/ Language: Deutsch / Genre:adv_history / Series: Liebe des Ulanen

Im Auftrag Seiner Majestät

Karl May


ERSTES KAPITEL 

Zwei Gegner

Der Moseldampfer, welcher des Morgens halb sieben Uhr von Koblenz abfährt, um nach einem Übernachten in Traben-Trarbach die Passagiere nach Trier zu bringen, hatte Zell verlassen und arbeitete sich von neuem auf den Wellen des herrlichen Stromes aufwärts.

Nebst anderen Passagieren, welche meist den zweiten Platz besetzten, war eine Gesellschaft junger Herren aufgestiegen, welche sich in jener selbstbewußten, nonchalanten Weise nach dem ersten Platz begaben, die den Angehörigen einer bevorzugten Gesellschaftsklasse eigen zu sein pflegt. Sie musterten die Mitfahrenden von oben herab und nahmen unter dem gegen die Sonnenstrahlen aufgespannten Schutzdach Platz, ohne sich darum zu kümmern, ob sie anderen die wohl berechtigte Aussicht auf die lachenden Ufer raubten, oder in sonst einer Weise lästig wurden. Ihr in französischer Sprache geführtes Gespräch war so lärmend, so rücksichtslos laut, daß sich aller Blicke verweisend auf sie richteten, doch nahmen sie nicht die geringste Rücksicht darauf. Bei Leuten, welche einer der unteren Volksklassen angehörten, hätte man dieses Verhalten ungezogen genannt; hier jedoch schwieg man, indem man es vorzog, die Rücksichtslosigkeit nur im stillen zu kritisieren.

Einer von jenen, welcher ein riesiges Monokel in das Auge gepreßt hatte, deutete mit seinem Stöckchen auf das Ufer und sagte so laut, daß es jeder auf dem Schiffe hören konnte:

„Lieber Graf, ist es nicht eine Schande, daß ein so schöner Fluß und ein so reizendes Land unserem Frankreich noch immer vorenthalten werden? Wann endlich werden wir einmal marschieren, um uns die linke Seite des Rheines, welche uns gehört, zu holen! Ich hasse die Deutschen!“

„Und bereist doch ihre Länder, bester Oberst!“ meinte spöttisch derjenige, an welchen die Worte gerichtet gewesen waren.

„Pah!“ antwortete der Oberst. „Man weiß ja, weshalb man sie bereist. Muß man nicht einen Gegenstand, den man erlangen will, vorher prüfen und kennen lernen?“

Er sprach das in einem Ton, als ob man hinter seinen Worten ein wichtiges Geheimnis zu suchen habe. Er war ein wirklich schöner Mann, und da er bei seiner Jugend bereits den Rang eines Obersten bekleidete, so war anzunehmen, daß er von außergewöhnlicher Geburt sei und einflußreiche Verbindungen besitze.

„Donnerwetter, still“, sagte sein Nachbar halblaut. „Du gerätst sonst in Gefahr, von diesen guten Teutonen für einen geheimen Gesandten gehalten zu werden!“

„Mögen sie es tun! Diese Herren Spießbürger sind sehr ungefährlich. Ein Kampf mit ihren tapferen Heerscharen müßte ein wahres Vergnügen sein. Ich bin überzeugt, daß wir im Falle eines Krieges einen sehr unterhaltenden Spaziergang nach Berlin machen würden, ohne von ihnen aufgehalten zu werden!“

„Darüber gibt es gar keinen Zweifel, nämlich, was den Spaziergang betrifft; ob er aber wirklich viel Unterhaltung bringen würde, das ist sehr fraglich. Diese Deutschen sind ein höchst langweiliges Volk, roh, grob zugehackt. Blicke dich um! Findest du unter den weiblichen Passagieren ein einziges Gesicht, welches wert wäre, geküßt zu werden? Ich werde einmal nach der Kajüte gehen, um zu sehen, ob es dort vielleicht etwas Besseres gibt.“

Er erhob sich und stieg die enge Treppe hinab, welche unter Deck führte. Wer die beiden Damen sah, welche da unten auf der schwellenden Plüschottomane saßen, der mußte sich sagen, daß der Graf hier finden werde, was er suchte.

Es waren eine Blondine und eine Brünette. Die erstere war von mittlerer Größe und sehr feinen, doch jugendlich vollen Formen. Unter langen, weichen Wimpern glänzte das milde Licht zweier himmelblauer Augen, durch welche man tief auf den Grund einer sanften, hingebenden Seele blicken zu können schien. Dieses Mädchen war zwar keine imposante, hinreißende Schönheit, aber in ihrer Anmut und Lieblichkeit mußte sie selbst in einem auserwählten Damenkreis durch ihre Erscheinung hervorragen.

Ganz anders die Brünette. Von hoher, junonischer Gestalt, schien sie nur zum Gebieten bestimmt zu sein. Ihre Züge glichen denjenigen, welche die Maler jenen persischen Schönheiten zu geben pflegen, welche geschaffen sind, die Sterne eines ganzen Harems zu verdunkeln. Der herrlich modellierte Kopf trug eine Fülle kastanienbrauner Haare, welche die Zofe jedenfalls nur schwer in die moderne Frisur bändigen konnte. Auf der alabasterweißen Stirn thronte ein Adel, welcher dem Gesicht den Charakter der Unnahbarkeit verlieh. Die großen, unter herrlich geschwungenen Brauen blitzenden und von vollen, seidenen Wimpern beschatteten Augen besaßen jene mandelähnliche Form, welche nur der sonnige Orient seinen feurigen Töchtern verleiht; doch war diese Form nicht in jener Weise ausgeprägt, welche man oft an den unvermischt gebliebenen Kindern Israels bemerkt. Das nur leicht und außerordentlich graziös gebogene Näschen war zwar sehr fein geschnitten, zeigte aber doch zwei rosig angehauchte Flügel, welche sich ganz energisch aufzublähen vermochten. Der kleine Mund war geradezu wunderbar geschnitten. Ganz wie zum glühenden, überwältigenden Kuß gemacht, zeigten die granatroten Lippen doch nicht jene schwellende Fülle, welche nur das Vorrecht besonders sinnlicher Naturen zu sein scheint. Und wenn sich diese Lippen zu einem Lächeln öffneten, so erschienen zwei Reihen perlenkleiner Zähnchen, an denen sicher selbst der erfahrenste Zahnkünstler kein Fehlerchen hätte entdecken können. Dieser Mund stand eigentlich im Widerspruch mit sich selbst, doch gerade dieser Kontrast war es, der ihn bezaubernd machte. Um die eigenartig graziöse Schwingung der Lippen lagerten sich Trotz und Sanftmut, Stolz und Milde, Selbstbewußtsein und Hingebung, Kühnheit und weibliches Zagen, und es mußte der Zukunft überlassen bleiben, welche von diesen Eigenschaften die Oberhand erlangen und dem Gesichte dann sein dauerndes Gepräge erteilen würde.

Die Gestalt dieser Dame war voll, aber nicht unschön-üppig, obgleich ein pedantischer Kritikus vielleicht gesagt hätte, daß der Busen, welcher seine sommerlich leichte Hülle zu zersprengen drohte, die Blicke der Männer ein ganz klein wenig zu sehr auf sich ziehe. Das feingewebte, eng anschließende Reisekleid war nicht vermögend, die herrlichen Formen eines sinnberückenden Körperbaus ganz zu verbergen. Das kräftig gebaute Händchen schien nur bestimmt zu sein, mit Inbrunst an das Herz gedrückt zu werden, und unter dem leise emporgerafften Saum des Kleids blickte ein Füßchen hervor, welches den Neid von tausend Damen zu erwecken vermochte.

Diese beiden Mädchen waren in ein sehr eifriges Gespräch vertieft. Sie führten dasselbe, obgleich sie sich ganz allein befanden, doch mit unterdrückter Stimme. Es war daraus zu erraten, daß sie sich vielleicht sehr wichtige und doch sehr jungfräuliche Geheimnisse mitzuteilen hatten.

„Aber, liebe Marion“, sagte die Blonde, „davon habe ich bisher ja gar nichts gewußt. Ich denke, wir haben niemals ein Geheimnis gehabt, und nun erfahre ich zu meinem Erstaunen, daß du gerade das allerwichtigste, was es für ein Mädchen gibt, mir so lange Zeit und so hartnäckig verschwiegen hast!“

Die Brauen der Brünetten zogen sich leicht zusammen, und sie antwortete:

„Ich habe mich keiner ungerechtfertigten Zurückhaltung gegen dich schuldig gemacht, meine gute Nanon. Ich habe dieses Geheimnis ja erst aus dem letzten Brief erfahren, welchen Papa mir schrieb. Hier, lies selbst.“

Ihre Stimme klang kräftig, voll und rein wie Glockenton. Man hörte es ihr an, daß sie vom gebieterischsten Befehl bis herab zum süßesten Liebesgeflüster aller Modulationen fähig sei. Es war das eine Stimme von seltener Fülle und dabei doch biegsam und weich; sie besaß die Kraft des Herrschens und die Innigkeit des Einschmeichelns; sie klang so sonor und doch so warm; ihr Ton schien nicht zwischen den Ligamenten des Kehlkopfes, sondern in der Tiefe der Brust gebildet zu werden, oder aus der untersten Kammer des Herzens, dem heiligsten Innern der Seele, zu kommen. Wer die Stimme hörte, wurde gebannt und ergriffen wie einer, der im Dunkel eines hohen Doms kniet und plötzlich aus der Höhe des Orgelchores wunderbare, zauberische Klänge aus dem Mund unsichtbarer Sänger erzittern hört.

Marion griff in ein zierliches Saffiantäschchen, welches an ihrem Gürtel hing und dessen massiv goldener Bügel mit echten Ceylonperlen besetzt war; sie zog einen Brief hervor, welchen sie der Freundin reichte. Diese öffnete ihn und während sie las, nahmen ihre lieblichen Züge den Ausdruck des höchsten Erstaunens an; als sie das Blatt wieder zusammengefaltet hatte und es zurückgab, sagte sie unter einem bedenklichen Schütteln des feinen Köpfchens:

„Das ist wirklich ganz außerordentlich! Du sollst schleunigst nach Hause zurückkehren, um den dir bestimmten Bräutigam kennen zu lernen. So hast du diesen Oberst, Graf Rallion, noch niemals gesehen?“

„Nie. Ich weiß nur, daß die Rallions von sehr altem, aber verarmtem Adel sind, und daß der jetzige Chef der Familie die Gunst der Kaiserin, also auch des Kaisers, in hohem Grad besitzt. Dies ist jedenfalls der Grund, daß sein Sohn bereits Oberst ist, obgleich er ein noch jugendliches Alter zu besitzen scheint.“

„Aber wie kommt dein Papa zu dem Projekt dieser rein geschäftsmäßigen Verbindung!“

„Das ist auch mir ganz unbegreiflich. Ich werde es aber baldigst erfahren.“

Diese Worte waren in einem sehr bestimmten Ton gesprochen, und jetzt konnte man deutlich das energische Erzittern der Nasenflügel beobachten.

„Kennt der Oberst dich vielleicht, Marion? Als Freundin darf ich dir wohl sagen, daß du sehr, sehr schön bist. Es ist leicht möglich, ja wahrscheinlich, daß er dich zu besitzen wünscht, wenn er dich einmal gesehen haben sollte.“

Die Gefragte ließ ein merkwürdig geringschätziges Lächeln um ihre schönen Lippen spielen, als sie antwortete:

„Das wäre wohl ganz und gar kein Grund, ihm meine Freiheit und Selbständigkeit zu opfern. Wer mich einst besitzen will, der muß es verstehen, sich nicht nur meine Liebe, sondern auch meine größte Hochachtung zu erwerben. Ich werde mich niemals verschenken.“

So sprechend, warf sie den Kopf mit einer unnachahmlich stolzen Bewegung zurück. Man sah, daß sie sich ihres Wertes sehr wohl bewußt war.

„Ah, du hast wohl gar ein Ideal?“ fragte Nanon lächelnd.

„Ich habe eins, wie jedes junge Mädchen“, lautete die Antwort. „Ich weiß auch, daß dieses Ideal ein Unding, ein Phantasiegebilde ist. Aber eigentümlich – eigentümlich –“

Sie hielt mitten im Satz inne. Ihre vorher so selbstbewußt leuchtenden Augen nahmen plötzlich einen sinnenden Ausdruck an, mit dem sie sich durch das offene Fenster hinaus auf die Wellen richteten, welche unter dem Rad des Dampfers wild hervorschäumten und weit ausgreifende, dunkle Wasserfurchen bildeten, deren gischtgekrönte Massen die diamantenen Strahlen des Sonnenlichts zurückwarfen.

„Was?“ fragte die Freundin. „Was ist eigentümlich?“

Marion strich sich mit der Hand leise über die Stirn und antwortete langsam:

„Es ist eigentümlich, ja sogar wunderbar, daß ich einen Mann gesehen habe, welcher ganz genau den Körper, das Äußere meines Ideals besitzt. Die Seele freilich wird demselben desto unähnlicher sein. Ich war fast erschrocken, als ich die Gestalt, von welcher ich so oft geträumt hatte, plötzlich in Wirklichkeit erblickte.“

„Das ist allerdings fast ein Wunder zu nennen. Du bist glücklich, liebe Marion. Wenn doch ich auch einmal mein personifiziertes Ideal sehen könnte! Aber sag', wo hast du den Mann getroffen, und wer war er?“

„Es war in Dresden, und er war Offizier. Ich fuhr nach dem berühmten Blasewitz, welches Schiller durch seine ‚Gustel‘ verewigt hat, und begegnete da auf der Straße einer kleinen Truppe von Offizieren. Sie jagten an meinem Wagen vorüber, flüchtig wie Phantome, und doch sah ich das Bild meiner Träume unter ihnen – es war dabei.“

„Wie interessant, wie romantisch, liebe Marion, hast du ihn wiedergesehen?“

„Ihn nicht; aber – sein Bild!“

„Ach! Erzähle! Du hast dich vielleicht nach ihm erkundigt?“

„Wie wäre dies möglich gewesen? Übrigens erwartetest du mich in Berlin; ich hatte Eile. Aber du weißt, daß ich mich in Berlin photographieren ließ. Ich mußte einige Augenblicke ganz allein im Atelier warten und betrachtete die Porträts und Landschaften, welche da an den Wänden hingen und auf den Tischen lagen. Da – da erblickte ich sein Bild. Er war es, ganz genau getroffen, genauso stolz und schön, in der Ulanenuniform, wie er in Dresden an mir vorübergestürmt war. Sein Bild hatte Visitenkartenformat; es war ein Brustbild, es lagen einige Dutzend Exemplare auf einem Häufchen beisammen auf dem Tisch –“

„Welch' glücklicher Umstand!“ rief Nanon. „Weißt du, was ich an deiner Stelle getan hätte?“

„Jedenfalls dasselbe, was ich tat“, lächelte Marion. „Ich war allein; niemand sah es – ich wurde zur Diebin; ich stahl eine der Karten und steckte sie zu mir.“

Da schlug Nanon fröhlich die Hände zusammen und frohlockte:

„So werde auch ich dein Ideal zu sehen bekommen! Welch' eine durchtriebene Spitzbübin doch diese stolze, kühle Marion ist! Du hast dir die Photographie doch heilig aufbewahrt?“

„Das versteht sich!“

„Oh, wenn du sie doch bei dir hättest! Ich vergehe vor Neugierde, vor Sehnsucht, das schöne Traumbild, das sich so unverhofft verkörpert hat, zu sehen, lerne ich doch so die innersten Regungen deines Herzens kennen!“

Ihre Augen richteten sich mit wirklicher Begierde auf Marions Hände, welche nach dem bereits erwähnten Täschchen gegriffen, um dasselbe zu öffnen und die dort verborgene Karte hervorzuziehen.

„Du hast sie? Sie ist da?“ fuhr sie fort. „Nun sollte noch sein Name dabeistehen; denn du konntest den Photographen unmöglich nach demselben fragen, da der Mann sonst ja gewußt hätte, wer den Raub begangen hat.“

„Der Name steht auf der Rückseite“, bemerkte Marion. „Hier hast du sie!“

Nanon griff mit größter Schnelligkeit zu, drehte sich leicht seitwärts, damit das Licht voll auf das Bild fallen könne und betrachtete es, indem ihr Gesichtchen eine ungeheure Spannung verriet. Sie hielt die Karte abwechselnd nahe und entfernt vor die Augen, um sich ein genaues Urteil zu bilden, und sagte dann:

„Ein schöner, ein herrlicher Kopf!“

„Nicht wahr?“ bemerkte Marion mit leuchten Augen.

„Und der Name?“ Nanon drehte die Karte um und las: „Rittmeister Richard von Königsau. Auch ein schöner Name. Nicht, Marion?“

Die Gefragte nickte leise mit dem Kopf und sagte:

„Und eigentümlich ist es, daß ich meinem Ideal stets auch den Namen Richard gegeben habe. Richard Löwenherz ist mir der liebste Held der Geschichte, und Richard ist mir der liebste Mannesname.“

„Ich stelle mir Richard Löwenherz allerdings anders vor als diesen Rittmeister. Ich möchte diesen letzteren doch lieber mit dem Recken Hüon in Wielands Oberon vergleichen. Diese Stirn, diese Augen, dieser Mund, dieses ganze Gesicht, man muß es beim ersten Anblick lieben. Ich verstehe nichts, gar nichts von Physiognomik; ich lasse am liebsten mein Herz, mein Gefühl, meine Ahnung entscheiden.“

„Nun, was sagt dir deine Ahnung? Wie beurteilt sie ihn, liebe Nanon.“

„Dieser Mann ist selbstbewußt, aber nicht adelsstolz; sein starker Körper birgt ein tiefes Gemüt, er ist kühn und verwegen, scheint mir jedoch auch auf dem Felde der List ein gefährlicher Gegner zu sein. Seine Stirn ist die eines geübten Denkers, und sein Mund scheint mir der Rede mächtig zu sein, schweigende Beobachtung jedoch vorzuziehen. Sein Naturell ist jedenfalls, um mich der wissenschaftlichen Ausdrücke zu bedienen, ein cholerisch-phlegmatisches, das heißt, er ist heiß- aber langsamblütig, er fühlt und empfindet tief, läßt sich aber von der Gewalt des Augenblicks nicht beherrschen.“

Da nahm Marion mit einem erfreuten, melodischen Lachen der Freundin rasch das Bild aus der Hand und sagte:

„Halte ein! Du beschreibst ihn ja als ein wahres Wunder! Wenn er wirklich so wäre, wie du ihn beurteilst, so gliche er meinem Ideal ganz genau, und ich müßte es sehr bedauern, daß ich über die Familie der Königsau nichts, gar nichts erfahren konnte, obgleich ich dir aufrichtig gestehe, daß ich mir alle mögliche Mühe deswegen gegeben habe.“

„Du brauchtest dir ja nur den Gothaer Adelskalender zu kaufen.“

„Er war nicht vorrätig, und ich bestellte ihn mir. Da aber rief mich der Brief des Vaters ab, und ich mußte Ordre geben, mir den Kalender nachzuschicken. Bis ich ihn erhalten werde, habe ich mich in Geduld zu fassen. Ah, wie schade!“

Diese letzten Worte wurden leise gesprochen. Sie galten dem Grafen, welcher gerade in diesem Augenblick in die Kajüte trat, um zu sehen, ob sich hier ein Gesicht finde, welches wert sei, geküßt zu werden. Als er die beiden Damen erblickte, drückten seine Mienen ein schlecht verborgenes Erstaunen aus; er machte eine tiefe Verbeugung und zog sich schnell wieder zurück. Draußen auf der Treppe murmelte er:

„Die Baronesse de Sainte-Marie! Da wäre eine kleine, liebenswürdige Zudringlichkeit am unrechten Platz. Sie versteht es, sich unnahbar zu halten.“

Er kehrte auf das Deck zurück.

„Nun, etwas gefunden?“ wurde er gefragt.

„Allerdings“, antwortete er. „Aber ich habe doch recht, diese Deutschen haben gar keine charakteristischen Züge. Als ich da unten endlich eine Schönheit entdeckte, ist sie eben eine – Französin.“

„Die du aber nicht zu attackieren wagtest. Du bist schnell genug davon gelaufen.“

„Weil ich sie zufälligerweise kenne. Mit ihr ist nicht zu spaßen!“

„Ah, die muß man sich ansehen!“ lachte einer. „Ist sie es wirklich wert?“

Der Graf zuckte überlegen mit den Schultern und antwortete: „Sie gilt für die größte Schönheit nicht bloß in Paris, sondern von ganz Frankreich.“

Diese Worte brachten eine sichtbare Aufregung unter diesen Roués hervor.

„Und erbt einmal eine ganz respektable Anzahl von Millionen“, fuhr der Graf fort.

„Ihr Name?“ fragte der vorige Sprecher. „Schnell!“

„Die Dame ist die Baronesse Marion de Sainte-Marie!“

„De Sainte-Marie! Ah, die ist allerdings berühmt! Ich werde sogleich gehen, um mich ihr vorzustellen. Einer solchen Schönheit muß man huldigen.“

Der Sprecher wollte wirklich eilen, wurde aber vom Obersten am Arm gepackt und zurückgehalten.

„Halt!“ sagte dieser letztere. „Bleibe hier! Dieser Dame wird keiner von euch huldigen.“

„Warum?“ lautete die Frage.

„Weil ich allein das Recht zu dieser Huldigung habe; sie ist meine Braut.“

Sie alle blickten ihn fast bestürzt an. Keiner von ihnen wußte, daß der Oberst verlobt sei. Und nun gar mit der berühmtesten Schönheit von Paris! Er wurde mit den verschiedensten Fragen bestürmt und beantwortete sie alle in Summa, indem er erklärte:

„Die Sache ist kurz folgende: Mein Vater schreibt mir, daß er die Tochter eines Freundes mir zur Frau bestimmt habe. Ich habe die Dame zwar noch nicht gesehen, fand aber keinen Grund, mich dem Willen meines Vaters zu widersetzen. Die Dame ist die Baronesse de Sainte-Marie. Sie war ebenso verreist wie ich und kehrt ebenso wie ich auf den Ruf ihres Vaters in die Heimat zurück. Wir befinden uns auf demselben Schiffe, ohne uns gesehen zu haben, oder persönlich zu kennen. Es versteht sich ganz von selbst, daß ich mein Recht auf ihre Person behaupte. Ich gehe jetzt, ihre Bekanntschaft zu machen und verbitte mir jede Einmischung von eurer Seite auf das allerstrengste.“

Sein Gesicht hatte den Ausdruck dabei gewechselt. Es schien ein vollständig anderes zu sein. Vorher hatte man es schön und regelmäßig nennen müssen, jetzt aber war es das gerade Gegenteil. Die Nase war spitz und kreideweiß geworden, die Lippen hatten sich in der Mitte geschlossen, während die beiden Mundwinkel zwei Öffnungen bildeten, aus denen er seine Worte hervorzischte. Die Stirn hatte sich so in Falten gelegt und zusammengezogen, daß das Toupet seines Kopfhaares fast die Brauen berührte. Von den aufgeblähten Nasenflügeln gingen zwei tiefe Furchen bogenförmig nach dem Kinn herab, und alles Blut seines erbleichten Gesichts schien sich nach dem muskulösen Stierhals zurückgezogen zu haben, dessen heimtückische Stärke zu dem keineswegs riesigen Bau des übrigen Körpers in gar keinem Verhältnis stand.

Die größte Veränderung aber war mit seinen Augen vorgegangen. Sie hatten vorher eine ganz entschieden graue Farbe gehabt, waren aber unter dem Einfluß des Zorns erst dunkel, fast schwarz geworden und hatten dann in schneller Folge alle Färbungen bis zu einem boshaft leuchtenden Gelbgrün durchlaufen, welches um so infernalischer glühte, als die kleinen, feinen Äderchen des Augapfels sich rasch mit Blut gefüllt hatten und mit ihrer Röte fast das Weiße verdrängten.

Als der Oberst sich jetzt umdrehte und die Treppe zur Kajüte hinabstieg, blickten ihm die anderen wortlos nach und nur der Graf sagte mit schüchternem Lachen:

„Da steckt er wieder einmal die Teufelsflagge heraus!“

Er hatte vollkommen recht. Der Ausdruck, welchen das Gesicht des Obersten gezeigt hatte, war ein geradezu diabolischer zu nennen. Ein solches Gesicht und kein anderes hatte der Teufel gemacht, als er den Grundstein zur Hölle legte. Ein solches Gesicht mußte er machen, sooft er die Seele eines Verdammten in den Pfuhl stieß, dessen Schwalch niemals verlöscht, und ein solches Gesicht muß er machen, wenn er sich an den Qualen ergötzt, welche die Gerichteten erleiden, denen jede Hoffnung genommen ist für alle Ewigkeit. Wer dieses Gesicht sah, der mußte wissen, daß dieser Graf Rallion ein Teufel sein konnte, ein hinterlistiger, grausamer, erbarmungsloser Teufel, der kein Verbrechen scheute und vor nichts zurückbebte, wenn es galt, ein Ziel zu erreichen, welches er sich gesteckt hatte. Dieses faszinierende, gelbgrüne, giftige Auge hatte den höllischen Blick, den die Italiener Malocchio nennen, und von welchem sie meinen, daß jeder, auf dem er haftet, unwiderruflich dem Unglück verfallen sei. – – –

Am frühen Morgen desselben Tages saßen in Simmern, dem Hauptstädtchen des Hunsrück, zwei Herren, ein älterer und ein jüngerer, am Tisch eines niedrigen Zimmers, um ihren Kaffee zu trinken. Ihre Mienen zeigten dabei keineswegs jene Behaglichkeit, mit welcher man sich dem Genuß des braunen Mockatrunks hinzugeben pflegt; es schien vielmehr, als sei die Unterhaltung, welche sie führten, auf einen sehr ernsten Gegenstand gerichtet.

Beide waren Offiziere, und beide trugen Uniformen, der ältere die eines Generals und der jüngere, welcher vielleicht achtundzwanzig Jahre zählen mochte, die eines Ulanenrittmeisters.

Dieser letztere war ein ausgezeichnet schöner Mann. Obgleich er auf einem tiefen Polstersessel ruhte, erkannte man doch seine hohe, breitschultrige, höchst ebenmäßige Gestalt. Sein von einem vollen blonden Bart umrahmtes Gesicht war von einem weichen, aber doch edlen, männlichen Schnitt. Aus seinen blauen, treuherzigen Augen blickte jene Gutmütigkeit, welche riesenhaft gebauten Menschen eigen zu sein pflegt; doch lag auf der Stirn eine unermüdliche Willensfestigkeit und Energie, und unter den Spitzen des Schnurrbartes versteckte sich ein leiser, schalkhafter Zug, welcher widerwillig einzugestehen schien, daß der ausgesprochenen Gutmütigkeit unter Umständen eine ganz hinreichende Menge von Verschlagenheit und Berechnungsgabe zu Gebote stehen könne.

„Also, lieber Königsau, Ihre Instruktion haben Sie begriffen?“ fragte der General.

„Sie ist nicht sehr schwer zu verstehen, Exzellenz“, antwortete der Gefragte.

„Sehr wohl! Den Feldzugsplan müssen Sie selbst entwerfen. Ich kann Ihnen dies ohne Furcht überlassen, da ich weiß, was für ein gewandter Taktiker Sie sind. Es bleibt mir also nur noch übrig, Ihnen die Namen zu nennen. Wollen Sie sich dieselben notieren?“

Der Rittmeister zog eine Brieftasche hervor, dann fuhr der General fort:

„Der Liebling Napoleons, von welchem ich sprach, ist der Graf Rallion, und der Vertraute des Kriegsministers Leboeuf, den ich Ihnen bezeichnete, ist der Baron von Sainte-Marie. Der Graf hat einen Sohn und der Baron eine Tochter; die beiden letzteren kennen sich noch nicht, sollen sich aber heiraten. Sie werden in Ortry unweit der Luxemburger Grenze in der Nähe von Thionville zusammentreffen. Ortry gehört dem Baron. Dieser hat aus der Ehe mit seiner zweiten Frau einen Knaben, den seine Lehrer leidlich verwahrlost haben; darum engagiert der Baron einen deutschen Präzeptor für den Jungen, und dieser Lehrer sollen Sie sein.“

„Unter welchem Namen, Exzellenz?“

„Hier ist Ihre Legitimation, und hier sind auch Empfehlungsbriefe. Es wird ganz auf Sie ankommen, ob Sie Erfolg haben werden. Übrigens haben wir bereits für alles gesorgt, sogar für Photographien der betreffenden Personen, damit Sie sich im voraus zu orientieren vermögen.“

Er nahm aus der Brieftasche, aus welcher er bereits die Empfehlungsbriefe und die Legitimation gegeben hatte, mehrere Photographien und legte sie dem Rittmeister einzeln vor.

„Hier“, fuhr er fort, „haben Sie das Brustbild des Grafen Rallion; hier ist sein Sohn, der Oberst; ferner sehen Sie hier den Baron de Sainte-Marie; dies ist sein Junge; der Schlingel sieht nach gar nichts Gutem aus. Desto größeren Eindruck macht seine Stiefschwester Baronesse Marion. Hier ihr Porträt. Ich muß Sie vor derselben warnen, ich gestehe, daß ich nicht weiß, ob ich in Ihren Jahren solchen Augen widerstanden hätte.“

Er hatte diese letzten Worte im Scherz gesprochen. Der Rittmeister nahm das Bild. Kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, so fuhr er vom Sessel empor.

„Was ist's?“ fragte der General. „Kennen Sie die Dame?“

Das Rot der Beschämung flog über das Gesicht des Rittmeisters. Ein wackerer Soldat darf sich nicht überraschen lassen.

„Nein, Exzellenz“, antwortete er, sich wieder setzend.

Der Vorgesetzte blickte ihm wohlwollend, aber forschend in die Augen und sagte:

„Es schien mir doch so. Warum erstaunten Sie?“

Der Rittmeister zögerte ein Weilchen mit der Antwort, erklärte dann aber:

„Ich sehe, daß ich sprechen muß, um kein Mißtrauen aufkeimen zu lassen. Ich sah auf einem Spazierritt in der Nähe Dresdens eine Dame, deren ebenso wunderbare wie eigentümliche Schönheit einen großen Eindruck auf mich machte, obgleich ich sie nur im Vorüberschreiten erblickte.“

„Ah, endlich einmal Feuer gefangen!“ lachte der General.

Richard von Königsau errötete abermals und verteidigte sich:

„Ich habe bisher nur meiner Pflicht leben wollen, denn ich bin arm und diene, wie Exzellenz wissen, auf Avancement. Darum nahm ich mir nicht Zeit, mich nach einem zarten Verhältnis zu sehnen.“

„Oh, gerade da Sie arm sind, müßten Sie nach einer reichen Hilfe trachten!“

„Ich bitte um Entschuldigung, Exzellenz, daß ich hierin meine eigene Ansicht habe. Ich mag meiner Frau nur mein Lebensglück, nicht aber äußeren Besitz und sonstige Vorteile verdanken. Ich will meinem Herzen das Recht geben, sich ein zweites Herz zu wählen. Der kurze Augenblick auf dem Ritt zwischen Dresden und Blasewitz wäre vielleicht bedeutungsvoll geworden, wenn er mir einen Anknüpfungspunkt geboten hätte. Da kam ich einige Tage später in Berlin zum Photographen, um mir bestellte Karten abzuholen, und erblickte bei ihm das – Bild jener Dame. Ich bat um einen Abzug davon, erhielt ihn aber nicht, da der Mann dies nicht mit seiner Pflicht vereinigen zu können erklärte. Ja, ich konnte nicht einmal ihren Namen erfahren, weil sie ihn nicht genannt, sondern erklärt hatte, daß sie ihre Photographien selbst abholen werde. Exzellenz werden sich nicht wundern, daß ich überrascht war, nun hier das Bild zu sehen und den Namen zu erfahren.“

Der General lächelte freundlich und meinte:

„Und ebensowenig werden Sie sich darüber wundern, daß es Leute gibt, gegen welche gewisse Photographen gefälliger sind als gegen Sie. Aber, lieber Rittmeister, die Erfüllung Ihrer Pflicht wird Ihnen jetzt bedeutend schwerer fallen, als Sie vorher dachten. Es ist kein Spaß, sich der Dame seines Herzens als Präzeptor, als Schulmeister, vorstellen zu müssen, während man ganz andere Meriten hat!“

Da trat bei dem Rittmeister jener verborgene Zug von Schalkheit und List deutlicher hervor, er machte eine unternehmende Handbewegung und antwortete:

„Erstens kann ich die Baronesse ja gar nicht als die Dame meines Herzens erklären, und zweitens glaube ich nicht, daß die Coeurdame meiner Aufgabe gefährlich werden kann.“ Und ernster fügte er hinzu: „Exzellenz wissen, daß ich nie leichtsinnig spiele.“

„Ich weiß das, Rittmeister, ich weiß es!“ versicherte der General. „Ich bin ganz und gar ohne Besorgnis und entlasse Sie jetzt mit der Überzeugung, daß Sie unsere Zufriedenheit erlangen werden. Unser Kaffee ist getrunken und unser Gespräch zu Ende. Gehen Sie mit Gott, Herr Ritt- wollte sagen, Herr Schulmeister!“

Er hatte sich erhoben und reichte Richard die Hand. Dieser drückte sie ehrfurchtsvoll und zugleich bescheiden-freundschaftlich, steckte die empfangenen Papiere und Photographien zu sich und ging.

Auf seinem Zimmer angekommen, zog er Marions Bild hervor, betrachtete es aufmerksamer, als er es vorher gekonnt hatte, drückte es dann an seine Lippen und flüsterte so innig, so zärtlich, als ob das Mädchen vor ihm stehe:

„Ja, du bist's, du bist's, nach der ich mich so heiß gesehnt habe. Oh, nun werde ich dich sehen, ich werde deine Stimme hören und in deiner Nähe sein dürfen! Aber ach, dieser Oberst, dieser Rallion! Soll er sie bekommen? Er kennt sie nicht und sie ihn auch nicht. Also eine Konvenienzheirat, oder vielleicht noch schlimmer. Pah, wir werden jetzt wohl sehen! Anstatt vor einer, stehe ich jetzt vor zwei Aufgaben, ich habe meine Pflicht zu erfüllen und meinem Herzen zu genügen. Laßt uns sehen, wer den Preis erhält, der Franzose oder Deutsche!“

Er klingelte. Sein Bursche erschien.

„Hast du alles besorgt, Fritz?“ fragte der Rittmeister.

„Alles, auch den verteufelten Buckel“, lautete die Antwort. „Wollen Sie sich das Ding denn wirklich aufschnallen, Herr Rittmeister?“

Richard brauchte doch einige Zeit, ehe er sich entschied.

„Ja. Es bleibt alles bei meinem früheren Entschluß. Der Buckel kann übrigens gar nicht weggelassen werden, da er in meiner Legitimation angegeben ist.“

„Und wann reisen Sie ab, gnädiger Herr?“

„Sobald du fertig sein wirst. Das wird nicht lange dauern, denn da du ein gelernter Friseur bist, so wird es dir von der Hand gehen.“

„Aber der prachtvolle Bart!“

„Er wird wieder wachsen, Fritz. Die Hauptsache ist, daß ich hier aus dem Haus komme, ohne daß man meine veränderte Gestalt bemerkt. Ich werde dich und den Wagen vor der Stadt erwarten. Ich fahre über Kirchberg nach Trarbach, wo ich morgen früh den Moseldampfer besteige. Doch werde ich im letzten Dorf vor Trarbach den Wagen verlassen, da es auffallen würde, wenn ein Schulmeister per Equipage ankäme. Der General wird ihn dort abholen lassen. Wir beide reisen weiter, ohne uns zu kennen. Ich gehe als Erzieher nach Ortry, und für dich wird sich in der Nähe ein Plätzchen finden lassen, wo du mir zur Disposition stehen kannst, ohne daß deine Anwesenheit auffällig erscheint oder Mißtrauen erweckt. Fang jetzt an!“

Eine Stunde später verließ ein Mann auf der Kirchberger Straße die Stadt Simmern, den man auf den ersten Blick für einen Jünger der Erziehungskunst halten mußte. Seine früher hohe Gestalt war – wohl vom vielen Studieren – vornüber gebeugt und steckte in einem engen, ziemlich verschossenen, aber sehr reinlich gehaltenen Anzug. Der Mann war bucklig, doch nahm ihm dieser bedauerliche Zustand nichts von der Würde seines Berufes, welche seinem ganzen Wesen sichtlich aufgeprägt war. Sein schwarzes, bereits spärliches Haar fiel lang bis auf den Kragen eines Fracks herab, der vor zwanzig Jahren einmal in der Mode gewesen war. Der Zylinderhut auf seinem Kopfe und der graublaue Regenschirm unter seinem Arm waren gewiß langjährige Gefährten dieses Fracks, und das einfache Messinggestell der großglasigen blauen Brille schien auch nicht kürzere Zeit auf dem Nasenrücken ihres Eigentümers gethront zu haben.

Nach einiger Zeit wurde dieser Mann von einer unbesetzten Equipage eingeholt, und der Kutscher hatte die Freundlichkeit, den Mann als nicht zahlenden Passagier aufsteigen zu lassen.

Sie erreichten Kirchberg, fuhren, ohne anzuhalten, durch diesen Ort und kamen in der Abenddämmerung an ein Dorf, vor welchem der Gast ausstieg. Er ging durch das Dorf und kam an ein kleines Wäldchen, in welchem er wartete, bis nach einer halben Stunde der Kutscher wieder zu ihm stieß, dieses Mal jedoch zu Fuß gehend.

„Alles in Ordnung?“ fragte der Mann.

„Ja, Herr Rittmeister!“

„Pst, laß den Rittmeister jetzt beiseite! Du kennst mich jetzt gar nicht, und wenn wir uns später sprechen, bin ich für dich nur der Doktor der Philosophie Andreas Müller. Verstanden?“

„Sehr wohl, Herr Doktor!“

„So komm!“

Sie wanderten miteinander durch die einbrechende Nacht und erreichten Trarbach kurz vor neun Uhr abends. Hier trennten sie sich, um jeder einen anderen Gasthof aufzusuchen. Da beide nicht bekannt hier waren, mußten sie die Wirtshäuser erst erfragen. Doktor Müller traf einen Mann, welcher auf seine Frage ihm zur Antwort gab:

„Kommen Sie, ich werde Sie führen, denn ich gehe ein Glas Wein trinken, unser Weg ist also derselbe. Große Ansprüche werden Sie allerdings nicht machen können, denn heute hat das Schiff aus Koblenz hier angelegt, und es sind viele Reisende hier ausgestiegen, welche natürlich die besten Zimmer besetzt haben.“

Müller fand die Wahrheit dieser Worte bestätigt. Es gelang ihm zwar, noch einen Platz zu erhalten, doch lag der Raum hoch unter dem Dach, woraus er sich freilich nicht viel machte.

Die Gaststube, in welcher er sein Abendbrot einnahm, war ziemlich geräumig. Es befand sich da ein Billard, an welchem die französischen Herren spielten, welche mit dem Dampfer angekommen waren. Sie traten hier ebenso laut und rücksichtslos auf, wie auf dem Fahrzeug, und taten, als ob außer ihnen niemand zugegen sei. Auch der Oberst befand sich noch bei ihnen. Er war jetzt der Übermütigste von allen. Er hatte sich der Baronesse vorgestellt und ihre Seite nicht eher wieder verlassen, als bis er ihr die besten Zimmer dieses Hauses hatte zur Verfügung stellen können. Sie hatte ihn vollständig bezaubert. Er befand sich in einer Art von Rausch und hätte, voll Glück, eine solche Braut zu besitzen, die größte Tollheit begehen können.

Marion war höchst überrascht gewesen, als er ihr seinen Namen genannt hatte. Ihre erste, augenblickliche Regung war gewesen, ihn abweisend zu behandeln, um sich gleich von vornherein ihre Freiheit zu bewahren, doch war er so tadellos, so ausgezeichnet courtois gewesen, daß sie es für ganz unmöglich gefunden hatte, die schickliche Höflichkeit außer acht zu lassen. Er hatte mit keiner Silbe des Verhältnisses erwähnt, in welches sie zueinander treten sollten, er hatte nicht in der leisesten Weise merken lassen, daß er sich die Erlaubnis nehmen könnte, zu ihr anders als zu einer vollständig fremden Dame zu sprechen, und so hatte sie ihm keine abschlägige Antwort geben können, als er sie gebeten hatte, ihr später gute Nacht sagen zu dürfen. Er war schön, er war im höchsten Grad galant; sie fühlte keine Abneigung gegen ihn und beschloß, erst dann Stellung für oder gegen ihn zu nehmen, nachdem sie seinen Charakter und die Gründe kennengelernt haben würde, welche ihren Vater veranlaßt hatten, eine Verbindung zwischen ihr und ihm nicht nur zu wünschen, sondern in einer Weise anzukündigen, welche keine Zeitversäumnis und keinen Widerspruch dulden zu wollen schien.

Die Herren befanden sich gerade inmitten einer Partie, als die Uhr die zehnte Stunde schlug. Der Oberst zog seinen Chronometer heraus, um die Zeit zu vergleichen, und sagte:

„Schon so weit! Ihr müßt mich entschuldigen. Ich muß zur Baronesse, um mich für heute bei ihr zu verabschieden.“

„Gehe!“ meinte einer. „Ich werde für dich stoßen.“

„Ich bitte dich darum. Oder – ah!“ Sein Blick war auf Müller gefallen, welcher in der Nähe des Billards saß und dem Spiel zuschaute. „Ich will dich nicht belästigen und mir lieber einen anderen Vertreter bestellen.“

Während dieser Worte trat er auf Müller zu und sagte:

„Ich bin Graf Rallion. Wer sind Sie?“

Müller hob den Kopf und betrachtete den Fragenden vom Kopf bis zu den Füßen hinab.

„Ah, Graf Rallion!“ dachte er. „Das ist ja der Gegner, mit dem du dich zu messen haben wirst!“ Und laut antwortete er: „Ich heiße Müller und bin Erzieher.“

Er hatte diese Worte trotz der rüden Anfrage des Obersten in einem höchst bescheidenen Ton gesprochen.

„Erzieher? Gut! Können Sie Billard spielen?“

„Ein wenig.“

„So vertreten Sie mich für kurze Zeit. Es ist das eine Ehre für Sie. Verstanden?“

Es machte Müller Spaß, auf die ungezogene Zumutung dieses Mannes einzugehen, darum antwortete er sehr unterwürfig:

„Ich weiß das, gnädiger Herr, und werde mir alle mögliche Mühe geben.“

„Tun Sie das! Ich sage Ihnen, wenn ich wiederkommen und sehen werde, daß Sie mir die Partie verdorben haben, so dürfen Sie wohl auf einen Lohn, aber auf keinen Dank rechnen!“

Er verließ die Stube, nachdem er seine Freunde durch einen Blick aufgefordert hatte, sich mit dem Buckligen ein Pläsir zu bereiten. Sie versuchten dies, und Müller nahm ihre losen Witze so demütig hin, als ob er gar nicht an die Möglichkeit des Widerspruches denke. Dabei spielte er so schlecht, daß er bei jedem Stoß ein schallendes Gelächter erregte.

Nach kurzer Zeit kam der Oberst zurück und blickte nach seiner Nummer. Er sah, daß sie sich verschlechtert hatte und faßte Müller am Arm.

„Herr, wie können Sie es wagen, meine Partie so zu verderben?“ rief er. „Wissen Sie, daß Sie ein dummer, deutscher Tölpel sind?“

„Sehr wohl, gnädiger Herr!“ antwortete Müller sehr ernst und mit einer tiefen, ehrerbietigen Verbeugung.

Er wurde ausgelacht, und auch der Oberst stimmte in das Lachen ein.

„Eigentlich sollte ich Sie bestrafen“, sagte er, „aber Sie sind ja ein halber Krüppel, mit dem man Nachsicht haben muß. Doch ganz und gar lasse ich Sie nicht entkommen. Sie tun, sobald die Reihe an mich kommt, noch einen Stoß für mich. Ist er gut, so dürfen Sie gehen, ist er aber schlecht, so haben Sie sich auf einen Stuhl zu stellen und uns öffentlich Abbitte zu leisten.“

„Schön, gnädiger Herr!“ sagte Müller und ergriff das Queue wieder, welches er bereits fortgelegt hatte. „Nur noch einen einzigen Stoß?“

„Ja.“

„In Ihrem Auftrag? Unter Ihrer Verantwortung?“

„Natürlich! Die Nummer ist ja die meinige!“

Müller nickte mit einem sehr devoten Gesicht, wartete, bis die Reihe an ihm war, und trat dann an die Bande. Als er das Queue anlegte, befahl der Oberst:

„Also rechte Mühe geben! Vorwärts!“

„Keine Sorge“, meinte Müller mit zuversichtlichem Lächeln. „Ich weiß ganz gewiß, daß es dieses Mal gelingen wird.“

Er holte aus, stieß mit voller Gewalt zu und – riß ein langes Loch in das Billardtuch. Die Folge war vorherzusagen. Alles lachte, der Oberst aber faßte ihn und schüttelte ihn wütend hin und her.

„Kerl, Esel, Tölpel!“ rief er. „Wissen Sie, daß ich das Tuch zu bezahlen haben werde?“

„Ja“, antwortete Müller sehr höflich, indem er sich geduldig schütteln ließ.

Gegen diese Passivität war nichts zu machen. Der Oberst ließ ihn los und rief den Wirt herbei. Dieser erklärte, daß hier der gewöhnliche Schadenersatz, der für ein kleines Loch gebräuchlich ist, nicht zureichend sei. Der gewaltige Riß war nicht zu reparieren, und der Oberst mußte sich bereiterklären, den ganzen Wert des Tuches zu bezahlen. Er ahnte dabei gar nicht, daß es Müllers wirkliche Absicht gewesen sei, ihn zu bestrafen, und befahl diesem, die öffentliche Abbitte zu tun. Müller stieg sehr bereitwillig auf einen Stuhl und sagte mit lauter Stimme:

„Ich bitte öffentlich um Verzeihung, daß der Herr Graf Rallion durch mich nichts fertigbringt als Löcher ins Tuch. Ich hoffe, daß bei der nächsten Partie nicht wieder ich derjenige sein werde, der um Verzeihung bittet. Gute Nacht!“

Er stieg vom Stuhl und war zur Tür hinaus, ehe man ihn fragen konnte, wie er seine letzten Worte gemeint habe. Die Herren dachten wohl nicht, daß das Gesagte bereits am nächsten Morgen in Erfüllung gehen würde. Müller hatte das Zimmer so schnell verlassen, um alle Weiterungen zu vermeiden und sich zur Ruhe zu begeben. Er kannte die Lage der ihm angewiesenen Kammer, da man ihm dieselbe bei seiner Ankunft gezeigt hatte, und war überzeugt, sie aufzufinden, auch ohne daß es nötig war, sich leuchten zu lassen.

Er gelangte in den ersten Stock, dessen ganzen Korridor er zu durchgehen hatte, um die Treppe zu erreichen, die ihn vollends nach oben brachte. Der Fußboden war mit einem weichen Läufer belegt, so daß seine Schritte nur ein sehr geringes Geräusch hervorbrachten. Er hatte noch nicht die Hälfte seines dunklen Weges zurückgelegt, da öffnete sich gerade vor ihm eine Tür, und eine Dame trat heraus. Sie stand nach dem Innern des Zimmers gerichtet, so daß er sie nur von hinten sehen konnte, und sagte in das Zimmer hinein:

„Nochmals gute Nacht, meine liebe Nanon. Träume nicht allzuviel von deinem Ideal, sonst verwirklicht es sich dir, wie mir das meinige!“

Sie wendete sich um und erblickte ihn. Beide standen einander gegenüber, ganz bewegungslos, sie vor Schreck und er vor glücklichem Erstaunen. Das war ja das leibhaftige Original seines Bildes! Und wie schön, wie unendlich schön war sie in dem Nachtgewand, welches ihre entzückenden Reize nicht zu verbergen vermochte. Das Blut drängte sich nach Müllers Herzen; seine Pulse stockten; er fühlte, daß dieses Mädchen sein werden müsse um jeden Preis, der sich mit der Rücksicht auf seine Ehre vertrage.

Und sie war erschrocken, hier so plötzlich einen Mann vor sich zu sehen.

„Was wollen Sie hier?“ fragte sie ihn, um nur etwas zu sagen.

„Verzeihung“, antwortete er; „der Teppich dämpfte den Schall meiner Schritte. Ich wollte vorübergehen, als Sie auf den Korridor traten.“

Er sagte dies in einem Ton, welcher ihre Bestürzung völlig beseitigte. Sie erhob das Licht, welches sie in der Hand hielt, und beleuchtete ihn, ohne daran zu denken, daß sie mit dem erhobenen Arme eine Figur von so plastischer Vollendung, so sinnverwirrender Schönheit bilde, daß er alle seine Beherrschung aufbieten mußte, um seinen Blicken zu gebieten, sich nicht zu verirren.

Jetzt fiel das Licht voll auf ihn. Ihre Augen öffneten sich; sie trat rasch einen Schritt zurück und fragte hastig:

„Wer sind Sie?“

„Ich heiße Müller und bin Lehrer“, antwortete er. Wie gern hätte er ihr seinen wahren Namen und Stand genannt und ihr gesagt: „Ich liebe dich zum Rasendwerden. Sei mein, du Krone aller Mädchen und Frauen!“

„Ah, welche Ähnlichkeit!“ sagte sie.

„Fast nur bis auf den Bart!“ erklang da eine silberhelle Stimme aus dem geöffneten Zimmer heraus.

Müller hatte bis jetzt nur Augen für die Baronesse gehabt; nun erst bemerkte er, daß eine zweite Dame im Zimmer stand und ihn betrachtete. Er konnte sich ihre Worte nicht erklären, machte eine Verbeugung und setzte seinen Weg fort.

„Mein Gott!“ hörte er hinter sich rufen. Die folgenden Worte wurden leise geflüstert, so daß er sie nicht verstehen konnte. Sie lauteten: „Der Mann ist ja – bucklig, liebe Marion. Wie schade, um dieses Gesicht!“

Marion trat wieder in das Zimmer zurück, zog die Tür heran und sagte:

„Er hat mich sehr erschreckt. Also auch du hast seine Ähnlichkeit bemerkt?“

„Mit der Photographie des Rittmeisters von Königsau? Ja. Doch gehen sie einander jedenfalls nichts an.“

„Ganz sicher. Aber im ersten Augenblicke war es mir doch, als ob er wirklich vor mir stände, ganz er selbst, nur ohne Bart. Gute Nacht, Nanon!“

„Gute Nacht, meine beste Marion!“

Die Baronesse schloß die Tür und begab sich in das nebenan liegende Zimmer, welches das ihrige war. Sie hatte es vorhin auf kurze Zeit verlassen, um noch ein paar Worte mit der Freundin zu plaudern.

Während die Damen sich zur Ruhe begaben, lehnte Müller am offenen Fenster seines Dachkämmerchens und ließ seinen Blick den dahineilenden Wolken nachschweifen. Aber er dachte an etwas ganz anderes als an die feuchten Gebilde der Luft. Er dachte an das göttliche Mädchen, das ihm jetzt erschienen war wie ein Wesen aus überirdischen Regionen. Und er dachte auch an die Worte, welche er gehört hatte, und die er nicht zu verstehen vermochte. Was hatte sie gemeint mit dem Ideal, welches ihr verkörpert worden sei? Welche Ähnlichkeit war den beiden an ihm aufgefallen? – „Bis auf den Bart“, hatte die andere gesagt.

Das meiste Nachdenken aber verursachte ihm der Umstand, daß Graf Rallion auch mit zugegen war. Hatte der General denn nicht gesagt, daß sie einander noch gar nicht gesehen hätten? Sollte dies auf einem Irrtume beruhen? Sollte vielleicht gerade dieser Oberst ihr Ideal gewesen sein?

Bei diesem Gedanken war es Müller, als ob man ihm ein Schwert mitten durch das Herz stoße. Es türmte sich vor ihm auf wie eine dunkle, verhängnisvolle Wand, bereit, über ihm zusammenzubrechen und ihn unter sich zu begraben. Er fand während der ersten Hälfte der Nacht keine Ruhe und schlief erst ein, als schüchterne Vogelstimmen bereits das Nahen des anbrechenden Morgens verkündeten.

Und dann kam der Hausknecht, um ihn mit der Bemerkung zu wecken, daß das Dampfboot in kurzer Zeit abfahren werde. Er erhob sich und fand, als er das Gastzimmer betrat, daß die Passagiere bereits alle aufgebrochen waren. Er trank seinen Kaffee schleunigst und eilte ihnen nach. Da fiel ihm unterwegs ein, daß er der Baronesse hätte sagen können, daß er als Erzieher ihres Stiefbruders engagiert sei; doch konnte er den Umstand, es unterlassen zu haben, für keinen Fehler halten. Er brauchte ja nur zu tun, als ob er ihren Namen gar nicht kenne.

Es war nach dem gestrigen schönen Tage ein minder angenehmer Morgen eingetreten. Dichter Nebel lag auf dem Fluß, und es schien nicht, daß er sich bald teilen und erheben wolle. Die Luft lag schwer und regungslos auf der Gegend, und anstatt der gewöhnlichen Morgenfrische war eine laue, unerfreuliche Pression zu bemerken, welche die feuchten Ausdünstungen der Wiesen und des Flusses beinahe greifbar machte.

Als Müller an den Fluß gelangte, stand man bereits im Begriff, das Landungsbrett vom Schiff wegzuziehen. Er sprang hinüber und löste sich an der Schiffskasse ein Billet des zweiten Platzes. Als Schulmeister konnte er nicht gut für den ersten Platz bezahlen. Da er hinten eingestiegen war, mußte er die ganze Länge des ersten Platzes durchwandern. Dort saßen bereits die französischen Herren auf ihren Feldstühlen. Als sie ihn erblickten rief der Oberst:

„Da kommt auch der deutsche Tölpel! Macht ihm Platz, damit er kein Unheil anrichtet!“

Sie ließen ihn unter lautem Lachen an sich vorübergehen. Er nickte ihnen mit ehrerbietiger Freundlichkeit zu und zog den Hut vor ihnen, als ob er ihre höhnischen Gesichter für den Ausdruck gnädiger Herablassung halte.

Vorn auf dem zweiten Platz saß Fritz, der Diener, welcher gar nicht tat, als ob er Müller bemerke. Er hatte sich sehr verändert. Anstatt seiner gestrigen Kleidung trug er eine weite, blauleinene Bluse, ebensolche Hose und ein rotes Tuch um den Hals. Auf seinem ganz glattgeschorenen Kopf saß ein Hut von der Form, wie sie in jenen lothringischen Gegenden, besonders in den Departements Moselle und Meurthe gebräuchlich ist. Wer Fritz nicht kannte, der mußte ihn für einen jungen Landmann aus der Gegend von Metz oder Nancy halten. Müller hatte keine Ahnung, auf welche Weise Fritz zu dieser Umwandlung gekommen war, doch freute er sich über dieselbe, da sie den Umständen ganz angemessen war. Er wußte, daß Fritz schlau und vorsichtig war, daß er sich auf dessen Treue und Verschlagenheit vollständig verlassen konnte, und so erwartete er die spätere Erklärung desselben mit größter Ruhe.

Das Schiff setzte sich in Bewegung und stieß vom Ufer ab. Müller stand an der Brüstung und beobachtete die Bewegung der Räder, welche die heute sehr dunkel gefärbten Wasser peitschten. Da bemerkte er einen Mann, welcher vom ersten Platz auf dem Hinterteil des Schiffes aus langsam nach vorn geschritten kam. Beim Anblick dieses Herrn drehte er sich schnell um. Es war ersichtlich, daß er verhindern wollte, von ihm genauer betrachtet zu werden.

Der betreffende Herr war sehr anständig gekleidet. Seine fast militärisch stramme Haltung, der elegant gehaltene Vollbart und das goldene Lorgnon gaben ihm ein vollständig distinguiertes Aussehen. Seine scharfen Blicke überflogen die Anwesenden. Als er den Buckligen erblickte, huschte ein leises Lächeln über seine geistreichen Züge, und er schritt in der Haltung eines Mannes auf ihn zu, der sich gelangweilt fühlt und um jeden Preis eine Zerstreuung sucht, mag sie sich ihm nun bieten, auf welche Art es immer sei.

Müller bemerkte diese Absicht und wendete sich noch weiter ab, soviel dies, ohne auffällig zu werden, geschehen konnte. Es half ihm nichts. Der Fremde schlenderte bis hart an ihn heran, blieb da stehen, warf einen beobachtenden Blick hinaus auf den dichten Nebel und sagte dann:

„Ein unangenehmer Morgen! Dieser Nebel ist so dick und massig, daß es scheint, als könne man ihn in Bänder zerschneiden. Ich fürchte, wir werden auf unserer Fahrt ein tüchtiges Gewitter bekommen.“

Müller wußte, daß ihn der Fremde sehr gut kenne, nicht nur ihn, sondern auch den Diener Fritz. Er sah seinen ganzen Plan in der allergrößten Gefahr, aber er mußte antworten. Er verstellte soviel wie möglich seine Stimme und sagte:

„Das Gewitter ist uns sicher. Man wird nach unten gehen müssen.“

Dabei drehte er sich um und machte Miene, seinen Worten sogleich die Tat folgen zu lassen. Der andere jedoch legte ihm die Hand auf den Arm und meinte:

„Sie können noch warten, denn das Wetter hat sich noch lange nicht ausgebildet. Erlauben Sie mir, mich Ihnen vorzustellen! Ich nenne mich Bertrand und bin seit einiger Zeit Arzt in Thionville.“

Jetzt war Müller gezwungen, sich voll nach dem Sprecher herumzuwenden. Er tat dies und sagte unter einer Verbeugung:

„Ich heiße Andreas Müller und gehe als Erzieher nach Ortry.“

„Andreas Müller, Doktor der Philosophie; ich weiß das.“

„Ah!“ sagte Müller, beinahe erschrocken.

„Ja. Ich bin Hausarzt des Herrn von Sainte-Marie, der sich gegenwärtig in Ortry befindet, und weiß, daß er Sie erwartet.“

„Aber mein Herr, wie können Sie wissen, daß ich gerade der Erwartete bin.“

„Sie nennen mir ja Ihren Namen, den ich von dem Herrn Baron gehört habe. Und übrigens“ – hier sank seine Stimme zu einem leiseren Ton herab – „hörte ich es auch von meinem Kräutersammler, welchen ich gestern abend in Trarbach engagiert habe.“

Müller machte eine Bewegung, welche eine stumme Frage ausdrückte, und der Arzt, welcher dies bemerkte, fuhr fort:

„Ich traf diesen Mann, dem ich sehr viel verdankte, ganz unerwartet. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich im letzten deutsch-österreichischen Krieg auf der Seite Österreichs als Arzt tätig war. Bei Gitschin passierte es mir, daß ich den Verbandplatz wechselte und dabei vor ein preußisches Ulangenregiment geriet, welches zur Attacke vorstürmte. Ich sah, daß ich nicht weichen konnte und zermalmt werden würde, besonders da mich in demselben Augenblick ein Granatsplitter gefährlich verwundete und zu Boden riß. Ich erhob unwillkürlich in flehender Stellung die Arme. Die Lanzenspitzen der Ulanen flogen wie ein brausender Wald daher und befanden sich kaum noch hundert Schritte von mir entfernt. Es war ein furchtbarer, aber militärisch schöner Anblick. Das heransausende Regiment bildete eine fest geschlossene, eisenstarrende Masse; man sah, es werde unwiderstehlich alles vor sich niederreißen. In seiner Front war nicht die geringste Lücke zu bemerken; ich war verloren und erwartete, im nächsten Augenblick die stampfenden Pferdehufe auf meinem Körper zu fühlen. Da bemerkte ein Offizier meine emporgestreckten Hände; er spornte sein Pferd zu doppelter Eile, in weiten, tigergleichen Sätzen kam er voraus- und herangesprengt, und in dem er an mir vorüberschoß, bog er sich zu mir herab, faßte mich mit starker Faust beim Arm, riß mich empor, warf mich vor sich über sein Pferd und nahm nun wieder Fühlung mit den Seien. Das geschah so exakt, so elegant und mit Entwicklung einer solchen ungeheuren Körperstärke, als habe er sich für diesen Fall besonders eingeübt. Mein zerschossenes Bein schmerzte mich, mein Kopf brannte. Ich sah rechts und links die fürchterlichen Lanzen hervorragen; ich hörte den Donner des Hufgestampfes; ich sah gerade vor uns das Aufblitzen der österreichischen Batterien; ich hörte das Brüllen der Kanonenschlünde, deren Kugeln fürchterliche Lücken in die Masse der Ulanen rissen; doch das Regiment schloß die Lücken augenblicklich wieder und warf sich auf die Infanterie, welche die Bedeckung der Batterien bildete; ich hörte noch das Schnellfeuer der Verteidiger, dann entschwand mir im Getöse und im Tumult des wilden Kampfes die Besinnung.“

Müller hörte wortlos zu; aber seine Augen leuchteten und seine Wangen glühten. Er schien das Gefährliche seiner jetzigen Lage ganz vergessen zu haben; er dachte gar nicht daran, daß seine Verkleidung entdeckt werden könne, ja bereits durchschaut sei. Der Arzt fuhr nach einer kurzen Pause fort:

„Als ich wieder zu mir kam, lag ich zwischen den Kanonen der eroberten Position; ein preußischer Regimentsarzt kniete, mit meiner Verwundung beschäftigt, bei mir, und dabei stand der Premierleutnant, welcher mich gerettet hatte. Er übergab mich, nachdem ich verbunden worden war, seinem Burschen, der eine Kugel in den rechten Arm erhalten hatte und im Lazarett mein treuester Pfleger wurde. Ihnen beiden, dem Leutnant von Königsau und seinem wackeren Fritz, verdanke ich meine Rettung und mein Leben. Der Premierleutnant ist zum Rittmeister avanciert. Ich habe ihn nicht vergessen und würde ihn unter Tausenden heraussuchen und unter jeder Kleidung erkennen.“

Er sprach diese Worte mit einem feinen Lächeln und fügte dann hinzu:

„Ich bin ein Deutsch-Österreicher, ein Deutscher von ganzer Seele; aber ich hatte in Thionville einen Verwandten, der Arzt war und eine bedeutende Praxis besaß; er starb und hinterließ mir sein Vermögen mit dieser Praxis. Ich nahm keine Veranlassung, diese Lebensstellung auszuschlagen, und befinde mich sehr wohl. Gestern abend übernachtete ich in Trarbach und traf daselbst zu meiner außerordentlichen Freude jenen wackeren Offiziersdiener. Er suchte sich in der Nähe von Thionville eine leichte Stellung, die ihm Zeit genug läßt, seinen persönlichen Liebhabereien nachzuhängen, und so habe ich ihn als Kräutersammler bei mir angestellt. Was ich weiter ahne und schließe, Herr Doktor, das ist wohl nicht nötig, zu sagen. Ich freue mich, Sie recht oft in Ortry zu sehen, und versichere Ihnen auf mein heiligstes Ehrenwort, daß ich nur den innigsten Wunsch habe, Ihnen nützlich sein zu können.“

Er reichte Müller die Hand und kehrte dann nach seinem früheren Platz zurück. Gott sei Dank, die Gefahr war vorüber. Fritz hatte sehr viel gewagt, diesen Arzt zu seinem Vertrauten zu machen, aber das Wagnis war gelungen. Übrigens wußte Fritz ja weiter nichts, als daß sein Herr verkleidet nach Ortry gehe; mehr konnte er dem Arzt nicht gesagt haben. Und dieser hatte jedenfalls Bildung, Gemüt und Dankbarkeit genug, seinen Lebensretter nicht in Verlegenheit zu bringen. Vielleicht war es sogar sehr vorteilhaft, ihm begegnet zu sein. Seine Bekanntschaft mit den Verhältnissen und Personen konnte für Müller von großem Nutzen sein, und zunächst war es ja schon als eine große Bequemlichkeit zu betrachten, daß jener Fritz ein Unterkommen gewährt hatte, welches diesem erlaubte, seinem Herrn zu jeder Zeit zur Verfügung zu stehen. Es war recht umsichtig von Bertrand gewesen, den Kräutersammler in französische Tracht zu stecken, und ebenso war es Dankes wert, daß er Müller aufgesucht hatte, um sich ihm zu erklären und zu beruhigen. Und zuletzt zeigte der Arzt noch den feinen Takt, sich zurückzuziehen, sobald er erkannt hatte, daß es ihm gelungen sei, die Verlegenheit Müllers zu heben.

Der letztere fühlte sich vollständig befriedigt. Er sah, daß Fritz einen bittendfragenden Blick herüberwarf, und beantwortete dieses stumme Gesuch um Verzeihung mit einem wohlwollenden Lächeln, fügte dazu aber ein leises Emporziehen der Brauen, welches dem Diener bedeuten sollte, in Zukunft nicht mehr so eigenmächtig zu handeln.

Unterdessen war das Dampfboot bereits über Bernkastel hinausgekommen, ohne daß die Nebel weichen wollten. Es passierte noch Mühlheim, Wingerath und Emmel, und nun endlich zog der Nebel in langen Schwaden über die Wellen dahin. An dieser Stelle macht der Fluß eine weite Biegung nach Norden hin und bietet der Schiffahrt gefährliche Hindernisse dar. Während er das linke Ufer unterhöhlt hat und da tiefe Strudel bildet, setzt er auf der anderen Seite alles ab, was er mit sich führt. Kapitän und Steuermann müssen hier beide gleich vorsichtig sein.

Die Nebel schwanden, aber anstatt daß es heller wurde, legte sich eine unheimliche Dunkelheit auf die Erde nieder. Der Himmel hatte sich schwarz umzogen, und die Wolken hingen schwer und tief hernieder, so daß es schien, als ob man sie greifen könne. Ein lang andauerndes Wetterleuchten umzuckte den ganzen Horizont; einzelne schwere Tropfen fielen, dann fuhr ein blendender Blitzstrahl hernieder, es war, als ob ein großer, ungeheurer Feuerklumpen vom Himmel falle – ein entsetzlicher Donnerschlag erfolgte, und nun brach ein Regen los, so massenhaft, so flutenähnlich, daß man meinen sollte, die Wellen eines ganzen Meeres stürzten von der Höhe hernieder.

Das Verdeck des Schiffs war im Nu von sämtlichen Passagieren verlassen. Sie eilten nach den Kajüten, um Schutz zu suchen. Auch Müller war nach unten gestiegen.

Droben befanden sich nur die zur Führung des Schiffes dienenden Leute. Sie hatten einen schweren Stand. Blitz folgte auf Blitz und Schlag auf Schlag. Der Regen goß so dicht herab, daß der Mann, welcher vorn am Buge stand und die Glocke läutete, kaum zehn Fuß weit zu sehen vermochte. Er mußte sich festhalten, um vom Sturm nicht fortgerissen zu werden.

Die vorhin erwähnte Krümmung war schon zur Hälfte überwunden, und man durfte hoffen, in kurzer Zeit in Thron oder Neumagen anzulegen, wo man das Gewitter vorüberlassen konnte. Der Dampfer kämpfte mit aller Kraft gegen die aufgeregten Wogen an, welche in rasender Schnelle ihm entgegenschossen. Der Mann an der Glocke gab sich alle Mühe, mit seinem Blick die Regenmassen zu durchdringen, welche ihm von dem orkanartigen Sturm entgegengeschleudert wurden. Da – er horchte auf; es war ihm, als ob er vor sich ein Krachen und Stöhnen, ein eigenartiges Rauschen und Prasseln vernommen habe, welches nicht mit dem Heulen des Sturms und dem Brausen der Wogen verwechselt werden konnte. Schnell drehte er sich zurück und hielt die Hände an den Mund, um den Warnungsruf erschallen zu lassen – zu spät, denn in demselben Augenblick ertönte ein lauter schmetternder Krach; das Schiff erzitterte in seinem ganzen Bau, und der Mann, welcher den Ruf hatte ausstoßen wollen, wurde von dem Bug des Fahrzeugs auf eine gewaltige, sich da draußen auftürmende Holzmasse geschleudert. Sein Angstschrei erschallte zu gleicher Zeit mit demjenigen des Kapitäns und Steuermanns. Der erstere war von der Kommandobrücke auf das Deck gestürzt und der zweite von seinem Rad hinweg hinaus in die Wogen geschleudert worden.

Wie sich später herausstellte, hatte sich weiter oben ein sehr tiefgehendes Floß losgerissen und war von dem Sturm und den wilden Wogen mit rasender Schnelle flußab getrieben worden. Der Zusammenprall desselben mit dem Dampfer hatte in den beiden Kajüten des letzteren natürlich eine ganz schreckliche Verwirrung hervorgerufen. Die Passagiere waren zu Boden geschleudert worden und mit ihnen alles, was nicht niet- und nagelfest war.

Beim Andrang so vieler Menschen hatten Marion und ihre Freundin es vorgezogen, in der Damenkajüte Schutz zu suchen. Jetzt stürzten beide aus dem engen Raum heraus. Marion erblickte den Grafen Rallion, welcher sich soeben von seinem Fall wieder aufgerichtet hatte.

„Oberst, um Gottes willen, retten Sie uns!“ rief sie.

Er wendete sich nach ihr hin und wollte eben antworten, als vom Verdeck herab der laute, angstvolle Ruf erschallte:

„Rette sich, wer kann! Wir sinken bereits!“

Als Rallion diese Worte hörte, verzichtete er zu antworten. Er sprang mit einem raschen Satz nach der Treppe und eilte hinauf, die Passagiere ihm nach. Die beiden Damen wurden zur Seite gedrängt; keiner nahm Rücksicht auf sie. Man zerquetschte sich fast an der engen Tür, welche nach oben führte; man heulte und schrie, man tobte und fluchte; man schlug mit den Fäusten um sich, um den anderen zuvorzukommen. Und dazu krachte der Donner, und die Blitze leuchteten mit ihrem grellen Schein zu den kleinen Fensterchen herein.

„Gott, erbarme dich unser!“ schluchzte Nanon, indem sie sich zitternd in die Ecke schmiegte, um von den rasenden Menschen nicht erdrückt zu werden.

Jetzt, in diesem so gefahrvollen Augenblick, zeigte sich die Überlegenheit Marions in ihrer vollen Größe. Das schöne, stolze Wesen schlang ihre Arme um die bebende Freundin uns sagte:

„Nur Mut! Noch sind wir nicht verloren. Der Oberst ist fortgeeilt, um zu sehen, wie es steht. Warten wir; er kommt sicher wieder, um uns zu holen oder zu beruhigen!“

In der zweiten Kajüte war die Verwirrung womöglich noch größer als in der ersten. Auch hier war alles untereinander geschleudert worden. Hier hörte man das knirschende Eindringen des Bugs in die Stämme des Floßes und das Krachen, Stöhnen und Prasseln der schweren Hölzer, welche von den Fluten vor dem Schiff auf- und übereinandergeschoben wurden. Der Heizer war mit dem Maschinisten vor Angst auf das Deck gesprungen, und die nun sich selbst überlassene Maschine arbeitete, ohne gestoppt zu werden, gegen die mächtigen Massen des Floßes an. Dadurch stieg das Schiff vorn in die Höhe und sank hinten tiefer in den Strom. Ein Krach ertönte ganz vorn am Vorderteile, und sofort drang das Wasser in einem armdicken Strahl zu der durchbrochenen Wand herein.

Jetzt drängten die Passagiere unter wildem Angstgeheul nach der Tür. Da kam Müller der Gedanke an die Baronesse. Diese war jedenfalls auch an Bord. Er sprang nach der Seite, auf welcher Fritz stand, ohne sich in das Gedränge zu mischen, den Blick auf seinen Herrn gerichtet, um sich nach dessen Verhalten zu richten.

„Fritz“, rief dieser, so daß er die Worte trotz des Schreiens der Menschen, des Tosens der Fluten und des Heulens des Sturmes hören konnte, „hast du zwei vornehme Damen einsteigen sehen?“

„Ja, eine Blonde und eine Braune“, antwortete der Gefragte. „Sie müssen in der ersten Kajüte sein.“

„Komm, schnell zu ihnen!“

Er sprang zu der kleinen Tür hinaus, welche in die Restaurationsküche und den Maschinenraum führte. Aus diesem letzteren ging eine schmale, steile Treppe nach dem Verdeck. Fritz folgte ihm sofort.

Als sie oben ankamen, sahen sie zunächst den Kapitän liegen, welcher mit dem Kopf auf die harten Planken gestürzt war und die Besinnung verloren hatte. Am Hinterteil waren die französischen Herren beschäftigt, den dort hängenden Hilfskahn näher heranzuziehen, um sich in denselben zu retten. Müller sprang hinzu und rief:

„Halt! Die Damen gehen vor!“

„Nein, wir selbst gehen vor. Pack dich, Tölpel!“ antwortete der Oberst, indem er hinab in den Kahn sprang.

Das Schiff war hinten bereits so tief gesunken, daß das Wasser bis an die Fenster der Kajüte stieg. Müller sah, daß keine Zeit zu verlieren sei. Er gab es auf, mit den Franzosen um das Boot zu kämpfen, zumal jetzt auch die anderen Passagiere herbeidrängten und unter vielstimmigem Brüllen nach demselben verlangten. Er sprang zur Kajütentreppe, und Fritz folgte ihm hinunter.

Dort lehnten die beiden Mädchen noch eng umschlungen in der Ecke. Nanon hielt die Augen geschlossen, Marion aber blickte den Kommenden voll entgegen.

„Ist's gefährlich?“ fragte sie.

Müller deutete nach dem Fenster, über welchem die Wogen bereits emporschlugen.

„Kommen Sie, schnell, schnell!“ rief er, die Hand nach Marion ausstreckend.

„Holen Sie den Grafen Rallion!“ befahl sie, ohne vorher zu fragen, ob Müller denselben auch kenne.

„Er ist entflohen. Um Gottes willen, schnell!“

Die Flut hatte soeben die Scheibe des einen Fensters eingedrückt und drang durch die entstandene Öffnung herein. In wenigen Augenblicken mußte das Schiff sinken. Müller faßte die Baronesse, hob sie empor, als ob sie ein Kind sei, und eilte mit ihr nach dem Verdeck. Fritz hatte Nanon ergriffen und sprang hinter ihm her.

Da oben hatte die Gefahr den höchsten Grad erreicht. Der Regen schien nicht mehr in Tropfen, sondern in einer kompakten Masse zu fallen, durch welche der Blitz seine Feuerstrahlen schleuderte. Das Vorderteil des Schiffes hatte sich hoch emporgearbeitet, während das Hinterteil sichtbar immer tiefer sank. Mächtige Stämme und Hölzer, welche sich vom Floß losgerissen hatten, schossen vorüber. Soeben löste sich der Kahn, in welchem die Franzosen saßen, vom Schiff, und ein hundertstimmiges Wutgeheul folgte ihm.

„Feigling!“ murmelte Marion. Und lauter, so daß Müller es hören mußte, fügte sie hinzu. „Nun gibt es keine Rettung; wir sind verloren!“

Er ließ sie auf die Füße gleiten, deutete hinaus auf die wirbelnde Flut und fragte:

„Wollen Sie sich mir anvertrauen?“

Sie war trotz ihres mutigen Herzens totenbleich geworden und antwortete:

„Gegen diesen Aufruhr der Elemente ist jeder Kampf vergebens.“

„Man muß es versuchen. Sehen Sie!“

Er deutete nach Doktor Bertrand, welcher in diesem Augenblick über Bord sprang, faßte sie abermals fest und zog sie nach dem Steuer. Dort lag das Schiff bereits so tief, daß das Wasser das Verdeck erreichte. Es bedurfte hier keines Sprungs; man konnte langsam in das Wasser gleiten. Marion blickte sich nach der Freundin um. Diese hing ohnmächtig an Fritzens Hals, der jetzt an seinem Herrn vorübereilte und mit seiner schönen Last in die Fluten glitt. Da legte auch die Baronesse ihre Arme um Müller, der mit ihr augenblicklich dem mutigen Diener folgte.

Jetzt begann für ihn ein hartes, fast übermenschliches Ringen mit dem empörten Element. Die Wogen türmten sich hoch, wie ein Sturm auf dem Meer. Sie rissen die Stämme mit sich fort und brachten gerade dadurch den beiden Schwimmern die größte Gefahr. Müller war mit dem Wasser vertraut. Er erkannte, daß es nur darauf zu achten habe, immer oben zu bleiben; der Strom zog ihn ganz von selbst mit fort und dem Ufer entgegen, das hier ja eine Krümmung machte.

Marion war zwar bereits infolge des Regengusses vollständig durchnäßt worden; aber als die tosenden Wellen über ihr zusammenschlugen, war es doch um sie geschehen, sie stieß einen Schrei aus und wurde ohnmächtig, Müller schwamm auf dem Rücken und legte sich die Gestalt des Mädchens quer über den Leib, sorgfältig darauf achtend, daß kein Wasser in ihren Mund fließe, und daß er nicht in Berührung mit einem der gefährlichen Balken komme. Sie lag regungslos auf dem Rücken und hatte die Augen geschlossen. Durch diese Lage wurde der herrliche Busen hervorgehoben, auf dessen schönen Formen Müllers Blicke trotz der Gefahr, in welcher er schwebte, immer wieder zurückkehrten. Er hatte das Schiff kaum verlassen, so versank es vor seinen Augen; das Donnern und Tosen des Sturms verschlang den Todesschrei derjenigen, welche sich noch an Bord befanden.

Fritz war nicht mehr zu sehen; der dichte Regen erlaubte Müller nicht, weit zu sehen; doch hatte er keine Sorge um ihn, da jener ein ausgezeichneter Schwimmer war. Zwar waren die Ufer nicht zu erkennen, aber wenn er sich nur immer so viel wie möglich links hielt, mußte er bald landen können.

So vergingen fünf Minuten, bis die phantastischen Gestalten alter Weiden im Guß des Regens auftauchten. Müller stieß noch einige Male kräftig aus und kam an das Ufer. Aber er mußte sich an den überhängenden Zweigen festhalten, um nicht fortgerissen zu werden. Es kostete ihn sehr große Anstrengung, festen Fuß zu fassen, ohne seine süße Bürde zu verlieren.

Nach mühevoller Landung legte er sie in das Gras nieder, um einige Augenblicke auszuruhen. Da lag sie bleich und regungslos. Das nasse Gewand legte sich eng an die herrlichen Glieder und ließ die Formen derselben so deutlich erscheinen, als ob sie unbedeckt seien. Müller achtete nicht auf den Regen; er vergaß das Brausen und Brüllen des Wassers; er sah nur die Heißgeliebte vor sich. Er ließ sich neben ihr nieder, nahm ihren Kopf in den Arm und legte seine Lippen auf den Mund, welcher, leise geöffnet, die köstlichen Zahnperlen sehen ließ. Er küßte, küßte und küßte sie wieder und immer, bis er fühlte, daß ihre Lippen warm wurden.

Da, da schlug sie langsam die Augen auf; ihr matter Blick ruhte auf ihm mit einem Ausdruck, als ob sie sich im Traum befinde. Der Sturm machte eine kurze Pause, und da klang es aus ihrem Mund:

„Richard!“

Er fuhr zurück; er hatte das Wort ganz deutlich vernommen, und er sah das glückliche Lächeln, unter welchem die Herrliche die Augen wieder schloß, um von neuem in Bewußtlosigkeit zu sinken. Das war ja sein Name! Aber er schüttelte den Kopf. Sie konnte doch unmöglich ihn gemeint haben! Jedoch sie hatte willenlos ein Geheimnis verraten; sie liebte bereits; sie liebte einen Glücklichen, welcher auch Richard hieß. War dies vielleicht Graf Rallion? Nein; Müller besann sich, daß dieser einen anderen Vornamen hatte, und fühlte sich durch diesen Umstand befriedigt, obgleich die Entdeckung, daß ihr Herz nicht mehr frei sei, sein Herz mit einem brennenden Schmerz durchzuckte.

Aber es war hier nicht der Ort, an diese Dinge zu denken; es galt vielmehr, die Baronesse unter ein schützendes Dach zu bringen.

Da, wo er an das Ufer gestiegen war, lagen wohlgepflegte Felder, ein sicheres Zeichen, daß menschliche Wohnungen nicht weit entfernt seien. Er eilte eine kleine Strecke am Fluß hinab und fand einen Weg, welcher oft betreten zu sein schien. Er holte die Baronesse und verfolgte, sie auf den Armen tragend, diesen Pfad, der schließlich in einen Fuhrweg mündete.

Da fühlte er, daß Marion sich bewegte. Halb noch von ihrer Ohnmacht umfangen, schlang sie die Arme um seinen Hals und legte den Kopf auf seine Achsel. Er fühlte die weiche Gestalt eng an sich liegen; er drückte sie fest und immer fester an sich, so daß ihr Busen an seiner Brust zu ruhen kam, und gelobte sich im stillen, jenen Richard kennenzulernen und mit ihm um den Besitz dieses unvergleichlichen Wesens in die Schranken zu treten.

Er mochte wohl zehn Minuten lang gegangen sein, ohne von der Schwere seiner Last behindert zu werden, als er einen Bauernhof bemerkte, auf dessen Eingang der Weg gerade zuführte. In dem großen, breiten Tor befand sich ein kleines Pförtchen, durch welches er eintrat. Die Bewohner des Gutes bemerkten ihn; sie sahen, daß er eine Dame auf den Armen trug und sprangen ihm entgegen.

Die Nachricht von dem verunglückten Schiff, welche er brachte, erregte die größte Bestürzung. Die Männer brachen sofort auf, um nach dem Fluß zu gehen und zu sehen, ob noch zu helfen und zu retten sei. Den Frauen aber übergab Müller die Baronesse, um sie zu entkleiden und in ein Bett zu legen. Dann kehrte auch er nach der Unglücksstätte zurück, besonders um nach Fritz und der anderen Dame zu suchen.

Der Regen hatte mittlerweile etwas nachgelassen, so daß man wieder in eine größere Entfernung sehen konnte. Der Bauer und seine Knechte erblickten den Schornstein des Schiffs, welcher schief aus den Fluten ragte. Am Ufer war kein Mensch zu sehen. Das Floß war zerrissen worden und verschwunden; es gab nichts zu retten.

Müller forderte die Leute auf, mit ihm stromabwärts zu gehen, und da fanden sie nach einiger Zeit eine sehr sichtbare Fährte im hohen Grase des Ufers. Hier mußte Fritz das Wasser verlassen haben.

„Vielleicht hat der Mann, den Sie suchen, unsere Wächterhütte gefunden“, bemerkte der Bauer.

„Wo ist diese?“

„Dort hinter jenem Erlengebüsch.“

Sie schritten darauf zu, hinter den Büschen erblickten sie eine sehr primitiv aus ausgeackerten Feldsteinen errichtete Hütte. Die Türöffnung derselben war ohne Verschluß, und die einzige Fensternische war mit Stroh verstopft. Als sie sich näherten, trat ein Mann hervor, es war wirklich Fritz, der Diener.

„Wo ist die Dame?“ fragte Müller.

Fritz deutete nach innen und antwortete:

„Da auf dem Stroh. Sie ist noch immer ohne Bewußtsein.“

„Hat sie vielleicht zuviel Wasser schlucken müssen?“

„Nicht halb soviel als ich. Übrigens dürfen Sie ohne Sorge sein; es ist jemand bei ihr, der es versteht, zu beurteilen, ob sie halb ertrunken ist oder ganz.“

„Ach, vielleicht Doktor Bertrand?“

„Allerdings. Er stand bereits am Ufer, als ich ankam. Wir fanden dann miteinander diesen Palast, in welchem wir uns bis jetzt ganz wohl befunden haben.“

Als Müller eintrat, kniete der Arzt bei der Dame. Er erhob sich sofort und sagte:

„Ach, Herr Doktor Müller! Ich muß sie um Verzeihung bitten, daß ich so ohne allen Abschied vom Schiff ging. Aber ich wußte die Damen unter der besten Aufsicht und hatte vor allem die Pflicht, mich als Arzt zunächst zu retten, um dann zu Diensten sein zu können. Diese Dame ist nur infolge des Schreckens ohnmächtig. Es wird nichts für sie zu fürchten sein, wenn wir sie nur so bald als möglich aus den nassen Kleidern und in einen guten Schweiß zu bringen vermögen.“

„Es ist ein Meierhof in der Nähe“, antwortete Müller. „Ich werde sie hinbringen, die Baronesse ist auch bereits dort.“

Er nahm das Mädchen auf die Arme und schritt den anderen voran, dem Bauerngut zu, wo der Arzt sich sofort zu der Baronesse begab, während die Frauen einstweilen für Nanon sorgten.

Marion war wieder zu sich gekommen und sehr erstaunt darüber, daß eine männliche Person es wagte, zu ihr zu kommen. Bertrand entschuldigte sich:

„Gnädiges Fräulein, ich bin Arzt und halte es für meine Pflicht, Ihnen meine Aufwartung zu machen, da sich keine andere wissenschaftliche Hilfe in der Nähe befindet.“

Diese Worte versöhnten sie sofort.

„Ach, Sie sind Arzt, mein Herr“, meinte sie. „Wo befinde ich mich?“

„Auf einem Meierhof in der Nähe der Unglücksstelle.“

„Wer hat mich hierher gebracht? Ist mein – Retter am Leben?“

„Er befindet sich wohl und hat Sie nicht nur aus den Fluten gerettet, sondern auch hierher getragen.“

„Wer ist dieser Mann?“

„Es ist ein Doktor der Philosophie, namens Müller.“

„Also ein Deutscher?“

„Ja. Glauben Sie, daß dieser Umstand geeignet ist, den Wert seiner Tat zu vermindern?“

„Oh, nicht im geringsten. Ich bin zwar Französin, aber keineswegs eine Deutschenhasserin aus Passion.“

„Das wird Herr de Sainte-Marie nur sehr ungern bemerken!“ lächelte Bertrand.

„Wie? Sie kennen meinen Vater?“

„Ich habe die Ehre, ihn sogar sehr genau zu kennen. Während der Zeit Ihrer längeren Abwesenheit habe ich mich in Thionville etabliert und bin so glücklich gewesen, der Hausarzt Ihres Herrn Vaters und Großvaters zu werden.“

„Und wie kommt es, daß Sie mich kennen?“

„Ich war Passagier desselben Schiffs, auf welchem Sie in Todesgefahr schwebten. Ich hörte da Ihren Namen nennen. Wie Sie an meinem Anzug sehen werden, habe ich mich durch Schwimmen gerettet. Wie befinden Sie sich, mein gnädiges Fräulein?“

„Ich bin bereits in wohltätigem Schweiß und hoffe, ohne ferneren Schaden davongekommen zu sein. Wie aber geht es meinem Retter?“

„Oh, der ist eine starke, sehr widerstandsfähige Natur, wie es scheint. Er wird die Kleider wechseln, um sie zu trocknen; das ist alles. Für Sie aber und die andere Dame –“

„Ah, Nanon!“ unterbrach sie ihn: „An die Gute habe ich eben gedacht, ehe Sie eintraten. Ist auch sie gerettet worden?“

„Ja, mein Kräutersammler hat sie nach dem Ufer gebracht. Sie befindet sich in einem anderen Zimmer dieses Hauses, und ich hoffe, daß sie ebenso schnell wieder wohl sein wird wie Sie. Ich werde in die Apotheke des nächsten Dorfes schicken, um einige Medikamente kommen zu lassen, und bin überzeugt, daß Sie morgen früh Ihre Reise fortsetzen können.“

„Aber um Gottes willen nicht wieder mit dem Dampfer! Ich werde mir einen Wagen besorgen, der mich über Hetzerath und Schweich nach Trier bringen soll, von wo aus ich dann die Bahn benutzen werde.“

Unterdessen hatten Müller und Fritz sich ihrer nassen Kleider entledigt und sich von den Bewohnern des Hofes andere geliehen. Der Regen hatte jetzt vollständig aufgehört; die Wolken waren verschwunden, und am Himmel erglänzte die helle Sonne, um mit ihren liebevollen Strahlen die vom Unwetter erkältete Erde zu erwärmen. Müller trat vor das Tor und sah einige Männer auf das Gut zukommen. Er erkannte bereits von weitem den Oberst Rallion und dessen Freunde. Er trat wieder in den Hof zurück, um ihnen nicht sogleich wieder als Zielscheibe ihrer schlechten Witze zu dienen. Sie kamen heran und trafen als ersten den Arzt, welcher aus der Tür getreten war, um nach dem Wetter zu sehen.

„Heda, guter Freund“, rief ihm der Oberst zu, der ihn zunächst für einen Bauern hielt, „wißt Ihr bereits von dem Unglück, welches dort auf dem Fluß geschehen ist?“

„Ich denke, sehr wohl“, antwortete Bertrand lächelnd.

Rallion betrachtete ihn genauer und sagte dann:

„Alle Teufel, Sie waren ja mit dabei, wenn ich nicht irre. Sie fuhren ja mit auf dem ersten Platz. Sind noch andere gerettet?“

„Bis jetzt weiß ich nur vier.“

„Wer ist es?“

„Zwei Damen und zwei Herren.“

„Wer sind die Damen? Schnell, schnell!“

„Die Baronesse Marion de Sainte-Marie und eine Freundin von ihr.“

„Gott sei Dank! Diese suche ich. Wer hat sie ans Ufer geschafft?“

„Doktor Müller.“

„Ah, der deutsche Tölpel.“

Der Arzt machte ein sehr ernstes Gesicht und antwortete in verweisendem Ton:

„Mein Herr, es erscheint mir gerade nicht tölpelhaft gehandelt, eine Dame vom Tod zu retten, während andere feig davonlaufen. Hätten Sie sich nicht des Kahnes bemächtigt, der mit Ihnen verschwunden ist, so verlören weniger Menschen ihr Leben, weil man, bis der Dampfer sank, nochmals zurückkehren konnte, um Leute aufzunehmen. Sie werden von Glück reden können, wenn Ihre Handlungsweise nicht untersucht und geahndet werden wird.“

Er drehte sich um und schritt davon. Der Oberst blickte ihm nach und sagte:

„Jedenfalls auch ein Deutscher. Es wird hohe Zeit, daß wir die Faust auf diese rohe Menschenklasse legen. Aber ärgern wir uns nicht, suchen wir lieber die Baronesse, um ihr Glück zu wünschen.“

Er ging über den Hof hinüber und trat in die Wohnstube; die anderen folgten ihm. Dort stand Müller, sich mit dem Meier unterhaltend. Als der Oberst ihn erblickte, lachte er laut auf und rief:

„Parbleu! Das ist lustig. Seht unseren Billardkünstler als Bauer. Wie ihm die Jacke auf dem Buckel sitzt. Ich hätte ihn mögen schwimmen sehen.“

Müller machte eine höfliche Verbeugung und antwortete:

„Ich mußte wohl schwimmen, um abermals Ihre Stelle zu vertreten. Die Rettung der Baronesse wäre doch eigentlich Ihre Sache gewesen. Heute werden Sie es jedenfalls sein, der um Verzeihung zu bitten hat. Ich will Ihnen jedoch erlassen, sich auf den Tisch zu stellen.“

„Schweigen Sie“, donnerte ihn der Oberst an. „Wer hat Ihnen übrigens erlaubt, sich an dieser Dame zu vergreifen? Ihre Schwimmpartie soll Ihnen ein anständiges Trinkgeld einbringen. Hier haben Sie zwei Zwanzigfrancstücke; das ist für einen buckligen Schulmeister eine mehr als noble Gratifikation. Lassen Sie sich aber nicht wieder bei der Dame sehen, sonst schlage ich Ihnen den Rücken breit, was Ihnen übrigens nur lieb sein könnte, weil dann Ihr Bisonhöcker eine manierliche Gestalt bekäme. Hier, Sie Billardtölpel!“

Er griff in die Tasche, zog zwei Goldstücke hervor und hielt sie dem Angesprochenen entgegen. Müller verbeugte sich höflich und antwortete:

„Ich bin ein armer Teufel und werde also Ihre freundliche Gratifikation annehmen, setzte jedoch voraus, daß Sie mir erklären, daß Ihnen das Leben der Baronesse de Sainte-Marie wirklich vierzig Francs wert ist.“

Und als der Oberst, der sich durch diese Forderung verblüfft fühlte, nicht sogleich antwortete, fuhr Müller lächelnd fort:

„Ich sehe, daß Ihnen diese Summe denn doch zu hoch erscheint. Überlegen sie sich den Handel, bis wir uns wiedersehen.“

Er ging. Nach einiger Zeit verließ er in seinem Anzug, der wieder trocken geworden war, den Meierhof. Nur der Hut war auf dem Schiff zurückgeblieben und mit diesem versunken, ebenso der alte Regenschirm. Fritz begleitete Müller nicht, da er jetzt zu Doktor Bertrand gehörte, welcher mit den Damen abreisen wollte.

Am späten Nachmittag erschien eine Dame und ließ sich bei der Baronesse anmelden. Sie erklärte, daß sie eine Damenkonfektionärin aus Hetzerath sei und eine Auswahl von Roben mitgebracht habe, da die Kleidung des gnädigen Fräuleins doch nicht wieder anzulegen sei. Und befragt, wie sie nach dem Meierhof komme, gab sie die Auskunft, daß sei von einem buckligen Herrn geschickt sei, welcher ihr mitgeteilt habe, daß die beiden Damen hier ihrer wohl bedürfen würden.

„Das ist mein Retter gewesen“, dachte Marion. „Dieser Mann ist ebenso umsichtig wie kühn. Er entreißt mich wirklich einer großen Verlegenheit, und ich wünsche sehr, ihn wiederzusehen, um ihm danken zu können.“

Die Konfektionärin verkaufte an Marion und Nanon je ein Reisegewand.

ZWEITES KAPITEL 

Waffenprobe

Verfolgt man die Straße, welche von Thionville über Stuckingen nach Südosten führt, so passiert man einige kleine Zuflüsse der Mosel und gelangt unbemerkt auf eine fruchtbare Hochebene, in deren reichen Bodenertrag sich einzelne kleine Dörfer und Meierhöfe teilen. Dort liegt der Weiler Ortry mit einem Schloß, dessen Äußeres allerdings keinen sehr imponierenden Eindruck macht, dessen innere Ausstattung aber desto mehr von dem Reichtum seines Besitzers zeugt.

Dieser ist der Baron von Sainte-Marie. Vor einer nicht zu langen Reihe von Jahren in diese Gegend gekommen, war er den Bewohnern derselben vollständig fremd gewesen, und auch jetzt wußte man weiter nichts, als daß sein Name erst seit einiger Zeit in die Adelsregister aufgenommen worden sei.

Er lebte den Winter über in Paris und kam beim Anbruch des Frühjahres nach Ortry, um bis zum Spätherbst hierzubleiben. Er gab keine Gesellschaften und lebte sehr zurückgezogen, hatte aber auf die Arbeitsverhältnisse der Umgegend einen großen Einfluß gewonnen.

In der Nähe des Schlosses, unten am Bach, wo früher die Rinder geweidet hatten, erdröhnten jetzt die Dampfhämmer; riesige Schornsteine ragten empor, und schwarze Räder drehten sich unter heimtückischem Schnauben im Kreis. Rußgeschwärzte Arbeiter hantierten mit Zange und Feile, und auf dem ganzen Etablissement lag jene mit Ruß und metallischen Atomen geschwängerte Luft, welche eines der unangenehmsten Attribute unseres eisernen Zeitalters ist.

Der Baron von Sainte-Marie betrat diese rauchgeschwärzten Gebäude nur selten selbst. Ein Fabrikdirektor hatte die Aufsicht über alle Arbeiter. Öfters jedoch stieg eine lange, hagere, weißköpfige Gestalt vom Schloß hernieder, um, ohne ein Wort zu sagen, langsamen Schritts die Fabrikräume zu durchwandern, und dann flüsterten die Arbeiter einander warnend zu: „Der Kapitän geht um!“

Dieser Kapitän war der Vater des Barons. Man erzählte sich, daß er bereits neunzig Jahre alt sei; aber seine Haltung war kerzengerade, sein dunkles Auge noch voll Leben und sein Mund noch voll der schönsten Zähne. Diese letzteren bemerkte man, wenn er sich in zorniger Stimmung befand. Er zog dann mit einer fletschenden Bewegung seiner Oberlippe den dicken, schneeweißen Schnurrbart empor, so daß sein starkes, blendendes Gebiß zu sehen war, das demjenigen eines Hundes glich, der sich anschickt, sich auf seinen Gegner zu werfen.

Nie sprach der Kapitän zu einem der Arbeiter ein Wort, nie lobte oder tadelte er; aber man wußte, daß er die eigentliche Seele des ganzen Unternehmens sei. Wenn er an der Werkbank, am Amboß, am Glühofen stehenblieb, dann nahmen sich die Leute doppelt zusammen. Beim geringsten Fehlgriff fletschte er die Zähne, kniff die Augen zusammen und entfernte sich schweigend; doch nach einigen Minuten kam sicher der Werkmeister und sagte sein unwiderrufliches: „Abgelohnt und entlassen!“

Schritt dann der Alte wieder dem Schloß zu, so atmeten die Leute erleichtert auf und schüttelten den Druck ab, welcher während seiner Gegenwart auf ihnen gelastet hatte.

Außer den Besuchen in der Fabrik war er nie zu sehen, obgleich der Oberförster versicherte, ihm des Nachts im Wald begegnet zu sein im tiefsten Dickicht, in der Nähe des alten Turms, welcher dort seit langen, langen Zeiten stand, aber von jedermann gemieden wurde; da man wußte, daß mit den Gespenstern, welche dort hausten, nicht zu spaßen sei. Allerdings gab es einige wenige Männer, welche im stillen über den Aberglauben lachten, in Gegenwart anderer jedoch sich den Anschein gaben, als ob sie denselben teilten.

Seit einiger Zeit hatte sich die Zahl der Arbeiter in der Fabrik vermehrt. Es war eine Abteilung für Feuergewehre errichtet worden. Es langten, man wußte nicht woher, ganze Wagenladungen alter Gewehre an, welchen eine neuere Konstruktion gegeben wurde. Hatten sie diese erhalten, so verschwanden sie, ohne daß die Arbeiter wußten, wer sie abgeholt habe. Dann wurden auch bedeutende Vorräte von Hieb- und Stoßwaffen geschmiedet, und diese Abteilung der Fabrik war es, welcher der alte Kapitän seine besondere Aufmerksamkeit widmete, allerdings auch, ohne jemals den Mund zu einem lauten Wort zu öffnen.

Von seinem Sohn, dem Baron, erzählte man sich heimlich, daß er zuweilen nicht recht bei Sinnen sei. Es solle Zeiten geben, in welchen er sich tagelang eingeschlossen halte, und dann sei in seinen Gemächern ein unterdrücktes Wimmern und Stöhnen zu vernehmen. Dann werde der alte Kapitän gerufen, und nachdem dieser sich stundenlang bei seinem Sohn aufgehalten habe, lasse dieser sich wieder sehen, bleich und angegriffen, als ob er von einer langen, gefährlichen Krankheit erstanden sei.

Der Baron war ein schöner Mann, doch mit jenem geheimnisvollen, wachsartigen Teint, welcher immer auf eine eigenartige, vielleicht gar krankhafte Stimmung der Psyche schließen läßt; sein großes Auge war wie mit Flor bedeckt, und in seinem Auftreten lag eine ängstliche Scheu, deren Grund sich nicht ersehen ließ.

Ganz anders dagegen war seine zweite Frau, die Baronin. Sie war eine hohe, mehr als üppig ausgestattete Blondine, von der man wußte, daß sie das ganze Schloß regiere und sich unter Umständen sogar an den alten Kapitän wage, vor dem sich sonst jedermann fürchtete. Ihr Auftreten war ein anspruchsvolles, zuweilen beinahe rücksichtsloses, obgleich man sich sagte, daß es auch bei ihr Augenblicke gebe, in denen sie sehr leicht zu beeinflussen sei.

Die meiste Sympathie hatte Baronesse Marion sich zu erringen gewußt. Leider aber war sie seit zwei Jahren in England gewesen, und man erfuhr nur ganz zufällig, daß sie in nächster Zeit über Deutschland heimkehren werde.

Im Gegensatz zu ihr war ihr Stiefbruder der Plagegeist aller, welche mit ihm in Berührung kamen. Von seiner Mutter verwöhnt und von seinen bisherigen Erziehern verzärtelt, war er das einzige Wesen, dem der alte Kapitän sein Herz geschenkt zu haben schien. Dieser machte ihn fortgesetzt darauf aufmerksam, daß er der Sohn der Sainte-Maries sei, deren Familie nur auf diesem einen Auge stehe. Der Knabe wurde dadurch stolz, hochmütig, befehlshaberisch und begann, sich für etwas unendlich Höheres und Besseres zu halten, als andere. Seine größte Freude war, Untergebenen und Arbeitern zu zeigen, daß sie ihm in allen Stücken zu gehorchen hätten, und wehe dem, der ihm widersprach; er war von Seiten des Knaben und seiner Eltern der unerbittlichsten Ungnade verfallen.

Es war des Vormittags. Wer an der Tür des Badezimmers der Baronin von Sainte-Marie gelauscht hätte, dem wäre ein leises Plätschern aufgefallen, welches im Innern zu hören war. Und wer das Glück gehabt hätte, eintreten zu dürfen, dem wäre gewiß die laszive Ausstattung dieses Raumes aufgefallen.

Dieses Zimmer hatte nämlich kein Fenster. Es bildete einen achteckigen Raum, dessen eine Wand durch die Tür gebildet wurde. Die anderen sieben Seiten wurden von Gemälden eingenommen, welche in der Weise angelegt waren, daß der Baderaum eine von Weinranken überdachte Insel bildete, um welche badende Frauen und Männer in den obszönsten Stellungen zu erblicken waren. Aus der Mitte des Rankendaches hing eine rosafarbene Ampel herab, welche die drastischen Szenen mit einem wollüstigen Licht übergoß.

Gerade unter dieser Ampel stand eine marmorne Badewanne, welche nicht mit Wasser, sondern mit Milch gefüllt war. Und in diesem weichen, weißen Bad plätscherte die üppige Gestalt der Baronin. Die gnädige Frau behauptete nämlich, daß die Milch das einzige Mittel sei, einen schönen Teint und die Reinheit der Formen bis in das späteste Alter zu erhalten. Und so wurde der bedeutendste Teil vom Ertrag der herrschaftlichen Milcherei für die täglichen Bäder der gestrengen Herrin verwendet, ohne daß der Baron etwas dagegen zu sagen gehabt hätte.

Ob die Ansicht der Baronin richtig war, mag dahingestellt bleiben; gewiß aber ist, daß sie nach dem Bad sich stets in einer besseren Laune als sonst befand. Dies schien auch heute der Fall zu sein. Sie stieg aus der stärkenden Flut und ließ diese langsam abtropfen. Dabei betrachtete sie die Wandgemälde und verglich die Schönheiten der badenden Frauen mit den Reizen, welche sie selbst besaß. Diese Vergleichung schien nicht unbefriedigend ausgefallen zu sein, denn es spielte ein selbstbewußtes Lächeln um ihre vollen, schwellenden Lippen, und sie flüsterte, stolz mit dem Kopf nickend:

„Wahrhaftig, wäre ich ein Mann, so würde ich mich unbedingt in mich selbst verlieben. Ich kenne keine zweite, welche so wie ich geeignet wäre, auch den weitestgehenden Ansprüchen zu genügen. Das tut die Milch. Sie konserviert den weiblichen Körper. Die Milch! Hahaha, dieser Stoff ist mir vertraut. Früher habe ich ihn mit diesen eigenen Händen gemolken, als Dienstmädchen, und jetzt bade ich mich in ihm, als Baronin!“

Sie schlüpfte in das Badehemd und klingelte. Eine Zofe trat ein, um sie zu bedienen. Sie trocknete die gnädige Frau ab, vertauschte das Badehemd mit feiner Leibwäsche und begleitete ihre Herrin sodann nach dem Boudoir, um die eigentliche Toilette zu beginnen.

„Ist Alexander schon wach?“ fragte die schöne Frau.

„Bereits seit zwei Stunden“, antwortete die Zofe.

„Ah, wieviel Uhr haben wir!“

„Elf.“

„So hat er sich bereits um neun Uhr erhoben! Das darf ich nicht dulden. Mein guter Knabe hat keine so eiserne Konstitution wie ein Eisenschmied. Was tut er jetzt?“

„Er befindet sich bei dem gnädigen Herrn Kapitän, der ihm, wie ich glaube, Fechtunterricht erteilt.“

„Fechtunterricht! Einem sechzehnjährigen Knaben! Ich sehe, daß ich mit meinem Herrn Schwiegerpapa wieder einmal ernstlich sprechen muß. Alexander muß sich physisch noch bedeutend entwickeln, ehe er einen Degen in die Hand nehmen darf. Hast du den Direktor bereits gesehen?“

„Nein. Er kommt gewöhnlich erst ein Viertel nach elf.“

„So passe auf. Ich habe ihn zu sprechen, bevor er zum Kapitän geht.“

„Ich werde ihn auf der Treppe erwarten.“

Bei diesen Worten überflog das Gesicht des Mädchens ein impertinentes, vielsagendes. Lächeln, welches die Herrin nicht bemerkte, da die Zofe hinter ihr stand.

Über dem Boudoir der Baronin lag das Lieblingszimmer des Kapitäns. Es war ein dreifenstriger Raum, mit den einfachsten Möbeln ausgestattet. Zwei altmodische Spiegel hingen an den Fensterpfeilern. Stahlstiche der Siege Napoleons des Ersten schmückten die Wände, und dazwischen hingen Waffen aller Art, erbeutete Trophäen und verschiedene andere Andenken an die Märsche und Schlachten, welche der Kapitän unter dem großen Korsen mitgemacht und in denen er mitgefochten hatte. Er war Kapitän der berühmten Garde gewesen, hatte für den Ruhm Napoleons und Frankreichs geblutet und lebte nur der Erinnerung jener großen, ereignisreichen Zeiten. Trotz seines hohen Alters schwärmte er noch heute für die Glorie Frankreichs, hing mit ganzer Seele an dem Namen Napoleon und war bereit, die wenigen Jahre, welche ihm voraussichtlich noch beschieden waren, der Ehre seines Vaterlandes und der Befestigung des Thrones seines Herrschers zum Opfer zu bringen.

Der alte Krieger, den die Last der Jahre nicht zu beugen vermocht hatte, glich einem seit Jahrhunderten in Ruhe liegenden, von Schluchten, Spalten und Rissen tief zerklüfteten Vulkan, zu dessen Spitze man jedoch noch immer mit Mißtrauen emporschaut, da man sich des Gedankens nicht erwehren kann, daß einmal eine Eruption erfolgen könne, bei welcher das so lange Zeit scheinbar schlummernde Verderben desto grimmiger und verheerender hervorbrechen werde.

Und wie sein Körper, so war auch seine Geisteskraft noch ungebrochen. Wie sein Auge, noch vollständig ungetrübt, ebenso in die Ferne zu blicken, wie in der Nähe mit seiner Schärfe alles zu durchdringen vermochte, so waren sein Scharfsinn und seine gute Beobachtungsgabe von allen gefürchtet, die mit ihm in Berührung kamen. Es hatte noch keinen gegeben, der klug genug gewesen war, ihn täuschen zu können. Er war ein harter, strenger, eigenwilliger Kopf. Man wußte, daß er in den Mitteln, seine Zwecke zu erreichen, nicht im mindesten wählerisch sei und sogar gewissenlos sein könne.

Die einzige Schwachheit, welche man an ihm entdeckt hatte, war seine mehr als nachsichtige Liebe zu seinem Enkel, den er auf das Ärgste verwöhnte.

An diesem Morgen war derselbe bei ihm, wie die Zofe ihrer Herrin ganz richtig gesagt hatte. Er hatte ein ganz kleines Weilchen Fechtunterricht gehabt. Der Kapitän war in der Kunst des Fechtens Meister gewesen, und noch heute besaß er genug Muskelkraft des Armes und Schärfe des Auges, um sich mit jedem zu messen, der es wagen wollte, einen Gang mit ihm zu machen.

Nun saßen sie beieinander und sprachen – von dem deutschen Lehrer, welcher nun bald auf Schloß Ortry eintreffen sollte.

„Warum hast du mir denn einen Deutschen ausgewählt, Großpapa?“ fragte Alexander, der bei seinen sechzehn Jahren bereits so entwickelt war, daß man ihn keinen Knaben mehr nennen konnte.

„Aus mehrerlei Gründen, mein Sohn“, antwortete der Alte. „Zunächst zeigten sich deine bisherigen französischen Lehrer in vieler Beziehung zu selbständig; diese Deutschen aber sind gewohnt, zu gehorchen; sie sind die besten, die untertänigsten Dienstleute, weil sie gewohnt sind, keinen Willen zu haben.“

Die Wahrheit war, daß die bisherigen Erzieher Alexanders denn doch in der Vergötterung des Knaben nicht gar zu weit hatten gehen wollen.

„Du meinst also“, sagte dieser, „daß so ein Deutscher ein gutes Spielzeug ist, ein Dienstbote, der sich vor den Franzosen fürchtet?“

„Ganz gewiß. Und ein zweiter Grund ist der, daß diese Deutschen ganz außerordentlich gelehrt sind. Bei deinem neuen Lehrer wirst du in einer Woche mehr lernen als früher in einem Monat.“

„Das heißt ja beinahe, daß die Franzosen gegenüber den Deutschen dumm sind!“

„Nein. Wir sind die Meister im praktischen Leben; sie aber träumen gern; sie hocken über ihren Büchern und wissen vom wirklichen Leben nichts. Dieser Doktor André Müller wird vom Fechten, Reiten, Schwimmen, Tanzen, Exerzieren, Jagen, Schießen, Konversieren und vielen anderen notwendigen Dingen gar nichts verstehen, aber er wird dir von Griechenland, Ägypten und China alles sagen können, obgleich er kaum wissen wird, wie groß Paris ist, und daß wir bei Magenta die Österreicher geschlagen haben. Die Hauptsache ist, daß du bei ihm die deutsche Sprache sehr bald, sehr leicht und sehr vollständig erlernen wirst.“

„Deutsch soll ich lernen?“ fragte Alexander mit Nasenrümpfen. „Warum? Ich habe keine Lust, mich mit der Sprache dieser Barbaren und Büchermilben abzuquälen!“

„Das verstehst du nicht, mein Sohn“, erläuterte der Alte. „Es wird die Zeit kommen, und sie ist vielleicht sehr bald da, daß unsere Adler steigen werden, wie zur Zeit des großen Kaisers. Sie werden über den Rhein hinüber fliegen und Deutschland mit ihren scharfen, siegreichen Krallen ergreifen. Dann werden wir über das Land herrschen, welches einst uns gehörte, uns vom Unglück aber für einige Zeit wieder entrissen wurde. Es wird wieder eine Ära anbrechen, in welcher der Tapfere mit Fürsten- und Herzogtümern, ja mit Königreichen belohnt werden wird, wie Murat und Beauharnais, wie Davoust, Ney und andere Helden, und wer dann die Sprache des Landes versteht, dessen Herrscher er geworden ist, der hat doppelte Macht und Gewalt über seine Untertanen. Du bist ein Sainte-Marie, und du bist mein Enkel. Du sollst und du wirst zu den Tapfersten gehören. Du sollst mit dem Adler Frankreichs fliegen, und deinem Ruhm soll der Lohn werden, welcher mir versagt blieb, weil die englischen Schurken meinen Kaiser in Ketten schmiedeten, auf einem fernen, abgeschlossenen Eiland, wie einen Prometheus, den man nicht zu entfesseln wagt, weil dann die Völker aus Angst vor ihm heulen würden.“

Die Erinnerung an den Ruhm und das Unglück seines Kaisers war in ihm wachgeworden. Er hatte sich erhoben und sprach mit lebhaften Gestikulationen. Seine dunklen Augen blitzen, und bei den Worten, welche sich auf St. Helena bezogen, stieg sein gewaltiger Schnurrbart empor, und seine Zähne zeigten sich, das Gebiß eines Panthers, welcher zum Sprung ausholt.

Da fiel sein Blick zufällig durch das Fenster auf den Weg hinab, welcher von den Eisenwerken nach dem Schloß führte. Seine Oberlippe fiel herab, seine Brauen zogen sich zusammen, und mit völlig veränderter Stimme fuhr er fort:

„Doch davon werden wir später sprechen, mein Sohn. Jetzt gehe hinab und sieh zu, ob der Groom das Pony eingeschirrt hat, um dich spazieren zu fahren.“

Das ließ sich Alexander nicht zweimal sagen; er eilte fort. Der Kapitän aber trat von neuem zum Fenster und heftete seine Augen mit finsterem Ausdruck auf den Mann, der langsam nach dem Schloß herbeigeschritten kam.

Dieser Mann hatte eine hohe, breite, kraftvolle Figur, und die Züge seines Gesichtes konnten interessant genannt werden. Er hielt den Blick scheinbar zu Boden gerichtet, als sei er in tiefes Nachsinnen versunken, aber wer ihn hätte beobachten können, dem wäre aufgefallen, daß sein Auge unter den gesenkten Lidern heraus forschend nach den Fenstern derjenigen Zimmer schielte, welche die Baronin bewohnte.

„Es wird hohe Zeit, dem Spaß ein Ende zu machen“, brummte der Kapitän, indem er das Fenster verließ, um von dem Mann nicht bemerkt zu werden. „Er war außerordentlich brauchbar und hat alles auf das trefflichste arrangiert. Er ist auch bisher verschwiegen gewesen; aber seit neuerer Zeit steigt er mir mit seinen Ansprüchen zu hoch. Ich habe ihm bisher die Baronin überlassen, welche leider meine Schwiegertochter ist; nun aber soll mir die Verirrung der beiden einen Grund liefern, mit ihm fertigzuwerden. Ich werde bei ihm aussuchen, und das wird mir leicht werden, da ich unsere Möbel kenne. Ein Glück ist es, daß noch kein Mensch um das Geheimnis dieses alten Schlosses weiß.“

Er trat an seinen Schrank und öffnete ihn. Er langte zwischen die Kleider hinein, und sogleich ließ sich ein leises Knarren vernehmen – die hintere Wand des Schranks wich zurück. Er trat in den Schrank, verriegelte die Tür desselben hinter sich und stieg in die entstandene Öffnung. Es zeigte sich, daß das Schloß hier, vielleicht auch in anderen Teilen, doppelte Wände hatte, zwischen denen man aus einem Stockwerk in das andere und von dem einen Zimmer in das andere gelangen konnte, um durch geheime Öffnungen die Insassen dieser Zimmer zu beobachten und zu belauschen.

Eine schmale, den ganzen, vielleicht zwei Fuß breiten Zwischenraum ausfüllende Treppe führte zwischen der Doppelwand abwärts. Der Alte schien den Weg sehr gut zu kennen. Er stieg trotz des Dunkels, welches hier herrschte, mit großer Sicherheit hinab und blieb an einer Stelle stehen, welche er vorsichtig mit der Hand betastete.

Es gab hier einen lockeren Ziegelstein, welcher sehr leicht aus der Mauer zu ziehen war. Als der Kapitän dies getan hatte, ohne dabei das leiseste Geräusch zu verursachen, erschien eine mattgeschliffene Glastafel. Diese war im Boudoir der Baronin ganz oben unterhalb der Decke angebracht und hatte so genau die Breite und auch ganz die Zeichnung der dort befindlichen Kante, daß man ihre Anwesenheit gar nicht bemerken konnte. Aber das eingeschliffene Muster bildete durchsichtige Stellen, durch welche man sehr leicht das Boudoir zu beobachten vermochte, und durch die dünne Glastafel konnte man auch die dort geführte Unterhaltung vernehmen, falls sie nicht im Flüsterton geführt wurde.

Der Alte brachte seinen Kopf an die Öffnung und blickte hinab. Die Baronin saß ihm gerade gegenüber auf einer Ottomane. Sie trug ein dünnes weißes, von rosaseidenen Schleifen zusammengehaltenes Morgenkleid; doch waren die Schleifen so nachlässig zusammengezogen, daß zwischen den beiden Säumen des Kleides die feine Stickerei des Hemdes hervorblickte. Da dieses Hemd tief ausgeschnitten war und unten nicht durch ein gewöhnliches Korsett, sondern durch ein schmales, dünnes und nachgiebiges orientalisches Mieder unterstützt wurde, so glänzte durch die Spalte der Alabaster der Büste hervor, ein Umstand, der außerhalb aller Berechnungen schien, aber doch das Ergebnis eines sehr bewußten Raffinements war.

Vor ihr stand der Mann, dessen Kommen der Kapitän beobachtet hatte. Es war der Fabrikdirektor, welcher von der Zofe auf der Treppe erwartet und zu ihrer Herrin geschickt worden war. Er hielt unter dem Arme ein ziemlich umfangreiches Buch, nach welchem die verführerische Frau soeben ihre Hand ausstreckte.

„Aber bitte“, sagte sie, „legen Sie doch diesen häßlichen Band ein wenig fort, und setzen Sie sich an meine Seite.“

„Verzeihung, teure Adeline“, antwortete er, „ich darf mich nicht verweilen. Ich muß zum Kapitän. Vielleicht hat er mein Kommen durch das Fenster bemerkt und schöpft Verdacht, wenn ich zu erscheinen zögere.“

„Der häßliche Alte!“ seufzte sie, indem sie einen verzehrenden Blick auf den Direktor warf.

„Auch mir wird er immer unbequemer. Nicht nur, daß er der einzige ist, dessen Scharfsinn das stille, heimliche Glück unserer Liebe in Gefahr bringt, er weiß auch gar nicht, Verdienste anzuerkennen. Hielten Sie mich nicht hier fest, so würde ich mein Engagement längst aufgegeben haben.“

„Ah!“ dachte der Lauscher. „Es wird also Zeit, nachzuforschen, ob ich mich wirklich auf ihn verlassen konnte.“

„Tun Sie das nicht“, fiel sie schnell ein. „Ich würde mich hier ganz unglücklich fühlen. Aber es ist wahr, Sie dürfen ihn nicht warten lassen. Meine Sehnsucht nach Ihnen kann ja auf andere Weise gestillt werden. Sind Sie heute abend frei?“

„Ja, aber allerdings erst spät.“

„Wieviel Uhr?“

„Von zehn Uhr an, teure Adeline.“

„So werde ich um diese Zeit das Schloß verlassen und nach der Parkwiese kommen. Können Sie mich dort erwarten?“

„Es wird mir eine Seligkeit sein, Sie dort zu treffen.“

„So gehen Sie jetzt, Sie lieber, lieber Mann!“

Er ergriff ihre Hand, um einen Kuß auf dieselbe zu drücken; sie aber hob den Kopf und bot ihm ihre Lippen dar. Der für die Hand bestimmte Kuß traf den Mund, und dann verließ der Direktor das Boudoir.

Als er bei dem Kapitän eintrat, fand er diesen bei einer Menge von Skripturen an dem Arbeitstische sitzen.

„Sie kommen, den Tagesbericht abzugeben?“ fragte der Alte, ohne sich zu erheben.

„Allerdings, Herr Kapitän“, lautete die Antwort.

„Ich habe heute nicht viel Zeit. Gibt es etwas Aufschiebbares?“

„Haus Monsard und Kompanie hat Geld geschickt.“

„Endlich. Wieviel?“

„Zwölftausend Francs. Ebenso Léon Siboult achttausendfünfhundert.“

„Das freut mich. Haben Sie die beiden Summen mit?“

„Ich wollte sie aufzählen.“

„Das hat Zeit bis morgen. Vielleicht ist ein Teil dieser Summe dazu bestimmt, Ihnen zu beweisen, daß ich Ihre Wirksamkeit anerkenne. Aber sprechen Sie heute mit niemand davon. Morgen werden wir uns einigen. Adieu!“

Der Direktor hätte gern einige dankbare Worte ausgesprochen; aber er kannte seinen Gebieter. Hatte dieser einmal ‚Adieu‘ gesagt, so konnte ihn jedes weitere Wort nur in den Harnisch bringen. Darum begnügte der Beamte sich damit, unter einer tiefen Verneigung abzutreten. Während er die Treppe hinunterstieg, dachte er:

„Wußte ich das, so konnte ich der Baronin noch ein Viertelstündchen widmen. Wer weiß, ob sie sich heute abend wieder in einer solch liebevollen Stimmung befinden wird!“ –

Alexander hatte die Weisung seines Großvaters befolgt und war nach dem Stall gegangen. Dort war der Groom beschäftigt gewesen, das Pony vor den leichten Wagen zu spannen, um den jungen Herrn auszufahren, was täglich um diese Zeit zu geschehen pflegte. Als das Gespann bereit war, wollte der Kutscher auf den Bock steigen, aber Alexander hielt ihn zurück.

„Halt, steige in den Wagen; ich werde selbst fahren!“

„Aber, gnädiger Herr Alexander, das haben Sie ja noch nicht gelernt!“

„So werde ich es heute lernen.“

Der Groom wußte, daß hier ein fernerer Widerspruch vergebens sein werde. Er gehorchte also und setzte sich in den Wagen, während Alexander die Zügel und die Peitsche ergriff, und auf dem Bock Platz nahm. Das Pferd setzte sich in Bewegung. – – –

Zu derselben Zeit saß im Wirtshause des Dorfes Oudron ein Mann, der in einen langen Frack gekleidet war, eine große Messingbrille trug und auf dem Rücken – ausgewachsen war. Es war Doktor Müller. Er war in diesem Augenblick der einzige Gast, und die Wirtin hatte sich zu ihm gesetzt, um sich ein wenig von der anstrengenden Küchenarbeit auszuruhen. Sie schien eine sehr redselige Frau zu sein, denn sie hatte seit zehn Minuten dem Gast bereits ihren ganzen Lebenslauf erzählt und ihn auch mit den Familiengeheimnissen des Dorfes bekannt gemacht. Jetzt nahm sie ihn schärfer auf das Korn und fragte:

„Wie mir scheint, sind Sie fremd hier, Monsieur?“

„Vollständig“, antwortete Müller.

„Wohin wollen Sie?“

„Nach Ortry.“

„Ah, das ist ja mein Geburtsort. Haben Sie vielleicht Verwandte dort?“

„Nein. Ich komme von sehr weit her. Ich bin ein Deutscher.“

„Unmöglich!“ rief sie. „Sie sprechen ja das Französisch so geläufig und regelrecht, daß man meinen sollte, Sie seien auch in Ortry geboren.“

Er unterdrückte das Lächeln, welches auf die Lippen treten wollte. Diese gute Frau schien der Meinung zu sein, daß in Ortry das beste Französisch gesprochen werde, und doch war ihre Sprache schwerfällig und mit einer ganzen Menge von Germanismen gespickt.

„Ich habe einen guten Franzosen als Lehrer gehabt“, erklärte er.

„Der ist sicher aus Ortry oder aus der hiesigen Gegend gewesen“, meinte sie. „Werden Sie längere Zeit dort bleiben?“

„Voraussichtlich, Madame. Ich begebe mich zum Baron de Sainte-Marie, bei welchem ich als Erzieher seines Sohnes engagiert bin.“

„Mein Gott, Sie Ärmster!“ rief sie. „Da werden Sie harte Arbeit haben.“

„Warum?“

„Weil Monsieur Alexander bisher alle Monate einen anderen Erzieher gehabt hat. Es konnte keiner länger aushalten!“

„Sie eröffnen mir da eine schlimme Perspektive. Wer trägt denn eigentlich die Schuld, daß die Herren so bald wieder fortgegangen sind?“

„Alle, nur diese Herren selbst nicht. Oh, die frühere Herrschaft, das war doch etwas ganz anderes! Ich bin da selbst Stubenmädchen gewesen, ehe ich meinen ersten Seligen kennenlernte.“

„Ah, Sie haben mehrere Selige, Madame?“ fragte Müller.

„Zwei. Und vom dritten habe ich mich scheiden lassen. Sie müssen nämlich wissen, daß dies geschehen konnte, weil ich nicht katholisch bin. Also, Monsieur, ich bin auf Schloß Ortry Zimmermädchen gewesen und bedaure, daß dieses Besitztum in solche Hände geraten ist. Ich sollte Ihnen dies allerdings nicht sagen, da Sie ja selbst ein Bewohner des Schlosses sein werden; aber ich kann mir nicht helfen. Ich kann diese Barons einmal nicht ausstehen.“

„Warum, Madame?“ fragte Müller, dem es sehr gelegen kam, hier etwas Näheres über seinen Bestimmungsort zu erfahren.

„Warum? Mein Gott, da gibt es eine ganze Menge Gründe. Fangen wir einmal von oben an! Da ist zunächst dieser Kapitän –“

„Ein Kapitän? Wer ist das?“

„Wer das ist? Ja, so, Sie sind dort noch unbekannt! Der Kapitän ist der Vater des Barons, ein Veteran der Napoleonsschlachten im Alter von wohl neunzig Jahren. Er ist ein Satan, ein Teufel, ein Beelzebub. Er hat weißes Haar, aber ein schwarzes Herz. Er spricht niemals ein Wort und übt doch eine Herrschaft aus, als ob er den Mund nicht einen Augenblick halten könne. Er ist es auch, der das große Eisenwerk regiert, und wer es mit ihm verdirbt, um den ist es geschehen. Ferner die Baronin.“

Die Wirtin machte hier eine Pause, um Atem zu schöpfen, dann fuhr sie fort:

„Von der Baronin sagt man im stillen, daß sie eine Bauernmagd aus dem Argonner Wald sei. Sie hält sich für ungeheuer schön und soll in Paris etliche hundert Anbeter haben. Sie putzt sich den ganzen Tag, trägt sich wie ein junges Mädchen und knechtet die Dienstboten. Nur für den alten Kapitän hegt sie eine Art von Respekt, im übrigen aber ist sie die Herrin des Hauses.“

„Und der Baron selbst?“

„Oh, der gilt gar nichts! Er ist ein guter Kerl, der sich alles gefallen läßt, und zuweilen soll er im Kopf nicht ganz richtig sein. Dann schließen sie ihn ein, und man sagt, daß er zu solchen Zeiten sogar Schläge erhält, denn man hat ihn ganz erbärmlich klagen und winseln gehört. Diese Anfälle kommen nur im Sommer, eigentümlich! Im Winter lebt er mit der Baronin in Paris, und da soll er ganz gesund im Kopf sein. Ferner ist da der junge Herr, der Alexander.“

„Das ist der Sohn, dessen Lehrer ich sein werde?“

„Ja, denn es ist weiter kein Sohn vorhanden. Der ist kaum sechzehn Jahre alt und hält sich doch bereits für einen großen Herrn. Lernen will und mag er partout nichts. Sie können sich die größte Mühe geben, so ist es doch umsonst. Ich weiß gewiß, daß Sie bei mir einkehren werden, nämlich auf der Rückreise nach Ihrer Heimat. Ich kann nicht begreifen, daß Sie engagiert worden sind, da sämtliche Bewohner des Schlosses Deutschland hassen. Es ist überhaupt für Sie hier eine gefährliche Gegend. Die Deutschen sind hier nicht gern gelitten. Man spricht sogar von einem Kriege mit da drüben und –“

Sie hielt inne, als ob sie zuviel gesagt habe.

„Nun, und?“ fragte er.

„Oh, es ist nicht meine Art und Weise, das zu wiederholen, was meine Gäste sprechen. Ich in Ihrer Stelle würde mich nicht allzu lange in dieser Gegend verweilen.“

„Waren das alle Personen, von denen zu sprechen war, Madame?“

„Ich könnte vielleicht noch das gnädige Fräulein erwähnen, aber sie ist längere Zeit nicht anwesend gewesen. Sie ist in England. Man sagt, daß sie der Liebling des Vaters sei, während sie von ihrer Stiefmutter gehaßt werde. Sie ist eine gute Dame, nicht stolz, gar nicht. Sie besucht die Armen und Kranken und hilft, wo sie nur helfen kann. Ihre Mutter soll ein Engel an Schönheit, Güte und Milde gewesen sein. Sie ist an gebrochenem Herzen gestorben; warum, das weiß man nicht. Man hat sie hart an der Mauer des alten Turms begraben, weil sie eine Heidin war.“

„Eine Heidin, wie meinen Sie das?“

„Nun, der Baron hat sie von sehr weit hergebracht, von dort, wo es Tiger und Löwen gibt. Sie hat keine Christin werden wollen, und darum ist ihr auch die geweihte Erde versagt worden. Nun liegt sie im Wald begraben und geht des Nachts im alten Turm um.“

„Ah! Hat man sie vielleicht gesehen?“ fragte Müller.

„Gesehen? Ob man sie gesehen hat!“ rief die Frau, ganz erstaunt über eine solche Frage. „Gesehen und gehört hat man sie! Sie geht durch den Wald, im weißen Kleid, wie sie auch früher stets gegangen ist, und hundert Irrlichter tanzen um sie her. Dann verschwindet sie im Turm und erscheint oben auf der Zinne desselben. Und wenn sie da fort ist, dann hört man unter der Erde ein Klirren und Klingen, als ob tausend Geister mit Ketten rasselten. Es wagt kein Mensch, des Nachts zum Turm zu gehen.“

„Wenn niemand hingeht, wer hat dann diese Erscheinungen beobachtet?“

„Der vorige Förster. Als er angestellt wurde, war er ein junger, mutiger Mann; er glaubte nicht an Geister und Gespenster und schlich sich in den Wald, um die Erscheinungen zu untersuchen. Er hat nach den Lichtern geschossen, aber nichts getroffen. Er wurde darauf entlassen, weil er die Ruhe der seligen Baronin entweiht hat.“

Müller schüttelte den Kopf. Diese Erzählung war jedenfalls nicht ganz aus der Luft gegriffen; etwas Wahres mußte daran sein, wenn auch der Kern in Dichtung eingehüllt war. Es schien ihm ganz so, als ob er einer höchst interessanten Zukunft entgegengehe.

Die Wirtin kehrte, nachdem sie ihrer Redseligkeit Genüge getan hatte, nach der Küche zurück, und Müller brach auf, um nach Ortry zu wandern.

Die Sonne schien warm vom Himmel herab, und darum schritt der Doktor nur langsam vorwärts. Es war ihm keine Zeit gestellt und so blieb es sich ja ganz gleich, ob er eine Stunde früher oder später an seinem Bestimmungsort anlangte.

Er kannte die Richtung, in welcher dieser liegen mußte, und er hielt dieselbe ein, ohne sich nach dem eigentlichen, richtigen Weg zu erkundigen. Es liegt etwas Verführerisches darin, den Schritt ganz nach dem Gutdünken lenken zu können, und Müller gab diesem Reiz zur Genüge nach, so daß er schließlich bemerkte, daß sich der Weg, dem er bisher gefolgt war, in einem Wäldchen verlief.

Ohne sich Sorge zu machen, schlenderte er durch dasselbe hindurch, schritt über eine Wiese hinüber und gelangte an einen großen Steinbruch, dessen hohe, steil emporsteigende Wände ihm ein unüberwindliches Hindernis entgegenstellten. Darum kletterte er an der Seite des Bruches empor und wunderte sich, daß der Rand dieses gefährlichen Abgrundes nicht mit einer Barriere versehen war. Da oben lagen Felder, welche hart an die scharfe Kante der Felsen heranreichten. Wie nun, wenn beim Ackern oder Eggen ein Pferd scheu wurde und den Mann samt dem Geschirr da hinunter in die gähnende Tiefe riß?

Er war sich dieses schwindelerregenden Gedankens kaum bewußt geworden, so stieß er einen Ruf des Schreckens aus. Ein lauter Schrei hatte ihn veranlaßt, seitwärts hinüber zu blicken, wo Arbeiter auf einem Feld beschäftigt waren. Von dort her kam ein kleiner, leichter Wagen, vor welchen ein Pony gespannt war, in voller Karriere herangesaust. Ein Knabe saß auf dem Bock; er hatte die Zügel verloren und hielt sich krampfhaft fest, um nicht herabzufallen.

Das Pferd galoppierte gerade auf den Steinbruch zu. Es war verloren: es konnte nicht aufgehalten werden; keine Menschenkraft war stark genug, den Galopp des Tieres zu mindern, bevor es den Abgrund erreichte. Müller versuchte es dennoch. Er sprang am Rand des Felsens entlang, aber er hatte nicht die Schnelligkeit des Pferdes. Noch war es höchstens zehn Schritte vom Abgrund entfernt, da erreichte er den Wagen, dem er schräg entgegengeflogen war. Konnte denn nicht wenigstens der Knabe gerettet werden? Müller hatte seine Kaltblütigkeit keinen Augenblick verloren. Er stemmte sich mit dem einen Fuß fest, und während der Wagen an ihm vorübersauste, streckte er den Arm nach dem Bock aus, faßte den Knaben, der mit vor Angst weit offenen Augen in die Leere starrte, und riß ihn herab. Im nächsten Augenblick flogen Pferd und Wagen in einem weiten Bogen über die Kante des Abgrundes hinaus und in die Tiefe hinab, wobei Müller nun erst bemerkte, daß sich noch eine menschliche Gestalt im Wagen befand, welche sich vor Schreck auf dem Boden zusammengekauert hatte. Von unten herauf erscholl ein dumpfer Krach; dann war alles vorbei.

Der Knabe lag ohnmächtig am Boden. Seiner feinen Kleidung nach war er jedenfalls das Kind nicht gewöhnlicher Eltern. Während Müller sich um ihn bemühte, kamen die Feldarbeiter herbei, deren Ruf ihn erst aufmerksam gemacht hatte.

„Welch ein Glück, daß Sie ihn herunterrissen!“ rief der eine bereits von weitem. „Es ist der junge Herr!“

„Welcher junge Herr?“ fragte Müller.

„Der Herr Baron.“

Die Leute bückten sich zu Alexander nieder; sie mochten ihn für tot halten.

„Er lebt“, meinte Müller. „Er ist nur ohnmächtig. Welchen Baron meinen Sie?“

„Den Baron von Sainte-Marie. Ah, das wird eine gute Belohnung geben. Greift zu, damit wir ihn auf das Schloß schaffen!“

Sie faßten an und trugen den Knaben fort. Müller ließ sie gehen; er lächelte darüber, daß sie um des Lohnes willen sich gar nicht um sein besseres Recht bekümmerten. Er kehrte um und stieg wieder in den Steinbruch zurück. Als er da unten ankam, bot sich ihm ein schauderhafter Anblick. Der Wagen lag, in kleine Stücke zerschmettert, auf dem toten Pferd, welches eine weiche, formlose Masse bildete, und ein Stück weiter hin lag der Groom, ebenfalls bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Hier war nichts zu tun. Müller brauchte sich um eine Anmeldung und weitere Verfolgung des Falles nicht zu bekümmern; er wußte, daß dies von anderer Seite geschehen werde, und schlenderte also Ortry langsam entgegen. –

Dort war mittlerweile die Zeit des zweiten Frühstückes angebrochen, und die Glieder der Familie waren im Speisesaale an der Tafel versammelt. Es war bei dieser Gelegenheit recht deutlich zu sehen, daß diese Leute in keinem innigen seelischen Zusammenhang miteinander standen. Die einzelnen Personen kamen ganz nach Belieben herbei und nahmen mit einem stummen Gruß an der Tafel Platz. Die Baronin präsidierte; der Kapitän beachtete sie kaum mit einem Blick, und der Baron saß wie abwesend dabei und aß mit einem Gesichtsausdrucke, als wisse er überhaupt gar nicht, daß und was er esse. Nur nach längerer Zeit, als der junge Herr sich noch immer nicht eingestellt hatte, fragte der Kapitän:

„Wo bleibt Alexander?“

„Der junge gnädige Herr ist ausgefahren“, antwortete einer der Diener.

Nun folgte wieder dieselbe Stille und Wertlosigkeit wie bisher, bis man an den Schluß des Frühstücks angekommen war. Da vernahm man unten vom Hof herauf laute, erschrockene Stimmen. Der Kapitän trat an das Fenster und sah nur noch einige fremde Leute, welche, etwas tragend, im Eingang verschwanden.

„Was ist's?“ fragte die Baronin, indem sie sich erheben wollte.

„Warten Sie, ich werde nachsehen!“ sagte der Alte, dem eine Ahnung kam, daß die Last, welche diese Leute getragen hatten, eine menschliche Person gewesen sei.

Er schritt hinaus und begegnete ihnen auf der Treppe. Als sie ihn erblickten, hielten sie respektvoll an. In Gegenwart dieses Mannes wagte keiner, unaufgefordert ein Wort zu sprechen. Der Kapitän trat hinzu und erkannte Alexander. Seinen Liebling tot oder besinnungslos zu sehen, kam ihm unerwartet und mußte ihn tief ergreifen; aber es zuckte dennoch keine Miene seines eisernen Gesichts, als er in ruhigem Ton fragte:

„Was ist mit ihm?“

„Er ist nicht tot, gnädiger Herr“, sagte einer von den Leuten, „sondern nur ohnmächtig. Der Fremde sagte es, der ihn untersucht hatte.“

„Welcher Fremde?“

„Der ihn vom Wagen riß, als das Pferd durchgegangen war und mit dem Wagen in den Steinbruch stürzte.“

Des Alten äußere Augenwinkel legten sich nach den Schläfen hin in tiefe Falten, dies war das einzige Zeichen seines Schrecks. Er drehte sich zu einem der dabei stehenden Reitknechte und befahl diesem:

„Anspannen! Im Galopp nach Thionville, um Doktor Bertrand zu holen!“

Dann ließ er sich den Fall ausführlich erzählen. Er fragte, wer der Fremde gewesen sei, konnte aber keine Auskunft erhalten. Die Leute hatten den Mann, um nur mit dem jungen Herrn so eilig wie möglich fort zu kommen, gar nicht so genau betrachtet.

„Er wird sich jedenfalls melden“, brummte der Kapitän. „Eine Belohnung läßt sich keiner entgehen. Folgt mir!“

Er ließ Alexander einstweilen nach dem nächsten Raum tragen. Es war der Empfangssalon. Dann kehrte er nach dem Speisesaal zurück und sagte in gleichgültigem Ton:

„Alexander ist unwohl.“

„Unwohl?“ fragte die Baronin schnell. „Was fehlt ihm?“

„Er hat ein kleines Malheur gehabt. Das Pferd ist ihm durchgegangen.“

„Oh, mein Gott!“ rief die Dame, vor Schreck emporspringend.

„Und in den tiefen Steinbruch da unten gestürzt. Jedenfalls sind Pferd und Wagen vollständig zerschmettert“, fuhr er fort.

Sie mußte sich am Tisch anhalten, sonst wäre sie vor Schreck umgesunken.

„Und Alexander, mein Kind, mein Sohn?“ fragte sie todesbleich.

„Er ist gerettet. Leute brachten ihn. Er liegt im Empfangszimmer.“

Sie nahm sich zusammen und wankte nach der Tür. Der Alte folgte ihr. Auch der Baron verließ seinen Sessel, strich sich über die wächserne Stirn, als ob er sich erst besinnen müsse, wer dieser Alexander eigentlich sei, und ging den Vorausgegangenen dann langsamen Schrittes nach.

Der Knabe lag ausgestreckt auf dem Diwan. Er hielt die Augen geöffnet. Die Besinnung schien ihm zurückzukehren. Die Feldarbeiter standen noch an der Tür. Der Kapitän entließ sie, nachdem er sie beschenkt hatte.

Die Baronin kniete vor dem Diwan nieder, nahm den Kopf ihres Sohnes in den Arm und betrachtete den Ohnmächtigen schluchzend. Der Alte ergriff ihn bei der Hand, um nach dem Puls zu fühlen, und Herr de Sainte-Marie stand vor einem Bild und hielt den Blick so starr und nachhaltig auf dasselbe gerichtet, als ob es sonst keinen Gegenstand geben könne, der seine Aufmerksamkeit in Anspruch nähme. Es war sicher, daß er geistig gestört war.

„Mama, liebe Mama!“ flüsterte da endlich die Stimme des Erwachenden.

„Mein Sohn, mein Alexander!“ rief sie. „Wie befindest du dich?“

„Ich bin sehr matt; aber es war auch gar zu schrecklich!“

„Wir werden dich nach deinem Zimmer schaffen.“

„Nein“, bat er. „Ich will nicht fort; ich bin müde; ich muß schlafen!“

Er schloß die Augen wieder. Die Baronin erhob den tränenvollen Blick und sah den Kapitän fragend an. Dieser nickte zustimmend, daß der Knabe liegen bleiben solle. Der Baron trat jetzt langsam hinzu, ließ seine Augen irr über den Daliegenden schweifen und sagte dann mit einem matten Lächeln:

„Alexander!“

Dann drehte er sich um und schritt zur Tür hinaus. Die beiden anderen setzten sich an dem Diwan nieder, um die Ankunft des Arztes zu erwarten. Sie liebten den Knaben, dies war aber auch die einzige Harmonie, welche es zwischen ihnen gab. Sie haßte den Kapitän, und er verachtete sie. Sie wußten dies gegenseitig, sie verhehlten es sich nicht. Der in Apathie versunkene Baron, der sein Sohn und ihr Gemahl war, konnte nicht als aussöhnendes Medium gelten, und da die Dienerschaft dies ebensogut wußte, wie die Herrschaft selbst, so war es allen ein Rätsel, aus welchem Grund der Alte eigentlich zugegeben hatte, daß die Baronin Gemahlin seines Sohnes werde.

Endlich nahten Schritte, und der Arzt trat ein; aber es war nicht Doktor Bertrand, sondern ein anderer, den der Kapitän wohl kannte, aber noch nicht bei sich gesehen hatte.

„Warum kommen Sie?“ fragte der Alte im rücksichtslosen Ton. „Ich habe nicht nach Ihnen, sondern nach unserem Hausarzte geschickt.“

„Verzeihung, Herr Kapitän, gnädige Frau“, entschuldigte sich der Arzt. „Doktor Bertrand ist verreist und hat mich gebeten, ihn nötigenfalls zu vertreten.“

„Wann kommt er zurück!“

Der Gefragte zuckte die Achseln und antwortete:

„Es fragt sich leider sehr, ob er überhaupt wieder zurückkehren wird. Vielleicht ist er tot.“

„Tot? Wieso?“

„Ertrunken meine ich, gnädiger Herr. Die heutigen Morgenblätter bringen die schreckliche Nachricht, daß der gestrige Moseldampfer unterhalb Thron mit Mann und Maus untergegangen ist. Es hat ein schreckliches Unwetter, einen in dieser Stärke noch gar nicht dagewesenen Orkan gegeben, während dessen der Dampfer mit einem Floß kollidierte. Ich weiß genau, daß Doktor Bertrand auf diesem Dampfer zurückkehren wollte.“

Da stand der Kapitän von seinem Stuhl auf, trat auf den Arzt zu und fragte mit einer Stimme, der man doch ein leises Beben anhören konnte:

„Ist dieses Unglück wirklich ein Faktum? Ist die Nachricht verbürgt?“

„Ja. Die jenseitige Behörde fordert bereits zu Sammlungen für die Hinterbliebenen der Verunglückten auf.“

„Dann haben Sie uns eine schlimme Nachricht gebracht. Meine Enkelin, Baronesse Marion, hat sich auch auf diesem Dampfer befunden. Ich erhielt gestern von Koblenz aus ihren Brief, in welchem sie mir dies mitteilte, um mir ihre Ankunft für den heutigen Tag zu melden.“

Der innere Zusammenhang fehlte den Bewohnern von Schloß Ortry so sehr, daß der Alte den Inhalt des Briefes gar niemand mitgeteilt hatte. Kam Marion, so war sie einfach da; das war aber auch alles. Die Baronin hörte also jetzt das erste Wort davon. Sie zuckte zusammen, gab sich aber Mühe, ihre Gefühle zu verbergen, und fragte im Ton der Besorgnis:

„Wie? Unsere liebe Marion befand sich auf dem verunglückten Schiff? Mein Heiland, zwei Unfälle auf einmal! Wer soll dies ertragen!“

Sie schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen und gab sich den Anschein, als ob sie weine. Der Kapitän wandte sich zu ihr um und sagte:

„Verlieren wir die Hoffnung nicht, Frau Tochter! Es ist ja noch immer die Möglichkeit vorhanden, daß einige gerettet worden sind, oder daß ein glücklicher Zufall sie abgehalten hat, dieses Dampfschiff zu besteigen. Untersuchen Sie den Knaben, Doktor!“

Seine Worte hatten, der Gegenwart des Arztes wegen, einen ergriffenen, teilnahmsvollen Ton; in seinem Blick jedoch lag ein Ausdruck, welcher deutlich sagte, daß er sehr wohl wisse, daß jene sich innig freuen würde, ihre Stieftochter unter den Toten zu wissen.

Der Doktor näherte sich nun dem Diwan, um Alexander zu untersuchen, wobei ihm der Alte den Hergang mit kurzen Worten erzählte.

„Es hat nichts zu sagen“, erklärte der Arzt dann. „Der junge Herr ist völlig unverletzt. Er wird sich bei einiger Ruhe schnell erholen. Vielleicht haben Sie die Güte, nach Thionville wegen der Arznei zu senden, welche ich verschreiben werde. Ich wünsche von Herzen, daß die gnädige Baronesse sich ebenso aus aller Gefahr befinden möge, wie dieser Patient.“

Er schrieb ein Rezept, übergab dasselbe und empfahl sich dann. Er hatte den Salon kaum verlassen, so trat mit leisen Schritten ein Diener ein.

„Was gibt es?“ fragte der Kapitän.

„Der neue Erzieher ist soeben angekommen, gnädiger Herr, und hat mich gebeten, ihn anzumelden.“

„Ah! Was ist er für ein Mann? Wie präsentiert er sich?“

Der Diener zuckte mit einem leisen, zweideutigen Lächeln die Achseln und schwieg.

„Ich verstehe“, meinte der Alte. „Wenn er mir nicht paßt, jage ich ihn wieder fort. Er mag eintreten, obgleich wir eigentlich nicht in der Lage sind, ihn hier und jetzt zu empfangen. Aber auf einen deutschen Schulmeister braucht man keine Rücksicht zu nehmen. Sage ihm, daß sich ein Patient hier befindet. Der Mann mag leise eintreten.“

Der Diener entfernte sich und ließ Müller ein, nachdem er ihm die soeben erlangte Weisung erteilt hatte.

Müller verbeugte sich tief und respektvoll und wartete, daß man ihn anreden werde. Der Blick der Baronin ruhte mit einem beinahe erschrockenen Ausdruck auf ihm.

„Ah, das ist ja geradezu eine Beleidigung!“ hauchte sie.

Der Kapitän betrachtete den neuen Lehrer mit mitleidigem Hohn und sagte rücksichtslos:

„Herr, Sie sind ja bucklig!“

„Leider“, antwortete Müller sehr ruhig. „Aber ich hoffe trotzdem, Ihre Zufriedenheit zu erlangen. Die Gestalt ist es ja nicht, mit welcher man Kinder erzieht.“

Der Alte machte eine verächtliche, zurückweisende Handbewegung und sagte kalt:

„Aber die Gestalt ist es, welche den ersten und letzten Eindruck macht. Wie soll mein Enkel Sie achten und Respekt vor Ihnen haben! Glauben Sie, daß wir die Absicht haben, uns mit einem verwachsenen Erzieher zu blamieren. Sie sind entlassen, definitiv entlassen. Begeben Sie sich in das Gesindezimmer. Ich werde Ihnen das Reisegeld auszahlen lassen. Mehr können Sie nicht verlangen, daß wir mit Ihnen getäuscht, ja sogar betrogen worden sind.“

„Gnädiger Herr Kapitän, ich bitte, zu bedenken, daß –“

„Gehen Sie. Sofort!“

Diese Worte wurden zornig und so laut gesprochen, daß der Knabe erwachte. Sein Blick fiel auf den Deutschen, und er sagte, zu seiner Mutter gewendet:

„Mama, das ist der Mann, der mich gerade vor dem Abgrund aus dem Wagen riß.“

Er hatte seinen Retter also doch trotz seines angstvoll starren Blicks so deutlich gesehen, daß er ihn jetzt wieder erkannte. Die Baronin machte eine Bewegung der Überraschung. Der Kapitän trat einen Schritt näher und fragte Müller:

„Ist das wahr? Sie sind der Retter meines Enkels?“

„Ich hatte allerdings das Glück, den gnädigen Herrn noch im letzten Augenblick vom Bock zu reißen. Wagen und Pferd nebst einem armen Menschen, welcher der Groom gewesen zu sein scheint, fand ich dann in der Tiefe bis zur Unkenntlichkeit zerschmettert.“

„Ah, an den Groom habe ich noch gar nicht gedacht. Er ist also tot? Das ist seine eigene Schuld. Er ist nicht zu bedauern. Er hätte vorsichtiger fahren sollen. Lebte er noch, so würde ich ihn streng bestrafen. Was aber Sie betrifft, Herr – Herr Müller, hm!“

Er warf bei diesem ‚hm‘ einen fragenden Blick auf die Baronin. Diese verstand ihn und sagte:

„Es steht außer allem Zweifel, daß wir Herrn Müller Dank schulden, Herr Kapitän. Jedoch –“

Sie zuckte die Achsel; es lag trotz der anerkannten Verpflichtung zur Dankbarkeit doch ein Einwand, ein Bedenken nahe. Da ließ sich die Stimme Alexanders hören:

„Wer ist der Mann, Mama?“

„Es ist Monsieur Müller, welcher dein Lehrer werden sollte“, antwortete sie.

„Das ist schön“, sagte er. „Ich freue mich auf ihn.“

Alexanders beide Verwandte blickten einander an. Es war ja noch nie geschehen, daß er sich auf einen Lehrer oder Erzieher gefreut hatte.

„Aber siehe ihn doch an“, meinte seine Mutter. „Er ist ja – häßlich.“

Sie scheute sich doch, das richtige Wort zu wählen, welches der Alte vorhin so ganz ohne Bedenken ausgesprochen hatte. Da antwortete Alexander in jenem hohen, ungeduldigen Ton, welche kranke oder verzogene Kinder, wenn sie ihren Willen durchsetzen wollen, anzuschlagen pflegen:

„Ich finde ihn sehr hübsch, Mama; ich mag keinen anderen.“

„Nun, so möchten wir vielleicht einen Versuch wagen?“ fragte die Baronin, zu dem Kapitän gewendet.

Dieser nickte langsam und bedächtig und fragte Müller:

„Haben Sie Ihre Zeugnisse bei sich, Monsieur?“

„Hier, gnädiger Herr.“

Bei diesen Worten zog der Lehrer seine Papiere hervor und überreichte sie dem Frager. Es waren dieselben, welche ihm der General in Simmern übergeben hatte. Der Alte las eins nach dem anderen aufmerksam durch und sagte kopfschüttelnd:

„Sie haben da allerdings ganz ausgezeichnete Zensuren; aber ich finde nur Dogmatik, Didaktik, Methodik, Geschichte, Geographie, Sprachen und so weiter. Man scheint in Ihrem Vaterland keinen großen Wert auf die Ausbildung des äußeren Menschen zu legen. Tanzen Sie?“

„Ich bin noch von keiner Dame abgewiesen worden, gnädiger Herr“, antwortete Müller.

Der Alte lächelte ein wenig hämisch und bemerkte:

„Ich habe da nicht Schulmeisterstöchter oder Schneidersfrauen im Auge, sondern ich meine natürlich wirkliche Damen. Doch, man wird ja sehen. Wie steht es mit dem Turnen und Reiten?“

„Ich glaube, Ihren Ansprüchen genügen zu können.“

„Schießen, Fechten?“

„Ich hatte gute Lehrer und hinreichende Übung.“

„Hm. Wenn ich Sie nun auf die Probe stelle? Ich fechte leidenschaftlich gern.“

„Ich stelle mich zur Verfügung, gnädiger Herr.“

Alle diese Antworten waren in einem bescheidenen, anspruchslosen Ton gegeben worden. Der Alte richtete seine dunklen Augen mit einem höchst ungläubigen Ausdruck auf den Lehrer und sagte:

„Nun, ich werde Sie prüfen. Machen Sie Ihren Worten Ehre, so sollen Sie angestellt werden. Jetzt gehen Sie zum Hausmeister, um sich das Zimmer anweisen zu lassen, welches man für Sie bestimmt hat. Ich hoffe, Sie stehen zur Verfügung, sobald ich Ihrer bedarf.“

Somit war die Vorstellung beendet. Müller trat zu dem Kranken, faßte leise die Hand desselben und sagte:

„Haben Sie Dank für Ihre freundliche Fürsprache, gnädiger Herr. Sie haben sich dadurch sehr schnell meine Liebe erworben, und ich werde gern mein möglichstes tun, auch die Ihrige zu erhalten, so daß wir Erfolge erringen, welche eines Sainte-Marie würdig sind.“

Er verbeugte sich vor den beiden anderen Anwesenden und entfernte sich. Der Kapitän blicke ihm nach und sagte dann im Ton halber Verwunderung:

„Das war sehr schön gesprochen; das hat noch keiner gesagt. Er scheint sehr gut zu wissen, was man einem hervorragenden Namen schuldig ist.“

Und die Baronin antwortete:

„Seine Verbeugung war höchst elegant, zwar ein wenig selbstbewußt, aber dennoch ehrerbietig und völlig tadellos. Man wird ihn kennen lernen, um zu sehen, ob er, trotz seiner Mißgestalt, zu brauchen ist.“ –

Müller ließ sich zu dem Hausmeister weisen. Er erkannte in demselben auf den ersten Blick den echten, eingefleischten Franzosen. Er trug schwarzen Frack nebst ebensolcher Hose, weißseidene Weste und ein weißes, hoch emporgehendes Halstuch. Seine breiten, kurzen Füße staken in so engen Lackstiefeln, daß sein Gang und seine Haltung in Folge des Drucks etwas Unsicheres zeigten.

„Ah, Sie? Sie sind der neue Gouverneur?“ fragte er in hochmütigem Ton. Und mit einem vielsagenden Lächeln fügte er hinzu:

„Ist diese Gestalt in Deutschland vielleicht einheimisch?“

„Wohl nicht“, antwortete Müller gleichmütig, „ich bin glücklicherweise eine Ausnahme und hoffe, daß Sie gewandt genug sind, mit dem, was Ihnen an meinem Körper zu viel erscheint, nicht allzu oft zu karambolieren. Ich komme, Sie zu bitten, mir mein Zimmer anzuweisen.“

„Das werde ich tun. Im übrigen jedoch mache ich Sie darauf aufmerksam, daß ich nicht vorhanden bin, Sie zu bedienen. Als Hausmeister bin ich Ihr Vorgesetzter.“

„Das ist mir ganz und gar nicht unangenehm, und ich ersuche Sie, sich bei mir nach Kräften in Respekt zu setzen. In meiner Heimat pflegt man nur diejenigen als Obere anzuerkennen, welche es auch wirklich verstehen, sich Hochachtung zu erwerben. Darf ich bitten, monsieur le concierge?“

Er wandte sich, um voranzuschreiten; der Franzose aber fiel schnell ein:

„Sie sprechen ein sehr schlechtes Französisch, Herr Müller. Concierge bedeutet mehr Türhüter, als Hausmeister. Sie haben mich Intendant zu nennen!“

„Sehr wohl, Herr Intendant. Also bitte, mein Zimmer.“

Sie schritten an mehreren dienstbaren Geistern vorüber, welche beim Anblick des Lehrers mit echt französischer Ungeniertheit die Nasen rümpften, worauf jedoch Müller nicht im geringsten achtete. Er wurde mehrere Treppen emporgeführt, und der Hausmeister öffnete ihm ein Zimmer, welches hoch oben in einem der Türmchen lag, von denen die Front des Schlosses flankiert wurde. Es war mit der größten Einfachheit möbliert.

„So, hier wohnen Sie“, meinte der Hausmeister schadenfroh. „Tisch, zwei Stühle, Feldbett, Waschzeug, Bücherregal; eine Taschenuhr besitzen Sie wohl selbst. Das ist mehr als genug, um sich komfortabel zu fühlen.“

„Wo wohnt der junge Herr?“ fragte Müller.

„In der Hauptetage neben der gnädigen Frau.“

„Man pflegt sonst doch den Erzieher in die unmittelbare Nähe seines Zöglings zu plazieren, Herr Intendant!“

„Das ist hier nie der Fall gewesen. Der Lehrer rangiert hier erst nach dem Koch, und da ist leicht einzusehen, daß er dementsprechend einlogiert werden muß. Der Koch wohnt gerade unter Ihnen, nicht aber in der unmittelbaren Nähe der Herrschaft.“

„Es ist gut, Herr Intendant!“

Mit diesen Worten drehte er sich ab, und der Hausmeister zog sich zurück, sehr zufrieden mit sich, daß er diesem Deutschen gleich im ersten Augenblick klargemacht habe, welchen Rang er hier einnehme.

Müller warf keinen Blick auf das armselige Meublement. Er trat an eines der drei Fenster und blickte hinaus. Ein leises Lächeln schwebte um seine Lippen. Er war mit dem ihm gewordenen Empfang nicht unzufrieden. Das Glück hatte ihm beigestanden, und er hoffte, daß es ihm auch treu bleiben werde. Die Arroganz des Dienstpersonals konnte ihn nicht beleidigen, und als Retter Alexanders hatte er sich die Dankbarkeit der Herrschaft gesichert. Diese Dankbarkeit mußte sich bei der Ankunft Marions steigern. Was aber dann? Er machte sich keine Grillen über diese Frage und blickte wohlgemut hinaus auf das Bild, welches sich vor seinem Auge ausbreitete.

Fern im Westen erhoben sich die Höhen der Meuse, überragt von den duftumhauchten Bergen des Argonner Waldes. Näher blickten Kirchtürme und lieblich gelagerte Ortschaften zu ihm herüber; da rechts lag Thionville, auf deutsch Diedenhofen genannt, die Festung, jetzt in den Händen des Erzfeindes; und dort, unterhalb des Schlosses, erhoben sich die schmutzigen Essen und Gebäude des Eisenwerks, über denen eine dichte Rauchwolke schwebte.

Das andere Fenster ging nach Süden, wo der Park des Schlosses sich nach und nach zu einem dunklen Wald verdichtete. Das dritte Fenster führte nach Norden, und zwar auf das halbplatte Dach des Hauptgebäudes. Müller ahnte nicht, daß dieser Umstand ihm später außerordentlich zustatten kommen werde. Die vierte, also östliche Seite seines Zimmers, hatte kein Fenster. Sie bestand aus einer Tapetenwand, an welcher nur ein alter, schlechter Spiegel hing.

Indem sein Blick diese Wand überflog, war es ihm, als ob er ein leises, eigentümliches Geräusch bemerkte. Er trat hart an die Mauer heran und horchte. Ja, er hatte richtig gehört. Es war, als ob hinter der Wand jemand sich bewege, und zwar aufwärts, und dabei mit der Hand tastend an den Steinen oder Ziegeln hinstreiche. Sodann war ein leichtes Rascheln zu vernehmen, als ob ein Stein aus der Mauer entfernt werde.

Was war das? Gab es hier vielleicht eine Doppelwand? Befand sich hinter dem Zimmer jemand, welcher gekommen war, ihn zu belauschen? In diesem Fall mußte sich in der Mauer eine Öffnung befinden. Aber Müller durfte jetzt nicht suchen; er mußte vielmehr so tun, als ob er ganz und gar nichts ahne. Das Schloß war ein sehr altes Gebäude, es konnte leicht seine Geheimnisse haben.

Müller trat zu dem Fenster zurück und tat so, als ob er in den Anblick der Landschaft ganz und gar versunken sei. Dabei aber lauschte er angestrengt nach der Mauer hin. Als sich nach längerer Weile nichts vernehmen ließ, wurde er des Stehens müde und legte sich auf das Feldbett, um weiter zu horchen.

Da, jetzt hörte er, sehr leise zwar, aber immer noch vernehmlich, jenes letzte Rascheln wieder. Es schien oben in der Nähe der Decke zu sein. Dann strich es wie mit einer vorsichtig tastenden Hand an der Wand herab, bis er, selbst nach langem Horchen, nichts mehr hörte.

Jetzt erhob er sich und öffnete das nach Norden auf das Dach führende Fenster. Er hatte weder einen Stock noch einen anderen Gegenstand, welchen er als Maß zu gebrauchen vermochte.

Als Müller den Abstand zwischen dem Fenster und der Außenecke des Turmes mit demjenigen der innern Ecke seiner Stube verglich, sagte ihm bereits das bloße Augenmaß, daß die Mauer des Turms wenigstens zwei Ellen dick sein müsse. Und als er behutsam an diese Mauer klopfte, hörte er aus dem Ton, daß sie vielleicht nur einen Fuß stark sei.

Es war also klar, daß es hier eine Doppelmauer gab. Wozu? Welchem Zweck diente der dazwischen liegende Raum? Doch wohl nur dem Lauschen und Beobachten!

Wo aber war das Loch, durch welches man in das Zimmer sehen konnte? Er musterte die ganze Wandfläche; er blickte sogar hinter den Spiegel; er bemerkte nichts. Die betreffende Öffnung konnte sich nur in der Nähe des Ofenrohres oder in der gemalten Kante der Mauer befinden, das war klar.

Er setzte sich einen Stuhl hin, stieg hinauf und klopfte, doch nicht auffällig. Richtig, an dieser Stelle gab die Kante einen ganz anderen Ton. Sie fühlte sich auch glatter an als an den übrigen Stellen; sie bestand aus Glas. Er hegte jetzt die feste Überzeugung, daß er beobachtet worden sei. Aber von wem? Gab es im Schloß noch mehrere Doppelwände?

Er erkannte es als ein großes Glück, daß er diese wichtige Entdeckung bereits heute, bereits in der ersten Stunde gemacht habe. Wie nun, wenn er sich in Gegenwart des Lauschers entkleidet und seinen künstlichen Buckel abgelegt hätte? Sein Geheimnis wäre sofort verraten gewesen. Er hatte eine doppelte Verantwortung, vorsichtig zu sein. Auf der anderen Seite aber war es auch möglich, daß er aus seiner gegenwärtigen Erfahrung Nutzen ziehen könne.

Zunächst mußte er zu erfahren suchen, wer der Lauscher sei, denn nur im Zimmer desselben konnte der Eingang zu den Doppelwänden sein. Ober gab es auch noch andere Eingänge? Seine Gedanken wurden unterbrochen, denn es erschien ein Diener, welcher ihm meldete, daß er von dem Herrn Kapitän und dem gnädigen jungen Herrn unten im Hof erwartet werde.

Er gehorchte dem Ruf und fand die beiden Genannten seiner harrend. Der Haushofmeister stand mit einigen Dienern dabei, welche Waffen hielten. Alexander schien sich von seinem Schreck bereits erholt zu haben. Er sah zwar noch blaß, aber ganz und gar nicht krank aus. Er kam dem Erzieher entgegen und sagte:

„Monsieur Müller, ich wollte schlafen, aber es geht nicht. Großpapa sagte, daß Sie die Probe machen sollten, und da muß ich dabei sein.“

Der Kapitän deutete nach einer Ecke des Schloßhofes und meinte:

„Sie sehen dort die Turnapparate. Gehen Sie hin und zeigen Sie uns, was Sie leisten.“

„Sehr wohl, gnädiger Herr!“

Mit diesen einfachen Worten schritt Müller nach der Ecke, stellte sich vor den Bock und sprang, ohne Ansatz zu nehmen oder die Hand als Stütze zu gebrauchen, über die ganze Länge des Gerätes hinweg. Dann trat er zum Reck, legte die Hand an und machte, ohne sich eines Kleidungsstückes zu entledigen, den Riesenschwung mit nur einem Arm.

„Genügt dies, Herr Kapitän?“ fragte er.

„Großpapa, das hat noch keiner gebracht!“ sagte Alexander.

„Sehr wahr“, nickte der Alte. „Monsieur Müller, satteln Sie sich den Braunen, den man jetzt vorführt. Sie sollen die Schule reiten.“

Ein Stallknecht brachte das Pferd; ein anderer trug Sattel und Zaumzeug herbei.

„Ist nicht nötig“, meinte Müller.

„Monsieur, der Braune ist schlimm!“ warnte der Alte. „Er trägt nur mich, jeden anderen wirft er ab.“

Das Pferd schien längere Zeit nicht aus dem Stall gekommen zu sein. Es tanzte mit hochspielenden Beinen und zerrte an dem Halfter, so daß der Knecht es kaum zu halten vermochte. Müller trat, ohne die Warnung des Alten zu beachten, hinzu und musterte das Pferd mit Kennermiene. Er nickte mit anerkennendem Lächeln und sagte:

„Sohn eines arabischen Halbblutes und einer englischen Mutter. Nicht, Herr Kapitän?“

„Allerdings“, antwortete der Gefragte. „Aber, sagen Sie, Monsieur Müller, woher haben Sie dieses Kennerauge, welches – – – Morbleu! Geht weg!“

Er sprang mit diesen letzten Worten zur Seite, denn Müller saß, man wußte gar nicht, wie er hinaufgekommen war, ganz plötzlich auf dem Pferd, hatte das Halfter ergriffen und jagte nun mit dem Braunen im Hof herum. Das Tier gab sich alle Mühe, den Reiter abzuwerfen, aber dieser saß so fest, als sei er angewachsen. Kannte er vielleicht ein geheimes Mittel? Fast schien es so, denn nach kaum einer Minute hatte er das Pferd beruhigt und ritt nun die Schule durch, mit einer Sicherheit und Eleganz, als ob er sich vor tausend Zuschauern in der Arena sehen lasse. Dann, als er in Galopp war, legte er sich plötzlich vornüber, sprengte quer über den Hof und mit einem kühnen, unvergleichlichen Satz über die drei Ellen hohe Hofmauer hinweg.

„Mille tonnerres!“ schrie der Kapitän. „Er muß den Hals brechen. Der Braune ist auf alle Fälle hin.“

Alles rannte nach dem Tor. Sie hatten es aber noch nicht erreicht, so stoben sie erschrocken zur Seite; denn von draußen rief die laute Stimme Müllers:

„Holla, gebt Platz drin!“

Und in demselben Augenblick kam der Doktor wieder über die Mauer hereingesprungen. Er ritt noch einige Male im Kreis umher, um das Pferd zu beruhigen, und sprang dann ab.

„Alle Teufel, wo haben sie das Reiten gelernt?“ fragte der Alte.

„Mein Lehrer war ein Ulan“, antwortete der Gefragte.

„Reiten alle Ulanen so, Monsieur?“

„Noch besser.“

„Ja, sie sind ein wildes Volk, dieses Hulanes. Sie wohnen in der Wüste, heiraten zehn bis zwanzig Frauen und reiten die Pferde zu Tode. Aber jetzt sollen Sie schießen.“

Müller sagte nichts, doch hatte er Mühe, ein Lächeln über die Worte des Alten zu verbergen. Er kannte ja zur Genüge die Tatsache, daß die Franzosen höchst zweifelhafte Geographen sind, und daß sie die Ulanen für eine wilde Völkerschaft halten, welche an der östlichen Grenze von Preußen lebt und beinahe zu den Menschenfressern gerechnet werden muß. Ehe man sie im Jahre 1870 in Frankreich kennen lernte, dichtete man ihnen die ungereimtesten Dinge an. Es war klar, daß man sie mit den Baschkiren und andern asiatischen Völkerschaften verwechselte.

Der Kapitän nahm aus der Hand des Hausmeisters einen Hinterlader und sagte, empor zur Wetterfahne deutend:

„Alexander hat gestern jenen kleinen Ballon steigen lassen, welcher mit der Schnur dort oben hängen geblieben ist. Ich werde ihn treffen.“

Er legte an und drückte ab. Der Ballon war getroffen.

„Sehen Sie! Machen Sie es nach.“

Er reichte dem Lehrer das Gewehr und eine Patrone. Dieser betrachtete jenes aufmerksam und sagte:

„Ah, ein Mauser! Ich kenne das Gewehr nicht, aber ich hoffe, wenn nicht mit dem ersten, so doch mit dem zweiten Schusse die Schnur zu treffen.“

Die Männer blickten einander mit ungläubigem Lächeln an. Er aber lud und zielte. Der Schuß blitze auf, und der Ballon schwebte auf das Dach nieder. Die Schnur war zerrissen worden.

„Wahrhaftig, Sie schießen ebensogut, wie Sie reiten und turnen!“ rief der Alte. „Jetzt eine Fechtprobe. Ich bin überzeugt, daß ein Deutscher es auf diesem Gebiet mit keinem Franzosen aufnimmt. Hier, der Hausmeister weiß einen Degen zu führen. Er war Premier sergent (Wachtmeister) bei den Chasseurs d'Afrique. Ich stelle nämlich nur gediente Militärs bei mir an, was leider in Hinsicht auf Sie nicht der Fall ist. Wollen Sie einen Gang mit ihm wagen?“

„Wenn Sie befehlen, so gehorche ich, Herr Kapitän“, antwortete Müller.

„So legen Sie los!“

Bei diesen Worten spielte ein beinahe unheimliches Zucken um den Mund des Alten. Sein weißer Schnurrbart zog sich empor, und es zeigte sich jenes gefährliche Fletschen der Zähne, welches stets unheilverkündend war. Er wußte, daß der Hausmeister ein sehr guter Fechter sei, und bei seinem rücksichtslosen Charakter wäre es ihm nur ein Amüsement gewesen, dem Deutschen eine Quantität Blutes abzapfen zu sehen.

Der Hausmeister hatte zwei gerade, schwere Chasseursdegen in den Händen. Er reichte dem Lehrer einen hin und sagte lächelnd:

„Monsieur Müller, bestimmen Sie gefälligst, wo ich Sie treffen soll!“

Müller prüfte den Degen und antwortete:

„Diese Degen sind ja scharf und spitz. Wir befinden uns nicht im Feld. Wollen wir nicht stumpfe Waffen wählen und uns mit Haube und Bandagen versehen?“

„Ah, Sie fürchten sich?“ höhnte der Franzose.

„Allerdings habe ich Furcht“, antwortete ruhig der Deutsche.

„Und das gestehen Sie?“ fragte der Intendant mit verächtlichem Lächeln.

„Wie sie hören. Aber Sie scheinen mich falsch zu verstehen. Ich habe nämlich Furcht, Sie zu verletzen; für mich freilich hege ich nicht die Spur von Bangigkeit. Sie haben mir erklärt, daß Sie mein Vorgesetzter sind. Darf ich einen Vorgesetzten verwunden?“

„Warum nicht, wenn Sie es fertig bringen! Also sagen Sie mir getrost die Stelle, an welcher ich Sie treffen soll!“

„Das werde ich unterlassen, denn damit würde ich für mich natürlich das Recht beanspruchen, Sie an der gleichen Stelle zu treffen.“

„Dieses Recht erteile ich Ihnen. Also wo, Monsieur Müller?“

Der Gefragte zuckte die Achseln und sagte:

„Wenn denn einmal der Ort, an welchem man treffen soll, genannt werden muß, so treffen Sie diese Bestimmung lieber selbst. Ich bin hier fremd und muß vermeiden, mir Vorwürfe machen zu lassen.“

„Gut“, meinte der Intendant mit einem boshaften Blicke. „Diese Degen sind zwar besser für den Stoß, aber wollen wir sie uns nicht lieber einmal im Hiebfechten über die Gesichter ziehen?“

„Ganz wie Sie wollen, Monsieur“, meinte Müller. „Ich mache Sie jedoch darauf aufmerksam, daß man dabei sehr leicht die Nase oder ein Auge verlieren, kann, wobei es außerdem noch jammerschade um Ihre seidene Weste sein würde.“

„Ah, Sie spotten! Sie meinen, daß ich es sein werde, der die Nase verliert. Ich werde Ihnen das Gegenteil beweisen. Herr Kapitän, billigen Sie unsere Vereinbarung?“

Über das Gesicht des Alten zuckte ein wilder, kampfbegieriger Zug. Er nickte und sagte:

„Ich gestatte sie unter der Bedingung, daß keinerlei Folgen auf mich fallen. Sie stehen beide in meinen Diensten. Wer von dem anderen dienstunfähig gemacht wird, hat keinen Sou Entschädigung von mir zu verlangen.“

„Gut! Beginnen wir also!“

Droben stand die Baronin am offenen Fenster. Sie hatte die Proben, welche Müller ablegen mußte, mit angesehen; sie hatte auch jedes Wort, welches gesprochen worden war, deutlich gehört. Eine andere hätte Widerspruch erhoben; sie aber freute sich auf den Kampf und legte sich weiter zum Fenster heraus, um besser zusehen zu können. Sie war ein Weib ohne Herz und Gemüt.

Der Intendant legte sich aus – die Klingen blitzten –, da stieß er einen lauten Schrei aus und fuhr zurück. Der Degen entsank ihm, und seine beiden Hände fuhren nach dem Gesicht, aus welchem ein breiter Blutstrahl niederfloß.

„Alle Teufel, welch ein Hieb!“ rief der Kapitän.

„Er hat es gewollt“, sagte Müller gleichmütig, „obgleich es mir leid tut, meinem Vorgesetzten zeigen zu müssen, daß er noch Verschiedenes zu lernen hat, ehe er davon reden kann, daß ich mich vor ihm fürchte.“

Der Intendant war quer über das Gesicht herüber getroffen. Der fürchterliche Hieb war ihm über den unteren Teil der Stirn und durch das Auge gegangen und hatte dann den Nasenknochen tief gespalten. Das Auge war verloren – der Verwundete brüllte vor Schmerz und Wut.

„Schafft ihn fort und holt den Arzt!“ gebot der Alte. „Wer hätte gedacht, daß er seinen Meister finden werde! Monsieur Müller, Sie sind ein ganzer Fechter. Man hat sich trotz Ihrer – hm, Unbefangenheit vor Ihnen in acht zu nehmen. Sie haben Ihre Probe exzellent bestanden; ich vertraue Ihnen meinen Enkel an.“

„Ich danke Ihnen, gnädiger Herr“, antwortete Müller. „Die Probe war etwas ungewöhnlich, aber da mir mein Gesicht jedenfalls lieber ist, als dasjenige des Herrn Intendanten, so mußte ich mich wehren.“

Er kehrte nach seinem Zimmer zurück, während der Intendant von einigen Dienern nach dem seinigen geschafft wurde. Alexander hatte alles mit angesehen und sagte jetzt zu dem Alten:

„Großpapa, dieser Monsieur Müller ist doch ein ganz anderer Mensch als je einer meiner früheren Lehrer. Er fürchtet sich nicht, vor mir und selbst vor dir nicht, wie es scheint. Das gefällt mir. Ich werde ihn nicht wieder fortlassen.“

Und droben stand die Baronin. Sie hatte die Fenster geschlossen, stand vor dem Spiegel, um ihr schönes Bild zu betrachten, und murmelte:

„Welch ein Mann! Er tat das alles wie spielend. Selbst der Sprung war so leicht und graziös, so daß der Fremde von seiner Manneswürde gar nichts verlor. Ein solcher Sprung ist gefährlich, denn der Springer kann sich sehr leicht lächerlich machen, was schlimmer als eine Verletzung ist. Dieser Deutsche ist gebaut wie ein Adonis. Hätte er doch diesen fatalen Auswuchs nicht! Er wäre mir wahrhaftig lieber noch als der Direktor, welcher zu wenig Geist und Feuer besitzt.“

In seinem Zimmer angekommen, musterte Müller zunächst seinen Kopf. Glücklicherweise saß seine Perücke fest. Hätte er sie verloren, so wäre sicher bemerkt worden, daß unter der falschen, schwarzen Bedeckung sich ein echtes blondes Haar verbarg. Es war überhaupt beinahe ein Wunder zu nennen, daß diese Perücke nicht bereits während der gefährlichen Schwimmpartie in der Mosel verlorengegangen war. So hängt oft an Kleinigkeiten das Gelingen eines großen Planes.

Nach einiger Zeit kam ein Diener, um Müller zu sagen, daß der junge Herr mit ihm auszugehen wünsche. Das war dem Erzieher lieb. Er hatte so am besten Gelegenheit, den Umfang von Alexanders Kenntnissen und Fertigkeiten zu prüfen und so die notwendige Unterlage zu einem Lehrplan zu erhalten.

Als er, die Treppe hinabsteigend, den Hauptkorridor erreichte, öffnete sich eine Tür, und er erblickte einen Mann, welcher mit gesenkten Augen ihm langsam entgegengeschritten kam. Es war der Baron, der sich vielleicht zu seiner Frau begeben wollte. Müller kannte ihn noch nicht, ahnte aber, als er den geistesabwesenden Ausdruck des bleichen Gesichtes bemerkte, sogleich, wer jener sei. Er blieb stehen, um ihn vorüber zu lassen.

Sobald der Baron völlig herangekommen war, bemerkte er, daß jemand da stehe. Er erhob das Auge langsam und richtete den starren Blick auf Müller. Da ging eine wunderbare, aber gewaltige Veränderung in diesem toten Gesicht vor: die Augen wurden langsam größer und erhielten den Ausdruck des Bewußtseins; die Brauen zogen sich empor, und der Mund öffnete sich in jener Weise, wie man es bei einem heftigen Erschrecken bemerkt. Der Baron stand einige Augenblicke mit geöffnetem Mund und abwehrend ausgestreckten Armen da; dann drehte er sich plötzlich um und rannte nach der Tür zurück; aus welcher er gekommen war. Dabei stieß er mit kreischender Stimme, der man eine entsetzliche Angst anhörte, die Worte aus: „Er ist's! Er ist's! Er sucht wieder die Kriegskasse! Flieht, um Gottes willen! Er sucht die Kriegskasse!“

Damit verschwand er hinter der erwähnten Tür. Auch Müller stand bewegungslos da. Die Worte des Irren hatten einen ungeheuren Eindruck auf ihn gemacht. Er verharrte noch ohne Regung, als sich bereits mehrere Türen öffneten. Die Baronin erschien und ebenso der alte Kapitän, welcher heftig an ihn herantrat und ihn mit funkelnden Augen fragte:

„Was ist's? Was gibt's! Wer rief hier so laut?“

Er bedurfte der ganzen ungewöhnlichen Selbstbeherrschung, welche Müller besaß, um sich zusammenzunehmen. Sein Gesicht nahm augenblicklich einen ganz verwunderten Ausdruck an; er sah aus, wie einer, der etwas nicht begreifen kann. Er schüttelte den Kopf und antwortete:

„Ich kam soeben die Treppe herab, da rief ein Herr, den ich nicht kenne, da vorn im Korridore von Krieg und vom Fliehen. Welch ein eigentümlicher Scherz!“

„Welche Worte hat er gebraucht?“ forschte der Alte dringend. „Sagen Sie es genau, ganz und gar genau!“

„Die Worte Krieg und Fliehen.“

„Keine anderen?“

„Nein, wenigstens habe ich keine anderen vernehmen können.“

Er hütete sich wohl, die Wahrheit zu gestehen. Er stand da ganz unerwartet vor der Lösung des Problems, welches auf das Tiefste in sein Leben, ja in das Glück seiner Familie und Anverwandten eingriff. Es lüftete sich hier auf einmal der Schleier eines Geheimnisses, für dessen Lösung er sehr oft so gern sein Leben hingegeben hätte. Wie viele, viele hundertmal hatte er, hatte seine liebe, herzige Mutter, hatte sein alter, greiser Großvater und seine holde, schöne Schwester auf den Knien gelegen, um Gott inbrünstig zu bitten, einen Lichtblick in das Dunkel fallen zu lassen! Vergebens! Und nun, nach langen Jahren, nach dem Aufgeben aller Hoffnung, kam so unerwartet der erbetene Strahl, zwar nicht scharf und blendend wie ein Blitz, auch nicht hell und überzeugend wie das Licht des vollen Tages, aber doch vorbereitend und Ahnung erweckend wie das furchtsame, leise versuchende Grauen eines Morgens nach dunkler Wetternacht. Da galt es, vorsichtig zu sein!

„Es war mein Sohn, der Baron de Sainte-Marie“, meinte der Veteran jetzt kalt. „Sie müssen wissen, daß er an eigentümlichen Anfällen leidet; ich weiß nicht, ob ich sie hysterisch oder anders nennen soll. Dann träumt er laut. Man darf ihn nicht beachten. Ich habe strengen Befehl, daß zu solchen Zeiten ein jeder sich sofort zurückzuziehen hat, da die Gegenwart Fremder den Grad der Anfälle auf das gefährlichste steigert. Auch Sie haben diesen Befehl zu respektieren. Gäben Sie den Worten, welche der Kranke redet, nur die kleinste Beachtung, so würde ich Sie auf der Stelle entlassen, wenn nicht gar noch etwas anderes geschähe!“

Seine Augen glühten in einem bösen Feuer, und seine Zähne zeigten sich. Er hatte in diesem Augenblick ganz das Aussehen eines Mannes, dem das Wohl oder Wehe, das Leben der ganzen Menschheit nur eine Bagatelle gilt.

„Was wollten Sie übrigens hier auf dem Korridor?“ fragte er.

„Ich stand im Begriff, mich nach dem Hof zu begeben“, antwortete Müller demütig.

„Was dort?“

„Der junge Herr erwartet mich dort. Er hat mich zu einem Spaziergang befohlen.“

„So gehen Sie! Aber merken Sie sich, daß kein Mensch, kein Fremder etwas über die Anfälle meines Sohnes erfahren darf!“

Er drehte sich mit jugendlicher Raschheit auf dem Absatz um und schritt nach der Tür zu, hinter welcher der Baron verschwunden war. Müller ging in den Schloßhof, wo Alexander ihn bereits erwartete.

Die Baronin hatte diese kurze, eigentümliche Unterredung mit angehört. Sie folgte mit langsamen Schritten dem Alten. Als sie das Zimmer betrat, in welchem der Baron sich gewöhnlich aufhielt, fand sie dasselbe leer; aber aus dem angrenzenden Kabinett drang eine jammernde Stimme, zwischen deren angstvollen Rufen man die harte, drohende Stimme des Kapitäns erkannte. Sie trat dort ein.

Es war das Schlafzimmer des Barons. Dieser lag auf seinem Bett, hatte den Kopf in die Kissen versteckt und wimmerte:

„Er ist da! Er ist da! Ich habe ihn gesehen und erkannt!“

„Schweig!“ gebot der Alte. „Er war es nicht!“

„Er war es!“ behauptete der Irre. „Er sucht die Kriegskasse!“

„Ich befehle dir, zu schweigen!“

„Nein, nein, ich will nicht schweigen; ich kann nicht schweigen!“ rief sein Sohn, indem er das Gesicht noch tiefer in die Kissen vergrub. „Ich mag die Kasse nicht; ich habe bereits eine geraubt. Ich habe die Kasse von Magenta gestohlen; wozu brauche ich die von Waterloo!“

„Schweig, sage ich, sonst muß ich dich strafen!“

„Schlag zu, Alter! Schlag zu, Bösewicht!“ rief der Baron. „Ich gehorche dir doch nicht! Behalte deine Kasse! Ich mag sie nicht! Das Gold trieft von Blut!“

Da zog ihm der Kapitän die Kissen weg, erhob die geballte Faust und drohte:

„Mensch, noch ein Wort, und ich zeige dir, wer dein Meister ist!“

„Du nicht; du bist es nicht!“ rief der Kranke, indem er sich erhob und seinen Vater mit von Abscheu erfüllten Blicken anstarrte. „Du bist der Teufel, der Satan; aber mein Meister bist du nicht! Mein Meister sitzt hier und hier!“ Er schlug sich bei diesen Worten auf die Brust und vor die Stirn. „Er zermalmt mir das Herz und zerreißt mir das Gehirn. Ich mag die Kasse nicht. Ich gebe die eine zurück, und die andere lasse ich liegen. Oh, mein armer Kopf, mein armes Herz! Wie das brennt, wie das quält! Nur ein Blick meiner Liama kann diese Schmerzen heilen. Wo ist sie? Ich will sie sehen, sehen, sehen!“

„Schweig, sage ich nun zum letzten Mal!“ donnerte der Alte.

„Ich schweige nicht!“ rief der Sohn. „Oh, Liama, meine süße Liama! Gebt sie hin, die Kasse; gebt sie hin!“

Da fiel die Faust des Kapitäns auf ihn nieder, nicht einmal, sondern in vielen, ununterbrochenen Hieben und Schlägen. Aber der Kranke rief fort. Er wehrte sich nicht gegen die herzlose, grausame Züchtigung durch seinen eigenen Vater, aber er hielt auch nicht inne, nach seiner Liama und der Kasse zu rufen. Die Arme des Kapitäns ermüdeten; er wendete sich zu der Baronin, welche ohne das geringste Zeichen von Teilnahme Zeugin der Unmenschlichkeit gewesen war, und sagte:

„Der Anfall ist heftiger als jeder andere zuvor. Es gelingt mir nicht, ihn einzuschüchtern. Versuchen wir das andere Mittel.“

Während der Kranke immer weiter wimmerte, antwortete sie:

„Das ist mir unangenehm, halten Sie es für ein Vergnügen, mich –“

„Sie werden es tun!“ unterbrach er sie mit drohender Stimme. „Oder soll die Dienerschaft erfahren, wie es steht, und um was es sich handelt?“

Sie zuckte die Achseln und fragte:

„Und wenn ich es doch nicht tue, was dann?“

„So haben Sie aufgehört, Baronin de Sainte-Marie zu sein!“

Sie zuckte zusammen, wagte aber doch die Frage:

„Ich möchte einmal wissen, wie Sie das anfangen wollen, Herr Schwiegerpapa?“

„Ja, die Baronin will ich, die Baronin de Sainte-Marie!“ rief der Irre, dessen Geisteskraft nur dazu hingereicht hatte, diesen Namen aufzunehmen.

„Schweig, Unvorsichtiger!“ rief der Alte, indem er abermals zuschlug. Und zu der Baronin gewendet, fuhr er fort: „Ich weiß sehr genau, wie ich es anzufangen habe; ich bin, bei Gott, der Mann dazu! Wie wollen Sie beweisen, daß Sie die Frau meines Sohnes sind?“

„Ich habe Zeugen.“

„Sie sind tot!“

„So sind Sie deren Mörder. Die Listen der Mairie und des Kirchenbuches werden beweisen, was ich bin.“

„Die Blätter sind verschwunden“, antwortete er höhnisch.

„So sind Sie der Dieb! Übrigens brauche ich weder Zeugen noch Bücher. Ich würde alles verraten.“

„Und für lebenslänglich in das Zuchthaus wandern“, lachte er mit teuflischem Grinsen. „Wer will meinen Sohn bestrafen? Er ist ein Wahnsinniger. Wer will mich anklagen. Ich war nicht dabei. Wollen Sie meinem Befehl gehorchen, oder sich und Ihren Sohn um die Baronie bringen? Ich frage zum letzten Mal.“

Der Baron krümmte sich unter den Fäusten des Alten, der sich jetzt alle Mühe gab, ihm den Mund zuzuhalten.

„Sie sind wahrhaftig ein Teufel!“ knirschte die Baronin, indem sie sich anschickte, zu gehen.

„Und Sie sind eine Stallmagd, eine elende Bauerndirne. Gehorchen Sie sofort!“ rief er ihr mit funkelnden Augen nach.

Sie kehrte mit vor Zorn hochgeröteten Wangen in das Wohnzimmer des Barons zurück und begab sich in das gegenüberliegende Gemach. Dieses war klein und zeigte nichts als eine Waschtoilette, einen Spiegel und einen Kleiderschrank. Die Baronin öffnete den letzteren und nahm das einzige Gewand heraus, welches er enthielt. Es war die Festkleidung eines Bauernmädchens aus dem Argonner Wald. Sie schien hier für ganz besondere Zwecke aufbewahrt zu werden, jedenfalls für denselben Zweck, dem sie jetzt dienen sollte.

Während das Jammern und Wehklagen des Barons herüber drang, warf sie ihre gegenwärtige Kleidung ab, legte das andere Gewand an und ordnete ihr Haar in anderer Weise. Obgleich dies so schnell ging, daß sie nach kaum fünf Minuten fertig war, hatte sie doch eine außerordentliche Sorgfalt dabei entwickelt. Sie hatte sich die größte Mühe gegeben, alle ihre Reize hervorzuheben und in das beste Licht zu stellen. Sie stand jetzt da als üppig schönes Bauernmädchen, schön und verführerisch, daß sie imstande war, auch festere Grundsätze zuschanden zu machen als die des Schwachsinnigen. Sie betrachtete sich noch einige Augenblicke lang höchst wohlgefällig im Spiegel und flüsterte dabei:

„Und dies alles soll einem Verrückten gehören! Oh, wenn doch dieser Deutsche nicht – nicht buckelig wäre!“

Sie errötete selbst über diesen Gang ihrer Gedanken und begab sich zu den beiden Männern zurück, welche Vater und Sohn waren, obgleich der erstere dem letzteren als Peiniger gegenüberstand.

„Endlich!“ rief der Alte, indem er sich erhob. „Versuchen Sie Ihre Macht; ich werde im anderen Zimmer warten.“

Er entfernte sich, und sie trat zu dem wimmernden Baron.

„Henry!“ sagte sie mit dem sanftesten Ton ihrer Stimme.

Sein Kopf hatte sich wieder unter die Kissen vergraben; dennoch hörte der Kranke das Wort und horchte auf.

„Wer rief?“ fragte er. „Bist du es, meine Liama?“

Sie beugte sich zu ihm nieder und flüsterte liebevoll:

„Komm, mein Henry, blick mich an!“

Er erhob den Kopf, wendete ihn nach ihr und blickte sie an. Es ging wie ein Zug des Erkennens über sein bleiches Gesicht. Er lächelte matt und sagte:

„Ah, das schöne Mädchen vom Brunnen an der Dorfschenke. Ich bin heute durch das Dorf geritten, als du am Brunnen standest. Hast du mich gesehen?“

„Ja, ich habe dich gesehen“, antwortete sie, indem sie sich auf den Rand des Bettes niedersetzte.

„Ich habe mich nach dir erkundigt“, sagte er, indem er sich noch weiter emporrichtete. „Deine Mutter ist tot, und dein Vater ist der Hirte. Nicht?“

„Ja“, flüsterte sie.

„Hast du einen Geliebten, du schönes, holdes Kind?“

„Nein; ich habe noch niemals einen gehabt.“

„So hat deine Lippen noch niemand geküßt?“ fragte er, indem er den Arm um sie schlang.

Seine Blicke bekamen immer mehr Selbstbewußtes, und er musterte das Mädchen, als ob er angestrengt nach einer Erinnerung suche.

„Noch niemand“, antwortete sie.

„So soll es ein Baron sein, der sie zuerst küßt. Komm, beuge dich zu mir herüber.“

Sie hielt ihm den Mund entgegen. Er schlang auch den anderen Arm um sie. Er betrachtete ihr Gesicht, er legte die Hand auf ihre volle Brust, wie um ihre Gestalt, ihr Wesen zu untersuchen; er ergriff die Zöpfe ihres Haares, um sie genau zu betrachten; sein Blick wurde nach und nach finsterer, und endlich sagte er:

„Mädchen, du belügst mich! Das war kein Kuß von Lippen, die noch nie geküßt haben; der Kuß eines reinen Mädchens ist anders. Wer so küßt wie du, der hat die Liebe kennen gelernt. Wie heißt du?“

„Adeline“, antwortete sie, indem ihr Gesicht den Ausdruck der Besorgnis annahm.

„Adeline?“ fragte er, sichtlich mit einem Gedanken ringend, den er noch nicht zu beherrschen vermochte. „Adeline? Ach, jetzt habe ich es! Adeline, die Hirtentochter, die heimliche Geliebte des Sohnes des Mairie! Dieser Sohn des Maire sollte sie nicht heiraten, obgleich beide sich bereits so innig verbunden hatten, als ob es auf der Mairie geschehen sei. Sie war so klug, den Baron de Sainte-Marie zu zwingen, sie zu heiraten und den Sohn ihres Geliebten dann als den seinigen zu betrachten. Das bist du! Bist du das?“

„Du irrst!“ antwortete sie, indem sie den Arm um seine Schultern schlang, um ihren Gemahl mit gut gespielter Zärtlichkeit an sich zu drücken.

Da aber schob er sie zornig zurück und antwortete:

„Ich irre mich nicht! Hältst auch du mich für wahnsinnig? Oh, ich weiß alles! Du hast mich betrogen, aber du betrügst mich nicht wieder. Du hast mich beobachtet, als ich nach der Kriegskasse – oh, mein Gott, die Kriegskasse! Und dann mußte ich, um dein Schweigen zu erkaufen, meine herrliche Liama – o Liama, meine süße, einzige Liama!“

Er stieß die Baronin mit aller Gewalt von sich und wühlte sich wieder in das Bett hinein. Wie oft hatte, wenn er in sein Toben verfallen war, die Strenge seines Vaters ihn eingeschüchtert, oder, wenn diese nicht geholfen hatte, die Schönheit der Baronin, die dann stets als Mädchen angekleidet war, ihn in Banden geschlagen und beruhigt. Aber heute hatten beide Mittel ihre Kraft verloren. Der Irre begann von neuem zu wimmern und zu rufen, so daß der Kapitän eintrat.

„Nun?“ fragte er die ratlos dastehende Schwiegertochter.

„Es hilft nichts, gar nichts“, antwortete sie.

„So haben Sie es nicht klug genug angefangen“, tadelte er.

„Liama, meine Liama will ich sehen!“ rief der Kranke, indem er aufsprang. „Wo habt ihr sie?“

Er ballte seine Faust und seine Lippen wurden feucht. Der Alte wußte, daß nach solchen Anzeichen stets der höchste Grad des Paroxismus eintrat, daß ihm der Schaum vor den Mund trat und seine Kräfte sich verdoppelten, so daß er kaum zu bändigen war.

„Was tun wir?“ fragte er.

„Wo ist sie? Zeigt sie mir, sonst geht alles zugrunde und in Trümmer!“ gebot der Baron, indem er drohend auf die beiden zutrat.

„Zeigen Sie sie ihm!“ antwortete die Baronin, indem sie angstvoll vor dem Kranken zurückwich.

„Es wird kein anderes Mittel geben als dieses“, meinte er. Und zu seinem Sohn gewendet, sagte er:

„Wen willst du sehen?“

„Liama, meine Geliebte, mein Weib!“

„Sie ist ja tot!“

„Tot?“ hohnlachte der Kranke. „Denkt ihr, ich weiß nicht, daß ihr mich betrügen wollt?“

„Du hast sie ja selbst mit begraben.“

„Begraben? Ja. Aber sie ist auferstanden. Ich will sie sehen; ich muß sie sehen; ich muß ihr sagen, daß ich die Kriegskasse nicht behalten mag, und daß sie mir vergeben soll, obgleich ich ein – Mörder bin. Vorwärts! Ich warte nicht!“

„Nun gut, du sollst sie sehen“, entschloß sich der Alte. „Komm!“

Er nahm seinen Sohn beim Arme und winkte der Baronin zu, das Zimmer zu verlassen. Diese aber trat näher und erklärte:

„Ich gehe mit!“

Da blickte der Alte sie halb verwundert und halb zornig an und fragte:

„Warum?“

„Ich will das Bild sehen, die Wachspuppe, von welcher Sie zu mir –“

„Pah!“ unterbrach er sie barsch. „Das ist nicht für Weiber!“

„Oh, warum nicht?“ antwortete sie mit fester Stimme. „Ich will mich endlich überzeugen, ob Sie ein ehrliches Spiel mit mir treiben. Ich muß endlich einmal wissen, wo sich der Eingang zu Ihrem Geheimnis befindet. Ich will endlich einmal aufhören, der Spielball Ihrer Intrigen zu sein. Ich gehe nicht von der Stelle; ich muß heute erfahren, woran ich bin!“

„Ah, Madame, kennen Sie die Sage vom verschleierten Bild zu Sais?“ fragte er, indem er sie mit einem höhnischen Blick überflog.

„Ich kenne sie“, antwortete sie.

„Und Sie wissen auch, daß derjenige, welcher den Vorhang lüftete, sterben mußte?“

„Ich weiß es.“

„Nun wohl, so halten Sie sich von diesem Vorhang fern, denn ich nehme an, daß Sie noch nicht gewillt sind, auf Ihr junges Leben zu verzichten!“

„Oh, Herr Kapitän, wollen Sie damit etwa sagen –“

„Daß Sie sterben müßten; wenn Sie versuchten, mein Geheimnis zu ergründen! Ja, das will ich allerdings sagen.“

„So werden Sie mein Mörder sein!“

„Der würde ich allerdings sein, Madame“, antwortete er, indem er ihr näher trat. Und mit drohendem Ton fuhr er fort: „Entfernen Sie sich also schleunigst aus diesem Zimmer. Es ist mir ganz gleich, ob der Tochter eines Schweinehirten auf meine Veranlassung der Atem ausgeht oder nicht. Verstanden?“

Der Kranke stand dabei, ohne ein Glied zu rühren oder ein Zeichen zu geben, daß er höre und begreife, was gesprochen wurde. Der Alte hatte ihm versprochen, daß er Liama sehen würde, das war ihm genug.

„Und wenn ich auf meinem Willen beharre?“ meinte die Baronin stolz.

„So werde ich Ihnen zeigen, wieviel Ihr Wille hier auf Ortry gilt!“

Er holte, ehe sie sich dessen versah, aus und schlug sie mit der Faust auf den Kopf, daß sie besinnungslos zusammenbrach. Dann klingelte er. Ein Diener erschien im Wohnzimmer. Der Kapitän begab sich dorthin und befahl:

„Die Frau Baronin ist ohnmächtig geworden; ihre Mädchen mögen kommen, um sie nach ihren Gemächern zu tragen!“

Sobald der Bediente sich entfernt hatte, nahm der Alte den Baron beim Arm und zog ihn fort. Als die Mädchen kamen, fanden sie keinen einzigen Menschen in den Zimmern, welche der Baron bewohnte. Die beiden Männer waren spurlos verschwunden, obgleich sie den Korridor nicht betreten hatten.

Dieses geheimnisvolle Kommen und Verschwinden war von der Dienerschaft sehr oft bemerkt worden, ohne daß eine Erklärung dazu gefunden werden konnte. Müller war so glücklich gewesen, diesem Geheimnisse gleich am ersten Tag seines Hierseins auf die Spur zu kommen. Es sollten noch ganz andere Entdeckungen seiner warten.

Er war mit Alexander zunächst nach dem Schloßgarten gegangen, um dort die Gewächshäuser und sonstigen Anlagen zu betrachten; dann hatten sie den Park aufgesucht und sich sehr lebhaft in demselben herumgetummelt. Während dieser Zeit hatte Müller seinem Zögling alles zu Gefallen getan; er erkannte in dem Knaben eine jener Naturen, welche sich am leichtesten leiten lassen, wenn man ihnen den Schein läßt, daß sie es sind, welche regieren. Er behandelte ihn danach, und so kam es, daß Alexander großen Gefallen an seinem neuen Lehrer fand, der gar nicht tat, als ob er ihn in seine pädagogische Dressur nehmen wolle, sondern sich sogar herbeiließ, Eichkätzchen mit ihm zu jagen.

Als der Knabe sich ermüdet fühlte, machte er den Vorschlag, nach dem Parkhäuschen zu gehen, um sich dort auszuruhen. Müller willigte ein. Sie fanden das kleine, einfache Häuschen, welches nur einen einzigen Raum besaß, in welchem einige Holzstühle und ein Tisch standen. Hier setzten sich beide, und Müller, der seine Augen offen hatte, zumal da er gewahr geworden war, daß sein eigenes Zimmer eine Doppelmauer hatte, bemerkte, daß die eine Wand des Häuschens, trotzdem sie, wie die anderen, nur aus Brettern bestand, eine Dicke von einigen Fuß besaß. Das fiel ihm auf.

Aus diesem Grund suchten im Laufe der Unterhaltung seine Augen diese Wand ganz unwillkürlich immer wieder und – ah, was war das? Hatte sich wirklich ein Teil der Wand jetzt ganz leise verschoben?

Er zog sein Taschentuch hervor und nahm die Brille von der Nase, wie um die erstere abzuputzen; dann wischte er sich die scheinbar blöden Augen langsam aus und hatte so Gelegenheit, unbemerkt von einem unsichtbaren Beobachter unter dem Tuch hervor mit dem einen, halb geschlossenen Auge die Stelle der Wand zu mustern, von welcher er bemerkt zu haben glaubte, daß sie bewegt worden sei.

Wirklich, es war ein ganz, ganz schmaler Riß entstanden, und Müller hätte darauf schwören mögen, sehr genau den Punkt anzeichnen zu können, wo ein schwarzes, glänzendes Auge durch die Spalte luge. Es stand unumstößlich fest, daß sich eine Person zwischen der Doppelwand befand und ihn und den Knaben belauschte. Dieser Teil der Wand war jedenfalls nach Art der Zugtüren zu bewegen, welche, anstatt in Angeln, auf einer Schiene oder in einem Falz auf kleinen Rollen oder Rädern laufen.

Wer aber war der Lauscher? Es war des Kapitäns Auge. Doch hatte Müller keine Zeit, über diesen Gegenstand nachzudenken. Er mußte sich hüten, bemerken zu lassen, daß er die Spalte entdeckt habe. Darum drehte er sich unbefangen von dieser Richtung ab und nach Alexander hin, mit welchem er eine lebhaft geführte Unterhaltung begann.

Nach einigen Minuten hatte, wie ihm ein flüchtiger Blick verriet, die Spalte sich wieder geschlossen, und da gerade jetzt Alexander vor das Häuschen trat, um einen Habicht zu beobachten, welcher in der Höhe seine Kreise zog, so herrschte im Innern der Hütte eine augenblickliche lautlose Stille, während welcher man ein Blatt hätte fallen hören können. Da, horch, entstand unter dem Fußboden ein eigentümliches Geräusch. Es war, als ob Schlüssel klirrten, als ob dann eine schwere Tür in kreischenden Angeln sich bewege. Das war allerdings nicht mit solcher Deutlichkeit zu hören, daß man die Wahrnehmung mit Sicherheit behaupten konnte, aber Müller hatte ein scharfes, gutes Gehör, auf welches er sich verlassen konnte. Er beschloß, baldigst diese auffälligen Erscheinungen zu untersuchen. Je eher dies geschehen konnte, desto besser war es, denn dieses Schloß Ortry war ein zu zweifelhafter Aufenthalt, als daß es geraten sein konnte, die Entdeckung nützlicher Geheimnisse zu verzögern.

Nachdem die beiden sich ausgeruht hatten, sprach Müller den Wunsch aus, nach dem Eisenwerk zu gehen, um sich dasselbe zu besehen. Alexander stimmte bei, doch wurden beide vom Direktor nicht sehr freundlich aufgenommen.

„Sind Sie vom Herrn Kapitän geschickt, gnädiger Herr?“ fragte er Alexander.

„Nein.“

„Oder haben Sie eine Erlaubniskarte?“ wendete er sich an Müller.

„Auch nein. Bedarf es einer solchen?“ fragte dieser.

„Allerdings.“

„Das scheint mir verwunderlich. Ich habe oft ganz ähnliche Werke besucht, deren Besitzer und Leiter es sich zur Freude gemacht haben, Fremde zu informieren. Es kann dem Besitzer eines industriellen Etablissements nur lieb sein, zu hören, daß seine Anlagen in einem Ruf stehen, der sogar den Laien herbeizieht.“

„Ich gebe das zu“, meinte der Direktor abweisend. „Sie werden jedoch ebenso bereitwillig zugestehen, daß wir oft verschwiegen sein müssen. Es kann uns nicht gleichgültig sein, ob unsere Konkurrenten erfahren, mit welchen Mitteln und auf welche Weise wir arbeiten, welche Handgriffe wir anwenden, und zu welchem chemischen Verfahren wir uns entschlossen haben.“

„Halten Sie mich für einen Konkurrenten?“ lächelte Müller.

„Ich halte Sie für das, was Sie sind, nämlich für einen Mann, der von unseren Dingen ganz und gar nichts versteht. Sie sind nicht derjenige, der uns gefährlich werden könnte; aber ich habe nun einmal Weisung, keinen Menschen ohne Erlaubniskarte einzulassen, und bitte Sie, von Ihrer Absicht abzustehen.“

„Herzlich gern“, antwortete Müller. „Ich will Sie keineswegs in Gefahr bringen. Adieu!“

Er wandte sich ab, um zu gehen. Er wußte nun, was er hatte wissen wollen, und fühlte sich befriedigt. Nicht so Alexander. Er blieb stehen und fragte:

„Bedarf auch ich einer Erlaubniskarte?“

„Allerdings, sobald Sie nicht in Begleitung des Kapitäns erscheinen.“

Da richtete sich der Knabe hoch empor und sagte:

„Wissen Sie, daß Sie mir gar nichts zu befehlen haben? Sie haben mir hier nicht das mindeste zu verbieten. Wäre ich allein, so würde ich in den Werken herumlaufen, ganz wie es mir gefällt. Aber ich will Herrn Müller nicht verlassen. Das aber muß ich Ihnen sagen, daß Sie ihn mit höflicheren Worten von Ihrer Pflicht benachrichtigen sollten. Er ist ein Mann, der mehr versteht als Sie. Sie sind ein Grobian gewesen!“

Er folgte seinem Lehrer nach, der alle diese Worte gehört hatte.

„Monsieur Müller“, sagte er, „ich muß Ihnen etwas mitteilen.“

„Was?“

„Daß ich noch niemals einen Lehrer in Schutz genommen habe.“

„Ah!“

„Daß ich es mit Ihnen tue, mag Ihnen beweisen, wie lieb ich Sie habe. Sie werden bei mir bleiben müssen. Sie sind ganz anders als die vorigen, und ich werde mich hüten, Sie wieder fortzulassen. Morgen beginne ich, Deutsch zu lernen.“

Müller war hocherfreut über diesen unerwartet schnellen Erfolg. Er erkannte, daß der Knabe ganz gute Gaben besaß, welche bisher leider vernachlässigt waren.

DRITTES KAPITEL 

Das Geheimnis von Ortry

Es war bereits um die Dämmerung, als sie das Schloß erreichten. Dort trafen sie die Gerichtspersonen, welche gekommen waren, den Tatbestand der Verunglückung des Grooms festzustellen.

Sie mußten bis zum morgigen Tag hier verweilen, doch wurde dadurch die Lebensordnung der Schloßbewohner in keiner Weise verändert, denn Punkt zehn Uhr gingen diese, wie gewöhnlich, bereits zur Ruhe.

Müller hatte sich einige Lichter besorgt. Im Laufe des Nachmittags waren seine Effekten aus Thionville gekommen. Dabei befand sich eine kleine Blendlaterne. Er hatte sich mit derselben versehen, weil er ja wußte, daß er als Eclaireur nach Ortry ging und als solcher sehr leicht in die Lage kommen konnte, dieses nützliche Instrument zu gebrauchen. Als er keine Bewegung mehr im Schlosse wahrzunehmen vermochte, zog er sich um, aber im Dunklen, um nicht durch die Glastafel beobachtet werden zu können.

Er legte einen Bart an, zog eine Bluse über, wie man sie in jenen Gegenden trägt, und tauschte die Stiefel mit leichten Schuhen um, welche den Schritt nicht so leicht hörbar werden ließen, wie jene. Den Buckel hatte er abgeschnallt.

Es konnte ihm nicht einfallen, sich zur Treppe hinab zu begeben. Er hatte sich während des Tages bereits einen anderen Weg ersehen. Nachdem er die Tür fest verschlossen und einen geladenen Revolver zu sich gesteckt hatte, öffnete er das nördliche Fenster und schwang sich durch dasselbe hinaus auf das Dach. Da dasselbe ziemlich eben war, konnte er ganz ohne Gefahr dort aufrecht gehen; aber er tat das nicht, sondern kroch in liegender Stellung fort, da sich seine hohe Gestalt sonst gegen den Himmel abgezeichnet hätte und von unten auffällig werden konnte.

So kam er an den Blitzableiter. Er hatte ihn am Tage bemerkt und mit seinem scharfen Auge geprüft. Die Leitung war nach alter Weise aus starken, viereckigen Eisenstäben hergerichtet und wurde von breiten Haltern unterstützt, welche in Entfernungen von höchstens zehn Fuß voneinander standen, so daß der stärkste Mann da ganz gefahrlos auf und nieder klettern konnte. Übrigens war von der Mauer schon längst der Bewurf abgefallen; ein Kletterer konnte, wenn nicht jemand ganz in der Nähe stand, gar nicht bemerkt werden.

Müller legte sich mit den Beinen über die Dachrinne hinab, faßte dann den Leiter und rutschte auf den obersten Halter hinunter, von diesem auf den zweiten und so weiter. Als er von außen die zweite Etage erreichte, kam er zwischen zwei Fenster zu stehen, welche erleuchtet waren. Es warf einen vorsichtigen Blick hinein und gewahrte – den Kapitän. Was hatte dieser Seltsames vor?

Müller bemerkte nämlich, daß der Alte eine Pistole sehr sorgfältig lud und in die Tasche steckte, dann trat er zu einem Schrank, dessen Tür er öffnete. Der Lauscher glaubte, jener werde irgendein Kleidungsstück aus dem Schrank nehmen; statt dessen aber stieg er ganz hinein und zog die Tür hinter sich zu. Müller wartete ein Weilchen, doch der Alte kam nicht wieder heraus. Was war das?

„Ist in dem Schrank eine geheime Verbindungstür verborgen?“ fragte sich der Lehrer. Nein, sie wäre ja überflüssig, da gleich daneben eine Tür in das Nebenzimmer führt. Oder befindet sich im Schrank der Eingang zu den Doppelmauern. Das wäre eher zu glauben. In diesem Fall aber mußte Müller vorsichtig sein, denn es stand zu vermuten, daß der Kapitän soeben einen seiner Beobachtungsgänge angetreten habe. Wie nun, wenn er auch nach dem Parkhäuschen kam?

Müller stieg weiter herab und schlich sich nach dem Garten, als er die Erde erreicht hatte. Von dort aus ging er nach dem Park.

Es war zwar dunkel, aber beim hellen Schein der Sterne konnte man doch immerhin bemerkt werden. Darum hielt er sich immer unter dem Schutz der Bäume, welche die Rasenstellen des Parks begrenzten. Eben wollte er über eine kleine Lichtung hinüberhuschen, als er den Schritt anhielt.

„Pst!“ erklang es leise neben ihm. „Ich hörte Sie kommen!“

Wer war das? Es hatte wie eine weibliche Stimme geklungen. Er sollte keinen Augenblick im Zweifel bleiben, denn eine warme, weiche Hand erfaßte die seine, und zu gleicher Zeit legte sich ein voller Arm zärtlich um ihn.

„Ich dachte, Sie erwarteten mich bereits“, flüsterte es weiter. „Ich konnte nicht eher kommen, denn mein Schwiegervater ging erst jetzt von uns fort, und dann mußte ich ja erst Alexander zur Ruhe bringen, welcher nicht müde wurde, von seinem neuen Erzieher zu erzählen. Da wir uns hier treffen, brauchen wir nicht viel weiter zu gehen. Komm, unter jenen Eschen steht eine Bank!“

Sie zog ihn leise fort, ohne den Arm von ihm zu nehmen. Was sollte er tun? Für wen hielt sie ihn? Es war die Baronin; das hatten ihm ihre Worte bereits verraten. Er war als Kundschafter hier. Es gab vielleicht Gelegenheit, etwas Wichtiges zu erfahren. Er beschloß, die ihm angetragene Rolle aufzunehmen und soweit wie möglich zu spielen. Die Baronin erwartete einen heimlichen Liebhaber; das war sicher; er fühlte keine Gewissensbisse, das untreue Weib zu täuschen.

Sie erreichten die Bank. Er setzte sich, und die Dame nahm auf seinem Schoß Platz. Diese Vertraulichkeit war der sicherste Beweis, daß derjenige, dessen Stellvertreter Müller so unerwartet geworden war, bereits längere Zeit mit der Baronin in heimlichem Verkehr stand. Sie legte sich fest, innig und warm an ihn, und aus den vollen, üppigen Formen, welche er fühlte, bemerkte er, daß er sich vorhin nicht getäuscht hatte, als er an ihrer Stimme und aus ihren Worten sie als die Baronin erkannte.

Aber für wen galt denn er? Dies zu erfahren, war die Hauptsache. Sie selbst kam ihm zu Hilfe, denn sie sagte:

„Alexander erzählte mir, daß er heute mit Monsieur Müller bei Ihnen gewesen sei. Sie haben sich aber geweigert, ihn einzulassen!“

Ah, also der Direktor war der heimliche Geliebte dieses Weibes! Müller fühlte sich erleichtert. Er hatte fast ganz die Gestalt des Direktors; sein falscher Bart glich dem des letzteren zufälligerweise fast ganz; auch hatte er ja mit diesem Mann gesprochen und seine Stimme zur Genüge gehört, um sie leidlich nachahmen zu können.

„Ich durfte ja nicht“, antwortete er leise.

„Allerdings! Dieser alte Kapitän ist sehr streng; aber dennoch wünsche ich, daß Sie Rücksicht auf Alexander nehmen, der ja Ihr zukünftiger Herr ist, und daß Sie Monsieur Müller freundlicher begegnen.“

Sie sprach im Flüsterton, und so wurde es Müller leicht, seine Stimme zu verstellen, da dies im Flüsterton am wenigsten schwierig ist.

„Diesen Deutschen? Ah!“ sagte er.

„Ich weiß, daß Sie die Deutschen hassen, ebenso wie ich es tue; Ihre ganze jetzige Tätigkeit ist ja darauf gerichtet, sie zu verderben; aber ich möchte mit ihm eine Ausnahme machen. Alexander liebt ihn.“

„Das wäre ja wunderbar!“

„Ja, er hat noch keinen seiner Lehrer geliebt; aber Monsieur Müller hat ihm das Leben gerettet und dann auch sein Herz zu gewinnen vermocht. Übrigens ist er nicht mit anderen Schulmeistern zu vergleichen.“

„Warum nicht, meine Teure?“

„Ah, endlich einmal ein zärtliches Wort: meine Teure! Wissen Sie, daß Sie heute abend ungemein zurückhaltend sind?“

Sie schmiegte sich an ihn und küßte ihn mit der Glut eines leidenschaftlichen, treulosen Weibes. Er wagte es kaum, diesen Kuß zu erwidern.

„Auch Ihre Küsse sind kalt! Ich werde Sie zu strafen wissen, und zwar sofort!“

„Womit?“ fragte er auf diese Drohung.

„Damit, daß ich Ihnen sage, daß dieser Deutsche Ihnen bei mir gefährlich werden kann!“

„Fi donc! Dieser buckelige Kerl!“

„Wenn Sie ihn reiten, fechten und schießen gesehen hätten, so würden Sie ganz und gar nicht an diesen kleinen Fehler denken, an dem er doch unschuldig ist. Ich möchte wirklich wissen, ob er ebenso feurig küßt, wie er den Degen führt.“

Es war klar, daß dieses Weib ihren vermeintlichen Liebhaber eifersüchtig machen und dadurch anregen wollte, seine Zärtlichkeit zu verdoppeln. Müller legte also die Arme fest um sie, drückte sie mit nachgeahmter Innigkeit fest an sich und vermochte es nun auch nicht zu verhindern, daß sie ihren Mund mit aller Kraft auf den seinigen legte, welches ihn fast in Verlegenheit brachte. Nicht nur ihre Lippen, sondern auch ihre Zunge waren bei diesem Kuß tätig. Da aber lösten sich plötzlich ihre Arme von ihm; sie fuhr zurück und sagte:

„Was ist das? Sie haben ja ganz andere Zähne!“

„Inwiefern?“ fragte er.

„Ich habe ja noch heute morgen Ihre Zahnlücke gefühlt!“

Er bemerkte, daß sein Inkognito sich in großer Gefahr befinde, und antwortete:

„Hm, leicht erklärlich! Der Dentist brachte mir heute den bestellten Zahn.“

„Ah, Sie lügen! Es fehlte Ihnen keiner; die beiden vorderen standen etwas zu weit auseinander. Zeigen Sie Ihre rechte Hand!“

O weh, jetzt war die Schäferstunde vorüber, denn es fiel erst jetzt Müller ein, daß er heute während seines Gespräches mit dem Direktor bemerkt hatte, daß diesem, jedenfalls in Folge eines kleines Unfalles, an der rechten Hand ein Fingerglied fehlte.

Sie hatte, ehe er es verhindern konnte, seine Hand ergriffen, welche sie befühlte. Kaum hatte sie bemerkt, daß diese vollständig sei, so sprang sie empor, um zu entfliehen. Ebenso schnell jedoch besann sie sich. Sie drehte sich wieder um und fragte:

„Kennen Sie mich?“

Sollte er sie schonen? Nein; sie war es nicht wert!

„Ja“, antwortete er.

„Nun, wer bin ich?“

„Die Baronin de Sainte-Marie.“

„Gut, so bitte ich um gleiche Karten! Wer sind Sie?“

Er erhob sich und trat einen Schritt zurück.

„Das werden Sie jetzt nicht erfahren, Madame.“

„Jetzt nicht, aber später vielleicht?“

„Möglich!“

„So sagen Sie mir wenigstens, was Sie sind!“

„Ich bin Offizier“, antwortete er.

„Woher? In welcher Truppe?“

„Das muß ich leider verschweigen.“

„So lügen Sie! Ein Offizier ist gewöhnlich ein Ehrenmann, und ein solcher wird die Täuschung, in welcher sich eine Dame befindet, nicht in der Weise benutzen, wie Sie es getan haben.“

„Unter Umständen kann er vielleicht dazu gezwungen sein, teure Baronin.“

„Welche Umstände wären dies? Was wollen Sie des Nachts in Ortry? Ich kenne keinen Offizier, welcher das Recht oder die Erlaubnis hätte, zu dieser Stunde hier zu verkehren.“

Was sollte er antworten? Da kam ihm die beste Ausrede, die es geben konnte:

„Denken Sie an Paris!“

„Ah, Sie haben mich in Paris gekannt?“

„Halten Sie dies für unwahrscheinlich? Kann Sie jemand vergessen, der Sie dort gesehen und bewundert hat?“

„Und Sie wollen sich mir wirklich nicht entdecken?“

„Heute noch nicht, meine Gnädige.“

„So geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie mich nicht verraten und den Inhalt unserer Konversation keinem Menschen mitteilen wollen!“

„Ich verspreche Ihnen gern, auf diese schöne Stunde nur Ihnen gegenüber zurückzukommen. Ist Ihnen dies genug?“

„Ja, aber Ihr Gesicht muß ich dennoch sehen.“

Sie trat rasch zu ihm heran, warf die schönen, üppigen Arme um seinen Nacken und versuchte, seinen Kopf tiefer zu ziehen. Es gelang ihr nicht.

„Dann bitte wenigstens noch einen Kuß!“ bat sie in verführerischem Ton.

Es war klar, daß sie dabei ihr Gesicht abermals in die Nähe des seinigen bringen wollte, um ihn genauer anzusehen, als sie es vorher getan hatte.

„Den sollen Sie gern haben!“ lachte er leise.

Er bog sich zu ihr herab und küßte sie; zu gleicher Zeit jedoch legte sich seine Hand ihr auf beide Augen, so daß sie nicht das geringste erkennen konnte. Im nächsten Augenblick hatte er sich aus ihren Armen losgemacht, und sie hörte an dem schnellen Rauschen seiner Schritte, daß er sich entfernte.

Sie stand da, mehr berauscht als erschreckt. Er war Offizier und hatte ihr sein Ehrenwort gegeben; ihr Ruf stand in keinerlei Gefahr. Aber wer war er denn? War er wirklich von Paris hierher gekommen, nur aus Liebe zu ihr des Nachts das Schloß zu umschleichen? Stand er jetzt vielleicht in Thionville in Garnison? Ah, dann kam er jedenfalls wieder! Er hatte ja gehört, daß sie einem andern erlaubte, sie heimlich zu treffen; er durfte alle Hoffnung haben, diese Erlaubnis auch zu erhalten.

Ein schöner, voller, kräftiger Mann war es gewesen; das hatte sie gefühlt. Noch umwob sie der feine, eigentümliche Duft, der von ihm ausgegangen war; von seinen Kleidern, seinem Bart oder seinen Haaren; sie wußte es selbst nicht, denn sie hatte nicht darauf geachtet, und erst jetzt dachte sie an dieses Parfüm, nachdem er fortgegangen war.

Was aber nun? Durfte sie den Direktor warten lassen? Nein. Sie hatte ihm ihr Wort gegeben und mußte es halten. Darum schlich sie sich leise dem Ort zu, an welchem das Stelldichein stattfinden sollte. –

Müller hatte sich schnell entfernt. Er schritt dem Parkhäuschen zu, aber jetzt mit völlig unhörbaren Schritten. Er war klug geworden; seine Schritte waren vorher doch noch so unvorsichtig gewesen, daß die Baronin ihn gehört hatte.

Er kam am Häuschen an und stand bereits im Begriff, einzutreten, als er von innen ein Geräusch vernahm, als ob man Bretter leise zur Seite schiebe. Er trat zurück und versteckte sich hinter einem Busch. Ein dünner Lichtschein drang durch die Spalten der Wand, aber nur einen Augenblick lang; dann wurde es wieder dunkel.

Jetzt öffnete sich leise die Tür. Ein Mann trat hervor. Da Müller tief am Boden kauerte, so zeichnete sich ihm die Gestalt dieses Mannes gegen das Sternenlicht so genügend ab, daß er in ihr den alten Kapitän erkannte.

Was wollte dieser hier? Stand das Häuschen mit dem Schrank im Zimmer des Alten in geheimer Verbindung? Müller hatte keine Zeit, diese Frage auszudenken. Der Kapitän schritt quer über die Parklichtung hinüber. Müller eilte in einem Bogen am Rande der Lichtung hin, um jenem zuvor zu kommen. Es gelang ihm. Er stellte sich hinter eine starke Eiche, an welcher der Kapitän vorüberging und unter die Bäume trat. Müller konnte ihn nicht mehr sehen, aber er beschloß dennoch, der Richtung zu folgen, welche der Alte eingeschlagen hatte. Er kauerte sich nieder und schob sich auf Händen und Füßen weiter. An einem jeweiligen Rascheln hörte er, daß der Kapitän hart vor ihm sei. Es schien, daß auch er ganz langsam vorwärts krieche.

Nicht lange, so war es dem Deutschen, als ob er leise Stimmen flüstern höre. Er verdoppelte seine Vorsicht. Sein Auge hatte sich jetzt einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt, und so gewahrte er den Alten hart hinter einer Bank, welche unter den ersten Bäumen stand, von denen die Lichtung eingefaßt wurde, auf der Erde liegen. Müller näherte sich und bückte sich seitwärts der Bank an einem Baumstamm nieder. Er lag jetzt der Bank näher als der Kapitän und konnte die Unterhaltung der beiden Personen, welche darauf saßen, jedenfalls auch besser hören als dieser.

Sie bestand aus einem glühenden Liebesdialog. Der Direktor, den die Baronin hier nun wirklich gefunden hatte, war nicht so zurückhaltend wie der Deutsche vorher, und so konnte sich dieser sehr leicht denken, mit welchem Grimm der Alte dieses Zwiegespräch belauschen möge.

Da erhob sich plötzlich der letztere und trat mit einem raschen, weiten Schritte vor die beiden hin.

„Guten Abend, Frau Tochter! Guten Abend, Herr Direktor!“ sagte er.

Der Direktor fuhr empor, starrte den Alten an und sprang dann eilig davon. Er kannte denselben genau und mochte daher seine Nähe unter den obwaltenden Umständen für gefährlich halten. Die Baronin aber konnte vor Schreck weder laufen noch stehen. Sie versuchte zwar, sich zu erheben, sank aber mit einem matten Laut wieder nieder.

„Das sind nun einmal wieder die richtigen Dorfmädchenstreiche!“ höhnte der Alte.

Sie nahm sich gewaltig zusammen und antwortete:

„Was tun Sie hier? Woher kommen Sie? Welche Worte erlauben Sie sich?“

„Ah, die Frau Tochter hat wohl nur den schönen Frühlingsabend genießen wollen?“ fragte er mit dem häßlichsten Lachen, welches man nur hören kann.

„Was anders?“

„Und sitzt hier in den Armen meines Direktors!“

„Lügen Sie nicht!“ fuhr sie auf.

„Oh, ich habe es gesehen! Meine Augen sind alt, aber gut!“

„Aber wissen Sie auch, wie es gekommen ist?“

„Ah, ich bin ganz begierig, Ihre Erklärung zu hören!“

„Sie sollen sie hören, um zu erfahren, wie sehr Sie mich beleidigen! Ich kam hierher, um den Abend zu genießen. Da erhob sich gerade vor mir eine dunkle Gestalt von der Bank. Ich erschrak natürlich und wurde ohnmächtig! Der Direktor – denn dieser war es – fing mich auf. Als ich erwachte, standen Sie vor mir. Das ist alles!“

Sie hatte versucht, ihren Worten den Ton gekränkten Stolzes zu geben; aber bei diesem Mann verfing ein solches Mittel nicht. Er verschlang die Arme über der Brust und sagte:

„Warum sind Sie nicht zum zweiten Male ihn Ohnmacht gefallen, als die zweite Gestalt vor Ihnen stand? Entweder steht Ihnen nur eine einmalige Ohnmacht zur Verfügung, oder die erste existiert nur in Ihrem lügenhafte Kopf. Wie kann überhaupt von einer Ohnmacht die Rede sein bei einem Bauernmädchen, welche mit Nerven begabt sind, die nur mit Wagenstricken zu vergleichen sind!“

„Herr, beleidigen Sie mich nicht weiter!“

„Pah! Scherzen Sie nicht mit mir! Ich habe mich eine volle Viertelstunde lang hier befunden und jedes Wort gehört, welches gesprochen wurde.“

Sie war jetzt wirklich einer Ohnmacht nahe, trotz der starken Nerven, mit denen sie begabt sein sollte.

„Sie werden unverschämt!“ schluchzte sie.

„Ah, pah! Ihnen gegenüber muß man es sein!“ höhnte er. „Und wenn Sie weiter leugnen wollen, so will ich Ihnen sagen, daß der Direktor heute früh bei Ihnen war, ehe er mich aufsuchte –“

„Was geht Sie das an?“ unterbrach sie ihn.

„Daß Sie sich da über die gegenwärtige Zusammenkunft verabredeten –“

„Lügner!“

„Und daß Sie ihm beim Abschied Ihre schönen Lippen boten, als er sich nur begnügen wollte, Ihre Hand zu küssen.“

„Oh, wer errettet mich von diesem Teufel!“ rief sie.

„Sagen Sie das Wort nicht noch einmal, sonst schlage ich Sie zum zweiten Mal nieder, wie ich Sie bereits einmal heute niedergeschlagen habe!“

Er erhob wirklich den Arm, als ob er zuschlagen wolle, und schon machte Müller sich bereit, aufzuspringen, um eine solche Roheit zu verhindern, da ermannte sich die Baronin. Sie schnellte von ihrem Sitz empor und eilte davon.

„Sie mag gehen, immer gehen“, brummte der Alte, „mir entgeht sie doch nicht!“

Er wendete sich um und schritt davon, dem Häuschen wieder zu. Müller folge ihm auf dem Fuß, denn jetzt bot sich vielleicht die beste Gelegenheit, zu sehen, wie der geheime Aus- und Eingang geöffnet werde.

Als er bei der Parkhütte ankam, war der Kapitän bereits eingetreten. Müller schlich sich näher. Er stand vor dem einen Fenster, welches in der Nähe seines Kopfes angebracht war. Da flammte drinnen ein Lichtschein auf. Der Alte stand im Begriff, eine Laterne anzuzünden. Er fühlte sich so sicher, daß er sich gar nicht die Mühe gab, vorher die Läden zu schließen, damit das Licht nicht von außen bemerkt werden könne. Dann faßte er nach einem Nagel, welcher scheinbar zu irgendeinem anderen Zweck in die Wand geschlagen war, und schob ihn nach der linken Seite zu. Einige Bretter wichen zurück. Sie bildeten, untereinander fest verbunden, eine Tür, welche auf Rollen ging, ganz so, wie Müller vermutet hatte.

Der Kapitän trat in die entstandene Öffnung und schob die Tür von innen wieder vor. Sie schloß genau wie vorher. Man mußte das gesehen haben, was Müller beobachtet hatte, sonst wäre man sicher nicht auf den Gedanken gekommen, daß diese Stelle der Wand eine Tür bilde.

Der Deutsche schlich sich augenblicklich durch die Tür in das Häuschen hinein und legte sich dort mit dem Ohr auf den Boden nieder, um zu lauschen. Er hörte unter sich dumpfe Schritte, welche nach und nach verhallten.

Sollte er folgen? Gewiß! Vielleicht fand sich niemals wieder eine so gute Gelegenheit, den Kapitän zu beobachten.

Er zog also seine Laterne auch hervor und brannte das Licht derselben an. Dann schob er die Tür ganz in derselben Weise zurück, wie es der Alte getan hatte. Als er hineingetreten war, sah er eine schmale Treppe, welche in gerader Richtung in die Tiefe führte. An der Innenseite der Tür gab es einen zweiten Nagel, welcher als Handhabe diente, sie wieder zu verschließen. Müller tat dies und stieg dann die Treppe hinab, während er in der einen Hand die Laterne und in der anderen den Revolver hielt. Es waren über zwanzig Stufen, welche er zu steigen hatte. Dann kam er in einen großen, viereckigen Raum, in welchem allerlei Hacken, Schaufeln und andere Geräte lagen, deren Zweck ihm erst in späterer Zeit einleuchtete.

Dieser Raum hatte zwei Ausgänge, einen nach dem Schloß zu, welcher gar keine Tür zeigte und einen nach dem Wald zu, welcher durch ein starkes, mit Eisenblech beschlagenes Tor verschlossen war. Der unterirdische Weg nach dem Schloß hin bestand aus einem Stollen, welcher sehr trocken zu sein schien.

Da der Kapitän gar nicht weit vor dem Doktor sein konnte, so steckte der letztere die Laterne in die Tasche und schritt im Dunkeln weiter. Nur zuweilen zog er sie ein klein wenig heraus, um einen schnellen Lichtblitz auf seinen Weg fallen zu lassen und sich dadurch zu vergewissern, daß er keiner Gefahr entgegengehe.

So kam er, da er sich mit beiden Händen an den Seitenwänden stützen konnte, sehr schnell vorwärts und sah schließlich einen Lichtschein vor sich auftauchen. Da ging vorn der Kapitän. Müller trat so leise wie möglich auf, um nicht gehört zu werden, konnte aber die Schritte des Alten, dem er sich immer mehr näherte, ganz deutlich vernehmen.

Nach einer Weile fühlte der Lehrer, daß die Wände jetzt aus Steinen bestanden. Er befand sich jedenfalls unter dem Schloß. Und hier verschwand auch des Alten Licht nach oben.

Müller folgte im Dunkeln, zog seine Laterne hervor, und er bemerkte beim Schein derselben, daß er sich in einem eigentümlich angelegten Gemäuer befand, von welchem aus schmale Treppen nach mehreren Seiten emporführten. Er erkannte sofort, daß hier alle geheimen Gänge des alten Schlosses zusammenstießen.

Noch hörte der die Schritte des Alten über sich. Er folgte ihm mehrere Stockwerke hoch auf einer nur zwei Fuß breiten Treppe, bis er plötzlich einen sehr hellen Lichtfleck vor sich sah und zwei Stimmen hörte, welche miteinander sprachen. Er steckte seine Laterne ein und schlich näher. Je näher er kam, desto deutlicher erkannte er die Stimmen; es waren diejenigen des Kapitäns und des Direktors.

Die helle, viereckige Lichtstelle fiel durch eine Öffnung in der Seitenmauer. Müller wagte es, sich bis an den Rand dieser Öffnung heranzuschleichen, und konnte nun die ganze Szene überblicken.

Er befand sich hinter einer Wand des Zimmers, welches der Direktor bewohnte. Dieses Zimmer war mit Eichenholz getäfelt und ein Fach der Täfelung bildete eine geheime Tür, welche jetzt geöffnet war. Der Direktor stand mit sichtlich erschrockenem Gesicht vor dem Alten, der durch die Mauer erschienen war wie ein Geist. Der Direktor konnte sich dies nicht erklären.

„Überwinden Sie Ihren Schreck! Sie sehen ja, daß ich kein Gespenst bin.“

Diese Worte des Kapitäns waren die ersten, welche Müller deutlich hörte.

„Aber, gnädiger Herr, wie kommen Sie zu mir?“ stammelte der Direktor.

„Durch diese geheime Tür. Sie sehen es ja!“ antwortete der Alte. „Ich habe es vorgezogen, auf diesem ungewöhnlichen Weg zu erscheinen, weil auf diese Weise von niemand bemerkt wird, daß wir so spät noch eine Unterredung haben. Sie ahnen, über welchen Gegenstand?“

„Ich möchte doch lieber vorher nach demselben fragen, gnädiger Herr!“

„Schön! Aber setzen Sie sich, Herr Direktor; Sie zittern ja am ganzen Körper! Was ist's mit Ihnen?“

Seine Worte klangen gar nicht zornig oder höhnisch, wie man hätte erwarten können; sie waren sogar in einem teilnehmenden Ton ausgesprochen.

„Oh, es ist ja nur der Schreck, der mich überfiel, als diese Wand sich teilte und Sie hereintraten. So etwas erwartet man doch nicht.“

„Ich kann allerdings begreifen, daß Sie erschrocken sind. Welcher Schreck war denn übrigens größer, der jetzige oder der unten im Garten?“

„Gnädiger Herr –“, stammelte der Direktor, blieb aber in der Rede stecken.

„Na, Sie waren ja im Garten! Nicht?“

„Allerdings“, gestand der Gefragte.

„Bei meiner Schwiegertochter?“

„Ja.“

Der Direktor wurde von Sekunde zu Sekunde bleicher. Der Alte schien dies nicht zu beachten. Er fuhr im freundlichsten Ton fort:

„Der heutige Tag ist ein eigentümlicher. Ich habe da mehr sprechen müssen, als sonst in einem Monat, und Sie wissen ja, daß ich das nicht liebe. Aber es gibt Dinge, welche man nicht unbesprochen liegen lassen kann. Warum liefen Sie denn eigentlich im Garten davon, Herr Direktor?“

„Weil – – – weil – ich dachte –“, stammelte der Gefragte in höchster Verlegenheit.

„Weil Sie dachten, ich könnte dieser Szene einer falschen Darlegung unterwerfen, meinen Sie? Nun, die Frau Baronin hat mich aufgeklärt. Sie hat den Abend genießen wollen, und Sie sind aus ganz demselben Grund nach dem Garten gegangen. Meine Frau Tochter ist über Ihr Erscheinen so erschrocken gewesen, daß sie in Ohnmacht fiel, und Sie haben sich ihrer ritterlich angenommen. Das hat sie mir erzählt, als Sie fort waren.“

Dem Direktor fiel bei diesen Worten ein schwerer Stein vom Herzen. Der Alte fuhr fort:

„Ich will gestehen, daß ich Ihnen für einen Augenblick im Herzen Unrecht getan habe; aber daran war Ihre plötzliche, unmotivierte Flucht schuld. Warum rissen Sie aus? Das mußte doch Verdacht erwecken! Ich bitte Ihnen hiermit meinen Verdacht ab und werde ihn sogleich gutmachen. Haben Sie Papier bei der Hand?“

„Genug“, antwortete der Direktor aufatmend.

„So nehmen Sie einen halben Bogen und fertigen Sie mir das Blanquet einer Quittung aus. Ich habe Ihnen heute eine Gratifikation versprochen. Wo ist das Geld, welches Sie wieder mit fortnehmen mußten?“

„Hier in meinem Schreibtisch.“

„Zählen Sie es auf!“

Müller sah, daß der Direktor das Geld aus dem verschlossenen Fach nahm, und da es mit lauter Stimme aufgezählt wurde, so hörte er deutlich, wieviel es war. Es waren die beiden Summen, von denen der Direktor heute gesprochen hatte. Der letztere bemerkte am Schluß:

„Diese beiden Firmen sind stets so vorsichtig, die Nummern ihrer Noten einzutragen und die letzteren außerdem zu zeichnen. Sie sehen auf jeder einzelnen die betreffenden Buchstaben, gnädiger Herr.“

„Das mag für gewisse Fälle gut sein“, meinte der Veteran trocken. „Doch das Blanquet, Herr Direktor!“

„Warum Blanquet, gnädiger Herr? Wollen Sie nicht die Gewogenheit haben, das Dokument gleich fertigen zu lassen?“

„Ich habe mich noch nicht entschlossen, welche Summe ich Ihnen aussetzen werde. Ich will erst morgen nachsehen, was und wie in den letzten Tagen gearbeitet worden ist. Setzen Sie einfach das Datum, nämlich das heutige, unten in die linke und Ihren Namen in die rechte Ecke.“

„Ganz wie Sie befehlen, Herr Kapitän!“

Er schrieb Namen und Datum in die beiden Ecken und reichte dann das Blatt dem Alten hin. Dieser betrachtete die Unterschrift genau und sagte sodann in einem ganz und gar veränderten Tone:

„So, das genügt, freilich nicht, Sie zu belohnen, sondern Sie zu bestrafen!“

Der Direktor blicke ihn überrascht an und fragte:

„Bestrafen? Verstehe ich recht, gnädiger Herr?“

„Sie haben ganz und gar richtig gehört. Sie sollen bestraft werden, sagte ich.“

„Wofür?“

„Erstens dafür, daß Sie es wagen, Ihre Hand nach der Baronin auszustrecken.“

„Ah, Sie haben doch soeben selbst gesagt, daß die Frau Baronin so gnädig gewesen sei, Sie über die Situation aufzuklären!“

„Hm, sie hat es freilich versucht, aber ich bin nicht der Mann, der sich von einem Weib betrügen läßt. Ich weiß alles, alles mein Herr!“ lachte der Alte höhnisch.

Der Direktor erbleichte, als er die Mitteilung des Kapitäns vernahm, versuchte aber dennoch, sich zu verteidigen.

„Da muß ein großer, beklagenswerter Irrtum vorwalten, Herr Kapitän.“

„Oh, nicht im geringsten! Ich habe hinter der Bank gestanden und Ihre ganze Unterhaltung mit angehört. Übrigens sehen Sie jetzt, daß ich geheime Gänge und Beobachtungspunkte habe. So gelang es mir, alle Zusammenkünfte, welche Sie mit der Baronin in deren Boudoir hatten, zu belauschen.“

Der Direktor sank auf den Stuhl zurück und schloß vor Schreck die Augen.

„Noch heute früh“, fuhr der Alte in strengstem Ton fort, „hörte ich, daß Sie sich für den Abend in den Park bestellten. Ebenso verstand ich jedes Wort, was Sie über mich sprachen. Ich brachte da zum Beispiel in Erfahrung, daß Sie nur durch die Liebe zur Baronin in Ihrer gegenwärtigen Stellung festgehalten werden. Sagen Sie da gefälligst selbst, ob dies Belohnung oder Strafe verdient?“

„Gnädiger Herr“, rief da der Mann entsetzt, „ich habe Ihnen treu gedient; ich bin es gewesen, der Ihr Etablissement zu dem gemacht hat, was es ist!“

„Treu gedient? Hahaha! Hier kommt das zweite, wofür ich Sie bestrafen muß!“

„Was ist es?“ fragte der Direktor voller Angst. Er kannte den Alten; er wußte, daß bei ihm von Nachsicht keine Rede sei. Er begann, alles zu befürchten.

„Da ich hörte, daß Sie nur durch die Baronin festgehalten werden, so hatte ich das Recht, Ihnen zu mißtrauen. Ich beschloß also, Ihre Effekten zu durchsuchen.“

„Ah! Sie hatten kein Recht dazu!“

Jetzt gewann der Direktor seinen Mut wieder. Sie standen sich Mann und Mann gegenüber; da war einer so viel wert wie der andere. Er beschloß, sich zu wehren.

„Schweigen Sie!“ gebot der Alte. „Sie sehen, daß ich heimlich in Ihre Wohnung treten kann. Sie wissen ferner, daß Sie kein Eigentum hier besitzen, daß alle diese Möbel mir gehören. Ich habe zu ihnen, selbst zu den geheimen Fächern, Doppelschlüssel. Während Sie im Park Ihre Kurtisane erwarteten, trat ich durch die Tür in Ihre Wohnung ein und durchsuchte die geheimen Fächer Ihres Schreibtisches. Wissen Sie, was ich gefunden habe?“

Der Direktor erkannte, daß Leugnen gar nichts helfen könne. Am besten war hier die Frechheit am Platz; darum trat er auf den Alten zu und sagte drohend:

„Sie haben es wirklich gewagt, in meine Wohnung einzudringen?“

„Allerdings!“ lachte der Veteran. „Haben Sie etwas dagegen, Monsieur?“

„Das wird sich finden! Nun, was haben Sie denn entdeckt, Herr Kapitän?“

„Oh, verschiedenes! Aber ich will Ihnen nur das eine vorlesen!“

Er zog einen Brief aus der Tasche, entfaltete ihn und las:

„Herrn Fabrikdirektor Metroy in Ortry.

Auf hohen Befehl ist Ihnen mitzuteilen, daß man nicht gesonnen sein kann, von Ihrer Offerte Gebrauch zu machen. Wenn es in Frankreich wirklich geheime Waffenplätze gibt, welche angelegt werden, um Franc tireurs und andere Rotten auszurüsten, so kann dies eine Regierung nicht wankend machen, welche mit Ihrem Kaiser im besten Einvernehmen steht.

Wir sehen übrigens auch davon ab, Ihren Behörden von Ihrem Anerbieten irgendwelche Mitteilung zu machen, werden jedoch Ihr Schreiben für spätere Fälle bei uns in sorgsame Verwahrung nehmen.“

Die Augen des Kapitäns funkelten, als er diesen Brief, dessen Unterschrift er nicht mit vorgelesen hatte, wieder in die Tasche steckte. Er knirschte:

„Sie haben also unser glorreiches Unternehmen für schnödes Geld verraten wollen!“

„Nur aus dem Grund, weil Sie knausern und mich nicht bezahlen wollen“, antwortete der Direktor.

„Sie gestehen es also ein?“

„Warum nicht?“ fragte der Mann, indem er gleichmütig die Achseln zuckte.

„Ah, wissen Sie, daß ich der Arrangeur des ganzen Werkes bin? Daß alle mir Treue geschworen haben und daß ich jede Untreue bestrafen werde?“

„Pah, mich können Sie nicht bestrafen!“ lachte der Direktor.

„Warum nicht?“

„Weil Ihr ganzes Lager sich in meiner Hand befindet. Sie haben mich vorhin erschreckt, weil ich mich wirklich schuldig fühlte, aber dieser Schreck hat nicht lange gedauert. Sie glauben, mein Meister zu sein, aber ich bin der Ihrige. Ich habe mich vorgesehen. Was verstehen Sie von Chemie, von Galvanismus, von Elektrizität! Dieses Zimmer steht mit den Eisenwerken und dem Lagerraum in elektrischer Verbindung. Es bedarf nur eines einzigen Griffs, eines leisen Druckes, so fliegt alles in die Luft, Ihre Fabriken und ihre sämtlichen Vorräte. Dann mögen Sie Ihre Franc tireurs gegen Deutschland bewaffnen, wenn sie können!“

„Alle Teufel!“ rief der Alte, welcher doch gewaltig erschrak.

„Sie sehen jetzt, wie die Sachen stehen“, fuhr der Direktor in stolzem Ton fort, denn er war überzeugt, daß jetzt er es sei, der die Trümpfe in der Hand hielt. „Ich mag mit Ihnen nichts mehr zu tun haben, da aber das Werk zum großen Teil auch das meinige ist, so möchte ich es nicht gern zerstören. Als ich mein Geheimnis dem Feind zum Verkauf anbot, war es mir darum zu tun, meine Mühen anständig belohnt zu erhalten. Zahlen Sie mir das, was ich von denen da drüben gefordert habe, so will ich zufrieden sein und Sie mit dem Versprechen verlassen, von jeder Feindseligkeit abzusehen. Ich habe Ihnen meine Kenntnisse und Erfahrungen geliehen; ich habe Tag und Nacht gearbeitet; ich darf auch meine Gratifikation verlangen.“

Die Augen des Alten zogen sich zusammen, und sein Schnurrbart stieg empor, um die Zähne sehen zu lassen, aber er beherrschte sich und fragte in möglichst ruhigem Ton:

„Welchen Preis haben Sie von den Deutschen verlangt?“

„Pah, wenig genug! Nur hunderttausend Francs. Jene werden ihre Knauserei mit vielen tausend Leben bezahlen müssen, falls Sie sich entschließen, diese Summe zu bezahlen.“

„Ich hoffe das; ich hoffe das! Es naht die Zeit, in der wir einfordern werden, was diese Blüchers, Gneisenaus und Yorks von uns liehen! Also meine Eisenwerke stehen wirklich mit diesem Zimmer in elektrischer Verbindung?“

„Ja. Ein Druck von mir, und der elektrische Funke entzündet unsere ganzen Pulver- und Dynamitvorräte.“

„Sie geben mir Ihr Ehrenwort, daß Sie mir die Wahrheit sagen?“

„Ich gebe es. Sobald ich die Summe in den Händen habe, werde ich Ihnen die Leitung zeigen, damit sie zerstört werden kann.“

„O nein, Sie sind gegenwärtig ein verzweifelter Mensch. Wie nun, wenn ich Ihnen die hunderttausend zahle, und Sie sprengen dennoch alles in die Luft?“

„Mein Ehrenwort muß Ihnen Bürgschaft sein, daß ich es nicht tun werde.“

„Hm! Wenn man es nur glauben dürfte!“ Er nahm eine sehr nachdenkliche Miene an, aber seine Augen glänzten in einem unheimlichen Licht. Dann fuhr er fort: „Es ist eine Summe, die gegenwärtig fast über meine Kräfte geht; doch, um das Unternehmen zu retten – hm! Die allgemeine Kasse müßte mit beitragen.“

Dabei gingen seine Blicke unbemerkt suchend im Zimmer herum. Wenn sich wirklich ein geheimer Apparat hier im Zimmer befand, so konnte er nur im Kleidersekretär oder überhaupt in der Nähe der hinteren Wand des Zimmers angebracht sein; denn eine Leitung an der vorderen, offenen Front des Schlosses frei hinunter zu legen, das wäre ja unvorsichtig gewesen, da der Draht dort sofort entdeckt werden mußte. Es galt also, den Direktor in der Nähe des Fensters zu halten. Dort stand der Schreibtisch, dessen sämtliche Kästen und Fächer vom Kapitän heute durchsucht worden waren; von seiner Nähe war nichts zu fürchten.

Der Alte setzte sich an den Schreibtisch, nahm das Blanquet aus der Tasche, in welche er es vorhin gesteckt hatte, und sagte unter heftigem Zucken seiner Schnurrbartspitzen:

„Wie die Arbeit, so der Lohn. Sie sollen Ihren Willen haben!“

„Sie wollen mir die hunderttausend geben?“ fragte der Direktor erfreut.

Der Alte nickte und antwortete:

„Ich werde Ihnen zahlen, was Sie verdienen. Lesen Sie nachher selbst. Ihre Quittung steht ja bereits auf dem Blatt.“

Er griff nach der Feder, um das Blanquet auszufüllen. Als er damit fertig war, erkundigte er sich noch:

„Haben Sie unser Geheimnis sonst noch jemandem angeboten?“

„Nein.“

„Haben Sie bei dieser einzigen Offerte eine Andeutung gemacht, aus welcher man erraten könnte, wo unsere Vorräte zu finden sein dürften?“

„Halten Sie mich für einen Dummkopf? Meinen Zeilen nach muß man das Lager in der Nähe von Straßburg vermuten.“

Müller hörte jedes Wort. Er wußte am besten, daß diese Ansicht des Direktors eine völlig irrige sei. Der Alte schien befriedigt; er trat vom Schreibtisch fort, auf welchem er das ausgefüllte Blanquet liegen ließ, deutete auf dasselbe und sagte:

„So sind wir einig. Gehen Sie her und lesen Sie!“

Er selbst schritt langsam nach dem hinteren Raum des Zimmers, um denselben zu bewachen, da er dort die elektrische Leitung vermuten mußte. Der Direktor war ebenso erstaunt wie erfreut, den Alten so leicht besiegt und zur Zahlung einer solchen immerhin bedeutenden Summe gezwungen zu haben. Er setzte sich an den Schreibtisch und nahm das Dokument in die Hand. Dies tat er natürlich in der sicheren Meinung, daß es eine Quittung auf hunderttausend Francs enthalte; zu seinem Erstaunen jedoch las er folgende Zeilen:

„Ich bescheinige hiermit voller Reue und der Wahrheit gemäß, daß ich die heute an meinen Prinzipal auszuzahlenden beiden Summen drückender Schulden halber unterschlagen und zu meinem Nutzen verwendet habe. Möge Gott mir verzeihen, daß ich mit diesem Verbrechen aus dem Leben gehe!“

Darunter stand das Datum und sein Name, welches beides er bereits vorhin geschrieben hatte. Er war einen Augenblick völlig starr vor Erstaunen, dann fragte er:

„Was soll dies heißen, Herr Kapitän?“

„Daß ich dennoch Ihr Meister bin, Sie aber nicht der meinige!“ lachte der Gefragte höhnisch, „obgleich Sie vorhin das Gegenteil behaupteten. Sie werden keinen Sou erhalten; Sie werden Ihren Verrat und die Verführung der Baronin büßen, ganz so, wie ich es mir heute morgen vorgenommen hatte.“

„Und Sie meinen, ich sollte mich vor Wut darüber ersäufen oder vergiften?“

„Das wird sich finden!“

„Da irren Sie sich! Sie sind ein Lügner, ein Schurke! Ich werde Ihnen beweisen, daß ich Sie in Hinsicht auf die elektrische Leitung nicht getäuscht habe. Ich frage Sie zum letzten Mal: Wollen Sie die hunderttausend bezahlen oder nicht?“

„Keinen einzigen Franken, keinen Sou.“

„So passen Sie auf, wie es krachen wird.“

Er sprang nach dem hinteren Teil des Zimmers, wo der Kapitän stand.

„Ja, passen Sie auf, wie es krachen wird“, antwortete dieser. „Aber nicht meine Eisenwerke werden in die Luft gehen, sondern Ihr dummer Kopf!“

Er hatte im Nu die Pistole hervorgezogen und drückte ab. Der Direktor stürzte mit zerschmettertem Schädel zu Boden. Sein Mörder aber bückte sich zu seinem Opfer nieder, um sich zu überzeugen, daß es tot sei, und trat dann nochmals an den Schreibtisch, um das Dokument so zu legen, daß es sofort in die Augen fallen mußte. Das Geld hatte er bereits eingesteckt. Dann eilte er durch die verborgene Tür hinaus und brachte das Täfelwerk wieder in Ordnung.

Traf er dort den Deutschen an, welcher dagestanden und alles gehört und gesehen hatte? Nein! Müller hatte natürlich keine Ahnung gehabt, daß diese Unterredung einen solchen Verlauf nehmen werde. Besonders der letzte Teil hatte sich mit einer so rapiden Schnelligkeit entwickelt, daß der Mord zehnfach schneller ausgeführt wurde, als er gelesen werden kann. Sollte der Deutsche beispringen, da nun doch nichts mehr zu ändern war? Nein; das wäre die allergrößte Unklugheit gewesen. Er mußte vor allen Dingen an seine Aufgabe denken; es galt zunächst, unbemerkt fortzukommen. Kaum war der Schuß gefallen, so riß Müller seine Laterne hervor und stieg in fliegender Eile die engen Treppen hinab, denn er sagte sich, daß auch der Kapitän das Zimmer verlassen werde, da der Schuß ja alle Bewohner des Schlosses aus dem Schlaf wecken mußte.

Er kam glücklich unten an, wo die geheimen Treppen alle zusammenführten, und eilte in großen Sprüngen den unterirdischen Gang entlang nach dem Parkhäuschen zu. Nachdem er dort den geheimen Eingang in Ordnung gebracht hatte, verlöschte er die Laterne, ohne welche eine so schnelle unterirdische Flucht eine Unmöglichkeit gewesen wäre, und eilte dann dem Schloß zu.

Dort angekommen, sah Müller, daß bereits viele Fenster erleuchtet waren, doch befand sich zu seiner Freude noch niemand im Hof. Er schwang sich am Blitzableiter empor. An den Fenstern der zweiten Etage angekommen, warf er einen Blick in das Zimmer des Kapitäns. Dieser trat eben unter die Tür, mit ungekämmtem Haar und Bart, in Schlafrock, Nachthosen und Pantoffeln, das Nachtlicht in der Hand, und examinierte einen Diener. Wer den Alten so sah, der schwor darauf, daß er direkt aus dem Bett komme. Es wollte dem Deutschen vor diesem Alten grauen.

Der Doktor langte glücklich und unbemerkt auf dem Dach und dann auch in seinem Zimmer an, wo er sich schleunigst seiner Verkleidung entledigte und sich so anzog, daß er für einen aufgestörten Schläfer gehalten werden mußte, der in der Eile nur die allernötigsten Kleidungsstücke angelegt hatte.

Das Zimmer des Direktors war voller Menschen, ebenso der Platz vor demselben. Der Kapitän hatte bereits nach den Herren von der Justiz geschickt, welche sich heute im Schloß befanden. Diese kamen und fanden das letzte Schreiben des Toten.

Der Kapitän wurde gefragt; er erklärte, daß er gar nicht wisse, ob Geld angekommen sei, man solle die Bücher nachschlagen. Der Tatbestand wurde sofort gerichtlich aufgenommen und die Leiche aus dem Schloß geschafft. Dann suchte man die unterbrochene Ruhe wieder auf.

Auch die Baronin war vom Schuß erwacht und nach der Unglücksstätte geeilt. Doch mochte sie die Leiche nicht sehen. Der Tod dieses Mannes erschütterte sie, doch nur für einen Augenblick; im nächsten dachte sie bereits an den geheimnisvollen Offizier, an dessen Herzen sie gelegen hatte. Als sie sich wieder nach ihrem Zimmer begeben wollte, traf sie auf der Treppe den Kapitän. Da kein Mensch zugegen war, konnte er es nicht unterlassen, ihr zuzurufen:

„Ein schöner Geliebter. Nicht, Madame?“

Sie wich vor ihm zurück, streckte abwehrend beide Hände aus und sagte:

„Mörder! Aber es wird an den Tag kommen!“

Ein halblautes Hohnlachen war die Antwort des hartgesottenen Alten, der mit so kalter Berechnung ein Menschenleben vernichtet hatte. –

Was Müller betrifft, so konnte er lange Zeit keinen Schlaf finden. Dieser erste Tag auf Ortry war einer der ereignisreichsten seines Lebens gewesen. Erst die Unterredung mit der Wirtin, dann die Rettung Alexanders, sein eigener Empfang, seine Prüfung, die Entdeckung des verborgenen Lauscherpostens in seinem Zimmer und des geheimen Eingangs im Parkhäuschen, das Liebesabenteuer mit der Baronin und endlich die Mordszene in der Wohnung des Direktors. Das war mehr als genug an einem Tag.

Am meisten beschäftigte ihn die letzte Szene. Sollte er den Mörder anzeigen? Moralisch hatte er jedenfalls die Verpflichtung dazu; aber waren die Gründe der Klugheit nicht noch zwingender als diejenigen des Gewissens? Sollte er seine heutigen Errungenschaften alle opfern und das Gelingen seiner wichtigen Sendung zur Unmöglichkeit machen, um einen Toten zu rächen, dessen Leben nicht zurückgerufen werden konnte? Durfte er Marions Großvater als Mörder an den Pranger stellen? Würde man seiner Aussage Glauben schenken? Er war ein verhaßter Deutscher und der Angeklagte ein Offizier der berühmten Garde, ein Ritter der Ehrenlegion! Konnte der Deutsche Beweise bringen? Man konnte sich zwar von dem Vorhandensein der geheimen Tür überzeugen, aber was weiter? Der sicherste Beweis wären die gezeichneten Banknoten gewesen; aber wo hatte der Alte sie versteckt? Er hatte sie dieser Zeichnung wegen ganz sicher an einem Orte verborgen, wo man sie nicht finden konnte. Übrigens war der Ermordete des allen wert? Er war ein Feind Deutschlands gewesen und sodann ein Verräter seines eigenen Vaterlandes geworden!

Was war das doch für eine Familie, diese Sainte-Maries! War Marion, die Heißgeliebte, wirklich edler als die anderen?

Diese Gedanken gingen Müller wirr im Kopf herum, bis er endlich einschlief; aber noch im Schlafe peinigten sie ihn, und als er erwachte, fühlte er sich mehr ermattet als gestärkt von der nächtlichen Ruhe. –

Bereits am frühen Morgen war auch der Kapitän wach. Er ließ mehrere seiner besten Leute aus der Fabrik kommen, um sie nach der Mine suchen zu lassen, aber all ihr Scharfsinn war vergebens. Es wurde dem alten, furchtlosen Mann doch ängstlich zumute. Wenn irgend jemand nichtsahnend die verhängnisvolle Leitung berührte, so war das fürchterlichste Unglück unvermeidlich. Da kam ihm ein Gedanke.

„Dieser Monsieur Müller hatte so feine Zensuren in allen Wissenschaften. Ob nicht er entdecken könnte, was die anderen nicht zu finden vermögen?“

So dachte er und ließ nach dem Deutschen schicken. Müller kam. Der Alte empfing ihn mit einer ganz ungewöhnlichen Freundlichkeit.

„Monsieur, haben Sie auch Elektrotechnik studiert?“

„Ein wenig, gnädiger Herr“, antwortete der Gefragte, welcher sogleich ahnte, aus welchem Grund diese Frage an ihn gestellt wurde.

„Wissen Sie, daß man Pulverminen vermittels der Elektrizität entzünden kann?“

„Sehr wohl, Herr Kapitän.“

„Ist eine solche Mine leicht zu zerstören oder die Leitung leicht zu finden und zu vernichten?“

„Das kommt ganz auf die Umstände an. Ich habe als Techniker bereits öfters Glück gehabt“, antwortete Müller und sagte damit die Wahrheit, da er früher bei dem Geniekorps gestanden hatte.

„Ah, Monsieur, da muß ich Ihnen Mitteilung machen; Sie haben diesen Direktor gekannt, welcher sich erschossen hat?“

„Nur höchst flüchtig gesehen.“

„Nun, dieser Mann hatte den schrecklichen Plan, meine Eisenwerke in die Luft zu sprengen. In seinem Zimmer soll sich die Leitung befinden. Sie ist jedoch nicht zu entdecken. Wollen sie einmal Ihren Scharfsinn versuchen?“

„Ich stehe Ihnen sehr gern zu Diensten, gnädiger Herr.“

„So kommen Sie!“

Sie begaben sich miteinander nach der Wohnung des Erschossenen. Es schauerte Müller, als er da eintrat. Die Blutflecke hatten zwar weggewaschen werden sollen, waren aber noch nicht gewichen. Dort befand sich die geheime Tür, und hier stand der Schreibtisch, auf welchem das schauerliche Ende des Toten unterschrieben worden war.

„Gibt es eine Leitung hier, so ist sie nicht vorn, sondern hinten zu suchen“, sagte Müller.

Der Alte nickte mit sehr zufriedener Miene und sagte:

„Ganz meine Meinung, Monsieur. Suchen Sie!“

Müller ließ den forschenden Blick umherschweifen und trat dann schnell zu der altmodischen Lyoner Wanduhr, welche rechts neben dem Schreibtisch an der Wand hing. Sie hatte ein schwarzes, wurmzerfressenes Gehäuse.

„Sehen Sie etwas von der Leitung?“ fragte der Alte.

„Ich glaube sie gefunden zu haben, will mich aber vorher überzeugen.“

Er schob den Tisch an die Uhr, setzte einen Stuhl auf denselben, und stieg dann auf den letzteren, so daß er den Raum zwischen der Decke des Zimmers und dem oberen Boden des Gehäuses zu überblicken vermochte; dann zeigte er nach der Decke und fragte:

„Wer wohnt dort oben?“

„Der Hausmeister.“

„Ah, mein Vorgesetzter!“ lächelte Müller. „Befindet er sich noch da?“

„Ja, er war ein guter Unteroffizier und ein treuer Hausmeister. Sie haben ihm das Gesicht zerhauen; ich werde ihn wieder kurieren lassen, obgleich ich mir gerade das Gegenteil ausbedungen habe.“

„Hätte ich gestern gewußt, was ich heute sehe, so hätte ich ihm nicht nur das Gesicht zerhauen, sondern den Kopf abgeschlagen. Er ist der Mitschuldige des Direktors.“

„Donnerwetter, ist's möglich!“ rief der Alte ganz erschrocken.

Müller öffnete die Tür der Uhr, blickte in das Gehäuse und antwortete:

„Gnädiger Herr, Ihre Eisenwerke, so schwer sie sind, haben wirklich an einem einzigen Haar gehangen und das Leben Ihrer Arbeiter dazu. Bitte, treten Sie näher!“

Und als der Kapitän herbeigetreten war, zeigte der Doktor mit dem Finger an die eine Seite des Gehäuses und fuhr fort:

„Sehen Sie das eine Pferdehaar, welches hier außen herunterhängt? Es ist bei der Schwärze der Uhr kaum von ihr zu unterscheiden.“

Der Alte streckte die Hand aus, um nach dem Haar zu greifen.

„Um Gottes willen, nicht anfassen!“ rief Müller, indem er jenes Hand fortstieß. „Ziehen Sie nur im geringsten daran, so fliegt Ihre ganze Fabrik in die Luft!“

„Ah, wahrhaftig, ein Haar“, sagte der Veteran. „Es führt oben in den Kasten.“

„Und da ist es mit einem außerordentlich dünnen Kupferdraht verbunden, der erst oben durch das Gehäuse geht und dann durch die Zimmerdecke. Der Intendant hat mit dem Direktor im Einvernehmen gestanden. Lassen Sie uns zu ihm gehen!“

Der Alte folgte dieser Aufforderung mit außerordentlicher Geschwindigkeit. Als sie die Treppe erstiegen hatten und oben eintraten, lag der Hausmeister in seinem Bett. Kein Mensch war bei ihm.

„Was soll das? Was will dieser Mensch bei mir?“ rief er, als er mit seinem unverletzten Auge den Deutschen erkannte.

„Das sollst du Halunke sogleich erfahren!“ antwortete der Veteran. „Suchen Sie, Monsieur Müller!“

Müller kniete in der Ecke nieder, welche gerade über der Uhr des unteren Zimmers lag, suchte dann am Boden fort, öffnete das Fenster und blickte hinaus.

„Haben Sie es?“ fragte der Kapitän, brennend vor Ungeduld.

„Ja. Blicken Sie nur her, um sich selbst zu überzeugen! Hier in dieser Ecke tritt der Leitungsdraht in das Zimmer ein und geht unter der Dielenleiste längs der Wand bis an die Mauer der hinteren Schloßfront. Hier ist ein dünnes Loch durch die Mauer gearbeitet, um den Draht hindurchzulassen, der dann am Sims entlang der Front läuft. Ihn da anzulegen hat viel Arbeit gekostet, zumal diese in aller Heimlichkeit vorgenommen werden mußte.“

Da konnte sich der grimmige Alte nicht länger halten. Er stürzte auf den Hausmeister zu, faßte ihn bei der Brust und donnerte ihn an:

„Hund, Kerl, wer hat dir das geraten?“

Das kam dem Mann so unerwartet, daß er unwillkürlich mit der Antwort herausplatzte:

„Der Direktor, gnädiger Herr!“

„Was hat er dir geboten?“

„Fünftausend Franken.“

„Und hunderttausend wollte er haben! Also für fünftausend Franken wolltest du mich ruinieren und alle meine Leute morden! Heraus aus dem Bett! In das Gefängnis, wohin du gehörst, du Halunke, du – du – du Vorgesetzter du!“

Der Alte wußte zwar nicht, was Müller mit diesen Worten gemeint hatte; aber er ahnte, daß eine negative Bedeutung mit denselben verbunden sei, und da er vor Wut kein anderes Wort fand, so wendete er dieses an, um seinen Zorn auszudrücken.

Der Mann flehte jämmerlich, aber es half ihm nichts. Der Veteran klingelte einige Leute herbei, welche den Schurken ankleiden, fesseln und fortschaffen mußten. Erst nachdem dies geschehen war, wandte sich der Kapitän wieder an Müller:

„Monsieur, Sie sind braver und klüger als das ganze Volk, welches ich bisher um mich hatte. Sie sind gerade zu unserer Rettung nach Ortry gekommen. Aber was nun?“

„Begeben wir uns nach unten, gnädiger Herr“, antwortete Müller, „damit wir sehen, wo der Draht in die Erde geht!“

Das taten sie, und Müller fand, daß die Leitung unter einer Dachrinne herabgezogen war und hinter dem Rinnstein in den Boden drang.

„Hier schneiden wir den Draht durch“, sagte er, „dann ist die hauptsächlichste Gefahr vorüber. Unter der Erde muß der Draht noch eine Umhüllung haben; er ist also stärker, so daß man ihm leicht folgen kann. In der Fabrik werden wir dann sehen, in welche gefährlichen Stoffe er geleitet wurde.“

Da antwortete der Kapitän mit großer Schnelligkeit:

„So lange darf ich Sie nicht abhalten, Monsieur. Nun wir den Draht gefunden haben, ist das übrige leicht; dazu habe ich Arbeiter mehr als genug. Sie aber haben sich zunächst Alexander zu widmen.“

Müller verstand den Alten. Dieser wollte ihn, den Deutschen, nicht in das Getriebe seiner Pläne blicken, am allerwenigsten aber ihn den aufgestapelten Munitionsvorrat sehen lassen. Er tat, als ob er dies nicht ahne und kehrte in sein Zimmer zurück, zufrieden, den Beifall des Schloßherrn gefunden zu haben.

Der Doktor suchte Alexander auf, um ihn zu einem abermaligen Spaziergang aufzufordern. Der Knabe willigte sehr gern ein, und unterwegs fand Müller, daß dieser sich immer fester an ihn schloß.

„Wissen Sie, Monsieur“, sagte Alexander, „daß man gezwungen ist, Sie lieb zu haben?“

„Warum?“

„Weil man Unglück hat, wenn man Sie haßt. Die beiden, von denen Sie beleidigt wurden, sind bereits bestraft. Der eine hat sich erschossen, und der andere sitzt mit einer bösen Gesichtswunde im Gefängnis. Ich werde die Leute warnen, Ihr Feind zu sein. Besonders werde ich dies Marion sagen.“

„Marion? Wer ist das?“ fragte Müller, sich verstellend.

„Marion ist meine Schwester, meine Halbschwester; aber sie ist doch so gut, als ob sie meine richtige Schwester wäre. Ich habe ihr sehr viel Kummer bereitet; meist darum ging sie fort, denn ich verklagte sie immer bei Mama und bei dem Großpapa. Aber als ich gestern abend schlafen ging, habe ich sehr lebhaft an sie gedacht, und da ist mir der Gedanke gekommen, daß ich recht schlimm gegen sie gewesen bin. Ich verspreche Ihnen, dies nie wieder zu tun, Monsieur!“

„Warum haben Sie denn gerade gestern diesen Gedanken gehabt?“

„Weil ich mit Ihnen spazieren gewesen bin. Sie predigen nicht; Sie geben keine guten Lehren, aber man fühlt bei Ihnen das, was Sie zu sagen unterlassen.“

Müller antwortete nicht, doch bückte er sich nieder und küßte den Knaben auf die Stirn. Er fühlte sich innerlich beglückt, diese Seele, welche bereits auf falsche Wege geführt worden war, bereits nach einem einzigen Tag für das Gute gewonnen zu haben.

Sie drangen heute viel tiefer in den Forst ein, als gestern, tiefer und immer tiefer, bis sie auf ein Wirrsal von Felsen stießen, aus denen ein alter Turm hervorragte.

„Was ist das für eine Ruine?“ fragte Müller.

„Das ist Alt-Ortry gewesen“, antwortete Alexander. „Jetzt ist nur dieser eine Turm noch übrig.“

„Wollen wir ihn nicht besteigen?“

„Ich möchte nicht.“

„Warum nicht?“

Der Knabe blickte ihm treuherzig in das Gesicht und antwortete:

„Weil ich auch hier nicht gut gewesen bin. Großpapa hat mir verboten, diese Ruine zu betreten, und doch habe ich es oft getan. Nun aber möchte ich dies unterlassen. Aber wenn wir auch nicht hineingehen werden, das Grab können wir uns doch ansehen.“

Er wand sich zwischen den Felsen hindurch, und Müller folgte, bis sie vor einem Hügel standen, der ungepflegt und mit allerlei Waldblumen bewachsen war. Daneben erhob sich ein mächtiger Felsblock, auf welchem die einfachen Worte: ‚Hier ruht Liama‘ kaum noch zu lesen waren.

„Diese Liama war die Mutter Marions“, bemerkte Alexander. „Habe ich Ihnen übrigens bereits gesagt, daß Marion heute nach Hause kommt?“

„Noch nicht.“

„Ja, sie kommt. Wir hielten sie für tot, mit einem Dampfschiff untergegangen; aber am frühen Morgen kam eine Depesche, daß sie am Mittag hier sein wird. Sie bringt eine Freundin mit.“

Der Knabe erzählte das in einem freundlichen, keineswegs aber herzlichen Ton. Die Bande dieser Familie waren ja sehr locker geschlungen.

„Wie wird man die gnädige Baronesse empfangen?“ fragte Müller.

„Empfangen?“ wiederholte Alexander verwundert. „Nun, die Diener werden ihr aus dem Wagen helfen, und dann geht sie nach ihrem Zimmer.“

„Ohne daß man sich freut, daß sie kommt, und ihr dieses sagt?“

Alexander sah ihn groß an und fragte dann.

„Ja, freut sie sich denn auf uns?“

„Gewiß sehr. Man müßte ihr nur zeigen, daß man sie liebt, daß sie willkommen ist.“

„Das möchte ich ihr sehr gern zeigen; aber wie soll ich es anfangen?“

Es tat Müller sehr weh, daß das Herz dieses begabten Knaben so ganz unbepflanzt geblieben war. Er legte ihm die Hand auf den Kopf und sagte:

„Ich wüßte wohl etwas sehr Schönes. Hat die Baronesse ihre Mutter lieb gehabt?“

„Oh, sehr. Sie ist sehr oft nach diesem Grab gegangen.“

„So wollen wir von diesen Blumen pflücken und sie in ihr Zimmer setzen, damit sie, sobald sie kommt, einen Gruß von der Mutter erhält.“

Die Augen des Knaben glänzten.

„Ja, das wollen wir tun. Aber niemand darf es wissen, sonst zanken die anderen.“

Und nun saßen die beiden am Grab der Heidin und sammelten Blumen für diejenigen, der beider Herzen entgegenschlugen, das Herz des einen in erwachender Bruderliebe, das des anderen aber im heißen vollbewußten Verlangen nach der höchsten Seligkeit des Erdenlebens.

Es war fast Mittag geworden, als sie nach Hause kamen. Auf dem Feld zwischen dem Schloß und dem Etablissement erblickten die Wanderer zahlreiche Arbeiter, welche beschäftigt waren, die Leitung aus dem Boden zu nehmen. Die beiden gingen zunächst nach Müllers Stübchen, um die Blumen zu zwei Buketts zu ordnen. Dann schrieb Alexander auf ein Papier die Worte:

„Meiner lieben Marion vom Grabe ihrer Mutter. Alexander.“

Und hernach trug er selbst die Buketts nebst der Widmung nach dem Zimmer der Erwarteten, neben welchem man ein anderes für die Freundin bestimmt hatte. –

Der Deutsche hatte sich sein Frühstück auf seine Stube kommen lassen. Er war noch mit demselben beschäftigt, als ein Wagen zum Tor hereinrollte. Rasch trat er an das Fenster und blickte hinab. Ja, da stieg sie aus, die Herrliche. Sein Herz schlug ihm in der Brust, daß er es hören konnte. In welche Umgebung kam sie? Würde sie bleiben oder dem kalten Leben wieder entfliehen?

Eben als Nanon ausstieg, kam der Kapitän herbei. Er reichte der Enkelin einfach die Hand und machte ihrer Freundin eine Verbeugung.

„Das Frühstück ist serviert“, sagte er. „Kommen die Damen nach dem Speisesalon?“

„In einer Viertelstunde, lieber Großpapa“, antwortete Marion. „Wir müssen doch erst den Reisestaub abfegen.“

„Gut, so warten wir!“

Damit ging er davon.

Das war der ganze Empfang nach einer mehrjährigen Abwesenheit. Eine tiefe Bitterkeit wollte in Marions Herzen emporsteigen, aber sie zwang dieselbe tapfer hinab. Auch Nanon hatte ein anderes Willkommen erwartet, doch hatte sie die Freundin viel zu lieb, als daß sie es sich hätte merken lassen mögen.

Eine Dienerin führte beide in das Schloß. Sie begaben sich zunächst nach Marions Stube. Dort war alles noch so, wie diese es vor Jahren verlassen hatte. Aber da, da standen zwei Buketts mit einfachen Waldblumen, und zwischen den beiden Vasen lag ein Zettel.

„Meiner lieben Marion vom Grabe ihrer Mutter. Alexander“, las die Baronesse, und sofort füllten ihre Augen sich mit Tränen. „Von meiner lieben, lieben Mama!“ rief sie. „Und Alexander hat sie gepflückt, der garstige Alexander, wegen dessen ich aus Ortry geflohen bin. Oh, wie lieb will ich ihn dafür haben!“

Sie barg das tränenüberströmte Antlitz in den einfachen Blumen, und Nanon trat in das Nebenzimmer, um ihre Freundin mit ihren Gefühlen alleinzulassen. Beide hatten nicht bemerkt, daß sie den Eingang offen gelassen hatten. Dort stand Alexander und hörte die Worte der Stiefschwester. Wie schön war sie! Fast kannte er sie nicht mehr. Er fühlte eine Art geschwisterlicher Ehrfurcht in seinem Herzen aufsteigen; dennoch aber schlich er leise näher und legte die Arme um sie.

„Marion!“

Sie drehte sich zu ihm herum und erkannte ihn.

„Alexander!“

Sie breitete die Arme aus, und dann lagen die Geschwister zum ersten Mal einander am Herzen. Dieser Augenblick hatte für Alexanders Gemütsleben eine unendliche Bedeutung. Indem Müller ihm den Rat gab, die Blumen zu pflücken, hatte er mehr für ihn getan, als wenn er ihm tausend Reden gehalten hätten. Marion küßte den Bruder und sagte:

„Wie freudig hast du mich überrascht, mein guter Alexander!“

„Einen Gruß von deiner Mama, sagte Monsieur Müller“, erklärte er.

„Monsieur Müller? Wer ist das?“ fragte sie.

„Mein neuer Gouverneur, ein Deutscher.“

„Ein Deutscher? Oh, das glaube ich! Die Deutschen haben ein Herz; sie wissen, daß die Liebe das herrlichste Gut der Erde ist.“

„Ohne ihn hätte ich nicht an diese Blumen gedacht. Diese Freude haben wir ihm zu danken, liebe Marion. Er ist auch der Anlaß, daß ich dich von jetzt an recht liebhaben werde. Doch, komm zum Frühstück; Mama wird sonst böse!“

Ein Schatten flog über Marions schönes Gesicht.

„Ich könnte auch böse sein darüber, daß sie mir nicht einmal Willkommen sagt. Aber da sie unsere Mama ist, will ich nicht klagen.“

Die beiden Freundinnen nahmen sich also nicht Zeit, ihre Koffer bringen zu lassen, um neue Kleider anzulegen, sondern begaben sich nach dem Speisesaal.

Dort befand sich der Kapitän mit der Baronin allein. Beide erhoben sich. Das Auge der Baronin fiel auf ihre Stieftochter, und sofort wurde ihr Gesicht blaß. Vor zwei Jahren war Marion fast noch Knospe gewesen, jetzt aber hatte sie sich zur vollen Rose entwickelt. Die Baronin erkannte, daß sie sich mit derselben nicht messen, nicht vergleichen könne. Der bereits früher gefühlte Haß bohrte sich in diesem Augenblick unausrottbar tief ein. Dennoch aber trat sie ihr entgegen, um sie zu umarmen; aber diese Umarmung hatte ganz den Charakter eines Frondienstes, den man so schnell wie möglich zu überwinden sucht.

Auch Nanon wurde von der Herrin des Hauses bewillkommnet; dann begann man wortlos zuzulangen, bis der Kapitän denn doch die Peinlichkeit dieser Stille fühlte und seinem schweigsamen Charakter Gewalt antat, indem er fragte:

„Hast du gehört, Marion, daß ein Moseldampfer untergegangen ist?“

„Ja“, antwortete sie, indem sie ihn groß und ernst anblickte. „Ich glaube, dir geschrieben zu haben, daß ich dieses Schiff benutzen würde. Ich erwartete eine Frage von dir.“

„Warum? Ich sehe ja, daß du mit einem anderen Schiff gekommen bist. Was soll da die Frage nützen?“

„Woher weißt du das, Großpapa?“

„Ich sehe es daraus, daß du überhaupt angekommen bist. Wärst du unglücklicherweise mit jenem Dampfer gefahren, so lebtest du nicht mehr.“

„Wir sind beide mit ihm gefahren. Wir wurden von zwei mutigen Männern gerettet.“

Das erregte denn doch das Interesse des Alten und der Baronin.

„Wirklich?“ fragte der erstere rasch. „Erzähle, Marion!“

„Ja, erzähle!“ bat auch die letztere. Und mit gutgespielter Teilnahme fügte sie hinzu: „Mein Gott, wenn du ertrunken wärst! Welch ein Schreck, welch ein Herzeleid!“

Alexander sprang auf. Er fühlte wahrer als seine Mutter; er schlang seine Arme um Marions Hals und rief:

„Hätte ich das gewußt, so wäre ich gekommen, um mit dir vom Schiff bis an das Ufer zu schwimmen!“

Sie liebkoste ihn und erzählte den Unfall in kurzen, aber ergreifenden Worten. Als sie geendet hatte, rief Alexander:

„Das waren zwei so mutige Männer wie Monsieur Müller, welcher mich vom Abgrund hinweggerissen hat. Ich möchte sie wohl kennenlernen. Wie heißen sie?“

„Der eine, welcher Nanon rettete, ist der Kräutersucher des Doktor Bertrand aus Thionville. Den anderen, welcher mich ans Ufer brachte, kennen wir nicht. Er ging fort, ohne uns seinen Namen wissen zu lassen.“

Doktor Bertrand kannte zwar diesen Namen, aber er hatte vorgezogen, ihn nicht zu nennen. Er hatte jedenfalls im Sinn gehabt, den Damen eine Überraschung zu bereiten, wenn sie ihren Retter so unerwartet auf Ortry finden würden.

Während des weiteren Verlaufs des Frühstücks wurden die letzten Erlebnisse auf Schloß Ortry erwähnt, und dabei wurde Müller öfters genannt, ohne daß Marion ahnte, daß er und ihr Retter eine und dieselbe Person seien. Man saß noch bei Tafel, als sich unten im Hof Pferdegetrappel hören ließ. Der Kapitän trat an das Fenster und rief, sobald er einen Blick hinabgeworfen hatte:

„Besuch! Endlich kommt er; endlich ist er da!“

„Wer?“ fragte die Baronin.

„Oberst Graf Rallion.“

„Ah, dem muß man entgegengehen!“

Sie erhob sich in ungewöhnlicher Eile von ihrem Platz und verließ an der Seite des Alten den Speisesaal. Die beiden anderen Damen mußten der Höflichkeit wegen folgen, doch taten sie es langsam. Auch Alexander schien sich nicht zu überstürzen.

„Er konnte bleiben, wo er war“, sagte er. „Ich liebe diesen Rallion nicht!“

Marion warf einen beinahe zufriedenen Blick auf ihn. Hatte er ihr vielleicht aus dem Herzen gesprochen?

Als sie den Schloßhof erreichten, wurde der Graf soeben vom Kapitän und der Baronin mit ausgesuchtester Höflichkeit begrüßt. Jener trat sodann zu den beiden Freundinnen, küßte ihnen die Hand und sagte:

„Verzeihung, daß ich gleich den ersten Tag Ihrer Anwesenheit auf Ortry benutze, mich nach Ihrem Wohlbefinden zu erkundigen! Es gibt liebe Pflichten, deren Erfüllung man keine Sekunde lang aufschieben möchte.“

Marion verneigte sich stumm, er wendete sich aber sogleich zu den anderen und improvisierte eine Menge Artigkeiten, während deren man die Treppe emporstieg. In diesem Augenblick kam Müller herab. Er blieb in untertäniger Haltung stehen, um die Herrschaften vorüberzulassen. Marion sah ihn und erstaunte freudig. Auch Rallion erblickte ihn. Seine Überraschung war so überwältigend, daß er ausrief:

„Morbleu, das ist ja gar der deutsche Billardtölpel! Was tut er hier?“

Alle erschraken und blickten auf den Beleidigten, was er tun werde. Dieser jedoch sah den Grafen gar nicht an; er machte den beiden jungen Damen eine Verbeugung und schritt vorüber.

Das Gesicht Marions war wie mit Blut übergossen. Schämte sie sich der Roheit des Grafen oder der Feigheit Müllers? Wer hätte dies wohl sagen können! Der Kapitän zuckte verwundert die Achseln. Er konnte gar nicht begreifen, daß ein so ausgezeichneter Schütze und Fechter, wie Müller war, eine solche Blamage sich gefallen ließ. Als man den Saal erreicht hatte, fragte der Oberst:

„Aber, lieber Kapitän, was tut denn dieser Deutsche bei Ihnen?“

„Er ist der Gouverneur Alexanders“, antwortete der Gefragte.

„Fi donc! Da wird unser Alexander sehr viel lernen! Dieser Mann versteht weiter nichts, als Billards zu zerstoßen.“

Alexander biß sich auf die Lippen, um sich zum Schweigen zu zwingen, aber es gelang ihm nicht. Er blickte den Sprecher herausfordernd an und antwortete:

„Wissen Sie, daß dies sehr unhöflich von Ihnen ist? Wenn Herr Müller nur wollte, so würde er Ihnen beweisen, daß er mehr versteht, als Sie zu glauben scheinen. Er ist mein Lehrer, und ich erkläre, daß er außerdem mein Freund ist. Ich werde nicht dulden, daß man ihn beleidigt.“

Der Oberst blickte den jungen Menschen mit dem höchsten Erstaunen an. Bald aber spielte ein sarkastisches Lächeln um seine Lippen, und er antwortete:

„Ihr Freund? Ah, ich beneide ihn um einen so mächtigen Schutz, lieber Alexander!“

„Er bedarf zwar dieses Schutzes nicht“, sagte der Angeredete, „denn er ist selbst Manns genug und steht als Mitbewohner unseres Hauses natürlich unter dem Schirme desselben, was jeder gebildete Mann respektieren wird; trotzdem aber werde ich keineswegs dulden, daß in einem unfreundlichen Ton von ihm gesprochen wird. Er hat mir das Leben gerettet; ich muß ihm dankbar sein!“

Marion warf einen Blick auf den Bruder, in welchem sich Erstaunen mit wohlwollender Anerkennung paarte. Im Gesicht seiner Mutter zeigte sich der deutlichste Stolz ausgesprochen, und sogar der Kapitän zog seine Schnurrbartspitzen in einer Weise durch die Finger, in welcher sich eine Art Beifall zu erkennen gab. Der Oberst bemerkte dies; er schien sich darüber zu ärgern, denn er meinte unter einem höhnischen Lächeln:

„Das Leben gerettet? Hm, das ist etwas anderes. Dieser Mensch scheint vom Zufall bestimmt zu sein, aller Welt das Leben zu retten. Man möchte ihn beneiden!“

Da sagte Marion in einem Ton, welchem ein leichter Nachdruck anzuhören war:

„Ich möchte da keineswegs von Zufall sprechen. Er besitzt Mut und Entschlossenheit, zwei Eigenschaften, welche anderen allerdings zur Lebensrettung nicht bestimmt erscheinen.“ Und nach diesen Worten, welche doch eine leise Röte der Scham in das Gesicht des Obersten brachten, fuhr sie, zum Kapitän gewendet, fort: „Dieser Monsieur Müller ist es nämlich, welcher mit mir durch den Fluß geschwommen ist.“

„Wirklich?“ frug der Alte erstaunt.

Das war jedoch auch das einzige Wort, welches er sagte. Seine Enkelin hatte sich in Todesgefahr befunden und war gerettet worden; ihr Retter war der neue Lehrer. Das wußte man nun. Was war da ein großes Aufhebens nötig? Der Kapitän hatte seit gestern so viel sprechen müssen, daß es ihm heute nicht einfallen konnte, über diese Angelegenheit viele Worte zu verlieren. Die Baronin jedoch fühlte gar wohl die Verpflichtung, als Dame des Hauses wenigstens eine Bemerkung zu machen. Sie sagte im Ton des Erstaunens:

„Er ist auch das gewesen? Welch ein Zufall. Man ist ihm wirklich zu Dank verpflichtet!“

Alexander ergriff die Hand der Schwester und rief aus:

„Auch du verdankst ihm dein Leben, meine liebe Marion? Oh, nun muß ich ihn noch einmal so lieb haben. Ich werde ihm nachgehen, um ihm dies mitzuteilen.“

Er sprang vom Stuhl auf und verließ den Saal, ohne sich von den anderen halten zu lassen.

Es gelang ihm freilich nicht mehr, Müller zu Gesicht zu bekommen, denn dieser hatte das Schloß bereits verlassen und schritt durch den Park dem Wald zu. Es trieb ihn hinaus in denselben aus verschiedenen Gründen. Er war jetzt noch Herr seiner Zeit; der Unterricht hatte noch nicht begonnen, und durch die Ankunft des Obersten waren die Schloßbewohner jedenfalls so in Anspruch genommen, daß seine Abwesenheit nicht mißfällig bemerkt werden konnte.

Er hatte Marion wieder gesehen, zwar nur auf einen Augenblick, aber dieser Augenblick hatte doch sein Herz erregt, daß er die Einsamkeit suchte, um den süßen Gedanken an die Geliebte nachhängen zu können. Die Beleidigung, welche ihm von dem Obersten widerfahren war, hatte ihn wenig berührt. Er wußte, daß die Zeit kommen werde, in welcher er mit diesem Mann zusammengeraten müsse, und er hielt sich für stark genug, diesen Zusammenprall siegreich auszuhalten.

So strich er langsam durch den Wald, nur mit seinen Gedanken beschäftigt und wenig auf seine Umgebung achtend, das Bild der Geliebten begleitete ihn. Er träumte mit offenen Augen. Er sah ihre herrliche Gestalt; er blickte in ihre köstlichen Augen, er hörte den seltenen Wohlklang ihrer Stimme, und es war ihm, als fühlte er ihren schwellenden Busen, geradeso an seinem Herzen, wie in den Augenblicken, in denen er sie von der Mosel nach dem Meierhof getragen hatte. Es verging Viertelstunde auf Viertelstunde, er achtete nicht darauf, denn für einen Menschen, dem unter den göttlichen Regungen einer gewaltigen, selbstlosen Liebe das Herz im Busen klopft, gibt es keine Zeit; er fühlt den Odem, den Hauch der Ewigkeit, in der Brust.

Da hörte er plötzlich eine sehr bekannte Stimme neben sich:

„Ah, Herr Doktor! Grüß Sie Gott!“

Er blickte auf. Vor ihm auf dem schmalen Waldpfad stand sein Diener Fritz, der ihn unter einem freundlichen Lächeln mit seinen guten, treuen Augen betrachtete und allerdings ohne seinen stattlichen Vollbart mit dem kecken Schnurrbart allein schwer zu erkennen war.

„Ah, Fritz, du?“ rief er. „Wie kommst du in den Wald, von Thionville her! So weit!“

„Der Herr Doktor haben wohl vergessen, daß ich jetzt Kräutersammler bin!“ antwortete der Gefragte. „Wir sind heute in Thionville angekommen, und da war Doktor Bertrand so vernünftig, mich sofort auf die Suche zu schicken.“

„Du triffst mich zufällig?“

„Ja; geradeso wie Sie mich“, lachte Fritz. „Sie kommen daher, die Augen am Boden, wie einer, welcher Kräuter sammelt; und ich kam herbei, die Augen am Boden, wie einer, dem eine gewisse Marion nicht aus dem Sinne will. Auf diese Weise kann man sich ja nur zufällig treffen.“

Der treue Diener wußte ganz genau, daß er sich seinem Herrn gegenüber schon eine Bemerkung erlauben durfte. Und wirklich tat Müller nicht im geringsten so, als ob er diese Worte mißfällig aufnehmen möchte. Vielmehr überflog er die Gestalt Fritzens mit einem lustigem Blick und sagte:

„Also wirklich bereits Kräutermann! Hast du Talent dazu?“

„Famos, Herr Doktor!“ Fritz nahm den Sack, welchen er auf der Achsel trug, herab, öffnete ihn und ließ Müller hineinsehen. „Da, gucken Sie! Dieser Sack ist bereits zur Hälfte voll. Moos, Tannenzapfen, Farrenkraut, Eichenlaub, Gras und Kohlrübenblätter. Das macht den Sack rasch voll. Was aber der Apotheker damit anfangen wird, das ist mir ganz gleich. Doktor Bertrand meinte, ich sei vollständig Herr meiner Zeit, doch wenn es paßte, so sollte ich ihm Ehrenpreis und Pfefferminze mitbringen; Véronique und Menthe poivré nennen sie es hier in Frankreich; da ich aber weder Pfefferminze, noch Ehrenpreis kenne, so habe ich einstweilen Tannenzapfen und Kohlrübenblätter genommen. Es wird niemand das Zeug brauchen, und darum stirbt auch niemand daran.“

Er band den Sack zu und warf ihn wieder über die Achsel. Müller meinte:

„Da hast du einen sehr nachsichtigen Prinzipal. Es kann ein Glück für uns sein, daß wir diesen Doktor Bertrand getroffen haben, obgleich es nicht mein Wunsch ist, meine Absichten von irgend jemandem durchschauen zu lassen.“

„Oh, Bertrand ist sicher; er verdient Vertrauen“, behauptete Fritz. „Ich kenne ihn erst seit kurzer Zeit, aber ich weiß bereits, daß er diese Franzosen haßt. Er muß irgendeinen besonderen Grund haben, ihnen nicht gewogen zu sein. Er errät freilich den Grund, der uns hierher geführt hat, aber ich möchte meinen Kopf zum Pfand geben, daß er uns förderlich, niemals aber hinderlich sein wird. Übrigens ist es gut, daß ich Sie treffe. Ich habe ja meine Instruktionen erst von Ihnen zu erwarten.“

„Ich kann sie dir jetzt nur im allgemeinen, nicht aber speziell geben.“ Der Doktor trat in die angrenzenden Sträucher, um sich zu überzeugen, daß kein Lauscher vorhanden sei, kam dann zu Fritz zurück und fuhr fort: „Frankreichs Herrscher plant im stillen einen Krieg mit uns; er betreibt seine Anstalten sehr geheim, denn er beabsichtigt, uns zu überrumpeln, so daß seine Heeresmassen innerhalb einer Woche in Berlin sein können. Er glaubt, daß der Preußenhaß die Südstaaten abhalten werde, uns zu unterstützen, und wagt es, gerade hier an der Grenze riesige Vorbereitungen zu treffen, die es ihm ermöglichen sollen, mit ungewohnter Wucht sich auf uns zu werfen. Diese Vorbereitungen müssen wir belauschen; wir müssen sie kennenlernen, um unsere Gegenzüge tun zu können. Einer der Konzentrationspunkte dieser für uns so gefährlichen, geheimnisvollen Tätigkeit ist Ortry. Ich befinde mich hier, um zu beobachten, und du sollst mich unterstützen. Das ist alles, was ich dir zu sagen habe.“

„Und das ist genug“, nickte Fritz, während über sein intelligentes Gesicht ein Zug heller Freude ging. „Ich bin ein Findelkind, ein einfacher Barbier- und Friseurgehilfe, aber ich will doch einmal sehen, ob ich nicht Augen habe, diesen klugen Großsprechern hinter die Karten zu gucken. Zeit genug habe ich ja dazu! Und ein Glück ist es, daß man mich nicht für einen Deutschen halten wird.“

„Wieso?“

„Nun, Doktor Bertrand hat mich als einen Schweizer aus Genf angemeldet. Sie wissen ja, daß ich zwei Jahre lang dort in Kondition war und mir soviel Französisch angeeignet habe, um für einen Genfer gelten zu können. Wie aber soll ich Ihnen mitteilen, was ich erfahre? Wo werde ich Sie treffen?“

„Du kannst mir schreiben, natürlich unter der Adresse des Doktor Andreas Müller. Wichtiges aber machen wir nur mündlich ab. Ich bewohne das oberste Zimmer des südwestlichen Eckturms des Schlosses. Von dort aus kann ich die große Linde, welche an der Straße von Thionville steht, deutlich erkennen. Lege dich unter dieselbe, wenn du mir etwas zu sagen hast. Man wird denken, du wollest dich ausruhen, und ich werde dich genau durch mein Fernrohr sehen. Du blickst durch das deinige nach meinem Fenster und sobald ich dir mit einem weißen Tuch das Zeichen gegeben haben werde, daß ich dich sehe, gehst du hierher, wo wir uns jetzt befinden; wir treffen uns hier. Das kann natürlich nur am Tag sein.“

„Aber abends?“ fragte Fritz.

„Kannst du mich in meiner Wohnung aufsuchen.“

„Man wird mich sehen.“

„Nein. Du wartest, bis alles schläft, und versicherst dich genau, daß du nicht bemerkt werden kannst. Dann steigst du an dem Blitzableiter der Mittelfront empor, kriechst über das Dach und klopfst leise an mein Fenster. Der Blitzableiter ist sehr fest, er hat auch mich bereits getragen.“

„Das ist bequem, und ich werde mir gleich morgen die Gelegenheit einmal ansehen.“

„Schließlich muß ich dich auf den alten Turm aufmerksam machen, welcher hier im Walde liegt –“

„Ich kenne ihn nicht.“

„Ich werde dir ihn jetzt zeigen. Man sagt nämlich, daß es dort umgehe; ich aber glaube, daß diese Geister von Fleisch und Blut sind. Ich kann des Nachts nur schwer das Schloß verlassen und möchte doch gerade zu dieser Zeit den Turm beobachten –“

„Gut, Herr Doktor, das werde ich also übernehmen“, meinte Fritz.

„Aber die Geister!“ lächelte Müller.

„Oh, ich habe einen Revolver, mit dem man Geister bannen kann! Übrigens tut es ein guter Prügel oder Knüppel wohl auch!“

„Jedenfalls. Doch wünsche ich nicht, daß du dich in Gefahr begibst. Unsere Beobachtungen müssen sehr geheim geschehen; es wäre mir also lieb, wenn die Geister dich gar nicht bemerkten.“

„Ganz wie Sie befehlen, Herr Doktor. Übrigens ist es möglich, daß wir uns doch einmal in Gegenwart anderer treffen und wohl gar sprechen müssen. Wie habe ich mich da zu verhalten?“

„Wir kennen uns nicht und reden nur französisch miteinander. Höchstens erinnern wir uns, einander während des Schiffbruchs gesehen zu haben. Jetzt aber komm, ich muß dir den Turm zeigen!“

Sie gingen weiter, gerade durch den Wald, und gelangten an das Felsengewirr, in dessen Mitte die Ruine des Turmes sich erhob. Diese war von keinem bedeutenden Durchmesser und erhob sich zu einer Höhe von ungefähr vierzig Ellen. Was über diese Höhe hinausgereicht hatte, war eingestürzt. Die Tür war schmal und nicht hoch. Das runde Gemäuer zeigte unten einige schmale, schießschartenähnliche Fensteröffnungen. Oben aber ragten noch einige hohe, mächtige Pfeiler in die Luft, zum sichersten Beweis, daß sich dort Gemächer mit großen Aussichtsfenstern befunden hatten. Diese Pfeiler standen ganz ohne Stütze auf der Ruinenkante, nur durch ihre eigene Schwere gehalten.

Die beiden Männer traten ein und bemerkten, daß eine Treppe zur Höhe führte. Dieselbe war sehr schwer zu ersteigen, denn die Stufen lagen voller Geröll, welches von oben herabgestürzt war. Dennoch arbeiteten sich beide empor. Oben angekommen, fanden sie nicht das mindeste, welches ihnen die gehabte Mühe hätte belohnen können, und es zeigte sich auch nicht die leiseste Spur, daß dieser Ort in letzter Zeit von einem menschlichen Fuß betreten worden sei.

Sie stiegen wieder herab und untersuchten den unteren Teil des Turmes. Auch hier lag Schutt in solcher Menge, daß es eine ungeheure Arbeit gewesen wäre, ihn wegzuräumen, um zu sehen, ob vielleicht eine weitere Treppe nach einem Keller führe.

„Die Gespenster haben sich keinen sehr bequemen Ort zur Wohnung erwählt“, meinte Fritz. „Wenn ich einmal nach meinem Tod spuken muß, so tue ich es sicher nicht ohne wenigstens ein Sofa und eine lange Pfeife. Ich bedaure sie!“

„So bedaure dich mit ihnen!“ antwortete Müller.

„Warum?“

„Weil dieser Turm für einige Zeit dein Wachtlokal sein wird. Auf Wohnlichkeit und Eleganz wirst du verzichten müssen.“

„Ich nehme an, es geschieht im Dienst, und da darf man nicht wählerisch sein. Übrigens werde ich mich sehr hüten, mich im Turm selbst einzuquartieren. Hier gibt es nichts. Wenn es wirklich nicht geheuer ist, so kommen die Geister von außen herein, und darum werde ich mir da draußen ein Plätzchen suchen, von welchem aus ich den Eingang gut bewachen kann. Übrigens sind es die ersten Gespenster, welche ich zu sehen bekomme. Ich kann sagen, daß ich mich herzlich auf sie freue.“

Müller wußte, daß diese Worte keine Unwahrheit enthielten. Fritz war ein mutiger, unerschrockener Kerl, der weder an Gespenster noch an den Teufel glaubte. Was er sagte, war wirklich ganz aufrichtig gemeint. Darum antwortete sein Herr:

„Das sollst du erfahren, sobald ich es selber weiß. Jetzt aber eile; es fallen bereits die Tropfen, und der Sturm hat sich bereits erhoben!“

Sie schieden. In nicht allzu großer Ferne lagen die Häuser eines Dorfes, nach welchem Fritz seine eiligen Schritte lenkte. Müller aber schlug die Richtung ein, aus welcher sie gekommen waren, da der Turm in fast gerader Linie nach dem Schloß lag und ihm also wirklich den gelegentlichsten Schutz vor dem Gewitter bot.

Der Sturm begann die Bäume zu erfassen. Die Wipfel rauschten und prasselten unter seinem gewaltigen Druck. Ein helles, scharfes Heulen pfiff schneidend durch die Luft; es lagerte sich ringsum eine dichte Dunkelheit, die nur von dem Leuchten des Blitzes erhellt wurde. Ein fürchterlicher Donnerschlag machte die Erde erzittern, und dann war es, als habe dieser Schlag alle Wolken geöffnet.

Glücklicherweise war Müller bereits in der Nähe des Turms angekommen. Er eilte zwischen den Felsen hindurch, trat ein und – wäre beinahe erschrocken zurückgewichen, denn vor ihm stand, von einem soeben niederfahrenden Blitz hell beleuchtet – Baronesse Marion.

„Entschuldigung, gnädiges Fräulein!“ sagte er. „Ich wußte nicht, daß sich jemand hier befindet.“

Sie konnten einander nicht erkennen. Das Dunkel des Wetters war hier im Turm doppelt bemerklich. Marion antwortete:

„Und auch ich glaubte, allein zu sein. Übrigens haben Sie sich nicht zu entschuldigen. Der Wald steht einem jeden offen.“

„Auch dieses Gebäude, Mademoiselle?“

„Gewiß. Warum sollen Sie nicht Schutz hier suchen dürfen, geradeso wie ich? Sie sind naß geworden?“

„Nicht so, daß es wert sei, es zu erwähnen.“

„Auch ich bin trocken geblieben; der Turm war ja ganz in der Nähe.“

Er ahnte, daß sie an dem Grab gewesen sei. Wie lieb mußte sie ihre Mutter haben! Die erste Stunde nach der Rückkehr galt der Ruhestätte der Toten.

„Sie waren allein im Wald?“ fragte er.

„Ja“, antwortete sie. „Aber der Regen wird wohl anhaltend sein; es scheint geraten, es uns so bequem wie möglich zu machen.“

Sein Auge hatte sich jetzt an die Dunkelheit gewöhnt, und so bemerkte er, daß sie das Tuch, welches sie um ihre Schultern trug, abnahm und auf eine Treppenstufe legte, um sich daraufzusetzen. Er blieb in ihrer Nähe stehen, indem er sich an die Mauer lehnte.

Draußen blitzte, donnerte und regnete es fort. Die beiden Menschen im Inneren des alten, verrufenen Turms beobachtete ein tiefes Schweigen, bis Marion endlich sagte:

„Es scheint, daß wir bestimmt sind, uns nur immer bei Sturm und Wetter zu begegnen. Das jetzige Gewitter ist allerdings nicht ganz so fürchterlich wie jenes, welches uns auf der Mosel traf.“

Was sollte er antworten? Er schwieg. Auch sie zögerte, fortzufahren, und erst nach einer längeren Pause sagte sie:

„Warum verschwanden Sie so schnell von dem Meierhof?“

„Da ich Sie unter sicherem Schutz wußte, hatte ich keinen Grund, zu bleiben“, antwortete er.

Seine Worte hatten einen eigentümlichen Klang, aus welchem deutlich die Absicht einer Beziehung zu hören war, die sie nicht sogleich zu erraten vermochte. Sie gab sich weiter keine Mühe, nachzudenken, sondern fuhr fort:

„Ich fand damals nicht Gelegenheit, Ihnen Dank zu sagen. Erlauben Sie, daß ich dies jetzt nachhole, Herr Doktor!“

Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, diese schöne Hand, welche von einer solchen Weiße war, daß er sie trotz des herrschenden Dunkels ganz deutlich sehen konnte. Er legte seine Hand um ihre weichen, warmen Finger; er fühlte einen kräftigen Druck; sie zog die Hand nicht sogleich wieder zurück, sondern duldete seinen leisen Gegendruck; es war, als ob ein himmlisches Fluidum aus ihrer Hand in die seinige überströme und durch seinen ganzen Körper gehe; es war ihr, als ob die dumpfe Luft des Turms ganz plötzlich mit erquickendem Balsam geschwängert sei, er fühlte deutlich, daß sein Arm und seine Hand vor Wonne zitterten. Seine Finger legten sich, trotz aller Anstrengung, sich zu beherrschen, nochmals innig um die ihrigen – aber da zog sie schnell ihre Hand zurück. Zürnte sie ihm? Nein; denn im Ton ihrer Stimme lag nicht der leiseste Vorwurf, als sie jetzt sagte:

„Ich erkundigte mich natürlich nach Ihnen, konnte aber leider nicht erfahren, wer Sie sind. Zwar schien es mir, als seien Sie dem Doktor Bertrand nicht ganz unbekannt, doch war derselbe sehr wortkarg. Um so mehr war ich heute verwundert, Sie als Gouverneur meines Bruders auf Schloß Ortry zu sehen. Kannten Sie mich bereits auf dem Schiff?“

„Ja“, antwortete er, da es ihm unmöglich war, hier eine Unwahrheit zu sagen.

„Warum ließen Sie mich nicht wissen, daß wir uns wiedersehen würden?“

„Es gab keine Gelegenheit“, versuchte er sich zu entschuldigen.

„Das mag sein“, antwortete sie mit heller Stimme. „Um so mehr freut es mich, Sie bei uns zu wissen. Ich kann natürlich noch nicht fragen, ob es Ihnen bei uns gefällt, denn Sie sind zu kurze Zeit hier; aber ich bitte Sie dringend, Kleinigkeiten zu überwinden, um der Liebe willen, welche Sie sich bei Alexander bereits erworben haben. Er hat mir mit wirklicher Begeisterung von der Probe erzählt, welcher Sie von Seiten meines Großpapas unterworfen wurden, und dieser letztere selbst gestand mir ein, daß Sie ein ausgezeichneter Fechter, Schütze und Reiter seien. Darum wundert es mich doppelt, daß – daß –“

Sie hielt inne, und darum sagte Müller nach einem Weilchen:

„Bitte, fahren Sie fort, gnädiges Fräulein!“

Sie folgte seiner Aufforderung, indem sie erklärte:

„Es wundert mich, daß Ihnen eine Fertigkeit fremd ist, welche fast jeder Mann besitzt.“

„Welche?“

„Diejenige des Billardspiels. Oberst Rallion erzählte nach Tisch eine Begebenheit, welche dies zu beweisen scheint. Übrigens“, fuhr sie mit erhobener Stimme fort, „sagen Sie mir doch einmal aufrichtig, warum Sie die Beleidigung dieses Herrn so ruhig hinnahmen!“

Wäre es lichter gewesen, so hätte sie sehen können, daß ein eigentümliches Wetterleuchten über sein Gesicht ging. Er antwortete:

„Darf ich bitten, mir die Antwort zu erlassen?“

„Warum?“ sagte sie rasch. „Fürchten Sie sich vor ihm?“

Er schwieg. Sie sah, daß er langsam unter die Tür des Turms trat, obgleich der Sturm die schweren Regentropfen hereintrieb. Sie erkannte, daß er eine mächtige, innerliche Empfindung unterdrücken müsse, ehe er ihr antwortete. So blieb er lange stehen. Der Donner rollte fort; der Orkan heulte; Müller wurde vollständig durchnäßt und schien es doch nicht zu bemerken. Da wurde ihr fast ängstlich zumute; sie erhob sich, berührte seinen Arm und fragte:

„Warum antworten Sie mir nicht?“

Jetzt endlich drehte er sich um; sie fühlte, daß er ihre Hand von sich schüttelte; dann sagte er:

„Weil in Ihren Worten eine größere Beleidigung lag, als in denen des Obersten. Aber, pah, ich bin ja nur ein simpler Hauslehrer, welcher sein Salär bezieht!“

„Sie irren, Herr Doktor. Ich wollte Sie nicht beleidigen“, erklärte sie hastig mit tiefer Stimme. „Sie sind mein Retter und auch der Retter meines Bruders; wie sollte ich Sie kränken wollen! Übrigens stehen wir uns vollständig gleichwertig gegenüber. Nur der Zufall ließ mich von Adel sein; Sie aber haben Ihre Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen Ihrem Fleiß zu verdanken. Der Bruder soll von Ihnen lernen; sagen Sie selbst, ob dies Ihren Wert für uns vermindern oder vergrößern muß!“

Sie hatte ihm dringlichsten Ton gesprochen; Müller mußte fühlen, daß ihr sehr daran lag, von ihm nicht falsch beurteilt zu werden. Das erfüllte ihn mit Seligkeit. Sie fügte hinzu:

„Ich hatte keinen Grund zu meiner Frage, als den, Ihnen anzudeuten, daß ich mich gefreut hätte, Sie auch dem Obersten gegenüber als Mann zu sehen, als welchen ich Sie kennenlernte. Als ich mich in Gefahr befand, war er nur auf seine eigene Rettung bedacht. Als er den kleinlichen Mut hatte, Sie zu beleidigen, gingen Sie schweigsam fort. Sagen Sie selbst, ob mir dies nicht auffallen muß!“

Sie suchte sich zu entschuldigen. Sie sagte ihm mit deutlichen Worten, daß es ihr lieber gewesen, den Obersten gehörig zurückgewiesen zu sehen. Wie wohl tat dies dem Herzen Müllers! Wie entzückt war er darüber! Er hätte seine Arme um sie legen mögen, um ihr dafür zu danken, wie man der Geliebten dankt für das Glück, welches ihre Worte in das Herz des Mannes pflanzen. Er erklärte ihr:

„Ich hätte ihm nur mit der Waffe, nicht aber mit Worten antworten können!“

„Nun, warum taten Sie das nicht?“

„Weil es für meinen Gegner keine Kleinigkeit ist, sich mit mir zu schlagen.“

Er sagte diese Worte in aller Ruhe und Bescheidenheit, sie aber fühlte und glaubte, daß sie kein fades Eigenlob enthielten. Dennoch sagte sie:

„Das ist zwar gut für Sie, darf Sie aber nicht veranlassen, sich ungestraft beleidigen und blamieren zu lassen!“

Da trat er näher an sie heran und fragte in einem Ton, der tief eindringlich klang:

„So wünschen Sie, daß ich Ihnen den Bräutigam töte?“

Sie wich hastig einen Schritt zurück und erkundigte sich:

„So haben Sie nur meinetwegen von einer Bestrafung des Obersten abgesehen?“

„Allerdings!“

„Das war ganz und gar nicht nötig. Wer hat Ihnen gesagt, daß er mein Bräutigam ist?“

„Er selbst hat sich dessen öffentlich gerühmt.“

„Ah, so erkläre ich Ihnen, daß mir dieser Mann völlig unsympathisch ist und daß Sie ihn in Rücksicht auf mich ganz und gar nicht zu schonen brauchen. Großpapa wünscht unsere Verbindung; ich aber werde meine Hand niemals einem Mann reichen, den ich weder lieben noch achten kann!“

Marion hielt inne, und Müller erkannte, daß sie die Wahrheit gesprochen.

Nur wenige Sekunden dauerte das Schweigen zwischen Müller und Marion, dann nahm ersterer das unterbrochene Gespräch wieder auf.

„Ich danke Ihnen für Ihre Güte, Mademoiselle!“ sagte er, während sein ganzes Inneres frohlockte. „Als Mann von Ehre hatte ich den Obersten zu fordern, aber er ist der Gast des Hauses, dessen Diener ich gegenwärtig bin.“

„Das tut nichts“, sagte sie in sehr bestimmten Ton. „Kennen Sie den Großpapa?“

„Das ist noch nicht gut möglich!“

„Nun, so will ich Ihnen sagen, daß er selbst ein leidenschaftlicher Fechter und Schütze ist. Seine höchste Passion ist, einem Kampf zuzusehen. Hätten Sie den Obersten gefordert, so hätte Großpapa Ihnen dies nicht im mindesten übelgenommen. Ich bin im Gegenteil überzeugt, daß er Ihnen von Herzen gern sekundiert – oh, mein Gott!“

Dieser Ruf, mit welchem sie ihre Rede unterbrach, galt einem Blitz, welcher mit mehr als Tageshelle die Szene erleuchtete, und einem Donnerschlage, unter dessen Erschütterung das alte Gemäuer des Turmes einzustürzen drohte. Im Schein des Blitzes hatten die beiden das ganze vor dem Turm liegende Felsengewirr zu überblicken vermocht, und da hatten sie eine hohe, weiße Gestalt gesehen, welche zwischen den Felstrümmern daher und gerade auf den Turm zugeschritten kam. Selbst als das blendende Licht des Blitzes verzuckt war, sah man das lange, weiße Gewand immer näher kommen, nicht eilig, wie um dem Regen zu entrinnen, sondern langsam, langsam, als sei diese Gestalt ein überirdisches Wesen, dem die elementaren Gewalten der Erde nichts anzuhaben vermögen.

Marion hatte, seit sie von der Treppenstufe aufgestanden war, diesen Platz noch nicht wieder eingenommen. Sie trat hart an Müller heran und sagte:

„Liama, der Geist meiner Mutter!“

Und je näher die Gestalt kam, desto ängstlicher schmiegte sich das Mädchen in die Ecke hinter der Turmtreppe und an den Deutschen, welcher dem vermeintlichen Geist mit eigentümlichen Gefühlen entgegenblickte.

Die Erscheinung kam aus der Gegend her, in welcher das Grab lag. Müller hegte keinen Gespensterglauben, doch konnte er ein gewissen Grauen nicht ganz unterdrücken, als das hohe, fremdartige Wesen unter Blitz und Donner zwischen den Felsen daher geschwebt kam. Marion hatte sich während des Schiffbruchs so unerschrocken gezeigt; jetzt aber schmiegte sie sich fester und fester an Müller, so fest, daß dieser unwillkürlich den Arm um sie legte, was sie gar nicht zu bemerken schien. Und als die Gestalt jetzt den Eingang erreicht hatte, hob das Mädchen sogar den Arm und legte denselben so fest um den Doktor, daß dieser das furchtsame Beben der heimlich Geliebten deutlich fühlte.

Unter der Tür wendete sich die Erscheinung um, so daß sie nach dem Wald zu stand, erhob die beiden Arme und rief mit einer tiefen, klangvollen Stimme:

„Allah il Allah! Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Lob und Preis dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tag des Gerichts. Dir wollen wir dienen, und zu dir wollen wir flehen, auf daß du uns führst den rechten Weg, den Weg derer, die deiner Gnade sich freuen, und nicht den Weg derer, über welche du zürnst, und nicht den Weg der Irrenden!“

Sie ließ die Arme sinken, trat etwas weiter zurück und betete weiter:

„Allah ist's, der den Blitz erzeuget und die Welten mit Regen schwängert. Der Donner verkündet sein Lob, und die Engel preisen ihn mit Entsetzen. Er sendet seine Blitze und zerschmettert, wen er will. Allah il Allah, akbar Allah!“

Jetzt trat sie zur Treppe und stieg dieselbe hinauf, ohne die beiden zu bemerken, welche seitwärts hinter den Stufen standen. Und als ob ihre Worte Wunderkräfte besäßen, zuckte noch ein letzter Blitz auf, ein fürchterlicher Donnerschlag erscholl, und dann ward es still. Der Regen goß noch eine Minute lang hernieder, ward dann dünner und hörte rasch gänzlich auf. Die Helligkeit des Tages trat wieder ein, aber die fremdartige Erscheinung war im oberen Teil des Turms verschwunden.

Müller stand mit Marion noch auf derselben Stelle, eng verschlungen mit ihr. Es war ihm, als müsse er sie so festhalten für alle Ewigkeit. Er blickte ihr in das bleiche Angesicht. Sie hatte die Augen geschlossen und regte sich nicht.

„Marion!“ flüsterte er leise, sich zu ihr niederbeugend.

Dieses Wort erweckte sie; es war ein unvorsichtiges Wort gewesen. Wie durfte der Hauslehrer wagen, sie, die Baronesse, so beim Namen zu nennen! Er fühlte diese Unbedachtsamkeit selbst, doch es war zu spät, er konnte sie nicht zurücknehmen. Sie öffnete die Augen; ihr Blick traf den seinen; es war, als ob eine Flamme daraus den ihrigen entzünde und belebe. Eine tiefe Röte verbreitete sich über ihr vorher leichenblasses Gesicht, sie ließ den Arm sinken, der sich an ihm festgehalten hatte. Sie trat zur Seite, so daß er gezwungen war, auch seinen Arm von ihr zu nehmen, und fragte ihn leise:

„Wo ist sie?“

„Dort oben“, antwortete Müller, zur Treppe deutend.

„Sie wird zurückkehren. Lassen Sie uns gehen!“ bat sie.

Er schüttelte den Kopf und antwortete flüsternd zurück:

„Nein, bleiben wir. Warten wir das Ereignis ruhig ab! Oder glauben Sie wirklich, daß die Gestalt ein Geist gewesen sei?“

„Ja“, antwortete Marion im Ton der innigsten Überzeugung. „Der Geist meiner Mutter.“

„Und wenn Sie irren?“

„Ich irre nicht!“ sagte sie in bestimmtem Ton.

„Haben Sie diese Erscheinung bereits einmal gesehen?“

„Noch nie; aber in der ganzen Umgegend erzählt man sich von ihr. Es ist kein Trug.“

Sie schauderte bei diesen Worten sichtbar zusammen. Müller aber schüttelte den Kopf und sagte:

„Geister erscheinen nicht des Tages. Geister werden nicht naß; ich sah, daß der weiße Haïk, den die Fremde nach arabischer Sitte trug, vom Regen triefte. Und Geister beten nicht mit lauter Stimme die Worte des Korans.“

„Aus dem Koran waren diese Worte?“

„Ja. Unter der Tür betete sie die erste Sure des Korans, welche ‚die Eröffnung‘ genannt wird, und das zweite Gebet war aus der dreizehnten Sure, welche ‚Rad der Donner‘ heißt.“

„Sie war eine Mohammedanerin“, gestand Marion. „Ich zittere vor Furcht, ich bebe vor Entsetzen, den Geist der Mutter gesehen zu haben. Lassen Sie uns fliehen!“

„Und wenn es nun kein Geist war, wenn es nun ein Mensch gewesen wäre?“

„Herr, lästern Sie nicht! Lassen Sie uns gehen!“

„Bitte, bleiben Sie nur einen einzigen Augenblick hier! Ich werde ihr folgen. Ich muß sehen, wo sie geblieben ist.“

„Um Gottes willen, nein! Ich habe so sehr Angst. Verlassen Sie mich nicht! Gehen Sie nicht fort von mir! Ich muß heim; ich muß zu Gott beten, damit er der Mutter die ewige Ruhe schenke. Kommen Sie!“

Sie zog ihn fort, hinaus in den nassen Wald, und er mußte ihr folgen. Als sie zwischen den Felsen dahineilten, warf Marion unwillkürlich einen Blick zurück und deutete erschrocken nach der Zinne der Ruine. Dort oben stand die weiße Gestalt mit hoch erhobenen Händen, nach Osten gewendet, wo Mekka liegt mit dem Stein der heiligen Kaaba. Man hörte die Worte ihres lauten Gebetes herabschallen, dem Gewitter nach, welches nach Morgen zog. Hinter ihr leuchtete im Westen die untergehende Sonne, und über ihr stand ein Regenbogen in herrlichen Farben. Müller hatte das Gespenst des Turms gesehen, aber das Geheimnis nicht berühren dürfen.

VIERTES KAPITEL 

Verschwörer

Die Stadt Metz, eine Festung ersten Ranges, war zur Zeit Napoleons des Dritten der Sitz einer der einundzwanzig Militärdivisionen des Landes und gehörte mit den Divisionen von Straßburg, Besançon und Chalons sur Marne zum Militärkommando des Ostens, welches sein Hauptquartier in Nancy hatte.

Metz war eine echte deutsche Stadt, denn als Lothar der Jüngere seine Länder teilte, kam es nebst Austrasien in den Besitz Ludwigs des Deutschen, also an das deutsche Reich. Nur fortgesetzten französischen Umtrieben und Hinterlistigkeiten gelang es, zunächst die Schutzherrschaft über Metz und im westfälischen Frieden sogar die volle Souveränität über diese wichtige Stadt zu erhalten.

Der Besitz von Metz ist eine Kardinalfrage aller Zeiten zwischen Deutschland und Frankreich gewesen, und ehe das letzte, große, entscheidende Wort durch die Stimmen der Kanonen gesprochen wurde, war diese Festung nicht nur der Hauptstützpunkt, sondern auch der Ausgangspunkt unzähliger Feindseligkeiten, welche Deutschland von seinem nimmersatten Nachbar zu erleiden hatte.

Eines der größten und prächtigsten Hotels der Stadt, das Hotel de l'Europa, lag im schönsten Teil der Stadt, ganz in der Nähe der Eisenbahn, und wurde besonders von vornehmen Herrschaften frequentiert, welche hier alles vereint fanden, was imstande ist, den oft hochgeschraubten Ansprüchen dieser Art Leute zu genügen.

Im Frühjahr 1870 erfreute sich dieses Hotel eines besonders zahlreichen hohen Besuches. Metz zeigte zu dieser Zeit eine ganz besondere Lebhaftigkeit des militärischen Lebens, obgleich man recht gut wußte, daß nicht viel darüber gesprochen werden sollte. Hohe Offiziere kamen und gingen; man wußte nicht, woher, wohin und weshalb. Und obgleich sie meist in Zivil waren, so besaßen doch der Besitzer sowie die Bedienung des Hotels de l'Europe, wo diese Herren gewöhnlich abstiegen, Scharfblick genug, um zu wissen, daß man es in ihnen mit einflußreichen Militärs zu tun hatte, deren Anwesenheit vermuten lasse, daß irgend etwas kriegerisch Wichtiges im Werke sei.

Seit einigen Tagen bewohnte ein älterer Herr einige der besten Zimmer des Hotels. Er hatte mehrere Diener bei sich, und auf seinen Koffern waren die Bahnsignaturen noch nicht entfernt worden, so daß der Hausknecht deutlich die Worte Paris und Nancy hatte lesen können. Der Herr kam also aus der Hauptstadt über das Hauptquartier des Ostens nach Metz, ein Umstand, welcher wohl geeignet war, allerlei Vermutungen Raum zu geben. Er nannte sich sehr einfach Monsieur Maçon, aber einer der Kellner, welcher in einem der feinsten Cafés des Louvre serviert hatte, behauptete, diesen Herrn sehr gut zu kennen: er sei nicht einfacher Bürger, sondern Graf Rallion, der erklärte Günstling des Kaisers.

Dieser Kellner schien nicht unrecht zu haben, denn bei näherer Beobachtung stellte sich heraus, daß Herr Maçon dem Divisionskommandeur, dem Festungskommandanten und anderen hochgestellten Herren häufige Besuche machte und von ihnen in einer Weise behandelt wurde, welche auf eine ausgezeichnete Distinktion schließen ließ.

Gestern abend hatte er der Dienerschaft befohlen, sich für heute zur Abreise bereitzuhalten, da er mit dem Zug, welcher elf Uhr fünfzig Minuten von Metz abgeht, nach Thionville zu fahren gedenke und dort also zwölf Uhr sechsundvierzig Minuten eintreffen werde.

Bereits neun Uhr kam ein junger Herr, welcher wie ein Offizier in Zivil aussah, und fragte, ob Herr Maçon zu sprechen sei. Als der Fremde um seinen Namen gebeten wurde, gab er eine Karte ab, auf welcher in zierlicher Schrift zu lesen war: „Bernard Lemarch, Escadronchef.“ Dieser Lemarch war also Kavalleriekapitän, Rittmeister. Er wurde angemeldet und auch sogleich vorgelassen. Herr Maçon empfing ihn zuvorkommend, ließ ihn sich niedersetzen, bot ihm sogar eine Zigarette an, und nun entwickelte sich eigentümlicherweise eine ganz ähnliche Szene wie in Simmern zwischen dem General und dem Rittmeister Königsau.

„Ich habe im Zimmer Ihres Obersten eine Kreidelandschaft gesehen, welche von Ihrer Hand sein soll, Kapitän?“ fragte Maçon.

„Es ist eine kleine Studienarbeit von mir, mein Herr“, antwortete der Gefragte.

„Eine Studienarbeit, welche aber doch eine gute Übung verrät. Ich glaube, Sie könnten recht gut die Rolle eines Landschaftsmalers durchführen.“

„Sie würde mir nicht schwerfallen.“

„Das ist mir lieb zu hören. Kennen Sie mich, Kapitän?“

Der Offizier lächelte und entgegnete:

„Heute habe ich das Vergnügen, mit Monsieur Maçon zu sprechen.“

„Und wie würden Sie mir unter anderen Umständen antworten?“

„Alsdann würde ich die Ehre haben, mich bei dem Grafen Rallion in Audienz zu befinden“, antwortete der Kapitän mit einer Verbeugung.

„Gut; ich sehe, daß Sie mich kennen. Ich habe von Ihnen gehört. Man ist mit Ihnen zufrieden, und ich stehe daher im Begriff, Ihnen Gelegenheit zu geben, sich auszuzeichnen.“

Das Gesicht des Offiziers erhellte sich vor Freude, und er antwortete schnell:

„Ich werde diese Gelegenheit benutzen, Ihnen zu beweisen, daß es mein eifrigstes Bestreben ist, mich nützlich zu machen!“

„Wohl! Ich vernehme, daß Sie der deutschen Sprache mächtig sind?“

„Vollständig. Ich bin bei Straßburg geboren.“

„Würden Sie es fertigbringen, in Berlin für einen Deutschen zu gelten?“

„Ich hoffe es; nur müßte ich mich als ein solcher zu legitimieren vermögen.“

„Man wird Sie mit dem Notwendigen versehen. Hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe!“

Der Graf steckte sich eine neue Zigarette an, gab seinem hageren, gelben Gesicht einen wichtigen, diplomatisch schlauen Ausdruck und fuhr fort:

„Man fühlt sich in die Notwendigkeit versetzt, an einen Krieg mit Deutschland zu denken. Man gedenkt nicht, mit der Tür in das Haus zu fallen, sondern sich vorher erst gehörig zu orientieren. Der letzte deutsch-österreichische Kampf hat zur Evidenz beweisen, daß die preußische Heeresleitung sehr weitgehend und vorsichtig ist. Es steht zu vermuten, daß Preußen so scharfsinnig ist, unsere Absicht zu erraten und infolgedessen seine Vorbereitungen zu treffen. Darüber müssen wir natürlich Gewißheit haben. Wir müssen zweierlei wissen: erstens ob wir durchschaut werden, und zweitens, welche Gegenminen man uns legt. Verstehen Sie mich?“

„Vollkommen, mein Herr.“

„Eine solche Aufgabe können wir unserer offiziellen, diplomatischen Vertretung natürlich nicht in die Hand geben. Wir bedürfen einer privaten Kraft, welche geeignet ist, diese Forschungen anzustellen. Dazu gehört allerdings ein Mann, welcher neben den sehr notwendigen militärischen Kenntnissen auch Schlauheit, Scharfsinn und sogar Mut genug besitzt, den Feind zu überlisten. Dieser Mann soll mit den nötigen Legitimationen und Empfehlungen nach Berlin gesandt werden; er wird Anweisungen bekommen, wie er sich zu verhalten hat; man wird ihm Summen zur Verfügung stellen, zunächst für seine persönlichen Ausgaben, da er anständig aufzutreten hat, und sodann auch für andere, unvorhergesehene Zwecke. Es könnte sich ja wohl eine kleine Bestechung oder etwas derartiges als notwendig herausstellen. Dieser Mann müßte ebenso klug wie taktvoll, ebenso kühn wie vorsichtig sein. Seine Aufgabe ist voraussichtlich keine leichte, doch wird auch die Belohnung eine dementsprechende sein. Sie wurden mir empfohlen, Kapitän. Welche Antwort habe ich zu erwarten?“

Das war sehr deutlich gesprochen. Der Rittmeister, welcher von seinem Obersten jedenfalls bereits vorbereitet worden war, gab eine ebenso deutliche Antwort:

„Ich werde diese Gelegenheit, meinem Vaterland zu dienen, mit Freuden ergreifen, und gebe die Versicherung, daß ich nichts versäumen und unterlassen werde, um meinen Zweck zu erreichen.“

„Das habe ich erwartet. Ich mache allerdings die vielleicht etwas zu aufrichtige Bemerkung, daß die Zeit drängt und Sie sich also nicht viel Muße lassen dürfen. Vor allen Dingen aber frage ich Sie, ob Sie Berlin bereits kennen?“

„Ich war noch nicht dort.“

„Das ist günstig, denn Sie werden dann nicht in Gefahr kommen, erkannt zu werden. Ich reise elf Uhr von hier nach Thionville. Können Sie bis dahin Ihre Vorbereitungen zur Abreise getroffen haben?“

„Ein Soldat muß stets marschbereit sein.“

„Wohl! Sie werden mich begleiten. Ich habe in der Nähe eine geheime Inspektion vorzunehmen, nach deren Erfolg sich Ihre Instruktionen richten werden. Dies wird in höchstens zwei Tagen abgetan sein, und dann können Sie nach Berlin gehen. Ihre größte Aufmerksamkeit wird dort auf den Generalstab zu richten sein. Und da will ich Ihnen bereits jetzt eine Adresse nennen, welche Ihnen von Vorteil sein wird.“

Er nahm ein Notizbuch aus der Tasche, blätterte nach und fuhr dann fort:

„Es gibt nämlich dort einen Offizier, einen höchst gewandten und trotz seiner Jugend sehr brauchbaren Strategen, welcher sogar in seiner Privatwohnung mit wichtigen Arbeiten beschäftigt wird. Wenn es Ihnen gelänge, seine Freundschaft zu erwerben, so wäre es Ihnen vielleicht möglich, hier und da einen geheimen Blick in diese Arbeiten werfen zu können. Eine gewandt geführte Unterhaltung könnte Sie vieles erraten lassen, was jener nicht direkt sagen wird. Einige Flaschen Wein zur rechten Zeit und am rechten Ort haben oft einen außerordentlichen Erfolg. Vielleicht hat dieser Mann Verwandte, deren Vertrauen, oder eine hübsche Schwester, deren Liebe Sie erwerben können. Kurz und gut, ich will Ihnen mit diesen Andeutungen nur sagen, daß der Kluge es verstehen muß, sich alles dienstbar zu machen, und ich hoffe, daß Sie nicht auf den Kopf gefallen sind.“

„Ich wiederhole, daß ich mein möglichstes tun werde“, antwortete der Rittmeister. „Darf ich um den Namen des betreffenden Offiziers bitten?“

„Es ist der Rittmeister Richard von Königsau. Wo er seine Privatwohnung hat, kann ich nicht sagen; es wird Ihnen nicht schwer werden, sie unauffällig zu erfragen. Aber eines weiß ich, was Ihnen vielleicht von Nutzen sein wird: Er hat einen Großvater, einen Veteranen aus den sogenannten Befreiungskriegen, welcher zuerst unter dem Verräter Lützow und sodann unter Blücher gekämpft hat und in der Schlacht bei Belle-Alliance verwundet worden ist. Dieser Alte spricht noch heute mit Begeisterung von seinen Feldzügen, und Sie werden wissen, daß das Wohlwollen solcher Leute sehr leicht dadurch zu erlangen ist, daß man sie glauben läßt, von ihrer Begeisterung angesteckt zu sein. Das ist alles, was ich Ihnen für jetzt sagen kann. Nähere Instruktionen werden Sie noch erhalten. Besitzen Sie einen Anzug, wie ihn Maler zu tragen pflegen?“

„Er wird in wenigen Minuten beschafft sein.“

„Und eine Staffelei?“

Der Rittmeister konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Er antwortete:

„Eine Staffelei von hier mit nach Berlin zu nehmen wäre ebenso beschwerlich wie überflüssig. Will ich bereits unterwegs als Maler gelten, so genügt eine künstlermäßige Kleidung und eine Mappe. Eine Staffelei werde ich mir in Berlin kaufen.“

„Das müssen Sie verstehen. Jetzt treffen Sie schleunigst Ihre Vorbereitungen, denn ich erwarte bestimmt, Sie Punkt elf Uhr hier wiederzusehen. Adieu!“

Er erhob sich und gab dem Offizier mit jener kalten Nachlässigkeit die Hand, mit welcher man sagen will: „Ich lasse mich zwar herab, dir die Hand zu reichen, aber bilde dir um Gottes willen nichts darauf ein; denn wenn du fort bist, werde ich mir diese Hand sehr sorgfältig abwaschen, damit jede Spur von dieser ordinären Berührung vertilgt werde!“ Der Rittmeister nahm die Hand wie einer, dem eine hohe Gnade erwiesen wird, und entfernte sich nach einer Verbeugung, welche er einem regierenden Fürsten nicht untertäniger hätte machen können. Er wußte, daß der Liebling des Kaisers mehr Einfluß besaß, als mancher Minister, der sich die Miene gab, mächtig zu sein.

Als kurz vor zwölf der Zug nach Thionville bereitstand, stieg Herr Maçon in ein Coupé zweiter Klasse, und ihm folgte ein junger Mann, welcher enge graue Hosen, feine Lackstiefel, ein beschnürtes Samtjacket, einen breitkrempigen Hut und gelbe Handschuhe trug. Er hatte eine umfangreiche Mappe unter dem Arm, und es konnte gar kein Zweifel darüber obwalten, daß er ein Künstler, ein Maler sei.

Als sie in Thionville ausstiegen, stand der alte Kapitän von Schloß Ortry auf dem Perron, um seinen hohen Besuch zu bewillkommnen. Herr Maçon, welcher hier wieder Graf Rallion war, klopfte dem Alten freundlich auf die Achsel und fragte:

„Nun, Kapitän, Sie haben meine Depesche erhalten, wie ich sehe?“

„Vor zwei Stunden. Ich beeilte mich sofort, Sie zu empfangen“, antwortete der Gefragte.

„Ich stelle Ihnen hier den Kapitän Lemarch vor, welcher als Maler nach Berlin gehen wird; in welcher Angelegenheit, das brauche ich so einem alten Schlaukopf, wie Sie sind, nicht erst zu sagen. Nicht?“

Der Alte blinzelte mit den Augen, zog den Schnurrbart empor und fletschte die Zähne, als ob er ganz Berlin zerbeißen möchte, nickte dem jungen Offizier vertraulich zu und sagte:

„Sie gehen als Maler, wie es scheint. Machen Sie Ihre Sache gut, damit diese Prussiens endlich den Lohn erhalten, den sie längst verdient haben.“

„Der Kapitän wird sich Mühe geben; ich bin davon überzeugt“, antwortete der Graf anstelle des Offiziers. „Haben Sie eine Equipage mit?“

„Zwei. Die andere für Ihre Bedienung.“

„Gut. Fahren wir.“

Nach kurzer Zeit rollten die beiden Wagen auf der Straße dahin, welche von Thionville nach Ortry führt. Das erste Dorf war bereits durchfahren, als die drei einen ganz eigentümlich gekleideten Menschen bemerkten, welcher vor ihnen auf der Straße herging. Er trug weite, orientalische Hosen, welche unter dem Knie zusammengebunden waren, und an den Füßen Sandalen. Strümpfe und Gamaschen fehlten, so daß die hageren, braunen Beine zu sehen waren. Eine rote, mit unechten Tressen besetzte Jacke bedeckte den Oberleib. Um die Hüften hatte er einen alten, blauen Shawl geschlungen, in welchem verschiedene fremdartige Gegenstände steckten, deren Bestimmung sich unmöglich erraten ließ. Unter der vorn offenen Jacke war ein Hemd zu sehen, welches sicher vor langen Jahren einmal weiß gewesen war, und auf dem Kopf des Fremdlings thronte ein Fez, welcher einen geradezu riesigen Umfang hatte. Über die Schulter hing diesem Mann ein großer Ledersack, dessen Inhalt in Bewegung zu sein schien; es mußten sich lebendige Geschöpfe in demselben befinden. Das Gesicht des Mannes schien nur aus einem mächtigen Vollbart, einer braunen Nasenspitze und zwei Augen zu bestehen, welche unter schweren Lidern verdeckt lagen.

Als die Wagen herangerollt kamen, blieb der Mann stehen, um sie vorüberzulassen. Seine Lieder hoben sich langsam, und seine Augen blickten gleichgültig unter ihnen hervor. Kaum aber war ihr Blick auf die Insassen des ersten gefallen, so belebte er sich in auffälligster Weise. Die Augen nahmen den Glanz glühender Kohlen an und schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen. Im nächsten Augenblick hatte sich der Mann jedoch beherrscht. Er lehnte sich an einen der Chausseebäume und ließ, als der Wagen im Begriff stand, vorüberzufahren, ein halblautes, eigentümliches Zischen hören.

Sofort bäumten sich die Pferde und waren durch keine Anstrengung des Kutschers von der Stelle zu bringen. Er gebrauchte die Peitsche; er schnalzte mit der Zunge; er bat mit zuredenden Worten, vergeblich. Der Fremde stand dabei und richtete seinen halbverschleierten Blick scharf auf den alten Kapitän. Dieser wandte sich mit einer drohenden Handbewegung zu ihm und rief ihm zu:

„Kerl, siehst du nicht, daß die Pferde vor dir scheuen! Pack dich fort!“

„Scheuen?“ fragte der Mann mit tiefer Stimme. „Vor mir hat noch nie ein Pferd gescheut; aber alle Pferde gehorchen meinem Wink. Wem gehört dieser Wagen?“

„Was geht das dich an, Vagabund? Ich sage dir, pack dich, sonst lasse ich dich vom Kutscher von der Straße peitschen!“

„Ich fürchte ihn nicht!“ antwortete der Fremde ruhig. „Wenn ich erfahren haben werde, wohin die Wagen gehören, werde ich den Pferden befehlen, zu gehorchen, und dann könnt Ihr weiterfahren, eher aber nicht!“

Der alte Kapitän zuckte höhnisch die Achsel und gebot dem Kutscher, die Fahrt fortzusetzen, aber dieser war nicht imstande, dem Befehl zu gehorchen. Die Pferde wichen trotz aller seiner Bemühungen nicht von der Stelle.

„Es geht nicht, gnädiger Herr“, klagte er. „Der Teufel muß in die Pferde gefahren sein, oder der Kerl dort versteht zu hexen. Wenn ich Gewalt brauche, so brechen sie mir die Deichsel ab.“

Der Graf hatte bis jetzt die Szene ruhig beobachtet. Jetzt wandte er sich nach dem hinteren Wagen, in welchem seine beiden Diener saßen:

„Schafft den Menschen fort, daß die Pferde ihn nicht mehr sehen!“ gebot er jenen.

Die Domestiken stiegen aus und traten drohend auf den Fremden zu. Sie geboten ihm, zu weichen, und als er nicht gehorchte, streckten sie die Hände nach ihm aus. Aber in demselben Augenblick wichen sie im höchsten Grad erschreckt zurück, denn der Fremde hatte seinen Ledersack ein wenig geöffnet und aus demselben schossen drei riesige Brillenschlangen hervor. Diese Tiere schlangen ihre Schwänze um den langen, nackten Hals ihres Herrn und fuhren mit ihren Leibern, wie um ihn zu verteidigen, mit blitzesähnlicher Schnelligkeit in der Luft herum. Die Leute hatten wohl noch nie eine Brillenschlange gesehen, aber deren Beschreibung oft gelesen; sie wußten also, daß sie es hier mit den giftigsten Reptilien der Welt zu tun hatten. Beide sprangen schleunigst zurück und wagten nicht wieder, sich dem Fremden zu nähern.

Dieser erhob die Hand, um seine Schlangen zärtlich zu streicheln, und sagte:

„Wer mich angreifen will, der komme! Es gehorchen mir alle Tiere des Waldes und des Feldes, auch den Rossen bin ich ein Gebieter. Die Pferde werden nicht eher diese Stelle verlassen, als bis ich es ihnen erlaube. Wem gehören diese Wagen?“

Die Herren, welche im ersten Wagen saßen, konnten es mit ihrer Würde nicht vereinbaren, daß dieser Mann unangreifbar sei.

Der Kutscher riß sie aus ihrer Verlegenheit.

„Die Wagen gehören nach Ortry“, antwortete er.

„Nach Ortry?“ wiederholte der Schlangenbändiger. „Gut; fahrt weiter!“

Er stieß einen leisen, seltsam klingenden Pfiff aus. Sofort zogen die Pferde an und rannten im Galopp davon, so daß der Kutscher sich alle Mühe geben mußte, ihrer Herr zu bleiben. Der Fremde blickte den Dahinfahrenden nach, solange er sie zu sehen vermochte, dann wendete er sein Gesicht nach Osten. Seine Augen öffneten sich weit; seine Knie beugten sich zur Erde, seine Arme kreuzten sich über der Brust, und er rief:

„Allah il Allah! Dein Name ist der einzige, und deine Macht ist unendlich. Sei gelobt, daß ich ihn wiedergesehen habe, den Räuber, den Mörder unseres Stammes! Sei gelobt, daß ich gefunden habe die erste Spur von Liama, der Tochter unserer Zelte. Ich gelobe bei dir und allen heiligen Kalifen, sie zu befreien, oder, wenn sie tot sein sollte, zu rächen, wie noch kein Kind der Wüste gerächt worden ist!“

Zu den Franzosen hatte er im Dialekt des südlichen Frankreichs gesprochen, jetzt aber verrichtete er sein Gebet in arabischer Sprache. So am Boden kniend und von den Schlangen umzüngelt, bot er einen höchst fremdartigen, wilden Anblick dar.

Jäh erhob er sich wieder von der Erde, steckt die Schlangen in den Sack zurück und setzte seinen Weg fort, ganz denselben Weg, welchen auch die Wagen verfolgt hatten. Im nächsten Dorf angekommen, kehrte er im Wirtshaus ein. Er fand nur einen alten Mann zu Hause, der ihm den bestellten Trunk reichte, die sonderbare Gestalt mit neugierigem Blick betrachtete und fragte:

„Sie sind jedenfalls nicht im Norden Frankreichs geboren?“

„Nein“, lautete die Antwort. „Ich ward geboren im Sonnenbrand des Südens.“

„Was treiben Sie hier, oder womit handeln Sie?“

„Man nennt mich Abu Hassan, den Zauberer. Ich habe die Geheimnisse der Geister studiert und mir alle Geschöpfe Untertan gemacht.“

„Ah, ein Gaukler“, lächelte der Wirt. „Wo wollen Sie Ihre Künste zeigen?“

„In Ortry.“

„Oh, da werden Sie schlechte Geschäfte machen!“

„Warum?“

„Zu den Arbeitern, die sich wohl eine solche Kurzweil wünschen möchten, darf kein Fremder, und im Schloß gibt es Leute, welche mehr gesehen haben als die Kunststücke, welche Sie produzieren werden.“

„Abu Hassan kann mehr als andere“, meinte der Fremde. „Wer wohnt auf dem Schloß?“

„Der Baron de Sainte-Marie.“

Hassan schüttelte leise den Kopf, als sei er mit dieser Antwort noch nicht zufrieden.

„Wer noch?“

„Sein Weib und seine zwei Kinder.“

„Wie alt ist der Baron?“

„Vielleicht fünfzig Jahre.“

Hassan schüttelte abermals den Kopf und fragte weiter:

„Wohnt ein Mann dort mit großem, grauem Schnurrbart?“

„Ja; der Vater des Barons.“

„Wie heißt er?“

„Eigentlich sollte man meinen, daß er auch Sainte-Marie heißt; dies ist aber nicht der Fall, denn der Baron ist erst vor Jahren geadelt worden und hat seinen jetzigen Namen vom Kaiser empfangen. Er hieß vorher Richemonte, und so heißt der Alte noch.“

Hassan horchte auf. Seine Augen aber versteckten sich womöglich noch tiefer unter die Lider als vorher, und er gab sich Mühe, im gleichgültigsten Ton zu fragen:

„War dieser Alte Soldat?“

„Ja. Er hat unter dem großen Kaiser gefochten und soll auch unter Kabylen gewesen sein, als was, das weiß ich nicht.“

„Hat der Alte ein Weib gehabt?“

„Natürlich, da der Baron sein Sohn ist.“

„War dieses Weib Französin?“

„Das läßt sich denken; aber ich habe sie nicht gekannt, da die Sainte-Maries erst seit einigen Jahren hier wohnen. Die Frau des Alten muß seit langer Zeit bereits tot sein.“

„Haben Sie niemals etwas von einem Weib gehört, welches Liama hieß?“

„Liama?“ fragte der Wirt rasch. „Das war die erste Frau des Barons.“

„Des Barons? War der Baron auch in der Kabylie?“

„Das weiß ich nicht. Aber seine erste Frau hieß Liama und ist eine Heidin gewesen. Ihr Grab liegt tief im Wald beim alten Turm, und ihre Tochter lebt noch.“

Die Augen des Fremden schossen einen übermächtigen Strahl der Freude unter den Lidern hervor, doch im nächsten Augenblick erklang im ruhigsten Ton die Frage:

„Eine Tochter hat jene hinterlassen? Wie heißt sie?“

„Marion.“

„Hat sie nie anders geheißen?“

„Warum sollte sie jemals anders geheißen haben? Ihre Frage klingt außerordentlich kurios.“

So unterhielten sich die beiden noch lange Zeit. Hassan erfuhr alles, was der Wirt von Ortry und seinen Bewohnern wußte. Er hörte auch, daß der Geist Liamas noch oft am alten Turm zu sehen sei. Endlich brach der Fremde auf. Als er sich auf der Straße allein befand, schüttelte er den Kopf und sagte in seinem südlichen Dialekt:

„Diesen alten Richemonte suche ich. Er ist's; ich irre mich nicht. Allah hat meine Schritte endlich doch noch zum Ziel geleitet; aber Liama, die Tochter der Wüste, ist gestorben. Ich werde sie rächen. Wer aber ist diese Marion? Wer ist dieser Baron de Sainte-Marie? Wer ist der Geist, der sich im alten Turm sehen läßt? Mohamed, der Prophet der Gläubigen, sagt, daß das Weib keine Seele habe. Wie kann also die Seele eines Weibes nach dem Tod desselben gesehen werden? Ich werde nach Ortry gehen und die Spuren verfolgen, welche ich gefunden habe; dann kehre ich zum Scheik zurück, um ihm zu sagen, daß die Zeit der Rache endlich doch noch gekommen ist.“

Seine Augen leuchteten wild auf, als er diese Worte murmelte. Und sein Mund ließ ein höhnisches Lachen erschallen, als er fortfuhr:

„Wird er mich erkennen? Oh, nein. Der Gram hat mein Gesicht durchfurcht und mein Fleisch vom Leib gefressen. Und wenn er erführe, wer ich bin, ich fürchte ihn doch nicht. Sind sie nicht alle erschrocken über meine Schlangen? Hat ihnen nicht Allah den Verstand genommen, daß sie nicht begreifen, warum die Pferde mir gehorchen? Waren es nicht Pferde der Wüste, welche alle dem Zeichen der Wüste gehorchen? Und wenn jene Menschen mich bedrohen, so werde ich ihnen meine Künste zeigen, und sie werden sich fürchten und mich für den Satan halten.“ –

Unterdessen waren die beiden Wagen auf Ortry angekommen und die Insassen derselben von den Bewohnern des Schlosses bewillkommnet worden. Marion hatte den Grafen mit Ehrerbietung begrüßt, aber nicht die mindeste Veranlassung zu der Annahme gegeben, daß sie sich freue, den Vater ihres Verlobten zu sehen. Er erhielt die besten Gemächer des Schlosses angewiesen, während der falsche Maler die Wohnung des ermordeten Fabrikdirektors bezog, wo man die noch sichtbaren Blutflecke mit Teppichen bedeckt hatte.

Es wurde zunächst ein kurzer Imbiß eingenommen, und dann begab sich der alte Kapitän mit den beiden Rallions nach dem Eisenwerk. Die geheimnisvolle Inspektion sollte beginnen. Lemarch begann sich zu langweilen, nahm seine Mappe und begab sich nach dem Garten, um das Schloß von dieser Seite abzuzeichnen und dem Kapitän mit dem Bild dann ein Geschenk zu machen.

Dort saß auf einer Bank, gerade da, wo die beste Stelle zum Zeichnen war, Müller, der in einem Buch las. Er blickte auf, sah den Maler kommen und erhob sich höflich. Als aber der Franzose näher trat, nahm das Gesicht des Deutschen den Ausdruck des allerhöchsten Erstaunens an. Was war denn das? War das ein einfaches, natürliches Spiel des Zufalls? Dieser Künstler sah dem Diener Fritz zum Verwechseln ähnlich. Hätte der Fremde die Kleidung des Pflanzensammlern angehabt, so wäre die Täuschung vollständig gewesen.

Lemarch sah diese Verwunderung und sagte:

„Sie scheinen unangenehm berührt zu sein, daß ich Sie störe? Wen habe ich die Ehre, um Entschuldigung zu bitten, Monsieur?“

„Ich bin der Erzieher des jungen Barons“, antwortete Müller, jetzt wieder gefaßt.

„Und ich bin Maler, mit dem Grafen Rallion hier angekommen. Ich gedachte, von dieser Bank aus das Schloß zu zeichnen, aber ich störe Sie.“

„Nehmen Sie Platz!“ antwortete Müller höflich. „Mein Name ist Müller.“

Er sagte dies, um zu erfahren, wie er den Maler zu nennen habe. Dieser hatte während der Bahnfahrt im Coupé von dem Grafen erfahren, daß seine deutsche Legitimation auf den Namen Haller ausgestellt sei; darum antwortete er:

„Und der meinige Haller. Ich bin ein Deutscher, und Sie auch, wie ich zu meiner Freude aus Ihrem Namen schließe.“

„Allerdings. Meine Heimat ist Leipzig.“

„Die meinige Stuttgart.“

Beide täuschten einander. Sie waren gezwungen, die Orte zu nennen, welche auf ihren Legitimationen angegeben waren. Der Franzose war ein liebenswürdiger Gesellschafter, und Müller fühlte sich bereits nach kurzer Unterhaltung recht sympathisch von ihm berührt, bis die Unterhaltung auf Berlin kam – zufällig, dachte Müller; er hatte nicht bemerkt, daß Haller sie mit Absicht auf Berlin geleitet hatte.

„Waren Sie bereits einmal in der Hauptstadt Preußens?“ fragte der letztere.

„Öfters“, antwortete Müller.

„Das läßt sich denken, da sie von Ihrer Vaterstadt aus ja sehr leicht zu erreichen ist. Sind Sie in Berlin einigermaßen bekannt?“

„So ziemlich.“

„Auch in Militärkreisen?“

„Leidlich. Ich hatte als Erzieher Gelegenheit, zahlreiche Offiziere kennenzulernen.“

„Ah, so sagen Sie mir, ob Ihnen der Name Königsau bekannt ist?“

Fast hätte Müller durch eine rasche Bewegung sein Erstaunen verraten. Er beherrschte sich jedoch und antwortete mit nachdenklicher Miene:

„Königsau? Hm! Den Namen müßte ich kennen! Ah, jetzt besinne ich mich! Ein alter Hauptmann aus Blüchers Zeit führt diesen Namen.“

„Richtig, richtig!“ meinte Haller mit französischer Lebhaftigkeit. „Hat dieser Veteran einen Sohn?“

„Jetzt nicht mehr, aber einen Enkel, wenn ich mich nicht irre.“

„Jawohl, ein Enkel war es! Ist dieser nicht Rittmeister bei den Ulanen?“

„Soviel ich weiß, ja.“

„Man sagt, daß dieser ein ausgezeichneter Offizier sei, der von seiten des großen Generalstabes mit wichtigen Arbeiten beschäftigt werde.“

„Möglich. Ich als Erzieher habe natürlich kein Urteil darüber.“

„Kennen Sie die Verhältnisse des Königsau vielleicht näher?“

„Es mag wohl sein, daß ich früher von ihm gehört habe, doch ist es leicht zu entschuldigen, wenn mir jetzt nichts mehr erinnerlich ist. Sie haben Veranlassung, sich nach ihm zu erkundigen?“

„Ja.“

„Wenn ich wüßte, welche Intention Sie dabei leitet, käme dies vielleicht meinem Gedächtnisse zu Hilfe, so daß ich Ihnen Auskunft zu geben vermöchte, Herr Haller.“

„Nun, ich beabsichtige, baldigst nach Berlin zu gehen. Dort werde ich Gelegenheit nehmen, die Bekanntschaft des Rittmeisters zu machen. Sie begreifen, daß es mir sehr angenehm sein würde, bereits jetzt etwas über ihn zu hören.“

„Ah, Sie haben also Grunde, die Bekanntschaft gerade dieses Mannes zu machen?“

„Allerdings. Er ist mir sehr warm empfohlen.“

„Darf ich fragen, von wem?“

„Vom Grafen Rallion“, fuhr es dem Franzosen heraus. Er ahnte aber sofort, daß er jetzt eine Dummheit begangen habe, und fügte, um seine Worte begreiflicher zu machen, hinzu: „Der Graf hat nämlich in Berlin früher seine Bekanntschaft gemacht.“

Damit aber hatte der Franzose den Karren noch tiefer hineingeschoben. Müller erinnerte sich jetzt der militärisch straffen Haltung, mit welcher der Maler in den Garten getreten war, er sah den wohlgepflegten Schnurrbart, die kurz verschnittenen Haare und war nun mit sich über den Maler vollständig im reinen. Darum meinte er mit einem leichten Lächeln:

„Soviel ich mich entsinne, ist Rittmeister von Königsau kein sogenannter Gesellschaftsmensch. Der Dienst geht ihm über alles; er liebt das Studium und infolgedessen die Einsamkeit. Es mag schwer sein, sich bei ihm einzuführen.“

„Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, seine Freundschaft zu erlangen. Aus welchen Personen besteht seine Familie, außer dem bereits genannten Veteran?“

„Aus seiner Mutter und einer Schwester.“

„Ist diese Schwester hübsch?“

„Ich glaube. Ich habe Bekannte, welche von ihr sogar als von einer Schönheit sprechen.“

Müller sagte die Wahrheit. Es tat ihm in diesem Augenblick herzlich wohl, in solcher Weise von der fern Weilenden sprechen zu können. Haller machte ein erfreutes Gesicht und sagte mit jenem Lächeln, welches unter jungen Herren so vielsagend ist:

„Ein Grund mehr, die Bekanntschaft des Rittmeisters zu machen. Ich bin Ihnen herzlich dankbar für die Auskunft, die Sie mir erteilt haben!“

„Und ich bedaure sehr, nicht imstande gewesen zu sein, Ihnen mehr zu sagen. Ich will Ihnen gern wünschen, daß Sie sich nicht enttäuscht sehen mögen.“

Er verbeugte sich höflich und ging dem Park zu. Diese Begegnung gab ihm zu denken. War dieser Maler wirklich ein Deutscher? War er überhaupt ein Maler? Er war mit Rallion, dem größten Feind Deutschlands, gekommen, und zwar aus Metz, dem militärischen Ameisenhaufen. Warum wollte er als Maler in Berlin gerade Müllers Bekanntschaft machen, das heißt also, die des Rittmeisters von Königsau? Warum die Lüge, daß Graf Rallion Königsau kenne? Und wenn dieser Haller kein Maler sondern Offizier war, so hieß er jedenfalls auch anders und ging in einer geheimen Mission nach Berlin. In diesem Falle –

Müller wurde gerade jetzt aus seinem Nachdenken aufgestört, denn eine liebliche Stimme erklang:

„Bon jour, monsieur le docteur! Haben Sie Baronesse Marion nicht gesehen?“

Er blickte auf. Nanon stand seitwärts von ihm. Sie trug ihr lichtes Kleid hoch aufgeschürzt, wie zu einem langen Gang durch Wald und Feld, und ihr volles, freundliches Gesichtchen wurde von einem breitrandigen Gartenhut beschattet. Ihr Haar hing in zwei dicken, blonden Zöpfen über den Rücken herab. Als sie so hinter dem Fliederstrauch hervorlugte, hatte sie ganz das Aussehen einer neckischen Elfe, welche von ihrer Königin die Erlaubnis erhalten hat, sich einmal an dem fröhlichen, glücklichen Menschenleben zu beteiligen.

„Leider nein, Mademoiselle“, antwortete er.

„Sie soll mit Alexander in den Park gegangen sein. Ich suche sie.“

„Vielleicht ist sie nach dem alten Turm.“

Sie sah ihn mit fragender Bitte an. Vielleicht wäre es geraten gewesen, sie zu begleiten, um ihr den Turm zu zeigen; aber der Doktor war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um darüber nachzudenken, ob er als Erzieher die Verpflichtung habe, auch in diesem Fall galant zu sein. Nanon bemerkte dies, warf mit einem trotzigen Schmollen das Köpfchen zurück und antwortete:

„Ich danke Ihnen. Vielleicht finde ich den Turm.“

Damit schritt sie fort, dem Wald entgegen. Dort dufteten bereits die Maien, und zahllose Blüten hingen an den Sträuchern. Sie schlüpfte von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch; bald hatte sie einen Vogel, bald einen Käfer, bald einen früh erwachten Schmetterling zu beobachten. Immer tiefer und tiefer drang sie in den Wald, bis sie endlich nicht mehr weiterkonnte.

„Mon dieu, was ist denn das?“ fragte sie. „Ich glaube gar, hier ist der Weg alle!“ Sie wendete sich um und fügte erschrocken hinzu: „Ach, der scheint ja schon längst alle geworden zu sein! Wo bin ich? Wo ist das Schloß? Und wo ist der alte Turm, den ich suche? Ich habe mich ganz und gar verlaufen!“

So war es allerdings – sie hatte sich verlaufen. Sie suchte nun nach dem richtigen Weg; aber sie fand nicht nur nicht den richtigen, sondern überhaupt keinen Weg. Sie ging immer weiter und weiter und verirrte sich immer mehr. Sie ward müde und setzte sich nieder, um auszuruhen, bis sie bemerkte, daß sie keine Zeit versäumen dürfe. Sie brach also wieder auf und suchte von neuem. Endlich fand sie einen schmalen Pfad, aber er verlief sich im Wald, als sie ihm folgte. Sie kehrte zurück und gelangte an einen Kreuzweg. Sie wandte sich nach rechts, ging eine Viertelstunde lang und mußte dann zu ihrem Herzeleid sehen, daß auch dieser Weg zwischen Sträuchern und Büschen ein Ende nahm.

Nun wurde es ihr angst. Sie kehrte abermals um und begann zu rufen. Aber niemand antwortete; sie befand sich allein, ganz allein im tiefen Wald.

„Daran ist nur dieser Monsieur Müller schuld!“ rief sie fast weinend. „Warum sind doch die Deutschen nicht so galant wie die Franzosen? Sie sind doch in jeder anderen Hinsicht viel besser als diese!“

Und immer weiter ging sie, und immer lauter rief sie. Da horch! War das wirklich eine menschliche Stimme? Nanon rief abermals und blieb stehen, um zu horchen. Ja, aus weiter Ferne drang eine Antwort herüber. Die Verirrte rief wiederholt, und die Antwort kam immer näher, bis endlich ein Mann durch die Büsche brach. Er hatte eine dunkle Hose und eine blaue Bluse an und trug einen großen Sack auf der Schulter – es war Fritz.

Als Nanon ihn erblickte, schlug sie vor Freude die Händchen zusammen und rief:

„Ah, welch ein Glück, Monsieur – Monsieur – wie war gleich ihr Name?“

„Guten Tag, gnädiges Fräulein!“ grüßte er höflich, indem er den Hut vom Kopf nahm. „Schneeberg, Friedrich Schneeberg heiße ich. Aber wie kommen Sie so tief in den Wald?“

„Ich bin in die Irre gegangen“, antwortete sie. „Wollen Sie nicht mein Retter sein – zum zweiten Mal, lieber Monsieur Schneeberg?“

„Oh, wie gern, Mademoiselle!“ rief er. „Ich wollte, ich dürfte Sie hundertmal, nein, tausendmal retten, oder doch wenigstens alle Tage einige Male!“

„Das wäre denn doch zu viel verlangt“, lachte sie, ganz erfreut, daß gerade dieser gute brave Mensch sie gefunden hatte. Sie war ja mit ihm in Marions und des Doktor Bertrands Gesellschaft von der Mosel bis hierher gereist und hatte da trotz der kurzen Zeit Gelegenheit gehabt, die treue Seele kennenzulernen. „Ist es weit nach dem alten Turm?“ fragte sie.

„Man müßte eine volle Stunde gehen“, antwortete er.

„Und nach dem Schloß?“

„Geradeso weit, Mademoiselle.“

„Ach, das kann ich nicht mehr erlaufen!“ klagte sie. „Ich bin so ermüdet; ich muß mich vorher ausruhen.“

Ihr Blick suchte nach einem passenden Plätzchen. Da warf Fritz den Sack zu Boden und sagte:

„Hier ist ein Fauteuil, wie es weicher gar nicht sein kann, Mademoiselle.“

„Dieser Sack? Was ist darin?“

„Kostbare Pflanzen“, antwortete er mit komischer Wichtigkeit. „Sie haben wohl gehört, daß ich bei Doktor Bertrand als Pflanzensammler engagiert bin.“

„Allerdings, ich erinnere mich. Sind Sie denn ein solch guter Botaniker?“

„Das versteht sich!“ lachte er. „Salomo kannte bloß den Ysop und die Zeder, ich aber kenne einige Pflanzen mehr.“

„Wenn aber diese Pflanzen einen medizinischen Zweck haben, darf ich mich doch unmöglich auf sie setzen!“

„Warum nicht, Mademoiselle? Der Medizin tut dies nicht den geringsten Schaden. Der Sack steckt voll Preiselbeerkraut, Scharfgarbe, Weidenblätter und Huflattich. Einen sehr guten Tee wird das freilich nicht geben, aber ein desto besseres Polster. Setzen Sie sich getrost darauf. Es wächst noch eine ganze Masse solches Zeug im Wald.“

„Nun wohl, so muß ich Ihnen den Willen tun“, sagte sie.

Sie ließ sich auf den weichen Sack nieder, und zwar mit einer so natürlichen Grazie und Anmut, daß die wirklich ganz das Aussehen einer Elfe hatte. Der Hut hing ihr am Band im Nacken; er war ihr hinabgerutscht, und nun blickte das liebliche Gesichtchen mit den blauen Augen so freundlich zu ihm empor, daß es ihm heiß um das Herz wurde. Er hätte sich tausend und abertausend Martern unterworfen, um ihr die kleinste Freude zu bereiten.

„Aber nun müssen Sie sich auch setzen, mein lieber Monsieur Schneeberg“, sagte sie.

Er gehorchte und suchte sich einen Ort aus, fern von dem ihrigen.

„Nein, nicht dort“, sagte sie, „sondern hier in meiner Nähe, ganz hier.“

Sie deutete gerade dort hin, wo ihre kleinen, kinderniedlichen Stiefeletten unter dem Saum ihres Gewandes hervorlugten. Fritz wagte keinen Widerspruch und folgte gehorsam ihrer Weisung. Ihr Auge beobachtete dabei seine Bewegungen. Er war ein gewandter Unteroffizier und hatte sich bei der Eskadron die Beine noch lange nicht steif geritten. Seine volle, kräftige, wohl proportionierte Gestalt schmiegte sich behaglich in das grüne Moos, und als er sich da bequem ausstreckte, überflog sie ihn mit einem Blick, dem man ein schwer unterdrücktes Wohlbehagen anerkennen konnte.

„So, nun wollen wir ruhen und plaudern“, meinte sie, „aber wovon? Ah, da fällt mir gleich etwas ein, was ich Sie fragen wollte! Wenn ich nur nicht denken müßte, daß Sie mir es übel nehmen möchten.“

Er blickte sie mit dem ungeheucheltsten Erstaunen an und fragte:

„Ich Ihnen etwas übel nehmen? In meinem ganzen Leben nicht.“

„Nun wohl, so will ich Sie bitten, mir zu sagen, wie Ihre Familie zu dem Namen Schneeberg gekommen ist? Das ist für eine französische Zunge so schwer auszusprechen; das klingt so kalt, so eisig, daß man dabei frieren möchte. Stammen Sie etwa aus Sibirien?“

„Meine Familie?“ sagte er in einem schwermütigen Ton. „Ich habe keine Familie; ich habe weder Vater noch Mutter.“

„Auch nicht einen Bruder oder eine Schwester, Monsieur Schneeberg?“

„Auch nicht, Mademoiselle.“

„So sind sie alle gestorben? Oh, das ist ja traurig, sehr traurig!“

„Ob sie gestorben sind, das weiß ich nicht. Ich bin ein Findelkind gewesen.“

„Ein enfant trouvé, ein Findelkind?“ sagte sie, und sogleich trat auch ein mitleidiger Tropfen in ihr schönes, liebes Auge. „Sie armer Monsieur Schneeberg. Wie ist dies denn zugegangen?“

„Das will ich Ihnen sagen: Da wohnte ein armer Holzhacker zwischen den Bergen, der hatte eine Frau und sechs Kinder, aber nicht genug zu essen für sie alle; der wanderte eines Tages vom Gebirge hinab in die Stadt, um für seinen letzten Gulden Brot für die Seinen zu holen. Als er spät in der Nacht zurückkam, brachte er das Brot und dazu einen kleinen Jungen, den er auf der einsamen Straße bei einer hohen Schneewehe wimmern gehört hatte. Das war ich. Er machte Anzeige, aber es fand sich niemand ein, mich zu reklamieren. Der Holzhacker war ein braver Mann und behielt mich. Weil man nicht wußte, ob ich getauft worden sei, taufte man mich, und ich erhielt, da ich bei einem Berg von Schnee gelegen hatte, den Namen Schneeberg. Mein Pflegevater starb, seine Frau folgte ihm kurze Zeit darauf nach, und ich kam mit den anderen Kindern in das Armenhaus. Dort bin ich aufgewachsen, ohne Liebe, ohne alles, was ein Kind glücklich macht. Ich habe in meinem Leben nur einen einzigen Menschen gefunden, der mir Liebe und Güte erwiesen hat.“

„Wer war das?“

„Mein Rittmeister.“

„Ah, Sie waren Soldat?“

„Ja, Kavallerist.“

„Aber welchen Beruf hatten Sie vorher erlernt?“

„Oh, ich könnte etwas vornehmer tun und sagen, daß ich Friseur gewesen sei; aber ich werde ehrlich sein und eingestehen, daß ich zuerst zu einem Barbier in die Lehre gegangen bin und erst später gelernt habe, Haartouren herzustellen.“ Und mit einem trüben Lächeln setzte er hinzu: „Sie sehen, Mademoiselle, daß ich nichts, fast gar nichts bin in der menschlichen Gesellschaft.“

Da bückte Nanon ihn beinahe zornig an und sagte:

„Wo denken Sie hin, Monsieur! Sie mit Ihrem Mut, Ihrem braven Herzen, Ihrem weichen, sanften Gemüt wären unnütz: Sie haben mir das Leben gerettet! Sie haben mich auf Ihren Armen aus den Fluten getragen; das ist gerade genug getan für ein ganzes Leben. Millionen leben und sterben, ohne daß ihnen ein Mensch das Leben, ja nur eine einzige Stunde seines Lebens verdankt. Eigentlich ist mein Leben Ihr wohlerworbenes Eigentum, und wenn Sie darauf einen Anspruch machen, so bin ich Ihnen einen Dank schuldig, welcher so groß ist, daß ich ihn gar nicht abtragen kann. Sie fühlen jedenfalls Befähigung zu etwas Größerem in sich, als Sie jetzt sind. Wer sagt Ihnen denn, daß Sie kein höheres Ziel erreichen werden?“

Sie hatte sich in einen solchen Eifer hineingeredet, daß ihre Augen blitzten und ihre Wangen glühten. Es war ihr ein Herzensbedürfnis, ihn zu überzeugen, daß er mehr wert sei, als er selbst denke. Dabei war sie in Bewegung gekommen und hatte bei jedem Wort, welches sie betonte, den Nachdruck dadurch zu verstärken gesucht, daß sie ihr Gegenüber mit der Spitze ihres Fußes an die Achsel stieß. Daß dabei nicht nur ihre Stiefelette, sondern auch ein kleiner Teil ihres feinen, weißen Strumpfes frei vom Gewand erscheinen mußte, darauf hatte sie gar nicht geachtet.

Auf dieser weißen Stelle hafteten Fritzens Augen; aber es war kein unheiliger Gedanke, der ihn dabei beschlich, Nanon kam ihm vor wie ein höheres Wesen, wie eine Schöpfung von so unerreichbarer Schönheit, daß er froh sein müsse, den Klang ihrer silbernen Stimme hören und in die Tiefe ihres klaren, reinen Auges schauen zu dürfen.

Er legte die Hand auf sein klopfendes Herz, schloß die Augen und sagte:

„Sie haben recht. Zanken Sie mich nur tüchtig aus! Ich bin der glücklichste Mensch; ich tausche mit keinem anderen, denn ich habe das unendliche Glück gehabt, das liebste und herrlichste Wesen der Welt auf meinen Armen zu tragen.“

Sie blickte ihn scharf an, da sie aber in seinen geschlossenen Augen nicht lesen konnte, so fragte sie:

„Wie meinen Sie das? Wer ist das liebste, herrlichste Wesen der Welt?“

Da schlug er die Augen wieder auf, richtete sie mit größtem Erstaunen auf sie und antwortete:

„Das wissen Sie nicht? Sie, natürlich, Sie sind es!“

„Ich?“ fragte sie unter einem halben melodischen Lachen. „Ich das herrlichste Geschöpf der Erde? Oh, wie irren Sie sich; ich bin ein häßliches, unliebes Ding, welches sich sehr, sehr oft über sich selbst zu ärgern hat!“

„Wenn das ein anderer von Ihnen sagte, so würde ich ihn mit dieser Hand zu Boden schlagen, Mademoiselle; darauf können Sie sich verlassen! An Ihnen ist alles gerade so schön und rein und heilig wie an einer Fee oder an einem Engel. Gerade so, wie Sie sind, habe ich mir als Kind die Engel vorgestellt, und so sind sie mir im Traum erschienen. Warum haben denn auch Sie stets Flügel, wenn ich von Ihnen träume?“

„Ah, Sie träumen von mir?“ fragte sie schnell.

„Ja, fast alle Nächte. Und es ist dann stets nur eins, was ich träume: Sie kommen mit goldenen Flügeln und einer goldenen Krone, um mir den Ort zu zeigen, an welchem ich meine Eltern finden werde.“

„Oh, wie gern würde ich das tun, wie gern würde ich Ihren Traum erfüllen, da ich Ihnen so sehr viel schuldig bin!“

Da richtete er sich halb empor; seine Wangen röteten sich wie unter einem verwegenen Entschluß, und seine Augen schienen tiefer und dunkler zu werden.

„Wenn Sie wirklich glauben, daß Sie mir so sehr viel schuldig sind“, sagte er, „so kann ich Ihnen ein Mittel angeben, diese große Schuld mit einem Mal zu tilgen.“

„Reden Sie, Monsieur Schneeberg! Gegen Sie mir dieses Mittel an!“

„Aber Sie werden es mir übelnehmen, Mademoiselle!“

„Ich? Ihnen? Nein! Ich kann Ihnen ebensowenig etwas übelnehmen wie Sie mir.“

Sein Gesicht erhellte sich, und in einem Ton, dem man es anhörte, daß es dem Bittenden schwer wurde, diese Worte auszusprechen, sagte er:

„Ich entbinde Sie von aller, aller Schuld gegen mich, wenn Sie mir nur ein allereinziges Mal die Erlaubnis geben, dieses schöne, kleine Händchen zu küssen, welches so weiß und zart da in Ihrem Schoß liegt.“ Und als Nanon nicht sofort antwortete, setzte er hinzu: „Nicht wahr, nun sind Sie mir ernstlich bös? Nun habe ich Ihre Güte ganz verscherzt?“

Sie zögerte noch immer, ihm zu antworten; aber ihr Blick ruhte mit einem Ausdruck unbewußter Innigkeit auf seinem jetzt erbleichten Gesicht. Wie oft war ihre Hand geküßt worden von faden, unausstehlichen Salonhelden, die nach Moschus rochen und nach Pomade dufteten, aber nicht imstande gewesen wären, eine Fliege aus dem Wasser zu ziehen. Diese widerwärtigen Zwittergeschöpfe haben sich, ohne zu fragen, ihrer Hand bemächtigt, als eines Gutes, welches ihnen nicht entzogen werden könne. Und hier dieser Mann, der zwar ein einfacher, aber ein ganzer Mann war, bat sich diese Gunst aus, als das größte Glück, welches ihm widerfahren könne, als Äquivalent für ein teures, unbezahlbares Menschenleben. Wie blickten seine treuen Augen so ängstlich in ihr Angesicht! Es stieg ihr heiß aus dem Herzen empor, wie ein allmächtiges Gefühl, dem nicht zu widerstehen war.

„Diese Hand wollen Sie küssen?“ fragte sie. „Nein; sie ist geküßt worden von Herren, von denen Hunderte mir nicht so viel wert sind wie Sie allein: Nicht die Hand, sondern die Wange will ich Ihnen reichen. Kommen Sie, mein lieber Monsieur Schneeberg; küssen Sie mir die Wange, und dann soll von meiner Schuld noch immer nicht einmal das kleinste Teilchen getilgt sein!“

Sie glitt von den Pflanzen herab, welche ihr als Kissen dienten, kniete vor ihn hin und bot ihm in herzig kindlicher Weise ihr reizendes Köpfchen dar. Er legte die Hand leise, leise auf ihre zarte Schulter und berührte mit seinen Lippen noch leiser und vorsichtiger ihre erglühende Wange. Sie fühlte diese Berührung kaum; sie senkte das Köpfchen zur Seite, so daß ihre Wange fest an seinen Mund zu liegen kam, und dann fragte sie: „So! War es so recht?“

Es war wie ein süßer, süßer Rausch über ihn gekommen. Sein Auge flammte auf; seine Brust hob und senkte sich, und sein Atem ging schnell, als er ihr antwortete:

„Mademoiselle, Sie haben mich einen Augenblick lang in den Himmel schauen lassen. Ich sage Ihnen, daß ich diese Stunde niemals vergessen werde. Nie, so lange ich lebe, wird es ein anderes Mädchen geben, welches von meinen Lippen berührt werden wird. Der Mund, der Sie geküßt hat, ist geheiligt; er darf nie, nie entweiht werden.“

Sie kniete noch immer vor ihm. War es mädchenhafte Begeisterung, war es ein zarteres Gefühl, oder war es nur die reine Dankbarkeit, von welcher sie fortgerissen wurde – sie legte ihm jetzt beide Hände auf die Schultern und sagte unter der Glut tiefster Errötung:

„Für ein solches Opfer war dieser Kuß zu wenig; das muß ein anderer sein.“

Sie zog des Überraschten Kopf näher an sich, legte ihre Lippen auf seinen Mund und küßte ihn ein-, zwei-, dreimal, so fest und innig, als ob sie seine Geliebte sei. Dann aber sprang sie auf, warf die nach vorn gefallenen Zöpfe über die Schultern und sagte:

„Nun aber kommen Sie. Wir haben lange genug ausgeruht, und es wird Zeit, daß ich nach dem Schloß gehe.“

Auch Fritz erhob sich. Er fühlte das Blut an seinen Schläfen pochen; er schien zu taumeln. Er sah nicht die Bäume und nicht die Sträucher; er sah nur sie, die Geliebte allein. Er legte beide Hände an den Kopf, um zu sehen, ob er auch wirklich noch er selbst sei, und dann führte er Nanon fort von der Stelle, ohne an den Kräutersack zu denken, der noch am Boden lag.

Die beiden glücklichen Menschen schritten eine Zeitlang schweigend durch den Wald, bis Marions Freundin in lebhafter Erinnerung an das, was er ihr gesagt hatte, die Stille unterbrach:

„Ich erscheine Ihnen also im Traum und zeige Ihnen den Ort, an dem sich Ihre Eltern befinden?“

„Ja, Mademoiselle.“

„Träume sind Schäume, aber zuweilen spricht Gottes Stimme im Traum zu den Menschen. Oh, wäre doch der Ihrige von Gott gesandt! Haben Sie denn gar keine Ahnung, wessen Kind sie gewesen sein könnten?“

„Nein, nicht die mindeste.“

„Hat sich in der Kleidung, welche sie trugen, kein Zeichen gefunden? Haben Sie denn gar nichts, gar nichts bei sich gehabt, was der Vermutung Ihrer Herkunft einen Anhalt geben könnte? Sind denn keine Nachforschungen angestellt, keine Erkundigungen eingezogen worden?“

„Ich habe in einem Pelzchen gesteckt, welches ganz aufgeweicht gewesen und bald verloren gegangen ist. Im Hemdchen und Unterkleidchen sind Zeichen gewesen; da aber alles naß war, so hat meine Pflegemutter beide am Ofen aufgehängt, um sie zu trocknen. Plötzlich ist beim öffnen der Ofentür durch einen unerwarteten starken Windstoß in die Esse die Flamme aus der Feuerung geschlagen und hat sowohl das Kleidchen als auch das Hemd verzehrt. Außerdem hat ein dünnes, goldenes Kettchen an meinem Hals gehangen, mit einem großen Zahn, wie zum Spielen, aber wohl infolge des Aberglaubens, daß solche Mittel das Zahnen der Kinder erleichtern. Dieser Zahn war –“

Nanon wahr in höchster Überraschung stehen geblieben.

„Dieser Zahn war ein Löwenzahn?“ unterbrach sie ihn rasch in einem Ton, aus welchem die Angst erklang, daß Fritz ihre Frage verneinen werde.

„Ich traf einst den berühmten Naturforscher Brehm“, antwortete er; „das heißt, ich hatte ihn zu bedienen und wagte es, ihm den Zahn zu zeigen. Er erklärte ihn sofort für den Reißzahn eines Löwen.“

Da schlug sie die Hände zusammen und rief:

„Mein Gott, ist das möglich? Der Reißzahn eines Löwen! Haben Sie den Zahn noch?“

„Ja. Ich trage ihn am Hals.“

„Zeigen Sie her! Zeigen Sie schnell!“

„Haben Sie einen Grund, ihn sehen zu wollen, Mademoiselle?“ erkundigte er sich.

„Ja, einen sehr triftigen Grund“, antwortete sie. „Also zeigen Sie her, schnell!“

Fritz öffnete die Bluse und die Weste, nestelte ein wenig am Hals und brachte dann ein feines, dünnes Goldkettchen zum Vorschein, an welchem ein großer, gelblichweißer, nach der Spitze zu leicht gebogener Zahn hing. Nanon nahm denselben in die Hand und betrachtete ihn.

„Verstehen Sie etwas von Heraldik?“ fragte sie dann.

„Nein, nichts“, antwortete er.

„Nun, so sehen Sie einmal her! Welche Form hat die goldene Fassung des Zahns?“

„Sie bildet eine Krone, Mademoiselle.“

„Ja, aber nicht etwa eine Phantasiekrone. Es ist ganz genau eine Grafenkrone mit Perlenzacken, und – ah!“

Sie betrachtete den Zahn genauer und untersuchte, mit welcher Festigkeit er in der Fassung steckte. Dann stieß sie einen Ruf der Überraschung aus und sagte:

„Sehen Sie, Monsieur, daß der Zahn sich drehen läßt! Haben Sie das noch nie versucht?“

„Nein, niemals“, antwortete er, mit Spannung auf ihre weißen Fingerchen blickend, welche mit Anstrengung an dem Gegenstand herumarbeiteten.

„Jetzt!“ rief sie. „Jetzt geht es! Sehen Sie, daß man daran schrauben kann? Der Zahn ist mit einem Gewinde versehen und läßt sich abschrauben. Hier, blicken Sie her!“

Es gelang ihr, den Zahn aus der Krone zu schrauben, und nun zeigte sich eine Merkwürdigkeit, welche allerdings geeignet war, die beiden in Erstaunen zu setzen. Die natürliche Höhlung des Zahnes war erweitert worden und enthielt ein feines Elfenbeinblättchen, dessen eine Seite das wunderbar künstlerisch ausgeführte Miniaturporträt einer sehr schönen, jungen Frau zeigte. Darunter standen die Buchstaben und Zahlen H.v.G. 1845. Die andere Seite enthielt den Kopf eines stattlichen Mannes, und darunter war zu lesen: K.v.G. 1845.

Nanon betrachtete das Porträt der Dame sehr aufmerksam und sagte dann:

„Sie ist es; ja, sie ist es; ich erkenne sie wieder, obgleich sie älter aussah, als hier auf dem Bild. Monsieur Schneeberg, diese Frau muß ihre Mutter sein und der Herr Ihr Vater!“

Fritz stand da ganz ohne Bewegung. Er wußte gar nicht, wie ihm geschah. Eine Grafenkrone! Und diese beiden Personen sollten seine Eltern sein! Es war ihm, als hätte er einen Schlag vor den Kopf bekommen.

„Sie kennen diese Dame?“ fragte er.

„Ja und nein, Monsieur“, antwortete Nanon. „Es war in Paris während einer Soiree, als mir eine sehr schöne Dame auffiel, da sie ganz in Schwarz gekleidet ging. Ich erkundigte mich, wer sie sei, und man sagte es mir. Ich habe jedoch den Namen wieder vergessen. Sie war eine Deutsche, und zwar die Frau eines preußischen Generals. Ich erfuhr, daß sie stets in Schwarz gehe, weil sie den schrecklichen Verlust zweier Kinder betrauere.“

„Die gestorben waren?“

„Nein, sie waren ihr auf einer Reise abhanden gekommen und nicht wiederzufinden gewesen. Etwas weiteres konnte ich nicht erfahren. Nur das sagte man mir, es sei sehr zu verwundern, daß man die Verschwundenen nicht entdeckt habe, da ihre Kleidchen gezeichnet gewesen seien und jeder der Zwillinge einen Löwenzahn an einem feinen Goldkettchen am Hals getragen habe; es sei also sehr zu vermuten, daß ein Verbrechen vorliege.“

„Den Ort, an welchem die Kinder verlorengegangen sind, wissen Sie nicht?“

„Nein. Ich habe mit der Dame selbst gar nicht gesprochen und das, was ich Ihnen jetzt sage, erfuhr ich so nebenbei, wie ja die Unterhaltung oft von dem einen auf das andere springt. Seit jener Soiree sind bereits zwei Jahre vergangen, und doch sagte man mir, daß die Dame bereits damals über zwanzig Jahre getrauert habe.“

„Wenn Sie doch den Namen wüßten, Mademoiselle!“ stieß Fritz hervor.

„Ich werde ihn erfahren, ganz gewiß! Ich werde an die Freundin schreiben, welche damals die Gesellschaft gab, und den Namen der Generalin ganz sicher erfahren. Verlassen Sie sich darauf, daß ich noch heute den Brief absenden werde!“

„Ich danke Ihnen Mademoiselle!“ sagte er. „Seit der Zeit, in welcher ich denken lernte, habe ich mich gesehnt, meine Eltern zu finden. Ich habe mitten im Weg im Schnee gelegen, bin also wohl aus einem Schlitten verloren worden und gehöre nicht zu jenen unglücklichen, kleinen Geschöpfen, welche von ihren Eltern verleugnet und mit Absicht einer ungewissen Zukunft überantwortet werden. Stets habe ich mir gesagt, daß meine Eltern mich gegen ihren Willen verloren haben und einen immerwährenden Kummer, eine nie gestillte Sehnsucht nach mir im Herzen tragen müssen. Darum habe ich oft heiß und innig Gott gebeten, mich wieder mit ihnen zusammenzuführen. Danach, ob sie reich oder arm, vornehm oder gering sind, habe ich nie gefragt. Ja, ich gestehe Ihnen, daß es mir lieber sein würde, der Sohn eines niedrigen, als der eines vornehmen Mannes zu sein, da ich die Bildung nicht genossen habe, welche mich befähigt, den Anforderungen einer höheren Lebensstellung Genüge zu leisten. Ich habe die Hoffnung, daß Gott mein Gebet erhören werde, niemals sinken lassen. Es ist ein schöner Kinderglaube, daß Gott seine Engel sendet, wenn er die Bitte eines Sterblichen erfüllen will; ich habe diesen Glauben stets festgehalten, und als Sie mir im Traum als Engel erschienen, da war es mir, als sei es eine Sünde, an Ihrer Sendung zu zweifeln. Jetzt will mir der Beweis werden, daß dieser Traum nicht zu den unerfüllbaren gehöre. Der erste Fingerzeig auf der Suche nach den Eltern wird mir durch Sie. Sollte mir die Seligkeit beschert sein, jene zu finden, so werde ich Sie als einen Boten Gottes verehren, so lange ich lebe, und bis zu meiner Todesstunde werde ich den heutigen Tag segnen, der mir die Offenbarung gebracht hat, daß wir die Seligkeit nicht allein in der Bibel und nicht nur im Jenseits zu suchen haben.“

Seine Worte hatten einen herzlichen, inneren Klang. Seine Augen waren mit einem Ausdruck auf Nanon gerichtet, wie der Betende eine Heilige oder die Madonna anschaut. Seine Lippen zuckten leise unter den Gefühlen, welche in diesem Augenblick sein Herz erfüllten. Das Mädchen sah es; es hörte nicht nur den seelenvollen Klang seiner Stimme, nein, es fühlte ihn auch; er drang ihm in die heimlichsten Räume seines Herzens hinab. Und aus diesen Räumen stieg eine Regung empor, so rein und innig, so süß und traut, wie Nanon eine gleiche im ganzen Leben noch nie gefühlt hatte. Sie reichte ihm die Kette mit dem Löwenzahn hin und sagte:

„Es kann jeder Mensch ein Engel sein, wenn er dem Gebote Gottes folgt, welches Liebe und Erbarmung predigt. Ich würde sehr glücklich sein, falls Ihr Traum durch mich in Erfüllung gehen sollte. Ich bin so gespannt auf die Antwort meiner Freundin, als ob ich selbst das verlorene Kind sei, welches seine Eltern sucht. Wo aber kann ich Sie finden, um Ihnen diese Antwort mitzuteilen?“

„Bei Doktor Bertrand, bei welchem ich ja wohne, Mademoiselle.“

„Gut. Sie sollen nicht lange auf mich zu warten haben. Jetzt aber kommen Sie, damit ich endlich den Weg nach dem Schloß finde.“

Fritz hing die Kette wieder um, führte seine Schutzbefohlene dann weiter und erreichte bald einen gebahnten Weg, aber er verließ Nanon nicht eher, als bis sie sich dem Schloß soweit genähert hatten, daß sie es sehen konnten. Da nahmen die beiden Abschied voneinander. Ihm war zumute, als ob er dem Schloß das höchste, köstlichste Gut der Erde anvertraue, und sie trennte sich von ihm mit der Überzeugung, daß dieser Mann es wert sei, die Gunst des Schicksals in höherem Grad zu erringen als bisher.

Als die Freundin Marions hinter den Bäumen und Sträuchern des Parks verschwunden war, drehte der Kräutersammler sich um und kehrte langsam in den Wald zurück. Es war ihm, als sei er in der letzten Stunde ein ganz anderer Mensch geworden. Dieses schöne, herrliche Wesen hatte ihn geküßt. Er fühlte den warmen, weichen Druck ihrer Lippen noch jetzt auf den seinigen. Es deuchte ihm, als sei er durch diese Berührung gefeit gegen alles Unglück des Erdenlebens, als habe er eine Weihe erhalten, die ihn berechtigte, sein Auge selbstbewußter aufzuschlagen, als er es bisher getan. Er fühlte eine Spannung in seinem Innern und Äußeren, in seiner Seele und in seinem Körper, einen Drang, seine Kraft zu betätigen, eine Sehnsucht nach Taten, durch welche er der Geliebten ebenbürtig werden könne.

Der Gedanke, daß der Zahn in eine Grafenkrone gefaßt war, machte dem Nachdenkenden nur wenig zu schaffen. Dieser Umstand konnte ein sehr trügerischer sein und gab ihm noch lange nicht die Berechtigung zu der Annahme, daß er der Sohn eines Grafen sei. Ganz im Gegenteil, der nächste Gegenstand, welcher ihn beschäftigte, war sein vergessener Kräutersack. Denselben wollte er nicht liegen lassen und schritt also der Gegend wieder zu, in welcher der Ort lag, wo er mit Nanon gesessen hatte.

Dort angekommen, fand er den Vermißten. Er hob den Sack jedoch nicht sogleich auf, um sich mit ihm zu entfernen, sondern er legte sich langsam wieder nieder, gerade an derselben Stelle, auf welcher er vorher gelegen hatte. Und nun stellte er sich vor, daß auch sie wieder da vor ihm auf dem Kräutersack ruhe. Er sah die sanften Züge ihres Gesichtes, den reinen, kindlichen Blick ihrer blauen Augen, er hörte den seelenvollen Ton ihrer Stimme und vergegenwärtigte sich jedes Wort, welches sie gesprochen hatte. Er schloß die Augen und träumte von ihr, träumte so lange, daß er fast erschrak, als er die Augen öffnete und bemerkte, daß es bereits zu dunkeln begann.

„Sapperlot“, sagte er zu sich, „da liege ich und vergesse meine Pflicht. Ich muß ja nach dem Turm, um dort meinen Posten zu beziehen! Vorwärts, Fritz, das Sinnen führt zu nichts; es muß gehandelt sein!“

Er erhob sich, warf den Sack auf eine Schulter und verließ den Ort.

Aber er war doch noch nicht ganz Herr seiner Gedanken, denn er ging in die ganz entgegengesetzte Richtung fort, als notwendig gewesen wäre, um den Turm zu erreichen. Zunächst bemerkte der Dahinschreitende seinen Irrtum nicht. Es war schnell dunkel geworden, und da ein Baum dem anderen ähnlich sieht, so war eine Täuschung leicht möglich. Nach einer längeren Zeit jedoch blieb er stehen, um sich zu besinnen.

„Was ist denn das?“ fragte er sich. „Ich bin bereits eine halbe Stunde gelaufen und müßte also schon längst irgendeinen Weg erreicht oder einen gekreuzt haben. Ich hoffe nicht, daß ich vielleicht gar im Kreis gehe, wie es einem im Wald leicht passieren kann!“

Er ging weiter. Es wurde immer dunkler, und zugleich nahm der Wald an Dichtigkeit zu. Fritz konnte bald nur noch durch das Gefühl die Bäume voneinander unterscheiden und mußte sich oft bücken, um unter den niedersten Ästen hinwegzukommen.

„Ja, ich habe mich richtig verlaufen“, dachte er. „Soll ich umkehren? Nein, das würde die Sache nur verschlimmern, denn den Ort, von dem ich ausgegangen bin, finde ich in der Finsternis doch nicht wieder. Dieser Forst ist kein unendlicher Urwald; wenn ich immer geradeaus gehe, komme ich doch endlich heraus. Also weiter!“

Er hielt sich immer in der eingeschlagenen Richtung. Freilich mußte er sich forttasten und konnte also keine raschen Schritte machen. So war er weit über eine Stunde gewandert, als sich plötzlich der Wald, gerade als er am dichtesten schien, öffnete und den mit Sternen besetzten Himmel sehen ließ. Fritz blieb stehen, um sich zu orientieren.

Sonderbar! Gerade vor ihm, zwanzig Schritte von ihm entfernt, erhob sich eine hohe, dunkle Masse, so kompakt und lückenlos, daß sie nicht durch Bäume gebildet sein konnte. Er ging darauf zu und tastete vorsichtig. Es war eine steinerne Mauer, welche er fühlte. Er blickte an ihr empor gegen den Sternenhimmel und gewahrte da, daß ihre obere Linie höchst unregelmäßig lief. Hier und dort hoch auf der Erde liegendes Geröll belehrte ihn, daß er wahrscheinlich vor einer Ruine stehe. Die Ruine des Turms aber war es nicht; das wußte er gewiß.

Das Gemäuer war sehr hoch und schien sich auch nach rechts und links weit hinzuziehen, er vermutete, daß es die hintere Wand eines einst sehr ausgedehnten Bauwerks sei. Er wendete sich zur Seite und schritt an der Mauer hin. Der umherliegende Schutt machte ihm das Gehen schwer, und er erreichte die Ecke, ohne einen Eingang oder eine sonstige Öffnung bemerkt zu haben. Jetzt bog er nach der anderen Seite ein. Ein Blick gegen den Himmel belehrte den Forschenden, daß das Gebäude hier eine größere Höhe habe. Es zeigte mehrere übereinander liegende Fensterreihen, welche aber kein einziges Glas mehr zu enthalten schienen.

Hier auf dieser Seite schien das Mauerwerk besser erhalten zu sein, denn auf dem Boden lagen keine Trümmer, und nur zuweilen stieß der Fuß an einen herabgefallenen Steinbrocken, sonst aber fühlte Fritz nichts als weiches Gras, welches seine Schritte fast unhörbar machte. So war er eine bedeutende Strecke diesseits der Mauer hingegangen, als es ihm war, als ob er nahende Schritte hörte. Sofort sprang er von der Mauer fort und hinüber hinter die Bäume, wo er nicht mehr bemerkt werden konnte.

Sehr bald sah er, daß er sich nicht getäuscht habe, denn kaum hatte er sich unter die Bäume niedergeduckt, als er drei Gestalten bemerkte, welche näher kamen, gerade aus der Richtung, aus der auch er gekommen war. Vorher hatte er nur den Schall ihrer Schritte gehört, jetzt aber vernahm er auch ihre Stimmen, denn sie sprachen miteinander.

„Heute hätte ich nicht erwartet, das Zeichen auf der Linde zu sehen“, sagte der eine.

„Es muß eine außerordentliche Veranlassung sein, welche den Alten treibt, uns zusammenkommen zu lassen“, bemerkte der andere.

„Ich vermute diese Veranlassung“, meinte der dritte.

„Nun, was mag es sein?“

„Der Alte hat vornehmen Besuch bekommen. Ich war in Thionville und sah, daß er Besuch abgeholt hatte. Er saß mit zwei Herren im Wagen, und mehrere Diener folgten in der zweiten Kutsche. Das steht jedenfalls in Beziehung zu unserer Versammlung.“

Damit waren jene vorübergeschritten, und Fritz konnte nichts weiter verstehen. Aber er hatte doch gehört, daß hier eine geheime Zusammenkunft abgehalten werden solle, und hielt es für wichtig, mehr über dieselbe zu erfahren. Darum versteckte er seinen Sack unter einer jungen Buche, deren niedere Äste sich fast bis zum Boden erstreckten, so daß man ihn, zumal jetzt bei Nacht, nicht entdecken konnte. Sodann fühlte er in die Taschen, um sich zu überzeugen, daß er seine Waffen noch bei sich habe, trat unter den Bäumen hervor und folgte den drei Männern, natürlich sehr leise und vorsichtig, um nicht bemerkt zu werden.

Es gelang ihm, den Voranschreitenden so nahe zu kommen, daß das Geräusch ihrer Schritte an sein Ohr drang; sich noch weiter zu nähern, hielt er nicht für ratsam.

Der Diener war ihnen nur eine kleine Strecke gefolgt, als er einen Anruf hörte, auf welche drei Stimmen ganz dieselbe Antwort zu geben schienen. Im nächsten Augenblick waren die Schritte verklungen; er konnte sie trotz allen Lauschens nicht mehr vernehmen.

Was war das? Stand hier ein Posten, eine Schildwache?

Der Horcher glitt ganz leise vorwärts. Da vernahm er vor sich ein leises Räuspern und hielt an. Eine breite, dunkle Stelle in der Mauer des Gebäudes ließ ihn vermuten, daß sich hier ein Torweg befinde. Unter diesem stand jedenfalls der Mann, welcher soeben einen Hustenreiz unterdrückt hatte. Fritz trat wieder hinüber unter die Bäume und glitt vorwärts, bis er sich dem Tor gegenüber befand.

Hier sah er eine tiefe, breite Durchfahrt, in deren hinterem Teil das Licht einer Blendlaterne einen Lichtkreis erzeugte, welcher eher imstande war, die Finsternis noch dichter erscheinen zu lassen, als sie zu erhellen. Diese Durchfahrt war mit keinem Tor versehen, und gegen den Schein der Blendlaterne zeichnete sich daher die Gestalt eines Mannes ab, welcher im Eingang stand und mit einem Gewehr bewaffnet war.

Fritz hatte die Beobachtung kaum gemacht, als er wieder Schritte hörte. Sie kamen von der anderen Seite her. Ein Mann näherte sich. Als er das Tor erreichte, fragte die Wache:

„Qui vive – Wer da?“

„Un défenseur de la France – ein Verteidiger Frankreichs“, lautete die Antwort.

„Il passe – er kann passieren.“

Auf diesen Bescheid des Postens trat der Mann ein, durchschritt die Durchfahrt und verschwand dann im Dunkel des hinter ihr liegenden Raums.

Fritz fragte sich, was nun zu tun sei. Er war sehr mit sich im Zweifel darüber.

„Das Beste ist, zu fragen, was mein Rittmeister oder vielmehr mein Doktor Müller jetzt an meiner Stelle tun würde“, sagte er zu sich. „Es handelt sich um eine geheime Zusammenkunft, welche jedenfalls hochpolitischer Natur ist. Um etwas Näheres zu erfahren, muß man die Leute belauschen, und um sie zu belauschen, muß man eintreten. Das ist zwar unter allen Umständen verteufelt gefährlich, aber ich bin überzeugt, daß der Herr Rittmeister es wagen würde. Warum du nicht also auch, Fritz? Erwischen Sie mich, nun, so hatte ich mich verirrt und war vor Ermüdung in dieser Ruine eingeschlafen. Die Hauptsache ist, zu erfahren, ob die Parole, welche ich soeben gehört habe, für alle gilt. Ich werde dies also abwarten.“

Der Lauscher setzte sich nieder und wartete. Es kamen in kurzer Zeit von rechts und links mehrere Leute, welche alle in der Weise angerufen wurden und auch genauso antworteten, wie er vorhin gehört hatte. Da trat er also, kurz entschlossen, unter den Bäumen hervor und schritt auf den Eingang zu, als ob er die Lokalitäten ganz genau kenne.

„Qui vive – Wer da?“ fragte der Posten.

„Un défenseur de la France – ein Verteidiger Frankreichs“, antwortete er.

„Il passe – er kann passieren!“ lautete der Bescheid.

Fritz trat ein, schritt durch den Gang, bei der Laterne vorbei und befand sich nun, wie er bemerkte, in einem großen viereckigen Hof, der rings von hohen Gebäuden umgeben zu sein schien. Geschlossene Mauern konnten es nicht sein, welche das Viereck bildeten, denn diese wären nicht so hoch gewesen, und zudem war es dem Deutschen ganz so, als ob er zahlreiche dunkle Fensteröffnungen erkenne. Und bei weiterer Aufmerksamkeit bemerkte er, daß an den vier Ecken das dunkle Mauerwerk höher emporragte, als es an den Seiten der Fall war.

Er beschloß daher, zunächst den Hof zu umschleichen, um sich zu orientieren. Während er dies tat, überzeugte er sich, daß an jeder Ecke einst ein Turm gestanden hatte. Alle vier waren mit einem schmalen Eingang versehen. So groß das Viereck aber auch war, und so viele Fenster es auch hatte, keines derselben war erleuchtet.

Wohin gingen alle die Leute, welcher er auch jetzt noch kommen hörte? Er beobachtete sie und bemerkte, daß sie im Eingang eines dieser Türme verschwanden. Ganz tief unten in diesem Eingang sah er ein Licht glänzen.

Gab es da unten auch eine Parole, eine Losung? Das mußte er erfahren. Fritz legte sich hart am Eingange, dicht an der Mauer, auf den Boden und wartete. Nach einer Weile kam einer dahergeschritten. Während er eintrat, fiel der Lichtschein auf sein Gesicht, und da bemerkte Fritz, daß der Mann eine schwarze Maske trug.

Er horchte. Als der Mann mehrere Schritte gegangen war, ertönte die Frage:

„La légitimation?“

„Je meurs pour la patrie – ich sterbe für das Vaterland“, antwortete er.

„Avance – gehe weiter!“

Fritz blieb noch eine Weile liegen und beobachtete, daß alle Ankommenden schwarze Masken trugen. Es waren noch immer dieselben Worte, mit welchen sie angerufen wurden, und welche sie antworteten. Dann verschwanden sie im Hintergrund.

„Ach, wenn ich auch eine Larve hätte, so wäre alles gut. Es ist fast gewiß, daß die Maske gar nicht abgelegt wird, damit sich die Verschwörer untereinander nicht erkennen. Das würde mir meine vollständige Sicherheit garantieren. Aber, beim Teufel, ist es denn so ganz unmöglich, sich ein solches Ding zu verschaffen? Pah! Ich nehme einen dieser Kerls bei der Gurgel, dann habe ich ja sogleich das, was ich brauche.“

Gesagt, getan. Er erhob sich und huschte etwas weiter zurück, so daß er gerade in die Mitte zwischen dem Haupttor und dem Turm kam. Dort duckte er sich nieder und wartete. Bereits nach wenigen Augenblicken kam ein Mann. Fritz ließ ihn vorüber, erhob sich aber schnell hinter ihm, faßte ihn mit beiden Händen an der Gurgel und drückte dieselbe so fest zusammen, daß der Mann keinen Laut ausstoßen konnte. Er sank auf den Boden nieder und blieb da lang ausgestreckt liegen. Fritz faßte ihn an und trug ihn in die entfernteste Ecke. Dort untersuchte er ihn. Der Mann trug die gebräuchliche Bluse, welche mit einem Gürtel um die Hüften befestigt war. Fritz nahm den letzteren und zerschnitt ihn in drei lange Riemen, mit denen er die Arme und Beine des Mannes in der Weise fesselte, daß sich derselbe nicht regen konnte. Dann nahm er ihm die Maske vom Gesicht und steckte ihm sein eigenes Taschentuch in den Mund, so daß es jenem unmöglich war, um Hilfe zu rufen, falls er erwachte. Die Maske band der kühne Deutsche nun sich selbst vor und schritt dem Tor zu.

Er gestand sich selbst ein, daß er ein höchst gefährliches Wagstück unternehme, aber der mutige Unteroffizier bebte vor nichts zurück; es galt ja, dem Vaterland und seinem Rittmeister einen Dienst zu erweisen. Überdies hatten das Zusammentreffen und die Unterredung mit Nanon den jungen Mann in eine Art von Begeisterung versetzt. Sie hatte ihm gesagt, daß er befähigt sei, höhere Ziele zu erreichen. Diese Worte klangen ihm noch jetzt im Ohr, und, um sie zu bewahrheiten, mußte er Taten vollbringen; durch Träumereien erreicht man niemals einen Zweck.

Er trat beherzt in den Turm ein und schritt auf das Licht zu. Dort stand abermals ein Posten, welcher mit einem Gewehr bewaffnet war, ihm dasselbe entgegenhielt und fragte:

„La légitimation?“

„Je meurs pour la patrie – ich sterbe für das Vaterland“, antwortete Fritz. Und damit hatte er ja keine Unwahrheit gesagt, er bewies ja durch seine gegenwärtige Kühnheit, daß er bereit sei, für sein Vaterland das Leben zu wagen. Freilich war bei ihm unter Vaterland nicht Frankreich, sondern Deutschland zu verstehen.

„Avance – gehe weiter!“

Bei diesen Worten nahm der Posten sein Gewehr zurück und ließ Fritz passieren.

Dieser befand sich jetzt in einem engen Gang, der in gewissen Entfernungen von Lampen erleuchtet war und an einer Treppe endete, welche in die Tiefe führte. Fritz stieg hinab und gelangte durch einen ähnlichen Gang an eine Tür, welche nur angelehnt war. Er öffnete und befand sich in einem großen, unterirdischen Saal, in welchem sich bereits mehrere hundert Menschen aufhielten, welche alle maskiert waren. Der Raum war von mehreren großen Leuchtern ziemlich gut erhellt. An der hintersten Wand gab es eine Erhöhung, auf welcher mehrere Stühle standen.

Die Anwesenden verhielten sich vollständig schweigsam. Sie standen wortlos einer neben dem anderen und erwarteten bewegungslos, was da kommen werde.

Nach und nach trafen immer mehr ein, so daß sehr bald der Saal vollständig gefüllt war. Jetzt trat einer der Anwesenden zur Tür, zog einen riesigen Schlüssel hervor und verschloß sie. Beim Kreischen des alten Schlosses durchschauerte es den Deutschen. Es war ihm, als ob er sich in eine hoffnungslose Gefangenschaft begeben habe.

Kaum war der Eingang verschlossen, so ertönte eine Glocke, und im Hintergrund öffnete sich eine zweite Tür. Drei Männer traten herein und bestiegen die Erhöhung. Zwei von ihnen nahmen auf den Stühlen Platz, der dritte aber blieb stehen. Unter seiner schwarzen Halbmaske blickte ein großer, eisgrauer Schnurrbart hervor. Wer den alten Kapitän von Schloß Ortry nur ein einziges Mal gesehen hatte, der konnte gar nicht im Zweifel darüber sein, daß derselbe jetzt dort auf dem Podium stand.

Die Glocke ertönte abermals, und der Alte erhob die Hand, zum Zeichen, daß er sprechen wolle.

„Ich habe heute das Zeichen zur Versammlung gegeben“, begann er, „um euch zu sagen, daß endlich die Zeit gekommen ist, zur Tat zu schreiten. Diese Tat erfordert Vorübungen, und so habe ich den Entschluß gefaßt, euch die Waffen –“

Er hielt plötzlich inne und lauschte. Er und alle Anwesenden hatten drei rasche Schläge gehört, welche am vorderen Eingang geschahen. Die Schläge wiederholten sich und erzeugten sogleich eine außerordentliche Unruhe unter der Versammlung.

Der Posten, welcher am Haupteingange stand, hatte nämlich geglaubt, seiner Pflicht genügt zu haben, und sich, als seiner Meinung nach der letzte Mann eingetreten war, nach dem Hof begeben wollen, als noch einer erschien. Dieser wurde von ihm angeredet wie die anderen und gab die vorgeschriebene Antwort. Er mußte also eingelassen werden. Aber der Posten schüttelte den Kopf.

„Sollte ich mich verzählt haben?“ murmelte er. „Es ist einer zuviel eingetreten. Ich werde, um sicher zu sein, doch nach dem Turm gehen, mich zu erkundigen.“

Er trat in den Hof. Er war mißtrauisch geworden, und das Mißtrauen schärft unter solchen Umständen die Sinne. Er blieb stehen, um zu horchen, und da war es ihm, als ob er ein unterdrücktes, angstvolles Stöhnen vernehme.

„Was ist das?“ fragte er sich. „Das klingt ja geradeso, als ob einer ersticke oder abgewürgt werden solle. Die Töne kommen von dort herüber.“

Der Posten nahm sein Gewehr in Anschlag und schritt der Richtung entgegen, die er angegeben hatte. Er kam so in die dem Versammlungsturm gegenüberliegende Ecke. Das Stöhnen war, je näher er kam, immer vernehmlicher geworden, und nun sah er eine dunkle Masse vor sich liegen, welche diese Töne ausstieß. Er bückte sich vorsichtig nieder und erkannte, daß ein Mensch am Boden lag.

„Alle Teufel, wer ist das?“ fragte er.

Ein abermaliges Stöhnen antwortete. Es schien aus der Nase des Daliegenden zu kommen. Der Posten bückte sich nieder, um diesen zu betasten.

„Ah, gefesselt und geknebelt!“ sagte er. „ Warte einmal!“

Er zog dem Mann das Tuch aus dem Mund, welches nicht verhindert hatte, daß dieser durch die Nase wimmern konnte, und fragte ihn:

„Bist du ein Bruder?“

„Mein Gott, ja“, lautete die Antwort, „ein Verteidiger Frankreichs.“

„Das stimmt. Aber nun sage auch das Paßwort! Wie lautet die Legitimation?“

„Ich sterbe für Frankreich!“

„Richtig! Aber wie bist du denn, zum Teufel, in diese Lage gekommen?“

„Das werde ich dir erzählen; nur löse mir vorher die verdammten Fesseln!“

„Werde mich wohl hüten! Erst muß ich mich überzeugen, ob das angebracht ist.“

„Nun“, erzählte der andere, „ich war an dir vorüber und ging nach dem Turm; da faßte mich jemand von hinten und drückte mir den Hals so fest zusammen, daß ich die Besinnung verlor. Als ich wieder zu mir kam, lag ich gefesselt und geknebelt hier in der Ecke. Glücklicherweise konnte ich durch die Nase stöhnen. Du hast es gehört. Eile, um anzuzeigen, daß ein Verrat im Werke ist!“

„Donnerwetter, das genügt, um dich zu erlösen! Aber wo ist deine Maske?“

„Sie ist mir jedenfalls von dem, welcher mich würgte, abgenommen worden.“

„Ah, er hat keine mitgehabt und brauchte sie, um in die Versammlung zu kommen. Das ist ein mutiger, aber gefährlicher Mensch; der muß festgenommen werden.“

Er löste die Riemen des Gefesselten, und nun eilten die beiden nach dem Turm. Dort erkannten die beiden Posten beim Schein des Lichts den Überfallenen. Es war ein Bewohner der Umgegend, gegen den man kein Mißtrauen haben konnte.

„Geh heim“, sagten sie, „damit die anderen dich nicht erkennen, da du jetzt keine Maske mehr hast. Wir werden sogleich Anzeige machen.“

Während jener sich entfernte, eilten sie durch Gänge und Treppen hinunter und gaben an der verschlossenen Tür durch drei Schläge das Zeichen, welches für solche Fälle vereinbart worden war. Der alte Kapitän hielt in seiner Rede inne, und als die Schläge sich wiederholten, eine Täuschung also nicht möglich war, gebot er:

„Ich befehle, ruhig zu bleiben. Eine Gefahr für euch gibt es nicht!“

Er stieg von der Erhöhung herab und durchschritt den Saal, um nach dem Eingang zu gelangen. Derselbe Mann, welcher die Tür vorhin verschlossen hatte, öffnete ihm dieselbe und ließ ihn hinaus. Keiner der Anwesenden sprach ein Wort, obgleich sich alle jedenfalls in der außerordentlichsten Spannung befanden.

Fritz hatte einen Platz gerade in der Mitte der einen Mauerseite gefunden. Es war ihm nicht wohl zumute. Sollte er fliehen, jetzt, da der Eingang geöffnet war? Er hätte draußen jedenfalls einen Kampf zu bestehen gehabt und wäre sicher von der ganzen Versammlung verfolgt worden. Übrigens war es ja noch gar nicht gewiß, daß die Störung sich auf ihn bezog; sie konnte ja eine ganz andere Veranlassung haben. Er beschloß also, zu warten, dachte aber unterdessen nach, auf welche Weise er sich retten könne, wenn man wirklich entdeckt habe, daß sich ein Eindringling im Saal befinde.

Er mußte sich sagen, daß der Eingang in diesem Fall ganz sicher verschlossen werde. Vielleicht aber blieb die Tür unverschlossen, durch welche die drei eingetreten waren, welche die Dirigenten dieser Zusammenkunft zu sein schienen.

Wie aber diese Türe erreichen, ohne aufgehalten zu werden? Er blickte sich im Saal forschend um und machte eine Entdeckung, welche ihn mit innerer Freude erfüllte. Die vier Leuchter nämlich, welche den Raum erhellten, hingen an Schnüren, welche oben an der Decke hinliefen und sich dann an der Seitenmauer an einem Nagel vereinigten, welcher kaum drei Schritte von Fritz entfernt war. Das war ein höchst günstiger Umstand für ihn. Er schob sich also, während der alte Kapitän sich draußen von den Posten informieren ließ, ganz langsam an der Mauer hin, so daß man seine Absicht gar nicht bemerken konnte, und kam auch glücklich so zu stehen, daß er den Nagel mit einem schnellen Griff erreichen konnte.

Ein anderer Umstand mußte ihm ebenso günstig werden, nämlich der, daß die meisten Anwesenden geradeso wie er selbst, mit blauen Blusen bekleidet waren.

Da endlich trat der Alte wieder ein. Auf seinen Wink wurde die Tür sorgfältig wieder verschlossen, und die beiden Posten, welche mit ihm eingetreten waren, pflanzten sich mit ihren Gewehren vor derselben auf. Der Kapitän schritt auf das Podium zu und erklärte, als er auf demselben Platz genommen hatte:

„Ich verlange, daß niemand seinen Platz verläßt! Es ist ein Verräter unter uns. Einer der Unserigen ist droben im Hof meuchlings überfallen und so gewürgt worden, daß er die Besinnung verloren hat. Man hat ihn gefesselt und geknebelt und ihm die Maske abgenommen. Der Täter befindet sich unter uns, denn im Gang ist die Zahl der Unserigen richtig gewesen, während am Tor einer zu viel gewesen ist.“

Er machte eine Pause, welche von keinem Laut unterbrochen wurde, und fuhr dann fort:

„Ich habe bisher Gründe gehabt, Vorkehrungen zu treffen, daß keiner von euch den anderen kennt; darum gebot ich, daß ein jeder in Maske erscheine. Diese Gründe bestehen auch heute noch; ich kann also nicht verlangen, daß sich die Versammlung demaskiere; aber ich kenne einen jeden einzelnen genau. Es mag einer nach dem anderen herbeikommen und hier bei mir seine Maske lüften; der Verräter wird auf diese Weise sicher entdeckt und unschädlich gemacht werden. Tretet in geordnete Reihen zusammen, damit kein Irrtum entsteht, mag ein jeder seinen Nachbar beaufsichtigen, daß es dem Fremden nicht gelingt, sich unter diejenigen zu stellen, welche sich hier bei mir als Brüder ausgewiesen haben.“

Infolge dieses Befehls entstand eine Bewegung im Saal, welche dem Deutschen Gelegenheit gab, seinen Vorsatz auszuführen. Während die Anwesenden sich Mühe gaben, in Reih und Glied zu gelangen, erhob er mit einer gedankenschnellen Bewegung den Arm – ein kräftiger Ruck, und der Nagel fuhr aus der Wand. In demselben Augenblick stürzten sämtliche vier Leuchter von der Decke herab auf die Köpfe der darunter Befindlichen.

Die Flammen ergriffen die leichten Kleider der Verletzten, ihre angstvollen Rufe erschollen. Eine ungeheure Verwirrung entstand. Mit den geordneten Reihen war es aus.

„Sauve qui peut – rette sich, wer kann!“ riefen hundert Stimmen.

Bei der Menge der Anwesenden standen diese dicht gedrängt. Diejenigen von ihnen, deren Kleider in Brand geraten waren, brüllten vor Angst und Schmerz; die anderen suchten, aus ihrer Nähe zu kommen, um nicht auch von den Flammen ergriffen zu werden. Man drängte nach der Tür und der Kapitän sah ein, daß Mord und Totschlag entstehen werde, wenn er die Versammlung zwinge, hier zu bleiben. Er rief also dem Posten zu:

„Öffnet den Eingang, rasch, rasch! Der Verräter mag lieber entkommen!“

Die Tür wurde aufgeschlossen, und nun entstand dort ein fürchterliches Gebalge, da ein jeder der erste sein wollte, welcher der Gefahr entrann. Nur einige wenige Besonnene drängten sich zu den Brennenden, um ihnen beizustehen und womöglich die Flammen zu löschen.

Fritz hatte zunächst die Absicht gehabt, sich, sobald die Leuchter stürzten, nach der Tür zu retirieren, durch welche der Alte eingetreten war; er wußte zwar nicht, wohin sie führte, aber sie gewährte wenigstens die Hoffnung auf irgendeinen Rettungsweg; natürlich gab er diese Absicht sofort auf, als er den Befehl des Alten hörte, die Tür zu öffnen. Nun war ja alles gut; nun war ja jede Gefahr vorüber. Er schloß sich also denen an, welche die Kraft ihrer Ellenbogen in Anwendung brachten, um rasch aus dem Saal zu kommen.

Der Kapitän hatte kaum den soeben erwähnten Befehl gegeben, so erhob sich der eine seiner Begleiter und sagte im Ton des Vorwurfes:

„Aber den Verräter sollten Sie auf keinen Fall entkommen lassen!“

Es war die Stimme des alten Grafen Rallion, welcher heute mit Lemarch nach Ortry gekommen war. Der dritte war des ersteren Sohn, der Oberst. Die grauen Schnurrbartspitzen des Kapitäns zogen sich in die Höhe, so daß man sein gelbes Gebiß sehen konnte.

„Keine Sorge!“ antwortete er. „Folgen Sie mir rasch, meine Herren!“

Er sprang, von den anderen beiden gefolgt, zu der hinteren Tür hinaus, die hinter ihnen verschlossen wurde. Jenseits derselben lief ein Gang weiter, aber es führte auch eine schmale Treppe empor. In einer Nische stand eine Lampe. Der Kapitän ergriff sie und eilte die Treppe hinauf. Sie führte zu einer Steinplatte, welche der Alte zur Seite schob. Beim Schein des Lichts sahen die beiden Rallions, daß sie sich in einem öden Gemach befanden, welches drei Fenster hatte, die aber ohne Glas und Rahmen waren. Der Kapitän blies die Lampe aus und sagte:

„Rasch durch das Fenster hinaus in den Hof und nach dem Tor! Wir kommen eher als die anderen. Ich habe ein besonderes Paßwort für den Ausgang; es heißt ‚Buonaparte‘. Jeder, welcher fort will, muß es sagen. Der es nicht weiß, ist der Eindringling. Damit es schneller geht, helfen Sie mir beide!“

Ein Sprung durch das nicht sehr hoch liegende Fenster brachte sie auf den Hof, und eben als die ersten der Verschworenen aus dem Turm traten, hatten die drei das Tor erreicht, wo sie sofort Posten bezogen.

„Halt!“ rief der Alte den herbeiströmenden Männern entgegen. „Ein jeder hat das Ausgangswort einem von uns dreien zu sagen, aber so leise, daß es der Spion nicht hören kann. So fangen wir ihn doch! Vorwärts!“

Fritz befand sich unter den Vordersten. Wäre er jetzt umgekehrt, so hätte er Verdacht erweckt; man hätte ihn sicher sogleich ergriffen. Er griff in die Tasche, zog sein Messer und ließ sich von den hinter ihm Stehenden ganz willig vorwärts schieben. Bereits hatten mehrere das Paßwort gesagt und gehen dürfen, da kam er vor den alten Rallion zu stehen. Er wollte sich an diesem vorüberdrängen, aber der Graf faßte ihn.

„Halt, Mann, das Wort!“ gebot er.

Fritz beugte sich an des Fragenden Ohr, als ob er es ihm zuflüstern wolle, versuchte aber dabei, sich durch einen plötzlichen Ruck loszureißen. Der Graf jedoch hatte Verdacht gefaßt, hielt ihn bei der Bluse fest und rief:

„Das ist er. Haltet ihn – haltet ihn!“

Sein Sohn, der Oberst, streckte sofort beide Hände nach Fritz aus, ließ sie aber mit einem lauten Aufschrei sinken, denn das Messer des Deutschen war ihm quer über das Gesicht gefahren. Ein Stich in die Hand des Grafen zwang auch diesen, die Bluse fahren zu lassen, und somit war Fritz frei. Obgleich sich die Hände aller nach ihm ausstreckten, gelang es doch keinem, ihn wieder zu fassen. Er sprang davon und in den Wald hinein.

„Ihm nach!“ kommandierte der alte Kapitän.

Jetzt war vom Paßwort keine Rede mehr, denn alle stürmten durch das Tor dem Flüchtigen nach. Dieser aber hatte nicht die mindeste Angst vor seinen Verfolgern. Es galt nur, seinen Kräutersack in Sicherheit zu bringen; denn fand man diesen, so konnte leicht erraten werden, wer der Spion gewesen sei. Er sprang also mit weiten Sätzen an der Mauer hin und dann unter die Bäume hinüber, riß den Sack unter der Buche hervor und eilte noch einige Schritte tiefer in den Wald hinein. Dann aber sagte er sich, daß jedes Geräusch die Franzosen nur auf seine Fährte bringen müsse; er kroch also in ein vor ihm liegendes Dickicht hinein und verhielt sich da ganz ruhig.

Er hörte die Schritte der Verfolger und ihre Rufe. Einige Male war man ihm ziemlich nahe, bald aber lag der Wald in scheinbar ununterbrochener Ruhe da. Doch war Fritz vorsichtig genug, in dem einmal eingenommenen Schlupfwinkel zu verharren. Er legte sich den weichen Sack unter den Kopf, streckte sich so bequem aus, als die Sträucher es gestatteten und dachte, seine Lage überlegend:

„Wo bin ich? Was für ein altes Gemäuer ist diese Ruine? Das muß ich wissen. Wenn ich ausreiße und fortlaufe, bis ich aus dem Wald hinauskomme, werde ich nicht wissen, wo ich gewesen bin. Darum bleibe ich liegen bis morgen früh und sehe mir das Ding bei Tageslicht an.“

Er atmete einige Male tief auf und fuhr dann fort:

„Er war eine verteufelte Suppe, die ich mir da eingebrockt hatte. Ich glaube sicher, diese Kerls wären mir ans Leben gegangen. Und was habe ich davon? Nichts, gar nichts. Der Alte hatte ja kaum die Rede angefangen. Hätte er sie vollenden können, so wüßte ich, was man eigentlich bezweckt. Das ist dumm, sehr dumm. Wer muß nur der alte Schnurrbart sein? Zwei sind verwundet, der eine an der Hand, der andere über das Gesicht. Auf diese Weise kann ich beide wieder erkennen. In die Brust wollte ich nicht stechen, denn ein Menschenleben schont man so lange, als es nur immer geht!“ –

Müller hatte während des ganzen Tages an den Maler denken müssen, der so unvorsichtig gewesen war, sich nach dem Rittmeister von Königsau zu erkundigen. Er hatte am Nachmittage mit Alexander einen Spaziergang gemacht und dann das Abendessen allein auf seinem Zimmer verzehrt. Nachdem dies geschehen war, verlöschte er seine Lampe und wartete. Er wußte, daß der alte Kapitän mit den beiden Rallions ausgegangen war und wollte ihre Zurückkunft vorüberlassen, ehe er ausführte, was er sich vorgenommen hatte; denn es galt, von dem Alten nicht überrascht zu werden.

Die Zeit verging, und der Harrende wurde unruhig. Der Kapitän war mit seinen Begleitern nach dem Eisenwerk gegangen; die dort geltende Arbeitszeit war bereits verflossen, und Müller konnte von seinem Fenster aus sehen, daß man alle Lichter verlöscht hatte. Wo blieben die drei Männer? Jedenfalls hatten sie die heimlichen Niederlagen aufgesucht, um sie einer Inspektion zu unterwerfen. Wo aber befanden sich diese Niederlagen? Es gehörte zur Aufgabe Müllers, dies ausfindig zu machen. Aber konnte er es entdecken, wenn er hier sitzen blieb, um die Rückkehr jener zu erwarten? War es nicht vielleicht besser, in den geheimen Gang einzudringen, in welchem sie sich befinden mußten?

Übrigens hatte er sich vorgenommen, den Maler zu belauschen. Er kannte ja die Einrichtung des Zimmers, welches dieser bewohnte; er hatte ja da den Alten beim Mord an dem Fabrikdirektor beobachtet. Vielleicht war es möglich, über die Person und die Absichten dieses sogenannten Herrn Haller etwas Näheres in Erfahrung zu bringen.

Wartete der Deutsche noch länger, so ging jener vielleicht schlafen, und dann war nichts zu erlangen. Er erhob sich also von seinem Sitz, auf welchem er still im Dunkeln gesessen hatte, und lauschte zum Fenster hinaus. Es herrschte überall die größte Ruhe und Stille. Er wagte also, seinen Gang anzutreten.

Vorher traf er dieselben Vorbereitungen wie früher. Er legte den Buckel ab, verkleidete sich und steckte die beiden Revolver und die Blendlaterne in die Tasche. Dann stieg er zum Fenster hinaus, glitt über das Dach und kletterte am Blitzableiter hinab. Als er am Zimmer des Alten vorüberkam, war es in demselben vollständig dunkel.

In demselben Augenblick aber, als Müller den Fußboden erreichte, legte sich eine Hand auf seine Schulter. Er drehte sich blitzschnell um und griff nach seiner Waffe.

„Pst, keine Sorge!“ flüsterte es. „Ich tue Ihnen nichts; ich will nur mit Ihnen sprechen.“

„Wer sind Sie?“ fragte Müller.

„Das werden Sie erfahren. Kommen Sie.“

Der Mann sprach nicht den Dialekt der hiesigen Gegend, sondern den des südlichen Frankreichs. Soweit Müller bei der herrschenden Dunkelheit erkennen konnte, trug jener weite Hosen, welche bis an die Knie reichten, eine Jacke, einen Gürtel und auf dem Kopfe einen Fez; er ging also ganz ähnlich wie die Zuaven gekleidet.

„Sind Sie vielleicht Militär?“ fragte Müller.

„In meiner Heimat trägt jeder Mann die Waffe“, antwortete der Fremde.

„Also Zuave oder Türke, nicht wahr?“

„Nein. Aber kommen Sie!“

Müller hielt es für geraten, mit dem geheimnisvollen Mann zu gehen. Wer war es? Was wollte er? Hing seine Anwesenheit mit den Heimlichkeiten dieses Schlosses zusammen? Fast schien es so. Vielleicht konnte man von ihm etwas erfahren.

Der Fremde schritt gerade vom Schloß ab, hinaus nach den Feldern. Dort angekommen, hielt er an einem Rain inne, setzte sich ohne Umstände nieder und sagte:

„Setzen Sie sich; es redet sich so besser!“

Müller folgte dieser Weisung und wartete gespannt auf das, was er hören werde.

„Wer sind Sie?“ fragte der Fremde.

„Warum fragen Sie?“ entgegnete Müller.

„Weil ich wissen muß, wer Sie sind.“

„Vielleicht erfahren Sie es, vielleicht auch nicht. Wer sind denn Sie?“

„Sie erfahren das auch vielleicht. Doch da Sie mir nicht sagen wollen, wer Sie sind, so werden Sie mir wohl sagen, was Sie sind.“

„Unter Umständen werden Sie dies auch erfahren.“

„Ich weiß es bereits.“

„Ah! Nun?“

„Sie sind einer, der in die Fenster anderer Leute steigt, um sich zu holen, was ihm gefällt.“

Ah, dieser Mann hielt den Deutschen für einen Spitzbuben, für einen Einbrecher, weil er gesehen hatte, daß er am Blitzableiter heruntergekommen war, das gab Müller Spaß, und er beschloß, ihn bei diesem Glauben zu lassen.

„Haben Sie etwas dagegen?“ fragte er dann.

„Nein“, antwortete der Fremde. „Sie scheinen ein kühner Mann zu sein.“

„Das bringt mein Handwerk mit sich“, lachte der Deutsche.

„Ich liebe den Mut und die Entschlossenheit. Wissen Sie, daß ich Ihnen sehr schaden kann?“

„Hm! Wieso?“

„Ich könnte Sie festnehmen!“

„Alle Teufel!“

„Und den Diebstahl anzeigen.“

„Sie machen mir Angst.“

„Haben Sie keine Sorge; ich werde es nicht tun, wenn ich sehe, daß Sie dankbar sind!“

Diese Worte wurden in einem Ton gesprochen, welcher Zutrauen erwecken sollte. Müller ging darauf ein und antwortete:

„Wenn Sie schweigen wollen, so dürfen Sie auf mich rechnen.“

„Gut; ich hoffe, daß Sie Verstand haben. Wohnen Sie hier in der Nähe?“

„Ja.“

„Wo?“

„In Ortry.“

„In Ortry selbst? Das ist gut! So kennen Sie auch alle Leute, welche auf dem Schloß wohnen?“

„So ziemlich.“

„Kennen sie auch die Umgegend des Schlosses und eine Ruine, welche man den alten Turm nennt?“

„Ja.“

„So ist alles gut. Sie sind ein Mann, der nicht wählerisch in dem ist, was er tut, wenn es nur etwas einbringt. Wollen Sie sich ein schönes Stück Geld verdienen?“

Müller mußte sich Mühe geben, ein herzliches Lachen zu unterdrücken. Er antwortete:

„Sehr gern. Geld braucht man immer, zumal unsereiner.“

„Nun, ich biete Ihnen für die Arbeit von drei Stunden hundert Franken.“

„Alle Wetter, das wäre ja ganz leidlich bezahlt!“

„Das denke ich auch. Und dennoch biete ich Ihnen noch hundert Franken mehr, wenn Sie noch einen Mann besorgen, auf den man sich verlassen kann.“

„Vielleicht ist es möglich. Nur muß ich wissen, um was es sich handelt.“

„Das sollen Sie hören. Ich wünsche, ein Grab geöffnet zu sehen!“

„Ein Grab?“ fragte der Deutsche, jetzt in Wahrheit überrascht. „Auf dem Kirchhof?“

„Das werden Sie noch erfahren. Vorher muß ich wissen, ob Sie mir dienen wollen und noch einen zweiten Mann mitbringen können.“

„Ja“, antwortete Müller langsam; „was mich betrifft, so fürchte ich mich ganz und gar nicht, ein Grab zu öffnen, und ich wüßte wohl auch einen, der für hundert Franken bereit wäre, das Abenteuer mitzumachen. Ehe ich aber einen festen Entschluß fasse, muß ich natürlich wissen, um welches Grab es sich handelt.“

Er vermutete, es gelte die Öffnung irgendeines Erbbegräbnisses, um die Leiche zu berauben. Ein solcher Vorschlag war sehr leicht möglich, da der Fremde ihn ja für einen Einbrecher hielt. Dieser aber antwortete:

„Wir sprachen von dem alten Turme. Sind Sie einmal dort gewesen?“

„Das versteht sich; ja.“

„Haben Sie bemerkt, daß ein Grab ganz in seiner Nähe liegt?“

„Ja. Es wird, glaube ich, das Heidengrab genannt.“

„So ist es. Wissen Sie auch, wer dort begraben liegt?“

„Gewiß. Die erste Gemahlin des Barons de Sainte-Marie.“

„Nun gut, dieses Grab wollen wir öffnen.“

Müller fuhr erstaunt empor. Das hatte er nicht erwartet. Er fragte schnell:

„Ah, Sie denken, man habe der Baronin Geschmeide oder so etwas mit in die Erde gegeben?“

„Nein. Ich habe eine Absicht auf die Baronin selbst.“

„Was soll das heißen?“

Der Fremde schwieg eine Weile und antwortete dann:

„Ich will die Gebeine der Baronin haben und werde sie mit mir fortnehmen.“

Das war erstaunlich! Wer war dieser Mann? In welchem Verhältnisse stand er zu der Toten, daß er danach trachtete, ihre Überreste zu besitzen? Das Zusammentreffen mit ihm konnte für Müller von außerordentlicher Bedeutung sein. Darum beschloß er, sich ihm willfährig zu zeigen, und antwortete:

„Sie zahlen also zweihundert Franken, wenn ich mich dieser Arbeit unterziehen und noch einen Gehilfen mitbringen werde?“

„Ja. Sobald das Grab geöffnet ist, erhalten Sie das Geld. Wollen Sie?“

Müller reichte ihm die Hand und sagte:

„Ja, ich will.“

„Kann ich mich auf Sie verlassen?“

„Vollständig. Und auf den anderen ebenso, wie auf mich selbst. Zwei verschwiegenere Leute können Sie nicht finden.“

„Nun gut. Wann paßt es Ihnen? Morgen abend wäre mir die liebste Zeit.“

„Mir auch.“

„So kommen Sie eine Stunde vor Mitternacht mit Ihrem Kameraden an das Grab. Ich werde da sein und auf Sie warten. Heben Sie die Rechte empor und schwören Sie, daß Sie mich nicht verraten wollen.“

Es war Müller, als ob er vor einem wichtigen Ereignis stehe. Er war vollständig entschlossen, den Auftrag zu übernehmen. Er selbst hatte ja bereits den Entschluß gefaßt, das Grab zu öffnen, um zu sehen, ob es leer sei oder wirklich eine Leiche enthalte; darum ging er mit vollem Ernst auf das Gebot des Fremden ein. Er erhob die Hand und schwor:

„Ich schwöre Ihnen in meinem Namen und im Namen meines Kameraden, daß wir Sie nicht verraten, sondern Ihnen redlich beistehen werden, Ihre Absicht zu erreichen.“

„Allah akbar! Das ist nicht der Ton eines Spitzbuben und Einbrechers!“ sagte der Fremde. „Ich gewinne Vertrauen zu Ihnen, und will Ihnen nun auch sagen, wer ich bin. Ich bin Abu Hassan, der Zauberer, Direktor einer Künstlerbande, welche morgen in Thionville eine große Vorstellung geben wird.“

„Und warum wollen Sie die Gebeine der verstorbenen Baronin besitzen?“

„Das werde ich Ihnen vielleicht sagen, nachdem ich Sie als treu und verschwiegen erkannt habe. Doch sagen Sie mir auch Ihren Namen und den Ihres Gefährten!“

„Diese beiden Namen werden Sie dann erfahren, wenn auch ich erkannt habe, daß ich mich auf Sie verlassen kann. Sie mögen aus dieser Vorsicht ersehen, daß Sie es nicht mit leichtsinnigen Menschen zu tun haben, sondern sich auf uns verlassen können.“

Abu Hassan nickte mit dem Kopf.

„Vielleicht handeln Sie richtig, vielleicht auch nicht“, sagte er; „aber dennoch werde ich zur bestimmten Zeit am Grab sein. Sollten Sie nicht eintreffen oder mich gar verraten, so haben Sie im letzeren Fall eine schwere Sünde auf Ihrem Gewissen und Allah wird Sie strafen.“

„Hier nochmals meine Hand darauf, daß ich Sie nicht täusche. Wer aber soll das Handwerkszeug besorgen? Sie oder ich?“

„Sie. Ich werde nur den Kasten mitbringen, welcher die Gebeine aufnehmen soll, und gebe Ihnen außerdem zu bedenken, daß ich kein Christ, sondern Moslem bin, der sich verunreinigt, wenn er die Überreste eines Toten anrührt. Ich werde mit graben helfen, aber die Gebeine haben Sie in den Kasten zu tun.“

Der Zauberer griff in seine Tasche und zog einen Beutel hervor.

„Hier gebe ich Ihnen hundert Franken“, sagte er. „Das andere werden Sie erhalten, sobald wir morgen fertig sind.“

Müller schob die mit dem Geld ausgestreckte Hand zurück und entgegnete:

„Behalten Sie für heute die hundert Franken. Ich pflege erst dann den Lohn anzunehmen, wenn ich die Arbeit vollendet habe.“

„Allah il Allah! Sie sind ein ehrlicher Mann, obgleich Sie ein Christ und ein Spitzbube sind. Erst jetzt bin ich überzeugt, daß Sie mich nicht betrügen werden! Gute Nacht!“

„Gute Nacht!“

Der Fremde ging, und Müller blieb zurück, ganz eingenommen von dem Ereignis, welches sich so unerwartet abgespielt hatte. Wer hätte das denken können! Er, der deutsche Edelmann und Offizier, hatte sich von einem herumziehenden Gaukler als Leichenräuber engagieren lassen! Das war ebenso undenkbar, wie es einfach gekommen war.

Natürlich rechnete er in dieser abenteuerlichen Angelegenheit auf die Hilfe seines Dieners, den er jedenfalls bereits morgen am Vormittag benachrichtigen mußte, denn Fritz allein konnte die Vorbereitungen treffen und das notwendige Werkzeug besorgen, ohne Aufsehen und Verdacht zu erregen.

Nun schritt Müller nach dem Park zurück.

Er mußte sich nach dem Häuschen begeben. Dort angelangt, ging er einige Male um dasselbe herum, um sich zu überzeugen, daß sich niemand in demselben befinde. Dann trat er ein, zog die Tür hinter sich zu, brannte die Laterne an, um sich beim Schein derselben zu überzeugen, daß er sich allein befinde, öffnete die geheime Tür, trat zwischen die Doppelwand und verschloß dann den Eingang wieder.

Jetzt stieg er die Treppe hinab und erreichte den Gang. Die linker Hand liegende Tür war fest verschlossen, wie das vorige Mal. Müller schritt also zur rechten Hand in den Gang hinein, steckte aber seine Laterne dabei in die Tasche. Es war ja sehr leicht möglich, daß er sich durch den Schein derselben verraten konnte. Er hatte den unterirdischen Gang genügsam kennengelernt, um zu wissen, daß derselbe keine Gefahr bot, sondern daß man sich nur an der Mauer fortzutasten brauchte, um ohne Schaden in das Schloß zu gelangen.

Freilich kam der Doktor in der Finsternis langsamer vorwärts, als wenn er sich der Laterne bedient hätte, aber die Zeit war ihm doch nicht lang geworden, bis er an der Erweiterung des Ganges bemerkte, daß derselbe zu Ende sei. Jetzt zog er die Laterne hervor und griff zu gleicher Zeit nach der Uhr, um zu sehen, wie die Zeit stehe. Es war gerade Mitternacht.

Da war nun freilich keine große Hoffnung vorhanden, den Maler noch belauschen zu können, da dieser sich jedenfalls bereits zur Ruhe gegeben hatte. Aber dennoch stieg Müller die Treppe hinan, welche er sich von seiner vorigen Exkursion her sehr wohl gemerkt hatte.

FÜNFTES KAPITEL 

Der Zahn des Löwen

Als Fritz währenddessen den Verfolgern glücklich entkommen war, war der alte Kapitän natürlich mit den beiden verwundeten Rallions in der Ruine zurückgeblieben. Dem Obersten strömte das Blut in einem breiten Strahl über das Gesicht. Er hätte gern geflucht und gewettert, mußte aber schweigen, da ihm sonst das Blut in den Mund gelaufen wäre. Desto mehr aber wetterte sein Vater, der einen Stich mitten durch den Handteller erhalten hatte.

„Was glauben Sie wohl, Kapitän“, sagte er, „bin ich etwa nach Ortry gekommen, um mich um meine Hand bringen zu lassen?“

„Pah, ein kleiner Stich!“ entgegnete der einsilbige Alte.

„Ein kleiner Stich, der mich aber lähmen kann! Wie nun, wenn die Sehnen zerschnitten sind? Gibt es hier jemanden, der etwas von Wunderarzneikunst versteht?“

„Mich selbst. Es ist nur gut, daß wir bereits einen Vorrat von Verbandszeug, Scharpie und dazugehörigen Medikamenten angelegt haben. Ich muß übrigens nach den Verbrannten sehen, welche sich jedenfalls noch im Saal befinden. Kampferwasser wird Ihnen die Schmerzen sofort stillen. Kommen Sie!“

„Kapitän, ich gebe Ihnen eine Gratifikation von tausend Franken für diejenige Person, welche den Kerl herausbekommt, dem wir diese Störung zu verdanken haben!“

„Und ich selbst legte noch tausend Franken dazu“, sagte der Alte im grimmigsten Ton. „Doch kommen Sie! Ich muß zunächst zu meiner Lampe!“

Er führte sie über den Hof hinweg nach einem Tor, welches sich in der Hauptfront öffnete, schritt mit ihnen durch einige Zimmer, bis er in dasjenige gelangte, durch dessen Fenster sie gesprungen waren. Hier stand noch die ausgelöschte Lampe. Der Kapitän brannte sie wieder an und hieß die Rallions die Treppe hinabsteigen. Er folgte ihnen und brachte die Steinplatte wieder in ihre Lage. So gelangten sie aus dem Gang in den Saal.

Dort waren die Flammen erloschen. Es hatte tiefe Finsternis geherrscht; aber trotz derselben befanden sich noch Menschen hier. Es waren die durch ihre Brandwunden Beschädigten und eine Anzahl anderer, welche bei ihnen zurückgeblieben waren.

Die Lampe des Alten brachte Licht in das Dunkel. Die Verwundeten stöhnten und baten um Hilfe.

„Ruhe!“ gebot der Alte. „Es soll euch Hilfe werden, doch einem nach dem anderen.“

Er setzte die Lampe nieder und verschwand für kurze Zeit durch die hintere Tür. Als er wieder zurückkehrte, brachte er eine Anzahl Lichter, welche sofort angebrannt wurden, und Verbandzeug mit. Der Oberst war der erste, welcher verbunden wurde, dann kam dessen Vater an die Reihe. Es war jetzt noch nicht zu bestimmen, ob vielleicht ein Teil seiner Hand gelähmt bleiben werde.

Die Wunden der Verbrannten waren nicht sehr gefährlich, aber desto schmerzhafter. Der Alte verband sie so gut wie möglich und überließ es dann den Gesunden, die Kranken nach Hause zu geleiten. Bis sie sich entfernt hatten, ging er ab und zu, um die Eingänge zu verschließen, dann meinte er zu den beiden Rallions, die sich noch allein im Saal befanden:

„Durch die unterirdischen Gänge können wir nicht zum Schloß zurückkehren.“

„Warum nicht?“ fragte der Graf.

„Weil wir das Tor verlassen haben, und weil man ja Ihre Verletzungen morgen sehen wird, sie aber nicht begreifen könnte.“

„Aber womit wollen wir sie erklären?“

„Pah, das ist sehr leicht! Wir sind im Dunkel über eine Wiese gegangen, da hat eine Sense gelegen. Der Oberst ist auf den Stiel getreten, und so schlug ihm das Sensenblatt quer über das Gesicht. Ihnen aber, Graf, ist die Spitze in die Hand geraten. Kommen Sie. Wir müssen uns sputen, denn es fällt mir ein, von Ihnen gehört zu haben, daß Sie Ihrem Maler noch, heute seine Instruktionen geben wollen.“

Sie verließen die Ruine und wanderten durch den Wald nach dem Schloß, welches sie erreichten, als Müller kaum seine eigentümliche Unterredung mit Hassan, dem Zauberer, begonnen hatte.

Natürlich erregte es die höchste Verwunderung der Dienerschaft, die Herren so spät heimkehren zu sehen, und dieses Erstaunen wurde durch die Verwundung der Rallions noch gesteigert, doch wagte natürlich keiner, eine Frage auszusprechen.

Die Damen waren zur Ruhe gegangen, die Herren begaben sich in ihre Zimmer; vorher aber ließ der Graf dem Maler sagen, daß er ihn in drei Viertelstunden noch aufzusuchen gedenke. In seiner Wohnung angekommen, nahm er Papier und Kuverts hervor und schrieb gegen eine halbe Stunde lang. Dies ging an, da glücklicherweise die linke und nicht die rechte Hand verwundet war. Dann steckte er die Briefe in ihre Kuverts, verschloß die letzteren und begab sich zwei Treppen höher, wo der Maler sein Zimmer hatte und ihn noch erwartete.

Haller, oder vielmehr Lemarch, erhob sich sehr höflich beim Eintritt des Grafen und bot ihm einen Sessel an. Der Graf nahm gerade in demselben Augenblick Platz, in welchem hinter der getäfelten Wand Müller seine Laterne in die Tasche steckte und die Täfelung, welche die geheime Tür bildete, ein klein wenig zur Seite schob, wodurch eine enge Ritze entstand, welche aber weit genug war, um das Zimmer überblicken zu können.

„Ich komme, Ihnen Ihre Instruktionen zu übergeben, mein lieber Rittmeister“, begann der Graf. „Sie werden nicht umfangreich sein. Die Hauptsache, welche ich Ihnen mitzuteilen habe, ist, daß Sie bereits morgen früh abreisen können.“

Lemarch verbeugte sich, zum Zeichen, daß er gehorchen werde.

„Es wird Ihnen durch die Papiere der Weg geordnet werden. Übrigens weise ich Sie auf das zurück, was wir bereits am Morgen besprochen haben. Haben Sie sich den Namen des Offiziers gemerkt?“

„Ja. Rittmeister Richard von Königsau.“

„Richtig! Sie gewinnen die Freundschaft desselben und suchen ihn auszuforschen. Ist er sehr zurückhaltend, so erwähnte ich bereits, daß er vielleicht Verwandte –“

„Er hat eine Schwester“, fiel Lemarch schnell ein.

„Ah!“ lächelte der Graf. „Häßlich?“

„Schön!“

„Woher wissen Sie das?“

„Es gibt einen Hauslehrer hier, einen Deutschen, welcher die Familie kennt.“

Die Stirn des Grafen verfinsterte sich bedeutend.

„Sie haben mit diesem Mann gesprochen?“ fragte er.

„Ja, gnädiger Herr.“

„Ich muß doch nicht etwa befürchten, daß Sie sich in einer Weise unterhalten haben, welche diesen Menschen auf allerlei Vermutungen bringen könnte?“

Die Wangen des Rittmeisters röteten sich denn doch ein wenig, aber er antwortete in einem sehr entschiedenen Ton:

„Ich glaube, niemals Veranlassung gegeben zu haben, mich für plauderhaft und unvorsichtig zu halten!“

Der Graf schien befriedigt zu sein. Er nickte mit dem Kopf und meinte:

„Ich will Ihnen gern glauben. Übrigens ist dieser Lehrer auf jeden Fall ein sehr unbedeutender Mensch, von dem man gar nicht zu sprechen braucht. Hier haben Sie noch einige Legitimationen, welche Ihnen von Nutzen sein werden. Sie wissen: Wie die Arbeit, so der Lohn. Ich hoffe, daß Sie sich Ansprüche auf eine bedeutende Anerkennung erwerben werden, und bin überzeugt, daß sie, von Eifer getrieben, Ortry bereits verlassen haben werden, wenn ich erwache. Darum werden wir uns bereits jetzt verabschieden, mein lieber Lemarch.“

Er reichte demselben die Hand und entfernte sich, nachdem der Rittmeister noch einige Worte gesagt hatte, um zu versichern, daß er alle seine Kräfte anstrengen werde, um seine Aufgabe einer glücklichen Lösung zuzuführen.

Jetzt las Lemarch die Legitimationen durch, warf einen Blick auf die Adressen der Briefe und ging noch einige Minuten im Zimmer auf und ab. Dann hörte Müller ihn die Worte sagen:

„Jetzt aber endlich zur Ruhe. Es ist spät, und ich muß früh erwachen.“

Er schob Briefe und Legitimationen auf dem Tisch zusammen, entkleidete sich und legte sich zu Bett, nachdem er seine Lampe ausgelöscht hatte.

„Also deshalb fragte er mich nach mir!“ dachte Müller. „Diese Herren scheinen zu wissen, daß ich Vertrauen genieße. Dieser Lemarch soll sich an mich schmeicheln und mich zur Verräterei verführen. Bedanke mich, Monsieur! Werde Ihnen den Weg noch besser ebnen, als die vier Briefe es tun werden!“

Er wartete, bis ein ruhiges, schnarchendes Atmen ihm die Überzeugung gab, daß der Franzose fest eingeschlafen sei. Jetzt schob er die Täfelung weiter auf, so daß er eintreten konnte. Er schlich zum Tisch hin, nahm sämtliche Papiere an sich und kehrte in den Gang zurück. Nachdem er die geheime Tür wieder verschlossen hatte, zog er sein Notizbuch und die Laterne hervor und kopierte sämtliche Papiere, die Adressen der Briefe und auch eine Reiseroute, welche sich dabei befand.

Es kam ihm der Gedanke, die Briefe mit in sein Zimmer zu nehmen, um sie zu öffnen, zu kopieren und wieder zu verschließen. Er traute sich die hierzu notwendige Geschicklichkeit wohl zu, aber seine Gefühle sträubten sich dagegen, als Offizier und Edelmann sich einer Entheiligung des Briefgeheimnisses schuldig zu machen. Er kehrte also, nachdem er den Eingang wieder geöffnet, in das Zimmer zurück, legte alles an den früheren Ort zurück und entfernte sich.

Nachdem er die Täfelung geschlossen hatte, stieg er die Treppe hinab und kehrte durch den Gang nach dem Parkhäuschen zurück. Er war mit den Erfolgen des heutigen Abends vollständig zufrieden. Sie gaben ihm Gelegenheit, sich in der Heimat auszuzeichnen und auch seine hiesigen, persönlichen Angelegenheit vorteilhaft zu verfolgen.

Als er das Schloß erreicht hatte und am Blitzableiter emporkletterte, bemerkte er im Zimmer des Alten noch Licht. Er warf einen Blick durch das Fenster und fuhr erschrocken zurück, denn gerade da, hart am Fenster, stand der Kapitän, mit dem Rücken nach ihm gekehrt. Er hatte ein geheimes Fach seines Schreibtisches geöffnet und hielt ein Paket Banknoten in der Hand, deren Nummern er zu mustern schien.

Müller konnte ihm über die Schulter blicken und sah, daß alle diese Noten gezeichnet waren. Er erkannte sehr deutlich die Anfangsbuchstaben der Namen; er prägte sich auch einige der Nummern ein. Es war kein Zweifel, er sah hier die Banknoten, welche der Alte dem Fabrikdirektor abgenommen hatte.

Er beobachtete nun mit größter Spannung jede Bewegung des Kapitäns und sah deutlich, daß dieser die Noten in das geheime Fach zurücklegte und dieses letztere mit einer verborgenen Feder schloß. Er beobachtete alles so genau, daß er überzeugt war, dieses Fach leicht auffinden und öffnen zu können. Dann kletterte er zum Dach empor.

Er sagte sich allerdings, daß es sehr leicht möglich sei, daß er noch eine weitere, für ihn nützlichere Entdeckung machen könnte, wenn er den Alten länger beobachtete; aber wie leicht konnte dieser das Fenster öffnen und heraussehen, und das wäre ja doch das Schlimmste, das Gefährlichste gewesen, was passieren konnte.

In seinem Zimmer angekommen, schrieb Müller zunächst die Banknotennummern auf, welche er sich gemerkt hatte; dann nahm er sein Notizbuch hervor und verfaßte einige Briefe. Als er diese versiegelt hatte, setzte er sich breit vor einige große, leere Bogen hin mit der Miene eines Mannes, der an eine sehr wichtige Arbeit geht. Seine Feder flog über das Papier, die Bogen füllten sich, neue kamen hinzu, und als er geendet hatte, waren so viele Seiten beschrieben, daß er selbst über die bedeutende Zahl derselben erstaunte.

„Das ist schnell genug gegangen“, lächelte er. „Ich habe aber auch niemals eine Arbeit mit solcher Lust gefertigt, wie diese hier. Ich hoffe, sie wird ganz den Eindruck machen, für welchen sie berechnet und geschrieben ist.“

Er legte das Manuskript beiseite. Es enthielt die Unterschrift: ‚Unwiderleglicher Beweis, daß vor Verlauf eines Dezenniums kein Krieg mit Frankreich zu befürchten steht. Auf Veranlassung des großen Generalstabes geliefert von Rittmeister Richard von Königsau‘.

Nun endlich griff er zum letzten Mal zur Feder. Er schrieb folgenden Brief:

„Meine gute Bertha!

Ihr werdet schon längst eine Nachricht von mir erwartet haben und sollt sie auch nächster Tage erhalten, ausführlich, wie ihr es ja von mir gewohnt seid. Jetzt aber habe ich zu solcher Vollständigkeit noch nicht die hinreichende Zeit, ja, ich fand noch nicht einmal die Muße, an die Mutter und an den Großvater zu schreiben.

Diese Zeilen gelten Dir, weil mich die höchste Notwendigkeit drängt, Dir für einen als gewiß zu erwartenden Fall die nötigen Instruktionen zu erteilen. Ein französischer Rittmeister, namens Bernard Lemarch, kommt nämlich als ein Landschaftsmaler Haller nach Berlin, um sich um meine Freundschaft zu bewerben und mich über die Anschauungen unserer Diplomaten und Strategen auszuhorchen. Ich bin überzeugt, daß Frankreich bereits in wenigen Wochen den Krieg erklären wird, und ebenso sicher weiß ich, daß wir imstande sind, den so leichtsinnig hingeworfenen Fehdehandschuh ohne Befürchtung aufzuheben. Aber es handelt sich darum, den geheimen Emissär zu täuschen, geradeso, wie er uns zu betrügen trachtet. Daher übersende ich Dir das beifolgende Manuskript.

Haller, alias Lemarch, beabsichtigt nämlich, sobald seine Bemühungen bei mir erfolglos sein sollten, Deine Zuneigung zu gewinnen, um soviel wie möglich von derselben zu profitieren. Du wirst ihm sagen müssen, daß ich mich in Litauen auf Besuch bei einem alten Verwandten befinde. Infolgedessen wird er sich bei Dir nach meiner Tätigkeit, nach meinen Arbeiten erkundigen, und Du wirst Dir da die Erlaubnis abschmeicheln lassen, das beiliegende Manuskript lesen zu dürfen. Alles übrige überlasse ich Deiner mir so wohlbekannten weiblichen Klugheit, zu der ich alles Vertrauen besitze, und bitte Dich, mich über den Erfolg sofort brieflich zu belehren. Ich stehe mit ähnlichen Arbeiten natürlich umgehend zur Verfügung und ersuche Dich, Deinen Brief an meinen Fritz zu adressieren, nämlich ‚Friedrich Schneeberg, Herboriseur (Kräutersammler) in Kondition bei Herrn Doktor Bertrand in Thionville‘. Er wird ihn mir richtig zuspielen. Hier darf ich es nicht wagen, Briefe aus Berlin zu empfangen.

Indem ich Dich ersuche, Mama und Großpapa von mir herzlichst zu grüßen, verspreche ich ihnen nochmals einen baldigen, langen Brief, umarme Dich, liebe Schwester, und sende Dir den innigsten, brüderlichsten Kuß von Deinem

herzenskranken Richard.

NB. Ich habe meine Dresden–Blasewitzer Dame unerwartet gefunden.“

Müller las die geschriebenen Zeilen noch einmal durch und verschloß sie dann nebst dem Manuskript in ein geräumiges Kuvert. Als er sich schlafen legte, war die Nacht bereits vorüber, und der Morgen brach herein. Deshalb legte der Fleißige sich nicht in das Bett, sondern auf das Sofa, um beizeiten wieder aufzuwachen.

Seine Verkleidung hatte er natürlich abgelegt, bevor er das Licht anbrannte, da er keinen Augenblick sicher war, von dem alten Kapitän durch die Glastafel belauscht zu werden. Doch hatte er bereits im stillen beschlossen, demselben dieses Beobachten gehörig zu verleiden.

Er mochte kaum ein Stündchen geschlafen haben, als ihn der Schall von Hufschlägen weckte. Er erhob sich und trat an das Fenster. Es war ein Wagen angespannt worden, und soeben stieg der Maler ein, um sich nach dem Bahnhof von Thionville fahren zu lassen. Sein hübsches Gesicht hatte einen sehr unternehmenden, hoffnungsvollen Ausdruck. Er gedachte wohl, mit großen Erfolgen heimzukehren; aber der da oben, von ihm unbemerkt, am Fenster stand, kannte diese Erfolge bereits ganz genau. Er konnte sich auf die geistreiche Schwester verlassen, von der er wußte, daß sie den Franzmann so bedienen werde, wie es der Bruder von ihr erwartete.

Müller nahm wieder auf dem Sofa Platz und schlief zum zweiten Mal ein. Er erwachte wieder vom Schall einer überlauten, kreischenden Musik und warf den ersten Blick auf seine Uhr, es wahr wahrhaftig bereits neun Uhr! Dann sah er durch das Fenster hinunter in den Schloßhof. Dort standen sechs phantastisch gekleidete Musikanten, welche sich bemühten, mit zwei Klarinetten, einem Horn, einer Oboe, einer Posaune und einer Trommel irgendeine Art von Marsch zum Gehör zu bringen. In der Nähe hielten auf Pferden vier theatralisch aufgeputzte Personen, drei Männer und ein Frauenzimmer. Als der Marsch beendet war, erhob der Trommler seine Stimme und verkündete, daß heute nachmittag um zwei Uhr Thionville nebst Umgegend das ungeahnte Glück haben werde, die weltberühmte Künstlertruppe anzustaunen.

Die Leistungen wurden unter der pompösesten Titulatur aufgezählt, und da in dieser Gegend sich nur höchst selten einmal eine solche Gesellschaft sehen ließ, so war es kein Wunder, daß sämtliche Schloßbediensteten zusammenliefen und auch die Herrschaften an das Fenster traten, um die Künstlervagabunden in Augenschein zu nehmen.

Ganz in der Nähe der wunderlich aufgeputzten Reiter stand Alexander. Er hatte seine Freude an den Leuten und fragte, als der Tambour geendet hatte:

„Was kostet das Billet?“

„Numerierte vordere Reihe fünf Franken, hintere Reihe vier Franken, erster Platz drei Franken, zweiter zwei, dritter einen Franken und Stehplatz außerhalb der Barriere einen halben Franken“, antwortete der Mann geläufig. „Wollen Sie einige Billets, gnädiger Herr? Wenn Sie jetzt abonnieren, erhalten Sie die besten Plätze von Nummer eins an!“

Er hatte mit geübtem Auge erkannt, daß der Frager der Sohn der Herrschaft sei, und so einem Lieblingssöhnchen vermögen die Eltern nicht zu widerstehen.

„Fünf Billets vordere Reihe!“ befahl Alexander.

Er hatte gar nicht darauf geachtet, daß die Baronin oben das Fenster öffnete und ihm winkte. Er zog seine Börse, welche trotz seiner Jugend stets wohlgefüllt war, und bezahlte fünfundzwanzig Franken. Die Künstler zogen befriedigt ab.

Nach kurzer Zeit klopfte es an Müllers Tür, und Alexander trat heran. Sein Gesicht war sehr gerötet, ob vor Freude, oder wegen eines anderen Seeleneffekts oder irgendeiner Anstrengung, das ließ sich nicht bestimmen.

„Haben Sie sie gesehen, Monsieur Müller?“ fragte er.

„Wen? Die Künstler?“

„Ja, natürlich!“

„Ich habe sie allerdings gesehen“, antwortete lächelnd der Deutsche, als er die vor Freude blitzenden Augen des Knaben sah.

„Ich habe fünf Billets genommen. Hier ist eins. Sie fahren natürlich mit, Monsieur.“

„Ah! Ich? Wer fährt noch mit?“

„Zunächst Mama –“

„Nicht möglich!“ entfuhr es Müller.

„Warum nicht möglich? Sie zürnte mir; aber was ich will, das will Mama schließlich doch immer auch“, meinte Alexander in stolzem Ton.

„So sind noch zwei Billets übrig.“

„Sie sind bereits verschenkt. Marion und Mademoiselle Nanon fahren mit.“

„Diese beiden?“ fragte Müller erstaunt. „Waren sie sofort einverstanden?“

„Oh, eigentlich nicht. Marion meinte, es schickt sich nicht so recht für uns, diese Art von Schaustellung zu besuchen; aber als Dank für die beiden Buketts vom Heidengrab wolle sie mir ihre Zusage geben. Ist dies nicht sehr lieb von ihr? Mademoiselle Nanon war somit gezwungen, sich ohne allen Widerspruch anzuschließen.“

„Und wenn nun ich widerspreche?“ lächelte Müller.

„Oh, Sie widersprechen nicht“, behauptete Alexander; „das sehe ich Ihrem guten Gesicht ja sofort an. Nicht wahr, ich habe richtig geraten?“

„Ja, ich werde Ihnen die Freude nicht verderben, mein lieber Alexander.“

„Ich danke Ihnen! Und wissen Sie, was Mama Ihnen sagen läßt?“

„Nun?“

„Sie sollen mit ihr und mit mir in einem Wagen Platz nehmen; im anderen fahren Marion und Nanon. Ist das nicht allerliebst von der Mama? Aber ich muß fort, denn bei einer solchen Veranlassung sind tausend Vorbereitungen zu treffen.“

Er eilte fort. Müller war es gar nicht unlieb, diesen Abu Hassan in seinen Kunstleistungen kennenzulernen; aber fast verdutzt machte ihn die Einladung der Baronin, mit in ihrem Wagen Platz zu nehmen. Welchen Grund hatte sie dazu? War es die Anerkennung für die Liebe, welche er Alexander eingeflößt hatte?

Er schritt nachdenklich im Zimmer auf und ab, trat an den Spiegel, um sich zu betrachten, und fand, daß seine künstliche Hautfarbe an Tiefe verloren hatte. Er nahm ein Fläschchen, welches Nußschalenextrakt enthielt, tauchte den Pinsel hinein und bestrich sein Gesicht, Hals und Hände von neuem mit dieser die Haut verdunkelnden Feuchtigkeit, welche, da es leicht ist, mit derselben verschiedene ältermachende Schattierungen anzubringen, nicht wenig dazu beigetragen hatte, sein Äußeres zu verändern.

Hierauf trat er an das Fenster und musterte die draußen liegende Frühlingslandschaft.

„Ah, was ist das?“ fragte er sich. „Da draußen unter der Linde liegt einer. Ist das vielleicht Fritz? Und von der Spitze scheint etwas herabzuhängen, was ich auch noch nie gesehen habe. Ich muß sogleich das Fernrohr nehmen, um mich zu überzeugen.“

Er holte das Fernrohr, öffnete die Fensterflügel und visierte nach der Linde hinüber. Da sah er deutlich seinen Fritz mit dem Fernrohr sitzen. Dieser erkannte auch ihn genau, denn er zog den Hut vom Kopf und grüßte mit demselben. Er hatte jedenfalls etwas Wichtiges zu berichten; dies zeigte seine Gegenwart bei der Linde.

Müller nahm sein weißes Taschentuch und winkte damit, zum Zeichen, daß er kommen werde, und sofort erhob sich Fritz, um nach dem Wald zu gehen.

Auch Müller verließ das Schloß, nachdem er die heute nacht geschriebenen Briefe zu sich gesteckt hatte, und tat, als wolle er ein wenig ausgehen. Er schlenderte langsam dem Park zu, nahm aber dann einen schnelleren Schritt an und eilte dem Wald entgegen, in welchem an der verabredeten Stelle Fritz aus den Büschen trat.

„Guten Morgen, Herr Doktor“, grüßte er freundlich. „Ausgeschlafen?“

„Wenig geschlafen.“

„Ich gar nicht.“

„Gar nicht? Ah, du hast Wache gehalten?“

„Ja, aber nicht da, wo ich sollte.“

„Wo sonst?“

„In einer alten Ruine, wo die Verschwörer zusammenkommen und wo ich beinahe um das Leben gekommen wäre.“

„Du bist nicht klug!“ rief Müller erschrocken. „Du hast dich doch nicht etwa ohne meine Genehmigung in eine Versammlung dieser fanatisierten Franzosen gewagt?“

„Leider doch!“ antwortete Fritz in kläglich-komischem Ton.

„Und bist erwischt worden? Fritz, du wirst uns wirklich noch verraten!“

„Fällt mir gar nicht ein. Das Ding hat keine anderen Folgen gehabt, als daß ich während der Nacht zwischen den Sträuchern mir den Rücken wund gelegen habe.“

„So erzähle!“

„Nicht hier am Weg, sondern etwas tiefer im Wald. Hier könnten wir überrascht werden.“

Sie schritten weiter zwischen die Bäume hinein, und nun erzählte Fritz sein nächtliches Abenteuer. Sein vorhergehendes Zusammentreffen mit Nanon verschwieg er aber.

Als er geendet hatte, zeigte Müllers Gesicht einen ganz erstaunten Ausdruck.

„Wunderbar, daß ich von dieser Ruine noch nichts gehört habe!“ sagte er. „Wie es scheint, sind die von uns gesuchten Vorräte dort zu finden, während wir annahmen, daß sie in der Nähe des alten Turmes versteckt seien. Ist es weit bis zu der Ruine?“

„Oh, gar nicht so sehr weit; kaum so weit wie bis zum Turm.“

„So führe mich hin, ich muß sie sehen.“

Sie gingen, und unterwegs ließ Müller sich Verschiedenes noch ausführlicher berichten.

„Also einen eisgrauen Schnurrbart hatte der Redner?“ fragte er.

„Ja; der Bart war dicht und lang. Als der Mann meine Anwesenheit entdeckt hatte, fletschte er die Zähne, wie ein Bullenbeißer, welcher jemanden anspringen will.“

„Er ist's! Es war kein anderer!“

„Wer?“

„Der alte Kapitän von Schloß Ortry. Und wenn mich nicht alles trügt, so waren die beiden anderen der Graf Rallion mit seinem Sohn, dem Obersten, der die Baronesse Marion zur Frau haben will.“

„Der Teufel soll sie ihm schaffen!“ zürnte Fritz. „Die ist für einen anderen bestimmt.“

Dabei blinzelte er seinen Herrn von der Seite an, doch dieser tat, als ob er es gar nicht bemerke, sondern fragte in gelassenem Ton weiter:

„Und du weißt bestimmt, daß du die beiden anderen verwundet hast?“

„Ganz bestimmt. Dem einen habe ich das Messer über das ganze Gesicht gezogen, und der andere muß ein gewaltiges Loch in der Hand haben, denn ich entsinne mich, daß ich das Messer in der Wunde umgedreht habe, als ich davonsprang.“

„Die beiden haben sich heute noch nicht sehen lassen, aber ich werde es erfahren, ob sie es waren. Spät genug sind sie nach Hause gekommen. Aber, Mensch, was hättest du denn gemacht, wenn die Tür nicht wieder geöffnet worden wäre?“

„So wäre ich durch die hintere Tür entsprungen.“

„Aber wohin?“

„Das weiß der liebe Gott, ich nicht!“

„Du wärst jedenfalls in einen unterirdischen Gang geraten und hättest da, wenn du nicht vorher entdeckt worden wärst, auf schändliche Weise verhungern können!“

„Ich vertraue auf den lieben Gott, der bekanntlich keinen Deutschen verläßt.“

„Gegen ein braves Gottvertrauen habe ich nicht das Mindeste einzuwenden, doch darf es nicht zur Tollkühnheit verleiten. Sei vorsichtiger das nächste Mal! Ich bedarf deiner und mag dich nicht auf so leichtsinnige Weise verlieren. Das ist aber die Hauptsache nicht, sondern du bist ein braver Kerl; ich habe dich lieb und will nicht, daß dich dein Mut in eine Lage bringt, aus welcher ich dich nicht retten kann.“

„Diese Worte danke Ihnen der liebe Gott, Herr Rittmeister!“ sagte Fritz, die Hand seines Herrn ergreifend. „Vielleicht kommt die Zeit, in der ich es zu einem kleinen Teil vergelten kann.“

„Das kann man nicht wissen. Der Krieg bricht sicher los. Wir kämpfen nebeneinander; da ist es leicht möglich, daß wir einander Dienste leisten müssen, an die wir jetzt noch nicht denken mögen. Der Himmel sei uns dann gnädig gesinnt!“

Fritz kannte jetzt die Richtung sehr genau, in welcher er die Ruine zu suchen hatte. Sie erreichten dieselbe wirklich eher, als sie den alten Turm erreicht hätten. Als sie an der Front hinabschritten, in welcher sich die Einfahrt befand, erkannte Müller, daß der Bau ein Kloster gewesen sein müsse.

Sie durchschritten die Durchfahrt, doch sprang Fritz zurück, um sich vorher einige Kienäpfel zu holen, denn ohne Licht konnte man da unten im Saal nichts erkennen.

In dem großen Hof angekommen, zeigte er seinem Herrn den Ort, wo er den Mann überfallen, und dann die Turmecke, in welcher er ihn gefesselt hatte. Dann traten beide durch die Torpforte ein und schritten den Gang hinab. Fritz machte den Führer, da er das Beleuchtungsmaterial für unten aufsparen wollte. Sie gelangten an die Treppe und durch diese in den unteren Gang. Die Tür zum Saal war nicht verschlossen. Sie traten ein.

Jetzt zog Fritz seine Kienäpfel und ein Streichhölzchen hervor und brannte einen an. Das dunkelgelbe, rauchige Licht konnte nur wenig Helle verbreiten, aber sie erkannten doch, daß hier noch gar nicht aufgeräumt worden sei. Die Scherben der zerbrochenen Leuchter lagen noch zertreten und zerstampft am Boden, und – sie wichen beide erschreckt zurück, denn da öffnete sich die hintere Tür und herein trat der alte Kapitän mit einer großen Laterne und einem – Besen in der Hand.

Der Lichtschein fiel auf die beiden Dastehenden. Der Kapitän sah sie und erkannte Müller auf den ersten Blick. Ein schneller Gedanke durchzuckte ihn. Was wollte Müller hier? Er war ein Deutscher. War er vielleicht der gestrige Eindringling? Wer war der andere, der neben ihm stand?

Mit raschen Schritten trat der Alte auf Müller zu und fragte drohend:

„Monsieur, was tun Sie hier?“

Der Gefragte hatte sich schnell gefaßt. Er antwortete im ruhigsten Ton:

„Etwas sehr Interessantes; ich durchstöbere diese Ruine. Hätte ich von ihrem Dasein etwas gewußt, so hätte ich mir auch eine Laterne mitgebracht, wie Sie, gnädiger Herr.“

Diese Antwort machte den Alten bestürzt.

„Sie haben nichts von ihr gewußt?“

„Nein.“

„Bis wann?“

„Bis vor wenigen Minuten, als wir sie erblickten.“

„Wir! Wer ist dieser Mann?“

„Ein Bekannter von mir.“

„Ah, Sie haben Bekannte hier?“

Der Alte zog die Schnurrbartspitzen empor und zeigte seine Zähne. Fritz sah sofort, daß dieser Mann der gestrige Redner gewesen sei. Die letzte Frage war in einem so höhnisch inquirierenden Ton gesprochen, daß Müller auch ein schärferes Wort auf die Lippen kam:

„Verbieten Sie mir vielleicht, hier Bekanntschaften zu haben?“

Der Alte trat erstaunt einen Schritt zurück, setzte die Laterne zu Boden und sagte:

„Monsieur Müller, wie kommen Sie mir vor! Wer ist es, der hier Fragen zu stellen hat?“

„Ein Lebender jedenfalls nicht, sondern nur die Toten, denen dieses Kloster einst gehörte. Hier im Reich des Verfalls ist ein jeder dem andern gleich.“

Diese Antwort frappierte den Kapitän. Er meine etwas ruhiger:

„Sie sind hier fremd; ich durfte mich wohl wundern, daß Sie von einer Bekanntschaft sprachen.“

„Wir lernten uns auf dem Schiff kennen. Dieser Mann ist der Kräutersammler des Doktors Bertrand in Thionville.“

„Ah, der Mademoiselle Nanon gerettet hat?“

„Ganz derselbe.“

„Was tut er hier?“

Müller antwortete, da er den Verdacht des Alten ahnte:

„Ich litt gestern an Kongestionen nach dem Kopf, weshalb ich mich sehr zeitig schlafen legte. Da aber die Zimmerluft das Übel verschlimmert hat, so machte ich einen Spaziergang durch den Wald. Dort traf ich diesen Mann, welcher eine seltene Pflanze suchte, Sonnentau, einen vorzüglichen Tee. Auch ich kenne das kleine, empfindsame Gewächs, welches zu den fleischfressenden Pflanzen gehört, und erbot mich, mitzusuchen. Wir kamen auf diese Weise tief in den Wald hinein und standen plötzlich vor der Ruine.“

„Von welcher Sie noch nichts gehört hatten?“

„Kein Wort!“

„Können Sie mir dies auf Ihre Ehre versichern?“

„Ich gebe mein Ehrenwort, bis vor kurzer Zeit vom Dasein dieser Ruine nicht das geringste gewußt zu haben!“ versicherte Müller im Ton der Wahrheit. „Aber wozu diese Dringlichkeit? Wozu dieses Examen? Wozu diese Laterne und dieser Besen? Herrscht hier vielleicht ein Räuberhauptmann, ein Blaubart, ein menschenfressender Riese? Hat hier nicht ein jeder freien Zutritt, der sich für Altertümer interessiert?“

„Schweigen Sie!“ donnerte ihm der Alte entgegen. „Wissen Sie, daß die Ruine auf meinem Grund und Boden liegt?“

„Ich weiß es nicht, aber ich kann es mir denken.“

„Nun gut; ich bin der Grundherr, ich habe hier zu befehlen, und ich verbiete Ihnen, jemals dieses Kloster wieder zu betreten!“

„Mir, dem Erzieher Ihres Enkels?“ fragte Müller mit gut gespieltem Erstaunen.

„Ja.“

„Und Fremde dürfen Zutritt nehmen?“

„Wer sagt Ihnen, daß Leute hier gewesen sind?“

„Blicken Sie zu Boden! Sehen Sie nicht, daß diese Spuren noch ganz frisch sind?“

„Das geht Sie nichts an!“ rief der Alte. „Sie sollen hier nicht denken; Sie sollen hier nicht urteilen! Ich bin der Herr. Packen Sie sich hinaus!“

Da zuckte Müller gleichmütig die Achseln und antwortete:

„Mir ist es gleich, wer hier zu denken und zu urteilen hat. Draußen aber wird man auch urteilen, nämlich über die Art, in welcher man von hier hinausgeworfen wird, über die Sonderbarkeit, daß ein Kapitän der Kaisergarde hier mit dem Besen regiert, und über andere Dinge, welche fast vermuten lassen, daß hier nicht alles in Ordnung ist.“

Da sprang der Alte wütend auf ihn zu, faßte ihm am Arm und rief:

„Monsieur, was wollen Sie mit Ihren Vorwürfen sagen, he?“

„Nichts weiter, als daß ich Ihrem Befehl, diesen Ort zu verlassen, zwar gehorche, dennoch aber streng darauf bestehen muß, fernerhin in anderer Weise angesprochen zu werden. Ein deutscher Doktor der Philosophie steht in gesellschaftlicher und intellektueller Beziehung keineswegs unter einem französischen Kapitän der Kaisergarde!“

„Ah, das wagen Sie!“ knirschte der Alte, indem sein Bart sich förmlich sträubte. „Ich werde Sie entlassen, ich werde Sie fortjagen!“

„Pah, das können Sie nicht. Sie sind der Herr Kapitän Richemonte; mein Kontrakt aber ist vom Herrn Baron de Sainte-Marie unterzeichnet und untersiegelt. Adieu, Herr Kapitän!“

Er ging, und Fritz folgte ihm.

„Ah, gehen Sie!“ rief ihm der Alte nach. „Ich werde nachher mit Ihnen sprechen!“

Als die beiden draußen angelangt waren, gingen sie erst eine Weile schweigend nebeneinander her. Dann aber bemerkte Fritz:

„Jetzt haben Sie sich einen unversöhnlichen Feind geschaffen.“

„Jedenfalls.“

„Der Ihnen niemals verzeihen wird!“

„Das muß ich geduldig tragen. Die Grobheiten dieses Mannes waren ganz danach, mich herauszufordern. Ich habe ihm geantwortet; wir sind also quitt.“

„Oh, noch nicht! Er wird Sie fortjagen!“

„Ich werde nicht gehen!“

„Wirklich nicht? So wird er Sie beunruhigen!“

„Ich werde mir das verbitten!“

„Er wird Ihnen die Lösung Ihrer Aufgabe unmöglich machen!“

„Ich habe ihn nicht zu fürchten, obgleich er alles zu regieren meint. Denken wir nicht an ihn! Ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen. Kannst du unbemerkt Hacken und Schaufeln besorgen?“

„Warum nicht?“

„Für heute abend?“

„Sehr leicht!“

„Nun wohl; wir werden ein Grab öffnen.“

„Donnerwetter! Ein Grab aufmachen? Das klingt ja ganz unmöglich!“

„Kennst du den Zauberer Abu Hassan, der heute in Thionville Vorstellung gibt?“

„Ja. Er wohnt im Gasthof, dem Doktor Bertrand gegenüber. Es ist ein Frauenzimmer bei seiner Truppe, welches mir heute eine förmliche Liebeserklärung gemacht hat.“

„Glücklicher Mann, die Liebe einer Künstlerin zu erringen!“

„Hm, die Kunst ist in ihr bereits über dreißig Jahre alt geworden, Herr Doktor!“

„Desto größere Anerkennung verdient sie. Aber, bleiben wir bei der Sache! Abu Hassan ist jedenfalls ein Orientale; die erste Frau des Barons stammt aus dem Orient. Beide müssen in irgendeiner Beziehung zueinander gestanden haben, denn er ist gekommen, sich ihre Gebeine zu holen.“

„Das kommt mir noch mehr als orientalisch vor. Aber was haben Sie, und was habe ich mit diesem Hassan und diesen orientalischen Gebeinen zu tun?“

„Wir sollen sie ihm aus der Erde hacken.“

„Warum denn gerade wir?“

„Ja, die Veranlassung ist geradezu lächerlich. Ich stieg gestern abend am Blitzableiter herab, während er aus irgendeinem Grund um das Schloß herumstrich. Er hielt mich für einen Einbrecher, einen Dieb. Und da ein solcher sich wohl zu einer widerrechtlichen Öffnung eines Grabes dingen läßt, so bot er mir zweihundert Franken, wenn ich ihm behilflich sei, das Heidengrab zu öffnen, und noch einen Arbeiter mitbringen wolle.“

„Und Sie haben das wirklich angenommen?“

„Ja. Ich glaube annehmen zu dürfen, daß die Baronin gar nicht gestorben ist, und also auch nicht begraben worden sein kann. Entweder ist das Grab leer, oder es enthält eine falsche Leiche. Ich muß mich überzeugen und werde also heute abend dort eintreffen.“

„Ich bin dabei; aber das Geld nehmen wir nicht.“

„Das versteht sich ganz von selbst! Richte es also ein, daß du noch vor elf Uhr mit den Werkzeugen am Grab anlangst. Jetzt wollen wir uns trennen. Für morgen habe ich einen Weg für dich. Hier sind Briefe. Du gehst mit ihnen über die Grenze und gibst dieselben drüben auf der ersten deutschen Postanstalt ab. Ich traue hier nicht recht und vermute, daß sie mir geöffnet werden können.“

Er gab dem Diener die Skripturen, und dann trennten sich die beiden.

Als Müller das Schloß erreichte, war es bereits zwölf Uhr vorbei. Ein Diener sagte ihm, daß der Herr Kapitän soeben befohlen habe, den Doktor Müller zu ihm zu schicken, sobald er von seinem Spaziergang zurückgekehrt sei.

Also der Kapitän befand sich bereits daheim! Das war für den Deutschen ein ganz unanfechtbarer Beweis, daß zwischen dem Schloß und der Klosterruine ein sehr kurzer unterirdischer Weg vorhanden sei. Müller fürchtete den Alten nicht im mindesten und begab sich in größter Seelenruhe nach dem Zimmer desselben.

Der Kapitän saß am Schreibtisch und schrieb. Als Müller eintrat erhob er sich rasch, warf die Feder auf den Tisch und sagte:

„Monsieur, ich habe Sie zu mir kommen lassen, um Ihnen das zwischen mir und Ihnen bestehende Verhältnis einmal klarzumachen.“

Er befand sich augenscheinlich in einem Zustand hochgradiger Erregung. Dieser Umstand aber beirrte den Deutschen ganz und gar nicht. Er antwortete:

„Das ist mir außerordentlich angenehm. Auch ich liebe die Klarheit und werde gegenwärtig gern das meine beitragen, um zu ihr zu gelangen.“

Der Alte tat, als ob er die Kampfbereitschaft, welche in diesen Worten lag, gar nicht bemerkte, oder er bemerkte sie wirklich nicht, sondern fuhr in rücksichtslosestem Ton fort:

„Sie haben sich vorhin in der Ruine eine Sprache erlaubt, die ich nicht dulden kann.“

Der Deutsche zuckte die Achseln und meinte:

„Da liegt die Schuld jedenfalls an meiner musikalischen Begabung.“

„Wie meinen Sie das?“ fragte der Kapitän stutzend.

„Nun, ich habe mich früher sehr mit Harmonielehre und Generalbaßstudien beschäftigt, und seit jener Zeit bin ich immer ein Freund des Harmonischen geblieben. Ich antworte in Dur, wenn man mich in Dur fragt, und rede in Moll, wenn man in Moll zu mir spricht. Der Herr Kapitän beliebte, in der Ruine eine Redeweise anzuwenden, welche sehr stringendo klang; mein musikalisches Rechtsgefühl erlaubte mir nur, stringendo zu antworten.“

„Larifari! Was verstehe ich von Ihrem Dur, Moll und Stringendo! Ich habe Sie einfach zu fragen, ob Sie mich als Ihren Herrn anerkennen, dem Sie unbedingt und auf alle Fälle zu gehorchen haben. Antworten Sie strikt: Ja oder nein?“

„Nein!“

„Ah, also wirklich nein?“

„Wirklich nein!“

„So jage ich Sie zum Teufel!“ brauste der Alte auf.

„Ich gehe nicht!“

„Nicht? Das wollen wir sehen! Ich werde Sie zu zwingen wissen!“

„Sie können mir gar nicht zumuten zum Teufel zu gehen, wenn es Ihnen wunderlicherweise einfällt, mich zu ihm zu schicken. Ich weiß bis heute noch nicht, wo sich die Wohnung dieses ehrenwerten Monsieurs befindet. Ich werde auch überhaupt nicht gehen, wenn Sie mich fortschicken, denn Sie haben kein Recht dazu.“

„Sie widerstehen mir?“

„Allerdings. Ich bin vom Baron de Saint-Marie engagiert, nicht von Ihnen!“

„Oho! Ich habe an seiner Stelle den Kontrakt unterzeichnet und besiegelt, und ich werde auch an seiner Stelle auch die Ausweisung unterschreiben und petschieren.“

„Versuchen Sie es. Sie werden sehen, daß ich Sie nicht fürchte, Herr Kapitän!“

So war ihm noch keiner gekommen. Der Alte fletschte die Zähne, trat auf den Deutschen zu und rief mit dröhnender Stimme:

„So werde ich Sie mit meinen Händen erfassen und hinauswerfen!“

Müller lächelte ihm mit größter Freundlichkeit entgegen und antwortete:

„Oder die Pistole nehmen und mich erschießen, wie den Fabrikdirektor. Verstanden?“

Da fuhr der Alte zurück, als habe er ein Gespenst gesehen. Seine Augen öffneten sich weit, ebenso sein Mund, aber nicht vor Schreck, sondern vor ungeheurem Zorn.

„Herr!“ donnerte er. „Soll ich Sie zermalmen?“

„Das würde Ihnen schwer werden. Mir wird es nie einfallen, ein Blankett auszustellen, welches Sie dann mit der Erklärung ausfüllen, daß ich mich selbst mordete, weil ich Ihre Gelder unterschlagen habe, die Sie doch den Augenblick vorher in guten echten, leider aber gezeichneten Banknoten einsteckten.“

Jetzt stutzte der Alte doch. Er war so betroffen, daß er kein Wort hervorbrachte.

„Ich hätte Ihnen“, fuhr Müller fort, „wirklich die Klugheit zugetraut, mit einem Mann meines Schlages richtig sprechen zu können; aber ich sehe leider, daß ich mich täuschte. Sie beherrschen die ganze Besitzung, so daß alle Welt Sie flieht und fürchtet, aber dem armen, buckligen Deutschen vermochten Sie doch nicht, Respekt abzunötigen. Ein Mann der Wissenschaft, zumal meiner Wissenschaft, fürchtet keinen Menschen.“

„Ihrer Wissenschaft? Welche Wissenschaft nennen Sie denn so speziell die Ihrige?“

„Die Magie.“

„Die Magie? Unsinn! Reden Sie zu den alten Weibern von der Magie, aber nicht zu mir. Mit diesem Schwindel bringen Sie mich nicht zum Fürchten, Monsieur Müller!“

Er hatte seine Fassung wiedergewonnen und blickte den Deutschen finster an. Dieser hielt den herausfordernden Blick gelassen aus und antwortete lächelnd:

„Sie irren. Haben Sie einmal etwas vom Erdspiegel gehört, in welchem derjenige, der es versteht, alles sehen kann, was er will, selbst die tiefsten Geheimnisse eines Menschen?“

„Unsinn, und abermals Unsinn!“

„Ich werde Ihnen das Gegenteil beweisen. Ich wollte sehen, was Sie taten, und blickte in meinen Spiegel. Da sah ich Sie durch eine Stelle der Täfelung in das Gemach des Direktors treten; ich sah ihn das Geld aufzählen, ich sah ihn das Blankett ausstellen, ich sah Sie dann, am Schreibtische sitzend, dasselbe ausfüllen, ich sah Sie weiter in den Hintergrund des Zimmers treten, während er am Schreibtische las, was Sie geschrieben hatten; ich sah, wie er dann nach der Leitung sprang, wie aus Ihrer Pistole der Schuß aufblitzte, wie Sie das Blankett so legten, daß es gesehen werden konnte, wie Sie in Ihre Wohnung gingen, das Geld zu verbergen und sich dann schnell umkleideten, um den Glauben zu erwecken, daß Sie soeben erst erwacht seien. Mein Erdspiegel zeigte mir die Leitung; darum fand ich sie sogleich.“

Während dieser Worte war eine schreckliche Veränderung mit dem Alten vorgegangen. Seine Augen waren vor Angst eingesunken, seine Wangen erbleichten. Er war auf einen Stuhl gesunken, und sein Schnurrbart hing trostlos hernieder. Dieser Deutsche schilderte den Hergang so genau, als ob er selbst dabeigewesen wäre. War die Geschichte vom Erdspiegel wirklich keine leere Sage?

„Ist's wahr?“ stöhnte er. „Ist's wahr?“

„Vollständig wahr. Ich habe das alles nicht bloß gesehen, sondern auch gehört, Wort für Wort. Ich hörte die Versprechungen, welche Sie dem Direktor machten, die Erklärung, welche Sie seiner Liebe zur Baronin gaben, ich hörte, daß Sie ihn bereits am Vormittag mit ihr im Boudoir beobachtet hatten. Ich hörte von der Gratifikation, mit der Sie ihn kirrten, ich hörte alles, alles, bis der Schuß fiel, denn dann war ja nichts mehr zu hören.“

„O mein Gott, mein Gott!“

„Und so sehe ich noch jetzt das geraubte Gut, welches Sie dort im geheimen Fach hinter dem dritten Kasten verborgen halten; ein leiser Druck genügt, um die Feder zu öffnen. Soll ich es Ihnen zeigen?“

Er trat näher.

„Nein, nein!“ schrie der Alte entsetzt, indem er seine Arme abwehrend ausstreckte.

„Ich sehe sogar die Nummern der Noten“, fuhr Müller fort. „Sie sind 10.468, 17.931, 21.869 und so weiter, und darauf befinden sich die Anfangsbuchstaben der Firmen, von denen sie der Direktor erhielt. Sagen Sie selbst, ob der Erdspiegel ein solcher Unsinn ist, wie Sie sich auszudrücken belieben!“

Da richtete der Alte einen furchtbaren Blick auf den Deutschen und fragte:

„Und das alles ist Wahrheit?“

„Pah, zweifeln Sie immerhin daran, wenn Sie es vermögen! Aber sehen Sie es wenigstens ein, daß ein deutscher Doktor Ihnen gleichgestellt ist! Sie haben mir gedroht, mich hinauszuwerfen. Nun wohl, so werde ich Sie zwar nicht hinauswerfen, aber hinaus führen lassen, nämlich von den Sergeanten der Polizei. Das Blut des Direktors schreit zum Himmel; ich kann beweisen, wer sein Mörder ist, und die Baronin soll den heimlich Geliebten gerächt sehen!“

Da fuhr der Alte empor.

„Nein, nein, nur dieses nicht! Sie sind ein fürchterlicher Mensch! Was verlangen Sie denn eigentlich von mir?“

„Sehr wenig. Ich verlange Ihre Unterschrift unter eine Bescheinigung, daß Sie der Mörder des Direktors sind.“

„Unmöglich!“ rief der Kapitän.

„Sehr möglich und sogar notwendig! Hören Sie mich an! Sie geben mir diese Unterschrift, welche Sie mit Ihrem Siegel sowohl, als auch mit Ihrem Stempel versehen. Ich bewahre dieselben auf, bis ich von hier freiwillig abgehe. Scheiden wir im Guten, so erhalten Sie die Unterschrift zurück, und niemand wird erfahren, was Sie taten. Scheiden wir im Bösen, so kommt die Schrift in die Hände der Baronin. Ich gebe Ihnen fünf Minuten Bedenkzeit. Sind diese verflossen, ohne daß Sie sich zu der Unterschrift bequemen, so lasse ich die Polizei kommen. Ich brauche meine Beweise gar nicht; es genügt einfach die Tatsache, daß man die Noten bei Ihnen finden wird, während Sie in den Akten deponieren, daß der Direktor sie unterschlagen habe. Also fünf Minuten, sie beginnen jetzt. Entscheiden Sie sich.“

Der Alte sah sich gefangen; es half ihm kein Leugnen. Nur eine Rettung gab es: diesen Deutschen niederzuschießen gerade wie den Fabrikdirektor.

Die Hand des Kapitäns näherte sich dem Kasten, in welchem er seine Waffen liegen hatte; da aber griff der Deutsche in seine Tasche, zog den Revolver hervor und drohte:

„Die Hand vom Kasten, oder ich schieße Sie nieder wie einen Hund, wie ein Raubtier, das Sie ja auch sind! Drei Minuten! Sie haben nur noch zwei. Ich scherze nicht, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich nicht eine Sekunde länger warten werde!“

Da griff der Alte nach dem dritten Kasten, um die Banknoten heraus zu nehmen. Er wollte sie vernichten; dann gab es keinen Beweis mehr gegen ihn. Aber sofort stand Müller bei ihm und hielt ihn zurück.

„Halt! Mich überlisten Sie nicht! Sie haben noch eine halbe Minute, dann klingele ich die ganze Dienerschaft zusammen. In deren Gegenwart dürfen Sie die Noten heraus nehmen, eher aber nicht.“

Er blickte nach der Uhr.

„Fünf Minuten um! Nun?“

„Sie sind ein Teufel!“ ächzte der Alte.

„Pah, was nützt das ewige Verhandeln! Ich warte nicht!“

Bei diesen Worten faßte er den Glockenzug und schellte. Da aber sprang der Alte auf und schrie in entsetzlicher Angst:

„Halt! Halt! Ich unterschreibe!“

„Was ich diktieren werde?“ fragte Müller.

„Ja, alles!“

In diesem Augenblick trat der Diener ein. Der Kapitän blickte voller Angst auf Müller, was dieser sagen werde. Der Deutsche wandte sich nach der Tür und sagte:

„Der Herr Kapitän läßt Ihnen sagen, daß ich als Erzieher des Barons Alexander das Recht beanspruchen kann, an der Familientafel zu speisen. Es ist also von jetzt an für mich dort zu servieren!“

Der Domestik verbeugte sich und schritt hinaus, vor Verwunderung ganz wirr im Kopf. So etwas Unerhörtes war in diesem Haus noch niemals passiert.

„Auch das noch!“ rief der Alte. „Ich wiederhole es. Sie sind ein Teufel!“

„Und Sie ein Satan!“ lachte Müller. „Räsonieren Sie übrigens nicht, sondern schreiben Sie, sonst sehe ich mich veranlaßt, nochmals zu klingeln, und dann stehe ich für nichts.“

„Sie werden das Blatt keinem Menschen zeigen?“

„So lange wir Freunde sind, keinem Menschen.“

„Gut, so diktieren Sie!“

Er nahm einen Bogen Papier her und griff zur Feder. Müller diktierte folgende Zeilen:

„Ich gestehe hiermit ein, daß mein Fabrikdirektor kein Selbstmörder ist, sondern von mir erschossen wurde. Die Banknoten, welche er mir nach meiner Aussage unterschlagen haben soll, hat der Getötete mir fünf Minuten vor dem tödlichen Schuß ausgezahlt.

Ortry, den 19. Mai 1870

Albin Richemonte, Kapitän.“

Der Wortlaut dieses Eingeständnisses gefiel dem Kapitän nicht. Er widersprach, er bat, er drohte; es half ihm nichts, der Deutsche beharrte eisern auf seinem Vorsatz. Endlich hielt er das Papier unterschrieben und untersiegelt in der Hand: er trat zur Klingel und zog daran.

„Um Gottes willen, was wollen Sie noch?“ fragte der Alte besorgt.

„Bleiben Sie ruhig“, antwortete Müller. „Ich beabsichtige nichts Gefährliches.“

Und als der Diener eintrat, befahl er:

„Der Herr Kapitän läßt die gnädige Baronesse und Mademoiselle Nanon zu sich bitten.“

„Aber was sollen denn diese?“ fragte der Alte, als der Diener sich entfernt hatte.

„Sie sollen Ihre Unterschrift rekognoszieren“, antwortete Müller. „Bei Ihnen muß man vorsichtig sein. Sie können sonst alles ableugnen und für gefälscht erklären.“

Der Kapitän hätte den Deutschen erwürgen mögen, aber er mußte seine Wut verbergen. Im stillen aber gelobte er sich Rache.

„Ich werde ihn beobachten, wenn er nachher geht“, dachte er. „Ich werde sehen, wo er das Papier verbirgt. Ich werde es mir holen und die Banknoten an einem anderen Ort verstecken; dann habe ich ihn überlistet, und er ist machtlos.“

Er brachte bei diesem Entschluß weder den Erdspiegel, oder was ja ganz dasselbe war, die Klugheit Müllers in Rechnung.

Es dauerte gar nicht lange, so erschienen die beiden Damen, ganz begierig zu wissen, was der so seltene Ruf zum Kapitän bedeutete. Sie waren erstaunt, Müller bei ihm zu sehen, und ihr Erstaunen wuchs, als dieser sie anredete:

„Mesdemoiselles, ich stehe im Begriff, mir eine sehr große Gefälligkeit von Ihnen zu erbitten. Der Herr Kapitän hat mir hier einen Revers ausgestellt, zu dessen Gültigkeit unbedingt erforderlich ist, daß zwei Personen bezeugen, daß Unterschrift, Siegel und Stempel wirklich von ihm stammen. Würden Sie die Gewogenheit haben, dies durch ein paar Worte und Ihre Unterschrift zu beurkunden?“

„Gern!“ sagte Marion bereitwillig. „Großpapa, du hast das geschrieben, untersiegelt und gestempelt?“

„Ja“, antwortete er, innerlich knirschend. „Aber ihr beide dürft es nicht lesen!“

„Gut so legen wir etwas darauf!“

Sie bedeckte den Inhalt mit einem Papierblatt und schrieb dann zwei Zeilen. Als sie fertig war, schob sie die Schrift der Freundin hin. Diese unterzeichnete, und nun las Marion vor:

„Wir haben geschrieben: ‚Daß diese Unterschrift nebst Stempel und Siegel in Wirklichkeit von der Hand meines Großvaters, des Kapitäns Albin Richemonte, stammen, bescheinigen wir mit unserer Unterschrift. Marion de Sainte-Marie. Nanon Charbonnier.‘ Ist es so richtig?“

„Ganz und gar“, antwortete Müller, indem er sich verbeugte. „Nehmen Sie unseren herzlichen Dank!“

Die Damen sahen, daß sie entlassen seien, dennoch aber fragte Marion den Deutschen:

„Ich höre von Alexander, daß Sie mit uns nach Thionville fahren werden?“

„Ja; er hat mich, sozusagen, zu dieser Tour gepreßt“, antwortete er lächelnd.

„Uns ebenso; doch müssen wir dies schwere Leiden mit Geduld ertragen. Adieu!“

Als sie sich entfernt hatten, erhob sich der Alte und stand in der Überzeugung, daß er seinen Gegner doch noch betrügen werde, in stolzer Haltung da.

„Nun sind wir wohl fertig?“ fragte er.

„Ja, obgleich ich eigentlich noch im Sinne hatte, dafür zu sorgen, daß die Banknoten nicht verschwinden, sondern als Beweis zurückbleiben. Allein derselbe ist nicht mehr nötig. Ihre Unterschrift und diejenige der Damen genügt vollständig.“

„So können Sie gehen!“

Er wendete sich in einer nach seiner Ansicht imponierenden Haltung ab. Müller aber blieb stehen und beobachtete ihn mit stillem Lächeln. Da wandte jener sich rasch wieder um und fragte:

„Nun, ich denke, wir sind fertig!“

„Allerdings, bis auf eine kurze Bemerkung. Ich bin überzeugt, daß Sie mich noch immer zu niedrig taxieren. Ihre persönliche Haltung, Ihr so schnell veränderter Ton sind eine Unvorsichtigkeit, denn sie lassen mich vermuten, daß Sie noch immer glauben, mich überlisten zu können. Ich weiß, in welcher Weise dies nur geschehen kann: Sie werden durch ein gewisses, matt geschliffenes Glas beobachten, wohin ich das Papier lege, und es mir dann stehlen. Sie werden ferner den Noten einen anderen Aufbewahrungsort geben; dann stehe ich macht- und beweislos Ihnen gegenüber, und Sie können mich wie einen Hund vom Hof jagen. Oder Sie machen es noch kürzer: Sie schießen mir eine Kugel durch den Kopf; das ist gründlich gehandelt. Da muß ich Ihnen nun leider sagen, daß ich Ihnen Schach und Matt biete. Ich fahre nachher nach Thionville. Von da aus geht eine Estafette mit diesem Papier nach meiner Heimat, wo dasselbe heilig aufbewahrt werden wird. Widerfährt mir bei Ihnen hier das geringste Leid, so wandert das Papier zum Staatsanwalt. Was dann folgt, das können Sie sich ausmalen, nachdem ich Sie jetzt verlassen habe. Adieu, Herr Kapitän!“

Er ging, aber hinter sich vernahm er noch die vor Wut förmlich herausgekeuchten Worte:

„Hole dich der Teufel! Dieses Geschöpf des Satans ist wahrhaftig allwissend!“

Kurze Zeit später fuhren die beiden Wagen vom Schloß ab nach Thionville, und Müller wurde wirklich von der Baronin eingeladen, in dem ihrigen Platz zu nehmen. –

Gegenüber dem Haus, in welchem Doktor Bertrand sein Domizil aufgeschlagen hatte, befand sich ein Gasthof, welcher besonders von den Angehörigen des Mittelstandes besucht zu werden pflegte. Dort hatte der Zauberer Abu Hassan mit seiner Künstlertruppe Wohnung genommen.

Keiner von seinen Leuten wußte, woher der Chef eigentlich stammte, und keiner kannte die Quellen, aus denen er schöpfte. Mochte die Einnahme eine noch so karge sein, Hassan hatte immer Geld, die Mitglieder seiner Truppe zu befriedigen.

Niemand ahnte, daß er dieses Leben nur gewählt hatte, weil es ihn überall im Land herumführte und ihm reichlich Gelegenheit gab, Nachforschungen anzustellen, ohne dabei auffällig zu werden. Es galt der Entdeckung eines Geheimnisses, der Vergeltung eines Verbrechens. Hassan hatte jahrelang vergebens gesucht, hatte bereits die Hoffnung aufgeben wollen, und nun, nun stand er plötzlich vor dem Anfang des Endes.

Im kleinen Stübchen, welches an die große Gaststube stieß, saß Fritz Schneeberg bei einem Glas Wein. Neben ihm saß eine der Künstlerinnen. Sie hatte auf alle Fälle bereits dreißig Jahre zurückgelegt; ihr Gesicht predigte laut von übermäßig befriedigten Leidenschaften, doch hatten Puder und Schminke das ihrige getan, ihr ein möglichst anziehendes Aussehen zu geben. Sie war bereits für die Vorstellung in ein leichtes, durchsichtiges Flittergewand gekleidet. Das blaue, goldbeflimmerte Mieder ließ Hals, Nacken und Arme frei, und das Röckchen, kaum noch weiß von Farbe, bedeckte kaum die Oberschenkel und gab dem Blick die starken, mit durchscheinenden Strümpfen bekleideten Beine zur ungeschmälerten Besichtigung preis. Trotz ihrer vollen, schweren Gestalt war sie die Seilkünstlerin der Truppe, und selbst der sonst so lobeskarge Direktor hatte ihren Leistungen stets nur seine Anerkennung zuerteilt.

Jetzt also saß sie neben dem Deutschen, verschlang dessen volle, kräftige Gestalt mit gierigen Augen und versucht, den nackten Arm auf den seinigen zu legen, was ihr aber nicht gelang, da er sich bei allen diesen Bewegungen abweisend zurückbog.

„So komm doch her! Nur einen einzigen Kuß, Goldjunge!“ bat sie ihn.

„Laß mich, Mädchen!“ antwortete er. „Ein Schluck Wein ist mir lieber als tausend Küsse von dir!“

„Oho!“ zürnte sie. „Sehe ich denn etwa gar so widerwärtig aus?“

„Hm! Ich denke mir, den Wein hat noch niemand getrunken, du aber bist zehntausendmal geküßt worden.“

„Höre, Bursche, was bildest du dir ein!“ rief sie. „Was bist du denn? Ein Kräutermann, weiter nichts; und ich bin eine vielgesuchte Künstlerin, an deren jeder Finger sich gern zehn Männer hängen.“

„Oho, schneide nicht auf!“

„Aufschneiden? Ah, warum will mich denn der Bajazzo heiraten, he? Warum macht er mir das Leben so schwer? Warum läßt er mir weder bei Tag, noch bei Nacht Ruhe? Warum schwört er mir Rache, wenn ich seine Bewerbung zurückweise?“

„Nun, jedenfalls weil er sich auch an einem deiner Finger aufhängen will!“

„Nein, nicht deshalb, sondern weil er weiß, daß er ein riesiges Geld mit mir verdienen kann. Die Männer und Burschen sind ja alle ganz vernarrt in mich!“

„So hat dieser Bajazzo weder Liebe zu dir, noch irgendein Ehrgefühl!“

„Das fällt ihm auch beides gar nicht ein. Er ist ja eigentlich mein Stiefvater.“

„Alle Teufel! Wie alt ist er denn?“

„Weit in die Fünfzig. Meine Mutter, seine zweite Frau, ist früh gestorben, und von dieser Zeit an hat er mich in der Welt herumgeschleppt. Als ich ein Kind war, hat er meine kleine Gage stets in seine Tasche gesteckt; als ich größer und klüger wurde, hielt ich meine eigene Kasse. Das will er ändern. Ich soll seine Frau werden, damit er es wieder machen kann wie früher. Aber er bringt es nicht so weit, der Lüdrian, der Trunkenbold. Er säuft von früh bis abend, so daß es ein wahres Wunder ist, daß er den Hals noch nicht gebrochen hat. Lieb wäre mir das. Doch – – –“

Sie unterbrach sich und starrte nach seinem Hals. Er bemerkte das und fragte:

„Was hast du, daß du mich so anstarrst?“

„Dieser Zahn, oh, dieser Zahn! Zeig her, zeig her!“

Sie griff nach der Kette, zog den Zahn näher und betrachtete ihn mit funkelnden Augen.

„Was ist's mit dem Zahn?“ fragte er.

„Er ist's er ist's. Es ist der eine! Mensch, du siehst ihm so ähnlich, dem die beiden Zwillingsknaben geraubt wurden, diese Ähnlichkeit ist mir sogleich aufgefallen; ich war ein achtjähriges Mädchen, und er war nicht viel älter als du jetzt. Sage, woher hast du diesen Zahn?“

Die Worte des Mädchens hatten ihn aufmerksam gemacht.

„Doch von meinen Eltern“, antwortete er.

„Wer waren sie?“

„Das weiß ich nicht; ich bin ein Findelkind.“

„Ein Findelkind!“ schrie sie förmlich auf. „Wo hat man dich gefunden?“

„In der Nähe eines Dorfes bei Neidenburg in Ostpreußen“, antwortete er, und richtete voller Erwartung seine Augen auf das erregt vor ihm stehende Mädchen.

Fritz glaubte, dem Mädchen die Wahrheit sagen zu können. Nanon aber, so sehr er diese anbetete, hatte er gesagt, daß er zwischen den Bergen, also wohl in der Schweiz, gefunden worden sei, weil er in der Umgebung für einen Schweizer gehalten werden sollte.

„Bei Neidenburg!“ jubelte das Mädchen. „Du bist's! Du bist's! Oh, nun kann ich dich zwingen, mich lieb zu haben, denn ich weiß ein Geheimnis, welches mir deine Liebe verschaffen kann. Willst du mich lieb haben, sehr lieb? Antworte schnell!“

„Was ist's für ein Geheimnis?“ fragte er.

„Sag erst, ob du mich lieben willst!“ drängte sie.

„Nein!“ antwortete er, sich abwendend.

„Nur dann will ich dir sagen, wer deine Eltern sind, wenn du mir gehören willst.“

Schnell drehte er sich wieder zu ihr.

„Meine Eltern?“ rief er. „Kennst du sie?“

„Ja, ganz genau. Ihr wart Zwillingsbrüder. Ihr wurdet geraubt auf den Befehl eines hohen Herrn, der den Räuber reich belohnte. Später aber gingt ihr verloren, du bei Neidenburg und der andere –“

Da öffnete sich die Tür, und der Bajazzo trat ein. Seine Augen funkelten vor Wut, und er fragte:

„Was treibt ihr da, he? Soll ich euch mit dem Stock auseinander treiben? Jetzt eben schlägt es zwei Uhr, und die Vorstellung soll anfangen. Wie siehst du aus, Metze! Pack dich sofort in die Garderobe! Und dieses Bürschchen da werde ich bei den Ohren nehmen und daran erinnern, daß es hier bei uns –“

Er hielt mitten im Satz inne. Sein Blick war auf die Kette und den Zahn gefallen. Er war betrunken, sogar sehr betrunken, aber er erbleichte dennoch. Ohne seine Schimpfrede fortzusetzen, drehte er sich um und verließ das Stübchen. Er sah so verwirrt und erschrocken aus wie einer, den die Nemesis beim Schopf fassen will.

„Was war so plötzlich mit ihm?“ fragte Fritz das Mädchen.

„Er sah diesen Zahn“, antwortete sie. „Siehst du, welche Wirkung dieser hat! Nach der Vorstellung sprechen wir weiter. Jetzt muß ich in die Garderobe. Aber so ist es, wenn die Liebe zu stark wird, zerreißen die Kleider. Also überlege es dir, ob du mich haben willst, wenn ich dir eine Grafenkrone dafür gebe.“

Sie ging und ließ den Deutschen in größter Erregung zurück. Er stand vor der Lösung seines Geheimnisses, aber der Schlüssel stank vor Schmutz. Was sollte er tun? Oh, wenn er doch einmal mit Nanon reden könnte! Kam sie vielleicht zur Vorstellung? Dieselbe war ja auf allen umliegenden Ortschaften angemeldet worden. Aber nein; für die Bewohner von Schloß Ortry war dies Vergnügen nicht passend.

Fritz ging, um sich eine neue Bluse zu kaufen, da er keine andere besaß, als die zerrissene.

Nicht weit vom Gasthaus war ein Laden; dorthin ging er. Er fand, was er suchte, kaufte und bezahlte das Stück und zog es sogleich an, die alte dem Händler als Geschenk zurücklassend. Als er aus dem Laden trat, kamen soeben zwei Wagen herangerollt. Im ersten erblickte er Müller und im zweiten Nanon; für die übrigen hatte er keine Augen. Beide grüßten ihn freundlich, und nun nahm er sich vor, mit Nanon zu sprechen, wenn es nur irgend möglich zu machen sei.

Unterdessen war die Seilkünstlerin in die Garderobe getreten, welche im Hinterhaus des Gasthofes lag. Alle anderen Künstler befanden sich bereits auf dem Platz, wo die Vorstellung gegeben werden sollte; nur der Hanswurst wartete auf sie.

Als sie eintrat, führte er gerade die fast geleerte Flasche an den Mund. Er trank sie aus und warf sie zu Boden, daß die Scherben herumflogen.

„Verdammte Liebelei mit diesem Burschen!“ rief er. „Und wie habt ihr euch aneinander herumgedrückt! Der ganze Anzug ist dabei zerrissen worden!“

„Geht das dich etwas an?“ fragte sie schnippisch, indem sie einen alten Kasten öffnete, um ein anderes Fähnchen herauszunehmen.

„Mich?“ meinte er erbost. „Ja, mich am allermeisten! Bin ich nicht dein Vater, dein Bräutigam?“

„Bräutigam!“ lachte sie höhnisch. „Der sitzt drinnen im Stübchen.“

„Der? Ah, der Lump, der Pflanzensucher!“

„Nein, sondern der Edelmann, der Grafensohn. Du hast ja den Zahn gesehen!“

„Den Zahn? Welchen Zahn? Den Teufel habe ich gesehen, aber keinen Zahn!“

„Lüge nicht!“ gebot sie ihm. „Du hast ihn wohl gesehen. Du bist ja sofort ausgerissen.“

„Willst du schweigen, verfluchte Dirne!“ rief er wütend. „Ich glaube gar, du willst uns an den Galgen reden!“

„Mich nicht, aber dich! Ich kann nicht bestraft werden. Ich mußte dir gehorchen; ich habe nur Wache gestanden; ich war noch ein Kind. Ich bin ihm gut. Er muß mich wieder lieben, und ich mache ihn zum Grafen.“

Diese Worte waren in einem höchst entschlossenen Ton gesprochen. Der Bajazzo stand dabei mit gläsernen Augen; der Teufel des Fusels blickte aus ihnen. Er knirschte die Zähne hörbar zusammen, erhob drohend die geballte Faust und fragte:

„Das willst du? Willst du das wirklich tun, he?“

„Ja, da tue ich!“ antwortete sie, die Hände beteuernd zusammenschlagend.

„Oho, da bin ich auch noch da, ich, dein Vater und Bräutigam. Ich habe das Recht, dich zu züchtigen, und ich werde davon Gebrauch machen, verstehst du mich?“

Er trat näher an sie heran. Sie gab ihm einen Stoß und rief: „Pack dich Süffel, du stinkst wie ein Faß!“

Der Stoß war zu stark gewesen; der Mann stürzte nieder. Aber mit der Elastizität eines Akrobaten war er wieder in die Höhe, und im gleichen Augenblick brannte eine fürchterliche, schallende Ohrfeige in ihrem Gesicht. Sie stieß einen heißeren Wutschrei aus und stürzte sich auf ihn. Er hielt ihr trotz seiner Trunkenheit scharf stand, denn das Balgen gehörte zu seinem Handwerk. Sie rauften, schlugen, kratzten und bissen sich so lange in der engen Kammer, welche die Garderobe bildete, herum, bis ein Mitglied der Truppe erschien, und sie mit dem Bemerken auseinander riß, daß die Vorstellung bereits begonnen habe; der Direktor befehle, daß sie kommen sollten.

Der Bote entfernte sich sofort wieder. Die Seilkünstlerin kochte vor Zorn, er aber vor Wut und Eifersucht.

„Warte nur“, drohte sie ergrimmt; „das tränke ich dir ein, du Kinderräuber!“

„Ah, wirklich?“ fragte er, zitternd vor Schnaps und Aufregung. „Wie denn, he?“

„Ich bringe dich ins Zuchthaus; dann bin ich doch los.“ Und mit erhöhter, fast überschnappender Stimme fügte sie hinzu: „Warte nur die Vorstellung ab, dann kommt er, ich habe ihn bestellt. Ich sage ihm alles, alles, alles! Dann hat er mich lieb, du aber spinnst Wolle hinter engen Mauern!“

Er lachte höhnisch. Das brachte sie noch mehr auf.

„Du glaubst es nicht?“ fragte sie. „Ich schwöre es dir hiermit zu mit den heiligsten Eiden, daß er es nach der Vorstellung erfährt! Nun glaube es, oder nicht; mir ist es ganz und gar gleich; dich aber bin ich dann glücklich los! Mach dich gefaßt!“

Sie warf noch ein langes Tuch über, da sie durch einige Gassen gehen mußte, gab ihm einen letzten Stoß, daß er an die Wand taumelte, und eilte fort. Er starrte ihr nach, fast sinnverwirrt vor Eifersucht, Wut, Angst und Schnaps.

„Sie tut es; sie tut es wirklich; der Teufel soll mich holen, wenn sie es nicht tut!“ knirschte er. Und die Faust drohend schüttelnd, murmelte er: „Aber noch gibt es ein Mittel dagegen. Ich habe es schon oft im Kopf gehabt und nicht ausgeführt. Aber jetzt sehe ich, daß sie mich nicht will. Sie hält es mit anderen, und mich schafft sie ins Zuchthaus. Gut, heute ist's genug; heute wird's gemacht. Der Teufel soll lieber sie haben als mich!“

Und in dem offenen Kasten herumwühlend, dachte er weiter:

„Ich habe sie oft gewarnt; ich brauche mir kein Gewissen zu machen. Da sind Kleider genug, die ich brauche, und dort steht die Kasse des Direktors. Hahahaha! Mich ins Zuchthaus bringen! Wir wollen sehen, wer dieses Mal gewinnt!“

Als er sich alles zurecht gelegt hatte, verließ er die Garderobe, zog den Schlüssel ab und steckte ihn in eine Mauerritze, da er in seinen Trikots keine Tasche hatte. Dann begab er sich nach dem Festplatz.

Dort befanden sich die Künstler bereits in voller Handlung. Ein hohes Turmseil weckte die gespannte Erwartung aller Zuschauer. Daneben waren mehrere tiefere Seile gezogen. Es gab ein Schwebereck und außerdem den ganzen equilibristischen Apparat, der bei solchen Schaustellungen gewöhnlich in Anwendung kommt. Zur ebenen Erde waren große Tücher ausgebreitet, auf denen die Lustigmacher ihre Späße zu treiben hatten. Die größte Aufmerksamkeit aber erregte ein hohes Gerüst, auf welchem Abu Hassan, der orientalische Zauberer, seine unbegreiflichen Künste, die den Glanz- und Schlußpunkt der Vorstellung bildeten, produzieren sollte.

Als der Bajazzo ankam, agierten einige der Künstler auf dem niedrigen Seil, sodann folgte ein komisches Intermezzo, bei welchem er die Hauptrolle zu spielen hatte. Sie gelang ihm vortrefflich. Er mochte noch so sehr betrunken sein, während der ‚Arbeit‘ hatte der Spiritus keine Gewalt über ihn.

Nun folgte das erste Betreten des Turmseils. Die Künstlerin lehnte nachlässig an der Leiter, welche zur Höhe führte. Sie warf das Tuch ab und stieg empor. Droben lag die Balancierstange. Sie ergriff dieselbe und machte dem Publikum eine Verbeugung. Darauf überzeugte sie sich, ob auch die vom Hauptseil nach unten hängenden Halteseile scharf angezogen seien. An diesen Seilen standen ihre Kollegen, unter ihnen auch der Bajazzo. Er hatte sich seinen Ort mit Absicht auserwählt. Gerade über ihm war die Stelle, an welcher sie sich frei niederzulegen pflegte. Sie streckte dann Arme und Beine von sich und balancierte die Stange auf der Stirn.

Jetzt schien alles in bester Ordnung zu sein – sie betrat das Seil. Es begann in einer Höhe von vielleicht fünfzig Fuß und stieg dann bis über achtzig Fuß empor. Die Künstlerin erklomm diese Bahn sehr glücklich unter allerlei kühnen Abwechslungen in Schritt und Sprung. Dann schritt sie rückwärts wieder herab. Das Seil ging hier sehr steil empor; es war eine schwierige Partie; ein Fehltritt hätte sie zum Sturz in die Tiefe gebracht, aber das Wagnis gelang.

Fast in der Mitte des Seils angekommen, drehte sie sich mit einem verwegenen Sprung um. Ein rauschender Applaus war zu hören. Sie ließ ihn verklingen und bedankte sich durch eine Verneigung. Dann kniete sie langsam nieder, gerade über dem Bajazzo, welcher das Halteseil mit aller Kraft anzog. Seine Augen glühten in einem wilden, teuflischen Entschluß empor. Jetzt setzte sie sich auf das Seil und ließ sich dann langsam hintenüber sinken. Als sie lang ausgestreckt, das Gleichgewicht gefunden hatte, hob sie das eine Ende der Stange auf die Stirn und begann zu balancieren. Sodann streckte sie zunächst die Arme und später die Beine empor, ohne daß die Stange oder sie selbst aus dem Gleichgewicht gekommen wären. Dies erweckte einen dreifach lauteren Beifall als vorher.

Auf diesen Augenblick hatte der Bajazzo gewartet. Gedankenschnell sein Halteseil nachlassend und wieder anziehend, so daß der Vorgang nur von einem scharfen und aufmerksamen Kennerauge bemerkt werden konnte, teilte er dem Hauptseil eine plötzliche, scharfe Erschütterung mit. Ein schriller Aufschrei der Künstlerin überschmetterte den Applaus des Publikums; die Stange neigte sich, erst langsam und dann schneller, und stürzte endlich herab. Die Künstlerin versuchte, mit den Händen das Seil zu erhaschen – sie griff in die Luft, flog herab und schlug mit einem dumpfen Krach gerade neben dem Bajazzo auf die Erde nieder.

Dieser stand scheinbar wie vom Donner gerührt, den fürchterlichen Schrei, den tausend anwesende Menschen ausstießen, gar nicht beachtend; dann aber schlug er sich die Hände vor den Kopf und warf sich jammernd neben der Verunglückten nieder.

Zugleich aber legte sich eine Hand schwer auf seine Schulter. Es war die des Direktors.

„Mörder!“ rief dieser. „Ich habe es gesehen, es war Absicht. Ich lasse dich festnehmen.“

Der Bajazzo tat, als höre es dies gar nicht. Das Publikum drängte in Massen herbei und schob die Künstler auseinander. Dies benutzte der Mörder. Er ließ sich mit Absicht abdrängen und eilte dann mit dem Ruf „ein Arzt, ein Arzt!“ davon.

Er erreichte ganz unangefochten den Gasthof, sprang über den Hof hinüber, zog den Schlüssel aus der Ritze, schloß auf und trat ein. Im Nu hatte er sich die Schminke abgewaschen, ebenso schnell flogen ihm die zurechtgelegten Kleider auf den Leib. Dann stülpte er einen Hut auf, ergriff die Kasse und trat aus der Kammer. Er verschloß diese und schleuderte den Schlüssel in das nahe Jauchefaß. Dies verschaffte ihm eine Frist, weiter zu kommen.

Er war schlau genug, den Gasthof nicht durch den Eingang zu verlassen. Er schlich sich in den Garten. Für ihn als Bajazzo war es ein leichtes, sich mit der Kasse über den Zaun zu schwingen, und nun befand er sich auf einer Wiese im Freien. Er eilte über dieselbe hinüber, erreichte ein Gebüsch, welches ihn den Blicken seiner Verfolger entzog, und sprang sodann beflügelten Schritts dem nicht sehr fern liegenden Wald zu.

Es hätte dieser Vorsicht und Eile gar nicht bedurft, denn auf Feld und Wiese befand sich heute kein Mensch, da alles in der Stadt geblieben oder nach derselben gegangen war, um der Vorstellung beizuwohnen, die nach der verlockenden Ankündigung eine noch nie dagewesene zu werden versprochen hatte.

Auf dem Festplatz war natürlich alles in der fürchterlichsten Aufregung. Mit echt französischer Lebhaftigkeit drängte sich Mensch an Mensch, Masse an Masse. Die drei Mann Stadtsergeanten konnten nichts dagegen tun.

Zahlreiche Angstrufe und Schreie ertönten, ausgestoßen von verletzten Menschen, bis endlich die Militärbesetzung ihre Schuldigkeit begriff und nach und nach Ruhe stiftete und Ordnung in das Gewühl brachte.

Die Herrschaften von Ortry waren so klug gewesen, dem Rat Müllers zu folgen. Sie hatten schleunigst die Wagen aufgesucht und die Stadt verlassen.

Noch immer lag die verunglückte Künstlerin auf derselben Stelle, auf welche sie niedergeschmettert war. Ein Haufe Volks umgab sie, und inmitten desselben knieten zwei Männer bei ihr, nämlich Doktor Bertrand und Fritz.

„Wie steht es?“ fragte der letztere.

„Schlecht, wie zu erwarten“, antwortete der Gefragte. „Wenn sie überhaupt zu sich kommt, so ist es nur, um sofort für ewig einzuschlafen. Bei einem Sturze aus solcher Höhe kann kein Mensch mit dem Leben davon kommen.“

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, so bewahrheiteten sie sich. Die Künstlerin bewegte leise den Kopf und schlug die Augen auf. Ihr starrer, verschleierter Blick fiel auf das ihr nahe Gesicht des Pflanzensammlers. Sie schien ihn doch zu erkennen, denn ihr Auge belebte sich, und ihre Züge machten eine vergebliche Anstrengung, ein freundliches Lächeln hervorzubringen. Dann bewegte sie ihre Lippen. Die beiden Männer hielten ihre Ohren näher hin und hörten deutlich die Worte:

„General – Kunz von Goldberg – Vater – Rauben lassen Graf – Jules Rallion – Cousin Hedwig – Bajazzo – bezahlt – ah!“

Sie konnte nicht weiter sprechen. Ein blutiger Schaum trat ihr vor den Mund; ihre Augen brachen; ein Zittern ging durch ihre zerschmetterten und zerbrochenen Glieder; der eine Arm versuchte, sich noch einmal zu erheben, als ob er sich an Fritz anklammern wolle; er sank nieder – ein lautes, leiser werdendes Röcheln und das Weib war tot, das noch vor einer Stunde in überstrotzender Lebenslust den Gesetzen weiblicher Anmut und Sitte schreiend Hohn gesprochen hatte.

Damit waren auch die Umstehenden befriedigt. Die Tragödie war zum Abschluß gelangt. Sie entfernten sich, und keiner von ihnen betrauerte die Künstlerin, der vorhin noch alle zugejubelt hatten.

„Was müssen die Worte und die Namen zu bedeuten haben, welche sie vorhin ausgesprochen hat?“ sagte Doktor Bertrand.

„Sie bezogen sich auf mich“, antwortete Fritz.

„Ah, Sie kannten wohl das Mädchen?“ fragte Doktor Bertrand.

„Nein, doch sprach ich vor der Vorstellung mit ihr im Gasthof. Sie wollte mir nach derselben etwas Wichtiges mitteilen. Noch an der Schwelle des Todes hat sie sich an ihr Versprechen erinnert und es erfüllt, unvollständig, aber doch immer so, daß ich zufrieden sein kann. Was wird mit ihrem Leichnam werden?“

„Er kommt in das Totenhaus; das werde ich jetzt sofort selbst besorgen. Und sodann muß man mit dem Direktor Abu Hassan sprechen.“

„Der wird im Gasthof sein. Ich gehe hin, ihn zu suchen.“

Als er den Gasthof erreichte, war der Direktor mit einigen seiner Mitglieder beschäftigt, die Tür zur Garderobe durch einen Schlosser öffnen zu lassen. Als dies geschehen war, zeigte es sich, daß die Tageskasse fehlte und mit ihr der gute Anzug eines der solidesten Künstler der Truppe.

„Der Bajazzo ist entflohen“, sagte Hassan. „Er ist der Mörder; ich habe es gesehen. Er muß verfolgt werden; ich werde sogleich zur Mairie laufen.“

Auch unserem Fritz war sehr viel daran gelegen, daß man des Flüchtigen habhaft werde. Doch wollte er nicht eher einen Schritt tun, als bis er mit Nanon und seinem Rittmeister gesprochen habe. Und bei diesem Gedanken fiel ihm die Leichengräberei ein, welche für den heutigen Tag festgesetzt war, und wozu er ja die Werkzeuge zu besorgen hatte.

Hierbei bot sich gerade Gelegenheit, mit Müller zu sprechen, und so beschloß er denn, schon im voraus das Werkzeug hinaus zu schaffen und in der Nähe des Grabes zu verstecken, um dann nach dem Schloß zu gehen und Müller zu erwarten. Auf dem Weg zum alten Turm hatten sie dann Zeit, sich mit Fritzens Angelegenheiten zu befassen, welcher Müller sicher seine ganze Teilnahme schenken würde.

Der Wirt des Gasthauses gab sehr gern zwei Hacken und zwei Schaufeln her. Fritz warf sie bereits zur Dämmerungszeit über den Rücken und wanderte hinaus nach dem Wald von Ortry. Es war bereits dunkel geworden, als er diesen erreichte. Er versteckte das Werkzeug neben dem Grab unter die Büsche und schritt sodann dem Schloß entgegen.

Als er es erreichte, sah er in Müllers Zimmer Licht brennen. Es war noch lange Zeit bis Mitternacht, und so zog er sich eine Strecke zurück und setzte sich an einer Stelle nieder, an welcher er Müllers Fenster beobachten konnte.

So saß er und überflog mit seinem Auge die Front des Schlosses. Hinter welchem Fenster wohnte Nanon? Dachte sie nur den hundertsten Teil so oft an ihn, wie er an sie? Welch ein Unterschied zwischen ihr, der Reinen und der Künstlerin, gerade wie zwischen Himmel und Hölle. Welches Glück, welche Seligkeit, die Liebe eines solchen Wesens zu erringen! Wäre doch auch ihm ein solches Glück beschert! Wie wollte er es bewahren! Aber er, ein armer Unteroffizier!

Da kamen ihm die Worte der Sterbenden wieder in den Sinn.

Wie hatten sie gelautet? „General – Kunz von Goldberg – Vater – Rauben lassen Graf – Jules – Rallion – Cousin Hedwig – Bajazzo – bezahlt –“

Was hatten diese Worte zu bedeuten? Gab es einen General, welcher Kunz von Goldberg hieß? Waren ihm die beiden Knaben geraubt worden? Ja, es standen unter dem Porträt in der Zahnhöhlung die Buchstaben K.v.G. War Graf Jules Rallion es gewesen, welcher die Knaben hatte rauben lassen? War dieser Rallion der Cousin von Hedwig? Wer war diese Hedwig? War sie vielleicht die Frau des Generals H.v.G. War der Bajazzo es gewesen, welcher die Knaben geraubt hatte? Von wem war er bezahlt worden? Von diesem Cousin, also von Graf Rallion? Das waren die Fragen, welche Fritz sich vorlegte.

Er sah ein, daß für ihn die Möglichkeit vorhanden sei, daß sein Leben von jetzt an eine neue, ungeahnte Richtung nehmen könne. Am meisten beschäftigte ihn der Umstand, daß ihm der Name ‚von Goldberg‘ nicht unbekannt war.

Sein Herr, der Rittmeister von Königsau, hatte einen Oheim, welcher diesen Namen trug und sogar General war, auch Kunz hieß, wie Fritz sich besann. Die Generalin von Goldberg war die Schwester der Frau von Königsau. Der General hatte keine Kinder; das wußte Fritz ganz genau, und was die Generalin betraf, so hatte er sie zwar noch nie gesehen, aber es war ihm bekannt, daß sie stets in tiefer Trauer gehe.

Er nahm sich jetzt vor, seinem Herrn alles zu erzählen. Er konnte von ihm den besten Aufschluß erhalten und wartete darum mit Ungeduld auf das Erscheinen desselben. –

Müller saß indessen in seiner Stube und schrieb. Um nicht beobachtet werden zu können, hatte er ein dickes Papierblatt auf das Glas geklebt, durch welches der alte Kapitän in das Zimmer zu blicken vermochte. Er ließ es dort auch kleben, als er fertig war, stieg dann zum Fenster hinaus, nachdem er sich umgekleidet hatte, kroch über das Dach hinüber und stieg am Blitzableiter hinab.

Fritz hatte ihn kommen sehen und empfing ihn, indem er leise herbeigeschlichen kam.

„Bist du bereits lange hier?“ fragte ihn sein Herr.

„Eine ziemliche Weile, Herr Doktor“, antwortete der Diener. „Ich kam eher, weil ich glaubte, Ihnen etwas mitteilen zu dürfen.“

„Etwas Wichtiges für unsere Aufgabe?“

„Etwas Wichtiges? Ja, aber wohl nur für mich, Herr Doktor.“

„Ah, so ist es eine persönliche Angelegenheit?“

„Ja, nichts anderes.“

„Nun, so wollen wir zunächst die Nähe des Schlosses verlassen, da mir natürlich daran liegen muß, unbemerkt zu bleiben. Hier, nimm aber diese Papiere. Sie gehören zu denen, welche du über die Grenze zu schaffen hast. Und nun komm!“

Sie schritten miteinander rasch davon. Dann aber, als sie sich im Freien befanden und nun annehmen konnten, daß sie unbeachtet seien, sagte Müller:

„Nun kannst du beginnen, lieber Fritz.“

„Da muß ich vor allen Dingen bitten, mir nichts übel zu nehmen, Herr Doktor. Ehe ich zur Sache komme, möchte ich erst einige Fragen aussprechen, welche Verwandte von Ihnen betreffen.“

„So, frage einmal zu! Ich bin überzeugt, daß du keine müßigen Fragen aussprechen wirst.“

„Das würde ich gar nicht wagen. Aber es sind hier Dinge passiert, welche eine Erkundigung notwendig machen, die Ihnen vielleicht zudringlich erscheinen wird. Nicht wahr, der Herr General von Goldberg, Exzellenz, ist Ihr Verwandter?“

„Allerdings. Er ist mein Oheim.“

„Die Frau Generalin ist die Schwester Ihrer Frau Mutter?“

„Ja. War dir dies noch nicht bekannt?“

„Nicht genau. Ich habe Sie ja stets nur in der Garnison bedient und bin mit Ihren Verwandten mehr als ersten Grades also nie in Berührung gekommen. Gestatten Sie mir die fernere Frage, ob der Herr General Kinder hat?“

„Nein.“

„Er hat auch niemals welche gehabt?“

„O doch, nämlich ein Zwillingspaar, zwei Knaben; sie sind ihm aber auf höchst unbegreifliche Weise abhanden gekommen. Er glaubte an einen Raub und hat keine Anstrengung gescheut, das Dunkel aufzuklären, doch leider vergebens. Die Tante trägt seit jener Zeit nur Schwarz, und auch der Onkel hält sich nicht nur von jedem Vergnügen fern, sondern er meidet auch allen Umgang, der nicht ein dienstlich notwendiger ist.“

Fritz schwieg eine Weile. Welche Perspektive öffnete sich ihm da auf einmal! Er liebte seinen Herrn von ganzen Herzen; er hätte für ihn mit Freuden das Leben hingegeben, und nun gab es eine Möglichkeit, sein naher Verwandter zu sein! Dieses Schweigen dauerte Müller zu lange. Er fragte:

„Welchen Grund hast du zu diesen Erkundigungen?“

„Oh“, antwortete der Gefragte, „ich halte es für möglich, daß die verschwunden Knaben sich wiederfinden, wenigstens einer von ihnen.“

„Diese Möglichkeit ist natürlich vorhanden“, meinte Müller, erstaunt über die Rede seines treuen Dieners. „Aber wie kommst gerade du dazu, dies zu betonen?“

„Weil es mir scheint, als ob ich zufälligerweise etwas über einen der Knaben erfahren habe.“

„Wirklich? Ist's wahr?“ fragte Müller überrascht. „Das wäre nicht nur ein Glück, sondern geradezu ein Wunder zu nennen! Aber du täuschst dich. Wie sollte gerade Ortry der Ort sein, wo eine solche Nachricht zu bekommen wäre. Es gibt Umstände, Zufälle, Gottesschickungen, über welche man geradezu erstaunen muß. Ich habe gerade hier ein Beispiel davon erlebt. Du weißt, daß auch mein Vater vor Jahren spurlos verschollen ist; keine Nachforschung hat uns Nutzen gebracht, und hier in Ortry habe ich etwas erlauscht, was ganz geeignet ist, das erste Licht in dieses Dunkel zu werfen.“

„Finden Sie eine Spur von dem Verschollenen, so will ich dies Ihnen von ganzem Herzen gönnen, Herr Doktor“, sagte Fritz. „Außerordentlich wäre allerdings, wenn gerade auch hier in Ortry eine Fährte sich öffnet, auf welcher die beiden gesuchten Knaben zu finden sind. Haben Sie dann nicht ein Zeichen an sich gehabt, an welchem sie zu erkennen gewesen wären?“

„An ihrem Körper nicht; aber ihre Kleider sind gezeichnet gewesen, und am Hals hat jeder ein Kettchen gehabt mit einem Löwenzahn, in dessen Innerem sich die Miniaturbilder der Eltern befanden. Bei Zwillingen läßt sich nicht gut von einem Unterschied des Alters sprechen, da dieser ja nur Minuten betragen kann, doch einer ist doch immerhin der Ältere; dieser hatte den rechten und der andere, der Jüngere, den linken Reißzahn. Der Onkel war nämlich einmal in Algerien gewesen und hat dort einen außerordentlich großen, männlichen Löwen erlegt. Die Araber sind sehr abergläubisch. Sie sagen, ein Sohn werde ein starker und tapferer Mann, wenn man ihm einen Löwenzahn anhänge. Dieser Ansicht ist der Onkel gefolgt, freilich nicht aus Aberglaube, sondern einer willkürlichen Eingebung, einer Liebhaberei wegen. Es hat nicht ein jeder das Glück, von sich sagen zu können, daß er den König der Tiere erlegt habe, und darum ist ein solcher Zahn für den Sohn eines Löwentöters ein wertvolles Andenken an den Mut des Vaters.“

„Wo sind die beiden Knaben verloren gegangen?“

„In oder bei Neidenburg in Ostpreußen“, antwortete Müller, fuhr aber rasch fort: „Alle Teufel, da fällt mir ja ein, daß du aus jener Gegend bist! War es nicht ein Dorf bei Neidenburg im Regierungsbezirke Königsberg, wo du geboren bist?“

„Ja, in Groß-Scharnau bei Neidenburg; aber ich bin dort nicht geboren, sondern gefunden worden.“

„Wie? Was?“ fragte Müller, erstaunt stehenbleibend. „Ah, richtig, du hast keine Eltern!“

„Ich bin aus einem Berg von Schnee hervorgezogen worden, ich bin ein Findelkind, darum hat man mir ja den Namen Schneeberg gegeben.“

„Ich besinne mich; du hast mir dies ja bereits erzählt. Aber, um Gottes willen, du willst doch nicht sagen, daß es zwischen deiner Auffindung und dem Verlust jener Knaben irgendeinen Zusammenhang gibt?“

„Vielleicht ist dieser Zusammenhang vorhanden, Herr Doktor. Eben darum habe ich Sie ja um Verzeihung gebeten, falls ich Ihnen zudringlich erscheinen sollte. Sie kennen mich, ich will nicht aufdringlich sein; aber ich wäre ganz glücklich, wenn es mir gelänge, meine Eltern zu finden. Ob diese arm oder reich, bürgerlich oder vornehm sind, das ist mir ganz gleich, wenn nur die Sehnsucht, welche ich nach ihnen fühle, befriedigt wird.“

„Aber, Mensch, Fritz, was redest du da für dummes Zeug! Jeder Vater und jede Mutter wird froh sein, ein verlorenes Kind zu finden, ganz gleich, ob dieses Kind von armen oder wohlhabenden Leuten aufgenommen wurde. Ich weiß in diesem Augenblick noch nicht, was du sagen willst, und was ich denken soll; aber woraus schließt du, daß der erwähnte Zusammenhang stattfindet und vorhanden ist?“

„Weil ich einen Löwenzahn trage, und zwar den aus dem rechten Kiefer.“

„Großer Gott, ist's möglich? Er ist bei dir gefunden worden?“

„Ja.“

„Du hast ihn noch?“

„Ja; ich trage ihn hier am Hals.“

„Und die Bilder sind darin?“

„Sie sind drin.“

„Das hast du gewußt und mir niemals gesagt!“

„O bitte, Herr Doktor, ich habe von den Bildern nichts gewußt, gar nichts; erst gestern hat mich Mademoiselle Nanon auf den Inhalt des Zahnes aufmerksam gemacht.“

„Mademoiselle Nanon? Was weiß sie von dem Zahn?“

„Sie hat in Paris eine Dame gesehen, von welcher erzählt worden ist, daß sie stets in Trauer gehe, weil sie zwei Zwillingsknaben verloren und nicht wiedergefunden habe; ein jeder der Knaben hat an einer dünnen goldenen Kette einen Löwenzahn getragen. Gestern traf ich sie im Wald. Meine Bluse hatte sich geöffnet, und der Zahn hing hervor. Sie erblickte ihn und besann sich sofort auf jene Dame. Als sie weiter hörte, daß ich ein Findling sei, nahm sie sofort an, daß ich einer der beiden Knaben sein müsse. Sie besah sich den Zahn genauer, und da fand es sich, daß er aus der Grafenkrone, in welche er gefaßt ist, herausgeschraubt werden könne. Als sie dies versuchte, gelang es ihr, und nun entdeckten wir die beiden Miniaturporträts.“

„Hat sie die fremde Dame gekannt?“

„Nein. Aber sie hat mir versprochen, sich sogleich zu erkundigen, wer sie gewesen ist. Ich glaube, daß sie bereits heute deshalb nach Paris geschrieben hat.“

„Ja, die Tante ist zuweilen in Paris; das stimmt. Es gibt Verhältnisse, welche ihre Anwesenheit dort zuweilen nötig machen. Es mag möglich sein, daß sie bei einer solchen Anwesenheit von Nanon gesehen worden ist. Stimmte denn das Bild mit der Dame?“

„Ja. Mademoiselle erkannte sie sofort.“

„Nun, dann ist es nicht notwendig, nach Paris zu schreiben. Fritz, Fritz, du weißt, daß ich große Stücke auf dich halte! Wenn du mein Cousin wärst!“

Er trat nahe an ihn heran und faßte seine Hände.

„Oh, Herr Doktor“, meinte der Diener ganz bescheiden, „in einer Beziehung möchte es mir fast leid tun, zu hören, daß meine Eltern vornehme Leute sind, denn ich versichere –“

„Halt, dummes Zeug!“ unterbrach ihn Müller. „Ich weiß, was du sagen willst, und ich verstehe dich; aber du bist wenigstens geradesoviel wert, als irgendein Junker oder Edelmann. Sollte sich einer meiner beiden Cousins wirklich wieder finden, so ist es mir doch lieber, du bist es, als daß es ein anderer ist. Du kannst also den Zahn öffnen?“

„Ja.“

„Tue es. Ich werde ein Zündholz anbrennen.“

Er strich ein Zündholz an, steckte das Licht seiner Laterne in Brand und beleuchtete dann die Porträts, welche Fritz ihm zeigte.

„Es ist kein Zweifel, sie sind es!“ sagte Müller. „Es ist Onkel und Tante, der General und die Generalin. Mensch, du bist wahrhaftig mein Vetter. Komm her; laß dich umarmen!“

Er blies aus Vorsicht die Laterne aus, steckte sie wieder in Tasche und streckte dann die Arme aus, um den Diener an sich zu ziehen. Dieser jedoch trat einen Schritt zurück und sagte.

„Halt, Herr Doktor, warten wir noch! Der Zahn ist zwar rekognosziert, aber es fragt sich doch sehr, ob ich der richtige Findling bin. Der Zahn erklärt und beweist noch nicht genug, obgleich ich dem General, wie er damals gewesen ist, sehr ähnlich sehen muß, da die Seiltänzerin diese Ähnlichkeit sofort erkannte.“

„Die Seiltänzerin? Welche?“

„Die heute verunglückt ist?“

„Ah, wieder ein Rätsel!“

„Ja, und zwar ein ganz außerordentliches. Ich glaube nämlich fast, daß einer der Clowns, einer der Hanswürste, es ist, der mich geraubt hat, mich und den Zwillingsbruder.“

„Geraubt worden sollst du sein? Also nicht verloren gegangen? Alle Teufel, das wird ja interessant. Und davon hat dir hier in Frankreich eine Seiltänzerin erzählt? Das klingt ja gerade wie in einem Romane! Erzähle mir das von der Seiltänzerin!“

Fritz berichtete ihm alles, was geschehen war. Als er geendet hatte, meinte Müller:

„Nun gibt es für mich keinen Zweifel mehr! Du bist mein Vetter, und ich werde dich von jetzt an als solchen betrachten, obgleich wir uns im Interesse unserer Aufgabe vor anderen nicht kennen dürfen. Es gilt vor allen Dingen, des entflohenen Seiltänzers habhaft zu werden. Dafür laß mich sorgen. Ich werde die geeigneten Schritte tun. Bis dahin aber wollen wir das tiefste Stillschweigen beobachten. Nur der Entflohene kann Auskunft geben, und ehe wir ihn nicht haben, läßt es sich schwer beweisen, daß du der richtige Sohn des Generals bist.“

„Das ist ja auch meine Meinung“, sagte Fritz. „Der Zahn kann verwechselt worden oder durch irgendeinen Zufall an den Hals eines ganz anderen Kindes gekommen sein. Ich bitte Sie, zu tun was Ihnen beliebt. Ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann.“

„Ja, das kannst du, mein braver Fritz. Hier meine Hand. Ich verspreche dir, mich so zu bemühen und ganz so zu handeln, als ob ich selbst der Findling sei! Nun aber laß uns eilen, an das Grab zu kommen. Wir haben jetzt gezaudert, und dieser Hassan wird wohl bereits auf uns warten.“

„Sollte von ihm nichts über diesen Clown zu erfahren sein?“

„Diese Frage legte auch ich mir soeben vor. Wir werden sehen, ob er etwas weiß, was wir gebrauchen können. Jetzt komm!“

Sie hatten schon längst den Wald erreicht, auf dessen Hauptweg sie bisher langsam dahingeschritten waren. Jetzt beeilten sie sich nun und bogen in einen schmalen Richtweg ein, der sie rascher in die Nähe des Ziels führte.

Als sie dort anlangten, erhob sich hinter einem Stein eine dunkle Gestalt.

„Wer ist es, der hier kommt?“ fragte sie.

Müller erkannte sofort die Stimme des Zauberers und sagte:

„Abu Hassan, deine Freunde sind es.“

„Gut, ich dachte bereits, daß ihr das Wort vergessen hättet, auf welches ich mich verlassen habe. Aber nennt hier meinen Namen nicht wieder. Man muß bei einem Werk, wie es das unserige ist, sehr vorsichtig sein. Habt ihr Werkzeuge mitgebracht?“

„Ja; sie liegen in der Nähe“, antwortete Fritz.

„So hole sie, damit wir beginnen können. Eine Laterne habe ich selbst bei mir.“

Fritz brachte die Hacken und Schaufeln herbei, und dann wurden die Laternen angebrannt. Ihr schwacher Schein fiel auf die Hügel und den dahinter emporragenden Felsen. Es wehte ein leiser Lufthauch, in welchem die Lichter zu flackern begannen. Dadurch schien es, als ob die Felsen und Bäume der Umgebung Leben empfangen hätten. Die dunklen Schatten und die hellen Reflexe bewegten sich und zuckten durcheinander. Die Sträucher nahmen phantastische Gestalten an, welche drohend ihre Arme erhoben, und zornig über die Verwegenheit der drei Männer die Köpfe schüttelten. Es hätte sich nicht ein jeder dazu geeignet, zur Mitternachtszeit in der Tiefe des Waldes, in der Nähe eines so verrufenen Gemäuers, wie der alte Turm es war, ein Grab zu öffnen, um die Gebeine einer Leiche zu entführen.

„Ich hoffe, man soll nicht bemerken, daß das Grab geöffnet worden ist?“ fragte Müller.

„Kein Mensch soll es erfahren“, antwortete Hassan in seinem südlichen Dialekt.

„So wird unsere Mühe eine doppelte sein. Wir müssen den Rasen des Hügels vorsichtig abstechen, um ihn wieder anlegen zu können. Und ferner müssen wir alle Erdkrumen und alle Spuren entfernen, welche unser Werk verraten könnten.“

Sie begannen die Arbeit.

Zunächst wurde der Rasen vorsichtig abgehoben und zur Seite gelegt, und dann die Erde des Hügels entfernt. Sie schaufelten sie auf eine breite Felsenfläche, welche in der Nähe lag, und keine Spur von Vegetation trug. Dann erst ging es über das eigentliche Grab her. Sie arbeiteten mit aller Anstrengung, um so bald wie möglich fertig zu werden; aber dennoch währte es fast zwei Stunden, bevor sie in die Tiefe gelangten, in welcher auf Kirchhöfen die Särge zu stehen pflegten. Nun gebrauchten sie die Hacken mit größerer Behutsamkeit, bis endlich ein dumpfer Ton anzeigte, daß sie den Sarg getroffen hatten.

Bald sahen sie das entfärbte aber noch wohlerhaltene und feste Holz desselben emporschimmern. Sie schaufelten die Erde rund um den Sarg hinweg und versuchten sodann, denselben heraufzuheben.

„Lassen wir ihn unten“, meinte Müller. „Es genügt ja, ihn zu öffnen.“

Hassan war einverstanden. Und nun zeigte es sich, daß der Sarg sehr fest zugeschraubt war. Ein Taschenmesser diente als Schraubenzieher, ein mangelhaftes Instrument, aber es genügte doch. Endlich gab der Deckel nach. Müller stand unten, und die beiden anderen Männer leuchteten ihm mit den beiden Laternen von oben herab.

Der Doktor befand sich vielleicht in einer ebenso großen Erwartung wie Hassan selbst. Er hatte vermutet, ja, es war ihm fast zur Gewißheit geworden, daß der Sarg leer sei. Aber dagegen sprach doch die Schwere desselben.

„Den Deckel auf!“ sagte Hassan.

Müller folgte diesem Gebot. Er faßte den Deckel beim Kopfende an und hob ihn empor. Sechs Augen blickten mit gespannter Erwartung nieder. Sie sahen keine Gebeine, sie erblickten halb verfaulte Sägespäne und Steine, mit denen der Sarg gefüllt war.

„Allah akbar – Gott ist groß!“ rief Hassan erstaunt. „Was ist das?“

„Ein Betrug, ein großartiger Betrug!“ antwortete Fritz. „Die Baronin ist hier nicht begraben worden!“

Müller lehnte den Deckel an die schmale Wand des Grabes, bog sich nieder und untersuchte den Inhalt des Sarges.

„Ich fühle den Boden“, sagte er; „es ist nichts da als Sägespäne und Steine.“

„So hat man ein Blendwerk getrieben mit Liama, der Tochter unserer Zelte“, sagte Hassan grimmig. „Meine Augen sehen das Verbrechen, und meine Blicke erkennen die Täuschung. Ich schwöre bei Allah, dem allmächtigen und allwissenden Gott, daß –“

Er hielt erschrocken inne. Ein mächtiger Donnerschlag erschütterte die Erde, und ein blendender Blitz durchzuckte die Nacht mehrere Sekunden lang. Die Augen der drei Männer waren von der Helligkeit desselben fast geblendet, und als die Umgebung wieder im Dunkel lag, sahen sie eine hohe weiße Frauengestalt zu Häupten des Grabes stehen. Sie war tief verschleiert und fragte mit strenger Stimme:

„Wen sucht ihr hier?“

„Wir suchen Liama, die Tochter der Beni Arab!“ antwortete Hassan, indem ihm ein Schauder durch die Glieder ging.

„Sie ist nicht hier; sie ist tot“, antwortete die Gestalt. Müller hatte sich wieder vollständig gefaßt. Er antwortete:

„Du sagst, daß sie tot sei, aber ihre Gebeine sind nicht im Sarg. Wo liegen sie begraben?“

„Sie ist zu Erde und Staub geworden, von dem sie genommen ist. Laßt sie ruhen, sonst wird euch der Fluch Allahs treffen!“

Sie erhob gebieterisch den Arm und machte eine Bewegung, als ob sie sich zurückziehen wollte. Da aber faßte Müller den Rand des Grabes mit beiden Händen schwang sich hinauf und rief:

„Sie ist nicht zu Erde geworden, sie ist noch Fleisch und Blut, sie lebt; ich werde es dir sogleich beweisen!“

Er streckte den Arm nach ihr aus, um sie zu fassen, aber in demselben Augenblick zuckten hundert Blitze um das Grab herum; ein fürchterlicher Donner erscholl und unzählige Flammen entsprühten dem Erdboden und fuhren wie in allen Farben glänzende Schlangen durch die Luft. Müller war vollständig geblendet.

„Der Scheïtan (Teufel) ist da! Flieht, sonst seid ihr verloren!“

Diese Worte rief Hassan, dann warf er die Laterne weg, und verschwand zwischen den Bäumen des Waldes. Die beiden anderen blieben stehen. Es war wieder still und dunkel geworden; die weibliche Gestalt war verschwunden.

„Was war das?“ flüsterte Fritz.

„Glaubst du an Gespenster?“ antwortete Müller.

„Fällt mir nicht ein“, meinte der wackere Ulanenwachtmeister.

„Nun, so mußt du doch gesehen haben, was es war!“

„Sie meinen Pulver, Kolophonium und Bärlappsamen?“

„Ja. Das waren künstliche Blitze, und auch der Donner war imitiert. Der echte Donner rollt; dieser aber bestand aus einzelnen Schlägen. Ich glaube, man hat einige Kanonenschläge abgebrannt, das ist alles.“

„Was tun wir nun? Füllen wir das Grab wieder zu?“

„Nein. Man weiß, daß wir hier sind; man beobachtet uns. Vielleicht hat man uns gar nicht erkannt; dies würde aber sicher geschehen, wenn wir länger hier bleiben, lassen wir die Arbeit, das Grab zuzuschütten, denen, welche es gut verstehen, ein Feuerwerk abzubrennen. Ich weiß etwas Besseres, was wir tun können. Komm!“

Diese kurze Unterhaltung war so leise geführt, daß man sie in nächster Nähe nicht hätte verstehen können. Müller machte den Schieber seiner Laterne zu und steckte sie ein. Dann faßte er Fritz beim Arm und zog ihn fort. Als beide eine genügende Strecke zurückgelegt hatten, blieb der Doktor stehen und flüsterte:

„Hassan ist ein abergläubischer Mohammedaner; er ist fortgelaufen. Wir aber sind Christen und außerdem Soldaten; wir lassen uns nicht ins Bockshorn jagen. Wir kehren jetzt leise und unbemerkt zum Grab zurück und beobachten, was da geschehen wird.“

Sie schlugen einen Umweg ein und schlichen sich, diesmal von der anderen Seite, auf das Grab zu, so vorsichtig, daß man ihr Nahen gar nicht bemerken konnte.

SECHSTES KAPITEL 

Erpressung

Der Leser mag verzeihen, daß er jetzt aus dem Jahre 1870 ganz plötzlich um volle fünfundfünfzig Jahre in das Jahr 1814 zurückgeführt wird!

Es ist mit den Völkern ganz so wie mit dem einzelnen Menschen. Wer die Errungenschaften und Enttäuschungen, die Erfolge und Verluste des Alters verstehen will, der muß zur Jugendzeit zurückkehren. Ein Tag wächst aus dem anderen, ein Jahrhundert aus dem vorhergehenden heraus. Taten und Ereignisse, die sich scheinbar nicht begreifen lassen, schlagen ihre verborgenen Wurzeln in die Vergangenheit. Und so wird auch manches, was auf Ortry jetzt geschehen ist, und vieles, was dort noch geschehen wird, nur verstanden werden, wenn der Vorhang zurückgezogen wird, hinter welchem die verflossenen Jahre im Dunkel liegen.

Also es war im Jahre 1814. Napoleon der Erste war besiegt und bereits nach seinem Verbannungsorte, der Insel Elba, unterwegs. Am 31. März waren die Verbündeten in Paris eingezogen, an ihrer Spitze die Herrscher Österreichs, Rußlands und Preußens. Einer aber, der zu dem Sieg der vereinigten Waffen wohl das meiste beigetragen hatte, saß auf dem Montmartre und konnte nicht mit an dem Zuge teilnehmen; das war der alte Blücher.

Der greise Feldmarschall ‚Vorwärts‘ litt am Fieber und an einer peinlichen Augenentzündung. Noch die Schlacht von Paris hatte er geleitet, mit dem Schirm eines grünseidenen Damenhutes vor den Augen. Als der Einzug begann, zeigte er sich auch, hoch zu Roß und den grünen Schirm unter dem Generalshut: aber es gelang den Bitten Gneisenaus und des Generalchirurgus Dr. Völzke, ihn zum Zurückbleiben zu bewegen.

Bald aber erlaubte ihm eine Besserung seines Zustandes, in der Stadt zu wohnen, und so bezog er das Palais des Herzogs von Otranto in der Rue Cerutti. Von hier aus spazierte er täglich in der Stadt herum, um die Sehenswürdigkeiten derselben kennen zu lernen. Am liebsten ging er im Garten oder unter den Laubengängen des Palais Royal umher, den einfachen, bürgerlichen Überrock an und die unvermeidliche Pfeife im Mund. Oft kam er zu dem Gastwirt Very in den Tuilerien, trank Kaffee mit Milch oder ein Warmbier und zog ganz gemütlich den Rock aus, wenn ihm zu warm wurde.

In diesem Lokal saßen eines Nachmittags mehrere Herren beim L'Hombre. Ihrer Aussprache nach mußten sie geborene Franzosen sein, und ihre Haltung verriet, daß man sie als Angehörige des Militärstandes betrachten müsse.

An einem in der Nähe stehenden Tisch saß ein junger Mann in Zivil, welcher sich den Anschein gab, als ob er völlig teilnahmslos sei, trotzdem aber jedes Wort der Unterhaltung vernahm, welche in den Zwischenpausen des Spiels geführt wurde.

Da öffnete sich die Tür, und es trat ein alter Herr ein, der einen sehr einfachen Anzug trug und nach einem kurzen Gruß an einem der vorderen Tische Platz nahm. Er bestellte sich eine Tasse Warmbier und war, als er sie erhalten hatte, so mit ihr beschäftigt, daß er sich um die anderen Anwesenden gar nicht kümmerte. Der Kopf dieses alten Herrn war herrlich geformt, hatte eine prächtige Stirn, eine starke, gekrümmte Nase, dunkle, gerötete Wangen und einen feinen Mund, welcher von einem dichten, herabhängenden Schnurrbart beschattet wurde. Zu dem wohlgeformten Kinn paßten die tüchtig ausgearbeiteten Züge und das hellblaue Auge, dessen Blick eine treuherzige Sanftheit besaß, aber auch die Fähigkeit zu besitzen schien, scharf und stechend zu werden.

Der Mann verlangte noch eine Tasse und dann abermals eine. Draußen schien die Sonne heiß hernieder; im Raum des Gastzimmers war es schwül, und so durfte man sich nicht darüber wundern, daß es dem Alten bei dem dampfenden Warmbier etwas zu warm wurde. Er machte gar keine Umstände, sondern zog seinen Rock aus, hing denselben an die Wand und saß nun hemdsärmelig da, als ob dies in Paris etwas ganz und gar nichts Außergewöhnliches sei. Die Herren Franzosen aber, welche diese Nachlässigkeit bemerkten, schienen anders zu denken, denn einer von ihnen meinte: „Wer mag dieser Mensch sein? Geht man denn darum aus, um mit der Hefe des Volkes in einem und dem selben Lokal zu sitzen?“

Sein Nachbar nickte und erklärte:

„Ein Franzose ist er auf keinen Fall. Ein solcher wird es niemals wagen, die Regeln des Anstandes und der guten Sitte in einer solchen Weise zu verletzen. Ich halte ihn vielmehr für einen Deutschen. Diese Barbaren werden es niemals lernen, höflich zu sein. Ihre Kriegsführung ist eine wandalische; ihre Vergnügungen sind roh, und alle ihre Gewohnheiten stoßen ab. Seht euch nur diesen Menschen an! Er ist ein Bauer, ein ungezogener Kohlenbrenner, dem man die Tür zeigten müßte!“

„Warum tun wir das nicht?“ fragte der Dritte. „Warum befehlen wir dem Kellner nicht, diesem Flegel eine Ohrfeige zu geben und ihn dann hinauszuwerfen? Die Deutschen sind Hunde, welche Prügel erhalten müssen!“

Da erhob sich der junge Mann, welcher am Nebentische saß, trat herbei und sagte:

„Messieurs, erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle! Mein Name ist Hugo von Königsau, Lieutenant im Dienste seiner Majestät des Königs von Preußen. Der Herr, von welchem sie soeben gesprochen haben, ist Seine Exzellenz Feldmarschall von Blücher. Ich erwarte, daß Sie alles das, was Sie von ihm und dann von den Deutschen im allgemeinen sagten, hiermit widerrufen!“

Die Leute schienen doch ein wenig zu erschrecken, als sie hörten, daß der von ihnen Beschimpfte der berühmte Marschall sei, vor dem sogar der Stern des großen Napoleon hatte erbleichen müssen. Nur der, welcher zuletzt gesprochen hatte, schien sich nicht werfen lassen zu wollen. Er erhob sich von seinem Stuhl, stellte sich dem Deutschen in drohender Haltung gegenüber und antwortete:

„Monsieur, wir haben ganz und gar nicht den Wunsch geäußert, Ihre Bekanntschaft zu machen; es ist also eine unverzeihliche Zudringlichkeit von Ihnen, sich uns vorzustellen, eine Zudringlichkeit, welche ganz und gar rechtfertigt, was wir von den Deutschen gesagt haben. Was jenen Herrn betrifft, so ist es ganz und gar gleich, ob sich ein Feldmarschall oder ein Schiffer ungezogen beträgt. Wir nehmen nicht einen Buchstaben von den Worten zurück, welche wir ausgesprochen haben!“

„So darf ich wohl um Ihren Namen bitten, Monsieur?“ sagte der Deutsche.

„Ich brauche mich seiner nicht zu schämen. Ich bin Albin Richemonte, Kapitän der kaiserlichen Garde.“

Der Deutsche verbeugte sich höflich und sagte:

„Sie widerrufen also nicht, Herr Kapitän?“

„Nein, kein Wort, keine Silbe, keinen Laut!“ antwortete der Franzose stolz.

Er hatte bemerkt, daß Blücher der Unterhaltung aufmerksam folgte, trotzdem er sich den Anschein gab, als ob er gar nichts höre.

„Sie erklären also den Feldmarschall wirklich für einen Flegel und die Deutschen für Hunde, welche Prügel erhalten müssen?“ fragte Königsau weiter.

„Allerdings“, antwortete Richemonte mit frechem Lachen.

„So werden Sie mir gestatten, Ihnen meinen Sekundanten zu senden!“

„Ah, pah! Ich schlage mich mit keinem Deutschen!“ meinte der Andere verächtlich.

„Wirklich nicht? Das ist ebenso feig wie niederträchtig! Wenn Sie meinen, daß wir Deutschen Hiebe haben müssen, so haben umgekehrt doch gerade jetzt die Franzosen ganz fürchterliche Prügel empfangen. Da Sie dies aber nicht zu wissen oder wenigstens beherzigt zu haben scheinen, so sollen Sie hiermit noch nachträglich das empfangen, was nicht uns, sondern Ihnen gebührt!“

Er holte aus und versetzte dem Franzosen eine ganz gewaltige Ohrfeige, welcher so schnell eine zweite, dritte und noch mehrere folgten, daß der Geschlagene gar nicht Zeit fand, an eine Gegenwehr zu denken. Die anderen waren über die Schnelligkeit und Kraft, mit welcher die Schläge verabreicht wurden, so erstarrt, daß es ihnen gar nicht beikam, ein Glied zu rühren.

Endlich ließ Königsau von dem Franzosen ab. Erst jetzt kam dieser zur Besinnung des Ungeheuerlichen, was mit ihm geschehen war. Er fuhr mit der Hand nach seiner linken Seite, wo sich der Degengriff zu befinden pflegte; da er aber in Zivil war und keine Waffe trug, so zog er die Hand wieder zurück und warf sich auf den Deutschen mit den Worten:

„Hund, du hast mich nur überrascht! Jetzt aber gilt es dein Leben!“

Er holte aus, empfing aber in diesem Augenblick von Königsau einen so gewaltigen Faustschlag in das Gesicht, daß er zurück taumelte und niederstürzte.

Es waren noch mehrere Gäste da, meist Deutsche, welche hier verkehrten, weil sie so den Helden Blücher zu sehen bekamen. Auch ihnen war der blitzschnelle Angriff Königsaus überraschend gekommen; jetzt aber eilten sie hierbei, um ihm nötigenfalls beizustehen. Der Wirt jedoch kam ihnen zuvor. Er erkannte das gefährliche seiner Lage, die Deutschen waren Sieger; er durfte sie, welche jetzt in Paris die Oberhand hatten, nicht beleidigen lassen; daher nahm er mit seinen Leuten den Kapitän der alten Garde in die Mitte und drängte ihn aus dem Gastzimmer in das daneben liegende Privatzimmer hinaus, wo man den Gezüchtigten noch lange toben hörte.

Nach den erzählten Vorfällen stand endlich Blücher auf, trat zu Königsau heran, klopfte ihm auf die Achsel und sagte in höchst wohlwollendem Ton:

„Das hast du sehr gut und brav gemacht, mein Sohn! Wer keine Genugtuung geben will, der muß Keile kriegen, und die hat es gesetzt, ganz gewaltig. Ich hatte auch gehört, was diese Halunken sagten, und ich hätte ihnen, weiß Gott, ein Tüchtiges über den Schnabel gehauen, wenn du mir nicht zuvorgekommen wärest. Wie ist dein Name, mein Sohn?“

Der Lieutenant wunderte sich nicht über die kernige Redeweise des Marschalls; man war sie von ihm gewohnt; auch wußte man, daß er, wenn er sich in guter Stimmung befand, selbst hohe Stabsoffiziere mit ‚Du‘ anredet; es war dies eine ganz besondere Ehre für den Betreffenden. Er antwortete in militärisch strammer Haltung:

„Hugo von Königsau, Exzellenz.“

„Und du bist Offizier, mein Sohn?“

„Lieutenant bei den Ziethenhusaren, Exzellenz.“

„Lieutenant?“ brummte der Alte. „Ein Kerl, der so zuhauen kann, erst Lieutenant? Du sollst Rittmeister werden, mein Sohn. Komm morgen früh zu mir, da wollen wir die Sache in Ordnung bringen. Jetzt aber trinkst du ein Schüppchen Warmbier mit mir und ziehst deinen Gottfried geradeso aus wie ich; es ist verdammt warm in diesem Haus, wenn draußen die Sonne brennt und innen das Warmbier. Komm, Junge, und geniere dich nicht. Wir sind alle Menschen, und wegen dieser verdammten Franzmänner schmore ich mir nicht mein Fleisch von den Knochen herunter!“

Königsau mußte gehorchen. Er setzte sich zu dem Marschall an den Tisch, zog seinen Rock auch herunter und unterhielt sich nun hemdsärmelig mit ihm, als ob er einen Kameraden vor sich habe. Die Vertraulichkeit des Alten brachte ihn nicht im mindesten in Verlegenheit. Man kannte Blücher zur Genüge, und keiner seiner Offiziere ließ sich gegebenenfalls dadurch aus der Fassung bringen. Kam es doch häufig vor, daß der Alte mitten auf der Straße seine Pfeife an dem Stummel eines Landwehrmannes in Brand setzte und dann mit einem Fluch zu diesem sagte:

„Kerl, was rauchst du denn für ein Karnickel? Ich verstänkere mir doch meinen ganzen Tabak an deinen Lorbeerblättern! Wirft's denn nicht mehr ab, he?“

Als Hugo von Königsau am anderen Morgen vorgeschriebenermaßen zu Blücher kam, um sein Rittmeisterpatent in Empfang zu nehmen, sagte dieser:

„Höre, mein Sohn, das ist eine ganz verteufelte Geschichte. Da habe ich am zweiten April den Befehl über das schlesische Heer niedergelegt, und nun denken diese Federfuchser, ich hätte nichts mehr zu sagen. Ich habe dich empfohlen, aber es ist leider kein Rittmeister mehr offen. Aber ich werde an dich denken, und sobald die Gelegenheit vorhanden ist, sollst du sehen, daß ich Wort halte. Dort am Fenster steht der Pfeifenkasten und daneben der Tabak. Stopfe dir eine, mein Sohn. Bei einer Pfeife plaudert es sich besser, und ich habe jetzt gerade Zeit, was sonst nicht oft vorzukommen pflegt.“

Königsau fühlte sich von dieser Nachricht natürlich ein wenig enttäuscht, doch war ihm die Leutseligkeit des Marschalls ein fast genügender Ersatz für die nicht in Erfüllung gegangene Erwartung des versprochenen Avancements. Als er später entlassen wurde, hatte er nicht weit zu gehen, da er in derselben Straße wohnte; doch sollte er nicht so schnell als er dachte, in sein Logis kommen.

Eine junge Dame ging vor ihm her. Ihre Kleidung war diejenige der feineren Stände; sie mußte, soviel er von hinten bemerkte, von einer nicht gewöhnlichen Schönheit sein. Sein Auge haftete mit ungewöhnlichem Interesse an ihrer hohen, stolzen Gestalt, an der zierlichen Haltung ihres Kopfes und den kleinen Füßen, welche er bemerken konnte, da sie das Kleid leicht emporgerafft trug.

Da kamen zwei Kosakenoffiziere ihr entgegen. Sie sahen die Dame, nickten einander zu und blieben nun auf dem Trottoir in einer so breitspurigen Weise stehen, daß jene nicht vorübergehen konnte. Sie wollte sich trotzdem an ihnen vorbeidrängen, da aber ergriff sie der eine beim Arm und fragte in schlechtem Französisch:

„Fürchten Sie sich nicht, Mademoiselle, bei der gegenwärtigen fremden Bevölkerung so allein auf der Straße zu gehen? Wir werden Sie begleiten.“

Sie blickte ihn groß und erstaunt an und antwortete:

„Ich danke, Monsieur; ich bedarf Ihrer Begleitung nicht!“

Um ihn anzusehen, hatte sie sich zur Seite gedreht, und dadurch bekam Königsau ihr Profil zu sehen, ein Profil von so seltener Reinheit, so voll und doch so weich und zart, wie er noch niemals eines gesehen zu haben glaubte.

Der Russe ließ trotz der Ablehnung ihren Arm nicht los, sondern sagte lachend:

„Es ist möglich, daß Sie unserer Begleitung nicht bedürfen, aber in unserer Heimat ist es nicht Sitte, eine Dame auf der Straße ohne Schutz lassen. Sie werden so freundlich sein, uns Ihre Wohnung zu nennen, Mademoiselle.“

Da trat Königsau hinzu, ergriff die Hand, welche ihren Arm gefaßt hielt, und drückte die Finger derselben mit solcher Gewalt zusammen, daß der Russe die Dame fahren ließ. Trotz dieser Handgreiflichkeit verbeugte er sich sehr höflich und sagte:

„Verzeihung, meine Herren Kameraden, diese Dame bedarf Ihrer Begleitung wirklich nicht; sie ist meine Braut, ich blieb nur ein wenig zurück.“

Bei diesen Worten schlug eine jähe Röte über das wunderschöne Gesicht des Mädchens, aber es sagte kein Wort, ihn Lügen zu strafen. Der Russe fragte ihn:

„Sie nennen mich Kamerad. Sind Sie Offizier?“

„Ja.“

„Ihr Name?“

„Hugo von Königsau, von den Ziethenhusaren.“

„Ah, das ist eine wackere Truppe. Ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Braut und bitte um Verzeihung. Wir sahen Sie wohl auch, wußten aber nicht, daß Sie beide zueinander gehörten.“

Er hatte seine erste Frage mit zornig blitzenden Augen ausgesprochen, gab aber seine letzte Antwort bedeutend freundlicher. Er mochte erfahren haben, daß mit den Ziethenhusaren nicht sehr zu spaßen sei und schritt mit seinem Begleiter weiter, während Königsau den Arm der Dame sanft in den seinen zog und so mit ihr den Weg fortsetzte. Sie blickte ihn forschend von der Seite an; er tat, als ob er es nicht bemerke, obgleich er förmlich fühlte, daß ihr Auge auf ihm ruhte. Erst nach einer Weile sagte er:

„Mademoiselle, ich bin sehr kühn gewesen, und ich fühle, daß ich mich zu entschuldigen habe.“

Er schwieg. Vielleicht erwartete er, ein Wort aus ihrem Mund zu hören; da sie aber schwieg, so fuhr er fort:

„Ich kenne nämlich die Russen. Es war Graf Mertschakeff, der wegen seiner Roheiten mehr berüchtigt und gefürchtet, als berühmt ist. Ich war gewiß, daß er sich nicht zurückweisen lassen werde, und wagte daher, Sie meine Braut zu nennen, das einzige Mittel, Sie von ihm zu befreien. Werden Sie mir dies verzeihen können?“

Er blickte ihr jetzt zum ersten Mal in die Augen. Es waren dunkle Samtaugen, in denen sein Blick sich ein ganzes Leben lang hätte versenken mögen. Die Dame sah ihn offen und freundlich an und sagte:

„Ich verzeihe Ihnen und sage Ihnen herzlichen Dank, Monsieur!“

„Darf ich fragen, ob Sie noch weit zu gehen haben?“

„Einige Straßen weit.“

„Ich weiß, daß Sie wünschen werden, wieder allein zu sein; aber wenn ich denke, daß Sie leicht eine ähnliche Begegnung haben können, so halte ich es für meine Pflicht, Sie noch nicht zu verlassen. Befehlen Sie, was geschehen soll!“

Sie blickte forschend die Straße hinab, und da sie dort mehrere militärische Gruppen bemerkte, so antwortet sie zögernd:

„Ich darf Sie doch kaum belästigen; aber da unten gibt es wieder Russen. Wollen Sie erlauben, daß ich mich Ihnen anvertraue?“

„Wie gern, wie sehr gern, Mademoiselle!“

Sie fühlte, als er diese Worte sprach, einen unwillkürlichen freudigen Druck seines Armes. War sie hier etwa aus dem Regen in die Traufe gekommen? Sie blickte fast erschrocken zu ihm auf. Aber seine Stimme hatte so bescheiden geklungen, und sein offener Blick ruhte so mild auf ihrem Gesicht, daß sie sich beruhigte.

So schritten sie nebeneinander her durch mehrere Straßen, ohne den Versuch zu machen, ihre Unterhaltung fortzusetzen. Aber zwischen zwei jungen Herzen ist ein solches Schweigen beredter, als die bestgesetzte Rede. Die Bewegung des Gehens und besonders das Einbiegen aus einer Straße in die andere, brachte es mit sich, daß ihre Arme sich enger aneinander legten. In solchen Momenten fühlte er eine eigentümliche sympathische Wärme von ihr auf sich übergehen. Beide Blicke trafen sich unwillkürlich; sie errötete dann allemal leicht und senkte die langen Wimpern nieder, während es ihm war, als habe er sich aus der Tiefe ihres Auges ein süßes Eigentum herausgeholt. Und als sie endlich vor dem Portal eines Hauses stehen blieb, deuchte es ihm, als sei er nicht einige Minuten, sondern jahrelang an ihrer Seite gewesen.

„Hier wohne ich, mein Herr!“ sagte sie.

„So muß ich Sie verlassen!“

Sie hörte deutlich, daß ein Seufzer diese Worte emporgetragen hatte. Ihr großes dunkles Auge richtete sich mit einem so warmen, ehrlichen Blick auf ihn, daß er sie hätte an sein Herz ziehen mögen, und dabei fragte sie:

„Sie sagten, daß Sie bei den Ziethenhusaren stehen, Monsieur. So sind Sie ein Preuße?“

„Ja.“

„Wissen Sie, daß wir hier in Paris die Preußen hassen?“

„Daran tun Sie Unrecht, Mademoiselle. Man soll keinen Menschen hassen, ohne genau zu wissen, daß er den Haß auch wirklich verdient.“

„Sie wollen sagen, daß Sie unseren Haß nicht verdienen?“

„Wenigstens den Ihrigen möchte ich mir um keinen Preis verdienen. Ich bin als Soldat hier, weil es meine Pflicht war, meiner Fahne zu folgen, aber ich hasse keinen Franzosen um des Umstandes willen, daß er ein Franzose ist.“

„Ja, so sehen Sie mir aus, Monsieur, so gut und bieder. Darum will ich auch bei Ihnen die einzige Ausnahme von der Regel machen, welche ich einzuhalten pflege. Sie haben mich so freundlich beschützt; ich lade Sie ein, Mama und mich zu besuchen, falls Ihnen mein Wunsch, Sie Mama vorzustellen, nicht unangenehm ist.“

Sein Gesicht strahlte eine ehrliche, ungeschminkte Freude aus, die das Herz des schönen Mädchens gefangennahm. Er antwortete:

„Unangenehm? O nein, ich bin im Gegenteil von Herzen erfreut über diese Ausnahme und werde Ihrer Einladung folgen, wenn Sie mir die Stunde sagen wollen, in welcher ich Sie nicht störe.“

„So kommen Sie um drei Uhr, Monsieur. Haben Sie um diese Zeit Dienst?“

„Nein. Ich werde sicher kommen.“

„Hier ist meine Karte!“

Sie zog ein kleines, zierliches Kärtchen hervor, auf welche er jetzt seinen Blick noch nicht zu werfen wagte, dann nickte sie ihm vertraulich zu, wie einem alten, lieben Bekannten, ehe sie in der Tiefe des Hausflurs verschwand.

Fast hätte der Glückliche die Karte an seine Lippen gedrückt. Er hatte bereits die Hand erhoben, es zu tun, dachte aber noch zur rechten Zeit daran, daß er sich in einer sehr belebten Straße befinde, wo man seine Begeisterung belächeln werde.

Erst als er eine bedeutende Strecke zurückgelegt hatte, las er den Namen, welcher auf der Karte stand. In feinen, dünnen Zügen stand da gedruckt ‚Margot Richemonte, Rue d'Ange 10‘. Fast hätte er den Schritt angehalten.

„Margot Richemonte?“ fragte er sich. „Hieß nicht der Gardekapitän auch Richemonte, welcher gestern die Ohrfeigen von mir erhielt? Ist er vielleicht mit ihr verwandt? Ah, pah! Wie viele Namen sind gleichlautend. Wer wird gleich an so etwas denken!“

In seiner Wohnung angelangt, nahm er ein Buch zur Hand und setzte sich auf das Sofa. Aber eigentümlich! Das Lesen wollte nicht vonstatten gehen. Er hörte immer den eigentümlichen ernsten Klang ihrer Stimme, und wenn er sich Mühe gab, seine Aufmerksamkeit auf die Lektüre zu konzentrieren, so zogen sich die Buchstaben zusammen und bildeten ein Gesicht, so schön, so rein und mädchenhaft, gerade wie Margot es gehabt hatte.

Er legte das Buch fort, stand auf und wanderte im Zimmer hin und her.

„Ich glaube, dieses Mädchen hat es mir angetan“, sagte er. „Eine Französin! Sind die Französinnen mir nicht als leicht, flüchtig, untreu geschildert worden? Und nun finde ich ein solches Gesicht, ein Gesicht, auf welches man Häuser bauen könnte! Ich werde keinem Menschen davon erzählen, denn ich würde ausgelacht. Die Französinnen sind Champagner, Esprit, Mousseux; sie sind nur zum Vergnügen da. Ein Deutscher macht andere Ansprüche!“

Aber trotz dieser Gedanken konnte er das Gesicht und den Ton dieser Stimme nicht loswerden. Er frühstückte, aber ohne Gedanken, fast ohne zu wissen, was er aß. Er konnte die drei Uhr gar nicht erwarten; er wollte sich dies zwar nicht eingestehen, aber als er in der Rue d'Ange vor der betreffenden Tür stand und nach der Uhr blickte, da bemerkte er, daß er über eine Viertelstunde zu früh gekommen sei. Er mußte einstweilen weiter gehen, um diese Frist noch verstreichen zu lassen.

Aber mit dem Glockenschlag erreichte er die Nummer zehn. Er fand, daß die erste Etage des Hauses in zwei Wohnungen geteilt sei. Sein erster Blick fiel auf die Tür rechts. Da las er das Schild ‚Veuve Richemonte‘. Das war jedenfalls Margots Mutter. Also Witwe war dieselbe? So besaß Margot keinen Vater mehr? Dies war vielleicht eine Erklärung für den Ernst, welcher ihr ganzes sonst so liebliches Wesen umfloß.

Er klingelte. Ein Mädchen erschien. Er nannte seinen Namen und wurde eingelassen.

Das Mädchen öffnete ihm die Tür eines Salons, dessen Ameublement zwar sehr anständig aber nicht herrschaftlich reich zu nennen war. Auf einer Chaiselongue ruhte eine Dame, in welcher er sofort Margots Mutter vermutete. Sie war einfach schwarz gekleidet. Ihr Haar war voll, schimmerte aber bereits in das Grau hinüber. Die Züge dieser Dame waren sanft und trugen jenen passiven Zug, welcher auf eine Verstimmung des Gemütes, auf ein stilles, verschwiegenes Leiden schließen läßt. Ihr dunkles Auge ruhte forschend auf dem Eintretenden. Sie erhob sich bei seiner respektvollen Verneigung ein wenig aus ihrer liegenden Stellung und sagte:

„Seien Sie mir willkommen, Monsieur! Sie müssen verzeihen, daß meine Tochter noch nicht zugegegen ist, um Sie zu empfangen, aber ich habe es vorgezogen, Ihnen zunächst eine aufrichtige Bemerkung zu machen. Nehmen Sie Platz!“

Er setzte sich, während ihr Auge noch immer auf ihm ruhte, als ob sie ihm bis in die Tiefe seiner Seele blicken wolle. Welch ungewöhnlicher Empfang war dies? fragte er sich. Was hatte sie ihm zu sagen, bevor sie ihrer Tochter den Eintritt gestattete? Er sollte es gleich hören, denn die Dame begann:

„Sie haben sich meines Kindes angenommen, und mein Mutterherz ist Ihnen natürlich dankbar dafür. Margot hat gewünscht, daß ich Sie kennenlernen sollte, aber ich weiß nicht, ob Sie sich vielleicht enttäuscht fühlen werden. Sie sind natürlich gewohnt, sich die Pariser Welt als heiter, gern genießend und leichtlebig zu denken. Sie mögen bis zu einem gewissen Punkt recht haben. Sie sind Offizier. Diese Herren machen gern die Bekanntschaft junger Damen. Es ist dies eine Art von Sport für sie; sie wollen sich unterhalten; sie wollen tändeln; sie wollen sich ihrer Eroberungen rühmen. Ich habe diesen Sport nie gutheißen können; ich habe Margot diesen Kreisen stets ferngehalten. Ich liebe mein Kind; es ist so gut, und es soll nicht unglücklich werden. Das ist der heißeste Wunsch meines Herzens –“

Sie hielt inne, wie um zu überlegen, ob sie nicht zu viel gesagt habe, ob sie nichts Beleidigendes ausgesprochen habe. Es dünkte ihm, als hätte sie sagen wollen:

„Ich liebe mein Kind, und es soll nicht unglücklich werden; nicht so unglücklich, wie seine Mutter ist.“

Sie fuhr fort:

„Ich habe Margots Wunsch erfüllt. Sie hat die Einladung ausgesprochen, und es wäre eine Beleidigung für Sie gewesen, wenn ich dieselbe desavouiert hätte. Ich hätte dies auch gar nicht vermocht, da wir Ihre Wohnung nicht kennen. Sollten Sie mit der Erwartung gekommen sein, hier ein Amüsement zu finden, so wird diese Erwartung wohl schwerlich erfüllt werden, Monsieur. Das ist es, was ich Ihnen sagen wollte, und ich hoffe, daß Sie sich nicht davon beleidigt fühlen.“

„Beleidigt?“ fragte er. „Sie haben die vollste Berechtigung, so zu sprechen, Madame. Sie bedienen sich eines ganz bezeichnenden Ausdruckes, indem Sie von jenem Sport sprechen. Die Offiziere aller Länder sind sich in dieser Beziehung gleich. Ich hasse, ich verachte diesen Sport gleich Ihnen. Ich sehe in dem Menschen nicht ein Geschöpf, welches nur die Aufgabe hat, mich zu erheitern, mir die Zeit zu verkürzen. Ich bin gewohnt, das Leben von der ernsten Seite zu nehmen, und es freut mich, in Ihnen eine gleichgesinnte Natur zu entdecken. Gerade die gegenwärtige Zeit ist eine ernste, und ich habe wirklich nicht die Absicht, eine Minute von ihr zu vertändeln. Ich habe Fräulein Margot einen kleinen Dienst erwiesen, wie ich ihn jeder Dame erweisen würde; das ist nur Pflicht, das begründet keinen Anspruch auf Ihre besondere Dankbarkeit. Desto mehr bin ich erfreut gewesen über die Erlaubnis, mich Ihnen vorstellen zu dürfen. Beunruhigt Sie jedoch meine Gegenwart, so bin ich bereit, Sie sofort zu verlassen.“

Er erhob sich von seinem Sitz. In ihrem Auge glänzt etwas wie ein stilles, zufriedenes Lächeln. Sie winkte ihm mit der Hand zu, sitzen zu bleiben und sagte:

„Ich möchte annehmen, daß Margot sich nicht geirrt hat, ich finde Sie so, wie Sie von ihr geschildert worden sind. Bleiben Sie, Monsieur, und versuchen Sie, der Unterhaltung zweier einsamer Damen einigen Geschmack abzugewinnen! Besitzen Sie auch eine Mutter?“

„Leider nicht mehr, Madame. Meine Eltern sind tot.“

„Das ist ein schwerer Verlust. Aber vielleicht haben Sie Geschwister?“

„Auch nicht. Ich stehe allein in der Welt. Ich lebe meiner Pflicht und in den Mußestunden meinen Büchern, die meine aufrichtigsten Freunde sind.“

In dieser Weise wurde die Unterhaltung noch ein Weilchen fortgesetzt, bis Margot eintrat. Sie trug ein einfaches Hauskleid und sah in demselben so reizend hausmütterlich, so wirtschaftlich aus, daß ihm das Herz weit wurde. Als sie ihm die Hand reichte, breitete sich ein leises Rot über ihre Wangen aus. Er sah, daß er ihr nicht unwillkommen sei, und war ganz glücklich darüber.

Auch die Mutter wurde später heiterer. Sie schien Vertrauen zu dem Deutschen zu fassen, und als er sich verabschiedete, erlaubte sie ihm, morgen um dieselbe Zeit wiederzukommen.

Er ging, ganz erfüllt von dem Eindruck, den das schöne Mädchen auf ihn gemacht hatte. Noch glücklicher wäre er gewesen, wenn er gehört hätte, was nach seinem Fortgang über ihn gesprochen wurde.

„Dieser junge Mann ist wirklich anders, als die Leute seines Alters und die Herren seines Standes“, sagte Frau Richemonte. „An ihm könnte Albin sich ein Beispiel nehmen. Wo er nur wieder bleibt? Er hat sich seit zwei Tagen nicht sehen lassen.“

„Vielleicht kommt er jetzt“, sagte Margot.

Es hatte geklingelt. Die beiden Damen zeigten keineswegs jene freudige, erwartungsvolle Miene, welche das Nahen einer gern gesehenen Person verkündet.

„Monsieur le Baron de Reillac!“ rief das Mädchen zur Tür herein.

Und nach diesem Ruf erschien auch sogleich der Genannte im Zimmer. Er war ein langer, sehr hagerer Mann. Er mochte vielleicht fünfundvierzig Jahre zählen, trug sich aber trotzdem ganz wie ein junger, lebenslustiger Elegant gekleidet. Man hätte ihn nicht häßlich nennen können, aber er hatte doch, alles in allem, etwas an sich, was bereits beim ersten Blicke verhinderte, Sympathie für ihn zu fühlen.

Er verbeugte sich auf eine höchst stutzermäßige Manier, tänzelte erst zur Mutter und dann zur Tochter, um ihnen die Hand zu küssen, und fragte dann, sich niedersetzend:

„Ich habe drüben geklingelt, aber keine Antwort erhalten, Monsieur Albin befindet sich wohl nicht zu Hause?“

„Ich habe ihn seit gestern nicht gesehen“, antwortete Frau Richemonte. Und mit einem trüben, vorwurfsvollen Blicke fügte sie hinzu: „Ich darf wohl annehmen, daß er sich in Ihrer Gesellschaft befunden hat?“

„Allerdings“, antwortete der Gefragte. „Wir waren am Tag ausgefahren und abends im Club, wo man vieles und ausführliches zu besprechen hatte. Man hält das Exil des Kaisers nicht für ein ewiges. Man fragte bereits, wie man sich zu verhalten haben wird, wenn er zurückkehrt, um seine Rechte geltend zu machen –“

„Um Gottes willen, welche Unvorsichtigkeit!“ rief die Witwe. „Noch sind die Sieger in unseren Mauern, und Sie fangen bereits zu konspirieren an!“

„Keine Sorge!“ lachte der Baron. „Man ist vorsichtig! Man ist klug; wenigstens in dieser Beziehung. In anderer freilich ist man desto unkluger. Werden Sie dies glauben, Madame?“

Es lag ein Nachdruck in seinem Ton, der sie schnell aufblicken ließ.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen!“ sagte sie.

„Oh“, sagte er, süßlich lächelnd, „ich meine nur, daß ich in Beziehung auf Politik meinen Mann stelle, in geschäftlicher Hinsicht aber viel zu nachsichtig bin.“

Frau Richemonte hustete leise in das Taschentuch und meinte: „Sind Sie vielleicht gekommen, um über Geschäfte mit mir zu sprechen, Herr Baron?“

Er räusperte sich, wie sich das Raubtier die Krallen wetzt, ehe er sich auf seine Beute wirft, und antwortete dann:

„Eigentlich nicht. Ich wollte Monsieur Albin sprechen. Er gab mir gestern abend sein Ehrenwort, heute zu Hause zu sein.“

„Sein Ehrenwort?“ fragte die Dame. „Das ist doch ganz unmöglich!“

„Warum unmöglich, Madame? Zweifeln Sie vielleicht an meiner Wahrheitsliebe?“

„Dies will ich nicht sagen. Aber wenn Albin Ihnen sein Ehrenwort gibt, wird er es auch halten. Er ist Offizier.“

Der Baron zuckte die Achseln.

„Offizier? Ja. Sogar Kapitän der Garde! Aber pah! Man kann trotzdem sein Ehrenwort brechen. Gibt es doch Kapitäne der Garde, welche sich ungestraft ohrfeigen lassen!“

Die Dame erbleichte.

„Was meinen Sie?“ fragte sie. „Sie wollen doch nicht sagen, daß mein Stiefsohn –“

Sie hielt inne. Es wurde ihr zur Unmöglichkeit, das Wort auszusprechen; der Baron jedoch tat es an ihrer Stelle:

„Daß Ihr Stiefsohn geohrfeigt worden ist? Ja, gerade dies will ich sagen.“

Da sprang die Frau von der Chaiselongue auf und rief:

„Sie lügen, Baron!“

Auch Margot hatte ihren Sitz verlassen; sie war an die Seite der Mutter getreten, wie um ihr beizustehen gegen alle Angriffe des Ärgers und der Betrübnis.

„Ich lüge?“ fragte der Baron. „Monsieur Albin hat es mir selbst erzählt, und auch im Club wurde leise davon gesprochen. Es sind drei Herren dabeigewesen, mit denen er am Spieltisch gesessen hat. Er hat die Deutschen Hunde genannt und den Feldmarschall Blücher, welcher zugegen gewesen ist, einen Flegel. Dafür hat er von einem deutschen Offizier, dessen Forderung er ausschlug, einige Dutzend Ohrfeigen erhalten.“

„Mein Gott, welche Schmach!“ rief Frau Richemonte, auf ihren Sitz zurücksinkend.

Aber es lag in ihrem Ausruf nicht der Aufschrei eines zerrissenen Mutterherzens; es klang wie Verachtung, die tiefste, unheilbarste Verachtung.

„Wenn solche Dinge geschehen, so werden Sie auch die Möglichkeit zugeben, daß er sein Ehrenwort bricht, Madame“, fuhr der Baron fort. „Er hat mir versprochen, am Nachmittag zu Hause zu sein.“

„Ah, so handelt es sich auch hier um eine Ehrensache?“

„Natürlich! Man arrangierte im Club ein kleines Spielchen, an welchem sich auch Monsieur Albin beteiligte. Er hatte Unglück, ich schoß ihm fünftausend Franken vor, die er mir heute drei Uhr nachmittag in seiner Wohnung zurückzugeben versprach. Ich komme um fünf Uhr, und dennoch ist er nicht hier.“

„Mein Gott, auch das noch!“ klagte die Dame. „So wächst seine Schuld ja doch in das Riesenhafte!“

Der Baron nickte mit dem Kopf und antwortete:

„Sie haben Recht, meine Gnädigste! Haben Sie eine Ahnung, wieviel er mir bereits gegen Wechsel schuldet?“

„Wie sollte ich das wissen?“

„Über zweimal hunderttausend Franken.“

„Zweimal hund –!“

Das Wort blieb ihr auf der Zunge liegen. Margot war schreckensbleich geworden. Der Baron beobachtete die beiden mit einem versteckten, siegesgewissen Lächeln.

„Aber das ist ja die reine Unmöglichkeit. Das ist ganz unglaublich!“

Bei diesen Worten der Dame zuckte der Baron die Achseln und antwortete:

„Unglaublich? Warum? Monsieur Albin hat sehr noble Passionen. Er spielt hoch; verehrt dieser oder jener Tänzerin ein Geschmeide im Werte von zehntausend Franken. Vermögen hat er nicht mehr. Gehalt erhält er nicht, da der Kaiser gefangen ist. Wie bald ist da ein solches Sümmchen emporgelaufen!“

„So mag er sehen, wie er es wieder herunterbringt!“ sagte Madame entschlossen. „Er ist mein Stiefsohn, und doch habe ich mich bereits für ihn aufgeopfert. Nun bin ich selbst arm. Er mag sehen, wer ihm hilft. Ihnen aber, Baron, schulde ich keinen Dank, daß Sie ihn in seiner wahnsinnigen Verschwendung unterstützten. Hätten Sie ihm nichts gegeben, so hätte er sparsamer leben müssen!“

Da glühte das Auge des Angeredeten in einem eigentümlichen Licht. Es waren Stolz, Schadenfreude, Gier und Siegesgewißheit, welche daraus sprachen. Er antwortete:

„Sie irren, Madame; ein anderer hätte ihn ebenso unterstützt. Übrigens ist er der Sohn Ihres seligen Herrn Gemahls, der mein Freund war. Soll ich ihn nicht unterstützen, da ich doch auch nachsichtig gegen Sie, die Witwe dieses Freundes, bin?“

„Nachsichtig mit mir? Wann wären Sie dies jemals gewesen!“ rief sie voller Bitterkeit. „Ich ließ mich kurz vor dem Tod meines Mannes verleiten, seine Akzepte auch mit meinem Namen zu versehen. Was verstand ich als Dame von solchen Papieren! Ich unterzeichnete sogar Formulare, welche später erst ausgefüllt wurden. Als mein Mann tot war, präsentierten Sie mir alle diese Dokumente. Sie waren nach Sicht zu bezahlen. Ich mußte alles verkaufen, was ich besaß, um sie einlösen zu können und nicht in das Schuldgefängnis zu wandern. Nennen Sie dies Nachsicht?“

„Ich spreche nicht hiervon, Madame; ich spreche von den drei Akzepten, welche ich noch jetzt von Ihnen in den Händen habe.“

Sie blickte ihn groß an, aber er hielt diesen Blick aus.

„Noch drei Akzepte? Von mir?“ fragte sie. „Sie irren oder erlauben sich einen Scherz, der hier wahrhaftig nicht am rechten Platz ist!“

„An einen Scherz ist nicht zu denken“, sagte er. „Sie sprechen von Blanketts, welche später ausgefüllt worden sind. Nun wohl, es waren noch drei solche Blanketts vorhanden, als Ihr Herr Gemahl starb. Monsieur Albin hat sie ausgefüllt und den Betrag von mir erhalten. Die Wechsel lauten auf Sicht; ich habe sie Ihnen noch nicht präsentiert; darf ich da nicht von Nachsicht sprechen?“

Frau Richemonte fuhr abermals in die Höhe, jetzt vor Schreck.

„Sie sagen die Wahrheit?“ fragte sie.

„Die volle Wahrheit!“

„Albin hat den Betrag erhalten?“

„Ja.“

„Wieviel?“

„In Summa hundertundfünfzigtausend Franken!“

„Hundertundfünfzigtausend Franken! O mein Gott!“ rief sie, die Hände vor das Gesicht schlagend. „Und ich besitze nur noch eine Rente von zweitausend Franken!“

„Ich werde darauf Beschlag legen müssen, Madame.“

Das hatte sie nicht erwartet. Sie starrte ihn mit großen Augen an und sagte:

„So werde ich dann verhungern müssen!“

„Nein“, antwortete er, gleichgültig die Achseln zuckend. „Nicht verhungern, sondern nur arbeiten werden Sie müssen!“

„Arbeiten, das tun wir ja jetzt bereits. Oder glauben Sie, daß man von zweitausend Franken jährlich leben kann? Wir arbeiten insgeheim für ein Stickereigeschäft. Heute vormittag hat Margot wieder das Fertige abgeliefert und sich dabei den frechen Insulten einer rohen Soldateska ausgesetzt.“

„Das darf ich nicht beachten, Madame. Ihr Sohn schuldet mir eine ungeheure Summe auf Wechsel, dazu eine Spielschuld von fünftausend Franken auf Ehrenwort; er hat kein Geld. Von Ihnen besitze ich Wechsel im Betrage von hundertundfünfzigtausend Franken. Ich präsentiere sie Ihnen hiermit. Wollen Sie die Dokumente einlösen?“

Die Witwe schlug die Hände zusammen und rief:

„Aber sehen Sie denn nicht ein, daß mir dies ganz unmöglich ist! Wer hat Ihnen erlaubt, meinem Stiefsohn gegen meine Unterschrift eine solche Summe auszuhändigen?“

„Eben Ihre Unterschrift hat es mir erlaubt, Madame“, lächelte er überlegen. „Übrigens irren Sie sich ganz und gar, wenn Sie behaupten, daß es Ihnen unmöglich ist, diese Summe zu decken.“

„Mein Gott, womit soll ich es können?“

„Mit einem einzigen Wort.“

„Mit welchem?“

„Mit dem kleinen Wörtchen ‚Ja‘.“

Sie verstand ihn nicht; sie blickte ihn fragend an. Er aber setzte sich in Positur, ließ seine Augen lüstern über die schöne Gestalt Margots gleiten und sagte:

„Sie kennen meine Person und meine Verhältnisse, Madame. Ich bin Armeelieferant des großen Kaisers gewesen und habe mir Millionen verdient. Ich kann einer Frau eine glänzende Existenz bieten. Ich habe Ihnen bereits, als Ihr Herr Gemahl noch lebte, gesagt, daß ich Mademoiselle Margot liebe. Ich wurde damals abgewiesen; es hieß, Mademoiselle könne mich nicht lieben. Sie befanden sich damals in besseren Verhältnissen. Jetzt werden Sie einsehen, daß eine Heirat aus Liebe eine Dummheit ist. Ich wiederhole heute meinen damaligen Antrag. Sobald ich mit Mademoiselle vom Altar zurückkehre, zerreiße ich die Wechsel Ihres Stiefsohnes und auch die Ihrigen. Sagen Sie nein, so wandern Sie in das Schuldgefängnis.“

Er hatte sich bei den letzen Worten erhoben, griff nach seinem Hut und fuhr dann fort:

„Sie sehen, daß ich aufrichtig bin. Nennen Sie mich hartherzig und grausam; mir ist dies gleichgültig. Ich liebe Margot; sie wird meine Frau werden, oder Sie müssen untergehen. Ich gebe Ihnen eine volle Woche Zeit. Heute über acht Tage werde ich mir Ihre Antwort holen. Überlegen Sie sich reiflich, was Sie tun werden. Adieu!“

Er ging und ließ die beiden Damen in einer großen Aufregung zurück.

Madame Richemonte lag auf ihrer Chaiselongue und weinte. Margot hatte sich bei ihr niedergelassen und zog wortlos den Kopf der Mutter an ihr Herz. Das Mädchen hatte bisher kein Wort gesagt. Ihr Gesicht zeigte keine Spur von Betrübnis, wohl aber lag auf demselben ein Zug finsteren Hasses, fast möchte man sagen, der Rache, den ihre Mutter freilich nicht bemerkte, da sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt war.

„Hundertundfünfzigtausend Franken!“ jammerte die Frau. „Hast du es gehört, Margot?“

„Ja.“

„Und ich war ihm nichts schuldig! Er ist ein Verführer, ein Betrüger!“

„Er ist ein Teufel, Mama. Er hat ganz und gar berechnend gehandelt.“

„Wieso?“

„Er hat mich zwingen wollen, ihn zu heiraten.“

„Mein Gott. Wirklich?“

„Ja. Zunächst hat er Papa in Schulden verstrickt und ihn und Albin zum Spielen verführt. Sodann hat er dich zur Ausstellung der Blanketts gebracht. Jetzt sind wir verloren, wenn ich ihm nicht mein Jawort gebe.“

„Du wirst es ihm nicht geben! Nein, niemals, Kind!“

„O doch!“ sagte das Mädchen, scheinbar ruhig.

„Doch? Du willst?“ fragte die Mutter ganz erschrocken.

„Ja, ich will!“

„Aber du wirst unglücklich, Margot!“

„Nein!“

Sie sagte dieses Wort in einem so bestimmten Ton, daß ihre Mutter aufmerksam wurde, sie ganz erstaunt anblickte und dann fragte:

„Nein? Das begreife ich nicht! Kind, liebst du ihn etwa gar?“

Margot schüttelte überlegen den Kopf und antwortete:

„Ich hasse ihn; ich verabscheue ihn, und darum werde ich ihn heiraten, Mama.“

„Ihn heiraten, weil du ihn hassest? Du sprichst in Rätseln!“

„Oh, begreifst du nicht, welche Süßigkeit in der Rache liegt?“

„Ah!“ rief die Mutter, der das Verständnis aufzugehen schien.

„Ja, er ist der Dämon unserer Familie, unseres Hauses gewesen. Er ist schuld an unserer Verarmung und an dem Tod des Vaters. Ich willige ein, sein Weib zu werden, um uns alle an ihm rächen zu können. Er liebt mich zum Rasendwerden. Ich habe seine glühenden, begehrlichen Blicke monatelang beobachtet, ohne zu tun, als ob ich sie bemerkte. Ich werde sein Weib, er muß die Wechsel zerreißen, aber er wird mich niemals berühren dürfen. Er soll verschmachten vor Verlangen nach mir. Ich bin schön. Ich werde mich für ihn schmücken, um ihn liebeswahnsinnig zu machen. Er soll vor mir im Staub kriechen wie ein Wurm; er soll um ein Wort, um einen Blick betteln und doch nicht erhalten, was er begehrt. Er soll Tantalusqualen erleiden, und ich werde glücklich sein, je unglücklicher ich ihn sehe.“

Sie sprach im Gefühl des Augenblicks. Sie bedachte nicht, daß ihr Glück, von dem sie sprach, ein fürchterliches sein werde. Sie wollte sich opfern, opfern für die Mutter und für die gerechte Sache. Sie glaubte, stets so Herr ihres Herzens zu sein, wie jetzt, und ahnte nicht, welch ein Unglück es für sei sein werde, an einen solchen Mann gekettet zu sein und doch die Liebe zu einem andern im Herzen zu tragen. –

Als Lieutenant von Königsau die beiden Damen verlassen hatte, war er, zunächst nur an Margot denkend, durch einige Straßen geschlendert und dann in ein Kaffeehaus getreten. Dasselbe gehörte zu jenen Boulevardkaffeehäusern, welche einen Vorplatz haben, wo diejenigen Gäste sitzen können, welche es vorziehen, ihren Kaffee oder Absinth im Freien zu trinken, und dabei mit Bequemlichkeit das Leben und Treiben der Straße beobachten.

Er trat in das Zimmer und nahm an einem der Fenster Platz. Hier hatte er noch nicht lange gesessen, so sah er einen Mann herankommen, dessen Anblick ihn veranlaßte, sich etwas vom Fenster zurückzuziehen. Es war der Gardekapitän Richemonte.

Dieser blieb draußen auf dem Vorplatz, wo er sich gerade vor das Fenster setzte, hinter welchem Königsau seinen Sitz hatte. Nach einer ziemlichen Weile kam ein zweiter, welcher sich neben dem Kapitän niederließ. Der Deutsche kannte ihn nicht; es war der Baron de Reillac, der soeben von dem Heiratsantrag kam, welchen er Margot gemacht hatte. Es war ein eigentümlicher Zufall, daß Königsau gerade dieses Kaffeehaus gewählt hatte. Die beiden ahnten nicht, daß drinnen ganz in der Nähe des Fensters einer saß, der jedes Wort ihres Gesprächs hören konnte.

„Eingetroffen!“ sagte der Baron.

„Endlich!“ meinte der Kapitän. „Ich warte bereits längere Zeit. Welchen Erfolg hat die Attacke gehabt, lieber Baron?“

„Bis jetzt gar keinen.“

„Wieso?“

„Ich habe Ihren Damen eine Woche Zeit gegeben.“

„Eine Woche? Verdammt! Warum? Woher nehme ich in dieser Zeit Geld?“

„Von mir.“

„Ah, das klingt befriedigend. Ich brauche einige tausend Franken. Was sagte die gute Stiefmama zu Ihrer Eröffnung?“

„Das, was alle Frauen bei solchen Gelegenheiten sagen; sie glaubte es zunächst nicht; dann jammerte sie, schlug die Hände zusammen und weinte. Ich kann das verfluchte Weinen nicht ausstehen und habe mich daher so kurz wie möglich gefaßt.“

„Und Margot?“

„Die? Ah, da muß ich mich zuvor besinnen! Ja, ich glaube, sie hat kein einziges Wort gesagt.“

„Glauben Sie, daß Sie die Einwilligung erhalten?“

„Jedenfalls!“

„Und wenn nicht?“

„So spazieren Sie in das Schuldgefängnis.“

„Alle Teufel, Sie scherzen, Baron! Einen Freund schickt man nicht an einen solchen Ort.“

Der Baron zuckte höchst gleichmütig die Achseln und antwortete:

„Freund? Pah! Egoist waren Sie, aber nicht Freund. Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich Ihnen nur Ihrer Schwester wegen ausgeholfen habe. Wird sie meine Frau, so quittiere ich Ihre Schuld und zahle Ihnen noch fünftausend Franken. Die Wechsel Ihrer Mutter, auf hundertundfünfzigtausend Franken lautend, werden auch zerrissen. Demnach bezahle ich das Jawort mit viermal hunderttausend Franken. Wer ist nun der Freund? Sind Sie der meinige oder bin ich der Ihrige?“

„Ich hoffe, daß Sie Ihren Zweck erreichen werden, Baron.“

„Wenn ich ihn nicht erreiche, sind Sie schuld.“

„Ich? Inwiefern?“

„Gehen Sie zu den Damen und machen Sie ihnen die Hölle heiß! Geben Sie sich ja Mühe, denn ich würde im Falle des Nichtgelingens keine Nachsicht mit Ihnen haben.“

„Fast möchte ich Ihnen dies zutrauen!“

„Ich ersuche Sie, davon überzeugt zu sein! Sie haben mir den Mund wässerig gemacht und infolgedessen auf meine Kosten gelebt wie ein Nabob. Warum sollte es mir auf einige tausend Franken ankommen, wenn es sich darum handelt, Ihnen zu zeigen, wie es einem armen Teufel im Schuldgefängnis zumute ist. Übrigens rate ich Ihnen, einen Panzer anzulegen, bevor Sie Ihre liebenswürdigen Damen besuchen.“

„Warum?“

„Sie wissen Ihre Spielschuld.“

„Alle Teufel! Wer hat ihnen davon gesagt?“

„Ich.“

„Sie? Sind Sie bei Sinnen? Wozu brauchen meine Mutter und die Schwester zu wissen, wie hoch ich spiele und was ich verliere?“

„Sie werden dadurch gefügiger. Übrigens kennen sie auch Ihr Renkontre mit dem deutschen Offizier.“

„Auch das? Wer hat hiervon zu ihnen gesprochen?“

„Auch ich, Kapitän.“

„Mensch!“ brauste der Kapitän auf. „Und das sagen Sie mir so ruhig!“

„Ja, gerade so ruhig, wie ich Ihnen mein Geld gebe. Ich will die Genugtuung haben, von Ihnen reden zu können. Margot soll wissen, daß sie mir kein Opfer bringt, wenn ich mir die Schwester eines ruinierten Offiziers zur Frau nehme.“

Es blieb eine Zeitlang ruhig. Königsau hatte gedacht, daß der Kapitän jetzt voller Wut losschmettern werde; dem war aber nicht so. Er befand sich in den Händen des baronisierten Armeelieferanten; darum gab er sich Mühe, seinen Zorn zu beherrschen und antwortete:

„Glauben Sie etwa, daß ich mich vor diesem Deutschen fürchte?“

„Ja, das glaube ich“, antwortete der Gefragte kalt.

„Warum?“

„Weil Sie seine Forderung zurückwiesen.“

„Pah! Ich werde mich noch mit ihm schlagen.“

„Das glaube ich nicht.“

„Warum nicht?“

„Diese Deutschen sollen im Punkt der Ehre außerordentlich heikel sein. Ich glaube nicht, daß dieser Husarenlieutenant – wie hieß er gleich?“

„Von Königsau.“

„Gut! Also ich glaube nicht, daß sich dieser Königsau noch mit einem schlagen wird, den er vorher geprügelt hat. Sie haben eine ganz alberne Dummheit damals begangen.“

„Ich wollte mich nicht mit ihm schlagen, weil ich diese Deutschen hasse. Ich halte keinen von ihnen für wert, seinen Degen mit dem eines Franzosen zu kreuzen.“

„Aber so ein Deutscher hält Sie nicht für unwert, Ohrfeigen zu erhalten. Gehen Sie, Kapitän! Ob Sie nach einem solchen Vorkommnis fortdienen können, ist sehr fraglich. Doch regen wir uns nicht auf. Vielleicht brauchen Sie Geld?“

„Einige tausend Franken.“

„Gut! Sagen wir dreitausend. Kommen Sie jetzt mit zu mir; ich will sie Ihnen geben. Heute abend legen wir wieder eine kleine Bank, und über eine Woche bin ich Ihr Schwager, der Ihnen die ganze Schuld quittiert.“

Sie entfernten sich.

Königsau hatte mit größter Aufmerksamkeit gelauscht, um keines ihrer Worte zu verlieren. Es lag alles klar vor ihm. Dieser sogenannte Baron spekulierte auf die Hand Margots, welche leider die Schwester des geprügelten Kapitäns war. Frau Richemonte schuldete dem Baron eine Summe von hundertundfünfzigtausend Franken auf Wechsel. Mit dieser Summe und den Schulden ihres Bruders wollte er die Braut erkaufen.

„Warum bin ich arm!“ sagte sich Königsau. „Fünfundvierzigtausend Taler ist alles, was ich besitze, und auch die kann ich nur aus dem Verkauf meines Gutes erhalten. Wäre ich reicher, so bezahlte ich alles, und Margot wäre mit der Mutter frei.“

Er ging nach Hause. Er mußte immer an Margot denken und an die hundertundfünfzigtausend Franken, und noch in der Nacht, als er endlich Ruhe gefunden hatte, träumte ihm von einem riesigen Schuldturm, in dessen dunklem Kerker Margot schmachtete.

Es ist eigentümlich, welches Interesse der Mensch an einer Person nimmt, von welcher er recht lebhaft geträumt hat. War sie ihm vorher gleichgültig, so gewinnt sie plötzlich ein erhöhtes Interesse. Besaß sie es jedoch bereits, so verdoppelt und vervielfacht sich die Teilnahme, und es kann auf diese Weise sehr leicht eine Liebe entstehen, die man sonst für unwahrscheinlich gehalten hätte.

So war es auch mit Königsau. Als er erwachte, war er zunächst froh, von der Angst erlöst zu sein, welche er um das schöne Mädchen empfunden hatte. Aus dieser Angst aber war ihr Bild viel lichter und bezaubernder hervorgewachsen, und er fühlt eine solche Sehnsucht nach ihr, daß er den Nachmittag kaum erwarten konnte.

Endlich kam die dritte Stunde, und er machte sich auf den Weg. Als er in den Salon eintrat, kam ihm Margot entgegen und bat um Entschuldigung, daß ihre Mutter heute nicht zu sprechen sei, sie sei seit gestern so angegriffen, daß sie keinen Besuch empfangen könne.

Königsau ahnte, daß an dieser Krankheit das gestrige Gespräch mit dem Baron die Schuld trage, doch er ließ sich von dieser Ahnung natürlich nichts anmerken.

Margot war heute außerordentlich bleich. Auf ihrem Gesicht lag eine Entschlossenheit, eine Resignation, bei welcher ihm bange zumute wurde. Er bemerkte zwar, daß ihr Auge zuweilen mit jedem Blick auf ihm ruhte, in welchem ein unbewußtes Geständnis sympathischer Regung liegt, doch zeigte sie sich in ihren Reden und Antworten verschlossen und kalt. Das konnte nicht die Sorge um ihre kranke Mutter, sondern das mußte etwas anderes sein. Er sann vergebens nach; er vermochte es nicht zu entdecken, bis endlich das Gespräch so oben hin auf zartere Verhältnisse kam.

Jetzt zeigte ihr Gesicht zum ersten Mal wieder eine Spur von Leben und Wärme.

„Ich beneide Sie, Monsieur“, sagte sie. „Welch ein Glück muß es sein, in die Heimat zurückzukehren, und, dem Schlachtentod entgangen, als Sieger vor ein geliebtes Weib oder vor eine harrende Braut zu treten.“

„Beneiden Sie mich nicht, Mademoiselle“, antwortete er. „Ein solches Glück ist mir nicht beschieden.“

„Nicht? Sie haben keine Braut?“

„Nein. Mein Herz ist noch niemals engagiert gewesen.“

Sie blickte zu Boden und fragte, ohne die Augen zu ihm zu erheben und ihn anzusehen:

„Muß denn stets das Herz engagiert sein?“

„Können Sie sich ein Glück denken, ohne daß das Herz Teil daran nimmt?“

„Allerdings nicht. Aber das Herz kann auf verschiedene Weise ins Spiel kommen.“

Er blickte ihr forschend in das bleiche Angesicht. Ihre Lippen zuckten, und auf ihrer Stirn lag es schwer und finster wie ein Entschluß, von dem sie überwunden worden war.

„Ich verstehe Sie nicht, Mademoiselle“, sagte er. „Ich kenne nur eine einzige Weise. Nur die Liebe macht glücklich, ohne sie kann man es niemals sein.“

„Sie irren. Denken Sie sich einen recht grimmigen Haß, einen recht glühenden Rachedurst. Diesen befriedigt zu sehen, muß auch ein Glück sein!“

„Allerdings, aber ein Glück für einen Teufel“, antwortete er.

Sie erhob mit einem raschen Aufschlag ihrer Augen den Blick zu ihm empor, sah ihn forschend an und fragte:

„Also nehmen Sie doch an, daß auch ein Teufel glücklich sein könne?“

„Ein teuflisches, das heißt, ein verdorbenes Gemüt? Ja, aber nur für einen Augenblick. Ich möchte wohl an einem Beispiel erfahren, wie man dauernd durch Befriedigung seiner Rache sich glücklich fühlen könne.“

Er war jetzt Diplomat, und kein schlechter. Er sprach diese Frage aus, um in ihr Geheimnis einzudringen. Sie durchschaute ihn glücklicherweise nicht und antwortete:

„Ich will versuchen, Ihnen ein Beispiel zu geben. – Denken Sie sich ein Mädchen, jung, schön, edel und gut. Sie besitzt alle Eigenschaften, einen Mann glücklich zu machen. Da kommt ein Bösewicht, welcher sich von ihren Reizen gefesselt fühlt. Er trachtet, ihre Hand zu erlangen, wird aber abgewiesen. Hierauf beginnt er, im stillen seine Minen zu graben. Er bemächtigt sich ihrer Anverwandten; er verführt dieselben, er stürzt sie in Sünde, Laster und Schande und schwört, die Unglücklichen nicht eher wieder loszugeben, als bis sie losgekauft werden. Der Preis ist die Hand des Mädchens.“

„Und dieses? Das Mädchen? Was tut es?“

„Sie reicht dem Bösewicht die Hand, um die Ihrigen zu retten.“

„So hat es wohl nie geliebt oder besitzt ein großes, erhabenes Herz, einen seltenen Opfermut und ein felsenfestes Vertrauen, den Bösewicht durch ihren Einfluß zu bessern.“

„Nein, das will sie nicht. Sie will ihn strafen.“

„Ah. Sie widersprechen sich, Mademoiselle. Vorhin sagten Sie, das Mädchen reiche ihm ihre Hand, um die Ihrigen zu retten, und jetzt sagen Sie, um ihn zu strafen.“

„Ja, sie will ihn strafen, fürchterlich strafen. Er soll in seiner Frau einen Himmel sehen, in den er nie gelangen kann. Er soll in grimmiger Qual nach dem Trank schmachten, der ihm nahe vor der Lippe perlt und dennoch verdursten.“

„Dieses Mädchen ist ein Teufel, Mademoiselle. Sie nannten es vorhin edel und gut. Das gerade Gegenteil konnten Sie sagen. Ein solcher Plan kann nur im Augenblick des höchsten Zorns, der Verzweiflung gefaßt werden, aber kein fühlend Weib wird ihn ausführen. Ein edles, gutes Mädchen wird von einem solchen immerwährenden Henkerwerk zurückschaudern. Denken Sie sich dann die Betreffende mit ihrem Opfer fürs ganze Leben allein, vielleicht auf einer wüsten Insel. Muß sie nicht an dem Anblick des Glückes anderer zugrunde gehen? Vielleicht begegnet sie einem Mann, dem ihr ganzes Sein und Wesen entgegenfliegen möchte, und doch ist sie an ihr Opfer gefesselt. Nun wird sie zum Tantalus, welcher unendliche Qualen erduldet. Ist es notwendig, daß sie den Schuldigen bestraft? Gibt es nicht einen höheren Richter? Ist nicht das wahre Gottvertrauen der größte Schatz des Weibes? Sollte Gott die Ihrigen nicht retten können, ohne daß sie