/ Language: Deutsch / Genre:adv_history / Series: Liebe des Ulanen

Napoleons letzte Schlacht

Karl May


ERSTES KAPITEL 

Die Kriegskasse

Frankreich hatte einen neuen Herrscher erhalten, und die Heere der Verbündeten hatten sich aus Frankreich zurückgezogen, um die heimatliche Stätte aufzusuchen. Blücher war in England gewesen und dort in geradezu unerhörter Weise gefeiert worden, und auch in der Heimat hatte man ihn mit unbeschreiblichem Jubel empfangen. Er hatte mehrere hochgestellte Feinde, aber im Herzen des Volkes hatte er als der Marschall ‚Vorwärts‘ sich ein immerwährendes Andenken erworben.

Im übrigen trug er einen tiefen Groll im Herzen. Er wußte am besten, welche Opfer Preußen, Deutschland und die verbündeten Länder gebracht hatten, um das übermütige Frankreich zu schlagen und den Mann zu stürzen, welcher es gewagt hatte, aller Welt Gesetze vorzuschreiben, die Deutschen aber am liebsten mit dem Ausdrucke Cochons, das ist ‚Schweine‘, zu bezeichnen.

Und nun tagte der berühmte Kongreß in Wien, welcher die Aufgabe zu lösen hatte, die Ergebnisse des Krieges in eine bestimmte Form und Gestaltung zu bringen. Er vermochte es aber nicht, den Widerstreit der verschiedensten Ansprüche, welche sich kundgaben, zu schlichten und zu lösen. Man begann den Frieden von Paris bitter zu tadeln. Man hatte den Franzosen zu viel Macht und Land gelassen und die erkämpften Vorteile wieder aus der Hand gegeben.

Dieser Ansicht schloß sich besonders Blücher an.

„Frankreich wird wieder laut“, pflegte er zu sagen; „es beginnt wieder das große Wort zu führen, und wir, die wir den Frieden erkämpft und uns nach Ruhe gesehnt haben, halten nur eine Rast, welche nicht lange dauern wird.“

Er erhob überall seine Stimme, um zu warnen. Er tat alles, um das Heer kriegstüchtig und marschbereit zu halten, und er tat daran sehr recht.

Napoleon war aus Frankreich verbannt, aber er hatte tausend, ja Millionen stille Anhänger zurückgelassen. Gerade während seines Unglücks hatte sich sein kriegerisches Talent am glänzendsten bewährt. Die Soldaten vergötterten ihn, und wer war damals in Frankreich nicht früher Soldat gewesen oder noch Soldat. Keiner hat die Anhänglichkeit des Kriegers an diesen außerordentlichen Feldherrn ergreifender geschildert, als Heinrich Heine in seinen Versen:

„Was schiert mich Weib, was schiert mich Kind? 
Ich trage weit bess'res Verlangen. 
Laß sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind. 
Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen!“

Napoleon kannte diese Verhältnisse, und er beschloß, sie zu benutzen. Er war nicht der Mann, auf Elba die Rolle eines abgedankten Souveräns zu spielen. Er beging aber einen großen Fehler; er verließ die Insel zu früh, denn noch hatten nicht alle feindlichen Heeresteile ihre Heimat erreicht; sie durften nur die Order zur Umkehr erhalten, so waren sie kampfbereit. Und der Umstand, daß die Vertreter der Nationen noch in Wien tagten, begünstigte ein schnelles Einvernehmen zwischen ihnen und den schleunigen Beschluß, sich mit vereinigten Kräften wieder auf ihn zu werfen.

Dennoch erscholl plötzlich die Kunde, daß Napoleon am 27. Februar die Insel verlassen habe und mit einer Schar Bewaffneter in Frankreich gelandet sei.

Dieses Unternehmen, welches anfangs abenteuerlich erschien, wuchs in schneller Entwicklung riesenhaft empor. Bereits nach wenigen Wochen war Napoleon wieder in Paris und gebot von neuem als Kaiser über ganz Frankreich.

Er ließ den Mächten sagen, daß er nicht den Krieg bringe, sondern den Frieden beabsichtige. Da er sich aber denken konnte und auch bald erfuhr, daß ganz Europa sich in dem Entschluß, ihn zu bekämpfen, vereinigen werde, so traf er die schnellsten und ausgedehntesten Vorbereitungen zum Krieg, den er nach der Richtung der belgischen und niederländischen Grenze zu spielen gedachte.

Alle seine Anhänger waren ihm zugeströmt, unter diesen auch zwei, welche wir bereits kennen, nämlich der Kapitän Richemonte und Baron Reillac.

Beide hatten eine schlimme Zeit erlebt. Die Züchtigung, welche ihnen damals von Blücher zudiktiert worden war, hatte sie körperlich für lange Zeit niedergeworfen. Es waren Monate vergangen, ehe ihre Wunden geheilt waren. Während dieser Zeit war bei beiden der Haß gegen die Deutschen, besonders aber der Gedanke, sich persönlich an Blücher zu rächen, fast zur Manie geworden.

Gerade als die Nachricht verlautete, daß Napoleon wieder zurückgekehrt sei, hatte sich ihr Gesundheitszustand so weit gebessert, daß sie daran denken konnten, dem Kaiser ihre Dienste anzubieten. Und dies taten sie.

Baron Reillac stellte sich Napoleon vor und wurde von diesem beauftragt, die Lieferungen für das erste Armeecorps zu übernehmen, welches General Drouet befehligte.

Richemonte hatte beabsichtigt, wieder in die alte Garde einzutreten, erhielt aber durch Reillacs Vermittlung eine Kompanie der jungen Garde. Diese gehörte zu einem Regiment, welches sich beim ersten Armeecorps befand.

Früher nämlich hatte die Garde stets ein eigenes Corps gebildet, welches für den entscheidenden Angriff aufgespart worden war. Jetzt aber seit der Bildung der jungen Garde wurden deren Regimenter und Bataillone auch anderen Armeecorps zugeteilt.

Der Marschbefehl war bereits gegeben worden. Morgen sollte der Kapitän Paris verlassen. Er saß in dem bekannten Kaffeehause beim Frühstück. Reillac hatte ihm versprochen, zu kommen, obgleich die Beaufsichtigung seiner Lieferungen ihn sehr in Anspruch nahm. Er hielt Wort, er kam doch, wenn auch spät.

Die beiden Männer standen sich jetzt weniger schroff gegenüber als früher, da der Baron bei jeder Gelegenheit mit seinen Wechseln gedroht hatte. Jetzt kam dies nicht so oft vor. Sie hatten Ursache, über gewisse Dinge zu schweigen, welche sie beide betrafen; dies machte sie, sozusagen, zu Vertrauten, obgleich es sicherlich keinem von ihnen einfiel, den anderen für einen wirklichen Freund zu halten.

Heute hatte das Gesicht Reillacs einen Ausdruck, welcher dem Kapitän sofort auffiel. Es lag etwas sehr unternehmendes darin.

„Was gibt's? Was bringen Sie?“ fragte Richemonte.

„Etwas für Sie“, antwortete der Gefragte.

„Ah, etwas Gutes?“

„Ja, etwas so Angenehmes, daß ich selbst mich sofort zur Ausführung entschließen würde, wenn ich zum aktiven Militär gehörte.“

„Was ist es?“

„Sie kennen den General Drouet?“

„Natürlich.“

„Ich meine seine Eigenheiten.“

„Diese weniger.“

„Nun, eine dieser Eigenheiten stimmt auffällig mit unseren persönlichen Ansichten. Er ist nämlich ein engagierter Blücherhasser.“

„Donner! Das lobe ich an ihm!“

„Er hat erfahren, daß Blücher von Berlin abgereist und über Köln nach Lüttich gekommen ist, wo er sein Hauptquartier aufgeschlagen hat. Wenn da irgendein Streich auszuführen wäre!“

„So liegt irgendein bestimmter Plan vor?“

„Vielleicht. Der General wird geneigt sein, Sie zu empfangen?“

Da blitzten die Augen des Kapitäns auf.

„Ich werde zu ihm gehen“, sagte er.

„Tun Sie das! Sie wollen doch jedenfalls gern avancieren?“

„Das versteht sich!“

„Nun, hier bietet sich die beste Gelegenheit. Übrigens habe ich Ihnen mitzuteilen, daß ich auch nicht in Paris bleiben werde.“

„Schließen Sie sich unserem Armeecorps an?“

„Ja, der General meint, daß dies für die Lieferungen von sehr großem Vorteil sein werde. Er hat mich in der Hand.“

„So werden Sie diesmal keine großen Reichtümer sammeln“, lachte Richemonte.

„Möglich. Und noch eine dritte Mitteilung habe ich zu machen, welche Sie persönlich betrifft. Erraten Sie sie vielleicht? – Ihre Schwester –!“

„Ah!“ fuhr Richemonte auf. „Ist es Ihnen vielleicht endlich gelungen, eine Spur von ihr zu entdecken?“ Und mit höhnischem Ton fügte er hinzu: „Ich würde mich natürlich unendlich freuen, sie endlich einmal wiederzusehen.“

„Noch immer keine Spur. Einen Brief habe ich aus Berlin erhalten, Lieutenant Königsau ist noch nicht verheiratet.“

„Sollten sie einander verloren haben?“

„Pah!“

„Es ist alles möglich!“

„Sie sind auf falschen Gedanken. Dieser Königsau ist ein schlauer Kerl. Er weiß, daß er uns zu fürchten hat und hält daher den Aufenthalt seines Bräutchens geheim.“

„Ich gäbe viel darum, ihn zu erfahren!“

„Ich jedenfalls noch mehr, und da habe ich heute nacht, als ich schlaflos im Bett lag und über verschiedenes nachgrübelte, eine Idee gehabt.“

„Eine Idee? Ah! Ist, eine Idee zu haben, bei Ihnen eine solche Seltenheit, daß Sie sich veranlaßt sehen, diesen wunderbaren Fall extra zu konstatieren?“

„Machen Sie keine faulen Witze! Vielleicht zeigt sich meine Idee als außerordentlich gut.“

„So teilen Sie mir dieselbe gefälligst mit!“

„Nun, wir haben uns die größte Mühe gegeben, die Adresse Ihrer Schwester zu erfahren, doch umsonst. Jetzt sagen Sie mir einmal: Erhält Ihre Mutter nicht eine Rente ausgezahlt?“

„Allerdings.“

„Durch wen?“

„Durch Bankier Vaubois.“

„Dieser Mann muß also ihre Adresse haben.“

„Hölle und Teufel! Ja, das ist wahr!“ rief der Kapitän. „Bin ich denn ein Idiot, daß ich daran noch nie gedacht habe? Ich werde sofort hingehen.“

„Halt, keine Übereilung! Wenn nun Ihre Mutter dem Bankier verboten hat, die Adresse zu nennen?“

„Das wäre allerdings möglich.“

„Sogar sehr wahrscheinlich. Sie würden sie dann am allerwenigsten erfahren.“

„Sie ebenso.“

„Ja, sie wird ihn aber vor uns beiden ganz besonders gewarnt haben.“

„So müssen wir einen anderen Weg einschlagen.“

„Ich habe bereits einen.“

„Nun?“

„Hm! Meine Wäscherin hat ein allerliebstes Töchterchen.“

„Ah! Sie selbst finden sie allerliebst?“

„Warum nicht? Aber trösten Sie sich; ich bin dem Kind unschädlich.“

„Aus Altersrücksichten?“ lachte der Kapitän.

„Das vielleicht weniger. Aber sie hat bereits einen Geliebten.“

„Das war vorauszusehen. Welches hübsche Mädchen hätte nicht einen Geliebten.“

„Hier kommt noch der Umstand in Betracht, daß dieser Geliebte Kommis eines hiesigen Bankhauses ist.“

„Ah, des Hauses Vaubois vielleicht?“

„Leider nein. Aber ich schenke der Kleinen zuweilen etwas. Sie wird mir gern einen Gefallen tun. Ebenso wird ihr Geliebter ihr gern einen Wunsch erfüllen.“

„Ich ahne Ihren Entwurf.“

„Das ist nicht schwer. Der junge Mensch geht also zu Vaubois und zieht die betreffende Erkundigung ein.“

„Und wenn er nach dem betreffenden Grund gefragt wird?“

„Den kennt er nicht. Sein Prinzipal sendet ihn.“

„Und wenn man zögert?“

„So schildert man die Angelegenheit als eilig.“

„Hm, es gelingt vielleicht. Oh, daß ich morgen fort muß!“

„Warum bedauern Sie dies?“

„Ich werde nicht Zeit haben, diese so lang ersehnte Neuigkeit zu erfahren.“

„Warum nicht? Der Kommis kommt um zwölf Uhr nach Hause. Er speist nämlich bei meiner Wäscherin. Jetzt ist es elf Uhr. Wenn ich sofort aufbreche, so ist noch genug Zeit, die kleine Intrige einzuleiten. Sie kommen heute abend wieder hierher; im Falle des Gelingens kann ich Ihnen da die Adresse bereits sagen.“

„Das geht; das geht wahrhaftig! Gehen Sie; eilen Sie, Baron.“

Der Kapitän brauchte gar nicht zur Eile aufzufordern, denn jener hatte bereits Hut und Stock ergriffen und verließ das Kaffeehaus mit raschen Schritten.

Richemonte blieb noch einige Zeit sitzen, um sich das Gehörte alles zurechtzulegen; dann trank auch er aus und ging – zu General Drouet.

Dieser war ein höchst tatkräftiger und kühner Mann, doch versäumte er bei allem Mut nicht, vorsichtig und klug zu sein. War irgendein Ziel ebensogut durch List wie durch Verwegenheit zu erreichen, so zog er die erstere stets der letzteren vor.

Er war, da er so nahe vor dem Ausmarsch stand, sehr beschäftigt, ließ aber, als ihm der Kapitän gemeldet wurde, denselben sofort eintreten. Dieser Umstand schien diesem ein gutes Zeichen zu sein. Der Blick des Generals ruhte forschend auf dem Offizier.

„Haben Sie in Spanien gekämpft?“ fragte er.

„Ja, General.“

„Unter wem?“

„Unter Suhet.“

„Das war ein tüchtiger General, vielleicht der tüchtigste, der in Spanien befehligt. Man hat es dort mit Guerillas zu tun. Sie haben also jedenfalls auch den kleinen Krieg zur Genüge kennengelernt?“

„Ich denke es, mein General!“

„Nun, so werden Sie wissen, daß der Sieg sehr oft von sonst ganz nebensächlich erscheinenden Dingen abhängt, von der Kenntnis der Gegend und der Stimmung ihrer Bevölkerung, und so weiter. Auch bei dem sogenannten großen Krieg sind diese Umstände keineswegs außer acht zu lassen. Wir werden nach den Niederlanden gehen. Dort befehligen Wellington und Blücher. Lieben Sie Blücher?“

„Ich habe keine Veranlassung dazu.“

„Aber Sie hassen ihn auch nicht?“

„Ich wünsche ihn zu allen Teufeln, und ich habe Veranlassung dazu.“

„Dieser Wunsch wird ihm nicht viel schaden!“ lächelte der General.

Aber der Blick, welchen er dabei auf den Kapitän warf, war ein lauernder.

„Oh, ich wollte, ich könnte tätig sein, meinen Wunsch zur Erfüllung zu bringen.“

„Nun, wissen Sie, wo dieser Bramarbas sich gegenwärtig befindet?“

„In Lüttich, wie ich höre.“

„Das ist richtig, Kapitän. Ich brenne vor Begierde, etwas über seine kriegerischen Evolutionen zu hören; aber das ist außerordentlich schwer.“

„Es scheint mir leicht zu sein.“

„Man hat nicht zuverlässige Männer genug.“

„Es gibt deren doch welche!“

„Vielleicht Sie?“

„Ich hoffe es.“

„Gut, Kapitän, Sie sind mir empfohlen. Was denken Sie von einer Reise nach Lüttich oder Umgegend?“

„Sie müßte sehr unterhaltend und belehrend sein.“

„Aber auch gefährlich.“

„Ich fürchte Blücher nicht.“

„Aber einer seiner Korpskommandanten hat dort zugleich sein Hauptquartier. Dieser Bülow nämlich, und der ist gefährlich.“

„So wird man sich in acht zu nehmen wissen.“

„Ich wünsche besonders zu wissen, welche Macht man dort zusammenzieht, und was man für Pläne hat; hauptsächlich jedoch kommt es mir darauf an, alles, was zu der Persönlichkeit Blüchers in Beziehung steht, zu erfahren.“

„Ich werde eifrig danach forschen.“

„Sie kennen ihn persönlich?“

„Ja.“

„Und er Sie auch?“

„Ebenso.“

„So kann ein Zusammentreffen sehr gefährlich werden.“

„Für mich jedenfalls nicht.“

„Sie meinen für ihn?“

„Eher!“

„Nun, man wird ja hören, was Sie erleben. Um meine Anerkennung brauchen Sie sich nicht zu sorgen, wenn es mir auch unmöglich ist, meine Wünsche, oder vielmehr meinen Hauptwunsch in deutlicher Weise auszusprechen.“

„Ich errate ihn, mein General.“

„Vielleicht raten Sie gut. Tun Sie, was Sie denken! Aber Ihre Reise erfordert Auslagen. Darf ich fragen, ob Sie bemittelt sind?“

„Ich lebe von dem Sold, den ich auch erst noch empfangen soll.“

„Ah, das ist peinlich. Hier, nehmen Sie diese kleine Rémunération. Wenn man Gutes von Ihnen hört, wird man weiter dankbar sein. Adieu, Kapitän!“

Der General hatte ihm eine Geldrolle in die Hand gedrückt. Als Richemonte sie zu Hause öffnete, sah er, daß sich fünfhundert Francs darin befanden.

„Fünfhundert Francs für den Kopf Blüchers! Der Kerl ist aber bei Gott auch nicht mehr wert“, murmelte er. „Wollen sehen, was man noch zulegen wird.“

Als er am Nachmittag in seine Kaserne kam, erfuhr er vom Obersten, daß dieser vom General beauftragt sei, ihm einen unbestimmten Urlaub zu geben und ein dreimonatliches Gehalt auszuzahlen. Er erhielt die Summe sofort zu Händen gestellt und ein versiegeltes Kuvert; dann war er entlassen.

Aus dem Kuvert zog er, als er es öffnete, mehrere Pässe, welche auf verschiedenen Stand und Namen lauteten. Jedes Signalement stimmte genau mit seinem Äußeren. Er kannte nun seine Pflicht, ohne daß man ihm diese genau bezeichnet hatte; aber er war zu stolz, sich zu sagen, als was er ausgesandt wurde – als Spion.

Am Abend besuchte er das Kaffeehaus und fand den Baron bereits seiner wartend. Dieser bestellte folglich Wein für ihn, was auf einen guten Erfolg der heutigen Unterredung hinzudeuten schien.

„Waren Sie beim General?“ fragte Reillac.

„Ja.“

„Was haben Sie erreicht?“

„Einen Urlaub auf unbestimmte Zeit und mehrere gute Pässe.“

„Gratuliere!“

„Ist eine Ironie!“

„Weshalb?“

„Was tue ich mit dem Urlaub, wenn ich ihn nicht benützen kann! Hat sich der General nicht bei Ihnen nach meinen Verhältnissen erkundigt?“

„Ein wenig.“

„Was sagten Sie ihm?“

„Daß Sie keine Seide spinnen.“

„Dennoch scheint er mich für einen sehr wohlhabenden Mann zu halten.“

„Woraus schließen Sie das?“

„Weil ich zu meinem unbestimmten Urlaub nur einen dreimonatlichen Sold erhalten habe.“

„Das ist schlimm! Hm! Wenn ich wüßte –! Aber ich habe mich selbst fast ganz und gar ausgegeben.“

„Ihnen stehen Konnexionen zu Gebote, mir aber nicht.“

„Sie haben recht, und darum will ich Ihnen abermals tausend Francs leihen, wenn Sie mir eins versprechen.“

„Was?“

„Auf Ihrer gegenwärtigen Reise Ihre Schwester mitzubesuchen.“

„Donnerwetter! Haben Sie die Adresse?“

„Ja.“

„Hat es Mühe gekostet?“

„Gar nicht. Der Kommis hat gefragt und sofort bereitwillig Auskunft erhalten.“

„Wie lautet die Adresse?“

„Meierhof Jeannette bei Roncourt.“

„Dieses Roncourt ist mir unbekannt. Wo liegt es?“

„Im Argonner Wald, nicht weit von Sedan.“

„Ah, das ist ja fast auf meiner Tour?“

„Sie haben höchstens einen ganz und gar unbedeutenden Umweg zu machen. Werden Sie mir den Gefallen tun, den Meierhof aufzusuchen?“

„Gewiß.“

„Und mich benachrichtigen, wie es dort steht, nämlich in bezug auf meine Wünsche?“

„Ja, besonders, da es sich um tausend Francs handelt.“

„Ah, Sie denken, ich habe das bereits vergessen“, lachte der Baron. „Ich will nachsehen, ob ich so viel bei mir trage.“

„Ich bezweifle es nicht.“

„Hm! Man gibt sich jetzt aus. Man muß zu sehr wagen. Ich stecke mein ganzes Vermögen und all meinen Kredit in diese Lieferungen.“

„Aber man verdient ungeheuer dabei.“

„Bloß eine Kleinigkeit, mein Lieber. Wird der Kaiser abermals geschlagen, so bin ich für immer ein ruinierter Mann.“

„Ihre Lage wird dann durch die tausend Francs, welche Sie mir jetzt geben, nicht verschlimmert werden.“

„Nein. Und so sollen Sie das Geld haben. Hier! Aber Sie schreiben ganz bestimmt?“

„Ja. Aber wohin?“

„Zunächst bleibe ich ja noch hier. Und später werden mir Ihre Briefe auf das sicherste nachgesandt, wenn Sie dieselben an meine gegenwärtige Adresse schicken.“ –

Fast um dieselbe Zeit, in welcher der Kapitän von Paris aufbrach, wanderte ein junger Mann auf der Straße daher, welche über Bouillon nach Sedan führt. Bouillon ist ein trauriger Ort, er liegt an dem Semoyflüßchen in einer tiefen Schlucht der Ardennen. Es ist dies dasselbe Örtchen, welches durch den Namen des großen Kreuzfahrers, des Eroberers von Jerusalem, Gottfried von Bouillon, seine Berühmtheit erhalten hat.

Es war ein schlimmer Gewittertag. Die Dämmerung brach bereits herein, und der Regen goß in Strömen vom Himmel herab. Dazu war der Kot auf der sogenannten Straße so tief, daß man die Füße kaum aus demselben herausziehen konnte. Daher war der Wanderer froh, als er die ersten Lichter von Bouillon erblickte, wo er zu bleiben beschloß.

Er suchte nach der Herberge des Ortes und erkannte sie trotz der Dunkelheit und des strömenden Regens an dem großen Weinglas, welches man über der Tür herausgesteckt hatte. In der niederen Stube, welche nur durch einen Kienspan erleuchtet wurde, befand sich kein Gast. Nur der Wirt mit seiner Frau, ein paar alte Leute, saßen an einem schmutzigen Tisch.

Der Eintretende grüßte höflich, doch wurde sein Gruß sehr mürrisch erwidert.

„Darf ich mir am Ofen meine Kleider trocknen?“ fragte er.

„Lehnt Euch hinan“, lautete die Antwort.

„Und kann ich ein Abendbrot erhalten?“

„Milch und ein Stück Brot. Wir sind hier arme Leute. Wohin wollt Ihr noch?“

„Bei diesem Wetter nicht weiter.“

„Ah, Ihr wollt doch nicht etwa hier bleiben?“

„Warum nicht?“

Der Wirt warf einen scheuen Blick auf ihn und fragte: „Woher seid Ihr?“

„Aus Paris.“

„Und woher kommt Ihr jetzt?“

„Aus Lüttich.“

„Mein Gott, wo die Preußen sind?“

„Ja. Ich bin vor ihnen geflohen.“

„Da habt Ihr recht getan. Sie wollen wieder Krieg anfangen, aber der Kaiser wird sie auf die Finger klopfen. Was seid Ihr denn eigentlich?“

„Ein Musikant.“

„Ihr habt doch kein Instrument bei Euch!“

„Die Preußen haben mir meine Geige genommen.“

„Ihr armer Mann. Ja, sie sind Diebe und Räuber, welche der Kaiser bald fortjagen wird. Habt Ihr denn eine Legitimation bei Euch?“

„Ja.“

„Das ist gut. Zeigt Sie her. Ohne ein solches Papier darf man keinen Fremden aufnehmen. Es ist uns streng verboten worden.“

„Warum?“ fragte der Fremde.

„Weil die Preußen viele Spione hier in das Land schicken.“

„Hm, das ist ein sehr gefährliches Handwerk.“

„Es soll aber sehr gut bezahlt werden. Unterdessen müssen ehrliche Leute hungern.“

„Ist Bouillon so arm?“

„Es war bereits vor dem Krieg sehr arm; aber durch den Krieg ist es noch ärmer geworden. Daran war die Kriegskasse schuld.“

„Welche Kriegskasse?“

„Das wißt Ihr nicht?“

„Nein. Ich bin ja aus Paris und nicht von hier.“

Der Alte warf einen beobachtenden Blick auf den Fremden und fragte:

„Was sind Eure Eltern, Herr?“

„Mein Vater ist nur ein armer Weber.“

„Ah, ein Weber! Die Bewohner von Bouillon sind alle arme Weber. Ihr seht so ehrlich aus, daß man wohl Vertrauen zu Euch fassen kann.“

„Ich meine auch, daß Ihr es tun könnt.“

„Nun gut. Legt ein tüchtiges Holzscheit in den Ofen, und dann will ich Euch die Geschichte von der Kriegskasse erzählen.“

Der Fremde folgte dieser Aufforderung, wobei er von der Frau gefragt wurde:

„Wollt Ihr Milch und Brot jetzt gleich essen?“

„Wenn es Euch recht ist, ja.“

„So seid so gut und zeigt uns Euren Paß.“

Der junge Mann griff in die Tasche und zog ein sehr abgegriffenes Büchlein hervor, welches er der Frau gab. Diese reichte es ihrem Manne; dann ging sie hinaus, um das Abendbrot zu besorgen. Der Wirt nahm eine großmächtige Klemmbrille, eine sogenannte Nasenquetsche aus dem Tischkasten hervor, setzte sie auf und begann das Buch vom ersten bis zum letzten Blatt durchzusehen. Als er fertig war, sagte er:

„Ihr müßt bereits sehr weit herumgekommen sein, Herr?“

„Sehr weit“, nickte der Fremde.

„Das sieht man an den vielen Stempeln, welche da im Buch stehen. Lesen kann ich es freilich nicht, aber es wird wohl richtig sein. Nicht wahr?“

„Es stimmt.“

Da trat die Frau herein und setzte die Schüssel auf den Tisch. Sie enthielt Milch. Daneben legte sie ein Stück Brot zum Hineinbrocken. Das war die ganze Mahlzeit. Während sich der Fremde mit mehr Hunger als Appetit darübermachte, fragte sie den Wirt, welcher das Wanderbuch jetzt eben in ein Schränkchen schloß:

„Stimmt es, Vater?“

„Ja, es sind Namen und Stempel darin.“

Sie musterte den Esser abermals sehr sorgsam und flüsterte dann:

„Er scheint armer, aber braver Leute Kind zu sein.“

„Ja“, nickte der Alte.

„Und man hat ihm seine Fiedel gestohlen.“

„Eben! Er dauert mich!“

„Du, wollen wir?“

„Ja, ich denke.“

„Gut. Willst du es ihm sagen?“

„Sage du es lieber, Alte! Ich weiß, es macht dir Freude.“

Sie nickte vergnügt und wendete sich an den Fremden:

„Hört, Herr, wir haben Euch erst mit Mißtrauen betrachtet.“

„Das habe ich leider bemerkt“, meinte er freundlich.

„Jetzt aber meinen wir, daß Ihr wohl kein Stromer seid.“

„Das bin ich allerdings nicht, liebe Mutter.“

Bei den letzten beiden Worten warf die Alte einen stolzen Blick auf ihren Mann, denn so war sie noch von keinem Gast genannt worden; dann sagte sie:

„Darum meinen wir beide, daß Ihr auf dem Heuboden schlafen sollt.“

„Ah, auf dem Heuboden?“ fragte er, innerlich doch ein wenig enttäuscht.

„Ja. Wir wollen Euch nicht dahin tun, wo gewöhnliche Leute schlafen, denn Ihr habt so etwas Gutes und Apartes an Euch.“

„Ich danke Euch herzlich. Aber wo schlafen denn hier die gewöhnlichen Leute?“

„Im Ziegenstall.“

„Ah, im Ziegenstall. Sind Ziegen drin?“

„Zwei. Dort aber liegt nur Laubstreu, und die ist feucht. Ihr könntet Euch erkälten. Hat Euch die Milch geschmeckt?“

„Sehr gut.“

„Ja, sie ist dahier auch von unseren zwei Ziegen. Aber, Alter, wolltest du denn nicht die Geschichte von der Kriegskasse erzählen?“

„Freilich, aber vor dir kommt man ja gar nicht zu Wort.“

„Na, so erzähle. Ich werde still sein.“

„Ja, erzählt!“ bat der Gast. „Ihr habt mich fast neugierig gemacht.“

„Oh, es ist nichts Lustiges, Herr. Also von dem Blücher habt Ihr bereits gehört?“

„Sehr viel.“

„Der kam im vorigen Jahre über den Rhein herüber, der doch uns Franzosen gehört. Er kam nach Toul, welches jenseits der Berge im Süden liegt, und schickte einen seiner Generäle, welcher Fürst Schischerbatoff hieß, mit 10.000 Feinden nach Void und Ligny. Dort lagen die Unsrigen mit einer großen Kriegskasse!“

„Ah, da haben wir ja die Kriegskasse!“

„Oh, wenn wir sie doch hätten! Die Franzosen waren zu schwach, um lange Widerstand leisten zu können. Besonders war es ihnen um die Kriegskasse zu tun.“

„Das läßt sich denken“, meinte der Fremde mit einem verständnisvollen Lächeln.

„Über die ebene Gegend hinüber nach der Marne zu konnte sie nicht gerettet werden.“

„Wohl weil die Deutschen zu viel Reiterei hatten?“

„Ja. Darum brach ein Hauptmann mit einer halben Kompanie auf, um sich mit ihr in die Berge zu schlagen und sie durch den Argonner Wald zu schaffen, immer der Meuse entlang.“

„Merkte dies der Feind nicht?“

„Nein. Sie entging ihm.“

„So ist sie gerettet worden.“

„Auch nicht. Es ist das eine sehr traurige Geschichte. Während des Marsches fielen bald von rechts und bald von links Schüsse auf die armen Leute. Bereits am ersten Abend hatten sie zwölf Mann verloren, bis zum zweiten ebensoviele.“

„Wer schoß?“

„Das war nicht herauszubekommen. Wenn man an die Stelle kam, wo der Schuß gefallen war, stand niemand mehr da.“

„Das war vorauszusehen.“

„Nach vier Tagen waren nur noch zehn Mann übrig, am fünften noch sechs und am sechsten noch vier. Diese kamen mit der Kasse nach Bouillon. Sie wollten weiter und forderten Bedeckung; aber weil wir dachten, daß wir erschossen werden würden wie die Soldaten, flohen wir in die Berge; wir wollten nicht mit.“

„Das war euch nicht zu verdenken.“

„Am nächsten Tag fand man die vier Grenadiere erschossen, gar nicht weit von hier; die Kasse aber war weg. Nach einigen Tagen hatten die Deutschen die Gegend verlassen, und es kam im geheimen eine Streifpartei der Unsrigen, welche nach der Kasse suchte. Sie erfuhren, was geschehen war, und wir mußten zur Strafe eine schwere Kontribution zahlen, durch welche wir vollends arm geworden sind.“

„Das ist allerdings sehr traurig für euch. Hat sich keine Spur der Kasse je wieder gezeigt?“

„Nein.“

„Und auch keine Spur der Schützen, welche damals die Bedeckungsmannschaften niedergeschossen haben?“

„Nein.“

„Hat man denn die Angelegenheit nicht gerichtlich untersucht?“

„Was denkt Ihr, Herr! Wir hatten ja Krieg, dann keine Regierung, dann eine, welche nichts galt. Es blieb eben alles, wie es war.“

„Vielleicht sind deutsche Nachzügler die Räuber gewesen?“

„Nein. Diese hätten unser Terrain nicht gekannt.“

„Oder französische Marodeurs?“

„Das ist eher möglich. Wir wollen lieber von der traurigen Geschichte schweigen. Sagt, geht Ihr jetzt direkt nach Paris zurück?“

„Ja.“

„So werdet Ihr das Glück haben, den großen Kaiser zu sehen?“

„Jedenfalls.“

„Ich wollte, daß ich an Eurer Stelle wäre. Ihr geht natürlich über Sedan?“

„Ja.“

„Berührt Ihr da vielleicht das Dörfchen Roncourt?“

„Das ist wohl möglich.“

„So versäumt ja nicht, nach dem dortigen Meierhof Jeannette zu gehen.“

„Jeannette? Ah, warum?“

„Weil dort das schönste Mädchen Frankreichs wohnt.“

„Was, Vater, Ihr seid noch für die Schönheit eines Mädchens begeistert?“

„Ja, welcher Franzose wäre das nicht? In allen Ehren, natürlich.“

„Ist diese Schönheit gar so groß?“

„Hm, ich bin kein Kenner, wie Ihr ja auch hier an meiner Alten ersehen könnt, aber man sagt es allgemein.“

Da ergriff endlich auch die Wirtin das Wort; hier konnte sie nicht schweigen.

„Was?“ fragte sie. „An mir kann man das sehen?“

„Daß ich kein Kenner bin? Ja.“

„Wie meinst du das?“

„Wenn ich Kenner wäre, hätte ich doch eine Schöne genommen!“

„Oh, das sagst du jetzt“, lachte sie vergnügt. „Du warst mit mir sogar sehr zufrieden.“

„Ja, eben weil ich kein Kenner bin.“

„Hm, ich denke, daß ich hübsch genug war, wenn auch freilich nicht eine Schönheit wie die vom Meierhof Jeannette. Ja, Herr, Ihr solltet sie wirklich sehen.“

„Ihr macht mir beinahe Lust, hinzugehen.“

„Tut es! Geht man weit, um ein schönes Bild anzusehen, warum soll man nicht dasselbe tun, um einen schönen Menschen zu betrachten.“

„Habt Ihr sie selbst gesehen?“

„Ja. Sie ist ja selbst hier bei uns gewesen.“

„Ah, zu Besuch?“

„Nein, nur für eine halbe Stunde, bis eine andere Deichsel da war.“

„Sie hatte wohl einen Unfall erlitten, diese schöne Person?“

„Freilich. Sie hatte nach Lüttich gewollt, um dort Verwandte zu besuchen. Hier in der Nähe brach die Deichsel am Wagen, und da war sie gezwungen, bei uns einzukehren. Sie fuhr gar nicht weiter.“

„So ist sie abergläubisch?“

„Herr, das Abbrechen der Deichsel bedeutet stets etwas Böses.“

„Sehr richtig“, lachte er.

„Und sodann diese Deutschen! Sie waren ja bereits in Lüttich. Wir alle haben ihr abgeraten. Und so ist sie wieder umgekehrt.“

„Sie ist gewiß die Tochter des Meiereibesitzers?“

„O nein. Sie ist nur zu Besuch bei ihm.“

„Ah! Woher?“

„Daß weiß man nicht.“

„Wie heißt sie?“

„Das kann ich nicht sagen. Hier bei uns war sie mit ihrer Mutter, von dieser wurde sie Margot genannt.“

„Ein hübscher Name!“

„Ja, er paßt ganz zu dem Mädchen. Aber gar zu schön ist doch auch nicht gut; das kann man an ihr sehr deutlich sehen.“

„Wieso?“

„Weil ihre Schönheit bereits zwei Menschen das Leben kostete.“

„Sapperlot.“

„Ja. Denkt Euch, daß die ganze Garnison von Sedan verrückt ist, sie nur zu sehen. Jeder möchte wenigstens einmal mit ihr sprechen. Man hat sich bereits dreimal duelliert. Zweimal fiel ein Offizier.“

„O weh! So ist sie wohl coquet?“

„Oh, nicht im geringsten. Sie erscheint auf keinem Ball, wenn sie auch zehnmal eingeladen würde. Sie geht nie allein aus, sondern nur in Gesellschaft ihrer Mutter. Es kann sich keiner rühmen, ihr auch nur die Fingerspitzen geküßt zu haben.“

„Und doch diese Duelle?“

„Oh, gerade diese Zurückhaltung macht ja die Männer verrückt.“

„Na, Alte, ich war damals in dich nicht verrückt!“ neckte der Wirt.

„Das hätte dir auch sehr schlecht angestanden. Aber der junge Herr wird ermüdet sein. Auch wir gehen zeitig schlafen.“

Die beiden Leute waren jetzt erst zutraulich geworden, nachdem sie vorher verschlossen und mißtrauisch gewesen waren, wie man es bei Bewohnern abgelegener Ortschaften häufig trifft. Der Fremde hätte so gerne sich mit ihnen noch unterhalten, besonders über das letzte Thema, das schöne Mädchen. Das interessierte ihn noch mehr als die Kriegskasse. Er kannte dieses Mädchen ja und wußte auch, warum es sich so zurückgezogen hielt. Es war ja seine Geliebte, seine Braut, und er war der Oberleutnant Hugo von Königsau.

„Geht Ihr wirklich so zeitig schlafen?“ fragte er.

„Ja, denn wir müssen des Morgens früh wieder munter sein.“

„Nun, so will ich Euch nicht von der Ruhe abhalten. Zeigt mir mein Lager.“

„Das ist nicht hier im Haus, sondern im Hof. Kommt!“

Der Mann brannte eine Laterne an und leuchtete ihm über den kleinen, offenstehenden Hof hinüber. Dort stand ein einzelnes, kleines Gebäude, der Ziegenstall, über welchem sich der verschlossene Heuboden befand.

„Hier muß man das Heu verschließen, sonst wird es leicht gestohlen“, erklärte der Wirt. „Da lehnt die Leiter an welcher Ihr emporsteigt. Nehmt sie mit hinauf; das ist besser. Jetzt während des Krieges gibt es allerlei Gesindel in der Nähe. Wenn aber die Leiter fehlt, kann niemand hinauf zu Euch. Sind Eure Kleider trocken geworden?“

„So ziemlich. Ich danke.“

„Soll ich Euch wecken?“

„Nein. Ich wache schon auf.“

„So schlaft wohl. Ich wünsche Euch eine gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Königsau folgte dem Rat des Wirts und zog die Leiter empor, als er sich oben befand, obgleich er über die ganze Situation lächeln mußte.

Also dieser kleine, niedrige, kaum fünf Ellen im Durchmesser haltende Heuboden war erster Rang, der Ziegenstall unten war zweiter Rang! Konnten wirklich Menschen da unten bei den Ziegen auf der kotigen Streu schlafen?

Der Wirt war jedenfalls ein sehr armer Mann, da er nicht einmal eine Kuh, sondern nur zwei Ziegen besaß.

Draußen plätscherte der Regen noch immer hernieder, auf dem Heu aber lag es sich wirklich ganz hübsch. Das Plätschern hatte eine einschläfernde Wirkung. Der Oberleutnant dachte an das schöne Mädchen von der Meierei Jeannette, an die verlorene Kriegskasse, und zwischen diesen beiden Gegenständen spannen sich im Traum phantastische Fäden herüber und hinüber.

Er wußte nicht, wie lange er so gelegen hatte; er wußte nicht einmal, ob er gewacht oder geträumt hatte, aber plötzlich war er munter, denn er hatte draußen vor dem Stall ein Geräusch gehört. Er horchte angestrengter und vernahm von halb unterdrückter Stimme die Frage:

„Hast du nachgesehen?“

„Ja.“

„Sie sind wirklich schon zu Bett?“

„Ja, es ist kein Licht mehr im ganzen Haus.“

„So gehen wir in den Stall.“

„Aber wenn bereits jemand da ist.“

„Werden sehen.“

Die Tür des Ziegenstalls wurde geöffnet, und Königsau hörte, daß jemand hineinkam. Die Ziegen zeigten etwas Unruhe, schwiegen aber nach einigen begütigenden Lauten wieder, und dann erklang unten die Mahnung:

„Komm herein, es ist niemand hier.“

„Ah, das ist gut.“

„Ja, hier ist es warm, viel besser als da draußen. Ich bin allemal hier untergeschlüpft, wenn ich den Weg in die Berge gemacht habe.“

„Heimlich?“

„Ja, heimlich. Es ist besser, man weiß gar nicht, daß ich hier gewesen bin.“

Königsau konnte alle diese Worte verstehen, obgleich sie fast nur geflüstert wurden. Freilich durfte er kein Glied seines Körpers rühren, weil sonst das Rascheln des Heus seine Anwesenheit verraten hätte.

Wer waren die beiden Männer da unten? so fragte er sich. Der Wirt hatte von allerlei Gesindel gesprochen. Geheim war ihr Einschleichen in den Stall, und geheimnisvoll klangen auch die Worte, welche er erlauscht hatte.

„Was würde der Wirt sagen, wenn er uns hier entdeckte?“

„Nichts. Wir sind her eingegangen, weil er schlief und wir ihn nicht stören wollten. Er würde es uns gar nicht übelnehmen, aber wir müßten doch einen Sou Schlafgeld zahlen.“

„Darauf kann es dir ja gar nicht ankommen, denn du bist reich.“

„Freilich!“ lachte der andere. „Aber besser ist es immer, man weiß gar nichts von meiner Anwesenheit.“

„Werden die Hacken und die Schaufeln noch da liegen?“

„Ganz gewiß; sie sind ja vergraben.“

„Ah, wenn die Leute wüßten – – –“

„Nun, ich habe dafür gesorgt, daß sie nichts wissen. Ah, ich habe in dieser Beziehung bereits sehr viel Pulver verschwendet.“

„Wie aber kommst du dazu, mir dieses Geheimnis mitzuteilen, während die anderen es doch – – – hm?“

„Das will ich dir sagen. Wir waren sechs Personen. Wir hatten ausgemacht, nur alle sechs zugleich sollten den Ort zur bestimmten Zeit besuchen. Ich aber war schlau und machte mir meine Zeichen. Da merkte ich gar bald, daß die Kerls einzeln kamen und sich Geld holten. Da habe ich sie nach und nach weggeputzt, viere ich und du den fünften vorgestern. Das war deine Probe. Du hast sie gut bestanden.“

„Oh, denkst du, daß es das erste Mal war?“ lachte der Gelobte auf.

„Ah, du hast schon –?“

„Sechs, bis jetzt!“

„Sechs hast du bereits abgetan?“

„Ja.“

„Hm, das ist schon aller Ehren wert. Und du hast wirklich ein Auge auf meine Tochter?“

„Ja.“

„Und sie? Was sagt sie dazu? Hast du schon mit ihr gesprochen?“

„Freilich will sie mich. Wir sind vollständig einig.“

„Wenn die Sache so steht, so kann ich dir vertrauen. Mein Schwiegersohn wird mich nicht verraten.“

„Fällt mir doch nicht im Traum ein! Aber wie kamst du denn eigentlich dazu, es gerade auf die Kasse abzusehen? Es war doch eine böse und schwierige Sache.“

„Das war der reine Zufall. Es war eine schlechte Zeit, und der Wildhandel ging nicht mehr, denn ein jeder schoß sich selbst das, was er brauchte. Ich wußte nicht, wovon ich leben sollte. Da nahm ich meine Büchse und zielte auf Menschen.“

„Hm!“

„Was?“

„Brachtest du das gleich fertig?“

„Warum nicht? Übrigens war es oft gar nicht nötig. Es gab Tote oder Verwundete, in deren Taschen genug für mich war. Nach und nach hatten sich mehrere zu mir gefunden, fünf Mann und ich. Wir trieben das Handwerk methodisch, und es brachte uns etwas ein. Da, bei dem Überfall der Preußen auf Ligny waren wir in der Nähe. Wir beobachteten vom Berg aus den ganzen Vorgang.“

„Das war sehr bequem.“

„Natürlich. Da sahen wir, daß ein mit vier Pferden bespannter Wagen davonfuhr; er wurde von vielleicht fünfzig Infanteristen begleitet. Das fiel auf. Wir berieten; wir lauschten und kamen zu dem Glauben, daß es die Kriegskasse sei. Das war natürlich ganz unser Fall.“

„Was tatet Ihr?“

„Einige waren so toll, einen direkten Überfall wagen zu wollen; ich aber überzeugte sie endlich, daß dies der reine Wahnsinn sei. Es lag klar, daß man die Kasse in das Gebirge bringen wollte. Wir brauchten nur mitzugehen, so konnten wir die Bedeckungsmannschaft nach und nach ganz gemütlich wegputzen. Und dies geschah. Nicht weit von hier fielen die letzten vier. Dann bemächtigten wir uns des Geschirrs und fuhren hinauf in die Schlucht, welche ich von früher her kannte. Dort wurde die Kasse vergraben.“

„Und Pferde und Wagen?“

„Den Wagen haben wir zertrümmert und verbrannt, auf die Pferde aber haben wir uns gesetzt und sind fortgeritten, um sie zu verkaufen.“

„Wieviel war in der Kasse?“

„Ich weiß es nicht. Wir konnten es nicht zählen.“

„Alle Teufel, so viel war es?“

„Ja. Das Zählen hätte uns zu viel Zeit gekostet. Es durfte sich ein jeder tausend Francs nehmen; dann wurde sie vergraben.“

„Dann habt ihr euch öfters Geld geholt?“

„Ich zweimal, dann habe ich die anderen auf die Seite geschafft.“

„Wo ist die Schlucht?“

„Sie ist sehr leicht zu finden, aber ihre Lage ist sehr schwer zu beschreiben. Du wirst es morgen ja sehen.“

„Wann brechen wir auf?“

„Sobald der Tag graut, damit man uns hier nicht sieht.“

„Ich kann dir sagen, daß ich vor Freude wie im Fieber bin!“

„Erst war es bei mir ebenso; jetzt hat es sich gelegt.“

„Aber was gedenkst du, mit diesem vielen Geld zu tun?“

„Ich warte, bis es ruhig im Land geworden ist, dann ziehe ich nach Amerika.“

„Und nimmst das Geld mit?“

„Natürlich!“

„Man wird es bemerken.“

„Wohl schwerlich. Das laß überhaupt meine Sorge sein.“

„Aber ich. Was wird dann mit mir?“

„Dummer Kerl, du wirst mein Schwiegersohn und ziehst mit mir!“

„Wirklich?“

„Natürlich.“

„Ah, welche Freude! Höre, du sollst sehen, daß du an mir stets einen tüchtigen und treuen Burschen haben wirst.“

„Das hoffe ich. Nun aber laß uns schlafen. Wir brauchen die Ruhe. Gute Nacht!“

„Gute Nacht!“

Unten raschelte die Streu, und dann wurde es still.

Königsau brauchte Zeit, um sich in dem Gehörten zurechtzufinden. Kaum hatte er von der Kriegskasse gehört, so stand er bereits an der Pforte ihres Geheimnisses.

Da raschelte es unten wieder, und der eine, welcher die Tochter haben wollte, sagte:

„Du, schläfst du schon?“

„Nein.“

„Was ist über uns?“

„Der Heuboden.“

„Warst du da schon einmal?“

„Nein. Dort schlafen nur selten Leute, welche besser sein wollen als unsereiner.“

„Donnerwetter! Wenn jemand oben läge!“

„Das ist wahr! Der Kerl hätte alles gehört!“

„Man müßte ihn kaltmachen.“

„Komm, wir müssen sogleich nachsehen.“

Sie standen beide wieder auf und traten aus dem Stall heraus. Königsau hatte den Riegel von innen vorgeschoben; er war also sicher. Aber auch im anderen Fall hätte er sich nicht gefürchtet, denn er war mit zwei Taschenpistolen bewaffnet. Und doch war es ein Glück, daß er die Leiter hereingenommen hatte, denn er hörte sagen:

„Es ist zu, da oben.“

„Also niemand drin?“

„Wäre jemand drin, so würde die Leiter anlehnen.“

„Das ist richtig. Wir haben uns unnötigerweise echauffiert.“

„Ich denke es auch. Komm, legen wir uns wieder auf das Ohr!“

Das Geräusch, welches sie jetzt verursachten, gab Königsau Gelegenheit, sich in eine so bequeme Lage zu bringen, daß er darin verharren konnte, ohne besorgt sein zu müssen, ein verräterisches Geräusch zu verursachen.

Wer waren diese beiden Kerls? fragte er sich. Jedenfalls nichtswürdige Subjekte, Schlachtfeldhyänen. Er beschloß, die ganze Nacht zu warten und ihnen am Morgen zu folgen. Der Gedanke an die Masse Geld, um die es sich handelte, ließ ihn zunächst allerdings keine Ruhe, bald jedoch kam die Müdigkeit langsam, aber sicher über ihn, und er fiel in Schlaf, der aber so leise war, daß er sofort erwachte, als kurz vor Tagesanbruch sich die beiden Männer unter ihm zu regen begannen. Der eine gähnte laut und fragte:

„Schläfst du noch?“

„Nein. Ich wachte soeben auf.“

„Ich auch. Welche Zeit wird es sein?“

„Will sehen!“

Die Tür des Stalls wurde geöffnet, und dann sagte dieselbe Stimme:

„Der Tag wird gleich kommen. Wir könnten jederzeit aufbrechen.“

„Wie ist es mit dem Regen?“

„Nicht so dick wie gestern, aber er dringt durch.“

„Verdammt! Gutes Wetter wäre mir lieber!“

„Und mir gefällt dieses schlechte. Kein Mensch wird in den Bergen sein.“

„Wie lange haben wir zu gehen?“

„Zwei Stunden.“

„Das ist viel. Wir werden fadennaß.“

„Aber wir bekommen Geld die Hülle und die Fülle. In der Köhlerhütte machen wir uns dann ein Feuer und wärmen und trocknen uns.“

„Liegt sie an unserm Weg?“

„Ja.“

„Und ist sie bewohnt?“

„Schon seit langem nicht mehr. Wir sind da vollständig sicher. Komm, mache dich auf die Beine.“

Der andere erhob sich, trat aus dem Stall heraus, dehnte und streckte sich und fragte:

„So! Ich bin bereit. Rechts oder links?“

„Rechts? Dummheit! Wir werden doch nicht wieder durch die Stadt gehen. Wir müssen links am Ufer hin. Bei den drei großen Erlen geht es in die Berge hinein! Komm!“

Sie entfernten sich. Königsau brauchte nunmehr nicht sofort nachzulaufen, denn er wußte die Richtung, in welcher er sich zu halten hatte. Übrigens war seine Aufgabe eine leichte. Das Regenwetter war ihm hoch willkommen. Es weichte den Boden auf, so daß tüchtige Spuren zurückbleiben mußten.

Er ließ die Schritte der Strolche vollständig verhallen, dann öffnete er die Tür, schob die Leiter hinaus und stieg hinunter, nachdem er die Tür wieder verschlossen hatte. Gleich von hier aus waren die Spuren der beiden ganz deutlich zu sehen.

Er folgte denselben längs des Flüßchens bis zu den erwähnten drei großen Erlen, wo sie links abbogen.

Bei gutem Wetter wäre es bereits heller Tag gewesen, heute aber mischte sich der Regen mit einem Nebel, welcher kaum zehn Schritte weit zu blicken erlaubte. So ging es wohl eine Stunde lang immer bergan. Da begann der Hochwald, und es galt nun, vorsichtiger und aufmerksamer zu sein.

Königsau beflügelte seine Schritte, um den Voranschreitenden näher zu kommen. Nach einiger Zeit hörte er dann auch ihre Stimmen, da sie laut miteinander sprachen, und nun konnte er, durch die Bäume gedeckt, hinter ihnen herhuschen, ohne etwas befürchten zu müssen.

Die Verbrecher waren bis jetzt immer einer Art von Weg gefolgt, auf welchem sich wohl auch ein Wagen bewegen konnte, nun aber endete dieser Weg an einer kleinen Lichtung, auf welcher ein sehr primitives Gebäude stand, jedenfalls die Köhlerhütte, von welcher gesprochen worden war.

Die Männer traten nicht ein, sondern schritten quer über die Lichtung hinüber. Königsau folgte ihnen, sich unter den Bäumen am Rand der Blöße haltend.

Jetzt hatte der Pfad aufgehört, aber die Bäume standen breit auseinander, und das Terrain stieg langsam empor, daß man auch hier noch mit Wagen fahren konnte. Endlich kam man in eine breite Talmulde, welche fast bis zum Kamm des Gebirges emporzugehen schien, dann aber plötzlich in einen breiten, kluftartigen Riß überging, welcher sich nach links hinzog.

In ihn bogen die beiden Männer ein, und der Deutsche folgte ihnen. Die Ränder der Schlucht waren dicht mit starken Bäumen besetzt, zwischen denen noch niederes Gebüsch wucherte. Da sie unten auf der Sohle der Schlucht fortschritten, so konnte er etwas höher parallel mit ihnen gehen und sie sogar reden hören. Jetzt, zum ersten Mal, sah er auch, daß es ein älterer und ein jüngerer Mann war. Der erstere hatte ein ungemein bärtiges Gesicht und in seinem Gang und in seiner Haltung etwas von einem Forstmann. Er mochte wohl ein fortgejagter Waldwächter sein. Seine Züge waren kühn und keineswegs abstoßend. Der andere trug auch einen Vollbart, der aber kurz und struppig war, weil er noch nicht lange Zeit gestanden hatte. Seine Haltung war gebückt, sein Gang schleichend, und sein Gesicht zeigte die Spuren einer durch Laster bereits zerrütteten Jugend. Königsau hielt ihn jeder Schandtat fähig.

„Geht es noch weit?“ fragte dieser letztere.

„Warte einmal!“ fragte der Gefragte lächelnd. Er musterte den Boden und fügte dann hinzu: „Gehe einmal zwölf Schritte langsam geradeaus!“

Der Aufgeforderte tat dies.

„Halt!“ kommandierte jetzt der andere.

„Halt? Warum?“

„Weil du jetzt gerade über der Kriegskasse stehst.“

„Ah, sie liegt gerade unter mir?“

„Ja.“

„Wie tief?“

„Ungefähr fünf Fuß.“

„Da werden wir aber verteufelt zu graben haben.“

„Nein; es geht ganz gut. Der Boden ist locker.“

„Aber Hacke und Schaufeln?“

„Gehe noch fünf Schritte geradeaus!“

Der andere tat es.

„Halt!“

„Hier liegen sie?“

„Ja, unter deinen Füßen.“

„Wie tief?“

„Nur so tief, daß du nichts als das Messer zu nehmen brauchst, um sie zu bekommen.“

„Wollen wir gleich anfangen?“

„Ja. Aber erst trinken wir einen Schluck.“

Der Sprecher zog eine Branntweinflasche aus der Tasche, tat einen tüchtigen Schluck und reichte sie dann dem anderen hin, der auch davon trank und sie ihm dann zurückgab.

Nun gruben sich die beiden zunächst Werkzeuge aus der Erde. Es waren zwei Spitzhacken und zwei Schaufeln.

„Also sag mir, wie ich graben soll. Wie ist die Länge und die Breite der Grube?“

„Sie ist ein Quadrat. Ehe wir die Hacken nehmen, müssen wir erst den Rasen mit den Schaufeln vorsichtig abstecken und abschälen. Er kommt später wieder drauf. Sonst würde man merken, daß hier gegraben worden ist.“

Er nahm eine der Schaufeln und stach ein Quadrat des Rasens aus, welches abgehoben und zur Seite gelegt wurde. Dann begann die eigentliche Grabarbeit.

Königsau hatte alles ganz deutlich gesehen und gehört. Er hatte sich höchstens fünfzehn Schritte oberhalb des Arbeitsortes ganz gemächlich unter die überhängenden Zweige einer starken Fichte niedergesetzt. Dort war der Regen nicht durchgedrungen; er hatte also einen bequemen Sitz, und wurde durch kleines, vorstehendes Strauchwerk so versteckt, daß er nicht bemerkt werden und doch alles genau beobachten konnte.

Die beiden arbeiteten wohl eine halbe Stunde abwechselnd mit Hacke und Schaufel. Da endlich gab ein Hieb einen dumpfen, harten Ton.

„Was war das?“ fragte der Jüngere.

„Wir sind auf die Kiste gestoßen.“

„Ah, das Geld ist in einer Kiste?“

„Nein; in einem eisernen Kasten, aber dieser steht wieder in einer Kiste.“

„Höre“, sagte der Jüngere, „ich will dir sagen, daß ich bis jetzt an der Wahrheit deiner Erzählung gezweifelt habe.“

„Dummkopf!“

„Ich dachte, du wolltest mich dadurch bewegen, deine Tochter zu nehmen.“

„Unsinn! Die würde noch einen anderen Kerl kriegen, als du bist!“

„Na, schön ist sie nicht.“

„Wenn sie dir nicht paßt, kannst du ja gehen!“

„Das fällt mir gar nicht ein! Also die Kriegskasse ist wirklich in dieser Kiste?“

Sein Gesicht war vor Erregung gerötet, und seine Augen glühten wie Flammen.

„Na, was denn sonst?“

„So wollen wir weiter graben.“

Er ergriff die Hacke, während der andere schaufelte. Als dieser sich aber ein wenig mehr niederbückte, holte er mit der Hacke aus und schlug sie ihm mit aller Gewalt auf den Hinterkopf. Der Getroffene stürzte lautlos und mit vollständig zerschmettertem Schädel in die Grube hinab.

Der Mörder aber warf die Hacke weg, schlug die Hände zusammen und rief:

„Hier, Dummkopf, hast du deinen Lohn! Um die Kasse zu besitzen, hast du die andern gemordet; jetzt bist du selbst tot und mußt sie mir überlassen. Oh, ich bin reich, reich, reich! Und niemand weiß es, und niemand bekommt etwas davon! Nun mag der Teufel das Mädchen holen! Ich kann mir nun die Schönste suchen, die es gibt, ich kann sogar auf die Meierei Jeannette freien gehen!“

Die entsetzliche Tat war so schnell und unerwartet begangen worden, daß es für Königsau unmöglich gewesen wäre, sie zu verhindern. Er war aufgesprungen; er stand ganz steif vor Schreck; aber nur kurze Zeit blieb er so stehen, dann zog er seine beiden Doppelpistolen hervor, spannte die Hähne und schlich sich hinab.

Der Mörder stand wie ein Verzückter vor seinem Opfer.

„Habe ich dich nicht sehr gut getroffen?“ fragte er. „Komm heraus! Ich muß zu der Kasse hinab, du aber liegst mir im Weg!“

Er ergriff die beiden Beine des Ermordeten und zog ihn aus der Grube heraus. Dann nahm er die Schaufel vom Boden auf und richtete sich in die Höhe, um die Arbeit fortzusetzen; da aber riß er plötzlich die Augen auf: Die Schaufel entsank seinen Händen, und er stand vor Schreck völlig bewegungslos.

Er hatte Königsau bemerkt, welcher zwei Schritte weit vor ihm stand, die vier Läufe seiner Pistolen auf ihn gerichtet.

„Mörder!“

Der Mann konnte nichts antworten, er schien die Sprache verloren zu haben.

„Gleich siehst du, ob er vielleicht noch lebt!“

Dieser Befehl gab ihm das Vermögen der Sprache wieder.

„Hölle und Teufel, wer sind Sie?“ fragte er.

„Das wird sich finden. Jetzt siehst du nach, ob er noch lebt, sonst jage ich dir eine Kugel in den Kopf. Vorwärts, rasch!“

Königsaus Ton und Haltung waren so, daß der Mann nicht zu widerstehen wagte. Er bückte sich nieder, untersuchte den andern und sagte dann ohne eine Spur der Reue:

„Vollständig tot. Warum war er so dumm!“

„Wer der Dumme ist, das wird sich finden. Wie heißt du?“

Der Mann hatte sich jetzt von seinem Schreck vollständig erholt. Er antwortete:

„Wen geht das hier etwas an?“

„Mich! Übrigens mache ich dich darauf aufmerksam, daß ich dir sofort eine Kugel durch den Kopf jage, wenn du mir noch eine einzige solche Antwort gibst. Also, wie heißest du?“

„Fabier.“

„Woher?“

„Aus Roncourt.“

„Was bist du?“

„Fleischer.“

„Wie hieß dieser Mann hier?“

„Barchand.“

„Woher?“

„Auch aus Roncourt.“

„Was war er?“

„Auch Fleischer.“

„Gut, das genügt einstweilen. Nimm eine Hacke und eine Schaufel und gehe voraus.“

„Wozu?“

„Das wirst du erfahren.“

„Wissen Sie, was sich in dieser Grube befindet?“

„Ja.“

„Nein, Sie wissen es nicht, Sie können es nicht wissen!“

„Ich weiß es.“

„Nun, was?“

„Die Kriegskasse von Ligny.“

„O Teufel, woher wissen Sie das?“

„Ich bin ein Offizier. Das muß dir genügen.“

„Offizier? Herr, wir wollen die Kasse teilen.“

„Unsinn.“

„Ich will nur den dritten Teil haben!“

„Schweig, und gehorche.“

„Nur den vierten Teil.“

„Wirst du Hacke und Schaufel nehmen oder nicht?“

„Ich gehorche, und Sie werden mit sich reden lassen.“

Er nahm die Werkzeuge auf. Immer mit gespannter Waffe ließ ihn Königsau eine Strecke vor sich her in die Schlucht hineingehen. Auf den Boden deutend, gebot er:

„Hier gräbst du dem Gemordeten ein Grab!“

„Gern, Monsieur! Aber wollen wir nicht erst über die Kasse sprechen?“

„Später. Erst bringen wir den Toten zur Ruhe.“

„Gut, ich werde gehorchen.“

Er begann zu arbeiten. Der Gedanke an die Kasse trieb ihn zum größten Eifer an. In kurzer Zeit war ein sechs Fuß langes und vier Fuß tiefes Grab ausgeworfen. Der Mann blickte den Lieutenant fragend an.

„Noch einmal so breit!“ gebot dieser.

„Warum? Das genügt ja.“

„Arbeite so, wie ich es dir befehle.“

Der Mann sah sich gezwungen, zu gehorchen. Bald hatte das Grab die anbefohlene Breite.

„Jetzt hole deinen Kameraden her und lege ihn hinein!“

Der Mann gehorchte abermals, aber er war außerordentlich blaß geworden. Er schien zu ahnen, weshalb er dem Grab eine doppelte Breite hatte geben müssen.

„Was nun?“ fragte er jetzt, scheinbar demütig.

Königsau bemerkte gar wohl die Blicke, welcher jener um sich warf.

Es handelte sich hier um Leben und Tod. Er mußte auf den anderen die strengste Obacht geben.

„Jetzt wird die Kasse wieder zugedeckt“, sagte der Offizier.

„Zugedeckt? Warum?“

„Es soll sie niemand bemerken. Weshalb denn sonst?“

„Ich denke, wir wollen sie teilen!“

„Sie bleibt unberührt.“

„Herr, beweist doch einmal, daß Ihr ein Recht an ihr habt!“

„Du bist nicht der Kerl, dem ich dies zu beweisen hätte. Pack dich an die Arbeit, sonst jage ich dir die Kugel in den Kopf.“

„Aber wenn ich die Kasse zugedeckt habe, was wird nachher?“

„Das wirst du sehen.“

„Herr, Ihr dürft nicht so schlimm von mir denken.“

„O nein. Du hast nur bereits sechs abgetan; dieser dort ist der siebente.“

Da wurde das Gesicht des Mannes förmlich fahl vor Schreck. Dann aber trat auch sein eigentümlicher Charakter zutage, denn er antwortete darauf:

„Nun, wenn Sie das wissen, so werden Sie mir wohl auch glauben, daß ich Ihnen jetzt nur gehorche, weil ich meinen Grund dazu habe.“

„Allerdings. Du fürchtest meine Kugel.“

„Oh, da irren Sie sich ganz außerordentlich. Nicht eine jede Kugel trifft.“

„Die meinige sicher.“

„Das kommt auf eine Probe an.“

Königsau zuckte die Achsel.

„Dummkopf!“ sagte er. „Glaubst du, mich zu Probeschüssen verleiten zu können? Gehorche meinem Befehl, sonst wirst du sofort sehen, daß ich gut treffe.“

Der Mann begann nun allerdings, die Grube zuzufüllen, welche die beiden Kumpane mit so vieler Mühe aufgegraben hatten. Auch der Rasen wurde wieder darauf gelegt und festgetreten, so daß man nicht sah, daß vor wenigen Minuten sich hier ein tiefes Loch befunden habe. Jetzt sagte der Mörder:

„So, da sind wir fertig; unser Geheimnis ist wieder gesichert. Ich hoffe, daß wir nun unsere Verabredungen treffen. Wie haben Sie denn eigentlich den Ort kennengelernt, an dem der Schatz vergaben liegt?“

Königsau sagte sich, daß die Wahrheit hier eine Strafschärfung sei, und daher antwortete er mit einem überlegenen Lächeln:

„Von euch selber.“

„Von uns? Wen meinen Sie?“ fragte er erstaunt.

„Ich meine dich und dort deinen Begleiter, den du ermordet hast.“

„Wie? Von uns beiden hätten Sie es erfahren?“

„Ja.“

„Aber wie denn?“

„Ihr spracht gestern abend im Ziegenstall davon.“

„Donnerwetter! Wo waren Sie da?“

„Über euch auf dem Heuboden.“

Der Mann stand ganz perplex da.

„Aber wir haben ja nachgesehen“, sagte er. „Es war kein Mensch droben.“

„Ich war droben.“

„Es war ja zugeschlossen!“

„Ich hatte von innen zugesperrt.“

„Es war keine Leiter da.“

„Ich hatte sie mit hineingenommen.“

„Und daß ist wahr, wirklich alles wahr?“

„Ganz gewiß. Als ihr euch ausgesprochen hattet, sagtet ihr euch gute Nacht; aber nach einer Weile fragtest du, was über euch sei. Es kam euch der Gedanke, daß jemand gehorcht haben könnte, und da nahmt ihr euch vor, ihn kaltzumachen.“

„Wahrhaftig, das stimmt, das stimmt! Wie dumm, o wie dumm!“

„Daß ihr mich nicht kaltgemacht habt?“

„Ja, das hätten wir ganz sicher getan.“

„Heut morgen bespracht ihr noch den Weg, links vom Fluß ab, wo die drei hohen Erlen stehen. Da bin ich euch nachgefolgt bis hierher.“

„Welch eine Dummheit von uns! Aber sagen Sie, was hatten Sie sich vorgenommen? Was wollten Sie tun?“

„Ich wollte den Ort kennenlernen und dann die Kasse holen. Vielleicht hätte ich euch beide erschossen so wie du ihn getötet hast und ich auch dich töten werde.“

„Mich? Töten?“ fragte der Mörder mit kreidebleichen Lippen.

„Ja, gewiß“, antwortete Königsau bestimmt und ernst.

„Aber warum? Ich habe Ihnen doch nichts getan?“

„Oh, du hättest mich längst erschlagen, wenn dich meine Pistolen nicht im Zaum gehalten hätten. Du hast deinen Kameraden gemordet, und der Ort, an welchem die Kasse vergraben liegt, muß verborgen bleiben; das sind zwei höchst triftige Gründe für dein Todesurteil. Du hast dir dort dein Grab selbst gegraben; du wirst neben deinem Opfer verfaulen.“

Der Mann blickte einige Sekunden regungslos zu Boden, als ob er sich von den Worten des Sprechers vollständig zerknirscht und niedergeschmettert fühle. Dann zog er den einen Fuß zurück und warf sich im nächsten Augenblick mit einem wuchtigen Sprung auf den Mann, der sich hier zu seinem Richter aufwarf.

„Noch ist's nicht soweit!“ rief er. „Stirb, du Schurke!“

Aber der verkleidete Husarenlieutenant war nicht der Mann, sich in dieser Weise überrumpeln zu lassen. Sein scharfes Auge hatte die Fußbewegung des Mörders ganz richtig taxiert. Er trat, als dieser sich auf ihn schnellte, zur Seite, erhob die Pistole und antwortete:

„So fahre hin ohne Beichte und Gebet!“

Sein Schuß krachte; und der Franzose stürzte, in den Kopf getroffen, zu Boden.

Jetzt waren die Opfer der Kriegskasse gerächt, und der Sieger befand sich, wie er meinte, in dem alleinigen Besitz des wertvollen Geheimnisses.

„Jetzt bin ich der einzige, der diesen Ort kennt“, sagte er zu sich. „Die Deutschen werden siegen und wieder in Frankreich eindringen. Ich hebe dann die Kasse und übergebe sie dem Marschall. Ein Avancement ist mir daraufhin gewiß. Daß ich diesen Menschen erschossen habe, braucht meinem Gewissen keine Schmerzen zu machen. Er war ein Verräter gegen seine Verbündeten, ein Mörder, der seinen Lohn empfangen hat.“

Er warf die Leiche des Erschossenen in das von diesem selbst bereitete Grab und deckte die beiden Toten mit Erde zu. Nachdem er die Stelle so hergerichtet hatte, daß man nur schwer erraten konnte, was hier vorgegangen war, zerstreute er rundum die noch übriggebliebene Erde. Auch gab er sich die möglichste Mühe, den Ort, an welchem die Kasse vergraben lag, so natürlich herzustellen, daß niemand auf den Gedanken geraten konnte, daß hier in der Erde ein Schatz von so bedeutendem Wert vergraben liege.

Nun blieb nur noch übrig, die Werkzeuge wieder zu verbergen. Er tat dies in derselben Weise, wie es vorher der Fall gewesen war, da ihm keine bessere Art der Verwahrung einfallen wollte. Darauf maß er die Lage der Goldgrube, der Werkzeuge und der Leichen genau nach Schritten ab und zog dann sein Notizbuch hervor, um seine Eintragungen darüber zu machen und eine Zeichnung zu entwerfen.

Jetzt war er fertig und trat den Rückweg an.

Als er das Haus erreichte, in welchem er gestern abend eingekehrt war, fand er die Wirtsleute längst munter, aber sie hatten sich noch nicht um ihn gekümmert und glaubten, daß er erst jetzt aufgestanden sei. Das war ihm lieb.

Nachdem er ein sehr frugales Frühstück genossen hatte, bezahlte er seine Zeche und setzte seinen Weg fort, begleitet von den besten Wünschen der beiden wortkargen Alten, welche gestern abend so ungewöhnlich mitteilsam gegen ihn gewesen waren. – – –

Zu Anfang des ereignisreichen Monats Juni des Jahres 1815 befand sich das große Hauptquartier der Franzosen zu Laon, während das der Moselarmee zu Thionville lag.

In dem ersteren war bereits Baron Daure, der Generalintendant der Armee, vor einigen Tagen angekommen, und nun erwartete man täglich, dort auch den Kaiser zu sehen. Zugleich wurde von Napoleon gesagt, daß er nach Straßburg gehen werde, um sich seinen Soldaten zu zeigen und die alte Begeisterung für sich wieder zu entflammen. Auch in Thionville wurde er erwartet.

Man kannte den großen Mann genau. Er liebte es, möglichst allgegenwärtig zu scheinen und sich gerade da sehen zu lassen, wo er am wenigsten erwartet wurde. Überhaupt zeigt die damals von ihm eingeschlagene Route, auf welcher er sich nach dem voraussichtlichen Schauplatze der zu erwartenden Kämpfe begab, noch heutigentags einige unausgefüllte Lücken. Er hat nach seiner ihm gewohnten Weise mehrere unerwartete Abstecher gemacht, deren Absicht selbst den Personen seiner nächsten Begleitung ein Rätsel blieb.

Die Eigenheiten eines Herrschers pflegen Nachahmung zu finden.

Einige Marschälle des Kaisers hatten sich ein ähnliches Verfahren, ihre Untergebenen zu überraschen, angewöhnt. Besonders wußte man von Marschall Grouchy, daß er es liebte, überall selbst zu sehen und zu hören, und es war allgemein bekannt, daß er viele seiner zahlreichen Siege und Erfolge zum Teil dieser Angewohnheit zu verdanken habe.

Es war um Mittag des Tages, an welchem Königsau die Kasse fand, als derselbe in Sedan anlangte. Er hätte die Stadt lieber umgangen, aber in ihr war die einzige Brücke, welche in jener Gegend über die Maas führte. Der Fluß war sonst ohne Gefahr nicht zu passieren, da er infolge mehrtägigen Regens eine ungewöhnliche und aufgeregte Wassermenge mit sich führte.

Sedan, der Geburtsort des berühmten Turenne, ist zu jeder Zeit ein in kriegerischer Beziehung wichtiger Platz gewesen. Darum war es nicht zu verwundern, daß es auch jetzt nebst seiner ganzen Umgegend voller Truppen lag.

Diese letzteren gehörten zu dem Heeresteil des Marschalls Ney, welcher in Saarlouis als Sohn eines Böttchers geboren, es durch seine Talente zum Marschall von Frankreich, Herzog von Eßlingen und Fürst von der Moskwa gebracht hatte.

Unter ihm kommandierte General Drouet, welcher zum Alde-Major-General von Bonapartes Gnaden ernannt worden war. Dieser General, welchen der geneigte Leser bereits kennengelernt hat, verzichtete darauf, in Sedan selbst zu wohnen und hatte sein Standquartier hinaus nach Roncourt verlegt, jenem Ort, bei welchem der Meierhof Jeannette lag. Diesen Meierhof hatte Drouet für sich selbst in Beschlag genommen, während sein Stab in Roncourt lag.

Bei seinem Eintritt in Sedan wurde Königsau nach seiner Legitimation gefragt. Er zeigte denselben Paß vor, welchen er gestern abend dem Wirt übergeben und heute morgen vor seinem Scheiden natürlich zurückerhalten hatte.

Diese Legitimation stammte zwar aus Blüchers Hauptquartier, war aber dennoch vollständig ausreichend. In Kriegszeiten jedoch pflegt man mit mehr Sorgfalt als gewöhnlich zu verfahren, und so hatte der Lieutenant auf der Kommandantur ein Verhör zu bestehen, welches ihn einigermaßen in Schweiß brachte. Er hatte gegen die Franzosen gekämpft und war längere Zeit in Paris gewesen. Wie leicht war es möglich, daß jemand ihn hier erkannte. Dann wäre es allerdings um ihn geschehen gewesen.

Darum wurde ihm das Herz außerordentlich leicht, als er seine Legitimation zurückerhielt und damit die Erlaubnis empfing, die Stadt zu passieren.

Roncourt liegt ungefähr zwei volle Wegstunden im Süden von Sedan. Damals waren die Wege zwischen diesen beiden Orten sehr mangelhaft. Der Argonner Wald, zu welchem jene Gegenden gehören, war im höchsten Grad verrufen, da sich dort allerlei Gesindel angesammelt hatte, welches sich in den tiefen Wäldern und Schluchten versteckt hielt, um nur dann hervorzubrechen, wenn es einen Raub oder sonst einen gesetzwidrigen Streich auszuführen gab.

Zwischen Roncourt und Sedan war der Weg jetzt allerdings sicher, da die militärische Verbindung, welche zwischen den beiden Hauptquartieren bestand, diesen Marodeurs und Vagabunden Achtung einflößte. Weiterhin, besonders nach Laon zu, wohin der Weg über Bethel führte, gab es zwar auch solche Verbindungen, aber die Wege waren doch militärisch nicht so benutzt, daß eine vollständige Sicherheit geherrscht hätte.

Ein jeder Krieg erzeugt immer allerlei Gesindel. Die Hefe der Bevölkerung, welche vielleicht bereits vorher mit dem Gesetz in Konflikt lebte, wird von den Ereignissen in Bewegung gebracht. Solche gab es damals in den Wäldern der Ardennen und Argonnen genug, so daß es keineswegs ohne Gefahr war, allein und unbewaffnet durch jene Gegenden zu wandern.

Als Königsau Roncourt erreichte, war es ihm leicht, den Weg nach dem Meierhof zu erfragen. Dort angekommen, trat ihm alles in einem kriegerischen Anstrich entgegen. An dem Tor stand ein Posten, welcher ihm, das Gewehr vorstreckend, den Eingang verwehrte.

„Wohin?“ fragte der Soldat.

„Herein“, antwortete Königsau kurz.

„Zum General?“

„Nein. Welcher General wohnt hier?“

„General Drouet. Zu wem wollen Sie sonst?“

„Zur Besitzerin des Hofes.“

„Zu Frau de Saint-Marie?“

„Ja.“

„Die ist nicht da. Sie ist heute morgen fortgefahren.“

„So wird jemand da sein, der ihre Stelle vertritt.“

„Das ist der junge Herr. Kennen Sie ihn?“

„Ich habe ein Geschäft mit ihm abzuschließen.“

„Ah, das ist etwas anderes! Sie können passieren. Herr de Sainte-Marie wohnt in dem Parterrelokal, dessen vier Fenster Sie dort rechts bemerken.“

Königsau bedankte sich für die Anweisung und schritt nach der angegebenen Wohnung. Auf sein Klopfen hörte er ein lautes „Herein“. Als er eintrat, befand er sich, wie er auf den ersten Blick bemerkte, in dem Arbeitsraume eines unverheirateten Herrn. Es herrschte hier jene elegante, sorglose Unordnung, wie man sie oft bei den Junggesellen besserer Stände zu bemerken pflegt.

Während er die Tür hinter sich verschloß, erhob sich vom Sofa ein junger Mann, der ihn mit musterndem Blick betrachtete. Die Züge desselben waren höchst angenehm, fast mehr weiblich als männlich. Er mochte höchstens zweiundzwanzig Jahre zählen, während die dünnen, seidenweichen Haare seines Schnurrbärtchens ihn noch jünger erscheinen ließen.

„Herr de Sainte-Marie?“ fragte Königsau.

„Ja“, antwortete der Angeredete, ihn mit forschenden Augen betrachtend. „Was wünschen Sie von mir?“

„Wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, ob Frau Richemonte zu sprechen ist?“

Über das Gesicht des Franzosen zuckte es wie eine Art von Überraschung; fast hätte man sagen mögen, daß sein Blick eine augenblickliche Besorgnis zeige.

„Ah, Frau Richemonte?“ fragte er. „Was wollen Sie von ihr?“

Er konnte diese etwas zudringliche Frage aussprechen, da Königsau ganz wie ein Mann gewöhnlichen Standes gekleidet war.

„Es sind persönliche Angelegenheiten der Dame, welche mich zu ihr führen“, antwortete Königsau. „Ich weiß leider nicht, ob sie mir erlauben würde, von denselben gegen eine dritte Person zu sprechen.“

„Ich will Sie zu keiner Indiskretion verleiten; aber Sie kennen die Dame?“

„Ja.“

„Woher?“

„Von Paris aus.“

Da verfinsterte sich das Gesicht des jungen Mannes plötzlich. Er fragte:

„Sie sind Kapitän Richemonte?“

„Nein.“

„Ah! Also sonst ein Bekannter?“

„Ja.“

„Woher wissen Sie, daß Frau Richemonte sich hier befindet?“

„Ich habe sie selbst nach dem Meierhof gebracht.“

„Wohl als Kutscher?“

„O nein“, lächelte Königsau, „als Begleiter.“

„Von Paris aus?“

„Ja.“

Da glitt ein eigentümlicher Zug über das Gesicht des jungen Mannes. Man konnte nicht sagen, ob es Schreck oder Freude sei, welches ihn zu der schnellen Frage bewog:

„Donnerwetter! So heißen Sie Königsau.“

„Ja.“

„Und Sie wagen sich – ah, kommen Sie, kommen Sie!“

Er faßte den Arm des Lieutenants und zog den letzteren rasch aus dem Zimmer fort zu einer Tür hinaus. Dort befand sich augenscheinlich der eigentliche Wohnraum. Hier betrachtete der Baron den Gast noch einmal vom Kopf bis zu den Füßen herab, und er sagte:

„Mein Gott, wie können Sie es wagen, nach Roncourt zu kommen?“

„Halten Sie das wirklich für ein Wagnis, Baron?“

„Gewiß. Sie sind Deutscher und noch dazu Offizier. Haben Sie nicht gewußt, daß General Drouet sich auf unserer Meierei befindet?“

„Ich erfuhr es erst in Sedan.“

„Und dennoch wagten Sie sich hierher? Wie nun, wenn man sie festnimmt?“

„Das fürchte ich nicht“, lächelte Königsau.

„Und Sie als Spion behandelt?“

„Ich komme nur, um Frau und Mademoiselle Richemonte zu sprechen.“

Der Baron blickte wie ratlos im Zimmer umher und sagte dann, auf einen Stuhl deutend:

„Setzen Sie sich, Herr Lieutenant. Es gilt, daß wir uns klarwerden. Sie sind ein Freund der Madame Richemonte?“

„Ein sehr aufrichtiger und ergebener“, antwortete Königsau, indem er sich niedersetzte.

„Als die Damen hier ankamen, war ich nicht anwesend, ich befand mich zu der Zeit in der Gegend von Reims, um die Kellereien eines Freundes zu besichtigen. Sie müssen wissen, daß ich Landwirt und besonders Weinzüchter bin. Als ich nach Hause kam, fand ich die Damen vor. Ich hörte, daß ein Deutscher sie nach hier begleitet habe, ein Lieutenant namens Königsau.“

„Dieser bin ich.“

„Wie ich höre. Madame Richemonte sagte, daß sie Ursache habe, für nächste Zeit ihren Aufenthalt bei uns nicht wissen zu lassen; Sie allein seien ausgenommen. Sie scheinen also das Vertrauen dieser Dame zu besitzen?“

„Ich hoffe es!“

„Sie haben ihr jedenfalls wichtige Dienste geleistet?“

„Es ist mir allerdings vergönnt gewesen, den Damen einigermaßen nützlich zu sein, doch bin ich weit davon entfernt, mir dies als Verdienst anzurechnen.“

Jetzt begannen die Züge des Barons sich wieder zu erheitern.

„Dann bin auch ich Ihnen Dank schuldig“, sagte er. „Sie wissen wohl, daß Frau Richemonte meine Verwandte ist?“

„Die Dame sprach davon, wenn auch nicht eingehender.“

„Meine Mutter ist ebenso, wie Madame Richemonte, eine Deutsche. Beide stammen aus demselben Ort und sind Kusinen. Mein Vater ist tot, und so habe ich –“, fügte er mit einem heiteren, sorglosen Lächeln hinzu, „– die ganze Last der Verwaltung unseres Besitztums auf meinen armen Schultern liegen. Es war sehr einsam hier; die Ankunft der beiden Damen hat Leben und Bewegung hereingebracht, was ich ihnen herzlich danke. Leider ist diese Bewegung und dieses Leben bedeutend ungemütlicher geworden durch die Ankunft des Militärs, welches alles außer Rand und Band gebracht hat.“

„Ich kondoliere!“ sagte Königsau höflich.

„Danke! Als Sohn einer Deutschen bin ich nicht so raffiniert französisch gesinnt, daß es mir lieb sein kann, mich zum Diener einer anspruchsvollen Soldateska herabwürdigen zu lassen. Und nun zumal um ihretwillen wünsche ich diese Herren alle zum Teufel.“

„Ich bitte, auf mich nicht die mindeste Rücksicht zu nehmen, Baron.“

„Wenn das so leicht wäre! Darf ich Sie fortweisen?“

„Ich hoffe, Sie werden es nicht!“ lachte Königsau.

„Aber darf ich einen deutschen Offizier bei mir aufnehmen?“

„Unter den gegenwärtigen Umständen, ja. Ich komme ja nicht als Offizier. Ich bin im Besitz einer Legitimation, welche man in Sedan respektiert hat.“

„Das ist etwas anderes! Aber leider finden Sie Frau Richemonte nicht vor.“

„Wo ist sie?“

„Sie und Mademoiselle sind heute früh mit Mama nach Vouziers gefahren.“

„Wann kehren sie zurück?“

„Heute abend wahrscheinlich.“

Da machte Königsau eine Bewegung des Schreckes.

„Heute abend?“ fragte er. „Nicht morgen am Tag? Es sind von Vouziers bis hierher volle sechs Stunden zu fahren.“

„Allerdings. Aber bei den Lasten, welche die Einquartierung uns bereitet, kann ich die Mutter unmöglich länger entbehren.“

„Das glaube ich gern. Aber bedenken Sie doch die Unsicherheit des Weges!“

Da trat der Baron einen Schritt zurück, machte ein sehr verblüfftes Gesicht, schlug die eine Hand in die andere und rief:

„Mein Gott, ja! Daran haben wir gar nicht gedacht! Mama nicht und ich nicht!“

„Der Weg führt durch Wälder, in denen allerlei Gesindel hausen soll, wie ich gehört habe“, bemerkte Königsau.

„Das ist richtig! Alle Teufel, was ist da zu tun?“

Der Baron schien eine vorzugsweise heitere, sorglose Natur zu sein. Jetzt aber sah man es ihm an, daß er keineswegs gleichgültig blieb.

„Welchen Weg schlugen die Damen ein?“ fragte Königsau.

„Sie sind über La Chêne und Boule aux Bois gefahren.“

„Und sie kehren auf demselben Weg zurück?“

„Ganz sicher! Ich befinde mich da in großer Angst. O Gott, wenn ihnen etwas widerfährt! Wenn sie angefallen werden! Ich würde ihnen entgegenreiten, aber ich kann unmöglich fort, da dieser verteufelte General Drouet in jedem Augenblick einen Wunsch, ein Verlangen, einen Befehl zu erfüllen hat!“

„So lassen Sie mir ein Pferd satteln.“

„Ihnen?“ fragte der Baron, halb erstaunt und halb erleichtert.

„Ja, mir, wenn ich bitten darf.“

„Aber wissen Sie, in welche Gefahr Sie sich begeben?“

„Pah! Wegen des Gesindels?“

„Ja. Und weil Sie ein Deutscher sind.“

„Diese Gefahr gibt es nicht für mich. Hier, lesen Sie meine Legitimation. Vielleicht wird es auch für Sie nötig, den Namen zu kennen, welchen ich gegenwärtig trage.“

Der Baron las das Dokument, gab es ihm zurück und sagte:

„Ein Pferd können Sie haben; aber sind Sie auch bewaffnet?“

„Ich habe Pistolen und ein Messer.“

„Das ist nicht genug. Ich werde Ihnen noch zwei Doppelpistolen geben. Aber kennen Sie den Weg, den Sie zu reiten haben?“

„Monsieur, ich bin ein deutscher Offizier!“

Der Baron nickte und sagte:

„Es ist wahr, mein Herr; die Deutschen haben bewiesen, daß ihre Karten von Frankreich besser und genauer sind, als die unserigen. Aber wollen Sie nicht vorher etwas genießen?“

„Ich danke. Das würde viel Zeit kosten, die ich notwendiger brauche.“

„So werde ich Ihnen einen Imbiß in die Satteltaschen tun lassen. Man kann nicht wissen, was geschieht. Entschuldigen Sie mich.“

Er entfernte sich, um seine Befehle zu erteilen.

So befand sich Königsau also in der Höhle des Löwen. Er war abgeschickt worden, um so viel wie möglich über die Pläne des Feindes zu erkundschaften. Er hatte sich dazu selbst angeboten. Er wußte, wie gefährlich dieses Unternehmen war, denn man hätte ihn, wenn er entdeckt wurde, ganz einfach den schimpflichen Tod eines Spions sterben lassen: man hätte ihn gehenkt. Aber diese Gefahr wurde mehr als reichlich durch den Umstand aufgewogen, daß es ihm möglich wurde, die Geliebte zu sehen und zu sprechen. Und ein großer Erfolg war ihm ja bereits geworden; er hatte den Platz entdeckt, an welchem die Kriegskasse verborgen lag.

Während er so allein im Zimmer saß, dachte er an den Baron. Dieser war jedenfalls ein leichtlebiger, gutherziger Kavalier. Wußte er, daß Margot die Verlobte Königsaus war? Jedenfalls nicht, wie sich aus seinen Reden vermuten ließ. Übrigens hatte Frau Richemonte bei ihrer Ankunft auf dem Meierhof es unterlassen, den Lieutenant als ihren künftigen Schwiegersohn vorzustellen. Sie hatte ihn einfach als ihren Freund bezeichnet. Königsau kannte den Grund, welcher sie dazu bestimmt hatte, nicht, aber er sagte sich, daß die vergangenen Ereignisse wohl Ursache geboten hätten, selbst gegen Verwandte vorsichtig zu sein.

Nach einiger Zeit kehrte der Baron zurück und meldete, daß gesattelt sei. Er öffnete einen Kasten und zog zwei Doppelpistolen hervor, welche er Königsau überreichte.

„Sind sie geladen?“ fragte dieser.

„Nein. Ich bin ein Mann des Friedens und habe nur selten geschossen. Diese Waffen aber sollen vorzüglich sein; sie sind ein Erbteil meines Vaters, welcher Offizier war. Munition ist da.“

„So erbitte ich mir das Nötige.“

Der Baron brachte Kugeln, Pulver und Zündhütchen herbei. Königsau lud die Pistolen und fragte dabei:

„Woran kann man das Geschirr erkennen, in welchem die Damen kommen?“

„Es ist eine ziemlich alte Staatskarosse aus der Zeit Ludwigs des Fünfzehnten.“

„Und die Pferde?“

„Ein Schimmel und ein Brauner.“

„Ist außer dem Kutscher noch Dienerschaft dabei?“

„Leider nein, obgleich ein Hintersitz für den Diener vorhanden war.“

„Ich danke, Monsieur! Ich werde mich sofort auf den Weg machen.“

„Werden Sie mit zurückkehren?“

„Ich werde die Damen bis zum Meierhof begleiten und dann sehen, ob die Frau Baronin mir Veranlassung gibt, mit einzutreten.“

„Gut. Auf alle Fälle aber empfehle ich Ihnen Vorsicht an.“

„Ich werde sie nicht außer acht lassen.“

Die beiden Männer begaben sich in den Hof hinaus, wo ein brauner Wallach auf den Reiter wartete. Königsau stieg auf. Er gab sich hier das Benehmen eines sehr mittelmäßigen Reiters und wurde, da der Herr des Hofes bei ihm war, von dem Posten ohne Schwierigkeit durchs Tor gelassen. Er hatte dabei ganz das Aussehen eines gewöhnlichen Arbeitsmannes, der es gewagt hat, einen Botenritt zu unternehmen, sich aber recht unbehaglich auf dem Gaul fühlt.

So ritt er eine Strecke langsam im Schlendergang fort, sobald aber Roncourt mit dem Meierhof hinter ihm lag, setzte er dem Pferd die Sporen in die Seiten und brachte es erst in Trab und dann sogar in Galopp.

Der Weg zog sich fast ununterbrochen durch den Wald, und zwar höchst einsam. Rechterhand lief ein Flüßchen in zahllosen Windungen dahin, und zur Linken war nichts zu sehen als ohne alle Abwechslung Baum an Baum.

Nur einmal gab es ein einsames Häuschen, für den müden Wanderer zur Einkehr errichtet. Königsau stieg hier ab, um eine kleine Erfrischung zu genießen und sich zu erkundigen.

Als er eintrat, sah er ein junges Mädchen am Spinnrad sitzen; sonst war niemand vorhanden. Es erhob sich und fragte freundlich nach seinem Begehr, doch war zu bemerken, daß es ihn mit einem – man möchte sagen – mitleidig besorgten Blick betrachtete.

„Kann ich ein Glas Wein haben?“ fragte er.

Dabei bot er dem Mädchen zum Gruß die Hand, die es auch nahm und leise berührte.

„Ja, gern“, antwortete es.

Es brachte das Verlangte, setzte es vor ihn hin und ließ dann wieder das Rad fleißig schnurren, aber sein Auge flog öfters verstohlen zu ihm hinüber. Er bemerkte dies wohl, aber er tat nicht, als ob er es sehe. Es lag in diesen Blicken des Mädchens etwas, was ihn aufmerksam werden ließ.

„Wie weit hat man noch bis La Chêne populeux?“ fragte er endlich.

„Sie müssen eine gute Stunde reiten“, antwortete es. „Wollen Sie dorthin?“

„Ja.“

„Wohl gar noch weiter?“

„Allerdings. Ich reite möglicherweise bis nach Vouziers.“

„O weh“, entfuhr es ihr.

„Warum o weh?“ fragte er.

Es errötete, senkte verlegen die Augen und antwortete stockend:

„Weil – weil es bis dahin Nacht sein wird.“

„Schadet das etwas?“

Jetzt hob die Gefragte den Blick empor und antwortete:

„Die Nacht ist keines Menschen Freund. Und dieser Wald ist so lang, so sehr lang.“

Da ging er näher auf sein Ziel los, indem er sie fragte:

„Man hat mir gesagt, daß es in diesem Wald nicht so recht geheuer sei. Ist dies wahr, Mademoiselle?“

Sie zögerte mit der Antwort, blickte ihn abermals forschend an und fragte dann, anstatt ihm eine Antwort zu geben:

„Sie sind hier fremd, Monsieur?“

„Ja.“

„Aber Sie reiten doch ein hiesiges Pferd.“

„Kennen Sie es?“

„Ja. Es gehört nach dem Meierhof Jeannette.“

„Das stimmt. Sind Sie dort bekannt?“

„Oh, sehr gut. Ich bin sogar das Patenkind der Frau Baronin. Mein Großvater war Diener des seligen gnädigen Herrn.“

„Ah, so kennen Sie auch die Karosse der gnädigen Baronin?“

„Gewiß. Sie ist heute früh hier vorübergefahren.“

„Nun, mein Kind, ich will der Frau Baronin entgegenreiten.“

Da fuhr sie beinahe von dem Schemel empor, auf welchem sie saß.

„Der gnädigen Frau entgegenreiten?“ fragte sie, indem ihr schönes Gesichtchen eine plötzliche Angst verriet. „Ist das wahr?“

„Jawohl“, antwortete er.

„Mein Gott, so kehrt die Baronin erst des Nachts heim?“

„Wahrscheinlich.“

„Aber wer soll da ihren Wagen erkennen!“

Dieser Ausruf war jedenfalls sehr zweideutig. Königsau fragte daher:

„Ist es denn notwendig, daß ihr Wagen erkannt wird?“

„Ja, freilich!“ antwortete sie schnell, aber unbesonnen. „Es darf ihr ja kein Leid geschehen!“

„Wer könnte ihr denn etwas tun?“

Diese Frage brachte sie zu der Erkenntnis, daß sie mehr gesagt habe, als sie jedenfalls beabsichtigt hatte. Über ihr hübsches, aufrichtiges Gesicht legte sich die Röte der Verlegenheit, und sie antwortete erst nach einer kleinen Pause:

„Oh, Monsieur, Sie fragten mich vorhin, ob es wahr sei, daß es hier im Wald nicht so recht geheuer ist. Man hat Ihnen recht berichtet. Es gibt im Wald böse Menschen, denen nicht zu trauen ist.“

„Und Sie kennen diese Menschen?“ fragte er, einen eindringlichen Blick auf sie richtend.

Ihre Wimpern lagen längere Zeit fest über den Augen, ehe sie antwortete:

„Monsieur, ich wohne ganz allein hier mit meiner Mutter. Es kommen sehr oft Leute, welche wir nicht kennen dürfen, sonst würde es uns schlimm ergehen.“

„Aber, liebes Kind, warum bleibt Ihr da hier wohnen?“

„Oh, wir wollten gern fort, aber es geht nicht. Als Vater dieses Haus kaufte, da war es im Wald sicher und gut. Es kamen nur ehrliche Leute zu uns, und wir hatten unsere Freude an dem Heimwesen. Da aber brach der Krieg aus, und nun füllte sich das Land mit schlimmen Leuten, welche alle bei uns einkehrten. Vater wurde von einem erschossen. Großvater wurde von der Baronin entlassen und starb auch bald. So war ich mit Mutter allein. Wir dürfen niemand verraten, sonst sind wir verloren.“

„So verkauft das Haus.“

„Wer kauft es uns ab, Monsieur?“

„So bittet die Baronin um Hilfe. Sie ist gut und wird Euch den Wunsch nicht abschlagen.“

„Sie hat ihn uns bereits abgeschlagen“, antwortete das Mädchen leise und langsam.

„Warum?“

Jetzt zog eine tiefe, tiefe Glut über ihr Gesicht, und sie antwortete stockend:

„Weil – weil – – – oh, sie ist sehr böse auf uns.“

„Warum denn, mein Kind? Vielleicht kann ich helfen.“

Da legte sie plötzlich die Hand vor die Augen und bog das Köpfchen nieder. Königsau sah eine Fülle herrlichen Haares sich auflösen und sah Tränentropfen zwischen den kleinen, zarten Fingern hervorquellen – sie weinte.

Eine Zeitlang herrschte tiefe Stille im Zimmer; dann sagte er im mildesten Ton:

„Ich habe Ihnen sehr weh getan, mein gutes Kind. Nicht wahr?“

Da hob sie langsam den Kopf, sah ihn durch Tränen an und antwortete:

„O nein, Monsieur. Ich höre vielmehr, daß Sie es gut mit mir meinen. Und darum will ich Ihnen etwas sagen. Kennen Sie den Weg, den Sie zu reiten haben?“

„Im einzelnen nicht.“

„Nun, er macht von hier aus einige Krümmungen. Ist Ihnen das kleine Liedchen bekannt: ‚Ma chérie est la belle Madeleine‘?“

„Ja.“

„Nun gut. Wenn Sie an der fünften Krümmung von hier ankommen, so steht am Rand des Dickichts rechter Hand ein Kreuz. Dort ist einmal einer ermordet worden. Sobald Sie dieses Kreuz sehen, singen Sie dieses Lied. Sie können doch singen, Monsieur?“

„Ein wenig.“

„Wenn Sie nicht gern singen, so pfeifen Sie wenigstens die Melodie.“

„Warum?“

„Oh, das darf ich ja doch nicht sagen.“

„So werde ich es Ihnen sagen. Hinter dem Kreuz stecken die verborgen, welche zuweilen zu Ihnen kommen. Sie lauern den Wanderern auf. Wer aber das Lied singt, oder pfeift, dem tun sie nichts, weil er unter ihrem Schutz steht.“

„Mein Gott, ich verbiete Ihnen streng, das zu verraten.“

„Ihr Verbot kommt zu spät“, sagte er lächelnd.

„Monsieur, ich bitte Sie um Gottes willen!“

„Ich werde keinem Menschen etwas sagen.“

„Oh, einem doch!“

„Wem?“

„Dem Kutscher der gnädigen Frau müssen Sie sagen, daß er heute abend das Lied pfeifen soll, sobald er an das Kreuz kommt. Der gnädigen Frau geschieht nichts; aber da bei Nacht ihr Wagen nicht genau zu erkennen ist, kann er sehr leicht verwechselt werden.“

„Ich werde das besorgen, liebes Kind. Aber haben Sie noch nicht daran gedacht, daß Sie sich zum Mitschuldigen dieser Verbrecher machen, wenn Sie deren Tun und Schlupfwinkel kennen, ohne sie anzuzeigen?“

„Ich weiß das, Monsieur. Aber sie würden mich und Mutter töten. Soll ich die Mörderin meiner eigenen Mutter werden?“

„Sie könnten ja fliehen, bis alle vernichtet sind!“

„Vernichtet? Oh, es stehen immer wieder neue und andere auf. Dieser Fabier –“

Sie hielt inne und errötete abermals vor Verlegenheit. Der zuletzt genannte Name fiel Königsau auf.

Es war aus den Mienen des Mädchens sicher zu erkennen, daß der Name Fabier ihm verhaßt sei, und Königsau hielt sich davon sofort überzeugt.

„Fahren Sie fort, Mademoiselle.“

„O bitte, ich wollte nichts sagen, Monsieur.“

„Aber Sie nannten ja einen Namen!“

„Er entschlüpfte mir nur so.“

„Sagten Sie nicht Fabier?“

„Ja.“

„So ist Ihnen vielleicht auch der Name Barchand bekannt?“

Da hob sie schnell den Kopf empor und fragte:

„Barchand? Oh, kennen Sie ihn?“

„Ich weiß es nicht genau. Waren diese beiden vielleicht auch hier im Wald?“

„Ja.“

„Nun, sie werden nicht wiederkommen.“

„Warum?“ fragte sie überrascht, und zwar sichtlich in freudiger Weise.

„Sie sind tot.“

„Ist dies wahr, wirklich wahr, Monsieur?“

„Gewiß!“

„Sie können es beschwören?“

„Mit allen Eiden der Welt.“

„Gott sei Lob und Dank! Wissen Sie, Barchand war einer der Anführer dieser bösen Leute, welche mich und meine Mutter so belästigen. Und Fabier war mein Dämon, mein böser Geist.“

„Ah, er liebte Sie?“

„Er sagte es. Noch gestern früh war er hier und sagte, daß er heute als ein sehr reicher Mann zurückkehren werde. Dann solle ich seine Frau werden oder sterben.“

„So hat er die Tochter Barchands betrogen!“

„Hat er das? Hat er ihr gesagt, daß er sie liebe?“

„Ja, um ihren Vater zu gewinnen.“

„Und woher wissen Sie das alles?“

„Ich habe sie vor ihrem Tod belauscht. Ich will Ihnen nun aufrichtig sagen, daß Fabier Barchand getötet hat, aber zur Strafe und um meiner eigenen Sicherheit willen, habe ich ihn dann selbst erschossen.“

„Sie? Ihn?“ fragte sie, als könne sie es nur schwer glauben und begreifen.

„Ja, mit dieser meiner Hand. Ich habe auch beide eingescharrt.“

Da holte sie tief Atem und faltete die Hände.

„Monsieur“, sagte sie, „bereuen Sie Ihre Tat nicht! Sie haben ein gottgefälliges Werk vollbracht. Sie sind mein Retter und der Retter vieler anderer geworden. Dieser Fabier hätte mich noch in den Tod getrieben; denn ich verabscheute ihn.“

„Ja, Sie lieben ja einen anderen.“

„Einen anderen?“ fragte sie errötend.

„Gewiß! Sie selbst haben es mir ja gesagt und gestanden.“

„Ich? Unmöglich!“ antwortete sie.

„Oh, nicht Ihre Worte, sondern Ihr Erröten, Ihre Verlegenheit haben es mir verraten.“

Sie wollte sich abwenden, er aber hielt sie bei den Händen fest und sagte:

„Darf ich es sagen, wen sie lieben, Mademoiselle?“

„Sie wissen es nicht! Sie können es nicht wissen!“ widerstrebte sie.

„Und doch weiß ich es. Der junge Baron ist es, dem Ihr Herz gehört.“

„Monsieur!“ rief sie erbleichend.

„Darum wurde Ihr Großvater entlassen.“

„Sie irren.“

„Und darum wurde die Frau Baronin so bös auf Sie, mein Kind.“

„Sie sind sehr grausam, Monsieur!“

„O nein. Ich möchte Ihr Freund sein und Ihnen helfen. Hat der Baron Ihnen bereits gesagt, daß auch er Sie liebhat?“

Sie schüttelte leise das Köpfchen.

„Aber er ist freundlich, liebreich und zuvorkommend gegen Sie gewesen? Er ist so zu Ihnen gewesen, wie man nur zu einem Mädchen ist, welches man liebhat?“

Sie nickte langsam und zog dann ihre Hand aus der seinigen.

„Monsieur“, sagte sie, „ich weiß gar nicht, wie das kommt, daß ich Ihnen das alles mitteile. Ich wage, Ihnen Dinge zu sagen, welche ich niemals einem anderen mitgeteilt habe. Meine Aufrichtigkeit könnte mich in große Gefahr bringen.“

„Niemals, mein Kind, denn es wird kein Mensch erfahren, daß Sie es sind, die mir dies alles gesagt hat. Wenn ein wirklich guter Mensch zu einem anderen kommt, so öffnet sich selbst das verschlossenste Herz. Das ist die Macht, welche ein ehrliches, offenes Menschenangesicht ausübt. Nun aber ist meine Zeit abgelaufen. Ich hoffe, daß ich Sie wiedersehe. Kehrt die Baronin nicht bei Ihnen ein?“

„Niemals.“

„Kommt der Baron auch nicht?“

„Zuweilen“, gestand sie.

„Wo ist Ihre Mutter?“

„Sie ist oben beschäftigt.“

„Und darf ich Ihren Namen wissen?“

„Ich heiße Berta.“

„Und wie noch?“

„Berta Marmont.“

„Ich danke. Leben Sie wohl, Mademoiselle Berta! Ich danke Ihnen recht herzlich für Ihre freundliche Warnung. Gott lasse Sie recht, recht glücklich werden.“

Er reichte ihr seine Hand. Sie hielt dieselbe fest, sah ihm voll in die Augen und fragte:

„Sie werden auch gewiß meine Warnung befolgen?“

„Gewiß.“

„Sie werden singen: Ma chérie est la belle Madeleine!“

„Ich werde es pfeifen. Weiterhin, von dem Kreuz ab ist der Wald wohl sicher?“

„Ja, bis La Chêne; ob jenseits noch, weiß ich nicht.“

Er gab ihr ein Goldstück und ging, ohne sich etwas herausgeben zu lassen. Sie begleitete ihn bis vor die Tür, sah ihn aufsteigen und blickte ihm nach, bis er hinter der ersten Krümmung des Weges verschwunden war; dann sagte sie nachdenklich zu sich:

„Das war ein guter Mensch, ein sehr guter Mensch. Er hatte so treue, ehrliche Augen, viel treuer als der Baron, den ich doch so unendlich liebhabe. Er trug ganz einfache Kleider, aber er war doch ein feiner Herr. Er ritt gerade wie ein Offizier. Er hat mir seinen Namen verschwiegen. Ich möchte wohl recht gern wissen, wer es ist. Wenn er um Gottes willen nicht vergißt, das Lied zu pfeifen.“

Ganz ähnliche Gedanken hatte auch Königsau.

„Ein schönes und ein braves Mädchen“, dachte er. „So gut, rein und kindlich, obgleich sie von Sünde und Verbrechen umgeben ist. Ich wette, daß sich zwischen ihr und dem Baron noch eine Art Roman entspinnt, und wünsche nur, daß er für sie nicht allzu unglücklich enden möge.“

Er ritt schnell seines Weges, lockerte seine Pistolen, um schnell zum Schuß bereit zu sein, und als er das Kreuz erblickte, begann er das in ganz Frankreich damals bekannte Liebeslied ‚Ma chérie est la belle Madeleine‘ laut und fröhlich hinauszupfeifen. Dabei suchten seine Augen verstohlen etwas Verdächtigtes zu entdecken.

Er war noch nicht ganz an das Kreuz herangekommen, so bemerkte er, daß zwei Köpfe sich vorsichtig über die Zweige des Gebüsches erhoben, aber schnell wieder verschwanden. Er gelangte ohne alle Fährlichkeit vorüber.

Im Weiterreiten kam ihm ein Gedanke.

„Wenn ich diese Kerls belauschen könnte!“ dachte er. „Vielleicht würde ich etwas erfahren, was mir Nutzen bringt. Soll ich es wagen? Pah, ich habe vier Doppelpistolen, also acht Schüsse, und stehe außerdem unter dem Schutz dieses Mädchens.“

Als er die nächste Krümmung erreichte, konnte er von den Marodeurs, selbst wenn ihn diese hätten beobachten wollen, nicht bemerkt werden. Er sprang ab und zog sein Pferd ein genügendes Stück in den Wald hinein.

Dort band er es an einen Baum und kehrte dann in die Richtung zurück, aus welcher er gekommen war, natürlich aber nicht auf der Straße, sondern unter dem Schutz der Bäume des Forstes. Je mehr er sich dem Kreuz näherte, desto vorsichtiger wurde er. Er schlug sich noch tiefer in den Wald hinein, um von dort aus an das Kreuz zu kommen. Es gelang ihm gut.

Sich leise von Baum zu Baum schleichend, konnte er bereits die Lichtung der Straße vor sich erkennen, als er die Büsche erreichte, welche als Unterholz zwischen den Stämmen standen. Er kroch langsam vorwärts und hörte bald halblaute Stimmen vor sich. Seine Vorsicht verdoppelnd, schob er sich weiter, bis er nur um einen Strauch zu blicken brauchte, um die zu sehen, welche er suchte.

Eng zwischen das Buschwerk eingeklemmt saßen acht Männer. Ihre Kleider waren augenscheinlich aus Raubstücken zusammengesetzt, ein buntes Gemisch von Militär und Zivil. Ihre Bewaffnung war ausgezeichnet, und ihr Äußeres zeigte deutlich auf das Gewerbe hin, welchem sie oblagen.

Unweit von ihnen standen, hart am Rand des Gebüschs und fast in der unmittelbaren Nähe des Kreuzes, noch zwei, welche die Wache zu halten hatten. Es waren dies die zwei, welche Königsau vorher gesehen hatte. Sie verhielten sich ruhig, während die anderen so laut sprachen, daß der Lauscher alles hören konnte.

„Du denkst, ein Knecht? Nein, das war er nicht“, sagte einer.

„Was denn sonst?“ fragte ein anderer.

„Er ritt so militärisch.“

„Und einen reinen Offiziersbart!“ fügte ein dritter hinzu.

„So streitet euch doch nicht!“ warnte ein vierter. „Er ist ja nun vorüber.“

„Er sah nicht nach vielem Geld aus!“ bemerkte der zweite.

„Es wäre ein schlechter Fang gewesen. Übrigens hatte er unser Zeichen.“

„Wer mag es ihm gesagt haben?“

„Vielleicht pfiff er das Lied nur ganz zufällig.“

„Oder ist er bei Berta Marmont eingekehrt?“

„Sollte er ein Bekannter von ihr sein?“

„Vielleicht ein Geliebter?“

Da schlug der eine mit der Faust auf den Rasen und sagte:

„Dann soll ihn der Teufel holen. Die Berta ist ein zu appetitlicher Bissen, als daß wir sie einem Fremden überlassen sollten.“

„Pah!“ brummte sein Nachbar, der zu alt war, um noch Liebesgedanken hegen zu können. „Streitet euch nicht! Einige von uns haben sich die Finger an ihr verbrannt. Keiner gönnt sie dem andern, und darum haben wir ausgemacht, daß keiner sie bekommen soll. Es würde sonst Mord und Totschlag geben. Warum sollte sie da nicht einen nehmen, den sie liebhat?“

„Laßt doch das unnütze Reden! Wären wir heute am Vormittag alle beisammen gewesen, so hätten wir einen Fang gemacht. Dreißig Soldaten bei einem Wagen! Was muß das gewesen sein? Gewiß kein übler Fang.“

„Vielleicht gar eine Kriegskasse.“

„Das ist sehr leicht möglich. Nun aber ist sie vorüber.“

„Nur Geduld!“ lachte der Alte. „Der Kerl, welcher hier vorüberpfiff, hatte nicht drei Franken im Sack. Warte bis heute abend.“

„Wird es wahr sein?“

„Ich habe es ganz genau gehört.“

„Ein Marschall?“

„Sogar zwei Marschälle.“

„Donnerwetter, welche?“

„Frag nicht ewig. Was tut der Name zur Sache?“

„Aber ob sie Geld haben?“

„Meinst du, ein Marschall reise ohne einen vollen Beutel?“

„Und Ringe, Uhren, Dosen, Diamanten und Pretiosen!“ meinte ein anderer.

„Aber auch mit großer Bedeckung.“

„Pah! Die wird niedergeschossen.“

„Und wenn sie zahlreich ist?“

„Wenn die anderen kommen, sind wir zwanzig Mann. Das genügt vollständig.“

„Ja, vollständig“, stimmte einer seiner Kameraden bei. „Wir stellen uns ja nicht eher bloß, als bis sie alle erschossen sind.“

Hier handelt es sich also um den Überfall zweier Marschälle. Sollte Königsau weiter lauschen? Sollte er noch mehr zu erfahren suchen, um die Bedrohten aufzusuchen und zu warnen? Was nützte das ihm? Was nützte es seiner Sache? Nichts! Es konnte ihm nur Schaden bringen. Übrigens brachen die Leute das Thema ab und begannen von gleichgültigeren Dingen zu sprechen.

Der kleinste Umstand konnte zum Verräter an ihm werden. Darum zog er sich zurück, erst langsam und leise; dann aber nahm er einen raschen Schritt an und eilte zu seinem Pferd. Er fand es noch so, wie er es verlassen hatte, zog es aus dem Wald auf die Straße heraus, stieg auf und setzte seinen Weg fort.

Nach einer halben Stunde erreichte er La Chêne. Er wäre am liebsten hindurchgeritten, doch hielt er es für besser, einmal einzukehren. Auf diese Weise konnte er vielleicht etwas erfahren. Er führte sein Pferd hinter das Haus, ließ sich ein Glas Wein geben und fragte dann den Wirt, ob er ein wenig Heu bekommen könne.

„Für Ihr Pferd?“ fragte dieser.

„Denken Sie etwa, für mich?“ lachte er.

Der Wirt machte ein saures Gesicht und antwortete:

„Heu ist nicht da. Aber gehen Sie in den Garten, da schneidet das Mädchen Gras. Das ist auch besser als Heu.“

Der gute Mann blieb ruhig auf seinem Stuhl sitzen. Königsau schritt über den Hof hinüber und öffnete die Gartenpforte. Er trat in einen Laubengang, welcher von Pfeifenstrauch und Weinreben gebildet wurde. Dieser Gang war sehr dicht belaubt, und es gab nur hier und da ein hineingeschnittenes Loch, welches als eine Art Fenster diente. Er führte in gerader Richtung in eine Laube, aus welcher man in den eigentlichen Gastgarten gelangte.

Indem Königsau so dahinschritt, vernahm er eine Stimme. Er blieb überrascht stehen, denn es war ihm, als ob er den Namen Fabier gehört hätte.

Er lauschte. Jetzt vernahm er deutlich, daß draußen außerhalb des Ganges zwei Personen miteinander sprachen. Er unterschied eine männliche und eine weibliche Stimme. Sie ertönten gar nicht weit von ihm. Er brauchte nur noch einige Schritte zu gehen, so stand er innerhalb, gerade an der Stelle, an welcher sie außerhalb standen.

Er schlich sich leise vorwärts und lauschte.

„Also du bist ihm nicht gut?“ fragte die männliche Stimme.

„Nein, ganz und gar nicht“, antwortete die weibliche in einem tiefen, rauhen Alt.

„Aber er ist doch dein Liebhaber.“

„Wer sagt das?“

„Ich habe es gesehen.“

„Wann?“

„Vorgestern am Zaun. Da habt Ihr euch geküßt.“

„Er mich, aber ich ihn nicht.“

„Aber du hast mit ihm getanzt.“

„Mit anderen auch.“

„Aber mit mir nicht.“

„Dummkopf! Du wirst mein Mann und bist mir also sicher.“

„Ah, so! Aber ich will doch mit meiner Geliebten auch einmal tanzen.“

„Warte, bis sie deine Frau ist.“

„Und wenn ich dich nun nicht zur Frau haben mag!“

„So läßt du es bleiben! Aber dann wirst du auch kein reicher Mann, der den Wein aus Krügen trinkt und den Tabak aus Meerschaumpfeifen raucht.“

„Du redest nur stets von Reichtum. Wovon soll ich reich werden?“

„Durch mich!“

„Durch dich?“ ertönte es lachend. „Was besitzt du denn? Einen Rock, zwei Hemden, zwei Strümpfe, eine Schürze, eine Jacke, ein Tuch und ein paar Holzschuhe. Das ist dein ganzer Reichtum!“

„Dummkopf! Muß man denn seinen Reichtum auf dem Leib tragen?“

„Wo denn?“

„Den versteckt man.“

„Ah! Man gräbt ihn zum Beispiel ein?“

„Ja.“

„Du? Du hättest Geld vergraben?“

„Ja.“

„Wo denn?“

„Das geht dich jetzt noch nichts an. Das erfährst du erst, wenn du mein Mann bist.“

„Donnerwetter! Wenn das wahr wäre! Ist's wahr?“

„Dummkopf! Würde ich dir es sagen, wenn es nicht wahr wäre!“

„Ja, das mag richtig sein. Wieviel ist es denn?“

„Rate einmal!“

„Tausend Franken?“

„Noch mehr!“

„Fünftausend Franken?“

„Vielmehr!“

„Zehntausend?“

„Noch lange nicht genug!“

„Aber du machst mich ja ganz stupid! Für zehntausend Franken kann ich mir doch ein schönes Haus oder gar ein Bauernhaus kaufen!“

„Dummkopf! Was liegt mir an einem Haus oder an einem Bauerngut! Ein Schloß will ich haben, ein Schloß mit Türmen und großen Fenstern!“

Es entstand eine Pause, dann ertönte die männliche Stimme wieder.

„Aber dazu gehört ja mehr als eine Million!“

„Auch diese habe ich.“

„Mädchen, du bist verrückt!“

„Dummkopf! Ist man verrückt, wenn man mehr als eine Million hat?“

„O nein! Da ist man im Gegenteil sehr gescheit. Aber von wem hast du das Geld?“

„Von meinem Vater.“

„Der ist ganz arm, blutarm!“

„Hat er nicht erst vor zwei Wochen drin in der Gaststube achtzig Franken im Spiel verloren?“

„Ja, das ist wahr. Wo hat er das Geld her?“

„Das kann ich nicht sagen.“

„Also, um alles zu erfahren, muß ich erst dein Mann sein?“

„Natürlich!“

„Hahahaha! Dann wäre ich in Wirklichkeit der Dummkopf, wie du mich immer nennst!“

„Ach, du glaubst mir nicht?“

„Nein. Ich lasse mich nicht fangen. Jetzt lockst du mich zum Heiraten; aber nach der Hochzeit hast du keinen Franken, viel weniger eine Million.“

Wieder entstand eine Pause, nach welcher die weibliche Stimme fragte:

„Also du magst mich nicht?“

„Mit leeren Versprechungen nicht.“

„Aber ich sage ja die Wahrheit!“

„Beweise es!“

„Wenn ich dir jetzt alles sage, so verrätst du es und heiratest mich nicht!“

„Unsinn! Ich möchte gar so gern reich sein, und wenn ich es durch dich werden kann, so werde ich es doch nicht verraten!“

„Aber wenn nun ein bißchen Unrecht dabei wäre?“

„Das ist mir egal!“

„Wenn der Schatz einem anderen gehörte?“

„Das wäre ihm recht! Mag er nicht so dumm sein und sein Geld vergraben!“

„Er ist ja gar nicht so dumm gewesen. Es ist ihm genommen und dann vergraben worden.“

„Mag er es sich nicht nehmen lassen. Wer war es denn?“

„Kein Mann und keine Person, sondern der Staat.“

„Der Staat? Ach, dem können wir das Geld nehmen, er hat es ja erst von uns! Es ist also wohl gar eine Kasse?“

„Ja.“

„Donnerwetter, eine Kriegskasse also? Wohl gar dieselbe, welche damals so gesucht wurde? Wo steckt sie?“

„Das erfährst du jetzt noch nicht. Du weißt einstweilen genug.“

„Nein, ich weiß nicht genug. Das von der Kriegskasse kannst du dir erst ausgesonnen haben, um mich zu fangen; ich beiße aber an diese Angel nicht an.“

„Ja, was willst du denn noch wissen?“

„Wo sie liegt.“

„Droben in den Bergen. Nicht weit von Bouillon.“

„Ah! Kennst du den Ort?“

„Nein; aber mein Vater weiß ihn.“

„Woher weiß er ihn denn?“

„Dummkopf; weil er selbst die Kriegskasse dort vergraben hat!“

„Er selbst? Ach, so ist er es gewesen, der sie damals gestohlen hat?“

„Ja. Aber du wirst ihn doch nicht verraten?“

„Fällt mir gar nicht ein! Aber teilen muß er mit mir! Verstanden?“

„Das tut er auch, wenn du mich zur Frau nimmst.“

„Aber ich setze den Fall, er tut es nicht, wenn ich dann dein Mann bin?“

„So schlage ich ihn tot und nehme ihm das Geld ab. Ja, gewiß, das tue ich.“

„Donnerwetter! So hast du mich also sehr lieb?“

„Würde ich dich sonst zum Mann haben wollen und dir so viel Geld geben?“

„Ja, du hast recht. Aber woher weißt du, daß sie bei Bouillon vergraben liegt?“

„Der Vater sagte es mir.“

„Aber wenn er dich belogen hat?“

„Ich bin ihm nachgegangen, als er Geld holte; ich habe mich überzeugt.“

„So mußt du doch den Ort gesehen haben!“

„Nein. Er lief mir zu schnell; ich verlor ihn aus den Augen. Ich mußte also umkehren. Aber als er dann nach Hause kam, hatte er alle Taschen voller Goldstücke.“

„Ah, ich danke dir! Weißt du, daß Fabier dich betrügt?“

„Inwiefern?“

„Er läuft der Tochter in der Waldschenke nach.“

„Ah, das hast du also auch gewußt? Ja, er hätte mir mein Geld abgenommen und es zu ihr hingetragen. Aber ich bin pfiffiger als er. Ich nehmen einen Mann, den ich eher betrügen kann, als er mich. So muß man es machen.“

Fast hätte Königsau laut aufgelacht und sich dadurch kläglich verraten.

„Du meinst also, mich betrügen zu können? Da muß ich außerordentlich vorsichtig zu Werke gehen, um nicht zu sehr über das Ohr gehauen zu werden!“

„Tue das immerhin! Deine Klugheit habe ich nicht zu fürchten. Aber jetzt habe ich nicht länger Zeit zu unnützen Gesprächen. Gehe fort und komme lieber heute abend wieder, wenn meine Arbeit beendet ist. Adieu.“

Königsau hörte das laute, klatschende Geräusch eines schallenden Schmatzes und dann eilig sich entfernende Schritte. Er trat an eins der Laubengangfenster und blickte hindurch. Er sah ein sehr untersetzt gebautes Mädchen, schmutzig gekleidet und mit wirr um den Kopf hängenden Haaren, das Gesicht voller Blatternarben und Sommersprossen. Das Wesen sah eher einer Stumpfsinnigen, als einem normalen Menschen ähnlich, und der boshafte Blick des kleinen Auges machte es noch abstoßender. Das also war Barchands Tochter, die Nebenbuhlerin der schönen Berta Marmont! Welch ein Unterschied zwischen beiden!

Der sich Entfernende war ein Mensch mit Säbelbeinen und einem ungeheuren Kopf. Als er sich noch einmal umdrehte, um seiner Geliebten zuzulächeln, bildete dieses beabsichtigte Lächeln eine höchst verunglückte Fratze, welche sich wie eine tragische Larve um sein Gesicht legte.

Diese beiden paßten allerdings zusammen wie selten zwei andere.

Königsau zog es vor, dem Pferd Brot geben zu lassen. Er wollte lieber von dem Mädchen gar nicht bemerkt sein. Im Laufe der belauschten Unterhaltung war es ihm fast bange um seine Kriegskasse geworden. Es hatte allen Anschein gehabt, als ob das Mädchen den Ort kenne, an welchem dieselbe versteckt lag. Als sich dann jedoch herausstellte, daß dies nicht der Fall sei, fühlte er sich so erleichtert, daß er tief Atem holte.

Aber während er nach dem Gästezimmer zurückkehrte, kam ihm doch wieder ein beunruhigender Gedanke.

„Sollte sie den Ort dennoch wissen und sich gegen diesen Menschen nur verstellt haben?“ fragte er sich. „Das wäre möglich, aber nicht wahrscheinlich. Sie hätte dann sicher nicht erzählt, das sie ihrem Vater furchtlos nachgelaufen sei.“

Damit beruhigte er sich. Er versorgte sein Pferd, bezahlte seine geringe Zeche und ritt weiter.

ZWEITES KAPITEL 

Überfall auf den Kaiser

Sein Aufenthalt in den beiden Schenken und die Belauschung der Marodeurs hatten doch mehr Zeit in Anspruch genommen, als von ihm beabsichtigt worden war. Der Tag neigte sich bereits seinem Ende zu, und als er wieder in die schmale, von hohen Bäumen eingefaßte Waldstraße einritt, dämmerte es bereits in derselben.

Königsau gab seinem Pferd die Sporen, um rascher vorwärts zu kommen.

Es war so unheimlich still im Wald, eine Stille, ganz geeignet, den Gedanken und Befürchtungen eines besorgten Gemütes Audienz zu geben.

Er malte sich die Szene aus, wenn die von Vouziers zurückkehrende Geliebte von Vagabunden überfallen würde. Seine Einbildungskraft war dabei so lebhaft beschäftigt, daß er seine Pistole zog und das Pferd zu größerer Eile trieb.

Die Schatten der Nacht neigten sich tiefer und tiefer herab. Es war nun vollständig dunkel geworden, so daß er den Weg nicht mehr zu erkennen vermochte. Er verließ sich ganz auf das Pferd, dessen Huftritte auf dem weichen Boden des Waldweges fast gar kein Geräusch hervorbrachten.

Da war es ihm, als ob sein immer vorauslauschendes Ohr ein dumpfes Rollen vernommen hatte. Da vorn blitzte zu gleicher Zeit ein Schuß auf, dem mehrere andere folgten, so daß die Echos derselben vervielfältigt durch den Wald erdröhnten. Weibliche Stimmen riefen um Hilfe.

Da spornte er sein Pferd zu größter Eile.

Jetzt tauchten vor ihm zwei dünne, schwache Lichter auf, sie kamen aus den beiden Laternen des überfallenen Wagens. Ein Gedanke kam ihm. Der Galopp seines Pferdes mußte ihn den Vagabunden verraten. Er erhielt dann jedenfalls ihre Schüsse, ehe er in der Dunkelheit imstande war, einen von ihnen zu erkennen und auf ihn zu schießen. Jetzt aber hatten sie sein Nahen jedenfalls noch nicht bemerkt.

Er hielt sein Pferd an, band es an den nächsten Baum und nahm die Pistolen des Barons aus den Satteltaschen. Er steckte sie in die Außentaschen seines Rockes und nahm seine eigenen in die Hände. Dann eilte er vorwärts, indem er während des Laufens die Hähne aufzog.

Als er abstieg, war er vielleicht zweihundert Schritte von dem Wagen entfernt. Er brauchte keine Minute, um diese Strecke zurückzulegen. Der weiche Boden dämpfte den Schall seiner Schritte. Als er nahe genug war, um die Szene zu erkennen, hielt er an und schlich sich im Dunkeln nun langsamer näher.

Er hörte die Stimme von Frau Richemonte, welche soeben versicherte:

„Aber wir haben in Wahrheit kein Geld bei uns!“

„Vornehme Damen und kein Geld? Hahaha!“ rief eine rauhe Stimme. „Steigt aus! Wir werden alles durchsuchen, Euch auch und Eure Kleider. Ist eine halbwegs hübsche unter euch, so wird sie für euch alle bezahlen, wenn Ihr kein Geld habt.“

Frau Richemonte wurde herausgezogen. Dann leuchtete der Kerl mit der einen Wagenlaterne abermals in das Innere des Wagens hinein.

„Alle Wetter!“ rief er. „Die ist hübsch, die ist reizend! Ein solches Püppchen haben wir noch nicht gefunden. Heraus, mein Schatz! Heraus!“

Das eine Pferd lag erschossen am Boden; das andere stand schnaubend und zitternd daneben. Der Kutscher saß auf seinem Bock und rührte sich nicht, und um den Wagen herum standen neun dunkle, martialische Gestalten, welche neugierig versuchten, in den Wagen zu blicken.

„Ja, heraus mit ihr, wenn sie hübsch ist!“ rief einer, sich näher drängend. „Das gibt endlich einmal ein Vergnügen, wie es unsereinem willkommen ist.“

Er langte in den Wagen hinein, um Margot mit herauszuziehen. Sie stieß einen Ruf des Entsetzens aus und versuchte, sich zu wehren.

„Das nützt dir nichts, feines Liebchen!“ lachte der eine. „Heraus mußt du, dann halten wir Hochzeit zwischen neun Bräutigams und einer Braut.“

„Und ich gebe meinen Segen dazu, ihr Halunken!“

Königsaus erster Schuß krachte; der zweite folgte augenblicklich. Die beiden Kerls, welche dem Wagenschlag am nächsten standen, stürzten, zu Tode getroffen, zur Erde nieder.

„Hugo, mein Hugo! Ist es möglich?“ jubelte Margot auf.

Sie hatte die Stimme des Geliebten erkannt, obgleich es ihr unerklärlich sein mußte, ihn gerade hier gegenwärtig zu sehen.

„Ja, ich bin es, Margot. Keine Angst weiter!“ antwortete er.

Während dieser Worte schoß er zwei andere nieder, ließ die abgeschossenen Pistolen fallen und zog die geladenen hervor. Die Vagabunden waren von seinem Erscheinen so sehr überrascht, daß sie im ersten Augenblick ganz vergaßen, sich zur Wehr zu setzen. Jetzt aber bemerkten sie, daß sie nur einen einzelnen Gegner vor sich hatten. Da erhob einer sein Gewehr zum Kolbenschlage und rief:

„Hund, das sollst du büßen. Deine Pistolen sind nun abgeschossen. Fahr zur Hölle!“

„Fühle, ob sie abgeschossen sind!“ antwortete Königsau.

Er hielt ihm, ehe der beabsichtigte Hieb herniedersausen konnte, den Lauf vor die Stirn und jagte ihm eine Kugel durch den Kopf.

Da erscholl aus dem Wagen ein schriller Aufschrei:

„Gott! Hugo, hinter dir!“

Er drehte sich auf diesen Zuruf Margots blitzschnell um und hatte gerade noch Zeit, sich auf die Seite zu werfen. Einer der Kerls hatte von hinten auf ihn angelegt, um ihn zu erschießen. Der Schuß krachte, aber die Kugel verfehlte ihr eigentliches Ziel und fuhr einem seiner Kameraden in die Brust, welcher sich soeben auf den Lieutenant hatte werfen wollen.

„Esel!“ röchelte er zornig, indem er zu Boden sank.

Zu gleicher Zeit aber schoß Königsau auch den ungeschickten Schützen nieder.

Jetzt bekam auch der Kutscher Mut. Er sprang vom Bock und faßte den einen der beiden noch übrigen Marodeurs. Dieser wehrte sich verzweifelt, konnte sich aber von dem stämmigen Knechte nicht losringen.

„Ich werde dich lehren, mir die Pferde zu erschießen!“ zürnte dieser. „Jetzt bist du dran, Schurke.“

Er riß ihn zur Erde nieder und kniete auf ihn.

Der letzte suchte durch die Flucht zu entkommen, wurde aber noch zur rechten Zeit von der Kugel des Deutschen erreicht. Dieser trat nun rasch zum Kutscher, um diesem Beistand zu leisten.

„Ist nicht nötig!“ meinte dieser jedoch. „Der Kerl ist tot. Ich habe ihm die Seele aus dem Leib gequetscht.“

Königsau untersuchte den am Boden Liegenden und fand allerdings, daß er von dem Kutscher erwürgt worden war.

„Ja, er ist tot. Er war der letzte von den neun. Wir sind fertig!“ sagte er.

„Ist es wahr, Hugo? Ist der Sieg vollständig?“ klang es aus dem Wagen heraus.

„Ja“, antwortete er, zum Schlag tretend.

„Oh, wie danke ich, wie danken wir dir.“

Sie stieg, nein, sie flog heraus und in seine Arme. Ihre Lippen legten sich wieder und immer wieder auf seinen Mund, bis sie, sich besinnend, plötzlich fragte:

„Aber Mama? Wo ist Mama? Sie mußte aussteigen!“

Es war alles so schnell gegangen, und Königsau hatte seine Aufmerksamkeit so sehr auf die Feinde zu richten gehabt, daß er gar keine Zeit gefunden hatte, des weiteren auf die Mutter der Geliebten zu achten.

„Hier liegt sie!“ antwortete der Kutscher, mit der noch brennenden Wagenlaterne zu Boden leuchtend.

Die andere war dem Räuber entfallen, als ihn Königsaus Kugel traf.

„Mein Gott, hier am Boden!“ rief Margot. „Sie ist doch nicht etwa von einer Kugel getroffen worden?“

Der Deutsche kniete nieder und untersuchte Madame Richemonte.

„Sie ist nur ohnmächtig, meine Margot“, sagte er. „Es hat nichts zu bedeuten. Aber war nicht die Frau Baronin bei euch?“

„Ja. Dort im Wagen ist sie noch.“

Der Kutscher leuchtete hin, und so sah Königsau die Dame gerade im Begriff, auszusteigen.

„Monsieur, wir haben Ihnen vieles, vielleicht das Leben zu verdanken“, sagte sie. „Nehmen Sie einstweilen meine Hand, und sorgen Sie dann, daß wir diese Stelle verlassen können. Mir graut vor diesen Toten.“

Erst jetzt beachtete Margot, welche bei ihrer Mutter kniete, die umherliegenden Leichen.

„Gott, wie entsetzlich!“ rief sie schaudernd. „So viele waren gegen uns?“

„Neun Mann“, antwortete Königsau.

„Und die alle hast du besiegen müssen, du einziger?“

„Nicht alle“, lächelte er. „Einen hat der Kutscher überwunden. Aber siehe, da erwacht Mama.“

Wirklich gab Frau Richemonte jetzt Lebenszeichen von sich. Nur die Angst um die Tochter, welche sie durch die bestialischen Menschen bedroht sah, hatte ihr das Bewußtsein geraubt. Jetzt erhob sie sich langsam in Margots Armen.

„Sind sie fort? Sind sie fort, diese Menschen?“ fragte sie ängstlich.

„Sie sind nicht mehr zu fürchten“, antwortete Margot. „Hugo hat sie besiegt.“

„Hugo? Ah, ja, ich besinne mich; er war da. Wo ist er?“

„Hier bin ich, Mama“, antwortete er. „Wollen Sie nicht wieder in den Wagen steigen?“

„Ja, das will ich“, antwortete sie. „Oh, wieviel haben wir Ihnen zu danken, mein lieber Sohn. Aber wie sind Sie an diesen Ort gekommen? Und gerade im Augenblick der größten Gefahr?“

„Ich kam über Sedan nach Roncourt, um Sie zu besuchen. Dort hörte ich von dem Herrn Baron, daß sie nach Vouziers gefahren seien und des Nachts zurückkehren würden, ohne eine schützende Bedeckung bei sich zu haben. Ich hatte von der Unsicherheit dieser Gegend gehört und ließ mir darum sogleich ein Pferd geben, um Ihnen entgegenzureiten.“

„Welche Aufmerksamkeit, welche Courtoisie! Und welche Tapferkeit haben Sie hier bewiesen!“ sagte die Baronin. „Aber, meine liebe Margot, ich werde mich ganz gehörig mit Ihnen zanken müssen.“

„Warum?“ fragte das schöne Mädchen.

„Ich bemerke jetzt, daß Herr von Königsau Ihnen nähersteht, als Sie mich ahnen ließen. Sie hatten kein Vertrauen zu mir.“

„Verzeihung, meine Liebe!“ sagte da an Margots Stelle ihre Mutter. „Ich allein trage die Schuld, daß dir verschwiegen blieb, daß Margot die Verlobte des Herrn von Königsau ist. Ich bin überzeugt, daß du meine Gründe billigen wirst, sobald ich sie dir mitgeteilt habe.“

„Ich zürne dir nicht, denn ich werde deine Gründe anerkennen müssen. Aber, Monsieur, wie werde ich Sie jetzt in Roncourt zu nennen haben? Sie sind natürlich zu mir eingeladen.“

„Ich werde Sie bis nach Hause begleiten, Madame“, antwortete Königsau. „Wenn jemand nach mir fragt, so nennen Sie mich einfach – – – hm.“

„Ah, ich habe einen Verwandten meines Namens in Marseille. Der sollen Sie sein.“

„Was ist er?“

„Seekapitän.“

„Der Marine?“

„Nein, des Handels.“

„Gut, ich akzeptiere. Aber, was ist das? Das Sattelpferd stürzt auch.“

„Es muß auch eine Kugel erhalten haben“, meinte der Kutscher.

„So wollen wir nachsehen.“

Als er nach dem Tier leuchtete, fand er es am Verenden. Es hatte eine Wunde in der Brust. Das andere war längst tot.

„Was ist da zu tun?“ fragte die Baronin ratlos. „Wir müssen ja fort!“

„Mein Pferd befindet sich in der Nähe“, meinte Königsau. „Wir schirren es ein, nachdem wir die beiden toten Tiere entfernt haben. Es wird uns nach Hause bringen, wenn auch langsam. Im Notfall leihen wir uns in La Chêne ein zweites. Wir sind ja gezwungen, dort einzukehren, um Anzeige zu machen.“

Er ging und brachte bald den Braunen herbei. Es machte sich bei der mangelhaften Beleuchtung schwer, die beiden getöteten Pferde aus dem Riemenzeug zu bringen. Noch waren Königsau und der Kutscher damit beschäftigt, als sich das Rollen einiger herankommender Wagen vernehmen ließ.

„Man kommt“, sagte der Kutscher. „Es kann hier niemand vorüber; die Straße ist zu schmal. Diese Leute werden einige Minuten halten müssen.“

Königsau ging den Wagen entgegen und rief dem vordersten derselben ein lautes Halt zu. Er sah, daß es drei waren, und so weit die Dunkelheit es zuließ, bemerkte er, daß sie von Reitern eskortiert wurden.

„Warum?“ fragte der vorderste Kutscher.

„Man ist hier überfallen worden. Es liegen Leichen und erschossene Pferde im Weg, welcher erst freigemacht werden muß.“

Da öffnete sich der Schlag des vordersten Wagens, und eine befehlende Stimme sagte:

„Überfall? Hinfahren, Jan Hoorn! Die Sache ansehen!“

Margot hörte diese Worte.

„Mein Gott“, sagte sie zu den beiden anderen Damen. „Jan Hoorn ist der berühmte Kutscher des Kaisers, und das war auch die Stimme Napoleons!“

Eine hohe Gestalt trat zu Königsau heran und sagte:

„Monsieur, ich hoffe, daß wir nicht lange Zeit hier aufgehalten werden. Ich bin Marschall Ney, und da kommt Marschall Grouchy. Wer sind Sie?“

„Diese Damen sind Baronin de Sainte-Marie, deren Verwandter ich bin, und Madame und Mademoiselle Richemonte aus Paris. Die drei Damen wurden von neun Marodeurs überfallen, welche hier tot am Boden liegen. Die Pferde sind erschossen. Geben Sie uns nur eine Minute Zeit, so sollen Sie freie Bahn haben.“

„Die Kerls haben sich wohl gar nicht gewehrt?“

„O doch, sie schossen nach mir.“

„Und alle sind tot?“

„Ja.“

„Wer hat sie getötet?“

„Einen der Kutscher, die anderen ich.“

Da ergriff Ney die Wagenlaterne, welche der Kutscher in der Hand hielt, und leuchtete Königsau in das Gesicht. Dabei war auch er selbst deutlich zu erkennen. Der Marschall war ein wohlgebauter, kräftiger Mann von schwarzbrauner, lebhafter Gesichtsfarbe, mit blitzenden Augen und einem befehlenden Äußeren. Er sah den jungen Mann scharf an und fragte:

„So waren diese Leute bewaffnet?“

„Ja. Sogar sehr gut.“

„Sie waren auf diesen Überfall vorbereitet?“

„Ich ritt den Damen entgegen, weil ich gehört hatte, daß diese Gegend sehr unsicher sei.“

Da öffnete sich der Schlag des ersten Wagens, und der Insasse sprang heraus. Es war ein kleiner, nicht allzu schmächtiger Mann, trug ein kleines Hütchen auf dem Kopf, und einen grauen Überrock. Die Beine staken in hohen Schaftstiefeln.

„Der Kaiser!“ sagte Marschall Ney.

Napoleon trat mit einigen raschen Schritten näher.

„Umherleuchten!“ befahl er in seiner eigentümlichen scharfen, kurzen Weise.

Der Marschall gab sich selbst die Mühe, den Platz zu beleuchten. Der Kaiser betrachtete jeden einzelnen der Toten sehr genau. Es war Tatsache, daß er trotz der vielen Hunderttausende, welche er befehligt hatte, einen jeden kannte, den er einmal gesehen hatte.

„Marodeurs“, sagte er dann. „Kenne einige; haben gedient, aber schlecht.“

Dann trat er auf Königsau zu, welcher sich unwillkürlich eine stramme, militärische Stellung gab, so, wie man vor einem Vorgesetzten zu stehen pflegt.

„Wie heißen Sie?“ fragte er ihn.

„Sainte-Marie.“

„Offizier?“

„Nein.“

„Bloß Soldat?“

„Auch nicht. Seekapitän von der Handelsmarine.“

„Ach, schade! Sind ein Tapferer, ein Braver! Acht Mann getötet! In welcher Zeit?“

„In ungefähr einer Minute.“

„Fast unglaublich. Keine Lust, zu dienen?“

„Ich glaube, Frankreich auch in meiner gegenwärtigen Stellung nützlich zu sein.“

„Richtig, wahr! Aber hätte Ihnen ein Schiff anvertraut. Brauche solche Leute. Marine Frankreichs befindet sich noch in Entwicklung. Die Damen!“

Königsau stellte die Damen vor, erst die Baronin, dann Frau Richemonte und zuletzt seine Geliebte, welche alle drei sich tief vor Napoleon verneigten.

Er nickte ihnen in seiner kurzen Manier, aber freundlich zu; als sein Blick jedoch auf die schönen Züge des Mädchens fiel, griff er unwillkürlich an den Hut. Die seltene Zeichnung dieses reizenden Gesichtes fiel ihm auf.

„Mademoiselle Richemonte?“ sagte er. „Welcher Name?“

„Margot, Majestät“, antwortete sie.

„Margot?“ sagte er. „Wo wohnen Sie, Mademoiselle?“

„Ich bin mit Mama Gast bei der Frau Baronin auf dem Meierhof Jeannette bei Roncourt, Sire“, antwortete Margot.

Ney bemerkte, welch sichtliches Wohlgefallen der Kaiser an dem Mädchen fand. Er ließ daher das Licht der Laterne, welche er noch immer in der Hand hielt, voll auf Margot fallen. Napoleons Auge ruhte mit Bewunderung auf ihrer herrlichen Gestalt; sein Auge leuchtete erregt. Er fragte:

„Ah, Roncourt! Liegt der Meierhof nahe bei dem Ort?“

„Nicht sehr fern.“

Er wandte sich rasch an Ney, um sich zu erkundigen:

„Marschall, sagten Sie nicht, daß Drouet sein Hauptquartier nach Roncourt gelegt habe?“

„Ja, Sire“, antwortete der Gefragte. „Sein Hauptquartier ist in Roncourt; sein Stab liegt dort; er selbst aber wohnt auf dem Meierhof Jeannette.“

„Also bei Ihnen, Baronin?“ fragte Napoleon rasch.

„Ja, Majestät. Ich habe die Ehre, die Wirtin des Herrn Generals zu sein.“

Da sah Napoleon zu Boden, warf dann einen raschen Blick auf Margot und fragte:

„Ist der Meierhof ein bedeutendes Gebäude?“

„Man könnte ihn ein Schloß nennen, Sire.“

„Es sind zahlreiche Wohnungen da?“

„Gewiß. Der frühere Besitzer liebte gesellschaftliche Vergnügen; er sah sehr oft viele Gäste bei sich, und sein Haus reichte zu, sie alle aufzunehmen.“

„So kommt es Ihnen auf einen Gast mehr oder weniger nicht an?“

„Gewiß nicht.“

„Selbst, wenn ich es bin, der Sie um Gastfreundschaft ersucht?“

Die Baronin erschrak. Sollte sie dies als Scherz oder Ernst nehmen? Zu scherzen beliebte der Kaiser jedenfalls nicht; die Situation war ja auch gar nicht danach angetan. Den berühmten Herrscher als Gast bei sich zu sehen, war – zwar eine der größten Auszeichnungen, welche es geben konnte – aber doch auch mit so sehr vielen Opfern und Umständlichkeiten verknüpft. Zudem bemerkte sie gar wohl, daß der eigentliche Grund von Napoleons Frage in Margots Schönheit zu suchen sei. Aber was sollte, was konnte sie antworten? Sie war gezwungen, ja zu sagen. Dennoch aber gab sie zunächst eine ausweichende Antwort.

„Majestät“, sagte sie, „mein Haus ist zu einfach und gering, um den Herrscher Frankreichs und Eroberer der halben Welt in seinen Räumen aufnehmen zu können.“

Da zog ein schneller, tiefer Schatten über Bonapartes Gesicht. Er antwortete:

„Madame, man hat mich in letzter Zeit so wenig als Herrscher behandelt, daß ich nicht geneigt bin, große Ansprüche zu erheben. Ich bin Soldat und liebe die Einfachheit. Ich wollte heute nach Sedan, aber es ist bereits dunkel geworden. Sie selbst haben die Unsicherheit der Straßen erfahren; der Kaiser der Franzosen darf sich nicht der Gefahr aussetzen, von Wegelagerern getötet zu werden. Ich bitte also um ein Nachtlager auf dem Meierhof Jeannette!“

Die Baronin verbeugte sich tief und antwortete zustimmend:

„Alles, was ich besitze, steht zu Ihrer Verfügung, Sire!“

„Gut!“ sagte er. „So haben wir jetzt zu fragen, wie die Damen diesen Ort verlassen können?“

„Wir haben ein Pferd, welches sogleich eingespannt wird, Sire“, meinte die Baronin.

„Das ist ungenügend, Madame“, antwortete der Kaiser. „Sie sind, den Kutscher gar nicht mitgerechnet, vier Personen, drei Damen und ein Herr. Mit nur einem Pferd würden Sie sich weiteren Gefahren aussetzen. Kapitän Sainte-Marie kann die Direktion Ihres Wagens übernehmen; zwei Personen sind genug für das eine Pferd; die drei Damen aber werden bei uns Platz finden. In La Chêne halten wir einen Augenblick an. Wie meinen Sie, Marschall?“

Es war klar, daß er Margot in seinem Wagen zu haben wünschte, und doch war es Pflicht der Höflichkeit für ihn, die Baronin, welche doch seine Wirtin sein sollte, bei sich einsteigen zu lassen. Darum richtete er die letztere Frage an den Marschall. Dieser verstand ihn sofort und antwortete:

„Sire, ich stimme Ihnen vollständig bei. Man muß den Damen jede weitere Unannehmlichkeit ersparen. Ich ersuche die Frau Baronin de Sainte-Marie, bei mir gütigst Platz zu nehmen.“

Er sagte dies, indem er sich mit ausgezeichneter Höflichkeit vor der Baronin verbeugte. Marschall Grouchy war natürlich scharfsinnig genug, um zu bemerken, daß die Reihe jetzt an ihm sei. Er verneigte sich vor Frau Richemonte und bat:

„Madame, darf ich Ihnen meinen Wagen zur Verfügung stellen? Geben Sie mir die Auszeichnung, Ihr Begleiter sein zu dürfen.“

Sie antwortete gewährend. Da sagte Napoleon lachend:

„Da sehen die Damen, daß der Feldherr wohl da ist, zu dirigieren; in der Eroberung aber kommen ihm seine Marschälle stets zuvor. Mademoiselle, für Sie hat man leider nur mich übriggelassen. Wollen Sie sich mir anvertrauen?“

„Ich respektiere den Befehl meines Kaisers“, antwortete sie.

Ihre Augen ruhten bei diesen Worten auf Königsau. Sie hatte das Wohlgefallen bemerkt, mit welchem Napoleon sie betrachtete; sie wußte, daß sie aus diesem Grund für ihn aufgehoben worden war. Am liebsten wäre sie mit dem Geliebten in der alten Karosse der Baronin gefahren, aber das war jetzt unmöglich. Darum sprach sie ihre letzten Worte als Zustimmung für den Kaiser und zugleich als Entschuldigung für sich, Königsau gegenüber.

„Nun, so steigen wir ein, um aufzubrechen“, gebot der Kaiser.

Die beiden Marschälle reichten ihren Damen den Arm, um sie zu geleiten, und der Kaiser tat dasselbe. Er hatte nicht allein in seinem Coupé gesessen. Nach ihm war ein zweiter ausgestiegen, welcher am Wagen stehengeblieben war und jetzt mit einem tiefen Honneur den Schlag öffnete.

„General Gourgaud, der uns Gesellschaft leisten wird, Mademoiselle“, sagte Napoleon.

Gourgaud war Generaladjutant des Kaisers, derselbe berühmte Offizier, welcher ihm später drei lange, einsame Jahre auf St. Helena Gesellschaft leistete und noch später mit Walter Scott den literarischen Zweikampf wegen der Geschichte des großen Kaisers hatte. Er war gegenwärtig zweiunddreißig Jahre alt.

Erst jetzt war zu bemerken, daß die drei Wagen von zwölf Mann Eskorte begleitet wurden, welche aus Unteroffizieren eines Lancierregiments der alten Garde bestanden. Die Damen stiegen ein, nachdem die Leichen und die alte Karosse zur Seite gebracht worden waren, und dann setzten sich die Wagen in Bewegung.

Da sie im raschen Trab dahinfuhren, so erreichten sie La Chêne sehr bald.

Margot saß zur Linken des Kaisers, ihnen gegenüber der Generaladjutant. Da es dunkel war, so konnte von einer Gesichtsbeobachtung keine Rede sein; dennoch sorgte Napoleon, daß die Unterhaltung nicht stockte.

Es war eine jener Unterhaltungen, wie sie zwischen Herren und Damen, welche sich noch nicht kennen, eingeleitet zu werden pflegen, vorsichtig, sondierend, höflich, möglichst geistreich und amüsant. Bei Napoleon hatte jedes Wort, selbst das einfachste und scheinbar unbefangenste, eine erhöhte Bedeutung. Margot bemerkte, daß er die Absicht hatte, sie zu examinieren. Sie antwortete offen und bescheiden, und seine Lebhaftigkeit schien anzudeuten, daß er eine immer höhere Teilnahme für sie empfand.

So wurde La Chêne erreicht, und man stieg aus. Der Wirt schien ganz verwandelt zu sein, als er die Offiziere erblickte. Als er aber gar den Kaiser eintreten sah, knickte er vor Ehrerbietung fast zusammen. Er sah die goldstrotzenden Uniformen der Offiziere gar nicht mehr, sondern nur noch den einfachen Überrock Napoleons.

Dieser gab den Arm Margots frei und wendete sich an ihn:

„Der Wirt?“

„Der bin ich, mein Kaiser!“

„Den Maire, sofort!“

Während der Wirt hinaussprang, um diesen Befehl zu vollziehen, wendete Napoleon sich wieder zu Margot zurück, um ihr den seidenen Überwurf abzunehmen. Auch die Marschälle nötigten ihre Damen, für kurze Zeit Platz zu nehmen.

Man muß wissen, in welcher Weise sich damals die Damen trugen. Ein faltenreiches Kleid bedeckte den Unterkörper, aber kurz genug, um die Füße sehen zu lassen. Die Taille war hoch gehalten, so daß sie den Busen hervortreten ließ, tief ausgeschnitten und mit nur ganz kurzen Ärmeln.

Als der Kaiser den Überwurf in der Hand hielt, sah er das unvergleichliche Mädchen in aller ihrer entzückenden Schönheit vor sich stehen.

Er fand im ersten Augenblick kein Wort, um die während des Aussteigens unterbrochene Unterhaltung wieder zu beginnen. Seine Augen ruhten auf ihrem Gesicht, als wolle er jeden einzelnen ihrer Züge genau studieren; sie irrten herab auf ihre wundervolle Büste, auf ihre vollen, herrlich gerundeten Arme, auf das kleine Füßchen, welches sich unter dem Saum des Kleids hervorstahl. Er mußte fühlen, daß sein Blick für das junge Mädchen peinlich sei; aber er war nicht der Mann, eine gewöhnliche Redensart, ein triviales Kompliment hervorzubringen. Er bog sich nieder, nahm ihre Hand in die seinige und drückte sie an seine Lippen.

„Majestät!“ sagte sie ganz erschrocken, indem sie ihre Hände zurückzog.

„Verzeihung, Mademoiselle“, sagte er. „Es war dies die Huldigung, welche der Untertan seiner Königin zu bringen hat.“

Sie erglühte vor Verlegenheit; glücklicherweise erlöste sie der eintretende Wirt von der Notwendigkeit, eine Antwort geben zu müssen.

Der Kaiser gab Befehl, den Damen eine kleine Erfrischung zu reichen. Sie erhielten ein Gläschen Wein und einige Scheiben Honig, das einzige, was hier anständigerweise genossen werden konnte.

Die beiden Marschälle unterhielten sich lebhaft mit ihren Damen, um dem Kaiser Muße zu geben, sich ganz dem schönen Mädchen zu widmen. Das tat er denn auch, bis ein Mann erschien, im Tressenrock und mit einer gewaltigen Perücke auf seinem Haupt. Er verbeugte sich so tief vor dem Kaiser, daß ihm diese beinahe von dem Kopfe herabgefallen wäre.

„Wer?“ fragte Napoleon kurz.

„Sire, ich habe die Ehre, der Maire dieses Ortes zu sein“, antwortete der Mann und blickte ganz erschrocken unter seiner Perücke hervor.

„Schlechter Beamter!“ fuhr der Kaiser fort.

Die zornigen Augen Napoleons bohrten sich in das Gesicht des Maire ein, so daß dieser alle Fassung verlor.

„Ich weiß nicht, Sire“, stotterte er, „womit ich mir das Mißfallen –“

„Zorn, nicht Mißfallen!“ rief der Kaiser. „Kennen Sie den Weg nach Vouziers?“

„Ja.“

„Gehen Sie ihn selbst?“

„Sehr oft.“

„Auch bei Nacht?“

„Nein.“

„Wann sonst?“

„Nur bei Tag.“

„Warum?“

„Weil man des Nachts nicht sicher ist.“

„Weshalb nicht sicher?“

„Es gibt viele Marodeurs und ähnliche Subjekte im Wald.“

„Ah, gibt es die? Wirklich?“

„Ja, Sire.“

„Daher vermeiden Sie, des Abends durch den Wald zu gehen? Das ist alles, was Sie tun?“

Erst jetzt kam dem Beamten die Ahnung, weshalb er zu dem Kaiser beschieden sei.

„Ich konnte nichts anderes tun, Sire; ich war machtlos“, antwortete er.

„Pah! Sie mußten Truppen requirieren!“

„Ich habe es getan.“

„Nun?“

„Ich bekam keinen einzigen Soldaten.“

„Ah! Warum?“

„Der Kaiser war abwesend, und dieser König, welcher vorgab, Regent zu sein –“

Der Mann zuckte bei diesen Worten die Achseln. Dies war die beste Entschuldigung, welche er vorbringen konnte. Sie tat auch sofort ihre Wirkung. Das Gesicht Napoleons klärte sich auf. Er machte eine abwehrende, verächtliche Handbewegung und sagte:

„Ah, dieser König? Er gab Ihnen kein Militär?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Er habe keins, sagte man mir.“

Da wendete sich Napoleon lächelnd zu Ney und sagte:

„Was meinen Sie dazu, Marschall?“

Ney zuckte die Achseln und antwortete:

„Um Militär zu haben, muß man selbst Soldat sein!“

„Richtig! Dieser König ist ein guter Privatmann; ein Herrscher, ein Soldat, ein Feldherr wird er nie. Frankreich braucht einen Mann, wie ich es bin, sonst wachsen die Banden dem Volk über dem Kopf zusammen. Ich war nur kurze Zeit hinweg und werde doch jahrelang zu tun haben, um wieder Ordnung zu schaffen.“

Und sich wieder zu dem Maire wendend, sagte er:

„Diese Damen sind vorhin überfallen worden –“

„Mein Gott, ist's wahr?“ rief der Mann erschrocken, denn wenn Napoleon selbst sich der Damen annahm, so war der Fall doppelt bedenklich.

„Kennen Sie dieselben?“

„Die Frau Baronin de Sainte-Marie, Majestät!“

„Gut! Wäre nicht ein tapferer Kavalier dazugekommen, so lebten sie wohl nicht mehr. Draußen liegen die Leichen der Kerls und zwei erschossene Pferde. Bringen Sie das in Ordnung. Wieviel Truppen sind nötig, um den Wald zu säubern?“

„Wenigstens eine Kompanie, Sire!“

„Sollen Sie haben, bereits morgen. Was werden Sie zunächst tun?“

„Es wird nötig sein, ein Protokoll aufzunehmen, Sire.“

„Haben Sie Papier?“

„Leider habe ich keins mit.“

„Gourgaud, mein Schreibzeug!“

Der General holte Napoleons Reiseschreibzeug nebst Papier aus dem Wagen herbei. Der Kaiser wendete sich an den Maire und sagte:

„Setzen! Papier nehmen und schreiben! Werde das Protokoll selbst diktieren!“

Dies geschah. Es war ganz so des Kaisers Art und Weise, sich mit einer solchen Angelegenheit zu befassen. Er wollte damit seinen Untertanen zeigen, daß er ihren Beruf vollständig kenne, überblicke und verstehe. Darum hatten seine Beamten so großen Respekt vor ihm, und daher gab es in dem Apparat seiner Verwaltung so große Ordnung.

Die Feder des Maire flog förmlich über das Papier. Es war ihm noch nie vorgekommen, daß ihm ein Kaiser diktiert hatte; darum lief ihm der Schweiß von der Stirn.

Endlich war er fertig. Der Kaiser nahm das Protokoll, las es durch und fügte noch den eigenhändigen Befehl in Betreff der notwendigen Truppen in der Höhe einer ganzen Kompanie bei. Dann unterzeichnete er.

„Fertig!“ sagte er. „Morgen kommen die Soldaten. Übermorgen muß der Wald gesäubert sein. Verstanden?“

„Ich gehorche mit Freuden, Sire!“ antwortete der Maire, indem er sein Sacktuch zog, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen.

„Aufbrechen also!“

Bei diesen Worten bot der Kaiser Margot ihren Überwurf wieder an, den er ihr eigenhändig um die vollen, weißen Schultern hängte. Dann reichte er ihr den Arm, um sie zum Wagen zu führen.

Ney und Grouchy folgten mit ihren Damen; dann setzte sich der Zug unter der militärischen Bedeckung der zwölf alten Gardisten wieder in Bewegung. – – –

Kurz nachdem Napoleon in die Gaststube getreten war, erschien hinter dem Haus die dunkle Gestalt eines Mannes, welcher auf jemand zu warten schien.

Er stampfte leise, aber ungeduldig mit den Füßen. Da öffnete sich die Hintertür des Hauses, und die Tochter Barchands schlich sich herbei.

„Berrier, seid Ihr da?“ flüsterte sie.

„Ja“, antwortete er.

„Wartet Ihr bereits lange?“

„Länger als mir lieb ist.“

„Ah! Aber ich konnte nicht eher.“

„Was für Herrschaften sind es?“

„Oh, Berrier, Ihr werdet es gar nicht glauben –“

„Keine Einleitung! Ich habe keine Zeit. Sind es die Marschälle?“

„Ja, zwei Marschälle.“

„Ney und Grouchy?“

„Ich kenne sie nicht. Es ist noch ein General dabei und dann noch einer, den Ihr nicht erraten werdet.“

„Wer ist's?“

„Ratet!“

„Donnerwetter, ich habe dir bereits gesagt, daß ich keine Zeit habe! Rede!“

„Der Kaiser selbst ist dabei.“

„Der Kaiser? Napoleon selbst?“ flüsterte der Mann.

„Ja.“

„Weißt du es genau?“

„Ja.“

„Aber, du kennst ihn doch nicht!“

„Oh, ich habe sein Bild hundertmal gesehen; er gleicht demselben ganz genau.“

„Wie ist er gekleidet?“

„Er trägt hohe Stiefel, einen grauen Rock, weiße Weste und ein kleines Hütchen.“

„Die Beschreibung stimmt; aber ein Irrtum ist doch noch möglich. Man sagte noch heute am Vormittag, daß der Kaiser sich in Paris befinde. Das ist allerdings außerordentlich! Auf die Anwesenheit des Kaisers sind wir ja gar nicht vorbereitet. Was ist da zu machen?“

„Ihr wolltet die Marschälle überfallen? Aber den Kaiser nicht?“

„Der Gedanke wäre ja ganz und gar verwegen und außerordentlich!“

„Der Kaiser zahlt ebensogut ein Lösegeld wie die anderen; er muß sogar doppelt so viel geben.“

„Du magst recht haben, obgleich es ein verfluchter Gedanke ist, den Kaiser zu überfallen. Übrigens brauchen wir ihn ja nicht zu beschädigen. Wir schießen auf die Pferde.“

„Zunächst auf die Soldaten.“

„Er hat Soldaten mit?“

„Ja. Reiter; acht oder zehn habe ich gesehen.“

„Das wären ihrer noch nicht zu viele. Wir sind jetzt neunzehn Mann.“

„Übrigens sind drei Damen bei dem Kaiser.“

„Wer sind sie?“

„Ich weiß es nicht. Zwei saßen so, daß ich sie durch das Küchenfenster nicht sehen konnte, und die dritte kannte ich nicht; sie war jung und sehr schön.“

„Das ist gut. Wenn Damen dabei sind, werden sich die Herren nicht verteidigen, um die Damen nicht in Gefahr zu bringen. Kennst du die Baronin de Sainte-Marie? Ist sie heute hier vorübergefahren oder gar bei euch eingekehrt?“

„Ich hörte, daß sie am Morgen vorübergefahren sei.“

„Ist sie wieder retour?“

„Man hat nichts gesehen oder gehört.“

„Nun, das genügt uns schon. Wir wollen ihr auch nichts tun. Also weiter hast du nichts zu sagen?“

„Ich weiß weiter nichts.“

„Dann will ich sofort zurück.“

„Werdet ihr den Kaiser angreifen?“

„Noch weiß ich es nicht; ich werde erst mit den anderen sprechen müssen. Horch! Jetzt kam jemand.“

„Das wird der Maire gewesen sein, nach dem ja der Kaiser geschickt hat.“

„Also du bist überzeugt, daß es der Kaiser wirklich ist, kein anderer?“

„Er ist es; ich kann darauf schwören.“

„Nun, so will ich es glauben. Gute Nacht!“

„Ich hoffe, morgen zu hören, daß weder der Kaiser noch die Marschälle in Sedan angekommen sind. Sage meinem Vater, er soll mich besuchen. Gute Nacht!“

Sie ging wieder nach der Küche. Er eilte durch den Ort, erreichte sehr bald die Waldecke, in welcher das Pferd stand, band es los, stieg auf und ritt rasch in der Richtung nach Roncourt zu.

Dort am Kreuz an der Straße lagen seine Kameraden noch immer. Seit dem Nachmittag waren noch mehrere zu ihnen gestoßen, so daß sie nun wirklich neunzehn Mann stark waren. Sie hörten den Huftritt seines Pferdes nahen.

„Ein Reiter!“ flüsterte einer. „Wer mag es ein?“

„Jedenfalls Berrier“, meinte ein anderer.

„Das werden wir sogleich hören.“

Er hatte recht; denn als der Reiter näher kam, begann er das Lied zu pfeifen: ‚Ma chérie est la belle Madeleine‘.

„Berrier?“ rief einer.

„Ja, ich bin es!“ antwortete er.

„Wie steht es?“

„Gut, außerordentlich gut. Wartet ein wenig, ich komme sogleich!“

Er stieg ab, führte sein Pferd in den Wald, band es an einen Baum fest und begab sich zu den Wartenden, von denen er mit Fragen bestürmt wurde.

„Nicht alle auf einmal!“ sagte er. „Hört, es steht uns ein außerordentlicher Fang bevor, vorausgesetzt, daß ihr den richtigen Mut dazu habt.“

„Mut?“ rief einer. „Ich schieße dich nieder, wenn du denkst, ich fürchte mich!“

„Ich auch, ich auch!“ erscholl es im Kreis.

„Gut, gut, schreit nicht so, denn man kann nicht wissen, ob jemand in der Nähe ist! Also hört, wen wir zu erwarten haben!“

„Die Marschälle doch?“ fragte ein Ungeduldiger.

„Ja, Ney und Grouchy. Aber sie kommen nicht allein. Zunächst ist noch ein General darunter.“

„Welcher?“

„Das konnte ich nicht erfahren. Ferner, und das ist die Hauptnachricht, welche ich euch mitzuteilen habe, ist der Kaiser selbst bei ihnen.“

„Der Kaiser?“ fragte es rundum.

„Ja. Es sind drei Wagen, in einem der Kaiser, im zweiten Ney und im dritten Grouchy. Der bewußte General scheint beim Kaiser zu sitzen.“

„So ist jedenfalls auch Bedeckung dabei!“

„Acht oder zehn Reiter von der alten Garde.“

„Pfui Teufel, da würden wir zu tun bekommen!“

„Zu tun? Pah! Wir stecken hinter den Büschen, schießen die Wagenpferde und die Gardisten nieder. Dann haben wir die Offiziere und Damen noch ganz allein.“

„Damen? Ah!“

„Ja, es sind drei unbekannte Damen dabei.“

„Das ist gut. Die Herren werden sich ergeben müssen, um die Damen zu schonen.“

„Das habe ich auch gesagt. Was meint ihr zu diesem Unternehmen?“

Es entstand eine längere Pause. Im ersten Augenblick hatte der Gedanke, den großen Kaiser anzufallen, für alle etwas Ungeheuerliches. Aber der Nimbus, welcher das Haupt Napoleons früher umschwebt und so oft beschützt hatte, hatte durch den Sieg der Verbündeten und die Niederlage in Rußland viel von seinem Glanz eingebüßt. Er war nicht mehr der Unbesiegbare. Dieser Umstand machte sich auch hier geltend. Einer der Vagabunden fragte:

„Wird er Geld bei sich haben?“

„Jedenfalls, und die Marschälle auch.“

„Und wenn sie auch kein Geld hätten“, meinte ein anderer. „Denkt euch, welch ein ungeheures Lösegeld wir erhalten könnten, wenn wir ihn fingen.“

Da sagte der Alte, welcher sich schon am Nachmittag bemerkbar gemacht hatte:

„Die Hauptsache ist noch eine ganz andere, denke ich.“

„Was meinst du? Sage es!“

„Gesetzt, wir fangen den Kaiser; wißt ihr, wer Lösegeld bezahlen würde?“

„Nun, doch er selbst.“

„Ja, erstens. Aber zweitens auch die Royalisten und drittens die Feinde Frankreichs.“

„Lösegeld? Das glaube ich nicht.“

„Nun, ich mag mich da nicht richtig ausgedrückt haben. Ich meine, wenn plötzlich der Kaiser verschwindet, so würden die Bourbonen und Orleanisten, die Republikaner und auch die Russen, Preußen, Österreicher, Engländer und Holländer gewiß sehr große Summen bezahlen, um sicher zu sein, daß er nicht wieder erscheint.“

„Ah, das ist wahr.“

„Man könnte sich mit einer einzigen Kugel oder einem kleinen Messerstich vielleicht eine Million verdienen.“

„Donnerwetter!“

„Ja, das ist ganz sicher. Aber wann werden die Wagen erscheinen?“

Der Mann, welcher im Hof des Wirtshauses zu La Chêne gewesen war, antwortete:

„Der Kaiser ließ den Maire kommen. Viel aber kann er mit so einem Mann nicht zu sprechen haben. Darum können die Wagen alle Augenblicke erscheinen.“

„So gilt es, einen raschen Entschluß zu fassen.“

„Aber wohin stecken wir ihn und die Marschälle?“

„Donnerwetter, das wird sich später zeigen; das können wir beraten, sobald er sich in unseren Händen befindet. Jetzt vor allen Dingen müssen wir, ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, den Entschluß fassen, ob wir überhaupt zugreifen wollen oder nicht.“

„Natürlich! Ich bin dabei!“ sagte einer.

„Ich auch“, meinte ein anderer. „Man verdient hoffentlich bei diesem einen Geschäft gleich so viel, daß man sich zurückziehen kann.“

„Das versteht sich ganz von selbst. Wir stimmen bei!“

„Wir alle!“ meinten auch die anderen.

„Gut“, sagte da der Alte. „So wird also der Kaiser mit den Marschällen gefangen.“

„Die Garden?“

„Werden erschossen!“

„Die Damen?“

„Donnerwetter, ja, sie werden uns jedenfalls ganz und gar beschwerlich fallen. Am besten wird es sein, man erschießt sie auch.“

„Na, meinetwegen. Aber man muß auf jeden Fall erst sehen, wer sie sind. Vielleicht ist es möglich, auch mit ihnen ein hübsches Lösegeld zu erpressen. Aber ich denke, wir wenden bei diesem Fang alle mögliche Vorsicht an. Sind die Seile da?“

„Ja; da hinten liegen sie.“

„Wieviele?“

„Drei.“

„Das paßt gerade. Für jeden Wagen eins. Wir ziehen sie in gehörigen Abständen über die Straße herüber. Drüben werden sie an einem Baum befestigt, hüben braucht nur ein Mann zu halten. Den ersten Wagen lassen wir bis ans dritte, den zweiten bis ans zweite und den letzten Wagen bis ans erste Seil gelangen. In diesem Augenblick werden, sobald ich kommandiere, die drei Seile angezogen, die Wagenpferde stürzen darüber hinweg und die Reiter auch. Es wird sich dann alles einige Augenblicke lang über- und untereinanderwälzen, für uns ist dies aber Zeit genug, die Reiter kaltzumachen und die Herrschaften festzunehmen. Alles übrige wird sich dann finden. Vorwärts, ihr Leute!“

Die Männer waren jetzt wie elektrisiert. Sie sprangen empor und trafen ihre Vorbereitungen. Dies nahm gar nicht lange Zeit in Anspruch; dann begab sich ein jeder auf seinen Posten, und es herrschte tiefe Stille ringsum.

Napoleon ahnte nicht, welchem Schicksal, falls der Anschlag zum Gelingen kam, er entgegengehe. Die drei Seile lagen quer über die Straße. Sie brauchten nur angezogen zu werden, so wurden die Pferde zum Stürzen gebracht. Dann war die Verwirrung, von welcher der Alte gesprochen hatte, allerdings fertig, und es trat die Wahrscheinlichkeit ein, daß die Bedeckung getötet wurde, so daß die Herren nur auf sich selbst angewiesen waren.

So verging fast eine Viertelstunde. Da hörte man von fern her ein Geräusch wie von rollenden Wagen. Da der Waldboden eine ziemliche Elastizität besaß, so war dieses Geräusch allerdings nicht so bedeutend, als wenn der Weg aus hartem Gestein bestanden hätte.

„Das sind Wagen!“ flüsterte der Alte, nach seiner Flinte greifend.

„Werden sie es sein?“ fragte einer neben ihm.

„Laßt sehen!“

Er trat etwas aus dem Gebüsch hervor und blickte angestrengten Auges rechts die Straße hinab, wo sich paarweise Lichter näher bewegten.

„Ja, sie sind es“, sagte er. „Drei Wagen mit Laternen daran. Das kommt bloß bei vornehmen Herrschaften vor. Sie fahren nicht sehr eng hintereinander. Nehmt die Seile etwas weiter, damit sie gerade vor die Pferde passen.“

Das Rollen wurde deutlicher. Man sah bereits den hellen Lichtschein, welchen die Laternen vor sich her auf die Straße warfen. Voran ritten zwei bärtige Lanciers; die anderen zehn ritten zu beiden Seiten der drei Wagen. Hinter den zweien kamen die drei Wagen, erst der des Kaisers, dann der des Marschalls Ney und zuletzt der des Marschalls Grouchy.

Die beiden Vorreiter und die vorderen Wagenpferde waren jetzt über die ersten beiden Seile hinweggekommen. Die Pferde des zweiten Wagens hatten das mittlere Seil vor sich, so daß in diesem Augenblick sich je eins der Seile vor sämtlichen Wagenpferden befand. Das war der erwartete Augenblick.

„Die Seile in die Höhe! Hurra!“ rief der Alte.

Die drei Männer zogen aus allen Kräften an. Sie wurden zwar einige Schritte mit fortgerissen, aber der Zweck war erreicht; die Wagenpferde stürzten. Sie verwickelten sich in die Seile und schlugen und stampften wütend um sich herum.

„Feuer auf die Reiter!“ rief der Alte.

Die Marodeurs waren an das nächtliche Dunkel gewöhnt. Auf das gegebene Kommando krachten eine Menge Schüsse aus dem Gebüsch heraus, und viele der Gardisten stürzten tot von den Pferden, welche seitwärts auf die Wagenpferde einsprangen und die Verwirrung nur noch vermehrten.

„Jetzt drauf!“ rief der Alte.

Er drehte das abgeschossene Gewehr um, sprang hinter dem Gesträuch hervor und schlug mit dem Kolben einen der unverletzten Gardisten, welcher von der anderen Seite herübergekommen war, vom Pferd. Die anderen Strolche folgten ihm.

Bisher war den Vagabunden alles geglückt. Sie hatten aber bei ihrem Rechenexempel einen Faktor außer acht gelassen, nämlich den, daß sie es hier mit an den Kampf gewöhnte Soldaten zu tun hatten.

Als der erste Zuruf des Alten erscholl und der Wagen des Marschall Grouchy, weil die Pferde stürzten, ins Schwanken kam, stieß Frau Richemonte einen Schrei des Entsetzens aus.

„Mein Gott! Was ist das?“

„Pah! Zwei oder drei Wegelagerer!“ antwortete er. „Aber man wird ihnen die Ohren abschneiden, um sie ihnen ins Gesicht zu nageln.“

Er stieß den Wagenschlag auf und sprang hinaus, den gezogenen Degen in der Rechten und die Pistole in der Linken. Doch dauerte es eine Minute, ehe es ihm nur ungenügend gelang, seine Augen dem Dunkel zu akkommodieren.

Da auch Neys Pferde stürzten, erschrak die Baronin ebenso aufs heftigste.

„Wir fallen!“ rief sie. „Wohin geraten wir?“

„Keine Sorge, Madame“, antwortete der Marschall höchst kaltblütig. „Es gibt da draußen einige Leute, welche mit uns sprechen wollen.“

Ein Griff auf die Klinke der Wagentür, ein Sprung, und er stand zu gleicher Zeit mit Grouchy draußen, mit dem rasch gezogenen Säbel und der Pistole bewaffnet; doch gelang es auch ihm nicht sogleich, das Dunkel mit dem Auge zu durchdringen.

Im Wagen Napoleons wurde kein Schrei ausgestoßen. Auf den ersten Ruf des Alten und nach dem Sturz der Pferde stand der brave, mutige Gourgaud bereits draußen.

„Was ist's, General?“ fragte der Kaiser.

„Ein Banditenüberfall“, antwortete der Gefragte.

„Ah, interessant! Welche Kühnheit, sich an mich zu wagen!“

Er wußte ganz genau, daß seine Leute ihn bis zum letzten Hauch und bis zum letzten Blutstropfen verteidigen würden. Er konnte eigentlich ganz ruhig sein, aber sein kriegerischer Sinn ließ ihm keine Ruhe. Er bog sich zum Schlag hinaus und fragte:

„Sind es viele?“

„Man sieht noch nichts, aber die Lanciers scheinen getötet zu sein.“

„Dann ist es an uns!“

Der Kaiser griff an die linke Seite und zog den kleinen Degen, welchen er zu tragen pflegte. Dann wendete er sich an Margot:

„Haben Sie Angst, Mademoiselle?“

„Nein, solange ich neben meinem Kaiser bin“, antwortete sie ruhig.

„Ich danke Ihnen! Sie haben in Wahrheit ganz und gar nichts zu fürchten.“

Er schickte sich an, auch auszusteigen; der Generaladjutant aber bat:

„Sire, ich bitte, Platz zu behalten! Soeben rücken die Kerls heran.“

„So ist es meine Pflicht, meine Damen zu verteidigen. Allons!“

Er schob den General zur Seite und sprang hinaus.

Ney und Grouchy waren bereits engagiert. Sie hatten ihre Pistolen abgeschossen und verteidigten sich mit dem Säbel. Auch Gourgaud wurde angegriffen.

Das Gewieher der Pferde, das Gebrüll der Marodeurs, die Schüsse, welche noch fielen, das Geklirr der Degen, das Gekrache der hin und her gerissenen Wagen bildete eine wüste, unheimliche Szene.

Die Lanciers waren alle getötet, und so stand Napoleon mit den drei hohen Offizieren den Räubern ganz allein entgegen. Nur Jan Hoorn, der treue Leibkutscher des Kaisers, hatte die Peitsche umgedreht und schlug die Angreifenden mutig über die Köpfe; doch sah er sich bald gezwungen, den aufgeregten Pferden seine ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Die Offiziere verteidigten sich mit dem größten Mut und großer Geschicklichkeit. Schon waren einige der Marodeurs verwundet, aber sie drangen mit desto größerer Wut auf die vier ein.

Napoleon selbst hatte zwei gegen sich, während der Generaladjutant ihn zu decken suchte, indem er vier, welche ihn mit den Kolben niederschlagen wollten, von sich abwehrte. Seine Klinge zuckte mit Gedankenschnelligkeit von einer feindlichen Waffe zur anderen. Trotzdem war zu sehen, daß die Herren trotz aller Tapferkeit bald ermüden würden, wenn nicht eine glückliche Wendung eintrat. Da ertönte wieder die Stimme des Alten:

„So ist's nichts! Nehmt ihnen die Deckung! Greift sie von hinten an! Kriecht unter den Wagen hindurch; aber laßt sie am Leben, wenigstens den Kaiser!“

Da rief Ney, der Bravste der Braven, wie Napoleon ihn oft genannt hatte:

„Bei Gott, jetzt gilt's! Drauf, Grouchy!“

Der Wagen konnte, wenn die Feinde unter demselben hinwegkrochen, ihm keine Deckung, keine Sicherheit mehr bieten; ja, die Nähe desselben mußte ihm im Gegenteil nur gefährlich werden. Darum tat er einen gewaltigen Satz mitten unter die Feinde hinein und begann mit dem Degen sein berühmtes Rad zu schlagen. Sie wichen zunächst zurück, aber bald war er vollständig von ihnen umringt.

Ebenso erging es Grouchy, welcher seinem Beispiel gefolgt und vom Wagen weg mitten unter die Gegner hineingesprungen war.

Es war eine Szene, keines Kaisers und keines Marschalls würdig, aber nichts desto weniger höchst gefährlich für die berühmten Helden des Schlachtfeldes. Trotz ihrer Tapferkeit mußte der Kampf in kurzer Zeit das vorauszusehende Ende finden. – – –

Als der Kaiser vorhin mit seinen Marschällen und den Damen den Platz verlassen hatte, an welchem die letzteren überfallen, durch die Dazwischenkunft Königsaus aber gerettet worden waren, blieb nur dieser mit dem Kutscher zurück.

„Verdammt!“ brummte derselbe. „Nun haben wir den alten Kasten allein!“

„Meinen Sie etwa, daß der Kaiser sich vorspannen sollte?“ lachte Königsau.

„Hm! Könnte nichts schaden! Wo der sich vorspannt, da geht es! Werden Sie mir vollends helfen?“

„Das versteht sich!“

„Sie fahren mit nach Jeannette? Und bleiben ein wenig da?“

„Das wird sich wohl erst entscheiden.“

„Gut, Monsieur. Das Pferd ist bald angespannt. Es ist auch kräftig genug, den Wagen nach Hause zu bringen. Aber was tun wir mit den Leichen?“

„Wir lassen sie natürlich liegen.“

„Hm! Ja! Aber mit allem, was sie bei sich tragen?“

„Ich denke.“

„Das paßt mir nicht. Da sind eine Menge Gewehre und andere Sachen, die man recht gut gebrauchen könnte!“

„Sie gehören aber nicht uns.“

„Wem sonst? Wir sind die Sieger!“

„Der Kaiser wird in La Chêne Anzeige machen, und dann wird sich der Maire sofort nach hier begeben, um den Sachverhalt aufzunehmen. Er wird auch alles an sich nehmen, was er hier findet.“

„Oder es kommen unterdessen andere, welche alles stehlen. Diese Kerls werden wohl Kameraden haben, welche nur darauf warten, daß wir uns entfernen.“

„Tun Sie, was Sie denken. Aber ich möchte nicht gern unnütz Zeit versäumen; ich möchte auch nicht gern haben, daß es heißt, ein Beamter vom Meierhof Jeannette, der Leibkutscher der Baronin, habe tote Banditen ausgeplündert.“

Da kratzte sich der Knecht in den Haaren. Das Wort Leibkutscher schmeichelte ihm.

„Hm“, brummte er. „Denken Sie wirklich?“

„Ja, das denke ich.“

„Ich soll das alles liegen lassen?“

„Ja, alles.“

„Nun, so mag es in drei Teufelsnamen liegen bleiben, obgleich ich mich vielleicht ärgere, so oft ich daran denke. Aber ich habe auch meine Ambition. Man soll nicht von mir sagen, daß ich Banditen ausplündere.“

„Schön! Also das Pferd her!“

„Ich werde unterdessen die zweite Laterne suchen.“

Er fand sie bald, wenn auch in zerbrochenem Zustand. Nach Verlauf einer kleinen Viertelstunde konnte man den Ort verlassen.

„Setzen Sie sich in den Wagen?“ fragte der Kutscher.

„Ja, wenn es Ihnen recht ist.“

„Hm! Wäre es nicht besser, Sie setzten sich hier neben mich auf den Bock?“

„Warum?“

„Wir sind hübsch beisammen, wenn noch etwa passieren sollte; auch sehen vier Augen mehr als zwei, und wir können uns miteinander unterhalten.“

„Gut. Sie haben recht. Machen Sie also Platz!“

Er stieg hinauf, und bald rollte der Wagen im Trab von dannen.

Zunächst schwiegen die beiden. Der Kutscher, der eine biedere, treue Seele, aber keine allzu intelligente Natur war, hatte genug zu tun, sich das Erlebte von Anfang bis zum Ende zurecht zu legen, um es seinen Mitbediensteten erzählen zu können. Königsau hingegen dachte an die Geliebte, welche jetzt an der Seite des Kaisers saß. Dieser hatte Wohlgefallen an ihr gefunden, ein ganz auffälliges Wohlgefallen; er wollte auf Jeannette wohnen. Welche Perspektiven konnten sich da öffnen, welche Folgen konnte dies nach sich ziehen.

Man darf bei diesen Worten ganz und gar nicht meinen, daß der Deutsche dabei an die Möglichkeit einer Untreue von seiten der Geliebten dachte. O nein, dazu war sie ihm zu wert, zu rein. Aber er selbst wollte auf Jeannette, wenn auch nur kurze Zeit, verweilen; war der Kaiser zugleich zugegen, so konnten möglicherweise Umstände eintreten, welche bedenkliche Folgen brachten.

Da schien der Kutscher mit seinem Nachdenken bis zu einem gewissen Punkt gekommen zu sein, über welchen er nicht hinweg konnte.

„Hm!“ brummte er. „Fatale Geschichte!“

„Was?“

„Sie, Monsieur!“

„Ich? Ich bin eine fatale Geschichte?“

„Ja.“

„Inwiefern?“

„Ja, ich weiß nicht, ob ich Sie damit belästigen darf.“

„Reden Sie.“

„Nun gut! Der ganze Überfall ist mir nun klar. Ich habe zwar erst lange auf dem Bock gesessen, um mir zu überlegen, ob ich mit zuhauen soll oder nicht; denn ein braver Kutscher darf nicht vom Bock herab; aber dann, als ich mit dem Überlegen fertig war, habe ich dem Kerl auch sofort die Seele aus der Gurgel gequetscht. So weit ist mir alles klar. Aber Sie, Monsieur, Sie sind mir ein Rätsel, über das ich nicht hinauskommen kann.“

„Das begreife ich nicht.“

„Ja, ich begreife es eben auch nicht. Wie kamen Sie gerade zur rechten Zeit, um diese acht Kerls so gemütlich totzuschießen?“

„Ich habe es ja bereits erzählt!“

„Aber mir nicht.“

„So mögen Sie es noch einmal hören“, und er erzählte die bekannten Vorgänge.

„Schön, jetzt ist mir das klar. Aber das andere nicht.“

„Was?“

„Sie waren bereits einmal bei uns, als sie die Damen Richemonte brachten; da hießen Sie Königsau und waren ein Deutscher. Jetzt heißen Sie ganz plötzlich Sainte-Marie und sind ein Franzose, sogar ein Seekapitän.“

„Und das verursacht Ihrem ehrlichen Kopf Schmerzen?“

„Ja“, nickte der Kutscher.

„So sagen Sie einmal, was Ihnen lieber wäre, nämlich ob ich ein Deutscher oder ein Franzose bin!“

„Hm! Ja! Was sind Sie denn eigentlich von diesen beiden?“

„Das wird sich finden, sobald Sie meine Frage beantwortet haben.“

„Na, da will ich Ihnen sagen, daß mir ein einziger Deutscher lieber ist, als alle Franzosen zusammengenommen!“

„Ist das wahr?“ fragte Königsau überrascht.

„Vollständig.“

„Also lieben Sie Ihre Landsleute nicht?“

„Landsleute? Hm! Wissen Sie, wie ich heiße, Monsieur?“

„Nein.“

„Nun, so will ich es Ihnen sagen. Mein Name ist Florian Rupprechtsberger.“

„Das ist ja ein vollständig deutscher Name.“

„Allerdings. Der Name ist deutsch und der Kerl erst recht.“

„Wo sind Sie geboren?“

„Ich stamme zwischen Weißkirchen und Mettlach da drüben herüber. Dort hatten die Eltern der gnädigen Frau eine Besitzung. Die Baronin nahm mich, weil ich ein alter, ehrlicher Kerl bin, mit nach Roncourt herüber. Das ist eine so lange Zeit her, daß ich unterdessen das Französische gelernt habe.“

„Das ist mir allerdings höchst interessant.“

„Ja. Und nun werden Sie mir auch sagen, ob Sie wirklich ein Franzose sind?“

„Ich bin keiner.“

„Donnerwetter! Ein Deutscher?“

„Ja.“

„Da muß vor Freude die Bulle platzen! Herr, nun sind wir einig; nun gönne ich sie Ihnen, und zwar von ganzem Herzen!“

„Wen?“

„Nun, die Margot.“

„Wie kommen Sie auf diese Dame?“

Der brave Florian hustete sehr geheimnisvoll, sehr selbstbewußt und sagte:

„Glauben Sie etwa, daß ein Deutscher keine Augen hat?“

„Ich hoffe, daß unsere Augen ebensogut sind wie diejenigen der Franzosen!“

„Das sind sie auch. Hören Sie, Monsieur, diese Margot ist ein Prachtmädel, ein Mädel, für das man sich die Finger wegbeißen könnte. Als Sie sie brachten, habe ich mich auf der Stelle bis über die Ohren in sie verliebt – – –“

„Oho!“

„Ja, ja! Nämlich so, wie sich ein ehrlicher Kutscher in die Herrschaft verlieben darf. Ich habe nun genau aufgepaßt. Da gingen nun Blicke herüber und hinüber, die niemand sehen sollte; da mußte ich sie beide ausfahren, und als ich die Ohren spitzte, da hörte ich es hinter mir – – – hm, na, gerade so, als wenn vier Lippen zusammenkleben und auseinandergerissen werden, ungefähr so, als wenn man eine halb neubackene Fischblase auseinanderreißt.“

„Florian, Florian!“

„Na, nichts für ungut! Sie sind ein Deutscher; Sie sind ein Kerl, den man leicht liebgewinnt, und darum gönne ich sie Ihnen; einen anderen hätte ich halb tot geprügelt. Aber wie ist denn eigentlich Ihr Name?“

„Jetzt heiße ich Sainte-Marie.“

„Gut, wenn Sie nicht anders wollen. Man kann kein Vertrauen erzwingen, daß muß von selbst kommen. Aber beweisen will ich Ihnen doch, daß ich ein ehrlicher Kerl bin. Sagen Sie mir nur vorher erst, was Sie sind?“

„Jetzt bin ich Seekapitän.“

„Da schlage doch das Wetter drein! Auch hier wird man belogen.“

„Wissen Sie das genau?“

„Ja.“

„Beweisen Sie es.“

„Sofort! Sie heißen nicht Sainte-Marie, sondern Königsau.“

„Ah!“

„Sie sind nicht aus Marseille, sondern aus Berlin.“

„Oho!“

„Und Sie sind nicht Seekapitän, sondern Husarenlieutenant.“

„Unsinn!“

Königsau war im höchsten Grad erschrocken. Woher kannte dieser Kutscher ihn so genau? Das konnte höchst gefährlich werden; er mußte sich sehr vorsichtig benehmen.

„Unsinn?“ fragte der Kutscher. „Das ist kein Unsinn, sondern die reine Wahrheit.“

„Wer sagte das?“

„Beide sagten es, nämlich sie und er.“

„Wer ist diese ‚sie‘?“

„Mademoiselle Margot.“

„Ah! Hat sie von mir gesprochen?“

„Nein, das war anders. Wenn ich nicht fahre, bin ich oft im Garten. Da saß sie denn einmal in der Laube und hatte einen Brief in der Hand. Sie küßte und küßte ihn immer wieder, denn sie dachte, sie wäre allein. Dann legte sie ihn neben sich. Er fiel von der Bank herab, und als sie ging, vergaß sie ihn.“

„Ah! Sie haben ihn gelesen?“

„Ja.“

„Donnerwetter, das ist unverschämt.“

„Warten Sie es ab!“ antwortete Rupprechtsberger ruhig.

„Was gibt es da abzuwarten! Sie eilten nach der Laube – – –!“

„Ja, ich eilte sehr.“

„Sie hoben den Brief auf – – –!“

„Natürlich.“

„Sie schlugen ihn auseinander – – –!“

„Ja, sonst hätte ich ihn ja nicht lesen können.“

„Und Sie lasen ihn! Wirklich? Wirklich?“

„Na, ganz und gar nicht; dazu hätte ich gar keine Zeit gehabt, denn ich hörte Mademoiselle bereits wieder zurückkehren. Ich las nur die Überschrift und dann die Unterschrift.“

„Schurke!“

„Unsinn! Ich hatte meine Gründe dazu. Die Überschrift lautete ‚Berlin‘ und ‚meine heißgeliebte Margot‘, und die Unterschrift klang wie ‚Hugo von Königsau‘. Habe ich richtig gelesen?“

„Welchen Grund hatten Sie, diese Indiskretion zu begehen, he?“

Er sprach diese Frage in einem sehr strengen, ärgerlichen Ton. Er war zornig geworden.

„Welchen Grund? Hm, weil ‚er‘ mir den Namen genannt hatte.“

„Er? Ah, Sie sprachen vorhin von er und sie. Ist das dieser Er?“

„Ja.“

„Wer ist es?“

„Das darf ich nicht verraten. Übrigens haben Sie kein Vertrauen zu mir; was nützt es da, Vertrauen zu Ihnen zu haben.“

„Florian, ich beginne zu bemerken, daß Sie nicht ein ‚guter, treuer und ehrlicher‘, sondern ein höchst pfiffiger und verschmitzter Kerl sind.“

„Da irren Sie sich! Ich bin sogar noch etwas dümmer, als ich aussehe; aber für eine Person, die ich liebhabe, kann ich, weiß Gott, zum gescheitesten Kerl werden.“

„Da wollte ich, daß ich zu denen gehörte, die Sie liebhaben.“

„Das ist ja auch bereits der Fall!“

„Wirklich?“

„Wahrhaftig. Ich wollte Sie ja deshalb herauf auf den Bock haben, um mit Ihnen von der Leber weg reden zu können. Hier im Wald hört es kein Mensch.“

„Es scheint aber doch, als ob es nicht so recht von der Leber weg gehen wollte.“

„Inwiefern?“

„Nun, weil ich von diesem ‚er‘ nichts höre.“

„Von ihm darf ich nur zu einem reden, der Königsau heißt und Lieutenant ist.“

„Wirklich zu keinem anderen?“

„Zu keinem.“

„Nun gut, ich will Ihnen vertrauen. Ich heiße Königsau und bin Husarenlieutenant.“

„Mit dem alten Blücher gut bekannt?“

„Ja. Aber woher wissen Sie das?“

„Das wird bald kommen. Sie haben Mademoiselle Margot hier verstecken wollen?“

„Ah! Wie kommen Sie auf diese Idee?“

„Nun, Madame Richemonte ist mit Mademoiselle von Paris heimlich fort.“

„Sie werden mir unbegreiflich.“

„Sie werden mich bald begreifen“, sagte der Kutscher in seiner bedächtigen Weise.

„Warum sollten sie heimlich fortgegangen sein?“

„Eines Stiefbruders wegen, welcher Richemonte heißt und Kapitän ist.“

„Donnerwetter!“

„Und eines Barons wegen, welcher Reillac heißt und Armeelieferant ist.“

„Mensch, Sie haben irgendein Gespräch der beiden Damen belauscht.“

„Fällt mir gar nicht ein.“

„Woher wissen Sie das alles?“

„Von ‚ihm‘ natürlich.“

„Wer aber ist dieser ‚ihm‘ denn eigentlich?“

„Kapitän Richemonte.“

Wäre es im Wald hell gewesen, so hätte der Kutscher sehen können, daß Königsau erbleichte. Was er hörte, ließ ihn tief erschrecken.

„Der Kapitän?“ fragte er. „War er hier auf Jeannette?“

„Ja.“

„Wann ist das gewesen?“

„Vor einer Woche.“

„Alle Teufel! War er bei der Baronin?“

„Nein.“

„Bei einer von den anderen Damen?“

„Auch nicht.“

„Oder bei dem jungen Baron?“

„Das fiel ihm gar nicht ein.“

„Nun, zum Teufel, bei wem soll er hier dann sonst gewesen sein, he?“

Da holte der Kutscher tief Atem und antwortete mit Nachdruck:

„Bei mir!“

„Ah, der Tausend! Bei Ihnen?“

„Ja, natürlich!“

„Wie kommt er denn zu Ihnen?“

„Ich war ihm empfohlen.“

„Von wem?“

„Vom Herrn Baron de Reillac.“

„So kennen Sie diesen auch?“

„Oh, sehr gut, außerordentlich gut.“

„Woher denn?“

„Woher? Hm! Wissen Sie denn nicht, daß er sehr oft in Roncourt ist?“

„In Roncourt? Davon weiß ich kein Wort, kein einziges Wort. Wahrhaftig nicht!“

„Er hat ja sein Quartier in Sedan!“

„Er wohnt in Sedan? Wohl wieder als Armeelieferant des Kaisers?“

„Das versteht sich.“

„Alle tausend Teufel! Nun wird die Plage und Gefahr von neuem beginnen.“

„Keine Sorge, Herr Lieutenant! Da ist der Florian Rupprechtsberger da.“

„Um Gottes willen, lassen Sie den Lieutenant fort.“

„Es hört's ja niemand.“

„Wenn zehnmal! Nennen Sie mich Herr Kapitän; das ist das Sicherste! Aber sagen Sie mir doch, wie Sie mit diesen Kerls zusammengekommen sind.“

„Nun, eines Tages fahre ich die Damen nach Sedan. Wir stiegen in unserem gewöhnlichen Gasthof ab. Ich führe die Pferde in den Stall, und da kommt ein feiner Herr und fragt mich:

‚Sind Sie es, welcher die drei Damen gefahren hat, welche soeben abstiegen?‘

‚Ja‘, antwortete ich.

‚Wer sind sie?‘

‚Die Baronin de Sainte-Marie. Die beiden anderen sind Gäste von ihr.‘

‚Woher? Vielleicht aus Paris?‘

‚Vielleicht.‘

‚Wie heißen sie?‘

‚Madame und Mademoiselle Richemonte.‘

‚Ah, diese Namen habe ich gehört. Wo wohnt die Baronin, Ihre Gebieterin?‘

‚Auf Meierhof Jeannette bei Roncourt.‘

‚Danke.‘

Damit drückt er mir einen Napoleondor in die Hand und geht.“

„Das war jedenfalls der Baron de Reillac?“

„Ja. Einige Zeit darauf hatte ich im Feld draußen zu tun. Da kam ein Reiter; es war derselbe Baron. Er begann ein Gespräch mit mir und war so auffällig freundlich, daß er mir geradezu widerwärtig wurde. Ich mußte es ihm ansehen, daß er mich zu irgendeinem Zweck gewinnen wolle; darum nahm ich mir vor, sehr vorsichtig zu sein. Nachdem er verschiedenes gesagt und gesprochen hatte, fragte er auch:

‚Kamen die beiden Damen Richemonte allein nach Jeannette?‘

‚Ich weiß nicht‘, antwortete ich vorsichtig. ‚Ich war an diesem Tag abwesend.‘

‚War vielleicht mit ihnen ein anderer Besuch da?‘

‚Ich könnte mich nicht besinnen.‘

‚So besinnen Sie sich vielleicht auf den deutschen Namen Königsau?‘

‚Nein. Ich habe ihn noch gar nicht gehört.‘

‚Hm, eigentümlich! Wissen Sie auch nicht, ob die Damen Briefe aus Berlin empfangen?‘

‚Nein.‘

Da sah er mich mit einem außerordentlich forschenden Blicke an und fragte:

‚Ich gab Ihnen letzthin einen Napoleondor, nicht wahr?‘

‚Ja, Monsieur‘, antwortete ich.

‚Wollen Sie sich mehr solcher Goldstücke verdienen?‘

‚Wieviele?‘

‚Das wird ganz auf Sie ankommen!‘

‚Oh, so werde ich gleich jetzt beginnen, sie mir zu verdienen, Monsieur.‘

‚Nun gut, so frage ich Sie, ob Sie in meine Dienste treten wollen.‘

‚Das geht nicht.‘

‚Warum nicht?‘

‚Weil ich in dem Dienst der Frau Baronin de Sainte-Marie mich befinde.‘

‚Das tut nichts zur Sache. Sie können ihr und mir ganz gut dienen.‘

‚Zu gleicher Zeit?‘

‚Ja, ihr öffentlich und mir heimlich.‘

‚Was geben Sie mir für Aufträge, Monsieur?‘

‚Sie werden dieselben empfangen, sobald Sie sich erklärt haben.‘

‚Nun gut, so stelle ich mich Ihnen zur Verfügung. Aber was werden Sie mir zahlen?‘

‚Ich gebe Ihnen fünfundzwanzig Napoleondor, und Sie erhalten dann das Weitere je nach dem Wert Ihrer Dienste.‘

‚Ich bin zufrieden, Monsieur.‘

‚Gut, so haben Sie hiermit die versprochenen fünfundzwanzig.‘

Er gab mir das Geld und fuhr dann weiter fort:

‚Ich wünsche nämlich alles zu wissen, was Mademoiselle Richemonte betrifft. Ich bin ein heimlicher Anbeter von ihr und möchte gern wissen, ob ihr Herz noch frei oder bereits vergeben ist, ob sie die Briefe oder Besuche eines Geliebten empfängt, kurz, alles, was einen Liebhaber zu interessieren pflegt. Sie verstehen mich doch?‘

‚Vollständig, Monsieur.‘

‚Ich brauche Ihnen folglich keine weitläufige Instruktion zu geben?‘

‚Ich glaube nicht.‘

‚Nun gut, so hoffe ich, daß ich Sie zu unserem gegenseitigen Nutzen engagiert habe.‘

‚Wohin soll ich Ihnen bringen, was ich erfahre?‘

‚Ins Hauptquartier nach Sedan. Ich bin Baron Reillac, der Armeelieferant. Aber sagen Sie mir, ob Sie verschwiegen sein können.‘

‚Ich werde stumm sein.‘

‚Das ist mir lieb und auch gut für Sie. Die Damen sollen nicht erfahren, daß ich in der Nähe bin; deshalb werde ich nie nach Jeannette kommen. Auch daß Sie mich kennen, darf kein Mensch wissen. Jede Botschaft erhalten Sie gut bezahlt. Passen Sie besonders genau auf, ob Briefe aus Berlin kommen, und wenn Sie erfahren können, daß dieselben mit Hugo Königsau unterzeichnet sind, so erhalten Sie doppelte Belohnung.‘“

Jetzt mußte Königsau doch sein längeres Schweigen brechen.

„So sind Sie förmlich von ihm engagiert worden?“ fragte er den Kutscher.

„Ja“, antwortete dieser ruhig.

„Und haben in seinen Diensten gearbeitet?“

„Fürchterlich!“

„Inwiefern?“

„Ich habe ihm ein halbes Dutzend Lügen erzählt und für jede mein Goldstück erhalten.“

„Wissen Sie, Florian, daß Sie ein Spitzbube sind?“

„Gegen diesen Kerl? Ja. Das schadet gar nichts. Gegen andere bin ich desto ehrlicher.“

„Aber Sie haben doch nachgesehen, ob Briefe aus Berlin mit meiner Unterschrift eintreffen.“

„Ja, aber nicht dieses Barons wegen, sondern meinetwegen.“

„Ah, Ihretwegen?“

„Ja, natürlich!“

„Was haben Sie dem Baron davon gesagt?“

„Nichts, gar nichts. Er hat gar nichts davon gehört, daß ich jenen Brief gesehen habe.“

„Aber warum wollten Sie ihn gerade Ihretwegen sehen?“

„Ich wollte wissen, ob der Geliebte von Mademoiselle Margot wirklich ein Deutscher sei. Wenn das der Fall war, so nahm ich mir vor, ihn gegen seine Feinde zu beschützen. Habe ich da Unrecht getan, Monsieur?“

„Unrecht? Hm! Ich darf Sie also meinen Beschützer nennen, nicht wahr, Monsieur Florian?“

„Ja. Lachen Sie immerhin darüber; es ist dennoch so. Unsereiner kann leicht einem großen Herrn einmal einen Dienst erweisen; das können Sie glauben.“

„Ich glaube es, denn ich habe es oft erfahren“, sagte Königsau im ernstesten Ton. „Also Sie sind mit dem Baron öfters zusammengekommen?“

„Sehr oft. Wir treffen uns wöchentlich einige Male. Letzthin nun passierte es mir, daß ich mir ein Goldstück holen wollte; ich wollte ihm irgend etwas erzählen, was gar nicht geschehen war, und fand seinen Diener nicht anwesend. Das Vorzimmer war nicht verschlossen, und ich trat ein. Da hörte ich in seinem Zimmer laute Stimmen. Er sprach mit einem Herrn. Ich setzte mich sehr gleichmütig nieder und hörte zu; ich konnte jedes Wort verstehen. Sie sprachen von Ihnen.“

„Von mir?“

„Ja, und vom alten Blücher.“

„Ah!“

„Von einem Überfall, bei welchem Sie einen Küraß getragen hatten.“

„Sapperment!“

„Ferner von Mademoiselle Margot, die sie zu dem Baron geschafft hatten. Sie waren dann mit dem Feldmarschall gekommen –“

„Wer war der Mann, mit dem der Baron sprach?“

„Derselbe, welcher Sie gestochen und auf sie geschossen hatte.“

„Kapitän Richemonte?“

„Ja. Ich hörte es aus dem Gespräch heraus. Aber ich hörte noch viel mehr!“

„Was? Erzählen Sie!“

„Zunächst sagte der Baron, daß er jetzt einen dummen Knecht bestochen habe. Damit meinte er natürlich mich. Ich werde ihm bei Gelegenheit diese Dummheit um den Kopf herumschlagen, daß ihm alle Gedanken vergehen sollen!“

„So wußte also auch der Kapitän bereits, daß Margot sich auf Jeannette befindet?“

„Ja. Sie wußten es schon in Paris.“

„Unmöglich!“

„O doch; ich habe es im Laufe ihres Gesprächs ganz deutlich bemerken können.“

„Wer sollte es ihnen denn verraten haben? Kein Mensch hat es gewußt.“

„O doch, einer, nämlich der Bankier, von welchem Frau Richemonte ihr Einkommen bezieht.“

„Ah, das ist wahr; das haben wir außer acht gelassen.“

„Die Hauptsache aber erfuhr ich erst am Schluß des Gesprächs. Nämlich der Kapitän Richemonte ist im Meierhof gewesen.“

„Bei den Damen?“ fragte Königsau erschrocken.

„Nein, sondern bei General Drouet.“

„Was wollte er bei ihm? Die Klugheit hätte ihm doch eigentlich geboten, sich vor den Damen nicht sehen zu lassen. Er hätte besser getan, nicht zu verraten, daß er ihren Aufenthaltsort kennt.“

„Das hat er auch ganz und gar nicht getan.“

„Aber man muß ihn doch gesehen haben!“

„Nein, denn er ist des Abends gekommen, sogar erst gegen Mitternacht.“

„So muß der Grund seines Besuches ein sehr geheimnisvoller sein.“

„Das ist er auch; geheimnisvoll und schurkisch im höchsten Grad.“

„So kennen Sie diesen Grund?“

„Ja, denn er kam im Laufe der Unterhaltung zur Sprache.“

„Darf ich ihn hören?“

„Ja. Sie sind, wie ich aus allem vermute, und wie Sie selbst auch vorhin gestanden, ein Freund von dem alten Feldmarschall Blücher?“

„Freilich, ja freilich!“

„Oh, so wollte ich, daß Sie aktiv in Diensten ständen!“

„Warum? Glauben Sie, daß ich außer Dienst bin, Monsieur Florian?“

„Natürlich!“

„Ah! Warum glauben Sie das?“

„Wären Sie aktiver Militär, so befänden Sie sich bei Ihrer Truppe und nicht hier.“

„Ach, Sie waren wohl nie Soldat?“

„Nein, aber der Onkel meines Großvaters war einer; das ist aber lange her!“

„Das glaube ich“, lachte Königsau. „Das muß so zur Zeit des großen Kurfürsten und des alten Derflinger gewesen sein.“

„Ja, unter dem hat er gedient; Sie haben ganz richtig geraten, Monsieur.“

„Nun, da ich einmal aufrichtig mit Ihnen bin, so will ich Ihnen gestehen, daß ich nicht passiv bin, sondern mich gegenwärtig noch im Dienst befinde.“

„In Blüchers Armee, welche bei Lüttich und da herum liegt?“

„Ja. Mein Dienst ist sogar ein sehr schwerer und gefährlicher!“

Da klatschte der Kutscher mit der Peitsche, daß es weithin schallte, und sagte:

„Donnerwetter, jetzt bin ich es, der Ihnen sagt, daß Sie leiser sprechen sollen! Herr – Herr Seekapitän, ich sage Ihnen, Sie sind mein Mann!“

„Ah, warum?“

„Ich ahne, welchen Dienst Sie tun!“

„Nun?“

„Sie kommen, die Franzosen ein wenig auszuhorchen. Nicht wahr, Monsieur?“

„Mag sein.“

„Nun, dann zählen Sie auf mich! Übrigens tut Kapitän Richemonte dasselbe drüben auf Ihrer Seite.“

„Ah, er macht den Eclaireur?“

„Den Eclaireur, ja. Aber bei ihm möchte ich lieber und richtiger sagen, daß er den Spion und Mörder macht.“

„Den Mörder? Donnerwetter! Wie meinen Sie das, bester Florian?“

„Nun, er soll den alten Blücher zur Seite schaffen.“

„Unmöglich! Sie irren.“

„Ich mich irren? Ich habe es ja mit diesen meinen eigenen Ohren gehört!“

„Das wäre infam, fürchterlich infam!“

„So will ich Ihnen sagen, daß er den Auftrag dazu bereits in Paris empfangen hat.“

„Von wem?“

„Von General Drouet, wenn ich nicht irre.“

„Ich bin ganz starr vor Erstaunen!“

„Ja, das ist die leichteste Art, Krieg zu führen. Man putzt die Anführer weg.“

„Und zwar per Meuchelmord. Wie leicht wäre es mir da heute gewesen, den Kaiser und zwei seiner berühmtesten Marschälle zu töten!“

„Sie sind ein Deutscher, Monsieur!“

„Aber mein Gott, so ist dieser Mensch ja noch weit gefährlicher, als ich dachte!“

„Allerdings!“

„Und Drouet steht mit ihm im Bunde?“

„Wie es scheint.“

„Das ist nicht zu glauben. Ein General tut das nicht. Der Kapitän muß irgendeinen einigermaßen mystischen Auftrag des Generals falsch verstanden haben.“

„Das geht mich nichts an. Ich habe nur gehört, daß Richemonte den Marschall auf die Seite bringen soll, und sich zugleich an demselben rächen will.“

„Hat er bereits von einem Versuch gesprochen?“

„Er beklagte sich, daß es ihm noch nicht gelungen sei, in die Nähe des Alten zu kommen.“

„Donnerwetter, das kann ihm täglich gelingen! Der Feldmarschall befindet sich da in einer außerordentlichen Gefahr! Wann hörten Sie diese Unterredung?“

„Vor acht Tagen.“

„Wollte der Kapitän sofort wieder zurück?“

„Er sprach von einem Spielchen.“

„So! Nun ich dieses weiß, ist meines Bleibens auf Jeannette nicht lange. Ich muß so schleunig wie möglich aufbrechen, um den Marschall zu warnen.“

„Tun Sie es, tun Sie es! Ich habe Ihnen alles ja nur deshalb mitgeteilt!“

„Aber sind Sie wirklich ein Freund der Deutschen?“

„Ja, freilich!“

„Und ein Bewunderer Blüchers?“

„Oh, wenn ich nur dem einmal die Hand drücken dürfte! Er sollte sich wundern!“

„Aber, wenn dies wahr ist, warum haben Sie nichts getan, um ihn zu warnen, oder den Mordanschlag auf irgendeine Weise zu vereiteln?“

„Ich? Was sollte ich tun? Ich, ein einfacher Kutscher!“

„Vielerlei. Man tut in solchen Fällen das, was einem am leichtesten wird.“

„Richtig! Das habe ich auch getan.“

„Was?“

„Ich habe gewartet, bis Sie kommen. Ich dachte, daß Sie Bescheid wissen würden.“

„Aber Sie wußten ja gar nicht, daß ich kommen würde.“

„Oh, das wußte ich im Gegenteil ganz gewiß.“

„Ich bin da doch neugierig, woher.“

„Das ist sehr einfach. Mademoiselle Margot spaziert gewöhnlich nur im Garten. Seit sie aber den letzten Brief erhalten hat, geht sie täglich einige Male vor der Meierei spazieren, dem Weg entgegen, welcher von Roncourt her kommt. Und wenn ein Wagen in den Hof rollt, so eilt sie schnell an das Fenster.“

„Florian!“

„Herr Seekapitän!“

„Sie sind ein Schlauberger.“

„Nein, ich bin kein gescheiter Kerl, aber, wie ich Ihnen bereits sagte, wenn ich jemand gern habe, so kann ich vor Liebe gescheit werden.“

„Sie haben also in Wahrheit geahnt, daß ich komme?“

„Ich war überzeugt davon. Darum nahm ich mir vor, daß vom Kapitän aufzuheben, bis es mir möglich war, es Ihnen zu erzählen.“

„Ich danke Ihnen! Es soll an die richtige Adresse gelangt sein. Aber dort sehe ich Lichter auftauchen. Was ist das? Vielleicht bereits La Chêne?“

„Ja. Fahren wir durch?“

„Nein. Wir halten am Gasthof an und trinken ein Glas Wein. Vielleicht ist der Kaiser – – – ah, Donnerwetter, da fällt mir etwas ein!“

„Was?“

„Etwas Hochwichtiges, was ich ganz vergessen habe.“

„Das klingt ja ganz und gar wichtig und apart.“

„Das ist es auch. Mein Gott, daß ich nicht daran gedacht habe? Florian, hauen Sie auf das Pferd, nur derb, derb, daß wir vorwärts kommen.“

„Jetzt klingt's nun gar gefährlich.“

Mit diesen Worten gab der Kutscher dem Braunen die Peitsche, so daß dieser die Karosse mit doppelter Schnelligkeit weiter schleppte.

„Es ist auch gefährlich“, antwortete Königsau. „Der Kaiser befindet sich in Gefahr mit allen, die bei ihm sind.“

„Donnerwetter! Welche Gefahr wäre das?“

„Ich belauschte da unten am Kreuz einige Männer, welche davon sprachen, daß zwei Marschälle erwartet werden, welche man überfallen wolle.“

„Am Kreuz?“

„Ja.“

„Gegen Roncourt hin?“

„Ja.“

„Teufel, das ist eine gefährliche Stelle. Dort haben bereits einige seit kurzer Zeit das Leben lassen müssen. Was ist da zu tun?“

„Rasch nach La Chêne in den Gasthof. Dort ist der Kaiser abgestiegen. Wir müssen sehen, ob er vielleicht noch anwesend ist.“

„Verdammte Geschichte. Mir ist's nicht um den Kaiser, sondern um meine guten drei Frauenzimmer. Ihn könnten sie in Gottes Namen abquetschen und seine Marschälle dazu, aber wenn es sich um Mademoiselle Margot und die beiden anderen handelt, so jage ich lieber den Braunen tot, als daß ich sie verlasse. Vorwärts!“

Er schlug mit aller Gewalt auf das Pferd ein, so daß die alte Staatskarosse fast zu fliegen schien.

„Sogar meine Pistolen habe ich wieder zu laden vergessen.“

Er zog die Waffen hervor, und es gelang trotz des holprigen Weges, alle acht Läufe zu laden, so daß er eben fertig war, als sie vor dem Gasthof hielten.

Königsau sprang aus dem Wagen und trat in die Stube. Der Kutscher folgte in ganz gleicher Eile hinter ihm.

„War der Kaiser da?“ fragte der erstere.

Der Wirt saß am Tisch. Der Maire war noch da; er hatte sich eben zum Gehen angeschickt, als die beiden eintraten.

„Ja“, antwortete der Beamte in wichtigem Ton. „Seine Majestät hatten die Gnade, mich in einer wichtigen –“

„Hielten alle drei Wagen des Kaisers hier an?“ unterbrach ihn der Deutsche.

„Ja. Es waren Herren und Damen bei ihm, welche mit mir freundl –“

„Wann sind sie fort?“

„Soeben, in diesem Augenblick. Ich hatte die Ehre, ein Protokoll zu –“

„Antworten Sie mir schnell und genau. Wie viele Minuten sind verflossen, seit der Kaiser sich von hier entfernt hat?“

„Vielleicht zwei Minuten. Aber, junger Mann, wie können Sie es wagen, mit dem Maire von La Chêne in diesem Ton –“

„Papperlapapp. Ich sehe ein Protokoll in Ihrer Hand. Worüber handelt es?“

„Von einem Überfall im Wald. Der Kaiser selbst hat es mir diktiert.“

„Nun, so werden Sie auch wissen, daß ein Mann als Retter erschien –“

„Der acht Räuber erschlug? Ja“, fiel der Maire ein.

„Nun, dieser Mann bin ich. Jetzt nun befindet sich der Kaiser in allerhöchster Lebensgefahr. Haben Sie ein Pferd im Stall, Wirt?“

„Ja.“

„Heraus damit! Florian, Sie reiten es!“

Da erhob sich der Wirt erschrocken und rief:

„Mein Pferd hergeben? Ach. Fällt mir nicht ein. Wer sind Sie? Wie heißen Sie?“

„Ja, wer sind Sie, und wie heißen Sie?“ fragte auch der Maire im strengsten Amtston. „Wenn der Kaiser sich in allerhöchster Gefahr befindet, so –“

„So haben Sie zu handeln, aber nicht zu schwatzen“, fiel ihm Königsau in die Rede. „Sagen Sie, ob in Ihrem Protokoll ein Seekapitän Sainte-Marie erwähnt wird.“

„Ja. Er ist der, welcher acht Räuber erschlagen hat. Jedenfalls ist er mit der Frau Baronin auf Jeanette verwandt, denn der Kaiser hat ihn als ihren Cousin diktiert.“

„Nun, der bin ich. Draußen steht die Karosse der Baronin, welche überfallen wurde. Es befindet sich nur ein Pferd davor; mit diesem Wagen können wir den Kaiser nicht einholen, welcher am Kreuz mit den Marschällen überfallen werden soll.“

„Am Kreuz!“ rief der Wirt.

„Überfallen!“ schrie der Maire.

„Ja. Sie haben die schleunigste Hilfe zu leisten, sonst schicke ich Ihnen den Kaiser auf den Hals.“

„Um Gottes willen, nur das nicht!“ meinte der Maire. „Ich renne bereits, ich laufe, ich eile. Was soll ich tun?“

„Wer im Ort ein Pferd und Waffen hat, soll aufsitzen und unter Ihrem Kommando zum Kreuz kommen –“

„Unter meinem Kommando?“ zeterte der Maire. „Ich kann nicht kommandieren. Ich bin heiser, fürchterlich heiser.“

„Pah. Ihre Stimme ist gut, wie ich höre. Eilen Sie. Wer in einer Viertelstunde nicht am Kreuz ist, wird erschossen.“

„Gott, o Gott! Da will ich doch lieber probieren, ob ich einen erschießen kann!“

Mit diesen Worten eilte der Maire hinaus.

„Nun, wie wird's mit dem Pferd?“ fragte Königsau den Wirt.

„Muß ich's denn wirklich hergeben?“ jammerte dieser.

„Ja, ja, ohne Frage. Steht es in einer Minute nicht vor dem Tor, so jage ich Ihnen eine Kugel durch den Kopf; darauf können Sie sich verlassen.“

Er zog seine Pistole.

„Gleich, gleich. In einer halben Minute ist's da!“ rief der Wirt.

Er sprang eiligst zur Tür hinaus; Königsau rief ihm nach:

„Sie brauchen es nicht zu satteln.“

Da meinte Florian, der Kutscher:

„Wir reiten?“

„Natürlich.“

„So nehmen Sie das Pferd des Wirtes; ich nehme den Braunen. Und hier ist auch eine Waffe, die ich gut gebrauchen kann.“

Über der Tür hing nämlich ein schwerer Kavalleriesäbel aus der Zeit der Revolution. Den riß der Kutscher herab, und dann sprang er hinaus.

Auf einem Tisch lagen zwei Bündel Talglichte. Als Königsau sie bemerkte, kam ihm ein Gedanke. Draußen war es dunkel. Wie nun, wenn er sich eine Fackel bereitete? Das war jedenfalls vorteilhaft und nahm keine Zeit weg.

Von der Decke hingen einige ausgeglühte, leicht biegbare Drähte, an denen gewöhnlich die Lampen aufgehängt wurden. Er riß diese Drähte herab, nahm aus der Ecke einen dort liegenden Spazierstock, legte um den oberen Teil desselben die Lichter herum und umwickelte sie mit den Drähten.

Hinter dem Ofen stand das Zunderzeug. Mit Hilfe desselben und einer kleinen Hand voll Schießpulver war der obere Teil der so improvisierten Talglichtfackel so präpariert, daß sie mit Hilfe eines Pistolenschusses augenblicklich zum Lichterlohbrennen gebracht werden konnte.

Das alles hatte nur einige Augenblicke Zeit in Anspruch genommen. Ein rechter Mann bringt in der Zeit der Gefahr in einigen Augenblicken mehr fertig, als ein anderer in einer Stunde. Königsau vergaß sogar nicht, ein Goldstück als Ersatz auf den Tisch zu werfen; dann ging er hinaus.

Florian hatte soeben seinen Braunen abgeschirrt, auch in fliegender Eile, und stieg auf, den mächtigen Pallasch in der Faust.

Der Wirt brachte sein Pferd. Er sah den Säbel und schrie:

„Halt! Wo ist der Säbel her?“

„Er hing über der Tür“, antwortete Florian.

„Er ist mein.“

„Holen Sie ihn sich.“

Damit sprengte der wackere Kutscher davon.

Königsau riß dem Wirt das Halfter aus der Hand und schwang sich auf.

„Bekomme ich denn das Pferd wieder?“ fragte der Wirt ängstlich.

„Ja“, antwortete der Gefragte.

„Wann denn?“

„Ihre Nachbarn werden es Ihnen mitbringen.“

Damit sauste er davon.

„Aber Wort halten!“ brüllte ihm der Wirt nach.

Im Ort hörte man das Horn des Nachtwächters ertönen. Der Maire rief die streitbaren Helden zusammen, um mit ihnen zur Rettung des Kaisers auszuziehen.

Das Pferd des Wirtes war ein alter, halb steifer Gaul; aber unter der Leitung des gewandten Husarenoffiziers und seinem mächtigen Schenkeldruck flog er wie ein Araber auf der Straße dahin. In kurzer Zeit hatte Königsau seinen Kutscher erreicht.

„Vorwärts, vorwärts!“ rief er ihm zu.

„Herr, Sie werden sich den Hals brechen!“ antwortete Florian.

„Ich nicht, sondern der Gaul.“

So stürmten die beiden weiter. Florian gab sich alle Mühe, hart hinter dem Deutschen zu bleiben, aber der Abstand vergrößerte sich doch immer mehr.

Da hörte der Lieutenant Schüsse vor sich fallen. Er stieß seinem Pferd die Fersen in den Leib, daß es stöhnte, schärfer galoppieren konnte es aber nicht.

Da es dunkel war, konnte er die Schnelligkeit, mit welcher er vorwärts kam, nicht genau beurteilen. Jetzt aber bog sein Pferd um eine kurze Krümmung, da erblickte er ganz vorn den Schein der Wagenlaterne und vermochte den unregelmäßigen Lärm des Kampfes genau zu unterscheiden.

Er näherte sich, ohne daß man ihn bemerkte, und beschloß ganz ebenso zu verfahren wie vorhin. Er zügelte sein Pferd, sprang ab und band es an. Dann eilte er dem Kampfplatz näher. Er konnte bereits das Nötige erkennen.

Grouchy war von vieren umringt; er hatte sie bisher glücklich von sich abgehalten, aber sein Arm drohte zu erlahmen. Da sprang Königsau herbei.

Sein erster Schuß galt der Fackel; sie loderte augenblicklich hell empor, so daß er deutlich sehen, zielen und schießen konnte. Er sah Grouchy, Ney, den Kaiser und den Generaladjutanten im Kampf.

„Aushalten, Sire. Es kommt Hilfe!“

Mit diesen Worten jagte er dem, welcher Grouchy am meisten bedrängte, eine Kugel durch den Kopf. Dem nächsten schlug er die nun abgeschossene Pistole so in das Gesicht, daß derselbe mit eingeschlagener Nase zusammenbrach.

„Teufel! Das ist Hilfe in der Not.“

Bei diesen Worten schlug Grouchy den dritten nieder und hatte nun Zeit, den vierten mit Gemütlichkeit abzutun.

Königsau zog seine zweite Pistole und schaffte Ney Luft, indem er zwei von dessen Bedrängern niederschoß. Er warf die leere Pistole fort, riß eine dritte hervor und trat an die Seite des Kaisers. Zwei Schüsse krachten, und der Kaiser hatte keinen Gegner mehr.

„Haben Sie noch einen Schuß, Sie Braver?“ rief da Gourgaud.

„Ha, zwei.“

„Dann hierher, bitte.“

Es war, als sei Königsau prädestiniert gewesen, der Reihe nach alle vier vom Untergang zu erretten. Er schoß die zwei nieder, welche, gegen den Generaladjutanten kämpfend, ihm am nächsten standen.

Da ertönte aus dem Busch die laute Stimme des Alten:

„Nun, wenn es so geht, so soll er wenigstens auch zum Teufel fahren.“

Ein Schuß blitzte auf. Er war auf den Kaiser gezielt. Als die Flamme aus dem Rohr sprühte, sah man den Schützen ganz deutlich stehen.

Königsau dachte nicht anders, als daß der Kaiser getroffen sei. Ein fürchterlicher Grimm überkam ihn. Noch am Schluß des Rettungswerks der Kaiser ermordet, das mußte gerächt werden. Seine Fackel in der Hand, sonst keine Waffe, drang er auf den Schützen ein. Dieser wendete sich zur Flucht.

„Halt, Bursche, du wirst mein!“ rief der Deutsche.

„Noch nicht“, antwortete der Fliehende, der im eiligsten Lauf zu entkommen suchte. Der Lichtschein blendete ihn, während Königsau den Vorteil desselben hatte.

Der Fliehende hörte den Verfolger immer näher hinter sich und beschloß, ihm standzuhalten. Er blieb stehen, holte Atem und drehte sich um. Der Deutsche war kaum drei Schritte hinter ihm. Da sah der Vagabund, daß sein Gegner unbewaffnet war. Er warf seine Flinte weg, die er bis jetzt noch in der Hand gehalten hatte, zog sein Messer und rief frohlockend:

„Ah. Komm her, daß ich dich umarme!“

Er sprang auf Königsau ein, dieser aber war geistesgegenwärtig; er senkte seine Fackel und stieß den brennenden Schwalm, von welchem der glühende Talg tropfte, dem Gegner in das Gesicht und die Augen.

Der also Verwundete warf sein Messer weg und schlug beide Hände unter lautem Brüllen vor die Augen. Königsau packte ihn beim Kragen, so daß der Mann zum Stürzen kam, und kehrte im eiligsten Lauf, den Geblendeten nach sich schleppend, zu dem Kampfplatz zurück, auf welchem sich kein einziger Feind mehr befand.

„Hier“, rief er, „bringe ich den Mörder des Kaisers.“

Alle blickten auf ihn.

„Des Kaisers?“ fragte Ney erstaunt.

„Ja, er hat ihn erschossen.“

Da deutete Ney lächelnd seitwärts. Dort stand im Schatten der brave Florian mit seinem blutigen Säbel, und neben ihm – Napoleon.

„Ah! Der Kaiser ist gerettet? Ist nicht tot?“ rief Königsau.

Er hatte dem Alten beide Knie auf die Brust gesetzt, hielt in der Linken die noch brennende Fackel, mit der Rechten umspannte er die Kehle seines Gegners.

Da kam der Kaiser herbei und sagte:

„Nein, mein Braver, ich bin nicht tot. Man hat die letzte Kugel auf mich gezielt, mich aber nicht getroffen.“

„Dieser Kerl war es, Sire.“

„Ah, Sie haben ihn geholt?“

„Ja.“

„Ohne Waffe?“

„Mit der Fackel.“

„Außerordentlich! Jan Hoorn, einen Riemen. Bindet diesen Mann. Er wird uns Aufschluß geben müssen.“

Jetzt erst richtete sich Königsau auf. Der Kaiser streckte ihm die Hand entgegen.

„Nehmen Sie meine Hand, Sie tapferer junger Mann. Sie haben mich gerettet.“

„Mich auch“, sagte Ney näher tretend.

„Mich auch“, fügte Grouchy hinzu.

„Uns alle!“ machte Gourgaud den Beschluß.

Und auch diese drei Männer streckten ihm ihre Hände entgegen. Im Schlag des ersten Wagens, dessen Pferde bereits beruhigt waren, erschien ein schönes, bleiches Gesicht, in dessen Augen Freudentränen schimmerten. Oder waren es Tränen des Schmerzes?

„Ich sprach schon diesen wackeren Kutscher dort“, fuhr Napoleon fort. „Er ist uns zu Hilfe gekommen, ehe wir es merkten, und hat zwei Feinde mit seinem langen Degen erstochen, eben als sie unter dem Wagen hindurchkriechen wollten, um uns von hinten anzugreifen. Wie ist es Ihnen denn gelungen, uns zu Hilfe zu kommen, Herr Kapitän?“

Königsau errötete. Sollte er sich der Vergeßlichkeit, der Nachlässigkeit zeihen? Er antwortete:

„Sire, ich belauschte zufälligerweise heute zwei Männer, welche von Marschällen, von Geld und Überfall sprachen. Ich gab diesem Gespräch keinerlei Beachtung, da ich dachte, sie erzählten sich irgendein Ereignis –“

„Ach, ich beginne zu begreifen.“

„Ich hatte dann das Glück, Euer Majestät zu sehen, und, erst später, als ich mich mit dem Kutscher allein auf dem Rückweg befand, brachte mich der Umstand, daß der Kutscher sich in Gesellschaft zweier Marschälle befunden hatte, auf den Gedanken, daß hier von keiner Erzählung, sondern von einem wirklichen Überfall die Rede sei.“

„Ah, so. Sie eilten uns sofort zu Hilfe?“

„Ich spannte schleunigst aus, nahm für den braven Florian ein zweites Pferd und galoppierte nach. Das ist alles, Sire.“

„Nein, das ist nicht alles, mein Lieber; denn Ihr Werk begann nun erst. Wir waren hart bedrängt. Sie kamen im rechten Augenblick. Denn man ist ja nicht mit einem Waffenarsenal versehen, wie es in einem solchen Fall vonnöten wäre. Ich hatte nur einen Degen. Aber, wie viele Feinde haben Sie getötet, Kapitän?“

„Ich glaube sieben.“

„Sieben und erst acht. Sie sind ein wahrer Bayard. Sie bleiben natürlich jetzt an meiner Seite. Ah, was ist das?“

In der Ferne ließ sich starkes Pferdegetrappel hören, und bald sah man auch eine Anzahl beweglicher Lichter funkeln.

„Verzeihung, Sire“, sagte Königsau, „das ist der Maire von La Chêne.“

„Was will er?“

„Ich befahl ihm, sämtliche Recken und Helden des Ortes zu versammeln, um seinem Kaiser zu Hilfe zu kommen; er solle erschossen werden, wenn er binnen einer Viertelstunde nicht auf dem Kampfplatz erschienen sei.“

Da lachte Napoleon laut auf, was bei ihm eine außerordentliche Seltenheit war. Auch die Offiziere stimmten fröhlich ein; doch meinte der Kaiser dann ernst:

„Ich danke Ihnen, Kapitän. Man sieht, wie umsichtig Sie verfahren. Ich bin überzeugt, daß Sie ein ausgezeichneter Offizier sein würden. Diese Helden und Ritter würden uns von großem Nutzen sein, wenn der Kampf nicht bereits glücklich zu Ende wäre.“

„Sie werden uns auch jetzt noch von Vorteil sein, Sire“, meinte Ney.

„Inwiefern?“

„Noch sind unsere Geschirre nicht in Ordnung. Tote und Verwundete liegen hier, ein Gefangener ist zu transportieren –“

„Ach ja; man lasse sie herbeikommen.“

Jetzt waren die Bürger auf Sprachweite herangekommen; sie konnten natürlich den Schein der Wagenlichter sehen. Da ertönte die Stimme des Maire:

„Halt. Im Namen des Gesetzes.“

„Was gibt es?“ antwortete Gourgaud.

„Seid Ihr etwa die Marodeurs?“ fragte der Maire.

„Nein.“

„Sind Sie der Kaiser?“

„Nein.“

„Ah, so sind Sie der Herr Kapitän de Sainte-Marie?“

„Auch nicht. Ich bin der Generaladjutant des Kaisers.“

„Oho! Wie heißen Sie?“

„General Gourgaud.“

„Das stimmt. Ist der Kaiser dort?“

„Ja. Er befiehlt Ihnen, sofort näher zu kommen!“

„Wird noch geschossen?“

„Nein.“

„Garantieren Sie dafür?“

„Ja.“

„Nun gut, so kommen wir. Vorwärts! Marsch! Trab, trab!“

Die Leute setzten ihre Pferde in Trab. Da nicht mehr geschossen wurde, hatte der brave Maire Mut bekommen. Er ritt voran. Er sah im Schein von Königsaus nun bald ausgebrannter Fackel den Kaiser stehen. Er lenkte sein Pferd im Trab auf denselben zu, um seine Meldung in möglichst militärisch exakter Weise zu machen. Die Rechte an dem Mützenschirm und in der Linken das Halfter, rief er:

„Sire, ich melde mich –“

Sein Pferd stolperte über eine gerade hier im Weg liegende Leiche und brach auf die Knie nieder. Da glitt der mutige Vater des Ortes über den Hals des Tieres herab, setzte sich auf den Teil seines Körpers, in welchem gewöhnlich die wenigste Geistesgegenwart zu finden ist, und fuhr in seinem Bericht fort:

„– – – eingetroffen mit zweiundzwanzig Mann.“

Seine Untergebenen hielten seine demütige Bewegung für eine Notwendigkeit der Etikette und machten bereits Anstalt, in der gleichen Weise von den Pferden zu rutschen, obgleich sie im stillen sich fragten, ob sie es so natürlich und exakt fertig bringen würden wie ihr Bataillonschef; da aber winkte der Generaladjutant und rief, das laute Lachen verbeißend:

„Richtig absteigen, Messieurs, richtig absteigen!“

Diesem Befehl folgten sie natürlich lieber als dem Beispiel ihres Zivilvorgesetzten, welcher sich soeben glorreich von der Erde erhob, seine herabgefallene Mütze wieder aufsetzte und dann seine Honneurs wiederholte.

Der Kaiser hielt seine Augen lange auf ihn gerichtet, ohne eine Miene zu verziehen. Wer ihn kannte, der wußte, daß dieser Ernst nur das äußere Gewand war, unter welchem der Schalk lustig kicherte.

„Monsieur, Sie werden ein zweites Protokoll zu schreiben haben“, sagte er endlich.

„Ich stehe untertänigst zu Diensten“, sagte der Maire.

„Sehen Sie, was hier geschehen ist?“

„Ich sehe es, Sire.“

Bei diesen Worten trat er einen Schritt zur Seite, denn ein Toter, dessen Gesicht nach oben gekehrt war, schien ihn drohend anzugrinsen.

„Man hat mich, den Kaiser, überfallen.“

„Ein totwürdiges Verbrechen, Majestät.“

„Die Leute sind getötet worden. Nur einer lebt. Dort bei meinem Kutscher liegt er gebunden. Man wird ihn verhören.“

„Ich lege ihn auf die Folter, Sire.“

„Es ist bereits heute beschlossen worden, meine Marschälle zu überfallen. Die Untersuchung muß erweisen, ob eine einfache Räuberei oder vielleicht ein tiefergehendes Komplott zugrunde liegt.“

„Ich werde das Komplott entdecken, Sire.“

„Sie? Sie werden nichts entdecken. Sie sind weder ein Held des Geistes, noch des Schwertes. Ich werde die Untersuchung in andere Hände legen. Doch haben Sie morgen vormittag acht Uhr auf dem Meierhof Jeannette bei mir zu erscheinen, um das Protokoll in die Feder zu nehmen.“

„Ich werde bereits drei Viertel vor acht dort sein, Sire.“

„Übrigens danke ich Ihnen, daß Sie so schnell auf dem Kampfplatz erschienen sind. Jeder Ihrer Leute hat eine Laterne mit – ah! Wer hat das angeordnet?“

„Ich selbst, Sire.“

Bei diesen Worten warf sich der Gefragte ganz gewaltig in die Brust.

„Weshalb?“

„Weil man da besser sieht, wohin man haut.“

„Ein sehr triftiger Grund, mein Guter.“

„Ja, Sire. Und weil man auch besser sieht, ob er wirklich tot ist.“

„Wer?“

„Der, mit dem man kämpft.“

Die Marschälle wandten sich ab. Sie mußten sich alle Mühe geben, um das Lachen zu verbeißen. Der Kaiser aber blieb ernst und sagte in freundlichem Ton:

„So recht! Ein Vorgesetzter muß seinen Untergebenen alle Pflichten erleichtern, besonders wenn sie so schwer und blutig sind wie diejenige, welche heute von ihnen erfüllt werden sollte. Verstehen Sie mit Wagen umzugehen?“

„Ausgezeichnet.“

„So setzen Sie vor allen Dingen unsere Wagen und Geschirre instand. Dann säubern Sie die Straße von den Leichen und nehmen den Gefangenen scharf in Obhut, den Sie mir morgen früh bringen müssen.“

Jetzt wendete sich der Kaiser ab. Er sah Königsau in der Nähe, bei dem die Offiziere standen, um ihm abermals Worte des Dankes zu sagen.

„Sind Sie verwundet, Kapitän?“ fragte Napoleon.

„Nein, Majestät“, lautete die Antwort.

„Wunderbar! Ich glaube, daß keiner von uns nur geritzt worden ist.“

„Keiner!“ bestätigte Grouchy.

„So haben wir von einem großen Glück zu sagen. Lassen Sie uns vor allen Dingen nach unseren Damen sehen.“

Er trat zu seinem Wagen. Wie gern wäre Königsau an seine Stelle getreten! Dies ging aber nicht an. Und da die beiden Marschälle auch zu ihren Wagen zurückkehrten, so beschäftigte er sich damit, seine in der Hitze des Kampfes fortgeworfenen Pistolen wieder zu suchen.

DRITTES KAPITEL 

Napoleons letzte Liebe

Ney traf die Baronin in ganz gefaßter Stimmung. Sie war zwar anfangs tödlich erschrocken, hatte aber dann die Augen geschlossen und in Ergebenheit den Erfolg abgewartet, der glücklicherweise ein guter war.

Ebenso war es mit Frau Richemonte. Ihr Schreck war kein geringer gewesen; als Grouchy den Wagen verlassen hatte, war sie ihn Ohnmacht gesunken, aber das Getöse des Kampfes hatte sie wieder aufgeweckt. Königsau war ihr dann wie ein rettender Engel erschienen. Jetzt, da der Marschall sie nach ihrem Befinden fragte, gab sie nur den Wunsch zu erkennen, zu wissen, wie ihre Tochter die Gefahr überstanden habe.

Bei dieser war es anders. Als der Kaiser an den Wagen trat, sagte er: „Mademoiselle, ich bedaure diesen Vorfall außerordentlich. Darf ich fragen, wie Sie sich befinden?“

„Oh, ich bin sehr schwach, Sire!“ hauchte sie.

„Ah! Jan Hoorn, frage die Damen nach einem Flakon!“

„Das wird nicht genügen, Majestät!“ sagte Margot leise.

„Nicht? Warum, Mademoiselle?“

„Ich glaube, ich bin verwundet.“

„O mein Gott, ist's möglich! Jan Hoorn, eine Laterne! Schnell, schnell!“

Der Kutscher riß die Wagenlaterne herab. General Gourgaud nahm sie ihm ab und leuchtete von drüben in den Wagen, während Napoleon von hüben den Schlag öffnete, um nachzusehen, ob sie recht habe.

Ja, da lag sie in der Ecke, bleich wie der Tod. Von ihrer Schulter floß ein Blutstrom über die Brust herab bis in den Schoß und von da dann weiter nieder auf den Boden des Wagens.

„Gott, sie hat einen Schuß erhalten!“ rief der Kaiser. „Wann ist das gewesen?“

„Der letzte, Sire, welcher Sie treffen sollte“, hauchte sie.

„Er ging an mir vorüber und in den Wagen. Was tun wir, General?“

Napoleon war außer sich, ganz ratlos.

„Wäre es nicht ratsam –“

Das wollte der Generaladjutant antworten; Margot aber bat:

„Bitte, Mama her!“

Da lief der Kaiser selbst zu Grouchys Wagen. Dieser wollte denselben eben verlassen, um sich nach Margots Befinden zu erkundigen. Frau Richemonte sah den Kaiser kommen. Brachte er etwa eine schlimme Botschaft?

„Ach, mein Gott, Sire, ist etwas geschehen?“ fragte sie.

„O Madame, man muß noch nicht verzagen!“ antwortete er.

Es ging ihm, wie so vielen großen Männern: In solchen Verhältnissen sind sie ungeschickt wie die Kinder. Anstatt die Mutter zu beruhigen, machte er die Sache noch schlimmer, als sie eigentlich war.

„Nicht verzagen? O Sire, was ist mit Margot?“ rief Frau Richemonte.

„Es ist ja nur die Kugel, welche mich treffen sollte –“

„Getroffen ist mein Kind?“

„Ja, Madame. Zwar schwimmt der ganze Wagen von Blut, aber –“

„O mein Kind, meine Tochter! Ich komme!“

Sie sprang aus dem Wagen, schob den Kaiser einfach zur Seite und eilte davon.

Napoleon blickte Grouchy erstaunt an.

„Haben Sie gesehen, Marschall?“ fragte er ganz betroffen.

„Allerdings“, antwortete dieser lächelnd.

„Und ich habe es ihr doch so zart wie möglich beigebracht.“

„Zart zur Bewunderung, Sire!“

„Ich habe sie so vorsichtig darauf vorbereitet.“

„Höchst vorsichtig, Majestät.“

„Und doch war sie wie im Fieber! Oh, diese Frauen! Besonders die Mütter!“

„Ja. Die Töchter pflegen sanfter zu sein, Sire.“

„Gewiß, gewiß, lieber Marschall. Wie zart lag diese Margot im Wagen! Wie sanft sagte sie, daß sie verwundet sei! Aber diese Mütter! Sie sind wie die Löwinnen! Sehen Sie, da bricht noch eine aus dem Käfig.“

Er sah mit Schreck, daß jetzt auch die Baronin ihren Wagen verließ.

„Auch diese will nach ihr sehen“, sagte er. „Ein Arzt wäre besser als zehn Mütter, meinen Sie nicht auch, Marschall?“

Diese Frage war an Ney gerichtet, welcher bestürzt herbeitrat.

„Allerdings, Sire“, antwortete er. „Ist die Dame verwundet?“

„Ja, leider! Die letzte Kugel, welche auf mich gezielt war, hat sie getroffen.“

„Welch ein Unglück! Ist die Wunde schwer?“

„O mein Gott, der Wagen schwimmt!“ antwortete der Kaiser.

„Da sollte man sofort aufbrechen –“

„Ja, sofort aufbrechen!“ stimmte der Kaiser bei.

„Oder sofort einen Boten fortjagen nach dem Arzt“, meinte Grouchy.

„Ja, einen Boten schleunigst fort, nach dem Arzt“, sagte der Kaiser.

Die großen Kriegshelden wußten hier, der Kaiser selbst an der Spitze, keinen Rat, nur weil eine Dame die Verwundete war.

„Jan Hoorn, einen Eilboten nach dem Chirurgen!“ befahl der Kaiser.

„Wohin, Sire?“ fragte der treue Kutscher.

„Dahin, wo am schnellsten einer zu finden ist!“

„Um Gottes willen, Sire“, meinte Ney. „Ehe der Chirurg kommt, kann sie sich verblutet haben. Sofort muß man nach Jeannette aufbrechen.“

„Jan Hoorn, sofort aufbrechen, nach Jeannette“, gebot der Kaiser.

Der Kutscher stand wirklich im Begriff, aufzusteigen und fortzufahren, ohne sich darum zu bekümmern, wie es im Wagen aussah, wer auf den Tritten desselben stand und wo sein Kaiser blieb; da aber erschien ein Retter in der Not.

Königsau war es. Er hatte seine Pistolen gesucht und war dann mit Florian in die Büsche gegangen, um die Flinte zu suchen, welche sein Gefangener weggeworfen hatte. Jetzt kehrte er zurück.

Als Frau Richemonte zu ihrer Tochter gekommen war, hatte sie der Schreck bei dem Anblick desselben beinahe zu Boden gerissen. Aber sie faßte sich mit Gewalt, ergriff der Verwundeten Hand und sagte, die Tränen zurückdrängend:

„Kind, mein gutes Kind, ist es gefährlich?“

„Ich glaube nicht, liebe Mama“, lispelte Margot.

„Nicht? Gott sei Dank! Wo bist du getroffen?“

„Vorn an der Schulter oder Achsel; ich weiß es nicht, wie man es nennt.“

„Tut es weh?“

„Nein, gar nicht. Aber ich bin sehr müde; ich möchte schlafen.“

„Laß es mich sehen.“

Sie stieg in den Wagen, um die Wunde zu untersuchen. Da kam die Baronin hervor. Diese war gefaßter und also geschickter zur Hilfe. Aber das Blut floß so reichlich, daß die Wunde auf diese Weise nicht untersucht werden konnte.

„Um Gottes willen, was tun wir?“ fragte Frau Richemonte. „Hörst du, liebe Cousine, man will fortfahren.“

„Wo ist Hugo?“ flüsterte die Verwundete.

„Hugo? Ja. Willst du ihn haben?“

„Ja, Mama. Er kennt die Wunden.“

„Aber, Kind – ein Herr!“ meinte die Baronin.

„Er ist mein Verlobter. Lieber soll er mich ansehen, als der Kaiser.“

Das wurde in zwar schwachem, aber sehr bestimmtem Ton gesprochen. Darum trat die Baronin zurück und blickte sich um. Sie sah den Lieutenant eben näher treten und rief, ihrer Rolle als seine Verwandte treu bleibend:

„Lieber Cousin, bitte! Ihre Hilfe wird gebraucht.“

„Hilfe?“ fragte der Kaiser den Marschall Ney. „Ist der Kapitän auch Arzt?“

„Wohl möglich, Sire! Ein Seemann muß oft sehr viel verstehen.“

„Wozu meine Hilfe?“ fragte Königsau.

„Es gibt eine Verwundete.“

„Eine Verwundete? O mein Gott, doch nicht etwa –“

Er hätte im ersten Schreck fast den Namen Margots genannt, doch nahm er sich zusammen und trat an den Wagen, wo ihm Frau Richemonte Platz machte.

Es war den beiden Damen noch nicht eingefallen, den Überwurf zu entfernen, welcher um Margots Schultern lag. Königsau tat dies sofort; die Baronin mußte leuchten. Als er die Heißgeliebte so bleich und schwach in den Kissen liegen sah, wurde es ihm angst und bange. Das Blut floß noch immer.

„O meine Margot“, sagte er, ihr schwaches Händchen ergreifend. „Hast du Schmerzen?“

„Nein, lieber Hugo“, flüsterte sie mit einem himmlischen Lächeln und einem unendlich sanften, milden Aufschlag ihrer Augen.

„Es ist ein Schuß.“

„Ja, der letzte.“

„Welcher den Kaiser treffen sollte?“

„Ja, Hugo.“

„So ist es noch nicht lange her, Gott sei Dank! Darf ich nachsehen?“

„Ich bitte dich darum.“

Er betrachtete die Wunde sehr sorgfältig und sagte dann, um vieles beruhigter:

„Bitte, Ihre Taschentücher, meine Damen. Es ist nur ein Streifschuß, aber die heftige Blutung hat die Patientin sehr geschwächt. Ich werde einstweilen einen Notverband anlegen, um das Blut möglichst zu stillen.“

„Es ist also nicht gefährlich?“ fragte Frau Richemonte.

„Nein“, antwortete er.

„Aber wohl sehr schmerzhaft?“

„Ihre Kräfte werden reichen, es auszuhalten.“

„Oh, ich danke Ihnen, lieber Hu – – – lieber Herr Kapitän.“

Sie wäre bald an dem Geheimnis zum Verräter geworden.

Unterdessen hatten die Helden und Recken von La Chêne die Wagen wieder instand gesetzt. Die zerbrochenen Deichseln waren verbunden, das zerrissene Riemenwerk fürs erste wieder haltbar gemacht, und statt der verwundeten oder getöteten Pferde andere eingeschirrt worden. Auch die Seile hatte man entfernt und die Leichen zur Seite geschafft. Wäre die Verwundete nicht gewesen, so hätte man aufbrechen können.

Da endlich verließ Königsau den Wagen und kam auf den Kaiser zu.

„Ich sehe, daß Sie auch Arzt sind, Kapitän?“ fragte dieser.

„Nicht Arzt, Sire“, antwortete er bescheiden, „obgleich ich so leidlich verstehe, den ersten Verband an eine Wunde zu legen.“

„Wie ist's? Doch nicht gefährlich, hoffe ich.“

„Bis jetzt nicht, aber durch allzu starken Blutverlust kann Gefahr eintreten.“

„Ah! Was tun wir? Kommen wir bis Jeannette?“

„Sofort nicht. Es muß vorher ein sorgfältigerer Verband angelegt werden, als es im Wagen und unter den gegenwärtigen Umständen möglich war.“

„Aber, was raten Sie uns da, Kapitän?“

„Es befindet sich unweit von hier eine Schenke, Sire –“

„Gut. Sie meinen, daß wir dort haltmachen.“

„Ja.“

„Was für ein Mann ist der Wirt?“

„Es ist nur eine Wirtin mit ihrer Tochter dort, arme, aber brave Personen, wie es mir schien.“

„Sie kennen sie?“

„Nein. Ich war erst einmal dort. Heute am Nachmittage.“

„So versuchen wir es, Kapitän. Aber, wie fortkommen, meine Herren.“

„Ich borge mir von diesem guten Maire von La Chêne ein Pferd“, meinte der Generaladjutant.

„Und ich ebenso“, meinte Marschall Ney. „So erhalten Majestät Platz in meinem Wagen.“

„Aber unser tapferer Arzt und Kapitän?“

„Ich muß bei der Patientin bleiben, Sire.“

„Recht so. Immer am Platz seiner Pflicht. Und Madame Richemonte?“

„Darf ich nicht bei meiner Tochter sein?“ wendete diese sich an Königsau.

„Madame, denken Sie an das Blut“, meinte dieser.

„Ich lade die beiden Damen zu mir ein“, sagte Marschall Grouchy.

Somit hatte ein jeder seinen Platz gefunden. Nur der brave Florian war nicht mit erwähnt worden. Er wußte sich aber selbst zu helfen. Er trat an den kaiserlichen Wagen und sagte zu Jan Hoorn:

„Nicht wahr, Kamerad, Sie haben sich brav gewehrt?“

„Ja, sogar mit der Peitsche.“

„Nun, so werden Sie einen wackeren Kollegen nicht auf der Straße sitzen lassen.“

„Nein, steigen Sie auf. Wohin gehören Sie?“

„Nach Jeannette.“

„Ach ja. Der Kaiser bleibt dort, folglich ich auch. Das wissen Sie bereits.“

„Ja, und so hoffe ich, daß Sie ein Glas Wein mit mir leeren werden.“

„O gewiß, mit braven Kameraden trinkt man gern.“

Napoleon war zu den Helden von La Chêne getreten. Sie bildeten eine lange Reihe, die Pferde in der Linken am Halfter hinter sich und in der Rechten die Laterne, so boten sie einen eigentümlichen Anblick dar.

„Nun, Messieurs“, sagte der Kaiser, „Sie haben mir einen Dienst erwiesen. Ich danke Ihnen. Auf dieser Straße soll, so lange ich regiere, kein braver Bürger wieder angefallen werden. Gute Nacht!“

„Ruft alle vive l'Empereur!“ befahl jetzt der Maire.

„Vive l'Empereur!“ brüllten die anwesenden Dorfbewohner.

„Schwingt die Laternen. Hoch aber!“

Sie schwangen die Laternen, daß diese zusammenklirrten.

„Er hat gute Nacht gesagt, schreit auch gute Nacht!“

„Gute Nacht!“ riefen sie.

Und unter diesem Laternengeprassel, diesen ‚Vive l'Empereur und Gutenacht‘-Schreien setzte sich der kurze Wagenzug in Bewegung, dieses Mal aber langsam. Der Kaiser war mit seinen Marschällen der Gefahr entgangen, welche ihnen gedroht hatte. Eine einzige hatte büßen müssen.

Sie lag drin im Wagen, matt und bleich. Aber sie ruhte nicht in den seidenen Kissen, sondern in den viel süßeren und weicheren Armen des Geliebten.

„Meine Seele, schläfst du?“ flüsterte er.

„Nein, mein Hugo.“

„Hast du Schmerzen?“

„Gar nicht.“

„Glut oder Frösteln?“

„Nein. Ich bin so glücklich.“

„Ja, ich kenne das. Es ist der Beginn jenes unendlichen Glückes, welches das entfliehende Leben uns empfinden läßt. Es ist, als habe man Schwingen, welche einen in eine Unendlichkeit von seliger Luft und Wonne tragen. So fliegt man fort und immer weiter, mit den entschwindenden Lebensgeistern, bis der Körper zurückbleibt, starr, tot, verlassen von der Seele, welche den kühnen Flug unternommen hat, hinein in die Ewigkeit.“

„Du denkst, ich sterbe, Hugo?“

„O nein. Du wirst leben, noch lange leben und glücklich sein.“

„Aber nur bei dir und mit dir.“

Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Er strich leise, leise mit der Hand über ihre Wangen und über die Fülle ihres schönen Haares. Er saß neben ihr und achtete nicht darauf, daß er in ihrem Blut saß.

„So fahren wir im kaiserlichen Wagen“, sagte sie leise.

„Aber einer besseren Zukunft entgegen als er.“

„Glaubst du das?“

„Ja. Ich weiß, daß wir Deutschen siegen werden. Er ist zu schnell zurückgekehrt. Man wird den großen Adler wieder fangen, man wird seine Krallen beschneiden und seine Schwingen in Fesseln legen, welche er nicht wieder zerreißen kann. Der, welcher der Welt jahrzehntelang Gesetze gab, wird wie Prometheus angeschmiedet werden, ohne Hoffnung auf Erlösung.“

„Wie grausam. Er ist doch auch ein Mensch.“

„Ja, ein Mensch heute auch gegen dich.“

„Hugo.“

„Margot!“

„Bist du eifersüchtig, mein Lieber?“

„Nein. Ich weiß, daß ich dir teurer bin als alle Kaiser der Welt.“

„Das weißt du? Das glaubst du?“

„Ja.“

„Oh, wie macht mich das glücklich. Denn was du glaubst, das ist auch wahr.“

„So laß uns dieses Glück festhalten, so wie ich dich in meinen Armen halte.“

Sie schmiegte sich so innig, wie es ihre geschwächten Kräfte erlaubten, an ihn, und ihre Lippen fanden sich zu einem leisen, aber langen Kuß.

Da hörte man die Stimme Florians:

„Hier ist das Haus der Witwe Marmont, wo wir halten sollen.“

Die Wagen hielten an, und Hugo stieg aus. Sofort kam der Kaiser heran.

„Wie geht es, Kapitän?“ fragte er.

„Der Verband hat bis hierher gehalten, Sire“, antwortete der Gefragte.

„Hier kann ein besserer aufgelegt werden?“

„Ja.“

„Dann können wir nach Jeannette fahren?“

„Ich hoffe, daß die Patientin es aushalten wird.“

„Hält sie es nicht aus, so bleibe ich mit hier.“

„Majestät!“

„Pah! Was?“ fragte Napoleon kurz.

„Dieses Opfer!“

„Opfer? Was wollen Sie? Hat sie nicht die Kugel erhalten, welche mir gegolten hat? Bin ich ihr nicht Aufmerksamkeit schuldig? Allerdings ist sie schön, unendlich schön. Ich sah noch nie so ein Weib. Da gibt es kein Opfer.“

„So erlauben Sie, Sire, daß man die Verwundete in das Haus trägt.“

„Wer wird es tun?“

„Die beiden anderen Damen. Ich werde sie zu stützen versuchen.“

„Das werde ich selbst tun, Kapitän“, meinte der Kaiser mit einer Art von Eifersucht im Ton. „Zunächst aber muß man mit der Wirtin sprechen.“

„Ich eile, dies zu tun.“

„Ah, pah! Ich werde auch das selbst besorgen.“

Er schritt wirklich auf die Tür des Häuschens zu und trat in die Stube, wo die Mutter mit der Brille auf der Nase beim Schein eines Lämpchens saß und die hübsche Tochter sich gerade anschickte, hinauszugehen, um nach dem Begehr der Gäste zu fragen, deren Kommen man bemerkt hatte.

Als Napoleon eingetreten war, fuhr das Mädchen mit einem halblauten Schrei zurück. Die Mutter blickte vom Buch auf und erhob sich. Der Kaiser grüßte und fragte in mildem Ton:

„Warum erschrickst du vor mir, mein Kind? Fürchtest du dich?“

Sie antwortete nicht.

„Ich fragte, warum du erschrickst?“

„O, Mutter“, antwortete sie, auf den Kaiser deutend.

„Kennst du mich, mein Kind?“ fragte er.

Da faßte sie sich ein Herz und antwortete:

„Ich weiß nicht, ob ich mich irre.“

„Nun, wer, denkst du, daß ich bin?“

Da zeigte sie an die Wand, wo das Bild des Generals Bonaparte hing, wie er die Brücke bei Lodi verteidigt.

„Sind Sie das?“ fragte sie.

„Ja, ich bin es.“

Da schlug sie die Hände zusammen und rief jubelnd aus:

„Mutter, o Mutter, der Kaiser!“

„Der Kaiser?“ fragte die Frau. „Nein, das ist nicht möglich, der Kaiser kommt nicht in dieses Haus, in diese kleine, armselige Stube.“

„Und doch bin ich es, Mutter“, sagte er; „ich bin Napoleon, euer Kaiser.“

Da trat die Frau näher herbei, betrachtete ihn aufmerksam und sagte:

„Ja, Berta, das ist er; das ist unser Kaiser! So hat dein Vater ihn mir beschrieben.“

„Der Vater dieses Mädchens? Ihr Mann? Wer war er? Wie hieß er?“

Auf diese Frage antwortete die Frau:

„Oh, mein Kaiser, Sie kennen ihn; Sie müssen ihn kennen, Jacques Marmont.“

„Jacques Marmont? Es gibt der Marmonts viele.“

„Er war mit bei der Belagerung von Toulon, dann unter Defaix bei der Rheinarmee; er kämpfte bei Lodi, Castiglione, St. Georges, in Ägypten, bei Marengo, Castelnuovo und Ragusa, bei Wagram und in Spanien. Dann wurde er verwundet und kehrte zurück.“

„Ah, war es jener Marmont, welcher Soult bei Badajoz das Leben rettete?“

„Ja, ja, Sire, das war er!“

„Wie ging es ihm?“

„Nicht gut. Seine Narben brannten. Er kaufte dieses Haus, um hier auszuruhen. Er fand die Ruhe bald, denn er wurde ermordet.“

„Ermordet? Von wem?“ fragte der Kaiser, die Brauen zusammenziehend.

„Von Marodeurs.“

„Wo?“

„Hier im Wald.“

„Ach. Wieder einer. Sie sollen das büßen. Ich werde für Euch sorgen. Auch ich bin soeben da vorn im Wald überfallen worden.“

„Sie, Sire?“ rief die Frau erschrocken.

„Ja, ich! Von Marodeurs!“

„Gott! Sie wagen sich an den Kaiser!“

„Sie werden es nicht mehr wagen. Es sind viele gefallen, und die übrigen werde ich ausrotten bis auf auf den letzten Mann. Es ist eine Dame dabei verwundet worden. Sie soll hier bei Ihnen verbunden werden. Erlauben Sie, daß man die Arme zu Ihnen bringe?“

„Mein Häuschen und alles, was ich besitze, ist Ihr Eigentum, Sire. Ich gehe selbst, die Dame mit hereinzubringen. Komm, Berta.“

Sie schritt mit ihrer Tochter hinaus. Nun war die Hilfe des Kaisers nicht nötig. Hugo hatte Margot bereits aus dem Wagen gehoben; sie wurde von den beiden Damen und der Wirtin nebst ihrer Tochter nach der Stube halb geführt, halb getragen. Napoleon trat zu Königsau und fragte ziemlich barsch:

„Die Kranke scheint sich erholt zu haben?“

Der Gefragte ahnte, was Napoleon wollte; er antwortete:

„Ich hoffe, nach einem besseren Verband wird sie sich wohler befinden.“

„Sie ist selbst aus dem Wagen gestiegen?“

„Nein.“

„Man hat ihr geholfen? Man hat sie unterstützt?“

„Allerdings.“

„Wer ist das gewesen?“

„Ich, Sire.“

„Sie? Ich hatte Ihnen verboten, es zu tun.“

„Sie bat mich darum, Sire.“

„Mein Befehl pflegt zu gelten.“

Königsau verneigte sich, ohne zu antworten. Der Kaiser fuhr fort:

„Wer wird den jetzigen Verband anlegen?“

„Ich.“

„Gut, Kapitän. Aber ich werde dabeisein.“

„Ich kann nicht widersprechen, Sire.“

„Kommen Sie.“

Er schritt voran, und Königsau folgte ihm. Die Offiziere waren auch ausgestiegen, traten aber nicht mit in das Haus. Es war ganz so, als ob eine Fürstin in dem kleinen Häuschen weile, dessen Schwelle nun nicht überschritten werden dürfe.

Als Königsau eintrat, hellte sich der Blick Margots auf. Als sie aber den Kaiser bemerkte, verdüsterte er sich augenblicklich wieder. Sie hatte während der kurzen Fahrt doch wohl zu viel mit dem Geliebten gesprochen; sie fühlte sich matter als vorher. Sie lag auf einem einfachen Ruhebett; ihre Mutter und die Baronin waren um sie beschäftigt. Die Wirtin stand mit ihrer Tochter entfernt. Beide hatten ihre Blicke auf das wunderschöne Mädchen gerichtet.

Es war eigentümlich, mit welchem Ausdruck die Augen Bertas auf Margot ruhten. Es spiegelte sich darin Bewunderung und Furcht, Mitleid und Haß.

Da trat der Kaiser näher, faßte die Hand der Verwundeten und sagte:

„Wie fühlen Sie sich jetzt, meine Teure?“

„Sehr, sehr matt, Sire.“

„Sollte man da nicht mit dem zweiten Verband warten?“

Margot richtete den Blick fragend auf Königsau; darum antwortete dieser in seinem bescheidenen Ton:

„Der erste Verband war ein Notverband, Sire; er ist ungenügend.“

Da wendete sich der Kaiser ihm zu. Aus seinem Auge leuchtete es wie eine tiefe Leidenschaft, und er sagte in kaltem, abweisenden Ton:

„Ich sprach mit Mademoiselle. Ihre Antwort werde ich mir befehlen.“

Königsau verbeugte sich stumm. Der Kaiser wendete sich an die Mutter der Patientin, welche ganz erschrocken war, und sagte:

„Wünschen auch Sie, daß ein Verband angelegt werde?“

„Ich bitte darum, Sire“, antwortete sie fast furchtsam.

„So mag der Kapitän beginnen; aber ich selbst werde dabeisein.“

Es lag klar, daß der Kaiser eifersüchtig war. Er kreuzte die Arme über die Brust, wie er es zu tun pflegte, wenn ihn irgend etwas mehr als gewöhnlich bewegte, und stellte sich so, daß er die Prozedur genau betrachten konnte.

Königsau blieb an seiner Seite stehen, ohne sich zu bewegen.

„Beginnen Sie, Kapitän“, befahl Napoleon.

Königsau zuckte die Achseln und rührte sich nicht. Da leuchteten die Augen des Kaisers gebieterisch auf; er machte eine halbe Wendung und fragte:

„Haben Sie gehört?“

Da wendete sich Königsau mit der Frage an Margot:

„Mademoiselle, befehlen Sie, daß ich Sie in Gegenwart eines dritten verbinde?“

„Eines dritten?“ brauste da der Kaiser auf. „Wer ist dieser dritte?“

„Sie, Sire“, antwortete Königsau ruhig.

Er hielt den flammenden Blick des Kaisers standhaft aus, ohne mit der Wimper zu zucken. Dieser verließ seinen Platz, stellte sich vor ihn hin und sagte:

„Monsieur, ich bin der Kaiser!“

Königsau verbeugte sich tief, aber er antwortete:

„Majestät, nur der Gemahl pflegt in solchen Fällen bei der Dame zu verweilen. Oder haben Sie die Absicht, Mademoiselle Richemonte zu jenen Damen zu rechnen, die man wohl betrachtet, von denen man aber nicht spricht?“

„Monsieur!“ rief der Kaiser, mit dem Fuß auf den Boden stampfend.

Frau Richemonte und die Baronin waren erbleicht; sie waren keines Wortes fähig. Die Wirtin staunte ebenso wie ihre Tochter den jungen Mann an, der es wagte, dem gewaltigen Korsen zu widerstehen. Margot lag mit geschlossenen Augen da, mehr einer Leiche als einer Verwundeten ähnlich.

Königsau antwortete auf das Fußstampfen abermals mit einer sehr tiefen Verneigung und fügte dann lächelnd hinzu:

„Sire, keiner weiß so genau wie ich, daß ich eine Majestät vor mir habe: die höchste Majestät eines reinen, keuschen und züchtigen Weibes. Und liebte ich eine Braut, ein Weib mit allen Gluten meines Herzens, ich würde doch auf ihren Besitz verzichten, wenn ein fremdes Auge auf ihr geruht hätte zu einer Zeit, in welcher nur das Auge des Geliebten oder des Arztes zugegen sein darf. Ich würde verzichten selbst dann, wenn dieses fremde Auge dasjenige eines Kaisers wäre. Kein Bettler und kein Kaiser hat das Recht, einem reinen Wesen, weil es augenblicklich wehrlos ist, das hinwegzustehlen, was diese Wesen, wenn es sich stärker fühlte, tapferer verteidigen würde als ein Königreich.“

Es lag etwas in der Art und Weise des Deutschen, was selbst Napoleon imponierte. Er trat einen Schritt zurück und antwortete:

„Monsieur, Sie sprechen sehr verwegen!“

„Genau so, wie ich handelte, als es galt, Ihr Leben zu verteidigen.“

„Ah!“

Es lag in diesem knirschend hervorgestoßenen Laut eine ganze Welt von gewaltsam zurückgedrängten Empfindungen. Das war ganz der Korse, der am liebsten zum Dolch gegriffen hätte.

„Monsieur“, sagte er. „Sie haben mir Ihre Tat vorgeworfen und vorgerechnet, wir sind also quitt. Sie können gehen.“

„Ich werde gehen, sobald es hier niemanden mehr gibt, der meiner Hilfe bedarf.“

„Ich befehle es Ihnen!“ stampfte der Kaiser.

Der Deutsche sah ihn ruhig vom Kopf bis zu den Füßen an und sagte lächelnd:

„Majestät, haben Sie über dieses Leben zu gebieten? Ist Mademoiselle Richemonte Ihr Weib oder Ihre Braut? Selbst in diesen beiden Fällen dürften Sie es nicht wagen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Sie sind hier Mensch, und ich bin Arzt; selbst wenn Sie hier Kaiser wären, würde ich als Arzt zu befehlen haben.“

Da warf ihm Napoleon einen vernichtenden Blick zu und sagte:

„Ich werde Sie hinausbringen lassen.“

Da schüttelte Königsau den Kopf so stolz und verächtlich, wie ein Löwe seine Mähne. Dann sagte er:

„Und ich werde einen jeden niederschießen, der es wagt, mich zu entfernen, bevor ich freiwillig gehe.“

„Ah! Auch mich?“

„Jeden, ohne Ausnahme.“

Da trat der Kaiser mit zwei Schritten an das Bett, faßte Margots Hand und sagte:

„Margot, sagen Sie ihm, daß er gehen soll.“

Da überflog ein leichtes Lächeln ihre Engelszüge, und leise klang es:

„Er wird nicht gehen; er ist zu stolz!“

Da nahte Berta, die Tochter der Wirtin, der Verwundeten, bog sich zu ihr nieder und flüsterte ihr leise zu. Margot nickte. Dann sagte Berta laut:

„Ich bin im Kloster der Barmherzigen gewesen; ich verstehe es, Wunden zu verbinden und habe einen Balsam, der sehr schnell heilt.“

Da fragte Frau Richemonte:

„Kind, soll sie dich verbinden?“

Alle waren gespannt auf die Antwort, welche sie geben würde.

„Wenn es der Herr Kapitän erlaubt“, flüsterte sie mit halblauter Stimme.

Da sagte Königsau:

„Mademoiselle weiß, was sie dem Arzt schuldig ist. Ich gehe, da ich glaube, sie befindet sich in guten Händen und unter diskreten Augen.“

Er wendete sich um, machte dem Kaiser eine sehr tiefe und sehr zeremonielle Verbeugung und schritt zur Tür hinaus. Es blieb nun Napoleon nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Draußen sprach er einige Worte mit Jan Hoorn, die niemand hörte, und dieser trat sodann zu Königsau.

„Majestät läßt Ihnen sagen, Herr Kapitän“, sagte er, „daß kein Platz in den drei Wagen mehr vorhanden ist.“

Königsau gab keine Antwort. Er nickte bloß.

Napoleon ging seinem Untergang entgegen, und nicht nur seinem politischen und militärischen, das hatte er heute bei diesem außerordentlichen Vorgang bewiesen, in dem seine eigene Leidenschaft, sein eigener Wille hatte Gesetz sein sollen.

Der Deutsche ging seitwärts am Haus hin. Dort stand Florian, der Kutscher.

„Kommen Sie mir heimlich nach!“ sagte Königsau.

Er schritt noch eine Strecke weiter und blieb dann stehen. Bald stand der treue Mann vor ihm.

„Was gibt es?“ fragte er.

„Etwas Unglaubliches“, antwortete Hugo.

„Was?“

„Der Kaiser ist in Margot verliebt.“

„Das sieht ein jeder.“

„Er wollte beim Verband zugegen sein.“

„Ah! Sind Kaiser auch neugierig?“

„Wie es scheint! Ich wollte es nicht dulden, und so gerieten wir zusammen.“

„Donnerwetter! Ein deutscher Lieutenant und der französische Kaiser! Das wirft kein schlechtes Licht auf unser Vaterland.“

„Ja. Deutschland kann mit mir zufrieden sein.“

„Nachdem Sie ihm das Leben gerettet haben.“

„Pah, der ganz gewöhnliche Dank, beim Kaiser gerade so wie beim Feldhüter! Ich hatte übrigens auf ganz und gar nichts gerechnet.“

„Aber nun können Sie rechnen.“

„Gewiß.“

„Auf allerhöchste Ungnade und so weiter.“

„Sie ist bereits eingetroffen.“

„Inwiefern?“

„Ich darf nicht weiter mitfahren.“

„Donnerwetter! Ist das möglich?“

„Er hat es mir durch Jan Hoorn sagen lassen.“

„So fahre ich auch nicht weiter mit. Wir finden Jeannette mit den Beinen.“

„Gewiß. Aber ich möchte auch keinen Schritt ohne Vorwissen der Baronin tun. Wollen Sie mir einen kleinen Gefallen erweisen?“

„Oh, gar zu gern, Monsieur.“

„Der Kaiser wird den Eingang mit Argusaugen bewachen. Schleichen Sie sich einmal hinter dem Haus herum, und versuchen Sie, durch die hintere Tür eintreten zu können. Sie sagen der Baronin oder Madame Richemonte einfach, daß ich nicht weiter mitfahren darf. Man wird Ihnen dann schon einen Auftrag an mich erteilen.“

„Schön. Das ist alles?“

„Ja.“

„Sonst wirklich nichts?“

„Nein, lieber Florian.“

„O weh! Ich dachte, ich solle den Kaiser auf Fausthandschuhe fordern. Das wäre mir ein wahres Gaudium gewesen. Ich gehe also. Wo treffe ich Sie?“

„Hier.“

„Gut. Warten Sie.“

Er verschwand im Dunkel der Nacht. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe er wiederkam. Endlich hörte Königsau leise Schritte, und die feste Gestalt des Boten tauchte vor ihm auf.

„Nun?“ fragte er.

„Getroffen.“

„Wen?“

„Erst Frau Richemonte und dann die Frau Baronin selbst.“

„Was lassen sie mir sagen?“

„Kommen Sie.“

„Wohin?“

„Nach Jeannette.“

„Fällt mir gar nicht ein.“

„Warum nicht?“

„Ich weiche diesem Franzmann keinen Schritt, wo es sich um Margot handelt.“

„Aber es handelt sich doch gar nicht um sie.“

„Um wen sonst?“

„Sie denken, der Kaiser setzt sich zu ihr in den Wagen?“ fragte der Kutscher.

„Ja. Lachen Sie nicht, Florian! Ich bin nicht im geringsten eifersüchtig. Selbst wenn er ganz allein mit ihr im dunklen Fond des Wagens säße, würde sie doch lieber sterben, als sich beleidigen lassen; aber ich will ihn nicht meinen lassen, daß sich seine Herrschaft auch über dieses Mädchen erstreckt.“

„Nun, ich habe Ihnen zu sagen, daß er sich nicht zu ihr in den Wagen setzen wird.“

„Ah, wirklich?“

„Ja.“

„Wie wollen Sie das anfangen?“

„Sie werden Berta Marmont mitnehmen.“

„Geht das?“

„Warum nicht? Das Mädchen versteht ganz ausgezeichnet, mit Kräutern und Säften umzugehen. Sie werden sie mit nach Jeannette nehmen, wo sie scheinbar als Krankenpflegerin bleiben wird, bis der Kaiser abgereist ist.“

„Gut. Und ich?“

„Sie habe ich zum jungen Herrn Baron zu führen, der Ihnen ein Zimmer anweisen soll, welches ich ihm zu bezeichnen habe.“

„Was ist es für ein Zimmer?“

„Ein Eck-, Erker- und Wendeltreppenzimmer, ein ganz verfluchtes Zimmer, von wo aus man allüberall hinkommen kann.“

„Ah, das ist mir lieb.“

„Mir auch.“

„Warum?“

„Weil ich sie da leicht besuchen kann. Überhaupt scheint die gnädige Frau dieses Zimmer Ihnen nicht ohne alle Absicht gegeben zu haben.“

„Denken Sie?“

„Ja, kommen Sie nur. Laufen wir. Ich kann Ihnen das alles unterwegs sagen. Wir müssen so bald wie möglich nach Hause kommen, und da wir nicht die Straße zu gehen brauchen, so treffen wir eher ein als die Wagen.“

Er schritt sehr rasch voran und bog dann in einen Seitenweg ein, welcher gerade so breit war, daß zwei Personen nebeneinander gehen konnten.

„Oder fürchten Sie sich, einen Richtweg durch den Wald zu gehen?“ lachte er.

„Pah! Ich hätte ja für alle Fälle meine Pistolen.“

„Ja, und Sie hätten ferner auf alle Fälle mich. Dem alten Florian tut kein Mensch etwas, und wer bei ihm ist, der ist auch mit sicher.“

„Also, wie steht es mit diesem Erker- und Treppenzimmer?“

„Nun, erstens kann ich Sie da sprechen, ohne daß es jemand bemerkt, denn gerade aus dem Stall geht eine kleine Wendeltreppe dahin. Zweitens können Sie von da aus Mademoiselle Margot besuchen, so oft Sie wollen und ohne daß jemand es beobachtet. Und drittens – das ist die Hauptsache.“

„Was?“

„Das ist ja eben die Pfiffigkeit der Frau Baronin.“

„Sie machen mich immer neugieriger.“

„Nun, von Ihrem Zimmer geht die Wendeltreppe hinauf auf das platte Steindach des Hauptgebäudes. Es gibt zwar noch einen zweiten, größeren Zugang da hinaus, aber der ist stets verschlossen, und den Schlüssel dazu soll Ihnen der gnädige Herr auch aushändigen. Sie sehen also, wie gut die gnädige Frau es mit Ihnen meint.“

„Ich gestehe Ihnen offen, daß ich das noch nicht so ganz einsehe.“

„So muß ich Ihnen zu Hilfe kommen, mein lieber Herr Seekapitän.“

„Tun Sie das.“

„Nun, zunächst den Schlüssel des Hauptzuganges, zum platten Dach bekommen Sie nicht zu Ihrem Gebrauch, sondern nur zum Beweis, daß man ein höchst ehrliches Spiel mit Ihnen treibt. Man will Ihnen damit sagen, daß Sie der einzige sind, der da oben Zutritt hat, und daß Sie sich dort herumtummeln können, soviel Sie wollen und ohne zu befürchten, beobachtet zu werden.“

„Warum das? Ist die Aussicht da oben gar so prächtig?“

„Ausgezeichnet.“

„Aber warum diese Heimlichkeit dabei?“

„Weil die Aussicht am besten ist, wenn man sie heimlich genießt.“

„Sprechen Sie deutlicher.“

„Nun, ich muß Ihnen sagen, daß es sehr gut für Sie ist, mich heute getroffen zu haben, denn ich bin fast der einzige Diener, der das alles kennt. Die Zimmer, welche eine Treppe hoch liegen, haben nämlich in der Mitte des Plafonds Ventilationslöcher, welche alle hinaus auf das platte Dach gehen. Sie sind mit runden Einsätzen verschlossen, welche man vom Dach aus fortnehmen kann, ohne daß es im Zimmer bemerkt wird, so täuschend ist die Malerei der Decke.“

„Hm. Ich beginne zu begreifen.“

„Nicht wahr? Sie sind jetzt eine Art von Diplomat –“

„Das stimmt.“

„Diplomaten wollen hören und sehen.“

„Und zwar viel, möglichst alles.“

„Und was andere nicht zu hören und zu sehen bekommen. Nimmt man nun da oben die Einsätze weg, so kann man nicht nur die betreffenden Räume vollständig bis in die kleinste Ecke überblicken, sondern man kann auch jedes Wort hören, was da gesprochen wird.“

„Auch leise Worte?“

„Ja, die Zimmer sind danach gebaut. Der Schall läuft an den stumpfen, abgerundeten Ecken in die Höhe bis zu dem Loch.“

„Das ist ja ganz außerordentlich vorteilhaft.“

„Ja. Aber das allervorteilhafteste werden Sie noch zu hören bekommen.“

„Was wird das sein, lieber Florian?“

„Horchen Sie gut auf. Der Kaiser wird nämlich mit dem Generaladjutanten und den Marschällen da oben einquartiert.“

„Ah?“ rief Königsau höchst erfreut.

„Nicht wahr? General Drouet wohnt auch bereits droben. Und nun noch eins, bester Herr Seekapitän aus Berlin. Sie werden nämlich nur von einem einzigen Menschen bedient, und raten Sie, wer das sein wird.“

„Doch Sie?“

„Natürlich. So, jetzt wissen Sie alles. Ist Ihnen das genug?“

„Oh, mehr als genug!“

„Wenn Sie mich haben wollen, sei es nun bei Tag oder bei Nacht, so ziehen Sie an einer Glockenschnur, welche sich in Ihrem Zimmer befindet. Es ertönt keine Glocke, sondern ich erhalte unten im Stall ein Zeichen, welches kein anderer versteht. Bemerken Sie nun, was die Baronin meint?“

„Ich meine es zu ahnen.“

„Sie will, Sie sollen recht oft auf dem platten Dache spazieren gehen, verstanden? Sie ist eine Deutsche, und der junge Herr liebt Deutschland; damit ist alles gesagt. Jetzt aber wird der Wald alle, und der Weg geht schmal über das Feld. Gehen Sie nun hinter mir, Monsieur.“

Der brave Kutscher lief voran, und Königsau folgte ihm. So gelangten sie an den Meierhof, aber nicht an die Zugangs-, sondern an die hintere Seite.

„Können Sie klettern?“ fragte Florian.

„Ich hoffe, es Ihnen gleich zu tun.“

„So kommen Sie über diesen Zaun hinweg.“

In zwei Augenblicken waren sie drüben; dann meinte der Kutscher:

„Wir könnten zwar ganz gut durch das Tor gehen; aber ich denke, daß man doch nach Ihnen fragen wird, und da liebe ich es, solche neugierige Leute im unklaren zu lassen. Kommen Sie mit nach dem Stall.“

„Ich denke, wir gehen zum Baron?“

„Sie werden ihn schon sprechen.“

Sie schritten durch einen breiten Garten, an welchen die hintere Seite des Stalls stieß. Dort gab es ein kleines Türchen, welches Florian öffnete. Als sie eingetreten waren, befanden sie sich in einer Abteilung, in welcher sich ein großer, hoher Futterkasten befand. Der Kutscher bückte sich und zog einen Riegel aus dem unteren Teil des Kastens. Sofort ließ sich der letztere bewegen, und es wurde hinter ihm, da, wo er an die Wand gestoßen hatte, eine türähnliche Öffnung sichtbar, welche jetzt im Licht der Stallaterne desto dunkler erschien.

„Das ist die Wendeltreppe“, sagte Florian.

„Und die kennen bloß Sie? Aber Sie können leicht überrascht werden!“

„Gar nicht. Dieser Teil des Stalls ist von dem anderen abgeschlossen und steht unter meiner alleinigen Verwaltung. Wenn ich vorn zuschließe, bin ich sicher. Ich bitte Sie, einige Augenblicke zu warten.“

Er schritt nach der vorderen Tür, welche er von innen öffnete. Als er hinaus auf den Hof getreten war, verschloß er sie von außen.

Königsau hatte doch einige Minuten zu warten. Als dann der brave Mensch zurückkehrte, befand sich der junge Baron bei ihm. Dieser kam schnell auf ihn zu, streckte ihm beide Hände entgegen und sagte:

„Willkommen, Herr Kapitän! Florian hat mir soeben in ganz kurzen Umrissen mitgeteilt, was geschehen ist. Ich habe Ihnen unendliches zu danken. Leider hörte ich, welch' außerordentliche Gäste wir bekommen; da gibt es Hals über Kopf Vorbereitungen. Ich werde Sie aber baldigst sprechen, um Ihnen zu danken.“

„Bitte, Herr Baron, keinen Dank!“ bat Königsau aufrichtig. „Darf ich Ihnen Ihre Pistolen zur Verfügung stellen. Sie haben mir gute Dienste geleistet.“

„Herr Kapitän, diese Waffen nehme ich nicht wieder –“

„O doch!“ fiel der Deutsche ein.

„Nein, auf keinen Fall. Sie haben damit Personen gerettet, welche mir unendlich teuer sind. Ich bitte wirklich dringend, die Waffen als ein Andenken an den heutigen Tag und als ein Zeichen meiner Ergebenheit zu behalten. Übrigens habe ich Ihnen diese Schlüssel zu übergeben.“

„Danke“, sagte Königsau einfach, indem er die Pistolen wieder zu sich steckte und die Schlüssel entgegennahm.

„Florian wird Sie in Ihre Wohnung einweisen. Wird Mama bald kommen?“

„Ich hoffe es“, sagte der Lieutenant, und an sein heutiges Gespräch mit der hübschen Berta denkend, fügte er hinzu: „Daß Mademoiselle Margot verwundet ist, wissen Sie bereits?“

„Mein Gott, ja. Florian hat es mir gesagt. Ist's gefährlich?“

„Nein, das befürchte ich nicht. Übrigens wird sie von einer ganz tüchtigen Pflegerin begleitet.“

„Ach, wer wäre das?“ fragte der Baron ahnungslos.

„Ein einfaches Mädchen, nämlich die Tochter der Witwe Marmont, welche im Wald die kleine Schenke besitzt.“

Der Baron wechselte jäh die Farbe.

„Was?“ rief er. „Berta Marmont?“

„Ja, Berta, wurde sie, glaube ich, genannt.“

„Das ist ein Wunder, ein großes, großes Wunder! Wie ist das gekommen?“

„Wir mußten dort einkehren, um einen Verband anzulegen, und da hat sich die junge Dame jedenfalls so brauchbar erwiesen, daß die gnädige Frau es vorgezogen hat, sie nach Jeannette einzuladen.“

„Das ist eine Neuigkeit, welche mich fast mehr als überrascht, welche mich verblüfft. Aber ich verschwatze hier meine und Ihre Zeit. Sie kennen die Verhältnisse und werden mir nicht zürnen, wenn ich Sie bitte, Ihnen meine Aufwartung später machen zu dürfen. Adieu, Herr Kapitän.“

„Adieu, Herr Baron.“

Was den jungen Mann so verblüffte, war Königsau sehr leicht begreiflich. Es hatte kein anderes Mittel gegeben, den Kaiser von Margot fern zu halten, als ihr diese Pflegerin an die Seite zu geben. Darum allein hatte sie Zutritt zu dem Meierhof gefunden; aus keinem anderen Grund.

Florian ließ seinen Herrn zum Stall hinaus, verschloß hinter demselben die Tür und kehrte dann zu Königsau zurück. Er brannte ein Laternchen an und bat dann den Lieutenant, ihm zu folgen.

Sie traten in die Treppenöffnung. Die Stufen führten steil und eng empor. Oben betrat man einen kleinen Bodenraum, welcher da über dem Stall lag, wo dieser an das Hauptgebäude stieß. Aus diesem Bodenraum führte eine Tür in das letztere.

„Sie haben den Schlüssel“, bemerkte Florian.

Er nahm ihn aus der Hand des Lieutenants und öffnete die Tür. Als sie eintraten, kamen sie in ein mittelgroßes Zimmer, welches zwei Fenster hatte. Gegenüber dem jetzigen Eingang gab es eine Tür.

„So, das ist Ihr Wohnzimmer, Herr Kapitän“, sagte Florian.

Der Lieutenant blickte sich um. Ein Sofa, vier Stühle, ein Tisch, ein Schreibtisch, Spiegel mit Toilette, das war das ganze Meublement. Es war kein feines Zimmer, aber es war recht wohnlich und behaglich. Jetzt schob er den breiten Vorhang im Hintergrund zurück, und Königsau gewahrte da ein schwellendes Bett. Am Fußende desselben führte eine Wendeltreppe empor.

„Ah, das ist der Weg zum Dache?“ fragte er.

„Ja, der andere Schlüssel schließt.“

„Und dort jene Tür?“

„Kommen Sie, Herr Kapitän.“

Er öffnete die Tür und ließ ihn eintreten. Es war ein Schlaf- und Ankleidezimmer, jedenfalls einer Dame gehörig, denn es war hier jenes feine, nervenprickelnde Parfüm zu bemerken, welches der stete Begleiter des schönen Geschlechts zu sein pflegt.

„Wer wohnt hier?“ fragte er.

„Wollen Sie nicht raten?“ fragte der Kutscher lächelnd.

„Ah! Ist's möglich? Rate ich recht?“

„Nun, wie raten Sie?“

„Margot?“

„Margot, Mademoiselle Margot, ja, sie schläft hier, und nebenan hat sie den Wohnraum. Sie sehen, Herr Kapitän, daß Ihr Zimmer Ihnen nur unter gewissen Voraussetzungen gegeben werden konnte. Es ist kein Zimmer für einen Offizier. Sie sind jedenfalls ganz anderen Komfort gewöhnt; aber wenn Sie an die Vorteile denken, welche Ihnen die Wendeltreppe bietet, so werden Sie der Frau Baronin verzeihen, daß sie für dieses Mal ihren Geschmack so wenig berücksichtigen konnte. Und mir bitte ich auch nicht bös zu sein.“

Der alte Kutscher stand da, mit einem Gesicht so treu und gut, so pfiffig und schlau, so selbstbewußt und überlegen, daß Königsau sagte:

„Aber Florian!“

„Was, Herr Kapitän?“

„Der Teufel werde aus Ihnen klug.“

„Der nun nicht, wenn nur Sie in mir klug werden; das ist die Hauptsache.“

„Oh, ich beginne wahrhaftig, nun bald gescheiter zu werden! Wer Sie vorher hörte, wer Sie so dummfeig auf dem Bock sitzen sah und Sie jetzt reden hört, der kennt Sie ja gar nicht mehr! Der Hofmeister des feinsten Haufens kann sich ja gar nicht besser ausdrücken als Sie! Und nun das jetzige Gesicht gegen ihr früheres! Florian, Florian, Sie sind ein ganz verfluchter Schlauberger.“

Da nickte der Alte mit dem Kopf und antwortete:

„Monsieur, es wird auch häufig gebraucht! Durchschnittlich ist es besser, man wird für dümmer gehalten, als man ist. Es schmeichelt zwar der Selbstliebe nicht, aber es bringt reichliche Zinsen. So, nun wollen wir die Tür von Mademoiselle Margot verschließen und einmal nach dem Dach gehen.“

Er riegelte zu und wollte sich dann nach der Wendeltreppe wenden, aber Königsau faßte ihn beim Arm und sagte in bittendem Ton:

„Florian, wollen Sie es mir wohl gestehen?“

„Was?“ schmunzelte der Alte.

„Daß ich dieses Zimmer, diese herrliche Nachbarschaft und die unbezahlbaren Chancen da droben auf dem Dach nur Ihnen zu verdanken habe?“

„Nur mir?“ sagte der Alte, das erste Wort betonend. „Nein, da raten Sie falsch, Herr Kapitän. Ich will Ihnen die Wahrheit sagen: Ich gelte in diesem Haus etwas; der alte Kutscher hat oft mehr zu sagen als der junge Herr. Man erfüllt gern meine Wünsche, wenn es irgend möglich ist. Ich hatte den Narren an Ihnen gefressen und an unserer Margot noch mehr, Sie sind ein Paar, wie die lieben Engel im Himmel es nicht besser zusammensuchen können, und darum habe ich alter Kerl mich zu Ihrem Beschützer aufgeworfen. Auch die Baronin hat sehr schnell Respekt vor Ihnen bekommen. Wie Sie heute unter den Vagabunden aufgeräumt haben, das tut Ihnen so leicht keiner nach, und noch kühner muß, den Reden der Baronin nach, das gewesen sein, was Sie dann mit dem Kaiser gehabt haben. Sie ist ganz starr und steif vor Angst gewesen; aber ihr Respekt ist gewachsen. Zu alledem sind wir gut Deutsch gesinnt und da wir Ihnen gern dienlich sein wollen und den Lauschapparat nun einmal besitzen, so bat ich die Gnädige für Sie um dieses Zimmer. Sie willigte auch sofort mit Freuden ein. Das höchste aber, was sie getan hat, Ihnen zuliebe getan hat, nämlich ist, daß sie die Berta Marmont mitbringt. Anders war das Ding ja nicht zu machen, sonst hätte sich der Kaiser auf alle Fälle zu Margot in den Wagen gesetzt.“

„Ist sie denn gar so schlimm auf diese Berta Marmont zu sprechen?“

„Ja, weil der junge Herr seinen Narren an dem Mädchen gefressen hat. Das ist aber nun wohl vorüber, seit Margot sich hier befindet.“

„Ah, wirklich?“

„Ja, jetzt ist er nämlich bis über den Kopf in Ihre Margot verliebt. Er hat gar keine Ahnung davon, daß Sie ihr Verlobter sind. Er hat eingewilligt, Ihnen dieses Zimmer zu geben, weil er überzeugt ist, daß die Tür stets fest verschlossen bleibt, daß Sie nur auf Politik sinnen und gar nicht an das Mädchen denken.“

„So wird er ein wenig brausen und sich dann lachend darein ergeben, wenn er doch die Wahrheit erfährt. Er ist keine böse, sondern im Gegenteil eine gutmütige, ziemlich oberflächliche Natur. Sie brauchen also keine Sorge zu haben, wenigstens keine allzu große. Jetzt aber wollen wir auf das Dach steigen.“

Die Wendeltreppe war oben mit einer gußeisernen Platte verschlossen, welche genau in die Fugen paßte und mit dem Schlüssel zu öffnen war, den Königsau von dem Baron erhalten hatte.

Das Dach war eben und mit einer ungefähr vier Fuß hohen, steinernen Balustrade versehen. Als sie oben standen, meinte der Kutscher:

„Nehmen Sie sich in acht, daß Sie sich an den Erhöhungen, in denen sich die Ventilationslöcher befinden, nicht stoßen. Ich werde sie Ihnen zeigen.“

Er ergriff ihn bei der Hand und führte ihn nun von einem dieser Löcher, welche jetzt allerdings verschlossen waren, zum anderen. Er zeigte ihm, wie die Öffnung derselben zu bewerkstelligen sei, und sagte dann:

„Ich kann Ihnen jetzt gar nicht genau mitteilen, in welche Zimmer die Gäste verteilt werden; aber wenn Sie die Plattform später betreten und durch die Löcher hinabblicken, werden Sie ja selbst sehen, wo sich die Herren befinden. Nur ersuche ich Sie, dabei recht vorsichtig zu verfahren.“

„Wohl weil ich leicht bemerkt werden könnte?“

„Allerdings. Man hat Ihnen hier recht große Chancen geboten, benutzen Sie dieselben jedoch so, daß die geheimen Vorrichtungen unentdeckt bleiben. Jetzt wissen Sie alles, was ich Ihnen sagen konnte. Ich gehe und werde Sorge tragen, daß es Ihnen an nichts Nötigem mangelt.“

Sie stiegen wieder vom Dach herab, worauf Königsau die Treppenöffnung wieder mit der Eisenplatte verschloß. Er blieb, während Florian sich nach dem Stall begab, in seinem Zimmer zurück, löschte dann das Licht aus, um seine Anwesenheit möglichst unbemerkbar zu machen, und öffnete das Fenster, von dem aus er alle Passanten beobachten konnte.

Er hatte eine ziemliche Weise auf diesem Posten gestanden, als die Wagen ankamen. Diener mit Windlichtern eilten herbei, dabei entwickelte sich auf dem Hof eine sehr rege Geschäftigkeit, aber die Lichter verbreiteten doch nur einen so ungenügenden Schein, daß die Einzelheiten dem Beobachter entgingen.

Jetzt warf Königsau sich auf das Bett, um eine Zeit verstreichen zu lassen. Er mußte sich sagen, die die Belauschung der Angekommenen ihm jetzt noch keinen Nutzen bringen könnte. Erst nachdem eine geraume Weile vergangen war, stieg er wieder auf das Dach hinauf. Er begab sich zu dem Ventilator, welcher der Treppenöffnung am nächsten lag. Das Loch desselben war, wie bereits erwähnt, mit einer Art Spund verschlossen, den man von oben leicht entfernen konnte.

Er zog denselben vorsichtig heraus und blickte dann durch die Öffnung hinab. Was er da erblickte, erregte seine vollste Teilnahme.

Er sah das Schlafgemach der Geliebten unter sich. Sie lag bleich und angegriffen auf dem Bett, und ihre Mutter befand sich bei ihr. Ein Militärarzt, welcher zum Hauptquartier des Generals Drouet gehörte und auf dem Gut anwesend war, hatte auf Napoleons speziellen Befehl sich zu der Patientin begeben müssen. Er hatte die Wunde untersucht und kunstgerecht behandelt. Jetzt stand er im Begriff, sich zu entfernen.

„Es ist nicht die mindeste Gefahr vorhanden, Madame“, sagte er in beruhigendem Ton zu Frau Richemonte. „Mademoiselle wird baldigst genesen.“

„Ich danke Ihnen, mein Herr“, antwortete die Angeredete. „Ihre Worte gewähren mir die Beruhigung, deren wir nach der Aufregung dieses Abends so sehr bedürfen.“

„Ja, Ruhe ist das Beste, was ich Ihnen für Mademoiselle empfehlen kann. Meiden Sie jede Aufregung. Die Verletzung ist keineswegs eine schlimme; aber bei einer Dame hat das Wundfieber immer mehr zu bedeuten, als bei einem Mann.“

Er ging, und nun nahm die Mutter die Hand ihrer Tochter in die ihrige.

„Mein armes Kind“, sagte sie liebevoll. „Ich bin ganz glücklich, daß die Verletzung eine so wenig gefährliche ist: die Kugel konnte dich ja sehr leicht töten; aber dennoch befinde ich mich in nichts weniger als einer ruhigen Stimmung.“

„Meinetwegen, Mama?“ fragte Margot.

„Ja! Natürlich!“

„Oh, da darfst du keine Sorge haben. Du hast ja gehört, was der Arzt sagte. Meine Befürchtungen sind ganz andere.“

„Du hast Befürchtungen? Welche denn, liebes Kind?“

„Hugo –“, antwortete das schöne Mädchen.

„Oh, die Baronin hat uns ja versichert, daß ihm nichts geschehen kann. Er ist so gut versteckt, daß kein Franzose ihn finden wird.“

„Das ist es nicht, was ich meine. Aber stelle dir die unglücklichen Gedanken vor, welche ihn peinigen werden.“

„Du meinst, er hat Angst, entdeckt zu werden?“

Obgleich Margot sich sehr angegriffen fühlte, leuchteten ihre Augen stolz auf.

„Angst?“ sagte sie. „Ich glaube nicht, daß Hugo jemals Angst empfinden kann. Er hat dies uns oft genug bewiesen. Er wird an den Kaiser denken.“

„Du willst sagen, daß ihn das Interesse, welches der Kaiser für dich gezeigt hat, beunruhigen werde?“

„Gewiß, liebe Mama. Dieses Interesse ist ein so auffälliges gewesen, daß es meine größte Besorgnis erweckt.“

„Eine plötzliche Gefühlsaufwallung, mein Kind. Weiter nichts.“

„Glaube dies nicht! Hugo war der Retter des Kaisers und der Marschälle. Einem Lebensretter dankt man einer momentanen Aufwallung wegen nicht in der Weise, wie es heute von seiten Napoleons gesehen ist.“

„Mein Gott, man soll doch nicht etwa glauben, daß die Teilnahme des Kaisers eine mehr als vorübergehende, eine ernstliche ist?“

„Ich möchte das nicht hoffen, bin aber überzeugt, daß Hugo diese Ansicht hegen wird. Und doch kann er von meiner Liebe und Treue so fest überzeugt sein.“

Frau Richemonte blickte nachdenklich vor sich hin. Die Mutter einer schönen Tochter ist zu entschuldigen, wenn es für sie einmal einen Augenblick gibt, in welchem sie geneigt ist, auf der Grundlage dieser Schönheit ein kleines Luftschloß zu errichten.

„Du liebst ihn also wirklich so treu und innig?“ fragte sie.

„Ja, Mama.“

„So, daß nichts dich in deiner Liebe beirren könnte?“

„Gar nichts.“

„Auch nicht der Gedanke an die Zukunft?“

„Gerade der Gedanke an die Zukunft ist es ja, welcher meine Liebe mir als das größte Glück der Erde erscheinen läßt. Oh, Mama, dein Kind wird sehr, sehr glücklich sein.“

Sie zog die Hand der Mutter an die Brust, welche sich bei dem Gedanken an den Geliebten wonnig hob und senkte.

„Aber, man darf auch einmal weniger phantastisch sein, Margot“, sagte Frau Richemonte. „Das Leben ist ernst; die Prosa desselben ist weit mächtiger als die Poesie, welche alles gern in einem Licht erscheinen läßt, welches zwar im ersten Augenblick hell und verführerisch aufflackert, dann aber desto rascher verlischt, so daß das spätere Dunkel desto schwärzer und trauriger erscheint.“

Margot blickte die Sprecherin befremdet an.

„Aber, Mama, ich verstehe dich nicht“, sagte sie.

„Liebes Kind, ich meine, daß Herr von Königsau ein Subalternoffizier ist.“

„Oh, er wird bald avancieren.“

„Aber er wird nie Kaiser sein.“

Jetzt ging eine Art von Schreck über die Züge des schönen Mädchens.

„Habe ich recht gehört?“ fragte sie.

„Urteile nicht vorschnell, Kind. Der Kaiser schenkt dir seine Teilnahme. Weißt du, was das zu bedeuten hat?“

„Ja. Das hat zu bedeuten, daß Gott mir die Gabe der Schönheit verliehen hat, welche für mich nur den Zweck hat, den Geliebten glücklich zu machen.“

„Du würdest also gegebenenfalls die Teilnahme des Kaisers zurückweisen?“

„Sobald sie beleidigend werden könnte, gewiß. Oder wäre es möglich, daß du von deinem Kind eine andere Ansicht haben könntest?“

Diese Worte waren im Ton kindlicher Liebe und doch eines leisen Vorwurfs gesprochen. Frau Richemonte blickte ihrer Tochter tief in die schönen, treuen Augen und antwortete dann:

„Ich habe nur den Wunsch, dich glücklich zu sehen, Margot.“

„Nun, der äußere Glanz wird nie imstande sein, mich glücklich zu machen.“

„So gehört dein ganzes Vertrauen, deine ganze Hoffnung allein Herrn von Königsau?“

„Ja, ganz allein, Mama.“

„So beschämst du mich beinahe, mein liebes Kind. Ich kenne dich so genau und glaubte dennoch, dem Gedanken Raum geben zu dürfen, daß der Glanz, welcher die Person eines Kaisers, eines mächtigen Herrschers umgibt, Einfluß auf dich haben könnte.“

„Dieser Glanz steht im Begriff, zu verbleichen.“

„Du glaubst an den Sieg Deutschlands?“

„Von ganzem Herzen.“

„So gebe Gott, daß du dich nicht täuschst.“

In diesem Augenblick öffnete sich leise die Tür, und Berta Marmont trat ein.

„Darf ich stören?“ fragte sie bescheiden.

„Was bringen Sie, mein Kind?“ antwortete Frau Richemonte.

„Der Herr Baron de Sainte-Marie ist draußen.“

„Er will mit mir sprechen?“

„Er läßt fragen, ob es ihm erlaubt sei, Mademoiselle sein Beileid zu bezeugen. Es ist ihm, da er mit den hohen Herren beschäftigt war, noch nicht möglich gewesen, dies tun zu können.“

„Was meinst du, mein Kind?“ fragte Frau Richemonte ihre Tochter.

Es ging eine leise Röte über das blasse Gesicht Margots. Sie warf einen forschenden Blick über das Arrangement ihres Lagers und sagte dann:

„Der Baron ist unser Gastfreund und Verwandter; wir sind ihm Rücksicht schuldig.“

„Du willst ihn empfangen?“

„Ja, er mag eintreten.“

„So werde ich mich einstweilen zurückziehen.“

Da sagte Margot schnell, beinahe hastig:

„Nein. Bitte, bleibe bei mir.“

„Wie du denkst, liebe Margot. Er kann übrigens gar nicht übel nehmen, die Mutter bei der kranken Tochter zu finden. Bitte, lassen Sie ihn eintreten.“

Diese letzteren Worte waren an Berta gerichtet. Das Gesicht des Mädchens war sehr ernst, fast besorgt. Sie warf einen unruhigen Blick auf die schöne Patientin und entfernte sich dann. Einen Augenblick später trat der Baron ein.

Er hatte seine Verwandte während ihrer Anwesenheit auf dem Meierhof täglich gesehen, aber nicht in der gegenwärtigen Situation. Sie lag im leichtesten Nachtgewand in den Kissen, und die Blässe ihres Angesichts machte einen tiefen Eindruck auf ihn.

Er verbeugte sich höflich vor Mutter und Tochter und sagte, zur ersteren gewendet:

„Verzeihung, liebe Tante, daß ich es wage, im innersten Damengemach Zutritt zu suchen. Aber ich bin so besorgt um Margot, daß ich mich auf alle Fälle selbst überzeugen wollte, ob meine Angst um sie eine begründete ist.“

Er gab Frau von Richemonte die verwandtschaftliche Bezeichnung Tante; dies rückte ihn den Damen näher und gewährte ihm das Recht, vertraulicher mit ihnen zu verkehren, als es ihm sonst wohl gestattet gewesen wäre.

„O bitte“, antwortete die Angeredete freundlich. „Wir erkennen die Freundlichkeit, welche Sie uns erweisen, dankbar an.“

„Wie geht es der lieben Cousine?“

„Gott sei Dank, besser als man erwartet hatte.“

„Darf sie sprechen?“

„Es wurde ihr nicht verboten.“

Er trat langsam an das Bett, ergriff Margots Rechte und drückte sie an seine Lippen.

„Liebe Margot, Sie glauben nicht, wie sehr ich erschrocken bin, als ich hörte, daß Sie verwundet seien“, sagte er. „Ich wünschte im ersten Augenblick, daß die Kugel mich selbst an ihrer Stelle getroffen hätte.“

Margot entzog ihm leise die Hand und fragte lächelnd:

„Sie wünschten das im ersten Augenblick?“

„Ja, bei Gott, ich wünschte das“, antwortete er.

„Aber im zweiten Augenblicke?“

„Auch noch.“

„Und im dritten?“

„Oh, ich wünschte es ja jetzt noch“, antwortete er, halb verlegen und halb in einer Art von schwärmerischer Begeisterung.

„Ich danke Ihnen, lieber Cousin“, sagte die Patientin freundlich. „Ich bin überzeugt, daß Sie die Wahrheit sprechen.“

Sein Blick ruhte wie trunken auf ihr. Er konnte sich dem Eindruck, den ihre Schönheit auf ihn machte, nicht entziehen; er gab sich auch gar keine Mühe, sich zu beherrschen. Er ergriff abermals ihre Hand, zog dieselbe an seine Lippen und sagte:

„Der Augenblick, in welchem ich von Ihrer Verwundung hörte, wird mir unvergeßlich sein.“

„Ist Ihr Gedächtnis wirklich ein so treues?“

„In Beziehung auf Sie, jedenfalls. Dieser Augenblick ist ja einer der wichtigsten meines Lebens.“

„Inwiefern, lieber Cousin?“ fragte Margot ahnungslos.

„Weil er mir Aufschluß über mich gegeben hat. Ich habe da erkannt, wie teuer, wie wert Sie mir sind.“

„Ich hoffe allerdings, daß es Ihnen nicht ganz gleichgültig ist, ob man Ihre Cousine erschießt oder nicht, Herr Baron.“

Diese Worte sagte Frau Richemonte. Sie erteilte ihnen einen scherzenden Klang, welcher ihn abschrecken sollte. Sie hatte mit scharfem Auge erkannt, daß er im Begriff stehe, die schönste Liebeserklärung vom Stapel zu lassen. Er aber merkte oder beachtete ihre Absicht nicht im geringsten; denn er fuhr fort:

„O bitte, liebe Tante, ich meine das anders, ganz anders! Nicht so allgemein, nicht bloß verwandtschaftlich. Ich habe vielmehr erkannt, daß mein Herz, mein ganzes Leben Margot gehören.“

„Cousin!“ sagte da Margot erschrocken.

„Ja“, antwortete er. „Ich hoffe, daß du es mir glauben wirst. Ich fühle, daß ich ohne dich nicht leben kann.“

Er machte Anstalt, vor dem Bett niederzuknien, blieb aber stehen, als er eine Armbewegung Margots sah, in welcher sich Schreck ausdrückte.

„Du scherzest“, sagte sie.

„Scherzen? Oh, ich bitte dich im Gegenteil, es so ernst wie möglich zu nehmen.“

Sie blickte ihm in das hübsche, jugendliche Gesicht, und über das ihrige glitt ein leises Lächeln, als sie ihm sagte:

„Du dauerst mich da sehr, lieber Cousin.“

„Warum?“ fragte er sie befremdet.

„Weil du sterben mußt.“

„Sterben? Ich? – Inwiefern?“ fragte er erblassend. „So hältst du mich für krank?“

„Das nicht. Aber sagtest du denn nicht soeben, daß du ohne mich nicht leben kannst?“

„Ja, allerdings.“

„Nun, also wirst du sterben müssen.“

Er blickte sie starr an, trat einen Schritt zurück und fragte dann in verwundertem Ton:

„Wie? Verstehe ich dich recht?“

„Wie hast du mich verstanden?“

„Ich verstehe dich dahin, daß du mich nicht liebst.“

„Oh, ich liebe dich freilich; du bist ja mein Cousin.“

Er machte eine Gebärde des Unwillens und antwortete:

„So meine ich es nicht.“

„Wie denn?“

„Nicht als Cousin sollen Sie mich lieben, sondern anders, ganz anders. Ich will von Ihnen als Bräutigam, als Mann geliebt sein.“

Ihr Lächeln wurde noch schalkhafter als vorher.

„So werden Sie doch sterben müssen“, sagte sie im Ton des Bedauerns.

„Ah!“ seufzte er.

„Ja, ohne Gnade und Barmherzigkeit.“

„Das soll heißen, ich kann Ihr Bräutigam nicht sein?“ Da schlug er ganz überrascht die Hände zusammen und rief: „Mein Himmel, da falle ich ja wie aus den Wolken.“

„Bitte, tun Sie sich dabei keinen Schaden.“

„Wollen Sie meiner spotten?“ fragte er sehr ernsthaft.

„Nein, lieber Cousin. Aber wie es scheint, haben Sie es für eine ganz und gar ausgemachte Sache gehalten, daß Sie mein Bräutigam werden?“

„Allerdings“, antwortete er rasch.

„Das überrascht mich sehr.“

„Warum?“

„Sie hätten sich vorher informieren sollen, ob Sie da auf kein Hindernis stoßen.“

„Welch' ein Hindernis sollte denn da vorhanden sein?“

„Oh, das größte, welches es geben kann: ein Bräutigam.“

Es war beinahe belustigend anzusehen, wie er jetzt vor Erstaunen den Mund öffnete.

„Das wäre allerdings ein ganz bedeutendes Hindernis!“ sagte er verblüfft.

„Welches Sie natürlich gelten lassen.“

„Nun, haben Sie denn einen Bräutigam, Margot?“

„Schon längst!“

„Donnerwetter! Dem Kerl drehe ich den Hals – ah, verzeihen Sie! Aber ich glaube wirklich, daß Sie nur ein wenig Scherz treiben!“

Jetzt schüttelte sie sehr ernst ihr schönes Köpfchen und sagte:

„Nehmen Sie es nicht übel, lieber Cousin. Sie sind da ein wenig zu unvorsichtig vorgegangen. Sie sind Baron, wohlhabend und von leidlich angenehmen Äußeren; die Damen sind Ihnen daher stets freundlich entgegengekommen, und das hat in Ihnen die Ansicht hervorgebracht, daß Liebe und Gegenliebe ganz selbstverständlich sei. Darum ist es Ihnen auch gar nicht eingefallen, zu fragen, ob Ihnen jemals eine Abweisung werden könne. Ich bedaure Sie, aber ich bin überzeugt, daß Sie nicht unglücklich sein werden.“

„Unglücklich? Ich bin es im höchsten Grad!“ versicherte er rasch.

„In diesem Augenblick?“ lächelte sie.

„Oh, ganz gewiß, auch für immer.“

„Nein, dazu ist Ihr Gemüt zu elastisch.“

„Gemüt? Elastisch? Cousine, ich versichere Ihnen, daß ich in diesem Augenblick gar kein Gemüt mehr habe. Oh, mein Herz ist total gebrochen.“

Da ließ sie, trotzdem sie krank war, ein helles, silbernes Lachen hören.

„Dieses arme Herz“, scherzte sie im Ton des Bedauerns. „Ich hoffe jedoch, daß es zu reparieren sein wird.“

Da trat er einen Schritt zurück und fragte mit finsterem Stirnrunzeln:

„Machen Sie sich etwa über mich lustig?“

Jetzt legte ihm Frau Richemonte beruhigend die Hand auf den Arm.

„Bitte, nehmen Sie diese Angelegenheit nicht so sehr tragisch“, bat sie ihn.

„Aber sie ist ganz und gar nicht komisch“, antwortete er. „Bei einem gebrochenen Herzen von Reparatur zu sprechen, das ist gelinde ausgedrückt, gefühllos.“

„Nicht ganz, lieber Cousin.“

„Oder maliziös!“

„Das noch weniger. Margot wird sich nicht irren, wenn sie annimmt, daß die Konstitution Ihres Herzens eine stärkere sei, als Sie selbst denken und glauben.“

„Das muß sich erst finden. Also Margot hat wirklich einen Bräutigam?“

„Ja.“

„Seit wann?“

„Seit geraumer Zeit bereits.“

„Also schon in Paris?“

„Ja.“

„Das beruhigt mich einigermaßen. Hätte sie hier einen anderen außer mir lieben gelernt, so würde dies die größte Ehrenkränkung für mich sein. Da sie jedoch ihr Herz verschenkt hat, ehe sie mich kennen lernte, so bin ich ja gar nicht beleidigt worden. Zu beklagen ist es aber auf jeden Fall; denn wir wären sehr glücklich miteinander gewesen.“

Die letzten Worte des Barons wurden mit einer solchen Überzeugung gesprochen, daß selbst Frau Richemonte nicht ganz ernsthaft bleiben konnte.

„Ich bin überzeugt davon“, sagte sie unter einem nicht ganz zu verbergenden Zucken ihrer Mundwinkel.

„Ja, gewiß. Aber wer ist denn eigentlich dieser Bräutigam?“

Die beiden Damen blickten sich an. Es kam ihnen zu gleicher Zeit der Gedanke, daß es jetzt wohl nicht ganz geraten sei, diese Frage zu beantworten. So gutmütig und leicht getröstet der Baron auch war, er befand sich doch unter dem ersten Einfluß einer zurückgewiesenen Werbung und konnte dies keinem Nebenbuhler entgelten lassen. Königsau konnte dadurch in Gefahr kommen.

„Erlauben Sie, dies jetzt noch als Geheimnis zu behandeln“, bat darum Frau Richemonte.

„Warum?“

„Familienrücksichten –“

„Ah! Gut! Aber sagen Sie wenigstens, was er ist!“

„Offizier!“

„Das dachte ich mir! Franzose?“

„Nein; er ist ein Deutscher.“

„Das lasse ich eher gelten. Ich danke für die Auskunft. Weiß Mama bereits davon?“

„Ja.“

„Das ist ja kaum zu glauben. Ich habe bisher geglaubt, es sei ein Wunsch von ihr, Margot und mich vereint zu sehen.“

„Hat sie diesen Wunsch ausgesprochen?“

„Deutlich ausgesprochen nicht, aber sehr verständlich angedeutet.“

„So will ich Ihnen gestehen, daß Ihre Mama erst heute von der Verlobung meiner Tochter gehört hat.“

„Was sagte sie dazu?“

„Sie gratulierte.“

Er kratzte sich leise hinter den Ohren und fragte:

„Da meinen Sie wohl, daß ich auch gratulieren soll?“

Margot antwortete unter einem leisen Lachen:

„Natürlich. Ich erwarte dies ganz bestimmt von Ihnen!“

Er machte ein halb ärgerliches und halb komisches Gesicht und antwortete:

„Das scheint mir denn doch zu viel verlangt.“

„Wohl nicht. Sie sind ja mein Cousin!“

„Ja, aber der Cousin, der soeben einen Korb erhalten hat. Na, ich will nicht ganz und gar unhöflich sein. Ich gratuliere Ihnen also, liebe Cousine.“

„Ich danke!“

Er hatte ihr die Hand geboten, und sie nahm dieselbe an. Sie hielt sie jetzt fest und fragte:

„Zürnen Sie mir, lieber Baron?“

„Nein, obgleich ich eigentlich sollte. Doch jetzt muß ich Sie verlassen. Die hohen Herrschaften werden meiner bedürfen.“

„Was tut der Kaiser?“

„Als ich ihn vorhin verließ, hatte er sich soeben vom Souper zurückgezogen. Er hat sehr wenig gegessen und beorderte die Marschälle für später zu sich.“

Er ging.

Da draußen im anderen Zimmer saß Berta Marmont. Ihr Auge richtete sich mit einem fragend besorgten Blick auf ihn. Er blieb bei ihr stehen, betrachtete sie einen Augenblick lang und fragte dann.

„Warum siehst du so ernsthaft aus?“

Sie erhob sich und antwortete:

„Darf eine Krankenpflegerin lustig sein, Herr Baron?“

„Warum nicht, wenn die Kranke selbst lustig ist.“

„Ah, ist Mademoiselle lustig geworden?“

„Sehr!“

Ihr Auge verdunkelte sich. Wer lustig ist, der muß sich glücklich fühlen, und glücklich fühlt man sich zumeist, wenn man liebt und geliebt wird. Dies war der schnelle Gang ihrer Gedanken. Darum sagte sie:

„Ich beneide Mademoiselle!“

„Warum?“

„Sie ist so glücklich, vergnügt sein zu können.“

„Kannst du denn nicht auch vergnügt sein?“ fragte er sie.

Er legte ihr bei diesen Worten die Spitzen seiner Finger unter das weiche, mit einem allerliebsten Grübchen versehene Kinn; sie aber trat aus dem Bereich seiner Hand zurück.

„Worüber sollte ich mich glücklich fühlen!“ sagte sie.

„Oh, über denselben Gegenstand, worüber sich meine schöne Cousine glücklich fühlt!“

Sie blickte ihn fragend an.

„Errätst du diesen Gegenstand nicht?“ fuhr er fort.

„Nein, Herr Baron.“

„Nun, welch' größeres Glück gibt es denn für eine Dame, als einen Bräutigam?“

Sie erschrak, man sah es ihr an.

„Mademoiselle hat einen Bräutigam?“ fragte sie.

„Ja“, antwortete er.

„Darf ich fragen, wer dies ist?“

„Schelm du!“ antwortete er. „Du glaubst wohl gar, daß ich es bin?“

„Ist das so unmöglich?“

„Ja. Ich kann es nicht sein, da ein anderer es ist.“

Da holte sie tief Atem.

„Sie sind es wirklich, wirklich nicht?“ fragte sie stockend.

„Nein, liebe Berta, ich bin es wirklich nicht, ganz gewiß nicht.“

Da rötete sich ihr schönes Gesichtchen lieblich, und sie fragte:

„Darf ich Ihnen sagen, daß ich Ihnen dies kaum glaube?“

„Warum glaubst du es nicht, kleiner Schelm?“

„Mademoiselle ist so schön.“

„Ja, eben darum hat sie so leicht einen Bräutigam gefunden.“

„Und eben darum werden Sie dieser Bräutigam sein.“

„Ich? Nein. Ich möchte sie nicht, wahrhaftig nicht.“

„Warum, Herr Baron?“

„Sie ist zwar schön, aber sie hat ein hartes Herz.“

„So ist sie hartherzig gegen Sie gewesen?“

„Ich habe ihr keine Veranlassung dazu gegeben. Übrigens sage ich zwar, daß ich sie für schön halte, aber die Schönste ist sie noch lange nicht. Ich kenne eine, welche mir noch tausendmal besser gefällt.“

Sie schwieg, obgleich sie errötete. Darum fuhr er fort:

„Nun, Berta. Du fragst nicht, wer das ist?“

„Ich darf mir eine solche Frage ja gar nicht erlauben, Herr Baron.“

„Warum nicht? Gerade du hast das meiste Recht, diese Frage auszusprechen, denn du bist diejenige, welche ich meine!“

Er versuchte den Arm um sie zu legen. Sie entwand sich ihm und flüsterte:

„Es ist nicht recht von Ihnen, eines armen Mädchens zu spotten.“

„Spotten? Wo denkst du hin! Du bist mir in Wahrheit tausendmal lieber als diese Cousine. Du bist zehnmal hübscher, und ich bin überzeugt, daß du nicht ein so hartes, gefühlloses Herz besitzt wie sie. Habe ich da recht oder unrecht?“

Er legte abermals den Arm um sie. Sie wollte sich auch dieses Mal ihm entwinden, aber er hielt sie so fest, daß es ihr nicht gelang.

„Herr Baron, lassen Sie mich“, bat sie leise aber dringend. „Man wird uns hören.“

„Nein“, flüsterte er, sie fester an sich drückend. „Ich werde diesen schönen Mund so leise küssen, daß man es gar nicht zu hören vermag.“

„O nein, nein! Das darf nicht sein“, bat sie, sich gegen ihn wehrend.

„Warum nicht?“

„Sie sind Baron.“

„Nun gut, so wirst du meine Baronin werden.“

„Ich, das arme Schankmädchen?“

„Ja. Du und keine andere.“

Er nahm jetzt ihr Köpfchen so fest an sich, daß ihr ein fernerer Widerstand zur Unmöglichkeit wurde. Seine Lippen legten sich auf ihren Mund und küßten denselben ein, zwei, drei und noch mehrere Male. Er war so in diesen süßen Genuß vertieft, daß er gar nicht bemerkte, wie die Tür geöffnet wurde.

„Bon appétit“, klang es da hinter ihnen.

Sie fuhren erschrocken auseinander.

„Der Kaiser!“ rief Berta im tiefsten Schreck.

Im nächsten Augenblick war sie aus dem Zimmer entflohen. Der junge Baron stand vor Napoleon, verlegen wie ein Schulknabe.

„Sie haben einen guten Geschmack, Baron“, sagte der Kaiser unter jenem sarkastischen Lächeln, welches bei ihm eine solche Schärfe besaß. „Darf ich hoffen, daß Sie mir die Unterbrechung verzeihen?“

„Majestät –“, stotterte der Gefragte.

„Ich hatte allerdings keineswegs die Absicht, Sie zu stören. Ich wollte mich nach dem Befinden unserer schönen Blessierten erkundigen und fand den Weg nach hier. Wo ist Demoiselle Richemonte zu treffen?“

„Im Nebenzimmer, Majestät.“

„Ist sie allein?“

„Nein; ihre Mutter ist bei ihr.“

„Sie haben sie gesprochen?“

„Ja; soeben, Sire.“

„So ist der Zutritt nicht untersagt?“

„Die Damen werden glücklich sein, Majestät bei sich zu sehen.“

„So melden Sie mich!“

Der Kaiser hatte in seiner kurzen, gebieterischen Weise gesprochen. Der Baron gehorchte schleunigst. Er trat an die Tür und riß dieselbe auf.

„Seine Majestät!“ rief er hinein.

Die beiden Frauen fühlten sich im höchsten Grad erschrocken, als sie Napoleon bei sich eintreten sahen. Er konnte wirklich herzgewinnend sein, wenn er wollte. Er verbeugte sich leicht und sagte im höflichsten Ton:

„Pardon, Mesdames! Die Sorge um Mademoiselle läßt mich vielleicht eine Unhöflichkeit begehen; aber ich hörte, daß der Zutritt gestattet sei.“

Frau Richemonte verbeugte sich tief und stumm, und Margot versuchte, sich respektvoll ein wenig emporzurichten. Des Kaisers Augen ruhten forschend auf ihr. In seinem Blick glänzte ein Etwas, was Margot tief erröten ließ.

„Der Arzt war bei Ihnen?“ fragte er.

Bei diesen Worten zog er sich einen Stuhl ganz in die Nähe des Bettes und nahm darauf Platz. Frau Richemonte gab für ihre Tochter die Antwort.

„Er hat uns erst vor kurzer Zeit verlassen, Sire.“

„Darf ich Sie um seinen Bescheid bitten?“

„Er versicherte, es sei keine direkte Gefahr vorhanden, warnte aber vor jeder Aufregung.“

„Ich habe ganz denselben Bericht von ihm erhalten.“

Er ließ sein Auge abermals langsam und forschend über die Verwundete und deren Mutter gleiten. Es war, als ob er beurteilen wolle, welches Entgegenkommen er hier finden werde. Dann fuhr er, die Beine übereinanderlegend, fort:

„Mademoiselle ist an meiner Seite verwundet worden. Die Dankbarkeit eines Kaisers wird dadurch herausgefordert. Darf ich einige Fragen aussprechen?“

Frau Richemonte verbeugte sich schweigend. Der Kaiser fragte:

„Monsieur Richemonte, lebt er noch?“

„Nein.“

„So sind Sie Witwe?“

„Leider, Sire.“

„Es ist Pflicht der Herrscher, sich der Witwen und Waisen anzunehmen. Haben Sie Besitzungen oder Vermögen?“

„Wir sind arm, Sire.“

„Sie sind im Gegenteil sehr reich, Madame“, sagte der Kaiser. „Im Besitz einer schönen, liebenswürdigen Tochter ist man niemals arm. Ist Mademoiselle verlobt?“

„Ja, Majestät.“

Seine Brauen zogen sich leicht zusammen.

„Mit wem?“

Ihm, dem gewaltigen Kaiser, war es höchst gleichgültig, ob seine Fragen peinlich berührten oder nicht. Es war ja überhaupt eine Gnade von ihm, mit jemand zu sprechen.

„Mit einem Offizier“, antwortete die Mutter.

„Ah!“ sagte er. „Mit einem jungen Offizier?“

„Ja, Sire.“

„So hat er keine Charge. Warum sorgen Sie nicht in vorteilhafter Weise für die Zukunft Ihrer Tochter? Mademoiselle ist schön, ist geistreich. Sie wird sehr leicht eine höhere Connaissance anknüpfen. Haben Sie nicht Lust, bei Hofe zu erscheinen, Mademoiselle?“

Diese Frage war direkt an die Tochter gerichtet. Er erwartete natürlich, daß sie sehr schnell und überglücklich Ja sagen werde, aber sie antwortete:

„Sire, mein Wunsch ist nur, glücklich zu sein.“

„Das werden Sie in jenen Kreisen werden.“

„Ich wage, dies zu bezweifeln, Sire.“

„Ah, warum?“

Sein Blick, welchen er jetzt auf sie richtete, war fast stechend zu nennen.

„Ich ziehe ein bescheidenes Glück einem glänzendem vor“, antwortete sie.

„Aber man kann den höheren Kreisen angehören, ohne allzu sehr hervorzutreten. Auch dort wird die echte Bescheidenheit anerkannt und belohnt. Sie haben für mich gelitten; ich fühle die Verpflichtung, für Sie zu sorgen. Sie werden die Frau eines hohen Offiziers werden und ein Schmuck der Gesellschaft sein.“

„Sire, meine Mutter hatte bereits die Ehre, zu sagen, daß ich verlobt bin.“

„Pah! Mit einem niedrigen Offizier.“

„Ich hoffe, daß er sich eine Zukunft erringen werde.“

„Ah, Sie lieben ihn?“

„Von ganzem Herzen.“

Er heftete seinen Blick nach der Ecke des Zimmers und sagte erst nach einer Weile:

„Das ist schwärmerisch. Wohl! Ich werde ihn kennenlernen und nach Verdienst belohnen. Wie ist sein Name?“

Da zuckte es wie eine innige Genugtuung über das bleiche Gesicht Margots.

„Majestät werden nichts für ihn tun können“, sagte sie einfach.

Das war Napoleon noch nicht vorgekommen. Er, der allmächtige Kaiser, könne nichts für einen obskuren Offizier tun, er, der aus Bürgerssöhnen Marschälle, Fürsten und Herzöge gemacht hatte! Er fragte in sehr scharfem Ton:

„Warum nicht, Mademoiselle?“

„Er dient nicht im Heer“, antwortete sie.

„So aber in der Marine?“

„Er ist auch nicht eigentlich Marineoffizier, sondern Kapitän der Handelsflotte.“

Da zuckte der Kaiser zusammen.

„Da meinte Mademoiselle etwa jenen Kapitän de Sainte-Marie?“

„Allerdings, Sire.“

„Er wird nicht Ihr Mann werden.“

Diese Worte waren in einem Ton gesprochen, gegen den es voraussichtlich keinen Widerspruch gab; sie aber antwortete ruhig:

„Womit wollen Majestät diese Behauptung begründen?“

„Ich verbiete es!“ sagte er kurz.

Da stemmte sie den schönen Kopf in die Hand und blickte ihn von der Seite an. Es war ihr gar nicht, als ob sie mit einem Kaiser spreche.

„Sire werden da eine sehr ungehorsame Untertanin finden“, sagte sie.

„Und Mademoiselle werden einen sehr strengen Kaiser kennenlernen. Ich habe bereits über Ihre Zukunft bestimmt; Sie haben nicht zu appellieren. Wo befindet sich jetzt dieser Kapitän?“

„Sire hatte in ja in Dero Gefolge.“

„Er wurde entfernt; man wird nach ihm suchen.“

Es war zu sehen, daß der Kaiser eifersüchtig war. Diesem Kapitän gönnte er das schöne Geschöpf nicht. Er stand auf und sagte im strengen Ton:

„Bis morgen wird Mademoiselle sich entscheiden, ob sie eine gehorsame Untertanin sein will oder nicht. Nur in ersterem Fall ist Hoffnung vorhanden, daß die Ungnade, welche der Kapitän so verdientermaßen auf sich geladen hat, wieder von ihm genommen werde.“

„Sire, diese Ungnade wird ihn nicht drücken“, antwortete sie mutig.

„Mademoiselle ist sehr kühn!“ rief der Kaiser zornig.

„Ich sage die Wahrheit. Denn mein Verlobter befindet sich bereits in Sicherheit. Er wird Gelegenheit haben, jenseits von Frankreichs Grenzen vom heutigen Abend zu berichten und von dort aus seine Braut zu reklamieren.“

Der Kaiser stand sprachlos vor Erstaunen. In dieser Weise hatte noch niemand zu ihm gesprochen. Endlich fand er Worte.

„Mademoiselle scheint die Absicht zu haben, in ein Kloster zu gehen“, sagte er.

„Sire“, sagte sie, „ich hoffe, daß eine jede Untertanin Frankreichs das Recht besitzt, ihre Selbstbestimmung zu behaupten. Ich erteile das Recht, für mich zu sorgen, nur meinem Bräutigam.“

Er warf ihr einen vernichtenden Blick zu.

„Pah!“ sagte er. „Sie sind sehr schön, aber – außerordentlich dumm.“

Nach diesen Worten verließ er das Zimmer, ohne Frau Richemonte oder deren Tochter nochmals anzusehen. Sein Gesicht hatte jenen starren, marmornen Ausdruck angenommen, der ihm eigentümlich war, sobald er einen festen, unerschütterlichen Entschluß gefaßt hatte.

„Welch ein Unglück“, sagte Frau Richemonte. „Wir sind verloren!“

„Nein, wir haben gewonnen!“ antwortete Margot.

„Da täuschest du dich sehr.“

„Im Gegenteil, ich habe vollkommen recht.“

„Wieso?“

„Der Kaiser kann ein arm und niedrig geborenes, niemals aber ein dummes Mädchen lieben. Wenn er die Absicht hatte, mich in seine Nähe zu ziehen, so hat er diese Absicht jetzt ganz sicher aufgegeben.“

„Das gebe Gott, sonst sind wir wirklich verloren.“

„Für uns ist mir nicht bange, aber desto mehr für Hugo.“

„Wieso?“

„Gegen ihn wird sich der Grimm des Kaisers richten.“

„Ich denke, er befindet sich in Sicherheit.“

„Jetzt wohl nicht mehr. Bitte, Mama, benachrichtige sofort die Baronin von dem Vorgefallenen, damit sie ihre Vorkehrungen trifft.“

Frau Richemonte entfernte sich, um diesem Wunsch der Tochter zu willfahren.

Königsau lag oben auf dem Dach vor dem Ventilator. Er hatte die ganze Szene mitangesehen und angehört. Jetzt, nachdem der Kaiser gegangen war, verschloß er das Loch und forschte unter den übrigen Ventilatoren. Er hatte den richtigen sehr bald gefunden. Er konnte jetzt genau das Zimmer Napoleons überblicken, in welches dieser letztere soeben eingetreten sein mußte.

„Die Baronin!“ hörte er den Kaiser sagen.

Der Diener, welchem dieser Befehl gegolten hatte, entfernte sich schleunigst.

„Ah, jetzt fragt er nach mir!“ dachte Königsau.

Der Kaiser saß finster sinnend in seinem Sessel. Als die Baronin eintrat, fuhr er mit dem Kopf empor, sah sie scharf an und fragte:

„Sie sind eine brave Französin?“

„Ja, hoffe ich, Sire“, antwortete sie.

Sie wußte noch nicht, weshalb der Kaiser sie hatte rufen lassen.

„Sie werden jetzt Gelegenheit haben, mir dies zu beweisen“, sagte der letztere. „Seit wann ist Ihr Verwandter, der Seekapitän, der Verlobte von Mademoiselle Richemonte?“

Sie erschrak. Also hatte er dies erfahren! Von wem? Hier galt es, sehr vorsichtig zu antworten, um keinen Fehler zu begehen.

„Seit einigen Monaten“, sagte sie.

„Wo lernte er sie kennen?“

„In Paris.“

„Ist er reich?“

„Ja“, antwortete sie getrost.

„Seit wann befindet er sich hier bei Ihnen?“

„Seit kurzen Tagen.“

„Wo ist er in diesem Augenblick zu treffen?“

„Das weiß ich nicht, Sire.“

„Ich hoffe, daß Sie es dennoch wissen!“

Er schien sie jetzt mit seinen Augen durchbohren zu wollen. Sie hielt diesen Blick ruhig und standhaft aus und antwortete mit fester Stimme:

„Sire, ich sagte die Wahrheit.“

„Sie haben auch keine Ahnung?“

„Ich ahne nur, daß er sich schleunigst über die Grenze geflüchtet hat, um den Folgen, welche das Mißfallen Ew. Majestät nach sich ziehen könnte, zu entgehen.“

„Hier auf dem Meierhof befindet er sich nicht?“

„Nein, sonst wüßte ich es.“

„Das ist gut für Sie; denn ich werde den Hof augenblicklich durchsuchen lassen. Haben Sie mir also vielleicht eine Bemerkung zu machen?“

„Nein, Sire.“

„So können Sie sich entfernen.“

Sie ging. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, so ergriff der Kaiser die Glocke.

„General Drouet“, befahl er dem Diener, welcher auf dieses Zeichen eingetreten war und sich eiligst entfernte, um den Befehl auszuführen.

Drouet ließ kaum zwei Minuten auf sich warten.

„Sie entsinnen sich des Kapitäns, von welchem bei Tafel die Rede war?“ fragte Napoleon.

„Sehr wohl, Sire.“

„Ich wünsche, ihn zu fassen. Lassen Sie sofort den ganzen Hof genau nach ihm durchsuchen. Findet er sich nicht, so sind berittene Piquets auszusenden, um ihn zu ergreifen. Er kann sich noch nicht weit entfernt haben.“

Er machte die Bewegung der Entlassung, als Drouet dennoch stehen blieb, fragte er:

„Was noch?“

„Nachrichten vom Feind, Majestät.“

„Ah!“ rief der Kaiser, rasch aufspringend. „Von welchem Feind? Von den Engländern oder den Preußen?“

„Von beiden, Sire.“

„Wer brachte sie?“

„Kapitän Richemonte, mein bester Eclaireur.“

„Richemonte? Ah, ist er vielleicht mit Frau Richemonte verwandt, welche sich hier auf dem Hof als Gast befindet?“

„Möglich, ich weiß es nicht.“

„Wo befindet sich der Kapitän?“

„In meinem Arbeitskabinett.“

„Er soll augenblicklich zu mir kommen. Nachdem Sie meinen vorigen Befehl ausgeführt haben, bringen Sie Ney und Grouchy zu mir.“

Der General entfernte sich eiligst, und nach ganz kurzer Zeit meldete der Diener den Kapitän Richemonte, welcher auch sogleich eintrat.

Napoleon betrachtete ihn mit scharfem Auge, konnte aber eine Ähnlichkeit zwischen ihm und Margot nicht entdecken. Er fragte: „Wo sind Sie geboren, Kapitän?“

„In Paris, Sire“, antwortete der Gefragte.

„Wo lebten Sie zuletzt?“

„Ebendaselbst.“

„Sie standen im Dienst?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ich wollte nur meinem Kaiser dienen, nicht aber dem König, welchen uns die Feinde aufzwangen.“

„Das ist brav, Kapitän. Man wird solche Treue zu belohnen wissen. Haben Sie Verwandte?“

Der Kapitän horchte bei dieser Frage auf. Hatte sie einen näheren Zweck?

„Ja“, antwortete er.

„Wen?“

„Mutter und Schwester.“

„Ah! Wie heißt diese Schwester?“

„Margot, Sire.“

Napoleon nickte sehr schnell mit dem Kopf.

„Aber Sie sehen dieser Schwester nicht ähnlich!“ sagte er.

„Es sind Stiefmutter und Stiefschwester, Majestät.“

„Ah! Wo befinden sie sich?“

„Hier auf dem Meierhof.“

Er konnte keine andere Antwort geben, denn er sagte sich, daß der Kaiser seine Schwester gerade heute und hier gesehen haben müsse.

„Sie kamen heute, um Drouet Bericht zu erstatten?“

„So ist es Sire.“

„Woher?“

„Von Lüttich, Namur und Brüssel.“

„Wann sind Sie angekommen?“

„Vor einer Viertelstunde.“

„Haben Sie Ihre Mutter und Schwester gesprochen, Kapitän?“

„Nein, Sire.“

„Warum nicht?“

„Ich hätte keine Zeit dazu gehabt, spreche aber mit diesen Verwandten überhaupt nicht.“

Das war dem Kaiser auffällig.

„Sie sind mit ihnen zerfallen?“ fragte er.

„Ja.“

„Warum?“

„Sie sind der Sache des Vaterlandes untreu geworden, Sire. Ich muß mich ihrer schämen.“

„Untreu geworden?“ fragte Napoleon rasch. „Wie meinen Sie das?“

„Die Schwester hat sich mit einem preußischen Offizier verlobt.“

Da erhob sich Napoleon rasch vom Stuhl und sagte:

„Das ist ein Irrtum, Kapitän. Sie sind falsch berichtet worden.“

„Sire, ich sage die Wahrheit“, behauptete Richemonte.

„Ihre Schwester ist mit einem Seekapitän aus Marseille verlobt.“

„Davon weiß ich nichts.“

„Dieser Seemann heißt Saint-Marie und ist ein Verwandter der Besitzerin dieses Meierhofs.“

„Auch dies ist mir vollständig unbekannt, Majestät.“

„Wohl nur deshalb, weil Sie mit den beiden Frauen nicht verkehren?“

„Es ist erst kurze Zeit, daß ich mich von ihnen trennte; außerdem habe ich sie auch hier nicht aus meiner Beobachtung gelassen.“

„Merkwürdig! Wie heißt jener deutsche Offizier?“

„Hugo von Königsau.“

„Welchen Grad besitzt er?“

„Lieutenant bei den Ziethenhusaren.“

„Kennen Sie ihn persönlich?“

„Ja. Er ist übrigens ein besonderer Schützling des Feldmarschalls Blücher.“

„Beschreiben Sie ihn mir genau.“

„Er ist hoch und stark gebaut, wenn auch nicht sehr lang, hat blondes Haar, einen starken, leicht gekräuselten Schnurrbart von derselben Farbe, blaue Augen, sehr gute Zähne und ein kleines rotes Mal auf der rechten Wange.“

Da trat Napoleon zwei Schritte auf den Sprecher zu:

„Sie malten da wirklich diesen Lieutenant ab?“ fragte er rasch und dringlich.

„Ja, Majestät.“

„Sie wissen genau, daß Sie nicht irren?“

„Ganz genau.“

„Ah, so hat man es gewagt, mich zu betrügen, zu belügen und zu hintergehen! Dieser sogenannte Seekapitän ist kein anderer als jener Husarenlieutenant, jener Liebling des Feldmarschalls Blücher. Er kam nach hier, um zu spionieren. Man muß alles tun, um ihn zu fangen. Dann wird man ihn aufhängen. Warten Sie draußen im Vorzimmer. Ich muß sofort zu Drouet. Ich komme gleich wieder.“

Königsau hatte diese Unterredung von Wort zu Wort belauscht. Er erschrak. Diese Sache konnte gefährliche Dimensionen annehmen. Er mußte die Freunde sofort warnen. Daher eilte er nach der geheimen Treppe und stieg hinab, um sich zu Margot zu begeben. –

Als die Baronin den Kaiser verlassen hatte, eilte sie sofort zu ihren Verwandten, um ihnen mitzuteilen, daß Napoleon nach dem vermeintlichen Seekapitän suchen lassen werde. Sie begegnete Frau Richemonte, welche ja im Begriff gestanden hatte, sie aufzusuchen, unter der Tür und veranlaßte sie, wieder mit einzutreten.

„Erschrecken Sie nicht, liebe Margot“, sagte sie. „Ich komme soeben vom Kaiser.“

„Das bedeutet ein Unglück“, sagte Frau Richemonte.

„Es sieht größer aus, als es ist. Der Kaiser läßt das Haus nach dem sogenannten Seekapitän durchsuchen.“

„Mein Gott, wird man ihn finden?“

„Wohl schwerlich.“

„Wo ist er versteckt?“

„Ganz in Ihrer Nähe“, sagte die Baronin lächelnd.

„Unmöglich. Wo wäre das?“

„Hier!“

Diese Antwort wurde aber nicht von der Baronin, sondern von Königsau ausgesprochen, welcher durch die hintere Tür trat.

„Hugo!“ rief Margot. „Neben mir bist du?“

„Ja. Aber um Gottes willen, wir alle befinden uns in einer fürchterlichen Gefahr.“

„Wir wissen bereits davon. Die Frau Baronin wollte dir davon mitteilen.“

„Oh, es bedarf dieser Mitteilung nicht, denn ich weiß bereits alles. Ich weiß sogar mehr, als die Frau Baronin ahnt.“

„Haben Sie gelauscht?“ fragte diese.

„Ja. Kapitän Richemonte ist da.“

„Albin ist hier?“ fragten Mutter und Tochter zu gleicher Zeit.

„Ja“, meinte er.

„Mein Gott, so sind wir verraten! Wie hat er unseren Aufenthalt erfahren?“

„Durch einen Kommis des Hauses, von welchem Mama ihre Gelder bezieht.“

„Ah, daran hatten wir nicht gedacht; diese Möglichkeit wurde von uns übersehen. Aber ist es nicht möglich, daß du dich geirrt hast?“ fragte Margot.

„Nein. Er war soeben bei Napoleon: er befindet sich noch im Vorzimmer desselben. Er hat dem Kaiser gesagt, daß dein Verlobter nicht ein Seekapitän, sondern ein preußischer Husarenlieutenant ist.“

„So sind wir verloren.“

„Noch nicht. Er hat dem Kaiser mein Signalement gegeben und sogar das kleine Mal hier an der Wange nicht vergessen; aber dennoch kann man Euch nichts tun. Ihr dürft nur behaupten, daß die Verlobung mit mir aufgehoben wurde und daß ich durch Kapitän von Sainte-Marie ersetzt wurde.“

„Das ist die einzige Rettung“, stimmte die Baronin bei. „Meine Leute sind mir alle treu. Ich werde sie sofort instruieren lassen, auf etwaiges Befragen auszusagen, daß Kapitän de Sainte-Marie hier auf Besuch gewesen sei.“

„Dann muß er aber mein vollständiges Signalement besitzen“, meine Königsau.

„Natürlich. Es wird der Dienerschaft mitgeteilt. Wo ist der Kaiser?“

„Er eilte zu Drouet, jedenfalls um die Haussuchung zu beschleunigen.“

„Gott, wenn man dich entdeckt“, klagte Margot.

„Man wird ihn nicht finden“, tröstete die Baronin.

„Ich befürchte doch, daß man mich finden wird“, meinte Königsau.

„Wieso?“

„Man wird wohl auch dieses Zimmer durchsuchen und also diese Tür sehen, durch welche man in mein Zimmer gelangt. Dort wird man die Treppe und den Ausgang nach dem Dach entdecken. Dann bin ich verloren.“

„So weit kommt es nicht“, bestritt die Baronin. „Man wird nicht wagen, diese Krankenstube zu betreten.“

„Warum nicht? Der Kaiser war bereits da, ohne Rücksicht zu nehmen. Man wird mich ja am ersten bei meiner Braut vermuten und suchen.“

„Nun, so ist auch dann noch nichts verloren. Begeben Sie sich nach Ihrem Zimmer, und klingeln Sie Florian. Sie brauchen ihm nur zu sagen, daß der die Treppen fortnehmen solle. Dann sind Sie geborgen. Aber schnell! Ich höre unten laufen. Man beginnt die Durchsuchung bereits, wie es scheint.“

Königsau ging in seine Stube und klingelte. Bald erschien Florian.

„Was befehlen Sie?“ fragte er.

„Sie sollen die Treppe da fortnehmen“, antwortete Königsau.

„Sapperlot! Warum?“

„Napoleon hat erfahren, daß ich nicht der Seekapitän Sainte-Marie, sondern ein preußischer Husar bin. Er läßt haussuchen.“

„Sie meinen, daß man auch hierher kommen wird?“

„Ich vermute es.“

„Gut, dann nehmen wir die Treppe weg.“

„Geht dies so leicht?“

„Ja. Ich brauche nur zwei Schrauben aufzudrehen.“

„Wo kommt die Treppe hin?“

„Hinunter in den Stall, unter den Dünger.“

„Wird man den Ausgang nach dem Dach nicht trotzdem entdecken?“

„Nein. Haben Sie noch nicht bemerkt, daß die Eisenplatte genau dieselbe Farbe wie die Decke Ihres Zimmers hat?“

„Ich habe nicht so genau aufgemerkt. Übrigens ist es ja ganz dunkel hier. Wir wollen schnell ans Werk gehen. Es ist keine Zeit zu verlieren.“

„So steigen Sie hinauf.“

„Ah. Ich bleibe auf dem Dach?“

„Ja. Sie steigen hinaus und schließen die Platte von draußen zu. Sie müssen freilich auf dem Dach bleiben, bis die Gefahr beseitigt ist. Ich werde überdies, sobald es mir möglich ist, kommen, um Sie zu benachrichtigen.“ –

Unterdessen hatte Kapitän Richemonte im Vorzimmer gewartet. Als der Kaiser zurückkehrte, mußte er mit diesem wieder eintreten.

„Man beginnt soeben die Haussuchung“, sagte Napoleon. „Er wird uns nicht entgehen, wenn er sich noch hier befindet. Würden Sie ihn erkennen?“

„Sofort.“

„Und ihn rekognoszieren können?“

„Ja. Übrigens befindet sich ein zweiter hier, der ihn ebenso genau kennt wie ich.“

„Wer ist dies?“

„Der Baron de Reillac.“

„Hier auf Jeannette?“

„Nein, sondern in Sedan.“

„So könnte man ihn kommen lassen. Wie ist übrigens dieser Königsau mit Ihrer Schwester bekannt geworden?“

„Majestät, ich weiß dies nicht.“

„Wer hat die Einwilligung zur Verlobung gegeben?“

„Meine Stiefmutter.“

„Trotzdem er ein Deutscher ist?“

„Sie selbst ist auch eine Deutsche.“

„Ah, man hat also doppelt vorsichtig zu sein! Gab es denn keinen Franzosen, welchem es hätte gelingen können, das Herz Ihrer Schwester zu erobern?“

Der Kapitän sah ein, daß der Kaiser ein persönliches Interesse für Margot hege. Er konnte dies zu seinem Vorteil ausnutzen; es gab ihm ferner Gelegenheit, sich an Königsau, seinem Todfeind, zu rächen. Er antwortete:

„Dieser Husarenlieutenant machte mir einen meiner besten Pläne zuschanden.“

„Ah. Sie hatten einen Plan? Welchen?“

„Schon mein Vater bestimmte auf seinem Sterbebette, daß Margot die Gemahlin seines und meines besten Freundes, nämlich des Barons Reillac, werden solle –“

„Des Barons Reillac? Sie meinen den Armee-Lieferanten?“

„Ja, Sire.“

„Er erhielt aber die Zuneigung Ihrer Schwester nicht?“

„Leider, nein.“

Über die ehernen Züge des Kaisers glitt ein Lächeln, welches man teils erfreut und teils schadenfroh nennen konnte. Er blickte eine Zeitlang sinnend vor sich hin und sagte dann:

„Der Baron hat dieses Projekt fallen lassen?“

„Nein. Mutter und Schwester ergriffen die Flucht; der Baron half mir, ihre Spur zu entdecken, und ist jetzt so wenig wie vorher gesinnt, seinen Absichten zu entsagen.“

„Man muß zugeben, daß er einen sehr guten Geschmack besitzt. Ihre Schwester ist ganz geeignet, den feinsten Salon zu schmücken. Ich war bereit, ihr den Weg zu ebnen; sie aber hat verzichtet, dies zu akzeptieren.“

Jetzt wußte der Kapitän ganz genau, daß der Kaiser in Margot verliebt sei. Er sagte im Ton des tiefsten Erschreckens:

„Himmel, das ist ja gar nicht möglich! Eine solche Gnade zurückzuweisen! Wenn Majestät mich mit diesem Arrangement betrauen wollten, so bin ich überzeugt, den sträflichen Eigenwillen der Schwester zu besiegen.“

„Sie würden auf einen sehr energischen Widerstand stoßen.“

„Mit der Vollmacht von meinem Kaiser in der Hand würde ich diesen Widerstand nicht fürchten.“

„Sie würden ihn nicht bloß bei der Tochter, sondern auch bei der Mutter finden.“

„Die Mutter ist verständig und lebenserfahren genug, um einzusehen, welch einen unverdienten Schatz die Huld des Kaisers bildet.“

„So muß man sich die Angelegenheit überlegen. Vorher aber wollen wir sehen, ob es uns gelingt, diesen Lieutenant Königsau zu ergreifen. Baron Reillac ist kein Jüngling mehr, wie es scheint?“

„Er ist ungefähr fünfzig, Sire.“

„Sie ist seine Liebe keine rein leidenschaftliche?“

„Er glüht wie ein Milchbart.“

„Ah, das will einem so bejahrten Manne nicht wohl anstehen. Ich meinte, er begehre die Hand Ihrer Schwester nur, um mit ihr zu glänzen.“

„Vielleicht ist die glühende Erregung nur vorübergehend, Sire.“

„Man müßte dies hoffen. Der Baron hätte also Ihre Zustimmung?“

„Ich habe sie ihm bereits gegeben.“

„Sie werden ihn sehen und sprechen?“

„Ja.“

„Wann?“

„Morgen, wenn ich nach Sedan komme.“

„Nun wohl, so will ich diese Angelegenheit Ihrer Hand anvertrauen und sehen, ob Sie sich so geschickt erweisen, wie ich es erwarte.“

Der Kapitän verbeugte sich so tief wie möglich.

„Sire“, sagte er, „mein Leben gehört meinem Kaiser.“

„Ich bin überzeugt davon.“ Und nach einer Pause fuhr er fort: „Sie wissen, Kapitän, daß es Dinge und Arrangements gibt, über welche man nicht spricht –“

Richemonte verbeugte sich stumm.

„Welche man ordnet, ohne sich vorher Instruktion zu holen –“

Eine zweite Verbeugung war des Kapitäns Antwort.

„Eine solche Angelegenheit ist die gegenwärtige. Ich gebe Ihnen nur zu überlegen, daß ich als Kaiser Vormund aller Waisen bin.“

„Eins der schönsten Vorrechte der Krone, Sire.“

„Daß ich meine Vormundschaft nicht mit Gewalt zur Geltung bringen möchte. Eine Dame darf die möglichsten Rücksichten erfordern –“

„Bis zu einer gewissen Grenze, Majestät.“

„Ich sehe, Sie verstehen mich. Diese Grenze dürfte nur im Notfall überschritten werden, und dann zwar in einer Weise, welche nicht von sich reden macht. Ich muß das ganz allein Ihrer Klugheit überlassen.“

„Ich hoffe, die richtige Weise zu treffen, Sire.“

„Gut. So beauftrage ich Sie, dem Baron Reillac mitzuteilen, daß ich geneigt bin, ihn als den Verlobten Ihrer Schwester zu betrachten.“

„Er wird diese freudige Nachricht morgen empfangen.“

„Ich verbiete ihm aber, sich der Dame zu nähern, bevor ich ihm meine Erlaubnis dazu erteile. Verstanden?“

„Er wird gehorchen, obgleich ihm die Erfüllung dieses Befehles nicht leicht werden kann.“

„Sie haben darüber zu wachen, daß dieser Punkt streng respektiert wird.“

„Majestät, ich muß mir doch erlauben, eine solche Verantwortlichkeit von mir zu weisen.“

„Warum?“

„Weil ich der Schwester fern stehe und andere Pflichten –“

„Pah“, unterbrach ihn der Kaiser. „Sie werden der Schwester nahe gestellt werden, und die Erfüllung Ihrer anderen Pflichten wird man anderen Händen anvertrauen.“

„Dann soll es meine Aufgabe sein, darüber zu wachen, daß die Intention Ew. Majestät befolgt werde.“

„Ich erwarte das. Das Hauptquartier wird in kurzer Zeit den Meierhof Jeannette verlassen, doch werde ich eine Etappe auf dem Platz lassen.“

Der Kapitän errötete vor Freude. Er ahnte, was kommen werde.

„Das Kommando derselben werden Sie überkommen“, fuhr der Kaiser fort. „Ich werde General Drouet das Nötige mitteilen. Außer den Instruktionen, welche Sie von mir erhalten, haben Sie mir täglich briefliche Nachricht von dem Befinden Ihrer Schwester in das Quartier zu senden. Sollte sich etwas Ungewöhnliches ereignen, so benachrichtigen Sie mich sofort per Estafette.“

„Majestät, ich fühle mich glücklich, daß ich über meine Befugnisse eine wenn auch nur ganz kleine Andeutung notwendig habe.“

„Die Andeutung ist kurz. Sie lautet: Ihre Schwester und Ihre Mutter sind Ihre Gefangenen, natürlich nicht offiziell, sondern geheim. Die beiden Damen dürfen den Meierhof nicht ohne meine Erlaubnis verlassen.“

Soweit war die Instruktion gegeben, da wurde Drouet gemeldet. Der General trat unmittelbar hinter dem meldenden Diener ein. Napoleon wendete sich ihm zu.

„Gefangen?“ fragte er.

„Leider noch nicht, Sire“, lautete die Antwort. „Man hat bisher noch keine Spur entdeckt.“

„So hat man vielleicht schlecht gesucht.“

„Man hat bisher unterlassen, die Zimmer der Damen zu untersuchen.“

„Welche Damen meinen Sie?“

„Die Baronin und die Damen Richemonte.“

„Man suche auch bei ihnen.“

„Wird auch auf die Verwundung von Mademoiselle Margot nicht einige Rücksicht zu nehmen sein?“

Napoleon blickte vor sich nieder, dann antwortete er:

„Die einzige Schonung, welche ich gewähren kann, ist diejenige, daß nicht fremde Leute, sondern ihr Bruder bei ihr suchen soll.“

Das war eine Rache an Margot für ihre Zurückweisung. Der Kaiser fuhr fort:

„Kapitän, Sie werden sich sofort nach den Gemächern Ihrer Verwandten begeben und dort die genaueste Nachsuchung halten.“

Der Kapitän verbeugte sich und sagte:

„Ich erlaube mir, zu bemerken, daß unser Suchen trotz allem Eifer und Sorgfalt vielleicht vergebens sein kann und der Deutsche sich trotzdem hier versteckt aufhält. Dieser alte Meierhof hat Schlupfwinkel. Um ganz sicher zu gehen, müßte man sich mit jemandem verständigen, welcher das Haus genau kennt.“

„Es wird sich keiner finden, der sich dazu hergibt, die Herrschaft zu verraten“, sagte Drouet.

„Ich kenne einen“, bemerkte Richemonte.

„Wer wäre das?“

„Der alte Kutscher Florian.“

„Gerade dieser scheint seiner Herrschaft sehr ergeben zu sein.“

„Dies scheint nur so, mein General. Ich habe Beweise, daß er mir ergebener ist, als der Baronin oder dem Baron de Sainte-Marie.“

„Dieser Baron scheint ein etwas leichtsinniger Patron zu sein?“ fragte Napoleon.

„Er ist als nicht sehr charaktervoll bekannt“, antwortete der Kapitän.

„Solche Leute sind schwach und lassen sich leicht erschrecken. Man wir ein wenig ernst auftreten und den Baron so damit erschrecken, daß er die Wahrheit eingesteht. Ich habe soeben den Kapitän Richemonte zum Etappenkommandanten von Jeannette ernannt. Er wird sich jetzt zu der Baronin und ihrem Sohne, ebenso zu den Damen Richemonte begeben und ihnen ankündigen, daß sie seine Gefangenen sind.“

„Diese strenge Maßregel –“, wollte der General bemerken.

„Ist sehr begründet“, fiel Napoleon schnell ein. „Man nimmt einen preußischen Spion hier auf, man verbirgt ihn; das ist Landesverrat, in Kriegszeiten doppelt strafbar. Das Gesetz bedroht dieses Verbrechen mit dem augenblicklichen Tod. Man lasse sofort den Kutscher kommen, von dem Sie gesprochen haben.“

Diese Worte waren an Richemonte gerichtet. Er meldete dem Diener den Befehl, Florian sofort zu Stelle zu bringen, was augenblicklich befolgt wurde.

Florian trat mit jener Scheu ein, welche ein niedrig stehender Mann gewöhnlich vor hochgestellten Personen hegt.

„Sie sind der Kutscher der Baronin?“ fragte ihn der Kaiser.

„Zu dienen, Majestät“, antwortete jener ängstlich.

„Dienen Sie ihr bereits lange Zeit?“

„Schon viele Jahre.“

„Sind Sie mit ihr zufrieden?“

„Hm“, brummte der Gefragte verlegen.

Florian drehte seine Mütze verlegen hin und her und antwortete endlich:

„Es bleibt manches zu wünschen übrig.“

„Man hat einen besseren Dienst für Sie, wenn Sie sich desselben würdig zeigen.“

Da hellte sich das Gesicht des Kutschers auf.

„Oh, ich habe schon längst fort gewollt“, sagte er.

„Gut, so seien sie einmal aufrichtig, wenn Sie sich glücklich machen wollen, und sagen Sie, ob Sie einen Deutschen kennen, welcher Husarenoffizier ist und heimlich hier auf dem Meierhof verkehrt.“

„Nein, ich kenne keinen, Sire.“

„Sie reden da die Wahrheit?“

„Ja.“

„Vielleicht ist dieser Mensch unter einem anderen Namen hier gewesen?“

„Das würde mir aufgefallen sein. Es haben nur Bekannte hier verkehrt.“

„So kennen Sie wohl einen Bekannten, oder Verwandten der Baronin, welcher Seekapitän ist?“

„Ja, den kenne ich.“

„Er ist hier auf Besuch?“

„Er war hier. Es ist der Herr, welcher heute die Marodeurs so gut bediente.“

„War er schon längere Zeit hier?“

„Einige Tage.“

„War er viel mit Mademoiselle Margot zusammen?“

Florian blickte dumm verlegen vor sich nieder.

„Hm. Ja“, antwortete er mit breitem Lachen.

„Warum lachen Sie?“

„Na, sie waren ja Liebesleute.“

„War dies allgemein bekannt?“

„Man sah es ja. Sie schnäbelten sich wie die Tauben.“

„Wo ist er jetzt?“

„Fort! Futsch!“

„Man bezweifelt das. Er soll hier versteckt sein?“

„Versteckt? Das fällt ihm gar nicht ein. Ich weiß das viel besser, Sire.“

„So. Inwiefern wissen Sie das besser?“

„Weil er es mir gesagt hat.“

„Ah, endlich eine Spur. Was hat er gesagt?“

„Daß er entflieht.“

„Aber er hat die Flucht doch nicht sofort ergriffen?“

„Sofort.“

„Das ist kaum glaublich.“

„Oh, er sagte es mir selbst. Ich war, als wir an der Waldschenke standen, etwas beiseite getreten, und da kam er zu mir. Er sagte, daß er fliehen müsse, weil – weil –“

Der Kutscher steckte in ganz schauderhafter Verlegenheit.

„Fahren Sie fort“, sagte der Kaiser. „Ich befehle es Ihnen, die volle Wahrheit zu sagen. Weshalb mußte er fliehen? Was gab er an?“

Florian antwortete sehr befangen und schamhaft:

„Er sagte, er müsse fort, weil – weil – – – er, weil der Kaiser die Margot für sich haben wolle und sich deshalb mit ihm gezankt habe.“

„Pah!“ sagte Napoleon verächtlich und mit unbeschreiblichem Stolz.

„Ja, so sagte er“, fuhr Florian fort. „Er meinte, wenn er sich hier noch einmal sehen lasse, so sei er verloren. Er wolle aber seine Liebste und die Baronin nicht in Verlegenheit bringen: darum ergreife er auf der Stelle die Flucht.“

„Wohin?“

„Ich solle der gnädigen Frau sagen, daß er zunächst nach Luxemburg und dann nach Köln gehe. Er verließ mich in der Richtung nach Donzy zu.“

„Sie sagen die Wahrheit?“ fragte der Kaiser streng.

„Ja. Warum sollte ich lügen?“

„Weiter sagte er nichts?“

„O ja.“

„Was?“

„Daß er wiederkommen werde.“

„Wann?“

„Dann, wenn – wenn – – – ich kann das nicht sagen, Majestät.“

„Warum nicht?“

„Sie werden sich ärgern.“

„Ich befehle Ihnen dennoch, es zu sagen.“

„Nun, er sagte, er werde wiederkommen, wenn – wenn – sobald der Kaiser die richtigen Keile von den Alliierten erhalten habe.“

Über das Angesicht Napoleons huschte ein eigentümlicher und undefinierbarer Ausdruck. Er bezwang sich aber und fragte weiter:

„Das ist alles, was Sie von ihm wissen und was er sagte?“

„Noch nicht alles.“

„Was noch?“

„Noch zweierlei. Er sagte, ich solle den Damen und dem Baron tausend Grüße bringen, Mademoiselle Margot aber tausend Küsse von ihm geben.“

Drouet lächelte belustigt; der Kaiser aber fragte, ernst bleibend:

„Und das zweite?“

„Ich soll gut aufpassen und ihm später alles genau sagen.“

„Aufpassen? Worauf?“

„Ob der Kaiser viel bei Margot sei, und ob er sie oft küsse.“

„Mensch, Sie sind bei Gott höchst aufrichtig“, rief Napoleon.

„Ja, das bin ich“, sagte der Kutscher sehr stolz.

Er schien den ärgerlichen Ausruf des Kaisers für ein Lob zu nehmen.

„Sie sind also überzeugt, daß er wirklich fort ist?“ examinierte Napoleon weiter.

„Ja. Ich habe ihn ja gehen sehen.“

„Er kann Sie auch getäuscht haben.“

„Mich?“ sagte Florian ganz erstaunt. „Der wäre mir der Kerl dazu. An mich kommt da nicht gleich einer heran.“

„Das sieht man Ihnen an“, meinte Napoleon ironisch. „Dennoch aber ist es möglich, daß er nicht nach Donzy gegangen ist, sondern sich heimlich hier verborgen hält. Gibt es hier nicht Orte, die man als Versteck benutzen kann?“

„Oh, viele.“

„Wo?“

„Der Taubenschlag zum Beispiel.“

„Unsinn!“

„Ferner die Milchkammer. Da stecke ich manchmal selber.“

„Gut, gut!“ rief Napoleon, nach der Tür winkend. „Sie können gehen!“

Florian schickte sich an, das Zimmer zu verlassen, drehte sich aber an der Tür noch einmal um und fragte:

„Aber die neue Stelle Majestät? Bitte, ja nicht vergessen!“

Damit verschwand er.

Der Kaiser wendete sich mit mitleidigem Achselzucken an Kapitän Richemonte:

„Sie haben uns da einen sehr schlauen Diplomaten empfohlen. Er ist ebenso borniert, wie aufrichtig, und ich bin überzeugt, daß er uns die Wahrheit gesagt hat.“

Hätte der Kaiser geahnt, daß durch den Ventilator in der Zimmerdecke derjenige herabblickte und alles hörte, den man so gern fangen wollte, so hätte er wohl ganz anders gesprochen. Er fuhr fort:

„Dennoch ist es leicht möglich, daß der Gesuchte sich hier aufhält. Das Geheimnis, welches ihn umhüllt, muß schleunigst aufgeklärt werden. Man muß erfahren, ob jener Seekapitän und der Husarenlieutenant dieselbe Person sind, oder nicht. Ich lege diesen Auftrag in Ihre Hand, Kapitän. Gehen Sie.“

„Ich bin nicht in Uniform, General“, wendete sich Richemonte an Drouet. „Darf ich zu meiner Legitimation mich eines Piquets bedienen?“

„Nehmen Sie so viel Mann, als Sie brauchen.“

Der Kapitän ging.

Es jubelte ihm das Herz in der Brust. Er sah sich mit einem Mal als Meister der ganzen Situation. Mutter und Schwester waren in seine Hand gegeben. Wurde Margot die Maitresse des Kaisers, so war sein Glück gemacht.

Zu gleicher Zeit hatte Napoleon ihm eine Waffe gegen den Baron Reillac in die Hand gegeben. Dieser sollte sie nicht berühren dürfen; er mußte ihn, den Kapitän, von jetzt an mit Schonung behandeln, da dieser nunmehr sichtlich unter dem unmittelbaren Schutz Napoleons stand.

VIERTES KAPITEL 

Auf der Flucht

Richemonte stieg in einer höchst selbstbewußten Haltung zur Wache hinab, wo er sich einige Mann aussuchte, welche ihm zu folgen hatten.

Zunächst begab er sich, nachdem er Erkundigungen über den Aufenthalt der einzelnen Personen eingezogen hatte, in das Parterrezimmer zu dem Baron.

„Kennen Sie mich, Baron?“ fragte er diesen.

„Nein“, antwortete dieser, ganz erstaunt darüber, einen Menschen so ungeniert bei sich eintreten zu sehen.

„Ich bin Kapitän Richemonte, der Sohn und Bruder der beiden Damen, welche sich als Ihre Gäste gegenwärtig hier befinden.“

Er hatte gehofft, den Baron sehr überrascht zu sehen. Dieser aber war von seiner Anwesenheit bereits unterrichtet und sagte einfach:

„So! Was wünschen Sie?“

„Der Kaiser sendet mich. Sie sind mein Gefangener.“

Auch hierauf war der Baron vorbereitet.

„Ihr Gefangener?“ fragte er. „Darf ich nach dem Grund fragen?“

„Sie sind des Landesverrats verdächtig. Sie beherbergen einen Spion bei sich.“

Der Baron zuckte geringschätzend die Achsel und meinte:

„Suchen Sie ihn hier?“

„Er wird sich schon finden, wenn auch nicht hier in Ihrem Zimmer, aber doch sicher irgendwo. Es ist am besten, Sie legen ein offenes Geständnis ab.“

„Habe ich auch Ihre Beleidigung mit anzuhören?“ fragte der Baron scharf.

„Gut. Ich verlasse Sie einstweilen, um auch die Baronin festzunehmen. Ich bemerke Ihnen jedoch, daß ich vor Ihrer Tür einen Posten zurücklasse. Der Mann hat Auftrag, auf Sie zu schießen, sobald Sie den Versuch machen sollten, Ihr Zimmer zu verlassen.“

„Ich habe keine Veranlassung, zu fliehen. Gehen Sie.“

Richemonte fühlte, daß es ihm ganz und gar nicht gelungen sei, dem jungen Mann zu imponieren. Dies brachte ihn zu dem Vorsatz, sich auf alle Fälle Respekt zu verschaffen. Er begab sich zur Baronin und trat bei derselben in einer Haltung ein, welche sofort zu erkennen gab, daß er in einer feindseligen Absicht komme. Sie war von seinem Kommen bereits unterrichtet, tat aber so, als ob sie nichts davon wisse. Er hatte es vorgezogen, unangemeldet einzutreten. Sie blickte ihn daher befremdet an und sagte:

„Mein Herr, Sie scheinen irre gegangen zu sein. Sie suchen jedenfalls irgendeinen meiner Domestiken.“

Er lächelte überlegen und antwortete:

„Sie selbst irren, nicht ich. Sie sind die Baronin de Sainte-Marie?“

„Ja.“

„Nun, zu Ihnen will ich. Sie sehen also, daß ich nicht irre gegangen bin.“

„So beklage ich es, daß Sie sich nicht zuvor an meinen Diener gewendet haben. Ich pflege nur solche Personen zu empfangen, welche die Höflichkeit und Rücksicht besitzen, sich bei mir anmelden zu lassen. Die gegenwärtige Audienz ist also zu Ende, noch bevor sie begonnen hat.“

Sie drehte sich um und stand im Begriff, in das Nebenzimmer zu gehen.

„Halt!“ rief er ihr da zu. „Sie bleiben!“

Dieser Ton war so gebieterisch, daß sie erstaunt stehen blieb, ihm den stolzesten ihrer Blicke zuwarf und dann sagte:

„Was fällt Ihnen ein? Sie sprechen mit der Gebieterin dieses Hauses!“

„Sie waren das bis jetzt; von diesem Augenblick an aber sind Sie es nicht mehr!“

„Ah!“

Diese eine Silbe drückte verachtungsvolles Staunen aus.

„Ja“, fuhr er fort. „Tun Sie noch so stolz; Ihre Herrschaft hier ist doch zu Ende.“

„Wer sind Sie?“ fragte sie kalt und streng.

„Jedenfalls ist Ihnen mein Name nicht unbekannt. Ich bin Kapitän der kaiserlichen Armee; mein Name ist Richemonte.“

„Richemonte?“ sagte sie kopfschüttelnd. „Ich kenne Sie nicht.“

„So beeile ich mich, Ihrem Gedächtnisse zu Hilfe zu kommen, Madame. Es befinden sich als Ihre Gäste zwei Damen bei Ihnen, welche auch Richemonte heißen?“

„Allerdings.“

„Nun, ich bin der Sohn der einen und der Bruder der anderen.“

Die Baronin simulierte die Miene des Nachdenkens und antwortete:

„Ich besinne mich allerdings, von Frau Richemonte gehört zu haben, daß sie einen Stiefsohn besitze; doch ist das Verhältnis zwischen ihr und ihm nicht ein solches, daß mir seine Gegenwart lieb sein könnte, zumal wenn er sich den Zutritt auf eine Art und Weise erzwingt, welche allen Regeln der gesellschaftlichen Ordnung entgegen ist.“

„Und doch werden Sie sich meine Gegenwart gefallen lassen müssen“, sagte er mit Nachdruck. „Sie können nicht das mindeste dagegen tun.“

„Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß mir mein Hausrecht nicht zusteht?“

„Ja, gerade dies will ich sagen. Ich komme nämlich in amtlicher Eigenschaft zu Ihnen.“

„Ah! Haben Sie vielleicht den Grad eines Kapitäns mit demjenigen eines Dorfbüttels vertauscht? Ihr Auftreten läßt dies allerdings vermuten.“

Das war ihm denn doch zu viel. Er fletschte die Zähne; aber er bezwang sich in der Hoffnung eines endlichen Triumphes doch noch und antwortete:

„Ich stehe als der Bevollmächtigte des Kaisers vor Ihnen und ersuche Sie dringend, sich derjenigen Höflichkeit zu befleißigen, welche ich als solcher zu fordern habe. Das Gegenteil könnte sehr zu Ihrem Schaden ausfallen.“

„Als Bevollmächtigter des Kaisers? Wo ist Ihre Vollmacht?“

„Ich habe ganz und gar nicht nötig, Ihnen ein schriftliches Dokument vorzuzeigen. Meine Vollmacht steht vor der Tür.“

Er öffnete die Tür und ließ die Soldaten sehen, welche draußen standen.

„Das genügt allerdings“, erklärte die Baronin. „Nun bin ich sehr begierig, zu erfahren, welchem Umstand ich es zu verdanken habe, daß Seine Majestät mich mit Ehrenposten auszeichnet.“

„Wenn Sie diese Leute für Ehrenposten halten, so befinden Sie sich in einem ganz bedeutenden Irrtum. Es sind vielmehr Sicherheitswächter, welche die Aufgabe haben, die Flucht meiner Gefangenen zu verhindern.“

„Soll das etwa heißen, daß ich Ihre Gefangene bin?“

„Ja.“

„Sie setzen mich da in das größte Erstaunen. Ich ersuche Sie, mir die Gründe dieses Vorgehens anzugeben.“

„Der Grund ist ein sehr ernster. Er heißt Landesverrat.“

„Sie scherzen! Welches Land sollte ich verraten haben?“

„Frankreich!“

„Frankreich? Sie fabulieren!“

Sie begleitete die Worte mit einem lustigen, sorglosen Lachen. Er aber zog die Brauen finster zusammen und antwortete:

„Lachen Sie nicht! Sie beherbergen heimlich einen Feind des Vaterlandes. Das ist natürlich Landesverrat und wird mit dem Tod bestraft.“

„Einen Feind des Vaterlandes? Wer sollte dies sein?“ fragte sie erstaunt.

„Es ist ein gewisser Königsau, preußischer Husarenlieutenant.“

„Ich wiederhole, daß Sie fabulieren.“

„Pah! Dieses Fabulieren kann Ihnen sehr leicht den Kopf kosten! Wo haben Sie den Menschen versteckt?“

„Ihre Frage ist eine mehr als zudringliche!“

„Wenn Sie keine Antwort geben, werde ich suchen müssen.“

„Suchen Sie!“

„Wohlan, zeigen Sie mir ihre Gemächer!“

„Sie dürfen nicht erwarten, daß ich die Führerin eines Kapitän Richemonte mache. Sehen Sie selbst.“

„Nehmen Sie sich in acht, daß Sie Ihr Verhalten nicht zu beklagen haben! Ich bin den Ton nicht gewöhnt, welchen Sie jetzt gegen mich anschlagen. Ich werde suchen.“

„Aber nichts finden.“

„Wollen Sie uns wirklich glauben machen, daß der sogenannte Retter des Kaisers ein Seemann und Ihr Verwandter sei?“

„Was Sie glauben oder bezweifeln, ist mir vollständig gleichgültig. Mein Cousin hat allerdings den Kaiser gerettet. Welcher Dank ihm dafür wird, das ist nicht meine, sondern des Kaisers Sache.“

Richemonte öffnete nun selbst die Zimmer, welche die Baronin bewohnte und durchsuchte dieselben sehr genau; aber er fand natürlich den Gesuchten nicht.

„Man konnte sich allerdings denken, daß eine ältere Dame nicht so glücklich ist, einen Husarenlieutenant bei sich verstecken zu dürfen“, sagte er mit giftigem Hohn. „Ich hoffe, ihn bei einer jüngeren zu finden.“

Die Baronin zuckte die Achsel, ohne ihm ein Wort zu entgegnen.

„Mein Besuch bei Ihnen ist beendet“, fuhr er im Ton der Überlegenheit fort. „Ich habe Ihnen zu sagen, daß Sie meine Gefangene sind.“

„Im Auftrag des Kaisers?“

„Allerdings.“

„Ich finde eine solche Vergeltung der Gastfreundschaft keineswegs kaiserlich!“

„Die Schuld liegt an Ihnen. Ich verbiete Ihnen, Ihr Zimmer zu verlassen. Ich lasse einen Posten zurück, welcher den strengen Befehl hat, auf Sie zu schießen, sobald es Ihnen beikommen sollte, meinem Gebot entgegen zu handeln.“

„Ich muß mich fügen, behalte mir aber das Recht der Beschwerde vor und hoffe, daß Sie mich jetzt verlassen.“

„Mit größtem Vergnügen, Madame. Eine Hochverräterin ist ja durchaus keine passende Gesellschaft für einen anständigen Offizier.“

Er ging und gab einem der Soldaten den Befehl, die Baronin zu bewachen. Mit den übrigen Leuten begab er sich nach den Zimmern, welche Frau Richemonte und Margot angewiesen worden waren.

Auch dort wurde er bereits erwartet. –

Florian, der treue Kutscher, hatte, sobald er vom Kaiser entlassen worden war, sofort durch seinen Stall hindurch das Zimmer Königsaus aufgesucht. Nach Wegnahme der sehr leicht zu entfernenden Treppenleiter, welche auf das Dach zu dem Deutschen führte, schaffte er dieselbe in den Garten, wo ihr Zweck nicht erraten werden konnte, selbst wenn sie gefunden werden sollte. Sodann machte er sich an die unteren Stufen, welche aus dem Verschlag des Stalls nach oben führten. Er entfernte auch sie und schaffte allerlei Dünger und Streu dorthin, wo sie sich befunden hatten.

„So“, brummte er vergnügt, „wenn es dem Kerl einfällt, da oben nachzusuchen, so mag er sehen wie es riecht, wenn man die Nase in Dinge steckt, die einem nichts angehen.“

Dann schloß er den Verschlag und stellte sich auf die Lauer. –

Richemonte fand das Zimmer seiner Stiefmutter leer. Sie saß bei Margot, als er dort eintrat.

„Guten Abend, Mama“, grüßte er höhnisch. „Eine ganz außerordentliche Überraschung. Nicht wahr?“

Er hatte allerdings erwartet, sie ganz und gar betroffen zu sehen, und darum wunderte er sich, in den Gesichtern der beiden Damen nur den Ausdruck verächtlicher Abneigung lesen zu können.

„Was willst du?“ fragte Frau Richemonte.

„Zunächst allerdings nur euch“, antwortete er. „Ich habe, seit ich euch vermißte, so außerordentliche Sehnsucht nach euch gehabt, daß meine Freude, euch endlich wiederzufinden, eine um so größere ist. Wie geht es euch?“

Margot lag noch im Bett. Sie drehte sich zur Wand, ohne ihm zu antworten. Sie nahm sich vor, kein Wort mit ihm zu sprechen.

„Spiele keine Komödie!“ sagte ihre Mutter zu ihm. „Ich wiederhole meine Frage: Was willst du?“

„Euch sehen und begrüßen natürlich, wiederhole auch ich.“

Bei diesen Worten nahm er auf einem Stuhl Platz, und zwar mit einer Miene, als ob er mit den Damen auf dem freundschaftlichsten Fuß stehe.

„Du siehst uns, was nun weiter?“ fragte die Mutter.

„Ich möchte vor allen Dingen wissen, warum ihr Paris verlassen habt?“

„Sehr einfach, weil es uns dort nicht mehr behagte.“

„Das ist mir neu! Ich dachte im Gegenteil, daß ihr euch in der Hauptstadt außerordentlich wohl befändet. Es gab dort so liebe und angenehme Unterhaltung.“

„Rechnest du Mordanfälle und Menschenräuberei zu den Arten, sich angenehm zu unterhalten?“

„Gewiß!“ lachte er. „Übrigens weiß ich nicht, wovon du sprichst, und was du meinst. Wie steht es mit der berühmten Verlobung mit jenem Lieutenant von Königsau?“

„Das ist Margots Sachte.“

„Allerdings, denn sie ist ja mit ihm durchgebrannt!“

„Schweig, Unverschämter! Du selbst weißt am besten, was uns fortgetrieben hat.“

„Die Liebe, Mama, die Liebe!“ lachte er. „Und ebenso ist es die Liebe, welche mich heute zu euch führt, nämlich die Kindes- und Geschwisterliebe.“

Das Gesicht seiner Mutter rötete sich vor Zorn.

„Entweihe die heiligsten Gefühle des Menschenherzens nicht dadurch, daß du von ihnen sprichst!“ rief sie. „Wann hätte dein Herz je Liebe gefühlt?“

„Jetzt zum Beispiel, liebe Mama“, antwortete er. „Die Liebe zu euch treibt mich, euch aufzusuchen. Ich habe euch vor einer großen Gefahr zu warnen und auf ein noch größeres Glück hinzuweisen.“

„Wenn du es bist, der dies sagt, so ist die Gefahr ein Glück für uns und das Glück eine Gefahr.“

„Du täuschest dich vollständig, liebe Mama. Ich komme nicht in meinem Interesse, sondern als Unterhändler des Kaisers zu euch.“

„Seine Majestät hat nicht nötig, einen Unterhändler zu senden.“

„Ah! Der persönliche Besuch wäre euch wohl angenehmer?“

„Jeder Besuch ist uns angenehmer als der deinige. Aber die Angelegenheit, in welcher du zu kommen scheinst, ist bereits erledigt.“

„Wieso?“

„Deine Frage ist zudringlich, behalte sie für dich! Wir haben uns von dir getrennt. Wir interessieren uns ferner nicht mehr für deine Angelegenheiten, und so erwarten wir ganz entschieden, daß du dir auch die unserigen vollständig gleichgültig sein läßt.“

„Das ist sehr deutlich gesprochen, leider nur nicht den Verhältnissen angemessen, welche zu berücksichtigen ihr auf alle Fälle gezwungen seid.“

„Von welchen Verhältnissen sprichst du?“

„Erstens davon, daß der Wille eines Kaisers zu berücksichtigen ist.“

„Und zweitens?“

„Zweitens, daß ich seit einer halben Stunde Etappenkommandant des Meierhofs Jeannette bin.“

„Ah! Wer hat dich dazu gemacht?“

„Der Kaiser selbst“, antwortete der Gefragte in stolzem Ton.

„So denke ja nicht, daß dies eine Belohnung deiner Verdienste ist. Der Kaiser braucht ein Werkzeug, und du wirst es sein, jedoch vergeblich. Wir werden deinen Plänen hier ganz denselben Widerstand entgegensetzen wie in Paris.“

„Gut! Ihr sprecht von meinen Plänen. Als ein Mann habe ich den Mut, euch einzugestehen, daß ich Pläne habe und zwar Pläne mit Margot. Sie ist meine Schwester, und ich darf von ihr fordern, daß sie ihr möglichstes tut, mich avancieren zu machen. Der Kaiser widmet ihr eine mehr als gewöhnliche Teilnahme, und diese soll sowohl zu ihrem, als auch zu meinem Glück ausgenutzt werden. Leistet sie Widerstand, so muß sie es sich gefallen lassen, wenn ich meine brüderliche Gewalt in Anwendung bringe. Und das würde ich ganz sicher tun!“

„Es ist dir zuzutrauen, doch fürchten wir dich nicht.“

„Nicht?“ fragte er höhnisch. „Oh, meine Gewalt ist größer und bedeutender, als ihr vielleicht meint.“

„Du überschätzest dich! Der Kaiser selbst muß Margot schützen.“

„Allerdings. Er hat sie und dich ja bereits meinem Schutz empfohlen.“

„Wir verzichten auf diesen Schutz.“

„Ich möchte wissen, wie ihr das anfangen wollt! Hofft ihr vielleicht auf die Hilfe eures Königsau? Pah! Er, ein Lieutenant, und Napoleon, der mächtige Kaiser der französischen Nation!“

„Noch ist sein Thron nicht wieder gefestigt.“

„Hofft ihr etwa darauf, daß er geschlagen wird? Ich gebe euch mein Wort, daß dieser tölpelhafte Marschall ‚Vorwärts‘ nicht zum zweiten Mal nach Paris kommt. Der Feldzug ist bereits begonnen. Die Feinde Frankreichs werden von uns niedergemäht werden wie Gras. Übrigens wird Königsau gar nicht gegen uns kämpfen. Er wird als Spion von uns aufgehängt werden, noch ehe der erste Schuß gefallen ist.“

„Versuche, ob du aus dieser Drohung Wahrheit machen kannst!“

„Ich stehe soeben im Begriff, es zu tun. Wo habt ihr ihn versteckt?“

„Wen?“

„Königsau, Margots Seladon.“

„Ah, du vermutest ihn hier auf dem Meierhof? Lächerlich!“

„Ihr wollt mich doch nicht etwa glauben machen, daß eure List der meinen überlegen ist?“

„Glaube, was du willst!“

„Wohl! Ich glaube, daß jener Kapitän aus Marseille niemand anders ist als Königsau. Er ist hier versteckt, und ich werde ihn finden.“

„Suche ihn!“

„Das werde ich allerdings tun. Ich mache euch aber darauf aufmerksam, daß es besser für euch ist, wenn ihr ihn mir freiwillig überliefert.“

„Das würden wir nicht tun, selbst wenn er bei uns versteckt wäre.“

„So erkläre ich euch, daß ihr bis auf weiteres meine Gefangenen seid und ohne meine ausdrückliche Erlaubnis eure Zimmer nicht verlassen dürft.“

„Wir lachen darüber!“

„Lacht immerhin! Um euch zu zeigen, daß ich keine Scherz mache, werde ich einen Posten vor der Tür lassen. Er hat den Befehl, auf euch zu schießen, sobald ihr den Austritt erzwingen wollt.“

Da trat seine Mutter auf ihn zu und fragte flammenden Auges:

„Dies ist dein Ernst?“

„Mein völliger“, antwortete er kalt.

„Du willst uns, deine nächsten Verwandten, in Banden schlagen?“

„Ihr zwingt mich ja dazu!“

„So mag der Himmel dich dafür strafen! Wir sagen uns von dir los; wir erklären dich für den herzlosesten Bösewicht der Erde und werden Gott bitten, dich unschädlich zu machen.“

„Das klingt sehr dramatisch, liebe Mama. Das ist ein ganz hübscher Theatercoup. Nur schade, daß wir uns nicht auf der Bühne befinden. Euer Gott wird mir wohl nicht sehr gefährlich werden. Ich handle für den Kaiser, und dieser ist's, der die Macht in den Händen hat.“

„Gottloser Lästerer! Die Strafe wird dich sicherlich erteilen!“

„Ich werde das ruhig abwarten. Zunächst aber werde ich mich hier bei euch ein wenig umschauen.“

Er untersuchte die beiden Zimmer sehr genau, doch ohne eine Spur von Königsau zu finden. Da bemerkte er die Tür, welche nach dem Zimmer ging, in welches der Lieutenant von dem Kutscher gebracht worden war.

„Wohin führt diese Tür?“ fragte er.

„Ich weiß es nicht“, antwortete die Mutter.

„Das willst du mich glauben machen? Ihr wollt nicht wissen, was hinter diesem Eingang versteckt ist?“

„Er war von der anderen Seite verschlossen.“

„Ah, ein Eckzimmer, allem Anscheine nach, und von innen verschlossen. Ich vermute, auf der richtigen Fährte zu sein! Man wird öffnen müssen!“

Er klopfte an, aber es ertönte keine Antwort.

„Wer ist da drüben?“ fragte er laut.

Es antwortete niemand wie vorhin.

„Nun, so wollen wir sehen, wie fest dieses Schloß sein wird.“

Er drückte auf die Klinke. Sie gab nach, und die Tür öffnete sich.

„Ah, also doch nicht verschlossen! Du hast mich belogen, Mutter! Das kommt mir verdächtig vor. Ich werde da drüben genau nachforschen.“

Er rief einen der Soldaten zu sich und nahm das Licht. Als sie in den Nebenraum traten, bemerkten sie zwar die wenigen Möbel, aber es befand sich niemand da. Die Dachöffnung war so gut verschlossen, daß sie nicht entdeckt wurde.

„Leer!“ sagte er. „Aber da ist noch eine Tür. Wohin führt sie?“

Er gab dem Soldaten das Licht und öffnete.

„Das ist ein Stroh- oder Heuboden“, meinte Richemonte. „Wir befinden uns über dem Stall. Hier gibt es ein Versteck.“

Er ließ leuchten und suchte. Er fand die schmale Treppe, welche abwärts nach Florians Stallverschlag führte.

„Hier geht es hinunter. Hier ist er hinab. Rasch, ihm nach!“

Während der Soldat mit dem Licht hinter ihm herschritt, stieg er so rasch wie möglich die Stufen hinab. Eine – zwei – drei – vier – – – da waren sie plötzlich alle. Florian hatte ja die untersten Stufen weggenommen. Richemonte trat in die Luft und verlor das Gleichgewicht und den festen Halt.

„Tausend Donner!“ rief er.

Es gelang ihm nicht, einen festen Gegenstand zu erfassen. Er schoß hinab und stürzte auf eine weiche, zähe Masse, welche einen sehr üblen Geruch ausströmte.

„Alle Wetter, wo bin ich da?“ rief er. „Leuchte einmal herab!“

Der Soldat kniete nieder und hielt das Licht so weit wie möglich herunter. Es ließ sich nicht viel erkennen, dennoch aber rief Richemonte:

„Es fehlt der niedere Teil der Treppe, und ich bin in den Dünger gestürzt. Binde den Leuchter an den Säbelriemen und laß ihn mir herab. Ich fühle keinen Ausgang hier.“

Der Soldat gehorchte, und als der Verunglückte nun das Licht hatte, bemerkte er die Tür, welche aus dem Verschlag nach dem Stall führte.

„Jetzt werde ich frei“, rief er nach oben. „Geh zu deinen Kameraden zurück und warte, bis ich dich abhole.“ –

Der gute Florian Rupprechtsberger hatte bisher in seinem Stalle versteckt gelegen. Ein großer Hund befand sich bei ihm. Als dieser zuerst das Geräusch und sodann die fremde Stimme hörte, stieß er ein leises, drohendes Knurren aus.

„Still!“ sagte der Kutscher leise zu ihm. „Du verdirbst sonst dir und mir den Spaß, wenn du nicht ruhig bist.“

Jetzt öffnete Richemonte die Tür, welche zu dem Verschlag führte, und trat in den Stall. Er bemerkte weder den Knecht, noch den Hund, da diese beiden versteckt in der Ecke lagen.

„Jetzt faß' ihn, wirf ihn hübsch ins Weiche!“ flüsterte Florian.

Da fuhr der Hund, ohne einen Laut von sich zu geben, auf den Kapitän los und warf ihn nieder. Der Überfallene stieß einen lauten Schrei aus, wagte aber nicht, denselben zu wiederholen, da er die Zähne des Hundes fürchtete. Er ahnte, daß das Tier bei der geringsten Bewegung oder beim ersten Laut zubeißen werde.

Als Florian sich überzeugt hatte, daß der Franzose sich in seinen Händen befinde, und daß das Licht ausgelöscht sei, ohne etwas anzubrennen, schlich er sich geräuschlos aus seiner Ecke hervor, öffnete die Tür, welche nach dem Garten führte und verließ durch dieselbe den Stall, ohne von Richemonte bemerkt worden zu sein. Von dem Garten aus konnte er leicht den Hof erreichen, ohne daß jemand geahnt hätte, daß er sich vorher im Stall befunden hatte. –

Napoleon erwartete mit Ungeduld das Ergebnis der Nachforschung des Kapitäns, doch konnte er sich seinen Pflichten nicht entziehen. Es befanden sich jetzt die beiden Marschälle und Drouet bei ihm. Aus dem Hauptquartier zu Sedan war ein Adjutant nach dem Meierhof gekommen und hatte außerordentlich wichtige Depeschen gebracht. Nun wurde großer und geheimer Kriegsrat gehalten. Aber so geheim, wie diese Herren dachten, war die Unterredung denn doch nicht. Droben vor dem Schalloch lag Königsau auf dem Dach und hörte jedes Wort, welches hier unten gesprochen wurde. Er wurde auf diese Weise Zeuge des großen Feldzugsplans, welcher entworfen wurde. Napoleon zeigte sich in demselben als der alte, nur schwer zu besiegende Meister der Schlachten und als ein feiner Kenner der Verhältnisse und Personen, denen er gegenüberstand.

Erstere zeigten sich so dringlich, daß der sofortige Abmarsch beschlossen wurde. Auch Napoleon selbst wollte bereits nach kurzer Nachtruhe aufbrechen und sich nach Maubeuge begeben, um seine Truppen dort zu konzentrieren. Ney ritt nach beendigtem Kriegsrat sofort nach Sedan, um seine Maßregeln schleunigst persönlich zu treffen.

Der Adjutant hatte auf diese Weise eine plötzliche Bewegung in die gegenwärtige Bewohnerschaft des Meierhofs gebracht. Auch Drouet war zum baldigen Aufbruch bereit. Boten kamen und gingen während der ganzen Nacht; eine Ordonnanz folgte der anderen, und kein Mensch hätte am vorigen Tag gedacht, daß der kleine Meierhof Jeannette jetzt der Ort sein werde, an welchem diejenigen Pläne geboren wurden, von denen das ganze Europa abhängig war.

Napoleon dachte, sobald er seiner Pflicht als Feldherr genügt hatte, sogleich an Kapitän Richemonte. Er wunderte sich, denselben nicht bereits wieder bei sich zu sehen, und darum sandte er nach ihm.

Der Bote kehrte bald mit der Meldung zurück, daß der Kapitän nirgends zu sehen sei. Darum wurden ernste Nachforschungen nach ihm angestellt, welche zur Folge hatten, daß man ihn endlich im Stall unter den Zähnen des Hundes fand.

„Schießt die Bestie nieder!“ meinte einer der Soldaten, indem er sich anschickte, sein Gewehr zu holen.

„Um Gottes willen, nein“, rief ein zweiter, welcher vorsichtiger war als sein Kamerad.

„Warum nicht?“ fragte der erstere. „Wie wollen wir den Hund wegbringen? Unserem Rufen gehorcht er nicht, und ihn anfassen und wegziehen? Brrr! Ich mag das nicht versuchen.“

„Der Hund würde den Kapitän sofort totbeißen, sobald man eine Waffe gegen ihn richtete. Man muß einen Mann suchen, dem er gehorcht.“

Da trat einer der Knechte hinzu und sagte:

„Er gehorcht keinem anderen, als nur dem Kutscher Florian.“

„Wo ist dieser?“

„Ich weiß es nicht.“

„Man muß ihn schleunigst holen.“

Erst nach längerer Zeit gefiel es dem schlauen Florian, sich finden zu lassen. Er wurde herbeigebracht, als schon vor und in dem Stall eine ganze Menge von Menschen stand, um sich das Schauspiel mit anzusehen.

„Was ist denn los?“ fragte er gemächlich. „Man sagt mir, daß mein Hund einen Kapitän am Kragen habe.“

„Ja“, antwortete man. „Ruf das Tier zurück.“

„Nur langsam, langsam. Erst muß man sich den Kapitän doch einmal ansehen, um zu wissen, ob man sich nicht vielleicht irrt.“

„Kerl, du hast gar nicht zu zaudern!“ rief derjenige, welcher vorhin vom Totschießen gesprochen hatte. „Oder willst du einen Kapitän der alten Garde unter den Zähnen deines Hundes sterben lassen?“

„Ich glaube nicht an diesen Kapitän. Ein Kapitän der alten Garde schleicht sich nicht heimlich wie ein Dieb in die Stallungen anderer Leute!“

„Und doch ist es so! Man wird das Tier erschießen, zur Strafe dafür, daß es sich an einen Offizier des großen Kaisers vergriffen hat.“

„Pah! Mein Hund hat seine Pflicht getan. Wer sich an ihm vergreifen will, der hat es mit seinen Zähnen und mit mir zu tun. Merkt es euch: er ist ein echter Pyrenäenhund, stark wie ein Bär, klug wie ein Fuchs und geschwind wie der Blitz. Ich rate euch, keine Dummheiten zu machen.“

Er nahm einem der Knechte die Laterne aus der Hand und schritt auf die Gruppe zu, welche eine so große Aufmerksamkeit auf sich zog.

Als der Hund seinen Herrn erkannte, wedelte er mit dem Schwanz, nahm aber seinen Rachen nicht von der Gurgel des Kapitäns weg.

„Holla, Tiger, wen hast du denn da gefangen?“ fragte der Kutscher, indem er sich zu dem am Boden Liegenden niederbog. „Alle Teufel! Es ist wahr! Das ist ja Kapitän Richemonte! Geh fort, Tiger. Dieser Mann ist kein Spitzbube, sondern ein ebenso tüchtiger Kerl wie du!“

Auf dieses Kommando ließ der Hund gehorsam von seinem Gefangenen ab und zog sich zurück. Richemonte erhob sich langsam und taumelnd. Er war mehr tot als lebendig, und tiefe Blässe bedeckte sein Gesicht.

„Schießt das Scheusal nieder!“ waren seine ersten Worte.

„Ich rate Ihnen Gutes!“ antwortete der Kutscher. „Der Hund ist dressiert, bei der geringsten feindseligen Bewegung auf den Mann zu springen. Aber, zum Teufel, wie kommen Sie in diesen Stall?“

„Ich suchte nach dem Flüchtling.“

„Der soll hier sein? Ich habe ja dem Kaiser bereits gesagt, daß er jetzt schon weit fort ist! Und wie sehen Sie aus, Kapitän.“

„Ich bin von oben herabgestürzt.“

„Wo, von oben?“

„Von der verdammten Treppe da drin in dem Verschlag.“

„Alle Teufel! Wie kommen Sie da hinauf? Es gibt ja nur eine halbe Treppe dort! Aber so ist es, wenn ehrlichen Leuten nicht geglaubt wird. Nun sehen Sie aus, wie – wie – – – na, und wie! Und nun riechen Sie mir – wie – – – na, und wie.“

„Und dabei sollen Sie sofort zum Kaiser kommen!“ sagte der Bote, welchen Napoleon gesandt hatte.

„Zum Kaiser? Mein Gott, was tue ich da?“

„Nun, Sie gehen hinein in das Wachlokal, reinigen sich schnell und ziehen einstweilen die Uniform eines Soldaten an. Ich werde unterdessen dem Kaiser melden, welcher Unfall es Ihnen unmöglich macht, sofort zu erscheinen.“

Dies geschah. Die neugierige Menge verlief sich schnell, und als Florian sich mit seinem Hund allein sah, strich er ihm liebkosend über das Fell und sagte:

„Das hast du gut gemacht, Tiger! Der Kerl wird eine wirkliche Todesangst ausgestanden haben, und das kann ihm gar nichts schaden.“ –

Einige Zeit später stand Richemonte vor dem Kaiser. Dieser empfing ihn mit einem seiner ironischen Blicke, von denen keiner gern getroffen wurde, und sagte unter einem leisen Lächeln:

„Sie sind Märtyrer unserer Sache geworden, wie ich höre, Kapitän?“

„Allerdings, Sire, nur nicht in einer sehr religiösen Weise.“

„Ich bedenke freilich, daß Sie in einem keineswegs heiligen Geruch stehen. Welches Ergebnis haben Ihre Nachforschungen gehabt?“

„Bisher leider noch keins. Ich wurde durch den Unfall verhindert, meine Nachforschungen fortzusetzen.“

„Bei wem waren Sie?“

„Zunächst beim Baron.“

„Was sagte er?“

„Er leugnete. Ich habe mir erlaubt, ihm Zimmerarrest zu geben und einen Posten vor seine Tür zu stellen.“

„Gut. Weiter!“

„Sodann suchte ich seine Mutter auf. Auch sie leugnete.“

„Gaben Sie auch ihr Arrest?“

„Ja.“

„Hm! Man hätte das lieber umgehen sollen. Sie ist die Dame des Hauses, und ich bin ihr Gast. Wohin begaben Sie sich dann?“

„Zu Margot.“

Das Gesicht des Kaisers belebte sich.

„Wie fanden Sie die junge Dame?“ fragte er mit sichtlichem Interesse.

„Sie hütete das Bett. Die Mutter war bei ihr.“

„Was sagte sie auf Ihre Erkundigungen?“

„Margot hat kein Wort gesprochen.“

Das Gesicht Napoleons verfinsterte sich wieder.

„Sie scheint einen sehr ausgeprägten Charakter und einen starken Willen zu haben“, sagte er. „Die schönste Zierde des Weibes aber ist Sanftmut, Milde und ein weiches, biegsames Gemüt. Welche Auskunft gab Ihnen die Mutter?“

„Gar keine. Sie gestand weder etwas, noch leugnete sie.“

„Ah! Auch stolz! Sollte die Schuld an dem Boten liegen?“

„An mir? O nein, Sire.“

„Vielleicht doch! Sie stehen mit den Damen auf einem sehr feindseligen Fuß; da wird es schwierig sein, Konzessionen zu erlangen.“

„Ich verpfände meine Ehre, Sire, daß die Damen mir doch noch gehorchen werden. Es gilt ja nur, den Einfluß jenes Deutschen zu brechen, und diese Aufgabe ist eine sehr leichte.“

„Glauben Sie auch jetzt noch an seine Anwesenheit?“

„Ich bin irre geworden.“

„Inwiefern?“

„Befände er sich noch hier, so hätte ich bei den Damen ganz sicher wenigstens einige Unruhe bemerkt.“

„Und dies war nicht der Fall?“

„Nicht im geringsten.“

„Kein jähes Erröten, kein Erbleichen, keine heftige Zuckung mit der Hand oder irgendeinem anderen Glied, als Sie sagten, daß Sie nach ihm suchen würden?“

„Nein, keins von diesen Anzeichen, Sire.“

„Wohin begaben Sie sich dann?“

„In dem Zimmer Margots gab es eine Tür, welche in einen Nebenraum führte. Ich trat dort ein und gelangte auf einen Stallboden, welcher sich recht gut zu einem Versteck zu eignen schien; aber es befand sich kein Mensch dort.“

Der Kapitän Richemonte erzählte sein Unglück weiter.

Der Kaiser hörte ihm zu und sagte dann:

„Ihr Debüt ist nicht nach Wunsch ausgefallen. Ich hoffe, daß Ihre späteren Bemühungen von Erfolg sein werden.“

„Majestät, ich stelle alle meine Kräfte zu Diensten.“

Der Kaiser nickte zufrieden.

„Hat man noch anderweitig Nachforschungen angestellt?“ fragte er.

„Ja. Ich komme von der Wache, wo ich erfuhr, daß General Drouet die Durchsuchung des ganzen Meierhofs angeordnet hat. Aber auch dies ist vergeblich gewesen.“

„So mögen alle diese unnützen Bemühungen eingestellt werden. Man hat das Beste getan, wenn man die Damen einfach isoliert. Sie haben das in der Hand. Meine Intentionen kennen Sie. Und um allen Eventualitäten zuvor zu kommen, wird man es angemessen finden, die junge Dame baldigst zu verheiraten.“

Richemonte verbeugte sich.

„Dürfte ich die Bitte um eine kleine Andeutung aussprechen?“ fragte er.

„Sie sprachen zu mir von Baron Reillac?“

„Allerdings, Majestät.“

„Er liebt Ihre Schwester?“

„Er hat sich alle Mühe gegeben, mich davon zu überzeugen.“

Da legte der Kaiser nach seiner eigentümlichen Weise die Hände auf den Rücken und schritt langsam und nachdenklich im Zimmer auf und ab. Erst nach einer längeren Weile blieb er vor Richemonte stehen, faßte diesen beim Knopf seiner Uniform und fragte:

„Ich denke, daß man sich auf Sie verlassen kann?“

„Mein Leben gehört Eurer Majestät!“ antwortete der Kapitän.

„Werden Sie eine Vollmacht auszufüllen verstehen, wenn Sie nur im allerhöchsten Notfall die Erlaubnis haben, sich auf dieselbe zu berufen?“

„Ich denke es, Sire.“

„So sage ich Ihnen, daß Ihre Schwester bereits in den nächsten Tagen die Frau des Baron de Reillac sein soll.“

„Ich stehe zu Befehl, Majestät, obgleich ich überzeugt bin, einen nicht geringen Widerstand zu finden.“

„Von welcher Seite?“

„Von der Seite meiner Schwester zunächst.“

„Sie werden ihn überwinden, denn Sie sind der Bruder. Und sodann?“

„Von seiten der – Behörde“, antwortete Richemonte zögernd.

Napoleon zog die Stirn in Falten.

„Die Behörde bin ich!“ sagte er.

„Ich habe diese Überzeugung, Sire. Aber ich bedarf des Jawortes meiner Schwester. Ich befürchte, daß sie es mir verweigert.“

„Warten Sie!“

Der Kaiser trat an den Tisch, legte sich ein Blatt Papier zurecht und schrieb. Dann reichte er die Zeilen dem Kapitän.

„Lesen Sie!“ befahl er.

Richemonte gehorchte. Kaum hatte er einen Blick auf das Papier geworfen, so nahm sein Gesicht den Ausdruck des Triumphes an.

„Wird dies genügen?“ fragte Napoleon selbstbewußt.

„Oh, man wird sich beeilen, die Order Ew. Majestät zu erfüllen.“

„Ich bin überzeugt davon. Haben Sie noch Wünsche?“

„Keinen als den, daß mir die Huld meines Kaisers erhalten bleibe.“

„Das ist Ihre eigene Sache. Ich weiß treue Diener zu belohnen. Die Lösung Ihrer Aufgabe ist mit pekuniären Opfern verbunden. Ich werde Befehl geben, Ihnen die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Jedenfalls aber werde ich Sie vor meiner Abreise noch einmal sprechen.“

„Dürfte ich morgen nach Sedan zu Reillac reiten, Sire?“

„Tun Sie es. Aber sorgen Sie dafür, daß während Ihrer Abwesenheit keine Ihrer Maßregeln verabsäumt werde.“

Der Kaiser machte die Bewegung der Entlassung, und der Kapitän entfernte sich mit einer tiefen Verneigung. Jetzt war er seines Sieges sicher. Er hatte eines jener Papiere in den Händen, vor denen sich die höchsten Behörden beugen mußten, gegen welche es keinen Widerstand, keine Appellation gab und gegen welche alle Paragraphen aller Gesetze schweigen mußten. –

Königsau hatte sich kein Wort von dieser Unterredung entgehen lassen. Er wartete noch, bis er sah, daß der Kaiser im Begriff stand, zur Ruhe zu gehen. Dann erhob er sich aus seiner liegenden Stellung.

Fast hätte er einen Schrei der Überraschung ausgestoßen, denn er bemerkte eine Gestalt, welche dicht neben ihm stand.

„Pst“, sagte dieselbe. „Erschrecken Sie nicht!“

„Ach, Florian, treue Seele! Aber ich denke, die Treppe ist fort?“

„Ja, sie ist fort. Sie liegt gut aufgehoben im Garten. Doch habe ich Ihnen bereits gesagt, daß noch ein Hauptaufgang nach dem Dach führt.“

„Welch ein Glück, daß man nicht daran gedacht hat, ihn zu benutzen, um mich hier zu suchen.“

„Allerdings. Gerade das klügste haben diese Kerle unterlassen.“

„Ich wäre vielleicht verloren gewesen.“

„Noch nicht, Herr Lieutenant. Ich stand bereits auf der Lauer und hätte Ihnen ein Mittel an die Hand gegeben, zu verschwinden.“

„Welches?“

„Dieses.“

Er trat einige Schritte zurück und nahm einen langen Gegenstand in die Höhe, in welchem Königsau eine Leiter erkannte.

„Sie hätten mit Hilfe dieser Leiter in Ihr Zimmer verschwinden können“, sagte der Kutscher. „Haben Sie gut aufgepaßt?“

„Oh, ich habe viel, sehr viel gehört.“

„Was Ihnen Nutzen bringt?“

„Ja. Ich habe mit Mademoiselle Margot und ihrer Mutter zu sprechen. Werde ich dies wagen dürfen?“

„Warum nicht?“

„Es steht ein Posten vor ihrer Tür.“

„Das wohl, aber doch nicht im Zimmer. Sie werden leise sprechen. Übrigens kann ich ja hinunter gehen und mich mit dem Mann unterhalten, um seine Aufmerksamkeit abzulenken. Aber sagen Sie, ob sie beabsichtigen, noch längere Zeit hier zu bleiben.“

„O nein. Ich muß fort, schleunigst fort.“

„Etwa noch während dieser Nacht?“

„Ja.“

„Das ist zu gefährlich.“

„Warum?“

„Man hat reitende Boten nach Ihnen ausgeschickt.“

„Hm. Und dennoch muß ich. Es hängt viel, sehr viel davon ab. Ich muß sofort zu Blücher.“

„Das ist etwas anderes. Das besiegt ein jedes Bedenken.“

„Wenn ich mich verkleiden könnte.“

„Warum nicht? Ah, da kommt mir ein sehr guter Gedanke. Wissen Sie, welche Verkleidung die beste sein würde?“

„Nun, welchen?“

„Sie legen französische Offiziersuniform an.“

„Dieser Vorschlag ist allerdings höchst akzeptabel. Aber woher soll ich eine Uniform nehmen?“

„Stehlen.“

„Florian.“

„Ah, pah. Sie wird gemaust. Wie wollen wir sie sonst bekommen? Oder wollen Sie vielleicht einem der Generäle eine Staatsvisite machen, um ihn zu bitten, Ihnen eine Uniform zu leihen?“

„Das ist richtig. Übrigens wäre hier ein jedes Bedenken lächerlich. Aber wer soll der Bestohlene sein? Er muß meine Figur haben.“

„Er hat sie auch.“

„Wer?“

„Ist es Ihnen recht, als Major zu reiten?“

„Gewiß! Warum nicht! Es ist ja ein Avancement.“

„Nun, der Adjutant, welcher gekommen ist, ist ein Dragonermajor. Er hat sich müde geritten und sogleich schlafen gelegt. Er schnarcht wie eine Ratte und wird nicht aufwachen. Ich schleiche mich hinein und nehme ihm seine ganze Uniform weg.“

„Aber im Fall des Erwischens.“

„Da sage ich, daß ich ihm die Sachen reinigen will.“

„Das geht. Aber ein Pferd?“

„Wird besorgt. Sie sollen keinen alten Ziegenbock reiten.“

„Gut. Aber nun die Hauptsache, das Schwierigste: Margot muß mit und ihre Mutter auch.“

„Donnerwetter“, fuhr es dem Kutscher heraus.

„Ja, das ist ganz und gar notwendig.“

„Darf ich fragen, warum?“

„Der Kaiser will sie in den nächsten Tagen verheiraten.“

„Mit wem?“

„Mit dem Baron Reillac.“

„Den soll der Teufel holen. Aber Mademoiselle Margot wird doch unmöglich ‚ja‘ sagen!“

„Sie soll gezwungen werden. Richemonte hat des Kaisers Befehl oder Vollmacht in der Tasche.“

„Dann müssen die Damen allerdings fort, und zwar noch diese Nacht. Können sie reiten?“

„Ja. Ich habe von Margot gehört, daß sie Reitunterricht erhalten hat. Auch Mama ist früher gewöhnt gewesen, mit ihrem Mann auszureiten.“

„Aber als Mann oder als Dame zu reiten, das ist ein Unterschied.“

„Ah! Auch eine Verkleidung der Damen?“

„Natürlich. Sie müßten als Ihre Diener gehen.“

„So werden sie versuchen, sich im Herrensattel zurecht zu finden. Aber wie steht es mit der Kleidung?“

„Wird auch gestohlen.“

„Florian, Florian! Man ist ja ein recht großer Spitzbube.“

„Oh, aus Liebe für Sie und Mademoiselle Margot stehle ich die Kirche von Notre Dame und schleppe sie von Paris bis nach Sibirien.“

„Auch Pferde?“

„Ja. Ich werde für zwei recht geduldige und doch schnellfüßige Gäule sorgen. Aber wohin wird die Reise gehen?“

„Ich muß nach Lüttich oder Namur.“

„So weit können die Damen unmöglich mit.“

„Das ist leider allzu wahr. Der Weg ist zu weit.“

„Das ist noch nicht das schlimmste. Die Straße ist jetzt vom Militär belebt. Man würde in den beiden Reitern sofort Frauen erkennen.“

„Ich könnte zwar Schleichwege reiten; aber es ist die größte Eile notwendig, um zur rechten Zeit zu Blücher zu gelangen.“

„Was tut man da?“ fragte der Kutscher nachdenklich. „Hm, vielleicht finde ich einen guten Rat. Es fragt sich, ob Sie mir beistimmen.“

„So werde ich hören.“

„Ich habe in Gedinne einen Gevatter, eine gute, treue Seele. Er wohnt einsam am Waldrand, und keine Verräterei wäre da zu befürchten.“

„Die Damen sollen zu ihm?“

„Ja, als Besuch, als entfernte Verwandte.“

„Das erfordert viel Vertrauen.“

„Ich garantiere für ihn.“

„Ist er französisch gesinnt?“

„Er ist ein geborener Holländer und haßt die große Nation.“

„Aber die Damen, so ganz allein bei ihm, an einem fremden Ort. Der Krieg kann sich in jene Gegend ziehen.“

„Desto besser.“

„Warum?“

„Die Deutschen werden siegen. Stellen sie sich dann dort ein, so sind die Damen erst recht geborgen. Übrigens werde ich bei ihnen bleiben, wenn sie es wünschen, um ganz sicher zu sein.“

„Wird die Baronin es erlauben?“

„Sie würde es sofort erlauben; aber ich reite mit, ohne sie zu fragen.“

„Warum?“

„Hm! Ich denke, es ist besser, die Herrschaft erfährt jetzt gar nichts. Sie hat dann auch nichts zu verantworten.“

„Das ist richtig. Also werde ich jetzt zu den Damen gehen, um mit Margot zu sprechen. Es fragt sich, ob sie sich als Verwundete stark genug fühlt.“

„Die Not bricht Eisen. Ich hoffe, daß es gehen wird.“

„Wie lange reiten wir bis Gedinne?“

„Es sind ungefähr fünf deutsche Meilen. Ich weiß nicht, wie die Damen reiten, und überdies werden wir doch gezwungen sein, Seitenwege einzuschlagen. Wir reiten über Sedan und Bouillon; dann werfen wir uns links in die Berge. Sie können ja später wieder die Heerstraße gewinnen, um rasch vorwärts zu kommen.“

„Gut, ich nehme diesen Vorschlag an. Es ist zunächst die Hauptsache, die beiden Damen diesem Kapitän Richemonte aus den Augen zu rücken. Dieses Gedinne ist ein einsamer Ort?“

„Ganz und gar einsam. Mein Gevatter hat ein kleines Stübchen im oberen Geschoß. Dort können die Damen wohnen, ohne daß jemand das geringste über ihre Anwesenheit erfährt. Also jetzt werde ich den Spitzbuben machen. Nehmen Sie unterdessen die Leiter und besuchen Sie Mademoiselle Margot.“

Er schlich sich leise fort. Königsau öffnete die Treppenluke, durch welche man in sein Zimmer gelangte, ließ die Leiter, welche gerade paßte, hinab und stieg hinunter. Unten horchte er an der Tür, welche zu Margots Zimmer führte. Er vernahm ein leises Flüstern. Worte waren nicht zu unterscheiden, doch hatte er die Überzeugung, daß keine fremde Person sich mit in dem Zimmer befinde.

Er klopfte leise an. Man horchte. Dies merkte er daraus, daß das Flüstern verstummte. Jetzt drückte er die Klinke nieder und öffnete die Tür um eine schmale Spalte. Er sah Margot im Bett liegen und ihre Mutter neben ihr sitzen. Sonst war niemand zu sehen.

„Pst. Keinen Laut der Überraschung!“ warnte er leise.

Nun erst stieß er die Tür vollends auf und trat ein. Margots bleiche Wangen röteten sich, und ihre bisher matten Augen blitzten auf vor Freude.

„Hugo!“

Bei diesem Wort streckte sie ihm beide Arme entgegen. Er trat heran zu ihr, und da schlang sie die Arme um seinen Nacken und zog ihn zu sich nieder, so daß seine Wange an ihre Brust zu liegen kam.

„Mein Gott, was wagen Sie!“ sagte ihre Mutter im Flüsterton. „Es steht ein Posten vor der Tür.“

„Tritt er ein?“ fragte er.

„Er hat es noch nicht getan; aber er kann es in jedem Augenblick versuchen.“

„Das wollen wir ihm unmöglich machen.“

Er befreite sich leise aus der Umschlingung der Geliebten, glitt nach der Tür hin und schob den Innenriegel vor.

„Wenn man es merkt, daß wir verriegelt haben, wird man doppelt mißtrauisch sein“, bemerkte die Mutter.

„Das schadet nichts“, antwortet er. „Bevor Sie öffnen, bin ich längst wieder verschwunden.“

„Wohin, mein Hugo?“ fragte Margot.

„Hinauf auf das Dach.“

„Bist du dort sicher?“

„Vollständig. Der brave Florian wacht über mich. Aber sage mir, mein Leben, wie du dich befindest.“

„Ich war sehr matt; jetzt aber bin ich wieder sehr stark“, antwortete sie mit einem glückseligen Lächeln in dem schönen Gesicht.

„Hast du Schmerzen?“

„Die Wunde fühle ich nicht; doch um dich habe ich Wehe.“

„Um mich? Warum?“

„Daß du um meinetwillen solche Beleidigungen und Kränkungen zu erdulden hast. Du warst so stark, so gut und kühn, und zum Dank dafür trachtet man dir nach dem Leben.“

Er nahm ihr Köpfchen an seine Brust, blickte ihr tief in die Augen und sagte im innigsten Ton:

„Ein Wort, ein Blick von dir macht das alles wieder gut.“

„Hast du mich wirklich so lieb?“

„Ja, unendlich!“

„Und ich dich ebenso. Darum ist mir so bange um dich, mein Hugo. Wenn man dich ergreift, so bist du verloren.“

„Habe keine Angst! Man wird mich nicht ergreifen.“

„Ich hoffe es; denn du wirst dich hier verbergen, bis der Weg frei ist.“

„Leider ist mir dies unmöglich, meine Margot.“

„Warum?“

„Weil ich diese Nacht wieder fort muß.“

„Mein Gott, wie gefährlich! Hugo, ich lasse dich nicht fort.“

Sie umschlang ihn fester als bisher mit ihren Armen.

„Und dennoch wirst du mich sofort fortlassen, wenn ich dir sage, daß die Pflicht mich dazu zwingt.“

„Diese böse Pflicht, von welcher ihr Männer doch immer redet. Ist es denn wirklich eure Pflicht, euch aus einer Gefahr in die andere zu stürzen?“

„Zuweilen, ja. Der Mensch ist zu keiner Stunde seines Lebens sicher, und ein Offizier darf dies mit noch größerer Berechtigung von sich sagen. Übrigens gilt es, unserem Freund einen hochwichtigen Dienst zu erweisen.“

„Welchem Freunde?“

„Dem Marschall.“

„Ah, unserem Vater Blücher! Seinetwegen mußt du fort?“

„Ja. Er hat mich ausgesandt, um so viel wie möglich über die Absichten unserer Feinde zu erfahren. Jetzt muß ich schleunigst zu ihm zurück.“

„Hast du etwas erfahren?“

„Ja.“

„Wichtiges?“

„Höchst Wichtiges. Ich habe die sämtlichen Pläne Napoleons belauscht.“

„Mein Gott, welch ein Glück für dich! Ja, dann ist es wahr, daß du zu dem Marschall mußt. Aber mit welcher Gefahr ist das verbunden!“

Und ihr Köpfchen innig an ihn schmiegend, fügte sie hinzu:

„Ich wollte sehr, daß ich sie mit dir teilen könnte.“

Da strich er ihr mit der Hand zärtlich über das reiche Haar und antwortete:

„Wenn dir dieser Wunsch in Erfüllung ginge, mein Leben?“

Sie hob schnell die Augen zu ihm empor und fragte:

„Wie meinst du das, Hugo?“

„Ich meine, ob du, wenn du gesund wärst, den Mut hättest, mich zu begleiten?“

„Oh, den habe ich, ich könnte an deiner Seite den Donner der Schlachten ruhig ertragen. Glaubst du mir das?“

„Ich glaube es, denn du hast es ja bereits bewiesen.“

„Ich bewiesen? Wann und wo?“

„In Paris. Da bist du mir schützend nachgefolgt, als ich überfallen werden sollte. War das nicht mutig?“

„Oh, das war kein Mut, das war nur der Stimme des Herzens gefolgt.“

„Das beweist eben, daß du ein mutiges Herz hast. Also du würdest auch heute die Gefahr mit mir teilen?“

„Oh, wie gern.“

„Aber du bist krank. Du bist zu schwach.“

„Wenn es notwendig wäre, würde ich schon stark dazu sein.“

„Wirklich?“

„Gewiß.“

„Nun, so will ich dir sagen, daß es vielleicht notwendig sein wird.“

„Was Sie sagen“, fiel da die Mutter ein. „Sie meinen, daß wir veranlaßt sein könnten, Jeannette zu verlassen?“

„Leider, meine liebe Mama.“

„Aus welchem Grund? Ah, ich vermute ihn.“

Sie begleitete diese Worte mit einem halb und halb mißbilligenden Blick.

„Ich bin überzeugt, daß Sie sich irren“, sagte er.

„Ich errate sicher das richtige.“

„Versuchen wir es einmal.“

„Sie sind ein wenig eifersüchtig, mein lieber Herr von Königsau.“

„Nicht im mindestens.“

„O doch! Und Sie denken, der Titel eines Kaisers sei wohl imstande, ein Mädchenherz zu verwirren.“

„Dieses Mädchenherz müßte nicht so stark sein wie das Herz meiner Margot, für welches es geradezu beleidigend sein würde, wenn ich Eifersucht fühlen wollte.“

„Ich danke dir, Hugo“, sagte Margot. „Der Grund ist also ein anderer?“

„Ja, es droht dir von Seiten des Kaisers eine große Gefahr!“

„Also doch eine Art von Eifersucht!“ lächelte Frau Richemonte.

„O nein. Es ist gegen Margot ein Plan im Werk, den zu belauschen ich so glücklich war. Daß Kapitän Richemonte hier Etappenkommandant geworden ist, wissen Sie vielleicht, Mama.“

„Ja. Er hat es uns selbst gesagt.“

„In dieser seiner Eigenschaft ist er mit ungewöhnlicher Macht ausgerüstet. Man hat ihm zu gehorchen, ohne ihn zunächst zur Verantwortung ziehen zu können. Und außerdem hat ihm der Kaiser den Befehl erteilt, Sie hier gefangen zu halten.“

„Doch, weil man Sie hier vermutet?“

„Nein, sondern weil man Margot mit dem Baron Reillac vermählen will.“

Margot fuhr rasch empor.

„Mit diesem Menschen?“ fragte sie.

„Ja.“

„Wer will mich zwingen?“

„Dein Bruder, und zwar im Auftrag des Kaisers.“

„Kein Kaiser hat die Macht dazu.“

„O doch, liebe Margot. Ich habe gesehen und gehört, daß Napoleon deinem Bruder eine schriftliche Vollmacht überreicht hat. Es stehen ihm alle Behörden zur Verfügung, um dich auf irgendeine Weise zu dieser Vermählung zu zwingen.“

„Mein Gott! Ist das wirklich wahr?“ fragt die Mutter.

„Ja, leider“, antwortete er. „Morgen wird der Kapitän nach Sedan reiten, um Reillac zu benachrichtigen.“

„Aber zu welchem Zweck soll ich die Frau dieses Mannes werden?“ fragte Margot.

„Ich muß dir sagen, liebe Margot, daß Reillac als dein Mann den strengen Befehl erhalten würde, dich nicht eher anzurühren, als bis der Kaiser es ihm erlaubt.“

Margot erglühte.

„Schütze mich, Hugo!“ bat sie.

„Ich bin bereit dazu, meine Margot. Doch kann ich dir nur dann Schutz gewähren, wenn du Jeannette mit mir zugleich verläßt.“

„Noch diese Nacht, Hugo?“

„Ja.“

„Ich gehe mit.“

Frau Richemonte war ganz blaß geworden.

„Das ist doch noch zu prüfen“, sagte sie. „Ich setze nicht den mindesten Zweifel in die Wahrheit dessen, was Sie sagen, lieber Sohn; Sie haben alles selbst gehört?“

„Alles!“

„Nun gut. Aber gibt es wirklich kein anderes Mittel, als diese Flucht?“

„Ich weiß keins.“

„Wenn wir nun an die Großmut des Kaisers appellieren?“

„Wie großmütig er ist, hat er an mir bewiesen, Mama.“

„Das ist allerdings wahr. Aber ist die Flucht denn möglich?“

„Ich denke, ja.“

„Wir sind ja gefangen; wir werden bewacht.“

„Diese Wohnung hat noch einen anderen Ausgang.“

„Auch ich soll mich an der Flucht beteiligen?“

„Ich bitte Sie darum.“

„Wohin werden Sie uns bringen? Zu Blücher?“

„Das ist für jetzt unmöglich. Der Kaiser hat heute Marschorder erteilt, und morgen sind alle Militärkolonnen in Bewegung. Wir würden nicht so weit durchkommen. Florian hat mir einen braven Mann empfohlen, bei dem Sie ganz sicher sein würden. Er wird uns selbst begleiten.“

„Wohin?“

„Nach Gedinne.“

„Da ist nach Givet zu; also müssen wir durch Sedan, gerade durch die Franzosen hindurch. Ist das nicht zu gefährlich?“

„Nein. Ich reise als französischer Major.“

„Und wir?“

„Als meine Diener.“

Frau Richemonte blickte ihm erstaunt, ja betroffen in das Angesicht.

„Als – Ihre Diener?“ fragte sie.

„Ja.“

„Sie scherzen.“

„Es ist im Gegenteil mein völliger Ernst. Männerkleidung müssen Sie anlegen, weil bereits morgen früh, sobald man Ihre Flucht bemerkt, überall nach zwei Damen geforscht werden wird.“

„Welch ein Fall.“

„Welch ein Abenteuer!“ sagte Margot. „Ich als dein Diener.“

„Aber wie reisen wir?“ fragte ihre Mutter. „Zu Wagen?“

„Nein, das wäre zu auffällig und zu beschwerlich. Wir werden reiten.“

„In Männerkleidung?“

„Ja.“

Es wurde Königsau schwer, Frau Richemonte zur Annahme seines Plans zu bewegen. Margot hingegen freute sich förmlich darauf.

„Wann geht es fort?“ fragte sie.

„Florian wird uns benachrichtigen. Aber sage, ob du nicht zu schwach zu einem solchen Ritt sein wirst?“

„Ich fühle mich stark genug dazu.“

„Gott wolle es, daß du dich nicht täuschst.“

„Weiß meine Cousine bereits davon?“ fragte Frau Richemonte.

„Nein. Sie und niemand darf etwas wissen, damit kei