nehmen Sie Platz“, meinte Königsau. „Und denken Sie, bei Freunden oder Bekannten zu sein.“

Der Fremde verbeugte sich dankend und antwortete deutsch:

„Unter Bekannten pflegt man sich der Sprache des Hauses zu bedienen. Gestatten Sie mir, in der Ihrigen zu sprechen und verzeihen Sie mir die Regelwidrigkeiten, welche zu unterlassen ich nicht vermögen werde.“

„Wir werden möglichst milde Richter sein“, meinte Margot, indem sie ihm mit einem freundlichen Lächeln zunickte.

„Davon bin ich überzeugt“, antwortete er. „Ich werde ja bereits im ersten Augenblick von der angenehmsten Gewißheit berührt, mich einem Familienkreis genähert zu haben, in welchem Liebe, Güte und Milde das Zepter führen. Dies ist mir um so wohltuender, als ich wirklich in der Überzeugung, hier einen Freund zu finden, um Erlaubnis zum Zutritt ersuchte.“

„Einen Freund?“ fragte Ida. „Oh, da ist es ja nicht anders möglich, als daß Sie meinen Gatten meinen.“

„Gebhard?“ fragte die Matrone. „Solltest du richtig raten?“

„Die gnädige Frau hat sich nicht geirrt“, sagte Henry. „Ich berührte auf meiner Reise nach Petersburg diese Gegend und erinnerte mich dabei der Heimat meines Freundes Gebhard von Königsau, welchen ich in Algerien kennengelernt habe.“

„In Algerien?“ fragte Hugo. „Herr de Lormelle, Sie bereiten uns da eine höchst angenehme Überraschung. Mein Sohn ist leider gegenwärtig von der Heimat abwesend, aber Sie sollen trotzdem in Ihrer Überzeugung, hier Freunde zu finden, nicht getäuscht werden. Ich heiße Sie nochmals, und zwar von ganzem Herzen willkommen.“

Er gab ihm die Hand zum zweiten Mal und fuhr dann fort:

„Sie lassen uns doch hoffen, daß Petersburg Sie nicht gar zu sehnlichst erwartet?“

„Ich reise allerdings nur zum Vergnügen“, antwortete Henry, „werde aber in der Stadt an der Newa bereits erwartet.“

„Oh, was das betrifft, so hat man jenseits der Grenze genügend gelernt, sich in Geduld zu üben. Eine kurze Ruhepause auf Breitenheim wird Ihnen wohl erlaubt sein. Nicht wahr, Richard?“

Diese letztere Frage war lächelnd an den Knaben gerichtet worden, welcher sein Schwesterchen abgeworfen hatte, um herbeizutreten und, die Hände auf den Rücken gelegt, mit komisch wirkender Kennermiene den Fremden zu betrachten.

„Es wird sich gleich finden, ob ich es ihm erlaube, lieber Großpapa“, antwortete der Knabe wichtig.

„So, so“, lachte der Großvater, und alle stimmten in sein Lachen ein.

Der kleine Richard aber blieb ernsthaft stehen und fragte:

„Sie haben meinen Papa gesehen, Monsieur?“

„Ja“, antwortete Henry, sich zu gleichem Ernst zwingend.

„Hat er Sie lieb gehabt?“

„Ja, und ich ihn auch, wie ich gern gestehen will.“

„Nun, das ist die Hauptsache, und so können Sie also hier bleiben.“

Gerade der gravitätische Ernst, mit welchem diese Worte ausgesprochen wurden, wirkte so Heiterkeit erregend, daß es gar nicht möglich war, an Worte wie ‚kindlich vorlaut‘ oder ‚von den Eltern verzogen‘ zu denken. Die ausdrücklich gegebene Genehmigung des Kindes, daß der Gast dableiben dürfe, bildete den Ausgangspunkt eines sehr animierenden Gespräches, an welchem alle gleichen Anteil nahmen. Das kleine Mädchen war in den Schoß der Mama geklettert; Richard aber hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und sich auf die unterste Stufe einer Treppenleiter gesetzt. Indem er dort eine Bildermappe durchstöberte, schien es, als ob er seine Aufmerksamkeit ganz allein auf diese richte, aber doch schweiften seine Augen häufig zu dem Gast hinüber und blieben an dem Gesicht desselben hängen. Niemand bemerkte dies, als der allein, dem diese Blicke galten.

Später wurden dem Franzosen zwei Zimmer angewiesen, wobei man ihn bat, sich zunächst von der unbequemen Fahrt auszuruhen. Als er sich dort allein und ungestört wußte, trat er an den Spiegel, um sein Ebenbild zu studieren.

Der Gast der Familie Königsau schien mit der Musterung seiner äußeren Erscheinung sehr zufrieden zu sein; denn ein siegesbewußtes Lächeln spielte um seine Lippen, als er sich vom Spiegel wandte.

„Hm!“ brummte er. „Ich finde gar nichts Auffälliges an mir. Ich bin vollständig überzeugt, bei allen einen recht guten Eindruck hervorgebracht zu haben, und da man sagt, daß der erste Eindruck maßgebend sei, so kann ich mit meinem hiesigen Debüt sehr zufrieden sein. Warum aber brachte dieser Knabe die Augen gar nicht von mir weg? Ist es wahr, was man sagt, daß das Ahnen des Kindes in der Beurteilung des Menschen glücklicher sei als oft der Scharfblick eines Menschenkenners? Der Junge scheint intelligent zu sein; er kann mich nicht leiden. In seiner Naivität erlaubte er mir nur aus dem Grund dazubleiben, weil sein Vater mich lieb gehabt habe. Es ist klar: Er hat eine Antipathie gegen mich, und da es Eltern gibt, welche gern auf sympathische Regungen ihrer Kinder achten, ja sogar nach diesen Regungen handeln, so ist der Junge das einzige Glied dieser Familie Königsau, welches Besorgnis einflößen könnte. Ich werde ihm mehr Aufmerksamkeit schenken müssen, als seinen Verwandten.“

Nach diesem Selbstgespräch begann er, es sich bequem zu machen; doch war die Einsamkeit, in welcher er sich befand, von keiner langen Dauer, denn er wurde bereits nach kurzer Zeit zum Mahl gebeten, welches man des Gastes wegen auf eine andere Stunde, als üblich, verlegt hatte. Er war Diener vornehmer Häuser gewesen und hatte sich als solcher genug Gewandtheit und Lebensanschauung angeeignet, um die Rolle eines Mannes der vornehmen Gesellschaft spielen zu können. Es gelang ihm auch, das Vertrauen der Familie zu gewinnen, mit alleiniger Ausnahme des Knaben, welcher sich den Liebkosungen und geschickt angebrachten Schmeicheleien gegenüber sehr abweisend verhielt.

Der Tag wurde im Familienkreis verbracht, da anzunehmen war, daß der Gast von der Reise ermüdet sei. Aber bereits am anderen Vormittag fragte Königsau ihn, ob es ihm angenehm sei, einen kleinen Ritt mitzumachen, da er im Begriff stehe, die Feldarbeit zu inspizieren. Natürlich schloß der Franzose sich ihm an. Er hoffte, daß während des Rittes das Gespräch auf das Thema kommen werde, welches bisher noch nicht berührt worden war, obgleich Henry sehr viel daran lag, den Gegenstand zur Sprache gebracht zu sehen.

Großvater Königsau erwies sich trotz seines Alters als ein noch sehr guter und sicherer Reiter. Der Franzose, welcher in dieser Kunst keine sehr große Übung besaß, hatte Mühe, mit ihm gleichen Schritt zu halten und eine Blamage zu vermeiden.

In einem kleinen Vorwerk wurde haltgemacht und ein Imbiß eingenommen. Im Verlauf des beinahe frugalen Dejeuners meinte Henry:

„In der Bewirtschaftung größerer Komplexe sind die Deutschen den Franzosen doch entschieden überlegen. Finden Sie das nicht auch, Herr von Königsau?“

Der Gefragte antwortete langsam und bedächtig:

„Ich möchte das nicht so ungeprüft gelten lassen, denn es entgehen mir die Erfahrungen, um hier einen entscheidenden Vergleich ziehen zu können. Wollte ich nach Ihren Worten gehen, so müßte ich schließen, daß die Franzosen uns in der Bewirtschaftung kleinerer Liegenschaften überlegen sind.“

„Das ist es, was ich meine.“

„Nun, das liegt doch wohl weniger in den individuellen Eigenschaften oder gar in der Verschiedenheit des Nationalcharakters, sondern an den wirtschaftlichen Zuständen der beiden Länder. Frankreich ist ein Wein anbauendes Land, und bei dieser Art der Fruchtgewinnung ist der Parzellenbau ein einträglicherer.“

„Sie mögen recht haben; doch wenn ich denke, in welcher musterhaften Ordnung sich Ihre Besitzung befindet, so habe ich doch alle Lust, meine vorhergehende Behauptung aufrechtzuerhalten. Es muß eine wahre Freude sein, sich den Besitzer einer solchen Liegenschaft nennen zu können.“

„Ach, mein lieber Herr de Lormelle, das klingt ja, als ob Sie sich nicht im Besitz eines Gutes befänden.“

„Meine Familie ist nicht nur wohlhabend, sondern sogar reich, sehr reich; aber Sie wissen, wir Franzosen sind Genußmenschen, und wenn wir ja arbeiten, so beschäftigen wir uns lieber mit Kunst und Wissenschaft, mit Literatur und Politik, als mit der Zerkleinerung der Ackerscholle, welcher wir doch nichts weiter abzuringen vermögen, als höchst prosaische Kartoffeln, Rüben und Kohl.“

„Aber doch sind diese unbedingt notwendig. Auch die Kunst und Wissenschaft, die Literatur und sogar in gewisser Beziehung die Politik beschäftigen sich mit ihnen.“

„Ich gebe das gern zu, möchte aber doch lieber eine Gruppe dieser Gewächse auf Leinwand malen, oder ein Buch über den Anbau der Kartoffel schreiben, als gezwungen sein, diese schmutzige Knolle aus der Erde zu wühlen.“

„Wer ein solches Buch schreiben will, darf die Kartoffel nicht nur auf der Leinwand eines Malers gesehen haben. Das Leben des Landmannes ist ein vorzugsweise nüchternes und mühevolles, ich gebe das zu; aber es hat auch seine Lichtseiten. Es bewahrt vor Oberflächlichkeit und Zerstreuung, es macht den Menschen gewissenhaft und ernst; es gibt ihm Liebe zur Heimat und lenkt sein Denken und Sinnen auf den Schöpfer und Erhalter aller Dinge. Lasse ich das Korn meines selbst gesäten Roggens oder Weizens durch die Finger gleiten, so fühle ich dieselbe Genugtuung, welche den Künstler erfüllt, wenn ihm eine Frucht seiner Phantasie geraten ist.“

„Von dieser Seite aus habe ich die Landwirtschaft allerdings noch nicht betrachtet. Ich bin zufrieden, wenn meine Verwalter und Pächter ihre Gelder zahlen. Das Gold, welches dann durch meine Finger rinnt, ist mir wertvoller als das Gold der Ähren und Körner.“

„Und doch ist es wahr, daß dieses Gold ohne das andere eine Chimäre sein würde. Das Metall ist nur ein Tauschmittel; die Landwirtschaft aber ist es, welche mit ihren Erträgnissen und Preisen die wahren, wirklichen Werte bestimmt.“

„Sie sind, wie ich höre, Nationalökonom, ich aber bin es nicht und darf mich also auf keine Kontroverse einlassen. Aber sollte es in Wahrheit sein, daß das Landleben die Liebe zur Scholle, also auch die Liebe zum Vaterland, den Patriotismus großzieht?“

„Es ist so.“

„Dann müßten Sie Ihre Besitzung außerordentlich liebhaben.“

„Sie ist mir wert und teuer.“

„So, daß Sie dieselbe nie veräußern würden?“

„Ich würde mich nur sehr schwer von ihr trennen.“

„Selbst wenn Ihnen bedeutende Vorteile geboten würden?“

„Es käme darauf an, welche Bedeutungen diese Vorteile für mich hätten. Ich befinde mich geradezu gegenwärtig in der Lage, über diesen Gegenstand reiflich nachzudenken.“

Jetzt sah der Franzose sich auf dem Weg, welchem er hatte einschlagen wollen.

„Ah!“ meinte er. „Wieso, Herr von Königsau?“

„Man will mir meine beiden Besitzungen abkaufen.“

„Dann muß der Käufer reich sein.“

„Er ist es.“

„Jedenfalls ein Bewohner der Umgegend, welcher den Wert Ihres Eigentums genau kennt?“

„Nein, sondern ein Fremder, ein Russe.“

„Was für einen Grund hat er, sich hier ansiedeln zu wollen?“

„Ich weiß es nicht und habe auch kein Recht, danach zu fragen. Ich habe erfahren, daß ihm die Gegend gefällt und daß er sich sehr eingehend nach dem Zustand meiner Besitzungen erkundigt hat.“

„Ich bin überzeugt, daß er nur Vorteilhaftes erfahren konnte.“

„Das ist allerdings der Fall. Er hat sich dann durch einen Berliner Agenten an mich gewendet.“

„Durch einen Berliner? Ist das nicht vielleicht ein Umstand, welcher Veranlassung gibt, vorsichtig zu sein?“

„Es gibt überall ehrliche und unehrliche Leute. Von diesem Agenten aber weiß ich, daß er sich in der Geschäftswelt keines ungünstigen Rufes erfreut.“

„Ich wäre wirklich neugierig, zu erfahren, ob dieser Russe geneigt ist, gut zu zahlen. Die Russen pflegen im Geldpunkt nicht immer anständig zu sein.“

„Was das betrifft, so hat mir dieser Herr ein Gebot tun lassen, welches mich wirklich in Verlegenheit brachte.“

„Wieso?“

„Das Gebot beträgt über hunderttausend Taler mehr, als meine Liegenschaften wert sind.“

„Ah!“ machte der Franzose im Ton des Erstaunens.

„Ja, ich füge hinzu, als sie sogar unter Brüdern wert sind.“

„Was gedenken Sie zu tun?“

„Ich habe nie daran gedacht, zu verkaufen. Ich bin mit meinem Besitz zu sehr verwachsen, als daß ich mich so leicht von ihm trennen könnte.“

„Selbst bei Ihrem Alter? Sie entschuldigen die Frage!“

„Oh, ich nehme sie Ihnen gar nicht übel, denn ich habe sie mir ja selbst bereits vorgelegt. Es ist wahr, ich habe jedenfalls kein Jahrzehnt mehr zu leben und muß mich also endlich doch von dem Acker trennen, den ich bebaute; aber ich überlasse ihn meinem Sohn. Das ist etwas ganz anderes, als ihn in fremden Händen zu sehen.“

„Im anderen Fall aber hinterlassen Sie Ihrem Sohn über hunderttausend Taler mehr.“

„Das fällt allerdings ins Gewicht. Dazu kommt der Umstand, daß ich gerade jetzt Gelegenheit hätte, eine Besitzung zu erwerben, welche ich bar bezahlen könnte, obgleich sie bedeutend mehr wert ist als die meinige.“

„So würde ich zugreifen.“

„Dieser Gedanke liegt allerdings sehr nahe, doch ist es mir unmöglich, auf eigene Faust zu handeln.“

„Sie sind ja selbständig.“

„Ein Gatte und Vater ist niemals selbständig. Ich kann das Erbe meines Sohnes nicht veräußern, ohne demselben Nachricht davon zu geben.“

„Das müssen Sie allerdings schleunigst tun.“

„Ich habe es auch bereits getan, und zwar augenblicklich, nachdem ich dieses vorteilhafte Gebot entgegengenommen hatte.“

„Ich befürchte, daß Sie diesen vorteilhaften Handel doch zurückweisen werden.“

„Warum?“

„Ihr Herr Sohn befindet sich ja im Orient.“

„Sie meinen, daß seine Entscheidung, seine Antwort, zu spät eintreffen werde?“

„Das ist es allerdings, was ich sagen wollte. Unsere postalischen Verbindungen sind höchst mangelhaft.“

„Zufälligerweise befindet Gebhard sich gegenwärtig an einem Ort, mit welchem man telegraphisch verkehren kann.“

„So haben Sie also telegraphiert?“

„Natürlich.“

„Und die Antwort bereits erhalten?“

„Noch nicht, obgleich sie längst da sein könnte. Jedenfalls handelt es sich dabei um eine zufällige kurze Abwesenheit meines Sohnes von diesem Ort, und ich erwarte alle Augenblicke den Telegraphenboten.“

„Bei dem regen Anteil, den ich an Ihnen und Ihrer lieben Familie nehme, bin ich wirklich neugierig, wie die Antwort meines Freundes Gebhard lauten wird.“

„Ich vermute, daß sie zustimmend sein werde.“

„Haben Sie einen Grund dazu?“

„Ja. Es war ihm störend, so weit entfernt von der Hauptstadt wohnen zu müssen, so oft er sich in der Heimat befand. Seine wissenschaftliche Stellung erfordert es, mit den Kapazitäten, welche da weilen, in naher Berührung zu sein. Und sodann liegt die Besitzung, welche ich gerade jetzt so billig kaufen könnte, an der Bahn, nur wenige Stunden von Berlin entfernt, welches man also in kürzester Zeit erreichen könnte.“

„Das ist allerdings vorteilhaft. Jetzt bin ich beinahe überzeugt, daß die Antwort Gebhards zustimmend lauten wird. Werden Sie in diesem Fall verkaufen?“

„Ich würde, aber ich bin noch von anderer Seite gebunden. Hat mein Sohn, während Sie in Algerien mit ihm verkehrten, Ihnen erzählt, wie ich in den Besitz des Gutes Breitenheim gekommen bin.“

„Ich glaube, mich entsinnen zu können“, antwortete der Franzose nachdenklich. „Erhielten Sie es nicht von Marschall Blücher?“

„Durch seine Vermittlung. Breitenheim ist ein Geschenk des damaligen Königs.“

„Ah ja. Sie hatten sich ausgezeichnet!“

„Was man geschenkt erhält, darf man nicht veräußern. Ich habe die Verpflichtung, und zwar in moralischer Beziehung, Breitenheim festzuhalten.“

„O weh! Sie müssen also den Ihnen gebotenen Vorteil von der Hand weisen?“

„Vielleicht auch nicht. Es gilt allerdings eine Anfrage an der betreffenden Stelle, ob der Verkauf des Gutes dort ungnädig bemerkt werde.“

„Haben Sie diese Anfrage tun lassen?“

„Ja. Ich habe den Auftrag dazu brieflich erteilt, und zwar noch, bevor ich meinem Sohne telegraphierte.“

„Müßte die Frage nicht von einer einflußreichen Person ausgesprochen werden?“

„Allerdings. Ich habe einen Verwandten – ah, Sie müssen ihn doch auch kennen. Haben Sie den Namen Goldberg gehört?“

Henry war vorzüglich unterrichtet. Er antwortete sofort:

„Natürlich. Gebhard hat mir von einem Freund erzählt, welcher diesen Namen trägt. Und dann später erzählte er mir in dem einzigen Brief, welchen ich von ihm besitze, daß dieser Herr von Goldberg die Schwester Ihrer Frau Schwiegertochter heimgeführt habe.“

„Ja, dieser Goldberg ist es, den meine ich. Er wohnt in Berlin und erscheint bei Hofe, wo er nicht ungern gesehen wird. Er ist die geeignetste Person, diese Angelegenheit in Ordnung zu bringen.“

„Dann darf ich Ihnen bereits im voraus gratulieren.“

„Oh, tun Sie das nicht zu früh.“

„Sie meinen, daß eine der beiden Antworten ablehnend ausfallen können?“

„Nein, obgleich die Möglichkeit dazu immerhin vorhanden ist. Ich weiß nicht, ob der Russe zahlen wird, was ich verlange.“

„Donner und Wetter. Sie wollen noch mehr profitieren, als hunderttausend Taler?“

Henry machte bei dieser Frage ein sehr erstauntes Gesicht. Ihm schien es ganz unmöglich, daß jemand einen so hohen Gewinn von sich weisen könne. Und zugleich trat bei ihm die Besorgnis ein, daß aus dem Handel nichts werden könne. In diesem Fall war es ihm auch unmöglich, den Streich auszuführen, um dessentwillen er nach Deutschland gekommen war. Er wollte nicht nur Königsau, sonder auch seine beiden Auftraggeber betrügen: Den alten Kapitän und den Grafen Rallion.

„Glauben Sie“, antwortete Königsau, „daß diese hunderttausend Taler ein hinreichendes Äquivalent sind für das, was ich aufgebe, wenn ich einen Ort verlasse, der mir und meiner Familie so lieb und teuer geworden ist?“

„Sie werden Ihre spätere Heimat ebenso lieb gewinnen.“

Königsau schüttelte unter einem milden, trüben Lächeln den Kopf.

„Nein, niemals!“ antwortete er. „Ich bin zu alt, um mich anderswo noch einleben zu können.“

„So wollen Sie den Preis höher stellen? Wenn aber der Russe zurücktritt?“

„So mag er es tun. Ich bin zum Verkauf ja nicht gezwungen. Wenn er noch fünfzigtausend Taler zulegt, werde ich auf den Handel eingehen, sonst aber nicht.“

„Das scheint mir zuviel zu sein.“

„Tragen Sie keine Sorge. Ein Mann, der es gerade auf mein Besitztum abgesehen hat, wird geben, was ich verlange.“

Henry wagte keine weitere Bemerkung. Ihm war es auch nicht unwahrscheinlich, daß Rallion und Richemonte auf die Forderung Königsaus eingehen würden. In jedem Fall war er selbst es, welcher die Summe in den Säckel strich.

Jetzt wurde der Ritt, welcher den ganzen Vormittag in Anspruch nahm, fortgesetzt, ohne daß der Gegenstand des beendeten Gespräches wieder in Erwähnung kam. Dieses letztere sollte aber sogleich bei ihrer Rückkehr geschehen; denn kaum waren sie eingetreten, so nickte Margot, die Großmama, ihrem Mann freundlich und verheißungsvoll zu und meinte:

„Ich habe eine Überraschung für dich, lieber Hugo.“

„Eine gute?“ fragte er.

„Ja. Rate!“

„Ein Brief unseres Goldberg?“

„Nein.“

„Nun, so ist es eine Depesche von Gebhard?“

„Richtig geraten!“

„Wo ist sie? Habt Ihr sie bereits gelesen?“

„Nein. Oder hätte ich mir jemals erlaubt, mich deiner Korrespondenz zu bemächtigen? Die Depesche ist ja an dich adressiert. Hier hast du sie.“

Sie zog sie unter der Decke hervor, mit welcher sie sich auch heute eingehüllt hatte. Es waren alle Glieder der Familie anwesend. Auch auf dem Gesicht Idas, der Schwiegertochter, war die neugierige Erwartung zu lesen, was ihr Mann antworten werde.

Königsau öffnete das Papier und las.

„Nun, was antwortet er?“ fragte er die beiden Damen.

„Lies vor, lies vor!“ baten sie.

„Gut. Hier steht kurz und bündig: ‚Verkaufe. Ich befinde mich wohl. Brief längst unterwegs. Grüße und Küsse von mir.‘ Er willigt also ein. Ist dir dies lieb, Margot?“

Sie strich sich mit der Rechten langsam über das Haar und antwortete dann beinahe leise, damit man ihrer Stimme die Bewegung nicht anhören möge:

„Ihr wißt ja, daß ich da glücklich bin, wo Ihr seid.“

Hugo kannte sie aber zu gut. Er trat an sie heran, küßte sie auf die Lippen und sagte:

„Ich weiß das, Margot. Bist du mir doch aus dem Vaterland in die Fremde gefolgt. Gehen wir auch fort von hier, so werden wir uns doch nicht verlassen. Billig aber verkaufe ich den Ort, an welchem wir so glücklich gewesen sind, auf keinen Fall.“

Damit war der Gegenstand für jetzt erledigt. –

Im besten Gasthof des Städtchens Rastenburg wohnte Graf Rallion, welcher sich aber unter einem anderen Namen eingetragen hatte. Die Zeit wurde ihm ungeheuer lang. Er gab sich zwar Mühe, sich mit der Lektüre des kleinen Stadtblättchens zu zerstreuen, aber er konnte dem Inhalt desselben kein Interesse abgewinnen. Eben stand er im Begriff, es mißmutig fortzuwerfen, als von draußen an die Tür geklopft wurde.

„Herein!“

Zwei Männer traten ein. Der eine war der Jude Samuel Cohn, den andern hatte der Graf noch nicht gesehen. Der Inhaber des Bankgeschäfts und der Länderagentur grüßte mit einer demütigen Verbeugung, welche sein Begleiter nachahmte, und sagte dann:

„Hier bin ich im Begriff, zu bringen dem Herrn Grafen Rallion den Herrn, welcher wird kaufen die Güter, um sie zu verkaufen sofort wieder dem Herrn Grafen, damit dieser werde königlich-preußischer Untertan mit zwei Rittergütern, von denen das eine ist ein Andenken an den großmächtigen Marschall Blücher, welcher ist gemacht worden zum Fürsten von Wahlstatt, weil er –“

„Unsinn“, rief ihm der Graf ärgerlich entgegen und wehrte seinen Wortschwall mit einer Gebärde des Unwillens ab. „Keine unnötigen Worte machen“, setzte er hinzu. – „Wer sind Sie?“

Mit dieser letzten Frage wendete er sich an den Fremden. Dieser wiederholte seine tiefe Verbeugung von vorhin und antwortete:

„Graf Smirnoff ist mein Name.“

Rallion zog die Augenbrauen zusammen. Der Fremde trug zwar einen feinen Anzug, doch war es zu verwundern, daß sich ein Graf bereit finden ließ, ein Geschäft wie das in Rede stehende zu übernehmen.

„Sind Sie Russe?“ fragte er ihn.

„Nein. Pole.“

„Exiliert?“

„Ja.“

„Können Sie sich legitimieren?“

„Vollständig. Da es sich um einen Kauf handelt, habe ich mich mit den nötigen Dokumenten versehen.“

„Sind Sie bemittelt?“

„Leider, nein.“

„Herr Cohn hier hat Ihnen bereits mitgeteilt, um was es sich handelt?“

„Ich bin vollständig informiert.“

„Wie hoch schätzen Sie Ihre Beihilfe?“

„Es sind mir zweitausend Taler geboten worden.“

„Sie werden diese Summe erhalten, allerdings nur dann, wenn das Geschäft wirklich zustande kommt. Welche Sicherheit aber gewähren Sie, daß Sie mir die beiden Güter faktisch übergeben, nachdem sie von mir auf Ihren Namen bezahlt worden sind?“

„Mein Ehrenwort.“

Es war ein fast höhnisches Lächeln, welches der Graf jetzt sehen ließ; aber dennoch klang seine Stimme höflich, als er bemerkte:

„Ich ziehe Ihr Ehrenwort auf keinerlei Weise in Zweifel; aber Sie werden zugeben, daß einer solchen Summe gegenüber weitgehende Garantien erforderlich sind.“

„Ich wüßte keine anderen, da ich nicht reich bin.“

„Nun, so weiß ich eine. Sie erhalten, sobald der Handel abgeschlossen ist, die Kaufsumme gegen die Akzeption eines Wechsels auf Sicht und auf die gleiche Summe laufend. Sobald ich Ihnen das Objekt abgekauft habe, bezahle ich es mit diesem Wechsel und lege bare zweitausend Taler zu. Sind Sie einverstanden?“

„Jawohl.“

„Sollten Sie zögern, so präsentiere ich den Wechsel und pfände Ihnen die Güter ab. Die zweitausend Taler büßen Sie dann ein.“

Da ergriff der Jude das Wort:

„Oh, der Herr Graf de Rallion kann sicher sein, daß ich mir einen Herrn ausgesucht habe, welchem Vertrauen zu schenken ein jeder bereit sein kann, auch ohne zu kennen die Verhältnisse, von denen der Herr Graf von Smirnoff ist gezwungen worden, einzugehen ein Geschäft, von dem er sich sagt, daß es ihm –“

„Unsinn!“ fiel ihm Rallion in die Rede. „Sie wissen, daß ich unnütze Reden nicht leiden kann. Wann sind Sie zu Königsau bestellt worden?“

„Es wurde kein bestimmter Tag genannt. Er wollte eine Antwort aus Berlin erwarten.“

„Kann er diese erhalten haben?“

„Sie kann bei ihm sein.“

„So ist es besser, abzureisen. Was haben Sie hier zu tun?“

„Nichts. Nur den Grafen de Rallion wollte ich sprechen, um ihm vorzustellen den erlauchten Grafen von Smirnoff, damit zustande komme die Übereinkunft wegen des –“

„Gut, gut! Wie ich höre, haben Sie hier nichts zu tun. Ich habe den Herrn Grafen Smirnoff kennengelernt, wir sind also fertig. Reisen Sie ab, und benachrichtigen Sie mich sofort, wann Sie das Geld brauchen.“

„So möchte ich sagen, daß die Entfernung zu groß ist, um das Geschäft schnell zustande zu bringen. Möchten der Herr Graf nicht näher zu den Königsaus herankommen?“

„Ich will mich nicht von ihnen sehen lassen.“

„Wenn Sie mit nach Drengfurth gehen, so werden Sie nicht in die Gefahr kommen, gesehen zu werden. Es ist noch Platz in unserm Wagen.“

Rallion machte eine abwehrende Handbewegung.

„Geht eine Post von hier nach Drengfurth?“ fragte er.

„Jedenfalls.“

„So benutze ich diese. Sie können sofort abreisen.“

Der Jude entfernte sich mit seinem Begleiter, nachdem vorher der Gasthof bestimmt worden war, in welchem man sich treffen wollte. Dann erkundigte sich Rallion nach der Post und erfuhr, daß dieselbe erst am nächsten Morgen abgehen werde.

Es war noch dunkel, als er sich einfand, um den Fahrschein zu lösen. Es währte nur noch kurze Zeit bis zum Abgang, und der Postillion saß bereits auf dem Bock. Er erfuhr, daß nur noch ein einziger Passagier mitfahren werde.

Als er sich zum Einsteigen anschickte, saß dieser bereits im Fond des Wagens.

„Rücken Sie zur Seite!“ gebot der Graf in befehlendem Ton.

Der Schein der Wagenlaterne fiel dabei auf sein Gesicht, so daß der andere dasselbe deutlich sehen konnte.

„Wieso?“ fragte er.

„Ich bin nicht gewöhnt, verkehrt zu fahren.“

„Ich auch nicht!“ meinte der im Wagen sitzende ruhig.

„Ich habe meinen Schein gelöst und bezahlt.“

„Ich auch.“

„Herr, ich bin Edelmann!“

„Herr, ich auch!“

„Mille tonnerres! Ich werde mit dem Postillion sprechen.“

„Ich nicht.“

Der Graf trat zum Kutscher und befahl ihm:

„Sorgen Sie dafür, daß ich den Platz erhalte, welcher mir gebührt.“

Der Rosselenker streckte den Arm phlegmatisch aus und antwortete:

„Her damit.“

„Was?“ fragte Rallion erstaunt.

„Den Fahrschein.“

„Ah, so! Hier!“

Er reichte ihm das Papier hinauf. Der Kutscher hielt es an die Laterne und gab sich Mühe, den Inhalt zu entziffern.

„Lautet auf Nummer zwei. Das ist der Platz in der linken Ecke auf dem Hintersitz. Die rechte Ecke hat der andere Herr auf Nummer eins, die er sich bereits gestern abend gelöst hat. Wenn Ihnen Ihr Platz nicht paßt, können Sie sich auf den Rücksitz setzen, da bloß zwei Personen da sind.“

„Was fällt Ihnen denn ein! Ich bin –“

Da fiel ihm der Kutscher schnell in die Rede:

„Was mir einfällt? Daß Sie Passagier Nummer zwei sind, das fällt mir ein! Darum bekommen Sie den Platz Nummer zwei! In einer halben Minute geht es fort. Wer da noch nicht eingestiegen ist, der bleibt stehen. Basta!“

Der Graf wäre am liebsten zurückgeblieben, aber er hatte auch nicht Lust, noch einen Tag bis zur nächsten Post zu warten. Darum stieg er mit seinem Handköfferchen ein, welches die Summe enthielt, die er für den beabsichtigten Kauf zu brauchen gedachte. Aber sich schweigend zu fügen, dazu war er nicht der Mann.

„Sie sagen, daß Sie Edelmann sind?“ fragte er den anderen Passagier, nachdem er diesem gegenüber Platz genommen hatte.

„Ja“, antwortete er kurz.

„Nun, ich bin sogar Graf!“

„Ich sogar auch.“

„Herr, ich werde Satisfaktion von Ihnen verlangen!“

Der andere stieß als einzige Antwort ein höhnisches, kurzes Lachen aus.

„Haben Sie es gehört?“ fragte Rallion.

„Haben Sie gehört: Ich lache.“

„Herr!“ knirschte Rallion. „Wissen Sie, was man unter Satisfaktion versteht?“

„Oh, sehr genau.“

„Daß Sie sich mit mir schlagen werden!“

„Schön. Das sollte mir ein Gaudium werden. Aber ich befürchte nur, es wird nichts daraus.“

„Dann sind Sie ein Feigling, ein elender.“

„Ich wohl nicht, aber Sie.“

„Monsieur, Sie scheinen unzurechnungsfähig zu sein.“

„Nein, sondern ich scheine nur zu wissen, mit wem ich es zu tun habe.“

„Nun, mit wem?“

„Mit einem Menschen, welcher beim Anblick eines Degens in Ohnmacht fällt, und wenn er das Wort Pistole hört, davonläuft.“

Der Graf fühlte sich frappiert. Aber er befand sich hier in der Fremde. Wer sollte ihn kennen? Er antwortete:

„Ich wiederhole, daß Sie unzurechnungsfähig sind.“

„Und ich sage Ihnen, daß ich keine Lust habe, mich mit Ihnen zu zanken. Ich bin müde und werde schlafen, bis der Tag anbricht. Dann werde ich mich Ihnen vorstellen, um unser Gespräch fortzusetzen. Sagen Sie aber jetzt noch ein einziges Wort zu mir, so gebe ich Ihnen eine Ohrfeige, daß Ihr ganzer werter Korpus durch die Kutschenwand hinaus auf die Straße fliegt.“

Diese Worte waren in einem solchen Ton gesprochen, daß es Rallion angst und bange wurde. Es war ihm, als ob er trotz der im Wagen herrschenden Dunkelheit den Arm seines Gegenübers bereits in Bewegung sehe. Daher verzichtete er auf jedes weitere Wort und legte sich so bequem wie möglich auf seinen Sitz zurück.

So verging die Zeit in völliger Schweigsamkeit. Die Räder mahlten im tiefen Sand, und zuweilen ließ sich ein kurzer Zuruf des Kutschers hören. Es war dem Grafen nicht ganz geheuer; aber die im Wagen herrschende Stille, verbunden mit dem eintönigen Geräusch der Bewegung übte eine einschläfernde Wirkung auf ihn aus. Er faßte sein Köfferchen mit den Händen, drückte es an sich und – schloß die Augen.

Als er sie wieder öffnete, war es hell geworden. Sein erster Blick galt natürlich dem Mann, welcher ihm gegenübersaß. Er konnte von demselben nichts erkennen als ein paar Stiefel, eine Reisemütze und einen weiten Mantel, welcher hoch emporgezogen war. Ganz oben, zwischen Mütze und Kragen, blickten zwei dunkle Augen hervor.

Sobald aber der Inhaber dieser Augen jetzt bemerkte, daß der Graf seinen Schlummer unterbrochen habe, ließ er den Mantel herab und enthüllte ein aristokratisch feines Gesicht, welches von einem dichten, dunklen Vollbart eingerahmt wurde.

Rallion kam es vor, als ob er diese Züge bereits einmal gesehen habe, aber er konnte sich nicht entsinnen, wo und wann dies geschehen sein solle.

Jetzt zog der andere ein Etui hervor und steckte sich, ohne um Erlaubnis zu fragen, eine Zigarre an. Dann ließ er das Wagenfenster herab und blickte hinaus, um zu sehen, wie weit man gekommen sei. Als er nach einer kurzen Weile den Kopf zurückzog, warf er einen halb höhnischen, halb feindseligen Blick auf den Grafen und sagte:

„So, mein Herr, der Sie ein Graf sein wollen, jetzt können wir unser Gespräch fortsetzen. Vorher war es dunkel, und ich liebe es, demjenigen, der mich fordert, ins Gesicht zu sehen.“

„Ich ebenso.“

„Das bezweifle ich. Sie haben nur Mut, im Dunkeln zu intrigieren. Sie sind ein Schuft, ein Schurke, ein Lump, bei dessen Anblick es einem ist, als ob man eine häßliche Spinne entdecke. Ich sage Ihnen das aufrichtig ins Gesicht, bin aber überzeugt, daß Sie mich nicht zur Rechenschaft ziehen, sondern vor mir ausreißen werden.“

Das Gesicht des Grafen war totenbleich geworden. Er ballte beide Fäuste und antwortete:

„Hielte ich nicht meine bereits ausgesprochene Meinung, nämlich daß Sie unzurechnungsfähig sind, für die richtige, so sollten Sie erfahren, welche Antwort ich auf solche Worte gebe.“

„Pah! Natürlich werden Sie diese Meinung aufrechterhalten, damit Sie einen Grund haben, sich zurückzuziehen; aber ich lasse Ihnen die Flucht nicht gelingen. Daß Sie den besten Platz im Wagen beanspruchten, beweist, daß Sie weder Lebenserfahrung, noch Höflichkeit besitzen. Daß Sie mich forderten, weil ich meinen Sitz behielt, brächte einen jeden anderen, nur mich nicht, auf den sehr berechtigten Gedanken, daß Sie entsprungener Irrenhäusler sind. Ich hätte Ihnen eine Ohrfeige, welche ich Ihnen anbot, nicht nur angedroht, sondern auch wirklich gegeben, aber ich habe es nicht getan aus Rücksicht auf den unglücklichen Umstand, daß Sie mein Verwandter sind.“

Der Graf machte eine Bewegung der Überraschung.

„Ich? Ihr Verwandter?“ fragte er. „Sie träumen!“

„Ich bin vielmehr sehr wach. Sie sind doch jedenfalls der brillante Graf Jules Rallion, nicht?“

„Teufel! Woher wissen Sie das?“

„Mein lieber, lieber Cousin, fragen Sie doch nicht so dumm. Gerade, weil ich Sie so genau kenne, weiß ich auch, was Ihre Forderung, Ihr Verlangen nach Satisfaktion zu bedeuten hat. Sobald ich mich bereit zeige, mich mit Ihnen zu schlagen, werden Sie hier durch das Fenster springen und querfeldein laufen, so lange, bis der Postwagen nicht mehr zu sehen ist.“

„Ich werde Sie vom Gegenteil überzeugen, fordere aber vorher eine Erklärung, welcher Umstand Ihnen die Erlaubnis gibt, mich Ihren Verwandten zu nennen.“

„Ah! Sollten Sie mich in der Tat nicht kennen?“

„Ich bin ganz ahnungslos.“

„Nun, Sie sahen mich zum ersten Mal bei einer Gelegenheit, die Veranlassung gab, vor einem Duell davonzulaufen. Sie wurden von Gebhard von Königsau gefordert und gaben sich Mühe, schleunigst zu verschwinden.“

Jetzt begann der Graf zu ahnen.

„Teufel!“ rief er. „Sie sind – Sie sind doch nicht etwa –“

„Nun, wer?“

„Graf Kunz von Goldberg –“

„Der Gemahl Ihrer schönen Cousine Hedwig?“

„Ja.“

„Natürlich bin ich es, mein lieber, mein verehrtester Cousin. Ich bin sehr verwundert, Sie hier zu sehen. Bevor ich Sie aber frage, welchem freundlichen Umstand ich das Glück, Ihnen im Postwagen zu begegnen, verdanke, wollen wir unsere Satisfaktionsangelegenheit in Ordnung bringen. Schwager Königsau wohnt gar nicht weit von hier, und so bietet sich die beste Gelegenheit, seine damalige Forderung zum Austrag zu bringen. Vorher aber werde ich so höflich sein, Ihnen die verlangte Genugtuung zu geben. Blicken Sie hinaus. Sehen Sie den Wald da vorn, jenseits des Dorfes?“

„Ja“, stieß der Graf hervor.

„Nun, dort liegt ein Forsthaus, an welchem wir vorüberkommen. Ich kenne den Förster. Er hat prächtige Waffen und wird uns gern zwei gute Pistolen zur Verfügung stellen. Dann gehen wir in den Wald, aus welchem, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, nur einer lebendig zurückkehrt. Und dieser eine werde ich sein. Einverstanden?“

Er sah den Grafen mit Augen an, aus denen dieser nicht recht klug werden konnte.

„Natürlich bin ich einverstanden“, antwortete Rallion. „Und ich glaube, besser zu wissen, wer der eine ist, welcher lebendig aus dem Wald zurückkehrt.“

„Oh, was das betrifft, so bin ich vollständig überzeugt, daß der, welchen Sie meinen, den Wald gar nicht erreichen wird.“

„Das wird sich finden.“

Damit war die Diskussion beendet. Der Postwagen rollte nach kurzer Zeit in das Dorf und hielt vor dem Wirtshaus, um die dort liegenden Briefschaften aufzunehmen.

„Zehn Minuten Zeit, meine Herren“, meldete der Postillion.

Rallion stieg aus und trat mit seinem Köfferchen in das Haus. Goldberg folgte ihm langsam. Um seine Lippen spielte ein eigentümliches Lächeln. Als er die Gaststube erreichte, war dieselbe leer. Nur der Wirt befand sich da.

„Ist kein Passagier hier eingetreten?“ fragte Goldberg.

„Nein, mein Herr.“

Goldberg begab sich in den Hof und dann in den Garten. Dort fand er einen Knecht, welcher mit dem Spaten arbeitete.

„War ein Fremder hier im Garten?“ erkundigte er sich.

„Ja“, lautete die Antwort.

„Wohin ist er?“

„Durch die Pforte ins Freie.“

Goldberg trat zur Pforte und kam gerade noch zur rechten Zeit, die Gestalt des flüchtigen Franzosen hinter einem Gesträuch verschwinden zu sehen. Er lachte heimlich vor sich hin und kehrte in die Stube zurück. –

Es war mehr als eine halbe Stunde vergangen, als der Knecht Schritte hörte. Er blickte sich um und sah den Fremden, welcher durch die Pforte zurückkehrte, und schüttelte den Kopf, Rallion aber schritt stracks nach dem Gastzimmer, in welchem der Wirt saß, seine Pfeife rauchend. Als dieser den Eintretenden erblickte, sagte er:

„Sapperlot! Sind Sie nicht vorhin mit der Post gekommen?“

„Ja.“

„Der Postillion hat Sie gesucht.“

„Warum?“ fragte Rallion unbefangen.

„Na, weil er nicht länger warten konnte.“

„Nicht länger warten?“ klang es erstaunt. „Ich will doch nicht hoffen, daß die Post fort ist.“

„Bereits seit zwanzig Minuten.“

„Donnerwetter. Der Postillion sagte ja, daß er fünfzig Minuten hier zu warten habe.“

„Da haben Sie gewaltig verkehrte Ohren gehabt. Hier wird zehn Minuten gehalten, keine Sekunde länger.“

„Er sagte fünfzig. Ich werde mich beschweren.“

„Versuchen Sie es! Es wird Ihnen nichts helfen. Übrigens meinte der andere Passagier, daß wir Sie nicht zu suchen brauchten.“

„Ah! Wieso?“

„Das weiß ich nicht. Wohin wollen Sie denn?“

„Nach Drengfurth.“

„Dahin gibt es jetzt keine Gelegenheit.“

„Kann ich denn keinen Wagen bekommen?“

„Nein. Kein Mensch im Dorf hat einen Kutschenwagen; aber am Nachmittag kommt ein Stellwagen durch, auf dem Sie einen Platz finden werden.“

„So werde ich warten. Sagen Sie einmal, wie lange muß man fahren, um jenseits des Dorfes durch den Wald zu kommen.“

„Wie lange? Das ist kein Wald, sondern nur ein kleines Eckchen Holz. In zwei Minuten ist man hindurch.“

„Es gibt aber ein Forsthaus da?“

„Nein.“

„Wie? Auch keinen Förster?“

„Fällt niemand ein.“

Jetzt sah Rallion ein, auf welch schmähliche Weise er sich blamiert hatte. Er biß die Zähne zusammen und wollte etwas sagen, um seine üble Laune an dem Wirt abzuleiten, als draußen ein Kutschenwagen im Trab angerollt kam und vor der Tür hielt. Der Kutscher klatschte mit der Peitsche und fragte, als der Wirt herbeieilte:

„Ist die Post längst vorüber?“

„Seit einer halben Stunde.“

„Danke! Adieu!“

Er wollte eben die Zügel aufnehmen, wurde aber daran gehindert. Der Kutschenschlag wurde nämlich geöffnet, und der Insasse sprang heraus.

„Halten bleiben!“ gebot er dem Kutscher. Dann wollte er eiligen Schrittes in das Haus treten; dort aber kam ihm Rallion bereits entgegen.

„Kapitän, Sie hier?“ rief der letztere.

„Ja, ich!“ antwortete Richemonte. „Ich sah Sie am Fenster stehen und stieg natürlich sofort aus.“

„Welch ein Zusammentreffen! Aber sagen Sie, was Sie veranlaßt, in diese Gegend zu kommen.“

„Was haben Sie hier im Koffer?“ fragte statt einer Antwort der Kapitän, indem er auf das Köfferchen deutete, welches der Graf noch immer in der Hand hatte.

„Geld.“

„Ah so! Hinein damit in den Wagen! Übrigens, da ich Sie hier treffe, haben wir Zeit. Kommen Sie, um nicht gehört zu werden. Die Pferde mögen einige Minuten ruhen.“

Er nahm den Arm des Grafen unter den seinigen und schritt mit ihm abseits.

„Haben Sie wirklich geglaubt, lieber Graf“, fragte er dann, „daß ich mich um diese wichtige Angelegenheit nicht weiter kümmern werde? Wie weit sind Sie?“

„Ich denke, daß die Sache heute oder morgen entschieden sein wird.“

„Wieso?“

Rallion unterrichtete den Kapitän über den Stand der Dinge und meinte dann:

„Aber Sie hier zu sehen habe ich nicht erwartet.“

„Nicht wahr?“ lachte der Kapitän. „Ich komme, um einen Fehler gutzumachen, welchen wir begangen hätten und der uns großen Schaden bereiten müßte.“

„Welchen?“

„Denken Sie sich einmal, was wir beabsichtigen, was geschehen soll. Nachdem Henry verschwunden ist, erfährt dieser Königsau, daß Graf Rallion der eigentliche Käufer ist.“

„Was weiter. Was kann das mir schaden?“

„Ungeheuer viel. Graf Rallion ist sein Todfeind. Dieser Deutsche wird die Tat, welche ihn ruiniert, mit dieser Todfeindschaft in Verbindung bringen; er wird sich an die Polizei wenden; man wird nachforschen, und was wird man erfahren?“

„Nun?“

„Daß Graf Rallion, der Käufer, mit diesem sogenannten Henry de Lormelle im Einvernehmen gestanden hat.“

„Alle Teufel! Ich muß aber doch mit Henry im Einvernehmen bleiben.“

„Nein! Das dürfen Sie nicht. Das eben ist mir nachträglich eingefallen, und daher komme ich Ihnen nach.“

„Wie aber haben Sie mich gefunden?“

„Ich wußte die Adresse des Juden. Dort erfuhr ich, daß Sie in Rastenburg seien, und da angekommen, wo Sie sich eines anderen Namens bedient hatten, erfragte ich dennoch, daß Sie mit der Post abgereist seien. Ich nahm ein Privatfuhrwerk, eilte Ihnen nach und – da bin ich.“

„Ist mir lieb! Also Sie wollen den Henry auf sich nehmen?“

„Ja. Sie müssen Ihr Alibi nachweisen können. Man wird erforschen, daß Sie sich zur Zeit der Tat in dieser Gegend befunden haben, aber man darf Ihnen nicht sagen können, daß Sie diesen Henry de Lormelle gesprochen oder auch nur gesehen haben.“

„Wie aber wollen Sie ihn treffen, ohne von anderen bemerkt zu werden?“

„Dafür lassen Sie mich sorgen! Aber sagen Sie mir zunächst, was Sie so allein hier tun, und wohin die Postkutsche ist, welcher Sie sich anvertraut hatten.“

„Ja, mein lieber Kapitän, das ist eine ganz verteufelte Angelegenheit. Ich steige heute in den Wagen, und wer sitzt drin? Raten Sie einmal!“

„Einer von den Königsaus?“

„Zwar kein Königsau, aber ebenso schlimm, ein Verwandter von ihnen, nämlich dieser Graf von Goldberg –“

„Der Mann Ihrer Cousine?“

„Ja.“

„Ich denke, er befindet sich in Berlin! Was will er hier?“

„Weiß ich es?“

„Hat er Sie erkannt?“

„Ich denke, nein“, antwortete Rallion zögernd. „Sobald ich ihn bei Tagesanbruch erkannte, bin ich hier ausgestiegen.“

„Eine Vorsicht, welche ich loben muß. Aber sagten Sie mir nicht, daß Königsau, um sich entscheiden zu können, einen Brief aus Berlin erwarte?“

„So ist es.“

„Nun, dann ist Goldberg dieser Brief. Er kommt persönlich, und wir sind nun sicher, daß die Entscheidung vor der Tür steht. Kommen Sie, steigen wir ein.“

„Bis wohin fahren wir?“

„Sie bis Drengfurth, wo Sie aussteigen, ohne daß ich mich sehen lasse. Ich fahre dann irgendwohin, wo ich den Kutscher loswerden kann, ohne Verdacht zu erregen. Wenn ich mit Ihnen zu sprechen habe, werde ich Sie zu finden wissen. Schlau wird das allerdings anzufangen sein, denn auch mich darf man mit Ihnen jetzt nicht zu sehen bekommen.“ –

Kunz von Goldberg, war mit der Post weiter gefahren und hatte über das Zusammentreffen mit Rallion ein innerliches Gaudium gefühlt. Welche Bedeutung diese Begegnung für die Familie Königsau haben sollte, davon hatte er allerdings keine Ahnung.

Auf Breitenheim richtete sein Erscheinen große Freude an. Er eilte gleich nach dem Aussteigen in das ihm wohlbekannte Zimmer, in welchem sich die Familie zu befinden pflegte, und traf hier Margot und Ida, ihre Schwiegertochter. Er umarmte beide herzlich und fragte dann nach Königsau.

„Er befindet sich bei den Gästen“, antwortete Margot. „Ah, ich habe noch gar nicht gesagt, wen wir hier haben.“

„Ich werde es wohl erfahren.“

„Es ist der polnische Graf von Smirnoff, welcher sich als Käufer präsentiert, und ein Berliner Bankier, welcher seine finanzielle Beihilfe zu sein scheint. Mein Mann hat mit Sehnsucht auf Ihre Antwort gewartet, lieber Kunz.“

„Ich habe es vorgezogen, Sie persönlich zu bringen und Ihnen meinen Beirat anzubieten, da Gebhard nicht anwesend ist.“

„Wir sind Ihnen zu großem Dank verbunden. Welchen Bescheid aber bringen Sie uns?“

„Einen guten. Man sieht nicht die Spur eines Grundes, einer rein geschäftlichen Entschließung eurerseits hindernd in den Weg zu treten, sondern, was ich mir gleich dachte, man sagte sich, daß ihr Herr eures Besitzes seid und mit demselben tun könnt, was euch beliebt.“

„So befürchte ich, daß Hugo verkaufen wird!“

„Sie befürchten es?“ fragte Goldberg. „Warum befürchten?“

„Glauben Sie nicht, daß man nur ungern von hier scheidet?“

„Das glaube ich Ihnen ohne alle Versicherung. Aber bedenken Sie den Vorteil des Handels, welcher Ihnen in Aussicht steht.“

„Wiegt dieser pekuniäre Vorteil das auf, was wir nach unserem Wegzug von hier vermissen werden?“

„Ja, das bin ich überzeugt, liebe Tante. Ich habe gar wohl geahnt, daß Sie gegen diesen Verkauf sein werden, und darum bin ich ja gekommen, um mit Ihnen zu sprechen.“

„Sie wollen mir zureden?“

„Ja, das gestehe ich Ihnen offen. Ich möchte Sie bitten, nicht allein Ihre Gefühle zu berücksichtigen, sondern vor allen Dingen an Ihre Kinder zu denken. Ihr kleiner Richard soll Offizier werden; da ist eine Vergrößerung des Vermögens um hunderttausend Taler oder gar noch mehr wohl mit in Rechnung zu ziehen.“

„Das mag sein. Wir Frauen rechnen weniger nach Zahlen; unser Einmaleins ist das Gefühl, und das ist nicht immer untrüglich.“

„Sie werden also nicht dagegen sein, liebe Tante?“

„Nein“, antwortete sie mit einem milden Lächeln, in welchem sich fast eine Art Entsagung aussprach.

„Was hat Gebhard geantwortet?“

„Auch er ist Ihrer Meinung. Wir sollen verkaufen.“

„Sehen Sie! Ich bin überzeugt, daß Sie die mit dem Verkauf in Verbindung stehende Ortsveränderung bald überwinden werden, und ich hoffe, daß Onkel Königsau mir beistimmt.“

Er hatte richtig vermutet. Königsau hatte fünfzigtausend Taler mehr verlangt, und der Pole war mit der Bitte um eine kurze Überlegungsfrist hervorgetreten. Während derselben hatte er sich bei Rallion Instruktion geholt und den Auftrag erhalten, die geforderte Summe zu zahlen. Rallion war ja überzeugt, nicht nur in den Besitz der beiden Güter zu gelangen, sondern die Kaufsumme auch wieder zu erhalten, welche er dann mit dem Kapitän teilen wollte.

DRITTES KAPITEL 

Verarmt

Der Handel wurde abgeschlossen und unter Hinzuziehung gültiger Zeugen mit gerichtlicher Hilfe rechtskräftig gemacht. Dann zahlte Smirnoff die vollständige Kaufsumme vor allen Anwesenden in barem Geld auf. Der geringste Teil bestand in wohlgezählten Geldrollen, das andere aber in Kassenscheinen. Das Geld wurde geprüft und für richtig erklärt.

Diese hohe Summe hatte sich in dem Köfferchen befunden, welchen Rallion bei sich geführt hatte. Auf die Frage nach der Rückgabe desselben hatte Smirnoff aus Höflichkeit erklärt, da er nun nicht mehr im Besitz des Geldes sei, so habe auch der Koffer keinen Wert mehr für ihn, und ihn dem Verkäufer geschenkt. Er ahnte gar nicht, wie schwer dieser Umstand in die Waagschale fallen werde.

Hugo von Königsau hatte den Koffer eigenhändig in sein Zimmer getragen und dort eingeschlossen. Ganz wie zufällig war ihm dabei auf dem Korridore Henry begegnet und dann nach den beiden Zimmern gegangen, welche ihm zur Wohnung angewiesen worden waren.

Dort öffnete er den großen Reisekoffer, welchen er mitgebracht hatte, räumte einige Wäschesachen zur Seite und zog zwei Gegenstände hervor. Der eine derselben war ein Köfferchen von ganz genau derselben Arbeit und Größe wie dasjenige, welches die Kaufsumme enthielt.

„Steine darin!“ murmelte der Franzose. „Was für Augen wird der Alte machen, wenn er sie anstatt des Geldes findet.“

Dann nahm er den anderen Gegenstand in die Hand. Es war ein Bund mit zahlreichen Nachschlüsseln.

„Ein Dietrich ist doch eine hübsche Erfindung“, flüsterte er leise vor sich hin. „Dieser Schlüssel öffnet die Zimmertür und dieser andere hier den Schrank, in welchen der Alte dem Vermuten nach den Koffer eingeschlossen hat. Jetzt gilt es, zur raschen Tat zu schreiten.“

Er steckte die beiden Schlüssel ein; da hörte er, daß Sand gegen sein Fenster geworfen wurde. Er lauschte. Abermals Sand. Schnell versteckte er den kleinen Koffer wieder in dem großen und verschloß den letzteren. Dann trat er an das Fenster und öffnete es.

„Pst“, hörte er es unten erklingen.

„Wer ist da?“ fragte er so leise wie möglich.

„Sind Sie Herr de Lormelle?“

„Ja.“

„Können Sie einmal herunterkommen?“

„Wozu?“

„Das kann ich nicht so da hinaufrufen. Kommen Sie sogleich nach der großen Kastanie im Garten!“

„Wer sind Sie?“

„Das erfahren Sie nachher!“

„Ist es so sehr notwendig?“

„Ja.“

„Gut, ich komme.“

Er verließ das Zimmer, verschloß es und ging nach dem Garten.

Da der bei einem Kauf gebräuchliche Schmaus gegeben wurde, so hatten sich die Bewohner des Schlosses mit den Gästen im Speisesaal versammelt, und die Diener waren so beschäftigt, daß Henry gar nicht beachtet wurde. Er gelangte ganz gut in den Garten und an die erwähnte Kastanie, unter welcher ihm eine lange, dunkle Gestalt entgegentrat.

„Henry?“ flüsterte dieselbe fragend.

„Ja“, antwortete er. „Wer sind Sie?“

„Ah, die Verkleidung scheint sehr gut zu sein, da du mich nicht erkennst.“

Diese Worte waren mit der natürlichen Stimme gesprochen worden. Der Diener trat bestürzt zurück.

„Wie? Höre ich recht?“

„Jedenfalls!“

„Sie sind es, Herr Kapitän.“

„Ja, ich.“

„Aber was wollen Sie hier? Wenn man Sie erwischt und festhält, so ist alles verraten.“

„Wieso? Erstens wird man mich nicht erwischen, festhalten aber gar nicht. Und selbst, wenn dies geschähe, so wäre doch noch nicht das mindeste verraten. Ich vermute, daß das Geld soeben erst in den Besitz Königsaus gelangt ist?“

„Vor einer Viertelstunde.“

„Du hast es also noch nicht?“

„Nein.“

„Nun, was sollte denn da verraten sein, wenn man mich erwischte! Übrigens hat meine Anwesenheit einen wohlüberlegten Zweck. Ich komme nämlich um deines eigenen Vorteils willen und bin froh, dich getroffen zu haben.“

„Darf ich fragen, inwiefern und weshalb?“

„Natürlich. Es war verabredet, daß du dich mit dem Geld entfernen solltest.“

„Das werde ich auch.“

„Nein; das geht nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil man sofort wissen würde, wer der Täter ist.“

„Das mag man immerhin wissen, wenn wir nur das Geld haben.“

„Nein. So unvorsichtig wollen wir denn doch nicht sein! Man würde dir sofort nachforschen und könnte leicht auf deine Spur kommen. Dann bist du verraten und verloren, und wir sind es mit dir. Nein, du mußt bleiben.“

„Da wird man auch bei mir suchen und das Geld finden. Das ist doch dumm und noch viel schlimmer als das andere.“

„Sei nicht blödsinnig! Das Geld bleibt nicht bei dir liegen, sondern du bringst er mir hierher, und ich schaffe es sofort in Sicherheit.“

„Ah, nicht übel.“

Wäre es Tag gewesen, so hätte der Kapitän über das Gesicht, welches Henry dabei machte, erschrecken können. So aber meinte er:

„Nicht wahr, nicht übel?“

„Ja, allerdings.“

„Man wird den Verlust bemerken und alles durchsuchen, aber nichts finden. Der Diebstahl wird in das tiefste Dunkel gehüllt bleiben, und du reist dann ruhig ab.“

„Das wird mir nicht gut möglich sein.“

„Wieso?“

„Man wird, da ich fremd bin, nach meinen Verhältnissen forschen und entdecken, daß ich gar nicht der Herr de Lormelle bin. Dann bin ich verloren.“

„Wie könnte man das entdecken? Die Papiere, welche dir Graf Rallion gegeben hat, sind gut.“

„Ja, aber wie nun, wenn man an Gebhard von Königsau telegraphiert, ob es wahr ist, daß wir uns in Algier getroffen haben und daß ich sein Freund bin?“

„Das wird man nicht.“

„Man wird es, gerade so wie man an ihn telegraphiert hat, ob er dem Verkauf der Güter seine Beistimmung erteilt.“

„Du besitzt als sein Freund das Vertrauen der Seinigen.“

„Aber nicht das Vertrauen der Polizei, welche jeden Schloßbewohner scharf in das Auge nehmen wird, mich also auch.“

„Ich werde dich benachrichtigen, sobald man telegraphiert.“

Diese beiden Männer durchschauten sich; ein jeder von ihnen wollte den anderen betrügen. Henry war heute der Klügere. Er beschloß, den Kapitän sicher zu machen.

„Werden Sie das erfahren?“ fragte er.

„Ja. Ich werde genau beobachten.“

„Nun, wenn das ist, so denke ich allerdings, daß Ihre Ansicht die richtige ist. Ich lade keinen Verdacht auf mich, brauche nicht zu fliehen und kann jederzeit in mein Vaterland zurück.“

„Gut, daß du das einsiehst. Das sind Vorteile, welche man nicht genug berücksichtigen kann.“

„Wo aber treffe ich Sie dann später?“

„Es ist gar nicht nötig, dir einen Ort dazu anzugeben.“

„Ah! Wieso?“

„Graf Rallion kauft diesem Smirnoff alles ab und tritt sodann als Besitzer auf. Du brauchst also gar nicht nach ihm und mir zu suchen. Verstanden?“

„Das ist nun allerdings zu verstehen.“

„Gut also. Wann bringst du das Geld herunter?“

„Das kann ich jetzt unmöglich wissen. Ich muß den geeigneten Augenblick abwarten.“

„Wo ist der Koffer?“

„Im Zimmer des Alten.“

„Die Nachschlüssel hast du jedenfalls probiert?“

„Ja, sie passen. Aber sehen Sie da oben die beiden erleuchteten Eckfenster?“

„Ich sehe sie. Was ist mit ihnen?“

„Das ist das Zimmer des Alten. Die Kinder sind mit der Gouvernante darin, und ich muß warten, bis sie fort sind.“

Das war eine Lüge. Das Zimmer Hugos lag auf der anderen Seite der Vorderfront.

„Das ist unangenehm“, meinte der Kapitän. „Ich werde wohl lange warten müssen.“

„Hoffentlich nicht so sehr lange. Übrigens wenn es sich um eine solche Summe handelt, so ist es nicht zu viel verlangt, sich ein wenig in Geduld zu fassen.“

„Predige keine Moral, Spitzbube, sondern gehe jetzt. Ich lege mich hier in das Gras und bin bei deiner Geschicklichkeit überzeugt, daß alles gelingen wird. Gib dir Mühe.“

„Das versteht sich von selbst.“

Henry ging. Der Kapitän streckte sich auf den Boden nieder und vertrieb sich die Langeweile, welche allerdings nicht ohne Spannung war, damit, daß er an seinem Schnurrbart herumkaute.

„Ein dummer Kerl, dieser Henry!“ dachte er. „Er ahnt gar nicht, daß er von dem Geld nicht einen Heller erhalten wird. Er muß froh sein, unerwischt davonzukommen. Habe ich erst den Koffer, so hat er auch etwas, nämlich das Nachsehen. Und diese guten Königsaus sind dann ruiniert fürs ganze Leben. Da oben befindet sich meine liebe, gute Schwester Margot, die letzte Liebe Napoleons. Wenn sie wüßte, daß ich hier unten liege und auf ihr Geld lauere! Ihre Verwandten wissen nichts davon, aber ich habe doch erfahren, daß ihr Arzt von einem Leiden gesprochen hat, welches innerlich an ihr zehrt. Kommt der Schreck über den Verlust des ganzen Vermögens hinzu, so ist es leicht möglich, daß sie den Tod davon trägt. Darüber wollte ich mich freuen! Das wäre eine Rache, wie ich sie mir besser und leichter gar nicht wünschen könnte. Ich würde sogar noch fürstlich dafür bezahlt sein!“

Und Henry, welcher betrogen werden sollte, schlich sich vorsichtig nach dem Schloß zurück und lachte:

„Der alte Schlaukopf will mich betrügen; aber das soll ihm nicht gelingen. Wie würde er lachen, wenn er das Geld hätte und mir nichts davon zu geben brauchte. Ich könnte kein Wort dagegen sagen, denn ich bin der Dieb, der Einbrecher, und würde nur mich selbst in Strafe bringen. Dieser alte Kapitän weiß gut zu rechnen; aber dieses Mal soll er sich doch getäuscht haben.“

Er gelangte in sein Zimmer zurück und zog ein Fläschchen hervor, um die beiden Nachschlüssel einzuölen. Dabei schritt er nachdenklich in der Stube auf und ab. Plötzlich flog ein lustiges Lächeln über sein Gesicht.

„Donnerwetter“, murmelte er; „da kommt mir ein famoser Gedanke! Ja, der wird ausgeführt! Alle Teufel! Ich möchte das Gesicht des Alten sehen, wenn er den Koffer öffnet und den Zettel zu sehen bekommt!“

Er setzte sich an den Tisch, nahm ein Stück Papier und schrieb mit Tinte in großer Schrift darauf:

„Seinem lieben Freund und Kollegen Richemonte zum Andenken an den lieben Schatz, nach welchem ihm umsonst der Mund gewässert hat.

Henry de Lormelle.“

Nachdem die Schrift getrocknet war, legte er das Blatt zusammen und steckte es zu sich. Dann begab er sich nach dem Speisesaal, wo man ihn nicht vermißt zu haben schien. Hier blieb er eine ganze Weile, bis er die Überzeugung hegen durfte, daß jetzt niemand den Saal verlassen werde. Dann kehrte er in sein Zimmer zurück und nahm eine sehr lange und feste Schnur und das Köfferchen. Dann steckte er alles zu sich, was beim Auffinden ihm hätte schädlich werden können, und verließ das Zimmer. Er schloß die Tür zu und steckte den Schlüssel ein.

Auf dieser Seite des Korridors war alles still und ruhig. Der Speisesaal lag auf der anderen Seite des Hauses.

Rasch und unhörbar huschte er bis an die Tür, welche in das Zimmer Königsaus führte. Ein leises Klirren, und sie war geöffnet. Er trat ein und riegelte hinter sich zu. Er war auf diese Weise sicher, daß er nicht erwischt werden könne. Selbst wenn jemand kam, konnte er die Flucht durch das offene Fenster ergreifen.

Es brannte kein Licht in dem Raum. Ein Streichholz flackerte in seinen Fingern auf. Beim Schein desselben bemerkte er, daß der gesuchte Koffer nicht zu sehen war und also eingeschlossen sein mußte. Er zog den zweiten Schlüssel hervor und öffnete mit demselben den bewußten Schrank. Richtig, er fühlte den gesuchten Gegenstand mit der Hand und nahm ihn heraus. Er stellte dafür den mitgebrachten kleinen Koffer hinein, welcher von derselben Schwere war. Dann verschloß er den Schrank wieder.

Nun entrollte er die mitgebrachte Leine, band den gestohlenen Koffer daran und ließ ihn zum Fenster hinab. Er hatte sich am Tag genau orientiert und wußte, daß derselbe auf diese Weise hinter ein kleines Nachtschattengesträuch zu liegen komme. Es war so finster, daß selbst jemand, der sich nicht in ganz unmittelbarer Nähe befand, nichts bemerkt hätte.

Jetzt zog er den Türriegel wieder zurück. Ein Blick durch die nur einen Spalt breite Türöffnung belehrte ihn, daß niemand zugegen sei, und so trat er heraus auf den Korridor, schloß zu, steckte den Schlüssel ein und begab sich hinab vor das Fenster.

Der Raub war gelungen. Der Schlüssel steckte im Köfferchen. Er trug denselben nach dem hintersten Teil des Gartens, öffnete ihn, nahm den Inhalt heraus und versteckte ihn sorgfältig in die Ecke der Mauer. Dort lagen mehrere Steine, welche von schadhaften Stellen derselben gefallen waren. Mit diesen und mit herumliegendem Laub füllte er den Koffer, tat den Zettel dazu, welchen er geschrieben hatte, und verschloß ihn dann.

Erst nun trug er ihn nach dem entgegengesetzten Teil des Gartens, wo unter der Kastanie der Kapitän auf ihn wartete. Dieser hörte ihn kommen und zog sich hinter den Stamm des Baums zurück. Der Nahende konnte ja auch ein anderer sein.

„Pst!“ machte Henry.

Der Alte regte sich nicht.

„Pst, Herr Kapitän!“

„Wer ist da?“ fragte dieser leise.

„Ich, Henry!“

„Ah“, atmete Richemonte erleichtert auf. „Nun? Gelungen?“

„Ja.“

„Wo ist das Geld?“

„Hier habe ich es!“

„Zeig her.“

Henry gab ihm den Koffer in die Hände. Als der Kapitän denselben fühlte, mußte er sich Mühe geben, nicht laut aufzujubeln.

„Donner!“ meinte er. „Also wirklich gelungen!“

„Wirklich und vollständig.“

„Hat niemand etwas bemerkt?“

„Kein Mensch. Aber, Herr Kapitän, ich werde das Versprochene doch auch wirklich erhalten?“

„Natürlich! Oder traust du mir etwa nicht?“

„Warum sollte ich Ihnen nicht trauen? Es war nur so ein Gedanke, welcher mir plötzlich kam. Aber ich wünschte doch, ich könnte, da Sie so viel in den Händen haben, wenigstens einen kleinen Abschlag auch in meine Hand bekommen. Mein Geld ist fast alle; wer weiß, was passiert, und es wird immerhin einige Zeit vergehen, ehe ich zu Graf Rallion kommen kann.“

Der Kapitän fühlte ausnahmsweise auch einmal ein leichtes menschliches Rühren. Er wähnte sich im Besitz des Reichtums; es war, als sei eine Art von Rausch über ihn gekommen, und im Eindruck desselben griff er in die Tasche, zog seine Börse hervor, gab sie Henry und sagte:

„Da! Es sind einige Goldstücke drin; ich habe nicht mehr bei mir. Du wirst später desto zufriedener sein. Jetzt aber will ich mich schleunigst aus dem Staub machen. Ich habe sehr weit zu gehen und schwer zu tragen. Gute Nacht, lieber Henry.“

„Gute Nacht, lieber Herr Kapitän.“

Richemonte verschwand im Dunkel der Nacht. Jenseits des Gartens angekommen, blieb er aufatmend stehen.

„Ich bin doch besser, als ich dachte“, brummte er. „Gegen fünfzig Taler werde ich ihm gegeben haben. ‚Lieber Herr Kapitän‘ sagte er. Was er wohl später sagen wird, wenn er merkt, daß er nichts weiter bekommt? Am liebsten möchte ich alles für mich behalten. Aber das geht nicht. Der Einfluß Rallions ist groß; ich kann durch ihn weit mehr Vorteile ziehen, als die Hälfte dieses Diebstahls beträgt. Gute Nacht, Königsau! Gute Nacht, Madame Margot. Ihr werdet an diesen Abend lebenslang denken.“

Und Henry murmelte, zum Schloß zurückkehrend, bei sich:

„Dummkopf! Gibt mir auch noch eine Handvoll Goldstücke obendrein. Wie ihn das wurmen wird, wenn er die Christbescherung erkennt! Es ist dem alten Spitzbuben recht! Nun aber muß ich machen, daß ich in Sicherheit komme.“

Er kehrte in das Innere des Schlosses zurück und gab einem Diener den Auftrag, sobald nach ihm gefragt werde, zu sagen, daß ihn ein leichtes Unwohlsein befallen habe und er um Entschuldigung bitten lasse. Dann suchte er sein Zimmer auf. Dort warf er seinen Reisemantel und eine lederne Reisetasche, welche er bei seiner Ankunft getragen hatte, durch das Fenster und ließ sich selbst dann an der Leine hinab, welche er, nachdem er den Boden erreicht hatte, hinter sich herzog.

Dann schlich er sich nach der Gartenecke, wo er den Schatz versteckt hatte. Seine Taschen langten zu, alles aufzunehmen, und bald sagte er dem Ort ade, an welchem er so freundlich aufgenommen worden war. –

Das Mahl hatte zu einer so späten Stunde geendet, daß die Teilnehmer es vorgezogen hatten, im Schloß zu übernachten, anstatt noch während der Nacht abzureisen. Aber am frühen Morgen brachen alle auf. Smirnoff und Samuel Cohn waren die ersten, welche anspannen ließen, um nach Drengfurth zu Rallion zu fahren, welcher ganz sicher sehnlichst auf sie wartete. Sie fanden ihn in Reisekleidern, worüber sie sich wunderten.

„Wie?“ fragte der Pole. „Hat dies nicht den Anschein, als ob Sie den Ort verlassen wollten?“

„Das beabsichtige ich allerdings. Ich habe nämlich ein Leiden, welches mich öfters ganz plötzlich überfällt. Gestern in der Dämmerung erlitt ich einen solchen Anfall, daß ich nach einer Wärterin schickte, welche bis zum Morgen bei mir bleiben mußte. Auch der Wirt hat während der Nacht nicht schlafen können. Ich muß schleunigst nach Berlin, um einen besseren Arzt zu sprechen, als ich hier finde.“

Er hatte alles aus Berechnung getan. Die Wärterin und das Hotelpersonal konnten beschwören, daß er sein Zimmer nicht verlassen hatte. Das bezweckte er.

„Und wir?“ fragte Smirnoff.

„Nun, wie ist es gegangen?“

„Nach Wunsch. Ich stelle mich Ihnen als den gerichtlich anerkannten Besitzer Ihres Eigentums vor.“

„Zeigen Sie die Papiere.“

„Hier! Kauf, Quittung, alles vorhanden. Wo es sonst mehrere Wochen bedarf, um mit den Herren vom Amt ins reine zu kommen, sind wir hier schnell fertig geworden. Geld ist eine Macht, und ich wünschte, daß ich mich im Besitz derselben befände.“

„Das wird bald der Fall sein. Wir werden den zweiten Teil unseres Geschäfts in Berlin zum Abschluß bringen; das ist dort ja ebensogut möglich wie hier. Ich halte es überhaupt für besser und klüger, es dort zu tun statt hier. Wir reisen zusammen. Sind wir fertig, erhalten Sie beide Ihr Salär.“

Dieses schnelle Abreisen war auch vorher zwischen ihm und dem Kapitän, welcher schleunigst nachkommen wollte, verabredet. Sie hatten sogar ein Wirtshaus geringeren Ranges als Rendezvous bestimmt, obgleich beide in besseren Hotels absteigen wollten.

Nach diesem Gasthaus begab sich Rallion bereits am zweiten Tag nach seiner Ankunft und erkundigte sich dort nach Richemonte, der hier natürlich einen anderen Namen trug. Er war angekommen. Rallion ließ sich die Nummer des Zimmers nennen und begab sich zu ihm.

„Endlich“, rief der Kapitän. „Mir ist die Zeit bis zu Ihrem Eintreffen unendlich lang geworden.“

„Wieso? Hatten Sie keine Beschäftigung?“

„Ah pah! Was hätte ich tun sollen?“

„Geld zählen!“

„Fällt mir doch ganz und gar nicht ein!“

„Warum nicht?“

„Aus Vorsicht.“

„Ah, so! Ich befürchtete bereits, zu hören, daß Sie kein Geld zählen könnten, weil keins vorhanden sei.“

„Sie glaubten, der Coup sei nicht gelungen?“

„Das war doch immerhin möglich. Also Henry hat seine Schuldigkeit getan?“

„Er hat alles ausgezeichnet gemacht.“

„Gut, aber bekommen wird er nichts. Das soll die Strafe sein für seine früheren Spitzbübereien. Sind Sie mit dem Koffer vorsichtig gewesen?“

„Ja. Ich habe ihn in einen Korb gepackt und diesen als Behälter von Mineralien deklariert.“

„Das ist klug gehandelt. Wo ist er?“

„Hier.“

Er zog den Korb unter dem Bett hervor, zerschnitt die Stricke und öffnete ihn. Er enthielt Steine und das Köfferchen, welches von beiden mit liebevollen Blicken beäugelt wurde.

„Eine Mineralienprobe!“ lachte der Graf. „Köstlicher Gedanke! Jedenfalls wird nach diesem Koffer bereits geforscht. Das Geld nehmen wir, die Mineralien aber füllen wir hinein und senden ihn dann der Polizei. Überhaupt ist der ganze Coup ein wahres Meisterstück Ihrer Spitzfindigkeit, Kapitän. Zwei Rittergüter kaufen und bar bezahlen, das Geld aber sich sofort wieder zurückstehlen, das ist grandios! Aber, öffnen Sie!“

„Der Schlüssel fehlt leider.“

„Warum?“

„Henry hat ihn jedenfalls nicht vorgefunden. Königsau wird ihn zu sich gesteckt haben.“

„So müssen wir uns nach Werkzeugen umsehen.“

„Ich habe bereits Hammer und Meißel besorgt. Ich werde öffnen.“

Das Köfferchen war nicht so außerordentlich stark gebaut, daß es lange Widerstand hätte leisten können. Der Deckel sprang bereits nach einigen Schlägen auf. Die Augen der beiden Männer fielen neugierig auf den Inhalt.

„Was ist das?“ fragte der Graf. „Laub!“

„Und ein Zettel darüber“, fügte der Kapitän hinzu. „Dieser Königsau ist doch ein eigener Kauz, das Geld mit Laub zu bedecken. Diese Deutschen sind überhaupt alle halbverrückte Kerls. Was mag auf dem Zettel stehen?“

„Jedenfalls hat er sich die Nummern der Wertpapiere aufgezeichnet und dieses Verzeichnis mit zum Geld gelegt. Wie unsinnig! Nun ist das Geld mitsamt dem Verzeichnis fort, und es wird ihm unmöglich sein, der Polizei die Nummern anzugeben. Wir brauchen uns mit der Ausgabe dieses Geldes gar nicht zu genieren.“

Der Kapitän hatte den Zettel ergriffen und warf einen Blick darauf. Seine Augen wurden weit, und er ließ ein Schnaufen hören, wie ein Tier, welches in Zorn geraten ist.

„Himmel und Hölle!“ rief er. „Mir scheint allerdings, daß wir uns mit der Ausgabe ganz und gar nicht zu genieren brauchen!“

„Nicht wahr?“

„Ja, und zwar, weil wir es gar nicht ausgeben können!“

„Nicht? Warum? Was haben Sie? Was ist mit Ihnen?“

„Wir können es nicht ausgeben, weil wir es nicht haben.“

Der Graf blickte ihn bestürzt an.

„Wir haben es nicht? Das ist ja der Koffer, in welchem es sich befand“, meinte er.

„Ja.“

„Aber was steht da auf dem Zettel?“

„Da, lesen Sie selbst.“

Der Graf nahm den Zettel und las laut die Worte:

„Seinem lieben Freund und Kollegen Richemonte zum Andenken an den Schatz, nach welchem ihm umsonst der Mund gewässert hat.

Henry de Lormelle.“

Er blickte den Kapitän wie ratlos an. Dieser meinte:

„Das ist sehr deutlich. Oder verstehen Sie es vielleicht nicht?“

„Verstehen? Ah, der Schurke wird uns doch nicht betrogen haben!“

„Was sonst? Was anders? Da, lassen Sie uns einmal nachsehen!“

Sie besahen sich den Inhalt des Koffers; sie durchwühlten den letzteren und warfen alles heraus.

„Alle Teufel! Steine und Laub!“ rief der Graf.

„Laub und Steine!“ wiederholte der Kapitän im grimmigsten Ton.

„Er hat uns betrogen!“

„Betrogen und bestohlen! Aber ich werde den Schurken suchen; ich werde ihn ganz sicher finden und zermalmen!“

Sein Gesicht nahm einen schrecklichen Ausdruck an; sein Schnurrbart ging in die Höhe und ließ die langen gelben Zähne sehen.

„Oder handelt er im Einverständnisse mit Königsau?“ bemerkte Graf Rallion.

Richemonte fühlte sich von diesem Gedanken betroffen.

„Donner!“ meinte er. „Auch das ist möglich.“

„Vielleicht hat er geahnt und erraten, daß er nichts bekommen sollte, und Königsau alles mitgeteilt.“

„Das ist mir doch nicht sehr wahrscheinlich. Er hätte sich ja als Spitzbuben hinstellen müssen.“

„Das ist richtig!“

„Ja, er hat uns betrogen; er hat das Geld an sich genommen und uns diese Steine dafür gegeben.“

„Mineralproben!“ meinte der Graf mit einem bösen Fluch.

„Brechen wir auf! Kehren wir sofort zurück, um ihn zu fangen.“

„Pah! Wir bekommen ihn doch nicht! Er wird schon längst über alle Berge sein.“

„Aber ich suche seine Spur! Ich finde sie und bringe ihn zur Anzeige. Ich werde der Polizei melden, daß er der Dieb ist!“

Der Kapitän ließ sich von seinem Grimm hinreißen. Der Graf zeigte sich besonnener. Er entgegnete:

„Damit würden wir nur uns selbst schaden. Nimmt man ihn gefangen, so wird er alles gestehen, und es geht dann uns ebenso wie ihm an den Kragen!“

„Wir bestreiten alles! Er ist ein Lügner!“

„Man wird ihm dennoch glauben. Das klügste ist, daß wir heimlich nach ihm forschen. Meine Geschäfte hier sind abgemacht. Ich habe den Kauf in den Händen. Vernichten wir den Koffer und stecken ihn hier in den Ofen, um ihn zu verbrennen. Dann brechen wir auf. Die Güter sind mein; die Rache an Königsau ist gelungen; nur das ist verloren, was wir zu viel bezahlt haben. Und wenn wir es klug anfangen, wird es uns vielleicht doch gelingen, dieses Schurken habhaft zu werden und ihm seinen Raub wieder abzujagen.“

Die beiden Männer erkannten, daß sie betrogen worden seien und in dem ehemaligen Diener ihren Meister gefunden hatten. Die Gier nach Rache überstieg noch den Grimm über den Betrug, welcher an ihnen verübt worden war. Sie verbrannten den Koffer und saßen einige Stunden später im Bahnwagen, um den gegen Königsau gerichteten Schlag auszuführen und zugleich nach den Spuren dessen zu suchen, der sie um ihren Raub gebracht hatte. – – –

Was Königsau betrifft, so hatte er am Morgen nach dem Kauf Smirnoff und Samuel Cohn abfahren lassen, ohne eine Ahnung von dem schweren Verlust zu haben, welcher ihn betroffen hatte. Erst als beim Frühstück der Gerichtsamtmann, welcher die aktuelle Handlung geleitet hatte, die Bemerkung machte, daß vorsichtigermaßen ein Verzeichnis der Nummern der Staatspapiere anzulegen sei, öffnete er den Schrank und nahm den Koffer hervor.

Der Schlüssel fehlte. Das fiel ihm auf, denn er wußte ganz genau, daß er denselben stecken gelassen hatte. Da er ihn trotz alles Suchens nicht fand, so wurde ihm ängstlich zumute. Er ließ die noch anwesenden Herren rufen und teilte ihnen die beunruhigende Entdeckung mit, welche er gemacht hatte.

Es wurde beschlossen, gar nicht erst auf die Ankunft eines Schlossers zu warten, sondern den Koffer sofort aufzubrechen. Das geschah. Der Schreck und die Aufregung, welche sich nun aller bemächtigte, ist gar nicht zu beschreiben. Der Amtmann gab den Befehl, daß kein Mensch, welcher sich auf dem Schloß befinde, dasselbe ohne Erlaubnis verlassen dürfe. Ein sicherer Bote wurde nach der Polizei geschickt, und dann begann eine allgemeine Aussuchung. Die gestohlene Summe war so bedeutend, daß an eine Schonung der Gefühle des einzelnen gar nicht gedacht werden konnte. Diesem Schlag folgte ein zweiter, noch größerer.

Frau Margot hatte sich in ihrem Zimmer befunden, als die schlimme Entdeckung gemacht wurde. Sie war schon längere Zeit unfähig, allein zu gehen. Jetzt hörte sie ein Rennen und Rufen, ein Klagen und Fragen. Sie klingelte, sie rief nach Dienerschaft, aber vergeblich. Jetzt bemächtigte sich ihrer eine ungewöhnliche Angst, und diese Angst nahm zu, je lauter der Lärm wurde, und je weniger man sich um sie bekümmerte.

Sie versuchte, sich von ihrem Stuhl zu erheben. Es gelang ihr, aber unter großen Schmerzen. Sie griff sich an der Wand und an den Möbeln hin bis an die Tür, öffnete dieselbe und schob sich hinaus. Einer der Diener kam gerannt und wollte vorüber, ohne sie zu beachten.

„Wilhelm! Wilhelm!“ rief sie. „Was gibt's? Was ist geschehen?“

Erst jetzt bemerkte er sie.

„O Gott, gnädige Frau“, rief er ganz außer sich; „man hat eingebrochen; man hat Sie bestohlen, fürchterlich bestohlen!“

„Eingebrochen? Uns bestohlen? O Gott, was ist es denn, was man gestohlen hat?“

„Alles! Alles! Das ganze Vermögen!“

Es war ihr, als ob sie einen Keulenschlag auf den Kopf erhielte.

„Das ganze Vermögen?“ ächzte sie. „Wieso?“

„Das Kaufgeld, die ganze Kaufsumme, aus dem Koffer, in welchem sie verschlossen war.“

„O – Gott – Gott – Gott – ver – verkauft – ver – verloren – meine – Ah – Ah-Ahn-!“

‚Ahnung!‘ wollte sie sagen, aber sie vermochte nicht, das Wort vollständig auszusprechen; sie brach zusammen.

Der Diener rannte zu Königsau, welcher rat- und fast gedankenlos unter den Seinen stand.

„Gnädiger Herr“, rief er. „Schnell, schnell! Die gnädige Frau ist in Ohnmacht gefallen!“

Alles eilte mit ihm fort; aber Hugo vermochte nicht, ihm zu folgen. Hätten ihn nicht zwei ergriffen und gehalten, so wäre er zu Boden gesunken. Auf diese gestützt, vermochte er erst nach einiger Zeit fortzuwanken, um nach seiner Frau zu sehen. Man hatte sie auf das Ruhebett gebracht; sie schien tot zu sein; ihre Augen waren starr und offen, und vor ihrem Mund stand ein bräunlicher Schaum. Er brach mit einem lauten Aufschrei neben ihr zusammen.

Der Amtmann schickte sofort einen reitenden Boten nach dem Arzt. Als dieser kam, untersuchte er die beiden und erklärte, daß Frau Margot vom Schlag getroffen sei und nur noch einige Tage, vielleicht nur Stunden zu leben habe, bei Herrn Hugo aber sei ein hitziges Fieber im Anzug, welches sein Leben in die größte Gefahr bringen könne; nur die sorgsamste Pflege werde ihn zu retten vermögen.

In diesem Jammer zeigte es sich, was ein zartes Frauenherz vermag, wenn die Wolken des Unglücks sich zu entladen beginnen. Ida, die Schwiegertochter der beiden Kranken, hatte von dem Augenblick an, in welchem sie die Kunde von dem Unglück vernommen kaum ein Wort gesprochen. Ihr ganzes Wesen schien in Tränen erstarrt zu sein, und doch war sie die einzige, welche Ruhe und Fassung zeigte und durch entschiedene Winke erklärte, daß sie die Sorge um die Eltern nur allein auf sich nehme und einem jeden anderen verbiete, sich ihnen zu nahen.

In all diesem Jammer und Wehklagen, in diesem Schreck und dieser Angst war es keinem Menschen eingefallen, an den französischen Gast zu denken. Nur einer dachte an ihn, und der war – ein Kind.

Der kleine Richard hatte noch in seinem Bettchen gelegen, als sich das Rennen und Rufen erhob. Er war neugierig aufgestanden, hatte die Tür geöffnet und blickte auf das Durcheinander hin und her rennender Menschen, ohne zu wissen, was er davon halten solle. Da aber kam einer weinend den Seitenkorridor hervor, einer, von welchem er wußte, daß dieser mit ihm sprechen werde. Es war der alte Kutscher Florian, welcher, vom Schreck auch fast gelähmt, herbeigewankt kam in der Haltung eines Menschen, welcher Mühe hat, seine Gedanken in Ordnung zu halten.

„Florian, Florian!“ rief der Knabe. „Komm her, Florian! Warum eilen diese Leute so?“

Der Alte trat herbei, nahm den Kopf des Knaben zwischen seine Hände, beugte sich nieder, küßte ihn auf das weiche Haar und antwortete weinend:

„Richard, lieber Richard, es ist dir ein großes, sehr großes Unglück geschehen! Die Großmama und der Großpapa –“

Er hielt inne; besann sich, ob es denn auch klug und erlaubt sei, dem Kleinen alles zu sagen.

„Der Großpapa und die Großmama?“ fragte Richard. „Was ist mit ihnen, lieber Florian?“

„Nichts, o nichts! Sie schlafen. Aber man hat ihnen Geld gestohlen, viel Geld, alles Geld!“

Da richtet der Kleine die klugen Augen auf den Sprecher und fragte:

„Deshalb weinst du wohl, Florian?“

„Ja.“

„Man wird das viele Geld wieder bringen müssen!“

„O nein; der Dieb wird es behalten.“

„Wer ist der Dieb?“

„Wir wissen es nicht, aber wir suchen ihn.“

„Wo hat sich das Geld befunden?“

„In dem Zimmer deines Großpapas.“

Da schlug der Kleine vor Freude jauchzend die Hände zusammen und rief aus:

„Oh, Florian, dann weiß ich, wer der Dieb ist!“

Der alte Kutscher glaubte, daß es sich hier auch, wie so oft, um einen kindlichen Einfall handle, und antwortete:

„Das wirst du wohl nicht wissen, Richard!“

„Gerade weiß ich es! Ich weiß es sehr genau!“

„Nun, wer ist es?“

„Herr de Lormelle.“

„Um Gottes willen!“ rief Florian. „Laß das ja niemand hören!“

„Warum denn nicht?“

„Weil der Herr de Lormelle ein vornehmer Herr ist und ein Freund deines guten Papas, aber kein Dieb!“

„Er ist ein vornehmer Herr, aber ich habe ihn nicht lieb. Er ist gestern abend ganz allein im Zimmer des Großpapas gewesen.“

Jetzt wurde der Diener aufmerksam.

„Hast du das gesehen?“ fragte er.

„Ja.“

„Wann war es?“

„Als die vielen Herren im Saal speisten und ich schlafen gehen mußte.“

„So ist er mit dem Großpapa im Zimmer gewesen.“

„Nein. Großpapa war mit den Herren im Saal. Ich konnte nicht schlafen; ich war so allein, denn mein Schwesterchen schlief. Ich wollte auch mitspeisen im Saal, und da stand ich auf und wollte dich rufen. Du solltest mich ankleiden. Aber als ich die Tür öffnete, da sah ich Herrn de Lormelle kommen. Er trat so leise auf, als ob er mich fangen wolle, und da zog ich die Tür heran und ließ nur ein ganz, ganz kleines Lückchen.“

Der alte Diener lauschte beinahe atemlos.

„Und was sahst du da?“

„Ich sah, daß er einen Schlüssel aus der Tasche nahm und Großpapas Tür aufschloß; er trat ein und kam erst nach langer, langer Zeit wieder heraus.“

„Hatte er etwas in der Hand.“

„Nein, lieber Florian; ich habe nichts gesehen.“

„Merkwürdig, sehr merkwürdig! Würdest du das auch anderen so erzählen, wie du es mir erzählt hast?“

„Wem denn?“

„Dem Onkel Kunz.“

„Ja, dem werde ich es erzählen.“

„Auch wenn der Herr Gerichtsamtmann dabei ist, lieber Richard?“

„Auch dann.“

„So warte einmal. Ich werde die beiden sogleich holen.“

Er ging und brachte Kunz von Goldberg nebst dem Amtmann herbei, denen der Knabe seine Entdeckung in kindlich stolzer Weise mitteilte. Der Jurist folgte der Erzählung mit aller Aufmerksamkeit und fragte dann Herrn von Goldberg:

„Haben Sie diesen Herrn de Lormelle heute bereits gesehen?“

„Nein. Ich denke erst jetzt an ihn.“

„Ich ebenso. Merkwürdig ist es, daß er sich bei diesem Lärm noch nicht hat sehen lassen. Gehen wir nach seinem Zimmer.“

Dort angekommen, fand man dasselbe verschlossen. Das war im höchsten Grad auffällig. Als auch auf wiederholtes Klopfen nicht geöffnet wurde, befahl der Amtmann, die Tür aufzubrechen. Dies geschah, und als man nun eintrat, fand man das Bett noch unberührt. Der Franzose mußte sich durch das Fenster entfernt haben, denn die Tür war von innen verschlossen gewesen. Das Fenster stand offen, und als man hinabblickte, bemerkte man die Leine, welche unten lag.

Nun wurden zunächst die Habseligkeiten des Verdächtigen untersucht. Sein Koffer stand offen. Er enthielt etwas Wäsche und einige Kleidungsstücke, die aber weiter keinen Anhalt boten. Aber zwischen dem Koffer und der Wand lag – ein Bund falscher Schlüssel. Henry hatte vergessen, gerade die Hauptsache mitzunehmen.

„Er ist der Dieb“, rief der Amtmann. „Diese Nachschlüssel erklären alles. Er hat mit einem derselben das Zimmer Herrn von Königsaus geöffnet und dann auch den Schrank, in welchem sich das Geld befand. Er hat das Köfferchen gerade so gut öffnen können wie der Besitzer, da dieser letztere den Schlüssel stecken ließ. Mit dem Geld in den Taschen hat er sich dann entfernt. Ich werde sofort seine Verfolgung veranlassen.“

Die Kombinationen des Beamten waren nicht vollständig richtig, aber der Schuldige war doch entdeckt. Es wurden schleunigst alle möglichen Maßregeln ergriffen, seiner habhaft zu werden, doch vergeblich. Er war und blieb für jetzt und lange Zeit verschollen.

Die Vorhersage des Arztes ging in Erfüllung; Hugo von Königsau wurde von einem hochgradigen, hitzigen Fieber ergriffen, währenddessen er nur von Gutsverkäufen, Einbrechern und Kriegskassen phantasierte. Bei seinem hohen Alter war wenig Hoffnung vorhanden, ihn genesen zu sehen. Frau Margot starb am vierten Tag, ohne wieder in den Besitz der Sinne gekommen zu sein. Es waren in dem Haus langjährigen Glücks tiefe Trauer und großer Jammer eingekehrt; Armut, Krankheit und Tod hatten jählings ihren Einzug gehalten, und keiner machte sich solche Vorwürfe wie Kunz von Goldberg, welcher sich einbildete, daß aus dem Verkauf nichts geworden wäre, wenn er sich nicht so warm dafür erklärt hätte.

Man hatte natürlich sofort an Gebhard telegraphiert, und die Antwort lautete, daß er schleunigst kommen werde, er kenne keinen Freund namens de Lormelle. Goldberg ließ sich Urlaub geben, um der verwaisten Familie Helfer sein zu können. Auch Hedwig, seine Frau, rief er herbei.

Aber ehe beide eintrafen, nämlich Hedwig und der Urlaub, stellten sich zwei andere ein. Am fünften Tag nach dem Unglücksfall meldete ein Diener Kunz von Goldberg, daß zwei Fremde angekommen seien, welche mit Herrn Hugo von Königsau zu sprechen verlangt hätten.

„Du sagtest doch, daß dieser krank sei und unfähig, jemand zu empfangen?“

„Allerdings. Darum wünschten sie, bei Ihnen eintreten zu dürfen.“

„Ihre Namen?“

„Sie wollten dieselben Ihnen selbst sagen.“

„Eigentümlich! Aber führe sie zu mir.“

Nach einigen Augenblicken traten die Angemeldeten ein. Kaum hatte Kunz einen Blick auf sie geworfen, so sprang er von seinem Stuhl auf. Nicht Rallion rief seine Aufmerksamkeit hervor, sondern Richemonte, dessen Antlitz er mit seinem Blick durchbohren zu wollen schien. Wer dieses Gesicht einmal gesehen hatte, der war nicht imstande, es wieder zu vergessen. Und er hatte es gesehen, drüben in Afrika, kurz nach der Löwenjagd.

Die beiden verbeugten sich, aber auf eine Weise, welche die Absicht erkennen ließ, das gerade Gegenteil von Höflichkeit erkennen zu lassen.

„Sie sind Herr von Goldberg?“ fragte Rallion.

„Wie Sie wissen!“ antwortete Kunz. „Sie kommen jedenfalls, um mir Ihr Verschwinden aus dem Postwagen zu erklären.“

„Oh, ich werde Ihnen noch ganz andere Sachen zu erklären haben.“

„Vielleicht werden Sie mir endlich auch Satisfaktion geben wollen!“ meinte Kunz in verächtlichem Ton.

„Gewiß! Das ist ja gerade der Grund meiner Anwesenheit. Ich komme nämlich, um Ihnen mitzuteilen –“

„O bitte, bitte!“ unterbrach ihn Kunz. „Wollen Sie mir nicht vorher den anderen Herrn vorstellen?“

„Eigentlich wollte ich dies erst später tun, doch kann ich Ihnen den Namen meines Freundes sagen: Herr Kapitän Albin Richemonte.“

Goldberg fühlte sich einen Augenblick lang nicht imstande, sich zu bewegen oder einen Laut von sich zu geben; aber er war ein vollendeter Charakter und beim Militär so gut geschult, daß er seine Züge zu beherrschen verstand. Also das war der Mensch, welcher der Teufel der Familie Königsau genannt werden mußte.

Im Gesicht Goldbergs zuckte keine Miene. Sein Auge ruhte mit einem starren, fast totem Ausdruck auf dem Kapitän; nach einigen Minuten aber meinte er zu Rallion:

„Fahren Sie jetzt fort.“

„Das wird sofort geschehen. Herr von Königsau hat seine bisherigen Besitzungen an den Grafen von Smirnoff verkauft?“

„Ja.“

„Unter der Bedingung, diese Besitzungen mit seinem Privateigentum binnen eines Monats, vom Tag des Kaufabschlusses an gerechnet, zu verlassen?“

„Ja.“

„Nun, so teile ich Ihnen mit, daß ich in alle Rechte des Grafen Smirnoff getreten bin. Ich habe ihm die beiden Güter abgekauft.“

Zwischen Goldbergs Zähnen drang ein zischendes Pfeifen hervor, der einzige Laut, welchen er während einer ganzen Weile hören ließ. Tausend Gedanken und Vermutungen kreuzten sich in seinem Kopf.

„Ich hoffe, daß Sie gehört haben, was ich soeben sagte“, meinte Rallion.

Goldberg nickte leise und antwortete sodann:

„Ich habe Sie sehr wohl verstanden. Ich glaube sogar, daß Sie mir mehr, viel mehr mitgeteilt haben, als was Sie bezweckten. Ich ersuche Sie, mir in das Nebenzimmer zu folgen.“

Er stieß eine Tür auf und ließ die beiden vorangehen. Sie blieben wie gebannt am Eingang stehen. Das Gemach, in welchem sie sich befanden, war mit schwarzem Tuch ausgeschlagen; kein Tisch, kein Stuhl, kein Möbel war vorhanden. In der Mitte des Raums aber erhob sich ein imposantes Castrum doloris, ein mit schwarzem Krepp und Samt drapierter Katafalk, an dessen Seiten auf hohen Leuchten eigenartig duftende Walratskerzen brannten. Die Fenster waren verhangen, und das Licht der Kerzen fiel auf einen Sarg, welcher die Blicke der beiden Eingetretenen magnetisch auf sich zog. In demselben lag Margot, die einstige Liebe eines Kaisers, in helles, schimmerndes Weiß gekleidet. Der schöne Mund war scharf geschlossen, das herrliche Auge gebrochen, die gerundete Wange eingefallen. Auf der einst so elfenbeinernen Stirn spielten gelbgraue Töne, und das Grau des einst so herrlich blauschwarzen Haars hatte seinen Glanz verloren.

Niemand schien bei der Leiche zu sein, aber unten am Katafalk hatte ein vom vielen Weinen bleicher und matter Knabe gesessen und immerfort geschluchzt:

„Großmama, meine liebe, traute Großmama!“ Aber als sich die Tür geöffnet, da hatte er sich in die tiefen Falten des Samts versteckt.

Kunz von Goldberg stieg die Stufen empor und deutete mit der Rechten auf die Tote.

„Kennen Sie diese hier?“ fragte er mit tiefer Stimme, welcher man nicht abnehmen konnte, ob sie vor Rührung oder vor Gram zitterte. „Ich sagte vorhin, daß Sie mir mehr mitgeteilt haben, als Sie eigentlich beabsichtigten. Sie haben mir eingestanden, daß Sie das Eigentum dieser Hingemordeten durch einen Dritten kauften und den Kaufpreis durch einen Vierten rauben ließen, um ein Werk entsetzlicher Rache auszuüben. Die Hingegangene ist ein Opfer dieser Rache geworden, und auch der, mit welchem sie im Leben verbunden war, ringt mit dem Tod. Ich lege meine Hand auf das erstarrte Herz der Toten und schwöre bei Gott und bei allen Mächten seines Himmels, daß ich nicht ruhen und rasten werde, bis eure Taten an das Licht gebracht sind und ihren Lohn gefunden haben. Graf Rallion, feiger Mörder, wagen Sie es, Ihrem Opfer in das Angesicht zu blicken? Kapitän Richemonte, fühlen Sie beim Anblick Ihrer Schwester nicht den Brand einer Hölle in Ihrem Herzen? Nein, Sie sind ein Teufel und haben diesen Brand nicht zu fürchten. Aber es wird der Tag kommen, an welchem wir im Namen der ewigen Gerechtigkeit mit Ihnen abrechnen, und dann wird sich kein Engel finden, der um Erbarmen für Sie bittet. Gehen Sie, gehen Sie! Es ist hier nicht Raum für Sie und die Leiche dieser Reinen, deren Mörder Sie sind.“

Er zeigte mit der Linken nach der Tür. Rallion fühlte ein unendliches Grauen in allen seinen Gliedern und wendete sich zum Gehen. Richemonte aber faßte ihn am Arm.

„Warten Sie!“ sagte er zu ihm.

Dann ging er langsam näher, stieg die Stufen empor, trat ganz nahe zum Sarge hin und nahm die Leiche mit einem kalt musternden Blicke in Augenschein. Es zeigte sich in seinem Gesicht nicht die mindeste Spur einer Gefühlsregung. Dieser Mensch schien da, wo bei anderen das Herz klopft, welches man ja als Sitz der Empfindungen zu bezeichnen pflegt, eine leere Stelle zu haben. Er hatte die Tote, welche seine Schwester gewesen war, verfolgt, so lange er sie kannte. Und nun sie als Leiche vor ihm lag, war bei ihm von Reue nicht die Rede. Er hatte kein Gewissen.

Nachdem er sie betrachtet hatte, wie man eine Wachsfigur in Augenschein nimmt, wandte er sich ruhig ab, zuckte die Achsel und sagte:

„Sie ist nicht zu bedauern. Sie hat trotz aller Mühe, welche ich mir mit ihr gegeben habe, nie erkannt, was zu ihrem Besten dient. Ich habe es nicht glauben wollen, aber es gibt wirklich Menschen, welche alles wollen, alles, nur ihr eigenes Glück nicht.“

Das war eine Frechheit sondergleichen. Goldberg fühlte sich im tiefsten Inneren darüber empört.

„Schurke!“ stieß er zornig hervor.

Richemonte wendete sich an ihn und fragte:

„Meinen Sie etwa mich, Monsieur?“

„Ja, Sie! Keinen anderen.“

„Sie sind nicht zurechnungsfähig.“

„Und Sie würde ich niederschlagen und dann aus dem Haus werfen lassen, wenn mich nicht ehrfurchtsvolle Scheu vor dieser Toten abhielt, jetzt so etwas zu tun.“

Da ermannte sich auch Rallion wieder.

„Herr von Goldberg“, sagte er, „nehmen Sie sich in acht, daß nicht Sie es sind, welcher hier aus dem Haus geworfen wird!“

„Feigling!“

Dies war das einzige Wort, mit welchem Goldberg antwortete:

„Feigling?“ meinte Rallion. „Es hat ein jeder Mensch seine eigene Manier, zu kämpfen. Während andere im Kugelregen fechten, tut der Minierer seine Pflicht unter der Erde, und er ist nicht weniger mutig als die ersteren. Gebhard von Königsau war einst so toll, mich zu fordern. Ich habe diese Aufforderung angenommen, aber ich verzichtete darauf, mit Waffen zu kämpfen, welche ihm als Offizier geläufiger waren als mir. Die Partie wäre ungleich gewesen, und die Entscheidung würde eine ungerechte geworden sein. Ich habe nach anderen Waffen gegriffen; ich habe mit ihnen nicht um das Leben, sondern um seine Existenz gekämpft, und Sie sehen jetzt, daß ich Sieger bin.“

Da trat Goldberg rasch einen Schritt vor und rief:

„Ah, damit geben Sie zu, daß der Schlag, welcher die Familie Königsau getroffen hat, von Ihnen ausgeführt wurde.“

„Pah! Denken und vermuten Sie, was Sie wollen! Sollten Sie so sinnlos sein, anzunehmen, daß ich bei Ihnen eingestiegen bin und das Geld genommen habe, welches Ihnen abhanden gekommen ist, so habe ich nichts dawider. Ich begnüge mich damit, Herr der Besitzung zu sein, welche meinem Gegner gehörte. Wollen Sie den Kampf noch weiter treiben, so bin ich bereit, ihn wieder aufzunehmen. Ich teile Ihnen mit, daß ich hier nicht wohnen, sondern die Verwaltung der Besitzung einem Beamten anvertrauen werde. Glauben Sie vielleicht, irgendwelchen Rechtstitel geltend machen zu können, so bedienen Sie sich meinetwegen der Ihnen zur Verfügung stehenden gesetzlichen Mittel, aber sorgen Sie dann dafür, daß ein Verwalter bei seinem Anzug niemand von denen vorfindet, welche zu lieben ich keine Veranlassung habe. Ich würde in diesem Fall in unnachsichtlicher und strengster Weise mein Hausrecht in Anwendung bringen. Adieu, Monsieur!“

Er ging und Richemonte folgte ihm.

Der Schlag war gefallen und traf alle Beteiligten schwer. Wie gut, daß Margot von Königsau durch den Tod verhindert worden war, ihn mitzufühlen. Sie wurde begraben. Alle ihre einstigen Untergebenen betrauerten in ihr eine Herrin, welche wie eine Mutter auf das Wohl aller bedacht gewesen war.

Hugo von Königsau hatte seine kräftige Natur bis in sein gegenwärtiges Alter bewahrt. Er war von dem Fieber zwar niedergeworfen worden; es hatte ihn dem Tode nahegebracht, aber er starb nicht, sondern er genas.

Als er das erstemal das Lager verlassen konnte, befand er sich bereits seit langer Zeit nicht mehr auf der verlorenen Besitzung, sondern in Berlin, wo Kunz von Goldberg ihm eine Wohnung gemietet hatte. Seine Schwiegertochter und seine beiden Enkel waren bei ihm, aber er fühlte sich trotz ihrer Gegenwart einsam und fast verlassen. Ihm fehlte das treue Weib, Margot, die seine Seele gewesen war. Man hatte ihm ihren Verlust natürlich erst dann mitteilen können, als die Ärzte es gestatteten; aber dennoch war es, als ob diese Schreckenskunde ihn wieder auf das Lager werfen wollte. Es bedurfte der ganzen Liebe und Anhänglichkeit der Seinigen, seine Gedanken von diesem Verlust wenigstens zeitweilig abzulenken.

Besser wurde dies, als Gebhard endlich eintraf. Er war zwar von allem unterrichtet worden; er wußte, daß seine Mutter tot und sein Vater schwer krank sei; er wußte auch, daß ihr Vermögen verloren sei und daß ihr Feind sich auf ihrem Eigentum eingenistet habe, er hatte darum seine Rückkehr nach Kräften geeilt, aber es war ihm nicht möglich gewesen, eher zu kommen.

Jetzt nahm er das Werk in die Hand, an welchem bereits Goldberg und die Polizei vergeblich gearbeitet hatten, nämlich die Erforschung dessen, was damals geschehen war.

Bei reiflicher Erwägung schien es fast sicher, daß zwischen jenem Diebstahl und dem Ankauf der Güter durch Rallion ein Zusammenhang stattfinde; aber war die Lüftung des darüber ausgebreiteten Schleiers bisher eine Unmöglichkeit gewesen, so blieben auch alle weiteren Nachforschungen ohne Erfolg. Dieser letztere war nur denkbar, wenn der Dieb, der sogenannte Henry de Lormelle, entdeckt und ergriffen wurde, aber es gelang nicht, auch nur die leiseste Spur von ihm aufzufinden.

Inzwischen war zu dem bereits erlebten Unglück auch noch ein weiteres gekommen. Eines Tages nämlich traf ein schwarzgeränderter und ebenso schwarzversiegelter Brief aus Paris bei Gebhard von Königsau ein, welcher folgendermaßen lautete:

„Mein Herr!

Hierdurch wird Ihnen mitgeteilt, daß Ihre entfernte Verwandte, die hochselige Frau Gräfin Juliette de Rallion, infolge eines plötzlichen Schlaganfalles mit dem Tod abgegangen ist und kein Testament hinterlassen hat.

Aus diesem letzteren Grund und ebenso zufolge des Umstandes, daß Ihre Frau Gemahlin und deren Schwester, Frau Hedwig von Goldberg, an Ausländer verheiratet sind und auch über die gesetzlich hier einschlagende Frist im Ausland gewohnt haben, fällt das Ganze der Hinterlassenschaft dem einzigen männlichen Erben der Verstorbenen, dem Herrn Grafen Jules Rallion, zu. Ergebenst

Erneste Vafot,

Öffentlicher Notar und Nachlaßverwalter.“

Die gute Tante Rallion war hochbetagt gewesen, und Gebhard machte kein Hehl daraus, daß er gehofft habe, es werde ihm bei ihrem Ableben ein Teil ihres Nachlasses zufallen. Das wäre in seiner gegenwärtigen Lage eine große Hilfe für ihn gewesen. Nun war selbst diese Hoffnung vernichtet. Ihr Feind, der Graf Jules Rallion, war auch hier vom Glück begünstigt worden.

Nun galt es, zu arbeiten und zu schaffen, damit die nackte Armut nicht ihren Einzug halte.

Zwar hatte Gebhard an seinem Schwager Goldberg einen Freund, dessen ganzes Eigentum ihm zur Verfügung gestanden hätte, aber er zog es vor, sich selbst seinen Unterhalt zu verdanken. Er versuchte, die Erfahrungen und Anschauungen, welche er sich auf seinen Reisen gesammelt hatte, zu verwerten. Er schrieb Bücher, Berichte und Gutachten und hatte die Freude, seine Mühen anerkannt und belohnt zu sehen. Es gelang ihm, sich mit der Feder eine, wenn auch nicht glänzende, so doch zufriedenstellende Existenz zu erobern.

Aber die Zeit rückte vor, und mit ihr stiegen die Ansprüche, welche das Leben und die Sorge für die Seinen an ihn machten. Der kleine Richard hatte das Alter erreicht, in welchem er als Kadett eintreten sollte; dazu waren Mittel erforderlich, welche Gebhard leider nicht besaß. Zwar griff Kunz von Goldberg ein; aber es war vorauszusehen, daß die Ausgaben von Jahr zu Jahr steigen würden. Schwager Goldberg sollte nicht gewohnheitsmäßig in Anspruch genommen werden; man mußte daran denken, sich irgendeine Hilfsquelle zu öffnen.

So saßen Großvater, Vater und Mutter oft sorgend beisammen, um zu beraten und Pläne zu entwerfen, welche sich aber stets als nicht wohl ausführbar erwiesen.

Ein einziger unter diesen Plänen gab, so abenteuerlich er auch auf dem ersten Blick erschien, doch eine kleine Hoffnung des Gelingens. Und stets war es Großvater Hugo, welcher die Rede auf ihn brachte.

„Die Kriegskasse“, meinte er, „könnten wir doch die Kriegskasse finden!“

„Sie gehört nicht uns; sie ist Eigentum Frankreichs“, wendete Gebhard ein.

„Aber Frankreich muß dem Finder eine Gratifikation zahlen.“

„Nun wohl! Aber wo soll man sie suchen?“

„Ich kann mich leider nicht mehr besinnen; aber soweit meine Gedanken reichen, muß ich mir sagen, daß ich sie nicht gar sehr weit und zwar südlich von dem Ort vergraben habe, wo sie erst lag. Die Zeichnung, welche ich damals fertigte, hat zwar Blücher erhalten, aber ich habe eine Kopie genommen, welche wir noch jetzt besitzen.“

Dieses Gespräch wiederholte sich so oft, daß Gebhard von Königsau sich endlich an den Gedanken gewöhnte, der verlorenen Kriegskasse nachzuforschen. Im stillen tat auch Ida alles mögliche, ihn in diesem Beschluß zu bestärken. So saßen sie einstmals in dem kleinen Gärtchen, welches zu ihrer gegenwärtigen Wohnung gehörte, und sprachen über denselben Gegenstand. Da erwärmte sich Großpapa Hugo so sehr für denselben, daß er schließlich ausrief:

„Nun gut, Gebhard! Wenn du nicht gehst, so gehe ich!“

„Du?“ fragte der Angeredete. „Das geht nicht!“

„Warum nicht?“

„Gerade jetzt macht dir deine alte Wunde sehr viel zu schaffen. Du bedarfst der Ruhe und hast für Monate hinaus jede größere Anstrengung zu vermeiden.“

„Die Reise ist keine Anstrengung.“

„Sie kann sogar eine sehr große werden.“

„Wieso?“

„Es ist keine Erholung, dort im Gebirge herumzuklettern und nach einem Ort zu suchen, den man nicht kennt! Dazu kommt, daß es heimlich geschehen muß, so daß niemand etwas davon merkt. Das Wetter darf gar nicht berücksichtigt werden, im Gegenteil, je schlimmer es ist, desto sicherer ist man vor etwaigen Lauschern.“

„Hm! Das mag sein! Also muß ich leider darauf verzichten; aber du, lieber Gebhard, könntest es doch versuchen!“

„Wenn Ihr es denn so dringend wünscht, so will ich Euch den Willen tun. Aber wie es anfangen?“

Da ließ sich hinter ihm eine Stimme vernehmen:

„Das ist nicht schwer!“

Der drehte sich um. Da stand der alte, treue Kutscher Florian Rupprechtsberger, welcher damals mit Hugo nach Deutschland gekommen war und auch dann die Familie nicht verlassen hatte, als sie arm geworden war.

„Nicht schwer? Wieso?“ fragte Gebhard.

„Ich gehe mit!“

„Du? Hm!“

Florian war alt geworden. Gebhard betrachtete seine Gestalt mit prüfendem Blick, wie um zu taxieren, ob der brave Mann den Anstrengungen einer solchen Reise auch noch gewachsen sei.

„Das ist wahr“, sagte der Großvater. „Da ich nicht mit darf, so ist unser Florian der einzige, welcher jene Gegend kennt.“

„Gewiß!“ antwortete Florian. „Ich war ja mit in der Schlucht, wo das Geld erst vergraben war. Das war an dem Tag, an welchem wir verfolgt und angegriffen wurden, und an welchem der Kapitän Richemonte den Baron de Reillac ermordete.“

„Das hast du schon oft erzählt; aber wirst du diese Schlucht auch heute noch wiederfinden?“

„Das versteht sich!“

„Beschreibe den Weg!“ befahl der Großvater.

„Man geht durch Bouillon, an dem Wirtshaus vorüber, in welchem Sie einmal eingekehrt waren, ein Stück am Wasser hin, und dann bei den Bäumen biegt man links ein, um den schmalen Weg zu verfolgen, welcher an der Köhlerhütte vorüberführt. Von da aus hat man nur einige Minuten weiter durch den Wald zu steigen; dann öffnet sich zur rechten Hand die Schlucht.“

„Das ist sehr richtig“, meinte der Großvater. „Aber seit jener Zeit sind viele Jahre vergangen, und es wird manches verändert sein, vielleicht so verändert, daß man das Terrain gar nicht mehr wieder erkennt.“

„Den Berg haben sie doch nicht fortschaffen können, und die Schlucht ist also auch noch da.“

„Wohl wahr! Aber wenn Ihr nun die Schlucht gefunden habt, was dann?“

„Dann nehmen wir den Situationsplan in die Hand, den Sie damals gezeichnet haben, und suchen, indem wir uns von der Schlucht aus immer nach Süden halten.“

„Glaubst du denn, daß du eine solche Reise noch mit unternehmen kannst?“

„Ich?“ fragte der treue Diener in zuversichtlichstem Ton. „Ich laufe mit um die Erde herum, wenn es gilt, etwas zu tun, was Ihnen Freude macht!“

„So habe ich nichts dagegen, daß du mit Gebhard reist. Und da wir einmal den Entschluß gefaßt haben, so wollen wir auch nicht lange zögern, ihn zur Ausführung zu bringen.“

Der gute Florian zeigte eine außerordentliche Freude über die Erlaubnis, welche ihm geworden war.

„Wie schön! Wie herrlich!“ rief er aus. „Bei dieser Gelegenheit kann ich auch einmal meine Verwandten besuchen. Die alten sind freilich gestorben, und die jungen habe ich noch gar nicht gesehen, aber wir schreiben uns zuweilen. Und dann das schöne Geld, welches Sie erhalten werden! Vielleicht werden Sie dadurch wieder grad so reich, wie Sie gewesen sind!“

Das erregte die Wißbegierde Idas. Sie fragte:

„Den wievielten Teil des Ganzen würdet Ihr wohl erhalten?“

Da antwortete Großvater Hugo lächelnd:

„Ich bin mit dieser Frage, natürlich ohne mich zu verraten, hier bei einem Advokaten gewesen. Er hat nachgeschlagen und gesagt, daß eine Kriegskasse, welche so lange Zeit vergraben liege, unter den Begriff des Schatzes falle. Und nun ratet, wieviel in Frankreich da der Finder erhält!“

„Den zwanzigsten oder wohl gar den zehnten Teil?“ riet Frau Ida von Königsau.

„Das wären fünf oder zehn Prozent. Nein; er bekommt gerade die Hälfte, während die andere Hälfte dem Besitzer des Grund und Bodens gehört, auf welchem der Schatz gefunden wird.“

Diese Auskunft erweckte geradezu eine Art Begeisterung für das Unternehmen, und es wurde einstimmig beschlossen, die Vorbereitungen zur Abreise sofort zu treffen. – – –

Unterdessen wohnte der Kapitän Richemonte mit dem Baron und der Baronin Liama de Sainte-Marie auf Jeannette. An dem Zustand des Barons hatte sich nichts gebessert; er war vielmehr noch tiefsinniger geworden. Der in der Sahara an den unschuldigen Arabern verübte Massenmord quälte sein Gewissen, und der Gedanke, an jene ruchlose Tat versetzte ihn zeitweilig in einen Zustand finsteren, dumpfen Brütens. Später traten sogar Stunden ein, in denen er die Geister der Ermordeten zu sehen glaubte und mit ihnen kämpfte.

Er durfte gar nicht mehr ohne Aufsicht gelassen werden, und diese mußte der Kapitän selbst übernehmen. Wäre eine andere Person damit betraut worden, so stand ja zu befürchten, daß die ganze Vergangenheit verraten wurde.

Schließlich aber mußte doch ein Arzt zu Rate gezogen werden. Er erhielt so viel mitgeteilt, als möglich war, ohne gefährliche Vermutungen in ihm zu erwecken, und riet nach einiger Beobachtung des Kranken Zerstreuung und eine Ortsveränderung, welche in einer Reise bestehen könne. Diese Reise müsse aber möglichst anstrengend sein, da körperliche Anstrengung und Ermüdung einen heilsamen Einfluß auf den erkrankten Geist üben werde.

Der Kapitän fluchte im stillen über den krankhaften Zustand seines Verwandten und Adoptivsohns. Sich seiner zu entledigen, ihn aus der Welt zu schaffen, wäre nicht sein Gewissen Belästigendes gewesen, da er ja überhaupt gar kein Gewissen besaß; aber er überlegte sich, daß dies nur heiße, einen sehr dummen Streich zu begehen. Starb der Baron de Sainte-Marie, so gab es keine anderen Erben als die Familie Königsau, welcher dann Jeannette wieder zufiel. Darum mußte der Kranke weiter leben.

Richemonte beschloß, mit ihm eine Fußreise zu unternehmen, und zwar in das Gebirge, da eine Gebirgsreise ja anstrengender ist als jede andere. Er wollte nach den Argonnen hinauf und dann in den Argonner Wald.

Die Vorbereitungen machten nicht viel Umstände. Ein junger starker Knecht wurde als Diener mitgenommen, um bei der Bewältigung des Kranken behilflich zu sein, wenn sich bei demselben je ein Anfall von Tobsucht einstellen sollte. Dann ging es fort.

Erst mit der Post nach Chalons und hierauf in den Argonner Wald, welcher von Bar le Duc bis nach Launay durchwandert wurde. Diese anstrengende Fußtour war von ganz ausgezeichneter Wirkung auf den Baron. Einige leichtere Anfälle in den ersten Tagen abgerechnet, war über ihn nicht zu klagen gewesen, und selbst sein Trübsinn, welcher ihn seit Jahren nicht verlassen hatte, schien nach und nach einer anderen Stimmung Platz zu geben. Er wurde von Tag zu Tag heiterer und gesprächiger und begann sich für alles, was er erblickte, immer lebhafter zu interessieren. Nur von der Vergangenheit zu sprechen, mußte Richemonte streng vermeiden. Selbst wenn der Kranke nur an dieselbe dachte, stellte sich sofort die frühere trübe Stimmung wieder ein.

Zwischen Launay und Signy le Grand liegt ein allerliebstes kleines Dörfchen, in welchem lauter gutsituierte Landleute wohnen. Es gab nur eine einzige Familie, welche wirklich arm genannt werden konnte, nämlich diejenige des Hirten, welcher Verdy hieß. Er bewohnte eine kleine Hütte, welche nur einen Raum bildete und Mensch und Vieh zu gleicher Zeit beherbergte. Er besaß nichts, als was er auf dem Leib trug, und da sein Einkommen ein außerordentlich spärliches war, so hätte er wohl Hunger leiden müssen, wenn seine Familie eine zahlreiche gewesen wäre. Glücklicherweise aber bestand dieselbe nur aus drei Personen, aus ihm, seinem Weib und einer Tochter.

Diese letztere war sein Augapfel, machte ihm aber fast mehr zu schaffen als der sämtliche Tierbestand des Dorfes, über welchen er auf der Weide die Aufsicht zu führen hatte.

Die Tochter führte den für ein Hirtenkind nicht ganz passenden Namen Adeline. Sie war als Kind von den Sprößlingen der reichen Bauern verachtet und zurückgesetzt worden; darum hatte sie sich an die Einsamkeit gewöhnt. Aber sie wäre gar so gern auch reich gewesen und hätte sich ebenso gern hübsch gekleidet wie die anderen.

Sie war eitel. Je älter sie wurde, desto mehr wuchs diese Eitelkeit. Sie sah sich im Spiegel; sie verglich sich mit den anderen Mädchen, und sie kam zu der Überzeugung, daß sie unter ihnen allen die Schönste sei.

Nun wollte sie sich putzen. Dazu fehlte ihr nicht mehr als alles, und so sann sie nach, ob sie nicht etwas verdienen könne. Als Magd vermieten wollte sie sich nicht; sie wollte sich nicht von denen befehlen lassen, welche nicht so schön waren wie sie.

Da kam ihr ein anderer Gedanke. Ihr Vater hatte einige Erfahrung in der Behandlung kranker Tiere. Sie hatte oft für ihn hinaus auf das Feld und in den Wald gehen müssen, um heilsame Pflanzen zu holen. Sie wußte, daß die Apotheker solche Kräuter brauchen und von Sammlern kaufen müsse. Darum begann sie, Teepflanzen zu holen und an die Apotheker zu verkaufen. Das war eine leichte, sogar hübsche Arbeit und brachte Geld ein, viel zwar nicht, aber doch immer so viel, wie sie für sich brauchte.

Es dauerte nicht lange, so hatte sie Schuhe und Strümpfe, einen hübschen Rock und eine weiße Schürze. Einige Bänder und Schleifen kamen dazu, und nun begannen auch die Burschen, ihre Blicke auf sie zu richten. Aber sie wollte nichts von denen wissen, von welchen sie zuvor nicht beachtet worden war.

Während ihres einsamen Aufenthalts in Wald und Feld gab sie allerlei Gedanken Audienz, guten und schlimmen, und da sie verachtet worden war und sich darüber verbittert fühlte, so war es kein Wunder, daß sie mehr schlimme, als gute Gedanken hatte. Vor allen Dingen wollte sie sich rächen. Aber wie?

Sie sann lange Zeit darüber nach, bis ihr endlich die Überzeugung kam, daß die eklatanteste Rache darin bestehe, den Mädchen den vornehmsten Burschen des Dorfes wegzuangeln. Dies war natürlich der Sohn des Maire.

Von diesem Augenblick an begann sie, die Angeln nach ihm auszuwerfen. Die anderen merkten dies und verspotteten sie; aber der Bursche sah recht gut, daß sie die Hübscheste von allen sei, und tat sein möglichstes, um gefangen zu werden.

Zuerst trafen sie sich zufällig hier oder da; sodann geschah das Zusammentreffen weniger zufällig, aber stets da, wo sie miteinander nicht gesehen wurden. Und endlich wurden wirkliche Verabredungen getroffen.

Sie war ein Naturkind, besaß aber eine gute Dosis angeborener Schlauheit. Sie erzwang von ihm die Einwilligung, auch einmal beim Tanz erscheinen zu dürfen. Sie hatte sich bisher dort nie sehen lassen, und so war es für sie ein unendlicher Triumph, als der Sohn des Maire sich mit ihr im Kreis drehte und nicht eine einzige andere engagierte.

Der Bursche war ihr wirklich gut. Er hatte ganz ehrliche Absichten, aber mit diesen stimmten nicht diejenigen seiner Eltern überein. Es kam zu Vorwürfen und Erklärungen, deren Resultat und Ende war, daß der Vater dem Sohn verbot, mit diesem Mädchen jemals wieder ein Wort zu sprechen.

Der Befehl wurde zwar angehört, aber nicht befolgt. Die beiden trafen sich nun im stillen hinter dem Rücken der Eltern. Jedermann aber weiß, daß solche verbotene Zusammenkünfte mit bedenklichen Gefahren verknüpft sind, und diesen Gefahren erlag die schöne Hirtentochter.

Es kam die Stunde, in welcher sie weinend dem Geliebten gestand, daß sie sich unglücklich fühle, weil sie etwas verheimlichen müsse, was später an den Tag kommen werde.

Das gab dem Burschen seine Überlegung zurück. Es regte sich der reiche Bauernsohn in ihm. Er begann zu überlegen und kam ganz von selbst zu der Einsicht, daß die Tochter des armen Hirten keine Frau für ihn sei.

Infolge dieser Erkenntnis begann er, sich von ihr zurückzuziehen. Sie bemerkte es und stellte ihn weinend zur Rede. Die Tränen der Geliebten fallen wie glühende Tropfen auf das Herz; es kann durch sie auch ein sonst willenskräftiger Mann besiegt werden. Aber die Tränen einer Person, welche man bereits nicht mehr so gut leiden kann wie früher, haben eine ganz andere Wirkung. Das Weinen ist dann etwas sehr Unschönes, ja Widerwärtiges, und spült den noch vorhandenen Rest der Liebe vollends von dannen.

So ging es auch hier. Die Vorwürfe und Tränen des Mädchens erkälteten den Burschen. Er nahm sich vor, gar nicht wieder mit ihm zu sprechen. Was sich so ein reicher Dorfprinz einmal vorgenommen hat, das pflegt er auch zu halten. Landleute haben einen harten Kopf. Es gab für das verlassene Mädchen fast gar keine Gelegenheit mehr, den Geliebten zu sehen, als den Tanz. Darum ging es hin. Aber es feierte keine Triumphe mehr, sondern es erlitt Niederlagen.

Das kränkte Adeline erst ganz entsetzlich; dann ärgerte sie sich, und endlich fühlte sie anstelle der früheren Liebe nur den Wunsch, sich zu rächen. Aber wie sollte sie sich an ihm rächen, sie, das blutarme Mädchen, an dem reichen Sohne des Dorfschulzen! Ja, wenn einer gekommen wäre, der noch vornehmer wäre als er! Welch eine Rache wäre das gewesen! Mit diesem Gedanken ging sie schlafen, und mit ihm erwachte sie.

Da, eines Sonntagabends, saß sie wieder im Saal. Alle waren lustig; nur sie blieb allein und unbeachtet. Keiner kam, um sie zum Tanz abzuholen.

Da plötzlich richteten sich aller Augen nach der Tür. Es waren zwei Männer eingetreten, zwei fremde Herren, welche dem Tanz zuschauten. Fremd mußten sie sein, denn es kannte sie niemand, und Herren, vornehme Herren waren es, das sah man an der feinen Kleidung, welche sie trugen.

Der eine war ein alter Herr mit grauem Schnurrbart. Er blickte gar grimmig drein, und es ließ sich vermuten, daß mit ihm nicht gut Kirschen essen sei. Der andere war jünger, viel jünger; er konnte wohl der Sohn des ersteren sein. Er war zwar nicht mehr ganz jung, aber er war nicht häßlich, und er hatte einen so eigentümlich leidenden Blick, so etwas Duldendes an sich, was bekanntlich große Anziehungskraft auf Frauen auszuüben pflegt.

Nachdem sie eine Weile zugeschaut hatten, schien der Alte sich zu langweilen. Er ging. Der andere aber blieb neben dem Eingang stehen und setzte seine Beobachtungen fort. Adeline sah, daß sein Blick von einem Mädchen zu dem anderen ging, als ob er ihre Schönheit prüfen wolle, und jetzt, jetzt ruhte sein Auge auch auf ihr.

Sie senkte den Blick und fühlte dabei, daß ihr das Blut in die Wangen stieg. Als sie nach einer Weile die Augen wieder aufschlug, sah er sie noch immer an, und dabei lag ein leises freundliches Lächeln auf seinem Gesicht.

„Ich habe ihm gefallen!“ dachte sie. „Was mag er sein?“

Sie beobachtete ihn heimlich und bemerkte, daß sein Auge wieder und immer wieder zu ihr zurückkehrte. Endlich nickte er ihr gar zu, leise zwar, daß kein anderer es bemerken konnte, aber doch so, daß sie sah, er meine sie. Sie erglühte von neuem. Hatte er bemerkt, daß auch sie ihn beobachtete?

Da, jetzt fühlte sie, daß ihr das Herz laut unter dem Mieder zu klopfen begann. Er hatte seinen Platz verlassen und schritt langsam, wie prominierend, an der Seite des Saales entlang, wo die Mädchen saßen, und die Burschen, welche ihm jetzt während der Pause im Weg standen, machten ihm ehrerbietig Platz.

Er kam näher und näher. Jetzt war er da. Sie senkte die Augen. Sie fühlte eine peinigende Angst. Worüber? Ob er vorüber gehen, oder ob er sie anreden werde? Er war bei ihr stehen geblieben, denn jetzt hörte sie seine Stimme.

„So allein und abgesondert von den andern, Mademoiselle!“

Sollte sie ihm antworten? Jedenfalls. Das Gegenteil wäre ja unhöflich gewesen. Sie war also gezwungen, den Blick zu erheben. Sie sah aller Augen auf sich und ihn gerichtet. Sie sah die freundliche Miene, mit welcher er sie anblickte, und da antwortete sie:

„Ich bin stets allein, Monsieur.“

„Warum, mein Kind?“

„Die andern sind reich, ich aber bin arm.“

„Was tut das! Sind die andern denn so stolz?“

„Ja, sehr stolz!“

„Lächerlich! Worauf kann so ein Bauernknabe oder so eine Bauerndirne denn stolz sein? Auf Bildung und Kenntnisse jedenfalls nicht!“

Wie wohl taten ihr diese Worte! Und wie schade, daß nur sie allein dieselben gehört hatte! Er fuhr fort:

„So tanzen Sie wohl gar nicht?“

„Nein.“

Das war ein Geständnis, welches ihr die Schamröte in das Gesicht trieb. Er aber schien ihr die Zurücksetzung gar nicht entgelten zu lassen, denn er sagte:

„Daran tun Sie recht. Aber Sie tanzen wohl gern?“

„Ich habe noch nicht viel getanzt, aber ich tanze nicht ungern.“

„Dürfen auch Fremde an diesem Vergnügen teilnehmen?“

„Wer wollte es ihnen untersagen, Monsieur?“

„Nun wohl! Werden Sie mir die Erlaubnis erteilen, die nächste Tour mit Ihnen zu versuchen?“

Das Herz wollte ihr vor Freude zerspringen. Sie mußte die Hand auf den vollen Busen legen, damit derselbe nicht so unruhig woge und vielleicht gar das Mieder zersprenge.

„Sie scherzen!“ hauchte sie.

„O nein, ich scherze nicht! Auch ich tanze gern; aber ich war lange Zeit nicht in Frankreich, sondern in einem Land, wo man nicht tanzt. Werden Sie mir die Erlaubnis verweigern?“

„O nein!“

„So bitte, kommen Sie! Die Musik beginnt!“

Es wurde ein Walzer gespielt. Der Fremde legte den Arm um sie, ergriff mit der Linken ihre rechte Hand und begann.

Sie war so glücklich. Sie ließ sich von ihm willenlos dirigieren. Sie hielt die Augen geschlossen, und darum bemerkte sie nicht, daß kein anderes Paar an diesem Tanz teilnahm. Man fürchtete, den fremden Herrn zu verletzen, wenn man ihm in den Weg tanze. Aber als er ruhend mit ihr stehenblieb, ergriffen einige Burschen ihre Mädchen und schwenkten in die Reihe.

Noch zweimal kam an die beiden die Reihenfolge, dann schwieg die Musik. Und während der augenblicklichen Stille, welche da eintrat, kam ein dritter Fremder in den Saal, schritt auf ihren Tänzer zu und sagte laut, daß alle es hörten:

„Herr Baron, der Herr Kapitän läßt fragen, ob Sie jetzt mit zu Abend speisen werden?“

„Nein“, antwortete er. „Sage ihm, daß er nicht auf mich warten möge. Ich esse später.“

Der Bote – es war der Diener, der Knecht aus Jeannette – kehrte nach der Gaststube zurück.

„Nun?“ fragte Richemonte, welcher bereits an dem einfach gedeckten Tisch saß.

„Der Herr Baron bittet, nicht auf ihn zu warten.“

„Ah! Wie kommt das? Amüsiert er sich denn da oben?“

„Er scheint“, meinte der Diener zögernd, „soeben einen Tanz versucht zu haben.“

„Donnerwetter! Wirklich?“

„Ja. Der Walzer war zu Ende, und der Herr Baron hatte noch sein Mädchen am Arm.“

Das Gesicht Richemontes verzog sich zu einem ironischen Lachen, und dann sagte er:

„Was war es denn für eine Nymphe? Hübsch oder häßlich, lang oder kurz, dick oder dünn?“

„Sie war sehr hübsch.“

„Hm. Wir sind hier nicht bekannt; da mag es gehen. Er mag also in seinem Spaß ungestört bleiben. Ich gehe nach dem Essen sofort schlafen; du aber magst ihn dann bedienen!“

Droben hatten die Worte des Dieners eine ungeheure Wirkung hervorgebracht. Ein Kapitän und ein Baron waren da, und der letztere hatte mit der Tochter des Schäfers getanzt!

Adeline schwamm in einem Meer von Wonne. Sie hätte die ganze Welt umarmen mögen. Ein Baron war er, ein Baron. Das war die Rache für den untreuen Geliebten, der jetzt dort in der Ecke stand und ein Gesicht machte, als ob er nicht genau wisse, ob er sich ärgern solle oder nicht.

Der Baron hatte sie nicht wieder nach der Bank geführt, auf welcher sie gesessen hatte, sondern an einen Tisch. Das war viel feiner und anständiger.

„Werden Sie mir erlauben, mich zu Ihnen zu setzen, Mademoiselle?“ fragte er, und zwar mit einer Verbeugung.

Das war ihr noch nie geschehen. Aber sie hatte sich bereits in das Ereignis gefunden und ihre Verlegenheit überwunden. Sie antwortete:

„Ich bin solche Ehre nicht gewöhnt, Monsieur.“

„Aber wert sind Sie derselben. Wissen Sie, daß Sie schön sind, sogar sehr schön, mein Kind?“

Sie errötete bis in den Nacken hinab und schwieg. Er fuhr fort:

„Ich wünschte, ich wäre der Sohn eines Bauern, wie diese hier.“

Und als sie ihm abermals nicht antwortete, fügte er hinzu:

„Können Sie sich nicht denken, weshalb ich diesen Wunsch hege?“

Sie konnte es sich gar wohl denken, durfte es ihm aber nicht sagen. Er bog sich deshalb ein wenig weiter zu ihr herüber und meinte:

„So werde ich es Ihnen sagen. Wenn ich ein Bauernsohn wäre, so könnten Sie öfters meine Tänzerin sein!“

„Oh, Monsieur, Sie würden sein wie die anderen und eine Reiche vorziehen.“

„Nein. Ich würde die vorziehen, welche mir gefällt, und das sind Sie. Haben Sie noch Eltern?“

„Ja. Beide leben noch.“

„Und was ist Ihr Vater?“

„Er ist nur der Hirte des Dorfes.“

„Nur! Warum gebrauchen Sie dieses Wort? Ein jeder Mann ist ein ganzer Mann, wenn er seinen Platz ausfüllt. Sie werden mich neugierig schelten und mir zornig werden. Aber ich möchte so gern erfahren, ob Sie einen Geliebten haben. Wollen Sie mir das sagen?“

„Ich habe keinen“, antwortete sie errötend.

„Sagen Sie die Wahrheit?“

„Gewiß, Monsieur!“

„Aber einen, den Sie lieb hatten, hat es bereits gegeben?“

Sie blickte verlegen vor sich nieder und zögerte, zu antworten; darum sagte er nach einem Weilchen:

„Ich sehe Sie heute zum ersten Mal und bin Ihnen fremd; daher ist es unrecht von mir, Ihnen solche Fragen zu stellen.“

Da blickte sie voll zu ihm auf und antwortete:

„Und doch will ich Ihnen antworten, Monsieur. Ja, ich habe einen Geliebten gehabt, aber wir sprechen nicht mehr miteinander.“

„Ah! Wirklich? Befindet er sich heut abend hier?“

„Ja, er ist hier.“

„Wollen Sie mir ihn zeigen?“

„Er steht jetzt ganz allein am Büffet und läßt sich Wein geben.“

„Dieser ist es? Er hat keinen Geschmack, Mademoiselle, keinen Geschmack und kein Herz, und darum wären Sie nicht glücklich mit ihm gewesen. Sie haben mir auf meine so zudringliche Frage geantwortet; das gibt mir den Mut, noch zwei weitere Erkundigungen einzuziehen. Darf ich?“

„Gewiß. Ich werde Ihnen antworten.“

„Verstößt es gegen den Gebrauch dieser Gegend, wenn ich Sie einlade, heute abend mit mir zu speisen?“

„Nein. Aber es würde auffallen, wenn wir dies an einem andern Ort täten, wo wir allein wären.“

„Also müßte es hier geschehen?“

„Ja, hier, wo man uns offen beobachten kann.“

„Gut! So sagen Sie mir nur noch, ob es auffällig sein würde, wenn ich Sie nachher nach Hause begleitete.“

„Ja; man würde sehr darüber sprechen, und ich dürfte mich nicht wieder sehen lassen.“

„Und doch wäre ich so glücklich gewesen, wenn Sie mir die Erlaubnis dazu hätten erteilen können!“

Sie befand sich in einer großen Verlegenheit. Sie hatte geträumt von einem, der vornehmer sein müsse, als der Sohn des Maire; dieser Traum war so wunderbar in Erfüllung gegangen. Sollte sie sich die Gunst des Schicksals dadurch verscherzen, daß sie diesem Baron seine Bitte versagte? Und doch wußte sie, daß sie sich einem bösen Gerede aussetze, wenn sie auf seinen Wunsch einging.

Er sah, daß sie mit sich kämpfte, daß sie wohl nicht ganz abgeneigt war, ihm die erbetene Erlaubnis zu erteilen. Daher fügte er weiter hinzu:

„Können wir es nicht so einrichten, daß man es nicht bemerkt?“

„Was würden Sie da von mir denken, Monsieur?“

„Ich würde nur denken, daß Sie ein sehr verständiges Mädchen sind, Mademoiselle.“

„Was veranlaßt Sie aber zu dem Wunsch, mich zu begleiten?“

„Wenn Sie sich das nicht selbst sagen wollen, kann ich es Ihnen auch nicht erklären. Eine schöne Musik hört man gern so lange wie möglich, und ein schönes Gemälde betrachtet man, bis man seine Schönheiten alle aufgefunden und genossen hat. Das Glück, bei einer jungen, hübschen Dame sein zu dürfen, dehnt man aus demselben Grund soweit wie möglich aus. Es wäre ja ganz leicht, daß ich vor Ihnen den Saal verlasse und Sie dann erwarte. Der Abend ist so schön. Wir könnten noch ein wenig promenieren gehen.“

„Dann würde es klüger sein, daß ich eher gehe und Sie erwarte.“

„Warum?“

„Weil es ungebräuchlich ist, daß die Dame den Herrn erwartet. Man wird also nicht so leicht auf den Gedanken kommen, daß ich dies tue, sondern glauben, daß ich nach Hause gegangen bin.“

„Ah, Sie sind nicht bloß schön, sondern auch klug! Also werde ich Sie begleiten dürfen?“

„Ich weiß noch nicht. Um dies sagen zu können, müßte auch ich Ihnen eine Frage vorlegen dürfen.“

„So fragen Sie.“

„Aber diese Frage wird Sie vielleicht verletzen.“

„Aus Ihrem Mund verletzt sie mich nicht.“

„Nun wohlan! Sie sind verheiratet?“

Er hatte gewußt, daß es diese Frage sei, und doch wußte er nicht sofort, was er antworten solle; erst nach einer kleinen Pause erklärte er ihr:

„Nein. Ich war es, aber meine Frau ist gestorben.“

„So sind Sie Witwer?“

„Ja.“

„In diesem Fall ist es mir erlaubt, Ihre Begleitung anzunehmen. Wenn Sie nach mir den Saal verlassen, so gehen Sie rechter Hand aus dem Dorf hinaus. Es sind nur zwei Minuten bis zum letzten Haus, dort werde ich Sie erwarten.“

Er nickte ihr dankbar zu. Er hätte ihr gern die Hand dafür gedrückt, oder ihr einen Kuß dafür gegeben; aber das erstere wäre aufgefallen, und das letztere war ganz unmöglich.

Sie blieben für den Abend miteinander an dem Tisch beisammen. Er tanzte noch öfters mit ihr, und so fiel es gar nicht auf, daß sie an seinem Mahl teilnehmen durfte. Höchstens fühlte man Mißgunst anstatt Mißtrauen. Und als sie endlich Abschied nahm und von ihm höflich entlassen wurde, war allen Hintergedanken die Möglichkeit abgeschnitten.

Er wartete noch einige Minuten und ging dann auch. Er suchte seinen Diener auf und befahl ihm, da er noch ein wenig frische Luft schöpfen wolle, dafür zu sorgen, daß er bei seiner Rückkehr die Tür noch offen finde. Dann verließ er das Haus.

Rallion fand die reizende Adeline an dem angegebenen Ort seiner wartend. Sie weigerte sich nicht, ihm ihren Arm zu geben, und dann spazierten sie miteinander unter den Bäumen dahin, welche die nach Mézières führende Landstraße zu beiden Seiten einfaßte.

Sie sprachen über nichts und vieles. Bei einem solchen Beisammensein gewinnt ja das Nichtssagendste eine Bedeutung. Er hatte bald den Arm um ihre Taille gelegt, was sie ihm nicht verwehrte, und als er endlich versuchte, ihr einen Kuß zu geben, fand er nur einen Widerstand, der nicht schwer zu besiegen war.

Doch machte Adeline ganz und gar nicht den Eindruck auf ihn, als ob sie gegen einen jeden anderen in gleicher Weise sich verhalten hätte.

Auf dem Rückweg war ihre Umschlingung schon weit inniger geworden, und sie blieben von Zeit zu Zeit stehen, um ihre Lippen zu einem Kuß zu vereinigen. Als dann das Dorf wieder vor ihnen lag, sagte er im Ton des Bedauerns:

„Wie schnell ist diese Stunde vergangen! Ich wünsche sehr, Sie näher kennenzulernen.“

„Ist das etwas so Schweres?“ fragte sie.

„Gut. Ich werde morgen noch hier bleiben.“

„Werden Sie die Zustimmung Ihres Gefährten erlangen?“

„Er wird zustimmen müssen. Aber wird es uns auch möglich sein, uns zu treffen und zu sprechen?“

„Ja, wenn Sie es wünschen.“

„Ich wünsche es sogar sehr. Bitte, geben Sie Zeit und Ort an.“

Sie blieb stehen und deutete nach rechts hinüber.

„Sehen Sie im Mondenschein dort die Waldecke?“ fragte sie.

„Ja.“

„Am Tag werden Sie eine hohe Eiche bemerken, welche dort steht. An dieser Eiche treffen Sie mich Mittag Punkt ein Uhr. Ich gehe Pflanzen sammeln.“

„Ah! Köstlicher Gedanke! Ich werde Ihnen helfen!“

„Wir werden fleißig sein. Jetzt gute Nacht, Monsieur.“

„Gute Nacht.“ – – –

Während seiner Abwesenheit hatte sich etwas nicht Unwichtiges ereignet oder vielmehr schon, während er sich noch in dem Saal befand.

Gerade als der Kapitän sein Abendbrot verzehrte, waren zwei neue Gäste angekommen, ein älterer und ein jüngerer Mann. Sie nahmen an einem nahen Tisch Platz. Es war Richemonte ganz so, als ob er den älteren bereits gesehen habe, doch konnte er sich nicht besinnen.

Beide bestellten sich Trank und Speise. Während dieses letztere aufgetragen wurde, fragte der ältere:

„Logiert nicht ein fremder Herr bei Ihnen, welcher seinen Namen Laroche eingetragen hat?“

„Ja, Monsieur“, antwortete der Wirt.

„Haben Sie noch Platz für uns beide?“

„Sind Sie die zwei Herren, welche Monsieur Laroche erwartet?“

„Ja. Hat er von uns zu Ihnen gesprochen?“

„Er hat mir gesagt, daß Sie sich hier treffen wollen. Er wird nicht schlafen gehen, sondern Sie auf seinem Zimmer erwarten.“

„Welches Zimmer ist es?“

„Nummer drei.“

„Gut. Geben Sie auch uns ein Zimmer!“ Und zu seinem Gefährten gewendet, fragte er: „Wir brauchen doch nicht verschiedene Stuben?“

„Nein, wir bleiben beieinander, Onkel Florian.“

Bei dieser Antwort des Jüngeren ging es wie ein helles Licht durch Richemontes Gedächtnis. ‚Onkel Florian!‘ Ja, jetzt besann er sich. Diesen Menschen hatte er nicht nur irgendwo gesehen, nein, den kannte er sogar sehr genau. Es war Florian Rupprechtsberger, der einstige Kutscher von Jeannette. Was wollte dieser Mensch hier? Er wohnte in Berlin bei der Familie von Königsau! Wer war dieser sogenannte Herr Laroche, welcher ihn erwartete?

Diese Fragen legte er sich vor. Er hatte Zimmer Nummer Zwei und lag also neben diesem Laroche. Er stand, kurz entschlossen, auf und begab sich nach oben; gar unhörbar schritt er auf die Tür seines Zimmers zu und öffnete ebenso leise mit dem Schlüssel. Sodann stellte er einen Sessel hart an die von seiner Seite aus verriegelte Verbindungstür der beiden Zimmer, und nahm Platz darauf, um schweigend das Kommende abzuwarten. Er war überzeugt, sich äußerlich so verändert zu haben, daß Florian ihn nicht erkannt haben könne.

Endlich, nach längerer Zeit, hörte er Schritte. Man klopfte drüben.

„Wer ist da?“ fragte eine Stimme von innen.

„Ich, Florian.“

Es wurde geöffnet, und der Genannte trat ein.

„Welche Unvorsichtigkeit, deinen Namen draußen auf dem Korridor zu nennen!“ hörte Richemonte. „Wir gehen hier unter fremden Namen und müssen dieselben beibehalten! Du kommst sehr spät. Ich dachte, daß es sich bei Nacht im Wald sehr schlecht suchen läßt.“

„Ich denke, daß ich Ihre Verzeihung schon erlangen werde. Wie gut, daß wir uns trennten! Man bestreicht da in der gleichen Zeit eine größere Fläche.“

„Wie?“ fragte der andere schnell und freudig. „Bist du vielleicht glücklich gewesen?“

„Oder Sie, gnädiger Herr?“

„Ich wurde nicht vom Glück begünstigt.“

„Und ich denke, den Ort gefunden zu haben. Sie hatten zwar den Situationsplan bei sich, aber ich habe mir alles ganz genau gemerkt. Die Bäume, welche auf dem Plan stehen, sind natürlich größer und stärker geworden, zwischen ihnen kann Gebüsch entstanden sein, aber es stimmte alles: die Erhöhungen und Vertiefungen, die Bäume, nur der Baumstumpf fehlte, welcher mit angegeben ist.“

„Er kann währenddessen ausgefault sein. Hast du nicht den Boden untersucht?“

„Wir hatten keine Werkzeuge mit als unsere Stöcke und Messer, und eine Kriegskasse vergräbt man doch tiefer, als daß man sie mit dem Messer erreichen kann. Wir müssen uns morgen einen Spaten verschaffen und den Ort gemeinschaftlich untersuchen.“

„Natürlich! Für morgen genügt es nur, zu wissen, ob wir den richtigen Ort gefunden haben, und dann –“

Da begann drüben die Tanzmusik wieder aufzuspielen, und Richemonte konnte kein Wort mehr verstehen.

„Donnerwetter!“ flüsterte er erregt. „Da taucht die Kriegskasse wieder auf. Sie suchen sie; sie haben sie vielleicht schon gefunden, wenigstens den Ort, an welchem sie vergraben liegt. Dieser Laroche ist ganz sicher ein Königsau! Welch ein Glück, daß wir hier eingekehrt sind! Aber dieses Mal sollen sie mir nicht entkommen. Die Kasse wird mein, oder der Teufel ist mit ihnen im Bunde!“

Noch während die Musik spielte, hörte Richemonte drüben die Tür gehen. Florian entfernte sich. Jetzt gab es nichts mehr zu erlauschen; darum entkleidete Richemonte sich leise und legte sich zu Bett. Aber der Schlaf floh seinen Augen; die Gestalten der Vergangenheit wurden lebendig und traten vor seine Seele, all sein Zorn, sein Grimm, sein Haß wurden wieder wachgerufen. Er wälzte sich auf dem Lager hin und her und zog, als der Tag anbrach, es vor, auf den Schlaf zu verzichten.

Er durfte sich jetzt unten nicht sehen lassen; aber er verließ leise sein Zimmer, um dem Diener einzuschärfen, wie er sich zu verhalten habe. Als er dann zurückgekehrt war, schloß er sich ein und zog sich leise an. Er mußte, wenn die Kriegskassensucher das Gasthaus verließen, bereit sein, ihnen zu folgen.

Als dann das Leben sich im Haus zu regen begann, huschte er einmal hinab, um zu gebieten, daß keinem, der etwa nach ihm und seinem Gefährten fragen würde, Auskunft erteilt werden solle. Ein Baron und ein Kapitän, das waren hier so seltene und so vornehme Leute, daß er überzeugt war, man werde genug Respekt haben, sein Gebot zu befolgen.

Nun stellte er sich auf die Lauer. Er bedauerte, daß er keine Waffen bei sich trug; doch hatte er ein Einschlagemesser bei sich, dessen eine Klinge so lang, scharf und spitz war, daß es sich immerhin als Verteidigungswaffe, unter Umständen sogar zum Angriff, gebrauchen ließ.

Endlich regte es sich in dem Zimmer neben ihm. Der Bewohner desselben hatte ausgeschlafen und begab sich nach kurzer Zeit hinab in die Gaststube. Eine halbe Stunde verging, und dann sah Richemonte, daß drei Personen aus dem Haus traten und sich langsam entfernten. Zwei waren frühere Kutscher, Florian und sein Verwandter, und das Gesicht des dritten zeigte eine solche Familienähnlichkeit, daß der Kapitän in ihm sofort einen Königsau erkannte.

Jetzt verließ auch er sein Zimmer und begab sich eiligst zu dem Baron, den er noch im Bett fand.

„Schon wach?“ sagte Sainte-Marie. „Wir wollen doch nicht etwa schon aufbrechen?“

„Nein“, antwortete er. „Du kannst ruhig liegen bleiben. Wir werden heute noch nicht abreisen.“

„Nicht?“ rief der Baron, ebenso erfreut wie verwundert. „Aus welchem Grund?“

„Ich habe keine Zeit, dir das jetzt auseinanderzusetzen. Ich muß schleunigst ausgehen und komme wohl erst am Abend nach Hause. Dann wirst du erfahren, um was es sich handelt. Ich hoffe, daß du dir die Zeit nicht lang werden läßt.“

Er hatte keine Ahnung von der Freude, welche er mit dieser Mitteilung seinem Verwandten machte, und verließ nun das Gasthaus mit dem festen Vorsatz, Königsau und seine beiden Begleiter nicht aus dem Auge zu lassen.

Draußen vor dem Dorf bekam er sie zu Gesicht. Sie waren von der Straße abgewichen und machten sich an einem Feld zu schaffen. Bei demselben stand nämlich ein Pflug, neben welchem eine Hacke und eine Schaufel lagen. Die beiden letzteren Instrumente waren ihnen ein sehr willkommener Fund. Sie nahmen dieselben auf und entfernten sich rasch, um nicht etwa mit dem Eigentümer in Kollision zu kommen.

Richemonte folgte ihnen von weitem. Das Terrain war ein sehr kupiertes, und so wurde es ihm nicht schwer, sie im Auge zu behalten, ohne von ihnen gesehen zu werden. Erst als sie den Wald erreichten, mußte er sich näher an sie heranmachen, um sie sich nicht entgehen zu lassen. – – –

Was den Baron betrifft, so dachte er mit Wohlgefallen an sein gestriges Abenteuer. Er befahl dem Diener, ihn im Gasthof zu erwarten, und begab sich zu der verabredeten Zeit zu dem Rendezvous. Der betreffende Baum war sehr leicht zu finden, da er weit über seine Umgebung emporragte.

Adeline hatte bereits auf ihn gewartet und duldete es ohne Widerstreben, daß er sie mit einem Kuß begrüßte.

„Beinahe wäre es mir unmöglich gewesen, Wort zu halten“, sagte sie.

„Warum?“

„Weil mein Vater heute selbst geht, um Kräuter zu suchen, die ich noch nicht kenne. Er hat einige Patienten in seiner Herde, für welche er die Pflanzensäfte braucht. Nun sollte ich mit der Mutter bei den Tieren bleiben, habe aber einen alten Gevatter zu ihnen gestellt.“

„Das hast du recht gemacht, mein liebes Kind. Wir werden nun miteinander durch Busch und Wald streifen und einige sehr schöne und glückliche Stunden genießen.“

Das geschah. Sein Kopf war geschwächt; er dachte nicht an die Folgen, welche seine Begegnung mit der reizenden Adeline haben könne; er sagte ihr seinen Namen, nannte ihr seinen Wohnort und gab ihr schließlich in seiner Gedankenlosigkeit das Versprechen, sie zu heiraten.

Was Adeline betrifft, so fühlte sie keine Leidenschaft für ihn. Seine Person war keine unangenehme; sie konnte ihn gut leiden. Die Hauptsache für sie bestand in seinem vornehmen Rang. Und als er ihr endlich gar das erwähnte Versprechen gab, da war für sie kein anderer Gedanke und keine andere Rücksicht vorhanden, als ihn bei diesem Versprechen festzuhalten. Baronin von Saint-Marie zu werden, welch ein Gedanke! Um ihn zu verwirklichen, wäre sie zu allem fähig gewesen, vielleicht selbst zu einem Verbrechen.

So streiften sie durch den Wald, zuweilen sich zu einer kurzen Ruhe niedersetzend, um die Süßigkeiten der Liebe gegenseitig auszutauschen. Sie achteten dabei nicht auf die Richtung und den Weg; die Liebe war der einzige Gedanke, den sie hatten.

Sie saßen jetzt abermals im duftenden Moos, sich liebkosend und von der glänzenden Zukunft sprechend, welche dem armen Hirtenmädchen bevorstand, als plötzlich, gar nicht weit von ihnen, ein lauter Schrei erschallte.

Sie horchten auf, und Adeline sagte:

„Mein Gott, das war kein gewöhnlicher Schrei! Es ist –“

Sie hielt inne und fuhr erschrocken zusammen, denn es erscholl ein Hilferuf, laut und gräßlich, wie ihn nur einer, welcher sich in Todesgefahr befindet, ausstoßen kann.

„Was geschieht da!“ stieß er hervor. „Mein Vater ist im Wald! Komm!“

Sie faßte den Baron bei der Hand, um ihn fortzuziehen.

„Ja“, sagte er. „Es befindet sich jemand in Todesgefahr. Komm! Wir müssen helfen!“

Er rannte voran, und sie folgte ihm. Die beiden Rufe hatten ihnen die Richtung angegeben. Sie gelangten an eine Stelle, wo der Boden des Waldes sich zu einer Art Schlucht niedersenkte. Da unten war der Schauplatz eines erbitterten Kampfes.

Zwei Männer hatten einen dritten gepackt; sie strengten sich an, denselben niederzuringen, während er sich mit einem Messer gegen sie wehrte. Nicht weit von ihnen lag ein vierter auf der Erde; er schien tot zu sein. In kurzer Entfernung von der ringenden Gruppe sah man ein breites, frisch gegrabenes Loch, aus welchem die Stiele einer Hacke und einer Schaufel emporragten.

Die beiden ersteren waren Florian und sein Neffe; der dritte mit dem Messer war Richemonte, und der, welcher mit einer Stichwunde in der Brust an der Erde lag, war kein anderer als Gebhard von Königsau.

Der Baron sah seinen Verwandten in offenbarer Lebensgefahr. Er wußte zwar nicht, um was es sich handele, aber er fühlte den Drang, Richemonte beizustehen. Er sprang die steile Böschung hinab, ohne von den Ringenden, welche nur mit sich selbst beschäftigt waren, bemerkt zu werden, ergriff die Hacke, holte aus und schlug mit solcher Gewalt auf Florian ein, daß der arme, treue Mensch mit vollständig zerschmettertem Kopf zusammenbrach. Ein zweiter Hieb traf den Verwandten des einstigen Kutschers. Richemonte hielt ihn mit den Armen fest umschlossen.

„Ah! Du!“ rief er. „Welch ein Glück! Komm, schlage auch den nieder! Ich halte ihn fest!“

Der junge Mensch konnte sich nicht bewegen. Er sah die Hacke hoch erhoben, stieß einen fürchterlichen Angstschrei aus und lag im nächsten Moment neben seinem ermordeten Oheim.

Richemonte schnaufte noch vor Anstrengung. Er hatte es mit kräftigen Gegnern zu tun gehabt. Fast atemlos fragte er:

„Aber wie kommst du hierher?“

Der Baron stand wie eine Bildsäule vor ihm. Mit noch erhobener Hacke starrte er nach den Leichen der beiden Männer, welche er getötet hatte.

„Nun?“ drängte Richemonte ungeduldig.

Da sah ihn der Baron wie abwesend an und antwortete:

„Was sagtest du?“

„Ich will wissen, wie du an diesen Ort gekommen bist.“

„Ich ging spazieren. Aber, mein Gott! Die Hacke ist voller Blut und dein Messer auch.“

Richemonte blickte es an, verzog den Mund zu einem grimmigen Lächeln und antwortete:

„Natürlich ist es blutig! Ich habe ja diesen Menschen damit niedergestochen!“

„Wer ist er? Warum griffen sie dich an?“

„Sie mich? Pah! Ich war es, welcher angriff!“

„Du? Warum?“

Seine Augen zeigten einen eigentümlichen, irren Flimmer, und der Ton seiner Stimme war nicht mehr derjenige eines Menschen, welcher vollständig selbstbewußt redet und handelt. Der Anblick des Blutes hatte die alten Erinnerungen wachgerufen.

„Du kennst diesen Menschen nicht“, antwortete Richemonte, auf Gebhard deutend. „Er hat mit den beiden anderen hier dieses Loch gegraben. Kannst du dir denken, warum er von Deutschland hierhergekommen ist, um die Hacke in diesen Boden einzuschlagen?“

„Nein.“

„So will ich dir sagen, daß hier die Kriegskasse vergraben liegt, welche wir so lange gesucht haben.“

Da kehrte das Bewußtsein in den Blick des Barons zurück. Seine Augen leuchteten auf, und er rief:

„Die Kriegskasse? Donnerwetter! Wir werden reicher!“

„Ja, wir werden Millionen besitzen. Dieser Mensch ist Gebhard von Königsau, welchen wir bereits in Algerien verfolgten! Er ist uns damals entgangen; jetzt aber habe ich meine Rechnung vollständig mit ihm abgeschlossen. Der andere hier ist der Kutscher Florian, und der dritte sein Verwandter, wie ich gestern erlauschte.“

Der Baron war an den Rand des Lochs getreten. Er blickte hinab, die Hacke noch immer in der Hand. Sein Gesicht hatte jenen Ausdruck wieder angenommen, welcher ein Vorbote eines jener Anfälle war, unter denen der geistig Gestörte zu leiden hatte.

„Das Geld ist da unten! Der Schatz! Die Kriegskasse! Da muß man hacken, hacken! Heraus mit dem vielen Geld, und hinein mit den Erschlagenen!“

Während er diese Worte sprach, sprang er in das Loch hinab und begann zu hacken, ohne sich weiter um den alten Kapitän zu bekümmern.

Dieser hatte antworten und in seiner Erklärung fortfahren wollen, kam aber nicht dazu. Seine Augen waren erschrocken nach dem Rand der Schlucht gerichtet, von welchem zwei Personen langsam herabgestiegen waren.

Während nämlich der Baron dem Kapitän zu Hilfe gesprungen war, hatte Adeline vor Schreck über den Anblick der Kämpfenden, ihre Schritte gehemmt. Sie war kein furchtsames Wesen, der erste Eindruck war rasch bekämpft, und schon wollte sie dem Geliebten folgen, als sie hinter sich das Geräusch von schnellen Schritten hörte.

Sie drehte sich um und erblickte – ihren Vater, welcher, als er sie erkannte, erstaunt stehen blieb. Er hatte ein Messer mit sehr langer Klinge in der Hand. Es diente ihm zum Ausgraben der Wurzeln.

„Du hier, Mädchen?“ fragte er. „Ich denke, du bist daheim! Wer hat gerufen? Wer befindet sich in Gefahr?“

„Da, sieh!“ antwortete sie, nach unten deutend.

Er blickte hinab, gerade in dem Augenblick, in welchem der Baron den zweiten niederschlug.

„Ah! Mörder!“ meinte er. „Ich muß hinab!“

Sie faßte ihn am Arme und hielt ihn zurück.

„Halt, halt!“ raunte sie ihm zu. „Der eine ist mein Geliebter, ein Baron. Wenn du willst, daß ich Baronin werden soll, so sei still und menge dich nicht eher in diese Sache, als bis ich es will!“

Er machte ein höchst verblüfftes Gesicht.

„Du, eine Baronin?“ fragte er.

„Ja; komm mit hinab! Richte dich nur ganz genau nach meinem Verhalten!“

Richemonte sah sie kommen. Der Schreck verzerrte für einen Augenblick seine Züge. Er nahm den Griff seines Messers fester in die Hand. Der Schäfer hielt aber das seinige auch noch gefaßt. Zwei Zeugen des Mordes! Sollte es nochmals zum Kampf kommen?

„Herr Kapitän, befürchten Sie nichts!“ rief ihm Adeline entgegen. „Wir kommen als Freunde!“

„Wie! Sie kennen mich?“ fragte er.

„Ja. Ich habe dem Herrn Baron im Wald Gesellschaft geleistet, und da wurde natürlich auch von Ihnen gesprochen.“

„Wer sind Sie?“ fragte er finster.

„Ich heiße Adeline Verdy. Mein Vater ist Schäfer in dem Ort, wo Sie heute übernachteten.“

„Ah! So sind Sie wohl eine Tänzerin von gestern abend und hatten ein Stelldichein im Wald verabredet?“

„So ist es“, antwortete sie offen, obgleich seine Miene eine höchst verächtliche war.

„So sind Sie eine Kurtisane?“

„Ich weiß nicht, was dieses Wort bedeutet. Was ich bin, das werden Sie wohl noch erfahren.“

„Schön, schön, meine Verehrteste! Sie haben gesehen, was hier geschehen ist?“

„Natürlich!“

„Auch gehört, was wir gesprochen haben?“

„Jedes Wort.“

„Hole Sie der Teufel! Wie können Sie meinen Gefährten verführen, mit Ihnen im Wald herumzuschleichen! Wie können Sie sich mit Angelegenheiten befassen, welche nicht die Ihrigen sind?“

„Diese Angelegenheit ist gerade so gut die meinige wie die Ihrige; auch das werde ich Ihnen zu beweisen wissen. Hier ist ein Schatz vergraben, eine Kriegskasse. Diese drei Männer wollten sie holen und wurden dabei von Ihnen und dem Baron ermordet. Lassen Sie uns sehen, ob hier in Wirklichkeit etwas vergraben liegt. Du aber, Vater, halte dein Messer bereit. Dem Herrn Kapitän ist nicht zu trauen!“

Sie trat an das Loch, um den Bemühungen des Barons zuzuschauen. Der Schäfer bog sich zu den Toten nieder, um sie genauer zu betrachten. Richemonte wußte gar nicht, wie er sich verhalten solle. Dieses Mädchen hatte ihm gegenüber eine Sicherheit entwickelt, welche ihn in Bestürzung versetzte. Sie mußte sich im Besitz einer Tatsache befinden, welche ihr Grund gab, sich nicht vor ihm zu fürchten. Er trat zu ihrem Vater und fragte!

„Sie waren auch mit dem Baron im Wald?“

„Das geht Sie nichts an!“ brummte der Schäfer, welcher nicht wußte, ob er mit Ja oder Nein antworten solle. „Wir haben gesehen, daß Sie diese drei Männer ermordeten. Das Weitere wird sich finden.“

„Ah! Sie wollen den Inhalt der Kasse wohl mit uns teilen?“

„Was wir wollen, geht Sie jetzt noch nichts an! Sehen Sie zunächst zu, ob die Kasse wirklich zu finden ist.“

Der Kapitän zog die Lippe empor und entblößte seine langen, gelben Zähne. Er hätte den Schäfer und dessen Tochter am liebsten erstochen, fürchtete sich aber vor dem Messer des ersteren und wollte auch erst abwarten, was die beiden Personen gegen ihn unternehmen würden. Darum beschloß er, ihre Gegenwart zunächst zu ignorieren und den Baron bei seiner Arbeit zu unterstützen. Er stieg in die Grube und nahm die Schaufel in die Hand.

Der Baron arbeitete, ohne sich um irgendwen zu kümmern, wie ein Wahnsinniger, der er in diesem Augenblick auch wirklich war. Das Loch wurde zusehends breiter und tiefer, aber es zeigte sich keine Spur eines Kastens oder sonstigen Gefäßes.

Der Schäfer stand mit seiner Tochter am Rand der Grube. Es war ihm, als ob er träume. Seine Tochter wollte eine Baronin werden; man wollte hier eine Kriegskasse ausgraben. Beides war ja unglaublich! So verging eine halbe Stunde nach der anderen, ohne daß man etwas fand. Da sprang der Kapitän aus der Grube und rief:

„Nichts liegt da, gar nichts! Dieser Kerl, dieser Königsau, muß sich geirrt haben! Er hatte einen Zettel, einen Plan, nach dem er sich richtete. Wo muß er ihn haben? Wo ist dieses Papier hingekommen?“

Er suchte überall, ohne das Gesuchte zu finden. Da meinte die Schäferstochter, welche eine Sicherheit entwickelte, als ob sie in alle Verhältnisse eingeweiht sei:

„Hat er ihn vielleicht eingesteckt? Vater, suche den Toten dort einmal aus!“

Der Zettel war allerdings jetzt unmöglich zu finden. Er war, als Königsau von dem Kapitän rücklings überfallen wurde, und den Messerstich erhielt, zur Erde gefallen. Während des nachfolgenden Ringens hatten die drei Männer ihn in das aus der Grube aufgeworfene Land so tief hineingetreten, daß er nicht mehr zu sehen war, und Richemonte hatte dann so viel Erde darauf geschaufelt, daß alles Nachsuchen vergeblich sein mußte.

Während der alte Schäfer in die Taschen Gebhards griff und denselben hin und her wendete, begann aus der Wunde, welche nicht mehr geblutet hatte, das Blut von neuem zu fließen. Zu gleicher Zeit bewegte der Totscheinende die Arme.

„Herrgott! Er lebt noch!“ rief der Schäfer.

„Wirklich? Ist es wahr?“ fragte Richemonte, indem er schnell hinzutrat.

„Ja, er bewegt die Arme. Ich werde ihn untersuchen.“

Der Mann mochte einige chirurgische Kenntnisse besitzen. Er unterwarf den Deutschen einer eingehenden, möglichst genauen Untersuchung und meinte dann:

„Er lebt wirklich! Er ist nicht tot.“

„Wird er wieder zum Bewußtsein kommen?“ fragte Richemonte.

„Gleich wohl nicht. Die Verwundung ist eine schwere, eine lebensgefährliche. Er könnte bei guter Pflege wohl noch gerettet werden. Aber ehe er zum Bewußtsein gelangen könnte, wird ihn das Wundfieber gepackt haben.“

„Verdammt! Wir haben ihn in unserer Gewalt. Wir könnten ihn zwingen, uns das Geheimnis mitzuteilen. Wenn er stirbt, geht es verloren; wenn er aber leben bleibt, so wird er uns gefährlich!“

Er strich sich nachdenklich die Spitzen seines Bartes; dann wendete er sich mit einer raschen Bewegung an das Mädchen!

„Mademoiselle, haben Sie gelernt, zu schweigen?“

„Ja“, antwortete sie.

„Kann man sich auch auf Ihren Vater verlassen?“

„Geradeso, wie auf mich selbst.“

„Und würden Sie beide schweigen, wenn ich Ihnen verspreche, daß, falls wir die Kasse noch finden, Sie einen Teil der darin befindlichen Summe erhalten sollen?“

„Ja“, antwortete sie nachdenklich. „Ich setze aber voraus, daß dieser Teil ein nicht zu armseliger ist. Wieviel geben Sie?“

„Den zehnten Teil.“

„Das ist genug. Wir werden also schweigen.“

Es war eigentümlich, die Gesichter der beiden jetzt zu beobachten. Der Kapitän machte das Gesicht eines Fuchses, welcher mit der Henne einen ewigen Frieden schließt, um sie desto eher verspeisen zu können. Das Mädchen aber ließ ein Lächeln sehen, hinter welchem viel mehr verborgen lag, als der Alte ahnte. Der letztere fuhr fort:

„So sind wir also einig. Der Zufall hat uns zusammengeführt, und so wollen wir auch Verbündete bleiben. Es gilt, diesen Verwundeten heimlich so lange zu pflegen, bis er sprechen und uns sein Geheimnis mitteilen kann. Könnten Sie ihn nicht in Ihrer Wohnung aufnehmen?“

„Es würde sich vielleicht ermöglichen lassen, Monsieur.“

„Aber es dürfte kein Mensch etwas merken.“

„Das versteht sich ganz von selbst. Vorsicht und Verschwiegenheit liegen ja in unserem eigenen Interesse.“

„Nun gut. So wollen wir ihn verbinden, damit er nicht verblutet. Sie halten mich für den Mörder dieser Leute?“

„Ja“, antwortete sie, ihn furchtlos anblickend.

„Sie irren sich. Ich werde Sie von den Verhältnissen unterrichten, und dann sollen Sie sehen, daß Ihre gegenwärtige Meinung eine falsche ist.“

Sie nickte ihm freundlich zu und antwortete:

„Und Sie sollen auch meine Verhältnisse kennenlernen. Dann werden Sie überzeugt sein, daß ich alle Ursache habe, nichts zu tun, was zu Ihrem Schaden ist.“

„Ah! Wieso?“

„Davon später! Jetzt haben wir mehr zu tun.“

„Sie haben recht. Den Verwundeten können wir erst dann, wenn es dunkel ist, nach Ihrer Wohnung bringen. Bis dahin haben wir zu tun. Das Loch muß wieder zugeschüttet werden.“

„Und die Leichen?“

„Legen wir mit hinein. Vorwärts! Komm heraus!“

Diese letzten Worte galten dem Baron, welcher noch immer im Schweiße seines Angesichtes an der Vergrößerung des Loches arbeitete. Der Kapitän mußte ihn am Arm ergreifen und herausziehen. Er war von einem Anfall seiner Krankheit ergriffen worden. Sein Blick fiel auf die zerschmetterten Köpfe der beiden Leichen. Sie sahen gräßlich aus. Seine Augen wurden noch stierer, als sie vorher gewesen waren; er fuhr sich mit beiden Händen in die sich sträubenden Haare und rief in jammerndem Ton:

„Gott, ich habe sie gemordet! Ich bin ein Mörder! Wo ist die Kriegskasse? Wo ist sie?“

„Still!“ raunte ihm der Kapitän zu. „Soll man uns etwa hören und erwischen!“

„Erwischen? Nein, nein! Seid still, still! Sprecht leise, ganz leise! Aber der Mörder bin ich doch!“

„Es gibt Stunden, in denen sein Geist krank ist“, erklärte Richemonte den beiden anderen.

„Ich werde ihn gesund machen“, meinte Adeline.

Sie trat zu dem Baron, legte den Arm um ihn, drückte ihn zärtlich an sich und sagte:

„Sei ruhig! Sei still! Du bist doch kein Mörder!“

Er blickte ihr forschend in das Angesicht, und dabei schien es in seinem Geist ein wenig heller zu werden.

„Kein Mörder?“ fragte er. „Wer aber bist denn du? Ah, du bist meine Tänzerin, Adeline, die schöne Hirtentochter! Ja, ich bin kein Mörder. Du aber bist meine Braut, meine Geliebte. Komm, laß dich küssen!“

Er zog sie an sich und küßte sie auf den Mund. Sie litt es geduldig, als ob sich das von selbst verstehe.

„Adeline!“ meinte ihr Vater verwundert.

„Donnerwetter!“ bemerkte der Kapitän. „Eure Bekanntschaft scheint eine sehr innige zu sein!“

„Aber eine heilsame für den Kranken, wie Sie sehen“, antwortete Adeline.

Sie führte den Baron, der sich willenlos von ihr leiten ließ, nach einer kleinen Bodenerhöhung, wo sie mit ihm wie auf einem Felsen Platz nahm. Ihr Vater sah ihr verwundert zu. Sie schien ihm ein ganz anderes Wesen geworden zu sein. Der Kapitän aber brummte in den Bart:

„Alle Teufel! Da kommt mir eine Person in den Weg, welche mir sehr bequem, aber auch sehr unbequem werden kann. Welches von beiden das richtige ist, das wird sich ja wohl zeigen, und danach habe ich mich dann zu richten.“

Er forderte den Schäfer auf, ihm bei der Zuwerfung der Grube behilflich zu sein. Der Mann gehorchte. Er war, so lange er lebte, ein armer, aber ehrlicher Kerl gewesen. Jetzt war er auf einmal Zeuge eines mehrfachen Mordes geworden; er fühlte sich betäubt, er arbeitete, ohne zu wissen, was er eigentlich tat; er half, die beiden Leichen in das Loch legen, er schüttete die Erde in dasselbe, er stampfte sie fest und streute Laub und Reisignadeln auf die Stelle, welche nun bedeutend höher geworden war als vorher. Er tat das fast ganz ohne Willen und Absicht, so ungefähr, wie ein Nachtwandler es getan haben würde.

Unterdessen hatten der Baron und Adeline sich leise flüsternd unterhalten. Der erstere hatte unter fortwährender Liebkosungen ihr Mitteilungen gemacht, welche von ungeheurer Wichtigkeit für sie waren, wie ihre verstohlenen Blicke zeigten, welche sie von Zeit zu Zeit triumphierend auf Kapitän Richemonte richtete.

Endlich brach der Abend herein, und nun wurde der Verwundete auf eine bis dahin improvisierte Tragbahre gelegt und von Richemonte und dem Schäfer nach dem Häuschen des letzteren getragen. Der Baron und Adeline folgten Arm in Arm, als ob es sich ganz von selbst verstehe, daß sie so innig zusammen gehörten.

Was an diesem Abend in der Hütte des Schäfers noch geschah und verhandelt wurde, das deckte der Schleier des Geheimnisses. Der Knecht aus Jeannette wunderte sich nicht wenig, daß seine beiden Herren so spät nach dem Gasthof zurückkehrten. Geradezu bestürzt aber war er über den aufgeregten Zustand des Barons, welcher fast an Raserei grenzte.

Das, was Saint-Marie laut schrie und erzählte, war geradezu gefährlich. Der Kapitän mußte ihn mit Hilfe des Dieners binden und knebeln. Unter diesen Umständen war von einem Hierbleiben keine Rede. Es wurde ein Wagen zur Stelle geschafft; man lud den Baron auf und verließ noch während der Nacht den so verhängnisvollen Ort.

Das Ende der Reise, deren Erfolg erst ein so vorteilhafter gewesen war, zeigte sich als dem gerade entgegengesetzt. Der Baron war kaum zu bändigen. Er sah nur die Geister erschlagener Menschen und tief geöffnete Gruben mit Kriegskassen. Er bildete sich ein, während jeder Schlacht, bei Austerlitz, Magenta, Solferino und vielen anderen, Kriegskassen gestohlen zu haben. Er schrie einmal nach Liama und das andere Mal nach Adeline, um bei ihnen Rettung zu suchen vor den Gestalten, welche ihn verfolgten.

Die Ärzte, welche zu Rate gezogen wurden, rieten zu einer dauernden Ortsveränderung, und da sich gerade Gelegenheit bot, Jeannette mit einer anderen Besitzung zu vertauschen, so ging der Kapitän auf diesen Handel ein. Er war im Grunde genommen ganz froh, von Jeannette fortzukommen, denn mit diesem Ort waren zu unangenehme Erinnerungen für ihn verknüpft, und außerdem hatte er die Erfahrung gemacht, daß die Bewohner desselben mehr von seinen Verhältnissen erfahren hatten, als ihm lieb und angenehm sein konnte.

Der Ort, nach welchem er übersiedelte, war Ortry. Er hatte nur erst kurze Zeit da gewohnt, als ihm gemeldet wurde, daß eine junge Dame angekommen sei, welche ihn zu sprechen wünsche. Er staunte nicht wenig, in dieser Dame Adeline, die Schäferstochter zu erkennen. Sie war ganz wie eine Dame von Stand gekleidet. Jedenfalls hatte sie dazu einen Teil der Summe verwendet, welche der Kapitän ihrem Vater zurückgelassen hatte, um die zur Pflege Gebhards nötigen Ausgaben zu bestreiten.

„Bringen Sie mir gute Nachricht?“ fragte er sie.

„Ja“, lautete die Antwort. „Der Verwundete ist soweit hergestellt, daß für sein Leben nichts mehr zu befürchten ist.“

„Haben Sie über die Kriegskasse mit ihm gesprochen?“

„Ja. Er verweigert jede Auskunft.“

„Mir wird er sie nicht verweigern. Ich werde ihn zum Reden zu zwingen wissen! Noch heute fahren wir ab. Ich werde sogleich meine Reisevorkehrungen treffen.“

„Sie meinen, daß ich mit Ihnen fahren soll?“

„Natürlich!“

„Kann ich nicht vorher den Herrn Baron sehen?“

„Wozu?“

„Nun, es versteht sich ja ganz von selbst, daß ich gern sehen möchte, wie er sich befindet.“

„Das muß Ihnen gleichgültig sein. Sie scheinen zu vergessen, daß er sich nur in einem Anfall seiner Krankheit auf einige Augenblicke mit Ihnen beschäftigt hat. Zwischen einem Baron und einer Schäferstochter aber ist eine so große Kluft, daß Sie sich um das Befinden meines Sohnes gar nicht zu kümmern haben.“

Da stand sie von dem Stuhl auf, auf welchem sie Platz genommen hatte. Indem ihre Augen zornig aufblitzten, antwortete sie:

„Sie irren sich, Herr Kapitän! Der Unterschied zwischen einer ehrlichen Schäferstochter und Mördern, Dieben und gewesenen Spionen ist nicht so groß, wie Sie ihn hinstellen.“

Er machte eine Bewegung des zornigsten Erstaunens und rief:

„Wie meinen Sie das? Was wollen Sie damit sagen?“

„Ich will damit sagen, daß der Herr Baron mir alles erzählt hat. Während Sie die Grube zuwarfen, habe ich Ihre ganze Biographie von ihm erhalten. Ich weiß alles, alles, was Sie getan und verbrochen haben; ich stehe Ihnen mehr als ebenbürtig gegenüber und werde Ihnen beweisen, daß es ein großer Fehler ist, mich zu verachten, weil ich die Tochter eines ehrlichen Hirten bin.“

Da blitzte es heimtückisch in Richemontes Augen auf.

„Ah!“ sagte er. „Was mein Sohn gesprochen hat, ist ein Erzeugnis des Wahnsinns gewesen. Kommen Sie sofort mit zu ihm. Er wird alles, alles widerrufen.“

„Ich danke!“ antwortete sie, überlegen lächelnd. „Ich habe gehört, daß es in diesem Schloß viele verborgene Winkel gibt, in denen ich nicht gern verschwinden möchte. Ich gehe. Am Bett des Deutschen, den Sie töten wollten wie seine beiden Begleiter, werde ich mit Ihnen meinen Vertrag abschließen. Gehen Sie nicht auf denselben ein, so wird mein Vater sofort Anzeige des Geschehenen erstatten. Der, welcher verwundet in unserer Hütte liegt, ist der rechtmäßige Besitzer Ihres Eigentums, denn der einzige Saint-Marie, welchen es nach dem Tod des Marabut noch gab, ist von euch ermordet worden. Ich rate Ihnen: Machen Sie Ihren Frieden mit mir, sonst sind Sie verloren!“

VIERTES KAPITEL 

In der Gewalt des Erpressers

Der große Turenne sagte einstmals zum französischen Minister Louvois: „Ein unfriedfertiger Nachbar ist der schlimmste aller Feinde. Man ist gezwungen, ihm gegenüber stets auf dem ‚Qui vive‘ zu stehen, und dieses Mißtrauen ist ein ewiges Hindernis aller friedlichen Bestrebungen. Sieger kann nur derjenige bleiben, welcher von beiden der Verschlagenere und rücksichtslosere ist.“

Mag die augenblickliche Ursache dieses Ausspruchs gewesen sein, welche sie wolle, der berühmte französische Feldherr hat mit diesen Worten das Verhältnis Frankreichs zu Deutschland, wie es stets war und immer sein wird, ganz vortrefflich gezeichnet.

Nach den napoleonischen Kriegen hatte eine verhältnismäßig lange Ruhe die Deutschen besonders die Preußen innerlich kraftvoll erstarken lassen, ohne daß der oberflächlich urteilende Franzose es bemerken oder zugeben wollte. Der verbesserte Volksunterricht und treffliche Kriegsschulen hatten die Aufgabe gehabt, ausgezeichnete Offiziere und ein intelligentes Heer heranzubilden. Zöglinge dieser Kriegsschulen waren in entfernte Länder gesandt worden, um sich in den dortigen Kriegen an Erfahrungen und Anschauungen zu bereichern. Sie kehrten als tüchtige Strategen und Taktiker zurück, ohne daß dies von anderen beobachtet wurde.

Während Napoleon über Marschälle und Generäle verfügte, welche sich in Afrika, Rußland, China, Italien und Mexiko einen berühmten, vielleicht aber auch berüchtigten Namen gemacht hatten, besaß Preußen nur Wrangel, welcher zu alt war, um eventuell eine Heeresleitung zu übernehmen. Andere waren während des Schleswig-Holsteinischen Krieges zwar auch genannt worden, aber so oberflächlich, daß auswärts gar keine Notiz von ihnen genommen wurde.

Daß sogar preußische Prinzen, wie zum Beispiel Friedrich Karl, strategische Werke verfaßt hatten, hielt man für Spielerei, und war je einmal von einer Verbesserung oder Neuorganisation kriegerischer Institutionen die Rede, so verhallte die Kunde davon in dem Stimmengewirr; von Ereignissen, welche von größerer Wichtigkeit zu sein schienen. Der deutsche Michel besitzt eben einen guten Teil Mutterwitz und hat es verstanden, im europäischen Spiel nicht ahnen zu lassen, welche Karten er habe und welche Trümpfe zuletzt aufzulegen er imstande sei. Ihm das edle Schach anzubieten, hielt man für zu ungebildet und befangen; man hatte ihm nur erlaubt, an einer ungeschickten Partie Schafkopf teilzunehmen. Warf man ihm ja einen Stecher hin, so gab er klein zu. Man ahnte nicht, daß er schlauerweise die Matadore in der Hand behielt, um am Schluß die Gegner desto sicherer zu schlagen.

War in Paris von Bismarck, von Moltke die Rede, so zuckte man die Achseln. Der erstere war ein mittelmäßiger Staatsmann mit ungewandten Manieren, und der letztere ein Offizier, weiter nichts. Mit solchen Männern brauchte man nur so zu rechnen, wie der Spieler mit gewöhnlichen Blättern: sie gehören zur Karte, sind aber nichts weniger als entscheidend.

Nachdem Napoleon die mexikanische Schlappe erhalten hatte, ließ er sich im Gefühl der Blamage allerdings herbei, mit diesem Bismarck in einen Notenwechsel zu treten. Er bot Preußen eine Gebietsvergrößerung um acht Millionen Einwohner an und verlangte dafür den preußischen, bayrischen und hessischen Landesteil, welcher zwischen dem Rhein und der Mosel liegt. Dieser Streich sollte das Ansehen, welches er bei seinem Volk verloren hatte, wieder herstellen. Wie ungeschickt, wie tölpelhaft, daß dieser Bismarck nicht auf denselben einging! Mit diesem sogenannten Lenker des preußischen Staatswesens war eben ganz und gar nicht anständig zu verkehren!

Nun knüpfte Napoleon mit Wien ganz ähnliche Unterhandlungen an. Österreich ging darauf ein, Venetien abzutreten und dafür preußisch Schlesien zu erhalten. Zu gleicher Zeit erklärte der Kaiser den Franzosen, daß den deutschen Mittel- und Kleinstaaten mehr Selbständigkeit zu gewähren sei. Damit hatte er dem ‚ungeschickten‘ Bismarck den Rache- und Fehdehandschuh hingeworfen. Der ungelenke Deutsche bückte sich gleichmütig und hob ihn auf.

Napoleon hatte einen österreichischen Erzherzog in das Verderben und den Tod getrieben; jetzt trieb er das Vaterland des armen Max von Mexiko in das Unglück.

Preußen marschierte. Die Namen seiner Feldherren waren fast unbekannt; Österreich konnte ihm berühmte Männer entgegenstellen. In Paris spekulierte man auf eine rasche Niederwerfung Preußens oder, was man noch lieber sah, auf ein langwieriges, wechselvolles Ringen der beiden Gegner. Ein solches hätte Frankreich Gelegenheit zu hundert günstigen Schachzügen gegeben. Es kam anders. Preußen siegte; es warf seinen Gegner, der leider sein Bruder war, mit ungeahnter Schnelligkeit darnieder; dasselbe geschah mit den anderen deutschen Staaten.

Auch jetzt noch unterschätzte Napoleon die Kräfte des Siegers. Er verlangte durch den Gesandten Benedetti die Grenze vom Jahre 1814. Dadurch wären Rheinbayern und Rheinhessen nebst Mainz an Frankreich gekommen. Außerdem sollte Preußen auf das Besatzungsrecht in Luxemburg verzichten. Im Weigerungsfall drohte der Kaiser mit Krieg gegen Preußen.

Bismarck schloß, ohne Frankreich zu fragen, Frieden mit Österreich und antwortete dem Kaiser kurz entschlossen:

„Gut, so machen Sie Krieg! Bekommen werden Sie nichts!“

Nur auf Zuraten anderer nahm Napoleon seine Kriegsandrohung zurück, wendete sich aber, um auch diese Schlappe zu verbergen, wegen Ankaufs von Luxemburg an den König von Holland. Er wollte den Franzosen auf alle Fälle eine Gebietserweiterung bringen. Der König von Holland war nicht abgeneigt; aber Bismarck erfuhr davon und erklärte öffentlich, daß er seine Einwilligung versage. Zugleich machte er die Bündnisverträge bekannt, welche er mit den süddeutschen Staaten abgeschlossen hatte, und so sah Napoleon sich abermals durch den Deutschen zurückgewiesen und besiegt.

Diese wiederholten Niederlagen Napoleons gegen Bismarck wirkten sehr verhängnisvoll auf die inneren Verhältnisse Frankreichs zurück. Der Kaiserthron verlor immer mehr und mehr von seinem Glanz. Die Parteien begannen, an demselben zu rütteln. Man verlangte Rache an Deutschland, und die Kaiserin Eugénie tat alles, um den Kaiser zu einem Krieg zu bestimmen. Napoleon hörte nicht auf, Preußen durch Anerbietungen auf Kosten Deutschlands und Belgiens in Versuchung zu führen, mußte aber einsehen, daß alle diese Anträge an der eisernen Stirn Bismarcks abprallten. So wurde denn der Krieg beschlossen und die Vorbereitungen dazu heimlich begonnen. Napoleon sah ein, daß sein bereits wankender Thron stürzen werde, wenn es ihm nicht gelinge, Deutschland in den Staub zu treten. Er erklärte, um seine Absicht zu verbergen, daß die Aufrechterhaltung des Friedens zu keiner Zeit gesicherter gewesen sei als eben jetzt; aber Bismarck war nicht der Mann, sich durch eine so grobe List täuschen zu lassen.

Dieser große Staatsmann war überzeugt, daß Frankreich nach einer Ursache suche, um den Krieg erklären zu können, und daß es schließlich den ersten besten Vorwand dazu vom Zaun brechen werde.

Napoleon überschätzte die Vorteile der französischen Heeresverfassung. Er hatte bei General Leboeuf, dem Kriegsminister, angefragt und von diesem die Antwort erhalten: „Nous sommes archiprêts“. Das heißt zu deutsch: „Wir sind erzbereit“, also im höchsten Grad bereit. Auch das hatte Bismarck erfahren, und es läßt sich denken, daß er seine Maßregeln danach ergriff.

In jener Zeit lag in einer der engen Nebengassen, welche die Rue des Poissonniers mit der Chaussee de Clignancourt verbinden, eine jener unheimlichen Tavernen, deren Existenz nur darum von der Polizei geduldet wird, weil sie als Mausefallen benutzt werden. Solche Kneipen bleiben lange Zeit scheinbar unbeobachtet und unbeaufsichtigt; aber dann stellen sich plötzlich eines schönen Abends die Sicherheitsbeamten ganz unvermutet ein, um meist einen reichen Fang zu machen.

Der Wirt dieser Taverne, ein verschlagener und zugleich verwegener Mensch, machte den Dieb und Hehler zu gleicher Zeit; aber noch niemals war es der Polizei gelungen, ihn so zu fassen, daß man ihn hätte bestrafen können. Die bei ihm verkehrenden Gäste waren Leute, welche mit den Gesetzen mehr oder weniger in Konflikt geraten waren, und wurden von Kellnerinnen bedient, deren Charakter kaum mehr ein zweideutiger zu nennen war.

Das Haus hatte eine sehr schmale Front, und nie zeigte dieselbe des Abends ein erleuchtetes Fenster. Es schien ganz unbewohnt zu sein, außer dem Keller, in welchem sich die betreffende Restauration befand und zu welchem man auf einer Reihe von gebrechlichen Stufen hinabsteigen mußte.

Dieser Keller war lang und schmal. Man hatte ihn in verschiedene Abteilungen geteilt, deren vorderste die Gäste innehatten. Nur diejenigen, denen der Wirt ein besonderes Vertrauen schenkte, durften die hinteren Räume betreten, worüber sie aber gegen andere kein Wort verloren.

Heute saß vielleicht ein Dutzend Männer an einer Tafel. Ein jeder hatte ein großes Glas mit scharfem Schnaps neben sich stehen. Die Unterhaltung war eine höchst einsilbige. Den Wirt hatte bis jetzt noch niemand gesehen. Das Äußere der beiden Kellnerinnen, welche zugegen waren, das heißt ihr Aussehen und ihre beinahe freche Bekleidung, ließ auf ein vollständig destruiertes Ehrgefühl schließen. Die eine saß mitten unter den Männern, hatte den einen derselben beim Kopf genommen und tat von Zeit zu Zeit einen tüchtigen Zug aus seinem Glas. Die andere saß allein in einer Ecke, hatte den Kopf in die Hand gestützt, so daß ihr Gesicht im Schatten lag, und schien nicht bei sehr guter Laune zu sein.

Der ihr am nächsten Sitzende wendete sich ihr zu und sagte:

„Was ist denn mit der Sally? Sie sieht ja aus, als ob sie von Vater Main den Abschied bekommen hätte!“

„Den Abschied?“ lachte das andere Mädchen. „Oh, der ist ihr sicher genug! Vater Main ist nur ungehalten, weil sie seit letzter Zeit so ungeheuer zimperlich und spröde geworden ist.“

„Spröde? Das war sie doch früher nicht. Man hat sich mit ihr stets ein Vergnügen machen können.“

Das Mädchen zuckte die Achseln, warf den Mund auf und meinte:

„Hm! Sie hat einen Anbeter.“

„Einen Anbeter? Einen Geliebten? Donnerwetter! Wer ist der Kerl? Kenne ich ihn?“

„Nein. Du bist ja längere Zeit nicht hier gewesen. Er ist ein Fremder, der erst seit einiger Zeit hier verkehrt.“

„Dann ist Vater Main sehr unvorsichtig geworden!“

„Wieso?“

„Nun, einen Fremden läßt man doch nicht so schnell einheimisch werden, daß er den Stammgästen das Mädel wegschnappt.“

„Oh, er schnappt noch anderes weg.“

„Was?“

„Das Geld.“

„Ah! Er spielt?“

„Ja, und zwar sehr gut.“

„Bei euch? Da oben?“

Dabei machte der Frager eine geheimnisvolle Fingerbewegung nach der Decke zu.

„Natürlich da oben!“

„Wagt man denn nicht zu viel, ihn da einzuweihen? Ist er einer der Unserigen?“

„Er gehört zu uns. Er ist ein Changeur.“

„Ein Changeur? Ja, diese Leute machen viel Geld; sie können spielen, und zwar hoch spielen. Zu diesem gefährlichen Geschäft gehören feine und gescheite Köpfe. Wie heißt er?“

„Er sagt es nicht. Wir nennen ihn nur den Changeur. Er ist außerordentlich vorsichtig. Sally aber nennt ihn ihren Arthur.“

„Wo ist er her?“

„Er sagt, daß er aus den Pyrenäen stamme.“

„Ob es wahr ist?“

„Jedenfalls. Er spricht ganz den Dialekt, welcher in Foix oder Roussillon gebräuchlich ist. Übrigens ist er ein ganz charmanter Kerl, der keinen Spaß verdirbt und gewöhnlich das, was er im Spiel gewinnt, wieder zum Besten gibt.“

„Da ist er ein Mann! Das liebe ich. Ein gescheiter Mensch, welcher aus den Taschen der Reichen lebt, darf gegen seine armen Kameraden nicht knausern. Wird er heute kommen?“

„Das ist unbestimmt. Er ist seit einigen Tagen nicht hier gewesen. Darum macht die Sally ein solches Gesicht. Das alberne Mädchen denkt, er ist ihr untreu geworden.“

„Pah! Was wäre das weiter! Ist es der nicht, so ist es jener! Komm, Sally, trink mit mir!“

Die Angeredete machte eine abwehrende Bewegung. Darum wendete der Sprecher sich zu der anderen:

„Bei Gott, du hast recht! Sie ist spröde geworden. Der Teufel hole die Frauenzimmer!“

„Mich auch mit?“ fragte sie lachend.

„Nein. Um dich zu bekommen, soll er noch längere Zeit warten. Du bist immer ein gutwilliges Kind gewesen. Komm, trink, und gib mir einen Kuß!“

Sie erhob sich, trat zu ihm hin, trank sein Glas halb leer und küßte ihn dann in das hagere, abgelebte und abgeschminkte Gesicht. Es war ein häßlicher Anblick, die Zärtlichkeit zu sehen, welche dieses verworfene Mädchen dem alten Mann erwies. Die anderen lachten.

„Wohl bekomme es, Lermille!“ rief einer der Gäste. „Du machst ja ein Gesicht, als habest du eine Delikatesse genossen, welche dir seit langer Zeit nicht zugute gekommen ist.“

„Es ist auch so!“ antwortete er, mit der Zunge schnalzend.

„Das mache uns nur nicht weis! Wir kennen dich! Wir wissen alle, daß deine Stieftochter deine Geliebte ist. Wo hast du sie?“

Der Alte erbleichte, und seine Augen erhielten einen eigentümlichen ängstlichen Flimmer. Er antwortete:

„Ich habe sie nicht mehr.“

„Nicht mehr? Wo steckt sie denn?“

„Sie ist tot.“

„Tot? Unmöglich! Dieses kräftige, strotzende Mädchen, um die ich und andere dich oft beneidet haben, ist tot? An welcher Krankheit ist sie denn gestorben?“

„Hm! An der Seilerkrankheit.“

„Der Kuckuck soll mich holen, wenn ich von dieser Krankheit jemals etwas gehört habe!“

„Ich meine, sie ist vom hohen Seil gestürzt.“

„Donnerwetter! Ist das wahr?“

„Natürlich! Ich bin ja dabei gewesen!“

„Das ist ein ungeheures Pech für dich. Die verdiente ein schönes Geld, und du wärst gut mit ihr verkommen, wenn sie nicht die dumme Angewohnheit gehabt hätte, mit anderen mehr zu liebäugeln als mit dir.“

„Das ist ja auch ihr Tod gewesen.“

„Wieso?“

„Nun, sie hatte sich einen angeschafft, einen armseligen Kräutersammler. Auf ihm hat sie die Augen gehabt und nicht auf dem Seil. Darum hat sie die Balance verloren und ist heruntergefallen.“

„War sie gleich tot?“

„Sofort. Das war noch ein Glück. Sie hatte alle Rippen und Glieder gebrochen.“

„Wo ist das geschehen?“

„In Thionville. Aber sprechen wir nicht weiter davon. Ich mag von dieser Angelegenheit nichts mehr hören.“

„Warst du da noch bei der Truppe des Abu Hassan?“

„Ja.“

„Warum hast du sie verlassen? Er zahlte ja so gut.“

„Ich mochte nichts mehr vom Geschäft wissen, nachdem ich so elenderweise um das Mädchen gekommen war.“

„Und was treibst du nun? Wovon lebst du jetzt?“

„Was geht das dich an! Kümmere du dich um deine Angelegenheiten, aber nicht um die meinigen! Jetzt privatisiere ich.“

„Alter, das glaube ich nicht.“

„Nicht? So! Warum nicht?“ fragte der einstige Bajazzo, der Mörder seiner Stieftochter, in höhnischem Ton.

„Weil zum Privatisieren Geld gehört.“

„Nun, wer sagt dir denn, daß ich keins habe?“

Der andere machte ein erstauntes Gesicht und antwortete:

„Ah! Du hast welches? Das ist etwas anderes! Aber wissen möchte ich doch, wie du so plötzlich reich geworden bist. So lange ich dich kenne, ist alles, was du verdientest, dir durch die Gurgel gerollt. Erspart hast du dir keinen Centime. Ich denke mir, du hast irgendeinen klugen Streich verübt.“

„Wenn es so wäre, was geht es dich an?“

„Richtig! Mich geht es ganz und gar nichts an. Aber komm einmal her, Alter! Ich muß dir doch einmal in dein versoffenes Spitzbubengesicht sehen.“

Der Bajazzo sträubte sich vergebens. Der andere drehte seinen Kopf nach sich herum, betrachtete erst das Gesicht und dann auch den Anzug des Akrobaten und sagte dann:

„Dieses Gesicht kenne ich, und den Anzug auch. Als Ihr in Remilly arbeitet, trug ihn dein Kollege, welcher den Herkules machte. Dir sind Rock, Hose und Weste viel zu weit. Und von so einem Direktor, wie Abu Hassan, der Zauberer, war, geht man als armer Bajazzo nicht einer bloßen Gefühlsregung wegen fort. Du hast das alles im Branntwein ersäuft. Ich glaube ganz richtig zu ahnen, wenn ich vermute, daß du deiner Gesellschaft mit der Kasse und in diesem fremden Anzug durchgegangen bist.“

„Unsinn!“

„Pah! Gestehe es nur ein, Alter!“

Da riß sich der Bajazzo los und meinte zornig:

„Ich wiederhole dir, daß du dich ganz und gar nicht um meine Angelegenheiten zu bekümmern hast. Du nicht und auch kein anderer.“

„Und ich wiederhole dir, daß du damit ganz recht gesprochen hast. Aber ich wollte dir nur zeigen, daß ich dich durchschaue. Übrigens sind wir, die wir hier sitzen, überhaupt alle, welche hier verkehren, gute Kameraden, von denen keiner den anderen verrät. Was ich gesagt habe, kann dir also nicht den geringsten Schaden machen. Und darum denke ich, daß du deinen Freunden einige Flaschen anbieten wirst, da du jetzt so gut bei Mitteln bist.“

„Das fällt mir gar nicht ein. Ich habe nicht so viel Geld, wie du vielleicht denkst, und muß damit auslangen, bis ich wieder eine neue Stellung habe.“

„Geizhals! Eigentlich hast du, da du so lange Zeit nicht hier gewesen bist, wieder Einstand zu zahlen, und so denke ich – na, er soll dir erlassen bleiben; denn da kommt einer, der nicht so knauserig ist wie du.“

Bei diesen Worten drehte er sich nach der Tür, durch welche ein neuer Ankömmling eingetreten war.

Dieser war ein junger, vielleicht achtundzwanzigjähriger Mann mit angenehmen, sogar männlich schönen Gesichtszügen. Das ziemlich kurz geschnittene Haar war ebenso wie der volle Schnurrbart, welcher seine Oberlippe zierte, von tiefschwarzer Farbe, gegen welche der helle Teint frappierend abstach. Seine Gestalt war nicht zu hoch, aber breit und kräftig gebaut. Er machte trotz des einfachen Anzuges, dessen Hauptteil in einer blauen Leinwandbluse bestand, einen sehr angenehmen, fast möchte man sagen, an diesem Ort distinguierten Eindruck.

„Das ist der Changeur!“ rief der vorherige Sprecher. „Willkommen! Warum bist du an den letzten Tagen nicht da gewesen?“

Alle schüttelten dem Ankömmling die Hand. Sally, die Kellnerin, war mit einem lauten Freudenschrei aufgesprungen und ließ ihm gar keinen Augenblick Zeit, auf Gruß und Frage zu antworten.

„Endlich, endlich kommst du!“ rief sie, indem sie beide Arme um ihn schlang. „Wo bist du während dieser langen Zeit gewesen?“

„Lange Zeit?“ fragte er unter einem seltsamen Lächeln, welches wohl freundlich sein sollte, aber einen mühsam unterdrückten Widerwillen doch nicht ganz zu verbergen vermochte. „Es sind ja nur drei Tage!“

„Aber dennoch eine Ewigkeit für meine Sehnsucht! Warum bist du nicht gekommen?“

„Geschäfte!“ antwortete er unter einem leichten Achselzucken.

„Sind sie dir gelungen?“

„Wie stets!“

„Ja, du bist ein kluger Kopf!“ meinte sie stolz. „Du wirst dich nie erwischen lassen. Komm! Du mußt mir erzählen!“

Sie wollte ihn nach ihrem vorigen Sitz ziehen; er aber wehrte ab und antwortete:

„Später, Sally! Ich darf die Kameraden nicht vernachlässigen; auch habe ich vor allen Dingen Durst. Gib mir Wein, aber vom guten. Verstanden? Und diesen Messieurs bringst du drei Flaschen Absinth. Sie trinken dieses starke Zeug lieber als den Wein. Wenn man gute Geschäfte gemacht hat, muß man auch die Kameraden leben lassen.“

„Siehst du, Bajazzo, daß der Changeur nobel ist?“ fragte der frühere Wortführer. „Er beginnt zu regalieren, nachdem er kaum hereingetreten ist!“

Der Changeur nahm bei den übrigen Platz, während Sally, schmollend über seine Weigerung, sich zu ihr zu setzen, sich entfernte, um das Verlangte herbeizuholen.

„Bajazzo?“ fragte er, den Alten betrachtend. „Ein neuer Kamerad?“

„Ja. Ein alter Sünder, dem man Vertrauen schenken kann“, wurde ihm dieser vorgestellt.

„In was arbeitet er?“

„In allem. Er nimmt mit, was er bekommen kann. Der Mann war nämlich bei der Truppe eines maurischen Gauklers, den man Abu Hassan, den Zauberer, nennt. Dort ist seine Stieftochter, die Turmseilkünstlerin, vom Seil gestürzt und hat den Hals gebrochen, und vor Schmerz darüber ist er der Gesellschaft mit der Kasse und diesem prachtvollen Anzug durchgebrannt.“

„Schuft!“ rief der Bajazzo.

„Schweig!“ rief der andere. „Deine Art und Weise kenne ich! Ah, da kommt der Wein und der Absinth. Laßt uns einschenken und anstoßen! Wer weiß, wie oft wir noch in dieser Weise beisammen sein können.“

„Hast du Sorge, daß man dich erwischt und einsteckt?“ fragte die Kellnerin, welche vorhin dem Bajazzo einen Kuß gegeben hatte.

„Halt das Maul, Betty! Es handelt sich hier um ganz andere Dinge!“

„Wichtige natürlich!“ meinte sie schnippisch.

„Ja, sehr wichtige!“

Er schenkte sich und den anderen ein und erhob sich dann.

„Stoßt an!“ forderte er sie auf. „Der alte Kapitän soll leben!“

Sie stießen zwar mit an, waren aber über diesen unerwarteten Toast so erstaunt, daß sie zu trinken zögerten.

„Der alte Kapitän? Wer ist das, Levier?“ fragte einer von ihnen.

Das französische Wort Levier bedeutet Brechwerkzeug, Brecheisen. Diesen Namen trug der Mann, eine deutliche Erklärung des Handwerkes, welches er betrieb.

„Wer der alte Kapitän ist?“ meinte er. „Ich dachte, daß es doch wenigstens einen unter euch geben werde, der ihn kennt oder doch von ihm gehört hat. Ich habe ihn auch noch nicht gesehen; aber es steht zu erwarten, daß bald die Zeit kommt, in welcher wir ihn kennenlernen werden. Dann blüht unser Weizen; dann wird es viel, viel besser für uns, als es jetzt ist. Darauf könnt ihr euch verlassen.“

„Wieso? Rede! Sprich!“ erscholl es von allen Seiten.

Auch Sally kam herbei, um die Sache mit anzuhören. Sie setzte sich neben den Changeur und legte ihm vertraulich die Hand auf die Schulter. Er zuckte bei dieser Berührung leicht zusammen, ließ es ihr aber weiter sonst nicht merken, ob diese Annäherung ihm angenehm sei oder nicht.

„Nun“, begann Brecheisen seine Erklärung mit wichtiger Miene. „Ihr wißt doch, daß der Marschall Niel schon längst unserer Armee eine neue Organisation gegeben hat?“

„Natürlich weiß ich das!“ antwortete sein Nachbar.

„Ja, du vor allen Dingen mußt das wissen, Rossignol. Du warst ja ganze drei Monate Soldat, machtest aber lange Finger und mußtest am Schluß der Strafzeit das Unglück haben, daß man dich nicht mehr bei der Armee sehen wollte.“

Rossignol heißt Nachtigall, aber auch Dietrich. Der also Genannte war also auch ein Einbrecher. Er lachte und sagte dann:

„Ja; sie meinten, ich hätte keine Ehre mehr. Dummheit und Ehre! Ich kam auf diese Weise vom Militärdienst frei. Aber fahre doch fort, Brecheisen!“

„Nun“, ließ der andere sich weiter vernehmen, „schon als im Jahre siebenundsechzig wegen der luxemburgischen Frage der Tanz beginnen sollte, bildeten sich Schützengesellschaften, welche den Namen Sociétés des Franctireurs erhielten. Die Sache schlief aber leider damals ein, denn dieser Bismarck wagte es, uns einen Strich durch die Rechnung zu machen. Jetzt aber ist alle Aussicht vorhanden, daß diese Gesellschaften Arbeit erhalten werden.“

„Wieso denn?“

„Das fragst du noch? Weißt du denn, was man unter einem Franctireur versteht?“

„Nun, einen bewaffneten Franzosen, welcher das Recht hat, jeden Feind seines Vaterlandes niederzuschießen.“

„Das ist richtig und doch auch falsch. Schon jeder Soldat der Linie und der Mobilgarden wäre dann ja ein Franctireur. Man beabsichtigt allerdings, Gesellschaften von freien Schützen zu bilden und sie den verschiedenen Armeekorps beizufügen. Das sind Privatleute, welche vom Kaiser das Recht erhalten, ihr Vaterland zu verteidigen. Kein Völkerrecht kann ihnen etwas anhaben. Selbst wenn man sie ergreift, müssen sie als einfache Kriegsgefangene behandelt werden, welche man ordentlich verpflegt und nach dem Friedensschluß wieder frei läßt. Aber ich meine, es ist sehr gut, für das Vaterland zu kämpfen, noch besser und gescheiter aber ist es, für sich selbst ein wenig den Freischützen zu spielen. Ist das nicht wahr, Dietrich?“

„Das denke ich auch!“ antwortete der Gefragte.

„Es wird noch mehrere, noch viele, viele geben, welche ebenso denken. Diese werden nicht so dumm sein, sich der Armee anzuschließen, um für geringe Löhnung und elendes Kommißbrot sich totschießen zu lassen, sondern sie werden eigene, freie Kompanien bilden und ohne ihre Gesundheit, ihre Freiheit und ihr Leben zu riskieren, ihre nächste Pflicht erfüllen, nämlich vor allen Dingen auf ihren persönlichen Vorteil sehen.“

„Das wäre gar nicht übel. Aber das geht ja nur dann, wenn man Krieg hat.“

„Nun, den werden wir wohl haben!“

„Mit wem?“

„Donnerwetter! Mit wem anders, als mit diesen Deutschen, an denen wir Rache für Sadowa zu nehmen haben!“

„Was geht uns Franzosen Sadowa an!“

„Du bist ein Dummkopf! Stehen wir nicht an der Spitze der Zivilisation oder –“

„Ja“, unterbrach ihn der andere lachend, „wir stehen an der Spitze der Zivilisation, denn du heißt Brecheisen, und mich nennt man Dietrich!“

„Mache keine albernen Witze! Selbst in unserem Handwerk sind wir den Deutschen weit überlegen. Der Deutsche ist ein Tölpel in jeder Beziehung. Er bekommt seine Weine und Moden, seine Seiden- und seine Lederwaren, seine Parfums und Odeurs, seine ganze Bildung von uns. Wir sind seine Herren. Er aber hat es gewagt, mit Österreich Krieg zu führen und Frieden zu schließen, ohne uns zu fragen. Er hat seitdem unsere Politik auf jede mögliche Art und Weise durchkreuzt. Wir wollen Rache für Sadowa, und er muß Haue haben! Ich sage euch, daß so etwas in der Luft liegt. Wohin man kommt, hört man von weiter nichts als von Depeschenwechsel und Krieg sprechen. Und macht man Augen und Ohren auf, so hört man nicht nur, sondern man sieht auch, daß überall eine gewisse Aufregung herrscht und daß allerlei heimliche Anstalten getroffen werden, welche sich nur auf den baldigen Ausbruch eines Krieges beziehen können.“

„Und steht das mit deinem alten Kapitän in Beziehung?“

„Natürlich. Er wird nämlich einer der Kommandanten der Franctireurs sein.“

„So muß man ihn kennenlernen. Wo wohnt er, und wie heißt er denn?“

„Er wohnt in Schloß Ortry bei Thionville und heißt Albin Richemonte. Er soll bereits ein steinalter Herr sein und die Kriege und Siege des ersten Kaiserreichs mitgemacht haben. Er ist ein Held der Kaisergarde und steht mit den höchsten Herrschaften des Hofes in Verbindung. Daher hat man ihm diesen Posten anvertraut. Er sendet jetzt geheime Emissäre umher, und einer dieser Leute hat mich beauftragt, Leute für ihn zu werben.“

„Alle Donner! Das klingt ja recht ernsthaft!“ rief Dietrich.

„Ernsthaft ist es auch! Dieser alte Kapitän soll irgendwo ein ungeheures Lager von Waffen und Munition bereits seit Jahren angelegt haben, und von Tag zu Tag wird es vervollständigt. Er hat in den nahen Departements bereits angeworben und nun, wie ich bereits sagte, seine Emissäre nach Paris geschickt, um weitere Teilnehmer zu engagieren. Jede Kompanie darf sich ihre Offiziere und Unteroffiziere selbst wählen, nur unter der Bedingung, daß das Oberkommando respektiert werde. Machen wir mit, so können wir Offiziere werden. Nach Stand und Vergangenheit wird nicht gefragt, auch nach dem Alter nicht; nur wird vorausgesetzt, daß sich allein tüchtige Kerls melden. Wenn ihr wollt, so werde ich den Emissär morgen mitbringen.“

„Bringe ihn mit! Bringe ihn mit!“ lautete die Entscheidung aller.

Auch der Changeur stimmte begeistert mit ein. Er hatte der Auseinandersetzung mit allergrößter Aufmerksamkeit gelauscht, und bei der Erwähnung, daß man sich seine Chargen selbst wählen könne, schien sich auf seinem lachenden Gesicht die Gewißheit auszudrücken, daß er bei seinen körperlichen und geistigen Vorzügen ganz sicher eine Offiziersstelle bekommen werde.

Es wurde noch einige Zeit lang über dieses Thema, über die Gewißheit, daß man bald Krieg haben werde, gesprochen, dann trat der Wirt, Vater Main, aus dem hinteren Raum ein. Er setzte sich zu seinen Gästen und nahm einige Minuten lang an deren Gespräch teil, dann aber gab er Sally einen heimlichen Wink.

Das Mädchen verstand ihn sofort, der Changeur hatte ihn auch bemerkt, tat aber so, als ob er gar nicht hingesehen habe.

Sally erhob sich und brachte ihrem Herrn ein Glas; dann nahm sie an dem Eckplatz, auf welchem sie sich vorher befunden hatte, ihren Sitz wieder ein. Der Changeur war überzeugt, daß dieses scheinbar ganz unabsichtliche Arrangement nur ihm allein gelte. Man wollte ihn vom Tisch entfernen.

Daß er richtig geahnt habe, zeigte sich in kurzem. Sally gab ihm einen Wink, sich zu ihr zu setzen. Er berechnete, daß es am klügsten sei, ihr zu folgen. Darum nahm er seinen Wein, verließ den Tisch und setzte sich zu ihr. Als er dabei einen heimlich forschenden Blick auf den Wirt warf, bemerkte er ein sehr befriedigtes Lächeln auf dem Gesicht desselben.

Aber auch Brechstange hatte den ganzen Vorgang beobachtet und verstanden. Er neigte sich zu dem Wirt herunter und fragte leise:

„Warum soll der Changeur von dem Tisch fort, Vater Main?“

„Jetzt nicht“, antwortete der Gefragte. „Er merkt es sonst, daß wir von ihm sprechen.“

Aber in diesem Augenblick traten mehrere neue Gäste ein. Sie setzten sich an einen anderen Tisch, wurden da von Sally bedient und sprachen dabei so laut untereinander, daß der Wirt nicht mehr befürchtete, von dem Changeur gehört zu werden, darum sagte er, zwar leise, aber doch so, daß er von den bei ihm Sitzenden gehört werden konnte:

„Ich traue ihm nicht.“

„Warum denn nicht?“ fragte der Dietrich.

„Er ist mir zu nobel. Er hat etwas an sich, welches mir sagt, daß er nicht zu uns gehört.“

„Oh, ich halte ihn im Gegenteil für ehrlich und sicher.“

„Ich möchte darauf schwören, daß du dich täuschst.“

„Er hat doch ganz aufrichtig zu verstehen gegeben, daß er Wechselfälscher ist! Und erst vorhin sagte er, daß er wieder sehr gute Geschäfte gemacht habe.“

„Damit kann er dich und euch täuschen, mich aber nicht. Trinkt meinetwegen mit ihm, so viel und so oft ihr wollt; das kann mir ja ganz lieb sein, denn er macht tüchtige Zechen; aber laßt ihm ja niemals etwas von unseren Geschäften merken. Ich halte ihn für einen Geheimpolizisten.“

„Unsinn! Daß er selbst die Polizei zu scheuen hat, weiß ich ganz sicher.“

„Wieso?“

„Habt ihr euch seinen Bart und seine Haare einmal genau angesehen?“

„Wozu das?“

„Nun, sie scheinen schwarz zu sein, sind es aber nicht. Ich habe sie heute wieder scharf geprüft. Zwischen den schwarzen und der Haut sind sie, allerdings kaum zu bemerken, von hellerer Farbe. Ich meine, daß Bart und Haare blond sind. Er hat sie seit einigen Tagen nicht nachgefärbt. Wäre diese Verstellung nötig, wenn er mit der Polizei auf gutem Fuß stände?“

„Das beweist noch nichts. Er kann das Haar gefärbt haben, um nicht zufällig von einem der unserigen, der ihn einmal gesehen hat, erkannt zu werden.“

„Warum dann aber die Perücke?“

„Welche Perücke?“ fragte der Wirt erstaunt. „Sein Haar kann zwar gefärbt sein, ist aber jedenfalls sein eigenes.“

„Und dennoch trägt er zuweilen eine Perücke. Als er vorletztes Mal hier war, wollte er sein Taschentuch nehmen, zog aber anstelle desselben eine Perücke aus der Tasche.“

„Wie benahm er sich dabei?“

„Er lachte ganz gleichmütig.“

„Er wurde also nicht verlegen?“

„Nein. Er wußte ja, daß er bei Leuten war, welche auch zuweilen gezwungen sind, sich auf diese Weise unkenntlich zu machen.“

Der Wirt wiegte den Kopf hin und her und sagte bedenklich:

„Und auch das beweist noch nicht, daß er es ehrlich mit uns meint. Ein Geheimpolizist weiß auch falsche Haartouren zu gebrauchen. Hat der Changeur jemals aufrichtig gesagt, wo er ein Geschäft gemacht habe?“

„Allerdings nicht. Er hat das auch nicht nötig. Niemand wird ihm das abverlangen.“

„Oder habt ihr etwas gehört oder gelesen, was darauf schließen läßt, daß er wirklich Changeur ist, das heißt, daß er nur von Wechselfälschung lebt? Solche Fälschungen kommen in Paris massenhaft vor; das ist ja wahr; aber stets ist der Täter eine den Beteiligten bekannte Persönlichkeit. Daß es aber hier einen Menschen gibt, welcher sich nur auf dieses Fach legt und stets unentdeckt bleibt, darüber habe ich noch kein einziges Anzeichen bemerken können. Ihr seid noch jung und habt die Schule noch nicht durchgemacht, welche ich hinter mir habe. Mich täuscht und betrügt man nicht so leicht. Wißt ihr denn etwa, wo er wohnt? Hat er euch das gesagt?“

„Ja“, antwortete Brecheisen.

„Das sollte mich wundern. Nun, wo wohnt er denn?“

„In der Rue de Paradis.“

„Welche Nummer und wie viele Treppen?“

„Wir haben so weit nicht gefragt. Wir wissen nur, daß er von hier nie weiter einkehrt, sondern stets nach Hause geht und dann allemal diese Richtung auch wirklich einschlägt.“

„Wir müssen uns klar über ihn werden. Wir müssen ihn beobachten. Willst du das übernehmen?“

„Ja“, antwortete Brecheisen. „Ich bin aber überzeugt, daß wir nur bemerken werden, daß er uns nicht täuscht. Er hat ein nobles Aussehen und Auftreten, aber das gehört ja zu seinem Fach. Du meinst, Vater Main, daß ich ihm nachgehen soll?“

„Ja. Wenn du siehst, daß er wirklich in der Paradiesstraße wohnt, so trittst du eine Weile nach ihm ein und erkundigst dich beim Portier nach ihm.“

„Ich vermute, daß dieser Mann sich weigern wird, mir Auskunft zu erteilen.“

„Meinst du wirklich?“ sagte der Wirt im Ton der Verlegenheit. „Da kennst du mich sehr schlecht. Was ich will, das führe ich auch aus; ich habe die Mittel dazu. Hat die Polizei ihre heimlichen Verbündeten unter uns, welche uns seinerzeit verraten, so habe ich meinen Verbündeten bei der Polizei, welcher mir zu Diensten steht. Daher kommt es, daß ich niemals zur Anzeige oder in Strafe komme. Ist etwas gegen mich oder meine Freunde im Werk, so werde ich sofort benachrichtigt.“

„Donnerwetter! Wenn das wirklich so ist, so bist du allerdings ein ungewöhnlicher Schlaukopf, Vater Main!“

„Pah! Es kostet mich einiges Geld. Ihr könnt euch natürlich denken, daß ich meinen Verbündeten gut besolden muß. Um keinen Verdacht zu erregen, lasse ich zuweilen irgendeinen müßigen Bummler, welcher nicht zu uns gehört, bei mir abfangen. Das macht mir keinen Schaden, sondern es bringt mir nur Nutzen, weil ich damit den Herren des Sicherheitsdienstes Sand in die Augen streue. Daher will ich auch über diesen Changeur klar werden, um zu wissen, wie ich ihn zu behandeln habe. Verdient er mein Vertrauen nicht, so benachrichtige ich die Polizei, daß ein Mensch, den ich für einen Schwindler halte und der sich selbst für einen Fälscher ausgibt, bei mir verkehrt. Er wird dann abgefangen.“

„Du vergißt, Vater Main, daß er sich nicht direkt und offen einen Changeur genannt hat. Er hat es uns nur ahnen lassen und duldet es nebenbei, daß wir ihn so nennen.“

„Das ist egal. Mein Freund bei der Polizei hat mich in den Besitz von einigen Marken gesetzt. Ich gebe dir eine davon. Du wirst dich bei dem Portier also als Geheimpolizist legitimieren können, und er ist infolgedessen gezwungen, dir Rede und Antwort zu stehen.“

„Wie? Du hast Marken?“ fragte der Einbrecher freudig erstaunt. „Welch ein Glück! Im Besitz einer solchen Medaille ist man ja sicher, niemals ergriffen zu werden.“

„O doch! Und dann würde man entdecken, von wem die Marken stammen. Ich wende sie daher nur zu ungefährlichen Zwecken an. Du wirst also dem Changeur nachschleichen, dann aber sofort nach hier zurückkehren, um mir die Marke wieder zu überbringen.“

„Wann soll das geschehen? Heute noch?“

„Ja. Ich mag nicht länger im unklaren über ihn sein.“

„Aber wir haben ja heute mehr zu tun.“

„Vielleicht sind wir fertig, wenn er geht. Wir haben noch anderthalb Stunden bis zum Schluß der Oper. Es ist also möglich, daß er sich bereits vorher entfernt. Er wird heute nämlich nicht spielen; denn ich habe dafür gesorgt, daß diejenigen, mit denen er oben sein Spiel zu machen pflegt, heute gar nicht kommen.“

„Wieder schlau.“

„Oh, ich mußte das nicht bloß seinetwegen tun, sondern auch unseres Unternehmens wegen. Ich erleide dadurch, da mir das Spiel viel einbringt, allerdings eine Einbuße; aber wenn heute unser Coup gelingt, so werden wir ein horrendes Geld einnehmen.“

„Ist der alte General wirklich so reich?“

„Er besitzt Millionen. Die Dame ist seine einzige Verwandte, seine Enkelin. Er hat sie außerordentlich lieb und wird ganz in Verzweiflung sein, wenn er hört, daß sie verschwunden ist. Hunderttausend Franken wird er zahlen, um sie wieder zu bekommen.“

„Eine ungeheure Summe!“ meinte Dietrich, indem seine Augen begierig leuchteten. „Aber das Unternehmen ist auch gefahrvoll.“

Der Bajazzo hatte bisher schweigend zugehört. Jetzt fragte er:

„Alle Teufel! Ihr wollt doch nicht etwa die Enkelin eines Generals entführen?“

„Warum nicht?“ antwortete der Wirt.

„Sprechen wir lieber nicht davon!“ riet Brecheisen. „Wer garantiert uns, daß dieser alte Bajazzo uns nicht verrät!“

Der Wirt machte eine eigentümliche Handbewegung und sagte in einem höchst selbstbewußtem Ton:

„Keine Sorge! Der Alte ist uns sicher. Ich garantiere für ihn, ich selbst! Ist das genug?“

„Diese Bürgschaft nehmen wir an, Vater Main. Aber bist du seiner auch wirklich sicher?“

„So sicher, wie meiner selbst. Nicht wahr, Hanswurst? Denkst du noch an den Knaben mit dem Löwenzahn damals? Das kann uns auch noch ein schönes Geld einbringen.“

Der Bajazzo antwortete schnell und mit ängstlicher Miene:

„Still, still! Ich mag jetzt davon nichts hören. Wir sprechen später darüber. Ich bin deswegen nach Paris gekommen. Redet lieber von eurer heutigen Angelegenheit. Das scheint mir wichtiger zu sein.“

„Hast recht, Alter!“ nickte der Wirt. Und sich wieder zu den anderen wendend, fuhr er fort: „Ein jeder von euch hat seinen Posten, und ich habe mich überzeugt, daß sie wirklich nach der Oper fährt. Das ist eigentlich alles, was zu sagen ist. Du, Brecheisen, machst den Fiakerkutscher. Das Geschirr wird zur rechten Zeit bereitstehen. Die Nummer ist bereits aufgeklebt und wird dann wieder abgemacht. So wird die Polizei irregeführt. Haartouren und Bärte findet ihr im hinteren Zimmer, und an der Mauer wird die Pforte zur rechten Zeit offen sein. Gelingt der Streich, so teilen wir; gelingt er nicht, so werdet ihr erwischt, ich aber habe nichts riskiert, denn mir wird niemand etwas nachweisen können. Es liegt also in eurem eigenen Interesse, euch Mühe zu geben. Jetzt genug davon.“

Er erhob sich und trat zu den Gästen, welche zuletzt angekommen waren. Dabei warf er einen Blick nach dem Changeur. Er fühlte sich beruhigt, denn der Fälscher saß mit dem Rücken gegen den Tisch, an welchem er erst gesessen hatte, und war in das Damespiel vertieft, mit welchem er sich die Zeit vertrieb. Er hatte also jedenfalls auf den Wirt und die anderen gar nicht geachtet.

Und doch täuschte sich Vater Main.

Als der Changeur sich zu Sally gesetzt hatte, war diese herangerückt und hatte, ihn liebevoll in die Augen blickend, gesagt:

„Endlich! Endlich habe ich dich allein bei mir! Du Böser! Warum wolltest du nicht gleich zu mir kommen?“

Sie war früher jedenfalls ein sehr schönes Mädchen gewesen. Sie war jetzt noch hübsch und verführerisch, allerdings nur für einen, welcher sich über die Zeichen hinwegsetzt, welche ein unkeuscher Lebenswandel im Wesen einer jeden Gefallenen zurückläßt.

Er schüttelte leise den Kopf und antwortete:

„Was hast du für ein Recht dazu, mich bei dir zu haben?“

„Das Recht der Liebe!“

„Pah! Mir machst du nicht weis, daß du mich liebst!“

Sie zog erstaunt den Kopf zurück, sah ihn forschend an und sagte in vorwurfsvollem Ton:

„Du glaubst nicht, daß ich dich liebe? Hast du Gründe dazu?“

„Ja“, antwortete er kurz und ernst.

„So nenne sie!“

„Vor allen Dingen einen: Du spielst mit Vater Main unter einer Decke!“

„Pst! Nicht so laut! Er könnte es hören!“

Da aber traten eben jene neuen Gäste ein, und die laute, lebhafte Unterhaltung, welche diese führten, gaben dem Changeur Gelegenheit, in dem Thema fortzufahren:

„Er hört es nicht. Also antworte mir.“

„Ich stehe in seinem Dienst, also muß ich ihm gehorchen.“

„Auch gegen mich?“

„Gegen dich, Arthur? Was habe ich gegen dich getan?“

„Er wollte, daß ich dort fortgehen sollte. Er winkte dir, und du riefst mich hierher. Du hilfst ihm gegen mich. Ist das nicht so?“

„Nein.“

„Was sonst?“

„Es war das nur eine Geschäftsrücksicht. Er hat mit den anderen irgendein Geschäft zu besprechen. Du solltest nichts davon hören. Das ist alles.“

„Was für ein Geschäft ist es?“

„Ich weiß es nicht.“

„Ah, du bist zurückhaltend. Und da soll ich an Liebe glauben!“

Sie liebte den schönen Mann mit der ganzen Glut, welche Mädchen dieser Art fühlen, wenn sie einem ihnen moralisch überlegenen Menschen eine tiefere und dauerndere Teilnahme widmen. Sie sah sich in die Enge getrieben und sagte:

„Arthur, ich habe dich so lieb, daß ich für dich sterben könnte. Das würde mir nicht schwer werden, denn dieses Leben ist mir doch zur Last. Es passiert allerdings sehr viel in diesem Haus, was niemand wissen und erfahren darf; selbst ich weiß nicht alles; aber das Wenige, was ich weiß, würde ich dir nicht verschweigen, wenn ich sähe, daß ich dir nicht zuwider wäre. Du aber kannst mich nicht leiden!“

Sie hatte das im Ton so ehrlicher Aufrichtigkeit, so innigen Bedauerns gesprochen, daß er sich des Mitleides nicht erwehren konnte.

„Warum denkst du denn, daß ich dich nicht leiden kann?“ fragte er freundlicher, als er bisher mit ihr gewesen war.

„Das fragst du noch? Wie oft sind wir allein gewesen, und selbst, wenn das nicht der Fall ist, bekümmert sich kein Mensch um das, was wir tun. Hast du mich jemals vermuten lassen, daß du ein Interesse für mich hast? Du kommst herein und setzt dich zu anderen, wenn Gäste da sind. Und bin ich allein, so suchst du dir einen fernen Stuhl. Berühre ich dich mit der Hand, so zuckst du zusammen, gerade wir vorhin. Hast du mich jemals mit einem Finger berührt? Nein! Und als ich dich kürzlich um einen Kuß bat, da wurdest du so zornig, wie ich es dir bei deinem stillen Wesen gar nicht zugetraut hätte.“

„Sally, ein Mädchen darf nicht um einen Kuß bitten!“

„Aber wenn es so sehnlichst einen wünscht und doch keinen erhält!“

„So muß es Geduld haben. Du kennst die Liebe nicht. Gerade wenn man sie überlaut ruft, zieht sie sich zurück.“

Er hatte unwillkürlich ihre Hand ergriffen. Es war dies das erstemal, daß es geschah, und bei dieser Berührung trieb ihr der Herzschlag das Blut empor, daß ihr Gesicht vor Glück erglühte. Dieses arme Mädchen war vielleicht ohne eigenes Verschulden durch die Verhältnisse von Stufe zu Stufe in die Tiefe getrieben worden. In einer Weltstadt steigt und fällt man leichter als anderswo, auch moralisch.

„Sie zieht sich zurück?“ fragte sie aufatmend. „Sie wäre also dennoch da und wollte bloß sich nicht erblicken lassen?“

Sie sah ihm dabei so warm, so innig, so sehnsüchtig in die Augen, daß er, ganz ohne es zu wollen, ihre Hand drückte.

„Oh“, meinte er, „sie will sogar, daß man nicht einmal von ihr spricht, wenigstens so lange nicht, bis sie selbst das Wort ergreift.“

Sie schüttelte traurig den Kopf.

„Ich verstehe dich nicht ganz. Ich höre nur, daß ich schweigen soll, und ich werde schweigen. Aber als ich dich stets so kalt sah, während andere so viel anders sind, so dachte ich, daß mein Herr doch recht haben könnte.“

„Recht? Worin?“

„Er hält dich für einen Polizisten. Er traut dir nicht.“

„Da ist er allerdings kein sehr scharfsinniger Mann. Er traut mir nicht? Also deshalb mußte ich den Tisch verlassen?“

„Ja, deshalb.“

„Er hätte mich ruhig und unbesorgt sitzen lassen können. So lange er mir nicht schadet, hat er auch von mir nichts Schlimmes zu erwarten. Aber neugierig bin ich doch, zu wissen, was es ist, weshalb man mich forttrieb.“

„Ich weiß es auch nicht.“

„Wirklich nicht?“

„Nein“, antwortete sie im Ton der Aufrichtigkeit. „Ich kann dir allerdings anvertrauen, daß er einer der berühmtesten Hehler der Hauptstadt ist, aber beweisen könnte selbst ich ihm nichts. Er duldet niemals, daß man ihn beobachtet. Um ein solches Geschäft scheint es sich auch heute zu handeln.“

„So geht es mich allerdings nichts an. Schweigen wir also darüber.“

„Daraus sehe ich, daß du allerdings kein Detektiv bist, denn ein solcher würde mich so weit wie möglich ausfragen. Wenn Vater Main nämlich eine Sendung gestohlener Waren erwartet, so ölt er stets zuvor die Angeln der alten Tür ein, welche sich hinten in der Mauer befindet.“