/ Language: Deutsch / Genre:adv_history / Series: Liebe des Ulanen

Entscheidung in Sedan

Karl May


ERSTES KAPITEL 

Fallgruben

Am Abend wartete der Maler nicht vergeblich auf den Pflanzensammler. Sie taten so, wie es bestimmt worden war, und trafen draußen vor der Stadt zusammen.

„Aber, Mann, wie kamen Sie denn heute nachmittag hinaus in den Wald?“ fragte Fritz.

„Auf Schusters Rappen. Oder denken Sie vielleicht, ich habe mir eine Sekundärbahn hinauslegen lassen?“

„Was wollten Sie denn draußen?“

„Mich spazieren führen. Weiter nichts.“

„So war es also Zufall, daß Sie mich trafen?“

„Ja. Der Zufall war schuld und Ihr doppelter Singsang von der berühmten Lerche, die keine Tränen und keine Grüße hat – das arme Vieh.“

„Sie hätten daheim bleiben sollen.“

„Warum?“

„Weil man nicht wissen braucht, daß Sie sich für diese Gegend interessieren. Und dabei ist Ihre Persönlichkeit eine so in die Augen fallende, daß – – –“

„Eine so von der Birke fallende, wollen Sie sagen?“ fiel der Maler ein.

„Meinetwegen! Sind Sie von noch jemanden gesehen worden?“

„Ja; aber nur von einem.“

„Wer war das?“

„Ein gewisser Deep-hill.“

„Kennen Sie ihn?“

„Ich habe ihn nur ein einziges Mal gesehen, und zwar heute.“

„Kennt er Sie?“

„Er weiß meinen Namen und daß ich Maler bin. Aber sprechen wir von etwas, was uns näher liegt.“

„Wovon?“

„Von dieser allerliebsten Nanon.“

„Liegt diese Ihnen so nahe?“

„Nicht ganz so nahe wie Ihnen, scheint es mir.“

„So lassen wir es lieber sein. Wir wollen spionieren; wir dürfen also nicht selbst bemerkt werden. Nur das Notdürftigste wollen wir sprechen.“

„Ganz wie Sie denken, mein allerwertester Mann für Wacholderspitzen, Huflattich und Otternzungen.“

„Sie haben wahrhaftig alles gehört.“

„Alles!“

„Schändlich!“

„Nein, im Gegenteil. Ich habe Ihnen dadurch bewiesen, daß ich für so eine Spionage, wie wir jetzt vorhaben, geradezu geboren bin.“

„Und dabei doch vom Baum gefallen.“

„Im Steinbruch gibt es keine Bäume. Aber er ist außerordentlich groß. Wohin verstecken wir uns?“

„Hinein natürlich nicht. Wir verbergen uns am Eingang hinter den Felsen. Wenn sie dann kommen, schleichen wir ihnen nach. Das ist das allerbeste. Ich wollte, der – – – wäre mit da. Hm!“

„Der – – – wer denn?“

„Ich habe hier einen Freund, der für solche nächtliche Spaziergänge ein außerordentliches Geschick besitzt.“

„Warum haben Sie ihn nicht mitgebracht?“

„Es war mir nicht möglich, ihn zu treffen.“

Unter diesem Freund verstand er natürlich Doktor Müller, dessen Anwesenheit jetzt allerdings von Vorteil gewesen wäre. Doch, da sie zu zweien begonnen hatten, so mußten sie es auch zu zweien ausführen.

Am Eingang des Steinbruchs waren große Felsstücke aufgehäuft, hinter denen sie jetzt Posten bezogen. Was sie sich zu sagen hatten, wurde nur flüsternd gesprochen. Die Zeit verging sehr langsam. Endlich hörten sie ein Geräusch, aber nicht von außen her, sondern im Steinbruch selbst. Es waren Schritte, welche näher kamen, und dann blieb eine hohe männliche Gestalt nicht weit von ihnen stehen. Dieser Mann erwartete jedenfalls den Pulvertransport, stieß ein wiederholtes, ungeduldiges Brummen aus und ging dann wieder zurück.

„Wer mag das gewesen sein?“ flüsterte der Maler.

„Der alte Kapitän von Schloß Ortry.“

„Er selbst! Das ist – – – halt. Hören Sie es?“

„Ja; das ist das Knarren von Achsen. Sie kommen.“

Das Geräusch der Räder war immer deutlicher zu vernehmen, und endlich passierte ein mit vier Pferden bespannter Wagen an ihnen vorüber. Wenn Fritz vielleicht gedacht hatte, daß nur zwei Personen dabei sein würden, so hatte er sich geirrt; es waren mehrere.

„Sie fahren da rechts hinüber, jedenfalls bis ganz hinten in die Ecke“, raunte der Pflanzensammler dem Maler zu. „Ich werde ihnen nachschleichen; besser aber ist es, Sie bleiben hier zurück.“

„Ich zurückbleiben? Fällt mir gar nicht ein. Ein tapferer Kombattant der dicken Artillerie tut wacker mit, wenn es überhaupt etwas zu tun gibt.“

„Nun, dann aber äußerst vorsichtig. Auf allen vieren.“

„Auf allen Zehen und Fingern, macht gerade zwanzig.“

Der Wagen war im Dunkel bereits verschwunden, doch dauerte es gar nicht lange, so kamen sie ihm so nahe, daß sie ihn sehen konnten. Man hatte die Pferde abgespannt und zur Seite geschafft, den Wagen aber selbst so weit wie möglich in die Ecke geschoben, deren niedriger Teil mit grobsteinigen Schutt bedeckt und ausgefüllt war. Zwei Stimmen erklangen vom Wagen her. Fritz erkannte beide sofort; es war diejenige des Kapitäns und Charles Berteus. Der erstere sagte in seiner scharfen, gebieterischen Weise:

„Die letzte Sendung also. Wo ist der Zettel?“

„Hier.“

Ein dünner Lichtschein leuchtete auf. Jedenfalls hatte der Alte eine Blendlaterne bei sich, mit deren Hilfe er den Inhalt des Lieferscheins besichtigte; dann meinte er:

„Es stimmt. Abladen also.“

Ketten klirrten vom Wagen herab, und dann begann man die Fässer abzuladen.

„Es muß hier ein verborgener Eingang sein“, flüsterte der Maler dem Pflanzensammler zu.

„Jedenfalls“, antwortete dieser. „Ich werde einmal auskundschaften.“

„Wie? Sie wollen sich weiter vorschleichen?“

„Ja; das versteht sich ganz von selbst.“

„Da mache ich natürlich mit.“

„Nein; das wäre die größte Unvorsichtigkeit. Einer von uns beiden genügt. Und überdies weiß ich nicht, ob Sie die Geschicklichkeit besitzen, sich unbemerkt hinzuschleichen.“

„Na und ob! Im Anschleichen bin ich der reine Indianerhäuptling. Ich husche vorwärts wie eine Klapperschlange.“

„Bei Ihrem Leibesumfang?“

„Je dicker desto besser. Wenn so ein fleischiger Kerl an etwas stößt, geht es bedeutend weicher und geräuschloser zu, als wenn so ein knochiger Gottlieb, wie Sie sind, mit den Steinen karamboliert.“

„Das wollen wir lieber nicht untersuchen. Also bleiben und warten Sie hier, bis ich zurückkomme.“

Er kroch leise vorwärts und war nach einigen Augenblicken nicht mehr zu sehen.

„Was sich dieser Mensch einbildet“, dachte Schneffke. „Gescheiter als ich will er sein. Aber ich werde ihm beweisen, daß ich auch nicht von Dummdorf bin. Ich krieche ihm nach. Oder nein, ich beobachte diese Pulvergesellschaft ganz nach meiner eigenen Manier. Ich suche mir eine Stelle, von welcher aus ich alles höre und auch sehen kann, wo sich der Eingang in das Innere dieses Erdschlunds befindet. Aber ganz nach Art und Weise der Indianer, ganz und gar nach Menschenfressermanier.“

Er legte sich, so lang oder vielmehr so kurz er war, auf den Erdboden nieder und schob sich vorwärts. Als er in der Nähe des Wagens anlangte, bemerkte er einen felsigen Vorsprung, welcher sich nach und nach über der Ecke des Steinbruchs erhob, und von dem aus die Beobachtung am leichtesten ausgeführt werden konnte. Er schob sich auf diesen Vorsprung zu und kroch denselben hinan.

Es war dies nicht ganz ohne Schwierigkeiten auszuführen, aber er gelangte doch unbemerkt hinauf.

Unten hatte man noch einige Laternen angebrannt, deren Schein alles zur Genüge beleuchtete. Der alte Kapitän zählte die Fässer und gab seine Weisungen.

„Jetzt sind wir mit dem Abladen fertig“, sagte er. „Rollt nun die Fässer hinein.“

„Ist das Loch breit genug gemacht?“ fragte Berteu.

„Natürlich! Hier, überzeugt Euch.“

Er leuchtete nach der Öffnung, welche in die Erde führte.

„Halt“, dachte der Maler. „Das ist der Eingang; den muß ich genau besehen.“ Er schob sich bis zur Kante des Felsens vor, um besser sehen zu können, ließ aber dabei außer acht, daß der Stein dort von Wind und Wetter brüchig geworden war. Als er den Kopf so weit wie möglich vorstreckte, um alles sehen zu können, bröckelte das Gestein los und rollte hinab. Die unten Stehenden hörten und fühlten das. Sie blickten in die Höhe. Schneffke wollte mit dem Kopf zurück, aber das geschah so jäh, daß das locker gewordene Gestein sich weiter unter ihm vom Felsen trennte.

„Donnerwetter!“ sagte der Kapitän. „Da oben muß irgend jemand sein. Steigt einmal hinauf.“

Schneffke versuchte, auf die Beine zu kommen, machte aber dadurch die Sache nur noch schlimmer. Er geriet ins Rutschen und das ging um so schneller, je mehr er sich dagegen sträubte. Aus den Bröckchen, die hinuntergefallen waren, wurden Brocken, dann größere Steine, und endlich folgte der dicke Maler selbst. Er stürzte mit aller Wucht von dem Vorsprung herab und mitten unter die Männer hinein, so daß er zwei von ihnen mit zu Boden riß.

„Kreuzmohrenelement!“ rief er. „Da liegt nun der ganze Pudding in der Sirupschüssel.“

„Hölle und Teufel“, fluchte der Kapitän. „Wer ist dieser Kerl? Haltet ihn fest!“

Sofort streckten sich zehn Hände oder vielmehr Fäuste nach Schneffke aus und hielten ihn gepackt.

„Sachte, sachte“, warnte er. „Ich platze sonst wie eine Bombe.“

„Platze du und der Teufel. Laßt ihn nicht los.“

„Er hat uns belauscht“, sagte Berteu. „Wir müssen uns seiner versichern. Wir müssen ihn binden.“

„Habt ihr Stricke?“ fragte Richemonte.

„Genug, hier am Wagen.“

„So fesselt ihn.“

Schneffke wurde vom Boden emporgerissen und im Nu mit Stricken gebunden.

„Halt!“ sagte er. „Laßt mir nur die Hände so lange frei, bis ich mich befühlt, wieviel Knochen mir entzweigebrochen sind.“

„Das fehlte noch“, antwortete Berteu. „Die Knochen, welche dir noch nicht gebrochen sind, schlagen wir entzwei, Bursche.“

„Soll das etwa ein geistreicher Einfall sein?“

„Spotte nicht noch. Übrigens kommt mir diese Stimme und der ganze dicke Mensch bekannt vor. Her mit der Laterne. Leuchtet ihm doch einmal in das Gesicht.“

„Dachte ich es doch. Dieser Maler ist es wahrhaftig.“

„Ein Maler?“ fragte der Kapitän. „Kennen Sie ihn?“

„Sehr gut sogar.“

„Woher?“

„Er hat sich bei mir eingeschmuggelt, um in Malineau mit diesem verdammten Melac zu konspirieren.“

„Ah, das genügt, um ihn zu kennen. Woher ist er denn?“

„Das weiß der Teufel. Man darf ihm nicht glauben. Ich halte ihn für einen deutschen Spion.“

„Wenn er das ist, so soll es ihm schlecht bekommen.“

Der Alte trat näher, um sich den Dicken genauer zu betrachten. Er schüttelte den Kopf und sagte:

„Sehr klug sieht dieser Mensch nicht aus. Wenn diese Deutschen keine anderen Spione engagieren, werden sie nicht sehr viel Erfolg haben. Dieser Fleischkoloß scheint mir höchst ungefährlich zu sein.“

„Da irren Sie sich. Übrigens, was will er zu dieser Stunde hier im Steinbruch?“

„Ja, was wollen Sie hier?“

Diese Frage des Kapitän war direkt an Schneffke gerichtet.

„Jetzt will ich nichts mehr“, antwortete dieser.

„Was soll das heißen?“

„Ich wollte etwas, will aber jetzt nichts mehr.“

„Was wollten Sie denn?“

„Diesen Steinbruch studieren.“

„Wozu?“

„Geschäftssache.“

„Unsinn! Glauben Sie nicht, uns etwas weismachen zu können. Welche Geschäfte könnten Sie hier haben?“

„Sie haben doch gehört, daß ich Maler bin.“

„Nun ja.“

„Ich kam heute nach Thionville und erkundigte mich nach den landschaftlichen Schönheiten dieser Gegend. Da wurde mir dieser Steinbruch als höchst pittoresk bezeichnet. Ich kam her, kroch überall herum und wurde müde. Ich hatte ein Glas Wein zuviel getrunken. Das übermannte mich, und ich schlief da oben ein.“

„Gut ausgedacht.“

„Nicht ausgedacht, sondern die reine Wahrheit.“

„Sie wollen bis jetzt geschlafen haben?“

„Ja. Ich wachte auf, hörte unter mir ein Geräusch und Stimmen und wollte herabblicken. Nun aber fing diese verteufelte Gegend an, sich unter mir zu bewegen, und ich stürzte da hinab. Habe ich Ihnen dabei weh getan, so haben Sie den Trost, daß auch ich nicht glimpflich dabei weggekommen bin.“

„Glauben Sie ihm nicht, Herr Kapitän“, warnte Berteu.

Der Kapitän faßte den Maler beim Arm und fragte:

„Sind Sie allein hier?“

„Nein.“

„Ah! Wer ist noch da?“

„Sie natürlich.“

„Donnerwetter! Glauben Sie etwa, daß ich Ihnen gestatten werde, sich über mich lustig zu machen? Ich meine, ob Sie ohne Gefährten hier sind.“

„Fällt mir gar nicht ein. Ich mache solche Rutschpartien am Liebsten ganz allein. Geteiltes Vergnügen ist doch nur halbes Vergnügen.“

„Na, wenn Sie hierher gekommen sind, um sich ein Vergnügen zu machen, so werden wir Ihnen behilflich sein. Ich werde Sie nachher noch besser ins Verhör nehmen. Ihr beide hier, führt ihn hinein in den Gang, und ihr anderen durchsucht den Steinbruch. Besetzt aber vorher den Eingang, damit der, welcher vielleicht noch hier versteckt ist, nicht entwischen kann.“

Zwei Männer faßten Schneffke an und schoben ihn vor sich her, einem Loch zu, welches für ihn zwar hoch, aber kaum breit genug war. Er ließ es ohne Gegenwehr geschehen. Er sah ein, daß sie ihm überlegen waren, und Widerstand nicht nur unnütz, sondern sogar gefährlich sein würde. Er dachte in diesem Augenblick weniger an sich selbst, als vielmehr an Fritz Schneeberg, der nun auch in die Gefahr kam, gefangen zu werden.

Das Loch erweiterte sich bald zu einem regelrechten, gewölbten Gang, in welchem er von den beiden Männern festgehalten wurde. Sie sprachen kein Wort, und er hütete sich sehr, ein Gespräch zu beginnen, da er ahnte, daß sie ihm eher Fauststöße, als Antworten gegeben hätten.

Es verging weit über eine halbe Stunde. Dann kam der Kapitän näher. Er schien mit Berteu noch weiter gesprochen zu haben und von diesem mißtrauischer gemacht worden zu sein, denn er maß den Maler mit einem höchst finsteren Blick und sagte:

„Sie waren wirklich allein im Steinbruch?“

„Ja.“

„Nein! Es war noch jemand mit Ihnen.“

„Davon weiß ich nichts.“

„Leugnen Sie nicht! Meine Leute haben einen laufen gehört, dem es gelungen ist, vor ihnen den Eingang zu erreichen.“

„Den möchte ich sehen!“

„Wer war es?“

„Wie soll ich wissen, wer sich außer Ihnen noch nächtlicherweile in diesem Loch herumtreibt.“

„Sie wollen also wirklich nicht gestehen?“

„Ich weiß nichts.“

„Gut! Wir werden Sie zum Sprechen bringen. Darauf können Sie sich verlassen. Sie haben uns belauscht. Was haben Sie von unserer Unterredung gehört?“

„Ich habe nur gehört, daß die Fässer hineingerollt werden sollen.“

„Wissen Sie, was in den Fässern ist?“

„Nein. Geht mich auch nichts an. Doch wohl Wein, der hier in den Keller kommen soll.“

„Allerdings. Aber dennoch werden wir Ihre werte Person in sicherem Gewahrsam behalten.“

„Wollen wir nicht seine Taschen aussuchen?“ fragte der eine der beiden Männer.

„Ist nicht nötig. Wir schließen ihn ein. Er ist uns sicher, ebenso auch alles, was er bei sich trägt. Wir haben jetzt keine Zeit. Wenn wir den Wein hereingeschafft haben, werden wir uns näher mit ihm beschäftigen. Kommt, und bringt ihn mit.“

Er schritt voran, und sie folgten ihm mit dem Gefangenen tiefer, immer tiefer in den Gang hinein. –

Fritz war an der anderen Seite des Wagens herangekrochen. Dort hatte sich auf dem Steinschutt ein kleines Dickicht von Farnkraut und anderen Pflanzen gebildet, hinter denen er Schutz fand. Und von hier aus konnte er alles beobachten und auch alles hören. Er vernahm jedes Wort, welches gesprochen wurde.

Es fiel ihm gar nicht ein, zu glauben, daß der Maler seinen Platz verlassen habe. Daher erschrak er nicht wenig, als dieser so plötzlich von da oben herabgeprasselt kam. Das darauf folgende Gespräch überzeugte ihn von der Gefahr, in welcher er sich nun auch selber befand, und als er dann hörte, daß der Steinbruch durchsucht und der Eingang besetzt werden solle, zog er sich schleunigst zurück.

Dies konnte aber nicht so geräuschlos geschehen, wie es wünschenswert gewesen wäre. Man hörte seine eiligen Schritte und kam hinter ihm her. Desto eiliger sprang er von dannen. Er erreichte den Eingang und – rannte mit einem Menschen zusammen, welcher sich fest an den Stein geschmiegt hatte. Er glaubte natürlich, es mit einem Gegner zu tun zu haben und faßte die Person an, um sie aus dem Weg zu schleudern, mußte aber sofort bemerken, daß dieser Mann ihm an Körperkraft zum wenigsten gewachsen war, denn er selbst wurde von ihm so fest bei der Kehle gepackt, daß er fast den Atem verlor. In dem nun entstehenden Ringen, welches allerdings nur kaum einige Augenblicke währte, fühlte er, daß der andere – einen Höcker trug.

„Herr – Dok – – – tor!“ gelang es ihm hervorzustoßen.

Da ließ der andere sofort los und flüsterte:

„Sapperlot! Fritz, du?“

„Ja.“

„Was tust du hier? Wer ist da drin? Man kommt.“

„Sie haben mich beinahe erwürgt! Aber fort, schnell fort, Herr Doktor.“

Er nahm ihn bei der Hand und riß ihn mit sich fort. In höchster Eile ging es über das angrenzende Feld hinweg, bis die Schritte der Verfolger nicht mehr zu hören waren.

„Wohin denn nur?“ fragte Müller.

„Nach dem Waldloch.“

„Warum denn?“

„Habe jetzt keine Zeit. Später davon. Jetzt aber schnell!“

„Das muß notwendig sein. Also vorwärts!“

Sie rannten nach dem Wald und, als sie denselben erreicht hatten, in möglichster Schnelligkeit zwischen den Bäumen dahin. Dies ging zwar keineswegs ohne Beschwerden ab; aber sie hatten denselben Weg bereits bei Tag und auch bei Nacht gemacht, und so erreichten sie das Waldloch, ohne sich an den Baumstämmen Schaden getan zu haben.

„Jetzt sollten Sie Ihre Laterne bei sich tragen!“ sagte Fritz endlich das Wort ergreifend.

„Ich habe sie.“

„Oh, das ist sehr gut. Vielleicht auch die Schlüssel?“

„Ja.“

„Herrlich! Brennen Sie an. Wir müssen hinein.“

Müller zog die Laterne und Streichhölzer hervor. Während des Anbrennens hatte er Zeit zu der Frage: „Um einen Menschen zu retten, um den es sonst auf jeden Fall geschehen ist.“

„Wer ist es?“

„Sie sollen es nachher erfahren. Jetzt brennt die Laterne, und wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Der, welchen ich meine, ist nämlich vom Steinbruch aus in den Gang geschafft worden. Wir dringen von dieser Seite ein. Wenn wir uns beeilen, kommen wir vielleicht noch zeitig genug, um zu bemerken, in welches Gewölbe er gesperrt wird.“

„Das genügt einstweilen. Also komm.“

Sie hatten den Boden des Waldlochs erreicht und drangen auf die bereits bekannte Art und Weise in den unterirdischen Gang ein. Sie verfolgten denselben bis zum Kreuzungspunkt, wo die Gänge sich durchschnitten, und wollten eben um die Ecke biegen, um den Gang zu betreten, welcher in der Richtung nach dem Steinbruch fortlief, als Müller schnell einige Schritte wieder zurückfuhr.

„Was gibt's?“ fragte Fritz.

„Bald hätten wir eine Dummheit begangen.“

„Welche?“

„Du vermutest, daß sie sich in dem Gang da rechts um die Ecke befinden?“

„Ja.“

„Und wir wollten mit der Laterne um diese Ecke biegen?“

„Sapperlot. Ja. Sie hätten uns leicht bemerken können!“

„Stecken wir also die Laterne ein. Wir müssen, so gut es geht, im Finstern weiter.“

Nun erst, als sie von dem Licht nicht mehr verraten werden konnten, gingen sie weiter. Kaum aber waren sie um die Ecke gelangt, so hielten sie bereits wieder an. „Siehst du?“ fragte Müller.

„Ja. Dieser kleine Lichtpunkt da vorn muß von einer Laterne kommen. Nicht?“

„Jedenfalls. Sehen wir genau hin, ob er sich bewegt.“

So leicht sie sich täuschen konnten, bemerkten sie doch, daß der helle Punkt sich vergrößerte.

„Die Laterne bewegt sich“, meinte Fritz.

„Ja, sie kommen näher. Warten wir hier!“

Sie verhielten sich ruhig, bis sich um den Punkt eine helle Umgebung bildete. Dann sagte Müller:

„Sie sind nicht mehr hundert Schritte entfernt. Wir müssen uns also zurückziehen.“

„Aber wohin?“

„Dahin, woher wir gekommen sind.“

„Doch nicht hinaus in den Wald?“

„Keineswegs. Wir müssen sehen, was sie tun. Wir kehren also nur so weit, als es unsere Sicherheit erfordert, zurück.“

Sie schlugen den Rückweg ein und blieben dann in einiger Entfernung wieder halten. Sie brauchten nicht lange zu warten, so erschien am Kreuzungspunkt der Laternenschein.

„Sapperlot!“ flüsterte Fritz. „Sie kommen in diesen Gang herein. Wir müssen noch weiter rückwärts.“

„Nur aber nicht zu schnell. Ah, siehst du? Sie bleiben stehen!“

Die beiden konnten jetzt ziemlich deutlich vier Männer unterscheiden, welche ihre Schritte angehalten hatten. Es wurden einige Worte gewechselt, deren Schall in dem Gang bis her zu den Lauschern drang. Dann hörten diese ein Schloß öffnen, und der Lichtschein verschwand.

„Sie sind dort durch die erste Türe in das Gewölbe“, bemerkte Fritz. „Wollen wir näher?“

„Ja, obgleich es sehr gefährlich ist.“

Sie schlichen sich äußerst vorsichtig heran. Sie wagten viel, aber es gelang ihnen, die Tür zu erreichen, welche nur angelehnt war. Müller blickte durch die Lücke. Das Gewölbe war mit Fässern ganz angefüllt. Ganz hinten zeigte sich eine gerade noch wahrnehmbare Helligkeit.

„Sehen Sie etwas?“ fragte Fritz.

„Ja. Horch!“

„Da wurde eine Tür zugeworfen.“

„Und nun klirrt ein Riegel. Ah! Sie kommen zurück. Also fort! Schnell!“

Sie eilten auf den Fußspitzen wieder nach dem Punkt, an welchem sie sich vorher befunden hatten. Doch hatten sie denselben noch nicht erreicht, so bemerkten sie hinter sich bereits wieder den Laternenschein.

„Stehen bleiben!“ flüsterte Müller. „Ihre Laterne leuchtet nicht hierher. Und wir können vielleicht hören, was sie sprechen.“

„Aber wenn sie hierher kommen!“

„So haben wir immer noch Zeit zur Flucht. Horch!“

„Es sind nur drei. Der eine schließt zu.“

„Man hat also den vierten eingesperrt. Pst! Sie sprechen.“

Man hörte den einen der drei Männer sagen:

„Also nachher verhören wir ihn?“

„Ja, in einer Stunde sind wir fertig. Es hat Zeit bis dahin.“

„Der Kerl kann sich gratulieren!“

„Er mag sein, was er will, ob unschuldig oder ein Spion, er hat uns belauscht und muß unschädlich gemacht werden. Jetzt also wieder hinaus zu den Fässern!“

Sie entfernten sich in der Richtung, aus welcher sie vorher gekommen waren. Als der Schein ihrer Laterne nicht mehr zu erkennen war, fragte Fritz:

„Haben Sie die letzten Worte verstanden, Herr Doktor?“

„Ja. Verhören wollen sie den Mann, verhören und unschädlich machen.“

„Das müssen wir verhindern.“

„Wer ist denn dieser Mann?“

„Ein Maler; wissen Sie, der dicke Maler, von dem ich Ihnen schon erzählt habe.“

„Ah, dieser! Aber wie kommt dieser sonderbare Mensch in diese fatale Lage?“

„Er scheint überhaupt ein ausgemachter Pechvogel zu sein.“

„Und ein wunderbarer Kerl dazu.“

„Fast mehr als wunderbar, nämlich wunderlich. Ich traf ihn im Gasthof, und erfuhr dann von ihm, daß der Pulvertransport heute abend hier ankommen werde. Er wollte das beobachten, ich konnte ihn nicht davon abbringen.“

„Weiter!“

Fritz gab seine Aufklärung, und als er damit zu Ende war, meinte Müller:

„Dieser Maler scheint trotzdem gar kein unebener Kerl zu sein. Wir müssen uns seiner annehmen. Welch ein glücklicher Zufall also, daß ich auf dich getroffen bin!“

„Konnte mich beinahe das Leben kosten!“

„So schnell geht das Erwürgen nicht.“

„Aber wie kamen denn Sie zum Steinbruch?“

„Ich beobachtete den Alten und bemerkte, daß er nach den Gewölben ging. Ich folgte ihm, um vielleicht zu sehen, was er vorhabe. Du erinnerst dich doch, daß der Gang nach dem Steinbruch verschüttet war?“

„Ja. Heut aber ist er jedenfalls geöffnet worden.“

„Und zwar von dem Alten selbst. Ich beobachtete ihn dabei. Natürlich nahm ich sogleich an, daß im Steinbruch etwas geschehen werde. Das mußte ich erfahren. Von meinem Lauscherposten aus konnte ich es nicht beobachten, darum verließ ich die Gewölbe durch das Waldloch und ging nach dem Bruch.“

„Ah, so also ist es!“

„Ja. Ich war kaum da angekommen, so hörte ich jemand sehr eilig gelaufen kommen. Ich drückte mich eng an den Felsen, um ihn vorüber zu lassen; aber dieser jemand wollte ebenso eng um den Felsen biegen und stieß also mit mir zusammen.“

„Das war ich!“

„Ja. Ich hielt dich für einen andern.“

„Und drückten mir daher ein ganz klein wenig die Gurgel zusammen. Na, das ist nun überstanden. Was tun wir jetzt?“

„Wir suchen den Maler.“

„Aber wenn man uns erwischt!“

„Wir haben eine Stunde Zeit.“

„Es gibt dennoch eins zu bedenken, Herr Doktor.“

„Was?“

„Wenn wir ihn befreien, so schöpft der Alte Verdacht.“

„Das ist freilich wahr. Wie aber wollen wir das umgehen?“

„Ich weiß es auch nicht.“

„So muß es eben riskiert werden. Aber sonderbar ist diese Sache doch. Kannst du dich erinnern, daß wir auch in dem Gewölbe da gewesen sind?“

„Ja. Es steht voller Fässer.“

„Hast du eine Tür bemerkt?“

„Nein.“

„Ich auch nicht. Und dennoch hörte ich ganz deutlich, daß ein Riegel klirrte und eine Tür zugeworfen wurde.“

„Vielleicht war sie hinter den Fässern versteckt.“

„Anders nicht. Also beginnen wir!“

Sie begaben sich zu der betreffenden Tür. Müller zog den Schlüssel hervor, öffnete, trat mit Fritz ein und verschloß sodann die Tür hinter sich. Nun nahm er die Laterne aus der Tasche und öffnete sie. Er hatte sie gar nicht ausgelöscht. Ihr Schein beleuchtete die Fässerreihen.

„Wo mag sich die Tür befinden?“ fragte Fritz.

„Da ganz hinten muß es sein. Wo ich den Lichtschein bemerkte. Suchen wir!“

Sie begaben sich nach der hinteren Mauer des Gewölbes und bemerkten auch sofort, daß da einige Fässer entfernt worden waren. Dadurch war eine bisher hinter ihnen verborgene, stark mit Eisen beschlagene Tür zum Vorschein gekommen.

„Hier muß es sein.“

„Jedenfalls.“

„Aber ob der Schlüssel hier auch schließt?“

„Wir werden sehen.“

Zu ihrer Freude tat der Schlüssel seine Schuldigkeit. Sie gelangten in einen leerstehenden kleinen, viereckigen Raum und sahen sich abermals einer Tür gegenüber. Auch diese wurde geöffnet. Müller trat ein. Dieser Raum war ganz ebenso beschaffen wie der vorige. Es war da nichts zu sehen als eine dicke, menschliche Gestalt, welche an der Erde kauerte und sich mühsam erhob.

„Jetzt schon ins Verhör?“ fragte der Mann.

„Nein“, antwortete Müller.

„Was denn? Soll ich etwa eine Partie Sechsundsechzig mit Ihnen spielen?“

„Sie scheinen sehr gut gelaunt zu sein, Herr Schneffke!“

„Warum soll ich nicht! Ich bin hier sehr wohl versorgt.“

„So können wir also wieder gehen. Wir glaubten, Ihnen einen Gefallen zu erweisen, wenn wir Ihnen diese Schlösser öffnen und Ihre Stricke zerschneiden.“

„Sapperment, das klingt nicht übel! Wer sind Sie denn?“

„Ein Bekannter Ihres Bekannten.“

„Welches Bekannten?“

„Dieses da.“

Er deutet dabei auf Fritz, der bisher hinter ihm gestanden hatte und also nicht zu sehen gewesen war.

„Bitte, leuchten Sie ihm doch einmal ins Gesicht!“

Müller tat es und sogleich meinte der Maler:

„Heiliges Mirakel! Was ist denn das? Wäre ich nicht an Armen und Beinen gebunden, so schlüge ich vor Erstaunen die Hände und Füße über dem Kopf zusammen. Herr Schneeberg!“

„Freilich bin ich es.“

„Aber wie kommen denn Sie hierher?“

„Das habe ich vorausgesehen, Sie Spaßvogel. Aber –“

„Lassen wir das jetzt. Zeigen Sie einmal her!“

Er zog sein Messer hervor und schnitt die Stricke entzwei.

„So, da sind Sie nun frei. Ein anderes Mal unterlassen Sie gefälligst solche Dummheiten.“

„Welche Dummheiten?“

„Ich hatte Ihnen gesagt, daß Sie auf Ihrem Platz bleiben sollten.“

„Hm! Ja! Wir können ja gleich wieder hingehen!“

„Sie scheinen unverbesserlich zu sein.“

„Was hatte ich denn zu befürchten?“

„Den Tod, mein Bester.“

„Donner und Doria! Wäre es wirklich so schlimm gemeint gewesen?“

„Gewiß, ganz gewiß.“

„Nun, so will ich Ihnen herzlich danken! Um mich wäre es wohl nicht sehr schade gewesen; aber ich habe noch einige Pflichten zu erfüllen, welche mir heilig sind. Bitte aber mir zu erklären, wie es Ihnen möglich ist, mich zu befreien.“

„Jetzt ist zu einer Erklärung keine Zeit“, sagte Müller. „Wir müssen uns schleunigst entfernen, wenn diese Menschen nicht drei Gefangene haben sollen, anstatt des einen.“

„Ist mir lieb. Gehen wir also.“

„Nicht so. Nehmen Sie die Stricke vom Boden auf. Wir dürfen sie nicht liegen lassen.“

„Warum nicht?“

„Der Kapitän darf sich nicht erklären können, auf welche Weise Sie entkommen sind.“

„Ganz richtig! Da sind die Stricke; ich bin also bereit.“

Sie gingen, und Müller schloß alle Türen hinter sich zu. Durch den Gang gelangten sie in das Waldloch. Dem Maler fiel es freilich schwer, durch die niedrigen Ausgänge zu schlüpfen, welche für sein Kaliber gar nicht eingerichtet waren. Als er im Freien angekommen war, holte er tief Atem und sagte:

„Meine Herren, es war dennoch eine verdammte Geschichte.“

„Das will ich meinen“, sagte Müller. „Sie können die Gefahr, in welcher Sie sich befunden haben, gar nicht taxieren.“

„Ist dieser alte Kapitän wirklich ein so gefährlicher Kerl?“

„Schlimmer als Sie denken. Doch jetzt das Notwendigste. Können Sie schweigen?“

„Beinahe wie ich selber.“

„Ich bitte Sie nämlich, von dem, was Sie heute erlebt haben, nichts verlauten zu lassen.“

„Diesen Gefallen kann ich Ihnen tun. Aber warum soll ich diese Menschen nicht zur Rechenschaft ziehen?“

„Das erfahren Sie noch. Ich habe erfahren, wo Sie logieren. Wann reisen Sie ab?“

„Heute und morgen wohl noch nicht.“

„Warum?“

„Sehr einfach. Weil ich hier noch zu tun habe.“

„Ich will Sie nicht nach der Art Ihrer Geschäfte fragen; aber es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß es für Sie am besten ist, sich schleunigst zu entfernen.“

„Warum?“

„Weil der Kapitän alles tun wird, sich Ihrer zu bemächtigen.“

„Das sollte ihm wohl schwer gelingen. Viel eher würde ich mich seiner bemächtigen.“

„Trauen Sie sich nicht zuviel zu.“

„Dieser Kapitän ist der dümmste Kerl, den ich kennengelernt habe.“

„Wieso?“

„Steckt mich ein und läßt mir meinen Revolver!“

„Das ist allerdings geradezu unglaublich. Dennoch rate ich Ihnen, vorsichtig zu sein. Lassen Sie sich nicht von ihm sehen. Ich denke, daß ich noch mit Ihnen sprechen werde. Gehen Sie nach Hause.“

„Nach Hause? Sapperment! Ich möchte nach den Steinbruch!“

„Wozu?“

„Um diese Kerls weiter zu beobachten.“

„Überlassen Sie das lieber mir. Hier, Herr Schneeberg wird Sie begleiten. Es genügt vollständig, wenn ich allein erfahre, was dort im Steinbruch heute in der Nacht passiert. Gute Nacht!“

Sein Licht verlöschte. Es raschelte im Laub, und dann war er verschwunden. Schneffke versuchte mit seinen Augen das Dunkel zu durchdringen. Dann sagte er: „Dieser Herr hatte eine sehr bestimmte Art und Weise, mit einem zu sprechen. Wer ist er?“

„Der Hauslehrer auf Schloß Ortry.“

„Ah! Wie heißt er?“

„Doktor Müller.“

„So so! War es vielleicht der Bekannte, von dem Sie sprachen!“

„Ja.“

„Hm, hm!“

„Warum brummen Sie?“

„Das tue ich stets, wenn ich über Dinge oder Personen nachdenke, welche mich interessieren. Er sagte: Gute Nacht. Ist er wirklich fort?“

„Natürlich.“

„Na, so wollen wir ihm gehorchen und auf den Steinbruch verzichten. Was haben Sie noch vor?“

„Nichts. Ich gehe nach Hause.“

„Schön! Gehen wir also miteinander. Sie kennen den Weg?“

„Genau. Legen Sie den Arm in den meinigen.“

„Das ist allerdings sehr notwendig. Wenn ich nämlich sehr genau und scharf nachdenke, so kommt es mir ganz so vor, als ob ich meinen Kopf nicht erhalten hätte, um ihn bei Nacht und Nebel an den Baumstämmen zu zerstoßen.“

„Das geht mir mit dem meinigen ebenso. Kommen Sie! Aber schweigen wir jetzt! Es ist nicht nötig, daß uns jemand bemerkt.“

Der Dicke gehorchte dieser Aufforderung. Erst als der Wald hinter ihnen lag und man nun besser unterscheiden konnte, ob man beobachtet sei oder nicht, sagte er:

„Sagen Sie mir einmal, was Sie von mir denken, mein lieber Herr Schneeberg.“

„Schön! Aber soll ich aufrichtig sein?“

„Ja.“

„Gut, so will ich Ihnen gestehen, daß ich Sie für einen sehr guten Kerl, aber auch für einen sehr großen Tolpatsch halte.“

„Donnerwetter! Wer das sagt, muß selbst ein Tolpatsch sein. Aber ich will es Ihnen nicht übelnehmen. Ich habe Pech, aber auch sehr viel Glück. Der Kapitän hätte mich nicht gefressen, denn ich hatte noch die Waffe; dennoch – – –“

„Was hätten Sie mit dem Revolver tun wollen?“ fiel Fritz ihm in die Rede.

„Den Alten erschießen.“

„Sie waren ja gefesselt.“

„Sapperment! Das ist wahr! Daran habe ich nicht gedacht. Schießen hätte ich gar nicht können. Desto mehr Dank bin ich Ihnen schuldig. Nun aber sagen Sie mir, wie Sie auf den Gedanken gekommen sind, mich herauszuholen?“

„Sollte ich Sie etwa stecken lassen.“

„Nein. Aber ich hätte es für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten.“

„Und doch war es nicht schwierig. Ich kenne diese unterirdischen Gänge und traf dazu Herrn Müller, der fast noch besser orientiert ist, als ich. Da wurde es verhältnismäßig leicht, bis zu Ihnen zu gelangen.“

„Es gibt hier gewisse Heimlichkeiten; doch frage ich nicht nach ihnen, da sie mich nichts angehen. Aber dabei möchte ich doch sein, wenn sie zurückkommen und das Nest leer finden.“

„Sie werden sich Ihr Verschwinden gar nicht erklären können.“

„Der Kapitän weiß also wohl gar nicht, daß Sie auch Schlüssel besitzen?“

„Nein. Er darf nicht einmal ahnen, daß wir die Gänge kennen.“

„So werde ich also schon aus reiner Dankbarkeit schweigen, um Ihnen keinen Schaden zu bringen. Aber, das ist mir noch viel zuwenig. Können Sie mir nicht die Freude machen, mir zu sagen, in welcher Weise es mir möglich ist, meinen Dank abzutragen?“

„Hm! Ich tat meine Pflicht, weiter nichts.“

„Das ist sehr bescheiden. Ich werde mich also ganz derselben Bescheidenheit befleißigen und Ihnen gegenüber auch nur meine Pflicht tun. Darf ich?“

„Ich wüßte nicht, welche Pflicht Sie meinen könnten.“

„Ich bin überzeugt, daß Sie das nicht wissen. Ich möchte Sie nämlich sehr gern glücklich sehen.“

„Halten Sie mich für unglücklich?“

„Nein; aber trotzdem könnten Sie noch glücklicher sein, als Sie es jetzt schon sind.“

„Das ist wahr. Es hat ein jeder Tag seine Hitze und seinen Schatten.“

„Nicht nur der Tag, sondern auch der Mensch. Auch Sie haben Ihre Hitze und Ihren Schatten.“

„Ich? Wieso?“

„Ihre Hitze heißt: Mademoiselle Nanon.“

„Lauscher! Aber Sie stellen nur eine Vermutung auf, die nicht gerechtfertigt ist.“

„Pah! Sie lieben Nanon!“

„Herr Schneffke!“

„Nun ja! Jetzt möchten Sie lieber gar grob werden, und doch meine ich es so gut mit Ihnen. Ich möchte Sie nämlich sehr gern von Ihrem Schatten befreien, den haben Sie ja auch.“

„Was wäre das?“

„Ein gewisses Geheimnis, welches sich auf – hm, auf die Abstammung bezieht.“

„Sapperment! Was wissen Sie von diesem Geheimnis?“

„Daß es enthüllt werden kann.“

„Etwa durch Sie?“

„Ja.“

„Spaßvogel! Wer hat zu Ihnen davon gesprochen?“

„Niemand.“

„So können Sie ja auch gar nicht wissen, daß ich ein Findelkind bin.“

„Sie? Ein Findelkind? Ach so! Aber von Ihnen ist ja gar nicht die Rede!“

„Nicht? Von wem denn? Sie sprachen doch von meiner Abstammung.“

„Ist mir nicht eingefallen! Von der Ihrigen nicht!“

„Von welcher denn?“

„Von derjenigen Nanons.“

Da hielt Fritz den Schritt an, legte die Hand fest um den Arm des Malers und sagte:

„Herr Schneffke, dieses Thema ist mir zu heilig, als daß ich einen Scherz darüber dulden könnte!“

„Scherze ich denn?“

„Was sonst?“

„Ich spreche im Gegenteil sehr im Ernst.“

„Das werden Sie mir sehr schwer beweisen können!“

„Sogar sehr leicht.“

„Wollen Sie etwa behaupten, die Abstammung, von welcher wir sprechen, zu kennen?“

„Nicht gerade diese Behauptung ist es, welche ich aufstellen will; aber es gilt Zufälligkeiten, welche, miteinander verglichen, zu Schlüssen führen können.“

„Zu Trugschlüssen!“

„Vielleicht. Heute aber habe ich keine Lust, Trug zu schließen. Seien wir aufrichtig! Sie interessieren sich für Nanon?“

„Ja.“

„Das heißt natürlich, Sie lieben sie?“

„Nichts anderes.“

„Nun gut! Sie sollen sie haben!“

„Sapperment! Sie widersprechen sich bedeutend!“

„Wieso?“

„Sie sagten erst heute, daß die Traube für mich viel zu hoch am Stock hänge.“

„Ja; aber inzwischen haben Sie mir einen großen Dienst erwiesen, und so will auch ich Ihnen nach Kräften förderlich sein. Mit einem Wort: Sie sollen Nanon haben.“

„Herr Schneffke, ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich bis jetzt angenommen habe, Sie sprechen im Scherz. Aber der Ton, welchen Sie jetzt anschlagen, scheint mir Ernst zu bedeuten.“

„Es ist mein völliger Ernst.“

„Nun, Gottes Wege sind wunderbar; ihm ist nichts unmöglich. Aber Sie werden mir glauben, wenn ich versichere, daß ich sehr gespannt auf das bin, was Sie mir mitzuteilen haben.“

„Das glaube ich Ihnen. Ich vermute nämlich, daß Nanon nicht Eltern gewöhnlichen Standes gehabt habe. Ich war auf Schloß Malineau.“

„Ich auch. Und doch ist dort nichts zu erfahren gewesen.“

„Sie haben nichts erfahren und die beiden Schwestern auch nichts. Doch es ist trotzdem möglich, daß andere etwas erfahren. Glauben Sie, daß Nanon Sie wiederliebt?“

„Vielleicht.“

„Pah, vielleicht. Sie liebt Sie; das ist sicher! Ich habe es bemerkt, als ich auf der Birke hing. Aber glauben Sie, daß sie Ihnen ihre Hand reichen würde, wenn sie auf einmal Gewißheit bekäme, daß ihr Vater ein Adeliger sei?“

„Der Liebe ist alles möglich.“

„Aber diesem Vater würde das vielleicht nicht passen.“

„Das steht abzuwarten.“

„Darum will ich Ihnen die Hand bieten, sich diesen Vater so zu verpflichten, daß er Ihnen die Tochter geben muß.“

„Sie sprechen geradeso, als ob Sie sich entschlossen hätten, meine Vorsehung zu sein.“

„Das ist auch wirklich der Fall. Sie sollen heute dem Maler Hieronymus Aurelius Schneffke nicht umsonst aus der Patsche geholfen haben. Können Sie jetzt mit mir noch einmal in den Gasthof kommen?“

„Es würde mich niemand hindern, und doch möchte ich es unterlassen.“

„Warum?“

„Man soll nicht bemerken, daß wir miteinander zu tun haben. Der Wirt ist nämlich ein Verbündeter des Kapitäns.“

„Ach so! Das ist schade! Ich hätte Ihnen gern bereits heute ein Mittel in die Hand gespielt, Nanons Abstammung zu entschleiern.“

„Sollte es wirklich ein solches Mittel geben?“

„Ich vermute es und glaube nicht, mich dabei zu irren.“

„Dann stehe ich Ihnen zu Gebote, aber nicht im Gasthof. Ich werde Sie vielmehr bitten, mit nach meiner Wohnung zu kommen.“

„In die Apotheke?“

„Ja.“

„Wird das nicht auffallen?“

„Gar nicht. Es wird uns gar niemand bemerken.“

„Gut, so gehe ich mit. Diese Apotheke ist übrigens ein Haus, für welches ich eine lebhafte Sympathie hege.“

„Warum?“

„Weil da drei Personen wohnen, denen ich das lebhafteste Interesse widme.“

„Darf man diese Personen kennenlernen?“

„Gewiß! Die erste sind natürlich Sie.“

„Großen Dank!“

„Die zweite Person ist die Engländerin.“

„Ach so! Hm! Ja! Und die dritte?“

„Der Gehilfe.“

„Dieser? Wieso?“

„Ich habe ihm einmal einiges abgekauft, was ich noch nicht in Gebrauch genommen habe und ihm infolgedessen so recht gemütlich unter die Nase reiben möchte. Das wird schon einmal passen! Aber hier ist die Stadt. Also mit zu Ihnen?“

„Ja. Ich befinde mich in einer Spannung, welche gar nicht größer sein kann. Lassen Sie uns eilen.“

Fritz befand sich natürlich im Besitz eines Hausschlüssels. Nach kurzer Zeit hatte er mit dem Maler sein Zimmer erreicht und dort Licht gemacht. Dann erwartete er mit Ungeduld die Mitteilung seines Gastes.

„Haben Sie Papier und Bleistift hier?“ fragte dieser.

„Ja. Wollen Sie schreiben?“

„Nein, sondern zeichnen.“

„Was denn?“

„Das werden Sie bald sehen. Geben Sie her!“

Er erhielt das Verlangte, setzte sich an den Tisch und sagte:

„Brennen Sie sich eine Zigarre an und lassen Sie sich die Zeit nicht lang werden. Ich muß meine Zeichnung aus der Erinnerung machen, und da heißt es, die Gedanken zusammenzunehmen.“

Fritz folgte diesem Rat. Er rauchte, und Schneffke zeichnete; Minute um Minute verging; es wurden Viertelstunden daraus, Fritz befand sich wie auf Kohlen; aber er sagte kein Wort, um nicht zu stören. Endlich, als bereits über eine Stunde vergangen war, legte Schneffke den Stift weg, hielt das Papier in gehörige Entfernung, um es genau zu betrachten, und sagte dann:

„Ich denke, daß es gelungen ist.“

„Was haben Sie gezeichnet? Darf ich es sehen?“

„Ja. Hier ist es.“

Fritz sah einen Frauenkopf von wunderbarer Lieblichkeit. Er hielt denselben sich in kürzerer und größerer Entfernung vor die Augen und sagte dann: „Ein allerliebster Scherz!“

„Scherz? Wieso?“

„Das ist ja Nanon!“

„Nanon? Ah! Wirklich?“

„Ja. Sie haben die Nanon in spe gezeichnet, so wie sie sein wird, wenn sie einige Jahre älter und Weib geworden sein wird.“

„So, so!“ lächelte Schneffke. „Sind Sie Ihrer Sache gewiß? Ich habe ganz im Gegenteil gedacht, Madelons Bild zu zeichnen.“

„Madelons? Hätte ich mich geirrt? Ja, richtig! Es ist nicht Nanon, sondern Madelon.“

„Sehen Sie das nun genau?“

„Ganz genau. Es ist keine Täuschung möglich.“

„Aber mein Lieber, wenn es nun wirklich meine Absicht gewesen wäre, Nanon zu zeichnen! Sehen Sie sich das Bild genau an!“

Fritz musterte nochmals das Porträt und sagte dann:

„Ich werde nicht klug daraus! Das ist sowohl Nanon, als auch Madelon, nur älter und ausgebildeter.“

„Sie werden nicht klug? Und doch habe ich Sie für klug gehalten. Ich werde Ihnen auf die Sprünge helfen. Wenn dieses Porträt dasjenige von Madelon und Nanon ist und doch auch wieder nicht ist, wessen Porträt muß es dann sein?“

„Das einer Schwester vielleicht.“

„Haben die beiden Genannten eine Schwester?“

„Nein.“

„So haben Sie also falsch geraten. Weiter!“

Fritz dachte einen kurzen Augenblick nach; dann zuckte es wie eine Erkenntnis über sein männlich hübsches Gesicht.

„Meinen Sie etwa die Mutter?“ fragte er.

„Warum nicht.“

„Ah! Also die Mutter soll es sein! Haben Sie denn die Dame gekannt? Sie ist längst tot.“

„Ich habe sie nie gesehen.“

„Aber wie kommen Sie dazu, ihr Porträt zu zeichnen?“

„Ich habe einmal ein Bild gesehen, ganz so wie dieses. Und darunter standen die Worte, welche ich jetzt auch unter diesen allerliebsten Kopf schreiben werde. Hier!“

Das Letztere war nicht nach der Wahrheit gesagt; aber es paßte so in seinen Plan. Fritz warf einen Blick auf die Worte und las:

„Mon doux et aimé becque fleur – mein süßer, lieber Kolibri! Herrgott! Mann, wie kommen Sie zu diesen Worten?“

„Ganz so, wie ich gesagt habe. Ich habe sie gelesen.“

„Und Nanon hat mir gesagt, sie wisse von ihrer Mutter, daß diese von dem Vater stets mit dem Kosenamen Kolibri bedacht worden sei. Wie kommen Sie dazu, aus diesem Namen zu schließen, daß – – –“

„Nun, daß – – –“

„Daß dieser Kopf das Porträt von Nanons Mutter sei.“

„Hm! Dieses Geheimnis müssen Sie mir schon lassen. Sie werden später das Weitere erfahren.“

„Schön! Aber Sie spannen mich auf die Folter!“

„Ich hoffe, daß es keine unangenehme Folter sein wird.“

„Darf ich Nanon das Bild zeigen?“

„Ja.“

„Auch Madelon?“

„Auch ihr, doch stelle ich meine Bedingungen.“

„Bedingungen? Ich hoffe, Sie werden nichts Unmögliches verlangen.“

„Nein. Was ich verlange, das ist zu Ihrem eigenen Glück. Sie dürfen das Bild den beiden Mädchen zeigen; aber Sie sagen nicht, von wem es ist.“

„Warum nicht?“

„Ich habe meine Absicht dabei.“

„Dann kann ich ja nichts erreichen!“

„O doch! Sie sollen das Bild nämlich noch einer dritten Person zeigen, aber auch ohne zu sagen, von wem Sie es haben.“

„Wer ist diese Person?“

„Es ist – ah, wissen Sie, wer hier im Haus verkehrt?“

„Ich kenne sie alle.“

„Ich habe sie im Garten bei der Engländerin gesehen.“

„Meinen Sie etwa Master Deep-hill?“

„Deep-hill, ja, so heißt er.“

„Und ihm soll ich das Bild zeigen?“

„Ja.“

„Wozu?“

„Sie werden von ihm Auskunft erhalten.“

„Was aber antworte ich, wenn man mich nach dem Zeichner fragt?“

„Da Porträt ist nicht ein Porträt, sondern ein Studienkopf, entworfen von einem Freund, an den Sie schreiben werden, um Aufklärung zu erhalten.“

„Ja. Diese Aufklärung habe ich von Ihnen zu erbitten?“

„Ja. Ich will jetzt im Hintergrund bleiben.“

„Lauter Rätsel! Von Deep-hill soll ich Auskunft erhalten und von Ihnen Aufklärung! Warum geben Sie mir diese nicht gleich jetzt?“

„Ich will mich vorher überzeugen, ob meine Vermutung das Richtige trifft oder nicht.“

„So muß ich mich fügen. Hoffentlich treffe ich Nanon bereits morgen. Und Deep-hill wird auch kommen. Wo finde ich Sie dann?“

„Im Gasthof. Aber Sie sagten, daß der Wirt der Verbündete des Kapitäns sei. Das ist, nach dem, was heute für mich geschehen ist, gefährlich. Ich werde mich also ausquartieren.“

„Wohin?“

„Das weiß ich noch nicht, werde es Ihnen aber durch einige Zeilen, die ich Ihnen sende, mitteilen.“

„Ich bitte sehr darum! Diese Angelegenheit ist mir so wichtig, daß ich keine Minute verlieren möchte.“

„Nun, laufen Sie nur nicht schon während der Nacht nach Schloß Ortry, sondern lassen Sie die Damen erst ausschlafen! Jetzt aber ist's genug. Ich werde gehen.“

Sie schieden unter den Versicherungen herzlicher Freundschaft voneinander. Fritz war so erregt, daß er nicht schlafen konnte. Er lief noch stundenlang im Zimmer umher, schmiedete Pläne und erging sich in tausenderlei Vermutungen. Endlich fühlte er sich doch körperlich und seelisch so angegriffen, daß er das Lager suchte.

Die Folge blieb nicht aus. Als er erwachte, war der Mittag nahe; es hatte bereits elf Uhr geschlagen. Und als er dann durch das Fenster blickte, sah er – Doktor Müller die Straße heraufkommen und in das Haus treten.

Was hatte dieser Besuch zu bedeuten? Er trank seinen Kaffee und kleidete sich zum Ausgehen an, um zu versuchen, ob er Nanon treffen könne. Da trat Müller bei ihm ein.

„Warst du heute bereits fort?“ fragte dieser.

„Nein.“

„So kann ich auch von dir nichts erfahren. Ich hielt es für möglich, daß du ihm zufälligerweise begegnet seist.“

„Wem?“

„Deep-hill.“

„Diesem? Sie suchen ihn?“

„Ja. Ich hatte ihn zu sprechen und fand ihn nicht. Ich erkundigte mich und erfuhr, daß der Kapitän gesagt habe, der Amerikaner sei heimlich abgereist.“

„Und das glauben Sie nicht?“

„Nein. Er hätte ganz sicher vor seiner Abreise noch mit mir gesprochen. Ich ging daher jetzt zu meiner Schwester, habe aber auch nichts weiter erfahren, als daß er gestern am Nachmittag hier gewesen sei.“

„Ist er dann auf dem Schloß gewesen?“

„Nein. Es hat ihn niemand gesehen.“

„Donnerwetter! Niemand gesehen! Da fällt mir ein – ah, das wäre doch ein verdammter Streich!“

„Was?“

„Dieser Maler Schneffke strich gestern im Wald herum, und ich erfuhr von ihm, daß er dem Amerikaner begegnet sei.“

„Wo?“

„Eben draußen im Wald.“

„In welcher Gegend?“

„Es muß gewesen sein, kurz bevor ich mit dem Maler zusammentraf, also vermutlich zwischen dem alten Turm und der Klosterruine.“

„So muß ich hinüber zu diesem Schneffke.“

„Er hat sich ausquartiert.“

„Wohin?“

„Das weiß ich noch nicht; er wird es mir aber jedenfalls heute noch mitteilen.“

„Schade. Ich befinde mich in hoher Besorgnis um Deep-hill. Der Kapitän trachtet ihm nach dem Leben; das weiß ich sehr genau. Wer weiß, was da geschehen ist!“

„Himmelelement! Und gerade jetzt brauche ich den Amerikaner so notwendig!“

„Wozu?“

„Wegen einer Auskunft über Nanons Eltern.“

„Dieser soll Auskunft geben können?“

„Ja. Bitte, Herr Doktor, haben Sie die Güte, sich einmal dieses Bild zu betrachten!“

Er erzählte seine Unterredung mit dem Maler. Müller hörte aufmerksam zu, betrachtete das Bild sehr genau und sagte dann:

„Dieser Aurelius Hieronymus Schneffke ist in Wirklichkeit ein psychologisch höchst interessanter Mensch. Er scheint eine Zusammensetzung von Klugheit und Dummheit, List und Vertrauensseligkeit zu sein. Was er dir hier sagt, das beweist, daß er noch weit mehr weiß. Aber wie er den Amerikaner zu dieser Angelegenheit in Beziehung bringen kann, das weiß ich nicht. Dieser letztere aber ist nicht verreist. Ich werde nach ihm forschen.“

„In den Gewölben?“

„Auch das.“

„Soll ich helfen?“

„Ja. Ich will jetzt meine Erkundigungen fortsetzen und erwarte dich punkt drei Uhr im Waldloch.“

Er ging, und bald darauf verließ auch Fritz die Stadt, um die Nähe des Schlosses aufzusuchen.

Der Zufall war ihm außerordentlich günstig, denn als er vom alten Turm her den Weg nach dem Park einschlug, kamen ihm – die beiden Schwestern entgegen.

Sie waren sehr erfreut, ihn zu sehen, und luden ihn ein, sie auf dem Spaziergang zu begleiten. Es war ein schöner Tag, so vertieften sie sich in den Forst, bis die Damen müde wurden und den Vorschlag machten, im Moos auszuruhen. Während der Unterhaltung, welche nun geführt wurde, kam auch die Rede auf die Erlebnisse in Malineau, auf den alten Betreu und dessen Familie. Natürlich wurde dabei auch die verstorbene Mutter erwähnt.

„Ihren Papa also haben Sie gar nicht gekannt?“ fragte Fritz, der froh war, das Gespräch auf dieses Thema gebracht zu wissen. „Sie wissen auch nicht, was er war?“

„Gar nichts wissen wir, außer einigen Nebensachen.“

„Da fällt mir ein: Sagten Sie nicht einmal, Mademoiselle Nanon, daß Ihr Papa die Mama gern Kolibri gerufen hatte?“

„Ja.“

„Eigentümlich. Daran wurde ich gestern sehr lebhaft erinnert.“

„Wieso?“

„Ich suchte alte Briefe durch und fand dabei ein Blatt mit einem Studienkopf. Unter dem letzteren stand die eigentümliche Unterschrift: Mein süßer, lieber Kolibri.“

„Wirklich? Gewiß?“ fragten die Schwestern.

„Ja.“

„Das ist allerdings höchst wunderbar. Wessen Porträt war es?“

„Es war kein Porträt, sondern ein Studienkopf.“

„Wenn man ihn doch einmal sehen könnte.“

„Das hat keine Schwierigkeiten. Aber es hat auch keinen Zweck. Es ist ja ein ganz fremder Kopf.“

„Aber die Unterschrift macht ihn so interessant.“

„Nun, wenn ich nicht irre, habe ich das Blatt bei mir.“

„Dann bitte, bitte! Dürfen wir es sehen?“

„Sehr gern.“

Er nahm die Brieftasche heraus, suchte eine Zeitlang darin, zog dann das Blatt hervor und gab es ihnen. Er befand sich in außerordentlicher Spannung, welchen Eindruck es machen werde.

Er brauchte nicht lange zu warten. Kaum hatten die Schwestern einen Blick auf den Kopf geworfen, so fuhren sie auf.

„Die Mama!“ rief Madelon.

„Ja, unsere Mama! O mein Gott, das ist sie wirklich, die liebe, gute Mama!“ rief auch Nanon.

Fritz stellte sich ganz verwundert und fragte:

„Wie? Ihre Mama soll das sein?“

„Ja, sie ist es.“

„Das ist jedenfalls eine Täuschung!“

„Nein, nein. Es ist gar kein Zweifel.“

„Erinnern Sie sich Ihrer Mutter denn noch so deutliche?“

„Ganz und gar. Wir waren nicht sehr alt, als sie starb, aber wir hatten sie so sehr lieb, und wen man so lieb hat, den kann man nie vergessen.“

Und Madelon fügte hinzu:

„Selbst wenn wir uns irrten, denken Sie doch hier an diese Unterschrift. Wer könnte da noch zweifeln.“

„Wie aber kommt mein Freund zu diesem Bild?“

„Von wem ist es?“

„Ein Freund von mir hat es gezeichnet, damals ein angehender Maler. Er schenkte es mir, weil ich mich an diesen Zügen nicht sattsehen konnte.“

„Ah, es hat Ihnen gefallen?“

„Sehr, o sehr.“

„Aber wie kann dieser Freund unsere Mama kennen? Ah, ich spreche ja wirklich wie ein Kind! Ich weiß gar nicht einmal, wo er gelebt hat. Vielleicht in dieser Gegend?“

„Nein, sondern in Deutschland. Ich glaube nicht, daß er jemals in diese Gegend gekommen ist.“

„Wo befindet er sich jetzt?“

„Auf einer Reise. Er schreibt mir, daß er bald heimkehren und mich dabei besuchen will.“

„So kennt er Ihren jetzigen Aufenthalt?“

„Ja.“

„Und hier, hier wird er Sie besuchen?“

„Ja. Er steigt hier ab, um einen Tag bei mir zu bleiben.“

„O bitte, Monsieur, fragen Sie ihn doch nach diesem Bild!“

„Ganz gewiß werde ich es tun.“

„Und – – – aber nein, das wäre zu unbescheiden.“

„Was?“

„Das Bild unserer guten Mama. O Monsieur.“

Es traf ihn dabei ein Blick aus ihren schönen Augen, welcher zu beredet war, als daß er ihn nicht hätte verstehen können. Er schüttelte den Kopf und antwortete:

„Es geht nicht, Mademoiselle Madelon. Ich würde gern ja sagen, aber es geht wirklich nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil – na, weil Sie zu zweien sind.“

„Ist das wirklich ein Grund?“

„Gewiß. Zu zweien können Sie es nicht besitzen, denn die eine wohnt hier und die andere in Berlin.“

„Sie sind nicht so gut, wie ich dachte!“

„Sie irren. Um Ihnen das zu beweisen, will ich an einen Ausweg denken. Soll ich?“

„Was meinen Sie?“

„Ich habe früher einmal ein wenig gezeichnet –“

„Ach so! Sie sollten – – –?“

„Wenigstens versuchen.“

„Werden Sie es können?“

„Vielleicht. Dann kann jede eins erhalten.“

„Sie lieber, guter Mensch!“

„Vorhin nannten Sie mich nicht so, Mademoiselle Madelon.“

„Verzeihen Sie. Ich bin überzeugt, daß Sie der Tochter nicht zürnen werden, die das Bild ihrer verstorbenen Mutter zu besitzen wünscht.“

„Wie sollte ich zürnen!“

„Wann aber kommt Ihr Freund!“

„Wahrscheinlich sehr bald.“

„Das ist herrlich! Er wird uns sagen müssen, wer ihm zu diesem Kopf gesessen hat. Er ist so charakteristisch gehalten und so sauber gearbeitet, gerade – – – ah, es wäre wohl lächerlich, dies zu sagen.“

„Was?“

„Ich sah während der Bahnreise die Tierbilder eines Mitreisenden, des Tiermalers Schneffke. Dort waren es Tierköpfe und hier ist es ein Menschenkopf, aber dieser ist ganz in derselben Manier gehalten. Man möchte beinahe sagen, daß Schneffke auch diesen Kopf gezeichnet habe.“

Fritz wunderte sich über den Scharfblick der Dame. Er hatte seinen Zweck erreicht. Er hatte den Beweis, daß dieser Kopf wirklich derjenige sei, für welchen Schneffke ihn ausgegeben hatte. Nun brannte er darauf, mit dem Amerikaner zusammenzutreffen.

Er begleitete die beiden Schwestern bis in die Nähe des Schlosses zurück und begab sich dann nach dem Waldloch, wo er sich zunächst überzeugte, daß er nicht beobachtet werde. Zur angegebenen Zeit stellte sich Müller ein.

„Sind wir hier sicher?“ fragte er.

„Es ist niemand in der Nähe.“

„So wollen wir den Eingang öffnen.“

„Der Amerikaner ist also wirklich verschwunden?“

„Ja. Wir müssen sehen, ob er hier vielleicht in eine Falle geraten ist.“

„Dann können wir auch gleich nach einem zweiten sehen, Herr Doktor.“

„Was meinst du?“

„Sie sprachen unlängst von einem Keller des Mittelpunktes, wenn ich mich nicht irre?“

„Ja. Ich vermutete meinen Vater dort.“

„Wir fanden diesen Keller aber nicht. Heute während der Nacht nun ist mir ein Gedanke gekommen – – –“

„Den ich errate. Es wird ganz der meinige sein. Du hast an Schneffke gedacht?“

„Ja.“

„Er befand sich in einem Lokal, in welchem wir noch nicht gewesen waren.“

„Und dieses Lokal lag nicht weit vom Mittelpunkt.“

„Richtig! Und aus dem Raum, in welchem der Maler steckte, führte eine Tür weiter.“

„Wohin mag sie gehen?“

„Wir werden es heute sehen. Gestern abend gab es keine Zeit zu dieser Untersuchung.“

„Waren Sie noch im Steinbruch?“

„Ja. Es war eigentlich nicht notwendig. Ich habe nichts neues gehört. Aber meine Vermutung über die Richtung des Ganges hat sich bestätigt. Dieser Letztere ist nur an seinem Ausgang in den Steinbruch zugeschüttet. Räumt man den Schutt hinweg, so steht der Eintritt offen. Jetzt aber komm. Wir wollen beginnen.“

„Aber der Alte?“

„Ich fürchte ihn nicht.“

„Das weiß ich. Besser aber ist es doch auf alle Fälle, daß er uns nicht überrascht. Wie mag es sich das Verschwinden des Malers erklären?“

„Überlassen wir ihm dies selbst. Komm.“

Sie zogen den Stein hinweg, krochen in die Öffnung und schlossen diese dann von innen. Auf dieselbe Weise gelangten sie dann auch in den Gang. Dort angekommen, brannte Müller seine Laterne an.

Nun suchten sie das Gewölbe auf, in welchem gestern Herr Hieronymus Aurelius Schneffke gesteckt hatte. Alle Türen, welche sie öffneten, verschlossen sie hinter sich wieder.

An Ort und Stelle angekommen, schloß Müller die zweite Tür auf, welche er gestern bemerkt hatte. Diese führte in eine runde Halle, welche vollständig leer war und keine andere, zweite Tür besaß. Aber gerade in der Mitte ging ein ungefähr sechs Fuß im Durchmesser haltendes Loch in die Tiefe hinab.

„Was mag das sein?“ fragte Müller.

„Ein Brunnen vielleicht.“

„Möglich. Aber man erkennt keine Spur irgendeiner Vorrichtung, wie sie bei Brunnen gewöhnlich sind. Dieses Loch kommt mir verdächtig vor.“

„Ob es tief sein mag?“

„Wollen sehen.“

Er suchte nach einem Stein, um ihn hinabzuwerfen, doch war nicht das kleinste Steinchen zu sehen.

„Ich habe Siegellack einstecken“, bemerkte Fritz.

„Schön. Brich ein Stück davon ab.“

Sie ließen das Stückchen hinabfallen und horchten. Es dauerte mehrere Sekunden, ehe sie einen leisen Ton vernahmen. Der Brunnen war ungewöhnlich tief.

„Hast du den Schall richtig gehört?“ fragte Müller.

„So ziemlich.“

„Klang es nach Wasser?“

„Ja. Auf festen Grund ist der Siegellack nicht gefallen.“

„Das denke ich auch. Wollen eine zweite Probe machen.“

Er nahm die sämtlichen Streichhölzchen, welche er bei sich trug, brannte sie an und warf sie hinab. Die schwefelige Flamme sank ziemlich schnell zur Tiefe und verlöschte unten so schnell, daß mit Gewißheit auf Wasser zu schließen war.

„So ist es also vergebens“, sagte Müller. „Es ist ein Brunnen, weiter nichts, kein Schacht, wie ich erst dachte. Wir wollen aber nichts unversucht lassen und noch an die Wände klopfen.“

Auch das führte zu nichts. Die Mauern waren rundum massiv, natürlich mit Ausnahme der Tür, durch welche sie beide gekommen waren.

„Also wieder hinaus. Suchen wir nun den Amerikaner.“

„Aber wo? Diese unterirdischen Gänge sind so ausgedehnt, daß man tagelang vergebens suchen kann.“

„Ich habe eine Vermutung. Da vorn, wo wir den Alten mit Rallion belauschten, scheint der Gefängnisraum zu sein. Wollen zuerst dort nachsuchen.“

Sie bogen von diesem jetzigen Gang nach links ab, welcher in der Richtung nach dem Schloß führte. Sie erreichten die wohlbekannte Tür und den Keller, in welchem die Kisten standen. Hier blieben sie zunächst stehen, um zu lauschen. Es war nichts zu hören. Dennoch aber begaben sie sich nach dem Hintergrund, wo Müller an die Tür klopfte.

„Ist jemand da drin?“ fragte er.

Keine Antwort.

„Steckt jemand hinter dieser Tür?“ wiederholte er.

Da war es, als ob ein Räuspern zu vernehmen sei.

„Warum wird nicht geantwortet?“

Abermals dasselbe Räuspern, aber keine Antwort.

„Es steckt jemand drinnen, unbedingt“, sagte Fritz. „Aber warum antwortet man nicht?“

„Werden es gleich erfahren.“

Müller schob die Riegel zurück und öffnete. Er ließ den Schein der kleinen Laterne auf den Boden fallen, wo eine Gestalt zusammengekrümmt lag.

„Warum antworten Sie nicht?“ fragte er.

Beim Klang dieser Stimme sprang der Bewohner dieses Lochs blitzeschnell empor.

„Höre ich recht?“ fragte er. „Sie, Herr Doktor?“

„Ja.“

„Ich dachte, der Kapitän sei es; darum antwortete ich nicht.“

„Ach so. Aber Master Deep-hill, wie kommen Sie in diese schauderhafte Lage?“

„Der alte Teufel hat mich in die Falle gelockt. Wie aber kommen Sie hinter seine Schliche und dann hierher, mir zu öffnen?“

„Davon nachher. Jetzt treten Sie zunächst heraus. So. Schieben wir die Riegel wieder vor. Setzen Sie sich auf die Kiste, und erzählen Sie uns, wie es der Alte angefangen hat, Sie herabzulocken!“

„Zunächst die Frage: Kennen Sie diese Räumlichkeiten alle? Und auch den Zweck, zu welchem sie gebaut wurden?“

„Sehr genau.“

„Gut, so werde ich keine Sünde begehen, wenn ich davon spreche.“

Er erzählte nun, wie er gestern dem Alten im Wald begegnet sei und was darauf alles geschehen war. Als er zu Ende war, fragte er dann:

„Welchem Umstand habe ich aber diese unerwartete Befreiung zu verdanken?“

Müller klärte ihn darüber auf und erkundigte sich dann angelegentlich:

„Was werden Sie nun tun, Master?“

„Ich gehe natürlich direkt von hier aus zum Staatsprokurator um diesen Satan in Ketten legen zu lassen.“

„Vielleicht tun Sie das doch nicht.“

„Nicht?“ stieß der Amerikaner hervor. „Halten Sie mich für wahnsinnig? Soll ich so einen Teufel etwa noch gar eine öffentliche Belobigung zuteil werden lassen?“

„Das nicht. Aber ich werde Sie bitten, die Anzeige aus Rücksicht auf mich zu unterlassen.“

„Jede Bitte will ich Ihnen erfüllen, jede, diese eine nicht. Er hätte mich verschmachten lassen, aber selbst die Qualen einer Hölle hätten mich nicht zwingen können, ihn in den Besitz der verlangten Summe zu bringen.“

„So werde ich Ihnen die Gründe mitteilen, welche mich zu meiner Bitte bewegen. Diese werden Sie wenigstens anhören.“

„Das kann ich Ihnen nicht versagen.“

„Ich danke. Sie ahnen nicht, was ich in diesem Augenblick wage, Monsieur. Ich spiele va banque, aber ich weiß, daß Sie ein Ehrenmann sind, der mein Vertrauen nicht zu mißbrauchen vermag. Sie sind ein Franzose und lieben Ihr Volk und Ihr Vaterland?“

„Ich liebe mein Vaterland, aber die Erfahrungen, welche ich gegenwärtig mache, sind nicht geeignet, mich an meine Landsleute zu ketten.“

„Sie haben gesagt, daß Sie die Deutschen hassen?“

„Zu wem?“

„Zu diesem da.“

Er ließ den Lichtschein auf Fritzens Gesicht fallen.

„Ah, der Pflanzensammler?“ sagte der Amerikaner erstaunt. „Sie, Sie kommen, mich zu befreien?“

„Warum soll er das nicht? Er wird noch mehr für Sie tun, wie Sie bald erfahren werden. Lernen Sie erst die Deutschen kennen. Auch ich bin einer!“

„Auch Sie?“ fragte Deep-hill, indem er einen Schritt zurücktrat. „Wirklich, auch Sie?“

„Ja. Sie verzeihen, daß ich Ihnen das nicht früher sagte. Die Umstände gestatteten das nicht.“

„Aber, mein Gott, diese Dame, Miß Harriet de Lissa?“

„Ist meine Schwester!“

„Also auch eine Deutsche?“

„Ja.“

„Was höre ich da! Das ist ja – ah!“

Er holte tief, tief Atem. Wäre es heller gewesen, hätte man sehen können, daß beinahe Totenblässe sein Angesicht bedeckte. Müller legte ihm beruhigend die Hand auf die Achsel und sagte:

„Bitte, urteilen Sie nicht jetzt, sondern nachher. Fritz, gehe vor an die Tür und passe auf, daß wir nicht überrascht werden. Hörst du Schritte, so kommst du sofort zurück.“

„Ein Deutscher! Ein Deutscher!“ wiederholte Deep-hill. „Und das sagen Sie mir hier, hier an diesem Ort, an welchem Ihre Feinde den Tod, welcher Ihr Volk treffen soll, in solcher Ausdehnung vorbereiten. Wenn das der alte Kapitän wüßte.“

„Nur Gott lenkt die Geschicke der Völker; den Kapitän fürchten wir nicht. Bitte, setzen Sie sich mir gegenüber, und hören Sie mir zu.“

Der Amerikaner setzte sich, und Müller begann mit halblauter Stimme zu erzählen von seinem Großvater Hugo und seiner Großmutter Margot. Er erzählte weiter und weiter, alles, was seine Familie erlitten und erduldet hatte. Er nannte den Namen Königsau nicht, aber den Namen des Kapitäns nannte er.

Deephill hörte wortlos zu, und selbst als die Erzählung zu Ende war, schwieg er noch eine ganze Weile; dann sagte er leise vor sich hin:

„Schrecklich. Kann es wirklich solche Menschen geben?“

„Gewiß. Sie haben das ja an sich selbst erfahren.“

„Ich?“

„Ja. Hat man nicht ein heißgeliebtes Weib und zwei herzige Kinder von Ihrer Brust gerissen? Der das tat, war ein Franzose, Ihr eigener Vater, und Ihr Weib, welches mit allen Lebensfasern an Ihnen hing, war eine Deutsche.“

„Sie irren. Sie liebte mich nicht; sie war mir nicht treu. Sie verließ mich schamlos eines Buhlen wegen.“

„Das ist Lüge.“

„Das denken Sie, aber beweisen können Sie es nicht. Warum hat sie sich nicht von mir finden lassen? Ich habe sie gesucht an allen Orten, bis auf den heutigen Tag. Wo ist sie? Wo sind meine Kinder? Sie selbst hat sich mir entzogen, sich und meine Kinder. Mein ganzes Vermögen würde ich opfern, um nur meine Kinder zu sehen. Wo sind sie, wo?“

„Halten Sie Ihr Weib wirklich dessen fähig, sie, die Sie einst nicht anders nannten als ‚mon doux et aimé becque fleur‘?“

Da fuhr Deep-hill von seinem Sitz auf und fragte:

„Herr, woher wissen Sie das?“

„Warten Sie einen Augenblick.“

Er holte den von Schneffke gemalten Frauenkopf und gab das Blatt dem Amerikaner.

„Lesen Sie und sehen Sie“, sagte er, indem er das Licht der Laterne auf die Zeichnung fallen ließ.

Der Blick des Amerikaners fiel auch darauf. Seine Hände begannen zu zittern; ein tiefer, tiefer Atemzug hob seine Brust.

„Amély, Amély“, sagte er dann. „Ja, es ist Amély, mein Kolibri. O Gott, o Gott!“

Er ließ das Blatt aus den Händen fallen und brach beinahe zusammen. Er vermochte nicht, ein gewaltiges, plötzlich hervorbrechendes Schluchzen zu unterdrücken.

Müller verhielt sich ruhig. Endlich raffte Deephill das Blatt wieder auf und fragte:

„Lebt sie noch?“

„Nein, aber sie hat ihre Rechtfertigung hinterlassen.“

„Haben Sie sie gekannt?“

„Nein. Nur der Zufall hat mir dieses Blatt in die Hand gegeben. Das und das Weitere werden Sie dort von meinem Diener erfahren.“

„Ihr Diener? Ah! Sie selbst sind der Sohn jener Familie, von welcher Sie erzählten?“

„Ja, Sie raten richtig.“

„Und Sie sind gekommen, sich an dem Kapitän zu rächen?“

„Nein. Ich überlasse Gott die Rache; aber ich tue meine Pflicht. Werden Sie mir vielleicht dabei Hindernisse bereiten, Monsieur Gaston de Bas-Montagne?“

„Wie? sie kennen meinen Namen?“

„Natürlich. Ich besitze nicht nur das Bild Ihrer Frau, sondern auch – – – sind Sie stark genug, es zu hören?“

„Was?“

„Ihre Kinder – – –“

„Meine Kinder? Gott, o Gott! Sagen Sie, sagen Sie, leben sie noch?“

„Ja.“

„Wo, wo? Schnell, schnell!“

„Wenn Sie es wünschen, können Sie sie heute noch sehen.“

„Natürlich, natürlich wünsche ich es! Mein Gott! Meine Kinder am Leben! Ich soll sie sehen! Welch eine Seligkeit! Sagen Sie, Herr Doktor, wo befinden sie sich?“

„Hm!“ lächelte Müller. „Sie haben sie vielleicht bereits gesehen, eine der Schwestern aber ganz gewiß.“

„Wo? Wo denn?“

„Hier in der Nähe. Jedenfalls können Sie sich auf Ihre Frau Gemahlin besinnen?“

„Sehr gut, sehr gut! Sie steht noch ganz lebensvoll in meinem Gedächtnis.“

„Auch ihre Züge?“

„Ja, ja. Oh, dieses liebe, milde, zarte, freundliche Angesicht habe ich doch nicht vergessen können!“

„Nun gut! Ist Ihnen hier nicht vielleicht eine Dame begegnet, welche Ihrer verstorbenen Frau ähnlich ist?“

„Doch, o doch! Ich war ganz frappiert über die Ähnlichkeit.“

„Wer war es?“

„Fräulein Nanon. Ich wiederhole, daß ich beim Anblick dieser jungen Dame fast bestürzt war; aber – – –“

„Was aber?“

„Ich erkundigte mich nach ihrem Namen. Er lautete Charbonnier. Die Ähnlichkeit mußte also eine ganz zufällige sein.“

„Haben Sie sich auch nach ihren Familienverhältnissen erkundigt, Herr Deep-hill?“

„Ja. Sie ist eine Waise aus Schloß Malineau in der Gegend von Etain.“

„Aber Sie erfuhren doch auch, daß sie eine Schwester hat?“

„Ja. Ich bin mit dieser Schwester gefahren. Sie befand sich mit mir im Coupé.“

„Und die Züge von Fräulein Madelon sind Ihnen nicht aufgefallen? Die beiden Schwestern sehen sich ja außerordentlich ähnlich.“

„Madelon trug im Coupé einen Schleier.“

„Aber auffallen muß Ihnen doch wenigstens jetzt, daß es zwei Schwestern gibt, welche Waisen sind, ihren Vater nicht gekannt haben und eine so große Ähnlichkeit mit Ihrer Frau besitzen!“

„Allerdings. Aber – – – wollen Sie damit sagen, daß Nanon und Madelon meine Kinder sind?“

„Ja, sie sind es.“

„Mein Gott! Wirklich?“

„Es ist gar kein Zweifel möglich!“

„Aber wie wollen Sie das beweisen? Die bloße Ähnlichkeit ist noch kein Beweis.“

„Das ist wahr. Aber dort mein Diener wird imstande sein, Ihnen weitere Aufklärungen zu geben.“

„So kommen Sie, schnell, schnell! Wir gehen sofort nach Schloß Ortry, wo ich die Kinder treffen werde.“

Es war eine leicht zu erklärende Erregung über ihn gekommen. Er wendete sich, um schnell zu gehen; Müller aber hielt ihn zurück und sagte:

„Halt, nicht so rasch! Denken Sie wirklich daran, jetzt nach Ortry zu gehen?“

„Gewiß! Natürlich!“

„Und der alte Kapitän?“

„Was frage ich jetzt nach ihm?“

„Was Sie betrifft, so ist es freilich begreiflich, daß Sie jetzt an nichts anderes denken, als Ihre Kinder zu finden; aber ich bitte Sie dringend, auch auf mich Rücksicht zu nehmen.“

„Wieso?“

„Ich möchte ein Zusammentreffen zwischen Ihnen und dem Kapitän jetzt noch vermeiden.“

„Warum?“

„Aus naheliegenden Gründen, welche mir ganz außerordentlich wichtig sind, obgleich wir sie jetzt nicht zu erörtern brauchen. Mir ist jetzt das allerwichtigste die Frage, wie Sie sich in bezug auf den Kapitän zu verhalten gedenken.“

„Nun, angezeigt wird er. Seine Strafe muß er erhalten. Ich lasse mich nicht zum Zweck der Beraubung von ihm einsperren.“

„Wenn ich Sie nun ersuche, von dieser Anzeige noch abzusehen?“

„Aus welchem Grund aber?“

„Ich habe Ihnen bereits eine Andeutung gegeben. Es sind in diesen unterirdischen Gewölben noch Menschen eingesperrt, welche ihre Lebensbedürfnisse nur durch den Kapitän erhalten. Wenn er arretiert wird und nichts gesteht, müssen sie elend verkommen und verschmachten.“

„So muß man ihn zum Geständnis bringen!“

„Wodurch?“

„Durch Zwang.“

„Welchen Zwang meinen Sie? Die Zeiten der Tortur sind glücklicherweise vorüber.“

„So muß man, sobald man ihn eingesperrt hat, nach diesen Unglücklichen schleunigst suchen!“

„Meinen Sie, daß man sie finden wird, ehe sie verschmachtet, verhungert und verdurstet sind?“

„Halten Sie dieses Nachforschen für so schwer?“

„Gewiß. Bedenken Sie, daß sich jedenfalls auch mein Vater unter ihnen befindet!“

„Dann möchte ich allerdings Ihren Wunsch berücksichtigen.“

„Und noch eins, was ich Ihnen als Ehrenmann ja wohl nicht zu verheimlichen brauche: Es gibt noch gewisse andere Gründe, welche es mir wünschenswert erscheinen lassen, daß der Alte jetzt noch frei bleibt.“

„Politische?“

„Auch mit.“

„Hm! Ich verstehe, und werde Sie natürlich nicht verraten. Zeige ich den Kapitän an, so müssen Sie als Zeuge dienen. Er aber soll nicht wissen, daß Sie sein Feind sind.“

„So ist es, Herr Deep-hill. Also – – –?“

„Gut! Ich sehe noch von einer Anzeige ab. Aber nach Ortry muß ich dennoch, um meine Töchter zu sehen!“

„Das ist nicht notwendig. Fritz Schneeberg mag Sie zu meiner Schwester führen, welche sich wegen Ihres Verschwindens bereits in großer Besorgnis befand.“

„Wirklich?“ fragte der Amerikaner rasch.

„Ja. Ich ging zu ihr, um mich zu erkundigen, ob Sie vielleicht bei ihr gewesen seien. Ihr Erscheinen wird sie beruhigen. Dann führe ich Ihnen Ihre Töchter zu.“

„Werden sie von Ortry fort können?“

„Wer will sie halten?“

„Der Alte!“

„Oh, der ahnt ja nichts. Also gehen wir! Vorher aber wollen wir dafür sorgen, daß hier keine Spur meiner Anwesenheit zu finden ist.“

„Tun Sie das! Vorher aber noch eins, mein bester Herr Doktor! Sie haben mir nicht nur die Freiheit wiedergegeben, sondern Sie haben mir sogar das Leben gerettet. Ich hätte die Sonne nie wieder gesehen. Sie können versichert sein, daß ich Ihnen das nicht vergessen werde. Ich bleibe Ihr Schuldner für die ganze Lebenszeit. Verfügen Sie über mich ganz nach Ihrem Belieben!“

Müller warf ihm einen ernsten, forschenden Blick zu und fragte dann sehr langsam und mit Nachdruck:

„Wissen Sie, was das heißt? Haben Sie auch an die Tragweite dieses Wortes gedacht?“

„Gewiß!“

„Nun, was mich betrifft, das heißt, meine Person, so haben Sie allerdings nicht die geringste Verbindlichkeit. Ich adressiere Ihre Dankbarkeit dort an den, den ich jetzt meinen Diener nenne, und an noch einen, den Sie wohl noch kennenlernen werden. Dennoch aber sehe ich voraus, daß ich gezwungen sein werde, Sie mit Bitten zu belästigen. Werden Sie diese berücksichtigen, so sind Sie nicht mein Schuldner, sondern ich bin der Ihrige.“

„Bitten, welche mit Ihrer vermutlichen Mission in Beziehung stehen?“

„Ja.“

„Ich werde sie erfüllen.“

„Aber Sie sind Franzose!“

„Und Sie sind Deutscher. Ich haßte die Deutschen. Ich kam, um das meinige zu ihrem Nachteil beizutragen. Aber ich denke bereits ganz anders, Herr Doktor. Betrachten Sie mich immerhin als Ihren Schuldner! Und nicht nur als das, sondern auch als Ihren Freund. Sie können versichert sein, daß ich nichts tun werde, was Ihnen bei der Erfüllung Ihrer Pflichten hinderlich sein könnte.“

„Ich danke Ihnen! Ich halte Sie für einen Ehrenmann, fühle mich aber dennoch durch Ihre Versicherung doppelt beruhigt, wie ich Ihnen aufrichtig gestehe.“

„Und noch eins, Herr Doktor. Wer ist dieser zweite, von dem Sie vorhin sprachen?“

„Ein Maler, welcher sich jetzt in der Gegend von Thionville befindet.“

Das fiel dem Amerikaner auf. Er fragte:

„Er ist also nicht von hier?“

„Nein.“

„Wohl ein kleiner, dicker Kerl mit Kalabreserhut und goldener Brille?“

„Allerdings.“

„Ah, den kenne ich, wenn Sie nämlich diesen sogenannten Hieronymus Aurelius Schneffke meinen.“

„Den meine ich allerdings.“

„Ihm bin ich Dank schuldig?“

„Ja, sogar sehr großen, wie Sie jedenfalls recht bald erfahren werden.“

„O weh, ich bin mit ihm zusammengeraten.“

„Weshalb?“

„Einer Kleinigkeit wegen. Mein verteufeltes Temperament! Ich bin ungemein hitzig, Herr Doktor!“

„Das läßt sich bei einiger Mühe und Selbstzucht wohl ändern. Doch kommen Sie! Dieser Ort ist nicht zum Verweilen einladend. Und was wir noch zu besprechen haben, hat Zeit für später.“

Sie gingen. Im Freien gab Müller den Befehl, in der Stadt sofort nach dem Maler zu suchen und ihn zum Apotheker zu führen. Dann trennten sie sich.

Müller wendete sich der Richtung des Schlosses zu. Da er auf den gebahnten Pfaden einen Umweg gemacht hätte, so drang er in gerader Richtung mitten durch den Wald. Er war noch gar nicht weit gekommen, so blieb er stehen.

„Was war das?“ dachte er, indem er lauschte.

Es war ein eigentümlicher Ton, welcher sich jetzt wieder hören ließ, an sein Ohr gedrungen.

„Was mag das sein? Die Stimme eines Tieres? Das ist ein Brummen oder Blöken, wie ich es noch gar nicht gehört habe – so dumpf, verworren und tief!“

Er horchte weiter. Der Ton ließ sich zum dritten Mal vernehmen.

„Dieser Laut läßt sich nicht unter die Tierstimmen registrieren. Das ist keineswegs etwas Gewöhnliches. Wollen einmal sehen!“

Er ging dem Schall nach und blieb von Zeit zu Zeit stehen, um zu horchen.

„Wahrhaftig, das ist ein Mensch! Er ruft in zwei Sprachen, deutsch und französisch, wie aus der Erde heraus.“

„Hallo!“ rief er laut.

„Wer ist hier?“

„Vorwärts, vorwärts!“ klang es als Antwort.

„Wohin denn?“

„Zu mir!“

„Ja, wo sind Sie denn?“

„Donnerwetter! Im Loch!“

„Und wo ist das Loch?“

„Sehen Sie es denn nicht?“

„Nein.“

„Mohrenelement! Es ist tief genug. Sie müssen doch an meiner Stimme hören, wo ich stecke.“

„Jedenfalls in der Erde. Aber gerade deshalb täuscht der Schall. Rufen Sie noch einmal, aber lauter.“

„Hier, hier!“ brüllte es.

„Schön. Jetzt wird's deutlicher. Rufen Sie weiter.“

Er ging langsam, um sich nicht zu täuschen, dem Schall nach, schien sich aber doch von dem Ort, den er suchte, zu entfernen.

„Lauter!“ befahl er.

„Hier! Hier! Oder soll ich etwa singen?“

„Ja, singen Sie!“ lachte Müller.

„Schön! klang es ihm dumpf und hohl entgegen.“

Aber dann erscholl es, wie aus einem Grab heraus, aber bei jedem Schritte, den er tat, deutlicher:

„Mein Lieb ist eine Alpnerin,

Gebürtig aus Tyrol.

Sie trägt, wenn ich nicht irrig bin,

Ein schwarzes Kamisol!“

„Halt! Aufhören!“ gebot Müller. „Ich bin da!“

„Gott sei Dank“, antwortete es.

Müller stand nämlich vor einer grünen, dichtmoosigen Stelle, in deren Mitte ein kleines Loch zu sehen war. Dieses letztere hatte kaum den Durchmesser einer halben Elle. War hier wirklich ein Mann hinabgestürzt? In diesem Fall mußte die eigentliche Öffnung weiter sein und wurde von dem elastischen Moos trügerisch versteckt. Darum ging er nicht weiter, sondern blieb in vorsichtiger Entfernung vor dem Loch halten.

„Sind Sie hier hinab?“ fragte er.

„Ja.“

„Das ist doch kaum möglich.“

„Warum denn nicht?“

„Ihrer Stimme nach sind Sie kein Kind, und für einen Mann ist das Loch zu klein.“

„Nein, ein Kind bin ich nicht, und dick genug bin ich auch für zwei Männer. Aber dennoch bin ich hier herab.“

„Gestürzt?“

„Gestiegen nicht, Sie Esel!“

„Aha! Ist es tief?“

„Freilich.“

„Wie tief denn?“

„Na, ich kann mich täuschen. Hier unten ist es finster, und wenn ich emporblicke, sehe ich des Mooses halber auch nur einen halbdüsteren Fleck. Dreimal Mannestiefe wird es wohl betragen.“

„Sind Sie aus Versehen hinab?“

„Aus was sonst? Etwa aus Übermut, um das Genick zu brechen, he?“

„Nein“, antwortete Müller, welchem die kräftige Weise des Unbekannten Spaß machte. Dieser hatte sich jedenfalls keinen Schaden getan, und so war kein Grund zu Angst und Besorgnis vorhanden.

„Oder“, rief es von unten herauf, „halten Sie mich vielleicht für einen Regenwurm, der sich in die Erde bohrt, um von den Maulwürfen gefressen zu werden? Kommen Sie herunter, so werden Sie sehen.“

„Was denn?“

„Ob ich Ähnlichkeit mit einem Wurm habe.“

„Das werde ich zu sehen bekommen, wenn Sie wieder herauf sind.“

„Schön. Aber wie komme ich hinauf?“

„Können Sie klettern?“

„Ja, wie eine Katze.“

„Nun, so ist es ja leicht.“

„Wieso denn?“

„Machen Sie es wie ein Essenkehrer – schieben Sie sich mit Hilfe des Rückens und der Knie empor.“

„Schöner Rat. Was denken Sie denn?“

„Geht das nicht?“

„Nein. Absolut nicht.“

„Warum nicht?“

„Erstens bin ich zu schwer, und zweitens ist das Loch viel zu weit für so eine Essenkehrermanipulation.“

„Wie aber wollen Sie sonst in die Höhe kommen?“

„Holen Sie gefälligst eine Leiter.“

„Schön. Da müssen Sie aber eine tüchtige Weile warten. Eine Leiter kann ich nur auf dem Schloß bekommen.“

„Donnerwetter. Das möchte ich nicht.“

„Warum nicht?“

„Hm. Das kann ich nicht einem jeden sagen. Wir sind Sie denn eigentlich?“

„Zunächst möchte ich Sie fragen, wer Sie sind.“

„Ein Pole.“

„Ah. Was denn?“

„Maler.“

„Maler? Sapperment. Wie heißen Sie?“

„Schneffke.“

„Schneffke? Ah, das ist hochinteressant.“

„Hochinteressant? Sie dummer Kerl! Mir kommt es in dieser Mördergrube nicht sehr interessant vor.“

„Natürlich heißen Sie Hieronymus Aurelius?“

„Sapperment. Sie kennen mich?“

„Habe die Ehre.“

„Woher denn?“

„Ich bin Doktor Müller.“

„Doktor Müller? Juchhei! Das ist der Richtige. Das ist der, den ich hier ganz allein gebrauchen kann.“

„Warum?“

„Hier gibt es Geheimnisse.“

„Wirklich? Welche denn?“

„Das Loch ist nicht von ungefähr. Es ist mit Fleiß gemacht, ganz künstlich. Ein breites, tiefes Loch. Oben darauf Knüppel gelegt, darauf Erde und diese Erde mit Moos bepflanzt. Die Knüppel müssen an der Stelle, wo ich durchgebrochen bin, verfault sein. Das ganze Ding ist so eingerichtet wie eine Grube in den indischen Dschungeln, um Tiger zu fangen.“

„Diesmal fing sich kein Tiger.“

„Etwa ein Rhinozeros?“

„Will es nicht in Abrede stellen.“

„Hole Sie der Teufel!“

„Schön.“

„Vorher holen Sie mich aber fein hübsch hinauf.“

„Das geht am besten mit Hilfe einer Leiter. Warum aber soll ich die nicht vom Schloß holen?“

„Wegen des alten Kapitäns.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Er darf nicht wissen, daß einer hier hereingestürzt ist.“

„Warum nicht?“

„Weil es, wie gesagt, hier Geheimnisse gibt. Ich stecke nämlich nicht in einem gewöhnlichen Loche, sondern hier ist ein Gang oder Stollen mit Türen rechts und links.“

„Sapperment! Da darf der Alte allerdings kein Wort erfahren. Drei Männer tief? Hm! Wie stellt man das an, Sie heraufzubringen? Soll ich herunterkommen, um Sie zu heben?“

„Wollen Sie sich auf diesen Kalauer etwas einbilden?“

„Gar nichts. Aber wenn Sie sich zehn Minuten gedulden wollen, so habe ich Hilfe.“

„Was für welche?“

„Es sind unweit von hier Bäume gefällt worden, junger dreißigjähriger Wuchs. Ich hole einen Stamm.“

„Stecken ihn in das Loch.“

„Ja.“

„Schön. Laufen Sie.“

Müller entfernte sich. Er war an dem Holzschlag vorübergekommen. Dort angelangt, fand er einen Stamm, welcher von den Ästen befreit und stark genug war, den dicken Maler zu tragen. Er nahm ihn auf die Achsel und trug ihn zurück.

Wieder beim Loch angekommen, untersuchte er sehr sorgfältig den Boden, um nicht selbst einzubrechen. Dann ließ er den Stamm hinabrutschen.

„Ah! Sapperment!“ schrie es unten.

„Was gibt's?“

„Tun Sie doch das Maul auf, ehe Sie mich aufspießen oder zerstampfen.“

„Ich dachte, Sie merken es ganz von selbst. Wird es gehen auf diese Weise?“

„Will's versuchen.“

Müller hörte ein Stöhnen und Pusten, dann erscholl es aus der Tiefe herauf:

„Das ist doch eine ganz verfluchte Patsche, in die ich da geraten bin.“

„Wieso?“

„Es will nicht gehen.“

„Ich denke, Sie können klettern!“

„Gewiß. Aber der Baum dreht sich immer um sich selbst herum. Ich bin doch nicht etwa hier abgerutscht, um Reitschule oder Karussell zu spielen.“

„So gibt es nur ein Mittel: Ich halte den Stamm.“

„So brechen Sie durch.“

„Nein. Die künstliche Decke hält doch fester, als ich dachte. Noch besser aber wird es sein, ich komme auch einmal hinab.“

„Dann stecken wir beide in der Tinte.“

„Keine Sorge. Bin ich unten, so kann ich schieben, und Sie kommen viel leichter herauf.“

„Na, dann versuchen Sie es!“

„Treten Sie auf die Seite.“

Müller umfaßte zunächst mit den Händen den Stamm, schlang dann auch die Beine um denselben und rutschte hinab.

Müller war leichter hinabgekommen, als er sich gedacht hätte.

„Da bin ich“, sagte er, als er den Boden unter seinen Füßen fühlte.

„Station Hölle! Fünf Minuten Aufenthalt“, verkündete Herr Hieronymus Aurelius Schneffke.

„Vielleicht auch etwas länger.“

„Habe keine Lust dazu.“

„Befinde ich mich einmal hier, so will ich doch auch genau wissen, wo ich bin.“

„Dazu gehört eine Laterne.“

„Habe ich.“

„Sapperment! Sie scheinen Tag und Nacht bereit zu sein, als Einbrecher zu praktizieren.“

„Man muß hier stets au fait sein. Aber, Herr Schneffke, was treiben Sie im Wald?“

„Studien.“

„Was für welche?“

„Geologische und geognostische, wie Sie sehen. Ich untersuche das Erdinnere.“

„Sie sollten das Herumspazieren lieber bleiben lassen.“

„Warum?“

„Sie verunglücken stets dabei.“

„Das will ich ja. Ich bin ein großer Freund des Unglücks, vorausgesetzt, daß es mich selbst betrifft, aber keinen anderen.“

„Sonderbare Passion!“

„Ja, ein jeder Mensch hat seine Mucken.“

„Also was wollten Sie im Wald?“

„Es wurde mir so unheimlich in dem Nest Thionville. Ich brauche frische Luft –“

„Glaubten Sie, hier unten frische Luft zu finden?“

„Na, was das betrifft, so bin ich allerdings auf einen solchen Rutsch nicht ausgegangen.“

„Sie konnten Hals und Beine brechen.“

„Keine Sorge. Ich falle weich. Ich schlenderte so in meinen Gedanken durch den Wald; da kriegte die Erde ein Loch, und ich schoß hinab. Unten kam ich gerade auf den Teil zu sitzen, wo die Engel keine Flügel haben. Auf diese Weise habe ich weder mir noch den Steinplatten hier einen Schaden getan.“

„Wirklich! Steinplatten gibt es hier. Wollen die Lampe anzünden.“

Beim Schein des Lichts bemerkten sie nun, daß das Loch viereckig war, also auf künstliche Weise hergestellt. Sie befanden sich in einem Gang, welcher etwas mehr als Manneshöhe und eine Breite von fünf Fuß hatte.

„Wo gibt es Türen?“ fragte Müller.

„Da vorwärts und auch rückwärts.“

„Haben Sie sie gefühlt?“

„Ja. Ich tappte mich fort und bin an drei Türen gewesen. Weiter aber getraute ich mich nicht. Diese Gegend scheint ganz von Schächten und Gängen durchzogen zu sein.“

„Die Türen waren natürlich verschlossen?“

„Ja.“

„Was für Schlösser?“

„Keine Hänge-, sondern Kastenschlösser.“

„Wollen einmal sehen, ob mein Schlüssel paßt.“

„Ah! Auch Schlüssel haben Sie mit? Immer also auf dem Qui vive.“

„Das ist notwendig.“

Müller steckte den Schlüssel in das Schloß der ersten Tür, welche sie erreichten. Er paßte.

„Sapperment, das klappt wie Pudding!“ meinte der Maler. „Bin neugierig was da drinnen steckt.“

Müller öffnete. Das kellerartige Gewölbe war leer, und den gleichen Erfolg hatte das Öffnen von noch zwei weiteren Türen.

„Wir müssen die Untersuchung unbedingt fortsetzen“, meinte Schneffke.

„Ich meine das Gegenteil: Wir kehren an die Oberwelt zurück.“

„Warum? Man muß doch wissen, wer oder was hier steckt.“

„Erstens ist das zu gefährlich – – –“

„Warum?“

„Es kann leicht da oben jemand vorübergehen und den Stamm im Loch bemerken.“

„Das ist allerdings wahr.“

„Und sodann habe ich keine Zeit und Sie auch nicht.“

„Ich? Pah, ich bin nicht beschäftigt.“

„Sie werden aber Beschäftigung erhalten. Fritz Schneeberg ist nach Thionville gegangen, um Sie zu suchen.“

„Wozu?“

„Sie sollen zu Miß de Lissa kommen.“

„Zu der Engländerin, die eine Gouvernante war?“

„Die Sie wenigstens für eine solche gehalten haben.“

„Sapperlot! Sollte sie mich doch noch heiraten wollen?“

„Das weniger. Sie sollen einem dort anwesenden Herrn einen Liebesdienst erweisen.“

„Soll ich ihn etwa rasieren?“

„Nein, das nicht.“

„Oder einen abgerissenen Knopf anflicken?“

„Nein. Der Herr ist ein Amerikaner und heißt Deep-hill – – –“

„Ah der! Er sitzt immer bei der Engländerin im Garten und schnauzt die Leute an, welche zufälligerweise einmal ein paar Zaunlatten abbrechen.“

„Hm; haben auch Sie welche abgebrochen?“

„Nur zwei. Das ist doch wenig genug.“

„Und da wurde er grob?“

„Außerordentlich.“

„Darum sagte er mir, daß er mit Ihnen zusammengeraten sei.“

„Sagte er das? Nun, ich habe mir nicht viel daraus gemacht. Wenn er sich etwa mit der Befürchtung quälen sollte, daß ich vor Schreck die Staupe bekommen habe, so beruhigen Sie ihn, Herr Doktor. Ich habe ihm überhaupt bereits gesagt, daß er mich jedenfalls einmal sehr notwendig brauchen wird.“

„Wozu?“

„Zur Enthüllung eines Geheimnisses.“

„Vielleicht meinen Sie dasselbe Geheimnis, in Beziehung dessen er Sie sprechen möchte.“

„Welches?“

„Seiner Kinder.“

„So hat dieser Monsieur Schneeberg bereits geschwatzt? Na, ich bin nicht rachsüchtig und trage keinem Menschen etwas nach. Dieser Amerikaner hat mich angebellt, wie der Mops den Mond. Der Mond aber lächelt trotz des Mopses, und so soll auch mein gnadenreiches Licht diesen Herrn Deep-hill in friedlich-poetischem Schimmer belächeln.“

„Schön! Sie treffen auch Schneeberg bei ihm.“

„Das ist mir sehr lieb. Ich will Ihnen aufrichtig sagen, daß ich nur Schneebergs wegen von dieser Sache gesprochen habe. Er liebt diese Nanon Charbonnier – – –“

„Ah! Das wissen Sie?“

„Ja. Ich habe sie von der Birke aus belauscht!“

„O weh!“

„Allerdings o weh! Denn ich rutschte von der Birke herunter und kugelte gerade vor das Pärchen hin.“

„Wieder einmal Pech.“

„Das nennen Sie Pech? Sehen Sie meinen Bauch und meine Taille an! Bin ich nicht etwa zum Kugeln gemacht? Wenn ich ausrutsche, stürze, falle, kugle oder rolle, so erfülle ich nur die mir von der freundlichen Natur so gnadenvoll gegebene Bestimmung. Also Schneeberg liebt die Nanon. Er ist's, der mich gestern aus der Patsche befreit hat, und so soll er die Nanon bekommen.“

„Wer wird Sie aus der heutigen Patsche befreien?“

„Sie jedenfalls.“

„Nun, haben Sie da nicht auch für mich eine Dame als Belohnung in petto?“

„Wollen sehen! Also, um bei Schneeberg zu bleiben, möchte ich haben, daß der Amerikaner ihm zum Dank verpflichtet wird. Ich selbst aber möchte verborgen bleiben, so hinter den Wolken, ganz so wie das Schicksal, wenn es seine geheimnisvollen Fäden von der Spindel leiert. Der Amerikaner muß ihm aus reiner Dankbarkeit seine Tochter geben.“

„Also können Sie wirklich beweisen, daß Nanon seine Tochter ist?“

„Mit Leichtigkeit.“

„Dann werden Sie wohl oder übel hinter Ihrer Wolke hervortreten müssen.“

„Ist mir nicht lieb.“

„Schneeberg kann doch den Beweis nicht führen.“

„Warum nicht?“

„Ist er im Besitz des Materials?“

„Ich übergebe es ihm.“

„Und selbst dann ist es eine Frage, ob er es so zu verwenden verstehen wird wie Sie, der Sie es aus erster Hand überkommen haben, wie es scheint.“

„Na, ich denke, ein preußischer Ulanenwachtmeister wird doch so viel Grütze im Kopfe haben, daß er es versteht, aus einigen Namen und Tatsachen – – – Donnerwetter!“

„Alle Teufel!“ hatte nämlich Müller hervorgestoßen, und erst infolgedessen bemerkte Schneffke, daß er verraten hatte, was er wußte.

„Was wollen Sie mit dem Ulanenwachtmeister sagen?“ fragte Müller.

„Hm“, brummte Maler verlegen.

„Heraus damit!“

„Na, es war so, so –!“

„Ihr, so, so genügt mir nicht! Sie befinden sich jetzt in einer gefährlichen Lage, Herr Schneffke! Wissen Sie, daß es in jetziger Zeit nicht geraten ist, hier in Frankreich einen anderen als preußischen Ulanenwachtmeister zu bezeichnen?“

„Mag sein.“

„Es kann das für den Betreffenden leicht sehr schlimme Folgen haben.“

„Das weiß ich.“

„Und für Sie auch.“

„Wieso?“

„Es könnte jemand auf den Gedanken kommen, Ihnen den Mund zu stopfen.“

„Würde ihm nicht leicht werden.“

„Pah! Wenn ich nun auf diesen Gedanken käme?“

„So würde ich mich hüten, das Maul dahin zu halten, wo es gestopft werden soll, Herr Rittmeister.“

Königsau fuhr zurück.

„Mensch!“ sagte er. „Jetzt sagen Sie, wie Sie dazu kommen, hier die Worte Wacht- und Rittmeister zu gebrauchen.“

„Und wenn ich mich weigere?“

„So jage ich Ihnen auf der Stelle eine Kugel durch den Kopf. Sehen Sie!“

Er ließ das Licht des Laternchens auf den Revolver fallen, den er hervorgezogen hatte.

„Na“, lachte Schneffke, „ich glaube nicht, daß Sie einen Königlich Preußischen Landwehrunteroffizier so mir nichts dir nichts niederschießen werden.“

„Ah! Preußischer Unteroffizier?“

„Ja. Verzeihen Sie, daß ich hier das Honneur unterlasse. In der Unterwelt haben die Instruktionsstunden ihre Wirkung verloren.“

„Was treiben Sie eigentlich in Frankreich?“

„Allerhand Allotria.“

„Das habe ich gehört. Ihr Lieblilngsallotria aber scheint das Purzelbaumschlagen zu sein.“

„Wird mitunter auch gemacht.“

„Soll ich etwa denken, daß Sie sich im – – – Auftrag hier befinden?“

„Allerdings.“

„Ah! Wer hat Sie dazu kommandiert?“

„Oh, es ist nicht das, was Sie denken. Der Auftrag, welchen ich bekommen habe, ist ein rein privater. Er hat nicht ein Stäubchen Militärisches an sich.“

„Aber Sie sprechen von Wacht- und Rittmeistern!“

„Was ich weiß, das habe ich zufälligerweise erfahren.“

„Nun, was wissen Sie?“

Müllers Ton war immer strenger geworden. Er stand vor dem Maler wie der Vorgesetzte vor dem Untergebenen. Schneffke aber ließ sich in diesem Augenblick gar nicht imponieren. Sein Ton war ganz so, als ob es sich um eine äußerst gleichgültige Angelegenheit handle.

„Was ich weiß?“ fragte er. „Nun, ich weiß, daß sich sogenannte Eclaireurs in Frankreich befinden.“

„Spezieller!“

„Spezieller der Herr Rittmeister von Hohenthal von den Husaren.“

„Sapperment!“

„Mit dem Wachtmeister Martin Tannert. Beide waren erst in Paris; jetzt befinden sie sich in Metz.“

„Mensch, das wagen Sie zu sagen?“

„Ja. Ferner befinden sich in Frankreich der Ulanenwachtmeister Fritz Schneeberg und –“

„Und? Nun?“

„Und der Herr Rittmeister Richard von Königsau.“

„Wo?“

„Der Wachtmeister ist Pflanzensammler in Thionville.“

„Und der Rittmeister?“

„Ist Erzieher auf Schloß Ortry.“

„Alle Teufel! Mann, wer hat Ihnen das verraten?“

„Kein Mensch. Tannert ist mein bester Freund. Ich traf ihn als Weinagent auf Schloß Malineau. Herrn von Hohenthal sah ich in Metz. Es versteht sich ganz von selbst, wie ich mir die Anwesenheit dieser Herren zu erklären habe.“

„Aber ist Ihnen auch der Wachtmeister Schneeberg persönlich bekannt?“

„Nein.“

„Oder der Rittmeister von Königsau?“

„Auch nicht.“

„Wie können Sie also die Anwesenheit dieser beiden wissen?“

„Tannert sprach davon.“

„Der Unvorsichtige! Ich werde ihn zur Bestrafung bringen.“

„Verzeihung, Herr Doktor, es war nicht Unvorsichtigkeit, sondern ganz das Gegenteil von ihm. Ich habe in Malineau vieles erlauscht; ich wollte nach Ortry. Beides sagte ich dem Freund Tannert. Er war gezwungen, mir die Anwesenheit der beiden Herren mitzuteilen, erstens um mich vor Fehlern zu bewahren und zweitens, um mich mit dem, was ich erlauscht hatte, an den Herrn Rittmeister von Königsau zu wenden.“

„Ah, so! Aber Sie befinden sich trotzdem in einer keineswegs beneidenswerten Lage.“

„Wieso?“

„Sie sind ein plauderhafter Mensch. Ich muß mich also Ihrer versichern!“

„O weh!“

„Ja. Und ferner haben Sie so ungeheuer viel Pech, daß ich befürchten muß, mit in dieses zu geraten, falls ich Sie tun und treiben lasse, was Sie wollen.“

„Und was wollen Sie da mit mir tun?“

„Ich werde Sie über die Grenze schaffen lassen bis in die nächste preußische Garnison, wo Sie interniert bleiben, bis Sie keinen Schaden mehr verursachen können.“

„Wer wird mich eskortieren?“

„Eben der Wachtmeister Schneeberg.“

„Herr Doktor, das werden Sie nicht tun.“

„O doch!“

„Nein, und zwar aus verschiedenen Gründen.“

„Welche könnten das sein?“

„Erstens wäre nicht ich, sondern Schneeberg der Arrestant!“

„Wieso?“

„Weil ich nur auf der Station zu sagen brauche, daß er ein preußischer Unteroffizier ist. Ich wäre ihn ja augenblicklich los. Er würde sofort eingesperrt, und ich könnte gehen, wohin ich will. Wäre ich dann rachsüchtig, so – – – hm!“

„Was?“

„So wäre es auch um Sie geschehen!“

„Wieso?“

„Ich brauchte nur an diesen liebenswürdigen Herrn Kapitän Richemonte zu schreiben. Er ist ein so großer Freund der Preußen, daß er Sie vor lauter Entzücken sogleich umarmen würde, freilich nicht mit den Armen, sondern mit Stricken oder Handschellen.“

„Kerl, Sie sind ein Filou.“

„Merken Sie etwas? Übrigens dürfen Sie mich nicht so falsch beurteilen. Ich habe scheinbar allerdings sehr viel Pech, aber das ist auch nur scheinbar.“

„Daß es nur Schein sei, müssen Sie wohl erst beweisen!“

„Dieser Beweis fällt mir sehr leicht. Mein Pech ist, genau genommen, immer nur Glück.“

„Ah!“

„Jawohl. Wünschen Sie spezielle Beweise?“

„Ja.“

„Nun, in Trier versäumte ich den Zug –“

„Ich hörte davon.“

„Dadurch wurde es mir erspart, bei dem Bahnunglück den Hals zu brechen.“

„Das ist so übel nicht vorgebracht.“

„Hier stürzte ich ins Loch. Dadurch haben Sie einen neuen, unterirdischen Gang entdeckt. Oder sollten Sie denselben bereits gekannt haben?“

„Nein. Es ist eine neue Entdeckung, welche ich da mache.“

„Sehen Sie! Kurz und gut, es mag mir passieren, was da nur will, Pech, Malheur, Unglück, es läuft allemal auf ein Glück, auf einen Vorteil, auf ein befriedigendes Ereignis hinaus; das ist sicher!“

„Zufall!“

„Nicht ganz. Sie haben mich Filou genannt. Ich gebe meinen Mitmenschen allerdings Gelegenheit, sich über mich zu erheitern. Aber meinen Sie wirklich, daß ich da stets der Ungeschickte, der Pechvogel bin?“

„Was sonst?“

„Ist es denn gar nicht möglich, daß meinerseits ein klein wenig Absicht oder Berechnung dabei ist?“

„Hm! Möglich ist es!“

„Und meinen Sie, daß einem braven, preußischen Unteroffizier gegenüber Ihr Geheimnis in Gefahr geraten kann? Ich werde mir viel eher den Kopf abhacken lassen, als daß ich etwas ausplaudere. Darauf können Sie tausend Eide schwören.“

„Na, ich wollte ja auch nicht sagen, daß ich die Meinung habe, in Ihnen einen Verräter zu sehen.“

„Das sollte mir auch leid tun. Übrigens habe ich die gute Angewohnheit, allen, mit denen ich in Berührung komme, Glück zu bringen.“

„Dann sind Sie ja ein ganz und gar wertvoller Mensch.“

„Ja, mein Wert ist gar nicht hoch genug zu schätzen. Diesem Deep-hill gebe ich seine Kinder und diesem Schneeberg seine Geliebte. Es sollte mich wundern, wenn ich nicht auch in die erfreuliche Lage käme, Ihnen nützen zu können.“

„Wollen es wünschen. Vielleicht bringt Ihr Fall in dieses Loch mir das, wonach ich längst gestrebt habe.“

„Was ist das?“

„Privatangelegenheit.“

„Entschuldigung! Ich fragte nicht aus zudringlicher Neugierde. Also werden Sie mich wirklich über die Grenze transportieren lassen, mein verehrtester Herr Doktor?“

„Hm! Ich will davon absehen.“

„Besten Dank! Die Belohnung wird auch sofort kommen.“

„Wissen Sie das so gewiß?“

„Ja, wenn nämlich meine Vermutung die richtige ist.“

„Nun, was vermuten Sie?“

„Ich habe über diesen Master Deep-hill so meine Gedanken und Vermutungen. Er ist ein reicher Amerikaner. Er kommt zu dem Kapitän, dieser letztere agitiert auf das Äußerste gegen Deutschland. Deep-hill ist sein Verbündeter, er bringt ihm Geld und zwar sehr viel Geld.“

„Hm! Sie sind nicht ohne Scharfsinn!“

„Finden Sie? Weiter! Dieser Deep-hill aber ist nicht ein Amerikaner, sondern ein französischer Edelmann, ein Feind Deutschlands. Wie wäre es, wenn wir ihn nach Deutschland, nach Berlin entführten?“

„Er hat bereits mit dem Kapitän gebrochen.“

„Wirklich? Da ist er sehr klug gewesen. Aber das ist immer nur ein halber Erfolg. Er ist dennoch Franzose. Er ist nicht als sicherer Mann zu betrachten. Man muß ihn nach Berlin bringen. Er muß ein Deutscher werden.“

„Wie wollen Sie das fertigbringen?“

„Indem ich ihn heute, morgen oder übermorgen, ganz wann es Ihnen beliebt, mit nach Berlin nehme.“

„Das wollten Sie ausführen?“

„Ganz gewiß.“

„In welcher Weise?“

„Oh, er wird ganz närrisch darauf sein, mit mir nach Berlin zu gehen. Kommen Sie nachher auch mit zum Apotheker?“

„Ja.“

„Nun, so werde ich Ihnen den Beweis liefern, daß ich meiner Sache äußerst sicher bin.“

„Sie machen mich wirklich neugierig. Eigentlich ist es sehr unvorsichtig von uns, hier so lange zu verweilen. Ich denke, wir kehren an die Oberwelt zurück.“

„Schön! Wer steigt voran?“

„Sie. Ich werde den Stamm halten.“

„Aber dann wird er sich drehen, wenn Sie nachfolgen.“

„Haben Sie keine Sorge. Ich komme schon hinauf.“

„Soll ich vielleicht oben halten?“

„Nein. Sie sind zu schwer. Treten Sie nicht wieder auf das Moos; der Boden könnte sich abermals unter Ihnen öffnen. Wenn Sie oben anlangen, müssen Sie sich einen kräftigen Schwung geben, um sich über das Moos hinüberzuschnellen. Werden Sie das fertigbringen?“

„Ich werde einen wirklichen Panthersprung tun.“

„Schön! Also, fassen Sie an!“

„Gut! Jetzt! Eins – zwei – drei!“

Müller setzte einiges Mißtrauen in die Kletterkunst des dicken Pechvogels; aber dieser schob sich schnell und sicher in die Höhe und rief von oben:

„So! Da bin ich. Der Sprung ist gelungen.“

Einige Augenblicke später stand Müller neben ihm. Es gelang, den Stamm aus dem Loch zu ziehen und das letztere so zu verschließen, daß von der Öffnung nichts zu sehen war.

„Nun muß der Baum wieder an seinen Ort“, sagte Müller.

„Ich werde ihn hintragen.“

„Nein. Sie wissen nicht, wo er gelegen hat. Sie müssen sogleich nach der Stadt. Werden Sie sich von hier aus auch wirklich zurechtfinden?“

„Sehr leicht.“

„So gehen Sie. Auf Wiedersehen!“

„Adieu, Herr Doktor!“

Er ging. Als er eine Strecke weit fort war, blieb er einen Augenblick stehen und murmelte:

„Verfluchte Geschichte! Stürze ich in dieses verteufelte Loch! Wäre der Doktor nicht gekommen, so hätte ich da unten entweder verhungern müssen, oder ich wäre wieder in die Hände dieses famosen Kapitäns geraten. Dieser Königsau ist ein patenter Kerl, klug, listig und kühn bis zur Verwegenheit – aber mich über die Grenze transportieren, hm, das war doch der reine Pudding.“

Nachdem Müller den Baumstamm wieder an seine frühere Stelle geschafft hatte, begab er sich nach dem Schloß und nahm, in der Nähe desselben angekommen, die Haltung eines unbefangenen Spaziergängers an.

ZWEITES KAPITEL 

Im Labyrinth der Kammern

Vorher war der Briefträger gekommen und auf dem Hof dem alten Kapitän begegnet.

„Für mich etwas?“ fragte dieser.

„Nein.“

„Für wen sonst?“

„Für das gnädige Fräulein“, antwortete der Briefträger.

„Brief?“

„Ja.“

Marion befand sich bei Nanon und Madelon, als sie den Brief erhielt. Er trug den Poststempel Etain. Das befremdete sie, da sie dorthin keine Korrespondenz hatte. Aber die Erklärung kam sogleich, als sie ihn las. Ihr freudiges Lächeln verkündete den beiden andern, daß der Inhalt ein guter sei.

„Wißt Ihr, wo dieser Brief geschrieben wurde?“ fragte sie.

„Wie können wir das wissen?“ antwortete Nanon.

„Auf Schloß Malineau.“

„Wirklich? Ah! Von wem denn?“

„Hört!“

Sie las vor:

„Meine gute Marion!

Dir für Deine lieben Zeilen herzlich dankend, bin ich gezwungen, Dich um Entschuldigung zu bitten, daß ich Dir nicht eher geantwortet habe. Aber wir hatten so viel zu tun, daß mir das Schreiben zur Unmöglichkeit wurde.

Jetzt nun benutze ich die erste freie Viertelstunde, um Dir mitzuteilen, daß ich mit Großpapa auf Malineau angekommen bin, um die nächste Zeit hier zu verweilen.

Wäre es Dir nicht möglich, meine herzige Freundin, mir Deine Gegenwart zu schenken? Ich sehne mich so sehr nach Dir; ich habe Dir so viel zu erzählen, und nach Ortry zu kommen, das geht ja nicht. Du weißt, welche Furcht ich vor diesem alten, weißbärtigen Kapitän habe.

Also komm, komm recht bald. Auch Großpapa lädt Dich dringend ein, und mit größter Ungeduld erwartet Dich Deine

Ella von Latreau.“

Marion hatte noch das letzte Wort dieses Briefes auf den Lippen, da klopfte es höflich an, und Müller trat ein. Er sah den Brief in Marions Händen und sagte also:

„Ich störe. Entschuldigung! Ich würde mich sofort zurückziehen, aber ich komme mit einer Bitte, welche ich nicht gern aufschieben möchte.“

„Sie sind mir zu jeder Zeit willkommen, Herr Doktor“, antwortete Marion. „Sprechen Sie also die Bitte aus. Ich werde ja sehen, ob es sehr schwer ist, Ihnen die Erfüllung derselben zu gewähren.“

„Ich habe sie nicht an Sie, gnädiges Fräulein, sondern an diese beiden Damen zu richten.“

„Unter vier Augen?“

„Nein. Haben die beiden Demoiselles vielleicht Zeit, einen Spaziergang nach Thionville zu unternehmen?“

„Wann?“

„Allerdings sofort.“

„Was sollen wir dort?“ fragte Nanon.

„Doktor Bertrand erwartet Sie.“

„Bertrand? Sofort? Das muß eine wichtige Veranlassung haben, wie sich vermuten läßt.“

„Sie vermuten richtig.“

„Wissen Sie, was wir bei ihm sollen, und dürfen wir es erfahren?“

„Hm! Ich weiß das nicht genau. Ich denke vielmehr, daß ich jetzt nicht davon sprechen sollte.“

„Oh, dann ist es etwas Schlimmes!“

„Nein, nein, sondern im Gegenteil etwas sehr Erfreuliches.“

„Wirklich? Nun, dann dürfen Sie es uns auch sagen. Bitte, bitte, Herr Doktor!“

Er zuckte zögernd die Achsel. Aber Marion nahm sich der beiden Damen an, indem sie zu dem Schweigsamen sagte:

„Werden Sie auch zu mir so schweigsam bleiben, wenn ich Ihnen sage, daß ich sehr wißbegierig bin?“

„Wer kann da widerstehen, gnädiges Fräulein! Es handelt sich nämlich um das Geheimnis, welches die Abstammung dieser Damen umgibt.“

Sofort eilten Nanon und Madelon auf ihn zu. Die eine faßte ihn hüben und die andere drüben. Beide bestürmten ihn mit dem Verlangen, mehr zu sagen.

„Ich habe wohl bereits mehr verraten, als ich sollte“, meinte er.

„Wer hat Ihnen denn verboten zu sprechen?“

„Niemand.“

„Nun, so dürfen Sie ja reden.“

„Ich möchte Ihnen die Überraschung nicht verderben.“

„Wollen Sie etwa, daß wir unterwegs vor unbefriedigter Neugierde sterben?“

„Nein; so grausam bin ich freilich nicht.“

„Also bitte, bitte!“

„Nun, es hat sich eine Spur entdecken lassen, welche, wenn sie verfolgt wird, auf den Namen Ihres Vaters führt.“

„Unseres Vaters?“ fragte Madelon schnell. „Eine Spur von ihm? Wer hat sie gefunden?“

„Ein Maler, welcher – – –“

„Oh“, fiel Nanon schnell ein, „wohl der wunderbare kleine Dicke, welcher vom Baum stürzte?“

„Der wird es sein, Mademoiselle Nanon.“

„Warum kommt er nicht lieber hierher?“

„Er scheint sich, wie so viele andere, auch vor dem Herrn Kapitän zu fürchten. Er traf mich und hat mich gebeten, Ihnen seine Bitte mitzuteilen.“

„Dann müssen wir zu ihm! Schnell, schnell, Madelon!“

„Ich werde sogleich anspannen lassen“, meinte Marion.

„Bitte, nein, nicht anspannen“, bemerkte Müller.

„Warum nicht?“

„Ich habe Gründe, dem Herrn Kapitän noch nicht merken zu lassen, um was es sich handelt. Gehen Sie zu Fuß. Tun Sie so, als ob Sie einen einfachen Spaziergang unternehmen.“

„Und ich? Wenn ich doch mit dürfte!“

Die beiden Schwestern blickten Müller fragend an. Er nickte mit dem Kopf und antwortete:

„Die Angelegenheit soll für das gnädige Fräulein kein Geheimnis sein. Ich selbst werde auch kommen.“

„Sie auch? Da gehen wir alle vier zusammen.“

„Bitte, mich zu dispensieren! Ich möchte nicht haben, daß der Herr Kapitän mich mit Ihnen gehen sieht.“

„Aber unterwegs können Sie zu uns stoßen?“

„Vielleicht.“

„Dann schnell, Madelon! Komm, wir wollen rasch ein wenig Toilette machen!“

Die beiden Schwestern gingen. Marion legte Müller die Hand auf die Achsel und fragte zutraulich:

„Sie wissen noch mehr, als Sie sagten?“

„Vielleicht, gnädiges Fräulein.“

„Darf ich es wissen?“

Der Blick, den sie dabei auf ihn richtete, war so sprechend. Es lagen in ihm die Worte:

„Ich selbst würde dir alles, alles anvertrauen. Warum willst du Geheimnisse vor mir haben?“

„Ja, Ihnen will ich es sagen. Der Vater der beiden Damen scheint gefunden zu sein.“

„Mein Gott, welches Glück. Wo ist er?“

„In Thionville.“

„Kenne ich ihn?“

„Sehr gut. Er war Gast auf Ortry.“

„Wirklich? Wer? Wer?“

„Deep-hill.“

Sie trat erstaunt zurück. „Dieser – der?“ fragte sie.

„Ja.“

„Ein Amerikaner?“

„Er ist kein Amerikaner, sondern ein Franzose, sogar ein französischer Edelmann, ein Baron de Bas-Montagne.“

„Woher wissen Sie das?“

„Wir haben Freundschaft geschlossen.“

„Das ist allerdings eine Nachricht, welche die beiden Damen mit Entzücken erfüllen wird. Auch ich freue mich mit ihnen. Aber, da fällt mir ein, daß ich eine Frage an Sie richten muß.“

„Welche?“

„Bitte lesen Sie!“

Sie gab ihm den Brief, den sie soeben erhalten hatte. Als er ihn gelesen hatte, fragte sie:

„Soll ich diesen Besuch unternehmen?“

„Dieser Brief kommt ganz zur glücklichen Zeit.“

„Also soll ich?“

„Ja. Weiß der Kapitän davon?“

„Nein.“

„Sehr gut! Es kann nämlich notwendig werden, daß Sie Ortry verlassen, ohne ihm zu sagen, wohin Sie gehen. Lassen Sie also niemand etwas wissen.“

„Aber Madelon und Nanon wissen es bereits.“

„Sie werden wohl schweigen.“

„Warum aber läßt Doktor Bertrand diese beiden zu sich kommen? Sie wohnen ja hier und Deep-hill auch.“

„Dieser letztere nicht mehr.“

„Nicht? Ich habe ihn allerdings seit gestern nicht gesehen. Aber verabschiedet hat er sich nicht.“

„Es war ihm unmöglich. Er war gefangen.“

„Gefangen? Wo?“

„In den unterirdischen Kellern.“

„Herrgott! Wohl so, wie man mich einsperren wollte?“

„Ja, gerade in demselben Keller.“

„Aber warum?“

„Der Kapitän wollte ihm sein Geld abnehmen und ihn dann ermorden.“

„Jesus, mein Heiland! Wer hat ihn befreit?“

„Ich.“

„Sie und Sie und immer wieder Sie! Mir ist so angst. Ich befinde mich unter Teufeln! Herr Doktor, führen Sie mich aus dieser Hölle!“

„Wohin, gnädiges Fräulein?“

„Wohin Sie nur immer wollen.“

Sie blickte ihm voll und groß in die Augen. Es lag auf ihrem schönen Angesicht neben aller Angst ein so großes Vertrauen, daß er vor Dankbarkeit hätte vor ihr niederknien mögen. Er beherrschte sich aber und sagte:

„Ich bin ein armer Lehrer, gnädiges Fräulein. Wenn Sie des Schutzes bedürfen, so sind Mächtigere bereit, Ihnen denselben zu gewähren.“

Sie wendete sich ab. Hatte sie etwas anderes hören wollen? Es war fast, als ob sie ihm zürne. Aber bald drehte sie sich ihm wieder zu und sagte:

„Und doch ist es mir, als ob ich gerade unter Ihrem Schutz am Sichersten sein würde. Von Ihnen kommt alles, was hier gut und erfreulich ist. Ich möchte wetten, daß auch nur Sie den Vater Nanons auffanden.“

„Daß er der Vater ist, habe ich nicht geahnt. Zugeben aber will ich, daß er ohne mein Einschreiten eine Leiche sein würde.“

„Welch ein Glück, einen Vater zu finden! Herr Doktor, mir ist stets, stets so gewesen, als ob ich vaterlos sei. Ich kann diesem schwachsinnigen Mann, den ich doch Vater nennen muß, unmöglich die Liebe eines Kindes entgegenbringen. Und meine Mutter – – – tot! Zwar sagten sie, daß sie möglicherweise noch am Leben sei, aber – – –“

Sie stockte. Er hatte sich vorgenommen, ihr noch nichts zu sagen, aber in dem jetzigen Augenblick floß ihm das Herz über.

Er sagte:

„Ich pflege mir ein jedes Wort genau zu überlegen, gnädiges Fräulein!“

„Das weiß ich; aber dennoch sind Sie dem Irrtum unterworfen. Sie irren sich!“

„Diesmal nicht.“

„Wie, Sie wollen wirklich behaupten, daß Liama, meine Mutter, noch lebe?“

„Ich behaupte es noch jetzt.“

„Sie müssen sich irren!“

„Nein. Ich sage Ihnen sogar, daß Sie dieses Schloß nicht ohne Ihre Mutter verlassen werden.“

Ihre Augen wurden größer, und ihre Wangen entfärbten sich. Es war ihr, als ob sie einen Geist erblicke.

„Herr Doktor“, stieß sie hervor, „was soll ich von diesen Worten denken?“

„Daß sie wahr sind. Ihre Mutter lebt. Sie selbst haben sie gesehen.“

„Damals am alten Turm? Das war ihr Geist.“

„Nein. Sie war es selbst. Ich kann es Ihnen beweisen.“

„Wie denn? Wie?“

„Wollen Sie Ihre Mutter sehen?“

„Ich begreife Sie nicht!“

„Nehmen Sie das, was ich sage, ganz wörtlich. Ich habe mit Liama gesprochen.“

„Herrgott! Ist's wahr? Wann?“

„Als der Kapitän krank war. Die Krankheit kam von mir, gnädiges Fräulein.“

„Wieso?“

„Ich gab ihm Tropfen, welche ihn für diese kurze Zeit an das Lager fesselten. Dadurch gewann ich Muße, in seine Geheimnisse einzudringen.“

„Herr Doktor, Sie sind ein rätselhafter, vielleicht ein fürchterlicher Mensch, und doch habe ich ein so unendliches Vertrauen zu Ihnen.“

„Bitte, halten Sie es fest. Ich werde es nie, nie täuschen. Ich habe während der Krankheit des Kapitäns nach Liama gesucht und sie gefunden.“

„Lebend, wirklich lebend?“

„Ich sagte bereits, daß ich mit ihr gesprochen habe.“

Marion ließ sich ganz kraftlos auf einen Sessel nieder.

„Was höre ich da?“ sagte sie leise. „Träume ich, oder ist es wirklich Wahrheit?“

„Es ist die Wahrheit.“

„Aber wie kann sie leben, da sie doch begraben worden ist! Wer könnte eine solche Täuschung wagen?“

„Der Kapitän.“

„Aus welchem Grunde?“

„Das ist mir noch ein Rätsel, das ich aber hoffentlich noch ergründen werde.“

„Ich muß mich fassen. Ich bin meiner Sinne kaum mächtig; aber ich will ruhig und objektiv sein. Sagen Sie, wo sich Liama befindet!“

„In einem Gewölbe unter ihrem Grab.“

„Dort haben Sie sie gesehen?“

„Und mit ihr gesprochen.“

„Fragte sie nach mir?“

„Ja.“

„Mein Jesus! Wollte sie mich nicht sehen?“

„Nein. Sie hat geschworen, tot zu sein und auf ihr Kind zu verzichten.“

„Ist das wahr?“

„Ja.“

„Dann ist sie es nicht; dann ist es eine andere!“

„Warum?“

„Kann eine Mutter auf ihr Kind verzichten? Kann eine Mutter sich zu etwas hergeben, was man nicht anders als Betrug und Schwindel nennen muß? Kann sie sich dazu hergeben und obendrein ihr Kind verlassen?“

„Ja.“

Dieses Wort war mit so fester Betonung gesprochen, daß sie rasch zu ihm aufblickte.

„Welcher Ton!“ sagte sie. „Ich bin überzeugt, daß auch Sie einer liebenden Mutter eine solche Tat nicht zutrauen. Habe ich recht, Herr Doktor?“

„Sie haben unrecht. Gerade weil es eine liebende Mutter war, hat sie sich dazu bestimmen lassen.“

„Können Sie das erklären?“

„Ja. Liama ist verschwunden, um ihr Kind zu retten. Der Kapitän hat ihr gedroht, dieses Kind zu töten, wenn sie ihm nicht gehorche. Sie hat ihm Gehorsam geleistet, um ihr Kind zu retten. Um es nicht noch jetzt in Gefahr zu bringen, verzichtet sie auch, ihr Kind gegenwärtig zu sehen, obgleich all ihr Denken an demselben hängt.“

Da sprang Marion von ihrem Sitz auf. Ihre Augen glühten wie Irrlichter. Ihre Stimme klang fast heiser, als sie sagte:

„Herr Doktor, Sie wissen, wie sehr ich Ihnen vertraue. Ich schwöre darauf, daß Sie mir nie eine Unwahrheit sagen werden, und dennoch frage ich Sie noch einmal: Irren Sie sich nicht? Haben Sie wirklich mit Liama gesprochen?“

„Ich entsage dem Himmel und der Seligkeit, wenn ich mich geirrt habe! Glauben Sie mir nun?“

„Ja, ja, nun glaube ich es! Es ist entsetzlich! Meine Mutter, meine arme, arme Mutter! Aber ich werde sie rächen, so fürchterlich, wie das Verbrechen ist, welches man an mir und ihr verübt hat. Herr Doktor, darf ich sie sehen?“

„Sie will nicht!“

„Aber ich, ich will sie sehen!“

„Ich gehorche.“

„Wann also?“

„Heute abend. Können Sie um Mitternacht das Schloß verlassen, ohne bemerkt zu werden?“

„Wenn ich es will, so kann ich es. Wissen Sie, was ich tun werde?“

„Ich ahne es.“

„Nun?“

„Sie werden mit Liama von Ortry fortgehen?“

„Nein. Ich werde mit Liama in Ortry bleiben. Ich werde die Polizei der ganzen Umgegend in die Gänge dieses Schlosses führen; ich werde – – – ah, was werde ich tun! Ich weiß es selbst noch nicht!“

Sie befand sich in einer unbeschreiblichen Aufregung. Und gerade jetzt kehrten die beiden Schwestern zurück.

„Schweigen Sie!“ raunte Müller ihr leise zu; dann entfernte er sich.

Als kurze Zeit später die drei Damen die Freitreppe hinabstiegen, kam der alte Kapitän gerade aus dem Stall. Er trat ihnen entgegen und fragte: „Du hat einen Brief bekommen?“

„Ja.“

„Von wem?“

„Von der Person, die ihn geschrieben hat!“

Diesen Ton hatte er von ihr noch nicht gehört, trotzdem sie sich in letzter Zeit öfters so kampfbereit gezeigt hatte. Und so hatten auch ihre Augen ihn noch nicht angeblitzt wie jetzt. Das war nicht allein Haß; das war eine förmliche Herausforderung. Er aber war nicht der Mann, sich in dieser Weise abweisen zu lassen. Er sagte:

„Das versteht sich ganz von selbst. Eine solche Antwort mußt du einem Kind oder einem Irrsinnigen geben, aber nicht mir. Ich frage: Woher ist der Brief?“

„Du wirst ihn kontrolliert haben!“

„Nein. Ich bin ja überzeugt, daß du es sagen wirst!“

„Du hast seit Kurzem immer Überzeugungen, welche sich später als hinfällig erweisen.“

Sie wendete sich ab. Er faßte sie am Arm.

„Halt! Wohin?“

Da schleuderte sie seinen Arm von sich und antwortete:

„Das geht Sie nichts an, Herr – – – Richemonte!“

Sie ging, an ihrer Seite die beiden Schwestern. Er war wie an die Stelle gebannt; es schien ihm unmöglich, ein Glied zu bewegen. In seinem Innern kochte es. Der Atem wollte ihm versagen. Nur mit Mühe stöhnte er vor sich hin:

„Ich ersticke! Was war das? Dieses Verhalten! Diese Worte! Diese Blicke! Was ist heute mit ihr? Sie muß eine Waffe gegen mich gefunden haben, sonst würde sie so einen Widerstand unmöglich wagen! Sie hat etwas vor! Wohin geht sie? Ich muß es erfahren!“

Er rief den Stallknecht.

„Hast du die Damen gehen sehen?“ fragte er.

„Ja.“

„Wohin haben sie sich gewendet?“

„Nach dem Wald.“

„Du schleichst ihnen nach, um zu erfahren, wohin oder zu wem sie gehen! Aber wenn du es so dumm anfängst, daß sie dich bemerken, jage ich dich zum Teufel!“

Damit wendete er sich ab und suchte sein Zimmer auf. In demselben schritt er ruhelos auf und ab. Die Minuten wurden ihm zu Ewigkeiten. Endlich kam der Knecht zurück.

„Kerl, wo treibst du dich herum?“ herrschte ihn der Alte an. „Du mußt doch längst wissen, wohin sie sind!“

„Nach Thionville ist es weit, Herr Kapitän!“

„Ah, nach der Stadt sind sie?“

„Ja.“

„Du bist ihnen gefolgt?“

„Ja. Sie wollten doch wissen, zu wem sie gehen würden.“

„Nun, zu wem?“

„Zu Doktor Bertrand.“

„Schön! Es ist gut!“

Er wandte sich ab, zum Zeichen, daß der Knecht sich entfernen solle. Dieser sagte aber:

„Noch eins, Herr Kapitän!“

„Nun?“

„Wissen Sie, von wem die Damen erwartet wurden?“

„Du hast es einfach zu melden, aber nicht mir Rätsel aufzugeben! Verstanden?“

„Der Maler stand am Fenster.“

„Welcher Maler?“

„Der mit dem Grafen von Rallion kam. Ich habe mir den Namen nicht merken können.“

„Haller?“

„Ja, Haller hieß er!“

„Unsinn. Dieser Maler ist weit, weit weg von hier.“

„Er ist da, in Thionville, bei Doktor Bettrand. Er stand am offenen Fenster und begrüßte die Damen von Weitem.“

„Mensch, du irrst dich!“

„Ich kann es bei allen Heiligen beschwören!“

„Wenn Haller wirklich nach Thionville käme, so wäre ich der erste, den er aufsuchte.“

„Aber er war es wirklich!“

Jetzt war es doch unmöglich, länger zu zweifeln. Was war das? Haller zurück, ohne zu ihm zu kommen? Das Verhalten Marions, welche vorher einen Brief erhalten, aber den Schreiber verheimlicht hatte? War dieser Brief von Haller, dem eigentlichen Grafen Lemarch? Hatte er sie darin zu Bertrand bestellt? Weshalb? Das mußte untersucht werden.

„Spanne sogleich an!“ befahl er.

Als er dann in den Wagen stieg, herrschte er dem Kutscher die Worte zu:

„Nach Thionville! Bei Doktor Bertrand halten!“

Er konnte nicht wissen, daß der Stallknecht den Pflanzensammler für den vermeintlichen Maler Haller gehalten hatte, welche beide sich ja außerordentlich ähnlich waren. –

Als vorher Fritz Schneeberg mit dem Amerikaner die Stadt erreicht hatte, bat er diesen, zu Bertrand zu gehen. Er selbst werde sich nach dem Maler umsehen. Deep-hill ging direkt nach dem Zimmer, welches Emma von Königsau bewohnte. Er klopfte leicht an, und als er dann auf ihren Zuruf eintrat, sprang sie mit einem halblauten Ruf freudiger Überraschung von ihrem Sitze auf.

„Monsieur Deep-hill! Ah! Wieder hier?“

„Um Ihnen zu zeigen, daß ich unversehrt bin“, fügte er hinzu, ihr weißes Händchen küssend.

„Wo aber waren Sie?“

„In Gefangenschaft.“

„Unmöglich!“

„O doch“, nickte er, indem er Platz nahm.

„Aber die Polizei kann doch nicht einen solchen Fauxpas begehen, einen Mann wie Sie in Gewahrsam –“

„Die Polizei? O nein, die war es nicht. Ich befand mich in den Händen eines bodenlos niederträchtigen Schurken.“

„Wer ist er?“

„Kapitän Richemonte.“

„Ah! Was wollte er bezwecken?“

„Mir einige Millionen abnehmen und dann mich jedenfalls zu meinen Vätern versammeln.“

„Ist's möglich?“

„Ja. Sie kennen diesen Menschen ja zur Genüge.“

„Ich?“ fragte sie, ihm mit dem Ausdruck der Spannung in das Gesicht sehend.

„Ja, Sie, die Sie seine Feindin sind“, lächelte er.

„Wie kommen Sie zu dieser Annahme?“

„Auf dem einfachsten Wege: Ihr Herr Bruder hat es mir mitgeteilt.“

„Mein Bruder – – –“

„Ja. Bitte, beunruhigen Sie sich nicht, gnädiges Fräulein. Er hat mir anvertraut, daß Sie ebenso inkognito, oder Pseudonym hier sind wie er.“

Sie war natürlich verlegen geworden.

„Ich weiß nicht, welche Deutung ich Ihren Worten zu geben habe, Herr Deep-hill“, stieß sie hervor.

„Es ist mir sehr erklärlich, daß sie sich durch meine Worte befremdet fühlen. Aber was ich seit gestern erlebt habe, hat mich Ihrem Herrn Bruder so nahe gebracht, daß er Vertrauen zu mir gefaßt hat. Sie sind keine Engländerin.“

„Was sonst?“

„Eine Preußin.“

„Mein Gott! Welche Unvorsichtigkeit.“

„Bitte, erschrecken Sie nicht. Ich habe beinahe auch Lust, ein Preuße zu werden.“

„Hat er Ihnen auch unseren wirklichen Namen genannt?“

„Er hat mir die Geschichte Ihrer Familie erzählt, doch ohne einen Namen zu nennen.“

„So will ich ihm allein die Verantwortung lassen.“

„Es trifft ihn nichts derart. Ich bin sein Freund. Ich weiß, was er hier will, aber ich werde ihn nicht verraten. Er hat mich vom Tod errettet.“

„Er?“

„Ja, er und dieser brave Fritz Schneeberg, welcher jetzt in der Stadt herumläuft, um einen Menschen zu suchen, von welchem ich niemals geglaubt hätte, daß er mir nützlich werden könne.“

„Wen?“

„Den dicken Maler, welcher die Zaunlatten abbrach.“

„Schneffke? Was soll er?“

„Zu Ihnen kommen. Da habe ich wirklich vergessen, Ihnen sogleich die Hauptsache mitzuteilen. Man will sich nämlich bei Ihnen ein Rendezvous geben. Ich muß bitten, die Schuld nicht auf mich zu werfen. Ihr Herr Bruder hat dieses Arrangement entworfen.“

„Wer soll kommen?“

„Er, ich, Schneeberg, Schneffke und die Damen Nanon und Madelon von Schloß Ortry.“

„Eine wahre Volksversammlung! Zu welchem Zweck?“

„Die eigentliche Veranlassung bietet meine Person. Ich muß annehmen, daß Ihnen meine Verhältnisse unbekannt sind, gnädiges Fräulein.“

„Ich weiß, daß Sie Deep-hill heißen und Bankier in den Vereinigten Staaten sind.“

„Deep-hill ist die wirkliche Übersetzung meines französischen Namens. Eigentlich nenne ich mich Baron Gaston de Bas-Montagne. Ich vermählte mich mit einer Deutschen, welche mich während meiner Abwesenheit verließ und die beiden Kinder, zwei herzige kleine Mädchen, mit sich nahm. Ich habe lange, lange Jahre nach ihr gesucht, sie aber nicht gefunden. Heute nun erfahre ich, daß sie gestorben ist, daß aber die beiden Mädchen noch leben.“

Sie hatte ihm mit Teilnahme zugehört und fragte nun: „Wer brachte Ihnen diese Nachricht?“

„Ihr Herr Bruder.“

„Von wem mag er das haben?“

„Von Schneeberg oder Schneffke.“

„Wunderbar! Ich gönne Ihnen von ganzem Herzen das Glück, die Kinder noch am Leben zu wissen; aber man muß da sehr vorsichtig sein. Sind Beweise vorhanden?“

„Man will sie mir bringen.“

„Und wo sind die Kinder?“

„Jetzt in Ortry.“

„Was? Wie? In Ortry?“

„Ja. Der Herr Doktor Müller gab mir die Versicherung.“

„Wer mag das sein?“

„Oh, wenn Sie es hören, werden Sie sich wohl förmlich bestürzt fühlen.“

„Ist es denn gar so schrecklich?“ fragte sie lächelnd.

„Schrecklich nicht, aber – ahnen Sie denn nichts?“

„Wie könnte ich ahnen? Ich bin in Ortry nicht bekannt.“

„Aber grad die beiden Betreffenden kennen Sie.“

„Wohl kaum.“

„Ganz gewiß sogar. Bitte gnädiges Fräulein, denken Sie nach, zwei Schwestern – auf Ortry jetzt.“

Sie schüttelte langsam den Kopf.

„Wie alt?“ fragte sie dann.

„Achtzehn.“

Da hob sie den Kopf schnell empor. Glühende Röte bedeckte ihr Gesicht. Es war, als ob sie erschrocken sei.

„Doch nicht – etwa – Nanon und Madelon?“ fragte sie.

„Ja.“

„Das sind Ihre Töchter?“

Sie war außerordentlich bewegt. Sie trat an das Fenster und blickte stumm hinaus. Er sah, wie ihr Busen auf und nieder wogte, und das gab ihm einen Stich in das Herz. Er sah sehr jung aus. Er war auch eigentlich nicht alt; er hatte nur früh geheiratet. Er hatte gehofft, das Herz dieser Miß de Lissa zu gewinnen, und nun –? Schämte sie sich, dem Vater so großer Töchter, von denen sie die eine sogar Freundin nannte, ihre Teilnahme gezeigt zu haben?

Da drehte Miß de Lissa sich langsam wieder um. Ihr Gesicht war ernst, aber ruhig, und ihre Stimme klang vollkommen klar, als sie, ihm die Hand reichend, sagte:

„Ich gönne es Ihnen von ganzem Herzen, die Langverlorenen wiederzufinden. Beide sind wert, die Töchter eines solchen Mannes zu sein. Ich wünsche jedoch, daß sich Ihre Hoffnung nicht als trügerisch erweise.“

„Ich befinde mich in einer Spannung, in einer Aufregung, von welcher Sie keine Ahnung haben, gnädiges Fräulein.“

„Das läßt sich denken. Wissen die beiden Damen vielleicht bereits davon?“

„Bisher wohl nicht; aber es ist möglich, daß Herr Doktor Müller, welcher sie holen will, Ihnen mitteilte, warum sie zu Ihnen kommen sollen.“

„Warum begaben Sie sich nicht nach dem Schloß?“

„Eben der Herr Doktor riet mir davon ab. Ich sollte von dem Kapitän nicht gesehen werden.“

„Ach so! Dieser soll noch nicht wissen, daß Sie ihm entkommen sind?“

„So ist es.“

„Wie aber gerieten Sie in seine Gewalt?“

„Durch Verrat von seiner und Unvorsichtigkeit von meiner Seite. Darf ich Ihnen erzählen?“

„Ich bitte sogar darum!“

Er begann, ihr zu berichten, was geschehen war, seit er sie gestern verlassen hatte. Dann klopfte es, und Fritz trat ein.

„Nun?“ fragte Emma. „Wo ist der Maler?“

„Ich konnte nur ausfindig machen, wo er wohnt; zu treffen war er nicht. Ich habe aber anbefohlen, ihn sofort, sobald er zurückkehrt, nach hier zu schicken.“

Er erhielt einen Stuhl angewiesen, und nachdem er Platz genommen hatte, fragte ihn Deep-hill:

„Sie kennen also die beiden Schwestern genauer?“

„Nanon war mir bereits längere Zeit bekannt; Madelon aber sah ich erst vor Kurzem hier das erstemal.“

„Haben Sie sich öfters getroffen?“

„Zufällig, bei Spaziergängen. Kürzlich starb ihr Pflegevater. Sie reiste mit der Schwester zu seinem Begräbnis. Sie wollte diese Reise nicht ohne Schutz unternehmen, und da wurde mir die Ehre zuteil, die Damen begleiten zu dürfen.“

„War denn Gefahr zu befürchten?“

„Ja. Diese Befürchtung hat sich dann auch als sehr begründet bewiesen.“

„Was ist geschehen?“

„Wir haben ein kleines Abenteuer erlebt, welches ich Ihnen, bis der Maler kommt, erzählen kann.“

Er begann seinen Bericht, hatte denselben aber noch nicht bis zu Ende gebracht, als er durch einen sehr lauten Wortwechsel gestört wurde, welcher unten auf der Treppe in französischer Sprache geführt wurde.

„Nein! Sie dürfen nicht!“ rief eine Stimme. „Ich verbiete es Ihnen, Monsieur!“

„Mir verbieten? Du? Wurmsamenhändler, der du bist?“

„Pack dich zum Teufel!“ antwortete eine zweite Stimme.

„Es soll kein Fremder hinauf!“

„Ich bin kein Fremder, mein lieber Latwergenmeister!“

„Sie haben herabzugehen und das Haus zu verlassen!“

„Scher dich zu deinen Pillen, holder Salmiakgeist, sonst werfe ich dich zur Bude hinaus.“

„Das wollen wir sehen, Sie Grobian!“

„Pah! Ich stecke dich in eine Klistierspritze und spritze dich hinauf an die Turmuhr, damit du erfährst, welche Zeit es ist, wenn ich beginne, in die Wolle zu geraten!“

„Das ist der dicke Maler“, sagte Fritz. „Ich werde ihn hereinlassen.“

Er öffnete die Tür.

„Herr Schneffke! Kommen Sie!“

„Gleich. Aber darf ich nicht vorher erst diesen Weinsteinsäureheinrich in die Westentasche stecken?“

„Bitte, lassen Sie ihm seine Freiheit.“

„Schön! Er mag diesmal noch mit einem blauen Auge davonkommen. Das nächste Mal sorge ich dafür, daß noch weit mehr blau wird als nur sein Auge.“

Er trat ein und verbeugte sich vor Emma.

„Ihr Diener, Miß! Soll ich mich wieder einmal zu Ihren Füßen legen?“

„Ich danke! Nehmen Sie lieber Platz wie gewöhnliche Leute.“

„Das fällt mir schwer. Ich bin leider nur zu Ungewöhnlichem geboren. Ergebenster Monsieur Deep-hill! Ist der Zaun bereits ausgebessert worden?“

„Ich werde nachsehen.“

„Schön! Wie ich höre, bin ich gesucht worden?“

„Hat man es Ihnen im Gasthof gesagt?“ fragte Fritz.

„Nein.“

„Von wem haben Sie es denn erfahren?“

„Von Herrn Doktor Müller.“

„Von dem? Waren Sie denn in Ortry?“

„Nein.“

„Wo denn?“

„Im Loch.“

„Im Loch? In welchem Loch?“

„Ja, da haben Sie schon wieder einen Beweis, daß ich nur zu Ungewöhnlichem geboren bin. Ich war draußen im Wald und brach in den Erdboden ein, ziemlich tief hinab. Ich befand mich in einem unterirdischen Gang. Da kam der Herr Doktor und half mir heraus. Bei der Gelegenheit erfuhr ich, daß ich erwartet werde. Ich eilte mit der Geschwindigkeit eines Kurierzuges hierher, traf aber unten den gelehrten Apothekerjüngling, welchen ich bereits von früher ins Herz geschlossen hatte. Es wäre zu einem Duell mit beiderseits tödlichem Ausgang gekommen, wenn nicht Sie, Herr Schneeberg, uns gerettet hätten.“

„Sie sind unverbesserlich.“

„Diese hohe Tugend besitze ich bereits seit langer Zeit.“

„Wie konnten Sie denn aber in ein Loch fallen.“

„Wie? Sapperment! So, wie man in ein Loch zu fallen pflegt: Mit dem schwersten Körperteil nach unten.“

Die Anwesenden lachten, und zugleich winkte Fritz, welcher am offenen Fenster stand, mit der Hand nach der Straße.

„Sie kommen“, meldete er.

„Sind sie allein?“ fragte der Amerikaner erregt.

„Fräulein Marion ist mit.“

„Der Herr Doktor nicht?“

„Nein.“

Die drei Damen traten ein und wurden herzlich begrüßt. Marion hatte den Schwestern nichts verraten, dennoch herrschte eine Stimmung, wie sie vor einer wichtigen Entscheidung unausbleiblich ist. Man war gespannt, fühlte sich gepreßt und sogar verlegen.

Bald kam auch Müller. Er wendete sich sofort an Marion:

„Hatten Sie vor Ihrem Fortgehen vielleicht eine Unterredung mit dem Kapitän, gnädiges Fräulein?“

„Ja.“

„Unfreundlich?“

„Noch mehr als das.“

„Sagten Sie ihm, wohin Sie gehen wollten?“

„Nein.“

„Nun, er wird es dennoch sehr schnell erfahren. Ich war eher da als Sie und trat mit Überlegung da drüben in die Restauration. Dort beobachtete ich den Stallknecht von Ortry, welcher aufpaßte. Der Kapitän hat ihn geschickt, es steht vielleicht gar zu erwarten, daß er selbst nachkommen wird.“

„Wozu?“

„Vielleicht malt ihm sein böses Gewissen vor, daß hier etwas ihm feindseliges besprochen werden soll. Das will er unterdrücken.“

„Darf er mich da sehen?“ fragte Deep-hill.

„Und mich?“ fügte Schneffke hinzu.

„Das kommt auf die Umstände an“, antwortete Müller. „Mich aber darf er keineswegs zu Gesicht bekommen. Und stellt er sich wirklich ein, so gehen sämtliche Herren in das Nebenzimmer. Auf sein Verhalten wird es dann ankommen, wie Mademoiselle zu handeln hat. Fritz, bleib am Fenster, um aufzupassen!“

Als dann auch er Platz genommen hatte, sah er sich lächelnd im Kreis um und sagte:

„Meine Herrschaften, ich habe diesen beiden Damen mitgeteilt, daß sie hier vielleicht in Beziehung auf ihre Geburtsverhältnisse eine Neuigkeit hören werden. Herr Schneffke, wollen Sie die Güte haben, zu beginnen!“

„Hm!“ brummte der dicke Maler. „Beginnen? Bei was soll ich anfangen?“

„Sprechen Sie ganz nach Belieben.“

„Nun, da will ich bei dem wichtigen Augenblicke beginnen, an welchem ich mich den Damen und Herrn Schneeberg abends in Etain vorstellte.“

„Dieser Augenblick soll höchst dramatisch gewesen sein“, lachte Müller.

„Entschuldigung! Ich bin stets dramatisch, nicht nur an einem vorübergehenden Augenblick! Eigentlich für die Bühne geboren, habe ich mir mein Dasein mit den Brettern beschlagen, welche die Welt bedeuten. Ich bin der Dichter meines eigenen Lebens und spiele dieses Stück zu meinem eigenen Vergnügen. Trollgäste und Leute mit Freibillets werden geduldet. Abonnements aber dulde ich nie! Also, Herr Doktor, wenn jener große Augenblick an der Tür und auf der Treppe des Hotels zu Etain Ihnen vielleicht zu dramatisch erscheint, so beginne ich bei etwas anderem, bei dem Wichtigsten, nämlich bei der Gage. Nicht wahr, Mademoiselles, Ihre Mutter ist arm gestorben?“

„Ja“, antwortete Nanon.

„So haben Sie gedacht. Aber sie hat dem Schurken Berteu fünfzehntausend Franken geborgt. Sein Sohn mag sie Ihnen zurückgeben.“

„Woher wissen Sie das, Monsieur?“

„Die Anweisung steckt im Pastellbild. Nämlich, Monsieur Deep-hill, ist Ihnen vielleicht der berühmte Porzellanmaler Merlin in Marseille bekannt gewesen?“

„Sehr gut. Er war weit älter als ich, aber mein Freund.“

„Hat er etwas für Sie gemalt?“

„Mein Porträt in Pastellmanier.“

„Das M, sein Faksimile, steht unten in der Ecke?“

„Gewiß.“

„Und auf der hinteren Seite des Bildes steht ‚Baron Gaston de Bas-Montagne‘?“

„So ist es; so ist es! Haben Sie dieses Bild gesehen?“

„Ja. Es war etwas veraltet, und ich habe es nach Kräften aufgefrischt. Ich werde Ihnen zeigen, wie Ihre Figur gehalten ist.“

Er nahm Papier und Bleistift vom Schreibtisch, zeichnete mit größter Gewandtheit eine Figur und reichte sie dem Amerikaner hin.

„Ist es so?“

„Ja, ja“, antwortete Deep-hill. „Sie haben dieses Bild gesehen. Aber wo? Wo?“

„Auf Schloß Malineau bei Etain. Aber noch ein zweites Porträt, Monsieur, wenn Sie gestatten.“

Er nahm ein zweites Blatt und zeichnete. In kaum zehn Minuten war er fertig und gab auch dieses Blatt dem Amerikaner.

Dieser stieß einen Ruf der Überraschung aus.

„Meine Frau, meine Frau! Amély, mein lieber, süßer Kolibri! Sie ist's, sie ist's!“

Er drückte das Blatt in größter Aufregung an seine Lippen, wurde aber in demselben Augenblick von vier weichen Mädchenarmen umschlungen.

„Vater, Vater, lieber Vater!“ Mit diesem Ausruf schmiegten die beiden Schwestern sich an seine Brust. Er zog sie fester an sich und rief:

„Es ist kein Zweifel; es bedarf keines weiteren Beweises. Unsere Herzen haben gesprochen. Ihr seid meine Kinder! Gott, Gott, ich danke dir!“

Er weinte laut, seine beiden Töchter ebenso, und auch kein anderes Auge blieb tränenleer. Es bedurfte einer ganzen Weile, bis der Sturm der Aufregung sich legte, dann fragte Deep-hill:

„Monsieur Schneffke, daß Sie mein Bild zeichnen können, das begreife ich, da Sie mein Porträt gesehen haben; aber wie kommen Sie dazu, auch meinen Kolibri zeichnen zu können?“

„Ich fand das Porträt Ihrer Frau bei einem Bekannten.“

„Was ist er?“

„Sonderling.“

„Er muß doch einen Beruf haben.“

„Ja. Er ist von Beruf nämlich Quälgeist. Das heißt, er macht sich und anderen das Leben so sauer wie möglich. Am besten ist's, ich zeichne Ihnen seinen Kopf.“

Sein Stift fuhr über ein drittes Blatt, und als dann Deep-hill die Zeichnung betrachtete, rief er aus:

„Mein Vater, mein Vater! Zwar um vieles älter, aber er ist es! Ich habe lange, lange Jahre nach dem Vater, nach Weib und Kindern gesucht, ohne nur eine Spur zu finden, und Sie, Monsieur Schneffke, wissen alles. Wie haben Sie das angefangen?“

„Beim richtigen Zipfel. Hören Sie!“

Er begann zu erzählen, von Anfang bis zu Ende: aber er sagte nicht, daß der Vater des Amerikaners in Berlin wohne und nannte auch dessen jetzigen Namen nicht. Als er mit seiner Anwesenheit auf Schloß Malineau zu Ende war, sagte Müller:

„Mein bester Schneffke, ich habe Ihnen sehr Unrecht getan, als ich Ihnen heute da unten im Loch etwas scharf entgegentrat. Sie sind ein tüchtiger Junge!“

„Ein prachtvoller Mensch!“ fügte Deep-hill hinzu. „Sie haben mit einer Umsicht gehandelt, welche Ihnen alle Ehre macht. Ihnen allein habe ich es zu verdanken, daß ich meine Kinder sehe und auch den Vater finden werde.“

„Mir allein? Unsinn! Übertreiben Sie nicht! Diesen beiden Damen haben Sie es zu verdanken, daß Sie sie haben. Wenn sie nicht mehr lebten, wäre mein ganzer berühmter Scharfsinn der reine Quark!“

„Sie sind bescheiden! Aber, Herr, ich bin Millionär; wenden Sie sich in jeder Lebenslage an mich!“

„Das werde ich bleiben lassen. Ich habe, was ich brauche. Aber, Herr, ich bin Maler; wenden Sie sich in jeder Körperlage an mich! Ich male Sie von allen Seiten, sogar von unten, wenn Sie es wünschen.“

Alle lachten, nur der Maler allein blieb ernsthaft.

„Aber“, wendete sich der Amerikaner an ihn, „Sie haben noch gar nicht gesagt, wie mein Vater sich jetzt nennt. Er muß seinen Namen verändert haben, sonst hätte ich ihn gefunden.“

„Er hat ihn nicht verändert, sondern ihn nur, ganz so wie Sie, in eine andere Sprache übersetzt, nämlich in die deutsche. Er nennt sich Untersberg.“

„So wohnt er in Deutschland und ist doch Deutschenhasser fast bis zum Übermaß!“

„Das wird einen Grund haben, den ich ahne, einen psychologischen Grund.“

„Welchen?“

„Er war Deutschenfeind. Sie heirateten eine Deutsche. Er verstieß Sie deshalb. Er machte Ihre Frau unglücklich. Er trieb sie mit den Kindern in die Fremde hinaus. Er schilderte sie Ihnen als treulos!“

„Ja, das tat er.“

„Aber er war doch immer Mensch. Er hatte ein Herz, ein Gewissen. Die Reue kam, je später desto gewaltiger. Der Sohn war fort, Weib und Kinder auch. Er konnte nichts wiedergutmachen; darum legte er sich wenigstens die eine Buße auf: Er verließ Frankreich und ging nach Deutschland. Er lernte die verhaßte Sprache dieses Landes und wurde Einsiedler, um auf die Vorwürfe seines Gewissens Tag und Nacht ungestört hören zu können.“

„Einsiedler? Lebt er so in der Abgeschiedenheit?“

„O nein. Er lebt in einer großen Stadt.“

„In welcher?“

„Hm. Werden Sie ihn aufsuchen?“

„Das versteht sich ganz von selbst. Er hat schlimm an mir gehandelt, aber er ist mein Vater. Wir werden ihm vergeben, nicht wahr, meine Kinder?“

Die beiden Mädchen nickten ihm freudig zu; dann setzte er seine Erkundigung fort:

„Also in welcher Stadt?“

„In Berlin.“

„Wie lautet seine Adresse? Welche Straße und auch welche Nummer, Herr Schneffke?“

„Halt, halt! Das geht nicht so schnell wie das Bretzelbacken. Man muß hier vorsichtig sein. Wann wollen Sie hin zu ihm?“

„Morgen fahren wir nach Schloß Malineau, um mit Monsieur Melac zu sprechen. Sodann geht es gleich nach Berlin, direkt vom Bahnhof zum Vater.“

„Sachte, sachte. Der würde Sie hinausschmeißen, gerade wie meinen Freund, den Maler Haller.“

„Maler Haller?“ fragte Müller schnell. „Kennen Sie denn diesen Herrn?“

„Oh, sehr gut.“

„Wo lernten Sie ihn kennen?“

„Bei einer Schlittenpartie im Tharandter Wald.“

„Warum“, fragte Bas-Montagne, „warum glauben Sie denn, daß mein Vater uns nicht empfangen wird?“

„Weil er überhaupt außer mir keinen einzigen Menschen zu sich läßt.“

„Aber, seinen Sohn, seine Enkelinnen!“

„Erst recht nicht. Man durfte ja davon gar nicht sprechen. Er muß auf ganz andere Weise gepackt werden.“

„Wie denn?“

„Mit Ihrem Bild. Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß er sich bestrebt, Ihren Kopf zu zeichnen. Eines schönen Tages muß ihm das gelingen. Was darauf folgt, das muß abgewartet werden.“

„Ihr Rat ist nicht zu verwerfen. Werden Sie sich auf der Reise nach Berlin anschließen?“

„Gern.“

„Und ebenso lieb wäre es mir, wenn Sie morgen mit uns nach Etain fahren wollten.“

„Lieber heute noch.“

„Das geht nicht. So wichtig mir diese Angelegenheit ist, ich mag sie doch nicht überstürzen.“

„Pst“, warnte Fritz in diesem Augenblick. „Ein Wagen aus Ortry!“

„Der Alte?“ fragte Müller.

„Ich weiß es noch nicht. Das Verdeck ist zu. Ich kenne aber die Pferde.“

Er trat vom Fenster zurück, um nicht selbst auf seinem Posten bemerkt zu werden, ließ aber trotzdem den Blick nicht von unten weg und meldete nun auch:

„Ja, der Kapitän. Gehen wir hinaus?“

„Gewiß“, antwortete Müller. „Kommen Sie, meine Herren. Ich darf auf keinen Fall anwesend sein.“

Kaum hatte sich die eine Türe hinter den vier Herren geschlossen, so ging die andere auf, um Richemonte eintreten zu lassen. Er verbeugte sich höflich vor Emma von Königsau und sagte:

„Verzeihung, daß ich störe, Miß. Ich hörte, daß meine Enkelin sich hier befindet, und komme, sie abzuholen.“

„Sie stören keineswegs. Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Kapitän.“

Er setzte sich auf die Hälfte des Sessels, so wie einer, welcher bereits im nächsten Augenblick wieder aufbrechen will. Sein Auge schweifte forschend im Zimmer umher; dann sagte er:

„Ich glaubte, Herrengesellschaft hier zu finden.“

„Wieso?“

„Ich sah Hüte draußen liegen. War vielleicht Herr Maler Haller hier?“

„Nein“, antwortete Emma.

„Ich möchte aber doch behaupten, daß er hier gewesen ist.“

Die scheinbare Engländerin erriet sofort den Zusammenhang, da sie die Ähnlichkeit Fritzens mit Haller kannte.

„Sie dürften sich sehr irren“, sagte sie.

„Wohl nicht“, lachte er höhnisch überlegen.

Sie stand von ihrem Stuhl auf und antwortete in stolzem, verweisendem Ton:

„Sie scheinen nicht gelernt zu haben, mit Leuten von Bildung zu verkehren, Herr Kapitän.“

„Ah“, stieß er hervor.

„Es ist eine gesellschaftliche Infamie, eine Dame einer Lüge zu zeihen.“

„Infamie. Donnerwetter. Wenn ich nun beweisen kann, daß diese Dame wirklich gelogen hat.“

„So wäre Ihr Verhalten immer noch ein rüdes. Übrigens würde Ihnen dieser Beweis wohl schwerfallen.“

Sie trat zur Nebentür, öffnete diese und sagte:

„Herr Schneeberg, bitte.“

Fritz trat in das Zimmer.

„Nun, das ist ja Herr Haller“, sagte der Alte, indem er höchst befriedigt dem Deutschen die Hand entgegenstreckte. „Diese Dame hat also doch gelogen.“

Marion hatte sich bisher völlig teilnahmslos verhalten. Jetzt hielt sie es für an der Zeit, auch ein Wort zu sagen:

„Verzeihen Sie, Miß de Lissa. Mein Großvater wird alt. Er leidet an Halluzination und hat sogar zuweilen Anfälle eines allerdings höchst ungefährlichen Irrsinnes. Man darf nicht auf ihn hören.“

Der Alte stand da, als ob er zur Statue geworden sei. Das war ihm denn noch noch nicht geboten worden.

„Was sagst du? Was meinst du?“ stieß er zischend zwischen den Zähnen hervor.

Dies sollte nur der Anfang eines Wutausbruchs sein. Aber Marion fiel ihm in die Rede: „Eine Dame von solcher Distinktion eine Lügnerin schimpfen, das ist Irrsinn, und diesen Herrn hier für den Maler halten, das ist ein Beweis von Halluzination. Mache dich nicht lächerlich, sondern siehe diesen Herrn genauer an. Herr Schneeberg, Pflanzensammler bei Herrn Doktor Bertrand.“

Da trat der Alte einen Schritt zurück, stieß einen erstaunten Pfiff aus und fragte:

„So, so. Berteu sprach von diesem Mann. Ein deutscher Spion, den wir unschädlich machen werden. Gibt es vielleicht in Etain oder Malineau noch etwas für Sie zu tun, Monsieur Schneeberg?“

Draußen im Nebenzimmer hatte Müller die drei anderen instruiert, was sie vorkommenden Falles antworten sollten. Fritz entgegnete einfach:

„Wüßte nicht, was ich dort zu suchen hätte.“

„Aber Sie hatten etwas zu suchen.“

„Freilich. Ich suchte fünfzehntausend Francs, welche der ehrenwerte Monsieur Berteu an Mademoiselle Nanon und deren Schwester schuldet.“

„Hm. Sie sind wohl der Beschützer dieser Damen?“

„Es kam mir ganz so vor, als ob in Malineau Damen gar sehr des Schutzes bedürften. Ist das auf Schloß Ortry vielleicht auch der Fall, Herr Richemonte?“

„Frecher Kerl. Ich werde mit der hiesigen Polizei sprechen. Man wird Ihnen das Handwerk legen.“

„Verbrennen Sie sich nicht, alter Herr. Wer weiß, was Sie selbst für ein Handwerk betreiben.“

„Pah. Ich werde Sie zertreten wie einen Wurm.“

Und sich an Marion wendend, fragte er höhnisch:

„Gibt es vielleicht noch mehrere solche Spione hier? Die Hüte draußen scheinen auf die Anwesenheit von dergleichen Gesellen zu deuten.“

Sie zuckte die Achseln und antwortete in überlegener Ruhe:

„Du scheinst dich für diese Hüte außerordentlich zu interessieren.“

„Natürlich.“

„Nun, wollen doch einmal sehen, ob sie wirklich ein solches Interesse verdienen.“

Sie öffnete den Eingang, griff auf den neben der Tür stehenden Tisch und trat, mit dem Hut des Malers in der Hand, dann zu dem Alten heran:

„Wem mag dieser da gehören?“ fragte sie.

„Jedenfalls einem Subjekte.“

„Du kennst ihn also nicht?“

„Nicht so nahe. Fort mit ihm. Er stinkt und duftet nach Spitzbubenfleisch.“

„Ich werde mir erlauben, dir diesen Spitzbuben vorzustellen.“

Sie öffnete die Nebentür und sagte:

„Bitte, Herr Hieronymus!“

Schneffke trat ein.

Hätte den alten der Schlag getroffen, er hätte kein anderes Bild geben können. Er wußte ganz genau, daß er diesen Menschen eingesperrt hatte und noch dazu in Fesseln und hinter mehreren verschlossenen Türen. Er hätte tausend Eide geschworen, daß er sich tief unter der Erde befinde, und nun stand jener hier, vor ihm, leibhaftig, lebendig. Der Alte fragte sich, ob Marion denn vielleicht doch vorhin recht gehabt habe, als sie behauptete, daß er an periodischem Irrsinn leide.

Der kleine dicke Maler lachte den konsternierten Alten lustig an und sagte:

„Sie machen ja ein Gesicht, wie eine geräucherte Schlackwurst, die von den Ratten angefressen worden ist. Kommen Sie gefälligst zu sich, Alter, sonst denke ich, daß Ihnen Ihr letztes bißchen Verstand flötengegangen ist.“

„Wie – wie – heißen Sie?“ stammelte der Kapitän.

„Hieronymus Aurelius Schneffke, mein lieber, alter Groß-, Ur- und Kapitalspitzbube. Sie denken, die Klugheit mit Löffeln gegessen zu haben; aber prosit die Mahlzeit. Sie werden von Ihren Untertanen doch über den Löffel balbiert. Kaum hatten Sie mich fest, so kam einer, der ließ mich wieder heraus. Ich glaube, er hieß Ribeau, der Busenfreund eines gewissen Berteu.“

„Lügner.“

„Mach keinen Unsinn, alter Karfunkelhottentott. Du bist so dumm, daß der, welcher dich betrügen will, die Wahrheit sagen muß, denn du glaubst sie ja doch nicht. Dein Verstand ist ganz von den Motten zerfressen, und dein Gehirn ist der reine Mehlwürmertopf, zerwühlt und zerfressen durch und durch. Alter Halunke, du kannst mich dauern. Mit dir geht es gewaltig auf die Neige. Für dich ist's am besten, du legst das Licht ins Bett und bläst dich selber auf.“

Dem Kapitän wollte der Atem vergehen. Er schnappte nach Luft – endlich, endlich gurgelte er hervor.

„Schuft. Spion verdammter.“

„Sei still. Du brauchst dich hier gar nicht erst vorzustellen. Wir kennen dich schon.“

„Ich werde sofort nach der Polizei schicken.“

„Tue das, trautes Giraffengerippe. Ich habe gar nichts dagegen, daß sie dich in Sicherheit bringen. Deine Stunden sind gezählt. Du pfeifst auf dem letzten Loch.“

„Spotte nur, Erbärmlicher. Sobald ich dieses Haus verlassen habe, wird man sich deiner und dieses Kräutermenschen bemächtigen. Das also ist die Gesellschaft, mit welcher die Baronesse Marion de Sainte-Marie umgeht.“

Marion antwortete kalt:

„Es fehlt noch einer, um sie vollständig zu machen. Oder sollte es nicht eher die Gesellschaft sein, mit der du selbst umgegangen bist? Wollen sehen.“

Sie öffnete abermals die Tür, und Deep-hill trat ein. Der Kapitän stieß einen unartikulierten Schrei aus. Seine Adern traten weit hervor, und seine Augen starrten gläsern auf den Amerikaner.

„Nun, kennst du ihn?“ fragte Marion.

Man hörte seine Zähne knirschen, aber sprechen konnte er nicht. Deep-hill trat auf ihn zu und sagte in höhnisch mitleidigem Ton:

„Deine Krallen sind stumpf geworden, alte Hyäne. Du wirst in deinem eigenen Bau verhungern. Du hast mich morden wollen und deshalb den Zug entgleisen lassen. Da dies nicht gelang, hast du mich in eine Falle gelockt; aber diese war nicht gut genug. Ich könnte dich den Gerichten übergeben, aber selbst dem Galgen graut vor dir, du bist so erbärmlich, daß ich dich nicht einmal verachten kann. Geh nach Hause. Kein Mensch wird dir etwas tun. Aber grüße mir den jungen Rallion. Er weiß die Hauptschlüssel, welche du verloren glaubtest, sehr gut zu gebrauchen. Du siehst, daß du von deiner eigenen Brut verraten wirst. Deine besten Verbündeten betrügen dich, obgleich du sie zum Eidam haben willst. Geh schlafen, alter Skorpion.“

Ein Wink an Fritz. Dieser trat herbei und faßte den Kapitän bei beiden Schultern. Er schob ihn zur Tür hinaus bis an die Treppe.

„So, mach dich nun fort, Kellerunke! Und sieh zu, daß du mir nicht wieder unter die Hände kommst.“

Der Alte widerstrebte nicht. Wie im Traum stieg er die Treppe hinab, und wie im Traum gelangte er auch in seinen Wagen. Eben als dieser sich in Bewegung setzen wollte, fuhr ein zweiter vorüber, in welchem ein Mann saß. Als dieser den Kapitän erblickte, ließ er halten.

„Herr Kapitän“, sagte er. „Wie gut, daß ich Sie hier sehe. Ich wollte hinaus nach Ortry zu Ihnen.“

Der Alte wendete ihm sein leichenstarres Antlitz zu. Beim Anblick dieses Mannes belebte es sich sofort. Er gewann augenblicklich die Sprache wieder:

„Herr Haller! Ah, das ist die Erlösung. Wann kamen Sie nach Thionville?“

„Vor zwei Minuten mit dem Zug.“

„Warum blieben Sie nicht in Berlin?“

„Man hat mich telegraphisch zurückgerufen.“

„Sprechen Sie leiser. Man belauscht uns wahrscheinlich. Zurückgerufen nach Paris?“

„Ja. Ich stieg hier aus, um es Ihnen zu melden. Nun habe ich nicht nötig, nach Ortry zu fahren.“

„Haben Sie etwas ausgerichtet, Graf?“

„Viel, sehr viel.“

„Mit diesem Königsau?“

„Mit seinem Vater. Er selbst war verreist, zu einem Verwandten. Aber ich habe alle seine Arbeiten und Manuskripte gelesen. Diese Preußen sind tausendmal dümmer, als ich annahm.“

„Ich weiß es.“

„Wir werden leichtes Spiel haben. Preußen ist nicht gerüstet, und Süddeutschland geht mit uns. Leben Sie wohl.“

„Wollen Sie wirklich nicht mit nach Ortry?“

„Nein. Der Zug hält eine Viertelstunde; er steht noch da, ich komme noch mit ihm fort. Baldigst mehr. Umkehren.“

Die beiden hatten so nahe nebeneinander gestanden, daß es den Sprechern leicht geworden war, das Gespräch flüsternd zu führen. Nicht einmal einer der Kutscher hatte ein Wort erlauschen können. Das Lohngeschirr des Grafen Lemarch, alias Maler Haller, lenkte um.

„Also Glück auf den Weg“, sagte der Alte noch. „Adieu, Monsieur!“

„Adieu, Herr Kapitän!“

Der eine fuhr dahin und der andere dorthin.

„Gut, gut“, brummte der Alte in sich hinein. „Die Rache beginnt bereits. Ah, ich werde mich mit wahrer Wollust in ihr wälzen.“

Droben am Fenster hatte Müller gestanden, um den Alten einsteigen und fortfahren zu sehen. Schneffke befand sich an seiner Seite. Er blickte aus dem Hinterhalt hinab.

„Sapperment! Wer ist das?“ sagte er.

„Wer?“

„Der dort in dem Wagen kommt.“

Müller bog sich ein wenig weiter vor, fuhr aber sofort wieder zurück.

„Haller.“

„Ja, Haller“, stimmte der Dicke bei. „Ich werde ihn rufen.“

Er fuhr mit dem Kopf zum Fenster hinaus, aber Müller faßte ihn und zog ihn schnell zurück.

„Um aller Welt willen, begehen Sie keine Dummheit.“

„Dummheit? Mein Freund Haller aus Stuttgart.“

„Lassen Sie sich das nicht weismachen. Er ist kein Maler, sondern Chef d'Escadron Graf Lemarch. Er ist als Spion nach Berlin gegangen.“

„Tausendschwerebrett!“

„Ja, ja, mein Bester.“

„Sie irren.“

„Nein. Er war in Ortry, ehe er nach Berlin ging und kommt jetzt wieder, um dem Alten Bericht zu erstatten. Ah, er lenkt wieder nach dem Bahnhof zu. Gut, so sind wir ihn los und brauchen nicht mit seiner Anwesenheit zu rechnen.“

Die beiden kehrten in das Hauptzimmer zurück. Marion fragte Müller:

„Haben Sie Haller gesehen, Herr Doktor?“

„Ja, gnädiges Fräulein.“

„Welche Ähnlichkeit mit Fritz.“

„Mit mir?“ fragte der Genannte.

„Ungeheuer.“

„Dann schade, daß ich nicht auch am Fenster war.“

Da steckte das Dienstmädchen den Kopf zur Tür herein.

„Herr Schneeberg, eine Depesche.“

Fritz nahm und öffnete sie.

„Ist's wichtig?“ fragte der Maler neugierig.

„Gar nicht. Der Mann konnte auch schreiben“, antwortete Fritz gleichmütig. „Jetzt meine Herren, können wir wieder auf unsere Angelegenheiten zurückkommen. Ist vielleicht noch irgend etwas aufzuklären?“

Dabei spielte er Müller die Depesche heimlich in die Hand.

„Für den Augenblick wohl nicht“, antwortete Deep-hill. „Wir haben uns nur über unsere morgige Abreise zu besprechen.“

Müller hatte einen raschen Blick auf das Papier geworfen. Es enthielt nur das eine Wort ‚Zurück‘. Das war das Zeichen, Ortry zu verlassen und in Berlin wieder einzutreffen. Er fühlte einen schmerzlichen Stich in seinem Innern, ließ sich aber nichts merken, sondern antwortete in gleichmütigem Ton:

„Wann fahren Sie?“

„Doch wohl morgen früh mit dem ersten Zug“, meinte der Amerikaner. „Wenn ich auch heute noch bleibe, so will ich doch von morgen an jede Stunde benutzen. Kinder, packt eure Sachen zusammen und kommt dann hierher. Auf dem Schloß sollt ihr keinen Augenblick mehr bleiben. Dieser alte Schurke – Verzeihung gnädiges Fräulein! Er ist Ihr Großvater; aber ich kann mir nicht helfen – er ist ein Schurke.“

„O bitte! Ich habe ihn nie als Verwandten anerkannt.“

„Das beruhigt mich. Wie gut, Herr Doktor, daß Sie uns vorher im Zimmer instruierten. Nun fällt sein Verdacht auf Ribeau und Rallion.“

„Diesen letzteren wird er sich sofort vornehmen. Aber, Herr Deep-hill, was haben Sie in Beziehung auf den Kapitän beschlossen?“

„Ich folge Ihrem Rat.“

„Ich danke Ihnen.“

Bei diesen Worten aber winkte er dem Amerikaner zu, nichts weiter zu sagen, um ihn nicht zu verraten. Marion war ja noch gar nicht eingeweiht. Darum lenkte Deep-hill ab und wendete sich an Fritz:

„Wie hübsch, Herr Schneeberg, wenn auch Sie mit nach Malineau könnten.“

Der Angeredete warf einen schnellen Blick auf seinen Vorgesetzten. Dieser antwortete an seiner Stelle:

„Vielleicht gibt ihm Herr Doktor Bertrand noch einmal Urlaub. Wenn Sie meinem Rat folgen wollen, so packen Sie ein, was Mademoiselle Nanon in Ortry hat, und schicken es nach Berlin voraus. So sind Sie von allen Weiterungen befreit. Das ist das allerbeste.“

„Wird mich der Kapitän gehen lassen?“ meinte Nanon.

„Der wird gar nicht gefragt“, antwortete ihr Vater.

„Wenn er doch auch mit könnte“, seufzte Marion. „Das wäre eine Erlösung für mich. Brechen wir auf?“

„Ja, wir erwarten euch hier, Kinder“, antwortete der Amerikaner. „Bleibt nicht zu lange aus.“

Die drei Damen brachen auf. Müller flüsterte dem Vater, der seine Tochter bis zur Tür begleiten wollte, schnell und unbemerkt noch zu:

„Bitte, sagen Sie heimlich den beiden Damen, daß sie Marion nicht verraten sollen, was sie von mir wissen.“

„Schön!“

Dann trat Müller an Marions Seite.

„Kommen Sie bald nach, Herr Doktor?“ fragte sie.

„In einigen Minuten.“

„Mir ist so bang. Ich verliere Nanon. Wen habe ich noch, außer Ihnen. Ich wiederhole: Könnte ich doch nun auch fort.“

„Sie können fort“, antwortete er leise.

„Wirklich?“

„Ja. Aber es muß ein Geheimnis bleiben. Niemand darf es ahnen, nicht einmal die Schwestern. Wir reisen auch.“

„Wann?“

„Morgen.“

„Wohin?“

„Nach Malineau.“

„Ist's wahr?“ fragte sie, freudig erregt.

„Ja, ich gebe Ihnen mein Wort.“

„Gott sei Dank! Aber Sie müssen zurück.“

„Leider! Aber bitte, sorgen Sie sich nicht; ich werde an alles, alles denken.“

Die drei Damen gingen, und Müller kehrte mit dem Amerikaner zu den anderen zurück. Dieser letztere sagte dann zu ihm:

„Herr Doktor, haben Sie Vertrauen zu mir?“

„Ja, Herr Baron.“

„Nun, so lassen Sie mich sehen, woran ich bin. Die Depesche, welche Herr Schneeberg erhielt, war eigentlich für Sie bestimmt?“

„Woraus schließen Sie das?“

„Ich sah, daß er sie Ihnen zusteckte.“

„Gut, ich leugne es nicht.“

„War sie wichtig?“

„Ja.“

„Darf man den Inhalt erfahren?“

„Ich reise auch.“

„Ah, dachte es mir! Gnädiges Fräulein mit?“

„Natürlich.“

„Bitte, wohin?“

„Ich habe dasselbe Ziel wie Sie: Berlin.“

„Herrlich, herrlich! Aber ich muß leider erst nach Malineau.“

„Ich werde dafür sorgen, daß wir uns treffen.“

„Wollen wir das telegraphisch tun?“

„Nein. Ich will mich nicht in Gefahr begeben. Ich verspreche Ihnen, daß wir uns treffen werden; und ich pflege Wort zu halten. Für jetzt aber muß ich mich verabschieden. Fritz, du begleitest mich.“

Da zog ihn seine Schwester in die Fensternische und sagte:

„Das kommt so plötzlich! Befehl vom Kommando?“

„Ja. Es macht mir einen Strich durch die Rechnung.“

„Wenn Vater sich wirklich als Gefangener in Ortry befände. Mein Gott!“

„Ich will eben jetzt noch mein Möglichstes tun. Ich wage alles.“

„Aber sei vorsichtig.“

„Habe keine Sorge. Jetzt brauche ich keine Rücksicht mehr zu nehmen. Wer mir heute widerstrebt, der ist verloren. Ich bin bewaffnet.“

„Wäre es nicht dennoch besser gewesen, ihr hättet den Kapitän der Polizei überwiesen?“

„Nein. Die Lösung meiner Aufgabe geht mir über alles.“

„Aber muß er denn durchaus frei bleiben?“

„Unbedingt. Ich kenne das Schloß, die Niederlagen und alles Nötige. Käme der Kapitän fort, so würden Änderungen eintreten, welche meinen ganzen Plan vernichteten. Es muß so bleiben.“

Er ging mit Fritz. Unten trafen sie auf den Arzt.

„Herr Doktor“, sagte Müller, „haben Sie bemerkt, daß der Kapitän oben war?“

„Ja.“

„Wir hatten einen bedeutenden Auftritt.“

„Ich habe es bemerkt.“

„Er wird Ihnen zürnen, daß diese Personen hier waren. Sie werden in Ungelegenheiten kommen, vielleicht sogar in Gefahr geraten.“

„Ich fürchte mich nicht. Miß de Lissa wohnt bei mir. Ich kann ihr nicht vorschreiben, wen sie in ihrer Wohnung empfangen darf und wen nicht. Und was den Alten betrifft, so verstehe ich, ihm entgegenzutreten.“

„Vielleicht kommt die Zeit, in welcher ich Ihnen so danken kann, wie ich es wünsche. Haben Sie nicht einige feste, längere Stricke? Ich brauche sie und möchte mich doch dadurch, daß ich welche kaufe, nicht verraten.“

„Genug. Ich selbst werde nachsehen.“

„Und noch eines: Sie haben für Ihre Landpraxis Pferd und Wagen?“

„Ja.“

„Ist das Pferd gut?“

„Ein sehr flotter Läufer.“

„Wie viele Personen faßt der Wagen?“

„Zwei, außer dem Kutscher.“

„Würden Sie ihn mir verkaufen?“

„Hm! Ich möchte Ihnen nicht Ausgaben verursachen, welche nicht unbedingt nötig sind. Wie lange brauchen Sie das Geschirr, Herr Doktor?“

„Auf höchstens zwei Tage.“

„Warum denn da kaufen? Ich leihe es Ihnen ja ganz gern.“

Müller ging natürlich darauf ein. Die Stricke wurden ausgesucht. Fritz machte ein Paket daraus, und dann erhielt er von seinem Herrn den Befehl:

„Jetzt kaufst du noch Licht für die Laterne, und dann erwartest du mich am Waldweg, wo wir uns immer zu treffen pflegen.“

„Reisen wir wirklich morgen?“

„Ja.“

„Aber heimlich?“

„Warum diese Vermutung?“

„Weil Sie einen Wagen nehmen.“

„Richtig! Adieu jetzt!“

Er ging nach Ortry.

Dort war lange vorher der Kapitän in einer ganz unbeschreiblichen Stimmung angekommen. Er begab sich, ganz so, wie vermutet worden war, zu Rallion, dem Jüngeren. Dieser lag nachlässig auf dem Sofa und las in einem Buch.

„Ah, Herr Kapitän!“ sagte er. „Unerwarteter Besuch!“

„Wirklich?“

„Gewiß.“

„Ich denke, Sie haben mich jetzt immer zu erwarten.“

„Wieso? Weshalb?“

„Das wissen Sie nicht?“

„Nein.“

„Ahnen es auch nicht?“

„Kein Wort.“

„Nun, der Schlüssel wegen.“

„Welcher Schlüssel?“

„Zu den unterirdischen Gewölben.“

„Was gibt es denn wieder mit diesen Schlüsseln?“

„Donnerwetter, wissen Sie sich gut zu verstellen!“

„Ich mich verstellen?“

„Ja. Sie haben diese Schlüssel!“

„Das sagten Sie bereits einmal.“

„Sie leugneten, jetzt aber habe ich den Beweis.“

„Gut. Bringen Sie diesen.“

„Der, welchen Sie heute befreit haben, hat es mir mitgeteilt.“

„Alle Wetter! Ich habe jemand befreit? Das heißt, einen Gefangenen?“

„Natürlich!“

„Der da unten steckte?“

„Wen sonst!“

„Wer war es denn?“

„Das wissen Sie ebensogut wie ich.“

Da sagte Rallion in seinem ernstesten Ton:

„Kapitän, Sie sind seit einiger Zeit höchst unbegreiflich. Sie versprachen mir Ihre Enkelin und halten nicht Wort. Sie schleppen mich in Versammlungen, in denen ich verwundet werde. Sie nennen mich nun gar einen Dieb! Das habe ich satt. Ich weiß sehr genau, was ich meiner Ehre und meinem Stand schuldig bin. Ich lasse mich nicht länger hänseln. Vater hat vorhin telegraphiert! Morgen oder übermorgen reise ich.“

„Donnerwetter! Was hat er telegraphiert?“

„Hier das!“

Er gab ihm das Telegramm zu lesen. Es enthielt die Worte:

„Dränge auf Entscheidung und komme dann sofort. Alles ist vorbereitet.“

„Sie sehen also“, fuhr er fort, „wie es steht. Bekomme ich Marion oder nicht?“

„Verdammt! Das Mädchen wird immer obstinater! Und nun dazu diese Schlüsselgeschichte!“

„Darf man sie denn nicht erfahren?“

„Hol's der Teufel! Ich habe doch nur Sie im Verdacht!“

„Da sind Sie dümmer als dumm.“

„Denken Sie sich: Gestern ergriffen wir einen Spion. Ich lasse ihn fesseln und schließe ihn hinter drei Türen ein. Einen anderen Gefangenen brachte ich in dasselbe Karzer, in welcher wir die Zofe anstatt Marions steckten – ich bin überzeugt, beide fest zu haben. Vorhin fällt mir Marions Wesen auf. Ich lasse sie beobachten und erfahre, daß sie zu dieser verdammten Engländerin ist. Ich fahre nach. Wen finde ich dort?“

„Nun?“

„Diese beiden Gefangenen!“

„Unsinn!“

„Weiß Gott, es ist keine Lüge! Ich muß ausgesehen haben wie ein Nilpferd!“

„Was Sie da erzählen, ist doch ganz unmöglich!“

„Unmöglich gerade nicht, da mir ja die Schlüssel fehlen.“

„Hm!“

„In Ihrer Gegenwart habe ich sie verloren.“

„Das heißt, ich habe sie?“

„Ich denke es wahrhaftig. Der eine Gefangene sagte mir, ich solle Sie grüßen, und Sie hätten die Schlüssel.“

Da lachte Rallion laut auf und meinte dabei:

„Und das haben Sie geglaubt?“

„Was sonst!“

„Merken Sie denn nicht, daß der Kerl Sie nur irreführen will?“

„Irreführen? Hm!“

„Wer war denn noch bei den Gefangenen?“

„Marion und –“

„Donnerwetter!“

„Was?“

„Marion war bei Ihnen? Und Sie ahnen noch immer nichts?“

„Denken Sie etwa, daß sie die Schlüssel hat?“

„Wer denn sonst?“

„Wie will sie diese denn erhalten haben?“

„Auf zehnerlei Weise. Vielleicht sind Sie von ihr schon längst beobachtet worden.“

„Ich möchte schwer daran glauben. Aber wenn ich mir überlege, daß sie –“

Er zauderte.

„Was?“

„Daß sie es war, welche mir die befreiten Gefangenen in die Stube brachte!“

„Sie brachte jene? Na, wollen Sie noch andere Beweise?“

„Aber wie soll sie zu den Schlüsseln gekommen sein?“

„Das fragte ich nicht; das muß sie selbst gestehen. Schlüssel hat sie, das ist sicher und gewiß.“

„Wieso?“

„Sie legte die Zofe in ihr Bett, anstatt sich; sie muß also unseren Plan belauscht haben.“

„Wahrscheinlich.“

„Sie kann uns aber nur dann belauschen, wenn Sie die heimlichen Gänge, Treppen und Türen kennt.“

„Satan!“

„Sie kann sich also ganz leicht, während Sie schlafen, bei Ihnen einschleichen und die Schlüssel borgen oder sich einen Wachsabdruck machen.“

„Daran dachte ich mit keiner Silbe.“

„Sie durchkreuzt unsere Pläne; sie wird immer obstinater, wie Sie selbst sagen; es entkommen Ihnen Gefangene, welche ganz sicher hinter Schloß und Riegel waren; Marion wird bei diesen Gefangenen gefunden, denen sie den Rat gegeben hat, mich zu verdächtigen. Das tut sie auch wieder nur, weil sie mich haßt – wenn Sie nun noch nicht wissen, woran Sie sind, so sind Sie vollständig blind!“

Der Alte schritt hin und her, mit den Armen gestikulierend und dabei allerhand unverständliche Laute ausstoßend. Endlich sagte er, stehenbleibend:

„Sie haben recht. Ich war blind, vollständig blind. Sie aber haben mir jetzt den Star gestochen.“

„Endlich! Was aber weiter?“

„Ich mache sie unschädlich!“

„Auf welche Weise?“

„Indem ich nun doch den Plan ausführe, den sie uns vereitelt hat.“

„Und sie einstecken?“

„Ja.“

„Hm! Vielleicht lauscht sie jetzt wieder.“

„Nein. Sie ist noch in der Stadt.“

„Sie wird wieder entkommen.“

„Diesmal nicht. Ich habe noch Orte, die Sie gar nicht kennen. Dahin bringen wir sie.“

„Wann?“

„Sobald sie zurückgekehrt ist.“

„Sapperment!“

„Wir binden sie sogar im Kerker an, so daß sie sich gar nicht bewegen kann.“

Der Graf schnalzte mit der Zunge und mit den Fingern.

„Und dann?“ frage er. „Dann?“

„Was dann?“

„Dann gehört sie mir?“

„Ja, ich gebe sie Ihnen; aber erst nach vierundzwanzig Stunden, Verehrtester!“

„Warum so spät?“

„Ich gewähre ihr diese Bedenkzeit, weil es für die Zukunft besser ist, sie wird freiwillig ihre Braut, als gezwungen.“

„Einverstanden! Unter diesen Umständen bleibe ich trotz der Depesche einen Tag länger hier. Ich habe es nun einmal auf diese Marion abgesehen. Was kann ich gegen diese dumme Liebe? Wie also arrangieren wir uns?“

„Ich warte, bis sie in ihrem Zimmer ist; dann hole ich Sie ab. Wir treten durch das Täfelwerk bei ihr ein.“

„Schön! Aber sie wird schreien!“

„So weit dürfen wir es nicht kommen lassen.“

„Gut, gut! Ich bin gespannt, ganz außerordentlich gespannt. Aber man wird sie vermissen?“

„Lassen Sie es meine Sorge sein, hierauf eine Antwort zu geben, welche die Frager befriedigen wird.“

„Alle?“

„Ich denke.“

„Hm! Einen doch wohl nicht!“

„Wen?“

„Diesen verdammten, buckligen Hauslehrer.“

„Sie hassen ihn einmal!“

„Pah! Ich weiß ganz genau, daß Sie ihn ebenso hassen, ja, daß Sie ihn sogar fürchten.“

„Fürchten? Sind Sie toll?“

„Nein. Ich beobachte gut. Sehen Sie denn nicht, daß Marion am Fenster steht, wenn er unten im Garten sitzt? Sie geben sich heimliche Zeichen; sie stützt sich auf ihn. Hätte sie ihn nicht, so wagte sie keinen solchen Widerstand.“

„Was Sie da sagen, klingt nicht ganz unwahrscheinlich. Ich habe Beweise, daß er horcht, daß er heimlich beobachtet. Er hat zu mir von Dingen gesprochen, die nur ich allein wissen kann. Das ist höchst auffällig.“

„Und da dulden Sie ihn?“

„Was will ich tun? Der Junge hängt an ihm!“

„Pah! An dem nächsten wird er ebenso hängen und vielleicht noch mehr.“

„Möglich. Aber, aber –“

„Was denn?“

„Ich will Ihnen aufrichtig sagen, daß ich ihn nicht gern aufregen möchte. Ich habe mich doch ein wenig in acht zu nehmen. Dieser Lauscher hat einige Kleinigkeiten bemerkt, deren Ruchbarwerden mir zwar keinen Schaden, aber Unannehmlichkeiten bringen könnte.“

„Dachte es mir doch! Sie fürchten sich vor ihm!“

„Fürchten? Nicht die Spur; ich habe ihn nur zu berücksichtigen; das ist alles.“

„Nun gut, so legen Sie es darauf an, daß er selbst kündigt.“

„Da wird er sich hüten.“

„Hat er kein Ehrgefühl?“

„Mehr als genug.“

„Hm, ich zweifle daran! Mir gegenüber hat er sich als Feigling benommen. Sie wissen ja!“

„Das mußte damals einen ganz besonderen Grund haben. Ich habe keinen zweiten kennengelernt, der so wie er zum Raufbold prädestiniert wäre. Ehrgefühl hat er; aber er wird lieber manches verschlucken, als eine so fein dotierte Stellung aufzugeben.“

„Es gilt den Versuch.“

„Ich werde ihn machen. Werde ich den Menschen so halb und halb in Frieden los, so soll es mir auch auf ein Vierteljahrsgehalt nicht ankommen.“

„Ist er denn fleißig? Er scheint stets abwesend zu sein, wie ich bemerkt habe.“

„Er geht allerdings sehr viel aus. Dies gibt vielleicht die Veranlassung zu einer Auseinandersetzung. Also halten Sie sich bereit. Ich werde Sie abholen.“

Er ging und beobachtete dann von seinem Fenster aus die Straße, welche nach der Stadt führte. Unterdessen schickte er den Diener, um sich nach Müller zu erkundigen und auch zu erfahren, welchen Unterricht er heute erteilt habe.

„Er hat heute gar keinen Unterricht gegeben“, lautete der Bescheid.

„Ist er denn nicht da?“

„Er ist heute stets fort gewesen. Nur einige Augenblicke hat man ihn gesehen; dann ist er wieder verschwunden.“

Nach einiger Zeit sah der Alte Marion mit den beiden Schwestern die Straße nach dem Schloß daherkommen, und zugleich schritt Müller nachdenklich auf dem Wiesensteig herbei. Er hatte die Stadt später als die Damen verlassen, war aber einen kürzeren Weg gegangen: so kam es, daß er fast in demselben Augenblick mit ihnen auf dem Schloßhof anlangen mußte.

Dies bemerkte der Alte. Er ging hinab und wartete. Draußen vor dem Tor traf Müller mit den Damen zusammen und betrat mit ihnen den Hof.

„Herr Doktor“, sagte der Alte laut. „Sie wurden gesucht.“

„Von wem?“

„Von mir.“

„Ich stehe zu Diensten.“

„Das habe ich nicht gefunden. Wenn man Sie braucht, sind Sie nicht vorhanden. Haben Sie heute Unterricht erteilt?“

„Nein“, antwortete der Gefragte, welcher sehr ruhig vor dem Frager stand.

Auch die Damen waren unwillkürlich stehengeblieben.

„Warum nicht? Weshalb sind Sie engagiert?“

„Um meinen Zögling zu erziehen. Die Erziehung aber besteht nicht im Unterricht allein. Man muß individualisieren. Ich habe es für nötig befunden, dem jungen Herrn Baron jetzt einige Ruhe zu gewähren.“

„Ihm oder Ihnen, Herr Doktor?“

„Vielleicht beiden zugleich.“

„Das kann ich nicht billigen. Ich bezahle keinen Erzieher zu dem Zweck, sich Ruhe zu gönnen. Ein anderer würde sich sein Gehalt zu verdienen suchen.“

„Meinen Sie, das dies bei mir nicht der Fall sei?“

„Durch dieses sich Ruhe gönnen, allerdings nicht. Es gibt gerade jetzt Überfluß an tüchtigen Pädagogen.“

„Dann möchte ich raten, es doch einmal mit einem anderen zu versuchen, Herr Kapitän.“

„Wir haben lange Kündigung.“

„Ich gehe auch ohne diese.“

„Wann?“

„Heute noch, wenn es Ihnen beliebt.“

„Schön! Ich werde, damit Sie nicht darunter leiden, Ihnen einen Vierteljahrsgehalt auszahlen.“

„Danke! Ich bin noch bei Kasse!“

„Wann holen Sie sich Ihre Zeugnisse?“

„Ich brauche keine. Ich bitte nur noch, meinen Koffer zu Herrn Doktor Bertrand schaffen zu lassen.“

„Wird besorgt! Also, leben Sie wohl, Herr Doktor.“

„Ebenso, Herr Kapitän.“

Der Alte hatte nicht gedacht, den unbequemen Menschen so leicht loszuwerden. Er hatte ihn vor den Damen blamiert und schritt im Bewußtsein eines Sieges stolz von dannen. Er ahnte nicht, daß sowohl Müller als auch die beiden Schwestern ihn heimlich auslachten und daß Marion auf der Freitreppe leise zu ihm sagte:

„Was haben Sie getan, Herr Doktor?“

„Einen Sieg errungen.“

„Wieso?“

„Sie werden es erfahren. Jetzt ist nicht Zeit dazu, gnädiges Fräulein.“

„Aber Sie haben nun keine Stellung.“

„Oh, eine viel, viel bessere und ehrenvollere. Ich dachte nicht, so gut von ihm loskommen zu können.“

„Aber ich –!“

„Lassen Sie mich sorgen.“

„Nun wohl! Ich möchte mich so gern auf Sie verlassen.“

„Sie können es, Sie können es, gnädiges Fräulein. Nur liegt in unserem Interesse, den Kapitän jetzt noch nicht ahnen zu lassen, daß wir Verbündete sind. Sie dürfen vollständig versichert sein, daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht, Sie gegen die Intentionen Ihres Großvaters in Schutz zu nehmen.“

„Wie aber wollen Sie dies tun können, wenn Sie sich nicht mehr bei mir befinden?“

„Ich bitte Sie abermals, dies jetzt nur meine Sorge sein zu lassen. Wir können nicht weiter darüber sprechen, da wir jetzt hier bei Ihrem Zimmer angelangt sind. Es würde das auffallen, denn wir dürfen nicht vergessen, daß wir jedenfalls scharf beobachtet werden.“

Sie trennten sich, er, um seine eigenen Sachen einzupacken, und sie, um über alles nachzudenken, was sie heute erfahren und gehört hatte.

Sie schritt einsam und in Gedanken versunken in ihrem Zimmer auf und ab, wohl über eine halbe Stunde lang, dann ließ sie sich auf den Sessel nieder, welcher vor dem Tisch stand. Sie stemmte den Ellbogen auf den letzteren und legte das schöne Köpfchen in die Hand. Sie hatte eine solche Stellung eingenommen, daß sie dem Eingang, welcher nach dem Vorzimmer führte, den Rücken zukehrte.

Unterdessen hatte der Kapitän den Obersten Rallion aufgesucht, von welchem er mit Spannung erwartet wurde. Er trug einen geöffneten Brief in der Hand.

„Denken Sie, was da angekommen ist“, sagte er. „Der Brief ist bereits einige Stunden da, ohne daß ich es wußte. Man hat ihn mir während meiner Abwesenheit auf den Schreibtisch gelegt.“

„Interessiert der Inhalt auch mich?“

„Sogar sehr.“

„Von wem ist er?“

„Von Ihrem Herrn Vater.“

„Dann muß er mich allerdings sehr interessieren. Vater ist ja sonst kein Freund von Korrespondenz. Was schreibt er denn?“

„Hören Sie!“

Der Alte las:

„Mein bester Kapitän!

Die politische Konstellation ist ganz plötzlich eine solche geworden, daß ich Sie persönlich sprechen muß. Da ich aber nicht so schnell wieder nach Ortry kommen kann, so ersuche ich Sie, spätestens am Tage nach Empfang dieses mit dem ersten Frühzug nach hier abzureisen. Es hat große Eile. Ich habe fast die Gewißheit, daß das Wetter noch eher losbricht, als wir es vermuteten. Natürlich bringen Sie meinen Sohn mit. Es steht ihm die Auszeichnung bevor, zu den Gardezuaven versetzt zu werden.

Ihr Jules, Graf von Rallion.“

„Was sagen Sie dazu?“ fragte der Alte, indem er den Brief wieder zusammenfaltete und einsteckte.

„Viktoria!“

„Ja, dieses eine Wort ist das richtige und enthält alles, was gesagt werden kann. Also zu den Zuaven kommen Sie!“

„Eine große Auszeichnung!“

„Die Zuaven weniger, aber die Garde. Oberst eines Regimentes Gardezuaven. Donnerwetter, das läßt sich hören!“

„Ja“, nickte Rallion, indem sein Auge stolz aufleuchtete. „Wir haben ja nur das eine Zuavenregiment bei der kaiserlichen Garde, zwei Bataillone stark. Das ist es, was mich selbstverständlich freut. Aber das andere –!“

„Was?“

„Die schnelle Abreise.“

„Die ärgert Sie?“

„Natürlich doch.“

„Warum.“

„Hm! Marion! Haben Sie denn vergessen?“

„Pah! Bis zum ersten Zug morgen früh haben Sie mehr als genug Zeit, zum Ziel zu gelangen.“

„Ist sie bereits nach Hause?“

„Ja; ich sah sie soeben kommen.“

„Nun, wann holen wir sie?“

„Gleich jetzt. Ich habe zwei Paar Filzgaloschen draußen stehen, welche wir anziehen, um unsere Schritte unhörbar zu machen.“

„Und wenn sie um Hilfe ruft?“

Der Alte stieß ein höhnisches Lachen aus und antwortete:

„Da habe ich ein Stück alten Pelzes, welches sie schon verhindern wird, zu schreien. Ich drücke ihr dasselbe auf das Gesicht und binde es ihr fest. Zu gleicher Zeit nehmen Sie die Stricke, welche ich mitgebracht und draußen liegen habe, und fesseln ihr Hände und Füße. Sie ist ganz sicher unser, denn jetzt soll es ihr nicht einfallen, anstatt ihrer selbst die Zofe fangen zu lassen.“

„So wollen wir gehen.“

„Vorher noch eins: Ich habe mit diesem Müller gesprochen.“

„Ah, schon?“

„Ja. Ich ging ihm entgegen.“

„Sprachen Sie von seiner Entlassung?“

„Ja.“

„Ging er darauf ein?“

„Mit Vergnügen, wie es schien. Nicht einmal sein Zeugnis will er haben.“

„Der Unvorsichtige. Wie kann er eine weitere Stelle finden, ohne nachzuweisen, daß Sie mit ihm zufrieden gewesen sind?“

„Er mag zusehen, wer ihn engagiert. Ich bot ihm das Gehalt eines Vierteljahres als Entschädigung an, aber er nahm auch dieses nicht an.“

„Nicht? Warum nicht?“

„Weiß ich es? Er sagte, er sei noch bei Kasse.“

„Warum aber boten Sie ihm diese Entschädigung an?“

„Weil er von einer Kündigung absah.“

„Ah! So geht er bereits am Schluß des Monates?“

„O nein, noch besser! Er geht sofort.“

„Heute schon?“

„Nicht nur heute, sondern sofort. Er wird einpacken und dann gehen.“

„Dem Himmel sei Dank! Sind wir diesen arroganten Menschen los! Ich habe ihm nicht getraut.“

„Er war ein verschlossener, undurchdringlicher Charakter, aber trotzdem und trotz seines Buckels doch ein tüchtiger Kerl. Aber, halten wir uns mit ihm nicht auf! Wir haben mehr zu tun. Kommen Sie! Aber schließen Sie vorher den Eingang. Man muß vorsichtig sein.“

„Haben Sie Laternen mit?“

„Das versteht sich ganz von selbst. Laternen und auch alles andere, was wir brauchen.“

Rallion verschloß seine Tür, und dann krochen sie durch das geöffnete Täfelwerk. Draußen zogen sie die Filzschuhe über ihre Stiefel, nahmen die anderen Requisiten an sich und schlichen sich dann zu derjenigen Stelle, an welcher man in Marions Vorzimmer gelangte.

Sie lauschten. Es ließen sich regelmäßige, durch die Entfernung gedämpfte Schritte hören.

„Sie scheint im Zimmer auf und ab zu gehen“, meinte Rallion.

„Ja. Wir müssen also warten.“

Sie warteten eine kurze Weile, dann waren die Schritte nicht mehr zu hören.

„Jetzt“, raunte der Alte seinem Spießgesellen zu. „Aber vorsichtig. Unsere Schritte müssen unhörbar sein. Haben Sie die Stricke bereit?“

„Ja.“

„Sie wird sich natürlich sträuben. Seien Sie nicht so zart mit ihr. Je fester wir zugreifen, desto eher und besser werden wir mit ihr fertig.“

Ein leises Rascheln ließ sich hören, so leise, daß selbst Rallion es kaum zu vernehmen vermochte. Der Alte öffnete das Täfelwerk. Sie blieben einige Augenblicke horchend stehen, und da sich nichts im Zimmer regte, so waren sie überzeugt, nicht gehört worden zu sein.

„Jetzt vorwärts!“ befahl der Kapitän.

„Lassen wir hier offen?“

„Ganz natürlich!“

Sie traten in das Vorzimmer. Es befand sich niemand da. Sie schlichen zu den Portieren und blickten hindurch. Marion saß in der bereits beschriebenen Stellung am Tisch.

Der Alte nickte dem Grafen aufmunternd zu, schob die Portieren zur Seite und trat ein, in den beiden Händen das Pelzstück haltend. Rallion folgte ihm mit den Stricken.

Der Kapitän machte zwei rasche Schritte vorwärts – ein unterdrückter Schrei erscholl oder vielmehr, er wollte erschallen, aber der Alte hielt dem Mädchen den Pelz so fest auf den Mund, daß es nicht laut schreien konnte. Und zugleich schlang Rallion ihm die Stricke um die Arme, mit denen es alle Anstrengung machte, den Kapitän von sich abzuwehren: dann wurden ihm auch die Füße gefesselt – es war gefangen.

„So!“ knurrte Richemonte vergnügt. „Diesmal ist das Täubchen eingefangen. Sie soll uns nicht wieder das Zöfchen in die Hände schieben. Schnell fort mit ihr.“

Sie faßten sie, die nicht im geringsten zu widerstehen vermochte, an und trugen sie hinaus. Dann schob der Alte die Täfelung wieder zu und verriegelte sie.

„Wohin nun?“ fragte Rallion.

„Zunächst hinunter in den Gang, gerade wie bei der Zofe. Hier stehen die Laternen. Brennen wir sie an.“

Rallion fühlte der Gefangenen nach dem Kopf und fragte:

„Haben Sie den Pelz nicht zu fest gebunden?“

„Nein.“

„Mir scheint es doch so. Wenn sie nun erstickt.“

„Pah! Solche Katzen ersticken nicht. Hier, hängen Sie sich die Laterne ins Knopfloch. Und dann hinunter.“

Sie trugen Marion bis zur Tür desjenigen Gewölbes, in dessen hinterem Teil die Zofe eingeschlossen worden war. Da hier der Kapitän seine Last niederlegte, fragte Rallion:

„Hier hinein?“

„O nein. Hier wäre sie nicht sicher aufgehoben, denn von da ist mir einer entkommen, ohne daß ich es mir erklären kann. Ich will einmal nachsehen, ob es mir vielleicht möglich ist, eine Spur zu entdecken. Bleiben Sie hier zurück, um über die Gefangene zu wachen.“

Er öffnete die Tür und trat in das Gewölbe, aus welchem er erst nach längerer Zeit zurückkehrte. Seine Miene war eine höchst verdrießliche.

„Etwas gefunden?“ fragte Rallion.

„Nein. Nicht eine Spur.“

„Sonderbar. Wenn einer entkommen ist, muß doch die Tür offen sein.“

„Sie haben gesehen, daß diese hier verschlossen war, und die hintere war es ebenso. Ich begreife das nicht!“

„Es muß jemand den Schlüssel haben.“

„Ganz sicher!“

„Aber wer?“

„Das werde ich schon noch herausbekommen. Fassen Sie wieder an. Wir gehen weiter.“

Sie trugen Marion bis an den Kreuzungspunkt der Gänge und lenkten dann rechts ein. An der Tür, durch welche der dicke Maler geführt worden war, blieben sie halten, um ihre Last niederzulegen.

„Nun sehen Sie“, meinte der Alte, „auch hier ist mir einer entkommen, sogar durch drei verschlossene Türen. Ich werde einmal vorangehen.“

Er öffnete die Tür und verschwand hinter ihr. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe er wieder erschien. Er sagte in zornigem Ton:

„Man ist versucht, an Zauberei zu glauben. Auch hier ist der Gefangene verschwunden, ohne die geringste Spur zurückzulassen, aus welcher man schließen könnte, auf welche Art und Weise er entkommen ist.“

„Waren denn die Türen auch hier verschlossen?“

„Alle drei.“

„Ohne eine Spur von Verletzung zu zeigen?“

„Nicht die leiseste Spur.“

„So bleibt es dabei: Es besitzt jemand die Schlüssel. Wohin tragen wir Marion jetzt?“

„Hier herein.“

„Was? Hier herein? Von wo soeben einer entkommen ist?“

„Ja. Aber haben Sie keine Sorge! Die hier entkommt mir nicht. Vorwärts!“

Das gefesselte Mädchen wurde nach dem runden Raum geschafft, in welchem Schneffke gesteckt hatte. Dort legten sie es auf den Boden nieder.

„Sehen Sie, hier war der Gefangene eingeschlossen, und – fort ist er!“ sagte der Kapitän.

„Und Sie haben ihn bereits wiedergesehen?“

„Ja, bei Doktor Bertrand.“

„So kennt der Mensch, welcher die Schlüssel besitzt, auch die betreffenden Ausgänge.“

„Wenigstens einen derselben.“

„Dann ist es wirklich höchst nötig, zu erfahren, wer er ist. Aber was soll dieses Loch? Ist es ein Brunnen?“

„Scheinbar.“

„Also kein Wasser drin?“

„Zuweilen. Es ist der Eingang zu denjenigen Räumen, in welche mir sicherlich kein Unberufener gelangen wird.“

„Gehen denn Stufen hinab?“

„Nein.“

„Eine Leiter?“

„Auch nicht.“

„Donnerwetter! Wie gelangen wir denn da hinab?“

„Ja, das ist ein Rätsel!“ lachte der Alte. „Der dicke Kerl, welcher hier steckte, und derjenige, der ihn befreit hat, sie beide haben jedenfalls auch untersucht, ob da hinabzukommen sei. Sie werden mit der Hand hinabgegriffen haben, um nach Stufen zu suchen, haben aber nichts gefunden. Ich bin überzeugt, daß sie meinen, es wirklich mit einem Brunnen zu tun gehabt zu haben. Es sind Eisenstangen eingefügt, die oberste allerdings so tief, daß man sie nicht mit der Hand erreichen kann.“

„Mittels dieser Stange steigt man hinab?“

„Ja.“

„Auch wir jetzt mit Marion?“

„Natürlich. Auf der halben Tiefe halten wir an. Dort öffnet sich ein Gang, welchen wir passieren müssen. Ich steige voran und halte Marion, welche Sie an einem Strick herablassen. Dann folgen Sie.“

Marion erhielt einen Strick unter den Armen hindurch und wurde an demselben herabgelassen. Rallion stieg dann nach und trat in den neuen Gang, in welchem der Alte bereits seiner wartete. Sie trugen ihre Last den Gang entlang, stiegen mehrere Stufen empor und kamen dann an eine Stelle, wo es merklich heller wurde.

„Wir kommen wohl gar ins Freie?“

„Bewahre. Wir befinden uns zwar wieder in gleicher Höhe mit den Gewölben, aber ins Freie führt dieser Gang doch nicht. Der Schimmer kommt von oben herab.“

„Wohl gar ein Fenster?“

„Nein. Ein Luftloch, weiter nichts.“

„Wohin mündet es denn?“

„In den Wald.“

„Wenn es nun entdeckt wird?“

„Das ist nicht möglich.“

„Wie nun, wenn einer in dieses Loch stürzt.“

„Das ist nicht denkbar. Das Loch ist mit Moos verschlossen, welches zwar die Luft hindurchläßt, aber keinen Menschen, da es auf festen Holzprügeln ruht. Doch wollen wir uns dabei nicht aufhalten. Vorwärts wieder.“

„Noch weit?“

„Nein. Sehen Sie die Türen rechts und links?“

„Ja.“

„Rechts die fünfte ist es.“

Sie schritten weiter und entfernten sich so von dem Loch. Als sie die betreffende Tür erreichten, öffnete der alte Kapitän. Es gähnte ihnen ein finsteres Loch entgegen. Auf dem Boden lag Stroh. Sonst war nichts, gar nichts vorhanden. In dieses Loch wurde Marion gelegt.

„Ob sie noch lebt?“ fragte Rallion, der bei seiner Liebe für das schöne Mädchen sich doch beunruhigt fühlte.

„Wie sollte sie gestorben sein! Machen Sie den Pelz auf.“

Rallion kniete nieder und entfernte das Pelzwerk vom Gesicht, welches er mit der Laterne beleuchtete.

„Alle Teufel!“ rief er. „Sie ist tot!“

„Unsinn!“

„Sehen Sie her!“

Marions Augen waren geschlossen; ihr Gesicht hatte allerdings die Blässe des Todes. Der Alte bückte sich nieder und befühlte die gefesselte Hand.

„Pah!“ sagte er. „Haben Sie keine Sorge! Sie ist ohnmächtig, aber nicht tot.“

„Wirklich?“

„Ja; ihr Puls geht doch.“

„Gott sei Dank!“

„Na, verliebt scheinen Sie wirklich zu sein!“ höhnte er. „Soll ich Sie mit der Angebeteten allein lassen?“

„Hm! Was soll ich hier?“

„Narr! Die Zeit benutzen! Sie ist gefesselt; sie befindet sich ja in Ihren Händen.“

„Wohin gehen Sie?“

„Zurück, um Lebensmittel zu holen.“

„Für Marion?“

„Für sie und für andere. Sie wird nämlich nicht meine einzige Kostgängerin sein. Ich habe noch zwei andere Personen zu versorgen, und da ich nach Paris muß und nicht weiß, wann ich wiederkomme, will ich sie mit hinreichendem Wasser und Brot versehen.“

„Sie kommen aber doch wieder?“

„Natürlich.“

„Wann?“

„In vielleicht einer Stunde.“

„So spät?“

„Sie haben ja den Weg selbst mitgemacht. Und zudem habe ich das Wasser und das Brot zu schleppen. Dieses letztere kann ich mir nur heimlich nehmen, wenn niemand sich im Speisegewölbe befindet. Darum ist es möglich, daß ich erst in einigen Stunden zurückkehren kann.“

„Donnerwetter!“ fuhr Rallion auf.

„Was?“

„Ich hoffe doch nicht –“

„Was hoffen Sie nicht?“

„Daß Sie mich hier sitzen lassen werden.“

„Sind Sie verrückt!“

„Nein, das nicht; aber –“

„Was aber –“

„Sie scheinen hier ziemlich viele Gemächer zu haben, welche für unfreiwillige – Sommerfrischler bestimmt sind –“

„Und Sie meinen –“

„Wie nun, wenn Sie bei der Verwundung, welche ich in dem verdammten, alten Kloster erhalten habe, für mich auch eine solche Erholung, eine solche Sommerfrische für nötig hielten!“

„Ich frage noch einmal, ob Sie verrückt sind.“

„Das nicht, aber vorsichtig bin ich.“

„Ich werde Sie doch nicht hier zurückhalten.“

„Nicht? Werden Sie mich mit Marion hier einschließen?“

„Nein. Die Tür bleibt offen, bis ich zurückkehre, vorausgesetzt, daß Sie das Mädchen nicht entfesseln. Wie können Sie auf den ganz und gar hirnverbrannten Gedanken kommen, daß ich Sie feindlich behandle, da wir doch morgen miteinander verreisen.“

„Hm! Sie sind allen denen, welche Ihnen unbequem werden, ein gefährlicher Mann, und ich weiß doch nicht recht genau, ob ich Ihnen bequem bin.“

„Lassen Sie diese albernen Gedanken. Sie sollen ja mein Schwiegersohn werden! Würde ich Sie so vertrauensvoll in diese unterirdischen Gänge einführen, würde ich Ihnen meine Enkelin in dieser Weise widerstandslos in die Hände liefern, wenn ich Ihnen feindselig gesinnt wäre! Ja, ich will Ihnen noch einen großen Beweis meines Vertrauens geben, indem ich Ihnen den einzigen Gefangenen zeige, welcher sich noch hier unten befindet. Kommen Sie!“

„Wer ist der Mann?“

„Ein Deutscher. Er kam, um eine Kriegskasse auszugraben, welche den Franzosen gehört. Ich habe ihn daran gehindert, indem ich mit ihm kämpfte und ihn dann heimlich als Gefangenen nach Ortry schaffte.“

„Wie heißt er?“

„Er ist ein Königsau, ein Angehöriger einer Familie, welche ich hasse, wie ich niemand weiter gehaßt habe.“

Er ging nun einige Türen weiter und öffnete eine derselben. Ein fürchterlicher Gestank quoll ihnen entgegen. Als der Alte in das Loch leuchtete, sah Rallion, daß dasselbe fußhoch mit mistigem Stroh und Menschenkot angefüllt war. Es hatte ganz das Aussehen einer Düngergrube. Und da lag ein Mensch, zusammengeringelt wie ein Hund, mit Fetzen auf dem Leib, welche kaum noch Fetzen genannt werden konnten.

„Das ist er!“ sagte der Alte, in dessen Gesicht es wie eine teuflische Freude leuchtete.

„Einer dieser verdammten Deutschen!“ meinte Rallion. „Ah, ihnen gehört nichts anderes. Möchten sie alle so verfaulen wie dieser eine hier!“

„Ja, er verfault; er verfault bei lebendigem Leib. Ich räche an ihm, was ich an seiner Familie nicht mehr rächen kann. Er weiß, wo die Kasse vergraben liegt; er soll es mir sagen, und er tut es nicht. Er bleibt so lange hier, bis er es gesteht, und dann – – –“

Er hielt inne.

„Und dann?“ fragte Rallion.

„Dann muß er dennoch sterben!“ flüsterte ihm der Alte zu, damit der Gefangene es nicht hören solle.

Und lauter fügte er hinzu:

„Steh auf. Laß dich sehen, Hund!“

Der Gefangene bewegte sich nicht. Da griff der Kapitän an die Mauer. Dort hing eine Peitsche am Nagel. Er nahm sie herab und schlug damit auf den Unglücklichen los, bis dieser sich langsam und mühsam erhob.

Er war an Ketten gefesselt, so daß er sich kaum drei Fuß weit bewegen konnte. Sein langes graues Haar hing ihm bis auf die Hälfte des Rückens herab, und sein ebenso langer und ebenso grauer Bart berührte mit seiner Spitze beinahe das Knie. Die Wangen waren eingefallen, und die Augen lagen tief. Bart und Haar waren mit Kot besudelt.

„Hast du Hunger, Königsau?“ fragte der Alte.

Der Gefragte antwortete nicht. Da gab ihm der Kapitän einen Hieb mit der Peitsche und wiederholte:

„Ob du Hunger hast, frage ich.“

„Nein“, erklang es matt und hohl.

„Durst?“

„Nein.“

„Willst du frei sein?“

„Nein.“

„Sterben?“

„Nein.“

„Hund! Sage die Wahrheit, sonst bekommst du die Peitsche wieder. Willst du frei sein?“

„Durch dich nicht!“

„Ah! Durch wen denn?“

„Die Meinigen werden kommen und mich holen.“

Da schlug der Alte eine heisere, höhnende Lache an und sagte:

„Wenn sie kommen, so stecke ich sie zu dir. Ich würde deine ganze Brut ausrotten, wenn sie sich zu mir wagte!“

Er hing die Peitsche wieder an die Wand und schloß die Tür zu.

„Das ist Rache!“ sagte er. „Die Peitsche hängt drin bei ihm, und er kann dieses Folterwerkzeug nicht vernichten. Die Schlüssel zu seinen Fesseln hängen an demselben Nagel, und er kann nicht zu ihnen, eben weil er gefesselt ist.“

„Eigentlich schrecklich.“

„Und doch nicht schrecklich genug. Und dazu sage ich Ihnen, daß dieser Mensch mein – Neffe ist.“

„Ihr – – – Neffe?“ fragte Rallion erschrocken.

„Ja. Vielleicht erzähle ich Ihnen einmal davon. Ihr Vater weiß bereits einiges. Aber jetzt gehe ich. Haben Sie nun Vertrauen zu mir und glauben Sie, daß ich wiederkomme und Sie abhole?“

„Sicher.“

„Gut. So bekämpfen Sie einstweilen diese spröde Unschuld da drin. Ich wünsche, daß Sie Sieger sind, wenn ich zurückkehre.“

Er ging, während Rallion in die Zelle trat, in welcher Marion lag.

DRITTES KAPITEL 

Befreit!

Müller war auf sein Zimmer gegangen, um seine Sachen einzupacken. Der Koffer wurde von einem Stallbediensteten geholt, und dann entfernte sich der so schnell entlassene Hauslehrer, ohne von irgendeinem Menschen Abschied zu nehmen.

Er tat, als sei er willens, den Weg nach der Stadt einzuschlagen, wendete sich aber, als es nicht mehr bemerkt werden konnte, dem Wald zu, wo er an der betreffenden Stelle auf den treuen Fritz Schneeberg traf.

„Hast du alles besorgt?“ fragte er.

„Ja, Herr Doktor.“

„Hm! Es hat sich ausgedoktert, lieber Fritz.“

„Leider. Wir müssen fort. Aber wird man Sie lassen?“

„Ich habe den Abschied bereits.“

„Das hätte ich nicht für möglich gehalten.“

„Oh, der Alte ist froh, daß er mich los ist.“

„Das glaube ich allerdings ohne weiteres. Aber wenn er alles wüßte, würde er Sie gewiß nicht fortlassen.“

„Nein, nein. Ich müßte sterben oder würde eingesperrt gerade wie die anderen da unten.“

„Wir haben sie ja herausgeholt.“

„Allerdings; aber glaubst du, daß nun niemand mehr da unten steckt?“

„Wer denn noch? Ah, Sie meinen Liama!“

„Diese und – mein Vater.“

„Sollten Sie sich denn wirklich nicht täuschen? Sollte Ihr Herr Vater wirklich hier eingemauert sein?“

„Ich denke es. Die Worte des verrückten Barons lassen es mich vermuten.“

„Herr, mein Heiland! Da könnte ich mit Säbeln, Fäusten und Knütteln dreinschlagen. Und – wir müssen fort.“

„Leider! Wir sind die letzte Nacht hier; aber diese Zeit will ich auch benutzen. Ich werde alles, alles durchsuchen.“

„Und wieder nichts finden.“

„Oh, wahrscheinlich doch. Wir glaubten bisher, alle Räumlichkeiten kennengelernt zu haben, aber es ist nicht wahr. Es gibt noch Gänge, welche wir noch nicht gesehen haben.“

„Den Gang, in den der Dicke gestürzt ist?“

„Ja. Und vielleicht ist dieser der richtige. Der blödsinnige Baron sprach von einem Gewölbe oder Keller des Mittelpunktes –“

„Er meinte den Kreuzungspunkt der uns bisher bekannten Gänge.“

„Nein. Ich habe nachgedacht und mir die Situation überlegt. Die Gänge sind oft gewunden. Ihr Kreuzungspunkt liegt nicht, wie ich erst glaubte, in der Mitte. Wenn ich vom Schloß aus eine Linie nach dem Steinbruch und von dem alten Turm eine zweite nach der Klosterruine ziehe, so schneiden sich diese beiden Geraden jedenfalls so ziemlich an dem Punkt, an welchem Herr Hieronymus Aurelius Schneffke in die Tiefe gefahren ist.“

„Sapperlot.“

„Dort soll, nach der Aussage des Verrückten, sich der befinden, dessen Person mit der Kriegskasse in Beziehung steht. Wer könnte das sein, wenn nicht mein Vater?“

„Da müssen wir allerdings auch suchen, Herr Doktor. Sie haben sich dort den Ort gemerkt?“

„Sehr genau. Komm nur. Wir wollen jede Minute zu Rate ziehen und keine Sekunde verschwenden.“

Sie drangen mit großen Schritten in den Wald ein, bis sie den Ort erreichten, auf welchem die gefällten Bäume lagen. Man hatte die jungen, vielleicht zwanzigjährigen Stämmchen von den Ästen entblößt und sie dann in numerierten Haufen geordnet.

„Hier ist es wohl?“ fragte Fritz.

„Nein. Aber wir brauchen einige Stämmchen, welche wir mitnehmen müssen.“

„Um sie als Leitern zu gebrauchen?“

„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Die Umgebung des Loches ist nämlich unvergeßlich. Die eigentliche Öffnung ist viel weiter als das Loch, durch welches Schneffke gestürzt ist. Das Moos ruht auf einer dünnen Unterlage, welche leicht nachgeben kann.“

„So müssen wir die Stämme quer darüberlegen.“

„Das meine ich eben auch.“

„An die Stämme können wir dann unsere Stricke befestigen, an denen wir hinab- und wieder hinaufturnen.“

„Das ist der Gedanke, den ich gehabt habe. Greifen wir also zu!“

Bei Schneffke hatte Müller nur einen Stamm gebraucht, der kräftige Fritz nahm jetzt aber deren drei auf die Achseln, und Müller tat dasselbe. Bei dem Loch angekommen, legten sie die Hölzer kreuzweise über dasselbe weg. Dann kniete der letztere, da die Unterlage nun vollständige Sicherheit bot, nieder, um einen der Stricke an den Kreuzungspunkt zweier Stämmchen zu befestigen.

Indem er das tat, war es ihm, als ob er unter sich ein Geräusch vernehme.

„Pst! Still, Fritz!“ warnte er. „Ich höre etwas.“

Er horchte und schob das Moos ein wenig zur Seite. Ein Lichtschein näherte sich.

„Schnell! Knie mit her, ob du etwas siehst oder hörst“, sagte er. „Zwei bemerken mehr als nur einer.“

Im nächsten Augenblick lag Fritz neben ihm. Auch dieser machte sich ein Löchlein in das Moos, um besser sehen zu können. Von unten herauf ertönten die Worte:

„Wir kommen wohl gar ins Freie?“

„Bewahre. Wir befinden uns zwar wieder in gleicher Höhe mit den Gewölben, aber ins Freie führt dieser Gang doch nicht. Der Schimmer kommt von oben herab.“

„Wohl gar ein Fenster?“

„Nein, ein Luftloch, weiter nichts.“

„Wohin mündet es denn?“

„In den Wald.“

„Wenn es nun entdeckt wird?“

„Das ist nicht möglich.“

„Wie nun, wenn einer in dieses Loch stürzt!“

„Das ist nicht denkbar. Das Loch ist mit Moos verschlossen, welches zwar die Luft durchläßt, aber keinen Menschen, da es auf festen Holzprügeln ruht. Doch wollen wir uns dabei nicht aufhalten. Vorwärts wieder!“

„Noch weit?“

„Nein. Sehen Sie die Türen rechts und links?“

„Ja.“

„Rechts die fünfte ist es.“

Der Lichtschein verschwand nach der entgegengesetzten Seite.

„Hast du es gehört?“ fragte Müller.

„Ja.“

„Auch etwas gesehen?“

„Alle drei.“

„Ich nur einen. Das Moos ist hier zu dicht.“

„Wen haben Sie gesehen?“

„Den Kapitän. Wer waren die anderen?“

„Rallion. Die beiden trugen eine gefesselte Person. Es schien ein Frauenzimmer zu sein.“

Sofort kam Müller ein erschreckender Gedanke.

„Ein Frauenzimmer?“ fragte er. „Vielleicht war es nur ein Paket.“

„Nein, ein gefesseltes Frauenzimmer.“

„Hast du das genau gesehen?“

„Ja. Der Kopf war eingewickelt.“

„Herrgott! Hast du nichts vom Kleid bemerkt?“

„Es schien hellgrau zu sein. Aber die beiden Laternen haben so wenig Licht, daß ich mich leicht täuschen kann.“

„Fritz, da ist wieder ein schlimmer Streich ausgeführt worden. Marion hatte ein hellgraues Kleid!“

„Sie meinen doch nicht etwa – – –“

„Ja, grad das meine ich.“

„Das sie Mademoiselle Marion in so ein Loch schleppen?“

„Gewiß meine ich das. Sie haben es doch bereits einmal versucht. Und denke an den Auftritt bei Doktor Bertrand.“

„Alle Teufel! Es ist möglich! Wir müssen sie natürlich heraus holen!“

„Versteht sich! Ich klettere hinunter!“

„Jetzt?“

„Herr Doktor, warten Sie noch.“

„Nein, nein.“

„Nur bis sie wieder fort sind.“

„Fällt mir nicht ein. Wer weiß, was unterdessen geschehen ist.“

„Sie werden sie einfach einschließen und sich dann wieder entfernen. Nachher können wir in Gemütlichkeit und ohne alle Gefahr hinab, um sie zu befreien.“

„Nein, ich klimme jetzt am Seil hinunter!“

„Aber man wird Sie sehen.“

„Ich glaube nicht. Sagte der Alte nicht, daß es die fünfte Tür sei?“

„Ja.“

„Nun, ich war bereits unten und habe bemerkt, daß die Türen in einer Entfernung von ungefähr zwanzig Schritten voneinander angebracht sind. Das gibt über hundert Schritte, eine Entfernung, welche mir vollständig genügt. Sie können mich gar nicht bemerken.“

„Es ist dennoch gefährlich. Darf ich mit?“

„Nein. Du mußt hier bleiben, ich komme mit deiner Hilfe viel rascher hinab und herauf. Du wirst schon merken, wenn ich wiederkomme. Das andere Ende des Seiles behältst du in der Hand. Greift jemand daran, und es ist unten dunkel, so bin ich es. Siehst du aber den Lichtschein wieder kommen, so ziehst du es schnell herauf, damit man es nicht bemerkt. Also rasch!“

„Ihre Revolver sind doch geladen?“

„Ja.“

„Gut. Wenn Sie schießen, komme ich hinab, und dann soll der Teufel diese verdammten Schufte bei den Haaren holen. Also Vorsicht.“

Er sagte diese letzten Worte, weil sein Herr bereits am Seil hing und schnell unter dem Moose verschwand.

Müller faßte festen Boden und blickte sich um; weit, weit hinten sah er den Lichtschein. Er schlüpfte darauf zu, bis er die erste Tür erreichte. Als vorsichtiger Mann zog er den Schlüssel und steckte ihn in das Schloß. Er paßte, und das beruhigte ihn.

Nun schlich er leise und vorsichtig weiter. Es gelang ihm, so nahe zu kommen, daß er nicht nur alles sehen, sondern sogar einiges verstehen konnte.

„Darum ist es möglich, daß ich erst in einigen Stunden zurückkehren kann“, sagte eben der Alte.

„Donnerwetter!“ fluchte Rallion.

„Was?“

„Ich hoffe doch nicht!“

„Was hoffen Sie nicht?“

Das Folgende wurde so schnell und in eigentümlichem Tonfall gesprochen, daß es nur als Gemurmel an Müllers Ohr drang. Sodann hörte er Rallion fragen:

„Wer ist der Mann?“

„Ein Deutscher. Er kam, um die Kriegskasse auszugraben. Ich habe ihn daran gehindert – – –“

„Wie heißt er?“

Die Antwort verstand Müller nicht.

Die beiden Schurken gingen einige Türen weiter und blieben dann vor einer stehen, welche der Kapitän öffnete. Müller schlich sich nach, bis er vor derjenigen stand, an welcher sich die beiden vorher befunden hatten. Er konnte nun nicht weiter, da Rallion in dieser Zeit seine Laterne stehen gelassen hatte. Wäre er in den Schein derselben getreten, so hätte er bemerkt werden müssen. Er horchte um so schärfer hin und hörte den Alten sagen:

„Das ist er!“

„Einer dieser verdammten Deutschen! – – –“

„Ja, er verfault; er verfault bei lebendigem Leib!“

Das andere blieb unverständlich, bis der Alte mit lauter Stimme befahl:

„Steh auf! Laß dich sehen, Hund!“

Nun trat der Kapitän in die Zelle. Was er hier tat und sprach, das konnte Müller nicht sehen und nicht hören. Und das war ein Glück. Hätte er bemerkt, daß der Insasse des Lochs geschlagen wurde, so hätte er sich auf Rallion und Richemonte gestürzt und beide erwürgt.

Er sagte sich, daß seine Ahnung ihn nicht getäuscht habe, daß der, bei dem sich jetzt die beiden befanden, sein Vater sei. Sein Herz bebte vor Wonne, Verlangen, Zorn und Grimm; aber er beherrschte sich. Er mußte ruhig bleiben und seine ganze Besonnenheit zu wahren suchen.

Endlich verschloß der Alte die Tür. Müller hörte ihn sagen:

„Das ist Rache – – – und die Schlüssel zu seinen Fesseln hängen an demselben Nagel, und er kann nicht zu ihnen, eben weil er gefesselt ist!“

Rallion murmelte eine Antwort, welche Müller nicht verstand; der Kapitän antwortete etwas darauf, und dann sagte Rallion:

„Ihr – – – Neffe?“

„Ja. Vielleicht erzähle ich Ihnen – – –“

Müller konnte nichts weiter verstehen, weil er sich zurückziehen mußte, da die beiden wieder zurückkamen. Dabei aber vernahm er doch wieder des Alten Worte:

„Haben Sie nun Vertrauen zu mir?“

„Ja.“

„Sie glauben, daß ich wiederkomme und Sie abhole?“

„Sicher!“

„Gut. So bekämpfen Sie einstweilen diese spröde Unschuld da drin. Ich wünsche, daß Sie Sieger sind, wenn ich zurückkehre.“

Jetzt sah Müller, daß der Kapitän sich entfernen wollte. Darum mußte er fort. Auf den Zehen gehend, lief er beinahe Trab, denn er mußte bereits in Sicherheit sein, wenn der Alte unter dem Luftloch ankam.

Er erreichte dasselbe. Der Strick hing noch. Er ergriff denselben, turnte rasch empor und fühlte dabei, daß Fritz das Ende an sich zog. Oben angekommen, das auseinandergerissene Moos zusammenstreichen und sich niederlegen, was das Werk eines Augenblicks.

„Haben Sie etwas gesehen?“ flüsterte Fritz.

„Pst! Man kommt!“

Sie sahen nun beim Schein seiner Laterne den Alten unten passieren.

„Der Kapitän allein?“ fragte Fritz.

„Ja. Ich hatte mich sehr zu beeilen, um von ihm nicht erwischt zu werden.“

„Wo ist Rallion geblieben?“

„In der fünften Zelle. Er soll da eine Spröde besiegen.“

„Donnerwetter! Wenn das Marion ist.“

„Wahrscheinlich ist sie es. Wir müssen sofort hinab.“

„Ich mit.“

„Ja. Übrigens ist mein Vater unten.“

„Herr des Himmels! Haben Sie ihn gesehen?“

„Nein. Aber ich kann dir jetzt nichts weiter sagen. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Wer weiß, was dieser Schuft mit Marion vor hat. Ich gehe voran und du kommst sofort nach.“

„Aber wenn der Alte zurückkehrt, befinden wir uns zwischen zwei Feuern.“

„Er wird erst nach einigen Stunden kommen, wie ich gehört habe. So lange sind wir sicher. Komm!“

Er griff sich an dem Seil hinunter, und einen Augenblick später stand Fritz neben ihm.

Sie sahen den Schein von Rallions Laterne aus der offenen Kerkertür dringen und schlichen sich leise hinzu.

„Ich höre sprechen!“ sagte Fritz.

„Ich auch. Wollen den Kerl erst belauschen.“

Marion war nämlich aus ihrer Ohnmacht erwacht, und Rallion sprach mit ihr. Die beiden Deutschen kamen unbemerkt bis an die offene Zellentür und blieben da stehen. Müller streckte den Kopf ein wenig vor und sah Marion, an Händen und Füßen gefesselt auf dem Stroh liegen. Rallion kniete neben ihr und sagte eben jetzt:

„Wie, Sie könnten mich wirklich nicht lieben?“

„Ich verachte Sie“, antwortete sie.

„Oh, ich heirate Sie trotz dieser Verachtung.“

„Elender! Geben Sie mir die Hände frei, und ich werde Ihnen zeigen, was Ihnen gehört.“

„Die Hände freigeben? Fällt mir nicht ein.“

„Feigling.“

„Ja, ich springe eines schönen Mädchens wegen nicht in die Mosel, wie Ihr buckeliger Schulmeister; ich weiß mir die Schönheit auf andere Weise untertänig zu machen. Ich frage Sie zum letztenmal, ob Sie meine Frau werden wollen.“

„Nie.“

„Und dennoch werden Sie es.“

„Niemals.“

„Ah, ziehen Sie vielleicht vor, meine Geliebte zu sein?“

„Eher würde ich sterben.“

„Wie wollen Sie sterben? Wollen Sie sich erschießen, ersäufen, vergiften? Sie sind ja gefesselt.“

„Ich werde diese Fesseln nicht immer tragen.“

„Allerdings ist das wahrscheinlich; aber bis dahin sind Sie mein Eigentum geworden. Bis der Kapitän zurückkehrt, habe ich Ihren Widerstand gebrochen. So ist es zwischen uns verabredet worden.“

Jetzt legte Müller sich auf den Boden und kroch näher. Der Franzose kniete so, daß er dem Eingang den Rücken zukehrte; er konnte den Deutschen nicht sehen. Auch Marion sah ihn nicht, da Rallion sich zwischen ihnen befand.

„Ungeheuer!“ antwortete sie voller Abscheu.

Er streckte die Arme nach ihr aus, um sie zu umfassen. Sie schnellte sich trotz ihrer Fesseln zur Seite.

Angst und Abscheu zuckten über ihr schönes Gesicht; aber – was war das? Plötzlich leuchteten ihre Augen auf. Sie warf einen triumphierenden Blick auf Rallion und sagte:

„Rühre mich nicht an, Elender, sonst bis du verloren.“

Da sie eine andere Stellung eingenommen hatte, war ihr Blick auf Müller gefallen, welchen jetzt das Licht traf.

Rallion lachte laut und fragte:

„Ich, verloren? Was willst du mir tun? Du entschlüpfst mir nicht. Komm her. Ich will Liebe und Seligkeit von deinen süßen Lippen trinken.“

Es gelang ihm, sie zu fassen, aber in demselben Augenblick legte ihm Müller seine Linke von hinten um den Hals und schlug ihn mit der geballten Rechten so an die Schläfe, daß er sofort zusammenbrach.

„Ist es so recht, gnädiges Fräulein?“ fragte er dann lächelnd.

Ihr Auge ruhte mit einem Strahl auf ihm, der ihm bis ins tiefe Herz drang.

„Zur rechten Zeit!“ sagte sie. „Im letzten, allerletzten Augenblick!“

„Aber doch nicht zu spät. Bitte, geben Sie her!“

Er zog sein Messer und ergriff ihre Hände, um diese von den Fesseln zu befreien. Da aber erklang es hinter ihm:

„Nicht schneiden. Nicht schneiden, Herr Doktor!“

„Noch jemand hier?“ fragte Marion überrascht.

„Nur ich, Mademoiselle!“ antwortete Fritz, indem er aus dem Dunkel nähertrat.

„Monsieur Schneeberg! Wenn es eine Heldentat gibt, sind Sie doch stets dabei.“

„Oh, hier handelt es sich um kein großes Heldentum!“

„Aber warum mit die Fesseln nicht abnehmen? Soll ich gebunden bleiben?“

„Nein. Nur nicht zerschneiden soll der Herr Doktor die Stricke.“

„Warum?“

„Sie müssen ganz bleiben, weil wir diesen braven Rallion damit binden müssen.“

„Ach so! Soll das wirklich geschehen, Herr Doktor?“

„Fritz hat recht“, antwortete Müller. „Wir müssen diesen Menschen wenigstens für so lange unschädlich machen, als wir uns hier befinden.“

Er begann also die Knoten der Stricke zu lösen und erkundigte sich dabei:

„Aber wie sind Sie in die Hände dieser beiden Elenden gefallen, jetzt, am hellen Tag?“

Sie erzählte es und fragte dann:

„Und wie konnten Sie wissen, daß ich mich in dieser schrecklichen Gefahr befand?“

„Davon nachher. So, jetzt sind Sie frei. Bitte, treten Sie hinaus in den Gang, während wir Rallion binden.“

Sie berücksichtigte diese Bitte. Rallion, welcher noch ohne Bewußtsein war, wurde gefesselt, wie vorher Marion es gewesen war; dann schloß Müller ihn ein, ließ ihm aber die brennende Laterne in der Zelle.

„Was nun?“ fragte jetzt Fritz. „Sie sagten doch vorhin, daß auch Ihr – – –“

Müller warf ihm einen warnenden Blick zu und fiel ihm dabei in die Rede:

„Behalten wir unsere Besonnenheit! Vor allen Dingen muß ich wissen, wie dieser Gang mit den übrigen Gängen in Verbindung steht. Sehen konnten Sie nichts, gnädiges Fräulein?“

„Nein.“

„Aber hören?“

„Vieles habe ich nicht vernommen. Ich bekam fast gar keinen Atem; es rauschte mir in den Ohren, und dann verlor ich die Besinnung. Als ich erwachte, befand sich dieser entsetzliche Rallion bei mir.“

„Darf ich nicht das wenige wissen, was Sie hörten?“

„Man hatte mich auf kalte, feuchte Steine gelegt und da sprachen sie von einem Brunnen.“

„Ah!“

„Von da, wo sie sich befanden, war, wie der Kapitän sagte, ein Gefangener entkommen, den er dann bei Bertrand wieder gesehen hat.“

„Das ist der Maler gewesen.“

„Der Brunnen war nur scheinbar ein Brunnen.“

„Ich war dort; ich habe ihn gesehen.“

„Ich auch“, fügte Fritz hinzu. „Was soll es denn sein, wenn es kein Brunnen ist?“

„Ein Eingang. Es sind Eisenstangen eingefügt, auf welche man treten kann.“

„Dann muß aber die oberste dieser Stangen so tief unten sein, daß man sie mit der Hand nicht erreichen kann.“

„Das eben sagte der Kapitän.“

„Hat man Sie da hinabgetragen?“

„Die beiden stiegen hinunter; ich wurde an einem Strick hinabgelassen.“

„Wohin ging es dann?“

„Ich hörte sagen, daß in halber Tiefe des Brunnens sich ein Gang öffne. Dahinein wird man mich gebracht haben, wie ich vermute.“

„Aber dieser liegt in gleichem Niveau mit den anderen –“

„Ich habe gefühlt, daß ich eine Reihe von Stufen emporgetragen wurde.“

„Ah so! Hörten Sie vielleicht Türen öffnen?“

„Nein.“

„Schön, das genügt! Wir beide, gnädiges Fräulein, werden auf diesem Weg zurückkehren.“

„Wohin?“

Und ehe Müller noch antworten konnte, fiel Fritz ein:

„Aber warum denn nicht zu unserem Loch hinauf, Herr Doktor?“

„Ich habe meine Absicht. Da hinauf wirst du mit dem anderen Gefangenen müssen.“

„Noch ein Gefangener?“ fragte Marion.

„Leider, ja!“

„Natürlich befreien wir ihn?“

„Selbstverständlich!“

„Wo befindet er sich?“

„Gar nicht so weit von hier. Bitte, wollen Sie hier warten?“

„Warum soll ich nicht mit?“

„Der Anblick der Zelle und des Gefangenen ist zu gräßlich für Sie.“

„Alles, was Sie tun, Herr Doktor, ist wohlüberlegt und gut, ich muß Ihnen gehorchen. Aber hier diese Finsternis!“

„Wir werden Ihnen eine der Laternen zurücklassen.“

„Aber bleiben Sie nicht lange!“

Die beiden schritten weiter in den Gang hinein.

„Warum darf sie nicht mit?“ fragte Fritz leise.

„Weil ich um dich besorgt war.“

„Um mich?“

„Ja. Hättest du nicht vorhin beinahe alles verraten?“

„Verzeihung, Herr Doktor!“

„Von meinem Vater zu sprechen!“

„Aber es muß doch herauskommen!“

„Doch jetzt noch nicht.“

„Ich denke dennoch. Wenn wir ihn hin zu ihr bringen.“

„Wieso denn?“

„Nun, er wird Sie doch seinen Sohn nennen!“

„Ich sage ihm gar nicht, daß ich sein Sohn bin.“

„Herr Doktor, bringen Sie das übers Herz?“

„Es muß sein. Ich habe mit Schmerzen nach ihm gesucht und jetzt, da ich ihn finde, will mir das Herz vor Wonne zerspringen; trotzdem muß ich schweigen.“

„Ich sehe doch keinen Grund!“

„Es gibt sogar mehrere. Zunächst soll Marion noch nicht wissen, wer und was ich bin, und sodann muß ich den Vater schonen. Er ist kaum noch lebendig zu nennen. Der Gedanke, frei zu sein, wird ihn überwältigen. Hört er, daß ich sein Sohn bin, so kann ihn die Freude geradezu töten. Man darf ihm das Glück nur nach und nach beibringen. Das klingt beinahe herzlos, aber du kennst mich; du weißt, daß ich ein Herz habe.“

„Oh, Herr Doktor, was das betrifft, so ist – – – ah, das Licht nähert sich, Mademoiselle kommt also!“

Es war so; Marion kam ihnen nach.

„Zürnen Sie nicht!“ bat sie. „Ich war allein, und Sie standen beratend beieinander, ich glaubte, es gebe irgendeine Gefahr.“

„Es gibt keine“, beruhigt sie Müller. „Aber, da Sie nun hier sind, so sollen Sie auch bleiben. Doch müssen Sie sich auf Schreckliches gefaßt machen.“

„Schrecklicher kann es nicht sein, als die Einsamkeit in diesen Gängen!“

Müller zog den Schlüssel und öffnete. Er holte tief, tief Atem. Er mußte seine ganze Selbstbeherrschung zusammennehmen, um nicht unter lautem Schluchzen sich dem Vater zu erkennen zu geben.

Der Gefangene bewegte sich nicht, als der Schein des Lichtes abermals in seine Zelle drang. Aber bei dem Anblick dieses Elendes stieß Marion einen lauten Schrei des Entsetzens aus.

„Vater im Himmel!“ sagte sie. „Liegt hier ein Mensch?“

„Leider!“ stieß Müller hervor, indem er die Zähne zusammenbiß.

Bei dem Klang der weiblichen Stimme hob der Gefangene den Kopf.

„Ein Weib! Wahrhaftig, ein Weib!“ stammelte er. „Was willst du von mir?“

Sie trat trotz des entsetzlichen Gestankes näher und sagte:

„Ich bringe Ihnen die Freiheit.“

„Die Freiheit? Oh, welcher Hohn!“

„Es ist kein Hohn; es ist die Wahrheit.“

Er richtete sich weiter auf und fragte mit zitternder Stimme:

„Weib, Mädchen, betrüge mich nicht!“

Müllers Stimme zitterte nicht weniger, als er bestätigte:

„Man betrügt Sie nicht; es ist die Wahrheit.“

Er hatte diese Worte in deutscher Sprache gesprochen. Darum fuhr der Gefangene auf:

„Was höre ich? Man spricht deutsch? Deutsch, deutsch! Mein Gott, wie lange habe ich diese Klänge nicht gehört!“

Und laut weinend brach er wieder zusammen.

Marion weinte mit. Fritz schluchzte, und Müller preßte wohl die Zähne zusammen, aber die Tränen flossen ihm doch über die Wangen herab.

„Haben Sie nicht vorhin dem Kapitän gesagt, daß Deutsche kommen würden, um Ihnen die Freiheit zu bringen?“ stieß er dann hervor.

„Ja, das sagte ich. Haben Sie es gehört?“

„Ich stand in der Nähe und lauschte. Wo hängen die Schlüssel zu Ihren Fesseln?“

„Dort, unter der Peitsche.“

Erst jetzt erblickte Müller die Peitsche.

„Eine Peitsche!“ rief er aus. „Sind Sie etwa geschlagen worden? Schnell, schnell, sagen Sie es!“

Der Gefangene schüttelte den Kopf, aber er antwortete nicht.

„Sagen Sie es!“ drängte Müller.

„Kann der Tote sagen, daß er gestorben ist?“

„Herr, mein Gott! Ja, Sie haben recht! Sie können nicht davon sprechen! Aber wehe dir, alter Satan! Du sollst jeden Hieb zehnfach empfinden! Diese Peitsche wird mit uns gehen. Der Name Königsau, welcher durch sie befleckt worden ist, soll – – –“

Er hielt inne. Der Grimm hatte ihn vermocht, diesen Namen zu nennen. Der Gefangene näherte sich rasch, so weit als die Kette und seine Kräfte es erlaubten, und fragte:

„Was war das? Welchen Namen nannten Sie?“

„Königsau“, antwortete Müller, da es nun nicht mehr zu umgehen war.

„Wirklich! Oh, ich hatte doch recht gehört! Kennen Sie diesen Namen?“

„Ich kenne ihn.“

„Können Sie mir von der Familie erzählen?“

„Ja, sobald Sie von hier fort sind.“

„Fort, fort, fort? Ich soll wirklich fort? Ich soll wirklich frei sein?“

„Ja. Hier sind die Schlüssel. Ihre Ketten werden fallen.“

„Gott, mein Gott, mein Gott!“

Er schlug die gefesselten Hände vor das Gesicht; dann sanken sie langsam herab, und er glitt wieder in den entsetzlichen Schmutz.

„Er ist ohnmächtig!“ sagte Marion weinend.

„Er wird wieder zu sich kommen“, suchte Müller mehr sich als sie zu beruhigen.

Dabei kniete er neben dem Besinnungslosen nieder und schloß ihm die eisernen Handschellen auf. Dann trug er ihn hinaus in den Gang und schloß die Tür zu.

„Wollen ihn untersuchen!“ sagte Fritz.

„Nein“, antwortete Müller. „Wir haben keine Zeit zu verlieren. Du mußt mit ihm hinauf in die freie, frische Luft. Komm! Kommen Sie, gnädiges Fräulein!“

„Ich bin wie im Traum“, sagte sie.

„Sie werden fröhlich erwachen.“

Er nahm seinen Vater auf die Arme und trug ihn fort bis unter das Loch.

„Wie ihn aber hinaufbringen?“ fragte Fritz.

„Zieh deinen Rock aus. Wir knöpfen ihn hinein. Dann ziehst du ihn am Seil empor.“

Das wurde gemacht. Fritzens Rock wurde wie ein Tuch benutzt, in welches der Ohnmächtige geknöpft wurde. Dann stieg der erstere empor und zog. Als die Last oben angekommen war, bat Müller:

„Gedulden Sie sich einen einzigen Augenblick, gnädiges Fräulein! Ich kehre gleich zurück.“

Er schwang sich am Seil hinauf und untersuchte den Vater.

„Wie steht es?“ fragte der besorgte Pflanzensammler.

„Er lebt. Er ist außerordentlich schwach. Wenn er erwacht und fragt, so sagst du ihm noch nichts.“

„Aber wenn er fragt, wer wir sind?“

„Du bist Pflanzensammler, und ich bin Hauslehrer. Im übrigen verweist du ihn auf mich.“

„Und hier soll ich warten?“

„Nein. Bis Vater erwacht, trägst du die Stämme fort. Dann suchst du mit ihm nach dem Waldloch zu kommen, wo wir uns treffen werden.“

„Aber warum kommen Sie nicht gleich mit?“

„Weil ich jetzt dem Verstand mehr zu gehorchen habe, als dem Herzen. Ich will, noch ehe der Alte wiederkommt, mit Marion zu ihrer Mutter.“

„Zu Liama?“

„Ja. Wir nehmen sie mit.“

„Sapperment. Welch ein Schlag für den Alten. Wohin wird sie geschafft?“

„Das wird sich finden! Spute dich jetzt und gib dir Mühe, nicht gesehen zu werden!“

Er küßte den Vater auf die eingefallene Wange und ließ sich dann am Seil hinab, welches Fritz sofort wieder hinaufzog.

„Ich hatte bereits wieder Sorge“, gestand Marion.

„Sie müssen entschuldigen! Ich wollte wissen, ob der Schwächezustand dieses armen Menschen besorgniserregend ist.“

„Wie haben Sie ihn gefunden?“

„Er wird sich erholen.“

„Gott sei Dank. Also ist er ein Königsau?“

„Ja.“

„So erklären Sie mir, wie – – –“

„Bitte, bitte!“ unterbrach sie Müller. „Heben wir das für später auf. Jetzt muß es unsere Sorge sein, in Sicherheit zu kommen, bevor der Kapitän zurückkehrt. Wir müssen eilen. Sind Sie bei Kräften?“

„Ich bin bei Ihnen, und da geht es.“

„Stützten Sie sich auf mich.“

Sie legte ihren Arm in den seinigen, und nun schritten sie in den Gang hinein. Dabei flüsterte sie:

„Wenn uns nun der Kapitän entgegenkommt?“

„Er hat uns mehr zu fürchten, als wie ihn. Auf alle Fälle nehme ich es mit ihm auf.“

Sie erreichten die Stufen, welche sie hinabstiegen. Dann ging es wieder eben fort, bis sie die Stelle erreichten, wo der Gang in den Brunnen mündete. Müller leuchtete hinauf.

„Also hier herunter sind Sie gekommen? Nun, da werden wir wohl auch hinauf gelangen.“

„Die Eisenstäbe sind stark“, bemerkte Marion, indem sie einen der Stäbe befühlte.

„Und nur in Fußweite auseinander. Das läßt sich bequem steigen. Wollen Sie es wagen?“

„Gewiß. Es ist kein Wagnis, sondern fast bequemer als eine Leiter.“

„Nur oben werden Sie sich meiner Hand anvertrauen müssen. Also bitte!“

Sie kamen glücklich in dem runden Brunnenraum an. Von hier aus öffnete Müllers Schlüssel die Türen, so daß sie nun in den Kreuzgang gelangten. Da bog Müller links ab, und als er um die Ecke getreten war, blieb er stehen und sagte:

„Jetzt endlich können Sie ein wenig ruhen. Nun mag der Kapitän zurückkehren; er kann uns nicht mehr begegnen.“

„Wissen Sie das sicher?“ fragte sie.

„Ja“, antwortete er. „Der Kapitän kommt von rechts da hinten und geht nach links. Hier herüber kommt er nicht. Übrigens fürchten wir ihn ja nicht.“

„Gott sei Dank!“

Er fühlte, daß sie sich schwer auf seinen Arm legte. Sie war doch nicht so stark, wie sie sich den Anschein gegeben hatte. Nur in seiner Nähe hatte sie Mut gefunden. Jetzt war es ihr nun, als müsse sie vor Schwäche zusammenbrechen.

Er hörte einen tiefen, tiefen Atemzug.

„Wird Ihnen übel, Mademoiselle?“ fragte er.

„So schwach“, hauchte sie.

Da wagte er es, den Arm um ihre Taille zu legen, um sie besser stützen zu können. Da legte sie ihm die Hand auf die Achsel und das Köpfchen an seine Brust.

„Monsieur Müller“, klang es leise.

„Mademoiselle“, flüsterte er zurück.

„Wie oft retteten Sie mich!“

„Oh, noch tausend, tausendemale, wenn es möglich wäre.“

„Ich glaube es. Sie sind meine Vorsehung.“

Sie preßte sich fester an seine Brust, und als er nicht antwortete, fuhr sie leise fort:

„Wissen Sie noch, als ich Sie im Steinbruch traf, und was Sie mir da sagten?“

„Ich weiß es noch.“

„Sie versicherten, mich zu lieben.“

„Ich wagte das.“

„Und es ist wahr?“

„Gewiß, o gewiß!“

„Ist es jetzt anders?“

„Nein, gnädiges Fräulein. Meine Liebe würde nur mit meinem Leben sterben.“

„Haben Sie vielleicht geglaubt, daß ich Ihnen wegen dieser Liebe zürne?“

„Muß ich es denn nicht glauben?“

„Warum?“

„Sie, das von Gott mit allen Gaben begnadete Kind der Aristokratie, und ich – – – ah!“

„Bitte, geben Sie mir einmal ihre Hand.“

Sie hatte die Linke noch immer auf seiner Achsel liegen. Jetzt ergriff sie mit der Rechten seine Hand und sagte:

„Ich fühle mich jetzt ganz und gar nicht als Aristokratin. Ich bin recht arm und elend, so arm und elend, wie selten eine. Was ich jetzt besitze, das ist Ihr Schutz und Ihre Freundschaft. Was wäre ich ohne Sie? Herr Müller, ich wollte, es bliebe so! Ich möchte stets nirgends weiter als bei Ihnen und mit Ihnen sein!“

Sie schwieg und erwartete seine Antwort. Sie kam sich in diesem Augenblick so hilflos und verlassen vor, und doch wußte sie, daß er nie das erste Wort sprechen werde. Darum hatte sie jetzt den Bann gebrochen.

Es dauerte eine Weile, ehe er antwortete:

„Mademoiselle Marion haben Sie diese Worte überlegt, ehe Sie sie aussprachen?“

„Nein. Herzensworte braucht man nicht zu überlegen.“

„O doch! Ich bin arm!“

„Sie sprachen von einer Stelle, welche Sie haben.“

„So tief dürfen Sie nie herabsteigen.“

„Ich steige nicht herab, sondern zu Ihnen hinauf.“

„Und ich bin nicht nur arm, sondern – – –“

„Sondern – – –?“

„Ich bin nicht Wohlgestalt.“

„Oh, sprechen Sie nicht davon. Man liebt an dem Mann ja vor allen Dingen den Geist, das Herz!“

„Wenn Sie wüßten, in welche Versuchung Sie mich führen.“

„Folgen Sie dieser Versuchung.“

Da beugte er sich zu ihre herab.

„Ist das Ihr Ernst, Marion?“

„Ja, mein größter, heiligster Ernst.“

Sie erwartete, daß er sie jetzt in heißer Liebe umschlingen werde, und sie hätte ihm mit Freunden den Mund zum Kuß geboten; aber statt dessen erklang es mahnend:

„Und jene Photographie?“

„Welche Photographie?“

„Welche Ihnen im Steinbruch entfiel.“

Er hatte die Laterne eingesteckt. Es war vollständig finster, und darum sah er nicht, welch glühende Röte sich bei diesen Worten über ihr Gesicht verbreitete. Aber er fühlte, daß ihre Hand leise erzitterte.

„Die ich Ihnen dann zeigte?“ fragte sie.

„Ja, die Photographie des preußischen Ulanenoffiziers.“

„Was ist's mit ihr?“

„Enthält sie nicht die Züge, welche sie im Herzen getragen haben?“

Sie schwieg, und erst nach einer Weile fragte sie:

„Warum sagen Sie mir das? Jetzt, jetzt?“

„Weil ich ehrlich gegen Sie sein will.“

„Sie sind nicht ehrlich gegen mich, sondern grausam gegen sich selbst.“

„Und Sie, Mademoiselle, sind dankbar gegen mich, und halten diese Dankbarkeit für ein zarteres Gefühl.“

Ihr Köpfchen zog sich langsam von seiner Brust zurück, und ihre Hand sank von seiner Schulter. Sie fühlte in diesem Augenblick, daß sie diesem äußerlich unscheinbaren und geistig doch so überlegenen Mann zu eigen sein müsse für ihr ganzes Leben; aber dürfte sie weiter gehen?

Und er, als er fühlte, daß sie sich zurückzog, sagte sich, daß er mit seinen Worten recht gehabt habe. Ihm wollte sie dankbar sein, aber den Offizier liebte sie.

„Meinen Sie nicht, daß Sie sich irren?“ fragte sie noch.

„Nein.“

„Es war ja nur ein Phantom, eine Fata morgana.“

„Aber eine unvergeßliche. Ich habe Ihnen den Namen dieses Offiziers genannt, da ich die Familie zufällig kenne. Heute finden Sie einen Königsau in den unterirdischen Kerkern von Ortry. Können Sie wirklich sagen, daß Sie die Herrin Ihres Herzens sind?“

„Sind Sie nicht gar zu viel Herr des Ihrigen?“

„Seien Sie gnädig, Mademoiselle. Geben Sie diesem Herzen Zeit! Das Ihrige wird ja sogleich auf das Außerordentlichste in Anspruch genommen werden.“

„Wodurch?“

„Ich stehe im Begriff, Sie zu jemand zu führen. Ich will Ihnen beweisen, daß ein körperliches Wesen kein Geist ist.“

„Gott! Sie meinen meine Mutter, von der Sie behaupten, daß sie lebt?“

„Sie befindet sich hier in der Nähe.“

„Und ich soll sie sehen?“

„Fühlen Sie sich stark genug dazu?“

„O ja, ja, ja. Kommen Sie; kommen Sie schnell!“

„Warten Sie noch! Es liegt mir nämlich sehr daran, sie von hier zu entfernen. Sie soll einsehen, daß sie dem alten Betrüger ihr Versprechen nicht zu halten braucht.“

„Wohin wollen Sie sie bringen?“

„Dahin, wohin ich Sie morgen begleiten werde. Erraten Sie auch das nicht?“

„Nein.“

„Bitte, denken Sie an den Brief, welchen Sie mir zu lesen gaben!“

„Ah, nach Malineau, zu Ella von Latreau?“

„Zu dieser Ihrer Freundin. Der Vater derselben, der General, wird Sie gern in seinen Schutz nehmen. Bei ihm sind Sie sicher vor jeder Gefahr, auch sicher vor Rallion und dem Kapitän.“

„Sie haben recht, sehr recht“, sagte sie schnell. Aber langsamer fügte sie hinzu: „Aber Sie –?“

„Ich kann allerdings nicht in Malineau bleiben; aber wir werden uns wiedersehen.“

„Wirklich?“

„Ja, sicher.“

„Wann?“

„Das ist nicht genau zu bestimmen.“

„Wohin werden Sie gehen?“

„Mein Beruf führt mich in nächster Zeit nach Paris.“

Er dachte dabei an einen siegreichen Einzug in die französische Hauptstadt; sie ahnte das nicht und bat also:

„Aber Ihre Adresse werden Sie mir zurücklassen!“

„Ich kenne sie jetzt selbst noch nicht, werde sie Ihnen aber dann mitteilen. Aber jetzt, bitte, gehen wir weiter!“

Er zog seine Laterne vor. Nach den ersten Schritten blieben sie wieder stehen.

„Monsieur Müller“, sagte sie zaghaft.

„Mademoiselle?“

„Lebt sie wirklich?“

„Ja, sie lebt.“

„O Gott, o Gott! Fühlen Sie hier!“

Sie führte seine Hand an ihr Herz, welches er schlagen fühlte. Er fragte besorgt:

„Sind sie wirklich stark genug.“

Ihr Angesicht war jetzt tiefblaß; sie blickte ihn mit großen, dunklen Augen an und sagte dann:

„Ja, ich bin stark genug, denn ich habe Sie bei mir.“

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, schritt er mit ihr vorwärts. Die Tür, welche bei seinem vorigen Besuch offen gestanden hatte, war jetzt verschlossen. Er zog den Schlüssel hervor und öffnete.

Der Raum, welchen er bereits gesehen hatte, war durch eine Lampe erleuchtet. Liama saß mit gekreuzten Beinen nach orientalischer Weise am Boden und ließ die Gebetkugeln durch die Finger gleiten. Sie hielt den Rücken gegen die Tür gerichtet und bewegte sich auch dann nicht, als sie hörte, daß diese geöffnet wurde.

Marion war draußen geblieben, Müller aber trat herein.

„Liama“, sagte er.

Sie mochte doch sofort hören, daß dies nicht die Stimme des Kapitäns sei. Sie wandte den Kopf. Als sie den Deutschen erblickte, sprang sie schnell auf.

„Du?“ fragte sie.

„Ja, ich“, antwortete er, ihr freundlich zunickend.

„Warum kommst du wieder?“

„Weil ich mit dir sprechen will.“

„Habe ich dich nicht gewarnt?“

„Ich fürchte ihn nicht.“

„Der Weißbart ist schrecklich in seinem Grimm.“

„Ich verachte denselben.“

„So mußt du sehr mächtig sein.“

„Ich bin nicht mächtig, aber ich habe ein gutes Gewissen, während das seinige nie zur Ruhe kommt.“

„Er selbst hat keine Ruhe. Er wandelt stets. Er kann auch jetzt kommen, und dann bist du verloren.“

„Er hat mich mehr zu fürchten, als ich ihn. Er ist ein Lügner und Betrüger. Er betrügt auch dich.“

„O nein. Mich betrügt er nicht. Allah verlieh mir klare Augen. Ich würde es sehen, wenn er mich täuschte.“

„Und dennoch betrügt er dich. Er ist dein Feind und ein Feind deines Kindes.“

„Meines Kindes? Nein. Er hat mir versprochen, Marion zu schützen, und er wird Wort halten.“

„Er hat sein Wort gebrochen. Er trachtet, Übles mit deiner Tochter zu tun. Ich habe mit ihr gesprochen.“

„Du hast sie gesehen? Spricht sie von Liama, ihrer Mutter?“

„Sie spricht von dir und will dich sehen.“

„Nein, nein, sie darf mich nicht sehen. Ich habe es geschworen.“

„Und er hat dafür geschworen, sie zu schützen?“

„Er hat es geschworen, bei Allah und bei seinem Gott.“

„Er hat den Schwur gebrochen.“

„Beweise es.“

Er trat zur Seite. Hinter ihm stand Marion unter der Tür. Liama starrte sie mit weit geöffneten Augen an. Dann breitete sie langsam die Arme aus und fragte:

„Wer ist das? Wen bringst du da? Wer ist dieses?“

„Mutter!“

Dieses eine Wort nur sprach Marion, dann eilten beide sich entgegen und lagen sich in den Armen.

Müller trat aus der Tür und machte dieselbe zu. Er wollte die Seligkeit der beiden nicht durch seine Gegenwart entweihen und lieber Wächter ihrer Sicherheit sein. Jubelnde und klagende Töne erklangen drinnen in dem Raum. Niemand schien an ihn zu denken. Er zog die Uhr. Eine Viertelstunde verging und noch eine. Da wurde die Tür geöffnet.

„Bist du noch da?“ fragte Liama heraus.

„Hier!“

„Komm herein.“

Er trat ein und zog die Tür hinter sich zu. Die einstige Liama war eine ganz andere geworden. Ihre Augen blitzten, und ihre Wangen hatten sich gerötet.

„Was du mir gesagt hast, das ist wahr“, sagte sie. „Warst du es, der mein Grab öffnete?“

„Ja.“

„Wer war dabei?“

„Hassan, der Zauberer.“

„Ich dachte es; ich hatte ihn erkannt. Du willst, daß Marion vor dem Weißbart fliehen soll, und ich soll mit ihr gehen?“

„Ja.“

„Wann soll ich gehen?“

„Jetzt, sogleich.“

„Gut. Ich gehorche dir. Mein Schwur hat keine Gültigkeit, denn er hat den seinigen gebrochen.“

„Bist du das Weib des Barons gewesen?“

„Nie.“

„Ah, unbegreiflich.“

„Liama hat ihn nie geliebt. Ich mußte ihm folgen, um den Vater und den Geliebten zu retten, aber nicht der Kadi hat mich ihm gegeben, und von einem Eurer Priester habe ich keinen Segen verlangt.“

„So ist Marion nicht seine Tochter?“

„Nein. Er durfte mich nie berühren.“

„Wessen Tochter ist sie dann?“

„Das werde ich ihr sagen, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Wohin ist Abu Hassan gegangen?“

„Ich weiß es nicht.“

„Auch nicht, ob er wiederkommen wird?“

„Auch nicht. Aber warum bist du bei dem Baron geblieben?“

„Ich hatte es ihm geschworen, und er bedurfte meiner, wenn der Wahnsinn seinen Geist verfinsterte.“

„Wie aber kam es, daß du sterben mußtest?“

„Ich sollte es nicht wissen, aber ich habe es belauscht. Eine andere liebte den Baron. Sie wurde sein Weib, und ich mußte weichen.“

„Ich habe es mir gedacht. Du folgst mir also. Hast du etwas mitzunehmen?“

„Nein, gar nichts.“

Da fragte Marion:

„Werde ich wieder in das Schloß zurückkehren?“

„Nein, Mademoiselle.“

„Aber ich habe doch manches, was ich mitnehmen muß.“

„Ich werde es Ihnen besorgen. Wir gehen jetzt zu Doktor Bertrand. Dort schreiben Sie alles auf, was Sie brauchen. Können wir also gehen?“

„Ja.“

Liama ließ alles stehen und liegen, wie es stand und lag. Sie erfaßte die Hand ihrer Tochter und sagte:

„Komm, mein Kind. Fluchen wir dem alten Graubart nicht. Allah wird ihn treffen mit seinem Zorn und ihn vernichten mit seinem Grimm.“

Müller schritt mit der Laterne voran, und sie folgten ihm durch den Gang bis hinaus in das Waldloch. Es war unterdessen dunkel geworden, und man konnte nicht weit sehen. Schon wollte Müller einen Ruf nach Fritz ausstoßen, als jener ihm zuvor kam.

„Pst!“ erklang es hinter einem Baum hervor.

„Fritz?“

„Ja. Ah, ich konnte Sie doch nicht gleich erkennen.“

Er trat zu ihm heran. Müller erkundigte sich:

„Ist – der Gefangene mit da?“

„Ja. Er liegt dort im Moos und schläft. Die frische Luft ermüdet ihn.“

„Hat man euch gesehen?“

„Kein Mensch. Ich habe den – – – den Herrn bis hierher tragen müssen. Es ist ein Herzeleid, wie es ihm ergangen ist.“

„Wie lange ist er gefangen gewesen?“ fragte Marion.

„Volle sechzehn Jahre.“

„Und diese Ewigkeit hat er in dieser Zelle gesteckt?“

„Ja.“

Sie schlug die Hände zusammen, fühlte sich aber unfähig, ein Wort zu sagen.

„Führe uns zu ihm“, bat Müller.

Fritz brachte sie eine Strecke weiter in den Wald hinein, wo Gebhard von Königsau schlafend lag. Sein Atem ging ruhig. Man merkte förmlich, daß bei jedem Atemzug Erquickung in seinen Körper strömte.

„Lassen wir ihn schlafen“, sagte Müller.

„Aber dürfen wir hier warten?“ bemerkte Fritz.

„Kann er nach der Stadt gehen? Und darf Liama in ihrer orientalischen Kleidung gesehen werden? Eile du, so schnell du kannst, zu Doktor Bertrand; spanne seinen Wagen an und komme heraus, uns abzuholen.“

„Schön! Wo treffe ich Sie?“

„Drüben am Waldrand, wo der Vikinalweg vorüber geht.“

„Und wenn Bertrand fragt – – –?“

„Du sagst nichts.“

„Oder das gnä – – – wollte sagen, Miß de Lissa?“

„Kein Wort! Beeile dich! Wir haben heute noch sehr viel zu tun.“

Der treue Kerl eilte fort, so schnell er vermochte. Die andern ließen sich im Gras und Moos nieder, Marion neben der Mutter und Müller neben seinem Vater. Er bewachte dessen Atemzüge, während Mutter und Tochter, die Arme eng verschlungen, leise miteinander flüsterten.

Müller wollte nichts hören, aber es drang doch, wenn auch nur schwer verständlich, zu ihm herüber:

„Und du liebst ihn, mein Kind?“

„So sehr, so sehr!“

„Er ist es wert.“

Von wem sprachen sie? Müller veränderte seinen Platz, so daß er nichts mehr zu hören vermochte. –

Unterdessen war der alte Kapitän auf den heimlichen Wegen in sein Zimmer gekommen. Er hatte lange Zeit acht gegeben, ob er unbemerkt in die Vorratskammer kommen könne. Ehe ihm dies gelang, waren wohl zwei Stunden vergangen. Dann eilte er mit Brot und Wasser zurück. Einen großen Krug voll des letzteren und ein Brot ließ er im Kreuzgang, um es später Liama zu bringen. Mit dem anderen Vorrat passierte er mühsam den Brunnen und gelangte endlich in den Gang, in welchem, seiner Meinung nach, Rallion als Sieger auf ihn wartete.

Er wunderte sich nicht wenig, als er von weitem keinen Lichtschein bemerkte.

„Hm!“ erklärte er sich, grimmig schmunzelnd, diesen Umstand. „Schäferstunde! Er hat die Tür zugezogen!“

Er trat so laut wie möglich auf, um von seinem Verbündeten bereits bemerkt zu werden, blieb aber dann ganz verblüfft stehen, als er bemerkte, daß die Tür nicht nur von innen herangezogen, sondern sogar von außen verschlossen sei.

„Donnerwetter!“ murmelte er. „Was ist da geschehen? Sollte der Kerl also doch die Schlüssel haben, wie ich gleich erst vermutete?“

Er setzte die zwei Wasserkrüge, welche er in der Hand hatte, nieder und nahm den Schlüssel aus der Tasche. Als er geöffnet hatte, drang ihm der Schein der Laterne entgegen, und bei demselben bemerkte er den Gefesselten auf dem Boden liegen.

„Alle Teufel!“ rief er aus. „Rallion! Sie gefesselt!“

„Wie Sie sehen!“ antwortete dieser. „Wo stecken Sie denn diese lange Zeit?“

„Habe ich es Ihnen denn nicht gleich gesagt, daß es so lange dauern könnte?“

„Das wohl; aber mehr sputen konnten Sie sich doch!“

„Es war nicht möglich. Aber das ist ja Nebensache. Hauptsache ist, wie ich Sie hier finde. Wo ist Marion?“

„Das weiß der Teufel.“

„Wer hat Sie gefesselt?“

„Das weiß derselbe Teufel.“

„Und eingeschlossen?“

„Richten Sie Ihre Frage an dieselbe Adresse.“

„Aber, zum Donnerwetter! Sie müssen doch wissen, wie Sie in diese Lage gekommen sind!“

„Muß ich es wissen? Wirklich? Ach so! Aber, nehmen Sie mir doch vorher gefälligst diese verdammten Stricke ab. Dann können wir weiter sprechen!“

„Ich sollte Sie so liegen lassen. Ich bin ganz konsterniert! Wüßte ich nicht genau, daß ich wache, so hielt ich es für einen Traum. Erzählen Sie doch!“

„Erst die Stricke herunter!“

„Na, da!“

Er zog sein Messer und schnitt die Stricke entzwei. Rallion sprang auf, dehnte die Glieder und sagte dann:

„Hören Sie, Kapitän, Ihr Ortry mag der Satan holen! Mich bringen Sie niemals wieder her!“

„Schimpfen Sie nicht, sondern erzählen Sie!“

„Hier geht in Wirklichkeit der Teufel um oder ein sonst ihm sehr verwandtes Gespenst! Ich mache, daß ich so schnell wie möglich fortkomme!“

„Halt. Stehen bleiben! Erst wird erzählt. Ich will vor allen Dingen wissen, was geschehen ist. Ich verließ Sie ganz siegesgewiß und treffe Sie als Gefangenen! Wie ist das zugegangen?“

Rallion zeigte auf das Stroh und antwortete:

„Hier lag Marion – – –“

„Das weiß ich!“

„Ich kniete neben ihr und stellte ihr vor, daß aller Widerstand vergeblich sei, daß sie mich erhören müsse.“

„Was antwortete sie?“

„Daß sie lieber sterben wolle.“

„Oh, diese Mädchen wollen da immer sterben!“

„Es schien ihr wirklich ernst zu sein. Als ich ihr einen Kuß geben wollte, drohte sie mir, daß ich verloren sei, wenn ich sie anrühren würde.“

„Das klingt ja, als ob sie überzeugt gewesen wäre, auf irgendeine Weise oder durch irgend jemand Hilfe zu finden.“

„Allerdings!“

„Was taten Sie?“

„Ich achtete nicht auf diese Drohung, welche ich geradezu lächerlich fand; ich hielt sie vielmehr fest und wollte sie küssen. Beinahe berührte ich ihre Lippen, da legte sich eine Faust wie ein Schraubstock um meinen Hals, und ich erhielt einen Hieb an den Kopf, daß mir auf der Stelle Hören und Sehen verging.“

„Von wem?“

„Weiß ich es?“

„Aber Sie müssen doch etwas gesehen oder gehört haben!“

„Nicht das geringste. Ich verlor, wie gesagt, die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, war ich an Armen und Beinen gefesselt und sah, daß die Tür verschlossen war.“

„Unbegreiflich!“

Rallion sah ihn von der Seite an und fragte:

„Ist es Ihnen wirklich so ganz und gar unbegreiflich?“

„Wie denn sonst?“

„Hm! Wissen Sie denn, daß ich Sie sehr stark im Verdacht hatte?“

„Mich?“

„Ja.“

„Sind Sie toll?“

„Toll? Die Sache schien mir nicht so sehr toll zu sein. Sie haben eine gewisse Leidenschaft, andere einzuschließen?“

„Ich glaube, der Hieb, den Sie auf den Kopf erhalten haben, hat Ihren Verstand in Unordnung gebracht!“

„Möglich, denn wenn Sie es nicht gewesen sind, so gebe ich überhaupt die Hoffnung auf, die Sache zu begreifen. Wo aber ist Marion?“

„Das frage ich Sie.“

„Donnerwetter! Sie muß einen heimlich Verbündeten haben. Anders ist es nicht möglich.“

„So werden wir ihn jetzt fangen. Begegnet ist mir kein Mensch. Alle Türen sind zu gewesen. Er hält sich also hier versteckt. Durchsuchen wir den Gang. Er ist glücklicherweise nicht sehr lang.“

Er nahm den Revolver in die Hand und schritt mit der einen Laterne voran. Rallion folgte ihm mit der anderen. Sie erreichten das Ende des Ganges, ohne irgend etwas bemerkt zu haben.

„Nun?“ fragte Rallion, halb höhnisch und halb erwartungsvoll.

Er traute dem Alten noch immer nicht.

„Nichts und niemand!“ antwortete dieser.

„Aber mir brummt der Kopf noch immer von dem Hieb, den ich erhalten habe. Soll das etwa dieser Monsieur Niemand gewesen sein?“

„Ich möchte an diesen Hieb gar nicht glauben, aber Sie haben wirklich eine ziemliche Beule hier an der Schläfe.“

„Habe ich? Na, das ist Beweis genug. Ein Mann muß es gewesen sein, denn ein Weib vermag nicht, so kräftig zuzuschlagen.“

„Das versteht sich von selbst.“

„Und Schlüssel muß er haben, sonst hätte er mich nicht einschließen können.“

„Richtig! Aber – ah, da kommt mir ein Gedanke: Sie sind miteinander hier noch in irgendeiner Zelle versteckt. Suchen wir!“

„Was befindet sich in den Zellen?“

„Sie sind leer, außer der, in welcher der Deutsche steckt. Sehen wir also nach!“

Er öffnete eine Zelle nach der anderen; sie waren alle ohne Ausnahme leer. Als er dann die zuletzt erwähnte aufschloß und mit der Laterne hineinleuchtete, stieß er einen lauten Fluch aus:

„Tod und Teufel! Was ist das?“

„Was gibt's?“ fragte Rallion, schnell hinzutretend.

„Was es gibt? Da sehen Sie her!“

„Wetter noch einmal! Das ist verflucht!“

„Der Kerl ist fort!“

„Oder hat er sich in dem Kot versteckt?“

„Unsinn! Sehen Sie denn nicht, daß die Ketten geöffnet worden sind?“

„Wirklich! Der Schlüssel steckt noch im Schloß!“

„Und da ist auch die Peitsche fort!“

„Unbegreiflich!“

„Haben Sie denn wirklich so ohne alle Besinnung in Ihrer Zelle gelegen?“

„Ja.“

„Nichts gehört?“

„Gar nichts.“

„So ist es. Ihr Kopf scheint von Pappe zu sein! Jetzt ist mir gar der Deutsche ausgebrochen?“

„Aber wohin?“

„In dem Gang befindet sich kein Mensch! Oder sollte – Sapperment, da kommt mir ein Gedanke. Kommen Sie!“

Er eilte bis an das Luftloch und leuchtete empor.

„Sie denken, da hinauf?“

„Ja.“

„Wie kann ein Gefangener von hier aus da empor kommen? Er müßte eine Leiter haben.“

„Das ist richtig! Also hier nicht. So bleibt also nur übrig, daß der Mann, welcher die Schlüssel hat, denselben Weg genommen hat, den auch wir einschlagen. Sehen wir einmal, ob wir Spuren finden.“

Sie schlugen die Richtung nach dem Brunnen ein, mit den Laternen am Boden suchend, hart am Brunnen blieb der Alte, welcher voranging, stehen.

„Sehen Sie her!“ sagte er. „Was ist das?“

„Stearin am Boden!“

„Ja. Ganz frisch. Aus einer Laterne getropft. Wir beide aber brennen Öl. Was folgt daraus?“

„Hier sind sie gegangen.“

„Richtig. Sie kennen also auch diesen Gang und diesen Weg. Steigen wir empor. Vielleicht findet sich noch eine Spur.“

Sie kamen bis dahin, wo Müller mit Marion gestanden, vorher aber seine Laterne eingesteckt hatte. Beim Verschließen der Blende hatte er wieder einen Tropfen Stearin verloren.

„Hier wieder“, sagte der Alte, „sehen Sie?“

„Ja, ganz deutlich.“

„Kein Zweifel. Sie sind hier gegangen und – sollten sie etwa –“

„Was?“

„Da hinten steckt auch so eine Art Gefangene.“

„Vielleicht haben sie diese auch befreit!“

„Dann schlage das Wetter drein. Wollen sehen.“

Er stürmte vorwärts und untersuchte die Tür.

„Sie ist verschlossen.“

Er öffnete und trat ein. Rallion folgte. Die Lampe brannte noch.

„Hier ist sie nicht“, meinte der Alte, indem er sich geradezu voller Angst zeigte. „Vielleicht ist sie draußen in der Nebenstube.“

Rallion wollte ihm auch da folgen; aber er wies ihn mit den barschen Worten zurück:

„Bleiben Sie. Da draußen haben Sie nichts zu suchen.“

Als er nach einiger Zeit zurückkam, zeigte sein Gesicht geradezu den Ausdruck der Verstörtheit.

„Auch sie ist fort“, murmelte er grimmig.

„Entflohen?“

„Ja.“

„Wer?“

„Das ist Nebensache. Ich hatte der Person gewisse Freiheiten gewährt, schloß sie aber heute ein. Beide Schlösser sind verschlossen, sie aber ist fort.“

„Das ist freilich Pech über Pech.“

„Mehr als Pech. Sie wissen nicht, was dabei für mich auf dem Spiel steht. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als die Eingänge zu vernichten oder zuzuschütten und einstweilen das Weite zu suchen.“

„Ist es denn so gefährlich?“

„Ja. Ich muß Gras darüber wachsen lassen. Das wird, falls der Krieg losbricht, nicht lange dauern.“

„Aber die Eingänge zerstören, das erfordert Arbeit und Zeit.“

„Gar nicht. Ich habe bereits für einen derartigen Fall meine Vorbereitungen getroffen. Kommen Sie.“

Er kehrte mit ihm nach dem Kreuzgang zurück. Dort schien eine der Steinplatten zerbrochen zu sein. Er nahm zwischen zwei Rissen ein Steinchen heraus, und sofort kam ein Draht zum Vorschein. Er zog daran, und in demselben Augenblick rollte ein donnerartiges Geräusch durch die Gewölbe. Es schien von mehreren Seiten zu kommen.

„Was war das?“ fragte Rallion.

„Kleine Minen.“

„Ah! Die Eingänge zusammengestürzt?“

„Alle. Und auch noch anderes ist vernichtet.“

Er zog die Uhr und blickte auf das Zifferblatt. Dann sagte er:

„In einer Stunde geht ein Zug nach dem Süden. Mit diesem fahren wir.“

„Warum nicht erst morgen?“

„Ich werde mich nicht hersetzen, wenn man die Hände ausstreckt, mich festzunehmen. Ein lustiger Krieg, und dann ist alles wieder gut!“

Eine Viertelstunde später verließen beide das Schloß. Der Kapitän trug all sein vorrätiges Geld bei sich. Er glaubte einer Gefahr entfliehen zu müssen, die es gar nicht gab. –

Noch saß Müller bei seinem Vater und den Frauen, als es in der Nähe zu prasseln begann. Es krachte einige Augenblicke lang, und dann war alles ruhig.

„Was war das?“ fragte Marion.

„Ich werde nachsehen“, antwortete er.

Er brannte die Laterne an, welche er verlöscht gehabt hatte, und ging zu dem Eingang, aus welchem sie vorhin gekommen waren. Er war verschüttet.

„Der Kapitän hat die Flucht bemerkt“, sagte er, „und verschüttet die Eingänge, damit niemand entkommen soll.“

„Doch wohl nur diesen?“

„Wohl nicht. Ich glaube, das Krachen, welches wir gehört haben, kam auch von anderen Orten. Am besten wird es sein, wir brechen auf.“

Auch Königsau war bei dem rollenden Geräusch erwacht.

„Was war das?“ fragte er.

„Nichts Gefährliches“, beruhigte ihn Müller.

„Wo bin ich denn?“

„Bei Freunden.“

„Und wer sind Sie?“

„Kennen Sie mich nicht?“

Er beleuchtete sein Gesicht mit der Laterne.

„Oh, mein Retter!“

„Sie sehen also, daß Sie ruhig sein können. Sind Sie sehr ermüdet?“

„Ich werde gehen können.“

„Stützen Sie sich auf mich.“

Er ging mit ihm voran, und Marion folgte langsam mit ihrer Mutter. Als sie an der Waldecke ankamen, hörten Sie Pferdegetrappel. Bald hielt Fritz bei ihnen.

„Wie arrangieren wir das?“ fragte er.

„Die Damen in den Wagen“, antwortete Müller. „Ich fahre und nehmen diesen Herrn zu mir auf den Bock. Du läufst nach Hause. Warst du verschwiegen?“

„Ich habe kein Wort gesagt.“

Er half den beiden Frauen in den Wagen und dem schwachen Königsau auf den Bock. Müller schlang den Arm um seinen Vater und trieb die Pferde an.

„Fritz, komm baldigst nach“, sagte er noch.

„Sehr wohl, Herr Doktor!“

Als später der Wagen vor Doktor Bertrands Tür hielt, wollte Marion den Schlag öffnen, um zuerst auszusteigen, aber da sagte eine bekannte Stimme:

„Bitte, Mademoiselle, das kommt mir zu.“

Müller hörte das und traute seinen Ohren nicht.

„Fritz“, sagte er.

„Herr Doktor?“

„Du hier?“

„Ja.“

„Wie kommst du so schnell hierher?“

„Ich habe mich hinten festgehalten und bin mit fortgetrabt. Das geht ganz prächtig, viel besser, als wenn man auf dem Bock sitzt.“

Recht gelegen trat jetzt der Arzt aus der Tür.

„Herr Doktor“, fragte ihn Müller, „haben Sie nicht ein separates Zimmer für diesen Herrn? Er ist Patient.“

„Ein allerliebstes Zimmerchen, gerade neben demjenigen, welches Sie für heute bekommen werden.“

„Schön! Bitte, bringen Sie ihn sofort hinauf. Er ist so angegriffen, daß er der Ruhe bedarf.“

Müller hob seinen Vater vom Bock, Bertrand bot demselben den Arm und brachte ihn in das erwähnte Zimmer. Hier brannte Licht, und nun erst bemerkte der Arzt, in welchem Zustand sich sein Patient befand.

Schon unterwegs war ihm der penetrante Geruch, der von diesem ausging, aufgefallen.

„Mein Gott!“ sagte er. „Sie sind ja fast unbekleidet! Woher kommen Sie?“

„Ich war gefangen“, seufzte der Gefragte.

„Wo?“

„In einem unterirdischen Loch in Ortry.“

„Was? Wirklich? Wer nahm Sie gefangen?“

„Der Kapitän.“

„Wie lange waren Sie da?“

„Sechzehn Jahre.“

„Herrgott! Widerrechtlich?“

„Gewiß!“

„Bitte, darf ich Ihren Namen hören?“

„Gebhard von Königsau.“

Der Arzt fuhr zurück. Dann fragte er:

„Wer hat Sie befreit?“

„Ein Herr Doktor Müller.“

„Dieser Herr ist wohl ein Bekannter von Ihnen?“

„Ich kenne ihn nicht.“

Nun wußte der Arzt, daß Müller sich noch nicht zu erkennen gegeben hatte und daß auch er schweigen mußte.

„Gedulden Sie sich einen Augenblick“, bat er. „Ich kehre sogleich zurück.“

Wenige Minuten später kam er mit dem Apotheker, welcher eine Badewanne trug. Das Hausmädchen brachte heißes Wasser. Königsau mußte vor allen Dingen ein Bad nehmen.

Unterdessen war Müller mit Marion und ihrer Mutter nach oben gegangen. Dort waren die Engländerin, der Amerikaner, Nanon und Madelon beisammen. Die Frau des Arztes befand sich bei ihnen.

Diese letztere sprang, als sie Liama erblickte, leichenblaß von ihrem Stuhl auf und rief:

„Alle guten Geister – – –! Wer ist das? Wen bringen Sie da?“

„Kennen Sie diese Dame nicht?“

„Freilich kenne ich Sie! Die Frau Baronin von Sainte-Marie!“

Dieser Name brachte kein geringes Aufsehen hervor. Alle drängten sich um sie und stürmten mit Fragen auf sie ein. Doch Müller nahm sie in seinen Schutz und sagte:

„Bitte, meine Herrschaften, diese Dame ist zu sehr angegriffen, als daß sie Ihnen Rede und Antwort stehen könnte. Übrigens muß ich bemerken, daß diese Angelegenheit ganz unter uns, das heißt, Geheimnis bleiben muß. Kommen Sie, Frau Baronin; folgen Sie mir in das Zimmer Miß de Lissas! Ich habe einige Fragen an Sie zu richten.“

Während nun Marion den Zurückbleibenden ihre Einkerkerung und Rettung erzählte, führte Müller Liama in dem genannten Zimmer zum Sofa und nahm ihr gegenüber Platz.

„Darf ich fragen“, sagte er, „ob Sie einiges Vertrauen zu mir haben können?“

Er sagte das in arabischer Sprache, die er von seinem Vater gelernt hatte. Liama war freudig bewegt, so unerwartet die heimatlichen Laute zu hören, und antwortete:

„Alles, alles will ich Ihnen sagen.“

„Nicht wahr, Sie sind eine Tochter des Stammes der Ben Hassan?“

„Ja. Mein Vater Menalek war der Scheik desselben.“

„Sie kannten einen Angehörigen dieses Stammes, welcher Saadi hieß?“

Ihre Augen leuchteten auf.

„Er war mein Geliebter, mein Verlobter, mein Mann“, antwortete sie.

„Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?“

„Hier in Ortry.“

„Nicht damals, als er von Ihnen gerissen wurde als Gefangener der Franzosen?“

„Nein. Ich wollte ihn und den Vater retten, indem ich mit dem Fakihadschi Malek Omar und seinem Sohn Ben Ali fortging. Beide heißen jetzt Richemonte und Sainte-Marie.“

„Sie wurden aber von ihnen betrogen?“

„Ja. Die Unseren wurden trotzdem niedergemacht. Mein Vater war tot; aber als die Franzosen fort waren, zeigte es sich, daß in Saadi noch Leben sei. Er wurde geheilt und verließ sein Land, um nach mir zu suchen.“

„Da Sie ihn in Ortry gesehen haben, hat er Sie also gefunden?“

„Ich ging spazieren im Wald und begegnete ihm. Er wohnte bei mir auf dem Schloß, ohne daß es jemand wußte; er war mein Bräutigam; er wurde im stillen mein Gemahl. Er ist Marions Vater. Nie hat mich ein anderer Mann anrühren dürfen.“

„So ist also Marion nicht die Tochter des wahnsinnigen Barons de Sainte-Marie?“

„Nein.“

„Das ist mir eine große Beruhigung. Wo aber ist Saadi hingekommen?“

„Ich weiß es nicht. Er war eines Tages verschwunden. Ich habe ihn niemals wiedergesehen.“

„Später zwang man Sie, zu verschwinden, um das Leben Ihrer Tochter zu retten?“

„Der Kapitän wollte Marion töten, wenn ich nicht tun wollte, war er befahl.“

„Weiß die jetzige Baronin, daß Sie nicht wirklich gestorben sind?“

„Ich weiß es nicht.“

„Hat sie Sie einmal gesehen?“

„Mehrere Male. Sie besuchte, da sie noch eine Hirtentochter war, den Baron und den Kapitän auf Ortry; da hat sie mich gesehen.“

„Glauben Sie, daß dieselbe Sie jetzt wiedererkennen würde?“

„Sie kennt mich.“

„Fürchten Sie sich vor ihr?“

„Ja.“

„Aber wenn ich bei Ihnen bin?“

„Dann fürchte ich mich nicht.“

In diesem Augenblick entstand draußen ein außerordentliches Gepolter. Mehrere Türen öffneten sich, und auch Müller eilte hinaus.

„Was gibt es denn da?“ fragte er laut.

„Abermals eine Schlittenpartie!“ antwortete eine Stimme unten am Fuß der Treppe.

„Schlittenpartie? Wie denn?“

„Grad wie damals im Tharandter Wald, nur diesesmal auf dem Bauch anstatt auf der anderen Seite.“

Derjenige, welcher diese Worte sprach, kam eben herauf; Herr Hieronymus Aurelius Schneffke.

„Ach, Sie sind es! Was machen Sie denn da?“

„Na, man wird doch wohl noch zur Treppe herunterpurzeln dürfen, Herr Doktor.“

„Heruntergefallen sind Sie also?“

„Ja; das ist so Usus bei mir, wie Sie wohl wissen. Ich hatte Eile.“

„Sie sehen allerdings ganz danach aus. Sie haben wohl eine Neuigkeit?“

„Ja. Die wollte ich so schnell wie möglich bringen. Ich gedachte daher, die Treppe in zwei oder drei Sprüngen zu nehmen, da aber nahm die Treppe mich. Ein Glück ist es nur, daß sie nicht gebrochen hat!“

„Was haben Sie denn für eine Neuigkeit?“

„Ich trank auf dem Bahnhof ein Glas Bier. Der Zug kam an, und da ging ich. Draußen am Billettschalter standen zwei. Raten Sie, wer sie waren!“

„Besser ist's, Sie sagen es.“

„Das ist so richtig wie Pudding, denn Sie erraten es doch nicht. Der alte Kapitän war's – – –“

„Der? Unmöglich!“

„Na, ich werde ihn doch kennen! Ein Maler ist gar wohl imstande, sich so eine Physiognomie zu merken.“

„Und noch einer war dabei?“

„Ja. Er hatte ein zerschnittenes Gesicht.“

„Sapperlot! Rallion! Was taten sie?“

„Ich stand ganz nahe bei ihnen; sie aber hatten es so eilig, daß sie mich gar nicht beachteten. Der Alte bezahlte zwei Billets erster Klasse nach Paris.“

„Wirklich?“

„Glauben Sie, daß er sie nur zum Jux bezahlt?“

„Ah! Er fürchtet sich!“

„So ist er fort?“ fragte Marion den Maler.

„Ich sah ihn einsteigen, und dann ging der Zug ab. Wenn Ihnen das genügt, so ist er allerdings fort. Oder muß einer durch die Wolken fliegen, um fort zu sein?“

„Bitte, kommen Sie mit hier hinein!“ bat nun Müller Marion, indem er sie zu ihrer Mutter führte.

Dort bemerkte er:

„Jetzt gibt es die beste Gelegenheit, zu holen, was Sie zu der Reise brauchen. Sie kehren zu diesem Zwecke selbst mit nach Ortry zurück.“

„Das tue ich. Wer geht noch mit?“

„Ihre Mutter hier.“

„Wie! Darf sie gesehen werden?“

„Ich wünsche sogar, daß sie von der jetzigen Baronin gesehen wird. Auch ich gehe mit.“

„Auch Sie? Ich denke, Sie wollen Ortry nie mehr betreten!“

„Vielleicht komme ich später doch wieder hin. Übrigens möchte ich Sie um Ihretwillen begleiten.“

„Das ist dankenswert. Wenn Sie zugegen sind, haben wir nichts zu befürchten. Wann gehen wir?“

„Wir werden fahren, doch nicht gleich jetzt. Wie ich vermute, gnädiges Fräulein, haben Sie drüben unser heutiges Abenteuer erzählt?“

„Ja.“

„Haben Sie auch den Namen des unglücklichen langjährige Gefangenen genannt?“

„Zufälligerweise, nein.“

„Ich danke. Das ist mir lieb.“

Er suchte nun seinen Vater auf. Dieser hatte das Bad verlassen und Wäsche und Kleider von Doktor Bertrand angelegt, dessen Statur er hatte. Er saß ganz allein auf dem Sofa und hatte eine Tasse Boullion vor sich stehen.

Müller blickte nur zur Tür herein, schloß diese dann wieder und ging in das Familienzimmer, wo alle außer Marion und deren Mutter beisammen waren.

Schneffke erzählte sein Bahnhofsereignis noch einmal. Das gab Müller Gelegenheit, seine Schwester an das Fenster zu winken.

„Liebe Emma, ich muß dich auf ein wichtiges Ereignis aufmerksam machen, von welchem Marion noch nichts wissen darf“, sagte er.

„Was ist es?“

„Du wirst in Herrenbegleitung nach Berlin zurückkehren.“

„Natürlich! Du fährst doch wohl mit!“

„Noch einer.“

„Fritz!“

„Noch einer.“

„Schneffke?“

„Noch einer.“

„Du meinst Deep-hill?“

„Ja, aber noch einen.“

„Ich weiß weiter keinen.“

„Ich meine den, welchen ich heute befreit habe.“

„Auch er will nach Berlin?“

„Ja. Ich wünsche, dich ihm vorzustellen. Hast du Zeit?“

„Jetzt gleich?“

„Ich möchte es nicht für später aufschieben.“

„So komm!“

Sie gingen. Als sie bei ihm eintraten, befand er sich noch auf seinem Sitz. Ein wohliges Lächeln schwebte auf seinem eingefallenen, leidenden Angesicht. Bart und Haar waren in Ordnung gebracht, und nun machte er einen ehrwürdigen und sogar vornehmen Eindruck. Als er die beiden erblickte, streckte er Müller die Rechte entgegen und sagte:

„Mein Retter! Nun ich mich von den schlimmen äußeren Anhängseln des Elends befreit sehe, fühle ich doppelt, was ich Ihnen zu danken habe. Wen bringen Sie mir da?“

„Eine Freundin dieses Hausen, Miß Harriet de Lissa, welche wünscht, Ihnen ihre herzliche Teilnahme zu erweisen.“

„Ich danke Ihnen, Miß. Es tut unendlich wohl, in ein gutes Menschenantlitz blicken zu dürfen, nachdem man über ein Dezennium hinaus nur die Züge eines teuflischen Schurken gesehen hat. Nehmen Sie Platz!“

Dabei war sein Auge mit sichtlichem Wohlgefallen auf das schöne Mädchen gerichtet.

„Sie meinen Kapitän Richemonte?“ fragte Emma.

„Ja. Ihm habe ich und haben all die Meinen unser ganzes Unglück zu verdanken.“

„Er scheint der Teufel mehrerer Familien zu sein. Ich lernte in Berlin eine Familie kennen, die er mit wirklich satanischer Lust verfolgt hat und auch wohl noch verfolgt.“

„In Berlin?“ fragte er, aufmerksam werdend. „Darf ich den Namen dieser Familie wissen?“

„Königsau.“

Sein Gesicht nahm fast eine rote Färbung an.

„Königsau!“ sagte er. „Sind Ihnen die Glieder dieser Familie bekannt?“

„Ja.“

„Es gab einen Königsau, welcher ein Schützling des berühmten Blücher war.“

„Ja, das ist Großvater Königsau.“

„Und sein Sohn?“

„Der ist spurlos verschwunden.“

„Hat man nicht nach ihm geforscht?“

„Oh, wie sehr! Leider aber vergeblich.“

„Lebt seine Frau noch?“

„Nein. Sie ist kürzlich gestorben.“

Er nagte eine Zeitlang an der Lippe, um nicht merken zu lassen, wie ihn diese Botschaft erschüttere. Dann sagte er:

„Vielleicht irren Sie sich, Miß? Sie war eine geborene Gräfin Ida de Rallion.“

„Ja, sie ist es doch, ich weiß es ganz genau“, antwortete sie traurig. „Auch Sie scheinen die Familien zu kennen?“

„Vor Jahren stand ich ihr sehr nahe. Ich glaube, Gebhard von Königsau hatte zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen?“

Sie nickte ihm bejahend zu. Darum fragte er weiter.

„Leben Sie noch?“

„Sie leben beide.“

„Ich möchte wohl wissen, was aus ihnen geworden ist.“

„Nun, Richard, der Sohn, ist Rittmeister bei den Gardeulanen.“

„Ah, das läßt sich hören!“ sagte er, indem sein Gesicht sich freudig aufhellte. „Hat er Aussicht auf Avancement?“

„Man sagt, daß er im höchsten Maß das Vertrauen seiner Vorgesetzten besitze.“

„Das freut mich herzlich. Und die Tochter? Hieß sie nicht Emma? Sie wird sich längst verheiratet haben.“

„Nein; sie ist noch unvermählt und wird es bleiben, falls ihr verschwundener Vater verschollen bleibt.“

„Das gute Kind. Sie braucht nicht zu entsagen, denn ihr Vater kehrt zurück.“

„Wie? Er kehrt zurück?“ fragte sie hastig.

„Ja“, lächelte er. „Ich bin überzeugt davon.“

„Mein Gott! Haben Sie Grund, dies zu sagen?“

Er nickte ihr lebhaft zu und antwortete:

„Sogar einen sehr guten Grund.“

Da sprang sie von ihrem Sessel auf und bat schnell:

„Sagen Sie ihn! O bitte, sagen Sie ihn sogleich.“

„Sie scheinen dieser Familie eine sehr große Teilnahme zu widmen?“

„Oh, die größte, welche es gibt!“

„Das macht mich stolz und dankbar zugleich, da ich ein Glied derselben bin.“

„Sie?“ fragte sie erstaunt.

„Ja. Verzeihen Sie, daß ich Sie ausforschte, ohne Ihnen meinen Namen vorher zu nennen. Ich bin Gebhard von Königsau.“

Sie stand vor ihm in der höchsten, unbeschreiblichsten Überraschung. Ihre Augen waren weit geöffnet. Ihre Lippen ließen die weißen, blitzenden Zähne sehen; ihre Arme waren bewegungslos ausgestreckt.

„Was ist Ihnen, Miß?“ fragte er.

Das gab ihr die Sprache zurück.

„Gebhard von Königsau wären Sie?“ fragte sie.

„Ja.“

Da trat sie auf Müller zu, faßte ihn am Arm und fragte auch ihn:

„Ist es wahr, wirklich wahr?“

Er mußte seine ganze Kraft zusammennehmen, um nicht laut aufzuschluchzen.

„Ja“, nickte er.

„Vater, mein Vater! Mein teurer, teurer Vater!“

Mit diesem Ausruf flog sie auf ihn zu und schlang die Arme um ihn. Sie drückte ihn an sich, immer und immer wieder und küßte ihm dabei die Hände, die Augen, Mund, Stirn und Wangen.

Er wußte nicht, wie ihm geschah. Er war zu schwach, sich dieser stürmischen Liebkosungen zu erwehren. Er ließ sie über sich ergehen, ohne Widerstand leisten zu können. Aber ein unbeschreiblich seliges Gefühl wollte sein Herz fast sprengen.

„Vater, Vater! O du armer, lieber, guter Vater“, fuhr sie fort, ihn mit beiden Händen streichelnd. „Was hast du gelitten, und was haben wir uns um dich gesorgt! Nun aber ist alles, alles gut.“

Dabei drückte sie seinen Kopf an ihr Herz und küßte ihn abermals auf die Stirn.

„Aber, Miß de Lissa, was hat das zu – – –“

„Miß de Lissa!“ jubelte sie auf. „So heiße ich nur hier. Ich bin Emma von Königsau, dein Kind, deine Tochter!“

„Wirklich? Wirklich?“ jubelte nun auch er.

„Ja, ja; du kannst es glauben.“

Da schlang er die Arme um sie und schluchzte:

„Mein Kind, mein gutes, süßes, schönes Kind.“

Die Sprache versagte ihm. Er weinte, als ob ihm das Herz brechen wolle. Emma streichelte ihm die Tränen von den Wangen. Dabei fiel ihr Blick auf Müller, welcher, das Gesicht an den Kaminsims gelehnt, ebenso weinte wie sie beide. Warum gab er sich nicht zu erkennen? Hielt er den Vater für zu schwach, das doppelte Glück zu ertragen?

Auch diesem fiel trotz seiner Tränen die tiefe Bewegung seines Retters auf.

„Herr Doktor“, stammelte er, „Sie sehen, welch ein Glück Sie uns gebracht haben. Ich kann es Ihnen nie vergelten.“

„O doch, doch“, schluchzte Müller.

„Nein, nie.“

„Ja, Vater, er hat recht. Du kannst es vergelten, und wie leicht“, sagte Emma. „Welch eine Fügung, daß gerade er dich befreien mußte, er, er!“

„Wieso eine Fügung?“

„Sieh ihn doch an. Ahnst du nichts?“

„Ahnen? Mein Gott, was soll ich ahnen? Kenne ich eine Familie Müller, welche – – –“

„Und auch er heißt nicht so, auch er läßt sich nur so nennen.“

„Herrgott. Wären Sie – warst du etwa – Richard?“

Er breitete die Arme aus.

„Vater!“

Sie hielten sich umschlungen; sie sagten kein Wort mehr, diese drei; sie bildeten im Übermaß ihres Glücks eine still weinende Gruppe. Endlich, nach längerer Zeit schob der Vater seine Kinder sanft von sich, trocknete sich tief aufatmend die Tränen und fragte:

„Richard, hattest du meinen Namen da drunten im unterirdischen Gang nicht gehört?“

„O doch!“

„Du wußtest es, daß du deinen Vater befreitest?“

„Ja.“

„Warum verschwiegst du es? Warum gabst du dich nicht zu erkennen?“

„Es wollte mir zwar das Herz abdrücken; aber ich mußte schweigen, weil ich noch nicht wußte, ob du stark genug sein würdest, und weil Marion es nicht wissen durfte.“

„Warum nicht?“

„Sie darf nicht wissen, daß ich ein Deutscher bin.“

„Ich achte deine Gründe, auch ohne sie zu verstehen. Du bist Offizier und mußt –“

Er schwieg plötzlich. Sein Auge verlor den Glanz, der es belebt hatte. Er fragte mit tonloser Stimme:

„Richard, bist du wirklich Rittmeister?“

„Ja, Vater!“

„Aber diese Gestalt. Dieser, dieser – du warst als Knabe so wohl gewachsen.“

„Oh, ich bin es auch noch“, lachte Richard.

„Aber – ich begreife nicht.“

Da neigte sich der Rittmeister zu ihm nieder und sagte leise:

„Ich habe ihn nur angeschnallt.“

„Den Buckel?“

„Ja, den Buckel. Und dieser dunkle Teint ist erzeugt durch den Saft der Walnußschale.“

„Wozu diese Komödie?“

„Ah, du kannst noch nichts davon gehört haben. Wir stehen vor einem Kriege mit Frankreich –“

„Gott sei Dank! Jetzt werden wir alle Scharten auswetzen. Geht es bald los?“

„Vermutlich. Ich bin als Eclaireur unter der Flagge eines Erziehers auf Schloß Ortry.“

„Welch eine Himmelsfügung!“

„Heute aber erhielt ich die Depesche, welche mich nach Hause ruft.“

„Wir fahren zusammen. Aber als was ist Emma hier?“

Der Rittmeister wollte antworten, sie aber legte ihm errötend die Hand auf den Mund und sagte:

„Auch als Spionin, lieber Vater. Wir werden die alles später erklären.“

„Das ist freilich notwendig; ich muß doch alles kennenlernen, was euch betrifft, denn –“

Er hielt inne, denn die Tür öffnete sich und Deep-hill trat ein. Er bemerkte die trauliche Gruppe: er sah die freudige Erregung aus ihren Augen leuchten.

„Oh, bitte um Entschuldigung“, sagte er, im Begriff, sich schnell wieder zurückzuziehen.

„Nein; bleiben Sie!“ rief ihm der Rittmeister entgegen. „Sie stören nicht, sondern Sie sind uns im Gegenteil sehr willkommen.“

Da zog der Amerikaner die Tür hinter sich zu und sagte:

„Ich hörte den Bericht von der Befreiung eines Opfers dieses höllischen Kapitäns und kam herbei, um meine lebhafteste Sympathie auszudrücken.“

„Für welche wir alle drei Ihnen herzlich danken. Baron Gaston de Bas-Montagne – Gebhard von Königsau, unser lieber, wiedergefundener Vater.“

Königsau verbeugte sich höflich, der Amerikaner aber war so betreten, daß er vergaß, es auch zu tun.

„Wie?“ fragte Deep-hill. „Ist dies der Herr, den Sie befreit haben?“

„Ja, das ist er.“

„Und Sie nennen ihn Ihren Vater?“

„Das ist er ja auch.“

„Wunderbar.“

„Erinnern Sie sich der Familiengeschichte, welche ich Ihnen erzählte, als wir uns unten im Gewölbe fanden?“

„Vollständig, natürlich.“

„Nun, es waren die Schicksale meiner eigenen Familie. Und dieser ist der verschollene Vater, den ich erwähnte.“

„Wunderbar, wie gesagt, wunderbar! Herr von Königsau, ich gratuliere Ihnen aus freudigstem Herzen nicht nur zu Ihrer endlichen Erlösung, sondern auch zu solchen Kindern. Ihr Herr Sohn ist ein außerordentlicher Mensch. Sie hat er errettet; Mademoiselle Marion hat er errettet; den Maler hat er errettet; mich hat er errettet. Er scheint es als eine spezielle Aufgabe zu betrachten, die Kerker der Unglücklichen zu öffnen. Dieser Herr Doktor Müller –“

„O bitte!“ fiel Richard lachend ein. „Rittmeister von Königsau von den preußischen Gardeulanen, wenn Sie gütigst gestatten!“

„Ritt – – –“

Das Wort blieb ihm im Mund stecken.

„Ja, es ist ganz richtig so, Herr Baron!“ stimmte Emma bei.

„Aber, Rittmeister, bei dies – – – dies – – –“

„Bei diesem Buckel! Nicht wahr?“ lachte Richard.

„Ich gebe es beschämt zu.“

„Nun, ich will Ihnen im Vertrauen mitteilen, daß ich gar nicht bucklig bin, doch allerdings nur im Vertrauen, mein lieber Baron.“

„So also, so ist das! Sie großartiger Pfiffikus! Na, hier meine Hand; es wird nichts verraten!“

„Danke! Ganz besonders darf Baronesse Marion keine Ahnung haben, daß ich nicht der Hauslehrer Müller bin.“

„Warum gerade diese nicht?“ fragte sein Vater.

„Weil ich sie liebe, Vater!“

„Du liebst diese gute, wundervolle Blume?“

„Ja.“

„Höre, Richard, diese Freude ist ja fast wie diejenige des Wiedersehens. Aber – liebst du glücklich, trotzdem sie dich für bucklig hält?“

„Trotzdem.“

„Junge, das möchte ich denn doch bezweifeln.“

„Sie hat mich in Dresden in Uniform gesehen und seitdem meine Fotografie bei sich getragen, ohne daß ich es ahnte. Ich habe sie gleichfalls da gesehen und dann ihr Bild im Herzen getragen, ohne daß sie es ahnte.“

„Wie poetisch.“

„Es wird noch poetischer, lieber Vater! Wir wußten beide nichts voneinander. Da komme ich verkleidet als Erzieher hierher und finde sie als die Tochter des Hauses.“

„Nachdem er ihr bei einem Dampfschiffsunglück das Leben gerettet hat“, schaltete sich Emma ein.

„Das ist wirklich wunderbar. Erkannte sie dich?“

„Nein. Sie fand nur eine große Ähnlichkeit heraus. Nun setze ich meinen Stolz darein, von ihr geliebt zu werden trotz der beengten, bürgerlichen Stellung.“

„Du bist sehr kühn, mein Sohn.“

„Gelingt es, so werde ich später zehnfach glücklich sein. Also, bitte dringend, ihr ja nichts merken zu lassen. Nun aber, lieber Vater, wollen wir uns zurückziehen. Du bedarfst jedenfalls ganz dringend der Ruhe.“

„O nein. Ich fühle mich so kräftig und wohl wie nie. Ihr sollt bleiben. Ihr sollt nicht fort. Wollt ihr denn nicht wissen, wie es mir ergangen ist, und wie ich in die Hände dieses Richemonte gefallen bin?“

„Wir möchten wohl sehr gern, aber du mußt dich schonen. Später ist auch noch Zeit.“

„Nein. Jetzt ist die beste Zeit. Setzt euch.“

Die Geschwister gehorchten, doch der Amerikaner machte eine Bewegung, als ob er sich entfernen wolle.

„Bleiben Sie immer, Herr Baron“, sagte Richard. „Sie haben so viel von unserer Geschichte gehört, daß Ihnen diese Episode nicht vorenthalten werden darf.“

„Ja, bleiben Sie“, bat auch der Vater. „Sie sollen erfahren, wie tief und schwarz der Abgrund einer verruchten Menschenseele ist.“

Er begann zu erzählen von seiner Abreise an, bis zu dem Kampf im Wald, wo er von Richemonte niedergestochen war, und dann von seinem Aufenthalt bei dem Schäfer Verdy und dessen Tochter Adeline, der jetzigen Baronin von Sainte-Marie.

„So müssen wir ihr für diese sorgsame Pflege innig dankbar sein“, bemerkte Richard. „Sie hat dir das Leben erhalten.“

„Aber welch ein Leben. Und zu welchem Zweck hat sie es mir erhalten“, sagte sein Vater kopfschüttelnd. „Sie wollte Baronin werden. Ich war die Waffe in ihrer Hand gegen den Kapitän. Sie hat ihren Zweck erreicht, und ich verfaulte im eigenen Unrat.“

Er erzählte, daß er noch als Rekonvaleszent in einem Wagen nach Ortry geschafft und dort in das unterirdische Loch gesteckt worden sei. Er schilderte seine körperlichen und seelischen Leiden, obgleich sie wohl nicht ganz zu beschreiben waren. Er tat das in so beredten Worten, daß die Augen der Zuhörer nicht trocken wurden.

Nachdem er ausgeredet hatte, sprang der Amerikaner von seinem Stuhl auf, rannte wütend in dem Zimmer hin und her und fragte dann:

„Herr von Königsau, was werden Sie tun? Wie werden Sie gegen diesen Richemonte handeln?“

„Das weiß ich jetzt noch nicht. Ich ahne, daß ich dazu das Gutachten meines Sohnes ausbitten muß.“

„So, so! Wissen Sie, wie dieses Gutachten lauten wird?“

„Nun?“

„Er wird sagen: Laß ihn laufen, Vater; wenigstens jetzt laß ihn laufen! Später nehmen wir ihn beim Schopf.“

„Nun, ich denke, wenn Richard so sagte, so wird er wohl seine Gründe haben.“

„Ja, die habe ich, lieber Vater; du sollst sie hören und wirst sie anerkennen.“

„Gut, gut!“ meinte der Amerikaner. „Ich habe ganz dieselben Gründe gehört und auch anerkannt. Aber was Sie jetzt erzählt haben, das geht über alle Begriffe. Herr von Königsau, ich war ein Franzose, ein enragierter Deutschenfresser. Jetzt ziehe ich nach Berlin und bleibe dort bis an mein Ende. Ich bin cholerisch, ein Brausekopf, ein Tollkopf; aber ich habe ein Herz. Ich hatte zwei Kinder verloren; Ihr Herr Sohn hier hat sie mir wiedergegeben. Ich wollte gegen Deutschland agitieren und kämpfen; er ist ein Deutscher, und Sie sind sein Vater; mein braves Weib war trotz ihres französischen Namens eine Deutsche – ich kann nicht länger ein Feind Deutschlands sein. Ich möchte Frankreich besiegen helfen, geradeso wie ich diesen Richemonte zertreten möchte!“

Da wurde an die Tür geklopft. Der dicke Maler öffnete, steckte den Kopf herein und fragte:

„Ist es erlaubt, meine Herrschaften?“

„Ja“, antwortete der Rittmeister.

Und sich an seinen Vater wendend, fuhr er lächelnd fort, Schneffke heranwinkend:

„Das ist Herr – Herr – wie heißen Sie gleich?“

„Hieronymus Aurelius Schneffke, Tier- und Kunstmaler aus Berlin.“

„Dessen Schwiegervater du beinahe geworden wärst, lieber Vater“, ergänzte der Rittmeister.

„Wieso?“ fragte Gebhard von Königsau, den Maler lächelnd fixierend.

„Er hatte es auf Emma abgesehen.“

„Ach so!“

„Er hielt sie für eine Gouvernante und betete sie so an, daß er ihretwegen sogar zu Pferde stieg.“

„Es war ein dressiertes!“ lachte Schneffke. „Er setzte mich ganz regelrecht zu ihren Füßen ab. Später ward ich ihr Beschützer und Reisebegleiter, mußte aber bald auf das erwartete Glück verzichten, weil die angebetete Gouvernante unterdessen eine himmlische Engländerin geworden war.“

„Die sie aber auch nicht bleiben wird.“

„Nicht?“ fragte er erstaunt.

„Nein. Miß de Lissa ist eigentlich meine Schwester, Baronesse Emma von Königsau.“

Der Maler machte ein Gesicht wie eine Gans, wenn es wettert.

„Verdammt!“ entfuhr es ihm.

Alle lachten. Der Rittmeister fragte:

„Haben Sie etwas dagegen einzuwenden?“

„Hm! Wie lange bleibt sie denn Ihre Schwester?“

„Ich hoffe, für immer.“

„Das bezweifle ich. Bei dieser Dame wird kein Mensch klug, wer und was sie eigentlich ist. Heute halten Sie sie im Ernst für Ihre Schwester, und morgen stellt sich vielleicht heraus, daß sie die Tante von Ihrer Schwiegermutter ist. Ich bleibe zweifelhaft wie Pudding. Von jetzt an verliere ich die Gefühle meines Inneren nur an Damen, welche mittelst Geburts- und Impfschein nachgewiesen haben, wer sie sind. Eine andere hat nie wieder einen Fußfall von mir zu erwarten.“

Er lachte über sich selbst; die anderen stimmten ein, und der Rittmeister sagte zu seinem Vater:

„Trotz alledem ist Herr Schneffke ein sehr braver Mann, dem du übrigens sehr viel zu verdanken hast.“

„Wieso?“

„Er leidet an einer gewissen Art Fallsucht; er fällt sehr gern. Draußen im Wald stürzte er in ein Loch. Ich zog ihn heraus und fand dabei, daß dieses Loch zu dem unterirdischen Gang führte, in welchem du schmachtetest. Ohne ihn hätte ich dich schwerlich entdeckt.“

Gebhard von Königsau hielt dem Maler seine Hand hin und sagte:

„Ich danke Ihnen, mein wackerer Herr Schneffke! Geben Sie mir Gelegenheit, Ihnen für dieses Verdienst dankbar zu sein.“

„Diese Gelegenheit will ich Ihnen sogleich geben.“

„Nun?“

„Sprechen Sie nicht mehr von diesem Verdienst. Dies ist der beste Dank, den Sie spenden können. Übrigens kann ich mich mit dem stolzen Bewußtsein tragen, daß meine Fallsucht mir und anderen schon oft große Vorteile gebracht hat. Es versteht nicht ein jeder, wenn er fällt, gerade in das Glück zu fallen. Aber, nicht die Fallsucht führt mich zu ihnen, sondern Mademoiselle Marion schickt mich her.“

„Wohl zu mir?“ fragte der Rittmeister.

„Ja. Sie läßt nämlich den Herrn Doktor fragen, wann Sie sich zum Aufbruch fertigmachen soll.“

„Ich werde sofort nach dem Pferd sehen.“

Eine Viertelstunde später saß er auf dem Bock und fuhr Marion und Liama nach Ortry. Dort angekommen, übergab er dem Stallknecht die Zügel und begleitete die beiden Damen nach Marions Zimmer.

Die Erscheinung Liamas konnte nicht auffallen, da die Frau Doktor Bertrand ihr einen Regenmantel und Hut geliehen hatte.

Kaum waren sie in das Zimmer getreten, als ein Diener kam und meldete, daß die Frau Baronin das gnädige Fräulein bei sich erwarte.

„Ich bin beschäftigt“, antwortete Marion.

Der Diener ging, kehrte aber mit dem Befehl zurück, augenblicklich Folge zu leisten.

„Sagen Sie der Frau Baronin, daß sie mir nicht das geringste zu befehlen hat! Aber richten Sie das ja ganz wörtlich aus!“

Die Baronin wurde von der Dienerschaft gehaßt. Der Beauftragte richtete, um die stolze Frau zu ärgern, den Befehl sehr gern wörtlich aus. Sofort machte sie sich auf den Weg nach Marions Zimmer.

Diese hatte das vermutet und Liama gebeten, in das kleine Nebenkabinett zu treten, von welchem aus sie mit Müller die Entführung der Zofe beobachtet hatte.

„Was soll das heißen?“ fuhr die Baronin in das Zimmer. „Warum kamst du nicht?“

„Weil ich keine Zeit habe, wie ich sagen ließ.“

„Wenn ich befehle, hast du zu gehorchen!“

„Darauf habe ich dir sagen lassen, daß du mir nichts zu befehlen hast.“

„Also wirklich! Solche Frechheiten gestattest du dir!“

„Sei wählerischer in deinen Ausdrücken, sonst muß ich auf deine Entfernung dringen!“

„Was fällt dir ein – – – ah, wer ist denn das? Der Herr Doktor! Ich denke, Sie sind fort!“

„Wie Sie sehen, bin ich hier“, antwortete Müller ruhig.

„Was suchen Sie hier?“

„Die notwendige Bildung und Höflichkeit im Verhalten gegen andere!“

„Ah! Ist das etwa gegen mich gerichtet?“

„Jedenfalls.“

„Unverschämter! Entfernen Sie sich!“

Müller zuckte die Achsel.

„Ich befehle Ihnen, sich zu entfernen!“

„Sie haben auch mir nichts zu befehlen! Ich bin nicht mehr Ihr Hausgenosse.“

„Um so nachdrücklicher befehle ich Ihnen, zu gehen!“

„Ich habe nur auf den Wunsch des gnädigen Fräuleins zu hören!“

„Und ich bitte Sie herzlichst, zu bleiben, Herr Doktor!“ sagte Marion. Dann fuhr sie, zur Baronin gewendet, in kaltem Ton fort:

„Was ist's, was du mit mir zu sprechen hast?“

„In Gegenwart Fremder schweige ich natürlich!“

„Das ist mir lieb!“

Sie hatte den Schrank geöffnet und suchte nach denjenigen Dingen, welche sie mitzunehmen gedachte.

„Warum packst du ein?“ fragte die Baronin.

„Weil ich abreise.“

„Wohin?“

„Das ist Staatsgeheimnis.“

„Impertinent! Von wem hast du die Erlaubnis?“

„Ich denke, keine Erlaubnis nötig zu haben.“

„Da bin ich denn doch gezwungen, meine Rechte auf das energischste zu wahren. Du darfst dich ohne meine Einwilligung nicht entfernen!“

„Ich wüßte keinen Grund, aus welchem du ein solches Recht über mich herleiten könntest.“

„Es ist ein sehr natürlicher: Ich bin deine Mutter!“

„Aber eine sehr unnatürliche.“

„Willst du mich etwa veranlassen, dir zu beweisen, daß ich mir nötigenfalls Gehorsam erzwingen kann?“

„Wie willst du das anfangen?“

„Ich rufe die Dienerschaft herbei!“

„Ich befehle den Dienern, zu gehen, und das werden sie tun.“

„So schicke ich nach der Polizei.“

„Ich verlange von ihr, dich zu arretieren, und sie wird es tun.“

Da trat die Baronin drohend auf sie zu und fragte:

„Mädchen, was willst du damit sagen?“

Marion wollte antworten; aber Müller winkte ihr zu und sagte an ihrer Stelle:

„Gnädiges Fräulein wollen jedenfalls damit andeuten, daß es jederzeit Veranlassung gibt, die einstige Hirtin Adeline Verdy in Arretur zu nehmen.“

Die Baronin erbleichte.

„Herr, welche Sprache wagen Sie!“ rief sie aus.

„Eine sehr begründete.“

„Ich verstehe Sie nicht, wenn ich Sie nicht für wahnsinnig halten soll.“

„Der Wahnwitz ist Ihr eigenes Feld, auf welchem Sie es zur Baronin gebracht haben, nämlich der Wahnwitz Ihres Mannes. Denken Sie an den Doppelmord bei der Kriegskasse.“

Sie wurde totenbleich.

„Ich begreife Sie wahrscheinlich nicht!“

„An die beiden, welche von Ihrem Mann mit der Hacke erschlagen wurden und an den, welchen der Kapitän fast erstach, den Sie aber pflegten, um ihn dann einzusperren und dadurch Baronin zu werden.“

„Sie phantasieren.“

„Pah! Sollten Sie Gebhard von Königsau nicht kennen?“

„Ich kenne ihn nicht!“

„Wollen Sie ihn sehen? Er ist entkommen.“

„Lüge!“

„Wahrheit! Wo ist der Kapitän?“

„Er scheint ausgegangen zu sein.“

„Entflohen ist er, aus Angst entflohen. Er hat den Grafen Rallion mitgenommen. Suchen Sie diese beiden!“

Sie fühlte sich wie zerschmettert; aber sie nahm sich zusammen; sie raffte sich auf und fragte:

„Was habe ich mit Ihnen zu schaffen? Was gehen mich andere an? Tun Sie, was Ihnen beliebt. Jetzt aber befehle ich Ihnen, sich zu entfernen. Ich bin die Herrin dieses Hauses!“

„Sie? Da irren Sie sich sehr.“

„Wer sonst?“ fragte sie stolz.

„Ich werde Ihnen die wirkliche Gebieterin von Ortry zeigen.“

Er öffnete die Tür zu dem Nebenkabinett.

„Hier! Kennen Sie diese Dame?“

Liama hatte Regenmantel und Hut abgelegt und trat in ihrer maurischen Gewandung ein, doch das Gesicht unverschleiert.

Die Baronin wich zurück. Sie war bis auf den Tod erschrocken und schlug die Hände vor das Gesicht.

„Liama!“ stieß sie hervor.

„Du kennst mich noch, Hirtin. Geh zu dem Wahnsinnigen. Hier bei uns hast du nichts zu schaffen! Komm, Marion, mein Kind, und kommen Sie, Doktor, ich werde Ihnen zeigen, wer hier Herrin ist.“

Sie nahm ihre Tochter bei der Hand und schritt voran – Müller folgte. Die Baronin wankte hinterher, von einem unbestimmten Impuls getrieben.

Es ging in den Speisesaal und von da in die Gemächer der Schloßherrin. Die Baronesse folgte, ohne ein Wort zu sagen. Im Boudoir blieb Liama stehen und deutete nach dem Kamin.

„Doktor, schrauben Sie dieses Bild heraus.“

Der Marmorkamin war mit einem Aufsatz gekrönt, in dessen Mitte sich ein Medaillon mit dem in Silber getriebenen Kopf der Venus befand. Müller faßte das Medaillon mit beiden Händen. Sollte es sich wirklich bewegen lassen? Er mußte alle seine Kräfte anwenden; der Rost hatte sich in das Gewinde gesetzt. Aber endlich gelang es. Und als das Medaillon entfernt war, sah man einen viereckigen Raum, in welchem sich ein Kästchen von nicht unbedeutender Größe befand.

„Nehmen Sie es heraus und öffnen Sie es!“ gebot Liama.

Müller gehorchte. Das Kästchen war aus Rosenholz gearbeitet, mit massivgoldenen Spangen und Riegeln; als diese letzteren zurückgeschoben waren, zeigte es sich, daß es mit allerlei Arten kostbaren Geschmeides angefüllt war.

„Das ist dein, Marion, mein Kind!“ sagte Liama.

Die Augen der Baronin ruhten auf den blitzenden Perlen und Steinen. Ihre Gier erwachte.

„Halt!“ sagte sie. „Dieses Etui gehört uns.“

„Wem?“ fragte Müller kalt.

„Mir und meinem Mann.“

„Haben Sie es ihm eingebracht?“

„Nein, ich nicht.“

„Können Sie nachweisen, daß es sein Eigentum ist, und auf welche Weise er es erworben hat?“

„Er wird es beweisen.“

„Nein. Das vermag er nicht“, sagte Liama. „Dieses Gold ist mein Eigentum, und ich schenke es Marion, meiner Tochter.“

„Lüge!“ stieß die Baronin hervor.

Liama würdigte sie keines Blickes, sondern sie fuhr, zu Müller gewendet fort:

„Es ist der Schatz der Beni Hassan; er gehört Liama, der einzigen Tochter des Scheiks Menalek. Saadi hat ihn mir gebracht und ihn hier im Kamin verborgen. Von jetzt an gehört er Marion, der Enkelin Menaleks.“

Die Baronin wollte abermals Verwahrung einlegen, aber sie wurde abgehalten. Hinter ihr hatte sich die Tür leise geöffnet; der irrsinnige Baron war eingetreten. Sein Auge schweifte ausdrucklos im Kreis umher und blieb zuletzt auf der Tochter der Beni Hassan haften.

„Liama!“ rief er aus.

Er tat einige Sprünge und warf sich ihr zu Füßen. Er umfaßte ihre Knie und rief in angstvollem Ton:

„Liama, Liama, rette mich!“

„Vor wem?“ fragte sie streng.

„Vor ihnen! Sie schuldigen mich an. Ich bin es gewesen; aber sage ihnen, daß ich es nicht gewesen bin. Dir glauben sie, mir aber nicht.“

„Wo sind sie denn?“

„Überall sind sie, überall. Sie verfolgen mich auf Schritt und Tritt. Rette mich!“

„Was sagen sie, was du getan haben sollst?“

Eben wollte er antworten, da aber fiel die Baronin schnell ein:

„Halt! Mein Mann ist krank. Niemand darf ihn aufregen. Niemand darf mit ihm sprechen.“

Sie trat hinzu, um ihn bei der Hand zu fassen und aus seiner knienden Stellung emporzuziehen. Er streckte ihr abwehrend die eine Hand entgegen, während er sich mit der anderen angstvoll an Liama klammerte, und rief in kläglichstem Ton:

„Fort mit ihr, fort mit der Schlange! Liama, laß sie nicht heran. Beschütze mich!“

„Er redet Unsinn!“ erklärte die Baronin. „Er muß fort auf sein Zimmer!“

Sie streckte die Hand nach ihm aus, um ihn zu erfassen. Müller sagte sich, daß er das nicht zugeben dürfe. Der Irrsinnige befand sich in einer Aufregung, welche erwarten ließ, daß man von ihm vieles erfahren könne, was bisher verschwiegen gewesen war. Darum nahm er die Baronin beim Arm und sagte in strengem Ton:

„Zurück hier, Madame! Sie werden diesen Unglücklichen nicht berühren!“

Da loderte in ihren Augen das Feuer des wildesten Hasses auf. Sie ballte die Fäuste, stampfte mit den Füßen und rief drohend:

„Noch ein solches Wort und ich lasse Sie hinauswerfen!“

„Pah“, lachte er. „Das Schäfermädchen hat das Zeug nicht dazu, mich hinauswerfen zu lassen!“

„Schäfermädchen?“ kreischte sie förmlich auf. „Glauben Sie, daß ich mich vor einem fortgejagten, buckligen Hauslehrer zu fürchten habe?“

„Ja, ganz gewiß; das glaube ich“, sagte er ruhig. „Daß Sie mich auf meine unverschuldete Mißgestalt aufmerksam machen, ist der sicherste Beweis, daß Sie vom Dorf stammen und in das Dorf gehören. Gehen Sie.“

Er zeigte bei diesen Worten nach der Tür.

„Nein, sondern packen Sie sich fort!“

Sie griff abermals nach dem Baron.

„Den lassen Sie hier“, gebot Müller.

„Gut, so werde ich klingeln.“

Während dieser Worte ging sie zur Tür, wo sich der Glockenzug befand.

„Ja, klingeln Sie!“ sagte Müller. „Aber den Diener, welcher hereintritt, werde ich nach der Polizei schicken.“

Sein Tonn klang so fest und sicher, daß sie den Schritt innehielt.

„Nach der Polizei? Wozu?“ fragte sie.

„Um Sie arretieren zu lassen.“

„Weshalb?“

„Wegen verbotener Doppelehe.“

„Ah!“

„Wegen rechtswidriger Gefangenhaltung des Barons Gebhard von Königsau.“

„Sie sind ein Teufel!“

„Wegen Ehebruchs mit dem jetzt toten Fabrikdirektor.“

„Herr“, brauste sie auf. „Was fällt Ihnen ein?“

„Pah. Ich weiß alles. Hat nicht der Alte Sie im Garten ertappt? Und war nicht auch ein fremder Offizier bei Ihnen? Gehen Sie augenblicklich, sonst bin ich es, welcher klingelt. Vorwärts.“

Er faßte sie am Arm und führte sie zur Tür hinaus, welche er hinter ihr verschloß. Sie war so verblüfft, daß sie gar nicht daran dachte, zu widerstreben.

Ihre Entfernung machte sichtlich auf den Baron einen beruhigenden Eindruck.

„Fort ist sie, fort“, sagte er. „Gott sei Dank!“

„Sprechen Sie mit ihm!“ flüsterte Müller Liama leise bittend zu.

Sie beugte sich zu dem noch immer vor ihr Knienden nieder, legte ihm die Hand auf den Kopf und sagte:

„Armer Henri!“

Das schien ihm wohlzutun. Er lächelte zu ihr auf und stieß stockend hervor:

„Nur du kannst mir helfen, willst du?“

„Ja.“

„Sie stehen alle da, rund um mich her, hier, da und dort, allüberall.“

„Wer?“

„Der Deutsche, den wir erschlagen haben.“

„Wo?“

„Im Wald. Wegen der Kriegskasse.“

„Wie hieß er?“

„Königsau.“

„Wo ist er jetzt?“

„Er ist tot, tot, tot.“

„Wirklich?“

„Ja. Aber sein Geist lebt noch.“

„Wo?“

„Unten in der Erde. In den tiefen Kellern des Schlosses Ortry.“

„Hast du ihn gesehen?“

„Ja.“

„Wann?“

„Das weiß ich nicht mehr. Der Alte hat ihn mir gezeigt. Der Mord lag mir auf der Seele, und er wollte mich beruhigen. Darum machte er mir weis, daß Königsau nicht tot sei, sondern noch lebe.“

„Er zeigte ihn Dir?“

„Ja. Aber es war nicht Königsau, sondern sein Geist. Und da, da steht noch Einer!“

Er zeigte mit der Hand angstvoll seitwärts. Seine Augen blickten starr und erschrocken nach einem Punkt.

„Wer?“

„Hadschi Omanah.“

„Oh, der fromme Marabut?“

„Ja.“

„Kennst du ihn denn?“

„Ich habe ihn ja begraben.“

„Wo?“

„Auf dem Berg, in seiner Hütte. Und da steht auch sein Sohn. Er droht mir mit der Hand. Er hat einen Totenkopf und zeigt mir die Zähne. Rette mich!“

Er befand sich in fürchterlicher Angst. Der Schweiß tropfte ihm förmlich von der Stirn. Es war derjenige Zustand, in welchem er von dem alten Kapitän nur durch Faustschläge zum Schweigen gebracht worden war.

„Hast du den Sohn des Marabuts denn auch gesehen?“ fragte sie auf die geflüsterte Aufforderung Müllers.

„Ja.“

„Wo denn?“

„Auch auf dem Berg. Ich habe ihn ja ermordet!“

Müller stand hinter Liama und raunte ihr zu, was sie sagen solle.

„Ermordet?“ fragte sie. „Du selbst?“

„Ja.“

„Warst du allein da?“

„Der Alte war mit. Er gebot mir, ihn zu töten.“

„Warum?“

„Weil ich Baron werden sollte.“

„Warst du denn nicht Baron?“

„Nein, o nein.“

„Was warst du denn?“

„Ich war ja Henri Richemonte, der Cousin und Pflegesohn des Kapitäns.“

„Und wer war der Baron?“

„Es waren zwei da.“

Er konnte sich sichtlich nur schwer auf die Einzelheiten besinnen. Es mußte alles sehr vorsichtig aus ihm herausgelockt werden.

„Zwei?“ fragte sie. „Wer war es?“

„Der Vater und Sohn.“

„Welcher war der Vater?“

„Der Marabut. Er lag im Sterben, als wir kamen, und den Sohn tötete ich.“

„Begrubt ihr sie?“

„Ja, in der Hütte. Die Papiere nahmen wir.“

„Was machtet ihr damit?“

„Ich bewies, daß ich der junge Sainte-Marie sei und sagte, mein Vater sei tot. Herrgott! Da steht noch einer und noch einer!“

„Wer?“

„Menalek, der Scheik der Beni Hassan.“

Sie legte die Hand an ihr Herz, als ihr Vater erwähnt wurde, bezwang sich aber und fuhr fort:

„Was will er von dir?“

„Er klagt mich an. Er fordert Rechenschaft.“

„Worüber?“

„Über seinen Tod. Wir haben ihn in die Hände der Franzosen gegeben. Und den andern auch.“

„Wer ist das?“

„Saadi. Er mußte sterben.“

„Weshalb?“

„Weil ich Liama haben wollte, seine Geliebte. Hast du mich denn nicht gekannt?“

„Wer warst du?“

„Ich war Ben Ali und der Alte war –“

Er hielt inne, um sich zu besinnen.

„Wer war er?“

„Er war Malek Omar, der Fakihadschi. Er machte den Spion der Franzosen und der Beduinen. Er verriet sie aber beide. Oh, errette mich!“

Er schauderte zusammen und versuchte, sich hinter ihr vor den Geistern zu verbergen, welche er zu erblicken wähnte. Sie hatte doch Mitleid mit ihm. Darum sagte sie in beruhigendem Tone:

„Sei still. Saadi ist nicht tot.“

„Nicht? Dort steht ja sein Geist.“

„Es ist Täuschung. Saadi lebt.“

„Ist es wahr?“

„Ja.“

„Er wurde doch erschossen!“

„Nein. Er war nur auf den Tod verwundet. Die Franzosen glaubten ihn tot und ließen ihn liegen. Dann aber wurde er gefunden und gepflegt.“

„Du sagst es, und du lügst nie.“

„Nein.“

„Ja, du hast recht. Sein Gesicht ist verschwunden. Mein Kopf schmerzt nicht mehr. Ich will gehen.“

Er erhob sich und wankte nach der Tür. Sie ließen ihn gehen, ohne ihn zurückzuhalten. Was sie jetzt erfahren hatten, wußten sie bereits zum großen Teil, Liama aus ihrer Vergangenheit und Müller aus den Aufzeichnungen, welche Marion von Hassan, dem Zauberer, empfangen und ihm anvertraut hatte. Manches aber erschien ganz neu und war wohl geeignet, sie in die höchste Bestürzung zu versetzen und ihnen Stoff zu den interessantesten und wichtigsten Kombinationen zu geben.

VIERTES KAPITEL 

In Algier

Wenn man in der Stadt Algier von der Straße Bab el Qued nach der Kasbahstraße einbiegt und dann sich um die erste Ecke rechter Hand wendet, kommt man an eins der berühmtesten Kaffeehäuser der einstigen Seeräuberstadt. Aber dem Äußeren dieses Hauses sieht man diese Berühmtheit ganz und gar nicht an. Es ist schwarz und alt. Kein Stein scheint mehr auf dem anderen halten zu wollen, und der Eingang ist schmal und niedrig wie die Tür zu einer Hütte.

Durch ihn gelangt man zunächst in einen langen, dunklen Flur, dann aber in einen großen, offenen Hof, welcher mit prächtigen Säulenbogen umgeben ist, unter denen sich kleine, lauschige, nach dem Hof zu offene Gemächer rundum aneinander reihen.

Diese Gemächer sind für die Gäste bestimmt.

Inmitten des Hofes plätschert ein Brunnen, welcher von den vollen Wipfeln einer Sykomore überschattet wird. Hier sitzen des Abends, während die Ausländer unter den Säulenbogen trinken und rauchen, die Eingeborenen, in ihre weiten, weißen Gewänder gehüllt, ‚trinken‘ ihren Tschibuk, wie der Maure sich auszudrücken pflegt, und schlürfen einen Fingan Kaffee nach dem andern dazu.

Dabei lauschen sie dem Vortrag des Meda, des Märchenerzählers, der sie im Geiste nach Damaskus und weiter führt und ihnen jene phantastischen Bilder aus Tausendundeiner Nacht vor die Augen führt.

Doch nicht immer sind es Märchen, welche sie hören. Er berichtet auch von Mohammed dem Propheten, von den Kalifen, von dem großen Salah-ed-din, welchen die Christen Saladin nennen, von Tarik dem Eroberer, von dem spanischen Reich der Mauren. Er beschreibt die Pracht und Herrlichkeit des Altertums und schildert ebenso die Gegenwart.

Hat er Mekka, die heilige Stadt besucht, so beschreibt er seine Pilgerreise, und ist er weit in das Innere der Wüste gekommen, so entrollt er die Geheimnisse der Sahara vor ihren Augen. Er spricht vom Samum, von den Djinns, den bösen Geistern, vom Löwen, dem Beherrscher des Wüstenrandes, und während er spricht und erzählt, dichtet er:

„Da liegt der Maure unter Palmen,

Vom Sonnenbrand herbeigeführt;

Das Dromedar nascht von den Halmen,

Die noch der Samum nicht berührt.

Da trinkt das Gnu sich an der Quelle,

Der lebensfrischen, voll und satt;

Da naht verschmachtend die Gazelle,

Vom wilden Jagen todesmatt.

Da geht der Löwe nach der Beute,

Der König, kampfesmutig aus,

Und in die unbegrenzte Weite

Brüllt er den Herrscherruf hinaus,

Und Mensch und Tier, Gnu und Gazelle,

Sie zittern vor dem wilden Ton

Und jagen mit Gedankenschnelle,

Entsetzt, von Furcht gepackt, davon.“

Eben als der Meda bis hierher gekommen war, trat ein neuer Gast in den Hof. Er blieb am Eingang stehen und blickte sich um. Er schien den, welchen er gesucht hatte, gefunden zu haben, denn einer der Anwesenden erhob sich aus dem Kreis der Zuhörer und kam auf ihn zugeschritten.

„Sallam aaleïkum!“ grüßte der Eingetretene.

„Aaleïkum sallam“, antwortete der andere. „Wie bin ich erfreut, dich zu sehen!“

„Allah hat mich beschützt.“

„Warst du glücklich?“

„Ja.“

„Darf ich nun fragen, wo du warst?“

„Ich erzähle es dir.“

„Und was du dort wolltest?“

„Auch das.“

„So komm.“

Er führte ihn in eins der nach dem Hof zu offenen Gemächer. Ein Diener des Kawedschi (Kaffewirts) brachte Tabak und Kaffee. Sie setzten sich nebeneinander auf das Polster nieder, und der Neuangekommene brachte seinen Tschibuk in Brand.

Er war jünger als der andere, ihm aber so ähnlich, daß man gleich auf den ersten Blick diese beiden für Verwandte halten mußte.

Und so war es auch. Der Ältere war Abu Hassan der Zauberer, und der Jüngere war Saadi, der einstige Geliebte Liamas, von dem man geglaubt hatte, daß er erschossen worden sei.

„Nun erzähle“, bat Hassan. „Wo bist du gewesen?“

„Das würdest du nie erraten.“

„So sage es.“

„Im Auresgebirge.“

„Dort oben? Was hattest du dort zu tun?“

„Ich suchte die Hütte des toten Marabut.“

„Des Hadschi Omanah?“

„Ja.“

„Allah ist groß. Er gibt den Menschen seine Gedanken. Ich aber bin nicht allwissend und kann nicht ahnen, was du dort wolltest.“

„Der Ort ist ein heiliger Ort. Ich wollte dort beten.“

„Das ist Allah wohlgefällig. Aber wolltest du nicht etwas anderes dort?“

„Ja. Ich wollte die Gebeine des Marabut sehen.“

„Hat dich der Scheïtan (Teufel) besessen! Du hast doch nicht etwa diese Gebeine ausgraben wollen?“

„Gerade das habe ich gewollt.“

„Saadi!“ meinte der andere erschrocken.

„Was meinst du?“

„Weißt du nicht, daß sich der Gläubige verunreinigt, wenn er die Überreste eines Toten berührt?“

„Ich habe die Gebete der Reinigung gesprochen.“

„Und weißt du nicht, daß den, welcher das Grab eines Heiligen entweiht, Allahs Rache und der Fluch des Propheten trifft?“

„Ich weiß es.“

„Und dennoch hast du es getan?“

„Allah wird mir verzeihen, denn meine Absicht war eine gute. Weißt du, was ich gefunden habe?“

„Die Überreste des Marabut.“

„Ja, aber dabei noch ein zweites Gerippe.“

„Das seines Sohnes?“

„Jedenfalls; dieser Sohn ist ermordet worden.“

„Allah il Allah!“

„Ja. Ich habe die Spur ganz deutlich gesehen.“

„Wer mag der Mörder sein?“

„Rate!“

„Irgendein böser Mensch oder gar ein Giaur, welcher Schätze gesucht hat.“

„Das letztere ist richtig. Ein Giaur ist's gewesen. Vielleicht waren es sogar zwei.“

„Der Teufel fahre mit ihnen zur Hölle! Wie aber kannst du das so genau wissen?“

„Weil ich noch einen Fund gemacht habe.“

„Einen guten?“

„Für uns einen sehr guten. Desto schlimmer aber für die Mörder. Wie gut, daß wir gelernt haben, die Sprache dieser Franzosen zu sprechen und zu schreiben.“

Er griff in den Gürtel und zog ein kleines Paket hervor. Er öffnete es. Es enthielt mehrere Schreiben, welche er Hassan hinreichte.

„Hier, lies und staune.“

Die Beleuchtung war so, daß die Zeilen ziemlich deutlich zu sehen waren. Beides, Papier und Schrift, waren sehr gut erhalten, obgleich alt.

Während Hassan las, drückte sich auf seinem sonnenverbrannten Gesicht ein immer wachsendes Erstaunen aus. Als er fertig war, legte er die Papiere zusammen, gab sie an Saadi zurück und sagte:

„Welch eine Entdeckung!“

„Ist sie nicht wichtig und groß?“

„Größer und wichtiger als alles andere. Allah hat deinen Fuß geführt und deine Hand geleitet!“

„Glaubst du, daß er mir verzeihen wird, daß ich in die Hütte des Marabut eingedrungen bin?“

„Er wird dir verzeihen, denn es ist ja sein eigener Wille gewesen. Wo lagen diese Papiere? Mit im Grab bei den Toten?“

„Nein. Da wären sie verfault.“

„Wo denn?“

„In der Mauer.“

„Sie waren da aufbewahrt?“

„Sie lagen dort versteckt. Das Häuschen ist alt, und die Steine sind aus den Fugen gegangen. Einer der Steine, den ich berührte, fiel herab. Hinter ihm war ein Loch; da staken die Papiere.“

„Welch eine Schickung! Es sind Abschriften.“

„Vom Gouverneur unterzeichnet und besiegelt.“

„Wo mögen die Originale sein?“

„Drüben in Frankreich.“

„Meinst du?“

„Gewiß.“

„Wir kommst du zu dieser Vermutung?“

„Oh, ich vermute noch ganz anderes. Fragst du dich denn nicht, wie diese Papiere in die Hütte des Marabuts kommen?“

„Das muß man sich freilich fragen. Die Dokumente eines Franzosen in das Heiligtum eines gläubigen Moslem.“

„Nun, wie willst du das erklären?“

„Weiß ich es? Laß mich nachdenken!“

„Nachdenken? Das habe ich bereits getan.“

„Hast du es gefunden?“

„Ja.“

„So sage es.“

„Kannst Du Dich noch an jene Zeit erinnern, in welcher unser Stamm fast vernichtet wurde?“

„Es ist mir, als sei es erst gestern geschehen. Fluch diesen Franzosen.“

„Es war zu derselben Zeit, als der Marabut mit seinem Sohn verschwand. Ihre Überreste habe ich jetzt gefunden. Aber man fand damals in ihrer leeren Hütte ein altes Buch, welches in einer fremden Sprache gedruckt war.“

„Ich besinne mich. Es enthielt Gedichte. Das sah man aus der Stellung der Zeilen.“

„Nun, wir waren dann später beide in Frankreich und haben da ähnliche Bücher gesehen, welche Gedichte enthalten. Man nennt dort solche Bücher Gesangbücher. Der Ungläubigen singen in ihren Kirchen daraus.“

„Allah ist groß! Meinst du, daß das Buch des Marabuts ein solches Gesangbuch gewesen sei?“

„Ja.“

„Ein Heiliger der Moslems und ein Gesangbuch der Ungläubigen! Bist du toll?“

„Ich bin sehr bei Besinnung. Du aber wirst mich freilich für wahnsinnig halten, wenn ich dir sage, daß Hadschi Omanah ein Christ gewesen ist.“

„Ja, das ist wahnsinnig. Allah gebe, daß du deinen Verstand wiederfindest!“

„Ich habe ihn noch; ich habe ihn noch gar nicht verloren. Hadschi Omanah ist früher ein Christ gewesen und dann zu unserem Glauben übergetreten.“

„So meinst du, daß er kein Sohn der Araber gewesen sei?“

„Nein; er war ein Franke. Ich kenne sogar seinen Namen.“

„Willst du allwissend sein wie Gott selbst?“

„Ich denke nach; darum weiß ich es.“

„Nun, wie soll dieser Name lauten?“

„Baron de Sainte-Marie.“

Dem guten Hassan war der Tschibuk längst ausgegangen. Jetzt aber legte er ihn gar beiseite. Er öffnete den Mund und starrte seinen Verwandten an, als ob er ihn zum ersten Mal sehe.

„Sainte-Marie?“ wiederholte er.

„Ja.“

„Mensch, willst du auch mich um den Verstand bringen?“

„Nein. Denke nach. Hadschi Omanah war ein Baron de Sainte-Marie, der seinen Sohn bei sich hatte. Sie verbargen bei sich diese Papiere, welche Abschriften sind. Sie hatten auch die Originale bei sich.“

„Wozu die Abschriften, wenn sie die Urschriften hatten?“

„Aus Vorsicht, zu ihrer Sicherheit. In den Schluchten des Auresgebirges gibt es wilde Menschen. Geschah etwas, wobei von den Schriften entweder das Original oder die Kopie vernichtet wurde, so war doch wenigstens das andere noch vorhanden.“

„Aber sie können ja gar nicht Sainte-Marie geheißen haben.“

„Warum nicht?“

„Weil es einen Sainte-Marie gibt.“

„Oh, der ist unecht.“

„Du meinst, daß dieser Ben Ali – – –?“

„Ein Schwindler ist.“

„Allah!“

„Und nicht nur ein Schwindler, sondern ein Mörder. Und nicht er allein, sondern dieser Malek Omar mit ihm.“

„Der sich Richemonte nennt?“

„Ja. Sie haben den Hadschi Omanah, den richtigen, echten Sainte-Marie, und dessen Sohn ermordet und die Papiere an sich genommen.“

„Damit Ben Ali Baron werden solle?“

„Ganz gewiß.“

„Saadi, mein Bruder, wenn du recht hättest.“

„Ich habe recht.“

„Das wäre eine Rache an den beiden.“

„Wir werden uns rächen.“

„Aber wann und wie?“

„Das haben wir uns zu überlegen. Sie haben nicht geahnt, daß es noch Abschriften gibt. Mit diesen letzteren können wir beweisen, daß die wirklichen Sainte-Maries tot sind. Nun aber, wie ist es dir seit unsrer Trennung ergangen?“

„Ich habe still gearbeitet. Nun aber hat sich etwas ereignet, was uns auf baldige Rache hoffen läßt.“

„Was?“

„Frankreich wird mit Deutschland Krieg führen.“

„Ist das gewiß?“

„Ja. Deutschland soll überrascht werden. Hast du denn noch nichts gehört?“

„Nein.“

„Die ganze Provinz ist in Bewegung. Die Regimenter der Turkos und Spahis werden nach der Küste gezogen, um schnell eingeschifft werden zu können.“

„Allah sei Dank. Sind die Oasen dann von den Soldaten entblößt, so werden wir uns erheben.“

Hassan schüttelte den Kopf und meinte:

„Das ist eine trügerische Hoffnung. Die Stämme Algeriens werden sich nicht erheben.“

„Warum nicht?“

„Es fehlt ihnen ein Anführer.“

„Wir haben viele tapfere Scheiks.“

„Aber keinen Feldherrn.“

„Wir werden einen finden.“

„Aber keinen Abd el Kader. Nein, nicht hier in der Heimat können wir uns rächen.“

„Wo denn?“

„Drüben, jenseits des Meeres, wenn der Krieg begonnen hat. Diese Franzosen jauchzen bereits. Sie sind siegestrunken, bevor der Krieg noch erklärt worden ist. Aber hast du die blonden Männer der Fremdenlegion gesehen?“

„Ja, das sind die tapfersten und edelsten.“

„Das sind Deutsche. Hast du gehört, von wem Napoleon der Große vernichtet worden ist?“

„Von den Deutschen.“

„So wird es auch diesmal werden.“

„Allah gebe es!“

„Alle Gläubigen beten zu Allah, daß unsere Unterdrücker vernichtet werden. Und jeder Moslem ist bereit, das seinige dazu zu tun.“

„Und doch müssen unsere Brüder für Frankreich fechten.“

„Sie werden es nicht tun.“

„Oh, man wird sie zwingen.“

„Sie werden sich nicht zwingen lassen, sondern zum Feind überlaufen, wenn man sie gegen ihn führt. Es geht durch die Reihen der Spahis und Turkos eine heimliche Bewegung, von der du dich bald überzeugen sollst. Aber was kümmert das jetzt uns? Wir haben weit anderes zu tun. Ich weiß, wie wir uns persönlich an Frankreich rächen können.“

„Wie?“

„Indem wir Kapitän Richemonte vernichten.“

„Was sollte dies Frankreich schaden?“

„Habe ich dir nicht erzählt, daß ich drüben erfahren habe, er stehe an der Spitze einer Verschwörung gegen Deutschland?“

„Du sagtest es.“

„Nun, wenn wir ihn stürzen, so bricht der ganze Plan zusammen. Diese Abschriften müssen ihn verderben.“

„So willst du wieder nach Ortry, trotzdem du von diesem Ort geflohen bist, hinüber?“

„Ich floh vor dem Geist, den ich erblickte.“

„Hassan, weißt du genau, daß es ein Geist war?“

„Ja.“

„Kannst du es beschwören?“

„Ihr Körper kann es nicht gewesen sein.“

„Warum nicht?“

„Weil sie tot ist.“

„Sie könnte vielleicht noch leben.“

„Könnte da der Baron ein anderes Weib haben?“

„Da drüben gelten andere Gesetze.“

„Man hat nicht anders gewußt, daß Liama das christlich angetraute Weib des Barons sei.“

„So gibt es demnach noch eine Möglichkeit, daß sie noch lebt. Man hat sie nur beseitigt. Hast du ihren Geist genau betrachtet?“

„Ich habe ihn genau gesehen.“

„Wie war er gekleidet?“

„In die Tracht unseres Landes.“

„Verstandest du, was er sagte?“

„Jedes Wort.“

„In welcher Sprache redete er?“

„In französischer.“

„O Hassan, ich glaube, du täuschst dich. Ihr Geist hätte ganz sicher gewußt, daß du es bist, und dann hätte er arabisch gesprochen.“

„Ein Geist redet die Sprache desjenigen Landes, in welchem er erscheint. Liama erschien unter Donner und Blitz. Kann das ein Mensch?“

„Ja. Man hat Pulver.“

„Oh, das war kein Pulver. Die ganze Erde bebte und brannte. Ich bin davongestürzt.“

„Aber jene beiden Männer blieben?“

„Ich weiß es nicht.“

„Du bist zu eilig gewesen. Warum hast du dann nicht wenigstens in der Stadt gewartet? Du konntest erfahren, welchen Ausgang es genommen hatte.“

„Sollte ich mich als Leichenräuber festnehmen lassen?“

„Ich will dich nicht tadeln, daß du zu vorsichtig gewesen bist. Wir werden wieder hinübergehen, und dann suche ich das Grab selbst auf, um mich zu überzeugen, daß es die Überreste meiner Liama wirklich enthält.“

„Deiner Liama – – –? Sie war das Weib des Barons.“

„Nie.“

„Glaubst du ihrer Versicherung wirklich so fest?“

„Ich glaube an sie wie an mich selbst. Dieser falsche Baron hat nur sagen dürfen, daß sie wirklich sein Weib sei.“

„So ist ihre Tochter die deinige?“

„Sie ist es. Ich war mit Liama verlobt, und sie wurde vor Allah mein Weib, als ich sie fand und heimlich bei ihr wohnte. Da treten neue Gäste ein. Gehen wir, Hassan. In unserer Wohnung können wir ungestört weitersprechen.“

Sie bezahlten, was sie genossen hatten, und verließen dann das Kaffeehaus.

Es war Mondschein. Sie wandelten im Schatten der Häuser. Aber als sie um die Ecke bogen, kamen sie in den vollen Schein, ebenso auch ein Mann, welcher von der anderen Seite kam und fast mit ihnen zusammengerannt wäre.

Alle drei hielten ihre Schritte an und sahen einander unwillkürlich in die Gesichter.

„Hassan der Zauberer“, entfuhr es dem Mann.

„Vater Main!“ rief dagegen Hassan. „Mensch, wie kannst du wagen – – – Allah, Allah!“

Er stieß diese beiden Rufe aus, weil er vom Vater Main einen fürchterlichen Hieb in die Magengegend erhalten hatte, so daß er an die Mauer taumelte. Der einstige Pariser Wirt rannte davon. Saadi wollte ihm nach, hielt es aber doch für nötiger, nach dem Bruder zu sehen.

„Ist's gefährlich?“ fragte er ihn.

„Nein. Schon ist's vorüber. Dorthin rannte er. Schnell ihm nach.“

Beide eilten in die Richtung hin, in welche Main entflohen war. Sie kamen bis an das Ende der Straße, ohne ihn erblickt zu haben. Sie sahen nun nach rechts und links in die Querstraßen hinein, ohne ihn zu bemerken.

„Er ist fort“, meinte Saadi.

„Entkommen, der Schuft.“

„Du kennst ihn?“

„Freilich. Ich nannte ja seinen Namen.“

„Wer ist er?“

„Ein ganz gefährlicher Verbrecher, welcher aus Paris entflohen ist. Er wurde Vater Main genannt. In seinem Haus verkehrten nur böse Menschen. Er hatte ein sehr vornehmes Mädchen geraubt, um ein großes Lösegeld zu erlangen.“

„Hätte ich das gewußt!“

„Was hättest du getan?“

„Ihn sogleich festgehalten.“

„Man wird ihn ohnedies ergreifen, denn ich gehe gleich am Morgen zur Polizei, um zu melden, daß er sich hier befindet.“

Sie setzten ihren Weg fort, ohne zu ahnen, daß sich der, von welchem sie sprachen, ganz in ihrer Nähe befand. Das Nachbarhaus desjenigen, an welchem sie stehengeblieben waren, war nämlich, wie so manches in Algier, unbewohnt, weil es halb in Trümmern lag. Die Tür hing zwar noch in den Angeln, wurde aber nicht mehr verschlossen.

Hinter diese Tür war Vater Main geschlüpft und hatte sie so herangedrückt, daß es den Anschein hatte, als ob sie verschlossen sei. Er hörte ganz deutlich, was Hassan erzählte.

„Verräter!“ murmelte er, als sie fortgegangen waren. „Ich stoße dir das Messer in den Leib, sobald du mir wieder begegnest. Wie gut, daß diese beiden Menschen nicht wußten, welch ein prächtiger Schlupfwinkel dieses alte Seeräuberhaus ist.“

Er tappte sich im Finstern bis in den Hof und kletterte da an einer Mauer empor. Drüben sprang er in den Hof eines andern Gebäudes herab, schlich sich über denselben hin und gelangte an eine Tür, an welche er klopfte. Drinnen ertönte eine Stimme:

„Wer?“

„Ich selbst.“

„Gleich!“

Nach wenigen Augenblicken wurde geöffnet. Vater Main trat in einen jetzt ganz dunklen Raum.

„Warum hast du kein Licht?“ fragte er.

„Brauche keins.“

„Hast wohl geschlafen?“

„Ja.“

„Faulpelz!“

„Hm! Du schwitzt wohl vor lauter Arbeit?“

„Wenigstens bekümmere ich mich weit mehr als du um das, was uns von Nutzen ist.“

„Pah! Was brauchen wir jetzt? Eine Handvoll Datteln täglich; das ist genug. Warum soll man sich da übermäßig anstrengen?“

„Aber in Zukunft.“

„Warte nur ganz ruhig bis der Krieg losgeht; dann beginnt unsere Zukunft, eher aber nicht.“

„Na, wann wird denn Licht?“

„Ach, Licht willst du?“

„Natürlich! Ich denke, du bist aufgestanden, um welches anzuzünden?“

„Fällt mir nicht ein. Ich brauche keins. Ich bin doch nur aufgestanden, um dir zu öffnen.“

„Und dich dann gleich wieder aufs Lager zu werfen.“

„Ja. Kann man was besseres tun?“

Vater Main antwortete vorerst nicht. Er brannte eine alte Lampe an, welche er in eine Mauernische stellte. Nun erkannte man den kellerartigen Raum, welcher früher wohl einmal als Badestube benutzt worden war. Jetzt war er völlig kahl und leer. Nur in der einen Ecke lag eine alte Strohmatte. Daneben stand ein Krug. Lampe, Krug und Matte bildeten das einzige Mobiliar dieser Wohnung; auf der Matte aber lag kein anderer als – Lermille, der flüchtige Bajazzo, welcher in Thionville seine Stieftochter vom hohen Seil gestürzt hatte.

Vater Main brachte einen Zigarrenstummel aus der Tasche, brannte ihn an und setzte sich auf den Steinboden. Lermille zog den Duft des Krautes gierig ein und sagte:

„Donnerwetter! Das ist nicht Ordinäres. Wie kommst du zu so einer Exquisiten?“

„Ich sah den Stummel am Kai liegen.“

„Glückskind! Den hat kein Lump weggeworfen. Hast du sonst etwas mitgebracht?“

„Nichts, gar nichts.“

„Auch kein Geld?“

„Nein.“

„So bin ich gescheiter gewesen als du. Ich begebe mich lieber gleich gar nicht in die Gefahr, erkannt und erwischt zu werden. Ist nachher der Mond hinab, so gehe ich, um Wasser zu holen und einige Datteln zu stehlen; das reicht ganz gut bis morgen. Ich bin froh, die See zwischen Paris und mir zu haben, und will jetzt nicht gleich wieder verwegen sein, wie ein Leiermann.“

„Hast auch Ursache dazu.“

„Ich denke, du ganz ebenso.“

„Habe soeben erst den Beweis erlebt.“

„Ah! Wieso?“

„Ich hatte ein wunderbar hübsches Wiedersehen.“

„Mit wem?“

„Rate einmal!“

„Laß mich in Ruhe. Was man mir sagen kann, brauche ich nicht erst zu erraten. Ich habe meinen Kopf für nützlichere Dinge nötig. Also, wen hast du wiedergesehen?“

„Einen früheren Herrn Prinzipal von dir.“

„Welchen? Ich habe viele Prinzipale gehabt.“

„Es wird der letzte gewesen sein.“

„Doch nicht etwa Hassan der Zauberer?“

„Gerade dieser.“

„Alle Teufel.“

„Sieh, wie du dich freust!“ höhnte Vater Main.

Der Bajazzo war von seinem Lager aufgesprungen.

„Ist's wahr?“ fragte er.

„Ja.“

„Wann?“

„Vor zwei Minuten.“

„Wo?“

„Draußen auf der Straße.“

„Wie kommt dieser Kerl nach Algier?“

„Dumme Rede! Er kann ja viel eher nach Algier kommen als jeder andere deiner früheren Herren. Er ist ja ein Eingeborener.“

„Hat er dich früher gekannt?“

„Sehr gut.“

„Und dich wohl gar jetzt erkannt?“

„Sofort.“

„Donnerwetter! Was sagte er?“

„Er hatte noch einen bei sich. Diese beiden Kerls hätten mich höchstwahrscheinlich festgehalten; aber ich gab ihm eins auf den Leib, so daß er taumelte, und riß aus.“

„Verfolgten sie dich?“

„Höchst eifrig. Es gelang mir aber, drüben hinter die Tür zu kommen. Sie blieben in der Nähe stehen, und ich hörte, was sie schwatzten.“

„Was sagten sie?“

„Hassan will morgen gleich früh melden, daß er mich gesehen hat.“

„Verdammt!“

„Hast du Angst?“

„Lache nicht. Wir stehen bei der Polizei so gut angeschrieben, daß sie sich ganz außerordentlich nach uns sehnt.“

„Das ist eine große Ehre für uns.“

„Aber höchst unbequem. Erfährt man, daß wir hier in Algier sind, so wird sicher eine Razzia abgehalten. Wie wollen wir dieser entkommen?“

„Vielleicht sind wir dann bereits fort.“

„Wohin?“

„Weiß es noch nicht.“

„Weil wir überhaupt noch nicht fortkönnen.“

„Oho!“

„Wohin willst du ohne Geld?“

„Werden wir denn ohne Geld gehen?“

„Du sagst ja, daß du keines hast.“

„Das ist auch Wahrheit. Aber was nicht ist, das kann noch werden.“

„Ah! Sapperment! Du hast eine Gelegenheit erspürt?“

„Hm! Du tust so etwas nicht.“

„Du oder ich; das ist ganz egal. Ist nur erst einmal etwas gefunden, so bleibe ich bei der Ausführung sicherlich nicht zurück. Also, was ist's?“

„Es war ein zweites, ganz unerwartetes Wiedersehen.“

„Mit wem? Kenne ich ihn?“

„Auch sehr gut.“

„Ein Pariser?“

„Ja. Der Lumpenkönig.“

„Alle Teufel! Lemartel?“

„Ja.“

„Wenn das wahr wäre!“

„Natürlich ist es wahr!“

„Er ist wirklich da?“

„Freilich.“

„Was mag der in Algier wollen?“

„Ich weiß es bereits, obgleich es nicht leicht war, dies auszuspionieren. Er hat nämlich so etwas wie eine Armeelieferung übernommen, wahrscheinlich für hiesige Truppen, und hat sich nun an Ort und Stelle begeben, um sich zu informieren.“

„Wo wohnt er?“

„Im Hotel du Nord.“

„Allein?“

„Seine Tochter ist bei ihm.“

„Bedienung?“

„Kein Mensch. Dazu ist er zu geizig.“

„Hat er dich gesehen?“

„Nein. Ich stand am Kai, als er sich ausschiffte, und bin ihm bis ans Hotel gefolgt.“

„Gewiß hat der Kerl Geld mit!“

„Natürlich.“

„Du meinst, wir wollen ihn schröpfen?“

„Wärst du denn mit von der Partie?“

„Auf alle Fälle.“

„Schön! Es kann uns gar nichts Gelegeneres kommen. Wir müssen morgen früh fort sein. Ohne Geld geht das nicht. Wir holen es bei Lemartel.“

„Aber wenn er nichts herausgibt? Du weißt, wie er es mit uns bereits gemacht hat.“

„Nun, so kitzeln wir ihm so lange die Hände, bis er in die Tasche greift.“

„Oder an den Hals.“

„Bis wir in seine Tasche greifen können? Auch gut.“

„Weißt du, welche Zimmer er bewohnt?“

„Natürlich habe ich nicht eher geruht, als bis ich das genau erfahren habe. Er hat drei Zimmer der ersten Etage genommen, zwei für sich und eins für seine Tochter.“

„Wie liegen diese Zimmer?“

„Nummer eins sein Arbeits-, Nummer zwei sein Schlafzimmer und Nummer drei das Boudoir für das gnädige Fräulein.“

„Hm! Wollen wir uns auch an das Mädchen machen?“

„Möglichst nicht.“

„Dann müssen wir kommen, ehe er schlafen geht.“

„Freilich. Später würden wir ja überdies auf keinen Fall zu ihm können.“

„Ah, du willst es wagen, offen zu ihm zu gehen?“

„Das ist das allerbeste.“

„Aber da wird man uns sehen.“

„Was schadet es?“

„Es schadet sehr viel, falls wir Gewalt anwenden müssen.“

„Pah! Man wird uns nicht so genau betrachten. Übrigens haben wir drüben den alten Juden, welcher uns für kurze Zeit zwei Kaftans leihen wird. Das wird uns so verstellen, daß man uns später nicht erkennen kann.“

„Wie weit gedenkst du zu gehen, wenn er sich weigert, in den Beutel zu greifen?“

„Grad so weit, wie er uns treibt.“

„Das heißt, unter Umständen sogar – – – so weit?“

Er fuhr sich dabei mit dem Finger quer über den Hals.

„Ja“, antwortete Vater Main bestimmt.

„Sapperment! In diesem Fall hieß es freilich, das Bündel auf Nimmerwiedersehen schnüren!“

„Wir können nur gewinnen, wenn wir wagen.“

„Gut. Also, wann beginnen wir?“

„Besser ist's, wir versäumen keine Zeit. Gehen wir also lieber schon jetzt zu dem Juden.“

Sie löschten ihre Lampe aus und verließen den Raum. Im Hof halfen sie einander auf die Mauer und sprangen dann in einen Hof hinab. Auch hier herrschte eine wahre Grabesstille. Sie schlichen sich im Schatten nach einer Ecke, wo es eine niedrige Tür gab, an welche sie leise klopften.

Ein unterdrückter Husten ließ sich hören, dem man es anmerkte, daß er als Antwort gelten solle. Aber erst nach einiger Zeit wurde geöffnet. Eine weibliche Stimme fragte leise:

„Wer ist gekommen, zu klopfen an diese Tür?“

„Freunde.“

„Wie heißen sie?“

„Wir sind Nachbarn.“

„Ah, daran erkenne ich die Messieurs!“

„Ist Salomon Levi daheim?“

„Bringen Sie etwas?“

„Nein.“

„Was wollen Sie?“

„Einen Umtausch.“

„So will ich erst sehen, ob er hat Zeit, sprechen zu lassen mit sich wegen Umtausch.“

Sie ging und schloß die Tür vor ihnen zu.

„Verdammte Hexe!“ murmelte der Bajazzo.

„Schimpfe nicht. Die Alte ist ein wahrer Schatz.“

„Willst du ihn heben?“

„Pah! Ich meine natürlich, ein Schatz für ihren Levi.“

„Aber wenn er uns nicht einläßt.“

„Ich hoffe, daß er uns nicht abweist. Er hat die letzten drei Male keinen üblen Handel an uns gemacht. Mir scheint überhaupt, als ob er uns gewogen sei.“

Jetzt wurde die Tür geöffnet. Die Alte streckte den Kopf vor und meldete:

„Die Messieurs sollen kommen.“

Sie ließ die beiden eintreten, verriegelte die Tür und schritt ihnen dann voran. Es schien durch einen langen, engen Gang zu gehen, den die beiden jedenfalls bereits kannten, denn sie folgten der Alten ohne Zaudern, bis diese eine Tür öffnete, aus welcher ihnen der Schein einer trüben Lampe entgegenfiel.

Die Stube, in welche sie eintraten, war sehr klein und enthielt nichts als einen Tisch und vier alte Stühle. Auf ersterem stand die brennende Öllampe, und auf einem Stuhl davor saß Salomon Levi, der sie erwartete.

Dieser Jude war vielleicht sechzig Jahre alt und besaß ein vertrauenserweckendes, ja fast ehrwürdiges Aussehen. Wer ihn nicht kannte, hätte wohl nicht geglaubt, daß er der berüchtigtste Hehler des ganzen Landes sei.

„Rebekka, kehre zurück zum Eingang“, sagte er, „und wache, daß nicht gestört werde unser Gespräch.“

Und als die Alte sich entfernt hatte, fuhr er fort:

„Seid willkommen, Messieurs! Nehmt Platz und sagt, womit ich kann dienen so guten Freunden.“

Sie setzten sich, und Vater Main ergriff das Wort:

„Gute Freunde? Wirklich?“

„Ja. Oder habe ich bewiesen das Gegenteil?“

„Nein.“

„Also, was wünschen Sie?“

„Zwei Kaftans für ganz kurze Zeit.“

„Wie lange ungefähr?“

„Zwei Stunden.“

„Gegen Kaution?“

„Wir haben kein Geld.“

„Hm!“ brummte er bedenklich.

„Wir lassen unsere Röcke hier.“

„Diese Röcke sind nicht viel wert.“

„Na, geben Sie uns getrost Kredit! Wenn wir zurückkehren, werden wir reichlich zahlen.“

Er nickte leise vor sich hin, musterte sie mit einem scharfen Blick, lächelte überlegen und sagte dann:

„Das will ich wohl glauben.“

Es lag etwas in diesen Worten, was den Bajazzo frappierte. Darum fragte er:

„Wie meinen Sie das?“

„Ich meine, daß da, wohin Sie gehen werden, allerdings etwas zu holen ist.“

„Nun, wohin wollen wir denn gehen?“

„Ins Hotel du Nord?“

Beide erschraken.

„Fällt uns nicht ein!“ sagte Vater Main.

Der Jude lächelte überlegen und antwortete:

„Streiten wir uns nicht. Ich kenne meine Leute sehr genau. Ist Ihnen vielleicht der Name Lemartel bekannt?“

„Nein“

„Hm. Sollte ich mich wirklich irren? Sie sind doch geschlichen heute so viel um das Hotel.“

„Ich?“ fragte Main.

„Ja, Sie.“

„Da irren Sie sich.“

Der Jude nickte ihm wohlwollend zu und sagte:

„Sie können immer aufrichtig sein mit mir. Mein Geschäft bringt es mit sich, daß ich überwachen lasse meine Kunden genau. Ich weiß, daß Sie am Hotel du Nord rekognosziert haben. Daraus schließe ich, daß Sie dort etwas beabsichtigen.“

„Und dennoch irren Sie sich. Unser Weg führt nach einer ganz anderen Richtung.“

Er tat, als ob er es glaube, indem er sagte:

„Nun, so mag es sein. Geht mich allerdings auch gar nichts an. Aber da ich hörte, daß ein alter Bekannter dort abgestiegen ist, so – – –“

„Von uns?“

„Ja.“

„Wer ist das?“

„Eben dieser Monsieur Lemartel.“

„Sie irren sich wirklich. Wir kennen keinen Lemartel, wirklich nicht.“

„Wenn das so ist, so kenne ich Sie auch nicht.“

„Wir haben Ihnen unsere Namen mitgeteilt.“

„Ja. Sie heißen Marmont und Ihr Kamerad hier Chapelle?“

„Ja.“

„Nun, so täusche ich mich unmöglich. Sie müssen diesen Monsieur Lemartel sehr genau kennen.“